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+The Project Gutenberg eBook, Der Pilger Kamanita, by Karl Adolph Gjellerup
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Der Pilger Kamanita
+
+Author: Karl Adolph Gjellerup
+
+Release Date: February 7, 2005 [eBook #14962]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER PILGER KAMANITA***
+
+
+E-text prepared by Inka Weide and the Project Gutenberg Online Distributed
+Proofreading Team
+
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+DER PILGER KAMANITA
+
+Ein Legendenroman
+
+von
+
+KARL GJELLERUP
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+
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+[Illustration]
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+I. DER ERHABENE BEGRÜSST DIE STADT DER FÜNF HÜGEL
+
+
+Einst wanderte der Buddha im Lande Magadha von Ort zu Ort und kam nach
+Rajagaha. Der Tag ging schon zur Neige, als der Erhabene sich der Stadt
+der fünf Hügel näherte. Gleich dem Abglanz einer segnenden Götterhand
+breiteten sich die milden Strahlen der Sonne über die weite, mit grünen
+Reisfeldern und Wiesen bedeckte Ebene. Hier und dort zeigten kleine an
+der Erde hinkriechende Wölkchen, wie aus reinstem Goldstaube, daß
+Menschen und Ochsen von der Feldarbeit heimkehrten; und die
+langgestreckten Schatten der Baumgruppen waren wie von einer
+regenbogenfarbigen Glorie umgeben. Aus dem Kranze der blühenden Gärten
+glänzten die Torzinnen, Terrassen, Kuppeln und Türme der Hauptstadt
+hervor, und in unvergleichlichem Farbenschmelz, als wären sie aus
+Topasen, Amethysten und Opalen gebildet, lag die Reihe der Felsenhügel
+da.
+
+Von diesem Anblick ergriffen, blieb der Erhabene stehen. Mit Freuden
+begrüsste er jene vertrauten Formen, die so manche Erinnerungen für ihn
+bargen: das graue Horn, das breite Joch, den Seherfelsen und den
+Geierkulm, "dessen schöner Gipfel die andern wie ein Dach
+überragt";--vor allen aber Vibhara, den Berg der heissen Quellen, der
+mit seiner Höhle des Sattapannibaumes dem Heimatlosen eine erste Heimat
+bereitet hatte--die erste Rast auf dem letzten Wege vom Sansara ins
+Nirvana.
+
+Denn als er damals "noch in frischer Blüte, mit glänzendem, dunklem
+Haar, im Genusse glücklicher Jugend, im ersten Mannesalter, gegen den
+Wunsch seiner weinenden und klagenden Eltern" das fürstliche Vaterhaus
+im nördlichen Lande der Sakyer verlassen und seine Schritte nach dem
+Gangatal gerichtet hatte, da gönnte er sich erst dort einen längeren
+Aufenthalt, indem er jeden Morgen um Almosenspeise nach Rajagaha ging.
+In jener Höhle hatte ihn auch damals der König von Magadha, Bimbisara,
+besucht und ihn vergebens beschworen, ins Elternhaus und ins Weltleben
+zurückzukehren, bis der Fürst, durch die Worte des jungen Asketen
+umgestimmt, das erste Vertrauen fasste, das ihn später zum Anhänger des
+Buddha machte.
+
+Lange Zeit war seitdem verflossen--ein halbes Jahrhundert, in dem er
+nicht nur seinen eigenen Lebenslauf, sondern den Lauf der Welt gewendet
+hatte. Welcher Unterschied zwischen damals, als er drüben in der Höhle
+des Sattapannibaumes weilte, und jetzt! Damals war er noch ein
+Suchender, ein nach der Erlösung Ringender: schreckliche Seelenkämpfe
+standen ihm noch bevor, jahrelange, ebenso furchtbare wie fruchtlose
+Kasteiungen, bei deren Schilderungen selbst dem Beherztesten seiner
+Zuhörer sich die Haare vor Entsetzen sträubten;--bis er dann endlich,
+nach völliger Überwindung solcher Schmerzensaskese, durch inbrünstige
+Selbstvertiefung die Erleuchtung errang und zum Heil der Wesen als ein
+allerhöchster, vollendeter Buddha aus dem Kampfe hervorging.
+
+Damals ähnelte sein Leben einem unstäten Vormittag in der Regenzeit, wo
+blendender Sonnenschein und tiefe Schatten wechseln, während der Monsun
+die Wolken immer höher aufeinander türmt, und das tödlich drohende
+Gewitter immer näher grollt. Jetzt aber war es von demselben
+abendlichen, heiteren Frieden erfüllt, der über dieser Landschaft ruhte,
+und der immer tiefer und verklärter zu werden schien, je mehr der
+Sonnenball sich dem Horizonte näherte. Auch die Sonne seines Lebenstages
+neigte sich ja dem Untergange zu. Sein Werk war vollbracht. Das Reich
+der Wahrheit war fest begründet, die Heilslehre der Menschheit
+verkündet; viele wandel- und wissensbewährte Mönche und Nonnen und
+Laien-Anhänger beiderlei Geschlechts waren fähig, dieses Reich zu
+schützen, diese Lehre aufrechtzuerhalten und weiterzuverbreiten. Und
+schon stand nach den Erwägungen dieses Tages, den er mit einsamer
+Wanderung zugebracht hatte, die Erkenntnis in seinem Herzen fest: gar
+bald wird es für mich Zeit sein, auf immer diese Welt zu verlassen, aus
+der ich mich selber und alle, die mir folgen, erlöst habe, und in die
+Ruhe Nirvanas einzugehen.--
+
+Und die Gegend mit wehmütigem Gefallen überblickend, sprach der Erhabene
+bei sich selber:
+
+"Lieblich fürwahr ist Rajagaha, die Stadt der fünf Hügel, reizend sind
+ihre Umgebungen! Reich gesegnet sind die Felder, herzerfreuend die
+baumbeschatteten, wasserblinkenden Auen, überaus anmutig die buschigen
+Felsenhügel.--Zum letzten Male sehe ich ja jetzt von diesem schönsten
+Punkte aus diese liebliche Gegend. Nur einmal noch, wenn ich weiterziehe
+und mich auf jenem Joche umwende, werde ich von drüben das liebliche Tal
+Rajagahas erblicken und dann nimmermehr."
+
+In der Stadt ragten nur noch zwei Bauwerke goldig in das Sonnenlicht
+empor: der höchste Turm des Königspalastes, von wo aus Bimbisara ihn
+zuerst erspäht hatte, als er, ein junger unbekannter Asket, seine Straße
+zog und durch seinen hohen Anstand die Aufmerksamkeit des Magadhakönigs
+auf sich lenkte;--und der Kuppelaufsatz des Indratempels, in welchem
+damals, bevor sein Wort die Menschen von blutigem Aberglauben erlöst
+hatte, Tausende und Abertausende von unschuldigen Tieren jährlich dem
+Gott zu Ehren hingeschlachtet wurden. Nun tauchten auch die Turmzinnen
+erlöschend in das steigende Schattenmeer unter, und nur jener Kegel von
+goldenen, übereinandergespannten Sonnenschirmen,[1] der den Tempeldom
+krönte, glühte noch, gleichsam frei in der Luft schwebend, als ein
+Wahrzeichen der "Königsstadt"[2];--immer röter sprühte und funkelte er
+auf dem dunkelblauen Hintergrund von hochragenden Baumwipfeln. Und hier
+erblickte der Erhabene das immer noch ziemlich entfernte Ziel seiner
+Wanderung. Denn jene Baumwipfel waren die des Mangohaines jenseits der
+Stadt, der ihm von seinem Anhänger Jivaka, dem Leibarzt des Königs,
+geschenkt worden war, und in welchem ein schönes Klostergebäude den
+Mönchen gesunde und bequeme Unterkunft gewährte.
+
+ [1] Der goldene Sonnenschirm ist das Emblem der Königswürde.
+
+ [2] Rajagaha (Sanskrit: Rajagriha) = Königsstadt, jetzt Rajgir, 10
+ Meilen südöstlich von Patna.
+
+Nach diesem Besitztum des Ordens hatte nun der Erhabene die ihn
+begleitenden Mönche--zweihundert an der Zahl--unter der Leitung seines
+Vetters und treuen Begleiters Ananda vorausgehen lassen, weil es ihn
+lockte, die Wonne einer einsamen Tageswanderung zu kosten. Und es war
+ihm bekannt, daß um die Zeit des Sonnenunterganges von Westen her ein
+Zug junger Mönche, geführt vom weisen Sariputta, dem großen Schüler, in
+dem Mangohain eintreffen würde. In seinem lebhaften, auf das
+Anschauliche gerichteten Geiste spielte sich nun das Schauspiel ab, wie
+die ankommenden Mönche mit den schon anwesenden sich freundlich
+begrüßten, wie ihnen von jenen Sitz und Lagerstatt angewiesen, Mantel
+und Almosenschale abgenommen wurden, und wie dabei großer Lärm und
+lautes Geschrei entstand, als ob Fischer um die Beute rauften. Und ihm,
+der stille Betrachtung liebte und dem Lärm abhold war, wie der einsam
+wandernde Löwe: ihm war gerade jetzt, nach der köstlichen Ruhe der
+einsamen Wanderung und dem friedlichen Segen dieser Abendlandschaft, der
+Gedanke doppelt peinlich, in ein solches Treiben hineinzugeraten.
+
+Und so entschloß er sich im Weiterschreiten, nicht durch die Stadt nach
+seinem Mangohain zu gehen, sondern in dem ersten besten Hause des
+Vorortes, in dem er Unterkunft finden konnte, sein Nachtlager
+aufzuschlagen.
+
+Unterdessen waren die goldigen Flammen des westlichen Himmels in
+brennende Orangetöne verweht und diese wiederum in die feurigste
+Scharlachglut zerschmolzen. Ringsum leuchteten die Felder immer grüner
+und grüner, als ob die Erde ein Smaragd wäre, der von innen durchstrahlt
+würde. Aber schon umspann ein traumhaft violetter Dunst die Ferne,
+während eine fast übersinnliche Purpurflut--man wußte nicht, ob Licht,
+ob Schatten--wie von überallher niedersinkend, emporsteigend und
+hereinströmend, den ganzen Raum durchwallte, Festes auflösend und Loses
+sammelnd, Nahes fortschwemmend und Fernes heranflutend, Alles aber in
+Schwanken und flimmerndes Zittern versetzend....
+
+Durch die Schritte des einsamen Wanderers emporgeschreckt, hakte ein
+fliegender Hund seine ledernen Flügel von dem Zweig eines schwarzen
+Salabaumes los und strich mit piepsendem Schrei durch die Dämmerung, um
+den Obstgärten des dorfähnlichen Vorortes einen Besuch abzustatten.
+
+So war es Abend geworden, als der Erhabene diesen Vorort Rajagahas
+erreichte.
+
+
+
+
+II. DIE BEGEGNUNG
+
+
+Beim ersten Hause, dessen Wand bläulich zwischen den Gartenbäumen
+hervorschimmerte, gedachte der Erhabene vorzusprechen. Wie er sich nun
+aber der Tür nähern wollte, wurde er ein Netz gewahr, das auf einen Ast
+gehängt war. Und der Erhabene schritt fürbass, das Haus des
+Vogelstellers verschmähend.
+
+An diesem äußeren Rande des Ortes waren die Häuser spärlich verstreut,
+auch hatte dort unlängst eine Feuersbrunst gewütet, und so dauerte es
+denn eine Weile, bis er wieder an eine menschliche Wohnung kam. Es war
+dies das Gehöft eines wohlhabenden Brahmanen. Der Erhabene war schon zum
+Tor hereingetreten, da hörte er, wie drinnen die beiden Frauen des
+Brahmanen keiften, mit lauten schreienden Stimmen sich zankten und sich
+gegenseitig mit groben Schimpfworten bewarfen. Und der Erhabene wendete
+sich um, trat wieder zum Torwege hinaus und schritt fürbaß.
+
+Der Lustgarten jenes reichen Brahmanen erstreckte sich weithin den Weg
+entlang. Der Erhabene begann schon Müdigkeit zu spüren, und sein rechter
+Fuß, von einem scharfen Stein verletzt, schmerzte ihn im
+Weiterschreiten. So näherte er sich endlich dem nächsten Wohnhause, das
+schon von weitem sichtbar war; denn heller Lichtschimmer strömte quer
+über den Weg durch das Gitter der Fensterläden und die offenstehende
+Tür. Wäre aber auch ein Blinder gekommen, so hätte er doch das Haus
+bemerkt, denn übermütiges Lachen, Becherklang, Stampfen tanzender Füße
+und lieblich heitere Töne der siebensaitigen Vina drangen ins Freie
+heraus; an den Türpfosten gelehnt aber stand ein schönes Mädchen in
+reichem Seidengewand und mit Jasmingewinden behangen. Lachend ihre vom
+Betelkauen roten Zähne zeigend, lud sie den Wanderer ein: "Tritt herein,
+Fremder! Hier wohnt die Freude."
+
+Und der Erhabene schritt fürbaß, seines Wortes gedenkend: "Als Weinen
+gilt im Orden der Heiligen das Singen; als Tollsein gilt im Orden der
+Heiligen der Tanz; als kindisch gilt im Orden der Heiligen das
+Zähnezeigen zur Unzeit, das Lachen: Genüg' euch in Wahrheit Entzückten
+das Lächeln des lächelnden Blickes."
+
+Das Nachbarhaus war nicht weit entfernt, aber der Lärm der Zecher und
+der Vinaspieler drang bis dahin, und so ging der Buddha weiter bis zum
+nächsten Hause. Neben diesem waren aber zwei Metzgergesellen beim
+letzten Schimmer des Tageslichtes eifrig am Werk, eine soeben
+geschlachtete Kuh mit scharfen Messern zu zerlegen.
+
+Und der Erhabene schritt an der Wohnung des Schlächters vorüber.
+
+Vor dem nächsten Hause standen viele Schüsseln und Näpfe aus frischem
+Ton, die Ausbeute einer rechtschaffenen Tagesarbeit; unter einer
+Tamarinde befand sich das Töpferrad, und der Hafner löste gerade eine
+Schüssel davon ab und trug sie zu den anderen.
+
+Der Erhabene trat zum Hafner hin, begrüßte ihn höflich und sagte:
+
+"Wenn es dir, Abkömmling Bhagas, nicht ungelegen ist, bleibe ich über
+Nacht in deinem Vorsaale."
+
+"Es ist mir, o Herr, nicht ungelegen. Doch ist soeben ein Pilger
+angekommen, müde von einer langen Wanderung. Und er hat schon sein Lager
+hier aufgeschlagen. Wenn es ihm recht ist, mögest du bleiben, o Herr,
+nach Belieben."
+
+Und der Erhabene überlegte sich: "Einsamkeit freilich ist der beste
+Gefährte. Aber dieser liebe Pilger ist hier spät angekommen, wie ich
+selber, müde von einer langen Wanderung. Und er ist an den Häusern
+unreiner, blutiger Gewerbe vorbeigegangen, ist an dem Hause des Zankes
+und des gehässigen Streits und an dem Hause des Lärms und der unwürdigen
+Freuden vorübergeschritten, um erst hier beim Hafner einzukehren. Mit
+einem solchen Manne zusammen kann man die Nacht verbringen."
+
+So trat denn der Erhabene in die Vorhalle ein, wo er einen jungen Mann
+von edlen Gesichtszügen gewahr wurde, der in der einen Ecke auf einer
+Matte saß.
+
+"Wenn es dir, Pilger, nicht ungelegen ist," sprach der Erhabene zu ihm,
+"bleibe ich über Nacht hier im Vorsaale."
+
+"Geräumig, Bruder, ist der Vorsaal des Hafners; bleibe der Ehrwürdige
+nach Belieben."
+
+Da breitete nun der Erhabene an der einen Wand die Strohmatte hin und
+setzte sich nieder, die Beine gekreuzt, den Körper gerade aufgerichtet,
+in heiliges Sinnen versunken. Und der Erhabene brachte die ersten
+Stunden der Nacht sitzend zu. Und auch der junge Pilger brachte die
+ersten Stunden der Nacht sitzend zu.
+
+Da gedachte denn der Erhabene bei sich: "Ob wohl dieser edle Sohn
+fröhlich beflissen ist?--Wie, wenn ich ihn nun darum fragte?"
+
+Und der Erhabene wandte sich also an den jungen Pilger:
+
+"Weshalb, o Pilger, bist du in die Heimatlosigkeit gegangen?"
+
+Der junge Pilger antwortete:
+
+"Nur ein paar Nachtstunden sind vergangen. Wohlan, wenn mir der
+Ehrwürdige seine Aufmerksamkeit schenken will, werde ich erzählen,
+weshalb ich in die Heimatlosigkeit gegangen bin."
+
+Der Erhabene gab durch freundliches Kopfnicken sein Einverständnis zu
+erkennen, und der junge Pilger hub zu erzählen an.
+
+
+
+
+III. NACH DEM UFER DER GANGA
+
+
+Ich heisse Kamanita mit Namen und bin in Ujjeni geboren, einer weit im
+Süden gelegenen Stadt, im Lande Avanti, im Gebirge. Dort kam ich in
+einer begüterten, wenn auch nicht sehr vornehmen Kaufmannsfamilie zur
+Welt. Mein Vater ließ mir eine gute Erziehung zuteil werden, und als ich
+die Opferschnur anlegte, war ich schon ziemlich im Besitze der meisten
+Fertigkeiten, die sich für einen jungen Mann von Stand passen, so daß
+man allgemein glaubte, ich müßte in Takkasila[1] erzogen worden sein. Im
+Ringkampf und im Degenfechten war ich einer der ersten; ich hatte eine
+schöne, wohlgeübte Singstimme und verstand die Vina kunstreich zu
+schlagen; ich konnte alle Gedichte Bharatas und noch viele andere
+auswendig hersagen; mit den Geheimnissen der Metrik war ich aufs
+innigste vertraut, und verstand auch selber gefühlvolle und sinnreiche
+Verse zu schreiben. Im Zeichnen und Malen übertrafen mich nur Wenige,
+und meine Art Blumen zu streuen wurde allgemein bewundert. Groß war mein
+Geschick im Färben der Kristalle und meine Kenntnis von der Herkunft der
+Juwelen; keine Papageien oder Predigerkrähen sprachen so gut wie
+diejenigen, die ich abgerichtet hatte. Auch verstand ich von Grund aus
+das vierundsechzigfeldige Brettspiel, das Stäbchenspiel, das Bogenspiel
+und das Ballspiel in allen seinen Abarten, sowie allerlei Rätsel- und
+Blumenspiele. Und es wurde, o Fremder, eine sprichwörtliche Redensart in
+Ujjeni: "Vielbefähigt wie der junge Kamanita."
+
+ [1] Das Oxford des alten Indien (in Pendschab gelegen).
+
+Als ich zwanzig Jahre alt war, ließ mein Vater mich eines Tages rufen
+und sprach also zu mir:
+
+"Mein Sohn, deine Erziehung ist jetzt vollendet, und es ist Zeit, daß du
+dich in der Welt umsiehst und dein Kaufmannsleben beginnst, auch habe
+ich dafür jetzt eine gute Gelegenheit gefunden. In diesen Tagen schickt
+unser König eine Gesandtschaft an den König Udena in Kosambi, weit von
+hier, im Norden. Dort habe ich aber einen Gastfreund Panada. Der hat mir
+längst gesagt, in Kosambi wäre mit Produkten unseres Landes, besonders
+mit Bergkristallen und Sandelpulver, sowie mit unseren kunstvollen
+Rohrgeflechten und Weberwaren ein gutes Geschäft zu machen. Ich habe
+aber immer eine solche Geschäftsreise als ein großes Wagnis gescheut
+wegen der vielen Gefahren des Weges. Wer nun aber die Hin- und Herreise
+im Gefolge dieser Gesandtschaft macht, für den ist gar keine Gefahr
+vorhanden. Wohlan, mein Sohn, wir wollen auf den Lagerplatz gehen und
+uns die zwölf Ochsenwagen und die Waren ansehen, die ich für deine Fahrt
+bestimmt habe; du wirst für unsere Produkte Musselin aus Benares und
+ausgesuchten Reis mit zurückbringen, und das wird, hoffe ich, ein
+glorreicher Anfang deiner kaufmännischen Laufbahn sein; auch wirst du
+Gelegenheit haben, fremde Länder mit anderer Natur und anderen Sitten
+kennen zu lernen und unterwegs mit Hofleuten, Männern vom höchsten
+Anstande und feinsten Betragen tagtäglich zu verkehren, was ich für
+einen hohen Gewinn erachte; denn ein Kaufherr muß ein Weltmann sein."
+
+Ich dankte meinem Vater unter Freudentränen, und schon wenige Tage
+danach nahm ich vom Elternhause Abschied.
+
+Wie schlug mein Herz vor freudiger Erwartung, als ich inmitten dieses
+prächtigen Zuges, an der Spitze meiner Karren, zum Stadttor hinauszog
+und die weite Welt offen vor mir lag. Jeder Tag dieser Reise war mir wie
+ein Fest, und wenn abends die Lagerfeuer flammten, um Tiger und Panther
+zu verscheuchen, und ich im Kreise älterer und vornehmer Männer an der
+Seite des Gesandten saß, dünkte ich mich vollends im Märchenland.
+
+Durch den herrlichen Waldbereich Vedisas und über die sanften Höhenzüge
+des Vindhyagebirges erreichten wir die ungeheure nördliche Ebene, wo
+eine ganz neue Welt sich mir eröffnete; denn ich hätte nie gedacht, daß
+die Erde so flach und so groß sei. Und etwa einen Monat nach unserer
+Abreise sahen wir an einem herrlichen Abend, von einer palmengekrönten
+Anhöhe aus, zwei goldene Bänder, die sich dem Dunstkreise des Horizontes
+entwanden, das unendliche Grün durchzogen und sich allmählich einander
+näherten, bis sie sich zu einem breiten Band vereinigten.
+
+Eine Hand berührte meine Schulter.
+
+Es war der Gesandte, der an mich herangetreten war.
+
+"Da siehst du, Kamanita, die heilige Jamuna und die hochheilige Ganga,
+die dort vor unseren Augen ihre Fluten vereinigen."
+
+Unwillkürlich erhob ich anbetend meine Hände.
+
+"Du tust recht, sie also zu grüßen," fuhr mein Beschützer fort. "Denn
+wenn die Ganga von dem Göttersitz im nördlichen Schneegebirge kommt und
+gleichsam aus der Ewigkeit flutet, so kommt die Jamuna aus fernen
+Heldenzeiten, und ihre Fluten haben die Trümmer der Ilfenstadt[1]
+gespiegelt und jene Ebene bespült, wo die Panduinge und die Kuruinge um
+die Herrschaft rangen, wo Karna in seinem Zelte grollte, wo Krishna
+selber die Rosse Arjunas lenkte--doch ich brauche dich ja nicht daran zu
+erinnern, da du in den alten Heldenliedern wohl bewandert bist. Oft habe
+ich drüben auf jener spitzen Landzunge gestanden und gesehen, wie die
+blauen Wogen der Jamuna neben den gelben der Ganga dahinflossen, ohne
+sich mit ihnen zu vermischen, so wie die Kriegerkaste neben der
+Brahmanenkaste unvermischt besteht. Dann kam es mir vor, als ob ich mit
+dem Rauschen dieser blauen Fluten auch kriegerische Klänge vernähme,
+Waffengetöse und Hörnerrufe, Wiehern von Rossen und Trompeten der
+Kampfilfen, und mein Herz schlug höher, denn auch meine Ahnen waren ja
+dabei gewesen und der Sand Kurukschetras hatte ihr Heldenblut
+getrunken."
+
+ [1] Hastinapura = Elefantenstadt. Das Wort "Ilf" hat _Adolph Holtzmann_
+ geprägt ("Indische Sagen" XXIX).
+
+Voll Bewunderung blickte ich zu diesem Manne aus der Kriegerkaste empor,
+in dessen Familie solche Erinnerungen lebten.
+
+Er aber faßte mich an der Hand.
+
+"Komm, mein Sohn, und begrüße das Ziel deiner ersten Reise."
+
+Und er führte mich nur wenige Schritte um ein dichtes Gebüsch herum, das
+bis jetzt die Aussicht nach Osten verdeckt hatte.
+
+Als diese sich nun plötzlich öffnete, stieß ich unwillkürlich einen
+Schrei der Bewunderung aus.
+
+Dort--an einer Biegung der breiten Ganga--lag eine große Stadt: Kosambi.
+
+Mit ihren Mauern und Türmen, ihrer aufsteigenden Häusermasse, ihren
+Terrassen, ihren Quais und Ghâts[1] sah sie, von der untergehenden Sonne
+beleuchtet, wahrlich aus, als wäre sie ganz und gar aus rotem Gold
+gebaut--so wie es ja Benares war, bis die Sünden der Einwohner es in
+Stein und Mörtel verwandelten;--die wirklich goldenen Kuppeln aber
+glänzten wie ebensoviele Sonnen. Oben von den Tempelhöfen stiegen
+dunkle, rotbraune Rauchsäulen, von den Leichenverbrennungsstätten am
+Ufer solche von hellblauer Farbe, kerzengerade in die Höhe, und,
+gleichsam von ihnen getragen, schwebte baldachinartig über dem Ganzen
+ein Schleier wie aus den zartesten Perlmuttertönen gewoben, während
+dahinter alle Farben, die da brennen und leuchten können, über den
+Himmel ausgegossen durcheinander glühten. Auf dem heiligen Strom, der
+diesen Glanz widerspiegelte, schaukelten unzählige Boote mit bunten
+Segeln und Wimpeln, und trotz der Entfernung sah man, wie die breiten
+Treppen der Ghâts von Leuten wimmelten, während viele schon unten in den
+glitzernden Wellen plätscherten. Ein fröhliches Geräusch, wie das Summen
+eines Bienenkorbes, drang von Zeit zu Zeit zu uns herauf.
+
+ [1] Landungsplatz mit prachtvollen Freitreppen für Badende--gewöhnlich
+ von Vorsprüngen und Kiosken unterbrochen und durch einen monumentalen
+ Torbau abgeschlossen.
+
+Du kannst dir denken, daß ich eher eine Stadt der dreiunddreißig Götter
+als eine der Menschen zu sehen vermeinte, wie denn überhaupt das
+Gangatal mit seinem üppigen Reichtum uns Bergbewohnern wie das Paradies
+vorkam. Und für mich sollte ja auch hier das Paradies auf Erden sich
+zeigen.
+
+Noch in derselben Nacht schlief ich unter dem wirtlichen Dache Panadas,
+des Gastfreundes meines Vaters. Früh am folgenden Tage eilte ich aber
+zum nächsten Ghât und stieg mit unbeschreiblichen Gefühlen in die
+heiligen Wogen, um nicht nur den Reisestaub, sondern auch meine Sünden
+abzuspülen. Diese waren infolge meiner Jugend ja nur gering; ich füllte
+aber eine große Flasche mit dem Gangawasser, um sie meinem Vater
+mitzubringen. Sie ist jedoch, wie du erfahren wirst, leider nie in
+seinen Besitz gekommen.
+
+Der edle Panada, ein Greis von ehrwürdigstem Aussehen, führte mich nun
+nach den Kaufhallen, und durch seine freundliche Hilfe gelang es mir, im
+Verlaufe der folgenden Tage meine Waren vorteilhaft zu verkaufen und
+eine überreiche Menge von den bei uns sehr geschätzten Produkten der
+nördlichen Ebene einzukaufen.
+
+Dies mein Geschäft war glücklich zu Ende gebracht, bevor die
+Gesandtschaft noch daran dachte, sich zur Abreise zu rüsten, was mich
+keineswegs verdroß; denn ich hatte nun volle Freiheit, mir die Stadt
+anzusehen und ihre Vergnügungen zu genießen, was ich in der Gesellschaft
+Somadattas, des Sohnes meines Wirtes, in ausgiebigstem Maße tat.
+
+
+
+
+IV. DIE BALLSPIELERIN
+
+
+An einem schönen Nachmittage begaben wir uns in einen öffentlichen
+Garten vor der Stadt--eine gar prächtige Anlage unmittelbar am hohen
+Ufer der Ganga mit schattigen Baumgruppen, großen Lotusteichen,
+Marmorhäuschen und Jasminlauben, wo zu dieser Tageszeit immer ein reges
+Treiben herrschte. Hier ließen wir uns in einer goldenen Schaukel von
+der Dienerschaft schaukeln, während wir den herzerfreuenden Tönen der
+liebestrunkenen Kokila und dem süßen Plaudern der grünen Papageien
+lauschten. Da erhob sich plötzlich ein gar erheiterndes Klingen von
+Fußspangen. Sofort sprang mein Freund aus der Schaukel und rief:
+
+"Sieh da! Gerade kommen die schönsten Mädchen von Kosambi, auserlesene
+Jungfrauen aus den reichsten und vornehmsten Häusern, um die
+Vindhya-bewohnende Göttin durch Ballspiel zu verehren. Du kannst von
+Glück sagen, Gastfreund! denn bei diesem Spiel kann man sie ungehindert
+sehen! Komm, wir wollen diese Gelegenheit nicht versäumen."
+
+Ich ließ mir dies natürlich nicht zweimal sagen, sondern folgte eiligst
+meinem Freunde.
+
+Auf einer großen, edelsteinbesetzten. Bühne erschienen sofort die
+Mädchen, zum Spiele bereit. Wenn es nun schon eine seltene Augenweide
+war, diese Schar von Schönheiten in ihrem Glanz von schimmernder Seide,
+duftigen Musselinschleiern, Perlen, Edelsteinen und Goldspangen zu
+sehen--was soll man dann erst von dem Spiele selbst sagen, das diesen
+Schwellgliederigen die mannigfaltigste Gelegenheit gab, ihre ganze Anmut
+in überaus reizenden Stellungen und Bewegungen zu entfalten? Und doch
+war das nur gleichsam ein Vorspiel. Denn als diese Gazellenäugigen uns
+eine geraume Zeit durch die verschiedenartigsten Spiele ergötzt hatten,
+traten sie alle zurück, und nur eine blieb in der Mitte der
+edelsteinbesetzten Bühne--und in der Mitte meines Herzens stehen.
+
+Ach, mein Freund, was soll ich sagen! Von ihrer Schönheit zu reden wäre
+Verwegenheit! Denn ich müßte ein Dichter sein wie Bharata selbst, um
+auch nur einen schwachen Abglanz davon deiner Phantasie vorzuzaubern. Es
+sei genug, hervorzuheben, daß diese Mondgesichtige von makelloser
+Gestalt und an allen Gliedern von frischer Jugend umblüht war, daß sie
+mir als die leibliche Glücks- und Schönheitsgöttin erschien, und daß
+alle meine Körperhärchen sich bei diesem Anblick vor Entzücken
+sträubten. Und nun begann sie zu Ehren der Göttin, deren Verkörperung
+sie schien, ein kunstreiches Spiel. Lässig warf sie den Ball zu Boden,
+und als er dann langsam emporstieg, gab sie ihm mit ihrer
+schößlinggleichen Hand, deren Daumen sie etwas krümmte und deren zarte
+Finger sie ausstreckte, einen kräftigen Schlag, trieb dann den
+aufsteigenden Ball mit dem Handrücken empor und fing ihn beim
+Herabfallen in der Luft wieder auf. Sie warf ihn in langsamem, in
+mittlerem und in raschem Tempo, bald ihn anfeuernd, bald ihn
+besänftigend, schlug ihn abwechselnd mit der linken und mit der rechten
+Hand, trieb ihn in jede Himmelsrichtung und wieder zurück. Wenn
+du--wie's mir aus deinem verständnisvollen Blick scheinen will--mit der
+Spielballwissenschaft vertraut bist, so brauche ich dir nichts zu sagen,
+als daß du wohl niemals das Curnapada und das Gitamarga so vollkommen
+ausgeführt gesehen haben wirst.
+
+Dann aber machte sie etwas, was ich nie gesehen und wovon ich auch nie
+gehört habe. Sie nahm nämlich zwei goldene Bälle, und während ihre Füße
+zum Klange ihrer Schmuckjuwelen sich tanzend bewegten, ließ sie diese
+Bälle so schnell in blitzartigen Linien springen, daß man gleichsam nur
+die Goldstäbchen eines Käfigs sah, in dem ein Wundervogel niedlich
+umherhüpfte. Dabei geschah es, daß unsere Blicke sich plötzlich
+begegneten; und noch heute, o Fremder, verstehe ich nicht, wie es
+zuging, daß ich nicht augenblicklich tot niedersank, um in einem
+Wonnehimmel wiedergeboren zu werden. Aber es mag wohl sein, daß meine
+Werke eines vorhergehenden Lebens, deren Früchte ich in _diesem_
+genießen muß, noch nicht erschöpft waren; denn dieser Rest meines
+Wandels von einst hat mich ja in der Tat durch mehrere tödliche Gefahren
+bis auf den heutigen Tag gebracht und wird wohl noch lange vorhalten.
+
+Gerade jetzt aber entfloh ihr einer der Bälle, die ihr bisher so
+gehorsam gewesen waren, und sprang in einem mächtigen Satze von der
+Bühne herunter. Viele junge Leute eilten ihm nach; ich und ein junger,
+reich gekleideter Mann erreichten ihn gleichzeitig und wir gerieten
+aneinander, weil keiner ihn dem anderen gönnte. Durch mein genaues
+Vertrautsein mit den Kniffen der Ringerkunst gelang es mir, ihm ein Bein
+zu stellen; er aber ergriff, um mich zurückzuhalten, meine kristallene
+Halskette, an der ich ein Amulett trug. Die Kette zerriß, er stürzte zu
+Boden und ich erhaschte den Ball. Wütend sprang er auf und schleuderte
+mir die Kette vor die Füße. Das Amulett war ein Tigerauge, kein gerade
+sehr kostbarer Stein, aber dieser war ein unfehlbares Mittel gegen den
+bösen Blick--und jetzt, als der seine mich traf, mußte ich ihn gerade
+vermissen. Aber was kümmerte mich das? Hielt ich doch den Ball, den ihre
+Lotushand soeben berührt hatte, in Händen, und als sehr geschicktem
+Ballspieler gelang es mir, einen so genau berechneten Wurf zu tun, daß
+der Ball gerade vor der einen Ecke der Bühne aufschlug, um dann mit
+einem mäßigen Sprung gleichsam bezähmt in den Bereich der schönen
+Spielerin zu gelangen, die keinen Augenblick aufgehört hatte, den
+anderen Ball in Bewegung zu erhalten, und sich nun wieder in ihren
+Goldkäfig einspann--unter großem Jubel der zahlreichen Zuschauer.
+
+Damit war denn nun die Ballspielverehrung der Lakshmi zu Ende, die
+Mädchen verschwanden von der Bühne, und wir begaben uns auf den Heimweg.
+
+Unterwegs meinte mein Freund, es sei gut, daß ich nichts dort am Hofe
+erreichen wollte, denn der junge Mann, dem ich den Ball abgejagt hätte,
+sei kein geringerer als der Sohn des Ministers, und man habe es ihm
+angesehen, daß er mir unversöhnlichen Haß geschworen habe. Das ließ mich
+nun völlig kalt; wie viel lieber hätte ich erfahren, wer meine Göttin
+war. Ich scheute mich aber, danach zu fragen, ja, als Somadatta mich mit
+der Schönen necken wollte, tat ich sehr gleichgültig, lobte in
+Kennerausdrücken ihre Fertigkeit im Spielen, fügte jedoch hinzu, daß wir
+in meiner Heimatstadt wenigstens ebenso geschickte Spielerinnen
+hätten--während ich in meinem Herzen der Unvergleichlichen diese Lüge
+abbat.
+
+Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß diese Nacht kein Schlaf in meine
+Augen kam, die ich nur schloß, um immer wieder von der reizenden
+Erscheinung umschwebt zu werden. Den nächsten Tag brachte ich in einer
+von allem Tageslärm entfernten Ecke des Hausgartens zu, wo der Sandboden
+unter einem Mangobaum meinem von Liebesglut gepeinigten Körper Kühlung
+bot, die siebensaitige Vina als einzige Gefährtin, der ich meine
+Sehnsucht anvertraute. Sobald aber die abnehmende Tageshitze einen
+Ausflug erlaubte, überredete ich Somadatta, mit mir nach dem Lustgarten
+zu fahren, obschon er es vorgezogen hätte, einem Wachtelkampf
+beizuwohnen. Aber umsonst durchirrte ich den ganzen Park--viele Mädchen
+waren da, überall ihr Spiel treibend, als wollten sie mich mit falscher
+Hoffnung von einem Ort zum anderen locken; aber jene einzige, Lakshmis
+Ebenbild, war nicht darunter.
+
+Nun tat ich, als ob ich eine unwiderstehliche Sehnsucht hätte, das
+eigentümliche Leben an der Ganga wieder zu genießen. Wir besuchten alle
+Ghâts und bestiegen schließlich eine Barke, um uns in die fröhliche
+Flottille zu mischen, die jeden Abend auf den Wogen des heiligen Stromes
+schaukelte, bis das Farbenspiel und der Goldglanz erloschen und Lichter
+von Fackeln und Lampions auf dem Strome tanzten und wirbelten.
+
+Dann mußte ich endlich meine ebenso stumme wie stürmische Hoffnung
+aufgeben und den Bootsführer anweisen, nach dem nächsten Ghât zu
+steuern.
+
+Nach einer schlaflosen Nacht blieb ich in meinem Zimmer, und um meinen
+Geist, der doch nur von ihrem Bild erfüllt war, zu beschäftigen und zu
+zerstreuen, bis ich wieder in den Lustgarten eilen konnte, versuchte ich
+mittelst Pinsel und Farben ihre holde Erscheinung, wie sie tanzenden
+Schrittes den Ball schlug, auf die Tafel zu bannen. Keinen Bissen
+vermochte ich zu mir zu nehmen; denn wie der lieblich singende Çakora
+nur von Mondstrahlen lebt, also lebte ich nur von den Strahlen jener
+Mondgesichtigen, obgleich sie mich nur durch den Nebel der Erinnerung
+erreichten; doch hoffte ich zuversichtlich, daß sie an diesem Abend im
+Lustgarten mit ihrem vollen Glanz mich letzen und beleben würden. Aber
+auch diesmal wurde ich enttäuscht. Nun wollte Somadatta mich in ein
+Spielhaus mitnehmen, denn er war so versessen auf das Würfelspiel wie
+Nala, nachdem der Dämon Kali in ihn gefahren war. Ich schützte indessen
+Müdigkeit vor. Aber anstatt nach Hause zu gehen, begab ich mich wieder
+nach den Ghâts und auf den Fluß hinaus--leider nicht mit besserem Erfolg
+als am vorhergehenden Abend.
+
+
+
+
+V. DAS MAGISCHE BILDNIS
+
+
+Da ich wußte, daß für mich doch nicht an Schlaf zu denken war, legte ich
+mich an diesem Abend gar nicht zu Bett, sondern setzte mich auf das zur
+Andacht bestimmte Graslager am Kopfende des Bettes, und brachte dort
+unter inbrünstigen Liebesbetrachtungen und im Gebet an die lotustragende
+Lakshmi, ihr himmlisches Urbild, in frommer und geziemender Weise die
+Nacht zu; aber die frühe Morgensonne fand mich wieder mit Pinsel und
+Farben an der Arbeit.
+
+Mehrere Stunden waren mir dabei im Fluge vergangen, als Somadatta
+hereintrat. Ich hatte gerade noch Zeit, die Tafel und die Malwerkzeuge
+unters Bett zu schieben, als ich ihn kommen hörte. Dies tat ich ganz
+unwillkürlich.
+
+Somadatta nahm einen niedrigen Stuhl, setzte sich neben mich und
+betrachtete mich lächelnd.
+
+"Ich merke wohl," sagte er, "daß unserem Hause die Ehre widerfahren
+soll, die Ausgangsstätte eines Heiligen zu sein. Du fastest ja, wie es
+nur die strengsten Asketen tun, und enthältst dich der üppigen
+Gewohnheit des Lagers. Denn weder auf den Kopf- und Fußkissen noch auf
+der Matratze ist der geringste Eindruck deines Körpers zu sehen, und die
+weiße Decke ist faltenlos. Obwohl du durch das Fasten schon recht
+schmächtig geworden bist, ist dein Körper doch wohl noch nicht ganz ohne
+Gewicht, was sich übrigens auch hier am Grassitze zeigt, wo du offenbar
+die Nacht in Gebet und Selbstvertiefung zugebracht hast. Aber ich finde
+doch, daß für einen so heiligen Bewohner dies Zimmer etwas zu weltlich
+aussieht. Hier auf dem Nachttisch die freilich unberührte Salbenbüchse
+und der Napf mit Sandelstaub, das Gefäß mit wohlriechendem Wasser und
+die Dose mit Zitronenbaumrinde und Betel. Dort an der Wand die gelben
+Amaranthkränze, die Laute--aber wo ist denn das Malbrett, das doch sonst
+an jenem Haken hängt?"
+
+Während ich in meiner Verlegenheit auf diese Frage keine Antwort zu
+finden vermochte, entdeckte er nun das vermißte Brett und zog es unter
+dem Bett hervor.
+
+"Ei, was ist denn das für ein böser, abgefeimter Zauberer," rief er,
+"der hier auf dem Brett, das ich doch selber ganz leer an jenen Haken
+gehängt habe, das reizende Bild eines ballspielenden Mädchens durch
+magische Kraft hat entstehen lassen--offenbar in der bösen Absicht, den
+angehenden Asketen gleich im Anfange mit Versuchungen anzufallen und ihm
+Sinne und Gedanken zu verwirren! Oder am Ende ist es ein Gott, denn wir
+wissen ja, daß die Götter sich vor der Allmacht der großen Asketen
+fürchten; und bei solch einem Beginnen wie dem deinigen könnte schon das
+Vindhyagebirge vor der Inbrunst deiner Buße zu rauchen anfangen, ja
+durch die Aufhäufung deines Verdienstes müßte das Reich der himmlischen
+Götter ins Wanken kommen. Und jetzt weiß ich auch, welcher Gott es ist:
+gewiß ist es der, den sie den unsichtbaren nennen, der Gott mit den
+Blumenpfeilen, der einen Fisch im Banner trägt--Kama, der Liebesgott,
+von dem du ja auch deinen Namen hast. Und--Himmel, was seh' ich! das ist
+ja Vasitthi, die Tochter des reichen Goldschmiedes."
+
+Als ich so zum ersten Male den Namen der Geliebten hörte, fing mein Herz
+heftig zu pochen an, und mein Gesicht entfärbte sich vor Erregung.
+
+"Ich sehe, lieber Freund," fuhr der schlimme Spaßmacher fort, "daß
+dieser Gedanke von dem Zauber Kamas dich in großen Schrecken versetzt,
+und in der Tat müssen wir etwas tun, um seinem Zorn zu entgehen. Da ist
+aber ein Weiberrat nicht zu verachten. Ich will dies magische Bild
+meiner geliebten Medini zeigen, die auch mit beim Tanze war und überdies
+die Milchschwester der schönen Vasitthi ist."
+
+Hiermit wollte er sich mit dem Bilde entfernen. Da ich nun wohl merkte,
+was der Schelm vorhatte, hieß ich ihn warten, weil dem Bilde noch eine
+Inschrift fehlte. Ich mischte mir die schönste feurig-rote Farbe und in
+gar kurzer Zeit schrieb ich mit den zierlichsten Schriftzügen einen
+vierzeiligen Vers, der sehr einfach den Vorgang mit dem goldenen Ball
+erzählte. Wenn man aber die Zeilen rückwärts las, besagte der Vers, daß
+jener Ball, mit dem sie gespielt hatte, mein Herz sei, das ich selber
+ihr zurückschickte, wenn sie es auch davonjage; man konnte aber auch den
+Vers quer durch die Zeilen von oben nach unten lesen, und dann enthielt
+er eine Klage über die Verzweiflung, in die mich die Trennung von ihr
+gestürzt hatte; las man aber in umgekehrter Richtung, dann wurde man
+gewahr, daß ich doch zu hoffen wagte.
+
+Von dem, was ich solchermaßen hineingeheimnißt hatte, ließ ich aber
+nichts verlauten, und so war denn Somadatta von dieser Probe meiner
+Dichtkunst, die ihm gar zu einfach schien, auch nicht sonderlich erbaut.
+Er meinte, ich müsse durchaus davon sprechen, wie Gott Kama, durch meine
+Askese in Schreck versetzt, das Zauberbild zu meiner Versuchung
+hervorgezaubert und mich dadurch überwunden hätte--wie denn jeder immer
+am meisten von seinem eigenen Witze entzückt ist.
+
+Als nun Somadatta das Bild entführt hatte, fühlte ich mich in einer
+gehobenen und tatkräftigen Stimmung, weil doch nun ein Schritt getan
+war, der vielleicht in seinen Folgen zum ersehnten Glücksziel führen
+mochte. Ich konnte wieder essen und trinken, und nachdem ich mich
+gestärkt hatte, nahm ich die Vina von der Wand und ließ ihre Saiten bald
+melodisch seufzen, bald jubeln, während ich den himmlischen Namen
+Vasitthi in immer neuen Tönen wiederholte.
+
+So fand mich denn auch Somadatta, als er mehrere Stunden später mit dem
+Bild in der Hand wieder hereintrat.
+
+"Die ballspielkundige Zerstörerin deiner Ruhe hat auch gedichtet," sagte
+er, "aber vielen Sinn finde ich eben nicht in ihren Versen
+aufgespeichert, wenn auch die Schrift für ungewöhnlich hübsch gelten
+darf."
+
+Wirklich gewahrte ich--mit welchem Entzücken, vermag ich nicht zu
+sagen--einen zweiten Vierzeiler, der mit Schriftzügen wie zarte
+Blütenzweige auf das Brett gleichsam hingehaucht war. Somadatta freilich
+hatte keinen Sinn darin finden können, denn das Ganze bezog sich eben
+auf das, was er nicht bemerkt hatte, und zeigte mir, daß die Holde meine
+Strophe in allen Richtungen--rückwärts, nach unten und aufwärts--richtig
+gelesen hatte, was mir einen hohen Begriff von ihrer Bildung und ihren
+Kenntnissen gab, wie denn auch ihr feiner Geist sich in der anmutig
+scherzenden Wendung zeigte, mit welcher sie meine feurige Erklärung als
+eine höfliche Galanterie hinnahm, der man nicht allzu große Bedeutung
+beimessen dürfe.
+
+Nun versuchte ich freilich auch dieselben Lesemethoden auf ihre Strophe
+anzuwenden, in der Hoffnung, vielleicht doch ein verblümtes Geständnis
+oder irgend eine geheime Botschaft, wohl gar die Einladung zu einem
+Stelldichein darin zu finden; jedoch vergeblich. Ich sagte mir denn auch
+sogleich, daß dies gerade ein Beweis der höchsten und feinsten
+weiblichen Gesittung sei: die Liebliche zeigte mir, daß sie wohl
+imstande sei, die Subtilität und die verwegenen Pfade des männlichen
+Geistes zu verstehen, daß sie sich aber nicht verleiten lasse, seinen
+Spuren zu folgen.
+
+Über meine enttäuschte Erwartung wurde ich nun auch sofort durch die
+Worte Somadattas getröstet.
+
+"Aber diese Schönbrauige, wenn sie auch keine große Dichterin ist, hat
+doch wahrlich ein gutes Herz. Sie weiß, daß ich schon seit langer Zeit
+meine geliebte Medini, ihre Milchschwester, nicht gesehen habe, außer in
+großer Gesellschaft, wo nur die Augen sprechen können, und auch die nur
+verstohlen. Und so gibt sie uns Gelegenheit, uns in der folgenden Nacht
+auf der Terrasse des väterlichen Palastes zu treffen. Diese Nacht ist es
+leider nicht möglich, weil ihr Vater ein Gastmahl gibt; so lange müssen
+wir uns also gedulden. Vielleicht hast du Lust, mich bei diesem
+Abenteuer zu begleiten?"
+
+Dabei lachte er ganz verschmitzt, und ich lachte ebenso und sicherte ihm
+meine Begleitung zu. In der vortrefflichsten Laune nahmen wir das
+Brettspiel, das an die Wand gelehnt war, und wollten uns durch diese den
+Geist anregende Beschäftigung die Zeit verkürzen, als ein Diener
+hereintrat und sagte, ein Fremder wünsche mich zu sprechen.
+
+Ich ging in die Vorhalle und traf da den Bedienten des Gesandten, der
+mir sagte, ich müsse mich zur Abreise fertig machen und mich schon in
+dieser Nacht mit meinen Wagen im Hofe des Palastes einfinden, damit man
+beim ersten Morgengrauen aufbrechen könne.
+
+Meine Verzweiflung kannte keine Grenzen. Ich wähnte, ich müsse
+unversehens irgend eine Gottheit beleidigt haben. Sobald ich meine
+Gedanken einigermaßen sammeln konnte, stürzte ich zum Gesandten und log
+ihm eine Menge vor von einem Geschäft, das noch nicht ganz abgewickelt
+wäre und unmöglich in so kurzer Frist zum gedeihlichen Abschluß gebracht
+werden könnte. Mit heißen Tränen beschwor ich ihn, die Reise nur noch um
+einen Tag zu verschieben.
+
+"Du sagtest mir doch schon vor acht Tagen, daß du fertig wärest,"
+entgegnete er.
+
+Ich aber versicherte ihm, daß sich nachher unverhofft noch eine Aussicht
+auf einen bedeutenden Gewinn eröffnet hätte. Und das war auch keine
+Unwahrheit, denn welcher Gewinn hatte für mich mehr zu bedeuten, als die
+Eroberung dieses unvergleichlichen Mädchens?--Und so gelang es mir denn
+endlich, ihm diesen einen Tag abzulisten.
+
+Die Stunden des folgenden Tages vergingen schnell mit den nötigen
+Reisevorbereitungen, so daß mir die Zeit, trotz meiner Sehnsucht, nicht
+allzu lang wurde. Als der Abend hereinbrach, standen die Karren beladen
+im Hof. Alles war zum Vorspannen bereit, um, sobald ich--noch vor
+Morgengrauen--erschien, aufbrechen zu können.
+
+
+
+
+VI. AUF DER TERRASSE DER SORGENLOSEN
+
+
+Als es nun völlig Nacht geworden war, begaben wir, Somadatta und ich,
+uns in dunkelfarbiger Kleidung, hoch aufgeschürzt, fest gegürtet und das
+Schwert in der Hand, nach der Westseite des palastartigen Hauses des
+reichen Goldschmiedes, wo sich die Terrasse über der steilen Felswand
+einer Schlucht befand. Mit Hilfe einer mitgebrachten Bambusstange
+erkletterten wir nun, die wenigen Vorsprünge geschickt benutzend, die in
+tiefen Schatten gehüllte Felsenwand, überstiegen dann mit Leichtigkeit
+die Mauer und befanden uns nun auf einer großen, mit Palmen, Asokabäumen
+und prächtigen Blumenpflanzen aller Art geschmückten Terrasse, die, in
+Mondlicht gebadet, sich vor uns ausbreitete.
+
+Nicht weit von mir entfernt sah ich die der Lakshmi ähnliche Großäugige,
+die mit meinem Herzen Ball spielte, neben einem jungen Mädchen auf einer
+Ruhebank sitzen, und bei diesem Anblick fing ich an so heftig an allen
+Gliedern zu zittern, daß ich mich an die Brüstung lehnen mußte, deren
+marmorne Kälte meine in Feuersglut schon entschwindenden Sinne
+erfrischte und stärkte. Indessen war Somadatta auf seine Geliebte
+zugeeilt, die mit einem leisen Ruf aufgesprungen war.
+
+Nun faßte ich mich denn auch so weit, daß ich mich der Unvergleichlichen
+nähern konnte, die, anscheinend überrascht durch die Ankunft eines
+Fremden, sich erhoben hatte und unschlüssig schien, ob sie bleiben oder
+gehen sollte, während sich ihr Auge, wie das der erschreckten jungen
+Antilope, wiederholt mit Seitenblicken aus dem äußersten Augenwinkel auf
+mich richtete, wobei sie wie eine vom leisen Winde geschaukelte Ranke
+bebte. Ich aber stand da in beständig wachsender Verwirrung, mit
+gesträubten Wangenhaaren und weit aufgeblühten Augen und konnte nur
+mühsam einige Worte von dem unverhofften Glück, sie hier zu treffen,
+hervorstammeln. Als sie aber meine große Zaghaftigkeit bemerkte, schien
+sie selber ruhiger zu werden. Sie setzte sich wieder auf die Bank und
+lud mich mit einer lässigen Bewegung ihrer Lotushand ein, neben ihr
+Platz zu nehmen, während sie mit einer Stimme, die sehr leicht und gar
+lieblich zitterte, mir versicherte, sie sei sehr glücklich über diese
+Gelegenheit, mir zu danken, weil ich ihr den Ball mit solcher
+Geschicklichkeit zurückgeworfen hätte, daß keine Störung im Spiel
+entstanden sei; denn wäre das geschehen, so würde ihr ganzes Verdienst
+dahin gewesen sein, und die von ihr ungeschickt verehrte Göttin hätte
+ihr gezürnt oder ihr wenigstens kein Glück geschenkt. Darauf antwortete
+ich, sie habe mir nicht zu danken, da ich höchstens das wieder gut
+gemacht hätte, was ich selber verfehlt; und als sie nicht verstand, wie
+ich das meinte, wagte ich sie daran zu erinnern, wie unsere Blicke sich
+begegnet hatten und sie darob verwirrt den Ball schief traf, so daß er
+ihr davonflog. Sie aber errötete heftig und wollte das durchaus nicht
+zugeben--was hätte sie denn auch dabei verwirren können?
+
+"Ich denke," antwortete ich, "daß meine weit aufgeblühten Augen
+gleichsam einen solchen Duft von Bewunderung haben entströmen lassen,
+daß du dadurch einen Augenblick betäubt wurdest und mit der Hand daneben
+schlugst."
+
+"Ei, was sprichst du mir da von Bewunderung," antwortete sie, "du bist
+ja gewohnt, in deiner Heimat noch viel geschicktere Spielerinnen zu
+sehen."
+
+Aus dieser Äußerung entnahm ich mit Genugtuung, daß man sich über mich
+unterhalten hatte, und daß meine an Somadatta gerichteten Worte ihr
+getreulich mitgeteilt worden waren. Doch wurde mir auch heiß und kalt
+bei dem Gedanken, daß ich ja fast geringschätzig über sie gesprochen
+hatte, und ich beeilte mich, ihr zu versichern, daß daran kein wahres
+Wort gewesen wäre, und daß ich nur so gesprochen hätte, um nicht mein
+süßes Geheimnis dem Freunde preiszugeben. Das wollte sie aber nicht
+glauben, oder tat wenigstens so; und darüber vergaß ich dann glücklich
+meine ganze Schüchternheit, geriet in großen Eifer, um sie zu
+überzeugen, und erzählte ihr, wie bei ihrem Anblick der Liebesgott seine
+Blumenpfeile auf mich hatte regnen lassen. Ich sei überzeugt, daß sie in
+einem früheren Leben meine Frau gewesen sei, denn woher käme wohl sonst
+eine so plötzliche und unwiderstehliche Liebe? Wenn dem aber so sei,
+dann müsse doch auch sie in mir ihren ehemaligen Gemahl erkannt haben,
+und es müsse auch bei ihr eine solche Liebe entstanden sein.
+
+Mit solchen dreisten Worten drang ich ungestüm auf sie ein, bis sie
+endlich ihre glühende, tränenperlende Wange an meiner Brust verbarg und
+mir in kaum hörbaren Worten gestand, daß es ihr ebenso gegangen sei wie
+mir, und daß sie gewiß gestorben wäre, wenn ihre Milchschwester ihr
+nicht noch rechtzeitig das Bild gebracht hätte.
+
+Dann küßten und herzten wir uns unzählige Male und meinten vor Wonne
+vergehen zu müssen, bis plötzlich der Gedanke an meine unmittelbar
+bevorstehende Abreise wie ein schwarzer Schatten über meine Fröhlichkeit
+fiel und mir einen tiefen Seufzer erpreßte.
+
+Erschrocken fragte Vasitthi, warum ich also seufzte. Als ich ihr aber
+dann den Grund nannte, sank sie wie ohnmächtig auf die Bank zurück, und
+brach in einen unerschöpflichen Tränenstrom und in herzzerreißendes
+Schluchzen aus. Vergeblich waren meine Versuche, die innig Geliebte zu
+trösten. Umsonst versicherte ich ihr, daß ich, sobald die Regenzeit
+vorüber sei, zurückkehren und sie dann nimmermehr verlassen wolle, wenn
+ich mich auch als Tagelöhner in Kosambi verdingen müsse.--In den Wind
+gesprochen waren alle Beteuerungen, daß meine Verzweiflung bei der
+Trennung nicht geringer sei als die ihre, und daß nur die harte,
+unerbittliche Notwendigkeit mich so bald von ihr wegrisse. Kaum daß sie
+unter Schluchzen ein paar Worte hervorbringen konnte, um zu fragen,
+warum es denn so notwendig sei, schon morgen, nachdem wir uns eben erst
+gefunden hätten, abzureisen--und als ich ihr dies dann sehr genau und
+umständlich erklärte, schien sie keine Silbe davon zu hören oder zu
+verstehen. O, sie sähe schon, daß ich mich danach sehne, nach meiner
+Vaterstadt zurückzukommen, wo es noch viel schönere Mädchen als sie
+gäbe, die auch viel besser Ball spielen könnten, wie ich es ja selber
+gesagt hätte!
+
+Ich mochte sagen, beteuern und beschwören was ich wollte--sie blieb
+dabei, und immer reichlicher flossen ihre Tränen. Kann man sich wundern,
+daß ich bald darauf zu ihren Füßen lag, ihre schlaff herabhängende Hand
+mit Küssen und Tränen bedeckte und ihr versprach, nicht abzureisen? Und
+wer war dann seliger als ich, als Vasitthi mich nun mit ihren weichen
+Armen umschlang und mich wieder und wieder küßte und vor Freude lachte
+und weinte. Freilich sagte sie nun gleich: "Da siehst du, es ist gar
+nicht so notwendig, daß du schon wegreisest, denn dann müßtest du es ja
+unbedingt tun."--Als ich mich aber anschickte, ihr Alles noch einmal
+auseinanderzusetzen, schloß sie mir den Mund mit einem Kusse und sagte,
+sie wisse, daß ich sie liebe, und sie meine nicht wirklich, was sie von
+den Mädchen meiner Vaterstadt gesagt hätte. Unter zärtlichen
+Liebkosungen und traulichem Plaudern flogen die Stunden wie im Traume
+dahin, und es wäre kein Ende all der Seligkeit gewesen, wenn nicht
+plötzlich Somadatta mit Medini gekommen wäre, um uns zu sagen, daß es
+die höchste Zeit sei, an die Heimkehr zu denken.
+
+In unserem Hofe fanden wir Alles zum Aufbruch bereit. Ich rief den
+Führer der Ochsenkarren und schickte ihn eiligst zum Gesandten mit dem
+Bescheid, daß mein Geschäft leider noch nicht völlig erledigt sei, und
+ich infolgedessen darauf verzichten müsse, die Heimreise unter dem
+Schutze der Gesandtschaft zu machen. Ich bat ihn nur, meinen Eltern
+einen Gruß zu bringen und empfahl mich seiner Gewogenheit.
+
+Kaum hatte ich mich auf mein Lager gestreckt, um--wenn möglich--einiger
+Stunden Schlafes zu genießen, als der Gesandte selber hereintrat.
+Erschrocken sprang ich auf und verbeugte mich tief vor ihm, während er
+mit ziemlich barscher Stimme fragte, was dies unglaubliche Betragen
+bedeuten sollte--ich hätte ihm sofort zu folgen.
+
+Nun wollte ich anfangen, von meinem noch immer unbeendigten Geschäft zu
+reden, aber er unterbrach mich gebieterisch:
+
+"Ach was, Geschäft! Laß es mit der Lüge jetzt genug sein. Ich sollte
+wohl wissen, was für Geschäfte im Gange sind, wenn ein junger Fant
+plötzlich eine Stadt nicht verlassen kann, selbst wenn ich nicht gesehen
+hätte, daß deine Ochsenkarren vorgespannt und beladen im Hofe halten."
+
+Da stand ich nun blutrot und zitternd als ein vollkommen Ertappter. Als
+er mich aber ihm augenblicklich zu folgen hieß, da schon ohnehin zu viel
+der kostbaren kühlen Tageszeit verloren gegangen sei, stieß er bei mir
+auf einen Widerstand, mit dem er offenbar nicht gerechnet hatte. Vom
+befehlenden Ton ging er zum drohenden, von diesem zuletzt zum bittenden
+über. Er erinnerte mich daran, wie meine Eltern sich nur deshalb
+entschlossen hätten, mich auf eine so weite Reise zu schicken, weil sie
+gewußt, daß ich sie in seiner Begleitung und unter seinem Schutze hin
+und zurück machen könnte.
+
+Er hätte aber keinen für seinen Zweck weniger geeigneten Grund ins Feld
+führen können. Denn ich sagte mir sofort: dann würde ich ja auch wohl
+warten müssen, bis wieder einmal eine Gesandtschaft nach Kosambi ginge,
+bevor ich zu meiner Vasitthi zurückkehren könnte! Nein, ich wollte
+meinem Vater schon zeigen, daß ich wohl imstande sei, allein eine
+Karawane durch alle Beschwerlichkeiten und Gefahren des Weges zu leiten.
+
+Diese Gefahren schilderte mir der Gesandte nun zwar drohend genug, aber
+das alles war in den Wind gesprochen. Endlich verließ er mich in großem
+Zorn: ihn treffe keine Schuld, ich müsse jetzt selber meine Torheit
+ausbaden.
+
+Mir war es, als ob eine große Last von mir genommen wäre. Ich hatte mich
+ja jetzt so ganz meiner Liebe hingegeben. In diesem süßen Bewußtsein
+schlief ich fest ein und erwachte erst, als es Zeit war, sich nach der
+Terrasse zu begeben, wo unsere Geliebten unser harrten.
+
+Nacht um Nacht trafen wir uns nun dort, und bei jeder Begegnung
+entdeckten wir neue Schätze in unserer gegenseitigen Neigung und trugen
+eine noch größere Sehnsucht nach dem Wiedersehen von dannen. Das
+Mondlicht wollte mir silberner erscheinen, der Marmor kühler, der Duft
+der Doppeljasminen berauschender, der Ruf der Kokila liebestrunkener,
+das Rauschen der Palmen träumerischer und das unruhige Flüstern der
+Asokas noch verheißungsvoller, als diese Dinge sonstwo in der Welt sein
+mochten.
