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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/11677-0.txt b/11677-0.txt new file mode 100644 index 0000000..a363bdf --- /dev/null +++ b/11677-0.txt @@ -0,0 +1,3224 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 11677 *** + +[Transcriber's Note: There is no seventh chapter in the printed +book from which this etext was made.] + + + + + + +Ohne den Vater + +Erzählung aus dem Kriege + +von + +Agnes Sapper + + + + +Erstes Kapitel. + + +Im gemütlichen Wohnzimmer eines Forsthauses in Ostpreußen saß ein +kleiner Familienkreis eng und traulich beisammen: der Förster Stegemann +mit seiner noch ganz jungen, lieblichen Frau, die ihr Kindchen in den +Armen hielt und versuchte, mit zärtlichen Worten und dem Spiel ihrer +Finger dem kleinen Geschöpf das erste Lächeln zu entlocken. Neben ihr +lehnte Gebhard, ein kräftiger, etwa zehnjähriger Junge; er sah nach dem +Schwesterchen, das so wohlig in der Mutter Armen ruhte, und wartete +gespannt, ob es noch einmal gelänge, das Lächeln hervorzuzaubern, das +vorhin wie ein Sonnenstrahl über das Kindergesichtchen gehuscht war. Als +es gelang, sah er die Mutter beglückt an und wandte sich lebhaft an +seinen Vater: "Hast du es diesmal gesehen?" + +Nein, er hatte es wieder nicht gesehen, weil ihm etwas anderes noch +anziehender war, als das erste Lächeln seines Töchterchens. Er hatte auf +Mutter und Sohn gesehen. Ihn freute, daß diese beiden sich so gut +verstanden. Es war noch nicht lange her, daß er diese junge Frau +heimgeführt hatte, nachdem seine erste Frau, Gebhards Mutter, gestorben +war. Eine lange Reihe stiller Jahre hatte er mit dem Knaben verlebt, den +eine treue Magd schlicht und streng erzog. Innig nah standen sich Vater +und Sohn, ernst und pflichttreu war der Förster, anspruchslos der Junge. +Kräftig wuchs er in der frischen Waldluft heran und machte von seinem +sechsten Lebensjahr an täglich einen stundenlangen Weg, um auf einem +benachbarten Gut an dem Unterricht mit den Knaben des Gutsbesitzers +teilzunehmen. Auf diesem Weg begleitete ihn ein treuer Hund des +Försters, der schon immer sein Spielkamerad gewesen und jetzt sein +Beschützer auf einsamen Waldwegen war. + +Bei einem Besuch seiner Mutter, die in Süddeutschland lebte, hatte der +Förster das fröhliche, liebevolle Mädchen kennen gelernt, das dann seine +zweite Frau geworden war. Noch immer war's ihm wunderbar und erfreute +ihn in tiefster Seele, daß solch ein neues Familienglück in seinem +Forsthaus erblüht war; und so sah er auch jetzt mit Wonne auf die junge +Frau, ohne daß diese es bemerkte, denn sie war ganz von der Kleinen +hingenommen. + +Jetzt stund sie auf und legte das Töchterchen sorgsam in den Korbwagen. +"So Jüngferlein," sagte sie, "nach dieser großen Leistung, nachdem du +zweimal gelächelt hast, wirst du herrlich schlafen, draußen am offenen +Fenster!" Sie fuhr sachte den Wagen in das Schlafzimmer. + +Gebhard wandte sich dem Vater zu. "Es ist so nett, wenn die Mutter +"Jüngferlein" sagt zu einem so kleinen Kind, hörst du das nicht auch so +gern, Vater? Überhaupt ist es jetzt so eine schöne Zeit! So soll's immer +bleiben, wie es jetzt ist!" + +Stegemanns Gedanken wurden durch diesen Wunsch herausgerissen aus der +friedlichen Umgebung. + +"Gebhard, du denkst nicht an den Krieg, sonst könntest du nicht von +einer schönen Zeit reden, die bleiben soll." + +"Aber wir siegen doch, und das gibt dann die allergrößte Freude." + +"Vorher werden viele Tausende von unsern deutschen Soldaten sterben!" + +"Viele Tausende?" Gebhard wiederholte sinnend diese Worte und blieb eine +Weile ganz nachdenklich. Dann aber trat er dicht an den Vater heran und +begann mit eifrigen Worten: "Das darf man doch nicht so traurig sagen, +Vater? Die Soldaten ziehen doch gern in die Schlacht und wollen fürs +Vaterland sterben? Wenn ich nur schon älter wäre, und wenn du noch +jünger wärst, dann zögen wir miteinander in den Krieg, du wärst ein +Offizier und ich dein liebster Soldat und wenn du befiehlst: +'Freiwillige vor!' komme ich zu allererst. Aber mit zehn Jahren geht das +noch nicht, und du, Vater, gelt du bist schon zu alt, du hast doch schon +ein wenig graue Haare!" + +"Die grauen Haare machen nichts; vielleicht komme ich doch noch daran. +Aber sei still, wir wollen damit der Mutter nicht angst machen." + +Sie sahen beide nach der Türe, durch die die junge Frau eben wieder +hereintrat. Es lag noch der Schimmer mütterlicher Zärtlichkeit auf ihrem +Gesicht, als sie sagte: "Mein Jüngferlein schlummert schon." + +"_Dein_ Jüngferlein, Helene? Mir gehört es auch!" Er zog seine Frau +zärtlich an sich. + +"Und ein wenig gehört es auch mir, nicht, Mutter?" + +"Freilich. Du wirst sehen, die kleinen Mädchen mögen die großen Brüder +am allerliebsten, lustig wird's, wenn sie erst mit dir spielen kann!" + +Das konnte sich nun Gebhard noch nicht recht vorstellen, aber lustig +war's ihm schon jetzt zumute und er sprang hinaus und hinunter in den +Hof, mit seinem Leo zu tollen, seinem liebsten Kameraden. Bald ging auch +der Förster, den sein Beruf oft halbe Tage lang abrief, und Helene blieb +allein. + +Der Forsthof lag einsam am Waldessaum, nahe der russischen Grenze; nur +ein paar Niederlassungen waren in der Nähe, von denen die eine dem +Straßenwärter gehörte, der die Grenzstraße zu hüten hatte, die andere +einem alten Waldhüter, der mit seiner Familie da hauste. Sonst waren +weit und breit keine menschlichen Ansiedelungen zu sehen, dunkler Wald +nach allen Seiten und große Stille. + +Die da heimisch waren--wie der Förster und sein Junge--, die liebten +diese Waldeinsamkeit, aber Fremden kam sie unheimlich vor. Auch Helene, +als sie aus ihrer süddeutschen Heimat, aus städtischen Verhältnissen +hieher versetzt worden war, hatte anfangs furchtsam nach dem +Waldesdunkel hinübergeschaut und die Stille, während ihres Mannes und +Gebhards Abwesenheit, hatte sie bedrückt. Aber in ihren vier Wänden war +es ihr doch bald wohl geworden, denn da war sie von rührender Liebe und +Verehrung umgeben. Nicht nur Mann und Sohn, auch Knecht und Magd, ja +sogar die Hunde, vom großen Kettenhund bis herunter zum kleinen Dackel, +alle zeichneten sie aus, wie wenn sie sich immer daran freuten, daß +etwas so feines, sonniges, fröhliches in ihre Waldeinsamkeit gekommen +war. Und jetzt, seitdem sie Mutter geworden und ihr Kindchen jede Stunde +um sich hatte, jetzt konnte das Gefühl der Einsamkeit gar nicht mehr +aufkommen. Sie war voll Glück und Wonne, ja so sehr, daß sie manchmal +das schwere Geschick des Vaterlandes fast vergaß. Kam es ihr dann in den +Sinn, so machte sie sich im stillen Vorwürfe, sagte sich: kannst du denn +gar nicht unglücklich sein mit den vielen, die jetzt in Sorge und +Herzeleid sind? Dann legte sie schnell das Tragröckchen beiseite, das +sie besticken wollte, nahm den groben Soldatenstrumpf zur Hand, setzte +sich neben den Kinderwagen, strickte und strickte, sah dabei auf das +kleine Menschenknöspchen, das neben ihr schlummerte, und war eben wider +Willen doch glücklich. Aber der Krieg mit seinen Schrecken und Ängsten, +mit Sorgen und Jammer kam bald genug, ihr Glück zu stören. + + + + +Zweites Kapitel. + + +Es war eine stille Sommernacht zu Ende August, der Forsthof lag +friedlich, Mensch und Tiere hatten sich zur Ruhe begeben. Der Förster +allein war noch auf; die Zeitungen, die er diesen Abend erhalten hatte, +lagen vor ihm. Sie sagten ihm, wie nahe die Gefahr eines feindlichen +Einbruchs für das Grenzland war. Auch einen amtlichen Brief hatte er von +seiner vorgesetzten Behörde erhalten, den Befehl, zunächst noch auf +seiner Stelle zu verharren. + +"Zunächst;" demnach konnte in Bälde die Anweisung kommen, den Forsthof +zu verlassen. Darauf wollte er alles vorbereiten. Er ordnete Papiere und +Wertsachen, um im Notfall alles Wichtige rasch bei der Hand zu haben, +und dann schrieb er an seine Mutter. Sie stand ihm sehr nahe, hatte +jedes Jahr in der Zeit seiner Vereinsamung die weite Reise von +Süddeutschland unternommen, um nach ihm und seinem mutterlosen Kleinen +zu sehen. Bei ihr fragte er an, ob Frau und Kinder Zuflucht finden +könnten, wenn sie die Heimat verlassen müßten und er selbst sich dem +Vaterland zur Verfügung stellen würde. Er hatte einst gedient und es war +ihm selbstverständlich, daß er an dem großen Kampf Teil nehmen würde, +sobald ihn sein Amt im Forsthaus nicht mehr zurück hielt. + +So saß er heute bis spät in die Nacht hinein am Schreibtisch, während +seine Frau sorglos schlief. Er hatte ihr nichts mitgeteilt von seinen +Vorbereitungen. Sie kam ihm so jung und zart vor, besaß nicht die starke +Natur, die er selbst von seiner Mutter geerbt hatte, schien so recht für +Glück und Sonnenschein geschaffen. Wie sie mit Schwerem zurecht käme, +wie sie Leid und Entbehrungen ertragen würde, konnte er sich nicht +vorstellen. So wollte er ihr keine Last auflegen, so lange er allein sie +tragen konnte. + +Mitternacht war es geworden, aber nun lagen auch alle Briefe und +Papiere geordnet und überschrieben vor ihm. Er hatte getan was geschehen +konnte und griff nun nach dem Neuen Testament; denn es trieb ihn, eines +von den Jesusworten zu lesen, die ihm oft schon Kraft gegeben hatten. +"Nicht mein sondern dein Wille geschehe." Er versenkte sich in die +Erzählung vom Kampf Jesu in Gethsemane. + +Plötzlich wurde die Stille des Forsthofes gestört durch das Bellen des +Hofhunds. Stegemann horchte auf, hörte nichts, was den Hund beunruhigt +haben konnte. Aber das Bellen wurde lauter und auch die andern Hunde +taten mit. Stegemann öffnete das Fenster, schaute hinaus in die stille +Sommernacht, ging dann hinunter in den umzäunten Hof, rief die Hunde, +die unwillig knurrten, zur Ruhe und lauschte. Jetzt unterschied auch +sein Ohr das Geräusch von sich nähernden schweren Tritten draußen auf +der Landstraße. Wer kam da bei Nacht? War es Freund oder Feind? Ihm +ahnte nichts Gutes. Er eilte rasch ins Haus zurück und nahm den Revolver +zu sich. Auch den Knecht wollte er rufen; der war aber durch das Gebell +schon wach geworden und trat mit der Laterne in der Hand zum Förster. + +"Wenn's Russen sind, dann gnad uns Gott!" sagte der Knecht. + +"Mach die Kettenhunde los; sie lassen keinen über den Zaun."-- + +Wütend bellten die zwei großen losgelassenen Hunde und liefen aufgeregt +am Zaun hin und her. Von außen am geschlossenen Hoftor ertönte die +Glocke. Herr und Knecht sahen sich an. Wie aus einem Munde riefen sie: +"Russen sind das nicht, die klingeln nicht, die schlagen mit dem Kolben +an." + +Der Förster trat näher. + +"Wer ist draußen?" rief er. Und gut deutsch klang die Antwort: +"Preußische Infanteristen mit einem Befehl an den Förster." + +Noch ein paar Fragen und Antworten wurden zu größerer Sicherheit +gewechselt. Dann rief der Förster dem Knecht zu: "Mach die Hunde fest." + +Erst als die aufgeregten Tiere angekettet waren, konnte man wagen, das +Hoftor zu öffnen und die Soldaten einzuladen, die draußen harrten. Eine +Patrouille von fünf Männern war es, angeführt von einem jungen Leutnant. +Statt der gefürchteten Feinde unverhofft einen Trupp wackerer Feldgrauer +auf dem einsamen Forsthof zu haben, das war ein Hochgefühl, vor allem +auch für die geängstigte junge Frau, die wie auch Gebhard vom Lärm der +Hunde erwacht war und mit dem Knaben am Fenster stehend den Vorgang im +Hof beobachtet hatte. + +"Preußen sind's, Preußen!" rief Gebhard, der zuerst beim Laternenschein +die Uniform erkannte. + +"Wirklich! Gott Lob und Dank," antwortete die Mutter und machte sich in +fliegender Eile zurecht, um die unverhofften Gäste zu begrüßen und für +sie zu sorgen. Aber noch ehe sie so weit war, suchte ihr Mann sie auf. + +"Ich komme schon," rief sie ihm eifrig entgegen, "wollen die Soldaten +bei uns übernachten? Soll ich Betten richten?" + +"Das nicht, sie halten nur kurze Rast; dann geht ihr Marsch weiter und +ich, ich muß sie begleiten." + +"In der Nacht? Wohin?" + +"Das darf ich dir nicht sagen; es ist eine Vertrauenssache, ein geheimer +Befehl, von dem auch nur der Offizier weiß." + +"Wie unheimlich, Rudolf! Wann kommst du wohl wieder?" + +"Vielleicht schon in ein paar Stunden.--Wenn du nur schnell helfen +wolltest, Tee für die Leute zu machen. Die Soldaten haben schon Auftrag +erhalten, den Herd zu heizen und Wasser aufzusetzen." + +"Die Soldaten heizen unsern Herd? Das muß ich sehen. Komm, Gebhard, geh' +mit mir hinunter! Ich habe noch nie Soldaten kochen sehen. Mit fünf +Köchen, das muß ja schnell gehen!" + +Ja, nach zehn Minuten war der Tee auf dem Tisch und nach weiteren zehn +Minuten war gegessen und getrunken, was eiligst aufgetragen worden; und +die fünf Mann bedankten sich bei der jungen, fröhlichen Förstersfrau. + +Der Förster mit Flinte und Jagdhund sah aus, als wenn er auf die Jagd +ginge. Im letzten Augenblick nahm er seine Frau beiseite: "Behalte +Knecht und Magd bei dir, stelle dich ängstlich, rufe sie herein, laß sie +Tee trinken. Ich will nicht, daß uns jemand folgt. Kein Mensch soll +wissen, in welcher Richtung wir gehen." + +Er gab rasch seiner jungen Frau einen Abschiedskuß--das war nichts +besonderes; aber daß er im Vorbeigehen auch Gebhard einen Kuß gab, das +kam dem Kind sehr verwunderlich vor, denn Zärtlichkeiten waren zwischen +Vater und Sohn nicht üblich.-- + +"Wegen ein paar Stunden Trennung küßt man sich doch nicht?" sagte sich +Gebhard und war sehr nachdenklich, während er in sein Schlafzimmer ging, +um sich wieder zu legen. Zum erstenmal waren Soldaten ins Haus gekommen; +der Offizier hatte mit dem Vater Kriegsgeheimnisse besprochen, die kein +anderer Mensch erfahren durfte. Ein wenig unheimlich war die Sache, aber +doch sehr spannend. Heute Nacht war der Krieg ins eigene Haus gedrungen, +jetzt erst fing er so recht an für Gebhard. + +Und die junge Mutter konnte, nachdem sie Knecht und Magd entlassen, +lange nicht wieder den Schlaf finden. An der Seite ihres Mannes hatte +sie noch nie den Krieg gefürchtet; aber ohne ihn überkam sie eine große +Angst. Es war so finster, so still und schwül. Vielleicht konnte sie +besser schlafen, wenn sie die Türe aufmachte ins Nebenzimmer, zu +Gebhard. Sie tat es leise, um ihn nicht zu wecken, und freute sich doch, +als sie bemerkte, daß er noch nicht schlief. + +"Bist du es, Mutter?" rief er und richtete sich ganz munter auf. + +"Ja, es ist so schwül; ich will die Türe ein wenig offen lassen." + +"Das ist nett, dann können wir plaudern. Ich möchte so gerne erraten, +warum der Vater mit den Soldaten gegangen ist. Aber vielleicht ist es +besser, wenn wir es nicht erraten; weil es doch ein Kriegsgeheimnis ist. +Nur der Vater darf es wissen; er muß stolz darauf sein. Ich wäre auch +stolz darauf und würde das Kriegsgeheimnis niemand verraten; außer +vielleicht dir, Mutter. Oder darf ich's auch dir nicht verraten?" + +"Du weißt es ja gar nicht, Gebhard," sagte die Mutter und lachte +fröhlich. Die Luft kam ihr schon nicht mehr schwül vor; und bald +schliefen Mutter und Sohn ebenso ruhig wie das Kindchen im Korbwagen und +ahnten so wenig wie dieses, daß sie zum letzten Mal im Forsthaus +schliefen. + +Am Morgen des folgenden Tages kam, angestrengt von langem, eiligem +Marsch, Stegemann zurück. Nach der schlaflosen Nacht sollte er sich mit +einem guten Frühstück stärken und die verlorene Nachtruhe nachholen, das +war der Wunsch seiner jungen Frau; ungesäumt wollte sie für seine +Bewirtung sorgen. Er aber hielt sie zurück: "Das ist jetzt Nebensache," +sagte er eilig, "wir haben viel Wichtigeres zu tun. Leutnant N. riet mir +dringend, heute noch mit Frau und Kind und, soweit möglich, mit Hab und +Gut abzuziehen. Erschrick nicht so, Liebste, die Straße ist noch frei +von Feinden; aber wir wollen auch gar keine Zeit verlieren. Jetzt gilt +es aufpacken, was das Nötigste und Wertvollste ist, um so schnell es nur +irgend geht, an die Bahn zu kommen. Ich sage gleich den Leuten, sie +sollen helfen, auch sie müssen fliehen. Es kann sein, daß die Russen der +Spur der Patrouille folgen, die heute nacht hier war. Nun, Gebhard, +hilf der Mutter!" + +In wenigen Minuten war der stille Forsthof erfüllt von lärmendem, +hastigem Treiben. Der Knecht fuhr den Wagen vor und lud auf, was ihm +zugereicht wurde: Betten, Kleider, Wäsche, auch allerlei Vorräte aus +Küche und Kammer. Gebhard lief aus und ein, fast fröhlich in der +eifrigen Tätigkeit. Knecht und Magd trugen ihre Bündel herbei. + +Keine halbe Stunde war verflossen; da suchte der Förster seine Frau auf, +die an ihrem Wäscheschrank stand und trieb zur Abfahrt: "Es ist genug, +laß alles andere, wir fahren!" + +Ganz erstaunt schaute sie auf: "Daß du so ängstlich bist! Auf eine +Viertelstunde kommt es doch nicht an; die kleine Aussteuer vom +Jüngferlein--" sie unterbrach sich: "Horch!" Die Hunde bellten, der +Förster eilte ans Fenster. Er wandte sich sofort wieder zurück: "Es ist +schon zu spät," sagte er, "die Russen kommen!" + +Er sprach ruhig; aber sein Gesicht verlor alle Farbe. Auch seine Frau +trat ans Fenster und fuhr erschreckt zurück: "Um Gottes willen, was +sollen wir tun?" rief sie in Todesangst. + +"Geh da hinein und schließe dich ein!" rief ihr Mann. Er faßte sie +schnell, drückte sie an sein Herz, küßte sie stürmisch und führte sie in +das Schlafzimmer zu ihrer Kleinen. + +"Gott behüte euch," rief er, "schließe zu!" + +Sie schob den Riegel vor. + +In diesem Augenblick kam Gebhard atemlos: "Vater, russische Reiter sind +im Hof, sie fragen nach dem Förster. Was wollen sie denn von dir?" + +Herr Stegemann zog sein Kind leidenschaftlich an sich: "Sie wollen +vielleicht wissen, wohin unsere Soldaten heute nacht gegangen sind." + +"Aber das darfst du ihnen doch nicht sagen?" + +"Nein." + +"Was wird dann, Vater?" + +"Was Gott will." + +Der Anführer der russischen Truppe, die aus etwa 15 Mann bestand, trat +in das Zimmer, den Revolver in der Hand; einige seiner Leute folgten, +andere hielten Wacht an der Türe. Es kam, wie der Förster vorausgesehen. +Der russische Offizier wollte wissen, wohin die deutsche Patrouille, +deren Spur sie gefunden hatten, gezogen sei. Offenbar war seine Absicht, +ihr zu folgen, sie abzufangen, ehe sie ihren Zweck erfüllen und über +ihre Erkundung den Deutschen Nachricht geben konnte. Ein polnischer +Waldarbeiter hatte ihm verraten, daß der Förster die Patrouille geführt +hatte. Und nun sollte er die Feinde führen, die zu Pferd die deutschen +Fußgänger leicht einholen würden. + +Der Förster, die Rechte auf den Tisch gestützt, hörte die Forderung. +Fest klang seine Antwort: "Sucht sie selbst. Ihr könnt vom deutschen +Mann nicht verlangen, daß er die Deutschen verrate." + +Neben dem Vater stand Gebhard mit glühenden Wangen. Wie ein Held +erschien ihm der Vater, da er dem russischen Offizier kurz und fest den +Dienst verweigerte. + +Der Russe aber lachte höhnisch, im Gefühl der Übermacht: "Sie sind ein +Tor. Wollen Sie nicht, so sind Sie mit Weib und Kind in 5 Minuten +niedergemacht." + +Tief aufatmend antwortete der Förster: "Ich werde nicht zum Verräter." +Dem Offizier stieg der Zorn auf, aber ihm lag daran, einen willigen +Führer zu gewinnen, so bezwang er sich. "Nehmen Sie Vernunft an," sagte +er. "Sie entschuldigt die Not. Sie sind machtlos in unseren Händen. +Entschließen Sie sich rasch, daß uns die kostbare Zeit nicht verloren +geht. Dann sollen Sie, auf Offiziersehre, unversehrt zurückkehren, +sobald wir die Deutschen erreicht und noch ehe sie Sie gesehen haben. +Weib und Kind können Sie in Sicherheit bringen, Ihr Hab und Gut soll +unberührt bleiben." + +Der Förster schwieg. + +"Vater, tu's nicht!" rief Gebhard leidenschaftlich. Der Offizier wandte +sich heftig gegen den Knaben, packte ihn, schob ihn beiseite und rief: +"Der soll der erste sein, der vor Ihren Augen erstochen wird, wenn Sie +nicht augenblicklich folgen."--"Haltet den Buben!" befahl er den +Soldaten. Die ergriffen Gebhard mit rauher Hand. Wütend setzte er sich +zur Wehr; doch sie packten ihn so fest, daß er kein Glied mehr rühren +konnte; aber das konnten sie nicht hindern, daß er immer lauter rief: +"Vater, tu's nicht!" + +Der Förster biß die Zähne aufeinander; noch schien er unentschlossen. +Aber in diesem Augenblick wurde der Türriegel des Nebenzimmers +zurückgeschoben und unter der halbgeöffneten Türe erschien seine Frau. +Ihr junges, rosiges Gesicht war totenblaß; sie hatte gehört, was die +Männer verhandelten und wußte, daß ihr Leben und das von Mann und +Kindern auf dem Spiel stand. Bebend vor Angst wagte sie nicht, die +Schwelle zu überschreiten, hielt die Türklinke in der Hand und rief +ihrem Mann flehend zu: "Ich bitte dich um Gottes Willen, rette uns, o +denke an die Kinder!" + +Der Russe nahm seinen Vorteil wahr. Er grüßte die Dame des Hauses: "Ja, +gnädige Frau, sprechen Sie Ihrem Gemahl zu. Geht er mit uns, so mögen +Sie unbehelligt von hier fliehen, und Ihr Mann wird in kurzer Zeit +nachfolgen, auf Offiziersehre. Tut er es nicht, so gebe ich Sie meinen +Soldaten preis." + +Schaudernd zog sich die geängstigte Frau vor den Blicken der rohen +Soldaten zurück. + +"Ich gehe!" laut und fest sagte es der Förster und wandte sich der Türe +zu. + +"Vater, tu's nicht!" Noch einmal kam der Ruf von Gebhard, der noch immer +umklammert war von harten Soldatenfäusten. + +Der Vater wandte sich an den Offizier: "Lassen Sie mein Kind frei, nach +Ihrem Ehrenwort." + +Ein Wink des Offiziers und die Soldaten ließen den Knaben los; aber sie +drängten sich zwischen ihn und den Förster und ließen die beiden nicht +zueinander kommen. Nur konnten sie nicht verhindern, daß ein letzter +Blick vom Vater zum Sohn ging, ein Blick voll Liebe und Stolz. + +"Vorwärts!" befahl der Offizier. + +Sie verließen das Zimmer; Gebhard rannte nach der Schlafzimmertüre, die +wieder verriegelt war. "Mach auf, Mutter, sie sind fort!" und außer sich +vor Zorn und Jammer rief er. "Der Vater ist doch mit ihnen gegangen! +Jetzt muß er die Deutschen verraten!" + +Helene war erschüttert durch die Verzweiflung des Knaben. Sie versuchte +ihn zu trösten, zog ihn in mütterlicher Zärtlichkeit an sich: "Der Vater +kommt morgen schon zurück, der Offizier hat's auf Ehre versprochen. +Sieh, wenn er nicht nachgegeben hätte, wären wir alle umgebracht worden. +Er hat mitgehen müssen, er hat doch nicht anders gekonnt!" + +"Aber der Vater darf doch die Deutschen nicht verraten," schluchzte das +Kind. + +"Denke nicht mehr _daran_. Denke, daß wir jetzt alle grausam mißhandelt +und getötet würden. Gott Lob, daß der Vater uns davor behütet hat." + +Gebhard konnte sich nicht fassen, zornig stampfte er und rief: "Der +Vater darf doch kein Verräter sein!" + +Die Mutter sah den Knaben starr an: "Hast du kein Herz für den Vater, +für mich und für unsere Kleine? Wolltest du, wir wären grausam +hingemetzelt, du und wir alle?" + +Heftig antwortete Gebhard: "Ja, ja, viel lieber möchte ich das." + +Der Mutter graute. Sie konnte das Kind nicht verstehen, und war im +tiefsten Herzen gekränkt durch seine Antwort. Aber weiter mit ihm zu +reden war nicht möglich; denn unter der Türe erschien die Magd, +schreckensbleich mit verweinten Augen: "Der Knecht sagt, wir müssen +eilen, daß wir fortkommen, der Herr hat's ihm noch zugerufen. Unser +armer, armer Herr, sie haben ihn fortgeführt! Auf einem Russenpferd, +mitten unter den Feinden ganz allein! Und er hat sich noch so tapfer +umgeschaut, so todesmutig ist er davon geritten! Der arme Herr, was +werden sie mit ihm tun?" + +Helene hatte auf den Lippen zu sagen: "Es geschieht ihm nichts, morgen +wird er uns nachkommen;" aber sie unterdrückte die Worte. Die Leute +durften nicht wissen, daß der Herr sich bereit erklärt hatte, mit den +Feinden zu gehen. Schwer fiel ihr auf die Seele: Kein Deutscher durfte +das je erfahren. Es war ja Verrat, was ihr Mann beging. Ihr zuliebe tat +er's; nicht aus Angst ums eigene Leben, der tapfere, treue Mann! Wie +wollte sie ihm das danken ihr Leben lang! + +Die Magd mahnte noch einmal zur Eile. "Was ist noch aufzuladen?" Hastig +griff Helene nach diesem und jenem, beladen eilte die Magd die Treppe +hinunter, rief Gebhard zur Hilfe; wie im Traum nahm er, was ihm +hingereicht wurde. Die Mutter aber suchte in Eile nach einem Blatt +Papier, sie mußte ihm noch ein Wort schreiben, das sollte er finden, +wenn er in sein verödetes Haus zurückkäme, mit einer schweren Last auf +dem Gewissen, einer Last, die er ihr zuliebe durchs ganze Leben tragen +mußte. In fliegender Eile schrieb sie mit zitternder Hand: "Komm bald zu +mir, herzliebster Schatz, hab tausendmal Dank, daß Du uns das Leben +gerettet hast!" Mitten auf den Tisch legte sie das Blatt, dann noch +daneben, was ihn stärken sollte, Brot und eine Flasche Wein. Wieder kam +die Magd unter die Türe: "Jetzt ist angespannt." + +"Ich komme!" Sie nahm ihr Kindchen, das liebevoll eingehüllte. Die Magd +bemerkte Brot und Wein, wollte beides mitnehmen. Helene ließ sie nicht +an den Tisch. "Das bleibt!" rief sie. + +"Kein Wunder, daß die arme, junge Frau ganz verwirrt ist," dachte das +Mädchen. + +Im Hof war alles zur Flucht bereit. Die Hunde sprangen um den Wagen. Sie +sollten mitlaufen bis zum Haus des Straßenwärters, meinte der Knecht, +der solle sie aufnehmen. "Aber Leo gebe ich nicht her, den nehme ich +mit!" erklärte Gebhard. Der Knecht machte Einwendungen. Unmöglich sei +das auf der langen Reise, bei den überfüllten Zügen. Ein Unverstand wäre +es. Die Mutter sah ein, daß er recht hatte, aber sie wußte auch, was es +für Gebhard bedeutete, sich von seinem Leo zu trennen. Der Vater hatte +ihm vor Jahresfrist das junge Tier geschenkt; ihm gelehrt, es zu +behandeln; zu einem folgsamen, anhänglichen Kameraden war es +herangewachsen und von seinem kleinen Herrn unzertrennlich gewesen. Auch +jetzt standen sie dicht beisammen, Gebhard und sein Hund, sahen sich an +und das kluge Tier schien zu merken, daß über sein Schicksal entschieden +wurde. Ein ungewohntes, kurzes Bellen gab es von sich. + +Die Mutter wandte sich an den Knecht. "Wir wollen es doch versuchen, ob +wir Leo mitnehmen können!" + +"O ja, bitte, Mutter!" + +Der Wagen setzte sich in Bewegung. Das Töchterlein auf der Mutter Schoß, +weich gebettet, schlief sanft ein. Gebhard saß der Mutter gegenüber. Sie +hielten bald bei dem Straßenwärter, dann ging die Fahrt weiter, der Bahn +zu. Längs der Straße zog sich der Wald hin, aus dem jeden Augenblick die +Feinde auftauchen und die Wehrlosen überfallen konnten. Und in den +Händen dieser Feinde war der geliebte Mann, der treue Vater. + +"Gebhard," sagte die Mutter leise, daß es der Knecht auf dem Bock nicht +höre, "Gebhard, du hast doch auch gehört, daß der russische Offizier +gesagt hat: 'auf Offiziersehre.'" + +"Ja. Zweimal hat er das gesagt." + +"Solch ein Schwur wird doch sicher auch im Krieg gehalten," sagte Helene +und fügte bei: "Also kommt der Vater sicher morgen oder spätestens +übermorgen. Wenn es nur schon morgen wäre!" + +Gebhard wandte sich ab und sagte kein Wort darauf. Mit fest +geschlossenem Mund sah er durchs Fenster. + +Die Stille bedrückte die Mutter. Sie redete ihn nach einer Weile wieder +an: "Warum bist du so still, Gebhard? Hast du Angst, daß die Russen aus +dem Wald kommen? Wir sind jetzt schon nahe der Station, hier ist's nicht +mehr so gefährlich." + +"Ich habe keine Angst." + +"Hast du Heimweh nach dem Forsthof? Nach dem Frieden kommen wir alle +wieder zurück." + +Aber Gebhard schwieg und die Mutter sah wohl, daß er kämpfte, die +Tränen zurückzuhalten, die ihm in die Augen kamen. + +Sie streckte die Hand nach ihm aus. "Komm, setze dich neben mich, +Gebhard; komm her zu mir, sage mir, was dir so traurig ist. Der Vater +kommt uns doch morgen nach." + +Nun kam es unter lautem Schluchzen bebend heraus: "Ich kann mich ja +nicht auf den Vater freuen. Ich kann jetzt doch den Vater nie mehr lieb +haben und habe ihn doch so lieb!" + +Helene erschrak in tiefster Seele. Sie selbst war so voll Liebe und +Sehnsucht nach ihrem Mann, sie hatte das innigste Verlangen nach ihm und +Gebhard, sein geliebter Bub, sprach solche Worte! + +"Wie darfst du so reden, Gebhard," rief sie erregt, "wo er doch alles +nur uns zuliebe getan hat. Er konnte ja auch gar nicht anders!" + +"Doch, Mutter, weißt du nicht mehr? Zuerst hat er ganz fest nein gesagt; +aber dann hast du die Türe aufgemacht und hast gerufen 'rette uns'. Dann +hat dich der Vater angesehen. O hättest du doch die Türe nicht +aufgemacht, dann wäre der Vater kein Verräter!" + +Die Mutter erblaßte und ließ seine Hand los. Nach einer kleinen Weile +sagte sie in einem ernsten, fremden Ton: "Wenn der Vater zurückkommt, so +sage so etwas nie zu ihm, sonst machst du ihn ganz unglücklich. Nie +sollst du zu irgend jemand wieder so reden!" Dann wandte sie sich ab und +er fühlte, daß es ihr jetzt lieb wäre, wenn er nicht neben ihr säße, +ging auf seinen ersten Platz zurück und dachte: "Die Mutter kann mich +jetzt nicht mehr lieben und ich kann den Vater nicht mehr lieb haben, +alles, was schön war, ist vorüber." Er saß wieder an seinem +Fensterplatz, Wald war nicht mehr zu sehen, unbekanntes Land, alles, +alles anders. + +Eine Stunde darnach langten sie an der Station an, waren bald im ärgsten +Gewühl, hatten aber noch die Hilfe von Knecht und Magd, die erst später +in anderer Richtung abfahren konnten. Am Schalter drängten sich die +Leute. Helene verlangte Karten für sich und Gebhard. "Und eine +Hundekarte." + +"Das gibt's jetzt nicht." + +"Darf er mit in den Personenwagen?" + +"Keine Rede. Wir sind froh, wenn wir die Menschen unterbringen. Weiter!" + +Helene wurde von den Nachdrängenden ungeduldig weggeschoben. + +Was war nun zu tun mit Leo? Der Knecht tröstete Gebhard, versprach ihm, +den Hund gut unterzubringen. Und Gebhard sah ein, daß es nicht anders +sein konnte; die Reisenden umdrängten Mutter und Kinder, im Strom wurden +sie fortgeschoben, keine Zeit zum Abschiednehmen von den treuen +Dienstboten, auch nicht von dem geliebten Hund. Ein Winseln hörte +Gebhard noch--er wußte, das galt ihm. + +Eingepfercht in den Wagen saßen unsere Flüchtlinge, mit Mühe hatten sie +noch Sitzplätze erlangt. Immer mehr Reisende drängten herein. Gebhard +sah durchs Fenster in das Gewühl. Endlich leerte sich der Bahnsteig, +das Zeichen zur Abfahrt wurde gegeben und eben in diesem Augenblick sah +Gebhard plötzlich noch einmal seinen Leo auftauchen. Er hatte sich von +der Hand des Knechts losgerissen, raste auf den Wagen zu, aus dem +Gebhard sah, sprang blitzschnell auf und über alle Hindernisse hinweg +zwischen scheltenden Menschen hindurch bis in das Abteil, wo er sich +sofort unter den Sitz seines kleinen Herrn duckte und so für sich selbst +die Frage löste, ob Hunde mitfahren dürften. + +Gebhard war so außer sich vor Freude, daß auch Helene, die zuerst über +den Eindringling erschrocken war, freundlich dem Tier zunickte, das ihr +gegenüber unter dem Sitz ängstlich hervorsah, nicht ganz sicher, ob es +geduldet würde. Allerdings versuchte auch ein Herr Einsprache zu +erheben. "Es gehört sich nicht, daß solch ein großer Hund in den Wagen +genommen wird." Aber ein älterer Mann ergriff Partei für das Tier oder +mehr noch für die Familie. + +"Freilich gehört sich's nicht," bemerkte er, "aber es gehört sich auch +nicht, daß so ein junges Frauchen mit dem kleinen Kind flüchten muß. Und +um eine Flucht wird sich's wohl handeln. Nach Vergnügungsreisenden sehen +sie nicht aus. Habe ich's erraten?" + +Helene konnte nur gegen Tränen ankämpfend mit unsicherer Stimme bejahen. + +"Nun also; dann wird Ihnen auch niemand den Hund absprechen; so ein +treues Tier ist auch ein Schutz." + +So blieb der Hund unbeanstandet und bewährte sich auf der Fahrt als +kluges Tier. "Hast du bemerkt, Mutter, wie Leo so schlau ist und sich +still hält, wenn der Schaffner hereinkommt?" fragte Gebhard. + +Nein, Helene hatte das nicht beachtet. Sie saß in schwere Gedanken +versunken. Zuerst hatte nur die Sorge sie bedrückt, ob auch gewiß der +geliebte Mann morgen zurückkäme. Allmählich aber legte sich ihr schwer +aufs Herz der Gedanke, daß er wohl zurückkommen könnte, aber mit einer +Schuld auf dem Gewissen, die nie, nie mehr zu tilgen war. Wenn schon +Gebhard diesen Verrat so tief empfand, wieviel mehr sein Vater! Und dazu +hatte _sie_ ihn veranlaßt! Sein ganzes Leben hatte sie verdorben! + +Und nun kamen noch andere schwere Überlegungen. Sie konnte sich nicht +entschließen--wie es ihres Mannes Wunsch gewesen--zu seiner Mutter zu +gehen. Diese war eine tapfere aber auch strenge Frau. Helene fühlte +nicht den Mut, ihr zu erzählen, was vorgefallen war, und es kam ihr +unmöglich vor, ihr unter die Augen zu treten. So überlegte sie und +beschloß, bei ihrem Bruder Zuflucht zu suchen. Er und seine Frau hatten +sich schon bei Kriegsausbruch freundlich erboten, Helene mit dem +Töchterchen aufzunehmen. Damals hatte sie sich nicht von ihrem Manne +trennen wollen. Jetzt war es anders. Sie wollte dorthin, aber wohin +würde ihr Mann sich wenden? + +In diesen Gedanken hatte Gebhards Frage sie unterbrochen. Nun sah er die +Mutter aufmerksam an und seinem teilnehmenden Blick fiel auf, wie +verändert sie aussah. Sie hatte doch immer so helle Augen gehabt und +einen fröhlichen Mund. Nun waren die Augen trübe und der Mund zuckte wie +von verhaltenem Schmerz. Gebhard dachte an seinen Vater. Wenn der jetzt +erschiene, ja dann würde die Mutter wieder so strahlend aussehen wie +sonst. Gerne hätte er das auch so zustande gebracht wie der Vater, aber +das konnte er nicht; im Gegenteil: daß sie so verändert aussah, war wohl +seine Schuld; seit dem Gespräch im Wagen war sie so still. Er hätte +vielleicht das nicht sagen sollen, was er gesagt hatte. Was konnte er +aber jetzt machen? Lauter fremde Leute saßen herum, man konnte gar +nichts Liebes zu der Mutter sagen. Eine ganze Weile blieb er still und +nachdenklich, aber auf einmal kam ihm, was er suchte. "Mutter, unser +Jüngferlein schläft so sanft, sieh nur, wie rosig ihre Bäckchen sind!" + +Die Mutter blickte auf das Kind, streichelte die weichen Bäckchen, aber +dabei füllten sich ihre Augen mit Tränen. + +Auch das Jüngferlein konnte die Freude nicht hervorlocken? Ja, dann +wußte Gebhard keinen Rat. Es ging eben nicht ohne den Vater! + + + + +Drittes Kapitel. + + +Im Verlauf der langen, mühseligen Reise erfuhr Gebhard, daß nicht der +Großmutter Haus das Reiseziel sein sollte; in der Mutter Heimat, bei +Onkel und Tante Kurz, sollten sie ihre Zuflucht suchen. Es war eine +Enttäuschung für ihn; die Großmutter kannte und liebte er, die +Verwandten der Mutter waren ihm fremd. Helene suchte ihm Lust zu machen. +"Onkel und Tante haben uns längst eingeladen; sie können uns viel +leichter aufnehmen als die Großmutter; sie haben ein eigenes Landhaus +vor der Stadt, mit einem Garten; du wirst sehen, daß wir's gut bei ihnen +haben." + +"Aber wenn der Vater zurückkommt, der wird uns bei der Großmutter +suchen!" + +"Wir schreiben der Großmutter, wo wir sind!" + +"Kommt dann der Vater zu uns, weiß er, wo das ist?" + +"Aber freilich weiß er das, Gebhard. Bei meinem Bruder und seiner Frau +war ja unsere Hochzeit, dort hat mich der Vater geholt, weil ich keine +Eltern mehr habe. Mein Bruder hat mich auch so lieb, weißt du, fast wie +wenn ich sein Kind wäre. Er ist viel älter als ich." Gebhard überlegte. +"Ja, dann kann ich das schon begreifen, daß du zu ihm möchtest." + +Seufzend ergab er sich. + +Nach manchem unfreiwilligen Aufenthalt und schier unerträglicher Fahrt +kam Helene mit den beiden Kindern am späten Abend an ihrem +Bestimmungsort an. Wohl hatte sie ihr Kommen angekündigt, aber Tag und +Stunde voraus anzugeben, war in dieser Zeit unmöglich. So stand sie nun +in dunkler Nacht, mit den übermüdeten Kindern, mit dem Hund und vielem +Gepäck auf dem Bahnsteig, und wußte nicht, wie sie nun bis in ihres +Bruders Haus kommen sollte. Alles an dem Bahnhof hatte ein anderes +Aussehen als früher. Befremdet sah Helene um sich. Sie hatte nicht +gedacht, daß auch auf dem Bahnhof dieser kleineren Stadt die Kriegszeit +sich so bemerklich machte. An ihr vorbei eilte eine weibliche Gestalt in +großer, weißer Schürze, am Ärmel mit dem Roten Kreuz gezeichnet. Einen +Eimer heißen Tee am Arm ging sie von Wagen zu Wagen und bot den +durchreisenden Soldaten die Labung an. Einer derselben, ein +Landwehrmann, lehnte dankend ab. "Wir haben erst in der vorigen Station +Tee bekommen, aber wenn Sie sich um die junge Frau mit den Kindern da +drüben annehmen wollten, die haben mich schon lang gedauert, sie sind +aus ihrer Heimat vertrieben!" + +Die Helferin wandte sich nach der bezeichneten Stelle, sah die hilflose +Gruppe und ging sofort darauf zu. "Reihen Sie noch weiter, kann ich +Ihnen helfen?" frug sie Helene. Aber als sie dicht voreinander standen, +erkannten sich die beiden Frauen. Sie waren einst zusammen in die Schule +gegangen. + +"Ich habe dich gar nicht gleich erkannt, Helene; ist das dein Kindchen? +Hast du allein reisen müssen? Dein Mann ist wohl einberufen? Du Ärmste, +du siehst so angegriffen aus. Wirst du nicht abgeholt? Nein? Warte nur +ein klein wenig, ich helfe dir. Sieh, dort ist eine Bank, setzt euch +einstweilen!" Sie eilte wieder an den Zug, da und dort wurde sie +angerufen und um Tee gebeten. + +Ein blutjunger Freiwilliger reichte eine Postkarte heraus, bat, man +möchte ihm die Liebe erweisen, sie einzuwerfen, weil seine Mutter sich +gar so sehr um ihn sorge. So war sie voller Tätigkeit, bis der Zug +wieder davon fuhr. Dann aber eilte sie zu der kleinen Gruppe müder +Menschen, die auf sie harrten, und es gelang ihr, einen Wagen für sie +aufzutreiben und sie samt Gepäck und Hund glücklich darin +unterzubringen. "Zu Fabrikant Kurz," lautete die Anweisung für den +Kutscher. + +Die Fahrt ging durch dunkle Straßen, denn an den Laternen wurde gespart +in dieser Kriegszeit. Fast Mitternacht war es, bis sie am Haus hielten, +aber doch war ein Fenster noch erleuchtet und wurde bei dem Anfahren des +Wagens geöffnet. "Wer kommt?" rief eine Stimme von oben. "Wir sind's, +Bruder!" + +Einen Augenblick später wurde die Haustüre geöffnet und der Bruder, +Fabrikant Kurz, hieß seine nächtlichen Gäste willkommen. "Verzeih, daß +wir euch so spät bei Nacht ins Haus fallen," sagte Helene, "es ließ sich +nicht ändern." + +"Es ist für mich nicht spät, ich habe jetzt oft bis in die Nacht hinein +zu arbeiten. Aber gehört denn der Hund auch zu euch? Den habt ihr mit +hieher gebracht?" Mißfällig betrachtete er Leo, der sich an Gebhard +drängte. + +"Es ist Gebhards Liebling, sie sind so anhänglich aneinander!" Herr Kurz +beachtete jetzt erst seinen kleinen Neffen. + +"Das ist also Gebhard? Wir waren eigentlich der Meinung, er käme zu +seiner Großmutter; aber kommt nur herauf, es sind zwei Gastzimmer +gerichtet. Was ist mit deinem Mann, ist er einberufen?" + +"Nein; er wird bald nachkommen." + +"Warum hat er dich nicht auf der langen Reise begleitet? Muß er noch im +Forsthaus bleiben?" + +Helene zögerte mit der Antwort. "Ich erzähle dir das morgen. Wir sind so +müde, wenn wir uns vielleicht gleich legen dürften!" + +"Ihr müßt doch vorher essen!" + +"Danke, wir bekamen unterwegs was wir brauchten, nur Ruhe möchten wir." + +Der Hausherr hatte dem Stubenmädchen geklingelt, das erschien nun um an +Stelle der Hausfrau, die nicht gestört werden sollte, für die Gäste zu +sorgen. + +Ein schönes Gastzimmer mit allen Bequemlichkeiten war für Helene +gerichtet, auch ein Kinderwagen stand bereit. Gerührt dankte sie dem +Bruder für diese Fürsorge. Die Kleine, die schlafend angekommen war, +erwachte jetzt und fing kräftig an zu schreien. Der Hausherr, der selbst +keine Kinder hatte, sah ratlos auf das kleine, ungebärdige Wesen, befahl +dem Mädchen alles weitere zu besorgen und wünschte der Schwester gute +Nacht. Gebhard nahm er mit sich, Leo folgte. "Wenn nur der Hund die +Nachtruhe nicht stört!" sagte der Onkel, während sie die Treppe hinauf +gingen. + +"Vor meiner Tür wird er gewiß ruhig liegen bleiben," versicherte +Gebhard. + +"Das wird sich zeigen. Wenn Hunde in fremde Umgebung kommen, heulen sie +oft. Mich wundert, daß dir dein Vater erlaubt hat ihn mitzunehmen!" + +"Der Vater war gar nicht da, als wir abgereist sind." Gebhard hatte das +kaum gesagt, so merkte er, daß er besser darüber geschwiegen hätte. + +"Wo ist denn dein Vater?" Was sollte Gebhard darauf antworten? Er wußte +es nicht. + +"Ich meine wo dein Vater war, als ihr flüchten mußtet? Blieb er im +Forsthaus zurück?" + +"Nein." Die sichtliche Verlegenheit des Knaben fiel dem Manne auf. Es +mußte etwas geschehen sein, was Mutter und Sohn nicht gern sagten. + +Er wollte nicht weiter in das Kind dringen. Im oberen Stock des Hauses +war ein zweites Gastzimmer bereitet, fein und vornehm war auch hier die +Einrichtung. "Kommst du allein zurecht?" fragte der Onkel, "oder soll +ich dir das Stubenmädchen heraufschicken?" + +"Nein danke, ich kann alles allein machen. Aber bitte, Onkel, wenn ich +Leo eine Strohmatte oder eine Decke vor meine Tür legen dürfte; er +versteht dann, daß er da hingehört." + +Es fand sich eine Matte und der Hund nahm verständig seinen Platz ein. +Onkel und Neffe wünschten sich gute Nacht. Gebhard lag bald in dem +feinen Gastbett. Aber unter dem fremden Dach in dem einsamen +Schlafgemach überfiel ihn ein bitteres Heimweh und trotz aller Müdigkeit +konnte er nicht einschlafen. So weit, weit weg war er vom Forsthaus! Und +der Vater, wo war der? Der Vater, von dem man jetzt gar nicht reden +konnte, während man früher so stolz auf ihn war! Dem kleinen Burschen +war zumute, wie wenn ihm der Boden unter den Füßen wankte, da mit der +Heimat zugleich die klaren Verhältnisse der glücklichen Kinderzeit +schwanden, in denen er festgewurzelt war. + +Wenn wenigstens die Mutter nebenan schliefe oder etwas von der Kleinen +zu hören wäre, aber gar so einsam war es hier oben! Lange wehrte sich +Gebhard als tapferer, kleiner Mann gegen die Tränen; endlich kamen sie +doch, das Schluchzen ließ sich nicht mehr unterdrücken und schüttelte +seinen Körper. + +Mitten in der nächtlichen Stille wurde ein Laut hörbar. Gebhard setzte +sich auf, lauschte und vernahm ein leises Winseln vor der Türe. Sicher +hatte das wachsame Tier seines kleinen Herrn Schluchzen vernommen und +war beunruhigt. Oder hatte es selbst Heimweh? Noch einmal derselbe +ungewohnte Laut. Es klang so traurig! Da mußte Gebhard trösten. Er +tastete sich in der Finsternis an die Türe und hatte kaum einen Spalt +geöffnet, so zwängte sich der Hund herein und drängte sich mit freudigem +Bellen an seinen Herrn. + +"Still, still!" mahnte Gebhard und das gut gezogene Tier verstummte +sofort, aber es wedelte und bezeugte seine größte Freude. "Ja, ja, du +darfst hier bleiben," flüsterte Gebhard, "du hast Heimweh; komm her!" Er +holte leise die Matte herein und legte sie neben sein Bett. "So, dann +sind wir beisammen, ganz nahe. Leg dich!" + +Vom Bett aus konnte Gebhard seinen Leo streicheln. Nun wich das Gefühl +der Einsamkeit, vorbei war's mit den nächtlichen Tränen. Schon nach +wenigen Minuten hatten die beiden guten Kameraden den Schlaf gefunden. + +In der Frühe des nächsten Morgen, noch ehe es heller Tag war, schreckte +Helene auf durch ein Klingeln an der Haustüre. Wer kam so frühe? Sicher +ihr Mann oder doch eine Nachricht von ihm! Im Nu warf sie einen +Morgenrock um, eilte hinaus an die Treppentüre, denn sie selbst wollte +ihm öffnen, ihn hereinführen in ihr Zimmer, ihn lieb haben. +Ach--beschämt stand sie vor dem Milchmann und vor dem Küchenmädchen, die +beide mit erstaunten Augen auf die junge Frau schauten; ohne ein Wort +kehrte sie in ihr Schlafzimmer zurück. + +Das war die erste Enttäuschung und es folgten jede Stunde neue, denn der +sehnlich Erwartete kam nicht, und keine Post brachte Nachricht von ihm. + +Bruder und Schwägerin ließen sich's einen ganzen Tag gefallen, im +Unklaren zu bleiben über das Schicksal, das die Familie Stegemann +getrennt hatte; sahen sie doch, wie verstört Mutter und Sohn waren und +daß sie sich nicht entschließen konnten, von dem Erlebten zu sprechen. +Die Schwägerin war eine gutmütige Frau, hatte Helene lieb und wollte, +daß die Vertriebenen sich wohl fühlten in ihrem Haus. Es war ja auch +alles in Hülle und Fülle da und keine Kriegsnot zu verspüren; denn in +der Kurz'schen Fabrik, die in Friedenszeit allerlei feine Stahlwaren +herstellte, wurden nun Granaten gemacht; der Betrieb war Tag und Nacht +im Gang und es ging mehr Geld ein als je in früheren Zeiten. Viele +beneideten die Familie Kurz und wollten ihr den wachsenden Reichtum +mißgönnen. So kam es dem Fabrikherrn und seiner Frau ganz erwünscht, daß +die Vertriebenen bei ihnen Zuflucht suchten. Jedermann konnte nun sehen, +daß von diesem Reichtum guter Gebrauch gemacht wurde. Aber unbequem +waren die Fragen der Bekannten nach den Schicksalen der jungen Familie, +nach dem Verbleib des Försters Stegemann. Was sollte man antworten, wenn +man selbst nichts wußte? + +Herr Kurz sprach mit seiner Frau. "So kann das nicht weiter gehen; +Helene weicht allen Fragen aus und sieht gleich so unglücklich aus, daß +ich nicht in sie dringen mag; und der Bub hat etwas trotzig +Zurückhaltendes, das einem die Lust nimmt, ihn zu fragen. Helene schrieb +immer so beglückt über ihn, rühmte sein offenes, zutunliches Wesen. Ich +finde nichts davon und wollte, er wäre samt dem Hund anderswo +untergebracht. Aber nun, da er bei uns wie ein Kind vom Haus aufgenommen +ist, kann man wenigstens von ihm Antwort auf berechtigte Fragen +erwarten. Nimm du ihn einmal vor. Er soll sagen, wo sein Vater ist. Ich +will das wissen." + +"Du hast ganz recht, habe nur Geduld, ich will es schon herausbringen," +sagte Frau Kurz beschwichtigend. An diesem Tag, während ihr Mann in der +Fabrik war, und Helene auf Zureden der Schwägerin sich auf ihr Ruhebett +gelegt hatte, ergab sich's, daß Tante und Neffe allein beisammen waren +und sie benützte die Gelegenheit, brachte die Sprache auf das Forsthaus, +fragte, ob dieses nun ganz leer stehe, ob wohl Gebhards Bücher und +Spiele alle mitgekommen seien oder sie ihm neue kaufen solle. Da wurde +Gebhard vertraulich und mitteilsam; schilderte, wie hastig Hab und Gut +aufgepackt worden seien und daß das meiste zurückgeblieben sei. + +"Was dir oder der Mutter fehlt, werde ich euch alles neu kaufen," sagte +die Tante gütig, und der kleine, wohlerzogene Mann küßte ihr dankbar die +Hand. Nun fragte die Tante weiter: "Hat dein Vater seine eigenen Sachen +selbst aufgepackt, und hat er euch begleitet bei der Abfahrt?" + +"Nein," sagte Gebhard und wandte sich schon von der Tante ab, der Türe +zu. Sie merkte, er wollte weiteren Fragen ausweichen. Aber so hatte sie +es nicht gemeint. Sie griff nach seiner Hand. "Nun bleibe noch da, +Gebhard, und erzähle mir ganz genau, wann dein Vater fortgegangen ist, +warum und wohin. Das müssen wir wissen, dein Onkel und ich." + +Da Gebhard schwieg, fuhr sie fort: "Die Mutter ist doch so traurig, das +siehst du ja und wenn sie über den Vater spricht, regt es sie auf, darum +will ich sie nicht fragen. Willst du ihr das abnehmen und ihr zulieb mir +alles sagen?" + +"Nein, ich kann nicht!" rief Gebhard gequält und wollte entweichen. Aber +die Tante hielt ihn fest. + +"Weißt du, daß du recht unartig bist? Nun haben wir die Mutter mit der +Kleinen und dich und sogar deinen Hund mitten in der Nacht bei uns +aufgenommen und sorgen für euch, weil ihr gar keine Heimat habt und du +willst mir nicht einmal anvertrauen, wo der Vater ist? So undankbar +willst du sein?" + +"Nein, ich will nicht undankbar sein, aber ich kann's nicht sagen," rief +der Knabe entschieden und suchte sich loszumachen. Frau Kurz verlor die +Geduld, packte ihn fest und rief: "Gebhard, du mußt!" + +Da riß er sich mit Gewalt los, rief in heller Verzweiflung: "Ich will +die Mutter fragen, ob ich muß," und stürzte aus dem Zimmer, hinüber in +das der Mutter. Die schrak aus ihrer Mittagsruhe auf, als Gebhard +ungestüm auf sie zukam und laut schluchzend rief: "Mutter, muß ich den +Vater verraten? Muß ich?" Erschreckt zog Helene das ganz erschütterte +Kind an sich und wollte ihm tröstend zusprechen, aber durch die +offengebliebene Türe war die Tante dem Flüchtling gefolgt und hatte +Gebhards Ausruf gehört. "Du hast ihn ja schon verraten," sagte sie, "geh +jetzt hinaus, ich weiß genug. Geh in dein Zimmer, du machst ja dein +Mütterchen noch krank mit deinem Ungestüm!" + +Beschämt und traurig zog Gebhard sich zurück. In seinem Zimmer saß er +still, wußte nicht, wie es gekommen war, daß die Tante sagen konnte, er +habe den Vater verraten und er mache die Mutter krank, mochte sich +selbst nicht mehr leiden und wußte sich keinen Rat. + +Inzwischen hatte Frau Kurz sich neben die junge Schwägerin gesetzt, +tröstete sie freundlich und brachte allmählich durch teilnehmende +Fragen und dringendes Zureden alles heraus, was sie wissen und ihrem +Mann berichten wollte. + +Dieser empfand wohl volle Teilnahme für seine Schwester, aber er dachte +auch an sich selbst, an die Familienehre und an das Geschäft. Es war +eine böse Sache. Er fürchtete, die militärischen Aufträge könnten ihm +entzogen werden, wenn des Schwagers Verrat ruchbar würde. Aufgeregt ging +er in seinem Zimmer auf und ab, während er seiner Frau diese Gefahr +auseinander setzte. "Nie hätte ich gedacht, daß durch Stegemann Unehre +in die Familie käme. Wie sah Helene an ihm hinauf, wie stolz sprach sie +von seinen und seiner Mutter edlen Grundsätzen! Wie wenn die Familie +Stegemann viel höher stünde als unsere eigene! Nun, wenn wir auch +nüchterne Leute sind und unsern Geschäftsvorteil wahren, einen +Vaterlandsverräter haben wir doch nie in unserer Familie gehabt!" + +"Sprich nur nicht laut davon," mahnte seine Frau, "das bleibt ganz +verschwiegen. Ich glaube nicht, daß ihn die Russen frei gegeben haben +und wenn ja, dann kann er nicht wagen, sich in Deutschland blicken zu +lassen, nach dem was er getan. Mach dir keine Sorgen. Wer sollte das +verraten? Helene nicht und der Bub auch nicht, auf den kannst du dich +verlassen!" + +So beruhigte sie ihren Mann. Und es kam so, wie sie gesagt, niemand +erfuhr mehr von dem Vermißten als was sie selbst von ihm aussagten: er +sei im Krieg und man warte vergeblich auf Nachrichten. + + + + +Viertes Kapitel. + + +Die Tage, die Wochen vergingen--vom Förster Stegemann drang keine Kunde +zu seiner Frau. Sie lebte still und eingezogen. Vom Krieg wollte sie +nichts hören, nichts lesen und wenn jemand sie darauf hinwies, daß gar +viele Frauen ihre Männer, ihre Söhne vermissen mußten, so war ihr das +kein Trost. Andere Frauen durften stolz sein auf das, was ihre Männer +taten fürs Vaterland--sie mußte sich schämen; die andern waren +unschuldig--sie hatte eine Schuld auf dem Gewissen. Wenn Gebhard sie +traurig ansah, mußte sie an sein Wort denken: Hättest du die Türe nicht +aufgemacht! + +Gebhard ging in die Schule, aber er stand einsam unter den Mitschülern, +fremd dem Lehrer gegenüber. Der sprach von Krieg und Sieg, von +Vaterlandsliebe und Heldentod--das konnte Gebhard nur mit bitterer Scham +anhören; und wenn die Kameraden von ihren Angehörigen im Feld erzählten, +dann hatte er Angst vor ihren Fragen, ging ihnen aus dem Weg, spielte +lieber daheim mit Leo, seinem treuen, schweigsamen Freund aus der alten +Heimat. + +Eines Abends, als er still und später als sonst an seinen Schulaufgaben +in dem Zimmer neben dem Eßzimmer saß und ihn wohl niemand dort +vermutete, hörte er Onkel und Tante sprechen, was nicht für ihn bestimmt +war. Der Onkel sagte: "Das Beste wäre, Stegemann bliebe verschollen, er +würde doch nur Schande bringen in unsere Familie." + +"Ja," sagte die Tante, "aber ich denke, er ist längst tot, wenn man es +nur bestimmt erfahren könnte." + +Da tat dem kleinen Burschen nebenan das Herz so weh, wie noch nie und er +fühlte, wie lieb er seinen Vater hatte, trotz allem was geschehen war, +und daß er ganz zu ihm gehörte. Und ein Zorn kochte in ihm auf gegen die +Menschen, die den Vater gern gestorben wüßten. Aber er durfte ja nichts +sagen, denn gar oft schon hatte die Mutter ihm vorgehalten, wie dankbar +sie gegen Onkel und Tante sein müßten. + +In diesem Augenblick kam die Mutter zu ihm herein, hatte ihr Töchterchen +im weißen Nachtgewand im Arm und zeigte sie Gebhard: "Sieh, wie die +Kleine nett aussieht, sie soll noch der Tante gute Nacht sagen, komm +mit." + +Ungern folgte Gebhard. Im Eßzimmer wurde der kleine Liebling bewundert. +Der Onkel, der für gewöhnlich um diese Zeit nicht da war und das Kind +selten sah, freute sich an dem netten Anblick, wollte auch der Mutter +eine Freude machen und sagte schmeichelnd zu der Kleinen: "Willst du +denn auch einmal zu mir kommen, mein schönes Jüngferlein?" + +"Nein, sie soll nicht!" rief plötzlich mit rotem Kopf in aufbrausendem +Zorn Gebhard. Erschrocken wandten sich alle nach ihm um, aber er achtete +nicht auf die vorwurfsvollen Blicke. "Es ist nicht dein Jüngferlein," +rief er, "es ist dem Vater sein Jüngferlein, und mir gehört sie auch +mit. Gib sie mir, Mutter, mir, nicht dem Onkel!" Er drängte sich an die +Mutter, die ganz blaß geworden war. "Was fällt dir ein, Gebhard!" und +sie wandte sich an den tief gekränkten Bruder: "Verzeih, ich weiß gar +nicht, was dem Kind in den Sinn kommt!" + +Die Schwägerin sah, wie ihrem Mann der Zorn aufstieg. Sie wandte sich an +Helene: "Wenn du irgend etwas von Erziehung verstehst, so mußt du das +Töchterchen dem Onkel geben und mußt den unartigen Jungen zur Türe +hinausstecken!" + +"Ja freilich, du hast ganz recht," sagte Helene. Sie sah ein, daß sie +einen solchen Ton nicht dulden durfte, aber sie fühlte durch, und sah es +Gebhard an, daß er tief erregt war, und er tat ihr so leid. Sie konnte +ihn nicht verstehen. Es war doch gar nichts vorgefallen, was ihn so +aufbringen und seine Rede entschuldigen konnte. So zog sie das Kindchen +zurück, nach dem er noch immer begehrte, reichte es dem Onkel hin, und +sagte unsicher: "Ich muß dich aus dem Zimmer weisen, Gebhard!" Er sah +sie einen Augenblick erstaunt an, weil er so etwas noch nie von ihr +erfahren hatte, dann folgte er ohne Widerspruch. Unter der Türe blickte +er noch einmal zurück und sah die Mutter mit Onkel und Tante beisammen +stehen, das Schwesterchen auf des Onkels Arm. Da war's ihm, als gehörten +diese vier zusammen, er aber gehörte nicht zu ihnen, sondern zu dem +armen, armen Vater, der so weit fort war und den er doch über alles in +der Welt liebte. + +So wuchs allmählich eine Scheidewand zwischen ihm und der Mutter auf. Es +fehlte der Vater, der die beiden so innig verbunden hatte. + +Aber es kam Hilfe von anderer Seite. Frau Dr. Stegemann, Gebhards +Großmutter, kannte Helene nur wenig, aber sie hatte sie vor Jahr und Tag +herzlich als Schwiegertochter willkommen geheißen, manchen Brief mit ihr +gewechselt und sich innig gefreut über das Glück, das sie ihrem Sohn und +Enkel von Herzen gönnte. Sie konnte sich vorstellen, wie schwer die +junge Frau unter der Trennung von dem Gatten leiden mußte. Aber sie +begriff nicht, warum die Schwiegertochter ihr jetzt nur selten und kurz +schrieb, ihr, der Mutter, die doch am besten mit ihr fühlen konnte und +die längst gebeten hatte, ihr die genaueren Umstände über die +Verschleppung ihres Sohnes zu berichten. Die Schwiegertochter +entschuldigte sich damit, daß es sie zu sehr angreife, von diesem +schrecklichsten Tag ihres Lebens zu erzählen; aber Frau Dr. Stegemann +gab sich nicht länger mit diesem Bescheid zufrieden. Als es Winter wurde +und immer dieselben dürftigen, traurigen Briefe kamen, schrieb sie der +Schwiegertochter, wofern sie und die Kinder gesund seien, möge sie mit +ihnen in Gebhards Weihnachtsferien zu ihr kommen. Es klang mehr wie ein +Verlangen als wie eine Bitte oder Einladung. + +Helene zeigte den Brief ihren Geschwistern. + +"Du hättest deiner Schwiegermutter längst den ganzen Sachverhalt +mitteilen sollen," meinte der Bruder, "sie als Mutter kann erwarten, daß +ihr nichts vom Schicksal ihres Sohnes verschwiegen wird." + +"Aber es kann ihr doch nur schrecklich sein! Sie hat uns bei Beginn des +Krieges voll glühender Vaterlandsliebe geschrieben. Und dann--ich traue +mich nicht, ihr zu sagen, wie das alles gekommen ist, sie wird mich +verachten, denn sie ist so eine tapfere, strenge Frau!" + +Die Schwägerin fiel ihr ins Wort: "Immer quälst du dich wieder so +unnötig mit Vorwürfen. Jede Frau hätte so wie du für ihr und ihrer +Kinder Leben gebeten!" + +"_Sie_ nicht!" sagte Helene bestimmt. Der Bruder wurde ärgerlich. Er war +immer ein wenig eifersüchtig gewesen und hatte nie recht vertragen +können, daß seine geliebte Schwester eine so hohe Meinung von der +Familie Stegemann hatte. + +"Du bist nicht schuld," sagte er; "ein Mann muß selbst wissen, was er zu +tun hat; es wäre ohne deine Einrede wohl alles ebenso gegangen!" + +Aber jetzt ereiferte sich Helene. "Nein, nie, ganz gewiß nicht. Ich +begreife mich selbst nicht mehr, warum ich nicht lieber mit meinem Kind +sterben wollte: der Tod ist nicht das schlimmste!" + +Sie brach in Tränen aus. Der Bruder suchte sie zu beruhigen. "Du +brauchst deiner Schwiegermutter nicht zu erzählen, was _du_ bei der +Sache gesprochen hast. Darüber schweigst du einfach!" + +"Ach, das kann ich nicht, wenn sie mich mit ihren klaren Augen ansieht, +so muß ich die ganze Wahrheit sagen. Sie würde es doch gleich merken, +daß mir noch etwas auf der Seele liegt." + +"Ei, so bleibe hier!" riet die Schwägerin. "Schicke ihr Gebhard allein, +sage, du könnest mit der Kleinen im Winter nicht reisen und ohne das +Kind nicht fort. Zwar wäre sie ja bei mir und dem Mädchen wohl versorgt, +aber es ist doch eine gute Ausrede; versprich deinen Besuch fürs +Frühjahr, dann wollen wir weiter sehen." + +"Ja, das wird das Beste sein," sagte der Bruder, "sie kann die +Winterreise und dazu solch eine Aufregung nicht von dir verlangen und +Gebhard wird sehr gern zu seiner Großmutter gehen mit seinem Hund, +na--er kann auch ganz dort bleiben, wenn sie es wünscht." + +"Er wird sich nicht gern von mir trennen wollen!" + +"Das bildest du dir ein, so ist er nicht." + +"Meinst du?" Nachdenklich fügte sie hinzu: "Ja, es kann sein, daß er +mich nicht vermißt. Es ist alles nicht mehr so, wie es war. Aber dann +werden wir uns ganz fremd!" + +"Du mußt dich an dein Töchterchen halten, das wird alle Tage netter und +gehört dir ganz und gar." + +Aber die junge Mutter konnte sich nicht gleich mit dem Gedanken trösten, +daß ihr der kleine Liebling blieb. Es tat ihr weh, zu denken, Gebhard +werde sie nicht vermissen. Sie war doch so stolz gewesen auf des Knaben +Liebe und seine rührende Verehrung. + +"Ich will selbst Gebhard die Einladung der Großmutter ausrichten," sagte +der Bruder, die Beratung abschließend. "Ruhe du dich ein wenig aus und +dann schreibe deiner Schwiegermutter. Gebhard ist ja bei ihr gut +versorgt und für dich wird es so am besten sein, meinst du nicht?" + +"Ich weiß nicht," sagte Helene, "aber ich will es so machen, wie ihr +meint, ich danke euch, ihr seid so nachsichtig gegen mich." + +Sie ging in ihr Zimmer und tat, wie man ihr geraten, legte sich auf ihr +Ruhebett. Ach, sie meinten es so gut mit ihr, aber sie hatten ja gar +keine Ahnung, wie traurig sie war, wie heiß ihre Sehnsucht nach dem +verlorenen Glück. + +Herr Kurz hatte es gut verstanden, Gebhard die Reise zur Großmutter +verlockend darzustellen. Davon, daß er vermutlich dauernd bei ihr +bleiben sollte, hatte er nichts erwähnt, das hatte noch Zeit. So behielt +der Onkel recht. Gebhard war nur vergnügt über die Einladung für die +Weihnachtsferien, dachte gar nicht an die Trennung von der Mutter. Es +war ja natürlich, daß das Kind sich freute zur Großmutter zu kommen, die +in den Jahren der Einsamkeit im Forsthaus treulich jeden Sommer gekommen +war und ihm längst nahe stand, ehe Helene zur Familie gehörte. + +Heute ging die Mutter mit ihm hinauf in sein Zimmer, um mit ihm +einzupacken. Frohgemut reichte er ihr zu, was sie verlangte, aufmerksam +verfolgte Leo dieses ungewohnte Treiben. "Jetzt deine Schulbücher, +Gebhard?" + +"Soll ich die mitnehmen?" Verwundert sah er die Mutter an und bedenklich +klang seine Frage: "Muß ich denn lernen in den Weihnachtsferien?" + +"In den Ferien nicht, aber nachher, wenn die Schule wieder anfängt, mußt +du doch deine Bücher haben." + +"Nach den Ferien komme ich doch wieder hieher?" + +"So war's nicht gemeint, Gebhard. Die Großmutter wird dich gerne +behalten. Hat dir davon der Onkel nichts gesagt?" + +"Nein." Er wurde sehr nachdenklich. Die Mutter stand vor dem Koffer, +hatte die Hand ausgestreckt nach den Schulbüchern, die nicht kamen. Sie +sah, wie Gebhards Gesicht trübselig wurde. Jetzt schmiegte er sich an +sie. "Mutter, kannst du nicht mitkommen zu der Großmutter? Hat sie bloß +mich ganz allein eingeladen?" + +"Nein, aber das Schwesterchen ist noch zu klein für solch eine +Winterreise und sie braucht mich doch!" + +"Ja, aber Mutter, du hast viel früher einmal zu mir gesagt, wir blieben +jetzt immer beisammen, der Vater und du und ich; das war so schön. Und +jetzt ist der Vater fort und dann habe ich auch keine Mutter mehr!" + +"O doch, Gebhard, ich bleibe ganz gewiß deine treue Mutter!" Aber +Gebhard entgegnete trotzig: "So eine Mutter, die nicht bei mir ist, +hilft mir gar nichts. So eine habe ich immer schon gehabt, im Himmel, +aber ich möchte eine, die bei mir bleibt." + +"Später, Gebhard, kommen wir gewiß wieder zusammen, aber jetzt hast du +einstweilen die Großmutter. Bei ihr warst du doch früher so gern; und +hier--warst du denn gerne hier im Haus, bei Onkel und Tante?" + +"Nein, gar nicht gern, weil sie den Vater nicht mögen. Neulich haben sie +so etwas Schreckliches über den Vater gesagt, das darfst du gar nicht +hören, Mutter. Darum mag ich sie gar nicht mehr!" Tränen des Zorns +kamen dem Kind bei der Erinnerung. + +"Wann war denn das?" + +"An dem Abend, wo der Onkel das Jüngferlein wollte!" + +"Ach, damals? Gebhard, sieh, du wirst glücklicher sein bei der +Großmutter. Sie hat den Vater so lieb und sie nimmt dich mit deinem Leo +so gerne zu sich!" + +"So? hat sie das geschrieben?" Langsam machte er sich von der Mutter +los. "Da sind meine Schulbücher." + +Still vollendeten sie das Geschäft des Einpackens; aber beunruhigt lief +der Hund hin und her, er merkte, daß Ungewohntes vor sich ging. + +"Du darfst mit mir gehen, Leo, sei nur zufrieden, wir zwei trennen uns +nicht!" Bei diesen Worten nahm Gebhard den schmalen Kopf des Hundes +zwischen seine Hände. Ein leises Bellen bezeugte das Einverständnis des +klugen Tiers; es legte sich nun still neben den Koffer, bereit Hab und +Gut seines kleinen Herrn zu bewachen. + +Sie waren fertig, das Zimmer sah öde aus. + +"Komm nun, Gebhard," sagte die Mutter und es war ihr wehmütig ums Herz +in dem leeren Zimmer, "komm, wir wollen nach dem Schwesterlein sehen." + +Er griff nach ihrer Hand, sah zu ihr auf und merkte, daß sie traurig +war. "Mutter," begann er, "jetzt denkst du an den Vater, das sehe ich +dir immer an. Aber du hast noch dein Jüngferlein, das ist dir doch das +allerliebste und das bleibt bei dir." + +Sie drückte fest seine Hand. Nein, sie hatte jetzt eben nicht an ihren +Mann gedacht, sondern an den kleinen Mann, der da so liebevoll an ihrer +Hand ging und sie noch tröstete, obwohl sie ihn von sich schickte. + +Schon vor der Zimmertüre hörten sie die Tante, die ihren Spaß hatte mit +der Kleinen. Die lachte laut und übermütig vor Vergnügen. Das lustige +Töchterlein--der traurige Bub--es gab der Mutter zu denken. + +Am frühen Morgen des folgenden Tags trat Helene in Gebhards +Schlafzimmer. Er erwachte bei ihrem Eintritt. Frisch und tatkräftig +stand die Mutter vor ihm, wie schon lange nicht mehr. "Gebhard, steh +auf, es ist Zeit, daß wir reisen, wir zwei miteinander!" Und als er sie +mit großen, fragenden Augen ansah, lachte sie hell, setzte sich zu ihm +auf den Bettrand und sagte: "Ich habe mir heute Nacht gedacht: das +Jüngferlein ist schnöde, es macht sich gar nichts daraus, wenn ich +fortgehe, es jauchzt bei der Tante wie bei mir. Aber mein Bub, der +möchte mich gern bei sich haben; so will ich wenigstens für eine Woche +mit ihm gehen!" Da wurde die junge Frau stürmisch umarmt und geküßt und +mußte an ihren Mann denken. + +Eine Stunde später waren sie auf der Reise. + + + + +Fünftes Kapitel. + + +Unsere zwei Reisenden waren diesmal allein im Abteil: Leo hatte sich +nicht eingedrängt; ganz verständig hatte er sich darein gefunden, in dem +für seinesgleichen bestimmten Raum Platz zu nehmen. Gebhard stand eine +ganze Weile am Fenster und sah in die Winterlandschaft hinaus; ihm war +so wunderlich glücklich zu Mute, wie wenn ihm erst jetzt die Mutter +wieder gehörte. Er hätte nur gern gewußt, wie es ihr ums Herz war! Schon +einmal hatte er sich nach ihr umgewandt, sie sinnend angeschaut, aber +nicht die Worte finden können zu einer Frage. Nun sah er sie wieder an. + +"Willst du etwas?" fragte sie. + +"Nein.