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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:45:10 -0700 |
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Aus +tausend Schloten qualmte der Rauch, gelb, schwarz, grau und weiß, +empor, und all' diese dicken Wolken lösten sich unmerklich auf in +die ungeheure Dunstwelle welche unablässig auf Meilen hin das +Flußtal in seiner ganzen Breite beschattete. + +Ueber der kleinen Stadt lag sie wie ein dünner Schleier. Zuweilen +lüftete diesen Schleier ein frischerer Windhauch, der von Süden das +Tal heraufzog. Aber es dauerte nicht lange und er war wieder +herniedergefallen auf die reizlosen Züge, die er wie in Mitleid +verhüllte. + +Eigentlich waren es zwei Städte, die hier zusammenlagen. Aber nur +der Fluß, ein träger, gelber Fluß, trennte sie, und zwei Brücken +verbanden sie: eine alte massive aus Stein, mit mächtigen Pfeilern +und Quadern, die noch alles lautlos ertragen hatte, was über sie +hinweggezogen war, und eine neue aus modernem Eisen, welche ächzte +und bebte, wenn die großen Lastwagen über sie hin fuhren, und +gräßliche Massen Staub unter den schweren Rädern hervorhustete. + +Der Fremde, der auf den Höhen des Tales hinwandernd die roten und +schwarzen Giebel zu seinen Füßen sah, glaubte nicht anders, als sie +gehörten alle zu dem Bezirke einer Stadt. Aber die, welche unter +diesen Giebeln wohnten, waren anderer Meinung. Und auf sie kam es +doch an. + +Seit undenklichen Zeiten lagen die Schwesterstädte einander in den +Haaren. Die kleinen Reibereien endeten nie; die letzten Wahrzeichen +der großen entscheidenden Schlachten aber waren die leeren +Augenhöhlen der Gaslaternen auf der "alten" Brücke--: unter den +Steinwürfen der den Alten nachzwitschernden, nein, nachheulenden +Jugend beider Städte waren sie dahingesunken, unter Würfen, die ihre +edleren Ziele leider verfehlt hatten. + +In Dialogen von gleich klassischer Kürze und Schönheit endeten diese +Kämpfe: + +"Wart' nur, ich sahns abber meinem Vatter!" der eine. + +"Und ich sahns meiner Mutter, die packt dei Mutter!" der andere. + +"Aber mei Vatter is stärker wie dei Vatter." + +"O du Dürmel, kumm nure nit dohär . . ." + + + + +II. + +Die Gesellschaft der Stadt setzte sich leicht erkennbar aus drei +Grundelementen zusammen: aus Großhändlern, Beamten und aus Militär. + +Seit sehr langen Jahren saßen die Ersteren hier fest. Sie waren der +Urstamm des Bürgertums. So lange hatten sie fast nur untereinander +geheiratet, daß sie gewissermaßen eine große Familie geworden waren, +welche sich in ererbten Anschauungen und Bräuchen so lange wie +irgend möglich fortzubewegen suchte und unter sich mit einem harten +Anklang an den Dialekt der Gegend sprach. + +Million zu Million häufend hatten sie hier eine moderne Zwingburg +des Kapitals errichtet, gegen die anzukämpfen eine Unmöglichkeit +schien. Noch nie war es versucht worden. + +So hatten sie--die unumschränkten Herrscher dieser Stadt--ihr +lange den Stempel aufgedrückt; den Stempel eines souveränen, +starren, fortschrittfeindlichen Willens. + +Das waren die "Alldahiesigen!" . . . + +Dann hatte der Staat große Betriebe errichtet, und eine unzählige +Schar von Beamten jeder Art war hier zusammengeströmt, aus allen +Teilen des Reiches, neue Sprachen, neue Sitten, neue Kochrezepte mit +sich führend. Neues Leben kam mit ihnen nicht. Machtlos zu irgend +einer Initiative hatten sie sich willenlos einzuschmiegen als Räder +in das Werk der großen Maschine Staat, welche sie verbrauchte. Aber +die Luft begann zu schwirren von neuen Titeln, vom Morgengang zum +Büro bis zum letzten--immer sehr späten--Abendschoppen im +"Münchener Kindl", und die Eingesessenen zogen sich mürrisch mehr +und mehr zurück unter die dicke Haut ihrer sicheren Privilegien . . . + +Waren sie zehn Jahre hier gewesen, alle diese Fremden, ohne nach +einer anderen Stadt weiterversetzt zu sein, so wurden sie zu +"Hiesigen". Bis dahin blieben sie, was sie waren--: die +"Hergeloffenen". + +Unweit der Grenze lag die Stadt. Seit dem gräßlichen Kriege mit dem +"Erbfeind" war unablässig Militär über Militär hergezogen, bis zwei +Regimenter hier festlagen. Ueberall an den sich erweiternden Grenzen +der Stadt entstanden weißgetünchte Baracken von Holz und große, +rote, viereckige Ziegelhaufen von abscheulicher Häßlichkeit, hinter +deren Umfassungsmauern die rohen Flüche brutaler Unteroffiziere und +die stampfenden Schritte schwerer und keuchender Menschenmassen +hervortönten, und die bis dahin so friedlichen Straßen der Städte +erzitterten unter dem Klirren rasselnder Schleppsäbel. + +Furchtbarer aber noch waren die Verheerungen, welche diese neue +Macht in den Herzen der Großbürgertöchter der Stadt anrichtete, und +murrend nur sahen die Väter, wutschnaubend aber die betrogenen +Vettern der großen Familie eine der lieblichen Blüten nach +der anderen gepflückt von der kecken Hand eines adeligen +Sekonde-Leutnants, der die Geldsäcke nicht nur zu verachten, sondern +auch mit Grazie zu leeren verstand. + +Und war es nicht in Ordnung so?--Das Kapital verband sich mit der +Gewalt, welche seine Privilegien schützte. + +Dazwischen lebte ein träges Kleinbürgertum und ein machtloser +Handwerkerstand so hin, von Tag zu Tag, kleine Kannegießer und +schlechte Musikanten. Sie verlangten kaum etwas anderes, als +beständig über etwas brummen zu dürfen . . . + +Das waren die Leute der Städte. + +Von geistigen Bedürfnissen verspürte man hier noch nichts. + +Draußen aber, dort, wo die Schlote dampften und die Feuer lohten, wo +die Erde bis in ihre Tiefen hinein durchwühlt wurde in rastlosem +Kampfe, dort wo kolossale Arbeitermassen aneinander gekettet durch +den Schweiß ihrer furchtbaren Arbeit lagen, dort fielen die Gedanken +der Zeit in den Boden der Fruchtbarkeit. + + + + +III. + +Mit dem Schnellzug, der um elf Uhr vormittags eintraf, kam der +Reisende an. Er wies die Kofferträger von sich, als er ausstieg, und +trug seine Handtasche selbst die Treppe hinab bis zu dem Ausgang. + +Vier oder sechs Portiers nahmen dort die Reisenden in Empfang. Er +überflog die Schilder ihrer Mützen, und da er den Namen nicht fand, +den er suchte, nannte er ihn selbst: "Zur alten Post". + +Man grinste, man sah sich fragend an, indem man mit den Augen +zwinkerte. Endlich sagte der älteste der Leute: "Es gibt hier keine +'alte Post' mehr; sie ist seit sechs Jahren eingegangen. Wollen der +Herr hier gleich am Bahnhof bleiben, dort unten liegt unser Haus, +ganz neu eingerichtet--" + +Der Fremde zögerte einen Augenblick, aber als sie nun alle nach +seiner Handtasche griffen, überließ er sie achselzuckend dem +Sprecher, gab ihm den Auftrag, seinen Koffer sofort zu besorgen, und +ging den Weg hinab, der sich in die Stadt hinunterzog. Es war ein +schwüler und staubiger Tag. Er war müde, denn er war die halbe Nacht +gereist, und er war bestaubt von der langen Fahrt. Er fühlte Hunger +und Durst, und die Zunge klebte ihm am Gaumen. + +Doch nachdem er ein Bad genommen und sich umgezogen hatte, fühlte er +sich frisch und gesund wie immer. Er stieg die Treppe hinab und +schrieb in das ihm vorgelegte Fremdenbuch: Franz Grach. Während er +sich für eine Minute in der Loge des Portiers befand, erkannte er +plötzlich das Haus wieder. + +Er vermied die Table d'hote. Die langen, weißen Tische mit den +Reihen von schmatzenden und schwatzenden Menschen waren ihm zuwider. +Man deckte ihm in einem Nebenzimmer. + +Einmal ließ er Messer und Gabel sinken, so schreiend-deutlich stand +plötzlich eine Szene aus seiner Jugendzeit vor seinen Augen, die +sich vor langen Jahren hier in diesem selben Räume abgespielt hatte. + +Nicht das saubere Frühstückszimmer eines modernen Hotels, das trübe +Hinterzimmer eines übelbeleumdeten Gasthofs zweiten Ranges war der +Raum damals gewesen. Die Möblierung hatte sich geändert, wie der +Wirt und die Gäste, und doch wurde dem Fremden alles wieder +lebendig: + +Sie waren alle noch jung, kaum einer von ihnen hatte das zwanzigste +Jahr erreicht. Alle hatten sie dieselben Schulbänke gedrückt, und +sich, nun vielfach getrennt den größten Teil des Jahres hindurch auf +auswärtigen Schulen, in den Ferien wieder zusammengefunden zu +lustigen Tagen und ausgelassenen Nächten--eine tolle, von Jugendmut +und Lebenskraft überschäumende, zu allen tollen Streichen immer +aufgelegte Gesellschaft, deren Zahl jahrelang auf sieben, acht Mann +beschränkt blieb . . . + +An jenem Abend nun waren sie alle nach einer langen Wanderung hier +herein gestürmt, wie sie wahllos in alle Wirtschaften, wo "noch +Licht war", drangen. Eine dicke Kellnerin war aus dem Vorderzimmer +mit hereingezogen worden, durch die Tür wurde niemand mehr +hereingelassen, und eine jener nächtlichen, dem Dunst des Bieres und +dem Qualm des Tabaks entstiegenen Szenen entrollte sich, die dem +Alter so widerlich, der Jugend so reizvoll erscheinen. + +Auch der Einzelheiten erinnerte sich der, vor dessen Auge sie wieder +stand nach so langen Jahren, noch: wie er selbst in eine vorhanglose +Fensternische gepreßt ihr zugesehen hatte, die Beine heraufgezogen +und das Glas auf einem Stuhle neben sich, damals schon noch in der +Trunkenheit erkennend, was er sah, beobachtend, was ihn umgab, und +Sieger so auch noch über die Stunde, die ihn mit sich gerissen +hatte: wie der "Dicke" das Klavier bearbeitete und seine schaurigen +Baßtöne in den hellen Jubel und Lärm der anderen mischte; wie die +ganze Bande plötzlich im Kreise um das grobe Frauenzimmer und den +"Kleinen"--einen schmächtigen Menschen mit wasserblauen Augen, voll +Gelehrsamkeit trotz, und voll Schüchternheit wegen seiner Jugend, +herumgetanzt war, und die Vermählung des ungleichen Paares +proklamiert hatte . . . + +Die Gläser klirrten; die Stimmen schrieen durcheinander; schwere +Füße stampften den Boden; an der Decke lagerte sich der Rauch; +einer, in einer trüben Erinnerung an Nana leerte sein Bierglas in +das Klavier; ein anderer riß die rotgestreiften Decken von den +Tischen und hüllte darin ein, was ihm unter die Hände kam, indes die +letzten--mit der zähen Hartnäckigkeit der halben Trunkenheit-- +nicht abließen, sondern auf der Erfüllung ihrer tollen Idee +bestanden--und bereits war die Grenze überschritten, wo das +Verzeihliche aufhört, um der Sinnlosigkeit zu weichen, als er mit +einem großen Satze aus seiner Fensternische aufgesprungen war, +mitten unter die Schreienden und sie überrief: + +"Aber seid ihr denn ganz verrückt!" + +Und er schob die Kellnerin zur Türe hinaus, ungeachtet aller +schreienden Proteste, setzte seinen Hut auf, und ihm nach war die +ganze Gesellschaft gestolpert, einer anderen Kneipe, einer anderen +Torheit zu, die stille Straße mit neuem Singen und Lärmen erfühlend, +daß friedliche Bürger aus dem Schlaf ihrer Ruhe fuhren und das +träumende Gespons mit der Frage weckten: ob es denn etwa brenne . . . + +Nein, es waren diesmal nur die Kinder ihrer eigenen Liebe. + + + + +IV. + +Sollte er sie aufsuchen, die Genossen jener Tage?--Fast wandelte +ihn die Lust dazu an, wie nun Gestalt um Gestalt vor ihm +emportauchte. + +Was war aus ihnen geworden?--Wie waren sie geworden? Wo waren sie +gelandet? + +Von den meisten war es nicht schwer, es zu ahnen. + +Denn die meisten waren schon damals in ihrer Jugend dazu bestimmt, +ein vorgeschriebenes Leben zu leben: das Leben herunterzuleben, wie +Grach es nannte. + +Nachdem ein Examen--ein Tor, welches unwiderruflich passiert werden +mußte, wollte man in dieses Leben eintreten--sie gezwungen hatte, +sich den Kopf mit einer unglaublichen Menge modernden Gerümpels zu +füllen, wurden ihnen einige Jahre gegönnt, ihn von diesem Wuste zu +befreien. + +Sie hatten zu vergessen, was sie gelernt hatten. Nach diesen Jahren +einer ungebundenen Freiheit auf der Hochschule aber steckte sie der +Vater unerbittlich in das von dem Großvater gemachte, und von ihm +selbst wohlgewärmte Bett, und "niemals wieder sah sie die Welt." + +Sie wählten unter den Töchtern des Landes eine--jeder eine--und +begannen, sich zu vermehren in Züchten und Ehren. + +Sie traten in die "Harmonie" oder in die Dilettantengesellschaft +"Urania" ein und tanzten im Winter im "Kasino", solange sie noch +jung waren. + +Wurden sie älter, so begann das einzige Gefühl von Würde, dessen der +Philister fähig ist: ein Bürger des Staates zu sein, ihre Brust zu +schwellen, und sie glaubten sich an den Geschicken des Landes +zu beteiligen, wenn sie von Zeit zu Zeit einen Zettel in die +Wahlurne warfen und abends beim Biere endlose Debatten über die +gleichgültigsten und belanglosesten Fragen innerer und äußerer +Politik--dieses Tummelgebietes aller Menschen ohne Geist und Kraft +--führten, bis die Stunde schlug, wo die Angst vor der Frau sie nach +Haus und in das gemeinsame Bett trieb . . . + +Sie waren _Menschen der Ehe_ geworden. + +Nein, er wollte keinen von ihnen wiedersehen. Man würde sich doch +nur gegenseitig eine traurige Enttäuschung bereiten, und in einer so +veränderten Sprache über Menschen und Dinge reden, daß man sich +nicht mehr verstehen würde . . . + + + + +V. + +Während der Neuangekommene seinen Kaffee trank und die Wolken seiner +Zigarre in die Luft blies, war die flüchtige Erinnerung schon wieder +versunken, und andere, dem heutigen Tage angehörende Gedanken +beschäftigten ihn. + +Ein Brief hatte ihn wieder in diese Stadt gerufen, die er seit +länger als zehn Jahren nicht gesehen. Auf vielen Umwegen hatte er +ihn erreicht, und nachdem er ihn gelesen, war sein erstes Gefühl +gewesen, ihn in die Ecke zu werfen. + +Er lachte erst; dann ärgerte er sich. + +Aber zugleich dachte er an mancherlei Freundlichkeit, welche er von +der Mutter der Frau--sie war lange tot--, die ihn geschrieben, +empfangen vor langen Jahren und an ihre größte Freundlichkeit: daß +sie ihn meist unbehelligt gelassen, und er bemaß Zeit und Geld, sah, +daß beides reichte, und war kurzentschlossen hierhergereist. + +Er stand früh allein und wurde, fast noch ein Kind, von einer +entfernten Verwandten aufgenommen, in deren Heim er lange Jahre +lebte, nicht abhängig von ihrer Gnade, aber doch angewiesen auf ihre +Freundlichkeit. Sie hatte eine einzige Tochter, die ihr Abgott war; +er beanspruchte nichts von der sentimentalen Zärtlichkeit, mit der +das verzogene, launische Kind einer kurzen und sehr unglücklichen +Ehe überschüttet wurde. + +Fast von dem Augenblick an, in dem er diese Stadt verlassen, hatte +sich sein Leben so von Grund aus geändert, waren Kreise und +Beziehungen desselben so andere geworden, daß er selten veranlaßt +worden war, zurückzudenken, um so mehr, als ihm die Muße +behaglicher, lässiger Einkehr und Umschau fast nie beschieden und +kaum ein Tag gewesen war, der ihm Zeit gelassen hätte, ihn +einzuspinnen zwischen die weißen Träume der Vergangenheit und der +Zukunft. + +Zweimal nur noch schrieb er den Namen dieser Stadt auf die Adresse +eines Briefes: das erste Mal, als seine Verwandte gestorben war, und +er der Tochter freundliche Worte des Beileids sagte, das zweite Mal, +als er sie zu ihrer eigenen Verheiratung kurz beglückwünschte. + +Dann kam dieser Brief, unerwartet und unerwünscht. + +Er lag vor ihm, und noch einmal las er ihn, aufmerksam, Wort für +Wort. + +Von dem blaßrosa Papier stieg der starke Duft eines eigentümlichen +Parfüms auf. Die Schrift, mit der seine vier Seiten bedeckt waren, +war liegend, sinnlich und weibisch-schwach. + +Er las ihn zum vierten Male, und zum vierten Male suchte er hinter +den leblosen Worten nach der lebendigen Seele derer, die sie +geschrieben: er fand sie nicht. + +Das war es, was sie ihm mitteilte. + +Erstens: daß sie sehr unglücklich sei; zweitens: daß sie so +unglücklich sei daß sie es nicht mehr "aushalten" könne; drittens: +daß ihr Mann der Grund ihres Unglücks sei; viertens: daß sie gehört +habe, er, ihr Bruder, der "Freund ihrer Jugend", habe ein Buch +geschrieben, in welchem er sich "freisinnig" über die Ehe geäußert +habe; fünftens: daß er sie "retten" möge; sechstens: daß sie sehr +unglücklich sei; und siebentens: daß sie so unglücklich sei, daß sie +es nicht mehr "aushalten" könne . . . + +Das alles war sehr albern. + +Er sagte sich mit Recht, daß das Unglück so nicht nach Hilfe ruft. + +Aber er sagte sich auch, und er sagte es sich immer wieder, daß +Frauen dieser Art nicht imstande sind, einen individuellen Ausdruck +für ihre Gefühle--und wären es ihre wahrsten--zu finden. Wie sie +gelehrt wurden zu sprechen, so sprachen sie: immer in denselben +Ausdrücken und Redewendungen ihrer spezifischen Kreise, die Männer +so und die Frauen so und waren sich daher so ähnlich, wie immer nur +es möglich ist. + +Und daher waren sie meistens auch so langweilig. + +Wie sie sprachen, so schrieben sie auch. + +Es ist, als fürchteten sie sich davor, ein neues Wort zu gebrauchen, +und sorgsam verbergen sie, kommt ihnen einmal, nicht ein neuer +Gedanke, nein, nur eine eigene Anschauung über irgend Etwas, die +verbrecherische Regung hinter der gewohnten Gewöhnlichkeit. + +Er wußte, daß das Unglück ein großer Befreier ist. Und er dachte +weiter, und seine Augen sahen den gegen die Ketten der Tage +ringenden und in diesem Ringen blutenden Menschen vor sich, wie er +schreien will, aber seine ungewohnten Lippen finden nur die alten, +kleinen Worte für den neuen, großen Schmerz, und das Schreien des +selbständigen Herzens--es klingt auf dem Mund nur wie das Stammeln +der Unselbständigkeit und Gleichgültigkeit. + +Konnte es so nicht hier sein? + +Er strengte die Augen an, um hinter die Worte sehen zu können. Was +lag da?--Ein zu Boden gestürztes, mit Füßen getretenes Weib?--Oder +eine faule, unzufriedene Frau der Welt, die sich einfach langweilte?-- + +Fand er denn nicht ein Wort, ein einziges ungefügiges, in seiner +Hilflosigkeit rührendes, in seiner Einfachheit erschütterndes Wort?-- + +Er fand keines. Und dennoch folgte er den Rufen dieser platten und +nichtssagenden Sprache. + +Es gibt Menschen, von denen wir nie glauben können, daß sie +unglücklich zu werden imstande sind. + +So ging es ihm mit ihr. + +Und dennoch kam er hierher. + +Er tat es in letzter Linie seiner selbst wegen, um ganz sicher zu +sein vor den Vorwürfen des eigenen Herzens. + + + + +VI. + +Die letzte Rauchwolke seiner Zigarre verflog an der Decke, und er +sah nach der Uhr. + +Es war nach zwei. Ein langer Nachmittag lag jetzt vor ihm. Er ging +daher auf sein Zimmer, warf sich auf das Bett und schlief länger als +eine Stunde, bleiern und traumlos. + +Verwundert fuhr er in die Höhe, als er erwachte. Er mußte sich +darauf besinnen, wo er war, und es war mit einem Gefühl des +Mißbehagens, daß er die Treppe hinunterstieg. Ihm war, als solle er +nun an die Erfüllung einer unangenehmen Pflicht gehen, und er +wünschte hinter sich zu haben, was ihm bevorstand. + +Dann trat er vor die Tür. + +Die Hitze war noch gestiegen. Um diese Stunde des Nachmittags +stockte das Leben. + +Eine lange Straße zog sich vor ihm hin--die Hauptstraße der +Schwesterstadt, die längste und belebteste in beiden Städten und der +Mittelpunkt des Handels und Wandels beider. + +Wie oft er sie als Knabe durchschritten hatte, hinauf und wieder +hinunter, und wieder hinauf! + +Wenig schien sich an dem äußeren Ansehen der Stadt verändert zu +haben. Einige Lücken, wo früher auf steinigem Rasen Zirkus- und +Karussellbesitzer ihre flüchtige Leinwand gespannt, waren ausgebaut +worden, und nur die Nebenstraßen noch öffneten sich dem Blicke nach +dem Flusse hin. Die neuentstandenen Häuser zeigten das Bestreben, +Schritt zu halten mit modernem Stil. Gesimse und Balkone hingen +überall an ihnen herum, und in ihren Erdgeschossen waren Läden und +Bierhallen entstanden mit hohen Fensterscheiben und lauten +Aushängeschildern, die mit dem leuchtenden Gold ihrer Lettern die +armen, verblaßten und altertümlichen Inschriften der alten Firmen +verdrängten . . . + +Der Schwindel des Handels, welcher die Arbeit mordet, trieb sein +Unwesen diese ganze Straße entlang. + +Arme Arbeiter! Des Sonntags kamen sie, weither aus den Dörfern und +Flecken, mit ihren schweren Schuhen, die Männer mit plumpen Stöcken +und die Weiber mit ungeheuren, unförmigen Parapluies, halb noch +bedeckt mit dem Schweiße und dem Staub der Woche, ganz noch erdrückt +unter der Wucht ihrer Sklaverei, kamen sie, um einzukaufen, was sie +brauchten, das heißt, drei-, vier-, fünf- und zehnfach verteuert +einzutauschen, was sie selbst erschaffen hatten in anderer Form: die +Arbeit. Verlegen, unsicher, bittend und schüchtern traten sie in die +"Geschäfte" und ließen sich von schwatzenden Juden, und Christen, +die schlimmer waren als die Juden, das Fell über die Ohren ziehen, +daß es nur so flutschte. + +In erschreckender Menge hatten sich die offenen Geschäfte in diesen +paar Jahren vermehrt. Gleich aber war der trostlose, nüchterne +Eindruck dieser Straße geblieben, und vom Morgen bis zur Dämmerung +glich sie noch immer in ihrem reizlosen, staubigen Grau einem +alternden, ungekämmten und ungewaschenen Weibe. + +Grach ließ seine Blicke überall hin gehen. Eigentümlich verändert +schien ihm alles--: fremd und doch bekannt. Aber alles war kleiner +geworden, zusammengeschrumpft und, wie alte Leute, in sich +zusammengesunken. + +Größer sieht das Kind die Welt, kleiner sieht sie der Mann. + +Vor den Läden lungerten die Kommis, an den Brunnen standen die Mägde +und schrieen sich an. Warum schrieen sie so laut? Stritten sie sich? +Nein, es war nur eine "gemütliche Unterhaltung". Aber dieser Dialekt +war breit, geeignet nur zu einem lauten Sprechen, und schwer +verständlich für den Fremden. Grach bemühte sich, Worte und Sätze +der Vorübergehenden aufzufangen und verstand meist, was sie sagten. +Hatte er selbst früher so gesprochen? + +Und wie die Menschen sich grüßten! Mit beängstigender Sorgfalt +überspähten sie die Straße, knickten, den Arm nach auswärts in einem +spitzen Winkel und zogen oder rissen dann den Hut herab, entweder +steil in die Luft hinaus oder hinunter bis fast auf den Boden. "Ihr +Diener", sagten sie dabei, "Ihr Diener"--und ein langer Titel +folgte. + +Die unverhüllte Neugier, mit der die Menschen ihn an- und ihm +nachsahen, begann Grach zu ärgern. Ihre Blicke wurden ihm lästig, +und er bildete sich ein, von ihnen erkannt werden zu müssen. Er +hatte vergessen, daß kein Fremder diesen Blicken entging. + +Er ging schneller. Diese Nebenstraße mußte über die Brücke nach dem +jenseitigen Ufer führen. Er schlug sie ein. + +Eine junge Dame kam ihm entgegen. Sittsam die Blicke zu Boden +gesenkt, den Schirm in der Länge einer kleinen Ulanenlanze gegen die +Brust gedrückt, eingeschnürt und aufgeputzt mit Bändern und +Bauschen, trippelte sie daher, und gegen seinen Willen mußte er +lachen, erst heimlich, dann herzlich und offen. + +So war, genau so war schon damals alles gewesen: diese ängstliche +Unsicherheit im Verkehr, diese feige Rücksichtnahme auf tausend und +abertausend in Watte sorgsam gehegter Vorurteile, diese engbrüstige +Steifheit, die pappedeckelne Würde--wie kannte er das alles, wie +erkannte er das alles wieder! + +Und über all dies lachte er, hatte er gelernt zu lachen. + +Und abermals lachte er, als er über die Brücke ging, die alte +Brücke, und sah, daß alle Scheiben in den Gaslaternen heil und +unverletzt waren. + +Wie, wurden sie nicht mehr geschlagen, die Schlachten der Ehre?-- +War Waffenstillstand zwischen den erschöpften Schwestern +geschlossen?