summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes3
-rw-r--r--11677-0.txt3224
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/11677-8.txt3641
-rw-r--r--old/11677-8.zipbin0 -> 71830 bytes
-rw-r--r--old/11677.txt3641
-rw-r--r--old/11677.zipbin0 -> 71800 bytes
8 files changed, 10522 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..6833f05
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,3 @@
+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
diff --git a/11677-0.txt b/11677-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..a363bdf
--- /dev/null
+++ b/11677-0.txt
@@ -0,0 +1,3224 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 11677 ***
+
+[Transcriber's Note: There is no seventh chapter in the printed
+book from which this etext was made.]
+
+
+
+
+
+
+Ohne den Vater
+
+Erzählung aus dem Kriege
+
+von
+
+Agnes Sapper
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+
+Im gemütlichen Wohnzimmer eines Forsthauses in Ostpreußen saß ein
+kleiner Familienkreis eng und traulich beisammen: der Förster Stegemann
+mit seiner noch ganz jungen, lieblichen Frau, die ihr Kindchen in den
+Armen hielt und versuchte, mit zärtlichen Worten und dem Spiel ihrer
+Finger dem kleinen Geschöpf das erste Lächeln zu entlocken. Neben ihr
+lehnte Gebhard, ein kräftiger, etwa zehnjähriger Junge; er sah nach dem
+Schwesterchen, das so wohlig in der Mutter Armen ruhte, und wartete
+gespannt, ob es noch einmal gelänge, das Lächeln hervorzuzaubern, das
+vorhin wie ein Sonnenstrahl über das Kindergesichtchen gehuscht war. Als
+es gelang, sah er die Mutter beglückt an und wandte sich lebhaft an
+seinen Vater: "Hast du es diesmal gesehen?"
+
+Nein, er hatte es wieder nicht gesehen, weil ihm etwas anderes noch
+anziehender war, als das erste Lächeln seines Töchterchens. Er hatte auf
+Mutter und Sohn gesehen. Ihn freute, daß diese beiden sich so gut
+verstanden. Es war noch nicht lange her, daß er diese junge Frau
+heimgeführt hatte, nachdem seine erste Frau, Gebhards Mutter, gestorben
+war. Eine lange Reihe stiller Jahre hatte er mit dem Knaben verlebt, den
+eine treue Magd schlicht und streng erzog. Innig nah standen sich Vater
+und Sohn, ernst und pflichttreu war der Förster, anspruchslos der Junge.
+Kräftig wuchs er in der frischen Waldluft heran und machte von seinem
+sechsten Lebensjahr an täglich einen stundenlangen Weg, um auf einem
+benachbarten Gut an dem Unterricht mit den Knaben des Gutsbesitzers
+teilzunehmen. Auf diesem Weg begleitete ihn ein treuer Hund des
+Försters, der schon immer sein Spielkamerad gewesen und jetzt sein
+Beschützer auf einsamen Waldwegen war.
+
+Bei einem Besuch seiner Mutter, die in Süddeutschland lebte, hatte der
+Förster das fröhliche, liebevolle Mädchen kennen gelernt, das dann seine
+zweite Frau geworden war. Noch immer war's ihm wunderbar und erfreute
+ihn in tiefster Seele, daß solch ein neues Familienglück in seinem
+Forsthaus erblüht war; und so sah er auch jetzt mit Wonne auf die junge
+Frau, ohne daß diese es bemerkte, denn sie war ganz von der Kleinen
+hingenommen.
+
+Jetzt stund sie auf und legte das Töchterchen sorgsam in den Korbwagen.
+"So Jüngferlein," sagte sie, "nach dieser großen Leistung, nachdem du
+zweimal gelächelt hast, wirst du herrlich schlafen, draußen am offenen
+Fenster!" Sie fuhr sachte den Wagen in das Schlafzimmer.
+
+Gebhard wandte sich dem Vater zu. "Es ist so nett, wenn die Mutter
+"Jüngferlein" sagt zu einem so kleinen Kind, hörst du das nicht auch so
+gern, Vater? Überhaupt ist es jetzt so eine schöne Zeit! So soll's immer
+bleiben, wie es jetzt ist!"
+
+Stegemanns Gedanken wurden durch diesen Wunsch herausgerissen aus der
+friedlichen Umgebung.
+
+"Gebhard, du denkst nicht an den Krieg, sonst könntest du nicht von
+einer schönen Zeit reden, die bleiben soll."
+
+"Aber wir siegen doch, und das gibt dann die allergrößte Freude."
+
+"Vorher werden viele Tausende von unsern deutschen Soldaten sterben!"
+
+"Viele Tausende?" Gebhard wiederholte sinnend diese Worte und blieb eine
+Weile ganz nachdenklich. Dann aber trat er dicht an den Vater heran und
+begann mit eifrigen Worten: "Das darf man doch nicht so traurig sagen,
+Vater? Die Soldaten ziehen doch gern in die Schlacht und wollen fürs
+Vaterland sterben? Wenn ich nur schon älter wäre, und wenn du noch
+jünger wärst, dann zögen wir miteinander in den Krieg, du wärst ein
+Offizier und ich dein liebster Soldat und wenn du befiehlst:
+'Freiwillige vor!' komme ich zu allererst. Aber mit zehn Jahren geht das
+noch nicht, und du, Vater, gelt du bist schon zu alt, du hast doch schon
+ein wenig graue Haare!"
+
+"Die grauen Haare machen nichts; vielleicht komme ich doch noch daran.
+Aber sei still, wir wollen damit der Mutter nicht angst machen."
+
+Sie sahen beide nach der Türe, durch die die junge Frau eben wieder
+hereintrat. Es lag noch der Schimmer mütterlicher Zärtlichkeit auf ihrem
+Gesicht, als sie sagte: "Mein Jüngferlein schlummert schon."
+
+"_Dein_ Jüngferlein, Helene? Mir gehört es auch!" Er zog seine Frau
+zärtlich an sich.
+
+"Und ein wenig gehört es auch mir, nicht, Mutter?"
+
+"Freilich. Du wirst sehen, die kleinen Mädchen mögen die großen Brüder
+am allerliebsten, lustig wird's, wenn sie erst mit dir spielen kann!"
+
+Das konnte sich nun Gebhard noch nicht recht vorstellen, aber lustig
+war's ihm schon jetzt zumute und er sprang hinaus und hinunter in den
+Hof, mit seinem Leo zu tollen, seinem liebsten Kameraden. Bald ging auch
+der Förster, den sein Beruf oft halbe Tage lang abrief, und Helene blieb
+allein.
+
+Der Forsthof lag einsam am Waldessaum, nahe der russischen Grenze; nur
+ein paar Niederlassungen waren in der Nähe, von denen die eine dem
+Straßenwärter gehörte, der die Grenzstraße zu hüten hatte, die andere
+einem alten Waldhüter, der mit seiner Familie da hauste. Sonst waren
+weit und breit keine menschlichen Ansiedelungen zu sehen, dunkler Wald
+nach allen Seiten und große Stille.
+
+Die da heimisch waren--wie der Förster und sein Junge--, die liebten
+diese Waldeinsamkeit, aber Fremden kam sie unheimlich vor. Auch Helene,
+als sie aus ihrer süddeutschen Heimat, aus städtischen Verhältnissen
+hieher versetzt worden war, hatte anfangs furchtsam nach dem
+Waldesdunkel hinübergeschaut und die Stille, während ihres Mannes und
+Gebhards Abwesenheit, hatte sie bedrückt. Aber in ihren vier Wänden war
+es ihr doch bald wohl geworden, denn da war sie von rührender Liebe und
+Verehrung umgeben. Nicht nur Mann und Sohn, auch Knecht und Magd, ja
+sogar die Hunde, vom großen Kettenhund bis herunter zum kleinen Dackel,
+alle zeichneten sie aus, wie wenn sie sich immer daran freuten, daß
+etwas so feines, sonniges, fröhliches in ihre Waldeinsamkeit gekommen
+war. Und jetzt, seitdem sie Mutter geworden und ihr Kindchen jede Stunde
+um sich hatte, jetzt konnte das Gefühl der Einsamkeit gar nicht mehr
+aufkommen. Sie war voll Glück und Wonne, ja so sehr, daß sie manchmal
+das schwere Geschick des Vaterlandes fast vergaß. Kam es ihr dann in den
+Sinn, so machte sie sich im stillen Vorwürfe, sagte sich: kannst du denn
+gar nicht unglücklich sein mit den vielen, die jetzt in Sorge und
+Herzeleid sind? Dann legte sie schnell das Tragröckchen beiseite, das
+sie besticken wollte, nahm den groben Soldatenstrumpf zur Hand, setzte
+sich neben den Kinderwagen, strickte und strickte, sah dabei auf das
+kleine Menschenknöspchen, das neben ihr schlummerte, und war eben wider
+Willen doch glücklich. Aber der Krieg mit seinen Schrecken und Ängsten,
+mit Sorgen und Jammer kam bald genug, ihr Glück zu stören.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+
+Es war eine stille Sommernacht zu Ende August, der Forsthof lag
+friedlich, Mensch und Tiere hatten sich zur Ruhe begeben. Der Förster
+allein war noch auf; die Zeitungen, die er diesen Abend erhalten hatte,
+lagen vor ihm. Sie sagten ihm, wie nahe die Gefahr eines feindlichen
+Einbruchs für das Grenzland war. Auch einen amtlichen Brief hatte er von
+seiner vorgesetzten Behörde erhalten, den Befehl, zunächst noch auf
+seiner Stelle zu verharren.
+
+"Zunächst;" demnach konnte in Bälde die Anweisung kommen, den Forsthof
+zu verlassen. Darauf wollte er alles vorbereiten. Er ordnete Papiere und
+Wertsachen, um im Notfall alles Wichtige rasch bei der Hand zu haben,
+und dann schrieb er an seine Mutter. Sie stand ihm sehr nahe, hatte
+jedes Jahr in der Zeit seiner Vereinsamung die weite Reise von
+Süddeutschland unternommen, um nach ihm und seinem mutterlosen Kleinen
+zu sehen. Bei ihr fragte er an, ob Frau und Kinder Zuflucht finden
+könnten, wenn sie die Heimat verlassen müßten und er selbst sich dem
+Vaterland zur Verfügung stellen würde. Er hatte einst gedient und es war
+ihm selbstverständlich, daß er an dem großen Kampf Teil nehmen würde,
+sobald ihn sein Amt im Forsthaus nicht mehr zurück hielt.
+
+So saß er heute bis spät in die Nacht hinein am Schreibtisch, während
+seine Frau sorglos schlief. Er hatte ihr nichts mitgeteilt von seinen
+Vorbereitungen. Sie kam ihm so jung und zart vor, besaß nicht die starke
+Natur, die er selbst von seiner Mutter geerbt hatte, schien so recht für
+Glück und Sonnenschein geschaffen. Wie sie mit Schwerem zurecht käme,
+wie sie Leid und Entbehrungen ertragen würde, konnte er sich nicht
+vorstellen. So wollte er ihr keine Last auflegen, so lange er allein sie
+tragen konnte.
+
+Mitternacht war es geworden, aber nun lagen auch alle Briefe und
+Papiere geordnet und überschrieben vor ihm. Er hatte getan was geschehen
+konnte und griff nun nach dem Neuen Testament; denn es trieb ihn, eines
+von den Jesusworten zu lesen, die ihm oft schon Kraft gegeben hatten.
+"Nicht mein sondern dein Wille geschehe." Er versenkte sich in die
+Erzählung vom Kampf Jesu in Gethsemane.
+
+Plötzlich wurde die Stille des Forsthofes gestört durch das Bellen des
+Hofhunds. Stegemann horchte auf, hörte nichts, was den Hund beunruhigt
+haben konnte. Aber das Bellen wurde lauter und auch die andern Hunde
+taten mit. Stegemann öffnete das Fenster, schaute hinaus in die stille
+Sommernacht, ging dann hinunter in den umzäunten Hof, rief die Hunde,
+die unwillig knurrten, zur Ruhe und lauschte. Jetzt unterschied auch
+sein Ohr das Geräusch von sich nähernden schweren Tritten draußen auf
+der Landstraße. Wer kam da bei Nacht? War es Freund oder Feind? Ihm
+ahnte nichts Gutes. Er eilte rasch ins Haus zurück und nahm den Revolver
+zu sich. Auch den Knecht wollte er rufen; der war aber durch das Gebell
+schon wach geworden und trat mit der Laterne in der Hand zum Förster.
+
+"Wenn's Russen sind, dann gnad uns Gott!" sagte der Knecht.
+
+"Mach die Kettenhunde los; sie lassen keinen über den Zaun."--
+
+Wütend bellten die zwei großen losgelassenen Hunde und liefen aufgeregt
+am Zaun hin und her. Von außen am geschlossenen Hoftor ertönte die
+Glocke. Herr und Knecht sahen sich an. Wie aus einem Munde riefen sie:
+"Russen sind das nicht, die klingeln nicht, die schlagen mit dem Kolben
+an."
+
+Der Förster trat näher.
+
+"Wer ist draußen?" rief er. Und gut deutsch klang die Antwort:
+"Preußische Infanteristen mit einem Befehl an den Förster."
+
+Noch ein paar Fragen und Antworten wurden zu größerer Sicherheit
+gewechselt. Dann rief der Förster dem Knecht zu: "Mach die Hunde fest."
+
+Erst als die aufgeregten Tiere angekettet waren, konnte man wagen, das
+Hoftor zu öffnen und die Soldaten einzuladen, die draußen harrten. Eine
+Patrouille von fünf Männern war es, angeführt von einem jungen Leutnant.
+Statt der gefürchteten Feinde unverhofft einen Trupp wackerer Feldgrauer
+auf dem einsamen Forsthof zu haben, das war ein Hochgefühl, vor allem
+auch für die geängstigte junge Frau, die wie auch Gebhard vom Lärm der
+Hunde erwacht war und mit dem Knaben am Fenster stehend den Vorgang im
+Hof beobachtet hatte.
+
+"Preußen sind's, Preußen!" rief Gebhard, der zuerst beim Laternenschein
+die Uniform erkannte.
+
+"Wirklich! Gott Lob und Dank," antwortete die Mutter und machte sich in
+fliegender Eile zurecht, um die unverhofften Gäste zu begrüßen und für
+sie zu sorgen. Aber noch ehe sie so weit war, suchte ihr Mann sie auf.
+
+"Ich komme schon," rief sie ihm eifrig entgegen, "wollen die Soldaten
+bei uns übernachten? Soll ich Betten richten?"
+
+"Das nicht, sie halten nur kurze Rast; dann geht ihr Marsch weiter und
+ich, ich muß sie begleiten."
+
+"In der Nacht? Wohin?"
+
+"Das darf ich dir nicht sagen; es ist eine Vertrauenssache, ein geheimer
+Befehl, von dem auch nur der Offizier weiß."
+
+"Wie unheimlich, Rudolf! Wann kommst du wohl wieder?"
+
+"Vielleicht schon in ein paar Stunden.--Wenn du nur schnell helfen
+wolltest, Tee für die Leute zu machen. Die Soldaten haben schon Auftrag
+erhalten, den Herd zu heizen und Wasser aufzusetzen."
+
+"Die Soldaten heizen unsern Herd? Das muß ich sehen. Komm, Gebhard, geh'
+mit mir hinunter! Ich habe noch nie Soldaten kochen sehen. Mit fünf
+Köchen, das muß ja schnell gehen!"
+
+Ja, nach zehn Minuten war der Tee auf dem Tisch und nach weiteren zehn
+Minuten war gegessen und getrunken, was eiligst aufgetragen worden; und
+die fünf Mann bedankten sich bei der jungen, fröhlichen Förstersfrau.
+
+Der Förster mit Flinte und Jagdhund sah aus, als wenn er auf die Jagd
+ginge. Im letzten Augenblick nahm er seine Frau beiseite: "Behalte
+Knecht und Magd bei dir, stelle dich ängstlich, rufe sie herein, laß sie
+Tee trinken. Ich will nicht, daß uns jemand folgt. Kein Mensch soll
+wissen, in welcher Richtung wir gehen."
+
+Er gab rasch seiner jungen Frau einen Abschiedskuß--das war nichts
+besonderes; aber daß er im Vorbeigehen auch Gebhard einen Kuß gab, das
+kam dem Kind sehr verwunderlich vor, denn Zärtlichkeiten waren zwischen
+Vater und Sohn nicht üblich.--
+
+"Wegen ein paar Stunden Trennung küßt man sich doch nicht?" sagte sich
+Gebhard und war sehr nachdenklich, während er in sein Schlafzimmer ging,
+um sich wieder zu legen. Zum erstenmal waren Soldaten ins Haus gekommen;
+der Offizier hatte mit dem Vater Kriegsgeheimnisse besprochen, die kein
+anderer Mensch erfahren durfte. Ein wenig unheimlich war die Sache, aber
+doch sehr spannend. Heute Nacht war der Krieg ins eigene Haus gedrungen,
+jetzt erst fing er so recht an für Gebhard.
+
+Und die junge Mutter konnte, nachdem sie Knecht und Magd entlassen,
+lange nicht wieder den Schlaf finden. An der Seite ihres Mannes hatte
+sie noch nie den Krieg gefürchtet; aber ohne ihn überkam sie eine große
+Angst. Es war so finster, so still und schwül. Vielleicht konnte sie
+besser schlafen, wenn sie die Türe aufmachte ins Nebenzimmer, zu
+Gebhard. Sie tat es leise, um ihn nicht zu wecken, und freute sich doch,
+als sie bemerkte, daß er noch nicht schlief.
+
+"Bist du es, Mutter?" rief er und richtete sich ganz munter auf.
+
+"Ja, es ist so schwül; ich will die Türe ein wenig offen lassen."
+
+"Das ist nett, dann können wir plaudern. Ich möchte so gerne erraten,
+warum der Vater mit den Soldaten gegangen ist. Aber vielleicht ist es
+besser, wenn wir es nicht erraten; weil es doch ein Kriegsgeheimnis ist.
+Nur der Vater darf es wissen; er muß stolz darauf sein. Ich wäre auch
+stolz darauf und würde das Kriegsgeheimnis niemand verraten; außer
+vielleicht dir, Mutter. Oder darf ich's auch dir nicht verraten?"
+
+"Du weißt es ja gar nicht, Gebhard," sagte die Mutter und lachte
+fröhlich. Die Luft kam ihr schon nicht mehr schwül vor; und bald
+schliefen Mutter und Sohn ebenso ruhig wie das Kindchen im Korbwagen und
+ahnten so wenig wie dieses, daß sie zum letzten Mal im Forsthaus
+schliefen.
+
+Am Morgen des folgenden Tages kam, angestrengt von langem, eiligem
+Marsch, Stegemann zurück. Nach der schlaflosen Nacht sollte er sich mit
+einem guten Frühstück stärken und die verlorene Nachtruhe nachholen, das
+war der Wunsch seiner jungen Frau; ungesäumt wollte sie für seine
+Bewirtung sorgen. Er aber hielt sie zurück: "Das ist jetzt Nebensache,"
+sagte er eilig, "wir haben viel Wichtigeres zu tun. Leutnant N. riet mir
+dringend, heute noch mit Frau und Kind und, soweit möglich, mit Hab und
+Gut abzuziehen. Erschrick nicht so, Liebste, die Straße ist noch frei
+von Feinden; aber wir wollen auch gar keine Zeit verlieren. Jetzt gilt
+es aufpacken, was das Nötigste und Wertvollste ist, um so schnell es nur
+irgend geht, an die Bahn zu kommen. Ich sage gleich den Leuten, sie
+sollen helfen, auch sie müssen fliehen. Es kann sein, daß die Russen der
+Spur der Patrouille folgen, die heute nacht hier war. Nun, Gebhard,
+hilf der Mutter!"
+
+In wenigen Minuten war der stille Forsthof erfüllt von lärmendem,
+hastigem Treiben. Der Knecht fuhr den Wagen vor und lud auf, was ihm
+zugereicht wurde: Betten, Kleider, Wäsche, auch allerlei Vorräte aus
+Küche und Kammer. Gebhard lief aus und ein, fast fröhlich in der
+eifrigen Tätigkeit. Knecht und Magd trugen ihre Bündel herbei.
+
+Keine halbe Stunde war verflossen; da suchte der Förster seine Frau auf,
+die an ihrem Wäscheschrank stand und trieb zur Abfahrt: "Es ist genug,
+laß alles andere, wir fahren!"
+
+Ganz erstaunt schaute sie auf: "Daß du so ängstlich bist! Auf eine
+Viertelstunde kommt es doch nicht an; die kleine Aussteuer vom
+Jüngferlein--" sie unterbrach sich: "Horch!" Die Hunde bellten, der
+Förster eilte ans Fenster. Er wandte sich sofort wieder zurück: "Es ist
+schon zu spät," sagte er, "die Russen kommen!"
+
+Er sprach ruhig; aber sein Gesicht verlor alle Farbe. Auch seine Frau
+trat ans Fenster und fuhr erschreckt zurück: "Um Gottes willen, was
+sollen wir tun?" rief sie in Todesangst.
+
+"Geh da hinein und schließe dich ein!" rief ihr Mann. Er faßte sie
+schnell, drückte sie an sein Herz, küßte sie stürmisch und führte sie in
+das Schlafzimmer zu ihrer Kleinen.
+
+"Gott behüte euch," rief er, "schließe zu!"
+
+Sie schob den Riegel vor.
+
+In diesem Augenblick kam Gebhard atemlos: "Vater, russische Reiter sind
+im Hof, sie fragen nach dem Förster. Was wollen sie denn von dir?"
+
+Herr Stegemann zog sein Kind leidenschaftlich an sich: "Sie wollen
+vielleicht wissen, wohin unsere Soldaten heute nacht gegangen sind."
+
+"Aber das darfst du ihnen doch nicht sagen?"
+
+"Nein."
+
+"Was wird dann, Vater?"
+
+"Was Gott will."
+
+Der Anführer der russischen Truppe, die aus etwa 15 Mann bestand, trat
+in das Zimmer, den Revolver in der Hand; einige seiner Leute folgten,
+andere hielten Wacht an der Türe. Es kam, wie der Förster vorausgesehen.
+Der russische Offizier wollte wissen, wohin die deutsche Patrouille,
+deren Spur sie gefunden hatten, gezogen sei. Offenbar war seine Absicht,
+ihr zu folgen, sie abzufangen, ehe sie ihren Zweck erfüllen und über
+ihre Erkundung den Deutschen Nachricht geben konnte. Ein polnischer
+Waldarbeiter hatte ihm verraten, daß der Förster die Patrouille geführt
+hatte. Und nun sollte er die Feinde führen, die zu Pferd die deutschen
+Fußgänger leicht einholen würden.
+
+Der Förster, die Rechte auf den Tisch gestützt, hörte die Forderung.
+Fest klang seine Antwort: "Sucht sie selbst. Ihr könnt vom deutschen
+Mann nicht verlangen, daß er die Deutschen verrate."
+
+Neben dem Vater stand Gebhard mit glühenden Wangen. Wie ein Held
+erschien ihm der Vater, da er dem russischen Offizier kurz und fest den
+Dienst verweigerte.
+
+Der Russe aber lachte höhnisch, im Gefühl der Übermacht: "Sie sind ein
+Tor. Wollen Sie nicht, so sind Sie mit Weib und Kind in 5 Minuten
+niedergemacht."
+
+Tief aufatmend antwortete der Förster: "Ich werde nicht zum Verräter."
+Dem Offizier stieg der Zorn auf, aber ihm lag daran, einen willigen
+Führer zu gewinnen, so bezwang er sich. "Nehmen Sie Vernunft an," sagte
+er. "Sie entschuldigt die Not. Sie sind machtlos in unseren Händen.
+Entschließen Sie sich rasch, daß uns die kostbare Zeit nicht verloren
+geht. Dann sollen Sie, auf Offiziersehre, unversehrt zurückkehren,
+sobald wir die Deutschen erreicht und noch ehe sie Sie gesehen haben.
+Weib und Kind können Sie in Sicherheit bringen, Ihr Hab und Gut soll
+unberührt bleiben."
+
+Der Förster schwieg.
+
+"Vater, tu's nicht!" rief Gebhard leidenschaftlich. Der Offizier wandte
+sich heftig gegen den Knaben, packte ihn, schob ihn beiseite und rief:
+"Der soll der erste sein, der vor Ihren Augen erstochen wird, wenn Sie
+nicht augenblicklich folgen."--"Haltet den Buben!" befahl er den
+Soldaten. Die ergriffen Gebhard mit rauher Hand. Wütend setzte er sich
+zur Wehr; doch sie packten ihn so fest, daß er kein Glied mehr rühren
+konnte; aber das konnten sie nicht hindern, daß er immer lauter rief:
+"Vater, tu's nicht!"
+
+Der Förster biß die Zähne aufeinander; noch schien er unentschlossen.
+Aber in diesem Augenblick wurde der Türriegel des Nebenzimmers
+zurückgeschoben und unter der halbgeöffneten Türe erschien seine Frau.
+Ihr junges, rosiges Gesicht war totenblaß; sie hatte gehört, was die
+Männer verhandelten und wußte, daß ihr Leben und das von Mann und
+Kindern auf dem Spiel stand. Bebend vor Angst wagte sie nicht, die
+Schwelle zu überschreiten, hielt die Türklinke in der Hand und rief
+ihrem Mann flehend zu: "Ich bitte dich um Gottes Willen, rette uns, o
+denke an die Kinder!"
+
+Der Russe nahm seinen Vorteil wahr. Er grüßte die Dame des Hauses: "Ja,
+gnädige Frau, sprechen Sie Ihrem Gemahl zu. Geht er mit uns, so mögen
+Sie unbehelligt von hier fliehen, und Ihr Mann wird in kurzer Zeit
+nachfolgen, auf Offiziersehre. Tut er es nicht, so gebe ich Sie meinen
+Soldaten preis."
+
+Schaudernd zog sich die geängstigte Frau vor den Blicken der rohen
+Soldaten zurück.
+
+"Ich gehe!" laut und fest sagte es der Förster und wandte sich der Türe
+zu.
+
+"Vater, tu's nicht!" Noch einmal kam der Ruf von Gebhard, der noch immer
+umklammert war von harten Soldatenfäusten.
+
+Der Vater wandte sich an den Offizier: "Lassen Sie mein Kind frei, nach
+Ihrem Ehrenwort."
+
+Ein Wink des Offiziers und die Soldaten ließen den Knaben los; aber sie
+drängten sich zwischen ihn und den Förster und ließen die beiden nicht
+zueinander kommen. Nur konnten sie nicht verhindern, daß ein letzter
+Blick vom Vater zum Sohn ging, ein Blick voll Liebe und Stolz.
+
+"Vorwärts!" befahl der Offizier.
+
+Sie verließen das Zimmer; Gebhard rannte nach der Schlafzimmertüre, die
+wieder verriegelt war. "Mach auf, Mutter, sie sind fort!" und außer sich
+vor Zorn und Jammer rief er. "Der Vater ist doch mit ihnen gegangen!
+Jetzt muß er die Deutschen verraten!"
+
+Helene war erschüttert durch die Verzweiflung des Knaben. Sie versuchte
+ihn zu trösten, zog ihn in mütterlicher Zärtlichkeit an sich: "Der Vater
+kommt morgen schon zurück, der Offizier hat's auf Ehre versprochen.
+Sieh, wenn er nicht nachgegeben hätte, wären wir alle umgebracht worden.
+Er hat mitgehen müssen, er hat doch nicht anders gekonnt!"
+
+"Aber der Vater darf doch die Deutschen nicht verraten," schluchzte das
+Kind.
+
+"Denke nicht mehr _daran_. Denke, daß wir jetzt alle grausam mißhandelt
+und getötet würden. Gott Lob, daß der Vater uns davor behütet hat."
+
+Gebhard konnte sich nicht fassen, zornig stampfte er und rief: "Der
+Vater darf doch kein Verräter sein!"
+
+Die Mutter sah den Knaben starr an: "Hast du kein Herz für den Vater,
+für mich und für unsere Kleine? Wolltest du, wir wären grausam
+hingemetzelt, du und wir alle?"
+
+Heftig antwortete Gebhard: "Ja, ja, viel lieber möchte ich das."
+
+Der Mutter graute. Sie konnte das Kind nicht verstehen, und war im
+tiefsten Herzen gekränkt durch seine Antwort. Aber weiter mit ihm zu
+reden war nicht möglich; denn unter der Türe erschien die Magd,
+schreckensbleich mit verweinten Augen: "Der Knecht sagt, wir müssen
+eilen, daß wir fortkommen, der Herr hat's ihm noch zugerufen. Unser
+armer, armer Herr, sie haben ihn fortgeführt! Auf einem Russenpferd,
+mitten unter den Feinden ganz allein! Und er hat sich noch so tapfer
+umgeschaut, so todesmutig ist er davon geritten! Der arme Herr, was
+werden sie mit ihm tun?"
+
+Helene hatte auf den Lippen zu sagen: "Es geschieht ihm nichts, morgen
+wird er uns nachkommen;" aber sie unterdrückte die Worte. Die Leute
+durften nicht wissen, daß der Herr sich bereit erklärt hatte, mit den
+Feinden zu gehen. Schwer fiel ihr auf die Seele: Kein Deutscher durfte
+das je erfahren. Es war ja Verrat, was ihr Mann beging. Ihr zuliebe tat
+er's; nicht aus Angst ums eigene Leben, der tapfere, treue Mann! Wie
+wollte sie ihm das danken ihr Leben lang!
+
+Die Magd mahnte noch einmal zur Eile. "Was ist noch aufzuladen?" Hastig
+griff Helene nach diesem und jenem, beladen eilte die Magd die Treppe
+hinunter, rief Gebhard zur Hilfe; wie im Traum nahm er, was ihm
+hingereicht wurde. Die Mutter aber suchte in Eile nach einem Blatt
+Papier, sie mußte ihm noch ein Wort schreiben, das sollte er finden,
+wenn er in sein verödetes Haus zurückkäme, mit einer schweren Last auf
+dem Gewissen, einer Last, die er ihr zuliebe durchs ganze Leben tragen
+mußte. In fliegender Eile schrieb sie mit zitternder Hand: "Komm bald zu
+mir, herzliebster Schatz, hab tausendmal Dank, daß Du uns das Leben
+gerettet hast!" Mitten auf den Tisch legte sie das Blatt, dann noch
+daneben, was ihn stärken sollte, Brot und eine Flasche Wein. Wieder kam
+die Magd unter die Türe: "Jetzt ist angespannt."
+
+"Ich komme!" Sie nahm ihr Kindchen, das liebevoll eingehüllte. Die Magd
+bemerkte Brot und Wein, wollte beides mitnehmen. Helene ließ sie nicht
+an den Tisch. "Das bleibt!" rief sie.
+
+"Kein Wunder, daß die arme, junge Frau ganz verwirrt ist," dachte das
+Mädchen.
+
+Im Hof war alles zur Flucht bereit. Die Hunde sprangen um den Wagen. Sie
+sollten mitlaufen bis zum Haus des Straßenwärters, meinte der Knecht,
+der solle sie aufnehmen. "Aber Leo gebe ich nicht her, den nehme ich
+mit!" erklärte Gebhard. Der Knecht machte Einwendungen. Unmöglich sei
+das auf der langen Reise, bei den überfüllten Zügen. Ein Unverstand wäre
+es. Die Mutter sah ein, daß er recht hatte, aber sie wußte auch, was es
+für Gebhard bedeutete, sich von seinem Leo zu trennen. Der Vater hatte
+ihm vor Jahresfrist das junge Tier geschenkt; ihm gelehrt, es zu
+behandeln; zu einem folgsamen, anhänglichen Kameraden war es
+herangewachsen und von seinem kleinen Herrn unzertrennlich gewesen. Auch
+jetzt standen sie dicht beisammen, Gebhard und sein Hund, sahen sich an
+und das kluge Tier schien zu merken, daß über sein Schicksal entschieden
+wurde. Ein ungewohntes, kurzes Bellen gab es von sich.
+
+Die Mutter wandte sich an den Knecht. "Wir wollen es doch versuchen, ob
+wir Leo mitnehmen können!"
+
+"O ja, bitte, Mutter!"
+
+Der Wagen setzte sich in Bewegung. Das Töchterlein auf der Mutter Schoß,
+weich gebettet, schlief sanft ein. Gebhard saß der Mutter gegenüber. Sie
+hielten bald bei dem Straßenwärter, dann ging die Fahrt weiter, der Bahn
+zu. Längs der Straße zog sich der Wald hin, aus dem jeden Augenblick die
+Feinde auftauchen und die Wehrlosen überfallen konnten. Und in den
+Händen dieser Feinde war der geliebte Mann, der treue Vater.
+
+"Gebhard," sagte die Mutter leise, daß es der Knecht auf dem Bock nicht
+höre, "Gebhard, du hast doch auch gehört, daß der russische Offizier
+gesagt hat: 'auf Offiziersehre.'"
+
+"Ja. Zweimal hat er das gesagt."
+
+"Solch ein Schwur wird doch sicher auch im Krieg gehalten," sagte Helene
+und fügte bei: "Also kommt der Vater sicher morgen oder spätestens
+übermorgen. Wenn es nur schon morgen wäre!"
+
+Gebhard wandte sich ab und sagte kein Wort darauf. Mit fest
+geschlossenem Mund sah er durchs Fenster.
+
+Die Stille bedrückte die Mutter. Sie redete ihn nach einer Weile wieder
+an: "Warum bist du so still, Gebhard? Hast du Angst, daß die Russen aus
+dem Wald kommen? Wir sind jetzt schon nahe der Station, hier ist's nicht
+mehr so gefährlich."
+
+"Ich habe keine Angst."
+
+"Hast du Heimweh nach dem Forsthof? Nach dem Frieden kommen wir alle
+wieder zurück."
+
+Aber Gebhard schwieg und die Mutter sah wohl, daß er kämpfte, die
+Tränen zurückzuhalten, die ihm in die Augen kamen.
+
+Sie streckte die Hand nach ihm aus. "Komm, setze dich neben mich,
+Gebhard; komm her zu mir, sage mir, was dir so traurig ist. Der Vater
+kommt uns doch morgen nach."
+
+Nun kam es unter lautem Schluchzen bebend heraus: "Ich kann mich ja
+nicht auf den Vater freuen. Ich kann jetzt doch den Vater nie mehr lieb
+haben und habe ihn doch so lieb!"
+
+Helene erschrak in tiefster Seele. Sie selbst war so voll Liebe und
+Sehnsucht nach ihrem Mann, sie hatte das innigste Verlangen nach ihm und
+Gebhard, sein geliebter Bub, sprach solche Worte!
+
+"Wie darfst du so reden, Gebhard," rief sie erregt, "wo er doch alles
+nur uns zuliebe getan hat. Er konnte ja auch gar nicht anders!"
+
+"Doch, Mutter, weißt du nicht mehr? Zuerst hat er ganz fest nein gesagt;
+aber dann hast du die Türe aufgemacht und hast gerufen 'rette uns'. Dann
+hat dich der Vater angesehen. O hättest du doch die Türe nicht
+aufgemacht, dann wäre der Vater kein Verräter!"
+
+Die Mutter erblaßte und ließ seine Hand los. Nach einer kleinen Weile
+sagte sie in einem ernsten, fremden Ton: "Wenn der Vater zurückkommt, so
+sage so etwas nie zu ihm, sonst machst du ihn ganz unglücklich. Nie
+sollst du zu irgend jemand wieder so reden!" Dann wandte sie sich ab und
+er fühlte, daß es ihr jetzt lieb wäre, wenn er nicht neben ihr säße,
+ging auf seinen ersten Platz zurück und dachte: "Die Mutter kann mich
+jetzt nicht mehr lieben und ich kann den Vater nicht mehr lieb haben,
+alles, was schön war, ist vorüber." Er saß wieder an seinem
+Fensterplatz, Wald war nicht mehr zu sehen, unbekanntes Land, alles,
+alles anders.
+
+Eine Stunde darnach langten sie an der Station an, waren bald im ärgsten
+Gewühl, hatten aber noch die Hilfe von Knecht und Magd, die erst später
+in anderer Richtung abfahren konnten. Am Schalter drängten sich die
+Leute. Helene verlangte Karten für sich und Gebhard. "Und eine
+Hundekarte."
+
+"Das gibt's jetzt nicht."
+
+"Darf er mit in den Personenwagen?"
+
+"Keine Rede. Wir sind froh, wenn wir die Menschen unterbringen. Weiter!"
+
+Helene wurde von den Nachdrängenden ungeduldig weggeschoben.
+
+Was war nun zu tun mit Leo? Der Knecht tröstete Gebhard, versprach ihm,
+den Hund gut unterzubringen. Und Gebhard sah ein, daß es nicht anders
+sein konnte; die Reisenden umdrängten Mutter und Kinder, im Strom wurden
+sie fortgeschoben, keine Zeit zum Abschiednehmen von den treuen
+Dienstboten, auch nicht von dem geliebten Hund. Ein Winseln hörte
+Gebhard noch--er wußte, das galt ihm.
+
+Eingepfercht in den Wagen saßen unsere Flüchtlinge, mit Mühe hatten sie
+noch Sitzplätze erlangt. Immer mehr Reisende drängten herein. Gebhard
+sah durchs Fenster in das Gewühl. Endlich leerte sich der Bahnsteig,
+das Zeichen zur Abfahrt wurde gegeben und eben in diesem Augenblick sah
+Gebhard plötzlich noch einmal seinen Leo auftauchen. Er hatte sich von
+der Hand des Knechts losgerissen, raste auf den Wagen zu, aus dem
+Gebhard sah, sprang blitzschnell auf und über alle Hindernisse hinweg
+zwischen scheltenden Menschen hindurch bis in das Abteil, wo er sich
+sofort unter den Sitz seines kleinen Herrn duckte und so für sich selbst
+die Frage löste, ob Hunde mitfahren dürften.
+
+Gebhard war so außer sich vor Freude, daß auch Helene, die zuerst über
+den Eindringling erschrocken war, freundlich dem Tier zunickte, das ihr
+gegenüber unter dem Sitz ängstlich hervorsah, nicht ganz sicher, ob es
+geduldet würde. Allerdings versuchte auch ein Herr Einsprache zu
+erheben. "Es gehört sich nicht, daß solch ein großer Hund in den Wagen
+genommen wird." Aber ein älterer Mann ergriff Partei für das Tier oder
+mehr noch für die Familie.
+
+"Freilich gehört sich's nicht," bemerkte er, "aber es gehört sich auch
+nicht, daß so ein junges Frauchen mit dem kleinen Kind flüchten muß. Und
+um eine Flucht wird sich's wohl handeln. Nach Vergnügungsreisenden sehen
+sie nicht aus. Habe ich's erraten?"
+
+Helene konnte nur gegen Tränen ankämpfend mit unsicherer Stimme bejahen.
+
+"Nun also; dann wird Ihnen auch niemand den Hund absprechen; so ein
+treues Tier ist auch ein Schutz."
+
+So blieb der Hund unbeanstandet und bewährte sich auf der Fahrt als
+kluges Tier. "Hast du bemerkt, Mutter, wie Leo so schlau ist und sich
+still hält, wenn der Schaffner hereinkommt?" fragte Gebhard.
+
+Nein, Helene hatte das nicht beachtet. Sie saß in schwere Gedanken
+versunken. Zuerst hatte nur die Sorge sie bedrückt, ob auch gewiß der
+geliebte Mann morgen zurückkäme. Allmählich aber legte sich ihr schwer
+aufs Herz der Gedanke, daß er wohl zurückkommen könnte, aber mit einer
+Schuld auf dem Gewissen, die nie, nie mehr zu tilgen war. Wenn schon
+Gebhard diesen Verrat so tief empfand, wieviel mehr sein Vater! Und dazu
+hatte _sie_ ihn veranlaßt! Sein ganzes Leben hatte sie verdorben!
+
+Und nun kamen noch andere schwere Überlegungen. Sie konnte sich nicht
+entschließen--wie es ihres Mannes Wunsch gewesen--zu seiner Mutter zu
+gehen. Diese war eine tapfere aber auch strenge Frau. Helene fühlte
+nicht den Mut, ihr zu erzählen, was vorgefallen war, und es kam ihr
+unmöglich vor, ihr unter die Augen zu treten. So überlegte sie und
+beschloß, bei ihrem Bruder Zuflucht zu suchen. Er und seine Frau hatten
+sich schon bei Kriegsausbruch freundlich erboten, Helene mit dem
+Töchterchen aufzunehmen. Damals hatte sie sich nicht von ihrem Manne
+trennen wollen. Jetzt war es anders. Sie wollte dorthin, aber wohin
+würde ihr Mann sich wenden?
+
+In diesen Gedanken hatte Gebhards Frage sie unterbrochen. Nun sah er die
+Mutter aufmerksam an und seinem teilnehmenden Blick fiel auf, wie
+verändert sie aussah. Sie hatte doch immer so helle Augen gehabt und
+einen fröhlichen Mund. Nun waren die Augen trübe und der Mund zuckte wie
+von verhaltenem Schmerz. Gebhard dachte an seinen Vater. Wenn der jetzt
+erschiene, ja dann würde die Mutter wieder so strahlend aussehen wie
+sonst. Gerne hätte er das auch so zustande gebracht wie der Vater, aber
+das konnte er nicht; im Gegenteil: daß sie so verändert aussah, war wohl
+seine Schuld; seit dem Gespräch im Wagen war sie so still. Er hätte
+vielleicht das nicht sagen sollen, was er gesagt hatte. Was konnte er
+aber jetzt machen? Lauter fremde Leute saßen herum, man konnte gar
+nichts Liebes zu der Mutter sagen. Eine ganze Weile blieb er still und
+nachdenklich, aber auf einmal kam ihm, was er suchte. "Mutter, unser
+Jüngferlein schläft so sanft, sieh nur, wie rosig ihre Bäckchen sind!"
+
+Die Mutter blickte auf das Kind, streichelte die weichen Bäckchen, aber
+dabei füllten sich ihre Augen mit Tränen.
+
+Auch das Jüngferlein konnte die Freude nicht hervorlocken? Ja, dann
+wußte Gebhard keinen Rat. Es ging eben nicht ohne den Vater!
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+
+Im Verlauf der langen, mühseligen Reise erfuhr Gebhard, daß nicht der
+Großmutter Haus das Reiseziel sein sollte; in der Mutter Heimat, bei
+Onkel und Tante Kurz, sollten sie ihre Zuflucht suchen. Es war eine
+Enttäuschung für ihn; die Großmutter kannte und liebte er, die
+Verwandten der Mutter waren ihm fremd. Helene suchte ihm Lust zu machen.
+"Onkel und Tante haben uns längst eingeladen; sie können uns viel
+leichter aufnehmen als die Großmutter; sie haben ein eigenes Landhaus
+vor der Stadt, mit einem Garten; du wirst sehen, daß wir's gut bei ihnen
+haben."
+
+"Aber wenn der Vater zurückkommt, der wird uns bei der Großmutter
+suchen!"
+
+"Wir schreiben der Großmutter, wo wir sind!"
+
+"Kommt dann der Vater zu uns, weiß er, wo das ist?"
+
+"Aber freilich weiß er das, Gebhard. Bei meinem Bruder und seiner Frau
+war ja unsere Hochzeit, dort hat mich der Vater geholt, weil ich keine
+Eltern mehr habe. Mein Bruder hat mich auch so lieb, weißt du, fast wie
+wenn ich sein Kind wäre. Er ist viel älter als ich." Gebhard überlegte.
+"Ja, dann kann ich das schon begreifen, daß du zu ihm möchtest."
+
+Seufzend ergab er sich.
+
+Nach manchem unfreiwilligen Aufenthalt und schier unerträglicher Fahrt
+kam Helene mit den beiden Kindern am späten Abend an ihrem
+Bestimmungsort an. Wohl hatte sie ihr Kommen angekündigt, aber Tag und
+Stunde voraus anzugeben, war in dieser Zeit unmöglich. So stand sie nun
+in dunkler Nacht, mit den übermüdeten Kindern, mit dem Hund und vielem
+Gepäck auf dem Bahnsteig, und wußte nicht, wie sie nun bis in ihres
+Bruders Haus kommen sollte. Alles an dem Bahnhof hatte ein anderes
+Aussehen als früher. Befremdet sah Helene um sich. Sie hatte nicht
+gedacht, daß auch auf dem Bahnhof dieser kleineren Stadt die Kriegszeit
+sich so bemerklich machte. An ihr vorbei eilte eine weibliche Gestalt in
+großer, weißer Schürze, am Ärmel mit dem Roten Kreuz gezeichnet. Einen
+Eimer heißen Tee am Arm ging sie von Wagen zu Wagen und bot den
+durchreisenden Soldaten die Labung an. Einer derselben, ein
+Landwehrmann, lehnte dankend ab. "Wir haben erst in der vorigen Station
+Tee bekommen, aber wenn Sie sich um die junge Frau mit den Kindern da
+drüben annehmen wollten, die haben mich schon lang gedauert, sie sind
+aus ihrer Heimat vertrieben!"
+
+Die Helferin wandte sich nach der bezeichneten Stelle, sah die hilflose
+Gruppe und ging sofort darauf zu. "Reihen Sie noch weiter, kann ich
+Ihnen helfen?" frug sie Helene. Aber als sie dicht voreinander standen,
+erkannten sich die beiden Frauen. Sie waren einst zusammen in die Schule
+gegangen.
+
+"Ich habe dich gar nicht gleich erkannt, Helene; ist das dein Kindchen?
+Hast du allein reisen müssen? Dein Mann ist wohl einberufen? Du Ärmste,
+du siehst so angegriffen aus. Wirst du nicht abgeholt? Nein? Warte nur
+ein klein wenig, ich helfe dir. Sieh, dort ist eine Bank, setzt euch
+einstweilen!" Sie eilte wieder an den Zug, da und dort wurde sie
+angerufen und um Tee gebeten.
+
+Ein blutjunger Freiwilliger reichte eine Postkarte heraus, bat, man
+möchte ihm die Liebe erweisen, sie einzuwerfen, weil seine Mutter sich
+gar so sehr um ihn sorge. So war sie voller Tätigkeit, bis der Zug
+wieder davon fuhr. Dann aber eilte sie zu der kleinen Gruppe müder
+Menschen, die auf sie harrten, und es gelang ihr, einen Wagen für sie
+aufzutreiben und sie samt Gepäck und Hund glücklich darin
+unterzubringen. "Zu Fabrikant Kurz," lautete die Anweisung für den
+Kutscher.
+
+Die Fahrt ging durch dunkle Straßen, denn an den Laternen wurde gespart
+in dieser Kriegszeit. Fast Mitternacht war es, bis sie am Haus hielten,
+aber doch war ein Fenster noch erleuchtet und wurde bei dem Anfahren des
+Wagens geöffnet. "Wer kommt?" rief eine Stimme von oben. "Wir sind's,
+Bruder!"
+
+Einen Augenblick später wurde die Haustüre geöffnet und der Bruder,
+Fabrikant Kurz, hieß seine nächtlichen Gäste willkommen. "Verzeih, daß
+wir euch so spät bei Nacht ins Haus fallen," sagte Helene, "es ließ sich
+nicht ändern."
+
+"Es ist für mich nicht spät, ich habe jetzt oft bis in die Nacht hinein
+zu arbeiten. Aber gehört denn der Hund auch zu euch? Den habt ihr mit
+hieher gebracht?" Mißfällig betrachtete er Leo, der sich an Gebhard
+drängte.
+
+"Es ist Gebhards Liebling, sie sind so anhänglich aneinander!" Herr Kurz
+beachtete jetzt erst seinen kleinen Neffen.
+
+"Das ist also Gebhard? Wir waren eigentlich der Meinung, er käme zu
+seiner Großmutter; aber kommt nur herauf, es sind zwei Gastzimmer
+gerichtet. Was ist mit deinem Mann, ist er einberufen?"
+
+"Nein; er wird bald nachkommen."
+
+"Warum hat er dich nicht auf der langen Reise begleitet? Muß er noch im
+Forsthaus bleiben?"
+
+Helene zögerte mit der Antwort. "Ich erzähle dir das morgen. Wir sind so
+müde, wenn wir uns vielleicht gleich legen dürften!"
+
+"Ihr müßt doch vorher essen!"
+
+"Danke, wir bekamen unterwegs was wir brauchten, nur Ruhe möchten wir."
+
+Der Hausherr hatte dem Stubenmädchen geklingelt, das erschien nun um an
+Stelle der Hausfrau, die nicht gestört werden sollte, für die Gäste zu
+sorgen.
+
+Ein schönes Gastzimmer mit allen Bequemlichkeiten war für Helene
+gerichtet, auch ein Kinderwagen stand bereit. Gerührt dankte sie dem
+Bruder für diese Fürsorge. Die Kleine, die schlafend angekommen war,
+erwachte jetzt und fing kräftig an zu schreien. Der Hausherr, der selbst
+keine Kinder hatte, sah ratlos auf das kleine, ungebärdige Wesen, befahl
+dem Mädchen alles weitere zu besorgen und wünschte der Schwester gute
+Nacht. Gebhard nahm er mit sich, Leo folgte. "Wenn nur der Hund die
+Nachtruhe nicht stört!" sagte der Onkel, während sie die Treppe hinauf
+gingen.
+
+"Vor meiner Tür wird er gewiß ruhig liegen bleiben," versicherte
+Gebhard.
+
+"Das wird sich zeigen. Wenn Hunde in fremde Umgebung kommen, heulen sie
+oft. Mich wundert, daß dir dein Vater erlaubt hat ihn mitzunehmen!"
+
+"Der Vater war gar nicht da, als wir abgereist sind." Gebhard hatte das
+kaum gesagt, so merkte er, daß er besser darüber geschwiegen hätte.
+
+"Wo ist denn dein Vater?" Was sollte Gebhard darauf antworten? Er wußte
+es nicht.
+
+"Ich meine wo dein Vater war, als ihr flüchten mußtet? Blieb er im
+Forsthaus zurück?"
+
+"Nein." Die sichtliche Verlegenheit des Knaben fiel dem Manne auf. Es
+mußte etwas geschehen sein, was Mutter und Sohn nicht gern sagten.
+
+Er wollte nicht weiter in das Kind dringen. Im oberen Stock des Hauses
+war ein zweites Gastzimmer bereitet, fein und vornehm war auch hier die
+Einrichtung. "Kommst du allein zurecht?" fragte der Onkel, "oder soll
+ich dir das Stubenmädchen heraufschicken?"
+
+"Nein danke, ich kann alles allein machen. Aber bitte, Onkel, wenn ich
+Leo eine Strohmatte oder eine Decke vor meine Tür legen dürfte; er
+versteht dann, daß er da hingehört."
+
+Es fand sich eine Matte und der Hund nahm verständig seinen Platz ein.
+Onkel und Neffe wünschten sich gute Nacht. Gebhard lag bald in dem
+feinen Gastbett. Aber unter dem fremden Dach in dem einsamen
+Schlafgemach überfiel ihn ein bitteres Heimweh und trotz aller Müdigkeit
+konnte er nicht einschlafen. So weit, weit weg war er vom Forsthaus! Und
+der Vater, wo war der? Der Vater, von dem man jetzt gar nicht reden
+konnte, während man früher so stolz auf ihn war! Dem kleinen Burschen
+war zumute, wie wenn ihm der Boden unter den Füßen wankte, da mit der
+Heimat zugleich die klaren Verhältnisse der glücklichen Kinderzeit
+schwanden, in denen er festgewurzelt war.
+
+Wenn wenigstens die Mutter nebenan schliefe oder etwas von der Kleinen
+zu hören wäre, aber gar so einsam war es hier oben! Lange wehrte sich
+Gebhard als tapferer, kleiner Mann gegen die Tränen; endlich kamen sie
+doch, das Schluchzen ließ sich nicht mehr unterdrücken und schüttelte
+seinen Körper.
+
+Mitten in der nächtlichen Stille wurde ein Laut hörbar. Gebhard setzte
+sich auf, lauschte und vernahm ein leises Winseln vor der Türe. Sicher
+hatte das wachsame Tier seines kleinen Herrn Schluchzen vernommen und
+war beunruhigt. Oder hatte es selbst Heimweh? Noch einmal derselbe
+ungewohnte Laut. Es klang so traurig! Da mußte Gebhard trösten. Er
+tastete sich in der Finsternis an die Türe und hatte kaum einen Spalt
+geöffnet, so zwängte sich der Hund herein und drängte sich mit freudigem
+Bellen an seinen Herrn.
+
+"Still, still!" mahnte Gebhard und das gut gezogene Tier verstummte
+sofort, aber es wedelte und bezeugte seine größte Freude. "Ja, ja, du
+darfst hier bleiben," flüsterte Gebhard, "du hast Heimweh; komm her!" Er
+holte leise die Matte herein und legte sie neben sein Bett. "So, dann
+sind wir beisammen, ganz nahe. Leg dich!"
+
+Vom Bett aus konnte Gebhard seinen Leo streicheln. Nun wich das Gefühl
+der Einsamkeit, vorbei war's mit den nächtlichen Tränen. Schon nach
+wenigen Minuten hatten die beiden guten Kameraden den Schlaf gefunden.
+
+In der Frühe des nächsten Morgen, noch ehe es heller Tag war, schreckte
+Helene auf durch ein Klingeln an der Haustüre. Wer kam so frühe? Sicher
+ihr Mann oder doch eine Nachricht von ihm! Im Nu warf sie einen
+Morgenrock um, eilte hinaus an die Treppentüre, denn sie selbst wollte
+ihm öffnen, ihn hereinführen in ihr Zimmer, ihn lieb haben.
+Ach--beschämt stand sie vor dem Milchmann und vor dem Küchenmädchen, die
+beide mit erstaunten Augen auf die junge Frau schauten; ohne ein Wort
+kehrte sie in ihr Schlafzimmer zurück.
+
+Das war die erste Enttäuschung und es folgten jede Stunde neue, denn der
+sehnlich Erwartete kam nicht, und keine Post brachte Nachricht von ihm.
+
+Bruder und Schwägerin ließen sich's einen ganzen Tag gefallen, im
+Unklaren zu bleiben über das Schicksal, das die Familie Stegemann
+getrennt hatte; sahen sie doch, wie verstört Mutter und Sohn waren und
+daß sie sich nicht entschließen konnten, von dem Erlebten zu sprechen.
+Die Schwägerin war eine gutmütige Frau, hatte Helene lieb und wollte,
+daß die Vertriebenen sich wohl fühlten in ihrem Haus. Es war ja auch
+alles in Hülle und Fülle da und keine Kriegsnot zu verspüren; denn in
+der Kurz'schen Fabrik, die in Friedenszeit allerlei feine Stahlwaren
+herstellte, wurden nun Granaten gemacht; der Betrieb war Tag und Nacht
+im Gang und es ging mehr Geld ein als je in früheren Zeiten. Viele
+beneideten die Familie Kurz und wollten ihr den wachsenden Reichtum
+mißgönnen. So kam es dem Fabrikherrn und seiner Frau ganz erwünscht, daß
+die Vertriebenen bei ihnen Zuflucht suchten. Jedermann konnte nun sehen,
+daß von diesem Reichtum guter Gebrauch gemacht wurde. Aber unbequem
+waren die Fragen der Bekannten nach den Schicksalen der jungen Familie,
+nach dem Verbleib des Försters Stegemann. Was sollte man antworten, wenn
+man selbst nichts wußte?
+
+Herr Kurz sprach mit seiner Frau. "So kann das nicht weiter gehen;
+Helene weicht allen Fragen aus und sieht gleich so unglücklich aus, daß
+ich nicht in sie dringen mag; und der Bub hat etwas trotzig
+Zurückhaltendes, das einem die Lust nimmt, ihn zu fragen. Helene schrieb
+immer so beglückt über ihn, rühmte sein offenes, zutunliches Wesen. Ich
+finde nichts davon und wollte, er wäre samt dem Hund anderswo
+untergebracht. Aber nun, da er bei uns wie ein Kind vom Haus aufgenommen
+ist, kann man wenigstens von ihm Antwort auf berechtigte Fragen
+erwarten. Nimm du ihn einmal vor. Er soll sagen, wo sein Vater ist. Ich
+will das wissen."
+
+"Du hast ganz recht, habe nur Geduld, ich will es schon herausbringen,"
+sagte Frau Kurz beschwichtigend. An diesem Tag, während ihr Mann in der
+Fabrik war, und Helene auf Zureden der Schwägerin sich auf ihr Ruhebett
+gelegt hatte, ergab sich's, daß Tante und Neffe allein beisammen waren
+und sie benützte die Gelegenheit, brachte die Sprache auf das Forsthaus,
+fragte, ob dieses nun ganz leer stehe, ob wohl Gebhards Bücher und
+Spiele alle mitgekommen seien oder sie ihm neue kaufen solle. Da wurde
+Gebhard vertraulich und mitteilsam; schilderte, wie hastig Hab und Gut
+aufgepackt worden seien und daß das meiste zurückgeblieben sei.
+
+"Was dir oder der Mutter fehlt, werde ich euch alles neu kaufen," sagte
+die Tante gütig, und der kleine, wohlerzogene Mann küßte ihr dankbar die
+Hand. Nun fragte die Tante weiter: "Hat dein Vater seine eigenen Sachen
+selbst aufgepackt, und hat er euch begleitet bei der Abfahrt?"
+
+"Nein," sagte Gebhard und wandte sich schon von der Tante ab, der Türe
+zu. Sie merkte, er wollte weiteren Fragen ausweichen. Aber so hatte sie
+es nicht gemeint. Sie griff nach seiner Hand. "Nun bleibe noch da,
+Gebhard, und erzähle mir ganz genau, wann dein Vater fortgegangen ist,
+warum und wohin. Das müssen wir wissen, dein Onkel und ich."
+
+Da Gebhard schwieg, fuhr sie fort: "Die Mutter ist doch so traurig, das
+siehst du ja und wenn sie über den Vater spricht, regt es sie auf, darum
+will ich sie nicht fragen. Willst du ihr das abnehmen und ihr zulieb mir
+alles sagen?"
+
+"Nein, ich kann nicht!" rief Gebhard gequält und wollte entweichen. Aber
+die Tante hielt ihn fest.
+
+"Weißt du, daß du recht unartig bist? Nun haben wir die Mutter mit der
+Kleinen und dich und sogar deinen Hund mitten in der Nacht bei uns
+aufgenommen und sorgen für euch, weil ihr gar keine Heimat habt und du
+willst mir nicht einmal anvertrauen, wo der Vater ist? So undankbar
+willst du sein?"
+
+"Nein, ich will nicht undankbar sein, aber ich kann's nicht sagen," rief
+der Knabe entschieden und suchte sich loszumachen. Frau Kurz verlor die
+Geduld, packte ihn fest und rief: "Gebhard, du mußt!"
+
+Da riß er sich mit Gewalt los, rief in heller Verzweiflung: "Ich will
+die Mutter fragen, ob ich muß," und stürzte aus dem Zimmer, hinüber in
+das der Mutter. Die schrak aus ihrer Mittagsruhe auf, als Gebhard
+ungestüm auf sie zukam und laut schluchzend rief: "Mutter, muß ich den
+Vater verraten? Muß ich?" Erschreckt zog Helene das ganz erschütterte
+Kind an sich und wollte ihm tröstend zusprechen, aber durch die
+offengebliebene Türe war die Tante dem Flüchtling gefolgt und hatte
+Gebhards Ausruf gehört. "Du hast ihn ja schon verraten," sagte sie, "geh
+jetzt hinaus, ich weiß genug. Geh in dein Zimmer, du machst ja dein
+Mütterchen noch krank mit deinem Ungestüm!"
+
+Beschämt und traurig zog Gebhard sich zurück. In seinem Zimmer saß er
+still, wußte nicht, wie es gekommen war, daß die Tante sagen konnte, er
+habe den Vater verraten und er mache die Mutter krank, mochte sich
+selbst nicht mehr leiden und wußte sich keinen Rat.
+
+Inzwischen hatte Frau Kurz sich neben die junge Schwägerin gesetzt,
+tröstete sie freundlich und brachte allmählich durch teilnehmende
+Fragen und dringendes Zureden alles heraus, was sie wissen und ihrem
+Mann berichten wollte.
+
+Dieser empfand wohl volle Teilnahme für seine Schwester, aber er dachte
+auch an sich selbst, an die Familienehre und an das Geschäft. Es war
+eine böse Sache. Er fürchtete, die militärischen Aufträge könnten ihm
+entzogen werden, wenn des Schwagers Verrat ruchbar würde. Aufgeregt ging
+er in seinem Zimmer auf und ab, während er seiner Frau diese Gefahr
+auseinander setzte. "Nie hätte ich gedacht, daß durch Stegemann Unehre
+in die Familie käme. Wie sah Helene an ihm hinauf, wie stolz sprach sie
+von seinen und seiner Mutter edlen Grundsätzen! Wie wenn die Familie
+Stegemann viel höher stünde als unsere eigene! Nun, wenn wir auch
+nüchterne Leute sind und unsern Geschäftsvorteil wahren, einen
+Vaterlandsverräter haben wir doch nie in unserer Familie gehabt!"
+
+"Sprich nur nicht laut davon," mahnte seine Frau, "das bleibt ganz
+verschwiegen. Ich glaube nicht, daß ihn die Russen frei gegeben haben
+und wenn ja, dann kann er nicht wagen, sich in Deutschland blicken zu
+lassen, nach dem was er getan. Mach dir keine Sorgen. Wer sollte das
+verraten? Helene nicht und der Bub auch nicht, auf den kannst du dich
+verlassen!"
+
+So beruhigte sie ihren Mann. Und es kam so, wie sie gesagt, niemand
+erfuhr mehr von dem Vermißten als was sie selbst von ihm aussagten: er
+sei im Krieg und man warte vergeblich auf Nachrichten.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+
+Die Tage, die Wochen vergingen--vom Förster Stegemann drang keine Kunde
+zu seiner Frau. Sie lebte still und eingezogen. Vom Krieg wollte sie
+nichts hören, nichts lesen und wenn jemand sie darauf hinwies, daß gar
+viele Frauen ihre Männer, ihre Söhne vermissen mußten, so war ihr das
+kein Trost. Andere Frauen durften stolz sein auf das, was ihre Männer
+taten fürs Vaterland--sie mußte sich schämen; die andern waren
+unschuldig--sie hatte eine Schuld auf dem Gewissen. Wenn Gebhard sie
+traurig ansah, mußte sie an sein Wort denken: Hättest du die Türe nicht
+aufgemacht!
+
+Gebhard ging in die Schule, aber er stand einsam unter den Mitschülern,
+fremd dem Lehrer gegenüber. Der sprach von Krieg und Sieg, von
+Vaterlandsliebe und Heldentod--das konnte Gebhard nur mit bitterer Scham
+anhören; und wenn die Kameraden von ihren Angehörigen im Feld erzählten,
+dann hatte er Angst vor ihren Fragen, ging ihnen aus dem Weg, spielte
+lieber daheim mit Leo, seinem treuen, schweigsamen Freund aus der alten
+Heimat.
+
+Eines Abends, als er still und später als sonst an seinen Schulaufgaben
+in dem Zimmer neben dem Eßzimmer saß und ihn wohl niemand dort
+vermutete, hörte er Onkel und Tante sprechen, was nicht für ihn bestimmt
+war. Der Onkel sagte: "Das Beste wäre, Stegemann bliebe verschollen, er
+würde doch nur Schande bringen in unsere Familie."
+
+"Ja," sagte die Tante, "aber ich denke, er ist längst tot, wenn man es
+nur bestimmt erfahren könnte."
+
+Da tat dem kleinen Burschen nebenan das Herz so weh, wie noch nie und er
+fühlte, wie lieb er seinen Vater hatte, trotz allem was geschehen war,
+und daß er ganz zu ihm gehörte. Und ein Zorn kochte in ihm auf gegen die
+Menschen, die den Vater gern gestorben wüßten. Aber er durfte ja nichts
+sagen, denn gar oft schon hatte die Mutter ihm vorgehalten, wie dankbar
+sie gegen Onkel und Tante sein müßten.
+
+In diesem Augenblick kam die Mutter zu ihm herein, hatte ihr Töchterchen
+im weißen Nachtgewand im Arm und zeigte sie Gebhard: "Sieh, wie die
+Kleine nett aussieht, sie soll noch der Tante gute Nacht sagen, komm
+mit."
+
+Ungern folgte Gebhard. Im Eßzimmer wurde der kleine Liebling bewundert.
+Der Onkel, der für gewöhnlich um diese Zeit nicht da war und das Kind
+selten sah, freute sich an dem netten Anblick, wollte auch der Mutter
+eine Freude machen und sagte schmeichelnd zu der Kleinen: "Willst du
+denn auch einmal zu mir kommen, mein schönes Jüngferlein?"
+
+"Nein, sie soll nicht!" rief plötzlich mit rotem Kopf in aufbrausendem
+Zorn Gebhard. Erschrocken wandten sich alle nach ihm um, aber er achtete
+nicht auf die vorwurfsvollen Blicke. "Es ist nicht dein Jüngferlein,"
+rief er, "es ist dem Vater sein Jüngferlein, und mir gehört sie auch
+mit. Gib sie mir, Mutter, mir, nicht dem Onkel!" Er drängte sich an die
+Mutter, die ganz blaß geworden war. "Was fällt dir ein, Gebhard!" und
+sie wandte sich an den tief gekränkten Bruder: "Verzeih, ich weiß gar
+nicht, was dem Kind in den Sinn kommt!"
+
+Die Schwägerin sah, wie ihrem Mann der Zorn aufstieg. Sie wandte sich an
+Helene: "Wenn du irgend etwas von Erziehung verstehst, so mußt du das
+Töchterchen dem Onkel geben und mußt den unartigen Jungen zur Türe
+hinausstecken!"
+
+"Ja freilich, du hast ganz recht," sagte Helene. Sie sah ein, daß sie
+einen solchen Ton nicht dulden durfte, aber sie fühlte durch, und sah es
+Gebhard an, daß er tief erregt war, und er tat ihr so leid. Sie konnte
+ihn nicht verstehen. Es war doch gar nichts vorgefallen, was ihn so
+aufbringen und seine Rede entschuldigen konnte. So zog sie das Kindchen
+zurück, nach dem er noch immer begehrte, reichte es dem Onkel hin, und
+sagte unsicher: "Ich muß dich aus dem Zimmer weisen, Gebhard!" Er sah
+sie einen Augenblick erstaunt an, weil er so etwas noch nie von ihr
+erfahren hatte, dann folgte er ohne Widerspruch. Unter der Türe blickte
+er noch einmal zurück und sah die Mutter mit Onkel und Tante beisammen
+stehen, das Schwesterchen auf des Onkels Arm. Da war's ihm, als gehörten
+diese vier zusammen, er aber gehörte nicht zu ihnen, sondern zu dem
+armen, armen Vater, der so weit fort war und den er doch über alles in
+der Welt liebte.
+
+So wuchs allmählich eine Scheidewand zwischen ihm und der Mutter auf. Es
+fehlte der Vater, der die beiden so innig verbunden hatte.
+
+Aber es kam Hilfe von anderer Seite. Frau Dr. Stegemann, Gebhards
+Großmutter, kannte Helene nur wenig, aber sie hatte sie vor Jahr und Tag
+herzlich als Schwiegertochter willkommen geheißen, manchen Brief mit ihr
+gewechselt und sich innig gefreut über das Glück, das sie ihrem Sohn und
+Enkel von Herzen gönnte. Sie konnte sich vorstellen, wie schwer die
+junge Frau unter der Trennung von dem Gatten leiden mußte. Aber sie
+begriff nicht, warum die Schwiegertochter ihr jetzt nur selten und kurz
+schrieb, ihr, der Mutter, die doch am besten mit ihr fühlen konnte und
+die längst gebeten hatte, ihr die genaueren Umstände über die
+Verschleppung ihres Sohnes zu berichten. Die Schwiegertochter
+entschuldigte sich damit, daß es sie zu sehr angreife, von diesem
+schrecklichsten Tag ihres Lebens zu erzählen; aber Frau Dr. Stegemann
+gab sich nicht länger mit diesem Bescheid zufrieden. Als es Winter wurde
+und immer dieselben dürftigen, traurigen Briefe kamen, schrieb sie der
+Schwiegertochter, wofern sie und die Kinder gesund seien, möge sie mit
+ihnen in Gebhards Weihnachtsferien zu ihr kommen. Es klang mehr wie ein
+Verlangen als wie eine Bitte oder Einladung.
+
+Helene zeigte den Brief ihren Geschwistern.
+
+"Du hättest deiner Schwiegermutter längst den ganzen Sachverhalt
+mitteilen sollen," meinte der Bruder, "sie als Mutter kann erwarten, daß
+ihr nichts vom Schicksal ihres Sohnes verschwiegen wird."
+
+"Aber es kann ihr doch nur schrecklich sein! Sie hat uns bei Beginn des
+Krieges voll glühender Vaterlandsliebe geschrieben. Und dann--ich traue
+mich nicht, ihr zu sagen, wie das alles gekommen ist, sie wird mich
+verachten, denn sie ist so eine tapfere, strenge Frau!"
+
+Die Schwägerin fiel ihr ins Wort: "Immer quälst du dich wieder so
+unnötig mit Vorwürfen. Jede Frau hätte so wie du für ihr und ihrer
+Kinder Leben gebeten!"
+
+"_Sie_ nicht!" sagte Helene bestimmt. Der Bruder wurde ärgerlich. Er war
+immer ein wenig eifersüchtig gewesen und hatte nie recht vertragen
+können, daß seine geliebte Schwester eine so hohe Meinung von der
+Familie Stegemann hatte.
+
+"Du bist nicht schuld," sagte er; "ein Mann muß selbst wissen, was er zu
+tun hat; es wäre ohne deine Einrede wohl alles ebenso gegangen!"
+
+Aber jetzt ereiferte sich Helene. "Nein, nie, ganz gewiß nicht. Ich
+begreife mich selbst nicht mehr, warum ich nicht lieber mit meinem Kind
+sterben wollte: der Tod ist nicht das schlimmste!"
+
+Sie brach in Tränen aus. Der Bruder suchte sie zu beruhigen. "Du
+brauchst deiner Schwiegermutter nicht zu erzählen, was _du_ bei der
+Sache gesprochen hast. Darüber schweigst du einfach!"
+
+"Ach, das kann ich nicht, wenn sie mich mit ihren klaren Augen ansieht,
+so muß ich die ganze Wahrheit sagen. Sie würde es doch gleich merken,
+daß mir noch etwas auf der Seele liegt."
+
+"Ei, so bleibe hier!" riet die Schwägerin. "Schicke ihr Gebhard allein,
+sage, du könnest mit der Kleinen im Winter nicht reisen und ohne das
+Kind nicht fort. Zwar wäre sie ja bei mir und dem Mädchen wohl versorgt,
+aber es ist doch eine gute Ausrede; versprich deinen Besuch fürs
+Frühjahr, dann wollen wir weiter sehen."
+
+"Ja, das wird das Beste sein," sagte der Bruder, "sie kann die
+Winterreise und dazu solch eine Aufregung nicht von dir verlangen und
+Gebhard wird sehr gern zu seiner Großmutter gehen mit seinem Hund,
+na--er kann auch ganz dort bleiben, wenn sie es wünscht."
+
+"Er wird sich nicht gern von mir trennen wollen!"
+
+"Das bildest du dir ein, so ist er nicht."
+
+"Meinst du?" Nachdenklich fügte sie hinzu: "Ja, es kann sein, daß er
+mich nicht vermißt. Es ist alles nicht mehr so, wie es war. Aber dann
+werden wir uns ganz fremd!"
+
+"Du mußt dich an dein Töchterchen halten, das wird alle Tage netter und
+gehört dir ganz und gar."
+
+Aber die junge Mutter konnte sich nicht gleich mit dem Gedanken trösten,
+daß ihr der kleine Liebling blieb. Es tat ihr weh, zu denken, Gebhard
+werde sie nicht vermissen. Sie war doch so stolz gewesen auf des Knaben
+Liebe und seine rührende Verehrung.
+
+"Ich will selbst Gebhard die Einladung der Großmutter ausrichten," sagte
+der Bruder, die Beratung abschließend. "Ruhe du dich ein wenig aus und
+dann schreibe deiner Schwiegermutter. Gebhard ist ja bei ihr gut
+versorgt und für dich wird es so am besten sein, meinst du nicht?"
+
+"Ich weiß nicht," sagte Helene, "aber ich will es so machen, wie ihr
+meint, ich danke euch, ihr seid so nachsichtig gegen mich."
+
+Sie ging in ihr Zimmer und tat, wie man ihr geraten, legte sich auf ihr
+Ruhebett. Ach, sie meinten es so gut mit ihr, aber sie hatten ja gar
+keine Ahnung, wie traurig sie war, wie heiß ihre Sehnsucht nach dem
+verlorenen Glück.
+
+Herr Kurz hatte es gut verstanden, Gebhard die Reise zur Großmutter
+verlockend darzustellen. Davon, daß er vermutlich dauernd bei ihr
+bleiben sollte, hatte er nichts erwähnt, das hatte noch Zeit. So behielt
+der Onkel recht. Gebhard war nur vergnügt über die Einladung für die
+Weihnachtsferien, dachte gar nicht an die Trennung von der Mutter. Es
+war ja natürlich, daß das Kind sich freute zur Großmutter zu kommen, die
+in den Jahren der Einsamkeit im Forsthaus treulich jeden Sommer gekommen
+war und ihm längst nahe stand, ehe Helene zur Familie gehörte.
+
+Heute ging die Mutter mit ihm hinauf in sein Zimmer, um mit ihm
+einzupacken. Frohgemut reichte er ihr zu, was sie verlangte, aufmerksam
+verfolgte Leo dieses ungewohnte Treiben. "Jetzt deine Schulbücher,
+Gebhard?"
+
+"Soll ich die mitnehmen?" Verwundert sah er die Mutter an und bedenklich
+klang seine Frage: "Muß ich denn lernen in den Weihnachtsferien?"
+
+"In den Ferien nicht, aber nachher, wenn die Schule wieder anfängt, mußt
+du doch deine Bücher haben."
+
+"Nach den Ferien komme ich doch wieder hieher?"
+
+"So war's nicht gemeint, Gebhard. Die Großmutter wird dich gerne
+behalten. Hat dir davon der Onkel nichts gesagt?"
+
+"Nein." Er wurde sehr nachdenklich. Die Mutter stand vor dem Koffer,
+hatte die Hand ausgestreckt nach den Schulbüchern, die nicht kamen. Sie
+sah, wie Gebhards Gesicht trübselig wurde. Jetzt schmiegte er sich an
+sie. "Mutter, kannst du nicht mitkommen zu der Großmutter? Hat sie bloß
+mich ganz allein eingeladen?"
+
+"Nein, aber das Schwesterchen ist noch zu klein für solch eine
+Winterreise und sie braucht mich doch!"
+
+"Ja, aber Mutter, du hast viel früher einmal zu mir gesagt, wir blieben
+jetzt immer beisammen, der Vater und du und ich; das war so schön. Und
+jetzt ist der Vater fort und dann habe ich auch keine Mutter mehr!"
+
+"O doch, Gebhard, ich bleibe ganz gewiß deine treue Mutter!" Aber
+Gebhard entgegnete trotzig: "So eine Mutter, die nicht bei mir ist,
+hilft mir gar nichts. So eine habe ich immer schon gehabt, im Himmel,
+aber ich möchte eine, die bei mir bleibt."
+
+"Später, Gebhard, kommen wir gewiß wieder zusammen, aber jetzt hast du
+einstweilen die Großmutter. Bei ihr warst du doch früher so gern; und
+hier--warst du denn gerne hier im Haus, bei Onkel und Tante?"
+
+"Nein, gar nicht gern, weil sie den Vater nicht mögen. Neulich haben sie
+so etwas Schreckliches über den Vater gesagt, das darfst du gar nicht
+hören, Mutter. Darum mag ich sie gar nicht mehr!" Tränen des Zorns
+kamen dem Kind bei der Erinnerung.
+
+"Wann war denn das?"
+
+"An dem Abend, wo der Onkel das Jüngferlein wollte!"
+
+"Ach, damals? Gebhard, sieh, du wirst glücklicher sein bei der
+Großmutter. Sie hat den Vater so lieb und sie nimmt dich mit deinem Leo
+so gerne zu sich!"
+
+"So? hat sie das geschrieben?" Langsam machte er sich von der Mutter
+los. "Da sind meine Schulbücher."
+
+Still vollendeten sie das Geschäft des Einpackens; aber beunruhigt lief
+der Hund hin und her, er merkte, daß Ungewohntes vor sich ging.
+
+"Du darfst mit mir gehen, Leo, sei nur zufrieden, wir zwei trennen uns
+nicht!" Bei diesen Worten nahm Gebhard den schmalen Kopf des Hundes
+zwischen seine Hände. Ein leises Bellen bezeugte das Einverständnis des
+klugen Tiers; es legte sich nun still neben den Koffer, bereit Hab und
+Gut seines kleinen Herrn zu bewachen.
+
+Sie waren fertig, das Zimmer sah öde aus.
+
+"Komm nun, Gebhard," sagte die Mutter und es war ihr wehmütig ums Herz
+in dem leeren Zimmer, "komm, wir wollen nach dem Schwesterlein sehen."