+
+O, wie deutlich besinne ich mich auf jene herrlichen Asokas, die längs
+der ganzen Terrasse standen, und unter denen wir so oft gewandelt sind,
+uns mit den Armen umschlungen haltend! "Die Terrasse der Sorgenlosen"
+wurde sie nach diesen Bäumen genannt, denn "den sorgenlosen Baum" und
+auch "Herzensfrieden" nennen ja die Dichter den Asoka, den ich nirgends
+so schön gewachsen gesehen habe wie gerade dort. Die speerförmigen,
+nimmer ruhigen Blätter glänzten in den Mondstrahlen und lispelten im
+leisen Nachtwinde, und zwischen ihnen glühten die goldigen,
+orangefarbenen und scharlachroten Blumen, obschon die Vasantazeit erst
+im Anzuge war. Aber wie sollten denn auch, o Bruder, diese Bäume dort
+nicht schon in voller Blütenpracht stehen, da der Asoka ja gleich seine
+Knospen öffnet, sobald der Fuß eines schönen Mädchens seine Wurzeln
+berührt!
+
+In einer wunderbaren Vollmondnacht--mir ist's, als sei es gestern
+gewesen--stand ich unter diesen Bäumen neben der holden Ursache ihrer
+Frühblüte, meiner lieblichen Vasitthi. Über den tiefen Schatten der
+Schlucht schauten wir weit hinaus ins Land, sahen die Silberbänder der
+beiden Flüsse sich durch die ungeheure Ebene winden und sich an der
+hochheiligen Stätte vereinigen, die sie die "Dreilocke" nennen, weil sie
+glauben, daß die himmlische Ganga als dritte sich dort mit ihnen
+verbinde. Diese zeigte mir aber Vasitthi über den Wipfeln der
+Bäume--denn mit diesem schönen Namen nennen sie ja hier das
+Himmelslicht, das wir im Süden als die Milchstraße kennen.
+
+Dann sprachen wir von dem mächtigen Himavat im Norden, aus dem die Ganga
+herflutete, dessen Schneegipfel die Wohnung der Götter, dessen
+unermeßliche Wälder und tiefe Felsenklüfte der Aufenthalt der großen
+Asketen waren. Noch lieber aber folgte ich der Jamuna aufwärts.
+
+"O," rief ich, "daß ich doch einen Märchennachen hätte, aus
+Perlmutterschale, von meinen Wünschen besegelt, von meinem Willen
+gelenkt, damit er uns jenen silbernen Strom hinauftragen könnte. Dann
+müßte sich die Ilfenstadt wieder aus ihren Trümmern erheben, und die
+ragenden Paläste würden vom Gelage der Zecher und vom Streit der
+Würfelspieler widerhallen. Der Sand Kurukschetras müßte seine Toten
+wiedergeben. Da würde der greise Bhishma, in silberner Rüstung und
+weißem Gelock auf hohem Wagen emporragend, seine glattröhrigen Pfeile
+über die Feinde regnen lassen; der tapfere Phagadatta würde auf seinem
+kampfwütigen, rüsselschwingenden Ilfenstier heranstürmen, der gewandte
+Krishna das weiße Viergespann Arjunas in das wildeste Kampfgetümmel
+hineinjagen. O, wie sehr habe ich den Gesandten um seine Zugehörigkeit
+zur Kriegerkaste beneidet, als er mir sagte, seine Vorfahren hätten an
+jener unvergeßlichen Schlacht teilgenommen! Aber das war töricht! Denn
+nicht nur im Geschlechte gibt es ja Vorfahren, sondern wir selber sind
+unsere eigenen Vorfahren. Wo war ich damals? Vielleicht eben dort, unter
+den Kämpfenden. Denn obwohl ich ein Kaufmannssohn bin, habe ich immer
+meine größte Freude an Waffenspielen gehabt, und ich darf wohl sagen,
+daß ich mit dem Degen in der Hand meinen Mann stelle."
+
+Vasitthi umarmte mich stürmisch und nannte mich ihren Helden: ich sei
+ganz gewiß einer jener Heroen, die in den Liedern leben. Welcher,
+könnten wir freilich nicht wissen, da durch diesen süßen Wohlgeruch der
+sorgenlosen Bäume der Duft des Korallenbaumes kaum zu uns dringen würde.
+
+Ich fragte sie, was denn das für ein Duft sei, denn davon hatte ich nie
+etwas gehört--wie ich denn überhaupt fand, daß, wie alles andere, auch
+das Märchen hier an der Ganga üppiger blühte als bei uns im Gebirge.
+
+Und sie erzählte mir, wie Krishna einst auf seinem Fluge durch Indras
+Welt im Kampfspiel den himmlischen Korallenbaum gewonnen und ihn in
+seinen Garten gepflanzt habe, einen Baum, dessen tiefrote Blüten weit in
+die Runde ihren Duft verbreiten. Und wer diesen Duft eingesogen habe,
+der erinnere sich in seinem Herzen langer, langer Vergangenheit, längst
+entschwundener Zeiten aus früheren Leben.
+
+"Aber nur die Heiligen können schon hier auf Erden diesen Duft
+einatmen," sagte sie und fügte fast schalkhaft hinzu: "und wir beide
+werden wohl keine werden. Aber was tut's? Wenn wir auch nicht Nala und
+Damayanti waren, so haben wir uns gewiß so lieb gehabt wie sie,--welche
+nun auch unsere Namen gewesen sein mögen. Und vielleicht sind Liebe und
+Treue das einzig Wirkliche, das Namen und Gestalten wechselt. Sie sind
+die Melodien, und wir die Lauten, auf denen sie gespielt werden. Die
+Laute zerbricht, und eine andere wird gestimmt; aber die Melodie bleibt
+dieselbe. Sie klingt freilich voller und feiner auf dem einen Instrument
+als auf dem anderen, wie ja auch meine neue Vina viel schöner tönt als
+die alte. Wir aber sind zwei herrliche Lauten für die Götter darauf zu
+spielen, die wonnigste aller Weisen darauf ertönen zu lassen."
+
+Ich drückte sie stumm an mich, innig ergriffen und verwundert ob solcher
+seltsamen Gedanken. Sie aber fügte mit leisem Lachen hinzu, indem sie
+wohl meine Gedanken erriet:
+
+"Freilich darf ich eigentlich nicht solche Gedanken haben, denn unser
+alter Hausbrahmane wurde einmal recht böse, als ich etwas Ähnliches
+verlauten ließ: ich solle nur zu Krishna beten und das Denken den
+Brahmanen überlassen. Da ich nun also nicht denken, wohl aber glauben
+darf, so will ich glauben, daß wir wirklich und wahrhaftig Nala und
+Damayanti waren."
+
+Und indem sie ihre Hände betend zum blütenschimmernden,
+blätterflimmernden Wipfel vor uns emporhob, sprach sie den Baum an mit
+den Worten, die Damayanti, im Walde umherirrend, an den Asoka richtet,
+nur daß die schmiegsamen Clokaverse des Dichters sich wie von selber auf
+ihren Lippen mehrten und reicher blühten, wie ein Schößling, der in
+geweihten Boden umgepflanzt ist:
+
+"Du Sorgenloser! der Wehklage lausche der sorgenvollen Maid!
+Der du den Namen trägst 'Herzfrieden'! diesem Herzen den Frieden schenk'!
+Mit Blumenaugen umherspähend, sprechend mit Blätterzungen fein,
+Gieb Kunde mir, wo mein Herzwalter wandert, wo jetzt mein Nala weilt".
+
+Dann blickte sie mich mit liebevollen Augen an, in deren Tränen das
+Mondlicht sich spiegelte, und sagte mit bebenden Lippen:
+
+"Wenn du fern von hier bist und an diesen Ort unserer Seligkeit
+zurückdenkst, dann stelle dir vor, daß ich hier stehe und so mit diesem
+schönen Baume spreche. Nur sage ich dann nicht 'Nala', sondern
+'Kamanita'."
+
+Ich schloß sie in meine Arme und preßte meine Lippen auf die ihren.
+
+In diesem Augenblick rauschte der Wipfel über uns. Eine große, leuchtend
+rote Blume schwebte herab und ließ sich auf unsere tränenfeuchten Wangen
+nieder. Vasitthi nahm sie lächelnd in die Hand, weihte sie mit einem
+Kusse und reichte sie mir. Ich verbarg sie an meiner Brust.
+
+Mehrere Blumen waren in dem Baumgange zur Erde gefallen. Medini, die
+neben Somadatta auf einer Bank nicht weit von uns entfernt saß, sprang
+auf, und, einige gelbe Asokablüten emporhaltend, rief sie, indem sie auf
+uns zukam:
+
+"Sieh, Schwester! Die Blumen fangen schon an abzufallen. Bald werden
+genug für dein Bad da sein."
+
+"Aber diese gelben darf Vasitthi freilich nicht in ihr Badewasser tun,"
+fügte mein immer schalkhafter Freund hinzu, "wenn ihr blumenhafter Leib
+ihrer Liebe gemäß blühen soll, sondern nur solche scharlachrote, wie
+jene, die Freund Kamanita soeben in seinem Gewande verbarg. Denn im
+goldenen Buch der Liebe heißt es: 'Safrangelbe Neigung nennt man sie,
+wenn sie zwar in die Augen fällt, aber wieder verloren geht;
+scharlachrot aber nennt man sie, wenn sie nicht wieder verloren geht und
+übermäßig in die Augen fällt'"
+
+Dabei lachten er und seine Medini auf ihre lustige, vertrauliche Weise.
+
+Vasitthi aber antwortete ernst, wenn auch mit ihrem süßen Lächeln, indem
+sie meine Hand fest und sanft drückte:
+
+"Du irrst dich, lieber Somadatta! Meine Liebe hat keine Blumenfarbe.
+Denn ich habe sagen hören, die Farbe der echtesten Liebe sei nicht rot,
+sondern schwarz--schwarz wie der Hals Qivas wurde, als der Gott das Gift
+verschlang, das sonst die Wesen vernichtet hätte. Und so muß es auch
+sein: auch das Gift des Lebens muß die wahre Liebe vertragen können, und
+willig muß sie das Bitterste kosten, um es dem Geliebten zu ersparen.
+Und gewiß wird sie lieber davon ihre Farbe wählen, als von allen
+leuchtenden Freuden."
+
+Also sprach meine geliebte Vasitthi in jener Nacht unter den sorgenlosen
+Bäumen.
+
+
+
+
+VII. IN DER SCHLUCHT
+
+
+Tief bewegt durch diese lebhafte Erinnerung, schwieg der Pilger eine
+kleine Weile. Dann seufzte er, strich sich mit der Hand über die Stirn
+und fuhr in seiner Erzählung fort.
+
+Kurz, Bruder, ich ging während dieser ganzen Zeit wie in einem Rausche
+von Seligkeit umher, und meine Füße schienen kaum mehr die Erde zu
+berühren. Einmal mußte ich laut lachen, weil ich hörte, daß es Leute
+gebe, die diese Welt ein Jammertal nennen und ihre Gedanken und Wünsche
+darauf richten, nicht mehr unter den Menschen wiedergeboren zu werden.
+"Welch ausgemachte Toren, Somadatta!" rief ich, "als ob es einen
+vollkommeneren Ort der Seligkeit geben könnte als die Terrasse der
+Sorgenlosen."
+
+Aber unter der Terrasse war die Schlucht.
+
+In diese waren wir gerade hinuntergeklettert, als ich jene törichten
+Worte ausrief, und als sollte mir gezeigt werden, daß auch die höchste
+Erdenwonne ihre Bitterkeit hat, wurden wir in demselben Augenblick von
+mehreren bewaffneten Männern angefallen. Wie viele es waren, vermochten
+wir in der tiefen Dunkelheit nicht zu unterscheiden. Glücklicherweise
+konnten wir uns den Rücken durch die Felsenwand decken, und mit dem
+beruhigenden Bewußtsein, nur von vorn bedroht zu sein, fingen wir an,
+für unser Leben und unsere Liebe zu fechten. Wir bissen die Zähne
+zusammen und waren schweigsam wie die Nacht, während wir so ruhig wie
+möglich parierten und stießen; unsere Gegner aber heulten wie die
+Teufel, um sich gegenseitig anzufeuern, und wir vermeinten acht bis zehn
+Stimmen unterscheiden zu können. Wenn sie nun auch ein paar bessere
+Degen vorfanden, als sie erwartet haben mochten, so war unsere Stellung
+doch ernst genug. Bald lagen aber zwei von ihnen auf der Erde, und ihre
+Körper hinderten die anderen, die fürchteten, über sie zu stolpern und
+so unseren Schwertspitzen überliefert zu werden, beträchtlich am
+Kämpfen. Sie mochten sich einige Schritte zurückgezogen haben, denn wir
+fühlten nicht mehr ihren heißen Atem im Gesicht.
+
+Ich flüsterte Somadatta ein paar Worte zu, und wir rückten mehrere
+Schritte zur Seite, in der Hoffnung, daß die Angreifer, uns an der alten
+Stelle wähnend, einen plötzlichen Vorstoß machen und dabei anstatt an
+uns an die Felsenwand geraten und an dieser ihre Schwertspitzen
+zerbrechen würden, während die unserigen ihnen gehörig zwischen die
+Rippen fahren sollten. Obwohl wir nun die äußerste Vorsicht
+beobachteten, muß aber doch wohl ein leises Geräusch ihren Verdacht
+erweckt haben. Denn der erhoffte blinde Angriff erfolgte nicht, wohl
+aber sah ich plötzlich einen schmalen Lichtstreif die Wand treffen und
+wurde auch gewahr, daß dieser Strahl von einem Lampendocht herkam, der
+offenbar in einer vorsichtig geöffneten Dose steckte, neben der sich
+auch eine warzige Nase und ein zusammengekniffenes Auge zeigten.
+
+Da die Bambusstange, mit deren Hilfe wir die Terrasse erklommen hatten,
+glücklicherweise sich noch in meiner linken Hand befand, stieß ich
+beherzt zu--ein lauter Schrei, das Verschwinden des Strahls und das
+Klirren des zu Boden gefallenen Lämpchens bezeugten, wie gut ich
+getroffen hatte; und diesen Augenblick benutzten wir nun, in der
+Richtung, in der wir gekommen waren, eilends davon zu laufen. Wir
+wußten, daß hier die Kluft allmählich enger wurde und ziemlich steil
+aufstieg, und daß man zuletzt ohne übermäßige Mühe die Höhe erklettern
+konnte. Doch war es ein großes Glück, daß unsere Angreifer die
+Verfolgung in der Finsternis sehr bald aufgaben, denn beim letzten
+Aufstieg drohten meine Kräfte mich zu verlassen, und ich fühlte, daß ich
+aus mehreren Wunden heftig blutete; auch mein Freund war verwundet,
+obschon leichter.
+
+Oben angekommen, zerschnitten wir mein Gewand und verbanden notdürftig
+unsere Wunden, und so gelangte ich denn endlich, auf Somadattas Arm
+gestützt, glücklich nach Hause, wo ich dann mehrere Wochen auf dem
+Schmerzenslager zubringen mußte.
+
+Da lag ich nun, von dreifachem Leid geplagt. Denn die Wunden und das
+Fieber verbrannten mir den Leib, und sehrende Sehnsucht nach der
+Geliebten verzehrte meine Seele--bald aber kam noch die Besorgnis um ihr
+teures Leben hinzu. Denn das zarte, blumenhafte Wesen hatte die
+Nachricht von der tödlichen Gefahr, in der ich geschwebt hatte und
+vielleicht noch immer schwebte, nicht ertragen können und war von einer
+schweren Krankheit befallen worden. Ihre getreue Milchschwester Medini
+ging aber tagtäglich von einem Krankenlager zum anderen, und so fehlte
+es uns wenigstens nicht an dauernder Verbindung und an sinnigem Verkehr.
+Blumen wanderten zwischen uns hin und her, und da wir beide in die
+Wissenschaft der Blumensprache eingeweiht waren, vertrauten wir uns
+durch diese lieblichen Boten gar mancherlei an. Später, als unsere
+Kräfte sich hoben, fand auch manch zierlicher Vers den Weg von Hand zu
+Hand, und so hätte unser Zustand sich bald recht erträglich gestaltet,
+wenn nicht mit der Genesung, der wir in gleichem Schritt uns
+näherten--gleichsam zu treu verbunden, als daß der eine dem anderen
+darin vorauseilen wollte--auch die Zukunft an uns herangetreten wäre und
+uns mit schweren Sorgen erfüllt hätte.
+
+Es war uns nämlich nicht verborgen geblieben, welcher Art jener
+scheinbar so rätselhafte Überfall gewesen war. Kein anderer als der Sohn
+des Ministers--Satagira war sein verhaßter Name--, mit dem ich an jenem
+unvergeßlichen Nachmittage im Parke um Vasitthis Ball gerungen hatte:
+kein anderer war es als er, der die gedungenen Mörder auf mich gehetzt
+hatte. Ohne Zweifel hatte er bemerkt, daß ich nach der Abreise der
+Gesandtschaft noch immer in der Stadt zurückblieb, und sein dadurch
+geweckter Argwohn hatte gar bald meine nächtlichen Besuche auf der
+Terrasse erspäht.
+
+Ach, jene Terrasse der Sorgenlosen war unserer Liebe jetzt wie ein
+versunkenes Eiland. Wohl hätte ich freudig immer wieder und wieder mein
+Leben in die Schanze geschlagen, um die Holde dort zu umfangen. Aber
+selbst wenn Vasitthi das Herz gehabt hätte, mich allnächtlich tödlicher
+Gefahr auszusetzen, so blieb uns doch eine solche Versuchung erspart.
+Der böse Satagira mußte die Eltern meiner Geliebten von unseren geheimen
+Zusammenkünften unterrichtet haben, denn es zeigte sich bald, daß
+Vasitthi sorgfältig und argwöhnisch überwacht wurde, und daß der
+Aufenthalt auf der Terrasse ihr nach Sonnenuntergang verboten
+war--angeblich wegen ihrer noch gefährdeten Gesundheit.
+
+So war denn unsere Liebe obdachlos! Die sich so gern im Verborgenen
+heimisch fühlt, durfte nur dort zu Hause sein, wo es alle Welt war!--In
+jenem öffentlichen Garten, wo ich zuerst ihre göttliche Gestalt erblickt
+und sie ein paarmal schon vergebens gesucht hatte, trafen wir uns wie
+von ungefähr. Aber was für eine Begegnung war das! Wie flüchtig die
+gestohlenen Minuten, wie zaghaft und sparsam die hastigen Worte, wie
+gezwungen die Bewegungen, die sich neugierigen oder wohl gar spähenden
+Blicken ausgesetzt fühlten! Vasitthi beschwor mich, die Stadt, wo mir in
+ihrer Nähe tödliche Gefahr drohte, sofort zu verlassen. Sie klagte sich
+bitter an, daß sie an jenem unvergeßlichen ersten Abend auf der Terrasse
+durch ihren Eigensinn mich zum Bleiben überredet und mich dadurch
+beinahe schon in den Rachen des Todes getrieben habe; vielleicht würden
+in diesem Augenblick neue Meuchelmörder gegen mich gedungen. Wenn ich
+mich nicht durch schleunigste Abreise dieser Gefahr entzöge, machte ich
+sie zur Mörderin ihres Liebsten! Unterdrücktes Schluchzen erstickte ihre
+Stimme, und ich mußte daneben stehen, ohne sie in meine Arme schließen
+und ihr die Tränen, die schwer wie Gewittertropfen ihre blassen Wangen
+herabrollten, wegküssen zu können. Einen solchen Abschied ertrug ich
+nicht, und ich erklärte ihr, ich könne nicht von dannen reisen, ohne
+vorher eine Zusammenkunft mit ihr zu haben, wie diese nun auch zu
+bewerkstelligen sei.
+
+Vasitthis verzweifelt flehender Blick, als wir gerade in diesem Moment
+durch das Nahen mehrerer Personen uns zu trennen genötigt wurden, konnte
+meinen Entschluß nicht zum Wanken bringen. Ich vertraute auf die
+Erfindungsgabe meiner Geliebten, die nunmehr, durch Sehnsucht nach mir
+und durch Angst um mein Leben angespornt und von der schlauen und in
+Liebessachen bewanderten Milchschwester Medini beraten, gewiß einen
+Ausweg finden würde. Hierin täuschte ich mich nicht; denn noch in
+derselben Nacht konnte Somadatta mir ihren recht verheißungsvollen Plan
+mitteilen.
+
+
+
+
+VIII. DIE PARADIESKNOSPE
+
+
+Etwas außerhalb der östlichen Mauer Kosambis liegt ein schöner
+Sinsapawald der eigentlich ein heiliger Hain ist. Auf einer Lichtung
+steht noch das Heiligtum, freilich in sehr verfallenem Zustande. Schon
+längst fand in diesem uralten Tempelchen kein Opferdienst mehr statt,
+weil dem Krishna, dem es geweiht ist, ein neuer, weit größerer und
+prachtvoller Tempel in der Stadt selber erstanden war. In der Ruine aber
+hauste außer einem Eulenpaar eine Heilige, die des Rufes genoß, mit
+Geistern in Verbindung zu stehen, durch deren Hilfe sie einen Einblick
+in die Zukunft bekam--einen Einblick, den die gute Seele Opfergabe
+darbietenden Mitmenschen nicht vorenthielt. Solche pilgerten denn auch
+in großer Zahl zu ihr hin, und zwar vornehmlich nach Sonnenuntergang
+junge verliebte Leute beiderlei Geschlechts, und es gab böswillige
+Zungen, die behaupteten, die Alte sei eher eine Kupplerin, denn eine
+Heilige zu nennen. Wie dem nun auch sein möge, _diese_ Heiligkeit war
+gerade das, was wir brauchten, und ihr Tempelchen wurde als Stätte
+unserer Zusammenkunft ausersehen.
+
+Am nächsten Tage zog ich mit meinen Ochsenkarren ab, und zwar zu der
+Stunde, da sich die Leute in den Bazar oder in die Gerichtshalle
+begaben. Dabei wählte ich geflissentlich die belebtesten Straßen, so daß
+meine Abreise meinem Feinde Satagira gewiß kein Geheimnis bleiben
+konnte. Aber schon nach wenigen Stunden der Fahrt machte ich in einem
+großen Dorfe Halt und ließ meine Karawane dort ihr Nachtquartier
+beziehen, zu nicht geringer Freude meiner Leute. Ich selbst bestieg ein
+frisches Pferd und ritt gegen Sonnenuntergang, in den groben Mantel
+eines meiner Diener gehüllt, denselben Weg nach Kosambi zurück.
+
+Es war völlig Nacht geworden, bis ich den Sinsapawald erreichte. Als ich
+behutsam mein Reittier zwischen die Stämme hineinlenkte, wurde ich, wie
+zum Willkommen, von dem herrlichen Dufte der Nachtlotusblüten auf dem
+alten Krishnateiche empfangen. Bald zeichnete das zerbröckelnde, von
+Götterbildern wimmelnde Tempeldach seine zackigen und wirren Formen
+gegen den sternenfunkelnden Himmel. Ich war am Ziele. Kaum hatte ich
+mich aus dem Sattel geschwungen, so waren auch meine Freunde schon an
+meiner Seite. Mit einem Aufschrei des Entzückens stürzten Vasitthi und
+ich einander in die Arme, halb besinnungslos vor Freude des
+Wiedersehens, und ich weiß nur noch von Liebkosungen, stammelnden Worten
+der Zärtlichkeit und Beteuerung unserer Liebe und Treue, bis ich jäh
+emporschrak durch das unerwartete Gefühl eines weich fächelnden
+Fittichs, der mir die Wange streifte, worauf sofort der Schrei einer
+Eule und der häßliche Klang einer gesprungenen Bronzeglocke mich völlig
+aus der Liebesverzückung erweckten.
+
+Medini hatte am Strange der alten Gebetglocke gezogen und dadurch die
+Eule aus der Nische, in der sie hauste, verscheucht. Dies tat das gute
+Mädchen nicht so sehr, um die Heilige zu rufen, als vielmehr, weil sie
+sah, daß diese schon zum Tempelchen herauskam, offenbar ungehalten, weil
+sie Stimmen im heiligen Bezirk vernommen hatte, ohne daß geläutet oder
+angepocht worden wäre.
+
+Medini erklärte der Alten, der große Ruf ihrer Heiligkeit und ihrer
+erstaunlichen Kenntnisse habe sie und diesen jungen Mann--wobei sie auf
+Somadatta zeigte--bewogen, sie aufzusuchen, um Auskunft über das zu
+erhalten, was von der Zeit noch verborgen sei. Die Heilige erhob prüfend
+den Blick zum Himmel und meinte, da das Siebengestirn gerade eine
+ungemein günstige Stellung zum Polarstern einnähme, dürfte sie
+wohl hoffen, daß die Geister ihre Hilfe nicht versagen würden;
+worauf sie Somadatta und Medini einlud, in das Haus Krishnas, des
+sechzehntausendeinhundertfachen Bräutigams[1], einzutreten, der einem
+liebenden Paar gern seine Herzenswünsche gewähre. Vasitthi und ich
+blieben aber, als vermeintliche Dienerschaft, draußen zurück.
+
+ [1] Die sich an diesen seltsamen Namen knüpfende Legende wird im
+ Kapitel "Buddha und Krishna" erzählt--s.S. 242 ff.
+
+Wie wir uns nun zuschwuren, daß nur der Alles hinraffende Tod uns sollte
+trennen können, wie wir von meiner baldigen Rückkehr, sobald die
+Regenzeit vorüber wäre, sprachen und Mittel und Wege erörterten, um ihre
+sehr reichen Eltern dahin zu bringen, daß sie in unsere Verbindung
+einwilligten, und wie dies von unzähligen Küssen, Tränen und Umarmungen
+unterbrochen wurde: das wäre ich nicht einmal mehr imstande, dir genau
+zu erzählen, denn es ist in meinem Gedächtnis nur wie die Erinnerung an
+einen wirren Traum zurückgeblieben. Noch weniger aber kann ich, wenn du
+selbst nicht Ähnliches erlebt hast, dir eine Vorstellung davon geben,
+wie sich in jeder Umarmung wonniges Entzücken und herzzerreißende
+Verzweiflung umschlangen; denn eine jede gemahnte daran, daß die letzte
+für diesmal bald folgen würde; und wer stand dafür ein, daß diese dann
+nicht die letzte überhaupt war?
+
+Nur gar zu bald traten Somadatta und Medini wieder aus dem Tempel
+heraus. Die Heilige wollte nun auch uns die Zukunft offenbaren, aber
+Vasitthi entsetzte sich ob dieses Gedankens.
+
+"Wie sollte ich es denn ertragen, wenn eine unheildrohende Zukunft sich
+entschleierte?" rief sie aus.
+
+"Warum denn auch gerade unheildrohend?" meinte die wohlwollende Alte,
+die wohl wegen ihrer Heiligkeit freundliche Lebenserfahrungen gemacht
+haben mochte. "Auch dem Diener blüht das Glück," fügte sie
+verheißungsvoll hinzu.
+
+Aber Vasitthi ließ sich durch ihre Worte nicht locken; schluchzend
+umklammerte sie meinen Hals.
+
+"Ach, mein einzig Geliebter," rief sie, "mir ist es, als ob die Zukunft
+mit unerbittlichem Gesicht dreinschaute. O, ich fühle es,--ich werde
+dich nie mehr wiedersehen!"
+
+Obwohl mich diese Worte mit eisigem Schauer durchrieselten, versuchte
+ich ihr doch diese grundlose Angst auszureden; aber eben, weil sie
+grundlos war, vermochten meine beredtesten Worte wenig oder gar nichts.
+Die Tränen rollten unaufhaltsam über Vasitthis Wangen; mit einem Blick
+überirdischer Liebe ergriff sie meine Hand und drückte sie an ihre
+Brust.
+
+"Aber wenn wir uns hier nicht mehr sehen sollten, so wollen wir uns doch
+treu bleiben, und wenn dies kurze und leidenvolle Erdenleben vorüber
+ist, wollen wir uns im Paradiese wiederfinden und dort vereinigt auf
+immer himmlische Wonne genießen.... O, Kamanita! Versprich mir das--wie
+viel stärker wird das mich aufrichten als alle tröstenden Worte! Denn
+diese sind ja doch gegen den unvermeidlichen, schon heranbrausenden
+Schicksalsstrom so ohnmächtig wie das Schilf gegen die Wasserflut. Aber
+allmächtig, neues Leben gebärend, ist der heilige, feste Entschluß."
+
+"Wenn es nur darauf ankommt, geliebte Vasitthi--wie sollte ich dich dann
+nicht überall finden?" sagte ich, "aber hoffen wir, daß es in dieser
+Welt geschehen wird!"
+
+"Hier ist Alles unsicher, und schon der Augenblick, in dem wir sprechen,
+gehört uns nicht an--aber nicht so im Paradiese."
+
+"Ach, Vasitthi," seufzte ich, "gibt es ein Paradies--und wo liegt es?"
+
+"Wo die Sonne untergeht," sagte sie mit voller Überzeugung, "liegt das
+Paradies des grenzenlosen Lichtes, und Allen, die den Mut haben, das
+Irdische zu verachten und ihr Denken auf jenen Ort der Seligkeit zu
+richten, steht dort eine reine Geburt bevor, aus dem Schoße einer
+Lotusblume. Die erste Sehnsucht nach jenem Paradiese bringt dort im
+heiligen, kristallklaren See eine Knospe hervor, jeder reine Gedanke,
+jede gute Tat läßt sie anschwellen, während alles Böse, was in Gedanken,
+Wort und Tat vollbracht wird, wie ein Wurm in ihr nagt und sie dem
+Verwelken nahe bringt."
+
+Ihre Augen leuchteten gleich Tempelkerzen, als sie so sprach mit einer
+Stimme, die wie die lieblichste Musik klang.
+
+Dann erhob sie ihre Hand und zeigte hinauf, wo über den schwarzen
+Wipfeln der Sinsapabäume die Milchstraße sich in sanft strahlendem
+Alabasterglanz durch die mit funkelnden Sternen übersäte, purpurdunkle
+Himmelsebene streckte.--
+
+"Sieh dort, Kamanita," rief sie--"die himmlische Ganga! Schwören wir bei
+ihren silbernen Wellen, die die Lotusseen jener seligen Gefilde
+speisen,--unsere ganze Seele darauf zu richten, dort unserer Liebe eine
+ewige Heimat zu bereiten."
+
+Seltsam bewegt, hingerissen und in meinem Innersten tief erschüttert,
+erhob ich meine Hand zu der ihren, und unsere Herzen bebten gemeinsam
+bei dem göttlichen Gedanken, daß in diesem Augenblick in unabsehbaren
+Weltenfernen hoch über den Stürmen dieses irdischen Daseins eine
+Doppelknospe ewigen Liebeslebens sich bildete.
+
+Als ob hiermit ihre Kräfte erschöpft wären, sank Vasitthi in meine Arme,
+wo sie wie leblos liegen blieb, nachdem sie noch einen hinsterbenden
+Abschiedskuß auf meine Lippen gedrückt hatte.
+
+Ich legte sie sanft in die Arme Medinis, bestieg mein Pferd und ritt
+davon, ohne daß ich mich noch einmal umzusehen wagte.
+
+
+
+
+IX. UNTER DEM RÄUBERGESTIRN
+
+
+Als ich das Dorf, wo meine Leute Nachtquartier bezogen hatten, wieder
+erreichte, zögerte ich nicht, diese zu wecken, und schon ein paar
+Stunden vor Sonnenaufgang war die Karawane unterwegs.
+
+Am zwölften Tage erreichten wir um die Mittagsstunde ein gar liebliches
+Tal in der waldigen Gegend Vedisas. Ein kleiner kristallklarer Fluß wand
+sich gemach durch die grünen Wiesen; die sanft ansteigenden Hügel waren
+mit blühendem Gebüsch bestanden, das einen würzigen Duft verbreitete;
+etwa in der Mitte der langgestreckten Talsohle und unfern dem Flüßchen
+erhob sich ein Nyagrodhabaum, dessen undurchdringliche Laubkuppel einen
+schwarzen Schatten auf die smaragdene Matte warf und, von ihren tausend
+Nebenstämmen gestützt, einen Hain bildete, in dem wohl zehn Karawanen
+wie die meinige hätten Obdach finden können.
+
+Die Stelle war mir von der Hinreise wohl erinnerlich, und ich hatte sie
+schon zur Lagerstätte ausersehen. Es wurde also Halt gemacht. Die
+wegmüden Ochsen wateten in den Strom hinaus und tranken begehrlich das
+kühle Naß, um sich dann am zarten Ufergras zu laben. Die Leute
+erfrischten sich durch ein Bad und machten sich dann gleich daran, dürre
+Zweige zu sammeln und ein Feuer zum Reiskochen anzuzünden, während ich
+selbst--auch durch ein Bad erfrischt--mich im tiefsten Schatten, an eine
+Wurzel des Hauptstammes angelehnt, hinstreckte, um an Vasitthi zu denken
+und bald in der Tat von ihr zu träumen. An der Hand des geliebten
+Mädchens schwebte ich durch paradiesische Gefilde.
+
+Ein großes Geschrei brachte mich jäh zur rauhen Wirklichkeit zurück. Als
+ob ein böser Zauberer sie aus der Erde hätte emporwachsen lassen,
+wimmelten bewaffnete Männer um uns herum, und das nahe Gebüsch entsandte
+immer neue. Sie waren schon bei den Wagen, die ich in einem Kreise um
+den Baum hatte aufstellen lassen, und fochten mit meinen Leuten, die
+alle im Gebrauch der Waffen geübt waren und sich tapfer verteidigten.
+Bald war ich mitten im Kampfgetümmel. Mehrere Räuber fielen von meiner
+Hand. Plötzlich sah ich einen großen, bärtigen Mann von schrecklichem
+Aussehen vor mir; sein Oberkörper war unbekleidet, und um den Hals trug
+er eine dreifache Reihe von Menschendaumen. Da wußte ich denn: "Das ist
+der Räuber Angulimala, der grausame, der blutgierige, der die Dörfer
+undörflich, die Städte unstädtlich, die Länder unländlich macht, der die
+Leute umbringt und ihre Daumen sich um den Hals hängt." Und ich glaubte
+schon, meine letzte Stunde sei gekommen.
+
+Wirklich schlug mir dies Ungetüm sofort das Schwert aus der Hand"-eine
+Leistung, die ich keinem Wesen aus Fleisch und Blut zugetraut hätte.
+Bald lag ich an Händen und Füßen gefesselt auf der Erde. Um mich her
+waren alle meine Leute erschlagen bis auf einen, einen alten Diener
+meines Vaters, der von der Menge überwältigt worden und, ebenso wie ich,
+unverwundet in Gefangenschaft geraten war. Ringsum, unter dem schattigen
+Dache des Riesenbaumes, in Gruppen gelagert, taten die Räuber sich
+gütlich.
+
+Jene kristallene Kette mit dem Tigerauge, von der ich dir schon erzählt
+habe, wie sie beim Ringkampf mit Satagira um Vasitthis Ball zerriß"-jene
+Kette, die mir meine gute Mutter beim Abschied als Amulett umgehängt
+hatte, war mir durch Angulimalas blutige Mörderhand vom Halse gezerrt
+worden. Noch viel schmerzlicher war mir aber der Verlust der Asokablume,
+die ich seit jener Nacht auf der Terrasse immer an meinem Herzen
+getragen hatte. Nicht weit von mir glaubte ich sie zu entdecken, ein
+rotes Flämmchen im zerstampften Grase, gerade dort, wo die jüngsten
+Räuber hin und her liefen, das dampfende Fleisch des schnell
+geschlachteten und gebratenen Rindes und Kürbisflaschen mit Branntwein
+den Schmausenden zu bringen. Mir war es, als ob sie mein Herz
+zerstampften, so oft ich meine arme Asokablume unter ihren schmutzigen
+Füßen verschwinden sah, um immer weniger leuchtend zum Vorschein zu
+kommen, bis ich sie gar nicht mehr erspähen konnte. Und ich dachte, ob
+wohl Vasitthi jetzt vor dem sorgenlosen Baume stände, um ihn zu
+befragen? Wie gut dann, daß er ihr nicht sagen konnte, wo ich weilte,
+denn gewiß hätte sie vor Schreck ihre zarte Seele ausgehaucht, wenn sie
+mich in dieser Umgebung gesehen hätte.
+
+Nur ein Dutzend Schritte von mir entfernt zechte der furchtbare
+Angulimala selber mit einigen seiner Vertrauten. Fleißig machte die
+Flasche die Runde, und die Gesichter"--mit Ausnahme eines einzigen, von
+dem ich noch später sprechen werde"--wurden immer röter, während die
+Räuber sich lebhaft, fast erregt unterhielten, ja bald in offenbaren
+Streit gerieten.
+
+Leider gehörte die Wissenschaft der Gaunersprache damals noch nicht zu
+meinen vielen Fähigkeiten--woraus man ersieht, wie wenig der Mensch
+beurteilen kann, welche Kenntnisse ihm am nützlichsten sein werden. Gar
+zu gern hätte ich den Sinn ihrer lauten Rede verstanden, denn ich konnte
+nicht in Zweifel sein, daß sie mich und mein Schicksal betraf. Die
+Mienen und Gebärden zeigten mir das mit unheimlicher Deutlichkeit, und
+wahre Flammenblicke, die unter den dichten, zusammengewachsenen Brauen
+des Häuptlings von Zeit zu Zeit nach mir herüberblitzten, ließen mich
+mein Amulett gegen den bösen Blick, das jetzt auf der zottigen Brust des
+Ungeheuers selber erglänzte, sehr vermissen. In der Tat hatte ich, wie
+ich später erfuhr, einen Liebling Angulimalas und dazu den besten Degen
+der ganzen Bande vor seinen Augen niedergestreckt, und der Häuptling
+hatte mich nur deshalb nicht getötet, weil er seine Rachsucht durch den
+Anblick meiner langsamen Todesmarter zu stillen gedachte. Die anderen
+aber wollten nicht zugeben, daß eine reiche Beute, die von Rechts wegen
+der ganzen Bande gehörte, auf solche Weise nutzlos vergeudet würde. Ein
+kahler, glatt rasierter Mann, der wie ein Priester aussah, fiel mir als
+Angulimalas Hauptgegner auf, der allein es verstand, diesen Wilden zu
+bändigen. Er war auch der einzige, dessen Gesichtsfarbe während des
+Zechens seine Blässe bewahrte. Nach einem langen Streit, währenddessen
+Angulimala ein paarmal in die Höhe fuhr und zum Schwerte griff, siegte
+schließlich--zu meinem Heile--der professionelle Gesichtspunkt.
+
+Die Bande Angulimalas gehörte nämlich zu den "Absendern"--so genannt,
+weil es zu ihren Regeln gehört, von zwei Gefangenen den einen
+abzusenden, damit er das geforderte Lösegeld auftreibe. Wenn sie einen
+Vater und seinen Sohn gefangen nahmen, hießen sie den Vater gehen, das
+Lösegeld für den Sohn zu beschaffen; von zwei Brüdern schickten sie den
+älteren; war ein Lehrer mit seinem Jünger in ihre Hände gefallen, so
+wurde der Jünger abgesandt, hatten sie einen Herrn und seinen Diener
+gefangen, so mußte der Diener gehen--darum eben hießen sie "Absender".
+Zu diesem Zwecke hatten sie, ihrer Sitte gemäß, jenen Diener meines
+Vaters geschont, während sie alle meine anderen Leute niedermetzelten;
+denn obschon etwas bejahrt, war dieser noch rüstig und sah klug und
+erfahren aus--wie er denn auch schon mehrmals Karawanen geführt hatte.
+
+Er wurde nun seiner Fesseln entledigt und noch an demselben Abend
+abgeschickt, nachdem ich ihm eine vertrauliche Botschaft mitgegeben
+hatte, an der meine Eltern die Richtigkeit der Sache erkennen konnten.
+Bevor er sich auf den Weg begab, ritzte aber Angulimala einige Zeichen
+in ein Palmblatt und übergab es ihm. Es war eine Art Geleitbrief für den
+Fall, daß er auf dem Rückweg, wenn er die Summe bei sich trug, in die
+Hände anderer Räuber fallen sollte. Denn Angulimalas Name war so
+gefürchtet, daß selbst Räuber, die Königsgeschenke von der Straße
+entführten, sich nimmer vermessen hätten, etwas, das sein Eigentum war,
+auch nur anzurühren.
+
+Auch mir wurden nun bald die Fesseln abgenommen, da man wohl wußte, daß
+ich nicht töricht genug sein würde, einen Fluchtversuch zu machen. Das
+erste, wozu ich meine Freiheit benutzte, war, daß ich nach der Stelle
+hinstürzte, wo ich die Asokablume hatte verschwinden sehen. Aber ach,
+nicht einmal mehr ein farbloses Restchen konnte ich von ihr entdecken!
+Diese zarte Blumenflamme schien unter den rohen Räuberfüßen gänzlich zu
+Asche zerstampft. War sie ein Wahrzeichen unseres Liebesglücks?
+
+Ziemlich frei lebte und bewegte ich mich jetzt unter diesen gefährlichen
+Gesellen, in der Erwartung des Lösegeldes, das binnen zwei Monaten
+kommen mußte.
+
+Da wir uns in der dunklen Hälfte des Monats befanden, gingen die
+Diebstähle und Räubereien lebhaft vonstatten. Denn diese Zeit, die der
+furchtbaren Göttin Kali gehört, wird fast ausschließlich zu den
+regelmäßigen Geschäften benutzt, so daß keine Nacht ohne irgend einen
+Überfall oder Einbruch verging. Mehrmals wurden auch ganze Dörfer
+geplündert. In der fünfzehnten Nacht des abnehmenden Mondes aber wurde
+Kalis Fest mit grauser Feierlichkeit begangen. Nicht nur Stiere und
+zahllose schwarze Ziegen, sondern auch einige unglückliche Gefangene
+wurden vor ihrem Bild geschlachtet; man stellte das Opfer vor den Altar
+und öffnete ihm eine Schlagader, so daß das Blut gerade in den
+aufgerissenen Mund der scheußlichen, mit Menschenschädeln behangenen
+Gestalt spritzte. Danach folgte eine wilde Orgie, wobei die Räuber sich
+im Rauschtrank bis zur Besinnungslosigkeit besoffen und sich mit den
+Bajaderen ergötzten, die man zu diesem Zwecke mit beispielloser
+Dreistigkeit aus einem großen Tempel entführt hatte. Angulimala, der in
+seiner Weinlaune großmütig wurde, wollte auch mich mit einer schönen,
+jungen Bajadere beglücken. Da ich aber in Erinnerung an Vasitthi das
+Mädchen verschmähte, so daß es ob dieser Schmach in Tränen ausbrach,
+geriet er darüber in eine solche Wut, daß er mich ergriff und auf der
+Stelle erdrosselt hätte, wäre mir nicht jener kahle, glattrasierte
+Räuber zu Hilfe gekommen. Wenige Worte von ihm genügten, um den eisernen
+Griff des Häuptlings erschlaffen zu lassen und ihn dann, brummend wie
+eine notdürftig bezähmte Bestie, fortzuschicken.
+
+Dieser merkwürdige Mann, der jetzt zum zweitenmal mein Retter wurde--mit
+Händen, die von dem von ihm geleiteten schrecklichen Kaliopfer noch
+blutig waren--war der Sohn eines Brahmanen. Weil er aber unter einer
+Räuberkonstellation geboren war, wandte er sich dem Räuberhandwerke zu.
+Zuerst hatte er den "Würgern" angehört, trat aber auf Grund
+wissenschaftlicher Erwägungen zu den "Absendern" über. Vom väterlichen
+Hause her hatte er nämlich einen Hang zu religiösen Betrachtungen und
+nicht weniger zu gelehrten Erörterungen ererbt. So leitete er einerseits
+den Opferdienst als Priester--und man schrieb das seltene Glück dieser
+Bande fast ebensosehr seiner Priesterwissenschaft wie der
+Führertüchtigkeit Angulimalas zu--andererseits trug er auch die
+Wissenschaft des Räuberwesens in systematischer Form vor, und zwar
+sowohl die Technik wie die Moral; denn ich merkte zu meinem Erstaunen,
+daß die Räuber eine solche hatten, und sich keineswegs für schlechtere
+Menschen als andere hielten.
+
+Diese Vorträge fanden besonders nachts in der lichten Hälfte des Monates
+statt, in der--abgesehen von zufälligen Vorkommnissen--die Geschäfte
+ruhten. Auf einer Waldwiese hockten die Zuhörer in mehreren
+halbkreisförmigen Reihen um den ehrwürdigen Vajaçravas, der mit
+untergeschlagenen Beinen dasaß. Sein mächtiger haarloser Schädel
+erglänzte im Mondlicht, und seine ganze Erscheinung war der eines
+vedischen Lehrers nicht unähnlich, der in der Stille der Mondnacht den
+Insassen der Waldeinsiedelei die Geheimlehre mitteilt--aber manches
+unheilig wilde Gesicht, ja manche Galgenphysiognomie war rings in der
+Runde zu schauen. Mir ist es in der Tat, als ob ich sie in diesem
+Augenblick sähe--als ob ich das tiefe auf und ab schwellende Brausen des
+ungeheuren Waldes hörte, manchmal durch das ferne Gebrüll eines Tigers
+oder das heisere Bellen des Panthers unterbrochen--und dazu, ruhig
+fließend wie ein Strom, die Stimme Vajaçravas'--diesen tiefen,
+volltönenden Baß, eine köstliche Erbschaft ungezählter Generationen von
+Udgatars[1].
+
+ [1] Vedischer Opfersänger.
+
+Zu diesen Vorträgen hatte ich Zutritt, weil Vajaçravas eine Vorliebe für
+mich gefaßt hatte. Er behauptete sogar, ich sei unter einem Räuberstern
+geboren wie er, und ich würde mich einmal den Dienern Kalis zugesellen,
+weshalb es mir nützlich sei, seiner Rede zu lauschen, die unzweifelhaft
+den in mir noch schlummernden Trieb wachrufen würde. Ich habe da also
+sehr merkwürdige Vorlesungen von ihm gehört über die verschiedenen
+"Sekten Kalis"--gewöhnlich Diebe und Räuber genannt--und über ihre
+unterschiedlichsten Gebräuche. Ebenso lehrreich wie unterhaltend waren
+seine Exkurse über Themata wie: "Die Nützlichkeit der Dirnen zum
+Hineinlegen der Polizei", oder "Kennzeichen der für Bestechung
+zugänglichen Beamten höheren und niederen Ranges, nebst kurzer Anweisung
+über die in Frage kommenden Geldbeträge". Von scharfsinnigster
+Menschenbeobachtung und strengster Schlußfolgerung zeugte seine
+Behandlung der Frage "Wie und warum die Spitzbuben sich auf den ersten
+Blick gegenseitig erkennen, während die ehrlichen Leute es nicht tun,
+und welche Vorteile aus diesem Umstande ersteren erwachsen", nicht zu
+reden von den glänzenden Ausführungen: "Über die Stupidität der
+Nachtwächter im allgemeinen, eine anregende Betrachtung für
+Anfänger"--bei welchen der nächtliche Wald von einem Lachchor
+widerhallte, so daß man von allen Seiten des Lagers zusammenströmte, um
+zu hören, was los sei.
+
+Aber auch trockene technische Fragen wußte der Meister interessant zu
+behandeln, und ich erinnere mich wirklich fesselnder Schilderungen, wie
+man geräuschlos eine Bresche in der Wand macht oder einen unterirdischen
+Gang kunstgerecht anlegt. Die richtige Verfertigung der verschiedenen
+Arten von Brecheisen, besonders des sogenannten "Schlangenmaules", sowie
+des "krebsförmigen" Hakens wurde sehr anschaulich dargelegt; der
+Gebrauch des leisen Saitenspieles, um zu erkunden, ob jemand wacht, und
+des aus Holz gemachten Männerkopfes, den man zur Tür oder zum Fenster
+hereinsteckt, um zu sehen, ob dieser vermeintliche Einbrecher bemerkt
+wird--alles dies wurde gründlich besprochen. Seine Erörterungen, wie man
+bei Ausführung eines Diebstahls unbedingt jeden umbringen müsse, der
+später als Zeuge würde auftreten können, sowie die allgemeinen
+Betrachtungen, wie ein Dieb nicht mit einem moralischen Wandel behaftet
+sein dürfe, sondern rauh, hart und gewalttätig, gelegentlich dem
+Rauschtrank und den Dirnen ergeben sein müsse, zählen zu den
+gelehrtesten und geistreichsten Vorträgen, die ich je gehört habe.
+
+Um dir aber eine richtige Vorstellung von diesem wahrhaft profunden
+Geiste zu geben, muß ich dir die berühmteste Stelle aus seinem in fast
+kanonischem Ansehen stehenden Kommentar zu den uralten Kali-Sutras, der
+Geheimlehre der Diebe, hersagen.[1]
+
+ [1] Über den indischen Sutrastil und das folgende Kapitel siehe die
+ Note am Schlusse des Werkes.
+
+
+
+
+X. Geheimlehre
+
+
+Also: Das 476. Sutram lautet: _"Auch die göttliche, meint
+ihr?--Nein!--Unverantwortlichkeit--wegen des Raumes der Schrift, der
+Tradition."_
+
+Der ehrwürdige Vajaçravas kommentiert dies folgendermaßen:
+
+_"Auch die göttliche--"_ nämlich Strafe. Denn im vorhergehenden
+Sutram war von solchen Strafen die Rede, welche der Fürst oder die
+Obrigkeit über den Räuber verhängt, als da sind: Hand-, Fuß- und
+Nasenverstümmelung, der Breikessel, der Pechkranz, das Drachenmaul, das
+Spießrutenlaufen, der Marterbock, die siedende Ölbeträufelung, die
+Enthauptung, das Zerreißen durch Hunde, die Pfählung bei lebendigem
+Leibe--hinreichende Gründe, warum der Räuber sich womöglich nicht fangen
+lassen darf, wenn er aber doch gefangen worden ist, auf jede Weise zu
+entfliehen versuchen soll.
+
+Nun meinen einige: auch göttliche Strafe drohe dem Räuber. "Nein," sagt
+unser Sutram; und zwar deshalb nicht, weil _Verantwortungslosigkeit_
+statthat. Welches auf drei Weisen ersichtlich ist: durch Vernunft, durch
+den Veda und durch die überlieferten Heldenlieder.
+
+_"Wegen des Raumes"_--hiermit ist folgende Vernunfterwägung gemeint.
+Wenn ich einem Menschen oder einem Tier den Kopf abhaue, so fährt das
+Schwert zwischen die unteilbaren Teilchen hindurch; denn diese selbst
+kann es, eben wegen ihrer Unteilbarkeit, nicht durchschneiden. Was es
+durchschneidet, ist der die Teilchen trennende leere Raum. Diesem aber
+kann man, eben wegen seiner Leerheit, keinen Schaden zufügen. Denn einem
+Nichts schaden ist gleich: nicht schaden. Folglich kann man durch dies
+Durchschneiden des Raumes keine Verantwortlichkeit auf sich laden, und
+eine göttliche Strafe kann nicht stattfinden. Wenn aber dies vom Töten
+gilt, wieviel mehr dann von Handlungen, die von den Menschen geringer
+bestraft werden!
+
+Soweit die Vernunft, nunmehr die Schrift.
+
+Der heilige Veda lehrt uns, daß das einzige wahrhaft Existierende, die
+höchste Gottheit, das Brahman ist. Wenn dies aber wahr ist, dann ist
+offenbar alle Tötung eine leere Täuschung. Dies sagt auch der Veda mit
+deutlichen Worten an der Stelle, wo Yama, der Todesgott, den jungen
+Naçiketas über dies Brahman belehrt und unter anderem sagt:
+
+Wer, tötend, glaubt, daß er tötet,
+Wer, getötet, zu sterben glaubt,
+Irr geht dieser wie jener:--
+Der stirbt nicht, und der tötet nicht.
+
+Noch überzeugender aber wird diese abgründige Wahrheit im Heldenliede
+von Krishna und Arjuna uns offenbart. Denn Krishna, der an sich das
+ungewordene, unvergängliche, ewige, allgewaltige, unerdenkliche Wesen
+war, der höchste Gott, der sich zum Heil der Wesen als Mensch hatte
+gebären lassen--Krishna half in den letzten Tagen seines Erdenwandeins
+dem Könige der Panduinge, dem hochherzigen Arjuna, im Kriege gegen die
+Kuruinge, weil diese ihm und seinen Brüdern großes Unrecht getan hatten.
+Als nun die beiden Heere in Schlachtordnung ihre waffenstrotzenden
+Reihen einander gegenüberstellten, erblickte Arjuna auf der gegnerischen
+Seite manchen einstigen Freund, manchen Vetter und Gevatter der
+vergangenen Tage: denn die Panduinge und die Kuruinge waren Söhne von
+zwei Brüdern. Und Arjuna ward im Herzen innig gerührt, und er zögerte,
+das Zeichen zur blutigen Schlacht zu geben; denn er mochte nicht jene
+töten, die einst die Seinen gewesen. So stand er gesenkten Hauptes, von
+schmerzlichem Zaudern zernagt, unschlüssig auf seinem Streitwagen: und
+neben ihm der goldene Gott, Krishna, der sein Wagenlenker war. Und
+Krishna erriet die Gedanken des edlen Pandaverfürsten. Und er zeigte
+lächelnd auf die beiden Heeresmassen und belehrte ihn, wie alle jene
+Wesen nur scheinbar entstehen und vergehen, weil in ihnen allen nur das
+eine unerstandene und unvergängliche, von der Geburt und vom Tode
+unberührte Wesen besteht:
+
+Wer einen für den Mörder hält,
+Wer einen hier gemordet meint,
+Der kennt und weiß von beiden nichts:--
+Denn Keiner mordet, Keiner stirbt.
+Wohlan, den Kampf beginne du!
+
+Solchermaßen belehrt, gab der Pandaverfürst das Zeichen zum Beginn der
+ungeheuren Schlacht und siegte. Also machte Krishna, der menschgewordene
+höchste Gott, durch Offenbarung dieser großen Geheimlehre Arjuna von
+einem flachsinnigen und weichherzigen Mann zu einem tiefsinnigen und
+hartherzigen Weisen und Helden.
+
+So gilt denn nun in Wahrheit folgendes:
+
+Was Einer begeht und begehen läßt: wer zerstört und zerstören läßt, wer
+schlägt und schlagen läßt, wer Lebendiges umbringt, Nichtgegebenes
+nimmt, in Häuser einbricht, fremdes Gut raubt: Was Einer begeht, er
+ladet keine Schuld auf sich.--Und wer da gleich mit einer scharf
+geschliffenen Schlachtscheibe alles Lebendige auf dieser Erde zu einer
+einzigen Masse Mus, zu einer einzigen Masse Brei machte, der hat darum
+keine Schuld, begeht kein Unrecht. Und wer auch am südlichen Ufer der
+Ganga verheerend und mordend dahinzöge, so hat der darum keine Schuld:
+und wer da auch am nördlichen Ufer der Ganga spendend und schenkend
+dahinzöge, so hat der darum kein Verdienst. Durch Milde, Sanftmut,
+Selbstverzicht erwirbt man kein Verdienst, begeht man nichts Gutes.
+
+Und es folgt nun das erstaunliche, ja schreckliche
+
+ _477. Sutram_,
+
+welches in seiner frappanten Kürze lautet:
+
+_"Vielmehr--wegen des Essers."_
+
+Den Sinn dieser wenigen, in tiefstes Geheimnis sich hüllenden Worte
+erschließt uns der ehrwürdige Vajaçravas folgendermaßen:
+
+Weit davon entfernt, daß göttliche Strafe dem Räuber und Totschläger
+droht, findet "_vielmehr_" das Entgegengesetzte statt: nämlich
+Gottähnlichkeit, was aus den Vedastellen hervorgeht, wo der höchste Gott
+als der "_Esser_" gepriesen wird, wie:
+
+Der Krieger und Brahmanen ißt wie Brot,
+Das mit des Todes Brühe er begießt.
+
+Wie nämlich die Welt in Brahman ihren Ursprung hat, so auch ihr
+Vergehen, indem das Brahman sie immer wieder hervorgehen läßt und sie
+immer wieder vernichtet. Gott ist somit nicht nur der Schöpfer, sondern
+auch der Verschlinger aller Wesen, von denen hier nur "Krieger und
+Brahmanen" genannt werden, als die Vornehmsten, die für alle stehen. Wie
+es denn auch an einer anderen Stelle heißt:
+
+Ich esse Alle, aber mich ißt niemand.
+
+Diese Worte sagte nämlich der höchste Gott, als er in der Gestalt eines
+Widders den Knaben Medhatithi zur Himmelswelt trug. Denn ungehalten über
+seine gewaltsame Entführung verlangte dieser zu wissen, wer sein
+Entführer sei: "Sage mir, wer du bist, sonst werde ich, ein Brahmane,
+dich mit meinem Zorn treffen." Da gab nun der Widdergestaltige sich zu
+erkennen als jenes höchste Brahman, das Alles in Allem ist, mit den
+Worten:
+
+Wer ist's, der tötet und gefangen nimmt?
+Wer ist der Widder, der dich führt von dannen?
+Ich bin es, der in dieser Form erscheint,
+Ich bin es, der erscheint in allen Formen.
+
+Wenn Einer fürchtet sich vor was auch immer,
+Ich bin's, der fürchtet und der fürchten macht;
+Doch in der Größe ist ein Unterschied:
+Ich esse Alle, aber mich ißt niemand.
+
+Wer könnte mich erkennen, wer erklären?
+Ich schlug die Feinde alle, mich schlug niemand.
+
+Hier muß es nun auch dem blödesten Auge klar werden, daß die
+Brahmanähnlichkeit nicht darin liegen kann, geschlagen und gegessen zu
+werden--wie es der Fall sein müßte, wenn Sanftmut und Selbstverzicht
+etwas Gutes wäre--sondern im Gegenteil darin, alle Anderen zu schlagen
+und zu essen--d.h. auszunutzen und zu vernichten--selbst aber von
+niemand Schaden zu leiden.
+
+Es kann demnach keinem Zweifel unterliegen, daß jene Lehre--von der
+Höllenstrafe der Gewalttäter--von den Schwachen erfunden ist, um sich
+vor der Gewalttätigkeit der Starken zu schützen, indem sie dadurch die
+letzteren einschüchtern wollen.
+
+Und wenn im Veda einige Stellen diese Lehre enthalten, so müssen
+sie--weil mit den Hauptsätzen unvereinbar--von jenen fälschlich
+eingeschoben worden sein.
+
+Wenn also der Rigveda sagt, daß, obwohl die ganze Welt eigentlich
+das Brahman ist, der Gott dennoch den Menschen als das
+Brahmandurchdrungenste erkenne:--so muß nunmehr anerkannt werden,
+daß unter den Menschen wiederum der echte und wahre Räuber das
+Brahmandurchdrungenste Wesen ist und somit die Krone der Schöpfung
+darstellt. Was aber den Dieb anbelangt, der sich zur Räuberschaft nicht
+erhebt, so ist es, weil die Schrift des öfteren erklärt, daß die Meinung
+"dies gehört mir" eine Wahnvorstellung ist, die dem höchsten Zwecke des
+Menschen hinderlich ist, ohne weiteres klar, daß der Dieb, der eben die
+beständige tatsächliche Widerlegung jenes Wahnes "dies gehört mir" zu
+seiner Lebensaufgabe gemacht hat, die höchste Wahrheit vertritt. Doch
+steht, wegen seiner Gewalttätigkeit, der Räuber höher.
+
+So ist denn nun das "Krone-der-Schöpfung-Sein" des Räubers erwiesen,
+sowohl durch Vernunfterwägung, wie mittelst der Schrift, und ist als
+unwiderlegbar zu betrachten.
+
+
+
+
+XI. DER ELEFANTENRÜSSEL
+
+
+Nach dieser Probe der seltsamen Denkweise dieses außerordentlichen
+Mannes--dem man wenigstens nicht, wie so vielen anderen berühmten
+Denkern, zur Last legen kann, daß er seine Theorie nicht in die Praxis
+umsetzte--nehme ich den Faden meiner Erzählung wieder auf.
+
+Bei solchen mannigfachen Erlebnissen und neuen
+Geistesbeschäftigungen--ich versäumte selbstverständlich nicht, die
+Gaunersprache mir zu eigen zu machen--konnte die Wartezeit mir nicht
+lang werden. Je mehr sie sich aber ihrem Ende näherte, um so mehr wurde
+meine Seelenruhe durch drückende Besorgnisse erschüttert. Würde das
+Lösegeld überhaupt ankommen? Wenn auch jener Geleitbrief den Diener
+gegen Räuber schützte, so könnte ihn ja unterwegs ein Tiger zerreißen
+oder ein angeschwollener Fluß fortschwemmen, oder irgend einer der
+zahllosen, nicht vorauszusehenden Zufälle einer Reise ihn aufhalten, bis
+es zu spät war. Die Flammenblicke Angulimalas schossen oft so böswillig
+nach mir hin, als ob er diesen Fall erhoffte, und der Angstschweiß brach
+mir dann aus allen Poren. Wie wundervoll systematisch eingeleitet und
+scharf logisch begründet auch die Ausführung Vajaçravas' darüber war,
+daß in jedem Fall, in dem das Lösegeld nicht zur rechten Stunde gebracht
+würde, der Betreffende mit einer Baumsäge durchzusägen und beide Teile
+mitten auf die Landstraße hinzuwerfen seien--und zwar der Kopfteil nach
+der Seite des aufgehenden Mondes zu: so gestehe ich doch, daß meine
+Bewunderung für diese wissenschaftlich gewiß staunenswerte Leistung
+meines gelehrten Freundes durch eine eigentümliche Bewegung meines etwas
+"betroffenen" Bauchfelles einigermaßen beeinträchtigt wurde, zumal als
+wirklich die doppelzähnige Baumsäge, die bei solchen Gelegenheiten
+benutzt wurde, hergebracht und zur Veranschaulichung von zwei grimmigen
+Gesellen an einem einen Menschen vorstellenden Bündel in Wirksamkeit
+gesetzt wurde.
+
+Vajaçravas, der bemerkte, wie mir übel wurde, klopfte mir aufmunternd
+auf die Schulter und meinte, das ginge mich ja nichts an. Dadurch
+schöpfte ich natürlich die Hoffnung, daß er mich im Notfalle zum dritten
+Male retten würde. Als ich aber in dankbarstem Tone etwas davon
+verlauten ließ, machte er ein gar ernstes Gesicht und sprach:
+
+"Wenn dir dein Karma wirklich so gram sein sollte, daß das Lösegeld
+nicht zur rechten Zeit ankommt, und wäre es auch nur um einen halben Tag
+verspätet, dann kann dir freilich kein Gott und kein Teufel helfen, denn
+die Gesetze Kalis sind unverbrüchlich. Jedoch, sei getrost, mein Sohn!
+Du bist noch zu ganz anderen Dingen bestimmt. Und für dich fürchte ich
+eher, daß du einmal, nach einem ruhmreichen Räuberleben, auf einem
+öffentlichen Platze enthauptet oder gepfählt wirst--doch das hat ja noch
+gute Weile."