--Oder aber--war Versöhnung--Friede--aber nein, es +war ja Wahnsinn, daran zu denken! . . . + +Eine komische Stadt! Eine komische, kleine Stadt! murmelte Grach vor +sich hin. + + + + +VII. + +Auf hohen Terrassen erhob sich vor ihm das "Schloß", ein massives, +altes Gebäude mit vielen Anbauten aus neuerer Zeit. Uralter Efeu +hing an den Mauern nieder, von einem Garten in den anderen, bis er +die Dächer der Häuser an ihrem Fuße fast berührte. + +Das Schloß hatte keine Bestimmung mehr. Seine einzelnen Stockwerke +mit ihren vielen Flügeln und unzähligen Zimmern waren an einige +Familien vermietet, an die reichsten der "Alldahiesigen" und +"Hiesigen", welche keine eigenen Häuser besaßen. + +Der Fremde, der hier nicht fremd war, stieg langsam den steilen Weg +hinauf, der an der alten, düsteren Kirche--sie stand in seltsamen +unterirdischen Gängen, die längst verschüttet waren, mit dem +Schlosse in Verbindung--zu dem weiten, totenstillen Platze hinauf, +der die Flügel des Schlosses gleichsam bis an die Ränder der Anhöhe +auseinandergedehnt hatte. Gras, das eine glühende Sonne gelb sengte, +wucherte hier zwischen den plumpen, unregelmäßigen Pflastersteinen; +nie spielte hier die Jugend der Stadt, auf diesem weiten Platze, der +wie geschaffen war zum Umhertummeln. Zuweilen nur bewegte sich eine +der weißen Gardinen hinter den hohen Fenstern, und ein behaubter +Kopf lugte zwischen ihnen durch, um bald wieder zu verschwinden, +denn die leere Oede dieses weiten Raumes wurde selten unterbrochen +durch eine Gestalt, die ihren Weg über ihn hinweg nahm, um die +andere Seite zu erreichen. Die meisten gingen an den langen Fluchten +entlang, um plötzlich in einer der Türen zu verschwinden, öfter +während des Tages, in den Nachmittagsstunden geschah es, daß Wagen-- +moderne, elegante Geschirre mit vortrefflichen Pferden--an den +Toren hielten. + +Und wieder mußte Grach lächeln, als er diesen weiten, toten Platz +überschritt, auf dem die Sonne ungestört die Spiele ihrer Schatten +trieb, den er als Kind nie betreten hatte und von dem er nie +geglaubt hätte, daß er ihn je betreten würde. + +Aber hier mußte sie--der Adresse in ihrem Briefe nach--jetzt +wohnen. + +Er ging langsam. Und doch war er neugierig geworden auf das +Wiedersehen. So lange war es her, daß er keine Blicke mehr in das +Heimwesen deutschen Bürgertums getan hatte. Er ein Fremder--und +alles ihm fremd geworden, was von dorther kam . . . + + + + +VIII. + +Er klingelte an der Tür, von welcher er glaubte, daß es die richtige +sei. + +Schrill hallte der Klang der Glocke. Dann kamen schlürfende +Schritte, und ein Diener in Livree, aber mit vorgebundener blauer +Schürze, öffnete. Es war keine Besuchsstunde. Aber das war dem +Fragenden jetzt natürlich ganz gleichgültig. + +"Ist Frau Boehmer zu Hause?" + +"Wen darf ich melden?" + +"Ist Frau Boehmer zu Hause?" wiederholte er noch einmal. + +"Ja--aber--ich weiß nicht--gnädige Frau--" + +"Sagen Sie ihr, ein Herr wünsche sie zu sprechen." + +"Gnädige Frau sind im Garten. Ich werde ihr melden--" + +Der Diener war völlig außer Fassung und Würde gebracht durch den +energischen Ton des Besuchers. + +"Dann werde ich Frau Boehmer selbst im Garten aufsuchen. Wo ist der +Garten?" + +Der Diener wagte keine Einwendung mehr. Er warf seine Schürze fort +und ging voran. + +"Hier, bitte." + +Sie durchschritten hohe und kühle Gänge, über große Steinfliesen +hin, mit denen der Boden belegt war, vorbei an breiten und vornehmen +alten Treppen, deren Stufen niedrig und deren Geländer mit weißer, +sauberer Oelfarbe gestrichen waren. + +Dann öffneten sich die Terrassen der Gärten vor ihnen, die da lagen: +still, wie im Schlummer, in der brütenden Nachmittagssonne, weite +Blicke in das Tal nach Osten und Westen eröffnend, wo die Schlote +qualmten und das Leben hämmerte. + +Von wohlgepflegten, üppigen Beeten stiegen die Düfte von reifen +Blüten empor. Der Kies der geharkten Wege war so fein, daß er die +Tritte der Hinschreitenden lautlos aufnahm. + +"Ich habe mich anders besonnen," sagte der Fremde plötzlich, "gehen +Sie voran und melden Sie Frau Boehmer, ein Herr wünsche sie zu +sprechen." + +Der Diener versagte es sich jetzt nicht, mit den Achseln zu zucken, +aber er ging. + +Vor einem Tulpenbeet blieb Grach zögernd stehen und sah nachdenkend +in die purpurnen, weitgeöffneten Kelche nieder. + + + + +IX. + +Der Diener kam zurück. + +"Gnädige Frau lassen bitten--" schnarrte er. + +Aus einer Laube im Hintergründe des Gartens schimmerte ein weißes +Kleid. + +Dort, in einem Modejournal blätternd, das sie sichtlich unlustig bei +Seite warf, lag in einen Schaukelstuhl hingestreckt eine junge Frau +von ungewöhnlicher Schönheit. + +Sie blinzelte dem Nähertretenden zu, aber sie machte keine Miene, +sich zu erheben. + +Erst als er ihr die Hand hinstreckte und lächelnd sagte: "Ich habe +deinen Brief erhalten, Clara, und bin selbst gekommen, ihn zu +beantworten"--sprang sie mit einem Ruf der Ueberraschung in +sichtlicher Verlegenheit auf. + +"Nein, wie du dich verändert hast, Franz!" rief sie ein paar Mal; +dann aber, nachdem sie sich gesetzt hatten, und während sie ihn mit +jener prüfenden Neugier, die nur der Frau eigen ist, musterte, +folgte ein Schwall von Fragen, deren Antworten nicht abgewartet +wurden, weil sie gestellt waren, ohne daß der Verstand sich etwas +bei ihnen dachte und das Herz das Geringste bei ihnen fühlte. + +Bei dem ersten Wort, das sie gesprochen, merkte er, daß diese Frau +geistig um keinen Schritt weitergerückt war und--ganz wie früher-- +hörte er gutmütig und geduldig eine Zeit lang ihrer Neugierde zu, +beantwortete kaum etwas, und begnügte sich damit, hier und da mit +einem Ja oder Nein, oder höchstens einem kurzen Wort sein Schweigen +zu unterbrechen. + +So kam es, daß sie ihn nach einer halben Stunde nach allem gefragt, +aber nichts von ihm erfahren hatte. Später pflegte sie sich dann +darüber zu beklagen, daß sie allen Menschen alles, keiner aber ihr +etwas erzähle. + +Dann fiel ihr ein, daß sie noch nicht wußte, wo er abgestiegen war +--: + +"Du wirst doch bei uns wohnen, Franz?--gewiß, nicht wahr?" + +Sie hatte bisher vermieden, ihn voll anzusehen, nun aber begegneten +sich ihre Augen. Sie errötete leicht, als sie seine Antwort vernahm. + +"Unter diesen Umständen?"--sagte er ernst und fragend zugleich. + +Als sie nun, die Hände erst abwehrend von sich streckend, dann sie +vor dem Gesicht zusammenschlagend in gemachtem Schmerze, in ihren +Schaukelstuhl zurücksank, hätte er hundert gegen eins wetten mögen, +daß sie sich erst in diesem Augenblicke genauer dessen erinnerte, +was sie ihm geschrieben . . . + +Sie kam nicht auf ihre Frage zurück. Ihre Gedanken weilten bereits +bei anderem. + +"O laß uns jetzt noch nicht davon sprechen, von meinem Unglück--du +bleibst doch länger hier, nicht wahr?--Einige Tage, einige +Wochen . . . Du mußt doch alle wiedersehen, deine alten Freunde und +Schulkameraden, denke dir, die kleine Ehrling, neben der ich in der +Schule saß und die so oft zu uns kam--du mußt dich doch erinnern?-- +hat einen Landgerichtsrat geheiratet und schon drei Kinder, und dein +dicker Freund Rempe, der mit den vielen Schmissen--doch das weißt +du nicht, du kanntest ihn ja nur auf der Schule, und da schlägt man +sich noch nicht, ja, was wollte ich sagen . . . ja, der dicke Rempe +hat die reiche Krüger gekriegt, die mit den Simpelfranzen und den +seidenen Kleidern. Ach ja, es hat sich viel verändert hier--" + +Sie scheute sich, ihn wieder zu fragen, denn sie fürchtete seinen +Blick, seine ernste, fast harte Stimme, mit welcher er eben gesagt +hatte: "Unter diesen Umständen?"-- + +Und so sprach sie weiter: Von dem langen Lenz, der sich "--ach ja, +das war es ja, was ich sagen wollte--" wegen einer Frau habe +schießen müssen und eine Kugel in den Unterleib bekommen habe; von +den Schicksalen der großen Familie Neuhaus, wo so viele Söhne +gewesen seien--einer habe sich vergiftet, und der andere sei nach +Amerika, denn der Vater sei so hart, aber es sei doch ein rechtes +Elend, wenn die Söhne ihren Eltern nicht folgten; und von--und von +--und immer so weiter, ein seichtes, unerquickliches Geschwätz, +das den Zuhörer betäubte, ängstigte und seine Nerven folterte. + +Der hörte zuletzt überhaupt nicht mehr hin. Während sie so vor ihm +saß, in der üppigen Schönheit einer reiferen Frau, dachte er daran, +daß er es gewesen war, der die Knospe dieser Blüte mit dem ersten +Kusse geweckt hatte. + + + + +X. + +Ihre Schönheit hatte alles gehalten, was sie versprochen. Schon als +Kind war sie gradezu auffallend gewesen, obwohl dieses Kind weder +graziös und fein, noch von irgendwie eigenartigem Liebreiz gewesen +war. Aber das blonde Haar konnte heute kaum reicher sein, als es +damals gewesen war, und der feuchte Glanz dieser blauen Augen, der +ihm heute nur ein Zeichen trübseliger Langeweile schien, war ihm und +anderen--denn die halbe Klasse war in sie verliebt--damals +schwärmerische Idealität und echt weibliches Hingebungsbedürfnis +gewesen. + +Nicht für lange. + +Aber es gab eine kurze Zeit in seiner Jugend--es war zwei Jahre vor +ihrer Trennung--, da war ihm das ständige Zusammenleben mit seiner +Halbschwester unter den blinden Augen der Mutter sehr gefährlich +geworden. + +Seine Sinne erwachten und verlangten nach ihr. Ihre beständige Nähe +brachte sie in Aufruhr und hielt sie wach. + +Den ganzen Sommer hindurch verbrachte er in qualvoller Aufregung, in +einem beständigen Zwiespalt, der seiner energischen Natur schwerer +zu ertragen war als alles andere. + +Sie war ihm gleichgültig. Alles, was sie sprach, ließ ihn kalt. Ihr +Benehmen gegen ihre Mutter empörte ihn mehr als je, wenn er sich +auch niemals tätlich darum kümmerte, was zwischen diesen beiden +Personen vorging. Ihr Kokettieren mit seinen Kameraden, die sich +über das eitle Mädchen lustig machten, fand er lächerlich--und doch +beschäftigte sie ihn. Er träumte von ihr. Er glaubte sie in den +Armen zu halten. Er haschte nach ihrer Hand, wenn sie allein waren, +und er war ruhiger, wenn sie ihm dieselbe nicht entzog. Er war öfter +um sie, als je zuvor. Die Mutter freute sich darüber, daß das sonst +so kühle Verhältnis zwischen Schwester und Bruder sich besserte. + +Eine unheimliche Glut ging von ihr aus, die ihn wahnsinnig machte. +Tage konnten vergehen, ohne daß sie ihm gefährlich war, aber dann +kam immer wieder eine Stunde, in der er von ihrer Seite aufspringen +mußte, weil er es nicht mehr ertragen konnte, sie zu sehen, ohne sie +an sich zu reißen. + +Er fürchtete sich vor sich selbst; aber vor ihr graute ihm. + +Ein später Abend brachte die Erlösung. Sie saßen zusammen in der +Laube bei einer trübe brennenden Lampe. Die Mutter hatte sich +gähnend und seufzend zur Ruhe begeben.--Es war ein Abend voll +wunderbarer Weichheit der Luft. Der Glanz der Sterne war feucht und +tief. + +Sie wagte es zu bleiben. Sie spielte mit dem Feuer in verzehrender +Neugier. + +Er las in einem Buche und hielt den Kopf gesenkt, um sie nicht +ansehen zu müssen. Er hatte noch zu lernen und glaubte, sie würde +gehen. + +Sie aber ging nicht, sondern beugte sich noch weiter vor, mit ihrer +weichen Stimme, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, eine +gleichgültige Frage stellend. + +Fast berührten sich ihre Stirnen. Da riß er ihren Kopf mit einer +jähen Bewegung an sich und bedeckte ihr Gesicht mit unzähligen +Küssen: er küßte ihre Augen, ihre Wangen, ihren Mund, ihren Hals. + +Sie wehrte sich, aber nur schwach. Während sie sich indessen--ein +halb ernstliches, halb freudiges Erschrecken heimlich überwindend-- +in der Ueberlegenheit der Frau fragte, ob sie ihn gewähren lassen +solle, fühlte sie, wie er sie plötzlich losließ und von sich stieß. + +Wenn sie oft nachher--nachdenklich über diese jähe Veränderung +seines Wesens in dieser Minute--sich einbilden wollte, es sei ein +moralischer Antrieb gewesen, der ihn so plötzlich von ihr gerissen, +so irrte sie sich völlig. + +Ein Duft war von ihr ausgegangen, als er an ihren Lippen hing, und +in ihren Haaren wühlte, der ihn plötzlich ernüchtert hatte. Derselbe +Duft, der ihn betäubt hatte in der Ferne und ihn angezogen, stieß +ihn ab, als er in nächster Nähe auf seine Sinne wirkte. Es war +direkter Widerwille, der ihn erfaßte--unerklärlich, aber zwingend. + +Eben noch über alles begehrenswert, war sie ihm jetzt so +gleichgültig, wie nur je zuvor. + +Hurtig raffte er seine Bücher zusammen und eilte mit einem schnellen +"Gute Nacht!" in das Haus. + +Sie sah ihm nach und verstand ihn nicht. + +Ihr Zauber war völlig gebrochen. + +Sie merkte es sofort am nächsten Tage. + +Sie bot viel auf, um ihn wieder zu gewinnen. Aber nichts mehr gelang +ihr. + +Im Laufe der nächsten beiden Jahre, in denen sie wieder +nebeneinander herlebten, vergaßen sie fast die Szene dieses Abends. + +Auch er wurde ihr gleichgültig. + +Sie dachte bereits an ihren zukünftigen Gatten, wenn sie die Männer +sah, die sich um ihre Schönheit drängten. + +Sie wählte sich einen der ältesten unter ihnen und fast den +reichsten. + +An ihren Halbbruder dachte sie erst wieder, als die Langeweile ihrer +Tage sie nach neuen Sensationen suchen ließ, und die Neugierde neue +Nahrung für ihre klatschhafte Zunge verlangte. + + + + +XI. + +Der Zauber war gebrochen. + +Sie war ihm nur noch eine Studie, wie sie dort vor ihm saß--: die +kleinen Füße in den eleganten Schuhen vorgestreckt, ermüdet durch +Nichtstun, scherzend, liebäugelnd mit der Wohlhabenheit ihrer +Umgebung, denn sie fand, daß er es doch wenig weit gebracht hatte, +seiner einfachen, fast unmodernen Kleidung nach zu schließen. + +Doch sie begann es zu merken, daß auch er sie beobachtete, obwohl er +sie nicht ansah und offenbar nicht hörte, was sie sagte. + +Sie wurde unruhig. + +"Aber du hörst mir ja gar nicht zu, und ich sitze hier und erzähle +dir alle Neuigkeiten von Bedeutung, die seit zehn Jahren hier +geschehen sind--" + +Er sah auf. Und wieder errötete sie unter seinem Blick. + +Wieder suchte sie ihn abzulenken. + +"Und nächsten Mittwoch ist Harmonie-Abend im Kasino: Musik und Ball, +da wirst du alle wieder sehen, die du kennst, unsere ganze +Gesellschaft--" + +Zum erstenmal sprach sie von ihrem Mann: + +"Er hat mir zwar verboten, hinzugehen, ersagt, es sei zu viel für +mich", sie stampfte mit dem Fuße auf, "aber jetzt, wo du hier bist, +_muß_ er es mir erlauben, _muß_ es, _muß_ es!" + +Sie hielt einen Augenblick inne, etwas erschöpft und erhitzt von dem +langen Sprechen, aber schon ging es weiter. + +"Oder besser noch, wir geben eine Gesellschaft, eine große +Gesellschaft dir zu Ehren--" sie klatschte in die Hände vor +Vergnügen und wartete offenbar auf einen ähnlichen Ausbruch des +Entzückens bei ihm. + +Aber er erkannte jetzt, daß es die höchste Zeit war, dieser Komödie +ein Ende zu machen. + +Er rückte seinen Stuhl näher und beugte sich etwas vor, so daß er +gerade vor ihr saß. + +Sie fühlte, nun kam es. + +Fast scherzend begann er. + +"Ich glaube, du langweilst dich, Clara." + +"Ach ja, ich langweile mich--" seufzte sie. + +"Nun, so solltest du dir Tätigkeit suchen--" + +Sie antwortete nicht. Er lächelte unmerklich und fuhr fort: "Oder +aber Zerstreuung--" + +Da sah sie auf und richtete ihre schwimmenden Augen auf ihn. + +"Zerstreuung--aber wie?--Was gibt es hier für Zerstreuung?" + +"Reise." + +"Reisen--ich kann ja nicht, er hat ja nie Zeit." + +"Wer?" + +"Nun, er, mein Mann." + +"Daran dachte ich nicht. Ich meinte natürlich, du solltest allein +reisen." + +"Allein?!" wiederholte sie mit dem Ausdruck des Erstaunens, des +Erschreckens. "Wie kann eine verheiratete Frau allein, ohne ihren +Mann, reisen?" + +"Weshalb kann denn eine verheiratete Frau nicht allein, ohne ihren +Mann, reisen?" Unwillkürlich brauchte er dieselben Worte wie sie. +Aber es geschah ganz ohne spottende Absicht. + +Er wartete auf ihre Antwort. Sie wich ihm aus. + +"Ja, ich weiß, daß du so seltsame Ansichten über die Ehe hast. Wie +heißt doch dein Buch darüber?--Eine Freundin--die Frau von +Redlich, du kennst sie nicht, sie sind erst drei Jahre hier, der +Mann ist Hauptmann--ja, sie hat es mir gesagt. Sie wollte mir auch +das Buch leihen, sie hat es mir ganz fest versprochen, aber sie hat +es mir immer noch nicht gebracht, denn sie muß erst den Professor +Hastrich vom Gymnasium fragen, dem gehört es . . ." + +Grach hatte Mühe, nicht loszulachen. + +Daß man ein Buch auch kaufen könne, war dieser Frau offenbar noch +nicht bekannt, und sie, die gewohnt war, auf Damast zu schlafen und +von silbernen Schüsseln zu speisen, scheute sich nicht, die +schmutzigsten Leihbibliotheksbände durch ihre weißen Hände gleiten +zu lassen. Auf dem Tische vor ihm lagen einige Exemplare dieser Art. + +Die Sonne brannte durch die Blätter der Laube. Ihre Glut hatte die +höchste Höhe erreicht. Ihn dürstete. Er bat um etwas Wein und +Wasser. Während der Diener es brachte, schwiegen sie. Da sie sah, +daß er nicht antwortete, sagte sie: "Könntest du mir nicht sagen, +was du in deinem Buche geschrieben hast über die Ehe, nur ganz kurz +--ich komme so selten dazu, ein Buch zu lesen--" + +Er beugte sich wieder zu ihr hin. + +"Ich glaube, daß es so viel verschiedene Neigungen und Bedürfnisse +gibt, als es Menschen gibt, und ich wünsche, daß jeder Mensch diesen +seinen Neigungen ungestört nachlebe, aus dem einfachen Grunde, um +selbst ungestört den meinen folgen zu können. + +Ich maße mir nicht an, die Menschen zu verstehen. Wir verstehen +überhaupt wenig von einander. Aber frech greifen wir täglich und +stündlich in das Leben unserer Mitmenschen ein, unter dem +lügenhaften Vorgeben, ihnen helfen zu wollen. Ich möchte, daß ein +jeder nach seiner Façon glücklich werde hier auf der Erde. + +So ungefähr ist der Grundgedanke meines Buches. Du hast es nicht +gelesen; ich mußte ihn dir daher schnell herzeichnen. + +Wovon man dir aber wahrscheinlich erzählt haben wird, das ist das +Kapitel, welches ich 'Die Menschen der Ehe' betitelt habe. Ohne +irgendwie zu klassifizieren oder zu schematisieren, habe ich in ihm +die Frage gestellt, ob es nicht einen größeren Teil Menschen gäbe in +unserer Zeit, auf welche diese Bezeichnung mit Recht sich anwenden +ließe; Menschen der Enge im Gegensatz zu den Menschen der Weite; +Menschen, die nie in Konflikt kommen mit ihrer Umgebung, da sie alle +Geschicke--alle, die aus der Menschen Hände kommen--als von Gott +ihnen auferlegt betrachten; Menschen der kleinen Zufriedenheit, die +ihr Glück finden in den Winkeln des Tages, immer an dem einen Tische +und immer an derselben Brust: Menschen, die nicht wissen, was es +heißt, ein Versprechen auf Lebenszeit zu geben, weil sie nicht +wissen, was es heißt: zu leben; Menschen der Stagnation, nicht +Menschen der Bewegung; Nummern, aber Nummern, welche zu Zahlen +werden, und welche ich deshalb hasse!-- + +Menschen der Gewöhnlichkeit!--Menschen der Ehe!--" + +Er hatte fast langsam, mit Ruhe und ohne äußere Leidenschaft +gesprochen. + +Aber während er sprach, hatte er vergessen, zu wem er sprach. + +Als er geendet hatte und es merkte, verdroß es ihn. Seit so langer +Zeit war er gewohnt, zu sprechen, wie er wirklich dachte, so daß er +es verlernt hatte, seine Gedanken zu modeln nach dem Ohr seiner +Zuhörer. + +Es hätte ihn nicht zu verdrießen brauchen. Denn er hatte zu tauben +Ohren gesprochen. + +"Verzeih," sagte er--er glaubte, sehr lange gesprochen zu haben-- +"verzeih, daß ich so lange sprach. Ich möchte nicht mißverstanden +werden in dem, was ich dir jetzt sagen muß." + +Wieder zwang er sie, ohne es zu wollen, zu erröten. Er hatte bis +jetzt kaum den Mund aufgetan, sie hatte unaufhörlich geplappert--: +er bat sie um Entschuldigung. + +Sie begann ihn zu hassen. + +Verstanden hatte sie kaum etwas von dem, was er gesagt hatte. Sie +hatte ihm fast so wenig zugehört, wie er ihr. Ihre Gedanken waren +jetzt damit beschäftigt, wie sie ihn auf die beste Manier loswerden +könne. + +Für sie gab es keine bedeutenden und unbedeutenden Menschen. Für sie +gab es nur Menschen, die ihr zuhörten. Und die Männer zumal! Von +denen war sie ja gar nichts anderes gewohnt, als daß sie ihr zu +Füßen lagen. + +Daher beleidigten sie diese Ruhe und Sicherheit. + +"Ach, ich bin sehr unglücklich!" rief sie und deckte mit den Händen +die Augen. "Ich weiß nicht, was ich tun soll . . ." + +Es war ihr zweites Mittel, mit diesem Manne fertig zu werden. Ihr +drittes und letztes waren die Tränen. Aber zu diesem wollte sie erst +greifen, wenn alle anderen erschöpft waren. + +"Ja, Clara, wenn du nicht weißt, was du tun sollst, wer soll es dann +wissen?" + +Sie sah ihn an mit ihren hellen Augen, wie ein hilfloses Kind. + +"Du bist doch hergekommen, um mir zu helfen." + +Er stand auf. Diese Frau verstand nichts, sie konnte und wollte +nichts verstehen. + +Er mußte sie zwingen, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen, vor denen +sie floh, feig, jammernd und haltlos. + +Er blieb vor ihr stehen. + +"Nach deinem Briefe mußte ich annehmen, daß du den unwiderruflichen +Entschluß gefaßt hattest, dich von deinem Manne auf immer zu +trennen, da du ein Weiterleben mit ihm als unmöglich erkannt hast. +In der Ausführung dieses Entschlusses, dir zu helfen, bin ich +hergekommen, nicht aber, um dich in deinen Entschlüssen zu +beeinflussen. Und auch nicht, wie du dir vorhin glauben zu machen +suchtest, um diese Stadt, die mir ganz uninteressant ist, und alte +Bekannte, von denen ich nichts mehr weiß, und die nichts mehr von +mir wissen wollen, wiederzusehen, oder auf eure Bälle und in eure +Gesellschaften zu gehen, denn ich verkehre überhaupt nicht in +bürgerlichen Kreisen.--Meine Zeit ist sehr bemessen--" + +Er ging hastig umher. Sie fürchtete sich vor ihm. + +"Aber du hast mich gerufen mit dem Schrei nach Hilfe. Läßt man den +Sinkenden vor seinen Augen untergehen, wenn man seine verzweifelnde +Stimme vernimmt? Und wenn"--so unterbrach er sich unwillkürlich +lächelnd--"ich dich auch nicht auf dem offenen Meere kämpfen sah, +so sah ich dich doch ringen mit der trüben Flut dieses--Teiches." + +Er wurde wärmer. + +"Deine verstorbene Mutter ist sehr gut gegen mich gewesen. Sie hat +mir, dem Verwaisten, ein Dach und einen Tisch geboten viele Jahre +lang. Und dann haben wir beide unsere Jugend nebeneinander verlebt, +wenn auch nicht miteinander. Das vergißt sich nicht so leicht. Darum +bin ich gekommen, nur darum." + +Er hatte eine Rose vom Strauch gerissen und zerstreute während des +Sprechens ihre Blätter achtlos umher. + +"Wie er die Blume behandelt!"--dachte sie. Sie hatte nur noch einen +Wunsch: diese erbarmungslos klare und schneidende Stimme nicht mehr +zu hören. Aber diese Stimme klang weiter. + +"Ich komme hierher in dem festen Glauben, dich bereit zu finden, den +entscheidenden Schritt zu tun. Ich finde dich völlig schwankend, +ohne jeden Entschluß--sage mir doch, weshalb du mich eigentlich +gerufen hast?"-- + +Sie sah sich bis auf den letzten Punkt gedrängt und verließ ihn, um +sich zu retten, indem sie zum Angriff überging. + +"Du sprichst so viel", klagte sie, "von den Mißständen in der Ehe. +Willst du mir nicht sagen, wie du dir denn die Ehe denkst?--Wenn du +etwas beseitigen willst, so mußt du doch etwas anderes an dessen +Stelle setzen können." + +Diesen letzten Satz hatte sie einmal irgendwo gehört, und er däuchte +ihr gut und passend, um ihn jetzt anzuwenden. Kein Weib ist ganz +ohne Schlauheit. Auch sie war es nicht. + +Grach antwortete sofort. + +"Ich kenne nur ein Verhältnis wie zwischen Mensch und Mensch, so +zwischen Mann und Weib, das ich würdig nenne: das auf gegenseitiger +Unabhängigkeit beruhende; denn es ist zugleich das einzige, das die +gegenseitige Achtung ermöglicht. Der Herr verachtet den Knecht, und +der Knecht haßt den Herrn." + +Mit verständnislosen Augen sah sie vor sich hin. + +"Und in der Ehe?"