+
+Er griff nach ihrer Hand, sah zu ihr auf und merkte, daß sie traurig
+war. "Mutter," begann er, "jetzt denkst du an den Vater, das sehe ich
+dir immer an. Aber du hast noch dein Jüngferlein, das ist dir doch das
+allerliebste und das bleibt bei dir."
+
+Sie drückte fest seine Hand. Nein, sie hatte jetzt eben nicht an ihren
+Mann gedacht, sondern an den kleinen Mann, der da so liebevoll an ihrer
+Hand ging und sie noch tröstete, obwohl sie ihn von sich schickte.
+
+Schon vor der Zimmertüre hörten sie die Tante, die ihren Spaß hatte mit
+der Kleinen. Die lachte laut und übermütig vor Vergnügen. Das lustige
+Töchterlein--der traurige Bub--es gab der Mutter zu denken.
+
+Am frühen Morgen des folgenden Tags trat Helene in Gebhards
+Schlafzimmer. Er erwachte bei ihrem Eintritt. Frisch und tatkräftig
+stand die Mutter vor ihm, wie schon lange nicht mehr. "Gebhard, steh
+auf, es ist Zeit, daß wir reisen, wir zwei miteinander!" Und als er sie
+mit großen, fragenden Augen ansah, lachte sie hell, setzte sich zu ihm
+auf den Bettrand und sagte: "Ich habe mir heute Nacht gedacht: das
+Jüngferlein ist schnöde, es macht sich gar nichts daraus, wenn ich
+fortgehe, es jauchzt bei der Tante wie bei mir. Aber mein Bub, der
+möchte mich gern bei sich haben; so will ich wenigstens für eine Woche
+mit ihm gehen!" Da wurde die junge Frau stürmisch umarmt und geküßt und
+mußte an ihren Mann denken.
+
+Eine Stunde später waren sie auf der Reise.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+
+Unsere zwei Reisenden waren diesmal allein im Abteil: Leo hatte sich
+nicht eingedrängt; ganz verständig hatte er sich darein gefunden, in dem
+für seinesgleichen bestimmten Raum Platz zu nehmen. Gebhard stand eine
+ganze Weile am Fenster und sah in die Winterlandschaft hinaus; ihm war
+so wunderlich glücklich zu Mute, wie wenn ihm erst jetzt die Mutter
+wieder gehörte. Er hätte nur gern gewußt, wie es ihr ums Herz war! Schon
+einmal hatte er sich nach ihr umgewandt, sie sinnend angeschaut, aber
+nicht die Worte finden können zu einer Frage. Nun sah er sie wieder an.
+
+"Willst du etwas?" fragte sie.
+
+"Nein.--Ja doch. Ich möchte nur wissen, ob es dich nicht friert?"
+
+"Nein; warum meinst du? Kommt es dir kalt vor?"
+
+"Mir gar nicht. Der Onkel meinte nur, du könntest dich erkälten; aber
+gelt, es ist behaglich warm? Heute gefällt mir das Fahren so gut, dir
+auch, Mutter?"
+
+Sie lächelte ihn freundlich an und schob die Reisetasche beiseite, die
+neben ihr lag. "Setze dich zu mir her, Gebhard."
+
+Dieser folgte schnell der Aufforderung und sie rückten nahe zusammen.
+
+"Gelt, das Jüngferlein ist ganz vergnügt bei der Tante?" sagte er.
+
+"Ja freilich, das vermißt uns nicht."
+
+"Das gefällt mir eben so besonders gut, daß ich dich einmal ganz für
+mich allein habe," erklärte er, "da können wir auch vom Vater sprechen,
+wenn wir wollen. Aber die Tante hat gesagt, ich soll dich nicht
+aufregen; also reden wir lieber von etwas anderem. Sie hat mir auch
+Eßvorrat mitgegeben in meine Büchse; wollen wir das einmal ansehen?"
+
+"Ja, sagte die Mutter, schauen wir nach den guten Sachen, das wird mich
+ganz gewiß nicht aufregen." Sie lachte ihn freundlich an.
+
+"Du siehst heute so aus, Mutter, wie früher, so nett." Aber das hätte er
+nicht sagen sollen; denn auf einmal kamen ein paar Tränen in ihre hellen
+Augen. Da packte er schnell die Büchse aus; und weil ihm dabei ein Apfel
+auf den Boden kollerte und während er sich darnach bückte eine ganze
+Anzahl Nüsse folgten, mußte sie lachen und er lachte mit und sie waren
+zum erstenmal fröhlich miteinander ohne den Vater.
+
+Gegen das Ende der Reise, während Gebhard sich schon ungeduldig auf das
+Wiedersehen mit der Großmutter freute, wurde der jungen Frau das Herz
+wieder schwer. Sie hatte sich wohl auf ihres Bruders Zureden
+vorgenommen, nichts davon zu erzählen, daß sie ihren Mann überredet
+hatte, mit den Russen zu gehen, und so durfte sie ja sicher sein, bei
+ihrer Schwiegermutter nur Teilnahme zu finden und keinen Vorwurf zu
+hören. Aber eben dieses Verschweigen und vorsichtige Ausweichen lag
+nicht in ihrer Natur und deshalb bangte ihr vor dem Zusammentreffen mit
+der Mutter.
+
+Helene wußte, daß sie nicht erwartet wurde; nur Gebhard mit seinem
+treuen Gefährten Leo war angekündigt. Als die Reisenden in die
+Bahnhofhalle einfuhren, fiel ihnen die Leere des Bahnsteigs auf. Er war
+für die Menge gesperrt, da in Kürze ein Lazarettzug mit einer großen
+Anzahl Verwundeter ankommen sollte. Eine ganze Reihe Sanitäter mit
+Tragbahren erwartete den nächsten Zug; aber mitten unter ihnen stand
+eine einzelne große Frau in langem Mantel mit warmem Pelzzeug; unter
+ihrem schwarzen Samthut sahen schlichte graue Haare hervor und
+forschende Augen blickten dem einfahrenden Zug entgegen. Dies war Frau
+Dr. Stegemann, die sich bei dem Kommandanten den Zutritt erbeten hatte,
+um ihren allein reisenden Enkelsohn abzuholen.
+
+Gebhard erkannte die Großmutter sofort und eilte auf sie zu.
+
+"Mein lieber, großer Bub!" rief sie, "ich bin froh, daß du zu mir
+gekommen bist. Und dein schöner Leo ist auch da! Nun komm nur gleich,
+wir müssen möglichst schnell den Bahnsteig verlassen."
+
+"Aber die Mutter ist auch hier, ich bin nur vorausgesprungen!"
+
+"Die Mutter? Kommt sie doch mit?"
+
+Ja, sie kam eben zu den beiden und sah deutlich, daß bei dem
+unerwarteten Wiedersehen das ernste Gesicht der Großmutter freudig
+aufleuchtete.
+
+"So kommst du doch," sagte sie und streckte der jungen Frau die Hand
+entgegen, "dann ist ja alles schön und gut; wir gehören doch zusammen in
+dieser Zeit!"
+
+Das empfand auch Helene in diesem Augenblick. Wie wenn sie ihrem Manne
+näher wäre, so war ihr zumute. Sie hatte gar nicht mehr gewußt, daß
+Mutter und Sohn ganz die gleichen, klaren, seelenvollen Augen und
+dieselbe tiefe Stimme hatten. Sie gingen miteinander hinaus auf den
+Bahnhofplatz. Dort war die Haltestelle der Elektrischen; das Mitnehmen
+von Hunden war aber nicht gestattet.
+
+"Kann Leo nachspringen?" fragte die Großmutter.
+
+"Er kann wohl," sagte Gebhard, "aber der Vater läßt ihn nie gern neben
+dem Wagen springen."
+
+"Dann gehst du mit ihm zu Fuß; erinnerst du dich des Weges? Du hast ihn
+vor zwei Jahren gemacht."
+
+"Nicht so recht," meinte Gebhard bedenklich.
+
+"Wir sollten vielleicht eine Droschke nehmen und den Hund zu uns
+hereinlassen," schlug Helene vor.
+
+"Bewahre. Ein großer Bub mit solch gutem Hund _sucht_ sich eben seinen
+Weg. Merke auf, Gebhard. Du folgst den Schienen der Elektrischen immer
+zu bis an den Marktplatz. Dann fragst du. Weißt du Straße und Nummer?"
+
+"Jawohl, Johannessteg 5."
+
+Die beiden Frauen stiegen ein und Gebhard ging mit seinem treuen
+Begleiter zu Fuß. Helene wunderte sich über die Großmutter, die dem
+geliebten Enkel gleich Zumutungen machte. Ja, das war wieder die
+Strenge, die sie in Erinnerung hatte; nicht der gutmütige, weichherzige
+Ton, den sie von den Ihrigen daheim gewohnt war. Nun wußte sie wieder,
+warum ihr bange gewesen, und es überkam sie eine beklemmende Angst vor
+der Unterredung, die nicht ausbleiben konnte.
+
+Frau Dr. Stegemann bewohnte den obersten Stock eines Hauses in der
+Altstadt. Die schönen, bequemen Einrichtungen der Neuzeit fehlten dieser
+Wohnung, hingegen war sie geräumig, hatte viele Zimmer, Kammern und
+Gänge. Aus den altmodisch kleinen Fenstern blickte man hinweg über die
+Dächer der gegenüberliegenden Häuser, über Gassen und Straßen hinaus ins
+Weite, wo Gärten und Felder die Stadt begrenzten. Der letzte
+Sonnenstrahl fand noch seinen Weg in die hochgelegene Wohnung.
+
+Außer einem Dienstmädchen hatte Frau Dr. Stegemann noch zwei junge
+Hausgenossinnen, zwei Enkeltöchter, die hier in der größeren Stadt eine
+Töchterschule besuchten. Von ihnen erzählte sie Helene, nachdem sie die
+Elektrische verlassen und dem Haus zugingen, denn beide mochten nicht
+auf der Straße von dem sprechen, was ihre Herzen am meisten bewegte.
+Während sie im Haus angekommen Stockwerk um Stockwerk hinaufstiegen,
+wunderte sich Helene über die Sechzigerin, die nichts von der
+Anstrengung zu merken schien.
+
+"Mutter, wie du steigen kannst!"
+
+"Das macht die Gewohnheit."
+
+"Aber ist dir's nicht lästig? Du dürftest dir's wohl auch leichter
+machen."
+
+"Warum? Ich bleibe gern in der Übung. Solange ich gesund bin, schadet
+mir das Steigen nichts. Es wäre nichts als Bequemlichkeit, wenn ich es
+nicht mehr tun wollte."
+
+Rüstig stieg sie voraus.
+
+Oben angekommen wurden sie vom Dienstmädchen empfangen mit der
+Nachricht, daß ein fremdes Fräulein schon lange auf sie warte und sie
+sprechen möchte. Gleichzeitig kamen eilig und lebhaft die beiden
+Schwestern, Grete und Else, große Mädchen mit blonden Zöpfen und
+frischen, fröhlichen Gesichtern. Sie waren überrascht, statt des
+erwarteten kleinen Vetters ihre Tante Helene zu sehen, die sie nur nach
+dem Bild kannten. "Macht es der Tante behaglich, Kinder," sagte die
+Großmutter zu ihnen, "und du, Helene, laß dich nicht abschrecken, wenn
+es bei mir unruhig zugeht; das ist eben so in diesem Kriegsjahr. Es gibt
+so viele Mädchen, die im Ausland waren und jetzt stellenlos sind, die
+wenden sich an uns 'Freundinnen der jungen Mädchen'. Um so etwas wird es
+sich auch jetzt handeln."
+
+Sie verließ das Zimmer. Helene war verwundert. Sie hatte sich das Leben
+der Großmutter still und abgeschlossen gedacht, merkte jetzt, daß diese
+noch mitten im Leben und Wirken stand und sah bald, daß auch die beiden
+Enkelinnen an allerlei Kriegshilfe teilnahmen und vom Geist der
+Großmutter beseelt waren.
+
+Sie wandten sich jetzt lebhaft an die junge Tante, deren liebliche
+Erscheinung ihnen gar sehr gefiel, halfen ihr ablegen, plauderten
+zutraulich und kamen bald auf das zu sprechen, was sie erfüllte. "Dürfen
+wir dir unsere Vorratskammer zeigen? Wir haben einen ganzen Stoß
+Kinderwäsche genäht für die vertriebenen Ostpreußen und haben Handschuhe
+und Socken für die Soldaten gestrickt, magst du es ansehen?" Gerne
+folgte Helene den eifrigen Mädchen in ihre Stube und ließ sich an das
+altmodische Pfeilerschränkchen führen, in dem allerlei Arbeiten
+aufgestapelt waren. Mitten in dieser Betrachtung kam, von seinem Hund
+begleitet, Gebhard an. Er hatte sich nicht gern von seiner Mutter
+getrennt; denn er wußte, sie war nur ihm zuliebe hieher gekommen, auch
+hatte er so ein unbestimmtes Gefühl, daß ihr bangte vor dem Zusammensein
+mit der Großmutter. So war er im Galopp mit seinem Hund der Elektrischen
+gefolgt, hatte schnell den Weg zum Haus gesucht und trat nun angeregt
+vom raschen Lauf, mit frischen, roten Backen ins Zimmer.
+
+Grete und Else waren gleich für diesen kleinen Vetter eingenommen und
+auch der Hund war ihnen anziehend. Sie hatten noch nie einen solchen als
+Hausgenossen gehabt, wollten mit ihm Bekanntschaft schließen, wichen ihm
+aber doch aus, als er sie beschnüffelte.
+
+Es dauerte aber nicht lang, so streckte sich Leo behaglich mitten unter
+der Gesellschaft aus.
+
+"Jetzt ist er schon heimisch," sagte Gebhard befriedigt, "er merkt, daß
+wir nicht bei Fremden sind; in einem fremden Haus legt er sich nie von
+selbst nieder." Das gefiel den Bäschen und freute Gebhard. Wo er gern
+war und wo es Leo behagte, mußte sich doch auch sein Mütterlein heimisch
+fühlen.
+
+Nach kurzer Zeit kam auch die Großmutter wieder. Sie hatte dem jungen
+Mädchen Bescheid gegeben, das in England Erzieherin gewesen war, in
+reichem Haus, bei einem einzigen Knaben; jetzt war ihr eine Stelle
+angeboten, in einfacher Familie bei vier Knaben. Den jüngsten sollte
+sie selbst ausfahren, das paßte ihr nicht.
+
+"Ich habe ihr Mut gemacht," sagte Frau Dr. Stegemann, "im Krieg muß man
+froh sein, wenn man irgendwo unterschlupfen darf, und übrigens möchte
+ich jetzt lieber zehn Deutsche erziehen als einen Engländer. Und warum
+nicht den kleinen Buben ausfahren? Wir müssen ja froh sein, wenn es
+recht viele deutsche Buben gibt! Sie will es nun versuchen und mir am
+Sonntag berichten wie es geht. Aber nun kommt zum Tee!"
+
+Sie führte die Schwiegertochter über den langen, dunkeln Gang. Helene
+dachte unwillkürlich an die hell erleuchteten Räume in ihres Bruders
+Haus.
+
+"Überall merkt man den Krieg," sagte Frau Stegemann. "Das Petroleum wird
+bei euch auch knapp sein."
+
+"Ich weiß nicht, es war nicht die Rede davon."
+
+"Nicht? Es ist eine große Entbehrung für viele Leute. Manche Familien
+können abends ihr Zimmer gar nicht beleuchten. Für solche ersparen wir
+immer etwas von dem Petroleum, das auf uns kommt. Warum sollten wir auch
+nicht ein wenig im Dunkeln tappen? Unsere Soldaten müssen sich auf ganz
+anders schwierigen Wegen im Finstern zurecht finden."
+
+Gebhard horchte hoch auf bei diesen und ähnlichen Äußerungen der
+Großmutter. Während des einfachen Abendessens erklärten ihm die
+Schwestern, was kriegsmäßig sei und was nicht; was sich die Familie
+zugunsten des Vaterlandes versagte und wie sie beflissen war, sich von
+dem zu nähren, was reichlich vorhanden und in Gefahr war, zu verderben.
+Da nun Else und Grete sahen, wie neu ihm das alles war und daß er
+glühenden Eifer zeigte für alles Gemeinnützige, fragten sie, ob er
+mittun würde, wenn sie nächsten Sonntag mit der Rotkreuzbüchse durch die
+Straßen gingen, um Karten und Blumen zugunsten der Verwundeten
+anzubieten. Er hatte das schon manchmal gesehen, aber nie daran gedacht,
+daß man auch ihn irgendwie für solch vaterländische Tätigkeit brauchen
+könnte. Stolz war er, glücklich über diese neuen Aussichten.
+"Großmutter," rief Else, "das wird fein! Gebhard trägt die Büchse, wir
+die Blumen und wir sagen zu allen, die uns begegnen: 'Hier, unser
+Vetter, ist selbst ein Vertriebener, ein Flüchtling aus Ostpreußen!' Da
+gibt uns jedermann doppelt so gern!"
+
+"Und den Hund nehmen wir auch mit," schlug Grete vor, "er sieht so
+polizeimäßig aus, mit ihm können wir uns in alle Winkel der Stadt
+wagen!"
+
+Die drei verwandten Kinder verbanden sich nach kurzer Bekanntschaft und
+waren glücklich miteinander. Helene staunte, wie schnell Gebhard sich
+heimisch fühlte. Am reichbesetzten Tisch ihrer Geschwister hatte sie ihn
+nie so befriedigt gesehen, wie hier; das Wohlleben hatte ihm weniger
+behagt, als die einfachen Verhältnisse, die er von Hause aus gewöhnt
+war, und wie heimische Luft empfand er die vaterländische Gesinnung, die
+auch im Forsthaus der herrschende Geist gewesen war.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+
+Die Teestunde war vorüber, endlich mußte auch der Augenblick kommen, auf
+den Helene sich gefürchtet hatte, die Aussprache über das, was im
+stillen Herzen beide Frauen mehr beschäftigte als all die Dinge, über
+die sie sich mit den Kindern unterhalten hatten.
+
+"Ich möchte jetzt ungestört ein Stündchen mit Tante Helene sein," sagte
+Frau Dr. Stegemann zu den Schwestern. "Wer etwa kommt und nach mir
+fragt, soll warten oder später wiederkommen. Gebhard kann bei euch
+bleiben; komm, Helene, wir gehen in dein Zimmer."
+
+Aber Helene griff unwillkürlich nach Gebhards Hand und hielt sie fest.
+Die Großmutter sah die fast ängstliche Bewegung der jungen Frau.
+
+"Du möchtest Gebhard mitnehmen?" fragte sie erstaunt.
+
+"O ja, bitte. Wir haben das alles miteinander erlebt."
+
+"So komm mit, Gebhard. Ich zeige dir gleich deine Schlafstätte." Vor der
+Türe wartete der Hund, er schloß sich seinem kleinen Herrn an. Frau Dr.
+Stegemann ging voran, führte ihre Gäste bis an das Ende eines langen
+Ganges. "Hier ist das Gastzimmer, das wird für dich gerichtet, Helene;
+wir wußten ja nicht, daß du kommst. Und hier gegenüber, ist deine
+Kammer, Gebhard, sieh."
+
+Sie traten in eine große, helle Kammer. Ein schlichtes Feldbett stand
+darin. "Wie für einen richtigen Soldaten," sagte die Großmutter, "nur
+daß es ein Kopfkissen und ein Federbett hat. Das bekommen ja die
+Soldaten nicht, aber du bist ja auch noch keiner, sondern willst erst
+einer werden."
+
+"Schlafen sie ganz ohne Federbetten, die Soldaten?" fragte Gebhard
+nachdenklich, "dann will ich's doch auch ohne versuchen."
+
+"Willst du? Das ist recht! Weißt du, Federn sind so etwas weiches,
+warmes, je weniger ein Bub davon wissen will, um so besser."
+
+"Also weg damit!" rief der kleine Mann, "Großmutter, wohin?"
+
+Er packte das Federbett. Aber Helene legte die Hand darauf. "O, bitte,
+Mutter," sagte sie, "es ist doch zu kalt für das Kind, er ist es nicht
+gewöhnt."
+
+"So lassen wir das Bett hier. Du kannst es Nachts damit halten wie du
+willst. Und sieh, da habe ich Platz gemacht für deine Kleider." Sie
+schloß einen großen, altertümlichen Kleiderschrank auf. "Hier herein
+kannst du deine Kleider hängen."
+
+"Ich will ihm helfen, sie einzuräumen," sagte Helene. Ihr war jeder
+Vorwand erwünscht, die Aussprache weiter hinaus zu schieben. Während sie
+nun an den geöffneten Schrank trat, erhob sich Leo, der sich schon neben
+Gebhards Bett gelegt hatte, folgte ihr, wurde unruhig, schob seine Nase
+in den Schrank und fing an, zu winseln. Sie bemerkten alle das
+wunderliche Gebahren. "Was ist da hinten in dem Schrank, Großmutter,"
+fragte Gebhard. Sie griff hinein. "Es sind nur Kleidungsstücke." Sie
+holte von den Haken, was da hing, ein Regenmantel, ein paar
+Sommerkleider; immer aufgeregter folgte der Hund ihren Bewegungen und
+jetzt, da sie wieder ein Kleidungsstück hervorzog, eine Herrnjuppe,
+jetzt sprang das Tier hoch und steckte seinen Kopf hinein. "Ach, das ist
+noch eine Juppe von deinem Vater, ist's möglich, daß er die erkennt?"
+
+"Aber freilich, Großmutter, sieh nur, wie er schnüffelt, wie er sich
+freut und daran zerrt!" Ein Ruck--und der Hund hatte die Juppe auf den
+Boden gezogen. Er legte sich daneben, streckte die Vordertatzen in
+ganzer Länge darüber, wühlte mit Behagen den Kopf in das Kleidungsstück
+und nahm so fest Besitz davon, daß es nicht rätlich schien, es ihm
+wegzunehmen. Gebhard warf sich neben seinem Hund auf den Boden,
+streichelte ihn und redete mit ihm: "Wo ist denn der Herr, wo ist dein
+guter Herr? Leo, denkst du an den Herrn?" Das Tier wedelte.
+
+Gerührt von der Treue des Hundes wandte sich Helene ab, ließ sich
+überwältigt von Sehnsucht und Schmerz auf dem Feldbett nieder und weinte
+bitterlich. Frau Dr. Stegemann setzte sich neben die junge, von
+Schluchzen erschütterte Frau und redete ihr in einem weichen,
+mütterlichen Ton zu, den Helene noch nie von ihr gehört hatte. Da
+schwand allmählich ihre Furcht und es überkam sie der Trieb, der Mutter
+ihres Mannes das ganze Leid anzuvertrauen. Sie raffte ihre Kraft
+zusammen. "Mutter," sagte sie, "es ist ja alles viel, viel
+schrecklicher, als du ahnst!"
+
+"Wie so? Weißt du mehr, als was du mir geschrieben hast? Hast du
+Nachricht von Rudolf? Schlechte Nachricht?"
+
+"Nein, nein; kein Wort habe ich von ihm gehört seit jenem Tag. Aber es
+war anders als du denkst, ich kann es so schwer über die Lippen
+bringen!"
+
+Frau Dr. Stegemann richtete sich stramm auf und der weiche Ton war nicht
+mehr in ihrer Stimme als sie, gefaßt auf die schlimmsten Mitteilungen,
+zur Schwiegertochter sprach: "Rede endlich, Helene. Wir dürfen nicht
+feig sein in dieser harten Zeit. Ich kann alles hören, auch das
+grausamste. Und du mußt jede Wahrheit aussprechen können. Sei doch auch
+tapfer, was hilft das Weinen?"
+
+Bei diesen Worten stand Gebhard, der neben dem Hund gelegen, auf, trat
+rasch an Helenens Seite und streichelte ihre Hand. "Großmutter," rief
+er, "die Mutter kann nicht so tapfer sein wie du meinst, der Vater hat
+mir gesagt, sie ist nicht aus so hartem Holz geschnitzt wie wir
+Stegemanns. Man muß sie immer ganz zart behandeln!" Da schlang die junge
+Frau den Arm um ihren Verteidiger und sagte zu ihm: "Die Großmutter hat
+aber doch recht und ich will ja auch, daß sie alles erfährt. Gebhard,
+erzähle du es, du warst ja dabei und du mußt nicht immer so weinen, wie
+ich!"
+
+"Ja," sagte Gebhard, "die Großmutter darf das wissen, sonst niemand auf
+der Welt!"
+
+Der kleine Mann gab sich einen Ruck, daß er stramm da stand und fing an:
+"Großmutter, so war's: Zuerst kam ein deutscher Offizier mit fünf
+Soldaten und besprach etwas ganz im geheimen mit dem Vater. Einstweilen
+kochten die Soldaten auf unserm Herd und wir halfen ihnen. Dann sagte
+uns der Vater, er müsse sie begleiten, aber kein Mensch dürfte wissen
+wohin. Sie zogen bei Nacht miteinander fort. Am nächsten Tag kam der
+Vater allein zurück und sagte, wir müßten schnell fliehen, die Russen
+könnten bald kommen. Wir fingen gleich an, unsere Sachen auf die Wagen
+im Hof zu laden, aber mitten hinein kam ein ganzer Trupp Russen mit
+einem Offizier. Sie gingen die Treppe hinauf und ich ihnen nach. Im
+Wohnzimmer war der Vater, aber die Mutter mit dem Jüngferlein war nicht
+da. Der russische Offizier fragte, wohin die deutsche Patrouille
+gegangen sei, die heute Nacht im Forsthaus eingekehrt sei und die der
+Vater begleitet habe. Ich weiß nicht mehr genau, was der Vater zuerst
+sagte, aber als der Offizier verlangte, er solle mit ihm gehen und ihn
+denselben Weg führen, da sagte der Vater: "Nein, ich bin ein guter
+Deutscher und werde nicht zum Verräter." Aber der Offizier hat ihm
+gesagt: er könne doch nichts machen gegen so viele und er hat ihm
+versprochen, er dürfte gleich wieder heimkommen, und uns allen solle gar
+nichts geschehen; aber wenn er ihnen den Weg nicht zeige, müßten wir
+alle sterben. Der Vater hat aber nicht nachgegeben und es war
+schrecklich, wie zornig da der Offizier geworden ist, und weil ich auch
+gerufen habe, der Vater soll nichts verraten, haben mich die Soldaten
+ganz wütend gepackt und fest gehalten, da oben am Arm, wo es so weh tut,
+und ich habe vor lauter Zorn nur immer geschrien: "Vater, tu's nicht!
+Aber dann--" Gebhard stockte. Er sah die Mutter an. "Soll ich denn alles
+sagen, Mutter, alles?"
+
+"Alles, Gebhard!"
+
+"Dann hat die Mutter die Schlafzimmertüre aufgeriegelt und hat von ferne
+gerufen und gebeten, der Vater soll uns nichts geschehen lassen. Der
+Vater hat auf die Mutter hingeschaut und dann hat er nicht mehr 'nein'
+sagen können. Er ist mit ihnen gegangen und hat versprochen, sie zu
+führen. Sie sind dann fortgeritten und wir haben gedacht, der Vater käme
+am Abend wieder, der Offizier hat es ihm doch auf Ehrenwort versprochen.
+Das Ehrenwort muß doch ein Offizier auch im Krieg halten, nicht,
+Großmutter?"
+
+Er bekam keine Antwort. Die Großmutter, die still mit verhaltenem
+Schmerz den Bericht angehört hatte, sah ins Weite, wie wenn ihre Augen
+den Sohn suchten, den sie verloren hatte. Helene griff nach ihren Händen
+und bat leise: "Mutter, verzeih mir und verachte mich nicht ganz. Ich
+weiß, du wärest heldenmütig gewesen und ich war feig, war in Todesangst;
+das hat er nicht mit ansehen können und mir zuliebe ist er zum Verräter
+geworden. Ich bin schuld, daß nun diese Schuld auf seinem Gewissen
+liegt. Darum habe ich mich nicht entschließen können, dir zu schreiben.
+Ich weiß ja, wie du mich verachten mußt, daß ich deinen edlen Sohn dazu
+gebracht habe."
+
+"Du hast ihn _nicht_ dazu gebracht, Helene, du irrst dich. Nichts auf
+der Welt hätte ihn dazu bringen können. Ich kenne ihn. Er hat das nicht
+getan!"
+
+Heftig erregt erhob sie sich. Ihr Blick fiel auf Gebhard. "Schon als
+Kind in deinem Alter hätte er das nicht getan, wie viel weniger als
+Mann! Du hast das von deinem Vater geglaubt?"
+
+"Ich habe es gehört, Großmutter, daß er 'ja' gesagt hat, und habe es
+selbst gesehen, daß er mit den Russen gegangen ist!"
+
+"Ja. So hat er euch das Leben gerettet und die Bande fortgebracht vom
+Forsthof. Eine Kriegslist war das. Ja, er ist mit ihnen geritten, aber
+wohin? Dahin, wo die deutsche Patrouille nicht war! Gebhard, kennst du
+deinen Vater so wenig?"
+
+Der Knabe senkte nicht den Blick vor dem strengen Ausdruck der
+Großmutter; ein glückliches Leuchten flog über sein Gesicht. "So ganz
+gewiß weißt du das, Großmutter? kann es gar nicht anders möglich sein?"
+
+"Gebhard, wird es jemandem gelingen, deinen Leo, dies treue Tier, gegen
+_dich_ zu hetzen? Wenn man ihn lockt, ihm droht? Schäme dich, zu denken,
+daß irgend etwas auf der Welt deinen Vater vermocht hätte, die Deutschen
+an ihre Feinde zu verraten!"
+
+Zaghaft warf Helene ein: "Mein Bruder sagt, wer einmal in den Händen der
+Russen ist, der wird mürbe gemacht, wenn er noch so tapfer wäre!"
+
+"Dein _Bruder_ kann das sagen, er hat Rudolf kaum gekannt, aber du?"
+Nachdenklich sah sie auf Helene und dachte unwillkürlich an die Worte:
+"Aus anderem Holz geschnitzt." Wie biegsam war die junge Gestalt, wie
+weich die Züge und sanft der Blick! Nachsichtig sprach sie zu ihr.
+"Weil du selbst in jener Stunde schwach warst, hast du auch ihn für
+schwach gehalten und hast doppelt darunter gelitten. Aber jetzt glaube
+du mir und laß dich durch keine Einrede mehr irre machen. Dein Mann ist
+_kein_ Verräter. Von den Treusten einer ist er. Glaube an ihn; ein
+Märtyrer kann er geworden sein, ein Verräter nicht!" Tief erregt wandte
+sie sich an Gebhard. "Gott gebe, daß du so wirst wie dein Vater! Einen
+besseren Wunsch weiß ich nicht für dich!"
+
+Erschüttert verließ sie das Gemach, sie mußte jetzt für sich allein
+sein.
+
+Ihr starker Glaube ging in dieser Stunde über in die Seele von Mutter
+und Kind; die schwerste Last war der jungen Frau vom Herzen genommen.
+
+Es blieb die Trauer um den Helden, aber das war ein edler Schmerz, der
+ihr Herz erhob. "Gebhard," sagte sie, "wie waren wir so verblendet und
+wie wollen wir von jetzt an stolz sein auf den Vater!" Und die beiden
+waren fast glücklich zu nennen in diesem Augenblick. Aber die Mutter des
+Helden kämpfte jetzt in ihrem Zimmer allein mit der tiefen Bewegung, in
+die diese Unterredung sie versetzt hatte. Sie war überwältigt von dem
+Gedanken an das Leiden ihres Sohnes. Was mochten die Feinde ihm angetan
+haben in der Wut darüber, daß er ihnen nicht den rechten Weg wies? Das
+gräßlichste, das sie ersinnen konnten. O wie grausig waren die Bilder,
+die ihr vorschwebten! Hin und her ging sie in ihrem Zimmer und sprach
+halblaut mit ihrem Sohn, wie wenn er sie hören könnte: "Du mein guter,
+tapferer, treuer Sohn! So ganz allein. So weit fort von mir. Was haben
+sie dir getan? Wirst du noch immer gequält und gepeinigt? Oder bist du
+erlöst von allem Leid, selig aufgenommen als einer, der reinen Herzens
+ist und Gott schauen darf? O, die schreckliche Ungewißheit!"
+
+An der Zimmertüre wurde geklopft, das Dienstmädchen rief: "Frau Doktor,
+die Schustersfrau aus dem Hinterhaus ist da und fragt nach Ihnen."
+
+"Sie soll morgen kommen."
+
+"Aber sie tut ganz verzweifelt. Sie hat schlechte Nachrichten."
+
+"Ich habe auch schlechte und kann ihr keine guten verschaffen."
+
+Das Mädchen wagte nichts mehr einzuwenden; aber dem fassungslosen jungen
+Weib, das auf Trost und Hilfe wartete, gab sie auf eigene Verantwortung
+den Bescheid: "Frau Doktor kommt gleich." Sie kannte ja ihre Frau; die
+konnte wohl einmal schroff und abweisend sein, aber schließlich half sie
+doch immer. Auch diesmal. Nach kurzer Zeit kam sie ruhig und gefaßt
+heraus; kaum war ihr noch anzumerken, wie sie mit sich gekämpft hatte,
+um wieder tapfer zu sein. Frau Siebel, die Schustersfrau, merkte
+jedenfalls nichts davon; sie war vollständig vom eigenen Leid
+hingenommen. Ihr lauter Jammer hatte auch Helene und die Kinder
+herbeigerufen. Schluchzend zeigte sie eine Postkarte, die besagte, daß
+ihr Mann schwer verwundet in der Pfalz liege und sich nach einem Besuch
+von ihr sehne. "Sicher ist er schon tot," rief die junge Frau und hörte
+gar nicht auf die ermutigenden Worte, mit denen ihr von allen Seiten
+zugesprochen wurde. Sie wußte ganz gewiß, ihr Mann war tot.
+
+"Dann wollen Sie also nicht in das Lazarett reisen?" fragte Frau Dr.
+Stegemann kurz.
+
+"Ei doch," sagte Frau Siebel, "deshalb wollte ich ja Frau Doktor um Rat
+fragen, ich wäre so gern noch diese Nacht abgereist."
+
+"So, nun sehen Sie, Sie glauben ja selbst, daß Ihr Mann noch lebt. Nun
+lassen Sie auch das Weinen, dazu haben Sie Zeit in der Bahn; jetzt
+müssen Sie für Ihr Kind sorgen, was machen Sie mit dem?"
+
+"Das ist's ja eben, ohne mein Buberl kann ich nicht fort. Ich habe es
+die neun Monate nie aus der Hand gegeben. Ich vergehe vor Angst, wenn
+ich das Kind hier lasse!"
+
+"So wollen Sie es mit auf die weite Reise nehmen?"
+
+"Nein, nein, das wäre gar nicht auszuhalten, es zahnt und schreit so
+viel!"
+
+"Dann müssen wir eben eine Unterkunft suchen für den Kleinen. Am besten
+in der Krippe."
+
+"Mein Kind in die Krippe? Ach Gott, ich vergehe vor Heimweh nach dem
+Kind!"
+
+"Wenn Sie unter allen Umständen vergehen, kann ich Ihnen auch nicht
+helfen," entgegnete Frau Stegemann ungeduldig. "Entweder mitnehmen oder
+hier lassen--eines von beiden müssen Sie doch tun. Oder wissen Sie
+einen dritten Weg?"
+
+"Ach nein--aber--"
+
+"Nun also. Seien Sie recht dankbar, daß wir eine Krippe haben, in der
+man so einen kleinen Schreihals freundlich aufnimmt. Für heute nacht
+will ich das Kind nehmen und morgen in der Krippe nachfragen. Jedenfalls
+sorge ich für eine gute Unterkunft."
+
+"Aber kann ich Ihnen denn das zumuten? Es ist doch gar zu viel!"
+
+"Im Krieg hilft man zusammen. Ihr Mann ist ja auch für uns im Kugelregen
+gestanden! So sorgen wir auch für sein Kind. Haben Sie denn das
+Reisegeld?"
+
+"Ich hoffe, daß es reicht!"
+
+"Mit Hoffnungen kommen Sie am Schalter nicht aus. Ich will im Kursbuch
+nachsehen und Ihnen im Notfall etwas vorstrecken. Gehen Sie einstweilen
+und richten Sie alles!"
+
+"Ach, ich bin ganz wirr im Kopf vor Schrecken!"
+
+"Das paßt jetzt gar nicht. Im Gegenteil, Sie müssen Ihre Gedanken fest
+zusammennehmen, damit Sie nichts vergessen."
+
+Die Frau eilte davon, Frau Dr. Stegemann ging in die Küche zum Mädchen.
+Das hatte die Verhandlung gehört. "Frau Doktor," sagte sie, "wenn ich
+nur hätte dazwischen reden dürfen. Das Kind ist nicht gut zu haben, die
+Frau ist so unvernünftig mit ihm, trägt es und kocht ihm bei Nacht, alle
+Leute im Hinterhaus sagen es. Frau Doktor, jetzt wird's doch zuviel für
+uns!"
+
+"Zuviel? Liese, im Kriegsjahr gibt's kein 'zuviel' für mich, und für Sie
+hoffentlich auch nicht!"
+
+"Aber seine Nachtruhe kann man doch wenigstens verlangen."
+
+"Meinen Sie? Fragen Sie doch Ihren Bräutigam, ob er sagen darf: 'Bei
+Nacht wird mir das Schießen zuviel, da will ich meine Ruhe!'"
+
+"Wenn man auch immer an den Krieg denkt! Das tun nur Sie, Frau Doktor!"
+
+"Sie doch auch, Liese? Haben wir nicht miteinander zuerst das Backen
+abgestellt, und die Kübel für das Schweinefutter eingeführt, und nicht
+geruht, bis sie nach und nach in der ganzen Straße herauskamen? Ich
+möchte jetzt gar keinen Menschen um mich haben, der nicht immerfort
+fühlt: 'Jetzt ist Krieg, wie helfe ich?'"
+
+Liese überlegte. "Dann will ich eben den kleinen Balg nehmen bei Nacht."
+
+"Den nehme ich schon selbst, denn Sie müssen morgens früh heraus."
+
+Aber weder die Frau noch die Magd bekamen den kleinen "Balg" ans Bett,
+denn, als Frau Siebel das schlafende Kind brachte, streckte Helene die
+Arme nach ihm aus, fand es reizend in seiner Unschuld und bat so
+herzlich es ihr zu überlassen, daß niemand ihr die Freude nehmen wollte.
+Getrost konnte Frau Siebel ihren Liebling verlassen.
+
+In später Abendstunde setzten Mutter und Schwiegertochter sich noch ein
+wenig zusammen. "Mir ist es, wie wenn ich in eine andere Welt versetzt
+wäre," sagte Helene. "In deinem Haus weht ein ganz anderer Geist als bei
+uns. Ihr alle steht im Zeichen des Krieges. In meines Bruders Haus ist
+das nicht so, er ist von seinem Geschäft hingenommen; auch wußte er, daß
+ich nichts hören wollte vom Krieg. Ja, ich gestehe dir's, nicht einmal
+an den Siegen konnte ich mich freuen, weil ich immer dabei empfand: mein
+Mann gehört nicht zu den Helden, ich selbst habe ihn hinausgedrängt aus
+der tapferen Schar. Jetzt aber hast du diesen Druck von mir genommen;
+ich bin so glücklich und bitte dich: verachte mich nicht um meiner
+Feigheit willen. Vielleicht kann ich auch noch tapfer werden; meinst du
+nicht?"
+
+Liebevoll zog die Mutter sie an sich.
+
+"Wer weiß," sagte sie, "ob ich als junge Frau die Probe bestanden hätte,
+angesichts der rohen Männer, die mit ihren Scheußlichkeiten die Frauen
+bedrohen. Niemand soll da über andere urteilen. Du wirst noch viel
+Gelegenheit haben, dich in Tapferkeit zu üben, und ich auch. Wie lange
+werden wir in Unsicherheit bleiben müssen über das Schicksal unseres
+Helden. Und wenn eine Nachricht kommt, dann lautet sie vielleicht so
+grauenvoll, daß wir allen Mut brauchen, um sie zu ertragen. Aber es wird
+uns leichter werden, weil wir uns jetzt zusammen gefunden haben. Es ist
+gut, daß du gekommen bist!"
+
+"Ich möchte in dieser Zeit viel lieber bei dir leben. Aber ich muß doch
+bei der Kleinen bleiben, und die macht so viel Arbeit mit der Wäsche
+und mit dem Ausfahren. Bei meinen Geschwistern mit den beiden
+Dienstmädchen geht das viel leichter als hier. Sie nehmen mir alle
+Arbeit ab; meine Schwägerin ist rührend besorgt und verwöhnt mich ganz."
+
+"Ich bin nicht für solch rührend verwöhnende Liebe," war der Mutter
+Antwort. "Aber," fügte sie hinzu, "richte du dein Leben ein, wie du es
+für richtig hältst."
+
+Helene wurde nachdenklich. Nach einer Weile sagte sie: "Für Gebhard ist
+es ja viel schöner hier. Meinen Geschwistern ist er fremd geblieben und
+er war auch gegen mich nicht mehr so zutraulich wie früher. Erst hier
+ist er wieder ganz mein lieber, prächtiger Bub. Mutter, laß ihn mir
+nicht fremd werden!"
+
+Helene blieb bis über die Weihnachtsferien und führte selbst noch
+Gebhard in die Schule ein. Sie sah, wie er jetzt dem Lehrer und den
+Mitschülern frei und offen gegenübertrat, da er nichts mehr zu
+verheimlichen hatte, und daß dem Kind warme Teilnahme entgegengebracht
+wurde. Und als er am zweiten Tag in der Pause seinen Leo holte, um ihn
+den Kameraden vorzustellen, da wußte sie, daß er heimisch wurde unter
+diesen. Sie konnte ihn getrost verlassen. Sie selbst aber vermißte auf
+der Heimfahrt ihren kleinen Reisekameraden und es war ihr, als entfernte
+sie sich noch mehr von ihrem Mann, indem sie seinen Sohn und seine
+Mutter verließ. Aber daneben wurde doch die Sehnsucht nach dem
+Töchterlein immer lebhafter. Es schlief, als sie heim kam. Beim
+Erwachen sah es befremdet nach der Mutter; für das kleine Menschenkind
+war die Zeit lang genug gewesen, um sie zu vergessen; aber die
+Erinnerung erwachte bald wieder. Es war ein lieblicher Anblick, wie die
+junge Mutter mit Kosen und Schmeicheln das Fremdsein besiegte und
+endlich von ihrem kleinen Ebenbild durch strahlendes Lächeln und
+zärtliche Hingabe wieder anerkannt wurde. Die Geschwister hatten es mit
+angesehen. "Wie erfrischt du aussiehst!" sagte der Bruder, "du hast dich
+so schwer zu der Reise entschlossen, aber sie hat dir sichtlich gut
+getan."
+
+"Ja, ja. Das Schwerste, was mich am meisten bedrückt hatte, das hat mir
+die Mutter abgenommen. Ich habe ihr alles, alles anvertraut und das war
+gut, denn es ist ganz anders, als wir uns gedacht hatten: Nur um die
+Russen vom Haus wegzubringen und um sie falsch zu führen, ist mein Mann
+mit ihnen gegangen. Er hat ihnen nichts verraten!"
+
+"Woher habt ihr Nachricht bekommen? Erzähle doch!" riefen die
+Geschwister.
+
+"Nachricht haben wir nicht, aber die Mutter weiß es dennoch, so gewiß
+wie wenn sie Nachricht hätte. Sie kennt ihn und weiß, daß es ihm ganz
+unmöglich ist, die Deutschen zu verraten."
+
+"Ach so!" sagte der Bruder gedehnt. Enttäuschung und Unglaube lag in
+seinem Ton. Aber Helene sprach eifrig weiter: "Und ich bin auch fest
+überzeugt, daß sie recht hat. Sie hat mir erzählt, wie er schon als Bub
+so tapfer und treu war, ähnlich wie ja auch Gebhard ist, durch und
+durch zuverlässig. Ich hätte es ja selbst wissen können, aber ich war
+wie verblendet, weil ich selbst feig gewesen bin und mir das so schwer
+auf dem Gewissen lag." Bruder und Schwägerin schwiegen.
+
+Helene fühlte, sie waren nicht überzeugt. Was konnte sie noch sagen?
+"Wenn ihr nur selbst seine Mutter gehört hättet, und sie sehen könntet,
+wie sie so fest und wahr ist und wie sie und ihr ganzes Haus von dem
+erfüllt ist, was für den Krieg, fürs Vaterland geschehen muß. Ein ganz
+anderer Geist weht bei ihr als bei uns!"
+
+"Bitte sehr," wehrte der Bruder, "bei uns geschieht alles was recht ist
+und noch nie ist einer aus unserer Familie wegen Verrat in Verdacht
+gekommen!"
+
+"Ihr sollt auch von meinem Mann nichts Schlechtes mehr glauben, nein ihr
+dürft es gar nicht mehr für möglich halten, das kann ich nicht mehr
+ertragen!" Sie zitterte vor Erregung.
+
+Die Schwägerin beruhigte sie: "Rege dich nicht auf, Helene, ich glaube
+dir ja, aber von deinem Bruder kannst du das nicht gleich verlangen;
+Männer geben nicht so viel darauf, wenn eine Mutter sagt: das kann mein
+Sohn nicht getan haben, denn keine Mutter will Schlechtes von ihrem Sohn
+glauben. Männer glauben erst, wenn Beweise vorliegen."
+
+Beweise? Nein, _Beweise_ für seine Unschuld hatte Helene nicht, nur den
+Glauben daran; den Glauben, der sie so glücklich gemacht hatte. O, nur
+fest daran halten und sich nicht irre machen lassen!
+
+Sie sprachen nicht weiter darüber, denn keines wollte das andere
+reizen. Freundlich führte Herr Kurz seine Schwester an den reich
+besetzten Tisch. Aber was sie noch vor wenigen Tagen harmlos angenommen
+hatte, machte ihr jetzt Bedenken. Kriegsmäßig war das nicht, was hier
+aufgetischt wurde. Die Geschwister ließen sich nichts abgehen, dachten
+auch nicht weiter daran, welche Nahrungsmittel knapp waren im Land,
+welche verbraucht werden sollten. Doch wagte sie nicht, dem Bruder
+wieder das Haus Stegemann als Vorbild zu rühmen. So schwieg sie darüber.
+Aber während sie die üppige Mahlzeit mit ihnen teilte, bedrückte es sie,
+die Gastfreundschaft zu genießen von Menschen, die ihrem Mann Schlechtes
+zutrauten; sie konnte sich nicht wohl fühlen bei ihnen, trotz aller
+Liebe, die sie ihr erwiesen. In den Wochen, die nun kamen, kämpfte sie
+einen schweren Kampf gegen das Heimweh nach ihrem verlorenen Glück und
+gegen die Sehnsucht bei denen zu sein, die mit ihr durch die Liebe zu
+ihrem Manne verbunden waren. Sie klammerte sich an den Trost, den ihr
+die treuen Briefe der Mutter brachten, und schrieb fast täglich an sie
+und an Gebhard. In seinen kindlichen Briefen suchte sie nach den
+seltenen Worten, die etwas von der Anhänglichkeit aussprachen, die ihr
+so kostbar war. So vergingen ihr die dunklen Wintermonate langsam und
+schwer.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+
+Unter dem offenen Tor des Schulhofes stand Gebhard mit einigen
+Kameraden. Auch Leo war dabei. Er war heute wie so manchesmal gekommen,
+seinen kleinen Herrn abzuholen. Es genügte, daß Frau Dr. Stegemann dem
+Tier die Türe öffnete und sagte: "Such den Herrn!" Er sprang dann in
+großen Sätzen der Schule zu, wartete am Hoftor, bis sich die Klassen
+entleerten, erkannte sofort die Klasse, zu welcher Gebhard gehörte,
+drängte sich zwischen den Schuljungen hindurch zu dem einen, dem er
+angehörte. Viele der Kameraden hatten ihren Spaß daran, einer beachtete
+den Hund noch ganz besonders; ein lebhafter Pfälzer war es. Er hatte
+einen Vetter, der Sanitätshundeführer gewesen, jetzt aber verwundet im
+Lazarett untergebracht war. Dem hatte er schon oft von Gebhards Hund
+gesprochen, und ebenso erzählte er Gebhard viel von den Leistungen des
+Hundeführers. So waren die beiden längst begierig, sich kennen zu
+lernen. Heute nun, als Gebhard aus dem Schulhof trat, stand da an der
+Mauer ein Feldgrauer, den Arm in der Binde. Ein ganz junger Soldat war
+es, sah stramm und gesund aus. "Das ist der Sanitätshundeführer," sagte
+der kleine Pfälzer und der Soldat begrüßte Gebhard freundlich: "Ich
+wollte mir nur einmal deinen Hund besehen," sagte er, "ich muß sagen, er
+gefällt mir wohl! Wie ein Pfeil ist er die Straße daher gesaust und dann
+regungslos am Tor stehen geblieben. Die Buben von der andern Klasse hat
+er gar nicht beachtet. Es ist ein gut gezogenes Tier. Ich gehe nämlich
+wieder als Hundeführer hinaus und da muß ich mich halt jetzt umsehen
+nach einem andern Hund, denn der meinige ist im Feld geblieben."
+
+Gebhard sah den Soldaten, der immer prüfend auf den Hund blickte, mit
+großen Augen an. "Aber meinen gebe ich nicht her!"
+
+Der Hundeführer wandte sich an seinen jungen Vetter. "Ich war der
+Meinung, er sei zu verkaufen, du hast doch so etwas gesagt?" Der
+Schlingel lachte.
+
+"Bloß damit du einmal an die Schule kommst und den Hund anschaust, ob
+der wohl zum Sanitätshund gut wäre."
+
+"Ja," sagte Gebhard, "dann ginge ich, wenn ich groß bin auch als Führer
+mit ihm in den Krieg."
+
+Der Feldgraue lachte: "O Buben, was schwätzt ihr! Bis ihr groß seid, ist
+doch der Krieg längst aus und _so_ aus, daß nicht gleich wieder jemand
+sich traut mit uns anzubinden. Und der Hund wäre auch bis dahin zu alt,
+jetzt wäre er gerade recht. Aber ich glaub's gern, daß du ihn nicht
+hergibst," sagte er freundlich zu Gebhard, dessen Hand streichelnd auf
+Leos Kopf ruhte. Dieser Ton ermutigte Gebhard zu Fragen, die ihn längst
+beschäftigt hatten.
+
+"Ich kann mir gar nicht denken," sagte er, "wie ich meinen Hund lehren
+sollte, daß er Fremde aufsucht, Verwundete. Wie haben Sie denn das
+gemacht?"
+
+"Das ist nicht so schnell gesagt und hat ja für dich auch keinen Wert."
+
+"Ich hätte es nur so gern gewußt."
+
+Der kleine Vetter legte sich ins Mittel. "Du kannst es ihm doch sagen!"
+
+"Wenn ihr einmal herauskommt auf das Gelände hinter dem Lazarett, kann
+ich's euch zeigen."
+
+"Vielleicht gleich nächsten Mittwoch? Da haben wir frei," rief Gebhard.
+
+"Nun also, Mittwoch, um 3 Uhr. Ausgemacht!"
+
+Gebhard kam ganz im Glück über diesen Vorschlag nach Hause. Die
+Großmutter war gleich für den Plan zu haben. Aber am Mittwoch Nachmittag
+wirbelte Schnee und Regen durcheinander, es war zweifelhaft, ob der
+Verwundete bei diesem Unwetter ausgehen durfte. Mißmutig stand Gebhard
+am Fenster, schaute hinunter auf die Straße, ob es denn wirklich so
+schlimm aussähe. Nur wenige Menschen waren zu sehen, unter diesen aber
+ein Soldat, ein junger Feldgrauer, und der--Gebhard sah es mit
+zunehmender Erregung--der war kein anderer als der Hundeführer und kam
+geradewegs auf das Haus zu, drückte auch schon auf den Klingelknopf!
+Gebhard stürzte hinaus, öffnete und wurde ganz rot vor stolzer,
+freudiger Erregung, daß dieser Feldgraue zu ihm kam. Zwar wollte der
+nicht ins Zimmer hereinkommen, sondern bloß sagen, daß er bei dem
+schlechten Wetter die Übung leider nicht machen dürfe; aber er wurde
+bald mit warmen Worten von Frau Dr. Stegemann wie von den beiden
+Enkelinnen überredet, in das Wohnzimmer zu kommen und sich an den
+Kaffeetisch zu setzen. Einen Feldgrauen zu Gast zu haben, war immer
+eine Freude und so ein Sanitätshundeführer war noch ganz besonders
+willkommen. Die Hausfrau verstand es, den bescheidenen jungen Mann zum
+Sprechen zu bringen. Im September war es gewesen, da hatte er, der
+siebzehnjährige Freiwillige, zum erstenmal seinen Hund erproben können.
+"Das war im Gefecht bei Ch.," erzählte er, "die Unsrigen hatten einen
+harten Stand gegen die Übermacht; aber am Nachmittag mußte der Feind
+weichen. Unsere Kompagnie sammelte sich, die Sanitäter suchten die
+Verwundeten auf und die Kameraden trugen die Toten zusammen. Am Abend
+wurden alle Namen festgestellt; da hieß es: Es fehlen noch 5 Mann.
+Jetzt, wo sind die? Niemand konnte Auskunft geben. Auf dem Feld lag
+keiner mehr, aber vielleicht im Wald. Von dem Argonnerwald macht man
+sich aber bei uns keinen Begriff, der ist so dicht mit Unterholz und
+Gestrüpp verwachsen, daß man gar nicht vorwärts kommt; wenigstens ist's
+so in der Gegend, wo wir waren. Wenn sich da ein Mensch hinein
+verschlupft, sieht man ihn beim hellen Tag nicht, geschweige in der
+Nacht. Also fünf fehlen. Soll man die liegen lassen? Vielleicht
+verbluten sie sich oder holen sie sich den Tod auf dem nassen, kalten
+Waldboden. Ich war bei unserer Truppe der einzige, der einen Hund hatte.
+Jetzt, denke ich, muß der seine Kunst zeigen. Ich führe ihn in der
+Dunkelheit bis dicht an den Wald, dann mache ich ihn los vom Strick und
+geb ihm den Befehl: 'Such verwundet.' Der Hund saust gleich davon, in
+den Wald hinein. Eine Weile höre ich noch rascheln und knacken, dann
+wird's ganz still und ich steh da im Nebel und es rieselt eiskalt auf
+mich herunter und wird mir ganz unheimlich, so allein in der
+stockfinsteren Nacht. Mein elektrisches Lämpchen habe ich wohl in der
+Tasche, aber das spart man für die äußerste Not. Ich weiß nicht, wie
+lang das währte, mir kam's eine Ewigkeit vor, da höre ich in der Ferne
+so ein kurzes, wiederholtes Bellen und merke gleich: Mein Tell hat einen
+gefunden! Da ist mir's siedheiß vor Freude aufgestiegen, ich pfeife und
+laß mein Lämpchen in den Wald blitzen und jetzt knistert und kracht es
+wieder und mein Tell kommt mit einer Soldatenmütze im Maul. Schnell lege
+ich ihm die Leine an und rufe ihm zu: 'Führ mich!' Er zieht an und führt
+mich durchs Dickicht am Waldessaum eine ganze Strecke. Da bleibt er
+plötzlich stehen. Ich höre ein Stöhnen und sehe vor mir einen unserer
+Vermißten, ein Landwehrmann war's. Wie hat der Mensch sich gefreut und
+wie war er dankbar für einen Schluck aus meiner Feldflasche! Einen Schuß
+in den Oberschenkel hatte er, und so großen Blutverlust, er hat sich
+nicht rühren können vor Schwäche und Schmerzen. Ich habe ihm einen
+Notverband angelegt, habe ihn mit seinem Mantel gut zugedeckt und ihm
+versprochen, daß ihn die Träger holen würden. Allein hätte ich ja den
+Weg in der Nacht nicht zurückgefunden, es war mir selbst wie ein Wunder,
+daß mich mein Tell wieder herausgeleitet hat aus dem finstern Wald und
+bis zur Truppe. Dort waren gleich ein paar von unseren Leuten bereit,
+den Verwundeten mit der Bahre zu holen. Mein Tell hat uns wieder
+geführt und wir haben unsern Landwehrmann glücklich zum Verbandplatz
+gebracht. In derselben Nacht haben wir noch einen zweiten aufgespürt und
+errettet. Die andern fand Tell gegen Morgen; einer war aber schon
+verblutet. Hätten wir mehr Hunde mit Führern gehabt, wäre der vielleicht
+auch noch gerettet worden."
+
+Der Soldat schien fertig mit seiner Erzählung; aber alle hätten gern
+noch mehr gehört.
+
+"Bei welcher Gelegenheit sind Sie denn zu Ihrer Verwundung gekommen?"
+fragte Frau Dr. Stegemann.
+
+"Ja, das war eben einmal, wo unsere Verwundeten ganz nahe am Feind
+lagen. Das ist immer das gefährlichste. Wenn es so steht, dann bindet
+man den Hunden den Fang zu, daß sie keinen Laut geben können; das haben
+sie zwar nicht gern. Mein Tell hat sich's anfangs gar nicht gefallen
+lassen; aber er hat es doch gelernt. Auch wie ich das letzte Mal mit ihm
+draußen war und mit den Trägern ganz nahe an den vordersten
+Schützengraben der Franzosen gekommen bin, hat er uns nicht verraten,
+sondern hat uns lautlos herangeführt; aber die Verwundeten haben
+gestöhnt und um Hilfe gerufen, wie sie uns bemerkten. Darauf ist die
+Schießerei bei den Franzosen losgegangen. Sie haben aber nur mich
+getroffen, so daß ich noch selbst habe zurückgehen und mit der linken
+Hand den Hund führen können; unsere Leute hätten sonst in der Nacht
+nicht zurückgefunden. So haben wir doch unsere Verwundeten noch
+gerettet, das hat mich riesig gefreut. Nachher bin ich ohnmächtig
+geworden; und wie ich im Lazarett aufgewacht bin, haben mir die
+Kameraden gleich zugerufen, ich bekäme das Eiserne Kreuz. Nun, ich
+will's später noch besser verdienen; sobald es nur angeht, ziehe ich
+wieder hinaus. Mein Tell wird jetzt von einem Kameraden geführt, und ich
+muß schauen, daß ich wieder einen Hund abrichte. Er muß halt folgen und
+klug sein, bissig darf er auch nicht sein und nicht mit andern Hunden
+raufen oder auf Wild jagen. Es gibt nicht viele solche und wer so ein
+Tier hat, der verkauft's nicht, gelt du?" Er wandte sich mit dieser
+Frage an Gebhard. Aber Grete und Else, die beiden lebhaften Mädchen, die
+nicht weniger eifrig als Gebhard dem Soldaten zugehört hatten, ließen
+ihn nicht zur Antwort kommen: "Ich würde meinen Hund gleich verkaufen!"
+rief Grete mit Begeisterung! Und Else: "Ich auch, recht teuer; um das
+Geld würde ich lauter Sockenwolle, Zigarren und Schokolade kaufen und
+Päckchen an die Soldaten schicken oder ich gäbe es für die Ostpreußen."
+
+"Die Fräulein haben gut reden," sagte der Soldat, "die haben keinen Hund
+und wissen nicht, wie lieb man solch ein Tier hat. Ich hätte meinen Tell
+auch um viel Geld nicht hergegeben, ich kann's von einem andern auch
+nicht verlangen. Wo hast du denn deinen Leo?"
+
+"Im Hof."
+
+"Da hast du recht. Laß ihn nicht viel ins Zimmer, sonst wird er
+verweichlicht."
+
+Der Soldat hatte sich neben dem Erzählen den Kaffee wacker schmecken
+lassen; Frau Dr. Stegemann nahm die leere Kanne, ging hinaus, zu sehen,
+ob draußen noch Vorrat wäre. Gebhard folgte ihr in die Küche.
+"Großmutter, gelt, ich muß meinen Leo nicht hergeben?"
+
+"Niemand kann das von dir verlangen."
+
+"Großmutter, gelt der Soldat hat recht, Grete und Else wissen nicht, wie
+gern ich meinen Leo habe, aber du weißt es doch, Großmutter!"
+
+"Ich weiß es freilich, er ist dein liebster, treuster Kamerad! Und er
+ist dir auch ein Andenken an den Vater, ans Forsthaus, an die liebe,
+alte Heimat. Du würdest ihn alle Tage vermissen, weil dein Herz an ihm
+hängt."
+
+"Ja, ja, gerade so ist's wie du dir's denkst, Großmutter. Leo könnte es
+auch gar nicht verstehen. Vorhin war's mir, als müßte ich ihn hergeben,
+weil man ihn im Krieg so nötig brauchen könnte, aber ich bin froh, daß
+du selbst sagst, ich soll ihn behalten."
+
+"Das habe ich nicht gesagt, Gebhard, und kann es auch nicht sagen. Nur
+du selbst kannst wissen, ob du dein Liebstes fürs Vaterland hergeben
+mußt oder nicht!"
+
+"Nein, Großmutter, sage mir, was du meinst."
+
+"Ich meine, du gehst jetzt einmal hinunter zu deinem Leo und ich trage
+den Kaffee in das Zimmer!"
+
+"Ich will aber doch wissen, was du denkst!"
+
+Die Großmutter überhörte den ärgerlichen Ausruf ihres Enkels und kehrte
+in das Zimmer zurück. Gebhard stand noch einen Augenblick voll Ärger
+und Unmut da, dann tat er doch, was die Großmutter gesagt; er ging
+hinunter in den Hof, an dessen Zaun der Hund sofort hoch sprang und
+freudig seinen kleinen Herrn begrüßte, der ihn diesmal mit stürmischer
+Zärtlichkeit umschlang und ihm einmal ums andere zurief: "Du wirst nicht
+verkauft, Leo, nein, nein! Wir zwei bleiben beisammen!"
+
+Droben im Zimmer machte der bescheidene junge Gast Umstände, noch weiter
+dem Kaffee zuzusprechen und noch länger zu verweilen.
+
+"Ich meine," sagte die Großmutter, "nach dem wochenlangen Lazarettleben
+dürfen Sie sich's wohl einmal wieder behaglich machen in einem
+Familienzimmer. Sagen wir: noch eine Tasse, eine Zigarre und eine
+Viertelstunde plaudern, und dann soll's genug sein. Wir gehen dann auch
+wieder an unsere Arbeit."
+
+"Ja, so ist's fein," meinte der junge Mann, sah auf seine Taschenuhr und
+gab sich noch einmal dem seltenen Genuß hin, am behaglichen
+Familientisch zu sitzen und von seinem Elternhaus erzählen zu dürfen.
+Die Viertelstunde war fast verstrichen, da kam auch Gebhard wieder
+herauf und trat ins Zimmer, seinen Leo an einer kurzen Leine führend.
+Stramm ging er auf den Soldaten zu, hochgemut leuchteten seine Augen; er
+glich selbst schon einem Führer, der mit seinem Hund einen schweren Gang
+wagen will.
+
+Der Soldat unterbrach seine Erzählung und wandte sich dem Knaben zu. Der
+trat dicht heran und rief seinem Hund zu: "Leo leg dich still!" Das Tier
+legte sich gehorsam neben den fremden Mann. Nun reichte Gebhard dem
+Soldaten die Leine und sagte fest: "Ich schenke meinen Leo dem
+Vaterland." Er ließ die Leine los, sie lag nun in des Führers Hand. Der
+junge Soldat fand gar nicht gleich Worte, so überrascht war er, so
+bewegt, als er sah, wie Gebhard zu seiner Großmutter trat und zu ihr
+sagte: "Ich habe es _doch_ tun müssen, Großmutter!"
+
+Sie zog ihn an sich heran. "Es wird dich nicht reuen," sagte sie.
+
+Aber der Feldgraue machte Einwände: "Ich kann das gar nicht annehmen von
+dem Kind, es tut ihm weh. Nein, das Opfer ist zu groß!"
+
+"Ei was, wer wird darüber so viel Worte machen," wehrte Frau Stegemann
+und wandte sich an Gebhard: "So ein kleiner Bursche wie du hat nicht
+leicht das Glück, daß er dem Vaterland etwas wertvolles opfern kann, das
+darf wohl auch wehtun, sonst wäre es ja gar kein Opfer!"
+
+"Es tut weh, Großmutter!"
+
+"Ich glaube dir's wohl, mein lieber Bub!"
+
+Sie sah, daß der kleine Mann sich mit aller Macht wehrte, die Tränen
+zurückzuhalten und kam ihm zu Hilfe, indem sie sich an den Soldaten
+wandte.
+
+"Nun werden Sie erst erproben müssen, ob Leo wirklich brauchbar ist als
+Sanitätshund."
+
+"Ja, aber ich zweifle nicht, es wird sich bald zeigen. Ein feines Tier
+ist das. Ich kann's gar nicht so aussprechen, wie dankbar ich dafür bin.
+Nach dem Krieg--wenn wir's erleben--bringe ich dir aber deinen Leo
+zurück, Gebhard, dann soll er wieder dir gehören." Das war eine schöne
+Hoffnung, Gebhard sah schon wieder fröhlich aus.
+
+"Und schreiben will ich dir auch und dir berichten, wieviel er leistet."
+
+"Ja, ob er solche Verwundete aufspürt, die sonst umgekommen wären."
+
+"Gebhard sähe wohl gerne zu, wenn Sie den Hund abrichten. Könnten Sie
+das einrichten?" fragte die Großmutter.
+
+"Aber natürlich, das wollen wir schon so machen. Ich kann ja an das
+Schulhaus kommen, dann verabreden wir es miteinander. Zuerst muß ich es
+im Lazarett melden, so lange bleibt dir dein Leo noch. Laß doch sehen,
+ob er sich nicht losreißt von mir, wenn du hinausgehst." Gebhard ging
+auf die Türe zu, der Hund erhob sich, zog an der Leine, wollte
+folgen.--"Leo, liegen bleiben!" rief ihm sein kleiner Herr zu, und
+verließ das Zimmer. Das Tier legte sich, aber es winselte leise. "Er ist
+doch sonst hie und da im Zimmer ohne Gebhard, da winselt er nie!"
+bemerkte Else.
+
+"Er merkt, daß mir die Leine übergeben ist und das beunruhigt ihn, Sie
+werden gleich sehen!" Der Soldat ließ die Leine zu Boden gleiten, sofort
+war der Hund still. "Ein kluges Tier! Und so fein erzogen!"
+
+"Mein Sohn versteht das, Gebhards Vater."
+
+"Ist Ihr Herr Sohn auch im Feld?"
+
+"Im Feld nicht, aber in russischen Händen. Was sie ihm getan haben und
+ob er noch lebt, das wissen wir nicht."
+
+"Oh, ich habe keine Ahnung gehabt, daß Sie so eine Sorge haben," sagte
+der junge Mann und stand auf. "Da sitze ich und plaudere Ihnen vor, und
+nehme dem Kind noch seine größte Freude weg, das geht doch nicht."
+
+"Es geht schon. Gebhard ist ein tapferer, kleiner Mann, nach seinem
+Vater geraten. Es ist gut, sich schon in jungen Jahren an Opfer und
+Entbehrungen zu gewöhnen, so wachsen Helden heran."
+
+Der Soldat verabschiedete sich, Gebhard gab ihm noch ein Stück Weges das
+Geleite. Der Hund ging zwischen ihnen, die Leine wanderte unversehens
+von einer Hand in die andere. Soldaten gingen vorüber, grüßten den
+Kameraden mit dem Hund, sahen auch freundlich nach dem kleinen Burschen,
+denn der grüßte heute einen jeden. Er konnte gar nicht anders. Hatte er
+doch den Soldaten zu lieb seinen Leo geopfert, so sah er sie alle mit
+dem Gedanken an: Vielleicht rettet er euch einmal das Leben!
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+
+Wochen waren vergangen. Helene lag auf ihrem Ruhebett, das letzte
+Briefchen Gebhards in der Hand. Sie hatte sich allmählich daran gewöhnt,
+manche Stunde so liegend zu verträumen. Arbeit gab es nicht für sie in
+diesem Hause; für ihr Töchterchen war ein Kindermädchen gedungen
+worden; denn die Geschwister wünschten nicht, daß sie das Kind selbst
+ausfahre; an dem geselligen Verkehr ihrer Schwägerin mochte sie nicht
+teilnehmen, dazu war ihr Herz zu schwer. Heute war für sie ein besonders
+wehmütiger Tag, ihr Hochzeitstag jährte sich zum zweiten Mal. Und sie
+wußte nicht: war sie Witwe oder lebte der noch, der ihr ganzes Glück
+gewesen?
+
+Nichts war ihr aus jener Zeit geblieben als das Kleine, das neben ihr
+lag und schlief. Sie schaute nach dem Kind, aber sie konnte es nicht
+mehr mit derselben Freude ansehen wie früher, sie bedauerte es. Ohne den
+Vater sollte es aufwachsen, mit einer Mutter, die nicht mehr frisch und
+fröhlich war wie einst. Sie kam sich selbst wie ein flügellahmer Vogel
+vor. Mutlos sank sie wieder auf ihr Ruhebett zurück. Eine Weile später
+trat leise das Kindermädchen ein, blickte nach der schlafenden Kleinen.
+"Ich will nicht stören," sagte das Mädchen, "wollte nur die Post
+bringen." Sie gab einen Brief ab und verließ das Zimmer.
+
+Gleichgiltig öffnete Helene den Umschlag. Es war ihr alles so einerlei,
+nur wenn von seiner Mutter ein Brief kam, das freute sie, darin wehte
+immer etwas von seinem tapfern Geist. Aber dies schien von einer
+Mädchenhand geschrieben. Liegend las sie; es waren nur ein paar Worte,
+aber Worte, die sie auffahren ließen, ihr Herz klopfen machten, ihr
+schier unglaublich schienen, so daß sie ihren Augen nicht traute und
+einmal ums andere las, was da stand: "Ihr Mann lebt und grüßt Sie
+tausendmal!"
+
+So lebhaft war Helene aufgesprungen, daß ihr Töchterchen davon
+erwachte.
+
+"Mam-mam," klang es aus dem Korbwagen. "Mam-mam? Ja, und Pa-pa!
+Jüngferlein, der Papa lebt und läßt uns tausendmal grüßen!"
+
+Sie nahm das Kind heraus, drückte es jubelnd an sich und lachte so, daß
+das Kleine auf ihrem Arm ganz übermütig wurde. Aber nach dieser ersten
+überquellenden Freude kamen der jungen Frau allerlei Fragen.--Warum
+schrieb ihr Mann nicht selbst? Konnte er nicht? War er so krank? Wenn
+man nur mehr wüßte! Aber es war doch eine Spur aufgefunden, die konnte
+man verfolgen. Das mußte sie mit seiner Mutter besprechen, zu der
+gehörte sie jetzt. Ein heißes Verlangen trieb sie zu ihr und zu Gebhard;
+wie würde der jubeln!
+
+Sie eilte hinaus, um Bruder und Schwägerin den Brief zu zeigen und sich
+mit ihnen zu beraten. Die Geschwister konnten zwar nicht einsehen, daß
+Helene auf diese Nachricht hin unbedingt abreisen müsse, aber sie hatten
+beide den Eindruck, daß gegen diesen stürmischen Wunsch gar nichts zu
+machen sei. Sie war ja wie verwandelt, die vorher so matte,
+niedergeschlagene Frau. Man mußte sie gewähren lassen.
+
+So folgte Helene dem Drang ihres Herzens und frug bei der Mutter an, ob
+sie zu ihr kommen dürfe mit dem Töchterchen und bei ihr bleiben, damit
+sie alle beisammen wären, wenn ihr Mann käme. Er lebte--also kam er, wer
+konnte wissen, wie bald!
+
+Frau Dr. Stegemann antwortete sofort und hieß Helene mit dem Kind
+willkommen. In Eile wurden die Reisevorbereitungen getroffen.
+
+Helene war beim Abschied bewegt. Wie gastfreundlich hatten die
+Geschwister sie aufgenommen. "Ihr wart so geduldig mit mir in dieser
+langen, trübseligen Zeit," sagte sie.
+
+"Uns war es nicht zu lange," erwiderte der Bruder mit Herzlichkeit. "Du
+kannst jederzeit wiederkommen, du weißt, wir haben dich lieb!"
+
+"Und ich euch, von Herzen. Aber mein Mann gehört auch dazu. Wenn ich ihn
+erst wieder habe, müßt ihr ihn recht kennen lernen. Dann wird alles ganz
+schön!"
+
+"Gott gebe es!"
+
+Die Geschwister trennten sich, der Zug fuhr ab. Und kaum war Helene mit
+ihrem Töchterlein allein, so zog sie wieder ihren Brief aus der Tasche;
+denn sie konnte nicht oft genug die Worte lesen: "Ihr Mann lebt und
+grüßt Sie tausendmal!"
+
+Helene hatte nichts mitgeteilt von der Botschaft, die sie erhalten
+hatte. Mündlich wollte sie der Mutter die Nachricht überbringen, wollte
+ihre und Gebhards Freude miterleben. Da sie nun mit einem früheren Zug,
+als man sie erwartet hatte, ankam, fand sie die Wohnung fast leer, nur
+das Mädchen empfing sie. So richtete sie sich ein in dem Gastzimmer,
+besorgte ihr Kindchen und wartete gespannt, wer zuerst heimkäme.
+
+Immer wieder trat sie ans Fenster, sah endlich ein paar Schuljungen auf
+das Haus zukommen und erkannte unter ihnen Gebhard. Die Kameraden hatten
+sich viel zu sagen, konnten sich lange nicht trennen, sie hatten eben
+einer Übung des Sanitätshundes Leo beigewohnt und waren noch erfüllt
+davon. Die junge Frau konnte nicht länger warten, öffnete das Fenster
+und rief Gebhards Namen; der blickte auf, löste sich aus der Gruppe,
+rannte der Haustür zu und oben angekommen umschlang er die Mutter, die
+strahlend vor Freude vor ihm stand. Er hatte gar nicht mehr gewußt, daß
+sie so lieblich aussah, wie jetzt in ihrem Glück, und es überkam ihn so
+plötzlich die Erinnerung, wie Vater und Mutter beisammen gewesen, daß
+ihm Tränen in die Augen stiegen. Er begriff nicht, was ihn so bewegte
+und sagte hilflos: "Ich freue mich doch so, aber das ist immer so dumm,
+wenn man sich freuen will, dann kann man's nicht, ohne den Vater!"
+
+"Doch Gebhard, jetzt können wir's wieder! Denn wir wissen jetzt, daß der
+Vater lebt. Sieh nur, den Brief habe ich bekommen, darin steht: Der
+Vater lebt und grüßt uns tausendmal!"
+
+Kaum hatte Gebhard die Nachricht erfaßt, so erklang draußen ein
+wohlbekanntes Klingeln: "Das ist die Großmutter, darf ich's ihr sagen,
+Mutter?"
+
+"Wir miteinander!"
+
+Sie nahmen sich an der Hand, Gebhard lachte, wie die Mutter so
+leichtfüßig mit ihm springen konnte. Sie kamen dem Mädchen noch zuvor.
+Die Großmutter wurde von beiden Seiten umfangen und hörte nichts als:
+Er lebt und grüßt uns tausendmal!
+
+Auf diese freudige Erregung folgten Wochen des Wartens. Aber sie
+brachten für Helene nicht mehr verträumte Stunden auf dem Ruhebett; in
+diesem altmodischen Haus gab es überhaupt gar kein Ruhebett. Frau Dr.
+Stegemann kannte auch keine Mittagsruhe. Sie war der Meinung, daß es für
+gesunde Menschen genüge, bei Nacht zu ruhen und begriff nicht, daß junge
+Menschen so viele Stunden ihres Lebens ohne Arbeit oder Vergnügen, in
+bloßem Nichtstun zubringen mochten. Helene fand sich schnell in diese
+Auffassung und kam durch Arbeit hinweg über die Enttäuschung, daß der
+ersten Nachricht keine zweite folgte und alle Nachforschungen fruchtlos
+blieben. Sie besorgte ihr Kindchen selbst und war bald auch in allerlei
+Arbeit für andere mit hineingezogen. Zuerst durch die junge
+Schustersfrau, die inzwischen Witwe geworden war. Ihr mußte man helfen
+Verdienst zu suchen, und dabei hörte man von anderen, die in ähnliche
+Not geraten waren.
+
+Da gab es für Helene viele Gänge zu machen, aufzumuntern und Hilfe zu
+schaffen. Ihre beiden jungen Nichten, Else und Grete, waren eifrige
+Woll- und Metallsammlerinnen fürs Vaterland, hatten auch Gebhard mit
+hereingezogen und so gab es in der ganzen Familie kaum eine Tätigkeit,
+selten ein Gespräch, das nicht mit dem Krieg zusammenhing.
+
+Über all dem verstrich rasch die Wartezeit und ging der kalte
+Vorfrühling über in einen Mai, so wonnig, daß all die Krieger im Feld
+und ihre Treuen daheim aufatmeten nach dem schweren Winter. Und einer
+dieser wonnigen Maitage löste auch das geheimnisvolle Dunkel, das bisher
+über dem Schicksal des Försters gewaltet hatte.