+
+Ich könnte nicht sagen, daß dieser Trost mich sehr aufgerichtet hätte,
+und so fühlte ich mich denn nicht wenig erleichtert, als eine volle
+Woche vor Ablauf der Frist unser getreuer alter Diener mit der
+geforderten Geldsumme eintraf. Ich nahm Abschied von meinem furchtbaren
+Wirt, der in Erinnerung an seinen erschlagenen Freund finster
+dreinblickte, als ob er mich lieber hätte durchsägen lassen, und drückte
+zärtlich die Hand des Brahmanen, der eine Träne der Rührung durch die
+Zuversicht bannte, wir würden uns sicher noch auf den nächtlichen Pfaden
+Kalis begegnen. So zogen wir beide denn ab, von vier Räubern begleitet,
+die mit ihrer Haut für unsere sichere Ankunft in Ujjeni hafteten. Denn
+Angulimala, der um seine Räuberehre sehr besorgt war, versprach ihnen,
+als er uns verabschiedete, wenn ich nicht heil in meiner Vaterstadt
+abgeliefert würde, ihnen die Haut über die Ohren zu ziehen und ihre
+Felle an den vier Ecken eines Kreuzweges aufzuhängen; und es war
+bekannt, daß er immer sein Versprechen hielt. Glücklicherweise wurde das
+hier nicht nötig, und die vier Gesellen, die sich unterwegs sehr wacker
+betrugen, mögen noch in diesem Augenblick im Dienste der
+schädelhalsbandschüttelnden Tänzerin sein.
+
+Wir erreichten Ujjeni ohne weitere Abenteuer, und ich hatte in der Tat
+auch an den erlebten genug. Die Freude meiner Eltern, mich
+wiederzusehen, war unbeschreiblich. Um so unmöglicher war es, ihnen die
+Erlaubnis abzuringen, bald wieder eine Reise nach Kosambi zu
+unternehmen. Mein Vater hatte ja außer der nicht unbedeutenden Lösesumme
+auch alle Waren meiner Karawane und alle Leute verloren und war so bald
+nicht imstande, eine neue Karawane auszurüsten. Aber dies war nur ein
+kleines Hindernis im Verhältnis zu dem Schrecken, der meine Eltern beim
+Gedanken an die Gefahren des Weges befiel. Auch hörte man ab und zu
+immer wieder von furchtbaren Taten Angulimalas, und ich kann nicht
+leugnen, daß es mich wenig gelüstete, noch einmal in seine Hände zu
+fallen. Eine Botschaft nach Kosambi gelangen zu lassen, gab es in dieser
+Zeit durchaus keine Möglichkeit, und so mußte ich mich denn mit der
+Erinnerung begnügen und in fester Zuversicht auf die Treue meiner
+angebeteten Vasitthi mich auf bessere Zeiten vertrösten.
+
+Diese kamen denn endlich auch. Eines Tages flog wie ein Lauffeuer die
+Nachricht durch die Stadt, der schreckliche Angulimala sei von Satagira,
+dem Sohne des Ministers in Kosambi, aufs Haupt geschlagen, die Bande
+niedergemetzelt oder zersprengt, der Häuptling aber mit vielen der
+hervorragendsten Räuber gefangen genommen und hingerichtet worden.
+
+Nun konnten meine Eltern meinen stürmischen Bitten nicht mehr
+widerstehen. Man hatte in der Tat guten Grund, anzunehmen, daß jetzt für
+längere Zeit die Straßen frei sein würden, und mein Vater war nicht
+abgeneigt, wieder mit einer Karawane sein Glück zu versuchen. Da befiel
+mich plötzlich eine Krankheit, und als ich vom Lager wieder aufstand,
+war die Regenzeit schon so nahe herangerückt, daß man diese erst
+abwarten mußte. Dann stand aber auch meiner Abreise nichts mehr
+entgegen. Mit vielen Ermahnungen zur Vorsicht nahmen meine Eltern
+Abschied von mir, und ich befand mich wieder unterwegs an der Spitze
+einer wohlversehenen Karawane von dreißig Ochsenkarren, freudigen und
+mutigen Herzens und von brennender Sehnsucht getrieben.
+
+Unsere Reise ging so glatt vonstatten, wie das erste Mal, und an einem
+schönen Morgen zog ich, halb närrisch vor Freude, in Kosambi ein. Hier
+gewahrte ich nun bald ein ungewöhnliches Menschengedränge in den
+Straßen. Ich kam infolgedessen immer langsamer vorwärts, bis mein Zug an
+einer Stelle, wo er eine Hauptverkehrsader der Stadt zu durchkreuzen
+hatte, endlich völlig zum Stillstehen gebracht wurde. Es war
+schlechterdings nicht möglich, durch die Menge hindurchzudringen, und
+ich bemerkte nun auch, daß jene Hauptstraße durch Fahnenstangen, von den
+Fenstern und Söllern herabhängende Teppiche und querüber gespannte
+Blumengewinde aufs prächtigste geschmückt war--wie für irgend einen
+Aufzug. Fluchend vor Ungeduld, fragte ich die vor mir Stehenden, was
+hier los sei.
+
+"Ei," riefen sie, "weißt du denn nicht, daß heute Satagira, der Sohn des
+Ministers, seine Hochzeit feiert? Du kannst dich glücklich preisen,
+gerade zu rechter Zeit eingetroffen zu sein, denn der Zug kommt jetzt
+vom Krishnatempel hier vorüber, und eine solche Pracht hast du gewiß
+noch nirgends gesehen."
+
+Daß Satagira Hochzeit hielt, war mir eine ebenso wichtige wie
+willkommene Nachricht, weil sein Werben um meine Vasitthi bei ihren
+Eltern eins der größten Hindernisse für unsere Vereinigung gewesen wäre.
+So ließ ich mir denn das Warten gefallen, um so mehr als es nicht lange
+dauern konnte; denn schon waren die Lanzenspitzen einer Reiterabteilung
+sichtbar, die unter ohrenbetäubendem Jubel vorüberzog. Diese Reiter
+genossen, wie man mir mitteilte, in Kosambi die größte Volksgunst, weil
+hauptsächlich sie es waren, die die Bande Angulimalas unschädlich
+gemacht hatten.
+
+Fast unmittelbar hinter ihnen kam der Elefant, der die Braut
+trug--allerdings ein überwältigender Anblick. Die knorrige, hügelartige
+Stirn des Riesentieres war, dem Götterberg Meru ähnlich, mit einem Flor
+von mannigfarbigen Edelsteinen bedeckt. Wie bei einem brünstigen
+Ilfenstier der Saft an den Schläfen und Wangen herabträufelt, und
+Bienenschwärme, von seinem süßen Duft angelockt, darüber hängen, also
+erglänzten hier Schläfen und Wangen von den wundervollsten Perlen und
+darüber baumelten durchsichtige Gehänge von schwarzen Diamanten--eine
+Wirkung, die zum Aufschreien schön war. Die mächtigen Hauer waren mit
+dem feinsten Golde beschlagen; und aus demselben edlen Metalle war die
+mit großen Rubinen besetzte Brustplatte, von der der duftigste blaue
+Benaresmusselin herabhing und die kräftigen Beine des Tieres--wie
+Morgennebel die Baumstämme--leicht umwallte.
+
+Aber es war der Rüssel des Staatselefanten, der vor allem meinen Blick
+fesselte. Auch zu Hause, in Ujjeni, hatte ich ja bei Prozessionen sehr
+prachtvolle Dekorationen der Elefantenrüssel gesehen, aber niemals eine,
+die so geschmackvoll gewesen wäre wie diese. Bei uns nämlich wurde der
+Rüssel in Felder eingeteilt, die irgend ein feines Muster bildeten, und
+war also ganz mit Farbe gedeckt. Hier aber war die Haut als Untergrund
+frei gelassen, und über diesen astähnlichen Grund war ein loses
+Laubgeranke von lanzettförmigen Asokablättern geschlungen, aus dem
+gelbe, orangefarbene und scharlachrote Blumen hervorleuchteten--Alles in
+köstlichster ornamentaler Stilisierung ausgeführt.
+
+Während ich nun mit dem Blick eines Kenners dies Wunderwerk studierte,
+kam ein gar wehmütiges Gefühl über mich, indem ich gleichsam den ganzen
+Liebesduft jener seligen Nächte auf der Terrasse wieder einatmete. Mein
+Herz begann heftig zu pochen, da ich unwillkürlich an meine eigene
+Hochzeit denken mußte; denn welcher Schmuck konnte sinniger erfunden
+werden für das Tier, welches dereinst Vasitthi tragen sollte, als gerade
+dieser, da ja die "Terrasse der Sorgenlosen" wegen ihrer wunderbaren
+Asokablüten in ganz Kosambi berühmt war?
+
+In diesem fast traumhaften Zustande vernahm ich, wie eine Frau neben mir
+zu einer anderen sagte:
+
+"Aber die Braut--die sieht doch gar nicht fröhlich aus!"
+
+Unwillkürlich blickte ich in die Höhe, und ein seltsam unheimliches
+Gefühl beschlich mich, als ich die Gestalt gewahr wurde, die dort unter
+dem purpurnen Baldachin saß. Gestalt, sage ich--das Gesicht konnte ich
+nicht sehen, weil der Kopf vornüber auf die Brust gesunken war--aber
+auch von einer Gestalt sah man wenig, und es schien, als ob in jener
+Masse von regenbogenfarbigen Musselins, wenn auch ein Körper, so doch
+kein mit lebendiger, widerstandsfähiger Kraft begabter steckte. Die Art
+und Weise, wie sie hin und her schwankte bei den Bewegungen des Tieres,
+dessen mächtige Schritte das Zelt auf seinem Rücken in starkes Schaukeln
+versetzten, hatte etwas unsagbar Trauriges, ja fast etwas
+Grauenerregendes an sich. Man konnte in der Tat befürchten, daß sie im
+nächsten Augenblick herunterstürzen würde. Eine solche Furcht mochte
+auch die hinter ihr stehende Dienerin bewegen, denn sie faßte die Braut
+an den Schultern und neigte sich zu ihr vor, um ihr aufmunternde Worte
+ins Ohr zu flüstern.
+
+Ein eisiger Schreck lähmte mich, als ich in dieser vermeintlichen
+Dienerin--Medini erkannte. Und ehe mir diese Ahnung noch deutlich
+geworden war, hatte die Braut Satagiras den Kopf erhoben.
+
+Es war meine Vasitthi.
+
+
+
+
+XII. AM GRABE DES HEILIGEN VAJAÇRAVAS
+
+
+Ja, sie war es. Keine Möglichkeit, sich in diesen Zügen zu
+täuschen,--und doch ähnelten sie sich selber nicht, und ähnelten in der
+Tat nichts, das ich je gesehen hatte; in einem so namenlosen,
+übermenschlichen Jammer schienen sie versteinert zu sein.
+
+Als ich wieder zur Besinnung kam, zogen gerade die Letzten des Zuges
+vorüber. Man schrieb meine plötzliche Ohnmacht der Hitze und dem
+Menschengedränge zu. Willenlos ließ ich mich in die nächste Karawanserei
+bringen.
+
+Hier warf ich mich in der dunkelsten Ecke nieder, das Gesicht nach der
+Wand gekehrt, und blieb da, in Tränen gebadet und alle Speise
+verschmähend, tagelang liegen, nachdem ich jenem alten Diener und
+Karawanenführer, der mich schon auf der ersten Fahrt begleitet,
+Anweisung gegeben hatte, so schnell wie möglich und selbst unter
+schlechten Bedingungen unsere Waren loszuschlagen, da ich zu krank sei,
+um mich mit Geschäften abzugeben. In der Tat konnte ich nur an meinen
+unfaßbaren Verlust denken; auch wollte ich mich nicht in der Stadt
+zeigen, um von niemand erkannt zu werden. Denn ich wollte vor allem
+verhindern, daß Vasitthi von meiner Anwesenheit etwas erführe.
+
+Ihr Bild, wie ich sie zuletzt gesehen, schwebte mir fortwährend vor der
+Seele. Wohl war ich über ihren Wankelmut oder eher ihre Schwäche
+entrüstet; denn ich sah wohl ein, daß nur die letzte in Frage kam, und
+daß sie dem Drängen der Eltern nicht hatte widerstehen können. Daß sie
+dem triumphierenden Ministersohn nicht ihr Herz zugewandt hatte, davon
+zeugten ihre Haltung und Miene deutlich genug. Wenn ich mich aber ihrer
+erinnerte, wie sie im Krishnahaine leuchtenden Blickes mir ewige Treue
+zugeschworen hatte, verstand ich nicht, wie es möglich war, daß sie so
+bald nachgegeben hatte, und ich sagte mir unter bitterem Seufzen, daß
+auf Mädchenschwüre kein Verlaß sei. Aber immer wieder tauchte jenes
+Gesicht voll tiefsten Jammers vor mir auf--und sofort war dann auch
+jeder Groll verscheucht, nur das innigste Mitleid wallte ihm entgegen;
+und so beschloß ich fest, ihren Kummer nicht dadurch noch zu vermehren,
+daß von meiner jetzigen Anwesenheit in Kosambi ihr etwas zu Gehör käme.
+Nie mehr sollte sie etwas von mir erfahren; sicher würde sie dann
+glauben, daß ich gestorben sei, und sich in ihr Schicksal, dem es ja an
+äußerem Glanz nicht fehlte, nach und nach ergeben.
+
+Ein günstiger Umstand fügte es, daß mein alter Diener unerwartet schnell
+die Waren sehr vorteilhaft eintauschte oder verkaufte, so daß ich schon
+nach wenigen Tagen in früher Morgenstunde mit meiner Karawane Kosambi
+verlassen konnte.
+
+Als ich nun durch das westliche Stadttor hinausgekommen war, wandte ich
+mich um und warf einen letzten Blick auf die Stadt, in deren Mauern ich
+so Unvergeßliches an Freude und Leid erlebt hatte. Vor einigen Tagen,
+als ich eingezogen, war ich dermaßen von ungeduldiger Erwartung erfaßt
+gewesen, daß ich für nichts in der Nähe ein Auge gehabt hatte. So wurde
+ich denn jetzt zum ersten Male gewahr, daß nicht nur die Zinnen des
+Tores, sondern auch der Mauerrand zu beiden Seiten mit aufgespießten
+Menschenköpfen schrecklich geschmückt war?
+
+Kein Zweifel--es waren die Köpfe der hingerichteten Räuber aus der Bande
+Angulimalas!
+
+Zum ersten Male, seitdem ich Vasitthis Gesicht unter dem Baldachin
+gesehen, erfüllte mich jetzt ein anderes Gefühl als das der Trauer,
+indem ich mit unaussprechlichem Schauder diese Köpfe betrachtete, von
+denen die Geier längst nur das Knochengerüst übrig gelassen hatten und
+höchstens noch die Zöpfe oder hier und dort einen Bart, dessen
+Urwüchsigkeit sein Gebiet geschützt hatte. So wären sie alle unerkennbar
+gewesen, wenn nicht einer durch den wilden, roten Bart, ein anderer
+durch die nach der Art der asketischen Flechtenträger am Scheitel
+aufgewundenen Zöpfe sich verraten hätte. Diese beiden und zweifelsohne
+auch viele der anderen hatten mir oft in der nächtlichen Runde
+kameradschaftlich zugenickt, und ich erinnerte mich mit entsetzlicher
+Anschaulichkeit, wie dieser rote Bart, im Mondesstrahle sprühend, bei
+jenem Vortrage über die Stupidität der Nachtwächter vor Lustigkeit
+gewackelt hatte, ja fast vermeinte ich aus dem lippenlosen Munde noch
+das dröhnende Gelächter zu hören.
+
+Aber auf der mittleren Torzinne erglänzte, etwas über die anderen
+erhoben, ein mächtiger Schädel im Strahle der aufgehenden Sonne und zog
+gebieterisch meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Wie sollte ich diese
+Formen nicht wiedererkennen? Der war's, der uns damals zum Lachen
+gebracht hatte, ohne selbst eine Miene seines Brahmanengesichtes zu
+verziehen. Vajaçravas' Kopf dominierte hier, während der Angulimalas
+zweifelsohne über dem östlichen Stadttor aufgesteckt war. Und ein
+sonderbares Gefühl beschlich mich bei dem Gedanken, wie gründlich er
+einst die verschiedenen Arten von Todesstrafen expliziert hatte--das
+Vierteilen, das Zerreißen durch Hunde, die Pfählung, die
+Enthauptung--und wie sorgfältig er dadurch begründen wollte, daß der
+Räuber sich nicht fangen lassen dürfe; wenn er aber schon einmal
+gefangen sei, versuchen müsse, durch alle Mittel zu entfliehen. Ach! Was
+hatte ihm seine Wissenschaft geholfen? So wenig vermag der Mensch seinem
+Schicksal zu entgehen, das ja nur die Frucht unserer Taten ist--sei es
+in diesem, sei es in einem vorhergehenden Leben!
+
+Und mir war es, als ob er durch seine leeren Augenhöhlen mich gar ernst
+betrachtete und sein halb geöffneter Mund mir zuriefe: "... Kamanita,
+Kamanita! betrachte mich genau, achte wohl auf diesen Anblick! Auch du,
+mein Sohn, bist unter einem Räubergestirn geboren, auch du wirst die
+nächtigen Pfade Kalis betreten, und ebenso wie ich hier, wirst auch du
+einmal irgendwo enden."
+
+Aber seltsam genug: diese Phantasie, die so lebhaft wie eine sinnliche
+Wahrnehmung war, erfüllte mich nicht mit Schrecken und Schaudern. Meine
+vermeintlich vorgeschriebene Räuberlaufbahn, der ich noch nie einen
+ernsten Gedanken geschenkt hatte, stand plötzlich nicht nur in ernstem,
+sondern sogar in verlockendem Lichte vor mir.
+
+Räuberhäuptling!--Was konnte mir Elenden erwünschter sein? Denn daran
+zweifelte ich keinen Augenblick, daß ich mit meinen vielen Fähigkeiten
+und Kenntnissen, und besonders mit denen, die ich dem Unterricht des
+ehrwürdigen Vajaçravas verdankte, eine leitende Stellung einnehmen
+würde. Und welche Stellung käme denn für mich der eines Räuberhäuptlings
+gleich? War doch selbst die eines Königs dagegen gering zu schätzen.
+Denn konnte die mir Rache an Satagira verschaffen? Konnte die Vasitthi
+in meine Arme führen? Ich sah mich selbst mitten im Walde im Kampfe mit
+Satagira, dem ich mit einem wuchtigen Schwerthieb den Schädel spaltete;
+und wieder sah ich mich, wie ich die ohnmächtige Vasitthi in meinen
+Armen aus dem brennenden, von Räuberstimmen widerhallenden Palast
+entführte.
+
+Zum ersten Maie seit jenem jammervollen Anblick schlug mein Herz wieder
+mutig und hoffnungsvoll einer Zukunft entgegen; zum ersten Male wünschte
+ich mir nicht den Tod, sondern das Leben.
+
+Von solchen Bildern erfüllt war ich kaum tausend Schritte weiter
+gezogen, als ich vor mir auf dem Wege eine von der entgegengesetzten
+Seite kommende Karawane halten sah, während der Führer an einem kleinen
+Hügel unmittelbar an der Landstraße offenbar ein Opfer darbrachte.
+
+Ich ging auf ihn zu, grüßte ihn höflich und fragte ihn, welche Gottheit
+er hier verehrte.
+
+"In diesem Grabe," antwortete er, "ruht der heilige Vajaçravas, dessen
+Schutze ich es verdanke, daß ich, durch eine gefährliche Gegend ziehend,
+heil und unversehrt an Leib und Gut nach Hause komme. Und ich rate dir
+sehr, es ja nicht zu versäumen, hier ein passendes Opfer darzubringen.
+Denn wenn du auch beim Einziehen in das waldige Gebiet hundert Waldhüter
+mietetest, so würden die dir keine so gute Hilfe gegen Räuber sein, wie
+es der Schutz dieses Heiligen ist."
+
+"Mein lieber Mann!" entgegnete ich, "dieser Grabhügel scheint nur wenige
+Monate alt zu sein, und wenn in ihm ein Vajaçravas begraben liegt, so
+wird das gewiß kein Heiliger sein, sondern der Räuber dieses Namens."
+
+Der Kaufmann aber nickte ruhig zustimmend.
+
+"Der nämliche--gewiß.... Ich sah, wie er an dieser Stelle gepfählt
+wurde. Und sein Kopf steckt noch über dem Tor. Nachdem er aber so die
+vom Fürsten verhängte Strafe erlitten hat, ist er, dadurch von seinen
+Sünden geläutert, fleckenlos in den Himmel eingegangen, und sein Geist
+schützt jetzt den Reisenden gegen Räuber. Auch sagt man übrigens, daß er
+schon während seines Räuberlebens ein gar gelehrter und fast heiliger
+Mann gewesen sei; denn er wußte selbst geheime Teile des Veda
+auswendig--wenigstens heißt es so."
+
+"Das verhält sich wirklich so," versetzte ich, "denn ich habe ihn sehr
+gut gekannt und darf mich sogar seinen Freund nennen."
+
+Als der Kaufmann mich bei diesen Worten etwas erschrocken ansah, fuhr
+ich fort:
+
+"Du mußt nämlich wissen, daß ich einst bei dieser Bande in
+Gefangenschaft geraten war, und daß Vajaçravas mir bei dieser
+Gelegenheit zweimal das Leben gerettet hat."
+
+Der Blick des Kaufmanns ging vom Schrecken zu bewunderndem Neid über:
+
+"Nun, dann kannst du dich wahrlich glücklich preisen. Stünde ich so bei
+ihm in Gunst, dann würde ich in wenigen Jahren der reichste Mann in
+Kosambi sein. Und nun, eine glückliche Reise, Beneidenswerter!"
+
+Damit ließ er seine Karawane sich wieder in Bewegung setzen.
+
+Ich versäumte selbstverständlich nicht, am Grabe meines berühmten und
+verehrten Freundes eine Totenspende niederzulegen, mein Gebet ging aber,
+allen anderen hier abgehaltenen entgegen, darauf hinaus, daß er mich
+geradeswegs in die Arme der nächsten Räuberbande leiten sollte, der ich
+mich dann mit seiner Hilfe anschließen wollte und deren Führung, woran
+ich nicht zweifelte, bald von selber in meine Hände übergehen würde.
+
+Es sollte sich aber deutlich zeigen, daß mein gelehrter und nunmehr
+durch Volksmund heilig gesprochener Freund sich geirrt hatte, als er
+annahm, eine Räuberkonstellation habe über meiner Geburt geleuchtet.
+Denn auf dem ganzen Weg nach Ujjeni trafen wir keine Spur von Räubern,
+und doch wurde, kaum eine Woche nachdem wir einen großen Wald hart an
+der Grenze Avantis gekreuzt hatten, eine Karawane, der wir begegnet
+waren, in eben diesem Walde von Räubern überfallen.
+
+Es ist mir eine Quelle sonderbarer Betrachtungen gewesen, daß es
+anscheinend auf einem reinen Zufall beruhte, wenn ich im bürgerlichen
+Leben blieb, anstatt, wie mein Herz brennend begehrte, in das
+Räuberleben einzutreten. Freilich mag wohl von den nächtigen Pfaden
+Kalis auch einer auf den Weg der Pilgerschaft ausmünden, wie ja auch von
+den vom Herzen ausgehenden, mit fünffarbigem Safte erfüllten
+hundertundein Adern eine einzige nach dem Kopfe führt und diejenige ist,
+durch welche beim Tode die Seele den Körper verläßt. So könnte ich ja
+auch in dem Falle, daß ich Räuber geworden wäre, noch immer jetzt ein
+Pilger sein und mich auf dem Wege nach dem Ziele der Erlösung befinden.
+Wenn aber Einer die Erlösung erlangt, dann werden seine Werke, böse wie
+gute, zu nichts, durch die Glut des Wissens gleichsam zur Asche
+verbrannt.
+
+Auch muß ich sagen, daß jene Zwischenzeit, im Räuberleben oder im
+bürgerlichen verbracht, vielleicht hinsichtlich der moralischen Früchte
+nicht so verschieden ausgefallen wäre, wie es dir, o Bruder, wohl
+scheinen mag. Denn ich habe, während ich unter den Räubern lebte, wohl
+bemerkt, daß es auch unter ihnen sehr verschiedenartige Leute gibt, und
+zwar einige mit sehr vortrefflichen Eigenschaften, und daß, wenn man von
+gewissen Äußerlichkeiten absieht, der Unterschied zwischen Räubern und
+ehrlichen Leuten nicht ganz so ungeheuer ist, wie die letzteren es sich
+gern vorstellen. Und andererseits habe ich in der reifen Periode meines
+Lebens, in die ich nunmehr eintrat, nicht umhin können zu bemerken, daß
+die ehrlichen Leute den Dieben und Räubern in das Handwerk pfuschen,
+einige gelegentlich und gleichsam improvisierend, andere beständig und
+mit großer und für sie sehr bekömmlicher Meisterschaft, so daß durch
+gegenseitige Annäherung sogar nicht wenig Berührung zwischen beiden
+Gruppen stattfindet.
+
+Weshalb ich denn auch nicht weiß, ob ich durch das günstige Schicksal,
+das mich von den nächtigen Pfaden der schädelhalsbandschüttelnden
+Tänzerin fernhielt, eigentlich so sehr viel gewonnen habe."--
+
+Nach dieser tiefsinnigen Betrachtung schwieg der Pilger Kamanita und
+richtete in Sinnen versunken seinen Blick nach dem Vollmond, der groß
+und glühend draußen über dem fernen Wald--dem Aufenthalt der
+Räuber--aufstieg und sein Licht gerade in die offene Halle des Hafners
+hereinströmen ließ, wo es den gelben Mantel des Erhabenen in lauteres
+Gold zu verwandeln schien, wie die Bekleidung eines Götterbildes.
+
+Der Erhabene, auf den der Pilger, vom Glanze angezogen und dennoch ohne
+zu ahnen, wen er sah, unwillkürlich seinen Blick richtete, gab durch ein
+langsames Kopfnicken seine Teilnahme zu erkennen und sagte:
+
+"Noch seh' ich dich, Pilger, vielmehr der Häuslichkeit als der
+Hauslosigkeit zuschreiten, obwohl der Weg in die letztere sich dir
+wahrlich deutlich genug eröffnet hatte."
+
+"So ist es, Ehrwürdiger! Blöden Auges sah ich diesen Ausweg nicht,
+sondern schritt eben, wie du sagtest, der Häuslichkeit zu."
+
+Und nach einem tiefen Seufzer fuhr der Pilger mit frischer und heiterer
+Stimme in dem Bericht seiner Erlebnisse fort.
+
+
+
+
+XIII. DER LEBEMANN
+
+
+So lebte ich denn im Elternhause zu Ujjeni.--Diese meine Vaterstadt, o
+Fremder, ist ja aber nicht weniger durch ihre Lustbarkeit und rauschende
+Lebensfreude als wegen ihrer glänzenden Paläste, und prächtigen Tempel
+in ganz Indien berühmt. Ihre breiten Straßen hallen bei Tage vom Wiehern
+der Pferde und Trompeten der Elefanten wider, und bei Nacht vom
+Lautenspiele der Verliebten und von den Liedern fröhlicher Zecher.
+
+Besonders aber erfreuen sich die Hetären Ujjenis eines außerordentlichen
+Rufes. Von den großen Kurtisanen, die in Palästen wohnen, Tempel den
+Göttern und öffentliche Gärten dem Volke stiften und in deren
+Empfangssälen man Dichter und Künstler, Schauspieler, vornehme Fremde,
+ja manchmal sogar Prinzen trifft--bis zu den gewöhnlichen Dirnen herab
+sind sie alle von schwellgliedriger Schönheit und unbeschreiblicher
+Anmut. Bei den großen Festlichkeiten, bei Aufzügen und Schaustellungen
+bilden sie den Hauptschmuck der blumenprangenden, wimpelumflatterten
+Straßen. In cochenilleroten Kleidern, duftende Kränze in den Händen, von
+Wohlgerüchen umwallt, von Diamanten funkelnd, siehst du sie dann, o
+Bruder, auf ihren besonderen Prachttribünen sitzen oder die Straßen
+dahinziehen, mit liebevollen Blicken, aufreizenden Gebärden und
+lachenden Scherzworten allerwärts die Sinnenglut der Lustverlangenden zu
+hellen Flammen schürend.
+
+Vom König verehrt, vom Volke angebetet, von den Dichtern besungen,
+heißen sie ja "die bunte Blumenkrone des felsenragenden Ujjeni" und
+ziehen uns den Neid der weniger begünstigten Nachbarstädte zu. Öfters
+gastieren auch dort die hervorragendsten unserer Schönheiten, ja es
+kommt sogar vor, daß eine solche durch eine königliche Verordnung
+zurückgerufen werden muß.
+
+Mir, der ich nun meinen lebenverzehrenden Kummer ertränken wollte, wurde
+von den Händen dieser fröhlichen Schwesterschaft der goldige Lustkelch
+des berauschenden Vergessenheitstrankes willig und reichlich an die
+Lippen geführt. Durch meine vielen Fähigkeiten und großen Kenntnisse der
+schönen Künste aller Art und nicht weniger aller geselligen Spiele wurde
+ich ein gern gesehener Gast der großen Kurtisanen, von denen eine sogar,
+deren Gunst mit Geld kaum aufzuwiegen war, sich zuletzt so
+leidenschaftlich in mich verliebte, daß sie sich meinetwegen mit einem
+Prinzen überwarf. Andererseits wurde ich durch meine völlige
+Beherrschung der Gaunersprache leicht vertraut mit den Dirnen der
+Gäßchen, deren Gesellschaft ich auf dem Wege derben Lebensgenusses
+keineswegs verschmähte, und von denen mehrere mir von Herzen ergeben
+waren.
+
+So tauchte ich denn tief in den rauschenden Strudel der Vergnügungen
+meiner Vaterstadt, und es wurde, o Fremder, eine sprichwörtliche
+Redensart in Ujjeni: "Ein Lebemann wie der junge Kamanita."
+
+Nun zeigte es sich aber, daß schlechte Gewohnheiten, ja selbst Laster
+manchmal dem Menschen einen Glücksfall bringen, so daß der weltlich
+Gesinnte nicht leicht entscheiden kann, ob er am meisten seinen guten
+oder seinen schlechten Eigenschaften sein Gedeihen zu verdanken hat.
+
+Jene Vertrautheit mit den niedrigeren Dirnen kam mir nämlich sehr
+zustatten. Im Hause meines Vaters wurde ein Einbruch verübt, und
+Juwelen, die ihm zum großen Teil zur Schätzung anvertraut waren,
+gestohlen, und zwar in einem Betrage, der kaum mehr zu ersetzen war. Ich
+war außer mir, denn völliger Ruin drohte uns. Vergebens bot ich alle die
+Kenntnisse auf, die ich im Walde mir erworben hatte. Nach der Weise, wie
+der unterirdische Gang angelegt war, konnte ich wohl sagen, was für
+einer Art von Dieben die Täterschaft zuzuschreiben sei. Aber selbst
+dieser so nützliche Wink war zwecklos für die Polizei--die allerdings in
+Ujjeni nicht auf ähnlicher Höhe steht wie die Hetärenwirtschaft, was
+vielleicht nicht ganz ohne inneren Zusammenhang sein mag. Habe ich doch
+in einem sehr gelehrten Vortrag über das Liebesleben der verschiedenen
+Stände folgenden Satz gehört: "Die Liebesabenteuer des Polizeimeisters
+haben während der nächtlichen Inspizierung stattzufinden und zwar mit
+den Stadtdirnen;"--was in Verbindung mit jener Vorlesung Vajaçravas'
+"Über die Nützlichkeit der Dirnen zum Hineinlegen der Polizei" in jener
+Zeit des ängstlichen Wartens mir manches zu denken gab.
+
+Nun scheint es ja aber in dieser unserer sonderbaren Welt so
+eingerichtet zu sein, daß die linke Seite für das aufkommen muß, was die
+rechte versäumt. Und so geschah es denn auch hier, daß jene üppige Blüte
+Ujjenis mir die Frucht trug, welche der, vielleicht wegen dieser
+Üppigkeit etwas kümmerlich geratene Dornenhag des Polizeiwesens zu
+zeitigen nicht vermochte. Denn die guten Mädchen, als sie mich wegen der
+mir und den Meinigen drohenden Not untröstlich sahen, ermittelten die
+Täter und zwangen sie, durch Androhung völliger Entziehung ihrer Gunst,
+die Beute wieder herauszugeben, so daß wir glimpflich davon kamen, mit
+Verlust des Wenigen, das schon verpraßt gewesen, und mit einem
+Schrecken, der für mich nicht ohne gute Wirkung blieb.
+
+Durch ihn wurde ich nämlich aus meinem Zeit und Jugendkraft unnütz
+vergeudenden Wüstlingsleben aufgerüttelt. Dieses war ohnehin zu einem
+Punkt gelangt, wo es mich entweder unter dem Joch der Gewohnheit völlig
+knechten und versumpfen lassen, oder aber mich anzuwidern anfangen
+mußte. Die letztere Wirkung wurde nun eben durch jenes Erlebnis
+gefördert. Ich hatte die Armut mir ins Gesicht starren sehen--die Armut,
+der mich jenes Leben wehrlos überliefert hätte, um mich dann treulos mit
+allen seinen kostspieligen Freuden zu verlassen. Nun besann ich mich auf
+jenes Wort des Kaufmannes am Grabe Vajaçravas: "Wenn ich so hoch in
+Gunst bei Vajaçravas stände wie du, dann würde ich in wenigen Jahren der
+reichste Mann in Kosambi sein." Und ich beschloß, der reichste Mann in
+Ujjeni zu werden, und zu diesem Zwecke mich mit aller Kraft auf den
+Karawanenhandel zu verlegen.
+
+Ob nun mein im Jenseits weilender Freund und Meister, Vajaçravas, mir
+bei meinen Unternehmungen in eigener Person beistand, wage ich nicht zu
+entscheiden, wiewohl ich es manchmal glaubte; sicher aber ist, daß seine
+Worte es jetzt nachträglich taten. Denn daß ich durch seine Belehrung
+mit allen Gewohnheiten und Gebräuchen der verschiedenen Räuberarten
+vertraut, ja selbst in ihre geheimen Regeln eingeweiht war, das setzte
+mich jetzt in den Stand, ohne törichte Waghalsigkeit Unternehmungen
+durchzuführen, die ein anderer nimmermehr hätte wagen dürfen. Gerade
+solche aber suchte ich mir jetzt aus und gab mich mit gewöhnlichen
+Reisen gar nicht mehr ab.
+
+Wenn ich nun eine große Karawane nach einer Stadt führte, zu der
+monatelang keine andere hatte vordringen können, weil gerade zu der Zeit
+starke Räuberbanden die Gegend gleichsam abgesperrt hatten, so fand ich
+die Einwohner dermaßen auf meine Waren erpicht, daß ich diese manchmal
+mit dem zehnfachen Gewinn absetzen konnte. Aber damit nicht genug: einen
+unschätzbaren Vorteil zog ich aus jener Belehrung "über die Kennzeichen
+der für Bestechung zugänglichen Beamten höheren und niederen Ranges
+nebst Anweisung über die dabei in Frage kommenden Geldbeträge"; und was
+ich im Verlauf weniger Jahre durch geschickte Benutzung dieser Winke
+gewonnen habe, kommt für sich allein einem mäßigen Vermögen gleich.--
+
+So vergingen denn einige Jahre in gesundem Wechsel zwischen allerlei
+Lebensgenüssen meiner freudigen Vaterstadt und gefahrreichen
+Geschäftsreisen, die übrigens bei allem Ernst auch nicht die Lust
+ausschlossen; denn ich stieg in den fremden Städten immer bei einer
+Hetäre ab, an die ich gewöhnlich von einer gemeinsamen Ujjenier Freundin
+empfohlen war, und die meine Kaufmannsgeschäfte oft gar schlau für mich
+einfädelte.
+
+Eines Tages trat nun mein Vater vormittags in mein Zimmer, als ich
+gerade damit beschäftigt war, auf meine Lippen Lackfarbe aufzutragen,
+während ich gleichzeitig meinem Diener Anweisungen gab, der im Hofe vor
+meinem Fenster mein Lieblingspferd sattelte. Das mußte diesmal mit
+besonderer Sorgfalt geschehen, und es sollten durch eine eigenartige
+Vorrichtung Kissen angeschnallt werden, denn ich mußte unterwegs eine
+Gazellenäugige vor mir im Sattel halten. Ich hatte nämlich mit mehreren
+Freunden und Freundinnen einen Besuch in einem öffentlichen Garten
+verabredet.
+
+Ich wollte sofort meinem Vater Erfrischungen bringen lassen; er lehnte
+es aber ab, und als ich ihm aus meiner goldenen Dose wohlriechende
+Mundkügelchen anbot, schlug er auch diese aus und nahm nur etwas Betel.
+Ich schloß daraus sofort, nicht ohne einige Beklemmung, daß er wohl
+etwas Ernstes vorhaben mochte.
+
+"Ich sehe, daß du dich zu einem Vergnügungsausflug bereit machst, mein
+Sohn," sagte er, nachdem er auf dem ihm von mir gebotenen Sitze Platz
+genommen hatte; "auch kann ich dies keineswegs tadeln, da du erst
+kürzlich von einer anstrengenden Geschäftsreise zurückgekehrt bist. Wo
+willst du heute hin, mein Sohn?"
+
+"Ich will, Vater, mit einigen Freunden und Freundinnen nach dem Garten
+der hundert Lotusteiche reiten, wo wir uns mit Spielen belustigen
+wollen."
+
+"Gut, sehr gut, mein Sohn! Reizend, entzückend ist ja der Aufenthalt im
+Garten der hundert Lotusteiche--tiefer Schatten der Bäume und kühlender
+Hauch des Wassers laden da zum Verweilen ein. Auch sind artige und
+sinnige Spiele zu loben, denn sie beschäftigen Körper und Geist ohne sie
+anzustrengen. Ob wohl jetzt noch dieselben Spiele gebräuchlich sind, die
+wir in meiner Jugend spielten? Was meinst du, Kamanita, wird wohl heute
+dort gespielt werden?"
+
+"Es kommt darauf an, Vater, wer von uns mit seinem Vorschlage
+durchdringt. Ich weiß, daß Nimi das Wasserspritzspiel vorschlagen will."
+
+"Das kenne ich nicht," sagte mein Vater.
+
+"Nein, Nimi hat es im Süden gelernt, wo es sehr Mode ist. Man füllt
+dabei Bambusrohre mit Wasser und bespritzt sich gegenseitig, und wer am
+nassesten wird, hat verloren. Das ist sehr drollig.--Kolliya aber will
+den Kadambakampf in Vorschlag bringen."
+
+Mein Vater schüttelte den Kopf:
+
+"Das kenn' ich auch nicht."
+
+"O, das ist jetzt sehr beliebt. Die Spielenden teilen sich in zwei
+Parteien, die einander bekämpfen, und dabei dienen eben die Zweige des
+Kadambastrauches mit ihren großen, goldigen Blüten als gar prächtige
+Schlagwaffen. Durch den Blütenstaub sind die Wunden kenntlich, so daß
+die Kampfrichter danach entscheiden können, welche Partei gewonnen hat.
+Das Ganze ist recht spannend und hat etwas Zierliches. Ich aber
+beabsichtige, das Hochzeitsspiel vorzuschlagen."
+
+"Das ist ein gutes altes Spiel," sagte mein Vater mit einem auffallenden
+Schmunzeln, "und es freut mich recht, daß du dafür eintreten willst,
+denn das zeugt von deiner Gesinnung. Vom Spiel zum Ernst ist der Schritt
+nicht gar zu groß."
+
+Dabei schmunzelte er wieder selbstgefällig, und mir wurde recht gruselig
+zumute.
+
+"Ja, mein Sohn," fuhr er fort, "ich komme dabei gerade auf das, was mich
+heute zu dir geführt hat. Du hast bei deinen vielen Kaufmannsreisen
+durch Geschicklichkeit und Glück unser Vermögen vervielfacht, so daß das
+Gedeihen unserer Geschäfte in Ujjeni sprichwörtlich geworden ist.
+Andererseits hast du aber auch in vollen Zügen deine Jugendfreiheit
+genossen. Aus dem ersteren folgt, daß du wohl imstande bist, deinen
+eigenen Haushalt zu gründen. Aus dem zweiten, daß es jetzt auch für dich
+an der Zeit ist, dies zu tun und daran zu denken, den Faden des
+Geschlechts weiterzuspinnen. Um dir, meinem lieben Sohn, alles recht
+leicht zu machen, habe ich schon im Voraus eine Braut für dich
+ausgesucht. Es ist die älteste Tochter unseres Nachbars Sanjaya, des
+großen Kaufmannes, die erst kürzlich das heiratsfähige Alter erreicht
+hat. Sie stammt also, wie du siehst, aus einer ebenbürtigen, achtbaren
+und sehr begüterten Familie und hat großen Verwandtenanhang, sowohl von
+väterlicher wie von mütterlicher Seite. Ihr Körper ist makellos; sie hat
+Haare von der Schwärze der Biene, ein Gesicht wie der Mond, die Augen
+eines Gazellenlammes, eine der Sesamblüte ähnelnde Nase, Zähne wie
+Perlen und Bimbalippen, von denen eine Stimme so süß wie die der Kokila
+ertönt. Ihr Schenkelpaar ist herzerfreuend wie ein Pisangstamm, und
+durch die Fülle der Hüften beschwert, hat ihr Gang die lässige Majestät
+des Ilfen. Du wirst also unmöglich etwas gegen sie einwenden können."
+
+Ich hatte in der Tat nichts gegen sie einzuwenden, außer etwa, daß ihre
+vielen mir so poetisch angepriesenen Reize mich völlig kalt ließen. Und
+ich gestehe, daß von allen Hochzeitszeremonien mir diejenige der drei
+Nächte der Enthaltsamkeit, in denen ich der Satzung gemäß mit meiner
+jungen Gattin, nichts Scharfgewürztes essend, auf dem Boden schlafend
+und das Hausfeuer unterhaltend, die Keuschheit zu bewahren hatte, die am
+wenigsten lästige war.
+
+Eine ungeliebte Frau, o Bruder, macht das Heim nicht lieb und das Haus
+nicht fesselnd, und so begab ich mich von jetzt ab fast noch williger
+als zuvor auf Reisen und kümmerte mich in der Zwischenzeit nur um meine
+Geschäfte. Und da ich--um der Wahrheit die Ehre zu geben--bei diesen
+nicht gar zu skrupelhaft zu Werke ging, sondern ohne viel Bedenken
+meinen Vorteil nahm, wo ich ihn sah, so wuchs mein Reichtum dermaßen,
+daß ich mich nach wenigen Jahren dem Ziel meines Ehrgeizes nahe fand und
+einer der reichsten Bürger meiner Vaterstadt war.
+
+Nun wollte ich aber auch als Hausherr und Familienvater--denn meine
+Gattin hatte mir zwei Töchter geboren--meines Reichtums recht genießen
+und besonders auch vor meinen Mitbürgern damit prunken. Ich erwarb mir
+deshalb ein großes Grundstück in der Vorstadt, wo ich einen gar
+prächtigen Lustgarten anlegte und in seiner Mitte ein geräumiges, mit
+marmornen Säulenhallen versehenes Haus errichten ließ. Dies Besitztum
+wurde zu den Wundern Ujjenis gerechnet, und selbst der König kam, um es
+zu besichtigen.
+
+Hier veranstaltete ich nun märchenhafte Gartenfeste und gab die
+üppigsten Gastmähler. Denn ich hatte mich mehr und mehr auf die Freuden
+der Tafel geworfen. Die leckersten Speisen, die zur betreffenden
+Jahreszeit überhaupt für Geld zu haben waren, mußten auf meinem Tische
+sein, selbst zu den täglichen Mahlzeiten. Damals war ich nicht, wie du
+mich jetzt siehst, durch lange Wanderungen, durch Waldaufenthalt und
+Askese hager und abgezehrt, sondern von blühender Körperfülle; ja ein
+Bäuchlein hatte schon angefangen sich zu runden.
+
+Und es wurde, o Fremder, eine sprichwörtliche Redensart in Ujjeni: "Man
+ißt bei ihm, wie beim Kaufmann Kamanita."
+
+
+
+
+XIV. DER EHEMANN
+
+
+Eines Morgens ging ich in den Anlagen mit meinem Obergärtner, um zu
+erwägen welche neue Verbesserungen anzubringen wären, als mein Vater auf
+seinem alten Esel in den Hof ritt. Ich eilte hin, um ihm beim Absteigen
+behilflich zu sein, und wollte ihn in den Garten führen, da ich glaubte,
+er käme, um dessen Blumenpracht zu genießen. Er zog es aber vor, ins
+erste beste Zimmer zu treten, und als ich dem Diener befahl,
+Erfrischungen zu bringen, schlug er auch diese aus--er wolle ungestört
+mit mir sprechen.
+
+Etwas unheimlich berührt, eine drohende Gefahr witternd, nahm ich neben
+ihm auf einem niedrigen Sitze Platz.
+
+"Mein Sohn," fing er nun sehr ernst an, "deine Frau hat dir nur zwei
+Töchter geboren, und es ist keine Aussicht, daß sie dir einen Sohn
+schenken wird. Nun heißt es ja aber sehr richtig, daß der Mann
+erbärmlich stirbt, für den kein Sohn das Totenopfer vollziehen kann. Ich
+tadle dich nicht, mein Sohn," fügte er hinzu, als er bemerken mochte,
+daß ich etwas unruhig wurde; und obwohl ich nicht wußte, wodurch ich mir
+in diesem Handel hätte Tadel verdienen können, dankte ich ihm mit
+geziemender Demut für seine Milde und küßte seine Hand.
+
+"Nein, ich muß mich selber tadeln, weil ich bei der Wahl deiner Frau
+mich durch weltliche Rücksichten auf Familie und Güter zu sehr habe
+blenden lassen und nicht genügend auf die Zeichen achtete. Das Mädchen,
+das ich jetzt für dich im Auge habe, ist zwar aus einer wenig
+hervorragenden und keineswegs begüterten Familie; auch kann man ihr das,
+was der oberflächliche Betrachter 'Schönheit' nennt, nicht nachrühmen.
+Dafür aber hat sie einen tief sitzenden und nach rechts gedrehten Nabel;
+sowohl Hände wie Füße weisen Lotus-, Krug- und Radmal auf; ihr Haar ist
+ganz glatt, nur im Nacken hat sie zwei nach rechts gewundene Locken. Von
+einem Mädchen, das solche Zeichen besitzt, sagen ja die Weisen, daß es
+fünf Heldensöhne gebären wird."
+
+Ich erklärte mich mit dieser Aussicht vollkommen befriedigt, dankte
+meinem Vater für die Güte, mit der er für mich sorgte, und sagte, ich
+sei bereit, das Mädchen sofort heimzuführen. Denn ich dachte: wenn es
+doch sein muß!...
+
+"Sofort?" rief mein Vater erschrocken aus. "Aber, mein Sohn! Dämpfe dein
+Ungestüm! Wir sind ja jetzt im südlichen Laufe der Sonne. Wenn diese
+Gottheit in ihren nördlichen Lauf eintritt, und wir dann die
+Monatshälfte, in welcher der Mond zunimmt, erreichen, dann wollen wir
+einen günstigen Tag zur Handergreifung erwählen--aber eher nicht--eher
+nicht, mein Sohn! Was würden uns sonst alle guten Eigenschaften der
+Braut nützen?"
+
+Ich bat meinen Vater, unbesorgt zu sein. Ich würde mich so lange
+gedulden und mich in allen Punkten von seiner Weisheit leiten lassen;
+worauf er meinen Gehorsam lobte, mir seinen Segen erteilte und mir
+gestattete, daß ich Erfrischungen kommen ließ.
+
+Endlich nahte der von mir nicht sehr ersehnte Tag, auf den sich alle
+glückverheißenden Zeichen vereinten. Die Zeremonien waren diesmal noch
+viel umständlicher; ich hatte vorher volle vierzehn Tage gebraucht, um
+alle notwendigen Sprüche genau einzustudieren. Welche Angst ich während
+der Handergreifung im Hause meines Schwiegervaters ausgestanden habe,
+läßt sich mit Worten kaum beschreiben, Ich zitterte fortwährend vor
+Furcht, daß ich irgend einen Vers nicht ganz richtig oder genau bei der
+Bewegung, zu der er gehörte, hersagen möchte; denn mein Vater hätte mir
+das ja nie vergeben. Und darüber hätte ich beinahe die Hauptsache
+vergessen, denn anstatt ihren Daumen zu ergreifen, faßte ich nach ihren
+vier Fingern, als ob ich wünschte, daß sie mir Töchter gebären
+sollte--aber glücklicherweise hatte die Braut Geistesgegenwart genug, um
+mir den Daumen in die Hand zu schieben.
+
+Ich war ganz in Schweiß gebadet, als ich endlich zur Abfahrt die Stiere
+einspannen konnte, während meine Braut in die Kummetlöcher der Geschirre
+je einen Zweig von einem fruchttragenden Baume steckte. Ich sprach aber
+den betreffenden Halbvers mit dem Bewußtsein, daß jetzt das Schlimmste
+vorüber sei. Die Gefahren waren jedoch keineswegs überstanden.
+
+Zwar erreichten wir mein Haus, ohne daß irgend einer von den vielen
+kleinen Unfällen, die bei einer solchen Gelegenheit wie auf der Lauer
+liegen, unterwegs sich ereignet hätte. Vor der Tür angekommen, wurde die
+Braut von drei Brahmanenfrauen unbescholtenen Wandels, die alle nur
+Knaben geboren hatten, und deren Männer noch lebten, vom Wagen gehoben.
+So weit ging Alles gut. Nun aber kannst du dir, Bruder, meinen Schrecken
+denken, als beim Eintreten ins Haus der Fuß meiner Frau _beinahe_ die
+Schwelle berührt hätte. Ich weiß noch heute nicht, woher ich die
+Entschlossenheit nahm, sie in meinen Armen hoch empor zu heben und
+dadurch zu verhüten, daß eine Berührung wirklich stattfände. Immerhin
+war eine solche Unregelmäßigkeit beim Hineingehen schlimm genug, und
+dazu kam, daß ich nun selber vergaß, mit dem rechten Fuß zuerst
+einzutreten. Glücklicherweise waren Alle, und besonders mein Vater, über
+die drohende Berührung der Schwelle dermaßen entsetzt, daß mein
+Fehltritt fast gänzlich unbeachtet blieb.
+
+In der Mitte des Hauses nahm ich zur Linken meiner Frau auf einem roten
+Stierfell Platz, das mit der Nackenseite nach Osten und mit der
+Haarseite nach oben lag. Nun hatte mein Vater nach langem Suchen und mit
+unendlicher Mühe ein männliches Wunderkind ausfindig gemacht, das selber
+nur Brüder und keine Schwester--auch keine gestorbene--hatte und von
+einem Vater stammte, der sich in demselben Fall befand, nur Brüder zu
+haben, was sogar auch noch von dessen Vater galt--alles gerichtlich
+bescheinigt. Dies Knäblein sollte nun meiner Braut auf den Schoß gesetzt
+werden. Schon stand an ihrer Seite die kupferne Schüssel bereit mit den
+im Schlamme gewachsenen Lotusblumen, die sie dem Kinde in die
+zusammengelegten Hände geben sollte;--da war das Unglücksmenschlein
+nirgends zu finden. Erst nachher, als es schon zu spät war, entdeckte
+ein Diener, daß der Kleine das Opferbett zwischen den Feuern gar zu
+verlockend gefunden und sich in dem weichen Grase gewälzt hatte, bis er
+fast gänzlich darin begraben war. Nun mußte natürlich das Opferbett neu
+geschichtet und dazu frisches Kugagras geschnitten werden--was schon an
+sich verkehrt war, weil ja das Gras bei Sonnenaufgang geschnitten sein
+muß.
+
+Diese Krone des ganzen Werkes fahren lassend, mußten wir uns mit einem
+in aller Hast herbeigeschafften Knäblein begnügen, dessen Mutter nur
+Söhne geboren hatte. Mein Vater war aber über das Mißlingen dieser
+Maßregel, auf die er so große Hoffnung gesetzt hatte, dermaßen erregt,
+daß ich fürchtete, der Schlag könne plötzlich seinem teuren Leben ein
+Ende machen. Freilich wäre er unter keinen Umständen jetzt gestorben, um
+nur nicht dadurch den Zeremonien den allerverderblichsten Abbruch zu
+tun. Diese tröstliche Betrachtung stellte ich aber damals nicht an.
+Während ich von entsetzlicher Furcht gequält wurde, mußte ich die
+Wartezeit bis zur Ankunft des Ersatzknaben damit ausfüllen, daß ich
+ununterbrochen geeignete Sprüche hersagte, damit ja nicht eine leere
+Pause entstände.
+
+In dieser Stunde aber gelobte ich mir fest, daß ich, was auch kommen
+möchte, nie wieder heiraten würde.
+
+Nachdem endlich Alles erledigt war, mußte ich mit meiner Gemahlin--die
+gar nicht ein solcher Ausbund von Häßlichkeit war, wie ich nach der
+Empfehlung meines Vaters erwartet hatte--zwölf Nächte in gänzlicher
+Enthaltsamkeit und unter strengem Fasten, auf dem Fußboden schlafend,
+zubringen. Diesmal waren es nämlich _zwölf_ Nächte, weil mein Vater
+meinte, wir müßten lieber zuviel, denn zuwenig des Guten tun. Dabei
+empfand ich nun freilich recht schmerzlich, daß ich während der ganzen
+Zeit alle meine gewürzten Lieblingsgerichte entbehren mußte.
+
+Indessen auch diese Probe wurde überstanden, und das Leben ging in dem
+alten Geleise weiter--jedoch mit einem sehr wesentlichen Unterschied. Es
+sollte sich mir nämlich nun bald zeigen, wie berechtigt meine Scheu vor
+dem neuen Heiratsvorschlag meines Vaters gewesen war. Wohl hatte ich
+mich sofort damit getröstet, daß man, wenn man _eine_ Frau hatte, auch
+zwei haben konnte. Aber, ach! wie hatte ich mich darin getäuscht!
+
+Meine erste Frau hatte immer einen sanftmütigen Charakter gezeigt, der
+eher zum Stumpfsinn als zu auffahrender Heftigkeit neigte; und auch
+meiner zweiten Frau rühmte man eine echt weibliche Milde nach. So sind
+ja auch, o Bruder, das Wasser und das Hausfeuer alle beide gar
+wohltätige Dinge; wenn sie aber auf dem Kochherd zusammentreffen, dann
+zischt's. Und so hat es denn von jenem Unglückstage an in meinem Hause
+gezischt. Aber wie wurde es erst, als meine zweite Frau mir nun wirklich
+den ersten jener fünf verheißenen Heldensöhne gebar! Nun beschuldigte
+mich meine erste Frau, ich hätte mit ihr keine Söhne haben wollen und
+nicht die rechten Opfer gebracht, um so einen Vorwand zu haben, eine
+andere zu heiraten; während meine zweite Frau, wenn sie von der ersten
+gereizt wurde, es an bitterem Hohn ihr gegenüber nicht fehlen ließ. Auch
+herrschte ein fortwährender Rangstreit; meine erste Frau forderte als
+solche den Vorrang, während meine zweite als Mutter meines Sohnes
+dieselbe Forderung erhob.
+
+Aber bald sollte es noch schlimmer kommen. Eines Tages stürzte meine
+zweite Frau ganz zitternd vor Erregung zu mir herein und verlangte, ich
+sollte die erste fortschicken, da diese meinen Sohn vergiften wolle--der
+Knabe hatte nämlich Leibschneiden bekommen, weil er genascht hatte. Ich
+wies sie streng zurecht, kaum aber war ich sie los geworden, als die
+erste hereinstürzte und rief, ihre beiden Lämmchen wären ihres Lebens
+nicht mehr sicher, solange jenes niederträchtige Weib im Hause
+bliebe--ihre Nebenbuhlerin wolle meine Töchterchen aus dem Wege räumen,
+damit deren Mitgift nicht das Erbe ihres Sohnes vermindern sollte.
+
+So war denn unter meinem Dach kein Frieden mehr zu finden. Wenn du, o
+Bruder, vorhin vielleicht am Gehöfte des reichen Brahmanen unweit von
+hier stehen geblieben bist und gehört hast, wie drinnen die beiden
+Frauen des Brahmanen keiften, mit lauten, schreienden Stimmen sich
+zankten und sich gegenseitig mit groben Schimpfworten bewarfen--dann
+bist du sozusagen auch an meinem Hause vorübergekommen.
+
+Und es wurde nun leider auch eine sprichwörtliche Redensart in Ujjeni;
+"Die beiden vertragen sich wie die Frauen Kamanitas."
+
+
+
+
+XV. DER KAHLE PFAFF
+
+
+So waren die Verhältnisse in meinem Hausstande, als ich mich eines
+Vormittags in dem geräumigen, auf der Schattenseite gelegenen Zimmer
+befand, das ich zum Besorgen aller geschäftlichen Angelegenheiten
+benutzte, und das deswegen dem Hofe zugekehrt war; denn es war mir
+bequem, von dort aus die wirtschaftlichen Vorgänge im Auge behalten zu
+können. Vor mir stand ein bewährter Diener, der alle meine Fahrten
+während einer Reihe von Jahren mitgemacht hatte, und ich gab ihm genaue
+Anweisungen über die Führung einer Karawane nach einem ziemlich
+entfernten Orte, sowie über die Art und Weise, wie er dort am besten die
+Waren würde absetzen können, welche Produkte er von dort aus
+zurückbringen müsse, welche Geschäftsverbindungen er dort anzuknüpfen
+habe und was dergleichen mehr war--denn ich wollte ihm die ganze Sache
+anvertrauen.
+
+Allerdings war meine Häuslichkeit weniger anheimelnd als je, und man
+könnte glauben, daß ich mit Freuden jede Gelegenheit ergriffen hätte, um
+in der Fremde umherzuschweifen. Aber ich fing jetzt an, etwas bequem und
+verwöhnt zu werden und scheute eine längere Reise, nicht nur wegen der
+Strapazen der Fahrt, sondern vor allem wegen der kargen Kost, mit der
+man, wenigstens unterwegs, vorlieb nehmen mußte. Ja, wenn man auch an
+Ort und Stelle angekommen, das Verlorene nachholen und sich recht
+gütlich tun wollte, so erlitt man doch oft Enttäuschungen, und
+jedenfalls, so gut wie am eigenen Tische aß ich dort nirgends.
+
+So hatte ich denn angefangen, meine Karawanen unter zuverlässigen
+Führern auszusenden, während ich selber zu Hause sitzen blieb.
+
+Als ich nun mitten in meinen sehr umständlichen und gar wohlüberlegten
+Anweisungen war, erschallten vom Hofe her die zänkischen Stimmen meiner
+beiden Frauen, und zwar ungewöhnlich laut und mit einem Redefluß, der
+nicht aufhören zu wollen schien. Ärgerlich über diese lästige Störung
+sprang ich schließlich auf, und nachdem ich vergebens durchs Fenster
+geblickt hatte, trat ich in den Hof hinaus.
+
+Ich sah meine beiden Frauen am Eingangstor stehen. Aber weit davon
+entfernt, sie in gegenseitigem Zank zu finden--wie ich es erwartet
+hatte--, traf ich sie zum ersten Male einig, indem sie sich einen
+gemeinsamen Gegner ausgesucht hatten, über den sich ihr vereinigter Zorn
+ergoß. Dieser Unglückliche war ein wandernder Asket, der an den
+Torpfosten gelehnt dastand, und ruhig diesen Strom von Beschimpfungen
+über sich ergehen ließ. Was der eigentliche Grund ihres Angriffes war,
+habe ich nie erfahren, vermute aber, daß der bei beiden stark
+entwickelte mütterliche Instinkt in diesem Entsager einen Verräter gegen
+die heilige Sache der menschlichen Vermehrung und einen Feind ihres
+Geschlechts gewittert hatte, und daß sie sich so unwillkürlich über ihn
+geworfen hatten wie zwei Ichneumons über eine Cobra.
+
+"Pfui über ihn, den kahlen Pfaffen, den schamlosen Bettler!--Sieh
+nur, wie er dasteht, mit gebeugten Schultern und gesenktem
+Blick--Frömmigkeit, Beschaulichkeit atmet er aus, der Heuchler, der
+Gleißner! Nach dem Kochtopf späht er hin, schaut nach und schnüffelt und
+schnuppert--wie der Esel, vom Karren losgeschnallt, im Hofe zum
+Kehrichthaufen geht und hinspäht, und nachschaut, und schnüffelt und
+schnuppert.... Pfui über ihn, den faulen Tagedieb, den schamlosen
+Bettler, den kahlen Pfaffen!"
+
+Der Gegenstand dieser und ähnlicher Schmähreden, jener wandernde Asket,
+ein Mann von auffallend hohem Wuchse, stand unterdessen immer noch an
+den Türpfosten gelehnt, in gelassener Haltung da. Sein Mantel, von der
+gelben Farbe der Kanikarablume und dem deinigen nicht unähnlich, fiel in
+malerischen Falten über seine linke Schulter bis zu den Füßen hinab und
+ließ einen kräftigen Körperbau erraten. Der schlaff herabhängende rechte
+Arm war unbedeckt, und ich konnte nicht umhin, das gewaltige Geflecht
+der Muskeln zu bewundern, das eher der wohlerworbene Besitz eines
+Kriegers als das müßige Erbteil eines Asketen zu sein schien; auch die
+tönerne Almosenschale mutete mich in seiner nervigen Hand ebenso
+sonderbar und unangemessen an, wie eine eiserne Keule mir dort an
+rechter Stelle erschienen wäre. Sein Kopf war geneigt, der Blick zu
+Boden gesenkt, keine Miene verzog sich um den Mundwinkel, und so stand
+er regungslos da, als ob ein tüchtiger Künstler das Bild eines
+wandernden Asketen in Stein gehauen und fein bemalt und bekleidet hätte,
+und ich nun dieses Bildwerk an meinem Tor hätte aufstellen lassen--etwa
+als Wahrzeichen meiner Freigebigkeit.
+
+Diese seine Ungestörtheit, die ich für Sanftmut hielt, meine beiden
+Frauen aber als Verachtung auffaßten, spornte natürlich diese zu immer
+größeren Anstrengungen an, und so wäre es wohl schließlich zu
+Tätlichkeiten gekommen, wenn ich nicht dazwischen getreten wäre, meinen
+bösen Frauen ihr schändliches Betragen verwiesen und sie ins Haus gejagt
+hätte.
