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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:45:10 -0700
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14700 ***
+
+DIE MENSCHEN DER EHE
+
+Schilderungen aus der kleinen Stadt
+
+von
+
+JOHN HENRY MACKAY
+
+
+
+
+
+
+
+Ich lache nicht über sie, weil sie so sind, wie sie sind; ich lache
+über sie, weil sie sich einbilden, ihr Leben sei ein Muster und ein
+Beispiel, und daß es wert sei, zu leben, wie sie leben.
+
+John Henry Mackay
+
+
+
+I.
+
+Der Dunst der brennenden Kohle erfüllte die Luft weithin. Aus
+tausend Schloten qualmte der Rauch, gelb, schwarz, grau und weiß,
+empor, und all' diese dicken Wolken lösten sich unmerklich auf in
+die ungeheure Dunstwelle welche unablässig auf Meilen hin das
+Flußtal in seiner ganzen Breite beschattete.
+
+Ueber der kleinen Stadt lag sie wie ein dünner Schleier. Zuweilen
+lüftete diesen Schleier ein frischerer Windhauch, der von Süden das
+Tal heraufzog. Aber es dauerte nicht lange und er war wieder
+herniedergefallen auf die reizlosen Züge, die er wie in Mitleid
+verhüllte.
+
+Eigentlich waren es zwei Städte, die hier zusammenlagen. Aber nur
+der Fluß, ein träger, gelber Fluß, trennte sie, und zwei Brücken
+verbanden sie: eine alte massive aus Stein, mit mächtigen Pfeilern
+und Quadern, die noch alles lautlos ertragen hatte, was über sie
+hinweggezogen war, und eine neue aus modernem Eisen, welche ächzte
+und bebte, wenn die großen Lastwagen über sie hin fuhren, und
+gräßliche Massen Staub unter den schweren Rädern hervorhustete.
+
+Der Fremde, der auf den Höhen des Tales hinwandernd die roten und
+schwarzen Giebel zu seinen Füßen sah, glaubte nicht anders, als sie
+gehörten alle zu dem Bezirke einer Stadt. Aber die, welche unter
+diesen Giebeln wohnten, waren anderer Meinung. Und auf sie kam es
+doch an.
+
+Seit undenklichen Zeiten lagen die Schwesterstädte einander in den
+Haaren. Die kleinen Reibereien endeten nie; die letzten Wahrzeichen
+der großen entscheidenden Schlachten aber waren die leeren
+Augenhöhlen der Gaslaternen auf der "alten" Brücke--: unter den
+Steinwürfen der den Alten nachzwitschernden, nein, nachheulenden
+Jugend beider Städte waren sie dahingesunken, unter Würfen, die ihre
+edleren Ziele leider verfehlt hatten.
+
+In Dialogen von gleich klassischer Kürze und Schönheit endeten diese
+Kämpfe:
+
+"Wart' nur, ich sahns abber meinem Vatter!" der eine.
+
+"Und ich sahns meiner Mutter, die packt dei Mutter!" der andere.
+
+"Aber mei Vatter is stärker wie dei Vatter."
+
+"O du Dürmel, kumm nure nit dohär . . ."
+
+
+
+
+II.
+
+Die Gesellschaft der Stadt setzte sich leicht erkennbar aus drei
+Grundelementen zusammen: aus Großhändlern, Beamten und aus Militär.
+
+Seit sehr langen Jahren saßen die Ersteren hier fest. Sie waren der
+Urstamm des Bürgertums. So lange hatten sie fast nur untereinander
+geheiratet, daß sie gewissermaßen eine große Familie geworden waren,
+welche sich in ererbten Anschauungen und Bräuchen so lange wie
+irgend möglich fortzubewegen suchte und unter sich mit einem harten
+Anklang an den Dialekt der Gegend sprach.
+
+Million zu Million häufend hatten sie hier eine moderne Zwingburg
+des Kapitals errichtet, gegen die anzukämpfen eine Unmöglichkeit
+schien. Noch nie war es versucht worden.
+
+So hatten sie--die unumschränkten Herrscher dieser Stadt--ihr
+lange den Stempel aufgedrückt; den Stempel eines souveränen,
+starren, fortschrittfeindlichen Willens.
+
+Das waren die "Alldahiesigen!" . . .
+
+Dann hatte der Staat große Betriebe errichtet, und eine unzählige
+Schar von Beamten jeder Art war hier zusammengeströmt, aus allen
+Teilen des Reiches, neue Sprachen, neue Sitten, neue Kochrezepte mit
+sich führend. Neues Leben kam mit ihnen nicht. Machtlos zu irgend
+einer Initiative hatten sie sich willenlos einzuschmiegen als Räder
+in das Werk der großen Maschine Staat, welche sie verbrauchte. Aber
+die Luft begann zu schwirren von neuen Titeln, vom Morgengang zum
+Büro bis zum letzten--immer sehr späten--Abendschoppen im
+"Münchener Kindl", und die Eingesessenen zogen sich mürrisch mehr
+und mehr zurück unter die dicke Haut ihrer sicheren Privilegien . . .
+
+Waren sie zehn Jahre hier gewesen, alle diese Fremden, ohne nach
+einer anderen Stadt weiterversetzt zu sein, so wurden sie zu
+"Hiesigen". Bis dahin blieben sie, was sie waren--: die
+"Hergeloffenen".
+
+Unweit der Grenze lag die Stadt. Seit dem gräßlichen Kriege mit dem
+"Erbfeind" war unablässig Militär über Militär hergezogen, bis zwei
+Regimenter hier festlagen. Ueberall an den sich erweiternden Grenzen
+der Stadt entstanden weißgetünchte Baracken von Holz und große,
+rote, viereckige Ziegelhaufen von abscheulicher Häßlichkeit, hinter
+deren Umfassungsmauern die rohen Flüche brutaler Unteroffiziere und
+die stampfenden Schritte schwerer und keuchender Menschenmassen
+hervortönten, und die bis dahin so friedlichen Straßen der Städte
+erzitterten unter dem Klirren rasselnder Schleppsäbel.
+
+Furchtbarer aber noch waren die Verheerungen, welche diese neue
+Macht in den Herzen der Großbürgertöchter der Stadt anrichtete, und
+murrend nur sahen die Väter, wutschnaubend aber die betrogenen
+Vettern der großen Familie eine der lieblichen Blüten nach
+der anderen gepflückt von der kecken Hand eines adeligen
+Sekonde-Leutnants, der die Geldsäcke nicht nur zu verachten, sondern
+auch mit Grazie zu leeren verstand.
+
+Und war es nicht in Ordnung so?--Das Kapital verband sich mit der
+Gewalt, welche seine Privilegien schützte.
+
+Dazwischen lebte ein träges Kleinbürgertum und ein machtloser
+Handwerkerstand so hin, von Tag zu Tag, kleine Kannegießer und
+schlechte Musikanten. Sie verlangten kaum etwas anderes, als
+beständig über etwas brummen zu dürfen . . .
+
+Das waren die Leute der Städte.
+
+Von geistigen Bedürfnissen verspürte man hier noch nichts.
+
+Draußen aber, dort, wo die Schlote dampften und die Feuer lohten, wo
+die Erde bis in ihre Tiefen hinein durchwühlt wurde in rastlosem
+Kampfe, dort wo kolossale Arbeitermassen aneinander gekettet durch
+den Schweiß ihrer furchtbaren Arbeit lagen, dort fielen die Gedanken
+der Zeit in den Boden der Fruchtbarkeit.
+
+
+
+
+III.
+
+Mit dem Schnellzug, der um elf Uhr vormittags eintraf, kam der
+Reisende an. Er wies die Kofferträger von sich, als er ausstieg, und
+trug seine Handtasche selbst die Treppe hinab bis zu dem Ausgang.
+
+Vier oder sechs Portiers nahmen dort die Reisenden in Empfang. Er
+überflog die Schilder ihrer Mützen, und da er den Namen nicht fand,
+den er suchte, nannte er ihn selbst: "Zur alten Post".
+
+Man grinste, man sah sich fragend an, indem man mit den Augen
+zwinkerte. Endlich sagte der älteste der Leute: "Es gibt hier keine
+'alte Post' mehr; sie ist seit sechs Jahren eingegangen. Wollen der
+Herr hier gleich am Bahnhof bleiben, dort unten liegt unser Haus,
+ganz neu eingerichtet--"
+
+Der Fremde zögerte einen Augenblick, aber als sie nun alle nach
+seiner Handtasche griffen, überließ er sie achselzuckend dem
+Sprecher, gab ihm den Auftrag, seinen Koffer sofort zu besorgen, und
+ging den Weg hinab, der sich in die Stadt hinunterzog. Es war ein
+schwüler und staubiger Tag. Er war müde, denn er war die halbe Nacht
+gereist, und er war bestaubt von der langen Fahrt. Er fühlte Hunger
+und Durst, und die Zunge klebte ihm am Gaumen.
+
+Doch nachdem er ein Bad genommen und sich umgezogen hatte, fühlte er
+sich frisch und gesund wie immer. Er stieg die Treppe hinab und
+schrieb in das ihm vorgelegte Fremdenbuch: Franz Grach. Während er
+sich für eine Minute in der Loge des Portiers befand, erkannte er
+plötzlich das Haus wieder.
+
+Er vermied die Table d'hote. Die langen, weißen Tische mit den
+Reihen von schmatzenden und schwatzenden Menschen waren ihm zuwider.
+Man deckte ihm in einem Nebenzimmer.
+
+Einmal ließ er Messer und Gabel sinken, so schreiend-deutlich stand
+plötzlich eine Szene aus seiner Jugendzeit vor seinen Augen, die
+sich vor langen Jahren hier in diesem selben Räume abgespielt hatte.
+
+Nicht das saubere Frühstückszimmer eines modernen Hotels, das trübe
+Hinterzimmer eines übelbeleumdeten Gasthofs zweiten Ranges war der
+Raum damals gewesen. Die Möblierung hatte sich geändert, wie der
+Wirt und die Gäste, und doch wurde dem Fremden alles wieder
+lebendig:
+
+Sie waren alle noch jung, kaum einer von ihnen hatte das zwanzigste
+Jahr erreicht. Alle hatten sie dieselben Schulbänke gedrückt, und
+sich, nun vielfach getrennt den größten Teil des Jahres hindurch auf
+auswärtigen Schulen, in den Ferien wieder zusammengefunden zu
+lustigen Tagen und ausgelassenen Nächten--eine tolle, von Jugendmut
+und Lebenskraft überschäumende, zu allen tollen Streichen immer
+aufgelegte Gesellschaft, deren Zahl jahrelang auf sieben, acht Mann
+beschränkt blieb . . .
+
+An jenem Abend nun waren sie alle nach einer langen Wanderung hier
+herein gestürmt, wie sie wahllos in alle Wirtschaften, wo "noch
+Licht war", drangen. Eine dicke Kellnerin war aus dem Vorderzimmer
+mit hereingezogen worden, durch die Tür wurde niemand mehr
+hereingelassen, und eine jener nächtlichen, dem Dunst des Bieres und
+dem Qualm des Tabaks entstiegenen Szenen entrollte sich, die dem
+Alter so widerlich, der Jugend so reizvoll erscheinen.
+
+Auch der Einzelheiten erinnerte sich der, vor dessen Auge sie wieder
+stand nach so langen Jahren, noch: wie er selbst in eine vorhanglose
+Fensternische gepreßt ihr zugesehen hatte, die Beine heraufgezogen
+und das Glas auf einem Stuhle neben sich, damals schon noch in der
+Trunkenheit erkennend, was er sah, beobachtend, was ihn umgab, und
+Sieger so auch noch über die Stunde, die ihn mit sich gerissen
+hatte: wie der "Dicke" das Klavier bearbeitete und seine schaurigen
+Baßtöne in den hellen Jubel und Lärm der anderen mischte; wie die
+ganze Bande plötzlich im Kreise um das grobe Frauenzimmer und den
+"Kleinen"--einen schmächtigen Menschen mit wasserblauen Augen, voll
+Gelehrsamkeit trotz, und voll Schüchternheit wegen seiner Jugend,
+herumgetanzt war, und die Vermählung des ungleichen Paares
+proklamiert hatte . . .
+
+Die Gläser klirrten; die Stimmen schrieen durcheinander; schwere
+Füße stampften den Boden; an der Decke lagerte sich der Rauch;
+einer, in einer trüben Erinnerung an Nana leerte sein Bierglas in
+das Klavier; ein anderer riß die rotgestreiften Decken von den
+Tischen und hüllte darin ein, was ihm unter die Hände kam, indes die
+letzten--mit der zähen Hartnäckigkeit der halben Trunkenheit--
+nicht abließen, sondern auf der Erfüllung ihrer tollen Idee
+bestanden--und bereits war die Grenze überschritten, wo das
+Verzeihliche aufhört, um der Sinnlosigkeit zu weichen, als er mit
+einem großen Satze aus seiner Fensternische aufgesprungen war,
+mitten unter die Schreienden und sie überrief:
+
+"Aber seid ihr denn ganz verrückt!"
+
+Und er schob die Kellnerin zur Türe hinaus, ungeachtet aller
+schreienden Proteste, setzte seinen Hut auf, und ihm nach war die
+ganze Gesellschaft gestolpert, einer anderen Kneipe, einer anderen
+Torheit zu, die stille Straße mit neuem Singen und Lärmen erfühlend,
+daß friedliche Bürger aus dem Schlaf ihrer Ruhe fuhren und das
+träumende Gespons mit der Frage weckten: ob es denn etwa brenne . . .
+
+Nein, es waren diesmal nur die Kinder ihrer eigenen Liebe.
+
+
+
+
+IV.
+
+Sollte er sie aufsuchen, die Genossen jener Tage?--Fast wandelte
+ihn die Lust dazu an, wie nun Gestalt um Gestalt vor ihm
+emportauchte.
+
+Was war aus ihnen geworden?--Wie waren sie geworden? Wo waren sie
+gelandet?
+
+Von den meisten war es nicht schwer, es zu ahnen.
+
+Denn die meisten waren schon damals in ihrer Jugend dazu bestimmt,
+ein vorgeschriebenes Leben zu leben: das Leben herunterzuleben, wie
+Grach es nannte.
+
+Nachdem ein Examen--ein Tor, welches unwiderruflich passiert werden
+mußte, wollte man in dieses Leben eintreten--sie gezwungen hatte,
+sich den Kopf mit einer unglaublichen Menge modernden Gerümpels zu
+füllen, wurden ihnen einige Jahre gegönnt, ihn von diesem Wuste zu
+befreien.
+
+Sie hatten zu vergessen, was sie gelernt hatten. Nach diesen Jahren
+einer ungebundenen Freiheit auf der Hochschule aber steckte sie der
+Vater unerbittlich in das von dem Großvater gemachte, und von ihm
+selbst wohlgewärmte Bett, und "niemals wieder sah sie die Welt."
+
+Sie wählten unter den Töchtern des Landes eine--jeder eine--und
+begannen, sich zu vermehren in Züchten und Ehren.
+
+Sie traten in die "Harmonie" oder in die Dilettantengesellschaft
+"Urania" ein und tanzten im Winter im "Kasino", solange sie noch
+jung waren.
+
+Wurden sie älter, so begann das einzige Gefühl von Würde, dessen der
+Philister fähig ist: ein Bürger des Staates zu sein, ihre Brust zu
+schwellen, und sie glaubten sich an den Geschicken des Landes
+zu beteiligen, wenn sie von Zeit zu Zeit einen Zettel in die
+Wahlurne warfen und abends beim Biere endlose Debatten über die
+gleichgültigsten und belanglosesten Fragen innerer und äußerer
+Politik--dieses Tummelgebietes aller Menschen ohne Geist und Kraft
+--führten, bis die Stunde schlug, wo die Angst vor der Frau sie nach
+Haus und in das gemeinsame Bett trieb . . .
+
+Sie waren _Menschen der Ehe_ geworden.
+
+Nein, er wollte keinen von ihnen wiedersehen. Man würde sich doch
+nur gegenseitig eine traurige Enttäuschung bereiten, und in einer so
+veränderten Sprache über Menschen und Dinge reden, daß man sich
+nicht mehr verstehen würde . . .
+
+
+
+
+V.
+
+Während der Neuangekommene seinen Kaffee trank und die Wolken seiner
+Zigarre in die Luft blies, war die flüchtige Erinnerung schon wieder
+versunken, und andere, dem heutigen Tage angehörende Gedanken
+beschäftigten ihn.
+
+Ein Brief hatte ihn wieder in diese Stadt gerufen, die er seit
+länger als zehn Jahren nicht gesehen. Auf vielen Umwegen hatte er
+ihn erreicht, und nachdem er ihn gelesen, war sein erstes Gefühl
+gewesen, ihn in die Ecke zu werfen.
+
+Er lachte erst; dann ärgerte er sich.
+
+Aber zugleich dachte er an mancherlei Freundlichkeit, welche er von
+der Mutter der Frau--sie war lange tot--, die ihn geschrieben,
+empfangen vor langen Jahren und an ihre größte Freundlichkeit: daß
+sie ihn meist unbehelligt gelassen, und er bemaß Zeit und Geld, sah,
+daß beides reichte, und war kurzentschlossen hierhergereist.
+
+Er stand früh allein und wurde, fast noch ein Kind, von einer
+entfernten Verwandten aufgenommen, in deren Heim er lange Jahre
+lebte, nicht abhängig von ihrer Gnade, aber doch angewiesen auf ihre
+Freundlichkeit. Sie hatte eine einzige Tochter, die ihr Abgott war;
+er beanspruchte nichts von der sentimentalen Zärtlichkeit, mit der
+das verzogene, launische Kind einer kurzen und sehr unglücklichen
+Ehe überschüttet wurde.
+
+Fast von dem Augenblick an, in dem er diese Stadt verlassen, hatte
+sich sein Leben so von Grund aus geändert, waren Kreise und
+Beziehungen desselben so andere geworden, daß er selten veranlaßt
+worden war, zurückzudenken, um so mehr, als ihm die Muße
+behaglicher, lässiger Einkehr und Umschau fast nie beschieden und
+kaum ein Tag gewesen war, der ihm Zeit gelassen hätte, ihn
+einzuspinnen zwischen die weißen Träume der Vergangenheit und der
+Zukunft.
+
+Zweimal nur noch schrieb er den Namen dieser Stadt auf die Adresse
+eines Briefes: das erste Mal, als seine Verwandte gestorben war, und
+er der Tochter freundliche Worte des Beileids sagte, das zweite Mal,
+als er sie zu ihrer eigenen Verheiratung kurz beglückwünschte.
+
+Dann kam dieser Brief, unerwartet und unerwünscht.
+
+Er lag vor ihm, und noch einmal las er ihn, aufmerksam, Wort für
+Wort.
+
+Von dem blaßrosa Papier stieg der starke Duft eines eigentümlichen
+Parfüms auf. Die Schrift, mit der seine vier Seiten bedeckt waren,
+war liegend, sinnlich und weibisch-schwach.
+
+Er las ihn zum vierten Male, und zum vierten Male suchte er hinter
+den leblosen Worten nach der lebendigen Seele derer, die sie
+geschrieben: er fand sie nicht.
+
+Das war es, was sie ihm mitteilte.
+
+Erstens: daß sie sehr unglücklich sei; zweitens: daß sie so
+unglücklich sei daß sie es nicht mehr "aushalten" könne; drittens:
+daß ihr Mann der Grund ihres Unglücks sei; viertens: daß sie gehört
+habe, er, ihr Bruder, der "Freund ihrer Jugend", habe ein Buch
+geschrieben, in welchem er sich "freisinnig" über die Ehe geäußert
+habe; fünftens: daß er sie "retten" möge; sechstens: daß sie sehr
+unglücklich sei; und siebentens: daß sie so unglücklich sei, daß sie
+es nicht mehr "aushalten" könne . . .
+
+Das alles war sehr albern.
+
+Er sagte sich mit Recht, daß das Unglück so nicht nach Hilfe ruft.
+
+Aber er sagte sich auch, und er sagte es sich immer wieder, daß
+Frauen dieser Art nicht imstande sind, einen individuellen Ausdruck
+für ihre Gefühle--und wären es ihre wahrsten--zu finden. Wie sie
+gelehrt wurden zu sprechen, so sprachen sie: immer in denselben
+Ausdrücken und Redewendungen ihrer spezifischen Kreise, die Männer
+so und die Frauen so und waren sich daher so ähnlich, wie immer nur
+es möglich ist.
+
+Und daher waren sie meistens auch so langweilig.
+
+Wie sie sprachen, so schrieben sie auch.
+
+Es ist, als fürchteten sie sich davor, ein neues Wort zu gebrauchen,
+und sorgsam verbergen sie, kommt ihnen einmal, nicht ein neuer
+Gedanke, nein, nur eine eigene Anschauung über irgend Etwas, die
+verbrecherische Regung hinter der gewohnten Gewöhnlichkeit.
+
+Er wußte, daß das Unglück ein großer Befreier ist. Und er dachte
+weiter, und seine Augen sahen den gegen die Ketten der Tage
+ringenden und in diesem Ringen blutenden Menschen vor sich, wie er
+schreien will, aber seine ungewohnten Lippen finden nur die alten,
+kleinen Worte für den neuen, großen Schmerz, und das Schreien des
+selbständigen Herzens--es klingt auf dem Mund nur wie das Stammeln
+der Unselbständigkeit und Gleichgültigkeit.
+
+Konnte es so nicht hier sein?
+
+Er strengte die Augen an, um hinter die Worte sehen zu können. Was
+lag da?--Ein zu Boden gestürztes, mit Füßen getretenes Weib?--Oder
+eine faule, unzufriedene Frau der Welt, die sich einfach langweilte?--
+
+Fand er denn nicht ein Wort, ein einziges ungefügiges, in seiner
+Hilflosigkeit rührendes, in seiner Einfachheit erschütterndes Wort?--
+
+Er fand keines. Und dennoch folgte er den Rufen dieser platten und
+nichtssagenden Sprache.
+
+Es gibt Menschen, von denen wir nie glauben können, daß sie
+unglücklich zu werden imstande sind.
+
+So ging es ihm mit ihr.
+
+Und dennoch kam er hierher.
+
+Er tat es in letzter Linie seiner selbst wegen, um ganz sicher zu
+sein vor den Vorwürfen des eigenen Herzens.
+
+
+
+
+VI.
+
+Die letzte Rauchwolke seiner Zigarre verflog an der Decke, und er
+sah nach der Uhr.
+
+Es war nach zwei. Ein langer Nachmittag lag jetzt vor ihm. Er ging
+daher auf sein Zimmer, warf sich auf das Bett und schlief länger als
+eine Stunde, bleiern und traumlos.
+
+Verwundert fuhr er in die Höhe, als er erwachte. Er mußte sich
+darauf besinnen, wo er war, und es war mit einem Gefühl des
+Mißbehagens, daß er die Treppe hinunterstieg. Ihm war, als solle er
+nun an die Erfüllung einer unangenehmen Pflicht gehen, und er
+wünschte hinter sich zu haben, was ihm bevorstand.
+
+Dann trat er vor die Tür.
+
+Die Hitze war noch gestiegen. Um diese Stunde des Nachmittags
+stockte das Leben.
+
+Eine lange Straße zog sich vor ihm hin--die Hauptstraße der
+Schwesterstadt, die längste und belebteste in beiden Städten und der
+Mittelpunkt des Handels und Wandels beider.
+
+Wie oft er sie als Knabe durchschritten hatte, hinauf und wieder
+hinunter, und wieder hinauf!
+
+Wenig schien sich an dem äußeren Ansehen der Stadt verändert zu
+haben. Einige Lücken, wo früher auf steinigem Rasen Zirkus- und
+Karussellbesitzer ihre flüchtige Leinwand gespannt, waren ausgebaut
+worden, und nur die Nebenstraßen noch öffneten sich dem Blicke nach
+dem Flusse hin. Die neuentstandenen Häuser zeigten das Bestreben,
+Schritt zu halten mit modernem Stil. Gesimse und Balkone hingen
+überall an ihnen herum, und in ihren Erdgeschossen waren Läden und
+Bierhallen entstanden mit hohen Fensterscheiben und lauten
+Aushängeschildern, die mit dem leuchtenden Gold ihrer Lettern die
+armen, verblaßten und altertümlichen Inschriften der alten Firmen
+verdrängten . . .
+
+Der Schwindel des Handels, welcher die Arbeit mordet, trieb sein
+Unwesen diese ganze Straße entlang.
+
+Arme Arbeiter! Des Sonntags kamen sie, weither aus den Dörfern und
+Flecken, mit ihren schweren Schuhen, die Männer mit plumpen Stöcken
+und die Weiber mit ungeheuren, unförmigen Parapluies, halb noch
+bedeckt mit dem Schweiße und dem Staub der Woche, ganz noch erdrückt
+unter der Wucht ihrer Sklaverei, kamen sie, um einzukaufen, was sie
+brauchten, das heißt, drei-, vier-, fünf- und zehnfach verteuert
+einzutauschen, was sie selbst erschaffen hatten in anderer Form: die
+Arbeit. Verlegen, unsicher, bittend und schüchtern traten sie in die
+"Geschäfte" und ließen sich von schwatzenden Juden, und Christen,
+die schlimmer waren als die Juden, das Fell über die Ohren ziehen,
+daß es nur so flutschte.
+
+In erschreckender Menge hatten sich die offenen Geschäfte in diesen
+paar Jahren vermehrt. Gleich aber war der trostlose, nüchterne
+Eindruck dieser Straße geblieben, und vom Morgen bis zur Dämmerung
+glich sie noch immer in ihrem reizlosen, staubigen Grau einem
+alternden, ungekämmten und ungewaschenen Weibe.
+
+Grach ließ seine Blicke überall hin gehen. Eigentümlich verändert
+schien ihm alles--: fremd und doch bekannt. Aber alles war kleiner
+geworden, zusammengeschrumpft und, wie alte Leute, in sich
+zusammengesunken.
+
+Größer sieht das Kind die Welt, kleiner sieht sie der Mann.
+
+Vor den Läden lungerten die Kommis, an den Brunnen standen die Mägde
+und schrieen sich an. Warum schrieen sie so laut? Stritten sie sich?
+Nein, es war nur eine "gemütliche Unterhaltung". Aber dieser Dialekt
+war breit, geeignet nur zu einem lauten Sprechen, und schwer
+verständlich für den Fremden. Grach bemühte sich, Worte und Sätze
+der Vorübergehenden aufzufangen und verstand meist, was sie sagten.
+Hatte er selbst früher so gesprochen?
+
+Und wie die Menschen sich grüßten! Mit beängstigender Sorgfalt
+überspähten sie die Straße, knickten, den Arm nach auswärts in einem
+spitzen Winkel und zogen oder rissen dann den Hut herab, entweder
+steil in die Luft hinaus oder hinunter bis fast auf den Boden. "Ihr
+Diener", sagten sie dabei, "Ihr Diener"--und ein langer Titel
+folgte.
+
+Die unverhüllte Neugier, mit der die Menschen ihn an- und ihm
+nachsahen, begann Grach zu ärgern. Ihre Blicke wurden ihm lästig,
+und er bildete sich ein, von ihnen erkannt werden zu müssen. Er
+hatte vergessen, daß kein Fremder diesen Blicken entging.
+
+Er ging schneller. Diese Nebenstraße mußte über die Brücke nach dem
+jenseitigen Ufer führen. Er schlug sie ein.
+
+Eine junge Dame kam ihm entgegen. Sittsam die Blicke zu Boden
+gesenkt, den Schirm in der Länge einer kleinen Ulanenlanze gegen die
+Brust gedrückt, eingeschnürt und aufgeputzt mit Bändern und
+Bauschen, trippelte sie daher, und gegen seinen Willen mußte er
+lachen, erst heimlich, dann herzlich und offen.
+
+So war, genau so war schon damals alles gewesen: diese ängstliche
+Unsicherheit im Verkehr, diese feige Rücksichtnahme auf tausend und
+abertausend in Watte sorgsam gehegter Vorurteile, diese engbrüstige
+Steifheit, die pappedeckelne Würde--wie kannte er das alles, wie
+erkannte er das alles wieder!
+
+Und über all dies lachte er, hatte er gelernt zu lachen.
+
+Und abermals lachte er, als er über die Brücke ging, die alte
+Brücke, und sah, daß alle Scheiben in den Gaslaternen heil und
+unverletzt waren.
+
+Wie, wurden sie nicht mehr geschlagen, die Schlachten der Ehre?--
+War Waffenstillstand zwischen den erschöpften Schwestern
+geschlossen?--Oder aber--war Versöhnung--Friede--aber nein, es
+war ja Wahnsinn, daran zu denken! . . .
+
+Eine komische Stadt! Eine komische, kleine Stadt! murmelte Grach vor
+sich hin.
+
+
+
+
+VII.
+
+Auf hohen Terrassen erhob sich vor ihm das "Schloß", ein massives,
+altes Gebäude mit vielen Anbauten aus neuerer Zeit. Uralter Efeu
+hing an den Mauern nieder, von einem Garten in den anderen, bis er
+die Dächer der Häuser an ihrem Fuße fast berührte.