--fragte sie unsicher. + +"Bemitleidet der Mann heimlich die Frau, während die Frau ihn +heimlich belächelt." + +Verstohlen blickte sie ihn von der Seite an. + +Woher weiß er das?--war ihr erster Gedanke. + +"Es gibt doch so viele glückliche Ehen--" + +"Wie viele kennst du?" + +"Nein--, aber--" + +"Nun, ich leugne es. Es gibt verschwindend wenige. Was Glück genannt +wird, ist Zufriedenheit. Und was Zufriedenheit scheint, ist nur +Gewöhnung jene Gewöhnung der schwächlichen Ohnmacht, die davor +zurückschaudert, Ketten zu brechen, und in feiger Nachgiebigkeit +Schritt für Schritt zurückweicht, Stück um Stück ihrer eigenen +Würde, ihrer eigenen Freiheit und--was das Traurigste ist--ihres +eigenen Glückes opfert, um das zu werden, was eine alberne +Oeffentlichkeit einen guten Ehegatten, ein treues Eheweib nennt." + +"Aber wie denkst du dir denn--" begann sie zu wiederholen. + +"Das Verhältnis zwischen Mann und Frau in der Freiheit?--Ich +verstehe eine solche Frage kaum. Vernünftige Menschen kommen +zusammen, wenn sie sich lieben und gehen auseinander, wenn sie sich +nicht mehr lieben. Mag sein, daß sie bis an ihr Lebensende +zusammenbleiben in Liebe und Einigkeit. Oft wird es nicht der Fall +sein." + +Auch sie stand nun auf. + +"Aber um Gotteswillen, das ist ja im höchsten Grade unmoralisch, was +du da sagst!" rief sie. "Es ist ja unanständig!" + +Er lachte nur, laut und rücksichtslos. + +Er hatte ihr so viel Klugheit zugetraut, daß sie ihn fragen würde, +was aus den Kindern der freien Verbindung werden würde. Aber er +täuschte sich auch diesmal. Sie rief--wie alle Schwachköpfe--die +Moral zu Hilfe, wo ihr Verstand nicht mehr ausreichte. + +Gleichmütig sagte er: + +"Ja, über Anständigkeit und Ehrenhaftigkeit gehen meine Anschauungen +und die deiner Klasse, welche du teilst, wie ich sehe, weit +auseinander. Ich weiß, daß es noch viele, viele Menschen gibt, die +eine Vereinigung erst dann für anständig halten, wenn sie sich +dieselbe gegenseitig erlaubt haben: Standesamt--Kirche und Pfaffe-- +Hochzeitsreise; die es anständig nennen, wenn zwei Menschen +zusammenbleiben, die sich nicht mehr sehen können und die erkannt +haben, daß auch das leiseste Gefühl sie nicht mehr zusammenhält, +sondern nur noch das gegebene Wort. Ich weiß aber auch, daß es +Menschen gibt, welche jede Umarmung, die aus anderen Gründen erfolgt +als aus gegenseitiger Liebe, gemein nennen, und zu diesen Menschen +gehöre auch ich. Und eins möchte ich dir und allen, die die Ehe +verteidigen und unsere Anschauungen der freien Liebe so laut und +emphatisch beschreien, eins Möchte ich euch allen, euch Menschen der +Ehe, sagen: Tut, was ihr wollt, aber zeigt uns durch eure eigenen +glücklichen Ehen, daß wir im Unrecht sind und ihr im Recht seid mit +eurer Heiligsprechung der Ehe! Dann werden wir euch vielleicht +glauben, eher nicht!" + +Er griff nach Hut und Stock. + +"Adieu, Clara," sagte er und gab ihr die Hand, "leb' wohl! Ich habe +gesehen, daß du nicht unglücklich bist. Du bist unzufrieden, +natürlich--du bist ja nicht frei. Aber wer kann dir da helfen, wenn +du es nicht selbst tust?"-- + +Sie war vollständig verwirrt. Sie wollte ihm noch etwas entgegnen, +sie hatte den glühenden Wunsch, ihn noch zu demütigen, aber sie fand +kein Wort mehr seiner kalten Ueberlegenheit gegenüber. Nicht einmal +ihr letztes Mittel jetzt anzuwenden, schien ihr zweckmäßig. O, wenn +sie das vorher gewußt hätte, nie hätte sie ihm geschrieben! + +Und sie kämpfte mit ihren Tränen der Wut und des Zornes, als sie ihm +gegen ihren Willen die Hand geben mußte. Er aber ergriff sie und +schüttelte sie freundlich. Dann ging er mit seinen schnellen +Schritten den Kiesweg entlang, durch den hohen und kühlen Flur an +der weißen Treppe vorbei und über den weiten Platz, der verlassen +lag wie vor einigen Stunden. + +Als er in seiner Mitte angelangt war, kam von der anderen Seite her +ein älterer Herr. Er ging schon gebeugt. + +Grach sah ihn in die Tür treten, die er soeben verlassen. War das +ihr Mann? + +Wenn er mit den Blicken die Wände hätte durchdringen können, wäre +ihm folgendes Bild erschienen: Frau Clara Boehmer hing am Halse +dieses älteren Herrn, küßte ihn stürmisch und bettelte ihm die +Erlaubnis ab, am nächsten Mittwoch den Ball im "Kasino" besuchen zu +dürfen (--in einem ganz neuen Kleide--), während sie in ihrem Innern +beschlossen hatte, ihm fürs Erste noch nichts von dem Besuch zu +erzählen, den sie so schnell und dazu noch auf eine verhältnismäßig +so gute Art und Weise losgeworden war. + + + + +XII. + +Grach ging, ohne eigentlich zu wissen, wohin. Während er noch in +Gedanken versunken war, die ihm in diesen Stunden gekommen und die +er nun weiter und zu Ende dachte, während er so in Gedanken zu Boden +sah, ging er ganz instinktiv die Wege, die zur Höhe des Berges +zwischen den Gärten und ihren Mauern hinführten, und die er so +zahllose Male als Kind und als Knabe im Spiele gelaufen, lernend, +erzählend, mit Kameraden und allein, traurig und fröhlich gegangen +war. + +Er sah nicht, wohin er ging. Nur ins Freie, hinaus, fort aus der +Albernheit dieser Enge, die ihn eben stundenlang umschnürt gehalten +hatte! + +Er war wie zerschlagen. + +Seit Jahren hatte ihn nichts, keine Unterredung, keine Diskussion, +keine Verhandlung, so ermüdet, wie die Unterhaltung dieses +Nachmittags. + +Ihm war, als habe er Zuckerwasser trinken müssen, in großen +Quantitäten, ein Glas nach dem andern. Ihm war als sei er +umhergetappt in schwülen und haltlosen Nebeln, als habe er etwas +Weiches, Zerrinnendes zwischen seinen Fingern gehalten, etwas, das +formlos war und keine Gestalt annehmen wollte, er mochte bilden, wie +er wollte. + +Es war die Moral der Bourgeoisie gewesen, mit der er eben diesen +Kampf gekämpft hatte, diese satte, selbstgefällige, verächtliche +Moral, die keinem Gedanken Stand hielt, an jeder Wahrheit genäschig +schleckte und alles, alles, alles herunterzog in den Staub ihrer +Mittelmäßigkeit. Er haßte sie, diese Menschen, er fühlte erst jetzt, +wie sehr er sie immer gehaßt hatte: ihre Anschauungen, ihre Sitten, +ihre Gewohnheiten, ihr heuchlerisches Weinen und ihr oberflächliches, +humorloses Lachen. + +Was wollte denn diese Frau eigentlich? + +Hatte sie nicht alles, was ein Mensch nur an äußerlichem Glück +begehren konnte? + +Sie war schön. Sie war noch jung. Sie war reich. Aber sie hatte +einen Mann, der wohl zuweilen eine eigene Meinung zu haben sich +erlaubte; einen Mann, der sie nicht so befriedigte, wie ihre Natur +es verlangte. Nun, warum ging sie nicht von ihm, wenn sie es bei ihm +nicht mehr "aushalten" konnte? + +Nichts hielt sie, als die kindischen Anschauungen ihrer Klasse von +Ehre und Sittlichkeit. + +Die Welt lag vor ihr. Warum ging sie nicht hinein, lernte kennen, +was dem Suchenden so interessant, so geheimnisvoll, so neu und so +unendlich reizvoll erscheinen muß? + +Weshalb genoß sie nicht die Schönheit dieser Welt, von der sie +nichts kannte? + +Sie konnte nicht allein sein. Zu flach, um sich selbst auch nur auf +eine Stunde zu genügen, konnte sie auf eine Stunde nicht die +Gesellschaft entbehren, deren Leben ihre Nahrung war. Machtlos, sich +durch ihre eigene Persönlichkeit neue Verbindungen zu schaffen, wäre +sie draußen in der weiten Welt gestorben vor Langeweile, verzehrt +von Sehnsucht nach dem kleinlichen Getriebe ihrer früheren Tage. + +Deshalb mußte sie bleiben, wo sie war, auf dem Platze, auf den sie +ihr eigener freier Wille gestellt, und den zu verlassen sie nicht +die Kraft besaß. + +Sie mußte ihr "Unglück" weitertragen. + +Er glaubte nicht an dieses Unglück. In Wirklichkeit hatte er nie +geglaubt, daß diese Frau jemals unglücklich werden könne. + +Außerdem würde sie ihren Mann allmählich besiegen. Eine echte Frau, +die sie war, würde sie ihn mürbe machen--: langsam, nach und nach, +mit aller Zähigkeit, würde sie ihm Locke auf Locke seiner Kraft +rauben, bis er willenlos geworden war ihr gegenüber. + +Der Mann war mehr zu bedauern als sie. + +Für ihn aber war sie eine abgetane Sache. Es war eine Dummheit +gewesen, daß er hierher gekommen war. Er gehörte nicht zu den +Menschen, die sich schämen, ihren Dummheiten ins Gesicht zu sehen. +Aber er glaubte doch, nun sagen zu dürfen, daß er so bald keine neue +machen würde. + +Am liebsten wäre er noch heute Abend abgereist. Doch er wußte nicht, +wann die Züge gingen. Und außerdem--er war nun einmal hier. Die +Hitze des Tages begann langsam nachzulassen. Er wollte noch einige +Stunden verbringen auf dieser Höhe mit dem Blick auf die Stadt zu +seinen Füßen. Irgendwo würde er schon ein grünes und kühles +Plätzchen finden. + +Und mit dem charakteristischen Ruck seiner Schultern schüttelte er +die Erlebnisse dieses Nachmittages von sich: aus seiner Stirn und +von seiner Brust. + +Nun waren sie ihm erledigt für immer. + + + + +XIII. + +"Eine komische, kleine Stadt!" hatte er noch vor drei Stunden zu +sich selbst gesagt. + +Aber von dieser Höhe aus gesehen schien die Stadt weder klein noch +komisch, und er dachte, es müsse gräßlich sein, in ihr zu leben und +zu sterben. + +Gewiß--man wußte nicht mehr, was der Nachbar kochte und aß, aber +was er trieb und ließ, man kümmerte sich darum noch immer bis in die +kleinsten Einzelheiten hinein. + +Daher wagte sich keiner zu rühren, und bei jeder Handlung, die er +beging, sah er zuerst den anderen an, ob dieser dasselbe je getan +oder je tun würde. + +Es gab Männer von Genie in dieser Stadt: aber ihr Genie war völlig +einseitig. Es war einzig darauf gerichtet, Geld in möglichst großen +Massen zusammenzuspeichern. Ein schlechterer Gebrauch konnte von +demselben nicht gemacht werden, wie es hier geschah: es blieb oft +einfach liegen und vermehrte sich dann--infolge der Privilegien, +die es schützten--von selbst. Es zog alle Kraft und alle Energie +dieses ganzen Landes an sich. Es war ein kaltes, grausames, +sinnloses Ungetüm, unersättlich und gierig. + +Auch denen, die es besaßen, gab es nichts. Denn sie hatten keinen +Geist. Sie hatten keine Spur von Geist. Sie machten alle Jahre eine +vierwöchentliche Reise und schickten ihre Söhne einige Jahre in die +Freiheit des Lebens. + +Außerdem gaben sie alle paar Wochen ihrer ganzen Familie große +Essen, bei denen es hoch herging. Man sprach im heimischen Dialekt +und ergänzte die Familienchronik. + +Das war aber auch alles. Für kein Vergnügen feinerer Art hatte man +hier den geringsten Sinn. Man besaß kein Theater, keine +Konzerthalle, und man kaufte nie ein Buch. Die Kunst war hier so +heimatlos wie die Wissenschaft. + +So war es vor zehn Jahren noch gewesen. + +Ob es heute noch so war, wußte Grach nicht. Es war ihm auch +gleichgültig. In der Zeitung der einen Stadt--die der einen war +konservativ, die der anderen freisinnig, und sie lagen sich +natürlich beständig in den Haaren--hatte sich noch kein Wort +geändert gegen früher. Er hatte sie beim Essen durchflogen. + +Nein, es war keine komische Stadt, wenigstens nicht für den, der in +ihr zu leben gezwungen war. + +Es war auch eigentlich keine kleine Stadt, denn sie füllte, wie er +jetzt sah, die ganze Breite dieses Tales. Sie hatte sich vergrößert. +Man hatte--traurig genug--zu den drei alten noch zwei neue Kirchen +gebaut. + +Dieses Tal entbehrte der Anmut nicht. Der träge Fluß durchschnitt +üppige Wiesen, und die Hügel waren bedeckt mit dichtem Tannen und +Laubholz. Aus einer dieser dunklen Kuppen ragten die schlanken +Turmspitzen eines modernen Schlosses in den sonnenheißen Himmel. +Dort wohnte der König der Gegend. Er wußte, daß er das war: er +redete seine Arbeiter mit Ihr an und sorgte für sie, wie "ein Vater +für seine Kinder." Ihm ging es gut dabei; seinen "Kindern" weniger. +Never mind!-- + +Und immer wieder wandten sich Grachs Augen nach rechts und nach +links, dorthin, wo an den Grenzen seiner Blicke die Wolken des +Rauches sich ballten zu seltsamen, fremdartigen, formlosen Gebilden. + +Ideen schienen es zu sein, die nach Gestaltung rangen. Und er sah im +Geiste den Tag, wo diese Ideen, nicht am hellen Nachmittag in heißer +Sonne, nein, am kühlen Abend, beim Beginn der Nacht, in rußige, +markige Gestalten verkörpert, von beiden Seiten dieses Tales +herangezogen kamen und diese ganz abgelebte Gewöhnlichkeit, dieses +ganze Nest von Aemtern, Titeln und Würden, diese ganze Uniformität +der Gesinnung so durcheinander rüttelten, daß die friedlichen +Schläfer dieser guten Städte am nächsten Morgen nicht mehr wissen +würden, auf welcher Seite des Flusses sie eigentlich waren. + +Dann würde er vielleicht endlich geendet sein, der erbitterte Streit +um die Oberherrschaft. + +Aber dann würde es auch zu spät sein. + +------------------------------------ + +Eine komische kleine Stadt! + +Nein, es war weder eine komische, noch eine kleine Stadt. + +Trotz der Hitze fröstelte Grach. + +Die Sonne quälte ihn, und seine undankbaren Gedanken quälten ihn +ebenfalls. + +Hatte er nicht Grund, dankbar zu sein? + +Dankbar dafür, daß er nicht mehr hier zu leben brauchte?-- + +Er wandte sich ab und stieg den Weg weiter hinauf. Ein Blechschild +fiel ihm in die Augen: + +"Gartenwirtschaft". Das war, was er suchte. Bäume und Schatten und +Stille. + +Er stieg eine Treppe empor und durchschritt die Tür. Da stutzte er +plötzlich. + +Vor ihm her ging eine Frau. + + + + +XIV. + +Er erkannte sie sofort. + +Nur eine Frau war ihm im Leben begegnet, der dieser feste, stolze +Gang, diese aufrechte, und doch graziöse Haltung eigen war: Dora +Syk. Sie mußte seine Schritte gehört haben, denn sie wandte sich um. + +Zu gleicher Zeit streckten ihre Hände sich einander entgegen und +faßten sich mit starkem, freundschaftlichem Druck. + +Die Freude, sich wiederzusehen, war auf beiden Seiten gleich groß +und ehrlich. Gleich war aber auch bei beiden eine gewisse +Verlegenheit: man war hier auf fremdem Boden und wußte im ersten +Augenblick nicht recht, wie man es dem anderen klar machen sollte, +weshalb man hier war . . . + +Dort, wo ihre eigentliche Heimat war, in der großen, weiten Welt, in +dem Getriebe der ungeheuren Stadt, in den schrankenlosen +Verhältnissen, deren Physiognomie wechselte wie der schwankende Tag, +in der großen, geistigen Bewegung, waren sie sich zuerst begegnet, +hatten sie sich gesehen, sich gesprochen, waren sie schnell wieder +auseinander gerissen, hatten sich nicht vergessen, aber auch kaum +mehr aneinander gedacht, vielleicht nur deshalb, weil sie keine Zeit +dazu hatten. + +Seinen Namen hörte sie oft: er wurde überhaupt viel genannt; ihren +Namen hatte er lange gekannt, ehe er sie sah, denn er war eine +Zeitlang viel genannt worden. Es war gewesen, als sie einundzwanzig +Jahre alt war und ihr erstes Werk Aufsehen erregte. Vor etwa sechs +Jahren. + +"Franz Grach"-- + +"Dora Syk"-- + +Sich hier wiederzusehen, war für beide eine ganz außergewöhnliche +Ueberraschung, und indem sie nach einem Wort suchten, um dieselbe +auszudrücken, fingen sie beide plötzlich an zu lachen und gaben sich +nochmals die hand, wie um sich zu vergewissern, daß sie es wirklich +waren. + +"Fräulein Dora Syk!" rief er aus. "Also deshalb hört man nichts mehr +von Ihnen--" + +"Es ist sehr eigentümlich, daß wir uns hier treffen," sagte sie, +indem sie ihre Hand zurückzog. + +"Nicht so sehr, was mich betrifft: bin ich doch hier in der Stadt +meiner Jugend. Ich bin nämlich hier erzogen." + +"So. Und ich erziehe jetzt hier." + +Er fuhr zurück. + +"Das ist schrecklich. Wen erziehen Sie denn?" + +Sie lachte herzlich. "Kinder", sagte sie, "Mädchen von zwölf und +dreizehn Jahren." + +"In der höheren Töchterschule?"-- + +"Ja, in derselben", entgegnete sie, und immer noch lag Lachen um +ihren Mund. "Ich bewundere die Treue Ihres Gedächtnisses. Wie lange +waren Sie nicht hier?"-- + +"Fast ein Jahrzehnt nicht.--Hören Sie: + +Der Herr segne Deinen Ausgang und--" + +"Und deinen Eingang--ja, so steht es über dem Tor geschrieben." + +"Lachen Sie doch nicht, Fräulein Syk! Ich weiß, was es heißen will, +Lehrerin an dieser Schule zu sein--für Sie ist es unwürdig." + +"Nein," sagte sie schnell und wurde ernst, "es ist nicht unwürdig, +um sein Brot zu arbeiten. Aber eines ist sicher: es ist lähmend, +weil es unnütz, total unnütz ist. Denn ich bin gehindert, das zu +sagen, was ich sagen möchte, wenn ich auch nicht gezwungen bin, zu +sagen, was ich nicht sagen will . . . Unwürdig?--Nein, das +Schweigen der Machtlosigkeit ist nie unwürdig." + +Er sah sie inmitten dieser Gesellschaft, die er kannte--die +Personen konnten sich geändert haben, die Tendenzen nie: der +Direktor ein Pietist, die Lehrer zu halben Weibern geworden in ihrer +falschen Stellung zwischen lauter Unterröcken, die Lehrerinnen alte +Jungfern, verbittert die einen, emanzipiert im unguten Sinne die +anderen--und er hörte nicht auf das, was sie ihm entgegnete. + +"Wie können Sie hier leben?" rief er fast heftig. "Wie können Sie +sich stellen zu diesen Mumien--" + +"Sehr gut. Sie hassen mich so, daß wir fast nie zusammen sprechen--" + +"Ja, was sollten Sie auch zusammen sprechen!" rief er. "Und machen +Sie mir nur nicht vor, daß es anders ist mit dieser entzückenden +Jugend, ich kenne sie, diese unreife Gesellschaft, schlimmer als die +Buben sind sie: kokett schon, noch mit der Puppe im Arm, neugierig, +naschhaft, und ganz schon von dieser entsetzlichen Schwatzhaftigkeit +der Alten, dieser Schwatzhaftigkeit der Leere, die nichts zu sagen +weiß und immer plappert, plappert--o, ich habe sie eben drei +Stunden lang gehört!--" + +Sie ging ruhig weiter, aber sie antwortete ihm nicht mehr. Ihr +Beispiel, dachte er da, dieses herrliche Beispiel der Kraft und +Gesundheit, der Vorurteilslosigkeit und Schönheit, des Geschmacks +und der Gesundheit der Harmonie, ihr Beispiel, sollte wenigstens +nicht dieses schweigend wirken? Und er fragte sie danach. + +Mit einiger Ungeduld lehnte sie seine weiteren Fragen ab. Auch ihr +Beispiel nicht, sie sagte es schon. Es war kein Boden bereitet. + +Er merkte plötzlich, daß sie litt, und ward still. + + + + +XV. + +Während ihres kurzen Gespräches hatten sie den Garten betreten. +Ueber die ganze Kuppe des Hügels hin erstreckte er sich. Seine Bäume +waren herrlich. Sie bildeten dichte und schützende Dächer über den +Tischen und Stühlen, die überall auf die ansteigenden Terrassen +gestellt waren. + +Eine große Halle lag auf der höchsten Höhe des Hügels. Sie war roh +aus Holz aufgezimmert und dazu bestimmt, großen Massen bei +schlechtem Wetter Aufenthalt zu gewähren. Denn an allen Sonn- und +Feiertagen belebten Hunderte und Aberhunderte von Menschen die +Stille dieser fast einsamen Höhe; an Wochentagen verlief sich selten +ein Gast hierher. Die reiche Natur konnte ungestört die Schäden +wieder heilen, welche trampelnde Füße, die keiner Wege achteten, und +rohe Hände, die frevlerisch in dieser grünen Pracht wühlten, ihr +schlugen. + +Keine Großstadt besaß einen größeren, in seiner rauhen und nie +gepflegten Wildheit schöneren Garten. + +Grach breitete die Arme aus vor Freude. + +"Das ist herrlich!" rief er. + +Sie lächelte. + +"Ja, es ist herrlich!" sagte sie auch. "Es vergeht fast kein Tag, an +dem ich nicht die letzten Stunden des Nachmittags hier verbringe. +Hier stört mich kein Mensch. Ich kann sitzen, wo ich will, ich kann +gehen, ich kann lesen, ich kann tun, was ich will. Mir ist, als sei +sie mein, diese ganze Höhe." + +An dem Wirtshause vorbei, wo der Besitzer des Gartens mit seiner +Familie wohnte, führte sie ihn langsam empor. + +"Ueberall können wir uns setzen, Grach," sagte sie. "Wollen Sie die +Stadt sehen? Oder wollen wir hier bleiben auf dieser Terrasse, wo es +am kühlsten ist?"-- + +"Hier," bat er, "lassen Sie uns hier bleiben. Hier ist es einsam, +kühl und schön." + +So setzten sie sich, einander gegenüber, an einen der Tische. Ein +Mädchen kam mit einer Flasche und einem Glase. Als sie den gewohnten +einsamen Gast in Gesellschaft eines zweiten sah, malte sich +sprachloses Erstaunen auf dem frischen, jungen Gesicht. + +"Kein Bier heute, Käthchen," sagte Dora Syk, "ich habe Besuch heute. +Eine Flasche Rheinwein und zwei Gläser." + +Das Mädchen entfernte sich nur zögernd. + +"Sie ist völlig außer Fassung, die Kleine. In den drei Sommern ist +ihr das nicht vorgekommen. Und, daß ich es Ihnen nur gestehe, auch +ich bin etwas verwundert.--Also die Sehnsucht hat Sie einmal wieder +hierhergetrieben? Sie wollten einmal wieder wandeln auf den Fluren +Ihrer Kindheit?" + +"Ach was," rief er fast barsch, "ich habe eine Dummheit gemacht, +eine große Dummheit." + +Er erzählte ihr in hundert Worten, was er soeben erlebt. + + + + +XVI. + +Der Wein glänzte in den Gläsern vor ihnen. Sie stießen miteinander +an. + +"Aber ich bin ausgesöhnt mit meiner Dummheit--" rief er in ehrlicher +Freude, während er sie ansah. + +Sie war es wert, angesehen zu werden. + +Fest zurückgelehnt in den Stuhl und die Füße gegen den Boden +gestemmt, die Hände im Schoße gefaltet, saß sie in der unbewegten +Ruhe von Menschen da, die viel arbeiten, und diese Ruhe, derer sie +bedürfen, dann wenn sie ihnen wird, auch wirklich genießen. + +Ihren Hut hatte sie abgenommen, und Grach bewunderte die einfache +Kunst, mit der sie ihr dunkelbraunes Haar in einen griechischen +Knoten gebunden trug. + +Alle Linien an dieser schönen Gestalt waren groß, kühn und frei; +lang und natürlich, durch keine künstlichen Mittel verziert, fielen +die Falten ihres Kleides nieder. + +Ihre Hände, an denen sie keine Ringe trug, waren groß und weiß, und +ebenso waren ihre Zähne, keine "Perlen"-Zähne, aber Zähne von +tadelloser Ebenmäßigkeit. + +Das Gleichmaß der ruhigen, großen Schönheit war in ihr verkörpert. +Und wie es unmöglich war, sich dieses Gleichmaß ihrer Erscheinung +durch irgend etwas: durch eine eckige, unbehilfliche Bewegung, durch +die Wildheit eines fassungslosen Schmerzes, die Raserei einer +zügellosen Leidenschaft, die Unschönheit einer Erniedrigung oder +einer gewaltsamen Ueberhebung gestört zu denken, so unmöglich war es +auch zu glauben, daß das Alter jemals diese hohe Gestalt beugen, das +Elend diese einfache Würde knicken, Krankheit diese verkörperte +Gesundheit brechen könne. + +Es gibt Profile, die hingekritzelt scheinen, stümperhafte +Dilettantismen, verzerrte Karrikaturen in die Breite oder in die +Länge, hingeklatscht von ungeübter Hand und dann verwischt durch +Zerknitterung des Papiers; und es gibt Profile, die mit Künstlerhand +schnell entworfen scheinen in verräterisch-schönen Linien voll +Weichheit, Grazie und Liebreiz, oder aber hingezeichnet in einem +großen, wundervollen Zuge in seltener Stunde . . . + +Zu den letzteren gehörte Dora Syks Profil. Ein Ansatz, ein kühner +Zug, rasch, energisch, meisterhaft--tadellos: so war ihr Profil, +das Grach in erwachender Leidenschaft mit dem Auge sich immer wieder +heimlich nachzeichnete, während er es betrachtete. + +Nie war ihm früher die bestechende Harmonie ihres Wesens so +aufgefallen, wie jetzt. Der beschäftigte Tag hatte damals seinen +Blick getrübt. Nun saß sie vor ihm und sah vor sich hin, während er +sprach. + +Und mehr als alles bezwang ihn der Ausdruck einer beginnenden +Müdigkeit, die sich über dies schöne Antlitz ausbreitete. Keine Spur +von der Unschönheit der Bitterkeit, nur das ganz allmähliche +Erlahmen . . . + +Ein noch fast unsichtbares Erlahmen. + +Aber er sah es. + +Dieser schöne Mund begann sich zu schließen in der Herbheit des +Stolzes--wann durfte er einmal sprechen in den Lauten, die er +gewohnt war, den Lauten der Erkenntnis, der Freiheit und des +Verständnisses der Liebe?