+
+Helene war mit ihrem Töchterchen und den großen Kindern den Nachmittag
+im Wald gewesen, nun kamen sie zurück mit großen Sträußen von Waldblumen
+und jungem Grün; ein ganzer Frühlingseinzug war es, als all diese Jugend
+heimkehrte und fröhlich die Großmutter begrüßte. Die mußte sich
+gleichzeitig von jedem erzählen lassen, wie schön es im Wald gewesen,
+mußte die Sträuße in Empfang nehmen, die für sie gepflückt waren, und
+konnte sich in all der Kinderunruhe kaum Gehör verschaffen. Aber als
+Helene mit den Kindern in die große Wohnstube ging, da folgte ihnen die
+Großmutter nicht, sondern bemerkte nebenbei zur Schwiegertochter: "Wenn
+du die Kleine besorgt hast, so komm zu mir herüber. Ich habe dir etwas
+zu sagen." Helene sah die Mutter an und ein einziger Blick verriet ihr,
+daß sie eine tiefe Bewegung beherrschte. Sie wußte: eine Nachricht war
+gekommen!
+
+"Else, Grete," bat sie, "tut ihr mir's zuliebe, die Kleine auszuziehen,
+Gebhard hilfst du?" Und ehe noch Antwort gekommen, setzte sie das Kind,
+das sie auf dem Arm gehabt, mitten unter die drei Großen auf den Boden
+und folgte der Mutter. "Ist ein Brief gekommen? Von ihm? An mich?"
+
+"An mich, aber deswegen nicht weniger an dich. Komm, setze dich zu mir.
+Und sei tapfer, Helene!" Bei diesem Wort wurde die junge Frau blaß.
+"Sind es keine guten Nachrichten?"
+
+"Wie kannst du _gute_ Nachrichten erwarten? Nicht wahr, wir haben uns
+längst gesagt, daß wir aufs Schlimmste gefaßt sein müssen. Aber er lebt
+doch und wird wiederkommen!"
+
+Sie nahm den Brief zur Hand. "Er ist von einer Pflegeschwester
+geschrieben, aus einem Berliner Lazarett, Rudolf hat ihn diktiert. Ich
+will dir ihn vorlesen." Sie las mit fester Stimme:
+
+"Liebe Mutter, wie ein Traum ist mir's noch, daß ich dir einen Brief
+schicken kann, wie ein Wunder, daß ich wieder im deutschen Vaterland
+bin. Noch vor kurzem hatte ich keine Hoffnung, je aus dem Feindesland
+herauszukommen. Fremde Menschen haben sich meiner angenommen, mich mit
+eigener Lebensgefahr über die Grenze gebracht. Aber bald, bald werde ich
+dir das alles mündlich erzählen, nur auf eines soll dich dieser Brief
+vorbereiten, ehe du mich wiedersiehst. Deine starke Seele wird es
+ertragen, wenn ich dir sage, was mir geschehen ist. Die Russen haben
+grausame Rache an mir verübt, als ich ihnen die Stellung der Deutschen
+nicht verraten wollte. Mutter, sie haben mir das Augenlicht genommen.
+Ich bin blind. Und nicht nur das, ich bin auch, das weiß ich, ein
+grauenvoller Anblick, und dies quält mich vor allem bei dem Gedanken an
+meine junge, weiche, fein empfindende Frau, die so etwas nicht ertragen
+kann." Das Vorlesen wurde unterbrochen durch einen schmerzlichen
+Aufschrei: "O Mutter, wie grausig!" Laut schluchzend drückte Helene
+beide Hände vor das Gesicht, wie wenn sie verdecken wollte, was sie im
+Geist vor sich sah. Sie weinte bitterlich, es war nicht möglich, weiter
+vorzulesen. Mitleidig sah die Mutter auf die Trostlose. "Fasse dich,
+Helene; nicht wahr, wir wußten schon lange, daß er in den Händen
+grausamer Feinde war, und hatten uns auf das Schlimmste vorbereitet."
+
+"Ich nicht, Mutter, ich habe mir solch schreckliche Gedanken immer fern
+gehalten."
+
+Das konnte Frau Stegemann nicht begreifen. In ihrer Natur lag es, fest
+ins Auge zu fassen, was kommen mußte. "Helene," sagte sie vorwurfsvoll,
+"du wolltest doch tapfer sein!"
+
+"Verzeih! Ich kann nicht, es ist zu schrecklich!" Vor der Türe ließ sich
+eine Stimme hören.
+
+"Großmutter, darf ich kommen?" und Gebhard trat ein; er sah sein
+Mütterlein aufgelöst in Tränen, daneben die Großmutter mit dem strengen
+Ausdruck, den er kannte. Ihm war er vertraut, aber die Mutter fürchtete
+ihn, das wußte er. Und als er sie so im Jammer sah, erregte es ihn, er
+vergaß sich und rief mit zornigem Ausdruck, während ihm die Röte ins
+Gesicht stieg: "Großmutter, so darf man nicht mit der Mutter reden, daß
+sie so weinen muß, das leidet der Vater nicht!"
+
+Die Großmutter, die ihm sonst nie solch ungebärdiges Auftreten hingehen
+ließ, übersah es diesmal; denn sein ritterliches Eintreten für die
+Mutter gefiel ihr.
+
+"Ich habe deine Mutter nicht traurig gemacht," sagte sie, "sondern
+dieser Brief, obgleich darin steht, daß der Vater bald kommt. Nun sieh
+nur zu, wie du sie tröstest. Du kannst mit ihr den Brief fertig lesen!"
+Sie gab das Blatt in seine Hand und verließ die beiden. Gebhard stand
+ratlos mit dem Brief, denn eine fremde Handschrift war ihm noch eine
+schwere Aufgabe.
+
+"Vorlesen kann ich nicht," sagte er, "und trösten auch nicht."
+
+Da raffte sich Helene zusammen: "Nein, mein armer, lieber Bub, du sollst
+mich nicht trösten, du tust mir ja selbst so leid. Ich will dir sagen,
+warum ich weine: Sieh, der Vater, dein herzlieber Vater, ist blind;
+seine lieben, schönen Augen sind ihm zerstört worden aus Rache, weil er
+die Deutschen nicht an die Russen verraten wollte." Sie zog ihn an sich,
+wie entsetzlich mußte ihm, der so treu an seinem Vater hing, diese
+Nachricht sein! Aber es kam anders als sie dachte. Nicht Tränen kamen
+ihm in die Augen, stolz leuchteten sie und fast frohlockend klang es:
+"Jetzt müssen es alle glauben, daß der Vater kein Verräter ist, alle,
+auch Onkel und Tante! Mutter, schreibst du es ihnen gleich, heute noch?"
+
+"Ja, ja. Jetzt haben sie den Beweis, den sie wollten! Einen so
+schrecklichen Beweis!" Ihr graute wieder. Aber Gebhard, dieses Kind, das
+in Monaten des Krieges unter den Kameraden von viel Schrecklichem gehört
+und im Lazarett allerlei Schwerverwundete gesehen hatte, konnte nicht
+mehr so den Schauer empfinden. "Mutter," sagte er, "droben im Lazarett
+ist ein Soldat, dem hat eine Granate beide Augen weggerissen. Aber der
+hat schon oft mit dem Hundeführer und mir geplaudert und war ganz
+vergnügt!"
+
+"Wie sieht er aus, Gebhard?" ganz ängstlich klang die Frage.
+
+"Ich weiß nicht, ich habe ihn nicht so genau angeschaut."
+
+"Hat er nicht furchtbare Schmerzen?"
+
+"Nein, er hat sich nie beklagt und ich glaube, es wird auch dem Vater
+nicht mehr wehtun."
+
+"Vielleicht steht darüber noch etwas in dem Brief," sie griff darnach,
+denn der kleine Mann hatte sie doch getröstet, sie war wieder gefaßt und
+las vor. Von Schmerzen stand nichts darin. Zuversichtlich klang es:
+"Bald darf ich reisen; zunächst komme ich noch nicht zu dir ins Haus,
+sondern mit anderen Verwundeten in ein Lazarett; dort wirst du, meine
+tapfere Mutter, mich besuchen. Ich weiß nicht, ob meine Lieben bei dir
+sind, und überlasse es dir, ob du Helene die ganze traurige Wahrheit
+mitteilen willst. Geh schonend um mit ihrem weichen Herzen; es ist mir
+schwer an ihren Jammer zu denken. Aber _eine_ Mitteilung weiß ich doch,
+die Euch freuen wird, Gebhard vor allem: Es wurde mir, der ich nicht
+kämpfen durfte fürs Vaterland, das Eiserne Kreuz verliehen für die
+_eine_ Stunde, in der ich meine Treue beweisen konnte, als ich die
+Feinde seitab von der Spur führte, die sie suchten, und ihre Rache auf
+mich nahm. Erst kürzlich ist der ganze Sachverhalt zur Kenntnis der
+Heeresleitung gekommen."
+
+Das Eiserne Kreuz! Wie leuchteten Gebhards Augen und welcher Glanz kam
+über das Gesicht der jungen Frau! Sie atmete tief auf. Nie konnte jetzt
+mehr die alte Reue sie überfallen, nie durfte irgend jemand an seiner
+Ehre zweifeln. Als ein treuer, tapferer Held, der das Schwerste auf sich
+genommen hatte, stand ihr Mann vor Gott und der Welt, und ihre eigene
+Schwachheit hatte seiner Ehre nicht geschadet. Mächtig wuchs ihr
+Verlangen nach ihm, wie wollte sie ihn lieben und pflegen und glücklich
+mit ihm sein!
+
+"Wie heißt es in dem Brief? _Bald darf ich reisen._ Was heißt bald?
+Komm, wir müssen die Großmutter fragen; und an meinen Bruder muß ich
+schreiben, gleich jetzt, komm Gebhard, komm!"
+
+Hand in Hand, in einer gleichen, großen Freude eilten sie hinaus, die
+Großmutter aufzusuchen. Im Wohnzimmer war sie nicht zu finden, nur die
+Kleine saß da, im niedrigen Kinderstühlchen; neben ihr Grete, die ihr
+das Abendsüppchen gab. Im Augenblick kniete Helene neben dem Kind.
+"Gebhard, wir müssen es dem Jüngferlein auch sagen, daß der Vater kommt.
+Hörst du, Jüngferlein? Sag: Papa!"
+
+"Mam-ma!" rief die Kleine.
+
+"Papa," wiederholte die Mutter, "Papa," bat Gebhard, "Papa" sagte Else
+vor. Verwundert, schaute das Kind von einem zum andern, spitzte endlich
+das Mäulchen, machte sichtlich eine große Anstrengung und rief--"Mama!"
+Da lachten alle zusammen.
+
+Frau Dr. Stegemann war nebenan und hörte das Lachen; hell und fröhlich
+klang die Stimme der jungen Frau, die sie vor kurzem aufgelöst in
+Tränen verlassen hatte.
+
+"O Jugend!" sagte die Großmutter vor sich hin; aber ihr ernstes Gesicht
+erheiterte sich. "Es ist gut so. Komm nur, mein armer Blinder, es gibt
+doch noch Herzensfreude für dich. Gottlob, dies Lachen hörst ja auch du,
+so gut wie wir, und viele innige Worte der Liebe wird dir deine Frau
+zuflüstern, die nur du hören wirst!"
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+
+An diesem Nachmittag, als Gebhard in das Lazarett ging, um den Soldaten
+abzuholen, der eine letzte Probe mit Leo, dem geschulten Sanitätshund,
+abhalten wollte, begleitete ihn Helene. Auf dem Weg vertraute sie
+Gebhard an, daß sie nicht nur wegen des Hundes mit ihm ginge. Nein, sie
+hatte vor, den Verwundeten zu besuchen, der durch Granatsplitter um
+seine Augen gekommen war. Es graute ihr vor seinem Anblick, aber sie
+wollte sich daran gewöhnen, ehe der Vater kam. So gingen sie miteinander
+vor die Stadt hinaus nach dem Lazarett und sie betrat es mit Bangen.
+
+Gebhard führte die Mutter die Treppe hinauf. Oben trafen sie die
+Pflegeschwester. "Heute kommt meine Mutter mit," sagte Gebhard, und
+Helene brachte schüchtern und zaghaft den Wunsch vor, den Blinden zu
+sehen. "Da kommen Sie gerade noch rechtzeitig," antwortete die
+Schwester, "ehe er zum Unterricht geht, in die Anstalt gegenüber." Sie
+betraten einen kleinen Saal mit mehreren Betten, die meisten standen
+leer, denn die Verwundeten waren schon so weit hergestellt, daß sie sich
+im Garten aufhalten konnten; aber einer stand am weit geöffneten
+Fenster, durch das der Duft blühender Linden hereinströmte. "Das ist der
+Blinde," sagte Gebhard und führte ihm die Mutter zu. Helene blickte zu
+ihm auf. Nein, es war kein schlimmer Anblick: ein Band war um seine
+Stirne gebunden und an diesem waren zwei kleine Tüchlein befestigt, die
+die Augenhöhlen verdeckten. Sie gab dem Verwundeten die Hand. "Mein Mann
+hat auch beide Augen verloren," sagte sie mit tiefer Bewegung. Der
+Blinde hörte es ihrem Ton an. "Es ist freilich traurig," sagte er, "auch
+für die Frauen. Die meinige hat auch gejammert. Aber man muß es halt
+hinnehmen und auf Gott vertrauen. Wenn man erst eine Beschäftigung
+gelernt hat, wird einem die Zeit nicht mehr so lang. Ich habe jeden
+Nachmittag Unterricht."
+
+"Darf ich manchmal vormittags zu Ihnen kommen und Ihnen etwas vorlesen?"
+
+"Ja, das wäre mir wohl recht."
+
+Ein Verwundeter, den Arm in der Binde, kam, er führte den blinden
+Kameraden zum Unterricht. Helene verabschiedete sich. Draußen sprach sie
+mit der Schwester. "Darf ich öfter kommen?" fragte sie, "ich möchte so
+gerne mehr von ihm hören," und zaghaft fügte sie hinzu: "Ich möchte ihn
+auch ohne die Binde sehen."
+
+"Ja, kommen Sie nur, so oft Sie wollen. Die Binde trägt er bloß, wenn
+er über die Straße geht. Sie werden sich schnell an den Anblick
+gewöhnen--wir Schwestern und seine Kameraden denken gar nicht mehr
+daran, das ist nicht so schlimm!"
+
+Erleichterten Herzens verließ Helene das Gebäude. Der Blinde, die
+Kameraden, die Schwester, sie alle waren so ruhig gewesen. Es war nicht
+so schwer, als sie sich eingebildet hatte, gewiß nicht. Gleich morgen
+wollte sie wiederkommen, denn wer konnte wissen, wann ihr eigener
+geliebter Blinder kommen würde? Jeden Tag konnte das sein und er sollte
+sie nicht mehr feig und schwach sehen, nein, wahrhaftig, er verdiente
+eine tapfere Frau, und das wollte sie ihm sein!
+
+Im Hof unten wartete schon neben seinem neuen Herrn stehend Leo, der
+Sanitätshund. Er trug heute zum erstenmal die feldgraue, mit dem roten
+Kreuz geschmückte Decke. Mit freudigem Bellen sprang er auf Gebhard zu.
+
+"Heute sollst du sein Meisterstück sehen, Gebhard," sagte der
+Hundeführer. "Morgen wird's aber auch ernst, wir reisen in aller Frühe
+ab, gleich an die Front!"
+
+Drei Soldaten waren schon vorausgegangen mit dem Auftrag, sich auf einer
+kleinen Anhöhe in dem nahen Wald zu verstecken. Sie sollten die
+Verwundeten vorstellen, die aufzusuchen wären. Auf einem andern Weg
+folgte nun der Führer mit dem Hund. Ihm schlossen sich Helene und
+Gebhard an. "Im Kasernenhof haben wir schon ähnliche Übungen mit dem
+Hund gemacht," sagte der Führer, "aber im Wald noch nie. Ich bin aber
+sicher, er wird auch da seine Sache gut machen." Oben angekommen, ließ
+er den Hund von der Leine los und rief ihm aufmunternd zu: "Leo, such
+verwundet!"
+
+Pflichteifrig raste der Hund im ersten Augenblick geradeaus. Dann schien
+er sich zu besinnen, schnüffelte da und dort, aufgeregt, immer die Nase
+auf dem Boden. Allmählich näherte er sich dem Wald.
+
+"Am Waldrand ist ein Bach," sagte der Führer. "Der Steg ist weiter oben.
+Die Soldaten werden sicher nicht über den Steg gegangen sein, sondern
+durchs Wasser."
+
+"Aber im Wasser verliert er die Spur!"
+
+"Ja freilich, aber so ist's im Feld auch. Warte nur, sein Instinkt wird
+ihn schon treiben, die Spur auf dem andern Ufer zu suchen." Richtig, Leo
+verschwand plötzlich in der Tiefe, tauchte am andern Ufer des Baches
+wieder auf, schüttelte sich das Wasser vom Fell, suchte und verschwand
+im Wald. Sie gingen nun dem Bach entlang bis zum Steg und hinüber an den
+Waldessaum. Dort standen sie eine ganze Weile gespannt und lauschend.
+Plötzlich raschelte es im Laub und Leo tauchte auf.
+
+"Er bringt eine Mütze!" rief Gebhard und rannte in hellem Vergnügen dem
+wackeren Tier entgegen, das in gestrecktem Lauf daher gesaust kam und
+die Soldatenmütze zu den Füßen seines Herrn ablegte. "Brav, Leo, brav,"
+lobte der Führer und befestigte die Leine am Halsband. "Führe mich,
+Leo!" Der Hund zog an, ging voraus, die kleine Gesellschaft folgte in
+den Wald hinein, durch dick und dünn eine gute Strecke weit; dann gab
+der Hund Laut und blieb stehen. Möglichst im Unterholz versteckt lag ein
+Soldat ohne Mütze. Der Führer sprach ruhig und freundlich den Soldaten
+an, während er sich den Anschein gab, ihm aufzuhelfen. "Der Hund muß
+merken, daß es gute Freunde sind, die wir aufsuchen," erklärte er,
+streichelte bald den Hund, bald den Soldaten und führte diesen am Arm
+mit sich fort.
+
+Die Übung wurde wiederholt, der neue Sanitätshund bewährte sich
+glänzend, er fand alle Versteckten.
+
+Im Abendschein kehrten die Soldaten in das Lazarett zurück, der Führer
+begleitete Mutter und Sohn noch bis in die Stadt. Dann kam der Abschied.
+"Reut dich's nicht?" fragte er und sah bedenklich nach dem kleinen Mann,
+der seinen Hund zum letztenmal streichelte. "Nein, es reut mich gar
+nicht. Ich glaube auch, daß Leo jetzt versteht, warum ich ihn hergebe.
+Er weiß, daß er Verwundete suchen muß. Gelt Leo?" Das Tier wedelte; es
+verstand jedenfalls so viel, daß von ihm die Rede war. Nun wandte sich
+Gebhard ab, gab dem Führer rasch die Hand und bat die Mutter: "Wir
+wollen jetzt doch lieber gehen."
+
+Sie verstand ihn und machte den Abschied kurz: "Viel Glück!" rief sie.
+
+"Viel Dank," antwortete der Feldgraue, "komm Leo!" So trennten sie sich.
+
+Helene und Gebhard gingen Hand in Hand durch die Vorstadt. Die Straßen
+waren ihnen fast unbekannt und dennoch vertraut was da vor sich ging. In
+der Mitte der Straße bewegte sich, von zwei bewaffneten Soldaten
+begleitet, ein Trupp gefangener Franzosen. Sie zogen und schoben einen
+Wagen voll Brot hinauf nach dem Gefangenenlager. Niemand kümmerte sich
+viel um den gewohnten Anblick.--Ein paar Frauen kamen des Weges, jeder
+hing über dem Arm ein Pack grauer Kleidungsstücke; man wußte: das sind
+Frauen, deren Männer im Krieg sind und die nun nähen für das Militär, um
+Geld zu verdienen für sich und die Kinder.--An einem Ladenfenster klebt
+ein Blatt Papier, die neuesten amtlichen Berichte. Eine kleine Gruppe
+steht davor, auch Helene und Gebhard bemühen sich, sie zu lesen, können
+aber nicht recht bei. "Nichts besonderes," sagt einer zum andern, "es
+handelt sich halt wieder um Arras und Ypern."--Zwei vorübergehende
+Frauen plaudern miteinander, man hört nur drei Worte, nur den
+gewichtigen Ausruf: "das Stück 14 Pfennig!" aber man weiß: von den Eiern
+reden sie.--Auch was die zwei älteren Damen meinen, die so besorgt
+aussehen, ergänzt sich ein Jeder, wenn er gleich nur hört: "Morgen
+sind's schon drei Wochen!" daß keine Nachricht vom Sohn mehr
+eingetroffen ist.--Ein paar muntere Mädchen eilen vorüber, die eine
+rühmt sich: "O wir haben im vorigen Monat _zehn_ übrig behalten,"
+Brotkarten natürlich.
+
+Und plötzlich schauen alle, horchen alle--drei Schüsse? Ein Sieg? Da und
+dort fährt ein Fenster auf, Leute rufen auf die Straße: Was ist's denn?
+Und von irgend woher kommt die Antwort und pflanzt sich fort: "Przemysl
+ist gefallen!"
+
+_Eine_ Freude fliegt durch die ganze Stadt.
+
+Unsere beiden, Mutter und Sohn, eilen, können kaum erwarten heim zu
+kommen; und wie sie das Haus erreichen, fangen gerade die Glocken an zu
+läuten, die Fahnen kommen heraus und hoch oben an der Großmutter Fenster
+erscheint neben der deutschen zum erstenmal auch die schwarz-gelbe
+österreichische; denn _eine_ kann nimmer genügen, um die Siegesfreude
+auszusprechen in dieser einzig großen, schweren Zeit.
+
+Monate lang hatte Helene mit all ihren Gedanken in der Vergangenheit
+gelebt. Immer wieder hatte sie zurückdenken müssen an den Tag, der ihr
+Glück vernichtet hatte. Jetzt aber, durch den Brief ihres Mannes tat
+sich wieder eine Zukunft vor ihr auf und all ihr Sinnen ging dahin, wie
+es werden sollte, wenn er zurückkäme. Seine Stelle konnte er ja nicht
+mehr ausfüllen, das Forsthaus war keine Heimat mehr für sie. Vor
+längerer Zeit schon hatte die Mutter eine Anfrage eingesandt, um zu
+erfahren, ob die Wohnungseinrichtung im Forsthaus unbeschädigt geblieben
+sei und geholt werden könnte. Heute war amtliche Mitteilung darüber
+eingetroffen. Sie besagte, daß infolge russischer Plünderung sämtliche
+Möbel und Hausgeräte zertrümmert seien, die Betten aufgeschnitten und
+besudelt, Bücher und Schriftliches verbrannt. Wahrscheinlich sei die
+zerstörte Wohnung später noch durch Diebsgesindel durchsucht worden,
+denn es sei nicht das Geringste mehr vorhanden.
+
+Schmerzlich war diese Nachricht. Helene hatte als Braut eine reiche
+künstlerische Ausstattung in das Forsthaus gebracht--nun war die ganze
+schöne Einrichtung verloren. Und alles was Vater und Sohn besessen an
+geliebten Gegenständen, jedes Andenken an frühere Zeiten, die Spiele,
+die Gebhards Kinderglück ausgemacht hatten, alles war in die Hände roher
+Gesellen gefallen und vernichtet worden.
+
+Helene war tief gebeugt über diese vollständige Verarmung. Noch vor
+kurzem hätte sie sich wenig darum bekümmert, aber eben jetzt, wo sie
+ihren Mann erwartete, schmerzte es sie bitter. Nichts war mehr da von
+ihrem Hausstand, sie konnte nicht, wie andere Frauen, den Heimkehrenden
+im eigenen Haus empfangen. Aber das wußte sie: die Mutter würde Raum
+schaffen für ihren geliebten Sohn; an seine Mutter hatte er sich ja
+gewandt, nicht an sie; das konnte sie begreifen: die Mutter verstand ihn
+doch am besten, sie allein hatte auch nie an seiner Ehre gezweifelt; zu
+ihr käme er gerne und man mußte dankbar sein, daß das möglich war.
+
+So ging sie zur Mutter und fragte bescheiden: "Wie soll es werden, wenn
+Rudolf aus dem Lazarett kommt? Ich weiß, du wirst ihn mit Freuden
+aufnehmen, aber wenn ich mit den Kindern auch dabei bin, wird es dir
+dann nicht zu viel?"
+
+"Freilich wird es mir zu viel," war die Antwort.
+
+"Wie meinst du das, Mutter?" fragte Helene erschrocken.--"Ich meine zu
+viel für mich, weil zu wenig bleibt für dich. Ich habe schon viel
+darüber nachgedacht und möchte gerne herausbringen, daß Ihr eine kleine,
+einfache Wohnung für Euch allein nehmen und einrichten könnt. Aber das
+genügt Euch jungen Frauen nicht. Da soll immer alles zusammenpassend und
+stilgemäß sein. Dazu reicht es aber nicht. Es müßte eine ganz
+bescheidene 3 Zimmer-Wohnung sein und auch alte Möbel dazu verwendet
+werden, das könnten wir mit vereinten Kräften schon bestreiten und dann
+wäret Ihr vier beisammen; so käme es mir am besten vor."
+
+"Und mir!" rief die junge Frau, und in aufwallendem Glück umarmte sie
+die Mutter und rief in übermütiger Freude: "Ohne jeglichen Stil soll
+unser Heim werden, das verspreche ich dir, Mutter, so unkünstlerisch als
+du nur willst. Ein urgemütliches Nestchen wird's dennoch! O Mutter,
+gehen wir gleich Wohnungen ansehen?" Die Mutter sah glücklich auf die
+strahlende Freude, die der jungen Frau aus den Augen leuchtete. Und sie
+dachte an ihren Sohn. Der beste Schatz war ihm doch geblieben.
+
+In den nächsten Tagen kamen noch von zwei Seiten Briefe, die auf diesen
+Zukunftsplan Einfluß hatten. Der erste war von Helenens Bruder. Er
+sprach herzliche Teilnahme aus über das Schicksal des Erblindeten; aber
+auch Stolz und Freude über das Eiserne Kreuz, das der ganzen Familie zur
+Ehre gereiche. Er bat die Schwester, mithelfen zu dürfen bei der
+Gründung eines neuen Heims.
+
+Der zweite Brief enthielt ein amtliches Schreiben und besagte, daß dank
+der großen Summen, die aus ganz Deutschland für die vertriebenen
+Ostpreußen eingegangen seien, eine Entschädigung für den verlorenen
+Besitz bewilligt werden könnte, sobald der Antrag gestellt würde.
+
+Zu Tränen gerührt war Helene über diese freiwillige Hilfe von allen
+Seiten. Jetzt hatte es keine Not mehr, sie konnte sich alles wieder so
+schön und reichlich anschaffen, wie einst als Braut.
+
+Aber es ging ihr sonderbar: der Gedanke, hinzugehen, einzukaufen und
+sich nur zu fragen: Herz, was begehrst du? freute sie nicht mehr. In der
+Kriegszeit, wo so viel bittere Not herrschte, sollte sie sich alle
+Wünsche befriedigen? Sie war so fröhlich und eifrig gewesen bei dem
+Gedanken, alles so schlicht und bescheiden wie möglich einzurichten.
+Eine Weile sann sie nach, dann kam sie zur Mutter. "Du hast doch
+ausgerechnet, daß wir reichen, wenn wir uns sparsam einrichten. Dann
+möchte ich lieber nichts annehmen von der Summe, die für die
+Vertriebenen bestimmt ist. Es geht sonst an ärmeren ab. Ich meine,
+Rudolf wird es auch so auffassen. Was denkst du, Mutter?"
+
+"Ich denke, daß du das Herz am rechten Fleck hast," war die Antwort.
+Dieses gute Wort versetzte Helene in eine gehobene Stimmung, die ihr
+auch blieb, während sie die bescheidene Wohnung wählte und mit
+schlichten Möbeln ausstattete. Ein fröhliches Vorbereiten, ein
+bräutliches Erwarten erfüllte sie in diesen Tagen.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+
+
+An seinen Schulheften saß Gebhard und seufzte. Ihm wurde das Warten auf
+den Vater unerträglich lang. Die Mutter hatte es gut--ihre Tage waren
+ganz ausgefüllt durch Vorbereitungen auf des Vaters Kommen; sie richtete
+die Wohnung für ihn; sie ging um seinetwillen fast täglich ins Lazarett
+zu den Augenleidenden und Blinden und half bei ihrer Pflege.
+
+Und die Großmutter war von früh bis spät in allerlei Kriegshilfe tätig;
+viele arme Frauen kamen zu ihr und sie verschaffte ihnen Arbeit, selten
+hatte sie ein wenig Muße für ihren Enkel. Else und Grete waren in allen
+Freistunden unterwegs, sie sammelten fürs Vaterland das Gold ein, von
+dem noch viel bei ängstlichen und bei gedankenlosen Menschen steckte.
+Das Schwesterchen spielte freilich gern mit dem Bruder, aber mehr als
+"Kuckuck" ließ sich noch nicht mit ihr machen. Der bessere Spielkamerad
+war doch Leo gewesen und der fehlte jetzt.
+
+Einmal, als die Mutter vom Lazarett heimkam, klagte er ihr: "Es dauert
+so lang, so furchtbar lang, bis der Vater kommt!" Sie tröstete ihn.
+"Jetzt wird er sicherlich bald kommen. Warte nur ein Weilchen, dann wird
+es um so schöner bei uns." Vom nächsten Ausgang brachte sie ihm ein Buch
+mit, daß ihm die Zeit rascher vergehe über dem Lesen.
+
+Aber das Buch war bald zu Ende. Er kam zur Großmutter. "Wann kommt denn
+endlich der Vater, ich kann es nicht mehr erwarten!"
+
+"So, du kannst nicht warten? Wir daheim und unsere Soldaten draußen
+müssen doch alle warten!"
+
+"Ja, aber es ist keine schöne Zeit, wenn man so wartet, Großmutter."
+
+"Willst du denn eine schöne Zeit haben im Krieg, während so viele
+leiden? Sei froh, daß du auch etwas leiden darfst, wenn es auch nur eine
+schwere Geduldsprobe ist. Es kann noch lange dauern, bis der Vater
+kommt; ich will sehen, ob du die Probe bestehst, ob du geduldig
+ausharrst."
+
+So ernst nahm es die Großmutter? Ja, wenn das eine schwere Probe war,
+wie sie die Soldaten zu bestehen haben, dann wollte er sie schon auf
+sich nehmen, das sollte die Großmutter sehen. Er nahm sich zusammen und
+ward wieder guten Mutes. Die Schule, die Kameradschaft waren ihm dabei
+die beste Hilfe. Es war ihm wohl in seiner Klasse. "Sie sind alle nett
+gegen mich," erzählte er daheim, "und das kommt, weil sie meinen Leo
+gern gehabt haben und weil sie vom Vater wissen." Er hatte recht. Durch
+den treuen Hund und durch das Schicksal des Vaters war die
+Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt worden. Aber daß ihm alle Herzen zugetan
+waren, das kam von seiner eigenen, tapferen, treuen Art; die zog die
+andern an, ohne daß er's wußte.
+
+Eines Morgens, als Gebhard in die Schule kam, zog ihn ein Kamerad
+beiseite, tat geheimnisvoll, wollte ihm etwas sagen, das er doch
+eigentlich verschweigen sollte. Endlich vertraute er, dessen Bruder
+Sanitäter war, Gebhard an, daß an diesem Vormittag ein Zug mit
+Verwundeten ankäme, er solle es eigentlich niemand sagen, damit nicht
+die neugierigen Menschen an die Bahn kämen. Sie würden alle in das
+Lazarett gebracht, außer einem, den müsse sein Bruder abholen und in die
+Augenklinik fahren, der habe beide Augen verloren. Ob das nicht Gebhards
+Vater sein könne?
+
+"Freilich kann er's sein!" rief Gebhard fast erschrocken durch die
+plötzliche Hoffnung auf das Wiedersehen. "Um wieviel Uhr? Wann kommt der
+Zug?"
+
+"Das weiß man nicht so genau und es hilft dir ja auch nichts, wir haben
+doch bis zwölf Uhr Schule. Aber es kann auch ein Uhr werden, bis der Zug
+kommt."
+
+Ruhig auf der Schulbank sitzen und denken, daß vielleicht der Vater
+ankomme? das ging doch nicht? Aber es _mußte_ gehen. Die Großmutter
+würde sagen: ausharren. Wie sonderbar, daß er da saß in dem großen
+Augenblick, auf den er so lange gewartet hatte! Aber vielleicht kam der
+Vater gar nicht. Wenn man es doch nur wüßte! Wie qualvoll dieses
+Stillehalten!--Es war eben Krieg, und darum war alles schwer, so
+furchtbar schwer!
+
+Der Unterricht hatte begonnen. Jetzt kam der Lehrer in seine Nähe und
+richtete eine Frage an ihn. Gebhard stand langsam auf und atmete tief,
+wie wenn er eine Last mit in die Höhe zu heben hätte. Der Lehrer lachte.
+"Nun, ist das eine so schwere Frage? Du seufzst ja ordentlich!" Aus
+gepreßtem Herzen kam die Antwort: "Weil vielleicht gerade mein Vater
+ankommt und ich in der Schule bin!"
+
+"Dein Vater kommt? Heute früh? Du hättest ihn gern begrüßt? Ja! Möchtest
+fort und fragst gar nicht? Ist's noch Zeit?"
+
+Gebhard konnte kaum antworten vor Erregung.
+
+"Närrischer Bub! So etwas erlaube ich doch! Spring davon!"
+
+Jetzt kam Leben in den kleinen Mann. Er fuhr von seinem Platz auf, der
+Türe zu.
+
+"Deine Mütze!" riefen einige und lachten. Er wandte sich noch einmal,
+sie sahen jetzt alle sein strahlendes Gesicht. Die Mütze vom Nagel, auf
+und davon, dem Bahnhof zu.
+
+Unterwegs schlug es neun Uhr, drei Stunden konnte er, wenn nötig, vor
+dem Bahnhof warten, ohne daß er daheim vermißt wurde. So lange wollte er
+ausharren, o leicht und gern!
+
+Auf dem Bahnhofplatz war nicht wie sonst vor der Ankunft von
+Lazarettzügen ein Menschenauflauf. Auch fuhren keine Rotkreuzwagen vor.
+Ein einziger stand leer und verlassen vor der Halle. Wenn nur auch der
+Schulkamerad recht hatte. Vielleicht war es eine falsche Nachricht. Er
+sah sich um. Sein Blick fiel auf zwei Weiber, mit Körben am Arm, die da
+standen und sich unterhielten. Er redete sie an, ob wohl bald die
+Verwundeten ankämen. Die eine lachte: "Da bist du zu spät aufgestanden!"
+und da Gebhard nicht verstand, was sie meinte, erklärte die andere: "Die
+sind schon vor einer halben Stunde gekommen und alle schon
+heimgefahren, bis auf das eine Auto, das bleibt wohl leer. Man schickt
+immer lieber eins zu viel als zu wenig." Die Frauen wandten sich und
+gingen ihres Weges.
+
+Also zu spät, nicht zu früh! Bitter enttäuscht stand Gebhard, konnte
+sich nicht gleich entschließen den Platz zu verlassen; zögernd, planlos
+ging er noch auf den Bahnhof zu und stand plötzlich betroffen still. Aus
+dem Bahnhofgebäude kam ein Sanitäter, führte zwei Männer und diese
+beiden hatten Binden um die Augen. Hoch klopfte Gebhards Herz. Er konnte
+noch nicht recht unterscheiden, aber jetzt näherte sich die Gruppe; der
+Sanitäter stützte den einen der beiden, der ein junger feldgrauer Soldat
+war und auch am Fuß verletzt schien; sorglich führte er ihn die breiten
+Staffeln herunter auf die Stelle zu, wo das Auto stand. Inzwischen blieb
+der andere, den Führer erwartend, an einer Säule der Vorhalle stehen,
+und da nun seine stattliche, kräftige Gestalt ganz zu sehen war,
+erkannte Gebhard seinen Vater. Alles Zögern war vorbei, in jubelnder
+Freude sprang er herzu, die Staffeln hinauf und rief mit frohlockender
+Stimme:
+
+"Vater! Grüß dich Gott, lieber, guter Vater!" An dem ersten, trauten Ruf
+hatte Stegemann sein Kind erkannt und nun griff er nach ihm mit beiden
+Händen und zog ihn in warmer Liebe an sein Herz. "Grüß dich Gott, mein
+Männlein, mein guter Bub! Ich hätte nicht gedacht, daß du mich gleich
+erkennst und dich so freust an deinem blinden Vater!"
+
+"O, ich habe es gar nicht mehr erwarten können, bis du kommst; das
+wissen wir ja schon lang, daß du blind bist, das macht _gar_ nichts,
+Vater!"
+
+"So, das macht gar nichts?" wiederholte Stegemann und lachte von Herzen.
+Der Sanitäter kam nun zurück, um seinen zweiten Pflegbefohlenen zu
+holen.
+
+"Kannst du denn nicht gleich zu uns, Vater? Ich kann dich so gut
+führen!"
+
+"Zunächst bin ich noch ins Lazarett überschrieben, aber bald darf ich
+heim, vielleicht schon morgen, der Arzt wird das bestimmen."
+
+"Willst du mitfahren und sehen, wohin dein Vater kommt?" fragte der
+Sanitäter und fügte hinzu: "Wer hat dir denn verraten, daß heute
+Verwundete ankommen?"
+
+"Ein Schulkamerad."
+
+"Aha, ich kann mir schon denken, welcher das war. Macht nichts, komm nur
+mit!"
+
+Sorgsam führte der Sanitäter den Blinden die Staffeln hinunter. Gebhard
+ging auf der andern Seite.
+
+"Künftig darf ich dich immer führen, gelt Vater?"
+
+"Letzte Stufe," sagte der Führer und wandte sich an Gebhard: "Immer
+voraus sagen, sonst tut der Schritt weh; alles vorher ankündigen, das
+ist die Hauptregel, dann gewinnen die Blinden Vertrauen und gehen ruhig
+und zuversichtlich. Darauf mußt du achten!"
+
+"Ja das will ich gewiß tun," versicherte Gebhard eifrig, "dann vertraust
+du mir, gelt Vater?" Achtsam sah er zu, wie der Sanitäter dem Blinden
+das Einsteigen ermöglichte, mehr durch kurze Zurufe als durch Hilfe.
+
+Bald saßen sie nebeneinander, Hand in Hand und sprachen gar nicht viel,
+weil sie noch kaum das Glück fassen konnten, wieder beisammen zu sein.
+Gebhard begleitete den Vater noch in den Saal. Die Neuangekommenen
+sollten sich nach der langen Reise legen und ausruhen. Vater und Sohn
+mußten sich trennen. "Bitte die Großmutter, sie möchte zuerst allein zu
+mir kommen; für die Mutter ist's ein schwerer Gang!" sagte der Blinde,
+küßte den Knaben und gab ihm leise den Auftrag: "Den Kuß gib der
+Mutter!"
+
+Gebhard ging heim wie im Traum. Mit all seinen Gedanken, mit dem ganzen
+Herzen war er noch bei dem geliebten Vater, konnte selbst kaum an die
+wunderbare Mär glauben, die er nun verkündigen wollte: daß der Vater
+angekommen sei!
+
+Er traf aber zu Hause die nicht, die er suchte. Die beiden Frauen waren
+nach der künftigen kleinen Wohnung hinübergegangen; Helene war fertig
+mit der Einrichtung, hatte die Mutter geholt, um ihr alles zu zeigen und
+führte sie jetzt durch die Zimmer. "Wie gefällt es dir, Mutter? Ist
+dir's recht so?"
+
+"Mir freilich, du hast ja alles mehr nach meinem als nach deinem Sinn
+eingerichtet. Es ist wohl ein Unterschied gegen deine frühere reiche,
+stilvolle Einrichtung!" Sie sah die Schwiegertochter an, wie wenn sie
+erforschen wollte, ob es ihr schwer ums Herz sei. Aber Helene lachte
+fröhlich: "Es ist doch alles wieder stilvoll, Mutter, es ist Kriegsstil.
+Wie wenn man Reste aus ein paar zerstörten Häusern zusammengetragen
+hätte: da ein paar schöne, alte Möbel von dir, dort schlichte, gebeizte
+vom Schreiner, da der hochfeine Schreibtisch, den mein Bruder geschickt
+hat, und davor ein gewöhnlicher Holzstuhl. Und an der ausgebesserten
+Tapete Bilder in schwarzen, braunen und vergoldeten Rahmen und gar ein
+kleiner Spiegel vom Trödelmarkt. Aber sieh, die sogenannte
+Mädchenkammer, hat die nicht ein nettes Stübchen für Gebhard gegeben?
+Seine Kriegsbilder hat er selbst an die Wand nageln dürfen und sein
+schmales Feldbett ist auch reinster Kriegsstil. Dazu paßt auch statt
+eines Mädchens die kleine Kriegswitwe, der du das Essen gibst; das alles
+stimmt herrlich zusammen. Nun fehlt nur _er_ noch! Wie lange wohl?"
+
+Draußen wurde geklopft. "Es muß jemand an der Vorplatztüre sein," sagte
+Helene, "die Klingel geht nämlich nicht immer und der Aufzug ist auch
+ein wenig launisch, das macht aber nichts, gehört eben auch zum
+Kriegsstil."
+
+Sie gingen miteinander hinaus und öffneten. Gebhard stand vor ihnen auf
+der Schwelle, wußte vor übergroßer Erregung nicht gleich, wie er
+erzählen sollte, war auch so gesprungen, daß es ihm den Atem benommen
+hatte. Aber die Mutter fing seinen strahlenden Blick auf, ahnte und
+rief: "Der Vater kommt?"
+
+"Der Vater ist schon da!" Glückselig fiel er der Mutter um den Hals und
+jubelte: "Da bringe ich dir einen Kuß von ihm!"
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+
+
+Am Bett ihres Sohnes saß Frau Dr. Stegemann; die andern Betten standen
+leer, die Verwundeten waren an dem schönen Nachmittag ins Freie gebracht
+worden. So waren die Beiden allein in dieser ersten Stunde des
+Wiedersehens und ungestört hatte der Sohn seiner tapfern Mutter seine
+Erlebnisse erzählen können. Sie wußte jetzt, was er durchgemacht von dem
+Augenblick an, da er sich bereit erklärt, die Russen zu führen, in der
+stillen Absicht sie wegzubringen von seinen Lieben im Forsthaus und sie
+in die Irre zu leiten, um die deutsche Patrouille zu retten. Der
+Offizier traute seinem Führer nicht und bedrohte ihn, wenn er ihm nicht
+zu Willen sei, solle er nie mehr seine schöne Frau wiedersehen, er würde
+ihm die Augen ausstechen lassen.
+
+So wußte er, welch grausame Marter ihm bevorstand. Noch hoffte er auf
+irgend einen glücklichen Zufall, der ihm zu Hilfe käme, und betete im
+stillen. Aber das Mißtrauen der Feinde wuchs immer mehr, er erkannte,
+daß der bittere Kelch nicht an ihm vorübergehen sollte, und bereitete
+sich innerlich vor auf das, was kommen mußte.
+
+Leute kamen des Weges, wurden ausgefragt und darnach wandte sich die Wut
+der Feinde gegen ihn. Sie verübten an ihm die grauenvolle Untat, ließen
+ihn in seinen Qualen liegen und ritten davon.
+
+Als Stegemann so weit erzählt hatte, spürte er an der zitternden Hand
+der Mutter, daß sie überwältigt war, und er hielt inne.
+
+"Ist dir's so schwer, Mutter? Es ist ja überstanden, auch die
+schrecklichen Qualen, die folgten. Aber ich will dir jetzt nicht weiter
+davon erzählen; ich danke dir, daß du mich so tapfer angehört hast. Dir
+habe ich es zugetraut, darum wollte ich dich zuerst allein sprechen.
+Aber nun will ich vergessen, was dahinten ist, und jetzt sage du mir,
+Mutter, was liegt vor mir? Darf ich dies Elend meiner jungen Frau
+aufladen? Kann sie es tragen, sie, die so weich und feinfühlend ist und
+mir immer erschien, als sei ihre Natur ganz auf Lust und Freude
+angelegt? Zwar glaube ich nicht, daß wir Not leiden müssen. Das ganze
+Vaterland hilft uns Invaliden, hilft vor allem, daß wir arbeiten lernen
+und etwas verdienen können. Damit habe ich schon angefangen und werde
+meine ganze Kraft einsetzen, um mitzusorgen für die Meinigen. Aber
+dennoch--wie schwer ist es für Helene! Nie hätte ich, so wie ich jetzt
+bin, ihr junges Leben mit dem meinigen verbunden!" Er setzte sich auf in
+seinem Bett und horchte gespannt zur Mutter hin. Die nahm seine Hand in
+die ihrige und sprach in voller Überzeugung: "Da sei du ganz unbesorgt,
+Rudolf, keine Braut kann verlangender dem jungen Bräutigam
+entgegensehen, als sie ihrem Helden!"
+
+"Weil sie nicht weiß, was für ein Anblick ihr bevorsteht und was es
+heißt, einen hilfsbedürftigen Blinden um sich zu haben, anstatt eines
+ritterlichen Gatten, der ihr alle Schwierigkeiten des Lebens aus dem Weg
+räumt!"
+
+"O, sie weiß das besser als du denkst, Rudolf; wir haben neun Monate
+Krieg erlebt, die waren für deine Frau voll Angst und Reue, voll Sehnen
+und Warten; sie hat sich durchgekämpft, ist stark geworden, um Leid und
+Entbehrung mit dir zu tragen."
+
+"Mutter, damit nimmst du mir die schwerste Sorge ab! Wenn es so ist,
+dann, liebe Mutter, o dann bitte ich dich, gehe gleich zu ihr; ich habe
+mich nach ihr gesehnt jede Stunde, seit wir getrennt sind; um keine
+weitere Stunde soll die Trennung verlängert werden."
+
+"Ich gehe, Rudolf, sie wird bei dir sein schneller als du denkst. Ich
+bringe ihr deine Botschaft."
+
+Er richtete sich auf, tastete nach dem Tischchen nebenan, zog die
+Schublade auf.
+
+"Was suchst du? Kann ich dir helfen?"
+
+"Ja, es wird eine Schachtel da sein, in der ist mein Eisernes Kreuz.
+Wenn du mir das befestigen willst. Daß sie doch _etwas_ Schönes sieht an
+ihrem Mann!--So, nun ist's gut. Und die Augen sind bedeckt, nicht wahr,
+man sieht die Zerstörung nicht?"
+
+"Nein."--Sie wollte hinzufügen: "Deine Frau hat sich längst geübt, auch
+das zu sehen," aber sie unterdrückte es. Wer konnte wissen, wie es sie
+im Antlitz des eigenen geliebten Mannes erschüttern würde?
+
+Unten im Garten wurde Frau Stegemann von Helene sehnlich erwartet.
+
+"Mutter, wie geht es ihm? Sage mir, warum wollte er dich allein
+sprechen?"
+
+"Er hat Mitleid mit dir, daß du ihn so wiedersehen mußt, hat Angst, es
+möchte dir zu schrecklich sein. Es ist auch schwer, Helene, mich hat es
+furchtbar erschüttert; ich mußte mich _so_ zusammennehmen, um die
+Fassung zu bewahren."
+
+Jetzt, da der Sohn nicht mehr darunter leiden konnte, jetzt verlor sie
+diese Fassung und konnte die bittern Tränen nicht zurückhalten. Das
+hatte Helene noch nie erlebt; immer war die Mutter ihr an Seelenstärke
+überlegen gewesen. Sie hatte tiefes Mitleid mit der Mutter, die ihr in
+ihrem Kummer zum erstenmal als eine alte Frau erschien. "Es hat dich
+angegriffen," sagte sie herzlich zu ihr, "soll ich dich heimbegleiten?"
+Aber Frau Stegemann wehrte ab. "Nein, nein, ich finde mich schon wieder
+zurecht. Geh nur, Kind; halte dich nicht mit mir auf, geh zu ihm, er
+wartet!"
+
+Der Mutter Schwäche wurde eine merkwürdige Hilfe für die junge Frau.
+Wenn die Mutter, die starke, versagte, dann mußte sie die tapfere sein.
+Alles Bangen wich von ihr, leichtfüßig eilte sie die Treppe hinauf, sie
+wollte nichts aufkommen lassen als reinste Wiedersehensfreude in dieser
+lang ersehnten Stunde.
+
+Sie öffnete die Türe, sah, wie bei dem Geräusch ein Kopf sich aus dem
+Kissen hob, eine Gestalt sich halb aufrichtete und nach der Türe wandte.
+
+"Rudolf, ich bin's!" rief sie, war im Augenblick bei ihm, umarmte ihn
+stürmisch und rief ihm fröhlich zu: "Glaubst du, daß ich's bin, wenn du
+mich gleich nicht siehst?"
+
+Er spürte ihre Fröhlichkeit und zog sie an sein Herz.
+
+"Ja, du bist's Helene, du Sonne in meiner Nacht! Gott sei Dank, daß ich
+dich habe!" Er küßte sie. Da schob sie sanft die Binde über seine Stirne
+hinweg, drückte einen Kuß auf jede der verheilten Wunden und sagte zu
+ihm: "Das sind deine Ehrenzeichen, du mein Held. Wie bin ich stolz auf
+diese Narben!"
+
+Er legte sich zurück, fühlte sich aller Angst und Sorge ledig und gab
+sich der Wonne des wiedergefundenen Glückes hin.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Ohne den Vater, by Agnes Sapper
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 11677 ***
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..ec14b8e
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #11677 (https://www.gutenberg.org/ebooks/11677)
diff --git a/old/11677-8.txt b/old/11677-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..e842dbd
--- /dev/null
+++ b/old/11677-8.txt
@@ -0,0 +1,3641 @@
+The Project Gutenberg EBook of Ohne den Vater, by Agnes Sapper
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Ohne den Vater
+ Erzählung aus dem Kriege
+
+Author: Agnes Sapper
+
+Release Date: March 22, 2004 [EBook #11677]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OHNE DEN VATER ***
+
+
+
+
+Produced by Charles Franks and the DP Team
+
+
+[Transcriber's Note: There is no seventh chapter in the printed
+book from which this etext was made.]
+
+
+
+
+
+
+Ohne den Vater
+
+Erzählung aus dem Kriege
+
+von
+
+Agnes Sapper
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+
+Im gemütlichen Wohnzimmer eines Forsthauses in Ostpreußen saß ein
+kleiner Familienkreis eng und traulich beisammen: der Förster Stegemann
+mit seiner noch ganz jungen, lieblichen Frau, die ihr Kindchen in den
+Armen hielt und versuchte, mit zärtlichen Worten und dem Spiel ihrer
+Finger dem kleinen Geschöpf das erste Lächeln zu entlocken. Neben ihr
+lehnte Gebhard, ein kräftiger, etwa zehnjähriger Junge; er sah nach dem
+Schwesterchen, das so wohlig in der Mutter Armen ruhte, und wartete
+gespannt, ob es noch einmal gelänge, das Lächeln hervorzuzaubern, das
+vorhin wie ein Sonnenstrahl über das Kindergesichtchen gehuscht war. Als
+es gelang, sah er die Mutter beglückt an und wandte sich lebhaft an
+seinen Vater: "Hast du es diesmal gesehen?"
+
+Nein, er hatte es wieder nicht gesehen, weil ihm etwas anderes noch
+anziehender war, als das erste Lächeln seines Töchterchens. Er hatte auf
+Mutter und Sohn gesehen. Ihn freute, daß diese beiden sich so gut
+verstanden. Es war noch nicht lange her, daß er diese junge Frau
+heimgeführt hatte, nachdem seine erste Frau, Gebhards Mutter, gestorben
+war. Eine lange Reihe stiller Jahre hatte er mit dem Knaben verlebt, den
+eine treue Magd schlicht und streng erzog. Innig nah standen sich Vater
+und Sohn, ernst und pflichttreu war der Förster, anspruchslos der Junge.
+Kräftig wuchs er in der frischen Waldluft heran und machte von seinem
+sechsten Lebensjahr an täglich einen stundenlangen Weg, um auf einem
+benachbarten Gut an dem Unterricht mit den Knaben des Gutsbesitzers
+teilzunehmen. Auf diesem Weg begleitete ihn ein treuer Hund des
+Försters, der schon immer sein Spielkamerad gewesen und jetzt sein
+Beschützer auf einsamen Waldwegen war.
+
+Bei einem Besuch seiner Mutter, die in Süddeutschland lebte, hatte der
+Förster das fröhliche, liebevolle Mädchen kennen gelernt, das dann seine
+zweite Frau geworden war. Noch immer war's ihm wunderbar und erfreute
+ihn in tiefster Seele, daß solch ein neues Familienglück in seinem
+Forsthaus erblüht war; und so sah er auch jetzt mit Wonne auf die junge
+Frau, ohne daß diese es bemerkte, denn sie war ganz von der Kleinen
+hingenommen.
+
+Jetzt stund sie auf und legte das Töchterchen sorgsam in den Korbwagen.
+"So Jüngferlein," sagte sie, "nach dieser großen Leistung, nachdem du
+zweimal gelächelt hast, wirst du herrlich schlafen, draußen am offenen
+Fenster!" Sie fuhr sachte den Wagen in das Schlafzimmer.
+
+Gebhard wandte sich dem Vater zu. "Es ist so nett, wenn die Mutter
+"Jüngferlein" sagt zu einem so kleinen Kind, hörst du das nicht auch so
+gern, Vater? Überhaupt ist es jetzt so eine schöne Zeit! So soll's immer
+bleiben, wie es jetzt ist!"
+
+Stegemanns Gedanken wurden durch diesen Wunsch herausgerissen aus der
+friedlichen Umgebung.
+
+"Gebhard, du denkst nicht an den Krieg, sonst könntest du nicht von
+einer schönen Zeit reden, die bleiben soll."
+
+"Aber wir siegen doch, und das gibt dann die allergrößte Freude."
+
+"Vorher werden viele Tausende von unsern deutschen Soldaten sterben!"
+
+"Viele Tausende?" Gebhard wiederholte sinnend diese Worte und blieb eine
+Weile ganz nachdenklich. Dann aber trat er dicht an den Vater heran und
+begann mit eifrigen Worten: "Das darf man doch nicht so traurig sagen,
+Vater? Die Soldaten ziehen doch gern in die Schlacht und wollen fürs
+Vaterland sterben? Wenn ich nur schon älter wäre, und wenn du noch
+jünger wärst, dann zögen wir miteinander in den Krieg, du wärst ein
+Offizier und ich dein liebster Soldat und wenn du befiehlst:
+'Freiwillige vor!' komme ich zu allererst. Aber mit zehn Jahren geht das
+noch nicht, und du, Vater, gelt du bist schon zu alt, du hast doch schon
+ein wenig graue Haare!"
+
+"Die grauen Haare machen nichts; vielleicht komme ich doch noch daran.
+Aber sei still, wir wollen damit der Mutter nicht angst machen."
+
+Sie sahen beide nach der Türe, durch die die junge Frau eben wieder
+hereintrat. Es lag noch der Schimmer mütterlicher Zärtlichkeit auf ihrem
+Gesicht, als sie sagte: "Mein Jüngferlein schlummert schon."
+
+"_Dein_ Jüngferlein, Helene? Mir gehört es auch!" Er zog seine Frau
+zärtlich an sich.
+
+"Und ein wenig gehört es auch mir, nicht, Mutter?"
+
+"Freilich. Du wirst sehen, die kleinen Mädchen mögen die großen Brüder
+am allerliebsten, lustig wird's, wenn sie erst mit dir spielen kann!"
+
+Das konnte sich nun Gebhard noch nicht recht vorstellen, aber lustig
+war's ihm schon jetzt zumute und er sprang hinaus und hinunter in den
+Hof, mit seinem Leo zu tollen, seinem liebsten Kameraden. Bald ging auch
+der Förster, den sein Beruf oft halbe Tage lang abrief, und Helene blieb
+allein.
+
+Der Forsthof lag einsam am Waldessaum, nahe der russischen Grenze; nur
+ein paar Niederlassungen waren in der Nähe, von denen die eine dem
+Straßenwärter gehörte, der die Grenzstraße zu hüten hatte, die andere
+einem alten Waldhüter, der mit seiner Familie da hauste. Sonst waren
+weit und breit keine menschlichen Ansiedelungen zu sehen, dunkler Wald
+nach allen Seiten und große Stille.
+
+Die da heimisch waren--wie der Förster und sein Junge--, die liebten
+diese Waldeinsamkeit, aber Fremden kam sie unheimlich vor. Auch Helene,
+als sie aus ihrer süddeutschen Heimat, aus städtischen Verhältnissen
+hieher versetzt worden war, hatte anfangs furchtsam nach dem
+Waldesdunkel hinübergeschaut und die Stille, während ihres Mannes und
+Gebhards Abwesenheit, hatte sie bedrückt. Aber in ihren vier Wänden war
+es ihr doch bald wohl geworden, denn da war sie von rührender Liebe und
+Verehrung umgeben. Nicht nur Mann und Sohn, auch Knecht und Magd, ja
+sogar die Hunde, vom großen Kettenhund bis herunter zum kleinen Dackel,
+alle zeichneten sie aus, wie wenn sie sich immer daran freuten, daß
+etwas so feines, sonniges, fröhliches in ihre Waldeinsamkeit gekommen
+war. Und jetzt, seitdem sie Mutter geworden und ihr Kindchen jede Stunde
+um sich hatte, jetzt konnte das Gefühl der Einsamkeit gar nicht mehr
+aufkommen. Sie war voll Glück und Wonne, ja so sehr, daß sie manchmal
+das schwere Geschick des Vaterlandes fast vergaß. Kam es ihr dann in den
+Sinn, so machte sie sich im stillen Vorwürfe, sagte sich: kannst du denn
+gar nicht unglücklich sein mit den vielen, die jetzt in Sorge und
+Herzeleid sind? Dann legte sie schnell das Tragröckchen beiseite, das
+sie besticken wollte, nahm den groben Soldatenstrumpf zur Hand, setzte
+sich neben den Kinderwagen, strickte und strickte, sah dabei auf das
+kleine Menschenknöspchen, das neben ihr schlummerte, und war eben wider
+Willen doch glücklich. Aber der Krieg mit seinen Schrecken und Ängsten,
+mit Sorgen und Jammer kam bald genug, ihr Glück zu stören.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+
+Es war eine stille Sommernacht zu Ende August, der Forsthof lag
+friedlich, Mensch und Tiere hatten sich zur Ruhe begeben. Der Förster
+allein war noch auf; die Zeitungen, die er diesen Abend erhalten hatte,
+lagen vor ihm. Sie sagten ihm, wie nahe die Gefahr eines feindlichen
+Einbruchs für das Grenzland war. Auch einen amtlichen Brief hatte er von
+seiner vorgesetzten Behörde erhalten, den Befehl, zunächst noch auf
+seiner Stelle zu verharren.
+
+"Zunächst;" demnach konnte in Bälde die Anweisung kommen, den Forsthof
+zu verlassen. Darauf wollte er alles vorbereiten. Er ordnete Papiere und
+Wertsachen, um im Notfall alles Wichtige rasch bei der Hand zu haben,
+und dann schrieb er an seine Mutter. Sie stand ihm sehr nahe, hatte
+jedes Jahr in der Zeit seiner Vereinsamung die weite Reise von
+Süddeutschland unternommen, um nach ihm und seinem mutterlosen Kleinen
+zu sehen. Bei ihr fragte er an, ob Frau und Kinder Zuflucht finden
+könnten, wenn sie die Heimat verlassen müßten und er selbst sich dem
+Vaterland zur Verfügung stellen würde. Er hatte einst gedient und es war
+ihm selbstverständlich, daß er an dem großen Kampf Teil nehmen würde,
+sobald ihn sein Amt im Forsthaus nicht mehr zurück hielt.
+
+So saß er heute bis spät in die Nacht hinein am Schreibtisch, während
+seine Frau sorglos schlief. Er hatte ihr nichts mitgeteilt von seinen
+Vorbereitungen. Sie kam ihm so jung und zart vor, besaß nicht die starke
+Natur, die er selbst von seiner Mutter geerbt hatte, schien so recht für
+Glück und Sonnenschein geschaffen. Wie sie mit Schwerem zurecht käme,
+wie sie Leid und Entbehrungen ertragen würde, konnte er sich nicht
+vorstellen. So wollte er ihr keine Last auflegen, so lange er allein sie
+tragen konnte.
+
+Mitternacht war es geworden, aber nun lagen auch alle Briefe und
+Papiere geordnet und überschrieben vor ihm. Er hatte getan was geschehen
+konnte und griff nun nach dem Neuen Testament; denn es trieb ihn, eines
+von den Jesusworten zu lesen, die ihm oft schon Kraft gegeben hatten.
+"Nicht mein sondern dein Wille geschehe." Er versenkte sich in die
+Erzählung vom Kampf Jesu in Gethsemane.
+
+Plötzlich wurde die Stille des Forsthofes gestört durch das Bellen des
+Hofhunds. Stegemann horchte auf, hörte nichts, was den Hund beunruhigt
+haben konnte. Aber das Bellen wurde lauter und auch die andern Hunde
+taten mit. Stegemann öffnete das Fenster, schaute hinaus in die stille
+Sommernacht, ging dann hinunter in den umzäunten Hof, rief die Hunde,
+die unwillig knurrten, zur Ruhe und lauschte. Jetzt unterschied auch
+sein Ohr das Geräusch von sich nähernden schweren Tritten draußen auf
+der Landstraße. Wer kam da bei Nacht? War es Freund oder Feind? Ihm
+ahnte nichts Gutes. Er eilte rasch ins Haus zurück und nahm den Revolver
+zu sich. Auch den Knecht wollte er rufen; der war aber durch das Gebell
+schon wach geworden und trat mit der Laterne in der Hand zum Förster.
+
+"Wenn's Russen sind, dann gnad uns Gott!" sagte der Knecht.
+
+"Mach die Kettenhunde los; sie lassen keinen über den Zaun."--
+
+Wütend bellten die zwei großen losgelassenen Hunde und liefen aufgeregt
+am Zaun hin und her. Von außen am geschlossenen Hoftor ertönte die
+Glocke. Herr und Knecht sahen sich an. Wie aus einem Munde riefen sie:
+"Russen sind das nicht, die klingeln nicht, die schlagen mit dem Kolben
+an."
+
+Der Förster trat näher.
+
+"Wer ist draußen?" rief er. Und gut deutsch klang die Antwort:
+"Preußische Infanteristen mit einem Befehl an den Förster."
+
+Noch ein paar Fragen und Antworten wurden zu größerer Sicherheit
+gewechselt. Dann rief der Förster dem Knecht zu: "Mach die Hunde fest."
+
+Erst als die aufgeregten Tiere angekettet waren, konnte man wagen, das
+Hoftor zu öffnen und die Soldaten einzuladen, die draußen harrten. Eine
+Patrouille von fünf Männern war es, angeführt von einem jungen Leutnant.
+Statt der gefürchteten Feinde unverhofft einen Trupp wackerer Feldgrauer
+auf dem einsamen Forsthof zu haben, das war ein Hochgefühl, vor allem
+auch für die geängstigte junge Frau, die wie auch Gebhard vom Lärm der
+Hunde erwacht war und mit dem Knaben am Fenster stehend den Vorgang im
+Hof beobachtet hatte.
+
+"Preußen sind's, Preußen!" rief Gebhard, der zuerst beim Laternenschein
+die Uniform erkannte.
+
+"Wirklich! Gott Lob und Dank," antwortete die Mutter und machte sich in
+fliegender Eile zurecht, um die unverhofften Gäste zu begrüßen und für
+sie zu sorgen. Aber noch ehe sie so weit war, suchte ihr Mann sie auf.
+
+"Ich komme schon," rief sie ihm eifrig entgegen, "wollen die Soldaten
+bei uns übernachten? Soll ich Betten richten?"
+
+"Das nicht, sie halten nur kurze Rast; dann geht ihr Marsch weiter und
+ich, ich muß sie begleiten."
+
+"In der Nacht? Wohin?"
+
+"Das darf ich dir nicht sagen; es ist eine Vertrauenssache, ein geheimer
+Befehl, von dem auch nur der Offizier weiß."
+
+"Wie unheimlich, Rudolf! Wann kommst du wohl wieder?"
+
+"Vielleicht schon in ein paar Stunden.--Wenn du nur schnell helfen
+wolltest, Tee für die Leute zu machen. Die Soldaten haben schon Auftrag
+erhalten, den Herd zu heizen und Wasser aufzusetzen."
+
+"Die Soldaten heizen unsern Herd? Das muß ich sehen. Komm, Gebhard, geh'
+mit mir hinunter! Ich habe noch nie Soldaten kochen sehen. Mit fünf
+Köchen, das muß ja schnell gehen!"
+
+Ja, nach zehn Minuten war der Tee auf dem Tisch und nach weiteren zehn
+Minuten war gegessen und getrunken, was eiligst aufgetragen worden; und
+die fünf Mann bedankten sich bei der jungen, fröhlichen Förstersfrau.
+
+Der Förster mit Flinte und Jagdhund sah aus, als wenn er auf die Jagd
+ginge. Im letzten Augenblick nahm er seine Frau beiseite: "Behalte
+Knecht und Magd bei dir, stelle dich ängstlich, rufe sie herein, laß sie
+Tee trinken. Ich will nicht, daß uns jemand folgt. Kein Mensch soll
+wissen, in welcher Richtung wir gehen."
+
+Er gab rasch seiner jungen Frau einen Abschiedskuß--das war nichts
+besonderes; aber daß er im Vorbeigehen auch Gebhard einen Kuß gab, das
+kam dem Kind sehr verwunderlich vor, denn Zärtlichkeiten waren zwischen
+Vater und Sohn nicht üblich.--
+
+"Wegen ein paar Stunden Trennung küßt man sich doch nicht?" sagte sich
+Gebhard und war sehr nachdenklich, während er in sein Schlafzimmer ging,
+um sich wieder zu legen. Zum erstenmal waren Soldaten ins Haus gekommen;
+der Offizier hatte mit dem Vater Kriegsgeheimnisse besprochen, die kein
+anderer Mensch erfahren durfte. Ein wenig unheimlich war die Sache, aber
+doch sehr spannend. Heute Nacht war der Krieg ins eigene Haus gedrungen,
+jetzt erst fing er so recht an für Gebhard.
+
+Und die junge Mutter konnte, nachdem sie Knecht und Magd entlassen,
+lange nicht wieder den Schlaf finden. An der Seite ihres Mannes hatte
+sie noch nie den Krieg gefürchtet; aber ohne ihn überkam sie eine große
+Angst. Es war so finster, so still und schwül. Vielleicht konnte sie
+besser schlafen, wenn sie die Türe aufmachte ins Nebenzimmer, zu
+Gebhard. Sie tat es leise, um ihn nicht zu wecken, und freute sich doch,
+als sie bemerkte, daß er noch nicht schlief.
+
+"Bist du es, Mutter?" rief er und richtete sich ganz munter auf.
+
+"Ja, es ist so schwül; ich will die Türe ein wenig offen lassen."
+
+"Das ist nett, dann können wir plaudern. Ich möchte so gerne erraten,
+warum der Vater mit den Soldaten gegangen ist. Aber vielleicht ist es
+besser, wenn wir es nicht erraten; weil es doch ein Kriegsgeheimnis ist.
+Nur der Vater darf es wissen; er muß stolz darauf sein. Ich wäre auch
+stolz darauf und würde das Kriegsgeheimnis niemand verraten; außer
+vielleicht dir, Mutter. Oder darf ich's auch dir nicht verraten?"
+
+"Du weißt es ja gar nicht, Gebhard," sagte die Mutter und lachte
+fröhlich. Die Luft kam ihr schon nicht mehr schwül vor; und bald
+schliefen Mutter und Sohn ebenso ruhig wie das Kindchen im Korbwagen und
+ahnten so wenig wie dieses, daß sie zum letzten Mal im Forsthaus
+schliefen.
+
+Am Morgen des folgenden Tages kam, angestrengt von langem, eiligem
+Marsch, Stegemann zurück. Nach der schlaflosen Nacht sollte er sich mit
+einem guten Frühstück stärken und die verlorene Nachtruhe nachholen, das
+war der Wunsch seiner jungen Frau; ungesäumt wollte sie für seine
+Bewirtung sorgen. Er aber hielt sie zurück: "Das ist jetzt Nebensache,"
+sagte er eilig, "wir haben viel Wichtigeres zu tun. Leutnant N. riet mir
+dringend, heute noch mit Frau und Kind und, soweit möglich, mit Hab und
+Gut abzuziehen. Erschrick nicht so, Liebste, die Straße ist noch frei
+von Feinden; aber wir wollen auch gar keine Zeit verlieren. Jetzt gilt
+es aufpacken, was das Nötigste und Wertvollste ist, um so schnell es nur
+irgend geht, an die Bahn zu kommen. Ich sage gleich den Leuten, sie
+sollen helfen, auch sie müssen fliehen. Es kann sein, daß die Russen der
+Spur der Patrouille folgen, die heute nacht hier war. Nun, Gebhard,
+hilf der Mutter!"
+
+In wenigen Minuten war der stille Forsthof erfüllt von lärmendem,
+hastigem Treiben. Der Knecht fuhr den Wagen vor und lud auf, was ihm
+zugereicht wurde: Betten, Kleider, Wäsche, auch allerlei Vorräte aus
+Küche und Kammer. Gebhard lief aus und ein, fast fröhlich in der
+eifrigen Tätigkeit. Knecht und Magd trugen ihre Bündel herbei.
+
+Keine halbe Stunde war verflossen; da suchte der Förster seine Frau auf,
+die an ihrem Wäscheschrank stand und trieb zur Abfahrt: "Es ist genug,
+laß alles andere, wir fahren!"
+
+Ganz erstaunt schaute sie auf: "Daß du so ängstlich bist! Auf eine
+Viertelstunde kommt es doch nicht an; die kleine Aussteuer vom
+Jüngferlein--" sie unterbrach sich: "Horch!" Die Hunde bellten, der
+Förster eilte ans Fenster. Er wandte sich sofort wieder zurück: "Es ist
+schon zu spät," sagte er, "die Russen kommen!"
+
+Er sprach ruhig; aber sein Gesicht verlor alle Farbe. Auch seine Frau
+trat ans Fenster und fuhr erschreckt zurück: "Um Gottes willen, was
+sollen wir tun?" rief sie in Todesangst.
+
+"Geh da hinein und schließe dich ein!" rief ihr Mann. Er faßte sie
+schnell, drückte sie an sein Herz, küßte sie stürmisch und führte sie in
+das Schlafzimmer zu ihrer Kleinen.
+
+"Gott behüte euch," rief er, "schließe zu!"
+
+Sie schob den Riegel vor.
+
+In diesem Augenblick kam Gebhard atemlos: "Vater, russische Reiter sind
+im Hof, sie fragen nach dem Förster. Was wollen sie denn von dir?"
+
+Herr Stegemann zog sein Kind leidenschaftlich an sich: "Sie wollen
+vielleicht wissen, wohin unsere Soldaten heute nacht gegangen sind."
+
+"Aber das darfst du ihnen doch nicht sagen?"
+
+"Nein."
+
+"Was wird dann, Vater?"
+
+"Was Gott will."
+
+Der Anführer der russischen Truppe, die aus etwa 15 Mann bestand, trat
+in das Zimmer, den Revolver in der Hand; einige seiner Leute folgten,
+andere hielten Wacht an der Türe. Es kam, wie der Förster vorausgesehen.
+Der russische Offizier wollte wissen, wohin die deutsche Patrouille,
+deren Spur sie gefunden hatten, gezogen sei. Offenbar war seine Absicht,
+ihr zu folgen, sie abzufangen, ehe sie ihren Zweck erfüllen und über
+ihre Erkundung den Deutschen Nachricht geben konnte. Ein polnischer
+Waldarbeiter hatte ihm verraten, daß der Förster die Patrouille geführt
+hatte. Und nun sollte er die Feinde führen, die zu Pferd die deutschen
+Fußgänger leicht einholen würden.
+
+Der Förster, die Rechte auf den Tisch gestützt, hörte die Forderung.
+Fest klang seine Antwort: "Sucht sie selbst. Ihr könnt vom deutschen
+Mann nicht verlangen, daß er die Deutschen verrate."
+
+Neben dem Vater stand Gebhard mit glühenden Wangen. Wie ein Held
+erschien ihm der Vater, da er dem russischen Offizier kurz und fest den
+Dienst verweigerte.
+
+Der Russe aber lachte höhnisch, im Gefühl der Übermacht: "Sie sind ein
+Tor. Wollen Sie nicht, so sind Sie mit Weib und Kind in 5 Minuten
+niedergemacht."
+
+Tief aufatmend antwortete der Förster: "Ich werde nicht zum Verräter."
+Dem Offizier stieg der Zorn auf, aber ihm lag daran, einen willigen
+Führer zu gewinnen, so bezwang er sich. "Nehmen Sie Vernunft an," sagte
+er. "Sie entschuldigt die Not. Sie sind machtlos in unseren Händen.
+Entschließen Sie sich rasch, daß uns die kostbare Zeit nicht verloren
+geht. Dann sollen Sie, auf Offiziersehre, unversehrt zurückkehren,
+sobald wir die Deutschen erreicht und noch ehe sie Sie gesehen haben.
+Weib und Kind können Sie in Sicherheit bringen, Ihr Hab und Gut soll
+unberührt bleiben."
+
+Der Förster schwieg.
+
+"Vater, tu's nicht!" rief Gebhard leidenschaftlich. Der Offizier wandte
+sich heftig gegen den Knaben, packte ihn, schob ihn beiseite und rief:
+"Der soll der erste sein, der vor Ihren Augen erstochen wird, wenn Sie
+nicht augenblicklich folgen."--"Haltet den Buben!" befahl er den
+Soldaten. Die ergriffen Gebhard mit rauher Hand. Wütend setzte er sich
+zur Wehr; doch sie packten ihn so fest, daß er kein Glied mehr rühren
+konnte; aber das konnten sie nicht hindern, daß er immer lauter rief:
+"Vater, tu's nicht!"
+
+Der Förster biß die Zähne aufeinander; noch schien er unentschlossen.
+Aber in diesem Augenblick wurde der Türriegel des Nebenzimmers
+zurückgeschoben und unter der halbgeöffneten Türe erschien seine Frau.
+Ihr junges, rosiges Gesicht war totenblaß; sie hatte gehört, was die
+Männer verhandelten und wußte, daß ihr Leben und das von Mann und
+Kindern auf dem Spiel stand. Bebend vor Angst wagte sie nicht, die
+Schwelle zu überschreiten, hielt die Türklinke in der Hand und rief
+ihrem Mann flehend zu: "Ich bitte dich um Gottes Willen, rette uns, o
+denke an die Kinder!"
+
+Der Russe nahm seinen Vorteil wahr. Er grüßte die Dame des Hauses: "Ja,
+gnädige Frau, sprechen Sie Ihrem Gemahl zu. Geht er mit uns, so mögen
+Sie unbehelligt von hier fliehen, und Ihr Mann wird in kurzer Zeit
+nachfolgen, auf Offiziersehre. Tut er es nicht, so gebe ich Sie meinen
+Soldaten preis."
+
+Schaudernd zog sich die geängstigte Frau vor den Blicken der rohen
+Soldaten zurück.
+
+"Ich gehe!" laut und fest sagte es der Förster und wandte sich der Türe
+zu.
+
+"Vater, tu's nicht!" Noch einmal kam der Ruf von Gebhard, der noch immer
+umklammert war von harten Soldatenfäusten.
+
+Der Vater wandte sich an den Offizier: "Lassen Sie mein Kind frei, nach
+Ihrem Ehrenwort."
+
+Ein Wink des Offiziers und die Soldaten ließen den Knaben los; aber sie
+drängten sich zwischen ihn und den Förster und ließen die beiden nicht
+zueinander kommen. Nur konnten sie nicht verhindern, daß ein letzter
+Blick vom Vater zum Sohn ging, ein Blick voll Liebe und Stolz.
+
+"Vorwärts!" befahl der Offizier.
+
+Sie verließen das Zimmer; Gebhard rannte nach der Schlafzimmertüre, die
+wieder verriegelt war. "Mach auf, Mutter, sie sind fort!" und außer sich
+vor Zorn und Jammer rief er. "Der Vater ist doch mit ihnen gegangen!
+Jetzt muß er die Deutschen verraten!"
+
+Helene war erschüttert durch die Verzweiflung des Knaben. Sie versuchte
+ihn zu trösten, zog ihn in mütterlicher Zärtlichkeit an sich: "Der Vater
+kommt morgen schon zurück, der Offizier hat's auf Ehre versprochen.
+Sieh, wenn er nicht nachgegeben hätte, wären wir alle umgebracht worden.