+
+Dann trat ich zum Asketen hin, verneigte mich ehrerbietig und sprach:
+
+"Wolle, Ehrwürdigster, dir nicht zu Herzen nehmen, was diese Frauen,
+deren Verstand ja kaum zwei Finger breit ist, an Ungebührlichem,
+Unziemlichem gesagt haben mögen! Wolle, Ehrwürdigster, nicht deshalb mit
+deinem Asketenzorn dies mein Haus vernichtend treffen! Ich will ja,
+Ehrwürdigster, selber deine Almosenschale mit dem Besten füllen, was das
+Haus vermag--welch ein Glück, daß sie noch leer ist! Ich will sie
+füllen, daß kein Bissen mehr hineingeht, und kein Nachbar sich heute
+dadurch, daß er dich ernährt, Verdienst erwerben kann. Du bist auch
+wahrlich nicht vor die unrechte Schmiede gekommen, Ehrwürdigster, und
+ich denke, das Essen wird dir munden, denn es ist sogar eine
+sprichwörtliche Redensart hier in Ujjeni: 'Man ißt bei ihm, wie beim
+Kaufmann Kamanita'--und der bin ich. Wolle also, Ehrwürdiger, nicht über
+das Vorgefallene zürnen und meinem Hause fluchen."
+
+Der Asket aber antwortete darauf, mit nicht eben unfreundlicher Miene:
+
+"Wie könnte ich wohl, o Hausvater, über solche Schimpfereien zürnen, da
+es mir doch zusteht, wegen viel gröberer Behandlung sogar dankbar zu
+sein. Denn einst, o Hausvater, begab ich mich, zeitig gerüstet, mit
+Mantel und Schale versehen, in eine Stadt, um Almosenspeisen zu sammeln.
+In dieser Stadt aber hatte Mara, der Teufel, gerade damals die Brahmanen
+und Hausväter gegen den Orden der Heiligen aufgehetzt. 'Geht mir mit
+euren tugendhaften, edelgearteten Asketen! Beschimpft sie, beleidigt
+sie, verjagt sie, verfolgt sie.' Und so geschah es, Hausvater, als ich
+nun die Straßen daherging, daß bald ein Stein mir an den Kopf flog, bald
+ein Scherben mich im Gesicht traf, bald ein Stock meinen Arm halb
+zerquetschte. Als ich nun mit zerschnittenem, von Blut überströmtem
+Kopfe, mit zerbrochener Schale und zerrissenem Mantel zum Meister
+zurückkam, sagte dieser: 'Dulde nur, Asket, dulde nur! Um welcher Tat
+Vergeltung du viele Jahre Höllenqual erlitten hättest, dieser Tat
+Vergeltung findest du noch bei Lebzeiten.'
+
+Bei den ersten Lauten seiner Stimme zuckte mir ein jäher Schreck durch
+den Leib vom Scheitel bis zur Sohle, und mit jedem Wort durchdrang ein
+eisiges Erstarren tiefer mein ganzes Wesen. Denn das war ja, o Bruder,
+die Stimme Angulimalas, des Räubers--wie konnte ich daran zweifeln? Und
+als mein krampfhafter Blick sich an sein Gesicht heftete, erkannte ich
+auch dieses wieder, obschon ihm früher der Bart fast bis an die Augen
+gegangen und das Haar ihm tief in die Stirn gewachsen war, während er
+jetzt kahl und rasiert vor mir stand. Nur zu gut erkannte ich die Augen
+unter den buschigen, zusammengewachsenen Brauen wieder, obwohl sie mir
+nicht wie damals Zornesblitze entgegensprühten, sondern mit tiefer
+Verstellungskunst mich vielmehr freundlich anblickten; und die sehnigen
+Finger, die die Almosenschale umspannten--gewiß waren es dieselben, die
+einst wie Teufelskrallen meine Kehle umklammert hatten.
+
+"Wie sollte ich wohl, o Hausvater"--fuhr mein unheimlicher Gast
+fort,--"wie sollte ich wohl über Schimpfreden in Zorn geraten? Denn der
+Meister hat ja gesagt: 'Wenn auch, ihr Jünger, Räuber und Mörder euch
+mit einer Baumsäge Gelenke und Glieder abtrennten, so würde, wer da in
+Wut geriete, nicht meine Weisung erfüllen.'"
+
+Als ich aber, o Bruder, diese Worte mit ihrer so teuflisch versteckten
+und mir so deutlichen Drohung vernahm, zitterten mir die Beine dermaßen,
+daß ich mich an der Wand festhalten mußte, um nicht umzusinken. Nur mit
+Mühe vermochte ich mich so weit zusammenzunehmen, daß ich, mehr noch
+durch Gebärden als mit einigen hergestammelten Worten, dem als Asketen
+verkleideten Räuber bedeuten konnte, er möchte sich gedulden, bis ich
+die Speisen beschafft hätte.
+
+Dann eilte ich, so schnell wie meine wackeligen Beine mich tragen
+wollten, quer über den Hof in die große Küche, wo gerade das Mittagsmahl
+für meine Familie und die ganze Haushaltung zubereitet wurde, und es in
+allen Pfannen und Töpfen briet und brodelte. Hier wählte ich nun ebenso
+schnell wie sorgfältig das Beste und Schmackhafteste aus. Mit einer
+goldenen Kelle bewaffnet und von einer ganzen Schar schüsseltragender
+Diener gefolgt, stürzte ich wieder in den Hof, um meinen furchtbaren
+Gast zu bedienen und womöglich zu versöhnen.
+
+Angulimala aber war verschwunden.
+
+
+
+
+XVI. KAMPFBEREIT
+
+
+Halb ohnmächtig sank ich auf eine Bank nieder. Doch fingen meine
+Gedanken sofort wieder zu arbeiten an. Angulimala war dagewesen, dessen
+war kein Zweifel; und auch der Grund seines Kommens war mir nur zu klar.
+Wie viele Geschichten hatte ich nicht über seine Unversöhnlichkeit und
+Rachsucht gehört! Nun hatte ich ja aber das Unglück gehabt, seinen
+besten Freund zu erschlagen, und von meinem Aufenthalt unter den Räubern
+wußte ich wohl, daß die Freundschaft bei ihnen nicht weniger gilt als
+bei einer ehrsamen Bürgerschaft, wenn nicht sogar weit mehr. Als ich
+aber sein Gefangener war, konnte Angulimala mich nicht töten, ohne sich
+gegen die Regeln der "Absender" zu versündigen; und trotzdem hätte er es
+zweimal beinahe getan und damit einen unauslöschlichen Fleck auf seine
+Räuberehre gesetzt. Nun aber hatte er endlich dieses, von dem sonstigen
+Gebiete seiner Tätigkeit weit abseits gelegene Land aufsuchen können und
+wollte jetzt das Versäumte nachholen. In der Verkleidung eines Asketen
+hatte er die Örtlichkeiten bequem in Augenschein nehmen können und ohne
+Zweifel wollte er noch in derselben Nacht handeln. Wenn er auch bemerkt
+haben mochte, daß ich ihn wieder erkannte, durfte er doch nicht zögern,
+denn diese Nacht war die letzte der dunklen Hälfte des Monats, und ein
+Unternehmen wie dieses in der lichten Hälfte auszuführen, wäre ein
+Verstoß gegen die heiligen Räubergesetze gewesen, der ihm den strafenden
+Zorn der schrecklichen Göttin Kali hätte zuziehen müssen.
+
+Sofort ließ ich mein bestes Pferd satteln und ritt in die Stadt nach dem
+Palast des Königs. Leicht hätte ich bei ihm Zutritt erhalten, aber zu
+meiner Enttäuschung erfuhr ich, daß er sich gerade in einem seiner
+fernen Jagdschlösser aufhielt. Ich mußte mich also damit begnügen, den
+Minister aufzusuchen. Dieser war gerade derselbe Mann, der einst jene
+Gesandtschaft nach Kosambi geführt hatte und in dessen Obhut, wie du
+dich erinnern wirst, ich wohl hin--aber nicht zurückgereist war. Seit
+jenem Tage nun, an dem ich mich geweigert hatte, ihm zu folgen, war er
+mir nicht sehr gewogen, was ich bei verschiedenen Begegnungen gespürt
+hatte, wie ich denn auch wußte, daß er sich des öfteren über meinen
+Lebenswandel aufgehalten hatte. Bei ihm meine Sache vorbringen zu
+müssen, war mir nicht gerade angenehm; indessen ihre Berechtigung, ja
+sogar Verdienstlichkeit war so augenscheinlich, daß hier, wie mir
+schien, für persönliche Ab- oder Zuneigung wenig Spielraum war.
+
+Ich erzählte ihm also so kurz und klar wie möglich, was sich in meinem
+Hofe zugetragen hatte, und fügte die fast selbstverständliche Bitte
+hinzu, eine Truppenabteilung möge für die Nacht in meinem Haus und
+Garten aufgestellt werden, um mein Besitztum gegen den sicher zu
+erwartenden Angriff der Räuber zu verteidigen und so viele wie möglich
+von diesen gefangenzunehmen.
+
+Der Minister hörte mich schweigend und mit einem unergründlichen Lächeln
+an. Dann sagte er:
+
+"Mein guter Kamanita! Ich weiß nicht, ob du heute schon einen recht
+kräftigen Frühtrunk zu dir genommen hast, oder noch unter dem Einfluß
+einer deiner in Ujjeni sprichwörtlich berühmten nächtlichen Gelage
+stehst, oder ob du dir gar überhaupt durch deine ebenfalls
+sprichwörtlich berühmten scharf gewürzten Leckereien dermaßen den Magen
+verdorben hast, daß du nicht nur bei Nacht, sondern auch am hellen Tag
+böse Träume hast. Denn nur als einen solchen kann ich diese hübsche
+Geschichte betrachten, zumal wir wissen, daß Angulimala längst nicht
+mehr unter den Lebenden weilt."
+
+"Das war aber ein falsches Gerücht, wie wir jetzt sehen," rief ich
+ungeduldig.
+
+"_Ich_ sehe das keineswegs," versetzte er in scharfem Ton. "Von falschem
+Gerücht kann hier keine Rede sein, denn kurze Zeit nach der Begebenheit
+hat Satagira selber mir in Kosambi erzählt, daß Angulimala in den
+unterirdischen Gewölben des Ministerpalastes unter den Folterwerkzeugen
+gestorben sei, und ich habe noch seinen Kopf über dem östlichen Stadttor
+aufgespießt gesehen."
+
+"Ich weiß nicht, wessen Kopf du dort gesehen hast," sagte ich--"das aber
+weiß ich genau, daß ich noch vor einer Stunde den Kopf Angulimalas
+wohlbehalten auf seinen Schultern gesehen habe, und daß ich so wenig
+deinen Spott verdiene, daß du mir vielmehr danken solltest, weil du
+durch mich Gelegenheit bekommst--
+
+"Einen toten Mann totzuschlagen und aus mir selbst einen Narren zu
+machen," unterbrach mich der Minister--"ich danke!"
+
+"Dann bitte ich wenigstens zu bedenken, daß es sich hier nicht um den
+ersten besten Besitz handelt, sondern um ein Haus und um Gartenanlagen,
+die zu den Wundern Ujjenis gerechnet werden, und die unser gnädiger
+König selber mit großer Bewunderung besichtigt hat. Er wird dir's nicht
+danken, wenn Angulimala diese Herrlichkeiten seiner Hauptstadt
+einäschert."
+
+"O, das kümmert mich wenig," antwortete dieser Unmensch lachend. "Folge
+meinem Rat, gehe nach Hause, beruhige dich durch ein Schläfchen und laß
+die Sache dich nicht weiter kümmern. Das Ganze kommt übrigens daher, daß
+du dich damals in Kosambi in ein galantes Abenteuer gestürzt hast und
+töricht genug warst, meine Worte in den Wind zu schlagen und nicht mit
+mir abzureisen. Hättest du das getan, dann wärest du nie in Angulimalas
+Hände gefallen und würdest jetzt nicht von einer grundlosen und leeren
+Angst geplagt. Auch ist dein monatelanges Zusammenleben mit dem
+Räubergesindel für deine Sitten nicht günstig gewesen, wie wir ja alle
+hier in Ujjeni gesehen haben."
+
+Er erging sich noch in einigen moralisierenden Gemeinplätzen und entließ
+mich dann.
+
+Schon unterwegs überlegte ich mir, was nun, da ich auf mich selber
+angewiesen war, zu tun sei. In meinem Hause angekommen, ließ ich sofort
+alle beweglichen Schätze, die sich da fanden, vornehmlich solche Dinge
+wie kostbare Teppiche, eingelegte Tische und ähnliches in den Hof
+bringen und dort auf Karren verladen, um diesen Teil meiner Güter in der
+inneren Stadt in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig ließ ich an alle
+meine Leute Waffen verteilen--sowohl Karren wie Waffen waren ja
+reichlich wegen der beabsichtigten Karawanenfahrt vorhanden. Aber dabei
+ließ ich es nicht bewenden. Das Allererste, was ich zu tun hatte, war,
+einige vertraute Diener in die Stadt zu schicken, um dort gegen
+Versprechen eines ansehnlichen Lohnes mutige und waffentüchtige Kerle
+für die Nacht zu werben. Für jeden anderen wäre dies nun freilich ein
+gar gefährliches Wagestück gewesen; denn wie leicht konnten solche Leute
+im entscheidenden Augenblick mit den Angreifern gemeinsame Sache machen!
+Ich vertraute aber gewissen Freundinnen, die meinen Dienern nur
+zuverlässige Spitzbuben empfahlen--nämlich solche, die zwar sonst zu
+Allem fähig sind, denen aber doch ihr feierlich gegebenes Wort und das
+genommene Handgeld heilig sind. Da ich dies Gesindel und seine
+sonderbaren Gewohnheiten kannte, wußte ich wohl, was ich tat.
+
+Während dieser Vorbereitungen schickte ich, da ich selber nicht Zeit
+hatte, zu meinen Frauen zu gehen, einen Diener zu einer jeden von ihnen
+und ließ ihnen sagen, sie müßten sich bereit halten--die erste mit ihren
+beiden Töchterchen, die zweite mit ihrem Söhnlein--noch heute nach der
+Stadt ins Vaterhaus zu ziehen. Daß es nur für die eine Nacht sein
+sollte, ließ ich sie nicht wissen, weil ich wohlweislich bedacht hatte,
+wenn sie erst einmal dort wären, könnten sie auch eine Woche oder länger
+dort bleiben, und ich würde unterdessen zu Hause einen ungeahnten
+Frieden genießen--vorausgesetzt natürlich, daß es mir gelänge, den
+Angriff abzuschlagen. Ebensowenig ließ ich sie den Grund zu dieser
+Maßregel erfahren, weil man ja überhaupt Weibern gegenüber sich nicht
+auf Gründe berufen soll.
+
+Ich war nun gerade im Begriff, meiner bewaffneten Dienerschaft eine
+anfeuernde Rede zu halten, wie ich das bei gefahrdrohenden Gelegenheiten
+während einer Karawanenreise immer und mit großem Erfolg getan hatte. Da
+stürzten gleichzeitig, wie auf Verabredung, aus zwei verschiedenen Türen
+meine beiden Frauen in den Hof, mit verstörten Mienen und lautem
+Schreien, so daß Alle sich nach ihnen umsahen, und ich meine kaum
+angefangene Rede unterbrechen mußte. Die erste schleppte die beiden
+Töchterlein, die zweite mein Söhnchen mit sich.
+
+Vor mir angelangt, zeigte die eine auf die andere und beide schrien:
+
+"So ist es denn endlich diesem schlechten Weib gelungen, dein Herz gegen
+mich zu wenden, daß du mich verstoßen willst, und mir, deiner getreuen
+Ehefrau, die Schande antust, mich ins Vaterhaus zurückzuschicken mit
+deinen unschuldigen Töchterlein--(mit deinem armen Söhnlein)--."
+
+Die überschäumende Wut, unterstützt von ihrem angeborenen kurzen
+Verstande, verursachte, daß keine von ihnen merkte, wie die andere _sie_
+genau derselben Sache beschuldigte, die sie selbst dieser zur Last
+legte, und sich genau über das gleiche Schicksal beklagte, das sie
+selbst als das ihrige beweinte, und daß also jedenfalls ein Irrtum
+vorliegen mußte. Aber weit entfernt davon, so etwas zu ahnen, schrien
+und heulten sie immer weiter, wobei sie sich die Haare rauften und ihre
+Brüste mit den Fäusten schlugen, bis sie dann, wie zur Erholung, sich
+gegen die vermeintliche siegreiche Gegnerin in Schimpfreden ergingen,
+die an Grobheit Alles, was ich je in der Gesellschaft übelberufener
+Weiber gehört hatte, weit übertrafen.
+
+Endlich gelang es mir doch, zu Wort zu kommen und ihnen, wenn auch mit
+großer Mühe, klar zu machen, daß sie meine Diener gänzlich mißverstanden
+hätten, daß keine von ihnen zu ihren eigenen Eltern zurückgeschickt
+werden sollte, sondern daß sie beide in das Haus meiner Eltern gebracht
+würden, und zwar nicht zur Strafe oder als Zeichen meiner Ungnade,
+sondern lediglich um ihrer und der Kinder Sicherheit willen. Als ich nun
+aber sah, daß sie dies vollkommen begriffen hatten, ließ ich mich
+hinreißen und rief:
+
+"Das habt ihr von eurer Unart, nun lernet endlich euch anständig zu
+betragen! Da habt ihr euren "kahlen Pfaffen"! Wer, glaubt ihr wohl, daß
+das war? _Angulimala_ war es, der Räuber, der Schreckliche, der die
+Menschen tötet und sich ihre Daumen um den Hals hängt! _Den_ habt ihr
+beschimpft, _den_ habt ihr gereizt! Ein Wunder, daß er euch nicht mit
+der Almosenschale totgeschlagen hat. Wir anderen, wenn jemand von uns in
+seine Hände fällt, wir werden es ausbaden müssen, und wer weiß, ob ihr
+noch im Hause meines Vaters vor ihm sicher seid."
+
+Als meinen Frauen der Sinn dieser Rede völlig aufging, fingen sie
+alsbald an zu schreien, als ob sie schon die Messerschneide an der Kehle
+spürten, und wollten mit den Kindern zum Tor hinausstürzen. Ich ließ sie
+jedoch zurückhalten und setzte ihnen umständlich auseinander, daß
+vorläufig noch gar keine Gefahr zu befürchten sei, da Angulimala, wie
+ich wohl wußte, uns auf keinen Fall vor Mitternacht angreifen würde.
+Dann hieß ich sie in die Wohnung zurückkehren und Alles zusammenpacken,
+was sie und die Kinder während der Zeit, die sie, der Räubergefahr
+wegen, in der Stadt bleiben mußten, nötig haben könnten. Das taten sie
+denn auch sofort.
+
+Dabei hatte ich nun allerdings die Wirkung nicht bedacht, die meine
+Worte auf meine Leute haben könnten. Und diese erwies sich bald als
+wenig günstig. Denn als sie erfuhren, daß es der schreckliche, für tot
+gehaltene Angulimala war, der mein Haus ausgekundschaftet hatte und es
+sicher in der Nacht angreifen wollte, schlich erst der eine und andere
+still davon, dann aber warfen sie zu Dutzenden die Waffen von sich und
+erklärten, mit einem solchen Teufel nicht anbinden zu wollen: das könne
+man keineswegs von ihnen verlangen. Auch die in der Stadt Angeworbenen,
+von denen gerade jetzt die ersten ankamen und hörten, wie die Dinge
+standen, meinten, so hätten sie nicht gewettet und zogen wieder ab. Nur
+etwa zwanzig meiner eigenen Leute, an ihrer Spitze mein braver
+Hausmeier, erklärten, sie wollten mich nicht verlassen, sondern bis zum
+letzten Blutstropfen das Haus verteidigen, denn sie sahen wohl, daß ich
+entschlossen war, diesen herrlichen Besitz, an dem mein Herz hing, nicht
+preiszugeben, sondern, wenn es sein müßte, mit ihm unterzugehen.
+
+Mehrere entschlossene Kerle aus der Stadt, die die Aussicht auf einen
+tüchtigen Kampf fast noch mehr als das Geld lockte und die sich nicht
+einmal vor dem Namen Angulimala fürchteten, ja sich wohl gar einredeten,
+daß sie, nachdem sie sich brav geschlagen und gefangengenommen worden,
+der Bande einverleibt werden würden--mehrere solche verzweifelte
+Gesellen schlossen sich an, und so gebot ich doch zuletzt über gegen
+vierzig wohlbewaffnete und tapfere Männer.
+
+Unterdessen war es fast Abend geworden, und der Wagen für meine Frauen
+fuhr vor. Diese kamen mit den Kindern einigermaßen beruhigt heraus; aber
+ein neues Geheul erhob sich sofort, als sie merkten, daß ich nicht
+mitfahren wollte, ja überhaupt nicht beabsichtigte, das Haus zu
+verlassen. Sie warfen sich auf die Knie, ergriffen mein Gewand und
+beschworen mich unter strömenden Tränen, mich mit ihnen zu retten:
+"Unser Gebieter, unser Beschützer, verlaß uns nicht, stürze dich nicht
+in den Rachen des Todes!" Ich erklärte ihnen, daß, wenn ich meinen
+Posten verließe, dies Haus sicher ein Raub der Flammen und plündernder
+Hände werden, und mein Sohn den Hauptteil seines Erbes verlieren würde,
+während es jetzt noch vielleicht durch tapferes Ausharren zu retten sei,
+da man nicht wisse, ob Angulimala mit großer Stärke angreifen würde.
+
+"Ach, weh uns!" riefen sie, "unser Herr und Beschützer verläßt uns! Und
+der schreckliche Angulimala wird ihn umbringen und seine Daumen an der
+Halskette tragen! Zu Tode martern wird er unseren Gemahl in seinem
+furchtbaren Grimm, und unsere Schuld wird es sein! Um unserer
+Schimpfreden willen muß unser Gatte leiden, und uns wird es deshalb in
+der Hölle übel ergehen!"
+
+Ich versuchte sie zu beruhigen so gut es ging, und als sie sahen, daß
+ich unerschütterlich war, mußten sie sich dazu bequemen, den Wagen zu
+besteigen. Kaum aber hatten sie ihre Plätze eingenommen, so fingen sie
+an sich mit gegenseitigen Beschuldigungen anzufeinden.
+
+"Du warst's, die anfing."--"Nein, du--du hast mich auf ihn aufmerksam
+gemacht, wie er dort am Torpfosten stand. Jawohl--gerade dort, du
+zeigtest mit Fingern auf ihn."
+
+"Und du hast nach ihm ausgespuckt--roten Speichel--_ich_ hatte noch
+keinen Betel gekaut, das tu ich morgens nie."--"Aber du nanntest ihn
+einen Landstreicher, einen faulen Bettler."--"Und du einen kahlen
+Pfaffen...."
+
+Und so ging's weiter; aber das Knarren der Räder, als die Ochsen jetzt
+anzogen, übertäubte ihre Stimmen,
+
+
+
+
+XVII. IN DIE HEIMATLOSIGKEIT
+
+
+Welch ungekannte Stille umfing mich jetzt, o Bruder, als ich, nachdem
+ich den Leuten ihre Posten angewiesen hatte, wieder ins Haus trat! Daß
+ich die Stimmen meiner Frauen nicht hörte--das war es nicht allein,
+sondern daß ich diese Stimmen sich zum Torweg hinaus hatte entfernen
+hören, daß keine Möglichkeit da war, aus irgend welchen Ecken plötzlich
+die keifenden Stimmen zu vernehmen, bis sie, gegenseitig sich steigernd,
+sich schließlich zu einem mißtönigen Zankduett vereinigten oder vielmehr
+entzweiten:--das war es, was meinem Hause eine für mich fast
+unbegreifliche und unsagbar wohltuende Ruhe verlieh.
+
+So erschien mir nun mein von weiten Parkanlagen umfriedeter Palast
+herrlicher denn je, und ich zitterte bei dem Gedanken, daß diese
+Herrlichkeit in wenigen Stunden durch verruchte Räuberhände vernichtet
+werden sollte. Weit weniger kümmerte mich die Angst um mein eigenes
+Leben, als die beständige, lebhafte Vorstellung, wie diese
+wohlgepflegten Baumgänge verwüstet, diese kunstfertig ausgehauenen
+Marmorsäulen gestürzt werden würden, und daß all dies, dessen
+Herrichtung mir so viele Überlegung und so langwierige Mühe gekostet,
+dessen Vollendung mir so große Freude gemacht hatte, ein Trümmerhaufen
+sein würde, wenn die Sonne wieder aufging. Denn nur zu gut kannte ich ja
+die Spuren Angulimalas.
+
+Indessen war nun für mich nichts anderes mehr zu tun als zu warten; und
+bis zur Mitternacht blieben noch mehrere Stunden.
+
+Nun hatte ich aber stets in einer immerfort rollenden Kette von
+Vergnügungen und Geschäften gelebt, so daß ich nie zur Besinnung kam;
+und wie ich hier, ohne irgend etwas zu tun zu haben, allein in einem
+nach der Säulenhalle und dem Garten sich öffnenden Zimmer, mitten im
+totenstillen Palast, dasaß, erlebte ich gewissermaßen seit meiner
+frühesten Jugend die ersten Stunden, die gänzlich mir selbst gehörten.
+Da fingen nun auch meine freigelassenen Gedanken an, sich zum erstenmal
+auf mich selber zu richten; und mein ganzes Leben zog an mir vorüber.
+Und indem ich es so gleichsam als ein Fremder betrachtete, konnte ich
+keinerlei Gefallen daran finden.
+
+Diese Betrachtungen unterbrach ich ein paarmal, um einen Gang durch
+Haus, Hof und Garten zu machen und mich so zu vergewissern, daß die
+Leute wachten. Als ich zum dritten- oder viertenmal zwischen die Säulen
+hinaustrat, bemerkte mein durch so viele Karawanenfahrten geübtes Auge
+am Stande der Sternbilder, daß es nur noch eine halbe Stunde bis
+Mitternacht war. Ich machte eilig die Runde und ermahnte meine Leute zur
+äußersten Wachsamkeit. Ich selbst fühlte mein Blut in allen Adern
+hämmern, und die Kehle wollte sich vor angstvoller Spannung
+zusammenschnüren. Nach dem Zimmer zurückgekehrt, setzte ich mich nieder
+wie zuvor. Aber kein Gedanke wollte sich regen; ich spürte einen starken
+Druck vor der Brust, und bald war es mir, als ob ich ersticken müßte.
+
+Ich sprang auf und trat, um Luft zu schöpfen, zwischen die Säulen
+hinaus. Ein weichfächelnder Hauch strich mir plötzlich über die Wange
+und gleich danach ertönte das Geschrei einer Eule; in demselben
+Augenblick wehte mir von den Gartenteichen ein starker Duft von
+Nachtlotusblüten entgegen. Ich hatte den Blick erhoben, um wiederum nach
+den Sternen die Zeit zu bemessen: da sah ich quer über dem tiefblauen
+Ausschnitt des Himmels zwischen den schwarzen Baumwipfeln den mild
+leuchtenden Streifen der Milchstraße.
+
+"Die himmlische Ganga," murmelte ich unwillkürlich. Da war es auf
+einmal, als ob jener Druck vor der Brust sich auflöste und in einer
+warmen Welle emporstiege, um sich schließlich in einem heißen
+Tränenstrom durch die Augen zu ergießen.
+
+Wohl hatte ich vorher, als mein Leben an meinem inneren Blicke
+vorüberzog, auch an Vasitthi und an die Zeit meiner Liebe gedacht--aber
+wie an etwas Fernes und Fremdes, das mir fast wie ein törichter Traum
+erschien. Jetzt aber _dachte_ ich nicht mehr daran, sondern erlebte es
+wieder; ich war auf einmal ich selber von damals und ich selber von
+jetzt, und mit wahrem Entsetzen wurde ich den ganzen Unterschied inne.
+Damals besaß ich nichts außer mir selbst und meiner Liebe; wie wären die
+zu trennen gewesen? _Jetzt_--o, was besaß ich jetzt nicht alles! Frauen
+und Kinder, Elefanten, Rosse und Rinder, Zugochsen, Diener und Sklaven,
+reich gefüllte Warenhäuser, Gold und Juwelen, einen Lustpark und einen
+Palast, um die mich meine Mitbürger beneideten--wo aber war ich selber
+geblieben? Wie in einer mißratenen Frucht war der Kern eingetrocknet,
+verschwunden, und Alles war zur Schale geworden!...
+
+Wie erwachend sah ich mich um.
+
+Der weitgedehnte Park, der seine schwarzen Baumkronen gegen den
+sternenbesäten, von der Milchstraße durchzogenen Nachthimmel erhob, und
+die stolze Halle, wo alabasterne Lampen zwischen den Säulen leuchteten:
+sie erschienen mir jetzt in einem ganz neuen Licht; feindselig und
+drohend umgaben sie mich, wie prächtig schimmernde Vampyre, die schon
+fast mein ganzes Herzblut ausgesogen hatten und begierig gähnten, um
+sich noch an den letzten Tropfen zu laben und nur den dürren Leichnam
+eines verfehlten Menschenlebens übrig zu lassen.
+
+Ein ferner undeutlicher Lärm--Murmeln oder Tritte, wie mir
+schien--schreckte mich auf. Das entblößte Schwert in der Hand, sprang
+ich ein paar Stufen hinunter, und blieb dann stehen, um zu lauschen. Die
+Räuber!--Doch nein! Alles war still, Alles blieb still; weit und breit
+rührte sich nichts. Es war nur einer jener unergründlichen Laute der
+Nachtstille, die mich so oft am Wachtfeuer der Karawane hatten
+aufspringen lassen.--Draußen war nichts! Aber was war das in _mir_? Das
+war nicht mehr Angst, was mir jetzt das Blut in den Schläfen pochen
+ließ; und auch der Mut der Verzweiflung war es nicht; nein, das war
+frohlockender Jubel:
+
+"Willkommen, ihr Räuber! Nur her, Angulimala! Verwüstet, äschert ein!
+Das sind ja meine Todfeinde, die ihr vernichtet! Was mich erdrücken
+würde, nehmt ihr von mir! Her zu mir! Die Schwerter in mein Blut
+getaucht! Das ist ja mein ärgster Feind, den ihr durchbohrt, dieser
+Leib, der der Wollust ergebene, der Völlerei verfallene! Das ist ja mein
+schlimmster Besitz, dies Leben, das ihr mir nehmt.--Willkommen, Räuber,
+gute Freunde, alte Kameraden!"
+
+Es konnte ja nicht lange dauern; Mitternacht war vorüber. Und wie freute
+ich mich jetzt auf den Kampf! Angulimala würde mich suchen: ich wollte
+doch sehen, ob er mir auch diesmal das Schwert aus der Hand schlagen
+könnte! O, wie süß würde das sein, zu sterben, nachdem ich ihn
+durchbohrt--ihn, der allein die Schuld an meinem ganzen Unglück trug.
+
+"Es kann nicht mehr lange dauern"--wie oft mag ich mir in jenen
+Nachtstunden diesen Trost wiederholt haben!
+
+Jetzt--endlich! Nein, es war ein Rauschen der Baumwipfel, das in der
+Ferne dahinstarb, um sich wieder zu erheben. Es klang als ob ein großes
+zottiges Tier sich schüttelte. Immer wieder geschah es, und einmal
+ertönte der kurze Schrei irgend eines Vogels.
+
+Waren das nicht Zeichen des herannahenden Tages?
+
+Mir wurde kalt vor Schrecken. War es möglich, daß ich enttäuscht werden
+sollte? Ja, ich zitterte jetzt bei dem Gedanken, daß die Räuber
+schließlich _nicht_ kämen. Wie greifbar nahe war mir das Ende
+erschienen--ein kurzer, aufregender Kampf und dann der Tod, kaum
+gespürt. Nichts schien mir nun so trostlos, als die gemeine Aussicht, am
+Morgen hier angetroffen zu werden, in der alten Umgebung, selbst wieder
+der alte und dem alten Leben verschrieben. Sollte das wirklich
+geschehen?--Kämen sie nicht, die Befreier! Es mußte sicher die höchste
+Zeit sein--ich wagte nicht einmal nachzuforschen. Aber wie war das
+möglich? War ich am Ende doch das Opfer einer Sinnestäuschung geworden,
+als ich in jenem Asketen Angulimala erkannte? Wieder und wieder warf ich
+diese Frage auf, jedoch ich konnte das nicht glauben. Dann aber mußte er
+ja noch kommen--ohne Zweck hatte er sich doch gewiß nicht in dieser sehr
+geschickten Verkleidung bei mir eingefunden, um sofort wieder zu
+verschwinden, als ob ihn die Erde verschlungen hätte. Denn ich hatte
+Nachforschungen angestellt und wußte, daß er nirgends sonst um
+Almosenspeise vorgesprochen hatte.
+
+Das schlaftrunkene Krähen eines jungen Hahnes im nahen Hofe weckte mich
+aus meinem Grübeln. Das Sternbild, das ich suchte, konnte ich kaum mehr
+finden; einige seiner Sterne waren schon hinter die Baumwipfel gesunken,
+und die Gestirne hatten, mit Ausnahme der am höchsten stehenden, ihr
+klares Funkeln eingebüßt. Es war kein Zweifel: das Tagesgrauen kündigte
+sich schon an, und ein Angriff Angulimalas war völlig ausgeschlossen.
+
+Von allem Wunderlichen, was ich in dieser Nacht erlebte, kam aber jetzt
+das Wunderlichste.
+
+Diese Erkenntnis war nämlich von keinem Gefühl der Enttäuschung
+begleitet, noch weniger freilich von einer Erleichterung durch das
+Verschwinden aller Gefahr. Sondern ein neuer Gedanke war da und erfüllte
+mich ganz:
+
+"Was habe ich denn auch diese Räuber nötig?
+
+Ihre Fackeln und Pechkränze wollte ich, um von der Last dieses
+prächtigen Besitztums befreit zu werden. Aber es gibt ja Männer, die
+freiwillig sich ihres Besitzes entäußern und als Pilger umherziehen. Wie
+ein Vogel, wohin er auch fliegt, nur mit seinen Fittichen versehen
+fliegt, ebenso ist auch der Pilger mit dem Gewande zufrieden, das seinen
+Leib deckt, mit der Almosenspeise, die sein Leben fristet. Und ich habe
+sie ja preisend sagen hören: 'Ein Gefängnis, ein Schmutzwinkel ist die
+Häuslichkeit, der freie Himmelsraum ist die Pilgerschaft.'
+
+Und die Schwerter der Räuber rief ich an, um diesen Leib zu töten. Wenn
+aber dieser Leib zerfällt, bildet sich ja ein neuer, und aus diesem
+Leben geht ein neues als seine Frucht hervor.--Was für eins würde wohl
+aber aus dem meinigen hervorgehen? Freilich haben wir ja, Vasitthi und
+ich, uns bei jener himmlischen Ganga, deren Silberwellen die Lotusteiche
+des westlichen Paradieses speisen, feierlich zugeschworen, uns in jenen
+seligen Gefilden zu finden--und mit jenem Schwur hat sich; wie sie
+sagte, dort im heiligen, kristallklaren See für jeden von uns eine
+Lebensknospe gebildet; durch jeden reinen Gedanken, jede gute Tat müsse
+sie wachsen, alles Böse und Nichtswürdige aber werde wie ein Wurm an ihr
+nagen. Ach, längst muß ja die meinige zernagt sein! Ich habe ja auf mein
+Leben zurück geblickt: nichtswürdig hat es sich gestaltet,
+Nichtswürdiges würde aus ihm hervorgehen. Was hätte ich denn durch einen
+solchen Tausch gewonnen?
+
+Nun gibt es ja aber Männer, die schon in diesem Leben jede irdische
+Wiedergeburt vernichten und die unerschütterliche Gewißheit ewiger
+Seligkeit gewinnen. Und das sind eben dieselben Männer, die, Alles
+hinter sich lassend, frei umherpilgern.
+
+Was sollen mir also die Brandfackeln der Räuber, was ihre Schwerter?"
+
+Und ich, der ich zuerst vor den Räubern angstvoll gezittert und nachher
+mich ungeduldig nach ihnen gesehnt und meine Hoffnung auf sie gesetzt
+hatte--ich fürchtete mich weder vor ihnen, noch erhoffte ich von ihnen
+irgend etwas; von Furcht und Hoffnung frei, empfand ich eine große Ruhe.
+In dieser Ruhe kostete ich aber einen Vorgeschmack der Wonne, die
+denjenigen zu eigen ist, die das Ziel der Pilgerschaft erreicht haben;
+denn wie ich den Räubern gegenüberstand, so mögen sie wohl allen Mächten
+der Welt gegenüberstehen: weder fürchten sie solche, noch hoffen sie
+etwas von ihnen, sondern verharren in Frieden.
+
+Und ich, der ich noch vor vierundzwanzig Stunden mich scheute, eine
+kurze Reise anzutreten wegen der Strapazen und der kargen Kost des
+Karawanenlebens, ich beschloß jetzt, ohne Zagen und Wanken, bis an das
+Ende meiner Tage obdachlos zu Fuß zu wandern, mein Leben fristend "so
+wie es eben kommt".
+
+Ohne auch nur noch einmal in das Haus zurückzukehren, ging ich
+geradenwegs nach einer zwischen Garten und Hof gelegenen Scheune, wo
+allerlei Geräte aufbewahrt wurden. Dort nahm ich den Stock eines
+Ochsentreibers und schnitt die Spitze ab, um ihn als Wanderstab zu
+benutzen, und eine Kürbisflasche, wie die Gärtner und Feldarbeiter sie
+bei sich tragen, hängte ich um.
+
+Am Brunnen im Hofe füllte ich die Flasche.
+
+Da trat der Hausmeier an mich heran.
+
+"Angulimala und seine Räuber kommen wohl jetzt nicht mehr, o Herr?"
+
+"Nein, Kolita, sie kommen nicht mehr."
+
+"Aber wie, o Herr? Gehst du schon aus?"
+
+"So ist es, Kolita, ich gehe aus, und eben davon wollte ich mit dir
+sprechen. Denn ich gehe jetzt den Weg, den sie den Weg der höchsten
+Zugvögel nennen. Von diesem Weg, Kolita, gibt es aber für einen, der auf
+ihm ausharrt, keine Rückkehr. Keine Rückkehr nach dem Tode in diese
+Welt, wieviel weniger während des Lebens nach diesem Hause. Dies Haus
+aber gebe ich in deine Obhut, denn du hast dich treu bewährt bis in den
+Tod. Verwalte Haus und Vermögen, bis mein Sohn das Mannesalter erreicht.
+Grüße meinen Vater und meine Frauen, und gehab dich wohl!"
+
+Nachdem ich also gesprochen, und meine Hand, die der gute Kolita mit
+Küssen und Tränen bedeckte, frei gemacht hatte, schritt ich dem Tore zu.
+Und beim Anblick des Pfostens, an dem die Gestalt des Asketen gelehnt
+hatte, dachte ich: wenn ihre Ähnlichkeit mit Angulimala nur eine
+Erscheinung war, so habe ich nun diese Erscheinung richtig gedeutet.
+
+Schnell, ohne mich umzusehen, durchschritt ich den Vorort mit seinen
+Gärten; und vor mir erstreckte sich, wie in die Unendlichkeit
+fortlaufend, im ersten Schimmer des Tagesgrauens, die öde Landstraße.
+
+So bin ich, Ehrwürdiger, in die Heimatlosigkeit gegangen.
+
+
+
+
+XVIII. IN DER HALLE DES HAFNERS
+
+
+Als der Pilger Kamanita mit diesen Worten seine Erzählung zu Ende
+geführt hatte, schwieg er und sah sinnend in die Landschaft hinaus.
+
+Und auch der Erhabene schwieg und sah sinnend in die Landschaft hinaus.
+Große Bäume waren da sichtbar, nähere und fernere, einige sich in
+schattige Massen sammelnd, andere sich duftig in wolkenartige Gebilde
+auflösend, um nebelhaft in der Ferne zu zerfließen.
+
+Der Mond stand jetzt über dem Dachvorsprung, und sein Licht drang in den
+vorderen Teil der Halle, wo es wie drei auf die Bleiche gebreitete weiße
+Tücher auf dem Boden lag, während die linken Seiten der Pfeiler
+glänzten, als ob sie mit Silber beschlagen wären.
+
+In der tiefen Stille der Nacht hörte man, wie eine Büffelkuh irgendwo in
+der Nähe mit regelmäßigen kurzen Rucken das Gras abrupfte.
+
+Und der Erhabene überlegte bei sich:
+
+"Sollte ich wohl jetzt diesem Pilger sagen, was ich alles von Vasitthi
+weiß? Wie treu sie ihm war, wie sie ohne eigene Schuld, durch schnöden
+Betrug, dahin gebracht wurde, Satagira zu heiraten? Wie es _ihr_ Werk
+war, daß Angulimala in Ujjeni erschien, und daß dadurch auch er,
+Kamanita, selber sich auf diesem Pilgerwege befindet, anstatt in
+schmutzigem Wohlleben zu verkümmern. Sollte ich ihm offenbaren, auf
+welchem Wege sich jetzt Vasitthi befindet?"
+
+Und er entschied sich dahin, daß die Zeit dafür noch nicht gekommen sei,
+und daß ein solches Wissen dem Streben des Pilgers nicht förderlich sein
+könne.
+
+Da sprach der Erhabene:
+
+"Von Liebem getrennt sein, ist Leiden, mit Unliebem vereint sein, ist
+Leiden. Wurde dies gesagt, so wurde es darum gesagt."
+
+"O wie wahr!" rief Kamanita mit bewegter Stimme--"wie überaus tief und
+wahr! Wer hat denn, o Fremder, diesen trefflichen Ausspruch getan?"
+
+"Laß es gut sein, Pilger. Gleichviel, wer ihn getan hat, wenn du nur
+seine Wahrheit fühlst und erkennst."
+
+"Wie sollte ich nicht! Enthält er doch in wenigen Worten den ganzen
+Jammer meines Lebens. Hätte ich mir nicht schon einen Meister erwählt,
+ich würde keinen anderen als den Trefflichen, von dem diese Worte
+stammen, aufsuchen."
+
+"So hast du also, o Pilger, einen Meister, zu dessen Lehre du dich
+bekennst, in dessen Namen du ausgezogen bist?"
+
+"Zwar bin ich nicht, Ehrwürdiger, in irgend jemandes Namen ausgezogen,
+vielmehr dachte ich damals allein das Ziel zu erringen. Und wenn ich
+tagsüber in der Nähe eines Dorfes, am Fuße eines Baumes oder im tiefen
+Walde rastete, dann lag ich inbrünstig dem tiefsten Denken ob. Und ich
+hing, o Ehrwürdiger, Gedanken wie den folgenden nach: 'Was ist die
+Seele? Was ist die Welt? Ist die Welt ewig? Ist die Seele ewig? Ist die
+Welt zeitlich? Ist die Seele zeitlich? Ist die Welt ewig und die Seele
+zeitlich? Ist die Seele ewig und die Welt zeitlich?' Oder: 'Warum hat
+der höchste Brahma diese Welt aus sich hervorgehen lassen? Und wenn der
+höchste Brahma vollkommen und reine Wonne ist, wie kommt es dann, daß
+die von ihm erschaffene Welt unvollkommen und mit Leiden behaftet ist?'
+
+Und indem ich, Ehrwürdiger, solchen Gedanken nachhing, kam ich zu keiner
+befriedigenden Lösung. Es erhoben sich vielmehr immer neue Zweifel, und
+dem Ziel, um dessen willen edle Söhne für immer das Haus verlassen und
+in die Heimatlosigkeit gehen, schien ich mich um keinen Schritt genähert
+zu haben."
+
+"Ebenso, o Pilger, wie wenn Einer dem Horizonte nachliefe: 'O, daß ich
+doch heute oder morgen den Horizont erreichen könnte!'--ebenso entflieht
+das Ziel demjenigen, der solchen Fragen nachgeht"
+
+Kamanita nickte nachdenklich und fuhr dann fort:
+
+"Da geschah es eines Tages, als die Schatten der Bäume schon länger zu
+werden begannen, daß ich in der Lichtung eines Waldes auf eine Klause
+stieß. Und ich sah da junge, weiß gekleidete Männer, von denen einige
+die Kühe molken, während andere Holz spalteten und wieder andere die
+Eimer an der Quelle spülten. Auf einer Matte vor der Halle saß ein alter
+Brahmane, bei dem diese jungen Leute offenbar die Lieder und Sprüche
+lernten. Er begrüßte mich freundlich, und obwohl es, wie er sagte, nur
+eine knappe Stunde bis zum nächsten Dorfe sei, bat er mich, ihr Mahl zu
+teilen und bei ihnen zu übernachten. Das tat ich denn auch dankbar
+genug, und bevor ich mich zum Schlafen hinlegte, hatte ich manche gute
+und beherzigenswerte Rede gehört. Als ich nun am folgenden Tage
+weitergehen wollte, fragte mich der Brahmane: 'Wer ist dein Meister, o
+Pilger, und in wessen Namen bist du ausgezogen?' Und ich antwortete, wie
+ich dir geantwortet habe.
+
+Da sagte denn der Brahmane: 'Wie wirst du, o Pilger, jenes hohe Ziel
+erreichen, wenn du allein wanderst wie das Nashorn, anstatt wie der
+weise Elefant in einer Herde, von einem erfahrenen Führer geleitet?'
+
+Dabei blickte er beim Worte 'Herde' wohlwollend auf die umherstehenden
+jungen Leute, beim Worte 'Führer' schien er selbstgefällig in sich
+hineinzulächeln.
+
+'Denn,' fuhr er dann fort, 'gar zu hoch ist ja dies für eigenes, tiefes
+Denken, und ohne einen Lehrer gibt es hier gar keinen Zugang.
+Andererseits aber sagt auch der Veda in der Belehrung Çvetaketus:
+"Gleichwie, o Teurer, ein Mann, den sie aus dem Lande der Gandharer mit
+verbundenen Augen hergeführt und dann in die Einöde losgelassen haben,
+nach Osten oder nach Norden, oder nach Süden verschlagen wird, weil er
+mit verbundenen Augen hergeführt und mit verbundenen Augen losgelassen
+worden war; aber nachdem ihm jemand die Binde abgenommen und zu ihm
+gesprochen: 'Dort hinaus wohnen die Gandharer, dort hinaus gehe,' von
+Dorf zu Dorf sich weiterfragend, belehrt und verständig zu den
+Gandharern heimgelangt: also auch ist ein Mann, der hienieden einen
+Lehrer gefunden hat, sich bewußt: diesem Welttreiben werde ich nur so
+lange angehören, bis ich erlöst sein werde, und dann werde ich
+heimgehen.'"
+
+Nun merkte ich wohl, daß dieser Brahmane darauf ausging, mich zum
+Schüler zu gewinnen. Aber eben diese Begehrlichkeit erweckte bei mir
+kein Zutrauen. Gar wohl aber gefiel mir jenes Vedawort, das ich im
+Weitergehen mir immer wiederholte, um es zu behalten. Dabei fiel mir ein
+Spruch ein, den ich einmal über einen Meister gehört hatte: 'Den
+Vollendeten verlangt es nicht nach Jüngern, aber die Jünger verlangt es
+nach dem Vollendeten.' Wie muß der, dachte ich mir, ein ganz anderer
+Mann sein als dieser Waldbrahmane! Und es verlangte mich, Ehrwürdiger,
+nach jenem nicht verlangenden Meister."
+
+"Wer war wohl aber der Meister, den du also hattest preisen hören, und
+wie nennt er sich?"
+
+"Es ist, o Bruder, der Asket Gautama, der Sakyersohn, der dem Erbe der
+Sakyer entsagt hat. Diesen Meister Gautama aber begrüßt man allenthalben
+mit dem frohen Ruhmesruf: 'Das ist der Erhabene, der Heilige, der
+Wissens- und Wandelsbewährte, der Meister der Götter und Menschen, der
+vollkommen Erwachte, der Buddha.' Um des Erhabenen willen pilgere ich
+nun; zu seiner Lehre will ich mich bekennen."
+
+"Wo aber, Pilger, weilt er jetzt, der Erhabene, vollkommen Erwachte?"
+
+"Es liegt, o Bruder, oben im nördlichen Reiche Kosala, eine Stadt, die
+Savatthi heißt. Und vor der Stadt ist der Waldpark Jetavana, mit
+mächtigen, tiefen Schatten spendenden Bäumen, worunter Menschen
+lärmentrückt sitzen und denken können, mit klaren, Kühlung aushauchenden
+Teichen, mit smaragdenen Matten, mit zahllosen Blumen in mannigfaltigen
+Farben. Diesen Hain aber hat der reiche Kaufmann Anathapindika schon vor
+Jahren vom Prinzen Jeta um so viel Gold erstanden, daß damit der ganze
+Boden bedeckt werden könnte, und hat ihn dann dem Buddha übergeben. Dort
+also in Jetavana, dem lieblichen, Weisenscharen-durchwandelten, hat er,
+der Erhabene, der vollkommen Erwachte, gegenwärtig seinen Aufenthalt.
+Und im Verlaufe von etwa vier Wochen hoffe ich, wenn ich rüstig
+ausschreite, den Abstand von hier nach Savatthi bewältigt zu haben und
+zu seinen, des Erhabenen, Füßen zu sitzen."
+
+"Hast du aber, Pilger, ihn, den Erhabenen, schon einmal gesehen, und
+würdest du ihn, wenn du ihn sähest, erkennen?"
+
+"Nein, Bruder, ich habe ihn, den Erhabenen, noch nicht gesehen, und sähe
+ich ihn, so würde ich ihn nicht erkennen."
+
+Da dachte denn der Erhabene bei sich: "Um meinetwillen pilgert dieser
+Pilger, zu meinem Namen bekennt er sich; wie, wenn ich ihm nun die Lehre
+darlegte?" Und der Erhabene wandte sich an Kamanita und sprach:
+
+"Der Mond hat sich erst gerade über den Dachvorsprung erhoben, wir sind
+noch nicht tief in der Nacht, und langer Schlaf ist dem Geiste nicht
+gut. Wohlan, wenn es dir recht ist, will ich als Gegengeschenk für deine
+Erzählung dir die Lehre des Buddha darlegen."
+
+"Es ist mir recht, Bruder, und ich bitte dich, es zu tun."
+
+"So höre, Pilger, und achte wohl auf meine Rede."
+
+
+
+
+XIX. DER MEISTER
+
+
+Und der Erhabene sprach: "Der Vollendete, Bruder, der vollkommen
+Erwachte hat zu Benares, am Sehersteine im Gazellenhain, das Rad der
+Lehre ins Rollen gesetzt. Und dawiderstellen kann sich kein Asket und
+kein Priester, kein Gott und kein Teufel, noch irgendwer in der Welt.
+Sie ist die Enthüllung, die Offenbarung der vier heiligen Wahrheiten.
+Welcher vier? Der heiligen Wahrheit vom Leiden, der heiligen Wahrheit
+von der Leidensentstehung, der heiligen Wahrheit von der
+Leidensvernichtung, der heiligen Wahrheit von dem zur Leidensvernichtung
+führenden Pfad.
+
+Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit vom Leiden? Geburt ist
+Leiden, Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Sterben ist Leiden;
+Kummer, Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung sind Leiden; von Liebem
+getrennt sein, ist Leiden, mit Unliebem vereint sein, ist Leiden; das,
+was man begehrt, nicht erlangen, ist Leiden; kurz, die verschiedenen
+Formen des Anhangens sind Leiden. Das heißt man, Bruder, die heilige
+Wahrheit vom Leiden.
+
+Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensentstehung? Es
+ist dieser Durst, der von Wiedergeburt zu Wiedergeburt führende, von
+Lust und Leidenschaft begleitete, bald da, bald dort sich ergötzende,
+ist der Lüstedurst, der Werdedurst, der Vergänglichkeitsdurst. Das nennt
+man, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensentstehung.
+
+Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensvernichtung?
+Es ist eben dieses Durstes vollkommene, restlose Vernichtung, das
+Verlassen, das Sichlosmachen, die Befreiung, die Erlösung von ihm. Das
+nennt man, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensvernichtung.
+
+Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit von dem zur
+Leidensvernichtung führenden Wege? Dieser heilige, achtfältige Pfad ist
+es, der da besteht in rechtem Erkennen, rechtem Entschließen, rechter
+Rede, rechtem Handeln, rechtem Wandeln, rechtem Streben, rechtem
+Gedenken, rechtem Sichversenken. Das nennt man, Bruder, die heilige
+Wahrheit von dem zur Leidensvernichtung führenden Wege."
+
+Nachdem nun der Meister auf solche Weise die vier Ecksteine errichtet
+hatte, ging er daran, das ganze Lehrgebäude aufzuführen, zu einem
+wohnlichen Heim für die Gedanken und Gesinnungen seines Schülers; er
+erläuterte jeden einzelnen Satz, wie man jeden einzelnen Stein behaut
+und glättet, und so wie man Stein auf Stein legt, fügte er Satz zu Satz,
+überall sorgfältig grundlegend und Alles genau aneinander passend. Der
+Säule des Leidensgedankens zur Seite stellte er die Säule des
+Vergänglichkeitsgedankens; beide verbindend und von beiden getragen,
+schloß sich aber als Gebälk der schwerwiegende Gedanke von der
+Wesenlosigkeit aller Erscheinungen an. Durch solch mächtiges Portal
+stieg er, seinen Schüler behutsam führend, Schritt für Schritt die
+wohlgefügte Stufenleiter des Grundfolgegesetzes mehrmals auf und ab,
+überall befestigend und vervollkommnend.
+
+Und wie ein geschickter Baumeister beim Errichten eines Prachtgebäudes
+an passenden Stellen Bildwerke einfügt, und zwar so, daß sie nicht nur
+als Schmuck, sondern auch als tragende oder stützende Teile dienen, also
+brachte der Erhabene auch manchmal ein gefälliges und sinniges Gleichnis
+an, da ja durch ein Gleichnis oft der dunkle Sinn einer tiefgedachten
+Rede klar wird.
+
+Schließlich aber faßte er das Ganze zusammen, indem er ihm gleichsam die
+deckende, weithin leuchtende Kuppel aufsetzte, und sprach:
+
+"Durch Haften, o Pilger, kommst du zum Entstehen; durch Nichthaften
+kommst du nicht zum Entstehen.
+
+Ein Mönch aber, der nirgend anhänglich haftet, dem geht in der
+ungetrübten Heiterkeit seines Gleichmutes dieses Schauen auf:
+Unerschütterlich ist meine Erlösung, dies ist die letzte Geburt, nicht
+gibt es ferner ein neues Sein.
+
+So ist nun ein dahin gelangter Mönch mit dieser höchsten Weisheit
+belehnt. Das ist ja, Pilger, die höchste, heilige Weisheit: alles Leiden
+versiegt zu wissen. Wer ihrer teilhaftig geworden, der hat eine Freiheit
+gefunden, die wahrhaft, unantastbar besteht. Denn das, Pilger, ist ja
+falsch, was eitel und vergänglich ist: und das ist wahr, was echt und
+unvergänglich' ist: die Wahnerlöschung.
+
+Und er, der von Hause aus der Geburt, dem Altern und dem Tode
+unterworfen war, er hat nun, das Unheil dieses Naturgesetzes merkend,
+sich die geburtlose, alterslose, todlose Sicherheit errungen; er, der
+der Krankheit, dem Schmutze, der Sünde unterworfen war, hat die
+unvergängliche, reine, heilige Sicherheit erreicht:
+
+Im Erlösten ist die Erlösung, versiegt ist das Leben, gewirkt das Werk,
+nicht mehr ist für mich diese Welt da.
+
+Ein solcher, o Pilger, wird 'Endiger' genannt, denn er hat dem Leiden
+ein Ende gemacht.
+
+Ein solcher, o Pilger, wird 'Auslöscher' genannt, denn den Wahn von
+'Ich' und 'Mein' hat er ausgelöscht.
+
+Ein solcher, o Pilger, wird 'Ausroder' genannt, denn den Lebenstrieb hat
+er mit der Wurzel ausgerodet, so daß kein Leben mehr keimen kann.
+
+Ein solcher, solange er im Leibe ist, sehen ihn die Menschen und Götter;
+nachdem aber sein Leib im Tode zerfallen ist, sehen ihn die Menschen und
+Götter nicht mehr. Und auch die Natur, die Alles erspähende, sieht ihn
+nicht mehr: geblendet hat er das Auge der Natur, entschwunden ist er der
+bösen.
+
+Den Strom des Werdens durchkreuzend, hat er die Insel erreicht, die
+einzige, das Jenseits von Alter und Tod--das Nirvana."
+
+
+
+
+XX. DAS UNVERNÜNFTIGE KIND
+
+
+Nachdem der Erhabene seine Belehrung also beschlossen hatte, blieb der
+Pilger Kamanita lange Zeit stumm und regungslos sitzen, in
+widerstreitenden und zweifelnden Gedanken befangen. Endlich sagte er:
+"Du hast mir da, Ehrwürdiger, gar vieles davon gesagt, wie der Mönch dem
+Leiden schon bei Lebzeiten ein Ende macht, aber nichts davon, was aus
+ihm wird, wenn dann sein Leib im Tode zerfällt und zu den Elementen
+zurückkehrt, ausgenommen, daß von da ab weder Menschen noch Götter, noch
+die Natur selber ihn sehen. Aber von einem ewigen Leben, von höchster
+Wonne und himmlischer Seligkeit"-davon habe ich nichts vernommen. Hat
+denn der Erhabene darüber nichts offenbart?
+
+"So ist es, Bruder, so ist es. Der Erhabene hat darüber nichts
+offenbart."
+
+"Dann heißt das so viel, als daß der Erhabene von dieser wichtigsten
+Frage nicht mehr weiß als ich selber," versetzte Kamanita unmutig.
+
+"Meinst du? So höre denn, Pilger. In jenem Sinsapawalde bei Kosambi, wo
+du und deine Vasitthi euch ewige Treue und Wiedersehen im Paradiese des
+Westens zugeschworen habt, weilte auch zu einer Zeit der Erhabene. Und
+der Erhabene trat aus dem Walde, ein Bündel Sinsapablätter in der Hand,
+und sprach zu den Jüngern: 'Was meint ihr, ihr Jünger, ist mehr, diese
+Sinsapablätter, die ich in die Hand genommen habe, oder die anderen
+Blätter droben im Sinsapawalde?' Und ohne sich lange zu besinnen,
+antworteten sie: 'Die Blätter, Herr, die der Erhabene in die Hand
+genommen hat, sind wenige, und viel mehr sind jene Blätter droben im
+Sinsapawalde.' 'Ebenso auch, ihr Jünger,' sprach der Erhabene, 'ist das
+viel mehr, was ich erkannt und euch nicht verkündet, als das, was ich
+euch verkündet habe. Und warum, ihr Jünger, habe ich euch jenes nicht
+verkündet? Weil es nicht heilsam, nicht urasketentümlich ist, nicht zur
+Abkehr, nicht zur Wendung, nicht zur Auflösung, nicht zum Erwachen,
+nicht zum Nirvana führt."
+
+"Wenn der Erhabene im Sinsapawalde vor Kosambi also gesprochen hat,"
+antwortete Kamanita, "dann dürfte die Sache noch schlimmer stehen. Denn
+er hat dann über diesen Punkt geschwiegen, um die Jünger nicht zu
+entmutigen, oder gar abzuschrecken, indem er ihnen die letzte Wahrheit
+enthüllte: nämlich die Vernichtung. Diese scheint mir denn auch als
+notwendige Folge aus dem hervorzugehen, was du mir auseinandergesetzt
+hast. Denn nachdem alle Gegenstände der fünf Sinne und des Denkens als
+vergänglich, wesenlos und leidvoll abgewiesen und verneint sind, bleiben
+eben keine Bestimmungen übrig, mittelst welcher irgend etwas zu fassen
+wäre. Und so verstehe ich denn, Ehrwürdiger, die mir von dir dargelegte
+Lehre dahin, daß ein Mönch, der alle Unreinheit von sich abgetan hat,
+wenn sein Leib zerbricht, der Vernichtung anheimfällt, daß er vergeht,
+daß er nicht mehr ist jenseits des Todes."
+
+"Sagtest du mir nicht, Pilger," fragte dann der Buddha, "daß du binnen
+eines Monats zu Füßen des Erhabenen im Waldparke Jetavana bei Savatthi
+sitzen würdest?"
+
+"Das hoff ich sicher zu tun, Ehrwürdiger; warum fragst du mich?"
+
+"Wenn du nun also zu Füßen des Erhabenen sitzest, was meinst du dann,
+Freund--die Körperform, die du dann siehst, die du mit den Händen
+berühren kannst--ist die der Vollendete, siehst du es also an?"
+
+"Das tue ich nicht, Ehrwürdiger."
+
+"Wenn nun aber der Erhabene mit dir spricht,--das Bewußtsein, das dann
+zum Vorschein kommt, mit seinen Empfindungen, Wahrnehmungen und
+Vorstellungen--ist denn das der Vollendete? Siehst du es also an?"
+
+"Das tue ich nicht, Ehrwürdiger." "So sind wohl, Freund, der Körper und
+das Bewußtsein zusammengenommen der Vollendete?"
+
+"Auch so sehe ich es nicht an, Ehrwürdiger."
+
+"Ist denn der Vollendete geschieden von dem Körper? oder vom Bewußtsein?
+oder von beiden? Siehst du es so an, Freund?"
+
+"Er ist insofern von ihnen geschieden, als sein Wesen durch diese
+Bestimmungen noch nicht erschöpft ist."
+
+"Welche Bestimmungen hast du denn nun, Freund, außer denen der
+Körperlichkeit mit allen ihren sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften und
+dem Bewußtsein mit seinem ganzen Inhalt von Empfindungen, Wahrnehmungen
+und Vorstellungen--welche Bestimmungen hast du noch außerdem, mittelst
+welcher du das noch nicht Erschöpfte im Wesen des Vollendeten erschöpfen
+kannst?"
+
+"Solcher anderer Bestimmungen, Ehrwürdiger, habe ich freilich keine."
+
+"So ist also, Freund Kamanita, schon hier in der Sinnenwelt der
+Vollendete nicht in Wahrheit und Wesenhaftigkeit für dich zu erfassen.
+Hast du da also ein Recht, zu sagen, daß der Vollendete--oder der Mönch,
+der alle Unreinheit von sich abgetan hat--wenn sein Leben zerbricht, der
+Vernichtung anheimfällt, daß er nicht ist jenseits des Todes; lediglich,
+weil du kein Mittel besitzest, um ihn dort in Wahrheit und
+Wesenhaftigkeit zu erfassen?"
+
+Solchermaßen befragt, saß der Pilger Kamanita eine Weile, gebeugten
+Rumpfes, gesenkten Kopfes, schweigend da.
+
+"Wenn ich auch kein Recht habe, das zu behaupten," sagte er schließlich,
+"so scheint es mir doch deutlich genug eben aus jenem Schweigen des
+Vollendeten hervorzugehen. Denn gewiß hätte er nicht geschwiegen, wenn
+er etwas Erfreuliches mitzuteilen gehabt hätte, was ja der Fall wäre,
+wenn er wüßte, daß den Mönch, der dem Leiden ein Ende gemacht hat, nach
+dem Tode keineswegs Vernichtung, sondern ewiges, seliges Leben erwartet.