--Diese tiefen Augen umschatteten sich +bereits. Gewöhnt, in die weiteste Ferne zu schauen, Abwechslung, +Fülle, Reichtum alles äußeren Lebens zu trinken, fingen sie an sich +zu trüben zwischen den Dunstwolken dieses ärmlichen Tales, dem +Rauche der Feuerherde dieser erbärmlichen Stadt, der Stickluft einer +ungelüfteten Schulstube. + +Er dachte an anderes, während er ihr erzählte, weshalb er +hierhergekommen war. Er wurde unruhig. + + + + +XVII. + +"Menschen der Ehe!" sagte sie, als er geendet hatte. Er sah auf. Sie +hatte also sein Werk gelesen. Er wußte nicht, daß es seit Jahren +keinen Mann gab, den sie im Stillen seines Mutes und seiner +unerschütterlichen Energie wegen so bewunderte wie ihn. + +"Menschen der Ehe!" wiederholte sie, ohne Geringschätzung oder +Verachtung, sondern mit der Ruhe, mit welcher der Forscher das +Objekt seines Studiums benennt. Aber lachen schien sie doch nicht zu +können über Grachs hastige Erzählung. Dazu war sie diesen Menschen +doch zu nah. + +Mehr und mehr überzeugte sich Grach während des Gespräches der +nächsten Stunde, wie sehr sie es verstanden hatte, sich allem, was +die Zeit an Gutem, Bedeutendem und Großem leistete, nah zu halten. +Fast nichts war ihr unbekannt geblieben: jedes Buch hatte sie +gelesen, jedes Ereignis mit dem ihr eigenen Scharfblick betrachtet +und beurteilt, jede neue Erscheinung in den Kreis ihres Verstehens +gezogen. + +Sie sprachen von allem, wie es ihnen kam. Ueber vieles gingen ihre +Ansichten auseinander, aber über jedes hörten sie des anderen +Meinung, und über nichts verschwiegen sie ihm die eigene. + +Er forschte sie aus. Aber es war so, wie er dachte: sie stand hier +ganz allein, ohne Freunde, ohne Verkehr, ohne Verständnis bei irgend +einem Menschen. Sie las viel. Aber sie war die einzige vielleicht in +der ganzen Stadt, die anderes las als Zeitungen und die Romane der +Leihbibliotheken. + +Kein Mensch auch wußte hier, wer sie war. Eine fremde Erscheinung, +war sie hierhergekommen, und mit scheuer Achtung ging man ihr aus dem +Wege, während man ihr nach den ganzen Klatsch der Verständnislosigkeit +und des Hasses, weil sie "anders war", schüttete. + +Wer sollte hier auch ihren Namen kennen? Hier waren nur die Namen +berühmt, welche die Schilder der Straßen und die Zeitungen des Tages +nannten. + +Sie war plötzlich verschollen, und der Laut ihres Namens war schon +fast verhallt. War sie hier untergetaucht in diesem Sumpf, um hier +zu sterben?--Der Gedanke machte Grach schaudern. + +Und wieder betrachtete er sie mit den Blicken der Liebe, während er +auf den Klang dieser tiefen, schönen Altstimme lauschte. Sie sprach +langsam das Ernste, das sich in ihrem Gehirn bildete, und mit +Nachdruck in jedem Wort. Leicht jedoch und ungezwungen beantwortete +sie seine Fragen nach ihrem persönlichen Leben, mit einem ganz +kleinen Anflug von Spott und Wehmut in ihrer Stimme. + +Sie war wohltuend, diese Stimme. Unwillkürlich mußte er einmal diese +einfache und schöne Sprache mit dem Geplapper vergleichen, das ihn +den ganzen Nachmittag gefoltert. Auch in allen Nebensächlichkeiten +war keine größere Verschiedenheit denkbar, als zwischen diesen +beiden Frauen. + +Welche wunderbare Frau! Welche wunderbare Frau! dachte er immer +wieder und ließ keinen Blick von ihr. Immer mehr begann er sie zu +verstehen. Täuschte er sich dennoch?--War sie glücklicher hier, als +sie es früher gewesen? Oder war diese Resignation nur die Folge +eines äußeren Zwanges. + +Nein, er konnte sich nicht täuschen! + +Sie litt. + +Eine herrliche und fast unerschöpfliche Fülle von Lebenskraft hatte +sie bisher aufrecht erhalten. Noch war nichts in ihr angegriffen, +geschweige denn gestört. + +Aber der äußere Dunst begann sie zu bleichen. Sie verlangte nach +Leben, wie die Pflanze nach Wasser verlangt. + +Drei Jahre schon hatte sie keinen Tropfen vielleicht äußeren Glücks +genossen--jenes Glückes, welches ein tägliches Bedürfnis ist: für +Körper und Geist eine Befriedigung. + +Und noch immer stand sie aufrecht!--Aber von heute schon auf morgen +konnte sich das erste dieser dunklen Haare bleichen, konnte sich +diesem Munde zum erstenmal ein Schrei der Wildheit: der Wut und der +Klage entlösen und er sich dann auf immer in Schweigen schließen, +konnte dieser noch so helle und klare Geist sich trüben in der Nacht +dieses Lebens . . . Und dann war es zu spät! + +Nein, nie durfte das sein! + +Er lachte plötzlich laut und bitter. + +Sie sah erstaunt auf. + +"Weshalb lachen Sie so?" + +Alles in ihm schäumte auf. + +"Dora Syk", rief er, und lachte wieder, wie eben, "Dora Syk--und +zweite Klassenlehrerin in der Schule für höhere Töchter zu Abdera!-- +Nun, wenn das kein Witz ist, über den man lachen darf, dann weiß ich +es nicht!" + +Sie erblaßte erst, dann überzog ein tiefer Unmut ihre Stirn. Zum +erstenmal mischte sich ein Klang von Schärfe in ihre Stimme. + +"Sie verstehen meine Stellung völlig falsch, Grach." Sie sah ihn +fest an. "Ich bin nicht nur hierhergekommen, um für einige Zeit in +sicherer, äußerlich sicherer Situation leben zu können, sondern ich +bin auch hierhergekommen, weil ich--ich wiederhole: für einige Zeit +--der inneren Ruhe bedurfte. Und das ist genug Entschuldigung für +meine Flucht, wenn sie überhaupt einer bedarf." + +Aber Grach war so erregt, daß er nur halb vernahm, was sie sagte. + +"Ach was," rief er ungestüm, "eine Frau wie Sie hat überhaupt keine +Entschuldigung! Die einzige, welche es gäbe, wäre die: daß Sie hier +Ihr Leben wirklich leben. Aber zwischen diesen Mumien und +Geldsäcken, in diesem stagnierenden Haufen müssen sie ja über kurz +oder lang ersticken!" + +Ihre Antwort erfolgte sofort. Sie war erzürnt. + +"Sie gehen immer wieder von der unbegründeten und ganz falschen +Voraussetzung aus, daß ich mich auf immer hier vergraben wolle. Ich +denke nicht daran." + +Er war aufgesprungen und ging auf und ab. + +Sie war wieder völlig ruhig. Auch während der letzten Worte hatte +sich keine Linie ihrer ruhigen Haltung verändert. + +"Ich weiß, was ich zu tun und zu lassen habe. Und wenn Sie es +durchaus wissen willen, nun ja, ich denke, ich gehe bald zurück in +die weite Welt meiner Heimat . . ." + +Er stand ihr zur Seite und sie hörte seinen schweren Atem. + +"Tun Sie es noch heute!" rief er leidenschaftlich, und mit bebender +Stimme fügte er, kaum hörbar selbst für sie, hinzu: "Und--tun Sie +es mit mir!" . . . . + +Er sah auf sie nieder. Sie rührte sich nicht. Die leise Dämmerung, +die unter den hängenden Zweigen lag, verhinderte ihn zu sehen, wie +die Farbe ihres Gesichtes wechselte. + +Sie antwortete nicht. Seine Hand lag auf der Lehne ihres Stuhles. + +Dann sah sie auf seinen Sitz. Er verstand sie und setzte sich +langsam. + +Sie nahm das vor ihr stehende Glas und leerte es mit einem Zuge. + +Sein Herz klopfte. + +Da sah sie ihn an und lächelte. Noch immer entgegnete sie ihm mit +keinem Worte. Aber er wußte jetzt, was er begehrte zu wissen. + +Er nahm ihre schlaff herabhängende Hand. Er küßte sie nicht. Aber +mit beiden Händen umfaßte er sie innig, mit einem zarten und +zugleich festen Druck. + +"Dora Syk," sagte er leise, und seine Stimme bebte noch immer, "die +Erde ist so arm an Glück in unseren Tagen. Sollten wir nicht einmal +versuchen, zusammen glücklich zu sein?" + +Sie sahen sich an. In seinen Augen glühte die heiße, stumme, +begehrende Bitte. + +Er hatte gesiegt. Er sah es an dem Ausdruck ihrer Augen, dem Lächeln +ihres Mundes, und er fühlte es an der Wärme ihrer Hand, die er nicht +losließ. + +Sie zog sie zurück. Sie wollte nicht, daß die Stimmung sie +überwältigte. + +"Schenken Sie mir noch einmal ein, Grach.--So.--Und nun lassen Sie +uns vernünftig zusammen sprechen, nun, wie Leute, die nicht mehr +ganz jung sind, über so etwas sprechen sollten." + +Ihre Stimme hatte nur äußerlich den scherzhaften Klang. + +Sie machte noch eine Pause, ehe sie begann. + +"Ja" sagte sie endlich. "Sie haben recht. Ich muß fort von hier. Ich +will es selbst. Und auch darin haben Sie recht: es soll bald, es +soll sofort sein.--Meine Ferien beginnen erst in acht Tagen. Aber +ich kann mich vertreten lassen. Es ist das erste Mal, daß ich eine +Hilfe dieser Art in Anspruch nehme, und da es auch das letzte Mal +ist, habe ich keine Ursache, eine Zustimmung erst abzuwarten. Es +genügt, wenn ich dem Direktor die Anzeige meines Fortgehens mache. + +Auch meine Verhältnisse kann ich sofort ordnen.--Aber bevor ich mit +Ihnen gehe, müssen Sie die folgenden Bedingungen annehmen: + +Ich liebe meine Freiheit über alles, wie Sie die Ihre. Wir werden +also vollständig, in jeder Beziehung, unabhängig voneinander sein. +Wir werden uns gegenseitig verschonen mit allen läppischen +Zudringlichkeiten an Zeit und Stimmung. Wollen wir einen Weg nicht +zusammen miteinander gehen, so geht jeder seinen eigenen. Und--was +das Wichtigste ist--wir werden uns trennen in der ersten Stunde. in +der wir--anfangen werden, uns miteinander zu langweilen." + +Sie beugte sich vor und sah ihn mit ihren schönen, klugen Augen an. + +"Wollen Sie auf diese Bedingungen eingehen, Grach, dann geben Sie +mir nochmals die Hand." + +Er griff nach ihren beiden Händen. + +"Dora Syk," rief er in jugendlicher Begeisterung, "weiß der Himmel, +aber Sie sind doch die herrlichste Frau, die ich je in meinem Leben +kennen gelernt habe!" + +Da lachte sie hell auf, und der Bann zwischen ihnen war gebrochen. +Frage auf Frage und Antwort auf Antwort folgten nun in buntem +Wirbel. + +Nach Paris wollten sie gehen. Noch heute Abend. Mit dem Schnellzug +um halb elf Uhr. Morgen früh waren sie dort. Er zweifelte, daß sie +bis zehn Uhr fertig sein könnte. Gewiß, drei Stunden würden genügen +für sie. Hatte sie doch von niemand hier Abschied zu nehmen. + +Aber lange hier bleiben durften sie dann nicht mehr. Welche Zeit war +es denn? Schon sieben! Ja, es war dunkel schon unter den Bäumen. +Einen Abschied aber wollte sie doch noch nehmen: von der Kleinen, +die sie so oft hier bedient, und mit der sie so manches freundliche +Wort getauscht, in der Einsamkeit ihrer vielen Stunden, die sie hier +verbracht. + +Sie ging in das Haus und bat ihn, zu warten. + +Nach zehn Minuten--zehn Minuten, in denen er wie betäubt von seinem +neuen Glück dagesessen hatte--kam sie zurück. + +"Armes kleines Ding, sie hätte beinahe geweint. Aber ich habe ihr +gesagt, sie solle es so machen, wie ich." + +Da hielt er sich nicht mehr und nahm sie in seine Arme. Sie ließ es +geschehen, daß er sie küßte. + +Ernst, Würde, Fassung--Liebreiz, Güte, Harmonie, der Witz der +Feinheit--ein außergewöhnlicher Verstand, ein unergründbares Herz: +wie, alles dies besaß er plötzlich, ohne es sich erworben zu haben?-- + +Das letzte Glas stand vor ihnen. Der gelbe Wein schimmerte in der +Dämmerung. + +"Auf unsere Liebe!--Dora!" rief er. + +"Nein, auf die Freiheit unserer Liebe, die sie so schön macht!" +sagte sie langsam, bevor sie trank. + + + + +XVIII. + +Sie verließen den Garten. + +Sie sprachen nicht mehr. Schweigend gingen sie hin. + +Aber als sie eine helle Kinderstimme singen hörten--grell und +falsch, doch unbekümmert klang es von den Lippen: + + + +"Nur einmal blüht im Jahr der Mai-- + +"Nur einmal--im Leben--die--Lie--be!--" + + + +sahen sie sich an und lächelten. + +"Es ist nicht wahr--" sagten sie sich mit diesem Lächeln, +"hundertmal blühen sie, und immer von neuem, oft zusammen, oft der +eine ohne die andere . . ." + +Und sie sagten sich: + +"Aber nie hat sie uns so schön geblüht, wie dieses Mal . . ." + +Wieder hörten sie die Stimme und die Worte. + +"Es ist nicht wahr--" + +"Es ist ewig nicht wahr--" + +An dem Kreuzwege blieb sie stehen. Laut sagte sie ihm: + +"Ich gehe jetzt nach Hause. Ich komme schneller dahin, wenn ich +allein gehe.--Um zehn Uhr bin ich auf dem Bahnhofe." + +Sie gab ihm nicht die Hand, sie grüßte ihn nur mit dem Neigen ihrer +Stirn. + +Er verstand sie. Er hatte den Hut abgenommen und er verbeugte sich, +als sie ging. Er verstand sie: es war nicht Feigheit, daß sie nicht +in den Gassen der Stadt mit ihm zusammen gesehen sein wollte. Nur +_jetzt_ wollte sie unbehelligt bleiben von den frechen Blicken der +Neugier, deren Worte sie von nun an nicht mehr berühren, deren Taten +sie von nun an nicht mehr hindern konnten . . . + +Aber er konnte sich nicht enthalten, ihr nachzusehen. Nur eine ging +so: sie. Ohne das Wiegen der Hüften, das Schwanken der Schultern, +ging sie stets mit denselben ruhigen, auch in der Eile, wie jetzt, +noch gleichmäßigen, festen, kühnen Schritten die mehr als alles die +Gesundheit ihres Wesens zeichneten. + +Die steile Straße abwärts führten sie diese Schritte; dann verbarg +ihren Kopf der hängende Zweig eines Baumes und gleich darauf ein +Haus ihre Gestalt, die der dämmernde Schatten des Abend bereits +verwischte. + +So lange seine Augen sie noch faßten, sah er ihr nach. Nicht eher +ließ er los, was er leibhaftig mit den Sinnen zu fühlen noch +vermochte. + +Auch durch die Dunkelheit der Entfernung hin versuchte er ihr noch +zu folgen. + +Aber er war bereits lange allein. + + + + +XIX. + +Er sah nach der Zeit: halb acht Uhr. + +Also noch nicht drei Stunden waren vergangen, seit er zuletzt auf +diesem Platze gestanden hatte!-- + +Fast begann er irre zu werden an der Wirklichkeit seines Glückes. + +War es nicht alles ein Traum? + +Wie wunderbar: er stand als Mann wieder auf der Stätte seiner +Kindheit. Vor Augenblicken hatte er sie wieder gesehen, nach +Augenblicken sollte sie--und voraussichtlich--für immer wieder +hinter ihm liegen. + +Kurze Augenblicke im langen Leben--: noch die Zeit eines Tages nicht +war vergangen. War sie vorüber, so faßten ihn wieder die Hände +_seiner_ Welt. + +Alles war wunderbar. + +Nur einen Menschen vielleicht gab es in dieser Stadt der Kleinheit, +der Selbstgefälligkeit, der Enge, nur einen einzigen wirklichen, +eigenen, freien Menschen, mit dem er zusammen zu leben vermochte-- +und diesen Menschen hatte er gefunden! Seltsamer Zufall! + +Hier gefunden--nicht in der Länge der Zeit, die auf kleinem Räume +alle Menschen, die ihn bewohnen, einmal aneinander vorüberzugehen +zwingt, nein, durch den seltensten Zufall der Welt, an den Grenzen +dieses Raumes, in der Freiheit der Natur, in der stillsten Stunde, +die keiner ihnen störte. + +Er hatte erkannt, daß das Meiste von dem, was die Menschen Glück +nennen, sich erwerben läßt in Erfahrung und Ausdauer: Ruhe, +Klarheit, Sicherheit und eine gewisse Unabhängigkeit. + +Die großen Zufälligkeiten des Glückes waren ihm nie begegnet und +wenig war, was er sich nicht hatte erringen müssen in eigener Kraft. +Daher fühlte er um so tiefer, wie ungeheuer groß der Zufall dieses +Glückes war, welches ihm hier entgegengetreten war, schimmernd, +blendend aus dunklem Rahmen hervor, dicht vor ihn hin-- + +Und eine wahnsinnige Seligkeit überkam ihn! . . . + +Die Dämmerung nahm zu, und die Kühle mit ihr. Aus den Gärten kehrten +die Bürger mit den Ihrigen heim--zum Nachtessen, danach zur Kneipe. +Lichter flammten zu seinen Füßen auf. Ineinander zerrannen die +Umrisse der Häuser und Straßen, und scharf ragten nur noch die +spitzen Türme der Kirchen, der alten und der neuen, empor. Am +hellsten erstrahlten die Lichter drüben am anderen Bergeshang, wo +der Bahnhof lag. Flimmernde Linien liefen von dort aus nach beiden +Seiten und erloschen in den Nebentälern. + +An den Enden des Tales aber lohten die mächtigen Brände der Hochöfen +in das Dunkel empor, riesige Feuergarben, dort wo eine Tag und Nacht +nicht rastende Arbeit in siegreichem Ringen lag mit einer +barmherzigen Natur und in fruchtlosem Kampfe mit unbarmherzigen, +ererbten, allmächtigen, verschimmelten Vorrechten.-- + +Ein Kätzchen in weißem Fell schlich über den Weg. An einem Kinde, +das auf der Bank vor einem der zerstreuten Häuser saß, wand es sich +vorüber und dann mit schnellen Sprüngen an Grach. + +Dieser sah das Kind. Er griff in die Tasche, gab ihm alles, was er +an Geld erfaßte, hob es in die Höhe und küßte das Erschrockene auf +den Mund, gleich als müsse er sie stillen, die Erwartung nach seinem +Glück, die er nicht mehr ertrug. + +Dann eilte er schnellen Schrittes und wie beflügelt die engen Pfade +zwischen den Gärten hin und den Berg hinunter. + + + + +XX. + +Da war er wieder, der große, totenstille Platz, jetzt eingehüllt in +das Dunkel des Abends, da war sie wieder, die alte Kirche, an der er +jetzt vorbeischritt und die er als Knabe so oft zu betreten +gezwungen war, um tötliche Stunden der Langeweile auf ihren Bänken +zu verbringen, da waren sie wieder, die alte Brücke von Stein und +der alte Fluß. + +Er stand lange über das Geländer gebeugt. Ein Gefühl von Versöhnung +begann sich in sein Inneres zu schleichen. + +Er haßte sie nicht mehr, diese Stadt; er haßte sie nicht mehr, diese +Menschen. + +Was waren sie ihm denn, daß er sie hassen sollte? Nichts. + +Mochten sie leben und sterben, wie sie wollten, ihm war es gleich. +Litten sie selbst nicht am meisten darunter, daß sie so dicht +aufeinander saßen, einer in dem Genick des anderen, und sich so +gegenseitig langsam zu Tode quälten? + +Und warum sollte er ihnen nicht das harmlose Vergnügen der +Selbstgefälligkeit gönnen? Mehr als ein Lachen war die Eitelkeit +dieser aufgeblähten Kleinheit sicher nicht wert. + +Sie hatte hier gelebt und gelitten, drei Jahre lang. Er schämte +sich, wenn er seinen eigenen Unmut über den einen heutigen Tag +verglich mit ihrer vornehmen, schwermütigen Ruhe und ihrem milden, +starkem Ernst, der diese Menschen nicht ändern wollte, sondern sie +gehen ließ, aber sie bei Seite schob, wenn sie ihr lästig wurden. + +Arme Stadt! lächelte er vor sich hin. Und er nahm ihr noch ihr +kostbarstes Gut . . . + +Noch zwei Stunden. Immer noch zwei Stunden? + +Er überschritt die Brücke und bog in die Hauptstraße ein. Dann +betrat er eine große, öffentliche Wirtschaft und setzte sich still +in eine Ecke. + +Er bestellte sich zu essen. Aber als das Fleisch vor ihm stand, +erlosch plötzlich sein Hunger vor dem warmen Geruch, und er schob es +wieder von sich. + +Innerlich--er fühlte es jetzt deutlich--war er dennoch aufs +höchste erregt. + +Er sah sich um. In seiner Nähe stand ein großer runder Stammtisch, +der sich langsam zu besetzen begann. Mehr als ein Gesicht kam Grach +bekannt vor, und plötzlich fiel es ihm ein: das waren ja--es war +kein Zweifel mehr möglich--die "Schlitzohrigen", die größten Männer +der Stadt, weise im Rat und vorsichtig in der Tat, die er da vor +sich sah. Weshalb sie die "Schlitzohrigen" genannt wurden, wußte er +nicht mehr und hatte es wohl auch früher nie gewußt, aber der Name +tauchte wieder in ihm empor mit ganzer Deutlichkeit. + +Und doch hatten sie sich verändert, die Zeiten: denn früher hatten +diese Gewaltigen allabendlich im "Nähkörbchen" verkehrt, und jetzt-- +welcher Unterschied--saßen sie hier im Rachen des "Krokodils"! + +Innerlich lachte er heimlich und herzlich. Die Lustigkeit siegte in +ihm. Jetzt konnte er essen, während er einzelne Worte auffing, die +von dort zu ihm herüberflogen. + +Man sprach über städtische Angelegenheiten. Natürlich. Grach wußte, +über Politik zu sprechen, war hier verpönt. + +Plötzlich hörte er eine Stimme, die er kannte. Er sah schärfer hin. +Kannte er dieses Gesicht?--Nein, es war nicht möglich. + +Dieser philiströs aussehende Mann, der in kleinen, bedächtigen Zügen +sein Bier trank und in kleinen, bedächtigen Zügen seine Zigarre +rauchte, der so aussah, als ob er kein größeres Glück kenne, als +hier zu sitzen und zuzuhören, dieser Mann mit den schweren +Bewegungen und der zufriedenen Stimme, der offenbaren Hochachtung +vor jedem dieser alten Zöpfe, das war nimmermehr sein alter, +lustiger, zu allen Dummheiten stets aufgelegter Fritz, der mit dem +Gebrüll seiner Stimme so oft die Gasse erschüttert hatte in der +spätesten aller späten Stunden!-- + +Grach rief die Kellnerin herbei und fragte leise. + +"I--e," sagte sie, "das ist der Herr Stadtverordnete Beuer." + +Da trank er schnell sein Bier aus, zahlte und verließ das Lokal. Er +hatte plötzlich Angst bekommen, jener möge auch ihn wiedererkennen +und anreden. Und das wäre für sie beide doch zu niederdrückend +gewesen. + + + + +XXI. + +Er war in seinem Hotel gewesen, um seine Sachen zu packen und seine +Rechnung zu bezahlen. Dann war er zum Bahnhof hinaufgestiegen und +hatte zwei Billets erster Klasse nach Paris gelöst. Er wußte, wann +er extravagant sein durfte. Heute. Im Wartesaal kaufte er dann noch +von dem alten Zeitungsverkäufer,--er erkannte auch ihn wieder-- +einem alten Original, Fahrplan und Zeitungen. + +Nun ging er auf dem Perron auf und ab mit großen und unregelmäßigen +Schritten. + +Er wußte, sie würde kommen, denn sie hatte es gesagt. Eher ging die +Welt unter, als daß sie ihr Wort nicht hielt. + +Und dennoch quälte ihn die Unruhe, die Unruhe der Erwartung. + +Noch war die zehnte Stunde lange nicht gekommen. Der große Zeiger +auf der weißen Uhr hatte kaum die Sechszahl erreicht. Er wußte, daß +sie auch nicht früher kommen würde, als sie gesagt; und doch kehrten +seine unruhigen Blicke immer wieder zu der schwarzen, gähnenden +Oeffnung des Aufstiegs zurück, aus der von Zeit zu Zeit die Menschen +emporstiegen: Beamte, Reisende, Kofferträger, ein buntes +Durcheinander . . . + +Der sommerliche Abend lag schwül unter dieser weiten Halle, die das +Dröhnen der Züge und hundert Rufe durchtönten und erzittern machten. +Ein und aus rasselten die Züge. Nur das Gleis für den Expreßzug, der +hier drei Minuten halten sollte, blieb frei. Die von den Rädern +abgeschliffenen Schienen glänzten weiß. + +Grach hatte alles vergessen, was er heute gesehen--außer ihr. + +Nur an sie dachte er noch und an sein Glück. + +Er nannte nicht viel sein eigen. Jeder seiner Jugendfreunde in +dieser Stadt lebte sicher besser als er, und unter allen diesen +Menschen hätte wohl nicht einer mit ihm getauscht. + +Und doch war er ein seliger Mann. Denn er war ein freier Mann. + +Niemand hatte ihm zu befehlen, und niemandem hatte er zu gehorchen. +Er konnte gehen und kommen, wie er wollte, die ganze Welt war sein. + +Nicht zu hassen und nicht zu verspotten, nicht zu beneiden, nein, zu +bemitleiden waren sie, die Menschen dort unten in der Stadt, die nur +ein Glück und nur eine Zufriedenheit kannten: Geld, Geld, Geld +zusammenzuscharren in mühseligem Erwerben, dem alle große Freude +fehlte: die Freude des echten Genießens! . . . + +Und er wandte sich ab von ihnen. + +Mit jeder Minute, die der zehnten Stunde nahte, wurde er ruhiger. +Seine Schritte wurden langsamer. + +Als der Zeiger auf der Uhr den erwarteten Punkt ereicht hatte, +lehnte er sich mit verschränkten Armen an einen Pfeiler und ließ +keinen Blick mehr von der Treppe des Aufgangs. + +Viele und verschiedene Menschen stiegen noch in den nächsten Minuten +vor ihm empor und gingen an ihm vorüber. Wohl an die hundert. An +keinem blieb sein Auge haften. + +Dann aber sah er sie: langsam und sicher hob sich ihre hohe, stolze, +jetzt in einen grauen Staubmantel gehüllte, geliebte Gestalt von +Stufe zu Stufe. + +Ihre Blicke waren gesenkt, und noch bemerkte sie ihn nicht. + +Er ging ihr entgegen. + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14700 *** diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..b5501f3 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #14700 (https://www.gutenberg.org/ebooks/14700) diff --git a/old/14700-8.txt b/old/14700-8.txt new file mode 100644 index 0000000..b9868c0 --- /dev/null +++ b/old/14700-8.txt @@ -0,0 +1,2657 @@ +The Project Gutenberg eBook, Die Menschen der Ehe, by John Henry Mackay + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: Die Menschen der Ehe + +Author: John Henry Mackay + +Release Date: January 15, 2005 [eBook #14700] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MENSCHEN DER EHE*** + + +E-text prepared by Hubert Kennedy + + + +DIE