+
+Das Schloß hatte keine Bestimmung mehr. Seine einzelnen Stockwerke
+mit ihren vielen Flügeln und unzähligen Zimmern waren an einige
+Familien vermietet, an die reichsten der "Alldahiesigen" und
+"Hiesigen", welche keine eigenen Häuser besaßen.
+
+Der Fremde, der hier nicht fremd war, stieg langsam den steilen Weg
+hinauf, der an der alten, düsteren Kirche--sie stand in seltsamen
+unterirdischen Gängen, die längst verschüttet waren, mit dem
+Schlosse in Verbindung--zu dem weiten, totenstillen Platze hinauf,
+der die Flügel des Schlosses gleichsam bis an die Ränder der Anhöhe
+auseinandergedehnt hatte. Gras, das eine glühende Sonne gelb sengte,
+wucherte hier zwischen den plumpen, unregelmäßigen Pflastersteinen;
+nie spielte hier die Jugend der Stadt, auf diesem weiten Platze, der
+wie geschaffen war zum Umhertummeln. Zuweilen nur bewegte sich eine
+der weißen Gardinen hinter den hohen Fenstern, und ein behaubter
+Kopf lugte zwischen ihnen durch, um bald wieder zu verschwinden,
+denn die leere Oede dieses weiten Raumes wurde selten unterbrochen
+durch eine Gestalt, die ihren Weg über ihn hinweg nahm, um die
+andere Seite zu erreichen. Die meisten gingen an den langen Fluchten
+entlang, um plötzlich in einer der Türen zu verschwinden, öfter
+während des Tages, in den Nachmittagsstunden geschah es, daß Wagen--
+moderne, elegante Geschirre mit vortrefflichen Pferden--an den
+Toren hielten.
+
+Und wieder mußte Grach lächeln, als er diesen weiten, toten Platz
+überschritt, auf dem die Sonne ungestört die Spiele ihrer Schatten
+trieb, den er als Kind nie betreten hatte und von dem er nie
+geglaubt hätte, daß er ihn je betreten würde.
+
+Aber hier mußte sie--der Adresse in ihrem Briefe nach--jetzt
+wohnen.
+
+Er ging langsam. Und doch war er neugierig geworden auf das
+Wiedersehen. So lange war es her, daß er keine Blicke mehr in das
+Heimwesen deutschen Bürgertums getan hatte. Er ein Fremder--und
+alles ihm fremd geworden, was von dorther kam . . .
+
+
+
+
+VIII.
+
+Er klingelte an der Tür, von welcher er glaubte, daß es die richtige
+sei.
+
+Schrill hallte der Klang der Glocke. Dann kamen schlürfende
+Schritte, und ein Diener in Livree, aber mit vorgebundener blauer
+Schürze, öffnete. Es war keine Besuchsstunde. Aber das war dem
+Fragenden jetzt natürlich ganz gleichgültig.
+
+"Ist Frau Boehmer zu Hause?"
+
+"Wen darf ich melden?"
+
+"Ist Frau Boehmer zu Hause?" wiederholte er noch einmal.
+
+"Ja--aber--ich weiß nicht--gnädige Frau--"
+
+"Sagen Sie ihr, ein Herr wünsche sie zu sprechen."
+
+"Gnädige Frau sind im Garten. Ich werde ihr melden--"
+
+Der Diener war völlig außer Fassung und Würde gebracht durch den
+energischen Ton des Besuchers.
+
+"Dann werde ich Frau Boehmer selbst im Garten aufsuchen. Wo ist der
+Garten?"
+
+Der Diener wagte keine Einwendung mehr. Er warf seine Schürze fort
+und ging voran.
+
+"Hier, bitte."
+
+Sie durchschritten hohe und kühle Gänge, über große Steinfliesen
+hin, mit denen der Boden belegt war, vorbei an breiten und vornehmen
+alten Treppen, deren Stufen niedrig und deren Geländer mit weißer,
+sauberer Oelfarbe gestrichen waren.
+
+Dann öffneten sich die Terrassen der Gärten vor ihnen, die da lagen:
+still, wie im Schlummer, in der brütenden Nachmittagssonne, weite
+Blicke in das Tal nach Osten und Westen eröffnend, wo die Schlote
+qualmten und das Leben hämmerte.
+
+Von wohlgepflegten, üppigen Beeten stiegen die Düfte von reifen
+Blüten empor. Der Kies der geharkten Wege war so fein, daß er die
+Tritte der Hinschreitenden lautlos aufnahm.
+
+"Ich habe mich anders besonnen," sagte der Fremde plötzlich, "gehen
+Sie voran und melden Sie Frau Boehmer, ein Herr wünsche sie zu
+sprechen."
+
+Der Diener versagte es sich jetzt nicht, mit den Achseln zu zucken,
+aber er ging.
+
+Vor einem Tulpenbeet blieb Grach zögernd stehen und sah nachdenkend
+in die purpurnen, weitgeöffneten Kelche nieder.
+
+
+
+
+IX.
+
+Der Diener kam zurück.
+
+"Gnädige Frau lassen bitten--" schnarrte er.
+
+Aus einer Laube im Hintergründe des Gartens schimmerte ein weißes
+Kleid.
+
+Dort, in einem Modejournal blätternd, das sie sichtlich unlustig bei
+Seite warf, lag in einen Schaukelstuhl hingestreckt eine junge Frau
+von ungewöhnlicher Schönheit.
+
+Sie blinzelte dem Nähertretenden zu, aber sie machte keine Miene,
+sich zu erheben.
+
+Erst als er ihr die Hand hinstreckte und lächelnd sagte: "Ich habe
+deinen Brief erhalten, Clara, und bin selbst gekommen, ihn zu
+beantworten"--sprang sie mit einem Ruf der Ueberraschung in
+sichtlicher Verlegenheit auf.
+
+"Nein, wie du dich verändert hast, Franz!" rief sie ein paar Mal;
+dann aber, nachdem sie sich gesetzt hatten, und während sie ihn mit
+jener prüfenden Neugier, die nur der Frau eigen ist, musterte,
+folgte ein Schwall von Fragen, deren Antworten nicht abgewartet
+wurden, weil sie gestellt waren, ohne daß der Verstand sich etwas
+bei ihnen dachte und das Herz das Geringste bei ihnen fühlte.
+
+Bei dem ersten Wort, das sie gesprochen, merkte er, daß diese Frau
+geistig um keinen Schritt weitergerückt war und--ganz wie früher--
+hörte er gutmütig und geduldig eine Zeit lang ihrer Neugierde zu,
+beantwortete kaum etwas, und begnügte sich damit, hier und da mit
+einem Ja oder Nein, oder höchstens einem kurzen Wort sein Schweigen
+zu unterbrechen.
+
+So kam es, daß sie ihn nach einer halben Stunde nach allem gefragt,
+aber nichts von ihm erfahren hatte. Später pflegte sie sich dann
+darüber zu beklagen, daß sie allen Menschen alles, keiner aber ihr
+etwas erzähle.
+
+Dann fiel ihr ein, daß sie noch nicht wußte, wo er abgestiegen war
+--:
+
+"Du wirst doch bei uns wohnen, Franz?--gewiß, nicht wahr?"
+
+Sie hatte bisher vermieden, ihn voll anzusehen, nun aber begegneten
+sich ihre Augen. Sie errötete leicht, als sie seine Antwort vernahm.
+
+"Unter diesen Umständen?"--sagte er ernst und fragend zugleich.
+
+Als sie nun, die Hände erst abwehrend von sich streckend, dann sie
+vor dem Gesicht zusammenschlagend in gemachtem Schmerze, in ihren
+Schaukelstuhl zurücksank, hätte er hundert gegen eins wetten mögen,
+daß sie sich erst in diesem Augenblicke genauer dessen erinnerte,
+was sie ihm geschrieben . . .
+
+Sie kam nicht auf ihre Frage zurück. Ihre Gedanken weilten bereits
+bei anderem.
+
+"O laß uns jetzt noch nicht davon sprechen, von meinem Unglück--du
+bleibst doch länger hier, nicht wahr?--Einige Tage, einige
+Wochen . . . Du mußt doch alle wiedersehen, deine alten Freunde und
+Schulkameraden, denke dir, die kleine Ehrling, neben der ich in der
+Schule saß und die so oft zu uns kam--du mußt dich doch erinnern?--
+hat einen Landgerichtsrat geheiratet und schon drei Kinder, und dein
+dicker Freund Rempe, der mit den vielen Schmissen--doch das weißt
+du nicht, du kanntest ihn ja nur auf der Schule, und da schlägt man
+sich noch nicht, ja, was wollte ich sagen . . . ja, der dicke Rempe
+hat die reiche Krüger gekriegt, die mit den Simpelfranzen und den
+seidenen Kleidern. Ach ja, es hat sich viel verändert hier--"
+
+Sie scheute sich, ihn wieder zu fragen, denn sie fürchtete seinen
+Blick, seine ernste, fast harte Stimme, mit welcher er eben gesagt
+hatte: "Unter diesen Umständen?"--
+
+Und so sprach sie weiter: Von dem langen Lenz, der sich "--ach ja,
+das war es ja, was ich sagen wollte--" wegen einer Frau habe
+schießen müssen und eine Kugel in den Unterleib bekommen habe; von
+den Schicksalen der großen Familie Neuhaus, wo so viele Söhne
+gewesen seien--einer habe sich vergiftet, und der andere sei nach
+Amerika, denn der Vater sei so hart, aber es sei doch ein rechtes
+Elend, wenn die Söhne ihren Eltern nicht folgten; und von--und von
+--und immer so weiter, ein seichtes, unerquickliches Geschwätz,
+das den Zuhörer betäubte, ängstigte und seine Nerven folterte.
+
+Der hörte zuletzt überhaupt nicht mehr hin. Während sie so vor ihm
+saß, in der üppigen Schönheit einer reiferen Frau, dachte er daran,
+daß er es gewesen war, der die Knospe dieser Blüte mit dem ersten
+Kusse geweckt hatte.
+
+
+
+
+X.
+
+Ihre Schönheit hatte alles gehalten, was sie versprochen. Schon als
+Kind war sie gradezu auffallend gewesen, obwohl dieses Kind weder
+graziös und fein, noch von irgendwie eigenartigem Liebreiz gewesen
+war. Aber das blonde Haar konnte heute kaum reicher sein, als es
+damals gewesen war, und der feuchte Glanz dieser blauen Augen, der
+ihm heute nur ein Zeichen trübseliger Langeweile schien, war ihm und
+anderen--denn die halbe Klasse war in sie verliebt--damals
+schwärmerische Idealität und echt weibliches Hingebungsbedürfnis
+gewesen.
+
+Nicht für lange.
+
+Aber es gab eine kurze Zeit in seiner Jugend--es war zwei Jahre vor
+ihrer Trennung--, da war ihm das ständige Zusammenleben mit seiner
+Halbschwester unter den blinden Augen der Mutter sehr gefährlich
+geworden.
+
+Seine Sinne erwachten und verlangten nach ihr. Ihre beständige Nähe
+brachte sie in Aufruhr und hielt sie wach.
+
+Den ganzen Sommer hindurch verbrachte er in qualvoller Aufregung, in
+einem beständigen Zwiespalt, der seiner energischen Natur schwerer
+zu ertragen war als alles andere.
+
+Sie war ihm gleichgültig. Alles, was sie sprach, ließ ihn kalt. Ihr
+Benehmen gegen ihre Mutter empörte ihn mehr als je, wenn er sich
+auch niemals tätlich darum kümmerte, was zwischen diesen beiden
+Personen vorging. Ihr Kokettieren mit seinen Kameraden, die sich
+über das eitle Mädchen lustig machten, fand er lächerlich--und doch
+beschäftigte sie ihn. Er träumte von ihr. Er glaubte sie in den
+Armen zu halten. Er haschte nach ihrer Hand, wenn sie allein waren,
+und er war ruhiger, wenn sie ihm dieselbe nicht entzog. Er war öfter
+um sie, als je zuvor. Die Mutter freute sich darüber, daß das sonst
+so kühle Verhältnis zwischen Schwester und Bruder sich besserte.
+
+Eine unheimliche Glut ging von ihr aus, die ihn wahnsinnig machte.
+Tage konnten vergehen, ohne daß sie ihm gefährlich war, aber dann
+kam immer wieder eine Stunde, in der er von ihrer Seite aufspringen
+mußte, weil er es nicht mehr ertragen konnte, sie zu sehen, ohne sie
+an sich zu reißen.
+
+Er fürchtete sich vor sich selbst; aber vor ihr graute ihm.
+
+Ein später Abend brachte die Erlösung. Sie saßen zusammen in der
+Laube bei einer trübe brennenden Lampe. Die Mutter hatte sich
+gähnend und seufzend zur Ruhe begeben.--Es war ein Abend voll
+wunderbarer Weichheit der Luft. Der Glanz der Sterne war feucht und
+tief.
+
+Sie wagte es zu bleiben. Sie spielte mit dem Feuer in verzehrender
+Neugier.
+
+Er las in einem Buche und hielt den Kopf gesenkt, um sie nicht
+ansehen zu müssen. Er hatte noch zu lernen und glaubte, sie würde
+gehen.
+
+Sie aber ging nicht, sondern beugte sich noch weiter vor, mit ihrer
+weichen Stimme, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, eine
+gleichgültige Frage stellend.
+
+Fast berührten sich ihre Stirnen. Da riß er ihren Kopf mit einer
+jähen Bewegung an sich und bedeckte ihr Gesicht mit unzähligen
+Küssen: er küßte ihre Augen, ihre Wangen, ihren Mund, ihren Hals.
+
+Sie wehrte sich, aber nur schwach. Während sie sich indessen--ein
+halb ernstliches, halb freudiges Erschrecken heimlich überwindend--
+in der Ueberlegenheit der Frau fragte, ob sie ihn gewähren lassen
+solle, fühlte sie, wie er sie plötzlich losließ und von sich stieß.
+
+Wenn sie oft nachher--nachdenklich über diese jähe Veränderung
+seines Wesens in dieser Minute--sich einbilden wollte, es sei ein
+moralischer Antrieb gewesen, der ihn so plötzlich von ihr gerissen,
+so irrte sie sich völlig.
+
+Ein Duft war von ihr ausgegangen, als er an ihren Lippen hing, und
+in ihren Haaren wühlte, der ihn plötzlich ernüchtert hatte. Derselbe
+Duft, der ihn betäubt hatte in der Ferne und ihn angezogen, stieß
+ihn ab, als er in nächster Nähe auf seine Sinne wirkte. Es war
+direkter Widerwille, der ihn erfaßte--unerklärlich, aber zwingend.
+
+Eben noch über alles begehrenswert, war sie ihm jetzt so
+gleichgültig, wie nur je zuvor.
+
+Hurtig raffte er seine Bücher zusammen und eilte mit einem schnellen
+"Gute Nacht!" in das Haus.
+
+Sie sah ihm nach und verstand ihn nicht.
+
+Ihr Zauber war völlig gebrochen.
+
+Sie merkte es sofort am nächsten Tage.
+
+Sie bot viel auf, um ihn wieder zu gewinnen. Aber nichts mehr gelang
+ihr.
+
+Im Laufe der nächsten beiden Jahre, in denen sie wieder
+nebeneinander herlebten, vergaßen sie fast die Szene dieses Abends.
+
+Auch er wurde ihr gleichgültig.
+
+Sie dachte bereits an ihren zukünftigen Gatten, wenn sie die Männer
+sah, die sich um ihre Schönheit drängten.
+
+Sie wählte sich einen der ältesten unter ihnen und fast den
+reichsten.
+
+An ihren Halbbruder dachte sie erst wieder, als die Langeweile ihrer
+Tage sie nach neuen Sensationen suchen ließ, und die Neugierde neue
+Nahrung für ihre klatschhafte Zunge verlangte.
+
+
+
+
+XI.
+
+Der Zauber war gebrochen.
+
+Sie war ihm nur noch eine Studie, wie sie dort vor ihm saß--: die
+kleinen Füße in den eleganten Schuhen vorgestreckt, ermüdet durch
+Nichtstun, scherzend, liebäugelnd mit der Wohlhabenheit ihrer
+Umgebung, denn sie fand, daß er es doch wenig weit gebracht hatte,
+seiner einfachen, fast unmodernen Kleidung nach zu schließen.
+
+Doch sie begann es zu merken, daß auch er sie beobachtete, obwohl er
+sie nicht ansah und offenbar nicht hörte, was sie sagte.
+
+Sie wurde unruhig.
+
+"Aber du hörst mir ja gar nicht zu, und ich sitze hier und erzähle
+dir alle Neuigkeiten von Bedeutung, die seit zehn Jahren hier
+geschehen sind--"
+
+Er sah auf. Und wieder errötete sie unter seinem Blick.
+
+Wieder suchte sie ihn abzulenken.
+
+"Und nächsten Mittwoch ist Harmonie-Abend im Kasino: Musik und Ball,
+da wirst du alle wieder sehen, die du kennst, unsere ganze
+Gesellschaft--"
+
+Zum erstenmal sprach sie von ihrem Mann:
+
+"Er hat mir zwar verboten, hinzugehen, ersagt, es sei zu viel für
+mich", sie stampfte mit dem Fuße auf, "aber jetzt, wo du hier bist,
+_muß_ er es mir erlauben, _muß_ es, _muß_ es!"
+
+Sie hielt einen Augenblick inne, etwas erschöpft und erhitzt von dem
+langen Sprechen, aber schon ging es weiter.
+
+"Oder besser noch, wir geben eine Gesellschaft, eine große
+Gesellschaft dir zu Ehren--" sie klatschte in die Hände vor
+Vergnügen und wartete offenbar auf einen ähnlichen Ausbruch des
+Entzückens bei ihm.
+
+Aber er erkannte jetzt, daß es die höchste Zeit war, dieser Komödie
+ein Ende zu machen.
+
+Er rückte seinen Stuhl näher und beugte sich etwas vor, so daß er
+gerade vor ihr saß.
+
+Sie fühlte, nun kam es.
+
+Fast scherzend begann er.
+
+"Ich glaube, du langweilst dich, Clara."
+
+"Ach ja, ich langweile mich--" seufzte sie.
+
+"Nun, so solltest du dir Tätigkeit suchen--"
+
+Sie antwortete nicht. Er lächelte unmerklich und fuhr fort: "Oder
+aber Zerstreuung--"
+
+Da sah sie auf und richtete ihre schwimmenden Augen auf ihn.
+
+"Zerstreuung--aber wie?--Was gibt es hier für Zerstreuung?"
+
+"Reise."
+
+"Reisen--ich kann ja nicht, er hat ja nie Zeit."
+
+"Wer?"
+
+"Nun, er, mein Mann."
+
+"Daran dachte ich nicht. Ich meinte natürlich, du solltest allein
+reisen."
+
+"Allein?!" wiederholte sie mit dem Ausdruck des Erstaunens, des
+Erschreckens. "Wie kann eine verheiratete Frau allein, ohne ihren
+Mann, reisen?"
+
+"Weshalb kann denn eine verheiratete Frau nicht allein, ohne ihren
+Mann, reisen?" Unwillkürlich brauchte er dieselben Worte wie sie.
+Aber es geschah ganz ohne spottende Absicht.
+
+Er wartete auf ihre Antwort. Sie wich ihm aus.
+
+"Ja, ich weiß, daß du so seltsame Ansichten über die Ehe hast. Wie
+heißt doch dein Buch darüber?--Eine Freundin--die Frau von
+Redlich, du kennst sie nicht, sie sind erst drei Jahre hier, der
+Mann ist Hauptmann--ja, sie hat es mir gesagt. Sie wollte mir auch
+das Buch leihen, sie hat es mir ganz fest versprochen, aber sie hat
+es mir immer noch nicht gebracht, denn sie muß erst den Professor
+Hastrich vom Gymnasium fragen, dem gehört es . . ."
+
+Grach hatte Mühe, nicht loszulachen.
+
+Daß man ein Buch auch kaufen könne, war dieser Frau offenbar noch
+nicht bekannt, und sie, die gewohnt war, auf Damast zu schlafen und
+von silbernen Schüsseln zu speisen, scheute sich nicht, die
+schmutzigsten Leihbibliotheksbände durch ihre weißen Hände gleiten
+zu lassen. Auf dem Tische vor ihm lagen einige Exemplare dieser Art.
+
+Die Sonne brannte durch die Blätter der Laube. Ihre Glut hatte die
+höchste Höhe erreicht. Ihn dürstete. Er bat um etwas Wein und
+Wasser. Während der Diener es brachte, schwiegen sie. Da sie sah,
+daß er nicht antwortete, sagte sie: "Könntest du mir nicht sagen,
+was du in deinem Buche geschrieben hast über die Ehe, nur ganz kurz
+--ich komme so selten dazu, ein Buch zu lesen--"
+
+Er beugte sich wieder zu ihr hin.
+
+"Ich glaube, daß es so viel verschiedene Neigungen und Bedürfnisse
+gibt, als es Menschen gibt, und ich wünsche, daß jeder Mensch diesen
+seinen Neigungen ungestört nachlebe, aus dem einfachen Grunde, um
+selbst ungestört den meinen folgen zu können.
+
+Ich maße mir nicht an, die Menschen zu verstehen. Wir verstehen
+überhaupt wenig von einander. Aber frech greifen wir täglich und
+stündlich in das Leben unserer Mitmenschen ein, unter dem
+lügenhaften Vorgeben, ihnen helfen zu wollen. Ich möchte, daß ein
+jeder nach seiner Façon glücklich werde hier auf der Erde.
+
+So ungefähr ist der Grundgedanke meines Buches. Du hast es nicht
+gelesen; ich mußte ihn dir daher schnell herzeichnen.
+
+Wovon man dir aber wahrscheinlich erzählt haben wird, das ist das
+Kapitel, welches ich 'Die Menschen der Ehe' betitelt habe. Ohne
+irgendwie zu klassifizieren oder zu schematisieren, habe ich in ihm
+die Frage gestellt, ob es nicht einen größeren Teil Menschen gäbe in
+unserer Zeit, auf welche diese Bezeichnung mit Recht sich anwenden
+ließe; Menschen der Enge im Gegensatz zu den Menschen der Weite;
+Menschen, die nie in Konflikt kommen mit ihrer Umgebung, da sie alle
+Geschicke--alle, die aus der Menschen Hände kommen--als von Gott
+ihnen auferlegt betrachten; Menschen der kleinen Zufriedenheit, die
+ihr Glück finden in den Winkeln des Tages, immer an dem einen Tische
+und immer an derselben Brust: Menschen, die nicht wissen, was es
+heißt, ein Versprechen auf Lebenszeit zu geben, weil sie nicht
+wissen, was es heißt: zu leben; Menschen der Stagnation, nicht
+Menschen der Bewegung; Nummern, aber Nummern, welche zu Zahlen
+werden, und welche ich deshalb hasse!--
+
+Menschen der Gewöhnlichkeit!--Menschen der Ehe!--"
+
+Er hatte fast langsam, mit Ruhe und ohne äußere Leidenschaft
+gesprochen.
+
+Aber während er sprach, hatte er vergessen, zu wem er sprach.
+
+Als er geendet hatte und es merkte, verdroß es ihn. Seit so langer
+Zeit war er gewohnt, zu sprechen, wie er wirklich dachte, so daß er
+es verlernt hatte, seine Gedanken zu modeln nach dem Ohr seiner
+Zuhörer.
+
+Es hätte ihn nicht zu verdrießen brauchen. Denn er hatte zu tauben
+Ohren gesprochen.
+
+"Verzeih," sagte er--er glaubte, sehr lange gesprochen zu haben--
+"verzeih, daß ich so lange sprach. Ich möchte nicht mißverstanden
+werden in dem, was ich dir jetzt sagen muß."
+
+Wieder zwang er sie, ohne es zu wollen, zu erröten. Er hatte bis
+jetzt kaum den Mund aufgetan, sie hatte unaufhörlich geplappert--:
+er bat sie um Entschuldigung.
+
+Sie begann ihn zu hassen.
+
+Verstanden hatte sie kaum etwas von dem, was er gesagt hatte. Sie
+hatte ihm fast so wenig zugehört, wie er ihr. Ihre Gedanken waren
+jetzt damit beschäftigt, wie sie ihn auf die beste Manier loswerden
+könne.
+
+Für sie gab es keine bedeutenden und unbedeutenden Menschen. Für sie
+gab es nur Menschen, die ihr zuhörten. Und die Männer zumal! Von
+denen war sie ja gar nichts anderes gewohnt, als daß sie ihr zu
+Füßen lagen.
+
+Daher beleidigten sie diese Ruhe und Sicherheit.
+
+"Ach, ich bin sehr unglücklich!" rief sie und deckte mit den Händen
+die Augen. "Ich weiß nicht, was ich tun soll . . ."
+
+Es war ihr zweites Mittel, mit diesem Manne fertig zu werden. Ihr
+drittes und letztes waren die Tränen. Aber zu diesem wollte sie erst
+greifen, wenn alle anderen erschöpft waren.
+
+"Ja, Clara, wenn du nicht weißt, was du tun sollst, wer soll es dann
+wissen?"
+
+Sie sah ihn an mit ihren hellen Augen, wie ein hilfloses Kind.
+
+"Du bist doch hergekommen, um mir zu helfen."
+
+Er stand auf. Diese Frau verstand nichts, sie konnte und wollte
+nichts verstehen.
+
+Er mußte sie zwingen, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen, vor denen
+sie floh, feig, jammernd und haltlos.
+
+Er blieb vor ihr stehen.
+
+"Nach deinem Briefe mußte ich annehmen, daß du den unwiderruflichen
+Entschluß gefaßt hattest, dich von deinem Manne auf immer zu
+trennen, da du ein Weiterleben mit ihm als unmöglich erkannt hast.
+In der Ausführung dieses Entschlusses, dir zu helfen, bin ich
+hergekommen, nicht aber, um dich in deinen Entschlüssen zu
+beeinflussen. Und auch nicht, wie du dir vorhin glauben zu machen
+suchtest, um diese Stadt, die mir ganz uninteressant ist, und alte
+Bekannte, von denen ich nichts mehr weiß, und die nichts mehr von
+mir wissen wollen, wiederzusehen, oder auf eure Bälle und in eure
+Gesellschaften zu gehen, denn ich verkehre überhaupt nicht in
+bürgerlichen Kreisen.--Meine Zeit ist sehr bemessen--"
+
+Er ging hastig umher. Sie fürchtete sich vor ihm.
+
+"Aber du hast mich gerufen mit dem Schrei nach Hilfe. Läßt man den
+Sinkenden vor seinen Augen untergehen, wenn man seine verzweifelnde
+Stimme vernimmt? Und wenn"--so unterbrach er sich unwillkürlich
+lächelnd--"ich dich auch nicht auf dem offenen Meere kämpfen sah,
+so sah ich dich doch ringen mit der trüben Flut dieses--Teiches."
+
+Er wurde wärmer.
+
+"Deine verstorbene Mutter ist sehr gut gegen mich gewesen. Sie hat
+mir, dem Verwaisten, ein Dach und einen Tisch geboten viele Jahre
+lang. Und dann haben wir beide unsere Jugend nebeneinander verlebt,
+wenn auch nicht miteinander. Das vergißt sich nicht so leicht. Darum
+bin ich gekommen, nur darum."
+
+Er hatte eine Rose vom Strauch gerissen und zerstreute während des
+Sprechens ihre Blätter achtlos umher.
+
+"Wie er die Blume behandelt!"--dachte sie. Sie hatte nur noch einen
+Wunsch: diese erbarmungslos klare und schneidende Stimme nicht mehr
+zu hören. Aber diese Stimme klang weiter.
+
+"Ich komme hierher in dem festen Glauben, dich bereit zu finden, den
+entscheidenden Schritt zu tun. Ich finde dich völlig schwankend,
+ohne jeden Entschluß--sage mir doch, weshalb du mich eigentlich
+gerufen hast?"--
+
+Sie sah sich bis auf den letzten Punkt gedrängt und verließ ihn, um
+sich zu retten, indem sie zum Angriff überging.
+
+"Du sprichst so viel", klagte sie, "von den Mißständen in der Ehe.
+Willst du mir nicht sagen, wie du dir denn die Ehe denkst?--Wenn du
+etwas beseitigen willst, so mußt du doch etwas anderes an dessen
+Stelle setzen können."
+
+Diesen letzten Satz hatte sie einmal irgendwo gehört, und er däuchte
+ihr gut und passend, um ihn jetzt anzuwenden. Kein Weib ist ganz
+ohne Schlauheit. Auch sie war es nicht.
+
+Grach antwortete sofort.
+
+"Ich kenne nur ein Verhältnis wie zwischen Mensch und Mensch, so
+zwischen Mann und Weib, das ich würdig nenne: das auf gegenseitiger
+Unabhängigkeit beruhende; denn es ist zugleich das einzige, das die
+gegenseitige Achtung ermöglicht. Der Herr verachtet den Knecht, und
+der Knecht haßt den Herrn."
+
+Mit verständnislosen Augen sah sie vor sich hin.
+
+"Und in der Ehe?"--fragte sie unsicher.