+Er hat mitgehen müssen, er hat doch nicht anders gekonnt!"
+
+"Aber der Vater darf doch die Deutschen nicht verraten," schluchzte das
+Kind.
+
+"Denke nicht mehr _daran_. Denke, daß wir jetzt alle grausam mißhandelt
+und getötet würden. Gott Lob, daß der Vater uns davor behütet hat."
+
+Gebhard konnte sich nicht fassen, zornig stampfte er und rief: "Der
+Vater darf doch kein Verräter sein!"
+
+Die Mutter sah den Knaben starr an: "Hast du kein Herz für den Vater,
+für mich und für unsere Kleine? Wolltest du, wir wären grausam
+hingemetzelt, du und wir alle?"
+
+Heftig antwortete Gebhard: "Ja, ja, viel lieber möchte ich das."
+
+Der Mutter graute. Sie konnte das Kind nicht verstehen, und war im
+tiefsten Herzen gekränkt durch seine Antwort. Aber weiter mit ihm zu
+reden war nicht möglich; denn unter der Türe erschien die Magd,
+schreckensbleich mit verweinten Augen: "Der Knecht sagt, wir müssen
+eilen, daß wir fortkommen, der Herr hat's ihm noch zugerufen. Unser
+armer, armer Herr, sie haben ihn fortgeführt! Auf einem Russenpferd,
+mitten unter den Feinden ganz allein! Und er hat sich noch so tapfer
+umgeschaut, so todesmutig ist er davon geritten! Der arme Herr, was
+werden sie mit ihm tun?"
+
+Helene hatte auf den Lippen zu sagen: "Es geschieht ihm nichts, morgen
+wird er uns nachkommen;" aber sie unterdrückte die Worte. Die Leute
+durften nicht wissen, daß der Herr sich bereit erklärt hatte, mit den
+Feinden zu gehen. Schwer fiel ihr auf die Seele: Kein Deutscher durfte
+das je erfahren. Es war ja Verrat, was ihr Mann beging. Ihr zuliebe tat
+er's; nicht aus Angst ums eigene Leben, der tapfere, treue Mann! Wie
+wollte sie ihm das danken ihr Leben lang!
+
+Die Magd mahnte noch einmal zur Eile. "Was ist noch aufzuladen?" Hastig
+griff Helene nach diesem und jenem, beladen eilte die Magd die Treppe
+hinunter, rief Gebhard zur Hilfe; wie im Traum nahm er, was ihm
+hingereicht wurde. Die Mutter aber suchte in Eile nach einem Blatt
+Papier, sie mußte ihm noch ein Wort schreiben, das sollte er finden,
+wenn er in sein verödetes Haus zurückkäme, mit einer schweren Last auf
+dem Gewissen, einer Last, die er ihr zuliebe durchs ganze Leben tragen
+mußte. In fliegender Eile schrieb sie mit zitternder Hand: "Komm bald zu
+mir, herzliebster Schatz, hab tausendmal Dank, daß Du uns das Leben
+gerettet hast!" Mitten auf den Tisch legte sie das Blatt, dann noch
+daneben, was ihn stärken sollte, Brot und eine Flasche Wein. Wieder kam
+die Magd unter die Türe: "Jetzt ist angespannt."
+
+"Ich komme!" Sie nahm ihr Kindchen, das liebevoll eingehüllte. Die Magd
+bemerkte Brot und Wein, wollte beides mitnehmen. Helene ließ sie nicht
+an den Tisch. "Das bleibt!" rief sie.
+
+"Kein Wunder, daß die arme, junge Frau ganz verwirrt ist," dachte das
+Mädchen.
+
+Im Hof war alles zur Flucht bereit. Die Hunde sprangen um den Wagen. Sie
+sollten mitlaufen bis zum Haus des Straßenwärters, meinte der Knecht,
+der solle sie aufnehmen. "Aber Leo gebe ich nicht her, den nehme ich
+mit!" erklärte Gebhard. Der Knecht machte Einwendungen. Unmöglich sei
+das auf der langen Reise, bei den überfüllten Zügen. Ein Unverstand wäre
+es. Die Mutter sah ein, daß er recht hatte, aber sie wußte auch, was es
+für Gebhard bedeutete, sich von seinem Leo zu trennen. Der Vater hatte
+ihm vor Jahresfrist das junge Tier geschenkt; ihm gelehrt, es zu
+behandeln; zu einem folgsamen, anhänglichen Kameraden war es
+herangewachsen und von seinem kleinen Herrn unzertrennlich gewesen. Auch
+jetzt standen sie dicht beisammen, Gebhard und sein Hund, sahen sich an
+und das kluge Tier schien zu merken, daß über sein Schicksal entschieden
+wurde. Ein ungewohntes, kurzes Bellen gab es von sich.
+
+Die Mutter wandte sich an den Knecht. "Wir wollen es doch versuchen, ob
+wir Leo mitnehmen können!"
+
+"O ja, bitte, Mutter!"
+
+Der Wagen setzte sich in Bewegung. Das Töchterlein auf der Mutter Schoß,
+weich gebettet, schlief sanft ein. Gebhard saß der Mutter gegenüber. Sie
+hielten bald bei dem Straßenwärter, dann ging die Fahrt weiter, der Bahn
+zu. Längs der Straße zog sich der Wald hin, aus dem jeden Augenblick die
+Feinde auftauchen und die Wehrlosen überfallen konnten. Und in den
+Händen dieser Feinde war der geliebte Mann, der treue Vater.
+
+"Gebhard," sagte die Mutter leise, daß es der Knecht auf dem Bock nicht
+höre, "Gebhard, du hast doch auch gehört, daß der russische Offizier
+gesagt hat: 'auf Offiziersehre.'"
+
+"Ja. Zweimal hat er das gesagt."
+
+"Solch ein Schwur wird doch sicher auch im Krieg gehalten," sagte Helene
+und fügte bei: "Also kommt der Vater sicher morgen oder spätestens
+übermorgen. Wenn es nur schon morgen wäre!"
+
+Gebhard wandte sich ab und sagte kein Wort darauf. Mit fest
+geschlossenem Mund sah er durchs Fenster.
+
+Die Stille bedrückte die Mutter. Sie redete ihn nach einer Weile wieder
+an: "Warum bist du so still, Gebhard? Hast du Angst, daß die Russen aus
+dem Wald kommen? Wir sind jetzt schon nahe der Station, hier ist's nicht
+mehr so gefährlich."
+
+"Ich habe keine Angst."
+
+"Hast du Heimweh nach dem Forsthof? Nach dem Frieden kommen wir alle
+wieder zurück."
+
+Aber Gebhard schwieg und die Mutter sah wohl, daß er kämpfte, die
+Tränen zurückzuhalten, die ihm in die Augen kamen.
+
+Sie streckte die Hand nach ihm aus. "Komm, setze dich neben mich,
+Gebhard; komm her zu mir, sage mir, was dir so traurig ist. Der Vater
+kommt uns doch morgen nach."
+
+Nun kam es unter lautem Schluchzen bebend heraus: "Ich kann mich ja
+nicht auf den Vater freuen. Ich kann jetzt doch den Vater nie mehr lieb
+haben und habe ihn doch so lieb!"
+
+Helene erschrak in tiefster Seele. Sie selbst war so voll Liebe und
+Sehnsucht nach ihrem Mann, sie hatte das innigste Verlangen nach ihm und
+Gebhard, sein geliebter Bub, sprach solche Worte!
+
+"Wie darfst du so reden, Gebhard," rief sie erregt, "wo er doch alles
+nur uns zuliebe getan hat. Er konnte ja auch gar nicht anders!"
+
+"Doch, Mutter, weißt du nicht mehr? Zuerst hat er ganz fest nein gesagt;
+aber dann hast du die Türe aufgemacht und hast gerufen 'rette uns'. Dann
+hat dich der Vater angesehen. O hättest du doch die Türe nicht
+aufgemacht, dann wäre der Vater kein Verräter!"
+
+Die Mutter erblaßte und ließ seine Hand los. Nach einer kleinen Weile
+sagte sie in einem ernsten, fremden Ton: "Wenn der Vater zurückkommt, so
+sage so etwas nie zu ihm, sonst machst du ihn ganz unglücklich. Nie
+sollst du zu irgend jemand wieder so reden!" Dann wandte sie sich ab und
+er fühlte, daß es ihr jetzt lieb wäre, wenn er nicht neben ihr säße,
+ging auf seinen ersten Platz zurück und dachte: "Die Mutter kann mich
+jetzt nicht mehr lieben und ich kann den Vater nicht mehr lieb haben,
+alles, was schön war, ist vorüber." Er saß wieder an seinem
+Fensterplatz, Wald war nicht mehr zu sehen, unbekanntes Land, alles,
+alles anders.
+
+Eine Stunde darnach langten sie an der Station an, waren bald im ärgsten
+Gewühl, hatten aber noch die Hilfe von Knecht und Magd, die erst später
+in anderer Richtung abfahren konnten. Am Schalter drängten sich die
+Leute. Helene verlangte Karten für sich und Gebhard. "Und eine
+Hundekarte."
+
+"Das gibt's jetzt nicht."
+
+"Darf er mit in den Personenwagen?"
+
+"Keine Rede. Wir sind froh, wenn wir die Menschen unterbringen. Weiter!"
+
+Helene wurde von den Nachdrängenden ungeduldig weggeschoben.
+
+Was war nun zu tun mit Leo? Der Knecht tröstete Gebhard, versprach ihm,
+den Hund gut unterzubringen. Und Gebhard sah ein, daß es nicht anders
+sein konnte; die Reisenden umdrängten Mutter und Kinder, im Strom wurden
+sie fortgeschoben, keine Zeit zum Abschiednehmen von den treuen
+Dienstboten, auch nicht von dem geliebten Hund. Ein Winseln hörte
+Gebhard noch--er wußte, das galt ihm.
+
+Eingepfercht in den Wagen saßen unsere Flüchtlinge, mit Mühe hatten sie
+noch Sitzplätze erlangt. Immer mehr Reisende drängten herein. Gebhard
+sah durchs Fenster in das Gewühl. Endlich leerte sich der Bahnsteig,
+das Zeichen zur Abfahrt wurde gegeben und eben in diesem Augenblick sah
+Gebhard plötzlich noch einmal seinen Leo auftauchen. Er hatte sich von
+der Hand des Knechts losgerissen, raste auf den Wagen zu, aus dem
+Gebhard sah, sprang blitzschnell auf und über alle Hindernisse hinweg
+zwischen scheltenden Menschen hindurch bis in das Abteil, wo er sich
+sofort unter den Sitz seines kleinen Herrn duckte und so für sich selbst
+die Frage löste, ob Hunde mitfahren dürften.
+
+Gebhard war so außer sich vor Freude, daß auch Helene, die zuerst über
+den Eindringling erschrocken war, freundlich dem Tier zunickte, das ihr
+gegenüber unter dem Sitz ängstlich hervorsah, nicht ganz sicher, ob es
+geduldet würde. Allerdings versuchte auch ein Herr Einsprache zu
+erheben. "Es gehört sich nicht, daß solch ein großer Hund in den Wagen
+genommen wird." Aber ein älterer Mann ergriff Partei für das Tier oder
+mehr noch für die Familie.
+
+"Freilich gehört sich's nicht," bemerkte er, "aber es gehört sich auch
+nicht, daß so ein junges Frauchen mit dem kleinen Kind flüchten muß. Und
+um eine Flucht wird sich's wohl handeln. Nach Vergnügungsreisenden sehen
+sie nicht aus. Habe ich's erraten?"
+
+Helene konnte nur gegen Tränen ankämpfend mit unsicherer Stimme bejahen.
+
+"Nun also; dann wird Ihnen auch niemand den Hund absprechen; so ein
+treues Tier ist auch ein Schutz."
+
+So blieb der Hund unbeanstandet und bewährte sich auf der Fahrt als
+kluges Tier. "Hast du bemerkt, Mutter, wie Leo so schlau ist und sich
+still hält, wenn der Schaffner hereinkommt?" fragte Gebhard.
+
+Nein, Helene hatte das nicht beachtet. Sie saß in schwere Gedanken
+versunken. Zuerst hatte nur die Sorge sie bedrückt, ob auch gewiß der
+geliebte Mann morgen zurückkäme. Allmählich aber legte sich ihr schwer
+aufs Herz der Gedanke, daß er wohl zurückkommen könnte, aber mit einer
+Schuld auf dem Gewissen, die nie, nie mehr zu tilgen war. Wenn schon
+Gebhard diesen Verrat so tief empfand, wieviel mehr sein Vater! Und dazu
+hatte _sie_ ihn veranlaßt! Sein ganzes Leben hatte sie verdorben!
+
+Und nun kamen noch andere schwere Überlegungen. Sie konnte sich nicht
+entschließen--wie es ihres Mannes Wunsch gewesen--zu seiner Mutter zu
+gehen. Diese war eine tapfere aber auch strenge Frau. Helene fühlte
+nicht den Mut, ihr zu erzählen, was vorgefallen war, und es kam ihr
+unmöglich vor, ihr unter die Augen zu treten. So überlegte sie und
+beschloß, bei ihrem Bruder Zuflucht zu suchen. Er und seine Frau hatten
+sich schon bei Kriegsausbruch freundlich erboten, Helene mit dem
+Töchterchen aufzunehmen. Damals hatte sie sich nicht von ihrem Manne
+trennen wollen. Jetzt war es anders. Sie wollte dorthin, aber wohin
+würde ihr Mann sich wenden?
+
+In diesen Gedanken hatte Gebhards Frage sie unterbrochen. Nun sah er die
+Mutter aufmerksam an und seinem teilnehmenden Blick fiel auf, wie
+verändert sie aussah. Sie hatte doch immer so helle Augen gehabt und
+einen fröhlichen Mund. Nun waren die Augen trübe und der Mund zuckte wie
+von verhaltenem Schmerz. Gebhard dachte an seinen Vater. Wenn der jetzt
+erschiene, ja dann würde die Mutter wieder so strahlend aussehen wie
+sonst. Gerne hätte er das auch so zustande gebracht wie der Vater, aber
+das konnte er nicht; im Gegenteil: daß sie so verändert aussah, war wohl
+seine Schuld; seit dem Gespräch im Wagen war sie so still. Er hätte
+vielleicht das nicht sagen sollen, was er gesagt hatte. Was konnte er
+aber jetzt machen? Lauter fremde Leute saßen herum, man konnte gar
+nichts Liebes zu der Mutter sagen. Eine ganze Weile blieb er still und
+nachdenklich, aber auf einmal kam ihm, was er suchte. "Mutter, unser
+Jüngferlein schläft so sanft, sieh nur, wie rosig ihre Bäckchen sind!"
+
+Die Mutter blickte auf das Kind, streichelte die weichen Bäckchen, aber
+dabei füllten sich ihre Augen mit Tränen.
+
+Auch das Jüngferlein konnte die Freude nicht hervorlocken? Ja, dann
+wußte Gebhard keinen Rat. Es ging eben nicht ohne den Vater!
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+
+Im Verlauf der langen, mühseligen Reise erfuhr Gebhard, daß nicht der
+Großmutter Haus das Reiseziel sein sollte; in der Mutter Heimat, bei
+Onkel und Tante Kurz, sollten sie ihre Zuflucht suchen. Es war eine
+Enttäuschung für ihn; die Großmutter kannte und liebte er, die
+Verwandten der Mutter waren ihm fremd. Helene suchte ihm Lust zu machen.
+"Onkel und Tante haben uns längst eingeladen; sie können uns viel
+leichter aufnehmen als die Großmutter; sie haben ein eigenes Landhaus
+vor der Stadt, mit einem Garten; du wirst sehen, daß wir's gut bei ihnen
+haben."
+
+"Aber wenn der Vater zurückkommt, der wird uns bei der Großmutter
+suchen!"
+
+"Wir schreiben der Großmutter, wo wir sind!"
+
+"Kommt dann der Vater zu uns, weiß er, wo das ist?"
+
+"Aber freilich weiß er das, Gebhard. Bei meinem Bruder und seiner Frau
+war ja unsere Hochzeit, dort hat mich der Vater geholt, weil ich keine
+Eltern mehr habe. Mein Bruder hat mich auch so lieb, weißt du, fast wie
+wenn ich sein Kind wäre. Er ist viel älter als ich." Gebhard überlegte.
+"Ja, dann kann ich das schon begreifen, daß du zu ihm möchtest."
+
+Seufzend ergab er sich.
+
+Nach manchem unfreiwilligen Aufenthalt und schier unerträglicher Fahrt
+kam Helene mit den beiden Kindern am späten Abend an ihrem
+Bestimmungsort an. Wohl hatte sie ihr Kommen angekündigt, aber Tag und
+Stunde voraus anzugeben, war in dieser Zeit unmöglich. So stand sie nun
+in dunkler Nacht, mit den übermüdeten Kindern, mit dem Hund und vielem
+Gepäck auf dem Bahnsteig, und wußte nicht, wie sie nun bis in ihres
+Bruders Haus kommen sollte. Alles an dem Bahnhof hatte ein anderes
+Aussehen als früher. Befremdet sah Helene um sich. Sie hatte nicht
+gedacht, daß auch auf dem Bahnhof dieser kleineren Stadt die Kriegszeit
+sich so bemerklich machte. An ihr vorbei eilte eine weibliche Gestalt in
+großer, weißer Schürze, am Ärmel mit dem Roten Kreuz gezeichnet. Einen
+Eimer heißen Tee am Arm ging sie von Wagen zu Wagen und bot den
+durchreisenden Soldaten die Labung an. Einer derselben, ein
+Landwehrmann, lehnte dankend ab. "Wir haben erst in der vorigen Station
+Tee bekommen, aber wenn Sie sich um die junge Frau mit den Kindern da
+drüben annehmen wollten, die haben mich schon lang gedauert, sie sind
+aus ihrer Heimat vertrieben!"
+
+Die Helferin wandte sich nach der bezeichneten Stelle, sah die hilflose
+Gruppe und ging sofort darauf zu. "Reihen Sie noch weiter, kann ich
+Ihnen helfen?" frug sie Helene. Aber als sie dicht voreinander standen,
+erkannten sich die beiden Frauen. Sie waren einst zusammen in die Schule
+gegangen.
+
+"Ich habe dich gar nicht gleich erkannt, Helene; ist das dein Kindchen?
+Hast du allein reisen müssen? Dein Mann ist wohl einberufen? Du Ärmste,
+du siehst so angegriffen aus. Wirst du nicht abgeholt? Nein? Warte nur
+ein klein wenig, ich helfe dir. Sieh, dort ist eine Bank, setzt euch
+einstweilen!" Sie eilte wieder an den Zug, da und dort wurde sie
+angerufen und um Tee gebeten.
+
+Ein blutjunger Freiwilliger reichte eine Postkarte heraus, bat, man
+möchte ihm die Liebe erweisen, sie einzuwerfen, weil seine Mutter sich
+gar so sehr um ihn sorge. So war sie voller Tätigkeit, bis der Zug
+wieder davon fuhr. Dann aber eilte sie zu der kleinen Gruppe müder
+Menschen, die auf sie harrten, und es gelang ihr, einen Wagen für sie
+aufzutreiben und sie samt Gepäck und Hund glücklich darin
+unterzubringen. "Zu Fabrikant Kurz," lautete die Anweisung für den
+Kutscher.
+
+Die Fahrt ging durch dunkle Straßen, denn an den Laternen wurde gespart
+in dieser Kriegszeit. Fast Mitternacht war es, bis sie am Haus hielten,
+aber doch war ein Fenster noch erleuchtet und wurde bei dem Anfahren des
+Wagens geöffnet. "Wer kommt?" rief eine Stimme von oben. "Wir sind's,
+Bruder!"
+
+Einen Augenblick später wurde die Haustüre geöffnet und der Bruder,
+Fabrikant Kurz, hieß seine nächtlichen Gäste willkommen. "Verzeih, daß
+wir euch so spät bei Nacht ins Haus fallen," sagte Helene, "es ließ sich
+nicht ändern."
+
+"Es ist für mich nicht spät, ich habe jetzt oft bis in die Nacht hinein
+zu arbeiten. Aber gehört denn der Hund auch zu euch? Den habt ihr mit
+hieher gebracht?" Mißfällig betrachtete er Leo, der sich an Gebhard
+drängte.
+
+"Es ist Gebhards Liebling, sie sind so anhänglich aneinander!" Herr Kurz
+beachtete jetzt erst seinen kleinen Neffen.
+
+"Das ist also Gebhard? Wir waren eigentlich der Meinung, er käme zu
+seiner Großmutter; aber kommt nur herauf, es sind zwei Gastzimmer
+gerichtet. Was ist mit deinem Mann, ist er einberufen?"
+
+"Nein; er wird bald nachkommen."
+
+"Warum hat er dich nicht auf der langen Reise begleitet? Muß er noch im
+Forsthaus bleiben?"
+
+Helene zögerte mit der Antwort. "Ich erzähle dir das morgen. Wir sind so
+müde, wenn wir uns vielleicht gleich legen dürften!"
+
+"Ihr müßt doch vorher essen!"
+
+"Danke, wir bekamen unterwegs was wir brauchten, nur Ruhe möchten wir."
+
+Der Hausherr hatte dem Stubenmädchen geklingelt, das erschien nun um an
+Stelle der Hausfrau, die nicht gestört werden sollte, für die Gäste zu
+sorgen.
+
+Ein schönes Gastzimmer mit allen Bequemlichkeiten war für Helene
+gerichtet, auch ein Kinderwagen stand bereit. Gerührt dankte sie dem
+Bruder für diese Fürsorge. Die Kleine, die schlafend angekommen war,
+erwachte jetzt und fing kräftig an zu schreien. Der Hausherr, der selbst
+keine Kinder hatte, sah ratlos auf das kleine, ungebärdige Wesen, befahl
+dem Mädchen alles weitere zu besorgen und wünschte der Schwester gute
+Nacht. Gebhard nahm er mit sich, Leo folgte. "Wenn nur der Hund die
+Nachtruhe nicht stört!" sagte der Onkel, während sie die Treppe hinauf
+gingen.
+
+"Vor meiner Tür wird er gewiß ruhig liegen bleiben," versicherte
+Gebhard.
+
+"Das wird sich zeigen. Wenn Hunde in fremde Umgebung kommen, heulen sie
+oft. Mich wundert, daß dir dein Vater erlaubt hat ihn mitzunehmen!"
+
+"Der Vater war gar nicht da, als wir abgereist sind." Gebhard hatte das
+kaum gesagt, so merkte er, daß er besser darüber geschwiegen hätte.
+
+"Wo ist denn dein Vater?" Was sollte Gebhard darauf antworten? Er wußte
+es nicht.
+
+"Ich meine wo dein Vater war, als ihr flüchten mußtet? Blieb er im
+Forsthaus zurück?"
+
+"Nein." Die sichtliche Verlegenheit des Knaben fiel dem Manne auf. Es
+mußte etwas geschehen sein, was Mutter und Sohn nicht gern sagten.
+
+Er wollte nicht weiter in das Kind dringen. Im oberen Stock des Hauses
+war ein zweites Gastzimmer bereitet, fein und vornehm war auch hier die
+Einrichtung. "Kommst du allein zurecht?" fragte der Onkel, "oder soll
+ich dir das Stubenmädchen heraufschicken?"
+
+"Nein danke, ich kann alles allein machen. Aber bitte, Onkel, wenn ich
+Leo eine Strohmatte oder eine Decke vor meine Tür legen dürfte; er
+versteht dann, daß er da hingehört."
+
+Es fand sich eine Matte und der Hund nahm verständig seinen Platz ein.
+Onkel und Neffe wünschten sich gute Nacht. Gebhard lag bald in dem
+feinen Gastbett. Aber unter dem fremden Dach in dem einsamen
+Schlafgemach überfiel ihn ein bitteres Heimweh und trotz aller Müdigkeit
+konnte er nicht einschlafen. So weit, weit weg war er vom Forsthaus! Und
+der Vater, wo war der? Der Vater, von dem man jetzt gar nicht reden
+konnte, während man früher so stolz auf ihn war! Dem kleinen Burschen
+war zumute, wie wenn ihm der Boden unter den Füßen wankte, da mit der
+Heimat zugleich die klaren Verhältnisse der glücklichen Kinderzeit
+schwanden, in denen er festgewurzelt war.
+
+Wenn wenigstens die Mutter nebenan schliefe oder etwas von der Kleinen
+zu hören wäre, aber gar so einsam war es hier oben! Lange wehrte sich
+Gebhard als tapferer, kleiner Mann gegen die Tränen; endlich kamen sie
+doch, das Schluchzen ließ sich nicht mehr unterdrücken und schüttelte
+seinen Körper.
+
+Mitten in der nächtlichen Stille wurde ein Laut hörbar. Gebhard setzte
+sich auf, lauschte und vernahm ein leises Winseln vor der Türe. Sicher
+hatte das wachsame Tier seines kleinen Herrn Schluchzen vernommen und
+war beunruhigt. Oder hatte es selbst Heimweh? Noch einmal derselbe
+ungewohnte Laut. Es klang so traurig! Da mußte Gebhard trösten. Er
+tastete sich in der Finsternis an die Türe und hatte kaum einen Spalt
+geöffnet, so zwängte sich der Hund herein und drängte sich mit freudigem
+Bellen an seinen Herrn.
+
+"Still, still!" mahnte Gebhard und das gut gezogene Tier verstummte
+sofort, aber es wedelte und bezeugte seine größte Freude. "Ja, ja, du
+darfst hier bleiben," flüsterte Gebhard, "du hast Heimweh; komm her!" Er
+holte leise die Matte herein und legte sie neben sein Bett. "So, dann
+sind wir beisammen, ganz nahe. Leg dich!"
+
+Vom Bett aus konnte Gebhard seinen Leo streicheln. Nun wich das Gefühl
+der Einsamkeit, vorbei war's mit den nächtlichen Tränen. Schon nach
+wenigen Minuten hatten die beiden guten Kameraden den Schlaf gefunden.
+
+In der Frühe des nächsten Morgen, noch ehe es heller Tag war, schreckte
+Helene auf durch ein Klingeln an der Haustüre. Wer kam so frühe? Sicher
+ihr Mann oder doch eine Nachricht von ihm! Im Nu warf sie einen
+Morgenrock um, eilte hinaus an die Treppentüre, denn sie selbst wollte
+ihm öffnen, ihn hereinführen in ihr Zimmer, ihn lieb haben.
+Ach--beschämt stand sie vor dem Milchmann und vor dem Küchenmädchen, die
+beide mit erstaunten Augen auf die junge Frau schauten; ohne ein Wort
+kehrte sie in ihr Schlafzimmer zurück.
+
+Das war die erste Enttäuschung und es folgten jede Stunde neue, denn der
+sehnlich Erwartete kam nicht, und keine Post brachte Nachricht von ihm.
+
+Bruder und Schwägerin ließen sich's einen ganzen Tag gefallen, im
+Unklaren zu bleiben über das Schicksal, das die Familie Stegemann
+getrennt hatte; sahen sie doch, wie verstört Mutter und Sohn waren und
+daß sie sich nicht entschließen konnten, von dem Erlebten zu sprechen.
+Die Schwägerin war eine gutmütige Frau, hatte Helene lieb und wollte,
+daß die Vertriebenen sich wohl fühlten in ihrem Haus. Es war ja auch
+alles in Hülle und Fülle da und keine Kriegsnot zu verspüren; denn in
+der Kurz'schen Fabrik, die in Friedenszeit allerlei feine Stahlwaren
+herstellte, wurden nun Granaten gemacht; der Betrieb war Tag und Nacht
+im Gang und es ging mehr Geld ein als je in früheren Zeiten. Viele
+beneideten die Familie Kurz und wollten ihr den wachsenden Reichtum
+mißgönnen. So kam es dem Fabrikherrn und seiner Frau ganz erwünscht, daß
+die Vertriebenen bei ihnen Zuflucht suchten. Jedermann konnte nun sehen,
+daß von diesem Reichtum guter Gebrauch gemacht wurde. Aber unbequem
+waren die Fragen der Bekannten nach den Schicksalen der jungen Familie,
+nach dem Verbleib des Försters Stegemann. Was sollte man antworten, wenn
+man selbst nichts wußte?
+
+Herr Kurz sprach mit seiner Frau. "So kann das nicht weiter gehen;
+Helene weicht allen Fragen aus und sieht gleich so unglücklich aus, daß
+ich nicht in sie dringen mag; und der Bub hat etwas trotzig
+Zurückhaltendes, das einem die Lust nimmt, ihn zu fragen. Helene schrieb
+immer so beglückt über ihn, rühmte sein offenes, zutunliches Wesen. Ich
+finde nichts davon und wollte, er wäre samt dem Hund anderswo
+untergebracht. Aber nun, da er bei uns wie ein Kind vom Haus aufgenommen
+ist, kann man wenigstens von ihm Antwort auf berechtigte Fragen
+erwarten. Nimm du ihn einmal vor. Er soll sagen, wo sein Vater ist. Ich
+will das wissen."
+
+"Du hast ganz recht, habe nur Geduld, ich will es schon herausbringen,"
+sagte Frau Kurz beschwichtigend. An diesem Tag, während ihr Mann in der
+Fabrik war, und Helene auf Zureden der Schwägerin sich auf ihr Ruhebett
+gelegt hatte, ergab sich's, daß Tante und Neffe allein beisammen waren
+und sie benützte die Gelegenheit, brachte die Sprache auf das Forsthaus,
+fragte, ob dieses nun ganz leer stehe, ob wohl Gebhards Bücher und
+Spiele alle mitgekommen seien oder sie ihm neue kaufen solle. Da wurde
+Gebhard vertraulich und mitteilsam; schilderte, wie hastig Hab und Gut
+aufgepackt worden seien und daß das meiste zurückgeblieben sei.
+
+"Was dir oder der Mutter fehlt, werde ich euch alles neu kaufen," sagte
+die Tante gütig, und der kleine, wohlerzogene Mann küßte ihr dankbar die
+Hand. Nun fragte die Tante weiter: "Hat dein Vater seine eigenen Sachen
+selbst aufgepackt, und hat er euch begleitet bei der Abfahrt?"
+
+"Nein," sagte Gebhard und wandte sich schon von der Tante ab, der Türe
+zu. Sie merkte, er wollte weiteren Fragen ausweichen. Aber so hatte sie
+es nicht gemeint. Sie griff nach seiner Hand. "Nun bleibe noch da,
+Gebhard, und erzähle mir ganz genau, wann dein Vater fortgegangen ist,
+warum und wohin. Das müssen wir wissen, dein Onkel und ich."
+
+Da Gebhard schwieg, fuhr sie fort: "Die Mutter ist doch so traurig, das
+siehst du ja und wenn sie über den Vater spricht, regt es sie auf, darum
+will ich sie nicht fragen. Willst du ihr das abnehmen und ihr zulieb mir
+alles sagen?"
+
+"Nein, ich kann nicht!" rief Gebhard gequält und wollte entweichen. Aber
+die Tante hielt ihn fest.
+
+"Weißt du, daß du recht unartig bist? Nun haben wir die Mutter mit der
+Kleinen und dich und sogar deinen Hund mitten in der Nacht bei uns
+aufgenommen und sorgen für euch, weil ihr gar keine Heimat habt und du
+willst mir nicht einmal anvertrauen, wo der Vater ist? So undankbar
+willst du sein?"
+
+"Nein, ich will nicht undankbar sein, aber ich kann's nicht sagen," rief
+der Knabe entschieden und suchte sich loszumachen. Frau Kurz verlor die
+Geduld, packte ihn fest und rief: "Gebhard, du mußt!"
+
+Da riß er sich mit Gewalt los, rief in heller Verzweiflung: "Ich will
+die Mutter fragen, ob ich muß," und stürzte aus dem Zimmer, hinüber in
+das der Mutter. Die schrak aus ihrer Mittagsruhe auf, als Gebhard
+ungestüm auf sie zukam und laut schluchzend rief: "Mutter, muß ich den
+Vater verraten? Muß ich?" Erschreckt zog Helene das ganz erschütterte
+Kind an sich und wollte ihm tröstend zusprechen, aber durch die
+offengebliebene Türe war die Tante dem Flüchtling gefolgt und hatte
+Gebhards Ausruf gehört. "Du hast ihn ja schon verraten," sagte sie, "geh
+jetzt hinaus, ich weiß genug. Geh in dein Zimmer, du machst ja dein
+Mütterchen noch krank mit deinem Ungestüm!"
+
+Beschämt und traurig zog Gebhard sich zurück. In seinem Zimmer saß er
+still, wußte nicht, wie es gekommen war, daß die Tante sagen konnte, er
+habe den Vater verraten und er mache die Mutter krank, mochte sich
+selbst nicht mehr leiden und wußte sich keinen Rat.
+
+Inzwischen hatte Frau Kurz sich neben die junge Schwägerin gesetzt,
+tröstete sie freundlich und brachte allmählich durch teilnehmende
+Fragen und dringendes Zureden alles heraus, was sie wissen und ihrem
+Mann berichten wollte.
+
+Dieser empfand wohl volle Teilnahme für seine Schwester, aber er dachte
+auch an sich selbst, an die Familienehre und an das Geschäft. Es war
+eine böse Sache. Er fürchtete, die militärischen Aufträge könnten ihm
+entzogen werden, wenn des Schwagers Verrat ruchbar würde. Aufgeregt ging
+er in seinem Zimmer auf und ab, während er seiner Frau diese Gefahr
+auseinander setzte. "Nie hätte ich gedacht, daß durch Stegemann Unehre
+in die Familie käme. Wie sah Helene an ihm hinauf, wie stolz sprach sie
+von seinen und seiner Mutter edlen Grundsätzen! Wie wenn die Familie
+Stegemann viel höher stünde als unsere eigene! Nun, wenn wir auch
+nüchterne Leute sind und unsern Geschäftsvorteil wahren, einen
+Vaterlandsverräter haben wir doch nie in unserer Familie gehabt!"
+
+"Sprich nur nicht laut davon," mahnte seine Frau, "das bleibt ganz
+verschwiegen. Ich glaube nicht, daß ihn die Russen frei gegeben haben
+und wenn ja, dann kann er nicht wagen, sich in Deutschland blicken zu
+lassen, nach dem was er getan. Mach dir keine Sorgen. Wer sollte das
+verraten? Helene nicht und der Bub auch nicht, auf den kannst du dich
+verlassen!"
+
+So beruhigte sie ihren Mann. Und es kam so, wie sie gesagt, niemand
+erfuhr mehr von dem Vermißten als was sie selbst von ihm aussagten: er
+sei im Krieg und man warte vergeblich auf Nachrichten.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+
+Die Tage, die Wochen vergingen--vom Förster Stegemann drang keine Kunde
+zu seiner Frau. Sie lebte still und eingezogen. Vom Krieg wollte sie
+nichts hören, nichts lesen und wenn jemand sie darauf hinwies, daß gar
+viele Frauen ihre Männer, ihre Söhne vermissen mußten, so war ihr das
+kein Trost. Andere Frauen durften stolz sein auf das, was ihre Männer
+taten fürs Vaterland--sie mußte sich schämen; die andern waren
+unschuldig--sie hatte eine Schuld auf dem Gewissen. Wenn Gebhard sie
+traurig ansah, mußte sie an sein Wort denken: Hättest du die Türe nicht
+aufgemacht!
+
+Gebhard ging in die Schule, aber er stand einsam unter den Mitschülern,
+fremd dem Lehrer gegenüber. Der sprach von Krieg und Sieg, von
+Vaterlandsliebe und Heldentod--das konnte Gebhard nur mit bitterer Scham
+anhören; und wenn die Kameraden von ihren Angehörigen im Feld erzählten,
+dann hatte er Angst vor ihren Fragen, ging ihnen aus dem Weg, spielte
+lieber daheim mit Leo, seinem treuen, schweigsamen Freund aus der alten
+Heimat.
+
+Eines Abends, als er still und später als sonst an seinen Schulaufgaben
+in dem Zimmer neben dem Eßzimmer saß und ihn wohl niemand dort
+vermutete, hörte er Onkel und Tante sprechen, was nicht für ihn bestimmt
+war. Der Onkel sagte: "Das Beste wäre, Stegemann bliebe verschollen, er
+würde doch nur Schande bringen in unsere Familie."
+
+"Ja," sagte die Tante, "aber ich denke, er ist längst tot, wenn man es
+nur bestimmt erfahren könnte."
+
+Da tat dem kleinen Burschen nebenan das Herz so weh, wie noch nie und er
+fühlte, wie lieb er seinen Vater hatte, trotz allem was geschehen war,
+und daß er ganz zu ihm gehörte. Und ein Zorn kochte in ihm auf gegen die
+Menschen, die den Vater gern gestorben wüßten. Aber er durfte ja nichts
+sagen, denn gar oft schon hatte die Mutter ihm vorgehalten, wie dankbar
+sie gegen Onkel und Tante sein müßten.
+
+In diesem Augenblick kam die Mutter zu ihm herein, hatte ihr Töchterchen
+im weißen Nachtgewand im Arm und zeigte sie Gebhard: "Sieh, wie die
+Kleine nett aussieht, sie soll noch der Tante gute Nacht sagen, komm
+mit."
+
+Ungern folgte Gebhard. Im Eßzimmer wurde der kleine Liebling bewundert.
+Der Onkel, der für gewöhnlich um diese Zeit nicht da war und das Kind
+selten sah, freute sich an dem netten Anblick, wollte auch der Mutter
+eine Freude machen und sagte schmeichelnd zu der Kleinen: "Willst du
+denn auch einmal zu mir kommen, mein schönes Jüngferlein?"
+
+"Nein, sie soll nicht!" rief plötzlich mit rotem Kopf in aufbrausendem
+Zorn Gebhard. Erschrocken wandten sich alle nach ihm um, aber er achtete
+nicht auf die vorwurfsvollen Blicke. "Es ist nicht dein Jüngferlein,"
+rief er, "es ist dem Vater sein Jüngferlein, und mir gehört sie auch
+mit. Gib sie mir, Mutter, mir, nicht dem Onkel!" Er drängte sich an die
+Mutter, die ganz blaß geworden war. "Was fällt dir ein, Gebhard!" und
+sie wandte sich an den tief gekränkten Bruder: "Verzeih, ich weiß gar
+nicht, was dem Kind in den Sinn kommt!"
+
+Die Schwägerin sah, wie ihrem Mann der Zorn aufstieg. Sie wandte sich an
+Helene: "Wenn du irgend etwas von Erziehung verstehst, so mußt du das
+Töchterchen dem Onkel geben und mußt den unartigen Jungen zur Türe
+hinausstecken!"
+
+"Ja freilich, du hast ganz recht," sagte Helene. Sie sah ein, daß sie
+einen solchen Ton nicht dulden durfte, aber sie fühlte durch, und sah es
+Gebhard an, daß er tief erregt war, und er tat ihr so leid. Sie konnte
+ihn nicht verstehen. Es war doch gar nichts vorgefallen, was ihn so
+aufbringen und seine Rede entschuldigen konnte. So zog sie das Kindchen
+zurück, nach dem er noch immer begehrte, reichte es dem Onkel hin, und
+sagte unsicher: "Ich muß dich aus dem Zimmer weisen, Gebhard!" Er sah
+sie einen Augenblick erstaunt an, weil er so etwas noch nie von ihr
+erfahren hatte, dann folgte er ohne Widerspruch. Unter der Türe blickte
+er noch einmal zurück und sah die Mutter mit Onkel und Tante beisammen
+stehen, das Schwesterchen auf des Onkels Arm. Da war's ihm, als gehörten
+diese vier zusammen, er aber gehörte nicht zu ihnen, sondern zu dem
+armen, armen Vater, der so weit fort war und den er doch über alles in
+der Welt liebte.
+
+So wuchs allmählich eine Scheidewand zwischen ihm und der Mutter auf. Es
+fehlte der Vater, der die beiden so innig verbunden hatte.
+
+Aber es kam Hilfe von anderer Seite. Frau Dr. Stegemann, Gebhards
+Großmutter, kannte Helene nur wenig, aber sie hatte sie vor Jahr und Tag
+herzlich als Schwiegertochter willkommen geheißen, manchen Brief mit ihr
+gewechselt und sich innig gefreut über das Glück, das sie ihrem Sohn und
+Enkel von Herzen gönnte. Sie konnte sich vorstellen, wie schwer die
+junge Frau unter der Trennung von dem Gatten leiden mußte. Aber sie
+begriff nicht, warum die Schwiegertochter ihr jetzt nur selten und kurz
+schrieb, ihr, der Mutter, die doch am besten mit ihr fühlen konnte und
+die längst gebeten hatte, ihr die genaueren Umstände über die
+Verschleppung ihres Sohnes zu berichten. Die Schwiegertochter
+entschuldigte sich damit, daß es sie zu sehr angreife, von diesem
+schrecklichsten Tag ihres Lebens zu erzählen; aber Frau Dr. Stegemann
+gab sich nicht länger mit diesem Bescheid zufrieden. Als es Winter wurde
+und immer dieselben dürftigen, traurigen Briefe kamen, schrieb sie der
+Schwiegertochter, wofern sie und die Kinder gesund seien, möge sie mit
+ihnen in Gebhards Weihnachtsferien zu ihr kommen. Es klang mehr wie ein
+Verlangen als wie eine Bitte oder Einladung.
+
+Helene zeigte den Brief ihren Geschwistern.
+
+"Du hättest deiner Schwiegermutter längst den ganzen Sachverhalt
+mitteilen sollen," meinte der Bruder, "sie als Mutter kann erwarten, daß
+ihr nichts vom Schicksal ihres Sohnes verschwiegen wird."
+
+"Aber es kann ihr doch nur schrecklich sein! Sie hat uns bei Beginn des
+Krieges voll glühender Vaterlandsliebe geschrieben. Und dann--ich traue
+mich nicht, ihr zu sagen, wie das alles gekommen ist, sie wird mich
+verachten, denn sie ist so eine tapfere, strenge Frau!"
+
+Die Schwägerin fiel ihr ins Wort: "Immer quälst du dich wieder so
+unnötig mit Vorwürfen. Jede Frau hätte so wie du für ihr und ihrer
+Kinder Leben gebeten!"
+
+"_Sie_ nicht!" sagte Helene bestimmt. Der Bruder wurde ärgerlich. Er war
+immer ein wenig eifersüchtig gewesen und hatte nie recht vertragen
+können, daß seine geliebte Schwester eine so hohe Meinung von der
+Familie Stegemann hatte.
+
+"Du bist nicht schuld," sagte er; "ein Mann muß selbst wissen, was er zu
+tun hat; es wäre ohne deine Einrede wohl alles ebenso gegangen!"
+
+Aber jetzt ereiferte sich Helene. "Nein, nie, ganz gewiß nicht. Ich
+begreife mich selbst nicht mehr, warum ich nicht lieber mit meinem Kind
+sterben wollte: der Tod ist nicht das schlimmste!"
+
+Sie brach in Tränen aus. Der Bruder suchte sie zu beruhigen. "Du
+brauchst deiner Schwiegermutter nicht zu erzählen, was _du_ bei der
+Sache gesprochen hast. Darüber schweigst du einfach!"
+
+"Ach, das kann ich nicht, wenn sie mich mit ihren klaren Augen ansieht,
+so muß ich die ganze Wahrheit sagen. Sie würde es doch gleich merken,
+daß mir noch etwas auf der Seele liegt."
+
+"Ei, so bleibe hier!" riet die Schwägerin. "Schicke ihr Gebhard allein,
+sage, du könnest mit der Kleinen im Winter nicht reisen und ohne das
+Kind nicht fort. Zwar wäre sie ja bei mir und dem Mädchen wohl versorgt,
+aber es ist doch eine gute Ausrede; versprich deinen Besuch fürs
+Frühjahr, dann wollen wir weiter sehen."
+
+"Ja, das wird das Beste sein," sagte der Bruder, "sie kann die
+Winterreise und dazu solch eine Aufregung nicht von dir verlangen und
+Gebhard wird sehr gern zu seiner Großmutter gehen mit seinem Hund,
+na--er kann auch ganz dort bleiben, wenn sie es wünscht."
+
+"Er wird sich nicht gern von mir trennen wollen!"
+
+"Das bildest du dir ein, so ist er nicht."
+
+"Meinst du?" Nachdenklich fügte sie hinzu: "Ja, es kann sein, daß er
+mich nicht vermißt. Es ist alles nicht mehr so, wie es war. Aber dann
+werden wir uns ganz fremd!"
+
+"Du mußt dich an dein Töchterchen halten, das wird alle Tage netter und
+gehört dir ganz und gar."
+
+Aber die junge Mutter konnte sich nicht gleich mit dem Gedanken trösten,
+daß ihr der kleine Liebling blieb. Es tat ihr weh, zu denken, Gebhard
+werde sie nicht vermissen. Sie war doch so stolz gewesen auf des Knaben
+Liebe und seine rührende Verehrung.
+
+"Ich will selbst Gebhard die Einladung der Großmutter ausrichten," sagte
+der Bruder, die Beratung abschließend. "Ruhe du dich ein wenig aus und
+dann schreibe deiner Schwiegermutter. Gebhard ist ja bei ihr gut
+versorgt und für dich wird es so am besten sein, meinst du nicht?"
+
+"Ich weiß nicht," sagte Helene, "aber ich will es so machen, wie ihr
+meint, ich danke euch, ihr seid so nachsichtig gegen mich."
+
+Sie ging in ihr Zimmer und tat, wie man ihr geraten, legte sich auf ihr
+Ruhebett. Ach, sie meinten es so gut mit ihr, aber sie hatten ja gar
+keine Ahnung, wie traurig sie war, wie heiß ihre Sehnsucht nach dem
+verlorenen Glück.
+
+Herr Kurz hatte es gut verstanden, Gebhard die Reise zur Großmutter
+verlockend darzustellen. Davon, daß er vermutlich dauernd bei ihr
+bleiben sollte, hatte er nichts erwähnt, das hatte noch Zeit. So behielt
+der Onkel recht. Gebhard war nur vergnügt über die Einladung für die
+Weihnachtsferien, dachte gar nicht an die Trennung von der Mutter. Es
+war ja natürlich, daß das Kind sich freute zur Großmutter zu kommen, die
+in den Jahren der Einsamkeit im Forsthaus treulich jeden Sommer gekommen
+war und ihm längst nahe stand, ehe Helene zur Familie gehörte.
+
+Heute ging die Mutter mit ihm hinauf in sein Zimmer, um mit ihm
+einzupacken. Frohgemut reichte er ihr zu, was sie verlangte, aufmerksam
+verfolgte Leo dieses ungewohnte Treiben. "Jetzt deine Schulbücher,
+Gebhard?"
+
+"Soll ich die mitnehmen?" Verwundert sah er die Mutter an und bedenklich
+klang seine Frage: "Muß ich denn lernen in den Weihnachtsferien?"
+
+"In den Ferien nicht, aber nachher, wenn die Schule wieder anfängt, mußt
+du doch deine Bücher haben."
+
+"Nach den Ferien komme ich doch wieder hieher?"
+
+"So war's nicht gemeint, Gebhard. Die Großmutter wird dich gerne
+behalten. Hat dir davon der Onkel nichts gesagt?"
+
+"Nein." Er wurde sehr nachdenklich. Die Mutter stand vor dem Koffer,
+hatte die Hand ausgestreckt nach den Schulbüchern, die nicht kamen. Sie
+sah, wie Gebhards Gesicht trübselig wurde. Jetzt schmiegte er sich an
+sie. "Mutter, kannst du nicht mitkommen zu der Großmutter? Hat sie bloß
+mich ganz allein eingeladen?"
+
+"Nein, aber das Schwesterchen ist noch zu klein für solch eine
+Winterreise und sie braucht mich doch!"
+
+"Ja, aber Mutter, du hast viel früher einmal zu mir gesagt, wir blieben
+jetzt immer beisammen, der Vater und du und ich; das war so schön. Und
+jetzt ist der Vater fort und dann habe ich auch keine Mutter mehr!"
+
+"O doch, Gebhard, ich bleibe ganz gewiß deine treue Mutter!" Aber
+Gebhard entgegnete trotzig: "So eine Mutter, die nicht bei mir ist,
+hilft mir gar nichts. So eine habe ich immer schon gehabt, im Himmel,
+aber ich möchte eine, die bei mir bleibt."
+
+"Später, Gebhard, kommen wir gewiß wieder zusammen, aber jetzt hast du
+einstweilen die Großmutter. Bei ihr warst du doch früher so gern; und
+hier--warst du denn gerne hier im Haus, bei Onkel und Tante?"
+
+"Nein, gar nicht gern, weil sie den Vater nicht mögen. Neulich haben sie
+so etwas Schreckliches über den Vater gesagt, das darfst du gar nicht
+hören, Mutter. Darum mag ich sie gar nicht mehr!" Tränen des Zorns
+kamen dem Kind bei der Erinnerung.
+
+"Wann war denn das?"
+
+"An dem Abend, wo der Onkel das Jüngferlein wollte!"
+
+"Ach, damals? Gebhard, sieh, du wirst glücklicher sein bei der
+Großmutter. Sie hat den Vater so lieb und sie nimmt dich mit deinem Leo
+so gerne zu sich!"
+
+"So? hat sie das geschrieben?" Langsam machte er sich von der Mutter
+los. "Da sind meine Schulbücher."
+
+Still vollendeten sie das Geschäft des Einpackens; aber beunruhigt lief
+der Hund hin und her, er merkte, daß Ungewohntes vor sich ging.
+
+"Du darfst mit mir gehen, Leo, sei nur zufrieden, wir zwei trennen uns
+nicht!" Bei diesen Worten nahm Gebhard den schmalen Kopf des Hundes
+zwischen seine Hände. Ein leises Bellen bezeugte das Einverständnis des
+klugen Tiers; es legte sich nun still neben den Koffer, bereit Hab und
+Gut seines kleinen Herrn zu bewachen.
+
+Sie waren fertig, das Zimmer sah öde aus.
+
+"Komm nun, Gebhard," sagte die Mutter und es war ihr wehmütig ums Herz
+in dem leeren Zimmer, "komm, wir wollen nach dem Schwesterlein sehen."
+
+Er griff nach ihrer Hand, sah zu ihr auf und merkte, daß sie traurig
+war. "Mutter," begann er, "jetzt denkst du an den Vater, das sehe ich
+dir immer an. Aber du hast noch dein Jüngferlein, das ist dir doch das
+allerliebste und das bleibt bei dir."
+
+Sie drückte fest seine Hand. Nein, sie hatte jetzt eben nicht an ihren
+Mann gedacht, sondern an den kleinen Mann, der da so liebevoll an ihrer
+Hand ging und sie noch tröstete, obwohl sie ihn von sich schickte.
+
+Schon vor der Zimmertüre hörten sie die Tante, die ihren Spaß hatte mit
+der Kleinen. Die lachte laut und übermütig vor Vergnügen. Das lustige
+Töchterlein--der traurige Bub--es gab der Mutter zu denken.
+
+Am frühen Morgen des folgenden Tags trat Helene in Gebhards
+Schlafzimmer. Er erwachte bei ihrem Eintritt. Frisch und tatkräftig
+stand die Mutter vor ihm, wie schon lange nicht mehr. "Gebhard, steh
+auf, es ist Zeit, daß wir reisen, wir zwei miteinander!" Und als er sie
+mit großen, fragenden Augen ansah, lachte sie hell, setzte sich zu ihm
+auf den Bettrand und sagte: "Ich habe mir heute Nacht gedacht: das
+Jüngferlein ist schnöde, es macht sich gar nichts daraus, wenn ich
+fortgehe, es jauchzt bei der Tante wie bei mir. Aber mein Bub, der
+möchte mich gern bei sich haben; so will ich wenigstens für eine Woche
+mit ihm gehen!" Da wurde die junge Frau stürmisch umarmt und geküßt und
+mußte an ihren Mann denken.
+
+Eine Stunde später waren sie auf der Reise.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+
+Unsere zwei Reisenden waren diesmal allein im Abteil: Leo hatte sich
+nicht eingedrängt; ganz verständig hatte er sich darein gefunden, in dem
+für seinesgleichen bestimmten Raum Platz zu nehmen. Gebhard stand eine
+ganze Weile am Fenster und sah in die Winterlandschaft hinaus; ihm war
+so wunderlich glücklich zu Mute, wie wenn ihm erst jetzt die Mutter
+wieder gehörte. Er hätte nur gern gewußt, wie es ihr ums Herz war! Schon
+einmal hatte er sich nach ihr umgewandt, sie sinnend angeschaut, aber
+nicht die Worte finden können zu einer Frage. Nun sah er sie wieder an.
+
+"Willst du etwas?" fragte sie.
+
+"Nein.--Ja doch. Ich möchte nur wissen, ob es dich nicht friert?"
+
+"Nein; warum meinst du? Kommt es dir kalt vor?"
+
+"Mir gar nicht. Der Onkel meinte nur, du könntest dich erkälten; aber
+gelt, es ist behaglich warm? Heute gefällt mir das Fahren so gut, dir
+auch, Mutter?"
+
+Sie lächelte ihn freundlich an und schob die Reisetasche beiseite, die
+neben ihr lag. "Setze dich zu mir her, Gebhard."
+
+Dieser folgte schnell der Aufforderung und sie rückten nahe zusammen.
+
+"Gelt, das Jüngferlein ist ganz vergnügt bei der Tante?" sagte er.
+
+"Ja freilich, das vermißt uns nicht."
+
+"Das gefällt mir eben so besonders gut, daß ich dich einmal ganz für
+mich allein habe," erklärte er, "da können wir auch vom Vater sprechen,
+wenn wir wollen. Aber die Tante hat gesagt, ich soll dich nicht
+aufregen; also reden wir lieber von etwas anderem. Sie hat mir auch
+Eßvorrat mitgegeben in meine Büchse; wollen wir das einmal ansehen?"
+
+"Ja, sagte die Mutter, schauen wir nach den guten Sachen, das wird mich
+ganz gewiß nicht aufregen." Sie lachte ihn freundlich an.
+
+"Du siehst heute so aus, Mutter, wie früher, so nett." Aber das hätte er
+nicht sagen sollen; denn auf einmal kamen ein paar Tränen in ihre hellen
+Augen. Da packte er schnell die Büchse aus; und weil ihm dabei ein Apfel
+auf den Boden kollerte und während er sich darnach bückte eine ganze
+Anzahl Nüsse folgten, mußte sie lachen und er lachte mit und sie waren
+zum erstenmal fröhlich miteinander ohne den Vater.
+
+Gegen das Ende der Reise, während Gebhard sich schon ungeduldig auf das
+Wiedersehen mit der Großmutter freute, wurde der jungen Frau das Herz
+wieder schwer. Sie hatte sich wohl auf ihres Bruders Zureden
+vorgenommen, nichts davon zu erzählen, daß sie ihren Mann überredet
+hatte, mit den Russen zu gehen, und so durfte sie ja sicher sein, bei
+ihrer Schwiegermutter nur Teilnahme zu finden und keinen Vorwurf zu
+hören. Aber eben dieses Verschweigen und vorsichtige Ausweichen lag
+nicht in ihrer Natur und deshalb bangte ihr vor dem Zusammentreffen mit
+der Mutter.
+
+Helene wußte, daß sie nicht erwartet wurde; nur Gebhard mit seinem
+treuen Gefährten Leo war angekündigt. Als die Reisenden in die
+Bahnhofhalle einfuhren, fiel ihnen die Leere des Bahnsteigs auf. Er war
+für die Menge gesperrt, da in Kürze ein Lazarettzug mit einer großen
+Anzahl Verwundeter ankommen sollte. Eine ganze Reihe Sanitäter mit
+Tragbahren erwartete den nächsten Zug; aber mitten unter ihnen stand
+eine einzelne große Frau in langem Mantel mit warmem Pelzzeug; unter
+ihrem schwarzen Samthut sahen schlichte graue Haare hervor und
+forschende Augen blickten dem einfahrenden Zug entgegen. Dies war Frau
+Dr. Stegemann, die sich bei dem Kommandanten den Zutritt erbeten hatte,
+um ihren allein reisenden Enkelsohn abzuholen.
+
+Gebhard erkannte die Großmutter sofort und eilte auf sie zu.
+
+"Mein lieber, großer Bub!" rief sie, "ich bin froh, daß du zu mir
+gekommen bist. Und dein schöner Leo ist auch da! Nun komm nur gleich,
+wir müssen möglichst schnell den Bahnsteig verlassen."
+
+"Aber die Mutter ist auch hier, ich bin nur vorausgesprungen!"
+
+"Die Mutter? Kommt sie doch mit?"
+
+Ja, sie kam eben zu den beiden und sah deutlich, daß bei dem
+unerwarteten Wiedersehen das ernste Gesicht der Großmutter freudig
+aufleuchtete.
+
+"So kommst du doch," sagte sie und streckte der jungen Frau die Hand
+entgegen, "dann ist ja alles schön und gut; wir gehören doch zusammen in
+dieser Zeit!"
+
+Das empfand auch Helene in diesem Augenblick. Wie wenn sie ihrem Manne
+näher wäre, so war ihr zumute. Sie hatte gar nicht mehr gewußt, daß
+Mutter und Sohn ganz die gleichen, klaren, seelenvollen Augen und
+dieselbe tiefe Stimme hatten. Sie gingen miteinander hinaus auf den
+Bahnhofplatz. Dort war die Haltestelle der Elektrischen; das Mitnehmen
+von Hunden war aber nicht gestattet.
+
+"Kann Leo nachspringen?" fragte die Großmutter.
+
+"Er kann wohl," sagte Gebhard, "aber der Vater läßt ihn nie gern neben
+dem Wagen springen."
+
+"Dann gehst du mit ihm zu Fuß; erinnerst du dich des Weges? Du hast ihn
+vor zwei Jahren gemacht."
+
+"Nicht so recht," meinte Gebhard bedenklich.
+
+"Wir sollten vielleicht eine Droschke nehmen und den Hund zu uns
+hereinlassen," schlug Helene vor.
+
+"Bewahre. Ein großer Bub mit solch gutem Hund _sucht_ sich eben seinen
+Weg. Merke auf, Gebhard. Du folgst den Schienen der Elektrischen immer
+zu bis an den Marktplatz. Dann fragst du. Weißt du Straße und Nummer?"
+
+"Jawohl, Johannessteg 5."
+
+Die beiden Frauen stiegen ein und Gebhard ging mit seinem treuen
+Begleiter zu Fuß. Helene wunderte sich über die Großmutter, die dem
+geliebten Enkel gleich Zumutungen machte. Ja, das war wieder die
+Strenge, die sie in Erinnerung hatte; nicht der gutmütige, weichherzige
+Ton, den sie von den Ihrigen daheim gewohnt war. Nun wußte sie wieder,
+warum ihr bange gewesen, und es überkam sie eine beklemmende Angst vor
+der Unterredung, die nicht ausbleiben konnte.
+
+Frau Dr. Stegemann bewohnte den obersten Stock eines Hauses in der
+Altstadt. Die schönen, bequemen Einrichtungen der Neuzeit fehlten dieser
+Wohnung, hingegen war sie geräumig, hatte viele Zimmer, Kammern und
+Gänge. Aus den altmodisch kleinen Fenstern blickte man hinweg über die
+Dächer der gegenüberliegenden Häuser, über Gassen und Straßen hinaus ins
+Weite, wo Gärten und Felder die Stadt begrenzten. Der letzte
+Sonnenstrahl fand noch seinen Weg in die hochgelegene Wohnung.
+
+Außer einem Dienstmädchen hatte Frau Dr. Stegemann noch zwei junge
+Hausgenossinnen, zwei Enkeltöchter, die hier in der größeren Stadt eine
+Töchterschule besuchten. Von ihnen erzählte sie Helene, nachdem sie die
+Elektrische verlassen und dem Haus zugingen, denn beide mochten nicht
+auf der Straße von dem sprechen, was ihre Herzen am meisten bewegte.
+Während sie im Haus angekommen Stockwerk um Stockwerk hinaufstiegen,
+wunderte sich Helene über die Sechzigerin, die nichts von der
+Anstrengung zu merken schien.
+
+"Mutter, wie du steigen kannst!"
+
+"Das macht die Gewohnheit."
+
+"Aber ist dir's nicht lästig? Du dürftest dir's wohl auch leichter
+machen."
+
+"Warum? Ich bleibe gern in der Übung. Solange ich gesund bin, schadet
+mir das Steigen nichts. Es wäre nichts als Bequemlichkeit, wenn ich es
+nicht mehr tun wollte."
+
+Rüstig stieg sie voraus.
+
+Oben angekommen wurden sie vom Dienstmädchen empfangen mit der
+Nachricht, daß ein fremdes Fräulein schon lange auf sie warte und sie
+sprechen möchte. Gleichzeitig kamen eilig und lebhaft die beiden
+Schwestern, Grete und Else, große Mädchen mit blonden Zöpfen und
+frischen, fröhlichen Gesichtern. Sie waren überrascht, statt des
+erwarteten kleinen Vetters ihre Tante Helene zu sehen, die sie nur nach
+dem Bild kannten. "Macht es der Tante behaglich, Kinder," sagte die
+Großmutter zu ihnen, "und du, Helene, laß dich nicht abschrecken, wenn
+es bei mir unruhig zugeht; das ist eben so in diesem Kriegsjahr. Es gibt
+so viele Mädchen, die im Ausland waren und jetzt stellenlos sind, die
+wenden sich an uns 'Freundinnen der jungen Mädchen'. Um so etwas wird es
+sich auch jetzt handeln."
+
+Sie verließ das Zimmer. Helene war verwundert. Sie hatte sich das Leben
+der Großmutter still und abgeschlossen gedacht, merkte jetzt, daß diese
+noch mitten im Leben und Wirken stand und sah bald, daß auch die beiden
+Enkelinnen an allerlei Kriegshilfe teilnahmen und vom Geist der
+Großmutter beseelt waren.
+
+Sie wandten sich jetzt lebhaft an die junge Tante, deren liebliche
+Erscheinung ihnen gar sehr gefiel, halfen ihr ablegen, plauderten
+zutraulich und kamen bald auf das zu sprechen, was sie erfüllte. "Dürfen
+wir dir unsere Vorratskammer zeigen? Wir haben einen ganzen Stoß
+Kinderwäsche genäht für die vertriebenen Ostpreußen und haben Handschuhe
+und Socken für die Soldaten gestrickt, magst du es ansehen?" Gerne
+folgte Helene den eifrigen Mädchen in ihre Stube und ließ sich an das
+altmodische Pfeilerschränkchen führen, in dem allerlei Arbeiten
+aufgestapelt waren. Mitten in dieser Betrachtung kam, von seinem Hund
+begleitet, Gebhard an. Er hatte sich nicht gern von seiner Mutter
+getrennt; denn er wußte, sie war nur ihm zuliebe hieher gekommen, auch
+hatte er so ein unbestimmtes Gefühl, daß ihr bangte vor dem Zusammensein
+mit der Großmutter. So war er im Galopp mit seinem Hund der Elektrischen
+gefolgt, hatte schnell den Weg zum Haus gesucht und trat nun angeregt
+vom raschen Lauf, mit frischen, roten Backen ins Zimmer.
+
+Grete und Else waren gleich für diesen kleinen Vetter eingenommen und
+auch der Hund war ihnen anziehend. Sie hatten noch nie einen solchen als
+Hausgenossen gehabt, wollten mit ihm Bekanntschaft schließen, wichen ihm
+aber doch aus, als er sie beschnüffelte.
+
+Es dauerte aber nicht lang, so streckte sich Leo behaglich mitten unter
+der Gesellschaft aus.
+
+"Jetzt ist er schon heimisch," sagte Gebhard befriedigt, "er merkt, daß
+wir nicht bei Fremden sind; in einem fremden Haus legt er sich nie von
+selbst nieder." Das gefiel den Bäschen und freute Gebhard. Wo er gern
+war und wo es Leo behagte, mußte sich doch auch sein Mütterlein heimisch
+fühlen.
+
+Nach kurzer Zeit kam auch die Großmutter wieder. Sie hatte dem jungen
+Mädchen Bescheid gegeben, das in England Erzieherin gewesen war, in
+reichem Haus, bei einem einzigen Knaben; jetzt war ihr eine Stelle
+angeboten, in einfacher Familie bei vier Knaben. Den jüngsten sollte
+sie selbst ausfahren, das paßte ihr nicht.
+
+"Ich habe ihr Mut gemacht," sagte Frau Dr. Stegemann, "im Krieg muß man
+froh sein, wenn man irgendwo unterschlupfen darf, und übrigens möchte
+ich jetzt lieber zehn Deutsche erziehen als einen Engländer. Und warum
+nicht den kleinen Buben ausfahren? Wir müssen ja froh sein, wenn es
+recht viele deutsche Buben gibt! Sie will es nun versuchen und mir am
+Sonntag berichten wie es geht. Aber nun kommt zum Tee!"
+
+Sie führte die Schwiegertochter über den langen, dunkeln Gang. Helene
+dachte unwillkürlich an die hell erleuchteten Räume in ihres Bruders
+Haus.
+
+"Überall merkt man den Krieg," sagte Frau Stegemann. "Das Petroleum wird
+bei euch auch knapp sein."
+
+"Ich weiß nicht, es war nicht die Rede davon."
+
+"Nicht? Es ist eine große Entbehrung für viele Leute. Manche Familien
+können abends ihr Zimmer gar nicht beleuchten. Für solche ersparen wir
+immer etwas von dem Petroleum, das auf uns kommt. Warum sollten wir auch
+nicht ein wenig im Dunkeln tappen? Unsere Soldaten müssen sich auf ganz
+anders schwierigen Wegen im Finstern zurecht finden."
+
+Gebhard horchte hoch auf bei diesen und ähnlichen Äußerungen der
+Großmutter. Während des einfachen Abendessens erklärten ihm die
+Schwestern, was kriegsmäßig sei und was nicht; was sich die Familie
+zugunsten des Vaterlandes versagte und wie sie beflissen war, sich von
+dem zu nähren, was reichlich vorhanden und in Gefahr war, zu verderben.
+Da nun Else und Grete sahen, wie neu ihm das alles war und daß er
+glühenden Eifer zeigte für alles Gemeinnützige, fragten sie, ob er
+mittun würde, wenn sie nächsten Sonntag mit der Rotkreuzbüchse durch die
+Straßen gingen, um Karten und Blumen zugunsten der Verwundeten
+anzubieten. Er hatte das schon manchmal gesehen, aber nie daran gedacht,
+daß man auch ihn irgendwie für solch vaterländische Tätigkeit brauchen
+könnte. Stolz war er, glücklich über diese neuen Aussichten.
+"Großmutter," rief Else, "das wird fein! Gebhard trägt die Büchse, wir
+die Blumen und wir sagen zu allen, die uns begegnen: 'Hier, unser
+Vetter, ist selbst ein Vertriebener, ein Flüchtling aus Ostpreußen!' Da
+gibt uns jedermann doppelt so gern!"
+
+"Und den Hund nehmen wir auch mit," schlug Grete vor, "er sieht so
+polizeimäßig aus, mit ihm können wir uns in alle Winkel der Stadt
+wagen!"
+
+Die drei verwandten Kinder verbanden sich nach kurzer Bekanntschaft und
+waren glücklich miteinander. Helene staunte, wie schnell Gebhard sich
+heimisch fühlte. Am reichbesetzten Tisch ihrer Geschwister hatte sie ihn
+nie so befriedigt gesehen, wie hier; das Wohlleben hatte ihm weniger
+behagt, als die einfachen Verhältnisse, die er von Hause aus gewöhnt
+war, und wie heimische Luft empfand er die vaterländische Gesinnung, die
+auch im Forsthaus der herrschende Geist gewesen war.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+
+Die Teestunde war vorüber, endlich mußte auch der Augenblick kommen, auf
+den Helene sich gefürchtet hatte, die Aussprache über das, was im
+stillen Herzen beide Frauen mehr beschäftigte als all die Dinge, über
+die sie sich mit den Kindern unterhalten hatten.
+
+"Ich möchte jetzt ungestört ein Stündchen mit Tante Helene sein," sagte
+Frau Dr. Stegemann zu den Schwestern. "Wer etwa kommt und nach mir
+fragt, soll warten oder später wiederkommen. Gebhard kann bei euch
+bleiben; komm, Helene, wir gehen in dein Zimmer."
+
+Aber Helene griff unwillkürlich nach Gebhards Hand und hielt sie fest.
+Die Großmutter sah die fast ängstliche Bewegung der jungen Frau.
+
+"Du möchtest Gebhard mitnehmen?" fragte sie erstaunt.
+
+"O ja, bitte. Wir haben das alles miteinander erlebt."
+
+"So komm mit, Gebhard. Ich zeige dir gleich deine Schlafstätte." Vor der
+Türe wartete der Hund, er schloß sich seinem kleinen Herrn an. Frau Dr.
+Stegemann ging voran, führte ihre Gäste bis an das Ende eines langen
+Ganges. "Hier ist das Gastzimmer, das wird für dich gerichtet, Helene;
+wir wußten ja nicht, daß du kommst. Und hier gegenüber, ist deine
+Kammer, Gebhard, sieh."
+
+Sie traten in eine große, helle Kammer. Ein schlichtes Feldbett stand
+darin. "Wie für einen richtigen Soldaten," sagte die Großmutter, "nur
+daß es ein Kopfkissen und ein Federbett hat. Das bekommen ja die
+Soldaten nicht, aber du bist ja auch noch keiner, sondern willst erst
+einer werden."
+
+"Schlafen sie ganz ohne Federbetten, die Soldaten?" fragte Gebhard
+nachdenklich, "dann will ich's doch auch ohne versuchen."
+
+"Willst du? Das ist recht! Weißt du, Federn sind so etwas weiches,
+warmes, je weniger ein Bub davon wissen will, um so besser."
+
+"Also weg damit!" rief der kleine Mann, "Großmutter, wohin?"
+
+Er packte das Federbett. Aber Helene legte die Hand darauf. "O, bitte,
+Mutter," sagte sie, "es ist doch zu kalt für das Kind, er ist es nicht
+gewöhnt."
+
+"So lassen wir das Bett hier. Du kannst es Nachts damit halten wie du
+willst. Und sieh, da habe ich Platz gemacht für deine Kleider." Sie
+schloß einen großen, altertümlichen Kleiderschrank auf. "Hier herein
+kannst du deine Kleider hängen."
+
+"Ich will ihm helfen, sie einzuräumen," sagte Helene. Ihr war jeder
+Vorwand erwünscht, die Aussprache weiter hinaus zu schieben. Während sie
+nun an den geöffneten Schrank trat, erhob sich Leo, der sich schon neben
+Gebhards Bett gelegt hatte, folgte ihr, wurde unruhig, schob seine Nase
+in den Schrank und fing an, zu winseln. Sie bemerkten alle das
+wunderliche Gebahren. "Was ist da hinten in dem Schrank, Großmutter,"
+fragte Gebhard. Sie griff hinein. "Es sind nur Kleidungsstücke." Sie
+holte von den Haken, was da hing, ein Regenmantel, ein paar
+Sommerkleider; immer aufgeregter folgte der Hund ihren Bewegungen und
+jetzt, da sie wieder ein Kleidungsstück hervorzog, eine Herrnjuppe,
+jetzt sprang das Tier hoch und steckte seinen Kopf hinein. "Ach, das ist
+noch eine Juppe von deinem Vater, ist's möglich, daß er die erkennt?"
+
+"Aber freilich, Großmutter, sieh nur, wie er schnüffelt, wie er sich
+freut und daran zerrt!" Ein Ruck--und der Hund hatte die Juppe auf den
+Boden gezogen. Er legte sich daneben, streckte die Vordertatzen in
+ganzer Länge darüber, wühlte mit Behagen den Kopf in das Kleidungsstück
+und nahm so fest Besitz davon, daß es nicht rätlich schien, es ihm
+wegzunehmen. Gebhard warf sich neben seinem Hund auf den Boden,
+streichelte ihn und redete mit ihm: "Wo ist denn der Herr, wo ist dein
+guter Herr? Leo, denkst du an den Herrn?" Das Tier wedelte.
+
+Gerührt von der Treue des Hundes wandte sich Helene ab, ließ sich
+überwältigt von Sehnsucht und Schmerz auf dem Feldbett nieder und weinte
+bitterlich. Frau Dr. Stegemann setzte sich neben die junge, von
+Schluchzen erschütterte Frau und redete ihr in einem weichen,
+mütterlichen Ton zu, den Helene noch nie von ihr gehört hatte. Da
+schwand allmählich ihre Furcht und es überkam sie der Trieb, der Mutter
+ihres Mannes das ganze Leid anzuvertrauen. Sie raffte ihre Kraft
+zusammen. "Mutter," sagte sie, "es ist ja alles viel, viel
+schrecklicher, als du ahnst!"
+
+"Wie so? Weißt du mehr, als was du mir geschrieben hast? Hast du
+Nachricht von Rudolf? Schlechte Nachricht?"
+
+"Nein, nein; kein Wort habe ich von ihm gehört seit jenem Tag. Aber es
+war anders als du denkst, ich kann es so schwer über die Lippen
+bringen!"
+
+Frau Dr. Stegemann richtete sich stramm auf und der weiche Ton war nicht
+mehr in ihrer Stimme als sie, gefaßt auf die schlimmsten Mitteilungen,
+zur Schwiegertochter sprach: "Rede endlich, Helene. Wir dürfen nicht
+feig sein in dieser harten Zeit. Ich kann alles hören, auch das
+grausamste. Und du mußt jede Wahrheit aussprechen können. Sei doch auch
+tapfer, was hilft das Weinen?"
+
+Bei diesen Worten stand Gebhard, der neben dem Hund gelegen, auf, trat
+rasch an Helenens Seite und streichelte ihre Hand. "Großmutter," rief
+er, "die Mutter kann nicht so tapfer sein wie du meinst, der Vater hat
+mir gesagt, sie ist nicht aus so hartem Holz geschnitzt wie wir
+Stegemanns. Man muß sie immer ganz zart behandeln!" Da schlang die junge
+Frau den Arm um ihren Verteidiger und sagte zu ihm: "Die Großmutter hat
+aber doch recht und ich will ja auch, daß sie alles erfährt. Gebhard,
+erzähle du es, du warst ja dabei und du mußt nicht immer so weinen, wie
+ich!"
+
+"Ja," sagte Gebhard, "die Großmutter darf das wissen, sonst niemand auf
+der Welt!"
+
+Der kleine Mann gab sich einen Ruck, daß er stramm da stand und fing an:
+"Großmutter, so war's: Zuerst kam ein deutscher Offizier mit fünf
+Soldaten und besprach etwas ganz im geheimen mit dem Vater. Einstweilen
+kochten die Soldaten auf unserm Herd und wir halfen ihnen. Dann sagte
+uns der Vater, er müsse sie begleiten, aber kein Mensch dürfte wissen
+wohin. Sie zogen bei Nacht miteinander fort. Am nächsten Tag kam der
+Vater allein zurück und sagte, wir müßten schnell fliehen, die Russen
+könnten bald kommen. Wir fingen gleich an, unsere Sachen auf die Wagen
+im Hof zu laden, aber mitten hinein kam ein ganzer Trupp Russen mit
+einem Offizier. Sie gingen die Treppe hinauf und ich ihnen nach. Im
+Wohnzimmer war der Vater, aber die Mutter mit dem Jüngferlein war nicht
+da. Der russische Offizier fragte, wohin die deutsche Patrouille
+gegangen sei, die heute Nacht im Forsthaus eingekehrt sei und die der
+Vater begleitet habe. Ich weiß nicht mehr genau, was der Vater zuerst
+sagte, aber als der Offizier verlangte, er solle mit ihm gehen und ihn
+denselben Weg führen, da sagte der Vater: "Nein, ich bin ein guter
+Deutscher und werde nicht zum Verräter." Aber der Offizier hat ihm
+gesagt: er könne doch nichts machen gegen so viele und er hat ihm
+versprochen, er dürfte gleich wieder heimkommen, und uns allen solle gar
+nichts geschehen; aber wenn er ihnen den Weg nicht zeige, müßten wir
+alle sterben. Der Vater hat aber nicht nachgegeben und es war
+schrecklich, wie zornig da der Offizier geworden ist, und weil ich auch
+gerufen habe, der Vater soll nichts verraten, haben mich die Soldaten
+ganz wütend gepackt und fest gehalten, da oben am Arm, wo es so weh tut,
+und ich habe vor lauter Zorn nur immer geschrien: "Vater, tu's nicht!
+Aber dann--" Gebhard stockte. Er sah die Mutter an. "Soll ich denn alles
+sagen, Mutter, alles?"
+
+"Alles, Gebhard!"
+
+"Dann hat die Mutter die Schlafzimmertüre aufgeriegelt und hat von ferne
+gerufen und gebeten, der Vater soll uns nichts geschehen lassen. Der
+Vater hat auf die Mutter hingeschaut und dann hat er nicht mehr 'nein'
+sagen können. Er ist mit ihnen gegangen und hat versprochen, sie zu
+führen. Sie sind dann fortgeritten und wir haben gedacht, der Vater käme
+am Abend wieder, der Offizier hat es ihm doch auf Ehrenwort versprochen.
+Das Ehrenwort muß doch ein Offizier auch im Krieg halten, nicht,
+Großmutter?"