MENSCHEN DER EHE + +Schilderungen aus der kleinen Stadt + +von + +JOHN HENRY MACKAY + + + + + + + +Ich lache nicht über sie, weil sie so sind, wie sie sind; ich lache +über sie, weil sie sich einbilden, ihr Leben sei ein Muster und ein +Beispiel, und daß es wert sei, zu leben, wie sie leben. + +John Henry Mackay + + + +I. + +Der Dunst der brennenden Kohle erfüllte die Luft weithin. Aus +tausend Schloten qualmte der Rauch, gelb, schwarz, grau und weiß, +empor, und all' diese dicken Wolken lösten sich unmerklich auf in +die ungeheure Dunstwelle welche unablässig auf Meilen hin das +Flußtal in seiner ganzen Breite beschattete. + +Ueber der kleinen Stadt lag sie wie ein dünner Schleier. Zuweilen +lüftete diesen Schleier ein frischerer Windhauch, der von Süden das +Tal heraufzog. Aber es dauerte nicht lange und er war wieder +herniedergefallen auf die reizlosen Züge, die er wie in Mitleid +verhüllte. + +Eigentlich waren es zwei Städte, die hier zusammenlagen. Aber nur +der Fluß, ein träger, gelber Fluß, trennte sie, und zwei Brücken +verbanden sie: eine alte massive aus Stein, mit mächtigen Pfeilern +und Quadern, die noch alles lautlos ertragen hatte, was über sie +hinweggezogen war, und eine neue aus modernem Eisen, welche ächzte +und bebte, wenn die großen Lastwagen über sie hin fuhren, und +gräßliche Massen Staub unter den schweren Rädern hervorhustete. + +Der Fremde, der auf den Höhen des Tales hinwandernd die roten und +schwarzen Giebel zu seinen Füßen sah, glaubte nicht anders, als sie +gehörten alle zu dem Bezirke einer Stadt. Aber die, welche unter +diesen Giebeln wohnten, waren anderer Meinung. Und auf sie kam es +doch an. + +Seit undenklichen Zeiten lagen die Schwesterstädte einander in den +Haaren. Die kleinen Reibereien endeten nie; die letzten Wahrzeichen +der großen entscheidenden Schlachten aber waren die leeren +Augenhöhlen der Gaslaternen auf der "alten" Brücke--: unter den +Steinwürfen der den Alten nachzwitschernden, nein, nachheulenden +Jugend beider Städte waren sie dahingesunken, unter Würfen, die ihre +edleren Ziele leider verfehlt hatten. + +In Dialogen von gleich klassischer Kürze und Schönheit endeten diese +Kämpfe: + +"Wart' nur, ich sahns abber meinem Vatter!" der eine. + +"Und ich sahns meiner Mutter, die packt dei Mutter!" der andere. + +"Aber mei Vatter is stärker wie dei Vatter." + +"O du Dürmel, kumm nure nit dohär . . ." + + + + +II. + +Die Gesellschaft der Stadt setzte sich leicht erkennbar aus drei +Grundelementen zusammen: aus Großhändlern, Beamten und aus Militär. + +Seit sehr langen Jahren saßen die Ersteren hier fest. Sie waren der +Urstamm des Bürgertums. So lange hatten sie fast nur untereinander +geheiratet, daß sie gewissermaßen eine große Familie geworden waren, +welche sich in ererbten Anschauungen und Bräuchen so lange wie +irgend möglich fortzubewegen suchte und unter sich mit einem harten +Anklang an den Dialekt der Gegend sprach. + +Million zu Million häufend hatten sie hier eine moderne Zwingburg +des Kapitals errichtet, gegen die anzukämpfen eine Unmöglichkeit +schien. Noch nie war es versucht worden. + +So hatten sie--die unumschränkten Herrscher dieser Stadt--ihr +lange den Stempel aufgedrückt; den Stempel eines souveränen, +starren, fortschrittfeindlichen Willens. + +Das waren die "Alldahiesigen!" . . . + +Dann hatte der Staat große Betriebe errichtet, und eine unzählige +Schar von Beamten jeder Art war hier zusammengeströmt, aus allen +Teilen des Reiches, neue Sprachen, neue Sitten, neue Kochrezepte mit +sich führend. Neues Leben kam mit ihnen nicht. Machtlos zu irgend +einer Initiative hatten sie sich willenlos einzuschmiegen als Räder +in das Werk der großen Maschine Staat, welche sie verbrauchte. Aber +die Luft begann zu schwirren von neuen Titeln, vom Morgengang zum +Büro bis zum letzten--immer sehr späten--Abendschoppen im +"Münchener Kindl", und die Eingesessenen zogen sich mürrisch mehr +und mehr zurück unter die dicke Haut ihrer sicheren Privilegien . . . + +Waren sie zehn Jahre hier gewesen, alle diese Fremden, ohne nach +einer anderen Stadt weiterversetzt zu sein, so wurden sie zu +"Hiesigen". Bis dahin blieben sie, was sie waren--: die +"Hergeloffenen". + +Unweit der Grenze lag die Stadt. Seit dem gräßlichen Kriege mit dem +"Erbfeind" war unablässig Militär über Militär hergezogen, bis zwei +Regimenter hier festlagen. Ueberall an den sich erweiternden Grenzen +der Stadt entstanden weißgetünchte Baracken von Holz und große, +rote, viereckige Ziegelhaufen von abscheulicher Häßlichkeit, hinter +deren Umfassungsmauern die rohen Flüche brutaler Unteroffiziere und +die stampfenden Schritte schwerer und keuchender Menschenmassen +hervortönten, und die bis dahin so friedlichen Straßen der Städte +erzitterten unter dem Klirren rasselnder Schleppsäbel. + +Furchtbarer aber noch waren die Verheerungen, welche diese neue +Macht in den Herzen der Großbürgertöchter der Stadt anrichtete, und +murrend nur sahen die Väter, wutschnaubend aber die betrogenen +Vettern der großen Familie eine der lieblichen Blüten nach +der anderen gepflückt von der kecken Hand eines adeligen +Sekonde-Leutnants, der die Geldsäcke nicht nur zu verachten, sondern +auch mit Grazie zu leeren verstand. + +Und war es nicht in Ordnung so?--Das Kapital verband sich mit der +Gewalt, welche seine Privilegien schützte. + +Dazwischen lebte ein träges Kleinbürgertum und ein machtloser +Handwerkerstand so hin, von Tag zu Tag, kleine Kannegießer und +schlechte Musikanten. Sie verlangten kaum etwas anderes, als +beständig über etwas brummen zu dürfen . . . + +Das waren die Leute der Städte. + +Von geistigen Bedürfnissen verspürte man hier noch nichts. + +Draußen aber, dort, wo die Schlote dampften und die Feuer lohten, wo +die Erde bis in ihre Tiefen hinein durchwühlt wurde in rastlosem +Kampfe, dort wo kolossale Arbeitermassen aneinander gekettet durch +den Schweiß ihrer furchtbaren Arbeit lagen, dort fielen die Gedanken +der Zeit in den Boden der Fruchtbarkeit. + + + + +III. + +Mit dem Schnellzug, der um elf Uhr vormittags eintraf, kam der +Reisende an. Er wies die Kofferträger von sich, als er ausstieg, und +trug seine Handtasche selbst die Treppe hinab bis zu dem Ausgang. + +Vier oder sechs Portiers nahmen dort die Reisenden in Empfang. Er +überflog die Schilder ihrer Mützen, und da er den Namen nicht fand, +den er suchte, nannte er ihn selbst: "Zur alten Post". + +Man grinste, man sah sich fragend an, indem man mit den Augen +zwinkerte. Endlich sagte der älteste der Leute: "Es gibt hier keine +'alte Post' mehr; sie ist seit sechs Jahren eingegangen. Wollen der +Herr hier gleich am Bahnhof bleiben, dort unten liegt unser Haus, +ganz neu eingerichtet--" + +Der Fremde zögerte einen Augenblick, aber als sie nun alle nach +seiner Handtasche griffen, überließ er sie achselzuckend dem +Sprecher, gab ihm den Auftrag, seinen Koffer sofort zu besorgen, und +ging den Weg hinab, der sich in die Stadt hinunterzog. Es war ein +schwüler und staubiger Tag. Er war müde, denn er war die halbe Nacht +gereist, und er war bestaubt von der langen Fahrt. Er fühlte Hunger +und Durst, und die Zunge klebte ihm am Gaumen. + +Doch nachdem er ein Bad genommen und sich umgezogen hatte, fühlte er +sich frisch und gesund wie immer. Er stieg die Treppe hinab und +schrieb in das ihm vorgelegte Fremdenbuch: Franz Grach. Während er +sich für eine Minute in der Loge des Portiers befand, erkannte er +plötzlich das Haus wieder. + +Er vermied die Table d'hote. Die langen, weißen Tische mit den +Reihen von schmatzenden und schwatzenden Menschen waren ihm zuwider. +Man deckte ihm in einem Nebenzimmer. + +Einmal ließ er Messer und Gabel sinken, so schreiend-deutlich stand +plötzlich eine Szene aus seiner Jugendzeit vor seinen Augen, die +sich vor langen Jahren hier in diesem selben Räume abgespielt hatte. + +Nicht das saubere Frühstückszimmer eines modernen Hotels, das trübe +Hinterzimmer eines übelbeleumdeten Gasthofs zweiten Ranges war der +Raum damals gewesen. Die Möblierung hatte sich geändert, wie der +Wirt und die Gäste, und doch wurde dem Fremden alles wieder +lebendig: + +Sie waren alle noch jung, kaum einer von ihnen hatte das zwanzigste +Jahr erreicht. Alle hatten sie dieselben Schulbänke gedrückt, und +sich, nun vielfach getrennt den größten Teil des Jahres hindurch auf +auswärtigen Schulen, in den Ferien wieder zusammengefunden zu +lustigen Tagen und ausgelassenen Nächten--eine tolle, von Jugendmut +und Lebenskraft überschäumende, zu allen tollen Streichen immer +aufgelegte Gesellschaft, deren Zahl jahrelang auf sieben, acht Mann +beschränkt blieb . . . + +An jenem Abend nun waren sie alle nach einer langen Wanderung hier +herein gestürmt, wie sie wahllos in alle Wirtschaften, wo "noch +Licht war", drangen. Eine dicke Kellnerin war aus dem Vorderzimmer +mit hereingezogen worden, durch die Tür wurde niemand mehr +hereingelassen, und eine jener nächtlichen, dem Dunst des Bieres und +dem Qualm des Tabaks entstiegenen Szenen entrollte sich, die dem +Alter so widerlich, der Jugend so reizvoll erscheinen. + +Auch der Einzelheiten erinnerte sich der, vor dessen Auge sie wieder +stand nach so langen Jahren, noch: wie er selbst in eine vorhanglose +Fensternische gepreßt ihr zugesehen hatte, die Beine heraufgezogen +und das Glas auf einem Stuhle neben sich, damals schon noch in der +Trunkenheit erkennend, was er sah, beobachtend, was ihn umgab, und +Sieger so auch noch über die Stunde, die ihn mit sich gerissen +hatte: wie der "Dicke" das Klavier bearbeitete und seine schaurigen +Baßtöne in den hellen Jubel und Lärm der anderen mischte; wie die +ganze Bande plötzlich im Kreise um das grobe Frauenzimmer und den +"Kleinen"--einen schmächtigen Menschen mit wasserblauen Augen, voll +Gelehrsamkeit trotz, und voll Schüchternheit wegen seiner Jugend, +herumgetanzt war, und die Vermählung des ungleichen Paares +proklamiert hatte . . . + +Die Gläser klirrten; die Stimmen schrieen durcheinander; schwere +Füße stampften den Boden; an der Decke lagerte sich der Rauch; +einer, in einer trüben Erinnerung an Nana leerte sein Bierglas in +das Klavier; ein anderer riß die rotgestreiften Decken von den +Tischen und hüllte darin ein, was ihm unter die Hände kam, indes die +letzten--mit der zähen Hartnäckigkeit der halben Trunkenheit-- +nicht abließen, sondern auf der Erfüllung ihrer tollen Idee +bestanden--und bereits war die Grenze überschritten, wo das +Verzeihliche aufhört, um der Sinnlosigkeit zu weichen, als er mit +einem großen Satze aus seiner Fensternische aufgesprungen war, +mitten unter die Schreienden und sie überrief: + +"Aber seid ihr denn ganz verrückt!" + +Und er schob die Kellnerin zur Türe hinaus, ungeachtet aller +schreienden Proteste, setzte seinen Hut auf, und ihm nach war die +ganze Gesellschaft gestolpert, einer anderen Kneipe, einer anderen +Torheit zu, die stille Straße mit neuem Singen und Lärmen erfühlend, +daß friedliche Bürger aus dem Schlaf ihrer Ruhe fuhren und das +träumende Gespons mit der Frage weckten: ob es denn etwa brenne . . . + +Nein, es waren diesmal nur die Kinder ihrer eigenen Liebe. + + + + +IV. + +Sollte er sie aufsuchen, die Genossen jener Tage?--Fast wandelte +ihn die Lust dazu an, wie nun Gestalt um Gestalt vor ihm +emportauchte. + +Was war aus ihnen geworden?--Wie waren sie geworden? Wo waren sie +gelandet? + +Von den meisten war es nicht schwer, es zu ahnen. + +Denn die meisten waren schon damals in ihrer Jugend dazu bestimmt, +ein vorgeschriebenes Leben zu leben: das Leben herunterzuleben, wie +Grach es nannte. + +Nachdem ein Examen--ein Tor, welches unwiderruflich passiert werden +mußte, wollte man in dieses Leben eintreten--sie gezwungen hatte, +sich den Kopf mit einer unglaublichen Menge modernden Gerümpels zu +füllen, wurden ihnen einige Jahre gegönnt, ihn von diesem Wuste zu +befreien. + +Sie hatten zu vergessen, was sie gelernt hatten. Nach diesen Jahren +einer ungebundenen Freiheit auf der Hochschule aber steckte sie der +Vater unerbittlich in das von dem Großvater gemachte, und von ihm +selbst wohlgewärmte Bett, und "niemals wieder sah sie die Welt." + +Sie wählten unter den Töchtern des Landes eine--jeder eine--und +begannen, sich zu vermehren in Züchten und Ehren. + +Sie traten in die "Harmonie" oder in die Dilettantengesellschaft +"Urania" ein und tanzten im Winter im "Kasino", solange sie noch +jung waren. + +Wurden sie älter, so begann das einzige Gefühl von Würde, dessen der +Philister fähig ist: ein Bürger des Staates zu sein, ihre Brust zu +schwellen, und sie glaubten sich an den Geschicken des Landes +zu beteiligen, wenn sie von Zeit zu Zeit einen Zettel in die +Wahlurne warfen und abends beim Biere endlose Debatten über die +gleichgültigsten und belanglosesten Fragen innerer und äußerer +Politik--dieses Tummelgebietes aller Menschen ohne Geist und Kraft +--führten, bis die Stunde schlug, wo die Angst vor der Frau sie nach +Haus und in das gemeinsame Bett trieb . . . + +Sie waren _Menschen der Ehe_ geworden. + +Nein, er wollte keinen von ihnen wiedersehen. Man würde sich doch +nur gegenseitig eine traurige Enttäuschung bereiten, und in einer so +veränderten Sprache über Menschen und Dinge reden, daß man sich +nicht mehr verstehen würde . . . + + + + +V. + +Während der Neuangekommene seinen Kaffee trank und die Wolken seiner +Zigarre in die Luft blies, war die flüchtige Erinnerung schon wieder +versunken, und andere, dem heutigen Tage angehörende Gedanken +beschäftigten ihn. + +Ein Brief hatte ihn wieder in diese Stadt gerufen, die er seit +länger als zehn Jahren nicht gesehen. Auf vielen Umwegen hatte er +ihn erreicht, und nachdem er ihn gelesen, war sein erstes Gefühl +gewesen, ihn in die Ecke zu werfen. + +Er lachte erst; dann ärgerte er sich. + +Aber zugleich dachte er an mancherlei Freundlichkeit, welche er von +der Mutter der Frau--sie war lange tot--, die ihn geschrieben, +empfangen vor langen Jahren und an ihre größte Freundlichkeit: daß +sie ihn meist unbehelligt gelassen, und er bemaß Zeit und Geld, sah, +daß beides reichte, und war kurzentschlossen hierhergereist. + +Er stand früh allein und wurde, fast noch ein Kind, von einer +entfernten Verwandten aufgenommen, in deren Heim er lange Jahre +lebte, nicht abhängig von ihrer Gnade, aber doch angewiesen auf ihre +Freundlichkeit. Sie hatte eine einzige Tochter, die ihr Abgott war; +er beanspruchte nichts von der sentimentalen Zärtlichkeit, mit der +das verzogene, launische Kind einer kurzen und sehr unglücklichen +Ehe überschüttet wurde. + +Fast von dem Augenblick an, in dem er diese Stadt verlassen, hatte +sich sein Leben so von Grund aus geändert, waren Kreise und +Beziehungen desselben so andere geworden, daß er selten veranlaßt +worden war, zurückzudenken, um so mehr, als ihm die Muße +behaglicher, lässiger Einkehr und Umschau fast nie beschieden und +kaum ein Tag gewesen war, der ihm Zeit gelassen hätte, ihn +einzuspinnen zwischen die weißen Träume der Vergangenheit und der +Zukunft. + +Zweimal nur noch schrieb er den Namen dieser Stadt auf die Adresse +eines Briefes: das erste Mal, als seine Verwandte gestorben war, und +er der Tochter freundliche Worte des Beileids sagte, das zweite Mal, +als er sie zu ihrer eigenen Verheiratung kurz beglückwünschte. + +Dann kam dieser Brief, unerwartet und unerwünscht. + +Er lag vor ihm, und noch einmal las er ihn, aufmerksam, Wort für +Wort. + +Von dem blaßrosa Papier stieg der starke Duft eines eigentümlichen +Parfüms auf. Die Schrift, mit der seine vier Seiten bedeckt waren, +war liegend, sinnlich und weibisch-schwach. + +Er las ihn zum vierten Male, und zum vierten Male suchte er hinter +den leblosen Worten nach der lebendigen Seele derer, die sie +geschrieben: er fand sie nicht. + +Das war es, was sie ihm mitteilte. + +Erstens: daß sie sehr unglücklich sei; zweitens: daß sie so +unglücklich sei daß sie es nicht mehr "aushalten" könne; drittens: +daß ihr Mann der Grund ihres Unglücks sei; viertens: daß sie gehört +habe, er, ihr Bruder, der "Freund ihrer Jugend", habe ein Buch +geschrieben, in welchem er sich "freisinnig" über die Ehe geäußert +habe; fünftens: daß er sie "retten" möge; sechstens: daß sie sehr +unglücklich sei; und siebentens: daß sie so unglücklich sei, daß sie +es nicht mehr "aushalten" könne . . . + +Das alles war sehr albern. + +Er sagte sich mit Recht, daß das Unglück so nicht nach Hilfe ruft. + +Aber er sagte sich auch, und er sagte es sich immer wieder, daß +Frauen dieser Art nicht imstande sind, einen individuellen Ausdruck +für ihre Gefühle--und wären es ihre wahrsten--zu finden. Wie sie +gelehrt wurden zu sprechen, so sprachen sie: immer in denselben +Ausdrücken und Redewendungen ihrer spezifischen Kreise, die Männer +so und die Frauen so und waren sich daher so ähnlich, wie immer nur +es möglich ist. + +Und daher waren sie meistens auch so langweilig. + +Wie sie sprachen, so schrieben sie auch. + +Es ist, als fürchteten sie sich davor, ein neues Wort zu gebrauchen, +und sorgsam verbergen sie, kommt ihnen einmal, nicht ein neuer +Gedanke, nein, nur eine eigene Anschauung über irgend Etwas, die +verbrecherische Regung hinter der gewohnten Gewöhnlichkeit. + +Er wußte, daß das Unglück ein großer Befreier ist. Und er dachte +weiter, und seine Augen sahen den gegen die Ketten der Tage +ringenden und in diesem Ringen blutenden Menschen vor sich, wie er +schreien will, aber seine ungewohnten Lippen finden nur die alten, +kleinen Worte für den neuen, großen Schmerz, und das Schreien des +selbständigen Herzens--es klingt auf dem Mund nur wie das Stammeln +der Unselbständigkeit und Gleichgültigkeit. + +Konnte es so nicht hier sein? + +Er strengte die Augen an, um hinter die Worte sehen zu können. Was +lag da?--Ein zu Boden gestürztes, mit Füßen getretenes Weib?--Oder +eine faule, unzufriedene Frau der Welt, die sich einfach langweilte?-- + +Fand er denn nicht ein Wort, ein einziges ungefügiges, in seiner +Hilflosigkeit rührendes, in seiner Einfachheit erschütterndes Wort?-- + +Er fand keines. Und dennoch folgte er den Rufen dieser platten und +nichtssagenden Sprache. + +Es gibt Menschen, von denen wir nie glauben können, daß sie +unglücklich zu werden imstande sind. + +So ging es ihm mit ihr. + +Und dennoch kam er hierher. + +Er tat es in letzter Linie seiner selbst wegen, um ganz sicher zu +sein vor den Vorwürfen des eigenen Herzens. + + + + +VI. + +Die letzte Rauchwolke seiner Zigarre verflog an der Decke, und er +sah nach der Uhr. + +Es war nach zwei. Ein langer Nachmittag lag jetzt vor ihm. Er ging +daher auf sein Zimmer, warf sich auf das Bett und schlief länger als +eine Stunde, bleiern und traumlos. + +Verwundert fuhr er in die Höhe, als er erwachte. Er mußte sich +darauf besinnen, wo er war, und es war mit einem Gefühl des +Mißbehagens, daß er die Treppe hinunterstieg. Ihm war, als solle er +nun an die Erfüllung einer unangenehmen Pflicht gehen, und er +wünschte hinter sich zu haben, was ihm bevorstand. + +Dann trat er vor die Tür. + +Die Hitze war noch gestiegen. Um diese Stunde des Nachmittags +stockte das Leben. + +Eine lange Straße zog sich vor ihm hin--die Hauptstraße der +Schwesterstadt, die längste und belebteste in beiden Städten und der +Mittelpunkt des Handels und Wandels beider. + +Wie oft er sie als Knabe durchschritten hatte, hinauf und wieder +hinunter, und wieder hinauf! + +Wenig schien sich an dem äußeren Ansehen der Stadt verändert zu +haben. Einige Lücken, wo früher auf steinigem Rasen Zirkus- und +Karussellbesitzer ihre flüchtige Leinwand gespannt, waren ausgebaut +worden, und nur die Nebenstraßen noch öffneten sich dem Blicke nach +dem Flusse hin. Die neuentstandenen Häuser zeigten das Bestreben, +Schritt zu halten mit modernem Stil. Gesimse und Balkone hingen +überall an ihnen herum, und in ihren Erdgeschossen waren Läden und +Bierhallen entstanden mit hohen Fensterscheiben und lauten +Aushängeschildern, die mit dem leuchtenden Gold ihrer Lettern die +armen, verblaßten und altertümlichen Inschriften der alten Firmen +verdrängten . . . + +Der Schwindel des Handels, welcher die Arbeit mordet, trieb sein +Unwesen diese ganze Straße entlang. + +Arme Arbeiter! Des Sonntags kamen sie, weither aus den Dörfern und +Flecken, mit ihren schweren Schuhen, die Männer mit plumpen Stöcken +und die Weiber mit ungeheuren, unförmigen Parapluies, halb noch +bedeckt mit dem Schweiße und dem Staub der Woche, ganz noch erdrückt +unter der Wucht ihrer Sklaverei, kamen sie, um einzukaufen, was sie +brauchten, das heißt, drei-, vier-, fünf- und zehnfach verteuert +einzutauschen, was sie selbst erschaffen hatten in anderer Form: die +Arbeit. Verlegen, unsicher, bittend und schüchtern traten sie in die +"Geschäfte" und ließen sich von schwatzenden Juden, und Christen, +die schlimmer waren als die Juden, das Fell über die Ohren ziehen, +daß es nur so flutschte. + +In erschreckender Menge hatten sich die offenen Geschäfte in diesen +paar Jahren vermehrt. Gleich aber war der trostlose, nüchterne +Eindruck dieser Straße geblieben, und vom Morgen bis zur Dämmerung +glich sie noch immer in ihrem reizlosen, staubigen Grau einem +alternden, ungekämmten und ungewaschenen Weibe. + +Grach ließ seine Blicke überall hin gehen. Eigentümlich verändert +schien ihm alles--: fremd und doch bekannt. Aber alles war kleiner +geworden, zusammengeschrumpft und, wie alte Leute, in sich +zusammengesunken. + +Größer sieht das Kind die Welt, kleiner sieht sie der Mann. + +Vor den Läden lungerten die Kommis, an den Brunnen standen die Mägde +und schrieen sich an. Warum schrieen sie so laut? Stritten sie sich? +Nein, es war nur eine "gemütliche Unterhaltung". Aber dieser Dialekt +war breit, geeignet nur zu einem lauten Sprechen, und schwer +verständlich für den Fremden. Grach bemühte sich, Worte und Sätze +der Vorübergehenden aufzufangen und verstand meist, was sie sagten. +Hatte er selbst früher so gesprochen? + +Und wie die Menschen sich grüßten! Mit beängstigender Sorgfalt +überspähten sie die Straße, knickten, den Arm nach auswärts in einem +spitzen Winkel und zogen oder rissen dann den Hut herab, entweder +steil in die Luft hinaus oder hinunter bis fast auf den Boden. "Ihr +Diener", sagten sie dabei, "Ihr Diener"--und ein langer Titel +folgte. + +Die unverhüllte Neugier, mit der die Menschen ihn an- und ihm +nachsahen, begann Grach zu ärgern. Ihre Blicke wurden ihm lästig, +und er bildete sich ein, von ihnen erkannt werden zu müssen. Er +hatte vergessen, daß kein Fremder diesen Blicken entging. + +Er ging schneller. Diese Nebenstraße mußte über die Brücke nach dem +jenseitigen Ufer führen. Er schlug sie ein. + +Eine junge Dame kam ihm entgegen. Sittsam die Blicke zu Boden +gesenkt, den Schirm in der Länge einer kleinen Ulanenlanze gegen die +Brust gedrückt, eingeschnürt und aufgeputzt mit Bändern und +Bauschen, trippelte sie daher, und gegen seinen Willen mußte er +lachen, erst heimlich, dann herzlich und offen. + +So war, genau so war schon damals alles gewesen: diese ängstliche +Unsicherheit im Verkehr, diese feige Rücksichtnahme auf tausend und +abertausend in Watte sorgsam gehegter Vorurteile, diese engbrüstige +Steifheit, die pappedeckelne Würde--wie kannte er das alles, wie +erkannte er das alles wieder! + +Und über all dies lachte er, hatte er gelernt zu lachen. + +Und abermals lachte er, als er über die Brücke ging, die alte +Brücke, und sah, daß alle Scheiben in den Gaslaternen heil und +unverletzt waren. + +Wie, wurden sie nicht mehr geschlagen, die Schlachten der Ehre?-- +War Waffenstillstand zwischen den erschöpften Schwestern +geschlossen?