+Denn eine solche Mitteilung könnte ja die Jünger nur anspornen und ihnen
+in ihrem rechten Streben förderlich sein."
+
+"Wähnst du, Freund? Wie nun aber, wenn der Vollendete als letztes Ziel
+nicht die Vernichtung des Leidens hingestellt hätte--ebenso wie er mit
+dem Leiden selbst anfing--sondern noch darüber hinaus ein ewiges,
+seliges Leben jenseits des Todes gepriesen hätte? Und gar viele von den
+Jüngern hätten an dieser Vorstellung Gefallen gefunden, hingen ihr
+anhänglich an, ersehnten ihre Erfüllung mit heißer Sucht, die alle
+Heiterkeit der Gedenkenruhe trübte: hätten sie sich dann nicht wieder
+unversehens in das gewaltige Fangnetz der Lebenslust verstrickt? Und
+indem sie sich an ein Jenseits hielten, hierfür aber notwendigerweise
+alle Farben vom Diesseits nähmen, würden sie da nicht, je mehr sie dem
+Jenseits nachjagten, eben am Diesseits festkleben? Gleichwie etwa ein
+Kettenhund, der an einen festen Pfahl gebunden ist und loszukommen
+versucht, sich um diesen Pfahl im Kreise dreht:--ebenso würden jene
+lieben Jünger aus Abscheu vor dem diesseitigen Leben sich gerade um das
+diesseitige Leben im Kreise drehen."
+
+"Wenn ich auch diese Gefahr zugeben muß," gab Kamanita zur Antwort, "so
+halte ich doch das andere Übel, die durch das Schweigen hervorgerufene
+Unsicherheit, für viel gefährlicher, weil es von vornherein den Eifer
+lähmt. Denn wie kann wohl der Jünger entschlossen und mutig mit allen
+Kräften streben, dem Leiden ein Ende zu machen, wenn er nicht weiß, was
+darauf folgt--ob ewige Seligkeit oder Nichtsein?"
+
+"Was meinst du, Freund, wenn da ein Haus wäre, das vom Feuer ergriffen
+würde, und der Diener liefe, den Herrn zu wecken: 'Steh auf, Herr!
+Flieh! Das Haus brennt! Schon flammen die Balken, und das Dach will
+einstürzen'--würde wohl dann der Herr erwidern: 'Geh, mein Lieber, und
+sieh nach, ob es draußen regnet und stürmt, oder ob es eine liebliche
+Mondnacht ist; und ist letzteres der Fall, dann wollen wir uns ins Freie
+begeben."'
+
+"Wie könnte wohl, Ehrwürdiger, der Herr also antworten? Denn der Diener
+hat ihm ja angstvoll zugerufen: 'Flieh, Herr! Das Haus brennt! Schon
+flammen die Balken, und das Dach will einstürzen'."
+
+"Freilich hat der Diener ihm das zugerufen. Wenn nun aber dennoch der
+Herr antwortete: 'Geh, mein Lieber, und sieh nach, ob es draußen regnet
+und stürmt, oder ob es eine liebliche Mondnacht ist; und ist letzteres
+der Fall, dann wollen wir uns ins Freie begeben'--würdest du dann nicht
+daraus schließen, daß der Herr gar nicht richtig gehört hat, was ihm der
+getreue Diener zurief? daß es ihm keineswegs klar geworden ist, welche
+tödliche Gefahr über seinem Kopfe schwebt?"
+
+"Freilich müßte ich ja diese Schlußfolgerung ziehen, Ehrwürdiger, da es
+anderenfalls undenkbar wäre, daß der Mann eine solche törichte Antwort
+geben könnte."
+
+"Ebenso nun auch, Pilger--wandere, als ob dein Haupt von Flammen umgeben
+wäre! denn das Haus brennt. Und welches Haus? Die Welt! Durch welches
+Feuer entflammt? Durch der Begierde Feuer, durch des Hasses Feuer, durch
+der Verblendung Feuer. Die ganze Welt wird von Flammen verzehrt, die
+ganze Welt ist von Rauch umwölkt, die ganze Welt erbebt."
+
+Solchermaßen angerufen, zitterte der Pilger Kamanita, wie ein junger
+Büffel zittert, wenn er zum erstenmal aus dem Dickicht den Ruf des Löwen
+vernimmt. Gebeugten Rumpfes, gesenkten Kopfes, das Gesicht von
+brennender Röte übergossen, saß er eine Weile schweigend da. Dann sagte
+er mit mürrischer, obwohl etwas bebender Stimme:
+
+"Das will mir aber dennoch nicht gefallen, daß der Erhabene darüber
+nichts offenbart hat, wenn er etwas Verheißungsvolles darüber hätte
+mitteilen können. Und auch wenn er geschwiegen hat, weil das, was er
+wußte, eben trostlos und abschreckend ist, oder weil er überhaupt nichts
+wußte: so will mir das auch nicht gefallen. Denn des Menschen Sinnen und
+Trachten geht auf Glückseligkeit und Wonne, was auch in der Natur
+begründet ist und nicht anders sein kann. Und so habe ich ja auch die
+Brahmanischen Priester verkünden hören:
+
+'Gesetzt, es sei ein Jungling, ein wackerer Jüngling, ein
+lernbegieriger, der schnellste, kräftigste, stärkste, und ihm gehörte
+die ganze Erde mit all ihrem Reichtum: so ist das eine menschliche
+Wonne. Aber hundert menschliche Wonnen sind _eine_ Wonne der himmlischen
+Genien. Und hundert Wonnen der himmlischen Genien sind _eine_ Wonne der
+Götter. Und hundert Wonnen der Götter sind _eine_ Wonne des Indra. Und
+hundert Wonnen des Indra sind _eine_ Wonne des Prajapati, und hundert
+Wonnen des Prajapati sind _eine_ Wonne des Brahman. Dies ist die höchste
+Wonne, dies ist der Weg zur höchsten Wonne!'"
+
+"Gleichwie, o Pilger, wenn da ein unerfahrenes Kind wäre, der
+vernünftigen Erwägung unfähig. Dieses Kind empfände in einem Zahne
+brennenden, stechenden, bohrenden Schmerz; und es liefe zu einem
+kundigen, bewährten Arzt und klagte ihm seine Not: 'Wolle,
+Ehrwürdigster, durch deine Kunst schaffen, daß ich in diesem Zahn
+anstatt des Schmerzes ein wonniges Hochgefühl empfinde.' Und der Arzt
+antwortete: 'Liebes Kind, meine Kunst befaßt sich nur damit, den Schmerz
+zu beseitigen.'--Aber das unvernünftige Kind finge an zu klagen: 'Habe
+ich doch, ach! in diesem Zahne nun so lange brennenden, stechenden,
+bohrenden Schmerz empfunden; wie billig ist es da, daß ich jetzt statt
+dessen ein wonniges Gefühl, süße Lust darin genösse. Auch gibt es ja,
+habe ich gehört, kundige, bewährte Ärzte, deren Kunst so weit reicht,
+und ich glaubte, daß du ein solcher wärest!' Und dies unvernünftige Kind
+liefe nun zu einem Heilzauberer, einem Wunderarzt aus dem Lande der
+Gandarer, einem Marktschreier, der durch einen öffentlichen Ausrufer zum
+Schall von Trommeln und Muschelhörnern auf den Straßen verkünden ließe:
+'Gesundheit ist das höchste Gut, Gesundheit ist des Menschen Ziel.
+Blühende, üppige Gesundheit, wohliges, wonniges Hochgefühl in allen
+Gliedern, in allen Adern und Fasern des Körpers, wie es die seligen
+Götter genießen, kann auch der Kränkste um eine geringe Opfergabe durch
+meine Hilfe erlangen.' Zu diesem Wunderarzt liefe das Kind und klagte
+ihm seine Not: 'Wolle, Ehrwürdigster, durch deine Kunst schaffen, daß
+ich in diesem Zahn anstatt des Schmerzes ein wohliges, wonniges
+Hochgefühl genieße.' Und der Zauberer antwortete: 'Liebes Kind, gerade
+darin besteht meine Kunst.' Und nachdem er das ihm vom Kinde
+dargereichte Geld eingestrichen, berührte er den Zahn mit seinem Finger
+und brächte eine magische Wirkung hervor, wodurch ein wonniges
+Lustgefühl sofort den Schmerz verdrängte. Und das unvernünftige Kind
+liefe erfreut und hochbeglückt nach Hause.--Nach einer kurzen Weile aber
+ließe das Lustgefühl nach, und der Schmerz stellte sich wieder ein. Und
+warum? _Weil ja die Ursache des Übels nicht beseitigt war_.
+
+Aber, o Pilger, ein verständiger Mann empfände in einem Zahn brennenden,
+stechenden, bohrenden Schmerz. Und er ginge zu dem kundigen, bewährten
+Arzt und klagte ihm seine Not: 'Wolle, Ehrwürdigster, durch deine Kunst
+mich von diesem Schmerz befreien.' Und der Arzt antwortete: 'Wenn du,
+mein Lieber, nichts weiter von mir verlangst, so viel vertraue ich
+meiner Kunst.' 'Was könnte ich wohl weiter verlangen?' fragte der
+verständige Mann. Und der Arzt untersuchte den Zahn und fände die
+Ursache des Schmerzes in einer Entzündung an der Zahnwurzel. 'Geh nach
+Hause, mein Lieber, und lasse dir an dieser Stelle einen Blutegel
+setzen. Wenn er sich vollgesogen hat und abfällt, dann lege diese
+Kräuter auf die Wunde. Dann wird der Eiter und das ungesunde Blut
+entfernt sein, und der Schmerz wird aufhören.' Und der verständige Mann
+ginge nach Hause und täte, wie der Arzt ihm gesagt. Und der Schmerz
+verginge und kehrte nicht wieder. Und warum nicht? _Weil ja die Ursache
+des Übels beseitigt war_."
+
+Als nun der Erhabene nach Beendigung dieses Gleichnisses schwieg, saß
+der Pilger Kamanita verstummt und verstört, gebeugten Rumpfes, gesenkten
+Hauptes, das Antlitz von brennender Röte übergossen, wortlos da, und der
+Angstschweiß tröpfelte ihm von der Stirn herab und rieselte ihm aus den
+Achselhöhlen herunter. Fühlte er sich doch von diesem Ehrwürdigen mit
+einem unvernünftigen Kinde verglichen und ihm gleichgestellt. Und da er
+trotz aller Anstrengung keine Antwort zu finden vermochte, war er dem
+Weinen nahe.
+
+Endlich, als er seine Stimme beherrschen konnte, fragte er kleinlaut:
+
+"Hast du, Ehrwürdiger, dies alles aus dem Munde des Erhabenen, des
+vollendeten Buddha selber?"
+
+Selten geschieht es, daß Vollendete lächeln. Bei dieser Frage jedoch
+umspielte ein Lächeln die Lippen des Erhabenen.
+
+"Das freilich nicht, Bruder."
+
+Als der Pilger Kamanita dies vernahm, richtete er freudig seinen Körper
+empor, blickte leuchtenden Auges auf und sprach mit frisch belebter
+Stimme:
+
+"Dachte ich's doch! O, ich wußte ja, daß dies nicht die ureigene Lehre
+des Vollendeten sein könne, sondern nur deine eigene mißverständlich
+ergrübelte Auslegung derselben. Heißt es ja doch, daß die Lehre des
+Buddha im Anfange beseligend, in der Mitte beseligend und am Ende
+beseligend sei. Wie aber könnte jemand das von einer Lehre sagen, die
+mir nicht ein ewiges, seliges Leben in höchster Wonne verheißt? Nun, in
+wenigen Wochen werde ich ja zu Füßen des Vollendeten sitzen und von
+seinen eigenen Lippen die Heilslehre empfangen, wie ein Kind aus der
+Mutterbrust seine süße Nahrung saugt. Und auch du wirst da sein und
+richtig belehrt von deiner irrigen, verderblichen Auffassung
+zurückkommen. Aber sieh, jene Streifen des Mondlichtes haben sich fast
+bis zur Schwelle der Halle zurückgezogen; wir müssen tief in der Nacht
+sein. Wohlan, wir wollen uns jetzt schlafen legen."
+
+"Wie es dir, Bruder, belieben mag," antwortete der Erhabene freundlich.
+
+Und sich fester in seinen Mantel hüllend, legte der Erhabene sich auf
+der Matte in der Stellung des Löwen hin, auf den rechten Arm gestützt,
+den linken Fuß auf dem rechten ruhen lassend.
+
+Und der Stunde des Erwachens gedenkend, schlief er sofort ein.
+
+
+
+
+XXI. MITTEN IM LAUFE
+
+
+Als der Erhabene beim ersten Morgengrauen erwachte, sah er, wie der
+Pilger Kamanita emsig seine Matte zusammenrollte, seine Kürbisflasche
+umhängte und sich nach dem Stabe umsah, den er nicht gleich in der Ecke
+bemerkte, weil er umgefallen war. Dabei hatte er in allen seinen
+Bewegungen das Gepräge eines Menschen, der es sehr eilig hat.
+
+Der Erhabene setzte sich auf und grüßte ihn freundlich.
+
+"Willst du schon aufbrechen, Bruder?"
+
+"Freilich, freilich," rief Kamanita erregt. "Denke dir, es ist wirklich
+kaum zu glauben--rein zum Lachen, und doch so wunderbar--ein wahres
+Glück! Vor wenigen Minuten erwachte ich und fühlte mich, nach dem vielen
+Reden von gestern, recht trocken im Halse. Ich sprang sofort auf und
+lief zum Brunnen--unter den Tamarinden, quer über den Weg. Dort stand
+schon ein Mädchen und schöpfte Wasser. Und was meinst du wohl, was ich
+von ihr höre?--Der Vollendete ist gar nicht in Savatthi! Und wo ist er
+denn, glaubst du? Gestern ist er, von dreihundert Mönchen begleitet,
+hier in Rajagaha angekommen! Und er weilt jetzt in seinem Mangohaine
+jenseits der Stadt. In einer Stunde, in weniger vielleicht, werde ich
+ihn gesehen haben--ich, der ich glaubte, noch vier Wochen pilgern zu
+müssen! Was sage ich--in einer Stunde?--Es ist nur eine gute halbe
+Stunde bis dahin, sagte das Mädchen, wenn man nicht durch die
+Hauptstraßen geht, sondern durch die Gäßchen und Höfe nach dem Westtor
+läuft...ich kann mir's kaum denken! Mir brennt der Boden unter den
+Sohlen--leb' wohl, Bruder! Du hast es gut mit mir gemeint, und ich werde
+nicht unterlassen, auch dich zum Erhabenen zu führen--jetzt aber kann
+ich mich wahrlich keinen Augenblick mehr aufhalten."
+
+Und der Pilger Kamanita stürzte aus der Halle hinaus und lief die Straße
+dahin, so schnell ihn die Beine nur tragen wollten. Als er aber das
+Stadttor Rajagahas erreichte, war es noch nicht geöffnet, und er mußte
+eine kleine Weile warten, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam und seine
+Ungeduld aufs höchste steigerte.
+
+Indessen benutzte er die Zeit, um von einer alten Frau, die einen Korb
+voll Gemüse nach der Stadt trug und, wie er selbst, dort warten mußte,
+genaue Erkundigungen über den kürzesten Weg einzuziehen--wie er durch
+jene Gäßchen, rechts an einem Tempelchen und links an einem Brunnen
+vorübergehen müsse und dann einen Turm ja nicht aus den Augen verlieren
+dürfe, so daß er die vor der Stadtmauer verlorene Zeit vielleicht
+innerhalb derselben einholen könne.
+
+Als nun das Tor sich geöffnet hatte, stürzte er unaufhaltsam in der ihm
+bezeichneten Richtung fort. Manchmal rannte er ein paar Kinder über den
+Haufen, rempelte eine Frau an, die am Rinnstein Geschirr spülte, so daß
+eine Schüssel ihr klirrend davonrollte und zerbrach, oder er stieß mit
+einem Wasserträger zusammen. Aber die Schimpfworte, die hinter ihm
+herflogen, erreichten verschlossene Ohren, so ganz war er von dem einen
+Gedanken erfüllt, daß er bald, ganz bald den Buddha sehen würde.
+
+"Welches Glück!" sagte er zu sich selber. "Wie viele Geschlechter leben
+dahin, ohne daß ein Buddha auf der Erde mit ihnen zusammen wandert; und
+von dem Geschlecht, das einen Buddha zum Zeitgenossen hat--o wie so
+wenige sind es, die ihn sehen! Mir aber ist jetzt dies Glück
+gewiß!--Immer habe ich ja gefürchtet, daß auf dem weiten, gefahrvollen
+Wege wilde Tiere oder Räuber mich um dies Glück bringen könnten, jetzt
+aber kann es mir nicht mehr geraubt werden!"
+
+Während er so dachte, war er in ein sehr enges Gäßchen eingebogen. In
+seinem törichten Vorwärtsstürmen sah er nicht, daß vom anderen Ende her
+eine Kuh, die aus irgend einem Grunde scheu geworden war, ihm
+entgegenstürzte, bemerkte auch nicht, wie ein paar Leute vor ihm sich
+eiligst in ein Haus flüchteten, und andere sich hinter einem
+vorspringenden Mauerstück verbargen; er hörte nicht den Ruf, durch den
+eine auf einem Söller stehende Frau ihn warnen wollte--er spähte nur
+hinauf nach den Turmzinnen, die ihn am Verfehlen des Weges hindern
+sollten.
+
+Erst als es zum Ausweichen zu spät war, sah er entsetzt, gerade vor
+sich, die dampfenden Nüstern, die mit Blut unterlaufenen Augen und das
+blanke Horn, das ihm unmittelbar danach tief in die Seite drang.
+
+Mit einem lauten Schrei fiel er an der Mauer nieder. Die Kuh stürzte
+weiter und verschwand in einer anderen Straße.
+
+Sofort eilten nun Leute herbei, teils aus Neugier, teils um zu helfen.
+Das Weib, das ihn gewarnt hatte, brachte Wasser, um die Wunde zu
+reinigen. Man zerriß seinen Mantel, um ihm einen Verband anzulegen und
+womöglich das Blut zu stillen, das wie ein Quell hervorbrach.
+
+Kamanita hatte fast keinen Augenblick das Bewußtsein verloren. Es war
+ihm sofort klar, daß dies seinen Tod bedeute. Aber weder diese
+Vorstellung, noch die Schmerzen quälten ihn so sehr, wie die Angst, daß
+er den Buddha jetzt nicht zu sehen bekäme. Mit bewegter Stimme flehte er
+die Umstehenden an, ihn nach dem Mangohaine zum Buddha zu tragen:
+
+"So weit bin ich gepilgert, ihr lieben Leute!--So nahe war ich schon am
+Ziel! O, habt Erbarmen mit mir, zögert nicht, mich dahin zu tragen!
+Denkt nicht an die Schmerzen, fürchtet nicht, daß ich ihnen
+unterliege--ich werde nicht sterben, bevor ihr mich dem Vollendeten zu
+Füßen niedergelegt habt, und dann werde ich selig sterben, selig
+auferstehen."
+
+Einige liefen nun, Stangen und eine Matratze zu holen. Eine Frau brachte
+ein stärkendes Getränk, von dem Kamanita ein paar Löffel voll nahm. Die
+Männer waren uneinig, welcher Weg zur Versammlungshalle im Mangohaine
+der kürzeste sei, da es wohl auf jeden Schritt ankommen konnte. Denn es
+war jedem klar, daß es mit dem Pilger bald zu Ende ging.
+
+"Da kommen Jünger des Vollendeten!" rief einer der Umstehenden, das
+Gäßchen hinanzeigend, "die werden uns das am besten sagen können."
+
+Wirklich nahten sich einige Mönche aus dem Orden des Buddha, in gelbe
+Mäntel gehüllt, die den rechten Ann frei ließen, und die Almosenschale
+in der Hand. Die meisten waren jüngere Leute; aber zuvörderst schritten
+zwei ehrwürdige Gestalten: ein Greis, dessen ernstes, etwas strenges
+Gesicht mit dem durchdringenden Blick und dem kräftigen Kinn
+unwillkürlich die Aufmerksamkeit auf sich lenkte, und ein Mann in
+mittleren Jahren, aus dessen Zügen eine so herzgewinnende Milde
+leuchtete, daß er dadurch fast das Aussehen eines Jünglings bekam. Auch
+konnte ein erfahrener Beobachter in seiner Haltung und in den etwas
+lebhaften Bewegungen, wie auch im feurigen Blicke, die unveräußerlichen
+Merkmale der Kriegerkaste entdecken, während die bedächtige Ruhe des
+Älteren den geborenen Brahmanen verriet. An hohem Wuchs und fürstlichem
+Anstand kamen aber beide einander gleich.
+
+Als diese Mönche bei der Gruppe, die sich um den verwundeten Mann
+gebildet hatte, Halt machten, erzählten ihnen viele redselige Zungen
+sofort, was vorgefallen war, und daß man im Begriff sei, diesen
+verwundeten Pilger auf einer Bahre--die gerade gebracht wurde--nach dem
+Mangohaine zum Buddha zu tragen, um dadurch seinen sehnlichen Wunsch zu
+erfüllen;--ob nicht einer der jüngeren Mönche mit zurückkehren wolle, um
+ihnen den kürzesten Weg nach der Stelle zu weisen, wo der Erhabene sich
+augenblicklich aufhielt?
+
+"Der Erhabene," antwortete der Greis mit dem strengen Gesicht, "ist
+nicht im Mangohaine, und wir wissen selbst noch nicht, wo er sich
+aufhält."
+
+Bei dieser Antwort entrang ein verzweifeltes Stöhnen sich der wunden
+Brust Kamanitas.
+
+"Aber freilich kann er nicht weit von hier sein," fügte der Jüngere
+hinzu. "Der Erhabene hat gestern die Mönchsgemeinschaft vorausgeschickt
+und ist allein weitergegangen. Er wird sich wohl verspätet haben und
+irgendwo, vielleicht im Vororte, eingekehrt sein. Wir sind jetzt
+unterwegs, ihn zu suchen."
+
+"O, suchet eifrig, findet ihn!" rief Kamanita.
+
+"Wenn wir auch wüßten, wo der Erhabene ist, so ginge es doch nicht an,
+diesen Verwundeten hinzutragen," meinte der strenge Mönch. "Denn die
+Erschütterung auf der Bahre würde seinen Zustand schnell verschlimmern,
+und wenn er es auch überstände, so würde er doch sterbend ankommen, und
+sein Geist würde nicht fähig sein, die Worte des Erhabenen zu erfassen.
+Wenn er sich aber jetzt schont, und von einem kundigen Wundarzt
+behandelt und sorgfältig gepflegt wird, dann ist doch immer noch
+Hoffnung vorhanden, daß er so weit zu Kräften kommen kann, um der Rede
+des Erhabenen zu lauschen.
+
+Aber Kamanita zeigte ungeduldig auf die Bahre:
+
+"Keine Zeit--sterben--mich mitnehmen--ihn sehen--berühren--selig
+sterben--mitnehmen--eilet!"
+
+Achselzuckend wandte sich der Mönch an die jüngeren Brüder:
+
+"Dieser arme Mann hält den siegreich Vollendeten für ein Götzenbild, bei
+dessen Berührung man entsühnt wird."
+
+"Er hat Vertrauen zum Vollendeten gefaßt, Sariputta, wenn ihm auch das
+tiefere Verständnis fehlt," sagte der andere und beugte sich über den
+Verwundeten, um den Grad seiner Kräfte festzustellen; "vielleicht könnte
+man es doch wagen. Der Arme dauert mich, und ich glaube, man kann ihm
+nichts Besseres antun, als den Versuch zu machen."
+
+Ein dankbarer Blick des Pilgers belohnte ihn für seine Fürsprache.
+
+"Wie es dir beliebt, Ananda," antwortete Sariputta freundlich.
+
+In diesem Augenblick kam von der Seite, von welcher auch Kamanita
+gekommen war, ein Hafner gegangen, der auf dem Rücken einen Korb mit
+allerlei Töpferwaren trug. Als er den Pilger Kamanita bemerkte, den man
+soeben mit großer Vorsicht, aber nicht ohne ihm heftige Schmerzen zu
+verursachen, auf die Bahre gelegt hatte, blieb er erschrocken
+stehen--und zwar so plötzlich, daß die aufeinandergetürmten Schüsseln,
+die er auf dem Kopfe trug, zu Boden fielen und zerbrachen.
+
+"Ihr Götter! Was ist denn hier vorgefallen? Das ist ja der fromme
+Pilger, der meiner Halle die Ehre angetan hat, dort zu übernachten. In
+der Gesellschaft eines Mönches, der dasselbe Gewand trug, wie diese
+Ehrwürdigen, hat er in meinem Hause die Nacht zugebracht."
+
+"War jener Mönch ein alter Mann und von hoher Gestalt?" fragte
+Sariputta.
+
+"Gewiß, Ehrwürdiger--und er schien mir dir selber nicht unähnlich zu
+sein."
+
+Da wußten nun die Mönche, daß sie nicht länger zu suchen brauchten, und
+daß der Erhabene im Hause des Hafners war. Denn "der Jünger, der dem
+Meister ähnelt"--also wurde ja Sariputta genannt.
+
+"Ist es möglich?" sagte Ananda und blickte von dem Verwundeten auf, der
+durch die Schmerzen, die ihm das Emporheben verursacht hatte, fast
+bewußtlos geworden war und die Ankunft des Hafners gar nicht bemerkt
+hatte.--"Ist es möglich? Dieser arme Mann hätte das Glück, nach dem er
+so sehnlich trachtet, die ganze Nacht genossen, ohne es auch nur im
+geringsten zu ahnen?"
+
+"Das ist die Art des Toren," sagte Sariputta. "Aber gehen wir; jetzt
+kann er ja hingebracht werden."
+
+"Einen Augenblick!" rief Ananda, "die Schmerzen haben ihn überwältigt."
+
+In der Tat zeigte der leere Blick Kamanitas, daß er kaum bemerkte, was
+um ihn vorging. Es fing an, ihm schwarz vor den Augen zu werden. Aber
+der lange Streifen des Morgenhimmels, der oben zwischen den hohen Mauern
+leuchtete, drang doch noch bis zu seinem Bewußtsein durch und mochte ihm
+wohl als die den Nachthimmel durchquerende Milchstraße erscheinen. Seine
+Lippen bewegten sich:
+
+"Die Ganga--," murmelte er.
+
+"Seine Sinne wandern," sagte Ananda.
+
+Die Zunächststehenden, die das Wort vernommen hatten, faßten es anders
+auf.
+
+"Er wünscht jetzt an die Ganga gebracht zu werden, damit die heiligen
+Wogen seine Sünden abspülen.--Aber Mutter Ganga ist ja weit von
+hier--wer könnte ihn wohl dahin tragen?"
+
+"Erst der Buddha, dann die Ganga!"--murmelte Sariputta mit dem halb
+verächtlichen Mitleid des Weisen einem Toren gegenüber, der unrettbar
+von einem Aberglauben in den anderen fällt.
+
+Aber plötzlich belebten die Augen Kamanitas sich wunderbar. Ein seliges
+Lächeln verklärte seine Züge. Sein Körper wollte sich aufrichten. Ananda
+stützte ihn.
+
+"Die himmlische Ganga," flüsterte er mit schwacher, aber freudiger
+Stimme, und zeigte mit der rechten Hand nach dem Himmelsstreifen über
+seinem Haupte: "Die himmlische Ganga!--wir schwuren--bei ihren
+Wellen--Vasitthi--"
+
+Sein Körper zitterte, Blut quoll ihm aus dem Munde, und in den Armen
+Anandas verschied er.--
+
+Kaum eine halbe Stunde später traten Sariputta und Ananda, von den
+Mönchen begleitet, in die Halle des Hafners ein, begrüßten den Erhabenen
+ehrerbietig und setzten sich ihm zur Seite nieder.
+
+"Nun, mein lieber Sariputta," fragte da der Erhabene, nachdem er ihnen
+freundlichen Gruß entboten,--"hat die junge Mönchsgemeinde unter deiner
+Führung die weite Wanderung gut und ohne Unfälle überstanden? Habt ihr
+Mangel an Nahrung oder Arznei für die Kranken unterwegs gehabt? Ist die
+Jüngerschaft fröhlich beflissen?"
+
+"Glücklich bin ich, Ehrwürdigster, sagen zu können, daß es uns an nichts
+gefehlt hat, und daß die jungen Mönche voll Eifer und Zuversicht, sich
+nur danach sehnen, den Erhabenen von Angesicht zu Angesicht zu sehen.
+Diese edlen Jünglinge, Kenner des Wortes, Nachfolger der Lehre, habe ich
+mitgenommen, um sie schon jetzt dem Meister vorzustellen."
+
+Bei diesen Worten erhoben sich drei junge Mönche und begrüßten den
+Erhabenen mit zusammengelegten Händen:
+
+"Heil dem Erhabenen, dem vollendeten Buddha--Heil!"
+
+"Seid mir willkommen," sprach der Erhabene und lud sie mit einer
+Handbewegung wieder zum Sitzen ein.
+
+"Und ist auch der Erhabene," fragte Ananda, "nach der gestrigen
+Wanderung ohne Übermüdung oder üble Folgen gut hier angekommen? Und hat
+der Erhabene in dieser Halle die Nacht leidlich zugebracht?"
+
+"So ist es, Brüder. Ich bin bei einbrechender Dunkelheit zwar recht
+müde, doch ohne üble Folgen der Wanderung hier angekommen und habe in
+der Gesellschaft eines fremden Pilgers die Nacht nicht eben schlecht
+zugebracht."
+
+"Dieser Pilger," nahm Sariputta das Wort, "ist in den Straßen Rajagahas
+durch eine Kuh des Lebens beraubt worden."
+
+"Und nicht ahnend, mit wem er die Nacht hier zugebracht hatte," fügte
+Ananda hinzu, "begehrte er sehnlich, zu Füßen des Erhabenen gebracht zu
+werden."
+
+"Bald danach freilich verlangte er, man möchte ihn nach der Ganga
+tragen," bemerkte Sariputta.
+
+"Nicht doch, Bruder Sariputta!"--berichtigte Ananda. "Denn er sprach von
+der _himmlischen_ Ganga. Leuchtenden Blickes gedachte er eines Schwures
+und nannte dabei einen Frauennamen--Vasitthi, glaube ich--und so
+verschied er."
+
+"Irgend einen Frauennamen auf den Lippen, ging er von dannen," sagte
+Sariputta.--"Wo ist er wohl wieder ins Dasein getreten?"
+
+"Töricht, ihr Jünger, war der Pilger Kamanita, einem unvernünftigen
+Kinde vergleichbar. Diesem Pilger, ihr Jünger, der in meinem Namen
+umherzog und sich zur Lehre des Erhabenen bekennen wollte, habe ich die
+Lehre ausführlich und eingehend dargelegt. Und er hat an der Lehre
+Anstoß genommen. Auf Seligkeit und Himmelswonnen war das Sehnen und
+Trachten seines Herzens gerichtet. Der Pilger Kamanita, ihr Jünger, ist
+in Sukhavati, im Paradiese des Westens, wieder ins Dasein getreten,
+tausend- und abertausendjährige Himmelswonnen zu genießen."
+
+
+
+
+XXII. IM PARADIESE DES WESTENS
+
+
+Als der Erhabene in der Halle des Hafners zu Rajagaha diese Worte
+sprach, erwachte der Pilger Kamanita im Paradiese des Westens. In einen
+roten Mantel gehüllt, der zart und glänzend wie ein Blumenblatt in
+reichem Faltenwurf um ihn herabfloß, fand er sich mit untergeschlagenen
+Beinen, auf einer mächtigen, gleichfarbigen Lotusrose sitzend, die
+mitten auf einem großen Teiche schwamm. Auf der weiten Wasserfläche
+waren überall solche Lotusblumen zu sehen, rote, blaue und weiße, einige
+noch als Knospen, andere, obwohl ziemlich entwickelt, doch immer noch
+geschlossen, aber unzählige offen wie die seine; und fast auf einer
+jeden thronte eine menschliche Gestalt, deren faltiges Gewand aus den
+Blumenblättern emporzuwachsen schien.
+
+Auf den schrägen Ufern des Teiches, im grünsten Gras, lachte ein
+Blumenflor, als ob alle Edelsteine der Erde hier in Blumengestalt
+wiedergeboren wären, ihren Glanz und ihr durchleuchtetes Farbenspiel
+beibehaltend, aber den harten Panzer, den sie in ihrem Erdenleben
+getragen, gegen die Weiche, schmiegsame, lebendige Pflanzenhülle
+eintauschend. So war auch der Duft, den sie aushauchten, mächtiger als
+die herrlichste Essenz, die je in ein kristallenes Fläschchen
+eingeschlossen wurde, und hatte doch die ganze herzhafte Frische des
+natürlichen Blumenduftes.
+
+Von diesem fesselnden Ufersaum schweifte nun der entzückte Blick weiter
+zwischen hohen und breitwipfeligen, smaragdlaubigen und juwelenblühenden
+Bäumen, die bald einzeln sich erhoben, bald in Gruppen zusammen standen,
+bald tiefe Haine bildeten, hinüber nach den anmutigsten Felsenhügeln,
+die bald nackt ihre kristallenen, marmornen und alabasternen Formen
+zeigten, bald sie mit dichtem Gebüsch bedeckten oder mit duftigem
+Blütenflor verhüllten. An einer Stelle aber wichen Haine und Felsen
+gänzlich zur Seite, um einem schönen Fluß Raum zu geben, der sich still,
+wie ein Strom von Sternenglanz, in den Teich ergoß.
+
+Über die ganze Gegend wölbte sich ein Himmel, dessen Ultramarinblau nach
+unten zu eher noch tiefer wurde, und unter dieser Kuppel schwebten
+weiße, geballte Wölkchen, auf welchen liebliche Genien gelagert waren,
+deren Instrumente den ganzen Raum mit den Zauberklängen wonniger Weisen
+erfüllten.
+
+Aber an diesem Himmel war keine Sonne zu sehen, noch bedurfte es einer
+solchen. Denn von den Wölkchen und den Genien, von Felsen und Blumen,
+vom Wasser und von den Lotusrosen, von den Gewändern der Seligen, noch
+mehr aber von ihren Gesichtern strahlte ein wundersames Licht aus. Und
+wie dies Licht von strahlender Helligkeit war, ohne doch im mindesten zu
+blenden, so wurde die weiche, duftgesättigte Wärme durch den ständigen
+Hauch des Wassers erfrischt, und schon diese Luft einzuatmen war eine
+Lust, der nichts auf Erden gleichkommt.
+
+Als Kamanita den ersten Anblick dieser Herrlichkeiten so weit verwunden
+hatte, daß sie ihn nicht mehr überwältigten, sondern anfingen, sich ihm
+als seine natürliche Umgebung unterzuordnen, richtete er seine
+Aufmerksamkeit auf jene anderen Wesen, die, wie er selber, ringsum auf
+den schwimmenden Lotusthronen saßen. Er bemerkte bald, daß die rot
+gekleideten männlichen, die weiß gekleideten weiblichen Geschlechts
+waren, während von den in blaue Mäntel gehüllten Gestalten, wie ihm
+schien, einige diesem, einige jenem Geschlechte angehörten. Alle
+miteinander aber standen sie in vollster Jugendblüte, und alle schienen
+von freundlichster Gesinnung erfüllt zu sein.
+
+Ein Nachbar in blauem Mantel flößte ihm besonderes Vertrauen ein, und
+die Lust, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, regte sich in ihm.
+
+"Ob es wohl angeht, von selber und unaufgefordert diesen Ehrwürdigen zu
+fragen?" dachte er. "Gar zu gern möchte ich doch wissen, wo ich bin."
+
+Zu seiner größten Verwunderung erfolgte die Antwort sofort, lautlos und
+ohne daß der Blaue die Lippen auch nur leise bewegt hätte:
+
+"Du bist in Sukhavati, dem Orte der Seligkeit."
+
+Unwillkürlich fragte Kamanita in Gedanken weiter:
+
+"Du warst hier, Ehrwürdigster, als ich die Augen aufschlug, denn mein
+Blick fiel sofort auf dich. Bist du vielleicht gleichzeitig mit mir
+erwacht, oder warst du schon lange hier?"
+
+"Seit undenklichen Zeiten bin ich hier," antwortete der Blaue, "und ich
+würde glauben, daß ich von Ewigkeit her hier wäre, wenn ich nicht so oft
+gesehen hätte, wie eine Lotusblume sich öffnete und ein neues Wesen zum
+Vorschein kam--und wenn nicht der Duft des Korallenbaumes wäre."
+
+"Was ist's denn mit diesem Duft?"
+
+"Das wirst du selber bald entdecken. Der Korallenbaum ist das größte
+Wunder dieses Paradieses."
+
+Die Musik der himmlischen Genien, die wie von selber dieses lautlose
+Gespräch zu begleiten schien, mit ihren Weisen und Klängen sich jedem
+Satz desselben anschmiegend, gleichsam um seinen Sinn zu vertiefen und
+das klar zu machen, was die Worte nicht fassen konnten, wob bei diesen
+Worten ein seltsam mystisches Tongebilde, und es schien dem lauschenden
+Kamanita, als ob in seinem Geiste unendliche Tiefen sich öffneten, in
+deren Schatten formlose Erinnerungen sich regten, ohne erwachen zu
+können.
+
+"Das größte Wunder!" sagte er nach einer Pause. "Ich meinte, von allem
+Wunderbaren hier sei das Wunderbarste jener herrliche Strom, der sich in
+unsern Teich ergießt."
+
+"Die himmlische Ganga," nickte der Blaue.
+
+"Die himmlische Ganga!"--wiederholte Kamanita träumerisch, und wiederum
+überkam ihn, nur in verstärktem Maße, jenes Gefühl von etwas, das er
+kennen müsse und doch nicht kennen konnte, während die geheimnisvollen
+Töne in den tiefsten Abgründen seines eigenen Selbstes die Quellen jenes
+Stromes zu suchen schienen.
+
+
+
+
+XXIII. SELIGE REIGEN
+
+
+Mit Verwunderung bemerkte Kamanita jetzt, wie eine nicht weit von ihm
+auf ihrer Lotusrose thronende weiße Gestalt plötzlich in die Höhe wuchs.
+Die aufgehäufte Masse der eckigen Mantelfalten wickelte sich
+auseinander, bis das Gewand geradlinig von den Schultern bis zum
+goldigen Saume hinabfloß. Und dieser berührte schon nicht mehr die
+Blumenblätter--die Gestalt schwebte frei über den Teich hin, über das
+Ufer hinauf, und verschwand zwischen den Bäumen und hinter dem Gebüsch.
+
+"Wie herrlich muß das sein!"--dachte Kamanita. "Aber das ist wohl eine
+sehr schwierige Kunst, obschon es aussieht, als ob es gar nichts wäre.
+Ob ich das wohl jemals lernen kann?"
+
+"Du kannst schon, wenn du nur willst," antwortete der Blaue, an den die
+letzte Frage gerichtet war.
+
+Sofort hatte Kamanita die Empfindung, als ob etwas seinen Körper in die
+Höhe höbe. Er schwebte schon quer über den Teich nach dem Ufer zu, und
+bald war er mitten im Grünen. Wohin er seinen Blick wünschend richtete,
+dorthin ging sein Flug, schnell oder langsam, je nach Verlangen. Er sah
+nun andere Lotusteiche, ebenso herrlich wie der, den er eben verlassen
+hatte, durchstreifte liebliche Haine, wo bunte Vögel von Zweig zu Zweig
+hüpften und ihr melodisches Zwitschern mit dem leisen Rauschen der
+Wipfel mischten, strich über blumenreiche Auen hin, wo niedliche
+Antilopen ihr Spiel trieben, ohne sich im geringsten vor ihm zu
+fürchten, und ließ sich endlich auf dem sanften Abhang eines Hügels
+nieder. Zwischen Baumstämmen und blühendem Gebüsch sah er die Ecke eines
+Teiches, wo das Wasser rings um die großen Lotusblüten glitzerte, deren
+Blumenthrone hier und dort eine selige Gestalt trugen, während mehrere
+selbst von den ganz entfalteten leer waren.
+
+Es war nämlich offenbar gerade ein Augenblick des allgemeinen
+Schwärmens. Wie an einem warmen Sommerabend die Leuchtkäfer unter den
+Bäumen und um das Gebüsch hin und her kreisen, ein stilles, leuchtendes
+Treiben, also schwebten hier die seligen Gestalten, einzeln und
+paarweise, in ganzen Gruppen oder Reihen durch die Haine und um die
+Felsen. Dabei sah man es ihren Mienen und Blicken an, daß sie sich
+lebhaft miteinander unterhielten und man ahnte die unsichtbaren Fäden
+des Gespräches, die sich zwischen den lautlos Dahinziehenden hinüber und
+herüber spannen.
+
+In süßer, traumhafter Befangenheit genoß Kamanita dies reizende
+Schauspiel. Nach und nach entstand in ihm ein Verlangen, sich mit diesen
+Fröhlichen zu unterhalten.
+
+Sofort war er von einer ganzen Gesellschaft umringt, die ihn freundlich
+begrüßte als den Neuangekommenen, den soeben Erwachten.
+
+Kamanita wunderte sich sehr und fragte, ob denn das Gerücht von seinem
+Entstehen sich schon überall in Sukhavati verbreitet hätte.
+
+"O, wenn ein Lotus sich öffnet, regen sich alle Lotusblumen in den
+Paradiesteichen, und jedes Wesen fühlt, wenn hier irgendwo ein neues
+Wesen zur Seligkeit erwacht."
+
+"Aber wie könnt ihr wissen, daß gerade ich der Neue bin?"
+
+Die ihn Umschwebenden lächelten lieblich.
+
+"Du bist noch nicht so ganz erwacht."
+
+"Du blickst uns an, als ob du Traumgestalten sähest und dich davor
+fürchtetest, daß sie plötzlich verschwinden könnten und daß eine rauhe
+Wirklichkeit dich wieder umgeben möchte."
+
+Kamanita schüttelte den Kopf.
+
+"Ich verstehe euch nicht so recht. Was sind Traumgestalten?"
+
+"Ihr vergeßt," sagte eine Weißgekleidete, "daß er gewiß noch nicht am
+Korallenbaume war."
+
+"Nein, dort war ich noch nicht. Aber ich habe doch schon von ihm gehört.
+Mein Nachbar im Teiche sprach mir davon; der Baum soll solch ein Wunder
+sein. Was ist's denn mit ihm?"
+
+Aber sie lächelten alle geheimnisvoll, sich gegenseitig anblickend und
+den Kopf schüttelnd.
+
+"Ich möchte gern sofort hin. Will mir niemand den Weg zeigen?"
+
+"Den Weg findest du schon selber, wenn die Zeit gekommen ist."
+
+Kamanita strich sich mit der Hand über die Stirn.
+
+"Noch ein Wunderding war da, von dem er sprach....Ja! Die himmlische
+Ganga....Von ihr wird unser Teich gespeist. Ist das mit dem eurigen auch
+so?"
+
+Die Weißgekleidete zeigte nach dem klaren Flüßchen, das sich um den Fuß
+des Hügels wand und in gemächlichen Krümmungen sich dem Teiche
+zuschlängelte.
+
+"Das ist unser Zufluß. Unzählige solcher Adern durchziehen diese
+Gefilde, und auch das, was du gesehen hast, ist nur eine solche, wenn
+auch eine größere. Aber die himmlische Ganga selber umschließt das ganze
+Sukhavati."
+
+"Hast du auch sie selber gesehen?"
+
+Die Weiße schüttelte den Kopf.
+
+"So kann man denn nicht dorthin kommen?"
+
+"Man kann schon," antworteten sie alle. "Aber keiner von uns war dort.
+Warum sollten wir auch? Nirgends kann es schöner sein als hier. Einige
+andere freilich waren da--aber sie sind nie wieder hingeflogen."
+
+"Warum denn nicht?"
+
+Die Weiße zeigte nach dem Teiche:
+
+"Siehst du den Roten dort, fast am anderen Ufer?--Er war dort, es ist
+lange, lange her. Wollen wir ihn fragen, ob er später noch einmal nach
+dem Gestade der Ganga geflogen ist?"
+
+"Nimmermehr," klang sofort die Antwort des Roten.
+
+"Und warum denn nicht?"
+
+"Fliege selber hin und hole dir Antwort."
+
+"Wollen wir? Mit dir zusammen darf ich schon."
+
+"Ich möchte wohl hin--aber jetzt nicht."
+
+Aus einem nahen Hain schwebte ein Zug seliger Gestalten hervor, schlang
+sich zu einem Reigen um das Wiesengebüsch, und indem die Reihe sich
+ausdehnte, ergriff die äußerste Gestalt--eine hellblaue--die Hand der
+Weißen. Diese reichte einladend ihre andere Hand Kamanita hin.
+
+Er dankte ihr lächelnd, schüttelte aber leise den Kopf:--
+
+"Noch möchte ich lieber zusehen."
+
+"Ja, ruhe nur, und erwache. Auf Wiedersehen!"
+
+Und von der Hellblauen sanft fortgezogen, schwebte sie von dannen, im
+luftigen Ringeltanz.
+
+Und auch die anderen zogen mit freundlichem, aufmunterndem Gruß davon,
+um ihm Ruhe zur Sammlung zu geben.
+
+
+
+
+XXIV. DER KORALLENBAUM
+
+
+Kamanita folgte ihnen lange mit dem Blick und wunderte sich. Und dann
+wunderte er sich über sein Wundern. "Wie kommt es denn, daß Alles mich
+hier so seltsam anmutet? Wenn ich hierher gehöre, warum scheint mir dann
+nicht Alles selbstverständlich?--Aber jede neue Erscheinung hier ist mir
+rätselhaft und setzt mich in Erstaunen. Zum Beispiel dieser Duft, der
+jetzt plötzlich an mir vorüberweht. Wie ist er doch so ganz verschieden
+von allem anderen Blumendufte hier--viel voller und mächtiger, anziehend
+und beunruhigend zugleich. Wo mag er wohl herkommen?
+
+...Aber wo mag ich wohl selber herkommen? Es scheint, als ob ich vor
+kurzem noch ein Nichts gewesen bin. Oder habe ich doch ein Dasein
+gehabt, nur nicht hier? Aber wo dann? Und wie bin ich denn
+hierhergekommen?"
+
+Während diese Fragen in ihm aufstiegen, hatte sich sein Körper, ohne daß
+er es bemerkte, vom Rasen losgelöst, und er schwebte schon weiter--aber
+in keiner von den Richtungen, denen die anderen gefolgt waren. Kamanita
+stieg aufwärts, gegen eine Einsattelung im Gipfel des Hügels. Als er
+über sie hinstrich, wurde er von einem noch stärkeren Hauch jenes neuen,
+seltsamen Duftes empfangen.
+
+Kamanita flog weiter.
+
+Jenseits des Hügels verlor die Gegend etwas an Lieblichkeit. Der
+Blumenflor war spärlicher, das Gebüsch dunkler, die Haine dichter, die
+Felsen schroffer und höher. Herden von Gazellen weideten da, aber nur
+ganz vereinzelt zeigte sich eine selige Gestalt.
+
+Das Tal verengte sich und mündete in eine Kluft. Hier war jener Duft
+noch stärker. Immer schneller wurde seine Flucht, immer nackter, steiler
+und höher schlossen sich die Felsenwände zusammen, bis nirgends mehr ein
+Ausgang zu sehen war.
+
+Die Schlucht machte ein paar scharfe Wendungen und öffnete sich
+plötzlich.
+
+Um Kamanita breitete sich ein von himmelstrebenden Malachitfelsen
+eingeschlossener Talkessel, und mitten in diesem stand der Wunderbaum.
+
+Stamm und Äste waren von blanker, roter Koralle; ein wenig gelblicher
+war die Röte des krausen Laubwerkes, aus dem die Blüten tief
+karmesinfarbig hervorglühten.
+
+Über Felsenzinnen und Baumwipfel spannte der Himmel sich dunkelblau,
+ohne daß ein einziges Wölkchen zu sehen war. Auch drang die Musik der
+Genien kaum hierher--was noch in der Luft zitterte, war wie eine
+Erinnerung an längst gehörte Melodien.
+
+Nur drei Farben waren da: das Ultramarinblau des Himmels, das
+Malachitgrün der Felsen, das Korallenrot des Baumes. Und nur _ein_
+Duft--jener geheimnisvolle, allen anderen unähnliche Duft der
+karmesinroten Blumen, der Kamanita hierher geführt hatte.
+
+Und alsbald zeigte sich nun auch die Wunderart dieses Duftes:
+
+Als Kamanita ihn hier einsog, wo er verdichtet den ganzen Kessel füllte,
+erweiterte sich plötzlich sein Bewußtsein und überschwemmte und
+durchbrach die Schranke, die bis jetzt hinter seinem Erwachen im Teiche
+errichtet gewesen war.
+
+Sein vorheriges Leben lag offen vor ihm:
+
+Er sah die Halle des Hafners, wo er mit jenem törichten Buddhamönch im
+Gespräche saß; er sah das Gäßchen in Rajagaha, das er durcheilte, und
+die ihm entgegenstürmende Kuh--dann die bestürzten Gesichter ringsum und
+die gelbgekleideten Mönche....
+
+Und er sah die Waldungen und Landstraßen seiner Pilgerschaft, seinen
+Palast und seine beiden Frauen, die Hetären Ujjenis, die Räuber, den
+Krishnahain und die Terrasse der Sorgenlosen mit Vasitthi, das
+Elternhaus und die Kinderstube....
+
+Und dahinter sah er ein anderes Leben und noch eins und noch eins--und
+immer noch andere, wie man die Baumreihe einer Landstraße sieht, bis die
+Bäume zu Punkten werden und die Punkte in einen einzigen
+Schattenstreifen zusammenschmelzen.
+
+Bei diesem Anblick schwindelte ihm. Und sofort befand er sich wieder in
+der Kluft, wie ein Blatt, das vom Winde getrieben wird. Denn das
+erstemal hält niemand den Duft des Korallenbaumes lange aus, und der
+Selbsterhaltungstrieb führt Jeden beim ersten Schwindel von dannen.
+
+Als er nun ruhiger durch das offene Tal schwebte, erwog Kamanita:
+
+"Jetzt verstehe ich, warum die Weiße sagte, ich sei wohl noch nicht am
+Korallenbaume gewesen. Denn freilich konnte ich damals nicht verstehen,
+was sie mit 'Traumgestalten' meinten; jetzt aber weiß ich es, denn in
+jenem Leben habe ich ja solche gesehen. Und jetzt begreife ich auch,
+warum ich hier bin. Ich wollte ja im Mangohaine bei Rajagaha den Buddha
+aufsuchen. Freilich wurde das durch meinen plötzlichen, gewaltsamen Tod
+vereitelt, aber mein guter Wille ist mir angerechnet worden, und so bin
+ich an diesen Ort der Seligkeit gelangt, als ob ich zu seinen Füßen
+gesessen und in seiner beseligenden Lehre gestorben wäre. Also ist mein
+Pilgergang nicht vergebens gewesen."
+
+Und Kamanita erreichte bald wieder den Teich und ließ sich auf seine
+rote Lotusrose nieder, wie ein Vogel, der sein Nest aufsucht.
+
+
+
+
+XXV. DIE KNOSPE ÖFFNET SICH
+
+
+Plötzlich schien es Kamanita, als ob unten im Teiche sich etwas
+Lebendiges bewege. In der kristallenen Tiefe wurde er undeutlich einen
+aufsteigenden Schatten gewahr. Das Wasser brodelte und wallte, und eine
+große Lotusknospe mit roter Spitze schoß wie ein Fisch aus der Flut
+empor, um dann schwimmend auf der Wasserfläche sich zu wiegen, die erst
+in Kreisen wellte und dann noch lange danach wie zersplittert zitterte
+und glitzerte, farbensprühend, als ob der Teich mit fließenden Diamanten
+gefüllt wäre, während der Widerschein der Wasserblinke wie kleine
+Flammen über die Lotusblätter, die Gewänder und die Gesichter der
+seligen Gestalten emporflatterte.
+
+Und auch das Gemüt Kamanitas erzitterte und strahlte in allen seinen
+verborgenen Farben, auch über sein Herz schien ein Widerschein freudiger
+Bewegung spielend hinzutanzen.
+
+"Was war das wohl?" fragte sein Blick den blauen Nachbar.
+
+"Tief unten, in weiten Weltfernen, auf der trüben Erde, hat in diesem
+Augenblick eine menschliche Seele ihren Herzenswunsch darauf gerichtet,
+hier in Sukhavati wieder ins Dasein zu treten. Nun wollen wir auch
+beobachten, ob die Knospe sich schön entwickelt und zum Blühen gelangt.
+Denn gar manche Seele richtet ihren Wunsch auf den reinen Ort der
+Seligkeit, vermag aber nicht, danach zu leben, sondern verstrickt sich
+wieder in unheilige Leidenschaften, versinkt in die Lust des Fleisches
+und bleibt an dem Erdenschmutze haften. Dann aber verkümmert die Knospe
+und verschwindet zuletzt gänzlich. Diesmal ist es, wie du siehst, eine
+männliche Seele. Eine solche kommt in dem bunten Welttreiben leichter
+vom Paradieswege ab, weshalb du auch bemerken wirst, daß, wenn auch die
+roten und die weißen sich an Zahl ziemlich gleichkommen, unter den
+blauen die helleren, weiblichen, bei weitem die meisten sind."
+
+Bei dieser Mitteilung erbebte das Herz Kamanitas gar sonderbar, als ob
+auf einmal schmerzliche Freude und lustgebärendes Weh es in schwankende
+Bewegung setzten, und sein Blick ruhte rätselratend auf einer
+geschlossenen Lotusrose, die, weiß wie die Brust eines Schwans, dicht
+neben ihm sich in dem noch leise bewegten Wasser anmutig wiegte.
+
+"Kannst du dich auch darauf besinnen, daß du einmal gesehen hast, wie
+die Knospe meines Lotus sich aus der Tiefe erhob?" fragte er den
+erfahrenen Nachbar.
+
+"Gewiß, denn sie tauchte ja zusammen mit dieser weißen Blume auf, die du
+jetzt gerade betrachtest. Und ich habe das Paar immer beobachtet,
+manchmal nicht ohne Besorgnis. Denn ziemlich bald fing deine Knospe an,
+sichtlich zusammenzuschrumpfen und sie war fast gänzlich unter die
+Wässerfläche hinabgesunken, als sie sich plötzlich wieder erhob, voller
+und blanker wurde und sich dann gar prächtig bis zum Entfalten
+entwickelte. Die weiße aber wuchs langsam, allmählich und gleichmäßig
+ihrer Entfaltung entgegen--dann aber wurde auch sie plötzlich wie von
+einer Krankheit befallen. Doch sie erholte sich rasch wieder und wurde
+solch herrliche Blume, wie du sie jetzt vor dir siehst."
+
+Bei diesen Worten erhob sich in Kamanita eine so freudige Bewegung, daß
+es ihn dünken wollte, als sei er bis jetzt nur ein trüber Gast an einem
+trüben Ort gewesen,--dermaßen schien jetzt Alles um ihn herum zu
+leuchten, zu duften und zu klingen.
+
+Und als ob sein Blick, der unverwandt auf dem weißen Lotus ruhte, ein
+Zauberstab wäre, um verborgene Schätze zu heben, regte sich die Spitze
+der Blume, die Blätter bogen ihre Ränder nach vorne und neigten sich
+nach allen Seiten; und sieh'--in ihrer Mitte saß Vasitthi mit weit
+geöffneten Augen, deren süß lächelnder Bück dem seinigen begegnete.
+
+Und Kamanita und Vasitthi streckten gleichzeitig die Arme nach einander
+aus, und, ihre Hände ineinanderlegend, schwebten sie über den Teich dem
+Ufer zu.
+
+Kamanita merkte wohl, daß Vasitthi ihn noch nicht wiedererkannte,
+sondern sich ihm nur unwillkürlich zuwandte, wie die Sonnenblume der
+Sonne. Wie hätte sie ihn auch erkennen sollen, da doch niemand sofort
+bei seinem Erwachen sich seines vorausgegangenen Lebens erinnerte--wenn
+auch in den Tiefen ihres Gemütes sich bei seinem Anblick dunkle Ahnungen
+regen mochten, wie einst bei ihm, als sein Nachbar von der himmlischen
+Ganga sprach.
+
+Er zeigte ihr den strahlenden Fluß, der sich still in den Teich ergoß:
+
+"So speisen die silbrigen Wellen der himmlischen Ganga alle Lotusteiche
+in den Gefilden der Seligen."
+
+"Die himmlische Ganga?" wiederholte sie fragend und strich sich mit der
+Hand über die Stirn.
+
+"Komm, wir wollen nach dem Korallenbaum."
+
+"Dort aber ist der Hain und das Gebüsch so lieblich, und sie spielen
+dort solch heitere Spiele," sagte Vasitthi, nach einer anderen Richtung
+zeigend.
+
+"Nachher! Jetzt wollen wir zuerst nach dem Korallenbaum, um dich durch
+seinen Wunderduft zu erquicken."
+
+Wie ein Kind, das man durch Versprechen auf ein neues Spielzeug darüber
+getröstet hat, daß es am fröhlichen Treiben der Kameraden nicht
+teilnehmen darf, so folgte Vasitthi ihm willig. Als der Duft ihnen
+entgegenzuwehen begann, belebten sich ihre Züge mehr und mehr.
+
+"Wo führst du mich hin?" fragte sie, als sie in die enge Felsenschlucht
+einlenkten. "Niemals bin ich noch so erwartungsvoll gewesen. Und es
+kommt mir vor, als ob ich schon oft voll Erwartung war, obschon dein
+Lächeln mich daran erinnert, daß ich ja eben erst zum Bewußtsein erwacht
+bin. Aber du hast dich geirrt, hier kann man ja nicht weiter."
+
+"O, man kann weiter, viel, _viel_ weiter," lächelte Kamanita, "und
+vielleicht wirst du jetzt gewahr, daß jenes Gefühl dich nicht getäuscht
+hat, liebste Vasitthi!"
+
+Und schon öffnete sich vor ihnen das Talbecken der Malachitfelsen mit
+dem roten Korallenbaum und dem tiefblauen Himmel, und der Duft aller
+Düfte umfing sie.
+
+Vasitthi legte die Hände auf ihre Brust, wie um ihr gar zu tiefes Atmen
+zu hemmen, und am schnellen Wechsel von Licht und Schatten in ihren
+Zügen erkannte Kamanita, wie der Sturm der Lebenserinnerungen über sie
+dahinbrauste.
+
+Plötzlich erhob sie ihre Arme und warf sich an seine Brust:
+
+"Kamanita, mein Liebster!"
+
+Und er trug sie von dannen, im Eilfluge durch die Schlucht
+zurückstürmend.
+
+Im offenen, noch etwas ernsten Tal, mit dunklem Gebüsch und dichten
+Hainen, wo die Gazellen spielten, aber keine menschliche Gestalt die
+Einsamkeit störte, ließ er sich mit ihr unter einem Baume nieder.
+
+"O, du Ärmster!"--sprach Vasitthi, "was mußt du gelitten haben! Und was
+mußt du von mir gedacht haben, als du erfuhrst, daß ich Satagira
+geheiratet hatte!"
+
+Aber Kamanita erzählte ihr, wie er das nicht durch eine Nachricht
+erfahren, sondern selber in der Hauptstraße Kosambis den Hochzeitszug
+gesehen habe, und wie der namenlose Jammer, der auf ihrem Gesichte
+geprägt stand, ihn unmittelbar davon überzeugt habe, daß sie nur dem
+Zwang ihrer Eltern nachgegeben hätte.
+
+"Aber keine Macht der Erde hätte mich gezwungen, du einzig Geliebter,
+wenn ich nicht hätte glauben müssen, den sicheren Beweis zu haben, daß
+du nicht mehr am Leben seist."
+
+Und Vasitthi hub an, ihre damaligen Erlebnisse zu berichten.
+
+
+
+
+XXVI. DIE KETTE MIT DEM TIGERAUGE
+
+
+Als du, mein Freund, Kosambi verlassen hattest, schleppte ich meine Tage
+und Nächte elend dahin, wie es ein Mädchen tut, das vom schleichenden
+Fieber der Sehnsucht verzehrt wird und dabei in tausend Ängsten um den
+Geliebten schwebt. Ich wußte ja nicht einmal, ob du noch die Erdenluft
+mit mir atmetest. Denn ich hatte gar oft von den Gefahren solcher Reisen
+gehört. Und nun mußte ich mir auch noch die schrecklichsten Vorwürfe
+machen, weil ich ja selber durch den törichten Eigensinn meiner Liebe
+die Schuld daran trug, daß du nicht unter dem Schutze der Gesandtschaft
+die Rückreise in völliger Sicherheit gemacht hattest. Und dennoch
+vermochte ich nicht, diese meine Unbesonnenheit zu bereuen, da ich ihr
+doch alle jene schönen Erinnerungen verdankte, die mein ganzer Schatz
+waren.
+
+Selbst Medinis aufmunternde und tröstende Worte vermochten nur selten
+die Wolke meiner Schwermut zeitweilig zu vertreiben. Mein bester und
+treuester Freund war der schöne Asokabaum, unter dem wir in jener
+herrlichen Mondnacht standen, die du, mein süßer Freund, gewiß nicht
+vergessen hast, und den ich damals mit den Worten Damayantis anredete.
+Unzählige Male versuchte ich aus dem Rauschen seiner Blätter eine
+Antwort auf meine besorgte Frage herauszuhören, in dem Fallen einer
+Blume oder dem Spiele der Lichtflecken auf dem Boden irgend eine
+Vorbedeutung zu sehen. War dann einmal ein solches selbstgemachtes
+Orakelzeichen im günstigen Sinne ausgefallen, dann konnte ich mich einen
+ganzen Tag oder noch länger fast glücklich fühlen und hoffnungsvoll in
+die Zukunft schauen. Gerade dadurch wuchs dann aber die Sehnsucht, und
+mit ihr kehrten dann die Befürchtungen zurück, wie böse Träume der
+Fieberhitze entwachsen.
+
+In diesem Zustand war es fast eine Wohltat, daß es bald nicht länger
+meiner Liebe erlaubt wurde, in einsamer Tatenlosigkeit nur ihrem Leide
+zu leben, sondern daß sie in eine Kampfstellung gedrängt wurde, in der
+sie alle ihre Kräfte zusammennehmen mußte, wenn ich mich auch dadurch
+fast mit meinen Nächsten völlig entzweit hätte.