+
+Er bekam keine Antwort. Die Großmutter, die still mit verhaltenem
+Schmerz den Bericht angehört hatte, sah ins Weite, wie wenn ihre Augen
+den Sohn suchten, den sie verloren hatte. Helene griff nach ihren Händen
+und bat leise: "Mutter, verzeih mir und verachte mich nicht ganz. Ich
+weiß, du wärest heldenmütig gewesen und ich war feig, war in Todesangst;
+das hat er nicht mit ansehen können und mir zuliebe ist er zum Verräter
+geworden. Ich bin schuld, daß nun diese Schuld auf seinem Gewissen
+liegt. Darum habe ich mich nicht entschließen können, dir zu schreiben.
+Ich weiß ja, wie du mich verachten mußt, daß ich deinen edlen Sohn dazu
+gebracht habe."
+
+"Du hast ihn _nicht_ dazu gebracht, Helene, du irrst dich. Nichts auf
+der Welt hätte ihn dazu bringen können. Ich kenne ihn. Er hat das nicht
+getan!"
+
+Heftig erregt erhob sie sich. Ihr Blick fiel auf Gebhard. "Schon als
+Kind in deinem Alter hätte er das nicht getan, wie viel weniger als
+Mann! Du hast das von deinem Vater geglaubt?"
+
+"Ich habe es gehört, Großmutter, daß er 'ja' gesagt hat, und habe es
+selbst gesehen, daß er mit den Russen gegangen ist!"
+
+"Ja. So hat er euch das Leben gerettet und die Bande fortgebracht vom
+Forsthof. Eine Kriegslist war das. Ja, er ist mit ihnen geritten, aber
+wohin? Dahin, wo die deutsche Patrouille nicht war! Gebhard, kennst du
+deinen Vater so wenig?"
+
+Der Knabe senkte nicht den Blick vor dem strengen Ausdruck der
+Großmutter; ein glückliches Leuchten flog über sein Gesicht. "So ganz
+gewiß weißt du das, Großmutter? kann es gar nicht anders möglich sein?"
+
+"Gebhard, wird es jemandem gelingen, deinen Leo, dies treue Tier, gegen
+_dich_ zu hetzen? Wenn man ihn lockt, ihm droht? Schäme dich, zu denken,
+daß irgend etwas auf der Welt deinen Vater vermocht hätte, die Deutschen
+an ihre Feinde zu verraten!"
+
+Zaghaft warf Helene ein: "Mein Bruder sagt, wer einmal in den Händen der
+Russen ist, der wird mürbe gemacht, wenn er noch so tapfer wäre!"
+
+"Dein _Bruder_ kann das sagen, er hat Rudolf kaum gekannt, aber du?"
+Nachdenklich sah sie auf Helene und dachte unwillkürlich an die Worte:
+"Aus anderem Holz geschnitzt." Wie biegsam war die junge Gestalt, wie
+weich die Züge und sanft der Blick! Nachsichtig sprach sie zu ihr.
+"Weil du selbst in jener Stunde schwach warst, hast du auch ihn für
+schwach gehalten und hast doppelt darunter gelitten. Aber jetzt glaube
+du mir und laß dich durch keine Einrede mehr irre machen. Dein Mann ist
+_kein_ Verräter. Von den Treusten einer ist er. Glaube an ihn; ein
+Märtyrer kann er geworden sein, ein Verräter nicht!" Tief erregt wandte
+sie sich an Gebhard. "Gott gebe, daß du so wirst wie dein Vater! Einen
+besseren Wunsch weiß ich nicht für dich!"
+
+Erschüttert verließ sie das Gemach, sie mußte jetzt für sich allein
+sein.
+
+Ihr starker Glaube ging in dieser Stunde über in die Seele von Mutter
+und Kind; die schwerste Last war der jungen Frau vom Herzen genommen.
+
+Es blieb die Trauer um den Helden, aber das war ein edler Schmerz, der
+ihr Herz erhob. "Gebhard," sagte sie, "wie waren wir so verblendet und
+wie wollen wir von jetzt an stolz sein auf den Vater!" Und die beiden
+waren fast glücklich zu nennen in diesem Augenblick. Aber die Mutter des
+Helden kämpfte jetzt in ihrem Zimmer allein mit der tiefen Bewegung, in
+die diese Unterredung sie versetzt hatte. Sie war überwältigt von dem
+Gedanken an das Leiden ihres Sohnes. Was mochten die Feinde ihm angetan
+haben in der Wut darüber, daß er ihnen nicht den rechten Weg wies? Das
+gräßlichste, das sie ersinnen konnten. O wie grausig waren die Bilder,
+die ihr vorschwebten! Hin und her ging sie in ihrem Zimmer und sprach
+halblaut mit ihrem Sohn, wie wenn er sie hören könnte: "Du mein guter,
+tapferer, treuer Sohn! So ganz allein. So weit fort von mir. Was haben
+sie dir getan? Wirst du noch immer gequält und gepeinigt? Oder bist du
+erlöst von allem Leid, selig aufgenommen als einer, der reinen Herzens
+ist und Gott schauen darf? O, die schreckliche Ungewißheit!"
+
+An der Zimmertüre wurde geklopft, das Dienstmädchen rief: "Frau Doktor,
+die Schustersfrau aus dem Hinterhaus ist da und fragt nach Ihnen."
+
+"Sie soll morgen kommen."
+
+"Aber sie tut ganz verzweifelt. Sie hat schlechte Nachrichten."
+
+"Ich habe auch schlechte und kann ihr keine guten verschaffen."
+
+Das Mädchen wagte nichts mehr einzuwenden; aber dem fassungslosen jungen
+Weib, das auf Trost und Hilfe wartete, gab sie auf eigene Verantwortung
+den Bescheid: "Frau Doktor kommt gleich." Sie kannte ja ihre Frau; die
+konnte wohl einmal schroff und abweisend sein, aber schließlich half sie
+doch immer. Auch diesmal. Nach kurzer Zeit kam sie ruhig und gefaßt
+heraus; kaum war ihr noch anzumerken, wie sie mit sich gekämpft hatte,
+um wieder tapfer zu sein. Frau Siebel, die Schustersfrau, merkte
+jedenfalls nichts davon; sie war vollständig vom eigenen Leid
+hingenommen. Ihr lauter Jammer hatte auch Helene und die Kinder
+herbeigerufen. Schluchzend zeigte sie eine Postkarte, die besagte, daß
+ihr Mann schwer verwundet in der Pfalz liege und sich nach einem Besuch
+von ihr sehne. "Sicher ist er schon tot," rief die junge Frau und hörte
+gar nicht auf die ermutigenden Worte, mit denen ihr von allen Seiten
+zugesprochen wurde. Sie wußte ganz gewiß, ihr Mann war tot.
+
+"Dann wollen Sie also nicht in das Lazarett reisen?" fragte Frau Dr.
+Stegemann kurz.
+
+"Ei doch," sagte Frau Siebel, "deshalb wollte ich ja Frau Doktor um Rat
+fragen, ich wäre so gern noch diese Nacht abgereist."
+
+"So, nun sehen Sie, Sie glauben ja selbst, daß Ihr Mann noch lebt. Nun
+lassen Sie auch das Weinen, dazu haben Sie Zeit in der Bahn; jetzt
+müssen Sie für Ihr Kind sorgen, was machen Sie mit dem?"
+
+"Das ist's ja eben, ohne mein Buberl kann ich nicht fort. Ich habe es
+die neun Monate nie aus der Hand gegeben. Ich vergehe vor Angst, wenn
+ich das Kind hier lasse!"
+
+"So wollen Sie es mit auf die weite Reise nehmen?"
+
+"Nein, nein, das wäre gar nicht auszuhalten, es zahnt und schreit so
+viel!"
+
+"Dann müssen wir eben eine Unterkunft suchen für den Kleinen. Am besten
+in der Krippe."
+
+"Mein Kind in die Krippe? Ach Gott, ich vergehe vor Heimweh nach dem
+Kind!"
+
+"Wenn Sie unter allen Umständen vergehen, kann ich Ihnen auch nicht
+helfen," entgegnete Frau Stegemann ungeduldig. "Entweder mitnehmen oder
+hier lassen--eines von beiden müssen Sie doch tun. Oder wissen Sie
+einen dritten Weg?"
+
+"Ach nein--aber--"
+
+"Nun also. Seien Sie recht dankbar, daß wir eine Krippe haben, in der
+man so einen kleinen Schreihals freundlich aufnimmt. Für heute nacht
+will ich das Kind nehmen und morgen in der Krippe nachfragen. Jedenfalls
+sorge ich für eine gute Unterkunft."
+
+"Aber kann ich Ihnen denn das zumuten? Es ist doch gar zu viel!"
+
+"Im Krieg hilft man zusammen. Ihr Mann ist ja auch für uns im Kugelregen
+gestanden! So sorgen wir auch für sein Kind. Haben Sie denn das
+Reisegeld?"
+
+"Ich hoffe, daß es reicht!"
+
+"Mit Hoffnungen kommen Sie am Schalter nicht aus. Ich will im Kursbuch
+nachsehen und Ihnen im Notfall etwas vorstrecken. Gehen Sie einstweilen
+und richten Sie alles!"
+
+"Ach, ich bin ganz wirr im Kopf vor Schrecken!"
+
+"Das paßt jetzt gar nicht. Im Gegenteil, Sie müssen Ihre Gedanken fest
+zusammennehmen, damit Sie nichts vergessen."
+
+Die Frau eilte davon, Frau Dr. Stegemann ging in die Küche zum Mädchen.
+Das hatte die Verhandlung gehört. "Frau Doktor," sagte sie, "wenn ich
+nur hätte dazwischen reden dürfen. Das Kind ist nicht gut zu haben, die
+Frau ist so unvernünftig mit ihm, trägt es und kocht ihm bei Nacht, alle
+Leute im Hinterhaus sagen es. Frau Doktor, jetzt wird's doch zuviel für
+uns!"
+
+"Zuviel? Liese, im Kriegsjahr gibt's kein 'zuviel' für mich, und für Sie
+hoffentlich auch nicht!"
+
+"Aber seine Nachtruhe kann man doch wenigstens verlangen."
+
+"Meinen Sie? Fragen Sie doch Ihren Bräutigam, ob er sagen darf: 'Bei
+Nacht wird mir das Schießen zuviel, da will ich meine Ruhe!'"
+
+"Wenn man auch immer an den Krieg denkt! Das tun nur Sie, Frau Doktor!"
+
+"Sie doch auch, Liese? Haben wir nicht miteinander zuerst das Backen
+abgestellt, und die Kübel für das Schweinefutter eingeführt, und nicht
+geruht, bis sie nach und nach in der ganzen Straße herauskamen? Ich
+möchte jetzt gar keinen Menschen um mich haben, der nicht immerfort
+fühlt: 'Jetzt ist Krieg, wie helfe ich?'"
+
+Liese überlegte. "Dann will ich eben den kleinen Balg nehmen bei Nacht."
+
+"Den nehme ich schon selbst, denn Sie müssen morgens früh heraus."
+
+Aber weder die Frau noch die Magd bekamen den kleinen "Balg" ans Bett,
+denn, als Frau Siebel das schlafende Kind brachte, streckte Helene die
+Arme nach ihm aus, fand es reizend in seiner Unschuld und bat so
+herzlich es ihr zu überlassen, daß niemand ihr die Freude nehmen wollte.
+Getrost konnte Frau Siebel ihren Liebling verlassen.
+
+In später Abendstunde setzten Mutter und Schwiegertochter sich noch ein
+wenig zusammen. "Mir ist es, wie wenn ich in eine andere Welt versetzt
+wäre," sagte Helene. "In deinem Haus weht ein ganz anderer Geist als bei
+uns. Ihr alle steht im Zeichen des Krieges. In meines Bruders Haus ist
+das nicht so, er ist von seinem Geschäft hingenommen; auch wußte er, daß
+ich nichts hören wollte vom Krieg. Ja, ich gestehe dir's, nicht einmal
+an den Siegen konnte ich mich freuen, weil ich immer dabei empfand: mein
+Mann gehört nicht zu den Helden, ich selbst habe ihn hinausgedrängt aus
+der tapferen Schar. Jetzt aber hast du diesen Druck von mir genommen;
+ich bin so glücklich und bitte dich: verachte mich nicht um meiner
+Feigheit willen. Vielleicht kann ich auch noch tapfer werden; meinst du
+nicht?"
+
+Liebevoll zog die Mutter sie an sich.
+
+"Wer weiß," sagte sie, "ob ich als junge Frau die Probe bestanden hätte,
+angesichts der rohen Männer, die mit ihren Scheußlichkeiten die Frauen
+bedrohen. Niemand soll da über andere urteilen. Du wirst noch viel
+Gelegenheit haben, dich in Tapferkeit zu üben, und ich auch. Wie lange
+werden wir in Unsicherheit bleiben müssen über das Schicksal unseres
+Helden. Und wenn eine Nachricht kommt, dann lautet sie vielleicht so
+grauenvoll, daß wir allen Mut brauchen, um sie zu ertragen. Aber es wird
+uns leichter werden, weil wir uns jetzt zusammen gefunden haben. Es ist
+gut, daß du gekommen bist!"
+
+"Ich möchte in dieser Zeit viel lieber bei dir leben. Aber ich muß doch
+bei der Kleinen bleiben, und die macht so viel Arbeit mit der Wäsche
+und mit dem Ausfahren. Bei meinen Geschwistern mit den beiden
+Dienstmädchen geht das viel leichter als hier. Sie nehmen mir alle
+Arbeit ab; meine Schwägerin ist rührend besorgt und verwöhnt mich ganz."
+
+"Ich bin nicht für solch rührend verwöhnende Liebe," war der Mutter
+Antwort. "Aber," fügte sie hinzu, "richte du dein Leben ein, wie du es
+für richtig hältst."
+
+Helene wurde nachdenklich. Nach einer Weile sagte sie: "Für Gebhard ist
+es ja viel schöner hier. Meinen Geschwistern ist er fremd geblieben und
+er war auch gegen mich nicht mehr so zutraulich wie früher. Erst hier
+ist er wieder ganz mein lieber, prächtiger Bub. Mutter, laß ihn mir
+nicht fremd werden!"
+
+Helene blieb bis über die Weihnachtsferien und führte selbst noch
+Gebhard in die Schule ein. Sie sah, wie er jetzt dem Lehrer und den
+Mitschülern frei und offen gegenübertrat, da er nichts mehr zu
+verheimlichen hatte, und daß dem Kind warme Teilnahme entgegengebracht
+wurde. Und als er am zweiten Tag in der Pause seinen Leo holte, um ihn
+den Kameraden vorzustellen, da wußte sie, daß er heimisch wurde unter
+diesen. Sie konnte ihn getrost verlassen. Sie selbst aber vermißte auf
+der Heimfahrt ihren kleinen Reisekameraden und es war ihr, als entfernte
+sie sich noch mehr von ihrem Mann, indem sie seinen Sohn und seine
+Mutter verließ. Aber daneben wurde doch die Sehnsucht nach dem
+Töchterlein immer lebhafter. Es schlief, als sie heim kam. Beim
+Erwachen sah es befremdet nach der Mutter; für das kleine Menschenkind
+war die Zeit lang genug gewesen, um sie zu vergessen; aber die
+Erinnerung erwachte bald wieder. Es war ein lieblicher Anblick, wie die
+junge Mutter mit Kosen und Schmeicheln das Fremdsein besiegte und
+endlich von ihrem kleinen Ebenbild durch strahlendes Lächeln und
+zärtliche Hingabe wieder anerkannt wurde. Die Geschwister hatten es mit
+angesehen. "Wie erfrischt du aussiehst!" sagte der Bruder, "du hast dich
+so schwer zu der Reise entschlossen, aber sie hat dir sichtlich gut
+getan."
+
+"Ja, ja. Das Schwerste, was mich am meisten bedrückt hatte, das hat mir
+die Mutter abgenommen. Ich habe ihr alles, alles anvertraut und das war
+gut, denn es ist ganz anders, als wir uns gedacht hatten: Nur um die
+Russen vom Haus wegzubringen und um sie falsch zu führen, ist mein Mann
+mit ihnen gegangen. Er hat ihnen nichts verraten!"
+
+"Woher habt ihr Nachricht bekommen? Erzähle doch!" riefen die
+Geschwister.
+
+"Nachricht haben wir nicht, aber die Mutter weiß es dennoch, so gewiß
+wie wenn sie Nachricht hätte. Sie kennt ihn und weiß, daß es ihm ganz
+unmöglich ist, die Deutschen zu verraten."
+
+"Ach so!" sagte der Bruder gedehnt. Enttäuschung und Unglaube lag in
+seinem Ton. Aber Helene sprach eifrig weiter: "Und ich bin auch fest
+überzeugt, daß sie recht hat. Sie hat mir erzählt, wie er schon als Bub
+so tapfer und treu war, ähnlich wie ja auch Gebhard ist, durch und
+durch zuverlässig. Ich hätte es ja selbst wissen können, aber ich war
+wie verblendet, weil ich selbst feig gewesen bin und mir das so schwer
+auf dem Gewissen lag." Bruder und Schwägerin schwiegen.
+
+Helene fühlte, sie waren nicht überzeugt. Was konnte sie noch sagen?
+"Wenn ihr nur selbst seine Mutter gehört hättet, und sie sehen könntet,
+wie sie so fest und wahr ist und wie sie und ihr ganzes Haus von dem
+erfüllt ist, was für den Krieg, fürs Vaterland geschehen muß. Ein ganz
+anderer Geist weht bei ihr als bei uns!"
+
+"Bitte sehr," wehrte der Bruder, "bei uns geschieht alles was recht ist
+und noch nie ist einer aus unserer Familie wegen Verrat in Verdacht
+gekommen!"
+
+"Ihr sollt auch von meinem Mann nichts Schlechtes mehr glauben, nein ihr
+dürft es gar nicht mehr für möglich halten, das kann ich nicht mehr
+ertragen!" Sie zitterte vor Erregung.
+
+Die Schwägerin beruhigte sie: "Rege dich nicht auf, Helene, ich glaube
+dir ja, aber von deinem Bruder kannst du das nicht gleich verlangen;
+Männer geben nicht so viel darauf, wenn eine Mutter sagt: das kann mein
+Sohn nicht getan haben, denn keine Mutter will Schlechtes von ihrem Sohn
+glauben. Männer glauben erst, wenn Beweise vorliegen."
+
+Beweise? Nein, _Beweise_ für seine Unschuld hatte Helene nicht, nur den
+Glauben daran; den Glauben, der sie so glücklich gemacht hatte. O, nur
+fest daran halten und sich nicht irre machen lassen!
+
+Sie sprachen nicht weiter darüber, denn keines wollte das andere
+reizen. Freundlich führte Herr Kurz seine Schwester an den reich
+besetzten Tisch. Aber was sie noch vor wenigen Tagen harmlos angenommen
+hatte, machte ihr jetzt Bedenken. Kriegsmäßig war das nicht, was hier
+aufgetischt wurde. Die Geschwister ließen sich nichts abgehen, dachten
+auch nicht weiter daran, welche Nahrungsmittel knapp waren im Land,
+welche verbraucht werden sollten. Doch wagte sie nicht, dem Bruder
+wieder das Haus Stegemann als Vorbild zu rühmen. So schwieg sie darüber.
+Aber während sie die üppige Mahlzeit mit ihnen teilte, bedrückte es sie,
+die Gastfreundschaft zu genießen von Menschen, die ihrem Mann Schlechtes
+zutrauten; sie konnte sich nicht wohl fühlen bei ihnen, trotz aller
+Liebe, die sie ihr erwiesen. In den Wochen, die nun kamen, kämpfte sie
+einen schweren Kampf gegen das Heimweh nach ihrem verlorenen Glück und
+gegen die Sehnsucht bei denen zu sein, die mit ihr durch die Liebe zu
+ihrem Manne verbunden waren. Sie klammerte sich an den Trost, den ihr
+die treuen Briefe der Mutter brachten, und schrieb fast täglich an sie
+und an Gebhard. In seinen kindlichen Briefen suchte sie nach den
+seltenen Worten, die etwas von der Anhänglichkeit aussprachen, die ihr
+so kostbar war. So vergingen ihr die dunklen Wintermonate langsam und
+schwer.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+
+Unter dem offenen Tor des Schulhofes stand Gebhard mit einigen
+Kameraden. Auch Leo war dabei. Er war heute wie so manchesmal gekommen,
+seinen kleinen Herrn abzuholen. Es genügte, daß Frau Dr. Stegemann dem
+Tier die Türe öffnete und sagte: "Such den Herrn!" Er sprang dann in
+großen Sätzen der Schule zu, wartete am Hoftor, bis sich die Klassen
+entleerten, erkannte sofort die Klasse, zu welcher Gebhard gehörte,
+drängte sich zwischen den Schuljungen hindurch zu dem einen, dem er
+angehörte. Viele der Kameraden hatten ihren Spaß daran, einer beachtete
+den Hund noch ganz besonders; ein lebhafter Pfälzer war es. Er hatte
+einen Vetter, der Sanitätshundeführer gewesen, jetzt aber verwundet im
+Lazarett untergebracht war. Dem hatte er schon oft von Gebhards Hund
+gesprochen, und ebenso erzählte er Gebhard viel von den Leistungen des
+Hundeführers. So waren die beiden längst begierig, sich kennen zu
+lernen. Heute nun, als Gebhard aus dem Schulhof trat, stand da an der
+Mauer ein Feldgrauer, den Arm in der Binde. Ein ganz junger Soldat war
+es, sah stramm und gesund aus. "Das ist der Sanitätshundeführer," sagte
+der kleine Pfälzer und der Soldat begrüßte Gebhard freundlich: "Ich
+wollte mir nur einmal deinen Hund besehen," sagte er, "ich muß sagen, er
+gefällt mir wohl! Wie ein Pfeil ist er die Straße daher gesaust und dann
+regungslos am Tor stehen geblieben. Die Buben von der andern Klasse hat
+er gar nicht beachtet. Es ist ein gut gezogenes Tier. Ich gehe nämlich
+wieder als Hundeführer hinaus und da muß ich mich halt jetzt umsehen
+nach einem andern Hund, denn der meinige ist im Feld geblieben."
+
+Gebhard sah den Soldaten, der immer prüfend auf den Hund blickte, mit
+großen Augen an. "Aber meinen gebe ich nicht her!"
+
+Der Hundeführer wandte sich an seinen jungen Vetter. "Ich war der
+Meinung, er sei zu verkaufen, du hast doch so etwas gesagt?" Der
+Schlingel lachte.
+
+"Bloß damit du einmal an die Schule kommst und den Hund anschaust, ob
+der wohl zum Sanitätshund gut wäre."
+
+"Ja," sagte Gebhard, "dann ginge ich, wenn ich groß bin auch als Führer
+mit ihm in den Krieg."
+
+Der Feldgraue lachte: "O Buben, was schwätzt ihr! Bis ihr groß seid, ist
+doch der Krieg längst aus und _so_ aus, daß nicht gleich wieder jemand
+sich traut mit uns anzubinden. Und der Hund wäre auch bis dahin zu alt,
+jetzt wäre er gerade recht. Aber ich glaub's gern, daß du ihn nicht
+hergibst," sagte er freundlich zu Gebhard, dessen Hand streichelnd auf
+Leos Kopf ruhte. Dieser Ton ermutigte Gebhard zu Fragen, die ihn längst
+beschäftigt hatten.
+
+"Ich kann mir gar nicht denken," sagte er, "wie ich meinen Hund lehren
+sollte, daß er Fremde aufsucht, Verwundete. Wie haben Sie denn das
+gemacht?"
+
+"Das ist nicht so schnell gesagt und hat ja für dich auch keinen Wert."
+
+"Ich hätte es nur so gern gewußt."
+
+Der kleine Vetter legte sich ins Mittel. "Du kannst es ihm doch sagen!"
+
+"Wenn ihr einmal herauskommt auf das Gelände hinter dem Lazarett, kann
+ich's euch zeigen."
+
+"Vielleicht gleich nächsten Mittwoch? Da haben wir frei," rief Gebhard.
+
+"Nun also, Mittwoch, um 3 Uhr. Ausgemacht!"
+
+Gebhard kam ganz im Glück über diesen Vorschlag nach Hause. Die
+Großmutter war gleich für den Plan zu haben. Aber am Mittwoch Nachmittag
+wirbelte Schnee und Regen durcheinander, es war zweifelhaft, ob der
+Verwundete bei diesem Unwetter ausgehen durfte. Mißmutig stand Gebhard
+am Fenster, schaute hinunter auf die Straße, ob es denn wirklich so
+schlimm aussähe. Nur wenige Menschen waren zu sehen, unter diesen aber
+ein Soldat, ein junger Feldgrauer, und der--Gebhard sah es mit
+zunehmender Erregung--der war kein anderer als der Hundeführer und kam
+geradewegs auf das Haus zu, drückte auch schon auf den Klingelknopf!
+Gebhard stürzte hinaus, öffnete und wurde ganz rot vor stolzer,
+freudiger Erregung, daß dieser Feldgraue zu ihm kam. Zwar wollte der
+nicht ins Zimmer hereinkommen, sondern bloß sagen, daß er bei dem
+schlechten Wetter die Übung leider nicht machen dürfe; aber er wurde
+bald mit warmen Worten von Frau Dr. Stegemann wie von den beiden
+Enkelinnen überredet, in das Wohnzimmer zu kommen und sich an den
+Kaffeetisch zu setzen. Einen Feldgrauen zu Gast zu haben, war immer
+eine Freude und so ein Sanitätshundeführer war noch ganz besonders
+willkommen. Die Hausfrau verstand es, den bescheidenen jungen Mann zum
+Sprechen zu bringen. Im September war es gewesen, da hatte er, der
+siebzehnjährige Freiwillige, zum erstenmal seinen Hund erproben können.
+"Das war im Gefecht bei Ch.," erzählte er, "die Unsrigen hatten einen
+harten Stand gegen die Übermacht; aber am Nachmittag mußte der Feind
+weichen. Unsere Kompagnie sammelte sich, die Sanitäter suchten die
+Verwundeten auf und die Kameraden trugen die Toten zusammen. Am Abend
+wurden alle Namen festgestellt; da hieß es: Es fehlen noch 5 Mann.
+Jetzt, wo sind die? Niemand konnte Auskunft geben. Auf dem Feld lag
+keiner mehr, aber vielleicht im Wald. Von dem Argonnerwald macht man
+sich aber bei uns keinen Begriff, der ist so dicht mit Unterholz und
+Gestrüpp verwachsen, daß man gar nicht vorwärts kommt; wenigstens ist's
+so in der Gegend, wo wir waren. Wenn sich da ein Mensch hinein
+verschlupft, sieht man ihn beim hellen Tag nicht, geschweige in der
+Nacht. Also fünf fehlen. Soll man die liegen lassen? Vielleicht
+verbluten sie sich oder holen sie sich den Tod auf dem nassen, kalten
+Waldboden. Ich war bei unserer Truppe der einzige, der einen Hund hatte.
+Jetzt, denke ich, muß der seine Kunst zeigen. Ich führe ihn in der
+Dunkelheit bis dicht an den Wald, dann mache ich ihn los vom Strick und
+geb ihm den Befehl: 'Such verwundet.' Der Hund saust gleich davon, in
+den Wald hinein. Eine Weile höre ich noch rascheln und knacken, dann
+wird's ganz still und ich steh da im Nebel und es rieselt eiskalt auf
+mich herunter und wird mir ganz unheimlich, so allein in der
+stockfinsteren Nacht. Mein elektrisches Lämpchen habe ich wohl in der
+Tasche, aber das spart man für die äußerste Not. Ich weiß nicht, wie
+lang das währte, mir kam's eine Ewigkeit vor, da höre ich in der Ferne
+so ein kurzes, wiederholtes Bellen und merke gleich: Mein Tell hat einen
+gefunden! Da ist mir's siedheiß vor Freude aufgestiegen, ich pfeife und
+laß mein Lämpchen in den Wald blitzen und jetzt knistert und kracht es
+wieder und mein Tell kommt mit einer Soldatenmütze im Maul. Schnell lege
+ich ihm die Leine an und rufe ihm zu: 'Führ mich!' Er zieht an und führt
+mich durchs Dickicht am Waldessaum eine ganze Strecke. Da bleibt er
+plötzlich stehen. Ich höre ein Stöhnen und sehe vor mir einen unserer
+Vermißten, ein Landwehrmann war's. Wie hat der Mensch sich gefreut und
+wie war er dankbar für einen Schluck aus meiner Feldflasche! Einen Schuß
+in den Oberschenkel hatte er, und so großen Blutverlust, er hat sich
+nicht rühren können vor Schwäche und Schmerzen. Ich habe ihm einen
+Notverband angelegt, habe ihn mit seinem Mantel gut zugedeckt und ihm
+versprochen, daß ihn die Träger holen würden. Allein hätte ich ja den
+Weg in der Nacht nicht zurückgefunden, es war mir selbst wie ein Wunder,
+daß mich mein Tell wieder herausgeleitet hat aus dem finstern Wald und
+bis zur Truppe. Dort waren gleich ein paar von unseren Leuten bereit,
+den Verwundeten mit der Bahre zu holen. Mein Tell hat uns wieder
+geführt und wir haben unsern Landwehrmann glücklich zum Verbandplatz
+gebracht. In derselben Nacht haben wir noch einen zweiten aufgespürt und
+errettet. Die andern fand Tell gegen Morgen; einer war aber schon
+verblutet. Hätten wir mehr Hunde mit Führern gehabt, wäre der vielleicht
+auch noch gerettet worden."
+
+Der Soldat schien fertig mit seiner Erzählung; aber alle hätten gern
+noch mehr gehört.
+
+"Bei welcher Gelegenheit sind Sie denn zu Ihrer Verwundung gekommen?"
+fragte Frau Dr. Stegemann.
+
+"Ja, das war eben einmal, wo unsere Verwundeten ganz nahe am Feind
+lagen. Das ist immer das gefährlichste. Wenn es so steht, dann bindet
+man den Hunden den Fang zu, daß sie keinen Laut geben können; das haben
+sie zwar nicht gern. Mein Tell hat sich's anfangs gar nicht gefallen
+lassen; aber er hat es doch gelernt. Auch wie ich das letzte Mal mit ihm
+draußen war und mit den Trägern ganz nahe an den vordersten
+Schützengraben der Franzosen gekommen bin, hat er uns nicht verraten,
+sondern hat uns lautlos herangeführt; aber die Verwundeten haben
+gestöhnt und um Hilfe gerufen, wie sie uns bemerkten. Darauf ist die
+Schießerei bei den Franzosen losgegangen. Sie haben aber nur mich
+getroffen, so daß ich noch selbst habe zurückgehen und mit der linken
+Hand den Hund führen können; unsere Leute hätten sonst in der Nacht
+nicht zurückgefunden. So haben wir doch unsere Verwundeten noch
+gerettet, das hat mich riesig gefreut. Nachher bin ich ohnmächtig
+geworden; und wie ich im Lazarett aufgewacht bin, haben mir die
+Kameraden gleich zugerufen, ich bekäme das Eiserne Kreuz. Nun, ich
+will's später noch besser verdienen; sobald es nur angeht, ziehe ich
+wieder hinaus. Mein Tell wird jetzt von einem Kameraden geführt, und ich
+muß schauen, daß ich wieder einen Hund abrichte. Er muß halt folgen und
+klug sein, bissig darf er auch nicht sein und nicht mit andern Hunden
+raufen oder auf Wild jagen. Es gibt nicht viele solche und wer so ein
+Tier hat, der verkauft's nicht, gelt du?" Er wandte sich mit dieser
+Frage an Gebhard. Aber Grete und Else, die beiden lebhaften Mädchen, die
+nicht weniger eifrig als Gebhard dem Soldaten zugehört hatten, ließen
+ihn nicht zur Antwort kommen: "Ich würde meinen Hund gleich verkaufen!"
+rief Grete mit Begeisterung! Und Else: "Ich auch, recht teuer; um das
+Geld würde ich lauter Sockenwolle, Zigarren und Schokolade kaufen und
+Päckchen an die Soldaten schicken oder ich gäbe es für die Ostpreußen."
+
+"Die Fräulein haben gut reden," sagte der Soldat, "die haben keinen Hund
+und wissen nicht, wie lieb man solch ein Tier hat. Ich hätte meinen Tell
+auch um viel Geld nicht hergegeben, ich kann's von einem andern auch
+nicht verlangen. Wo hast du denn deinen Leo?"
+
+"Im Hof."
+
+"Da hast du recht. Laß ihn nicht viel ins Zimmer, sonst wird er
+verweichlicht."
+
+Der Soldat hatte sich neben dem Erzählen den Kaffee wacker schmecken
+lassen; Frau Dr. Stegemann nahm die leere Kanne, ging hinaus, zu sehen,
+ob draußen noch Vorrat wäre. Gebhard folgte ihr in die Küche.
+"Großmutter, gelt, ich muß meinen Leo nicht hergeben?"
+
+"Niemand kann das von dir verlangen."
+
+"Großmutter, gelt der Soldat hat recht, Grete und Else wissen nicht, wie
+gern ich meinen Leo habe, aber du weißt es doch, Großmutter!"
+
+"Ich weiß es freilich, er ist dein liebster, treuster Kamerad! Und er
+ist dir auch ein Andenken an den Vater, ans Forsthaus, an die liebe,
+alte Heimat. Du würdest ihn alle Tage vermissen, weil dein Herz an ihm
+hängt."
+
+"Ja, ja, gerade so ist's wie du dir's denkst, Großmutter. Leo könnte es
+auch gar nicht verstehen. Vorhin war's mir, als müßte ich ihn hergeben,
+weil man ihn im Krieg so nötig brauchen könnte, aber ich bin froh, daß
+du selbst sagst, ich soll ihn behalten."
+
+"Das habe ich nicht gesagt, Gebhard, und kann es auch nicht sagen. Nur
+du selbst kannst wissen, ob du dein Liebstes fürs Vaterland hergeben
+mußt oder nicht!"
+
+"Nein, Großmutter, sage mir, was du meinst."
+
+"Ich meine, du gehst jetzt einmal hinunter zu deinem Leo und ich trage
+den Kaffee in das Zimmer!"
+
+"Ich will aber doch wissen, was du denkst!"
+
+Die Großmutter überhörte den ärgerlichen Ausruf ihres Enkels und kehrte
+in das Zimmer zurück. Gebhard stand noch einen Augenblick voll Ärger
+und Unmut da, dann tat er doch, was die Großmutter gesagt; er ging
+hinunter in den Hof, an dessen Zaun der Hund sofort hoch sprang und
+freudig seinen kleinen Herrn begrüßte, der ihn diesmal mit stürmischer
+Zärtlichkeit umschlang und ihm einmal ums andere zurief: "Du wirst nicht
+verkauft, Leo, nein, nein! Wir zwei bleiben beisammen!"
+
+Droben im Zimmer machte der bescheidene junge Gast Umstände, noch weiter
+dem Kaffee zuzusprechen und noch länger zu verweilen.
+
+"Ich meine," sagte die Großmutter, "nach dem wochenlangen Lazarettleben
+dürfen Sie sich's wohl einmal wieder behaglich machen in einem
+Familienzimmer. Sagen wir: noch eine Tasse, eine Zigarre und eine
+Viertelstunde plaudern, und dann soll's genug sein. Wir gehen dann auch
+wieder an unsere Arbeit."
+
+"Ja, so ist's fein," meinte der junge Mann, sah auf seine Taschenuhr und
+gab sich noch einmal dem seltenen Genuß hin, am behaglichen
+Familientisch zu sitzen und von seinem Elternhaus erzählen zu dürfen.
+Die Viertelstunde war fast verstrichen, da kam auch Gebhard wieder
+herauf und trat ins Zimmer, seinen Leo an einer kurzen Leine führend.
+Stramm ging er auf den Soldaten zu, hochgemut leuchteten seine Augen; er
+glich selbst schon einem Führer, der mit seinem Hund einen schweren Gang
+wagen will.
+
+Der Soldat unterbrach seine Erzählung und wandte sich dem Knaben zu. Der
+trat dicht heran und rief seinem Hund zu: "Leo leg dich still!" Das Tier
+legte sich gehorsam neben den fremden Mann. Nun reichte Gebhard dem
+Soldaten die Leine und sagte fest: "Ich schenke meinen Leo dem
+Vaterland." Er ließ die Leine los, sie lag nun in des Führers Hand. Der
+junge Soldat fand gar nicht gleich Worte, so überrascht war er, so
+bewegt, als er sah, wie Gebhard zu seiner Großmutter trat und zu ihr
+sagte: "Ich habe es _doch_ tun müssen, Großmutter!"
+
+Sie zog ihn an sich heran. "Es wird dich nicht reuen," sagte sie.
+
+Aber der Feldgraue machte Einwände: "Ich kann das gar nicht annehmen von
+dem Kind, es tut ihm weh. Nein, das Opfer ist zu groß!"
+
+"Ei was, wer wird darüber so viel Worte machen," wehrte Frau Stegemann
+und wandte sich an Gebhard: "So ein kleiner Bursche wie du hat nicht
+leicht das Glück, daß er dem Vaterland etwas wertvolles opfern kann, das
+darf wohl auch wehtun, sonst wäre es ja gar kein Opfer!"
+
+"Es tut weh, Großmutter!"
+
+"Ich glaube dir's wohl, mein lieber Bub!"
+
+Sie sah, daß der kleine Mann sich mit aller Macht wehrte, die Tränen
+zurückzuhalten und kam ihm zu Hilfe, indem sie sich an den Soldaten
+wandte.
+
+"Nun werden Sie erst erproben müssen, ob Leo wirklich brauchbar ist als
+Sanitätshund."
+
+"Ja, aber ich zweifle nicht, es wird sich bald zeigen. Ein feines Tier
+ist das. Ich kann's gar nicht so aussprechen, wie dankbar ich dafür bin.
+Nach dem Krieg--wenn wir's erleben--bringe ich dir aber deinen Leo
+zurück, Gebhard, dann soll er wieder dir gehören." Das war eine schöne
+Hoffnung, Gebhard sah schon wieder fröhlich aus.
+
+"Und schreiben will ich dir auch und dir berichten, wieviel er leistet."
+
+"Ja, ob er solche Verwundete aufspürt, die sonst umgekommen wären."
+
+"Gebhard sähe wohl gerne zu, wenn Sie den Hund abrichten. Könnten Sie
+das einrichten?" fragte die Großmutter.
+
+"Aber natürlich, das wollen wir schon so machen. Ich kann ja an das
+Schulhaus kommen, dann verabreden wir es miteinander. Zuerst muß ich es
+im Lazarett melden, so lange bleibt dir dein Leo noch. Laß doch sehen,
+ob er sich nicht losreißt von mir, wenn du hinausgehst." Gebhard ging
+auf die Türe zu, der Hund erhob sich, zog an der Leine, wollte
+folgen.--"Leo, liegen bleiben!" rief ihm sein kleiner Herr zu, und
+verließ das Zimmer. Das Tier legte sich, aber es winselte leise. "Er ist
+doch sonst hie und da im Zimmer ohne Gebhard, da winselt er nie!"
+bemerkte Else.
+
+"Er merkt, daß mir die Leine übergeben ist und das beunruhigt ihn, Sie
+werden gleich sehen!" Der Soldat ließ die Leine zu Boden gleiten, sofort
+war der Hund still. "Ein kluges Tier! Und so fein erzogen!"
+
+"Mein Sohn versteht das, Gebhards Vater."
+
+"Ist Ihr Herr Sohn auch im Feld?"
+
+"Im Feld nicht, aber in russischen Händen. Was sie ihm getan haben und
+ob er noch lebt, das wissen wir nicht."
+
+"Oh, ich habe keine Ahnung gehabt, daß Sie so eine Sorge haben," sagte
+der junge Mann und stand auf. "Da sitze ich und plaudere Ihnen vor, und
+nehme dem Kind noch seine größte Freude weg, das geht doch nicht."
+
+"Es geht schon. Gebhard ist ein tapferer, kleiner Mann, nach seinem
+Vater geraten. Es ist gut, sich schon in jungen Jahren an Opfer und
+Entbehrungen zu gewöhnen, so wachsen Helden heran."
+
+Der Soldat verabschiedete sich, Gebhard gab ihm noch ein Stück Weges das
+Geleite. Der Hund ging zwischen ihnen, die Leine wanderte unversehens
+von einer Hand in die andere. Soldaten gingen vorüber, grüßten den
+Kameraden mit dem Hund, sahen auch freundlich nach dem kleinen Burschen,
+denn der grüßte heute einen jeden. Er konnte gar nicht anders. Hatte er
+doch den Soldaten zu lieb seinen Leo geopfert, so sah er sie alle mit
+dem Gedanken an: Vielleicht rettet er euch einmal das Leben!
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+
+Wochen waren vergangen. Helene lag auf ihrem Ruhebett, das letzte
+Briefchen Gebhards in der Hand. Sie hatte sich allmählich daran gewöhnt,
+manche Stunde so liegend zu verträumen. Arbeit gab es nicht für sie in
+diesem Hause; für ihr Töchterchen war ein Kindermädchen gedungen
+worden; denn die Geschwister wünschten nicht, daß sie das Kind selbst
+ausfahre; an dem geselligen Verkehr ihrer Schwägerin mochte sie nicht
+teilnehmen, dazu war ihr Herz zu schwer. Heute war für sie ein besonders
+wehmütiger Tag, ihr Hochzeitstag jährte sich zum zweiten Mal. Und sie
+wußte nicht: war sie Witwe oder lebte der noch, der ihr ganzes Glück
+gewesen?
+
+Nichts war ihr aus jener Zeit geblieben als das Kleine, das neben ihr
+lag und schlief. Sie schaute nach dem Kind, aber sie konnte es nicht
+mehr mit derselben Freude ansehen wie früher, sie bedauerte es. Ohne den
+Vater sollte es aufwachsen, mit einer Mutter, die nicht mehr frisch und
+fröhlich war wie einst. Sie kam sich selbst wie ein flügellahmer Vogel
+vor. Mutlos sank sie wieder auf ihr Ruhebett zurück. Eine Weile später
+trat leise das Kindermädchen ein, blickte nach der schlafenden Kleinen.
+"Ich will nicht stören," sagte das Mädchen, "wollte nur die Post
+bringen." Sie gab einen Brief ab und verließ das Zimmer.
+
+Gleichgiltig öffnete Helene den Umschlag. Es war ihr alles so einerlei,
+nur wenn von seiner Mutter ein Brief kam, das freute sie, darin wehte
+immer etwas von seinem tapfern Geist. Aber dies schien von einer
+Mädchenhand geschrieben. Liegend las sie; es waren nur ein paar Worte,
+aber Worte, die sie auffahren ließen, ihr Herz klopfen machten, ihr
+schier unglaublich schienen, so daß sie ihren Augen nicht traute und
+einmal ums andere las, was da stand: "Ihr Mann lebt und grüßt Sie
+tausendmal!"
+
+So lebhaft war Helene aufgesprungen, daß ihr Töchterchen davon
+erwachte.
+
+"Mam-mam," klang es aus dem Korbwagen. "Mam-mam? Ja, und Pa-pa!
+Jüngferlein, der Papa lebt und läßt uns tausendmal grüßen!"
+
+Sie nahm das Kind heraus, drückte es jubelnd an sich und lachte so, daß
+das Kleine auf ihrem Arm ganz übermütig wurde. Aber nach dieser ersten
+überquellenden Freude kamen der jungen Frau allerlei Fragen.--Warum
+schrieb ihr Mann nicht selbst? Konnte er nicht? War er so krank? Wenn
+man nur mehr wüßte! Aber es war doch eine Spur aufgefunden, die konnte
+man verfolgen. Das mußte sie mit seiner Mutter besprechen, zu der
+gehörte sie jetzt. Ein heißes Verlangen trieb sie zu ihr und zu Gebhard;
+wie würde der jubeln!
+
+Sie eilte hinaus, um Bruder und Schwägerin den Brief zu zeigen und sich
+mit ihnen zu beraten. Die Geschwister konnten zwar nicht einsehen, daß
+Helene auf diese Nachricht hin unbedingt abreisen müsse, aber sie hatten
+beide den Eindruck, daß gegen diesen stürmischen Wunsch gar nichts zu
+machen sei. Sie war ja wie verwandelt, die vorher so matte,
+niedergeschlagene Frau. Man mußte sie gewähren lassen.
+
+So folgte Helene dem Drang ihres Herzens und frug bei der Mutter an, ob
+sie zu ihr kommen dürfe mit dem Töchterchen und bei ihr bleiben, damit
+sie alle beisammen wären, wenn ihr Mann käme. Er lebte--also kam er, wer
+konnte wissen, wie bald!
+
+Frau Dr. Stegemann antwortete sofort und hieß Helene mit dem Kind
+willkommen. In Eile wurden die Reisevorbereitungen getroffen.
+
+Helene war beim Abschied bewegt. Wie gastfreundlich hatten die
+Geschwister sie aufgenommen. "Ihr wart so geduldig mit mir in dieser
+langen, trübseligen Zeit," sagte sie.
+
+"Uns war es nicht zu lange," erwiderte der Bruder mit Herzlichkeit. "Du
+kannst jederzeit wiederkommen, du weißt, wir haben dich lieb!"
+
+"Und ich euch, von Herzen. Aber mein Mann gehört auch dazu. Wenn ich ihn
+erst wieder habe, müßt ihr ihn recht kennen lernen. Dann wird alles ganz
+schön!"
+
+"Gott gebe es!"
+
+Die Geschwister trennten sich, der Zug fuhr ab. Und kaum war Helene mit
+ihrem Töchterlein allein, so zog sie wieder ihren Brief aus der Tasche;
+denn sie konnte nicht oft genug die Worte lesen: "Ihr Mann lebt und
+grüßt Sie tausendmal!"
+
+Helene hatte nichts mitgeteilt von der Botschaft, die sie erhalten
+hatte. Mündlich wollte sie der Mutter die Nachricht überbringen, wollte
+ihre und Gebhards Freude miterleben. Da sie nun mit einem früheren Zug,
+als man sie erwartet hatte, ankam, fand sie die Wohnung fast leer, nur
+das Mädchen empfing sie. So richtete sie sich ein in dem Gastzimmer,
+besorgte ihr Kindchen und wartete gespannt, wer zuerst heimkäme.
+
+Immer wieder trat sie ans Fenster, sah endlich ein paar Schuljungen auf
+das Haus zukommen und erkannte unter ihnen Gebhard. Die Kameraden hatten
+sich viel zu sagen, konnten sich lange nicht trennen, sie hatten eben
+einer Übung des Sanitätshundes Leo beigewohnt und waren noch erfüllt
+davon. Die junge Frau konnte nicht länger warten, öffnete das Fenster
+und rief Gebhards Namen; der blickte auf, löste sich aus der Gruppe,
+rannte der Haustür zu und oben angekommen umschlang er die Mutter, die
+strahlend vor Freude vor ihm stand. Er hatte gar nicht mehr gewußt, daß
+sie so lieblich aussah, wie jetzt in ihrem Glück, und es überkam ihn so
+plötzlich die Erinnerung, wie Vater und Mutter beisammen gewesen, daß
+ihm Tränen in die Augen stiegen. Er begriff nicht, was ihn so bewegte
+und sagte hilflos: "Ich freue mich doch so, aber das ist immer so dumm,
+wenn man sich freuen will, dann kann man's nicht, ohne den Vater!"
+
+"Doch Gebhard, jetzt können wir's wieder! Denn wir wissen jetzt, daß der
+Vater lebt. Sieh nur, den Brief habe ich bekommen, darin steht: Der
+Vater lebt und grüßt uns tausendmal!"
+
+Kaum hatte Gebhard die Nachricht erfaßt, so erklang draußen ein
+wohlbekanntes Klingeln: "Das ist die Großmutter, darf ich's ihr sagen,
+Mutter?"
+
+"Wir miteinander!"
+
+Sie nahmen sich an der Hand, Gebhard lachte, wie die Mutter so
+leichtfüßig mit ihm springen konnte. Sie kamen dem Mädchen noch zuvor.
+Die Großmutter wurde von beiden Seiten umfangen und hörte nichts als:
+Er lebt und grüßt uns tausendmal!
+
+Auf diese freudige Erregung folgten Wochen des Wartens. Aber sie
+brachten für Helene nicht mehr verträumte Stunden auf dem Ruhebett; in
+diesem altmodischen Haus gab es überhaupt gar kein Ruhebett. Frau Dr.
+Stegemann kannte auch keine Mittagsruhe. Sie war der Meinung, daß es für
+gesunde Menschen genüge, bei Nacht zu ruhen und begriff nicht, daß junge
+Menschen so viele Stunden ihres Lebens ohne Arbeit oder Vergnügen, in
+bloßem Nichtstun zubringen mochten. Helene fand sich schnell in diese
+Auffassung und kam durch Arbeit hinweg über die Enttäuschung, daß der
+ersten Nachricht keine zweite folgte und alle Nachforschungen fruchtlos
+blieben. Sie besorgte ihr Kindchen selbst und war bald auch in allerlei
+Arbeit für andere mit hineingezogen. Zuerst durch die junge
+Schustersfrau, die inzwischen Witwe geworden war. Ihr mußte man helfen
+Verdienst zu suchen, und dabei hörte man von anderen, die in ähnliche
+Not geraten waren.
+
+Da gab es für Helene viele Gänge zu machen, aufzumuntern und Hilfe zu
+schaffen. Ihre beiden jungen Nichten, Else und Grete, waren eifrige
+Woll- und Metallsammlerinnen fürs Vaterland, hatten auch Gebhard mit
+hereingezogen und so gab es in der ganzen Familie kaum eine Tätigkeit,
+selten ein Gespräch, das nicht mit dem Krieg zusammenhing.
+
+Über all dem verstrich rasch die Wartezeit und ging der kalte
+Vorfrühling über in einen Mai, so wonnig, daß all die Krieger im Feld
+und ihre Treuen daheim aufatmeten nach dem schweren Winter. Und einer
+dieser wonnigen Maitage löste auch das geheimnisvolle Dunkel, das bisher
+über dem Schicksal des Försters gewaltet hatte.
+
+Helene war mit ihrem Töchterchen und den großen Kindern den Nachmittag
+im Wald gewesen, nun kamen sie zurück mit großen Sträußen von Waldblumen
+und jungem Grün; ein ganzer Frühlingseinzug war es, als all diese Jugend
+heimkehrte und fröhlich die Großmutter begrüßte. Die mußte sich
+gleichzeitig von jedem erzählen lassen, wie schön es im Wald gewesen,
+mußte die Sträuße in Empfang nehmen, die für sie gepflückt waren, und
+konnte sich in all der Kinderunruhe kaum Gehör verschaffen. Aber als
+Helene mit den Kindern in die große Wohnstube ging, da folgte ihnen die
+Großmutter nicht, sondern bemerkte nebenbei zur Schwiegertochter: "Wenn
+du die Kleine besorgt hast, so komm zu mir herüber. Ich habe dir etwas
+zu sagen." Helene sah die Mutter an und ein einziger Blick verriet ihr,
+daß sie eine tiefe Bewegung beherrschte. Sie wußte: eine Nachricht war
+gekommen!
+
+"Else, Grete," bat sie, "tut ihr mir's zuliebe, die Kleine auszuziehen,
+Gebhard hilfst du?" Und ehe noch Antwort gekommen, setzte sie das Kind,
+das sie auf dem Arm gehabt, mitten unter die drei Großen auf den Boden
+und folgte der Mutter. "Ist ein Brief gekommen? Von ihm? An mich?"
+
+"An mich, aber deswegen nicht weniger an dich. Komm, setze dich zu mir.
+Und sei tapfer, Helene!" Bei diesem Wort wurde die junge Frau blaß.
+"Sind es keine guten Nachrichten?"
+
+"Wie kannst du _gute_ Nachrichten erwarten? Nicht wahr, wir haben uns
+längst gesagt, daß wir aufs Schlimmste gefaßt sein müssen. Aber er lebt
+doch und wird wiederkommen!"
+
+Sie nahm den Brief zur Hand. "Er ist von einer Pflegeschwester
+geschrieben, aus einem Berliner Lazarett, Rudolf hat ihn diktiert. Ich
+will dir ihn vorlesen." Sie las mit fester Stimme:
+
+"Liebe Mutter, wie ein Traum ist mir's noch, daß ich dir einen Brief
+schicken kann, wie ein Wunder, daß ich wieder im deutschen Vaterland
+bin. Noch vor kurzem hatte ich keine Hoffnung, je aus dem Feindesland
+herauszukommen. Fremde Menschen haben sich meiner angenommen, mich mit
+eigener Lebensgefahr über die Grenze gebracht. Aber bald, bald werde ich
+dir das alles mündlich erzählen, nur auf eines soll dich dieser Brief
+vorbereiten, ehe du mich wiedersiehst. Deine starke Seele wird es
+ertragen, wenn ich dir sage, was mir geschehen ist. Die Russen haben
+grausame Rache an mir verübt, als ich ihnen die Stellung der Deutschen
+nicht verraten wollte. Mutter, sie haben mir das Augenlicht genommen.
+Ich bin blind. Und nicht nur das, ich bin auch, das weiß ich, ein
+grauenvoller Anblick, und dies quält mich vor allem bei dem Gedanken an
+meine junge, weiche, fein empfindende Frau, die so etwas nicht ertragen
+kann." Das Vorlesen wurde unterbrochen durch einen schmerzlichen
+Aufschrei: "O Mutter, wie grausig!" Laut schluchzend drückte Helene
+beide Hände vor das Gesicht, wie wenn sie verdecken wollte, was sie im
+Geist vor sich sah. Sie weinte bitterlich, es war nicht möglich, weiter
+vorzulesen. Mitleidig sah die Mutter auf die Trostlose. "Fasse dich,
+Helene; nicht wahr, wir wußten schon lange, daß er in den Händen
+grausamer Feinde war, und hatten uns auf das Schlimmste vorbereitet."
+
+"Ich nicht, Mutter, ich habe mir solch schreckliche Gedanken immer fern
+gehalten."
+
+Das konnte Frau Stegemann nicht begreifen. In ihrer Natur lag es, fest
+ins Auge zu fassen, was kommen mußte. "Helene," sagte sie vorwurfsvoll,
+"du wolltest doch tapfer sein!"
+
+"Verzeih! Ich kann nicht, es ist zu schrecklich!" Vor der Türe ließ sich
+eine Stimme hören.
+
+"Großmutter, darf ich kommen?" und Gebhard trat ein; er sah sein
+Mütterlein aufgelöst in Tränen, daneben die Großmutter mit dem strengen
+Ausdruck, den er kannte. Ihm war er vertraut, aber die Mutter fürchtete
+ihn, das wußte er. Und als er sie so im Jammer sah, erregte es ihn, er
+vergaß sich und rief mit zornigem Ausdruck, während ihm die Röte ins
+Gesicht stieg: "Großmutter, so darf man nicht mit der Mutter reden, daß
+sie so weinen muß, das leidet der Vater nicht!"
+
+Die Großmutter, die ihm sonst nie solch ungebärdiges Auftreten hingehen
+ließ, übersah es diesmal; denn sein ritterliches Eintreten für die
+Mutter gefiel ihr.
+
+"Ich habe deine Mutter nicht traurig gemacht," sagte sie, "sondern
+dieser Brief, obgleich darin steht, daß der Vater bald kommt. Nun sieh
+nur zu, wie du sie tröstest. Du kannst mit ihr den Brief fertig lesen!"
+Sie gab das Blatt in seine Hand und verließ die beiden. Gebhard stand
+ratlos mit dem Brief, denn eine fremde Handschrift war ihm noch eine
+schwere Aufgabe.
+
+"Vorlesen kann ich nicht," sagte er, "und trösten auch nicht."
+
+Da raffte sich Helene zusammen: "Nein, mein armer, lieber Bub, du sollst
+mich nicht trösten, du tust mir ja selbst so leid. Ich will dir sagen,
+warum ich weine: Sieh, der Vater, dein herzlieber Vater, ist blind;
+seine lieben, schönen Augen sind ihm zerstört worden aus Rache, weil er
+die Deutschen nicht an die Russen verraten wollte." Sie zog ihn an sich,
+wie entsetzlich mußte ihm, der so treu an seinem Vater hing, diese
+Nachricht sein! Aber es kam anders als sie dachte. Nicht Tränen kamen
+ihm in die Augen, stolz leuchteten sie und fast frohlockend klang es:
+"Jetzt müssen es alle glauben, daß der Vater kein Verräter ist, alle,
+auch Onkel und Tante! Mutter, schreibst du es ihnen gleich, heute noch?"
+
+"Ja, ja. Jetzt haben sie den Beweis, den sie wollten! Einen so
+schrecklichen Beweis!" Ihr graute wieder. Aber Gebhard, dieses Kind, das
+in Monaten des Krieges unter den Kameraden von viel Schrecklichem gehört
+und im Lazarett allerlei Schwerverwundete gesehen hatte, konnte nicht
+mehr so den Schauer empfinden. "Mutter," sagte er, "droben im Lazarett
+ist ein Soldat, dem hat eine Granate beide Augen weggerissen. Aber der
+hat schon oft mit dem Hundeführer und mir geplaudert und war ganz
+vergnügt!"
+
+"Wie sieht er aus, Gebhard?" ganz ängstlich klang die Frage.
+
+"Ich weiß nicht, ich habe ihn nicht so genau angeschaut."
+
+"Hat er nicht furchtbare Schmerzen?"
+
+"Nein, er hat sich nie beklagt und ich glaube, es wird auch dem Vater
+nicht mehr wehtun."
+
+"Vielleicht steht darüber noch etwas in dem Brief," sie griff darnach,
+denn der kleine Mann hatte sie doch getröstet, sie war wieder gefaßt und
+las vor. Von Schmerzen stand nichts darin. Zuversichtlich klang es:
+"Bald darf ich reisen; zunächst komme ich noch nicht zu dir ins Haus,
+sondern mit anderen Verwundeten in ein Lazarett; dort wirst du, meine
+tapfere Mutter, mich besuchen. Ich weiß nicht, ob meine Lieben bei dir
+sind, und überlasse es dir, ob du Helene die ganze traurige Wahrheit
+mitteilen willst. Geh schonend um mit ihrem weichen Herzen; es ist mir
+schwer an ihren Jammer zu denken. Aber _eine_ Mitteilung weiß ich doch,
+die Euch freuen wird, Gebhard vor allem: Es wurde mir, der ich nicht
+kämpfen durfte fürs Vaterland, das Eiserne Kreuz verliehen für die
+_eine_ Stunde, in der ich meine Treue beweisen konnte, als ich die
+Feinde seitab von der Spur führte, die sie suchten, und ihre Rache auf
+mich nahm. Erst kürzlich ist der ganze Sachverhalt zur Kenntnis der
+Heeresleitung gekommen."
+
+Das Eiserne Kreuz! Wie leuchteten Gebhards Augen und welcher Glanz kam
+über das Gesicht der jungen Frau! Sie atmete tief auf. Nie konnte jetzt
+mehr die alte Reue sie überfallen, nie durfte irgend jemand an seiner
+Ehre zweifeln. Als ein treuer, tapferer Held, der das Schwerste auf sich
+genommen hatte, stand ihr Mann vor Gott und der Welt, und ihre eigene
+Schwachheit hatte seiner Ehre nicht geschadet. Mächtig wuchs ihr
+Verlangen nach ihm, wie wollte sie ihn lieben und pflegen und glücklich
+mit ihm sein!
+
+"Wie heißt es in dem Brief? _Bald darf ich reisen._ Was heißt bald?
+Komm, wir müssen die Großmutter fragen; und an meinen Bruder muß ich
+schreiben, gleich jetzt, komm Gebhard, komm!"
+
+Hand in Hand, in einer gleichen, großen Freude eilten sie hinaus, die
+Großmutter aufzusuchen. Im Wohnzimmer war sie nicht zu finden, nur die
+Kleine saß da, im niedrigen Kinderstühlchen; neben ihr Grete, die ihr
+das Abendsüppchen gab. Im Augenblick kniete Helene neben dem Kind.
+"Gebhard, wir müssen es dem Jüngferlein auch sagen, daß der Vater kommt.
+Hörst du, Jüngferlein? Sag: Papa!"
+
+"Mam-ma!" rief die Kleine.
+
+"Papa," wiederholte die Mutter, "Papa," bat Gebhard, "Papa" sagte Else
+vor. Verwundert, schaute das Kind von einem zum andern, spitzte endlich
+das Mäulchen, machte sichtlich eine große Anstrengung und rief--"Mama!"
+Da lachten alle zusammen.
+
+Frau Dr. Stegemann war nebenan und hörte das Lachen; hell und fröhlich
+klang die Stimme der jungen Frau, die sie vor kurzem aufgelöst in
+Tränen verlassen hatte.
+
+"O Jugend!" sagte die Großmutter vor sich hin; aber ihr ernstes Gesicht
+erheiterte sich. "Es ist gut so. Komm nur, mein armer Blinder, es gibt
+doch noch Herzensfreude für dich. Gottlob, dies Lachen hörst ja auch du,
+so gut wie wir, und viele innige Worte der Liebe wird dir deine Frau
+zuflüstern, die nur du hören wirst!"
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+
+An diesem Nachmittag, als Gebhard in das Lazarett ging, um den Soldaten
+abzuholen, der eine letzte Probe mit Leo, dem geschulten Sanitätshund,
+abhalten wollte, begleitete ihn Helene. Auf dem Weg vertraute sie
+Gebhard an, daß sie nicht nur wegen des Hundes mit ihm ginge. Nein, sie
+hatte vor, den Verwundeten zu besuchen, der durch Granatsplitter um
+seine Augen gekommen war. Es graute ihr vor seinem Anblick, aber sie
+wollte sich daran gewöhnen, ehe der Vater kam. So gingen sie miteinander
+vor die Stadt hinaus nach dem Lazarett und sie betrat es mit Bangen.
+
+Gebhard führte die Mutter die Treppe hinauf. Oben trafen sie die
+Pflegeschwester. "Heute kommt meine Mutter mit," sagte Gebhard, und
+Helene brachte schüchtern und zaghaft den Wunsch vor, den Blinden zu
+sehen. "Da kommen Sie gerade noch rechtzeitig," antwortete die
+Schwester, "ehe er zum Unterricht geht, in die Anstalt gegenüber." Sie
+betraten einen kleinen Saal mit mehreren Betten, die meisten standen
+leer, denn die Verwundeten waren schon so weit hergestellt, daß sie sich
+im Garten aufhalten konnten; aber einer stand am weit geöffneten
+Fenster, durch das der Duft blühender Linden hereinströmte. "Das ist der
+Blinde," sagte Gebhard und führte ihm die Mutter zu. Helene blickte zu
+ihm auf. Nein, es war kein schlimmer Anblick: ein Band war um seine
+Stirne gebunden und an diesem waren zwei kleine Tüchlein befestigt, die
+die Augenhöhlen verdeckten. Sie gab dem Verwundeten die Hand. "Mein Mann
+hat auch beide Augen verloren," sagte sie mit tiefer Bewegung. Der
+Blinde hörte es ihrem Ton an. "Es ist freilich traurig," sagte er, "auch
+für die Frauen. Die meinige hat auch gejammert. Aber man muß es halt
+hinnehmen und auf Gott vertrauen. Wenn man erst eine Beschäftigung
+gelernt hat, wird einem die Zeit nicht mehr so lang. Ich habe jeden
+Nachmittag Unterricht."
+
+"Darf ich manchmal vormittags zu Ihnen kommen und Ihnen etwas vorlesen?"
+
+"Ja, das wäre mir wohl recht."
+
+Ein Verwundeter, den Arm in der Binde, kam, er führte den blinden
+Kameraden zum Unterricht. Helene verabschiedete sich. Draußen sprach sie
+mit der Schwester. "Darf ich öfter kommen?" fragte sie, "ich möchte so
+gerne mehr von ihm hören," und zaghaft fügte sie hinzu: "Ich möchte ihn
+auch ohne die Binde sehen."
+
+"Ja, kommen Sie nur, so oft Sie wollen. Die Binde trägt er bloß, wenn
+er über die Straße geht. Sie werden sich schnell an den Anblick
+gewöhnen--wir Schwestern und seine Kameraden denken gar nicht mehr
+daran, das ist nicht so schlimm!"
+
+Erleichterten Herzens verließ Helene das Gebäude. Der Blinde, die
+Kameraden, die Schwester, sie alle waren so ruhig gewesen. Es war nicht
+so schwer, als sie sich eingebildet hatte, gewiß nicht. Gleich morgen
+wollte sie wiederkommen, denn wer konnte wissen, wann ihr eigener
+geliebter Blinder kommen würde? Jeden Tag konnte das sein und er sollte
+sie nicht mehr feig und schwach sehen, nein, wahrhaftig, er verdiente
+eine tapfere Frau, und das wollte sie ihm sein!
+
+Im Hof unten wartete schon neben seinem neuen Herrn stehend Leo, der
+Sanitätshund. Er trug heute zum erstenmal die feldgraue, mit dem roten
+Kreuz geschmückte Decke. Mit freudigem Bellen sprang er auf Gebhard zu.
+
+"Heute sollst du sein Meisterstück sehen, Gebhard," sagte der
+Hundeführer. "Morgen wird's aber auch ernst, wir reisen in aller Frühe
+ab, gleich an die Front!"
+
+Drei Soldaten waren schon vorausgegangen mit dem Auftrag, sich auf einer
+kleinen Anhöhe in dem nahen Wald zu verstecken. Sie sollten die
+Verwundeten vorstellen, die aufzusuchen wären. Auf einem andern Weg
+folgte nun der Führer mit dem Hund. Ihm schlossen sich Helene und
+Gebhard an. "Im Kasernenhof haben wir schon ähnliche Übungen mit dem
+Hund gemacht," sagte der Führer, "aber im Wald noch nie. Ich bin aber
+sicher, er wird auch da seine Sache gut machen." Oben angekommen, ließ
+er den Hund von der Leine los und rief ihm aufmunternd zu: "Leo, such
+verwundet!"
+
+Pflichteifrig raste der Hund im ersten Augenblick geradeaus. Dann schien
+er sich zu besinnen, schnüffelte da und dort, aufgeregt, immer die Nase
+auf dem Boden. Allmählich näherte er sich dem Wald.
+
+"Am Waldrand ist ein Bach," sagte der Führer. "Der Steg ist weiter oben.
+Die Soldaten werden sicher nicht über den Steg gegangen sein, sondern
+durchs Wasser."
+
+"Aber im Wasser verliert er die Spur!"
+
+"Ja freilich, aber so ist's im Feld auch. Warte nur, sein Instinkt wird
+ihn schon treiben, die Spur auf dem andern Ufer zu suchen." Richtig, Leo
+verschwand plötzlich in der Tiefe, tauchte am andern Ufer des Baches
+wieder auf, schüttelte sich das Wasser vom Fell, suchte und verschwand
+im Wald. Sie gingen nun dem Bach entlang bis zum Steg und hinüber an den
+Waldessaum. Dort standen sie eine ganze Weile gespannt und lauschend.
+Plötzlich raschelte es im Laub und Leo tauchte auf.
+
+"Er bringt eine Mütze!" rief Gebhard und rannte in hellem Vergnügen dem
+wackeren Tier entgegen, das in gestrecktem Lauf daher gesaust kam und
+die Soldatenmütze zu den Füßen seines Herrn ablegte. "Brav, Leo, brav,"
+lobte der Führer und befestigte die Leine am Halsband. "Führe mich,
+Leo!" Der Hund zog an, ging voraus, die kleine Gesellschaft folgte in
+den Wald hinein, durch dick und dünn eine gute Strecke weit; dann gab
+der Hund Laut und blieb stehen. Möglichst im Unterholz versteckt lag ein
+Soldat ohne Mütze. Der Führer sprach ruhig und freundlich den Soldaten
+an, während er sich den Anschein gab, ihm aufzuhelfen. "Der Hund muß
+merken, daß es gute Freunde sind, die wir aufsuchen," erklärte er,
+streichelte bald den Hund, bald den Soldaten und führte diesen am Arm
+mit sich fort.
+
+Die Übung wurde wiederholt, der neue Sanitätshund bewährte sich
+glänzend, er fand alle Versteckten.
+
+Im Abendschein kehrten die Soldaten in das Lazarett zurück, der Führer
+begleitete Mutter und Sohn noch bis in die Stadt. Dann kam der Abschied.
+"Reut dich's nicht?" fragte er und sah bedenklich nach dem kleinen Mann,
+der seinen Hund zum letztenmal streichelte. "Nein, es reut mich gar
+nicht. Ich glaube auch, daß Leo jetzt versteht, warum ich ihn hergebe.
+Er weiß, daß er Verwundete suchen muß. Gelt Leo?" Das Tier wedelte; es
+verstand jedenfalls so viel, daß von ihm die Rede war. Nun wandte sich
+Gebhard ab, gab dem Führer rasch die Hand und bat die Mutter: "Wir
+wollen jetzt doch lieber gehen."
+
+Sie verstand ihn und machte den Abschied kurz: "Viel Glück!" rief sie.
+
+"Viel Dank," antwortete der Feldgraue, "komm Leo!" So trennten sie sich.
+
+Helene und Gebhard gingen Hand in Hand durch die Vorstadt. Die Straßen
+waren ihnen fast unbekannt und dennoch vertraut was da vor sich ging. In
+der Mitte der Straße bewegte sich, von zwei bewaffneten Soldaten
+begleitet, ein Trupp gefangener Franzosen. Sie zogen und schoben einen
+Wagen voll Brot hinauf nach dem Gefangenenlager. Niemand kümmerte sich
+viel um den gewohnten Anblick.--Ein paar Frauen kamen des Weges, jeder
+hing über dem Arm ein Pack grauer Kleidungsstücke; man wußte: das sind
+Frauen, deren Männer im Krieg sind und die nun nähen für das Militär, um
+Geld zu verdienen für sich und die Kinder.--An einem Ladenfenster klebt
+ein Blatt Papier, die neuesten amtlichen Berichte. Eine kleine Gruppe
+steht davor, auch Helene und Gebhard bemühen sich, sie zu lesen, können
+aber nicht recht bei. "Nichts besonderes," sagt einer zum andern, "es
+handelt sich halt wieder um Arras und Ypern."--Zwei vorübergehende
+Frauen plaudern miteinander, man hört nur drei Worte, nur den
+gewichtigen Ausruf: "das Stück 14 Pfennig!" aber man weiß: von den Eiern
+reden sie.--Auch was die zwei älteren Damen meinen, die so besorgt
+aussehen, ergänzt sich ein Jeder, wenn er gleich nur hört: "Morgen
+sind's schon drei Wochen!" daß keine Nachricht vom Sohn mehr
+eingetroffen ist.--Ein paar muntere Mädchen eilen vorüber, die eine
+rühmt sich: "O wir haben im vorigen Monat _zehn_ übrig behalten,"
+Brotkarten natürlich.
+
+Und plötzlich schauen alle, horchen alle--drei Schüsse? Ein Sieg? Da und
+dort fährt ein Fenster auf, Leute rufen auf die Straße: Was ist's denn?
+Und von irgend woher kommt die Antwort und pflanzt sich fort: "Przemysl
+ist gefallen!"
+
+_Eine_ Freude fliegt durch die ganze Stadt.
+
+Unsere beiden, Mutter und Sohn, eilen, können kaum erwarten heim zu
+kommen; und wie sie das Haus erreichen, fangen gerade die Glocken an zu
+läuten, die Fahnen kommen heraus und hoch oben an der Großmutter Fenster
+erscheint neben der deutschen zum erstenmal auch die schwarz-gelbe
+österreichische; denn _eine_ kann nimmer genügen, um die Siegesfreude
+auszusprechen in dieser einzig großen, schweren Zeit.
+
+Monate lang hatte Helene mit all ihren Gedanken in der Vergangenheit
+gelebt. Immer wieder hatte sie zurückdenken müssen an den Tag, der ihr
+Glück vernichtet hatte. Jetzt aber, durch den Brief ihres Mannes tat
+sich wieder eine Zukunft vor ihr auf und all ihr Sinnen ging dahin, wie
+es werden sollte, wenn er zurückkäme. Seine Stelle konnte er ja nicht
+mehr ausfüllen, das Forsthaus war keine Heimat mehr für sie. Vor
+längerer Zeit schon hatte die Mutter eine Anfrage eingesandt, um zu
+erfahren, ob die Wohnungseinrichtung im Forsthaus unbeschädigt geblieben
+sei und geholt werden könnte. Heute war amtliche Mitteilung darüber
+eingetroffen. Sie besagte, daß infolge russischer Plünderung sämtliche
+Möbel und Hausgeräte zertrümmert seien, die Betten aufgeschnitten und
+besudelt, Bücher und Schriftliches verbrannt. Wahrscheinlich sei die
+zerstörte Wohnung später noch durch Diebsgesindel durchsucht worden,
+denn es sei nicht das Geringste mehr vorhanden.
+
+Schmerzlich war diese Nachricht. Helene hatte als Braut eine reiche
+künstlerische Ausstattung in das Forsthaus gebracht--nun war die ganze
+schöne Einrichtung verloren. Und alles was Vater und Sohn besessen an
+geliebten Gegenständen, jedes Andenken an frühere Zeiten, die Spiele,
+die Gebhards Kinderglück ausgemacht hatten, alles war in die Hände roher
+Gesellen gefallen und vernichtet worden.
+
+Helene war tief gebeugt über diese vollständige Verarmung. Noch vor
+kurzem hätte sie sich wenig darum bekümmert, aber eben jetzt, wo sie
+ihren Mann erwartete, schmerzte es sie bitter. Nichts war mehr da von
+ihrem Hausstand, sie konnte nicht, wie andere Frauen, den Heimkehrenden
+im eigenen Haus empfangen. Aber das wußte sie: die Mutter würde Raum
+schaffen für ihren geliebten Sohn; an seine Mutter hatte er sich ja
+gewandt, nicht an sie; das konnte sie begreifen: die Mutter verstand ihn
+doch am besten, sie allein hatte auch nie an seiner Ehre gezweifelt; zu
+ihr käme er gerne und man mußte dankbar sein, daß das möglich war.
+
+So ging sie zur Mutter und fragte bescheiden: "Wie soll es werden, wenn
+Rudolf aus dem Lazarett kommt? Ich weiß, du wirst ihn mit Freuden
+aufnehmen, aber wenn ich mit den Kindern auch dabei bin, wird es dir
+dann nicht zu viel?"
+
+"Freilich wird es mir zu viel," war die Antwort.
+
+"Wie meinst du das, Mutter?" fragte Helene erschrocken.--"Ich meine zu
+viel für mich, weil zu wenig bleibt für dich. Ich habe schon viel
+darüber nachgedacht und möchte gerne herausbringen, daß Ihr eine kleine,
+einfache Wohnung für Euch allein nehmen und einrichten könnt. Aber das
+genügt Euch jungen Frauen nicht. Da soll immer alles zusammenpassend und
+stilgemäß sein. Dazu reicht es aber nicht. Es müßte eine ganz
+bescheidene 3 Zimmer-Wohnung sein und auch alte Möbel dazu verwendet
+werden, das könnten wir mit vereinten Kräften schon bestreiten und dann
+wäret Ihr vier beisammen; so käme es mir am besten vor."
+
+"Und mir!" rief die junge Frau, und in aufwallendem Glück umarmte sie
+die Mutter und rief in übermütiger Freude: "Ohne jeglichen Stil soll
+unser Heim werden, das verspreche ich dir, Mutter, so unkünstlerisch als
+du nur willst. Ein urgemütliches Nestchen wird's dennoch! O Mutter,
+gehen wir gleich Wohnungen ansehen?" Die Mutter sah glücklich auf die
+strahlende Freude, die der jungen Frau aus den Augen leuchtete. Und sie
+dachte an ihren Sohn. Der beste Schatz war ihm doch geblieben.
+
+In den nächsten Tagen kamen noch von zwei Seiten Briefe, die auf diesen
+Zukunftsplan Einfluß hatten. Der erste war von Helenens Bruder. Er
+sprach herzliche Teilnahme aus über das Schicksal des Erblindeten; aber
+auch Stolz und Freude über das Eiserne Kreuz, das der ganzen Familie zur
+Ehre gereiche. Er bat die Schwester, mithelfen zu dürfen bei der
+Gründung eines neuen Heims.
+
+Der zweite Brief enthielt ein amtliches Schreiben und besagte, daß dank
+der großen Summen, die aus ganz Deutschland für die vertriebenen
+Ostpreußen eingegangen seien, eine Entschädigung für den verlorenen
+Besitz bewilligt werden könnte, sobald der Antrag gestellt würde.
+
+Zu Tränen gerührt war Helene über diese freiwillige Hilfe von allen
+Seiten. Jetzt hatte es keine Not mehr, sie konnte sich alles wieder so
+schön und reichlich anschaffen, wie einst als Braut.
+
+Aber es ging ihr sonderbar: der Gedanke, hinzugehen, einzukaufen und
+sich nur zu fragen: Herz, was begehrst du? freute sie nicht mehr. In der
+Kriegszeit, wo so viel bittere Not herrschte, sollte sie sich alle
+Wünsche befriedigen? Sie war so fröhlich und eifrig gewesen bei dem
+Gedanken, alles so schlicht und bescheiden wie möglich einzurichten.