--Oder aber--war Versöhnung--Friede--aber nein, es +war ja Wahnsinn, daran zu denken! . . . + +Eine komische Stadt! Eine komische, kleine Stadt! murmelte Grach vor +sich hin. + + + + +VII. + +Auf hohen Terrassen erhob sich vor ihm das "Schloß", ein massives, +altes Gebäude mit vielen Anbauten aus neuerer Zeit. Uralter Efeu +hing an den Mauern nieder, von einem Garten in den anderen, bis er +die Dächer der Häuser an ihrem Fuße fast berührte. + +Das Schloß hatte keine Bestimmung mehr. Seine einzelnen Stockwerke +mit ihren vielen Flügeln und unzähligen Zimmern waren an einige +Familien vermietet, an die reichsten der "Alldahiesigen" und +"Hiesigen", welche keine eigenen Häuser besaßen. + +Der Fremde, der hier nicht fremd war, stieg langsam den steilen Weg +hinauf, der an der alten, düsteren Kirche--sie stand in seltsamen +unterirdischen Gängen, die längst verschüttet waren, mit dem +Schlosse in Verbindung--zu dem weiten, totenstillen Platze hinauf, +der die Flügel des Schlosses gleichsam bis an die Ränder der Anhöhe +auseinandergedehnt hatte. Gras, das eine glühende Sonne gelb sengte, +wucherte hier zwischen den plumpen, unregelmäßigen Pflastersteinen; +nie spielte hier die Jugend der Stadt, auf diesem weiten Platze, der +wie geschaffen war zum Umhertummeln. Zuweilen nur bewegte sich eine +der weißen Gardinen hinter den hohen Fenstern, und ein behaubter +Kopf lugte zwischen ihnen durch, um bald wieder zu verschwinden, +denn die leere Oede dieses weiten Raumes wurde selten unterbrochen +durch eine Gestalt, die ihren Weg über ihn hinweg nahm, um die +andere Seite zu erreichen. Die meisten gingen an den langen Fluchten +entlang, um plötzlich in einer der Türen zu verschwinden, öfter +während des Tages, in den Nachmittagsstunden geschah es, daß Wagen-- +moderne, elegante Geschirre mit vortrefflichen Pferden--an den +Toren hielten. + +Und wieder mußte Grach lächeln, als er diesen weiten, toten Platz +überschritt, auf dem die Sonne ungestört die Spiele ihrer Schatten +trieb, den er als Kind nie betreten hatte und von dem er nie +geglaubt hätte, daß er ihn je betreten würde. + +Aber hier mußte sie--der Adresse in ihrem Briefe nach--jetzt +wohnen. + +Er ging langsam. Und doch war er neugierig geworden auf das +Wiedersehen. So lange war es her, daß er keine Blicke mehr in das +Heimwesen deutschen Bürgertums getan hatte. Er ein Fremder--und +alles ihm fremd geworden, was von dorther kam . . . + + + + +VIII. + +Er klingelte an der Tür, von welcher er glaubte, daß es die richtige +sei. + +Schrill hallte der Klang der Glocke. Dann kamen schlürfende +Schritte, und ein Diener in Livree, aber mit vorgebundener blauer +Schürze, öffnete. Es war keine Besuchsstunde. Aber das war dem +Fragenden jetzt natürlich ganz gleichgültig. + +"Ist Frau Boehmer zu Hause?" + +"Wen darf ich melden?" + +"Ist Frau Boehmer zu Hause?" wiederholte er noch einmal. + +"Ja--aber--ich weiß nicht--gnädige Frau--" + +"Sagen Sie ihr, ein Herr wünsche sie zu sprechen." + +"Gnädige Frau sind im Garten. Ich werde ihr melden--" + +Der Diener war völlig außer Fassung und Würde gebracht durch den +energischen Ton des Besuchers. + +"Dann werde ich Frau Boehmer selbst im Garten aufsuchen. Wo ist der +Garten?" + +Der Diener wagte keine Einwendung mehr. Er warf seine Schürze fort +und ging voran. + +"Hier, bitte." + +Sie durchschritten hohe und kühle Gänge, über große Steinfliesen +hin, mit denen der Boden belegt war, vorbei an breiten und vornehmen +alten Treppen, deren Stufen niedrig und deren Geländer mit weißer, +sauberer Oelfarbe gestrichen waren. + +Dann öffneten sich die Terrassen der Gärten vor ihnen, die da lagen: +still, wie im Schlummer, in der brütenden Nachmittagssonne, weite +Blicke in das Tal nach Osten und Westen eröffnend, wo die Schlote +qualmten und das Leben hämmerte. + +Von wohlgepflegten, üppigen Beeten stiegen die Düfte von reifen +Blüten empor. Der Kies der geharkten Wege war so fein, daß er die +Tritte der Hinschreitenden lautlos aufnahm. + +"Ich habe mich anders besonnen," sagte der Fremde plötzlich, "gehen +Sie voran und melden Sie Frau Boehmer, ein Herr wünsche sie zu +sprechen." + +Der Diener versagte es sich jetzt nicht, mit den Achseln zu zucken, +aber er ging. + +Vor einem Tulpenbeet blieb Grach zögernd stehen und sah nachdenkend +in die purpurnen, weitgeöffneten Kelche nieder. + + + + +IX. + +Der Diener kam zurück. + +"Gnädige Frau lassen bitten--" schnarrte er. + +Aus einer Laube im Hintergründe des Gartens schimmerte ein weißes +Kleid. + +Dort, in einem Modejournal blätternd, das sie sichtlich unlustig bei +Seite warf, lag in einen Schaukelstuhl hingestreckt eine junge Frau +von ungewöhnlicher Schönheit. + +Sie blinzelte dem Nähertretenden zu, aber sie machte keine Miene, +sich zu erheben. + +Erst als er ihr die Hand hinstreckte und lächelnd sagte: "Ich habe +deinen Brief erhalten, Clara, und bin selbst gekommen, ihn zu +beantworten"--sprang sie mit einem Ruf der Ueberraschung in +sichtlicher Verlegenheit auf. + +"Nein, wie du dich verändert hast, Franz!" rief sie ein paar Mal; +dann aber, nachdem sie sich gesetzt hatten, und während sie ihn mit +jener prüfenden Neugier, die nur der Frau eigen ist, musterte, +folgte ein Schwall von Fragen, deren Antworten nicht abgewartet +wurden, weil sie gestellt waren, ohne daß der Verstand sich etwas +bei ihnen dachte und das Herz das Geringste bei ihnen fühlte. + +Bei dem ersten Wort, das sie gesprochen, merkte er, daß diese Frau +geistig um keinen Schritt weitergerückt war und--ganz wie früher-- +hörte er gutmütig und geduldig eine Zeit lang ihrer Neugierde zu, +beantwortete kaum etwas, und begnügte sich damit, hier und da mit +einem Ja oder Nein, oder höchstens einem kurzen Wort sein Schweigen +zu unterbrechen. + +So kam es, daß sie ihn nach einer halben Stunde nach allem gefragt, +aber nichts von ihm erfahren hatte. Später pflegte sie sich dann +darüber zu beklagen, daß sie allen Menschen alles, keiner aber ihr +etwas erzähle. + +Dann fiel ihr ein, daß sie noch nicht wußte, wo er abgestiegen war +--: + +"Du wirst doch bei uns wohnen, Franz?--gewiß, nicht wahr?" + +Sie hatte bisher vermieden, ihn voll anzusehen, nun aber begegneten +sich ihre Augen. Sie errötete leicht, als sie seine Antwort vernahm. + +"Unter diesen Umständen?"--sagte er ernst und fragend zugleich. + +Als sie nun, die Hände erst abwehrend von sich streckend, dann sie +vor dem Gesicht zusammenschlagend in gemachtem Schmerze, in ihren +Schaukelstuhl zurücksank, hätte er hundert gegen eins wetten mögen, +daß sie sich erst in diesem Augenblicke genauer dessen erinnerte, +was sie ihm geschrieben . . . + +Sie kam nicht auf ihre Frage zurück. Ihre Gedanken weilten bereits +bei anderem. + +"O laß uns jetzt noch nicht davon sprechen, von meinem Unglück--du +bleibst doch länger hier, nicht wahr?--Einige Tage, einige +Wochen . . . Du mußt doch alle wiedersehen, deine alten Freunde und +Schulkameraden, denke dir, die kleine Ehrling, neben der ich in der +Schule saß und die so oft zu uns kam--du mußt dich doch erinnern?-- +hat einen Landgerichtsrat geheiratet und schon drei Kinder, und dein +dicker Freund Rempe, der mit den vielen Schmissen--doch das weißt +du nicht, du kanntest ihn ja nur auf der Schule, und da schlägt man +sich noch nicht, ja, was wollte ich sagen . . . ja, der dicke Rempe +hat die reiche Krüger gekriegt, die mit den Simpelfranzen und den +seidenen Kleidern. Ach ja, es hat sich viel verändert hier--" + +Sie scheute sich, ihn wieder zu fragen, denn sie fürchtete seinen +Blick, seine ernste, fast harte Stimme, mit welcher er eben gesagt +hatte: "Unter diesen Umständen?"-- + +Und so sprach sie weiter: Von dem langen Lenz, der sich "--ach ja, +das war es ja, was ich sagen wollte--" wegen einer Frau habe +schießen müssen und eine Kugel in den Unterleib bekommen habe; von +den Schicksalen der großen Familie Neuhaus, wo so viele Söhne +gewesen seien--einer habe sich vergiftet, und der andere sei nach +Amerika, denn der Vater sei so hart, aber es sei doch ein rechtes +Elend, wenn die Söhne ihren Eltern nicht folgten; und von--und von +--und immer so weiter, ein seichtes, unerquickliches Geschwätz, +das den Zuhörer betäubte, ängstigte und seine Nerven folterte. + +Der hörte zuletzt überhaupt nicht mehr hin. Während sie so vor ihm +saß, in der üppigen Schönheit einer reiferen Frau, dachte er daran, +daß er es gewesen war, der die Knospe dieser Blüte mit dem ersten +Kusse geweckt hatte. + + + + +X. + +Ihre Schönheit hatte alles gehalten, was sie versprochen. Schon als +Kind war sie gradezu auffallend gewesen, obwohl dieses Kind weder +graziös und fein, noch von irgendwie eigenartigem Liebreiz gewesen +war. Aber das blonde Haar konnte heute kaum reicher sein, als es +damals gewesen war, und der feuchte Glanz dieser blauen Augen, der +ihm heute nur ein Zeichen trübseliger Langeweile schien, war ihm und +anderen--denn die halbe Klasse war in sie verliebt--damals +schwärmerische Idealität und echt weibliches Hingebungsbedürfnis +gewesen. + +Nicht für lange. + +Aber es gab eine kurze Zeit in seiner Jugend--es war zwei Jahre vor +ihrer Trennung--, da war ihm das ständige Zusammenleben mit seiner +Halbschwester unter den blinden Augen der Mutter sehr gefährlich +geworden. + +Seine Sinne erwachten und verlangten nach ihr. Ihre beständige Nähe +brachte sie in Aufruhr und hielt sie wach. + +Den ganzen Sommer hindurch verbrachte er in qualvoller Aufregung, in +einem beständigen Zwiespalt, der seiner energischen Natur schwerer +zu ertragen war als alles andere. + +Sie war ihm gleichgültig. Alles, was sie sprach, ließ ihn kalt. Ihr +Benehmen gegen ihre Mutter empörte ihn mehr als je, wenn er sich +auch niemals tätlich darum kümmerte, was zwischen diesen beiden +Personen vorging. Ihr Kokettieren mit seinen Kameraden, die sich +über das eitle Mädchen lustig machten, fand er lächerlich--und doch +beschäftigte sie ihn. Er träumte von ihr. Er glaubte sie in den +Armen zu halten. Er haschte nach ihrer Hand, wenn sie allein waren, +und er war ruhiger, wenn sie ihm dieselbe nicht entzog. Er war öfter +um sie, als je zuvor. Die Mutter freute sich darüber, daß das sonst +so kühle Verhältnis zwischen Schwester und Bruder sich besserte. + +Eine unheimliche Glut ging von ihr aus, die ihn wahnsinnig machte. +Tage konnten vergehen, ohne daß sie ihm gefährlich war, aber dann +kam immer wieder eine Stunde, in der er von ihrer Seite aufspringen +mußte, weil er es nicht mehr ertragen konnte, sie zu sehen, ohne sie +an sich zu reißen. + +Er fürchtete sich vor sich selbst; aber vor ihr graute ihm. + +Ein später Abend brachte die Erlösung. Sie saßen zusammen in der +Laube bei einer trübe brennenden Lampe. Die Mutter hatte sich +gähnend und seufzend zur Ruhe begeben.--Es war ein Abend voll +wunderbarer Weichheit der Luft. Der Glanz der Sterne war feucht und +tief. + +Sie wagte es zu bleiben. Sie spielte mit dem Feuer in verzehrender +Neugier. + +Er las in einem Buche und hielt den Kopf gesenkt, um sie nicht +ansehen zu müssen. Er hatte noch zu lernen und glaubte, sie würde +gehen. + +Sie aber ging nicht, sondern beugte sich noch weiter vor, mit ihrer +weichen Stimme, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, eine +gleichgültige Frage stellend. + +Fast berührten sich ihre Stirnen. Da riß er ihren Kopf mit einer +jähen Bewegung an sich und bedeckte ihr Gesicht mit unzähligen +Küssen: er küßte ihre Augen, ihre Wangen, ihren Mund, ihren Hals. + +Sie wehrte sich, aber nur schwach. Während sie sich indessen--ein +halb ernstliches, halb freudiges Erschrecken heimlich überwindend-- +in der Ueberlegenheit der Frau fragte, ob sie ihn gewähren lassen +solle, fühlte sie, wie er sie plötzlich losließ und von sich stieß. + +Wenn sie oft nachher--nachdenklich über diese jähe Veränderung +seines Wesens in dieser Minute--sich einbilden wollte, es sei ein +moralischer Antrieb gewesen, der ihn so plötzlich von ihr gerissen, +so irrte sie sich völlig. + +Ein Duft war von ihr ausgegangen, als er an ihren Lippen hing, und +in ihren Haaren wühlte, der ihn plötzlich ernüchtert hatte. Derselbe +Duft, der ihn betäubt hatte in der Ferne und ihn angezogen, stieß +ihn ab, als er in nächster Nähe auf seine Sinne wirkte. Es war +direkter Widerwille, der ihn erfaßte--unerklärlich, aber zwingend. + +Eben noch über alles begehrenswert, war sie ihm jetzt so +gleichgültig, wie nur je zuvor. + +Hurtig raffte er seine Bücher zusammen und eilte mit einem schnellen +"Gute Nacht!" in das Haus. + +Sie sah ihm nach und verstand ihn nicht. + +Ihr Zauber war völlig gebrochen. + +Sie merkte es sofort am nächsten Tage. + +Sie bot viel auf, um ihn wieder zu gewinnen. Aber nichts mehr gelang +ihr. + +Im Laufe der nächsten beiden Jahre, in denen sie wieder +nebeneinander herlebten, vergaßen sie fast die Szene dieses Abends. + +Auch er wurde ihr gleichgültig. + +Sie dachte bereits an ihren zukünftigen Gatten, wenn sie die Männer +sah, die sich um ihre Schönheit drängten. + +Sie wählte sich einen der ältesten unter ihnen und fast den +reichsten. + +An ihren Halbbruder dachte sie erst wieder, als die Langeweile ihrer +Tage sie nach neuen Sensationen suchen ließ, und die Neugierde neue +Nahrung für ihre klatschhafte Zunge verlangte. + + + + +XI. + +Der Zauber war gebrochen. + +Sie war ihm nur noch eine Studie, wie sie dort vor ihm saß--: die +kleinen Füße in den eleganten Schuhen vorgestreckt, ermüdet durch +Nichtstun, scherzend, liebäugelnd mit der Wohlhabenheit ihrer +Umgebung, denn sie fand, daß er es doch wenig weit gebracht hatte, +seiner einfachen, fast unmodernen Kleidung nach zu schließen. + +Doch sie begann es zu merken, daß auch er sie beobachtete, obwohl er +sie nicht ansah und offenbar nicht hörte, was sie sagte. + +Sie wurde unruhig. + +"Aber du hörst mir ja gar nicht zu, und ich sitze hier und erzähle +dir alle Neuigkeiten von Bedeutung, die seit zehn Jahren hier +geschehen sind--" + +Er sah auf. Und wieder errötete sie unter seinem Blick. + +Wieder suchte sie ihn abzulenken. + +"Und nächsten Mittwoch ist Harmonie-Abend im Kasino: Musik und Ball, +da wirst du alle wieder sehen, die du kennst, unsere ganze +Gesellschaft--" + +Zum erstenmal sprach sie von ihrem Mann: + +"Er hat mir zwar verboten, hinzugehen, ersagt, es sei zu viel für +mich", sie stampfte mit dem Fuße auf, "aber jetzt, wo du hier bist, +_muß_ er es mir erlauben, _muß_ es, _muß_ es!" + +Sie hielt einen Augenblick inne, etwas erschöpft und erhitzt von dem +langen Sprechen, aber schon ging es weiter. + +"Oder besser noch, wir geben eine Gesellschaft, eine große +Gesellschaft dir zu Ehren--" sie klatschte in die Hände vor +Vergnügen und wartete offenbar auf einen ähnlichen Ausbruch des +Entzückens bei ihm. + +Aber er erkannte jetzt, daß es die höchste Zeit war, dieser Komödie +ein Ende zu machen. + +Er rückte seinen Stuhl näher und beugte sich etwas vor, so daß er +gerade vor ihr saß. + +Sie fühlte, nun kam es. + +Fast scherzend begann er. + +"Ich glaube, du langweilst dich, Clara." + +"Ach ja, ich langweile mich--" seufzte sie. + +"Nun, so solltest du dir Tätigkeit suchen--" + +Sie antwortete nicht. Er lächelte unmerklich und fuhr fort: "Oder +aber Zerstreuung--" + +Da sah sie auf und richtete ihre schwimmenden Augen auf ihn. + +"Zerstreuung--aber wie?--Was gibt es hier für Zerstreuung?" + +"Reise." + +"Reisen--ich kann ja nicht, er hat ja nie Zeit." + +"Wer?" + +"Nun, er, mein Mann." + +"Daran dachte ich nicht. Ich meinte natürlich, du solltest allein +reisen." + +"Allein?!" wiederholte sie mit dem Ausdruck des Erstaunens, des +Erschreckens. "Wie kann eine verheiratete Frau allein, ohne ihren +Mann, reisen?" + +"Weshalb kann denn eine verheiratete Frau nicht allein, ohne ihren +Mann, reisen?" Unwillkürlich brauchte er dieselben Worte wie sie. +Aber es geschah ganz ohne spottende Absicht. + +Er wartete auf ihre Antwort. Sie wich ihm aus. + +"Ja, ich weiß, daß du so seltsame Ansichten über die Ehe hast. Wie +heißt doch dein Buch darüber?--Eine Freundin--die Frau von +Redlich, du kennst sie nicht, sie sind erst drei Jahre hier, der +Mann ist Hauptmann--ja, sie hat es mir gesagt. Sie wollte mir auch +das Buch leihen, sie hat es mir ganz fest versprochen, aber sie hat +es mir immer noch nicht gebracht, denn sie muß erst den Professor +Hastrich vom Gymnasium fragen, dem gehört es . . ." + +Grach hatte Mühe, nicht loszulachen. + +Daß man ein Buch auch kaufen könne, war dieser Frau offenbar noch +nicht bekannt, und sie, die gewohnt war, auf Damast zu schlafen und +von silbernen Schüsseln zu speisen, scheute sich nicht, die +schmutzigsten Leihbibliotheksbände durch ihre weißen Hände gleiten +zu lassen. Auf dem Tische vor ihm lagen einige Exemplare dieser Art. + +Die Sonne brannte durch die Blätter der Laube. Ihre Glut hatte die +höchste Höhe erreicht. Ihn dürstete. Er bat um etwas Wein und +Wasser. Während der Diener es brachte, schwiegen sie. Da sie sah, +daß er nicht antwortete, sagte sie: "Könntest du mir nicht sagen, +was du in deinem Buche geschrieben hast über die Ehe, nur ganz kurz +--ich komme so selten dazu, ein Buch zu lesen--" + +Er beugte sich wieder zu ihr hin. + +"Ich glaube, daß es so viel verschiedene Neigungen und Bedürfnisse +gibt, als es Menschen gibt, und ich wünsche, daß jeder Mensch diesen +seinen Neigungen ungestört nachlebe, aus dem einfachen Grunde, um +selbst ungestört den meinen folgen zu können. + +Ich maße mir nicht an, die Menschen zu verstehen. Wir verstehen +überhaupt wenig von einander. Aber frech greifen wir täglich und +stündlich in das Leben unserer Mitmenschen ein, unter dem +lügenhaften Vorgeben, ihnen helfen zu wollen. Ich möchte, daß ein +jeder nach seiner Façon glücklich werde hier auf der Erde. + +So ungefähr ist der Grundgedanke meines Buches. Du hast es nicht +gelesen; ich mußte ihn dir daher schnell herzeichnen. + +Wovon man dir aber wahrscheinlich erzählt haben wird, das ist das +Kapitel, welches ich 'Die Menschen der Ehe' betitelt habe. Ohne +irgendwie zu klassifizieren oder zu schematisieren, habe ich in ihm +die Frage gestellt, ob es nicht einen größeren Teil Menschen gäbe in +unserer Zeit, auf welche diese Bezeichnung mit Recht sich anwenden +ließe; Menschen der Enge im Gegensatz zu den Menschen der Weite; +Menschen, die nie in Konflikt kommen mit ihrer Umgebung, da sie alle +Geschicke--alle, die aus der Menschen Hände kommen--als von Gott +ihnen auferlegt betrachten; Menschen der kleinen Zufriedenheit, die +ihr Glück finden in den Winkeln des Tages, immer an dem einen Tische +und immer an derselben Brust: Menschen, die nicht wissen, was es +heißt, ein Versprechen auf Lebenszeit zu geben, weil sie nicht +wissen, was es heißt: zu leben; Menschen der Stagnation, nicht +Menschen der Bewegung; Nummern, aber Nummern, welche zu Zahlen +werden, und welche ich deshalb hasse!-- + +Menschen der Gewöhnlichkeit!--Menschen der Ehe!--" + +Er hatte fast langsam, mit Ruhe und ohne äußere Leidenschaft +gesprochen. + +Aber während er sprach, hatte er vergessen, zu wem er sprach. + +Als er geendet hatte und es merkte, verdroß es ihn. Seit so langer +Zeit war er gewohnt, zu sprechen, wie er wirklich dachte, so daß er +es verlernt hatte, seine Gedanken zu modeln nach dem Ohr seiner +Zuhörer. + +Es hätte ihn nicht zu verdrießen brauchen. Denn er hatte zu tauben +Ohren gesprochen. + +"Verzeih," sagte er--er glaubte, sehr lange gesprochen zu haben-- +"verzeih, daß ich so lange sprach. Ich möchte nicht mißverstanden +werden in dem, was ich dir jetzt sagen muß." + +Wieder zwang er sie, ohne es zu wollen, zu erröten. Er hatte bis +jetzt kaum den Mund aufgetan, sie hatte unaufhörlich geplappert--: +er bat sie um Entschuldigung. + +Sie begann ihn zu hassen. + +Verstanden hatte sie kaum etwas von dem, was er gesagt hatte. Sie +hatte ihm fast so wenig zugehört, wie er ihr. Ihre Gedanken waren +jetzt damit beschäftigt, wie sie ihn auf die beste Manier loswerden +könne. + +Für sie gab es keine bedeutenden und unbedeutenden Menschen. Für sie +gab es nur Menschen, die ihr zuhörten. Und die Männer zumal! Von +denen war sie ja gar nichts anderes gewohnt, als daß sie ihr zu +Füßen lagen. + +Daher beleidigten sie diese Ruhe und Sicherheit. + +"Ach, ich bin sehr unglücklich!" rief sie und deckte mit den Händen +die Augen. "Ich weiß nicht, was ich tun soll . . ." + +Es war ihr zweites Mittel, mit diesem Manne fertig zu werden. Ihr +drittes und letztes waren die Tränen. Aber zu diesem wollte sie erst +greifen, wenn alle anderen erschöpft waren. + +"Ja, Clara, wenn du nicht weißt, was du tun sollst, wer soll es dann +wissen?" + +Sie sah ihn an mit ihren hellen Augen, wie ein hilfloses Kind. + +"Du bist doch hergekommen, um mir zu helfen." + +Er stand auf. Diese Frau verstand nichts, sie konnte und wollte +nichts verstehen. + +Er mußte sie zwingen, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen, vor denen +sie floh, feig, jammernd und haltlos. + +Er blieb vor ihr stehen. + +"Nach deinem Briefe mußte ich annehmen, daß du den unwiderruflichen +Entschluß gefaßt hattest, dich von deinem Manne auf immer zu +trennen, da du ein Weiterleben mit ihm als unmöglich erkannt hast. +In der Ausführung dieses Entschlusses, dir zu helfen, bin ich +hergekommen, nicht aber, um dich in deinen Entschlüssen zu +beeinflussen. Und auch nicht, wie du dir vorhin glauben zu machen +suchtest, um diese Stadt, die mir ganz uninteressant ist, und alte +Bekannte, von denen ich nichts mehr weiß, und die nichts mehr von +mir wissen wollen, wiederzusehen, oder auf eure Bälle und in eure +Gesellschaften zu gehen, denn ich verkehre überhaupt nicht in +bürgerlichen Kreisen.--Meine Zeit ist sehr bemessen--" + +Er ging hastig umher. Sie fürchtete sich vor ihm. + +"Aber du hast mich gerufen mit dem Schrei nach Hilfe. Läßt man den +Sinkenden vor seinen Augen untergehen, wenn man seine verzweifelnde +Stimme vernimmt? Und wenn"--so unterbrach er sich unwillkürlich +lächelnd--"ich dich auch nicht auf dem offenen Meere kämpfen sah, +so sah ich dich doch ringen mit der trüben Flut dieses--Teiches." + +Er wurde wärmer. + +"Deine verstorbene Mutter ist sehr gut gegen mich gewesen. Sie hat +mir, dem Verwaisten, ein Dach und einen Tisch geboten viele Jahre +lang. Und dann haben wir beide unsere Jugend nebeneinander verlebt, +wenn auch nicht miteinander. Das vergißt sich nicht so leicht. Darum +bin ich gekommen, nur darum." + +Er hatte eine Rose vom Strauch gerissen und zerstreute während des +Sprechens ihre Blätter achtlos umher. + +"Wie er die Blume behandelt!"--dachte sie. Sie hatte nur noch einen +Wunsch: diese erbarmungslos klare und schneidende Stimme nicht mehr +zu hören. Aber diese Stimme klang weiter. + +"Ich komme hierher in dem festen Glauben, dich bereit zu finden, den +entscheidenden Schritt zu tun. Ich finde dich völlig schwankend, +ohne jeden Entschluß--sage mir doch, weshalb du mich eigentlich +gerufen hast?"-- + +Sie sah sich bis auf den letzten Punkt gedrängt und verließ ihn, um +sich zu retten, indem sie zum Angriff überging. + +"Du sprichst so viel", klagte sie, "von den Mißständen in der Ehe. +Willst du mir nicht sagen, wie du dir denn die Ehe denkst?--Wenn du +etwas beseitigen willst, so mußt du doch etwas anderes an dessen +Stelle setzen können." + +Diesen letzten Satz hatte sie einmal irgendwo gehört, und er däuchte +ihr gut und passend, um ihn jetzt anzuwenden. Kein Weib ist ganz +ohne Schlauheit. Auch sie war es nicht. + +Grach antwortete sofort. + +"Ich kenne nur ein Verhältnis wie zwischen Mensch und Mensch, so +zwischen Mann und Weib, das ich würdig nenne: das auf gegenseitiger +Unabhängigkeit beruhende; denn es ist zugleich das einzige, das die +gegenseitige Achtung ermöglicht. Der Herr verachtet den Knecht, und +der Knecht haßt den Herrn." + +Mit verständnislosen Augen sah sie vor sich hin. + +"Und in der Ehe?"