+
+"Bemitleidet der Mann heimlich die Frau, während die Frau ihn
+heimlich belächelt."
+
+Verstohlen blickte sie ihn von der Seite an.
+
+Woher weiß er das?--war ihr erster Gedanke.
+
+"Es gibt doch so viele glückliche Ehen--"
+
+"Wie viele kennst du?"
+
+"Nein--, aber--"
+
+"Nun, ich leugne es. Es gibt verschwindend wenige. Was Glück genannt
+wird, ist Zufriedenheit. Und was Zufriedenheit scheint, ist nur
+Gewöhnung jene Gewöhnung der schwächlichen Ohnmacht, die davor
+zurückschaudert, Ketten zu brechen, und in feiger Nachgiebigkeit
+Schritt für Schritt zurückweicht, Stück um Stück ihrer eigenen
+Würde, ihrer eigenen Freiheit und--was das Traurigste ist--ihres
+eigenen Glückes opfert, um das zu werden, was eine alberne
+Oeffentlichkeit einen guten Ehegatten, ein treues Eheweib nennt."
+
+"Aber wie denkst du dir denn--" begann sie zu wiederholen.
+
+"Das Verhältnis zwischen Mann und Frau in der Freiheit?--Ich
+verstehe eine solche Frage kaum. Vernünftige Menschen kommen
+zusammen, wenn sie sich lieben und gehen auseinander, wenn sie sich
+nicht mehr lieben. Mag sein, daß sie bis an ihr Lebensende
+zusammenbleiben in Liebe und Einigkeit. Oft wird es nicht der Fall
+sein."
+
+Auch sie stand nun auf.
+
+"Aber um Gotteswillen, das ist ja im höchsten Grade unmoralisch, was
+du da sagst!" rief sie. "Es ist ja unanständig!"
+
+Er lachte nur, laut und rücksichtslos.
+
+Er hatte ihr so viel Klugheit zugetraut, daß sie ihn fragen würde,
+was aus den Kindern der freien Verbindung werden würde. Aber er
+täuschte sich auch diesmal. Sie rief--wie alle Schwachköpfe--die
+Moral zu Hilfe, wo ihr Verstand nicht mehr ausreichte.
+
+Gleichmütig sagte er:
+
+"Ja, über Anständigkeit und Ehrenhaftigkeit gehen meine Anschauungen
+und die deiner Klasse, welche du teilst, wie ich sehe, weit
+auseinander. Ich weiß, daß es noch viele, viele Menschen gibt, die
+eine Vereinigung erst dann für anständig halten, wenn sie sich
+dieselbe gegenseitig erlaubt haben: Standesamt--Kirche und Pfaffe--
+Hochzeitsreise; die es anständig nennen, wenn zwei Menschen
+zusammenbleiben, die sich nicht mehr sehen können und die erkannt
+haben, daß auch das leiseste Gefühl sie nicht mehr zusammenhält,
+sondern nur noch das gegebene Wort. Ich weiß aber auch, daß es
+Menschen gibt, welche jede Umarmung, die aus anderen Gründen erfolgt
+als aus gegenseitiger Liebe, gemein nennen, und zu diesen Menschen
+gehöre auch ich. Und eins möchte ich dir und allen, die die Ehe
+verteidigen und unsere Anschauungen der freien Liebe so laut und
+emphatisch beschreien, eins Möchte ich euch allen, euch Menschen der
+Ehe, sagen: Tut, was ihr wollt, aber zeigt uns durch eure eigenen
+glücklichen Ehen, daß wir im Unrecht sind und ihr im Recht seid mit
+eurer Heiligsprechung der Ehe! Dann werden wir euch vielleicht
+glauben, eher nicht!"
+
+Er griff nach Hut und Stock.
+
+"Adieu, Clara," sagte er und gab ihr die Hand, "leb' wohl! Ich habe
+gesehen, daß du nicht unglücklich bist. Du bist unzufrieden,
+natürlich--du bist ja nicht frei. Aber wer kann dir da helfen, wenn
+du es nicht selbst tust?"--
+
+Sie war vollständig verwirrt. Sie wollte ihm noch etwas entgegnen,
+sie hatte den glühenden Wunsch, ihn noch zu demütigen, aber sie fand
+kein Wort mehr seiner kalten Ueberlegenheit gegenüber. Nicht einmal
+ihr letztes Mittel jetzt anzuwenden, schien ihr zweckmäßig. O, wenn
+sie das vorher gewußt hätte, nie hätte sie ihm geschrieben!
+
+Und sie kämpfte mit ihren Tränen der Wut und des Zornes, als sie ihm
+gegen ihren Willen die Hand geben mußte. Er aber ergriff sie und
+schüttelte sie freundlich. Dann ging er mit seinen schnellen
+Schritten den Kiesweg entlang, durch den hohen und kühlen Flur an
+der weißen Treppe vorbei und über den weiten Platz, der verlassen
+lag wie vor einigen Stunden.
+
+Als er in seiner Mitte angelangt war, kam von der anderen Seite her
+ein älterer Herr. Er ging schon gebeugt.
+
+Grach sah ihn in die Tür treten, die er soeben verlassen. War das
+ihr Mann?
+
+Wenn er mit den Blicken die Wände hätte durchdringen können, wäre
+ihm folgendes Bild erschienen: Frau Clara Boehmer hing am Halse
+dieses älteren Herrn, küßte ihn stürmisch und bettelte ihm die
+Erlaubnis ab, am nächsten Mittwoch den Ball im "Kasino" besuchen zu
+dürfen (--in einem ganz neuen Kleide--), während sie in ihrem Innern
+beschlossen hatte, ihm fürs Erste noch nichts von dem Besuch zu
+erzählen, den sie so schnell und dazu noch auf eine verhältnismäßig
+so gute Art und Weise losgeworden war.
+
+
+
+
+XII.
+
+Grach ging, ohne eigentlich zu wissen, wohin. Während er noch in
+Gedanken versunken war, die ihm in diesen Stunden gekommen und die
+er nun weiter und zu Ende dachte, während er so in Gedanken zu Boden
+sah, ging er ganz instinktiv die Wege, die zur Höhe des Berges
+zwischen den Gärten und ihren Mauern hinführten, und die er so
+zahllose Male als Kind und als Knabe im Spiele gelaufen, lernend,
+erzählend, mit Kameraden und allein, traurig und fröhlich gegangen
+war.
+
+Er sah nicht, wohin er ging. Nur ins Freie, hinaus, fort aus der
+Albernheit dieser Enge, die ihn eben stundenlang umschnürt gehalten
+hatte!
+
+Er war wie zerschlagen.
+
+Seit Jahren hatte ihn nichts, keine Unterredung, keine Diskussion,
+keine Verhandlung, so ermüdet, wie die Unterhaltung dieses
+Nachmittags.
+
+Ihm war, als habe er Zuckerwasser trinken müssen, in großen
+Quantitäten, ein Glas nach dem andern. Ihm war als sei er
+umhergetappt in schwülen und haltlosen Nebeln, als habe er etwas
+Weiches, Zerrinnendes zwischen seinen Fingern gehalten, etwas, das
+formlos war und keine Gestalt annehmen wollte, er mochte bilden, wie
+er wollte.
+
+Es war die Moral der Bourgeoisie gewesen, mit der er eben diesen
+Kampf gekämpft hatte, diese satte, selbstgefällige, verächtliche
+Moral, die keinem Gedanken Stand hielt, an jeder Wahrheit genäschig
+schleckte und alles, alles, alles herunterzog in den Staub ihrer
+Mittelmäßigkeit. Er haßte sie, diese Menschen, er fühlte erst jetzt,
+wie sehr er sie immer gehaßt hatte: ihre Anschauungen, ihre Sitten,
+ihre Gewohnheiten, ihr heuchlerisches Weinen und ihr oberflächliches,
+humorloses Lachen.
+
+Was wollte denn diese Frau eigentlich?
+
+Hatte sie nicht alles, was ein Mensch nur an äußerlichem Glück
+begehren konnte?
+
+Sie war schön. Sie war noch jung. Sie war reich. Aber sie hatte
+einen Mann, der wohl zuweilen eine eigene Meinung zu haben sich
+erlaubte; einen Mann, der sie nicht so befriedigte, wie ihre Natur
+es verlangte. Nun, warum ging sie nicht von ihm, wenn sie es bei ihm
+nicht mehr "aushalten" konnte?
+
+Nichts hielt sie, als die kindischen Anschauungen ihrer Klasse von
+Ehre und Sittlichkeit.
+
+Die Welt lag vor ihr. Warum ging sie nicht hinein, lernte kennen,
+was dem Suchenden so interessant, so geheimnisvoll, so neu und so
+unendlich reizvoll erscheinen muß?
+
+Weshalb genoß sie nicht die Schönheit dieser Welt, von der sie
+nichts kannte?
+
+Sie konnte nicht allein sein. Zu flach, um sich selbst auch nur auf
+eine Stunde zu genügen, konnte sie auf eine Stunde nicht die
+Gesellschaft entbehren, deren Leben ihre Nahrung war. Machtlos, sich
+durch ihre eigene Persönlichkeit neue Verbindungen zu schaffen, wäre
+sie draußen in der weiten Welt gestorben vor Langeweile, verzehrt
+von Sehnsucht nach dem kleinlichen Getriebe ihrer früheren Tage.
+
+Deshalb mußte sie bleiben, wo sie war, auf dem Platze, auf den sie
+ihr eigener freier Wille gestellt, und den zu verlassen sie nicht
+die Kraft besaß.
+
+Sie mußte ihr "Unglück" weitertragen.
+
+Er glaubte nicht an dieses Unglück. In Wirklichkeit hatte er nie
+geglaubt, daß diese Frau jemals unglücklich werden könne.
+
+Außerdem würde sie ihren Mann allmählich besiegen. Eine echte Frau,
+die sie war, würde sie ihn mürbe machen--: langsam, nach und nach,
+mit aller Zähigkeit, würde sie ihm Locke auf Locke seiner Kraft
+rauben, bis er willenlos geworden war ihr gegenüber.
+
+Der Mann war mehr zu bedauern als sie.
+
+Für ihn aber war sie eine abgetane Sache. Es war eine Dummheit
+gewesen, daß er hierher gekommen war. Er gehörte nicht zu den
+Menschen, die sich schämen, ihren Dummheiten ins Gesicht zu sehen.
+Aber er glaubte doch, nun sagen zu dürfen, daß er so bald keine neue
+machen würde.
+
+Am liebsten wäre er noch heute Abend abgereist. Doch er wußte nicht,
+wann die Züge gingen. Und außerdem--er war nun einmal hier. Die
+Hitze des Tages begann langsam nachzulassen. Er wollte noch einige
+Stunden verbringen auf dieser Höhe mit dem Blick auf die Stadt zu
+seinen Füßen. Irgendwo würde er schon ein grünes und kühles
+Plätzchen finden.
+
+Und mit dem charakteristischen Ruck seiner Schultern schüttelte er
+die Erlebnisse dieses Nachmittages von sich: aus seiner Stirn und
+von seiner Brust.
+
+Nun waren sie ihm erledigt für immer.
+
+
+
+
+XIII.
+
+"Eine komische, kleine Stadt!" hatte er noch vor drei Stunden zu
+sich selbst gesagt.
+
+Aber von dieser Höhe aus gesehen schien die Stadt weder klein noch
+komisch, und er dachte, es müsse gräßlich sein, in ihr zu leben und
+zu sterben.
+
+Gewiß--man wußte nicht mehr, was der Nachbar kochte und aß, aber
+was er trieb und ließ, man kümmerte sich darum noch immer bis in die
+kleinsten Einzelheiten hinein.
+
+Daher wagte sich keiner zu rühren, und bei jeder Handlung, die er
+beging, sah er zuerst den anderen an, ob dieser dasselbe je getan
+oder je tun würde.
+
+Es gab Männer von Genie in dieser Stadt: aber ihr Genie war völlig
+einseitig. Es war einzig darauf gerichtet, Geld in möglichst großen
+Massen zusammenzuspeichern. Ein schlechterer Gebrauch konnte von
+demselben nicht gemacht werden, wie es hier geschah: es blieb oft
+einfach liegen und vermehrte sich dann--infolge der Privilegien,
+die es schützten--von selbst. Es zog alle Kraft und alle Energie
+dieses ganzen Landes an sich. Es war ein kaltes, grausames,
+sinnloses Ungetüm, unersättlich und gierig.
+
+Auch denen, die es besaßen, gab es nichts. Denn sie hatten keinen
+Geist. Sie hatten keine Spur von Geist. Sie machten alle Jahre eine
+vierwöchentliche Reise und schickten ihre Söhne einige Jahre in die
+Freiheit des Lebens.
+
+Außerdem gaben sie alle paar Wochen ihrer ganzen Familie große
+Essen, bei denen es hoch herging. Man sprach im heimischen Dialekt
+und ergänzte die Familienchronik.
+
+Das war aber auch alles. Für kein Vergnügen feinerer Art hatte man
+hier den geringsten Sinn. Man besaß kein Theater, keine
+Konzerthalle, und man kaufte nie ein Buch. Die Kunst war hier so
+heimatlos wie die Wissenschaft.
+
+So war es vor zehn Jahren noch gewesen.
+
+Ob es heute noch so war, wußte Grach nicht. Es war ihm auch
+gleichgültig. In der Zeitung der einen Stadt--die der einen war
+konservativ, die der anderen freisinnig, und sie lagen sich
+natürlich beständig in den Haaren--hatte sich noch kein Wort
+geändert gegen früher. Er hatte sie beim Essen durchflogen.
+
+Nein, es war keine komische Stadt, wenigstens nicht für den, der in
+ihr zu leben gezwungen war.
+
+Es war auch eigentlich keine kleine Stadt, denn sie füllte, wie er
+jetzt sah, die ganze Breite dieses Tales. Sie hatte sich vergrößert.
+Man hatte--traurig genug--zu den drei alten noch zwei neue Kirchen
+gebaut.
+
+Dieses Tal entbehrte der Anmut nicht. Der träge Fluß durchschnitt
+üppige Wiesen, und die Hügel waren bedeckt mit dichtem Tannen und
+Laubholz. Aus einer dieser dunklen Kuppen ragten die schlanken
+Turmspitzen eines modernen Schlosses in den sonnenheißen Himmel.
+Dort wohnte der König der Gegend. Er wußte, daß er das war: er
+redete seine Arbeiter mit Ihr an und sorgte für sie, wie "ein Vater
+für seine Kinder." Ihm ging es gut dabei; seinen "Kindern" weniger.
+Never mind!--
+
+Und immer wieder wandten sich Grachs Augen nach rechts und nach
+links, dorthin, wo an den Grenzen seiner Blicke die Wolken des
+Rauches sich ballten zu seltsamen, fremdartigen, formlosen Gebilden.
+
+Ideen schienen es zu sein, die nach Gestaltung rangen. Und er sah im
+Geiste den Tag, wo diese Ideen, nicht am hellen Nachmittag in heißer
+Sonne, nein, am kühlen Abend, beim Beginn der Nacht, in rußige,
+markige Gestalten verkörpert, von beiden Seiten dieses Tales
+herangezogen kamen und diese ganz abgelebte Gewöhnlichkeit, dieses
+ganze Nest von Aemtern, Titeln und Würden, diese ganze Uniformität
+der Gesinnung so durcheinander rüttelten, daß die friedlichen
+Schläfer dieser guten Städte am nächsten Morgen nicht mehr wissen
+würden, auf welcher Seite des Flusses sie eigentlich waren.
+
+Dann würde er vielleicht endlich geendet sein, der erbitterte Streit
+um die Oberherrschaft.
+
+Aber dann würde es auch zu spät sein.
+
+------------------------------------
+
+Eine komische kleine Stadt!
+
+Nein, es war weder eine komische, noch eine kleine Stadt.
+
+Trotz der Hitze fröstelte Grach.
+
+Die Sonne quälte ihn, und seine undankbaren Gedanken quälten ihn
+ebenfalls.
+
+Hatte er nicht Grund, dankbar zu sein?
+
+Dankbar dafür, daß er nicht mehr hier zu leben brauchte?--
+
+Er wandte sich ab und stieg den Weg weiter hinauf. Ein Blechschild
+fiel ihm in die Augen:
+
+"Gartenwirtschaft". Das war, was er suchte. Bäume und Schatten und
+Stille.
+
+Er stieg eine Treppe empor und durchschritt die Tür. Da stutzte er
+plötzlich.
+
+Vor ihm her ging eine Frau.
+
+
+
+
+XIV.
+
+Er erkannte sie sofort.
+
+Nur eine Frau war ihm im Leben begegnet, der dieser feste, stolze
+Gang, diese aufrechte, und doch graziöse Haltung eigen war: Dora
+Syk. Sie mußte seine Schritte gehört haben, denn sie wandte sich um.
+
+Zu gleicher Zeit streckten ihre Hände sich einander entgegen und
+faßten sich mit starkem, freundschaftlichem Druck.
+
+Die Freude, sich wiederzusehen, war auf beiden Seiten gleich groß
+und ehrlich. Gleich war aber auch bei beiden eine gewisse
+Verlegenheit: man war hier auf fremdem Boden und wußte im ersten
+Augenblick nicht recht, wie man es dem anderen klar machen sollte,
+weshalb man hier war . . .
+
+Dort, wo ihre eigentliche Heimat war, in der großen, weiten Welt, in
+dem Getriebe der ungeheuren Stadt, in den schrankenlosen
+Verhältnissen, deren Physiognomie wechselte wie der schwankende Tag,
+in der großen, geistigen Bewegung, waren sie sich zuerst begegnet,
+hatten sie sich gesehen, sich gesprochen, waren sie schnell wieder
+auseinander gerissen, hatten sich nicht vergessen, aber auch kaum
+mehr aneinander gedacht, vielleicht nur deshalb, weil sie keine Zeit
+dazu hatten.
+
+Seinen Namen hörte sie oft: er wurde überhaupt viel genannt; ihren
+Namen hatte er lange gekannt, ehe er sie sah, denn er war eine
+Zeitlang viel genannt worden. Es war gewesen, als sie einundzwanzig
+Jahre alt war und ihr erstes Werk Aufsehen erregte. Vor etwa sechs
+Jahren.
+
+"Franz Grach"--
+
+"Dora Syk"--
+
+Sich hier wiederzusehen, war für beide eine ganz außergewöhnliche
+Ueberraschung, und indem sie nach einem Wort suchten, um dieselbe
+auszudrücken, fingen sie beide plötzlich an zu lachen und gaben sich
+nochmals die hand, wie um sich zu vergewissern, daß sie es wirklich
+waren.
+
+"Fräulein Dora Syk!" rief er aus. "Also deshalb hört man nichts mehr
+von Ihnen--"
+
+"Es ist sehr eigentümlich, daß wir uns hier treffen," sagte sie,
+indem sie ihre Hand zurückzog.
+
+"Nicht so sehr, was mich betrifft: bin ich doch hier in der Stadt
+meiner Jugend. Ich bin nämlich hier erzogen."
+
+"So. Und ich erziehe jetzt hier."
+
+Er fuhr zurück.
+
+"Das ist schrecklich. Wen erziehen Sie denn?"
+
+Sie lachte herzlich. "Kinder", sagte sie, "Mädchen von zwölf und
+dreizehn Jahren."
+
+"In der höheren Töchterschule?"--
+
+"Ja, in derselben", entgegnete sie, und immer noch lag Lachen um
+ihren Mund. "Ich bewundere die Treue Ihres Gedächtnisses. Wie lange
+waren Sie nicht hier?"--
+
+"Fast ein Jahrzehnt nicht.--Hören Sie:
+
+Der Herr segne Deinen Ausgang und--"
+
+"Und deinen Eingang--ja, so steht es über dem Tor geschrieben."
+
+"Lachen Sie doch nicht, Fräulein Syk! Ich weiß, was es heißen will,
+Lehrerin an dieser Schule zu sein--für Sie ist es unwürdig."
+
+"Nein," sagte sie schnell und wurde ernst, "es ist nicht unwürdig,
+um sein Brot zu arbeiten. Aber eines ist sicher: es ist lähmend,
+weil es unnütz, total unnütz ist. Denn ich bin gehindert, das zu
+sagen, was ich sagen möchte, wenn ich auch nicht gezwungen bin, zu
+sagen, was ich nicht sagen will . . . Unwürdig?--Nein, das
+Schweigen der Machtlosigkeit ist nie unwürdig."
+
+Er sah sie inmitten dieser Gesellschaft, die er kannte--die
+Personen konnten sich geändert haben, die Tendenzen nie: der
+Direktor ein Pietist, die Lehrer zu halben Weibern geworden in ihrer
+falschen Stellung zwischen lauter Unterröcken, die Lehrerinnen alte
+Jungfern, verbittert die einen, emanzipiert im unguten Sinne die
+anderen--und er hörte nicht auf das, was sie ihm entgegnete.
+
+"Wie können Sie hier leben?" rief er fast heftig. "Wie können Sie
+sich stellen zu diesen Mumien--"
+
+"Sehr gut. Sie hassen mich so, daß wir fast nie zusammen sprechen--"
+
+"Ja, was sollten Sie auch zusammen sprechen!" rief er. "Und machen
+Sie mir nur nicht vor, daß es anders ist mit dieser entzückenden
+Jugend, ich kenne sie, diese unreife Gesellschaft, schlimmer als die
+Buben sind sie: kokett schon, noch mit der Puppe im Arm, neugierig,
+naschhaft, und ganz schon von dieser entsetzlichen Schwatzhaftigkeit
+der Alten, dieser Schwatzhaftigkeit der Leere, die nichts zu sagen
+weiß und immer plappert, plappert--o, ich habe sie eben drei
+Stunden lang gehört!--"
+
+Sie ging ruhig weiter, aber sie antwortete ihm nicht mehr. Ihr
+Beispiel, dachte er da, dieses herrliche Beispiel der Kraft und
+Gesundheit, der Vorurteilslosigkeit und Schönheit, des Geschmacks
+und der Gesundheit der Harmonie, ihr Beispiel, sollte wenigstens
+nicht dieses schweigend wirken? Und er fragte sie danach.
+
+Mit einiger Ungeduld lehnte sie seine weiteren Fragen ab. Auch ihr
+Beispiel nicht, sie sagte es schon. Es war kein Boden bereitet.
+
+Er merkte plötzlich, daß sie litt, und ward still.
+
+
+
+
+XV.
+
+Während ihres kurzen Gespräches hatten sie den Garten betreten.
+Ueber die ganze Kuppe des Hügels hin erstreckte er sich. Seine Bäume
+waren herrlich. Sie bildeten dichte und schützende Dächer über den
+Tischen und Stühlen, die überall auf die ansteigenden Terrassen
+gestellt waren.
+
+Eine große Halle lag auf der höchsten Höhe des Hügels. Sie war roh
+aus Holz aufgezimmert und dazu bestimmt, großen Massen bei
+schlechtem Wetter Aufenthalt zu gewähren. Denn an allen Sonn- und
+Feiertagen belebten Hunderte und Aberhunderte von Menschen die
+Stille dieser fast einsamen Höhe; an Wochentagen verlief sich selten
+ein Gast hierher. Die reiche Natur konnte ungestört die Schäden
+wieder heilen, welche trampelnde Füße, die keiner Wege achteten, und
+rohe Hände, die frevlerisch in dieser grünen Pracht wühlten, ihr
+schlugen.
+
+Keine Großstadt besaß einen größeren, in seiner rauhen und nie
+gepflegten Wildheit schöneren Garten.
+
+Grach breitete die Arme aus vor Freude.
+
+"Das ist herrlich!" rief er.
+
+Sie lächelte.
+
+"Ja, es ist herrlich!" sagte sie auch. "Es vergeht fast kein Tag, an
+dem ich nicht die letzten Stunden des Nachmittags hier verbringe.
+Hier stört mich kein Mensch. Ich kann sitzen, wo ich will, ich kann
+gehen, ich kann lesen, ich kann tun, was ich will. Mir ist, als sei
+sie mein, diese ganze Höhe."
+
+An dem Wirtshause vorbei, wo der Besitzer des Gartens mit seiner
+Familie wohnte, führte sie ihn langsam empor.
+
+"Ueberall können wir uns setzen, Grach," sagte sie. "Wollen Sie die
+Stadt sehen? Oder wollen wir hier bleiben auf dieser Terrasse, wo es
+am kühlsten ist?"--
+
+"Hier," bat er, "lassen Sie uns hier bleiben. Hier ist es einsam,
+kühl und schön."
+
+So setzten sie sich, einander gegenüber, an einen der Tische. Ein
+Mädchen kam mit einer Flasche und einem Glase. Als sie den gewohnten
+einsamen Gast in Gesellschaft eines zweiten sah, malte sich
+sprachloses Erstaunen auf dem frischen, jungen Gesicht.
+
+"Kein Bier heute, Käthchen," sagte Dora Syk, "ich habe Besuch heute.
+Eine Flasche Rheinwein und zwei Gläser."
+
+Das Mädchen entfernte sich nur zögernd.
+
+"Sie ist völlig außer Fassung, die Kleine. In den drei Sommern ist
+ihr das nicht vorgekommen. Und, daß ich es Ihnen nur gestehe, auch
+ich bin etwas verwundert.--Also die Sehnsucht hat Sie einmal wieder
+hierhergetrieben? Sie wollten einmal wieder wandeln auf den Fluren
+Ihrer Kindheit?"
+
+"Ach was," rief er fast barsch, "ich habe eine Dummheit gemacht,
+eine große Dummheit."
+
+Er erzählte ihr in hundert Worten, was er soeben erlebt.
+
+
+
+
+XVI.
+
+Der Wein glänzte in den Gläsern vor ihnen. Sie stießen miteinander
+an.
+
+"Aber ich bin ausgesöhnt mit meiner Dummheit--" rief er in ehrlicher
+Freude, während er sie ansah.
+
+Sie war es wert, angesehen zu werden.
+
+Fest zurückgelehnt in den Stuhl und die Füße gegen den Boden
+gestemmt, die Hände im Schoße gefaltet, saß sie in der unbewegten
+Ruhe von Menschen da, die viel arbeiten, und diese Ruhe, derer sie
+bedürfen, dann wenn sie ihnen wird, auch wirklich genießen.
+
+Ihren Hut hatte sie abgenommen, und Grach bewunderte die einfache
+Kunst, mit der sie ihr dunkelbraunes Haar in einen griechischen
+Knoten gebunden trug.
+
+Alle Linien an dieser schönen Gestalt waren groß, kühn und frei;
+lang und natürlich, durch keine künstlichen Mittel verziert, fielen
+die Falten ihres Kleides nieder.
+
+Ihre Hände, an denen sie keine Ringe trug, waren groß und weiß, und
+ebenso waren ihre Zähne, keine "Perlen"-Zähne, aber Zähne von
+tadelloser Ebenmäßigkeit.
+
+Das Gleichmaß der ruhigen, großen Schönheit war in ihr verkörpert.
+Und wie es unmöglich war, sich dieses Gleichmaß ihrer Erscheinung
+durch irgend etwas: durch eine eckige, unbehilfliche Bewegung, durch
+die Wildheit eines fassungslosen Schmerzes, die Raserei einer
+zügellosen Leidenschaft, die Unschönheit einer Erniedrigung oder
+einer gewaltsamen Ueberhebung gestört zu denken, so unmöglich war es
+auch zu glauben, daß das Alter jemals diese hohe Gestalt beugen, das
+Elend diese einfache Würde knicken, Krankheit diese verkörperte
+Gesundheit brechen könne.
+
+Es gibt Profile, die hingekritzelt scheinen, stümperhafte
+Dilettantismen, verzerrte Karrikaturen in die Breite oder in die
+Länge, hingeklatscht von ungeübter Hand und dann verwischt durch
+Zerknitterung des Papiers; und es gibt Profile, die mit Künstlerhand
+schnell entworfen scheinen in verräterisch-schönen Linien voll
+Weichheit, Grazie und Liebreiz, oder aber hingezeichnet in einem
+großen, wundervollen Zuge in seltener Stunde . . .
+
+Zu den letzteren gehörte Dora Syks Profil. Ein Ansatz, ein kühner
+Zug, rasch, energisch, meisterhaft--tadellos: so war ihr Profil,
+das Grach in erwachender Leidenschaft mit dem Auge sich immer wieder
+heimlich nachzeichnete, während er es betrachtete.
+
+Nie war ihm früher die bestechende Harmonie ihres Wesens so
+aufgefallen, wie jetzt. Der beschäftigte Tag hatte damals seinen
+Blick getrübt. Nun saß sie vor ihm und sah vor sich hin, während er
+sprach.
+
+Und mehr als alles bezwang ihn der Ausdruck einer beginnenden
+Müdigkeit, die sich über dies schöne Antlitz ausbreitete. Keine Spur
+von der Unschönheit der Bitterkeit, nur das ganz allmähliche
+Erlahmen . . .
+
+Ein noch fast unsichtbares Erlahmen.
+
+Aber er sah es.