+Eine Weile sann sie nach, dann kam sie zur Mutter. "Du hast doch
+ausgerechnet, daß wir reichen, wenn wir uns sparsam einrichten. Dann
+möchte ich lieber nichts annehmen von der Summe, die für die
+Vertriebenen bestimmt ist. Es geht sonst an ärmeren ab. Ich meine,
+Rudolf wird es auch so auffassen. Was denkst du, Mutter?"
+
+"Ich denke, daß du das Herz am rechten Fleck hast," war die Antwort.
+Dieses gute Wort versetzte Helene in eine gehobene Stimmung, die ihr
+auch blieb, während sie die bescheidene Wohnung wählte und mit
+schlichten Möbeln ausstattete. Ein fröhliches Vorbereiten, ein
+bräutliches Erwarten erfüllte sie in diesen Tagen.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+
+
+An seinen Schulheften saß Gebhard und seufzte. Ihm wurde das Warten auf
+den Vater unerträglich lang. Die Mutter hatte es gut--ihre Tage waren
+ganz ausgefüllt durch Vorbereitungen auf des Vaters Kommen; sie richtete
+die Wohnung für ihn; sie ging um seinetwillen fast täglich ins Lazarett
+zu den Augenleidenden und Blinden und half bei ihrer Pflege.
+
+Und die Großmutter war von früh bis spät in allerlei Kriegshilfe tätig;
+viele arme Frauen kamen zu ihr und sie verschaffte ihnen Arbeit, selten
+hatte sie ein wenig Muße für ihren Enkel. Else und Grete waren in allen
+Freistunden unterwegs, sie sammelten fürs Vaterland das Gold ein, von
+dem noch viel bei ängstlichen und bei gedankenlosen Menschen steckte.
+Das Schwesterchen spielte freilich gern mit dem Bruder, aber mehr als
+"Kuckuck" ließ sich noch nicht mit ihr machen. Der bessere Spielkamerad
+war doch Leo gewesen und der fehlte jetzt.
+
+Einmal, als die Mutter vom Lazarett heimkam, klagte er ihr: "Es dauert
+so lang, so furchtbar lang, bis der Vater kommt!" Sie tröstete ihn.
+"Jetzt wird er sicherlich bald kommen. Warte nur ein Weilchen, dann wird
+es um so schöner bei uns." Vom nächsten Ausgang brachte sie ihm ein Buch
+mit, daß ihm die Zeit rascher vergehe über dem Lesen.
+
+Aber das Buch war bald zu Ende. Er kam zur Großmutter. "Wann kommt denn
+endlich der Vater, ich kann es nicht mehr erwarten!"
+
+"So, du kannst nicht warten? Wir daheim und unsere Soldaten draußen
+müssen doch alle warten!"
+
+"Ja, aber es ist keine schöne Zeit, wenn man so wartet, Großmutter."
+
+"Willst du denn eine schöne Zeit haben im Krieg, während so viele
+leiden? Sei froh, daß du auch etwas leiden darfst, wenn es auch nur eine
+schwere Geduldsprobe ist. Es kann noch lange dauern, bis der Vater
+kommt; ich will sehen, ob du die Probe bestehst, ob du geduldig
+ausharrst."
+
+So ernst nahm es die Großmutter? Ja, wenn das eine schwere Probe war,
+wie sie die Soldaten zu bestehen haben, dann wollte er sie schon auf
+sich nehmen, das sollte die Großmutter sehen. Er nahm sich zusammen und
+ward wieder guten Mutes. Die Schule, die Kameradschaft waren ihm dabei
+die beste Hilfe. Es war ihm wohl in seiner Klasse. "Sie sind alle nett
+gegen mich," erzählte er daheim, "und das kommt, weil sie meinen Leo
+gern gehabt haben und weil sie vom Vater wissen." Er hatte recht. Durch
+den treuen Hund und durch das Schicksal des Vaters war die
+Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt worden. Aber daß ihm alle Herzen zugetan
+waren, das kam von seiner eigenen, tapferen, treuen Art; die zog die
+andern an, ohne daß er's wußte.
+
+Eines Morgens, als Gebhard in die Schule kam, zog ihn ein Kamerad
+beiseite, tat geheimnisvoll, wollte ihm etwas sagen, das er doch
+eigentlich verschweigen sollte. Endlich vertraute er, dessen Bruder
+Sanitäter war, Gebhard an, daß an diesem Vormittag ein Zug mit
+Verwundeten ankäme, er solle es eigentlich niemand sagen, damit nicht
+die neugierigen Menschen an die Bahn kämen. Sie würden alle in das
+Lazarett gebracht, außer einem, den müsse sein Bruder abholen und in die
+Augenklinik fahren, der habe beide Augen verloren. Ob das nicht Gebhards
+Vater sein könne?
+
+"Freilich kann er's sein!" rief Gebhard fast erschrocken durch die
+plötzliche Hoffnung auf das Wiedersehen. "Um wieviel Uhr? Wann kommt der
+Zug?"
+
+"Das weiß man nicht so genau und es hilft dir ja auch nichts, wir haben
+doch bis zwölf Uhr Schule. Aber es kann auch ein Uhr werden, bis der Zug
+kommt."
+
+Ruhig auf der Schulbank sitzen und denken, daß vielleicht der Vater
+ankomme? das ging doch nicht? Aber es _mußte_ gehen. Die Großmutter
+würde sagen: ausharren. Wie sonderbar, daß er da saß in dem großen
+Augenblick, auf den er so lange gewartet hatte! Aber vielleicht kam der
+Vater gar nicht. Wenn man es doch nur wüßte! Wie qualvoll dieses
+Stillehalten!--Es war eben Krieg, und darum war alles schwer, so
+furchtbar schwer!
+
+Der Unterricht hatte begonnen. Jetzt kam der Lehrer in seine Nähe und
+richtete eine Frage an ihn. Gebhard stand langsam auf und atmete tief,
+wie wenn er eine Last mit in die Höhe zu heben hätte. Der Lehrer lachte.
+"Nun, ist das eine so schwere Frage? Du seufzst ja ordentlich!" Aus
+gepreßtem Herzen kam die Antwort: "Weil vielleicht gerade mein Vater
+ankommt und ich in der Schule bin!"
+
+"Dein Vater kommt? Heute früh? Du hättest ihn gern begrüßt? Ja! Möchtest
+fort und fragst gar nicht? Ist's noch Zeit?"
+
+Gebhard konnte kaum antworten vor Erregung.
+
+"Närrischer Bub! So etwas erlaube ich doch! Spring davon!"
+
+Jetzt kam Leben in den kleinen Mann. Er fuhr von seinem Platz auf, der
+Türe zu.
+
+"Deine Mütze!" riefen einige und lachten. Er wandte sich noch einmal,
+sie sahen jetzt alle sein strahlendes Gesicht. Die Mütze vom Nagel, auf
+und davon, dem Bahnhof zu.
+
+Unterwegs schlug es neun Uhr, drei Stunden konnte er, wenn nötig, vor
+dem Bahnhof warten, ohne daß er daheim vermißt wurde. So lange wollte er
+ausharren, o leicht und gern!
+
+Auf dem Bahnhofplatz war nicht wie sonst vor der Ankunft von
+Lazarettzügen ein Menschenauflauf. Auch fuhren keine Rotkreuzwagen vor.
+Ein einziger stand leer und verlassen vor der Halle. Wenn nur auch der
+Schulkamerad recht hatte. Vielleicht war es eine falsche Nachricht. Er
+sah sich um. Sein Blick fiel auf zwei Weiber, mit Körben am Arm, die da
+standen und sich unterhielten. Er redete sie an, ob wohl bald die
+Verwundeten ankämen. Die eine lachte: "Da bist du zu spät aufgestanden!"
+und da Gebhard nicht verstand, was sie meinte, erklärte die andere: "Die
+sind schon vor einer halben Stunde gekommen und alle schon
+heimgefahren, bis auf das eine Auto, das bleibt wohl leer. Man schickt
+immer lieber eins zu viel als zu wenig." Die Frauen wandten sich und
+gingen ihres Weges.
+
+Also zu spät, nicht zu früh! Bitter enttäuscht stand Gebhard, konnte
+sich nicht gleich entschließen den Platz zu verlassen; zögernd, planlos
+ging er noch auf den Bahnhof zu und stand plötzlich betroffen still. Aus
+dem Bahnhofgebäude kam ein Sanitäter, führte zwei Männer und diese
+beiden hatten Binden um die Augen. Hoch klopfte Gebhards Herz. Er konnte
+noch nicht recht unterscheiden, aber jetzt näherte sich die Gruppe; der
+Sanitäter stützte den einen der beiden, der ein junger feldgrauer Soldat
+war und auch am Fuß verletzt schien; sorglich führte er ihn die breiten
+Staffeln herunter auf die Stelle zu, wo das Auto stand. Inzwischen blieb
+der andere, den Führer erwartend, an einer Säule der Vorhalle stehen,
+und da nun seine stattliche, kräftige Gestalt ganz zu sehen war,
+erkannte Gebhard seinen Vater. Alles Zögern war vorbei, in jubelnder
+Freude sprang er herzu, die Staffeln hinauf und rief mit frohlockender
+Stimme:
+
+"Vater! Grüß dich Gott, lieber, guter Vater!" An dem ersten, trauten Ruf
+hatte Stegemann sein Kind erkannt und nun griff er nach ihm mit beiden
+Händen und zog ihn in warmer Liebe an sein Herz. "Grüß dich Gott, mein
+Männlein, mein guter Bub! Ich hätte nicht gedacht, daß du mich gleich
+erkennst und dich so freust an deinem blinden Vater!"
+
+"O, ich habe es gar nicht mehr erwarten können, bis du kommst; das
+wissen wir ja schon lang, daß du blind bist, das macht _gar_ nichts,
+Vater!"
+
+"So, das macht gar nichts?" wiederholte Stegemann und lachte von Herzen.
+Der Sanitäter kam nun zurück, um seinen zweiten Pflegbefohlenen zu
+holen.
+
+"Kannst du denn nicht gleich zu uns, Vater? Ich kann dich so gut
+führen!"
+
+"Zunächst bin ich noch ins Lazarett überschrieben, aber bald darf ich
+heim, vielleicht schon morgen, der Arzt wird das bestimmen."
+
+"Willst du mitfahren und sehen, wohin dein Vater kommt?" fragte der
+Sanitäter und fügte hinzu: "Wer hat dir denn verraten, daß heute
+Verwundete ankommen?"
+
+"Ein Schulkamerad."
+
+"Aha, ich kann mir schon denken, welcher das war. Macht nichts, komm nur
+mit!"
+
+Sorgsam führte der Sanitäter den Blinden die Staffeln hinunter. Gebhard
+ging auf der andern Seite.
+
+"Künftig darf ich dich immer führen, gelt Vater?"
+
+"Letzte Stufe," sagte der Führer und wandte sich an Gebhard: "Immer
+voraus sagen, sonst tut der Schritt weh; alles vorher ankündigen, das
+ist die Hauptregel, dann gewinnen die Blinden Vertrauen und gehen ruhig
+und zuversichtlich. Darauf mußt du achten!"
+
+"Ja das will ich gewiß tun," versicherte Gebhard eifrig, "dann vertraust
+du mir, gelt Vater?" Achtsam sah er zu, wie der Sanitäter dem Blinden
+das Einsteigen ermöglichte, mehr durch kurze Zurufe als durch Hilfe.
+
+Bald saßen sie nebeneinander, Hand in Hand und sprachen gar nicht viel,
+weil sie noch kaum das Glück fassen konnten, wieder beisammen zu sein.
+Gebhard begleitete den Vater noch in den Saal. Die Neuangekommenen
+sollten sich nach der langen Reise legen und ausruhen. Vater und Sohn
+mußten sich trennen. "Bitte die Großmutter, sie möchte zuerst allein zu
+mir kommen; für die Mutter ist's ein schwerer Gang!" sagte der Blinde,
+küßte den Knaben und gab ihm leise den Auftrag: "Den Kuß gib der
+Mutter!"
+
+Gebhard ging heim wie im Traum. Mit all seinen Gedanken, mit dem ganzen
+Herzen war er noch bei dem geliebten Vater, konnte selbst kaum an die
+wunderbare Mär glauben, die er nun verkündigen wollte: daß der Vater
+angekommen sei!
+
+Er traf aber zu Hause die nicht, die er suchte. Die beiden Frauen waren
+nach der künftigen kleinen Wohnung hinübergegangen; Helene war fertig
+mit der Einrichtung, hatte die Mutter geholt, um ihr alles zu zeigen und
+führte sie jetzt durch die Zimmer. "Wie gefällt es dir, Mutter? Ist
+dir's recht so?"
+
+"Mir freilich, du hast ja alles mehr nach meinem als nach deinem Sinn
+eingerichtet. Es ist wohl ein Unterschied gegen deine frühere reiche,
+stilvolle Einrichtung!" Sie sah die Schwiegertochter an, wie wenn sie
+erforschen wollte, ob es ihr schwer ums Herz sei. Aber Helene lachte
+fröhlich: "Es ist doch alles wieder stilvoll, Mutter, es ist Kriegsstil.
+Wie wenn man Reste aus ein paar zerstörten Häusern zusammengetragen
+hätte: da ein paar schöne, alte Möbel von dir, dort schlichte, gebeizte
+vom Schreiner, da der hochfeine Schreibtisch, den mein Bruder geschickt
+hat, und davor ein gewöhnlicher Holzstuhl. Und an der ausgebesserten
+Tapete Bilder in schwarzen, braunen und vergoldeten Rahmen und gar ein
+kleiner Spiegel vom Trödelmarkt. Aber sieh, die sogenannte
+Mädchenkammer, hat die nicht ein nettes Stübchen für Gebhard gegeben?
+Seine Kriegsbilder hat er selbst an die Wand nageln dürfen und sein
+schmales Feldbett ist auch reinster Kriegsstil. Dazu paßt auch statt
+eines Mädchens die kleine Kriegswitwe, der du das Essen gibst; das alles
+stimmt herrlich zusammen. Nun fehlt nur _er_ noch! Wie lange wohl?"
+
+Draußen wurde geklopft. "Es muß jemand an der Vorplatztüre sein," sagte
+Helene, "die Klingel geht nämlich nicht immer und der Aufzug ist auch
+ein wenig launisch, das macht aber nichts, gehört eben auch zum
+Kriegsstil."
+
+Sie gingen miteinander hinaus und öffneten. Gebhard stand vor ihnen auf
+der Schwelle, wußte vor übergroßer Erregung nicht gleich, wie er
+erzählen sollte, war auch so gesprungen, daß es ihm den Atem benommen
+hatte. Aber die Mutter fing seinen strahlenden Blick auf, ahnte und
+rief: "Der Vater kommt?"
+
+"Der Vater ist schon da!" Glückselig fiel er der Mutter um den Hals und
+jubelte: "Da bringe ich dir einen Kuß von ihm!"
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+
+
+Am Bett ihres Sohnes saß Frau Dr. Stegemann; die andern Betten standen
+leer, die Verwundeten waren an dem schönen Nachmittag ins Freie gebracht
+worden. So waren die Beiden allein in dieser ersten Stunde des
+Wiedersehens und ungestört hatte der Sohn seiner tapfern Mutter seine
+Erlebnisse erzählen können. Sie wußte jetzt, was er durchgemacht von dem
+Augenblick an, da er sich bereit erklärt, die Russen zu führen, in der
+stillen Absicht sie wegzubringen von seinen Lieben im Forsthaus und sie
+in die Irre zu leiten, um die deutsche Patrouille zu retten. Der
+Offizier traute seinem Führer nicht und bedrohte ihn, wenn er ihm nicht
+zu Willen sei, solle er nie mehr seine schöne Frau wiedersehen, er würde
+ihm die Augen ausstechen lassen.
+
+So wußte er, welch grausame Marter ihm bevorstand. Noch hoffte er auf
+irgend einen glücklichen Zufall, der ihm zu Hilfe käme, und betete im
+stillen. Aber das Mißtrauen der Feinde wuchs immer mehr, er erkannte,
+daß der bittere Kelch nicht an ihm vorübergehen sollte, und bereitete
+sich innerlich vor auf das, was kommen mußte.
+
+Leute kamen des Weges, wurden ausgefragt und darnach wandte sich die Wut
+der Feinde gegen ihn. Sie verübten an ihm die grauenvolle Untat, ließen
+ihn in seinen Qualen liegen und ritten davon.
+
+Als Stegemann so weit erzählt hatte, spürte er an der zitternden Hand
+der Mutter, daß sie überwältigt war, und er hielt inne.
+
+"Ist dir's so schwer, Mutter? Es ist ja überstanden, auch die
+schrecklichen Qualen, die folgten. Aber ich will dir jetzt nicht weiter
+davon erzählen; ich danke dir, daß du mich so tapfer angehört hast. Dir
+habe ich es zugetraut, darum wollte ich dich zuerst allein sprechen.
+Aber nun will ich vergessen, was dahinten ist, und jetzt sage du mir,
+Mutter, was liegt vor mir? Darf ich dies Elend meiner jungen Frau
+aufladen? Kann sie es tragen, sie, die so weich und feinfühlend ist und
+mir immer erschien, als sei ihre Natur ganz auf Lust und Freude
+angelegt? Zwar glaube ich nicht, daß wir Not leiden müssen. Das ganze
+Vaterland hilft uns Invaliden, hilft vor allem, daß wir arbeiten lernen
+und etwas verdienen können. Damit habe ich schon angefangen und werde
+meine ganze Kraft einsetzen, um mitzusorgen für die Meinigen. Aber
+dennoch--wie schwer ist es für Helene! Nie hätte ich, so wie ich jetzt
+bin, ihr junges Leben mit dem meinigen verbunden!" Er setzte sich auf in
+seinem Bett und horchte gespannt zur Mutter hin. Die nahm seine Hand in
+die ihrige und sprach in voller Überzeugung: "Da sei du ganz unbesorgt,
+Rudolf, keine Braut kann verlangender dem jungen Bräutigam
+entgegensehen, als sie ihrem Helden!"
+
+"Weil sie nicht weiß, was für ein Anblick ihr bevorsteht und was es
+heißt, einen hilfsbedürftigen Blinden um sich zu haben, anstatt eines
+ritterlichen Gatten, der ihr alle Schwierigkeiten des Lebens aus dem Weg
+räumt!"
+
+"O, sie weiß das besser als du denkst, Rudolf; wir haben neun Monate
+Krieg erlebt, die waren für deine Frau voll Angst und Reue, voll Sehnen
+und Warten; sie hat sich durchgekämpft, ist stark geworden, um Leid und
+Entbehrung mit dir zu tragen."
+
+"Mutter, damit nimmst du mir die schwerste Sorge ab! Wenn es so ist,
+dann, liebe Mutter, o dann bitte ich dich, gehe gleich zu ihr; ich habe
+mich nach ihr gesehnt jede Stunde, seit wir getrennt sind; um keine
+weitere Stunde soll die Trennung verlängert werden."
+
+"Ich gehe, Rudolf, sie wird bei dir sein schneller als du denkst. Ich
+bringe ihr deine Botschaft."
+
+Er richtete sich auf, tastete nach dem Tischchen nebenan, zog die
+Schublade auf.
+
+"Was suchst du? Kann ich dir helfen?"
+
+"Ja, es wird eine Schachtel da sein, in der ist mein Eisernes Kreuz.
+Wenn du mir das befestigen willst. Daß sie doch _etwas_ Schönes sieht an
+ihrem Mann!--So, nun ist's gut. Und die Augen sind bedeckt, nicht wahr,
+man sieht die Zerstörung nicht?"
+
+"Nein."--Sie wollte hinzufügen: "Deine Frau hat sich längst geübt, auch
+das zu sehen," aber sie unterdrückte es. Wer konnte wissen, wie es sie
+im Antlitz des eigenen geliebten Mannes erschüttern würde?
+
+Unten im Garten wurde Frau Stegemann von Helene sehnlich erwartet.
+
+"Mutter, wie geht es ihm? Sage mir, warum wollte er dich allein
+sprechen?"
+
+"Er hat Mitleid mit dir, daß du ihn so wiedersehen mußt, hat Angst, es
+möchte dir zu schrecklich sein. Es ist auch schwer, Helene, mich hat es
+furchtbar erschüttert; ich mußte mich _so_ zusammennehmen, um die
+Fassung zu bewahren."
+
+Jetzt, da der Sohn nicht mehr darunter leiden konnte, jetzt verlor sie
+diese Fassung und konnte die bittern Tränen nicht zurückhalten. Das
+hatte Helene noch nie erlebt; immer war die Mutter ihr an Seelenstärke
+überlegen gewesen. Sie hatte tiefes Mitleid mit der Mutter, die ihr in
+ihrem Kummer zum erstenmal als eine alte Frau erschien. "Es hat dich
+angegriffen," sagte sie herzlich zu ihr, "soll ich dich heimbegleiten?"
+Aber Frau Stegemann wehrte ab. "Nein, nein, ich finde mich schon wieder
+zurecht. Geh nur, Kind; halte dich nicht mit mir auf, geh zu ihm, er
+wartet!"
+
+Der Mutter Schwäche wurde eine merkwürdige Hilfe für die junge Frau.
+Wenn die Mutter, die starke, versagte, dann mußte sie die tapfere sein.
+Alles Bangen wich von ihr, leichtfüßig eilte sie die Treppe hinauf, sie
+wollte nichts aufkommen lassen als reinste Wiedersehensfreude in dieser
+lang ersehnten Stunde.
+
+Sie öffnete die Türe, sah, wie bei dem Geräusch ein Kopf sich aus dem
+Kissen hob, eine Gestalt sich halb aufrichtete und nach der Türe wandte.
+
+"Rudolf, ich bin's!" rief sie, war im Augenblick bei ihm, umarmte ihn
+stürmisch und rief ihm fröhlich zu: "Glaubst du, daß ich's bin, wenn du
+mich gleich nicht siehst?"
+
+Er spürte ihre Fröhlichkeit und zog sie an sein Herz.
+
+"Ja, du bist's Helene, du Sonne in meiner Nacht! Gott sei Dank, daß ich
+dich habe!" Er küßte sie. Da schob sie sanft die Binde über seine Stirne
+hinweg, drückte einen Kuß auf jede der verheilten Wunden und sagte zu
+ihm: "Das sind deine Ehrenzeichen, du mein Held. Wie bin ich stolz auf
+diese Narben!"
+
+Er legte sich zurück, fühlte sich aller Angst und Sorge ledig und gab
+sich der Wonne des wiedergefundenen Glückes hin.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Ohne den Vater, by Agnes Sapper
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OHNE DEN VATER ***
+
+***** This file should be named 11677-8.txt or 11677-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/1/6/7/11677/
+
+Produced by Charles Franks and the DP Team
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year. For example:
+
+ https://www.gutenberg.org/etext06
+
+ (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+ https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+ https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+ https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL
+
+
diff --git a/old/11677-8.zip b/old/11677-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..eadd55e
--- /dev/null
+++ b/old/11677-8.zip
Binary files differ
diff --git a/old/11677.txt b/old/11677.txt
new file mode 100644
index 0000000..d007a3b
--- /dev/null
+++ b/old/11677.txt
@@ -0,0 +1,3641 @@
+The Project Gutenberg EBook of Ohne den Vater, by Agnes Sapper
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Ohne den Vater
+ Erzaehlung aus dem Kriege
+
+Author: Agnes Sapper
+
+Release Date: March 22, 2004 [EBook #11677]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ASCII
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OHNE DEN VATER ***
+
+
+
+
+Produced by Charles Franks and the DP Team
+
+
+[Transcriber's Note: There is no seventh chapter in the printed
+book from which this etext was made.]
+
+
+
+
+
+
+Ohne den Vater
+
+Erzaehlung aus dem Kriege
+
+von
+
+Agnes Sapper
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+
+Im gemuetlichen Wohnzimmer eines Forsthauses in Ostpreussen sass ein
+kleiner Familienkreis eng und traulich beisammen: der Foerster Stegemann
+mit seiner noch ganz jungen, lieblichen Frau, die ihr Kindchen in den
+Armen hielt und versuchte, mit zaertlichen Worten und dem Spiel ihrer
+Finger dem kleinen Geschoepf das erste Laecheln zu entlocken. Neben ihr
+lehnte Gebhard, ein kraeftiger, etwa zehnjaehriger Junge; er sah nach dem
+Schwesterchen, das so wohlig in der Mutter Armen ruhte, und wartete
+gespannt, ob es noch einmal gelaenge, das Laecheln hervorzuzaubern, das
+vorhin wie ein Sonnenstrahl ueber das Kindergesichtchen gehuscht war. Als
+es gelang, sah er die Mutter beglueckt an und wandte sich lebhaft an
+seinen Vater: "Hast du es diesmal gesehen?"
+
+Nein, er hatte es wieder nicht gesehen, weil ihm etwas anderes noch
+anziehender war, als das erste Laecheln seines Toechterchens. Er hatte auf
+Mutter und Sohn gesehen. Ihn freute, dass diese beiden sich so gut
+verstanden. Es war noch nicht lange her, dass er diese junge Frau
+heimgefuehrt hatte, nachdem seine erste Frau, Gebhards Mutter, gestorben
+war. Eine lange Reihe stiller Jahre hatte er mit dem Knaben verlebt, den
+eine treue Magd schlicht und streng erzog. Innig nah standen sich Vater
+und Sohn, ernst und pflichttreu war der Foerster, anspruchslos der Junge.
+Kraeftig wuchs er in der frischen Waldluft heran und machte von seinem
+sechsten Lebensjahr an taeglich einen stundenlangen Weg, um auf einem
+benachbarten Gut an dem Unterricht mit den Knaben des Gutsbesitzers
+teilzunehmen. Auf diesem Weg begleitete ihn ein treuer Hund des
+Foersters, der schon immer sein Spielkamerad gewesen und jetzt sein
+Beschuetzer auf einsamen Waldwegen war.
+
+Bei einem Besuch seiner Mutter, die in Sueddeutschland lebte, hatte der
+Foerster das froehliche, liebevolle Maedchen kennen gelernt, das dann seine
+zweite Frau geworden war. Noch immer war's ihm wunderbar und erfreute
+ihn in tiefster Seele, dass solch ein neues Familienglueck in seinem
+Forsthaus erblueht war; und so sah er auch jetzt mit Wonne auf die junge
+Frau, ohne dass diese es bemerkte, denn sie war ganz von der Kleinen
+hingenommen.
+
+Jetzt stund sie auf und legte das Toechterchen sorgsam in den Korbwagen.
+"So Juengferlein," sagte sie, "nach dieser grossen Leistung, nachdem du
+zweimal gelaechelt hast, wirst du herrlich schlafen, draussen am offenen
+Fenster!" Sie fuhr sachte den Wagen in das Schlafzimmer.
+
+Gebhard wandte sich dem Vater zu. "Es ist so nett, wenn die Mutter
+"Juengferlein" sagt zu einem so kleinen Kind, hoerst du das nicht auch so
+gern, Vater? Ueberhaupt ist es jetzt so eine schoene Zeit! So soll's immer
+bleiben, wie es jetzt ist!"
+
+Stegemanns Gedanken wurden durch diesen Wunsch herausgerissen aus der
+friedlichen Umgebung.
+
+"Gebhard, du denkst nicht an den Krieg, sonst koenntest du nicht von
+einer schoenen Zeit reden, die bleiben soll."
+
+"Aber wir siegen doch, und das gibt dann die allergroesste Freude."
+
+"Vorher werden viele Tausende von unsern deutschen Soldaten sterben!"
+
+"Viele Tausende?" Gebhard wiederholte sinnend diese Worte und blieb eine
+Weile ganz nachdenklich. Dann aber trat er dicht an den Vater heran und
+begann mit eifrigen Worten: "Das darf man doch nicht so traurig sagen,
+Vater? Die Soldaten ziehen doch gern in die Schlacht und wollen fuers
+Vaterland sterben? Wenn ich nur schon aelter waere, und wenn du noch
+juenger waerst, dann zoegen wir miteinander in den Krieg, du waerst ein
+Offizier und ich dein liebster Soldat und wenn du befiehlst:
+'Freiwillige vor!' komme ich zu allererst. Aber mit zehn Jahren geht das
+noch nicht, und du, Vater, gelt du bist schon zu alt, du hast doch schon
+ein wenig graue Haare!"
+
+"Die grauen Haare machen nichts; vielleicht komme ich doch noch daran.
+Aber sei still, wir wollen damit der Mutter nicht angst machen."
+
+Sie sahen beide nach der Tuere, durch die die junge Frau eben wieder
+hereintrat. Es lag noch der Schimmer muetterlicher Zaertlichkeit auf ihrem
+Gesicht, als sie sagte: "Mein Juengferlein schlummert schon."
+
+"_Dein_ Juengferlein, Helene? Mir gehoert es auch!" Er zog seine Frau
+zaertlich an sich.
+
+"Und ein wenig gehoert es auch mir, nicht, Mutter?"
+
+"Freilich. Du wirst sehen, die kleinen Maedchen moegen die grossen Brueder
+am allerliebsten, lustig wird's, wenn sie erst mit dir spielen kann!"
+
+Das konnte sich nun Gebhard noch nicht recht vorstellen, aber lustig
+war's ihm schon jetzt zumute und er sprang hinaus und hinunter in den
+Hof, mit seinem Leo zu tollen, seinem liebsten Kameraden. Bald ging auch
+der Foerster, den sein Beruf oft halbe Tage lang abrief, und Helene blieb
+allein.
+
+Der Forsthof lag einsam am Waldessaum, nahe der russischen Grenze; nur
+ein paar Niederlassungen waren in der Naehe, von denen die eine dem
+Strassenwaerter gehoerte, der die Grenzstrasse zu hueten hatte, die andere
+einem alten Waldhueter, der mit seiner Familie da hauste. Sonst waren
+weit und breit keine menschlichen Ansiedelungen zu sehen, dunkler Wald
+nach allen Seiten und grosse Stille.
+
+Die da heimisch waren--wie der Foerster und sein Junge--, die liebten
+diese Waldeinsamkeit, aber Fremden kam sie unheimlich vor. Auch Helene,
+als sie aus ihrer sueddeutschen Heimat, aus staedtischen Verhaeltnissen
+hieher versetzt worden war, hatte anfangs furchtsam nach dem
+Waldesdunkel hinuebergeschaut und die Stille, waehrend ihres Mannes und
+Gebhards Abwesenheit, hatte sie bedrueckt. Aber in ihren vier Waenden war
+es ihr doch bald wohl geworden, denn da war sie von ruehrender Liebe und
+Verehrung umgeben. Nicht nur Mann und Sohn, auch Knecht und Magd, ja
+sogar die Hunde, vom grossen Kettenhund bis herunter zum kleinen Dackel,
+alle zeichneten sie aus, wie wenn sie sich immer daran freuten, dass
+etwas so feines, sonniges, froehliches in ihre Waldeinsamkeit gekommen
+war. Und jetzt, seitdem sie Mutter geworden und ihr Kindchen jede Stunde
+um sich hatte, jetzt konnte das Gefuehl der Einsamkeit gar nicht mehr
+aufkommen. Sie war voll Glueck und Wonne, ja so sehr, dass sie manchmal
+das schwere Geschick des Vaterlandes fast vergass. Kam es ihr dann in den
+Sinn, so machte sie sich im stillen Vorwuerfe, sagte sich: kannst du denn
+gar nicht ungluecklich sein mit den vielen, die jetzt in Sorge und
+Herzeleid sind? Dann legte sie schnell das Tragroeckchen beiseite, das
+sie besticken wollte, nahm den groben Soldatenstrumpf zur Hand, setzte
+sich neben den Kinderwagen, strickte und strickte, sah dabei auf das
+kleine Menschenknoespchen, das neben ihr schlummerte, und war eben wider
+Willen doch gluecklich. Aber der Krieg mit seinen Schrecken und Aengsten,
+mit Sorgen und Jammer kam bald genug, ihr Glueck zu stoeren.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+
+Es war eine stille Sommernacht zu Ende August, der Forsthof lag
+friedlich, Mensch und Tiere hatten sich zur Ruhe begeben. Der Foerster
+allein war noch auf; die Zeitungen, die er diesen Abend erhalten hatte,
+lagen vor ihm. Sie sagten ihm, wie nahe die Gefahr eines feindlichen
+Einbruchs fuer das Grenzland war. Auch einen amtlichen Brief hatte er von
+seiner vorgesetzten Behoerde erhalten, den Befehl, zunaechst noch auf
+seiner Stelle zu verharren.
+
+"Zunaechst;" demnach konnte in Baelde die Anweisung kommen, den Forsthof
+zu verlassen. Darauf wollte er alles vorbereiten. Er ordnete Papiere und
+Wertsachen, um im Notfall alles Wichtige rasch bei der Hand zu haben,
+und dann schrieb er an seine Mutter. Sie stand ihm sehr nahe, hatte
+jedes Jahr in der Zeit seiner Vereinsamung die weite Reise von
+Sueddeutschland unternommen, um nach ihm und seinem mutterlosen Kleinen
+zu sehen. Bei ihr fragte er an, ob Frau und Kinder Zuflucht finden
+koennten, wenn sie die Heimat verlassen muessten und er selbst sich dem
+Vaterland zur Verfuegung stellen wuerde. Er hatte einst gedient und es war
+ihm selbstverstaendlich, dass er an dem grossen Kampf Teil nehmen wuerde,
+sobald ihn sein Amt im Forsthaus nicht mehr zurueck hielt.
+
+So sass er heute bis spaet in die Nacht hinein am Schreibtisch, waehrend
+seine Frau sorglos schlief. Er hatte ihr nichts mitgeteilt von seinen
+Vorbereitungen. Sie kam ihm so jung und zart vor, besass nicht die starke
+Natur, die er selbst von seiner Mutter geerbt hatte, schien so recht fuer
+Glueck und Sonnenschein geschaffen. Wie sie mit Schwerem zurecht kaeme,
+wie sie Leid und Entbehrungen ertragen wuerde, konnte er sich nicht
+vorstellen. So wollte er ihr keine Last auflegen, so lange er allein sie
+tragen konnte.
+
+Mitternacht war es geworden, aber nun lagen auch alle Briefe und
+Papiere geordnet und ueberschrieben vor ihm. Er hatte getan was geschehen
+konnte und griff nun nach dem Neuen Testament; denn es trieb ihn, eines
+von den Jesusworten zu lesen, die ihm oft schon Kraft gegeben hatten.
+"Nicht mein sondern dein Wille geschehe." Er versenkte sich in die
+Erzaehlung vom Kampf Jesu in Gethsemane.
+
+Ploetzlich wurde die Stille des Forsthofes gestoert durch das Bellen des
+Hofhunds. Stegemann horchte auf, hoerte nichts, was den Hund beunruhigt
+haben konnte. Aber das Bellen wurde lauter und auch die andern Hunde
+taten mit. Stegemann oeffnete das Fenster, schaute hinaus in die stille
+Sommernacht, ging dann hinunter in den umzaeunten Hof, rief die Hunde,
+die unwillig knurrten, zur Ruhe und lauschte. Jetzt unterschied auch
+sein Ohr das Geraeusch von sich naehernden schweren Tritten draussen auf
+der Landstrasse. Wer kam da bei Nacht? War es Freund oder Feind? Ihm
+ahnte nichts Gutes. Er eilte rasch ins Haus zurueck und nahm den Revolver
+zu sich. Auch den Knecht wollte er rufen; der war aber durch das Gebell
+schon wach geworden und trat mit der Laterne in der Hand zum Foerster.
+
+"Wenn's Russen sind, dann gnad uns Gott!" sagte der Knecht.
+
+"Mach die Kettenhunde los; sie lassen keinen ueber den Zaun."--
+
+Wuetend bellten die zwei grossen losgelassenen Hunde und liefen aufgeregt
+am Zaun hin und her. Von aussen am geschlossenen Hoftor ertoente die
+Glocke. Herr und Knecht sahen sich an. Wie aus einem Munde riefen sie:
+"Russen sind das nicht, die klingeln nicht, die schlagen mit dem Kolben
+an."
+
+Der Foerster trat naeher.
+
+"Wer ist draussen?" rief er. Und gut deutsch klang die Antwort:
+"Preussische Infanteristen mit einem Befehl an den Foerster."
+
+Noch ein paar Fragen und Antworten wurden zu groesserer Sicherheit
+gewechselt. Dann rief der Foerster dem Knecht zu: "Mach die Hunde fest."
+
+Erst als die aufgeregten Tiere angekettet waren, konnte man wagen, das
+Hoftor zu oeffnen und die Soldaten einzuladen, die draussen harrten. Eine
+Patrouille von fuenf Maennern war es, angefuehrt von einem jungen Leutnant.
+Statt der gefuerchteten Feinde unverhofft einen Trupp wackerer Feldgrauer
+auf dem einsamen Forsthof zu haben, das war ein Hochgefuehl, vor allem
+auch fuer die geaengstigte junge Frau, die wie auch Gebhard vom Laerm der
+Hunde erwacht war und mit dem Knaben am Fenster stehend den Vorgang im
+Hof beobachtet hatte.
+
+"Preussen sind's, Preussen!" rief Gebhard, der zuerst beim Laternenschein
+die Uniform erkannte.
+
+"Wirklich! Gott Lob und Dank," antwortete die Mutter und machte sich in
+fliegender Eile zurecht, um die unverhofften Gaeste zu begruessen und fuer
+sie zu sorgen. Aber noch ehe sie so weit war, suchte ihr Mann sie auf.
+
+"Ich komme schon," rief sie ihm eifrig entgegen, "wollen die Soldaten
+bei uns uebernachten? Soll ich Betten richten?"
+
+"Das nicht, sie halten nur kurze Rast; dann geht ihr Marsch weiter und
+ich, ich muss sie begleiten."
+
+"In der Nacht? Wohin?"
+
+"Das darf ich dir nicht sagen; es ist eine Vertrauenssache, ein geheimer
+Befehl, von dem auch nur der Offizier weiss."
+
+"Wie unheimlich, Rudolf! Wann kommst du wohl wieder?"
+
+"Vielleicht schon in ein paar Stunden.--Wenn du nur schnell helfen
+wolltest, Tee fuer die Leute zu machen. Die Soldaten haben schon Auftrag
+erhalten, den Herd zu heizen und Wasser aufzusetzen."
+
+"Die Soldaten heizen unsern Herd? Das muss ich sehen. Komm, Gebhard, geh'
+mit mir hinunter! Ich habe noch nie Soldaten kochen sehen. Mit fuenf
+Koechen, das muss ja schnell gehen!"
+
+Ja, nach zehn Minuten war der Tee auf dem Tisch und nach weiteren zehn
+Minuten war gegessen und getrunken, was eiligst aufgetragen worden; und
+die fuenf Mann bedankten sich bei der jungen, froehlichen Foerstersfrau.
+
+Der Foerster mit Flinte und Jagdhund sah aus, als wenn er auf die Jagd
+ginge. Im letzten Augenblick nahm er seine Frau beiseite: "Behalte
+Knecht und Magd bei dir, stelle dich aengstlich, rufe sie herein, lass sie
+Tee trinken. Ich will nicht, dass uns jemand folgt. Kein Mensch soll
+wissen, in welcher Richtung wir gehen."
+
+Er gab rasch seiner jungen Frau einen Abschiedskuss--das war nichts
+besonderes; aber dass er im Vorbeigehen auch Gebhard einen Kuss gab, das
+kam dem Kind sehr verwunderlich vor, denn Zaertlichkeiten waren zwischen
+Vater und Sohn nicht ueblich.--
+
+"Wegen ein paar Stunden Trennung kuesst man sich doch nicht?" sagte sich
+Gebhard und war sehr nachdenklich, waehrend er in sein Schlafzimmer ging,
+um sich wieder zu legen. Zum erstenmal waren Soldaten ins Haus gekommen;
+der Offizier hatte mit dem Vater Kriegsgeheimnisse besprochen, die kein
+anderer Mensch erfahren durfte. Ein wenig unheimlich war die Sache, aber
+doch sehr spannend. Heute Nacht war der Krieg ins eigene Haus gedrungen,
+jetzt erst fing er so recht an fuer Gebhard.
+
+Und die junge Mutter konnte, nachdem sie Knecht und Magd entlassen,
+lange nicht wieder den Schlaf finden. An der Seite ihres Mannes hatte
+sie noch nie den Krieg gefuerchtet; aber ohne ihn ueberkam sie eine grosse
+Angst. Es war so finster, so still und schwuel. Vielleicht konnte sie
+besser schlafen, wenn sie die Tuere aufmachte ins Nebenzimmer, zu
+Gebhard. Sie tat es leise, um ihn nicht zu wecken, und freute sich doch,
+als sie bemerkte, dass er noch nicht schlief.
+
+"Bist du es, Mutter?" rief er und richtete sich ganz munter auf.
+
+"Ja, es ist so schwuel; ich will die Tuere ein wenig offen lassen."
+
+"Das ist nett, dann koennen wir plaudern. Ich moechte so gerne erraten,
+warum der Vater mit den Soldaten gegangen ist. Aber vielleicht ist es
+besser, wenn wir es nicht erraten; weil es doch ein Kriegsgeheimnis ist.
+Nur der Vater darf es wissen; er muss stolz darauf sein. Ich waere auch
+stolz darauf und wuerde das Kriegsgeheimnis niemand verraten; ausser
+vielleicht dir, Mutter. Oder darf ich's auch dir nicht verraten?"
+
+"Du weisst es ja gar nicht, Gebhard," sagte die Mutter und lachte
+froehlich. Die Luft kam ihr schon nicht mehr schwuel vor; und bald
+schliefen Mutter und Sohn ebenso ruhig wie das Kindchen im Korbwagen und
+ahnten so wenig wie dieses, dass sie zum letzten Mal im Forsthaus
+schliefen.
+
+Am Morgen des folgenden Tages kam, angestrengt von langem, eiligem
+Marsch, Stegemann zurueck. Nach der schlaflosen Nacht sollte er sich mit
+einem guten Fruehstueck staerken und die verlorene Nachtruhe nachholen, das
+war der Wunsch seiner jungen Frau; ungesaeumt wollte sie fuer seine
+Bewirtung sorgen. Er aber hielt sie zurueck: "Das ist jetzt Nebensache,"
+sagte er eilig, "wir haben viel Wichtigeres zu tun. Leutnant N. riet mir
+dringend, heute noch mit Frau und Kind und, soweit moeglich, mit Hab und
+Gut abzuziehen. Erschrick nicht so, Liebste, die Strasse ist noch frei
+von Feinden; aber wir wollen auch gar keine Zeit verlieren. Jetzt gilt
+es aufpacken, was das Noetigste und Wertvollste ist, um so schnell es nur
+irgend geht, an die Bahn zu kommen. Ich sage gleich den Leuten, sie
+sollen helfen, auch sie muessen fliehen. Es kann sein, dass die Russen der
+Spur der Patrouille folgen, die heute nacht hier war. Nun, Gebhard,
+hilf der Mutter!"
+
+In wenigen Minuten war der stille Forsthof erfuellt von laermendem,
+hastigem Treiben. Der Knecht fuhr den Wagen vor und lud auf, was ihm
+zugereicht wurde: Betten, Kleider, Waesche, auch allerlei Vorraete aus
+Kueche und Kammer. Gebhard lief aus und ein, fast froehlich in der
+eifrigen Taetigkeit. Knecht und Magd trugen ihre Buendel herbei.
+
+Keine halbe Stunde war verflossen; da suchte der Foerster seine Frau auf,
+die an ihrem Waescheschrank stand und trieb zur Abfahrt: "Es ist genug,
+lass alles andere, wir fahren!"
+
+Ganz erstaunt schaute sie auf: "Dass du so aengstlich bist! Auf eine
+Viertelstunde kommt es doch nicht an; die kleine Aussteuer vom
+Juengferlein--" sie unterbrach sich: "Horch!" Die Hunde bellten, der
+Foerster eilte ans Fenster. Er wandte sich sofort wieder zurueck: "Es ist
+schon zu spaet," sagte er, "die Russen kommen!"
+
+Er sprach ruhig; aber sein Gesicht verlor alle Farbe. Auch seine Frau
+trat ans Fenster und fuhr erschreckt zurueck: "Um Gottes willen, was
+sollen wir tun?" rief sie in Todesangst.
+
+"Geh da hinein und schliesse dich ein!" rief ihr Mann. Er fasste sie
+schnell, drueckte sie an sein Herz, kuesste sie stuermisch und fuehrte sie in
+das Schlafzimmer zu ihrer Kleinen.
+
+"Gott behuete euch," rief er, "schliesse zu!"
+
+Sie schob den Riegel vor.
+
+In diesem Augenblick kam Gebhard atemlos: "Vater, russische Reiter sind
+im Hof, sie fragen nach dem Foerster. Was wollen sie denn von dir?"
+
+Herr Stegemann zog sein Kind leidenschaftlich an sich: "Sie wollen
+vielleicht wissen, wohin unsere Soldaten heute nacht gegangen sind."
+
+"Aber das darfst du ihnen doch nicht sagen?"
+
+"Nein."
+
+"Was wird dann, Vater?"
+
+"Was Gott will."
+
+Der Anfuehrer der russischen Truppe, die aus etwa 15 Mann bestand, trat
+in das Zimmer, den Revolver in der Hand; einige seiner Leute folgten,
+andere hielten Wacht an der Tuere. Es kam, wie der Foerster vorausgesehen.
+Der russische Offizier wollte wissen, wohin die deutsche Patrouille,
+deren Spur sie gefunden hatten, gezogen sei. Offenbar war seine Absicht,
+ihr zu folgen, sie abzufangen, ehe sie ihren Zweck erfuellen und ueber
+ihre Erkundung den Deutschen Nachricht geben konnte. Ein polnischer
+Waldarbeiter hatte ihm verraten, dass der Foerster die Patrouille gefuehrt
+hatte. Und nun sollte er die Feinde fuehren, die zu Pferd die deutschen
+Fussgaenger leicht einholen wuerden.
+
+Der Foerster, die Rechte auf den Tisch gestuetzt, hoerte die Forderung.
+Fest klang seine Antwort: "Sucht sie selbst. Ihr koennt vom deutschen
+Mann nicht verlangen, dass er die Deutschen verrate."
+
+Neben dem Vater stand Gebhard mit gluehenden Wangen. Wie ein Held
+erschien ihm der Vater, da er dem russischen Offizier kurz und fest den
+Dienst verweigerte.
+
+Der Russe aber lachte hoehnisch, im Gefuehl der Uebermacht: "Sie sind ein
+Tor. Wollen Sie nicht, so sind Sie mit Weib und Kind in 5 Minuten
+niedergemacht."
+
+Tief aufatmend antwortete der Foerster: "Ich werde nicht zum Verraeter."
+Dem Offizier stieg der Zorn auf, aber ihm lag daran, einen willigen
+Fuehrer zu gewinnen, so bezwang er sich. "Nehmen Sie Vernunft an," sagte
+er. "Sie entschuldigt die Not. Sie sind machtlos in unseren Haenden.
+Entschliessen Sie sich rasch, dass uns die kostbare Zeit nicht verloren
+geht. Dann sollen Sie, auf Offiziersehre, unversehrt zurueckkehren,
+sobald wir die Deutschen erreicht und noch ehe sie Sie gesehen haben.
+Weib und Kind koennen Sie in Sicherheit bringen, Ihr Hab und Gut soll
+unberuehrt bleiben."
+
+Der Foerster schwieg.
+
+"Vater, tu's nicht!" rief Gebhard leidenschaftlich. Der Offizier wandte
+sich heftig gegen den Knaben, packte ihn, schob ihn beiseite und rief:
+"Der soll der erste sein, der vor Ihren Augen erstochen wird, wenn Sie
+nicht augenblicklich folgen."--"Haltet den Buben!" befahl er den
+Soldaten. Die ergriffen Gebhard mit rauher Hand. Wuetend setzte er sich
+zur Wehr; doch sie packten ihn so fest, dass er kein Glied mehr ruehren
+konnte; aber das konnten sie nicht hindern, dass er immer lauter rief:
+"Vater, tu's nicht!"
+
+Der Foerster biss die Zaehne aufeinander; noch schien er unentschlossen.
+Aber in diesem Augenblick wurde der Tuerriegel des Nebenzimmers
+zurueckgeschoben und unter der halbgeoeffneten Tuere erschien seine Frau.
+Ihr junges, rosiges Gesicht war totenblass; sie hatte gehoert, was die
+Maenner verhandelten und wusste, dass ihr Leben und das von Mann und
+Kindern auf dem Spiel stand. Bebend vor Angst wagte sie nicht, die
+Schwelle zu ueberschreiten, hielt die Tuerklinke in der Hand und rief
+ihrem Mann flehend zu: "Ich bitte dich um Gottes Willen, rette uns, o
+denke an die Kinder!"
+
+Der Russe nahm seinen Vorteil wahr. Er gruesste die Dame des Hauses: "Ja,
+gnaedige Frau, sprechen Sie Ihrem Gemahl zu. Geht er mit uns, so moegen
+Sie unbehelligt von hier fliehen, und Ihr Mann wird in kurzer Zeit
+nachfolgen, auf Offiziersehre. Tut er es nicht, so gebe ich Sie meinen
+Soldaten preis."
+
+Schaudernd zog sich die geaengstigte Frau vor den Blicken der rohen
+Soldaten zurueck.
+
+"Ich gehe!" laut und fest sagte es der Foerster und wandte sich der Tuere
+zu.
+
+"Vater, tu's nicht!" Noch einmal kam der Ruf von Gebhard, der noch immer
+umklammert war von harten Soldatenfaeusten.
+
+Der Vater wandte sich an den Offizier: "Lassen Sie mein Kind frei, nach
+Ihrem Ehrenwort."
+
+Ein Wink des Offiziers und die Soldaten liessen den Knaben los; aber sie
+draengten sich zwischen ihn und den Foerster und liessen die beiden nicht
+zueinander kommen. Nur konnten sie nicht verhindern, dass ein letzter
+Blick vom Vater zum Sohn ging, ein Blick voll Liebe und Stolz.
+
+"Vorwaerts!" befahl der Offizier.
+
+Sie verliessen das Zimmer; Gebhard rannte nach der Schlafzimmertuere, die
+wieder verriegelt war. "Mach auf, Mutter, sie sind fort!" und ausser sich
+vor Zorn und Jammer rief er. "Der Vater ist doch mit ihnen gegangen!
+Jetzt muss er die Deutschen verraten!"
+
+Helene war erschuettert durch die Verzweiflung des Knaben. Sie versuchte
+ihn zu troesten, zog ihn in muetterlicher Zaertlichkeit an sich: "Der Vater
+kommt morgen schon zurueck, der Offizier hat's auf Ehre versprochen.
+Sieh, wenn er nicht nachgegeben haette, waeren wir alle umgebracht worden.
+Er hat mitgehen muessen, er hat doch nicht anders gekonnt!"
+
+"Aber der Vater darf doch die Deutschen nicht verraten," schluchzte das
+Kind.
+
+"Denke nicht mehr _daran_. Denke, dass wir jetzt alle grausam misshandelt
+und getoetet wuerden. Gott Lob, dass der Vater uns davor behuetet hat."
+
+Gebhard konnte sich nicht fassen, zornig stampfte er und rief: "Der
+Vater darf doch kein Verraeter sein!"
+
+Die Mutter sah den Knaben starr an: "Hast du kein Herz fuer den Vater,
+fuer mich und fuer unsere Kleine? Wolltest du, wir waeren grausam
+hingemetzelt, du und wir alle?"
+
+Heftig antwortete Gebhard: "Ja, ja, viel lieber moechte ich das."
+
+Der Mutter graute. Sie konnte das Kind nicht verstehen, und war im
+tiefsten Herzen gekraenkt durch seine Antwort. Aber weiter mit ihm zu
+reden war nicht moeglich; denn unter der Tuere erschien die Magd,
+schreckensbleich mit verweinten Augen: "Der Knecht sagt, wir muessen
+eilen, dass wir fortkommen, der Herr hat's ihm noch zugerufen. Unser
+armer, armer Herr, sie haben ihn fortgefuehrt! Auf einem Russenpferd,
+mitten unter den Feinden ganz allein! Und er hat sich noch so tapfer
+umgeschaut, so todesmutig ist er davon geritten! Der arme Herr, was
+werden sie mit ihm tun?"
+
+Helene hatte auf den Lippen zu sagen: "Es geschieht ihm nichts, morgen
+wird er uns nachkommen;" aber sie unterdrueckte die Worte. Die Leute
+durften nicht wissen, dass der Herr sich bereit erklaert hatte, mit den
+Feinden zu gehen. Schwer fiel ihr auf die Seele: Kein Deutscher durfte
+das je erfahren. Es war ja Verrat, was ihr Mann beging. Ihr zuliebe tat
+er's; nicht aus Angst ums eigene Leben, der tapfere, treue Mann! Wie
+wollte sie ihm das danken ihr Leben lang!
+
+Die Magd mahnte noch einmal zur Eile. "Was ist noch aufzuladen?" Hastig
+griff Helene nach diesem und jenem, beladen eilte die Magd die Treppe
+hinunter, rief Gebhard zur Hilfe; wie im Traum nahm er, was ihm
+hingereicht wurde. Die Mutter aber suchte in Eile nach einem Blatt
+Papier, sie musste ihm noch ein Wort schreiben, das sollte er finden,
+wenn er in sein veroedetes Haus zurueckkaeme, mit einer schweren Last auf
+dem Gewissen, einer Last, die er ihr zuliebe durchs ganze Leben tragen
+musste. In fliegender Eile schrieb sie mit zitternder Hand: "Komm bald zu
+mir, herzliebster Schatz, hab tausendmal Dank, dass Du uns das Leben
+gerettet hast!" Mitten auf den Tisch legte sie das Blatt, dann noch
+daneben, was ihn staerken sollte, Brot und eine Flasche Wein. Wieder kam
+die Magd unter die Tuere: "Jetzt ist angespannt."
+
+"Ich komme!" Sie nahm ihr Kindchen, das liebevoll eingehuellte. Die Magd
+bemerkte Brot und Wein, wollte beides mitnehmen. Helene liess sie nicht
+an den Tisch. "Das bleibt!" rief sie.
+
+"Kein Wunder, dass die arme, junge Frau ganz verwirrt ist," dachte das
+Maedchen.
+
+Im Hof war alles zur Flucht bereit. Die Hunde sprangen um den Wagen. Sie
+sollten mitlaufen bis zum Haus des Strassenwaerters, meinte der Knecht,
+der solle sie aufnehmen. "Aber Leo gebe ich nicht her, den nehme ich
+mit!" erklaerte Gebhard. Der Knecht machte Einwendungen. Unmoeglich sei
+das auf der langen Reise, bei den ueberfuellten Zuegen. Ein Unverstand waere
+es. Die Mutter sah ein, dass er recht hatte, aber sie wusste auch, was es
+fuer Gebhard bedeutete, sich von seinem Leo zu trennen. Der Vater hatte
+ihm vor Jahresfrist das junge Tier geschenkt; ihm gelehrt, es zu
+behandeln; zu einem folgsamen, anhaenglichen Kameraden war es
+herangewachsen und von seinem kleinen Herrn unzertrennlich gewesen. Auch
+jetzt standen sie dicht beisammen, Gebhard und sein Hund, sahen sich an
+und das kluge Tier schien zu merken, dass ueber sein Schicksal entschieden
+wurde. Ein ungewohntes, kurzes Bellen gab es von sich.
+
+Die Mutter wandte sich an den Knecht. "Wir wollen es doch versuchen, ob
+wir Leo mitnehmen koennen!"
+
+"O ja, bitte, Mutter!"
+
+Der Wagen setzte sich in Bewegung. Das Toechterlein auf der Mutter Schoss,
+weich gebettet, schlief sanft ein. Gebhard sass der Mutter gegenueber. Sie
+hielten bald bei dem Strassenwaerter, dann ging die Fahrt weiter, der Bahn
+zu. Laengs der Strasse zog sich der Wald hin, aus dem jeden Augenblick die
+Feinde auftauchen und die Wehrlosen ueberfallen konnten. Und in den
+Haenden dieser Feinde war der geliebte Mann, der treue Vater.
+
+"Gebhard," sagte die Mutter leise, dass es der Knecht auf dem Bock nicht
+hoere, "Gebhard, du hast doch auch gehoert, dass der russische Offizier
+gesagt hat: 'auf Offiziersehre.'"
+
+"Ja. Zweimal hat er das gesagt."
+
+"Solch ein Schwur wird doch sicher auch im Krieg gehalten," sagte Helene
+und fuegte bei: "Also kommt der Vater sicher morgen oder spaetestens
+uebermorgen. Wenn es nur schon morgen waere!"
+
+Gebhard wandte sich ab und sagte kein Wort darauf. Mit fest
+geschlossenem Mund sah er durchs Fenster.
+
+Die Stille bedrueckte die Mutter. Sie redete ihn nach einer Weile wieder
+an: "Warum bist du so still, Gebhard? Hast du Angst, dass die Russen aus
+dem Wald kommen? Wir sind jetzt schon nahe der Station, hier ist's nicht
+mehr so gefaehrlich."
+
+"Ich habe keine Angst."
+
+"Hast du Heimweh nach dem Forsthof? Nach dem Frieden kommen wir alle
+wieder zurueck."
+
+Aber Gebhard schwieg und die Mutter sah wohl, dass er kaempfte, die
+Traenen zurueckzuhalten, die ihm in die Augen kamen.
+
+Sie streckte die Hand nach ihm aus. "Komm, setze dich neben mich,
+Gebhard; komm her zu mir, sage mir, was dir so traurig ist. Der Vater
+kommt uns doch morgen nach."
+
+Nun kam es unter lautem Schluchzen bebend heraus: "Ich kann mich ja
+nicht auf den Vater freuen. Ich kann jetzt doch den Vater nie mehr lieb
+haben und habe ihn doch so lieb!"
+
+Helene erschrak in tiefster Seele. Sie selbst war so voll Liebe und
+Sehnsucht nach ihrem Mann, sie hatte das innigste Verlangen nach ihm und
+Gebhard, sein geliebter Bub, sprach solche Worte!
+
+"Wie darfst du so reden, Gebhard," rief sie erregt, "wo er doch alles
+nur uns zuliebe getan hat. Er konnte ja auch gar nicht anders!"
+
+"Doch, Mutter, weisst du nicht mehr? Zuerst hat er ganz fest nein gesagt;
+aber dann hast du die Tuere aufgemacht und hast gerufen 'rette uns'. Dann
+hat dich der Vater angesehen. O haettest du doch die Tuere nicht
+aufgemacht, dann waere der Vater kein Verraeter!"
+
+Die Mutter erblasste und liess seine Hand los. Nach einer kleinen Weile
+sagte sie in einem ernsten, fremden Ton: "Wenn der Vater zurueckkommt, so
+sage so etwas nie zu ihm, sonst machst du ihn ganz ungluecklich. Nie
+sollst du zu irgend jemand wieder so reden!" Dann wandte sie sich ab und
+er fuehlte, dass es ihr jetzt lieb waere, wenn er nicht neben ihr saesse,
+ging auf seinen ersten Platz zurueck und dachte: "Die Mutter kann mich
+jetzt nicht mehr lieben und ich kann den Vater nicht mehr lieb haben,
+alles, was schoen war, ist vorueber." Er sass wieder an seinem
+Fensterplatz, Wald war nicht mehr zu sehen, unbekanntes Land, alles,
+alles anders.
+
+Eine Stunde darnach langten sie an der Station an, waren bald im aergsten
+Gewuehl, hatten aber noch die Hilfe von Knecht und Magd, die erst spaeter
+in anderer Richtung abfahren konnten. Am Schalter draengten sich die
+Leute. Helene verlangte Karten fuer sich und Gebhard. "Und eine
+Hundekarte."
+
+"Das gibt's jetzt nicht."
+
+"Darf er mit in den Personenwagen?"
+
+"Keine Rede. Wir sind froh, wenn wir die Menschen unterbringen. Weiter!"
+
+Helene wurde von den Nachdraengenden ungeduldig weggeschoben.
+
+Was war nun zu tun mit Leo? Der Knecht troestete Gebhard, versprach ihm,
+den Hund gut unterzubringen. Und Gebhard sah ein, dass es nicht anders
+sein konnte; die Reisenden umdraengten Mutter und Kinder, im Strom wurden
+sie fortgeschoben, keine Zeit zum Abschiednehmen von den treuen
+Dienstboten, auch nicht von dem geliebten Hund. Ein Winseln hoerte
+Gebhard noch--er wusste, das galt ihm.
+
+Eingepfercht in den Wagen sassen unsere Fluechtlinge, mit Muehe hatten sie
+noch Sitzplaetze erlangt. Immer mehr Reisende draengten herein. Gebhard
+sah durchs Fenster in das Gewuehl. Endlich leerte sich der Bahnsteig,
+das Zeichen zur Abfahrt wurde gegeben und eben in diesem Augenblick sah
+Gebhard ploetzlich noch einmal seinen Leo auftauchen. Er hatte sich von
+der Hand des Knechts losgerissen, raste auf den Wagen zu, aus dem
+Gebhard sah, sprang blitzschnell auf und ueber alle Hindernisse hinweg
+zwischen scheltenden Menschen hindurch bis in das Abteil, wo er sich
+sofort unter den Sitz seines kleinen Herrn duckte und so fuer sich selbst
+die Frage loeste, ob Hunde mitfahren duerften.
+
+Gebhard war so ausser sich vor Freude, dass auch Helene, die zuerst ueber
+den Eindringling erschrocken war, freundlich dem Tier zunickte, das ihr
+gegenueber unter dem Sitz aengstlich hervorsah, nicht ganz sicher, ob es
+geduldet wuerde. Allerdings versuchte auch ein Herr Einsprache zu
+erheben. "Es gehoert sich nicht, dass solch ein grosser Hund in den Wagen
+genommen wird." Aber ein aelterer Mann ergriff Partei fuer das Tier oder
+mehr noch fuer die Familie.
+
+"Freilich gehoert sich's nicht," bemerkte er, "aber es gehoert sich auch
+nicht, dass so ein junges Frauchen mit dem kleinen Kind fluechten muss. Und
+um eine Flucht wird sich's wohl handeln. Nach Vergnuegungsreisenden sehen
+sie nicht aus. Habe ich's erraten?"
+
+Helene konnte nur gegen Traenen ankaempfend mit unsicherer Stimme bejahen.
+
+"Nun also; dann wird Ihnen auch niemand den Hund absprechen; so ein
+treues Tier ist auch ein Schutz."
+
+So blieb der Hund unbeanstandet und bewaehrte sich auf der Fahrt als
+kluges Tier. "Hast du bemerkt, Mutter, wie Leo so schlau ist und sich
+still haelt, wenn der Schaffner hereinkommt?" fragte Gebhard.
+
+Nein, Helene hatte das nicht beachtet. Sie sass in schwere Gedanken
+versunken. Zuerst hatte nur die Sorge sie bedrueckt, ob auch gewiss der
+geliebte Mann morgen zurueckkaeme. Allmaehlich aber legte sich ihr schwer
+aufs Herz der Gedanke, dass er wohl zurueckkommen koennte, aber mit einer
+Schuld auf dem Gewissen, die nie, nie mehr zu tilgen war. Wenn schon
+Gebhard diesen Verrat so tief empfand, wieviel mehr sein Vater! Und dazu
+hatte _sie_ ihn veranlasst! Sein ganzes Leben hatte sie verdorben!
+
+Und nun kamen noch andere schwere Ueberlegungen. Sie konnte sich nicht
+entschliessen--wie es ihres Mannes Wunsch gewesen--zu seiner Mutter zu
+gehen. Diese war eine tapfere aber auch strenge Frau. Helene fuehlte
+nicht den Mut, ihr zu erzaehlen, was vorgefallen war, und es kam ihr
+unmoeglich vor, ihr unter die Augen zu treten. So ueberlegte sie und
+beschloss, bei ihrem Bruder Zuflucht zu suchen. Er und seine Frau hatten
+sich schon bei Kriegsausbruch freundlich erboten, Helene mit dem
+Toechterchen aufzunehmen. Damals hatte sie sich nicht von ihrem Manne
+trennen wollen. Jetzt war es anders. Sie wollte dorthin, aber wohin
+wuerde ihr Mann sich wenden?
+
+In diesen Gedanken hatte Gebhards Frage sie unterbrochen. Nun sah er die
+Mutter aufmerksam an und seinem teilnehmenden Blick fiel auf, wie
+veraendert sie aussah. Sie hatte doch immer so helle Augen gehabt und
+einen froehlichen Mund. Nun waren die Augen truebe und der Mund zuckte wie
+von verhaltenem Schmerz. Gebhard dachte an seinen Vater. Wenn der jetzt
+erschiene, ja dann wuerde die Mutter wieder so strahlend aussehen wie
+sonst. Gerne haette er das auch so zustande gebracht wie der Vater, aber
+das konnte er nicht; im Gegenteil: dass sie so veraendert aussah, war wohl
+seine Schuld; seit dem Gespraech im Wagen war sie so still. Er haette
+vielleicht das nicht sagen sollen, was er gesagt hatte. Was konnte er
+aber jetzt machen? Lauter fremde Leute sassen herum, man konnte gar
+nichts Liebes zu der Mutter sagen. Eine ganze Weile blieb er still und
+nachdenklich, aber auf einmal kam ihm, was er suchte. "Mutter, unser
+Juengferlein schlaeft so sanft, sieh nur, wie rosig ihre Baeckchen sind!"
+
+Die Mutter blickte auf das Kind, streichelte die weichen Baeckchen, aber
+dabei fuellten sich ihre Augen mit Traenen.
+
+Auch das Juengferlein konnte die Freude nicht hervorlocken? Ja, dann
+wusste Gebhard keinen Rat. Es ging eben nicht ohne den Vater!
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+
+Im Verlauf der langen, muehseligen Reise erfuhr Gebhard, dass nicht der
+Grossmutter Haus das Reiseziel sein sollte; in der Mutter Heimat, bei
+Onkel und Tante Kurz, sollten sie ihre Zuflucht suchen. Es war eine
+Enttaeuschung fuer ihn; die Grossmutter kannte und liebte er, die
+Verwandten der Mutter waren ihm fremd. Helene suchte ihm Lust zu machen.
+"Onkel und Tante haben uns laengst eingeladen; sie koennen uns viel
+leichter aufnehmen als die Grossmutter; sie haben ein eigenes Landhaus
+vor der Stadt, mit einem Garten; du wirst sehen, dass wir's gut bei ihnen
+haben."
+
+"Aber wenn der Vater zurueckkommt, der wird uns bei der Grossmutter
+suchen!"
+
+"Wir schreiben der Grossmutter, wo wir sind!"
+
+"Kommt dann der Vater zu uns, weiss er, wo das ist?"
+
+"Aber freilich weiss er das, Gebhard. Bei meinem Bruder und seiner Frau
+war ja unsere Hochzeit, dort hat mich der Vater geholt, weil ich keine
+Eltern mehr habe. Mein Bruder hat mich auch so lieb, weisst du, fast wie
+wenn ich sein Kind waere. Er ist viel aelter als ich." Gebhard ueberlegte.
+"Ja, dann kann ich das schon begreifen, dass du zu ihm moechtest."
+
+Seufzend ergab er sich.
+
+Nach manchem unfreiwilligen Aufenthalt und schier unertraeglicher Fahrt
+kam Helene mit den beiden Kindern am spaeten Abend an ihrem
+Bestimmungsort an. Wohl hatte sie ihr Kommen angekuendigt, aber Tag und
+Stunde voraus anzugeben, war in dieser Zeit unmoeglich. So stand sie nun
+in dunkler Nacht, mit den uebermuedeten Kindern, mit dem Hund und vielem
+Gepaeck auf dem Bahnsteig, und wusste nicht, wie sie nun bis in ihres
+Bruders Haus kommen sollte. Alles an dem Bahnhof hatte ein anderes
+Aussehen als frueher. Befremdet sah Helene um sich. Sie hatte nicht
+gedacht, dass auch auf dem Bahnhof dieser kleineren Stadt die Kriegszeit
+sich so bemerklich machte. An ihr vorbei eilte eine weibliche Gestalt in
+grosser, weisser Schuerze, am Aermel mit dem Roten Kreuz gezeichnet. Einen
+Eimer heissen Tee am Arm ging sie von Wagen zu Wagen und bot den
+durchreisenden Soldaten die Labung an. Einer derselben, ein
+Landwehrmann, lehnte dankend ab. "Wir haben erst in der vorigen Station
+Tee bekommen, aber wenn Sie sich um die junge Frau mit den Kindern da
+drueben annehmen wollten, die haben mich schon lang gedauert, sie sind
+aus ihrer Heimat vertrieben!"
+
+Die Helferin wandte sich nach der bezeichneten Stelle, sah die hilflose
+Gruppe und ging sofort darauf zu. "Reihen Sie noch weiter, kann ich
+Ihnen helfen?" frug sie Helene. Aber als sie dicht voreinander standen,
+erkannten sich die beiden Frauen. Sie waren einst zusammen in die Schule
+gegangen.
+
+"Ich habe dich gar nicht gleich erkannt, Helene; ist das dein Kindchen?
+Hast du allein reisen muessen? Dein Mann ist wohl einberufen? Du Aermste,
+du siehst so angegriffen aus. Wirst du nicht abgeholt? Nein? Warte nur
+ein klein wenig, ich helfe dir. Sieh, dort ist eine Bank, setzt euch
+einstweilen!" Sie eilte wieder an den Zug, da und dort wurde sie
+angerufen und um Tee gebeten.
+
+Ein blutjunger Freiwilliger reichte eine Postkarte heraus, bat, man
+moechte ihm die Liebe erweisen, sie einzuwerfen, weil seine Mutter sich
+gar so sehr um ihn sorge. So war sie voller Taetigkeit, bis der Zug
+wieder davon fuhr. Dann aber eilte sie zu der kleinen Gruppe mueder
+Menschen, die auf sie harrten, und es gelang ihr, einen Wagen fuer sie
+aufzutreiben und sie samt Gepaeck und Hund gluecklich darin
+unterzubringen. "Zu Fabrikant Kurz," lautete die Anweisung fuer den
+Kutscher.
+
+Die Fahrt ging durch dunkle Strassen, denn an den Laternen wurde gespart
+in dieser Kriegszeit. Fast Mitternacht war es, bis sie am Haus hielten,
+aber doch war ein Fenster noch erleuchtet und wurde bei dem Anfahren des
+Wagens geoeffnet. "Wer kommt?" rief eine Stimme von oben. "Wir sind's,
+Bruder!"
+
+Einen Augenblick spaeter wurde die Haustuere geoeffnet und der Bruder,
+Fabrikant Kurz, hiess seine naechtlichen Gaeste willkommen. "Verzeih, dass
+wir euch so spaet bei Nacht ins Haus fallen," sagte Helene, "es liess sich
+nicht aendern."
+
+"Es ist fuer mich nicht spaet, ich habe jetzt oft bis in die Nacht hinein
+zu arbeiten. Aber gehoert denn der Hund auch zu euch? Den habt ihr mit
+hieher gebracht?" Missfaellig betrachtete er Leo, der sich an Gebhard
+draengte.
+
+"Es ist Gebhards Liebling, sie sind so anhaenglich aneinander!" Herr Kurz
+beachtete jetzt erst seinen kleinen Neffen.
+
+"Das ist also Gebhard? Wir waren eigentlich der Meinung, er kaeme zu
+seiner Grossmutter; aber kommt nur herauf, es sind zwei Gastzimmer
+gerichtet. Was ist mit deinem Mann, ist er einberufen?"
+
+"Nein; er wird bald nachkommen."
+
+"Warum hat er dich nicht auf der langen Reise begleitet? Muss er noch im
+Forsthaus bleiben?"
+
+Helene zoegerte mit der Antwort. "Ich erzaehle dir das morgen. Wir sind so
+muede, wenn wir uns vielleicht gleich legen duerften!"
+
+"Ihr muesst doch vorher essen!"
+
+"Danke, wir bekamen unterwegs was wir brauchten, nur Ruhe moechten wir."
+
+Der Hausherr hatte dem Stubenmaedchen geklingelt, das erschien nun um an
+Stelle der Hausfrau, die nicht gestoert werden sollte, fuer die Gaeste zu
+sorgen.
+
+Ein schoenes Gastzimmer mit allen Bequemlichkeiten war fuer Helene
+gerichtet, auch ein Kinderwagen stand bereit. Geruehrt dankte sie dem
+Bruder fuer diese Fuersorge. Die Kleine, die schlafend angekommen war,
+erwachte jetzt und fing kraeftig an zu schreien. Der Hausherr, der selbst
+keine Kinder hatte, sah ratlos auf das kleine, ungebaerdige Wesen, befahl
+dem Maedchen alles weitere zu besorgen und wuenschte der Schwester gute
+Nacht. Gebhard nahm er mit sich, Leo folgte. "Wenn nur der Hund die
+Nachtruhe nicht stoert!" sagte der Onkel, waehrend sie die Treppe hinauf
+gingen.
+
+"Vor meiner Tuer wird er gewiss ruhig liegen bleiben," versicherte
+Gebhard.
+
+"Das wird sich zeigen. Wenn Hunde in fremde Umgebung kommen, heulen sie
+oft. Mich wundert, dass dir dein Vater erlaubt hat ihn mitzunehmen!"
+
+"Der Vater war gar nicht da, als wir abgereist sind." Gebhard hatte das
+kaum gesagt, so merkte er, dass er besser darueber geschwiegen haette.
+
+"Wo ist denn dein Vater?" Was sollte Gebhard darauf antworten? Er wusste
+es nicht.
+
+"Ich meine wo dein Vater war, als ihr fluechten musstet? Blieb er im
+Forsthaus zurueck?"
+
+"Nein." Die sichtliche Verlegenheit des Knaben fiel dem Manne auf. Es
+musste etwas geschehen sein, was Mutter und Sohn nicht gern sagten.
+
+Er wollte nicht weiter in das Kind dringen. Im oberen Stock des Hauses
+war ein zweites Gastzimmer bereitet, fein und vornehm war auch hier die
+Einrichtung. "Kommst du allein zurecht?" fragte der Onkel, "oder soll
+ich dir das Stubenmaedchen heraufschicken?"
+
+"Nein danke, ich kann alles allein machen. Aber bitte, Onkel, wenn ich
+Leo eine Strohmatte oder eine Decke vor meine Tuer legen duerfte; er
+versteht dann, dass er da hingehoert."
+
+Es fand sich eine Matte und der Hund nahm verstaendig seinen Platz ein.
+Onkel und Neffe wuenschten sich gute Nacht. Gebhard lag bald in dem
+feinen Gastbett. Aber unter dem fremden Dach in dem einsamen
+Schlafgemach ueberfiel ihn ein bitteres Heimweh und trotz aller Muedigkeit
+konnte er nicht einschlafen. So weit, weit weg war er vom Forsthaus! Und
+der Vater, wo war der? Der Vater, von dem man jetzt gar nicht reden
+konnte, waehrend man frueher so stolz auf ihn war! Dem kleinen Burschen
+war zumute, wie wenn ihm der Boden unter den Fuessen wankte, da mit der
+Heimat zugleich die klaren Verhaeltnisse der gluecklichen Kinderzeit
+schwanden, in denen er festgewurzelt war.
+
+Wenn wenigstens die Mutter nebenan schliefe oder etwas von der Kleinen
+zu hoeren waere, aber gar so einsam war es hier oben! Lange wehrte sich
+Gebhard als tapferer, kleiner Mann gegen die Traenen; endlich kamen sie
+doch, das Schluchzen liess sich nicht mehr unterdruecken und schuettelte
+seinen Koerper.
+
+Mitten in der naechtlichen Stille wurde ein Laut hoerbar. Gebhard setzte
+sich auf, lauschte und vernahm ein leises Winseln vor der Tuere. Sicher
+hatte das wachsame Tier seines kleinen Herrn Schluchzen vernommen und
+war beunruhigt. Oder hatte es selbst Heimweh? Noch einmal derselbe
+ungewohnte Laut. Es klang so traurig! Da musste Gebhard troesten. Er
+tastete sich in der Finsternis an die Tuere und hatte kaum einen Spalt
+geoeffnet, so zwaengte sich der Hund herein und draengte sich mit freudigem
+Bellen an seinen Herrn.
+
+"Still, still!" mahnte Gebhard und das gut gezogene Tier verstummte
+sofort, aber es wedelte und bezeugte seine groesste Freude. "Ja, ja, du
+darfst hier bleiben," fluesterte Gebhard, "du hast Heimweh; komm her!" Er
+holte leise die Matte herein und legte sie neben sein Bett. "So, dann
+sind wir beisammen, ganz nahe. Leg dich!"
+
+Vom Bett aus konnte Gebhard seinen Leo streicheln. Nun wich das Gefuehl
+der Einsamkeit, vorbei war's mit den naechtlichen Traenen. Schon nach
+wenigen Minuten hatten die beiden guten Kameraden den Schlaf gefunden.