--Ja doch. Ich möchte nur wissen, ob es dich nicht friert?" + +"Nein; warum meinst du? Kommt es dir kalt vor?" + +"Mir gar nicht. Der Onkel meinte nur, du könntest dich erkälten; aber +gelt, es ist behaglich warm? Heute gefällt mir das Fahren so gut, dir +auch, Mutter?" + +Sie lächelte ihn freundlich an und schob die Reisetasche beiseite, die +neben ihr lag. "Setze dich zu mir her, Gebhard." + +Dieser folgte schnell der Aufforderung und sie rückten nahe zusammen. + +"Gelt, das Jüngferlein ist ganz vergnügt bei der Tante?" sagte er. + +"Ja freilich, das vermißt uns nicht." + +"Das gefällt mir eben so besonders gut, daß ich dich einmal ganz für +mich allein habe," erklärte er, "da können wir auch vom Vater sprechen, +wenn wir wollen. Aber die Tante hat gesagt, ich soll dich nicht +aufregen; also reden wir lieber von etwas anderem. Sie hat mir auch +Eßvorrat mitgegeben in meine Büchse; wollen wir das einmal ansehen?" + +"Ja, sagte die Mutter, schauen wir nach den guten Sachen, das wird mich +ganz gewiß nicht aufregen." Sie lachte ihn freundlich an. + +"Du siehst heute so aus, Mutter, wie früher, so nett." Aber das hätte er +nicht sagen sollen; denn auf einmal kamen ein paar Tränen in ihre hellen +Augen. Da packte er schnell die Büchse aus; und weil ihm dabei ein Apfel +auf den Boden kollerte und während er sich darnach bückte eine ganze +Anzahl Nüsse folgten, mußte sie lachen und er lachte mit und sie waren +zum erstenmal fröhlich miteinander ohne den Vater. + +Gegen das Ende der Reise, während Gebhard sich schon ungeduldig auf das +Wiedersehen mit der Großmutter freute, wurde der jungen Frau das Herz +wieder schwer. Sie hatte sich wohl auf ihres Bruders Zureden +vorgenommen, nichts davon zu erzählen, daß sie ihren Mann überredet +hatte, mit den Russen zu gehen, und so durfte sie ja sicher sein, bei +ihrer Schwiegermutter nur Teilnahme zu finden und keinen Vorwurf zu +hören. Aber eben dieses Verschweigen und vorsichtige Ausweichen lag +nicht in ihrer Natur und deshalb bangte ihr vor dem Zusammentreffen mit +der Mutter. + +Helene wußte, daß sie nicht erwartet wurde; nur Gebhard mit seinem +treuen Gefährten Leo war angekündigt. Als die Reisenden in die +Bahnhofhalle einfuhren, fiel ihnen die Leere des Bahnsteigs auf. Er war +für die Menge gesperrt, da in Kürze ein Lazarettzug mit einer großen +Anzahl Verwundeter ankommen sollte. Eine ganze Reihe Sanitäter mit +Tragbahren erwartete den nächsten Zug; aber mitten unter ihnen stand +eine einzelne große Frau in langem Mantel mit warmem Pelzzeug; unter +ihrem schwarzen Samthut sahen schlichte graue Haare hervor und +forschende Augen blickten dem einfahrenden Zug entgegen. Dies war Frau +Dr. Stegemann, die sich bei dem Kommandanten den Zutritt erbeten hatte, +um ihren allein reisenden Enkelsohn abzuholen. + +Gebhard erkannte die Großmutter sofort und eilte auf sie zu. + +"Mein lieber, großer Bub!" rief sie, "ich bin froh, daß du zu mir +gekommen bist. Und dein schöner Leo ist auch da! Nun komm nur gleich, +wir müssen möglichst schnell den Bahnsteig verlassen." + +"Aber die Mutter ist auch hier, ich bin nur vorausgesprungen!" + +"Die Mutter? Kommt sie doch mit?" + +Ja, sie kam eben zu den beiden und sah deutlich, daß bei dem +unerwarteten Wiedersehen das ernste Gesicht der Großmutter freudig +aufleuchtete. + +"So kommst du doch," sagte sie und streckte der jungen Frau die Hand +entgegen, "dann ist ja alles schön und gut; wir gehören doch zusammen in +dieser Zeit!" + +Das empfand auch Helene in diesem Augenblick. Wie wenn sie ihrem Manne +näher wäre, so war ihr zumute. Sie hatte gar nicht mehr gewußt, daß +Mutter und Sohn ganz die gleichen, klaren, seelenvollen Augen und +dieselbe tiefe Stimme hatten. Sie gingen miteinander hinaus auf den +Bahnhofplatz. Dort war die Haltestelle der Elektrischen; das Mitnehmen +von Hunden war aber nicht gestattet. + +"Kann Leo nachspringen?" fragte die Großmutter. + +"Er kann wohl," sagte Gebhard, "aber der Vater läßt ihn nie gern neben +dem Wagen springen." + +"Dann gehst du mit ihm zu Fuß; erinnerst du dich des Weges? Du hast ihn +vor zwei Jahren gemacht." + +"Nicht so recht," meinte Gebhard bedenklich. + +"Wir sollten vielleicht eine Droschke nehmen und den Hund zu uns +hereinlassen," schlug Helene vor. + +"Bewahre. Ein großer Bub mit solch gutem Hund _sucht_ sich eben seinen +Weg. Merke auf, Gebhard. Du folgst den Schienen der Elektrischen immer +zu bis an den Marktplatz. Dann fragst du. Weißt du Straße und Nummer?" + +"Jawohl, Johannessteg 5." + +Die beiden Frauen stiegen ein und Gebhard ging mit seinem treuen +Begleiter zu Fuß. Helene wunderte sich über die Großmutter, die dem +geliebten Enkel gleich Zumutungen machte. Ja, das war wieder die +Strenge, die sie in Erinnerung hatte; nicht der gutmütige, weichherzige +Ton, den sie von den Ihrigen daheim gewohnt war. Nun wußte sie wieder, +warum ihr bange gewesen, und es überkam sie eine beklemmende Angst vor +der Unterredung, die nicht ausbleiben konnte. + +Frau Dr. Stegemann bewohnte den obersten Stock eines Hauses in der +Altstadt. Die schönen, bequemen Einrichtungen der Neuzeit fehlten dieser +Wohnung, hingegen war sie geräumig, hatte viele Zimmer, Kammern und +Gänge. Aus den altmodisch kleinen Fenstern blickte man hinweg über die +Dächer der gegenüberliegenden Häuser, über Gassen und Straßen hinaus ins +Weite, wo Gärten und Felder die Stadt begrenzten. Der letzte +Sonnenstrahl fand noch seinen Weg in die hochgelegene Wohnung. + +Außer einem Dienstmädchen hatte Frau Dr. Stegemann noch zwei junge +Hausgenossinnen, zwei Enkeltöchter, die hier in der größeren Stadt eine +Töchterschule besuchten. Von ihnen erzählte sie Helene, nachdem sie die +Elektrische verlassen und dem Haus zugingen, denn beide mochten nicht +auf der Straße von dem sprechen, was ihre Herzen am meisten bewegte. +Während sie im Haus angekommen Stockwerk um Stockwerk hinaufstiegen, +wunderte sich Helene über die Sechzigerin, die nichts von der +Anstrengung zu merken schien. + +"Mutter, wie du steigen kannst!" + +"Das macht die Gewohnheit." + +"Aber ist dir's nicht lästig? Du dürftest dir's wohl auch leichter +machen." + +"Warum? Ich bleibe gern in der Übung. Solange ich gesund bin, schadet +mir das Steigen nichts. Es wäre nichts als Bequemlichkeit, wenn ich es +nicht mehr tun wollte." + +Rüstig stieg sie voraus. + +Oben angekommen wurden sie vom Dienstmädchen empfangen mit der +Nachricht, daß ein fremdes Fräulein schon lange auf sie warte und sie +sprechen möchte. Gleichzeitig kamen eilig und lebhaft die beiden +Schwestern, Grete und Else, große Mädchen mit blonden Zöpfen und +frischen, fröhlichen Gesichtern. Sie waren überrascht, statt des +erwarteten kleinen Vetters ihre Tante Helene zu sehen, die sie nur nach +dem Bild kannten. "Macht es der Tante behaglich, Kinder," sagte die +Großmutter zu ihnen, "und du, Helene, laß dich nicht abschrecken, wenn +es bei mir unruhig zugeht; das ist eben so in diesem Kriegsjahr. Es gibt +so viele Mädchen, die im Ausland waren und jetzt stellenlos sind, die +wenden sich an uns 'Freundinnen der jungen Mädchen'. Um so etwas wird es +sich auch jetzt handeln." + +Sie verließ das Zimmer. Helene war verwundert. Sie hatte sich das Leben +der Großmutter still und abgeschlossen gedacht, merkte jetzt, daß diese +noch mitten im Leben und Wirken stand und sah bald, daß auch die beiden +Enkelinnen an allerlei Kriegshilfe teilnahmen und vom Geist der +Großmutter beseelt waren. + +Sie wandten sich jetzt lebhaft an die junge Tante, deren liebliche +Erscheinung ihnen gar sehr gefiel, halfen ihr ablegen, plauderten +zutraulich und kamen bald auf das zu sprechen, was sie erfüllte. "Dürfen +wir dir unsere Vorratskammer zeigen? Wir haben einen ganzen Stoß +Kinderwäsche genäht für die vertriebenen Ostpreußen und haben Handschuhe +und Socken für die Soldaten gestrickt, magst du es ansehen?" Gerne +folgte Helene den eifrigen Mädchen in ihre Stube und ließ sich an das +altmodische Pfeilerschränkchen führen, in dem allerlei Arbeiten +aufgestapelt waren. Mitten in dieser Betrachtung kam, von seinem Hund +begleitet, Gebhard an. Er hatte sich nicht gern von seiner Mutter +getrennt; denn er wußte, sie war nur ihm zuliebe hieher gekommen, auch +hatte er so ein unbestimmtes Gefühl, daß ihr bangte vor dem Zusammensein +mit der Großmutter. So war er im Galopp mit seinem Hund der Elektrischen +gefolgt, hatte schnell den Weg zum Haus gesucht und trat nun angeregt +vom raschen Lauf, mit frischen, roten Backen ins Zimmer. + +Grete und Else waren gleich für diesen kleinen Vetter eingenommen und +auch der Hund war ihnen anziehend. Sie hatten noch nie einen solchen als +Hausgenossen gehabt, wollten mit ihm Bekanntschaft schließen, wichen ihm +aber doch aus, als er sie beschnüffelte. + +Es dauerte aber nicht lang, so streckte sich Leo behaglich mitten unter +der Gesellschaft aus. + +"Jetzt ist er schon heimisch," sagte Gebhard befriedigt, "er merkt, daß +wir nicht bei Fremden sind; in einem fremden Haus legt er sich nie von +selbst nieder." Das gefiel den Bäschen und freute Gebhard. Wo er gern +war und wo es Leo behagte, mußte sich doch auch sein Mütterlein heimisch +fühlen. + +Nach kurzer Zeit kam auch die Großmutter wieder. Sie hatte dem jungen +Mädchen Bescheid gegeben, das in England Erzieherin gewesen war, in +reichem Haus, bei einem einzigen Knaben; jetzt war ihr eine Stelle +angeboten, in einfacher Familie bei vier Knaben. Den jüngsten sollte +sie selbst ausfahren, das paßte ihr nicht. + +"Ich habe ihr Mut gemacht," sagte Frau Dr. Stegemann, "im Krieg muß man +froh sein, wenn man irgendwo unterschlupfen darf, und übrigens möchte +ich jetzt lieber zehn Deutsche erziehen als einen Engländer. Und warum +nicht den kleinen Buben ausfahren? Wir müssen ja froh sein, wenn es +recht viele deutsche Buben gibt! Sie will es nun versuchen und mir am +Sonntag berichten wie es geht. Aber nun kommt zum Tee!" + +Sie führte die Schwiegertochter über den langen, dunkeln Gang. Helene +dachte unwillkürlich an die hell erleuchteten Räume in ihres Bruders +Haus. + +"Überall merkt man den Krieg," sagte Frau Stegemann. "Das Petroleum wird +bei euch auch knapp sein." + +"Ich weiß nicht, es war nicht die Rede davon." + +"Nicht? Es ist eine große Entbehrung für viele Leute. Manche Familien +können abends ihr Zimmer gar nicht beleuchten. Für solche ersparen wir +immer etwas von dem Petroleum, das auf uns kommt. Warum sollten wir auch +nicht ein wenig im Dunkeln tappen? Unsere Soldaten müssen sich auf ganz +anders schwierigen Wegen im Finstern zurecht finden." + +Gebhard horchte hoch auf bei diesen und ähnlichen Äußerungen der +Großmutter. Während des einfachen Abendessens erklärten ihm die +Schwestern, was kriegsmäßig sei und was nicht; was sich die Familie +zugunsten des Vaterlandes versagte und wie sie beflissen war, sich von +dem zu nähren, was reichlich vorhanden und in Gefahr war, zu verderben. +Da nun Else und Grete sahen, wie neu ihm das alles war und daß er +glühenden Eifer zeigte für alles Gemeinnützige, fragten sie, ob er +mittun würde, wenn sie nächsten Sonntag mit der Rotkreuzbüchse durch die +Straßen gingen, um Karten und Blumen zugunsten der Verwundeten +anzubieten. Er hatte das schon manchmal gesehen, aber nie daran gedacht, +daß man auch ihn irgendwie für solch vaterländische Tätigkeit brauchen +könnte. Stolz war er, glücklich über diese neuen Aussichten. +"Großmutter," rief Else, "das wird fein! Gebhard trägt die Büchse, wir +die Blumen und wir sagen zu allen, die uns begegnen: 'Hier, unser +Vetter, ist selbst ein Vertriebener, ein Flüchtling aus Ostpreußen!' Da +gibt uns jedermann doppelt so gern!" + +"Und den Hund nehmen wir auch mit," schlug Grete vor, "er sieht so +polizeimäßig aus, mit ihm können wir uns in alle Winkel der Stadt +wagen!" + +Die drei verwandten Kinder verbanden sich nach kurzer Bekanntschaft und +waren glücklich miteinander. Helene staunte, wie schnell Gebhard sich +heimisch fühlte. Am reichbesetzten Tisch ihrer Geschwister hatte sie ihn +nie so befriedigt gesehen, wie hier; das Wohlleben hatte ihm weniger +behagt, als die einfachen Verhältnisse, die er von Hause aus gewöhnt +war, und wie heimische Luft empfand er die vaterländische Gesinnung, die +auch im Forsthaus der herrschende Geist gewesen war. + + + + +Sechstes Kapitel. + + +Die Teestunde war vorüber, endlich mußte auch der Augenblick kommen, auf +den Helene sich gefürchtet hatte, die Aussprache über das, was im +stillen Herzen beide Frauen mehr beschäftigte als all die Dinge, über +die sie sich mit den Kindern unterhalten hatten. + +"Ich möchte jetzt ungestört ein Stündchen mit Tante Helene sein," sagte +Frau Dr. Stegemann zu den Schwestern. "Wer etwa kommt und nach mir +fragt, soll warten oder später wiederkommen. Gebhard kann bei euch +bleiben; komm, Helene, wir gehen in dein Zimmer." + +Aber Helene griff unwillkürlich nach Gebhards Hand und hielt sie fest. +Die Großmutter sah die fast ängstliche Bewegung der jungen Frau. + +"Du möchtest Gebhard mitnehmen?" fragte sie erstaunt. + +"O ja, bitte. Wir haben das alles miteinander erlebt." + +"So komm mit, Gebhard. Ich zeige dir gleich deine Schlafstätte." Vor der +Türe wartete der Hund, er schloß sich seinem kleinen Herrn an. Frau Dr. +Stegemann ging voran, führte ihre Gäste bis an das Ende eines langen +Ganges. "Hier ist das Gastzimmer, das wird für dich gerichtet, Helene; +wir wußten ja nicht, daß du kommst. Und hier gegenüber, ist deine +Kammer, Gebhard, sieh." + +Sie traten in eine große, helle Kammer. Ein schlichtes Feldbett stand +darin. "Wie für einen richtigen Soldaten," sagte die Großmutter, "nur +daß es ein Kopfkissen und ein Federbett hat. Das bekommen ja die +Soldaten nicht, aber du bist ja auch noch keiner, sondern willst erst +einer werden." + +"Schlafen sie ganz ohne Federbetten, die Soldaten?" fragte Gebhard +nachdenklich, "dann will ich's doch auch ohne versuchen." + +"Willst du? Das ist recht! Weißt du, Federn sind so etwas weiches, +warmes, je weniger ein Bub davon wissen will, um so besser." + +"Also weg damit!" rief der kleine Mann, "Großmutter, wohin?" + +Er packte das Federbett. Aber Helene legte die Hand darauf. "O, bitte, +Mutter," sagte sie, "es ist doch zu kalt für das Kind, er ist es nicht +gewöhnt." + +"So lassen wir das Bett hier. Du kannst es Nachts damit halten wie du +willst. Und sieh, da habe ich Platz gemacht für deine Kleider." Sie +schloß einen großen, altertümlichen Kleiderschrank auf. "Hier herein +kannst du deine Kleider hängen." + +"Ich will ihm helfen, sie einzuräumen," sagte Helene. Ihr war jeder +Vorwand erwünscht, die Aussprache weiter hinaus zu schieben. Während sie +nun an den geöffneten Schrank trat, erhob sich Leo, der sich schon neben +Gebhards Bett gelegt hatte, folgte ihr, wurde unruhig, schob seine Nase +in den Schrank und fing an, zu winseln. Sie bemerkten alle das +wunderliche Gebahren. "Was ist da hinten in dem Schrank, Großmutter," +fragte Gebhard. Sie griff hinein. "Es sind nur Kleidungsstücke." Sie +holte von den Haken, was da hing, ein Regenmantel, ein paar +Sommerkleider; immer aufgeregter folgte der Hund ihren Bewegungen und +jetzt, da sie wieder ein Kleidungsstück hervorzog, eine Herrnjuppe, +jetzt sprang das Tier hoch und steckte seinen Kopf hinein. "Ach, das ist +noch eine Juppe von deinem Vater, ist's möglich, daß er die erkennt?" + +"Aber freilich, Großmutter, sieh nur, wie er schnüffelt, wie er sich +freut und daran zerrt!" Ein Ruck--und der Hund hatte die Juppe auf den +Boden gezogen. Er legte sich daneben, streckte die Vordertatzen in +ganzer Länge darüber, wühlte mit Behagen den Kopf in das Kleidungsstück +und nahm so fest Besitz davon, daß es nicht rätlich schien, es ihm +wegzunehmen. Gebhard warf sich neben seinem Hund auf den Boden, +streichelte ihn und redete mit ihm: "Wo ist denn der Herr, wo ist dein +guter Herr? Leo, denkst du an den Herrn?" Das Tier wedelte. + +Gerührt von der Treue des Hundes wandte sich Helene ab, ließ sich +überwältigt von Sehnsucht und Schmerz auf dem Feldbett nieder und weinte +bitterlich. Frau Dr. Stegemann setzte sich neben die junge, von +Schluchzen erschütterte Frau und redete ihr in einem weichen, +mütterlichen Ton zu, den Helene noch nie von ihr gehört hatte. Da +schwand allmählich ihre Furcht und es überkam sie der Trieb, der Mutter +ihres Mannes das ganze Leid anzuvertrauen. Sie raffte ihre Kraft +zusammen. "Mutter," sagte sie, "es ist ja alles viel, viel +schrecklicher, als du ahnst!" + +"Wie so? Weißt du mehr, als was du mir geschrieben hast? Hast du +Nachricht von Rudolf? Schlechte Nachricht?" + +"Nein, nein; kein Wort habe ich von ihm gehört seit jenem Tag. Aber es +war anders als du denkst, ich kann es so schwer über die Lippen +bringen!" + +Frau Dr. Stegemann richtete sich stramm auf und der weiche Ton war nicht +mehr in ihrer Stimme als sie, gefaßt auf die schlimmsten Mitteilungen, +zur Schwiegertochter sprach: "Rede endlich, Helene. Wir dürfen nicht +feig sein in dieser harten Zeit. Ich kann alles hören, auch das +grausamste. Und du mußt jede Wahrheit aussprechen können. Sei doch auch +tapfer, was hilft das Weinen?" + +Bei diesen Worten stand Gebhard, der neben dem Hund gelegen, auf, trat +rasch an Helenens Seite und streichelte ihre Hand. "Großmutter," rief +er, "die Mutter kann nicht so tapfer sein wie du meinst, der Vater hat +mir gesagt, sie ist nicht aus so hartem Holz geschnitzt wie wir +Stegemanns. Man muß sie immer ganz zart behandeln!" Da schlang die junge +Frau den Arm um ihren Verteidiger und sagte zu ihm: "Die Großmutter hat +aber doch recht und ich will ja auch, daß sie alles erfährt. Gebhard, +erzähle du es, du warst ja dabei und du mußt nicht immer so weinen, wie +ich!" + +"Ja," sagte Gebhard, "die Großmutter darf das wissen, sonst niemand auf +der Welt!" + +Der kleine Mann gab sich einen Ruck, daß er stramm da stand und fing an: +"Großmutter, so war's: Zuerst kam ein deutscher Offizier mit fünf +Soldaten und besprach etwas ganz im geheimen mit dem Vater. Einstweilen +kochten die Soldaten auf unserm Herd und wir halfen ihnen. Dann sagte +uns der Vater, er müsse sie begleiten, aber kein Mensch dürfte wissen +wohin. Sie zogen bei Nacht miteinander fort. Am nächsten Tag kam der +Vater allein zurück und sagte, wir müßten schnell fliehen, die Russen +könnten bald kommen. Wir fingen gleich an, unsere Sachen auf die Wagen +im Hof zu laden, aber mitten hinein kam ein ganzer Trupp Russen mit +einem Offizier. Sie gingen die Treppe hinauf und ich ihnen nach. Im +Wohnzimmer war der Vater, aber die Mutter mit dem Jüngferlein war nicht +da. Der russische Offizier fragte, wohin die deutsche Patrouille +gegangen sei, die heute Nacht im Forsthaus eingekehrt sei und die der +Vater begleitet habe. Ich weiß nicht mehr genau, was der Vater zuerst +sagte, aber als der Offizier verlangte, er solle mit ihm gehen und ihn +denselben Weg führen, da sagte der Vater: "Nein, ich bin ein guter +Deutscher und werde nicht zum Verräter." Aber der Offizier hat ihm +gesagt: er könne doch nichts machen gegen so viele und er hat ihm +versprochen, er dürfte gleich wieder heimkommen, und uns allen solle gar +nichts geschehen; aber wenn er ihnen den Weg nicht zeige, müßten wir +alle sterben. Der Vater hat aber nicht nachgegeben und es war +schrecklich, wie zornig da der Offizier geworden ist, und weil ich auch +gerufen habe, der Vater soll nichts verraten, haben mich die Soldaten +ganz wütend gepackt und fest gehalten, da oben am Arm, wo es so weh tut, +und ich habe vor lauter Zorn nur immer geschrien: "Vater, tu's nicht! +Aber dann--" Gebhard stockte. Er sah die Mutter an. "Soll ich denn alles +sagen, Mutter, alles?" + +"Alles, Gebhard!" + +"Dann hat die Mutter die Schlafzimmertüre aufgeriegelt und hat von ferne +gerufen und gebeten, der Vater soll uns nichts geschehen lassen. Der +Vater hat auf die Mutter hingeschaut und dann hat er nicht mehr 'nein' +sagen können. Er ist mit ihnen gegangen und hat versprochen, sie zu +führen. Sie sind dann fortgeritten und wir haben gedacht, der Vater käme +am Abend wieder, der Offizier hat es ihm doch auf Ehrenwort versprochen. +Das Ehrenwort muß doch ein Offizier auch im Krieg halten, nicht, +Großmutter?" + +Er bekam keine Antwort. Die Großmutter, die still mit verhaltenem +Schmerz den Bericht angehört hatte, sah ins Weite, wie wenn ihre Augen +den Sohn suchten, den sie verloren hatte. Helene griff nach ihren Händen +und bat leise: "Mutter, verzeih mir und verachte mich nicht ganz. Ich +weiß, du wärest heldenmütig gewesen und ich war feig, war in Todesangst; +das hat er nicht mit ansehen können und mir zuliebe ist er zum Verräter +geworden. Ich bin schuld, daß nun diese Schuld auf seinem Gewissen +liegt. Darum habe ich mich nicht entschließen können, dir zu schreiben. +Ich weiß ja, wie du mich verachten mußt, daß ich deinen edlen Sohn dazu +gebracht habe." + +"Du hast ihn _nicht_ dazu gebracht, Helene, du irrst dich. Nichts auf +der Welt hätte ihn dazu bringen können. Ich kenne ihn. Er hat das nicht +getan!" + +Heftig erregt erhob sie sich. Ihr Blick fiel auf Gebhard. "Schon als +Kind in deinem Alter hätte er das nicht getan, wie viel weniger als +Mann! Du hast das von deinem Vater geglaubt?" + +"Ich habe es gehört, Großmutter, daß er 'ja' gesagt hat, und habe es +selbst gesehen, daß er mit den Russen gegangen ist!" + +"Ja. So hat er euch das Leben gerettet und die Bande fortgebracht vom +Forsthof. Eine Kriegslist war das. Ja, er ist mit ihnen geritten, aber +wohin? Dahin, wo die deutsche Patrouille nicht war! Gebhard, kennst du +deinen Vater so wenig?" + +Der Knabe senkte nicht den Blick vor dem strengen Ausdruck der +Großmutter; ein glückliches Leuchten flog über sein Gesicht. "So ganz +gewiß weißt du das, Großmutter? kann es gar nicht anders möglich sein?" + +"Gebhard, wird es jemandem gelingen, deinen Leo, dies treue Tier, gegen +_dich_ zu hetzen? Wenn man ihn lockt, ihm droht? Schäme dich, zu denken, +daß irgend etwas auf der Welt deinen Vater vermocht hätte, die Deutschen +an ihre Feinde zu verraten!" + +Zaghaft warf Helene ein: "Mein Bruder sagt, wer einmal in den Händen der +Russen ist, der wird mürbe gemacht, wenn er noch so tapfer wäre!" + +"Dein _Bruder_ kann das sagen, er hat Rudolf kaum gekannt, aber du?" +Nachdenklich sah sie auf Helene und dachte unwillkürlich an die Worte: +"Aus anderem Holz geschnitzt." Wie biegsam war die junge Gestalt, wie +weich die Züge und sanft der Blick! Nachsichtig sprach sie zu ihr. +"Weil du selbst in jener Stunde schwach warst, hast du auch ihn für +schwach gehalten und hast doppelt darunter gelitten. Aber jetzt glaube +du mir und laß dich durch keine Einrede mehr irre machen. Dein Mann ist +_kein_ Verräter. Von den Treusten einer ist er. Glaube an ihn; ein +Märtyrer kann er geworden sein, ein Verräter nicht!" Tief erregt wandte +sie sich an Gebhard. "Gott gebe, daß du so wirst wie dein Vater! Einen +besseren Wunsch weiß ich nicht für dich!" + +Erschüttert verließ sie das Gemach, sie mußte jetzt für sich allein +sein. + +Ihr starker Glaube ging in dieser Stunde über in die Seele von Mutter +und Kind; die schwerste Last war der jungen Frau vom Herzen genommen. + +Es blieb die Trauer um den Helden, aber das war ein edler Schmerz, der +ihr Herz erhob. "Gebhard," sagte sie, "wie waren wir so verblendet und +wie wollen wir von jetzt an stolz sein auf den Vater!" Und die beiden +waren fast glücklich zu nennen in diesem Augenblick. Aber die Mutter des +Helden kämpfte jetzt in ihrem Zimmer allein mit der tiefen Bewegung, in +die diese Unterredung sie versetzt hatte. Sie war überwältigt von dem +Gedanken an das Leiden ihres Sohnes. Was mochten die Feinde ihm angetan +haben in der Wut darüber, daß er ihnen nicht den rechten Weg wies? Das +gräßlichste, das sie ersinnen konnten. O wie grausig waren die Bilder, +die ihr vorschwebten! Hin und her ging sie in ihrem Zimmer und sprach +halblaut mit ihrem Sohn, wie wenn er sie hören könnte: "Du mein guter, +tapferer, treuer Sohn! So ganz allein. So weit fort von mir. Was haben +sie dir getan? Wirst du noch immer gequält und gepeinigt? Oder bist du +erlöst von allem Leid, selig aufgenommen als einer, der reinen Herzens +ist und Gott schauen darf? O, die schreckliche Ungewißheit!" + +An der Zimmertüre wurde geklopft, das Dienstmädchen rief: "Frau Doktor, +die Schustersfrau aus dem Hinterhaus ist da und fragt nach Ihnen." + +"Sie soll morgen kommen." + +"Aber sie tut ganz verzweifelt. Sie hat schlechte Nachrichten." + +"Ich habe auch schlechte und kann ihr keine guten verschaffen." + +Das Mädchen wagte nichts mehr einzuwenden; aber dem fassungslosen jungen +Weib, das auf Trost und Hilfe wartete, gab sie auf eigene Verantwortung +den Bescheid: "Frau Doktor kommt gleich." Sie kannte ja ihre Frau; die +konnte wohl einmal schroff und abweisend sein, aber schließlich half sie +doch immer. Auch diesmal. Nach kurzer Zeit kam sie ruhig und gefaßt +heraus; kaum war ihr noch anzumerken, wie sie mit sich gekämpft hatte, +um wieder tapfer zu sein. Frau Siebel, die Schustersfrau, merkte +jedenfalls nichts davon; sie war vollständig vom eigenen Leid +hingenommen. Ihr lauter Jammer hatte auch Helene und die Kinder +herbeigerufen. Schluchzend zeigte sie eine Postkarte, die besagte, daß +ihr Mann schwer verwundet in der Pfalz liege und sich nach einem Besuch +von ihr sehne. "Sicher ist er schon tot," rief die junge Frau und hörte +gar nicht auf die ermutigenden Worte, mit denen ihr von allen Seiten +zugesprochen wurde. Sie wußte ganz gewiß, ihr Mann war tot. + +"Dann wollen Sie also nicht in das Lazarett reisen?" fragte Frau Dr. +Stegemann kurz. + +"Ei doch," sagte Frau Siebel, "deshalb wollte ich ja Frau Doktor um Rat +fragen, ich wäre so gern noch diese Nacht abgereist." + +"So, nun sehen Sie, Sie glauben ja selbst, daß Ihr Mann noch lebt. Nun +lassen Sie auch das Weinen, dazu haben Sie Zeit in der Bahn; jetzt +müssen Sie für Ihr Kind sorgen, was machen Sie mit dem?" + +"Das ist's ja eben, ohne mein Buberl kann ich nicht fort. Ich habe es +die neun Monate nie aus der Hand gegeben. Ich vergehe vor Angst, wenn +ich das Kind hier lasse!" + +"So wollen Sie es mit auf die weite Reise nehmen?" + +"Nein, nein, das wäre gar nicht auszuhalten, es zahnt und schreit so +viel!" + +"Dann müssen wir eben eine Unterkunft suchen für den Kleinen. Am besten +in der Krippe." + +"Mein Kind in die Krippe? Ach Gott, ich vergehe vor Heimweh nach dem +Kind!" + +"Wenn Sie unter allen Umständen vergehen, kann ich Ihnen auch nicht +helfen," entgegnete Frau Stegemann ungeduldig. "Entweder mitnehmen oder +hier lassen--eines von beiden müssen Sie doch tun. Oder wissen Sie +einen dritten Weg?" + +"Ach nein--aber--" + +"Nun also. Seien Sie recht dankbar, daß wir eine Krippe haben, in der +man so einen kleinen Schreihals freundlich aufnimmt. Für heute nacht +will ich das Kind nehmen und morgen in der Krippe nachfragen. Jedenfalls +sorge ich für eine gute Unterkunft." + +"Aber kann ich Ihnen denn das zumuten? Es ist doch gar zu viel!" + +"Im Krieg hilft man zusammen. Ihr Mann ist ja auch für uns im Kugelregen +gestanden! So sorgen wir auch für sein Kind. Haben Sie denn das +Reisegeld?" + +"Ich hoffe, daß es reicht!" + +"Mit Hoffnungen kommen Sie am Schalter nicht aus. Ich will im Kursbuch +nachsehen und Ihnen im Notfall etwas vorstrecken. Gehen Sie einstweilen +und richten Sie alles!" + +"Ach, ich bin ganz wirr im Kopf vor Schrecken!" + +"Das paßt jetzt gar nicht. Im Gegenteil, Sie müssen Ihre Gedanken fest +zusammennehmen, damit Sie nichts vergessen." + +Die Frau eilte davon, Frau Dr. Stegemann ging in die Küche zum Mädchen. +Das hatte die Verhandlung gehört. "Frau Doktor," sagte sie, "wenn ich +nur hätte dazwischen reden dürfen. Das Kind ist nicht gut zu haben, die +Frau ist so unvernünftig mit ihm, trägt es und kocht ihm bei Nacht, alle +Leute im Hinterhaus sagen es. Frau Doktor, jetzt wird's doch zuviel für +uns!" + +"Zuviel? Liese, im Kriegsjahr gibt's kein 'zuviel' für mich, und für Sie +hoffentlich auch nicht!" + +"Aber seine Nachtruhe kann man doch wenigstens verlangen." + +"Meinen Sie? Fragen Sie doch Ihren Bräutigam, ob er sagen darf: 'Bei +Nacht wird mir das Schießen zuviel, da will ich meine Ruhe!'" + +"Wenn man auch immer an den Krieg denkt! Das tun nur Sie, Frau Doktor!" + +"Sie doch auch, Liese? Haben wir nicht miteinander zuerst das Backen +abgestellt, und die Kübel für das Schweinefutter eingeführt, und nicht +geruht, bis sie nach und nach in der ganzen Straße herauskamen? Ich +möchte jetzt gar keinen Menschen um mich haben, der nicht immerfort +fühlt: 'Jetzt ist Krieg, wie helfe ich?'" + +Liese überlegte. "Dann will ich eben den kleinen Balg nehmen bei Nacht." + +"Den nehme ich schon selbst, denn Sie müssen morgens früh heraus." + +Aber weder die Frau noch die Magd bekamen den kleinen "Balg" ans Bett, +denn, als Frau Siebel das schlafende Kind brachte, streckte Helene die +Arme nach ihm aus, fand es reizend in seiner Unschuld und bat so +herzlich es ihr zu überlassen, daß niemand ihr die Freude nehmen wollte. +Getrost konnte Frau Siebel ihren Liebling verlassen. + +In später Abendstunde setzten Mutter und Schwiegertochter sich noch ein +wenig zusammen. "Mir ist es, wie wenn ich in eine andere Welt versetzt +wäre," sagte Helene. "In deinem Haus weht ein ganz anderer Geist als bei +uns. Ihr alle steht im Zeichen des Krieges. In meines Bruders Haus ist +das nicht so, er ist von seinem Geschäft hingenommen; auch wußte er, daß +ich nichts hören wollte vom Krieg. Ja, ich gestehe dir's, nicht einmal +an den Siegen konnte ich mich freuen, weil ich immer dabei empfand: mein +Mann gehört nicht zu den Helden, ich selbst habe ihn hinausgedrängt aus +der tapferen Schar. Jetzt aber hast du diesen Druck von mir genommen; +ich bin so glücklich und bitte dich: verachte mich nicht um meiner +Feigheit willen. Vielleicht kann ich auch noch tapfer werden; meinst du +nicht?" + +Liebevoll zog die Mutter sie an sich. + +"Wer weiß," sagte sie, "ob ich als junge Frau die Probe bestanden hätte, +angesichts der rohen Männer, die mit ihren Scheußlichkeiten die Frauen +bedrohen. Niemand soll da über andere urteilen. Du wirst noch viel +Gelegenheit haben, dich in Tapferkeit zu üben, und ich auch. Wie lange +werden wir in Unsicherheit bleiben müssen über das Schicksal unseres +Helden. Und wenn eine Nachricht kommt, dann lautet sie vielleicht so +grauenvoll, daß wir allen Mut brauchen, um sie zu ertragen. Aber es wird +uns leichter werden, weil wir uns jetzt zusammen gefunden haben. Es ist +gut, daß du gekommen bist!" + +"Ich möchte in dieser Zeit viel lieber bei dir leben. Aber ich muß doch +bei der Kleinen bleiben, und die macht so viel Arbeit mit der Wäsche +und mit dem Ausfahren. Bei meinen Geschwistern mit den beiden +Dienstmädchen geht das viel leichter als hier. Sie nehmen mir alle +Arbeit ab; meine Schwägerin ist rührend besorgt und verwöhnt mich ganz." + +"Ich bin nicht für solch rührend verwöhnende Liebe," war der Mutter +Antwort. "Aber," fügte sie hinzu, "richte du dein Leben ein, wie du es +für richtig hältst." + +Helene wurde nachdenklich. Nach einer Weile sagte sie: "Für Gebhard ist +es ja viel schöner hier. Meinen Geschwistern ist er fremd geblieben und +er war auch gegen mich nicht mehr so zutraulich wie früher. Erst hier +ist er wieder ganz mein lieber, prächtiger Bub. Mutter, laß ihn mir +nicht fremd werden!" + +Helene blieb bis über die Weihnachtsferien und führte selbst noch +Gebhard in die Schule ein. Sie sah, wie er jetzt dem Lehrer und den +Mitschülern frei und offen gegenübertrat, da er nichts mehr zu +verheimlichen hatte, und daß dem Kind warme Teilnahme entgegengebracht +wurde. Und als er am zweiten Tag in der Pause seinen Leo holte, um ihn +den Kameraden vorzustellen, da wußte sie, daß er heimisch wurde unter +diesen. Sie konnte ihn getrost verlassen. Sie selbst aber vermißte auf +der Heimfahrt ihren kleinen Reisekameraden und es war ihr, als entfernte +sie sich noch mehr von ihrem Mann, indem sie seinen Sohn und seine +Mutter verließ. Aber daneben wurde doch die Sehnsucht nach dem +Töchterlein immer lebhafter. Es schlief, als sie heim kam. Beim +Erwachen sah es befremdet nach der Mutter; für das kleine Menschenkind +war die Zeit lang genug gewesen, um sie zu vergessen; aber die +Erinnerung erwachte bald wieder. Es war ein lieblicher Anblick, wie die +junge Mutter mit Kosen und Schmeicheln das Fremdsein besiegte und +endlich von ihrem kleinen Ebenbild durch strahlendes Lächeln und +zärtliche Hingabe wieder anerkannt wurde. Die Geschwister hatten es mit +angesehen. "Wie erfrischt du aussiehst!" sagte der Bruder, "du hast dich +so schwer zu der Reise entschlossen, aber sie hat dir sichtlich gut +getan." + +"Ja, ja. Das Schwerste, was mich am meisten bedrückt hatte, das hat mir +die Mutter abgenommen. Ich habe ihr alles, alles anvertraut und das war +gut, denn es ist ganz anders, als wir uns gedacht hatten: Nur um die +Russen vom Haus wegzubringen und um sie falsch zu führen, ist mein Mann +mit ihnen gegangen. Er hat ihnen nichts verraten!" + +"Woher habt ihr Nachricht bekommen? Erzähle doch!" riefen die +Geschwister. + +"Nachricht haben wir nicht, aber die Mutter weiß es dennoch, so gewiß +wie wenn sie Nachricht hätte. Sie kennt ihn und weiß, daß es ihm ganz +unmöglich ist, die Deutschen zu verraten." + +"Ach so!" sagte der Bruder gedehnt. Enttäuschung und Unglaube lag in +seinem Ton. Aber Helene sprach eifrig weiter: "Und ich bin auch fest +überzeugt, daß sie recht hat. Sie hat mir erzählt, wie er schon als Bub +so tapfer und treu war, ähnlich wie ja auch Gebhard ist, durch und +durch zuverlässig. Ich hätte es ja selbst wissen können, aber ich war +wie verblendet, weil ich selbst feig gewesen bin und mir das so schwer +auf dem Gewissen lag." Bruder und Schwägerin schwiegen. + +Helene fühlte, sie waren nicht überzeugt. Was konnte sie noch sagen? +"Wenn ihr nur selbst seine Mutter gehört hättet, und sie sehen könntet, +wie sie so fest und wahr ist und wie sie und ihr ganzes Haus von dem +erfüllt ist, was für den Krieg, fürs Vaterland geschehen muß. Ein ganz +anderer Geist weht bei ihr als bei uns!" + +"Bitte sehr," wehrte der Bruder, "bei uns geschieht alles was recht ist +und noch nie ist einer aus unserer Familie wegen Verrat in Verdacht +gekommen!" + +"Ihr sollt auch von meinem Mann nichts Schlechtes mehr glauben, nein ihr +dürft es gar nicht mehr für möglich halten, das kann ich nicht mehr +ertragen!" Sie zitterte vor Erregung. + +Die Schwägerin beruhigte sie: "Rege dich nicht auf, Helene, ich glaube +dir ja, aber von deinem Bruder kannst du das nicht gleich verlangen; +Männer geben nicht so viel darauf, wenn eine Mutter sagt: das kann mein +Sohn nicht getan haben, denn keine Mutter will Schlechtes von ihrem Sohn +glauben. Männer glauben erst, wenn Beweise vorliegen." + +Beweise? Nein, _Beweise_ für seine Unschuld hatte Helene nicht, nur den +Glauben daran; den Glauben, der sie so glücklich gemacht hatte. O, nur +fest daran halten und sich nicht irre machen lassen! + +Sie sprachen nicht weiter darüber, denn keines wollte das andere +reizen. Freundlich führte Herr Kurz seine Schwester an den reich +besetzten Tisch. Aber was sie noch vor wenigen Tagen harmlos angenommen +hatte, machte ihr jetzt Bedenken. Kriegsmäßig war das nicht, was hier +aufgetischt wurde. Die Geschwister ließen sich nichts abgehen, dachten +auch nicht weiter daran, welche Nahrungsmittel knapp waren im Land, +welche verbraucht werden sollten. Doch wagte sie nicht, dem Bruder +wieder das Haus Stegemann als Vorbild zu rühmen. So schwieg sie darüber. +Aber während sie die üppige Mahlzeit mit ihnen teilte, bedrückte es sie, +die Gastfreundschaft zu genießen von Menschen, die ihrem Mann Schlechtes +zutrauten; sie konnte sich nicht wohl fühlen bei ihnen, trotz aller +Liebe, die sie ihr erwiesen. In den Wochen, die nun kamen, kämpfte sie +einen schweren Kampf gegen das Heimweh nach ihrem verlorenen Glück und +gegen die Sehnsucht bei denen zu sein, die mit ihr durch die Liebe zu +ihrem Manne verbunden waren. Sie klammerte sich an den Trost, den ihr +die treuen Briefe der Mutter brachten, und schrieb fast täglich an sie +und an Gebhard. In seinen kindlichen Briefen suchte sie nach den +seltenen Worten, die etwas von der Anhänglichkeit aussprachen, die ihr +so kostbar war. So vergingen ihr die dunklen Wintermonate langsam und +schwer. + + + + +Achtes Kapitel. + + +Unter dem offenen Tor des Schulhofes stand Gebhard mit einigen +Kameraden. Auch Leo war dabei. Er war heute wie so manchesmal gekommen, +seinen kleinen Herrn abzuholen. Es genügte, daß Frau Dr. Stegemann dem +Tier die Türe öffnete und sagte: "Such den Herrn!" Er sprang dann in +großen Sätzen der Schule zu, wartete am Hoftor, bis sich die Klassen +entleerten, erkannte sofort die Klasse, zu welcher Gebhard gehörte, +drängte sich zwischen den Schuljungen hindurch zu dem einen, dem er +angehörte. Viele der Kameraden hatten ihren Spaß daran, einer beachtete +den Hund noch ganz besonders; ein lebhafter Pfälzer war es. Er hatte +einen Vetter, der Sanitätshundeführer gewesen, jetzt aber verwundet im +Lazarett untergebracht war. Dem hatte er schon oft von Gebhards Hund +gesprochen, und ebenso erzählte er Gebhard viel von den Leistungen des +Hundeführers. So waren die beiden längst begierig, sich kennen zu +lernen. Heute nun, als Gebhard aus dem Schulhof trat, stand da an der +Mauer ein Feldgrauer, den Arm in der Binde. Ein ganz junger Soldat war +es, sah stramm und gesund aus. "Das ist der Sanitätshundeführer," sagte +der kleine Pfälzer und der Soldat begrüßte Gebhard freundlich: "Ich +wollte mir nur einmal deinen Hund besehen," sagte er, "ich muß sagen, er +gefällt mir wohl! Wie ein Pfeil ist er die Straße daher gesaust und dann +regungslos am Tor stehen geblieben. Die Buben von der andern Klasse hat +er gar nicht beachtet. Es ist ein gut gezogenes Tier. Ich gehe nämlich +wieder als Hundeführer hinaus und da muß ich mich halt jetzt umsehen +nach einem andern Hund, denn der meinige ist im Feld geblieben." + +Gebhard sah den Soldaten, der immer prüfend auf den Hund blickte, mit +großen Augen an. "Aber meinen gebe ich nicht her!" + +Der Hundeführer wandte sich an seinen jungen Vetter. "Ich war der +Meinung, er sei zu verkaufen, du hast doch so etwas gesagt?" Der +Schlingel lachte. + +"Bloß damit du einmal an die Schule kommst und den Hund anschaust, ob +der wohl zum Sanitätshund gut wäre." + +"Ja," sagte Gebhard, "dann ginge ich, wenn ich groß bin auch als Führer +mit ihm in den Krieg." + +Der Feldgraue lachte: "O Buben, was schwätzt ihr! Bis ihr groß seid, ist +doch der Krieg längst aus und _so_ aus, daß nicht gleich wieder jemand +sich traut mit uns anzubinden. Und der Hund wäre auch bis dahin zu alt, +jetzt wäre er gerade recht. Aber ich glaub's gern, daß du ihn nicht +hergibst," sagte er freundlich zu Gebhard, dessen Hand streichelnd auf +Leos Kopf ruhte. Dieser Ton ermutigte Gebhard zu Fragen, die ihn längst +beschäftigt hatten. + +"Ich kann mir gar nicht denken," sagte er, "wie ich meinen Hund lehren +sollte, daß er Fremde aufsucht, Verwundete. Wie haben Sie denn das +gemacht?" + +"Das ist nicht so schnell gesagt und hat ja für dich auch keinen Wert." + +"Ich hätte es nur so gern gewußt." + +Der kleine Vetter legte sich ins Mittel. "Du kannst es ihm doch sagen!" + +"Wenn ihr einmal herauskommt auf das Gelände hinter dem Lazarett, kann +ich's euch zeigen." + +"Vielleicht gleich nächsten Mittwoch? Da haben wir frei," rief Gebhard. + +"Nun also, Mittwoch, um 3 Uhr. Ausgemacht!" + +Gebhard kam ganz im Glück über diesen Vorschlag nach Hause. Die +Großmutter war gleich für den Plan zu haben. Aber am Mittwoch Nachmittag +wirbelte Schnee und Regen durcheinander, es war zweifelhaft, ob der +Verwundete bei diesem Unwetter ausgehen durfte. Mißmutig stand Gebhard +am Fenster, schaute hinunter auf die Straße, ob es denn wirklich so +schlimm aussähe. Nur wenige Menschen waren zu sehen, unter diesen aber +ein Soldat, ein junger Feldgrauer, und der--Gebhard sah es mit +zunehmender Erregung--der war kein anderer als der Hundeführer und kam +geradewegs auf das Haus zu, drückte auch schon auf den Klingelknopf! +Gebhard stürzte hinaus, öffnete und wurde ganz rot vor stolzer, +freudiger Erregung, daß dieser Feldgraue zu ihm kam. Zwar wollte der +nicht ins Zimmer hereinkommen, sondern bloß sagen, daß er bei dem +schlechten Wetter die Übung leider nicht machen dürfe; aber er wurde +bald mit warmen Worten von Frau Dr. Stegemann wie von den beiden +Enkelinnen überredet, in das Wohnzimmer zu kommen und sich an den +Kaffeetisch zu setzen. Einen Feldgrauen zu Gast zu haben, war immer +eine Freude und so ein Sanitätshundeführer war noch ganz besonders +willkommen. Die Hausfrau verstand es, den bescheidenen jungen Mann zum +Sprechen zu bringen. Im September war es gewesen, da hatte er, der +siebzehnjährige Freiwillige, zum erstenmal seinen Hund erproben können. +"Das war im Gefecht bei Ch.," erzählte er, "die Unsrigen hatten einen +harten Stand gegen die Übermacht; aber am Nachmittag mußte der Feind +weichen. Unsere Kompagnie sammelte sich, die Sanitäter suchten die +Verwundeten auf und die Kameraden trugen die Toten zusammen. Am Abend +wurden alle Namen festgestellt; da hieß es: Es fehlen noch 5 Mann. +Jetzt, wo sind die? Niemand konnte Auskunft geben. Auf dem Feld lag +keiner mehr, aber vielleicht im Wald. Von dem Argonnerwald macht man +sich aber bei uns keinen Begriff, der ist so dicht mit Unterholz und +Gestrüpp verwachsen, daß man gar nicht vorwärts kommt; wenigstens ist's +so in der Gegend, wo wir waren. Wenn sich da ein Mensch hinein +verschlupft, sieht man ihn beim hellen Tag nicht, geschweige in der +Nacht. Also fünf fehlen. Soll man die liegen lassen? Vielleicht +verbluten sie sich oder holen sie sich den Tod auf dem nassen, kalten +Waldboden. Ich war bei unserer Truppe der einzige, der einen Hund hatte. +Jetzt, denke ich, muß der seine Kunst zeigen. Ich führe ihn in der +Dunkelheit bis dicht an den Wald, dann mache ich ihn los vom Strick und +geb ihm den Befehl: 'Such verwundet.' Der Hund saust gleich davon, in +den Wald hinein. Eine Weile höre ich noch rascheln und knacken, dann +wird's ganz still und ich steh da im Nebel und es rieselt eiskalt auf +mich herunter und wird mir ganz unheimlich, so allein in der +stockfinsteren Nacht. Mein elektrisches Lämpchen habe ich wohl in der +Tasche, aber das spart man für die äußerste Not. Ich weiß nicht, wie +lang das währte, mir kam's eine Ewigkeit vor, da höre ich in der Ferne +so ein kurzes, wiederholtes Bellen und merke gleich: Mein Tell hat einen +gefunden! Da ist mir's siedheiß vor Freude aufgestiegen, ich pfeife und +laß mein Lämpchen in den Wald blitzen und jetzt knistert und kracht es +wieder und mein Tell kommt mit einer Soldatenmütze im Maul. Schnell lege +ich ihm die Leine an und rufe ihm zu: 'Führ mich!' Er zieht an und führt +mich durchs Dickicht am Waldessaum eine ganze Strecke. Da bleibt er +plötzlich stehen. Ich höre ein Stöhnen und sehe vor mir einen unserer +Vermißten, ein Landwehrmann war's. Wie hat der Mensch sich gefreut und +wie war er dankbar für einen Schluck aus meiner Feldflasche! Einen Schuß +in den Oberschenkel hatte er, und so großen Blutverlust, er hat sich +nicht rühren können vor Schwäche und Schmerzen. Ich habe ihm einen +Notverband angelegt, habe ihn mit seinem Mantel gut zugedeckt und ihm +versprochen, daß ihn die Träger holen würden. Allein hätte ich ja den +Weg in der Nacht nicht zurückgefunden, es war mir selbst wie ein Wunder, +daß mich mein Tell wieder herausgeleitet hat aus dem finstern Wald und +bis zur Truppe. Dort waren gleich ein paar von unseren Leuten bereit, +den Verwundeten mit der Bahre zu holen. Mein Tell hat uns wieder +geführt und wir haben unsern Landwehrmann glücklich zum Verbandplatz +gebracht. In derselben Nacht haben wir noch einen zweiten aufgespürt und +errettet. Die andern fand Tell gegen Morgen; einer war aber schon +verblutet. Hätten wir mehr Hunde mit Führern gehabt, wäre der vielleicht +auch noch gerettet worden." + +Der Soldat schien fertig mit seiner Erzählung; aber alle hätten gern +noch mehr gehört. + +"Bei welcher Gelegenheit sind Sie denn zu Ihrer Verwundung gekommen?" +fragte Frau Dr. Stegemann. + +"Ja, das war eben einmal, wo unsere Verwundeten ganz nahe am Feind +lagen. Das ist immer das gefährlichste. Wenn es so steht, dann bindet +man den Hunden den Fang zu, daß sie keinen Laut geben können; das haben +sie zwar nicht gern. Mein Tell hat sich's anfangs gar nicht gefallen +lassen; aber er hat es doch gelernt. Auch wie ich das letzte Mal mit ihm +draußen war und mit den Trägern ganz nahe an den vordersten +Schützengraben der Franzosen gekommen bin, hat er uns nicht verraten, +sondern hat uns lautlos herangeführt; aber die Verwundeten haben +gestöhnt und um Hilfe gerufen, wie sie uns bemerkten. Darauf ist die +Schießerei bei den Franzosen losgegangen. Sie haben aber nur mich +getroffen, so daß ich noch selbst habe zurückgehen und mit der linken +Hand den Hund führen können; unsere Leute hätten sonst in der Nacht +nicht zurückgefunden. So haben wir doch unsere Verwundeten noch +gerettet, das hat mich riesig gefreut. Nachher bin ich ohnmächtig +geworden; und wie ich im Lazarett aufgewacht bin, haben mir die +Kameraden gleich zugerufen, ich bekäme das Eiserne Kreuz. Nun, ich +will's später noch besser verdienen; sobald es nur angeht, ziehe ich +wieder hinaus. Mein Tell wird jetzt von einem Kameraden geführt, und ich +muß schauen, daß ich wieder einen Hund abrichte. Er muß halt folgen und +klug sein, bissig darf er auch nicht sein und nicht mit andern Hunden +raufen oder auf Wild jagen. Es gibt nicht viele solche und wer so ein +Tier hat, der verkauft's nicht, gelt du?" Er wandte sich mit dieser +Frage an Gebhard. Aber Grete und Else, die beiden lebhaften Mädchen, die +nicht weniger eifrig als Gebhard dem Soldaten zugehört hatten, ließen +ihn nicht zur Antwort kommen: "Ich würde meinen Hund gleich verkaufen!" +rief Grete mit Begeisterung! Und Else: "Ich auch, recht teuer; um das +Geld würde ich lauter Sockenwolle, Zigarren und Schokolade kaufen und +Päckchen an die Soldaten schicken oder ich gäbe es für die Ostpreußen." + +"Die Fräulein haben gut reden," sagte der Soldat, "die haben keinen Hund +und wissen nicht, wie lieb man solch ein Tier hat. Ich hätte meinen Tell +auch um viel Geld nicht hergegeben, ich kann's von einem andern auch +nicht verlangen. Wo hast du denn deinen Leo?" + +"Im Hof." + +"Da hast du recht. Laß ihn nicht viel ins Zimmer, sonst wird er +verweichlicht." + +Der Soldat hatte sich neben dem Erzählen den Kaffee wacker schmecken +lassen; Frau Dr. Stegemann nahm die leere Kanne, ging hinaus, zu sehen, +ob draußen noch Vorrat wäre. Gebhard folgte ihr in die Küche. +"Großmutter, gelt, ich muß meinen Leo nicht hergeben?" + +"Niemand kann das von dir verlangen." + +"Großmutter, gelt der Soldat hat recht, Grete und Else wissen nicht, wie +gern ich meinen Leo habe, aber du weißt es doch, Großmutter!" + +"Ich weiß es freilich, er ist dein liebster, treuster Kamerad! Und er +ist dir auch ein Andenken an den Vater, ans Forsthaus, an die liebe, +alte Heimat. Du würdest ihn alle Tage vermissen, weil dein Herz an ihm +hängt." + +"Ja, ja, gerade so ist's wie du dir's denkst, Großmutter. Leo könnte es +auch gar nicht verstehen. Vorhin war's mir, als müßte ich ihn hergeben, +weil man ihn im Krieg so nötig brauchen könnte, aber ich bin froh, daß +du selbst sagst, ich soll ihn behalten." + +"Das habe ich nicht gesagt, Gebhard, und kann es auch nicht sagen. Nur +du selbst kannst wissen, ob du dein Liebstes fürs Vaterland hergeben +mußt oder nicht!" + +"Nein, Großmutter, sage mir, was du meinst." + +"Ich meine, du gehst jetzt einmal hinunter zu deinem Leo und ich trage +den Kaffee in das Zimmer!" + +"Ich will aber doch wissen, was du denkst!" + +Die Großmutter überhörte den ärgerlichen Ausruf ihres Enkels und kehrte +in das Zimmer zurück. Gebhard stand noch einen Augenblick voll Ärger +und Unmut da, dann tat er doch, was die Großmutter gesagt; er ging +hinunter in den Hof, an dessen Zaun der Hund sofort hoch sprang und +freudig seinen kleinen Herrn begrüßte, der ihn diesmal mit stürmischer +Zärtlichkeit umschlang und ihm einmal ums andere zurief: "Du wirst nicht +verkauft, Leo, nein, nein! Wir zwei bleiben beisammen!" + +Droben im Zimmer machte der bescheidene junge Gast Umstände, noch weiter +dem Kaffee zuzusprechen und noch länger zu verweilen. + +"Ich meine," sagte die Großmutter, "nach dem wochenlangen Lazarettleben +dürfen Sie sich's wohl einmal wieder behaglich machen in einem +Familienzimmer. Sagen wir: noch eine Tasse, eine Zigarre und eine +Viertelstunde plaudern, und dann soll's genug sein. Wir gehen dann auch +wieder an unsere Arbeit." + +"Ja, so ist's fein," meinte der junge Mann, sah auf seine Taschenuhr und +gab sich noch einmal dem seltenen Genuß hin, am behaglichen +Familientisch zu sitzen und von seinem Elternhaus erzählen zu dürfen. +Die Viertelstunde war fast verstrichen, da kam auch Gebhard wieder +herauf und trat ins Zimmer, seinen Leo an einer kurzen Leine führend. +Stramm ging er auf den Soldaten zu, hochgemut leuchteten seine Augen; er +glich selbst schon einem Führer, der mit seinem Hund einen schweren Gang +wagen will. + +Der Soldat unterbrach seine Erzählung und wandte sich dem Knaben zu. Der +trat dicht heran und rief seinem Hund zu: "Leo leg dich still!" Das Tier +legte sich gehorsam neben den fremden Mann. Nun reichte Gebhard dem +Soldaten die Leine und sagte fest: "Ich schenke meinen Leo dem +Vaterland." Er ließ die Leine los, sie lag nun in des Führers Hand. Der +junge Soldat fand gar nicht gleich Worte, so überrascht war er, so +bewegt, als er sah, wie Gebhard zu seiner Großmutter trat und zu ihr +sagte: "Ich habe es _doch_ tun müssen, Großmutter!" + +Sie zog ihn an sich heran. "Es wird dich nicht reuen," sagte sie. + +Aber der Feldgraue machte Einwände: "Ich kann das gar nicht annehmen von +dem Kind, es tut ihm weh. Nein, das Opfer ist zu groß!" + +"Ei was, wer wird darüber so viel Worte machen," wehrte Frau Stegemann +und wandte sich an Gebhard: "So ein kleiner Bursche wie du hat nicht +leicht das Glück, daß er dem Vaterland etwas wertvolles opfern kann, das +darf wohl auch wehtun, sonst wäre es ja gar kein Opfer!" + +"Es tut weh, Großmutter!" + +"Ich glaube dir's wohl, mein lieber Bub!" + +Sie sah, daß der kleine Mann sich mit aller Macht wehrte, die Tränen +zurückzuhalten und kam ihm zu Hilfe, indem sie sich an den Soldaten +wandte. + +"Nun werden Sie erst erproben müssen, ob Leo wirklich brauchbar ist als +Sanitätshund." + +"Ja, aber ich zweifle nicht, es wird sich bald zeigen. Ein feines Tier +ist das. Ich kann's gar nicht so aussprechen, wie dankbar ich dafür bin. +Nach dem Krieg--wenn wir's erleben--bringe ich dir aber deinen Leo +zurück, Gebhard, dann soll er wieder dir gehören." Das war eine schöne +Hoffnung, Gebhard sah schon wieder fröhlich aus. + +"Und schreiben will ich dir auch und dir berichten, wieviel er leistet." + +"Ja, ob er solche Verwundete aufspürt, die sonst umgekommen wären." + +"Gebhard sähe wohl gerne zu, wenn Sie den Hund abrichten. Könnten Sie +das einrichten?" fragte die Großmutter. + +"Aber natürlich, das wollen wir schon so machen. Ich kann ja an das +Schulhaus kommen, dann verabreden wir es miteinander. Zuerst muß ich es +im Lazarett melden, so lange bleibt dir dein Leo noch. Laß doch sehen, +ob er sich nicht losreißt von mir, wenn du hinausgehst." Gebhard ging +auf die Türe zu, der Hund erhob sich, zog an der Leine, wollte +folgen.--"Leo, liegen bleiben!" rief ihm sein kleiner Herr zu, und +verließ das Zimmer. Das Tier legte sich, aber es winselte leise. "Er ist +doch sonst hie und da im Zimmer ohne Gebhard, da winselt er nie!" +bemerkte Else. + +"Er merkt, daß mir die Leine übergeben ist und das beunruhigt ihn, Sie +werden gleich sehen!" Der Soldat ließ die Leine zu Boden gleiten, sofort +war der Hund still. "Ein kluges Tier! Und so fein erzogen!" + +"Mein Sohn versteht das, Gebhards Vater." + +"Ist Ihr Herr Sohn auch im Feld?" + +"Im Feld nicht, aber in russischen Händen. Was sie ihm getan haben und +ob er noch lebt, das wissen wir nicht." + +"Oh, ich habe keine Ahnung gehabt, daß Sie so eine Sorge haben," sagte +der junge Mann und stand auf. "Da sitze ich und plaudere Ihnen vor, und +nehme dem Kind noch seine größte Freude weg, das geht doch nicht." + +"Es geht schon. Gebhard ist ein tapferer, kleiner Mann, nach seinem +Vater geraten. Es ist gut, sich schon in jungen Jahren an Opfer und +Entbehrungen zu gewöhnen, so wachsen Helden heran." + +Der Soldat verabschiedete sich, Gebhard gab ihm noch ein Stück Weges das +Geleite. Der Hund ging zwischen ihnen, die Leine wanderte unversehens +von einer Hand in die andere. Soldaten gingen vorüber, grüßten den +Kameraden mit dem Hund, sahen auch freundlich nach dem kleinen Burschen, +denn der grüßte heute einen jeden. Er konnte gar nicht anders. Hatte er +doch den Soldaten zu lieb seinen Leo geopfert, so sah er sie alle mit +dem Gedanken an: Vielleicht rettet er euch einmal das Leben! + + + + +Neuntes Kapitel. + + +Wochen waren vergangen. Helene lag auf ihrem Ruhebett, das letzte +Briefchen Gebhards in der Hand. Sie hatte sich allmählich daran gewöhnt, +manche Stunde so liegend zu verträumen. Arbeit gab es nicht für sie in +diesem Hause; für ihr Töchterchen war ein Kindermädchen gedungen +worden; denn die Geschwister wünschten nicht, daß sie das Kind selbst +ausfahre; an dem geselligen Verkehr ihrer Schwägerin mochte sie nicht +teilnehmen, dazu war ihr Herz zu schwer. Heute war für sie ein besonders +wehmütiger Tag, ihr Hochzeitstag jährte sich zum zweiten Mal. Und sie +wußte nicht: war sie Witwe oder lebte der noch, der ihr ganzes Glück +gewesen? + +Nichts war ihr aus jener Zeit geblieben als das Kleine, das neben ihr +lag und schlief. Sie schaute nach dem Kind, aber sie konnte es nicht +mehr mit derselben Freude ansehen wie früher, sie bedauerte es. Ohne den +Vater sollte es aufwachsen, mit einer Mutter, die nicht mehr frisch und +fröhlich war wie einst. Sie kam sich selbst wie ein flügellahmer Vogel +vor. Mutlos sank sie wieder auf ihr Ruhebett zurück. Eine Weile später +trat leise das Kindermädchen ein, blickte nach der schlafenden Kleinen. +"Ich will nicht stören," sagte das Mädchen, "wollte nur die Post +bringen." Sie gab einen Brief ab und verließ das Zimmer. + +Gleichgiltig öffnete Helene den Umschlag. Es war ihr alles so einerlei, +nur wenn von seiner Mutter ein Brief kam, das freute sie, darin wehte +immer etwas von seinem tapfern Geist. Aber dies schien von einer +Mädchenhand geschrieben. Liegend las sie; es waren nur ein paar Worte, +aber Worte, die sie auffahren ließen, ihr Herz klopfen machten, ihr +schier unglaublich schienen, so daß sie ihren Augen nicht traute und +einmal ums andere las, was da stand: "Ihr Mann lebt und grüßt Sie +tausendmal!" + +So lebhaft war Helene aufgesprungen, daß ihr Töchterchen davon +erwachte. + +"Mam-mam," klang es aus dem Korbwagen. "Mam-mam? Ja, und Pa-pa! +Jüngferlein, der Papa lebt und läßt uns tausendmal grüßen!" + +Sie nahm das Kind heraus, drückte es jubelnd an sich und lachte so, daß +das Kleine auf ihrem Arm ganz übermütig wurde. Aber nach dieser ersten +überquellenden Freude kamen der jungen Frau allerlei Fragen.