+
+Dieser schöne Mund begann sich zu schließen in der Herbheit des
+Stolzes--wann durfte er einmal sprechen in den Lauten, die er
+gewohnt war, den Lauten der Erkenntnis, der Freiheit und des
+Verständnisses der Liebe?--Diese tiefen Augen umschatteten sich
+bereits. Gewöhnt, in die weiteste Ferne zu schauen, Abwechslung,
+Fülle, Reichtum alles äußeren Lebens zu trinken, fingen sie an sich
+zu trüben zwischen den Dunstwolken dieses ärmlichen Tales, dem
+Rauche der Feuerherde dieser erbärmlichen Stadt, der Stickluft einer
+ungelüfteten Schulstube.
+
+Er dachte an anderes, während er ihr erzählte, weshalb er
+hierhergekommen war. Er wurde unruhig.
+
+
+
+
+XVII.
+
+"Menschen der Ehe!" sagte sie, als er geendet hatte. Er sah auf. Sie
+hatte also sein Werk gelesen. Er wußte nicht, daß es seit Jahren
+keinen Mann gab, den sie im Stillen seines Mutes und seiner
+unerschütterlichen Energie wegen so bewunderte wie ihn.
+
+"Menschen der Ehe!" wiederholte sie, ohne Geringschätzung oder
+Verachtung, sondern mit der Ruhe, mit welcher der Forscher das
+Objekt seines Studiums benennt. Aber lachen schien sie doch nicht zu
+können über Grachs hastige Erzählung. Dazu war sie diesen Menschen
+doch zu nah.
+
+Mehr und mehr überzeugte sich Grach während des Gespräches der
+nächsten Stunde, wie sehr sie es verstanden hatte, sich allem, was
+die Zeit an Gutem, Bedeutendem und Großem leistete, nah zu halten.
+Fast nichts war ihr unbekannt geblieben: jedes Buch hatte sie
+gelesen, jedes Ereignis mit dem ihr eigenen Scharfblick betrachtet
+und beurteilt, jede neue Erscheinung in den Kreis ihres Verstehens
+gezogen.
+
+Sie sprachen von allem, wie es ihnen kam. Ueber vieles gingen ihre
+Ansichten auseinander, aber über jedes hörten sie des anderen
+Meinung, und über nichts verschwiegen sie ihm die eigene.
+
+Er forschte sie aus. Aber es war so, wie er dachte: sie stand hier
+ganz allein, ohne Freunde, ohne Verkehr, ohne Verständnis bei irgend
+einem Menschen. Sie las viel. Aber sie war die einzige vielleicht in
+der ganzen Stadt, die anderes las als Zeitungen und die Romane der
+Leihbibliotheken.
+
+Kein Mensch auch wußte hier, wer sie war. Eine fremde Erscheinung,
+war sie hierhergekommen, und mit scheuer Achtung ging man ihr aus dem
+Wege, während man ihr nach den ganzen Klatsch der Verständnislosigkeit
+und des Hasses, weil sie "anders war", schüttete.
+
+Wer sollte hier auch ihren Namen kennen? Hier waren nur die Namen
+berühmt, welche die Schilder der Straßen und die Zeitungen des Tages
+nannten.
+
+Sie war plötzlich verschollen, und der Laut ihres Namens war schon
+fast verhallt. War sie hier untergetaucht in diesem Sumpf, um hier
+zu sterben?--Der Gedanke machte Grach schaudern.
+
+Und wieder betrachtete er sie mit den Blicken der Liebe, während er
+auf den Klang dieser tiefen, schönen Altstimme lauschte. Sie sprach
+langsam das Ernste, das sich in ihrem Gehirn bildete, und mit
+Nachdruck in jedem Wort. Leicht jedoch und ungezwungen beantwortete
+sie seine Fragen nach ihrem persönlichen Leben, mit einem ganz
+kleinen Anflug von Spott und Wehmut in ihrer Stimme.
+
+Sie war wohltuend, diese Stimme. Unwillkürlich mußte er einmal diese
+einfache und schöne Sprache mit dem Geplapper vergleichen, das ihn
+den ganzen Nachmittag gefoltert. Auch in allen Nebensächlichkeiten
+war keine größere Verschiedenheit denkbar, als zwischen diesen
+beiden Frauen.
+
+Welche wunderbare Frau! Welche wunderbare Frau! dachte er immer
+wieder und ließ keinen Blick von ihr. Immer mehr begann er sie zu
+verstehen. Täuschte er sich dennoch?--War sie glücklicher hier, als
+sie es früher gewesen? Oder war diese Resignation nur die Folge
+eines äußeren Zwanges.
+
+Nein, er konnte sich nicht täuschen!
+
+Sie litt.
+
+Eine herrliche und fast unerschöpfliche Fülle von Lebenskraft hatte
+sie bisher aufrecht erhalten. Noch war nichts in ihr angegriffen,
+geschweige denn gestört.
+
+Aber der äußere Dunst begann sie zu bleichen. Sie verlangte nach
+Leben, wie die Pflanze nach Wasser verlangt.
+
+Drei Jahre schon hatte sie keinen Tropfen vielleicht äußeren Glücks
+genossen--jenes Glückes, welches ein tägliches Bedürfnis ist: für
+Körper und Geist eine Befriedigung.
+
+Und noch immer stand sie aufrecht!--Aber von heute schon auf morgen
+konnte sich das erste dieser dunklen Haare bleichen, konnte sich
+diesem Munde zum erstenmal ein Schrei der Wildheit: der Wut und der
+Klage entlösen und er sich dann auf immer in Schweigen schließen,
+konnte dieser noch so helle und klare Geist sich trüben in der Nacht
+dieses Lebens . . . Und dann war es zu spät!
+
+Nein, nie durfte das sein!
+
+Er lachte plötzlich laut und bitter.
+
+Sie sah erstaunt auf.
+
+"Weshalb lachen Sie so?"
+
+Alles in ihm schäumte auf.
+
+"Dora Syk", rief er, und lachte wieder, wie eben, "Dora Syk--und
+zweite Klassenlehrerin in der Schule für höhere Töchter zu Abdera!--
+Nun, wenn das kein Witz ist, über den man lachen darf, dann weiß ich
+es nicht!"
+
+Sie erblaßte erst, dann überzog ein tiefer Unmut ihre Stirn. Zum
+erstenmal mischte sich ein Klang von Schärfe in ihre Stimme.
+
+"Sie verstehen meine Stellung völlig falsch, Grach." Sie sah ihn
+fest an. "Ich bin nicht nur hierhergekommen, um für einige Zeit in
+sicherer, äußerlich sicherer Situation leben zu können, sondern ich
+bin auch hierhergekommen, weil ich--ich wiederhole: für einige Zeit
+--der inneren Ruhe bedurfte. Und das ist genug Entschuldigung für
+meine Flucht, wenn sie überhaupt einer bedarf."
+
+Aber Grach war so erregt, daß er nur halb vernahm, was sie sagte.
+
+"Ach was," rief er ungestüm, "eine Frau wie Sie hat überhaupt keine
+Entschuldigung! Die einzige, welche es gäbe, wäre die: daß Sie hier
+Ihr Leben wirklich leben. Aber zwischen diesen Mumien und
+Geldsäcken, in diesem stagnierenden Haufen müssen sie ja über kurz
+oder lang ersticken!"
+
+Ihre Antwort erfolgte sofort. Sie war erzürnt.
+
+"Sie gehen immer wieder von der unbegründeten und ganz falschen
+Voraussetzung aus, daß ich mich auf immer hier vergraben wolle. Ich
+denke nicht daran."
+
+Er war aufgesprungen und ging auf und ab.
+
+Sie war wieder völlig ruhig. Auch während der letzten Worte hatte
+sich keine Linie ihrer ruhigen Haltung verändert.
+
+"Ich weiß, was ich zu tun und zu lassen habe. Und wenn Sie es
+durchaus wissen willen, nun ja, ich denke, ich gehe bald zurück in
+die weite Welt meiner Heimat . . ."
+
+Er stand ihr zur Seite und sie hörte seinen schweren Atem.
+
+"Tun Sie es noch heute!" rief er leidenschaftlich, und mit bebender
+Stimme fügte er, kaum hörbar selbst für sie, hinzu: "Und--tun Sie
+es mit mir!" . . . .
+
+Er sah auf sie nieder. Sie rührte sich nicht. Die leise Dämmerung,
+die unter den hängenden Zweigen lag, verhinderte ihn zu sehen, wie
+die Farbe ihres Gesichtes wechselte.
+
+Sie antwortete nicht. Seine Hand lag auf der Lehne ihres Stuhles.
+
+Dann sah sie auf seinen Sitz. Er verstand sie und setzte sich
+langsam.
+
+Sie nahm das vor ihr stehende Glas und leerte es mit einem Zuge.
+
+Sein Herz klopfte.
+
+Da sah sie ihn an und lächelte. Noch immer entgegnete sie ihm mit
+keinem Worte. Aber er wußte jetzt, was er begehrte zu wissen.
+
+Er nahm ihre schlaff herabhängende Hand. Er küßte sie nicht. Aber
+mit beiden Händen umfaßte er sie innig, mit einem zarten und
+zugleich festen Druck.
+
+"Dora Syk," sagte er leise, und seine Stimme bebte noch immer, "die
+Erde ist so arm an Glück in unseren Tagen. Sollten wir nicht einmal
+versuchen, zusammen glücklich zu sein?"
+
+Sie sahen sich an. In seinen Augen glühte die heiße, stumme,
+begehrende Bitte.
+
+Er hatte gesiegt. Er sah es an dem Ausdruck ihrer Augen, dem Lächeln
+ihres Mundes, und er fühlte es an der Wärme ihrer Hand, die er nicht
+losließ.
+
+Sie zog sie zurück. Sie wollte nicht, daß die Stimmung sie
+überwältigte.
+
+"Schenken Sie mir noch einmal ein, Grach.--So.--Und nun lassen Sie
+uns vernünftig zusammen sprechen, nun, wie Leute, die nicht mehr
+ganz jung sind, über so etwas sprechen sollten."
+
+Ihre Stimme hatte nur äußerlich den scherzhaften Klang.
+
+Sie machte noch eine Pause, ehe sie begann.
+
+"Ja" sagte sie endlich. "Sie haben recht. Ich muß fort von hier. Ich
+will es selbst. Und auch darin haben Sie recht: es soll bald, es
+soll sofort sein.--Meine Ferien beginnen erst in acht Tagen. Aber
+ich kann mich vertreten lassen. Es ist das erste Mal, daß ich eine
+Hilfe dieser Art in Anspruch nehme, und da es auch das letzte Mal
+ist, habe ich keine Ursache, eine Zustimmung erst abzuwarten. Es
+genügt, wenn ich dem Direktor die Anzeige meines Fortgehens mache.
+
+Auch meine Verhältnisse kann ich sofort ordnen.--Aber bevor ich mit
+Ihnen gehe, müssen Sie die folgenden Bedingungen annehmen:
+
+Ich liebe meine Freiheit über alles, wie Sie die Ihre. Wir werden
+also vollständig, in jeder Beziehung, unabhängig voneinander sein.
+Wir werden uns gegenseitig verschonen mit allen läppischen
+Zudringlichkeiten an Zeit und Stimmung. Wollen wir einen Weg nicht
+zusammen miteinander gehen, so geht jeder seinen eigenen. Und--was
+das Wichtigste ist--wir werden uns trennen in der ersten Stunde. in
+der wir--anfangen werden, uns miteinander zu langweilen."
+
+Sie beugte sich vor und sah ihn mit ihren schönen, klugen Augen an.
+
+"Wollen Sie auf diese Bedingungen eingehen, Grach, dann geben Sie
+mir nochmals die Hand."
+
+Er griff nach ihren beiden Händen.
+
+"Dora Syk," rief er in jugendlicher Begeisterung, "weiß der Himmel,
+aber Sie sind doch die herrlichste Frau, die ich je in meinem Leben
+kennen gelernt habe!"
+
+Da lachte sie hell auf, und der Bann zwischen ihnen war gebrochen.
+Frage auf Frage und Antwort auf Antwort folgten nun in buntem
+Wirbel.
+
+Nach Paris wollten sie gehen. Noch heute Abend. Mit dem Schnellzug
+um halb elf Uhr. Morgen früh waren sie dort. Er zweifelte, daß sie
+bis zehn Uhr fertig sein könnte. Gewiß, drei Stunden würden genügen
+für sie. Hatte sie doch von niemand hier Abschied zu nehmen.
+
+Aber lange hier bleiben durften sie dann nicht mehr. Welche Zeit war
+es denn? Schon sieben! Ja, es war dunkel schon unter den Bäumen.
+Einen Abschied aber wollte sie doch noch nehmen: von der Kleinen,
+die sie so oft hier bedient, und mit der sie so manches freundliche
+Wort getauscht, in der Einsamkeit ihrer vielen Stunden, die sie hier
+verbracht.
+
+Sie ging in das Haus und bat ihn, zu warten.
+
+Nach zehn Minuten--zehn Minuten, in denen er wie betäubt von seinem
+neuen Glück dagesessen hatte--kam sie zurück.
+
+"Armes kleines Ding, sie hätte beinahe geweint. Aber ich habe ihr
+gesagt, sie solle es so machen, wie ich."
+
+Da hielt er sich nicht mehr und nahm sie in seine Arme. Sie ließ es
+geschehen, daß er sie küßte.
+
+Ernst, Würde, Fassung--Liebreiz, Güte, Harmonie, der Witz der
+Feinheit--ein außergewöhnlicher Verstand, ein unergründbares Herz:
+wie, alles dies besaß er plötzlich, ohne es sich erworben zu haben?--
+
+Das letzte Glas stand vor ihnen. Der gelbe Wein schimmerte in der
+Dämmerung.
+
+"Auf unsere Liebe!--Dora!" rief er.
+
+"Nein, auf die Freiheit unserer Liebe, die sie so schön macht!"
+sagte sie langsam, bevor sie trank.
+
+
+
+
+XVIII.
+
+Sie verließen den Garten.
+
+Sie sprachen nicht mehr. Schweigend gingen sie hin.
+
+Aber als sie eine helle Kinderstimme singen hörten--grell und
+falsch, doch unbekümmert klang es von den Lippen:
+
+
+
+"Nur einmal blüht im Jahr der Mai--
+
+"Nur einmal--im Leben--die--Lie--be!--"
+
+
+
+sahen sie sich an und lächelten.
+
+"Es ist nicht wahr--" sagten sie sich mit diesem Lächeln,
+"hundertmal blühen sie, und immer von neuem, oft zusammen, oft der
+eine ohne die andere . . ."
+
+Und sie sagten sich:
+
+"Aber nie hat sie uns so schön geblüht, wie dieses Mal . . ."
+
+Wieder hörten sie die Stimme und die Worte.
+
+"Es ist nicht wahr--"
+
+"Es ist ewig nicht wahr--"
+
+An dem Kreuzwege blieb sie stehen. Laut sagte sie ihm:
+
+"Ich gehe jetzt nach Hause. Ich komme schneller dahin, wenn ich
+allein gehe.--Um zehn Uhr bin ich auf dem Bahnhofe."
+
+Sie gab ihm nicht die Hand, sie grüßte ihn nur mit dem Neigen ihrer
+Stirn.
+
+Er verstand sie. Er hatte den Hut abgenommen und er verbeugte sich,
+als sie ging. Er verstand sie: es war nicht Feigheit, daß sie nicht
+in den Gassen der Stadt mit ihm zusammen gesehen sein wollte. Nur
+_jetzt_ wollte sie unbehelligt bleiben von den frechen Blicken der
+Neugier, deren Worte sie von nun an nicht mehr berühren, deren Taten
+sie von nun an nicht mehr hindern konnten . . .
+
+Aber er konnte sich nicht enthalten, ihr nachzusehen. Nur eine ging
+so: sie. Ohne das Wiegen der Hüften, das Schwanken der Schultern,
+ging sie stets mit denselben ruhigen, auch in der Eile, wie jetzt,
+noch gleichmäßigen, festen, kühnen Schritten die mehr als alles die
+Gesundheit ihres Wesens zeichneten.
+
+Die steile Straße abwärts führten sie diese Schritte; dann verbarg
+ihren Kopf der hängende Zweig eines Baumes und gleich darauf ein
+Haus ihre Gestalt, die der dämmernde Schatten des Abend bereits
+verwischte.
+
+So lange seine Augen sie noch faßten, sah er ihr nach. Nicht eher
+ließ er los, was er leibhaftig mit den Sinnen zu fühlen noch
+vermochte.
+
+Auch durch die Dunkelheit der Entfernung hin versuchte er ihr noch
+zu folgen.
+
+Aber er war bereits lange allein.
+
+
+
+
+XIX.
+
+Er sah nach der Zeit: halb acht Uhr.
+
+Also noch nicht drei Stunden waren vergangen, seit er zuletzt auf
+diesem Platze gestanden hatte!--
+
+Fast begann er irre zu werden an der Wirklichkeit seines Glückes.
+
+War es nicht alles ein Traum?
+
+Wie wunderbar: er stand als Mann wieder auf der Stätte seiner
+Kindheit. Vor Augenblicken hatte er sie wieder gesehen, nach
+Augenblicken sollte sie--und voraussichtlich--für immer wieder
+hinter ihm liegen.
+
+Kurze Augenblicke im langen Leben--: noch die Zeit eines Tages nicht
+war vergangen. War sie vorüber, so faßten ihn wieder die Hände
+_seiner_ Welt.
+
+Alles war wunderbar.
+
+Nur einen Menschen vielleicht gab es in dieser Stadt der Kleinheit,
+der Selbstgefälligkeit, der Enge, nur einen einzigen wirklichen,
+eigenen, freien Menschen, mit dem er zusammen zu leben vermochte--
+und diesen Menschen hatte er gefunden! Seltsamer Zufall!
+
+Hier gefunden--nicht in der Länge der Zeit, die auf kleinem Räume
+alle Menschen, die ihn bewohnen, einmal aneinander vorüberzugehen
+zwingt, nein, durch den seltensten Zufall der Welt, an den Grenzen
+dieses Raumes, in der Freiheit der Natur, in der stillsten Stunde,
+die keiner ihnen störte.
+
+Er hatte erkannt, daß das Meiste von dem, was die Menschen Glück
+nennen, sich erwerben läßt in Erfahrung und Ausdauer: Ruhe,
+Klarheit, Sicherheit und eine gewisse Unabhängigkeit.
+
+Die großen Zufälligkeiten des Glückes waren ihm nie begegnet und
+wenig war, was er sich nicht hatte erringen müssen in eigener Kraft.
+Daher fühlte er um so tiefer, wie ungeheuer groß der Zufall dieses
+Glückes war, welches ihm hier entgegengetreten war, schimmernd,
+blendend aus dunklem Rahmen hervor, dicht vor ihn hin--
+
+Und eine wahnsinnige Seligkeit überkam ihn! . . .
+
+Die Dämmerung nahm zu, und die Kühle mit ihr. Aus den Gärten kehrten
+die Bürger mit den Ihrigen heim--zum Nachtessen, danach zur Kneipe.
+Lichter flammten zu seinen Füßen auf. Ineinander zerrannen die
+Umrisse der Häuser und Straßen, und scharf ragten nur noch die
+spitzen Türme der Kirchen, der alten und der neuen, empor. Am
+hellsten erstrahlten die Lichter drüben am anderen Bergeshang, wo
+der Bahnhof lag. Flimmernde Linien liefen von dort aus nach beiden
+Seiten und erloschen in den Nebentälern.
+
+An den Enden des Tales aber lohten die mächtigen Brände der Hochöfen
+in das Dunkel empor, riesige Feuergarben, dort wo eine Tag und Nacht
+nicht rastende Arbeit in siegreichem Ringen lag mit einer
+barmherzigen Natur und in fruchtlosem Kampfe mit unbarmherzigen,
+ererbten, allmächtigen, verschimmelten Vorrechten.--
+
+Ein Kätzchen in weißem Fell schlich über den Weg. An einem Kinde,
+das auf der Bank vor einem der zerstreuten Häuser saß, wand es sich
+vorüber und dann mit schnellen Sprüngen an Grach.
+
+Dieser sah das Kind. Er griff in die Tasche, gab ihm alles, was er
+an Geld erfaßte, hob es in die Höhe und küßte das Erschrockene auf
+den Mund, gleich als müsse er sie stillen, die Erwartung nach seinem
+Glück, die er nicht mehr ertrug.
+
+Dann eilte er schnellen Schrittes und wie beflügelt die engen Pfade
+zwischen den Gärten hin und den Berg hinunter.
+
+
+
+
+XX.
+
+Da war er wieder, der große, totenstille Platz, jetzt eingehüllt in
+das Dunkel des Abends, da war sie wieder, die alte Kirche, an der er
+jetzt vorbeischritt und die er als Knabe so oft zu betreten
+gezwungen war, um tötliche Stunden der Langeweile auf ihren Bänken
+zu verbringen, da waren sie wieder, die alte Brücke von Stein und
+der alte Fluß.
+
+Er stand lange über das Geländer gebeugt. Ein Gefühl von Versöhnung
+begann sich in sein Inneres zu schleichen.
+
+Er haßte sie nicht mehr, diese Stadt; er haßte sie nicht mehr, diese
+Menschen.
+
+Was waren sie ihm denn, daß er sie hassen sollte? Nichts.
+
+Mochten sie leben und sterben, wie sie wollten, ihm war es gleich.
+Litten sie selbst nicht am meisten darunter, daß sie so dicht
+aufeinander saßen, einer in dem Genick des anderen, und sich so
+gegenseitig langsam zu Tode quälten?
+
+Und warum sollte er ihnen nicht das harmlose Vergnügen der
+Selbstgefälligkeit gönnen? Mehr als ein Lachen war die Eitelkeit
+dieser aufgeblähten Kleinheit sicher nicht wert.
+
+Sie hatte hier gelebt und gelitten, drei Jahre lang. Er schämte
+sich, wenn er seinen eigenen Unmut über den einen heutigen Tag
+verglich mit ihrer vornehmen, schwermütigen Ruhe und ihrem milden,
+starkem Ernst, der diese Menschen nicht ändern wollte, sondern sie
+gehen ließ, aber sie bei Seite schob, wenn sie ihr lästig wurden.
+
+Arme Stadt! lächelte er vor sich hin. Und er nahm ihr noch ihr
+kostbarstes Gut . . .
+
+Noch zwei Stunden. Immer noch zwei Stunden?
+
+Er überschritt die Brücke und bog in die Hauptstraße ein. Dann
+betrat er eine große, öffentliche Wirtschaft und setzte sich still
+in eine Ecke.
+
+Er bestellte sich zu essen. Aber als das Fleisch vor ihm stand,
+erlosch plötzlich sein Hunger vor dem warmen Geruch, und er schob es
+wieder von sich.
+
+Innerlich--er fühlte es jetzt deutlich--war er dennoch aufs
+höchste erregt.
+
+Er sah sich um. In seiner Nähe stand ein großer runder Stammtisch,
+der sich langsam zu besetzen begann. Mehr als ein Gesicht kam Grach
+bekannt vor, und plötzlich fiel es ihm ein: das waren ja--es war
+kein Zweifel mehr möglich--die "Schlitzohrigen", die größten Männer
+der Stadt, weise im Rat und vorsichtig in der Tat, die er da vor
+sich sah. Weshalb sie die "Schlitzohrigen" genannt wurden, wußte er
+nicht mehr und hatte es wohl auch früher nie gewußt, aber der Name
+tauchte wieder in ihm empor mit ganzer Deutlichkeit.
+
+Und doch hatten sie sich verändert, die Zeiten: denn früher hatten
+diese Gewaltigen allabendlich im "Nähkörbchen" verkehrt, und jetzt--
+welcher Unterschied--saßen sie hier im Rachen des "Krokodils"!
+
+Innerlich lachte er heimlich und herzlich. Die Lustigkeit siegte in
+ihm. Jetzt konnte er essen, während er einzelne Worte auffing, die
+von dort zu ihm herüberflogen.
+
+Man sprach über städtische Angelegenheiten. Natürlich. Grach wußte,
+über Politik zu sprechen, war hier verpönt.
+
+Plötzlich hörte er eine Stimme, die er kannte. Er sah schärfer hin.
+Kannte er dieses Gesicht?--Nein, es war nicht möglich.
+
+Dieser philiströs aussehende Mann, der in kleinen, bedächtigen Zügen
+sein Bier trank und in kleinen, bedächtigen Zügen seine Zigarre
+rauchte, der so aussah, als ob er kein größeres Glück kenne, als
+hier zu sitzen und zuzuhören, dieser Mann mit den schweren
+Bewegungen und der zufriedenen Stimme, der offenbaren Hochachtung
+vor jedem dieser alten Zöpfe, das war nimmermehr sein alter,
+lustiger, zu allen Dummheiten stets aufgelegter Fritz, der mit dem
+Gebrüll seiner Stimme so oft die Gasse erschüttert hatte in der
+spätesten aller späten Stunden!--
+
+Grach rief die Kellnerin herbei und fragte leise.
+
+"I--e," sagte sie, "das ist der Herr Stadtverordnete Beuer."
+
+Da trank er schnell sein Bier aus, zahlte und verließ das Lokal. Er
+hatte plötzlich Angst bekommen, jener möge auch ihn wiedererkennen
+und anreden. Und das wäre für sie beide doch zu niederdrückend
+gewesen.
+
+
+
+
+XXI.
+
+Er war in seinem Hotel gewesen, um seine Sachen zu packen und seine
+Rechnung zu bezahlen. Dann war er zum Bahnhof hinaufgestiegen und
+hatte zwei Billets erster Klasse nach Paris gelöst. Er wußte, wann
+er extravagant sein durfte. Heute. Im Wartesaal kaufte er dann noch
+von dem alten Zeitungsverkäufer,--er erkannte auch ihn wieder--
+einem alten Original, Fahrplan und Zeitungen.
+
+Nun ging er auf dem Perron auf und ab mit großen und unregelmäßigen
+Schritten.
+
+Er wußte, sie würde kommen, denn sie hatte es gesagt. Eher ging die
+Welt unter, als daß sie ihr Wort nicht hielt.
+
+Und dennoch quälte ihn die Unruhe, die Unruhe der Erwartung.
+
+Noch war die zehnte Stunde lange nicht gekommen. Der große Zeiger
+auf der weißen Uhr hatte kaum die Sechszahl erreicht. Er wußte, daß
+sie auch nicht früher kommen würde, als sie gesagt; und doch kehrten
+seine unruhigen Blicke immer wieder zu der schwarzen, gähnenden
+Oeffnung des Aufstiegs zurück, aus der von Zeit zu Zeit die Menschen
+emporstiegen: Beamte, Reisende, Kofferträger, ein buntes
+Durcheinander . . .
+
+Der sommerliche Abend lag schwül unter dieser weiten Halle, die das
+Dröhnen der Züge und hundert Rufe durchtönten und erzittern machten.
+Ein und aus rasselten die Züge. Nur das Gleis für den Expreßzug, der
+hier drei Minuten halten sollte, blieb frei. Die von den Rädern
+abgeschliffenen Schienen glänzten weiß.
+
+Grach hatte alles vergessen, was er heute gesehen--außer ihr.
+
+Nur an sie dachte er noch und an sein Glück.
+
+Er nannte nicht viel sein eigen. Jeder seiner Jugendfreunde in
+dieser Stadt lebte sicher besser als er, und unter allen diesen
+Menschen hätte wohl nicht einer mit ihm getauscht.
+
+Und doch war er ein seliger Mann. Denn er war ein freier Mann.
+
+Niemand hatte ihm zu befehlen, und niemandem hatte er zu gehorchen.
+Er konnte gehen und kommen, wie er wollte, die ganze Welt war sein.
+
+Nicht zu hassen und nicht zu verspotten, nicht zu beneiden, nein, zu
+bemitleiden waren sie, die Menschen dort unten in der Stadt, die nur
+ein Glück und nur eine Zufriedenheit kannten: Geld, Geld, Geld
+zusammenzuscharren in mühseligem Erwerben, dem alle große Freude
+fehlte: die Freude des echten Genießens! . . .
+
+Und er wandte sich ab von ihnen.
+
+Mit jeder Minute, die der zehnten Stunde nahte, wurde er ruhiger.
+Seine Schritte wurden langsamer.
+
+Als der Zeiger auf der Uhr den erwarteten Punkt ereicht hatte,
+lehnte er sich mit verschränkten Armen an einen Pfeiler und ließ
+keinen Blick mehr von der Treppe des Aufgangs.
+
+Viele und verschiedene Menschen stiegen noch in den nächsten Minuten
+vor ihm empor und gingen an ihm vorüber. Wohl an die hundert. An
+keinem blieb sein Auge haften.
+
+Dann aber sah er sie: langsam und sicher hob sich ihre hohe, stolze,
+jetzt in einen grauen Staubmantel gehüllte, geliebte Gestalt von
+Stufe zu Stufe.
+
+Ihre Blicke waren gesenkt, und noch bemerkte sie ihn nicht.
+
+Er ging ihr entgegen.