+
+Satagira, der Sohn des Ministers, verfolgte mich nämlich jetzt immer
+eifriger mit den Zeichen seiner Liebe, und ich konnte mich nicht mehr in
+einem öffentlichen Lustgarten mit meinen Gespielinnen zeigen, ohne daß
+er da war und mich zum Gegenstand seiner aufdringlichen Aufmerksamkeit
+machte. Daß ich diese nicht im geringsten erwiderte, ja ihm deutlicher,
+als es höflich war, zeigte, wie sehr sie mir verhaßt war, hatte nicht
+die mindeste abkühlende Wirkung. Bald fingen nun meine Eltern an, erst
+mit allerlei Andeutungen, dann immer unverblümter, seine Sache zu
+befürworten, und als er schließlich mit seinem Werben offert hervortrat,
+verlangten sie, daß ich ihm meine Hand geben sollte. Ich versicherte
+Ihnen unter bitteren Tränen, niemals Satagira lieben zu können; das
+machte jedoch nur wenig Eindruck auf sie. Aber ebensowenig wirkten auf
+mich ihre Vorstellungen, ihr Bitten und Zürnen, das Flehen meiner
+Mutter, die Drohungen meines Vaters.
+
+In die Enge getrieben, erklärte ich ihnen zuletzt geradeaus, daß ich
+mich _dir_--von dem sie schon durch Satagira gehört hatten--versprochen
+hätte, und daß keine Macht der Welt mich zwingen könnte, dir das heilige
+Wort zu brechen und einem Anderen anzugehören. Käme es aber zum
+Äußersten, dann würde ich durch dauernde Verweigerung jedweder Nahrung
+mir selber den Tod geben.
+
+Als meine Eltern nun merkten, daß ich wohl imstande war, diese Drohung
+auszuführen, gaben sie endlich, wenn auch sehr betrübt und erzürnt, die
+Sache auf; und auch Satagira schien sich nun in sein Schicksal zu fügen
+und darauf bedacht zu sein, sich über seine Niederlage in der Liebe
+durch Siegestaten auf einem rauheren Schlachtfelde zu trösten.
+
+In dieser Zeit meldete das Gerücht viel Schreckliches von dem Räuber
+Angulimala, der mit seiner Bande ganze Gegenden verheerte, die Dörfer
+einäscherte und die Wege so unsicher machte, daß zuletzt fast niemand
+mehr wagte, nach Kosambi zu reisen. Ich geriet darob in große Angst,
+denn ich fürchtete natürlich, daß du jetzt endlich kommen und unterwegs
+in seine Hände fallen möchtest. Es verlautete nun plötzlich, Satagira
+habe den Oberbefehl über eine große Truppenmacht erhalten, um die ganze
+Gegend von Kosambi zu säubern und womöglich Angulimala selber und die
+anderen Hauptführer der Bande gefangen zu nehmen. Er habe, hieß es,
+geschworen, dies zu erreichen oder bei dem Versuche im Kampfe zu fallen.
+
+So wenig ich auch sonst dem Sohne des Ministers hold war, so konnte ich
+doch nicht umhin, ihm diesmal besten Erfolg zu gönnen, und als er
+auszog, folgten meine segnenden Wünsche seinen Fahnen.
+
+Etwa eine Woche später war ich mit Medini im Garten, als wir von der
+Straße her lautes Geschrei vernahmen. Medini lief sofort hin, um zu
+erfahren, was geschehen sei und meldete alsbald, Satagira kehre im
+Triumph nach der Stadt zurück, nachdem er die Räuber niedergemetzelt
+oder gefangen genommen habe; auch der schreckliche Angulimala sei
+lebendig in seine Hände gefallen. Sie forderte mich auf, mit ihr und
+Somadatta auf die Straße zu gehen, um den Einzug der Krieger und der
+gefangenen Räuber zu sehen, aber ich wollte nicht, weil ich es Satagira
+nicht gönnte, mich unter den Zuschauern seines Triumphes zu sehen. So
+blieb ich denn allein zurück, überglücklich bei dem Gedanken, daß die
+Wege für meinen Geliebten jetzt wieder geöffnet seien. Denn so wenig
+ahnen ja die Sterblichen den Gang des Schick-sals, daß sie manchmal, wie
+ich es damals tat, als einen Glückstag den Tag begrüßen, an welchem
+gerade ihr Leben eine Wendung zum Düsteren nimmt.
+
+Am folgenden Morgen trat mein Vater in mein Zimmer. Er überreichte mir
+eine kristallene Kette mit einem Tigeraugen-Amulett und fragte mich, ob
+ich sie wohl erkenne.
+
+Mir war, als ob ich umsinken müßte, aber ich nahm alle meine Kräfte
+zusammen und antwortete, die Kette ähnele einer, die du immer um den
+Hals getragen hättest.
+
+"Sie ähnelt ihr nicht," sagte mein Vater mit grausamer Ruhe--"sie _ist_
+es. Als Angulimala gefangen genommen wurde, trug er sie, und Satagira
+erkannte sie sofort wieder. Denn, wie er mir erzählte, hat er einmal mit
+Kamanita im Parke um deinen Ball gerungen. Dabei zerriß Kamanitas Kette,
+die er ergriffen hatte, um seinen Widersacher daran zurückzuhalten, und
+blieb in seinen Händen, so daß er sie genau betrachten konnte. Er war
+überzeugt, sich nicht zu täuschen. Auch hat dann Angulimala, peinlich
+befragt, eingestanden, daß er vor etwa zwei Jahren die Karawane
+Kamanitas auf ihrem Rückwege nach Ujjeni in der Gegend von Vedisa
+angegriffen, die Leute niedergemetzelt und Kamanita mit einem Diener
+gefangen genommen habe. Den Diener schickte er nach Ujjeni um Lösegeld.
+Da dies aber aus irgend einem Grunde ausblieb, hat er nach dem Brauch
+der Räuber Kamanita getötet."
+
+Bei diesen schrecklichen Worten hätte mich wohl die Besinnung verlassen,
+wenn sich nicht meinen verzweifelten Gedanken sofort eine Möglichkeit
+eröffnet hätte, noch gegen die Hoffnung selbst zu hoffen:
+
+"Satagira ist ein schlechter und verschlagener Mensch," antwortete ich
+mit scheinbarer Ruhe, "der vor keinem Betrug zurückschreckt, und er hat
+sein Herz oder vielmehr seinen Stolz darauf gesetzt, mich zur Frau zu
+gewinnen. Wenn er damals die Kette so genau betrachtet hat, was sollte
+ihn dann hindern, eine ähnliche anfertigen zu lassen? Ich glaube, als er
+von Angulimala hörte, ist er auf diesen Gedanken verfallen. Hätte er
+auch nicht Angulimala selber gefangen, so könnte er doch immer sagen,
+die Kette sei im Besitz der Räuber gefunden worden und sie hätten
+eingestanden, Kamanita getötet zu haben."
+
+"Das ist kaum möglich, meine Tochter," sagte mein Vater
+kopfschüttelnd--"und zwar aus einem Grunde, den du freilich nicht sehen
+kannst, den ich aber glücklicherweise als Goldschmied dir aufdecken
+kann. Wenn du die kleinen Goldglieder betrachtest, die die
+Kristallstücke miteinander verbinden, so wirst du bemerken, daß das
+Metall rötlicher ist als das der hiesigen Schmucksachen, weil wir in
+unseren Legierungen mehr Silber als Kupfer verwenden. Auch ist die
+Arbeit gerade von der etwas gröberen Art, wie man sie in den
+Gebirgsländern ausführt."
+
+Mir schwebte die Antwort auf der Zunge, er sei selber ein so geschickter
+Goldschmied, daß sowohl die richtige Zusammensetzung als auch die
+charakteristische Bearbeitung des Goldes ihm wohl gelingen dürfte; denn
+ich sah Alles gegen unsere Liebe verschworen und traute selbst meinen
+Nächsten nicht. Indessen begnügte ich mich damit, zu sagen, ich ließe
+mich keineswegs durch diese Kette überzeugen, daß mein Kamanita nicht
+mehr am Leben sei.
+
+Mein Vater verließ mich nun in großem Zorn, und ich konnte mich in der
+Einsamkeit ganz meiner Verzweiflung hingeben.
+
+
+
+
+XXVII. DER WAHRHEITSAKT (SACCAKIRIYA)
+
+
+Die resten Stunden der Nacht verbrachte ich in dieser Zeit immer auf der
+Terrasse der Sorgenlosen, entweder allein oder mit Medini zusammen. An
+diesem Abend war ich allein da, was mir in meiner augenblicklichen
+Stimmung auch das liebste war. Der Vollmond strahlte herab wie damals,
+und ich stand vor dem großen blütenreichen Asoka, um mir von ihm, dem
+"Herzfrieden", eine tröstende Vorbedeutung für mein friedloses Herz zu
+erbitten. Und ich sagte zu mir selber: "Wenn zwischen mir und dem Stamm
+eine safrangelbe Blume niederfällt, bevor ich bis hundert gezählt habe,
+dann ist mein geliebter Kamanita noch am Leben."
+
+Als ich bis fünfzig gezählt hatte, fiel eine Blume nieder, aber eine
+orangefarbige. Als ich die Zahl achtzig erreicht hatte, fing ich an,
+langsamer und immer langsamer zu zählen. Da öffnete sich knarrend eine
+Tür in der Ecke zwischen Terrasse und Hausmauer, wo eine Treppe in den
+Hof hinunterführte--ein Zugang, der eigentlich nur für Arbeiter und
+Gärtner bestimmt war.
+
+Mein Vater trat hervor und hinter ihm Satagira. Ein paar bis an die
+Zähne bewaffnete Reisige folgten, danach kam ein Mann, der die anderen
+um Haupteslänge überragte, und zuletzt beschlossen noch andere Reisige
+diesen seltsamen, ja unerklärlichen Aufzug. Zwei von den letzteren
+blieben als Wache an der Tür zurück, alle übrigen kamen auf mich zu.
+Dabei fiel es mir auf, daß der Riese in ihrer Mitte nur mit Mühe gehen
+konnte, und daß bei jedem seiner Schritte ein unheimliches Klirren und
+Rasseln ertönte.
+
+In diesem Augenblick schwebte eine safrangelbe Asokablume nieder und
+blieb gerade vor meinen Füßen liegen. Aber ich hatte vor Verwunderung zu
+zählen aufgehört und wußte daher nicht mehr festzustellen, ob sie vor
+oder nach der Zahl Hundert gefallen war.
+
+Als die Gruppe nun aus dem Mauerschatten in das volle Mondlicht
+heraustrat, sah ich mit Entsetzen, daß jene Riesengestalt mit
+Eisenketten beladen war. Die Hände waren ihm auf dem Rücken gefesselt;
+um die Fußknöchel klirrten schwere, durch Kugelstangen verbundene
+eiserne Ringe, von denen doppelte Eisenketten zum Halsringe
+hinaufführten, an welchen wiederum zwei andere Ketten befestigt waren,
+die von zwei Reisigen gehalten wurden. Wie bei Einem, der zum Richtplatz
+geführt wird, hing ihm ein Gewinde von roten Kanaverablüten um den
+Nacken und die haarige Brust, und das rotgelbe Backsteinpulver, mit dem
+sein Haupt bestreut war, ließ das wirr über die Stirn herabhängende Haar
+und den fast bis an die Augen reichenden Bart noch wilder erscheinen.
+Aus dieser Maske hervor blitzten die Augen mir entgegen--jedoch nur eben
+blitzartig schnell; dann senkte sich der Blick und irrte scheu wie der
+eines bösen Tieres am Boden umher.
+
+Wen ich vor mir hatte, danach hätte ich auch _dann_ nicht zu fragen
+gebraucht, wenn die Kanaverablüten jenes Wahrzeichen seines furchtbaren
+Namens verdeckt hätten: das Halsband von Menschendaumen.[1]
+
+ [1] Angulimala = Fingerkranz.
+
+"Nun, Angulimala," brach Satagira das Schweigen, "wiederhole vor dieser
+edlen Jungfrau, was du auf der Folter von der Ermordung des jungen
+Kaufmanns Kamanita aus Ujjeni gestanden hast."
+
+"Kamanita wurde nicht ermordet," antwortete der Räuber mürrisch,
+"sondern gefangen genommen und unseren Gebräuchen gemäß umgebracht."
+
+Und er erzählte mir nun in wenigen Worten, was mein Vater mir schon
+darüber gesagt hatte.
+
+Ich stand unterdessen mit dem Rücken an den Asokabaum gelehnt und hielt
+mich mit beiden Händen an den Stamm gestützt, die Fingernägel krampfhaft
+in die Rinde grabend, um nicht umzusinken. Als Angulimala zu Ende
+gesprochen hatte, schien sich Alles um mich im Kreise zu drehen. Noch
+gab ich es aber nicht auf.
+
+"Du bist ein ehrloser Räuber und Mörder," sagte ich, "was kann mir dein
+Wort gelten? Warum solltest du nicht aussagen, was der dir befiehlt, in
+dessen Gewalt dich deine Missetaten gebracht haben?"
+
+Und wie auf eine plötzliche Eingebung, die mich selber überraschte und
+mir fast einen Hoffnungsschimmer aufleuchten ließ, fügte ich hinzu:
+
+"Du darfst mir ja nicht einmal in die Augen sehen--du, der Schrecken
+aller Menschen--mir, einem schwachen Mädchen! Du darfst es nicht--weil
+du auf Anstiftung dieses Mannes eine feige Lüge sagst."
+
+Angulimala blickte nicht auf, aber er lachte grimmig und antwortete mit
+einer Stimme, die wie das Brummen eines gefesselten Raubtieres klang:
+
+"Wozu sollte das wohl gut sein, dir in die Augen zu sehen? Das überlasse
+ich den jungen Fanten. Dem Blicke eines ehrlosen Räubers würdest du ja
+doch ebensowenig glauben wie seinen Worten. Und von seinem Eide würdest
+du wohl auch nicht mehr halten."
+
+Er trat einen Schritt näher.
+
+"Wohlan, Mädchen! So sei nun Zeugin meines 'Wahrheitsaktes'."
+
+Noch einmal traf mich der Blitz seines Blickes, als dieser sich aufwärts
+nach dem Monde richtete, so daß mitten im Gewirr seines mißfarbigen
+Haares und Bartes nur die weißen Augäpfel zu sehen waren. Seine Brust
+arbeitete, daß die roten Blumen sich tanzend bewegten, und mit einer
+Stimme, wie wenn der Donner zwischen den Wolken rollt, rief er:
+
+"Die du den Tiger zäumest, schlangengekrönte, nächtige Göttin! Die du im
+Mondschein auf Bergeszinnen tanzest, mit dem Schädelhalsband rasselnd,
+zähnefletschend, die Blutschale schwingend, Kali, Herrin der Räuber, die
+du mich durch tausend Gefahren geführt hast, höre mich! So wahr ich nie
+mit dem Opfer kargte, so wahr ich deine Gesetze immer treulich gehalten
+habe, so wahr ich auch mit diesem Kamanita getreu verfuhr nach deiner
+Satzung, die uns 'Absendern' gebietet, wenn das Lösegeld nicht zur
+festgesetzten Stunde eintrifft, den Gefangenen mitten durchzusägen und
+die Körperteile auf die Landstraße zu werfen:--so wahr wirst du mir
+jetzt in meiner höchsten Not beistehen, meine Ketten zerreißen und mich
+aus den Händen meiner Feinde befreien!"
+
+Indem er das sagte, machte er eine gewaltsame Bewegung--die Ketten
+klirrten--Anne und Beine waren frei--die beiden Reisigen, die ihn
+hielten, lagen am Boden, einen dritten schlug er mit dem Kettenstück,
+das an seinem Handgelenke hing, nieder, und bevor jemand von uns recht
+begriff, was eigentlich geschehen war, hatte Angulimala sich über die
+Brustwehr geschwungen. Mit einem wilden Schrei stürmte Satagira ihm
+nach.--Das war das Letzte, was ich sah und hörte.
+
+Nachher erfuhr ich, daß Angulimala gestürzt sei, sich einen Fuß
+gebrochen habe und von der Wache festgenommen worden sei; später sei er
+dann im Gefängnis auf der Folter gestorben, und sein Kopf über dem
+nördlichen Stadttor aufgesteckt worden, woselbst Medini und Somadatta
+ihn gesehen haben.
+
+Durch den Wahrheitsakt Angulimalas war der letzte Zweifel und die letzte
+Hoffnung von mir gewichen. Denn ich wußte wohl, daß selbst jene
+teuflische Göttin kein Wunder zu seiner Rettung hätte wirken können,
+wenn er nicht die Macht der Wahrheit auf seiner Seite gehabt hätte.
+
+Was nun aus mir wurde, darum kümmerte ich mich wenig, denn auf dieser
+Erde war ja doch Alles für mich verloren. Nur im Paradiese des Westens
+konnten wir uns wiedersehen: du warst vorausgegangen, und ich würde, so
+hoffte ich, bald folgen. Dort blühte das Glück, alles andere war
+gleichgültig.
+
+Da nun Satagira sein Werben fortsetzte und meine Mutter mir immer wieder
+jammernd und weinend Vorstellungen machte, sie würde gebrochenen Herzens
+sterben, wenn sie durch mich die Schmach erlitte, daß ich unverheiratet
+im Elternhause sitzen bliebe--hätte sie dann doch ebensogut das
+häßlichste Mädchen von Kosambi zur Welt bringen können!--da erlahmte
+endlich nach und nach mein Widerstand.
+
+Übrigens hatte ich auch jetzt nicht mehr so viel gegen Satagira
+einzuwenden wie früher. Ich konnte nicht umhin, die Standhaftigkeit und
+Treue seiner Neigung anzuerkennen, und ich fühlte auch, daß ich ihm
+Dankbarkeit schuldig war, weil er den Tod meines Geliebten gerächt
+hatte.
+
+So wurde ich denn--als wiederum fast ein Jahr verstrichen war--die Braut
+Satagiras.
+
+
+
+
+XXVIII. AM GESTADE DER HIMMLISCHEN GANGA
+
+
+Als Kamanita merkte, daß selbst hier, am Orte der Seligkeit, diese
+Erinnerungen die noch zarte, neuerwachte Seele der Geliebten wie mit
+dunklen Fittichen überschatteten, faßte er sie bei der Hand und führte
+sie weiter, indem er ihren gemeinsamen Flug nach jenem lieblichen Hügel
+richtete, auf dessen Abhang er kürzlich gelegen und dem Spiele der
+Schwebenden zugeschaut hatte.
+
+Hier lagerten sie sich. Schon waren Haine und Gebüsche, Wiesen und
+Hügelabhänge voll unzähliger schwebender Gestalten, roter, blauer und
+weißer. Immer neue Gruppen umringten sie, um die Neuerwachte zu
+begrüßen. Und die beiden mischten sich in die Reihen der Spielenden.
+
+Schon lange waren sie hin und her durch die Haine, um die Felsen, über
+Wiesen und Lotusteiche geschwebt, wohin der Reigen sie führte, als ihnen
+jene Weiße begegnete, die damals Kamanita aufgefordert hatte, mit ihr
+die Fahrt nach der Ganga zu wagen. Als sie sich im Tanze die Hände
+reichten, fragte sie mit einem lieblichen Lächeln:
+
+"Bist du nun auch am Gestade der Ganga gewesen? Jetzt hast du ja eine
+Begleiterin."
+
+"Noch nicht," antwortete Kamanita.
+
+"Was ist das?" fragte Vasitthi.
+
+Und Kamanita erzählte es ihr.
+
+"Da wollen wir hin," sagte Vasitthi. "O, wie oft habe ich unten im
+trüben Erdental hinaufgeblickt zu dem fernen Abglanz ihres
+Himmelstromes, und an die seligen Gefilde gedacht, die von ihr
+umschlungen und bewässert werden, und gefragt, ob wir wohl einst an
+diesem Ort der Wonne vereinigt sein würden. Unwiderstehlich zieht es
+mich jetzt dahin, mit dir zusammen an ihrem Gestade zu weilen."
+
+Sie lösten sich aus der Kette des Reigens und lenkten ihren Flug in
+einer Richtung, die sie von ihrem eigenen Teiche weit wegführte. Nach
+einiger Zeit sahen sie keine Weiher mehr, deren Lotusrosen selige
+Gestalten trugen, immer mehr nahm die Blütenpracht ab, immer seltener
+begegneten sie schwebenden Gestalten; Herden von Antilopen belebten die
+Ebene, auf den Seen segelten Schwäne, eine Schleppe von blanken Wellen
+über das dunkle Wasser nach sich ziehend. Die Hügel, die anfangs immer
+schroffer und felsiger geworden waren, verschwanden gänzlich.
+
+Sie schwebten über eine flache, wüstenartige Ebene, die mit Tigergras
+und Dornengebüsch bestanden war. Vor ihnen spannte sich der unabsehbare
+Bogen eines Palmenwaldes.
+
+Sie erreichten den Wald. Immer tiefer umgab sie der Schatten. Die
+narbigen Schäfte leuchteten wie Bronze. Hoch oben rauschten die Wipfel
+mit ehernem Klange.
+
+Vor ihnen fingen glitzernde Punkte und Streifen zu tanzen an. Und
+plötzlich strömte ihnen ein solcher Lichtglanz entgegen, daß sie die
+Hände vor die Augen halten mußten. Es war, als ob im Walde eine
+ungeheure Kolonnade von blanken Silbersäulen stände, die das Licht der
+aufgehenden Sonne zurückwarf.
+
+Als sie sich getrauten, die Hände wieder von den Augen zu nehmen,
+schwebten sie gerade zwischen den letzten Palmen des Waldes hinaus.
+
+Vor ihnen lag die himmlische Ganga, bis zum Horizonte ihre silbrige
+Fläche breitend, während zu ihren Füßen flache Wellenzungen, wie
+flüssiges Sternenlicht, flammenartig den perlgrauen Sand des flachen
+Ufers beleckten.
+
+Wenn sonst der Himmel nach unten zu allmählich heller wird, so war es
+hier umgekehrt: das Ultramarinblau ging in Indigo über, das schließlich
+mit einem fast gänzlich schwarzen Rand sich auf die silberweiße Kimmung
+stützte.
+
+Vom Dufte der Paradiesblüten war nichts mehr zu spüren. Wie aber im
+Malachittale um den Korallenbaum jener erinnerungsschwangere Duft aller
+Düfte gesammelt stand, so wehte hier den Weltenstrom entlang ein kühler
+und herber Hauch, dem das Fehlen aller Düfte, das vollkommen Reine als
+einziger Duft eignete. Und Vasitthi schien ihn begierig wie einen
+erfrischenden Trank einzuschlürfen, während er Kamanita den Atem raubte.
+
+Auch von jener lieblichen Musik der Genien vernahm man hier nicht den
+leisesten Ton. Aber aus dem Strome schienen mächtige, donnerartig
+dröhnende Klänge emporzusteigen.
+
+"Horch!"--flüsterte Vasitthi und erhob ihre Hand.
+
+"Sonderbar!"--sagte Kamanita. "Einst war ich in eine Hütte eingekehrt,
+die an dem Ausgange einer Bergschlucht lag und an der ein kleiner,
+lieblicher Bach vorüberfloß, in dessen klarem Wasser ich nach meiner
+Wanderung meine Füße wusch. Während der Nacht ging ein mächtiger Regen
+nieder, und als ich in der Hütte wach lag, hörte ich, wie der Bach, der
+abends nur leise gerauscht hatte, immer ungestümer brauste und tobte.
+Zugleich aber vernahm ich einen polternden, donnernden Schall, den ich
+mir durchaus nicht zu erklären wußte. Am nächsten Morgen sah ich nun,
+daß aus dem klaren Bach ein reißender Gebirgsstrom mit grauen,
+schäumenden Fluten geworden war, in welchem große Steine rollend und
+springend dahinstürzten. Und diese waren es, die dies Getöse verursacht
+hatten. Wie mag es wohl kommen, daß nun hier, beim Anhören jener Klänge,
+diese Erinnerung aus meiner Pilgerschaft in mir emporsteigt?"
+
+"Es kommt daher," antwortete Vasitthi, "weil in jenem Gebirgsbache
+Steine, in dem Strome der himmlischen Ganga aber Welten gerollt und
+mitgetrieben werden, und die sind es, von denen jene donnerartig
+dröhnenden Klänge herrühren."
+
+"Welten!"--rief Kamanita entsetzt.
+
+Vasitthi lächelte und schwebte dabei weiter; aber erschrocken hielt
+Kamanita sie an ihrem Gewände zurück.
+
+"Hüte dich, Vasitthi! Wer weiß, welche Mächte, welche furchtbaren Kräfte
+draußen über diesem Weltenstrome schweben, Mächte, in deren Gewalt du
+geraten könntest, wenn du dieses Ufer verließest. Ich zittere schon bei
+dem Gedanken, dich plötzlich fortgerissen zu sehen."
+
+"Dürftest du mir dann nicht folgen?"
+
+"Gewiß würde ich dir folgen. Wer weiß aber, ob ich dich erreichen
+könnte, ob man uns nicht voneinander reißen würde? Und wenn wir auch
+zusammen blieben, welcher Jammer wäre es doch, in das Unbegrenzte
+getragen zu werden, weit weg von diesem trauten Orte der Seligkeit."
+
+"In das Unbegrenzte!" wiederholte Vasitthi sinnend, und ihr Blick
+schweifte über die Fläche der himmlischen Ganga hinaus bis dorthin, wo
+die silberne Flut den schwarzen Himmelsrand erreichte, und schien noch
+immer weiterdringen zu wollen;--"und kann denn ewige Seligkeit bestehen,
+wo Begrenzung ist?" sprach sie gleichsam in Gedanken verloren.
+
+"Vasitthi!" rief Kamanita, ernstlich erschreckend--"ich wollte, ich
+hätte dich nie hierher geführt! Komm, Geliebte, komm!"
+
+Und noch ängstlicher als vom Korallenbaume zog er sie von dannen.
+
+Nicht unwillig folgte sie ihm, wobei sie jedoch zwischen den äußersten
+Palmen das Haupt wandte und einen letzten Blick auf den himmlischen
+Strom warf....
+
+ * * * * *
+
+Und wiederum thronten sie auf ihren Lotussitzen im kristallklaren
+Teiche, wiederum schwebten sie zwischen juwelenblühenden Bäumen und
+mischten sich unter die Reihen der Seligen und genossen die himmlischen
+Wonnen, glücklich in ihrer ungetrübten Liebe.
+
+Aber als sie im Reigen einmal der Weißen begegneten, sagte diese:
+
+"So seid ihr also wirklich am Gestade der Ganga gewesen?"
+
+"Wie kannst du es wissen, daß wir dort gewesen sind?"
+
+"Ich sehe es; denn Alle, die da waren, tragen gleichsam einen Schatten
+über den Brauen. Deshalb will ich auch nicht dahin. Und ihr werdet auch
+nicht zum zweiten Male hingehen, niemand tut das"
+
+
+
+
+XXIX. IM DUFTE DER KORALLENBLÜTEN
+
+
+Sie besuchten in der Tat nicht wieder jenes ungastliche Gestade der
+himmlischen Ganga. Oft aber lenkten sie ihren Flug nach dem Tale der
+Malachitfelsen. Unter der mächtigen Krone des Korallenbaumes gelagert,
+atmeten sie jenen Duft aller Düfte, der den karmesinroten Blüten
+entströmte, und in der Tiefe ihrer Erinnerung öffnete sich dann die
+Aussicht auf ihre früheren Leben.
+
+Bald in Palästen, bald in Hütten sahen sie sich nun wieder, aber ob in
+Seide und Musselin gehüllt oder in die groben Erzeugnisse des
+Dorfwebstuhles gekleidet: immer war die gegenseitige Liebe da. Bald
+wurde sie durch das Glück der Vereinigung gekrönt, bald war die Trennung
+durch Lebensgeschicke oder durch den Tod ihr jammervolles Los: aber
+glücklich oder unglücklich, die Liebe blieb dieselbe.
+
+Und sie sahen sich in anderen Zeiten, da die Menschen gewaltiger waren
+als jetzt, in jenen ewig unvergessenen Heroentagen, als er sich aus
+ihren Armen riß und seinen Kampfilfen bestieg, um nach der Ilfenstadt zu
+ziehen und seinen Freunden, den Pandaverprinzen, im Kampfe gegen die
+Kuruinge beizustehen; wo er dann an der Seite Arjunas und Krishnas
+kämpfend, am zehnten Tage der Riesenschlacht auf der Ebene Kurukschetra
+seine Heldenseele aushauchte. Sie aber, als sie die Nachricht von seinem
+Tode empfing, bestieg vor dem Palaste, von allen ihren Frauen gefolgt,
+den Scheiterhaufen, den sie mit eigener Hand anzündete.
+
+ * * * * *
+
+Und wieder sahen sie sich in fremden Gegenden und in anderer Natur. Es
+war nicht länger das Tal der Ganga und der Jamuna mit seinen prächtigen,
+palastreichen Städten, wo waffenstrahlende Krieger, stolze Brahmanen,
+reiche Bürger und fleißige Çudras die Straßen belebten; mit seinen
+Reisfeldern und vielstämmigen Feigenbaumriesen, seinen Palmenhainen
+und seinen Dschungeln, seinen Elefanten und Tigern und den
+weithinleuchtenden Schneezinnen des Himavat. Dieser Schauplatz, der mit
+seiner mannigfachen tropischen Pracht so oft ihr gemeinsames Leben
+umschlossen hatte, als ob es keine andere Welt gäbe, verschwand nun
+gänzlich, um einem öderen und herberen Lande Platz zu machen.
+
+Hier brennt freilich die Sommersonne so heiß wie an der Ganga, trocknet
+die Wasseradern aus und versengt das Gras. Aber im Winter beraubt der
+Frost die Wälder ihres Laubes, und Reif bedeckt die Felder. Keine Städte
+erheben ihre Türme, aber weitgedehnte Dörfer mit großen Hürden liegen
+mitten in ihren weidereichen Triften, und die schützende Anhöhe daneben
+ist durch Wälle und rohe Mauern in eine kleine Feste verwandelt. Ein
+kriegerisches Hirtenvolk ist hier seßhaft. Die Wälder sind voll von
+Wölfen, und meilenweit hört der zitternde Wanderer das Gebrüll des
+Löwen, "des furchtbaren, schweifenden, in Bergen hausenden Wildes"--wie
+_er_ ihn nennt; denn er ist ein Sänger.
+
+Nach langer Wanderung nähert er sich einem Dorfe, als unbekannter, aber
+willkommener Gast; denn das ist er überall. Über seiner Schulter hängt
+seine einzige sichtbare Habe, eine kleine Laute; aber im Kopfe trägt er
+das ganze kostbare Erbe seiner Väter: alte, geheime Hymnen an Agni und
+Indra, an Varuna und Mitra, ja sogar an unbekannte Götter; Kriegs- und
+Trinklieder für die Männer; Liebeslieder für die Mädchen; segnende
+Zaubersprüche für die Milchspendenden. Und er hat Kraft und Kenntnisse,
+um diesen Vorrat aus eigenen Mitteln zu vermehren. Wo wäre wohl ein
+solcher Gast nicht willkommen?
+
+Es ist um die Zeit, da die Rinder nach Hause getrieben werden. An der
+Spitze einer Herde schreitet mit der höchsten Anmut in allen Bewegungen
+des jugendlichen Körpers ein hochgewachsenes Mädchen; ihr zur Seite geht
+ihre Lieblingskuh, deren Glocke die anderen folgen, und leckt ab und zu
+ihre Hand. Er bietet ihr guten Abend; sie erwidert freundlich den Gruß.
+Lächelnd sehen sie sich an--und es ist derselbe Blick, der im Lustparke
+von Kosambi zwischen der Ballspielerin auf der Bühne und dem fremden
+Zuschauer hin und her flog.
+
+ * * * * *
+
+Aber auch das Land der fünf Ströme, nachdem es sie mehrmals beherbergt
+hat, verschwindet, wie zuvor das Gangatal--andere Gegenden tun sich auf,
+andere Menschen und Sitten umgeben sie--Alles rauher, wilder und
+ärmlicher.
+
+Die Steppe, über welche der Zug sich hinzieht--Reiter, Wagen und
+Fußgänger in endloser Reihe--ist weiß von Schnee. Die Luft ist voll von
+den wirbelnden Flocken. Schwarze Berge schauen schattenartig herein. Aus
+dem Zeltdache eines schweren Ochsenwagens beugt sich ein Mädchen so
+lebhaft hervor, daß der Schafpelz zur Seite gleitet, und die goldene
+Haarfülle ihr über Wangen, Hals und Brust niederwallt. Angst leuchtet
+aus ihren Augen, als sie hinausspäht, wohin alle Blicke sich wenden,
+alle Finger hinzeigen:--wie eine dunkle, vom Winde aufgewirbelte Wolke
+braust eine Reiterhorde heran. Aber vertrauensvoll lächelt sie, als ihr
+Blick dem des Jünglings begegnet, der neben dem Wagen auf einem
+schwarzen Stiere reitet;--und es ist wieder derselbe Blick, wenn auch
+aus blauen Augen. Dieser Blick entflammt das Herz des blonden Jünglings,
+der seine Streitaxt schwingt und laut rufend mit den anderen Kriegern
+dem Feind entgegenstürmt--entflammt es und wärmt es noch, als es vom
+kalten Eisen eines Skythenpfeiles durchbohrt wird.
+
+ * * * * *
+
+Aber noch größere Veränderungen erlebten sie; noch weitere Wanderungen
+unternahmen sie, vom Dufte des Korallenbaumes geleitet.
+
+Sie fanden sich selbst als Hirsch und Hinde im ungeheuren Walde. Wortlos
+war jetzt ihre Liebe, aber nicht blicklos. Und wiederum war es derselbe
+Blick:--tief im innersten Dunkel ihrer großen, ahnungsvollen Augen
+leuchtete noch, wenn auch wie durch trübe Nebelbläue hindurch, derselbe
+Funken, der so strahlend von Menschenauge zu Menschenauge den Weg
+gefunden hatte.
+
+Sie ästen zusammen, nebeneinander wateten sie im klaren, kühlen
+Waldbach, Körper an Körper ruhten sie im hohen, weichen Grase. Gemeinsam
+waren ihre Freuden, gemeinsam zitterten sie vor Angst, wenn plötzlich
+ein Ast lebendig wurde und der Rachen des Pythons sich aufsperrte; oder
+wenn in der Stille der Nacht eine fast unhörbare, schleichende Bewegung
+von ihren regen Ohren aufgefangen wurde, während ihre geblähten Nüstern
+den scharfen Geruch eines Raubtieres witterten, und sie dann in
+mächtigen Sätzen davonflohen, gerade als es im Gebüsche knisterte und
+knackte und das Zorngebrüll des zu kurz gekommenen Tigers durch den
+jetzt ringsum lebendig werdenden Wald rollte.
+
+Viele Jahre schon hatten sie so gemeinsam alle Wonnen und Schrecken des
+Waldes durchgekostet, als sie eines Tages an einem schattigen Orte die
+jungen saftigen Schößlinge benagten. Da geschah es, daß die Hinde sich
+in die Wildschlinge eines Jägers verstrickte. Vergebens arbeitete das
+Männchen mit Zacken und Klauen, um die Bande, welche die Freundin
+fesselten, zu zersprengen, und ließ nicht davon ab, bis der Jäger sich
+nahte. Dann stellte er sich diesem mit gefälltem Geweih entgegen und
+bald machte der Jagdspieß beider Leben ein Ende.
+
+ * * * * *
+
+Und als ein paar Goldadler horsteten sie hoch im wilden Felsengebirge,
+schwebten über die bläulichen Abgründe des Himavat und umkreisten seine
+schneeigen Zinnen.--
+
+Als zwei Delphine aber befuhren sie die grenzenlose Salzflut des
+Ozeans.--
+
+Ja, einmal erwuchsen sie als zwei Palmen auf einer Insel mitten im
+Weltmeere, schlangen im kühlen Strandsande ihre Wurzeln ineinander und
+ließen gemeinsam ihre Wipfel im Seewinde rauschen.
+
+ * * * * *
+
+Und wie ein Fürstenpaar sich zur Kurzweil und Belehrung vom Hoferzähler
+mancherlei vortragen läßt--bald den Lebenslauf eines Königs, bald eine
+einfache Dorfgeschichte, bald ein Heldenepos, bald eine Sage aus uralten
+Tagen, bald irgend eine Tierfabel oder ein Märchen, und dabei weiß: wie
+oft es uns auch gelüstet, zu lauschen, so ist doch nicht zu befürchten,
+daß diesem trefflichen Erzähler jemals der Stoff ausgeht, da der Hort
+seiner Sagenkenntnisse und die Fülle seines Erfindungsvermögens
+unerschöpflich sind--ebenso wußten diese beiden:--wie oft und wie lange
+wir auch hier weilen, und wäre es auch eine ganze Ewigkeit hindurch, so
+ist doch keine Gefahr da, daß dieser Duft keine Erinnerungen mehr wecken
+könnte; denn je weiter wir in die Zeit hinabsteigen, um so weiter
+schiebt sich die Vorzeit zurück.
+
+Und sie wunderten sich sehr.
+
+"Wir sind so alt wie die Welt," sagte Vasitthi.
+
+
+
+
+XXX. "ALLES ENTSTANDENE--"
+
+
+"Gewiss sind wir so alt wie die Welt," sagte Kamanita. "Aber bisher sind
+wir immer ruhelos gewandert, und immer wieder hat uns der Tod in ein
+neues Leben gestürzt. Jetzt aber haben wir endlich eine Stätte erreicht,
+wo es kein Vergehen mehr gibt, sondern nur ewige Wonne unser Los ist."
+
+Als er so sprach, kehrten sie gerade vom Korallenbaume zu ihrem Teiche
+zurück. Er wollte sich soeben auf seine Lotusrose niedersenken, als er
+zu bemerken glaubte, daß ihre rote Farbe an Frische und Glanz etwas
+eingebüßt habe. Ja, als er nun über ihr in der Luft schwebend stehen
+blieb und aufmerksam auf sie hinunterblickte, sah er mit Schrecken, daß
+die Kronenblätter am Rande bräunlich und gleichsam verbrannt waren, und
+daß ihre Spitzen sich erschlaffend krümmten.
+
+Nicht anders sah Vasitthis weißer Lotus aus, über dem auch sie stehen
+geblieben war, offenbar durch dieselbe Wahrnehmung gefesselt.
+
+Er richtete seinen Blick nach seinem blauen Nachbar. _Sein_ Lotus zeigte
+die gleiche Wandlung und es fiel Kamanita auf, daß sein Gesicht nicht so
+freudig strahlte wie damals, als er ihn zuerst begrüßt hatte; die Züge
+waren nicht so belebt wie früher, seine Haltung war nicht so frei, ja in
+seinem Blick las er dieselbe Befremdung, die ihn und Vasitthi ergriffen
+hatte.
+
+Und so war es in der Tat überall, wo er hinsah. Mit Blumen und Gestalten
+war eine Veränderung vor sich gegangen.
+
+Wieder senkte er prüfend den Blick zu seinem eigenen Lotus nieder. Ein
+Kronenblatt schien lebendig zu werden--langsam neigte es sich vornüber
+und fiel losgelöst auf die Wasserfläche.
+
+Gleichzeitig aber hatte sich von jeder Lotusblume ein Kronenblatt
+abgelöst--die Wasserfläche glitzerte zitternd und schaukelte leise die
+bunten Blätternachen. Durch die Haine am Ufer ging ein Frösteln, und ein
+juwelenfunkelnder Blütenregen fiel zur Erde. Ein Seufzer entrang sich
+jeder Brust, und eine leise, doch schneidende Disharmonie durchdrang die
+Musik der himmlischen Genien.
+
+"Vasitthi, Geliebte!" rief Kamanita, bestürzt ihre Hand
+ergreifend--"siehst du? Hörst du?--Was ist denn dies? Was kann das
+bedeuten?"
+
+Aber Vasitthi sah ihn ruhig lächelnd an:
+
+"Daran hat er gedacht, als er sagte:
+
+'Alles Entstandene auflösend weht dahin der Verwesung Hauch,
+Wie ein irdischer Prachtgarten welken Paradiesblumen auch.'"
+
+"Wer hat denn diesen schrecklichen, diesen hoffnungsvernichtenden
+Ausspruch getan?"
+
+"Wer denn sonst als er, der Erhabene, der Wandels-und Wissensbewährte,
+der aus Mitleid mit den Menschen die Lehre darlegt, Allen zur
+Aufklärung, dem Einzelnen zum Trost; der die Welt mit ihren edlen und
+unedlen Wesen, ihren Scharen von Göttern, Menschen und Dämonen offenbart
+und erklärt, der Wegweiser, der den Weg aus dieser Wandelwelt zeigt: der
+Erhabene, der Vollendete, der Buddha."
+
+"Der Buddha hätte das gesagt? O nein, Vasitthi, das glaub' ich nicht.
+Vielfach werden ja die Worte solch großer Lehrer mißverstanden und
+unrichtig wiedergegeben, wie ich selber am besten weiß. Denn einst, zu
+Rajagaha, habe ich in der Vorhalle eines Hafners mit einem törichten
+Asketen zusammen übernachtet, der mir durchaus die Lehre des Buddha
+darlegen wollte. Was er vorbrachte, war aber trauriges Zeug, eine
+grüblerische, vernagelte Lehre, wiewohl ich schon spüren konnte, daß
+echte Aussprüche des Erhabenen ihr zugrunde lagen--jedoch verballhornt
+und von diesem Querkopfe umgedeutet. Gewiß hat man auch dir dies Wort
+falsch berichtet."
+
+"Nicht doch, mein Freund! Denn aus dem Munde des Erhabenen selber habe
+ich es ja."
+
+"Wie, Geliebte? So hast du denn selbst den Vollendeten von Angesicht zu
+Angesicht gesehen?"
+
+"Gewiß habe ich das. Zu seinen Füßen bin ich ja gesessen."
+
+"Glücklich preise ich dich, Vassitthi! Glücklich--das sehe ich ja--bist
+du jetzt in der Erinnerung. Ach, auch ich würde ja glücklich und
+zuversichtlich sein wie du, wenn nicht im letzten Augenblick mein böses
+Geschick--die eben reif gewordene Frucht von schlechten Taten der
+Vergangenheit--mich des Glücks beraubt hätte, den erhabenen Buddha zu
+sehen. Denn ein gewaltsamer Tod raffte mich dahin, als ich auf dem Wege
+zu ihm war, in demselben Orte, in dem er weilte, eben gerade in
+Rajagaha, an dem Morgen nach meinem Gespräch mit jenem törichten
+Asketen. Nur etwa noch eine Viertelstunde entfernt von dem Mangohaine,
+in dem der Erhabene sich aufhielt, ereilte mich mein Schicksal. Aber nun
+ist mir _dies_ zum Tröste gegeben, daß meine Vasitthi das erreichte, was
+mir versagt blieb. O, erzähle mir Alles davon, wie du zu ihm, dem
+Erhabenen, kamst. Denn gewiß wird mich das aufrichten und stärken, und
+jenes Wort, das mir so schrecklich, so hoffnungsvernichtend erschien,
+wird mir dann verständlich werden und seinen Stachel verlieren, ja
+vielleicht sogar irgend einen geheimen Trostgrund enthalten."
+
+"Gern, mein Freund," antwortete Vasitthi.
+
+Sie ließen sich auf ihre Lotusrosen nieder, und Vasitthi setzte den
+Bericht ihrer Erlebnisse fort.
+
+
+
+
+XXXI. DIE ERSCHEINUNG AUF DER TERRASSE
+
+
+Als Satagira sein Ziel, mich als Frau zu besitzen, erreicht hatte,
+erkaltete seine Liebe schnell, um so mehr, als sie ja von meiner Seite
+keine Erwiderung fand. Ich hatte versprochen, ihm eine treue Gattin zu
+sein, und er wußte wohl, daß ich mein Versprechen halten würde. Mehr
+stand aber auch nicht in meiner Macht, selbst wenn ich es gewollt hätte.
+
+Da ich ihm nur eine Tochter gebar, die schon im zweiten Jahre starb,
+wunderte sich niemand--und ich wahrlich am wenigsten--darüber, daß er
+sich eine zweite Frau nahm. Diese gebar ihm den erwünschten Sohn.
+Dadurch bekam sie die erste Stellung im Hause; auch verstand sie, seine
+Liebe, auf die ich so willig verzichtet hatte, auf geschickte Weise zu
+fesseln. Außerdem nahmen die Geschäfte meinen Gemahl immer mehr in
+Anspruch, denn er war nach dem Tode seines Vaters mit dessen Stellung
+betraut worden.
+
+So gingen mehrere Jahre ruhig dahin, und ich vereinsamte mehr und mehr,
+was mir denn auch ganz recht war. Ich gab mich meiner Trauer hin,
+verkehrte mit meinen Erinnerungen und lebte in der Hoffnung auf ein
+Wiedersehen hier oben, eine Hoffnung, die mich ja auch nicht getäuscht
+hat.
+
+Der Palast Satagiras lag an derselben Schlucht, aus der du so oft nach
+der "Terrasse der Sorgenlosen" hinaufgestiegen bist, aber an einer viel
+steileren Stelle, und hatte eine ganz ähnliche Terrasse wie mein
+Vaterhaus. Hier pflegte ich alle schönen Abende zuzubringen, ja in der
+heißen Zeit blieb ich dort oft die ganze Nacht, auf einem Ruhebett
+schlafend. Denn die Felswand der Schlucht, die noch dazu von hohem
+Mauerwerk gekrönt wurde, war so steil und glatt, daß gewiß kein Mensch
+an ihr hinaufklettern konnte.
+
+Einmal in einer herrlichen, milden Mondnacht lag ich nun dort auf meinem
+Lager, ohne zu schlafen. Ich dachte an dich, und zwar an jenen ersten
+Abend unseres Zusammenseins; der Augenblick, wo ich mit Medini auf der
+marmornen Bank der Terrasse saß und eure Ankunft erwartete, stand mir so
+lebhaft vor der Seele, und ich dachte daran, wie sich dann plötzlich,
+noch bevor wir es hofften, deine Gestalt über den Mauerrand erhob--denn
+du warst ja in deinem ungestümen Eifer Somadatta zuvorgekommen.
+
+In diese süßen Träume verloren, hatte ich unwillkürlich meinen Blick auf
+der Brustwehr ruhen lassen, als plötzlich eine Gestalt sich über
+dieselbe erhob.
+
+Ich war so überzeugt, daß nie und nimmer ein Mensch diese Stelle
+erklimmen könne, daß ich gar nicht daran zweifelte, dein Geist, von
+meiner Sehnsucht heraufbeschworen, käme, um mich zu trösten und um mir
+Kunde zu bringen von dem seligen Orte, wo du mich erwartetest.
+
+Deshalb erschrak ich denn auch gar nicht, sondern stand auf und breitete
+die Arme gegen den Kommenden aus.
+
+Wie nun aber dieser auf der Terrasse stand und sich mit raschen
+Schritten näherte, sah ich, daß seine Gestalt viel größer als die deine,
+ja sogar riesenhaft war, und ich merkte, daß ich den Geist Angulimalas
+vor mir hatte. Nun erschrak ich so heftig, daß ich mich am Kopfende der
+Ruhebank festhalten mußte, um nicht umzusinken.
+
+"Wen hast du erwartet?" fragte der Furchtbare, an mich herantretend.
+
+"Einen Geist, aber nicht den deinen," antwortete ich.
+
+"Kamanitas Geist?"
+
+Ich nickte.
+
+"Als du jene Bewegung des Bewillkommnens machtest," fuhr er
+fort,--"fürchtete ich, daß du einen Liebhaber hättest, der dich des
+Nachts hier besuchte. Denn in dem Falle würdest du mir nicht helfen. Und
+ich habe deine Hilfe so nötig, wie du jetzt die meinige."
+
+Bei diesen sonderbaren Worten wagte ich aufzublicken, und nun schien es
+mir, daß ich keinen Geist, sondern ein Wesen aus Fleisch und Blut vor
+mir habe. Aber der Mond stand hinter ihm, und geblendet von seinen
+Strahlen und vom Schrecken verwirrt, konnte ich nur die mächtigen
+Umrisse einer Gestalt sehen, die wohl auch einem Dämon angehören
+konnten.
+
+"Ich bin nicht der Geist Angulimalas," sagte er, meinen Zweifel
+erratend, "ich bin er selber, ein Mensch wie du."
+
+Ich fing heftig zu zittern an, nicht vor Angst, sondern, weil ich dem
+Menschen gegenüberstand, der meinen Geliebten grausam ermordet hatte.
+
+"Fürchte dich nicht, edle Frau!" fuhr er fort--"du hast von mir nichts
+zu befürchten; bist du doch der einzige Mensch, vor dem ich selber mich
+gefürchtet habe, und dem ich, wie du so richtig sagtest, nicht in die
+Augen sehen durfte, weil ich dich betrog."
+
+"Du betrogst mich?" rief ich, und kaum weiß ich, ob in meiner Seele
+Freude aufstieg, geweckt durch die Hoffnung, mein Geliebter sei noch am
+Leben, oder ob noch größere Verzweiflung mich bei dem Gedanken ergriff,
+daß ich mich hatte verleiten lassen, mich von dem Lebenden zu trennen.
+
+"Ich tat es," antwortete er, "und deshalb sind wir aufeinander
+angewiesen. Denn wir haben beide etwas zu rächen und an demselben Mann:
+an Satagira!"
+
+Mit dem Anstand eines Fürsten machte dieser Räuber eine Handbewegung,
+mit der er mich aufforderte, mich zu setzen, als ob er mir viel zu sagen
+hätte. Ich, die ich mich nur noch mit Mühe aufrechthalten konnte, ließ
+mich willenlos auf die Bank niedersinken, und staunte ihn an, atemlos
+begierig auf seine nächsten Worte, die mich über das Schicksal des
+Geliebten aufklären mußten.
+
+"Kamanita mit seiner Karawane," fuhr er fort--"fiel mir in der
+Waldgegend Vedisas in die Hände. Er verteidigte sich tapfer, wurde aber
+unverwundet gefangen genommen, und als das Lösegeld zur rechten Zeit
+eintraf, unbehelligt nach Hause geschickt. Wohlbehalten kam er in Ujjeni
+an."
+
+Bei dieser Nachricht entrang sich ein tiefer Seufzer meiner Brust. Ich
+empfand in diesem Augenblick nur Freude darüber, den Geliebten unter den
+Lebenden zu wissen, so töricht dies Gefühl auch war. Denn durch das
+Leben war er mir noch mehr als durch den Tod entfernt.
+
+"Als ich in Satagiras Gewalt fiel," fuhr Angulimala fort, "erkannte
+dieser sofort die kristallene Kette mit dem Tieraugen-Amulett an meinem
+Halse, als dieselbe, die Kamanita angehört hatte. Am folgenden Abend kam
+er allein in mein Gefängnis und versprach mir, zu meinem größten
+Erstaunen, mir die Freiheit zu schenken, wenn ich vor einem Mädchen
+beschwören wollte, daß ich Kamanita umgebracht habe. 'Dein Eid allein,'
+sagte er, 'würde sie freilich nicht überzeugen, aber einem
+'Wahrheitsakte' muß sie glauben.'--Er erklärte mir jetzt, ich sollte in
+der ersten Stunde der Nacht auf eine Terrasse geführt werden, wo das
+Mädchen sich aufhalten werde. Er wollte dafür sorgen, daß die Fesseln
+durchfeilt wären, so daß ich sie unschwer sprengen könne, worauf es dann
+ein leichtes für mich sei, mich über die Brustwehr zu schwingen, in die
+Schlucht hinabzusteigen und derselben abwärts folgend zu entfliehen, da
+sie schließlich in eine enge Rinne ausmünde, durch die ein kleiner Bach
+unter der Stadtmauer sich in die Ganga ergösse. Mit einem feierlichen
+Eide schwor er mir zu, mich an der Flucht aus Kosambi nicht hindern zu
+wollen.
+
+Zwar traute ich ihm nicht allzusehr, aber ich sah keinen anderen Ausweg.
+Einen ganz falschen Wahrheitsakt zu begeben, dazu hätte mich allerdings
+nichts verleiten können, denn ich hätte ja dadurch das furchtbarste
+Zorngericht der beleidigten Göttin auf mich geladen. Aber ich erkannte
+sofort, wie ich meinen Schwur so einrichten könnte, daß ich nicht mit
+klaren Worten eine Unwahrheit sagte, während dennoch ein jeder
+heraushören würde, daß ich Kamanita getötet habe: und ich vertraute
+darauf, daß Kali, die an allen Schlauheiten Gefallen findet, mir wegen
+dieses Kraftstückes mit aller Macht beistehen und mich heil durch die
+Gefahren führen würde, die ein Verrat Satagiras mir bereiten möchte.
+
+Alles ging nun in der Tat, wie es zwischen uns verabredet war, und du
+selber hast gesehen, wie ich die eisernen Ketten sprengte. Noch heute
+weiß ich aber nicht, ob Satagira Wort gehalten und die Ketten hat
+durchfeilen lassen, wie er es mir versprochen hatte, oder ob mir Kali
+durch ein Wunder half. Doch glaube ich eher das erstere. Denn kaum war
+ich einige Klafter in die Ganga hinausgeschwommen, so wurde ich von
+einem Boote voll Bewaffneter überfallen. Auf diesen Hinterhalt hatte er
+also vertraut. Hier aber zeigte es sich, was die Hilfe Kalis wert ist:
+denn obwohl die an meinen Handgelenken hängenden Kettenstücke meine
+einzigen Waffen waren, gelang es mir doch, alle Krieger totzuschlagen,
+und auf dem während des Kampfes gekenterten Boote erreichte ich
+glücklich das sichere nördliche Ufer; freilich nicht ohne so viele und
+tiefe Wunden davonzutragen, daß ein ganzes Jahr verging, bevor ich mich
+davon erholt hatte. In dieser Zeit habe ich aber oft genug geschworen,
+daß Satagira mir dies büßen solle. Und nun ist die Zeit dazu gekommen."
+
+In meiner Seele wütete ein Sturm von Entrüstung über diesen an mir
+verübten, unerhörten Betrug. Ich konnte es dem Räuber nicht verdenken,
+daß er durch dies Mittel sein Leben gerettet hatte, und da er seine
+Hände nicht mit dem Blute meines Geliebten befleckt hatte, vergaß ich in
+diesem Augenblick, wieviel anderes unschuldiges Blut aber an ihnen
+klebte, und empfand weder Schreck noch Abscheu vor diesem Manne, der mir
+die Botschaft gebracht hatte, daß mein Kamanita noch auf dieser Erde
+wanderte wie ich selber. Aber ein bitterer Haß erhob sich in mir gegen
+ihn, der schuld daran war, daß wir beide getrennt unsere Erdenwanderung
+zu Ende führen mußten, und die Drohung Angulimalas gegen sein Leben
+vernahm ich mit einer unwillkürlichen Freude, die wohl in meinem
+Oesichtsausdrucke zu lesen war.
+
+Denn mit erregter, leidenschaftlicher Stimme fuhr Angulimala fort:
+
+"Ich sehe, hohe Frau! daß deine edle Seele nach Rache dürstet, und die
+soll dir auch bald werden. Deshalb bin ich ja hierher gekommen. Schon
+viele Wochen habe ich hier vor Kosambi auf Satagira gelauert. Endlich
+habe ich jetzt aus sicherer Quelle in Erfahrung gebracht, daß er in
+diesen Tagen die Stadt verlassen wird, um sich nach den östlichen Gauen
+zu begeben, wo ein zwischen zwei Dörfern schwebender Rechtsstreit zu
+schlichten ist. Ehe ich davon wußte, war mein ursprünglicher Plan, ihn
+zu zwingen, einen Ausfall gegen mich zu machen, um mich wieder gefangen
+zu nehmen; diese seine Reise macht es mir aber noch bequemer. Freilich
+habe ich infolge meiner ersten Absicht kein Geheimnis aus meiner
+Anwesenheit gemacht, sondern meine Taten für mich sprechen lassen, und
+das Gerücht von meinem Wiedererscheinen ist längst verbreitet. Obwohl
+die meisten glauben, daß irgend ein Betrüger erstanden ist und sich für
+Angulimala ausgibt, so hat doch die Furcht schon so sehr um sich
+gegriffen, daß nur größere und gut bewaffnete Züge sich in die bewaldete
+östliche Gegend, wo ich hause, hinauswagen. Du scheinst freilich davon
+nichts gehört zu haben, weil du eben als eine um ihr Lebensglück
+betrogene Frau allein mit deiner Trauer verkehrst."
+
+"Ich habe wohl von einer dreisten Räuberbande vernommen," sagte ich,
+"aber deinen Namen noch nicht nennen gehört, weshalb ich auch glaubte,
+deinen Geist zu sehen."
+
+"Satagira aber hat mich nennen gehört," fuhr der Räuber fort, "verlasse
+dich darauf, und da er guten Grund hat, zu glauben, daß es der richtige
+Angulimala ist und noch besseren Grund, diesen zu fürchten, so ist
+anzunehmen, daß er nicht nur unter starker Bedeckung reisen, sondern
+auch noch andere Vorsichtsmaßregeln treffen und sich vieler auf
+Täuschung berechneter Schliche bedienen wird. Indessen, obschon die
+Bande, über die ich gebiete, nicht sehr groß ist, soll weder das eine
+noch das andere ihm helfen, wenn ich nur mit Sicherheit weiß, zu welcher
+Stunde er auszieht und welchen Weg er einschlägt. Und dies ist es, was
+ich durch dich zu erfahren hoffe."
+
+Wenn ich auch bis jetzt stumm und gleichsam in einen Bann geschlagen
+seiner Erklärung gelauscht hatte, ohne zu bedenken, wieviel ich mir
+schon dadurch vergab, so stand ich doch bei dieser Zumutung entrüstet
+auf und fragte ihn, was ihm wohl berechtige, zu glauben, daß ich tief
+genug gesunken wäre, um einen Dieb und Räuber zum Bundesgenossen zu
+nehmen.
+
+"Bei einem Bundesgenossen," erwiderte Angulimala ruhig, "ist die
+Hauptsache, daß er zuverlässig ist, und du fühlst wohl, daß du dich in
+dieser Sache ganz auf mich verlassen kannst. Auch brauche ich deine
+Hilfe, denn nur durch sie kann ich das, was ich wünsche, mit Sicherheit
+erfahren. Wohl habe ich eine sonst gute Quelle für Nachrichten, durch
+die ich eben auch von der bevorstehenden Reise Satagiras weiß; aber wenn
+er vorsichtshalber ein falsches Gerücht verbreitet, so kann auch sie
+getrübt werden. Du aber bedarfst meiner, weil eine stolze und edle Seele
+in einem Fall wie dem deinigen nur durch den Tod des Verräters
+Genugtuung findet. Wärest du ein Mann, dann würdest du ihn selber töten;
+da du eine Frau bist, brauchst du dazu meines Armes."
+
+Ich wollte ihn heftig abweisen, aber er gab mir mit einer so würdigen
+Handbewegung zu verstehen, er habe noch nicht Alles gesagt, daß ich
+gegen meinen Willen schwieg.
+
+"Dies, edle Frau," fuhr er fort, "ist die Rache. Aber es gibt noch ein
+Anderes, Wichtigeres. Für dich: das künftige Glück zu ergreifen; für
+mich: Vergangenes zu sühnen. Mit Recht sagt man ja von mir, daß ich
+grausam sei, ohne Mitleid gegen Mensch und Tier. Ja, ich habe tausend
+Taten vollbracht, für deren jede man hundert oder tausend Jahre in einer
+Erzhölle büßen muß, wie die Priester lehren. Zwar hatte ich einen
+gelehrten und weisen Freund, Vajacravas, den das Volk jetzt sogar als
+einen Heiligen verehrt, und an dessen Grab ich auch reichlich geopfert
+habe: der hat uns oft bewiesen, daß es solche Höllenstrafen nicht gebe,
+und daß der Räuber im Gegenteil das brahmandurchdrungenste Wesen und die
+Krone der Schöpfung sei. Doch hat er mich nie so recht davon überzeugen
+können....
+
+Sei dem nun, wie es wolle. Ob es Höllenstrafen gibt oder nicht:--gewiß
+ist es, daß von allen meinen Taten nur eine mir schwer auf dem Herzen
+liegt, und zwar die, daß ich mit meinem schlauen Wahrheitsakt dich
+betrogen habe. Schon damals durfte ich dir nicht ins Gesicht sehen, und
+die Erinnerung an jene Stunde sitzt mir noch immer wie ein Dorn im
+Fleische. Nun wohl, was ich damals gegen dich verbrach, möchte ich jetzt
+wieder gut machen, soweit es noch möglich ist; die bösen Folgen möchte
+ich vernichten. Du wurdest durch meine Schuld von dem tot geglaubten
+Kamanita getrennt und an diesen falschen Satagira gebunden. Diese Fessel
+will ich dir nun abnehmen, so daß du wieder frei bist, dich mit dem
+Geliebten zu verbinden; und ich selber will nach Ujjeni gehen und ihn
+heil und sicher herbringen. Nun tue du das deinige, ich werde das
+meinige tun. Für eine schöne Frau ist es ja nicht schwer, dem Gemahl ein
+Geheimnis zu entlocken. Morgen, sobald es dunkel ist, komme ich hierher,
+um mir den Bescheid von dir zu holen."
+
+Er verbeugte sich tief, und bevor es mir in meiner Verwirrung und
+Bestürzung möglich war, ein Wort hervorzubringen, war er so plötzlich
+von der Terrasse verschwunden, wie er erschienen war.
+
+
+
+
+XXXII. SATAGIRA
+
+
+Die ganze Nacht blieb ich auf der Terrasse, eine willenlose Beute der
+entfesselten, mir unbekannten Leidenschaften, die mit meinem Herzen ihr
+Spiel trieben wie Wirbelwinde mit einem Blatt.
+
+Mein Kamanita war noch am Leben! Er hatte in seiner fernen Heimat von
+meiner Heirat gehört--denn sonst wäre er ja längst gekommen. Wie
+treulos--oder wie erbärmlich schwach mußte ich in seinen Augen sein! Und
+an dieser meiner Erniedrigung war allein Satagira schuld. Mein Haß gegen
+ihn wurde mit jeder Minute tödlicher, und tief fühlte ich die Wahrheit
+in Angulimalas Worten, daß ich, wenn ich ein Mann gewesen wäre,
+sicherlich Satagira getötet hätte.
+
+Dann zeigte sich wieder jene Aussicht, die Angulimala mir so unerwartet
+eröffnet hatte:--wenn ich frei war, konnte ich den Geliebten heiraten.
+Bei diesem Gedanken geriet mein ganzes Wesen in einen so stürmischen
+Aufruhr, daß ich glaubte, das Blut müßte mir Brust und Schläfen
+sprengen. Außerstande, mich aufrechtzuhalten, vermochte ich nicht
+einmal, nach der Bank zu wanken, sondern sank auf die marmornen Fliesen
+nieder, und die Sinne vergingen mir.
+
+Die Kühle des Morgentaues brachte mich zu meinem unseligen Dasein mit
+seinen furchtbaren Fragen zurück.