+
+In der Fruehe des naechsten Morgen, noch ehe es heller Tag war, schreckte
+Helene auf durch ein Klingeln an der Haustuere. Wer kam so fruehe? Sicher
+ihr Mann oder doch eine Nachricht von ihm! Im Nu warf sie einen
+Morgenrock um, eilte hinaus an die Treppentuere, denn sie selbst wollte
+ihm oeffnen, ihn hereinfuehren in ihr Zimmer, ihn lieb haben.
+Ach--beschaemt stand sie vor dem Milchmann und vor dem Kuechenmaedchen, die
+beide mit erstaunten Augen auf die junge Frau schauten; ohne ein Wort
+kehrte sie in ihr Schlafzimmer zurueck.
+
+Das war die erste Enttaeuschung und es folgten jede Stunde neue, denn der
+sehnlich Erwartete kam nicht, und keine Post brachte Nachricht von ihm.
+
+Bruder und Schwaegerin liessen sich's einen ganzen Tag gefallen, im
+Unklaren zu bleiben ueber das Schicksal, das die Familie Stegemann
+getrennt hatte; sahen sie doch, wie verstoert Mutter und Sohn waren und
+dass sie sich nicht entschliessen konnten, von dem Erlebten zu sprechen.
+Die Schwaegerin war eine gutmuetige Frau, hatte Helene lieb und wollte,
+dass die Vertriebenen sich wohl fuehlten in ihrem Haus. Es war ja auch
+alles in Huelle und Fuelle da und keine Kriegsnot zu verspueren; denn in
+der Kurz'schen Fabrik, die in Friedenszeit allerlei feine Stahlwaren
+herstellte, wurden nun Granaten gemacht; der Betrieb war Tag und Nacht
+im Gang und es ging mehr Geld ein als je in frueheren Zeiten. Viele
+beneideten die Familie Kurz und wollten ihr den wachsenden Reichtum
+missgoennen. So kam es dem Fabrikherrn und seiner Frau ganz erwuenscht, dass
+die Vertriebenen bei ihnen Zuflucht suchten. Jedermann konnte nun sehen,
+dass von diesem Reichtum guter Gebrauch gemacht wurde. Aber unbequem
+waren die Fragen der Bekannten nach den Schicksalen der jungen Familie,
+nach dem Verbleib des Foersters Stegemann. Was sollte man antworten, wenn
+man selbst nichts wusste?
+
+Herr Kurz sprach mit seiner Frau. "So kann das nicht weiter gehen;
+Helene weicht allen Fragen aus und sieht gleich so ungluecklich aus, dass
+ich nicht in sie dringen mag; und der Bub hat etwas trotzig
+Zurueckhaltendes, das einem die Lust nimmt, ihn zu fragen. Helene schrieb
+immer so beglueckt ueber ihn, ruehmte sein offenes, zutunliches Wesen. Ich
+finde nichts davon und wollte, er waere samt dem Hund anderswo
+untergebracht. Aber nun, da er bei uns wie ein Kind vom Haus aufgenommen
+ist, kann man wenigstens von ihm Antwort auf berechtigte Fragen
+erwarten. Nimm du ihn einmal vor. Er soll sagen, wo sein Vater ist. Ich
+will das wissen."
+
+"Du hast ganz recht, habe nur Geduld, ich will es schon herausbringen,"
+sagte Frau Kurz beschwichtigend. An diesem Tag, waehrend ihr Mann in der
+Fabrik war, und Helene auf Zureden der Schwaegerin sich auf ihr Ruhebett
+gelegt hatte, ergab sich's, dass Tante und Neffe allein beisammen waren
+und sie benuetzte die Gelegenheit, brachte die Sprache auf das Forsthaus,
+fragte, ob dieses nun ganz leer stehe, ob wohl Gebhards Buecher und
+Spiele alle mitgekommen seien oder sie ihm neue kaufen solle. Da wurde
+Gebhard vertraulich und mitteilsam; schilderte, wie hastig Hab und Gut
+aufgepackt worden seien und dass das meiste zurueckgeblieben sei.
+
+"Was dir oder der Mutter fehlt, werde ich euch alles neu kaufen," sagte
+die Tante guetig, und der kleine, wohlerzogene Mann kuesste ihr dankbar die
+Hand. Nun fragte die Tante weiter: "Hat dein Vater seine eigenen Sachen
+selbst aufgepackt, und hat er euch begleitet bei der Abfahrt?"
+
+"Nein," sagte Gebhard und wandte sich schon von der Tante ab, der Tuere
+zu. Sie merkte, er wollte weiteren Fragen ausweichen. Aber so hatte sie
+es nicht gemeint. Sie griff nach seiner Hand. "Nun bleibe noch da,
+Gebhard, und erzaehle mir ganz genau, wann dein Vater fortgegangen ist,
+warum und wohin. Das muessen wir wissen, dein Onkel und ich."
+
+Da Gebhard schwieg, fuhr sie fort: "Die Mutter ist doch so traurig, das
+siehst du ja und wenn sie ueber den Vater spricht, regt es sie auf, darum
+will ich sie nicht fragen. Willst du ihr das abnehmen und ihr zulieb mir
+alles sagen?"
+
+"Nein, ich kann nicht!" rief Gebhard gequaelt und wollte entweichen. Aber
+die Tante hielt ihn fest.
+
+"Weisst du, dass du recht unartig bist? Nun haben wir die Mutter mit der
+Kleinen und dich und sogar deinen Hund mitten in der Nacht bei uns
+aufgenommen und sorgen fuer euch, weil ihr gar keine Heimat habt und du
+willst mir nicht einmal anvertrauen, wo der Vater ist? So undankbar
+willst du sein?"
+
+"Nein, ich will nicht undankbar sein, aber ich kann's nicht sagen," rief
+der Knabe entschieden und suchte sich loszumachen. Frau Kurz verlor die
+Geduld, packte ihn fest und rief: "Gebhard, du musst!"
+
+Da riss er sich mit Gewalt los, rief in heller Verzweiflung: "Ich will
+die Mutter fragen, ob ich muss," und stuerzte aus dem Zimmer, hinueber in
+das der Mutter. Die schrak aus ihrer Mittagsruhe auf, als Gebhard
+ungestuem auf sie zukam und laut schluchzend rief: "Mutter, muss ich den
+Vater verraten? Muss ich?" Erschreckt zog Helene das ganz erschuetterte
+Kind an sich und wollte ihm troestend zusprechen, aber durch die
+offengebliebene Tuere war die Tante dem Fluechtling gefolgt und hatte
+Gebhards Ausruf gehoert. "Du hast ihn ja schon verraten," sagte sie, "geh
+jetzt hinaus, ich weiss genug. Geh in dein Zimmer, du machst ja dein
+Muetterchen noch krank mit deinem Ungestuem!"
+
+Beschaemt und traurig zog Gebhard sich zurueck. In seinem Zimmer sass er
+still, wusste nicht, wie es gekommen war, dass die Tante sagen konnte, er
+habe den Vater verraten und er mache die Mutter krank, mochte sich
+selbst nicht mehr leiden und wusste sich keinen Rat.
+
+Inzwischen hatte Frau Kurz sich neben die junge Schwaegerin gesetzt,
+troestete sie freundlich und brachte allmaehlich durch teilnehmende
+Fragen und dringendes Zureden alles heraus, was sie wissen und ihrem
+Mann berichten wollte.
+
+Dieser empfand wohl volle Teilnahme fuer seine Schwester, aber er dachte
+auch an sich selbst, an die Familienehre und an das Geschaeft. Es war
+eine boese Sache. Er fuerchtete, die militaerischen Auftraege koennten ihm
+entzogen werden, wenn des Schwagers Verrat ruchbar wuerde. Aufgeregt ging
+er in seinem Zimmer auf und ab, waehrend er seiner Frau diese Gefahr
+auseinander setzte. "Nie haette ich gedacht, dass durch Stegemann Unehre
+in die Familie kaeme. Wie sah Helene an ihm hinauf, wie stolz sprach sie
+von seinen und seiner Mutter edlen Grundsaetzen! Wie wenn die Familie
+Stegemann viel hoeher stuende als unsere eigene! Nun, wenn wir auch
+nuechterne Leute sind und unsern Geschaeftsvorteil wahren, einen
+Vaterlandsverraeter haben wir doch nie in unserer Familie gehabt!"
+
+"Sprich nur nicht laut davon," mahnte seine Frau, "das bleibt ganz
+verschwiegen. Ich glaube nicht, dass ihn die Russen frei gegeben haben
+und wenn ja, dann kann er nicht wagen, sich in Deutschland blicken zu
+lassen, nach dem was er getan. Mach dir keine Sorgen. Wer sollte das
+verraten? Helene nicht und der Bub auch nicht, auf den kannst du dich
+verlassen!"
+
+So beruhigte sie ihren Mann. Und es kam so, wie sie gesagt, niemand
+erfuhr mehr von dem Vermissten als was sie selbst von ihm aussagten: er
+sei im Krieg und man warte vergeblich auf Nachrichten.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+
+Die Tage, die Wochen vergingen--vom Foerster Stegemann drang keine Kunde
+zu seiner Frau. Sie lebte still und eingezogen. Vom Krieg wollte sie
+nichts hoeren, nichts lesen und wenn jemand sie darauf hinwies, dass gar
+viele Frauen ihre Maenner, ihre Soehne vermissen mussten, so war ihr das
+kein Trost. Andere Frauen durften stolz sein auf das, was ihre Maenner
+taten fuers Vaterland--sie musste sich schaemen; die andern waren
+unschuldig--sie hatte eine Schuld auf dem Gewissen. Wenn Gebhard sie
+traurig ansah, musste sie an sein Wort denken: Haettest du die Tuere nicht
+aufgemacht!
+
+Gebhard ging in die Schule, aber er stand einsam unter den Mitschuelern,
+fremd dem Lehrer gegenueber. Der sprach von Krieg und Sieg, von
+Vaterlandsliebe und Heldentod--das konnte Gebhard nur mit bitterer Scham
+anhoeren; und wenn die Kameraden von ihren Angehoerigen im Feld erzaehlten,
+dann hatte er Angst vor ihren Fragen, ging ihnen aus dem Weg, spielte
+lieber daheim mit Leo, seinem treuen, schweigsamen Freund aus der alten
+Heimat.
+
+Eines Abends, als er still und spaeter als sonst an seinen Schulaufgaben
+in dem Zimmer neben dem Esszimmer sass und ihn wohl niemand dort
+vermutete, hoerte er Onkel und Tante sprechen, was nicht fuer ihn bestimmt
+war. Der Onkel sagte: "Das Beste waere, Stegemann bliebe verschollen, er
+wuerde doch nur Schande bringen in unsere Familie."
+
+"Ja," sagte die Tante, "aber ich denke, er ist laengst tot, wenn man es
+nur bestimmt erfahren koennte."
+
+Da tat dem kleinen Burschen nebenan das Herz so weh, wie noch nie und er
+fuehlte, wie lieb er seinen Vater hatte, trotz allem was geschehen war,
+und dass er ganz zu ihm gehoerte. Und ein Zorn kochte in ihm auf gegen die
+Menschen, die den Vater gern gestorben wuessten. Aber er durfte ja nichts
+sagen, denn gar oft schon hatte die Mutter ihm vorgehalten, wie dankbar
+sie gegen Onkel und Tante sein muessten.
+
+In diesem Augenblick kam die Mutter zu ihm herein, hatte ihr Toechterchen
+im weissen Nachtgewand im Arm und zeigte sie Gebhard: "Sieh, wie die
+Kleine nett aussieht, sie soll noch der Tante gute Nacht sagen, komm
+mit."
+
+Ungern folgte Gebhard. Im Esszimmer wurde der kleine Liebling bewundert.
+Der Onkel, der fuer gewoehnlich um diese Zeit nicht da war und das Kind
+selten sah, freute sich an dem netten Anblick, wollte auch der Mutter
+eine Freude machen und sagte schmeichelnd zu der Kleinen: "Willst du
+denn auch einmal zu mir kommen, mein schoenes Juengferlein?"
+
+"Nein, sie soll nicht!" rief ploetzlich mit rotem Kopf in aufbrausendem
+Zorn Gebhard. Erschrocken wandten sich alle nach ihm um, aber er achtete
+nicht auf die vorwurfsvollen Blicke. "Es ist nicht dein Juengferlein,"
+rief er, "es ist dem Vater sein Juengferlein, und mir gehoert sie auch
+mit. Gib sie mir, Mutter, mir, nicht dem Onkel!" Er draengte sich an die
+Mutter, die ganz blass geworden war. "Was faellt dir ein, Gebhard!" und
+sie wandte sich an den tief gekraenkten Bruder: "Verzeih, ich weiss gar
+nicht, was dem Kind in den Sinn kommt!"
+
+Die Schwaegerin sah, wie ihrem Mann der Zorn aufstieg. Sie wandte sich an
+Helene: "Wenn du irgend etwas von Erziehung verstehst, so musst du das
+Toechterchen dem Onkel geben und musst den unartigen Jungen zur Tuere
+hinausstecken!"
+
+"Ja freilich, du hast ganz recht," sagte Helene. Sie sah ein, dass sie
+einen solchen Ton nicht dulden durfte, aber sie fuehlte durch, und sah es
+Gebhard an, dass er tief erregt war, und er tat ihr so leid. Sie konnte
+ihn nicht verstehen. Es war doch gar nichts vorgefallen, was ihn so
+aufbringen und seine Rede entschuldigen konnte. So zog sie das Kindchen
+zurueck, nach dem er noch immer begehrte, reichte es dem Onkel hin, und
+sagte unsicher: "Ich muss dich aus dem Zimmer weisen, Gebhard!" Er sah
+sie einen Augenblick erstaunt an, weil er so etwas noch nie von ihr
+erfahren hatte, dann folgte er ohne Widerspruch. Unter der Tuere blickte
+er noch einmal zurueck und sah die Mutter mit Onkel und Tante beisammen
+stehen, das Schwesterchen auf des Onkels Arm. Da war's ihm, als gehoerten
+diese vier zusammen, er aber gehoerte nicht zu ihnen, sondern zu dem
+armen, armen Vater, der so weit fort war und den er doch ueber alles in
+der Welt liebte.
+
+So wuchs allmaehlich eine Scheidewand zwischen ihm und der Mutter auf. Es
+fehlte der Vater, der die beiden so innig verbunden hatte.
+
+Aber es kam Hilfe von anderer Seite. Frau Dr. Stegemann, Gebhards
+Grossmutter, kannte Helene nur wenig, aber sie hatte sie vor Jahr und Tag
+herzlich als Schwiegertochter willkommen geheissen, manchen Brief mit ihr
+gewechselt und sich innig gefreut ueber das Glueck, das sie ihrem Sohn und
+Enkel von Herzen goennte. Sie konnte sich vorstellen, wie schwer die
+junge Frau unter der Trennung von dem Gatten leiden musste. Aber sie
+begriff nicht, warum die Schwiegertochter ihr jetzt nur selten und kurz
+schrieb, ihr, der Mutter, die doch am besten mit ihr fuehlen konnte und
+die laengst gebeten hatte, ihr die genaueren Umstaende ueber die
+Verschleppung ihres Sohnes zu berichten. Die Schwiegertochter
+entschuldigte sich damit, dass es sie zu sehr angreife, von diesem
+schrecklichsten Tag ihres Lebens zu erzaehlen; aber Frau Dr. Stegemann
+gab sich nicht laenger mit diesem Bescheid zufrieden. Als es Winter wurde
+und immer dieselben duerftigen, traurigen Briefe kamen, schrieb sie der
+Schwiegertochter, wofern sie und die Kinder gesund seien, moege sie mit
+ihnen in Gebhards Weihnachtsferien zu ihr kommen. Es klang mehr wie ein
+Verlangen als wie eine Bitte oder Einladung.
+
+Helene zeigte den Brief ihren Geschwistern.
+
+"Du haettest deiner Schwiegermutter laengst den ganzen Sachverhalt
+mitteilen sollen," meinte der Bruder, "sie als Mutter kann erwarten, dass
+ihr nichts vom Schicksal ihres Sohnes verschwiegen wird."
+
+"Aber es kann ihr doch nur schrecklich sein! Sie hat uns bei Beginn des
+Krieges voll gluehender Vaterlandsliebe geschrieben. Und dann--ich traue
+mich nicht, ihr zu sagen, wie das alles gekommen ist, sie wird mich
+verachten, denn sie ist so eine tapfere, strenge Frau!"
+
+Die Schwaegerin fiel ihr ins Wort: "Immer quaelst du dich wieder so
+unnoetig mit Vorwuerfen. Jede Frau haette so wie du fuer ihr und ihrer
+Kinder Leben gebeten!"
+
+"_Sie_ nicht!" sagte Helene bestimmt. Der Bruder wurde aergerlich. Er war
+immer ein wenig eifersuechtig gewesen und hatte nie recht vertragen
+koennen, dass seine geliebte Schwester eine so hohe Meinung von der
+Familie Stegemann hatte.
+
+"Du bist nicht schuld," sagte er; "ein Mann muss selbst wissen, was er zu
+tun hat; es waere ohne deine Einrede wohl alles ebenso gegangen!"
+
+Aber jetzt ereiferte sich Helene. "Nein, nie, ganz gewiss nicht. Ich
+begreife mich selbst nicht mehr, warum ich nicht lieber mit meinem Kind
+sterben wollte: der Tod ist nicht das schlimmste!"
+
+Sie brach in Traenen aus. Der Bruder suchte sie zu beruhigen. "Du
+brauchst deiner Schwiegermutter nicht zu erzaehlen, was _du_ bei der
+Sache gesprochen hast. Darueber schweigst du einfach!"
+
+"Ach, das kann ich nicht, wenn sie mich mit ihren klaren Augen ansieht,
+so muss ich die ganze Wahrheit sagen. Sie wuerde es doch gleich merken,
+dass mir noch etwas auf der Seele liegt."
+
+"Ei, so bleibe hier!" riet die Schwaegerin. "Schicke ihr Gebhard allein,
+sage, du koennest mit der Kleinen im Winter nicht reisen und ohne das
+Kind nicht fort. Zwar waere sie ja bei mir und dem Maedchen wohl versorgt,
+aber es ist doch eine gute Ausrede; versprich deinen Besuch fuers
+Fruehjahr, dann wollen wir weiter sehen."
+
+"Ja, das wird das Beste sein," sagte der Bruder, "sie kann die
+Winterreise und dazu solch eine Aufregung nicht von dir verlangen und
+Gebhard wird sehr gern zu seiner Grossmutter gehen mit seinem Hund,
+na--er kann auch ganz dort bleiben, wenn sie es wuenscht."
+
+"Er wird sich nicht gern von mir trennen wollen!"
+
+"Das bildest du dir ein, so ist er nicht."
+
+"Meinst du?" Nachdenklich fuegte sie hinzu: "Ja, es kann sein, dass er
+mich nicht vermisst. Es ist alles nicht mehr so, wie es war. Aber dann
+werden wir uns ganz fremd!"
+
+"Du musst dich an dein Toechterchen halten, das wird alle Tage netter und
+gehoert dir ganz und gar."
+
+Aber die junge Mutter konnte sich nicht gleich mit dem Gedanken troesten,
+dass ihr der kleine Liebling blieb. Es tat ihr weh, zu denken, Gebhard
+werde sie nicht vermissen. Sie war doch so stolz gewesen auf des Knaben
+Liebe und seine ruehrende Verehrung.
+
+"Ich will selbst Gebhard die Einladung der Grossmutter ausrichten," sagte
+der Bruder, die Beratung abschliessend. "Ruhe du dich ein wenig aus und
+dann schreibe deiner Schwiegermutter. Gebhard ist ja bei ihr gut
+versorgt und fuer dich wird es so am besten sein, meinst du nicht?"
+
+"Ich weiss nicht," sagte Helene, "aber ich will es so machen, wie ihr
+meint, ich danke euch, ihr seid so nachsichtig gegen mich."
+
+Sie ging in ihr Zimmer und tat, wie man ihr geraten, legte sich auf ihr
+Ruhebett. Ach, sie meinten es so gut mit ihr, aber sie hatten ja gar
+keine Ahnung, wie traurig sie war, wie heiss ihre Sehnsucht nach dem
+verlorenen Glueck.
+
+Herr Kurz hatte es gut verstanden, Gebhard die Reise zur Grossmutter
+verlockend darzustellen. Davon, dass er vermutlich dauernd bei ihr
+bleiben sollte, hatte er nichts erwaehnt, das hatte noch Zeit. So behielt
+der Onkel recht. Gebhard war nur vergnuegt ueber die Einladung fuer die
+Weihnachtsferien, dachte gar nicht an die Trennung von der Mutter. Es
+war ja natuerlich, dass das Kind sich freute zur Grossmutter zu kommen, die
+in den Jahren der Einsamkeit im Forsthaus treulich jeden Sommer gekommen
+war und ihm laengst nahe stand, ehe Helene zur Familie gehoerte.
+
+Heute ging die Mutter mit ihm hinauf in sein Zimmer, um mit ihm
+einzupacken. Frohgemut reichte er ihr zu, was sie verlangte, aufmerksam
+verfolgte Leo dieses ungewohnte Treiben. "Jetzt deine Schulbuecher,
+Gebhard?"
+
+"Soll ich die mitnehmen?" Verwundert sah er die Mutter an und bedenklich
+klang seine Frage: "Muss ich denn lernen in den Weihnachtsferien?"
+
+"In den Ferien nicht, aber nachher, wenn die Schule wieder anfaengt, musst
+du doch deine Buecher haben."
+
+"Nach den Ferien komme ich doch wieder hieher?"
+
+"So war's nicht gemeint, Gebhard. Die Grossmutter wird dich gerne
+behalten. Hat dir davon der Onkel nichts gesagt?"
+
+"Nein." Er wurde sehr nachdenklich. Die Mutter stand vor dem Koffer,
+hatte die Hand ausgestreckt nach den Schulbuechern, die nicht kamen. Sie
+sah, wie Gebhards Gesicht truebselig wurde. Jetzt schmiegte er sich an
+sie. "Mutter, kannst du nicht mitkommen zu der Grossmutter? Hat sie bloss
+mich ganz allein eingeladen?"
+
+"Nein, aber das Schwesterchen ist noch zu klein fuer solch eine
+Winterreise und sie braucht mich doch!"
+
+"Ja, aber Mutter, du hast viel frueher einmal zu mir gesagt, wir blieben
+jetzt immer beisammen, der Vater und du und ich; das war so schoen. Und
+jetzt ist der Vater fort und dann habe ich auch keine Mutter mehr!"
+
+"O doch, Gebhard, ich bleibe ganz gewiss deine treue Mutter!" Aber
+Gebhard entgegnete trotzig: "So eine Mutter, die nicht bei mir ist,
+hilft mir gar nichts. So eine habe ich immer schon gehabt, im Himmel,
+aber ich moechte eine, die bei mir bleibt."
+
+"Spaeter, Gebhard, kommen wir gewiss wieder zusammen, aber jetzt hast du
+einstweilen die Grossmutter. Bei ihr warst du doch frueher so gern; und
+hier--warst du denn gerne hier im Haus, bei Onkel und Tante?"
+
+"Nein, gar nicht gern, weil sie den Vater nicht moegen. Neulich haben sie
+so etwas Schreckliches ueber den Vater gesagt, das darfst du gar nicht
+hoeren, Mutter. Darum mag ich sie gar nicht mehr!" Traenen des Zorns
+kamen dem Kind bei der Erinnerung.
+
+"Wann war denn das?"
+
+"An dem Abend, wo der Onkel das Juengferlein wollte!"
+
+"Ach, damals? Gebhard, sieh, du wirst gluecklicher sein bei der
+Grossmutter. Sie hat den Vater so lieb und sie nimmt dich mit deinem Leo
+so gerne zu sich!"
+
+"So? hat sie das geschrieben?" Langsam machte er sich von der Mutter
+los. "Da sind meine Schulbuecher."
+
+Still vollendeten sie das Geschaeft des Einpackens; aber beunruhigt lief
+der Hund hin und her, er merkte, dass Ungewohntes vor sich ging.
+
+"Du darfst mit mir gehen, Leo, sei nur zufrieden, wir zwei trennen uns
+nicht!" Bei diesen Worten nahm Gebhard den schmalen Kopf des Hundes
+zwischen seine Haende. Ein leises Bellen bezeugte das Einverstaendnis des
+klugen Tiers; es legte sich nun still neben den Koffer, bereit Hab und
+Gut seines kleinen Herrn zu bewachen.
+
+Sie waren fertig, das Zimmer sah oede aus.
+
+"Komm nun, Gebhard," sagte die Mutter und es war ihr wehmuetig ums Herz
+in dem leeren Zimmer, "komm, wir wollen nach dem Schwesterlein sehen."
+
+Er griff nach ihrer Hand, sah zu ihr auf und merkte, dass sie traurig
+war. "Mutter," begann er, "jetzt denkst du an den Vater, das sehe ich
+dir immer an. Aber du hast noch dein Juengferlein, das ist dir doch das
+allerliebste und das bleibt bei dir."
+
+Sie drueckte fest seine Hand. Nein, sie hatte jetzt eben nicht an ihren
+Mann gedacht, sondern an den kleinen Mann, der da so liebevoll an ihrer
+Hand ging und sie noch troestete, obwohl sie ihn von sich schickte.
+
+Schon vor der Zimmertuere hoerten sie die Tante, die ihren Spass hatte mit
+der Kleinen. Die lachte laut und uebermuetig vor Vergnuegen. Das lustige
+Toechterlein--der traurige Bub--es gab der Mutter zu denken.
+
+Am fruehen Morgen des folgenden Tags trat Helene in Gebhards
+Schlafzimmer. Er erwachte bei ihrem Eintritt. Frisch und tatkraeftig
+stand die Mutter vor ihm, wie schon lange nicht mehr. "Gebhard, steh
+auf, es ist Zeit, dass wir reisen, wir zwei miteinander!" Und als er sie
+mit grossen, fragenden Augen ansah, lachte sie hell, setzte sich zu ihm
+auf den Bettrand und sagte: "Ich habe mir heute Nacht gedacht: das
+Juengferlein ist schnoede, es macht sich gar nichts daraus, wenn ich
+fortgehe, es jauchzt bei der Tante wie bei mir. Aber mein Bub, der
+moechte mich gern bei sich haben; so will ich wenigstens fuer eine Woche
+mit ihm gehen!" Da wurde die junge Frau stuermisch umarmt und gekuesst und
+musste an ihren Mann denken.
+
+Eine Stunde spaeter waren sie auf der Reise.
+
+
+
+
+Fuenftes Kapitel.
+
+
+Unsere zwei Reisenden waren diesmal allein im Abteil: Leo hatte sich
+nicht eingedraengt; ganz verstaendig hatte er sich darein gefunden, in dem
+fuer seinesgleichen bestimmten Raum Platz zu nehmen. Gebhard stand eine
+ganze Weile am Fenster und sah in die Winterlandschaft hinaus; ihm war
+so wunderlich gluecklich zu Mute, wie wenn ihm erst jetzt die Mutter
+wieder gehoerte. Er haette nur gern gewusst, wie es ihr ums Herz war! Schon
+einmal hatte er sich nach ihr umgewandt, sie sinnend angeschaut, aber
+nicht die Worte finden koennen zu einer Frage. Nun sah er sie wieder an.
+
+"Willst du etwas?" fragte sie.
+
+"Nein.--Ja doch. Ich moechte nur wissen, ob es dich nicht friert?"
+
+"Nein; warum meinst du? Kommt es dir kalt vor?"
+
+"Mir gar nicht. Der Onkel meinte nur, du koenntest dich erkaelten; aber
+gelt, es ist behaglich warm? Heute gefaellt mir das Fahren so gut, dir
+auch, Mutter?"
+
+Sie laechelte ihn freundlich an und schob die Reisetasche beiseite, die
+neben ihr lag. "Setze dich zu mir her, Gebhard."
+
+Dieser folgte schnell der Aufforderung und sie rueckten nahe zusammen.
+
+"Gelt, das Juengferlein ist ganz vergnuegt bei der Tante?" sagte er.
+
+"Ja freilich, das vermisst uns nicht."
+
+"Das gefaellt mir eben so besonders gut, dass ich dich einmal ganz fuer
+mich allein habe," erklaerte er, "da koennen wir auch vom Vater sprechen,
+wenn wir wollen. Aber die Tante hat gesagt, ich soll dich nicht
+aufregen; also reden wir lieber von etwas anderem. Sie hat mir auch
+Essvorrat mitgegeben in meine Buechse; wollen wir das einmal ansehen?"
+
+"Ja, sagte die Mutter, schauen wir nach den guten Sachen, das wird mich
+ganz gewiss nicht aufregen." Sie lachte ihn freundlich an.
+
+"Du siehst heute so aus, Mutter, wie frueher, so nett." Aber das haette er
+nicht sagen sollen; denn auf einmal kamen ein paar Traenen in ihre hellen
+Augen. Da packte er schnell die Buechse aus; und weil ihm dabei ein Apfel
+auf den Boden kollerte und waehrend er sich darnach bueckte eine ganze
+Anzahl Nuesse folgten, musste sie lachen und er lachte mit und sie waren
+zum erstenmal froehlich miteinander ohne den Vater.
+
+Gegen das Ende der Reise, waehrend Gebhard sich schon ungeduldig auf das
+Wiedersehen mit der Grossmutter freute, wurde der jungen Frau das Herz
+wieder schwer. Sie hatte sich wohl auf ihres Bruders Zureden
+vorgenommen, nichts davon zu erzaehlen, dass sie ihren Mann ueberredet
+hatte, mit den Russen zu gehen, und so durfte sie ja sicher sein, bei
+ihrer Schwiegermutter nur Teilnahme zu finden und keinen Vorwurf zu
+hoeren. Aber eben dieses Verschweigen und vorsichtige Ausweichen lag
+nicht in ihrer Natur und deshalb bangte ihr vor dem Zusammentreffen mit
+der Mutter.
+
+Helene wusste, dass sie nicht erwartet wurde; nur Gebhard mit seinem
+treuen Gefaehrten Leo war angekuendigt. Als die Reisenden in die
+Bahnhofhalle einfuhren, fiel ihnen die Leere des Bahnsteigs auf. Er war
+fuer die Menge gesperrt, da in Kuerze ein Lazarettzug mit einer grossen
+Anzahl Verwundeter ankommen sollte. Eine ganze Reihe Sanitaeter mit
+Tragbahren erwartete den naechsten Zug; aber mitten unter ihnen stand
+eine einzelne grosse Frau in langem Mantel mit warmem Pelzzeug; unter
+ihrem schwarzen Samthut sahen schlichte graue Haare hervor und
+forschende Augen blickten dem einfahrenden Zug entgegen. Dies war Frau
+Dr. Stegemann, die sich bei dem Kommandanten den Zutritt erbeten hatte,
+um ihren allein reisenden Enkelsohn abzuholen.
+
+Gebhard erkannte die Grossmutter sofort und eilte auf sie zu.
+
+"Mein lieber, grosser Bub!" rief sie, "ich bin froh, dass du zu mir
+gekommen bist. Und dein schoener Leo ist auch da! Nun komm nur gleich,
+wir muessen moeglichst schnell den Bahnsteig verlassen."
+
+"Aber die Mutter ist auch hier, ich bin nur vorausgesprungen!"
+
+"Die Mutter? Kommt sie doch mit?"
+
+Ja, sie kam eben zu den beiden und sah deutlich, dass bei dem
+unerwarteten Wiedersehen das ernste Gesicht der Grossmutter freudig
+aufleuchtete.
+
+"So kommst du doch," sagte sie und streckte der jungen Frau die Hand
+entgegen, "dann ist ja alles schoen und gut; wir gehoeren doch zusammen in
+dieser Zeit!"
+
+Das empfand auch Helene in diesem Augenblick. Wie wenn sie ihrem Manne
+naeher waere, so war ihr zumute. Sie hatte gar nicht mehr gewusst, dass
+Mutter und Sohn ganz die gleichen, klaren, seelenvollen Augen und
+dieselbe tiefe Stimme hatten. Sie gingen miteinander hinaus auf den
+Bahnhofplatz. Dort war die Haltestelle der Elektrischen; das Mitnehmen
+von Hunden war aber nicht gestattet.
+
+"Kann Leo nachspringen?" fragte die Grossmutter.
+
+"Er kann wohl," sagte Gebhard, "aber der Vater laesst ihn nie gern neben
+dem Wagen springen."
+
+"Dann gehst du mit ihm zu Fuss; erinnerst du dich des Weges? Du hast ihn
+vor zwei Jahren gemacht."
+
+"Nicht so recht," meinte Gebhard bedenklich.
+
+"Wir sollten vielleicht eine Droschke nehmen und den Hund zu uns
+hereinlassen," schlug Helene vor.
+
+"Bewahre. Ein grosser Bub mit solch gutem Hund _sucht_ sich eben seinen
+Weg. Merke auf, Gebhard. Du folgst den Schienen der Elektrischen immer
+zu bis an den Marktplatz. Dann fragst du. Weisst du Strasse und Nummer?"
+
+"Jawohl, Johannessteg 5."
+
+Die beiden Frauen stiegen ein und Gebhard ging mit seinem treuen
+Begleiter zu Fuss. Helene wunderte sich ueber die Grossmutter, die dem
+geliebten Enkel gleich Zumutungen machte. Ja, das war wieder die
+Strenge, die sie in Erinnerung hatte; nicht der gutmuetige, weichherzige
+Ton, den sie von den Ihrigen daheim gewohnt war. Nun wusste sie wieder,
+warum ihr bange gewesen, und es ueberkam sie eine beklemmende Angst vor
+der Unterredung, die nicht ausbleiben konnte.
+
+Frau Dr. Stegemann bewohnte den obersten Stock eines Hauses in der
+Altstadt. Die schoenen, bequemen Einrichtungen der Neuzeit fehlten dieser
+Wohnung, hingegen war sie geraeumig, hatte viele Zimmer, Kammern und
+Gaenge. Aus den altmodisch kleinen Fenstern blickte man hinweg ueber die
+Daecher der gegenueberliegenden Haeuser, ueber Gassen und Strassen hinaus ins
+Weite, wo Gaerten und Felder die Stadt begrenzten. Der letzte
+Sonnenstrahl fand noch seinen Weg in die hochgelegene Wohnung.
+
+Ausser einem Dienstmaedchen hatte Frau Dr. Stegemann noch zwei junge
+Hausgenossinnen, zwei Enkeltoechter, die hier in der groesseren Stadt eine
+Toechterschule besuchten. Von ihnen erzaehlte sie Helene, nachdem sie die
+Elektrische verlassen und dem Haus zugingen, denn beide mochten nicht
+auf der Strasse von dem sprechen, was ihre Herzen am meisten bewegte.
+Waehrend sie im Haus angekommen Stockwerk um Stockwerk hinaufstiegen,
+wunderte sich Helene ueber die Sechzigerin, die nichts von der
+Anstrengung zu merken schien.
+
+"Mutter, wie du steigen kannst!"
+
+"Das macht die Gewohnheit."
+
+"Aber ist dir's nicht laestig? Du duerftest dir's wohl auch leichter
+machen."
+
+"Warum? Ich bleibe gern in der Uebung. Solange ich gesund bin, schadet
+mir das Steigen nichts. Es waere nichts als Bequemlichkeit, wenn ich es
+nicht mehr tun wollte."
+
+Ruestig stieg sie voraus.
+
+Oben angekommen wurden sie vom Dienstmaedchen empfangen mit der
+Nachricht, dass ein fremdes Fraeulein schon lange auf sie warte und sie
+sprechen moechte. Gleichzeitig kamen eilig und lebhaft die beiden
+Schwestern, Grete und Else, grosse Maedchen mit blonden Zoepfen und
+frischen, froehlichen Gesichtern. Sie waren ueberrascht, statt des
+erwarteten kleinen Vetters ihre Tante Helene zu sehen, die sie nur nach
+dem Bild kannten. "Macht es der Tante behaglich, Kinder," sagte die
+Grossmutter zu ihnen, "und du, Helene, lass dich nicht abschrecken, wenn
+es bei mir unruhig zugeht; das ist eben so in diesem Kriegsjahr. Es gibt
+so viele Maedchen, die im Ausland waren und jetzt stellenlos sind, die
+wenden sich an uns 'Freundinnen der jungen Maedchen'. Um so etwas wird es
+sich auch jetzt handeln."
+
+Sie verliess das Zimmer. Helene war verwundert. Sie hatte sich das Leben
+der Grossmutter still und abgeschlossen gedacht, merkte jetzt, dass diese
+noch mitten im Leben und Wirken stand und sah bald, dass auch die beiden
+Enkelinnen an allerlei Kriegshilfe teilnahmen und vom Geist der
+Grossmutter beseelt waren.
+
+Sie wandten sich jetzt lebhaft an die junge Tante, deren liebliche
+Erscheinung ihnen gar sehr gefiel, halfen ihr ablegen, plauderten
+zutraulich und kamen bald auf das zu sprechen, was sie erfuellte. "Duerfen
+wir dir unsere Vorratskammer zeigen? Wir haben einen ganzen Stoss
+Kinderwaesche genaeht fuer die vertriebenen Ostpreussen und haben Handschuhe
+und Socken fuer die Soldaten gestrickt, magst du es ansehen?" Gerne
+folgte Helene den eifrigen Maedchen in ihre Stube und liess sich an das
+altmodische Pfeilerschraenkchen fuehren, in dem allerlei Arbeiten
+aufgestapelt waren. Mitten in dieser Betrachtung kam, von seinem Hund
+begleitet, Gebhard an. Er hatte sich nicht gern von seiner Mutter
+getrennt; denn er wusste, sie war nur ihm zuliebe hieher gekommen, auch
+hatte er so ein unbestimmtes Gefuehl, dass ihr bangte vor dem Zusammensein
+mit der Grossmutter. So war er im Galopp mit seinem Hund der Elektrischen
+gefolgt, hatte schnell den Weg zum Haus gesucht und trat nun angeregt
+vom raschen Lauf, mit frischen, roten Backen ins Zimmer.
+
+Grete und Else waren gleich fuer diesen kleinen Vetter eingenommen und
+auch der Hund war ihnen anziehend. Sie hatten noch nie einen solchen als
+Hausgenossen gehabt, wollten mit ihm Bekanntschaft schliessen, wichen ihm
+aber doch aus, als er sie beschnueffelte.
+
+Es dauerte aber nicht lang, so streckte sich Leo behaglich mitten unter
+der Gesellschaft aus.
+
+"Jetzt ist er schon heimisch," sagte Gebhard befriedigt, "er merkt, dass
+wir nicht bei Fremden sind; in einem fremden Haus legt er sich nie von
+selbst nieder." Das gefiel den Baeschen und freute Gebhard. Wo er gern
+war und wo es Leo behagte, musste sich doch auch sein Muetterlein heimisch
+fuehlen.
+
+Nach kurzer Zeit kam auch die Grossmutter wieder. Sie hatte dem jungen
+Maedchen Bescheid gegeben, das in England Erzieherin gewesen war, in
+reichem Haus, bei einem einzigen Knaben; jetzt war ihr eine Stelle
+angeboten, in einfacher Familie bei vier Knaben. Den juengsten sollte
+sie selbst ausfahren, das passte ihr nicht.
+
+"Ich habe ihr Mut gemacht," sagte Frau Dr. Stegemann, "im Krieg muss man
+froh sein, wenn man irgendwo unterschlupfen darf, und uebrigens moechte
+ich jetzt lieber zehn Deutsche erziehen als einen Englaender. Und warum
+nicht den kleinen Buben ausfahren? Wir muessen ja froh sein, wenn es
+recht viele deutsche Buben gibt! Sie will es nun versuchen und mir am
+Sonntag berichten wie es geht. Aber nun kommt zum Tee!"
+
+Sie fuehrte die Schwiegertochter ueber den langen, dunkeln Gang. Helene
+dachte unwillkuerlich an die hell erleuchteten Raeume in ihres Bruders
+Haus.
+
+"Ueberall merkt man den Krieg," sagte Frau Stegemann. "Das Petroleum wird
+bei euch auch knapp sein."
+
+"Ich weiss nicht, es war nicht die Rede davon."
+
+"Nicht? Es ist eine grosse Entbehrung fuer viele Leute. Manche Familien
+koennen abends ihr Zimmer gar nicht beleuchten. Fuer solche ersparen wir
+immer etwas von dem Petroleum, das auf uns kommt. Warum sollten wir auch
+nicht ein wenig im Dunkeln tappen? Unsere Soldaten muessen sich auf ganz
+anders schwierigen Wegen im Finstern zurecht finden."
+
+Gebhard horchte hoch auf bei diesen und aehnlichen Aeusserungen der
+Grossmutter. Waehrend des einfachen Abendessens erklaerten ihm die
+Schwestern, was kriegsmaessig sei und was nicht; was sich die Familie
+zugunsten des Vaterlandes versagte und wie sie beflissen war, sich von
+dem zu naehren, was reichlich vorhanden und in Gefahr war, zu verderben.
+Da nun Else und Grete sahen, wie neu ihm das alles war und dass er
+gluehenden Eifer zeigte fuer alles Gemeinnuetzige, fragten sie, ob er
+mittun wuerde, wenn sie naechsten Sonntag mit der Rotkreuzbuechse durch die
+Strassen gingen, um Karten und Blumen zugunsten der Verwundeten
+anzubieten. Er hatte das schon manchmal gesehen, aber nie daran gedacht,
+dass man auch ihn irgendwie fuer solch vaterlaendische Taetigkeit brauchen
+koennte. Stolz war er, gluecklich ueber diese neuen Aussichten.
+"Grossmutter," rief Else, "das wird fein! Gebhard traegt die Buechse, wir
+die Blumen und wir sagen zu allen, die uns begegnen: 'Hier, unser
+Vetter, ist selbst ein Vertriebener, ein Fluechtling aus Ostpreussen!' Da
+gibt uns jedermann doppelt so gern!"
+
+"Und den Hund nehmen wir auch mit," schlug Grete vor, "er sieht so
+polizeimaessig aus, mit ihm koennen wir uns in alle Winkel der Stadt
+wagen!"
+
+Die drei verwandten Kinder verbanden sich nach kurzer Bekanntschaft und
+waren gluecklich miteinander. Helene staunte, wie schnell Gebhard sich
+heimisch fuehlte. Am reichbesetzten Tisch ihrer Geschwister hatte sie ihn
+nie so befriedigt gesehen, wie hier; das Wohlleben hatte ihm weniger
+behagt, als die einfachen Verhaeltnisse, die er von Hause aus gewoehnt
+war, und wie heimische Luft empfand er die vaterlaendische Gesinnung, die
+auch im Forsthaus der herrschende Geist gewesen war.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+
+Die Teestunde war vorueber, endlich musste auch der Augenblick kommen, auf
+den Helene sich gefuerchtet hatte, die Aussprache ueber das, was im
+stillen Herzen beide Frauen mehr beschaeftigte als all die Dinge, ueber
+die sie sich mit den Kindern unterhalten hatten.
+
+"Ich moechte jetzt ungestoert ein Stuendchen mit Tante Helene sein," sagte
+Frau Dr. Stegemann zu den Schwestern. "Wer etwa kommt und nach mir
+fragt, soll warten oder spaeter wiederkommen. Gebhard kann bei euch
+bleiben; komm, Helene, wir gehen in dein Zimmer."
+
+Aber Helene griff unwillkuerlich nach Gebhards Hand und hielt sie fest.
+Die Grossmutter sah die fast aengstliche Bewegung der jungen Frau.
+
+"Du moechtest Gebhard mitnehmen?" fragte sie erstaunt.
+
+"O ja, bitte. Wir haben das alles miteinander erlebt."
+
+"So komm mit, Gebhard. Ich zeige dir gleich deine Schlafstaette." Vor der
+Tuere wartete der Hund, er schloss sich seinem kleinen Herrn an. Frau Dr.
+Stegemann ging voran, fuehrte ihre Gaeste bis an das Ende eines langen
+Ganges. "Hier ist das Gastzimmer, das wird fuer dich gerichtet, Helene;
+wir wussten ja nicht, dass du kommst. Und hier gegenueber, ist deine
+Kammer, Gebhard, sieh."
+
+Sie traten in eine grosse, helle Kammer. Ein schlichtes Feldbett stand
+darin. "Wie fuer einen richtigen Soldaten," sagte die Grossmutter, "nur
+dass es ein Kopfkissen und ein Federbett hat. Das bekommen ja die
+Soldaten nicht, aber du bist ja auch noch keiner, sondern willst erst
+einer werden."
+
+"Schlafen sie ganz ohne Federbetten, die Soldaten?" fragte Gebhard
+nachdenklich, "dann will ich's doch auch ohne versuchen."
+
+"Willst du? Das ist recht! Weisst du, Federn sind so etwas weiches,
+warmes, je weniger ein Bub davon wissen will, um so besser."
+
+"Also weg damit!" rief der kleine Mann, "Grossmutter, wohin?"
+
+Er packte das Federbett. Aber Helene legte die Hand darauf. "O, bitte,
+Mutter," sagte sie, "es ist doch zu kalt fuer das Kind, er ist es nicht
+gewoehnt."
+
+"So lassen wir das Bett hier. Du kannst es Nachts damit halten wie du
+willst. Und sieh, da habe ich Platz gemacht fuer deine Kleider." Sie
+schloss einen grossen, altertuemlichen Kleiderschrank auf. "Hier herein
+kannst du deine Kleider haengen."
+
+"Ich will ihm helfen, sie einzuraeumen," sagte Helene. Ihr war jeder
+Vorwand erwuenscht, die Aussprache weiter hinaus zu schieben. Waehrend sie
+nun an den geoeffneten Schrank trat, erhob sich Leo, der sich schon neben
+Gebhards Bett gelegt hatte, folgte ihr, wurde unruhig, schob seine Nase
+in den Schrank und fing an, zu winseln. Sie bemerkten alle das
+wunderliche Gebahren. "Was ist da hinten in dem Schrank, Grossmutter,"
+fragte Gebhard. Sie griff hinein. "Es sind nur Kleidungsstuecke." Sie
+holte von den Haken, was da hing, ein Regenmantel, ein paar
+Sommerkleider; immer aufgeregter folgte der Hund ihren Bewegungen und
+jetzt, da sie wieder ein Kleidungsstueck hervorzog, eine Herrnjuppe,
+jetzt sprang das Tier hoch und steckte seinen Kopf hinein. "Ach, das ist
+noch eine Juppe von deinem Vater, ist's moeglich, dass er die erkennt?"
+
+"Aber freilich, Grossmutter, sieh nur, wie er schnueffelt, wie er sich
+freut und daran zerrt!" Ein Ruck--und der Hund hatte die Juppe auf den
+Boden gezogen. Er legte sich daneben, streckte die Vordertatzen in
+ganzer Laenge darueber, wuehlte mit Behagen den Kopf in das Kleidungsstueck
+und nahm so fest Besitz davon, dass es nicht raetlich schien, es ihm
+wegzunehmen. Gebhard warf sich neben seinem Hund auf den Boden,
+streichelte ihn und redete mit ihm: "Wo ist denn der Herr, wo ist dein
+guter Herr? Leo, denkst du an den Herrn?" Das Tier wedelte.
+
+Geruehrt von der Treue des Hundes wandte sich Helene ab, liess sich
+ueberwaeltigt von Sehnsucht und Schmerz auf dem Feldbett nieder und weinte
+bitterlich. Frau Dr. Stegemann setzte sich neben die junge, von
+Schluchzen erschuetterte Frau und redete ihr in einem weichen,
+muetterlichen Ton zu, den Helene noch nie von ihr gehoert hatte. Da
+schwand allmaehlich ihre Furcht und es ueberkam sie der Trieb, der Mutter
+ihres Mannes das ganze Leid anzuvertrauen. Sie raffte ihre Kraft
+zusammen. "Mutter," sagte sie, "es ist ja alles viel, viel
+schrecklicher, als du ahnst!"
+
+"Wie so? Weisst du mehr, als was du mir geschrieben hast? Hast du
+Nachricht von Rudolf? Schlechte Nachricht?"
+
+"Nein, nein; kein Wort habe ich von ihm gehoert seit jenem Tag. Aber es
+war anders als du denkst, ich kann es so schwer ueber die Lippen
+bringen!"
+
+Frau Dr. Stegemann richtete sich stramm auf und der weiche Ton war nicht
+mehr in ihrer Stimme als sie, gefasst auf die schlimmsten Mitteilungen,
+zur Schwiegertochter sprach: "Rede endlich, Helene. Wir duerfen nicht
+feig sein in dieser harten Zeit. Ich kann alles hoeren, auch das
+grausamste. Und du musst jede Wahrheit aussprechen koennen. Sei doch auch
+tapfer, was hilft das Weinen?"
+
+Bei diesen Worten stand Gebhard, der neben dem Hund gelegen, auf, trat
+rasch an Helenens Seite und streichelte ihre Hand. "Grossmutter," rief
+er, "die Mutter kann nicht so tapfer sein wie du meinst, der Vater hat
+mir gesagt, sie ist nicht aus so hartem Holz geschnitzt wie wir
+Stegemanns. Man muss sie immer ganz zart behandeln!" Da schlang die junge
+Frau den Arm um ihren Verteidiger und sagte zu ihm: "Die Grossmutter hat
+aber doch recht und ich will ja auch, dass sie alles erfaehrt. Gebhard,
+erzaehle du es, du warst ja dabei und du musst nicht immer so weinen, wie
+ich!"
+
+"Ja," sagte Gebhard, "die Grossmutter darf das wissen, sonst niemand auf
+der Welt!"
+
+Der kleine Mann gab sich einen Ruck, dass er stramm da stand und fing an:
+"Grossmutter, so war's: Zuerst kam ein deutscher Offizier mit fuenf
+Soldaten und besprach etwas ganz im geheimen mit dem Vater. Einstweilen
+kochten die Soldaten auf unserm Herd und wir halfen ihnen. Dann sagte
+uns der Vater, er muesse sie begleiten, aber kein Mensch duerfte wissen
+wohin. Sie zogen bei Nacht miteinander fort. Am naechsten Tag kam der
+Vater allein zurueck und sagte, wir muessten schnell fliehen, die Russen
+koennten bald kommen. Wir fingen gleich an, unsere Sachen auf die Wagen
+im Hof zu laden, aber mitten hinein kam ein ganzer Trupp Russen mit
+einem Offizier. Sie gingen die Treppe hinauf und ich ihnen nach. Im
+Wohnzimmer war der Vater, aber die Mutter mit dem Juengferlein war nicht
+da. Der russische Offizier fragte, wohin die deutsche Patrouille
+gegangen sei, die heute Nacht im Forsthaus eingekehrt sei und die der
+Vater begleitet habe. Ich weiss nicht mehr genau, was der Vater zuerst
+sagte, aber als der Offizier verlangte, er solle mit ihm gehen und ihn
+denselben Weg fuehren, da sagte der Vater: "Nein, ich bin ein guter
+Deutscher und werde nicht zum Verraeter." Aber der Offizier hat ihm
+gesagt: er koenne doch nichts machen gegen so viele und er hat ihm
+versprochen, er duerfte gleich wieder heimkommen, und uns allen solle gar
+nichts geschehen; aber wenn er ihnen den Weg nicht zeige, muessten wir
+alle sterben. Der Vater hat aber nicht nachgegeben und es war
+schrecklich, wie zornig da der Offizier geworden ist, und weil ich auch
+gerufen habe, der Vater soll nichts verraten, haben mich die Soldaten
+ganz wuetend gepackt und fest gehalten, da oben am Arm, wo es so weh tut,
+und ich habe vor lauter Zorn nur immer geschrien: "Vater, tu's nicht!
+Aber dann--" Gebhard stockte. Er sah die Mutter an. "Soll ich denn alles
+sagen, Mutter, alles?"
+
+"Alles, Gebhard!"
+
+"Dann hat die Mutter die Schlafzimmertuere aufgeriegelt und hat von ferne
+gerufen und gebeten, der Vater soll uns nichts geschehen lassen. Der
+Vater hat auf die Mutter hingeschaut und dann hat er nicht mehr 'nein'
+sagen koennen. Er ist mit ihnen gegangen und hat versprochen, sie zu
+fuehren. Sie sind dann fortgeritten und wir haben gedacht, der Vater kaeme
+am Abend wieder, der Offizier hat es ihm doch auf Ehrenwort versprochen.
+Das Ehrenwort muss doch ein Offizier auch im Krieg halten, nicht,
+Grossmutter?"
+
+Er bekam keine Antwort. Die Grossmutter, die still mit verhaltenem
+Schmerz den Bericht angehoert hatte, sah ins Weite, wie wenn ihre Augen
+den Sohn suchten, den sie verloren hatte. Helene griff nach ihren Haenden
+und bat leise: "Mutter, verzeih mir und verachte mich nicht ganz. Ich
+weiss, du waerest heldenmuetig gewesen und ich war feig, war in Todesangst;
+das hat er nicht mit ansehen koennen und mir zuliebe ist er zum Verraeter
+geworden. Ich bin schuld, dass nun diese Schuld auf seinem Gewissen
+liegt. Darum habe ich mich nicht entschliessen koennen, dir zu schreiben.
+Ich weiss ja, wie du mich verachten musst, dass ich deinen edlen Sohn dazu
+gebracht habe."
+
+"Du hast ihn _nicht_ dazu gebracht, Helene, du irrst dich. Nichts auf
+der Welt haette ihn dazu bringen koennen. Ich kenne ihn. Er hat das nicht
+getan!"
+
+Heftig erregt erhob sie sich. Ihr Blick fiel auf Gebhard. "Schon als
+Kind in deinem Alter haette er das nicht getan, wie viel weniger als
+Mann! Du hast das von deinem Vater geglaubt?"
+
+"Ich habe es gehoert, Grossmutter, dass er 'ja' gesagt hat, und habe es
+selbst gesehen, dass er mit den Russen gegangen ist!"
+
+"Ja. So hat er euch das Leben gerettet und die Bande fortgebracht vom
+Forsthof. Eine Kriegslist war das. Ja, er ist mit ihnen geritten, aber
+wohin? Dahin, wo die deutsche Patrouille nicht war! Gebhard, kennst du
+deinen Vater so wenig?"
+
+Der Knabe senkte nicht den Blick vor dem strengen Ausdruck der
+Grossmutter; ein glueckliches Leuchten flog ueber sein Gesicht. "So ganz
+gewiss weisst du das, Grossmutter? kann es gar nicht anders moeglich sein?"
+
+"Gebhard, wird es jemandem gelingen, deinen Leo, dies treue Tier, gegen
+_dich_ zu hetzen? Wenn man ihn lockt, ihm droht? Schaeme dich, zu denken,
+dass irgend etwas auf der Welt deinen Vater vermocht haette, die Deutschen
+an ihre Feinde zu verraten!"
+
+Zaghaft warf Helene ein: "Mein Bruder sagt, wer einmal in den Haenden der
+Russen ist, der wird muerbe gemacht, wenn er noch so tapfer waere!"
+
+"Dein _Bruder_ kann das sagen, er hat Rudolf kaum gekannt, aber du?"
+Nachdenklich sah sie auf Helene und dachte unwillkuerlich an die Worte:
+"Aus anderem Holz geschnitzt." Wie biegsam war die junge Gestalt, wie
+weich die Zuege und sanft der Blick! Nachsichtig sprach sie zu ihr.
+"Weil du selbst in jener Stunde schwach warst, hast du auch ihn fuer
+schwach gehalten und hast doppelt darunter gelitten. Aber jetzt glaube
+du mir und lass dich durch keine Einrede mehr irre machen. Dein Mann ist
+_kein_ Verraeter. Von den Treusten einer ist er. Glaube an ihn; ein
+Maertyrer kann er geworden sein, ein Verraeter nicht!" Tief erregt wandte
+sie sich an Gebhard. "Gott gebe, dass du so wirst wie dein Vater! Einen
+besseren Wunsch weiss ich nicht fuer dich!"
+
+Erschuettert verliess sie das Gemach, sie musste jetzt fuer sich allein
+sein.
+
+Ihr starker Glaube ging in dieser Stunde ueber in die Seele von Mutter
+und Kind; die schwerste Last war der jungen Frau vom Herzen genommen.
+
+Es blieb die Trauer um den Helden, aber das war ein edler Schmerz, der
+ihr Herz erhob. "Gebhard," sagte sie, "wie waren wir so verblendet und
+wie wollen wir von jetzt an stolz sein auf den Vater!" Und die beiden
+waren fast gluecklich zu nennen in diesem Augenblick. Aber die Mutter des
+Helden kaempfte jetzt in ihrem Zimmer allein mit der tiefen Bewegung, in
+die diese Unterredung sie versetzt hatte. Sie war ueberwaeltigt von dem
+Gedanken an das Leiden ihres Sohnes. Was mochten die Feinde ihm angetan
+haben in der Wut darueber, dass er ihnen nicht den rechten Weg wies? Das
+graesslichste, das sie ersinnen konnten. O wie grausig waren die Bilder,
+die ihr vorschwebten! Hin und her ging sie in ihrem Zimmer und sprach
+halblaut mit ihrem Sohn, wie wenn er sie hoeren koennte: "Du mein guter,
+tapferer, treuer Sohn! So ganz allein. So weit fort von mir. Was haben
+sie dir getan? Wirst du noch immer gequaelt und gepeinigt? Oder bist du
+erloest von allem Leid, selig aufgenommen als einer, der reinen Herzens
+ist und Gott schauen darf? O, die schreckliche Ungewissheit!"
+
+An der Zimmertuere wurde geklopft, das Dienstmaedchen rief: "Frau Doktor,
+die Schustersfrau aus dem Hinterhaus ist da und fragt nach Ihnen."
+
+"Sie soll morgen kommen."
+
+"Aber sie tut ganz verzweifelt. Sie hat schlechte Nachrichten."
+
+"Ich habe auch schlechte und kann ihr keine guten verschaffen."
+
+Das Maedchen wagte nichts mehr einzuwenden; aber dem fassungslosen jungen
+Weib, das auf Trost und Hilfe wartete, gab sie auf eigene Verantwortung
+den Bescheid: "Frau Doktor kommt gleich." Sie kannte ja ihre Frau; die
+konnte wohl einmal schroff und abweisend sein, aber schliesslich half sie
+doch immer. Auch diesmal. Nach kurzer Zeit kam sie ruhig und gefasst
+heraus; kaum war ihr noch anzumerken, wie sie mit sich gekaempft hatte,
+um wieder tapfer zu sein. Frau Siebel, die Schustersfrau, merkte
+jedenfalls nichts davon; sie war vollstaendig vom eigenen Leid
+hingenommen. Ihr lauter Jammer hatte auch Helene und die Kinder
+herbeigerufen. Schluchzend zeigte sie eine Postkarte, die besagte, dass
+ihr Mann schwer verwundet in der Pfalz liege und sich nach einem Besuch
+von ihr sehne. "Sicher ist er schon tot," rief die junge Frau und hoerte
+gar nicht auf die ermutigenden Worte, mit denen ihr von allen Seiten
+zugesprochen wurde. Sie wusste ganz gewiss, ihr Mann war tot.
+
+"Dann wollen Sie also nicht in das Lazarett reisen?" fragte Frau Dr.
+Stegemann kurz.
+
+"Ei doch," sagte Frau Siebel, "deshalb wollte ich ja Frau Doktor um Rat
+fragen, ich waere so gern noch diese Nacht abgereist."
+
+"So, nun sehen Sie, Sie glauben ja selbst, dass Ihr Mann noch lebt. Nun
+lassen Sie auch das Weinen, dazu haben Sie Zeit in der Bahn; jetzt
+muessen Sie fuer Ihr Kind sorgen, was machen Sie mit dem?"
+
+"Das ist's ja eben, ohne mein Buberl kann ich nicht fort. Ich habe es
+die neun Monate nie aus der Hand gegeben. Ich vergehe vor Angst, wenn
+ich das Kind hier lasse!"
+
+"So wollen Sie es mit auf die weite Reise nehmen?"
+
+"Nein, nein, das waere gar nicht auszuhalten, es zahnt und schreit so
+viel!"
+
+"Dann muessen wir eben eine Unterkunft suchen fuer den Kleinen. Am besten
+in der Krippe."
+
+"Mein Kind in die Krippe? Ach Gott, ich vergehe vor Heimweh nach dem
+Kind!"
+
+"Wenn Sie unter allen Umstaenden vergehen, kann ich Ihnen auch nicht
+helfen," entgegnete Frau Stegemann ungeduldig. "Entweder mitnehmen oder
+hier lassen--eines von beiden muessen Sie doch tun. Oder wissen Sie
+einen dritten Weg?"
+
+"Ach nein--aber--"
+
+"Nun also. Seien Sie recht dankbar, dass wir eine Krippe haben, in der
+man so einen kleinen Schreihals freundlich aufnimmt. Fuer heute nacht
+will ich das Kind nehmen und morgen in der Krippe nachfragen. Jedenfalls
+sorge ich fuer eine gute Unterkunft."
+
+"Aber kann ich Ihnen denn das zumuten? Es ist doch gar zu viel!"
+
+"Im Krieg hilft man zusammen. Ihr Mann ist ja auch fuer uns im Kugelregen
+gestanden! So sorgen wir auch fuer sein Kind. Haben Sie denn das
+Reisegeld?"
+
+"Ich hoffe, dass es reicht!"
+
+"Mit Hoffnungen kommen Sie am Schalter nicht aus. Ich will im Kursbuch
+nachsehen und Ihnen im Notfall etwas vorstrecken. Gehen Sie einstweilen
+und richten Sie alles!"
+
+"Ach, ich bin ganz wirr im Kopf vor Schrecken!"
+
+"Das passt jetzt gar nicht. Im Gegenteil, Sie muessen Ihre Gedanken fest
+zusammennehmen, damit Sie nichts vergessen."
+
+Die Frau eilte davon, Frau Dr. Stegemann ging in die Kueche zum Maedchen.
+Das hatte die Verhandlung gehoert. "Frau Doktor," sagte sie, "wenn ich
+nur haette dazwischen reden duerfen. Das Kind ist nicht gut zu haben, die
+Frau ist so unvernuenftig mit ihm, traegt es und kocht ihm bei Nacht, alle
+Leute im Hinterhaus sagen es. Frau Doktor, jetzt wird's doch zuviel fuer
+uns!"
+
+"Zuviel? Liese, im Kriegsjahr gibt's kein 'zuviel' fuer mich, und fuer Sie
+hoffentlich auch nicht!"
+
+"Aber seine Nachtruhe kann man doch wenigstens verlangen."
+
+"Meinen Sie? Fragen Sie doch Ihren Braeutigam, ob er sagen darf: 'Bei
+Nacht wird mir das Schiessen zuviel, da will ich meine Ruhe!'"
+
+"Wenn man auch immer an den Krieg denkt! Das tun nur Sie, Frau Doktor!"
+
+"Sie doch auch, Liese? Haben wir nicht miteinander zuerst das Backen
+abgestellt, und die Kuebel fuer das Schweinefutter eingefuehrt, und nicht
+geruht, bis sie nach und nach in der ganzen Strasse herauskamen? Ich
+moechte jetzt gar keinen Menschen um mich haben, der nicht immerfort
+fuehlt: 'Jetzt ist Krieg, wie helfe ich?'"
+
+Liese ueberlegte. "Dann will ich eben den kleinen Balg nehmen bei Nacht."
+
+"Den nehme ich schon selbst, denn Sie muessen morgens frueh heraus."
+
+Aber weder die Frau noch die Magd bekamen den kleinen "Balg" ans Bett,
+denn, als Frau Siebel das schlafende Kind brachte, streckte Helene die
+Arme nach ihm aus, fand es reizend in seiner Unschuld und bat so
+herzlich es ihr zu ueberlassen, dass niemand ihr die Freude nehmen wollte.
+Getrost konnte Frau Siebel ihren Liebling verlassen.
+
+In spaeter Abendstunde setzten Mutter und Schwiegertochter sich noch ein
+wenig zusammen. "Mir ist es, wie wenn ich in eine andere Welt versetzt
+waere," sagte Helene. "In deinem Haus weht ein ganz anderer Geist als bei
+uns. Ihr alle steht im Zeichen des Krieges. In meines Bruders Haus ist
+das nicht so, er ist von seinem Geschaeft hingenommen; auch wusste er, dass
+ich nichts hoeren wollte vom Krieg. Ja, ich gestehe dir's, nicht einmal
+an den Siegen konnte ich mich freuen, weil ich immer dabei empfand: mein
+Mann gehoert nicht zu den Helden, ich selbst habe ihn hinausgedraengt aus
+der tapferen Schar. Jetzt aber hast du diesen Druck von mir genommen;
+ich bin so gluecklich und bitte dich: verachte mich nicht um meiner
+Feigheit willen. Vielleicht kann ich auch noch tapfer werden; meinst du
+nicht?"
+
+Liebevoll zog die Mutter sie an sich.
+
+"Wer weiss," sagte sie, "ob ich als junge Frau die Probe bestanden haette,
+angesichts der rohen Maenner, die mit ihren Scheusslichkeiten die Frauen
+bedrohen. Niemand soll da ueber andere urteilen. Du wirst noch viel
+Gelegenheit haben, dich in Tapferkeit zu ueben, und ich auch. Wie lange
+werden wir in Unsicherheit bleiben muessen ueber das Schicksal unseres
+Helden. Und wenn eine Nachricht kommt, dann lautet sie vielleicht so
+grauenvoll, dass wir allen Mut brauchen, um sie zu ertragen. Aber es wird
+uns leichter werden, weil wir uns jetzt zusammen gefunden haben. Es ist
+gut, dass du gekommen bist!"
+
+"Ich moechte in dieser Zeit viel lieber bei dir leben. Aber ich muss doch
+bei der Kleinen bleiben, und die macht so viel Arbeit mit der Waesche
+und mit dem Ausfahren. Bei meinen Geschwistern mit den beiden
+Dienstmaedchen geht das viel leichter als hier. Sie nehmen mir alle
+Arbeit ab; meine Schwaegerin ist ruehrend besorgt und verwoehnt mich ganz."
+
+"Ich bin nicht fuer solch ruehrend verwoehnende Liebe," war der Mutter
+Antwort. "Aber," fuegte sie hinzu, "richte du dein Leben ein, wie du es
+fuer richtig haeltst."
+
+Helene wurde nachdenklich. Nach einer Weile sagte sie: "Fuer Gebhard ist
+es ja viel schoener hier. Meinen Geschwistern ist er fremd geblieben und
+er war auch gegen mich nicht mehr so zutraulich wie frueher. Erst hier
+ist er wieder ganz mein lieber, praechtiger Bub. Mutter, lass ihn mir
+nicht fremd werden!"
+
+Helene blieb bis ueber die Weihnachtsferien und fuehrte selbst noch
+Gebhard in die Schule ein. Sie sah, wie er jetzt dem Lehrer und den
+Mitschuelern frei und offen gegenuebertrat, da er nichts mehr zu
+verheimlichen hatte, und dass dem Kind warme Teilnahme entgegengebracht
+wurde. Und als er am zweiten Tag in der Pause seinen Leo holte, um ihn
+den Kameraden vorzustellen, da wusste sie, dass er heimisch wurde unter
+diesen. Sie konnte ihn getrost verlassen. Sie selbst aber vermisste auf
+der Heimfahrt ihren kleinen Reisekameraden und es war ihr, als entfernte
+sie sich noch mehr von ihrem Mann, indem sie seinen Sohn und seine
+Mutter verliess. Aber daneben wurde doch die Sehnsucht nach dem
+Toechterlein immer lebhafter. Es schlief, als sie heim kam. Beim
+Erwachen sah es befremdet nach der Mutter; fuer das kleine Menschenkind
+war die Zeit lang genug gewesen, um sie zu vergessen; aber die
+Erinnerung erwachte bald wieder. Es war ein lieblicher Anblick, wie die
+junge Mutter mit Kosen und Schmeicheln das Fremdsein besiegte und
+endlich von ihrem kleinen Ebenbild durch strahlendes Laecheln und
+zaertliche Hingabe wieder anerkannt wurde. Die Geschwister hatten es mit
+angesehen. "Wie erfrischt du aussiehst!" sagte der Bruder, "du hast dich
+so schwer zu der Reise entschlossen, aber sie hat dir sichtlich gut
+getan."
+
+"Ja, ja. Das Schwerste, was mich am meisten bedrueckt hatte, das hat mir
+die Mutter abgenommen. Ich habe ihr alles, alles anvertraut und das war
+gut, denn es ist ganz anders, als wir uns gedacht hatten: Nur um die
+Russen vom Haus wegzubringen und um sie falsch zu fuehren, ist mein Mann
+mit ihnen gegangen. Er hat ihnen nichts verraten!"
+
+"Woher habt ihr Nachricht bekommen? Erzaehle doch!" riefen die
+Geschwister.
+
+"Nachricht haben wir nicht, aber die Mutter weiss es dennoch, so gewiss
+wie wenn sie Nachricht haette. Sie kennt ihn und weiss, dass es ihm ganz
+unmoeglich ist, die Deutschen zu verraten."
+
+"Ach so!" sagte der Bruder gedehnt. Enttaeuschung und Unglaube lag in
+seinem Ton. Aber Helene sprach eifrig weiter: "Und ich bin auch fest
+ueberzeugt, dass sie recht hat. Sie hat mir erzaehlt, wie er schon als Bub
+so tapfer und treu war, aehnlich wie ja auch Gebhard ist, durch und
+durch zuverlaessig. Ich haette es ja selbst wissen koennen, aber ich war
+wie verblendet, weil ich selbst feig gewesen bin und mir das so schwer
+auf dem Gewissen lag." Bruder und Schwaegerin schwiegen.
+
+Helene fuehlte, sie waren nicht ueberzeugt. Was konnte sie noch sagen?
+"Wenn ihr nur selbst seine Mutter gehoert haettet, und sie sehen koenntet,
+wie sie so fest und wahr ist und wie sie und ihr ganzes Haus von dem
+erfuellt ist, was fuer den Krieg, fuers Vaterland geschehen muss. Ein ganz
+anderer Geist weht bei ihr als bei uns!"
+
+"Bitte sehr," wehrte der Bruder, "bei uns geschieht alles was recht ist
+und noch nie ist einer aus unserer Familie wegen Verrat in Verdacht
+gekommen!"
+
+"Ihr sollt auch von meinem Mann nichts Schlechtes mehr glauben, nein ihr
+duerft es gar nicht mehr fuer moeglich halten, das kann ich nicht mehr
+ertragen!" Sie zitterte vor Erregung.
+
+Die Schwaegerin beruhigte sie: "Rege dich nicht auf, Helene, ich glaube
+dir ja, aber von deinem Bruder kannst du das nicht gleich verlangen;
+Maenner geben nicht so viel darauf, wenn eine Mutter sagt: das kann mein
+Sohn nicht getan haben, denn keine Mutter will Schlechtes von ihrem Sohn
+glauben. Maenner glauben erst, wenn Beweise vorliegen."
+
+Beweise? Nein, _Beweise_ fuer seine Unschuld hatte Helene nicht, nur den
+Glauben daran; den Glauben, der sie so gluecklich gemacht hatte. O, nur
+fest daran halten und sich nicht irre machen lassen!
+
+Sie sprachen nicht weiter darueber, denn keines wollte das andere
+reizen. Freundlich fuehrte Herr Kurz seine Schwester an den reich
+besetzten Tisch. Aber was sie noch vor wenigen Tagen harmlos angenommen
+hatte, machte ihr jetzt Bedenken. Kriegsmaessig war das nicht, was hier
+aufgetischt wurde. Die Geschwister liessen sich nichts abgehen, dachten
+auch nicht weiter daran, welche Nahrungsmittel knapp waren im Land,
+welche verbraucht werden sollten. Doch wagte sie nicht, dem Bruder
+wieder das Haus Stegemann als Vorbild zu ruehmen. So schwieg sie darueber.
+Aber waehrend sie die ueppige Mahlzeit mit ihnen teilte, bedrueckte es sie,
+die Gastfreundschaft zu geniessen von Menschen, die ihrem Mann Schlechtes
+zutrauten; sie konnte sich nicht wohl fuehlen bei ihnen, trotz aller
+Liebe, die sie ihr erwiesen. In den Wochen, die nun kamen, kaempfte sie
+einen schweren Kampf gegen das Heimweh nach ihrem verlorenen Glueck und
+gegen die Sehnsucht bei denen zu sein, die mit ihr durch die Liebe zu
+ihrem Manne verbunden waren. Sie klammerte sich an den Trost, den ihr
+die treuen Briefe der Mutter brachten, und schrieb fast taeglich an sie
+und an Gebhard. In seinen kindlichen Briefen suchte sie nach den
+seltenen Worten, die etwas von der Anhaenglichkeit aussprachen, die ihr
+so kostbar war. So vergingen ihr die dunklen Wintermonate langsam und
+schwer.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+
+Unter dem offenen Tor des Schulhofes stand Gebhard mit einigen
+Kameraden. Auch Leo war dabei. Er war heute wie so manchesmal gekommen,
+seinen kleinen Herrn abzuholen. Es genuegte, dass Frau Dr. Stegemann dem
+Tier die Tuere oeffnete und sagte: "Such den Herrn!" Er sprang dann in
+grossen Saetzen der Schule zu, wartete am Hoftor, bis sich die Klassen
+entleerten, erkannte sofort die Klasse, zu welcher Gebhard gehoerte,
+draengte sich zwischen den Schuljungen hindurch zu dem einen, dem er
+angehoerte. Viele der Kameraden hatten ihren Spass daran, einer beachtete
+den Hund noch ganz besonders; ein lebhafter Pfaelzer war es. Er hatte
+einen Vetter, der Sanitaetshundefuehrer gewesen, jetzt aber verwundet im
+Lazarett untergebracht war. Dem hatte er schon oft von Gebhards Hund
+gesprochen, und ebenso erzaehlte er Gebhard viel von den Leistungen des
+Hundefuehrers. So waren die beiden laengst begierig, sich kennen zu
+lernen. Heute nun, als Gebhard aus dem Schulhof trat, stand da an der
+Mauer ein Feldgrauer, den Arm in der Binde. Ein ganz junger Soldat war
+es, sah stramm und gesund aus. "Das ist der Sanitaetshundefuehrer," sagte
+der kleine Pfaelzer und der Soldat begruesste Gebhard freundlich: "Ich
+wollte mir nur einmal deinen Hund besehen," sagte er, "ich muss sagen, er
+gefaellt mir wohl! Wie ein Pfeil ist er die Strasse daher gesaust und dann
+regungslos am Tor stehen geblieben. Die Buben von der andern Klasse hat
+er gar nicht beachtet. Es ist ein gut gezogenes Tier. Ich gehe naemlich
+wieder als Hundefuehrer hinaus und da muss ich mich halt jetzt umsehen
+nach einem andern Hund, denn der meinige ist im Feld geblieben."
+
+Gebhard sah den Soldaten, der immer pruefend auf den Hund blickte, mit
+grossen Augen an. "Aber meinen gebe ich nicht her!"
+
+Der Hundefuehrer wandte sich an seinen jungen Vetter. "Ich war der
+Meinung, er sei zu verkaufen, du hast doch so etwas gesagt?" Der
+Schlingel lachte.
+
+"Bloss damit du einmal an die Schule kommst und den Hund anschaust, ob
+der wohl zum Sanitaetshund gut waere."
+
+"Ja," sagte Gebhard, "dann ginge ich, wenn ich gross bin auch als Fuehrer
+mit ihm in den Krieg."
+
+Der Feldgraue lachte: "O Buben, was schwaetzt ihr! Bis ihr gross seid, ist
+doch der Krieg laengst aus und _so_ aus, dass nicht gleich wieder jemand
+sich traut mit uns anzubinden. Und der Hund waere auch bis dahin zu alt,
+jetzt waere er gerade recht. Aber ich glaub's gern, dass du ihn nicht
+hergibst," sagte er freundlich zu Gebhard, dessen Hand streichelnd auf
+Leos Kopf ruhte. Dieser Ton ermutigte Gebhard zu Fragen, die ihn laengst
+beschaeftigt hatten.
+
+"Ich kann mir gar nicht denken," sagte er, "wie ich meinen Hund lehren
+sollte, dass er Fremde aufsucht, Verwundete. Wie haben Sie denn das
+gemacht?"
+
+"Das ist nicht so schnell gesagt und hat ja fuer dich auch keinen Wert."
+
+"Ich haette es nur so gern gewusst."
+
+Der kleine Vetter legte sich ins Mittel. "Du kannst es ihm doch sagen!"
+
+"Wenn ihr einmal herauskommt auf das Gelaende hinter dem Lazarett, kann
+ich's euch zeigen."
+
+"Vielleicht gleich naechsten Mittwoch? Da haben wir frei," rief Gebhard.
+
+"Nun also, Mittwoch, um 3 Uhr. Ausgemacht!"
+
+Gebhard kam ganz im Glueck ueber diesen Vorschlag nach Hause. Die
+Grossmutter war gleich fuer den Plan zu haben. Aber am Mittwoch Nachmittag
+wirbelte Schnee und Regen durcheinander, es war zweifelhaft, ob der
+Verwundete bei diesem Unwetter ausgehen durfte. Missmutig stand Gebhard
+am Fenster, schaute hinunter auf die Strasse, ob es denn wirklich so
+schlimm aussaehe. Nur wenige Menschen waren zu sehen, unter diesen aber
+ein Soldat, ein junger Feldgrauer, und der--Gebhard sah es mit
+zunehmender Erregung--der war kein anderer als der Hundefuehrer und kam
+geradewegs auf das Haus zu, drueckte auch schon auf den Klingelknopf!