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14700 ***
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #14700 (https://www.gutenberg.org/ebooks/14700)
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+++ b/old/14700-8.txt
@@ -0,0 +1,2657 @@
+The Project Gutenberg eBook, Die Menschen der Ehe, by John Henry Mackay
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Die Menschen der Ehe
+
+Author: John Henry Mackay
+
+Release Date: January 15, 2005 [eBook #14700]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MENSCHEN DER EHE***
+
+
+E-text prepared by Hubert Kennedy
+
+
+
+DIE MENSCHEN DER EHE
+
+Schilderungen aus der kleinen Stadt
+
+von
+
+JOHN HENRY MACKAY
+
+
+
+
+
+
+
+Ich lache nicht über sie, weil sie so sind, wie sie sind; ich lache
+über sie, weil sie sich einbilden, ihr Leben sei ein Muster und ein
+Beispiel, und daß es wert sei, zu leben, wie sie leben.
+
+John Henry Mackay
+
+
+
+I.
+
+Der Dunst der brennenden Kohle erfüllte die Luft weithin. Aus
+tausend Schloten qualmte der Rauch, gelb, schwarz, grau und weiß,
+empor, und all' diese dicken Wolken lösten sich unmerklich auf in
+die ungeheure Dunstwelle welche unablässig auf Meilen hin das
+Flußtal in seiner ganzen Breite beschattete.
+
+Ueber der kleinen Stadt lag sie wie ein dünner Schleier. Zuweilen
+lüftete diesen Schleier ein frischerer Windhauch, der von Süden das
+Tal heraufzog. Aber es dauerte nicht lange und er war wieder
+herniedergefallen auf die reizlosen Züge, die er wie in Mitleid
+verhüllte.
+
+Eigentlich waren es zwei Städte, die hier zusammenlagen. Aber nur
+der Fluß, ein träger, gelber Fluß, trennte sie, und zwei Brücken
+verbanden sie: eine alte massive aus Stein, mit mächtigen Pfeilern
+und Quadern, die noch alles lautlos ertragen hatte, was über sie
+hinweggezogen war, und eine neue aus modernem Eisen, welche ächzte
+und bebte, wenn die großen Lastwagen über sie hin fuhren, und
+gräßliche Massen Staub unter den schweren Rädern hervorhustete.
+
+Der Fremde, der auf den Höhen des Tales hinwandernd die roten und
+schwarzen Giebel zu seinen Füßen sah, glaubte nicht anders, als sie
+gehörten alle zu dem Bezirke einer Stadt. Aber die, welche unter
+diesen Giebeln wohnten, waren anderer Meinung. Und auf sie kam es
+doch an.
+
+Seit undenklichen Zeiten lagen die Schwesterstädte einander in den
+Haaren. Die kleinen Reibereien endeten nie; die letzten Wahrzeichen
+der großen entscheidenden Schlachten aber waren die leeren
+Augenhöhlen der Gaslaternen auf der "alten" Brücke--: unter den
+Steinwürfen der den Alten nachzwitschernden, nein, nachheulenden
+Jugend beider Städte waren sie dahingesunken, unter Würfen, die ihre
+edleren Ziele leider verfehlt hatten.
+
+In Dialogen von gleich klassischer Kürze und Schönheit endeten diese
+Kämpfe:
+
+"Wart' nur, ich sahns abber meinem Vatter!" der eine.
+
+"Und ich sahns meiner Mutter, die packt dei Mutter!" der andere.
+
+"Aber mei Vatter is stärker wie dei Vatter."
+
+"O du Dürmel, kumm nure nit dohär . . ."
+
+
+
+
+II.
+
+Die Gesellschaft der Stadt setzte sich leicht erkennbar aus drei
+Grundelementen zusammen: aus Großhändlern, Beamten und aus Militär.
+
+Seit sehr langen Jahren saßen die Ersteren hier fest. Sie waren der
+Urstamm des Bürgertums. So lange hatten sie fast nur untereinander
+geheiratet, daß sie gewissermaßen eine große Familie geworden waren,
+welche sich in ererbten Anschauungen und Bräuchen so lange wie
+irgend möglich fortzubewegen suchte und unter sich mit einem harten
+Anklang an den Dialekt der Gegend sprach.
+
+Million zu Million häufend hatten sie hier eine moderne Zwingburg
+des Kapitals errichtet, gegen die anzukämpfen eine Unmöglichkeit
+schien. Noch nie war es versucht worden.
+
+So hatten sie--die unumschränkten Herrscher dieser Stadt--ihr
+lange den Stempel aufgedrückt; den Stempel eines souveränen,
+starren, fortschrittfeindlichen Willens.
+
+Das waren die "Alldahiesigen!" . . .
+
+Dann hatte der Staat große Betriebe errichtet, und eine unzählige
+Schar von Beamten jeder Art war hier zusammengeströmt, aus allen
+Teilen des Reiches, neue Sprachen, neue Sitten, neue Kochrezepte mit
+sich führend. Neues Leben kam mit ihnen nicht. Machtlos zu irgend
+einer Initiative hatten sie sich willenlos einzuschmiegen als Räder
+in das Werk der großen Maschine Staat, welche sie verbrauchte. Aber
+die Luft begann zu schwirren von neuen Titeln, vom Morgengang zum
+Büro bis zum letzten--immer sehr späten--Abendschoppen im
+"Münchener Kindl", und die Eingesessenen zogen sich mürrisch mehr
+und mehr zurück unter die dicke Haut ihrer sicheren Privilegien . . .
+
+Waren sie zehn Jahre hier gewesen, alle diese Fremden, ohne nach
+einer anderen Stadt weiterversetzt zu sein, so wurden sie zu
+"Hiesigen". Bis dahin blieben sie, was sie waren--: die
+"Hergeloffenen".
+
+Unweit der Grenze lag die Stadt. Seit dem gräßlichen Kriege mit dem
+"Erbfeind" war unablässig Militär über Militär hergezogen, bis zwei
+Regimenter hier festlagen. Ueberall an den sich erweiternden Grenzen
+der Stadt entstanden weißgetünchte Baracken von Holz und große,
+rote, viereckige Ziegelhaufen von abscheulicher Häßlichkeit, hinter
+deren Umfassungsmauern die rohen Flüche brutaler Unteroffiziere und
+die stampfenden Schritte schwerer und keuchender Menschenmassen
+hervortönten, und die bis dahin so friedlichen Straßen der Städte
+erzitterten unter dem Klirren rasselnder Schleppsäbel.
+
+Furchtbarer aber noch waren die Verheerungen, welche diese neue
+Macht in den Herzen der Großbürgertöchter der Stadt anrichtete, und
+murrend nur sahen die Väter, wutschnaubend aber die betrogenen
+Vettern der großen Familie eine der lieblichen Blüten nach
+der anderen gepflückt von der kecken Hand eines adeligen
+Sekonde-Leutnants, der die Geldsäcke nicht nur zu verachten, sondern
+auch mit Grazie zu leeren verstand.
+
+Und war es nicht in Ordnung so?--Das Kapital verband sich mit der
+Gewalt, welche seine Privilegien schützte.
+
+Dazwischen lebte ein träges Kleinbürgertum und ein machtloser
+Handwerkerstand so hin, von Tag zu Tag, kleine Kannegießer und
+schlechte Musikanten. Sie verlangten kaum etwas anderes, als
+beständig über etwas brummen zu dürfen . . .
+
+Das waren die Leute der Städte.
+
+Von geistigen Bedürfnissen verspürte man hier noch nichts.
+
+Draußen aber, dort, wo die Schlote dampften und die Feuer lohten, wo
+die Erde bis in ihre Tiefen hinein durchwühlt wurde in rastlosem
+Kampfe, dort wo kolossale Arbeitermassen aneinander gekettet durch
+den Schweiß ihrer furchtbaren Arbeit lagen, dort fielen die Gedanken
+der Zeit in den Boden der Fruchtbarkeit.
+
+
+
+
+III.
+
+Mit dem Schnellzug, der um elf Uhr vormittags eintraf, kam der
+Reisende an. Er wies die Kofferträger von sich, als er ausstieg, und
+trug seine Handtasche selbst die Treppe hinab bis zu dem Ausgang.
+
+Vier oder sechs Portiers nahmen dort die Reisenden in Empfang. Er
+überflog die Schilder ihrer Mützen, und da er den Namen nicht fand,
+den er suchte, nannte er ihn selbst: "Zur alten Post".
+
+Man grinste, man sah sich fragend an, indem man mit den Augen
+zwinkerte. Endlich sagte der älteste der Leute: "Es gibt hier keine
+'alte Post' mehr; sie ist seit sechs Jahren eingegangen. Wollen der
+Herr hier gleich am Bahnhof bleiben, dort unten liegt unser Haus,
+ganz neu eingerichtet--"
+
+Der Fremde zögerte einen Augenblick, aber als sie nun alle nach
+seiner Handtasche griffen, überließ er sie achselzuckend dem
+Sprecher, gab ihm den Auftrag, seinen Koffer sofort zu besorgen, und
+ging den Weg hinab, der sich in die Stadt hinunterzog. Es war ein
+schwüler und staubiger Tag. Er war müde, denn er war die halbe Nacht
+gereist, und er war bestaubt von der langen Fahrt. Er fühlte Hunger
+und Durst, und die Zunge klebte ihm am Gaumen.
+
+Doch nachdem er ein Bad genommen und sich umgezogen hatte, fühlte er
+sich frisch und gesund wie immer. Er stieg die Treppe hinab und
+schrieb in das ihm vorgelegte Fremdenbuch: Franz Grach. Während er
+sich für eine Minute in der Loge des Portiers befand, erkannte er
+plötzlich das Haus wieder.
+
+Er vermied die Table d'hote. Die langen, weißen Tische mit den
+Reihen von schmatzenden und schwatzenden Menschen waren ihm zuwider.
+Man deckte ihm in einem Nebenzimmer.
+
+Einmal ließ er Messer und Gabel sinken, so schreiend-deutlich stand
+plötzlich eine Szene aus seiner Jugendzeit vor seinen Augen, die
+sich vor langen Jahren hier in diesem selben Räume abgespielt hatte.
+
+Nicht das saubere Frühstückszimmer eines modernen Hotels, das trübe
+Hinterzimmer eines übelbeleumdeten Gasthofs zweiten Ranges war der
+Raum damals gewesen. Die Möblierung hatte sich geändert, wie der
+Wirt und die Gäste, und doch wurde dem Fremden alles wieder
+lebendig:
+
+Sie waren alle noch jung, kaum einer von ihnen hatte das zwanzigste
+Jahr erreicht. Alle hatten sie dieselben Schulbänke gedrückt, und
+sich, nun vielfach getrennt den größten Teil des Jahres hindurch auf
+auswärtigen Schulen, in den Ferien wieder zusammengefunden zu
+lustigen Tagen und ausgelassenen Nächten--eine tolle, von Jugendmut
+und Lebenskraft überschäumende, zu allen tollen Streichen immer
+aufgelegte Gesellschaft, deren Zahl jahrelang auf sieben, acht Mann
+beschränkt blieb . . .
+
+An jenem Abend nun waren sie alle nach einer langen Wanderung hier
+herein gestürmt, wie sie wahllos in alle Wirtschaften, wo "noch
+Licht war", drangen. Eine dicke Kellnerin war aus dem Vorderzimmer
+mit hereingezogen worden, durch die Tür wurde niemand mehr
+hereingelassen, und eine jener nächtlichen, dem Dunst des Bieres und
+dem Qualm des Tabaks entstiegenen Szenen entrollte sich, die dem
+Alter so widerlich, der Jugend so reizvoll erscheinen.
+
+Auch der Einzelheiten erinnerte sich der, vor dessen Auge sie wieder
+stand nach so langen Jahren, noch: wie er selbst in eine vorhanglose
+Fensternische gepreßt ihr zugesehen hatte, die Beine heraufgezogen
+und das Glas auf einem Stuhle neben sich, damals schon noch in der
+Trunkenheit erkennend, was er sah, beobachtend, was ihn umgab, und
+Sieger so auch noch über die Stunde, die ihn mit sich gerissen
+hatte: wie der "Dicke" das Klavier bearbeitete und seine schaurigen
+Baßtöne in den hellen Jubel und Lärm der anderen mischte; wie die
+ganze Bande plötzlich im Kreise um das grobe Frauenzimmer und den
+"Kleinen"--einen schmächtigen Menschen mit wasserblauen Augen, voll
+Gelehrsamkeit trotz, und voll Schüchternheit wegen seiner Jugend,
+herumgetanzt war, und die Vermählung des ungleichen Paares
+proklamiert hatte . . .
+
+Die Gläser klirrten; die Stimmen schrieen durcheinander; schwere
+Füße stampften den Boden; an der Decke lagerte sich der Rauch;
+einer, in einer trüben Erinnerung an Nana leerte sein Bierglas in
+das Klavier; ein anderer riß die rotgestreiften Decken von den
+Tischen und hüllte darin ein, was ihm unter die Hände kam, indes die
+letzten--mit der zähen Hartnäckigkeit der halben Trunkenheit--
+nicht abließen, sondern auf der Erfüllung ihrer tollen Idee
+bestanden--und bereits war die Grenze überschritten, wo das
+Verzeihliche aufhört, um der Sinnlosigkeit zu weichen, als er mit
+einem großen Satze aus seiner Fensternische aufgesprungen war,
+mitten unter die Schreienden und sie überrief:
+
+"Aber seid ihr denn ganz verrückt!"
+
+Und er schob die Kellnerin zur Türe hinaus, ungeachtet aller
+schreienden Proteste, setzte seinen Hut auf, und ihm nach war die
+ganze Gesellschaft gestolpert, einer anderen Kneipe, einer anderen
+Torheit zu, die stille Straße mit neuem Singen und Lärmen erfühlend,
+daß friedliche Bürger aus dem Schlaf ihrer Ruhe fuhren und das
+träumende Gespons mit der Frage weckten: ob es denn etwa brenne . . .
+
+Nein, es waren diesmal nur die Kinder ihrer eigenen Liebe.
+
+
+
+
+IV.
+
+Sollte er sie aufsuchen, die Genossen jener Tage?--Fast wandelte
+ihn die Lust dazu an, wie nun Gestalt um Gestalt vor ihm
+emportauchte.
+
+Was war aus ihnen geworden?--Wie waren sie geworden? Wo waren sie
+gelandet?
+
+Von den meisten war es nicht schwer, es zu ahnen.
+
+Denn die meisten waren schon damals in ihrer Jugend dazu bestimmt,
+ein vorgeschriebenes Leben zu leben: das Leben herunterzuleben, wie
+Grach es nannte.
+
+Nachdem ein Examen--ein Tor, welches unwiderruflich passiert werden
+mußte, wollte man in dieses Leben eintreten--sie gezwungen hatte,
+sich den Kopf mit einer unglaublichen Menge modernden Gerümpels zu
+füllen, wurden ihnen einige Jahre gegönnt, ihn von diesem Wuste zu
+befreien.
+
+Sie hatten zu vergessen, was sie gelernt hatten. Nach diesen Jahren
+einer ungebundenen Freiheit auf der Hochschule aber steckte sie der
+Vater unerbittlich in das von dem Großvater gemachte, und von ihm
+selbst wohlgewärmte Bett, und "niemals wieder sah sie die Welt."
+
+Sie wählten unter den Töchtern des Landes eine--jeder eine--und
+begannen, sich zu vermehren in Züchten und Ehren.
+
+Sie traten in die "Harmonie" oder in die Dilettantengesellschaft
+"Urania" ein und tanzten im Winter im "Kasino", solange sie noch
+jung waren.
+
+Wurden sie älter, so begann das einzige Gefühl von Würde, dessen der
+Philister fähig ist: ein Bürger des Staates zu sein, ihre Brust zu
+schwellen, und sie glaubten sich an den Geschicken des Landes
+zu beteiligen, wenn sie von Zeit zu Zeit einen Zettel in die
+Wahlurne warfen und abends beim Biere endlose Debatten über die
+gleichgültigsten und belanglosesten Fragen innerer und äußerer
+Politik--dieses Tummelgebietes aller Menschen ohne Geist und Kraft
+--führten, bis die Stunde schlug, wo die Angst vor der Frau sie nach
+Haus und in das gemeinsame Bett trieb . . .
+
+Sie waren _Menschen der Ehe_ geworden.
+
+Nein, er wollte keinen von ihnen wiedersehen. Man würde sich doch
+nur gegenseitig eine traurige Enttäuschung bereiten, und in einer so
+veränderten Sprache über Menschen und Dinge reden, daß man sich
+nicht mehr verstehen würde . . .
+
+
+
+
+V.
+
+Während der Neuangekommene seinen Kaffee trank und die Wolken seiner
+Zigarre in die Luft blies, war die flüchtige Erinnerung schon wieder
+versunken, und andere, dem heutigen Tage angehörende Gedanken
+beschäftigten ihn.
+
+Ein Brief hatte ihn wieder in diese Stadt gerufen, die er seit
+länger als zehn Jahren nicht gesehen. Auf vielen Umwegen hatte er
+ihn erreicht, und nachdem er ihn gelesen, war sein erstes Gefühl
+gewesen, ihn in die Ecke zu werfen.
+
+Er lachte erst; dann ärgerte er sich.
+
+Aber zugleich dachte er an mancherlei Freundlichkeit, welche er von
+der Mutter der Frau--sie war lange tot--, die ihn geschrieben,
+empfangen vor langen Jahren und an ihre größte Freundlichkeit: daß
+sie ihn meist unbehelligt gelassen, und er bemaß Zeit und Geld, sah,
+daß beides reichte, und war kurzentschlossen hierhergereist.
+
+Er stand früh allein und wurde, fast noch ein Kind, von einer
+entfernten Verwandten aufgenommen, in deren Heim er lange Jahre
+lebte, nicht abhängig von ihrer Gnade, aber doch angewiesen auf ihre
+Freundlichkeit. Sie hatte eine einzige Tochter, die ihr Abgott war;
+er beanspruchte nichts von der sentimentalen Zärtlichkeit, mit der
+das verzogene, launische Kind einer kurzen und sehr unglücklichen
+Ehe überschüttet wurde.
+
+Fast von dem Augenblick an, in dem er diese Stadt verlassen, hatte
+sich sein Leben so von Grund aus geändert, waren Kreise und
+Beziehungen desselben so andere geworden, daß er selten veranlaßt
+worden war, zurückzudenken, um so mehr, als ihm die Muße
+behaglicher, lässiger Einkehr und Umschau fast nie beschieden und
+kaum ein Tag gewesen war, der ihm Zeit gelassen hätte, ihn
+einzuspinnen zwischen die weißen Träume der Vergangenheit und der
+Zukunft.
+
+Zweimal nur noch schrieb er den Namen dieser Stadt auf die Adresse
+eines Briefes: das erste Mal, als seine Verwandte gestorben war, und
+er der Tochter freundliche Worte des Beileids sagte, das zweite Mal,
+als er sie zu ihrer eigenen Verheiratung kurz beglückwünschte.
+
+Dann kam dieser Brief, unerwartet und unerwünscht.
+
+Er lag vor ihm, und noch einmal las er ihn, aufmerksam, Wort für
+Wort.
+
+Von dem blaßrosa Papier stieg der starke Duft eines eigentümlichen
+Parfüms auf. Die Schrift, mit der seine vier Seiten bedeckt waren,
+war liegend, sinnlich und weibisch-schwach.
+
+Er las ihn zum vierten Male, und zum vierten Male suchte er hinter
+den leblosen Worten nach der lebendigen Seele derer, die sie
+geschrieben: er fand sie nicht.
+
+Das war es, was sie ihm mitteilte.
+
+Erstens: daß sie sehr unglücklich sei; zweitens: daß sie so
+unglücklich sei daß sie es nicht mehr "aushalten" könne; drittens:
+daß ihr Mann der Grund ihres Unglücks sei; viertens: daß sie gehört
+habe, er, ihr Bruder, der "Freund ihrer Jugend", habe ein Buch
+geschrieben, in welchem er sich "freisinnig" über die Ehe geäußert
+habe; fünftens: daß er sie "retten" möge; sechstens: daß sie sehr
+unglücklich sei; und siebentens: daß sie so unglücklich sei, daß sie
+es nicht mehr "aushalten" könne . . .
+
+Das alles war sehr albern.
+
+Er sagte sich mit Recht, daß das Unglück so nicht nach Hilfe ruft.
+
+Aber er sagte sich auch, und er sagte es sich immer wieder, daß
+Frauen dieser Art nicht imstande sind, einen individuellen Ausdruck
+für ihre Gefühle--und wären es ihre wahrsten--zu finden. Wie sie
+gelehrt wurden zu sprechen, so sprachen sie: immer in denselben
+Ausdrücken und Redewendungen ihrer spezifischen Kreise, die Männer
+so und die Frauen so und waren sich daher so ähnlich, wie immer nur
+es möglich ist.
+
+Und daher waren sie meistens auch so langweilig.
+
+Wie sie sprachen, so schrieben sie auch.
+
+Es ist, als fürchteten sie sich davor, ein neues Wort zu gebrauchen,
+und sorgsam verbergen sie, kommt ihnen einmal, nicht ein neuer
+Gedanke, nein, nur eine eigene Anschauung über irgend Etwas, die
+verbrecherische Regung hinter der gewohnten Gewöhnlichkeit.
+
+Er wußte, daß das Unglück ein großer Befreier ist. Und er dachte
+weiter, und seine Augen sahen den gegen die Ketten der Tage
+ringenden und in diesem Ringen blutenden Menschen vor sich, wie er
+schreien will, aber seine ungewohnten Lippen finden nur die alten,
+kleinen Worte für den neuen, großen Schmerz, und das Schreien des
+selbständigen Herzens--es klingt auf dem Mund nur wie das Stammeln
+der Unselbständigkeit und Gleichgültigkeit.
+
+Konnte es so nicht hier sein?
+
+Er strengte die Augen an, um hinter die Worte sehen zu können. Was
+lag da?--Ein zu Boden gestürztes, mit Füßen getretenes Weib?--Oder
+eine faule, unzufriedene Frau der Welt, die sich einfach langweilte?--
+
+Fand er denn nicht ein Wort, ein einziges ungefügiges, in seiner
+Hilflosigkeit rührendes, in seiner Einfachheit erschütterndes Wort?--
+
+Er fand keines. Und dennoch folgte er den Rufen dieser platten und
+nichtssagenden Sprache.
+
+Es gibt Menschen, von denen wir nie glauben können, daß sie
+unglücklich zu werden imstande sind.
+
+So ging es ihm mit ihr.
+
+Und dennoch kam er hierher.
+
+Er tat es in letzter Linie seiner selbst wegen, um ganz sicher zu
+sein vor den Vorwürfen des eigenen Herzens.
+
+
+
+
+VI.
+
+Die letzte Rauchwolke seiner Zigarre verflog an der Decke, und er
+sah nach der Uhr.
+
+Es war nach zwei. Ein langer Nachmittag lag jetzt vor ihm. Er ging
+daher auf sein Zimmer, warf sich auf das Bett und schlief länger als
+eine Stunde, bleiern und traumlos.
+
+Verwundert fuhr er in die Höhe, als er erwachte. Er mußte sich
+darauf besinnen, wo er war, und es war mit einem Gefühl des
+Mißbehagens, daß er die Treppe hinunterstieg. Ihm war, als solle er
+nun an die Erfüllung einer unangenehmen Pflicht gehen, und er
+wünschte hinter sich zu haben, was ihm bevorstand.
+
+Dann trat er vor die Tür.
+
+Die Hitze war noch gestiegen. Um diese Stunde des Nachmittags
+stockte das Leben.
+
+Eine lange Straße zog sich vor ihm hin--die Hauptstraße der
+Schwesterstadt, die längste und belebteste in beiden Städten und der
+Mittelpunkt des Handels und Wandels beider.
+
+Wie oft er sie als Knabe durchschritten hatte, hinauf und wieder
+hinunter, und wieder hinauf!
+
+Wenig schien sich an dem äußeren Ansehen der Stadt verändert zu
+haben. Einige Lücken, wo früher auf steinigem Rasen Zirkus- und
+Karussellbesitzer ihre flüchtige Leinwand gespannt, waren ausgebaut
+worden, und nur die Nebenstraßen noch öffneten sich dem Blicke nach
+dem Flusse hin. Die neuentstandenen Häuser zeigten das Bestreben,
+Schritt zu halten mit modernem Stil. Gesimse und Balkone hingen
+überall an ihnen herum, und in ihren Erdgeschossen waren Läden und
+Bierhallen entstanden mit hohen Fensterscheiben und lauten
+Aushängeschildern, die mit dem leuchtenden Gold ihrer Lettern die
+armen, verblaßten und altertümlichen Inschriften der alten Firmen
+verdrängten . . .
+
+Der Schwindel des Handels, welcher die Arbeit mordet, trieb sein
+Unwesen diese ganze Straße entlang.
+
+Arme Arbeiter! Des Sonntags kamen sie, weither aus den Dörfern und
+Flecken, mit ihren schweren Schuhen, die Männer mit plumpen Stöcken
+und die Weiber mit ungeheuren, unförmigen Parapluies, halb noch
+bedeckt mit dem Schweiße und dem Staub der Woche, ganz noch erdrückt
+unter der Wucht ihrer Sklaverei, kamen sie, um einzukaufen, was sie
+brauchten, das heißt, drei-, vier-, fünf- und zehnfach verteuert
+einzutauschen, was sie selbst erschaffen hatten in anderer Form: die
+Arbeit. Verlegen, unsicher, bittend und schüchtern traten sie in die
+"Geschäfte" und ließen sich von schwatzenden Juden, und Christen,
+die schlimmer waren als die Juden, das Fell über die Ohren ziehen,
+daß es nur so flutschte.
+
+In erschreckender Menge hatten sich die offenen Geschäfte in diesen
+paar Jahren vermehrt. Gleich aber war der trostlose, nüchterne
+Eindruck dieser Straße geblieben, und vom Morgen bis zur Dämmerung
+glich sie noch immer in ihrem reizlosen, staubigen Grau einem
+alternden, ungekämmten und ungewaschenen Weibe.
+
+Grach ließ seine Blicke überall hin gehen. Eigentümlich verändert
+schien ihm alles--: fremd und doch bekannt. Aber alles war kleiner
+geworden, zusammengeschrumpft und, wie alte Leute, in sich
+zusammengesunken.
+
+Größer sieht das Kind die Welt, kleiner sieht sie der Mann.
+
+Vor den Läden lungerten die Kommis, an den Brunnen standen die Mägde
+und schrieen sich an. Warum schrieen sie so laut? Stritten sie sich?
+Nein, es war nur eine "gemütliche Unterhaltung". Aber dieser Dialekt
+war breit, geeignet nur zu einem lauten Sprechen, und schwer
+verständlich für den Fremden. Grach bemühte sich, Worte und Sätze
+der Vorübergehenden aufzufangen und verstand meist, was sie sagten.
+Hatte er selbst früher so gesprochen?
+
+Und wie die Menschen sich grüßten! Mit beängstigender Sorgfalt
+überspähten sie die Straße, knickten, den Arm nach auswärts in einem
+spitzen Winkel und zogen oder rissen dann den Hut herab, entweder
+steil in die Luft hinaus oder hinunter bis fast auf den Boden. "Ihr
+Diener", sagten sie dabei, "Ihr Diener"--und ein langer Titel
+folgte.
+
+Die unverhüllte Neugier, mit der die Menschen ihn an- und ihm
+nachsahen, begann Grach zu ärgern. Ihre Blicke wurden ihm lästig,
+und er bildete sich ein, von ihnen erkannt werden zu müssen. Er
+hatte vergessen, daß kein Fremder diesen Blicken entging.
+
+Er ging schneller. Diese Nebenstraße mußte über die Brücke nach dem
+jenseitigen Ufer führen. Er schlug sie ein.
+
+Eine junge Dame kam ihm entgegen. Sittsam die Blicke zu Boden
+gesenkt, den Schirm in der Länge einer kleinen Ulanenlanze gegen die
+Brust gedrückt, eingeschnürt und aufgeputzt mit Bändern und
+Bauschen, trippelte sie daher, und gegen seinen Willen mußte er
+lachen, erst heimlich, dann herzlich und offen.
+
+So war, genau so war schon damals alles gewesen: diese ängstliche
+Unsicherheit im Verkehr, diese feige Rücksichtnahme auf tausend und
+abertausend in Watte sorgsam gehegter Vorurteile, diese engbrüstige
+Steifheit, die pappedeckelne Würde--wie kannte er das alles, wie
+erkannte er das alles wieder!
+
+Und über all dies lachte er, hatte er gelernt zu lachen.
+
+Und abermals lachte er, als er über die Brücke ging, die alte
+Brücke, und sah, daß alle Scheiben in den Gaslaternen heil und
+unverletzt waren.
+
+Wie, wurden sie nicht mehr geschlagen, die Schlachten der Ehre?--
+War Waffenstillstand zwischen den erschöpften Schwestern
+geschlossen?--Oder aber--war Versöhnung--Friede--aber nein, es
+war ja Wahnsinn, daran zu denken! . . .
+
+Eine komische Stadt! Eine komische, kleine Stadt! murmelte Grach vor
+sich hin.
+
+
+
+
+VII.