+
+War es denn Wahrheit, daß ich mich mit einem Räuber und tausendfachen
+Mörder verbinden wollte, um den Mann aus dem Wege zu räumen, der mich
+einst um das Hochzeitsfeuer geführt hatte?
+
+Aber ich wußte ja noch gar nicht, wann mein Gemahl fortzöge! Und wie
+sollte ich die Zeit seiner Abreise, wie auch den genauen Weg, den er zu
+nehmen beabsichtigte, erfahren, wenn er ein Geheimnis daraus machte?
+
+"Für eine schöne Frau ist es ja nicht schwierig, dem Gemahl ein
+Geheimnis zu entlocken"--diese Worte des Räubers klangen mir noch im
+Ohre und zeigten mir die ganze Niedrigkeit einer solchen Handlungsweise.
+Nie würde ich mich dazu entschließen können, mich durch Zärtlichkeit in
+sein Vertrauen einzuschleichen, um ihn dann seinem Todfeinde zu
+verraten. Aber gerade dadurch, daß ich dies so deutlich fühlte, wurde es
+mir auch klar, daß es eigentlich nur das verräterische und heuchlerische
+Erschleichen des Geheimnisses war, das ich so von Grund aus
+verabscheute. Wäre ich aber schon im Besitz des Geheimnisses
+gewesen--hätte ich gewußt, wo ich hingehen und eine Tafel finden könnte,
+auf der Alles aufgeschrieben stand:--dann würde ich sicher die tödliche
+Kunde Angulimala mitgeteilt haben.
+
+Wie mir dies nun klar wurde, zitterte ich vor Entsetzen, als ob ich
+schon schuldig an Satagiras Tod wäre. Ich dankte meinem Schicksal, daß
+keine Möglichkeit für mich vorhanden war, diese Kunde zu erlangen; denn
+wenn ich auch vielleicht hätte erfahren können, zu welcher Stunde sie
+aufbrechen würden, so konnte doch nur Satagira selbst und höchstens noch
+ein Vertrauter wissen, welche Wege und Stege man gewählt hatte.
+
+Ich sah die aufgehende Sonne die Türme und Kuppeln Kosambis vergolden,
+so wie ich dies hinreißende Schauspiel von der Terrasse der Sorgenlosen
+aus so oft--aber ach! mit wie ganz anderen Gefühlen--betrachtet hatte,
+wenn ich selige Nachtstunden dort mit dir verbrachte. Unglücklich wie
+noch nie zuvor, matt und elend, als ob ich in dieser Nacht um Jahrzehnte
+gealtert wäre, begab ich mich in den Palast zurück.
+
+Um nach meinem Zimmer zu kommen, mußte ich durch eine lange Galerie
+gehen, nach der einige Räume mit vergitterten Fenstern sich öffneten.
+Als ich an einem derselben vorüberschritt, vernahm ich Stimmen. Die
+eine--die meines Gemahls--hub gerade an:
+
+"Gut, wir wollen also heute Nacht--eine Stunde nach
+Mitternacht--aufbrechen."
+
+Ich war unwillkürlich stehen geblieben. Die Stunde wußte ich also! Aber
+den Weg? Die Schamröte stieg mir ins Gesicht, weil ich den Lauscher an
+der Tür spielte--"fliehe, fliehe!" rief es in mir--"noch ist es Zeit!"
+Aber ich blieb wie angewurzelt stehen.
+
+Satagira sprach indessen nicht weiter. Er mochte meine Schritte und ihr
+Aufhören an der Tür bemerkt haben; denn diese wurde plötzlich
+aufgerissen. Mein Gemahl stand vor mir.
+
+"Ich hörte deine Stimme im Vorbeigehen," sagte ich mit raschem
+Entschluß, "und dachte daran, anzufragen, ob ich dir einige
+Erfrischungen bringen sollte, da du so früh den Geschäften obliegst.
+Dann befürchtete ich wieder, dich zu stören und wollte weitergehen."
+
+Satagira sah mich ohne Mißtrauen, ja sogar sehr freundlich an.
+
+"Ich danke dir," sagte er, "ich bedarf keiner Erfrischungen, aber du
+störst mich keineswegs. Im Gegenteil, ich wollte gerade nach dir
+schicken und fürchtete nur, daß du noch nicht aufgestanden wärest. Du
+kannst mir gerade jetzt von dem größten Nutzen sein."
+
+Er lud mich ein, in das Zimmer zu treten, was ich mit der höchsten
+Verwunderung tat, sehr darauf gespannt, Was für einen Dienst er wohl von
+mir begehrte, gerade in diesem Augenblick, wo ein tödlicher Anschlag
+gegen ihn mein Gemüt erfüllte.
+
+Ein Mann, in dem ich einen Reiterführer und Vertrauten Satagiras
+erkannte, saß auf einem niedrigen Sitz. Er erhob sich bei meinem
+Eintreten und verbeugte sich tief. Satagira ließ mich neben sich Platz
+nehmen, winkte dem Reiteranführer, sich wieder zu setzen, und wandte
+sich zu mir.
+
+"Es handelt sich, meine liebe Vasitthi, um Folgendes: Ich muß möglichst
+bald eine Reise antreten, um einen Dorfstreit in den östlichen Gauen zu
+schlichten. Nun haben sich seit einigen Wochen in den Waldgegenden
+östlich von Kosambi, und zwar recht nahe der Stadt, Räuber gezeigt. Es
+geht sogar das törichte Gerücht, ihr Führer sei kein anderer als
+Angulimala, indem man die unerhörte Frechheit hat, zu behaupten,
+Angulimala sei damals aus dem Gefängnis entflohen, und ich hätte statt
+seines Kopfes einen anderen, dem seinen ähnlichen, über dem Tor
+aufgesteckt. Über solche Märchen können wir freilich lachen. Allerdings
+aber scheint dieser Räuber dem berühmten Angulimala an Dreistigkeit
+nicht viel nachzugeben, und wenn er sich wirklich für jenen ausgibt, um
+durch den glorreichen Namen großen Anhang zu finden, so geht er gewiß
+darauf aus, irgend eine recht glänzende Tat zu vollbringen. Deshalb ist
+immerhin eine gewisse Vorsicht geboten."
+
+Auf einem kleinen, mit edlen Steinen ausgelegten Tische neben ihm lag
+ein seidenes Tuch. Er nahm es und wischte sich damit die Stirn. Es sei
+doch heute, meinte er, trotz der frühen Stunde recht heiß. Ich merkte
+wohl, daß es die Angst vor Angulimala war, die ihm den Schweiß aus den
+Poren trieb. Aber anstatt daß dadurch mein Mitleid geweckt worden wäre,
+fühlte ich bei diesem Anblick vielmehr nur Verachtung für ihn. Ich sah,
+daß er kein Held war und fragte mich verwundert, durch welchen
+Glücksfall er dazu gekommen wäre, Angulimala gefangen zu nehmen,
+Angulimala, den Räuber, der mir vorkam wie der furchtbare Bhima im
+Mahabharata, an dessen Seite du ja selber, mein lieber Kamanita, auf der
+Ebene Kurukschetra gekämpft hast.
+
+"Nun kann ich aber," fuhr indessen mein Gemahl fort, "nicht gut in jenen
+Dörfern mit einem ganzen Heere ankommen, ja ich möchte sogar nicht gern
+mehr als dreißig Reiter auf diese Reise mit mir nehmen. Um so mehr aber
+ist Vorsicht und sogar täuschende List geboten. Ich habe dies gerade mit
+meinem getreuen Panduka besprochen, und er hat mir einen guten Vorschlag
+gemacht, den ich dir auch mitteile, damit du nicht während dieser Tage
+in allzu großer Angst um mich bist."
+
+Ich murmelte etwas, das einen Dank für diese Rücksichtnahme bedeuten
+sollte.
+
+"Panduka," fuhr er fort, "wird also recht augenfällig alle
+Vorbereitungen treffen, als ob ich morgen früh mit einer ziemlich
+ansehnlichen Truppenmacht gen Osten einen Zug machen wollte, um die
+Räuber zu fangen. Wenn diese also--was ich nicht bezweifle--hier in der
+Stadt Helfershelfer haben, die sie auf dem Laufenden halten, so werden
+sie dadurch hinters Licht geführt. Mittlerweile breche ich mit meinen
+dreißig Reitern eine Stunde nach Mitternacht auf, und zwar durch das
+südliche Tor, und ziehe durch das Hügelland in einem großen Bogen
+ostwärts. Doch möchte ich auch hier gern die Hauptstraßen vermeiden, bis
+ich einige Meilen von Kosambi entfernt bin. Nun liegt ja aber gerade in
+dieser Gegend das Sommerhaus deines Vaters, und du kennst von Kind auf
+alle Wege und Stege dort--kannst mir also, denke ich, hier mit deinem
+Rate viel nützen."
+
+Ich war sofort dazu bereit, und während ich ihm Alles ausführlich
+beschrieb, ließ ich mir eine Tafel geben und zeichnete darauf eine
+genaue Karte von der Umgebung jenes Hauses, mit Kreuzzeichen an den
+Stellen, die er sich besonders merken mußte. Vor allem aber empfahl ich
+ihm einen Pfad, der durch eine Schlucht führte. Diese verengte sich
+allmählich so sehr, daß auf einer kurzen Strecke nicht zwei Reiter
+nebeneinander reiten konnten, dafür war aber dieser Weg so unbekannt,
+daß, selbst wenn die Räuber ahnen sollten, daß er einen solchen Umweg
+machte, gewiß niemand ihn dort suchen würde.
+
+In dieser Schlucht aber hatte ich als ein unschuldiges Kind mit meinen
+Brüdern und Medini und den Kindern unseres Pächters gespielt.
+
+Satagira bemerkte, daß meine Hand, die auf die Tafel zeichnete,
+zitterte, und fragte mich, ob ich Fieber hätte. Ich antwortete, daß es
+nur etwas Müdigkeit nach einer schlaflosen Nacht sei. Er ergriff aber
+meine Hand und fand besorgt, daß sie kalt und feucht sei, und als ich
+sie mit der Bemerkung, das habe gar nichts zu sagen, zurückziehen
+wollte, behielt er sie in der seinen, während er mich ermahnte,
+vorsichtig zu sein und mich zu schonen; und in seinem Blick und seiner
+Stimme bemerkte ich mit unsagbarem Unwillen, ja mit Entsetzen etwas von
+der bewundernden Zärtlichkeit aus jener Zeit, als er vergebens um mich
+warb. Ich beeilte mich zu sagen, daß ich mich wirklich nicht ganz wohl
+fühlte und mich gleich zur Ruhe begeben wollte.
+
+Satagira folgte mir aber noch in die Galerie hinaus, und hier, wo wir
+allein waren, fing er an, sich zu entschuldigen: er habe allerdings über
+die Mutter seines Sohnes mich jetzt lange Zeit vernachlässigt; aber nach
+seiner Rückkehr sollte das anders werden; ich würde nicht länger nötig
+haben, die Nacht allein auf der Terrasse zuzubringen.
+
+Wenn auch jene Zärtlichkeit, die dem Grabe einer verschollenen
+Jugendliebe entstiegen schien, bei der ich anerkennen mußte, daß sie
+sogar mit einer gewissen halsstarrigen Treue nur mir gegolten hatte,
+nicht umhin konnte, mein Herz etwas zu seinen Gunsten zu stimmen, so daß
+ich einen Augenblick in meinem Vorsatz wankte: so waren doch die letzten
+Worte, die mit einem süßlichen Lächeln und einer ekelhaften
+Vertraulichkeit vorgebracht wurden, nur zu geeignet, diese Wirkung
+wieder aufzuheben, indem sie mich an Rechte gemahnten, die er sich mir
+gegenüber durch seinen feigen Verrat erschlichen hatte.
+
+
+
+
+XXXIII. ANGULIMALA
+
+
+Eine schreckliche Ruhe kam über mich, als ich jetzt in meine Zimmer
+zurückkehrte. Es gab nichts mehr zu bedenken, kein Zweifel war zu
+bekämpfen, keine Fragen wollten beantwortet sein. Alles war entschieden.
+Sein Karma wollte es so. Offenbar war er durch seinen doppelten Verrat
+mir und Angulimala verfallen.
+
+So groß war diese Ruhe, daß ich einschlief, sobald ich mich auf das
+Lager gestreckt hatte--als ob meine Natur ängstlich bemüht gewesen wäre,
+über diese inhaltslosen Wartestunden hinwegzukommen.
+
+Als es dunkel wurde, ging ich auf die Terrasse. Der Mond war noch nicht
+aufgegangen. Ich brauchte nicht lange zu warten. Die mächtige Gestalt
+Angulimalas schwang sich über die Brustwehr und kam auf die Bank zu, auf
+der ich, halb abgewendet, saß.
+
+Ich rührte mich nicht, und ohne den Blick von dem Muster der bunten
+Marmorfliesen zu erheben, sprach ich:--
+
+"Was du zu wissen wünschest, weiß ich. Alles: die Stunde, wann er
+fortzieht, die Stärke seiner Begleitung, die Richtung, die er
+einschlägt, und Wege und Pfade, denen er folgt. Von seinem bösen Karma
+getrieben, hat er selber mir seine Vertraulichkeit aufgedrungen, sonst
+wüßte ich das alles nicht, denn nie hätte ich es ihm durch heuchlerische
+Zärtlichkeit entlockt."
+
+Ich hatte mir diese Worte wohl überlegt; denn so töricht sind wir in
+unserem Stolz, daß es selbst jetzt, da ich mich zum Handlanger eines
+Verbrechers machte, für mich ein unerträglicher Gedanke war, in seinen
+Augen niedriger zu erscheinen, als ich wirklich war.
+
+Nicht weniger überlegt waren meine weiteren Worte.
+
+"Von all dem wirst du aber keine Silbe erfahren, wofern du mir nicht
+zuerst versprichst, daß du ihn _nur_ töten, auf keine Weise aber quälen
+wirst, und daß du nur _ihn_, jedoch keinen seiner Begleiter töten wirst,
+wenn du es nicht zur Selbstverteidigung nötig hast. Ich werde dir aber
+eine Stelle zeigen, wo du ihn ganz allein und ohne Handgemenge tödlich
+treffen kannst. Dies also mußt du mir mit einem feierlichen Eide
+versprechen. Sonst kannst du mich töten, wirst aber kein Wort mehr von
+mir vernehmen."
+
+"So wahr ich bis heute ein treuer Diener Kalis war," erwiderte
+Angulimala, "so gewiß will ich keinen von seinen Begleitern töten, und
+so gewiß soll er auch keine Qual erleiden."
+
+"Gut," sagte ich, "ich will dir trauen. So höre also nun und merke dir
+Alles genau. Wenn du hier in der Stadt Hehler hast, so wirst du schon
+erfahren haben, daß Vorbereitungen getroffen werden, um morgen gegen die
+Räuber vorzugehen. Das ist aber alles leerer Schein, um dich zu
+täuschen. In Wirklichkeit verläßt Satagira, von dreißig Reitern gefolgt,
+noch heute, eine Stunde nach Mitternacht, die Stadt durch das südliche
+Tor, läßt den Sinsapawald links liegen und biegt noch etwas südlicher
+aus, um auf Nebenwegen durch das Hügelland ostwärts zu ziehen."
+
+Und ich gab ihm nun eine ganz genaue Beschreibung der Gegend bis zu
+jener engen Schlucht, durch die Satagira kommen mußte, und wo er ihn
+leicht und sicher erschlagen konnte.
+
+Meiner Rede folgte ein bedrückendes Schweigen, währenddessen ich nur
+mein eigenes schweres Atemholen hörte. Ich fühlte, daß ich noch nicht
+Kraft genug hatte, um mich zu erheben und wegzugehen, wie ich es mir
+vorgenommen hatte.
+
+Endlich sprach Angulimala, und schon der milde, ja traurige Klang seiner
+Stimme überraschte mich derart, daß ich fast erschrak und unwillkürlich
+zusammenfuhr.
+
+"So wäre es denn also nun geschehen," sagte er, "und du, die zarte,
+milde Frau, die du gewiß niemals mit Willen auch nur dem geringsten
+Geschöpfe ein Leid zugefügt hast, du wärest nunmehr im Bunde mit dem
+schlechtesten Menschen, dessen Hände von Blut triefen, ja der Mord
+deines Gatten lastete auf deinem Gewissen und würde für dich seine
+schwarzen Karmafäden auf abschüssiger Fährte bis in die höllische Welt
+weiter wirken--ja, so wäre es in der Tat, wenn du jetzt zu dem Räuber
+Angulimala geredet hättest."
+
+Ich wußte nicht, ob ich meinen Ohren trauen sollte. Zu wem sonst hatte
+ich denn geredet? War es doch die Stimme Angulimalas, wenn auch mit
+jener sonderbaren Veränderung des Klanges; und als ich mich jetzt
+bestürzt umwandte und ihn scharf ansah, war es außer allem Zweifel, daß
+der Räuberhäuptling vor mir stand, wenn auch in seiner ganzen Haltung
+sich gleichsam ein anderer Charakter ausdrückte als der, der mich Tags
+zuvor in seinem furchtbaren Banne gehalten hatte.
+
+"Aber sei unbesorgt, edle Frau"--fügte er hinzu--"dies Alles ist nicht
+geschehen. Nichts ist geschehen, nicht mehr, als wenn du deine Rede an
+diesen Baum gerichtet hättest."
+
+Diese Worte waren mir so rätselhaft wie die vorhergehenden. So viel aber
+verstand ich, daß er aus irgend einem Grunde seinen Racheplan gegen
+Satagira aufgegeben hatte.
+
+Nachdem ich mich durch furchtbare Seelenkämpfe zu dieser unnatürlichen
+Höhe des Verbrechens emporgerungen hatte, war dies plötzliche
+unbegreifliche Zerrinnen, diese spukhafte Verflüchtigung des Werkes eine
+Enttäuschung, die ich nicht ertrug. Die krankhafte Spannung meines
+Gemütes machte sich Luft in einem Strome von Schimpfworten, die ich
+Angulimala ins Gesicht schleuderte. Ich nannte ihn einen ehrlosen
+Schuft, einen wortbrecherischen, leeren Prahler, eine Memme und was weiß
+ich noch--das Schlimmste, was mir einfallen wollte, denn ich hoffte, daß
+dieser wegen seines Jähzorns in ganz Indien berüchtigte Mann,
+solchermaßen gereizt, mich mit einem Schlage seiner eisernen Faust
+leblos zu Boden strecken würde.
+
+Als ich aber schwieg, eher, weil mir der Atem als der Wortvorrat
+ausging, antwortete mir Angulimala mit beschämender Ruhe:--
+
+"Dies alles und noch Schimpflicheres habe ich ja von dir verdient, und
+nicht einmal den alten Angulimala hättest du damit, glaube ich, so
+reizen können, daß er dich getötet hätte--denn dies zu erreichen ist ja,
+wie ich wohl erkenne, deine Absicht. Aber wenn auch jetzt ein anderer
+mir noch Schlimmeres gesagt hätte, so würde ich das nicht nur ruhig
+ertragen haben, sondern ihm sogar dankbar dafür sein, daß er mir
+Gelegenheit gab, eine heilsame Prüfung zu bestehen. Hat doch der Meister
+selber mich gelehrt: 'Der Erde gleich, Angulimala, sollst du Gleichmut
+üben. Gleichwie man da auf die Erde Reines hinwirft und Unreines
+hinwirft, und die Erde sich weder darob entsetzt noch sich sträubt--also
+sollst du, Angulimala, der Erde gleich Gleichmut üben.' Denn du sprichst
+ja, Vasitthi, nicht mit dem Räuber, sondern mit dem Jünger Angulimala."
+
+"Was für ein Jünger? Welcher Meister?" fragte ich mit verächtlicher
+Ungeduld, obwohl die seltsame Sprache dieses unbegreiflichen Mannes
+nicht verfehlte, eine eigentümliche, fast bestrickende Wirkung auf mich
+auszuüben.
+
+"Den sie den Vollendeten nennen, den Weltkenner, den vollkommen
+Erwachten, den Buddha," antwortete er, "der ist der Meister. Du hast
+doch wohl auch schon von ihm gehört?"
+
+Ich schüttelte den Kopf.
+
+"Glücklich preise ich mich," rief er, "daß ich es bin, durch dessen Mund
+du zuerst den Namen des Gesegneten vernimmst. Hat Angulimala dir einst
+als der Räuber viel Böses getan, so hat er dir jetzt als Jünger noch
+mehr Gutes getan."
+
+"Wer ist denn dieser Buddha?" fragte ich wieder in demselben Tone, ohne
+mir es anmerken lassen zu wollen, wie sehr meine Teilnahme geweckt
+war.--"Was hat er mit diesem deinem rätselhaften Betragen zu tun, und
+was könnte mir das für Segen bringen, seinen Namen zu hören?"
+
+"Auch nur den Namen dessen zu hören, den sie den Willkommenen nennen,"
+sagte Angulimala, "ist wie der erste Schimmer einer Leuchte für den, der
+im Dunkel sitzt. Aber ich will dir jetzt Alles erzählen, wie er mir
+begegnet ist und mein Leben gewendet hat; denn gewiß ist das nicht zum
+wenigsten deinetwegen gerade heute geschehen."
+
+Schon am ersten Abend hatte mich trotz der Wildheit, die seinem Wesen
+entströmte, ein gewisser Anstand seines Betragens überrascht; noch
+auffallender war aber die ungesuchte Würde, mit der er jetzt neben mir
+Platz nahm, wie Einer, der sich bei seinesgleichen fühlt.
+
+
+
+
+XXXIV. DIE SPEERHÖLLE
+
+
+Ich stand heute--hub er an--ein paar Stunden nach Sonnenaufgang am
+Waldesrande und spähte nach den Türmen Kosambis hinüber, meine Rache an
+Satagira im Sinne, und die Frage erwägend, ob du mir wohl die
+erwünschten Aufklärungen bringen würdest: als ich auf der Straße, die
+vom östlichen Stadttor zum Walde führt, einen einsamen, in einen gelben
+Mantel gehüllten Wanderer gewahr wurde, der rüstig einherschritt. Zu
+beiden Seiten des Weges aber waren Hirten und Landleute mit ihren
+Arbeiten beschäftigt. Und ich sah nun, wie diejenigen, die dem Wege am
+nächsten waren, jenem einsamen Wanderer etwas zuriefen, während auch die
+weiter entfernten mit ihrer Arbeit innehielten, ihm nachsahen und mit
+Fingern auf ihn zeigten. Und die Nächststehenden schienen ihn, je weiter
+er vorwärts schritt, um so eifriger zu warnen, ja aufhalten zu wollen,
+indem einige ihm nachliefen und seinen Mantel ergriffen, und dann mit
+eifrigen und entsetzten Gebärden nach dem Walde zeigten. Fast glaubte
+ich hören zu können, wie sie ihm zuriefen: "Nicht weiter! Gehe nicht in
+den Wald! Dort haust ja der schreckliche Räuber Angulimala."
+
+Aber jener Wanderer schritt unbekümmert weiter, dem Walde zu. Und jetzt
+sah ich an seinem Mantel und an seinem kahlgeschorenen Kopfe, daß es ein
+Asket war, einer von denen, die dem Orden des Sakyersohnes angehören,
+ein alter Mann von stattlicher Gestalt.
+
+Und ich gedachte bei mir: "Wunderbar, wahrlich, außerordentlich ist es!
+Auf diesem Wege sind schon zehn Mann, ja dreißig und fünfzig Mann
+vereint und bewaffnet ausgezogen und sind alle in meine Gewalt geraten:
+und dieser Asket da kommt allein, wie ein Eroberer heran!"
+
+Und es verdroß mich, daß er so offen meiner Macht Hohn sprach. So
+entschloß ich mich denn, ihn zu töten, um so mehr, als ich mir dachte,
+möglicherweise sei er als Späher von Satagira in den Wald geschickt.
+Denn diese Asketen--so meinte ich--sind ja alle heuchlerisch und feil
+und lassen sich zu Allem gebrauchen, indem sie auf die Sicherheit bauen,
+die sie durch den Aberglauben des Volkes genießen--denn so hatte ich von
+meinem gelehrten Freunde Vajaçravas gelernt, die Sache zu betrachten.
+
+Schnell entschlossen ergriff ich meinen Speer, hängte Bogen und Köcher
+um und ging dem Asketen, der jetzt in den Wald eingetreten war, Schritt
+für Schritt nach.
+
+Als ich aber eine günstige Stelle erreicht hatte, wo keine Bäume uns
+trennten, blieb ich stehen, nahm den Bogen von der Schulter und schoß
+einen Pfeil so ab, daß er dem Wanderer in die linke Seite des Rückens
+eindringen und sein Herz durchbohren mußte; aber er flog über den Kopf
+des Asketen dahin.
+
+"Da muß sich unter meine Pfeile ein ganz schlechter verirrt haben,"
+sagte ich mir, nahm meinen Köcher zur Hand und wählte einen schön
+gefiederten, tadellosen Pfeil, mit dem ich so zielte, daß er dem Asketen
+das Genick durchbohren mußte. Der Pfeil schlug aber links von ihm in
+einen Baumstamm ein. Der nächste flog rechts von ihm vorbei, und so ging
+es mit allen Pfeilen, bis mein Köcher geleert war.
+
+"Unbegreiflich, außerordentlich ist das!" dachte ich bei mir. "Habe ich
+mich doch oft damit belustigt, einen Gefangenen mit dem Rücken an einen
+Zaun zu stellen und die Pfeile so nach ihm zu schießen, daß, nachdem er
+zur Seite getreten, der ganze Umriß seines Körpers durch die im Zaune
+steckenden Pfeile abgezeichnet war--und das auf eine noch größere
+Entfernung. Bin ich doch gewohnt, mit meinem Pfeil den Adler im vollen
+Flug aus der Luft zu holen. Was fehlt denn heute meiner Hand?"
+
+Unterdessen hatte jener Asket einen ziemlichen Vorsprung gewonnen, und
+ich begann hinter ihm her zu laufen, um ihn mit dem Speere zu töten.
+Nachdem ich ihm aber auf etwa fünfzig Schritte nahe gekommen war, gewann
+ich ihm keinen Schritt mehr ab, obschon ich mit aller Macht rannte,
+jener Asket aber ganz gemach vorwärts zu schreiten schien.
+
+Da sagte ich zu mir selber: "Wahrlich, dies ist noch das Wunderbarste
+von Allem! Habe ich doch sonst oft den scheuen Ilfen und den flüchtigen
+Hirsch eingeholt, und diesen gemach dahinschreitenden Asketen kann ich
+jetzt, mit aller Macht laufend, nicht einholen. Was fehlt denn heute
+meinen Füßen?"
+
+Und ich blieb stehen und rief ihm zu:
+
+"Stehe, Asket! Stehe!"
+
+Er aber schritt ruhig weiter und rief zurück:
+
+"Ich stehe, Angulimala! Stehe auch du!"
+
+Da wunderte ich mich denn wieder gar sehr und dachte: "Offenbar hat
+dieser Asket soeben durch irgend einen Wahrheitsakt mein Pfeilschießen
+vereitelt, durch irgend einen Wahrheitsakt mein Laufen vereitelt. Wie
+kann er denn also jetzt eine offenbare Unwahrheit sagen, indem er zu
+stehen behauptet, während er doch geht, mich aber zum Stehenbleiben
+auffordert, obschon er sehr wohl sieht, daß ich bereits so still stehe
+wie dieser Baum? So würde wohl die fliegende Gans zur Eiche sagen: 'Ich
+stehe, Eiche! Stehe auch du!' Sicher muß also hier etwas dahinter
+stecken. Wohl möchte es mehr wert sein, den geheimen Sinn dieser
+Asketenworte zu verstehen als einen Asketen zu töten."
+
+Und ich rief ihm zu:
+
+"Wandelnd wähnst du dich stätig, Asket, und mich, der stätig, wähnst du
+wandelnd. Erkläre mir das, Asket! Wie bist du stätig, wie bin ich
+unstät?" Und er antwortete mir:
+
+"Ich, der ich keinem Wesen Leides antue, bin beständig, wandle nicht
+mehr; du aber, der du gegen die Wesen wütest, mußt ruhelos von
+Leidensort zu Leidensort wandeln."
+
+Ich antwortete wieder:
+
+"Daß wir immer wandeln, habe ich wohl gehört. Das vom Beständigsein, vom
+Nachtwandeln verstehe ich aber nicht. Wolle, Ehrwürdiger, mir das kurz
+Gesagte ausführlich erläutern. Sieh, ich habe meinen Speer von mir getan
+und feierlich schwöre ich dir: ich schenke dir Frieden!"
+
+"Zum zweiten Male, Angulimala," sagte er, "hast du falsch geschworen."
+
+"Zum zweiten Male?"
+
+"Das erste Mal geschah es bei jenem falschen Wahrheitsakt."
+
+Das schien mir nun nicht der Wunder geringstes, daß er um jene geheime
+Sache wußte; aber ohne mich dabei aufzuhalten, beeilte ich mich, meine
+schlaue Handlung zu verteidigen.
+
+"Meine Worte, Ehrwürdiger, waren da freilich gleichsam auf Schrauben
+gestellt, aber mit den Worten beschwor ich nichts Falsches, nur der Sinn
+war täusehend. Das aber, was ich dir schwöre, ist sowohl den Worten wie
+dem Sinne nach wahr."
+
+"Nicht doch," antwortete er, "denn du kannst mir keinen Frieden
+schenken. Wohl dir, wenn du dir von mir den Frieden schenken ließest."
+
+Dabei hatte er sich umgewandt und winkte mir freundlich, heranzutreten.
+
+"Gern, Ehrwürdiger," sagte ich demütig.
+
+"So höre denn und gib wohl acht!"
+
+Er setzte sich im Schatten eines großen Baumes nieder und hieß mich zu
+seinen Füßen Platz nehmen.
+
+Und er fing an, mich über gute und böse Taten und über ihre Folgen zu
+belehren, indem er mir Alles ausführlich auseinandersetzte, so wie man
+zu einem Kinde spricht. Denn ich war ja ganz ungelehrt, während sonst
+Asketenschüler meistens Brahmanenjünglinge sind, die sogar den Veda
+kennen. Ich aber hatte so tiefgedachten Reden nie gelauscht, seitdem ich
+im nächtlichen Walde zu den Füßen Vajaçravas' gesessen, von dem ich dir
+schon erzählt habe, und den du wohl auch sonst hast nennen hören.
+
+Als nun aber dieser Asket mir offenbarte, daß nicht eine willkürliche
+Göttermacht, sondern unser eigenes Herz allein durch seine Gedanken und
+Taten uns hier und dort geboren werden läßt, bald auf Erden, bald in
+einem Himmel, bald wieder in einer Hölle--da mußte ich eben an jenen
+Vajaçravas denken, wie er uns durch Vernunftgründe und mittelst der
+Schrift bewies, daß es keine Höllenstrafen geben könne, und daß alle
+darauf bezüglichen Stellen in der heiligen Schrift von den schwachen und
+feigen Seelen in dieselbe hineingeschmuggelt seien, um die starken und
+mutigen durch solche Drohungen einzuschüchtern und dadurch sich vor der
+Gewalttätigkeit der letzteren zu schützen.--"Freund Vajaçravas," dachte
+ich, "hat mich niemals so ganz überzeugen können. Ob wohl dieser Asket
+es vermag? Hier steht eben Meinung gegen Meinung, Gelehrter gegen
+Gelehrten. Denn selbst, wenn auch dieser Asket einer der großen Jünger
+des Sakyersohnes sein sollte, so wurde ja auch Vajaçravas von seinen
+Anhängern hochgepriesen, und jetzt, nach seinem Tode, wird er sogar vom
+gemeinen Volke als ein Heiliger verehrt. Wer will also entscheiden, wer
+von diesen beiden recht hat?"
+
+"Du bist nicht mehr ganz bei der Sache, Angulimala," sagte da der Asket:
+"du denkst an jenen Vajaçravas und an seine Irrlehren."
+
+Sehr verwundert gab ich das zu.
+
+"So hat denn der Ehrwürdige auch meinen Freund Vajaçravas gekannt?"
+
+"Man hat mir sein Grab vor dem Tore gezeigt, und ich sah, wie dort
+törichte Reisende ihr Gebet verrichteten in dem Wahne, er sei ein
+Heiliger"
+
+"So ist er denn kein Heiliger?"
+
+"Nun, wir wollen, wenn es dir so scheint, ihn aufsuchen und sehen, wie
+es ihm mit seiner Heiligkeit nun geht."
+
+Der Asket sagte dies, als ob es sich darum handele, von einem Hause ins
+andere zu gehen. Ganz bestürzt starrte ich ihn an:
+
+"Ihn aufsuchen? Vajaçravas? Wie wäre denn das möglich?"
+
+"Gib mir deine Hand," sprach er. "Ich werde mich in jene
+Selbstvertiefung versenken, durch die in einem standhaften Herzen der zu
+den Göttern und der zu den Dämonen führende Weg sichtbar werden. Da
+wollen wir denn seiner Fährte folgen, und was ich sehe, wirst auch du
+sehen."
+
+Ich reichte ihm meine Hand. Eine Weile saß er schweigend da, die Augen
+gesenkt, die Pupillen nach innen gerichtet, und ich spürte nichts.
+Plötzlich aber war es mir, wie es wohl einem Schwimmer sein mag, wenn
+der Dämon, der im Wasser haust, seinen Arm ergreift und ihn nach unten
+zieht, so daß der blaue Himmel und die Bäume des Ufers verschwinden,
+indem die Welle über seinem Kopfe zusammenschlägt, und immer tiefer
+werdendes Dunkel ihn umgibt. Bisweilen aber loderte auch Flammenschein
+um mich, und mächtiges Getöse dröhnte mir im Ohre.
+
+Schließlich befand ich mich wie in einer ungeheuren Höhle, die ganz
+dunkel war, jedoch durch unzählige kurz zuckende Blitze unruhig
+beleuchtet wurde. Als ich mich etwas an die Dunkelheit gewöhnt hatte,
+entdeckte ich, daß diese Blitze von dem Erglänzen eiserner Speerspitzen
+herrührten, die hin und her fuhren, als ob Lanzen von unsichtbaren Armen
+geschwungen würden--etwa in einer Geisterschlacht. Auch hörte ich
+Schreie, aber nicht wilde und mutige wie von kampfestrunkenen Streitern,
+sondern Schmerzensschreie und Stöhnen Verwundeter, die ich jedoch nicht
+sah. Denn diese Schreckenslaute kamen aus dem Hintergrunde, wo das
+Zucken der Lanzenspitzen einen einzigen zitternden und wirbelnden Nebel
+bildete. Der Vordergrund aber war leer.
+
+Hier traten nun aber drei Gestalten herein, von einem rechts
+einmündenden, schwarzen Höhlenschlund gleichsam ausgespieen. Der Mann in
+der Mitte war Vajaçravas; sein nackter Körper zitterte vom Kopf bis zu
+den Füßen, als ob er heftig fröre oder vom Fieber geschüttelt würde.
+Seine Begleiter hatten beide einen menschlichen Rumpf, der aber von
+Vogelbeinen mit starken Krallen getragen wurde, während er bei dem einen
+von einem Fischkopfe, bei dem anderen von einem Hundekopfe gekrönt war.
+In den Händen trug jeder einen langen Speer.
+
+Der mit dem Fischkopf sprach zuerst:
+
+"Dies, Ehrwürdiger, ist die Speerhölle, wo du nach dem Spruch des
+Höllenrichters zehntausendjährige Strafe abzubüßen hast, indem du von
+diesen zuckenden Speeren ununterbrochen durchbohrt wirst;--um dann je
+nach deinen sonstigen Taten irgendwo wiedergeboren zu werden.
+
+Dann sprach der mit dem Hundekopf:
+
+"So oft sich, Ehrwürdiger, in deinem Herzen zwei Speere kreuzen, wisse,
+daß dann tausend Jahre von deiner Höllenqual um sind."
+
+Kaum hatte er dies gesagt, so schwangen beide Höllenwächter ihre Lanzen
+und durchbohrten Vajaçravas. Wie auf ein gegebenes Zeichen zuckten jetzt
+alle Speere ringsum auf ihn los und durchbohrten ihn mit ihren Spitzen
+von allen Seiten, wie eine Schar von Raben sich über ein hingeworfenes
+Aas wirft und ihre Schnäbel in das Fleisch hackt. Bei diesem
+schrecklichen Anblick und den jammervollen Schreien, die Vajaçravas in
+seiner Qual ausstieß, vergingen mir die Sinne.
+
+Als ich wieder erwachte, lag ich im Walde, unter dem großen Baume, zu
+Füßen des Erhabenen hingestreckt.
+
+"Hast du gesehen, Angulimala?"
+
+"Ich habe gesehen, o Herr."
+
+Und ich wagte nicht einmal hinzuzufügen: "Errette mich!" Denn wie konnte
+_ich_ begehren, errettet zu werden?
+
+"Wenn du nun nach der Auflösung deines Leibes infolge deiner Taten auf
+abschüssige Fährte gelangst, in höllische Welt, und der Richtender
+Schatten über dich denselben Spruch ergehen läßt, und die Höllenwächter
+dich in die Speerhölle zu derselben Strafe führen: geschieht dir dann
+zuviel, Angulimala?"
+
+"Nein, Herr, es geschieht mir nicht zu viel."
+
+"Ein Wandel aber, von dem du selber gestehst, daß er gerechterweise zu
+solchen, unausdenkbaren Qualen führt, ist das wohl, Angulimala, ein
+Wandel, der wert ist, fortgesetzt zu werden?"
+
+"Nein, o Herr! Diesem Wandel will ich entsagen, abschwören will ich
+meine teuflischen Gewohnheiten um ein Wort deiner Wahrheit."
+
+"Vor Zeiten einmal, Angulimala, hat der Richter der Schatten innig
+erwogen: 'Wer da wahrlich Übeltaten in der Welt verübt, wird mit solchen
+mannigfachen Strafen gestraft. O, daß ich doch Menschentum erreichte,
+und daß ein Vollendeter, ein vollkommen erwachter Buddha in der Welt
+erschiene, und ich um ihn, den Erhabenen, sein könnte: und daß er, der
+Erhabene, mir die Satzung darlegte, und daß ich sie verstände!'
+
+Was nun jener Richter der Schatten sich so innig erwünschte, das ist
+dir, Angulimala, geworden. Du hast das Menschentum erreicht. Gleichwie
+aber, Angulimala, auf diesem indischen Festlande nur wenig freundliche
+Haine, herrliche Wälder, schöne Hügel und liebliche Lotusteiche sich
+befinden, sondern im Vergleich damit reißende Flüsse, Urwälder, öde
+Felsgebirge und dürre Wüsten bei weitem zahlreicher sind:
+
+ebenso auch werden nur wenig Wesen unter den Menschen geboren im
+Vergleich zu den weit zahlreicheren Wesen, die in anderen Reichen als
+dem der Menschheit zum Dasein gelangen;--
+
+ebenso auch sind nur wenige Geschlechter gleichzeitig mit einem Buddha
+auf Erden, im Vergleich zu den weit zahlreicheren, zu deren Zeit kein
+Buddha erstanden ist;--
+
+ebenso auch wird es von jenen wenigen Geschlechtern nur wenigen Wesen
+zuteil, den Vollendeten zu sehen, im Vergleich zu jenen weit
+zahlreicheren, die ihn nicht sehen.
+
+Du aber, Angulimala, hast Menschentum erlangt; und zwar zu einer Zeit,
+wo ein vollkommener Buddha in der Welt erschienen ist, und du hast ihn
+gesehen und du kannst um ihn, den Erhabenen, sein."
+
+Als ich diese Worte vernahm, faltete ich die Hände und rief:
+
+"Heil dir, o Heiliger! So bist du denn selber der vollkommen erwachte
+Buddha! So hat denn das edelste der Wesen sich des schlechtesten
+erbarmt! So willst denn du, Erhabener, mir erlauben, um dich zu sein?"
+
+"Ich will's," antwortete der Erhabene. "Und so vernimm nun auch dieses:
+
+ebenso gibt es unter den wenigen, die den Erhabenen sehen, nur wenige,
+die seine Satzung hören, und von diesen nur wenige, die sie verstehen.
+Du aber wirst die Satzung hören und verstehen. Komm, Jünger!"
+
+Und der Erhabene war in den Wald hineingeschritten gleichwie ein
+Elefantenjäger, der auf seinem zahmen Ilfen reitet. Er verließ aber den
+Wald wieder, gleichwie ein Elefantenjäger den Wald verläßt, von einem
+wilden, durch seine Kunst bezähmten Ilfen gefolgt.
+
+So bin ich denn nun zu dir gekommen, Vasitthi: nicht der Räuber
+Angulimala, sondern der Jünger Angulimala. Sieh, ich habe Speer und
+Keule, Stock und Geißel von mir geworfen, habe Töten und Quälen
+abgeschworen, und vor mir haben alle Wesen Frieden.
+
+
+
+
+XXXV. LAUTERE SPENDE
+
+
+Ich weiss nicht, wie lange es dauerte, ehe ich meine Lippen öffnete,
+aber eine recht lange Zeit, glaube ich, saß ich stumm da und ließ Alles,
+was mir Angulimala erzählt hatte, Punkt für Punkt vor mir auftauchen,
+und dachte darüber nach und wunderte mich immer mehr. Denn obwohl ich
+viele Sagen aus alter Zeit von göttlichen Wundern und besonders von den
+Wundertaten Krishnas, als er auf dieser Erde wanderte, gehört hatte, so
+kamen sie mir doch alle miteinander geringfügig vor, wenn ich sie mit
+dem verglich, was an diesem Tage Angulimala im Walde widerfahren war.
+
+Und ich fragte mich nun selber, ob jener große Mann, der in wenigen
+Stunden aus dem schrecklichen Räuber diesen sanften Menschen, der soeben
+zu mir gesprochen, gemacht hatte--jener "Vollendete", der das Wildeste,
+was es in der ganzen Natur gab, so leicht und sicher gezähmt hatte: ob
+er nicht auch imstande sei, mein friedloses, von Leidenschaften
+stürmisch bewegtes Herz zu beruhigen und durch das Licht seiner Worte
+die nächtige Trauerwolke von ihm zu verscheuchen? Oder war dies
+vielleicht noch schwieriger, ja wohl gar eine Aufgabe, deren Lösung
+selbst die Kräfte des heiligsten Asketen überstieg?
+
+Fast fürchtete ich, das letztere möchte der Fall sein, aber ich fragte
+doch, wo wohl jener große Asket, den er seinen Meister nannte, sich
+aufhielte, und ob auch ich ihn wohl aufsuchen könne.
+
+"Recht so," antwortete Angulimala, "daß du sofort danach fragst--und
+wonach solltest du auch sonst fragen? Deshalb bin ich ja zu dir
+gekommen. Die wir im Bösen Verbündete sein wollten, wir werden es jetzt
+im Guten sein. Der Erhabene weilt jetzt im Sinsapawalde, von dem du
+selber sprachst. Begib dich morgen dorthin, aber erst gegen Abend. Denn
+dann haben die Mönche ihre Gedenkenruhe beendigt und versammeln sich am
+alten Krishnatempel, und der Erhabene spricht da zu ihnen und zu den
+sonst Anwesenden. Zu dieser Stunde gehen nämlich viele Männer und Frauen
+von der Stadt dort hinaus, um den Gesegneten zu sehen und seinen
+lichtspendenden Worten zu lauschen; und mit jedem Abend wird der Andrang
+größer. Oft dauert ein solcher Vortrag bis in die späte Nacht hinein.
+Von alledem war ich schon genau unterrichtet, weil ich in der
+Sündhaftigkeit meines Herzens den scheußlichen Plan geschmiedet hatte,
+mit meinen Leuten nächstens die Versammlung zu überfallen. Die Gaben an
+Lebensmitteln und Stoffen, die viele der Besucher als Geschenke für den
+Orden mitbringen, bilden schon eine--wenn auch nicht reiche--so doch
+keineswegs ganz zu verschmähende Beute. Besonders aber gedachte ich
+einige vornehme Bürger aufzuheben und schweres Lösegeld von ihnen zu
+erpressen, und verband damit die Hoffnung, durch einen so dreisten
+Handstreich, gerade vor den Toren der Stadt, Satagira endlich aus den
+Mauern herauszulocken. Denn als ich den Plan faßte, war mir seine
+bevorstehende Reise noch unbekannt.--Versäume also nicht, edle Frau,
+morgen gegen Abend nach dem alten Krishnatempel zu gehen, das wird dir
+lange zum Heil gereichen. Mich verlangt es jetzt eiligst dahin zu
+kommen, ob ich wohl noch etwas hören werde. Doch in solchen schönen
+Mondnächten bleiben die Mönche lange beisammen, in religiöse Gespräche
+vertieft, und erlauben Einem gern zuzuhören."
+
+Er verbeugte sich tief vor mir und entfernte sich schnell.--
+
+Am nächsten Vormittage schickte ich nach Medini, die nun ebenso bereit
+war, mit ihrem Gatten Somadatta mir Gefolge nach dem Krishnahain zu
+leisten, wie damals, als es sich darum handelte, die Begegnung zweier
+Liebenden zu vermitteln. In der Tat hatte sie schon vorher einmal ihren
+Gatten gebeten, sie eines Abends dort hinaus zu bringen, denn sie ließ
+sich nicht leicht etwas entgehen, wovon die Leute sprachen. Somadatta
+aber hatte sich vor dem Hausbrahmanen gefürchtet, und so war sie denn
+hocherfreut, durch die Aufforderung der Ministersgattin jenem Tyrannen
+gegenüber gedeckt zu sein.
+
+Wir fuhren sofort nach den Kaufhallen, wo Somadatta, der dort seine
+Geschäfte besorgte, uns behilflich war, solche Stoffe auszusuchen, die
+für die Bekleidung der Mönche und der Nonnen geeignet waren. Auch kaufte
+ich dort eine große Menge Arzneien. Wieder nach Hause gekommen,
+plünderten wir die Vorratskammern: Krüge mit dem feinsten öl, Kisten mit
+Honig, mit Butter und mit Zucker, Schüsseln mit Eingemachtem aller Art
+wurden für unseren frommen Zweck zur Seite gestellt. Meine eigenen
+Schränke mußten das Ausgesuchteste, was sie an wohlriechendem Wasser,
+Sandelstaub und Kampfer bargen, hergeben, und dann ging es in den
+Garten, dessen Blumenflor nicht geschont wurde.
+
+Als die ersehnte Stunde kam, waren schon alle diese Sachen auf einen mit
+Maultieren bespannten Wagen geladen. Wir selber nahmen unter dem Zelte
+eines anderen Wagens Platz, und von den zwei silberweißen
+Vollblut-Sindhrossen gezogen, die jeden Morgen dreijährigen Reis aus
+meiner Hand fraßen, fuhren wir zum Stadttor hinaus.
+
+Die Sonne näherte sich schon den Kuppeln und Türmen der Stadt hinter
+uns, und ihre Strahlen vergoldeten den Staub, der den ganzen Weg entlang
+aufgewirbelt wurde von den vielen, die wie wir--meistens jedoch zu
+Fuß--hinauspilgerten, um den Buddha zu sehen und zu hören.
+
+Bald erreichten wir den Eingang zum Walde. Hier ließen wir die Wagen
+halten und begaben uns zu Fuß weiter, von Dienern gefolgt, welche die
+mitgebrachten Weihgeschenke trugen.
+
+Seit jener Nacht aber, als wir dort voneinander Abschied nahmen, war ich
+in diesem Walde nicht wieder gewesen. Als ich nun--in derselben
+Begleitung--in seinen kühlen Schatten eintrat, überwältigte mich ein
+solcher Erinnerungsduft, der, gleichsam für mich hier aufgespeichert, im
+Verlaufe der Jahre seine Süßigkeit bis zur Giftigkeit konzentriert
+hatte, daß ich betäubt stehen blieb. Es war mir, als ob meine Liebe, in
+voller Stärke erwacht, sich mir in den Weg stellte, mich der
+Fahnenflucht und des Verrates zeihend. Denn ich kam ja nicht hierher, um
+ihr durch Einatmen des Erinnerungsduftes neue Nahrung zu geben, sondern
+um für mein enttäuschtes und gequältes Herz den Frieden zu suchen. Hieß
+das aber nicht vergessen, der Liebe entsagen wollen? War das nicht
+Wortbruch und feiger Verrat?
+
+In solchem bangen Zweifel stand ich da, unschlüssig, ob ich weitergehen
+oder umkehren solle--zu großer Enttäuschung Medinis, die vor Ungeduld
+trippelte, wenn Andere uns überholten.
+
+Jedoch der Anblick dieses Waldinneren, von der späten Nachmittagssonne
+mild und goldig durchstrahlt--das leise, gleichsam mahnende Rauschen und
+Lispeln der Blätter--die Leute, die beim Eintreten sofort verstummten
+und sich erwartungsvoll, fast scheu umsahen--hier und dort, in einiger
+Entfernung, am Fuße eines mächtigen Baumstammes, ein in die Falten
+seines gelben Mantels gehüllter Asket, mit untergeschlagenen Beinen und
+in Selbstvertiefung versunken, aus der erwachend wohl dann auch dieser
+und jener sich erhob und, ohne sich umzusehen, dieselbe Richtung
+einschlug, in der alle einem noch unsichtbaren Ziele zustrebten:--alles
+dies trug einen so still erhabenen Charakter und schien davon zu zeugen,
+daß hier Geschehnisse vorgingen so seltener, ja heiliger Art, daß sich
+keine Macht in der Welt dagegen stellen dürfte, ja, daß selbst die
+Liebe, wenn sie ihre Stimme dagegen erhöbe, ihres ganzen göttlichen
+Rechtes verlustig gehen würde.
+
+So schritt ich denn entschlossen weiter, und die an Angulimala
+gerichteten Worte des Erhabenen von den vielen Menschengeschlechtern,
+die dahinleben, ohne daß ein Buddha in der Welt wäre, und von den so
+äußerst wenigen selbst unter den Zeitgenossen eines Buddha, denen es
+beschieden sei, ihn zu hören und zu sehen--diese Worte hallten mir im
+Ohre, wie das Läuten einer Tempelglocke, und ich fühlte mich wie eine
+Gebenedeite, die einem Erlebnisse entgegengeht, um welches kommende
+Geschlechter sie beneiden.
+
+Als wir die Lichtung erreichten, wo die Tempelruine stand, waren hier
+schon viele Leute versammelt, sowohl Laien wie Mönche. Sie standen in
+Gruppen verteilt, die meisten in der Nähe der Ruine, die sich uns
+gegenüber erhob. Nahe an der Stelle, wo wir die Waldwiese betraten,
+bemerkte ich eine größere Gruppe von Mönchen, unter welchen mir ein
+wahrer Riese auffallen mußte, denn er überragte auch die höchsten neben
+ihm Stehenden um Haupteslänge.
+
+Während wir uns nun umsahen, wohin wir wohl am besten unsere Schritte
+lenken sollten, trat zwischen uns und jenen Mönchen ein alter Asket aus
+dem Walde heraus. Seine hohe Gestalt hatte eine so königliche Haltung,
+und eine so heitere Ruhe strahlte aus seinen edlen Zügen, daß mir sofort
+der Gedanke kam: ob dieser Asket wohl der Sakyersohn sein sollte, den
+sie den Buddha nennen?
+
+In seiner Hand trug er einige Sinsapablätter, und an jene Mönche sich
+wendend, sprach er:
+
+"Was meint ihr, ihr Jünger, was ist mehr, diese Sinsapablätter, die ich
+in der Hand halte, oder die anderen Blätter droben im Sinsapawalde?"
+
+Und die Mönche antworteten:
+
+"Die Blätter, die der Erhabene in der Hand hält, sind wenige, und viel
+mehr sind jene Blätter droben im Sinsapawalde."
+
+"So auch," sagte er, der--wie ich jetzt wußte--der Buddha war--"so auch,
+ihr Jünger, ist das viel mehr, was ich erkannt und euch nicht verkündet,
+als das, was ich euch verkündet habe. Und warum, ihr Jünger, habe ich
+euch jenes nicht verkündet? Weil es euch keinen Gewinn bringt, weil es
+nicht den Wandel in Heiligkeit fördert, weil es nicht zur Abkehr vom
+Irdischen, zum Untergang aller Lust, zum Aufhören des Vergänglichen, zum
+Frieden, zum Nirvana führt."
+
+'So hatte also jener törichte Greis doch darin recht!' rief Kamanita.
+
+'Welcher Greis?' fragte Vasitthi.
+
+'Jener Asket, mit dem ich--wie ich dir erzählte--im Vororte Rajagahas,
+in der Halle eines Hafners, die Nacht zubrachte, die letzte meines
+Erdenlebens, Er wollte mir durchaus die Lehre des Erhabenen darlegen,
+was ihm, wie ich wohl merkte, nicht sonderlich gelang. Aber er brachte
+doch offenbar viele echte Aussprüche vor, und unter diesen eben auch
+wortgetreu, was du mir jetzt berichtet hast--sogar den Ort gab er
+richtig an und bewegte mich dadurch tief. Freilich, hätte ich geahnt,
+daß du dabei anwesend warst, dann wäre ich noch tiefer ergriffen
+worden.'
+
+'Er mag wohl selber sich unter den Anwesenden befunden haben,' sagte
+Vasitthi, jedenfalls hat er dir genau berichtet. Und der Erhabene fügte
+noch hinzu:
+
+"Und was, ihr Jünger, habe ich euch verkündet? Was das Leiden ist, habe
+ich euch verkündet. Was die Entstehung des Leidens ist, was die
+Leidensvernichtung ist, was der zur Leidensvernichtung führende Weg
+ist--dies alles habe ich euch verkündet. Darum, ihr Jünger, was ich
+offenbart habe, das lasset offenbart sein, und was ich unoffenbart
+gelassen habe, das lasset unoffenbart bleiben."
+
+Indem er diese Worte sprach, öffnete er die Hand und ließ die Blätter
+fallen. Als nun das eine wirbelnd in meine Nähe hinflatterte, nahm ich
+mir ein Herz, trat eilig hervor und fing es auf, noch bevor es die Erde
+berührt hatte, indem ich es somit gleichsam aus seiner Hand empfing--um
+dann dies unschätzbare Erinnerungszeichen an meinem Busen zu verbergen,
+ein Symbol des Wenigen, aber einzig Nötigen, das uns der Vollendete aus
+seinem unermeßlichen Wissenshort mitteilte, das mich bis zu meinem Tode
+nicht mehr verlassen sollte.
+
+Diese meine Bewegung zog die Aufmerksamkeit des Erhabenen auf mich.
+Jener riesenhafte Mönch verbeugte sich jetzt vor ihm und machte ihm
+flüsternd eine Mitteilung, worauf der Meister mich noch einmal ansah und
+dann dem Mönche einen Wink gab.
+
+Dieser trat auf uns zu.
+
+Wir verneigten uns alle tief, und ich sagte, daß ich, die Gemahlin des
+Ministers Satagira, einige geringe Gaben für den Orden der Heiligen
+mitgebracht hätte, um deren gütige Annahme ich bäte, und daß wir alle
+gekommen wären, um die Worte der Wahrheit zu vernehmen.
+
+"Tritt näher, edle Frau," sagte der Mönch--und sofort hörte ich, daß es
+Angulimala war--"der Erhabene will selber deine Gaben in Empfang
+nehmen."
+
+Wir traten alle bis auf ein paar Schritte an den Erhabenen heran und
+verneigten uns tief, ihn ehrfurchtsvoll mit den vor der Stirn
+gehaltenen, zusammengelegten Händen begrüßend, ohne daß ich ein Wort
+hervorzubringen vermochte.
+
+"Reich sind deine Gaben, edle Frau," sagte der Erhabene, "und meine
+Jünger haben wenige Bedürfnisse. Erben der Wahrheit sind sie, nicht
+Erben der Not. Aber auch die Buddhas der Vorzeit haben es so gehalten
+und gern Spenden frommer Anhänger entgegengenommen, damit diesen
+Gelegenheit werde, die Tugend des Almosengebens zu üben. Denn wenn die
+Wesen die Frucht des Gebens kennten, wie ich sie kenne, dann würden sie,
+wenn sie auch nur eine Handvoll Reis übrig hätten, diese nicht
+verzehren, ohne einem noch Ärmeren davon zu geben, und der Gedanke des
+Eigennutzes, der ihren Geist verdunkelt, würde aus ihm entweichen. So
+sei denn deine Spende vom Orden des Buddha mit Dank angenommen--eine
+lautere Spende. Denn das nenne ich eine lautere Spende, durch welche der
+Geber geläutert wird und der Empfänger auch. Und wie geschieht das? Da
+ist, Vasitthi, der Geber sittenrein, edel geartet, und die Empfänger
+sind sittenrein, edel geartet; so wird bei einer Spende der Geber
+geläutert und der Empfänger. Das ist, Vasitthi, höchste Lauterkeit der
+Spende--einer solchen, die du dargebracht hast."
+
+Darauf wandte der Erhabene sich an Angulimala:
+
+"Geh, mein Lieber, und laß diese Geschenke zu den Vorräten bringen.
+Zuerst aber weise unseren edlen Gästen Plätze an vor den Stufen des
+Tempels, denn von dort aus werde ich den heute Anwesenden die Lehre
+darlegen."
+
+Angulimala hieß die Diener warten und forderte uns auf, ihm zu folgen.
+Zuerst aber ließen wir uns alles, was wir an Blumen mitgebracht hatten,
+und auch einige schöne Teppiche herausgeben. Dann gingen wir, von unserm
+stattlichen Begleiter geführt, durch die zusammenströmende Menge, die
+uns ehrerbietig Platz machte, nach dem Tempel.
+
+Hier breiteten wir die Teppiche über die Stufen und schlangen
+Blumengewinde um die alten, verwitterten und zerbröckelten Säulen. Dann
+zerpflückten Medini und ich einen ganzen Korb voll Rosen und streuten
+die Blütenblätter über den Teppich auf der obersten Stufe, für den
+Erhabenen, darauf zu stehen.
+
+Unterdessen hatten die Versammelten sich in einem großen Halbkreise
+geordnet, die Laien links, die Mönche und Nonnen rechts vom Tempel--die
+vordersten Reihen im Grase sitzend. Und auch wir nahmen jetzt auf einer
+umgestürzten Säule Platz, nur wenige Schritte von den Stufen entfernt.
+
+Es mochten wohl etwa fünfhundert Menschen dort versammelt sein, aber
+eine fast lautlose Stille herrschte in der Runde, und man vernahm nur
+das stoßweise Rauschen und das leise Blätterlispeln des Waldes.
+
+
+
+
+XXXVI. BUDDHA UND KRISHNA
+
+
+Die untergehende Sonne schoß ihre Strahlenbündel zwischen die Stämme
+hindurch, die lautlos wartende Versammlung im Waldesgrunde gleichsam mit
+einem göttlichen Segensgruß weihend, und rosige Abendwölkchen lugten
+immer leuchtender durch die Baumwipfel, als ob draußen, aus der Bläue
+der Luft hervorschwebend, eine zweite Versammlung himmlischer Scharen
+sich bildete.
+
+Der Tempelbau vor mir trank mit seinen schwarzen, zerbröckelten Steinen
+diese letzte Sonnenglut, wie ein hinfälliger Alter einen
+Verjüngungstrank schlürft. Unter dem Zauber der rotgoldigen Lichter und
+der purpurnen Schatten belebten seine Massen sich wunderbar. Die
+schartigen Ränder der Säulenkannelüren glitzerten, die Ecken sprühten,
+die Schnecken krümmten sich, das Wellenmuster schäumte Gold, das
+Blätterwerk wuchs. Die stufenartigen Absätze des hohen Unterbaues
+entlang, um Plinthen und Kapitäle, am Gebälk und auf den Terrassen des
+kuppelförmigen Daches--überall regte es sich in wirrem Durcheinander
+seltsamer und mystischer Formen. Götter traten im Glorienschein hervor,
+mehrköpfige und vielarmige Gestalten mit üppig wuchernden, vielfach
+verstümmelten Gliedmaßen, dieser vier kopflose Hälse streckend, jener
+acht Armstümpfe schwenkend. Brüste und Hüften schwellgliedriger
+Göttinnen entschleierten sich und wälzten sich heran, und ihre runden
+Gesichter neigten sich unter der Last turmhoher diademgeschmückter
+Haaraufsätze, ein sonniges Lächeln um die vollen, sinnigen Lippen. Die
+Schlangenleiber der Dämonen wanden sich, Greifenflügel spannten sich,
+zähnefletschend grinsten grimme Unholdsfratzen; Menschenkörper
+wimmelten, Elefantenrüssel, Pferdeköpfe, Stierhörner, Hirschgeweihe,
+Krokodilkiefer, Affenmäuler und Tigerrachen taumelten in wirrem Knäuel
+durcheinander.
+
+Das war kein bildwerkgeschmückter Bau mehr: das waren lebendig gewordene
+Bildwerke, die, den Bann des Bauwerkes brechend, sich von seiner Masse
+loslösten und diese kaum noch als Stütze duldeten. Eine ganze Welt
+schien aus ihrem steinernen Schlaf erwacht zu sein und mit ihren
+Tausenden von Gestalten sich hervorzudrängen um zu lauschen--dem Manne
+zu lauschen, der dort von ihrem Schwarm umschlossen und überschattet auf
+der obersten Stufe stand, golden glänzend in den länglich herabfallenden
+Mantelfalten--er, der Lebendige, der einzig Ruhige mitten im unruhigen
+Wahnleben des Leblosen.
+
+Jetzt war es, als ob die Stille der Versammlung noch tiefer würde, ja,
+mir schien es, daß auch die Bäume ihr Blätterlispeln einstellten.
+
+Und der Erhabene hub an zu reden.
+
+Er sprach von dem Tempel, auf dessen Stufen er stand, und wo unsere
+Vorfahren jahrhundertelang Krishna angebetet hatten, um durch das
+Vorbild seines Heroenlebens zu einem heldenhaften Wirken und Dulden hier
+auf Erden aufgemuntert und durch seine Gnade gestärkt zu werden, und um
+dann nach dem Tode in sein Freudenparadies einzugehen und dort
+himmlische Wonne zu genießen. Nun aber hätten wir, die Nachkommen uns
+dort eingefunden, um aus dem Munde eines vollkommenen Buddha die Worte
+der Wahrheit zu vernehmen, um zu lernen, einen lauteren, heiligen Wandel
+zu führen, und schließlich, durch völlige Überwindung jedes Verlangens
+nach dem Vergänglichen, das Ende des Leidens zu erreichen, das Nirvana.
+So vollende er, der Buddha, der völlig Erwachte, das Werk des träumenden
+Gottes, so vollendeten wir, die Erwachsenen, was unsere Vorfahren in
+kindlich erhabenem Schwärmen begonnen hätten.