--Warum +schrieb ihr Mann nicht selbst? Konnte er nicht? War er so krank? Wenn +man nur mehr wüßte! Aber es war doch eine Spur aufgefunden, die konnte +man verfolgen. Das mußte sie mit seiner Mutter besprechen, zu der +gehörte sie jetzt. Ein heißes Verlangen trieb sie zu ihr und zu Gebhard; +wie würde der jubeln! + +Sie eilte hinaus, um Bruder und Schwägerin den Brief zu zeigen und sich +mit ihnen zu beraten. Die Geschwister konnten zwar nicht einsehen, daß +Helene auf diese Nachricht hin unbedingt abreisen müsse, aber sie hatten +beide den Eindruck, daß gegen diesen stürmischen Wunsch gar nichts zu +machen sei. Sie war ja wie verwandelt, die vorher so matte, +niedergeschlagene Frau. Man mußte sie gewähren lassen. + +So folgte Helene dem Drang ihres Herzens und frug bei der Mutter an, ob +sie zu ihr kommen dürfe mit dem Töchterchen und bei ihr bleiben, damit +sie alle beisammen wären, wenn ihr Mann käme. Er lebte--also kam er, wer +konnte wissen, wie bald! + +Frau Dr. Stegemann antwortete sofort und hieß Helene mit dem Kind +willkommen. In Eile wurden die Reisevorbereitungen getroffen. + +Helene war beim Abschied bewegt. Wie gastfreundlich hatten die +Geschwister sie aufgenommen. "Ihr wart so geduldig mit mir in dieser +langen, trübseligen Zeit," sagte sie. + +"Uns war es nicht zu lange," erwiderte der Bruder mit Herzlichkeit. "Du +kannst jederzeit wiederkommen, du weißt, wir haben dich lieb!" + +"Und ich euch, von Herzen. Aber mein Mann gehört auch dazu. Wenn ich ihn +erst wieder habe, müßt ihr ihn recht kennen lernen. Dann wird alles ganz +schön!" + +"Gott gebe es!" + +Die Geschwister trennten sich, der Zug fuhr ab. Und kaum war Helene mit +ihrem Töchterlein allein, so zog sie wieder ihren Brief aus der Tasche; +denn sie konnte nicht oft genug die Worte lesen: "Ihr Mann lebt und +grüßt Sie tausendmal!" + +Helene hatte nichts mitgeteilt von der Botschaft, die sie erhalten +hatte. Mündlich wollte sie der Mutter die Nachricht überbringen, wollte +ihre und Gebhards Freude miterleben. Da sie nun mit einem früheren Zug, +als man sie erwartet hatte, ankam, fand sie die Wohnung fast leer, nur +das Mädchen empfing sie. So richtete sie sich ein in dem Gastzimmer, +besorgte ihr Kindchen und wartete gespannt, wer zuerst heimkäme. + +Immer wieder trat sie ans Fenster, sah endlich ein paar Schuljungen auf +das Haus zukommen und erkannte unter ihnen Gebhard. Die Kameraden hatten +sich viel zu sagen, konnten sich lange nicht trennen, sie hatten eben +einer Übung des Sanitätshundes Leo beigewohnt und waren noch erfüllt +davon. Die junge Frau konnte nicht länger warten, öffnete das Fenster +und rief Gebhards Namen; der blickte auf, löste sich aus der Gruppe, +rannte der Haustür zu und oben angekommen umschlang er die Mutter, die +strahlend vor Freude vor ihm stand. Er hatte gar nicht mehr gewußt, daß +sie so lieblich aussah, wie jetzt in ihrem Glück, und es überkam ihn so +plötzlich die Erinnerung, wie Vater und Mutter beisammen gewesen, daß +ihm Tränen in die Augen stiegen. Er begriff nicht, was ihn so bewegte +und sagte hilflos: "Ich freue mich doch so, aber das ist immer so dumm, +wenn man sich freuen will, dann kann man's nicht, ohne den Vater!" + +"Doch Gebhard, jetzt können wir's wieder! Denn wir wissen jetzt, daß der +Vater lebt. Sieh nur, den Brief habe ich bekommen, darin steht: Der +Vater lebt und grüßt uns tausendmal!" + +Kaum hatte Gebhard die Nachricht erfaßt, so erklang draußen ein +wohlbekanntes Klingeln: "Das ist die Großmutter, darf ich's ihr sagen, +Mutter?" + +"Wir miteinander!" + +Sie nahmen sich an der Hand, Gebhard lachte, wie die Mutter so +leichtfüßig mit ihm springen konnte. Sie kamen dem Mädchen noch zuvor. +Die Großmutter wurde von beiden Seiten umfangen und hörte nichts als: +Er lebt und grüßt uns tausendmal! + +Auf diese freudige Erregung folgten Wochen des Wartens. Aber sie +brachten für Helene nicht mehr verträumte Stunden auf dem Ruhebett; in +diesem altmodischen Haus gab es überhaupt gar kein Ruhebett. Frau Dr. +Stegemann kannte auch keine Mittagsruhe. Sie war der Meinung, daß es für +gesunde Menschen genüge, bei Nacht zu ruhen und begriff nicht, daß junge +Menschen so viele Stunden ihres Lebens ohne Arbeit oder Vergnügen, in +bloßem Nichtstun zubringen mochten. Helene fand sich schnell in diese +Auffassung und kam durch Arbeit hinweg über die Enttäuschung, daß der +ersten Nachricht keine zweite folgte und alle Nachforschungen fruchtlos +blieben. Sie besorgte ihr Kindchen selbst und war bald auch in allerlei +Arbeit für andere mit hineingezogen. Zuerst durch die junge +Schustersfrau, die inzwischen Witwe geworden war. Ihr mußte man helfen +Verdienst zu suchen, und dabei hörte man von anderen, die in ähnliche +Not geraten waren. + +Da gab es für Helene viele Gänge zu machen, aufzumuntern und Hilfe zu +schaffen. Ihre beiden jungen Nichten, Else und Grete, waren eifrige +Woll- und Metallsammlerinnen fürs Vaterland, hatten auch Gebhard mit +hereingezogen und so gab es in der ganzen Familie kaum eine Tätigkeit, +selten ein Gespräch, das nicht mit dem Krieg zusammenhing. + +Über all dem verstrich rasch die Wartezeit und ging der kalte +Vorfrühling über in einen Mai, so wonnig, daß all die Krieger im Feld +und ihre Treuen daheim aufatmeten nach dem schweren Winter. Und einer +dieser wonnigen Maitage löste auch das geheimnisvolle Dunkel, das bisher +über dem Schicksal des Försters gewaltet hatte. + +Helene war mit ihrem Töchterchen und den großen Kindern den Nachmittag +im Wald gewesen, nun kamen sie zurück mit großen Sträußen von Waldblumen +und jungem Grün; ein ganzer Frühlingseinzug war es, als all diese Jugend +heimkehrte und fröhlich die Großmutter begrüßte. Die mußte sich +gleichzeitig von jedem erzählen lassen, wie schön es im Wald gewesen, +mußte die Sträuße in Empfang nehmen, die für sie gepflückt waren, und +konnte sich in all der Kinderunruhe kaum Gehör verschaffen. Aber als +Helene mit den Kindern in die große Wohnstube ging, da folgte ihnen die +Großmutter nicht, sondern bemerkte nebenbei zur Schwiegertochter: "Wenn +du die Kleine besorgt hast, so komm zu mir herüber. Ich habe dir etwas +zu sagen." Helene sah die Mutter an und ein einziger Blick verriet ihr, +daß sie eine tiefe Bewegung beherrschte. Sie wußte: eine Nachricht war +gekommen! + +"Else, Grete," bat sie, "tut ihr mir's zuliebe, die Kleine auszuziehen, +Gebhard hilfst du?" Und ehe noch Antwort gekommen, setzte sie das Kind, +das sie auf dem Arm gehabt, mitten unter die drei Großen auf den Boden +und folgte der Mutter. "Ist ein Brief gekommen? Von ihm? An mich?" + +"An mich, aber deswegen nicht weniger an dich. Komm, setze dich zu mir. +Und sei tapfer, Helene!" Bei diesem Wort wurde die junge Frau blaß. +"Sind es keine guten Nachrichten?" + +"Wie kannst du _gute_ Nachrichten erwarten? Nicht wahr, wir haben uns +längst gesagt, daß wir aufs Schlimmste gefaßt sein müssen. Aber er lebt +doch und wird wiederkommen!" + +Sie nahm den Brief zur Hand. "Er ist von einer Pflegeschwester +geschrieben, aus einem Berliner Lazarett, Rudolf hat ihn diktiert. Ich +will dir ihn vorlesen." Sie las mit fester Stimme: + +"Liebe Mutter, wie ein Traum ist mir's noch, daß ich dir einen Brief +schicken kann, wie ein Wunder, daß ich wieder im deutschen Vaterland +bin. Noch vor kurzem hatte ich keine Hoffnung, je aus dem Feindesland +herauszukommen. Fremde Menschen haben sich meiner angenommen, mich mit +eigener Lebensgefahr über die Grenze gebracht. Aber bald, bald werde ich +dir das alles mündlich erzählen, nur auf eines soll dich dieser Brief +vorbereiten, ehe du mich wiedersiehst. Deine starke Seele wird es +ertragen, wenn ich dir sage, was mir geschehen ist. Die Russen haben +grausame Rache an mir verübt, als ich ihnen die Stellung der Deutschen +nicht verraten wollte. Mutter, sie haben mir das Augenlicht genommen. +Ich bin blind. Und nicht nur das, ich bin auch, das weiß ich, ein +grauenvoller Anblick, und dies quält mich vor allem bei dem Gedanken an +meine junge, weiche, fein empfindende Frau, die so etwas nicht ertragen +kann." Das Vorlesen wurde unterbrochen durch einen schmerzlichen +Aufschrei: "O Mutter, wie grausig!" Laut schluchzend drückte Helene +beide Hände vor das Gesicht, wie wenn sie verdecken wollte, was sie im +Geist vor sich sah. Sie weinte bitterlich, es war nicht möglich, weiter +vorzulesen. Mitleidig sah die Mutter auf die Trostlose. "Fasse dich, +Helene; nicht wahr, wir wußten schon lange, daß er in den Händen +grausamer Feinde war, und hatten uns auf das Schlimmste vorbereitet." + +"Ich nicht, Mutter, ich habe mir solch schreckliche Gedanken immer fern +gehalten." + +Das konnte Frau Stegemann nicht begreifen. In ihrer Natur lag es, fest +ins Auge zu fassen, was kommen mußte. "Helene," sagte sie vorwurfsvoll, +"du wolltest doch tapfer sein!" + +"Verzeih! Ich kann nicht, es ist zu schrecklich!" Vor der Türe ließ sich +eine Stimme hören. + +"Großmutter, darf ich kommen?" und Gebhard trat ein; er sah sein +Mütterlein aufgelöst in Tränen, daneben die Großmutter mit dem strengen +Ausdruck, den er kannte. Ihm war er vertraut, aber die Mutter fürchtete +ihn, das wußte er. Und als er sie so im Jammer sah, erregte es ihn, er +vergaß sich und rief mit zornigem Ausdruck, während ihm die Röte ins +Gesicht stieg: "Großmutter, so darf man nicht mit der Mutter reden, daß +sie so weinen muß, das leidet der Vater nicht!" + +Die Großmutter, die ihm sonst nie solch ungebärdiges Auftreten hingehen +ließ, übersah es diesmal; denn sein ritterliches Eintreten für die +Mutter gefiel ihr. + +"Ich habe deine Mutter nicht traurig gemacht," sagte sie, "sondern +dieser Brief, obgleich darin steht, daß der Vater bald kommt. Nun sieh +nur zu, wie du sie tröstest. Du kannst mit ihr den Brief fertig lesen!" +Sie gab das Blatt in seine Hand und verließ die beiden. Gebhard stand +ratlos mit dem Brief, denn eine fremde Handschrift war ihm noch eine +schwere Aufgabe. + +"Vorlesen kann ich nicht," sagte er, "und trösten auch nicht." + +Da raffte sich Helene zusammen: "Nein, mein armer, lieber Bub, du sollst +mich nicht trösten, du tust mir ja selbst so leid. Ich will dir sagen, +warum ich weine: Sieh, der Vater, dein herzlieber Vater, ist blind; +seine lieben, schönen Augen sind ihm zerstört worden aus Rache, weil er +die Deutschen nicht an die Russen verraten wollte." Sie zog ihn an sich, +wie entsetzlich mußte ihm, der so treu an seinem Vater hing, diese +Nachricht sein! Aber es kam anders als sie dachte. Nicht Tränen kamen +ihm in die Augen, stolz leuchteten sie und fast frohlockend klang es: +"Jetzt müssen es alle glauben, daß der Vater kein Verräter ist, alle, +auch Onkel und Tante! Mutter, schreibst du es ihnen gleich, heute noch?" + +"Ja, ja. Jetzt haben sie den Beweis, den sie wollten! Einen so +schrecklichen Beweis!" Ihr graute wieder. Aber Gebhard, dieses Kind, das +in Monaten des Krieges unter den Kameraden von viel Schrecklichem gehört +und im Lazarett allerlei Schwerverwundete gesehen hatte, konnte nicht +mehr so den Schauer empfinden. "Mutter," sagte er, "droben im Lazarett +ist ein Soldat, dem hat eine Granate beide Augen weggerissen. Aber der +hat schon oft mit dem Hundeführer und mir geplaudert und war ganz +vergnügt!" + +"Wie sieht er aus, Gebhard?" ganz ängstlich klang die Frage. + +"Ich weiß nicht, ich habe ihn nicht so genau angeschaut." + +"Hat er nicht furchtbare Schmerzen?" + +"Nein, er hat sich nie beklagt und ich glaube, es wird auch dem Vater +nicht mehr wehtun." + +"Vielleicht steht darüber noch etwas in dem Brief," sie griff darnach, +denn der kleine Mann hatte sie doch getröstet, sie war wieder gefaßt und +las vor. Von Schmerzen stand nichts darin. Zuversichtlich klang es: +"Bald darf ich reisen; zunächst komme ich noch nicht zu dir ins Haus, +sondern mit anderen Verwundeten in ein Lazarett; dort wirst du, meine +tapfere Mutter, mich besuchen. Ich weiß nicht, ob meine Lieben bei dir +sind, und überlasse es dir, ob du Helene die ganze traurige Wahrheit +mitteilen willst. Geh schonend um mit ihrem weichen Herzen; es ist mir +schwer an ihren Jammer zu denken. Aber _eine_ Mitteilung weiß ich doch, +die Euch freuen wird, Gebhard vor allem: Es wurde mir, der ich nicht +kämpfen durfte fürs Vaterland, das Eiserne Kreuz verliehen für die +_eine_ Stunde, in der ich meine Treue beweisen konnte, als ich die +Feinde seitab von der Spur führte, die sie suchten, und ihre Rache auf +mich nahm. Erst kürzlich ist der ganze Sachverhalt zur Kenntnis der +Heeresleitung gekommen." + +Das Eiserne Kreuz! Wie leuchteten Gebhards Augen und welcher Glanz kam +über das Gesicht der jungen Frau! Sie atmete tief auf. Nie konnte jetzt +mehr die alte Reue sie überfallen, nie durfte irgend jemand an seiner +Ehre zweifeln. Als ein treuer, tapferer Held, der das Schwerste auf sich +genommen hatte, stand ihr Mann vor Gott und der Welt, und ihre eigene +Schwachheit hatte seiner Ehre nicht geschadet. Mächtig wuchs ihr +Verlangen nach ihm, wie wollte sie ihn lieben und pflegen und glücklich +mit ihm sein! + +"Wie heißt es in dem Brief? _Bald darf ich reisen._ Was heißt bald? +Komm, wir müssen die Großmutter fragen; und an meinen Bruder muß ich +schreiben, gleich jetzt, komm Gebhard, komm!" + +Hand in Hand, in einer gleichen, großen Freude eilten sie hinaus, die +Großmutter aufzusuchen. Im Wohnzimmer war sie nicht zu finden, nur die +Kleine saß da, im niedrigen Kinderstühlchen; neben ihr Grete, die ihr +das Abendsüppchen gab. Im Augenblick kniete Helene neben dem Kind. +"Gebhard, wir müssen es dem Jüngferlein auch sagen, daß der Vater kommt. +Hörst du, Jüngferlein? Sag: Papa!" + +"Mam-ma!" rief die Kleine. + +"Papa," wiederholte die Mutter, "Papa," bat Gebhard, "Papa" sagte Else +vor. Verwundert, schaute das Kind von einem zum andern, spitzte endlich +das Mäulchen, machte sichtlich eine große Anstrengung und rief--"Mama!" +Da lachten alle zusammen. + +Frau Dr. Stegemann war nebenan und hörte das Lachen; hell und fröhlich +klang die Stimme der jungen Frau, die sie vor kurzem aufgelöst in +Tränen verlassen hatte. + +"O Jugend!" sagte die Großmutter vor sich hin; aber ihr ernstes Gesicht +erheiterte sich. "Es ist gut so. Komm nur, mein armer Blinder, es gibt +doch noch Herzensfreude für dich. Gottlob, dies Lachen hörst ja auch du, +so gut wie wir, und viele innige Worte der Liebe wird dir deine Frau +zuflüstern, die nur du hören wirst!" + + + + +Zehntes Kapitel. + + +An diesem Nachmittag, als Gebhard in das Lazarett ging, um den Soldaten +abzuholen, der eine letzte Probe mit Leo, dem geschulten Sanitätshund, +abhalten wollte, begleitete ihn Helene. Auf dem Weg vertraute sie +Gebhard an, daß sie nicht nur wegen des Hundes mit ihm ginge. Nein, sie +hatte vor, den Verwundeten zu besuchen, der durch Granatsplitter um +seine Augen gekommen war. Es graute ihr vor seinem Anblick, aber sie +wollte sich daran gewöhnen, ehe der Vater kam. So gingen sie miteinander +vor die Stadt hinaus nach dem Lazarett und sie betrat es mit Bangen. + +Gebhard führte die Mutter die Treppe hinauf. Oben trafen sie die +Pflegeschwester. "Heute kommt meine Mutter mit," sagte Gebhard, und +Helene brachte schüchtern und zaghaft den Wunsch vor, den Blinden zu +sehen. "Da kommen Sie gerade noch rechtzeitig," antwortete die +Schwester, "ehe er zum Unterricht geht, in die Anstalt gegenüber." Sie +betraten einen kleinen Saal mit mehreren Betten, die meisten standen +leer, denn die Verwundeten waren schon so weit hergestellt, daß sie sich +im Garten aufhalten konnten; aber einer stand am weit geöffneten +Fenster, durch das der Duft blühender Linden hereinströmte. "Das ist der +Blinde," sagte Gebhard und führte ihm die Mutter zu. Helene blickte zu +ihm auf. Nein, es war kein schlimmer Anblick: ein Band war um seine +Stirne gebunden und an diesem waren zwei kleine Tüchlein befestigt, die +die Augenhöhlen verdeckten. Sie gab dem Verwundeten die Hand. "Mein Mann +hat auch beide Augen verloren," sagte sie mit tiefer Bewegung. Der +Blinde hörte es ihrem Ton an. "Es ist freilich traurig," sagte er, "auch +für die Frauen. Die meinige hat auch gejammert. Aber man muß es halt +hinnehmen und auf Gott vertrauen. Wenn man erst eine Beschäftigung +gelernt hat, wird einem die Zeit nicht mehr so lang. Ich habe jeden +Nachmittag Unterricht." + +"Darf ich manchmal vormittags zu Ihnen kommen und Ihnen etwas vorlesen?" + +"Ja, das wäre mir wohl recht." + +Ein Verwundeter, den Arm in der Binde, kam, er führte den blinden +Kameraden zum Unterricht. Helene verabschiedete sich. Draußen sprach sie +mit der Schwester. "Darf ich öfter kommen?" fragte sie, "ich möchte so +gerne mehr von ihm hören," und zaghaft fügte sie hinzu: "Ich möchte ihn +auch ohne die Binde sehen." + +"Ja, kommen Sie nur, so oft Sie wollen. Die Binde trägt er bloß, wenn +er über die Straße geht. Sie werden sich schnell an den Anblick +gewöhnen--wir Schwestern und seine Kameraden denken gar nicht mehr +daran, das ist nicht so schlimm!" + +Erleichterten Herzens verließ Helene das Gebäude. Der Blinde, die +Kameraden, die Schwester, sie alle waren so ruhig gewesen. Es war nicht +so schwer, als sie sich eingebildet hatte, gewiß nicht. Gleich morgen +wollte sie wiederkommen, denn wer konnte wissen, wann ihr eigener +geliebter Blinder kommen würde? Jeden Tag konnte das sein und er sollte +sie nicht mehr feig und schwach sehen, nein, wahrhaftig, er verdiente +eine tapfere Frau, und das wollte sie ihm sein! + +Im Hof unten wartete schon neben seinem neuen Herrn stehend Leo, der +Sanitätshund. Er trug heute zum erstenmal die feldgraue, mit dem roten +Kreuz geschmückte Decke. Mit freudigem Bellen sprang er auf Gebhard zu. + +"Heute sollst du sein Meisterstück sehen, Gebhard," sagte der +Hundeführer. "Morgen wird's aber auch ernst, wir reisen in aller Frühe +ab, gleich an die Front!" + +Drei Soldaten waren schon vorausgegangen mit dem Auftrag, sich auf einer +kleinen Anhöhe in dem nahen Wald zu verstecken. Sie sollten die +Verwundeten vorstellen, die aufzusuchen wären. Auf einem andern Weg +folgte nun der Führer mit dem Hund. Ihm schlossen sich Helene und +Gebhard an. "Im Kasernenhof haben wir schon ähnliche Übungen mit dem +Hund gemacht," sagte der Führer, "aber im Wald noch nie. Ich bin aber +sicher, er wird auch da seine Sache gut machen." Oben angekommen, ließ +er den Hund von der Leine los und rief ihm aufmunternd zu: "Leo, such +verwundet!" + +Pflichteifrig raste der Hund im ersten Augenblick geradeaus. Dann schien +er sich zu besinnen, schnüffelte da und dort, aufgeregt, immer die Nase +auf dem Boden. Allmählich näherte er sich dem Wald. + +"Am Waldrand ist ein Bach," sagte der Führer. "Der Steg ist weiter oben. +Die Soldaten werden sicher nicht über den Steg gegangen sein, sondern +durchs Wasser." + +"Aber im Wasser verliert er die Spur!" + +"Ja freilich, aber so ist's im Feld auch. Warte nur, sein Instinkt wird +ihn schon treiben, die Spur auf dem andern Ufer zu suchen." Richtig, Leo +verschwand plötzlich in der Tiefe, tauchte am andern Ufer des Baches +wieder auf, schüttelte sich das Wasser vom Fell, suchte und verschwand +im Wald. Sie gingen nun dem Bach entlang bis zum Steg und hinüber an den +Waldessaum. Dort standen sie eine ganze Weile gespannt und lauschend. +Plötzlich raschelte es im Laub und Leo tauchte auf. + +"Er bringt eine Mütze!" rief Gebhard und rannte in hellem Vergnügen dem +wackeren Tier entgegen, das in gestrecktem Lauf daher gesaust kam und +die Soldatenmütze zu den Füßen seines Herrn ablegte. "Brav, Leo, brav," +lobte der Führer und befestigte die Leine am Halsband. "Führe mich, +Leo!" Der Hund zog an, ging voraus, die kleine Gesellschaft folgte in +den Wald hinein, durch dick und dünn eine gute Strecke weit; dann gab +der Hund Laut und blieb stehen. Möglichst im Unterholz versteckt lag ein +Soldat ohne Mütze. Der Führer sprach ruhig und freundlich den Soldaten +an, während er sich den Anschein gab, ihm aufzuhelfen. "Der Hund muß +merken, daß es gute Freunde sind, die wir aufsuchen," erklärte er, +streichelte bald den Hund, bald den Soldaten und führte diesen am Arm +mit sich fort. + +Die Übung wurde wiederholt, der neue Sanitätshund bewährte sich +glänzend, er fand alle Versteckten. + +Im Abendschein kehrten die Soldaten in das Lazarett zurück, der Führer +begleitete Mutter und Sohn noch bis in die Stadt. Dann kam der Abschied. +"Reut dich's nicht?" fragte er und sah bedenklich nach dem kleinen Mann, +der seinen Hund zum letztenmal streichelte. "Nein, es reut mich gar +nicht. Ich glaube auch, daß Leo jetzt versteht, warum ich ihn hergebe. +Er weiß, daß er Verwundete suchen muß. Gelt Leo?" Das Tier wedelte; es +verstand jedenfalls so viel, daß von ihm die Rede war. Nun wandte sich +Gebhard ab, gab dem Führer rasch die Hand und bat die Mutter: "Wir +wollen jetzt doch lieber gehen." + +Sie verstand ihn und machte den Abschied kurz: "Viel Glück!" rief sie. + +"Viel Dank," antwortete der Feldgraue, "komm Leo!" So trennten sie sich. + +Helene und Gebhard gingen Hand in Hand durch die Vorstadt. Die Straßen +waren ihnen fast unbekannt und dennoch vertraut was da vor sich ging. In +der Mitte der Straße bewegte sich, von zwei bewaffneten Soldaten +begleitet, ein Trupp gefangener Franzosen. Sie zogen und schoben einen +Wagen voll Brot hinauf nach dem Gefangenenlager. Niemand kümmerte sich +viel um den gewohnten Anblick.--Ein paar Frauen kamen des Weges, jeder +hing über dem Arm ein Pack grauer Kleidungsstücke; man wußte: das sind +Frauen, deren Männer im Krieg sind und die nun nähen für das Militär, um +Geld zu verdienen für sich und die Kinder.--An einem Ladenfenster klebt +ein Blatt Papier, die neuesten amtlichen Berichte. Eine kleine Gruppe +steht davor, auch Helene und Gebhard bemühen sich, sie zu lesen, können +aber nicht recht bei. "Nichts besonderes," sagt einer zum andern, "es +handelt sich halt wieder um Arras und Ypern."--Zwei vorübergehende +Frauen plaudern miteinander, man hört nur drei Worte, nur den +gewichtigen Ausruf: "das Stück 14 Pfennig!" aber man weiß: von den Eiern +reden sie.--Auch was die zwei älteren Damen meinen, die so besorgt +aussehen, ergänzt sich ein Jeder, wenn er gleich nur hört: "Morgen +sind's schon drei Wochen!" daß keine Nachricht vom Sohn mehr +eingetroffen ist.--Ein paar muntere Mädchen eilen vorüber, die eine +rühmt sich: "O wir haben im vorigen Monat _zehn_ übrig behalten," +Brotkarten natürlich. + +Und plötzlich schauen alle, horchen alle--drei Schüsse? Ein Sieg? Da und +dort fährt ein Fenster auf, Leute rufen auf die Straße: Was ist's denn? +Und von irgend woher kommt die Antwort und pflanzt sich fort: "Przemysl +ist gefallen!" + +_Eine_ Freude fliegt durch die ganze Stadt. + +Unsere beiden, Mutter und Sohn, eilen, können kaum erwarten heim zu +kommen; und wie sie das Haus erreichen, fangen gerade die Glocken an zu +läuten, die Fahnen kommen heraus und hoch oben an der Großmutter Fenster +erscheint neben der deutschen zum erstenmal auch die schwarz-gelbe +österreichische; denn _eine_ kann nimmer genügen, um die Siegesfreude +auszusprechen in dieser einzig großen, schweren Zeit. + +Monate lang hatte Helene mit all ihren Gedanken in der Vergangenheit +gelebt. Immer wieder hatte sie zurückdenken müssen an den Tag, der ihr +Glück vernichtet hatte. Jetzt aber, durch den Brief ihres Mannes tat +sich wieder eine Zukunft vor ihr auf und all ihr Sinnen ging dahin, wie +es werden sollte, wenn er zurückkäme. Seine Stelle konnte er ja nicht +mehr ausfüllen, das Forsthaus war keine Heimat mehr für sie. Vor +längerer Zeit schon hatte die Mutter eine Anfrage eingesandt, um zu +erfahren, ob die Wohnungseinrichtung im Forsthaus unbeschädigt geblieben +sei und geholt werden könnte. Heute war amtliche Mitteilung darüber +eingetroffen. Sie besagte, daß infolge russischer Plünderung sämtliche +Möbel und Hausgeräte zertrümmert seien, die Betten aufgeschnitten und +besudelt, Bücher und Schriftliches verbrannt. Wahrscheinlich sei die +zerstörte Wohnung später noch durch Diebsgesindel durchsucht worden, +denn es sei nicht das Geringste mehr vorhanden. + +Schmerzlich war diese Nachricht. Helene hatte als Braut eine reiche +künstlerische Ausstattung in das Forsthaus gebracht--nun war die ganze +schöne Einrichtung verloren. Und alles was Vater und Sohn besessen an +geliebten Gegenständen, jedes Andenken an frühere Zeiten, die Spiele, +die Gebhards Kinderglück ausgemacht hatten, alles war in die Hände roher +Gesellen gefallen und vernichtet worden. + +Helene war tief gebeugt über diese vollständige Verarmung. Noch vor +kurzem hätte sie sich wenig darum bekümmert, aber eben jetzt, wo sie +ihren Mann erwartete, schmerzte es sie bitter. Nichts war mehr da von +ihrem Hausstand, sie konnte nicht, wie andere Frauen, den Heimkehrenden +im eigenen Haus empfangen. Aber das wußte sie: die Mutter würde Raum +schaffen für ihren geliebten Sohn; an seine Mutter hatte er sich ja +gewandt, nicht an sie; das konnte sie begreifen: die Mutter verstand ihn +doch am besten, sie allein hatte auch nie an seiner Ehre gezweifelt; zu +ihr käme er gerne und man mußte dankbar sein, daß das möglich war. + +So ging sie zur Mutter und fragte bescheiden: "Wie soll es werden, wenn +Rudolf aus dem Lazarett kommt? Ich weiß, du wirst ihn mit Freuden +aufnehmen, aber wenn ich mit den Kindern auch dabei bin, wird es dir +dann nicht zu viel?" + +"Freilich wird es mir zu viel," war die Antwort. + +"Wie meinst du das, Mutter?" fragte Helene erschrocken.--"Ich meine zu +viel für mich, weil zu wenig bleibt für dich. Ich habe schon viel +darüber nachgedacht und möchte gerne herausbringen, daß Ihr eine kleine, +einfache Wohnung für Euch allein nehmen und einrichten könnt. Aber das +genügt Euch jungen Frauen nicht. Da soll immer alles zusammenpassend und +stilgemäß sein. Dazu reicht es aber nicht. Es müßte eine ganz +bescheidene 3 Zimmer-Wohnung sein und auch alte Möbel dazu verwendet +werden, das könnten wir mit vereinten Kräften schon bestreiten und dann +wäret Ihr vier beisammen; so käme es mir am besten vor." + +"Und mir!" rief die junge Frau, und in aufwallendem Glück umarmte sie +die Mutter und rief in übermütiger Freude: "Ohne jeglichen Stil soll +unser Heim werden, das verspreche ich dir, Mutter, so unkünstlerisch als +du nur willst. Ein urgemütliches Nestchen wird's dennoch! O Mutter, +gehen wir gleich Wohnungen ansehen?" Die Mutter sah glücklich auf die +strahlende Freude, die der jungen Frau aus den Augen leuchtete. Und sie +dachte an ihren Sohn. Der beste Schatz war ihm doch geblieben. + +In den nächsten Tagen kamen noch von zwei Seiten Briefe, die auf diesen +Zukunftsplan Einfluß hatten. Der erste war von Helenens Bruder. Er +sprach herzliche Teilnahme aus über das Schicksal des Erblindeten; aber +auch Stolz und Freude über das Eiserne Kreuz, das der ganzen Familie zur +Ehre gereiche. Er bat die Schwester, mithelfen zu dürfen bei der +Gründung eines neuen Heims. + +Der zweite Brief enthielt ein amtliches Schreiben und besagte, daß dank +der großen Summen, die aus ganz Deutschland für die vertriebenen +Ostpreußen eingegangen seien, eine Entschädigung für den verlorenen +Besitz bewilligt werden könnte, sobald der Antrag gestellt würde. + +Zu Tränen gerührt war Helene über diese freiwillige Hilfe von allen +Seiten. Jetzt hatte es keine Not mehr, sie konnte sich alles wieder so +schön und reichlich anschaffen, wie einst als Braut. + +Aber es ging ihr sonderbar: der Gedanke, hinzugehen, einzukaufen und +sich nur zu fragen: Herz, was begehrst du? freute sie nicht mehr. In der +Kriegszeit, wo so viel bittere Not herrschte, sollte sie sich alle +Wünsche befriedigen? Sie war so fröhlich und eifrig gewesen bei dem +Gedanken, alles so schlicht und bescheiden wie möglich einzurichten. +Eine Weile sann sie nach, dann kam sie zur Mutter. "Du hast doch +ausgerechnet, daß wir reichen, wenn wir uns sparsam einrichten. Dann +möchte ich lieber nichts annehmen von der Summe, die für die +Vertriebenen bestimmt ist. Es geht sonst an ärmeren ab. Ich meine, +Rudolf wird es auch so auffassen. Was denkst du, Mutter?" + +"Ich denke, daß du das Herz am rechten Fleck hast," war die Antwort. +Dieses gute Wort versetzte Helene in eine gehobene Stimmung, die ihr +auch blieb, während sie die bescheidene Wohnung wählte und mit +schlichten Möbeln ausstattete. Ein fröhliches Vorbereiten, ein +bräutliches Erwarten erfüllte sie in diesen Tagen. + + + + +Elftes Kapitel. + + +An seinen Schulheften saß Gebhard und seufzte. Ihm wurde das Warten auf +den Vater unerträglich lang. Die Mutter hatte es gut--ihre Tage waren +ganz ausgefüllt durch Vorbereitungen auf des Vaters Kommen; sie richtete +die Wohnung für ihn; sie ging um seinetwillen fast täglich ins Lazarett +zu den Augenleidenden und Blinden und half bei ihrer Pflege. + +Und die Großmutter war von früh bis spät in allerlei Kriegshilfe tätig; +viele arme Frauen kamen zu ihr und sie verschaffte ihnen Arbeit, selten +hatte sie ein wenig Muße für ihren Enkel. Else und Grete waren in allen +Freistunden unterwegs, sie sammelten fürs Vaterland das Gold ein, von +dem noch viel bei ängstlichen und bei gedankenlosen Menschen steckte. +Das Schwesterchen spielte freilich gern mit dem Bruder, aber mehr als +"Kuckuck" ließ sich noch nicht mit ihr machen. Der bessere Spielkamerad +war doch Leo gewesen und der fehlte jetzt. + +Einmal, als die Mutter vom Lazarett heimkam, klagte er ihr: "Es dauert +so lang, so furchtbar lang, bis der Vater kommt!" Sie tröstete ihn. +"Jetzt wird er sicherlich bald kommen. Warte nur ein Weilchen, dann wird +es um so schöner bei uns." Vom nächsten Ausgang brachte sie ihm ein Buch +mit, daß ihm die Zeit rascher vergehe über dem Lesen. + +Aber das Buch war bald zu Ende. Er kam zur Großmutter. "Wann kommt denn +endlich der Vater, ich kann es nicht mehr erwarten!" + +"So, du kannst nicht warten? Wir daheim und unsere Soldaten draußen +müssen doch alle warten!" + +"Ja, aber es ist keine schöne Zeit, wenn man so wartet, Großmutter." + +"Willst du denn eine schöne Zeit haben im Krieg, während so viele +leiden? Sei froh, daß du auch etwas leiden darfst, wenn es auch nur eine +schwere Geduldsprobe ist. Es kann noch lange dauern, bis der Vater +kommt; ich will sehen, ob du die Probe bestehst, ob du geduldig +ausharrst." + +So ernst nahm es die Großmutter? Ja, wenn das eine schwere Probe war, +wie sie die Soldaten zu bestehen haben, dann wollte er sie schon auf +sich nehmen, das sollte die Großmutter sehen. Er nahm sich zusammen und +ward wieder guten Mutes. Die Schule, die Kameradschaft waren ihm dabei +die beste Hilfe. Es war ihm wohl in seiner Klasse. "Sie sind alle nett +gegen mich," erzählte er daheim, "und das kommt, weil sie meinen Leo +gern gehabt haben und weil sie vom Vater wissen." Er hatte recht. Durch +den treuen Hund und durch das Schicksal des Vaters war die +Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt worden. Aber daß ihm alle Herzen zugetan +waren, das kam von seiner eigenen, tapferen, treuen Art; die zog die +andern an, ohne daß er's wußte. + +Eines Morgens, als Gebhard in die Schule kam, zog ihn ein Kamerad +beiseite, tat geheimnisvoll, wollte ihm etwas sagen, das er doch +eigentlich verschweigen sollte. Endlich vertraute er, dessen Bruder +Sanitäter war, Gebhard an, daß an diesem Vormittag ein Zug mit +Verwundeten ankäme, er solle es eigentlich niemand sagen, damit nicht +die neugierigen Menschen an die Bahn kämen. Sie würden alle in das +Lazarett gebracht, außer einem, den müsse sein Bruder abholen und in die +Augenklinik fahren, der habe beide Augen verloren. Ob das nicht Gebhards +Vater sein könne? + +"Freilich kann er's sein!" rief Gebhard fast erschrocken durch die +plötzliche Hoffnung auf das Wiedersehen. "Um wieviel Uhr? Wann kommt der +Zug?" + +"Das weiß man nicht so genau und es hilft dir ja auch nichts, wir haben +doch bis zwölf Uhr Schule. Aber es kann auch ein Uhr werden, bis der Zug +kommt." + +Ruhig auf der Schulbank sitzen und denken, daß vielleicht der Vater +ankomme? das ging doch nicht? Aber es _mußte_ gehen. Die Großmutter +würde sagen: ausharren. Wie sonderbar, daß er da saß in dem großen +Augenblick, auf den er so lange gewartet hatte! Aber vielleicht kam der +Vater gar nicht. Wenn man es doch nur wüßte! Wie qualvoll dieses +Stillehalten!--Es war eben Krieg, und darum war alles schwer, so +furchtbar schwer! + +Der Unterricht hatte begonnen. Jetzt kam der Lehrer in seine Nähe und +richtete eine Frage an ihn. Gebhard stand langsam auf und atmete tief, +wie wenn er eine Last mit in die Höhe zu heben hätte. Der Lehrer lachte. +"Nun, ist das eine so schwere Frage? Du seufzst ja ordentlich!" Aus +gepreßtem Herzen kam die Antwort: "Weil vielleicht gerade mein Vater +ankommt und ich in der Schule bin!" + +"Dein Vater kommt? Heute früh? Du hättest ihn gern begrüßt? Ja! Möchtest +fort und fragst gar nicht? Ist's noch Zeit?" + +Gebhard konnte kaum antworten vor Erregung. + +"Närrischer Bub! So etwas erlaube ich doch! Spring davon!" + +Jetzt kam Leben in den kleinen Mann. Er fuhr von seinem Platz auf, der +Türe zu. + +"Deine Mütze!" riefen einige und lachten. Er wandte sich noch einmal, +sie sahen jetzt alle sein strahlendes Gesicht. Die Mütze vom Nagel, auf +und davon, dem Bahnhof zu. + +Unterwegs schlug es neun Uhr, drei Stunden konnte er, wenn nötig, vor +dem Bahnhof warten, ohne daß er daheim vermißt wurde. So lange wollte er +ausharren, o leicht und gern! + +Auf dem Bahnhofplatz war nicht wie sonst vor der Ankunft von +Lazarettzügen ein Menschenauflauf. Auch fuhren keine Rotkreuzwagen vor. +Ein einziger stand leer und verlassen vor der Halle. Wenn nur auch der +Schulkamerad recht hatte. Vielleicht war es eine falsche Nachricht. Er +sah sich um. Sein Blick fiel auf zwei Weiber, mit Körben am Arm, die da +standen und sich unterhielten. Er redete sie an, ob wohl bald die +Verwundeten ankämen. Die eine lachte: "Da bist du zu spät aufgestanden!" +und da Gebhard nicht verstand, was sie meinte, erklärte die andere: "Die +sind schon vor einer halben Stunde gekommen und alle schon +heimgefahren, bis auf das eine Auto, das bleibt wohl leer. Man schickt +immer lieber eins zu viel als zu wenig." Die Frauen wandten sich und +gingen ihres Weges. + +Also zu spät, nicht zu früh! Bitter enttäuscht stand Gebhard, konnte +sich nicht gleich entschließen den Platz zu verlassen; zögernd, planlos +ging er noch auf den Bahnhof zu und stand plötzlich betroffen still. Aus +dem Bahnhofgebäude kam ein Sanitäter, führte zwei Männer und diese +beiden hatten Binden um die Augen. Hoch klopfte Gebhards Herz. Er konnte +noch nicht recht unterscheiden, aber jetzt näherte sich die Gruppe; der +Sanitäter stützte den einen der beiden, der ein junger feldgrauer Soldat +war und auch am Fuß verletzt schien; sorglich führte er ihn die breiten +Staffeln herunter auf die Stelle zu, wo das Auto stand. Inzwischen blieb +der andere, den Führer erwartend, an einer Säule der Vorhalle stehen, +und da nun seine stattliche, kräftige Gestalt ganz zu sehen war, +erkannte Gebhard seinen Vater. Alles Zögern war vorbei, in jubelnder +Freude sprang er herzu, die Staffeln hinauf und rief mit frohlockender +Stimme: + +"Vater! Grüß dich Gott, lieber, guter Vater!" An dem ersten, trauten Ruf +hatte Stegemann sein Kind erkannt und nun griff er nach ihm mit beiden +Händen und zog ihn in warmer Liebe an sein Herz. "Grüß dich Gott, mein +Männlein, mein guter Bub! Ich hätte nicht gedacht, daß du mich gleich +erkennst und dich so freust an deinem blinden Vater!" + +"O, ich habe es gar nicht mehr erwarten können, bis du kommst; das +wissen wir ja schon lang, daß du blind bist, das macht _gar_ nichts, +Vater!" + +"So, das macht gar nichts?" wiederholte Stegemann und lachte von Herzen. +Der Sanitäter kam nun zurück, um seinen zweiten Pflegbefohlenen zu +holen. + +"Kannst du denn nicht gleich zu uns, Vater? Ich kann dich so gut +führen!" + +"Zunächst bin ich noch ins Lazarett überschrieben, aber bald darf ich +heim, vielleicht schon morgen, der Arzt wird das bestimmen." + +"Willst du mitfahren und sehen, wohin dein Vater kommt?" fragte der +Sanitäter und fügte hinzu: "Wer hat dir denn verraten, daß heute +Verwundete ankommen?" + +"Ein Schulkamerad." + +"Aha, ich kann mir schon denken, welcher das war. Macht nichts, komm nur +mit!" + +Sorgsam führte der Sanitäter den Blinden die Staffeln hinunter. Gebhard +ging auf der andern Seite. + +"Künftig darf ich dich immer führen, gelt Vater?" + +"Letzte Stufe," sagte der Führer und wandte sich an Gebhard: "Immer +voraus sagen, sonst tut der Schritt weh; alles vorher ankündigen, das +ist die Hauptregel, dann gewinnen die Blinden Vertrauen und gehen ruhig +und zuversichtlich. Darauf mußt du achten!" + +"Ja das will ich gewiß tun," versicherte Gebhard eifrig, "dann vertraust +du mir, gelt Vater?" Achtsam sah er zu, wie der Sanitäter dem Blinden +das Einsteigen ermöglichte, mehr durch kurze Zurufe als durch Hilfe. + +Bald saßen sie nebeneinander, Hand in Hand und sprachen gar nicht viel, +weil sie noch kaum das Glück fassen konnten, wieder beisammen zu sein. +Gebhard begleitete den Vater noch in den Saal. Die Neuangekommenen +sollten sich nach der langen Reise legen und ausruhen. Vater und Sohn +mußten sich trennen. "Bitte die Großmutter, sie möchte zuerst allein zu +mir kommen; für die Mutter ist's ein schwerer Gang!" sagte der Blinde, +küßte den Knaben und gab ihm leise den Auftrag: "Den Kuß gib der +Mutter!" + +Gebhard ging heim wie im Traum. Mit all seinen Gedanken, mit dem ganzen +Herzen war er noch bei dem geliebten Vater, konnte selbst kaum an die +wunderbare Mär glauben, die er nun verkündigen wollte: daß der Vater +angekommen sei! + +Er traf aber zu Hause die nicht, die er suchte. Die beiden Frauen waren +nach der künftigen kleinen Wohnung hinübergegangen; Helene war fertig +mit der Einrichtung, hatte die Mutter geholt, um ihr alles zu zeigen und +führte sie jetzt durch die Zimmer. "Wie gefällt es dir, Mutter? Ist +dir's recht so?" + +"Mir freilich, du hast ja alles mehr nach meinem als nach deinem Sinn +eingerichtet. Es ist wohl ein Unterschied gegen deine frühere reiche, +stilvolle Einrichtung!" Sie sah die Schwiegertochter an, wie wenn sie +erforschen wollte, ob es ihr schwer ums Herz sei. Aber Helene lachte +fröhlich: "Es ist doch alles wieder stilvoll, Mutter, es ist Kriegsstil. +Wie wenn man Reste aus ein paar zerstörten Häusern zusammengetragen +hätte: da ein paar schöne, alte Möbel von dir, dort schlichte, gebeizte +vom Schreiner, da der hochfeine Schreibtisch, den mein Bruder geschickt +hat, und davor ein gewöhnlicher Holzstuhl. Und an der ausgebesserten +Tapete Bilder in schwarzen, braunen und vergoldeten Rahmen und gar ein +kleiner Spiegel vom Trödelmarkt. Aber sieh, die sogenannte +Mädchenkammer, hat die nicht ein nettes Stübchen für Gebhard gegeben? +Seine Kriegsbilder hat er selbst an die Wand nageln dürfen und sein +schmales Feldbett ist auch reinster Kriegsstil. Dazu paßt auch statt +eines Mädchens die kleine Kriegswitwe, der du das Essen gibst; das alles +stimmt herrlich zusammen. Nun fehlt nur _er_ noch! Wie lange wohl?" + +Draußen wurde geklopft. "Es muß jemand an der Vorplatztüre sein," sagte +Helene, "die Klingel geht nämlich nicht immer und der Aufzug ist auch +ein wenig launisch, das macht aber nichts, gehört eben auch zum +Kriegsstil." + +Sie gingen miteinander hinaus und öffneten. Gebhard stand vor ihnen auf +der Schwelle, wußte vor übergroßer Erregung nicht gleich, wie er +erzählen sollte, war auch so gesprungen, daß es ihm den Atem benommen +hatte. Aber die Mutter fing seinen strahlenden Blick auf, ahnte und +rief: "Der Vater kommt?" + +"Der Vater ist schon da!" Glückselig fiel er der Mutter um den Hals und +jubelte: "Da bringe ich dir einen Kuß von ihm!" + + + + +Zwölftes Kapitel. + + +Am Bett ihres Sohnes saß Frau Dr. Stegemann; die andern Betten standen +leer, die Verwundeten waren an dem schönen Nachmittag ins Freie gebracht +worden. So waren die Beiden allein in dieser ersten Stunde des +Wiedersehens und ungestört hatte der Sohn seiner tapfern Mutter seine +Erlebnisse erzählen können. Sie wußte jetzt, was er durchgemacht von dem +Augenblick an, da er sich bereit erklärt, die Russen zu führen, in der +stillen Absicht sie wegzubringen von seinen Lieben im Forsthaus und sie +in die Irre zu leiten, um die deutsche Patrouille zu retten. Der +Offizier traute seinem Führer nicht und bedrohte ihn, wenn er ihm nicht +zu Willen sei, solle er nie mehr seine schöne Frau wiedersehen, er würde +ihm die Augen ausstechen lassen. + +So wußte er, welch grausame Marter ihm bevorstand. Noch hoffte er auf +irgend einen glücklichen Zufall, der ihm zu Hilfe käme, und betete im +stillen. Aber das Mißtrauen der Feinde wuchs immer mehr, er erkannte, +daß der bittere Kelch nicht an ihm vorübergehen sollte, und bereitete +sich innerlich vor auf das, was kommen mußte. + +Leute kamen des Weges, wurden ausgefragt und darnach wandte sich die Wut +der Feinde gegen ihn. Sie verübten an ihm die grauenvolle Untat, ließen +ihn in seinen Qualen liegen und ritten davon. + +Als Stegemann so weit erzählt hatte, spürte er an der zitternden Hand +der Mutter, daß sie überwältigt war, und er hielt inne. + +"Ist dir's so schwer, Mutter? Es ist ja überstanden, auch die +schrecklichen Qualen, die folgten. Aber ich will dir jetzt nicht weiter +davon erzählen; ich danke dir, daß du mich so tapfer angehört hast. Dir +habe ich es zugetraut, darum wollte ich dich zuerst allein sprechen. +Aber nun will ich vergessen, was dahinten ist, und jetzt sage du mir, +Mutter, was liegt vor mir? Darf ich dies Elend meiner jungen Frau +aufladen? Kann sie es tragen, sie, die so weich und feinfühlend ist und +mir immer erschien, als sei ihre Natur ganz auf Lust und Freude +angelegt? Zwar glaube ich nicht, daß wir Not leiden müssen. Das ganze +Vaterland hilft uns Invaliden, hilft vor allem, daß wir arbeiten lernen +und etwas verdienen können. Damit habe ich schon angefangen und werde +meine ganze Kraft einsetzen, um mitzusorgen für die Meinigen. Aber +dennoch--wie schwer ist es für Helene! Nie hätte ich, so wie ich jetzt +bin, ihr junges Leben mit dem meinigen verbunden!" Er setzte sich auf in +seinem Bett und horchte gespannt zur Mutter hin. Die nahm seine Hand in +die ihrige und sprach in voller Überzeugung: "Da sei du ganz unbesorgt, +Rudolf, keine Braut kann verlangender dem jungen Bräutigam +entgegensehen, als sie ihrem Helden!" + +"Weil sie nicht weiß, was für ein Anblick ihr bevorsteht und was es +heißt, einen hilfsbedürftigen Blinden um sich zu haben, anstatt eines +ritterlichen Gatten, der ihr alle Schwierigkeiten des Lebens aus dem Weg +räumt!" + +"O, sie weiß das besser als du denkst, Rudolf; wir haben neun Monate +Krieg erlebt, die waren für deine Frau voll Angst und Reue, voll Sehnen +und Warten; sie hat sich durchgekämpft, ist stark geworden, um Leid und +Entbehrung mit dir zu tragen." + +"Mutter, damit nimmst du mir die schwerste Sorge ab! Wenn es so ist, +dann, liebe Mutter, o dann bitte ich dich, gehe gleich zu ihr; ich habe +mich nach ihr gesehnt jede Stunde, seit wir getrennt sind; um keine +weitere Stunde soll die Trennung verlängert werden." + +"Ich gehe, Rudolf, sie wird bei dir sein schneller als du denkst. Ich +bringe ihr deine Botschaft." + +Er richtete sich auf, tastete nach dem Tischchen nebenan, zog die +Schublade auf. + +"Was suchst du? Kann ich dir helfen?" + +"Ja, es wird eine Schachtel da sein, in der ist mein Eisernes Kreuz. +Wenn du mir das befestigen willst. Daß sie doch _etwas_ Schönes sieht an +ihrem Mann!--So, nun ist's gut. Und die Augen sind bedeckt, nicht wahr, +man sieht die Zerstörung nicht?" + +"Nein."--Sie wollte hinzufügen: "Deine Frau hat sich längst geübt, auch +das zu sehen," aber sie unterdrückte es. Wer konnte wissen, wie es sie +im Antlitz des eigenen geliebten Mannes erschüttern würde? + +Unten im Garten wurde Frau Stegemann von Helene sehnlich erwartet. + +"Mutter, wie geht es ihm? Sage mir, warum wollte er dich allein +sprechen?" + +"Er hat Mitleid mit dir, daß du ihn so wiedersehen mußt, hat Angst, es +möchte dir zu schrecklich sein. Es ist auch schwer, Helene, mich hat es +furchtbar erschüttert; ich mußte mich _so_ zusammennehmen, um die +Fassung zu bewahren." + +Jetzt, da der Sohn nicht mehr darunter leiden konnte, jetzt verlor sie +diese Fassung und konnte die bittern Tränen nicht zurückhalten. Das +hatte Helene noch nie erlebt; immer war die Mutter ihr an Seelenstärke +überlegen gewesen. Sie hatte tiefes Mitleid mit der Mutter, die ihr in +ihrem Kummer zum erstenmal als eine alte Frau erschien. "Es hat dich +angegriffen," sagte sie herzlich zu ihr, "soll ich dich heimbegleiten?" +Aber Frau Stegemann wehrte ab. "Nein, nein, ich finde mich schon wieder +zurecht. Geh nur, Kind; halte dich nicht mit mir auf, geh zu ihm, er +wartet!" + +Der Mutter Schwäche wurde eine merkwürdige Hilfe für die junge Frau. +Wenn die Mutter, die starke, versagte, dann mußte sie die tapfere sein. +Alles Bangen wich von ihr, leichtfüßig eilte sie die Treppe hinauf, sie +wollte nichts aufkommen lassen als reinste Wiedersehensfreude in dieser +lang ersehnten Stunde. + +Sie öffnete die Türe, sah, wie bei dem Geräusch ein Kopf sich aus dem +Kissen hob, eine Gestalt sich halb aufrichtete und nach der Türe wandte. + +"Rudolf, ich bin's!" rief sie, war im Augenblick bei ihm, umarmte ihn +stürmisch und rief ihm fröhlich zu: "Glaubst du, daß ich's bin, wenn du +mich gleich nicht siehst?" + +Er spürte ihre Fröhlichkeit und zog sie an sein Herz. + +"Ja, du bist's Helene, du Sonne in meiner Nacht! Gott sei Dank, daß ich +dich habe!" Er küßte sie. Da schob sie sanft die Binde über seine Stirne +hinweg, drückte einen Kuß auf jede der verheilten Wunden und sagte zu +ihm: "Das sind deine Ehrenzeichen, du mein Held. Wie bin ich stolz auf +diese Narben!" + +Er legte sich zurück, fühlte sich aller Angst und Sorge ledig und gab +sich der Wonne des wiedergefundenen Glückes hin. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Ohne den Vater, by Agnes Sapper + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 11677 *** diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Ohne den Vater + Erzählung aus dem Kriege + +Author: Agnes Sapper + +Release Date: March 22, 2004 [EBook #11677] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OHNE DEN VATER *** + + + + +Produced by Charles Franks and the DP Team + + +[Transcriber's Note: There is no seventh chapter in the printed +book from which this etext was made.] + + + + + + +Ohne den Vater + +Erzählung aus dem Kriege + +von + +Agnes Sapper + + + + +Erstes Kapitel. + + +Im gemütlichen Wohnzimmer eines Forsthauses in Ostpreußen saß ein +kleiner Familienkreis eng und traulich beisammen: der Förster Stegemann +mit seiner noch ganz jungen, lieblichen Frau, die ihr Kindchen in den +Armen hielt und versuchte, mit zärtlichen Worten und dem Spiel ihrer +Finger dem kleinen Geschöpf das erste Lächeln zu entlocken. Neben ihr +lehnte Gebhard, ein kräftiger, etwa zehnjähriger Junge; er sah nach dem +Schwesterchen, das so wohlig in der Mutter Armen ruhte, und wartete +gespannt, ob es noch einmal gelänge, das Lächeln hervorzuzaubern, das +vorhin wie ein Sonnenstrahl über das Kindergesichtchen gehuscht war. Als +es gelang, sah er die Mutter beglückt an und wandte sich lebhaft an +seinen Vater: "Hast du es diesmal gesehen?" + +Nein, er hatte es wieder nicht gesehen, weil ihm etwas anderes noch +anziehender war, als das erste Lächeln seines Töchterchens. Er hatte auf +Mutter und Sohn gesehen. Ihn freute, daß diese beiden sich so gut +verstanden. Es war noch nicht lange her, daß er diese junge Frau +heimgeführt hatte, nachdem seine erste Frau, Gebhards Mutter, gestorben +war. Eine lange Reihe stiller Jahre hatte er mit dem Knaben verlebt, den +eine treue Magd schlicht und streng erzog. Innig nah standen sich Vater +und Sohn, ernst und pflichttreu war der Förster, anspruchslos der Junge. +Kräftig wuchs er in der frischen Waldluft heran und machte von seinem +sechsten Lebensjahr an täglich einen stundenlangen Weg, um auf einem +benachbarten Gut an dem Unterricht mit den Knaben des Gutsbesitzers +teilzunehmen. Auf diesem Weg begleitete ihn ein treuer Hund des +Försters, der schon immer sein Spielkamerad gewesen und jetzt sein +Beschützer auf einsamen Waldwegen war. + +Bei einem Besuch seiner Mutter, die in Süddeutschland lebte, hatte der +Förster das fröhliche, liebevolle Mädchen kennen gelernt, das dann seine +zweite Frau geworden war. Noch immer war's ihm wunderbar und erfreute +ihn in tiefster Seele, daß solch ein neues Familienglück in seinem +Forsthaus erblüht war; und so sah er auch jetzt mit Wonne auf die junge +Frau, ohne daß diese es bemerkte, denn sie war ganz von der Kleinen +hingenommen. + +Jetzt stund sie auf und legte das Töchterchen sorgsam in den Korbwagen. +"So Jüngferlein," sagte sie, "nach dieser großen Leistung, nachdem du +zweimal gelächelt hast, wirst du herrlich schlafen, draußen am offenen +Fenster!" Sie fuhr sachte den Wagen in das Schlafzimmer. + +Gebhard wandte sich dem Vater zu. "Es ist so nett, wenn die Mutter +"Jüngferlein" sagt zu einem so kleinen Kind, hörst du das nicht auch so +gern, Vater? Überhaupt ist es jetzt so eine schöne Zeit! So soll's immer +bleiben, wie es jetzt ist!" + +Stegemanns Gedanken wurden durch diesen Wunsch herausgerissen aus der +friedlichen Umgebung. + +"Gebhard, du denkst nicht an den Krieg, sonst könntest du nicht von +einer schönen Zeit reden, die bleiben soll." + +"Aber wir siegen doch, und das gibt dann die allergrößte Freude." + +"Vorher werden viele Tausende von unsern deutschen Soldaten sterben!" + +"Viele Tausende?" Gebhard wiederholte sinnend diese Worte und blieb eine +Weile ganz nachdenklich. Dann aber trat er dicht an den Vater heran und +begann mit eifrigen Worten: "Das darf man doch nicht so traurig sagen, +Vater? Die Soldaten ziehen doch gern in die Schlacht und wollen fürs +Vaterland sterben? Wenn ich nur schon älter wäre, und wenn du noch +jünger wärst, dann zögen wir miteinander in den Krieg, du wärst ein +Offizier und ich dein liebster Soldat und wenn du befiehlst: +'Freiwillige vor!' komme ich zu allererst. Aber mit zehn Jahren geht das +noch nicht, und du, Vater, gelt du bist schon zu alt, du hast doch schon +ein wenig graue Haare!" + +"Die grauen Haare machen nichts; vielleicht komme ich doch noch daran. +Aber sei still, wir wollen damit der Mutter nicht angst machen." + +Sie sahen beide nach der Türe, durch die die junge Frau eben wieder +hereintrat. Es lag noch der Schimmer mütterlicher Zärtlichkeit auf ihrem +Gesicht, als sie sagte: "Mein Jüngferlein schlummert schon." + +"_Dein_ Jüngferlein, Helene? Mir gehört es auch!" Er zog seine Frau +zärtlich an sich. + +"Und ein wenig gehört es auch mir, nicht, Mutter?" + +"Freilich. Du wirst sehen, die kleinen Mädchen mögen die großen Brüder +am allerliebsten, lustig wird's, wenn sie erst mit dir spielen kann!" + +Das konnte sich nun Gebhard noch nicht recht vorstellen, aber lustig +war's ihm schon jetzt zumute und er sprang hinaus und hinunter in den +Hof, mit seinem Leo zu tollen, seinem liebsten Kameraden. Bald ging auch +der Förster, den sein Beruf oft halbe Tage lang abrief, und Helene blieb +allein. + +Der Forsthof lag einsam am Waldessaum, nahe der russischen Grenze; nur +ein paar Niederlassungen waren in der Nähe, von denen die eine dem +Straßenwärter gehörte, der die Grenzstraße zu hüten hatte, die andere +einem alten Waldhüter, der mit seiner Familie da hauste. Sonst waren +weit und breit keine menschlichen Ansiedelungen zu sehen, dunkler Wald +nach allen Seiten und große Stille. + +Die da heimisch waren--wie der Förster und sein Junge--, die liebten +diese Waldeinsamkeit, aber Fremden kam sie unheimlich vor. Auch Helene, +als sie aus ihrer süddeutschen Heimat, aus städtischen Verhältnissen +hieher versetzt worden war, hatte anfangs furchtsam nach dem +Waldesdunkel hinübergeschaut und die Stille, während ihres Mannes und +Gebhards Abwesenheit, hatte sie bedrückt. Aber in ihren vier Wänden war +es ihr doch bald wohl geworden, denn da war sie von rührender Liebe und +Verehrung umgeben. Nicht nur Mann und Sohn, auch Knecht und Magd, ja +sogar die Hunde, vom großen Kettenhund bis herunter zum kleinen Dackel, +alle zeichneten sie aus, wie wenn sie sich immer daran freuten, daß +etwas so feines, sonniges, fröhliches in ihre Waldeinsamkeit gekommen +war. Und jetzt, seitdem sie Mutter geworden und ihr Kindchen jede Stunde +um sich hatte, jetzt konnte das Gefühl der Einsamkeit gar nicht mehr +aufkommen. Sie war voll Glück und Wonne, ja so sehr, daß sie manchmal +das schwere Geschick des Vaterlandes fast vergaß. Kam es ihr dann in den +Sinn, so machte sie sich im stillen Vorwürfe, sagte sich: kannst du denn +gar nicht unglücklich sein mit den vielen, die jetzt in Sorge und +Herzeleid sind? Dann legte sie schnell das Tragröckchen beiseite, das +sie besticken wollte, nahm den groben Soldatenstrumpf zur Hand, setzte +sich neben den Kinderwagen, strickte und strickte, sah dabei auf das +kleine Menschenknöspchen, das neben ihr schlummerte, und war eben wider +Willen doch glücklich. Aber der Krieg mit seinen Schrecken und Ängsten, +mit Sorgen und Jammer kam bald genug, ihr Glück zu stören. + + + + +Zweites Kapitel. + + +Es war eine stille Sommernacht zu Ende August, der Forsthof lag +friedlich, Mensch und Tiere hatten sich zur Ruhe begeben. Der Förster +allein war noch auf; die Zeitungen, die er diesen Abend erhalten hatte, +lagen vor ihm. Sie sagten ihm, wie nahe die Gefahr eines feindlichen +Einbruchs für das Grenzland war. Auch einen amtlichen Brief hatte er von +seiner vorgesetzten Behörde erhalten, den Befehl, zunächst noch auf +seiner Stelle zu verharren. + +"Zunächst;" demnach konnte in Bälde die Anweisung kommen, den Forsthof +zu verlassen. Darauf wollte er alles vorbereiten. Er ordnete Papiere und +Wertsachen, um im Notfall alles Wichtige rasch bei der Hand zu haben, +und dann schrieb er an seine Mutter. Sie stand ihm sehr nahe, hatte +jedes Jahr in der Zeit seiner Vereinsamung die weite Reise von +Süddeutschland unternommen, um nach ihm und seinem mutterlosen Kleinen +zu sehen. Bei ihr fragte er an, ob Frau und Kinder Zuflucht finden +könnten, wenn sie die Heimat verlassen müßten und er selbst sich dem +Vaterland zur Verfügung stellen würde. Er hatte einst gedient und es war +ihm selbstverständlich, daß er an dem großen Kampf Teil nehmen würde, +sobald ihn sein Amt im Forsthaus nicht mehr zurück hielt. + +So saß er heute bis spät in die Nacht hinein am Schreibtisch, während +seine Frau sorglos schlief. Er hatte ihr nichts mitgeteilt von seinen +Vorbereitungen. Sie kam ihm so jung und zart vor, besaß nicht die starke +Natur, die er selbst von seiner Mutter geerbt hatte, schien so recht für +Glück und Sonnenschein geschaffen. Wie sie mit Schwerem zurecht käme, +wie sie Leid und Entbehrungen ertragen würde, konnte er sich nicht +vorstellen. So wollte er ihr keine Last auflegen, so lange er allein sie +tragen konnte. + +Mitternacht war es geworden, aber nun lagen auch alle Briefe und +Papiere geordnet und überschrieben vor ihm. Er hatte getan was geschehen +konnte und griff nun nach dem Neuen Testament; denn es trieb ihn, eines +von den Jesusworten zu lesen, die ihm oft schon Kraft gegeben hatten. +"Nicht mein sondern dein Wille geschehe." Er versenkte sich in die +Erzählung vom Kampf Jesu in Gethsemane. + +Plötzlich wurde die Stille des Forsthofes gestört durch das Bellen des +Hofhunds. Stegemann horchte auf, hörte nichts, was den Hund beunruhigt +haben konnte. Aber das Bellen wurde lauter und auch die andern Hunde +taten mit. Stegemann öffnete das Fenster, schaute hinaus in die stille +Sommernacht, ging dann hinunter in den umzäunten Hof, rief die Hunde, +die unwillig knurrten, zur Ruhe und lauschte. Jetzt unterschied auch +sein Ohr das Geräusch von sich nähernden schweren Tritten draußen auf +der Landstraße. Wer kam da bei Nacht? War es Freund oder Feind? Ihm +ahnte nichts Gutes. Er eilte rasch ins Haus zurück und nahm den Revolver +zu sich. Auch den Knecht wollte er rufen; der war aber durch das Gebell +schon wach geworden und trat mit der Laterne in der Hand zum Förster. + +"Wenn's Russen sind, dann gnad uns Gott!" sagte der Knecht. + +"Mach die Kettenhunde los; sie lassen keinen über den Zaun."-- + +Wütend bellten die zwei großen losgelassenen Hunde und liefen aufgeregt +am Zaun hin und her. Von außen am geschlossenen Hoftor ertönte die +Glocke. Herr und Knecht sahen sich an. Wie aus einem Munde riefen sie: +"Russen sind das nicht, die klingeln nicht, die schlagen mit dem Kolben +an." + +Der Förster trat näher. + +"Wer ist draußen?" rief er. Und gut deutsch klang die Antwort: +"Preußische Infanteristen mit einem Befehl an den Förster." + +Noch ein paar Fragen und Antworten wurden zu größerer Sicherheit +gewechselt. Dann rief der Förster dem Knecht zu: "Mach die Hunde fest." + +Erst als die aufgeregten Tiere angekettet waren, konnte man wagen, das +Hoftor zu öffnen und die Soldaten einzuladen, die draußen harrten. Eine +Patrouille von fünf Männern war es, angeführt von einem jungen Leutnant. +Statt der gefürchteten Feinde unverhofft einen Trupp wackerer Feldgrauer +auf dem einsamen Forsthof zu haben, das war ein Hochgefühl, vor allem +auch für die geängstigte junge Frau, die wie auch Gebhard vom Lärm der +Hunde erwacht war und mit dem Knaben am Fenster stehend den Vorgang im +Hof beobachtet hatte. + +"Preußen sind's, Preußen!" rief Gebhard, der zuerst beim Laternenschein +die Uniform erkannte. + +"Wirklich! Gott Lob und Dank," antwortete die Mutter und machte sich in +fliegender Eile zurecht, um die unverhofften Gäste zu begrüßen und für +sie zu sorgen. Aber noch ehe sie so weit war, suchte ihr Mann sie auf. + +"Ich komme schon," rief sie ihm eifrig entgegen, "wollen die Soldaten +bei uns übernachten? Soll ich Betten richten?" + +"Das nicht, sie halten nur kurze Rast; dann geht ihr Marsch weiter und +ich, ich muß sie begleiten." + +"In der Nacht? Wohin?" + +"Das darf ich dir nicht sagen; es ist eine Vertrauenssache, ein geheimer +Befehl, von dem auch nur der Offizier weiß." + +"Wie unheimlich, Rudolf! Wann kommst du wohl wieder?" + +"Vielleicht schon in ein paar Stunden.--Wenn du nur schnell helfen +wolltest, Tee für die Leute zu machen. Die Soldaten haben schon Auftrag +erhalten, den Herd zu heizen und Wasser aufzusetzen." + +"Die Soldaten heizen unsern Herd? Das muß ich sehen. Komm, Gebhard, geh' +mit mir hinunter! Ich habe noch nie Soldaten kochen sehen. Mit fünf +Köchen, das muß ja schnell gehen!" + +Ja, nach zehn Minuten war der Tee auf dem Tisch und nach weiteren zehn +Minuten war gegessen und getrunken, was eiligst aufgetragen worden; und +die fünf Mann bedankten sich bei der jungen, fröhlichen Förstersfrau. + +Der Förster mit Flinte und Jagdhund sah aus, als wenn er auf die Jagd +ginge. Im letzten Augenblick nahm er seine Frau beiseite: "Behalte +Knecht und Magd bei dir, stelle dich ängstlich, rufe sie herein, laß sie +Tee trinken. Ich will nicht, daß uns jemand folgt. Kein Mensch soll +wissen, in welcher Richtung wir gehen." + +Er gab rasch seiner jungen Frau einen Abschiedskuß--das war nichts +besonderes; aber daß er im Vorbeigehen auch Gebhard einen Kuß gab, das +kam dem Kind sehr verwunderlich vor, denn Zärtlichkeiten waren zwischen +Vater und Sohn nicht üblich.-- + +"Wegen ein paar Stunden Trennung küßt man sich doch nicht?" sagte sich +Gebhard und war sehr nachdenklich, während er in sein Schlafzimmer ging, +um sich wieder zu legen. Zum erstenmal waren Soldaten ins Haus gekommen; +der Offizier hatte mit dem Vater Kriegsgeheimnisse besprochen, die kein +anderer Mensch erfahren durfte. Ein wenig unheimlich war die Sache, aber +doch sehr spannend. Heute Nacht war der Krieg ins eigene Haus gedrungen, +jetzt erst fing er so recht an für Gebhard. + +Und die junge Mutter konnte, nachdem sie Knecht und Magd entlassen, +lange nicht wieder den Schlaf finden. An der Seite ihres Mannes hatte +sie noch nie den Krieg gefürchtet; aber ohne ihn überkam sie eine große +Angst. Es war so finster, so still und schwül. Vielleicht konnte sie +besser schlafen, wenn sie die Türe aufmachte ins Nebenzimmer, zu +Gebhard. Sie tat es leise, um ihn nicht zu wecken, und freute sich doch, +als sie bemerkte, daß er noch nicht schlief. + +"Bist du es, Mutter?" rief er und richtete sich ganz munter auf. + +"Ja, es ist so schwül; ich will die Türe ein wenig offen lassen." + +"Das ist nett, dann können wir plaudern. Ich möchte so gerne erraten, +warum der Vater mit den Soldaten gegangen ist. Aber vielleicht ist es +besser, wenn wir es nicht erraten; weil es doch ein Kriegsgeheimnis ist. +Nur der Vater darf es wissen; er muß stolz darauf sein. Ich wäre auch +stolz darauf und würde das Kriegsgeheimnis niemand verraten; außer +vielleicht dir, Mutter. Oder darf ich's auch dir nicht verraten?" + +"Du weißt es ja gar nicht, Gebhard," sagte die Mutter und lachte +fröhlich. Die Luft kam ihr schon nicht mehr schwül vor; und bald +schliefen Mutter und Sohn ebenso ruhig wie das Kindchen im Korbwagen und +ahnten so wenig wie dieses, daß sie zum letzten Mal im Forsthaus +schliefen. + +Am Morgen des folgenden Tages kam, angestrengt von langem, eiligem +Marsch, Stegemann zurück. Nach der schlaflosen Nacht sollte er sich mit +einem guten Frühstück stärken und die verlorene Nachtruhe nachholen, das +war der Wunsch seiner jungen Frau; ungesäumt wollte sie für seine +Bewirtung sorgen. Er aber hielt sie zurück: "Das ist jetzt Nebensache," +sagte er eilig, "wir haben viel Wichtigeres zu tun. Leutnant N. riet mir +dringend, heute noch mit Frau und Kind und, soweit möglich, mit Hab und +Gut abzuziehen. Erschrick nicht so, Liebste, die Straße ist noch frei +von Feinden; aber wir wollen auch gar keine Zeit verlieren. Jetzt gilt +es aufpacken, was das Nötigste und Wertvollste ist, um so schnell es nur +irgend geht, an die Bahn zu kommen. Ich sage gleich den Leuten, sie +sollen helfen, auch sie müssen fliehen. Es kann sein, daß die Russen der +Spur der Patrouille folgen, die heute nacht hier war. Nun, Gebhard, +hilf der Mutter!" + +In wenigen Minuten war der stille Forsthof erfüllt von lärmendem, +hastigem Treiben. Der Knecht fuhr den Wagen vor und lud auf, was ihm +zugereicht wurde: Betten, Kleider, Wäsche, auch allerlei Vorräte aus +Küche und Kammer. Gebhard lief aus und ein, fast fröhlich in der +eifrigen Tätigkeit. Knecht und Magd trugen ihre Bündel herbei. + +Keine halbe Stunde war verflossen; da suchte der Förster seine Frau auf, +die an ihrem Wäscheschrank stand und trieb zur Abfahrt: "Es ist genug, +laß alles andere, wir fahren!" + +Ganz erstaunt schaute sie auf: "Daß du so ängstlich bist! Auf eine +Viertelstunde kommt es doch nicht an; die kleine Aussteuer vom +Jüngferlein--" sie unterbrach sich: "Horch!" Die Hunde bellten, der +Förster eilte ans Fenster. Er wandte sich sofort wieder zurück: "Es ist +schon zu spät," sagte er, "die Russen kommen!" + +Er sprach ruhig; aber sein Gesicht verlor alle Farbe. Auch seine Frau +trat ans Fenster und fuhr erschreckt zurück: "Um Gottes willen, was +sollen wir tun?" rief sie in Todesangst. + +"Geh da hinein und schließe dich ein!" rief ihr Mann. Er faßte sie +schnell, drückte sie an sein Herz, küßte sie stürmisch und führte sie in +das Schlafzimmer zu ihrer Kleinen. + +"Gott behüte euch," rief er, "schließe zu!" + +Sie schob den Riegel vor. + +In diesem Augenblick kam Gebhard atemlos: "Vater, russische Reiter sind +im Hof, sie fragen nach dem Förster. Was wollen sie denn von dir?" + +Herr Stegemann zog sein Kind leidenschaftlich an sich: "Sie wollen +vielleicht wissen, wohin unsere Soldaten heute nacht gegangen sind." + +"Aber das darfst du ihnen doch nicht sagen?" + +"Nein." + +"Was wird dann, Vater?" + +"Was Gott will." + +Der Anführer der russischen Truppe, die aus etwa 15 Mann bestand, trat +in das Zimmer, den Revolver in der Hand; einige seiner Leute folgten, +andere hielten Wacht an der Türe. Es kam, wie der Förster vorausgesehen. +Der russische Offizier wollte wissen, wohin die deutsche Patrouille, +deren Spur sie gefunden hatten, gezogen sei. Offenbar war seine Absicht, +ihr zu folgen, sie abzufangen, ehe sie ihren Zweck erfüllen und über +ihre Erkundung den Deutschen Nachricht geben konnte. Ein polnischer +Waldarbeiter hatte ihm verraten, daß der Förster die Patrouille geführt +hatte. Und nun sollte er die Feinde führen, die zu Pferd die deutschen +Fußgänger leicht einholen würden. + +Der Förster, die Rechte auf den Tisch gestützt, hörte die Forderung. +Fest klang seine Antwort: "Sucht sie selbst. Ihr könnt vom deutschen +Mann nicht verlangen, daß er die Deutschen verrate." + +Neben dem Vater stand Gebhard mit glühenden Wangen. Wie ein Held +erschien ihm der Vater, da er dem russischen Offizier kurz und fest den +Dienst verweigerte. + +Der Russe aber lachte höhnisch, im Gefühl der Übermacht: "Sie sind ein +Tor. Wollen Sie nicht, so sind Sie mit Weib und Kind in 5 Minuten +niedergemacht." + +Tief aufatmend antwortete der Förster: "Ich werde nicht zum Verräter." +Dem Offizier stieg der Zorn auf, aber ihm lag daran, einen willigen +Führer zu gewinnen, so bezwang er sich. "Nehmen Sie Vernunft an," sagte +er. "Sie entschuldigt die Not. Sie sind machtlos in unseren Händen. +Entschließen Sie sich rasch, daß uns die kostbare Zeit nicht verloren +geht. Dann sollen Sie, auf Offiziersehre, unversehrt zurückkehren, +sobald wir die Deutschen erreicht und noch ehe sie Sie gesehen haben. +Weib und Kind können Sie in Sicherheit bringen, Ihr Hab und Gut soll +unberührt bleiben." + +Der Förster schwieg. + +"Vater, tu's nicht!" rief Gebhard leidenschaftlich. Der Offizier wandte +sich heftig gegen den Knaben, packte ihn, schob ihn beiseite und rief: +"Der soll der erste sein, der vor Ihren Augen erstochen wird, wenn Sie +nicht augenblicklich folgen."