+
+Auf hohen Terrassen erhob sich vor ihm das "Schloß", ein massives,
+altes Gebäude mit vielen Anbauten aus neuerer Zeit. Uralter Efeu
+hing an den Mauern nieder, von einem Garten in den anderen, bis er
+die Dächer der Häuser an ihrem Fuße fast berührte.
+
+Das Schloß hatte keine Bestimmung mehr. Seine einzelnen Stockwerke
+mit ihren vielen Flügeln und unzähligen Zimmern waren an einige
+Familien vermietet, an die reichsten der "Alldahiesigen" und
+"Hiesigen", welche keine eigenen Häuser besaßen.
+
+Der Fremde, der hier nicht fremd war, stieg langsam den steilen Weg
+hinauf, der an der alten, düsteren Kirche--sie stand in seltsamen
+unterirdischen Gängen, die längst verschüttet waren, mit dem
+Schlosse in Verbindung--zu dem weiten, totenstillen Platze hinauf,
+der die Flügel des Schlosses gleichsam bis an die Ränder der Anhöhe
+auseinandergedehnt hatte. Gras, das eine glühende Sonne gelb sengte,
+wucherte hier zwischen den plumpen, unregelmäßigen Pflastersteinen;
+nie spielte hier die Jugend der Stadt, auf diesem weiten Platze, der
+wie geschaffen war zum Umhertummeln. Zuweilen nur bewegte sich eine
+der weißen Gardinen hinter den hohen Fenstern, und ein behaubter
+Kopf lugte zwischen ihnen durch, um bald wieder zu verschwinden,
+denn die leere Oede dieses weiten Raumes wurde selten unterbrochen
+durch eine Gestalt, die ihren Weg über ihn hinweg nahm, um die
+andere Seite zu erreichen. Die meisten gingen an den langen Fluchten
+entlang, um plötzlich in einer der Türen zu verschwinden, öfter
+während des Tages, in den Nachmittagsstunden geschah es, daß Wagen--
+moderne, elegante Geschirre mit vortrefflichen Pferden--an den
+Toren hielten.
+
+Und wieder mußte Grach lächeln, als er diesen weiten, toten Platz
+überschritt, auf dem die Sonne ungestört die Spiele ihrer Schatten
+trieb, den er als Kind nie betreten hatte und von dem er nie
+geglaubt hätte, daß er ihn je betreten würde.
+
+Aber hier mußte sie--der Adresse in ihrem Briefe nach--jetzt
+wohnen.
+
+Er ging langsam. Und doch war er neugierig geworden auf das
+Wiedersehen. So lange war es her, daß er keine Blicke mehr in das
+Heimwesen deutschen Bürgertums getan hatte. Er ein Fremder--und
+alles ihm fremd geworden, was von dorther kam . . .
+
+
+
+
+VIII.
+
+Er klingelte an der Tür, von welcher er glaubte, daß es die richtige
+sei.
+
+Schrill hallte der Klang der Glocke. Dann kamen schlürfende
+Schritte, und ein Diener in Livree, aber mit vorgebundener blauer
+Schürze, öffnete. Es war keine Besuchsstunde. Aber das war dem
+Fragenden jetzt natürlich ganz gleichgültig.
+
+"Ist Frau Boehmer zu Hause?"
+
+"Wen darf ich melden?"
+
+"Ist Frau Boehmer zu Hause?" wiederholte er noch einmal.
+
+"Ja--aber--ich weiß nicht--gnädige Frau--"
+
+"Sagen Sie ihr, ein Herr wünsche sie zu sprechen."
+
+"Gnädige Frau sind im Garten. Ich werde ihr melden--"
+
+Der Diener war völlig außer Fassung und Würde gebracht durch den
+energischen Ton des Besuchers.
+
+"Dann werde ich Frau Boehmer selbst im Garten aufsuchen. Wo ist der
+Garten?"
+
+Der Diener wagte keine Einwendung mehr. Er warf seine Schürze fort
+und ging voran.
+
+"Hier, bitte."
+
+Sie durchschritten hohe und kühle Gänge, über große Steinfliesen
+hin, mit denen der Boden belegt war, vorbei an breiten und vornehmen
+alten Treppen, deren Stufen niedrig und deren Geländer mit weißer,
+sauberer Oelfarbe gestrichen waren.
+
+Dann öffneten sich die Terrassen der Gärten vor ihnen, die da lagen:
+still, wie im Schlummer, in der brütenden Nachmittagssonne, weite
+Blicke in das Tal nach Osten und Westen eröffnend, wo die Schlote
+qualmten und das Leben hämmerte.
+
+Von wohlgepflegten, üppigen Beeten stiegen die Düfte von reifen
+Blüten empor. Der Kies der geharkten Wege war so fein, daß er die
+Tritte der Hinschreitenden lautlos aufnahm.
+
+"Ich habe mich anders besonnen," sagte der Fremde plötzlich, "gehen
+Sie voran und melden Sie Frau Boehmer, ein Herr wünsche sie zu
+sprechen."
+
+Der Diener versagte es sich jetzt nicht, mit den Achseln zu zucken,
+aber er ging.
+
+Vor einem Tulpenbeet blieb Grach zögernd stehen und sah nachdenkend
+in die purpurnen, weitgeöffneten Kelche nieder.
+
+
+
+
+IX.
+
+Der Diener kam zurück.
+
+"Gnädige Frau lassen bitten--" schnarrte er.
+
+Aus einer Laube im Hintergründe des Gartens schimmerte ein weißes
+Kleid.
+
+Dort, in einem Modejournal blätternd, das sie sichtlich unlustig bei
+Seite warf, lag in einen Schaukelstuhl hingestreckt eine junge Frau
+von ungewöhnlicher Schönheit.
+
+Sie blinzelte dem Nähertretenden zu, aber sie machte keine Miene,
+sich zu erheben.
+
+Erst als er ihr die Hand hinstreckte und lächelnd sagte: "Ich habe
+deinen Brief erhalten, Clara, und bin selbst gekommen, ihn zu
+beantworten"--sprang sie mit einem Ruf der Ueberraschung in
+sichtlicher Verlegenheit auf.
+
+"Nein, wie du dich verändert hast, Franz!" rief sie ein paar Mal;
+dann aber, nachdem sie sich gesetzt hatten, und während sie ihn mit
+jener prüfenden Neugier, die nur der Frau eigen ist, musterte,
+folgte ein Schwall von Fragen, deren Antworten nicht abgewartet
+wurden, weil sie gestellt waren, ohne daß der Verstand sich etwas
+bei ihnen dachte und das Herz das Geringste bei ihnen fühlte.
+
+Bei dem ersten Wort, das sie gesprochen, merkte er, daß diese Frau
+geistig um keinen Schritt weitergerückt war und--ganz wie früher--
+hörte er gutmütig und geduldig eine Zeit lang ihrer Neugierde zu,
+beantwortete kaum etwas, und begnügte sich damit, hier und da mit
+einem Ja oder Nein, oder höchstens einem kurzen Wort sein Schweigen
+zu unterbrechen.
+
+So kam es, daß sie ihn nach einer halben Stunde nach allem gefragt,
+aber nichts von ihm erfahren hatte. Später pflegte sie sich dann
+darüber zu beklagen, daß sie allen Menschen alles, keiner aber ihr
+etwas erzähle.
+
+Dann fiel ihr ein, daß sie noch nicht wußte, wo er abgestiegen war
+--:
+
+"Du wirst doch bei uns wohnen, Franz?--gewiß, nicht wahr?"
+
+Sie hatte bisher vermieden, ihn voll anzusehen, nun aber begegneten
+sich ihre Augen. Sie errötete leicht, als sie seine Antwort vernahm.
+
+"Unter diesen Umständen?"--sagte er ernst und fragend zugleich.
+
+Als sie nun, die Hände erst abwehrend von sich streckend, dann sie
+vor dem Gesicht zusammenschlagend in gemachtem Schmerze, in ihren
+Schaukelstuhl zurücksank, hätte er hundert gegen eins wetten mögen,
+daß sie sich erst in diesem Augenblicke genauer dessen erinnerte,
+was sie ihm geschrieben . . .
+
+Sie kam nicht auf ihre Frage zurück. Ihre Gedanken weilten bereits
+bei anderem.
+
+"O laß uns jetzt noch nicht davon sprechen, von meinem Unglück--du
+bleibst doch länger hier, nicht wahr?--Einige Tage, einige
+Wochen . . . Du mußt doch alle wiedersehen, deine alten Freunde und
+Schulkameraden, denke dir, die kleine Ehrling, neben der ich in der
+Schule saß und die so oft zu uns kam--du mußt dich doch erinnern?--
+hat einen Landgerichtsrat geheiratet und schon drei Kinder, und dein
+dicker Freund Rempe, der mit den vielen Schmissen--doch das weißt
+du nicht, du kanntest ihn ja nur auf der Schule, und da schlägt man
+sich noch nicht, ja, was wollte ich sagen . . . ja, der dicke Rempe
+hat die reiche Krüger gekriegt, die mit den Simpelfranzen und den
+seidenen Kleidern. Ach ja, es hat sich viel verändert hier--"
+
+Sie scheute sich, ihn wieder zu fragen, denn sie fürchtete seinen
+Blick, seine ernste, fast harte Stimme, mit welcher er eben gesagt
+hatte: "Unter diesen Umständen?"--
+
+Und so sprach sie weiter: Von dem langen Lenz, der sich "--ach ja,
+das war es ja, was ich sagen wollte--" wegen einer Frau habe
+schießen müssen und eine Kugel in den Unterleib bekommen habe; von
+den Schicksalen der großen Familie Neuhaus, wo so viele Söhne
+gewesen seien--einer habe sich vergiftet, und der andere sei nach
+Amerika, denn der Vater sei so hart, aber es sei doch ein rechtes
+Elend, wenn die Söhne ihren Eltern nicht folgten; und von--und von
+--und immer so weiter, ein seichtes, unerquickliches Geschwätz,
+das den Zuhörer betäubte, ängstigte und seine Nerven folterte.
+
+Der hörte zuletzt überhaupt nicht mehr hin. Während sie so vor ihm
+saß, in der üppigen Schönheit einer reiferen Frau, dachte er daran,
+daß er es gewesen war, der die Knospe dieser Blüte mit dem ersten
+Kusse geweckt hatte.
+
+
+
+
+X.
+
+Ihre Schönheit hatte alles gehalten, was sie versprochen. Schon als
+Kind war sie gradezu auffallend gewesen, obwohl dieses Kind weder
+graziös und fein, noch von irgendwie eigenartigem Liebreiz gewesen
+war. Aber das blonde Haar konnte heute kaum reicher sein, als es
+damals gewesen war, und der feuchte Glanz dieser blauen Augen, der
+ihm heute nur ein Zeichen trübseliger Langeweile schien, war ihm und
+anderen--denn die halbe Klasse war in sie verliebt--damals
+schwärmerische Idealität und echt weibliches Hingebungsbedürfnis
+gewesen.
+
+Nicht für lange.
+
+Aber es gab eine kurze Zeit in seiner Jugend--es war zwei Jahre vor
+ihrer Trennung--, da war ihm das ständige Zusammenleben mit seiner
+Halbschwester unter den blinden Augen der Mutter sehr gefährlich
+geworden.
+
+Seine Sinne erwachten und verlangten nach ihr. Ihre beständige Nähe
+brachte sie in Aufruhr und hielt sie wach.
+
+Den ganzen Sommer hindurch verbrachte er in qualvoller Aufregung, in
+einem beständigen Zwiespalt, der seiner energischen Natur schwerer
+zu ertragen war als alles andere.
+
+Sie war ihm gleichgültig. Alles, was sie sprach, ließ ihn kalt. Ihr
+Benehmen gegen ihre Mutter empörte ihn mehr als je, wenn er sich
+auch niemals tätlich darum kümmerte, was zwischen diesen beiden
+Personen vorging. Ihr Kokettieren mit seinen Kameraden, die sich
+über das eitle Mädchen lustig machten, fand er lächerlich--und doch
+beschäftigte sie ihn. Er träumte von ihr. Er glaubte sie in den
+Armen zu halten. Er haschte nach ihrer Hand, wenn sie allein waren,
+und er war ruhiger, wenn sie ihm dieselbe nicht entzog. Er war öfter
+um sie, als je zuvor. Die Mutter freute sich darüber, daß das sonst
+so kühle Verhältnis zwischen Schwester und Bruder sich besserte.
+
+Eine unheimliche Glut ging von ihr aus, die ihn wahnsinnig machte.
+Tage konnten vergehen, ohne daß sie ihm gefährlich war, aber dann
+kam immer wieder eine Stunde, in der er von ihrer Seite aufspringen
+mußte, weil er es nicht mehr ertragen konnte, sie zu sehen, ohne sie
+an sich zu reißen.
+
+Er fürchtete sich vor sich selbst; aber vor ihr graute ihm.
+
+Ein später Abend brachte die Erlösung. Sie saßen zusammen in der
+Laube bei einer trübe brennenden Lampe. Die Mutter hatte sich
+gähnend und seufzend zur Ruhe begeben.--Es war ein Abend voll
+wunderbarer Weichheit der Luft. Der Glanz der Sterne war feucht und
+tief.
+
+Sie wagte es zu bleiben. Sie spielte mit dem Feuer in verzehrender
+Neugier.
+
+Er las in einem Buche und hielt den Kopf gesenkt, um sie nicht
+ansehen zu müssen. Er hatte noch zu lernen und glaubte, sie würde
+gehen.
+
+Sie aber ging nicht, sondern beugte sich noch weiter vor, mit ihrer
+weichen Stimme, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, eine
+gleichgültige Frage stellend.
+
+Fast berührten sich ihre Stirnen. Da riß er ihren Kopf mit einer
+jähen Bewegung an sich und bedeckte ihr Gesicht mit unzähligen
+Küssen: er küßte ihre Augen, ihre Wangen, ihren Mund, ihren Hals.
+
+Sie wehrte sich, aber nur schwach. Während sie sich indessen--ein
+halb ernstliches, halb freudiges Erschrecken heimlich überwindend--
+in der Ueberlegenheit der Frau fragte, ob sie ihn gewähren lassen
+solle, fühlte sie, wie er sie plötzlich losließ und von sich stieß.
+
+Wenn sie oft nachher--nachdenklich über diese jähe Veränderung
+seines Wesens in dieser Minute--sich einbilden wollte, es sei ein
+moralischer Antrieb gewesen, der ihn so plötzlich von ihr gerissen,
+so irrte sie sich völlig.
+
+Ein Duft war von ihr ausgegangen, als er an ihren Lippen hing, und
+in ihren Haaren wühlte, der ihn plötzlich ernüchtert hatte. Derselbe
+Duft, der ihn betäubt hatte in der Ferne und ihn angezogen, stieß
+ihn ab, als er in nächster Nähe auf seine Sinne wirkte. Es war
+direkter Widerwille, der ihn erfaßte--unerklärlich, aber zwingend.
+
+Eben noch über alles begehrenswert, war sie ihm jetzt so
+gleichgültig, wie nur je zuvor.
+
+Hurtig raffte er seine Bücher zusammen und eilte mit einem schnellen
+"Gute Nacht!" in das Haus.
+
+Sie sah ihm nach und verstand ihn nicht.
+
+Ihr Zauber war völlig gebrochen.
+
+Sie merkte es sofort am nächsten Tage.
+
+Sie bot viel auf, um ihn wieder zu gewinnen. Aber nichts mehr gelang
+ihr.
+
+Im Laufe der nächsten beiden Jahre, in denen sie wieder
+nebeneinander herlebten, vergaßen sie fast die Szene dieses Abends.
+
+Auch er wurde ihr gleichgültig.
+
+Sie dachte bereits an ihren zukünftigen Gatten, wenn sie die Männer
+sah, die sich um ihre Schönheit drängten.
+
+Sie wählte sich einen der ältesten unter ihnen und fast den
+reichsten.
+
+An ihren Halbbruder dachte sie erst wieder, als die Langeweile ihrer
+Tage sie nach neuen Sensationen suchen ließ, und die Neugierde neue
+Nahrung für ihre klatschhafte Zunge verlangte.
+
+
+
+
+XI.
+
+Der Zauber war gebrochen.
+
+Sie war ihm nur noch eine Studie, wie sie dort vor ihm saß--: die
+kleinen Füße in den eleganten Schuhen vorgestreckt, ermüdet durch
+Nichtstun, scherzend, liebäugelnd mit der Wohlhabenheit ihrer
+Umgebung, denn sie fand, daß er es doch wenig weit gebracht hatte,
+seiner einfachen, fast unmodernen Kleidung nach zu schließen.
+
+Doch sie begann es zu merken, daß auch er sie beobachtete, obwohl er
+sie nicht ansah und offenbar nicht hörte, was sie sagte.
+
+Sie wurde unruhig.
+
+"Aber du hörst mir ja gar nicht zu, und ich sitze hier und erzähle
+dir alle Neuigkeiten von Bedeutung, die seit zehn Jahren hier
+geschehen sind--"
+
+Er sah auf. Und wieder errötete sie unter seinem Blick.
+
+Wieder suchte sie ihn abzulenken.
+
+"Und nächsten Mittwoch ist Harmonie-Abend im Kasino: Musik und Ball,
+da wirst du alle wieder sehen, die du kennst, unsere ganze
+Gesellschaft--"
+
+Zum erstenmal sprach sie von ihrem Mann:
+
+"Er hat mir zwar verboten, hinzugehen, ersagt, es sei zu viel für
+mich", sie stampfte mit dem Fuße auf, "aber jetzt, wo du hier bist,
+_muß_ er es mir erlauben, _muß_ es, _muß_ es!"
+
+Sie hielt einen Augenblick inne, etwas erschöpft und erhitzt von dem
+langen Sprechen, aber schon ging es weiter.
+
+"Oder besser noch, wir geben eine Gesellschaft, eine große
+Gesellschaft dir zu Ehren--" sie klatschte in die Hände vor
+Vergnügen und wartete offenbar auf einen ähnlichen Ausbruch des
+Entzückens bei ihm.
+
+Aber er erkannte jetzt, daß es die höchste Zeit war, dieser Komödie
+ein Ende zu machen.
+
+Er rückte seinen Stuhl näher und beugte sich etwas vor, so daß er
+gerade vor ihr saß.
+
+Sie fühlte, nun kam es.
+
+Fast scherzend begann er.
+
+"Ich glaube, du langweilst dich, Clara."
+
+"Ach ja, ich langweile mich--" seufzte sie.
+
+"Nun, so solltest du dir Tätigkeit suchen--"
+
+Sie antwortete nicht. Er lächelte unmerklich und fuhr fort: "Oder
+aber Zerstreuung--"
+
+Da sah sie auf und richtete ihre schwimmenden Augen auf ihn.
+
+"Zerstreuung--aber wie?--Was gibt es hier für Zerstreuung?"
+
+"Reise."
+
+"Reisen--ich kann ja nicht, er hat ja nie Zeit."
+
+"Wer?"
+
+"Nun, er, mein Mann."
+
+"Daran dachte ich nicht. Ich meinte natürlich, du solltest allein
+reisen."
+
+"Allein?!" wiederholte sie mit dem Ausdruck des Erstaunens, des
+Erschreckens. "Wie kann eine verheiratete Frau allein, ohne ihren
+Mann, reisen?"
+
+"Weshalb kann denn eine verheiratete Frau nicht allein, ohne ihren
+Mann, reisen?" Unwillkürlich brauchte er dieselben Worte wie sie.
+Aber es geschah ganz ohne spottende Absicht.
+
+Er wartete auf ihre Antwort. Sie wich ihm aus.
+
+"Ja, ich weiß, daß du so seltsame Ansichten über die Ehe hast. Wie
+heißt doch dein Buch darüber?--Eine Freundin--die Frau von
+Redlich, du kennst sie nicht, sie sind erst drei Jahre hier, der
+Mann ist Hauptmann--ja, sie hat es mir gesagt. Sie wollte mir auch
+das Buch leihen, sie hat es mir ganz fest versprochen, aber sie hat
+es mir immer noch nicht gebracht, denn sie muß erst den Professor
+Hastrich vom Gymnasium fragen, dem gehört es . . ."
+
+Grach hatte Mühe, nicht loszulachen.
+
+Daß man ein Buch auch kaufen könne, war dieser Frau offenbar noch
+nicht bekannt, und sie, die gewohnt war, auf Damast zu schlafen und
+von silbernen Schüsseln zu speisen, scheute sich nicht, die
+schmutzigsten Leihbibliotheksbände durch ihre weißen Hände gleiten
+zu lassen. Auf dem Tische vor ihm lagen einige Exemplare dieser Art.
+
+Die Sonne brannte durch die Blätter der Laube. Ihre Glut hatte die
+höchste Höhe erreicht. Ihn dürstete. Er bat um etwas Wein und
+Wasser. Während der Diener es brachte, schwiegen sie. Da sie sah,
+daß er nicht antwortete, sagte sie: "Könntest du mir nicht sagen,
+was du in deinem Buche geschrieben hast über die Ehe, nur ganz kurz
+--ich komme so selten dazu, ein Buch zu lesen--"
+
+Er beugte sich wieder zu ihr hin.
+
+"Ich glaube, daß es so viel verschiedene Neigungen und Bedürfnisse
+gibt, als es Menschen gibt, und ich wünsche, daß jeder Mensch diesen
+seinen Neigungen ungestört nachlebe, aus dem einfachen Grunde, um
+selbst ungestört den meinen folgen zu können.
+
+Ich maße mir nicht an, die Menschen zu verstehen. Wir verstehen
+überhaupt wenig von einander. Aber frech greifen wir täglich und
+stündlich in das Leben unserer Mitmenschen ein, unter dem
+lügenhaften Vorgeben, ihnen helfen zu wollen. Ich möchte, daß ein
+jeder nach seiner Façon glücklich werde hier auf der Erde.
+
+So ungefähr ist der Grundgedanke meines Buches. Du hast es nicht
+gelesen; ich mußte ihn dir daher schnell herzeichnen.
+
+Wovon man dir aber wahrscheinlich erzählt haben wird, das ist das
+Kapitel, welches ich 'Die Menschen der Ehe' betitelt habe. Ohne
+irgendwie zu klassifizieren oder zu schematisieren, habe ich in ihm
+die Frage gestellt, ob es nicht einen größeren Teil Menschen gäbe in
+unserer Zeit, auf welche diese Bezeichnung mit Recht sich anwenden
+ließe; Menschen der Enge im Gegensatz zu den Menschen der Weite;
+Menschen, die nie in Konflikt kommen mit ihrer Umgebung, da sie alle
+Geschicke--alle, die aus der Menschen Hände kommen--als von Gott
+ihnen auferlegt betrachten; Menschen der kleinen Zufriedenheit, die
+ihr Glück finden in den Winkeln des Tages, immer an dem einen Tische
+und immer an derselben Brust: Menschen, die nicht wissen, was es
+heißt, ein Versprechen auf Lebenszeit zu geben, weil sie nicht
+wissen, was es heißt: zu leben; Menschen der Stagnation, nicht
+Menschen der Bewegung; Nummern, aber Nummern, welche zu Zahlen
+werden, und welche ich deshalb hasse!--
+
+Menschen der Gewöhnlichkeit!--Menschen der Ehe!--"
+
+Er hatte fast langsam, mit Ruhe und ohne äußere Leidenschaft
+gesprochen.
+
+Aber während er sprach, hatte er vergessen, zu wem er sprach.
+
+Als er geendet hatte und es merkte, verdroß es ihn. Seit so langer
+Zeit war er gewohnt, zu sprechen, wie er wirklich dachte, so daß er
+es verlernt hatte, seine Gedanken zu modeln nach dem Ohr seiner
+Zuhörer.
+
+Es hätte ihn nicht zu verdrießen brauchen. Denn er hatte zu tauben
+Ohren gesprochen.
+
+"Verzeih," sagte er--er glaubte, sehr lange gesprochen zu haben--
+"verzeih, daß ich so lange sprach. Ich möchte nicht mißverstanden
+werden in dem, was ich dir jetzt sagen muß."
+
+Wieder zwang er sie, ohne es zu wollen, zu erröten. Er hatte bis
+jetzt kaum den Mund aufgetan, sie hatte unaufhörlich geplappert--:
+er bat sie um Entschuldigung.
+
+Sie begann ihn zu hassen.
+
+Verstanden hatte sie kaum etwas von dem, was er gesagt hatte. Sie
+hatte ihm fast so wenig zugehört, wie er ihr. Ihre Gedanken waren
+jetzt damit beschäftigt, wie sie ihn auf die beste Manier loswerden
+könne.
+
+Für sie gab es keine bedeutenden und unbedeutenden Menschen. Für sie
+gab es nur Menschen, die ihr zuhörten. Und die Männer zumal! Von
+denen war sie ja gar nichts anderes gewohnt, als daß sie ihr zu
+Füßen lagen.
+
+Daher beleidigten sie diese Ruhe und Sicherheit.
+
+"Ach, ich bin sehr unglücklich!" rief sie und deckte mit den Händen
+die Augen. "Ich weiß nicht, was ich tun soll . . ."
+
+Es war ihr zweites Mittel, mit diesem Manne fertig zu werden. Ihr
+drittes und letztes waren die Tränen. Aber zu diesem wollte sie erst
+greifen, wenn alle anderen erschöpft waren.
+
+"Ja, Clara, wenn du nicht weißt, was du tun sollst, wer soll es dann
+wissen?"
+
+Sie sah ihn an mit ihren hellen Augen, wie ein hilfloses Kind.
+
+"Du bist doch hergekommen, um mir zu helfen."
+
+Er stand auf. Diese Frau verstand nichts, sie konnte und wollte
+nichts verstehen.
+
+Er mußte sie zwingen, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen, vor denen
+sie floh, feig, jammernd und haltlos.
+
+Er blieb vor ihr stehen.
+
+"Nach deinem Briefe mußte ich annehmen, daß du den unwiderruflichen
+Entschluß gefaßt hattest, dich von deinem Manne auf immer zu
+trennen, da du ein Weiterleben mit ihm als unmöglich erkannt hast.
+In der Ausführung dieses Entschlusses, dir zu helfen, bin ich
+hergekommen, nicht aber, um dich in deinen Entschlüssen zu
+beeinflussen. Und auch nicht, wie du dir vorhin glauben zu machen
+suchtest, um diese Stadt, die mir ganz uninteressant ist, und alte
+Bekannte, von denen ich nichts mehr weiß, und die nichts mehr von
+mir wissen wollen, wiederzusehen, oder auf eure Bälle und in eure
+Gesellschaften zu gehen, denn ich verkehre überhaupt nicht in
+bürgerlichen Kreisen.--Meine Zeit ist sehr bemessen--"
+
+Er ging hastig umher. Sie fürchtete sich vor ihm.
+
+"Aber du hast mich gerufen mit dem Schrei nach Hilfe. Läßt man den
+Sinkenden vor seinen Augen untergehen, wenn man seine verzweifelnde
+Stimme vernimmt? Und wenn"--so unterbrach er sich unwillkürlich
+lächelnd--"ich dich auch nicht auf dem offenen Meere kämpfen sah,
+so sah ich dich doch ringen mit der trüben Flut dieses--Teiches."
+
+Er wurde wärmer.
+
+"Deine verstorbene Mutter ist sehr gut gegen mich gewesen. Sie hat
+mir, dem Verwaisten, ein Dach und einen Tisch geboten viele Jahre
+lang. Und dann haben wir beide unsere Jugend nebeneinander verlebt,
+wenn auch nicht miteinander. Das vergißt sich nicht so leicht. Darum
+bin ich gekommen, nur darum."
+
+Er hatte eine Rose vom Strauch gerissen und zerstreute während des
+Sprechens ihre Blätter achtlos umher.
+
+"Wie er die Blume behandelt!"--dachte sie. Sie hatte nur noch einen
+Wunsch: diese erbarmungslos klare und schneidende Stimme nicht mehr
+zu hören. Aber diese Stimme klang weiter.
+
+"Ich komme hierher in dem festen Glauben, dich bereit zu finden, den
+entscheidenden Schritt zu tun. Ich finde dich völlig schwankend,
+ohne jeden Entschluß--sage mir doch, weshalb du mich eigentlich
+gerufen hast?"--
+
+Sie sah sich bis auf den letzten Punkt gedrängt und verließ ihn, um
+sich zu retten, indem sie zum Angriff überging.
+
+"Du sprichst so viel", klagte sie, "von den Mißständen in der Ehe.
+Willst du mir nicht sagen, wie du dir denn die Ehe denkst?--Wenn du
+etwas beseitigen willst, so mußt du doch etwas anderes an dessen
+Stelle setzen können."
+
+Diesen letzten Satz hatte sie einmal irgendwo gehört, und er däuchte
+ihr gut und passend, um ihn jetzt anzuwenden. Kein Weib ist ganz
+ohne Schlauheit. Auch sie war es nicht.
+
+Grach antwortete sofort.
+
+"Ich kenne nur ein Verhältnis wie zwischen Mensch und Mensch, so
+zwischen Mann und Weib, das ich würdig nenne: das auf gegenseitiger
+Unabhängigkeit beruhende; denn es ist zugleich das einzige, das die
+gegenseitige Achtung ermöglicht. Der Herr verachtet den Knecht, und
+der Knecht haßt den Herrn."