--fragte sie unsicher. + +"Bemitleidet der Mann heimlich die Frau, während die Frau ihn +heimlich belächelt." + +Verstohlen blickte sie ihn von der Seite an. + +Woher weiß er das?--war ihr erster Gedanke. + +"Es gibt doch so viele glückliche Ehen--" + +"Wie viele kennst du?" + +"Nein--, aber--" + +"Nun, ich leugne es. Es gibt verschwindend wenige. Was Glück genannt +wird, ist Zufriedenheit. Und was Zufriedenheit scheint, ist nur +Gewöhnung jene Gewöhnung der schwächlichen Ohnmacht, die davor +zurückschaudert, Ketten zu brechen, und in feiger Nachgiebigkeit +Schritt für Schritt zurückweicht, Stück um Stück ihrer eigenen +Würde, ihrer eigenen Freiheit und--was das Traurigste ist--ihres +eigenen Glückes opfert, um das zu werden, was eine alberne +Oeffentlichkeit einen guten Ehegatten, ein treues Eheweib nennt." + +"Aber wie denkst du dir denn--" begann sie zu wiederholen. + +"Das Verhältnis zwischen Mann und Frau in der Freiheit?--Ich +verstehe eine solche Frage kaum. Vernünftige Menschen kommen +zusammen, wenn sie sich lieben und gehen auseinander, wenn sie sich +nicht mehr lieben. Mag sein, daß sie bis an ihr Lebensende +zusammenbleiben in Liebe und Einigkeit. Oft wird es nicht der Fall +sein." + +Auch sie stand nun auf. + +"Aber um Gotteswillen, das ist ja im höchsten Grade unmoralisch, was +du da sagst!" rief sie. "Es ist ja unanständig!" + +Er lachte nur, laut und rücksichtslos. + +Er hatte ihr so viel Klugheit zugetraut, daß sie ihn fragen würde, +was aus den Kindern der freien Verbindung werden würde. Aber er +täuschte sich auch diesmal. Sie rief--wie alle Schwachköpfe--die +Moral zu Hilfe, wo ihr Verstand nicht mehr ausreichte. + +Gleichmütig sagte er: + +"Ja, über Anständigkeit und Ehrenhaftigkeit gehen meine Anschauungen +und die deiner Klasse, welche du teilst, wie ich sehe, weit +auseinander. Ich weiß, daß es noch viele, viele Menschen gibt, die +eine Vereinigung erst dann für anständig halten, wenn sie sich +dieselbe gegenseitig erlaubt haben: Standesamt--Kirche und Pfaffe-- +Hochzeitsreise; die es anständig nennen, wenn zwei Menschen +zusammenbleiben, die sich nicht mehr sehen können und die erkannt +haben, daß auch das leiseste Gefühl sie nicht mehr zusammenhält, +sondern nur noch das gegebene Wort. Ich weiß aber auch, daß es +Menschen gibt, welche jede Umarmung, die aus anderen Gründen erfolgt +als aus gegenseitiger Liebe, gemein nennen, und zu diesen Menschen +gehöre auch ich. Und eins möchte ich dir und allen, die die Ehe +verteidigen und unsere Anschauungen der freien Liebe so laut und +emphatisch beschreien, eins Möchte ich euch allen, euch Menschen der +Ehe, sagen: Tut, was ihr wollt, aber zeigt uns durch eure eigenen +glücklichen Ehen, daß wir im Unrecht sind und ihr im Recht seid mit +eurer Heiligsprechung der Ehe! Dann werden wir euch vielleicht +glauben, eher nicht!" + +Er griff nach Hut und Stock. + +"Adieu, Clara," sagte er und gab ihr die Hand, "leb' wohl! Ich habe +gesehen, daß du nicht unglücklich bist. Du bist unzufrieden, +natürlich--du bist ja nicht frei. Aber wer kann dir da helfen, wenn +du es nicht selbst tust?"-- + +Sie war vollständig verwirrt. Sie wollte ihm noch etwas entgegnen, +sie hatte den glühenden Wunsch, ihn noch zu demütigen, aber sie fand +kein Wort mehr seiner kalten Ueberlegenheit gegenüber. Nicht einmal +ihr letztes Mittel jetzt anzuwenden, schien ihr zweckmäßig. O, wenn +sie das vorher gewußt hätte, nie hätte sie ihm geschrieben! + +Und sie kämpfte mit ihren Tränen der Wut und des Zornes, als sie ihm +gegen ihren Willen die Hand geben mußte. Er aber ergriff sie und +schüttelte sie freundlich. Dann ging er mit seinen schnellen +Schritten den Kiesweg entlang, durch den hohen und kühlen Flur an +der weißen Treppe vorbei und über den weiten Platz, der verlassen +lag wie vor einigen Stunden. + +Als er in seiner Mitte angelangt war, kam von der anderen Seite her +ein älterer Herr. Er ging schon gebeugt. + +Grach sah ihn in die Tür treten, die er soeben verlassen. War das +ihr Mann? + +Wenn er mit den Blicken die Wände hätte durchdringen können, wäre +ihm folgendes Bild erschienen: Frau Clara Boehmer hing am Halse +dieses älteren Herrn, küßte ihn stürmisch und bettelte ihm die +Erlaubnis ab, am nächsten Mittwoch den Ball im "Kasino" besuchen zu +dürfen (--in einem ganz neuen Kleide--), während sie in ihrem Innern +beschlossen hatte, ihm fürs Erste noch nichts von dem Besuch zu +erzählen, den sie so schnell und dazu noch auf eine verhältnismäßig +so gute Art und Weise losgeworden war. + + + + +XII. + +Grach ging, ohne eigentlich zu wissen, wohin. Während er noch in +Gedanken versunken war, die ihm in diesen Stunden gekommen und die +er nun weiter und zu Ende dachte, während er so in Gedanken zu Boden +sah, ging er ganz instinktiv die Wege, die zur Höhe des Berges +zwischen den Gärten und ihren Mauern hinführten, und die er so +zahllose Male als Kind und als Knabe im Spiele gelaufen, lernend, +erzählend, mit Kameraden und allein, traurig und fröhlich gegangen +war. + +Er sah nicht, wohin er ging. Nur ins Freie, hinaus, fort aus der +Albernheit dieser Enge, die ihn eben stundenlang umschnürt gehalten +hatte! + +Er war wie zerschlagen. + +Seit Jahren hatte ihn nichts, keine Unterredung, keine Diskussion, +keine Verhandlung, so ermüdet, wie die Unterhaltung dieses +Nachmittags. + +Ihm war, als habe er Zuckerwasser trinken müssen, in großen +Quantitäten, ein Glas nach dem andern. Ihm war als sei er +umhergetappt in schwülen und haltlosen Nebeln, als habe er etwas +Weiches, Zerrinnendes zwischen seinen Fingern gehalten, etwas, das +formlos war und keine Gestalt annehmen wollte, er mochte bilden, wie +er wollte. + +Es war die Moral der Bourgeoisie gewesen, mit der er eben diesen +Kampf gekämpft hatte, diese satte, selbstgefällige, verächtliche +Moral, die keinem Gedanken Stand hielt, an jeder Wahrheit genäschig +schleckte und alles, alles, alles herunterzog in den Staub ihrer +Mittelmäßigkeit. Er haßte sie, diese Menschen, er fühlte erst jetzt, +wie sehr er sie immer gehaßt hatte: ihre Anschauungen, ihre Sitten, +ihre Gewohnheiten, ihr heuchlerisches Weinen und ihr oberflächliches, +humorloses Lachen. + +Was wollte denn diese Frau eigentlich? + +Hatte sie nicht alles, was ein Mensch nur an äußerlichem Glück +begehren konnte? + +Sie war schön. Sie war noch jung. Sie war reich. Aber sie hatte +einen Mann, der wohl zuweilen eine eigene Meinung zu haben sich +erlaubte; einen Mann, der sie nicht so befriedigte, wie ihre Natur +es verlangte. Nun, warum ging sie nicht von ihm, wenn sie es bei ihm +nicht mehr "aushalten" konnte? + +Nichts hielt sie, als die kindischen Anschauungen ihrer Klasse von +Ehre und Sittlichkeit. + +Die Welt lag vor ihr. Warum ging sie nicht hinein, lernte kennen, +was dem Suchenden so interessant, so geheimnisvoll, so neu und so +unendlich reizvoll erscheinen muß? + +Weshalb genoß sie nicht die Schönheit dieser Welt, von der sie +nichts kannte? + +Sie konnte nicht allein sein. Zu flach, um sich selbst auch nur auf +eine Stunde zu genügen, konnte sie auf eine Stunde nicht die +Gesellschaft entbehren, deren Leben ihre Nahrung war. Machtlos, sich +durch ihre eigene Persönlichkeit neue Verbindungen zu schaffen, wäre +sie draußen in der weiten Welt gestorben vor Langeweile, verzehrt +von Sehnsucht nach dem kleinlichen Getriebe ihrer früheren Tage. + +Deshalb mußte sie bleiben, wo sie war, auf dem Platze, auf den sie +ihr eigener freier Wille gestellt, und den zu verlassen sie nicht +die Kraft besaß. + +Sie mußte ihr "Unglück" weitertragen. + +Er glaubte nicht an dieses Unglück. In Wirklichkeit hatte er nie +geglaubt, daß diese Frau jemals unglücklich werden könne. + +Außerdem würde sie ihren Mann allmählich besiegen. Eine echte Frau, +die sie war, würde sie ihn mürbe machen--: langsam, nach und nach, +mit aller Zähigkeit, würde sie ihm Locke auf Locke seiner Kraft +rauben, bis er willenlos geworden war ihr gegenüber. + +Der Mann war mehr zu bedauern als sie. + +Für ihn aber war sie eine abgetane Sache. Es war eine Dummheit +gewesen, daß er hierher gekommen war. Er gehörte nicht zu den +Menschen, die sich schämen, ihren Dummheiten ins Gesicht zu sehen. +Aber er glaubte doch, nun sagen zu dürfen, daß er so bald keine neue +machen würde. + +Am liebsten wäre er noch heute Abend abgereist. Doch er wußte nicht, +wann die Züge gingen. Und außerdem--er war nun einmal hier. Die +Hitze des Tages begann langsam nachzulassen. Er wollte noch einige +Stunden verbringen auf dieser Höhe mit dem Blick auf die Stadt zu +seinen Füßen. Irgendwo würde er schon ein grünes und kühles +Plätzchen finden. + +Und mit dem charakteristischen Ruck seiner Schultern schüttelte er +die Erlebnisse dieses Nachmittages von sich: aus seiner Stirn und +von seiner Brust. + +Nun waren sie ihm erledigt für immer. + + + + +XIII. + +"Eine komische, kleine Stadt!" hatte er noch vor drei Stunden zu +sich selbst gesagt. + +Aber von dieser Höhe aus gesehen schien die Stadt weder klein noch +komisch, und er dachte, es müsse gräßlich sein, in ihr zu leben und +zu sterben. + +Gewiß--man wußte nicht mehr, was der Nachbar kochte und aß, aber +was er trieb und ließ, man kümmerte sich darum noch immer bis in die +kleinsten Einzelheiten hinein. + +Daher wagte sich keiner zu rühren, und bei jeder Handlung, die er +beging, sah er zuerst den anderen an, ob dieser dasselbe je getan +oder je tun würde. + +Es gab Männer von Genie in dieser Stadt: aber ihr Genie war völlig +einseitig. Es war einzig darauf gerichtet, Geld in möglichst großen +Massen zusammenzuspeichern. Ein schlechterer Gebrauch konnte von +demselben nicht gemacht werden, wie es hier geschah: es blieb oft +einfach liegen und vermehrte sich dann--infolge der Privilegien, +die es schützten--von selbst. Es zog alle Kraft und alle Energie +dieses ganzen Landes an sich. Es war ein kaltes, grausames, +sinnloses Ungetüm, unersättlich und gierig. + +Auch denen, die es besaßen, gab es nichts. Denn sie hatten keinen +Geist. Sie hatten keine Spur von Geist. Sie machten alle Jahre eine +vierwöchentliche Reise und schickten ihre Söhne einige Jahre in die +Freiheit des Lebens. + +Außerdem gaben sie alle paar Wochen ihrer ganzen Familie große +Essen, bei denen es hoch herging. Man sprach im heimischen Dialekt +und ergänzte die Familienchronik. + +Das war aber auch alles. Für kein Vergnügen feinerer Art hatte man +hier den geringsten Sinn. Man besaß kein Theater, keine +Konzerthalle, und man kaufte nie ein Buch. Die Kunst war hier so +heimatlos wie die Wissenschaft. + +So war es vor zehn Jahren noch gewesen. + +Ob es heute noch so war, wußte Grach nicht. Es war ihm auch +gleichgültig. In der Zeitung der einen Stadt--die der einen war +konservativ, die der anderen freisinnig, und sie lagen sich +natürlich beständig in den Haaren--hatte sich noch kein Wort +geändert gegen früher. Er hatte sie beim Essen durchflogen. + +Nein, es war keine komische Stadt, wenigstens nicht für den, der in +ihr zu leben gezwungen war. + +Es war auch eigentlich keine kleine Stadt, denn sie füllte, wie er +jetzt sah, die ganze Breite dieses Tales. Sie hatte sich vergrößert. +Man hatte--traurig genug--zu den drei alten noch zwei neue Kirchen +gebaut. + +Dieses Tal entbehrte der Anmut nicht. Der träge Fluß durchschnitt +üppige Wiesen, und die Hügel waren bedeckt mit dichtem Tannen und +Laubholz. Aus einer dieser dunklen Kuppen ragten die schlanken +Turmspitzen eines modernen Schlosses in den sonnenheißen Himmel. +Dort wohnte der König der Gegend. Er wußte, daß er das war: er +redete seine Arbeiter mit Ihr an und sorgte für sie, wie "ein Vater +für seine Kinder." Ihm ging es gut dabei; seinen "Kindern" weniger. +Never mind!-- + +Und immer wieder wandten sich Grachs Augen nach rechts und nach +links, dorthin, wo an den Grenzen seiner Blicke die Wolken des +Rauches sich ballten zu seltsamen, fremdartigen, formlosen Gebilden. + +Ideen schienen es zu sein, die nach Gestaltung rangen. Und er sah im +Geiste den Tag, wo diese Ideen, nicht am hellen Nachmittag in heißer +Sonne, nein, am kühlen Abend, beim Beginn der Nacht, in rußige, +markige Gestalten verkörpert, von beiden Seiten dieses Tales +herangezogen kamen und diese ganz abgelebte Gewöhnlichkeit, dieses +ganze Nest von Aemtern, Titeln und Würden, diese ganze Uniformität +der Gesinnung so durcheinander rüttelten, daß die friedlichen +Schläfer dieser guten Städte am nächsten Morgen nicht mehr wissen +würden, auf welcher Seite des Flusses sie eigentlich waren. + +Dann würde er vielleicht endlich geendet sein, der erbitterte Streit +um die Oberherrschaft. + +Aber dann würde es auch zu spät sein. + +------------------------------------ + +Eine komische kleine Stadt! + +Nein, es war weder eine komische, noch eine kleine Stadt. + +Trotz der Hitze fröstelte Grach. + +Die Sonne quälte ihn, und seine undankbaren Gedanken quälten ihn +ebenfalls. + +Hatte er nicht Grund, dankbar zu sein? + +Dankbar dafür, daß er nicht mehr hier zu leben brauchte?-- + +Er wandte sich ab und stieg den Weg weiter hinauf. Ein Blechschild +fiel ihm in die Augen: + +"Gartenwirtschaft". Das war, was er suchte. Bäume und Schatten und +Stille. + +Er stieg eine Treppe empor und durchschritt die Tür. Da stutzte er +plötzlich. + +Vor ihm her ging eine Frau. + + + + +XIV. + +Er erkannte sie sofort. + +Nur eine Frau war ihm im Leben begegnet, der dieser feste, stolze +Gang, diese aufrechte, und doch graziöse Haltung eigen war: Dora +Syk. Sie mußte seine Schritte gehört haben, denn sie wandte sich um. + +Zu gleicher Zeit streckten ihre Hände sich einander entgegen und +faßten sich mit starkem, freundschaftlichem Druck. + +Die Freude, sich wiederzusehen, war auf beiden Seiten gleich groß +und ehrlich. Gleich war aber auch bei beiden eine gewisse +Verlegenheit: man war hier auf fremdem Boden und wußte im ersten +Augenblick nicht recht, wie man es dem anderen klar machen sollte, +weshalb man hier war . . . + +Dort, wo ihre eigentliche Heimat war, in der großen, weiten Welt, in +dem Getriebe der ungeheuren Stadt, in den schrankenlosen +Verhältnissen, deren Physiognomie wechselte wie der schwankende Tag, +in der großen, geistigen Bewegung, waren sie sich zuerst begegnet, +hatten sie sich gesehen, sich gesprochen, waren sie schnell wieder +auseinander gerissen, hatten sich nicht vergessen, aber auch kaum +mehr aneinander gedacht, vielleicht nur deshalb, weil sie keine Zeit +dazu hatten. + +Seinen Namen hörte sie oft: er wurde überhaupt viel genannt; ihren +Namen hatte er lange gekannt, ehe er sie sah, denn er war eine +Zeitlang viel genannt worden. Es war gewesen, als sie einundzwanzig +Jahre alt war und ihr erstes Werk Aufsehen erregte. Vor etwa sechs +Jahren. + +"Franz Grach"-- + +"Dora Syk"-- + +Sich hier wiederzusehen, war für beide eine ganz außergewöhnliche +Ueberraschung, und indem sie nach einem Wort suchten, um dieselbe +auszudrücken, fingen sie beide plötzlich an zu lachen und gaben sich +nochmals die hand, wie um sich zu vergewissern, daß sie es wirklich +waren. + +"Fräulein Dora Syk!" rief er aus. "Also deshalb hört man nichts mehr +von Ihnen--" + +"Es ist sehr eigentümlich, daß wir uns hier treffen," sagte sie, +indem sie ihre Hand zurückzog. + +"Nicht so sehr, was mich betrifft: bin ich doch hier in der Stadt +meiner Jugend. Ich bin nämlich hier erzogen." + +"So. Und ich erziehe jetzt hier." + +Er fuhr zurück. + +"Das ist schrecklich. Wen erziehen Sie denn?" + +Sie lachte herzlich. "Kinder", sagte sie, "Mädchen von zwölf und +dreizehn Jahren." + +"In der höheren Töchterschule?"-- + +"Ja, in derselben", entgegnete sie, und immer noch lag Lachen um +ihren Mund. "Ich bewundere die Treue Ihres Gedächtnisses. Wie lange +waren Sie nicht hier?"-- + +"Fast ein Jahrzehnt nicht.--Hören Sie: + +Der Herr segne Deinen Ausgang und--" + +"Und deinen Eingang--ja, so steht es über dem Tor geschrieben." + +"Lachen Sie doch nicht, Fräulein Syk! Ich weiß, was es heißen will, +Lehrerin an dieser Schule zu sein--für Sie ist es unwürdig." + +"Nein," sagte sie schnell und wurde ernst, "es ist nicht unwürdig, +um sein Brot zu arbeiten. Aber eines ist sicher: es ist lähmend, +weil es unnütz, total unnütz ist. Denn ich bin gehindert, das zu +sagen, was ich sagen möchte, wenn ich auch nicht gezwungen bin, zu +sagen, was ich nicht sagen will . . . Unwürdig?--Nein, das +Schweigen der Machtlosigkeit ist nie unwürdig." + +Er sah sie inmitten dieser Gesellschaft, die er kannte--die +Personen konnten sich geändert haben, die Tendenzen nie: der +Direktor ein Pietist, die Lehrer zu halben Weibern geworden in ihrer +falschen Stellung zwischen lauter Unterröcken, die Lehrerinnen alte +Jungfern, verbittert die einen, emanzipiert im unguten Sinne die +anderen--und er hörte nicht auf das, was sie ihm entgegnete. + +"Wie können Sie hier leben?" rief er fast heftig. "Wie können Sie +sich stellen zu diesen Mumien--" + +"Sehr gut. Sie hassen mich so, daß wir fast nie zusammen sprechen--" + +"Ja, was sollten Sie auch zusammen sprechen!" rief er. "Und machen +Sie mir nur nicht vor, daß es anders ist mit dieser entzückenden +Jugend, ich kenne sie, diese unreife Gesellschaft, schlimmer als die +Buben sind sie: kokett schon, noch mit der Puppe im Arm, neugierig, +naschhaft, und ganz schon von dieser entsetzlichen Schwatzhaftigkeit +der Alten, dieser Schwatzhaftigkeit der Leere, die nichts zu sagen +weiß und immer plappert, plappert--o, ich habe sie eben drei +Stunden lang gehört!--" + +Sie ging ruhig weiter, aber sie antwortete ihm nicht mehr. Ihr +Beispiel, dachte er da, dieses herrliche Beispiel der Kraft und +Gesundheit, der Vorurteilslosigkeit und Schönheit, des Geschmacks +und der Gesundheit der Harmonie, ihr Beispiel, sollte wenigstens +nicht dieses schweigend wirken? Und er fragte sie danach. + +Mit einiger Ungeduld lehnte sie seine weiteren Fragen ab. Auch ihr +Beispiel nicht, sie sagte es schon. Es war kein Boden bereitet. + +Er merkte plötzlich, daß sie litt, und ward still. + + + + +XV. + +Während ihres kurzen Gespräches hatten sie den Garten betreten. +Ueber die ganze Kuppe des Hügels hin erstreckte er sich. Seine Bäume +waren herrlich. Sie bildeten dichte und schützende Dächer über den +Tischen und Stühlen, die überall auf die ansteigenden Terrassen +gestellt waren. + +Eine große Halle lag auf der höchsten Höhe des Hügels. Sie war roh +aus Holz aufgezimmert und dazu bestimmt, großen Massen bei +schlechtem Wetter Aufenthalt zu gewähren. Denn an allen Sonn- und +Feiertagen belebten Hunderte und Aberhunderte von Menschen die +Stille dieser fast einsamen Höhe; an Wochentagen verlief sich selten +ein Gast hierher. Die reiche Natur konnte ungestört die Schäden +wieder heilen, welche trampelnde Füße, die keiner Wege achteten, und +rohe Hände, die frevlerisch in dieser grünen Pracht wühlten, ihr +schlugen. + +Keine Großstadt besaß einen größeren, in seiner rauhen und nie +gepflegten Wildheit schöneren Garten. + +Grach breitete die Arme aus vor Freude. + +"Das ist herrlich!" rief er. + +Sie lächelte. + +"Ja, es ist herrlich!" sagte sie auch. "Es vergeht fast kein Tag, an +dem ich nicht die letzten Stunden des Nachmittags hier verbringe. +Hier stört mich kein Mensch. Ich kann sitzen, wo ich will, ich kann +gehen, ich kann lesen, ich kann tun, was ich will. Mir ist, als sei +sie mein, diese ganze Höhe." + +An dem Wirtshause vorbei, wo der Besitzer des Gartens mit seiner +Familie wohnte, führte sie ihn langsam empor. + +"Ueberall können wir uns setzen, Grach," sagte sie. "Wollen Sie die +Stadt sehen? Oder wollen wir hier bleiben auf dieser Terrasse, wo es +am kühlsten ist?"-- + +"Hier," bat er, "lassen Sie uns hier bleiben. Hier ist es einsam, +kühl und schön." + +So setzten sie sich, einander gegenüber, an einen der Tische. Ein +Mädchen kam mit einer Flasche und einem Glase. Als sie den gewohnten +einsamen Gast in Gesellschaft eines zweiten sah, malte sich +sprachloses Erstaunen auf dem frischen, jungen Gesicht. + +"Kein Bier heute, Käthchen," sagte Dora Syk, "ich habe Besuch heute. +Eine Flasche Rheinwein und zwei Gläser." + +Das Mädchen entfernte sich nur zögernd. + +"Sie ist völlig außer Fassung, die Kleine. In den drei Sommern ist +ihr das nicht vorgekommen. Und, daß ich es Ihnen nur gestehe, auch +ich bin etwas verwundert.--Also die Sehnsucht hat Sie einmal wieder +hierhergetrieben? Sie wollten einmal wieder wandeln auf den Fluren +Ihrer Kindheit?" + +"Ach was," rief er fast barsch, "ich habe eine Dummheit gemacht, +eine große Dummheit." + +Er erzählte ihr in hundert Worten, was er soeben erlebt. + + + + +XVI. + +Der Wein glänzte in den Gläsern vor ihnen. Sie stießen miteinander +an. + +"Aber ich bin ausgesöhnt mit meiner Dummheit--" rief er in ehrlicher +Freude, während er sie ansah. + +Sie war es wert, angesehen zu werden. + +Fest zurückgelehnt in den Stuhl und die Füße gegen den Boden +gestemmt, die Hände im Schoße gefaltet, saß sie in der unbewegten +Ruhe von Menschen da, die viel arbeiten, und diese Ruhe, derer sie +bedürfen, dann wenn sie ihnen wird, auch wirklich genießen. + +Ihren Hut hatte sie abgenommen, und Grach bewunderte die einfache +Kunst, mit der sie ihr dunkelbraunes Haar in einen griechischen +Knoten gebunden trug. + +Alle Linien an dieser schönen Gestalt waren groß, kühn und frei; +lang und natürlich, durch keine künstlichen Mittel verziert, fielen +die Falten ihres Kleides nieder. + +Ihre Hände, an denen sie keine Ringe trug, waren groß und weiß, und +ebenso waren ihre Zähne, keine "Perlen"-Zähne, aber Zähne von +tadelloser Ebenmäßigkeit. + +Das Gleichmaß der ruhigen, großen Schönheit war in ihr verkörpert. +Und wie es unmöglich war, sich dieses Gleichmaß ihrer Erscheinung +durch irgend etwas: durch eine eckige, unbehilfliche Bewegung, durch +die Wildheit eines fassungslosen Schmerzes, die Raserei einer +zügellosen Leidenschaft, die Unschönheit einer Erniedrigung oder +einer gewaltsamen Ueberhebung gestört zu denken, so unmöglich war es +auch zu glauben, daß das Alter jemals diese hohe Gestalt beugen, das +Elend diese einfache Würde knicken, Krankheit diese verkörperte +Gesundheit brechen könne. + +Es gibt Profile, die hingekritzelt scheinen, stümperhafte +Dilettantismen, verzerrte Karrikaturen in die Breite oder in die +Länge, hingeklatscht von ungeübter Hand und dann verwischt durch +Zerknitterung des Papiers; und es gibt Profile, die mit Künstlerhand +schnell entworfen scheinen in verräterisch-schönen Linien voll +Weichheit, Grazie und Liebreiz, oder aber hingezeichnet in einem +großen, wundervollen Zuge in seltener Stunde . . . + +Zu den letzteren gehörte Dora Syks Profil. Ein Ansatz, ein kühner +Zug, rasch, energisch, meisterhaft--tadellos: so war ihr Profil, +das Grach in erwachender Leidenschaft mit dem Auge sich immer wieder +heimlich nachzeichnete, während er es betrachtete. + +Nie war ihm früher die bestechende Harmonie ihres Wesens so +aufgefallen, wie jetzt. Der beschäftigte Tag hatte damals seinen +Blick getrübt. Nun saß sie vor ihm und sah vor sich hin, während er +sprach. + +Und mehr als alles bezwang ihn der Ausdruck einer beginnenden +Müdigkeit, die sich über dies schöne Antlitz ausbreitete. Keine Spur +von der Unschönheit der Bitterkeit, nur das ganz allmähliche +Erlahmen . . . + +Ein noch fast unsichtbares Erlahmen. + +Aber er sah es. + +Dieser schöne Mund begann sich zu schließen in der Herbheit des +Stolzes--wann durfte er einmal sprechen in den Lauten, die er +gewohnt war, den Lauten der Erkenntnis, der Freiheit und des +Verständnisses der Liebe?