--"Haltet den Buben!" befahl er den +Soldaten. Die ergriffen Gebhard mit rauher Hand. Wütend setzte er sich +zur Wehr; doch sie packten ihn so fest, daß er kein Glied mehr rühren +konnte; aber das konnten sie nicht hindern, daß er immer lauter rief: +"Vater, tu's nicht!" + +Der Förster biß die Zähne aufeinander; noch schien er unentschlossen. +Aber in diesem Augenblick wurde der Türriegel des Nebenzimmers +zurückgeschoben und unter der halbgeöffneten Türe erschien seine Frau. +Ihr junges, rosiges Gesicht war totenblaß; sie hatte gehört, was die +Männer verhandelten und wußte, daß ihr Leben und das von Mann und +Kindern auf dem Spiel stand. Bebend vor Angst wagte sie nicht, die +Schwelle zu überschreiten, hielt die Türklinke in der Hand und rief +ihrem Mann flehend zu: "Ich bitte dich um Gottes Willen, rette uns, o +denke an die Kinder!" + +Der Russe nahm seinen Vorteil wahr. Er grüßte die Dame des Hauses: "Ja, +gnädige Frau, sprechen Sie Ihrem Gemahl zu. Geht er mit uns, so mögen +Sie unbehelligt von hier fliehen, und Ihr Mann wird in kurzer Zeit +nachfolgen, auf Offiziersehre. Tut er es nicht, so gebe ich Sie meinen +Soldaten preis." + +Schaudernd zog sich die geängstigte Frau vor den Blicken der rohen +Soldaten zurück. + +"Ich gehe!" laut und fest sagte es der Förster und wandte sich der Türe +zu. + +"Vater, tu's nicht!" Noch einmal kam der Ruf von Gebhard, der noch immer +umklammert war von harten Soldatenfäusten. + +Der Vater wandte sich an den Offizier: "Lassen Sie mein Kind frei, nach +Ihrem Ehrenwort." + +Ein Wink des Offiziers und die Soldaten ließen den Knaben los; aber sie +drängten sich zwischen ihn und den Förster und ließen die beiden nicht +zueinander kommen. Nur konnten sie nicht verhindern, daß ein letzter +Blick vom Vater zum Sohn ging, ein Blick voll Liebe und Stolz. + +"Vorwärts!" befahl der Offizier. + +Sie verließen das Zimmer; Gebhard rannte nach der Schlafzimmertüre, die +wieder verriegelt war. "Mach auf, Mutter, sie sind fort!" und außer sich +vor Zorn und Jammer rief er. "Der Vater ist doch mit ihnen gegangen! +Jetzt muß er die Deutschen verraten!" + +Helene war erschüttert durch die Verzweiflung des Knaben. Sie versuchte +ihn zu trösten, zog ihn in mütterlicher Zärtlichkeit an sich: "Der Vater +kommt morgen schon zurück, der Offizier hat's auf Ehre versprochen. +Sieh, wenn er nicht nachgegeben hätte, wären wir alle umgebracht worden. +Er hat mitgehen müssen, er hat doch nicht anders gekonnt!" + +"Aber der Vater darf doch die Deutschen nicht verraten," schluchzte das +Kind. + +"Denke nicht mehr _daran_. Denke, daß wir jetzt alle grausam mißhandelt +und getötet würden. Gott Lob, daß der Vater uns davor behütet hat." + +Gebhard konnte sich nicht fassen, zornig stampfte er und rief: "Der +Vater darf doch kein Verräter sein!" + +Die Mutter sah den Knaben starr an: "Hast du kein Herz für den Vater, +für mich und für unsere Kleine? Wolltest du, wir wären grausam +hingemetzelt, du und wir alle?" + +Heftig antwortete Gebhard: "Ja, ja, viel lieber möchte ich das." + +Der Mutter graute. Sie konnte das Kind nicht verstehen, und war im +tiefsten Herzen gekränkt durch seine Antwort. Aber weiter mit ihm zu +reden war nicht möglich; denn unter der Türe erschien die Magd, +schreckensbleich mit verweinten Augen: "Der Knecht sagt, wir müssen +eilen, daß wir fortkommen, der Herr hat's ihm noch zugerufen. Unser +armer, armer Herr, sie haben ihn fortgeführt! Auf einem Russenpferd, +mitten unter den Feinden ganz allein! Und er hat sich noch so tapfer +umgeschaut, so todesmutig ist er davon geritten! Der arme Herr, was +werden sie mit ihm tun?" + +Helene hatte auf den Lippen zu sagen: "Es geschieht ihm nichts, morgen +wird er uns nachkommen;" aber sie unterdrückte die Worte. Die Leute +durften nicht wissen, daß der Herr sich bereit erklärt hatte, mit den +Feinden zu gehen. Schwer fiel ihr auf die Seele: Kein Deutscher durfte +das je erfahren. Es war ja Verrat, was ihr Mann beging. Ihr zuliebe tat +er's; nicht aus Angst ums eigene Leben, der tapfere, treue Mann! Wie +wollte sie ihm das danken ihr Leben lang! + +Die Magd mahnte noch einmal zur Eile. "Was ist noch aufzuladen?" Hastig +griff Helene nach diesem und jenem, beladen eilte die Magd die Treppe +hinunter, rief Gebhard zur Hilfe; wie im Traum nahm er, was ihm +hingereicht wurde. Die Mutter aber suchte in Eile nach einem Blatt +Papier, sie mußte ihm noch ein Wort schreiben, das sollte er finden, +wenn er in sein verödetes Haus zurückkäme, mit einer schweren Last auf +dem Gewissen, einer Last, die er ihr zuliebe durchs ganze Leben tragen +mußte. In fliegender Eile schrieb sie mit zitternder Hand: "Komm bald zu +mir, herzliebster Schatz, hab tausendmal Dank, daß Du uns das Leben +gerettet hast!" Mitten auf den Tisch legte sie das Blatt, dann noch +daneben, was ihn stärken sollte, Brot und eine Flasche Wein. Wieder kam +die Magd unter die Türe: "Jetzt ist angespannt." + +"Ich komme!" Sie nahm ihr Kindchen, das liebevoll eingehüllte. Die Magd +bemerkte Brot und Wein, wollte beides mitnehmen. Helene ließ sie nicht +an den Tisch. "Das bleibt!" rief sie. + +"Kein Wunder, daß die arme, junge Frau ganz verwirrt ist," dachte das +Mädchen. + +Im Hof war alles zur Flucht bereit. Die Hunde sprangen um den Wagen. Sie +sollten mitlaufen bis zum Haus des Straßenwärters, meinte der Knecht, +der solle sie aufnehmen. "Aber Leo gebe ich nicht her, den nehme ich +mit!" erklärte Gebhard. Der Knecht machte Einwendungen. Unmöglich sei +das auf der langen Reise, bei den überfüllten Zügen. Ein Unverstand wäre +es. Die Mutter sah ein, daß er recht hatte, aber sie wußte auch, was es +für Gebhard bedeutete, sich von seinem Leo zu trennen. Der Vater hatte +ihm vor Jahresfrist das junge Tier geschenkt; ihm gelehrt, es zu +behandeln; zu einem folgsamen, anhänglichen Kameraden war es +herangewachsen und von seinem kleinen Herrn unzertrennlich gewesen. Auch +jetzt standen sie dicht beisammen, Gebhard und sein Hund, sahen sich an +und das kluge Tier schien zu merken, daß über sein Schicksal entschieden +wurde. Ein ungewohntes, kurzes Bellen gab es von sich. + +Die Mutter wandte sich an den Knecht. "Wir wollen es doch versuchen, ob +wir Leo mitnehmen können!" + +"O ja, bitte, Mutter!" + +Der Wagen setzte sich in Bewegung. Das Töchterlein auf der Mutter Schoß, +weich gebettet, schlief sanft ein. Gebhard saß der Mutter gegenüber. Sie +hielten bald bei dem Straßenwärter, dann ging die Fahrt weiter, der Bahn +zu. Längs der Straße zog sich der Wald hin, aus dem jeden Augenblick die +Feinde auftauchen und die Wehrlosen überfallen konnten. Und in den +Händen dieser Feinde war der geliebte Mann, der treue Vater. + +"Gebhard," sagte die Mutter leise, daß es der Knecht auf dem Bock nicht +höre, "Gebhard, du hast doch auch gehört, daß der russische Offizier +gesagt hat: 'auf Offiziersehre.'" + +"Ja. Zweimal hat er das gesagt." + +"Solch ein Schwur wird doch sicher auch im Krieg gehalten," sagte Helene +und fügte bei: "Also kommt der Vater sicher morgen oder spätestens +übermorgen. Wenn es nur schon morgen wäre!" + +Gebhard wandte sich ab und sagte kein Wort darauf. Mit fest +geschlossenem Mund sah er durchs Fenster. + +Die Stille bedrückte die Mutter. Sie redete ihn nach einer Weile wieder +an: "Warum bist du so still, Gebhard? Hast du Angst, daß die Russen aus +dem Wald kommen? Wir sind jetzt schon nahe der Station, hier ist's nicht +mehr so gefährlich." + +"Ich habe keine Angst." + +"Hast du Heimweh nach dem Forsthof? Nach dem Frieden kommen wir alle +wieder zurück." + +Aber Gebhard schwieg und die Mutter sah wohl, daß er kämpfte, die +Tränen zurückzuhalten, die ihm in die Augen kamen. + +Sie streckte die Hand nach ihm aus. "Komm, setze dich neben mich, +Gebhard; komm her zu mir, sage mir, was dir so traurig ist. Der Vater +kommt uns doch morgen nach." + +Nun kam es unter lautem Schluchzen bebend heraus: "Ich kann mich ja +nicht auf den Vater freuen. Ich kann jetzt doch den Vater nie mehr lieb +haben und habe ihn doch so lieb!" + +Helene erschrak in tiefster Seele. Sie selbst war so voll Liebe und +Sehnsucht nach ihrem Mann, sie hatte das innigste Verlangen nach ihm und +Gebhard, sein geliebter Bub, sprach solche Worte! + +"Wie darfst du so reden, Gebhard," rief sie erregt, "wo er doch alles +nur uns zuliebe getan hat. Er konnte ja auch gar nicht anders!" + +"Doch, Mutter, weißt du nicht mehr? Zuerst hat er ganz fest nein gesagt; +aber dann hast du die Türe aufgemacht und hast gerufen 'rette uns'. Dann +hat dich der Vater angesehen. O hättest du doch die Türe nicht +aufgemacht, dann wäre der Vater kein Verräter!" + +Die Mutter erblaßte und ließ seine Hand los. Nach einer kleinen Weile +sagte sie in einem ernsten, fremden Ton: "Wenn der Vater zurückkommt, so +sage so etwas nie zu ihm, sonst machst du ihn ganz unglücklich. Nie +sollst du zu irgend jemand wieder so reden!" Dann wandte sie sich ab und +er fühlte, daß es ihr jetzt lieb wäre, wenn er nicht neben ihr säße, +ging auf seinen ersten Platz zurück und dachte: "Die Mutter kann mich +jetzt nicht mehr lieben und ich kann den Vater nicht mehr lieb haben, +alles, was schön war, ist vorüber." Er saß wieder an seinem +Fensterplatz, Wald war nicht mehr zu sehen, unbekanntes Land, alles, +alles anders. + +Eine Stunde darnach langten sie an der Station an, waren bald im ärgsten +Gewühl, hatten aber noch die Hilfe von Knecht und Magd, die erst später +in anderer Richtung abfahren konnten. Am Schalter drängten sich die +Leute. Helene verlangte Karten für sich und Gebhard. "Und eine +Hundekarte." + +"Das gibt's jetzt nicht." + +"Darf er mit in den Personenwagen?" + +"Keine Rede. Wir sind froh, wenn wir die Menschen unterbringen. Weiter!" + +Helene wurde von den Nachdrängenden ungeduldig weggeschoben. + +Was war nun zu tun mit Leo? Der Knecht tröstete Gebhard, versprach ihm, +den Hund gut unterzubringen. Und Gebhard sah ein, daß es nicht anders +sein konnte; die Reisenden umdrängten Mutter und Kinder, im Strom wurden +sie fortgeschoben, keine Zeit zum Abschiednehmen von den treuen +Dienstboten, auch nicht von dem geliebten Hund. Ein Winseln hörte +Gebhard noch--er wußte, das galt ihm. + +Eingepfercht in den Wagen saßen unsere Flüchtlinge, mit Mühe hatten sie +noch Sitzplätze erlangt. Immer mehr Reisende drängten herein. Gebhard +sah durchs Fenster in das Gewühl. Endlich leerte sich der Bahnsteig, +das Zeichen zur Abfahrt wurde gegeben und eben in diesem Augenblick sah +Gebhard plötzlich noch einmal seinen Leo auftauchen. Er hatte sich von +der Hand des Knechts losgerissen, raste auf den Wagen zu, aus dem +Gebhard sah, sprang blitzschnell auf und über alle Hindernisse hinweg +zwischen scheltenden Menschen hindurch bis in das Abteil, wo er sich +sofort unter den Sitz seines kleinen Herrn duckte und so für sich selbst +die Frage löste, ob Hunde mitfahren dürften. + +Gebhard war so außer sich vor Freude, daß auch Helene, die zuerst über +den Eindringling erschrocken war, freundlich dem Tier zunickte, das ihr +gegenüber unter dem Sitz ängstlich hervorsah, nicht ganz sicher, ob es +geduldet würde. Allerdings versuchte auch ein Herr Einsprache zu +erheben. "Es gehört sich nicht, daß solch ein großer Hund in den Wagen +genommen wird." Aber ein älterer Mann ergriff Partei für das Tier oder +mehr noch für die Familie. + +"Freilich gehört sich's nicht," bemerkte er, "aber es gehört sich auch +nicht, daß so ein junges Frauchen mit dem kleinen Kind flüchten muß. Und +um eine Flucht wird sich's wohl handeln. Nach Vergnügungsreisenden sehen +sie nicht aus. Habe ich's erraten?" + +Helene konnte nur gegen Tränen ankämpfend mit unsicherer Stimme bejahen. + +"Nun also; dann wird Ihnen auch niemand den Hund absprechen; so ein +treues Tier ist auch ein Schutz." + +So blieb der Hund unbeanstandet und bewährte sich auf der Fahrt als +kluges Tier. "Hast du bemerkt, Mutter, wie Leo so schlau ist und sich +still hält, wenn der Schaffner hereinkommt?" fragte Gebhard. + +Nein, Helene hatte das nicht beachtet. Sie saß in schwere Gedanken +versunken. Zuerst hatte nur die Sorge sie bedrückt, ob auch gewiß der +geliebte Mann morgen zurückkäme. Allmählich aber legte sich ihr schwer +aufs Herz der Gedanke, daß er wohl zurückkommen könnte, aber mit einer +Schuld auf dem Gewissen, die nie, nie mehr zu tilgen war. Wenn schon +Gebhard diesen Verrat so tief empfand, wieviel mehr sein Vater! Und dazu +hatte _sie_ ihn veranlaßt! Sein ganzes Leben hatte sie verdorben! + +Und nun kamen noch andere schwere Überlegungen. Sie konnte sich nicht +entschließen--wie es ihres Mannes Wunsch gewesen--zu seiner Mutter zu +gehen. Diese war eine tapfere aber auch strenge Frau. Helene fühlte +nicht den Mut, ihr zu erzählen, was vorgefallen war, und es kam ihr +unmöglich vor, ihr unter die Augen zu treten. So überlegte sie und +beschloß, bei ihrem Bruder Zuflucht zu suchen. Er und seine Frau hatten +sich schon bei Kriegsausbruch freundlich erboten, Helene mit dem +Töchterchen aufzunehmen. Damals hatte sie sich nicht von ihrem Manne +trennen wollen. Jetzt war es anders. Sie wollte dorthin, aber wohin +würde ihr Mann sich wenden? + +In diesen Gedanken hatte Gebhards Frage sie unterbrochen. Nun sah er die +Mutter aufmerksam an und seinem teilnehmenden Blick fiel auf, wie +verändert sie aussah. Sie hatte doch immer so helle Augen gehabt und +einen fröhlichen Mund. Nun waren die Augen trübe und der Mund zuckte wie +von verhaltenem Schmerz. Gebhard dachte an seinen Vater. Wenn der jetzt +erschiene, ja dann würde die Mutter wieder so strahlend aussehen wie +sonst. Gerne hätte er das auch so zustande gebracht wie der Vater, aber +das konnte er nicht; im Gegenteil: daß sie so verändert aussah, war wohl +seine Schuld; seit dem Gespräch im Wagen war sie so still. Er hätte +vielleicht das nicht sagen sollen, was er gesagt hatte. Was konnte er +aber jetzt machen? Lauter fremde Leute saßen herum, man konnte gar +nichts Liebes zu der Mutter sagen. Eine ganze Weile blieb er still und +nachdenklich, aber auf einmal kam ihm, was er suchte. "Mutter, unser +Jüngferlein schläft so sanft, sieh nur, wie rosig ihre Bäckchen sind!" + +Die Mutter blickte auf das Kind, streichelte die weichen Bäckchen, aber +dabei füllten sich ihre Augen mit Tränen. + +Auch das Jüngferlein konnte die Freude nicht hervorlocken? Ja, dann +wußte Gebhard keinen Rat. Es ging eben nicht ohne den Vater! + + + + +Drittes Kapitel. + + +Im Verlauf der langen, mühseligen Reise erfuhr Gebhard, daß nicht der +Großmutter Haus das Reiseziel sein sollte; in der Mutter Heimat, bei +Onkel und Tante Kurz, sollten sie ihre Zuflucht suchen. Es war eine +Enttäuschung für ihn; die Großmutter kannte und liebte er, die +Verwandten der Mutter waren ihm fremd. Helene suchte ihm Lust zu machen. +"Onkel und Tante haben uns längst eingeladen; sie können uns viel +leichter aufnehmen als die Großmutter; sie haben ein eigenes Landhaus +vor der Stadt, mit einem Garten; du wirst sehen, daß wir's gut bei ihnen +haben." + +"Aber wenn der Vater zurückkommt, der wird uns bei der Großmutter +suchen!" + +"Wir schreiben der Großmutter, wo wir sind!" + +"Kommt dann der Vater zu uns, weiß er, wo das ist?" + +"Aber freilich weiß er das, Gebhard. Bei meinem Bruder und seiner Frau +war ja unsere Hochzeit, dort hat mich der Vater geholt, weil ich keine +Eltern mehr habe. Mein Bruder hat mich auch so lieb, weißt du, fast wie +wenn ich sein Kind wäre. Er ist viel älter als ich." Gebhard überlegte. +"Ja, dann kann ich das schon begreifen, daß du zu ihm möchtest." + +Seufzend ergab er sich. + +Nach manchem unfreiwilligen Aufenthalt und schier unerträglicher Fahrt +kam Helene mit den beiden Kindern am späten Abend an ihrem +Bestimmungsort an. Wohl hatte sie ihr Kommen angekündigt, aber Tag und +Stunde voraus anzugeben, war in dieser Zeit unmöglich. So stand sie nun +in dunkler Nacht, mit den übermüdeten Kindern, mit dem Hund und vielem +Gepäck auf dem Bahnsteig, und wußte nicht, wie sie nun bis in ihres +Bruders Haus kommen sollte. Alles an dem Bahnhof hatte ein anderes +Aussehen als früher. Befremdet sah Helene um sich. Sie hatte nicht +gedacht, daß auch auf dem Bahnhof dieser kleineren Stadt die Kriegszeit +sich so bemerklich machte. An ihr vorbei eilte eine weibliche Gestalt in +großer, weißer Schürze, am Ärmel mit dem Roten Kreuz gezeichnet. Einen +Eimer heißen Tee am Arm ging sie von Wagen zu Wagen und bot den +durchreisenden Soldaten die Labung an. Einer derselben, ein +Landwehrmann, lehnte dankend ab. "Wir haben erst in der vorigen Station +Tee bekommen, aber wenn Sie sich um die junge Frau mit den Kindern da +drüben annehmen wollten, die haben mich schon lang gedauert, sie sind +aus ihrer Heimat vertrieben!" + +Die Helferin wandte sich nach der bezeichneten Stelle, sah die hilflose +Gruppe und ging sofort darauf zu. "Reihen Sie noch weiter, kann ich +Ihnen helfen?" frug sie Helene. Aber als sie dicht voreinander standen, +erkannten sich die beiden Frauen. Sie waren einst zusammen in die Schule +gegangen. + +"Ich habe dich gar nicht gleich erkannt, Helene; ist das dein Kindchen? +Hast du allein reisen müssen? Dein Mann ist wohl einberufen? Du Ärmste, +du siehst so angegriffen aus. Wirst du nicht abgeholt? Nein? Warte nur +ein klein wenig, ich helfe dir. Sieh, dort ist eine Bank, setzt euch +einstweilen!" Sie eilte wieder an den Zug, da und dort wurde sie +angerufen und um Tee gebeten. + +Ein blutjunger Freiwilliger reichte eine Postkarte heraus, bat, man +möchte ihm die Liebe erweisen, sie einzuwerfen, weil seine Mutter sich +gar so sehr um ihn sorge. So war sie voller Tätigkeit, bis der Zug +wieder davon fuhr. Dann aber eilte sie zu der kleinen Gruppe müder +Menschen, die auf sie harrten, und es gelang ihr, einen Wagen für sie +aufzutreiben und sie samt Gepäck und Hund glücklich darin +unterzubringen. "Zu Fabrikant Kurz," lautete die Anweisung für den +Kutscher. + +Die Fahrt ging durch dunkle Straßen, denn an den Laternen wurde gespart +in dieser Kriegszeit. Fast Mitternacht war es, bis sie am Haus hielten, +aber doch war ein Fenster noch erleuchtet und wurde bei dem Anfahren des +Wagens geöffnet. "Wer kommt?" rief eine Stimme von oben. "Wir sind's, +Bruder!" + +Einen Augenblick später wurde die Haustüre geöffnet und der Bruder, +Fabrikant Kurz, hieß seine nächtlichen Gäste willkommen. "Verzeih, daß +wir euch so spät bei Nacht ins Haus fallen," sagte Helene, "es ließ sich +nicht ändern." + +"Es ist für mich nicht spät, ich habe jetzt oft bis in die Nacht hinein +zu arbeiten. Aber gehört denn der Hund auch zu euch? Den habt ihr mit +hieher gebracht?" Mißfällig betrachtete er Leo, der sich an Gebhard +drängte. + +"Es ist Gebhards Liebling, sie sind so anhänglich aneinander!" Herr Kurz +beachtete jetzt erst seinen kleinen Neffen. + +"Das ist also Gebhard? Wir waren eigentlich der Meinung, er käme zu +seiner Großmutter; aber kommt nur herauf, es sind zwei Gastzimmer +gerichtet. Was ist mit deinem Mann, ist er einberufen?" + +"Nein; er wird bald nachkommen." + +"Warum hat er dich nicht auf der langen Reise begleitet? Muß er noch im +Forsthaus bleiben?" + +Helene zögerte mit der Antwort. "Ich erzähle dir das morgen. Wir sind so +müde, wenn wir uns vielleicht gleich legen dürften!" + +"Ihr müßt doch vorher essen!" + +"Danke, wir bekamen unterwegs was wir brauchten, nur Ruhe möchten wir." + +Der Hausherr hatte dem Stubenmädchen geklingelt, das erschien nun um an +Stelle der Hausfrau, die nicht gestört werden sollte, für die Gäste zu +sorgen. + +Ein schönes Gastzimmer mit allen Bequemlichkeiten war für Helene +gerichtet, auch ein Kinderwagen stand bereit. Gerührt dankte sie dem +Bruder für diese Fürsorge. Die Kleine, die schlafend angekommen war, +erwachte jetzt und fing kräftig an zu schreien. Der Hausherr, der selbst +keine Kinder hatte, sah ratlos auf das kleine, ungebärdige Wesen, befahl +dem Mädchen alles weitere zu besorgen und wünschte der Schwester gute +Nacht. Gebhard nahm er mit sich, Leo folgte. "Wenn nur der Hund die +Nachtruhe nicht stört!" sagte der Onkel, während sie die Treppe hinauf +gingen. + +"Vor meiner Tür wird er gewiß ruhig liegen bleiben," versicherte +Gebhard. + +"Das wird sich zeigen. Wenn Hunde in fremde Umgebung kommen, heulen sie +oft. Mich wundert, daß dir dein Vater erlaubt hat ihn mitzunehmen!" + +"Der Vater war gar nicht da, als wir abgereist sind." Gebhard hatte das +kaum gesagt, so merkte er, daß er besser darüber geschwiegen hätte. + +"Wo ist denn dein Vater?" Was sollte Gebhard darauf antworten? Er wußte +es nicht. + +"Ich meine wo dein Vater war, als ihr flüchten mußtet? Blieb er im +Forsthaus zurück?" + +"Nein." Die sichtliche Verlegenheit des Knaben fiel dem Manne auf. Es +mußte etwas geschehen sein, was Mutter und Sohn nicht gern sagten. + +Er wollte nicht weiter in das Kind dringen. Im oberen Stock des Hauses +war ein zweites Gastzimmer bereitet, fein und vornehm war auch hier die +Einrichtung. "Kommst du allein zurecht?" fragte der Onkel, "oder soll +ich dir das Stubenmädchen heraufschicken?" + +"Nein danke, ich kann alles allein machen. Aber bitte, Onkel, wenn ich +Leo eine Strohmatte oder eine Decke vor meine Tür legen dürfte; er +versteht dann, daß er da hingehört." + +Es fand sich eine Matte und der Hund nahm verständig seinen Platz ein. +Onkel und Neffe wünschten sich gute Nacht. Gebhard lag bald in dem +feinen Gastbett. Aber unter dem fremden Dach in dem einsamen +Schlafgemach überfiel ihn ein bitteres Heimweh und trotz aller Müdigkeit +konnte er nicht einschlafen. So weit, weit weg war er vom Forsthaus! Und +der Vater, wo war der? Der Vater, von dem man jetzt gar nicht reden +konnte, während man früher so stolz auf ihn war! Dem kleinen Burschen +war zumute, wie wenn ihm der Boden unter den Füßen wankte, da mit der +Heimat zugleich die klaren Verhältnisse der glücklichen Kinderzeit +schwanden, in denen er festgewurzelt war. + +Wenn wenigstens die Mutter nebenan schliefe oder etwas von der Kleinen +zu hören wäre, aber gar so einsam war es hier oben! Lange wehrte sich +Gebhard als tapferer, kleiner Mann gegen die Tränen; endlich kamen sie +doch, das Schluchzen ließ sich nicht mehr unterdrücken und schüttelte +seinen Körper. + +Mitten in der nächtlichen Stille wurde ein Laut hörbar. Gebhard setzte +sich auf, lauschte und vernahm ein leises Winseln vor der Türe. Sicher +hatte das wachsame Tier seines kleinen Herrn Schluchzen vernommen und +war beunruhigt. Oder hatte es selbst Heimweh? Noch einmal derselbe +ungewohnte Laut. Es klang so traurig! Da mußte Gebhard trösten. Er +tastete sich in der Finsternis an die Türe und hatte kaum einen Spalt +geöffnet, so zwängte sich der Hund herein und drängte sich mit freudigem +Bellen an seinen Herrn. + +"Still, still!" mahnte Gebhard und das gut gezogene Tier verstummte +sofort, aber es wedelte und bezeugte seine größte Freude. "Ja, ja, du +darfst hier bleiben," flüsterte Gebhard, "du hast Heimweh; komm her!" Er +holte leise die Matte herein und legte sie neben sein Bett. "So, dann +sind wir beisammen, ganz nahe. Leg dich!" + +Vom Bett aus konnte Gebhard seinen Leo streicheln. Nun wich das Gefühl +der Einsamkeit, vorbei war's mit den nächtlichen Tränen. Schon nach +wenigen Minuten hatten die beiden guten Kameraden den Schlaf gefunden. + +In der Frühe des nächsten Morgen, noch ehe es heller Tag war, schreckte +Helene auf durch ein Klingeln an der Haustüre. Wer kam so frühe? Sicher +ihr Mann oder doch eine Nachricht von ihm! Im Nu warf sie einen +Morgenrock um, eilte hinaus an die Treppentüre, denn sie selbst wollte +ihm öffnen, ihn hereinführen in ihr Zimmer, ihn lieb haben. +Ach--beschämt stand sie vor dem Milchmann und vor dem Küchenmädchen, die +beide mit erstaunten Augen auf die junge Frau schauten; ohne ein Wort +kehrte sie in ihr Schlafzimmer zurück. + +Das war die erste Enttäuschung und es folgten jede Stunde neue, denn der +sehnlich Erwartete kam nicht, und keine Post brachte Nachricht von ihm. + +Bruder und Schwägerin ließen sich's einen ganzen Tag gefallen, im +Unklaren zu bleiben über das Schicksal, das die Familie Stegemann +getrennt hatte; sahen sie doch, wie verstört Mutter und Sohn waren und +daß sie sich nicht entschließen konnten, von dem Erlebten zu sprechen. +Die Schwägerin war eine gutmütige Frau, hatte Helene lieb und wollte, +daß die Vertriebenen sich wohl fühlten in ihrem Haus. Es war ja auch +alles in Hülle und Fülle da und keine Kriegsnot zu verspüren; denn in +der Kurz'schen Fabrik, die in Friedenszeit allerlei feine Stahlwaren +herstellte, wurden nun Granaten gemacht; der Betrieb war Tag und Nacht +im Gang und es ging mehr Geld ein als je in früheren Zeiten. Viele +beneideten die Familie Kurz und wollten ihr den wachsenden Reichtum +mißgönnen. So kam es dem Fabrikherrn und seiner Frau ganz erwünscht, daß +die Vertriebenen bei ihnen Zuflucht suchten. Jedermann konnte nun sehen, +daß von diesem Reichtum guter Gebrauch gemacht wurde. Aber unbequem +waren die Fragen der Bekannten nach den Schicksalen der jungen Familie, +nach dem Verbleib des Försters Stegemann. Was sollte man antworten, wenn +man selbst nichts wußte? + +Herr Kurz sprach mit seiner Frau. "So kann das nicht weiter gehen; +Helene weicht allen Fragen aus und sieht gleich so unglücklich aus, daß +ich nicht in sie dringen mag; und der Bub hat etwas trotzig +Zurückhaltendes, das einem die Lust nimmt, ihn zu fragen. Helene schrieb +immer so beglückt über ihn, rühmte sein offenes, zutunliches Wesen. Ich +finde nichts davon und wollte, er wäre samt dem Hund anderswo +untergebracht. Aber nun, da er bei uns wie ein Kind vom Haus aufgenommen +ist, kann man wenigstens von ihm Antwort auf berechtigte Fragen +erwarten. Nimm du ihn einmal vor. Er soll sagen, wo sein Vater ist. Ich +will das wissen." + +"Du hast ganz recht, habe nur Geduld, ich will es schon herausbringen," +sagte Frau Kurz beschwichtigend. An diesem Tag, während ihr Mann in der +Fabrik war, und Helene auf Zureden der Schwägerin sich auf ihr Ruhebett +gelegt hatte, ergab sich's, daß Tante und Neffe allein beisammen waren +und sie benützte die Gelegenheit, brachte die Sprache auf das Forsthaus, +fragte, ob dieses nun ganz leer stehe, ob wohl Gebhards Bücher und +Spiele alle mitgekommen seien oder sie ihm neue kaufen solle. Da wurde +Gebhard vertraulich und mitteilsam; schilderte, wie hastig Hab und Gut +aufgepackt worden seien und daß das meiste zurückgeblieben sei. + +"Was dir oder der Mutter fehlt, werde ich euch alles neu kaufen," sagte +die Tante gütig, und der kleine, wohlerzogene Mann küßte ihr dankbar die +Hand. Nun fragte die Tante weiter: "Hat dein Vater seine eigenen Sachen +selbst aufgepackt, und hat er euch begleitet bei der Abfahrt?" + +"Nein," sagte Gebhard und wandte sich schon von der Tante ab, der Türe +zu. Sie merkte, er wollte weiteren Fragen ausweichen. Aber so hatte sie +es nicht gemeint. Sie griff nach seiner Hand. "Nun bleibe noch da, +Gebhard, und erzähle mir ganz genau, wann dein Vater fortgegangen ist, +warum und wohin. Das müssen wir wissen, dein Onkel und ich." + +Da Gebhard schwieg, fuhr sie fort: "Die Mutter ist doch so traurig, das +siehst du ja und wenn sie über den Vater spricht, regt es sie auf, darum +will ich sie nicht fragen. Willst du ihr das abnehmen und ihr zulieb mir +alles sagen?" + +"Nein, ich kann nicht!" rief Gebhard gequält und wollte entweichen. Aber +die Tante hielt ihn fest. + +"Weißt du, daß du recht unartig bist? Nun haben wir die Mutter mit der +Kleinen und dich und sogar deinen Hund mitten in der Nacht bei uns +aufgenommen und sorgen für euch, weil ihr gar keine Heimat habt und du +willst mir nicht einmal anvertrauen, wo der Vater ist? So undankbar +willst du sein?" + +"Nein, ich will nicht undankbar sein, aber ich kann's nicht sagen," rief +der Knabe entschieden und suchte sich loszumachen. Frau Kurz verlor die +Geduld, packte ihn fest und rief: "Gebhard, du mußt!" + +Da riß er sich mit Gewalt los, rief in heller Verzweiflung: "Ich will +die Mutter fragen, ob ich muß," und stürzte aus dem Zimmer, hinüber in +das der Mutter. Die schrak aus ihrer Mittagsruhe auf, als Gebhard +ungestüm auf sie zukam und laut schluchzend rief: "Mutter, muß ich den +Vater verraten? Muß ich?" Erschreckt zog Helene das ganz erschütterte +Kind an sich und wollte ihm tröstend zusprechen, aber durch die +offengebliebene Türe war die Tante dem Flüchtling gefolgt und hatte +Gebhards Ausruf gehört. "Du hast ihn ja schon verraten," sagte sie, "geh +jetzt hinaus, ich weiß genug. Geh in dein Zimmer, du machst ja dein +Mütterchen noch krank mit deinem Ungestüm!" + +Beschämt und traurig zog Gebhard sich zurück. In seinem Zimmer saß er +still, wußte nicht, wie es gekommen war, daß die Tante sagen konnte, er +habe den Vater verraten und er mache die Mutter krank, mochte sich +selbst nicht mehr leiden und wußte sich keinen Rat. + +Inzwischen hatte Frau Kurz sich neben die junge Schwägerin gesetzt, +tröstete sie freundlich und brachte allmählich durch teilnehmende +Fragen und dringendes Zureden alles heraus, was sie wissen und ihrem +Mann berichten wollte. + +Dieser empfand wohl volle Teilnahme für seine Schwester, aber er dachte +auch an sich selbst, an die Familienehre und an das Geschäft. Es war +eine böse Sache. Er fürchtete, die militärischen Aufträge könnten ihm +entzogen werden, wenn des Schwagers Verrat ruchbar würde. Aufgeregt ging +er in seinem Zimmer auf und ab, während er seiner Frau diese Gefahr +auseinander setzte. "Nie hätte ich gedacht, daß durch Stegemann Unehre +in die Familie käme. Wie sah Helene an ihm hinauf, wie stolz sprach sie +von seinen und seiner Mutter edlen Grundsätzen! Wie wenn die Familie +Stegemann viel höher stünde als unsere eigene! Nun, wenn wir auch +nüchterne Leute sind und unsern Geschäftsvorteil wahren, einen +Vaterlandsverräter haben wir doch nie in unserer Familie gehabt!" + +"Sprich nur nicht laut davon," mahnte seine Frau, "das bleibt ganz +verschwiegen. Ich glaube nicht, daß ihn die Russen frei gegeben haben +und wenn ja, dann kann er nicht wagen, sich in Deutschland blicken zu +lassen, nach dem was er getan. Mach dir keine Sorgen. Wer sollte das +verraten? Helene nicht und der Bub auch nicht, auf den kannst du dich +verlassen!" + +So beruhigte sie ihren Mann. Und es kam so, wie sie gesagt, niemand +erfuhr mehr von dem Vermißten als was sie selbst von ihm aussagten: er +sei im Krieg und man warte vergeblich auf Nachrichten. + + + + +Viertes Kapitel. + + +Die Tage, die Wochen vergingen--vom Förster Stegemann drang keine Kunde +zu seiner Frau. Sie lebte still und eingezogen. Vom Krieg wollte sie +nichts hören, nichts lesen und wenn jemand sie darauf hinwies, daß gar +viele Frauen ihre Männer, ihre Söhne vermissen mußten, so war ihr das +kein Trost. Andere Frauen durften stolz sein auf das, was ihre Männer +taten fürs Vaterland--sie mußte sich schämen; die andern waren +unschuldig--sie hatte eine Schuld auf dem Gewissen. Wenn Gebhard sie +traurig ansah, mußte sie an sein Wort denken: Hättest du die Türe nicht +aufgemacht! + +Gebhard ging in die Schule, aber er stand einsam unter den Mitschülern, +fremd dem Lehrer gegenüber. Der sprach von Krieg und Sieg, von +Vaterlandsliebe und Heldentod--das konnte Gebhard nur mit bitterer Scham +anhören; und wenn die Kameraden von ihren Angehörigen im Feld erzählten, +dann hatte er Angst vor ihren Fragen, ging ihnen aus dem Weg, spielte +lieber daheim mit Leo, seinem treuen, schweigsamen Freund aus der alten +Heimat. + +Eines Abends, als er still und später als sonst an seinen Schulaufgaben +in dem Zimmer neben dem Eßzimmer saß und ihn wohl niemand dort +vermutete, hörte er Onkel und Tante sprechen, was nicht für ihn bestimmt +war. Der Onkel sagte: "Das Beste wäre, Stegemann bliebe verschollen, er +würde doch nur Schande bringen in unsere Familie." + +"Ja," sagte die Tante, "aber ich denke, er ist längst tot, wenn man es +nur bestimmt erfahren könnte." + +Da tat dem kleinen Burschen nebenan das Herz so weh, wie noch nie und er +fühlte, wie lieb er seinen Vater hatte, trotz allem was geschehen war, +und daß er ganz zu ihm gehörte. Und ein Zorn kochte in ihm auf gegen die +Menschen, die den Vater gern gestorben wüßten. Aber er durfte ja nichts +sagen, denn gar oft schon hatte die Mutter ihm vorgehalten, wie dankbar +sie gegen Onkel und Tante sein müßten. + +In diesem Augenblick kam die Mutter zu ihm herein, hatte ihr Töchterchen +im weißen Nachtgewand im Arm und zeigte sie Gebhard: "Sieh, wie die +Kleine nett aussieht, sie soll noch der Tante gute Nacht sagen, komm +mit." + +Ungern folgte Gebhard. Im Eßzimmer wurde der kleine Liebling bewundert. +Der Onkel, der für gewöhnlich um diese Zeit nicht da war und das Kind +selten sah, freute sich an dem netten Anblick, wollte auch der Mutter +eine Freude machen und sagte schmeichelnd zu der Kleinen: "Willst du +denn auch einmal zu mir kommen, mein schönes Jüngferlein?" + +"Nein, sie soll nicht!" rief plötzlich mit rotem Kopf in aufbrausendem +Zorn Gebhard. Erschrocken wandten sich alle nach ihm um, aber er achtete +nicht auf die vorwurfsvollen Blicke. "Es ist nicht dein Jüngferlein," +rief er, "es ist dem Vater sein Jüngferlein, und mir gehört sie auch +mit. Gib sie mir, Mutter, mir, nicht dem Onkel!" Er drängte sich an die +Mutter, die ganz blaß geworden war. "Was fällt dir ein, Gebhard!" und +sie wandte sich an den tief gekränkten Bruder: "Verzeih, ich weiß gar +nicht, was dem Kind in den Sinn kommt!" + +Die Schwägerin sah, wie ihrem Mann der Zorn aufstieg. Sie wandte sich an +Helene: "Wenn du irgend etwas von Erziehung verstehst, so mußt du das +Töchterchen dem Onkel geben und mußt den unartigen Jungen zur Türe +hinausstecken!" + +"Ja freilich, du hast ganz recht," sagte Helene. Sie sah ein, daß sie +einen solchen Ton nicht dulden durfte, aber sie fühlte durch, und sah es +Gebhard an, daß er tief erregt war, und er tat ihr so leid. Sie konnte +ihn nicht verstehen. Es war doch gar nichts vorgefallen, was ihn so +aufbringen und seine Rede entschuldigen konnte. So zog sie das Kindchen +zurück, nach dem er noch immer begehrte, reichte es dem Onkel hin, und +sagte unsicher: "Ich muß dich aus dem Zimmer weisen, Gebhard!" Er sah +sie einen Augenblick erstaunt an, weil er so etwas noch nie von ihr +erfahren hatte, dann folgte er ohne Widerspruch. Unter der Türe blickte +er noch einmal zurück und sah die Mutter mit Onkel und Tante beisammen +stehen, das Schwesterchen auf des Onkels Arm. Da war's ihm, als gehörten +diese vier zusammen, er aber gehörte nicht zu ihnen, sondern zu dem +armen, armen Vater, der so weit fort war und den er doch über alles in +der Welt liebte. + +So wuchs allmählich eine Scheidewand zwischen ihm und der Mutter auf. Es +fehlte der Vater, der die beiden so innig verbunden hatte. + +Aber es kam Hilfe von anderer Seite. Frau Dr. Stegemann, Gebhards +Großmutter, kannte Helene nur wenig, aber sie hatte sie vor Jahr und Tag +herzlich als Schwiegertochter willkommen geheißen, manchen Brief mit ihr +gewechselt und sich innig gefreut über das Glück, das sie ihrem Sohn und +Enkel von Herzen gönnte. Sie konnte sich vorstellen, wie schwer die +junge Frau unter der Trennung von dem Gatten leiden mußte. Aber sie +begriff nicht, warum die Schwiegertochter ihr jetzt nur selten und kurz +schrieb, ihr, der Mutter, die doch am besten mit ihr fühlen konnte und +die längst gebeten hatte, ihr die genaueren Umstände über die +Verschleppung ihres Sohnes zu berichten. Die Schwiegertochter +entschuldigte sich damit, daß es sie zu sehr angreife, von diesem +schrecklichsten Tag ihres Lebens zu erzählen; aber Frau Dr. Stegemann +gab sich nicht länger mit diesem Bescheid zufrieden. Als es Winter wurde +und immer dieselben dürftigen, traurigen Briefe kamen, schrieb sie der +Schwiegertochter, wofern sie und die Kinder gesund seien, möge sie mit +ihnen in Gebhards Weihnachtsferien zu ihr kommen. Es klang mehr wie ein +Verlangen als wie eine Bitte oder Einladung. + +Helene zeigte den Brief ihren Geschwistern. + +"Du hättest deiner Schwiegermutter längst den ganzen Sachverhalt +mitteilen sollen," meinte der Bruder, "sie als Mutter kann erwarten, daß +ihr nichts vom Schicksal ihres Sohnes verschwiegen wird." + +"Aber es kann ihr doch nur schrecklich sein! Sie hat uns bei Beginn des +Krieges voll glühender Vaterlandsliebe geschrieben. Und dann--ich traue +mich nicht, ihr zu sagen, wie das alles gekommen ist, sie wird mich +verachten, denn sie ist so eine tapfere, strenge Frau!" + +Die Schwägerin fiel ihr ins Wort: "Immer quälst du dich wieder so +unnötig mit Vorwürfen. Jede Frau hätte so wie du für ihr und ihrer +Kinder Leben gebeten!" + +"_Sie_ nicht!" sagte Helene bestimmt. Der Bruder wurde ärgerlich. Er war +immer ein wenig eifersüchtig gewesen und hatte nie recht vertragen +können, daß seine geliebte Schwester eine so hohe Meinung von der +Familie Stegemann hatte. + +"Du bist nicht schuld," sagte er; "ein Mann muß selbst wissen, was er zu +tun hat; es wäre ohne deine Einrede wohl alles ebenso gegangen!" + +Aber jetzt ereiferte sich Helene. "Nein, nie, ganz gewiß nicht. Ich +begreife mich selbst nicht mehr, warum ich nicht lieber mit meinem Kind +sterben wollte: der Tod ist nicht das schlimmste!" + +Sie brach in Tränen aus. Der Bruder suchte sie zu beruhigen. "Du +brauchst deiner Schwiegermutter nicht zu erzählen, was _du_ bei der +Sache gesprochen hast. Darüber schweigst du einfach!" + +"Ach, das kann ich nicht, wenn sie mich mit ihren klaren Augen ansieht, +so muß ich die ganze Wahrheit sagen. Sie würde es doch gleich merken, +daß mir noch etwas auf der Seele liegt." + +"Ei, so bleibe hier!" riet die Schwägerin. "Schicke ihr Gebhard allein, +sage, du könnest mit der Kleinen im Winter nicht reisen und ohne das +Kind nicht fort. Zwar wäre sie ja bei mir und dem Mädchen wohl versorgt, +aber es ist doch eine gute Ausrede; versprich deinen Besuch fürs +Frühjahr, dann wollen wir weiter sehen." + +"Ja, das wird das Beste sein," sagte der Bruder, "sie kann die +Winterreise und dazu solch eine Aufregung nicht von dir verlangen und +Gebhard wird sehr gern zu seiner Großmutter gehen mit seinem Hund, +na--er kann auch ganz dort bleiben, wenn sie es wünscht." + +"Er wird sich nicht gern von mir trennen wollen!" + +"Das bildest du dir ein, so ist er nicht." + +"Meinst du?" Nachdenklich fügte sie hinzu: "Ja, es kann sein, daß er +mich nicht vermißt. Es ist alles nicht mehr so, wie es war. Aber dann +werden wir uns ganz fremd!" + +"Du mußt dich an dein Töchterchen halten, das wird alle Tage netter und +gehört dir ganz und gar." + +Aber die junge Mutter konnte sich nicht gleich mit dem Gedanken trösten, +daß ihr der kleine Liebling blieb. Es tat ihr weh, zu denken, Gebhard +werde sie nicht vermissen. Sie war doch so stolz gewesen auf des Knaben +Liebe und seine rührende Verehrung. + +"Ich will selbst Gebhard die Einladung der Großmutter ausrichten," sagte +der Bruder, die Beratung abschließend. "Ruhe du dich ein wenig aus und +dann schreibe deiner Schwiegermutter. Gebhard ist ja bei ihr gut +versorgt und für dich wird es so am besten sein, meinst du nicht?" + +"Ich weiß nicht," sagte Helene, "aber ich will es so machen, wie ihr +meint, ich danke euch, ihr seid so nachsichtig gegen mich." + +Sie ging in ihr Zimmer und tat, wie man ihr geraten, legte sich auf ihr +Ruhebett. Ach, sie meinten es so gut mit ihr, aber sie hatten ja gar +keine Ahnung, wie traurig sie war, wie heiß ihre Sehnsucht nach dem +verlorenen Glück. + +Herr Kurz hatte es gut verstanden, Gebhard die Reise zur Großmutter +verlockend darzustellen. Davon, daß er vermutlich dauernd bei ihr +bleiben sollte, hatte er nichts erwähnt, das hatte noch Zeit. So behielt +der Onkel recht. Gebhard war nur vergnügt über die Einladung für die +Weihnachtsferien, dachte gar nicht an die Trennung von der Mutter. Es +war ja natürlich, daß das Kind sich freute zur Großmutter zu kommen, die +in den Jahren der Einsamkeit im Forsthaus treulich jeden Sommer gekommen +war und ihm längst nahe stand, ehe Helene zur Familie gehörte. + +Heute ging die Mutter mit ihm hinauf in sein Zimmer, um mit ihm +einzupacken. Frohgemut reichte er ihr zu, was sie verlangte, aufmerksam +verfolgte Leo dieses ungewohnte Treiben. "Jetzt deine Schulbücher, +Gebhard?" + +"Soll ich die mitnehmen?" Verwundert sah er die Mutter an und bedenklich +klang seine Frage: "Muß ich denn lernen in den Weihnachtsferien?" + +"In den Ferien nicht, aber nachher, wenn die Schule wieder anfängt, mußt +du doch deine Bücher haben." + +"Nach den Ferien komme ich doch wieder hieher?" + +"So war's nicht gemeint, Gebhard. Die Großmutter wird dich gerne +behalten. Hat dir davon der Onkel nichts gesagt?" + +"Nein." Er wurde sehr nachdenklich. Die Mutter stand vor dem Koffer, +hatte die Hand ausgestreckt nach den Schulbüchern, die nicht kamen. Sie +sah, wie Gebhards Gesicht trübselig wurde. Jetzt schmiegte er sich an +sie. "Mutter, kannst du nicht mitkommen zu der Großmutter? Hat sie bloß +mich ganz allein eingeladen?" + +"Nein, aber das Schwesterchen ist noch zu klein für solch eine +Winterreise und sie braucht mich doch!" + +"Ja, aber Mutter, du hast viel früher einmal zu mir gesagt, wir blieben +jetzt immer beisammen, der Vater und du und ich; das war so schön. Und +jetzt ist der Vater fort und dann habe ich auch keine Mutter mehr!" + +"O doch, Gebhard, ich bleibe ganz gewiß deine treue Mutter!" Aber +Gebhard entgegnete trotzig: "So eine Mutter, die nicht bei mir ist, +hilft mir gar nichts. So eine habe ich immer schon gehabt, im Himmel, +aber ich möchte eine, die bei mir bleibt." + +"Später, Gebhard, kommen wir gewiß wieder zusammen, aber jetzt hast du +einstweilen die Großmutter. Bei ihr warst du doch früher so gern; und +hier--warst du denn gerne hier im Haus, bei Onkel und Tante?" + +"Nein, gar nicht gern, weil sie den Vater nicht mögen. Neulich haben sie +so etwas Schreckliches über den Vater gesagt, das darfst du gar nicht +hören, Mutter. Darum mag ich sie gar nicht mehr!" Tränen des Zorns +kamen dem Kind bei der Erinnerung. + +"Wann war denn das?" + +"An dem Abend, wo der Onkel das Jüngferlein wollte!" + +"Ach, damals? Gebhard, sieh, du wirst glücklicher sein bei der +Großmutter. Sie hat den Vater so lieb und sie nimmt dich mit deinem Leo +so gerne zu sich!" + +"So? hat sie das geschrieben?" Langsam machte er sich von der Mutter +los. "Da sind meine Schulbücher." + +Still vollendeten sie das Geschäft des Einpackens; aber beunruhigt lief +der Hund hin und her, er merkte, daß Ungewohntes vor sich ging. + +"Du darfst mit mir gehen, Leo, sei nur zufrieden, wir zwei trennen uns +nicht!" Bei diesen Worten nahm Gebhard den schmalen Kopf des Hundes +zwischen seine Hände. Ein leises Bellen bezeugte das Einverständnis des +klugen Tiers; es legte sich nun still neben den Koffer, bereit Hab und +Gut seines kleinen Herrn zu bewachen. + +Sie waren fertig, das Zimmer sah öde aus. + +"Komm nun, Gebhard," sagte die Mutter und es war ihr wehmütig ums Herz +in dem leeren Zimmer, "komm, wir wollen nach dem Schwesterlein sehen." + +Er griff nach ihrer Hand, sah zu ihr auf und merkte, daß sie traurig +war. "Mutter," begann er, "jetzt denkst du an den Vater, das sehe ich +dir immer an. Aber du hast noch dein Jüngferlein, das ist dir doch das +allerliebste und das bleibt bei dir." + +Sie drückte fest seine Hand. Nein, sie hatte jetzt eben nicht an ihren +Mann gedacht, sondern an den kleinen Mann, der da so liebevoll an ihrer +Hand ging und sie noch tröstete, obwohl sie ihn von sich schickte. + +Schon vor der Zimmertüre hörten sie die Tante, die ihren Spaß hatte mit +der Kleinen. Die lachte laut und übermütig vor Vergnügen. Das lustige +Töchterlein--der traurige Bub--es gab der Mutter zu denken. + +Am frühen Morgen des folgenden Tags trat Helene in Gebhards +Schlafzimmer. Er erwachte bei ihrem Eintritt. Frisch und tatkräftig +stand die Mutter vor ihm, wie schon lange nicht mehr. "Gebhard, steh +auf, es ist Zeit, daß wir reisen, wir zwei miteinander!" Und als er sie +mit großen, fragenden Augen ansah, lachte sie hell, setzte sich zu ihm +auf den Bettrand und sagte: "Ich habe mir heute Nacht gedacht: das +Jüngferlein ist schnöde, es macht sich gar nichts daraus, wenn ich +fortgehe, es jauchzt bei der Tante wie bei mir. Aber mein Bub, der +möchte mich gern bei sich haben; so will ich wenigstens für eine Woche +mit ihm gehen!" Da wurde die junge Frau stürmisch umarmt und geküßt und +mußte an ihren Mann denken. + +Eine Stunde später waren sie auf der Reise. + + + + +Fünftes Kapitel. + + +Unsere zwei Reisenden waren diesmal allein im Abteil: Leo hatte sich +nicht eingedrängt; ganz verständig hatte er sich darein gefunden, in dem +für seinesgleichen bestimmten Raum Platz zu nehmen. Gebhard stand eine +ganze Weile am Fenster und sah in die Winterlandschaft hinaus; ihm war +so wunderlich glücklich zu Mute, wie wenn ihm erst jetzt die Mutter +wieder gehörte. Er hätte nur gern gewußt, wie es ihr ums Herz war! Schon +einmal hatte er sich nach ihr umgewandt, sie sinnend angeschaut, aber +nicht die Worte finden können zu einer Frage. Nun sah er sie wieder an. + +"Willst du etwas?" fragte sie. + +"Nein.--Ja doch. Ich möchte nur wissen, ob es dich nicht friert?" + +"Nein; warum meinst du? Kommt es dir kalt vor?" + +"Mir gar nicht. Der Onkel meinte nur, du könntest dich erkälten; aber +gelt, es ist behaglich warm? Heute gefällt mir das Fahren so gut, dir +auch, Mutter?" + +Sie lächelte ihn freundlich an und schob die Reisetasche beiseite, die +neben ihr lag. "Setze dich zu mir her, Gebhard." + +Dieser folgte schnell der Aufforderung und sie rückten nahe zusammen. + +"Gelt, das Jüngferlein ist ganz vergnügt bei der Tante?" sagte er. + +"Ja freilich, das vermißt uns nicht." + +"Das gefällt mir eben so besonders gut, daß ich dich einmal ganz für +mich allein habe," erklärte er, "da können wir auch vom Vater sprechen, +wenn wir wollen. Aber die Tante hat gesagt, ich soll dich nicht +aufregen; also reden wir lieber von etwas anderem. Sie hat mir auch +Eßvorrat mitgegeben in meine Büchse; wollen wir das einmal ansehen?" + +"Ja, sagte die Mutter, schauen wir nach den guten Sachen, das wird mich +ganz gewiß nicht aufregen." Sie lachte ihn freundlich an. + +"Du siehst heute so aus, Mutter, wie früher, so nett." Aber das hätte er +nicht sagen sollen; denn auf einmal kamen ein paar Tränen in ihre hellen +Augen. Da packte er schnell die Büchse aus; und weil ihm dabei ein Apfel +auf den Boden kollerte und während er sich darnach bückte eine ganze +Anzahl Nüsse folgten, mußte sie lachen und er lachte mit und sie waren +zum erstenmal fröhlich miteinander ohne den Vater. + +Gegen das Ende der Reise, während Gebhard sich schon ungeduldig auf das +Wiedersehen mit der Großmutter freute, wurde der jungen Frau das Herz +wieder schwer. Sie hatte sich wohl auf ihres Bruders Zureden +vorgenommen, nichts davon zu erzählen, daß sie ihren Mann überredet +hatte, mit den Russen zu gehen, und so durfte sie ja sicher sein, bei +ihrer Schwiegermutter nur Teilnahme zu finden und keinen Vorwurf zu +hören. Aber eben dieses Verschweigen und vorsichtige Ausweichen lag +nicht in ihrer Natur und deshalb bangte ihr vor dem Zusammentreffen mit +der Mutter. + +Helene wußte, daß sie nicht erwartet wurde; nur Gebhard mit seinem +treuen Gefährten Leo war angekündigt. Als die Reisenden in die +Bahnhofhalle einfuhren, fiel ihnen die Leere des Bahnsteigs auf. Er war +für die Menge gesperrt, da in Kürze ein Lazarettzug mit einer großen +Anzahl Verwundeter ankommen sollte. Eine ganze Reihe Sanitäter mit +Tragbahren erwartete den nächsten Zug; aber mitten unter ihnen stand +eine einzelne große Frau in langem Mantel mit warmem Pelzzeug; unter +ihrem schwarzen Samthut sahen schlichte graue Haare hervor und +forschende Augen blickten dem einfahrenden Zug entgegen. Dies war Frau +Dr. Stegemann, die sich bei dem Kommandanten den Zutritt erbeten hatte, +um ihren allein reisenden Enkelsohn abzuholen. + +Gebhard erkannte die Großmutter sofort und eilte auf sie zu. + +"Mein lieber, großer Bub!" rief sie, "ich bin froh, daß du zu mir +gekommen bist. Und dein schöner Leo ist auch da! Nun komm nur gleich, +wir müssen möglichst schnell den Bahnsteig verlassen." + +"Aber die Mutter ist auch hier, ich bin nur vorausgesprungen!" + +"Die Mutter? Kommt sie doch mit?" + +Ja, sie kam eben zu den beiden und sah deutlich, daß bei dem +unerwarteten Wiedersehen das ernste Gesicht der Großmutter freudig +aufleuchtete. + +"So kommst du doch," sagte sie und streckte der jungen Frau die Hand +entgegen, "dann ist ja alles schön und gut; wir gehören doch zusammen in +dieser Zeit!" + +Das empfand auch Helene in diesem Augenblick. Wie wenn sie ihrem Manne +näher wäre, so war ihr zumute. Sie hatte gar nicht mehr gewußt, daß +Mutter und Sohn ganz die gleichen, klaren, seelenvollen Augen und +dieselbe tiefe Stimme hatten. Sie gingen miteinander hinaus auf den +Bahnhofplatz. Dort war die Haltestelle der Elektrischen; das Mitnehmen +von Hunden war aber nicht gestattet. + +"Kann Leo nachspringen?" fragte die Großmutter. + +"Er kann wohl," sagte Gebhard, "aber der Vater läßt ihn nie gern neben +dem Wagen springen." + +"Dann gehst du mit ihm zu Fuß; erinnerst du dich des Weges? Du hast ihn +vor zwei Jahren gemacht." + +"Nicht so recht," meinte Gebhard bedenklich. + +"Wir sollten vielleicht eine Droschke nehmen und den Hund zu uns +hereinlassen," schlug Helene vor. + +"Bewahre. Ein großer Bub mit solch gutem Hund _sucht_ sich eben seinen +Weg. Merke auf, Gebhard. Du folgst den Schienen der Elektrischen immer +zu bis an den Marktplatz. Dann fragst du. Weißt du Straße und Nummer?" + +"Jawohl, Johannessteg 5." + +Die beiden Frauen stiegen ein und Gebhard ging mit seinem treuen +Begleiter zu Fuß. Helene wunderte sich über die Großmutter, die dem +geliebten Enkel gleich Zumutungen machte. Ja, das war wieder die +Strenge, die sie in Erinnerung hatte; nicht der gutmütige, weichherzige +Ton, den sie von den Ihrigen daheim gewohnt war. Nun wußte sie wieder, +warum ihr bange gewesen, und es überkam sie eine beklemmende Angst vor +der Unterredung, die nicht ausbleiben konnte. + +Frau Dr. Stegemann bewohnte den obersten Stock eines Hauses in der +Altstadt. Die schönen, bequemen Einrichtungen der Neuzeit fehlten dieser +Wohnung, hingegen war sie geräumig, hatte viele Zimmer, Kammern und +Gänge. Aus den altmodisch kleinen Fenstern blickte man hinweg über die +Dächer der gegenüberliegenden Häuser, über Gassen und Straßen hinaus ins +Weite, wo Gärten und Felder die Stadt begrenzten. Der letzte +Sonnenstrahl fand noch seinen Weg in die hochgelegene Wohnung. + +Außer einem Dienstmädchen hatte Frau Dr. Stegemann noch zwei junge +Hausgenossinnen, zwei Enkeltöchter, die hier in der größeren Stadt eine +Töchterschule besuchten. Von ihnen erzählte sie Helene, nachdem sie die +Elektrische verlassen und dem Haus zugingen, denn beide mochten nicht +auf der Straße von dem sprechen, was ihre Herzen am meisten bewegte. +Während sie im Haus angekommen Stockwerk um Stockwerk hinaufstiegen, +wunderte sich Helene über die Sechzigerin, die nichts von der +Anstrengung zu merken schien. + +"Mutter, wie du steigen kannst!" + +"Das macht die Gewohnheit." + +"Aber ist dir's nicht lästig? Du dürftest dir's wohl auch leichter +machen." + +"Warum? Ich bleibe gern in der Übung. Solange ich gesund bin, schadet +mir das Steigen nichts. Es wäre nichts als Bequemlichkeit, wenn ich es +nicht mehr tun wollte." + +Rüstig stieg sie voraus. + +Oben angekommen wurden sie vom Dienstmädchen empfangen mit der +Nachricht, daß ein fremdes Fräulein schon lange auf sie warte und sie +sprechen möchte. Gleichzeitig kamen eilig und lebhaft die beiden +Schwestern, Grete und Else, große Mädchen mit blonden Zöpfen und +frischen, fröhlichen Gesichtern. Sie waren überrascht, statt des +erwarteten kleinen Vetters ihre Tante Helene zu sehen, die sie nur nach +dem Bild kannten. "Macht es der Tante behaglich, Kinder," sagte die +Großmutter zu ihnen, "und du, Helene, laß dich nicht abschrecken, wenn +es bei mir unruhig zugeht; das ist eben so in diesem Kriegsjahr. Es gibt +so viele Mädchen, die im Ausland waren und jetzt stellenlos sind, die +wenden sich an uns 'Freundinnen der jungen Mädchen'. Um so etwas wird es +sich auch jetzt handeln." + +Sie verließ das Zimmer. Helene war verwundert. Sie hatte sich das Leben +der Großmutter still und abgeschlossen gedacht, merkte jetzt, daß diese +noch mitten im Leben und Wirken stand und sah bald, daß auch die beiden +Enkelinnen an allerlei Kriegshilfe teilnahmen und vom Geist der +Großmutter beseelt waren. + +Sie wandten sich jetzt lebhaft an die junge Tante, deren liebliche +Erscheinung ihnen gar sehr gefiel, halfen ihr ablegen, plauderten +zutraulich und kamen bald auf das zu sprechen, was sie erfüllte. "Dürfen +wir dir unsere Vorratskammer zeigen? Wir haben einen ganzen Stoß +Kinderwäsche genäht für die vertriebenen Ostpreußen und haben Handschuhe +und Socken für die Soldaten gestrickt, magst du es ansehen?" Gerne +folgte Helene den eifrigen Mädchen in ihre Stube und ließ sich an das +altmodische Pfeilerschränkchen führen, in dem allerlei Arbeiten +aufgestapelt waren. Mitten in dieser Betrachtung kam, von seinem Hund +begleitet, Gebhard an. Er hatte sich nicht gern von seiner Mutter +getrennt; denn er wußte, sie war nur ihm zuliebe hieher gekommen, auch +hatte er so ein unbestimmtes Gefühl, daß ihr bangte vor dem Zusammensein +mit der Großmutter. So war er im Galopp mit seinem Hund der Elektrischen +gefolgt, hatte schnell den Weg zum Haus gesucht und trat nun angeregt +vom raschen Lauf, mit frischen, roten Backen ins Zimmer. + +Grete und Else waren gleich für diesen kleinen Vetter eingenommen und +auch der Hund war ihnen anziehend. Sie hatten noch nie einen solchen als +Hausgenossen gehabt, wollten mit ihm Bekanntschaft schließen, wichen ihm +aber doch aus, als er sie beschnüffelte. + +Es dauerte aber nicht lang, so streckte sich Leo behaglich mitten unter +der Gesellschaft aus. + +"Jetzt ist er schon heimisch," sagte Gebhard befriedigt, "er merkt, daß +wir nicht bei Fremden sind; in einem fremden Haus legt er sich nie von +selbst nieder." Das gefiel den Bäschen und freute Gebhard. Wo er gern +war und wo es Leo behagte, mußte sich doch auch sein Mütterlein heimisch +fühlen. + +Nach kurzer Zeit kam auch die Großmutter wieder. Sie hatte dem jungen +Mädchen Bescheid gegeben, das in England Erzieherin gewesen war, in +reichem Haus, bei einem einzigen Knaben; jetzt war ihr eine Stelle +angeboten, in einfacher Familie bei vier Knaben. Den jüngsten sollte +sie selbst ausfahren, das paßte ihr nicht. + +"Ich habe ihr Mut gemacht," sagte Frau Dr. Stegemann, "im Krieg muß man +froh sein, wenn man irgendwo unterschlupfen darf, und übrigens möchte +ich jetzt lieber zehn Deutsche erziehen als einen Engländer. Und warum +nicht den kleinen Buben ausfahren? Wir müssen ja froh sein, wenn es +recht viele deutsche Buben gibt! Sie will es nun versuchen und mir am +Sonntag berichten wie es geht. Aber nun kommt zum Tee!" + +Sie führte die Schwiegertochter über den langen, dunkeln Gang. Helene +dachte unwillkürlich an die hell erleuchteten Räume in ihres Bruders +Haus. + +"Überall merkt man den Krieg," sagte Frau Stegemann. "Das Petroleum wird +bei euch auch knapp sein." + +"Ich weiß nicht, es war nicht die Rede davon." + +"Nicht? Es ist eine große Entbehrung für viele Leute. Manche Familien +können abends ihr Zimmer gar nicht beleuchten. Für solche ersparen wir +immer etwas von dem Petroleum, das auf uns kommt. Warum sollten wir auch +nicht ein wenig im Dunkeln tappen? Unsere Soldaten müssen sich auf ganz +anders schwierigen Wegen im Finstern zurecht finden." + +Gebhard horchte hoch auf bei diesen und ähnlichen Äußerungen der +Großmutter. Während des einfachen Abendessens erklärten ihm die +Schwestern, was kriegsmäßig sei und was nicht; was sich die Familie +zugunsten des Vaterlandes versagte und wie sie beflissen war, sich von +dem zu nähren, was reichlich vorhanden und in Gefahr war, zu verderben. +Da nun Else und Grete sahen, wie neu ihm das alles war und daß er +glühenden Eifer zeigte für alles Gemeinnützige, fragten sie, ob er +mittun würde, wenn sie nächsten Sonntag mit der Rotkreuzbüchse durch die +Straßen gingen, um Karten und Blumen zugunsten der Verwundeten +anzubieten. Er hatte das schon manchmal gesehen, aber nie daran gedacht, +daß man auch ihn irgendwie für solch vaterländische Tätigkeit brauchen +könnte. Stolz war er, glücklich über diese neuen Aussichten. +"Großmutter," rief Else, "das wird fein! Gebhard trägt die Büchse, wir +die Blumen und wir sagen zu allen, die uns begegnen: 'Hier, unser +Vetter, ist selbst ein Vertriebener, ein Flüchtling aus Ostpreußen!' Da +gibt uns jedermann doppelt so gern!" + +"Und den Hund nehmen wir auch mit," schlug Grete vor, "er sieht so +polizeimäßig aus, mit ihm können wir uns in alle Winkel der Stadt +wagen!" + +Die drei verwandten Kinder verbanden sich nach kurzer Bekanntschaft und +waren glücklich miteinander. Helene staunte, wie schnell Gebhard sich +heimisch fühlte. Am reichbesetzten Tisch ihrer Geschwister hatte sie ihn +nie so befriedigt gesehen, wie hier; das Wohlleben hatte ihm weniger +behagt, als die einfachen Verhältnisse, die er von Hause aus gewöhnt +war, und wie heimische Luft empfand er die vaterländische Gesinnung, die +auch im Forsthaus der herrschende Geist gewesen war. + + + + +Sechstes Kapitel. + + +Die Teestunde war vorüber, endlich mußte auch der Augenblick kommen, auf +den Helene sich gefürchtet hatte, die Aussprache über das, was im +stillen Herzen beide Frauen mehr beschäftigte als all die Dinge, über +die sie sich mit den Kindern unterhalten hatten. + +"Ich möchte jetzt ungestört ein Stündchen mit Tante Helene sein," sagte +Frau Dr. Stegemann zu den Schwestern. "Wer etwa kommt und nach mir +fragt, soll warten oder später wiederkommen. Gebhard kann bei euch +bleiben; komm, Helene, wir gehen in dein Zimmer." + +Aber Helene griff unwillkürlich nach Gebhards Hand und hielt sie fest. +Die Großmutter sah die fast ängstliche Bewegung der jungen Frau. + +"Du möchtest Gebhard mitnehmen?" fragte sie erstaunt. + +"O ja, bitte. Wir haben das alles miteinander erlebt." + +"So komm mit, Gebhard. Ich zeige dir gleich deine Schlafstätte." Vor der +Türe wartete der Hund, er schloß sich seinem kleinen Herrn an. Frau Dr. +Stegemann ging voran, führte ihre Gäste bis an das Ende eines langen +Ganges. "Hier ist das Gastzimmer, das wird für dich gerichtet, Helene; +wir wußten ja nicht, daß du kommst. Und hier gegenüber, ist deine +Kammer, Gebhard, sieh." + +Sie traten in eine große, helle Kammer. Ein schlichtes Feldbett stand +darin. "Wie für einen richtigen Soldaten," sagte die Großmutter, "nur +daß es ein Kopfkissen und ein Federbett hat. Das bekommen ja die +Soldaten nicht, aber du bist ja auch noch keiner, sondern willst erst +einer werden." + +"Schlafen sie ganz ohne Federbetten, die Soldaten?" fragte Gebhard +nachdenklich, "dann will ich's doch auch ohne versuchen." + +"Willst du? Das ist recht! Weißt du, Federn sind so etwas weiches, +warmes, je weniger ein Bub davon wissen will, um so besser." + +"Also weg damit!" rief der kleine Mann, "Großmutter, wohin?" + +Er packte das Federbett. Aber Helene legte die Hand darauf. "O, bitte, +Mutter," sagte sie, "es ist doch zu kalt für das Kind, er ist es nicht +gewöhnt." + +"So lassen wir das Bett hier. Du kannst es Nachts damit halten wie du +willst. Und sieh, da habe ich Platz gemacht für deine Kleider." Sie +schloß einen großen, altertümlichen Kleiderschrank auf. "Hier herein +kannst du deine Kleider hängen." + +"Ich will ihm helfen, sie einzuräumen," sagte Helene. Ihr war jeder +Vorwand erwünscht, die Aussprache weiter hinaus zu schieben. Während sie +nun an den geöffneten Schrank trat, erhob sich Leo, der sich schon neben +Gebhards Bett gelegt hatte, folgte ihr, wurde unruhig, schob seine Nase +in den Schrank und fing an, zu winseln. Sie bemerkten alle das +wunderliche Gebahren. "Was ist da hinten in dem Schrank, Großmutter," +fragte Gebhard. Sie griff hinein. "Es sind nur Kleidungsstücke." Sie +holte von den Haken, was da hing, ein Regenmantel, ein paar +Sommerkleider; immer aufgeregter folgte der Hund ihren Bewegungen und +jetzt, da sie wieder ein Kleidungsstück hervorzog, eine Herrnjuppe, +jetzt sprang das Tier hoch und steckte seinen Kopf hinein. "Ach, das ist +noch eine Juppe von deinem Vater, ist's möglich, daß er die erkennt?" + +"Aber freilich, Großmutter, sieh nur, wie er schnüffelt, wie er sich +freut und daran zerrt!" Ein Ruck--und der Hund hatte die Juppe auf den +Boden gezogen. Er legte sich daneben, streckte die Vordertatzen in +ganzer Länge darüber, wühlte mit Behagen den Kopf in das Kleidungsstück +und nahm so fest Besitz davon, daß es nicht rätlich schien, es ihm +wegzunehmen. Gebhard warf sich neben seinem Hund auf den Boden, +streichelte ihn und redete mit ihm: "Wo ist denn der Herr, wo ist dein +guter Herr? Leo, denkst du an den Herrn?" Das Tier wedelte. + +Gerührt von der Treue des Hundes wandte sich Helene ab, ließ sich +überwältigt von Sehnsucht und Schmerz auf dem Feldbett nieder und weinte +bitterlich. Frau Dr. Stegemann setzte sich neben die junge, von +Schluchzen erschütterte Frau und redete ihr in einem weichen, +mütterlichen Ton zu, den Helene noch nie von ihr gehört hatte. Da +schwand allmählich ihre Furcht und es überkam sie der Trieb, der Mutter +ihres Mannes das ganze Leid anzuvertrauen. Sie raffte ihre Kraft +zusammen. "Mutter," sagte sie, "es ist ja alles viel, viel +schrecklicher, als du ahnst!" + +"Wie so? Weißt du mehr, als was du mir geschrieben hast? Hast du +Nachricht von Rudolf? Schlechte Nachricht?" + +"Nein, nein; kein Wort habe ich von ihm gehört seit jenem Tag. Aber es +war anders als du denkst, ich kann es so schwer über die Lippen +bringen!" + +Frau Dr. Stegemann richtete sich stramm auf und der weiche Ton war nicht +mehr in ihrer Stimme als sie, gefaßt auf die schlimmsten Mitteilungen, +zur Schwiegertochter sprach: "Rede endlich, Helene. Wir dürfen nicht +feig sein in dieser harten Zeit. Ich kann alles hören, auch das +grausamste. Und du mußt jede Wahrheit aussprechen können. Sei doch auch +tapfer, was hilft das Weinen?" + +Bei diesen Worten stand Gebhard, der neben dem Hund gelegen, auf, trat +rasch an Helenens Seite und streichelte ihre Hand. "Großmutter," rief +er, "die Mutter kann nicht so tapfer sein wie du meinst, der Vater hat +mir gesagt, sie ist nicht aus so hartem Holz geschnitzt wie wir +Stegemanns. Man muß sie immer ganz zart behandeln!" Da schlang die junge +Frau den Arm um ihren Verteidiger und sagte zu ihm: "Die Großmutter hat +aber doch recht und ich will ja auch, daß sie alles erfährt. Gebhard, +erzähle du es, du warst ja dabei und du mußt nicht immer so weinen, wie +ich!" + +"Ja," sagte Gebhard, "die Großmutter darf das wissen, sonst niemand auf +der Welt!" + +Der kleine Mann gab sich einen Ruck, daß er stramm da stand und fing an: +"Großmutter, so war's: Zuerst kam ein deutscher Offizier mit fünf +Soldaten und besprach etwas ganz im geheimen mit dem Vater. Einstweilen +kochten die Soldaten auf unserm Herd und wir halfen ihnen. Dann sagte +uns der Vater, er müsse sie begleiten, aber kein Mensch dürfte wissen +wohin. Sie zogen bei Nacht miteinander fort. Am nächsten Tag kam der +Vater allein zurück und sagte, wir müßten schnell fliehen, die Russen +könnten bald kommen. Wir fingen gleich an, unsere Sachen auf die Wagen +im Hof zu laden, aber mitten hinein kam ein ganzer Trupp Russen mit +einem Offizier. Sie gingen die Treppe hinauf und ich ihnen nach. Im +Wohnzimmer war der Vater, aber die Mutter mit dem Jüngferlein war nicht +da. Der russische Offizier fragte, wohin die deutsche Patrouille +gegangen sei, die heute Nacht im Forsthaus eingekehrt sei und die der +Vater begleitet habe. Ich weiß nicht mehr genau, was der Vater zuerst +sagte, aber als der Offizier verlangte, er solle mit ihm gehen und ihn +denselben Weg führen, da sagte der Vater: "Nein, ich bin ein guter +Deutscher und werde nicht zum Verräter." Aber der Offizier hat ihm +gesagt: er könne doch nichts machen gegen so viele und er hat ihm +versprochen, er dürfte gleich wieder heimkommen, und uns allen solle gar +nichts geschehen; aber wenn er ihnen den Weg nicht zeige, müßten wir +alle sterben. Der Vater hat aber nicht nachgegeben und es war +schrecklich, wie zornig da der Offizier geworden ist, und weil ich auch +gerufen habe, der Vater soll nichts verraten, haben mich die Soldaten +ganz wütend gepackt und fest gehalten, da oben am Arm, wo es so weh tut, +und ich habe vor lauter Zorn nur immer geschrien: "Vater, tu's nicht! +Aber dann--" Gebhard stockte. Er sah die Mutter an. "Soll ich denn alles +sagen, Mutter, alles?" + +"Alles, Gebhard!" + +"Dann hat die Mutter die Schlafzimmertüre aufgeriegelt und hat von ferne +gerufen und gebeten, der Vater soll uns nichts geschehen lassen. Der +Vater hat auf die Mutter hingeschaut und dann hat er nicht mehr 'nein' +sagen können. Er ist mit ihnen gegangen und hat versprochen, sie zu +führen. Sie sind dann fortgeritten und wir haben gedacht, der Vater käme +am Abend wieder, der Offizier hat es ihm doch auf Ehrenwort versprochen. +Das Ehrenwort muß doch ein Offizier auch im Krieg halten, nicht, +Großmutter?" + +Er bekam keine Antwort. Die Großmutter, die still mit verhaltenem +Schmerz den Bericht angehört hatte, sah ins Weite, wie wenn ihre Augen +den Sohn suchten, den sie verloren hatte. Helene griff nach ihren Händen +und bat leise: "Mutter, verzeih mir und verachte mich nicht ganz. Ich +weiß, du wärest heldenmütig gewesen und ich war feig, war in Todesangst; +das hat er nicht mit ansehen können und mir zuliebe ist er zum Verräter +geworden. Ich bin schuld, daß nun diese Schuld auf seinem Gewissen +liegt. Darum habe ich mich nicht entschließen können, dir zu schreiben. +Ich weiß ja, wie du mich verachten mußt, daß ich deinen edlen Sohn dazu +gebracht habe." + +"Du hast ihn _nicht_ dazu gebracht, Helene, du irrst dich. Nichts auf +der Welt hätte ihn dazu bringen können. Ich kenne ihn. Er hat das nicht +getan!" + +Heftig erregt erhob sie sich. Ihr Blick fiel auf Gebhard. "Schon als +Kind in deinem Alter hätte er das nicht getan, wie viel weniger als +Mann! Du hast das von deinem Vater geglaubt?" + +"Ich habe es gehört, Großmutter, daß er 'ja' gesagt hat, und habe es +selbst gesehen, daß er mit den Russen gegangen ist!" + +"Ja. So hat er euch das Leben gerettet und die Bande fortgebracht vom +Forsthof. Eine Kriegslist war das. Ja, er ist mit ihnen geritten, aber +wohin? Dahin, wo die deutsche Patrouille nicht war! Gebhard, kennst du +deinen Vater so wenig?" + +Der Knabe senkte nicht den Blick vor dem strengen Ausdruck der +Großmutter; ein glückliches Leuchten flog über sein Gesicht. "So ganz +gewiß weißt du das, Großmutter? kann es gar nicht anders möglich sein?" + +"Gebhard, wird es jemandem gelingen, deinen Leo, dies treue Tier, gegen +_dich_ zu hetzen? Wenn man ihn lockt, ihm droht? Schäme dich, zu denken, +daß irgend etwas auf der Welt deinen Vater vermocht hätte, die Deutschen +an ihre Feinde zu verraten!" + +Zaghaft warf Helene ein: "Mein Bruder sagt, wer einmal in den Händen der +Russen ist, der wird mürbe gemacht, wenn er noch so tapfer wäre!" + +"Dein _Bruder_ kann das sagen, er hat Rudolf kaum gekannt, aber du?" +Nachdenklich sah sie auf Helene und dachte unwillkürlich an die Worte: +"Aus anderem Holz geschnitzt." Wie biegsam war die junge Gestalt, wie +weich die Züge und sanft der Blick! Nachsichtig sprach sie zu ihr. +"Weil du selbst in jener Stunde schwach warst, hast du auch ihn für +schwach gehalten und hast doppelt darunter gelitten. Aber jetzt glaube +du mir und laß dich durch keine Einrede mehr irre machen. Dein Mann ist +_kein_ Verräter. Von den Treusten einer ist er. Glaube an ihn; ein +Märtyrer kann er geworden sein, ein Verräter nicht!" Tief erregt wandte +sie sich an Gebhard. "Gott gebe, daß du so wirst wie dein Vater! Einen +besseren Wunsch weiß ich nicht für dich!" + +Erschüttert verließ sie das Gemach, sie mußte jetzt für sich allein +sein. + +Ihr starker Glaube ging in dieser Stunde über in die Seele von Mutter +und Kind; die schwerste Last war der jungen Frau vom Herzen genommen. + +Es blieb die Trauer um den Helden, aber das war ein edler Schmerz, der +ihr Herz erhob. "Gebhard," sagte sie, "wie waren wir so verblendet und +wie wollen wir von jetzt an stolz sein auf den Vater!" Und die beiden +waren fast glücklich zu nennen in diesem Augenblick. Aber die Mutter des +Helden kämpfte jetzt in ihrem Zimmer allein mit der tiefen Bewegung, in +die diese Unterredung sie versetzt hatte. Sie war überwältigt von dem +Gedanken an das Leiden ihres Sohnes. Was mochten die Feinde ihm angetan +haben in der Wut darüber, daß er ihnen nicht den rechten Weg wies? Das +gräßlichste, das sie ersinnen konnten. O wie grausig waren die Bilder, +die ihr vorschwebten! Hin und her ging sie in ihrem Zimmer und sprach +halblaut mit ihrem Sohn, wie wenn er sie hören könnte: "Du mein guter, +tapferer, treuer Sohn! So ganz allein. So weit fort von mir. Was haben +sie dir getan? Wirst du noch immer gequält und gepeinigt? Oder bist du +erlöst von allem Leid, selig aufgenommen als einer, der reinen Herzens +ist und Gott schauen darf? O, die schreckliche Ungewißheit!" + +An der Zimmertüre wurde geklopft, das Dienstmädchen rief: "Frau Doktor, +die Schustersfrau aus dem Hinterhaus ist da und fragt nach Ihnen." + +"Sie soll morgen kommen." + +"Aber sie tut ganz verzweifelt. Sie hat schlechte Nachrichten." + +"Ich habe auch schlechte und kann ihr keine guten verschaffen." + +Das Mädchen wagte nichts mehr einzuwenden; aber dem fassungslosen jungen +Weib, das auf Trost und Hilfe wartete, gab sie auf eigene Verantwortung +den Bescheid: "Frau Doktor kommt gleich." Sie kannte ja ihre Frau; die +konnte wohl einmal schroff und abweisend sein, aber schließlich half sie +doch immer. Auch diesmal. Nach kurzer Zeit kam sie ruhig und gefaßt +heraus; kaum war ihr noch anzumerken, wie sie mit sich gekämpft hatte, +um wieder tapfer zu sein. Frau Siebel, die Schustersfrau, merkte +jedenfalls nichts davon; sie war vollständig vom eigenen Leid +hingenommen. Ihr lauter Jammer hatte auch Helene und die Kinder +herbeigerufen. Schluchzend zeigte sie eine Postkarte, die besagte, daß +ihr Mann schwer verwundet in der Pfalz liege und sich nach einem Besuch +von ihr sehne. "Sicher ist er schon tot," rief die junge Frau und hörte +gar nicht auf die ermutigenden Worte, mit denen ihr von allen Seiten +zugesprochen wurde. Sie wußte ganz gewiß, ihr Mann war tot. + +"Dann wollen Sie also nicht in das Lazarett reisen?" fragte Frau Dr. +Stegemann kurz. + +"Ei doch," sagte Frau Siebel, "deshalb wollte ich ja Frau Doktor um Rat +fragen, ich wäre so gern noch diese Nacht abgereist." + +"So, nun sehen Sie, Sie glauben ja selbst, daß Ihr Mann noch lebt. Nun +lassen Sie auch das Weinen, dazu haben Sie Zeit in der Bahn; jetzt +müssen Sie für Ihr Kind sorgen, was machen Sie mit dem?" + +"Das ist's ja eben, ohne mein Buberl kann ich nicht fort. Ich habe es +die neun Monate nie aus der Hand gegeben. Ich vergehe vor Angst, wenn +ich das Kind hier lasse!" + +"So wollen Sie es mit auf die weite Reise nehmen?" + +"Nein, nein, das wäre gar nicht auszuhalten, es zahnt und schreit so +viel!" + +"Dann müssen wir eben eine Unterkunft suchen für den Kleinen. Am besten +in der Krippe." + +"Mein Kind in die Krippe? Ach Gott, ich vergehe vor Heimweh nach dem +Kind!" + +"Wenn Sie unter allen Umständen vergehen, kann ich Ihnen auch nicht +helfen," entgegnete Frau Stegemann ungeduldig. "Entweder mitnehmen oder +hier lassen--eines von beiden müssen Sie doch tun. Oder wissen Sie +einen dritten Weg?" + +"Ach nein--aber--" + +"Nun also. Seien Sie recht dankbar, daß wir eine Krippe haben, in der +man so einen kleinen Schreihals freundlich aufnimmt. Für heute nacht +will ich das Kind nehmen und morgen in der Krippe nachfragen. Jedenfalls +sorge ich für eine gute Unterkunft." + +"Aber kann ich Ihnen denn das zumuten? Es ist doch gar zu viel!" + +"Im Krieg hilft man zusammen. Ihr Mann ist ja auch für uns im Kugelregen +gestanden! So sorgen wir auch für sein Kind. Haben Sie denn das +Reisegeld?" + +"Ich hoffe, daß es reicht!" + +"Mit Hoffnungen kommen Sie am Schalter nicht aus. Ich will im Kursbuch +nachsehen und Ihnen im Notfall etwas vorstrecken. Gehen Sie einstweilen +und richten Sie alles!" + +"Ach, ich bin ganz wirr im Kopf vor Schrecken!" + +"Das paßt jetzt gar nicht. Im Gegenteil, Sie müssen Ihre Gedanken fest +zusammennehmen, damit Sie nichts vergessen." + +Die Frau eilte davon, Frau Dr. Stegemann ging in die Küche zum Mädchen. +Das hatte die Verhandlung gehört. "Frau Doktor," sagte sie, "wenn ich +nur hätte dazwischen reden dürfen. Das Kind ist nicht gut zu haben, die +Frau ist so unvernünftig mit ihm, trägt es und kocht ihm bei Nacht, alle +Leute im Hinterhaus sagen es. Frau Doktor, jetzt wird's doch zuviel für +uns!" + +"Zuviel? Liese, im Kriegsjahr gibt's kein 'zuviel' für mich, und für Sie +hoffentlich auch nicht!" + +"Aber seine Nachtruhe kann man doch wenigstens verlangen." + +"Meinen Sie? Fragen Sie doch Ihren Bräutigam, ob er sagen darf: 'Bei +Nacht wird mir das Schießen zuviel, da will ich meine Ruhe!'" + +"Wenn man auch immer an den Krieg denkt! Das tun nur Sie, Frau Doktor!" + +"Sie doch auch, Liese? Haben wir nicht miteinander zuerst das Backen +abgestellt, und die Kübel für das Schweinefutter eingeführt, und nicht +geruht, bis sie nach und nach in der ganzen Straße herauskamen? Ich +möchte jetzt gar keinen Menschen um mich haben, der nicht immerfort +fühlt: 'Jetzt ist Krieg, wie helfe ich?'" + +Liese überlegte. "Dann will ich eben den kleinen Balg nehmen bei Nacht." + +"Den nehme ich schon selbst, denn Sie müssen morgens früh heraus." + +Aber weder die Frau noch die Magd bekamen den kleinen "Balg" ans Bett, +denn, als Frau Siebel das schlafende Kind brachte, streckte Helene die +Arme nach ihm aus, fand es reizend in seiner Unschuld und bat so +herzlich es ihr zu überlassen, daß niemand ihr die Freude nehmen wollte. +Getrost konnte Frau Siebel ihren Liebling verlassen. + +In später Abendstunde setzten Mutter und Schwiegertochter sich noch ein +wenig zusammen. "Mir ist es, wie wenn ich in eine andere Welt versetzt +wäre," sagte Helene. "In deinem Haus weht ein ganz anderer Geist als bei +uns. Ihr alle steht im Zeichen des Krieges. In meines Bruders Haus ist +das nicht so, er ist von seinem Geschäft hingenommen; auch wußte er, daß +ich nichts hören wollte vom Krieg. Ja, ich gestehe dir's, nicht einmal +an den Siegen konnte ich mich freuen, weil ich immer dabei empfand: mein +Mann gehört nicht zu den Helden, ich selbst habe ihn hinausgedrängt aus +der tapferen Schar. Jetzt aber hast du diesen Druck von mir genommen; +ich bin so glücklich und bitte dich: verachte mich nicht um meiner +Feigheit willen. Vielleicht kann ich auch noch tapfer werden; meinst du +nicht?" + +Liebevoll zog die Mutter sie an sich. + +"Wer weiß," sagte sie, "ob ich als junge Frau die Probe bestanden hätte, +angesichts der rohen Männer, die mit ihren Scheußlichkeiten die Frauen +bedrohen. Niemand soll da über andere urteilen. Du wirst noch viel +Gelegenheit haben, dich in Tapferkeit zu üben, und ich auch. Wie lange +werden wir in Unsicherheit bleiben müssen über das Schicksal unseres +Helden. Und wenn eine Nachricht kommt, dann lautet sie vielleicht so +grauenvoll, daß wir allen Mut brauchen, um sie zu ertragen. Aber es wird +uns leichter werden, weil wir uns jetzt zusammen gefunden haben. Es ist +gut, daß du gekommen bist!" + +"Ich möchte in dieser Zeit viel lieber bei dir leben. Aber ich muß doch +bei der Kleinen bleiben, und die macht so viel Arbeit mit der Wäsche +und mit dem Ausfahren. Bei meinen Geschwistern mit den beiden +Dienstmädchen geht das viel leichter als hier. Sie nehmen mir alle +Arbeit ab; meine Schwägerin ist rührend besorgt und verwöhnt mich ganz." + +"Ich bin nicht für solch rührend verwöhnende Liebe," war der Mutter +Antwort. "Aber," fügte sie hinzu, "richte du dein Leben ein, wie du es +für richtig hältst." + +Helene wurde nachdenklich. Nach einer Weile sagte sie: "Für Gebhard ist +es ja viel schöner hier. Meinen Geschwistern ist er fremd geblieben und +er war auch gegen mich nicht mehr so zutraulich wie früher. Erst hier +ist er wieder ganz mein lieber, prächtiger Bub. Mutter, laß ihn mir +nicht fremd werden!" + +Helene blieb bis über die Weihnachtsferien und führte selbst noch +Gebhard in die Schule ein. Sie sah, wie er jetzt dem Lehrer und den +Mitschülern frei und offen gegenübertrat, da er nichts mehr zu +verheimlichen hatte, und daß dem Kind warme Teilnahme entgegengebracht +wurde. Und als er am zweiten Tag in der Pause seinen Leo holte, um ihn +den Kameraden vorzustellen, da wußte sie, daß er heimisch wurde unter +diesen. Sie konnte ihn getrost verlassen. Sie selbst aber vermißte auf +der Heimfahrt ihren kleinen Reisekameraden und es war ihr, als entfernte +sie sich noch mehr von ihrem Mann, indem sie seinen Sohn und seine +Mutter verließ. Aber daneben wurde doch die Sehnsucht nach dem +Töchterlein immer lebhafter. Es schlief, als sie heim kam. Beim +Erwachen sah es befremdet nach der Mutter; für das kleine Menschenkind +war die Zeit lang genug gewesen, um sie zu vergessen; aber die +Erinnerung erwachte bald wieder. Es war ein lieblicher Anblick, wie die +junge Mutter mit Kosen und Schmeicheln das Fremdsein besiegte und +endlich von ihrem kleinen Ebenbild durch strahlendes Lächeln und +zärtliche Hingabe wieder anerkannt wurde. Die Geschwister hatten es mit +angesehen. "Wie erfrischt du aussiehst!" sagte der Bruder, "du hast dich +so schwer zu der Reise entschlossen, aber sie hat dir sichtlich gut +getan." + +"Ja, ja. Das Schwerste, was mich am meisten bedrückt hatte, das hat mir +die Mutter abgenommen. Ich habe ihr alles, alles anvertraut und das war +gut, denn es ist ganz anders, als wir uns gedacht hatten: Nur um die +Russen vom Haus wegzubringen und um sie falsch zu führen, ist mein Mann +mit ihnen gegangen. Er hat ihnen nichts verraten!" + +"Woher habt ihr Nachricht bekommen? Erzähle doch!" riefen die +Geschwister. + +"Nachricht haben wir nicht, aber die Mutter weiß es dennoch, so gewiß +wie wenn sie Nachricht hätte. Sie kennt ihn und weiß, daß es ihm ganz +unmöglich ist, die Deutschen zu verraten." + +"Ach so!" sagte der Bruder gedehnt. Enttäuschung und Unglaube lag in +seinem Ton. Aber Helene sprach eifrig weiter: "Und ich bin auch fest +überzeugt, daß sie recht hat. Sie hat mir erzählt, wie er schon als Bub +so tapfer und treu war, ähnlich wie ja auch Gebhard ist, durch und +durch zuverlässig. Ich hätte es ja selbst wissen können, aber ich war +wie verblendet, weil ich selbst feig gewesen bin und mir das so schwer +auf dem Gewissen lag." Bruder und Schwägerin schwiegen. + +Helene fühlte, sie waren nicht überzeugt. Was konnte sie noch sagen? +"Wenn ihr nur selbst seine Mutter gehört hättet, und sie sehen könntet, +wie sie so fest und wahr ist und wie sie und ihr ganzes Haus von dem +erfüllt ist, was für den Krieg, fürs Vaterland geschehen muß. Ein ganz +anderer Geist weht bei ihr als bei uns!" + +"Bitte sehr," wehrte der Bruder, "bei uns geschieht alles was recht ist +und noch nie ist einer aus unserer Familie wegen Verrat in Verdacht +gekommen!" + +"Ihr sollt auch von meinem Mann nichts Schlechtes mehr glauben, nein ihr +dürft es gar nicht mehr für möglich halten, das kann ich nicht mehr +ertragen!" Sie zitterte vor Erregung. + +Die Schwägerin beruhigte sie: "Rege dich nicht auf, Helene, ich glaube +dir ja, aber von deinem Bruder kannst du das nicht gleich verlangen; +Männer geben nicht so viel darauf, wenn eine Mutter sagt: das kann mein +Sohn nicht getan haben, denn keine Mutter will Schlechtes von ihrem Sohn +glauben. Männer glauben erst, wenn Beweise vorliegen." + +Beweise? Nein, _Beweise_ für seine Unschuld hatte Helene nicht, nur den +Glauben daran; den Glauben, der sie so glücklich gemacht hatte. O, nur +fest daran halten und sich nicht irre machen lassen! + +Sie sprachen nicht weiter darüber, denn keines wollte das andere +reizen. Freundlich führte Herr Kurz seine Schwester an den reich +besetzten Tisch. Aber was sie noch vor wenigen Tagen harmlos angenommen +hatte, machte ihr jetzt Bedenken. Kriegsmäßig war das nicht, was hier +aufgetischt wurde. Die Geschwister ließen sich nichts abgehen, dachten +auch nicht weiter daran, welche Nahrungsmittel knapp waren im Land, +welche verbraucht werden sollten. Doch wagte sie nicht, dem Bruder +wieder das Haus Stegemann als Vorbild zu rühmen. So schwieg sie darüber. +Aber während sie die üppige Mahlzeit mit ihnen teilte, bedrückte es sie, +die Gastfreundschaft zu genießen von Menschen, die ihrem Mann Schlechtes +zutrauten; sie konnte sich nicht wohl fühlen bei ihnen, trotz aller +Liebe, die sie ihr erwiesen. In den Wochen, die nun kamen, kämpfte sie +einen schweren Kampf gegen das Heimweh nach ihrem verlorenen Glück und +gegen die Sehnsucht bei denen zu sein, die mit ihr durch die Liebe zu +ihrem Manne verbunden waren. Sie klammerte sich an den Trost, den ihr +die treuen Briefe der Mutter brachten, und schrieb fast täglich an sie +und an Gebhard. In seinen kindlichen Briefen suchte sie nach den +seltenen Worten, die etwas von der Anhänglichkeit aussprachen, die ihr +so kostbar war. So vergingen ihr die dunklen Wintermonate langsam und +schwer. + + + + +Achtes Kapitel. + + +Unter dem offenen Tor des Schulhofes stand Gebhard mit einigen +Kameraden. Auch Leo war dabei. Er war heute wie so manchesmal gekommen, +seinen kleinen Herrn abzuholen. Es genügte, daß Frau Dr. Stegemann dem +Tier die Türe öffnete und sagte: "Such den Herrn!" Er sprang dann in +großen Sätzen der Schule zu, wartete am Hoftor, bis sich die Klassen +entleerten, erkannte sofort die Klasse, zu welcher Gebhard gehörte, +drängte sich zwischen den Schuljungen hindurch zu dem einen, dem er +angehörte. Viele der Kameraden hatten ihren Spaß daran, einer beachtete +den Hund noch ganz besonders; ein lebhafter Pfälzer war es. Er hatte +einen Vetter, der Sanitätshundeführer gewesen, jetzt aber verwundet im +Lazarett untergebracht war. Dem hatte er schon oft von Gebhards Hund +gesprochen, und ebenso erzählte er Gebhard viel von den Leistungen des +Hundeführers. So waren die beiden längst begierig, sich kennen zu +lernen. Heute nun, als Gebhard aus dem Schulhof trat, stand da an der +Mauer ein Feldgrauer, den Arm in der Binde. Ein ganz junger Soldat war +es, sah stramm und gesund aus. "Das ist der Sanitätshundeführer," sagte +der kleine Pfälzer und der Soldat begrüßte Gebhard freundlich: "Ich +wollte mir nur einmal deinen Hund besehen," sagte er, "ich muß sagen, er +gefällt mir wohl! Wie ein Pfeil ist er die Straße daher gesaust und dann +regungslos am Tor stehen geblieben. Die Buben von der andern Klasse hat +er gar nicht beachtet. Es ist ein gut gezogenes Tier. Ich gehe nämlich +wieder als Hundeführer hinaus und da muß ich mich halt jetzt umsehen +nach einem andern Hund, denn der meinige ist im Feld geblieben." + +Gebhard sah den Soldaten, der immer prüfend auf den Hund blickte, mit +großen Augen an. "Aber meinen gebe ich nicht her!" + +Der Hundeführer wandte sich an seinen jungen Vetter. "Ich war der +Meinung, er sei zu verkaufen, du hast doch so etwas gesagt?" Der +Schlingel lachte. + +"Bloß damit du einmal an die Schule kommst und den Hund anschaust, ob +der wohl zum Sanitätshund gut wäre." + +"Ja," sagte Gebhard, "dann ginge ich, wenn ich groß bin auch als Führer +mit ihm in den Krieg." + +Der Feldgraue lachte: "O Buben, was schwätzt ihr! Bis ihr groß seid, ist +doch der Krieg längst aus und _so_ aus, daß nicht gleich wieder jemand +sich traut mit uns anzubinden. Und der Hund wäre auch bis dahin zu alt, +jetzt wäre er gerade recht. Aber ich glaub's gern, daß du ihn nicht +hergibst," sagte er freundlich zu Gebhard, dessen Hand streichelnd auf +Leos Kopf ruhte. Dieser Ton ermutigte Gebhard zu Fragen, die ihn längst +beschäftigt hatten. + +"Ich kann mir gar nicht denken," sagte er, "wie ich meinen Hund lehren +sollte, daß er Fremde aufsucht, Verwundete. Wie haben Sie denn das +gemacht?" + +"Das ist nicht so schnell gesagt und hat ja für dich auch keinen Wert." + +"Ich hätte es nur so gern gewußt." + +Der kleine Vetter legte sich ins Mittel. "Du kannst es ihm doch sagen!" + +"Wenn ihr einmal herauskommt auf das Gelände hinter dem Lazarett, kann +ich's euch zeigen." + +"Vielleicht gleich nächsten Mittwoch? Da haben wir frei," rief Gebhard. + +"Nun also, Mittwoch, um 3 Uhr. Ausgemacht!" + +Gebhard kam ganz im Glück über diesen Vorschlag nach Hause. Die +Großmutter war gleich für den Plan zu haben. Aber am Mittwoch Nachmittag +wirbelte Schnee und Regen durcheinander, es war zweifelhaft, ob der +Verwundete bei diesem Unwetter ausgehen durfte. Mißmutig stand Gebhard +am Fenster, schaute hinunter auf die Straße, ob es denn wirklich so +schlimm aussähe. Nur wenige Menschen waren zu sehen, unter diesen aber +ein Soldat, ein junger Feldgrauer, und der--Gebhard sah es mit +zunehmender Erregung--der war kein anderer als der Hundeführer und kam +geradewegs auf das Haus zu, drückte auch schon auf den Klingelknopf! +Gebhard stürzte hinaus, öffnete und wurde ganz rot vor stolzer, +freudiger Erregung, daß dieser Feldgraue zu ihm kam. Zwar wollte der +nicht ins Zimmer hereinkommen, sondern bloß sagen, daß er bei dem +schlechten Wetter die Übung leider nicht machen dürfe; aber er wurde +bald mit warmen Worten von Frau Dr. Stegemann wie von den beiden +Enkelinnen überredet, in das Wohnzimmer zu kommen und sich an den +Kaffeetisch zu setzen. Einen Feldgrauen zu Gast zu haben, war immer +eine Freude und so ein Sanitätshundeführer war noch ganz besonders +willkommen. Die Hausfrau verstand es, den bescheidenen jungen Mann zum +Sprechen zu bringen. Im September war es gewesen, da hatte er, der +siebzehnjährige Freiwillige, zum erstenmal seinen Hund erproben können. +"Das war im Gefecht bei Ch.," erzählte er, "die Unsrigen hatten einen +harten Stand gegen die Übermacht; aber am Nachmittag mußte der Feind +weichen. Unsere Kompagnie sammelte sich, die Sanitäter suchten die +Verwundeten auf und die Kameraden trugen die Toten zusammen. Am Abend +wurden alle Namen festgestellt; da hieß es: Es fehlen noch 5 Mann. +Jetzt, wo sind die? Niemand konnte Auskunft geben. Auf dem Feld lag +keiner mehr, aber vielleicht im Wald. Von dem Argonnerwald macht man +sich aber bei uns keinen Begriff, der ist so dicht mit Unterholz und +Gestrüpp verwachsen, daß man gar nicht vorwärts kommt; wenigstens ist's +so in der Gegend, wo wir waren. Wenn sich da ein Mensch hinein +verschlupft, sieht man ihn beim hellen Tag nicht, geschweige in der +Nacht. Also fünf fehlen. Soll man die liegen lassen? Vielleicht +verbluten sie sich oder holen sie sich den Tod auf dem nassen, kalten +Waldboden. Ich war bei unserer Truppe der einzige, der einen Hund hatte. +Jetzt, denke ich, muß der seine Kunst zeigen. Ich führe ihn in der +Dunkelheit bis dicht an den Wald, dann mache ich ihn los vom Strick und +geb ihm den Befehl: 'Such verwundet.' Der Hund saust gleich davon, in +den Wald hinein. Eine Weile höre ich noch rascheln und knacken, dann +wird's ganz still und ich steh da im Nebel und es rieselt eiskalt auf +mich herunter und wird mir ganz unheimlich, so allein in der +stockfinsteren Nacht. Mein elektrisches Lämpchen habe ich wohl in der +Tasche, aber das spart man für die äußerste Not. Ich weiß nicht, wie +lang das währte, mir kam's eine Ewigkeit vor, da höre ich in der Ferne +so ein kurzes, wiederholtes Bellen und merke gleich: Mein Tell hat einen +gefunden! Da ist mir's siedheiß vor Freude aufgestiegen, ich pfeife und +laß mein Lämpchen in den Wald blitzen und jetzt knistert und kracht es +wieder und mein Tell kommt mit einer Soldatenmütze im Maul. Schnell lege +ich ihm die Leine an und rufe ihm zu: 'Führ mich!' Er zieht an und führt +mich durchs Dickicht am Waldessaum eine ganze Strecke. Da bleibt er +plötzlich stehen. Ich höre ein Stöhnen und sehe vor mir einen unserer +Vermißten, ein Landwehrmann war's. Wie hat der Mensch sich gefreut und +wie war er dankbar für einen Schluck aus meiner Feldflasche! Einen Schuß +in den Oberschenkel hatte er, und so großen Blutverlust, er hat sich +nicht rühren können vor Schwäche und Schmerzen. Ich habe ihm einen +Notverband angelegt, habe ihn mit seinem Mantel gut zugedeckt und ihm +versprochen, daß ihn die Träger holen würden. Allein hätte ich ja den +Weg in der Nacht nicht zurückgefunden, es war mir selbst wie ein Wunder, +daß mich mein Tell wieder herausgeleitet hat aus dem finstern Wald und +bis zur Truppe. Dort waren gleich ein paar von unseren Leuten bereit, +den Verwundeten mit der Bahre zu holen. Mein Tell hat uns wieder +geführt und wir haben unsern Landwehrmann glücklich zum Verbandplatz +gebracht. In derselben Nacht haben wir noch einen zweiten aufgespürt und +errettet. Die andern fand Tell gegen Morgen; einer war aber schon +verblutet. Hätten wir mehr Hunde mit Führern gehabt, wäre der vielleicht +auch noch gerettet worden." + +Der Soldat schien fertig mit seiner Erzählung; aber alle hätten gern +noch mehr gehört. + +"Bei welcher Gelegenheit sind Sie denn zu Ihrer Verwundung gekommen?" +fragte Frau Dr. Stegemann. + +"Ja, das war eben einmal, wo unsere Verwundeten ganz nahe am Feind +lagen. Das ist immer das gefährlichste. Wenn es so steht, dann bindet +man den Hunden den Fang zu, daß sie keinen Laut geben können; das haben +sie zwar nicht gern. Mein Tell hat sich's anfangs gar nicht gefallen +lassen; aber er hat es doch gelernt. Auch wie ich das letzte Mal mit ihm +draußen war und mit den Trägern ganz nahe an den vordersten +Schützengraben der Franzosen gekommen bin, hat er uns nicht verraten, +sondern hat uns lautlos herangeführt; aber die Verwundeten haben +gestöhnt und um Hilfe gerufen, wie sie uns bemerkten. Darauf ist die +Schießerei bei den Franzosen losgegangen. Sie haben aber nur mich +getroffen, so daß ich noch selbst habe zurückgehen und mit der linken +Hand den Hund führen können; unsere Leute hätten sonst in der Nacht +nicht zurückgefunden. So haben wir doch unsere Verwundeten noch +gerettet, das hat mich riesig gefreut. Nachher bin ich ohnmächtig +geworden; und wie ich im Lazarett aufgewacht bin, haben mir die +Kameraden gleich zugerufen, ich bekäme das Eiserne Kreuz. Nun, ich +will's später noch besser verdienen; sobald es nur angeht, ziehe ich +wieder hinaus. Mein Tell wird jetzt von einem Kameraden geführt, und ich +muß schauen, daß ich wieder einen Hund abrichte. Er muß halt folgen und +klug sein, bissig darf er auch nicht sein und nicht mit andern Hunden +raufen oder auf Wild jagen. Es gibt nicht viele solche und wer so ein +Tier hat, der verkauft's nicht, gelt du?" Er wandte sich mit dieser +Frage an Gebhard. Aber Grete und Else, die beiden lebhaften Mädchen, die +nicht weniger eifrig als Gebhard dem Soldaten zugehört hatten, ließen +ihn nicht zur Antwort kommen: "Ich würde meinen Hund gleich verkaufen!" +rief Grete mit Begeisterung! Und Else: "Ich auch, recht teuer; um das +Geld würde ich lauter Sockenwolle, Zigarren und Schokolade kaufen und +Päckchen an die Soldaten schicken oder ich gäbe es für die Ostpreußen." + +"Die Fräulein haben gut reden," sagte der Soldat, "die haben keinen Hund +und wissen nicht, wie lieb man solch ein Tier hat. Ich hätte meinen Tell +auch um viel Geld nicht hergegeben, ich kann's von einem andern auch +nicht verlangen. Wo hast du denn deinen Leo?" + +"Im Hof." + +"Da hast du recht. Laß ihn nicht viel ins Zimmer, sonst wird er +verweichlicht." + +Der Soldat hatte sich neben dem Erzählen den Kaffee wacker schmecken +lassen; Frau Dr. Stegemann nahm die leere Kanne, ging hinaus, zu sehen, +ob draußen noch Vorrat wäre. Gebhard folgte ihr in die Küche. +"Großmutter, gelt, ich muß meinen Leo nicht hergeben?" + +"Niemand kann das von dir verlangen." + +"Großmutter, gelt der Soldat hat recht, Grete und Else wissen nicht, wie +gern ich meinen Leo habe, aber du weißt es doch, Großmutter!" + +"Ich weiß es freilich, er ist dein liebster, treuster Kamerad! Und er +ist dir auch ein Andenken an den Vater, ans Forsthaus, an die liebe, +alte Heimat. Du würdest ihn alle Tage vermissen, weil dein Herz an ihm +hängt." + +"Ja, ja, gerade so ist's wie du dir's denkst, Großmutter. Leo könnte es +auch gar nicht verstehen. Vorhin war's mir, als müßte ich ihn hergeben, +weil man ihn im Krieg so nötig brauchen könnte, aber ich bin froh, daß +du selbst sagst, ich soll ihn behalten." + +"Das habe ich nicht gesagt, Gebhard, und kann es auch nicht sagen. Nur +du selbst kannst wissen, ob du dein Liebstes fürs Vaterland hergeben +mußt oder nicht!" + +"Nein, Großmutter, sage mir, was du meinst." + +"Ich meine, du gehst jetzt einmal hinunter zu deinem Leo und ich trage +den Kaffee in das Zimmer!" + +"Ich will aber doch wissen, was du denkst!" + +Die Großmutter überhörte den ärgerlichen Ausruf ihres Enkels und kehrte +in das Zimmer zurück. Gebhard stand noch einen Augenblick voll Ärger +und Unmut da, dann tat er doch, was die Großmutter gesagt; er ging +hinunter in den Hof, an dessen Zaun der Hund sofort hoch sprang und +freudig seinen kleinen Herrn begrüßte, der ihn diesmal mit stürmischer +Zärtlichkeit umschlang und ihm einmal ums andere zurief: "Du wirst nicht +verkauft, Leo, nein, nein! Wir zwei bleiben beisammen!" + +Droben im Zimmer machte der bescheidene junge Gast Umstände, noch weiter +dem Kaffee zuzusprechen und noch länger zu verweilen. + +"Ich meine," sagte die Großmutter, "nach dem wochenlangen Lazarettleben +dürfen Sie sich's wohl einmal wieder behaglich machen in einem +Familienzimmer. Sagen wir: noch eine Tasse, eine Zigarre und eine +Viertelstunde plaudern, und dann soll's genug sein. Wir gehen dann auch +wieder an unsere Arbeit." + +"Ja, so ist's fein," meinte der junge Mann, sah auf seine Taschenuhr und +gab sich noch einmal dem seltenen Genuß hin, am behaglichen +Familientisch zu sitzen und von seinem Elternhaus erzählen zu dürfen. +Die Viertelstunde war fast verstrichen, da kam auch Gebhard wieder +herauf und trat ins Zimmer, seinen Leo an einer kurzen Leine führend. +Stramm ging er auf den Soldaten zu, hochgemut leuchteten seine Augen; er +glich selbst schon einem Führer, der mit seinem Hund einen schweren Gang +wagen will. + +Der Soldat unterbrach seine Erzählung und wandte sich dem Knaben zu. Der +trat dicht heran und rief seinem Hund zu: "Leo leg dich still!" Das Tier +legte sich gehorsam neben den fremden Mann. Nun reichte Gebhard dem +Soldaten die Leine und sagte fest: "Ich schenke meinen Leo dem +Vaterland." Er ließ die Leine los, sie lag nun in des Führers Hand. Der +junge Soldat fand gar nicht gleich Worte, so überrascht war er, so +bewegt, als er sah, wie Gebhard zu seiner Großmutter trat und zu ihr +sagte: "Ich habe es _doch_ tun müssen, Großmutter!" + +Sie zog ihn an sich heran. "Es wird dich nicht reuen," sagte sie. + +Aber der Feldgraue machte Einwände: "Ich kann das gar nicht annehmen von +dem Kind, es tut ihm weh. Nein, das Opfer ist zu groß!" + +"Ei was, wer wird darüber so viel Worte machen," wehrte Frau Stegemann +und wandte sich an Gebhard: "So ein kleiner Bursche wie du hat nicht +leicht das Glück, daß er dem Vaterland etwas wertvolles opfern kann, das +darf wohl auch wehtun, sonst wäre es ja gar kein Opfer!" + +"Es tut weh, Großmutter!" + +"Ich glaube dir's wohl, mein lieber Bub!" + +Sie sah, daß der kleine Mann sich mit aller Macht wehrte, die Tränen +zurückzuhalten und kam ihm zu Hilfe, indem sie sich an den Soldaten +wandte. + +"Nun werden Sie erst erproben müssen, ob Leo wirklich brauchbar ist als +Sanitätshund." + +"Ja, aber ich zweifle nicht, es wird sich bald zeigen. Ein feines Tier +ist das. Ich kann's gar nicht so aussprechen, wie dankbar ich dafür bin. +Nach dem Krieg--wenn wir's erleben--bringe ich dir aber deinen Leo +zurück, Gebhard, dann soll er wieder dir gehören." Das war eine schöne +Hoffnung, Gebhard sah schon wieder fröhlich aus. + +"Und schreiben will ich dir auch und dir berichten, wieviel er leistet." + +"Ja, ob er solche Verwundete aufspürt, die sonst umgekommen wären." + +"Gebhard sähe wohl gerne zu, wenn Sie den Hund abrichten. Könnten Sie +das einrichten?" fragte die Großmutter. + +"Aber natürlich, das wollen wir schon so machen. Ich kann ja an das +Schulhaus kommen, dann verabreden wir es miteinander. Zuerst muß ich es +im Lazarett melden, so lange bleibt dir dein Leo noch. Laß doch sehen, +ob er sich nicht losreißt von mir, wenn du hinausgehst." Gebhard ging +auf die Türe zu, der Hund erhob sich, zog an der Leine, wollte +folgen.--"Leo, liegen bleiben!" rief ihm sein kleiner Herr zu, und +verließ das Zimmer. Das Tier legte sich, aber es winselte leise. "Er ist +doch sonst hie und da im Zimmer ohne Gebhard, da winselt er nie!" +bemerkte Else. + +"Er merkt, daß mir die Leine übergeben ist und das beunruhigt ihn, Sie +werden gleich sehen!" Der Soldat ließ die Leine zu Boden gleiten, sofort +war der Hund still. "Ein kluges Tier! Und so fein erzogen!" + +"Mein Sohn versteht das, Gebhards Vater." + +"Ist Ihr Herr Sohn auch im Feld?" + +"Im Feld nicht, aber in russischen Händen. Was sie ihm getan haben und +ob er noch lebt, das wissen wir nicht." + +"Oh, ich habe keine Ahnung gehabt, daß Sie so eine Sorge haben," sagte +der junge Mann und stand auf. "Da sitze ich und plaudere Ihnen vor, und +nehme dem Kind noch seine größte Freude weg, das geht doch nicht." + +"Es geht schon. Gebhard ist ein tapferer, kleiner Mann, nach seinem +Vater geraten. Es ist gut, sich schon in jungen Jahren an Opfer und +Entbehrungen zu gewöhnen, so wachsen Helden heran." + +Der Soldat verabschiedete sich, Gebhard gab ihm noch ein Stück Weges das +Geleite. Der Hund ging zwischen ihnen, die Leine wanderte unversehens +von einer Hand in die andere. Soldaten gingen vorüber, grüßten den +Kameraden mit dem Hund, sahen auch freundlich nach dem kleinen Burschen, +denn der grüßte heute einen jeden. Er konnte gar nicht anders. Hatte er +doch den Soldaten zu lieb seinen Leo geopfert, so sah er sie alle mit +dem Gedanken an: Vielleicht rettet er euch einmal das Leben! + + + + +Neuntes Kapitel. + + +Wochen waren vergangen. Helene lag auf ihrem Ruhebett, das letzte +Briefchen Gebhards in der Hand. Sie hatte sich allmählich daran gewöhnt, +manche Stunde so liegend zu verträumen. Arbeit gab es nicht für sie in +diesem Hause; für ihr Töchterchen war ein Kindermädchen gedungen +worden; denn die Geschwister wünschten nicht, daß sie das Kind selbst +ausfahre; an dem geselligen Verkehr ihrer Schwägerin mochte sie nicht +teilnehmen, dazu war ihr Herz zu schwer. Heute war für sie ein besonders +wehmütiger Tag, ihr Hochzeitstag jährte sich zum zweiten Mal. Und sie +wußte nicht: war sie Witwe oder lebte der noch, der ihr ganzes Glück +gewesen? + +Nichts war ihr aus jener Zeit geblieben als das Kleine, das neben ihr +lag und schlief. Sie schaute nach dem Kind, aber sie konnte es nicht +mehr mit derselben Freude ansehen wie früher, sie bedauerte es. Ohne den +Vater sollte es aufwachsen, mit einer Mutter, die nicht mehr frisch und +fröhlich war wie einst. Sie kam sich selbst wie ein flügellahmer Vogel +vor. Mutlos sank sie wieder auf ihr Ruhebett zurück. Eine Weile später +trat leise das Kindermädchen ein, blickte nach der schlafenden Kleinen. +"Ich will nicht stören," sagte das Mädchen, "wollte nur die Post +bringen." Sie gab einen Brief ab und verließ das Zimmer. + +Gleichgiltig öffnete Helene den Umschlag. Es war ihr alles so einerlei, +nur wenn von seiner Mutter ein Brief kam, das freute sie, darin wehte +immer etwas von seinem tapfern Geist. Aber dies schien von einer +Mädchenhand geschrieben. Liegend las sie; es waren nur ein paar Worte, +aber Worte, die sie auffahren ließen, ihr Herz klopfen machten, ihr +schier unglaublich schienen, so daß sie ihren Augen nicht traute und +einmal ums andere las, was da stand: "Ihr Mann lebt und grüßt Sie +tausendmal!" + +So lebhaft war Helene aufgesprungen, daß ihr Töchterchen davon +erwachte. + +"Mam-mam," klang es aus dem Korbwagen. "Mam-mam? Ja, und Pa-pa! +Jüngferlein, der Papa lebt und läßt uns tausendmal grüßen!" + +Sie nahm das Kind heraus, drückte es jubelnd an sich und lachte so, daß +das Kleine auf ihrem Arm ganz übermütig wurde. Aber nach dieser ersten +überquellenden Freude kamen der jungen Frau allerlei Fragen.--Warum +schrieb ihr Mann nicht selbst? Konnte er nicht? War er so krank? Wenn +man nur mehr wüßte! Aber es war doch eine Spur aufgefunden, die konnte +man verfolgen. Das mußte sie mit seiner Mutter besprechen, zu der +gehörte sie jetzt. Ein heißes Verlangen trieb sie zu ihr und zu Gebhard; +wie würde der jubeln! + +Sie eilte hinaus, um Bruder und Schwägerin den Brief zu zeigen und sich +mit ihnen zu beraten. Die Geschwister konnten zwar nicht einsehen, daß +Helene auf diese Nachricht hin unbedingt abreisen müsse, aber sie hatten +beide den Eindruck, daß gegen diesen stürmischen Wunsch gar nichts zu +machen sei. Sie war ja wie verwandelt, die vorher so matte, +niedergeschlagene Frau. Man mußte sie gewähren lassen. + +So folgte Helene dem Drang ihres Herzens und frug bei der Mutter an, ob +sie zu ihr kommen dürfe mit dem Töchterchen und bei ihr bleiben, damit +sie alle beisammen wären, wenn ihr Mann käme. Er lebte--also kam er, wer +konnte wissen, wie bald! + +Frau Dr. Stegemann antwortete sofort und hieß Helene mit dem Kind +willkommen. In Eile wurden die Reisevorbereitungen getroffen. + +Helene war beim Abschied bewegt. Wie gastfreundlich hatten die +Geschwister sie aufgenommen. "Ihr wart so geduldig mit mir in dieser +langen, trübseligen Zeit," sagte sie. + +"Uns war es nicht zu lange," erwiderte der Bruder mit Herzlichkeit. "Du +kannst jederzeit wiederkommen, du weißt, wir haben dich lieb!" + +"Und ich euch, von Herzen. Aber mein Mann gehört auch dazu. Wenn ich ihn +erst wieder habe, müßt ihr ihn recht kennen lernen. Dann wird alles ganz +schön!" + +"Gott gebe es!" + +Die Geschwister trennten sich, der Zug fuhr ab. Und kaum war Helene mit +ihrem Töchterlein allein, so zog sie wieder ihren Brief aus der Tasche; +denn sie konnte nicht oft genug die Worte lesen: "Ihr Mann lebt und +grüßt Sie tausendmal!" + +Helene hatte nichts mitgeteilt von der Botschaft, die sie erhalten +hatte. Mündlich wollte sie der Mutter die Nachricht überbringen, wollte +ihre und Gebhards Freude miterleben. Da sie nun mit einem früheren Zug, +als man sie erwartet hatte, ankam, fand sie die Wohnung fast leer, nur +das Mädchen empfing sie. So richtete sie sich ein in dem Gastzimmer, +besorgte ihr Kindchen und wartete gespannt, wer zuerst heimkäme. + +Immer wieder trat sie ans Fenster, sah endlich ein paar Schuljungen auf +das Haus zukommen und erkannte unter ihnen Gebhard. Die Kameraden hatten +sich viel zu sagen, konnten sich lange nicht trennen, sie hatten eben +einer Übung des Sanitätshundes Leo beigewohnt und waren noch erfüllt +davon. Die junge Frau konnte nicht länger warten, öffnete das Fenster +und rief Gebhards Namen; der blickte auf, löste sich aus der Gruppe, +rannte der Haustür zu und oben angekommen umschlang er die Mutter, die +strahlend vor Freude vor ihm stand. Er hatte gar nicht mehr gewußt, daß +sie so lieblich aussah, wie jetzt in ihrem Glück, und es überkam ihn so +plötzlich die Erinnerung, wie Vater und Mutter beisammen gewesen, daß +ihm Tränen in die Augen stiegen. Er begriff nicht, was ihn so bewegte +und sagte hilflos: "Ich freue mich doch so, aber das ist immer so dumm, +wenn man sich freuen will, dann kann man's nicht, ohne den Vater!" + +"Doch Gebhard, jetzt können wir's wieder! Denn wir wissen jetzt, daß der +Vater lebt. Sieh nur, den Brief habe ich bekommen, darin steht: Der +Vater lebt und grüßt uns tausendmal!" + +Kaum hatte Gebhard die Nachricht erfaßt, so erklang draußen ein +wohlbekanntes Klingeln: "Das ist die Großmutter, darf ich's ihr sagen, +Mutter?" + +"Wir miteinander!" + +Sie nahmen sich an der Hand, Gebhard lachte, wie die Mutter so +leichtfüßig mit ihm springen konnte. Sie kamen dem Mädchen noch zuvor. +Die Großmutter wurde von beiden Seiten umfangen und hörte nichts als: +Er lebt und grüßt uns tausendmal! + +Auf diese freudige Erregung folgten Wochen des Wartens. Aber sie +brachten für Helene nicht mehr verträumte Stunden auf dem Ruhebett; in +diesem altmodischen Haus gab es überhaupt gar kein Ruhebett. Frau Dr. +Stegemann kannte auch keine Mittagsruhe. Sie war der Meinung, daß es für +gesunde Menschen genüge, bei Nacht zu ruhen und begriff nicht, daß junge +Menschen so viele Stunden ihres Lebens ohne Arbeit oder Vergnügen, in +bloßem Nichtstun zubringen mochten. Helene fand sich schnell in diese +Auffassung und kam durch Arbeit hinweg über die Enttäuschung, daß der +ersten Nachricht keine zweite folgte und alle Nachforschungen fruchtlos +blieben. Sie besorgte ihr Kindchen selbst und war bald auch in allerlei +Arbeit für andere mit hineingezogen. Zuerst durch die junge +Schustersfrau, die inzwischen Witwe geworden war. Ihr mußte man helfen +Verdienst zu suchen, und dabei hörte man von anderen, die in ähnliche +Not geraten waren. + +Da gab es für Helene viele Gänge zu machen, aufzumuntern und Hilfe zu +schaffen. Ihre beiden jungen Nichten, Else und Grete, waren eifrige +Woll- und Metallsammlerinnen fürs Vaterland, hatten auch Gebhard mit +hereingezogen und so gab es in der ganzen Familie kaum eine Tätigkeit, +selten ein Gespräch, das nicht mit dem Krieg zusammenhing. + +Über all dem verstrich rasch die Wartezeit und ging der kalte +Vorfrühling über in einen Mai, so wonnig, daß all die Krieger im Feld +und ihre Treuen daheim aufatmeten nach dem schweren Winter. Und einer +dieser wonnigen Maitage löste auch das geheimnisvolle Dunkel, das bisher +über dem Schicksal des Försters gewaltet hatte. + +Helene war mit ihrem Töchterchen und den großen Kindern den Nachmittag +im Wald gewesen, nun kamen sie zurück mit großen Sträußen von Waldblumen +und jungem Grün; ein ganzer Frühlingseinzug war es, als all diese Jugend +heimkehrte und fröhlich die Großmutter begrüßte. Die mußte sich +gleichzeitig von jedem erzählen lassen, wie schön es im Wald gewesen, +mußte die Sträuße in Empfang nehmen, die für sie gepflückt waren, und +konnte sich in all der Kinderunruhe kaum Gehör verschaffen. Aber als +Helene mit den Kindern in die große Wohnstube ging, da folgte ihnen die +Großmutter nicht, sondern bemerkte nebenbei zur Schwiegertochter: "Wenn +du die Kleine besorgt hast, so komm zu mir herüber. Ich habe dir etwas +zu sagen." Helene sah die Mutter an und ein einziger Blick verriet ihr, +daß sie eine tiefe Bewegung beherrschte. Sie wußte: eine Nachricht war +gekommen! + +"Else, Grete," bat sie, "tut ihr mir's zuliebe, die Kleine auszuziehen, +Gebhard hilfst du?" Und ehe noch Antwort gekommen, setzte sie das Kind, +das sie auf dem Arm gehabt, mitten unter die drei Großen auf den Boden +und folgte der Mutter. "Ist ein Brief gekommen? Von ihm? An mich?" + +"An mich, aber deswegen nicht weniger an dich. Komm, setze dich zu mir. +Und sei tapfer, Helene!" Bei diesem Wort wurde die junge Frau blaß. +"Sind es keine guten Nachrichten?" + +"Wie kannst du _gute_ Nachrichten erwarten? Nicht wahr, wir haben uns +längst gesagt, daß wir aufs Schlimmste gefaßt sein müssen. Aber er lebt +doch und wird wiederkommen!" + +Sie nahm den Brief zur Hand. "Er ist von einer Pflegeschwester +geschrieben, aus einem Berliner Lazarett, Rudolf hat ihn diktiert. Ich +will dir ihn vorlesen." Sie las mit fester Stimme: + +"Liebe Mutter, wie ein Traum ist mir's noch, daß ich dir einen Brief +schicken kann, wie ein Wunder, daß ich wieder im deutschen Vaterland +bin. Noch vor kurzem hatte ich keine Hoffnung, je aus dem Feindesland +herauszukommen. Fremde Menschen haben sich meiner angenommen, mich mit +eigener Lebensgefahr über die Grenze gebracht. Aber bald, bald werde ich +dir das alles mündlich erzählen, nur auf eines soll dich dieser Brief +vorbereiten, ehe du mich wiedersiehst. Deine starke Seele wird es +ertragen, wenn ich dir sage, was mir geschehen ist. Die Russen haben +grausame Rache an mir verübt, als ich ihnen die Stellung der Deutschen +nicht verraten wollte. Mutter, sie haben mir das Augenlicht genommen. +Ich bin blind. Und nicht nur das, ich bin auch, das weiß ich, ein +grauenvoller Anblick, und dies quält mich vor allem bei dem Gedanken an +meine junge, weiche, fein empfindende Frau, die so etwas nicht ertragen +kann." Das Vorlesen wurde unterbrochen durch einen schmerzlichen +Aufschrei: "O Mutter, wie grausig!" Laut schluchzend drückte Helene +beide Hände vor das Gesicht, wie wenn sie verdecken wollte, was sie im +Geist vor sich sah. Sie weinte bitterlich, es war nicht möglich, weiter +vorzulesen. Mitleidig sah die Mutter auf die Trostlose. "Fasse dich, +Helene; nicht wahr, wir wußten schon lange, daß er in den Händen +grausamer Feinde war, und hatten uns auf das Schlimmste vorbereitet." + +"Ich nicht, Mutter, ich habe mir solch schreckliche Gedanken immer fern +gehalten." + +Das konnte Frau Stegemann nicht begreifen. In ihrer Natur lag es, fest +ins Auge zu fassen, was kommen mußte. "Helene," sagte sie vorwurfsvoll, +"du wolltest doch tapfer sein!" + +"Verzeih! Ich kann nicht, es ist zu schrecklich!" Vor der Türe ließ sich +eine Stimme hören. + +"Großmutter, darf ich kommen?" und Gebhard trat ein; er sah sein +Mütterlein aufgelöst in Tränen, daneben die Großmutter mit dem strengen +Ausdruck, den er kannte. Ihm war er vertraut, aber die Mutter fürchtete +ihn, das wußte er. Und als er sie so im Jammer sah, erregte es ihn, er +vergaß sich und rief mit zornigem Ausdruck, während ihm die Röte ins +Gesicht stieg: "Großmutter, so darf man nicht mit der Mutter reden, daß +sie so weinen muß, das leidet der Vater nicht!" + +Die Großmutter, die ihm sonst nie solch ungebärdiges Auftreten hingehen +ließ, übersah es diesmal; denn sein ritterliches Eintreten für die +Mutter gefiel ihr. + +"Ich habe deine Mutter nicht traurig gemacht," sagte sie, "sondern +dieser Brief, obgleich darin steht, daß der Vater bald kommt. Nun sieh +nur zu, wie du sie tröstest. Du kannst mit ihr den Brief fertig lesen!" +Sie gab das Blatt in seine Hand und verließ die beiden. Gebhard stand +ratlos mit dem Brief, denn eine fremde Handschrift war ihm noch eine +schwere Aufgabe. + +"Vorlesen kann ich nicht," sagte er, "und trösten auch nicht." + +Da raffte sich Helene zusammen: "Nein, mein armer, lieber Bub, du sollst +mich nicht trösten, du tust mir ja selbst so leid. Ich will dir sagen, +warum ich weine: Sieh, der Vater, dein herzlieber Vater, ist blind; +seine lieben, schönen Augen sind ihm zerstört worden aus Rache, weil er +die Deutschen nicht an die Russen verraten wollte." Sie zog ihn an sich, +wie entsetzlich mußte ihm, der so treu an seinem Vater hing, diese +Nachricht sein! Aber es kam anders als sie dachte. Nicht Tränen kamen +ihm in die Augen, stolz leuchteten sie und fast frohlockend klang es: +"Jetzt müssen es alle glauben, daß der Vater kein Verräter ist, alle, +auch Onkel und Tante! Mutter, schreibst du es ihnen gleich, heute noch?" + +"Ja, ja. Jetzt haben sie den Beweis, den sie wollten! Einen so +schrecklichen Beweis!" Ihr graute wieder. Aber Gebhard, dieses Kind, das +in Monaten des Krieges unter den Kameraden von viel Schrecklichem gehört +und im Lazarett allerlei Schwerverwundete gesehen hatte, konnte nicht +mehr so den Schauer empfinden. "Mutter," sagte er, "droben im Lazarett +ist ein Soldat, dem hat eine Granate beide Augen weggerissen. Aber der +hat schon oft mit dem Hundeführer und mir geplaudert und war ganz +vergnügt!" + +"Wie sieht er aus, Gebhard?" ganz ängstlich klang die Frage. + +"Ich weiß nicht, ich habe ihn nicht so genau angeschaut." + +"Hat er nicht furchtbare Schmerzen?" + +"Nein, er hat sich nie beklagt und ich glaube, es wird auch dem Vater +nicht mehr wehtun." + +"Vielleicht steht darüber noch etwas in dem Brief," sie griff darnach, +denn der kleine Mann hatte sie doch getröstet, sie war wieder gefaßt und +las vor. Von Schmerzen stand nichts darin. Zuversichtlich klang es: +"Bald darf ich reisen; zunächst komme ich noch nicht zu dir ins Haus, +sondern mit anderen Verwundeten in ein Lazarett; dort wirst du, meine +tapfere Mutter, mich besuchen. Ich weiß nicht, ob meine Lieben bei dir +sind, und überlasse es dir, ob du Helene die ganze traurige Wahrheit +mitteilen willst. Geh schonend um mit ihrem weichen Herzen; es ist mir +schwer an ihren Jammer zu denken. Aber _eine_ Mitteilung weiß ich doch, +die Euch freuen wird, Gebhard vor allem: Es wurde mir, der ich nicht +kämpfen durfte fürs Vaterland, das Eiserne Kreuz verliehen für die +_eine_ Stunde, in der ich meine Treue beweisen konnte, als ich die +Feinde seitab von der Spur führte, die sie suchten, und ihre Rache auf +mich nahm. Erst kürzlich ist der ganze Sachverhalt zur Kenntnis der +Heeresleitung gekommen." + +Das Eiserne Kreuz! Wie leuchteten Gebhards Augen und welcher Glanz kam +über das Gesicht der jungen Frau! Sie atmete tief auf. Nie konnte jetzt +mehr die alte Reue sie überfallen, nie durfte irgend jemand an seiner +Ehre zweifeln. Als ein treuer, tapferer Held, der das Schwerste auf sich +genommen hatte, stand ihr Mann vor Gott und der Welt, und ihre eigene +Schwachheit hatte seiner Ehre nicht geschadet. Mächtig wuchs ihr +Verlangen nach ihm, wie wollte sie ihn lieben und pflegen und glücklich +mit ihm sein! + +"Wie heißt es in dem Brief? _Bald darf ich reisen._ Was heißt bald? +Komm, wir müssen die Großmutter fragen; und an meinen Bruder muß ich +schreiben, gleich jetzt, komm Gebhard, komm!" + +Hand in Hand, in einer gleichen, großen Freude eilten sie hinaus, die +Großmutter aufzusuchen. Im Wohnzimmer war sie nicht zu finden, nur die +Kleine saß da, im niedrigen Kinderstühlchen; neben ihr Grete, die ihr +das Abendsüppchen gab. Im Augenblick kniete Helene neben dem Kind. +"Gebhard, wir müssen es dem Jüngferlein auch sagen, daß der Vater kommt. +Hörst du, Jüngferlein? Sag: Papa!" + +"Mam-ma!" rief die Kleine. + +"Papa," wiederholte die Mutter, "Papa," bat Gebhard, "Papa" sagte Else +vor. Verwundert, schaute das Kind von einem zum andern, spitzte endlich +das Mäulchen, machte sichtlich eine große Anstrengung und rief--"Mama!" +Da lachten alle zusammen. + +Frau Dr. Stegemann war nebenan und hörte das Lachen; hell und fröhlich +klang die Stimme der jungen Frau, die sie vor kurzem aufgelöst in +Tränen verlassen hatte. + +"O Jugend!" sagte die Großmutter vor sich hin; aber ihr ernstes Gesicht +erheiterte sich. "Es ist gut so. Komm nur, mein armer Blinder, es gibt +doch noch Herzensfreude für dich. Gottlob, dies Lachen hörst ja auch du, +so gut wie wir, und viele innige Worte der Liebe wird dir deine Frau +zuflüstern, die nur du hören wirst!" + + + + +Zehntes Kapitel. + + +An diesem Nachmittag, als Gebhard in das Lazarett ging, um den Soldaten +abzuholen, der eine letzte Probe mit Leo, dem geschulten Sanitätshund, +abhalten wollte, begleitete ihn Helene. Auf dem Weg vertraute sie +Gebhard an, daß sie nicht nur wegen des Hundes mit ihm ginge. Nein, sie +hatte vor, den Verwundeten zu besuchen, der durch Granatsplitter um +seine Augen gekommen war. Es graute ihr vor seinem Anblick, aber sie +wollte sich daran gewöhnen, ehe der Vater kam. So gingen sie miteinander +vor die Stadt hinaus nach dem Lazarett und sie betrat es mit Bangen. + +Gebhard führte die Mutter die Treppe hinauf. Oben trafen sie die +Pflegeschwester. "Heute kommt meine Mutter mit," sagte Gebhard, und +Helene brachte schüchtern und zaghaft den Wunsch vor, den Blinden zu +sehen. "Da kommen Sie gerade noch rechtzeitig," antwortete die +Schwester, "ehe er zum Unterricht geht, in die Anstalt gegenüber." Sie +betraten einen kleinen Saal mit mehreren Betten, die meisten standen +leer, denn die Verwundeten waren schon so weit hergestellt, daß sie sich +im Garten aufhalten konnten; aber einer stand am weit geöffneten +Fenster, durch das der Duft blühender Linden hereinströmte. "Das ist der +Blinde," sagte Gebhard und führte ihm die Mutter zu. Helene blickte zu +ihm auf. Nein, es war kein schlimmer Anblick: ein Band war um seine +Stirne gebunden und an diesem waren zwei kleine Tüchlein befestigt, die +die Augenhöhlen verdeckten. Sie gab dem Verwundeten die Hand. "Mein Mann +hat auch beide Augen verloren," sagte sie mit tiefer Bewegung. Der +Blinde hörte es ihrem Ton an. "Es ist freilich traurig," sagte er, "auch +für die Frauen. Die meinige hat auch gejammert. Aber man muß es halt +hinnehmen und auf Gott vertrauen. Wenn man erst eine Beschäftigung +gelernt hat, wird einem die Zeit nicht mehr so lang. Ich habe jeden +Nachmittag Unterricht." + +"Darf ich manchmal vormittags zu Ihnen kommen und Ihnen etwas vorlesen?" + +"Ja, das wäre mir wohl recht." + +Ein Verwundeter, den Arm in der Binde, kam, er führte den blinden +Kameraden zum Unterricht. Helene verabschiedete sich. Draußen sprach sie +mit der Schwester. "Darf ich öfter kommen?" fragte sie, "ich möchte so +gerne mehr von ihm hören," und zaghaft fügte sie hinzu: "Ich möchte ihn +auch ohne die Binde sehen." + +"Ja, kommen Sie nur, so oft Sie wollen. Die Binde trägt er bloß, wenn +er über die Straße geht. Sie werden sich schnell an den Anblick +gewöhnen--wir Schwestern und seine Kameraden denken gar nicht mehr +daran, das ist nicht so schlimm!" + +Erleichterten Herzens verließ Helene das Gebäude. Der Blinde, die +Kameraden, die Schwester, sie alle waren so ruhig gewesen. Es war nicht +so schwer, als sie sich eingebildet hatte, gewiß nicht. Gleich morgen +wollte sie wiederkommen, denn wer konnte wissen, wann ihr eigener +geliebter Blinder kommen würde? Jeden Tag konnte das sein und er sollte +sie nicht mehr feig und schwach sehen, nein, wahrhaftig, er verdiente +eine tapfere Frau, und das wollte sie ihm sein! + +Im Hof unten wartete schon neben seinem neuen Herrn stehend Leo, der +Sanitätshund. Er trug heute zum erstenmal die feldgraue, mit dem roten +Kreuz geschmückte Decke. Mit freudigem Bellen sprang er auf Gebhard zu. + +"Heute sollst du sein Meisterstück sehen, Gebhard," sagte der +Hundeführer. "Morgen wird's aber auch ernst, wir reisen in aller Frühe +ab, gleich an die Front!" + +Drei Soldaten waren schon vorausgegangen mit dem Auftrag, sich auf einer +kleinen Anhöhe in dem nahen Wald zu verstecken. Sie sollten die +Verwundeten vorstellen, die aufzusuchen wären. Auf einem andern Weg +folgte nun der Führer mit dem Hund. Ihm schlossen sich Helene und +Gebhard an. "Im Kasernenhof haben wir schon ähnliche Übungen mit dem +Hund gemacht," sagte der Führer, "aber im Wald noch nie. Ich bin aber +sicher, er wird auch da seine Sache gut machen." Oben angekommen, ließ +er den Hund von der Leine los und rief ihm aufmunternd zu: "Leo, such +verwundet!" + +Pflichteifrig raste der Hund im ersten Augenblick geradeaus. Dann schien +er sich zu besinnen, schnüffelte da und dort, aufgeregt, immer die Nase +auf dem Boden. Allmählich näherte er sich dem Wald. + +"Am Waldrand ist ein Bach," sagte der Führer. "Der Steg ist weiter oben. +Die Soldaten werden sicher nicht über den Steg gegangen sein, sondern +durchs Wasser." + +"Aber im Wasser verliert er die Spur!" + +"Ja freilich, aber so ist's im Feld auch. Warte nur, sein Instinkt wird +ihn schon treiben, die Spur auf dem andern Ufer zu suchen." Richtig, Leo +verschwand plötzlich in der Tiefe, tauchte am andern Ufer des Baches +wieder auf, schüttelte sich das Wasser vom Fell, suchte und verschwand +im Wald. Sie gingen nun dem Bach entlang bis zum Steg und hinüber an den +Waldessaum. Dort standen sie eine ganze Weile gespannt und lauschend. +Plötzlich raschelte es im Laub und Leo tauchte auf. + +"Er bringt eine Mütze!" rief Gebhard und rannte in hellem Vergnügen dem +wackeren Tier entgegen, das in gestrecktem Lauf daher gesaust kam und +die Soldatenmütze zu den Füßen seines Herrn ablegte. "Brav, Leo, brav," +lobte der Führer und befestigte die Leine am Halsband. "Führe mich, +Leo!" Der Hund zog an, ging voraus, die kleine Gesellschaft folgte in +den Wald hinein, durch dick und dünn eine gute Strecke weit; dann gab +der Hund Laut und blieb stehen. Möglichst im Unterholz versteckt lag ein +Soldat ohne Mütze. Der Führer sprach ruhig und freundlich den Soldaten +an, während er sich den Anschein gab, ihm aufzuhelfen. "Der Hund muß +merken, daß es gute Freunde sind, die wir aufsuchen," erklärte er, +streichelte bald den Hund, bald den Soldaten und führte diesen am Arm +mit sich fort. + +Die Übung wurde wiederholt, der neue Sanitätshund bewährte sich +glänzend, er fand alle Versteckten. + +Im Abendschein kehrten die Soldaten in das Lazarett zurück, der Führer +begleitete Mutter und Sohn noch bis in die Stadt. Dann kam der Abschied. +"Reut dich's nicht?" fragte er und sah bedenklich nach dem kleinen Mann, +der seinen Hund zum letztenmal streichelte. "Nein, es reut mich gar +nicht. Ich glaube auch, daß Leo jetzt versteht, warum ich ihn hergebe. +Er weiß, daß er Verwundete suchen muß. Gelt Leo?" Das Tier wedelte; es +verstand jedenfalls so viel, daß von ihm die Rede war. Nun wandte sich +Gebhard ab, gab dem Führer rasch die Hand und bat die Mutter: "Wir +wollen jetzt doch lieber gehen." + +Sie verstand ihn und machte den Abschied kurz: "Viel Glück!" rief sie. + +"Viel Dank," antwortete der Feldgraue, "komm Leo!" So trennten sie sich. + +Helene und Gebhard gingen Hand in Hand durch die Vorstadt. Die Straßen +waren ihnen fast unbekannt und dennoch vertraut was da vor sich ging. In +der Mitte der Straße bewegte sich, von zwei bewaffneten Soldaten +begleitet, ein Trupp gefangener Franzosen. Sie zogen und schoben einen +Wagen voll Brot hinauf nach dem Gefangenenlager. Niemand kümmerte sich +viel um den gewohnten Anblick.--Ein paar Frauen kamen des Weges, jeder +hing über dem Arm ein Pack grauer Kleidungsstücke; man wußte: das sind +Frauen, deren Männer im Krieg sind und die nun nähen für das Militär, um +Geld zu verdienen für sich und die Kinder.--An einem Ladenfenster klebt +ein Blatt Papier, die neuesten amtlichen Berichte. Eine kleine Gruppe +steht davor, auch Helene und Gebhard bemühen sich, sie zu lesen, können +aber nicht recht bei. "Nichts besonderes," sagt einer zum andern, "es +handelt sich halt wieder um Arras und Ypern."--Zwei vorübergehende +Frauen plaudern miteinander, man hört nur drei Worte, nur den +gewichtigen Ausruf: "das Stück 14 Pfennig!" aber man weiß: von den Eiern +reden sie.--Auch was die zwei älteren Damen meinen, die so besorgt +aussehen, ergänzt sich ein Jeder, wenn er gleich nur hört: "Morgen +sind's schon drei Wochen!" daß keine Nachricht vom Sohn mehr +eingetroffen ist.--Ein paar muntere Mädchen eilen vorüber, die eine +rühmt sich: "O wir haben im vorigen Monat _zehn_ übrig behalten," +Brotkarten natürlich. + +Und plötzlich schauen alle, horchen alle--drei Schüsse? Ein Sieg? Da und +dort fährt ein Fenster auf, Leute rufen auf die Straße: Was ist's denn? +Und von irgend woher kommt die Antwort und pflanzt sich fort: "Przemysl +ist gefallen!" + +_Eine_ Freude fliegt durch die ganze Stadt. + +Unsere beiden, Mutter und Sohn, eilen, können kaum erwarten heim zu +kommen; und wie sie das Haus erreichen, fangen gerade die Glocken an zu +läuten, die Fahnen kommen heraus und hoch oben an der Großmutter Fenster +erscheint neben der deutschen zum erstenmal auch die schwarz-gelbe +österreichische; denn _eine_ kann nimmer genügen, um die Siegesfreude +auszusprechen in dieser einzig großen, schweren Zeit. + +Monate lang hatte Helene mit all ihren Gedanken in der Vergangenheit +gelebt. Immer wieder hatte sie zurückdenken müssen an den Tag, der ihr +Glück vernichtet hatte. Jetzt aber, durch den Brief ihres Mannes tat +sich wieder eine Zukunft vor ihr auf und all ihr Sinnen ging dahin, wie +es werden sollte, wenn er zurückkäme. Seine Stelle konnte er ja nicht +mehr ausfüllen, das Forsthaus war keine Heimat mehr für sie. Vor +längerer Zeit schon hatte die Mutter eine Anfrage eingesandt, um zu +erfahren, ob die Wohnungseinrichtung im Forsthaus unbeschädigt geblieben +sei und geholt werden könnte. Heute war amtliche Mitteilung darüber +eingetroffen. Sie besagte, daß infolge russischer Plünderung sämtliche +Möbel und Hausgeräte zertrümmert seien, die Betten aufgeschnitten und +besudelt, Bücher und Schriftliches verbrannt. Wahrscheinlich sei die +zerstörte Wohnung später noch durch Diebsgesindel durchsucht worden, +denn es sei nicht das Geringste mehr vorhanden. + +Schmerzlich war diese Nachricht. Helene hatte als Braut eine reiche +künstlerische Ausstattung in das Forsthaus gebracht--nun war die ganze +schöne Einrichtung verloren. Und alles was Vater und Sohn besessen an +geliebten Gegenständen, jedes Andenken an frühere Zeiten, die Spiele, +die Gebhards Kinderglück ausgemacht hatten, alles war in die Hände roher +Gesellen gefallen und vernichtet worden. + +Helene war tief gebeugt über diese vollständige Verarmung. Noch vor +kurzem hätte sie sich wenig darum bekümmert, aber eben jetzt, wo sie +ihren Mann erwartete, schmerzte es sie bitter. Nichts war mehr da von +ihrem Hausstand, sie konnte nicht, wie andere Frauen, den Heimkehrenden +im eigenen Haus empfangen. Aber das wußte sie: die Mutter würde Raum +schaffen für ihren geliebten Sohn; an seine Mutter hatte er sich ja +gewandt, nicht an sie; das konnte sie begreifen: die Mutter verstand ihn +doch am besten, sie allein hatte auch nie an seiner Ehre gezweifelt; zu +ihr käme er gerne und man mußte dankbar sein, daß das möglich war. + +So ging sie zur Mutter und fragte bescheiden: "Wie soll es werden, wenn +Rudolf aus dem Lazarett kommt? Ich weiß, du wirst ihn mit Freuden +aufnehmen, aber wenn ich mit den Kindern auch dabei bin, wird es dir +dann nicht zu viel?" + +"Freilich wird es mir zu viel," war die Antwort. + +"Wie meinst du das, Mutter?" fragte Helene erschrocken.