+
+Mit verständnislosen Augen sah sie vor sich hin.
+
+"Und in der Ehe?"--fragte sie unsicher.
+
+"Bemitleidet der Mann heimlich die Frau, während die Frau ihn
+heimlich belächelt."
+
+Verstohlen blickte sie ihn von der Seite an.
+
+Woher weiß er das?--war ihr erster Gedanke.
+
+"Es gibt doch so viele glückliche Ehen--"
+
+"Wie viele kennst du?"
+
+"Nein--, aber--"
+
+"Nun, ich leugne es. Es gibt verschwindend wenige. Was Glück genannt
+wird, ist Zufriedenheit. Und was Zufriedenheit scheint, ist nur
+Gewöhnung jene Gewöhnung der schwächlichen Ohnmacht, die davor
+zurückschaudert, Ketten zu brechen, und in feiger Nachgiebigkeit
+Schritt für Schritt zurückweicht, Stück um Stück ihrer eigenen
+Würde, ihrer eigenen Freiheit und--was das Traurigste ist--ihres
+eigenen Glückes opfert, um das zu werden, was eine alberne
+Oeffentlichkeit einen guten Ehegatten, ein treues Eheweib nennt."
+
+"Aber wie denkst du dir denn--" begann sie zu wiederholen.
+
+"Das Verhältnis zwischen Mann und Frau in der Freiheit?--Ich
+verstehe eine solche Frage kaum. Vernünftige Menschen kommen
+zusammen, wenn sie sich lieben und gehen auseinander, wenn sie sich
+nicht mehr lieben. Mag sein, daß sie bis an ihr Lebensende
+zusammenbleiben in Liebe und Einigkeit. Oft wird es nicht der Fall
+sein."
+
+Auch sie stand nun auf.
+
+"Aber um Gotteswillen, das ist ja im höchsten Grade unmoralisch, was
+du da sagst!" rief sie. "Es ist ja unanständig!"
+
+Er lachte nur, laut und rücksichtslos.
+
+Er hatte ihr so viel Klugheit zugetraut, daß sie ihn fragen würde,
+was aus den Kindern der freien Verbindung werden würde. Aber er
+täuschte sich auch diesmal. Sie rief--wie alle Schwachköpfe--die
+Moral zu Hilfe, wo ihr Verstand nicht mehr ausreichte.
+
+Gleichmütig sagte er:
+
+"Ja, über Anständigkeit und Ehrenhaftigkeit gehen meine Anschauungen
+und die deiner Klasse, welche du teilst, wie ich sehe, weit
+auseinander. Ich weiß, daß es noch viele, viele Menschen gibt, die
+eine Vereinigung erst dann für anständig halten, wenn sie sich
+dieselbe gegenseitig erlaubt haben: Standesamt--Kirche und Pfaffe--
+Hochzeitsreise; die es anständig nennen, wenn zwei Menschen
+zusammenbleiben, die sich nicht mehr sehen können und die erkannt
+haben, daß auch das leiseste Gefühl sie nicht mehr zusammenhält,
+sondern nur noch das gegebene Wort. Ich weiß aber auch, daß es
+Menschen gibt, welche jede Umarmung, die aus anderen Gründen erfolgt
+als aus gegenseitiger Liebe, gemein nennen, und zu diesen Menschen
+gehöre auch ich. Und eins möchte ich dir und allen, die die Ehe
+verteidigen und unsere Anschauungen der freien Liebe so laut und
+emphatisch beschreien, eins Möchte ich euch allen, euch Menschen der
+Ehe, sagen: Tut, was ihr wollt, aber zeigt uns durch eure eigenen
+glücklichen Ehen, daß wir im Unrecht sind und ihr im Recht seid mit
+eurer Heiligsprechung der Ehe! Dann werden wir euch vielleicht
+glauben, eher nicht!"
+
+Er griff nach Hut und Stock.
+
+"Adieu, Clara," sagte er und gab ihr die Hand, "leb' wohl! Ich habe
+gesehen, daß du nicht unglücklich bist. Du bist unzufrieden,
+natürlich--du bist ja nicht frei. Aber wer kann dir da helfen, wenn
+du es nicht selbst tust?"--
+
+Sie war vollständig verwirrt. Sie wollte ihm noch etwas entgegnen,
+sie hatte den glühenden Wunsch, ihn noch zu demütigen, aber sie fand
+kein Wort mehr seiner kalten Ueberlegenheit gegenüber. Nicht einmal
+ihr letztes Mittel jetzt anzuwenden, schien ihr zweckmäßig. O, wenn
+sie das vorher gewußt hätte, nie hätte sie ihm geschrieben!
+
+Und sie kämpfte mit ihren Tränen der Wut und des Zornes, als sie ihm
+gegen ihren Willen die Hand geben mußte. Er aber ergriff sie und
+schüttelte sie freundlich. Dann ging er mit seinen schnellen
+Schritten den Kiesweg entlang, durch den hohen und kühlen Flur an
+der weißen Treppe vorbei und über den weiten Platz, der verlassen
+lag wie vor einigen Stunden.
+
+Als er in seiner Mitte angelangt war, kam von der anderen Seite her
+ein älterer Herr. Er ging schon gebeugt.
+
+Grach sah ihn in die Tür treten, die er soeben verlassen. War das
+ihr Mann?
+
+Wenn er mit den Blicken die Wände hätte durchdringen können, wäre
+ihm folgendes Bild erschienen: Frau Clara Boehmer hing am Halse
+dieses älteren Herrn, küßte ihn stürmisch und bettelte ihm die
+Erlaubnis ab, am nächsten Mittwoch den Ball im "Kasino" besuchen zu
+dürfen (--in einem ganz neuen Kleide--), während sie in ihrem Innern
+beschlossen hatte, ihm fürs Erste noch nichts von dem Besuch zu
+erzählen, den sie so schnell und dazu noch auf eine verhältnismäßig
+so gute Art und Weise losgeworden war.
+
+
+
+
+XII.
+
+Grach ging, ohne eigentlich zu wissen, wohin. Während er noch in
+Gedanken versunken war, die ihm in diesen Stunden gekommen und die
+er nun weiter und zu Ende dachte, während er so in Gedanken zu Boden
+sah, ging er ganz instinktiv die Wege, die zur Höhe des Berges
+zwischen den Gärten und ihren Mauern hinführten, und die er so
+zahllose Male als Kind und als Knabe im Spiele gelaufen, lernend,
+erzählend, mit Kameraden und allein, traurig und fröhlich gegangen
+war.
+
+Er sah nicht, wohin er ging. Nur ins Freie, hinaus, fort aus der
+Albernheit dieser Enge, die ihn eben stundenlang umschnürt gehalten
+hatte!
+
+Er war wie zerschlagen.
+
+Seit Jahren hatte ihn nichts, keine Unterredung, keine Diskussion,
+keine Verhandlung, so ermüdet, wie die Unterhaltung dieses
+Nachmittags.
+
+Ihm war, als habe er Zuckerwasser trinken müssen, in großen
+Quantitäten, ein Glas nach dem andern. Ihm war als sei er
+umhergetappt in schwülen und haltlosen Nebeln, als habe er etwas
+Weiches, Zerrinnendes zwischen seinen Fingern gehalten, etwas, das
+formlos war und keine Gestalt annehmen wollte, er mochte bilden, wie
+er wollte.
+
+Es war die Moral der Bourgeoisie gewesen, mit der er eben diesen
+Kampf gekämpft hatte, diese satte, selbstgefällige, verächtliche
+Moral, die keinem Gedanken Stand hielt, an jeder Wahrheit genäschig
+schleckte und alles, alles, alles herunterzog in den Staub ihrer
+Mittelmäßigkeit. Er haßte sie, diese Menschen, er fühlte erst jetzt,
+wie sehr er sie immer gehaßt hatte: ihre Anschauungen, ihre Sitten,
+ihre Gewohnheiten, ihr heuchlerisches Weinen und ihr oberflächliches,
+humorloses Lachen.
+
+Was wollte denn diese Frau eigentlich?
+
+Hatte sie nicht alles, was ein Mensch nur an äußerlichem Glück
+begehren konnte?
+
+Sie war schön. Sie war noch jung. Sie war reich. Aber sie hatte
+einen Mann, der wohl zuweilen eine eigene Meinung zu haben sich
+erlaubte; einen Mann, der sie nicht so befriedigte, wie ihre Natur
+es verlangte. Nun, warum ging sie nicht von ihm, wenn sie es bei ihm
+nicht mehr "aushalten" konnte?
+
+Nichts hielt sie, als die kindischen Anschauungen ihrer Klasse von
+Ehre und Sittlichkeit.
+
+Die Welt lag vor ihr. Warum ging sie nicht hinein, lernte kennen,
+was dem Suchenden so interessant, so geheimnisvoll, so neu und so
+unendlich reizvoll erscheinen muß?
+
+Weshalb genoß sie nicht die Schönheit dieser Welt, von der sie
+nichts kannte?
+
+Sie konnte nicht allein sein. Zu flach, um sich selbst auch nur auf
+eine Stunde zu genügen, konnte sie auf eine Stunde nicht die
+Gesellschaft entbehren, deren Leben ihre Nahrung war. Machtlos, sich
+durch ihre eigene Persönlichkeit neue Verbindungen zu schaffen, wäre
+sie draußen in der weiten Welt gestorben vor Langeweile, verzehrt
+von Sehnsucht nach dem kleinlichen Getriebe ihrer früheren Tage.
+
+Deshalb mußte sie bleiben, wo sie war, auf dem Platze, auf den sie
+ihr eigener freier Wille gestellt, und den zu verlassen sie nicht
+die Kraft besaß.
+
+Sie mußte ihr "Unglück" weitertragen.
+
+Er glaubte nicht an dieses Unglück. In Wirklichkeit hatte er nie
+geglaubt, daß diese Frau jemals unglücklich werden könne.
+
+Außerdem würde sie ihren Mann allmählich besiegen. Eine echte Frau,
+die sie war, würde sie ihn mürbe machen--: langsam, nach und nach,
+mit aller Zähigkeit, würde sie ihm Locke auf Locke seiner Kraft
+rauben, bis er willenlos geworden war ihr gegenüber.
+
+Der Mann war mehr zu bedauern als sie.
+
+Für ihn aber war sie eine abgetane Sache. Es war eine Dummheit
+gewesen, daß er hierher gekommen war. Er gehörte nicht zu den
+Menschen, die sich schämen, ihren Dummheiten ins Gesicht zu sehen.
+Aber er glaubte doch, nun sagen zu dürfen, daß er so bald keine neue
+machen würde.
+
+Am liebsten wäre er noch heute Abend abgereist. Doch er wußte nicht,
+wann die Züge gingen. Und außerdem--er war nun einmal hier. Die
+Hitze des Tages begann langsam nachzulassen. Er wollte noch einige
+Stunden verbringen auf dieser Höhe mit dem Blick auf die Stadt zu
+seinen Füßen. Irgendwo würde er schon ein grünes und kühles
+Plätzchen finden.
+
+Und mit dem charakteristischen Ruck seiner Schultern schüttelte er
+die Erlebnisse dieses Nachmittages von sich: aus seiner Stirn und
+von seiner Brust.
+
+Nun waren sie ihm erledigt für immer.
+
+
+
+
+XIII.
+
+"Eine komische, kleine Stadt!" hatte er noch vor drei Stunden zu
+sich selbst gesagt.
+
+Aber von dieser Höhe aus gesehen schien die Stadt weder klein noch
+komisch, und er dachte, es müsse gräßlich sein, in ihr zu leben und
+zu sterben.
+
+Gewiß--man wußte nicht mehr, was der Nachbar kochte und aß, aber
+was er trieb und ließ, man kümmerte sich darum noch immer bis in die
+kleinsten Einzelheiten hinein.
+
+Daher wagte sich keiner zu rühren, und bei jeder Handlung, die er
+beging, sah er zuerst den anderen an, ob dieser dasselbe je getan
+oder je tun würde.
+
+Es gab Männer von Genie in dieser Stadt: aber ihr Genie war völlig
+einseitig. Es war einzig darauf gerichtet, Geld in möglichst großen
+Massen zusammenzuspeichern. Ein schlechterer Gebrauch konnte von
+demselben nicht gemacht werden, wie es hier geschah: es blieb oft
+einfach liegen und vermehrte sich dann--infolge der Privilegien,
+die es schützten--von selbst. Es zog alle Kraft und alle Energie
+dieses ganzen Landes an sich. Es war ein kaltes, grausames,
+sinnloses Ungetüm, unersättlich und gierig.
+
+Auch denen, die es besaßen, gab es nichts. Denn sie hatten keinen
+Geist. Sie hatten keine Spur von Geist. Sie machten alle Jahre eine
+vierwöchentliche Reise und schickten ihre Söhne einige Jahre in die
+Freiheit des Lebens.
+
+Außerdem gaben sie alle paar Wochen ihrer ganzen Familie große
+Essen, bei denen es hoch herging. Man sprach im heimischen Dialekt
+und ergänzte die Familienchronik.
+
+Das war aber auch alles. Für kein Vergnügen feinerer Art hatte man
+hier den geringsten Sinn. Man besaß kein Theater, keine
+Konzerthalle, und man kaufte nie ein Buch. Die Kunst war hier so
+heimatlos wie die Wissenschaft.
+
+So war es vor zehn Jahren noch gewesen.
+
+Ob es heute noch so war, wußte Grach nicht. Es war ihm auch
+gleichgültig. In der Zeitung der einen Stadt--die der einen war
+konservativ, die der anderen freisinnig, und sie lagen sich
+natürlich beständig in den Haaren--hatte sich noch kein Wort
+geändert gegen früher. Er hatte sie beim Essen durchflogen.
+
+Nein, es war keine komische Stadt, wenigstens nicht für den, der in
+ihr zu leben gezwungen war.
+
+Es war auch eigentlich keine kleine Stadt, denn sie füllte, wie er
+jetzt sah, die ganze Breite dieses Tales. Sie hatte sich vergrößert.
+Man hatte--traurig genug--zu den drei alten noch zwei neue Kirchen
+gebaut.
+
+Dieses Tal entbehrte der Anmut nicht. Der träge Fluß durchschnitt
+üppige Wiesen, und die Hügel waren bedeckt mit dichtem Tannen und
+Laubholz. Aus einer dieser dunklen Kuppen ragten die schlanken
+Turmspitzen eines modernen Schlosses in den sonnenheißen Himmel.
+Dort wohnte der König der Gegend. Er wußte, daß er das war: er
+redete seine Arbeiter mit Ihr an und sorgte für sie, wie "ein Vater
+für seine Kinder." Ihm ging es gut dabei; seinen "Kindern" weniger.
+Never mind!--
+
+Und immer wieder wandten sich Grachs Augen nach rechts und nach
+links, dorthin, wo an den Grenzen seiner Blicke die Wolken des
+Rauches sich ballten zu seltsamen, fremdartigen, formlosen Gebilden.
+
+Ideen schienen es zu sein, die nach Gestaltung rangen. Und er sah im
+Geiste den Tag, wo diese Ideen, nicht am hellen Nachmittag in heißer
+Sonne, nein, am kühlen Abend, beim Beginn der Nacht, in rußige,
+markige Gestalten verkörpert, von beiden Seiten dieses Tales
+herangezogen kamen und diese ganz abgelebte Gewöhnlichkeit, dieses
+ganze Nest von Aemtern, Titeln und Würden, diese ganze Uniformität
+der Gesinnung so durcheinander rüttelten, daß die friedlichen
+Schläfer dieser guten Städte am nächsten Morgen nicht mehr wissen
+würden, auf welcher Seite des Flusses sie eigentlich waren.
+
+Dann würde er vielleicht endlich geendet sein, der erbitterte Streit
+um die Oberherrschaft.
+
+Aber dann würde es auch zu spät sein.
+
+------------------------------------
+
+Eine komische kleine Stadt!
+
+Nein, es war weder eine komische, noch eine kleine Stadt.
+
+Trotz der Hitze fröstelte Grach.
+
+Die Sonne quälte ihn, und seine undankbaren Gedanken quälten ihn
+ebenfalls.
+
+Hatte er nicht Grund, dankbar zu sein?
+
+Dankbar dafür, daß er nicht mehr hier zu leben brauchte?--
+
+Er wandte sich ab und stieg den Weg weiter hinauf. Ein Blechschild
+fiel ihm in die Augen:
+
+"Gartenwirtschaft". Das war, was er suchte. Bäume und Schatten und
+Stille.
+
+Er stieg eine Treppe empor und durchschritt die Tür. Da stutzte er
+plötzlich.
+
+Vor ihm her ging eine Frau.
+
+
+
+
+XIV.
+
+Er erkannte sie sofort.
+
+Nur eine Frau war ihm im Leben begegnet, der dieser feste, stolze
+Gang, diese aufrechte, und doch graziöse Haltung eigen war: Dora
+Syk. Sie mußte seine Schritte gehört haben, denn sie wandte sich um.
+
+Zu gleicher Zeit streckten ihre Hände sich einander entgegen und
+faßten sich mit starkem, freundschaftlichem Druck.
+
+Die Freude, sich wiederzusehen, war auf beiden Seiten gleich groß
+und ehrlich. Gleich war aber auch bei beiden eine gewisse
+Verlegenheit: man war hier auf fremdem Boden und wußte im ersten
+Augenblick nicht recht, wie man es dem anderen klar machen sollte,
+weshalb man hier war . . .
+
+Dort, wo ihre eigentliche Heimat war, in der großen, weiten Welt, in
+dem Getriebe der ungeheuren Stadt, in den schrankenlosen
+Verhältnissen, deren Physiognomie wechselte wie der schwankende Tag,
+in der großen, geistigen Bewegung, waren sie sich zuerst begegnet,
+hatten sie sich gesehen, sich gesprochen, waren sie schnell wieder
+auseinander gerissen, hatten sich nicht vergessen, aber auch kaum
+mehr aneinander gedacht, vielleicht nur deshalb, weil sie keine Zeit
+dazu hatten.
+
+Seinen Namen hörte sie oft: er wurde überhaupt viel genannt; ihren
+Namen hatte er lange gekannt, ehe er sie sah, denn er war eine
+Zeitlang viel genannt worden. Es war gewesen, als sie einundzwanzig
+Jahre alt war und ihr erstes Werk Aufsehen erregte. Vor etwa sechs
+Jahren.
+
+"Franz Grach"--
+
+"Dora Syk"--
+
+Sich hier wiederzusehen, war für beide eine ganz außergewöhnliche
+Ueberraschung, und indem sie nach einem Wort suchten, um dieselbe
+auszudrücken, fingen sie beide plötzlich an zu lachen und gaben sich
+nochmals die hand, wie um sich zu vergewissern, daß sie es wirklich
+waren.
+
+"Fräulein Dora Syk!" rief er aus. "Also deshalb hört man nichts mehr
+von Ihnen--"
+
+"Es ist sehr eigentümlich, daß wir uns hier treffen," sagte sie,
+indem sie ihre Hand zurückzog.
+
+"Nicht so sehr, was mich betrifft: bin ich doch hier in der Stadt
+meiner Jugend. Ich bin nämlich hier erzogen."
+
+"So. Und ich erziehe jetzt hier."
+
+Er fuhr zurück.
+
+"Das ist schrecklich. Wen erziehen Sie denn?"
+
+Sie lachte herzlich. "Kinder", sagte sie, "Mädchen von zwölf und
+dreizehn Jahren."
+
+"In der höheren Töchterschule?"--
+
+"Ja, in derselben", entgegnete sie, und immer noch lag Lachen um
+ihren Mund. "Ich bewundere die Treue Ihres Gedächtnisses. Wie lange
+waren Sie nicht hier?"--
+
+"Fast ein Jahrzehnt nicht.--Hören Sie:
+
+Der Herr segne Deinen Ausgang und--"
+
+"Und deinen Eingang--ja, so steht es über dem Tor geschrieben."
+
+"Lachen Sie doch nicht, Fräulein Syk! Ich weiß, was es heißen will,
+Lehrerin an dieser Schule zu sein--für Sie ist es unwürdig."
+
+"Nein," sagte sie schnell und wurde ernst, "es ist nicht unwürdig,
+um sein Brot zu arbeiten. Aber eines ist sicher: es ist lähmend,
+weil es unnütz, total unnütz ist. Denn ich bin gehindert, das zu
+sagen, was ich sagen möchte, wenn ich auch nicht gezwungen bin, zu
+sagen, was ich nicht sagen will . . . Unwürdig?--Nein, das
+Schweigen der Machtlosigkeit ist nie unwürdig."
+
+Er sah sie inmitten dieser Gesellschaft, die er kannte--die
+Personen konnten sich geändert haben, die Tendenzen nie: der
+Direktor ein Pietist, die Lehrer zu halben Weibern geworden in ihrer
+falschen Stellung zwischen lauter Unterröcken, die Lehrerinnen alte
+Jungfern, verbittert die einen, emanzipiert im unguten Sinne die
+anderen--und er hörte nicht auf das, was sie ihm entgegnete.
+
+"Wie können Sie hier leben?" rief er fast heftig. "Wie können Sie
+sich stellen zu diesen Mumien--"
+
+"Sehr gut. Sie hassen mich so, daß wir fast nie zusammen sprechen--"
+
+"Ja, was sollten Sie auch zusammen sprechen!" rief er. "Und machen
+Sie mir nur nicht vor, daß es anders ist mit dieser entzückenden
+Jugend, ich kenne sie, diese unreife Gesellschaft, schlimmer als die
+Buben sind sie: kokett schon, noch mit der Puppe im Arm, neugierig,
+naschhaft, und ganz schon von dieser entsetzlichen Schwatzhaftigkeit
+der Alten, dieser Schwatzhaftigkeit der Leere, die nichts zu sagen
+weiß und immer plappert, plappert--o, ich habe sie eben drei
+Stunden lang gehört!--"
+
+Sie ging ruhig weiter, aber sie antwortete ihm nicht mehr. Ihr
+Beispiel, dachte er da, dieses herrliche Beispiel der Kraft und
+Gesundheit, der Vorurteilslosigkeit und Schönheit, des Geschmacks
+und der Gesundheit der Harmonie, ihr Beispiel, sollte wenigstens
+nicht dieses schweigend wirken? Und er fragte sie danach.
+
+Mit einiger Ungeduld lehnte sie seine weiteren Fragen ab. Auch ihr
+Beispiel nicht, sie sagte es schon. Es war kein Boden bereitet.
+
+Er merkte plötzlich, daß sie litt, und ward still.
+
+
+
+
+XV.
+
+Während ihres kurzen Gespräches hatten sie den Garten betreten.
+Ueber die ganze Kuppe des Hügels hin erstreckte er sich. Seine Bäume
+waren herrlich. Sie bildeten dichte und schützende Dächer über den
+Tischen und Stühlen, die überall auf die ansteigenden Terrassen
+gestellt waren.
+
+Eine große Halle lag auf der höchsten Höhe des Hügels. Sie war roh
+aus Holz aufgezimmert und dazu bestimmt, großen Massen bei
+schlechtem Wetter Aufenthalt zu gewähren. Denn an allen Sonn- und
+Feiertagen belebten Hunderte und Aberhunderte von Menschen die
+Stille dieser fast einsamen Höhe; an Wochentagen verlief sich selten
+ein Gast hierher. Die reiche Natur konnte ungestört die Schäden
+wieder heilen, welche trampelnde Füße, die keiner Wege achteten, und
+rohe Hände, die frevlerisch in dieser grünen Pracht wühlten, ihr
+schlugen.
+
+Keine Großstadt besaß einen größeren, in seiner rauhen und nie
+gepflegten Wildheit schöneren Garten.
+
+Grach breitete die Arme aus vor Freude.
+
+"Das ist herrlich!" rief er.
+
+Sie lächelte.
+
+"Ja, es ist herrlich!" sagte sie auch. "Es vergeht fast kein Tag, an
+dem ich nicht die letzten Stunden des Nachmittags hier verbringe.
+Hier stört mich kein Mensch. Ich kann sitzen, wo ich will, ich kann
+gehen, ich kann lesen, ich kann tun, was ich will. Mir ist, als sei
+sie mein, diese ganze Höhe."
+
+An dem Wirtshause vorbei, wo der Besitzer des Gartens mit seiner
+Familie wohnte, führte sie ihn langsam empor.
+
+"Ueberall können wir uns setzen, Grach," sagte sie. "Wollen Sie die
+Stadt sehen? Oder wollen wir hier bleiben auf dieser Terrasse, wo es
+am kühlsten ist?"--
+
+"Hier," bat er, "lassen Sie uns hier bleiben. Hier ist es einsam,
+kühl und schön."
+
+So setzten sie sich, einander gegenüber, an einen der Tische. Ein
+Mädchen kam mit einer Flasche und einem Glase. Als sie den gewohnten
+einsamen Gast in Gesellschaft eines zweiten sah, malte sich
+sprachloses Erstaunen auf dem frischen, jungen Gesicht.
+
+"Kein Bier heute, Käthchen," sagte Dora Syk, "ich habe Besuch heute.
+Eine Flasche Rheinwein und zwei Gläser."
+
+Das Mädchen entfernte sich nur zögernd.
+
+"Sie ist völlig außer Fassung, die Kleine. In den drei Sommern ist
+ihr das nicht vorgekommen. Und, daß ich es Ihnen nur gestehe, auch
+ich bin etwas verwundert.--Also die Sehnsucht hat Sie einmal wieder
+hierhergetrieben? Sie wollten einmal wieder wandeln auf den Fluren
+Ihrer Kindheit?"
+
+"Ach was," rief er fast barsch, "ich habe eine Dummheit gemacht,
+eine große Dummheit."
+
+Er erzählte ihr in hundert Worten, was er soeben erlebt.
+
+
+
+
+XVI.
+
+Der Wein glänzte in den Gläsern vor ihnen. Sie stießen miteinander
+an.
+
+"Aber ich bin ausgesöhnt mit meiner Dummheit--" rief er in ehrlicher
+Freude, während er sie ansah.
+
+Sie war es wert, angesehen zu werden.
+
+Fest zurückgelehnt in den Stuhl und die Füße gegen den Boden
+gestemmt, die Hände im Schoße gefaltet, saß sie in der unbewegten
+Ruhe von Menschen da, die viel arbeiten, und diese Ruhe, derer sie
+bedürfen, dann wenn sie ihnen wird, auch wirklich genießen.
+
+Ihren Hut hatte sie abgenommen, und Grach bewunderte die einfache
+Kunst, mit der sie ihr dunkelbraunes Haar in einen griechischen
+Knoten gebunden trug.
+
+Alle Linien an dieser schönen Gestalt waren groß, kühn und frei;
+lang und natürlich, durch keine künstlichen Mittel verziert, fielen
+die Falten ihres Kleides nieder.
+
+Ihre Hände, an denen sie keine Ringe trug, waren groß und weiß, und
+ebenso waren ihre Zähne, keine "Perlen"-Zähne, aber Zähne von
+tadelloser Ebenmäßigkeit.
+
+Das Gleichmaß der ruhigen, großen Schönheit war in ihr verkörpert.
+Und wie es unmöglich war, sich dieses Gleichmaß ihrer Erscheinung
+durch irgend etwas: durch eine eckige, unbehilfliche Bewegung, durch
+die Wildheit eines fassungslosen Schmerzes, die Raserei einer
+zügellosen Leidenschaft, die Unschönheit einer Erniedrigung oder
+einer gewaltsamen Ueberhebung gestört zu denken, so unmöglich war es
+auch zu glauben, daß das Alter jemals diese hohe Gestalt beugen, das
+Elend diese einfache Würde knicken, Krankheit diese verkörperte
+Gesundheit brechen könne.
+
+Es gibt Profile, die hingekritzelt scheinen, stümperhafte
+Dilettantismen, verzerrte Karrikaturen in die Breite oder in die
+Länge, hingeklatscht von ungeübter Hand und dann verwischt durch
+Zerknitterung des Papiers; und es gibt Profile, die mit Künstlerhand
+schnell entworfen scheinen in verräterisch-schönen Linien voll
+Weichheit, Grazie und Liebreiz, oder aber hingezeichnet in einem
+großen, wundervollen Zuge in seltener Stunde . . .
+
+Zu den letzteren gehörte Dora Syks Profil. Ein Ansatz, ein kühner
+Zug, rasch, energisch, meisterhaft--tadellos: so war ihr Profil,
+das Grach in erwachender Leidenschaft mit dem Auge sich immer wieder
+heimlich nachzeichnete, während er es betrachtete.
+
+Nie war ihm früher die bestechende Harmonie ihres Wesens so
+aufgefallen, wie jetzt. Der beschäftigte Tag hatte damals seinen
+Blick getrübt. Nun saß sie vor ihm und sah vor sich hin, während er
+sprach.
+
+Und mehr als alles bezwang ihn der Ausdruck einer beginnenden
+Müdigkeit, die sich über dies schöne Antlitz ausbreitete. Keine Spur
+von der Unschönheit der Bitterkeit, nur das ganz allmähliche
+Erlahmen . . .
+
+Ein noch fast unsichtbares Erlahmen.
+
+Aber er sah es.