+Gebhard stuerzte hinaus, oeffnete und wurde ganz rot vor stolzer,
+freudiger Erregung, dass dieser Feldgraue zu ihm kam. Zwar wollte der
+nicht ins Zimmer hereinkommen, sondern bloss sagen, dass er bei dem
+schlechten Wetter die Uebung leider nicht machen duerfe; aber er wurde
+bald mit warmen Worten von Frau Dr. Stegemann wie von den beiden
+Enkelinnen ueberredet, in das Wohnzimmer zu kommen und sich an den
+Kaffeetisch zu setzen. Einen Feldgrauen zu Gast zu haben, war immer
+eine Freude und so ein Sanitaetshundefuehrer war noch ganz besonders
+willkommen. Die Hausfrau verstand es, den bescheidenen jungen Mann zum
+Sprechen zu bringen. Im September war es gewesen, da hatte er, der
+siebzehnjaehrige Freiwillige, zum erstenmal seinen Hund erproben koennen.
+"Das war im Gefecht bei Ch.," erzaehlte er, "die Unsrigen hatten einen
+harten Stand gegen die Uebermacht; aber am Nachmittag musste der Feind
+weichen. Unsere Kompagnie sammelte sich, die Sanitaeter suchten die
+Verwundeten auf und die Kameraden trugen die Toten zusammen. Am Abend
+wurden alle Namen festgestellt; da hiess es: Es fehlen noch 5 Mann.
+Jetzt, wo sind die? Niemand konnte Auskunft geben. Auf dem Feld lag
+keiner mehr, aber vielleicht im Wald. Von dem Argonnerwald macht man
+sich aber bei uns keinen Begriff, der ist so dicht mit Unterholz und
+Gestruepp verwachsen, dass man gar nicht vorwaerts kommt; wenigstens ist's
+so in der Gegend, wo wir waren. Wenn sich da ein Mensch hinein
+verschlupft, sieht man ihn beim hellen Tag nicht, geschweige in der
+Nacht. Also fuenf fehlen. Soll man die liegen lassen? Vielleicht
+verbluten sie sich oder holen sie sich den Tod auf dem nassen, kalten
+Waldboden. Ich war bei unserer Truppe der einzige, der einen Hund hatte.
+Jetzt, denke ich, muss der seine Kunst zeigen. Ich fuehre ihn in der
+Dunkelheit bis dicht an den Wald, dann mache ich ihn los vom Strick und
+geb ihm den Befehl: 'Such verwundet.' Der Hund saust gleich davon, in
+den Wald hinein. Eine Weile hoere ich noch rascheln und knacken, dann
+wird's ganz still und ich steh da im Nebel und es rieselt eiskalt auf
+mich herunter und wird mir ganz unheimlich, so allein in der
+stockfinsteren Nacht. Mein elektrisches Laempchen habe ich wohl in der
+Tasche, aber das spart man fuer die aeusserste Not. Ich weiss nicht, wie
+lang das waehrte, mir kam's eine Ewigkeit vor, da hoere ich in der Ferne
+so ein kurzes, wiederholtes Bellen und merke gleich: Mein Tell hat einen
+gefunden! Da ist mir's siedheiss vor Freude aufgestiegen, ich pfeife und
+lass mein Laempchen in den Wald blitzen und jetzt knistert und kracht es
+wieder und mein Tell kommt mit einer Soldatenmuetze im Maul. Schnell lege
+ich ihm die Leine an und rufe ihm zu: 'Fuehr mich!' Er zieht an und fuehrt
+mich durchs Dickicht am Waldessaum eine ganze Strecke. Da bleibt er
+ploetzlich stehen. Ich hoere ein Stoehnen und sehe vor mir einen unserer
+Vermissten, ein Landwehrmann war's. Wie hat der Mensch sich gefreut und
+wie war er dankbar fuer einen Schluck aus meiner Feldflasche! Einen Schuss
+in den Oberschenkel hatte er, und so grossen Blutverlust, er hat sich
+nicht ruehren koennen vor Schwaeche und Schmerzen. Ich habe ihm einen
+Notverband angelegt, habe ihn mit seinem Mantel gut zugedeckt und ihm
+versprochen, dass ihn die Traeger holen wuerden. Allein haette ich ja den
+Weg in der Nacht nicht zurueckgefunden, es war mir selbst wie ein Wunder,
+dass mich mein Tell wieder herausgeleitet hat aus dem finstern Wald und
+bis zur Truppe. Dort waren gleich ein paar von unseren Leuten bereit,
+den Verwundeten mit der Bahre zu holen. Mein Tell hat uns wieder
+gefuehrt und wir haben unsern Landwehrmann gluecklich zum Verbandplatz
+gebracht. In derselben Nacht haben wir noch einen zweiten aufgespuert und
+errettet. Die andern fand Tell gegen Morgen; einer war aber schon
+verblutet. Haetten wir mehr Hunde mit Fuehrern gehabt, waere der vielleicht
+auch noch gerettet worden."
+
+Der Soldat schien fertig mit seiner Erzaehlung; aber alle haetten gern
+noch mehr gehoert.
+
+"Bei welcher Gelegenheit sind Sie denn zu Ihrer Verwundung gekommen?"
+fragte Frau Dr. Stegemann.
+
+"Ja, das war eben einmal, wo unsere Verwundeten ganz nahe am Feind
+lagen. Das ist immer das gefaehrlichste. Wenn es so steht, dann bindet
+man den Hunden den Fang zu, dass sie keinen Laut geben koennen; das haben
+sie zwar nicht gern. Mein Tell hat sich's anfangs gar nicht gefallen
+lassen; aber er hat es doch gelernt. Auch wie ich das letzte Mal mit ihm
+draussen war und mit den Traegern ganz nahe an den vordersten
+Schuetzengraben der Franzosen gekommen bin, hat er uns nicht verraten,
+sondern hat uns lautlos herangefuehrt; aber die Verwundeten haben
+gestoehnt und um Hilfe gerufen, wie sie uns bemerkten. Darauf ist die
+Schiesserei bei den Franzosen losgegangen. Sie haben aber nur mich
+getroffen, so dass ich noch selbst habe zurueckgehen und mit der linken
+Hand den Hund fuehren koennen; unsere Leute haetten sonst in der Nacht
+nicht zurueckgefunden. So haben wir doch unsere Verwundeten noch
+gerettet, das hat mich riesig gefreut. Nachher bin ich ohnmaechtig
+geworden; und wie ich im Lazarett aufgewacht bin, haben mir die
+Kameraden gleich zugerufen, ich bekaeme das Eiserne Kreuz. Nun, ich
+will's spaeter noch besser verdienen; sobald es nur angeht, ziehe ich
+wieder hinaus. Mein Tell wird jetzt von einem Kameraden gefuehrt, und ich
+muss schauen, dass ich wieder einen Hund abrichte. Er muss halt folgen und
+klug sein, bissig darf er auch nicht sein und nicht mit andern Hunden
+raufen oder auf Wild jagen. Es gibt nicht viele solche und wer so ein
+Tier hat, der verkauft's nicht, gelt du?" Er wandte sich mit dieser
+Frage an Gebhard. Aber Grete und Else, die beiden lebhaften Maedchen, die
+nicht weniger eifrig als Gebhard dem Soldaten zugehoert hatten, liessen
+ihn nicht zur Antwort kommen: "Ich wuerde meinen Hund gleich verkaufen!"
+rief Grete mit Begeisterung! Und Else: "Ich auch, recht teuer; um das
+Geld wuerde ich lauter Sockenwolle, Zigarren und Schokolade kaufen und
+Paeckchen an die Soldaten schicken oder ich gaebe es fuer die Ostpreussen."
+
+"Die Fraeulein haben gut reden," sagte der Soldat, "die haben keinen Hund
+und wissen nicht, wie lieb man solch ein Tier hat. Ich haette meinen Tell
+auch um viel Geld nicht hergegeben, ich kann's von einem andern auch
+nicht verlangen. Wo hast du denn deinen Leo?"
+
+"Im Hof."
+
+"Da hast du recht. Lass ihn nicht viel ins Zimmer, sonst wird er
+verweichlicht."
+
+Der Soldat hatte sich neben dem Erzaehlen den Kaffee wacker schmecken
+lassen; Frau Dr. Stegemann nahm die leere Kanne, ging hinaus, zu sehen,
+ob draussen noch Vorrat waere. Gebhard folgte ihr in die Kueche.
+"Grossmutter, gelt, ich muss meinen Leo nicht hergeben?"
+
+"Niemand kann das von dir verlangen."
+
+"Grossmutter, gelt der Soldat hat recht, Grete und Else wissen nicht, wie
+gern ich meinen Leo habe, aber du weisst es doch, Grossmutter!"
+
+"Ich weiss es freilich, er ist dein liebster, treuster Kamerad! Und er
+ist dir auch ein Andenken an den Vater, ans Forsthaus, an die liebe,
+alte Heimat. Du wuerdest ihn alle Tage vermissen, weil dein Herz an ihm
+haengt."
+
+"Ja, ja, gerade so ist's wie du dir's denkst, Grossmutter. Leo koennte es
+auch gar nicht verstehen. Vorhin war's mir, als muesste ich ihn hergeben,
+weil man ihn im Krieg so noetig brauchen koennte, aber ich bin froh, dass
+du selbst sagst, ich soll ihn behalten."
+
+"Das habe ich nicht gesagt, Gebhard, und kann es auch nicht sagen. Nur
+du selbst kannst wissen, ob du dein Liebstes fuers Vaterland hergeben
+musst oder nicht!"
+
+"Nein, Grossmutter, sage mir, was du meinst."
+
+"Ich meine, du gehst jetzt einmal hinunter zu deinem Leo und ich trage
+den Kaffee in das Zimmer!"
+
+"Ich will aber doch wissen, was du denkst!"
+
+Die Grossmutter ueberhoerte den aergerlichen Ausruf ihres Enkels und kehrte
+in das Zimmer zurueck. Gebhard stand noch einen Augenblick voll Aerger
+und Unmut da, dann tat er doch, was die Grossmutter gesagt; er ging
+hinunter in den Hof, an dessen Zaun der Hund sofort hoch sprang und
+freudig seinen kleinen Herrn begruesste, der ihn diesmal mit stuermischer
+Zaertlichkeit umschlang und ihm einmal ums andere zurief: "Du wirst nicht
+verkauft, Leo, nein, nein! Wir zwei bleiben beisammen!"
+
+Droben im Zimmer machte der bescheidene junge Gast Umstaende, noch weiter
+dem Kaffee zuzusprechen und noch laenger zu verweilen.
+
+"Ich meine," sagte die Grossmutter, "nach dem wochenlangen Lazarettleben
+duerfen Sie sich's wohl einmal wieder behaglich machen in einem
+Familienzimmer. Sagen wir: noch eine Tasse, eine Zigarre und eine
+Viertelstunde plaudern, und dann soll's genug sein. Wir gehen dann auch
+wieder an unsere Arbeit."
+
+"Ja, so ist's fein," meinte der junge Mann, sah auf seine Taschenuhr und
+gab sich noch einmal dem seltenen Genuss hin, am behaglichen
+Familientisch zu sitzen und von seinem Elternhaus erzaehlen zu duerfen.
+Die Viertelstunde war fast verstrichen, da kam auch Gebhard wieder
+herauf und trat ins Zimmer, seinen Leo an einer kurzen Leine fuehrend.
+Stramm ging er auf den Soldaten zu, hochgemut leuchteten seine Augen; er
+glich selbst schon einem Fuehrer, der mit seinem Hund einen schweren Gang
+wagen will.
+
+Der Soldat unterbrach seine Erzaehlung und wandte sich dem Knaben zu. Der
+trat dicht heran und rief seinem Hund zu: "Leo leg dich still!" Das Tier
+legte sich gehorsam neben den fremden Mann. Nun reichte Gebhard dem
+Soldaten die Leine und sagte fest: "Ich schenke meinen Leo dem
+Vaterland." Er liess die Leine los, sie lag nun in des Fuehrers Hand. Der
+junge Soldat fand gar nicht gleich Worte, so ueberrascht war er, so
+bewegt, als er sah, wie Gebhard zu seiner Grossmutter trat und zu ihr
+sagte: "Ich habe es _doch_ tun muessen, Grossmutter!"
+
+Sie zog ihn an sich heran. "Es wird dich nicht reuen," sagte sie.
+
+Aber der Feldgraue machte Einwaende: "Ich kann das gar nicht annehmen von
+dem Kind, es tut ihm weh. Nein, das Opfer ist zu gross!"
+
+"Ei was, wer wird darueber so viel Worte machen," wehrte Frau Stegemann
+und wandte sich an Gebhard: "So ein kleiner Bursche wie du hat nicht
+leicht das Glueck, dass er dem Vaterland etwas wertvolles opfern kann, das
+darf wohl auch wehtun, sonst waere es ja gar kein Opfer!"
+
+"Es tut weh, Grossmutter!"
+
+"Ich glaube dir's wohl, mein lieber Bub!"
+
+Sie sah, dass der kleine Mann sich mit aller Macht wehrte, die Traenen
+zurueckzuhalten und kam ihm zu Hilfe, indem sie sich an den Soldaten
+wandte.
+
+"Nun werden Sie erst erproben muessen, ob Leo wirklich brauchbar ist als
+Sanitaetshund."
+
+"Ja, aber ich zweifle nicht, es wird sich bald zeigen. Ein feines Tier
+ist das. Ich kann's gar nicht so aussprechen, wie dankbar ich dafuer bin.
+Nach dem Krieg--wenn wir's erleben--bringe ich dir aber deinen Leo
+zurueck, Gebhard, dann soll er wieder dir gehoeren." Das war eine schoene
+Hoffnung, Gebhard sah schon wieder froehlich aus.
+
+"Und schreiben will ich dir auch und dir berichten, wieviel er leistet."
+
+"Ja, ob er solche Verwundete aufspuert, die sonst umgekommen waeren."
+
+"Gebhard saehe wohl gerne zu, wenn Sie den Hund abrichten. Koennten Sie
+das einrichten?" fragte die Grossmutter.
+
+"Aber natuerlich, das wollen wir schon so machen. Ich kann ja an das
+Schulhaus kommen, dann verabreden wir es miteinander. Zuerst muss ich es
+im Lazarett melden, so lange bleibt dir dein Leo noch. Lass doch sehen,
+ob er sich nicht losreisst von mir, wenn du hinausgehst." Gebhard ging
+auf die Tuere zu, der Hund erhob sich, zog an der Leine, wollte
+folgen.--"Leo, liegen bleiben!" rief ihm sein kleiner Herr zu, und
+verliess das Zimmer. Das Tier legte sich, aber es winselte leise. "Er ist
+doch sonst hie und da im Zimmer ohne Gebhard, da winselt er nie!"
+bemerkte Else.
+
+"Er merkt, dass mir die Leine uebergeben ist und das beunruhigt ihn, Sie
+werden gleich sehen!" Der Soldat liess die Leine zu Boden gleiten, sofort
+war der Hund still. "Ein kluges Tier! Und so fein erzogen!"
+
+"Mein Sohn versteht das, Gebhards Vater."
+
+"Ist Ihr Herr Sohn auch im Feld?"
+
+"Im Feld nicht, aber in russischen Haenden. Was sie ihm getan haben und
+ob er noch lebt, das wissen wir nicht."
+
+"Oh, ich habe keine Ahnung gehabt, dass Sie so eine Sorge haben," sagte
+der junge Mann und stand auf. "Da sitze ich und plaudere Ihnen vor, und
+nehme dem Kind noch seine groesste Freude weg, das geht doch nicht."
+
+"Es geht schon. Gebhard ist ein tapferer, kleiner Mann, nach seinem
+Vater geraten. Es ist gut, sich schon in jungen Jahren an Opfer und
+Entbehrungen zu gewoehnen, so wachsen Helden heran."
+
+Der Soldat verabschiedete sich, Gebhard gab ihm noch ein Stueck Weges das
+Geleite. Der Hund ging zwischen ihnen, die Leine wanderte unversehens
+von einer Hand in die andere. Soldaten gingen vorueber, gruessten den
+Kameraden mit dem Hund, sahen auch freundlich nach dem kleinen Burschen,
+denn der gruesste heute einen jeden. Er konnte gar nicht anders. Hatte er
+doch den Soldaten zu lieb seinen Leo geopfert, so sah er sie alle mit
+dem Gedanken an: Vielleicht rettet er euch einmal das Leben!
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+
+Wochen waren vergangen. Helene lag auf ihrem Ruhebett, das letzte
+Briefchen Gebhards in der Hand. Sie hatte sich allmaehlich daran gewoehnt,
+manche Stunde so liegend zu vertraeumen. Arbeit gab es nicht fuer sie in
+diesem Hause; fuer ihr Toechterchen war ein Kindermaedchen gedungen
+worden; denn die Geschwister wuenschten nicht, dass sie das Kind selbst
+ausfahre; an dem geselligen Verkehr ihrer Schwaegerin mochte sie nicht
+teilnehmen, dazu war ihr Herz zu schwer. Heute war fuer sie ein besonders
+wehmuetiger Tag, ihr Hochzeitstag jaehrte sich zum zweiten Mal. Und sie
+wusste nicht: war sie Witwe oder lebte der noch, der ihr ganzes Glueck
+gewesen?
+
+Nichts war ihr aus jener Zeit geblieben als das Kleine, das neben ihr
+lag und schlief. Sie schaute nach dem Kind, aber sie konnte es nicht
+mehr mit derselben Freude ansehen wie frueher, sie bedauerte es. Ohne den
+Vater sollte es aufwachsen, mit einer Mutter, die nicht mehr frisch und
+froehlich war wie einst. Sie kam sich selbst wie ein fluegellahmer Vogel
+vor. Mutlos sank sie wieder auf ihr Ruhebett zurueck. Eine Weile spaeter
+trat leise das Kindermaedchen ein, blickte nach der schlafenden Kleinen.
+"Ich will nicht stoeren," sagte das Maedchen, "wollte nur die Post
+bringen." Sie gab einen Brief ab und verliess das Zimmer.
+
+Gleichgiltig oeffnete Helene den Umschlag. Es war ihr alles so einerlei,
+nur wenn von seiner Mutter ein Brief kam, das freute sie, darin wehte
+immer etwas von seinem tapfern Geist. Aber dies schien von einer
+Maedchenhand geschrieben. Liegend las sie; es waren nur ein paar Worte,
+aber Worte, die sie auffahren liessen, ihr Herz klopfen machten, ihr
+schier unglaublich schienen, so dass sie ihren Augen nicht traute und
+einmal ums andere las, was da stand: "Ihr Mann lebt und gruesst Sie
+tausendmal!"
+
+So lebhaft war Helene aufgesprungen, dass ihr Toechterchen davon
+erwachte.
+
+"Mam-mam," klang es aus dem Korbwagen. "Mam-mam? Ja, und Pa-pa!
+Juengferlein, der Papa lebt und laesst uns tausendmal gruessen!"
+
+Sie nahm das Kind heraus, drueckte es jubelnd an sich und lachte so, dass
+das Kleine auf ihrem Arm ganz uebermuetig wurde. Aber nach dieser ersten
+ueberquellenden Freude kamen der jungen Frau allerlei Fragen.--Warum
+schrieb ihr Mann nicht selbst? Konnte er nicht? War er so krank? Wenn
+man nur mehr wuesste! Aber es war doch eine Spur aufgefunden, die konnte
+man verfolgen. Das musste sie mit seiner Mutter besprechen, zu der
+gehoerte sie jetzt. Ein heisses Verlangen trieb sie zu ihr und zu Gebhard;
+wie wuerde der jubeln!
+
+Sie eilte hinaus, um Bruder und Schwaegerin den Brief zu zeigen und sich
+mit ihnen zu beraten. Die Geschwister konnten zwar nicht einsehen, dass
+Helene auf diese Nachricht hin unbedingt abreisen muesse, aber sie hatten
+beide den Eindruck, dass gegen diesen stuermischen Wunsch gar nichts zu
+machen sei. Sie war ja wie verwandelt, die vorher so matte,
+niedergeschlagene Frau. Man musste sie gewaehren lassen.
+
+So folgte Helene dem Drang ihres Herzens und frug bei der Mutter an, ob
+sie zu ihr kommen duerfe mit dem Toechterchen und bei ihr bleiben, damit
+sie alle beisammen waeren, wenn ihr Mann kaeme. Er lebte--also kam er, wer
+konnte wissen, wie bald!
+
+Frau Dr. Stegemann antwortete sofort und hiess Helene mit dem Kind
+willkommen. In Eile wurden die Reisevorbereitungen getroffen.
+
+Helene war beim Abschied bewegt. Wie gastfreundlich hatten die
+Geschwister sie aufgenommen. "Ihr wart so geduldig mit mir in dieser
+langen, truebseligen Zeit," sagte sie.
+
+"Uns war es nicht zu lange," erwiderte der Bruder mit Herzlichkeit. "Du
+kannst jederzeit wiederkommen, du weisst, wir haben dich lieb!"
+
+"Und ich euch, von Herzen. Aber mein Mann gehoert auch dazu. Wenn ich ihn
+erst wieder habe, muesst ihr ihn recht kennen lernen. Dann wird alles ganz
+schoen!"
+
+"Gott gebe es!"
+
+Die Geschwister trennten sich, der Zug fuhr ab. Und kaum war Helene mit
+ihrem Toechterlein allein, so zog sie wieder ihren Brief aus der Tasche;
+denn sie konnte nicht oft genug die Worte lesen: "Ihr Mann lebt und
+gruesst Sie tausendmal!"
+
+Helene hatte nichts mitgeteilt von der Botschaft, die sie erhalten
+hatte. Muendlich wollte sie der Mutter die Nachricht ueberbringen, wollte
+ihre und Gebhards Freude miterleben. Da sie nun mit einem frueheren Zug,
+als man sie erwartet hatte, ankam, fand sie die Wohnung fast leer, nur
+das Maedchen empfing sie. So richtete sie sich ein in dem Gastzimmer,
+besorgte ihr Kindchen und wartete gespannt, wer zuerst heimkaeme.
+
+Immer wieder trat sie ans Fenster, sah endlich ein paar Schuljungen auf
+das Haus zukommen und erkannte unter ihnen Gebhard. Die Kameraden hatten
+sich viel zu sagen, konnten sich lange nicht trennen, sie hatten eben
+einer Uebung des Sanitaetshundes Leo beigewohnt und waren noch erfuellt
+davon. Die junge Frau konnte nicht laenger warten, oeffnete das Fenster
+und rief Gebhards Namen; der blickte auf, loeste sich aus der Gruppe,
+rannte der Haustuer zu und oben angekommen umschlang er die Mutter, die
+strahlend vor Freude vor ihm stand. Er hatte gar nicht mehr gewusst, dass
+sie so lieblich aussah, wie jetzt in ihrem Glueck, und es ueberkam ihn so
+ploetzlich die Erinnerung, wie Vater und Mutter beisammen gewesen, dass
+ihm Traenen in die Augen stiegen. Er begriff nicht, was ihn so bewegte
+und sagte hilflos: "Ich freue mich doch so, aber das ist immer so dumm,
+wenn man sich freuen will, dann kann man's nicht, ohne den Vater!"
+
+"Doch Gebhard, jetzt koennen wir's wieder! Denn wir wissen jetzt, dass der
+Vater lebt. Sieh nur, den Brief habe ich bekommen, darin steht: Der
+Vater lebt und gruesst uns tausendmal!"
+
+Kaum hatte Gebhard die Nachricht erfasst, so erklang draussen ein
+wohlbekanntes Klingeln: "Das ist die Grossmutter, darf ich's ihr sagen,
+Mutter?"
+
+"Wir miteinander!"
+
+Sie nahmen sich an der Hand, Gebhard lachte, wie die Mutter so
+leichtfuessig mit ihm springen konnte. Sie kamen dem Maedchen noch zuvor.
+Die Grossmutter wurde von beiden Seiten umfangen und hoerte nichts als:
+Er lebt und gruesst uns tausendmal!
+
+Auf diese freudige Erregung folgten Wochen des Wartens. Aber sie
+brachten fuer Helene nicht mehr vertraeumte Stunden auf dem Ruhebett; in
+diesem altmodischen Haus gab es ueberhaupt gar kein Ruhebett. Frau Dr.
+Stegemann kannte auch keine Mittagsruhe. Sie war der Meinung, dass es fuer
+gesunde Menschen genuege, bei Nacht zu ruhen und begriff nicht, dass junge
+Menschen so viele Stunden ihres Lebens ohne Arbeit oder Vergnuegen, in
+blossem Nichtstun zubringen mochten. Helene fand sich schnell in diese
+Auffassung und kam durch Arbeit hinweg ueber die Enttaeuschung, dass der
+ersten Nachricht keine zweite folgte und alle Nachforschungen fruchtlos
+blieben. Sie besorgte ihr Kindchen selbst und war bald auch in allerlei
+Arbeit fuer andere mit hineingezogen. Zuerst durch die junge
+Schustersfrau, die inzwischen Witwe geworden war. Ihr musste man helfen
+Verdienst zu suchen, und dabei hoerte man von anderen, die in aehnliche
+Not geraten waren.
+
+Da gab es fuer Helene viele Gaenge zu machen, aufzumuntern und Hilfe zu
+schaffen. Ihre beiden jungen Nichten, Else und Grete, waren eifrige
+Woll- und Metallsammlerinnen fuers Vaterland, hatten auch Gebhard mit
+hereingezogen und so gab es in der ganzen Familie kaum eine Taetigkeit,
+selten ein Gespraech, das nicht mit dem Krieg zusammenhing.
+
+Ueber all dem verstrich rasch die Wartezeit und ging der kalte
+Vorfruehling ueber in einen Mai, so wonnig, dass all die Krieger im Feld
+und ihre Treuen daheim aufatmeten nach dem schweren Winter. Und einer
+dieser wonnigen Maitage loeste auch das geheimnisvolle Dunkel, das bisher
+ueber dem Schicksal des Foersters gewaltet hatte.
+
+Helene war mit ihrem Toechterchen und den grossen Kindern den Nachmittag
+im Wald gewesen, nun kamen sie zurueck mit grossen Straeussen von Waldblumen
+und jungem Gruen; ein ganzer Fruehlingseinzug war es, als all diese Jugend
+heimkehrte und froehlich die Grossmutter begruesste. Die musste sich
+gleichzeitig von jedem erzaehlen lassen, wie schoen es im Wald gewesen,
+musste die Straeusse in Empfang nehmen, die fuer sie gepflueckt waren, und
+konnte sich in all der Kinderunruhe kaum Gehoer verschaffen. Aber als
+Helene mit den Kindern in die grosse Wohnstube ging, da folgte ihnen die
+Grossmutter nicht, sondern bemerkte nebenbei zur Schwiegertochter: "Wenn
+du die Kleine besorgt hast, so komm zu mir herueber. Ich habe dir etwas
+zu sagen." Helene sah die Mutter an und ein einziger Blick verriet ihr,
+dass sie eine tiefe Bewegung beherrschte. Sie wusste: eine Nachricht war
+gekommen!
+
+"Else, Grete," bat sie, "tut ihr mir's zuliebe, die Kleine auszuziehen,
+Gebhard hilfst du?" Und ehe noch Antwort gekommen, setzte sie das Kind,
+das sie auf dem Arm gehabt, mitten unter die drei Grossen auf den Boden
+und folgte der Mutter. "Ist ein Brief gekommen? Von ihm? An mich?"
+
+"An mich, aber deswegen nicht weniger an dich. Komm, setze dich zu mir.
+Und sei tapfer, Helene!" Bei diesem Wort wurde die junge Frau blass.
+"Sind es keine guten Nachrichten?"
+
+"Wie kannst du _gute_ Nachrichten erwarten? Nicht wahr, wir haben uns
+laengst gesagt, dass wir aufs Schlimmste gefasst sein muessen. Aber er lebt
+doch und wird wiederkommen!"
+
+Sie nahm den Brief zur Hand. "Er ist von einer Pflegeschwester
+geschrieben, aus einem Berliner Lazarett, Rudolf hat ihn diktiert. Ich
+will dir ihn vorlesen." Sie las mit fester Stimme:
+
+"Liebe Mutter, wie ein Traum ist mir's noch, dass ich dir einen Brief
+schicken kann, wie ein Wunder, dass ich wieder im deutschen Vaterland
+bin. Noch vor kurzem hatte ich keine Hoffnung, je aus dem Feindesland
+herauszukommen. Fremde Menschen haben sich meiner angenommen, mich mit
+eigener Lebensgefahr ueber die Grenze gebracht. Aber bald, bald werde ich
+dir das alles muendlich erzaehlen, nur auf eines soll dich dieser Brief
+vorbereiten, ehe du mich wiedersiehst. Deine starke Seele wird es
+ertragen, wenn ich dir sage, was mir geschehen ist. Die Russen haben
+grausame Rache an mir veruebt, als ich ihnen die Stellung der Deutschen
+nicht verraten wollte. Mutter, sie haben mir das Augenlicht genommen.
+Ich bin blind. Und nicht nur das, ich bin auch, das weiss ich, ein
+grauenvoller Anblick, und dies quaelt mich vor allem bei dem Gedanken an
+meine junge, weiche, fein empfindende Frau, die so etwas nicht ertragen
+kann." Das Vorlesen wurde unterbrochen durch einen schmerzlichen
+Aufschrei: "O Mutter, wie grausig!" Laut schluchzend drueckte Helene
+beide Haende vor das Gesicht, wie wenn sie verdecken wollte, was sie im
+Geist vor sich sah. Sie weinte bitterlich, es war nicht moeglich, weiter
+vorzulesen. Mitleidig sah die Mutter auf die Trostlose. "Fasse dich,
+Helene; nicht wahr, wir wussten schon lange, dass er in den Haenden
+grausamer Feinde war, und hatten uns auf das Schlimmste vorbereitet."
+
+"Ich nicht, Mutter, ich habe mir solch schreckliche Gedanken immer fern
+gehalten."
+
+Das konnte Frau Stegemann nicht begreifen. In ihrer Natur lag es, fest
+ins Auge zu fassen, was kommen musste. "Helene," sagte sie vorwurfsvoll,
+"du wolltest doch tapfer sein!"
+
+"Verzeih! Ich kann nicht, es ist zu schrecklich!" Vor der Tuere liess sich
+eine Stimme hoeren.
+
+"Grossmutter, darf ich kommen?" und Gebhard trat ein; er sah sein
+Muetterlein aufgeloest in Traenen, daneben die Grossmutter mit dem strengen
+Ausdruck, den er kannte. Ihm war er vertraut, aber die Mutter fuerchtete
+ihn, das wusste er. Und als er sie so im Jammer sah, erregte es ihn, er
+vergass sich und rief mit zornigem Ausdruck, waehrend ihm die Roete ins
+Gesicht stieg: "Grossmutter, so darf man nicht mit der Mutter reden, dass
+sie so weinen muss, das leidet der Vater nicht!"
+
+Die Grossmutter, die ihm sonst nie solch ungebaerdiges Auftreten hingehen
+liess, uebersah es diesmal; denn sein ritterliches Eintreten fuer die
+Mutter gefiel ihr.
+
+"Ich habe deine Mutter nicht traurig gemacht," sagte sie, "sondern
+dieser Brief, obgleich darin steht, dass der Vater bald kommt. Nun sieh
+nur zu, wie du sie troestest. Du kannst mit ihr den Brief fertig lesen!"
+Sie gab das Blatt in seine Hand und verliess die beiden. Gebhard stand
+ratlos mit dem Brief, denn eine fremde Handschrift war ihm noch eine
+schwere Aufgabe.
+
+"Vorlesen kann ich nicht," sagte er, "und troesten auch nicht."
+
+Da raffte sich Helene zusammen: "Nein, mein armer, lieber Bub, du sollst
+mich nicht troesten, du tust mir ja selbst so leid. Ich will dir sagen,
+warum ich weine: Sieh, der Vater, dein herzlieber Vater, ist blind;
+seine lieben, schoenen Augen sind ihm zerstoert worden aus Rache, weil er
+die Deutschen nicht an die Russen verraten wollte." Sie zog ihn an sich,
+wie entsetzlich musste ihm, der so treu an seinem Vater hing, diese
+Nachricht sein! Aber es kam anders als sie dachte. Nicht Traenen kamen
+ihm in die Augen, stolz leuchteten sie und fast frohlockend klang es:
+"Jetzt muessen es alle glauben, dass der Vater kein Verraeter ist, alle,
+auch Onkel und Tante! Mutter, schreibst du es ihnen gleich, heute noch?"
+
+"Ja, ja. Jetzt haben sie den Beweis, den sie wollten! Einen so
+schrecklichen Beweis!" Ihr graute wieder. Aber Gebhard, dieses Kind, das
+in Monaten des Krieges unter den Kameraden von viel Schrecklichem gehoert
+und im Lazarett allerlei Schwerverwundete gesehen hatte, konnte nicht
+mehr so den Schauer empfinden. "Mutter," sagte er, "droben im Lazarett
+ist ein Soldat, dem hat eine Granate beide Augen weggerissen. Aber der
+hat schon oft mit dem Hundefuehrer und mir geplaudert und war ganz
+vergnuegt!"
+
+"Wie sieht er aus, Gebhard?" ganz aengstlich klang die Frage.
+
+"Ich weiss nicht, ich habe ihn nicht so genau angeschaut."
+
+"Hat er nicht furchtbare Schmerzen?"
+
+"Nein, er hat sich nie beklagt und ich glaube, es wird auch dem Vater
+nicht mehr wehtun."
+
+"Vielleicht steht darueber noch etwas in dem Brief," sie griff darnach,
+denn der kleine Mann hatte sie doch getroestet, sie war wieder gefasst und
+las vor. Von Schmerzen stand nichts darin. Zuversichtlich klang es:
+"Bald darf ich reisen; zunaechst komme ich noch nicht zu dir ins Haus,
+sondern mit anderen Verwundeten in ein Lazarett; dort wirst du, meine
+tapfere Mutter, mich besuchen. Ich weiss nicht, ob meine Lieben bei dir
+sind, und ueberlasse es dir, ob du Helene die ganze traurige Wahrheit
+mitteilen willst. Geh schonend um mit ihrem weichen Herzen; es ist mir
+schwer an ihren Jammer zu denken. Aber _eine_ Mitteilung weiss ich doch,
+die Euch freuen wird, Gebhard vor allem: Es wurde mir, der ich nicht
+kaempfen durfte fuers Vaterland, das Eiserne Kreuz verliehen fuer die
+_eine_ Stunde, in der ich meine Treue beweisen konnte, als ich die
+Feinde seitab von der Spur fuehrte, die sie suchten, und ihre Rache auf
+mich nahm. Erst kuerzlich ist der ganze Sachverhalt zur Kenntnis der
+Heeresleitung gekommen."
+
+Das Eiserne Kreuz! Wie leuchteten Gebhards Augen und welcher Glanz kam
+ueber das Gesicht der jungen Frau! Sie atmete tief auf. Nie konnte jetzt
+mehr die alte Reue sie ueberfallen, nie durfte irgend jemand an seiner
+Ehre zweifeln. Als ein treuer, tapferer Held, der das Schwerste auf sich
+genommen hatte, stand ihr Mann vor Gott und der Welt, und ihre eigene
+Schwachheit hatte seiner Ehre nicht geschadet. Maechtig wuchs ihr
+Verlangen nach ihm, wie wollte sie ihn lieben und pflegen und gluecklich
+mit ihm sein!
+
+"Wie heisst es in dem Brief? _Bald darf ich reisen._ Was heisst bald?
+Komm, wir muessen die Grossmutter fragen; und an meinen Bruder muss ich
+schreiben, gleich jetzt, komm Gebhard, komm!"
+
+Hand in Hand, in einer gleichen, grossen Freude eilten sie hinaus, die
+Grossmutter aufzusuchen. Im Wohnzimmer war sie nicht zu finden, nur die
+Kleine sass da, im niedrigen Kinderstuehlchen; neben ihr Grete, die ihr
+das Abendsueppchen gab. Im Augenblick kniete Helene neben dem Kind.
+"Gebhard, wir muessen es dem Juengferlein auch sagen, dass der Vater kommt.
+Hoerst du, Juengferlein? Sag: Papa!"
+
+"Mam-ma!" rief die Kleine.
+
+"Papa," wiederholte die Mutter, "Papa," bat Gebhard, "Papa" sagte Else
+vor. Verwundert, schaute das Kind von einem zum andern, spitzte endlich
+das Maeulchen, machte sichtlich eine grosse Anstrengung und rief--"Mama!"
+Da lachten alle zusammen.
+
+Frau Dr. Stegemann war nebenan und hoerte das Lachen; hell und froehlich
+klang die Stimme der jungen Frau, die sie vor kurzem aufgeloest in
+Traenen verlassen hatte.
+
+"O Jugend!" sagte die Grossmutter vor sich hin; aber ihr ernstes Gesicht
+erheiterte sich. "Es ist gut so. Komm nur, mein armer Blinder, es gibt
+doch noch Herzensfreude fuer dich. Gottlob, dies Lachen hoerst ja auch du,
+so gut wie wir, und viele innige Worte der Liebe wird dir deine Frau
+zufluestern, die nur du hoeren wirst!"
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+
+An diesem Nachmittag, als Gebhard in das Lazarett ging, um den Soldaten
+abzuholen, der eine letzte Probe mit Leo, dem geschulten Sanitaetshund,
+abhalten wollte, begleitete ihn Helene. Auf dem Weg vertraute sie
+Gebhard an, dass sie nicht nur wegen des Hundes mit ihm ginge. Nein, sie
+hatte vor, den Verwundeten zu besuchen, der durch Granatsplitter um
+seine Augen gekommen war. Es graute ihr vor seinem Anblick, aber sie
+wollte sich daran gewoehnen, ehe der Vater kam. So gingen sie miteinander
+vor die Stadt hinaus nach dem Lazarett und sie betrat es mit Bangen.
+
+Gebhard fuehrte die Mutter die Treppe hinauf. Oben trafen sie die
+Pflegeschwester. "Heute kommt meine Mutter mit," sagte Gebhard, und
+Helene brachte schuechtern und zaghaft den Wunsch vor, den Blinden zu
+sehen. "Da kommen Sie gerade noch rechtzeitig," antwortete die
+Schwester, "ehe er zum Unterricht geht, in die Anstalt gegenueber." Sie
+betraten einen kleinen Saal mit mehreren Betten, die meisten standen
+leer, denn die Verwundeten waren schon so weit hergestellt, dass sie sich
+im Garten aufhalten konnten; aber einer stand am weit geoeffneten
+Fenster, durch das der Duft bluehender Linden hereinstroemte. "Das ist der
+Blinde," sagte Gebhard und fuehrte ihm die Mutter zu. Helene blickte zu
+ihm auf. Nein, es war kein schlimmer Anblick: ein Band war um seine
+Stirne gebunden und an diesem waren zwei kleine Tuechlein befestigt, die
+die Augenhoehlen verdeckten. Sie gab dem Verwundeten die Hand. "Mein Mann
+hat auch beide Augen verloren," sagte sie mit tiefer Bewegung. Der
+Blinde hoerte es ihrem Ton an. "Es ist freilich traurig," sagte er, "auch
+fuer die Frauen. Die meinige hat auch gejammert. Aber man muss es halt
+hinnehmen und auf Gott vertrauen. Wenn man erst eine Beschaeftigung
+gelernt hat, wird einem die Zeit nicht mehr so lang. Ich habe jeden
+Nachmittag Unterricht."
+
+"Darf ich manchmal vormittags zu Ihnen kommen und Ihnen etwas vorlesen?"
+
+"Ja, das waere mir wohl recht."
+
+Ein Verwundeter, den Arm in der Binde, kam, er fuehrte den blinden
+Kameraden zum Unterricht. Helene verabschiedete sich. Draussen sprach sie
+mit der Schwester. "Darf ich oefter kommen?" fragte sie, "ich moechte so
+gerne mehr von ihm hoeren," und zaghaft fuegte sie hinzu: "Ich moechte ihn
+auch ohne die Binde sehen."
+
+"Ja, kommen Sie nur, so oft Sie wollen. Die Binde traegt er bloss, wenn
+er ueber die Strasse geht. Sie werden sich schnell an den Anblick
+gewoehnen--wir Schwestern und seine Kameraden denken gar nicht mehr
+daran, das ist nicht so schlimm!"
+
+Erleichterten Herzens verliess Helene das Gebaeude. Der Blinde, die
+Kameraden, die Schwester, sie alle waren so ruhig gewesen. Es war nicht
+so schwer, als sie sich eingebildet hatte, gewiss nicht. Gleich morgen
+wollte sie wiederkommen, denn wer konnte wissen, wann ihr eigener
+geliebter Blinder kommen wuerde? Jeden Tag konnte das sein und er sollte
+sie nicht mehr feig und schwach sehen, nein, wahrhaftig, er verdiente
+eine tapfere Frau, und das wollte sie ihm sein!
+
+Im Hof unten wartete schon neben seinem neuen Herrn stehend Leo, der
+Sanitaetshund. Er trug heute zum erstenmal die feldgraue, mit dem roten
+Kreuz geschmueckte Decke. Mit freudigem Bellen sprang er auf Gebhard zu.
+
+"Heute sollst du sein Meisterstueck sehen, Gebhard," sagte der
+Hundefuehrer. "Morgen wird's aber auch ernst, wir reisen in aller Fruehe
+ab, gleich an die Front!"
+
+Drei Soldaten waren schon vorausgegangen mit dem Auftrag, sich auf einer
+kleinen Anhoehe in dem nahen Wald zu verstecken. Sie sollten die
+Verwundeten vorstellen, die aufzusuchen waeren. Auf einem andern Weg
+folgte nun der Fuehrer mit dem Hund. Ihm schlossen sich Helene und
+Gebhard an. "Im Kasernenhof haben wir schon aehnliche Uebungen mit dem
+Hund gemacht," sagte der Fuehrer, "aber im Wald noch nie. Ich bin aber
+sicher, er wird auch da seine Sache gut machen." Oben angekommen, liess
+er den Hund von der Leine los und rief ihm aufmunternd zu: "Leo, such
+verwundet!"
+
+Pflichteifrig raste der Hund im ersten Augenblick geradeaus. Dann schien
+er sich zu besinnen, schnueffelte da und dort, aufgeregt, immer die Nase
+auf dem Boden. Allmaehlich naeherte er sich dem Wald.
+
+"Am Waldrand ist ein Bach," sagte der Fuehrer. "Der Steg ist weiter oben.
+Die Soldaten werden sicher nicht ueber den Steg gegangen sein, sondern
+durchs Wasser."
+
+"Aber im Wasser verliert er die Spur!"
+
+"Ja freilich, aber so ist's im Feld auch. Warte nur, sein Instinkt wird
+ihn schon treiben, die Spur auf dem andern Ufer zu suchen." Richtig, Leo
+verschwand ploetzlich in der Tiefe, tauchte am andern Ufer des Baches
+wieder auf, schuettelte sich das Wasser vom Fell, suchte und verschwand
+im Wald. Sie gingen nun dem Bach entlang bis zum Steg und hinueber an den
+Waldessaum. Dort standen sie eine ganze Weile gespannt und lauschend.
+Ploetzlich raschelte es im Laub und Leo tauchte auf.
+
+"Er bringt eine Muetze!" rief Gebhard und rannte in hellem Vergnuegen dem
+wackeren Tier entgegen, das in gestrecktem Lauf daher gesaust kam und
+die Soldatenmuetze zu den Fuessen seines Herrn ablegte. "Brav, Leo, brav,"
+lobte der Fuehrer und befestigte die Leine am Halsband. "Fuehre mich,
+Leo!" Der Hund zog an, ging voraus, die kleine Gesellschaft folgte in
+den Wald hinein, durch dick und duenn eine gute Strecke weit; dann gab
+der Hund Laut und blieb stehen. Moeglichst im Unterholz versteckt lag ein
+Soldat ohne Muetze. Der Fuehrer sprach ruhig und freundlich den Soldaten
+an, waehrend er sich den Anschein gab, ihm aufzuhelfen. "Der Hund muss
+merken, dass es gute Freunde sind, die wir aufsuchen," erklaerte er,
+streichelte bald den Hund, bald den Soldaten und fuehrte diesen am Arm
+mit sich fort.
+
+Die Uebung wurde wiederholt, der neue Sanitaetshund bewaehrte sich
+glaenzend, er fand alle Versteckten.
+
+Im Abendschein kehrten die Soldaten in das Lazarett zurueck, der Fuehrer
+begleitete Mutter und Sohn noch bis in die Stadt. Dann kam der Abschied.
+"Reut dich's nicht?" fragte er und sah bedenklich nach dem kleinen Mann,
+der seinen Hund zum letztenmal streichelte. "Nein, es reut mich gar
+nicht. Ich glaube auch, dass Leo jetzt versteht, warum ich ihn hergebe.
+Er weiss, dass er Verwundete suchen muss. Gelt Leo?" Das Tier wedelte; es
+verstand jedenfalls so viel, dass von ihm die Rede war. Nun wandte sich
+Gebhard ab, gab dem Fuehrer rasch die Hand und bat die Mutter: "Wir
+wollen jetzt doch lieber gehen."
+
+Sie verstand ihn und machte den Abschied kurz: "Viel Glueck!" rief sie.
+
+"Viel Dank," antwortete der Feldgraue, "komm Leo!" So trennten sie sich.
+
+Helene und Gebhard gingen Hand in Hand durch die Vorstadt. Die Strassen
+waren ihnen fast unbekannt und dennoch vertraut was da vor sich ging. In
+der Mitte der Strasse bewegte sich, von zwei bewaffneten Soldaten
+begleitet, ein Trupp gefangener Franzosen. Sie zogen und schoben einen
+Wagen voll Brot hinauf nach dem Gefangenenlager. Niemand kuemmerte sich
+viel um den gewohnten Anblick.--Ein paar Frauen kamen des Weges, jeder
+hing ueber dem Arm ein Pack grauer Kleidungsstuecke; man wusste: das sind
+Frauen, deren Maenner im Krieg sind und die nun naehen fuer das Militaer, um
+Geld zu verdienen fuer sich und die Kinder.--An einem Ladenfenster klebt
+ein Blatt Papier, die neuesten amtlichen Berichte. Eine kleine Gruppe
+steht davor, auch Helene und Gebhard bemuehen sich, sie zu lesen, koennen
+aber nicht recht bei. "Nichts besonderes," sagt einer zum andern, "es
+handelt sich halt wieder um Arras und Ypern."--Zwei voruebergehende
+Frauen plaudern miteinander, man hoert nur drei Worte, nur den
+gewichtigen Ausruf: "das Stueck 14 Pfennig!" aber man weiss: von den Eiern
+reden sie.--Auch was die zwei aelteren Damen meinen, die so besorgt
+aussehen, ergaenzt sich ein Jeder, wenn er gleich nur hoert: "Morgen
+sind's schon drei Wochen!" dass keine Nachricht vom Sohn mehr
+eingetroffen ist.--Ein paar muntere Maedchen eilen vorueber, die eine
+ruehmt sich: "O wir haben im vorigen Monat _zehn_ uebrig behalten,"
+Brotkarten natuerlich.
+
+Und ploetzlich schauen alle, horchen alle--drei Schuesse? Ein Sieg? Da und
+dort faehrt ein Fenster auf, Leute rufen auf die Strasse: Was ist's denn?
+Und von irgend woher kommt die Antwort und pflanzt sich fort: "Przemysl
+ist gefallen!"
+
+_Eine_ Freude fliegt durch die ganze Stadt.
+
+Unsere beiden, Mutter und Sohn, eilen, koennen kaum erwarten heim zu
+kommen; und wie sie das Haus erreichen, fangen gerade die Glocken an zu
+laeuten, die Fahnen kommen heraus und hoch oben an der Grossmutter Fenster
+erscheint neben der deutschen zum erstenmal auch die schwarz-gelbe
+oesterreichische; denn _eine_ kann nimmer genuegen, um die Siegesfreude
+auszusprechen in dieser einzig grossen, schweren Zeit.
+
+Monate lang hatte Helene mit all ihren Gedanken in der Vergangenheit
+gelebt. Immer wieder hatte sie zurueckdenken muessen an den Tag, der ihr
+Glueck vernichtet hatte. Jetzt aber, durch den Brief ihres Mannes tat
+sich wieder eine Zukunft vor ihr auf und all ihr Sinnen ging dahin, wie
+es werden sollte, wenn er zurueckkaeme. Seine Stelle konnte er ja nicht
+mehr ausfuellen, das Forsthaus war keine Heimat mehr fuer sie. Vor
+laengerer Zeit schon hatte die Mutter eine Anfrage eingesandt, um zu
+erfahren, ob die Wohnungseinrichtung im Forsthaus unbeschaedigt geblieben
+sei und geholt werden koennte. Heute war amtliche Mitteilung darueber
+eingetroffen. Sie besagte, dass infolge russischer Pluenderung saemtliche
+Moebel und Hausgeraete zertruemmert seien, die Betten aufgeschnitten und
+besudelt, Buecher und Schriftliches verbrannt. Wahrscheinlich sei die
+zerstoerte Wohnung spaeter noch durch Diebsgesindel durchsucht worden,
+denn es sei nicht das Geringste mehr vorhanden.
+
+Schmerzlich war diese Nachricht. Helene hatte als Braut eine reiche
+kuenstlerische Ausstattung in das Forsthaus gebracht--nun war die ganze
+schoene Einrichtung verloren. Und alles was Vater und Sohn besessen an
+geliebten Gegenstaenden, jedes Andenken an fruehere Zeiten, die Spiele,
+die Gebhards Kinderglueck ausgemacht hatten, alles war in die Haende roher
+Gesellen gefallen und vernichtet worden.
+
+Helene war tief gebeugt ueber diese vollstaendige Verarmung. Noch vor
+kurzem haette sie sich wenig darum bekuemmert, aber eben jetzt, wo sie
+ihren Mann erwartete, schmerzte es sie bitter. Nichts war mehr da von
+ihrem Hausstand, sie konnte nicht, wie andere Frauen, den Heimkehrenden
+im eigenen Haus empfangen. Aber das wusste sie: die Mutter wuerde Raum
+schaffen fuer ihren geliebten Sohn; an seine Mutter hatte er sich ja
+gewandt, nicht an sie; das konnte sie begreifen: die Mutter verstand ihn
+doch am besten, sie allein hatte auch nie an seiner Ehre gezweifelt; zu
+ihr kaeme er gerne und man musste dankbar sein, dass das moeglich war.
+
+So ging sie zur Mutter und fragte bescheiden: "Wie soll es werden, wenn
+Rudolf aus dem Lazarett kommt? Ich weiss, du wirst ihn mit Freuden
+aufnehmen, aber wenn ich mit den Kindern auch dabei bin, wird es dir
+dann nicht zu viel?"
+
+"Freilich wird es mir zu viel," war die Antwort.
+
+"Wie meinst du das, Mutter?" fragte Helene erschrocken.--"Ich meine zu
+viel fuer mich, weil zu wenig bleibt fuer dich. Ich habe schon viel
+darueber nachgedacht und moechte gerne herausbringen, dass Ihr eine kleine,
+einfache Wohnung fuer Euch allein nehmen und einrichten koennt. Aber das
+genuegt Euch jungen Frauen nicht. Da soll immer alles zusammenpassend und
+stilgemaess sein. Dazu reicht es aber nicht. Es muesste eine ganz
+bescheidene 3 Zimmer-Wohnung sein und auch alte Moebel dazu verwendet
+werden, das koennten wir mit vereinten Kraeften schon bestreiten und dann
+waeret Ihr vier beisammen; so kaeme es mir am besten vor."
+
+"Und mir!" rief die junge Frau, und in aufwallendem Glueck umarmte sie
+die Mutter und rief in uebermuetiger Freude: "Ohne jeglichen Stil soll
+unser Heim werden, das verspreche ich dir, Mutter, so unkuenstlerisch als
+du nur willst. Ein urgemuetliches Nestchen wird's dennoch! O Mutter,
+gehen wir gleich Wohnungen ansehen?" Die Mutter sah gluecklich auf die
+strahlende Freude, die der jungen Frau aus den Augen leuchtete. Und sie
+dachte an ihren Sohn. Der beste Schatz war ihm doch geblieben.
+
+In den naechsten Tagen kamen noch von zwei Seiten Briefe, die auf diesen
+Zukunftsplan Einfluss hatten. Der erste war von Helenens Bruder. Er
+sprach herzliche Teilnahme aus ueber das Schicksal des Erblindeten; aber
+auch Stolz und Freude ueber das Eiserne Kreuz, das der ganzen Familie zur
+Ehre gereiche. Er bat die Schwester, mithelfen zu duerfen bei der
+Gruendung eines neuen Heims.
+
+Der zweite Brief enthielt ein amtliches Schreiben und besagte, dass dank
+der grossen Summen, die aus ganz Deutschland fuer die vertriebenen
+Ostpreussen eingegangen seien, eine Entschaedigung fuer den verlorenen
+Besitz bewilligt werden koennte, sobald der Antrag gestellt wuerde.
+
+Zu Traenen geruehrt war Helene ueber diese freiwillige Hilfe von allen
+Seiten. Jetzt hatte es keine Not mehr, sie konnte sich alles wieder so
+schoen und reichlich anschaffen, wie einst als Braut.
+
+Aber es ging ihr sonderbar: der Gedanke, hinzugehen, einzukaufen und
+sich nur zu fragen: Herz, was begehrst du? freute sie nicht mehr. In der
+Kriegszeit, wo so viel bittere Not herrschte, sollte sie sich alle
+Wuensche befriedigen? Sie war so froehlich und eifrig gewesen bei dem
+Gedanken, alles so schlicht und bescheiden wie moeglich einzurichten.
+Eine Weile sann sie nach, dann kam sie zur Mutter. "Du hast doch
+ausgerechnet, dass wir reichen, wenn wir uns sparsam einrichten. Dann
+moechte ich lieber nichts annehmen von der Summe, die fuer die
+Vertriebenen bestimmt ist. Es geht sonst an aermeren ab. Ich meine,
+Rudolf wird es auch so auffassen. Was denkst du, Mutter?"
+
+"Ich denke, dass du das Herz am rechten Fleck hast," war die Antwort.
+Dieses gute Wort versetzte Helene in eine gehobene Stimmung, die ihr
+auch blieb, waehrend sie die bescheidene Wohnung waehlte und mit
+schlichten Moebeln ausstattete. Ein froehliches Vorbereiten, ein
+braeutliches Erwarten erfuellte sie in diesen Tagen.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+
+
+An seinen Schulheften sass Gebhard und seufzte. Ihm wurde das Warten auf
+den Vater unertraeglich lang. Die Mutter hatte es gut--ihre Tage waren
+ganz ausgefuellt durch Vorbereitungen auf des Vaters Kommen; sie richtete
+die Wohnung fuer ihn; sie ging um seinetwillen fast taeglich ins Lazarett
+zu den Augenleidenden und Blinden und half bei ihrer Pflege.
+
+Und die Grossmutter war von frueh bis spaet in allerlei Kriegshilfe taetig;
+viele arme Frauen kamen zu ihr und sie verschaffte ihnen Arbeit, selten
+hatte sie ein wenig Musse fuer ihren Enkel. Else und Grete waren in allen
+Freistunden unterwegs, sie sammelten fuers Vaterland das Gold ein, von
+dem noch viel bei aengstlichen und bei gedankenlosen Menschen steckte.
+Das Schwesterchen spielte freilich gern mit dem Bruder, aber mehr als
+"Kuckuck" liess sich noch nicht mit ihr machen. Der bessere Spielkamerad
+war doch Leo gewesen und der fehlte jetzt.
+
+Einmal, als die Mutter vom Lazarett heimkam, klagte er ihr: "Es dauert
+so lang, so furchtbar lang, bis der Vater kommt!" Sie troestete ihn.
+"Jetzt wird er sicherlich bald kommen. Warte nur ein Weilchen, dann wird
+es um so schoener bei uns." Vom naechsten Ausgang brachte sie ihm ein Buch
+mit, dass ihm die Zeit rascher vergehe ueber dem Lesen.
+
+Aber das Buch war bald zu Ende. Er kam zur Grossmutter. "Wann kommt denn
+endlich der Vater, ich kann es nicht mehr erwarten!"
+
+"So, du kannst nicht warten? Wir daheim und unsere Soldaten draussen
+muessen doch alle warten!"
+
+"Ja, aber es ist keine schoene Zeit, wenn man so wartet, Grossmutter."
+
+"Willst du denn eine schoene Zeit haben im Krieg, waehrend so viele
+leiden? Sei froh, dass du auch etwas leiden darfst, wenn es auch nur eine
+schwere Geduldsprobe ist. Es kann noch lange dauern, bis der Vater
+kommt; ich will sehen, ob du die Probe bestehst, ob du geduldig
+ausharrst."
+
+So ernst nahm es die Grossmutter? Ja, wenn das eine schwere Probe war,
+wie sie die Soldaten zu bestehen haben, dann wollte er sie schon auf
+sich nehmen, das sollte die Grossmutter sehen. Er nahm sich zusammen und
+ward wieder guten Mutes. Die Schule, die Kameradschaft waren ihm dabei
+die beste Hilfe. Es war ihm wohl in seiner Klasse. "Sie sind alle nett
+gegen mich," erzaehlte er daheim, "und das kommt, weil sie meinen Leo
+gern gehabt haben und weil sie vom Vater wissen." Er hatte recht. Durch
+den treuen Hund und durch das Schicksal des Vaters war die
+Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt worden. Aber dass ihm alle Herzen zugetan
+waren, das kam von seiner eigenen, tapferen, treuen Art; die zog die
+andern an, ohne dass er's wusste.
+
+Eines Morgens, als Gebhard in die Schule kam, zog ihn ein Kamerad
+beiseite, tat geheimnisvoll, wollte ihm etwas sagen, das er doch
+eigentlich verschweigen sollte. Endlich vertraute er, dessen Bruder
+Sanitaeter war, Gebhard an, dass an diesem Vormittag ein Zug mit
+Verwundeten ankaeme, er solle es eigentlich niemand sagen, damit nicht
+die neugierigen Menschen an die Bahn kaemen. Sie wuerden alle in das
+Lazarett gebracht, ausser einem, den muesse sein Bruder abholen und in die
+Augenklinik fahren, der habe beide Augen verloren. Ob das nicht Gebhards
+Vater sein koenne?
+
+"Freilich kann er's sein!" rief Gebhard fast erschrocken durch die
+ploetzliche Hoffnung auf das Wiedersehen. "Um wieviel Uhr? Wann kommt der
+Zug?"
+
+"Das weiss man nicht so genau und es hilft dir ja auch nichts, wir haben
+doch bis zwoelf Uhr Schule. Aber es kann auch ein Uhr werden, bis der Zug
+kommt."
+
+Ruhig auf der Schulbank sitzen und denken, dass vielleicht der Vater
+ankomme? das ging doch nicht? Aber es _musste_ gehen. Die Grossmutter
+wuerde sagen: ausharren. Wie sonderbar, dass er da sass in dem grossen
+Augenblick, auf den er so lange gewartet hatte! Aber vielleicht kam der
+Vater gar nicht. Wenn man es doch nur wuesste! Wie qualvoll dieses
+Stillehalten!--Es war eben Krieg, und darum war alles schwer, so
+furchtbar schwer!
+
+Der Unterricht hatte begonnen. Jetzt kam der Lehrer in seine Naehe und
+richtete eine Frage an ihn. Gebhard stand langsam auf und atmete tief,
+wie wenn er eine Last mit in die Hoehe zu heben haette. Der Lehrer lachte.
+"Nun, ist das eine so schwere Frage? Du seufzst ja ordentlich!" Aus
+gepresstem Herzen kam die Antwort: "Weil vielleicht gerade mein Vater
+ankommt und ich in der Schule bin!"
+
+"Dein Vater kommt? Heute frueh? Du haettest ihn gern begruesst? Ja! Moechtest
+fort und fragst gar nicht? Ist's noch Zeit?"
+
+Gebhard konnte kaum antworten vor Erregung.
+
+"Naerrischer Bub! So etwas erlaube ich doch! Spring davon!"
+
+Jetzt kam Leben in den kleinen Mann. Er fuhr von seinem Platz auf, der
+Tuere zu.
+
+"Deine Muetze!" riefen einige und lachten. Er wandte sich noch einmal,
+sie sahen jetzt alle sein strahlendes Gesicht. Die Muetze vom Nagel, auf
+und davon, dem Bahnhof zu.
+
+Unterwegs schlug es neun Uhr, drei Stunden konnte er, wenn noetig, vor
+dem Bahnhof warten, ohne dass er daheim vermisst wurde. So lange wollte er
+ausharren, o leicht und gern!
+
+Auf dem Bahnhofplatz war nicht wie sonst vor der Ankunft von
+Lazarettzuegen ein Menschenauflauf. Auch fuhren keine Rotkreuzwagen vor.
+Ein einziger stand leer und verlassen vor der Halle. Wenn nur auch der
+Schulkamerad recht hatte. Vielleicht war es eine falsche Nachricht. Er
+sah sich um. Sein Blick fiel auf zwei Weiber, mit Koerben am Arm, die da
+standen und sich unterhielten. Er redete sie an, ob wohl bald die
+Verwundeten ankaemen. Die eine lachte: "Da bist du zu spaet aufgestanden!"
+und da Gebhard nicht verstand, was sie meinte, erklaerte die andere: "Die
+sind schon vor einer halben Stunde gekommen und alle schon
+heimgefahren, bis auf das eine Auto, das bleibt wohl leer. Man schickt
+immer lieber eins zu viel als zu wenig." Die Frauen wandten sich und
+gingen ihres Weges.
+
+Also zu spaet, nicht zu frueh! Bitter enttaeuscht stand Gebhard, konnte
+sich nicht gleich entschliessen den Platz zu verlassen; zoegernd, planlos
+ging er noch auf den Bahnhof zu und stand ploetzlich betroffen still. Aus
+dem Bahnhofgebaeude kam ein Sanitaeter, fuehrte zwei Maenner und diese
+beiden hatten Binden um die Augen. Hoch klopfte Gebhards Herz. Er konnte
+noch nicht recht unterscheiden, aber jetzt naeherte sich die Gruppe; der
+Sanitaeter stuetzte den einen der beiden, der ein junger feldgrauer Soldat
+war und auch am Fuss verletzt schien; sorglich fuehrte er ihn die breiten
+Staffeln herunter auf die Stelle zu, wo das Auto stand. Inzwischen blieb
+der andere, den Fuehrer erwartend, an einer Saeule der Vorhalle stehen,
+und da nun seine stattliche, kraeftige Gestalt ganz zu sehen war,
+erkannte Gebhard seinen Vater. Alles Zoegern war vorbei, in jubelnder
+Freude sprang er herzu, die Staffeln hinauf und rief mit frohlockender
+Stimme:
+
+"Vater! Gruess dich Gott, lieber, guter Vater!" An dem ersten, trauten Ruf
+hatte Stegemann sein Kind erkannt und nun griff er nach ihm mit beiden
+Haenden und zog ihn in warmer Liebe an sein Herz. "Gruess dich Gott, mein
+Maennlein, mein guter Bub! Ich haette nicht gedacht, dass du mich gleich
+erkennst und dich so freust an deinem blinden Vater!"
+
+"O, ich habe es gar nicht mehr erwarten koennen, bis du kommst; das
+wissen wir ja schon lang, dass du blind bist, das macht _gar_ nichts,
+Vater!"
+
+"So, das macht gar nichts?" wiederholte Stegemann und lachte von Herzen.
+Der Sanitaeter kam nun zurueck, um seinen zweiten Pflegbefohlenen zu
+holen.
+
+"Kannst du denn nicht gleich zu uns, Vater? Ich kann dich so gut
+fuehren!"
+
+"Zunaechst bin ich noch ins Lazarett ueberschrieben, aber bald darf ich
+heim, vielleicht schon morgen, der Arzt wird das bestimmen."
+
+"Willst du mitfahren und sehen, wohin dein Vater kommt?" fragte der
+Sanitaeter und fuegte hinzu: "Wer hat dir denn verraten, dass heute
+Verwundete ankommen?"
+
+"Ein Schulkamerad."
+
+"Aha, ich kann mir schon denken, welcher das war. Macht nichts, komm nur
+mit!"
+
+Sorgsam fuehrte der Sanitaeter den Blinden die Staffeln hinunter. Gebhard
+ging auf der andern Seite.
+
+"Kuenftig darf ich dich immer fuehren, gelt Vater?"
+
+"Letzte Stufe," sagte der Fuehrer und wandte sich an Gebhard: "Immer
+voraus sagen, sonst tut der Schritt weh; alles vorher ankuendigen, das
+ist die Hauptregel, dann gewinnen die Blinden Vertrauen und gehen ruhig
+und zuversichtlich. Darauf musst du achten!"
+
+"Ja das will ich gewiss tun," versicherte Gebhard eifrig, "dann vertraust
+du mir, gelt Vater?" Achtsam sah er zu, wie der Sanitaeter dem Blinden
+das Einsteigen ermoeglichte, mehr durch kurze Zurufe als durch Hilfe.
+
+Bald sassen sie nebeneinander, Hand in Hand und sprachen gar nicht viel,
+weil sie noch kaum das Glueck fassen konnten, wieder beisammen zu sein.
+Gebhard begleitete den Vater noch in den Saal. Die Neuangekommenen
+sollten sich nach der langen Reise legen und ausruhen. Vater und Sohn
+mussten sich trennen. "Bitte die Grossmutter, sie moechte zuerst allein zu
+mir kommen; fuer die Mutter ist's ein schwerer Gang!" sagte der Blinde,
+kuesste den Knaben und gab ihm leise den Auftrag: "Den Kuss gib der
+Mutter!"
+
+Gebhard ging heim wie im Traum. Mit all seinen Gedanken, mit dem ganzen
+Herzen war er noch bei dem geliebten Vater, konnte selbst kaum an die
+wunderbare Maer glauben, die er nun verkuendigen wollte: dass der Vater
+angekommen sei!
+
+Er traf aber zu Hause die nicht, die er suchte. Die beiden Frauen waren
+nach der kuenftigen kleinen Wohnung hinuebergegangen; Helene war fertig
+mit der Einrichtung, hatte die Mutter geholt, um ihr alles zu zeigen und
+fuehrte sie jetzt durch die Zimmer. "Wie gefaellt es dir, Mutter? Ist
+dir's recht so?"
+
+"Mir freilich, du hast ja alles mehr nach meinem als nach deinem Sinn
+eingerichtet. Es ist wohl ein Unterschied gegen deine fruehere reiche,
+stilvolle Einrichtung!" Sie sah die Schwiegertochter an, wie wenn sie
+erforschen wollte, ob es ihr schwer ums Herz sei. Aber Helene lachte
+froehlich: "Es ist doch alles wieder stilvoll, Mutter, es ist Kriegsstil.
+Wie wenn man Reste aus ein paar zerstoerten Haeusern zusammengetragen
+haette: da ein paar schoene, alte Moebel von dir, dort schlichte, gebeizte
+vom Schreiner, da der hochfeine Schreibtisch, den mein Bruder geschickt
+hat, und davor ein gewoehnlicher Holzstuhl. Und an der ausgebesserten
+Tapete Bilder in schwarzen, braunen und vergoldeten Rahmen und gar ein
+kleiner Spiegel vom Troedelmarkt. Aber sieh, die sogenannte
+Maedchenkammer, hat die nicht ein nettes Stuebchen fuer Gebhard gegeben?
+Seine Kriegsbilder hat er selbst an die Wand nageln duerfen und sein
+schmales Feldbett ist auch reinster Kriegsstil. Dazu passt auch statt
+eines Maedchens die kleine Kriegswitwe, der du das Essen gibst; das alles
+stimmt herrlich zusammen. Nun fehlt nur _er_ noch! Wie lange wohl?"
+
+Draussen wurde geklopft. "Es muss jemand an der Vorplatztuere sein," sagte
+Helene, "die Klingel geht naemlich nicht immer und der Aufzug ist auch
+ein wenig launisch, das macht aber nichts, gehoert eben auch zum
+Kriegsstil."
+
+Sie gingen miteinander hinaus und oeffneten. Gebhard stand vor ihnen auf
+der Schwelle, wusste vor uebergrosser Erregung nicht gleich, wie er
+erzaehlen sollte, war auch so gesprungen, dass es ihm den Atem benommen
+hatte. Aber die Mutter fing seinen strahlenden Blick auf, ahnte und
+rief: "Der Vater kommt?"
+
+"Der Vater ist schon da!" Glueckselig fiel er der Mutter um den Hals und
+jubelte: "Da bringe ich dir einen Kuss von ihm!"
+
+
+
+
+Zwoelftes Kapitel.
+
+
+Am Bett ihres Sohnes sass Frau Dr. Stegemann; die andern Betten standen
+leer, die Verwundeten waren an dem schoenen Nachmittag ins Freie gebracht
+worden. So waren die Beiden allein in dieser ersten Stunde des
+Wiedersehens und ungestoert hatte der Sohn seiner tapfern Mutter seine
+Erlebnisse erzaehlen koennen. Sie wusste jetzt, was er durchgemacht von dem
+Augenblick an, da er sich bereit erklaert, die Russen zu fuehren, in der
+stillen Absicht sie wegzubringen von seinen Lieben im Forsthaus und sie
+in die Irre zu leiten, um die deutsche Patrouille zu retten. Der
+Offizier traute seinem Fuehrer nicht und bedrohte ihn, wenn er ihm nicht
+zu Willen sei, solle er nie mehr seine schoene Frau wiedersehen, er wuerde
+ihm die Augen ausstechen lassen.
+
+So wusste er, welch grausame Marter ihm bevorstand. Noch hoffte er auf
+irgend einen gluecklichen Zufall, der ihm zu Hilfe kaeme, und betete im
+stillen. Aber das Misstrauen der Feinde wuchs immer mehr, er erkannte,
+dass der bittere Kelch nicht an ihm voruebergehen sollte, und bereitete
+sich innerlich vor auf das, was kommen musste.
+
+Leute kamen des Weges, wurden ausgefragt und darnach wandte sich die Wut
+der Feinde gegen ihn. Sie veruebten an ihm die grauenvolle Untat, liessen
+ihn in seinen Qualen liegen und ritten davon.
+
+Als Stegemann so weit erzaehlt hatte, spuerte er an der zitternden Hand
+der Mutter, dass sie ueberwaeltigt war, und er hielt inne.
+
+"Ist dir's so schwer, Mutter? Es ist ja ueberstanden, auch die
+schrecklichen Qualen, die folgten. Aber ich will dir jetzt nicht weiter
+davon erzaehlen; ich danke dir, dass du mich so tapfer angehoert hast. Dir
+habe ich es zugetraut, darum wollte ich dich zuerst allein sprechen.
+Aber nun will ich vergessen, was dahinten ist, und jetzt sage du mir,
+Mutter, was liegt vor mir? Darf ich dies Elend meiner jungen Frau
+aufladen? Kann sie es tragen, sie, die so weich und feinfuehlend ist und
+mir immer erschien, als sei ihre Natur ganz auf Lust und Freude
+angelegt? Zwar glaube ich nicht, dass wir Not leiden muessen. Das ganze
+Vaterland hilft uns Invaliden, hilft vor allem, dass wir arbeiten lernen
+und etwas verdienen koennen. Damit habe ich schon angefangen und werde
+meine ganze Kraft einsetzen, um mitzusorgen fuer die Meinigen. Aber
+dennoch--wie schwer ist es fuer Helene! Nie haette ich, so wie ich jetzt
+bin, ihr junges Leben mit dem meinigen verbunden!" Er setzte sich auf in
+seinem Bett und horchte gespannt zur Mutter hin. Die nahm seine Hand in
+die ihrige und sprach in voller Ueberzeugung: "Da sei du ganz unbesorgt,
+Rudolf, keine Braut kann verlangender dem jungen Braeutigam
+entgegensehen, als sie ihrem Helden!"
+
+"Weil sie nicht weiss, was fuer ein Anblick ihr bevorsteht und was es
+heisst, einen hilfsbeduerftigen Blinden um sich zu haben, anstatt eines
+ritterlichen Gatten, der ihr alle Schwierigkeiten des Lebens aus dem Weg
+raeumt!"
+
+"O, sie weiss das besser als du denkst, Rudolf; wir haben neun Monate
+Krieg erlebt, die waren fuer deine Frau voll Angst und Reue, voll Sehnen
+und Warten; sie hat sich durchgekaempft, ist stark geworden, um Leid und
+Entbehrung mit dir zu tragen."
+
+"Mutter, damit nimmst du mir die schwerste Sorge ab! Wenn es so ist,
+dann, liebe Mutter, o dann bitte ich dich, gehe gleich zu ihr; ich habe
+mich nach ihr gesehnt jede Stunde, seit wir getrennt sind; um keine
+weitere Stunde soll die Trennung verlaengert werden."
+
+"Ich gehe, Rudolf, sie wird bei dir sein schneller als du denkst. Ich
+bringe ihr deine Botschaft."
+
+Er richtete sich auf, tastete nach dem Tischchen nebenan, zog die
+Schublade auf.
+
+"Was suchst du? Kann ich dir helfen?"
+
+"Ja, es wird eine Schachtel da sein, in der ist mein Eisernes Kreuz.
+Wenn du mir das befestigen willst. Dass sie doch _etwas_ Schoenes sieht an
+ihrem Mann!--So, nun ist's gut. Und die Augen sind bedeckt, nicht wahr,
+man sieht die Zerstoerung nicht?"
+
+"Nein."--Sie wollte hinzufuegen: "Deine Frau hat sich laengst geuebt, auch
+das zu sehen," aber sie unterdrueckte es. Wer konnte wissen, wie es sie
+im Antlitz des eigenen geliebten Mannes erschuettern wuerde?
+
+Unten im Garten wurde Frau Stegemann von Helene sehnlich erwartet.
+
+"Mutter, wie geht es ihm? Sage mir, warum wollte er dich allein
+sprechen?"
+
+"Er hat Mitleid mit dir, dass du ihn so wiedersehen musst, hat Angst, es
+moechte dir zu schrecklich sein. Es ist auch schwer, Helene, mich hat es
+furchtbar erschuettert; ich musste mich _so_ zusammennehmen, um die
+Fassung zu bewahren."
+
+Jetzt, da der Sohn nicht mehr darunter leiden konnte, jetzt verlor sie
+diese Fassung und konnte die bittern Traenen nicht zurueckhalten. Das
+hatte Helene noch nie erlebt; immer war die Mutter ihr an Seelenstaerke
+ueberlegen gewesen. Sie hatte tiefes Mitleid mit der Mutter, die ihr in
+ihrem Kummer zum erstenmal als eine alte Frau erschien. "Es hat dich
+angegriffen," sagte sie herzlich zu ihr, "soll ich dich heimbegleiten?"
+Aber Frau Stegemann wehrte ab. "Nein, nein, ich finde mich schon wieder
+zurecht. Geh nur, Kind; halte dich nicht mit mir auf, geh zu ihm, er
+wartet!"
+
+Der Mutter Schwaeche wurde eine merkwuerdige Hilfe fuer die junge Frau.
+Wenn die Mutter, die starke, versagte, dann musste sie die tapfere sein.
+Alles Bangen wich von ihr, leichtfuessig eilte sie die Treppe hinauf, sie
+wollte nichts aufkommen lassen als reinste Wiedersehensfreude in dieser
+lang ersehnten Stunde.
+
+Sie oeffnete die Tuere, sah, wie bei dem Geraeusch ein Kopf sich aus dem
+Kissen hob, eine Gestalt sich halb aufrichtete und nach der Tuere wandte.
+
+"Rudolf, ich bin's!" rief sie, war im Augenblick bei ihm, umarmte ihn
+stuermisch und rief ihm froehlich zu: "Glaubst du, dass ich's bin, wenn du
+mich gleich nicht siehst?"
+
+Er spuerte ihre Froehlichkeit und zog sie an sein Herz.
+
+"Ja, du bist's Helene, du Sonne in meiner Nacht! Gott sei Dank, dass ich
+dich habe!" Er kuesste sie. Da schob sie sanft die Binde ueber seine Stirne
+hinweg, drueckte einen Kuss auf jede der verheilten Wunden und sagte zu
+ihm: "Das sind deine Ehrenzeichen, du mein Held. Wie bin ich stolz auf
+diese Narben!"
+
+Er legte sich zurueck, fuehlte sich aller Angst und Sorge ledig und gab
+sich der Wonne des wiedergefundenen Glueckes hin.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Ohne den Vater, by Agnes Sapper
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OHNE DEN VATER ***
+
+***** This file should be named 11677.txt or 11677.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/1/6/7/11677/
+
+Produced by Charles Franks and the DP Team
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year. For example:
+
+ https://www.gutenberg.org/etext06
+
+ (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+ https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+ https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+ https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL
+
+
diff --git a/old/11677.zip b/old/11677.zip
new file mode 100644
index 0000000..784b7fe
--- /dev/null
+++ b/old/11677.zip
Binary files differ