--"Ich meine zu +viel für mich, weil zu wenig bleibt für dich. Ich habe schon viel +darüber nachgedacht und möchte gerne herausbringen, daß Ihr eine kleine, +einfache Wohnung für Euch allein nehmen und einrichten könnt. Aber das +genügt Euch jungen Frauen nicht. Da soll immer alles zusammenpassend und +stilgemäß sein. Dazu reicht es aber nicht. Es müßte eine ganz +bescheidene 3 Zimmer-Wohnung sein und auch alte Möbel dazu verwendet +werden, das könnten wir mit vereinten Kräften schon bestreiten und dann +wäret Ihr vier beisammen; so käme es mir am besten vor." + +"Und mir!" rief die junge Frau, und in aufwallendem Glück umarmte sie +die Mutter und rief in übermütiger Freude: "Ohne jeglichen Stil soll +unser Heim werden, das verspreche ich dir, Mutter, so unkünstlerisch als +du nur willst. Ein urgemütliches Nestchen wird's dennoch! O Mutter, +gehen wir gleich Wohnungen ansehen?" Die Mutter sah glücklich auf die +strahlende Freude, die der jungen Frau aus den Augen leuchtete. Und sie +dachte an ihren Sohn. Der beste Schatz war ihm doch geblieben. + +In den nächsten Tagen kamen noch von zwei Seiten Briefe, die auf diesen +Zukunftsplan Einfluß hatten. Der erste war von Helenens Bruder. Er +sprach herzliche Teilnahme aus über das Schicksal des Erblindeten; aber +auch Stolz und Freude über das Eiserne Kreuz, das der ganzen Familie zur +Ehre gereiche. Er bat die Schwester, mithelfen zu dürfen bei der +Gründung eines neuen Heims. + +Der zweite Brief enthielt ein amtliches Schreiben und besagte, daß dank +der großen Summen, die aus ganz Deutschland für die vertriebenen +Ostpreußen eingegangen seien, eine Entschädigung für den verlorenen +Besitz bewilligt werden könnte, sobald der Antrag gestellt würde. + +Zu Tränen gerührt war Helene über diese freiwillige Hilfe von allen +Seiten. Jetzt hatte es keine Not mehr, sie konnte sich alles wieder so +schön und reichlich anschaffen, wie einst als Braut. + +Aber es ging ihr sonderbar: der Gedanke, hinzugehen, einzukaufen und +sich nur zu fragen: Herz, was begehrst du? freute sie nicht mehr. In der +Kriegszeit, wo so viel bittere Not herrschte, sollte sie sich alle +Wünsche befriedigen? Sie war so fröhlich und eifrig gewesen bei dem +Gedanken, alles so schlicht und bescheiden wie möglich einzurichten. +Eine Weile sann sie nach, dann kam sie zur Mutter. "Du hast doch +ausgerechnet, daß wir reichen, wenn wir uns sparsam einrichten. Dann +möchte ich lieber nichts annehmen von der Summe, die für die +Vertriebenen bestimmt ist. Es geht sonst an ärmeren ab. Ich meine, +Rudolf wird es auch so auffassen. Was denkst du, Mutter?" + +"Ich denke, daß du das Herz am rechten Fleck hast," war die Antwort. +Dieses gute Wort versetzte Helene in eine gehobene Stimmung, die ihr +auch blieb, während sie die bescheidene Wohnung wählte und mit +schlichten Möbeln ausstattete. Ein fröhliches Vorbereiten, ein +bräutliches Erwarten erfüllte sie in diesen Tagen. + + + + +Elftes Kapitel. + + +An seinen Schulheften saß Gebhard und seufzte. Ihm wurde das Warten auf +den Vater unerträglich lang. Die Mutter hatte es gut--ihre Tage waren +ganz ausgefüllt durch Vorbereitungen auf des Vaters Kommen; sie richtete +die Wohnung für ihn; sie ging um seinetwillen fast täglich ins Lazarett +zu den Augenleidenden und Blinden und half bei ihrer Pflege. + +Und die Großmutter war von früh bis spät in allerlei Kriegshilfe tätig; +viele arme Frauen kamen zu ihr und sie verschaffte ihnen Arbeit, selten +hatte sie ein wenig Muße für ihren Enkel. Else und Grete waren in allen +Freistunden unterwegs, sie sammelten fürs Vaterland das Gold ein, von +dem noch viel bei ängstlichen und bei gedankenlosen Menschen steckte. +Das Schwesterchen spielte freilich gern mit dem Bruder, aber mehr als +"Kuckuck" ließ sich noch nicht mit ihr machen. Der bessere Spielkamerad +war doch Leo gewesen und der fehlte jetzt. + +Einmal, als die Mutter vom Lazarett heimkam, klagte er ihr: "Es dauert +so lang, so furchtbar lang, bis der Vater kommt!" Sie tröstete ihn. +"Jetzt wird er sicherlich bald kommen. Warte nur ein Weilchen, dann wird +es um so schöner bei uns." Vom nächsten Ausgang brachte sie ihm ein Buch +mit, daß ihm die Zeit rascher vergehe über dem Lesen. + +Aber das Buch war bald zu Ende. Er kam zur Großmutter. "Wann kommt denn +endlich der Vater, ich kann es nicht mehr erwarten!" + +"So, du kannst nicht warten? Wir daheim und unsere Soldaten draußen +müssen doch alle warten!" + +"Ja, aber es ist keine schöne Zeit, wenn man so wartet, Großmutter." + +"Willst du denn eine schöne Zeit haben im Krieg, während so viele +leiden? Sei froh, daß du auch etwas leiden darfst, wenn es auch nur eine +schwere Geduldsprobe ist. Es kann noch lange dauern, bis der Vater +kommt; ich will sehen, ob du die Probe bestehst, ob du geduldig +ausharrst." + +So ernst nahm es die Großmutter? Ja, wenn das eine schwere Probe war, +wie sie die Soldaten zu bestehen haben, dann wollte er sie schon auf +sich nehmen, das sollte die Großmutter sehen. Er nahm sich zusammen und +ward wieder guten Mutes. Die Schule, die Kameradschaft waren ihm dabei +die beste Hilfe. Es war ihm wohl in seiner Klasse. "Sie sind alle nett +gegen mich," erzählte er daheim, "und das kommt, weil sie meinen Leo +gern gehabt haben und weil sie vom Vater wissen." Er hatte recht. Durch +den treuen Hund und durch das Schicksal des Vaters war die +Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt worden. Aber daß ihm alle Herzen zugetan +waren, das kam von seiner eigenen, tapferen, treuen Art; die zog die +andern an, ohne daß er's wußte. + +Eines Morgens, als Gebhard in die Schule kam, zog ihn ein Kamerad +beiseite, tat geheimnisvoll, wollte ihm etwas sagen, das er doch +eigentlich verschweigen sollte. Endlich vertraute er, dessen Bruder +Sanitäter war, Gebhard an, daß an diesem Vormittag ein Zug mit +Verwundeten ankäme, er solle es eigentlich niemand sagen, damit nicht +die neugierigen Menschen an die Bahn kämen. Sie würden alle in das +Lazarett gebracht, außer einem, den müsse sein Bruder abholen und in die +Augenklinik fahren, der habe beide Augen verloren. Ob das nicht Gebhards +Vater sein könne? + +"Freilich kann er's sein!" rief Gebhard fast erschrocken durch die +plötzliche Hoffnung auf das Wiedersehen. "Um wieviel Uhr? Wann kommt der +Zug?" + +"Das weiß man nicht so genau und es hilft dir ja auch nichts, wir haben +doch bis zwölf Uhr Schule. Aber es kann auch ein Uhr werden, bis der Zug +kommt." + +Ruhig auf der Schulbank sitzen und denken, daß vielleicht der Vater +ankomme? das ging doch nicht? Aber es _mußte_ gehen. Die Großmutter +würde sagen: ausharren. Wie sonderbar, daß er da saß in dem großen +Augenblick, auf den er so lange gewartet hatte! Aber vielleicht kam der +Vater gar nicht. Wenn man es doch nur wüßte! Wie qualvoll dieses +Stillehalten!--Es war eben Krieg, und darum war alles schwer, so +furchtbar schwer! + +Der Unterricht hatte begonnen. Jetzt kam der Lehrer in seine Nähe und +richtete eine Frage an ihn. Gebhard stand langsam auf und atmete tief, +wie wenn er eine Last mit in die Höhe zu heben hätte. Der Lehrer lachte. +"Nun, ist das eine so schwere Frage? Du seufzst ja ordentlich!" Aus +gepreßtem Herzen kam die Antwort: "Weil vielleicht gerade mein Vater +ankommt und ich in der Schule bin!" + +"Dein Vater kommt? Heute früh? Du hättest ihn gern begrüßt? Ja! Möchtest +fort und fragst gar nicht? Ist's noch Zeit?" + +Gebhard konnte kaum antworten vor Erregung. + +"Närrischer Bub! So etwas erlaube ich doch! Spring davon!" + +Jetzt kam Leben in den kleinen Mann. Er fuhr von seinem Platz auf, der +Türe zu. + +"Deine Mütze!" riefen einige und lachten. Er wandte sich noch einmal, +sie sahen jetzt alle sein strahlendes Gesicht. Die Mütze vom Nagel, auf +und davon, dem Bahnhof zu. + +Unterwegs schlug es neun Uhr, drei Stunden konnte er, wenn nötig, vor +dem Bahnhof warten, ohne daß er daheim vermißt wurde. So lange wollte er +ausharren, o leicht und gern! + +Auf dem Bahnhofplatz war nicht wie sonst vor der Ankunft von +Lazarettzügen ein Menschenauflauf. Auch fuhren keine Rotkreuzwagen vor. +Ein einziger stand leer und verlassen vor der Halle. Wenn nur auch der +Schulkamerad recht hatte. Vielleicht war es eine falsche Nachricht. Er +sah sich um. Sein Blick fiel auf zwei Weiber, mit Körben am Arm, die da +standen und sich unterhielten. Er redete sie an, ob wohl bald die +Verwundeten ankämen. Die eine lachte: "Da bist du zu spät aufgestanden!" +und da Gebhard nicht verstand, was sie meinte, erklärte die andere: "Die +sind schon vor einer halben Stunde gekommen und alle schon +heimgefahren, bis auf das eine Auto, das bleibt wohl leer. Man schickt +immer lieber eins zu viel als zu wenig." Die Frauen wandten sich und +gingen ihres Weges. + +Also zu spät, nicht zu früh! Bitter enttäuscht stand Gebhard, konnte +sich nicht gleich entschließen den Platz zu verlassen; zögernd, planlos +ging er noch auf den Bahnhof zu und stand plötzlich betroffen still. Aus +dem Bahnhofgebäude kam ein Sanitäter, führte zwei Männer und diese +beiden hatten Binden um die Augen. Hoch klopfte Gebhards Herz. Er konnte +noch nicht recht unterscheiden, aber jetzt näherte sich die Gruppe; der +Sanitäter stützte den einen der beiden, der ein junger feldgrauer Soldat +war und auch am Fuß verletzt schien; sorglich führte er ihn die breiten +Staffeln herunter auf die Stelle zu, wo das Auto stand. Inzwischen blieb +der andere, den Führer erwartend, an einer Säule der Vorhalle stehen, +und da nun seine stattliche, kräftige Gestalt ganz zu sehen war, +erkannte Gebhard seinen Vater. Alles Zögern war vorbei, in jubelnder +Freude sprang er herzu, die Staffeln hinauf und rief mit frohlockender +Stimme: + +"Vater! Grüß dich Gott, lieber, guter Vater!" An dem ersten, trauten Ruf +hatte Stegemann sein Kind erkannt und nun griff er nach ihm mit beiden +Händen und zog ihn in warmer Liebe an sein Herz. "Grüß dich Gott, mein +Männlein, mein guter Bub! Ich hätte nicht gedacht, daß du mich gleich +erkennst und dich so freust an deinem blinden Vater!" + +"O, ich habe es gar nicht mehr erwarten können, bis du kommst; das +wissen wir ja schon lang, daß du blind bist, das macht _gar_ nichts, +Vater!" + +"So, das macht gar nichts?" wiederholte Stegemann und lachte von Herzen. +Der Sanitäter kam nun zurück, um seinen zweiten Pflegbefohlenen zu +holen. + +"Kannst du denn nicht gleich zu uns, Vater? Ich kann dich so gut +führen!" + +"Zunächst bin ich noch ins Lazarett überschrieben, aber bald darf ich +heim, vielleicht schon morgen, der Arzt wird das bestimmen." + +"Willst du mitfahren und sehen, wohin dein Vater kommt?" fragte der +Sanitäter und fügte hinzu: "Wer hat dir denn verraten, daß heute +Verwundete ankommen?" + +"Ein Schulkamerad." + +"Aha, ich kann mir schon denken, welcher das war. Macht nichts, komm nur +mit!" + +Sorgsam führte der Sanitäter den Blinden die Staffeln hinunter. Gebhard +ging auf der andern Seite. + +"Künftig darf ich dich immer führen, gelt Vater?" + +"Letzte Stufe," sagte der Führer und wandte sich an Gebhard: "Immer +voraus sagen, sonst tut der Schritt weh; alles vorher ankündigen, das +ist die Hauptregel, dann gewinnen die Blinden Vertrauen und gehen ruhig +und zuversichtlich. Darauf mußt du achten!" + +"Ja das will ich gewiß tun," versicherte Gebhard eifrig, "dann vertraust +du mir, gelt Vater?" Achtsam sah er zu, wie der Sanitäter dem Blinden +das Einsteigen ermöglichte, mehr durch kurze Zurufe als durch Hilfe. + +Bald saßen sie nebeneinander, Hand in Hand und sprachen gar nicht viel, +weil sie noch kaum das Glück fassen konnten, wieder beisammen zu sein. +Gebhard begleitete den Vater noch in den Saal. Die Neuangekommenen +sollten sich nach der langen Reise legen und ausruhen. Vater und Sohn +mußten sich trennen. "Bitte die Großmutter, sie möchte zuerst allein zu +mir kommen; für die Mutter ist's ein schwerer Gang!" sagte der Blinde, +küßte den Knaben und gab ihm leise den Auftrag: "Den Kuß gib der +Mutter!" + +Gebhard ging heim wie im Traum. Mit all seinen Gedanken, mit dem ganzen +Herzen war er noch bei dem geliebten Vater, konnte selbst kaum an die +wunderbare Mär glauben, die er nun verkündigen wollte: daß der Vater +angekommen sei! + +Er traf aber zu Hause die nicht, die er suchte. Die beiden Frauen waren +nach der künftigen kleinen Wohnung hinübergegangen; Helene war fertig +mit der Einrichtung, hatte die Mutter geholt, um ihr alles zu zeigen und +führte sie jetzt durch die Zimmer. "Wie gefällt es dir, Mutter? Ist +dir's recht so?" + +"Mir freilich, du hast ja alles mehr nach meinem als nach deinem Sinn +eingerichtet. Es ist wohl ein Unterschied gegen deine frühere reiche, +stilvolle Einrichtung!" Sie sah die Schwiegertochter an, wie wenn sie +erforschen wollte, ob es ihr schwer ums Herz sei. Aber Helene lachte +fröhlich: "Es ist doch alles wieder stilvoll, Mutter, es ist Kriegsstil. +Wie wenn man Reste aus ein paar zerstörten Häusern zusammengetragen +hätte: da ein paar schöne, alte Möbel von dir, dort schlichte, gebeizte +vom Schreiner, da der hochfeine Schreibtisch, den mein Bruder geschickt +hat, und davor ein gewöhnlicher Holzstuhl. Und an der ausgebesserten +Tapete Bilder in schwarzen, braunen und vergoldeten Rahmen und gar ein +kleiner Spiegel vom Trödelmarkt. Aber sieh, die sogenannte +Mädchenkammer, hat die nicht ein nettes Stübchen für Gebhard gegeben? +Seine Kriegsbilder hat er selbst an die Wand nageln dürfen und sein +schmales Feldbett ist auch reinster Kriegsstil. Dazu paßt auch statt +eines Mädchens die kleine Kriegswitwe, der du das Essen gibst; das alles +stimmt herrlich zusammen. Nun fehlt nur _er_ noch! Wie lange wohl?" + +Draußen wurde geklopft. "Es muß jemand an der Vorplatztüre sein," sagte +Helene, "die Klingel geht nämlich nicht immer und der Aufzug ist auch +ein wenig launisch, das macht aber nichts, gehört eben auch zum +Kriegsstil." + +Sie gingen miteinander hinaus und öffneten. Gebhard stand vor ihnen auf +der Schwelle, wußte vor übergroßer Erregung nicht gleich, wie er +erzählen sollte, war auch so gesprungen, daß es ihm den Atem benommen +hatte. Aber die Mutter fing seinen strahlenden Blick auf, ahnte und +rief: "Der Vater kommt?" + +"Der Vater ist schon da!" Glückselig fiel er der Mutter um den Hals und +jubelte: "Da bringe ich dir einen Kuß von ihm!" + + + + +Zwölftes Kapitel. + + +Am Bett ihres Sohnes saß Frau Dr. Stegemann; die andern Betten standen +leer, die Verwundeten waren an dem schönen Nachmittag ins Freie gebracht +worden. So waren die Beiden allein in dieser ersten Stunde des +Wiedersehens und ungestört hatte der Sohn seiner tapfern Mutter seine +Erlebnisse erzählen können. Sie wußte jetzt, was er durchgemacht von dem +Augenblick an, da er sich bereit erklärt, die Russen zu führen, in der +stillen Absicht sie wegzubringen von seinen Lieben im Forsthaus und sie +in die Irre zu leiten, um die deutsche Patrouille zu retten. Der +Offizier traute seinem Führer nicht und bedrohte ihn, wenn er ihm nicht +zu Willen sei, solle er nie mehr seine schöne Frau wiedersehen, er würde +ihm die Augen ausstechen lassen. + +So wußte er, welch grausame Marter ihm bevorstand. Noch hoffte er auf +irgend einen glücklichen Zufall, der ihm zu Hilfe käme, und betete im +stillen. Aber das Mißtrauen der Feinde wuchs immer mehr, er erkannte, +daß der bittere Kelch nicht an ihm vorübergehen sollte, und bereitete +sich innerlich vor auf das, was kommen mußte. + +Leute kamen des Weges, wurden ausgefragt und darnach wandte sich die Wut +der Feinde gegen ihn. Sie verübten an ihm die grauenvolle Untat, ließen +ihn in seinen Qualen liegen und ritten davon. + +Als Stegemann so weit erzählt hatte, spürte er an der zitternden Hand +der Mutter, daß sie überwältigt war, und er hielt inne. + +"Ist dir's so schwer, Mutter? Es ist ja überstanden, auch die +schrecklichen Qualen, die folgten. Aber ich will dir jetzt nicht weiter +davon erzählen; ich danke dir, daß du mich so tapfer angehört hast. Dir +habe ich es zugetraut, darum wollte ich dich zuerst allein sprechen. +Aber nun will ich vergessen, was dahinten ist, und jetzt sage du mir, +Mutter, was liegt vor mir? Darf ich dies Elend meiner jungen Frau +aufladen? Kann sie es tragen, sie, die so weich und feinfühlend ist und +mir immer erschien, als sei ihre Natur ganz auf Lust und Freude +angelegt? Zwar glaube ich nicht, daß wir Not leiden müssen. Das ganze +Vaterland hilft uns Invaliden, hilft vor allem, daß wir arbeiten lernen +und etwas verdienen können. Damit habe ich schon angefangen und werde +meine ganze Kraft einsetzen, um mitzusorgen für die Meinigen. Aber +dennoch--wie schwer ist es für Helene! Nie hätte ich, so wie ich jetzt +bin, ihr junges Leben mit dem meinigen verbunden!" Er setzte sich auf in +seinem Bett und horchte gespannt zur Mutter hin. Die nahm seine Hand in +die ihrige und sprach in voller Überzeugung: "Da sei du ganz unbesorgt, +Rudolf, keine Braut kann verlangender dem jungen Bräutigam +entgegensehen, als sie ihrem Helden!" + +"Weil sie nicht weiß, was für ein Anblick ihr bevorsteht und was es +heißt, einen hilfsbedürftigen Blinden um sich zu haben, anstatt eines +ritterlichen Gatten, der ihr alle Schwierigkeiten des Lebens aus dem Weg +räumt!" + +"O, sie weiß das besser als du denkst, Rudolf; wir haben neun Monate +Krieg erlebt, die waren für deine Frau voll Angst und Reue, voll Sehnen +und Warten; sie hat sich durchgekämpft, ist stark geworden, um Leid und +Entbehrung mit dir zu tragen." + +"Mutter, damit nimmst du mir die schwerste Sorge ab! Wenn es so ist, +dann, liebe Mutter, o dann bitte ich dich, gehe gleich zu ihr; ich habe +mich nach ihr gesehnt jede Stunde, seit wir getrennt sind; um keine +weitere Stunde soll die Trennung verlängert werden." + +"Ich gehe, Rudolf, sie wird bei dir sein schneller als du denkst. Ich +bringe ihr deine Botschaft." + +Er richtete sich auf, tastete nach dem Tischchen nebenan, zog die +Schublade auf. + +"Was suchst du? Kann ich dir helfen?" + +"Ja, es wird eine Schachtel da sein, in der ist mein Eisernes Kreuz. +Wenn du mir das befestigen willst. Daß sie doch _etwas_ Schönes sieht an +ihrem Mann!--So, nun ist's gut. Und die Augen sind bedeckt, nicht wahr, +man sieht die Zerstörung nicht?" + +"Nein."--Sie wollte hinzufügen: "Deine Frau hat sich längst geübt, auch +das zu sehen," aber sie unterdrückte es. Wer konnte wissen, wie es sie +im Antlitz des eigenen geliebten Mannes erschüttern würde? + +Unten im Garten wurde Frau Stegemann von Helene sehnlich erwartet. + +"Mutter, wie geht es ihm? Sage mir, warum wollte er dich allein +sprechen?" + +"Er hat Mitleid mit dir, daß du ihn so wiedersehen mußt, hat Angst, es +möchte dir zu schrecklich sein. Es ist auch schwer, Helene, mich hat es +furchtbar erschüttert; ich mußte mich _so_ zusammennehmen, um die +Fassung zu bewahren." + +Jetzt, da der Sohn nicht mehr darunter leiden konnte, jetzt verlor sie +diese Fassung und konnte die bittern Tränen nicht zurückhalten. Das +hatte Helene noch nie erlebt; immer war die Mutter ihr an Seelenstärke +überlegen gewesen. Sie hatte tiefes Mitleid mit der Mutter, die ihr in +ihrem Kummer zum erstenmal als eine alte Frau erschien. "Es hat dich +angegriffen," sagte sie herzlich zu ihr, "soll ich dich heimbegleiten?" +Aber Frau Stegemann wehrte ab. "Nein, nein, ich finde mich schon wieder +zurecht. Geh nur, Kind; halte dich nicht mit mir auf, geh zu ihm, er +wartet!" + +Der Mutter Schwäche wurde eine merkwürdige Hilfe für die junge Frau. +Wenn die Mutter, die starke, versagte, dann mußte sie die tapfere sein. +Alles Bangen wich von ihr, leichtfüßig eilte sie die Treppe hinauf, sie +wollte nichts aufkommen lassen als reinste Wiedersehensfreude in dieser +lang ersehnten Stunde. + +Sie öffnete die Türe, sah, wie bei dem Geräusch ein Kopf sich aus dem +Kissen hob, eine Gestalt sich halb aufrichtete und nach der Türe wandte. + +"Rudolf, ich bin's!" rief sie, war im Augenblick bei ihm, umarmte ihn +stürmisch und rief ihm fröhlich zu: "Glaubst du, daß ich's bin, wenn du +mich gleich nicht siehst?" + +Er spürte ihre Fröhlichkeit und zog sie an sein Herz. + +"Ja, du bist's Helene, du Sonne in meiner Nacht! Gott sei Dank, daß ich +dich habe!" Er küßte sie. Da schob sie sanft die Binde über seine Stirne +hinweg, drückte einen Kuß auf jede der verheilten Wunden und sagte zu +ihm: "Das sind deine Ehrenzeichen, du mein Held. Wie bin ich stolz auf +diese Narben!" + +Er legte sich zurück, fühlte sich aller Angst und Sorge ledig und gab +sich der Wonne des wiedergefundenen Glückes hin. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Ohne den Vater, by Agnes Sapper + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OHNE DEN VATER *** + +***** This file should be named 11677-8.txt or 11677-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/1/6/7/11677/ + +Produced by Charles Franks and the DP Team + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's +eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII, +compressed (zipped), HTML and others. + +Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over +the old filename and etext number. 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For +example an eBook of filename 10234 would be found at: + + https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234 + +or filename 24689 would be found at: + https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689 + +An alternative method of locating eBooks: + https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL + + diff --git a/old/11677-8.zip b/old/11677-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..eadd55e --- /dev/null +++ b/old/11677-8.zip diff --git a/old/11677.txt b/old/11677.txt new file mode 100644 index 0000000..d007a3b --- /dev/null +++ b/old/11677.txt @@ -0,0 +1,3641 @@ +The Project Gutenberg EBook of Ohne den Vater, by Agnes Sapper + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Ohne den Vater + Erzaehlung aus dem Kriege + +Author: Agnes Sapper + +Release Date: March 22, 2004 [EBook #11677] + +Language: German + +Character set encoding: ASCII + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OHNE DEN VATER *** + + + + +Produced by Charles Franks and the DP Team + + +[Transcriber's Note: There is no seventh chapter in the printed +book from which this etext was made.] + + + + + + +Ohne den Vater + +Erzaehlung aus dem Kriege + +von + +Agnes Sapper + + + + +Erstes Kapitel. + + +Im gemuetlichen Wohnzimmer eines Forsthauses in Ostpreussen sass ein +kleiner Familienkreis eng und traulich beisammen: der Foerster Stegemann +mit seiner noch ganz jungen, lieblichen Frau, die ihr Kindchen in den +Armen hielt und versuchte, mit zaertlichen Worten und dem Spiel ihrer +Finger dem kleinen Geschoepf das erste Laecheln zu entlocken. Neben ihr +lehnte Gebhard, ein kraeftiger, etwa zehnjaehriger Junge; er sah nach dem +Schwesterchen, das so wohlig in der Mutter Armen ruhte, und wartete +gespannt, ob es noch einmal gelaenge, das Laecheln hervorzuzaubern, das +vorhin wie ein Sonnenstrahl ueber das Kindergesichtchen gehuscht war. Als +es gelang, sah er die Mutter beglueckt an und wandte sich lebhaft an +seinen Vater: "Hast du es diesmal gesehen?" + +Nein, er hatte es wieder nicht gesehen, weil ihm etwas anderes noch +anziehender war, als das erste Laecheln seines Toechterchens. Er hatte auf +Mutter und Sohn gesehen. Ihn freute, dass diese beiden sich so gut +verstanden. Es war noch nicht lange her, dass er diese junge Frau +heimgefuehrt hatte, nachdem seine erste Frau, Gebhards Mutter, gestorben +war. Eine lange Reihe stiller Jahre hatte er mit dem Knaben verlebt, den +eine treue Magd schlicht und streng erzog. Innig nah standen sich Vater +und Sohn, ernst und pflichttreu war der Foerster, anspruchslos der Junge. +Kraeftig wuchs er in der frischen Waldluft heran und machte von seinem +sechsten Lebensjahr an taeglich einen stundenlangen Weg, um auf einem +benachbarten Gut an dem Unterricht mit den Knaben des Gutsbesitzers +teilzunehmen. Auf diesem Weg begleitete ihn ein treuer Hund des +Foersters, der schon immer sein Spielkamerad gewesen und jetzt sein +Beschuetzer auf einsamen Waldwegen war. + +Bei einem Besuch seiner Mutter, die in Sueddeutschland lebte, hatte der +Foerster das froehliche, liebevolle Maedchen kennen gelernt, das dann seine +zweite Frau geworden war. Noch immer war's ihm wunderbar und erfreute +ihn in tiefster Seele, dass solch ein neues Familienglueck in seinem +Forsthaus erblueht war; und so sah er auch jetzt mit Wonne auf die junge +Frau, ohne dass diese es bemerkte, denn sie war ganz von der Kleinen +hingenommen. + +Jetzt stund sie auf und legte das Toechterchen sorgsam in den Korbwagen. +"So Juengferlein," sagte sie, "nach dieser grossen Leistung, nachdem du +zweimal gelaechelt hast, wirst du herrlich schlafen, draussen am offenen +Fenster!" Sie fuhr sachte den Wagen in das Schlafzimmer. + +Gebhard wandte sich dem Vater zu. "Es ist so nett, wenn die Mutter +"Juengferlein" sagt zu einem so kleinen Kind, hoerst du das nicht auch so +gern, Vater? Ueberhaupt ist es jetzt so eine schoene Zeit! So soll's immer +bleiben, wie es jetzt ist!" + +Stegemanns Gedanken wurden durch diesen Wunsch herausgerissen aus der +friedlichen Umgebung. + +"Gebhard, du denkst nicht an den Krieg, sonst koenntest du nicht von +einer schoenen Zeit reden, die bleiben soll." + +"Aber wir siegen doch, und das gibt dann die allergroesste Freude." + +"Vorher werden viele Tausende von unsern deutschen Soldaten sterben!" + +"Viele Tausende?" Gebhard wiederholte sinnend diese Worte und blieb eine +Weile ganz nachdenklich. Dann aber trat er dicht an den Vater heran und +begann mit eifrigen Worten: "Das darf man doch nicht so traurig sagen, +Vater? Die Soldaten ziehen doch gern in die Schlacht und wollen fuers +Vaterland sterben? Wenn ich nur schon aelter waere, und wenn du noch +juenger waerst, dann zoegen wir miteinander in den Krieg, du waerst ein +Offizier und ich dein liebster Soldat und wenn du befiehlst: +'Freiwillige vor!' komme ich zu allererst. Aber mit zehn Jahren geht das +noch nicht, und du, Vater, gelt du bist schon zu alt, du hast doch schon +ein wenig graue Haare!" + +"Die grauen Haare machen nichts; vielleicht komme ich doch noch daran. +Aber sei still, wir wollen damit der Mutter nicht angst machen." + +Sie sahen beide nach der Tuere, durch die die junge Frau eben wieder +hereintrat. Es lag noch der Schimmer muetterlicher Zaertlichkeit auf ihrem +Gesicht, als sie sagte: "Mein Juengferlein schlummert schon." + +"_Dein_ Juengferlein, Helene? Mir gehoert es auch!" Er zog seine Frau +zaertlich an sich. + +"Und ein wenig gehoert es auch mir, nicht, Mutter?" + +"Freilich. Du wirst sehen, die kleinen Maedchen moegen die grossen Brueder +am allerliebsten, lustig wird's, wenn sie erst mit dir spielen kann!" + +Das konnte sich nun Gebhard noch nicht recht vorstellen, aber lustig +war's ihm schon jetzt zumute und er sprang hinaus und hinunter in den +Hof, mit seinem Leo zu tollen, seinem liebsten Kameraden. Bald ging auch +der Foerster, den sein Beruf oft halbe Tage lang abrief, und Helene blieb +allein. + +Der Forsthof lag einsam am Waldessaum, nahe der russischen Grenze; nur +ein paar Niederlassungen waren in der Naehe, von denen die eine dem +Strassenwaerter gehoerte, der die Grenzstrasse zu hueten hatte, die andere +einem alten Waldhueter, der mit seiner Familie da hauste. Sonst waren +weit und breit keine menschlichen Ansiedelungen zu sehen, dunkler Wald +nach allen Seiten und grosse Stille. + +Die da heimisch waren--wie der Foerster und sein Junge--, die liebten +diese Waldeinsamkeit, aber Fremden kam sie unheimlich vor. Auch Helene, +als sie aus ihrer sueddeutschen Heimat, aus staedtischen Verhaeltnissen +hieher versetzt worden war, hatte anfangs furchtsam nach dem +Waldesdunkel hinuebergeschaut und die Stille, waehrend ihres Mannes und +Gebhards Abwesenheit, hatte sie bedrueckt. Aber in ihren vier Waenden war +es ihr doch bald wohl geworden, denn da war sie von ruehrender Liebe und +Verehrung umgeben. Nicht nur Mann und Sohn, auch Knecht und Magd, ja +sogar die Hunde, vom grossen Kettenhund bis herunter zum kleinen Dackel, +alle zeichneten sie aus, wie wenn sie sich immer daran freuten, dass +etwas so feines, sonniges, froehliches in ihre Waldeinsamkeit gekommen +war. Und jetzt, seitdem sie Mutter geworden und ihr Kindchen jede Stunde +um sich hatte, jetzt konnte das Gefuehl der Einsamkeit gar nicht mehr +aufkommen. Sie war voll Glueck und Wonne, ja so sehr, dass sie manchmal +das schwere Geschick des Vaterlandes fast vergass. Kam es ihr dann in den +Sinn, so machte sie sich im stillen Vorwuerfe, sagte sich: kannst du denn +gar nicht ungluecklich sein mit den vielen, die jetzt in Sorge und +Herzeleid sind? Dann legte sie schnell das Tragroeckchen beiseite, das +sie besticken wollte, nahm den groben Soldatenstrumpf zur Hand, setzte +sich neben den Kinderwagen, strickte und strickte, sah dabei auf das +kleine Menschenknoespchen, das neben ihr schlummerte, und war eben wider +Willen doch gluecklich. Aber der Krieg mit seinen Schrecken und Aengsten, +mit Sorgen und Jammer kam bald genug, ihr Glueck zu stoeren. + + + + +Zweites Kapitel. + + +Es war eine stille Sommernacht zu Ende August, der Forsthof lag +friedlich, Mensch und Tiere hatten sich zur Ruhe begeben. Der Foerster +allein war noch auf; die Zeitungen, die er diesen Abend erhalten hatte, +lagen vor ihm. Sie sagten ihm, wie nahe die Gefahr eines feindlichen +Einbruchs fuer das Grenzland war. Auch einen amtlichen Brief hatte er von +seiner vorgesetzten Behoerde erhalten, den Befehl, zunaechst noch auf +seiner Stelle zu verharren. + +"Zunaechst;" demnach konnte in Baelde die Anweisung kommen, den Forsthof +zu verlassen. Darauf wollte er alles vorbereiten. Er ordnete Papiere und +Wertsachen, um im Notfall alles Wichtige rasch bei der Hand zu haben, +und dann schrieb er an seine Mutter. Sie stand ihm sehr nahe, hatte +jedes Jahr in der Zeit seiner Vereinsamung die weite Reise von +Sueddeutschland unternommen, um nach ihm und seinem mutterlosen Kleinen +zu sehen. Bei ihr fragte er an, ob Frau und Kinder Zuflucht finden +koennten, wenn sie die Heimat verlassen muessten und er selbst sich dem +Vaterland zur Verfuegung stellen wuerde. Er hatte einst gedient und es war +ihm selbstverstaendlich, dass er an dem grossen Kampf Teil nehmen wuerde, +sobald ihn sein Amt im Forsthaus nicht mehr zurueck hielt. + +So sass er heute bis spaet in die Nacht hinein am Schreibtisch, waehrend +seine Frau sorglos schlief. Er hatte ihr nichts mitgeteilt von seinen +Vorbereitungen. Sie kam ihm so jung und zart vor, besass nicht die starke +Natur, die er selbst von seiner Mutter geerbt hatte, schien so recht fuer +Glueck und Sonnenschein geschaffen. Wie sie mit Schwerem zurecht kaeme, +wie sie Leid und Entbehrungen ertragen wuerde, konnte er sich nicht +vorstellen. So wollte er ihr keine Last auflegen, so lange er allein sie +tragen konnte. + +Mitternacht war es geworden, aber nun lagen auch alle Briefe und +Papiere geordnet und ueberschrieben vor ihm. Er hatte getan was geschehen +konnte und griff nun nach dem Neuen Testament; denn es trieb ihn, eines +von den Jesusworten zu lesen, die ihm oft schon Kraft gegeben hatten. +"Nicht mein sondern dein Wille geschehe." Er versenkte sich in die +Erzaehlung vom Kampf Jesu in Gethsemane. + +Ploetzlich wurde die Stille des Forsthofes gestoert durch das Bellen des +Hofhunds. Stegemann horchte auf, hoerte nichts, was den Hund beunruhigt +haben konnte. Aber das Bellen wurde lauter und auch die andern Hunde +taten mit. Stegemann oeffnete das Fenster, schaute hinaus in die stille +Sommernacht, ging dann hinunter in den umzaeunten Hof, rief die Hunde, +die unwillig knurrten, zur Ruhe und lauschte. Jetzt unterschied auch +sein Ohr das Geraeusch von sich naehernden schweren Tritten draussen auf +der Landstrasse. Wer kam da bei Nacht? War es Freund oder Feind? Ihm +ahnte nichts Gutes. Er eilte rasch ins Haus zurueck und nahm den Revolver +zu sich. Auch den Knecht wollte er rufen; der war aber durch das Gebell +schon wach geworden und trat mit der Laterne in der Hand zum Foerster. + +"Wenn's Russen sind, dann gnad uns Gott!" sagte der Knecht. + +"Mach die Kettenhunde los; sie lassen keinen ueber den Zaun."-- + +Wuetend bellten die zwei grossen losgelassenen Hunde und liefen aufgeregt +am Zaun hin und her. Von aussen am geschlossenen Hoftor ertoente die +Glocke. Herr und Knecht sahen sich an. Wie aus einem Munde riefen sie: +"Russen sind das nicht, die klingeln nicht, die schlagen mit dem Kolben +an." + +Der Foerster trat naeher. + +"Wer ist draussen?" rief er. Und gut deutsch klang die Antwort: +"Preussische Infanteristen mit einem Befehl an den Foerster." + +Noch ein paar Fragen und Antworten wurden zu groesserer Sicherheit +gewechselt. Dann rief der Foerster dem Knecht zu: "Mach die Hunde fest." + +Erst als die aufgeregten Tiere angekettet waren, konnte man wagen, das +Hoftor zu oeffnen und die Soldaten einzuladen, die draussen harrten. Eine +Patrouille von fuenf Maennern war es, angefuehrt von einem jungen Leutnant. +Statt der gefuerchteten Feinde unverhofft einen Trupp wackerer Feldgrauer +auf dem einsamen Forsthof zu haben, das war ein Hochgefuehl, vor allem +auch fuer die geaengstigte junge Frau, die wie auch Gebhard vom Laerm der +Hunde erwacht war und mit dem Knaben am Fenster stehend den Vorgang im +Hof beobachtet hatte. + +"Preussen sind's, Preussen!" rief Gebhard, der zuerst beim Laternenschein +die Uniform erkannte. + +"Wirklich! Gott Lob und Dank," antwortete die Mutter und machte sich in +fliegender Eile zurecht, um die unverhofften Gaeste zu begruessen und fuer +sie zu sorgen. Aber noch ehe sie so weit war, suchte ihr Mann sie auf. + +"Ich komme schon," rief sie ihm eifrig entgegen, "wollen die Soldaten +bei uns uebernachten? Soll ich Betten richten?" + +"Das nicht, sie halten nur kurze Rast; dann geht ihr Marsch weiter und +ich, ich muss sie begleiten." + +"In der Nacht? Wohin?" + +"Das darf ich dir nicht sagen; es ist eine Vertrauenssache, ein geheimer +Befehl, von dem auch nur der Offizier weiss." + +"Wie unheimlich, Rudolf! Wann kommst du wohl wieder?" + +"Vielleicht schon in ein paar Stunden.--Wenn du nur schnell helfen +wolltest, Tee fuer die Leute zu machen. Die Soldaten haben schon Auftrag +erhalten, den Herd zu heizen und Wasser aufzusetzen." + +"Die Soldaten heizen unsern Herd? Das muss ich sehen. Komm, Gebhard, geh' +mit mir hinunter! Ich habe noch nie Soldaten kochen sehen. Mit fuenf +Koechen, das muss ja schnell gehen!" + +Ja, nach zehn Minuten war der Tee auf dem Tisch und nach weiteren zehn +Minuten war gegessen und getrunken, was eiligst aufgetragen worden; und +die fuenf Mann bedankten sich bei der jungen, froehlichen Foerstersfrau. + +Der Foerster mit Flinte und Jagdhund sah aus, als wenn er auf die Jagd +ginge. Im letzten Augenblick nahm er seine Frau beiseite: "Behalte +Knecht und Magd bei dir, stelle dich aengstlich, rufe sie herein, lass sie +Tee trinken. Ich will nicht, dass uns jemand folgt. Kein Mensch soll +wissen, in welcher Richtung wir gehen." + +Er gab rasch seiner jungen Frau einen Abschiedskuss--das war nichts +besonderes; aber dass er im Vorbeigehen auch Gebhard einen Kuss gab, das +kam dem Kind sehr verwunderlich vor, denn Zaertlichkeiten waren zwischen +Vater und Sohn nicht ueblich.-- + +"Wegen ein paar Stunden Trennung kuesst man sich doch nicht?" sagte sich +Gebhard und war sehr nachdenklich, waehrend er in sein Schlafzimmer ging, +um sich wieder zu legen. Zum erstenmal waren Soldaten ins Haus gekommen; +der Offizier hatte mit dem Vater Kriegsgeheimnisse besprochen, die kein +anderer Mensch erfahren durfte. Ein wenig unheimlich war die Sache, aber +doch sehr spannend. Heute Nacht war der Krieg ins eigene Haus gedrungen, +jetzt erst fing er so recht an fuer Gebhard. + +Und die junge Mutter konnte, nachdem sie Knecht und Magd entlassen, +lange nicht wieder den Schlaf finden. An der Seite ihres Mannes hatte +sie noch nie den Krieg gefuerchtet; aber ohne ihn ueberkam sie eine grosse +Angst. Es war so finster, so still und schwuel. Vielleicht konnte sie +besser schlafen, wenn sie die Tuere aufmachte ins Nebenzimmer, zu +Gebhard. Sie tat es leise, um ihn nicht zu wecken, und freute sich doch, +als sie bemerkte, dass er noch nicht schlief. + +"Bist du es, Mutter?" rief er und richtete sich ganz munter auf. + +"Ja, es ist so schwuel; ich will die Tuere ein wenig offen lassen." + +"Das ist nett, dann koennen wir plaudern. Ich moechte so gerne erraten, +warum der Vater mit den Soldaten gegangen ist. Aber vielleicht ist es +besser, wenn wir es nicht erraten; weil es doch ein Kriegsgeheimnis ist. +Nur der Vater darf es wissen; er muss stolz darauf sein. Ich waere auch +stolz darauf und wuerde das Kriegsgeheimnis niemand verraten; ausser +vielleicht dir, Mutter. Oder darf ich's auch dir nicht verraten?" + +"Du weisst es ja gar nicht, Gebhard," sagte die Mutter und lachte +froehlich. Die Luft kam ihr schon nicht mehr schwuel vor; und bald +schliefen Mutter und Sohn ebenso ruhig wie das Kindchen im Korbwagen und +ahnten so wenig wie dieses, dass sie zum letzten Mal im Forsthaus +schliefen. + +Am Morgen des folgenden Tages kam, angestrengt von langem, eiligem +Marsch, Stegemann zurueck. Nach der schlaflosen Nacht sollte er sich mit +einem guten Fruehstueck staerken und die verlorene Nachtruhe nachholen, das +war der Wunsch seiner jungen Frau; ungesaeumt wollte sie fuer seine +Bewirtung sorgen. Er aber hielt sie zurueck: "Das ist jetzt Nebensache," +sagte er eilig, "wir haben viel Wichtigeres zu tun. Leutnant N. riet mir +dringend, heute noch mit Frau und Kind und, soweit moeglich, mit Hab und +Gut abzuziehen. Erschrick nicht so, Liebste, die Strasse ist noch frei +von Feinden; aber wir wollen auch gar keine Zeit verlieren. Jetzt gilt +es aufpacken, was das Noetigste und Wertvollste ist, um so schnell es nur +irgend geht, an die Bahn zu kommen. Ich sage gleich den Leuten, sie +sollen helfen, auch sie muessen fliehen. Es kann sein, dass die Russen der +Spur der Patrouille folgen, die heute nacht hier war. Nun, Gebhard, +hilf der Mutter!" + +In wenigen Minuten war der stille Forsthof erfuellt von laermendem, +hastigem Treiben. Der Knecht fuhr den Wagen vor und lud auf, was ihm +zugereicht wurde: Betten, Kleider, Waesche, auch allerlei Vorraete aus +Kueche und Kammer. Gebhard lief aus und ein, fast froehlich in der +eifrigen Taetigkeit. Knecht und Magd trugen ihre Buendel herbei. + +Keine halbe Stunde war verflossen; da suchte der Foerster seine Frau auf, +die an ihrem Waescheschrank stand und trieb zur Abfahrt: "Es ist genug, +lass alles andere, wir fahren!" + +Ganz erstaunt schaute sie auf: "Dass du so aengstlich bist! Auf eine +Viertelstunde kommt es doch nicht an; die kleine Aussteuer vom +Juengferlein--" sie unterbrach sich: "Horch!" Die Hunde bellten, der +Foerster eilte ans Fenster. Er wandte sich sofort wieder zurueck: "Es ist +schon zu spaet," sagte er, "die Russen kommen!" + +Er sprach ruhig; aber sein Gesicht verlor alle Farbe. Auch seine Frau +trat ans Fenster und fuhr erschreckt zurueck: "Um Gottes willen, was +sollen wir tun?" rief sie in Todesangst. + +"Geh da hinein und schliesse dich ein!" rief ihr Mann. Er fasste sie +schnell, drueckte sie an sein Herz, kuesste sie stuermisch und fuehrte sie in +das Schlafzimmer zu ihrer Kleinen. + +"Gott behuete euch," rief er, "schliesse zu!" + +Sie schob den Riegel vor. + +In diesem Augenblick kam Gebhard atemlos: "Vater, russische Reiter sind +im Hof, sie fragen nach dem Foerster. Was wollen sie denn von dir?" + +Herr Stegemann zog sein Kind leidenschaftlich an sich: "Sie wollen +vielleicht wissen, wohin unsere Soldaten heute nacht gegangen sind." + +"Aber das darfst du ihnen doch nicht sagen?" + +"Nein." + +"Was wird dann, Vater?" + +"Was Gott will." + +Der Anfuehrer der russischen Truppe, die aus etwa 15 Mann bestand, trat +in das Zimmer, den Revolver in der Hand; einige seiner Leute folgten, +andere hielten Wacht an der Tuere. Es kam, wie der Foerster vorausgesehen. +Der russische Offizier wollte wissen, wohin die deutsche Patrouille, +deren Spur sie gefunden hatten, gezogen sei. Offenbar war seine Absicht, +ihr zu folgen, sie abzufangen, ehe sie ihren Zweck erfuellen und ueber +ihre Erkundung den Deutschen Nachricht geben konnte. Ein polnischer +Waldarbeiter hatte ihm verraten, dass der Foerster die Patrouille gefuehrt +hatte. Und nun sollte er die Feinde fuehren, die zu Pferd die deutschen +Fussgaenger leicht einholen wuerden. + +Der Foerster, die Rechte auf den Tisch gestuetzt, hoerte die Forderung. +Fest klang seine Antwort: "Sucht sie selbst. Ihr koennt vom deutschen +Mann nicht verlangen, dass er die Deutschen verrate." + +Neben dem Vater stand Gebhard mit gluehenden Wangen. Wie ein Held +erschien ihm der Vater, da er dem russischen Offizier kurz und fest den +Dienst verweigerte. + +Der Russe aber lachte hoehnisch, im Gefuehl der Uebermacht: "Sie sind ein +Tor. Wollen Sie nicht, so sind Sie mit Weib und Kind in 5 Minuten +niedergemacht." + +Tief aufatmend antwortete der Foerster: "Ich werde nicht zum Verraeter." +Dem Offizier stieg der Zorn auf, aber ihm lag daran, einen willigen +Fuehrer zu gewinnen, so bezwang er sich. "Nehmen Sie Vernunft an," sagte +er. "Sie entschuldigt die Not. Sie sind machtlos in unseren Haenden. +Entschliessen Sie sich rasch, dass uns die kostbare Zeit nicht verloren +geht. Dann sollen Sie, auf Offiziersehre, unversehrt zurueckkehren, +sobald wir die Deutschen erreicht und noch ehe sie Sie gesehen haben. +Weib und Kind koennen Sie in Sicherheit bringen, Ihr Hab und Gut soll +unberuehrt bleiben." + +Der Foerster schwieg. + +"Vater, tu's nicht!" rief Gebhard leidenschaftlich. Der Offizier wandte +sich heftig gegen den Knaben, packte ihn, schob ihn beiseite und rief: +"Der soll der erste sein, der vor Ihren Augen erstochen wird, wenn Sie +nicht augenblicklich folgen."--"Haltet den Buben!" befahl er den +Soldaten. Die ergriffen Gebhard mit rauher Hand. Wuetend setzte er sich +zur Wehr; doch sie packten ihn so fest, dass er kein Glied mehr ruehren +konnte; aber das konnten sie nicht hindern, dass er immer lauter rief: +"Vater, tu's nicht!" + +Der Foerster biss die Zaehne aufeinander; noch schien er unentschlossen. +Aber in diesem Augenblick wurde der Tuerriegel des Nebenzimmers +zurueckgeschoben und unter der halbgeoeffneten Tuere erschien seine Frau. +Ihr junges, rosiges Gesicht war totenblass; sie hatte gehoert, was die +Maenner verhandelten und wusste, dass ihr Leben und das von Mann und +Kindern auf dem Spiel stand. Bebend vor Angst wagte sie nicht, die +Schwelle zu ueberschreiten, hielt die Tuerklinke in der Hand und rief +ihrem Mann flehend zu: "Ich bitte dich um Gottes Willen, rette uns, o +denke an die Kinder!" + +Der Russe nahm seinen Vorteil wahr. Er gruesste die Dame des Hauses: "Ja, +gnaedige Frau, sprechen Sie Ihrem Gemahl zu. Geht er mit uns, so moegen +Sie unbehelligt von hier fliehen, und Ihr Mann wird in kurzer Zeit +nachfolgen, auf Offiziersehre. Tut er es nicht, so gebe ich Sie meinen +Soldaten preis." + +Schaudernd zog sich die geaengstigte Frau vor den Blicken der rohen +Soldaten zurueck. + +"Ich gehe!" laut und fest sagte es der Foerster und wandte sich der Tuere +zu. + +"Vater, tu's nicht!" Noch einmal kam der Ruf von Gebhard, der noch immer +umklammert war von harten Soldatenfaeusten. + +Der Vater wandte sich an den Offizier: "Lassen Sie mein Kind frei, nach +Ihrem Ehrenwort." + +Ein Wink des Offiziers und die Soldaten liessen den Knaben los; aber sie +draengten sich zwischen ihn und den Foerster und liessen die beiden nicht +zueinander kommen. Nur konnten sie nicht verhindern, dass ein letzter +Blick vom Vater zum Sohn ging, ein Blick voll Liebe und Stolz. + +"Vorwaerts!" befahl der Offizier. + +Sie verliessen das Zimmer; Gebhard rannte nach der Schlafzimmertuere, die +wieder verriegelt war. "Mach auf, Mutter, sie sind fort!" und ausser sich +vor Zorn und Jammer rief er. "Der Vater ist doch mit ihnen gegangen! +Jetzt muss er die Deutschen verraten!" + +Helene war erschuettert durch die Verzweiflung des Knaben. Sie versuchte +ihn zu troesten, zog ihn in muetterlicher Zaertlichkeit an sich: "Der Vater +kommt morgen schon zurueck, der Offizier hat's auf Ehre versprochen. +Sieh, wenn er nicht nachgegeben haette, waeren wir alle umgebracht worden. +Er hat mitgehen muessen, er hat doch nicht anders gekonnt!" + +"Aber der Vater darf doch die Deutschen nicht verraten," schluchzte das +Kind. + +"Denke nicht mehr _daran_. Denke, dass wir jetzt alle grausam misshandelt +und getoetet wuerden. Gott Lob, dass der Vater uns davor behuetet hat." + +Gebhard konnte sich nicht fassen, zornig stampfte er und rief: "Der +Vater darf doch kein Verraeter sein!" + +Die Mutter sah den Knaben starr an: "Hast du kein Herz fuer den Vater, +fuer mich und fuer unsere Kleine? Wolltest du, wir waeren grausam +hingemetzelt, du und wir alle?" + +Heftig antwortete Gebhard: "Ja, ja, viel lieber moechte ich das." + +Der Mutter graute. Sie konnte das Kind nicht verstehen, und war im +tiefsten Herzen gekraenkt durch seine Antwort. Aber weiter mit ihm zu +reden war nicht moeglich; denn unter der Tuere erschien die Magd, +schreckensbleich mit verweinten Augen: "Der Knecht sagt, wir muessen +eilen, dass wir fortkommen, der Herr hat's ihm noch zugerufen. Unser +armer, armer Herr, sie haben ihn fortgefuehrt! Auf einem Russenpferd, +mitten unter den Feinden ganz allein! Und er hat sich noch so tapfer +umgeschaut, so todesmutig ist er davon geritten! Der arme Herr, was +werden sie mit ihm tun?" + +Helene hatte auf den Lippen zu sagen: "Es geschieht ihm nichts, morgen +wird er uns nachkommen;" aber sie unterdrueckte die Worte. Die Leute +durften nicht wissen, dass der Herr sich bereit erklaert hatte, mit den +Feinden zu gehen. Schwer fiel ihr auf die Seele: Kein Deutscher durfte +das je erfahren. Es war ja Verrat, was ihr Mann beging. Ihr zuliebe tat +er's; nicht aus Angst ums eigene Leben, der tapfere, treue Mann! Wie +wollte sie ihm das danken ihr Leben lang! + +Die Magd mahnte noch einmal zur Eile. "Was ist noch aufzuladen?" Hastig +griff Helene nach diesem und jenem, beladen eilte die Magd die Treppe +hinunter, rief Gebhard zur Hilfe; wie im Traum nahm er, was ihm +hingereicht wurde. Die Mutter aber suchte in Eile nach einem Blatt +Papier, sie musste ihm noch ein Wort schreiben, das sollte er finden, +wenn er in sein veroedetes Haus zurueckkaeme, mit einer schweren Last auf +dem Gewissen, einer Last, die er ihr zuliebe durchs ganze Leben tragen +musste. In fliegender Eile schrieb sie mit zitternder Hand: "Komm bald zu +mir, herzliebster Schatz, hab tausendmal Dank, dass Du uns das Leben +gerettet hast!" Mitten auf den Tisch legte sie das Blatt, dann noch +daneben, was ihn staerken sollte, Brot und eine Flasche Wein. Wieder kam +die Magd unter die Tuere: "Jetzt ist angespannt." + +"Ich komme!" Sie nahm ihr Kindchen, das liebevoll eingehuellte. Die Magd +bemerkte Brot und Wein, wollte beides mitnehmen. Helene liess sie nicht +an den Tisch. "Das bleibt!" rief sie. + +"Kein Wunder, dass die arme, junge Frau ganz verwirrt ist," dachte das +Maedchen. + +Im Hof war alles zur Flucht bereit. Die Hunde sprangen um den Wagen. Sie +sollten mitlaufen bis zum Haus des Strassenwaerters, meinte der Knecht, +der solle sie aufnehmen. "Aber Leo gebe ich nicht her, den nehme ich +mit!" erklaerte Gebhard. Der Knecht machte Einwendungen. Unmoeglich sei +das auf der langen Reise, bei den ueberfuellten Zuegen. Ein Unverstand waere +es. Die Mutter sah ein, dass er recht hatte, aber sie wusste auch, was es +fuer Gebhard bedeutete, sich von seinem Leo zu trennen. Der Vater hatte +ihm vor Jahresfrist das junge Tier geschenkt; ihm gelehrt, es zu +behandeln; zu einem folgsamen, anhaenglichen Kameraden war es +herangewachsen und von seinem kleinen Herrn unzertrennlich gewesen. Auch +jetzt standen sie dicht beisammen, Gebhard und sein Hund, sahen sich an +und das kluge Tier schien zu merken, dass ueber sein Schicksal entschieden +wurde. Ein ungewohntes, kurzes Bellen gab es von sich. + +Die Mutter wandte sich an den Knecht. "Wir wollen es doch versuchen, ob +wir Leo mitnehmen koennen!" + +"O ja, bitte, Mutter!" + +Der Wagen setzte sich in Bewegung. Das Toechterlein auf der Mutter Schoss, +weich gebettet, schlief sanft ein. Gebhard sass der Mutter gegenueber. Sie +hielten bald bei dem Strassenwaerter, dann ging die Fahrt weiter, der Bahn +zu. Laengs der Strasse zog sich der Wald hin, aus dem jeden Augenblick die +Feinde auftauchen und die Wehrlosen ueberfallen konnten. Und in den +Haenden dieser Feinde war der geliebte Mann, der treue Vater. + +"Gebhard," sagte die Mutter leise, dass es der Knecht auf dem Bock nicht +hoere, "Gebhard, du hast doch auch gehoert, dass der russische Offizier +gesagt hat: 'auf Offiziersehre.'" + +"Ja. Zweimal hat er das gesagt." + +"Solch ein Schwur wird doch sicher auch im Krieg gehalten," sagte Helene +und fuegte bei: "Also kommt der Vater sicher morgen oder spaetestens +uebermorgen. Wenn es nur schon morgen waere!" + +Gebhard wandte sich ab und sagte kein Wort darauf. Mit fest +geschlossenem Mund sah er durchs Fenster. + +Die Stille bedrueckte die Mutter. Sie redete ihn nach einer Weile wieder +an: "Warum bist du so still, Gebhard? Hast du Angst, dass die Russen aus +dem Wald kommen? Wir sind jetzt schon nahe der Station, hier ist's nicht +mehr so gefaehrlich." + +"Ich habe keine Angst." + +"Hast du Heimweh nach dem Forsthof? Nach dem Frieden kommen wir alle +wieder zurueck." + +Aber Gebhard schwieg und die Mutter sah wohl, dass er kaempfte, die +Traenen zurueckzuhalten, die ihm in die Augen kamen. + +Sie streckte die Hand nach ihm aus. "Komm, setze dich neben mich, +Gebhard; komm her zu mir, sage mir, was dir so traurig ist. Der Vater +kommt uns doch morgen nach." + +Nun kam es unter lautem Schluchzen bebend heraus: "Ich kann mich ja +nicht auf den Vater freuen. Ich kann jetzt doch den Vater nie mehr lieb +haben und habe ihn doch so lieb!" + +Helene erschrak in tiefster Seele. Sie selbst war so voll Liebe und +Sehnsucht nach ihrem Mann, sie hatte das innigste Verlangen nach ihm und +Gebhard, sein geliebter Bub, sprach solche Worte! + +"Wie darfst du so reden, Gebhard," rief sie erregt, "wo er doch alles +nur uns zuliebe getan hat. Er konnte ja auch gar nicht anders!" + +"Doch, Mutter, weisst du nicht mehr? Zuerst hat er ganz fest nein gesagt; +aber dann hast du die Tuere aufgemacht und hast gerufen 'rette uns'. Dann +hat dich der Vater angesehen. O haettest du doch die Tuere nicht +aufgemacht, dann waere der Vater kein Verraeter!" + +Die Mutter erblasste und liess seine Hand los. Nach einer kleinen Weile +sagte sie in einem ernsten, fremden Ton: "Wenn der Vater zurueckkommt, so +sage so etwas nie zu ihm, sonst machst du ihn ganz ungluecklich. Nie +sollst du zu irgend jemand wieder so reden!" Dann wandte sie sich ab und +er fuehlte, dass es ihr jetzt lieb waere, wenn er nicht neben ihr saesse, +ging auf seinen ersten Platz zurueck und dachte: "Die Mutter kann mich +jetzt nicht mehr lieben und ich kann den Vater nicht mehr lieb haben, +alles, was schoen war, ist vorueber." Er sass wieder an seinem +Fensterplatz, Wald war nicht mehr zu sehen, unbekanntes Land, alles, +alles anders. + +Eine Stunde darnach langten sie an der Station an, waren bald im aergsten +Gewuehl, hatten aber noch die Hilfe von Knecht und Magd, die erst spaeter +in anderer Richtung abfahren konnten. Am Schalter draengten sich die +Leute. Helene verlangte Karten fuer sich und Gebhard. "Und eine +Hundekarte." + +"Das gibt's jetzt nicht." + +"Darf er mit in den Personenwagen?" + +"Keine Rede. Wir sind froh, wenn wir die Menschen unterbringen. Weiter!" + +Helene wurde von den Nachdraengenden ungeduldig weggeschoben. + +Was war nun zu tun mit Leo? Der Knecht troestete Gebhard, versprach ihm, +den Hund gut unterzubringen. Und Gebhard sah ein, dass es nicht anders +sein konnte; die Reisenden umdraengten Mutter und Kinder, im Strom wurden +sie fortgeschoben, keine Zeit zum Abschiednehmen von den treuen +Dienstboten, auch nicht von dem geliebten Hund. Ein Winseln hoerte +Gebhard noch--er wusste, das galt ihm. + +Eingepfercht in den Wagen sassen unsere Fluechtlinge, mit Muehe hatten sie +noch Sitzplaetze erlangt. Immer mehr Reisende draengten herein. Gebhard +sah durchs Fenster in das Gewuehl. Endlich leerte sich der Bahnsteig, +das Zeichen zur Abfahrt wurde gegeben und eben in diesem Augenblick sah +Gebhard ploetzlich noch einmal seinen Leo auftauchen. Er hatte sich von +der Hand des Knechts losgerissen, raste auf den Wagen zu, aus dem +Gebhard sah, sprang blitzschnell auf und ueber alle Hindernisse hinweg +zwischen scheltenden Menschen hindurch bis in das Abteil, wo er sich +sofort unter den Sitz seines kleinen Herrn duckte und so fuer sich selbst +die Frage loeste, ob Hunde mitfahren duerften. + +Gebhard war so ausser sich vor Freude, dass auch Helene, die zuerst ueber +den Eindringling erschrocken war, freundlich dem Tier zunickte, das ihr +gegenueber unter dem Sitz aengstlich hervorsah, nicht ganz sicher, ob es +geduldet wuerde. Allerdings versuchte auch ein Herr Einsprache zu +erheben. "Es gehoert sich nicht, dass solch ein grosser Hund in den Wagen +genommen wird." Aber ein aelterer Mann ergriff Partei fuer das Tier oder +mehr noch fuer die Familie. + +"Freilich gehoert sich's nicht," bemerkte er, "aber es gehoert sich auch +nicht, dass so ein junges Frauchen mit dem kleinen Kind fluechten muss. Und +um eine Flucht wird sich's wohl handeln. Nach Vergnuegungsreisenden sehen +sie nicht aus. Habe ich's erraten?" + +Helene konnte nur gegen Traenen ankaempfend mit unsicherer Stimme bejahen. + +"Nun also; dann wird Ihnen auch niemand den Hund absprechen; so ein +treues Tier ist auch ein Schutz." + +So blieb der Hund unbeanstandet und bewaehrte sich auf der Fahrt als +kluges Tier. "Hast du bemerkt, Mutter, wie Leo so schlau ist und sich +still haelt, wenn der Schaffner hereinkommt?" fragte Gebhard. + +Nein, Helene hatte das nicht beachtet. Sie sass in schwere Gedanken +versunken. Zuerst hatte nur die Sorge sie bedrueckt, ob auch gewiss der +geliebte Mann morgen zurueckkaeme. Allmaehlich aber legte sich ihr schwer +aufs Herz der Gedanke, dass er wohl zurueckkommen koennte, aber mit einer +Schuld auf dem Gewissen, die nie, nie mehr zu tilgen war. Wenn schon +Gebhard diesen Verrat so tief empfand, wieviel mehr sein Vater! Und dazu +hatte _sie_ ihn veranlasst! Sein ganzes Leben hatte sie verdorben! + +Und nun kamen noch andere schwere Ueberlegungen. Sie konnte sich nicht +entschliessen--wie es ihres Mannes Wunsch gewesen--zu seiner Mutter zu +gehen. Diese war eine tapfere aber auch strenge Frau. Helene fuehlte +nicht den Mut, ihr zu erzaehlen, was vorgefallen war, und es kam ihr +unmoeglich vor, ihr unter die Augen zu treten. So ueberlegte sie und +beschloss, bei ihrem Bruder Zuflucht zu suchen. Er und seine Frau hatten +sich schon bei Kriegsausbruch freundlich erboten, Helene mit dem +Toechterchen aufzunehmen. Damals hatte sie sich nicht von ihrem Manne +trennen wollen. Jetzt war es anders. Sie wollte dorthin, aber wohin +wuerde ihr Mann sich wenden? + +In diesen Gedanken hatte Gebhards Frage sie unterbrochen. Nun sah er die +Mutter aufmerksam an und seinem teilnehmenden Blick fiel auf, wie +veraendert sie aussah. Sie hatte doch immer so helle Augen gehabt und +einen froehlichen Mund. Nun waren die Augen truebe und der Mund zuckte wie +von verhaltenem Schmerz. Gebhard dachte an seinen Vater. Wenn der jetzt +erschiene, ja dann wuerde die Mutter wieder so strahlend aussehen wie +sonst. Gerne haette er das auch so zustande gebracht wie der Vater, aber +das konnte er nicht; im Gegenteil: dass sie so veraendert aussah, war wohl +seine Schuld; seit dem Gespraech im Wagen war sie so still. Er haette +vielleicht das nicht sagen sollen, was er gesagt hatte. Was konnte er +aber jetzt machen? Lauter fremde Leute sassen herum, man konnte gar +nichts Liebes zu der Mutter sagen. Eine ganze Weile blieb er still und +nachdenklich, aber auf einmal kam ihm, was er suchte. "Mutter, unser +Juengferlein schlaeft so sanft, sieh nur, wie rosig ihre Baeckchen sind!" + +Die Mutter blickte auf das Kind, streichelte die weichen Baeckchen, aber +dabei fuellten sich ihre Augen mit Traenen. + +Auch das Juengferlein konnte die Freude nicht hervorlocken? Ja, dann +wusste Gebhard keinen Rat. Es ging eben nicht ohne den Vater! + + + + +Drittes Kapitel. + + +Im Verlauf der langen, muehseligen Reise erfuhr Gebhard, dass nicht der +Grossmutter Haus das Reiseziel sein sollte; in der Mutter Heimat, bei +Onkel und Tante Kurz, sollten sie ihre Zuflucht suchen. Es war eine +Enttaeuschung fuer ihn; die Grossmutter kannte und liebte er, die +Verwandten der Mutter waren ihm fremd. Helene suchte ihm Lust zu machen. +"Onkel und Tante haben uns laengst eingeladen; sie koennen uns viel +leichter aufnehmen als die Grossmutter; sie haben ein eigenes Landhaus +vor der Stadt, mit einem Garten; du wirst sehen, dass wir's gut bei ihnen +haben." + +"Aber wenn der Vater zurueckkommt, der wird uns bei der Grossmutter +suchen!" + +"Wir schreiben der Grossmutter, wo wir sind!" + +"Kommt dann der Vater zu uns, weiss er, wo das ist?" + +"Aber freilich weiss er das, Gebhard. Bei meinem Bruder und seiner Frau +war ja unsere Hochzeit, dort hat mich der Vater geholt, weil ich keine +Eltern mehr habe. Mein Bruder hat mich auch so lieb, weisst du, fast wie +wenn ich sein Kind waere. Er ist viel aelter als ich." Gebhard ueberlegte. +"Ja, dann kann ich das schon begreifen, dass du zu ihm moechtest." + +Seufzend ergab er sich. + +Nach manchem unfreiwilligen Aufenthalt und schier unertraeglicher Fahrt +kam Helene mit den beiden Kindern am spaeten Abend an ihrem +Bestimmungsort an. Wohl hatte sie ihr Kommen angekuendigt, aber Tag und +Stunde voraus anzugeben, war in dieser Zeit unmoeglich. So stand sie nun +in dunkler Nacht, mit den uebermuedeten Kindern, mit dem Hund und vielem +Gepaeck auf dem Bahnsteig, und wusste nicht, wie sie nun bis in ihres +Bruders Haus kommen sollte. Alles an dem Bahnhof hatte ein anderes +Aussehen als frueher. Befremdet sah Helene um sich. Sie hatte nicht +gedacht, dass auch auf dem Bahnhof dieser kleineren Stadt die Kriegszeit +sich so bemerklich machte. An ihr vorbei eilte eine weibliche Gestalt in +grosser, weisser Schuerze, am Aermel mit dem Roten Kreuz gezeichnet. Einen +Eimer heissen Tee am Arm ging sie von Wagen zu Wagen und bot den +durchreisenden Soldaten die Labung an. Einer derselben, ein +Landwehrmann, lehnte dankend ab. "Wir haben erst in der vorigen Station +Tee bekommen, aber wenn Sie sich um die junge Frau mit den Kindern da +drueben annehmen wollten, die haben mich schon lang gedauert, sie sind +aus ihrer Heimat vertrieben!" + +Die Helferin wandte sich nach der bezeichneten Stelle, sah die hilflose +Gruppe und ging sofort darauf zu. "Reihen Sie noch weiter, kann ich +Ihnen helfen?" frug sie Helene. Aber als sie dicht voreinander standen, +erkannten sich die beiden Frauen. Sie waren einst zusammen in die Schule +gegangen. + +"Ich habe dich gar nicht gleich erkannt, Helene; ist das dein Kindchen? +Hast du allein reisen muessen? Dein Mann ist wohl einberufen? Du Aermste, +du siehst so angegriffen aus. Wirst du nicht abgeholt? Nein? Warte nur +ein klein wenig, ich helfe dir. Sieh, dort ist eine Bank, setzt euch +einstweilen!" Sie eilte wieder an den Zug, da und dort wurde sie +angerufen und um Tee gebeten. + +Ein blutjunger Freiwilliger reichte eine Postkarte heraus, bat, man +moechte ihm die Liebe erweisen, sie einzuwerfen, weil seine Mutter sich +gar so sehr um ihn sorge. So war sie voller Taetigkeit, bis der Zug +wieder davon fuhr. Dann aber eilte sie zu der kleinen Gruppe mueder +Menschen, die auf sie harrten, und es gelang ihr, einen Wagen fuer sie +aufzutreiben und sie samt Gepaeck und Hund gluecklich darin +unterzubringen. "Zu Fabrikant Kurz," lautete die Anweisung fuer den +Kutscher. + +Die Fahrt ging durch dunkle Strassen, denn an den Laternen wurde gespart +in dieser Kriegszeit. Fast Mitternacht war es, bis sie am Haus hielten, +aber doch war ein Fenster noch erleuchtet und wurde bei dem Anfahren des +Wagens geoeffnet. "Wer kommt?" rief eine Stimme von oben. "Wir sind's, +Bruder!" + +Einen Augenblick spaeter wurde die Haustuere geoeffnet und der Bruder, +Fabrikant Kurz, hiess seine naechtlichen Gaeste willkommen. "Verzeih, dass +wir euch so spaet bei Nacht ins Haus fallen," sagte Helene, "es liess sich +nicht aendern." + +"Es ist fuer mich nicht spaet, ich habe jetzt oft bis in die Nacht hinein +zu arbeiten. Aber gehoert denn der Hund auch zu euch? Den habt ihr mit +hieher gebracht?" Missfaellig betrachtete er Leo, der sich an Gebhard +draengte. + +"Es ist Gebhards Liebling, sie sind so anhaenglich aneinander!" Herr Kurz +beachtete jetzt erst seinen kleinen Neffen. + +"Das ist also Gebhard? Wir waren eigentlich der Meinung, er kaeme zu +seiner Grossmutter; aber kommt nur herauf, es sind zwei Gastzimmer +gerichtet. Was ist mit deinem Mann, ist er einberufen?" + +"Nein; er wird bald nachkommen." + +"Warum hat er dich nicht auf der langen Reise begleitet? Muss er noch im +Forsthaus bleiben?" + +Helene zoegerte mit der Antwort. "Ich erzaehle dir das morgen. Wir sind so +muede, wenn wir uns vielleicht gleich legen duerften!" + +"Ihr muesst doch vorher essen!" + +"Danke, wir bekamen unterwegs was wir brauchten, nur Ruhe moechten wir." + +Der Hausherr hatte dem Stubenmaedchen geklingelt, das erschien nun um an +Stelle der Hausfrau, die nicht gestoert werden sollte, fuer die Gaeste zu +sorgen. + +Ein schoenes Gastzimmer mit allen Bequemlichkeiten war fuer Helene +gerichtet, auch ein Kinderwagen stand bereit. Geruehrt dankte sie dem +Bruder fuer diese Fuersorge. Die Kleine, die schlafend angekommen war, +erwachte jetzt und fing kraeftig an zu schreien. Der Hausherr, der selbst +keine Kinder hatte, sah ratlos auf das kleine, ungebaerdige Wesen, befahl +dem Maedchen alles weitere zu besorgen und wuenschte der Schwester gute +Nacht. Gebhard nahm er mit sich, Leo folgte. "Wenn nur der Hund die +Nachtruhe nicht stoert!" sagte der Onkel, waehrend sie die Treppe hinauf +gingen. + +"Vor meiner Tuer wird er gewiss ruhig liegen bleiben," versicherte +Gebhard. + +"Das wird sich zeigen. Wenn Hunde in fremde Umgebung kommen, heulen sie +oft. Mich wundert, dass dir dein Vater erlaubt hat ihn mitzunehmen!" + +"Der Vater war gar nicht da, als wir abgereist sind." Gebhard hatte das +kaum gesagt, so merkte er, dass er besser darueber geschwiegen haette. + +"Wo ist denn dein Vater?" Was sollte Gebhard darauf antworten? Er wusste +es nicht. + +"Ich meine wo dein Vater war, als ihr fluechten musstet? Blieb er im +Forsthaus zurueck?" + +"Nein." Die sichtliche Verlegenheit des Knaben fiel dem Manne auf. Es +musste etwas geschehen sein, was Mutter und Sohn nicht gern sagten. + +Er wollte nicht weiter in das Kind dringen. Im oberen Stock des Hauses +war ein zweites Gastzimmer bereitet, fein und vornehm war auch hier die +Einrichtung. "Kommst du allein zurecht?" fragte der Onkel, "oder soll +ich dir das Stubenmaedchen heraufschicken?" + +"Nein danke, ich kann alles allein machen. Aber bitte, Onkel, wenn ich +Leo eine Strohmatte oder eine Decke vor meine Tuer legen duerfte; er +versteht dann, dass er da hingehoert." + +Es fand sich eine Matte und der Hund nahm verstaendig seinen Platz ein. +Onkel und Neffe wuenschten sich gute Nacht. Gebhard lag bald in dem +feinen Gastbett. Aber unter dem fremden Dach in dem einsamen +Schlafgemach ueberfiel ihn ein bitteres Heimweh und trotz aller Muedigkeit +konnte er nicht einschlafen. So weit, weit weg war er vom Forsthaus! Und +der Vater, wo war der? Der Vater, von dem man jetzt gar nicht reden +konnte, waehrend man frueher so stolz auf ihn war! Dem kleinen Burschen +war zumute, wie wenn ihm der Boden unter den Fuessen wankte, da mit der +Heimat zugleich die klaren Verhaeltnisse der gluecklichen Kinderzeit +schwanden, in denen er festgewurzelt war. + +Wenn wenigstens die Mutter nebenan schliefe oder etwas von der Kleinen +zu hoeren waere, aber gar so einsam war es hier oben! Lange wehrte sich +Gebhard als tapferer, kleiner Mann gegen die Traenen; endlich kamen sie +doch, das Schluchzen liess sich nicht mehr unterdruecken und schuettelte +seinen Koerper. + +Mitten in der naechtlichen Stille wurde ein Laut hoerbar. Gebhard setzte +sich auf, lauschte und vernahm ein leises Winseln vor der Tuere. Sicher +hatte das wachsame Tier seines kleinen Herrn Schluchzen vernommen und +war beunruhigt. Oder hatte es selbst Heimweh? Noch einmal derselbe +ungewohnte Laut. Es klang so traurig! Da musste Gebhard troesten. Er +tastete sich in der Finsternis an die Tuere und hatte kaum einen Spalt +geoeffnet, so zwaengte sich der Hund herein und draengte sich mit freudigem +Bellen an seinen Herrn. + +"Still, still!" mahnte Gebhard und das gut gezogene Tier verstummte +sofort, aber es wedelte und bezeugte seine groesste Freude. "Ja, ja, du +darfst hier bleiben," fluesterte Gebhard, "du