+
+Dieser schöne Mund begann sich zu schließen in der Herbheit des
+Stolzes--wann durfte er einmal sprechen in den Lauten, die er
+gewohnt war, den Lauten der Erkenntnis, der Freiheit und des
+Verständnisses der Liebe?--Diese tiefen Augen umschatteten sich
+bereits. Gewöhnt, in die weiteste Ferne zu schauen, Abwechslung,
+Fülle, Reichtum alles äußeren Lebens zu trinken, fingen sie an sich
+zu trüben zwischen den Dunstwolken dieses ärmlichen Tales, dem
+Rauche der Feuerherde dieser erbärmlichen Stadt, der Stickluft einer
+ungelüfteten Schulstube.
+
+Er dachte an anderes, während er ihr erzählte, weshalb er
+hierhergekommen war. Er wurde unruhig.
+
+
+
+
+XVII.
+
+"Menschen der Ehe!" sagte sie, als er geendet hatte. Er sah auf. Sie
+hatte also sein Werk gelesen. Er wußte nicht, daß es seit Jahren
+keinen Mann gab, den sie im Stillen seines Mutes und seiner
+unerschütterlichen Energie wegen so bewunderte wie ihn.
+
+"Menschen der Ehe!" wiederholte sie, ohne Geringschätzung oder
+Verachtung, sondern mit der Ruhe, mit welcher der Forscher das
+Objekt seines Studiums benennt. Aber lachen schien sie doch nicht zu
+können über Grachs hastige Erzählung. Dazu war sie diesen Menschen
+doch zu nah.
+
+Mehr und mehr überzeugte sich Grach während des Gespräches der
+nächsten Stunde, wie sehr sie es verstanden hatte, sich allem, was
+die Zeit an Gutem, Bedeutendem und Großem leistete, nah zu halten.
+Fast nichts war ihr unbekannt geblieben: jedes Buch hatte sie
+gelesen, jedes Ereignis mit dem ihr eigenen Scharfblick betrachtet
+und beurteilt, jede neue Erscheinung in den Kreis ihres Verstehens
+gezogen.
+
+Sie sprachen von allem, wie es ihnen kam. Ueber vieles gingen ihre
+Ansichten auseinander, aber über jedes hörten sie des anderen
+Meinung, und über nichts verschwiegen sie ihm die eigene.
+
+Er forschte sie aus. Aber es war so, wie er dachte: sie stand hier
+ganz allein, ohne Freunde, ohne Verkehr, ohne Verständnis bei irgend
+einem Menschen. Sie las viel. Aber sie war die einzige vielleicht in
+der ganzen Stadt, die anderes las als Zeitungen und die Romane der
+Leihbibliotheken.
+
+Kein Mensch auch wußte hier, wer sie war. Eine fremde Erscheinung,
+war sie hierhergekommen, und mit scheuer Achtung ging man ihr aus dem
+Wege, während man ihr nach den ganzen Klatsch der Verständnislosigkeit
+und des Hasses, weil sie "anders war", schüttete.
+
+Wer sollte hier auch ihren Namen kennen? Hier waren nur die Namen
+berühmt, welche die Schilder der Straßen und die Zeitungen des Tages
+nannten.
+
+Sie war plötzlich verschollen, und der Laut ihres Namens war schon
+fast verhallt. War sie hier untergetaucht in diesem Sumpf, um hier
+zu sterben?--Der Gedanke machte Grach schaudern.
+
+Und wieder betrachtete er sie mit den Blicken der Liebe, während er
+auf den Klang dieser tiefen, schönen Altstimme lauschte. Sie sprach
+langsam das Ernste, das sich in ihrem Gehirn bildete, und mit
+Nachdruck in jedem Wort. Leicht jedoch und ungezwungen beantwortete
+sie seine Fragen nach ihrem persönlichen Leben, mit einem ganz
+kleinen Anflug von Spott und Wehmut in ihrer Stimme.
+
+Sie war wohltuend, diese Stimme. Unwillkürlich mußte er einmal diese
+einfache und schöne Sprache mit dem Geplapper vergleichen, das ihn
+den ganzen Nachmittag gefoltert. Auch in allen Nebensächlichkeiten
+war keine größere Verschiedenheit denkbar, als zwischen diesen
+beiden Frauen.
+
+Welche wunderbare Frau! Welche wunderbare Frau! dachte er immer
+wieder und ließ keinen Blick von ihr. Immer mehr begann er sie zu
+verstehen. Täuschte er sich dennoch?--War sie glücklicher hier, als
+sie es früher gewesen? Oder war diese Resignation nur die Folge
+eines äußeren Zwanges.
+
+Nein, er konnte sich nicht täuschen!
+
+Sie litt.
+
+Eine herrliche und fast unerschöpfliche Fülle von Lebenskraft hatte
+sie bisher aufrecht erhalten. Noch war nichts in ihr angegriffen,
+geschweige denn gestört.
+
+Aber der äußere Dunst begann sie zu bleichen. Sie verlangte nach
+Leben, wie die Pflanze nach Wasser verlangt.
+
+Drei Jahre schon hatte sie keinen Tropfen vielleicht äußeren Glücks
+genossen--jenes Glückes, welches ein tägliches Bedürfnis ist: für
+Körper und Geist eine Befriedigung.
+
+Und noch immer stand sie aufrecht!--Aber von heute schon auf morgen
+konnte sich das erste dieser dunklen Haare bleichen, konnte sich
+diesem Munde zum erstenmal ein Schrei der Wildheit: der Wut und der
+Klage entlösen und er sich dann auf immer in Schweigen schließen,
+konnte dieser noch so helle und klare Geist sich trüben in der Nacht
+dieses Lebens . . . Und dann war es zu spät!
+
+Nein, nie durfte das sein!
+
+Er lachte plötzlich laut und bitter.
+
+Sie sah erstaunt auf.
+
+"Weshalb lachen Sie so?"
+
+Alles in ihm schäumte auf.
+
+"Dora Syk", rief er, und lachte wieder, wie eben, "Dora Syk--und
+zweite Klassenlehrerin in der Schule für höhere Töchter zu Abdera!--
+Nun, wenn das kein Witz ist, über den man lachen darf, dann weiß ich
+es nicht!"
+
+Sie erblaßte erst, dann überzog ein tiefer Unmut ihre Stirn. Zum
+erstenmal mischte sich ein Klang von Schärfe in ihre Stimme.
+
+"Sie verstehen meine Stellung völlig falsch, Grach." Sie sah ihn
+fest an. "Ich bin nicht nur hierhergekommen, um für einige Zeit in
+sicherer, äußerlich sicherer Situation leben zu können, sondern ich
+bin auch hierhergekommen, weil ich--ich wiederhole: für einige Zeit
+--der inneren Ruhe bedurfte. Und das ist genug Entschuldigung für
+meine Flucht, wenn sie überhaupt einer bedarf."
+
+Aber Grach war so erregt, daß er nur halb vernahm, was sie sagte.
+
+"Ach was," rief er ungestüm, "eine Frau wie Sie hat überhaupt keine
+Entschuldigung! Die einzige, welche es gäbe, wäre die: daß Sie hier
+Ihr Leben wirklich leben. Aber zwischen diesen Mumien und
+Geldsäcken, in diesem stagnierenden Haufen müssen sie ja über kurz
+oder lang ersticken!"
+
+Ihre Antwort erfolgte sofort. Sie war erzürnt.
+
+"Sie gehen immer wieder von der unbegründeten und ganz falschen
+Voraussetzung aus, daß ich mich auf immer hier vergraben wolle. Ich
+denke nicht daran."
+
+Er war aufgesprungen und ging auf und ab.
+
+Sie war wieder völlig ruhig. Auch während der letzten Worte hatte
+sich keine Linie ihrer ruhigen Haltung verändert.
+
+"Ich weiß, was ich zu tun und zu lassen habe. Und wenn Sie es
+durchaus wissen willen, nun ja, ich denke, ich gehe bald zurück in
+die weite Welt meiner Heimat . . ."
+
+Er stand ihr zur Seite und sie hörte seinen schweren Atem.
+
+"Tun Sie es noch heute!" rief er leidenschaftlich, und mit bebender
+Stimme fügte er, kaum hörbar selbst für sie, hinzu: "Und--tun Sie
+es mit mir!" . . . .
+
+Er sah auf sie nieder. Sie rührte sich nicht. Die leise Dämmerung,
+die unter den hängenden Zweigen lag, verhinderte ihn zu sehen, wie
+die Farbe ihres Gesichtes wechselte.
+
+Sie antwortete nicht. Seine Hand lag auf der Lehne ihres Stuhles.
+
+Dann sah sie auf seinen Sitz. Er verstand sie und setzte sich
+langsam.
+
+Sie nahm das vor ihr stehende Glas und leerte es mit einem Zuge.
+
+Sein Herz klopfte.
+
+Da sah sie ihn an und lächelte. Noch immer entgegnete sie ihm mit
+keinem Worte. Aber er wußte jetzt, was er begehrte zu wissen.
+
+Er nahm ihre schlaff herabhängende Hand. Er küßte sie nicht. Aber
+mit beiden Händen umfaßte er sie innig, mit einem zarten und
+zugleich festen Druck.
+
+"Dora Syk," sagte er leise, und seine Stimme bebte noch immer, "die
+Erde ist so arm an Glück in unseren Tagen. Sollten wir nicht einmal
+versuchen, zusammen glücklich zu sein?"
+
+Sie sahen sich an. In seinen Augen glühte die heiße, stumme,
+begehrende Bitte.
+
+Er hatte gesiegt. Er sah es an dem Ausdruck ihrer Augen, dem Lächeln
+ihres Mundes, und er fühlte es an der Wärme ihrer Hand, die er nicht
+losließ.
+
+Sie zog sie zurück. Sie wollte nicht, daß die Stimmung sie
+überwältigte.
+
+"Schenken Sie mir noch einmal ein, Grach.--So.--Und nun lassen Sie
+uns vernünftig zusammen sprechen, nun, wie Leute, die nicht mehr
+ganz jung sind, über so etwas sprechen sollten."
+
+Ihre Stimme hatte nur äußerlich den scherzhaften Klang.
+
+Sie machte noch eine Pause, ehe sie begann.
+
+"Ja" sagte sie endlich. "Sie haben recht. Ich muß fort von hier. Ich
+will es selbst. Und auch darin haben Sie recht: es soll bald, es
+soll sofort sein.--Meine Ferien beginnen erst in acht Tagen. Aber
+ich kann mich vertreten lassen. Es ist das erste Mal, daß ich eine
+Hilfe dieser Art in Anspruch nehme, und da es auch das letzte Mal
+ist, habe ich keine Ursache, eine Zustimmung erst abzuwarten. Es
+genügt, wenn ich dem Direktor die Anzeige meines Fortgehens mache.
+
+Auch meine Verhältnisse kann ich sofort ordnen.--Aber bevor ich mit
+Ihnen gehe, müssen Sie die folgenden Bedingungen annehmen:
+
+Ich liebe meine Freiheit über alles, wie Sie die Ihre. Wir werden
+also vollständig, in jeder Beziehung, unabhängig voneinander sein.
+Wir werden uns gegenseitig verschonen mit allen läppischen
+Zudringlichkeiten an Zeit und Stimmung. Wollen wir einen Weg nicht
+zusammen miteinander gehen, so geht jeder seinen eigenen. Und--was
+das Wichtigste ist--wir werden uns trennen in der ersten Stunde. in
+der wir--anfangen werden, uns miteinander zu langweilen."
+
+Sie beugte sich vor und sah ihn mit ihren schönen, klugen Augen an.
+
+"Wollen Sie auf diese Bedingungen eingehen, Grach, dann geben Sie
+mir nochmals die Hand."
+
+Er griff nach ihren beiden Händen.
+
+"Dora Syk," rief er in jugendlicher Begeisterung, "weiß der Himmel,
+aber Sie sind doch die herrlichste Frau, die ich je in meinem Leben
+kennen gelernt habe!"
+
+Da lachte sie hell auf, und der Bann zwischen ihnen war gebrochen.
+Frage auf Frage und Antwort auf Antwort folgten nun in buntem
+Wirbel.
+
+Nach Paris wollten sie gehen. Noch heute Abend. Mit dem Schnellzug
+um halb elf Uhr. Morgen früh waren sie dort. Er zweifelte, daß sie
+bis zehn Uhr fertig sein könnte. Gewiß, drei Stunden würden genügen
+für sie. Hatte sie doch von niemand hier Abschied zu nehmen.
+
+Aber lange hier bleiben durften sie dann nicht mehr. Welche Zeit war
+es denn? Schon sieben! Ja, es war dunkel schon unter den Bäumen.
+Einen Abschied aber wollte sie doch noch nehmen: von der Kleinen,
+die sie so oft hier bedient, und mit der sie so manches freundliche
+Wort getauscht, in der Einsamkeit ihrer vielen Stunden, die sie hier
+verbracht.
+
+Sie ging in das Haus und bat ihn, zu warten.
+
+Nach zehn Minuten--zehn Minuten, in denen er wie betäubt von seinem
+neuen Glück dagesessen hatte--kam sie zurück.
+
+"Armes kleines Ding, sie hätte beinahe geweint. Aber ich habe ihr
+gesagt, sie solle es so machen, wie ich."
+
+Da hielt er sich nicht mehr und nahm sie in seine Arme. Sie ließ es
+geschehen, daß er sie küßte.
+
+Ernst, Würde, Fassung--Liebreiz, Güte, Harmonie, der Witz der
+Feinheit--ein außergewöhnlicher Verstand, ein unergründbares Herz:
+wie, alles dies besaß er plötzlich, ohne es sich erworben zu haben?--
+
+Das letzte Glas stand vor ihnen. Der gelbe Wein schimmerte in der
+Dämmerung.
+
+"Auf unsere Liebe!--Dora!" rief er.
+
+"Nein, auf die Freiheit unserer Liebe, die sie so schön macht!"
+sagte sie langsam, bevor sie trank.
+
+
+
+
+XVIII.
+
+Sie verließen den Garten.
+
+Sie sprachen nicht mehr. Schweigend gingen sie hin.
+
+Aber als sie eine helle Kinderstimme singen hörten--grell und
+falsch, doch unbekümmert klang es von den Lippen:
+
+
+
+"Nur einmal blüht im Jahr der Mai--
+
+"Nur einmal--im Leben--die--Lie--be!--"
+
+
+
+sahen sie sich an und lächelten.
+
+"Es ist nicht wahr--" sagten sie sich mit diesem Lächeln,
+"hundertmal blühen sie, und immer von neuem, oft zusammen, oft der
+eine ohne die andere . . ."
+
+Und sie sagten sich:
+
+"Aber nie hat sie uns so schön geblüht, wie dieses Mal . . ."
+
+Wieder hörten sie die Stimme und die Worte.
+
+"Es ist nicht wahr--"
+
+"Es ist ewig nicht wahr--"
+
+An dem Kreuzwege blieb sie stehen. Laut sagte sie ihm:
+
+"Ich gehe jetzt nach Hause. Ich komme schneller dahin, wenn ich
+allein gehe.--Um zehn Uhr bin ich auf dem Bahnhofe."
+
+Sie gab ihm nicht die Hand, sie grüßte ihn nur mit dem Neigen ihrer
+Stirn.
+
+Er verstand sie. Er hatte den Hut abgenommen und er verbeugte sich,
+als sie ging. Er verstand sie: es war nicht Feigheit, daß sie nicht
+in den Gassen der Stadt mit ihm zusammen gesehen sein wollte. Nur
+_jetzt_ wollte sie unbehelligt bleiben von den frechen Blicken der
+Neugier, deren Worte sie von nun an nicht mehr berühren, deren Taten
+sie von nun an nicht mehr hindern konnten . . .
+
+Aber er konnte sich nicht enthalten, ihr nachzusehen. Nur eine ging
+so: sie. Ohne das Wiegen der Hüften, das Schwanken der Schultern,
+ging sie stets mit denselben ruhigen, auch in der Eile, wie jetzt,
+noch gleichmäßigen, festen, kühnen Schritten die mehr als alles die
+Gesundheit ihres Wesens zeichneten.
+
+Die steile Straße abwärts führten sie diese Schritte; dann verbarg
+ihren Kopf der hängende Zweig eines Baumes und gleich darauf ein
+Haus ihre Gestalt, die der dämmernde Schatten des Abend bereits
+verwischte.
+
+So lange seine Augen sie noch faßten, sah er ihr nach. Nicht eher
+ließ er los, was er leibhaftig mit den Sinnen zu fühlen noch
+vermochte.
+
+Auch durch die Dunkelheit der Entfernung hin versuchte er ihr noch
+zu folgen.
+
+Aber er war bereits lange allein.
+
+
+
+
+XIX.
+
+Er sah nach der Zeit: halb acht Uhr.
+
+Also noch nicht drei Stunden waren vergangen, seit er zuletzt auf
+diesem Platze gestanden hatte!--
+
+Fast begann er irre zu werden an der Wirklichkeit seines Glückes.
+
+War es nicht alles ein Traum?
+
+Wie wunderbar: er stand als Mann wieder auf der Stätte seiner
+Kindheit. Vor Augenblicken hatte er sie wieder gesehen, nach
+Augenblicken sollte sie--und voraussichtlich--für immer wieder
+hinter ihm liegen.
+
+Kurze Augenblicke im langen Leben--: noch die Zeit eines Tages nicht
+war vergangen. War sie vorüber, so faßten ihn wieder die Hände
+_seiner_ Welt.
+
+Alles war wunderbar.
+
+Nur einen Menschen vielleicht gab es in dieser Stadt der Kleinheit,
+der Selbstgefälligkeit, der Enge, nur einen einzigen wirklichen,
+eigenen, freien Menschen, mit dem er zusammen zu leben vermochte--
+und diesen Menschen hatte er gefunden! Seltsamer Zufall!
+
+Hier gefunden--nicht in der Länge der Zeit, die auf kleinem Räume
+alle Menschen, die ihn bewohnen, einmal aneinander vorüberzugehen
+zwingt, nein, durch den seltensten Zufall der Welt, an den Grenzen
+dieses Raumes, in der Freiheit der Natur, in der stillsten Stunde,
+die keiner ihnen störte.
+
+Er hatte erkannt, daß das Meiste von dem, was die Menschen Glück
+nennen, sich erwerben läßt in Erfahrung und Ausdauer: Ruhe,
+Klarheit, Sicherheit und eine gewisse Unabhängigkeit.
+
+Die großen Zufälligkeiten des Glückes waren ihm nie begegnet und
+wenig war, was er sich nicht hatte erringen müssen in eigener Kraft.
+Daher fühlte er um so tiefer, wie ungeheuer groß der Zufall dieses
+Glückes war, welches ihm hier entgegengetreten war, schimmernd,
+blendend aus dunklem Rahmen hervor, dicht vor ihn hin--
+
+Und eine wahnsinnige Seligkeit überkam ihn! . . .
+
+Die Dämmerung nahm zu, und die Kühle mit ihr. Aus den Gärten kehrten
+die Bürger mit den Ihrigen heim--zum Nachtessen, danach zur Kneipe.
+Lichter flammten zu seinen Füßen auf. Ineinander zerrannen die
+Umrisse der Häuser und Straßen, und scharf ragten nur noch die
+spitzen Türme der Kirchen, der alten und der neuen, empor. Am
+hellsten erstrahlten die Lichter drüben am anderen Bergeshang, wo
+der Bahnhof lag. Flimmernde Linien liefen von dort aus nach beiden
+Seiten und erloschen in den Nebentälern.
+
+An den Enden des Tales aber lohten die mächtigen Brände der Hochöfen
+in das Dunkel empor, riesige Feuergarben, dort wo eine Tag und Nacht
+nicht rastende Arbeit in siegreichem Ringen lag mit einer
+barmherzigen Natur und in fruchtlosem Kampfe mit unbarmherzigen,
+ererbten, allmächtigen, verschimmelten Vorrechten.--
+
+Ein Kätzchen in weißem Fell schlich über den Weg. An einem Kinde,
+das auf der Bank vor einem der zerstreuten Häuser saß, wand es sich
+vorüber und dann mit schnellen Sprüngen an Grach.
+
+Dieser sah das Kind. Er griff in die Tasche, gab ihm alles, was er
+an Geld erfaßte, hob es in die Höhe und küßte das Erschrockene auf
+den Mund, gleich als müsse er sie stillen, die Erwartung nach seinem
+Glück, die er nicht mehr ertrug.
+
+Dann eilte er schnellen Schrittes und wie beflügelt die engen Pfade
+zwischen den Gärten hin und den Berg hinunter.
+
+
+
+
+XX.
+
+Da war er wieder, der große, totenstille Platz, jetzt eingehüllt in
+das Dunkel des Abends, da war sie wieder, die alte Kirche, an der er
+jetzt vorbeischritt und die er als Knabe so oft zu betreten
+gezwungen war, um tötliche Stunden der Langeweile auf ihren Bänken
+zu verbringen, da waren sie wieder, die alte Brücke von Stein und
+der alte Fluß.
+
+Er stand lange über das Geländer gebeugt. Ein Gefühl von Versöhnung
+begann sich in sein Inneres zu schleichen.
+
+Er haßte sie nicht mehr, diese Stadt; er haßte sie nicht mehr, diese
+Menschen.
+
+Was waren sie ihm denn, daß er sie hassen sollte? Nichts.
+
+Mochten sie leben und sterben, wie sie wollten, ihm war es gleich.
+Litten sie selbst nicht am meisten darunter, daß sie so dicht
+aufeinander saßen, einer in dem Genick des anderen, und sich so
+gegenseitig langsam zu Tode quälten?
+
+Und warum sollte er ihnen nicht das harmlose Vergnügen der
+Selbstgefälligkeit gönnen? Mehr als ein Lachen war die Eitelkeit
+dieser aufgeblähten Kleinheit sicher nicht wert.
+
+Sie hatte hier gelebt und gelitten, drei Jahre lang. Er schämte
+sich, wenn er seinen eigenen Unmut über den einen heutigen Tag
+verglich mit ihrer vornehmen, schwermütigen Ruhe und ihrem milden,
+starkem Ernst, der diese Menschen nicht ändern wollte, sondern sie
+gehen ließ, aber sie bei Seite schob, wenn sie ihr lästig wurden.
+
+Arme Stadt! lächelte er vor sich hin. Und er nahm ihr noch ihr
+kostbarstes Gut . . .
+
+Noch zwei Stunden. Immer noch zwei Stunden?
+
+Er überschritt die Brücke und bog in die Hauptstraße ein. Dann
+betrat er eine große, öffentliche Wirtschaft und setzte sich still
+in eine Ecke.
+
+Er bestellte sich zu essen. Aber als das Fleisch vor ihm stand,
+erlosch plötzlich sein Hunger vor dem warmen Geruch, und er schob es
+wieder von sich.
+
+Innerlich--er fühlte es jetzt deutlich--war er dennoch aufs
+höchste erregt.
+
+Er sah sich um. In seiner Nähe stand ein großer runder Stammtisch,
+der sich langsam zu besetzen begann. Mehr als ein Gesicht kam Grach
+bekannt vor, und plötzlich fiel es ihm ein: das waren ja--es war
+kein Zweifel mehr möglich--die "Schlitzohrigen", die größten Männer
+der Stadt, weise im Rat und vorsichtig in der Tat, die er da vor
+sich sah. Weshalb sie die "Schlitzohrigen" genannt wurden, wußte er
+nicht mehr und hatte es wohl auch früher nie gewußt, aber der Name
+tauchte wieder in ihm empor mit ganzer Deutlichkeit.
+
+Und doch hatten sie sich verändert, die Zeiten: denn früher hatten
+diese Gewaltigen allabendlich im "Nähkörbchen" verkehrt, und jetzt--
+welcher Unterschied--saßen sie hier im Rachen des "Krokodils"!
+
+Innerlich lachte er heimlich und herzlich. Die Lustigkeit siegte in
+ihm. Jetzt konnte er essen, während er einzelne Worte auffing, die
+von dort zu ihm herüberflogen.
+
+Man sprach über städtische Angelegenheiten. Natürlich. Grach wußte,
+über Politik zu sprechen, war hier verpönt.
+
+Plötzlich hörte er eine Stimme, die er kannte. Er sah schärfer hin.
+Kannte er dieses Gesicht?--Nein, es war nicht möglich.
+
+Dieser philiströs aussehende Mann, der in kleinen, bedächtigen Zügen
+sein Bier trank und in kleinen, bedächtigen Zügen seine Zigarre
+rauchte, der so aussah, als ob er kein größeres Glück kenne, als
+hier zu sitzen und zuzuhören, dieser Mann mit den schweren
+Bewegungen und der zufriedenen Stimme, der offenbaren Hochachtung
+vor jedem dieser alten Zöpfe, das war nimmermehr sein alter,
+lustiger, zu allen Dummheiten stets aufgelegter Fritz, der mit dem
+Gebrüll seiner Stimme so oft die Gasse erschüttert hatte in der
+spätesten aller späten Stunden!--
+
+Grach rief die Kellnerin herbei und fragte leise.
+
+"I--e," sagte sie, "das ist der Herr Stadtverordnete Beuer."
+
+Da trank er schnell sein Bier aus, zahlte und verließ das Lokal. Er
+hatte plötzlich Angst bekommen, jener möge auch ihn wiedererkennen
+und anreden. Und das wäre für sie beide doch zu niederdrückend
+gewesen.
+
+
+
+
+XXI.
+
+Er war in seinem Hotel gewesen, um seine Sachen zu packen und seine
+Rechnung zu bezahlen. Dann war er zum Bahnhof hinaufgestiegen und
+hatte zwei Billets erster Klasse nach Paris gelöst. Er wußte, wann
+er extravagant sein durfte. Heute. Im Wartesaal kaufte er dann noch
+von dem alten Zeitungsverkäufer,--er erkannte auch ihn wieder--
+einem alten Original, Fahrplan und Zeitungen.
+
+Nun ging er auf dem Perron auf und ab mit großen und unregelmäßigen
+Schritten.
+
+Er wußte, sie würde kommen, denn sie hatte es gesagt. Eher ging die
+Welt unter, als daß sie ihr Wort nicht hielt.
+
+Und dennoch quälte ihn die Unruhe, die Unruhe der Erwartung.
+
+Noch war die zehnte Stunde lange nicht gekommen. Der große Zeiger
+auf der weißen Uhr hatte kaum die Sechszahl erreicht. Er wußte, daß
+sie auch nicht früher kommen würde, als sie gesagt; und doch kehrten
+seine unruhigen Blicke immer wieder zu der schwarzen, gähnenden
+Oeffnung des Aufstiegs zurück, aus der von Zeit zu Zeit die Menschen
+emporstiegen: Beamte, Reisende, Kofferträger, ein buntes
+Durcheinander . . .
+
+Der sommerliche Abend lag schwül unter dieser weiten Halle, die das
+Dröhnen der Züge und hundert Rufe durchtönten und erzittern machten.
+Ein und aus rasselten die Züge. Nur das Gleis für den Expreßzug, der
+hier drei Minuten halten sollte, blieb frei. Die von den Rädern
+abgeschliffenen Schienen glänzten weiß.
+
+Grach hatte alles vergessen, was er heute gesehen--außer ihr.
+
+Nur an sie dachte er noch und an sein Glück.
+
+Er nannte nicht viel sein eigen. Jeder seiner Jugendfreunde in
+dieser Stadt lebte sicher besser als er, und unter allen diesen
+Menschen hätte wohl nicht einer mit ihm getauscht.
+
+Und doch war er ein seliger Mann. Denn er war ein freier Mann.
+
+Niemand hatte ihm zu befehlen, und niemandem hatte er zu gehorchen.
+Er konnte gehen und kommen, wie er wollte, die ganze Welt war sein.
+
+Nicht zu hassen und nicht zu verspotten, nicht zu beneiden, nein, zu
+bemitleiden waren sie, die Menschen dort unten in der Stadt, die nur
+ein Glück und nur eine Zufriedenheit kannten: Geld, Geld, Geld
+zusammenzuscharren in mühseligem Erwerben, dem alle große Freude
+fehlte: die Freude des echten Genießens! . . .
+
+Und er wandte sich ab von ihnen.
+
+Mit jeder Minute, die der zehnten Stunde nahte, wurde er ruhiger.
+Seine Schritte wurden langsamer.
+
+Als der Zeiger auf der Uhr den erwarteten Punkt ereicht hatte,
+lehnte er sich mit verschränkten Armen an einen Pfeiler und ließ
+keinen Blick mehr von der Treppe des Aufgangs.
+
+Viele und verschiedene Menschen stiegen noch in den nächsten Minuten
+vor ihm empor und gingen an ihm vorüber. Wohl an die hundert. An
+keinem blieb sein Auge haften.
+
+Dann aber sah er sie: langsam und sicher hob sich ihre hohe, stolze,
+jetzt in einen grauen Staubmantel gehüllte, geliebte Gestalt von
+Stufe zu Stufe.
+
+Ihre Blicke waren gesenkt, und noch bemerkte sie ihn nicht.
+
+Er ging ihr entgegen.
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MENSCHEN DER EHE***
+
+
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+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
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+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit:
+https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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