--Diese tiefen Augen umschatteten sich +bereits. Gewöhnt, in die weiteste Ferne zu schauen, Abwechslung, +Fülle, Reichtum alles äußeren Lebens zu trinken, fingen sie an sich +zu trüben zwischen den Dunstwolken dieses ärmlichen Tales, dem +Rauche der Feuerherde dieser erbärmlichen Stadt, der Stickluft einer +ungelüfteten Schulstube. + +Er dachte an anderes, während er ihr erzählte, weshalb er +hierhergekommen war. Er wurde unruhig. + + + + +XVII. + +"Menschen der Ehe!" sagte sie, als er geendet hatte. Er sah auf. Sie +hatte also sein Werk gelesen. Er wußte nicht, daß es seit Jahren +keinen Mann gab, den sie im Stillen seines Mutes und seiner +unerschütterlichen Energie wegen so bewunderte wie ihn. + +"Menschen der Ehe!" wiederholte sie, ohne Geringschätzung oder +Verachtung, sondern mit der Ruhe, mit welcher der Forscher das +Objekt seines Studiums benennt. Aber lachen schien sie doch nicht zu +können über Grachs hastige Erzählung. Dazu war sie diesen Menschen +doch zu nah. + +Mehr und mehr überzeugte sich Grach während des Gespräches der +nächsten Stunde, wie sehr sie es verstanden hatte, sich allem, was +die Zeit an Gutem, Bedeutendem und Großem leistete, nah zu halten. +Fast nichts war ihr unbekannt geblieben: jedes Buch hatte sie +gelesen, jedes Ereignis mit dem ihr eigenen Scharfblick betrachtet +und beurteilt, jede neue Erscheinung in den Kreis ihres Verstehens +gezogen. + +Sie sprachen von allem, wie es ihnen kam. Ueber vieles gingen ihre +Ansichten auseinander, aber über jedes hörten sie des anderen +Meinung, und über nichts verschwiegen sie ihm die eigene. + +Er forschte sie aus. Aber es war so, wie er dachte: sie stand hier +ganz allein, ohne Freunde, ohne Verkehr, ohne Verständnis bei irgend +einem Menschen. Sie las viel. Aber sie war die einzige vielleicht in +der ganzen Stadt, die anderes las als Zeitungen und die Romane der +Leihbibliotheken. + +Kein Mensch auch wußte hier, wer sie war. Eine fremde Erscheinung, +war sie hierhergekommen, und mit scheuer Achtung ging man ihr aus dem +Wege, während man ihr nach den ganzen Klatsch der Verständnislosigkeit +und des Hasses, weil sie "anders war", schüttete. + +Wer sollte hier auch ihren Namen kennen? Hier waren nur die Namen +berühmt, welche die Schilder der Straßen und die Zeitungen des Tages +nannten. + +Sie war plötzlich verschollen, und der Laut ihres Namens war schon +fast verhallt. War sie hier untergetaucht in diesem Sumpf, um hier +zu sterben?--Der Gedanke machte Grach schaudern. + +Und wieder betrachtete er sie mit den Blicken der Liebe, während er +auf den Klang dieser tiefen, schönen Altstimme lauschte. Sie sprach +langsam das Ernste, das sich in ihrem Gehirn bildete, und mit +Nachdruck in jedem Wort. Leicht jedoch und ungezwungen beantwortete +sie seine Fragen nach ihrem persönlichen Leben, mit einem ganz +kleinen Anflug von Spott und Wehmut in ihrer Stimme. + +Sie war wohltuend, diese Stimme. Unwillkürlich mußte er einmal diese +einfache und schöne Sprache mit dem Geplapper vergleichen, das ihn +den ganzen Nachmittag gefoltert. Auch in allen Nebensächlichkeiten +war keine größere Verschiedenheit denkbar, als zwischen diesen +beiden Frauen. + +Welche wunderbare Frau! Welche wunderbare Frau! dachte er immer +wieder und ließ keinen Blick von ihr. Immer mehr begann er sie zu +verstehen. Täuschte er sich dennoch?--War sie glücklicher hier, als +sie es früher gewesen? Oder war diese Resignation nur die Folge +eines äußeren Zwanges. + +Nein, er konnte sich nicht täuschen! + +Sie litt. + +Eine herrliche und fast unerschöpfliche Fülle von Lebenskraft hatte +sie bisher aufrecht erhalten. Noch war nichts in ihr angegriffen, +geschweige denn gestört. + +Aber der äußere Dunst begann sie zu bleichen. Sie verlangte nach +Leben, wie die Pflanze nach Wasser verlangt. + +Drei Jahre schon hatte sie keinen Tropfen vielleicht äußeren Glücks +genossen--jenes Glückes, welches ein tägliches Bedürfnis ist: für +Körper und Geist eine Befriedigung. + +Und noch immer stand sie aufrecht!--Aber von heute schon auf morgen +konnte sich das erste dieser dunklen Haare bleichen, konnte sich +diesem Munde zum erstenmal ein Schrei der Wildheit: der Wut und der +Klage entlösen und er sich dann auf immer in Schweigen schließen, +konnte dieser noch so helle und klare Geist sich trüben in der Nacht +dieses Lebens . . . Und dann war es zu spät! + +Nein, nie durfte das sein! + +Er lachte plötzlich laut und bitter. + +Sie sah erstaunt auf. + +"Weshalb lachen Sie so?" + +Alles in ihm schäumte auf. + +"Dora Syk", rief er, und lachte wieder, wie eben, "Dora Syk--und +zweite Klassenlehrerin in der Schule für höhere Töchter zu Abdera!-- +Nun, wenn das kein Witz ist, über den man lachen darf, dann weiß ich +es nicht!" + +Sie erblaßte erst, dann überzog ein tiefer Unmut ihre Stirn. Zum +erstenmal mischte sich ein Klang von Schärfe in ihre Stimme. + +"Sie verstehen meine Stellung völlig falsch, Grach." Sie sah ihn +fest an. "Ich bin nicht nur hierhergekommen, um für einige Zeit in +sicherer, äußerlich sicherer Situation leben zu können, sondern ich +bin auch hierhergekommen, weil ich--ich wiederhole: für einige Zeit +--der inneren Ruhe bedurfte. Und das ist genug Entschuldigung für +meine Flucht, wenn sie überhaupt einer bedarf." + +Aber Grach war so erregt, daß er nur halb vernahm, was sie sagte. + +"Ach was," rief er ungestüm, "eine Frau wie Sie hat überhaupt keine +Entschuldigung! Die einzige, welche es gäbe, wäre die: daß Sie hier +Ihr Leben wirklich leben. Aber zwischen diesen Mumien und +Geldsäcken, in diesem stagnierenden Haufen müssen sie ja über kurz +oder lang ersticken!" + +Ihre Antwort erfolgte sofort. Sie war erzürnt. + +"Sie gehen immer wieder von der unbegründeten und ganz falschen +Voraussetzung aus, daß ich mich auf immer hier vergraben wolle. Ich +denke nicht daran." + +Er war aufgesprungen und ging auf und ab. + +Sie war wieder völlig ruhig. Auch während der letzten Worte hatte +sich keine Linie ihrer ruhigen Haltung verändert. + +"Ich weiß, was ich zu tun und zu lassen habe. Und wenn Sie es +durchaus wissen willen, nun ja, ich denke, ich gehe bald zurück in +die weite Welt meiner Heimat . . ." + +Er stand ihr zur Seite und sie hörte seinen schweren Atem. + +"Tun Sie es noch heute!" rief er leidenschaftlich, und mit bebender +Stimme fügte er, kaum hörbar selbst für sie, hinzu: "Und--tun Sie +es mit mir!" . . . . + +Er sah auf sie nieder. Sie rührte sich nicht. Die leise Dämmerung, +die unter den hängenden Zweigen lag, verhinderte ihn zu sehen, wie +die Farbe ihres Gesichtes wechselte. + +Sie antwortete nicht. Seine Hand lag auf der Lehne ihres Stuhles. + +Dann sah sie auf seinen Sitz. Er verstand sie und setzte sich +langsam. + +Sie nahm das vor ihr stehende Glas und leerte es mit einem Zuge. + +Sein Herz klopfte. + +Da sah sie ihn an und lächelte. Noch immer entgegnete sie ihm mit +keinem Worte. Aber er wußte jetzt, was er begehrte zu wissen. + +Er nahm ihre schlaff herabhängende Hand. Er küßte sie nicht. Aber +mit beiden Händen umfaßte er sie innig, mit einem zarten und +zugleich festen Druck. + +"Dora Syk," sagte er leise, und seine Stimme bebte noch immer, "die +Erde ist so arm an Glück in unseren Tagen. Sollten wir nicht einmal +versuchen, zusammen glücklich zu sein?" + +Sie sahen sich an. In seinen Augen glühte die heiße, stumme, +begehrende Bitte. + +Er hatte gesiegt. Er sah es an dem Ausdruck ihrer Augen, dem Lächeln +ihres Mundes, und er fühlte es an der Wärme ihrer Hand, die er nicht +losließ. + +Sie zog sie zurück. Sie wollte nicht, daß die Stimmung sie +überwältigte. + +"Schenken Sie mir noch einmal ein, Grach.--So.--Und nun lassen Sie +uns vernünftig zusammen sprechen, nun, wie Leute, die nicht mehr +ganz jung sind, über so etwas sprechen sollten." + +Ihre Stimme hatte nur äußerlich den scherzhaften Klang. + +Sie machte noch eine Pause, ehe sie begann. + +"Ja" sagte sie endlich. "Sie haben recht. Ich muß fort von hier. Ich +will es selbst. Und auch darin haben Sie recht: es soll bald, es +soll sofort sein.--Meine Ferien beginnen erst in acht Tagen. Aber +ich kann mich vertreten lassen. Es ist das erste Mal, daß ich eine +Hilfe dieser Art in Anspruch nehme, und da es auch das letzte Mal +ist, habe ich keine Ursache, eine Zustimmung erst abzuwarten. Es +genügt, wenn ich dem Direktor die Anzeige meines Fortgehens mache. + +Auch meine Verhältnisse kann ich sofort ordnen.--Aber bevor ich mit +Ihnen gehe, müssen Sie die folgenden Bedingungen annehmen: + +Ich liebe meine Freiheit über alles, wie Sie die Ihre. Wir werden +also vollständig, in jeder Beziehung, unabhängig voneinander sein. +Wir werden uns gegenseitig verschonen mit allen läppischen +Zudringlichkeiten an Zeit und Stimmung. Wollen wir einen Weg nicht +zusammen miteinander gehen, so geht jeder seinen eigenen. Und--was +das Wichtigste ist--wir werden uns trennen in der ersten Stunde. in +der wir--anfangen werden, uns miteinander zu langweilen." + +Sie beugte sich vor und sah ihn mit ihren schönen, klugen Augen an. + +"Wollen Sie auf diese Bedingungen eingehen, Grach, dann geben Sie +mir nochmals die Hand." + +Er griff nach ihren beiden Händen. + +"Dora Syk," rief er in jugendlicher Begeisterung, "weiß der Himmel, +aber Sie sind doch die herrlichste Frau, die ich je in meinem Leben +kennen gelernt habe!" + +Da lachte sie hell auf, und der Bann zwischen ihnen war gebrochen. +Frage auf Frage und Antwort auf Antwort folgten nun in buntem +Wirbel. + +Nach Paris wollten sie gehen. Noch heute Abend. Mit dem Schnellzug +um halb elf Uhr. Morgen früh waren sie dort. Er zweifelte, daß sie +bis zehn Uhr fertig sein könnte. Gewiß, drei Stunden würden genügen +für sie. Hatte sie doch von niemand hier Abschied zu nehmen. + +Aber lange hier bleiben durften sie dann nicht mehr. Welche Zeit war +es denn? Schon sieben! Ja, es war dunkel schon unter den Bäumen. +Einen Abschied aber wollte sie doch noch nehmen: von der Kleinen, +die sie so oft hier bedient, und mit der sie so manches freundliche +Wort getauscht, in der Einsamkeit ihrer vielen Stunden, die sie hier +verbracht. + +Sie ging in das Haus und bat ihn, zu warten. + +Nach zehn Minuten--zehn Minuten, in denen er wie betäubt von seinem +neuen Glück dagesessen hatte--kam sie zurück. + +"Armes kleines Ding, sie hätte beinahe geweint. Aber ich habe ihr +gesagt, sie solle es so machen, wie ich." + +Da hielt er sich nicht mehr und nahm sie in seine Arme. Sie ließ es +geschehen, daß er sie küßte. + +Ernst, Würde, Fassung--Liebreiz, Güte, Harmonie, der Witz der +Feinheit--ein außergewöhnlicher Verstand, ein unergründbares Herz: +wie, alles dies besaß er plötzlich, ohne es sich erworben zu haben?-- + +Das letzte Glas stand vor ihnen. Der gelbe Wein schimmerte in der +Dämmerung. + +"Auf unsere Liebe!--Dora!" rief er. + +"Nein, auf die Freiheit unserer Liebe, die sie so schön macht!" +sagte sie langsam, bevor sie trank. + + + + +XVIII. + +Sie verließen den Garten. + +Sie sprachen nicht mehr. Schweigend gingen sie hin. + +Aber als sie eine helle Kinderstimme singen hörten--grell und +falsch, doch unbekümmert klang es von den Lippen: + + + +"Nur einmal blüht im Jahr der Mai-- + +"Nur einmal--im Leben--die--Lie--be!--" + + + +sahen sie sich an und lächelten. + +"Es ist nicht wahr--" sagten sie sich mit diesem Lächeln, +"hundertmal blühen sie, und immer von neuem, oft zusammen, oft der +eine ohne die andere . . ." + +Und sie sagten sich: + +"Aber nie hat sie uns so schön geblüht, wie dieses Mal . . ." + +Wieder hörten sie die Stimme und die Worte. + +"Es ist nicht wahr--" + +"Es ist ewig nicht wahr--" + +An dem Kreuzwege blieb sie stehen. Laut sagte sie ihm: + +"Ich gehe jetzt nach Hause. Ich komme schneller dahin, wenn ich +allein gehe.--Um zehn Uhr bin ich auf dem Bahnhofe." + +Sie gab ihm nicht die Hand, sie grüßte ihn nur mit dem Neigen ihrer +Stirn. + +Er verstand sie. Er hatte den Hut abgenommen und er verbeugte sich, +als sie ging. Er verstand sie: es war nicht Feigheit, daß sie nicht +in den Gassen der Stadt mit ihm zusammen gesehen sein wollte. Nur +_jetzt_ wollte sie unbehelligt bleiben von den frechen Blicken der +Neugier, deren Worte sie von nun an nicht mehr berühren, deren Taten +sie von nun an nicht mehr hindern konnten . . . + +Aber er konnte sich nicht enthalten, ihr nachzusehen. Nur eine ging +so: sie. Ohne das Wiegen der Hüften, das Schwanken der Schultern, +ging sie stets mit denselben ruhigen, auch in der Eile, wie jetzt, +noch gleichmäßigen, festen, kühnen Schritten die mehr als alles die +Gesundheit ihres Wesens zeichneten. + +Die steile Straße abwärts führten sie diese Schritte; dann verbarg +ihren Kopf der hängende Zweig eines Baumes und gleich darauf ein +Haus ihre Gestalt, die der dämmernde Schatten des Abend bereits +verwischte. + +So lange seine Augen sie noch faßten, sah er ihr nach. Nicht eher +ließ er los, was er leibhaftig mit den Sinnen zu fühlen noch +vermochte. + +Auch durch die Dunkelheit der Entfernung hin versuchte er ihr noch +zu folgen. + +Aber er war bereits lange allein. + + + + +XIX. + +Er sah nach der Zeit: halb acht Uhr. + +Also noch nicht drei Stunden waren vergangen, seit er zuletzt auf +diesem Platze gestanden hatte!-- + +Fast begann er irre zu werden an der Wirklichkeit seines Glückes. + +War es nicht alles ein Traum? + +Wie wunderbar: er stand als Mann wieder auf der Stätte seiner +Kindheit. Vor Augenblicken hatte er sie wieder gesehen, nach +Augenblicken sollte sie--und voraussichtlich--für immer wieder +hinter ihm liegen. + +Kurze Augenblicke im langen Leben--: noch die Zeit eines Tages nicht +war vergangen. War sie vorüber, so faßten ihn wieder die Hände +_seiner_ Welt. + +Alles war wunderbar. + +Nur einen Menschen vielleicht gab es in dieser Stadt der Kleinheit, +der Selbstgefälligkeit, der Enge, nur einen einzigen wirklichen, +eigenen, freien Menschen, mit dem er zusammen zu leben vermochte-- +und diesen Menschen hatte er gefunden! Seltsamer Zufall! + +Hier gefunden--nicht in der Länge der Zeit, die auf kleinem Räume +alle Menschen, die ihn bewohnen, einmal aneinander vorüberzugehen +zwingt, nein, durch den seltensten Zufall der Welt, an den Grenzen +dieses Raumes, in der Freiheit der Natur, in der stillsten Stunde, +die keiner ihnen störte. + +Er hatte erkannt, daß das Meiste von dem, was die Menschen Glück +nennen, sich erwerben läßt in Erfahrung und Ausdauer: Ruhe, +Klarheit, Sicherheit und eine gewisse Unabhängigkeit. + +Die großen Zufälligkeiten des Glückes waren ihm nie begegnet und +wenig war, was er sich nicht hatte erringen müssen in eigener Kraft. +Daher fühlte er um so tiefer, wie ungeheuer groß der Zufall dieses +Glückes war, welches ihm hier entgegengetreten war, schimmernd, +blendend aus dunklem Rahmen hervor, dicht vor ihn hin-- + +Und eine wahnsinnige Seligkeit überkam ihn! . . . + +Die Dämmerung nahm zu, und die Kühle mit ihr. Aus den Gärten kehrten +die Bürger mit den Ihrigen heim--zum Nachtessen, danach zur Kneipe. +Lichter flammten zu seinen Füßen auf. Ineinander zerrannen die +Umrisse der Häuser und Straßen, und scharf ragten nur noch die +spitzen Türme der Kirchen, der alten und der neuen, empor. Am +hellsten erstrahlten die Lichter drüben am anderen Bergeshang, wo +der Bahnhof lag. Flimmernde Linien liefen von dort aus nach beiden +Seiten und erloschen in den Nebentälern. + +An den Enden des Tales aber lohten die mächtigen Brände der Hochöfen +in das Dunkel empor, riesige Feuergarben, dort wo eine Tag und Nacht +nicht rastende Arbeit in siegreichem Ringen lag mit einer +barmherzigen Natur und in fruchtlosem Kampfe mit unbarmherzigen, +ererbten, allmächtigen, verschimmelten Vorrechten.-- + +Ein Kätzchen in weißem Fell schlich über den Weg. An einem Kinde, +das auf der Bank vor einem der zerstreuten Häuser saß, wand es sich +vorüber und dann mit schnellen Sprüngen an Grach. + +Dieser sah das Kind. Er griff in die Tasche, gab ihm alles, was er +an Geld erfaßte, hob es in die Höhe und küßte das Erschrockene auf +den Mund, gleich als müsse er sie stillen, die Erwartung nach seinem +Glück, die er nicht mehr ertrug. + +Dann eilte er schnellen Schrittes und wie beflügelt die engen Pfade +zwischen den Gärten hin und den Berg hinunter. + + + + +XX. + +Da war er wieder, der große, totenstille Platz, jetzt eingehüllt in +das Dunkel des Abends, da war sie wieder, die alte Kirche, an der er +jetzt vorbeischritt und die er als Knabe so oft zu betreten +gezwungen war, um tötliche Stunden der Langeweile auf ihren Bänken +zu verbringen, da waren sie wieder, die alte Brücke von Stein und +der alte Fluß. + +Er stand lange über das Geländer gebeugt. Ein Gefühl von Versöhnung +begann sich in sein Inneres zu schleichen. + +Er haßte sie nicht mehr, diese Stadt; er haßte sie nicht mehr, diese +Menschen. + +Was waren sie ihm denn, daß er sie hassen sollte? Nichts. + +Mochten sie leben und sterben, wie sie wollten, ihm war es gleich. +Litten sie selbst nicht am meisten darunter, daß sie so dicht +aufeinander saßen, einer in dem Genick des anderen, und sich so +gegenseitig langsam zu Tode quälten? + +Und warum sollte er ihnen nicht das harmlose Vergnügen der +Selbstgefälligkeit gönnen? Mehr als ein Lachen war die Eitelkeit +dieser aufgeblähten Kleinheit sicher nicht wert. + +Sie hatte hier gelebt und gelitten, drei Jahre lang. Er schämte +sich, wenn er seinen eigenen Unmut über den einen heutigen Tag +verglich mit ihrer vornehmen, schwermütigen Ruhe und ihrem milden, +starkem Ernst, der diese Menschen nicht ändern wollte, sondern sie +gehen ließ, aber sie bei Seite schob, wenn sie ihr lästig wurden. + +Arme Stadt! lächelte er vor sich hin. Und er nahm ihr noch ihr +kostbarstes Gut . . . + +Noch zwei Stunden. Immer noch zwei Stunden? + +Er überschritt die Brücke und bog in die Hauptstraße ein. Dann +betrat er eine große, öffentliche Wirtschaft und setzte sich still +in eine Ecke. + +Er bestellte sich zu essen. Aber als das Fleisch vor ihm stand, +erlosch plötzlich sein Hunger vor dem warmen Geruch, und er schob es +wieder von sich. + +Innerlich--er fühlte es jetzt deutlich--war er dennoch aufs +höchste erregt. + +Er sah sich um. In seiner Nähe stand ein großer runder Stammtisch, +der sich langsam zu besetzen begann. Mehr als ein Gesicht kam Grach +bekannt vor, und plötzlich fiel es ihm ein: das waren ja--es war +kein Zweifel mehr möglich--die "Schlitzohrigen", die größten Männer +der Stadt, weise im Rat und vorsichtig in der Tat, die er da vor +sich sah. Weshalb sie die "Schlitzohrigen" genannt wurden, wußte er +nicht mehr und hatte es wohl auch früher nie gewußt, aber der Name +tauchte wieder in ihm empor mit ganzer Deutlichkeit. + +Und doch hatten sie sich verändert, die Zeiten: denn früher hatten +diese Gewaltigen allabendlich im "Nähkörbchen" verkehrt, und jetzt-- +welcher Unterschied--saßen sie hier im Rachen des "Krokodils"! + +Innerlich lachte er heimlich und herzlich. Die Lustigkeit siegte in +ihm. Jetzt konnte er essen, während er einzelne Worte auffing, die +von dort zu ihm herüberflogen. + +Man sprach über städtische Angelegenheiten. Natürlich. Grach wußte, +über Politik zu sprechen, war hier verpönt. + +Plötzlich hörte er eine Stimme, die er kannte. Er sah schärfer hin. +Kannte er dieses Gesicht?--Nein, es war nicht möglich. + +Dieser philiströs aussehende Mann, der in kleinen, bedächtigen Zügen +sein Bier trank und in kleinen, bedächtigen Zügen seine Zigarre +rauchte, der so aussah, als ob er kein größeres Glück kenne, als +hier zu sitzen und zuzuhören, dieser Mann mit den schweren +Bewegungen und der zufriedenen Stimme, der offenbaren Hochachtung +vor jedem dieser alten Zöpfe, das war nimmermehr sein alter, +lustiger, zu allen Dummheiten stets aufgelegter Fritz, der mit dem +Gebrüll seiner Stimme so oft die Gasse erschüttert hatte in der +spätesten aller späten Stunden!-- + +Grach rief die Kellnerin herbei und fragte leise. + +"I--e," sagte sie, "das ist der Herr Stadtverordnete Beuer." + +Da trank er schnell sein Bier aus, zahlte und verließ das Lokal. Er +hatte plötzlich Angst bekommen, jener möge auch ihn wiedererkennen +und anreden. Und das wäre für sie beide doch zu niederdrückend +gewesen. + + + + +XXI. + +Er war in seinem Hotel gewesen, um seine Sachen zu packen und seine +Rechnung zu bezahlen. Dann war er zum Bahnhof hinaufgestiegen und +hatte zwei Billets erster Klasse nach Paris gelöst. Er wußte, wann +er extravagant sein durfte. Heute. Im Wartesaal kaufte er dann noch +von dem alten Zeitungsverkäufer,--er erkannte auch ihn wieder-- +einem alten Original, Fahrplan und Zeitungen. + +Nun ging er auf dem Perron auf und ab mit großen und unregelmäßigen +Schritten. + +Er wußte, sie würde kommen, denn sie hatte es gesagt. Eher ging die +Welt unter, als daß sie ihr Wort nicht hielt. + +Und dennoch quälte ihn die Unruhe, die Unruhe der Erwartung. + +Noch war die zehnte Stunde lange nicht gekommen. Der große Zeiger +auf der weißen Uhr hatte kaum die Sechszahl erreicht. Er wußte, daß +sie auch nicht früher kommen würde, als sie gesagt; und doch kehrten +seine unruhigen Blicke immer wieder zu der schwarzen, gähnenden +Oeffnung des Aufstiegs zurück, aus der von Zeit zu Zeit die Menschen +emporstiegen: Beamte, Reisende, Kofferträger, ein buntes +Durcheinander . . . + +Der sommerliche Abend lag schwül unter dieser weiten Halle, die das +Dröhnen der Züge und hundert Rufe durchtönten und erzittern machten. +Ein und aus rasselten die Züge. Nur das Gleis für den Expreßzug, der +hier drei Minuten halten sollte, blieb frei. Die von den Rädern +abgeschliffenen Schienen glänzten weiß. + +Grach hatte alles vergessen, was er heute gesehen--außer ihr. + +Nur an sie dachte er noch und an sein Glück. + +Er nannte nicht viel sein eigen. Jeder seiner Jugendfreunde in +dieser Stadt lebte sicher besser als er, und unter allen diesen +Menschen hätte wohl nicht einer mit ihm getauscht. + +Und doch war er ein seliger Mann. Denn er war ein freier Mann. + +Niemand hatte ihm zu befehlen, und niemandem hatte er zu gehorchen. +Er konnte gehen und kommen, wie er wollte, die ganze Welt war sein. + +Nicht zu hassen und nicht zu verspotten, nicht zu beneiden, nein, zu +bemitleiden waren sie, die Menschen dort unten in der Stadt, die nur +ein Glück und nur eine Zufriedenheit kannten: Geld, Geld, Geld +zusammenzuscharren in mühseligem Erwerben, dem alle große Freude +fehlte: die Freude des echten Genießens! . . . + +Und er wandte sich ab von ihnen. + +Mit jeder Minute, die der zehnten Stunde nahte, wurde er ruhiger. +Seine Schritte wurden langsamer. + +Als der Zeiger auf der Uhr den erwarteten Punkt ereicht hatte, +lehnte er sich mit verschränkten Armen an einen Pfeiler und ließ +keinen Blick mehr von der Treppe des Aufgangs. + +Viele und verschiedene Menschen stiegen noch in den nächsten Minuten +vor ihm empor und gingen an ihm vorüber. Wohl an die hundert. An +keinem blieb sein Auge haften. + +Dann aber sah er sie: langsam und sicher hob sich ihre hohe, stolze, +jetzt in einen grauen Staubmantel gehüllte, geliebte Gestalt von +Stufe zu Stufe. + +Ihre Blicke waren gesenkt, und noch bemerkte sie ihn nicht. + +Er ging ihr entgegen. + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MENSCHEN DER EHE*** + + +******* This file should be named 14700-8.txt or 14700-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +https://www.gutenberg.org/dirs/1/4/7/0/14700 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://www.gutenberg.org/about/contact + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + diff --git a/old/14700-8.zip b/old/14700-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..86e9da1 --- /dev/null +++ b/old/14700-8.zip |