hast Heimweh; komm her!" Er +holte leise die Matte herein und legte sie neben sein Bett. "So, dann +sind wir beisammen, ganz nahe. Leg dich!" + +Vom Bett aus konnte Gebhard seinen Leo streicheln. Nun wich das Gefuehl +der Einsamkeit, vorbei war's mit den naechtlichen Traenen. Schon nach +wenigen Minuten hatten die beiden guten Kameraden den Schlaf gefunden. + +In der Fruehe des naechsten Morgen, noch ehe es heller Tag war, schreckte +Helene auf durch ein Klingeln an der Haustuere. Wer kam so fruehe? Sicher +ihr Mann oder doch eine Nachricht von ihm! Im Nu warf sie einen +Morgenrock um, eilte hinaus an die Treppentuere, denn sie selbst wollte +ihm oeffnen, ihn hereinfuehren in ihr Zimmer, ihn lieb haben. +Ach--beschaemt stand sie vor dem Milchmann und vor dem Kuechenmaedchen, die +beide mit erstaunten Augen auf die junge Frau schauten; ohne ein Wort +kehrte sie in ihr Schlafzimmer zurueck. + +Das war die erste Enttaeuschung und es folgten jede Stunde neue, denn der +sehnlich Erwartete kam nicht, und keine Post brachte Nachricht von ihm. + +Bruder und Schwaegerin liessen sich's einen ganzen Tag gefallen, im +Unklaren zu bleiben ueber das Schicksal, das die Familie Stegemann +getrennt hatte; sahen sie doch, wie verstoert Mutter und Sohn waren und +dass sie sich nicht entschliessen konnten, von dem Erlebten zu sprechen. +Die Schwaegerin war eine gutmuetige Frau, hatte Helene lieb und wollte, +dass die Vertriebenen sich wohl fuehlten in ihrem Haus. Es war ja auch +alles in Huelle und Fuelle da und keine Kriegsnot zu verspueren; denn in +der Kurz'schen Fabrik, die in Friedenszeit allerlei feine Stahlwaren +herstellte, wurden nun Granaten gemacht; der Betrieb war Tag und Nacht +im Gang und es ging mehr Geld ein als je in frueheren Zeiten. Viele +beneideten die Familie Kurz und wollten ihr den wachsenden Reichtum +missgoennen. So kam es dem Fabrikherrn und seiner Frau ganz erwuenscht, dass +die Vertriebenen bei ihnen Zuflucht suchten. Jedermann konnte nun sehen, +dass von diesem Reichtum guter Gebrauch gemacht wurde. Aber unbequem +waren die Fragen der Bekannten nach den Schicksalen der jungen Familie, +nach dem Verbleib des Foersters Stegemann. Was sollte man antworten, wenn +man selbst nichts wusste? + +Herr Kurz sprach mit seiner Frau. "So kann das nicht weiter gehen; +Helene weicht allen Fragen aus und sieht gleich so ungluecklich aus, dass +ich nicht in sie dringen mag; und der Bub hat etwas trotzig +Zurueckhaltendes, das einem die Lust nimmt, ihn zu fragen. Helene schrieb +immer so beglueckt ueber ihn, ruehmte sein offenes, zutunliches Wesen. Ich +finde nichts davon und wollte, er waere samt dem Hund anderswo +untergebracht. Aber nun, da er bei uns wie ein Kind vom Haus aufgenommen +ist, kann man wenigstens von ihm Antwort auf berechtigte Fragen +erwarten. Nimm du ihn einmal vor. Er soll sagen, wo sein Vater ist. Ich +will das wissen." + +"Du hast ganz recht, habe nur Geduld, ich will es schon herausbringen," +sagte Frau Kurz beschwichtigend. An diesem Tag, waehrend ihr Mann in der +Fabrik war, und Helene auf Zureden der Schwaegerin sich auf ihr Ruhebett +gelegt hatte, ergab sich's, dass Tante und Neffe allein beisammen waren +und sie benuetzte die Gelegenheit, brachte die Sprache auf das Forsthaus, +fragte, ob dieses nun ganz leer stehe, ob wohl Gebhards Buecher und +Spiele alle mitgekommen seien oder sie ihm neue kaufen solle. Da wurde +Gebhard vertraulich und mitteilsam; schilderte, wie hastig Hab und Gut +aufgepackt worden seien und dass das meiste zurueckgeblieben sei. + +"Was dir oder der Mutter fehlt, werde ich euch alles neu kaufen," sagte +die Tante guetig, und der kleine, wohlerzogene Mann kuesste ihr dankbar die +Hand. Nun fragte die Tante weiter: "Hat dein Vater seine eigenen Sachen +selbst aufgepackt, und hat er euch begleitet bei der Abfahrt?" + +"Nein," sagte Gebhard und wandte sich schon von der Tante ab, der Tuere +zu. Sie merkte, er wollte weiteren Fragen ausweichen. Aber so hatte sie +es nicht gemeint. Sie griff nach seiner Hand. "Nun bleibe noch da, +Gebhard, und erzaehle mir ganz genau, wann dein Vater fortgegangen ist, +warum und wohin. Das muessen wir wissen, dein Onkel und ich." + +Da Gebhard schwieg, fuhr sie fort: "Die Mutter ist doch so traurig, das +siehst du ja und wenn sie ueber den Vater spricht, regt es sie auf, darum +will ich sie nicht fragen. Willst du ihr das abnehmen und ihr zulieb mir +alles sagen?" + +"Nein, ich kann nicht!" rief Gebhard gequaelt und wollte entweichen. Aber +die Tante hielt ihn fest. + +"Weisst du, dass du recht unartig bist? Nun haben wir die Mutter mit der +Kleinen und dich und sogar deinen Hund mitten in der Nacht bei uns +aufgenommen und sorgen fuer euch, weil ihr gar keine Heimat habt und du +willst mir nicht einmal anvertrauen, wo der Vater ist? So undankbar +willst du sein?" + +"Nein, ich will nicht undankbar sein, aber ich kann's nicht sagen," rief +der Knabe entschieden und suchte sich loszumachen. Frau Kurz verlor die +Geduld, packte ihn fest und rief: "Gebhard, du musst!" + +Da riss er sich mit Gewalt los, rief in heller Verzweiflung: "Ich will +die Mutter fragen, ob ich muss," und stuerzte aus dem Zimmer, hinueber in +das der Mutter. Die schrak aus ihrer Mittagsruhe auf, als Gebhard +ungestuem auf sie zukam und laut schluchzend rief: "Mutter, muss ich den +Vater verraten? Muss ich?" Erschreckt zog Helene das ganz erschuetterte +Kind an sich und wollte ihm troestend zusprechen, aber durch die +offengebliebene Tuere war die Tante dem Fluechtling gefolgt und hatte +Gebhards Ausruf gehoert. "Du hast ihn ja schon verraten," sagte sie, "geh +jetzt hinaus, ich weiss genug. Geh in dein Zimmer, du machst ja dein +Muetterchen noch krank mit deinem Ungestuem!" + +Beschaemt und traurig zog Gebhard sich zurueck. In seinem Zimmer sass er +still, wusste nicht, wie es gekommen war, dass die Tante sagen konnte, er +habe den Vater verraten und er mache die Mutter krank, mochte sich +selbst nicht mehr leiden und wusste sich keinen Rat. + +Inzwischen hatte Frau Kurz sich neben die junge Schwaegerin gesetzt, +troestete sie freundlich und brachte allmaehlich durch teilnehmende +Fragen und dringendes Zureden alles heraus, was sie wissen und ihrem +Mann berichten wollte. + +Dieser empfand wohl volle Teilnahme fuer seine Schwester, aber er dachte +auch an sich selbst, an die Familienehre und an das Geschaeft. Es war +eine boese Sache. Er fuerchtete, die militaerischen Auftraege koennten ihm +entzogen werden, wenn des Schwagers Verrat ruchbar wuerde. Aufgeregt ging +er in seinem Zimmer auf und ab, waehrend er seiner Frau diese Gefahr +auseinander setzte. "Nie haette ich gedacht, dass durch Stegemann Unehre +in die Familie kaeme. Wie sah Helene an ihm hinauf, wie stolz sprach sie +von seinen und seiner Mutter edlen Grundsaetzen! Wie wenn die Familie +Stegemann viel hoeher stuende als unsere eigene! Nun, wenn wir auch +nuechterne Leute sind und unsern Geschaeftsvorteil wahren, einen +Vaterlandsverraeter haben wir doch nie in unserer Familie gehabt!" + +"Sprich nur nicht laut davon," mahnte seine Frau, "das bleibt ganz +verschwiegen. Ich glaube nicht, dass ihn die Russen frei gegeben haben +und wenn ja, dann kann er nicht wagen, sich in Deutschland blicken zu +lassen, nach dem was er getan. Mach dir keine Sorgen. Wer sollte das +verraten? Helene nicht und der Bub auch nicht, auf den kannst du dich +verlassen!" + +So beruhigte sie ihren Mann. Und es kam so, wie sie gesagt, niemand +erfuhr mehr von dem Vermissten als was sie selbst von ihm aussagten: er +sei im Krieg und man warte vergeblich auf Nachrichten. + + + + +Viertes Kapitel. + + +Die Tage, die Wochen vergingen--vom Foerster Stegemann drang keine Kunde +zu seiner Frau. Sie lebte still und eingezogen. Vom Krieg wollte sie +nichts hoeren, nichts lesen und wenn jemand sie darauf hinwies, dass gar +viele Frauen ihre Maenner, ihre Soehne vermissen mussten, so war ihr das +kein Trost. Andere Frauen durften stolz sein auf das, was ihre Maenner +taten fuers Vaterland--sie musste sich schaemen; die andern waren +unschuldig--sie hatte eine Schuld auf dem Gewissen. Wenn Gebhard sie +traurig ansah, musste sie an sein Wort denken: Haettest du die Tuere nicht +aufgemacht! + +Gebhard ging in die Schule, aber er stand einsam unter den Mitschuelern, +fremd dem Lehrer gegenueber. Der sprach von Krieg und Sieg, von +Vaterlandsliebe und Heldentod--das konnte Gebhard nur mit bitterer Scham +anhoeren; und wenn die Kameraden von ihren Angehoerigen im Feld erzaehlten, +dann hatte er Angst vor ihren Fragen, ging ihnen aus dem Weg, spielte +lieber daheim mit Leo, seinem treuen, schweigsamen Freund aus der alten +Heimat. + +Eines Abends, als er still und spaeter als sonst an seinen Schulaufgaben +in dem Zimmer neben dem Esszimmer sass und ihn wohl niemand dort +vermutete, hoerte er Onkel und Tante sprechen, was nicht fuer ihn bestimmt +war. Der Onkel sagte: "Das Beste waere, Stegemann bliebe verschollen, er +wuerde doch nur Schande bringen in unsere Familie." + +"Ja," sagte die Tante, "aber ich denke, er ist laengst tot, wenn man es +nur bestimmt erfahren koennte." + +Da tat dem kleinen Burschen nebenan das Herz so weh, wie noch nie und er +fuehlte, wie lieb er seinen Vater hatte, trotz allem was geschehen war, +und dass er ganz zu ihm gehoerte. Und ein Zorn kochte in ihm auf gegen die +Menschen, die den Vater gern gestorben wuessten. Aber er durfte ja nichts +sagen, denn gar oft schon hatte die Mutter ihm vorgehalten, wie dankbar +sie gegen Onkel und Tante sein muessten. + +In diesem Augenblick kam die Mutter zu ihm herein, hatte ihr Toechterchen +im weissen Nachtgewand im Arm und zeigte sie Gebhard: "Sieh, wie die +Kleine nett aussieht, sie soll noch der Tante gute Nacht sagen, komm +mit." + +Ungern folgte Gebhard. Im Esszimmer wurde der kleine Liebling bewundert. +Der Onkel, der fuer gewoehnlich um diese Zeit nicht da war und das Kind +selten sah, freute sich an dem netten Anblick, wollte auch der Mutter +eine Freude machen und sagte schmeichelnd zu der Kleinen: "Willst du +denn auch einmal zu mir kommen, mein schoenes Juengferlein?" + +"Nein, sie soll nicht!" rief ploetzlich mit rotem Kopf in aufbrausendem +Zorn Gebhard. Erschrocken wandten sich alle nach ihm um, aber er achtete +nicht auf die vorwurfsvollen Blicke. "Es ist nicht dein Juengferlein," +rief er, "es ist dem Vater sein Juengferlein, und mir gehoert sie auch +mit. Gib sie mir, Mutter, mir, nicht dem Onkel!" Er draengte sich an die +Mutter, die ganz blass geworden war. "Was faellt dir ein, Gebhard!" und +sie wandte sich an den tief gekraenkten Bruder: "Verzeih, ich weiss gar +nicht, was dem Kind in den Sinn kommt!" + +Die Schwaegerin sah, wie ihrem Mann der Zorn aufstieg. Sie wandte sich an +Helene: "Wenn du irgend etwas von Erziehung verstehst, so musst du das +Toechterchen dem Onkel geben und musst den unartigen Jungen zur Tuere +hinausstecken!" + +"Ja freilich, du hast ganz recht," sagte Helene. Sie sah ein, dass sie +einen solchen Ton nicht dulden durfte, aber sie fuehlte durch, und sah es +Gebhard an, dass er tief erregt war, und er tat ihr so leid. Sie konnte +ihn nicht verstehen. Es war doch gar nichts vorgefallen, was ihn so +aufbringen und seine Rede entschuldigen konnte. So zog sie das Kindchen +zurueck, nach dem er noch immer begehrte, reichte es dem Onkel hin, und +sagte unsicher: "Ich muss dich aus dem Zimmer weisen, Gebhard!" Er sah +sie einen Augenblick erstaunt an, weil er so etwas noch nie von ihr +erfahren hatte, dann folgte er ohne Widerspruch. Unter der Tuere blickte +er noch einmal zurueck und sah die Mutter mit Onkel und Tante beisammen +stehen, das Schwesterchen auf des Onkels Arm. Da war's ihm, als gehoerten +diese vier zusammen, er aber gehoerte nicht zu ihnen, sondern zu dem +armen, armen Vater, der so weit fort war und den er doch ueber alles in +der Welt liebte. + +So wuchs allmaehlich eine Scheidewand zwischen ihm und der Mutter auf. Es +fehlte der Vater, der die beiden so innig verbunden hatte. + +Aber es kam Hilfe von anderer Seite. Frau Dr. Stegemann, Gebhards +Grossmutter, kannte Helene nur wenig, aber sie hatte sie vor Jahr und Tag +herzlich als Schwiegertochter willkommen geheissen, manchen Brief mit ihr +gewechselt und sich innig gefreut ueber das Glueck, das sie ihrem Sohn und +Enkel von Herzen goennte. Sie konnte sich vorstellen, wie schwer die +junge Frau unter der Trennung von dem Gatten leiden musste. Aber sie +begriff nicht, warum die Schwiegertochter ihr jetzt nur selten und kurz +schrieb, ihr, der Mutter, die doch am besten mit ihr fuehlen konnte und +die laengst gebeten hatte, ihr die genaueren Umstaende ueber die +Verschleppung ihres Sohnes zu berichten. Die Schwiegertochter +entschuldigte sich damit, dass es sie zu sehr angreife, von diesem +schrecklichsten Tag ihres Lebens zu erzaehlen; aber Frau Dr. Stegemann +gab sich nicht laenger mit diesem Bescheid zufrieden. Als es Winter wurde +und immer dieselben duerftigen, traurigen Briefe kamen, schrieb sie der +Schwiegertochter, wofern sie und die Kinder gesund seien, moege sie mit +ihnen in Gebhards Weihnachtsferien zu ihr kommen. Es klang mehr wie ein +Verlangen als wie eine Bitte oder Einladung. + +Helene zeigte den Brief ihren Geschwistern. + +"Du haettest deiner Schwiegermutter laengst den ganzen Sachverhalt +mitteilen sollen," meinte der Bruder, "sie als Mutter kann erwarten, dass +ihr nichts vom Schicksal ihres Sohnes verschwiegen wird." + +"Aber es kann ihr doch nur schrecklich sein! Sie hat uns bei Beginn des +Krieges voll gluehender Vaterlandsliebe geschrieben. Und dann--ich traue +mich nicht, ihr zu sagen, wie das alles gekommen ist, sie wird mich +verachten, denn sie ist so eine tapfere, strenge Frau!" + +Die Schwaegerin fiel ihr ins Wort: "Immer quaelst du dich wieder so +unnoetig mit Vorwuerfen. Jede Frau haette so wie du fuer ihr und ihrer +Kinder Leben gebeten!" + +"_Sie_ nicht!" sagte Helene bestimmt. Der Bruder wurde aergerlich. Er war +immer ein wenig eifersuechtig gewesen und hatte nie recht vertragen +koennen, dass seine geliebte Schwester eine so hohe Meinung von der +Familie Stegemann hatte. + +"Du bist nicht schuld," sagte er; "ein Mann muss selbst wissen, was er zu +tun hat; es waere ohne deine Einrede wohl alles ebenso gegangen!" + +Aber jetzt ereiferte sich Helene. "Nein, nie, ganz gewiss nicht. Ich +begreife mich selbst nicht mehr, warum ich nicht lieber mit meinem Kind +sterben wollte: der Tod ist nicht das schlimmste!" + +Sie brach in Traenen aus. Der Bruder suchte sie zu beruhigen. "Du +brauchst deiner Schwiegermutter nicht zu erzaehlen, was _du_ bei der +Sache gesprochen hast. Darueber schweigst du einfach!" + +"Ach, das kann ich nicht, wenn sie mich mit ihren klaren Augen ansieht, +so muss ich die ganze Wahrheit sagen. Sie wuerde es doch gleich merken, +dass mir noch etwas auf der Seele liegt." + +"Ei, so bleibe hier!" riet die Schwaegerin. "Schicke ihr Gebhard allein, +sage, du koennest mit der Kleinen im Winter nicht reisen und ohne das +Kind nicht fort. Zwar waere sie ja bei mir und dem Maedchen wohl versorgt, +aber es ist doch eine gute Ausrede; versprich deinen Besuch fuers +Fruehjahr, dann wollen wir weiter sehen." + +"Ja, das wird das Beste sein," sagte der Bruder, "sie kann die +Winterreise und dazu solch eine Aufregung nicht von dir verlangen und +Gebhard wird sehr gern zu seiner Grossmutter gehen mit seinem Hund, +na--er kann auch ganz dort bleiben, wenn sie es wuenscht." + +"Er wird sich nicht gern von mir trennen wollen!" + +"Das bildest du dir ein, so ist er nicht." + +"Meinst du?" Nachdenklich fuegte sie hinzu: "Ja, es kann sein, dass er +mich nicht vermisst. Es ist alles nicht mehr so, wie es war. Aber dann +werden wir uns ganz fremd!" + +"Du musst dich an dein Toechterchen halten, das wird alle Tage netter und +gehoert dir ganz und gar." + +Aber die junge Mutter konnte sich nicht gleich mit dem Gedanken troesten, +dass ihr der kleine Liebling blieb. Es tat ihr weh, zu denken, Gebhard +werde sie nicht vermissen. Sie war doch so stolz gewesen auf des Knaben +Liebe und seine ruehrende Verehrung. + +"Ich will selbst Gebhard die Einladung der Grossmutter ausrichten," sagte +der Bruder, die Beratung abschliessend. "Ruhe du dich ein wenig aus und +dann schreibe deiner Schwiegermutter. Gebhard ist ja bei ihr gut +versorgt und fuer dich wird es so am besten sein, meinst du nicht?" + +"Ich weiss nicht," sagte Helene, "aber ich will es so machen, wie ihr +meint, ich danke euch, ihr seid so nachsichtig gegen mich." + +Sie ging in ihr Zimmer und tat, wie man ihr geraten, legte sich auf ihr +Ruhebett. Ach, sie meinten es so gut mit ihr, aber sie hatten ja gar +keine Ahnung, wie traurig sie war, wie heiss ihre Sehnsucht nach dem +verlorenen Glueck. + +Herr Kurz hatte es gut verstanden, Gebhard die Reise zur Grossmutter +verlockend darzustellen. Davon, dass er vermutlich dauernd bei ihr +bleiben sollte, hatte er nichts erwaehnt, das hatte noch Zeit. So behielt +der Onkel recht. Gebhard war nur vergnuegt ueber die Einladung fuer die +Weihnachtsferien, dachte gar nicht an die Trennung von der Mutter. Es +war ja natuerlich, dass das Kind sich freute zur Grossmutter zu kommen, die +in den Jahren der Einsamkeit im Forsthaus treulich jeden Sommer gekommen +war und ihm laengst nahe stand, ehe Helene zur Familie gehoerte. + +Heute ging die Mutter mit ihm hinauf in sein Zimmer, um mit ihm +einzupacken. Frohgemut reichte er ihr zu, was sie verlangte, aufmerksam +verfolgte Leo dieses ungewohnte Treiben. "Jetzt deine Schulbuecher, +Gebhard?" + +"Soll ich die mitnehmen?" Verwundert sah er die Mutter an und bedenklich +klang seine Frage: "Muss ich denn lernen in den Weihnachtsferien?" + +"In den Ferien nicht, aber nachher, wenn die Schule wieder anfaengt, musst +du doch deine Buecher haben." + +"Nach den Ferien komme ich doch wieder hieher?" + +"So war's nicht gemeint, Gebhard. Die Grossmutter wird dich gerne +behalten. Hat dir davon der Onkel nichts gesagt?" + +"Nein." Er wurde sehr nachdenklich. Die Mutter stand vor dem Koffer, +hatte die Hand ausgestreckt nach den Schulbuechern, die nicht kamen. Sie +sah, wie Gebhards Gesicht truebselig wurde. Jetzt schmiegte er sich an +sie. "Mutter, kannst du nicht mitkommen zu der Grossmutter? Hat sie bloss +mich ganz allein eingeladen?" + +"Nein, aber das Schwesterchen ist noch zu klein fuer solch eine +Winterreise und sie braucht mich doch!" + +"Ja, aber Mutter, du hast viel frueher einmal zu mir gesagt, wir blieben +jetzt immer beisammen, der Vater und du und ich; das war so schoen. Und +jetzt ist der Vater fort und dann habe ich auch keine Mutter mehr!" + +"O doch, Gebhard, ich bleibe ganz gewiss deine treue Mutter!" Aber +Gebhard entgegnete trotzig: "So eine Mutter, die nicht bei mir ist, +hilft mir gar nichts. So eine habe ich immer schon gehabt, im Himmel, +aber ich moechte eine, die bei mir bleibt." + +"Spaeter, Gebhard, kommen wir gewiss wieder zusammen, aber jetzt hast du +einstweilen die Grossmutter. Bei ihr warst du doch frueher so gern; und +hier--warst du denn gerne hier im Haus, bei Onkel und Tante?" + +"Nein, gar nicht gern, weil sie den Vater nicht moegen. Neulich haben sie +so etwas Schreckliches ueber den Vater gesagt, das darfst du gar nicht +hoeren, Mutter. Darum mag ich sie gar nicht mehr!" Traenen des Zorns +kamen dem Kind bei der Erinnerung. + +"Wann war denn das?" + +"An dem Abend, wo der Onkel das Juengferlein wollte!" + +"Ach, damals? Gebhard, sieh, du wirst gluecklicher sein bei der +Grossmutter. Sie hat den Vater so lieb und sie nimmt dich mit deinem Leo +so gerne zu sich!" + +"So? hat sie das geschrieben?" Langsam machte er sich von der Mutter +los. "Da sind meine Schulbuecher." + +Still vollendeten sie das Geschaeft des Einpackens; aber beunruhigt lief +der Hund hin und her, er merkte, dass Ungewohntes vor sich ging. + +"Du darfst mit mir gehen, Leo, sei nur zufrieden, wir zwei trennen uns +nicht!" Bei diesen Worten nahm Gebhard den schmalen Kopf des Hundes +zwischen seine Haende. Ein leises Bellen bezeugte das Einverstaendnis des +klugen Tiers; es legte sich nun still neben den Koffer, bereit Hab und +Gut seines kleinen Herrn zu bewachen. + +Sie waren fertig, das Zimmer sah oede aus. + +"Komm nun, Gebhard," sagte die Mutter und es war ihr wehmuetig ums Herz +in dem leeren Zimmer, "komm, wir wollen nach dem Schwesterlein sehen." + +Er griff nach ihrer Hand, sah zu ihr auf und merkte, dass sie traurig +war. "Mutter," begann er, "jetzt denkst du an den Vater, das sehe ich +dir immer an. Aber du hast noch dein Juengferlein, das ist dir doch das +allerliebste und das bleibt bei dir." + +Sie drueckte fest seine Hand. Nein, sie hatte jetzt eben nicht an ihren +Mann gedacht, sondern an den kleinen Mann, der da so liebevoll an ihrer +Hand ging und sie noch troestete, obwohl sie ihn von sich schickte. + +Schon vor der Zimmertuere hoerten sie die Tante, die ihren Spass hatte mit +der Kleinen. Die lachte laut und uebermuetig vor Vergnuegen. Das lustige +Toechterlein--der traurige Bub--es gab der Mutter zu denken. + +Am fruehen Morgen des folgenden Tags trat Helene in Gebhards +Schlafzimmer. Er erwachte bei ihrem Eintritt. Frisch und tatkraeftig +stand die Mutter vor ihm, wie schon lange nicht mehr. "Gebhard, steh +auf, es ist Zeit, dass wir reisen, wir zwei miteinander!" Und als er sie +mit grossen, fragenden Augen ansah, lachte sie hell, setzte sich zu ihm +auf den Bettrand und sagte: "Ich habe mir heute Nacht gedacht: das +Juengferlein ist schnoede, es macht sich gar nichts daraus, wenn ich +fortgehe, es jauchzt bei der Tante wie bei mir. Aber mein Bub, der +moechte mich gern bei sich haben; so will ich wenigstens fuer eine Woche +mit ihm gehen!" Da wurde die junge Frau stuermisch umarmt und gekuesst und +musste an ihren Mann denken. + +Eine Stunde spaeter waren sie auf der Reise. + + + + +Fuenftes Kapitel. + + +Unsere zwei Reisenden waren diesmal allein im Abteil: Leo hatte sich +nicht eingedraengt; ganz verstaendig hatte er sich darein gefunden, in dem +fuer seinesgleichen bestimmten Raum Platz zu nehmen. Gebhard stand eine +ganze Weile am Fenster und sah in die Winterlandschaft hinaus; ihm war +so wunderlich gluecklich zu Mute, wie wenn ihm erst jetzt die Mutter +wieder gehoerte. Er haette nur gern gewusst, wie es ihr ums Herz war! Schon +einmal hatte er sich nach ihr umgewandt, sie sinnend angeschaut, aber +nicht die Worte finden koennen zu einer Frage. Nun sah er sie wieder an. + +"Willst du etwas?" fragte sie. + +"Nein.--Ja doch. Ich moechte nur wissen, ob es dich nicht friert?" + +"Nein; warum meinst du? Kommt es dir kalt vor?" + +"Mir gar nicht. Der Onkel meinte nur, du koenntest dich erkaelten; aber +gelt, es ist behaglich warm? Heute gefaellt mir das Fahren so gut, dir +auch, Mutter?" + +Sie laechelte ihn freundlich an und schob die Reisetasche beiseite, die +neben ihr lag. "Setze dich zu mir her, Gebhard." + +Dieser folgte schnell der Aufforderung und sie rueckten nahe zusammen. + +"Gelt, das Juengferlein ist ganz vergnuegt bei der Tante?" sagte er. + +"Ja freilich, das vermisst uns nicht." + +"Das gefaellt mir eben so besonders gut, dass ich dich einmal ganz fuer +mich allein habe," erklaerte er, "da koennen wir auch vom Vater sprechen, +wenn wir wollen. Aber die Tante hat gesagt, ich soll dich nicht +aufregen; also reden wir lieber von etwas anderem. Sie hat mir auch +Essvorrat mitgegeben in meine Buechse; wollen wir das einmal ansehen?" + +"Ja, sagte die Mutter, schauen wir nach den guten Sachen, das wird mich +ganz gewiss nicht aufregen." Sie lachte ihn freundlich an. + +"Du siehst heute so aus, Mutter, wie frueher, so nett." Aber das haette er +nicht sagen sollen; denn auf einmal kamen ein paar Traenen in ihre hellen +Augen. Da packte er schnell die Buechse aus; und weil ihm dabei ein Apfel +auf den Boden kollerte und waehrend er sich darnach bueckte eine ganze +Anzahl Nuesse folgten, musste sie lachen und er lachte mit und sie waren +zum erstenmal froehlich miteinander ohne den Vater. + +Gegen das Ende der Reise, waehrend Gebhard sich schon ungeduldig auf das +Wiedersehen mit der Grossmutter freute, wurde der jungen Frau das Herz +wieder schwer. Sie hatte sich wohl auf ihres Bruders Zureden +vorgenommen, nichts davon zu erzaehlen, dass sie ihren Mann ueberredet +hatte, mit den Russen zu gehen, und so durfte sie ja sicher sein, bei +ihrer Schwiegermutter nur Teilnahme zu finden und keinen Vorwurf zu +hoeren. Aber eben dieses Verschweigen und vorsichtige Ausweichen lag +nicht in ihrer Natur und deshalb bangte ihr vor dem Zusammentreffen mit +der Mutter. + +Helene wusste, dass sie nicht erwartet wurde; nur Gebhard mit seinem +treuen Gefaehrten Leo war angekuendigt. Als die Reisenden in die +Bahnhofhalle einfuhren, fiel ihnen die Leere des Bahnsteigs auf. Er war +fuer die Menge gesperrt, da in Kuerze ein Lazarettzug mit einer grossen +Anzahl Verwundeter ankommen sollte. Eine ganze Reihe Sanitaeter mit +Tragbahren erwartete den naechsten Zug; aber mitten unter ihnen stand +eine einzelne grosse Frau in langem Mantel mit warmem Pelzzeug; unter +ihrem schwarzen Samthut sahen schlichte graue Haare hervor und +forschende Augen blickten dem einfahrenden Zug entgegen. Dies war Frau +Dr. Stegemann, die sich bei dem Kommandanten den Zutritt erbeten hatte, +um ihren allein reisenden Enkelsohn abzuholen. + +Gebhard erkannte die Grossmutter sofort und eilte auf sie zu. + +"Mein lieber, grosser Bub!" rief sie, "ich bin froh, dass du zu mir +gekommen bist. Und dein schoener Leo ist auch da! Nun komm nur gleich, +wir muessen moeglichst schnell den Bahnsteig verlassen." + +"Aber die Mutter ist auch hier, ich bin nur vorausgesprungen!" + +"Die Mutter? Kommt sie doch mit?" + +Ja, sie kam eben zu den beiden und sah deutlich, dass bei dem +unerwarteten Wiedersehen das ernste Gesicht der Grossmutter freudig +aufleuchtete. + +"So kommst du doch," sagte sie und streckte der jungen Frau die Hand +entgegen, "dann ist ja alles schoen und gut; wir gehoeren doch zusammen in +dieser Zeit!" + +Das empfand auch Helene in diesem Augenblick. Wie wenn sie ihrem Manne +naeher waere, so war ihr zumute. Sie hatte gar nicht mehr gewusst, dass +Mutter und Sohn ganz die gleichen, klaren, seelenvollen Augen und +dieselbe tiefe Stimme hatten. Sie gingen miteinander hinaus auf den +Bahnhofplatz. Dort war die Haltestelle der Elektrischen; das Mitnehmen +von Hunden war aber nicht gestattet. + +"Kann Leo nachspringen?" fragte die Grossmutter. + +"Er kann wohl," sagte Gebhard, "aber der Vater laesst ihn nie gern neben +dem Wagen springen." + +"Dann gehst du mit ihm zu Fuss; erinnerst du dich des Weges? Du hast ihn +vor zwei Jahren gemacht." + +"Nicht so recht," meinte Gebhard bedenklich. + +"Wir sollten vielleicht eine Droschke nehmen und den Hund zu uns +hereinlassen," schlug Helene vor. + +"Bewahre. Ein grosser Bub mit solch gutem Hund _sucht_ sich eben seinen +Weg. Merke auf, Gebhard. Du folgst den Schienen der Elektrischen immer +zu bis an den Marktplatz. Dann fragst du. Weisst du Strasse und Nummer?" + +"Jawohl, Johannessteg 5." + +Die beiden Frauen stiegen ein und Gebhard ging mit seinem treuen +Begleiter zu Fuss. Helene wunderte sich ueber die Grossmutter, die dem +geliebten Enkel gleich Zumutungen machte. Ja, das war wieder die +Strenge, die sie in Erinnerung hatte; nicht der gutmuetige, weichherzige +Ton, den sie von den Ihrigen daheim gewohnt war. Nun wusste sie wieder, +warum ihr bange gewesen, und es ueberkam sie eine beklemmende Angst vor +der Unterredung, die nicht ausbleiben konnte. + +Frau Dr. Stegemann bewohnte den obersten Stock eines Hauses in der +Altstadt. Die schoenen, bequemen Einrichtungen der Neuzeit fehlten dieser +Wohnung, hingegen war sie geraeumig, hatte viele Zimmer, Kammern und +Gaenge. Aus den altmodisch kleinen Fenstern blickte man hinweg ueber die +Daecher der gegenueberliegenden Haeuser, ueber Gassen und Strassen hinaus ins +Weite, wo Gaerten und Felder die Stadt begrenzten. Der letzte +Sonnenstrahl fand noch seinen Weg in die hochgelegene Wohnung. + +Ausser einem Dienstmaedchen hatte Frau Dr. Stegemann noch zwei junge +Hausgenossinnen, zwei Enkeltoechter, die hier in der groesseren Stadt eine +Toechterschule besuchten. Von ihnen erzaehlte sie Helene, nachdem sie die +Elektrische verlassen und dem Haus zugingen, denn beide mochten nicht +auf der Strasse von dem sprechen, was ihre Herzen am meisten bewegte. +Waehrend sie im Haus angekommen Stockwerk um Stockwerk hinaufstiegen, +wunderte sich Helene ueber die Sechzigerin, die nichts von der +Anstrengung zu merken schien. + +"Mutter, wie du steigen kannst!" + +"Das macht die Gewohnheit." + +"Aber ist dir's nicht laestig? Du duerftest dir's wohl auch leichter +machen." + +"Warum? Ich bleibe gern in der Uebung. Solange ich gesund bin, schadet +mir das Steigen nichts. Es waere nichts als Bequemlichkeit, wenn ich es +nicht mehr tun wollte." + +Ruestig stieg sie voraus. + +Oben angekommen wurden sie vom Dienstmaedchen empfangen mit der +Nachricht, dass ein fremdes Fraeulein schon lange auf sie warte und sie +sprechen moechte. Gleichzeitig kamen eilig und lebhaft die beiden +Schwestern, Grete und Else, grosse Maedchen mit blonden Zoepfen und +frischen, froehlichen Gesichtern. Sie waren ueberrascht, statt des +erwarteten kleinen Vetters ihre Tante Helene zu sehen, die sie nur nach +dem Bild kannten. "Macht es der Tante behaglich, Kinder," sagte die +Grossmutter zu ihnen, "und du, Helene, lass dich nicht abschrecken, wenn +es bei mir unruhig zugeht; das ist eben so in diesem Kriegsjahr. Es gibt +so viele Maedchen, die im Ausland waren und jetzt stellenlos sind, die +wenden sich an uns 'Freundinnen der jungen Maedchen'. Um so etwas wird es +sich auch jetzt handeln." + +Sie verliess das Zimmer. Helene war verwundert. Sie hatte sich das Leben +der Grossmutter still und abgeschlossen gedacht, merkte jetzt, dass diese +noch mitten im Leben und Wirken stand und sah bald, dass auch die beiden +Enkelinnen an allerlei Kriegshilfe teilnahmen und vom Geist der +Grossmutter beseelt waren. + +Sie wandten sich jetzt lebhaft an die junge Tante, deren liebliche +Erscheinung ihnen gar sehr gefiel, halfen ihr ablegen, plauderten +zutraulich und kamen bald auf das zu sprechen, was sie erfuellte. "Duerfen +wir dir unsere Vorratskammer zeigen? Wir haben einen ganzen Stoss +Kinderwaesche genaeht fuer die vertriebenen Ostpreussen und haben Handschuhe +und Socken fuer die Soldaten gestrickt, magst du es ansehen?" Gerne +folgte Helene den eifrigen Maedchen in ihre Stube und liess sich an das +altmodische Pfeilerschraenkchen fuehren, in dem allerlei Arbeiten +aufgestapelt waren. Mitten in dieser Betrachtung kam, von seinem Hund +begleitet, Gebhard an. Er hatte sich nicht gern von seiner Mutter +getrennt; denn er wusste, sie war nur ihm zuliebe hieher gekommen, auch +hatte er so ein unbestimmtes Gefuehl, dass ihr bangte vor dem Zusammensein +mit der Grossmutter. So war er im Galopp mit seinem Hund der Elektrischen +gefolgt, hatte schnell den Weg zum Haus gesucht und trat nun angeregt +vom raschen Lauf, mit frischen, roten Backen ins Zimmer. + +Grete und Else waren gleich fuer diesen kleinen Vetter eingenommen und +auch der Hund war ihnen anziehend. Sie hatten noch nie einen solchen als +Hausgenossen gehabt, wollten mit ihm Bekanntschaft schliessen, wichen ihm +aber doch aus, als er sie beschnueffelte. + +Es dauerte aber nicht lang, so streckte sich Leo behaglich mitten unter +der Gesellschaft aus. + +"Jetzt ist er schon heimisch," sagte Gebhard befriedigt, "er merkt, dass +wir nicht bei Fremden sind; in einem fremden Haus legt er sich nie von +selbst nieder." Das gefiel den Baeschen und freute Gebhard. Wo er gern +war und wo es Leo behagte, musste sich doch auch sein Muetterlein heimisch +fuehlen. + +Nach kurzer Zeit kam auch die Grossmutter wieder. Sie hatte dem jungen +Maedchen Bescheid gegeben, das in England Erzieherin gewesen war, in +reichem Haus, bei einem einzigen Knaben; jetzt war ihr eine Stelle +angeboten, in einfacher Familie bei vier Knaben. Den juengsten sollte +sie selbst ausfahren, das passte ihr nicht. + +"Ich habe ihr Mut gemacht," sagte Frau Dr. Stegemann, "im Krieg muss man +froh sein, wenn man irgendwo unterschlupfen darf, und uebrigens moechte +ich jetzt lieber zehn Deutsche erziehen als einen Englaender. Und warum +nicht den kleinen Buben ausfahren? Wir muessen ja froh sein, wenn es +recht viele deutsche Buben gibt! Sie will es nun versuchen und mir am +Sonntag berichten wie es geht. Aber nun kommt zum Tee!" + +Sie fuehrte die Schwiegertochter ueber den langen, dunkeln Gang. Helene +dachte unwillkuerlich an die hell erleuchteten Raeume in ihres Bruders +Haus. + +"Ueberall merkt man den Krieg," sagte Frau Stegemann. "Das Petroleum wird +bei euch auch knapp sein." + +"Ich weiss nicht, es war nicht die Rede davon." + +"Nicht? Es ist eine grosse Entbehrung fuer viele Leute. Manche Familien +koennen abends ihr Zimmer gar nicht beleuchten. Fuer solche ersparen wir +immer etwas von dem Petroleum, das auf uns kommt. Warum sollten wir auch +nicht ein wenig im Dunkeln tappen? Unsere Soldaten muessen sich auf ganz +anders schwierigen Wegen im Finstern zurecht finden." + +Gebhard horchte hoch auf bei diesen und aehnlichen Aeusserungen der +Grossmutter. Waehrend des einfachen Abendessens erklaerten ihm die +Schwestern, was kriegsmaessig sei und was nicht; was sich die Familie +zugunsten des Vaterlandes versagte und wie sie beflissen war, sich von +dem zu naehren, was reichlich vorhanden und in Gefahr war, zu verderben. +Da nun Else und Grete sahen, wie neu ihm das alles war und dass er +gluehenden Eifer zeigte fuer alles Gemeinnuetzige, fragten sie, ob er +mittun wuerde, wenn sie naechsten Sonntag mit der Rotkreuzbuechse durch die +Strassen gingen, um Karten und Blumen zugunsten der Verwundeten +anzubieten. Er hatte das schon manchmal gesehen, aber nie daran gedacht, +dass man auch ihn irgendwie fuer solch vaterlaendische Taetigkeit brauchen +koennte. Stolz war er, gluecklich ueber diese neuen Aussichten. +"Grossmutter," rief Else, "das wird fein! Gebhard traegt die Buechse, wir +die Blumen und wir sagen zu allen, die uns begegnen: 'Hier, unser +Vetter, ist selbst ein Vertriebener, ein Fluechtling aus Ostpreussen!' Da +gibt uns jedermann doppelt so gern!" + +"Und den Hund nehmen wir auch mit," schlug Grete vor, "er sieht so +polizeimaessig aus, mit ihm koennen wir uns in alle Winkel der Stadt +wagen!" + +Die drei verwandten Kinder verbanden sich nach kurzer Bekanntschaft und +waren gluecklich miteinander. Helene staunte, wie schnell Gebhard sich +heimisch fuehlte. Am reichbesetzten Tisch ihrer Geschwister hatte sie ihn +nie so befriedigt gesehen, wie hier; das Wohlleben hatte ihm weniger +behagt, als die einfachen Verhaeltnisse, die er von Hause aus gewoehnt +war, und wie heimische Luft empfand er die vaterlaendische Gesinnung, die +auch im Forsthaus der herrschende Geist gewesen war. + + + + +Sechstes Kapitel. + + +Die Teestunde war vorueber, endlich musste auch der Augenblick kommen, auf +den Helene sich gefuerchtet hatte, die Aussprache ueber das, was im +stillen Herzen beide Frauen mehr beschaeftigte als all die Dinge, ueber +die sie sich mit den Kindern unterhalten hatten. + +"Ich moechte jetzt ungestoert ein Stuendchen mit Tante Helene sein," sagte +Frau Dr. Stegemann zu den Schwestern. "Wer etwa kommt und nach mir +fragt, soll warten oder spaeter wiederkommen. Gebhard kann bei euch +bleiben; komm, Helene, wir gehen in dein Zimmer." + +Aber Helene griff unwillkuerlich nach Gebhards Hand und hielt sie fest. +Die Grossmutter sah die fast aengstliche Bewegung der jungen Frau. + +"Du moechtest Gebhard mitnehmen?" fragte sie erstaunt. + +"O ja, bitte. Wir haben das alles miteinander erlebt." + +"So komm mit, Gebhard. Ich zeige dir gleich deine Schlafstaette." Vor der +Tuere wartete der Hund, er schloss sich seinem kleinen Herrn an. Frau Dr. +Stegemann ging voran, fuehrte ihre Gaeste bis an das Ende eines langen +Ganges. "Hier ist das Gastzimmer, das wird fuer dich gerichtet, Helene; +wir wussten ja nicht, dass du kommst. Und hier gegenueber, ist deine +Kammer, Gebhard, sieh." + +Sie traten in eine grosse, helle Kammer. Ein schlichtes Feldbett stand +darin. "Wie fuer einen richtigen Soldaten," sagte die Grossmutter, "nur +dass es ein Kopfkissen und ein Federbett hat. Das bekommen ja die +Soldaten nicht, aber du bist ja auch noch keiner, sondern willst erst +einer werden." + +"Schlafen sie ganz ohne Federbetten, die Soldaten?" fragte Gebhard +nachdenklich, "dann will ich's doch auch ohne versuchen." + +"Willst du? Das ist recht! Weisst du, Federn sind so etwas weiches, +warmes, je weniger ein Bub davon wissen will, um so besser." + +"Also weg damit!" rief der kleine Mann, "Grossmutter, wohin?" + +Er packte das Federbett. Aber Helene legte die Hand darauf. "O, bitte, +Mutter," sagte sie, "es ist doch zu kalt fuer das Kind, er ist es nicht +gewoehnt." + +"So lassen wir das Bett hier. Du kannst es Nachts damit halten wie du +willst. Und sieh, da habe ich Platz gemacht fuer deine Kleider." Sie +schloss einen grossen, altertuemlichen Kleiderschrank auf. "Hier herein +kannst du deine Kleider haengen." + +"Ich will ihm helfen, sie einzuraeumen," sagte Helene. Ihr war jeder +Vorwand erwuenscht, die Aussprache weiter hinaus zu schieben. Waehrend sie +nun an den geoeffneten Schrank trat, erhob sich Leo, der sich schon neben +Gebhards Bett gelegt hatte, folgte ihr, wurde unruhig, schob seine Nase +in den Schrank und fing an, zu winseln. Sie bemerkten alle das +wunderliche Gebahren. "Was ist da hinten in dem Schrank, Grossmutter," +fragte Gebhard. Sie griff hinein. "Es sind nur Kleidungsstuecke." Sie +holte von den Haken, was da hing, ein Regenmantel, ein paar +Sommerkleider; immer aufgeregter folgte der Hund ihren Bewegungen und +jetzt, da sie wieder ein Kleidungsstueck hervorzog, eine Herrnjuppe, +jetzt sprang das Tier hoch und steckte seinen Kopf hinein. "Ach, das ist +noch eine Juppe von deinem Vater, ist's moeglich, dass er die erkennt?" + +"Aber freilich, Grossmutter, sieh nur, wie er schnueffelt, wie er sich +freut und daran zerrt!" Ein Ruck--und der Hund hatte die Juppe auf den +Boden gezogen. Er legte sich daneben, streckte die Vordertatzen in +ganzer Laenge darueber, wuehlte mit Behagen den Kopf in das Kleidungsstueck +und nahm so fest Besitz davon, dass es nicht raetlich schien, es ihm +wegzunehmen. Gebhard warf sich neben seinem Hund auf den Boden, +streichelte ihn und redete mit ihm: "Wo ist denn der Herr, wo ist dein +guter Herr? Leo, denkst du an den Herrn?" Das Tier wedelte. + +Geruehrt von der Treue des Hundes wandte sich Helene ab, liess sich +ueberwaeltigt von Sehnsucht und Schmerz auf dem Feldbett nieder und weinte +bitterlich. Frau Dr. Stegemann setzte sich neben die junge, von +Schluchzen erschuetterte Frau und redete ihr in einem weichen, +muetterlichen Ton zu, den Helene noch nie von ihr gehoert hatte. Da +schwand allmaehlich ihre Furcht und es ueberkam sie der Trieb, der Mutter +ihres Mannes das ganze Leid anzuvertrauen. Sie raffte ihre Kraft +zusammen. "Mutter," sagte sie, "es ist ja alles viel, viel +schrecklicher, als du ahnst!" + +"Wie so? Weisst du mehr, als was du mir geschrieben hast? Hast du +Nachricht von Rudolf? Schlechte Nachricht?" + +"Nein, nein; kein Wort habe ich von ihm gehoert seit jenem Tag. Aber es +war anders als du denkst, ich kann es so schwer ueber die Lippen +bringen!" + +Frau Dr. Stegemann richtete sich stramm auf und der weiche Ton war nicht +mehr in ihrer Stimme als sie, gefasst auf die schlimmsten Mitteilungen, +zur Schwiegertochter sprach: "Rede endlich, Helene. Wir duerfen nicht +feig sein in dieser harten Zeit. Ich kann alles hoeren, auch das +grausamste. Und du musst jede Wahrheit aussprechen koennen. Sei doch auch +tapfer, was hilft das Weinen?" + +Bei diesen Worten stand Gebhard, der neben dem Hund gelegen, auf, trat +rasch an Helenens Seite und streichelte ihre Hand. "Grossmutter," rief +er, "die Mutter kann nicht so tapfer sein wie du meinst, der Vater hat +mir gesagt, sie ist nicht aus so hartem Holz geschnitzt wie wir +Stegemanns. Man muss sie immer ganz zart behandeln!" Da schlang die junge +Frau den Arm um ihren Verteidiger und sagte zu ihm: "Die Grossmutter hat +aber doch recht und ich will ja auch, dass sie alles erfaehrt. Gebhard, +erzaehle du es, du warst ja dabei und du musst nicht immer so weinen, wie +ich!" + +"Ja," sagte Gebhard, "die Grossmutter darf das wissen, sonst niemand auf +der Welt!" + +Der kleine Mann gab sich einen Ruck, dass er stramm da stand und fing an: +"Grossmutter, so war's: Zuerst kam ein deutscher Offizier mit fuenf +Soldaten und besprach etwas ganz im geheimen mit dem Vater. Einstweilen +kochten die Soldaten auf unserm Herd und wir halfen ihnen. Dann sagte +uns der Vater, er muesse sie begleiten, aber kein Mensch duerfte wissen +wohin. Sie zogen bei Nacht miteinander fort. Am naechsten Tag kam der +Vater allein zurueck und sagte, wir muessten schnell fliehen, die Russen +koennten bald kommen. Wir fingen gleich an, unsere Sachen auf die Wagen +im Hof zu laden, aber mitten hinein kam ein ganzer Trupp Russen mit +einem Offizier. Sie gingen die Treppe hinauf und ich ihnen nach. Im +Wohnzimmer war der Vater, aber die Mutter mit dem Juengferlein war nicht +da. Der russische Offizier fragte, wohin die deutsche Patrouille +gegangen sei, die heute Nacht im Forsthaus eingekehrt sei und die der +Vater begleitet habe. Ich weiss nicht mehr genau, was der Vater zuerst +sagte, aber als der Offizier verlangte, er solle mit ihm gehen und ihn +denselben Weg fuehren, da sagte der Vater: "Nein, ich bin ein guter +Deutscher und werde nicht zum Verraeter." Aber der Offizier hat ihm +gesagt: er koenne doch nichts machen gegen so viele und er hat ihm +versprochen, er duerfte gleich wieder heimkommen, und uns allen solle gar +nichts geschehen; aber wenn er ihnen den Weg nicht zeige, muessten wir +alle sterben. Der Vater hat aber nicht nachgegeben und es war +schrecklich, wie zornig da der Offizier geworden ist, und weil ich auch +gerufen habe, der Vater soll nichts verraten, haben mich die Soldaten +ganz wuetend gepackt und fest gehalten, da oben am Arm, wo es so weh tut, +und ich habe vor lauter Zorn nur immer geschrien: "Vater, tu's nicht! +Aber dann--" Gebhard stockte. Er sah die Mutter an. "Soll ich denn alles +sagen, Mutter, alles?" + +"Alles, Gebhard!" + +"Dann hat die Mutter die Schlafzimmertuere aufgeriegelt und hat von ferne +gerufen und gebeten, der Vater soll uns nichts geschehen lassen. Der +Vater hat auf die Mutter hingeschaut und dann hat er nicht mehr 'nein' +sagen koennen. Er ist mit ihnen gegangen und hat versprochen, sie zu +fuehren. Sie sind dann fortgeritten und wir haben gedacht, der Vater kaeme +am Abend wieder, der Offizier hat es ihm doch auf Ehrenwort versprochen. +Das Ehrenwort muss doch ein Offizier auch im Krieg halten, nicht, +Grossmutter?" + +Er bekam keine Antwort. Die Grossmutter, die still mit verhaltenem +Schmerz den Bericht angehoert hatte, sah ins Weite, wie wenn ihre Augen +den Sohn suchten, den sie verloren hatte. Helene griff nach ihren Haenden +und bat leise: "Mutter, verzeih mir und verachte mich nicht ganz. Ich +weiss, du waerest heldenmuetig gewesen und ich war feig, war in Todesangst; +das hat er nicht mit ansehen koennen und mir zuliebe ist er zum Verraeter +geworden. Ich bin schuld, dass nun diese Schuld auf seinem Gewissen +liegt. Darum habe ich mich nicht entschliessen koennen, dir zu schreiben. +Ich weiss ja, wie du mich verachten musst, dass ich deinen edlen Sohn dazu +gebracht habe." + +"Du hast ihn _nicht_ dazu gebracht, Helene, du irrst dich. Nichts auf +der Welt haette ihn dazu bringen koennen. Ich kenne ihn. Er hat das nicht +getan!" + +Heftig erregt erhob sie sich. Ihr Blick fiel auf Gebhard. "Schon als +Kind in deinem Alter haette er das nicht getan, wie viel weniger als +Mann! Du hast das von deinem Vater geglaubt?" + +"Ich habe es gehoert, Grossmutter, dass er 'ja' gesagt hat, und habe es +selbst gesehen, dass er mit den Russen gegangen ist!" + +"Ja. So hat er euch das Leben gerettet und die Bande fortgebracht vom +Forsthof. Eine Kriegslist war das. Ja, er ist mit ihnen geritten, aber +wohin? Dahin, wo die deutsche Patrouille nicht war! Gebhard, kennst du +deinen Vater so wenig?" + +Der Knabe senkte nicht den Blick vor dem strengen Ausdruck der +Grossmutter; ein glueckliches Leuchten flog ueber sein Gesicht. "So ganz +gewiss weisst du das, Grossmutter? kann es gar nicht anders moeglich sein?" + +"Gebhard, wird es jemandem gelingen, deinen Leo, dies treue Tier, gegen +_dich_ zu hetzen? Wenn man ihn lockt, ihm droht? Schaeme dich, zu denken, +dass irgend etwas auf der Welt deinen Vater vermocht haette, die Deutschen +an ihre Feinde zu verraten!" + +Zaghaft warf Helene ein: "Mein Bruder sagt, wer einmal in den Haenden der +Russen ist, der wird muerbe gemacht, wenn er noch so tapfer waere!" + +"Dein _Bruder_ kann das sagen, er hat Rudolf kaum gekannt, aber du?" +Nachdenklich sah sie auf Helene und dachte unwillkuerlich an die Worte: +"Aus anderem Holz geschnitzt." Wie biegsam war die junge Gestalt, wie +weich die Zuege und sanft der Blick! Nachsichtig sprach sie zu ihr. +"Weil du selbst in jener Stunde schwach warst, hast du auch ihn fuer +schwach gehalten und hast doppelt darunter gelitten. Aber jetzt glaube +du mir und lass dich durch keine Einrede mehr irre machen. Dein Mann ist +_kein_ Verraeter. Von den Treusten einer ist er. Glaube an ihn; ein +Maertyrer kann er geworden sein, ein Verraeter nicht!" Tief erregt wandte +sie sich an Gebhard. "Gott gebe, dass du so wirst wie dein Vater! Einen +besseren Wunsch weiss ich nicht fuer dich!" + +Erschuettert verliess sie das Gemach, sie musste jetzt fuer sich allein +sein. + +Ihr starker Glaube ging in dieser Stunde ueber in die Seele von Mutter +und Kind; die schwerste Last war der jungen Frau vom Herzen genommen. + +Es blieb die Trauer um den Helden, aber das war ein edler Schmerz, der +ihr Herz erhob. "Gebhard," sagte sie, "wie waren wir so verblendet und +wie wollen wir von jetzt an stolz sein auf den Vater!" Und die beiden +waren fast gluecklich zu nennen in diesem Augenblick. Aber die Mutter des +Helden kaempfte jetzt in ihrem Zimmer allein mit der tiefen Bewegung, in +die diese Unterredung sie versetzt hatte. Sie war ueberwaeltigt von dem +Gedanken an das Leiden ihres Sohnes. Was mochten die Feinde ihm angetan +haben in der Wut darueber, dass er ihnen nicht den rechten Weg wies? Das +graesslichste, das sie ersinnen konnten. O wie grausig waren die Bilder, +die ihr vorschwebten! Hin und her ging sie in ihrem Zimmer und sprach +halblaut mit ihrem Sohn, wie wenn er sie hoeren koennte: "Du mein guter, +tapferer, treuer Sohn! So ganz allein. So weit fort von mir. Was haben +sie dir getan? Wirst du noch immer gequaelt und gepeinigt? Oder bist du +erloest von allem Leid, selig aufgenommen als einer, der reinen Herzens +ist und Gott schauen darf? O, die schreckliche Ungewissheit!" + +An der Zimmertuere wurde geklopft, das Dienstmaedchen rief: "Frau Doktor, +die Schustersfrau aus dem Hinterhaus ist da und fragt nach Ihnen." + +"Sie soll morgen kommen." + +"Aber sie tut ganz verzweifelt. Sie hat schlechte Nachrichten." + +"Ich habe auch schlechte und kann ihr keine guten verschaffen." + +Das Maedchen wagte nichts mehr einzuwenden; aber dem fassungslosen jungen +Weib, das auf Trost und Hilfe wartete, gab sie auf eigene Verantwortung +den Bescheid: "Frau Doktor kommt gleich." Sie kannte ja ihre Frau; die +konnte wohl einmal schroff und abweisend sein, aber schliesslich half sie +doch immer. Auch diesmal. Nach kurzer Zeit kam sie ruhig und gefasst +heraus; kaum war ihr noch anzumerken, wie sie mit sich gekaempft hatte, +um wieder tapfer zu sein. Frau Siebel, die Schustersfrau, merkte +jedenfalls nichts davon; sie war vollstaendig vom eigenen Leid +hingenommen. Ihr lauter Jammer hatte auch Helene und die Kinder +herbeigerufen. Schluchzend zeigte sie eine Postkarte, die besagte, dass +ihr Mann schwer verwundet in der Pfalz liege und sich nach einem Besuch +von ihr sehne. "Sicher ist er schon tot," rief die junge Frau und hoerte +gar nicht auf die ermutigenden Worte, mit denen ihr von allen Seiten +zugesprochen wurde. Sie wusste ganz gewiss, ihr Mann war tot. + +"Dann wollen Sie also nicht in das Lazarett reisen?" fragte Frau Dr. +Stegemann kurz. + +"Ei doch," sagte Frau Siebel, "deshalb wollte ich ja Frau Doktor um Rat +fragen, ich waere so gern noch diese Nacht abgereist." + +"So, nun sehen Sie, Sie glauben ja selbst, dass Ihr Mann noch lebt. Nun +lassen Sie auch das Weinen, dazu haben Sie Zeit in der Bahn; jetzt +muessen Sie fuer Ihr Kind sorgen, was machen Sie mit dem?" + +"Das ist's ja eben, ohne mein Buberl kann ich nicht fort. Ich habe es +die neun Monate nie aus der Hand gegeben. Ich vergehe vor Angst, wenn +ich das Kind hier lasse!" + +"So wollen Sie es mit auf die weite Reise nehmen?" + +"Nein, nein, das waere gar nicht auszuhalten, es zahnt und schreit so +viel!" + +"Dann muessen wir eben eine Unterkunft suchen fuer den Kleinen. Am besten +in der Krippe." + +"Mein Kind in die Krippe? Ach Gott, ich vergehe vor Heimweh nach dem +Kind!" + +"Wenn Sie unter allen Umstaenden vergehen, kann ich Ihnen auch nicht +helfen," entgegnete Frau Stegemann ungeduldig. "Entweder mitnehmen oder +hier lassen--eines von beiden muessen Sie doch tun. Oder wissen Sie +einen dritten Weg?" + +"Ach nein--aber--" + +"Nun also. Seien Sie recht dankbar, dass wir eine Krippe haben, in der +man so einen kleinen Schreihals freundlich aufnimmt. Fuer heute nacht +will ich das Kind nehmen und morgen in der Krippe nachfragen. Jedenfalls +sorge ich fuer eine gute Unterkunft." + +"Aber kann ich Ihnen denn das zumuten? Es ist doch gar zu viel!" + +"Im Krieg hilft man zusammen. Ihr Mann ist ja auch fuer uns im Kugelregen +gestanden! So sorgen wir auch fuer sein Kind. Haben Sie denn das +Reisegeld?" + +"Ich hoffe, dass es reicht!" + +"Mit Hoffnungen kommen Sie am Schalter nicht aus. Ich will im Kursbuch +nachsehen und Ihnen im Notfall etwas vorstrecken. Gehen Sie einstweilen +und richten Sie alles!" + +"Ach, ich bin ganz wirr im Kopf vor Schrecken!" + +"Das passt jetzt gar nicht. Im Gegenteil, Sie muessen Ihre Gedanken fest +zusammennehmen, damit Sie nichts vergessen." + +Die Frau eilte davon, Frau Dr. Stegemann ging in die Kueche zum Maedchen. +Das hatte die Verhandlung gehoert. "Frau Doktor," sagte sie, "wenn ich +nur haette dazwischen reden duerfen. Das Kind ist nicht gut zu haben, die +Frau ist so unvernuenftig mit ihm, traegt es und kocht ihm bei Nacht, alle +Leute im Hinterhaus sagen es. Frau Doktor, jetzt wird's doch zuviel fuer +uns!" + +"Zuviel? Liese, im Kriegsjahr gibt's kein 'zuviel' fuer mich, und fuer Sie +hoffentlich auch nicht!" + +"Aber seine Nachtruhe kann man doch wenigstens verlangen." + +"Meinen Sie? Fragen Sie doch Ihren Braeutigam, ob er sagen darf: 'Bei +Nacht wird mir das Schiessen zuviel, da will ich meine Ruhe!'" + +"Wenn man auch immer an den Krieg denkt! Das tun nur Sie, Frau Doktor!" + +"Sie doch auch, Liese? Haben wir nicht miteinander zuerst das Backen +abgestellt, und die Kuebel fuer das Schweinefutter eingefuehrt, und nicht +geruht, bis sie nach und nach in der ganzen Strasse herauskamen? Ich +moechte jetzt gar keinen Menschen um mich haben, der nicht immerfort +fuehlt: 'Jetzt ist Krieg, wie helfe ich?'" + +Liese ueberlegte. "Dann will ich eben den kleinen Balg nehmen bei Nacht." + +"Den nehme ich schon selbst, denn Sie muessen morgens frueh heraus." + +Aber weder die Frau noch die Magd bekamen den kleinen "Balg" ans Bett, +denn, als Frau Siebel das schlafende Kind brachte, streckte Helene die +Arme nach ihm aus, fand es reizend in seiner Unschuld und bat so +herzlich es ihr zu ueberlassen, dass niemand ihr die Freude nehmen wollte. +Getrost konnte Frau Siebel ihren Liebling verlassen. + +In spaeter Abendstunde setzten Mutter und Schwiegertochter sich noch ein +wenig zusammen. "Mir ist es, wie wenn ich in eine andere Welt versetzt +waere," sagte Helene. "In deinem Haus weht ein ganz anderer Geist als bei +uns. Ihr alle steht im Zeichen des Krieges. In meines Bruders Haus ist +das nicht so, er ist von seinem Geschaeft hingenommen; auch wusste er, dass +ich nichts hoeren wollte vom Krieg. Ja, ich gestehe dir's, nicht einmal +an den Siegen konnte ich mich freuen, weil ich immer dabei empfand: mein +Mann gehoert nicht zu den Helden, ich selbst habe ihn hinausgedraengt aus +der tapferen Schar. Jetzt aber hast du diesen Druck von mir genommen; +ich bin so gluecklich und bitte dich: verachte mich nicht um meiner +Feigheit willen. Vielleicht kann ich auch noch tapfer werden; meinst du +nicht?" + +Liebevoll zog die Mutter sie an sich. + +"Wer weiss," sagte sie, "ob ich als junge Frau die Probe bestanden haette, +angesichts der rohen Maenner, die mit ihren Scheusslichkeiten die Frauen +bedrohen. Niemand soll da ueber andere urteilen. Du wirst noch viel +Gelegenheit haben, dich in Tapferkeit zu ueben, und ich auch. Wie lange +werden wir in Unsicherheit bleiben muessen ueber das Schicksal unseres +Helden. Und wenn eine Nachricht kommt, dann lautet sie vielleicht so +grauenvoll, dass wir allen Mut brauchen, um sie zu ertragen. Aber es wird +uns leichter werden, weil wir uns jetzt zusammen gefunden haben. Es ist +gut, dass du gekommen bist!" + +"Ich moechte in dieser Zeit viel lieber bei dir leben. Aber ich muss doch +bei der Kleinen bleiben, und die macht so viel Arbeit mit der Waesche +und mit dem Ausfahren. Bei meinen Geschwistern mit den beiden +Dienstmaedchen geht das viel leichter als hier. Sie nehmen mir alle +Arbeit ab; meine Schwaegerin ist ruehrend besorgt und verwoehnt mich ganz." + +"Ich bin nicht fuer solch ruehrend verwoehnende Liebe," war der Mutter +Antwort. "Aber," fuegte sie hinzu, "richte du dein Leben ein, wie du es +fuer richtig haeltst." + +Helene wurde nachdenklich. Nach einer Weile sagte sie: "Fuer Gebhard ist +es ja viel schoener hier. Meinen Geschwistern ist er fremd geblieben und +er war auch gegen mich nicht mehr so zutraulich wie frueher. Erst hier +ist er wieder ganz mein lieber, praechtiger Bub. Mutter, lass ihn mir +nicht fremd werden!" + +Helene blieb bis ueber die Weihnachtsferien und fuehrte selbst noch +Gebhard in die Schule ein. Sie sah, wie er jetzt dem Lehrer und den +Mitschuelern frei und offen gegenuebertrat, da er nichts mehr zu +verheimlichen hatte, und dass dem Kind warme Teilnahme entgegengebracht +wurde. Und als er am zweiten Tag in der Pause seinen Leo holte, um ihn +den Kameraden vorzustellen, da wusste sie, dass er heimisch wurde unter +diesen. Sie konnte ihn getrost verlassen. Sie selbst aber vermisste auf +der Heimfahrt ihren kleinen Reisekameraden und es war ihr, als entfernte +sie sich noch mehr von ihrem Mann, indem sie seinen Sohn und seine +Mutter verliess. Aber daneben wurde doch die Sehnsucht nach dem +Toechterlein immer lebhafter. Es schlief, als sie heim kam. Beim +Erwachen sah es befremdet nach der Mutter; fuer das kleine Menschenkind +war die Zeit lang genug gewesen, um sie zu vergessen; aber die +Erinnerung erwachte bald wieder. Es war ein lieblicher Anblick, wie die +junge Mutter mit Kosen und Schmeicheln das Fremdsein besiegte und +endlich von ihrem kleinen Ebenbild durch strahlendes Laecheln und +zaertliche Hingabe wieder anerkannt wurde. Die Geschwister hatten es mit +angesehen. "Wie erfrischt du aussiehst!" sagte der Bruder, "du hast dich +so schwer zu der Reise entschlossen, aber sie hat dir sichtlich gut +getan." + +"Ja, ja. Das Schwerste, was mich am meisten bedrueckt hatte, das hat mir +die Mutter abgenommen. Ich habe ihr alles, alles anvertraut und das war +gut, denn es ist ganz anders, als wir uns gedacht hatten: Nur um die +Russen vom Haus wegzubringen und um sie falsch zu fuehren, ist mein Mann +mit ihnen gegangen. Er hat ihnen nichts verraten!" + +"Woher habt ihr Nachricht bekommen? Erzaehle doch!" riefen die +Geschwister. + +"Nachricht haben wir nicht, aber die Mutter weiss es dennoch, so gewiss +wie wenn sie Nachricht haette. Sie kennt ihn und weiss, dass es ihm ganz +unmoeglich ist, die Deutschen zu verraten." + +"Ach so!" sagte der Bruder gedehnt. Enttaeuschung und Unglaube lag in +seinem Ton. Aber Helene sprach eifrig weiter: "Und ich bin auch fest +ueberzeugt, dass sie recht hat. Sie hat mir erzaehlt, wie er schon als Bub +so tapfer und treu war, aehnlich wie ja auch Gebhard ist, durch und +durch zuverlaessig. Ich haette es ja selbst wissen koennen, aber ich war +wie verblendet, weil ich selbst feig gewesen bin und mir das so schwer +auf dem Gewissen lag." Bruder und Schwaegerin schwiegen. + +Helene fuehlte, sie waren nicht ueberzeugt. Was konnte sie noch sagen? +"Wenn ihr nur selbst seine Mutter gehoert haettet, und sie sehen koenntet, +wie sie so fest und wahr ist und wie sie und ihr ganzes Haus von dem +erfuellt ist, was fuer den Krieg, fuers Vaterland geschehen muss. Ein ganz +anderer Geist weht bei ihr als bei uns!" + +"Bitte sehr," wehrte der Bruder, "bei uns geschieht alles was recht ist +und noch nie ist einer aus unserer Familie wegen Verrat in Verdacht +gekommen!" + +"Ihr sollt auch von meinem Mann nichts Schlechtes mehr glauben, nein ihr +duerft es gar nicht mehr fuer moeglich halten, das kann ich nicht mehr +ertragen!" Sie zitterte vor Erregung. + +Die Schwaegerin beruhigte sie: "Rege dich nicht auf, Helene, ich glaube +dir ja, aber von deinem Bruder kannst du das nicht gleich verlangen; +Maenner geben nicht so viel darauf, wenn eine Mutter sagt: das kann mein +Sohn nicht getan haben, denn keine Mutter will Schlechtes von ihrem Sohn +glauben. Maenner glauben erst, wenn Beweise vorliegen." + +Beweise? Nein, _Beweise_ fuer seine Unschuld hatte Helene nicht, nur den +Glauben daran; den Glauben, der sie so gluecklich gemacht hatte. O, nur +fest daran halten und sich nicht irre machen lassen! + +Sie sprachen nicht weiter darueber, denn keines wollte das andere +reizen. Freundlich fuehrte Herr Kurz seine Schwester an den reich +besetzten Tisch. Aber was sie noch vor wenigen Tagen harmlos angenommen +hatte, machte ihr jetzt Bedenken. Kriegsmaessig war das nicht, was hier +aufgetischt wurde. Die Geschwister liessen sich nichts abgehen, dachten +auch nicht weiter daran, welche Nahrungsmittel knapp waren im Land, +welche verbraucht werden sollten. Doch wagte sie nicht, dem Bruder +wieder das Haus Stegemann als Vorbild zu ruehmen. So schwieg sie darueber. +Aber waehrend sie die ueppige Mahlzeit mit ihnen teilte, bedrueckte es sie, +die Gastfreundschaft zu geniessen von Menschen, die ihrem Mann Schlechtes +zutrauten; sie konnte sich nicht wohl fuehlen bei ihnen, trotz aller +Liebe, die sie ihr erwiesen. In den Wochen, die nun kamen, kaempfte sie +einen schweren Kampf gegen das Heimweh nach ihrem verlorenen Glueck und +gegen die Sehnsucht bei denen zu sein, die mit ihr durch die Liebe zu +ihrem Manne verbunden waren. Sie klammerte sich an den Trost, den ihr +die treuen Briefe der Mutter brachten, und schrieb fast taeglich an sie +und an Gebhard. In seinen kindlichen Briefen suchte sie nach den +seltenen Worten, die etwas von der Anhaenglichkeit aussprachen, die ihr +so kostbar war. So vergingen ihr die dunklen Wintermonate langsam und +schwer. + + + + +Achtes Kapitel. + + +Unter dem offenen Tor des Schulhofes stand Gebhard mit einigen +Kameraden. Auch Leo war dabei. Er war heute wie so manchesmal gekommen, +seinen kleinen Herrn abzuholen. Es genuegte, dass Frau Dr. Stegemann dem +Tier die Tuere oeffnete und sagte: "Such den Herrn!" Er sprang dann in +grossen Saetzen der Schule zu, wartete am Hoftor, bis sich die Klassen +entleerten, erkannte sofort die Klasse, zu welcher Gebhard gehoerte, +draengte sich zwischen den Schuljungen hindurch zu dem einen, dem er +angehoerte. Viele der Kameraden hatten ihren Spass daran, einer beachtete +den Hund noch ganz besonders; ein lebhafter Pfaelzer war es. Er hatte +einen Vetter, der Sanitaetshundefuehrer gewesen, jetzt aber verwundet im +Lazarett untergebracht war. Dem hatte er schon oft von Gebhards Hund +gesprochen, und ebenso erzaehlte er Gebhard viel von den Leistungen des +Hundefuehrers. So waren die beiden laengst begierig, sich kennen zu +lernen. Heute nun, als Gebhard aus dem Schulhof trat, stand da an der +Mauer ein Feldgrauer, den Arm in der Binde. Ein ganz junger Soldat war +es, sah stramm und gesund aus. "Das ist der Sanitaetshundefuehrer," sagte +der kleine Pfaelzer und der Soldat begruesste Gebhard freundlich: "Ich +wollte mir nur einmal deinen Hund besehen," sagte er, "ich muss sagen, er +gefaellt mir wohl! Wie ein Pfeil ist er die Strasse daher gesaust und dann +regungslos am Tor stehen geblieben. Die Buben von der andern Klasse hat +er gar nicht beachtet. Es ist ein gut gezogenes Tier. Ich gehe naemlich +wieder als Hundefuehrer hinaus und da muss ich mich halt jetzt umsehen +nach einem andern Hund, denn der meinige ist im Feld geblieben." + +Gebhard sah den Soldaten, der immer pruefend auf den Hund blickte, mit +grossen Augen an. "Aber meinen gebe ich nicht her!" + +Der Hundefuehrer wandte sich an seinen jungen Vetter. "Ich war der +Meinung, er sei zu verkaufen, du hast doch so etwas gesagt?" Der +Schlingel lachte. + +"Bloss damit du einmal an die Schule kommst und den Hund anschaust, ob +der wohl zum Sanitaetshund gut waere." + +"Ja," sagte Gebhard, "dann ginge ich, wenn ich gross bin auch als Fuehrer +mit ihm in den Krieg." + +Der Feldgraue lachte: "O Buben, was schwaetzt ihr! Bis ihr gross seid, ist +doch der Krieg laengst aus und _so_ aus, dass nicht gleich wieder jemand +sich traut mit uns anzubinden. Und der Hund waere auch bis dahin zu alt, +jetzt waere er gerade recht. Aber ich glaub's gern, dass du ihn nicht +hergibst," sagte er freundlich zu Gebhard, dessen Hand streichelnd auf +Leos Kopf ruhte. Dieser Ton ermutigte Gebhard zu Fragen, die ihn laengst +beschaeftigt hatten. + +"Ich kann mir gar nicht denken," sagte er, "wie ich meinen Hund lehren +sollte, dass er Fremde aufsucht, Verwundete. Wie haben Sie denn das +gemacht?" + +"Das ist nicht so schnell gesagt und hat ja fuer dich auch keinen Wert." + +"Ich haette es nur so gern gewusst." + +Der kleine Vetter legte sich ins Mittel. "Du kannst es ihm doch sagen!" + +"Wenn ihr einmal herauskommt auf das Gelaende hinter dem Lazarett, kann +ich's euch zeigen." + +"Vielleicht gleich naechsten Mittwoch? Da haben wir frei," rief Gebhard. + +"Nun also, Mittwoch, um 3 Uhr. Ausgemacht!" + +Gebhard kam ganz im Glueck ueber diesen Vorschlag nach Hause. Die +Grossmutter war gleich fuer den Plan zu haben. Aber am Mittwoch Nachmittag +wirbelte Schnee und Regen durcheinander, es war zweifelhaft, ob der +Verwundete bei diesem Unwetter ausgehen durfte. Missmutig stand Gebhard +am Fenster, schaute hinunter auf die Strasse, ob es denn wirklich so +schlimm aussaehe. Nur wenige Menschen waren zu sehen, unter diesen aber +ein Soldat, ein junger Feldgrauer, und der--Gebhard sah es mit +zunehmender Erregung--der war kein anderer als der Hundefuehrer und kam +geradewegs auf das Haus zu, drueckte auch schon auf den Klingelknopf! +Gebhard stuerzte hinaus, oeffnete und wurde ganz rot vor stolzer, +freudiger Erregung, dass dieser Feldgraue zu ihm kam. Zwar wollte der +nicht ins Zimmer hereinkommen, sondern bloss sagen, dass er bei dem +schlechten Wetter die Uebung leider nicht machen duerfe; aber er wurde +bald mit warmen Worten von Frau Dr. Stegemann wie von den beiden +Enkelinnen ueberredet, in das Wohnzimmer zu kommen und sich an den +Kaffeetisch zu setzen. Einen Feldgrauen zu Gast zu haben, war immer +eine Freude und so ein Sanitaetshundefuehrer war noch ganz besonders +willkommen. Die Hausfrau verstand es, den bescheidenen jungen Mann zum +Sprechen zu bringen. Im September war es gewesen, da hatte er, der +siebzehnjaehrige Freiwillige, zum erstenmal seinen Hund erproben koennen. +"Das war im Gefecht bei Ch.," erzaehlte er, "die Unsrigen hatten einen +harten Stand gegen die Uebermacht; aber am Nachmittag musste der Feind +weichen. Unsere Kompagnie sammelte sich, die Sanitaeter suchten die +Verwundeten auf und die Kameraden trugen die Toten zusammen. Am Abend +wurden alle Namen festgestellt; da hiess es: Es fehlen noch 5 Mann. +Jetzt, wo sind die? Niemand konnte Auskunft geben. Auf dem Feld lag +keiner mehr, aber vielleicht im Wald. Von dem Argonnerwald macht man +sich aber bei uns keinen Begriff, der ist so dicht mit Unterholz und +Gestruepp verwachsen, dass man gar nicht vorwaerts kommt; wenigstens ist's +so in der Gegend, wo wir waren. Wenn sich da ein Mensch hinein +verschlupft, sieht man ihn beim hellen Tag nicht, geschweige in der +Nacht. Also fuenf fehlen. Soll man die liegen lassen? Vielleicht +verbluten sie sich oder holen sie sich den Tod auf dem nassen, kalten +Waldboden. Ich war bei unserer Truppe der einzige, der einen Hund hatte. +Jetzt, denke ich, muss der seine Kunst zeigen. Ich fuehre ihn in der +Dunkelheit bis dicht an den Wald, dann mache ich ihn los vom Strick und +geb ihm den Befehl: 'Such verwundet.' Der Hund saust gleich davon, in +den Wald hinein. Eine Weile hoere ich noch rascheln und knacken, dann +wird's ganz still und ich steh da im Nebel und es rieselt eiskalt auf +mich herunter und wird mir ganz unheimlich, so allein in der +stockfinsteren Nacht. Mein elektrisches Laempchen habe ich wohl in der +Tasche, aber das spart man fuer die aeusserste Not. Ich weiss nicht, wie +lang das waehrte, mir kam's eine Ewigkeit vor, da hoere ich in der Ferne +so ein kurzes, wiederholtes Bellen und merke gleich: Mein Tell hat einen +gefunden! Da ist mir's siedheiss vor Freude aufgestiegen, ich pfeife und +lass mein Laempchen in den Wald blitzen und jetzt knistert und kracht es +wieder und mein Tell kommt mit einer Soldatenmuetze im Maul. Schnell lege +ich ihm die Leine an und rufe ihm zu: 'Fuehr mich!' Er zieht an und fuehrt +mich durchs Dickicht am Waldessaum eine ganze Strecke. Da bleibt er +ploetzlich stehen. Ich hoere ein Stoehnen und sehe vor mir einen unserer +Vermissten, ein Landwehrmann war's. Wie hat der Mensch sich gefreut und +wie war er dankbar fuer einen Schluck aus meiner Feldflasche! Einen Schuss +in den Oberschenkel hatte er, und so grossen Blutverlust, er hat sich +nicht ruehren koennen vor Schwaeche und Schmerzen. Ich habe ihm einen +Notverband angelegt, habe ihn mit seinem Mantel gut zugedeckt und ihm +versprochen, dass ihn die Traeger holen wuerden. Allein haette ich ja den +Weg in der Nacht nicht zurueckgefunden, es war mir selbst wie ein Wunder, +dass mich mein Tell wieder herausgeleitet hat aus dem finstern Wald und +bis zur Truppe. Dort waren gleich ein paar von unseren Leuten bereit, +den Verwundeten mit der Bahre zu holen. Mein Tell hat uns wieder +gefuehrt und wir haben unsern Landwehrmann gluecklich zum Verbandplatz +gebracht. In derselben Nacht haben wir noch einen zweiten aufgespuert und +errettet. Die andern fand Tell gegen Morgen; einer war aber schon +verblutet. Haetten wir mehr Hunde mit Fuehrern gehabt, waere der vielleicht +auch noch gerettet worden." + +Der Soldat schien fertig mit seiner Erzaehlung; aber alle haetten gern +noch mehr gehoert. + +"Bei welcher Gelegenheit sind Sie denn zu Ihrer Verwundung gekommen?" +fragte Frau Dr. Stegemann. + +"Ja, das war eben einmal, wo unsere Verwundeten ganz nahe am Feind +lagen. Das ist immer das gefaehrlichste. Wenn es so steht, dann bindet +man den Hunden den Fang zu, dass sie keinen Laut geben koennen; das haben +sie zwar nicht gern. Mein Tell hat sich's anfangs gar nicht gefallen +lassen; aber er hat es doch gelernt. Auch wie ich das letzte Mal mit ihm +draussen war und mit den Traegern ganz nahe an den vordersten +Schuetzengraben der Franzosen gekommen bin, hat er uns nicht verraten, +sondern hat uns lautlos herangefuehrt; aber die Verwundeten haben +gestoehnt und um Hilfe gerufen, wie sie uns bemerkten. Darauf ist die +Schiesserei bei den Franzosen losgegangen. Sie haben aber nur mich +getroffen, so dass ich noch selbst habe zurueckgehen und mit der linken +Hand den Hund fuehren koennen; unsere Leute haetten sonst in der Nacht +nicht zurueckgefunden. So haben wir doch unsere Verwundeten noch +gerettet, das hat mich riesig gefreut. Nachher bin ich ohnmaechtig +geworden; und wie ich im Lazarett aufgewacht bin, haben mir die +Kameraden gleich zugerufen, ich bekaeme das Eiserne Kreuz. Nun, ich +will's spaeter noch besser verdienen; sobald es nur angeht, ziehe ich +wieder hinaus. Mein Tell wird jetzt von einem Kameraden gefuehrt, und ich +muss schauen, dass ich wieder einen Hund abrichte. Er muss halt folgen und +klug sein, bissig darf er auch nicht sein und nicht mit andern Hunden +raufen oder auf Wild jagen. Es gibt nicht viele solche und wer so ein +Tier hat, der verkauft's nicht, gelt du?" Er wandte sich mit dieser +Frage an Gebhard. Aber Grete und Else, die beiden lebhaften Maedchen, die +nicht weniger eifrig als Gebhard dem Soldaten zugehoert hatten, liessen +ihn nicht zur Antwort kommen: "Ich wuerde meinen Hund gleich verkaufen!" +rief Grete mit Begeisterung! Und Else: "Ich auch, recht teuer; um das +Geld wuerde ich lauter Sockenwolle, Zigarren und Schokolade kaufen und +Paeckchen an die Soldaten schicken oder ich gaebe es fuer die Ostpreussen." + +"Die Fraeulein haben gut reden," sagte der Soldat, "die haben keinen Hund +und wissen nicht, wie lieb man solch ein Tier hat. Ich haette meinen Tell +auch um viel Geld nicht hergegeben, ich kann's von einem andern auch +nicht verlangen. Wo hast du denn deinen Leo?" + +"Im Hof." + +"Da hast du recht. Lass ihn nicht viel ins Zimmer, sonst wird er +verweichlicht." + +Der Soldat hatte sich neben dem Erzaehlen den Kaffee wacker schmecken +lassen; Frau Dr. Stegemann nahm die leere Kanne, ging hinaus, zu sehen, +ob draussen noch Vorrat waere. Gebhard folgte ihr in die Kueche. +"Grossmutter, gelt, ich muss meinen Leo nicht hergeben?" + +"Niemand kann das von dir verlangen." + +"Grossmutter, gelt der Soldat hat recht, Grete und Else wissen nicht, wie +gern ich meinen Leo habe, aber du weisst es doch, Grossmutter!" + +"Ich weiss es freilich, er ist dein liebster, treuster Kamerad! Und er +ist dir auch ein Andenken an den Vater, ans Forsthaus, an die liebe, +alte Heimat. Du wuerdest ihn alle Tage vermissen, weil dein Herz an ihm +haengt." + +"Ja, ja, gerade so ist's wie du dir's denkst, Grossmutter. Leo koennte es +auch gar nicht verstehen. Vorhin war's mir, als muesste ich ihn hergeben, +weil man ihn im Krieg so noetig brauchen koennte, aber ich bin froh, dass +du selbst sagst, ich soll ihn behalten." + +"Das habe ich nicht gesagt, Gebhard, und kann es auch nicht sagen. Nur +du selbst kannst wissen, ob du dein Liebstes fuers Vaterland hergeben +musst oder nicht!" + +"Nein, Grossmutter, sage mir, was du meinst." + +"Ich meine, du gehst jetzt einmal hinunter zu deinem Leo und ich trage +den Kaffee in das Zimmer!" + +"Ich will aber doch wissen, was du denkst!" + +Die Grossmutter ueberhoerte den aergerlichen Ausruf ihres Enkels und kehrte +in das Zimmer zurueck. Gebhard stand noch einen Augenblick voll Aerger +und Unmut da, dann tat er doch, was die Grossmutter gesagt; er ging +hinunter in den Hof, an dessen Zaun der Hund sofort hoch sprang und +freudig seinen kleinen Herrn begruesste, der ihn diesmal mit stuermischer +Zaertlichkeit umschlang und ihm einmal ums andere zurief: "Du wirst nicht +verkauft, Leo, nein, nein! Wir zwei bleiben beisammen!" + +Droben im Zimmer machte der bescheidene junge Gast Umstaende, noch weiter +dem Kaffee zuzusprechen und noch laenger zu verweilen. + +"Ich meine," sagte die Grossmutter, "nach dem wochenlangen Lazarettleben +duerfen Sie sich's wohl einmal wieder behaglich machen in einem +Familienzimmer. Sagen wir: noch eine Tasse, eine Zigarre und eine +Viertelstunde plaudern, und dann soll's genug sein. Wir gehen dann auch +wieder an unsere Arbeit." + +"Ja, so ist's fein," meinte der junge Mann, sah auf seine Taschenuhr und +gab sich noch einmal dem seltenen Genuss hin, am behaglichen +Familientisch zu sitzen und von seinem Elternhaus erzaehlen zu duerfen. +Die Viertelstunde war fast verstrichen, da kam auch Gebhard wieder +herauf und trat ins Zimmer, seinen Leo an einer kurzen Leine fuehrend. +Stramm ging er auf den Soldaten zu, hochgemut leuchteten seine Augen; er +glich selbst schon einem Fuehrer, der mit seinem Hund einen schweren Gang +wagen will. + +Der Soldat unterbrach seine Erzaehlung und wandte sich dem Knaben zu. Der +trat dicht heran und rief seinem Hund zu: "Leo leg dich still!" Das Tier +legte sich gehorsam neben den fremden Mann. Nun reichte Gebhard dem +Soldaten die Leine und sagte fest: "Ich schenke meinen Leo dem +Vaterland." Er liess die Leine los, sie lag nun in des Fuehrers Hand. Der +junge Soldat fand gar nicht gleich Worte, so ueberrascht war er, so +bewegt, als er sah, wie Gebhard zu seiner Grossmutter trat und zu ihr +sagte: "Ich habe es _doch_ tun muessen, Grossmutter!" + +Sie zog ihn an sich heran. "Es wird dich nicht reuen," sagte sie. + +Aber der Feldgraue machte Einwaende: "Ich kann das gar nicht annehmen von +dem Kind, es tut ihm weh. Nein, das Opfer ist zu gross!" + +"Ei was, wer wird darueber so viel Worte machen," wehrte Frau Stegemann +und wandte sich an Gebhard: "So ein kleiner Bursche wie du hat nicht +leicht das Glueck, dass er dem Vaterland etwas wertvolles opfern kann, das +darf wohl auch wehtun, sonst waere es ja gar kein Opfer!" + +"Es tut weh, Grossmutter!" + +"Ich glaube dir's wohl, mein lieber Bub!" + +Sie sah, dass der kleine Mann sich mit aller Macht wehrte, die Traenen +zurueckzuhalten und kam ihm zu Hilfe, indem sie sich an den Soldaten +wandte. + +"Nun werden Sie erst erproben muessen, ob Leo wirklich brauchbar ist als +Sanitaetshund." + +"Ja, aber ich zweifle nicht, es wird sich bald zeigen. Ein feines Tier +ist das. Ich kann's gar nicht so aussprechen, wie dankbar ich dafuer bin. +Nach dem Krieg--wenn wir's erleben--bringe ich dir aber deinen Leo +zurueck, Gebhard, dann soll er wieder dir gehoeren." Das war eine schoene +Hoffnung, Gebhard sah schon wieder froehlich aus. + +"Und schreiben will ich dir auch und dir berichten, wieviel er leistet." + +"Ja, ob er solche Verwundete aufspuert, die sonst umgekommen waeren." + +"Gebhard saehe wohl gerne zu, wenn Sie den Hund abrichten. Koennten Sie +das einrichten?" fragte die Grossmutter. + +"Aber natuerlich, das wollen wir schon so machen. Ich kann ja an das +Schulhaus kommen, dann verabreden wir es miteinander. Zuerst muss ich es +im Lazarett melden, so lange bleibt dir dein Leo noch. Lass doch sehen, +ob er sich nicht losreisst von mir, wenn du hinausgehst." Gebhard ging +auf die Tuere zu, der Hund erhob sich, zog an der Leine, wollte +folgen.--"Leo, liegen bleiben!" rief ihm sein kleiner Herr zu, und +verliess das Zimmer. Das Tier legte sich, aber es winselte leise. "Er ist +doch sonst hie und da im Zimmer ohne Gebhard, da winselt er nie!" +bemerkte Else. + +"Er merkt, dass mir die Leine uebergeben ist und das beunruhigt ihn, Sie +werden gleich sehen!" Der Soldat liess die Leine zu Boden gleiten, sofort +war der Hund still. "Ein kluges Tier! Und so fein erzogen!" + +"Mein Sohn versteht das, Gebhards Vater." + +"Ist Ihr Herr Sohn auch im Feld?" + +"Im Feld nicht, aber in russischen Haenden. Was sie ihm getan haben und +ob er noch lebt, das wissen wir nicht." + +"Oh, ich habe keine Ahnung gehabt, dass Sie so eine Sorge haben," sagte +der junge Mann und stand auf. "Da sitze ich und plaudere Ihnen vor, und +nehme dem Kind noch seine groesste Freude weg, das geht doch nicht." + +"Es geht schon. Gebhard ist ein tapferer, kleiner Mann, nach seinem +Vater geraten. Es ist gut, sich schon in jungen Jahren an Opfer und +Entbehrungen zu gewoehnen, so wachsen Helden heran." + +Der Soldat verabschiedete sich, Gebhard gab ihm noch ein Stueck Weges das +Geleite. Der Hund ging zwischen ihnen, die Leine wanderte unversehens +von einer Hand in die andere. Soldaten gingen vorueber, gruessten den +Kameraden mit dem Hund, sahen auch freundlich nach dem kleinen Burschen, +denn der gruesste heute einen jeden. Er konnte gar nicht anders. Hatte er +doch den Soldaten zu lieb seinen Leo geopfert, so sah er sie alle mit +dem Gedanken an: Vielleicht rettet er euch einmal das Leben! + + + + +Neuntes Kapitel. + + +Wochen waren vergangen. Helene lag auf ihrem Ruhebett, das letzte +Briefchen Gebhards in der Hand. Sie hatte sich allmaehlich daran gewoehnt, +manche Stunde so liegend zu vertraeumen. Arbeit gab es nicht fuer sie in +diesem Hause; fuer ihr Toechterchen war ein Kindermaedchen gedungen +worden; denn die Geschwister wuenschten nicht, dass sie das Kind selbst +ausfahre; an dem geselligen Verkehr ihrer Schwaegerin mochte sie nicht +teilnehmen, dazu war ihr Herz zu schwer. Heute war fuer sie ein besonders +wehmuetiger Tag, ihr Hochzeitstag jaehrte sich zum zweiten Mal. Und sie +wusste nicht: war sie Witwe oder lebte der noch, der ihr ganzes Glueck +gewesen? + +Nichts war ihr aus jener Zeit geblieben als das Kleine, das neben ihr +lag und schlief. Sie schaute nach dem Kind, aber sie konnte es nicht +mehr mit derselben Freude ansehen wie frueher, sie bedauerte es. Ohne den +Vater sollte es aufwachsen, mit einer Mutter, die nicht mehr frisch und +froehlich war wie einst. Sie kam sich selbst wie ein fluegellahmer Vogel +vor. Mutlos sank sie wieder auf ihr Ruhebett zurueck. Eine Weile spaeter +trat leise das Kindermaedchen ein, blickte nach der schlafenden Kleinen. +"Ich will nicht stoeren," sagte das Maedchen, "wollte nur die Post +bringen." Sie gab einen Brief ab und verliess das Zimmer. + +Gleichgiltig oeffnete Helene den Umschlag. Es war ihr alles so einerlei, +nur wenn von seiner Mutter ein Brief kam, das freute sie, darin wehte +immer etwas von seinem tapfern Geist. Aber dies schien von einer +Maedchenhand geschrieben. Liegend las sie; es waren nur ein paar Worte, +aber Worte, die sie auffahren liessen, ihr Herz klopfen machten, ihr +schier unglaublich schienen, so dass sie ihren Augen nicht traute und +einmal ums andere las, was da stand: "Ihr Mann lebt und gruesst Sie +tausendmal!" + +So lebhaft war Helene aufgesprungen, dass ihr Toechterchen davon +erwachte. + +"Mam-mam," klang es aus dem Korbwagen. "Mam-mam? Ja, und Pa-pa! +Juengferlein, der Papa lebt und laesst uns tausendmal gruessen!" + +Sie nahm das Kind heraus, drueckte es jubelnd an sich und lachte so, dass +das Kleine auf ihrem Arm ganz uebermuetig wurde. Aber nach dieser ersten +ueberquellenden Freude kamen der jungen Frau allerlei Fragen.--Warum +schrieb ihr Mann nicht selbst? Konnte er nicht? War er so krank? Wenn +man nur mehr wuesste! Aber es war doch eine Spur aufgefunden, die konnte +man verfolgen. Das musste sie mit seiner Mutter besprechen, zu der +gehoerte sie jetzt. Ein heisses Verlangen trieb sie zu ihr und zu Gebhard; +wie wuerde der jubeln! + +Sie eilte hinaus, um Bruder und Schwaegerin den Brief zu zeigen und sich +mit ihnen zu beraten. Die Geschwister konnten zwar nicht einsehen, dass +Helene auf diese Nachricht hin unbedingt abreisen muesse, aber sie hatten +beide den Eindruck, dass gegen diesen stuermischen Wunsch gar nichts zu +machen sei. Sie war ja wie verwandelt, die vorher so matte, +niedergeschlagene Frau. Man musste sie gewaehren lassen. + +So folgte Helene dem Drang ihres Herzens und frug bei der Mutter an, ob +sie zu ihr kommen duerfe mit dem Toechterchen und bei ihr bleiben, damit +sie alle beisammen waeren, wenn ihr Mann kaeme. Er lebte--also kam er, wer +konnte wissen, wie bald! + +Frau Dr. Stegemann antwortete sofort und hiess Helene mit dem Kind +willkommen. In Eile wurden die Reisevorbereitungen getroffen. + +Helene war beim Abschied bewegt. Wie gastfreundlich hatten die +Geschwister sie aufgenommen. "Ihr wart so geduldig mit mir in dieser +langen, truebseligen Zeit," sagte sie. + +"Uns war es nicht zu lange," erwiderte der Bruder mit Herzlichkeit. "Du +kannst jederzeit wiederkommen, du weisst, wir haben dich lieb!" + +"Und ich euch, von Herzen. Aber mein Mann gehoert auch dazu. Wenn ich ihn +erst wieder habe, muesst ihr ihn recht kennen lernen. Dann wird alles ganz +schoen!" + +"Gott gebe es!" + +Die Geschwister trennten sich, der Zug fuhr ab. Und kaum war Helene mit +ihrem Toechterlein allein, so zog sie wieder ihren Brief aus der Tasche; +denn sie konnte nicht oft genug die Worte lesen: "Ihr Mann lebt und +gruesst Sie tausendmal!" + +Helene hatte nichts mitgeteilt von der Botschaft, die sie erhalten +hatte. Muendlich wollte sie der Mutter die Nachricht ueberbringen, wollte +ihre und Gebhards Freude miterleben. Da sie nun mit einem frueheren Zug, +als man sie erwartet hatte, ankam, fand sie die Wohnung fast leer, nur +das Maedchen empfing sie. So richtete sie sich ein in dem Gastzimmer, +besorgte ihr Kindchen und wartete gespannt, wer zuerst heimkaeme. + +Immer wieder trat sie ans Fenster, sah endlich ein paar Schuljungen auf +das Haus zukommen und erkannte unter ihnen Gebhard. Die Kameraden hatten +sich viel zu sagen, konnten sich lange nicht trennen, sie hatten eben +einer Uebung des Sanitaetshundes Leo beigewohnt und waren noch erfuellt +davon. Die junge Frau konnte nicht laenger warten, oeffnete das Fenster +und rief Gebhards Namen; der blickte auf, loeste sich aus der Gruppe, +rannte der Haustuer zu und oben angekommen umschlang er die Mutter, die +strahlend vor Freude vor ihm stand. Er hatte gar nicht mehr gewusst, dass +sie so lieblich aussah, wie jetzt in ihrem Glueck, und es ueberkam ihn so +ploetzlich die Erinnerung, wie Vater und Mutter beisammen gewesen, dass +ihm Traenen in die Augen stiegen. Er begriff nicht, was ihn so bewegte +und sagte hilflos: "Ich freue mich doch so, aber das ist immer so dumm, +wenn man sich freuen will, dann kann man's nicht, ohne den Vater!" + +"Doch Gebhard, jetzt koennen wir's wieder! Denn wir wissen jetzt, dass der +Vater lebt. Sieh nur, den Brief habe ich bekommen, darin steht: Der +Vater lebt und gruesst uns tausendmal!" + +Kaum hatte Gebhard die Nachricht erfasst, so erklang draussen ein +wohlbekanntes Klingeln: "Das ist die Grossmutter, darf ich's ihr sagen, +Mutter?" + +"Wir miteinander!" + +Sie nahmen sich an der Hand, Gebhard lachte, wie die Mutter so +leichtfuessig mit ihm springen konnte. Sie kamen dem Maedchen noch zuvor. +Die Grossmutter wurde von beiden Seiten umfangen und hoerte nichts als: +Er lebt und gruesst uns tausendmal! + +Auf diese freudige Erregung folgten Wochen des Wartens. Aber sie +brachten fuer Helene nicht mehr vertraeumte Stunden auf dem Ruhebett; in +diesem altmodischen Haus gab es ueberhaupt gar kein Ruhebett. Frau Dr. +Stegemann kannte auch keine Mittagsruhe. Sie war der Meinung, dass es fuer +gesunde Menschen genuege, bei Nacht zu ruhen und begriff nicht, dass junge +Menschen so viele Stunden ihres Lebens ohne Arbeit oder Vergnuegen, in +blossem Nichtstun zubringen mochten. Helene fand sich schnell in diese +Auffassung und kam durch Arbeit hinweg ueber die Enttaeuschung, dass der +ersten Nachricht keine zweite folgte und alle Nachforschungen fruchtlos +blieben. Sie besorgte ihr Kindchen selbst und war bald auch in allerlei +Arbeit fuer andere mit hineingezogen. Zuerst durch die junge +Schustersfrau, die inzwischen Witwe geworden war. Ihr musste man helfen +Verdienst zu suchen, und dabei hoerte man von anderen, die in aehnliche +Not geraten waren. + +Da gab es fuer Helene viele Gaenge zu machen, aufzumuntern und Hilfe zu +schaffen. Ihre beiden jungen Nichten, Else und Grete, waren eifrige +Woll- und Metallsammlerinnen fuers Vaterland, hatten auch Gebhard mit +hereingezogen und so gab es in der ganzen Familie kaum eine Taetigkeit, +selten ein Gespraech, das nicht mit dem Krieg zusammenhing. + +Ueber all dem verstrich rasch die Wartezeit und ging der kalte +Vorfruehling ueber in einen Mai, so wonnig, dass all die Krieger im Feld +und ihre Treuen daheim aufatmeten nach dem schweren Winter. Und einer +dieser wonnigen Maitage loeste auch das geheimnisvolle Dunkel, das bisher +ueber dem Schicksal des Foersters gewaltet hatte. + +Helene war mit ihrem Toechterchen und den grossen Kindern den Nachmittag +im Wald gewesen, nun kamen sie zurueck mit grossen Straeussen von Waldblumen +und jungem Gruen; ein ganzer Fruehlingseinzug war es, als all diese Jugend +heimkehrte und froehlich die Grossmutter begruesste. Die musste sich +gleichzeitig von jedem erzaehlen lassen, wie schoen es im Wald gewesen, +musste die Straeusse in Empfang nehmen, die fuer sie gepflueckt waren, und +konnte sich in all der Kinderunruhe kaum Gehoer verschaffen. Aber als +Helene mit den Kindern in die grosse Wohnstube ging, da folgte ihnen die +Grossmutter nicht, sondern bemerkte nebenbei zur Schwiegertochter: "Wenn +du die Kleine besorgt hast, so komm zu mir herueber. Ich habe dir etwas +zu sagen." Helene sah die Mutter an und ein einziger Blick verriet ihr, +dass sie eine tiefe Bewegung beherrschte. Sie wusste: eine Nachricht war +gekommen! + +"Else, Grete," bat sie, "tut ihr mir's zuliebe, die Kleine auszuziehen, +Gebhard hilfst du?" Und ehe noch Antwort gekommen, setzte sie das Kind, +das sie auf dem Arm gehabt, mitten unter die drei Grossen auf den Boden +und folgte der Mutter. "Ist ein Brief gekommen? Von ihm? An mich?" + +"An mich, aber deswegen nicht weniger an dich. Komm, setze dich zu mir. +Und sei tapfer, Helene!" Bei diesem Wort wurde die junge Frau blass. +"Sind es keine guten Nachrichten?" + +"Wie kannst du _gute_ Nachrichten erwarten? Nicht wahr, wir haben uns +laengst gesagt, dass wir aufs Schlimmste gefasst sein muessen. Aber er lebt +doch und wird wiederkommen!" + +Sie nahm den Brief zur Hand. "Er ist von einer Pflegeschwester +geschrieben, aus einem Berliner Lazarett, Rudolf hat ihn diktiert. Ich +will dir ihn vorlesen." Sie las mit fester Stimme: + +"Liebe Mutter, wie ein Traum ist mir's noch, dass ich dir einen Brief +schicken kann, wie ein Wunder, dass ich wieder im deutschen Vaterland +bin. Noch vor kurzem hatte ich keine Hoffnung, je aus dem Feindesland +herauszukommen. Fremde Menschen haben sich meiner angenommen, mich mit +eigener Lebensgefahr ueber die Grenze gebracht. Aber bald, bald werde ich +dir das alles muendlich erzaehlen, nur auf eines soll dich dieser Brief +vorbereiten, ehe du mich wiedersiehst. Deine starke Seele wird es +ertragen, wenn ich dir sage, was mir geschehen ist. Die Russen haben +grausame Rache an mir veruebt, als ich ihnen die Stellung der Deutschen +nicht verraten wollte. Mutter, sie haben mir das Augenlicht genommen. +Ich bin blind. Und nicht nur das, ich bin auch, das weiss ich, ein +grauenvoller Anblick, und dies quaelt mich vor allem bei dem Gedanken an +meine junge, weiche, fein empfindende Frau, die so etwas nicht ertragen +kann." Das Vorlesen wurde unterbrochen durch einen schmerzlichen +Aufschrei: "O Mutter, wie grausig!" Laut schluchzend drueckte Helene +beide Haende vor das Gesicht, wie wenn sie verdecken wollte, was sie im +Geist vor sich sah. Sie weinte bitterlich, es war nicht moeglich, weiter +vorzulesen. Mitleidig sah die Mutter auf die Trostlose. "Fasse dich, +Helene; nicht wahr, wir wussten schon lange, dass er in den Haenden +grausamer Feinde war, und hatten uns auf das Schlimmste vorbereitet." + +"Ich nicht, Mutter, ich habe mir solch schreckliche Gedanken immer fern +gehalten." + +Das konnte Frau Stegemann nicht begreifen. In ihrer Natur lag es, fest +ins Auge zu fassen, was kommen musste. "Helene," sagte sie vorwurfsvoll, +"du wolltest doch tapfer sein!" + +"Verzeih! Ich kann nicht, es ist zu schrecklich!" Vor der Tuere liess sich +eine Stimme hoeren. + +"Grossmutter, darf ich kommen?" und Gebhard trat ein; er sah sein +Muetterlein aufgeloest in Traenen, daneben die Grossmutter mit dem strengen +Ausdruck, den er kannte. Ihm war er vertraut, aber die Mutter fuerchtete +ihn, das wusste er. Und als er sie so im Jammer sah, erregte es ihn, er +vergass sich und rief mit zornigem Ausdruck, waehrend ihm die Roete ins +Gesicht stieg: "Grossmutter, so darf man nicht mit der Mutter reden, dass +sie so weinen muss, das leidet der Vater nicht!" + +Die Grossmutter, die ihm sonst nie solch ungebaerdiges Auftreten hingehen +liess, uebersah es diesmal; denn sein ritterliches Eintreten fuer die +Mutter gefiel ihr. + +"Ich habe deine Mutter nicht traurig gemacht," sagte sie, "sondern +dieser Brief, obgleich darin steht, dass der Vater bald kommt. Nun sieh +nur zu, wie du sie troestest. Du kannst mit ihr den Brief fertig lesen!" +Sie gab das Blatt in seine Hand und verliess die beiden. Gebhard stand +ratlos mit dem Brief, denn eine fremde Handschrift war ihm noch eine +schwere Aufgabe. + +"Vorlesen kann ich nicht," sagte er, "und troesten auch nicht." + +Da raffte sich Helene zusammen: "Nein, mein armer, lieber Bub, du sollst +mich nicht troesten, du tust mir ja selbst so leid. Ich will dir sagen, +warum ich weine: Sieh, der Vater, dein herzlieber Vater, ist blind; +seine lieben, schoenen Augen sind ihm zerstoert worden aus Rache, weil er +die Deutschen nicht an die Russen verraten wollte." Sie zog ihn an sich, +wie entsetzlich musste ihm, der so treu an seinem Vater hing, diese +Nachricht sein! Aber es kam anders als sie dachte. Nicht Traenen kamen +ihm in die Augen, stolz leuchteten sie und fast frohlockend klang es: +"Jetzt muessen es alle glauben, dass der Vater kein Verraeter ist, alle, +auch Onkel und Tante! Mutter, schreibst du es ihnen gleich, heute noch?" + +"Ja, ja. Jetzt haben sie den Beweis, den sie wollten! Einen so +schrecklichen Beweis!" Ihr graute wieder. Aber Gebhard, dieses Kind, das +in Monaten des Krieges unter den Kameraden von viel Schrecklichem gehoert +und im Lazarett allerlei Schwerverwundete gesehen hatte, konnte nicht +mehr so den Schauer empfinden. "Mutter," sagte er, "droben im Lazarett +ist ein Soldat, dem hat eine Granate beide Augen weggerissen. Aber der +hat schon oft mit dem Hundefuehrer und mir geplaudert und war ganz +vergnuegt!" + +"Wie sieht er aus, Gebhard?" ganz aengstlich klang die Frage. + +"Ich weiss nicht, ich habe ihn nicht so genau angeschaut." + +"Hat er nicht furchtbare Schmerzen?" + +"Nein, er hat sich nie beklagt und ich glaube, es wird auch dem Vater +nicht mehr wehtun." + +"Vielleicht steht darueber noch etwas in dem Brief," sie griff darnach, +denn der kleine Mann hatte sie doch getroestet, sie war wieder gefasst und +las vor. Von Schmerzen stand nichts darin. Zuversichtlich klang es: +"Bald darf ich reisen; zunaechst komme ich noch nicht zu dir ins Haus, +sondern mit anderen Verwundeten in ein Lazarett; dort wirst du, meine +tapfere Mutter, mich besuchen. Ich weiss nicht, ob meine Lieben bei dir +sind, und ueberlasse es dir, ob du Helene die ganze traurige Wahrheit +mitteilen willst. Geh schonend um mit ihrem weichen Herzen; es ist mir +schwer an ihren Jammer zu denken. Aber _eine_ Mitteilung weiss ich doch, +die Euch freuen wird, Gebhard vor allem: Es wurde mir, der ich nicht +kaempfen durfte fuers Vaterland, das Eiserne Kreuz verliehen fuer die +_eine_ Stunde, in der ich meine Treue beweisen konnte, als ich die +Feinde seitab von der Spur fuehrte, die sie suchten, und ihre Rache auf +mich nahm. Erst kuerzlich ist der ganze Sachverhalt zur Kenntnis der +Heeresleitung gekommen." + +Das Eiserne Kreuz! Wie leuchteten Gebhards Augen und welcher Glanz kam +ueber das Gesicht der jungen Frau! Sie atmete tief auf. Nie konnte jetzt +mehr die alte Reue sie ueberfallen, nie durfte irgend jemand an seiner +Ehre zweifeln. Als ein treuer, tapferer Held, der das Schwerste auf sich +genommen hatte, stand ihr Mann vor Gott und der Welt, und ihre eigene +Schwachheit hatte seiner Ehre nicht geschadet. Maechtig wuchs ihr +Verlangen nach ihm, wie wollte sie ihn lieben und pflegen und gluecklich +mit ihm sein! + +"Wie heisst es in dem Brief? _Bald darf ich reisen._ Was heisst bald? +Komm, wir muessen die Grossmutter fragen; und an meinen Bruder muss ich +schreiben, gleich jetzt, komm Gebhard, komm!" + +Hand in Hand, in einer gleichen, grossen Freude eilten sie hinaus, die +Grossmutter aufzusuchen. Im Wohnzimmer war sie nicht zu finden, nur die +Kleine sass da, im niedrigen Kinderstuehlchen; neben ihr Grete, die ihr +das Abendsueppchen gab. Im Augenblick kniete Helene neben dem Kind. +"Gebhard, wir muessen es dem Juengferlein auch sagen, dass der Vater kommt. +Hoerst du, Juengferlein? Sag: Papa!" + +"Mam-ma!" rief die Kleine. + +"Papa," wiederholte die Mutter, "Papa," bat Gebhard, "Papa" sagte Else +vor. Verwundert, schaute das Kind von einem zum andern, spitzte endlich +das Maeulchen, machte sichtlich eine grosse Anstrengung und rief--"Mama!" +Da lachten alle zusammen. + +Frau Dr. Stegemann war nebenan und hoerte das Lachen; hell und froehlich +klang die Stimme der jungen Frau, die sie vor kurzem aufgeloest in +Traenen verlassen hatte. + +"O Jugend!" sagte die Grossmutter vor sich hin; aber ihr ernstes Gesicht +erheiterte sich. "Es ist gut so. Komm nur, mein armer Blinder, es gibt +doch noch Herzensfreude fuer dich. Gottlob, dies Lachen hoerst ja auch du, +so gut wie wir, und viele innige Worte der Liebe wird dir deine Frau +zufluestern, die nur du hoeren wirst!" + + + + +Zehntes Kapitel. + + +An diesem Nachmittag, als Gebhard in das Lazarett ging, um den Soldaten +abzuholen, der eine letzte Probe mit Leo, dem geschulten Sanitaetshund, +abhalten wollte, begleitete ihn Helene. Auf dem Weg vertraute sie +Gebhard an, dass sie nicht nur wegen des Hundes mit ihm ginge. Nein, sie +hatte vor, den Verwundeten zu besuchen, der durch Granatsplitter um +seine Augen gekommen war. Es graute ihr vor seinem Anblick, aber sie +wollte sich daran gewoehnen, ehe der Vater kam. So gingen sie miteinander +vor die Stadt hinaus nach dem Lazarett und sie betrat es mit Bangen. + +Gebhard fuehrte die Mutter die Treppe hinauf. Oben trafen sie die +Pflegeschwester. "Heute kommt meine Mutter mit," sagte Gebhard, und +Helene brachte schuechtern und zaghaft den Wunsch vor, den Blinden zu +sehen. "Da kommen Sie gerade noch rechtzeitig," antwortete die +Schwester, "ehe er zum Unterricht geht, in die Anstalt gegenueber." Sie +betraten einen kleinen Saal mit mehreren Betten, die meisten standen +leer, denn die Verwundeten waren schon so weit hergestellt, dass sie sich +im Garten aufhalten konnten; aber einer stand am weit geoeffneten +Fenster, durch das der Duft bluehender Linden hereinstroemte. "Das ist der +Blinde," sagte Gebhard und fuehrte ihm die Mutter zu. Helene blickte zu +ihm auf. Nein, es war kein schlimmer Anblick: ein Band war um seine +Stirne gebunden und an diesem waren zwei kleine Tuechlein befestigt, die +die Augenhoehlen verdeckten. Sie gab dem Verwundeten die Hand. "Mein Mann +hat auch beide Augen verloren," sagte sie mit tiefer Bewegung. Der +Blinde hoerte es ihrem Ton an. "Es ist freilich traurig," sagte er, "auch +fuer die Frauen. Die meinige hat auch gejammert. Aber man muss es halt +hinnehmen und auf Gott vertrauen. Wenn man erst eine Beschaeftigung +gelernt hat, wird einem die Zeit nicht mehr so lang. Ich habe jeden +Nachmittag Unterricht." + +"Darf ich manchmal vormittags zu Ihnen kommen und Ihnen etwas vorlesen?" + +"Ja, das waere mir wohl recht." + +Ein Verwundeter, den Arm in der Binde, kam, er fuehrte den blinden +Kameraden zum Unterricht. Helene verabschiedete sich. Draussen sprach sie +mit der Schwester. "Darf ich oefter kommen?" fragte sie, "ich moechte so +gerne mehr von ihm hoeren," und zaghaft fuegte sie hinzu: "Ich moechte ihn +auch ohne die Binde sehen." + +"Ja, kommen Sie nur, so oft Sie wollen. Die Binde traegt er bloss, wenn +er ueber die Strasse geht. Sie werden sich schnell an den Anblick +gewoehnen--wir Schwestern und seine Kameraden denken gar nicht mehr +daran, das ist nicht so schlimm!" + +Erleichterten Herzens verliess Helene das Gebaeude. Der Blinde, die +Kameraden, die Schwester, sie alle waren so ruhig gewesen. Es war nicht +so schwer, als sie sich eingebildet hatte, gewiss nicht. Gleich morgen +wollte sie wiederkommen, denn wer konnte wissen, wann ihr eigener +geliebter Blinder kommen wuerde? Jeden Tag konnte das sein und er sollte +sie nicht mehr feig und schwach sehen, nein, wahrhaftig, er verdiente +eine tapfere Frau, und das wollte sie ihm sein! + +Im Hof unten wartete schon neben seinem neuen Herrn stehend Leo, der +Sanitaetshund. Er trug heute zum erstenmal die feldgraue, mit dem roten +Kreuz geschmueckte Decke. Mit freudigem Bellen sprang er auf Gebhard zu. + +"Heute sollst du sein Meisterstueck sehen, Gebhard," sagte der +Hundefuehrer. "Morgen wird's aber auch ernst, wir reisen in aller Fruehe +ab, gleich an die Front!" + +Drei Soldaten waren schon vorausgegangen mit dem Auftrag, sich auf einer +kleinen Anhoehe in dem nahen Wald zu verstecken. Sie sollten die +Verwundeten vorstellen, die aufzusuchen waeren. Auf einem andern Weg +folgte nun der Fuehrer mit dem Hund. Ihm schlossen sich Helene und +Gebhard an. "Im Kasernenhof haben wir schon aehnliche Uebungen mit dem +Hund gemacht," sagte der Fuehrer, "aber im Wald noch nie. Ich bin aber +sicher, er wird auch da seine Sache gut machen." Oben angekommen, liess +er den Hund von der Leine los und rief ihm aufmunternd zu: "Leo, such +verwundet!" + +Pflichteifrig raste der Hund im ersten Augenblick geradeaus. Dann schien +er sich zu besinnen, schnueffelte da und dort, aufgeregt, immer die Nase +auf dem Boden. Allmaehlich naeherte er sich dem Wald. + +"Am Waldrand ist ein Bach," sagte der Fuehrer. "Der Steg ist weiter oben. +Die Soldaten werden sicher nicht ueber den Steg gegangen sein, sondern +durchs Wasser." + +"Aber im Wasser verliert er die Spur!" + +"Ja freilich, aber so ist's im Feld auch. Warte nur, sein Instinkt wird +ihn schon treiben, die Spur auf dem andern Ufer zu suchen." Richtig, Leo +verschwand ploetzlich in der Tiefe, tauchte am andern Ufer des Baches +wieder auf, schuettelte sich das Wasser vom Fell, suchte und verschwand +im Wald. Sie gingen nun dem Bach entlang bis zum Steg und hinueber an den +Waldessaum. Dort standen sie eine ganze Weile gespannt und lauschend. +Ploetzlich raschelte es im Laub und Leo tauchte auf. + +"Er bringt eine Muetze!" rief Gebhard und rannte in hellem Vergnuegen dem +wackeren Tier entgegen, das in gestrecktem Lauf daher gesaust kam und +die Soldatenmuetze zu den Fuessen seines Herrn ablegte. "Brav, Leo, brav," +lobte der Fuehrer und befestigte die Leine am Halsband. "Fuehre mich, +Leo!" Der Hund zog an, ging voraus, die kleine Gesellschaft folgte in +den Wald hinein, durch dick und duenn eine gute Strecke weit; dann gab +der Hund Laut und blieb stehen. Moeglichst im Unterholz versteckt lag ein +Soldat ohne Muetze. Der Fuehrer sprach ruhig und freundlich den Soldaten +an, waehrend er sich den Anschein gab, ihm aufzuhelfen. "Der Hund muss +merken, dass es gute Freunde sind, die wir aufsuchen," erklaerte er, +streichelte bald den Hund, bald den Soldaten und fuehrte diesen am Arm +mit sich fort. + +Die Uebung wurde wiederholt, der neue Sanitaetshund bewaehrte sich +glaenzend, er fand alle Versteckten. + +Im Abendschein kehrten die Soldaten in das Lazarett zurueck, der Fuehrer +begleitete Mutter und Sohn noch bis in die Stadt. Dann kam der Abschied. +"Reut dich's nicht?" fragte er und sah bedenklich nach dem kleinen Mann, +der seinen Hund zum letztenmal streichelte. "Nein, es reut mich gar +nicht. Ich glaube auch, dass Leo jetzt versteht, warum ich ihn hergebe. +Er weiss, dass er Verwundete suchen muss. Gelt Leo?" Das Tier wedelte; es +verstand jedenfalls so viel, dass von ihm die Rede war. Nun wandte sich +Gebhard ab, gab dem Fuehrer rasch die Hand und bat die Mutter: "Wir +wollen jetzt doch lieber gehen." + +Sie verstand ihn und machte den Abschied kurz: "Viel Glueck!" rief sie. + +"Viel Dank," antwortete der Feldgraue, "komm Leo!" So trennten sie sich. + +Helene und Gebhard gingen Hand in Hand durch die Vorstadt. Die Strassen +waren ihnen fast unbekannt und dennoch vertraut was da vor sich ging. In +der Mitte der Strasse bewegte sich, von zwei bewaffneten Soldaten +begleitet, ein Trupp gefangener Franzosen. Sie zogen und schoben einen +Wagen voll Brot hinauf nach dem Gefangenenlager. Niemand kuemmerte sich +viel um den gewohnten Anblick.--Ein paar Frauen kamen des Weges, jeder +hing ueber dem Arm ein Pack grauer Kleidungsstuecke; man wusste: das sind +Frauen, deren Maenner im Krieg sind und die nun naehen fuer das Militaer, um +Geld zu verdienen fuer sich und die Kinder.--An einem Ladenfenster klebt +ein Blatt Papier, die neuesten amtlichen Berichte. Eine kleine Gruppe +steht davor, auch Helene und Gebhard bemuehen sich, sie zu lesen, koennen +aber nicht recht bei. "Nichts besonderes," sagt einer zum andern, "es +handelt sich halt wieder um Arras und Ypern."--Zwei voruebergehende +Frauen plaudern miteinander, man hoert nur drei Worte, nur den +gewichtigen Ausruf: "das Stueck 14 Pfennig!" aber man weiss: von den Eiern +reden sie.--Auch was die zwei aelteren Damen meinen, die so besorgt +aussehen, ergaenzt sich ein Jeder, wenn er gleich nur hoert: "Morgen +sind's schon drei Wochen!" dass keine Nachricht vom Sohn mehr +eingetroffen ist.--Ein paar muntere Maedchen eilen vorueber, die eine +ruehmt sich: "O wir haben im vorigen Monat _zehn_ uebrig behalten," +Brotkarten natuerlich. + +Und ploetzlich schauen alle, horchen alle--drei Schuesse? Ein Sieg? Da und +dort faehrt ein Fenster auf, Leute rufen auf die Strasse: Was ist's denn? +Und von irgend woher kommt die Antwort und pflanzt sich fort: "Przemysl +ist gefallen!" + +_Eine_ Freude fliegt durch die ganze Stadt. + +Unsere beiden, Mutter und Sohn, eilen, koennen kaum erwarten heim zu +kommen; und wie sie das Haus erreichen, fangen gerade die Glocken an zu +laeuten, die Fahnen kommen heraus und hoch oben an der Grossmutter Fenster +erscheint neben der deutschen zum erstenmal auch die schwarz-gelbe +oesterreichische; denn _eine_ kann nimmer genuegen, um die Siegesfreude +auszusprechen in dieser einzig grossen, schweren Zeit. + +Monate lang hatte Helene mit all ihren Gedanken in der Vergangenheit +gelebt. Immer wieder hatte sie zurueckdenken muessen an den Tag, der ihr +Glueck vernichtet hatte. Jetzt aber, durch den Brief ihres Mannes tat +sich wieder eine Zukunft vor ihr auf und all ihr Sinnen ging dahin, wie +es werden sollte, wenn er zurueckkaeme. Seine Stelle konnte er ja nicht +mehr ausfuellen, das Forsthaus war keine Heimat mehr fuer sie. Vor +laengerer Zeit schon hatte die Mutter eine Anfrage eingesandt, um zu +erfahren, ob die Wohnungseinrichtung im Forsthaus unbeschaedigt geblieben +sei und geholt werden koennte. Heute war amtliche Mitteilung darueber +eingetroffen. Sie besagte, dass infolge russischer Pluenderung saemtliche +Moebel und Hausgeraete zertruemmert seien, die Betten aufgeschnitten und +besudelt, Buecher und Schriftliches verbrannt. Wahrscheinlich sei die +zerstoerte Wohnung spaeter noch durch Diebsgesindel durchsucht worden, +denn es sei nicht das Geringste mehr vorhanden. + +Schmerzlich war diese Nachricht. Helene hatte als Braut eine reiche +kuenstlerische Ausstattung in das Forsthaus gebracht--nun war die ganze +schoene Einrichtung verloren. Und alles was Vater und Sohn besessen an +geliebten Gegenstaenden, jedes Andenken an fruehere Zeiten, die Spiele, +die Gebhards Kinderglueck ausgemacht hatten, alles war in die Haende roher +Gesellen gefallen und vernichtet worden. + +Helene war tief gebeugt ueber diese vollstaendige Verarmung. Noch vor +kurzem haette sie sich wenig darum bekuemmert, aber eben jetzt, wo sie +ihren Mann erwartete, schmerzte es sie bitter. Nichts war mehr da von +ihrem Hausstand, sie konnte nicht, wie andere Frauen, den Heimkehrenden +im eigenen Haus empfangen. Aber das wusste sie: die Mutter wuerde Raum +schaffen fuer ihren geliebten Sohn; an seine Mutter hatte er sich ja +gewandt, nicht an sie; das konnte sie begreifen: die Mutter verstand ihn +doch am besten, sie allein hatte auch nie an seiner Ehre gezweifelt; zu +ihr kaeme er gerne und man musste dankbar sein, dass das moeglich war. + +So ging sie zur Mutter und fragte bescheiden: "Wie soll es werden, wenn +Rudolf aus dem Lazarett kommt? Ich weiss, du wirst ihn mit Freuden +aufnehmen, aber wenn ich mit den Kindern auch dabei bin, wird es dir +dann nicht zu viel?" + +"Freilich wird es mir zu viel," war die Antwort. + +"Wie meinst du das, Mutter?" fragte Helene erschrocken.--"Ich meine zu +viel fuer mich, weil zu wenig bleibt fuer dich. Ich habe schon viel +darueber nachgedacht und moechte gerne herausbringen, dass Ihr eine kleine, +einfache Wohnung fuer Euch allein nehmen und einrichten koennt. Aber das +genuegt Euch jungen Frauen nicht. Da soll immer alles zusammenpassend und +stilgemaess sein. Dazu reicht es aber nicht. Es muesste eine ganz +bescheidene 3 Zimmer-Wohnung sein und auch alte Moebel dazu verwendet +werden, das koennten wir mit vereinten Kraeften schon bestreiten und dann +waeret Ihr vier beisammen; so kaeme es mir am besten vor." + +"Und mir!" rief die junge Frau, und in aufwallendem Glueck umarmte sie +die Mutter und rief in uebermuetiger Freude: "Ohne jeglichen Stil soll +unser Heim werden, das verspreche ich dir, Mutter, so unkuenstlerisch als +du nur willst. Ein urgemuetliches Nestchen wird's dennoch! O Mutter, +gehen wir gleich Wohnungen ansehen?" Die Mutter sah gluecklich auf die +strahlende Freude, die der jungen Frau aus den Augen leuchtete. Und sie +dachte an ihren Sohn. Der beste Schatz war ihm doch geblieben. + +In den naechsten Tagen kamen noch von zwei Seiten Briefe, die auf diesen +Zukunftsplan Einfluss hatten. Der erste war von Helenens Bruder. Er +sprach herzliche Teilnahme aus ueber das Schicksal des Erblindeten; aber +auch Stolz und Freude ueber das Eiserne Kreuz, das der ganzen Familie zur +Ehre gereiche. Er bat die Schwester, mithelfen zu duerfen bei der +Gruendung eines neuen Heims. + +Der zweite Brief enthielt ein amtliches Schreiben und besagte, dass dank +der grossen Summen, die aus ganz Deutschland fuer die vertriebenen +Ostpreussen eingegangen seien, eine Entschaedigung fuer den verlorenen +Besitz bewilligt werden koennte, sobald der Antrag gestellt wuerde. + +Zu Traenen geruehrt war Helene ueber diese freiwillige Hilfe von allen +Seiten. Jetzt hatte es keine Not mehr, sie konnte sich alles wieder so +schoen und reichlich anschaffen, wie einst als Braut. + +Aber es ging ihr sonderbar: der Gedanke, hinzugehen, einzukaufen und +sich nur zu fragen: Herz, was begehrst du? freute sie nicht mehr. In der +Kriegszeit, wo so viel bittere Not herrschte, sollte sie sich alle +Wuensche befriedigen? Sie war so froehlich und eifrig gewesen bei dem +Gedanken, alles so schlicht und bescheiden wie moeglich einzurichten. +Eine Weile sann sie nach, dann kam sie zur Mutter. "Du hast doch +ausgerechnet, dass wir reichen, wenn wir uns sparsam einrichten. Dann +moechte ich lieber nichts annehmen von der Summe, die fuer die +Vertriebenen bestimmt ist. Es geht sonst an aermeren ab. Ich meine, +Rudolf wird es auch so auffassen. Was denkst du, Mutter?" + +"Ich denke, dass du das Herz am rechten Fleck hast," war die Antwort. +Dieses gute Wort versetzte Helene in eine gehobene Stimmung, die ihr +auch blieb, waehrend sie die bescheidene Wohnung waehlte und mit +schlichten Moebeln ausstattete. Ein froehliches Vorbereiten, ein +braeutliches Erwarten erfuellte sie in diesen Tagen. + + + + +Elftes Kapitel. + + +An seinen Schulheften sass Gebhard und seufzte. Ihm wurde das Warten auf +den Vater unertraeglich lang. Die Mutter hatte es gut--ihre Tage waren +ganz ausgefuellt durch Vorbereitungen auf des Vaters Kommen; sie richtete +die Wohnung fuer ihn; sie ging um seinetwillen fast taeglich ins Lazarett +zu den Augenleidenden und Blinden und half bei ihrer Pflege. + +Und die Grossmutter war von frueh bis spaet in allerlei Kriegshilfe taetig; +viele arme Frauen kamen zu ihr und sie verschaffte ihnen Arbeit, selten +hatte sie ein wenig Musse fuer ihren Enkel. Else und Grete waren in allen +Freistunden unterwegs, sie sammelten fuers Vaterland das Gold ein, von +dem noch viel bei aengstlichen und bei gedankenlosen Menschen steckte. +Das Schwesterchen spielte freilich gern mit dem Bruder, aber mehr als +"Kuckuck" liess sich noch nicht mit ihr machen. Der bessere Spielkamerad +war doch Leo gewesen und der fehlte jetzt. + +Einmal, als die Mutter vom Lazarett heimkam, klagte er ihr: "Es dauert +so lang, so furchtbar lang, bis der Vater kommt!" Sie troestete ihn. +"Jetzt wird er sicherlich bald kommen. Warte nur ein Weilchen, dann wird +es um so schoener bei uns." Vom naechsten Ausgang brachte sie ihm ein Buch +mit, dass ihm die Zeit rascher vergehe ueber dem Lesen. + +Aber das Buch war bald zu Ende. Er kam zur Grossmutter. "Wann kommt denn +endlich der Vater, ich kann es nicht mehr erwarten!" + +"So, du kannst nicht warten? Wir daheim und unsere Soldaten draussen +muessen doch alle warten!" + +"Ja, aber es ist keine schoene Zeit, wenn man so wartet, Grossmutter." + +"Willst du denn eine schoene Zeit haben im Krieg, waehrend so viele +leiden? Sei froh, dass du auch etwas leiden darfst, wenn es auch nur eine +schwere Geduldsprobe ist. Es kann noch lange dauern, bis der Vater +kommt; ich will sehen, ob du die Probe bestehst, ob du geduldig +ausharrst." + +So ernst nahm es die Grossmutter? Ja, wenn das eine schwere Probe war, +wie sie die Soldaten zu bestehen haben, dann wollte er sie schon auf +sich nehmen, das sollte die Grossmutter sehen. Er nahm sich zusammen und +ward wieder guten Mutes. Die Schule, die Kameradschaft waren ihm dabei +die beste Hilfe. Es war ihm wohl in seiner Klasse. "Sie sind alle nett +gegen mich," erzaehlte er daheim, "und das kommt, weil sie meinen Leo +gern gehabt haben und weil sie vom Vater wissen." Er hatte recht. Durch +den treuen Hund und durch das Schicksal des Vaters war die +Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt worden. Aber dass ihm alle Herzen zugetan +waren, das kam von seiner eigenen, tapferen, treuen Art; die zog die +andern an, ohne dass er's wusste. + +Eines Morgens, als Gebhard in die Schule kam, zog ihn ein Kamerad +beiseite, tat geheimnisvoll, wollte ihm etwas sagen, das er doch +eigentlich verschweigen sollte. Endlich vertraute er, dessen Bruder +Sanitaeter war, Gebhard an, dass an diesem Vormittag ein Zug mit +Verwundeten ankaeme, er solle es eigentlich niemand sagen, damit nicht +die neugierigen Menschen an die Bahn kaemen. Sie wuerden alle in das +Lazarett gebracht, ausser einem, den muesse sein Bruder abholen und in die +Augenklinik fahren, der habe beide Augen verloren. Ob das nicht Gebhards +Vater sein koenne? + +"Freilich kann er's sein!" rief Gebhard fast erschrocken durch die +ploetzliche Hoffnung auf das Wiedersehen. "Um wieviel Uhr? Wann kommt der +Zug?" + +"Das weiss man nicht so genau und es hilft dir ja auch nichts, wir haben +doch bis zwoelf Uhr Schule. Aber es kann auch ein Uhr werden, bis der Zug +kommt." + +Ruhig auf der Schulbank sitzen und denken, dass vielleicht der Vater +ankomme? das ging doch nicht? Aber es _musste_ gehen. Die Grossmutter +wuerde sagen: ausharren. Wie sonderbar, dass er da sass in dem grossen +Augenblick, auf den er so lange gewartet hatte! Aber vielleicht kam der +Vater gar nicht. Wenn man es doch nur wuesste! Wie qualvoll dieses +Stillehalten!--Es war eben Krieg, und darum war alles schwer, so +furchtbar schwer! + +Der Unterricht hatte begonnen. Jetzt kam der Lehrer in seine Naehe und +richtete eine Frage an ihn. Gebhard stand langsam auf und atmete tief, +wie wenn er eine Last mit in die Hoehe zu heben haette. Der Lehrer lachte. +"Nun, ist das eine so schwere Frage? Du seufzst ja ordentlich!" Aus +gepresstem Herzen kam die Antwort: "Weil vielleicht gerade mein Vater +ankommt und ich in der Schule bin!" + +"Dein Vater kommt? Heute frueh? Du haettest ihn gern begruesst? Ja! Moechtest +fort und fragst gar nicht? Ist's noch Zeit?" + +Gebhard konnte kaum antworten vor Erregung. + +"Naerrischer Bub! So etwas erlaube ich doch! Spring davon!" + +Jetzt kam Leben in den kleinen Mann. Er fuhr von seinem Platz auf, der +Tuere zu. + +"Deine Muetze!" riefen einige und lachten. Er wandte sich noch einmal, +sie sahen jetzt alle sein strahlendes Gesicht. Die Muetze vom Nagel, auf +und davon, dem Bahnhof zu. + +Unterwegs schlug es neun Uhr, drei Stunden konnte er, wenn noetig, vor +dem Bahnhof warten, ohne dass er daheim vermisst wurde. So lange wollte er +ausharren, o leicht und gern! + +Auf dem Bahnhofplatz war nicht wie sonst vor der Ankunft von +Lazarettzuegen ein Menschenauflauf. Auch fuhren keine Rotkreuzwagen vor. +Ein einziger stand leer und verlassen vor der Halle. Wenn nur auch der +Schulkamerad recht hatte. Vielleicht war es eine falsche Nachricht. Er +sah sich um. Sein Blick fiel auf zwei Weiber, mit Koerben am Arm, die da +standen und sich unterhielten. Er redete sie an, ob wohl bald die +Verwundeten ankaemen. Die eine lachte: "Da bist du zu spaet aufgestanden!" +und da Gebhard nicht verstand, was sie meinte, erklaerte die andere: "Die +sind schon vor einer halben Stunde gekommen und alle schon +heimgefahren, bis auf das eine Auto, das bleibt wohl leer. Man schickt +immer lieber eins zu viel als zu wenig." Die Frauen wandten sich und +gingen ihres Weges. + +Also zu spaet, nicht zu frueh! Bitter enttaeuscht stand Gebhard, konnte +sich nicht gleich entschliessen den Platz zu verlassen; zoegernd, planlos +ging er noch auf den Bahnhof zu und stand ploetzlich betroffen still. Aus +dem Bahnhofgebaeude kam ein Sanitaeter, fuehrte zwei Maenner und diese +beiden hatten Binden um die Augen. Hoch klopfte Gebhards Herz. Er konnte +noch nicht recht unterscheiden, aber jetzt naeherte sich die Gruppe; der +Sanitaeter stuetzte den einen der beiden, der ein junger feldgrauer Soldat +war und auch am Fuss verletzt schien; sorglich fuehrte er ihn die breiten +Staffeln herunter auf die Stelle zu, wo das Auto stand. Inzwischen blieb +der andere, den Fuehrer erwartend, an einer Saeule der Vorhalle stehen, +und da nun seine stattliche, kraeftige Gestalt ganz zu sehen war, +erkannte Gebhard seinen Vater. Alles Zoegern war vorbei, in jubelnder +Freude sprang er herzu, die Staffeln hinauf und rief mit frohlockender +Stimme: + +"Vater! Gruess dich Gott, lieber, guter Vater!" An dem ersten, trauten Ruf +hatte Stegemann sein Kind erkannt und nun griff er nach ihm mit beiden +Haenden und zog ihn in warmer Liebe an sein Herz. "Gruess dich Gott, mein +Maennlein, mein guter Bub! Ich haette nicht gedacht, dass du mich gleich +erkennst und dich so freust an deinem blinden Vater!" + +"O, ich habe es gar nicht mehr erwarten koennen, bis du kommst; das +wissen wir ja schon lang, dass du blind bist, das macht _gar_ nichts, +Vater!" + +"So, das macht gar nichts?" wiederholte Stegemann und lachte von Herzen. +Der Sanitaeter kam nun zurueck, um seinen zweiten Pflegbefohlenen zu +holen. + +"Kannst du denn nicht gleich zu uns, Vater? Ich kann dich so gut +fuehren!" + +"Zunaechst bin ich noch ins Lazarett ueberschrieben, aber bald darf ich +heim, vielleicht schon morgen, der Arzt wird das bestimmen." + +"Willst du mitfahren und sehen, wohin dein Vater kommt?" fragte der +Sanitaeter und fuegte hinzu: "Wer hat dir denn verraten, dass heute +Verwundete ankommen?" + +"Ein Schulkamerad." + +"Aha, ich kann mir schon denken, welcher das war. Macht nichts, komm nur +mit!" + +Sorgsam fuehrte der Sanitaeter den Blinden die Staffeln hinunter. Gebhard +ging auf der andern Seite. + +"Kuenftig darf ich dich immer fuehren, gelt Vater?" + +"Letzte Stufe," sagte der Fuehrer und wandte sich an Gebhard: "Immer +voraus sagen, sonst tut der Schritt weh; alles vorher ankuendigen, das +ist die Hauptregel, dann gewinnen die Blinden Vertrauen und gehen ruhig +und zuversichtlich. Darauf musst du achten!" + +"Ja das will ich gewiss tun," versicherte Gebhard eifrig, "dann vertraust +du mir, gelt Vater?" Achtsam sah er zu, wie der Sanitaeter dem Blinden +das Einsteigen ermoeglichte, mehr durch kurze Zurufe als durch Hilfe. + +Bald sassen sie nebeneinander, Hand in Hand und sprachen gar nicht viel, +weil sie noch kaum das Glueck fassen konnten, wieder beisammen zu sein. +Gebhard begleitete den Vater noch in den Saal. Die Neuangekommenen +sollten sich nach der langen Reise legen und ausruhen. Vater und Sohn +mussten sich trennen. "Bitte die Grossmutter, sie moechte zuerst allein zu +mir kommen; fuer die Mutter ist's ein schwerer Gang!" sagte der Blinde, +kuesste den Knaben und gab ihm leise den Auftrag: "Den Kuss gib der +Mutter!" + +Gebhard ging heim wie im Traum. Mit all seinen Gedanken, mit dem ganzen +Herzen war er noch bei dem geliebten Vater, konnte selbst kaum an die +wunderbare Maer glauben, die er nun verkuendigen wollte: dass der Vater +angekommen sei! + +Er traf aber zu Hause die nicht, die er suchte. Die beiden Frauen waren +nach der kuenftigen kleinen Wohnung hinuebergegangen; Helene war fertig +mit der Einrichtung, hatte die Mutter geholt, um ihr alles zu zeigen und +fuehrte sie jetzt durch die Zimmer. "Wie gefaellt es dir, Mutter? Ist +dir's recht so?" + +"Mir freilich, du hast ja alles mehr nach meinem als nach deinem Sinn +eingerichtet. Es ist wohl ein Unterschied gegen deine fruehere reiche, +stilvolle Einrichtung!" Sie sah die Schwiegertochter an, wie wenn sie +erforschen wollte, ob es ihr schwer ums Herz sei. Aber Helene lachte +froehlich: "Es ist doch alles wieder stilvoll, Mutter, es ist Kriegsstil. +Wie wenn man Reste aus ein paar zerstoerten Haeusern zusammengetragen +haette: da ein paar schoene, alte Moebel von dir, dort schlichte, gebeizte +vom Schreiner, da der hochfeine Schreibtisch, den mein Bruder geschickt +hat, und davor ein gewoehnlicher Holzstuhl. Und an der ausgebesserten +Tapete Bilder in schwarzen, braunen und vergoldeten Rahmen und gar ein +kleiner Spiegel vom Troedelmarkt. Aber sieh, die sogenannte +Maedchenkammer, hat die nicht ein nettes Stuebchen fuer Gebhard gegeben? +Seine Kriegsbilder hat er selbst an die Wand nageln duerfen und sein +schmales Feldbett ist auch reinster Kriegsstil. Dazu passt auch statt +eines Maedchens die kleine Kriegswitwe, der du das Essen gibst; das alles +stimmt herrlich zusammen. Nun fehlt nur _er_ noch! Wie lange wohl?" + +Draussen wurde geklopft. "Es muss jemand an der Vorplatztuere sein," sagte +Helene, "die Klingel geht naemlich nicht immer und der Aufzug ist auch +ein wenig launisch, das macht aber nichts, gehoert eben auch zum +Kriegsstil." + +Sie gingen miteinander hinaus und oeffneten. Gebhard stand vor ihnen auf +der Schwelle, wusste vor uebergrosser Erregung nicht gleich, wie er +erzaehlen sollte, war auch so gesprungen, dass es ihm den Atem benommen +hatte. Aber die Mutter fing seinen strahlenden Blick auf, ahnte und +rief: "Der Vater kommt?" + +"Der Vater ist schon da!" Glueckselig fiel er der Mutter um den Hals und +jubelte: "Da bringe ich dir einen Kuss von ihm!" + + + + +Zwoelftes Kapitel. + + +Am Bett ihres Sohnes sass Frau Dr. Stegemann; die andern Betten standen +leer, die Verwundeten waren an dem schoenen Nachmittag ins Freie gebracht +worden. So waren die Beiden allein in dieser ersten Stunde des +Wiedersehens und ungestoert hatte der Sohn seiner tapfern Mutter seine +Erlebnisse erzaehlen koennen. Sie wusste jetzt, was er durchgemacht von dem +Augenblick an, da er sich bereit erklaert, die Russen zu fuehren, in der +stillen Absicht sie wegzubringen von seinen Lieben im Forsthaus und sie +in die Irre zu leiten, um die deutsche Patrouille zu retten. Der +Offizier traute seinem Fuehrer nicht und bedrohte ihn, wenn er ihm nicht +zu Willen sei, solle er nie mehr seine schoene Frau wiedersehen, er wuerde +ihm die Augen ausstechen lassen. + +So wusste er, welch grausame Marter ihm bevorstand. Noch hoffte er auf +irgend einen gluecklichen Zufall, der ihm zu Hilfe kaeme, und betete im +stillen. Aber das Misstrauen der Feinde wuchs immer mehr, er erkannte, +dass der bittere Kelch nicht an ihm voruebergehen sollte, und bereitete +sich innerlich vor auf das, was kommen musste. + +Leute kamen des Weges, wurden ausgefragt und darnach wandte sich die Wut +der Feinde gegen ihn. Sie veruebten an ihm die grauenvolle Untat, liessen +ihn in seinen Qualen liegen und ritten davon. + +Als Stegemann so weit erzaehlt hatte, spuerte er an der zitternden Hand +der Mutter, dass sie ueberwaeltigt war, und er hielt inne. + +"Ist dir's so schwer, Mutter? Es ist ja ueberstanden, auch die +schrecklichen Qualen, die folgten. Aber ich will dir jetzt nicht weiter +davon erzaehlen; ich danke dir, dass du mich so tapfer angehoert hast. Dir +habe ich es zugetraut, darum wollte ich dich zuerst allein sprechen. +Aber nun will ich vergessen, was dahinten ist, und jetzt sage du mir, +Mutter, was liegt vor mir? Darf ich dies Elend meiner jungen Frau +aufladen? Kann sie es tragen, sie, die so weich und feinfuehlend ist und +mir immer erschien, als sei ihre Natur ganz auf Lust und Freude +angelegt? Zwar glaube ich nicht, dass wir Not leiden muessen. Das ganze +Vaterland hilft uns Invaliden, hilft vor allem, dass wir arbeiten lernen +und etwas verdienen koennen. Damit habe ich schon angefangen und werde +meine ganze Kraft einsetzen, um mitzusorgen fuer die Meinigen. Aber +dennoch--wie schwer ist es fuer Helene! Nie haette ich, so wie ich jetzt +bin, ihr junges Leben mit dem meinigen verbunden!" Er setzte sich auf in +seinem Bett und horchte gespannt zur Mutter hin. Die nahm seine Hand in +die ihrige und sprach in voller Ueberzeugung: "Da sei du ganz unbesorgt, +Rudolf, keine Braut kann verlangender dem jungen Braeutigam +entgegensehen, als sie ihrem Helden!" + +"Weil sie nicht weiss, was fuer ein Anblick ihr bevorsteht und was es +heisst, einen hilfsbeduerftigen Blinden um sich zu haben, anstatt eines +ritterlichen Gatten, der ihr alle Schwierigkeiten des Lebens aus dem Weg +raeumt!" + +"O, sie weiss das besser als du denkst, Rudolf; wir haben neun Monate +Krieg erlebt, die waren fuer deine Frau voll Angst und Reue, voll Sehnen +und Warten; sie hat sich durchgekaempft, ist stark geworden, um Leid und +Entbehrung mit dir zu tragen." + +"Mutter, damit nimmst du mir die schwerste Sorge ab! Wenn es so ist, +dann, liebe Mutter, o dann bitte ich dich, gehe gleich zu ihr; ich habe +mich nach ihr gesehnt jede Stunde, seit wir getrennt sind; um keine +weitere Stunde soll die Trennung verlaengert werden." + +"Ich gehe, Rudolf, sie wird bei dir sein schneller als du denkst. Ich +bringe ihr deine Botschaft." + +Er richtete sich auf, tastete nach dem Tischchen nebenan, zog die +Schublade auf. + +"Was suchst du? Kann ich dir helfen?" + +"Ja, es wird eine Schachtel da sein, in der ist mein Eisernes Kreuz. +Wenn du mir das befestigen willst. Dass sie doch _etwas_ Schoenes sieht an +ihrem Mann!--So, nun ist's gut. Und die Augen sind bedeckt, nicht wahr, +man sieht die Zerstoerung nicht?" + +"Nein."--Sie wollte hinzufuegen: "Deine Frau hat sich laengst geuebt, auch +das zu sehen," aber sie unterdrueckte es. Wer konnte wissen, wie es sie +im Antlitz des eigenen geliebten Mannes erschuettern wuerde? + +Unten im Garten wurde Frau Stegemann von Helene sehnlich erwartet. + +"Mutter, wie geht es ihm? Sage mir, warum wollte er dich allein +sprechen?" + +"Er hat Mitleid mit dir, dass du ihn so wiedersehen musst, hat Angst, es +moechte dir zu schrecklich sein. Es ist auch schwer, Helene, mich hat es +furchtbar erschuettert; ich musste mich _so_ zusammennehmen, um die +Fassung zu bewahren." + +Jetzt, da der Sohn nicht mehr darunter leiden konnte, jetzt verlor sie +diese Fassung und konnte die bittern Traenen nicht zurueckhalten. Das +hatte Helene noch nie erlebt; immer war die Mutter ihr an Seelenstaerke +ueberlegen gewesen. Sie hatte tiefes Mitleid mit der Mutter, die ihr in +ihrem Kummer zum erstenmal als eine alte Frau erschien. "Es hat dich +angegriffen," sagte sie herzlich zu ihr, "soll ich dich heimbegleiten?" +Aber Frau Stegemann wehrte ab. "Nein, nein, ich finde mich schon wieder +zurecht. Geh nur, Kind; halte dich nicht mit mir auf, geh zu ihm, er +wartet!" + +Der Mutter Schwaeche wurde eine merkwuerdige Hilfe fuer die junge Frau. +Wenn die Mutter, die starke, versagte, dann musste sie die tapfere sein. +Alles Bangen wich von ihr, leichtfuessig eilte sie die Treppe hinauf, sie +wollte nichts aufkommen lassen als reinste Wiedersehensfreude in dieser +lang ersehnten Stunde. + +Sie oeffnete die Tuere, sah, wie bei dem Geraeusch ein Kopf sich aus dem +Kissen hob, eine Gestalt sich halb aufrichtete und nach der Tuere wandte. + +"Rudolf, ich bin's!" rief sie, war im Augenblick bei ihm, umarmte ihn +stuermisch und rief ihm froehlich zu: "Glaubst du, dass ich's bin, wenn du +mich gleich nicht siehst?" + +Er spuerte ihre Froehlichkeit und zog sie an sein Herz. + +"Ja, du bist's Helene, du Sonne in meiner Nacht! Gott sei Dank, dass ich +dich habe!" Er kuesste sie. Da schob sie sanft die Binde ueber seine Stirne +hinweg, drueckte einen Kuss auf jede der verheilten Wunden und sagte zu +ihm: "Das sind deine Ehrenzeichen, du mein Held. Wie bin ich stolz auf +diese Narben!" + +Er legte sich zurueck, fuehlte sich aller Angst und Sorge ledig und gab +sich der Wonne des wiedergefundenen Glueckes hin. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Ohne den Vater, by Agnes Sapper + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OHNE DEN VATER *** + +***** This file should be named 11677.txt or 11677.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/1/6/7/11677/ + +Produced by Charles Franks and the DP Team + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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