+
+"Dort seht ihr," sagte er, "wie ein trefflicher Künstler längst
+vergangener Tage den Elefantenkampf Krishnas in Stein gebildet hat"--und
+er zeigte auf ein mächtiges Reliefstück, das fast vor meinen Füßen lag,
+die eine Ecke in den Rasen bohrend, die andere auf ein halb begrabenes
+Kapital gestützt. In der letzten Sonnenglut, die den bemoosten Stein
+streifte, erkannte man noch deutlich eine Gruppe--einen Jüngling, der,
+den Fuß auf den Kopf eines gefallenen Ilfen setzend, diesem einen Hauer
+ausbricht.
+
+Und der Erhabene erzählte nun, wie der König von Mathura, der
+schreckliche Tyrann Kamsa, nachdem er Krishna zu einem Wettkampf an
+seinem Hofe eingeladen hatte, im geheimen seinem Elefantentreiber
+befahl, am Eingang des Kampfplatzes den wildesten Kriegselefanten aus
+seinem Stalle auf den ahnungslosen Jüngling zu hetzen. Wie aber dann
+dieser das Ungetüm tötete und, zum Schrecken des Königs, blutbesprengt
+und den abgebrochenen Hauer in der Hand, die Arena betrat.
+
+"Aber auch auf den Erhabenen"--so führte er weiter aus--"hatten seine
+Feinde einen wilden Elefanten gehetzt. Und beim Anblick des
+heranstürmenden Ungetüms wurde der Erhabene von Mitleid ergriffen. Denn
+das Blut strömte dem Tiere am Bug herunter aus den Wunden, die ihm die
+Lanzen der Hetzer beigebracht hatten. Noch mehr aber erfaßte ihn
+Mitleid, weil er da ein armes, in blindwütender Leidenschaft befangenes
+Wesen vor sich sah, von der Natur mit Mut und ungeheurer Kraft begabt,
+aber mit wenig Verstand versehen, und um dies Wenige durch die
+Grausamkeit schlechter Menschen gebracht, die es in einen Zustand von
+Wahnsinn gesetzt hatten, in welchem es nun gar einen Buddha umbringen
+mußte:--ein wildes, verblendetes Wesen, dem es nur schwer gelingen
+mochte, durch unendlich lange Wanderungen günstiges Menschentum zu
+erlangen und den Weg der Erlösung zu betreten. Solchermaßen von Mitleid
+ganz erfüllt, konnte der Erhabene keine Furcht empfinden, und kein
+Gedanke an eigene Gefahr konnte in ihm aufkommen. Denn er überlegte
+sich: wenn es mir gelänge, auch nur den schwächsten Lichtstrahl in diese
+stürmische Finsternis zu werfen, so würde ein solcher Lichtsamen nach
+und nach aufgehen, und wenn dann dies Wesen, durch dessen Schein
+geleitet, Menschentum erreichte, dann würde es auf Erden noch die Lehre
+des Erhabenen vorfinden, den es einst erschlug, und diese Lehre würde
+ihm zur Erlösung verhelfen.
+
+"Von diesem Gedanken erfüllt, blieb der Erhabene mitten auf der Straße
+stehen, erhob besänftigend die Hand, blickte den Wüterich liebevoll an
+und sprach milde Worte, deren Klang das Herz des Wilden erreichte. Der
+riesige Ilf stockte in seinem Sturmlauf, wiegte unschlüssig seinen
+bergähnlichen Kopf hin und her, indem er anstatt des Donnergebrülls, das
+er vorher hatte hören lassen, einige fast ängstliche Trompetenrufe
+ausstieß. Dabei bewegte er den Rüssel in der Luft suchend nach allen
+Richtungen hin und her--so wie es ein angeschossener Elefant im Walde
+tut, wenn er die Fährte seines verborgenen Feindes verloren hat und sie
+wieder aufzuwittern hofft--und in der Tat hatte dieser sich ja in seinem
+Feinde geirrt. Endlich kam er langsam bis auf einige Schritte an den
+Erhabenen heran und beugte die Kniee, wie er es vor seinem Herrn zu tun
+gewohnt war, wenn dieser ihn besteigen wollte. Und von dem bezähmten
+Elefanten gefolgt, trat der Erhabene zur Beschämung seiner Feinde in den
+Park hinein, nach welchem er eben unterwegs war.
+
+"Auf solche Weise"--so schloß der Buddha diesen Vergleich--"nimmt der
+Erhabene den Elefantenkampf Krishhas auf, vergeistigt ihn, veredelt ihn,
+vervollkommnet ihn!"
+
+Während ich dieser Erzählung lauschte--wie konnte ich da anders als an
+Angulimala denken, den Wildesten der Wilden, der noch gestern den Buddha
+hatte umbringen wollen und durch die unwiderstehliche Macht seiner
+Persönlichkeit bezähmt, ja bekehrt worden war, so daß ich ihn jetzt
+drüben in den Reihen der Mönche andächtig sitzen sah--selbst im Äußeren
+ein anderer geworden. Und so erschien es mir denn, daß die Worte des
+Erhabenen ganz besonders an mich gerichtet waren, als an die einzige
+Person--wenigstens außerhalb des Mönchskreises--die um diese Sache wußte
+und den geheimen Sinn der Rede verstehen konnte.
+
+Weiter sprach nun der Erhabene von Krishna als dem
+"sechzehntausendeinhundertfachen Bräutigam", als welchen ihn unsere
+Vorfahren hier geehrt hatten, und wieder hatte ich ein Gefühl, als ob
+dieses einen geheimen Bezug auf mich hätte, denn ich erinnerte mich ja,
+wie in jener Nacht unserer letzten Zusammenkunft die häßliche alte Hexe
+den göttlichen Heros mit diesem Namen genannt hatte, den ich nicht ganz
+ohne Herzklopfen vernahm. Mit einem leisen Anflug von Humor erzählte der
+Erhabene dann, wie Krishna von allen den Schätzen Besitz nahm, die er
+aus der Burg des Dämonenkönigs Naraka entführt hatte. 'Und an einem
+glücklichen Tage,' heißt es, 'vermählte er sich mit all den Jungfrauen,
+zu gleicher Zeit, indem er jeder einzelnen als ihr Gatte erschien.
+Sechzehntausendeinhundert aber war die Zahl seiner Frauen, und in so
+vielen einzelnen Gestalten verkörperte sich der Gott, so daß ein jedes
+Mädchen meinte: mich allein hat der Herr erwählt.'
+
+"Wenn ich aber"--also fuhr der Erhabene fort--"die Lehre verkünde und
+vor mir eine Versammlung von mehreren hundert Mönchen und Nonnen und
+Laienanhängern beiderlei Geschlechtes lauschend sitzt, denkt ein jeder
+von allen diesen Zuhörern: 'Nur für mich hat der Asket Gautama die Lehre
+verkündet.' Denn auf das einzelne Gemüt eines jeden Friedensuchenden
+richte ich da die Kraft meines Geistes, bringe es zur Ruhe, einige es,
+füge es zusammen.
+
+"So halte ich es allezeit, und auf diese Weise nehme ich den
+sechzehntausendeinhundertfachen Bräutigamsstand Krishnas auf,
+durchgeistige ihn, veredle ihn, vollende ihn."
+
+Da war es mir nun, als ob der Erhabene meine Gedanken mir abgelesen
+hätte und mir einen geheimen Verweis gäbe, auf daß ich nicht durch den
+Wahn einer bevorzugten Stellung eine verderbliche Eitelkeit in mir
+aufkommen ließe.
+
+Und der Buddha sprach nun weiter davon, wie Krishna nach dem Glauben
+unserer Vorfahren, obschon er an sich der höchste Gott war, der die
+ganze Welt trägt und erhält, dennoch durch Mitleid mit den Wesen bewegt,
+mit einem Teil seines Selbstes von seinem hohen Himmel herabstieg und
+sich als Mensch unter Menschen gebären ließ. Ihn aber, den Erhabenen,
+als er nach heißem Ringen die vollkommene Erleuchtung, die selige,
+unerschütterliche Erlösungsgewißheit sich zu eigen gemacht hatte, kam
+das Verlangen an, im Genuß dieser seligen Heiterkeit zu verharren und
+Anderen die Lehre nicht zu verkünden. "Denn dies genußsüchtige
+Geschlecht--so dachte ich--wird das Sichlosmachen von allen Gebilden,
+die Versiegung der Lebenslust, die Wahnerlöschung kaum verstehen, und
+aus der Darlegung der Lehre wird mir nur Mühe und Plage erwachsen. So
+neigte sich mein Gemüt zur Verschlossenheit, nicht zur Darlegung der
+Lehre. Und ich blickte dann noch einmal mit dem erwachten Auge in die
+Welt. Und wie man in einem Lotusweiher einige Lotusrosen sieht, die sich
+im Wasser entwickeln und unter dem Wasserspiegel bleiben, andere, die
+bis zum Wasserspiegel dringen und darauf schwimmen, und endlich
+einzelne, die über das Wasser emporsteigen und unbenetzt vom Wasser
+dastehen: also sah ich in der Welt Wesen gemeiner Art und Wesen edler
+Art und Wesen der edelsten Art. Und ich dachte: Ohne Gehör der Lehre
+verlieren sie sich: diese werden die Lehre verstehen. Und aus Mitleid
+mit den Wesen entschloß ich mich dazu, auf den ungetrübten Besitz der
+seligen Nirvanaruhe zeitweilig zu verzichten und der Welt die Lehre zu
+verkünden.
+
+"So nimmt ein vollkommener Buddha Krishnas Herabsteigen vom Himmel und
+sein Menschwerden auf, verinnigt es, verklärt es, vollendet es."
+
+Da kam mir ein Gefühl unsagbarer Freude, denn ich wußte, daß der Buddha
+mich zu den Lotusrosen zählte, die aus der Wassertiefe bis zur
+Spiegelfläche gedrungen sind, und daß ich durch seine Hilfe einst mich
+darüber emporheben und frei dastehen würde, unbenetzt von der Materie.
+
+Und der Erhabene erzählte die Heroentaten Krishnas, durch welche er zum
+Heile der Wesen die Welt von Unholden und bösen Herrschern befreite,
+indem er die Schlange der Gewässer Koliya bezwang, den stiergestaltigen
+Dämon Aristha erschlug, die verheerenden Unholde Dhenuka und Kishi und
+den Dämonenfürsten Naraka vernichtete, die bösen Könige Kamsa und
+Paundraka und andere blutige Tyrannen, den Schrecken hilfloser Menschen,
+besiegte und tötete und so auf mannigfache Weise das leidige Los der
+Menschen linderte. Der Erhabene aber bekämpfe nicht die Feinde, die von
+außen die Menschen bedrohen, sondern die Unholde in seinem eigenen
+Herzen: Gier, Haß und Irrwahn, Eigenliebe, Lustverlangen, Durst nach
+Vergänglichem; und er befreie nicht die Menschheit von diesem und jenem
+Ungemach, sondern vom Leiden.
+
+Vom Leiden sprach dann der Gesegnete, wie es überall und immer dem Leben
+als sein Schatten folgt. Da war es mir, als ob eine milde Hand mein
+eigenes Liebesleiden aufhöbe, von mir wegnähme, und es in die große
+Leidensmasse hineinwürfe, wo es in dem allgemeinem Strudel meinem Blick
+entschwand. Innig tief empfand ich, daß ich da kein Recht auf dauerndes
+Glück habe, wo Alle leiden. Ich hatte mein Glück genossen: es war
+entstanden, hatte sich entfaltet und war vergangen, wie uns der Buddha
+lehrte, daß Alles in dieser Welt durch eine Ursache entsteht und nach
+Verlauf seiner Zeit--über kurz oder lang--wieder vergehen muß; und daß
+eben diese Vergänglichkeit, in welcher die Wesenlosigkeit eines jeden
+Dinges sich entschleiert, der letzte unaufhebbare Grund des Leidens
+sei--unaufhebbar, solange die Daseinslust unausgerottet fortwuchert und
+immer Neues entstehen läßt. Ja, wie ein jeder an diesem Weltleiden schon
+durch sein Dasein mitschuldig ist, so müsse ich--kam es mir vor--wenn
+ich von Schmerz verschont geblieben wäre, mich jetzt doppelt schuldig
+fühlen und ein Verlangen empfinden, auch mein Teil zu tragen. So konnte
+ich denn nicht mehr mein eigenes Los bejammern, vielmehr wurde bei
+seinen Worten der Gedanke in mir wach: "O, daß doch alle Wesen nicht
+länger zu leiden hätten! daß doch diesem Heiligen sein Erlösungswerk so
+gelänge, daß sie Alle, Alle entsündigt und erleuchtet, das Ende alles
+Leidens erreichten!"
+
+Und auch von diesem Ende des Leidens und der Welt, von der Überwindung
+jeder Daseinsform, von der Erlösung in wunschloser Gleichmütigkeit, von
+der Wahnerlöschung, von Nirvana sprach nun der Meister--seltsame,
+wunderbare Worte von der einzigen Insel im wogenden Meere des Werdens,
+dessen Todesbrandung machtlos an ihrem Felsenufer zerschäumte, und nach
+welcher die Lehre des Vollendeten wie ein sicheres Fahrzeug
+hinüberführe. Und er sprach von dieser seligen Stätte des Friedens,
+nicht wie Einer spricht, der uns erzählt, was er von Anderen--von
+Priestern--gehört hat, und auch nicht wie ein Sänger, der seine
+Einbildungskraft schweifen läßt, sondern wie Einer, der Selbsterlebtes
+und Geschautes mitteilt.
+
+Vieles freilich sagte er dabei, was ich, die ungelehrte Frau, nicht
+verstand, und was wohl selbst dem Gelehrtesten nicht leicht verständlich
+gewesen wäre, Manches vermochte ich nicht miteinander zu verknüpfen,
+denn hier war Sein und Nichtsein zugleich, nicht Leben und doch noch
+weniger Leblosigkeit. Mir war aber zu Mute, wie einem, der ein neues,
+allen anderen unähnliches Lied hört, von dem er nur wenige Worte
+auffassen kann, während die Töne ihm Alles sagend ins Herz dringen. Und
+welche Töne! Töne von solch kristallener Reinheit, daß alle anderen
+dagegen gehalten, Einem wie leeres Geräusch vorkommen mußten, Klänge,
+die von so fern her, von solch überweltlichen Höhen herübergrüßten, daß
+eine neue, ungeahnte Sehnsucht erweckt wurde, von der man fühlte, daß
+sie von nichts Irdischem oder Erdenähnlichem jemals gestillt werden
+könnte, und daß sie ungestillt nie mehr ganz schwinden würde.
+
+Unterdessen war es völlig Nacht geworden. Das schwache Licht des Mondes,
+der hinter dem Tempel aufging, warf dessen Schatten quer über die ganze
+Waldwiese. Kaum sah man noch die Gestalt des Redners. Diese
+übermenschlichen Worte schienen aus dem Heiligtum selber herauszutönen,
+das alle die tausende wilden und wirren, lebentäuschenden Gestalten
+wieder in seine Schattenmasse verschlungen hatte und in einfachen,
+wuchtigen Formen sich auftürmte--ein Grabmal alles irdischen und
+himmlischen Lebens.
+
+Die Hände um die Kniee gefaltet, saß ich lauschend da und blickte zum
+Himmel empor, wo große Sterne über den dunkeln Baumwipfeln funkelten.
+Leuchtend durchquerte ihn die himmlische Ganga. Da gedachte ich jener
+Stunde, als wir beide hier an derselben Stelle feierlich die Hände zu
+ihr emporhoben und bei ihren silbernen Fluten, die diese Lotusteiche
+speisen, uns zuschworen, hier, im Paradiese des Westens, uns
+wiederzusehen--in einem Freudenhimmel, gleich demjenigen Krishnas, von
+welchem jetzt auch der Erhabene sprach, als von dem Orte, dem die
+Gläubigen zustrebten. Und als ich daran dachte, wurde mir wehmütig ums
+Herz, aber ich konnte kein Verlangen in mir spüren nach einem solchen
+Paradiesleben--denn ein Schimmer von etwas unendlich Höherem hatte mein
+Auge erleuchtet.
+
+Und ohne Enttäuschung, ohne schmerzliche Bewegung, wie etwa bei Einem,
+dem die teuerste Hoffnung zerstört wird, vernahm ich die Worte des
+Erhabenen:
+
+"Alles Entstandene auflösend weht dahin der Verwesung Hauch,
+Wie ein irdischer Prachtgarten welken Paradiesblumen auch."
+
+
+
+XXXVII. PARADIESWELKEN
+
+
+"Ja, mein Freund," fügte Vasitthi hinzu, "ohne Enttäuschung vernahm ich
+jene Worte, die dir so hoffnungsvernichtend erschienen, wie ich jetzt
+ohne Schmerz, ja sogar mit Freude sehe, wie hier ringsum die Wahrheit
+dieser Worte zur Wirklichkeit wird."
+
+Während der Erzählung Vasitthis war in der Tat das Welken langsam, aber
+unaufhaltsam fortgeschriten, und es konnte nunmehr nicht der leiseste
+Zweifel bestehen, daß alle diese Wesen und ihre Umgebungen dem Untergang
+und der völligen Auflösung entgegensiechten.
+
+Die Lotusrosen hatten schon mehr als die Hälfte ihrer Kronenblätter
+gefällt, und das Wasser glitzerte nur noch spärlich hervor zwischen
+diesen bunten Schifflein, jeden Augenblick in Zittern versetzt durch das
+Fallen eines Blattes. Auf ihren schmuckberaubten Blumenthronen saßen die
+Gestalten in mehr oder weniger zusammengesunkenen Stellungen; diesem war
+der Kopf vornüber auf die Brust, jenem seitlings auf die Schulter
+gesunken, und wie Fieberschauer durchzuckte es sie jedesmal, wenn ein
+fröstelndes Schaudern die schon gelichteten Wipfel der Haine durchlief,
+so daß Blüten und Blätter herniederregneten. Traurig gedämpft, und immer
+häufiger von schmerzlichen Dissonanzen durchzogen, klang die Musik der
+himmlischen Genien; tiefe Seufzer und angstvolles Stöhnen mischten sich
+hinein. Alles, was geleuchtet hatte--Gesichter und Gewänder der Seligen
+und der Genien, Wolken und Blumen--, sie alle verloren mehr und mehr
+ihren Glanz, und ein bläulicher Dämmerungsnebel schien seine Fäden um
+die Fernen zu spinnen. Aus dem frischen Blumenduft, der vorher so
+herzerquickend Alles durchhaucht hatte, war aber jetzt allmählich ein
+atembeklemmender und sinnenbetäubender, einschläfernder Geruch geworden.
+
+Und Kamanita zeigte umher mit einer matten Handbewegung:
+
+"Wie kann man denn, Vasitthi, an einem solchen Anblick Freude
+empfinden?"
+
+"Deshalb, mein Freund, kann ich mich über diesen Anblick freuen, weil,
+wenn dies Alles dauerhaft und unvergänglich wäre, es kein Höheres gäbe.
+Nun aber gibt es ein Höheres, denn dies vergeht--und es gibt ein
+Unvergängliches, Unentstandenes. Das eben nennt der Erhabene "Freude der
+Vergänglichkeit", und deshalb sagt er: 'Wenn du den Untergang des
+Erschaffenen erkannt hast, dann kennst du das Unerschaffene'."
+
+Durch diese zuversichtlichen Worte belebten sich die Züge Kamanitas, wie
+eine vor Trockenheit hinwelkende Blume sich unter dem Regen erholt.
+
+"Gepriesen seist du, Vasitthi! zu meinem Heile bist du mir gegeben. Ja,
+ich fühle es: darin nur haben wir gefehlt, daß unsere Sehnsucht nicht
+hoch genug gezielt hat. Denn wir ersehnten uns ja dies Leben in einem
+Blumenparadiese. Und Blumen müssen freilich, ihrer Natur nach,
+verwelken. Unvergänglich aber sind die Sterne; nach ewigen Gesetzen
+wandeln sie ihre Bahnen. Und sieh dort, Vasitthi, während alles andere
+die blassen Spuren des Verfalles zeigt, gießt jenes Flüßchen--ein Zweig
+der himmlischen Ganga--sein Wasser ebenso sternenklar und ebenso
+reichlich wie je in unseren Teich--weil es eben von der Sternenwelt
+kommt. Wer das erreichen könnte, unter den Sternengöttern wieder ins
+Dasein zu treten, der wäre über den Kreislauf des Vergänglichen
+erhaben."
+
+"Warum sollten wir das nicht erreichen können?" fragte Vasitthi. "Denn
+ich habe ja von Mönchen gehört, die ihren Sinn und ihr Herz darauf
+richteten, im Reiche des hunderttausendfachen Brahma wiederzukehren. Und
+auch jetzt kann es noch nicht zu spät sein, wenn das alte Wort aus dem
+hohen Liede wahr ist:
+
+'Das Sein, an welches denkend er aus diesem Leibe scheidet,
+In dieses Sein wird jedesmal er drüben eingekleidet'."
+
+"Vasitthi! du gibst mir jenen übermenschlichen Mut! Wohlan, wir wollen
+unser ganzes Sinnen darauf richten, im Reiche des hunderttausendfachen
+Brahma wieder ins Dasein zu treten."
+
+Kaum hatten sie diesen Entschluß gefaßt, so brauste ein mächtiger
+Sturmwind durch die Haine und über die Teiche. Blüten und Blätter
+wirbelten haufenweise dahin, die Lotusthronenden duckten sich und zogen
+stöhnend den Mantel dichter um die zitternden Glieder.
+
+Wie aber Einer, der in der eingeschlossenen, düftegesättigten Luft eines
+Zimmers am Ersticken ist, wenn der frische Meerwind, salzig von den
+Fluten des Ozeans, durch das geöffnete Fenster hereinweht, diesen aus
+voller Brust atmet und sich neu belebt fühlt: also wurde Kamanita und
+Vasitthi zu Mute, als ihnen jener Duft des völlig Reinen
+entgegenströmte, den sie einst am Gestade der himmlischen Ganga geatmet
+hatten.
+
+"Merkst du's?" fragte Vasitthi.
+
+"Ein Gruß von der Ganga. Und horch, sie ruft," sagte Kamanita.
+
+Denn die klagende Sterbeweise der Genien wurde jetzt durch jene
+feierlichen, donnerähnlichen Klänge übertäubt.
+
+"Gut, daß wir schon den Weg kennen," jubelte Vasitthi. "Fürchtest du
+dich noch, mein Freund?"
+
+"Wie sollte ich mich fürchten? Komm!"
+
+Und wie ein Vogelpaar sich aus dem Neste stürzt und dem Winde
+entgegenfliegt, also flogen sie von dannen.
+
+Alle starrten ihnen nach, verwundert, daß es hier noch Wesen gäbe, die
+Kraft und Mut zu einem Fluge besäßen.
+
+Als sie aber so dem Winde entgegenflogen, entstand ein Wirbelsturm, der
+hinter ihnen Alles entblätterte und entseelte, dem hinsiechenden Leben
+Sukhavatis ein Ende machend.
+
+Bald war der Palmenwald erreicht, bald durchflogen. Vor ihnen breitete
+sich die silbrige Fläche des Weltenstromes bis zum schwarzblauen
+Himmelsrande.
+
+Sie schwebten über seine Fluten hinaus, und sofort wurden sie von der
+dort herrschenden Luftströmung erfaßt und im Sturmesflug davongetragen.
+Durch die Schnelligkeit der Fahrt und unter dem mächtigen Getöse wie von
+Donner und Glockengeläute schwanden ihnen die Sinne.
+
+
+
+
+XXXVIII. IM REICHE DES HUNDERTTAUSENDFACHEN BRAHMA
+
+
+Und Kamanita und Vasitthi traten wieder ins Dasein, im Reiche des
+hunderttausendfachen Brahma, als die Götter eines Doppelgestirns.
+
+Der leuchtende Astralstoff, an den die geistige Wesenheit Kamanitas
+gebunden war, umhüllte gleichmäßig den Himmelskörper, der von seiner
+Kraft belebt, von seinem Willen gelenkt wurde. Durch diesen Willen wurde
+der Stern zunächst um seine Achse gedreht, und diese Bewegung war sein
+Eigenleben, war seine Selbstliebe.
+
+Und er spiegelte sich im Glanze Vasitthis und spiegelte ihren Glanz
+wider. Strahlenwechselnd umkreisten sie einen Mittelpunkt, wo sich ihre
+Strahlen sammelten. Dieser Punkt war ihre Liebe, das Kreisen darum war
+ihr Liebesleben, und daß sie sich dabei ineinander spiegelten--das war
+ihre Liebeswonne.
+
+Allseitig Auge, schaute jeder von ihnen gleichzeitig nach allen
+Richtungen des unendlichen Raumes. Und überall sahen sie zahllose
+Sternengötter, wie sie selber, deren Strahlenblicke sie empfingen und
+erwiderten. Da war zunächst eine Anzahl, die mit ihnen zusammen eine
+Gruppe für sich bildeten; daneben andere Gruppen, die mit der ihrigen
+zusammen ein ganzes Weltsystem ausmachten; ferner andere Systeme, die
+sich zu einer Kette von Systemen verbanden, und weiter noch mehrere
+Ketten, und Ringe von Ketten, und Sphären von Kettenringen. Und Kamanita
+und Vasitthi lenkten nun ihr Doppelgestirn in harmonischem Fluge unter
+den anderen Sternen und Doppelgestirnen ihrer Gruppe, indem sie, wie in
+einem wohlgeordneten Tanzreigen, ihren Nachbarn weder zu nahe kamen,
+noch sich zu weit von ihnen entfernten, während alle gegenseitig, durch
+eine gewisse Sympathie, einander die genaue Richtung und das rechte Maß
+der Bewegung mitteilten. Dabei bildete sich aber auch gleichsam ein
+gemeinsamer Wille, der ihre ganze Gruppe in die Bewegung der Gruppen
+ihres Systems einlenkte, welches dann wiederum auf dieselbe Weise unter
+seinesgleichen sich weiterbewegte.
+
+Und diese Teilnahme am ungeheuren, schwebenden Tanze der Weltkörper,
+diese gemeinsame und endlos vielfältige Wechselbewegung--das war ihre
+Weltangehörigkeit, ihr Außenleben, ihre Alles umfassende und
+durchdringende Nächstenliebe.
+
+Was aber hier Harmonie der Bewegung ist, das erscheint den unterhalb der
+Sternengötter weilenden Luftgöttern als Harmonie der Klänge; durch
+Teilnahme an ihrem Genüsse ahmen die himmlischen Genien in den
+Paradiesen diese Harmonien in ihren wonnigen Weisen nach, und indem ein
+schwacher Abklang von diesen bisweilen bis an die Erde dringt--so
+schwach, daß er nur von den geistigen Ohren der Erwachten aufgefangen
+wird--reden die Seher rätselhaft von der Harmonie der Sphären, und die
+großen Künstler der Musik schaffen nach, was sie in ihrer Begeisterung
+sich erlauscht haben; und dies ist das höchste Entzücken der
+Menschenkinder. Aber wie das Sein zu dem immer trüber werdenden Schein
+sich verhält--also verhält sich zu diesem Entzücken der Menschen über
+Klänge und Töne und Weisen die Daseinswonne der Sternengötter.
+
+Denn eben dies ist ihre Lebenslust, ihre Daseinswonne.
+
+Aber alle diese Bewegungen, diese ungeheuren Reigen der Weltsysteme,
+umkreisten ein einziges Wesen: den in der Mitte des Weltganzen
+thronenden hunderttausendfachen Brahma, dessen unermeßlicher Glanz alle
+Sternengötter durchdrang, und dem sie alle den Glanz wieder
+zurückstrahlten, wie so viele Spiegel seiner Herrlichkeit; dessen
+unerschöpfliche Kraft, wie eine nie versiegende Quelle, ihnen allen ihre
+Bewegung mitteilte, und in dem sich ihre Bewegungen alle konzentrierten.
+
+Und dies war ihr Brahmadurchdrungensein, ihre Gemeinschaft mit dem
+höchsten Gott, ihr Gebenedeitsein, ihre Anbetung, ihre Seligkeit.
+
+Wenn sie aber in Brahma den Alles sammelnden Mittelpunkt hatten, so war
+diese Brahmawelt auch, obschon unendlich, dennoch gleichsam begrenzt.
+Wie das Auge des Menschen schon in uralten Zeiten ahnend am
+Himmelsgewölbe einen "Tierkreis" entdeckt hat, so sahen die
+Sternengötter hier unzählige Tierkreise in- und umeinander
+beschrieben--eine ganze Sphärenfläche von Bildern webend, indem die
+fernsten Sternengruppen zu leuchtenden Figuren zusammenschmolzen.
+Ineinanderstrahlend, auseinanderleuchtend, erschienen da Gestalten,
+Astralformen aller Wesen, die auf den Weltkörpern oder zwischen ihnen
+leben und weben, bleibende Urbilder alles dessen, was, in die groben
+Elemente sich hüllend, unaufhörlich entsteht und vergeht im wandelbaren
+Flusse des Werdens.
+
+Und dies Schauen der Urbilder war ihr Weltwissen.
+
+Dieweil sie aber alläugig, ohne von diesem fort auf jenes hinzusehen,
+ohne zu blinzeln, mit einem Blicke die Einheit Gottes und die Vielheit
+der Weltwesen erschauten: fiel für sie Gottesweisheit und Weltwissen in
+Eins zusammen. Wenn nämlich ein Mensch auf die göttliche Einheit den
+Blick richtet, dann entschwindet ihm die Gestaltenvielheit der
+Wandelwelt; und wiederum, wenn er diese betrachtet, kann er die Einheit
+nicht mehr festhalten. Somit bleibt sein Wissen ein zerstückeltes, immer
+schwankendes, ein von Zweifel fortwährend bedrohtes Wissen. Sie aber
+sahen auf einmal Zentrum und Kreis, und deshalb war ihr Wissen ein
+einheitliches, nimmer schwankendes, von keinem Zweifel bedrohtes Wissen.
+
+Durch diese ganze leuchtende Brahmawelt floß nun die Zeit still und
+unbemerkbar. Wie man einem ruhig und gerade dahinfließenden, völlig
+klaren Strome, dessen Flut von keinem Widerstand irgendwie gehemmt oder
+gebrochen wird, die Bewegung nicht ansieht: ebenso war die Flut der Zeit
+hier unmerkbar, weil sie von keinen aufsteigenden und absteigenden
+Gedanken und Gefühlen Widerstand erfuhr.
+
+Diese Unmerkbarkeit des Zeitverlaufs war ihre Ewigkeit.
+
+Und diese Ewigkeit war ein Wahn.
+
+So war denn auch Alles, was sie in sich befaßte: ihr Wissen, ihre
+Gottseligkeit, ihre Daseinswonne, ihr Weltleben, ihr Liebesleben und ihr
+Eigenleben in Wahn getaucht, mit der Farbe des Wahns behaftet.
+
+
+
+
+XXXIX. WELTENDÄMMERUNG
+
+
+Denn es geschah einmal, daß in Kamanita ein Gefühl von Unbehagen, von
+Mangel aufstieg.
+
+Da richtete er unwillkürlich seine Aufmerksamkeit auf den
+hunderttausendfachen Brahma, als die Quelle aller Fülle. Aber jene
+Empfindung wurde dadurch nicht verscheucht, sondern nahm von
+Jahrtausend-Dekade zu Jahrtausend-Dekade fast bemerkbar zu.
+
+Denn durch jenes aufsteigende Gefühl war der bisher unmerkbar stille
+Strom der Zeit auf Widerstand gestoßen, wie durch eine auftauchende
+Insel, an deren Felsenriff er jetzt schäumend vorüberflutete. Und es
+entstand sofort ein "Vorher" und ein "Nachher"--wie in einem Flusse
+durch ein auftauchendes Riff ein "vor" und "nach" der Stromschnelle
+entsteht.
+
+Und es schien Kamanita, als ob der hunderttausendfache Brahma jetzt
+nicht ganz so klar leuchte, wie vorher.
+
+Nachdem er aber fünf Millionen Jahre den Brahma betrachtet hatte, kam es
+ihm vor, als ob er ihn jetzt schon lange beobachtet habe, ohne Gewißheit
+zu erlangen.
+
+Und er richtete seine Aufmerksamkeit auf Vasitthi.
+
+Da wurde er inne, daß auch sie aufmerksam den Brahma beobachtete.
+
+Da geriet er in Bestürzung. Mit dieser Bestürzung kamen die Gefühle. Mit
+den Gefühlen kamen die Gedanken, mit den Gedanken kam die
+Gedankensprache.
+
+Und er sprach:
+
+"Vasitthi, siehst du es auch? Was ist es mit dem hunderttausendfachen
+Brahma?"
+
+Nach hunderttausend Jahren antwortete Vasitthi:
+
+"Das ist es mit dem hunderttausendfachen Brahma, daß sein Glanz
+abnimmt."
+
+"Mir will es auch so scheinen," sagte Kamanita nach Ablauf einer
+gleichen Zeit "Freilich kann das ja nur eine vorübergehende
+Erscheinung sein. Aber schon das kommt mir wunderlich vor, daß am
+hunderttausendfachen Brahma überhaupt eine Veränderung stattfinden
+kann."
+
+Nach geraumer Weile, nach einigen Millionen Jahren, sprach Kamanita
+weiter:
+
+"Ich weiß nicht, ob ich vielleicht geblendet bin. Bemerkst du etwa,
+Vasitthi, daß der Glanz des hunderttausendfachen Brahma wieder zunimmt?"
+
+Nach fünfmal hunderttausend Jahren antwortete Vasitthi:
+
+"Der Glanz des hunderttausendfachen Brahma nimmt nicht zu, sondern nimmt
+stätig ab."
+
+Wie ein Stück Eisen, das, weißglühend aus dem Schmiedeofen
+genommen, bald danach rotglühend wird: also hatte der Glanz des
+hunderttausendfachen Brahma jetzt einen rötlichen Schein bekommen.
+
+"Mich wundert, was das wohl zu bedeuten hat," sagte Kamanita.
+
+"Das hat es zu bedeuten, mein Freund, daß der Glanz des
+hunderttausendfachen Brahma im Erlöschen begriffen ist."
+
+"Unmöglich, Vasitthi, unmöglich! Was würde dann aus dem Glänze und der
+Herrlichkeit dieser ganzen Brahmawelt werden?"
+
+"Daran hat er gedacht, als er sagte:
+
+'Bis in den höchsten Lichthimmel drängt das Leben sich--und zerfällt.
+Wisset, einmal erlischt gänzlich auch der Glanz einer Brahmawelt'"
+
+Schon nach einigen tausend Jahren erfolgte die ängstlich überstürzte
+Frage Kamanitas:
+
+"Wer hat denn diesen schrecklichen, diesen weltzermalmenden Ausspruch
+getan?"
+
+"Wer sonst, als er, der Erhabene, der Weltkenner, der Vollendete, der
+Buddha."
+
+Da wurde Kamanita nachdenklich.
+
+Eine geraume Zeit überlegte er sich diese Worte und erinnerte sich an
+manches.
+
+Da sprach er:
+
+"Einst schon, o Vasitthi, in Sukhavati, im Paradiese des Westens,
+sagtest du einen Spruch des Buddha her, der sich vor unseren Augen
+erfüllte. Und ich besinne mich, wie du dort eine ganze Rede von ihm, dem
+Erhabenen, mir treu berichtetest, in welcher jener Spruch vorkam. Dies
+weltzermalmende Wort aber war darin nicht enthalten. So hast du denn, o
+Vasitthi, noch andere Reden vom Erhabenen gehört?"
+
+"Viele, mein Freund, denn mehr als ein halbes Jahr verbrachte ich
+täglich in seiner Nähe. Ja, auch sogar die letzten von ihm geäußerten
+Worte habe ich vernommen."
+
+Kamanita sah sie mit Bewunderung und Ehrfurcht an. Dann sprach er:
+
+"So bist du eben deshalb, wie ich meine, das weiseste Wesen in dieser
+ganzen Brahmawelt. Denn alle diese Sternengötter ringsum sind in
+Bestürzung geraten, leuchten unstät, flackern und blinken; und auch der
+hunderttausendfache Brahma selber ist unruhig geworden, und aus seinem
+trüberen Glänze zucken dann und wann gleichsam Zornesblitze hervor. Du
+aber leuchtest ruhig, wie eine Lampe an windstillem Ort. Und auch das
+ist ein Zeichen der Störung, daß die Bewegung dieser Himmelskörper jetzt
+hörbar wird--wie wir einst, fern von hier, im Paradiese am Gestade der
+himmlischen Ganga stehend, donnerartige Klänge und mächtige Töne wie von
+fernem Glockengeläute aus dieser Brahmawelt vernahmen, so hören wir es
+jetzt von allen Seiten. Das deutet darauf, daß die Harmonie der
+Bewegungen gestört ist, daß Entzweiung und Auseinandertreten der Kräfte
+sich einstellt. Denn richtig heißt es ja: 'Wo Mangel ist, wird Lärm
+erzeugt, die Fülle ist in sich gefaßt.' Und so zweifle ich nicht daran,
+daß du recht hast. Wohlan, Vasitthi, während ringsum uns nun diese
+Brahmawelt erlischt und der Vernichtung anheimfällt, teile du mir deine
+Erinnerungen an den Vollendeten mit, damit ich ruhig werde wie du. Teile
+mir Alles aus deinem Leben mit! denn wohl mag es sein, daß wir zum
+letzten Male an einem Orte vereinigt sind, wo Geschehnisse von Geist zu
+Geist sich mitteilen lassen, und noch bleibt es mir unerklärlich, wie
+Angulimala bei mir in Ujjeni erschien, obwohl ich über sein Asketentum
+aufgeklärt wurde. Jene seine Erscheinung aber gab den Anstoß zu meinem
+Pilgergang, war die Ursache, daß ich nicht auf abschüssige Pfade kam,
+sondern im Paradiese des Westens auferstand, um von dort aus, durch
+deine Hilfe, zu dieser höchsten Himmelswelt emporzusteigen, wo wir
+unermeßliche Zeiträume hindurch göttliches Leben genossen haben. Es ahnt
+mir aber, daß auch jener Anstoß zu meiner Pilgerschaft von dir ausging.
+Dies nun, vor allem aber auch, wie es kam, daß du zu meinem Heile im
+Paradiese erschienst und nicht an einem weit höheren Orte der Seligkeit
+wieder ins Dasein tratest, möchte ich nun erfahren."
+
+Und während von Jahrhunderttausend zu Jahrhunderttausend die zunehmende
+Trübung des Brahmaglanzes immer bemerkbarer wurde und die Sternengötter
+immer mehr erblaßten;
+
+während diese immer unruhiger flackerten und sprühten, und aus dem
+trüber werdenden Glutkreise des Brahma ungeheure Flammenstreifen
+hervorschossen und durch den ganzen Raum hin und her fegten, als ob der
+Gott mit hundert Riesenarmen nach dem unsichtbaren Feinde suchte, der
+ihn bedrängte;
+
+während durch die gestörten Bewegungen der Himmelskörper sich
+Wirbelströmungen erhoben, die ganze Sternensysteme aus dem Brahmareiche
+hinausrissen, an deren Stelle dann die Finsterniswelle des leeren Raumes
+hereinbrach, wie das Meerwasser da hereinstürzt, wo das Schiff einen
+Leck bekommen hat;
+
+und während an anderen Stellen Systeme ineinander gerieten und ein
+Weltbrand sich entzündete, dessen Explosionen Garben von Sternschnuppen
+bis in den Glutschlund des Brahma schleuderten;
+
+während die Donnerschläge der zusammenbrechenden und
+ineinanderstürzenden Harmonien--das Todesröcheln der Sphärenmusik--immer
+furchtbarer von Himmelsgegend zu Himmelsgegend rollten und
+widerhallten:--
+
+teilte Vasitthi unverstört, in gemessener Weise, Kamanita ihre letzten
+irdischen Erlebnisse mit.
+
+
+
+
+XL. IM KRISHNAHAIN
+
+
+Seit jenem ersten Abend versäumte ich keine Gelegenheit, um den
+Krishnahain zu besuchen und durch die Worte des Erhabenen oder eines
+seiner großen Schüler tiefer in die Lehre eingeführt zu werden.
+
+Während mein Gemahl nun noch abwesend war, stieg die Furcht der Bürger
+Kosambis vor dem Räuber Angulimala von Tag zu Tag. Gerade dadurch, daß
+von neuen Taten nichts verlautete, wurde die Phantasie aufgeregt.
+Plötzlich verbreitete sich das Gerücht, Angulimala wolle eines Abends
+den Krishnahain überfallen und die dort zum Besuch versammelten Bürger,
+ja wohl gar den Buddha selbst entführen. Dadurch steigerte sich die
+Erregung der Gemüter fast bis zum Aufruhr. Man sagte sich, daß, wenn
+durch verruchte Räuberhände dem Erhabenen vor Kosambi ein Leid geschähe,
+dann würde der Zorn der Götter die ganze Stadt treffen.
+
+Ungeheure Menschenmengen wogten durch die Straßen, und, vor dem
+königlichen Palast sich sammelnd, verlangten sie drohend, daß König
+Udana dies Unheil abwenden und Angulimala unschädlich machen solle.
+
+Am folgenden Tage kehrte Satagira zurück.
+
+Er überhäufte mich sofort mit Lob wegen meines guten Rats, dem er es
+allein danken wollte, daß er heil nach Hause kam. Vajira, seine zweite
+Frau, die mit ihrem Söhnlein auf dem Arm erschien, um ihn zu
+bewillkommnen, wurde kurz abgefertigt: er habe mit mir noch Wichtiges zu
+besprechen.
+
+Als wir nun wieder allein waren, fing er zu meinem unsagbaren Unbehagen
+sofort an, von seiner Liebe zu reden, wie er mich unterwegs vermißt, wie
+sehr er sich auf diese Stunde des Wiedersehens gefreut habe.
+
+Schon wollte ich von den Unruhen in der Stadt erzählen, um ihn auf
+andere Gedanken zu bringen, als der Kämmerer gemeldet wurde, der ihn zum
+König rief.
+
+Nach etwa einer Stunde kehrte er zurück--ein anderer Mensch. Blaß, mit
+verstörten Zügen trat er bei mir ein, warf sich auf eine Bank und rief,
+er sei der unglückseligste Mann im ganzen Reiche, eine gefallene Größe,
+bald ein Bettler, wenn nicht gar Kerker oder Verbannung ihm drohe, und
+an seinem ganzen Unglück sei seine grenzenlose Liebe zu mir schuld, die
+ich nicht einmal erwidere. Auf meine wiederholte Aufforderung, mir doch
+zu sagen, was geschehen sei, beruhigte er sich endlich so weit, daß er,
+unter vielen Verzweiflungsausbrüchen und während er sich fortwährend die
+Schweißtropfen von der Stirn trocknete, mir den ganzen Vorgang im
+Palaste berichten konnte.
+
+Der König hatte ihn sehr ungnädig empfangen und ohne etwas von dem
+geschlichteten Dorfstreit hören zu wollen, ihm unter Drohungen geboten,
+die volle Wahrheit über Angulimala einzugestehen, die Satagira jetzt
+auch mir beichten mußte, ohne zu ahnen, wie gut ich schon davon
+unterrichtet war. Übrigens sah er darin nur einen Beweis seiner
+"grenzenlosen Liebe" zu mir, und erwähnte meine Liebe zu dir leichthin
+als eine törichte Jugendschwärmerei, die ja jedenfalls zu nichts geführt
+hätte.
+
+Die Sache war aber auf folgende Weise dem König zu Ohren gekommen.
+
+Während der Abwesenheit Satagiras war es der Polizei gelungen, den
+Helfershelfer Angulimalas aufzuspüren, und dieser hatte im peinlichen
+Verhör bekräftigt, daß jener Räuber wirklich Angulimala selber sei, der
+damals nicht, wie der Minister immer behauptet hatte, auf der Folter
+gestorben, sondern entflohen wäre; auch jenen Anschlag Angulimalas auf
+den Krishnahain hatte er bekannt. Der Fürst war natürlich aufs höchste
+darüber erzürnt, daß Satagira seinerzeit den furchtbaren Räuber hatte
+entschlüpfen lassen und dann ganz Kosambi und seinen König durch einen
+aufgesteckten falschen Kopf betrogen hatte; er wollte auf keine Worte
+der Verteidigung oder auch nur der Entschuldigung hören. Wenn Satagira
+nicht binnen drei Tagen Angulimala unschädlich machte--wie es das Volk
+so stürmisch verlangte--dann würden ihn alle Folgen der fürstlichen
+Ungnade aufs empfindlichste treffen.
+
+Nachdem Satagira dies erzählt hatte, warf er sich weinend auf die Bank,
+raufte sich die Haare und gebärdete sich wie ein Wahnsinniger.
+
+"Sei getrost, mein Gemahl," sagte, ich. "Folge meinem Rate, und nicht
+erst in drei Tagen, sondern noch heute sollst du wieder im Besitz der
+fürstlichen Gunst sein, ja nicht nur das, sondern diese wird noch
+strahlender über dich leuchten denn je zuvor."
+
+Satagira setzte sich auf und sah mich an, wie man wohl ein Naturwunder
+anstaunt.
+
+"Und wozu rätst du mir denn?"
+
+"Du sollst zum König zurückkehren und ihn überreden, sich nach dem
+Sinsapawalde vor der Stadt zu begeben, dort am alten Tempel den Buddha
+aufzusuchen und ihn um Rat zu fragen. Der Rest wird dann von selber
+folgen."
+
+"Du bist eine kluge Frau," sagte Satagira. "Jedenfalls ist dieser Rat
+sehr gut, denn jener Buddha soll ja der weiseste aller Menschen sein.
+Wenn es auch schwerlich so gute Folgen für mich haben kann, wie du dir
+denkst, so will ich doch den Versuch machen."
+
+"Daß die Folgen nicht ausbleiben werden," antwortete ich, "dafür stehe
+ich mit meiner Ehre ein."
+
+"Ich glaube dir, Vasitthi," rief er, indem er aufsprang und meine Hand
+ergriff. "Wie wäre es möglich, dir nicht zu glauben. Beim Indra! Du bist
+eine wunderbare Frau, und ich sehe jetzt, wie wenig ich mich irrte, als
+ich in meiner noch unerfahrenen Jugend, wie einem Instinkte gehorchend,
+aus dem reichen Mädchenflor Kosambis dich allein ausersah und mich auch
+durch deine Kälte von meiner Liebe nicht abbringen ließ."
+
+Die Feurigkeit, mit welcher er mich lobte, ließ mich fast bereuen, daß
+ich ihm den hilfreichen Rat gegeben hatte, aber schon seine nächsten
+Worte beruhigten mich, denn er sprach jetzt von seiner Dankbarkeit, die
+unerschöpflich sein würde, auf welche Probe ich sie auch stellte.
+
+"Nur eine einzige Bitte habe ich, durch deren Erfüllung du mir deine
+Dankbarkeit hinreichend bezeugen kannst."
+
+"Nenne sie mir sofort," rief er, "und wenn du auch verlangst, daß ich
+Vajira mit ihrem Sohne zu ihren Eltern zurückschicke, so werde ich es
+unweigerlich tun."
+
+"Meine Bitte ist eine gerechte, keine ungerechte, aber ich werde sie
+erst vorbringen, wenn mein Rat sich in vollstem Maße bewährt hat. Eile
+du aber nun zum Palast und setze beim Fürsten diesen Besuch durch."
+
+Ziemlich bald kehrte er zurück, glücklich, daß es ihm gelungen war, den
+König zu diesem Ausflug zu bestimmen.
+
+"Erst als Udena vernahm, daß der Rat von dir herrührte," sagte er, "und
+daß du mit deiner Ehre dich für den guten Erfolg verbürgtest, gab er
+nach, denn auch er hält große Stücke auf dich. O, wie stolz bin ich auf
+eine solche Gemahlin!"
+
+Diese und ähnliche Worte, an denen er es in seiner zuversichtlichen
+Stimmung nicht fehlen ließ, waren mir peinlich genug und wären es noch
+mehr gewesen, wenn ich nicht bei dieser ganzen Sache meine geheimen
+Gedanken gehabt hätte.
+
+Wir begaben uns nun sofort nach dem Palast, wo schon Vorbereitungen zur
+Fahrt getroffen wurden.
+
+Sobald die Strahlen der Sonne ihre Glut etwas milderten, bestieg König
+Udena seinen Staatselefanten, die vielgerühmte Bhaddavatika, die, weil
+sie schon sehr alt war, nur noch bei den feierlichsten Gelegenheiten
+benutzt wurde. Wir, der Kämmerer, der Schatzmeister und andere hohe
+Würdenträger folgten in Wagen nach, zweihundert Reiter eröffneten und
+ebensoviele beschlossen den Zug.
+
+Am Eingange des Waldes ließ der König Bhaddavatika niederknien und stieg
+ab; wir anderen verließen die Wagen und begaben uns In seinem Gefolge zu
+Fuß nach dem Krishnatempel, wo der Buddha, der vom fürstlichen Besuche
+schon unterrichtet war, von seinen Jüngern umgeben, uns erwartete.
+
+Der König bot dem Erhabenen ehrerbietigen Gruß dar und setzte sich zur
+Seite nieder. Als nun auch wir andern Platz genommen hatten, fragte der
+Vollendete:
+
+"Was ist dir, edler König? Hat etwa der König von Benares oder irgend
+ein anderer deiner fürstlichen Nachbarn dein Land mit Krieg bedroht?"
+
+"Nicht hat, o Herr, der König von Benares, noch irgend einer meiner
+fürstlichen Nachbarn mich bedroht: ein Räuber, o Herr, lebt in meinem
+Lande, Angulimala genannt, grausam und blutgierig, an Mord und Totschlag
+gewöhnt, ohne Mitleid gegen Mensch und Tier. Der macht die Dörfer
+undörflich, die Städte unstädtlich, die Länder unländlich. Er bringt die
+Leute um und hängt sich ihre Daumen um den Hals. Und in der Bosheit
+seines Herzens hat er jetzt den Plan gefaßt, diesen heiligen Hain zu
+überfallen und den Erhabenen und seine Anhänger zu entführen. Ob solch
+großer Gefahr entsetzt, murrt mein Volk, drängt sich in großen Scharen
+um meinen Palast und verlangt, daß ich diesen Angulimala unschädlich
+mache. Das also liegt mir allein im Sinne."
+
+"Wenn du aber, edler König, Angulimala sähest, mit geschorenem Haar und
+Barte, mit fahlem Gewande bekleidet, dem Töten entfremdet, dem Stehlen
+entwöhnt, zufrieden mit _einer_ Mahlzeit, keusch wandelnd, tugendrein,
+edel geartet: was würdest du dann mit ihm machen?"
+
+"Wir würden ihn, o Herr, ehrerbietig begrüßen, uns vor ihm erheben und
+ihn zu sitzen einladen, ihn bitten, Kleidung, Speise, Lager und Arznei
+für den Fall einer Krankheit anzunehmen, würden ihm, wie sich's gebührt,
+Schutz und Schirm und Obhut angedeihen lassen. Wie aber sollte, o Herr,
+ein so arger, bösartiger Mensch eine solche Tugendläuterung erfahren?"
+
+Nun saß aber der ehrwürdige Angulimala nicht fern vom Erhabenen. Und der
+Erhabene wies mit dem rechten Arme hin und sprach also zu König Udena:
+
+"Dieser, edler Fürst, ist Angulimala."
+
+Da entfärbte sich das Gesicht des Königs vor Angst. Aber bei weitem
+stärker war das Entsetzen Satagiras. Seine Augen schienen aus ihren
+Höhlen springen zu wollen, seine Haare sträubten sich, kalter Schweiß
+tropfte von seiner Stirn.
+
+"Weh mir," rief er, "ja, jener ist gewißlich Angulimala, und ich Elender
+habe meinen König verleitet, sich in seine Gewalt zu begeben."
+
+Dabei sah ich's ihm nur zu deutlich an, daß er nur deshalb so vor Angst
+bebte, weil er sich selbst in der Gewalt seines Todfeindes wähnte.
+
+"Dieser Schreckliche," rief er weiter, "hat uns alle betrogen--hat den
+Erhabenen selbst betrogen und auch meine leichtgläubige Gemahlin, die,
+wie alle Frauen, viel auf Bekehrungsgeschichten gibt. So sind wir in
+diese Falle gegangen."
+
+Und seine Blicke irrten umher, als ob er hinter jedem Baum ein halbes
+Dutzend Räuber entdeckte. Mit stotternder Stimme und zitternder Hand
+beschwor er den König, durch eilige Flucht seine teure Person in
+Sicherheit zu bringen.
+
+Da trat ich denn vor und sprach:
+
+"Sei ruhig, mein Gemahl! Ich bin imstande, sowohl dich wie meinen edlen
+Fürsten zu überzeugen, daß hier keine Falle gelegt ist und daß keine
+Gefahr droht."
+
+Und ich erzählte jetzt, wie ich, von Angulimala überredet, mit ihm
+zusammen einen Anschlag gegen das Leben meines Gemahls vorgehabt hätte,
+und wie dieser Anschlag eben nur durch die Bekehrung meines Verbündeten
+vereitelt worden sei.
+
+Als Satagira hörte, wie nahe er dem Tode gewesen war, mußte er sich auf
+den Arm des Kämmerers stützen, um nicht umzusinken.
+
+Ich bat nun den König fußfällig, meinem Gemahl zu verzeihen, wie ich ihm
+verziehen habe, da er durch Leidenschaft irregeführt gesündigt habe und
+dabei wohl auch unbewußt einer höheren Führung gefolgt sei, die vor
+unseren Augen das höchste Wunder wirken wollte: anstatt daß man einen
+Räuber hingerichtet hätte, sei jetzt aus einem Räuber ein Heiliger
+geworden.
+
+Und als der Fürst mir gnädig zugesagt hatte, meinem Gemahl wieder seine
+volle Gunst zuzuwenden, sprach ich zu Satagira:
+
+"Mein Versprechen habe ich nun gehalten. So halte auch du das deine und
+gewähre mir meine einzige Bitte. Diese aber geht dahin, du mögest mir
+gestatten, in den heiligen Orden des Buddha einzutreten."
+
+Mit einem stummen Kopfnicken gab Satagira seine Einwilligung, wie er
+denn auch nicht anders konnte.
+
+Der König aber, der nun ganz beruhigt war, trat an Angulimala heran,
+sprach freundlich und ehrerbietig zu ihm und sicherte ihm seinen
+fürstlichen Schutz zu. Darauf ging er wieder zum Buddha hin, verneigte
+sich tief und sprach:
+
+"Wunderbar ist es in der Tat, o Herr, wie da der Erhabene Unbändige
+bändigt. Denn diesen Angulimala, den wir weder mit Strafe noch Schwert
+bezwingen konnten, den hat der Erhabene ohne Strafe und Schwert
+bezwungen. Dieser doppelt und dreifach heilige Hain aber, wo uns ein
+solches Wunder kund ward, soll von heute ab auf ewige Zeiten dem Orden
+der Heiligen gehören. Und der Erhabene möge mir gestatten, darin einen
+Bau zur Unterkunft der Mönche und einen zweiten für die Nonnen zu
+errichten."
+
+Mit würdevoller Dankbezeugung nahm der Erhabene das fürstliche Geschenk
+an. Darauf empfahl sich der König und entfernte sich mit seinem Gefolge.
+Ich aber blieb zurück unter der Obhut der anwesenden Schwestern, um
+schon am folgenden Tage das Gelübde abzulegen.
+
+
+
+
+XLI. DER LEICHTE SPRUCH
+
+
+Ich war nun Ordensschwester geworden und begab mich jeden Tag früh
+morgens mit meiner Almosenschale nach Kosambi, wo ich von Haus zu Haus
+ging, bis sie gefüllt war--obwohl Satagira mir diesen Bettelgang nur zu
+gern erspart hätte.
+
+Eines Tages stellte ich mich auch am Eingange seines Palastes hin, weil
+die ältesten Nonnen mir geraten hatten, mich auch dieser Prüfung zu
+unterziehen. Da trat Satagira gerade in den Torweg, wich mir aber scheu
+aus und verhüllte traurig sein Antlitz. Gleich danach kam dann der
+Hausmeier und bat mich weinend, doch ja zu gestatten, daß Alles, wofür
+ich Gebrauch habe, mir täglich zugeschickt werde. Ich aber antwortete
+ihm, daß es mir gezieme, der Ordensregel nachzukommen.
+
+Wenn ich von diesem Gange zurückgekehrt war und das Gespendete verzehrt
+hatte, womit dann für den ganzen Tag die elende Nahrungsfrage erledigt
+war, wurde ich von einer der älteren Nonnen unterrichtet, und abends
+lauschte ich in der Versammlung den Worten des Erhabenen oder auch denen
+eines großen Jüngers, wie Sariputta oder Ananda. Nachher aber geschah es
+wohl, daß eine Schwester die andere aufsuchte: "Entzückend, Schwester,
+ist der Sinsapawald, herrlich die klare Mondnacht, die Bäume stehen in
+voller Blüte, himmlische Düfte, meint man, wehen umher. Wohlan, laß uns
+Schwester Sumedha aufsuchen. Sie ist eine Hüterin des Wortes, ein Hort
+der Lehre. Ihre Rede dürfte wohl diesem Sinsapawalde doppelten Glanz
+verleihen." Und wir brachten dann den größten Teil einer solchen Nacht
+mit sinnigen Gesprächen zu.
+
+Dies Leben in der freien Natur, diese fortwährende Geistestätigkeit und
+der rege Gedankenaustausch, wodurch keine Zeit für trübes Hinbrüten über
+eigenen Schmerz oder für müßige Träumereien übrig blieb, endlich die
+Erhebung und Läuterung des Gemütes durch die Macht der Wahrheit--all
+dies stärkte mir Körper und Geist wunderbar. Ein neues und edleres Leben
+tat sich vor mir auf, und ich genoß ein ruhiges, heiteres Glück, von dem
+ich mir wenige Wochen vorher nichts hätte träumen lassen.
+
+Als die Regenzeit kam, stand schon das Gebäude für die Schwestern
+bereit, mit geräumiger Halle zum gemeinsamen Aufenthalte und mit Zellen
+für jede einzelne. Mein Gemahl und einige andere reiche Bürger, die
+Verwandte unter den Nonnen hatten, ließen es sich nicht nehmen, diese
+unsere Heimstätte mit Matten und Teppichen, Stühlen und Ruhebetten
+auszustatten, so daß wir reichlich mit Allem versehen waren, was zur
+vernünftigen Bequemlichkeit des Lebens gehört, und seiner Üppigkeit um
+so lieber entrieten. So ging denn auch diese Zeit der Eingeschlossenheit
+leidlich genug dahin, im regelmäßigen Wechsel von gemeinsamen
+Unterhaltungen über religiöse Fragen und von Selbstdenken und
+Vertiefung. Gegen Abend aber begaben wir uns, wenn das Wetter es
+erlaubte, nach der großen Halle der Mönche, um dem Meister zu lauschen,
+oder es kam auch der Erhabene oder einer der großen Jünger zu uns
+herüber.
+
+Als nun aber der Wald, den der Meister lobt, erfrischt und verjüngt, in
+hundertfacher Blätterfülle und Blumenpracht uns wieder einlud, unter
+sein freies Obdach unsere einsame Gedenkenruhe und unsere gemeinsamen
+Versammlungen zu verlegen, da traf uns die betrübende Kunde, daß der
+Erhabene sich jetzt bereit mache, seine Wanderung nach den östlichen
+Gegenden anzutreten. Aber freilich hatten wir ja nicht hoffen dürfen,
+daß er immer in Kosambi bleiben werde; auch wußten wir, wie töricht es
+ist, Ober etwas Unvermeidliches zu klagen, und wie wenig wir uns des
+Meisters würdig zeigten, wenn wir uns von Trauer überwältigen ließen.
+
+So begaben wir uns denn in später Nachmittagsstunde gefaßt und ruhig
+nach dem Krishnatempel, um zum letzten Male für lange Zeit den Worten
+des Buddha zu lauschen und dann von ihm Abschied zu nehmen.
+
+Auf den Stufen stehend, redete der Erhabene vom Vergehen alles
+Entstandenen, von der Auflösung alles dessen, was sich zusammengesetzt
+hat, von der Flüchtigkeit aller Erscheinungen, von der Wesenlosigkeit
+aller Gestaltungen. Und nachdem er gezeigt hatte, wie nirgends in dieser
+oder in jener Welt, soweit die Daseinslust keimt, nirgendwo in Raum und
+Zeit eine feste Stelle, ein bleibender Zufluchtsort zu finden ist,
+sprach er jenes Wort, das du mit Recht "weltzermalmend" nanntest, und
+das sich jetzt rings um uns verwirklicht:
+
+"Bis in den höchsten Lichthimmel drängt das Leben sich und zerfällt;--
+Wisset, einmal erlischt gänzlich auch der Glanz einer Brahmawelt."
+
+Es war uns Schwestern von einem der Jünger gesagt worden, daß wir nach
+dem Vortrage eine nach der anderen zum Erhabenen gehen sollten, um von
+ihm Abschied zu nehmen und einen Geleitspruch für unser weiteres Streben
+von ihm zu empfangen. Da ich eine der jüngsten war und mich
+geflissentlich zurückhielt, gelang es mir, die letzte zu werden. Denn
+ich gönnte es keiner anderen, nach mir mit dem Erhabenen zu reden, und
+meinte auch, daß mir dadurch eine ruhigere, längere Unterredung
+ermöglicht würde, als wenn andere hinter mir warteten.
+
+Nachdem ich mich nun ehrfurchtsvoll verneigt hatte, blickte mich der
+Erhabene an mit einem Blicke, der mich bis ins Innerste durchleuchtete,
+und sprach:
+
+"Und dir, Vasitthi, gebe ich an der Schwelle dieses zerfallenden
+Heiligtums des sechzehntausendeinhundertfachen Bräutigams zum
+Meingedenken und zum Durchdenken unter dem Laubdache dieses
+Sinsapawaldes, von dem du ein Blatt am Herzen und einen Schatten im
+Herzen trägst--folgenden Spruch: '_Überall, wo Liebe entsteht, entsteht
+auch Leid_.'"
+
+"Ist das Alles?" fragte ich törichterweise.
+
+"Alles und genug."
+
+"Und ist es, o Herr, gestattet, wenn ich mit dem Spruche zu Ende bin,
+wenn ich mir den Sinn völlig zu eigen gemacht habe, zum Erhabenen zu
+pilgern, um einen neuen Spruch zu empfangen?"
+
+"Es ist gestattet, wenn du noch das Bedürfnis hast, den Erhabenen zu
+fragen."
+
+"Wie sollte ich nicht das Bedürfnis haben? Du bist ja, o Herr, unsere
+Zuflucht."
+
+"Nimm deine Zuflucht zu dir selber, nimm deine Zuflucht zur Lehre!"
+
+"Das will ich. Doch du, o Herr, bist ja das Selbst der Jünger, bist die
+lebendige Lehre. Und du hast ja gesagt: es ist gestattet."
+
+"Wenn dich der Weg nicht müht."
+
+"Kein Weg kann mich mühen."
+
+"Der Weg ist weit, Vasitthi! Weiter ist der Weg als du dir denkst,
+weiter, als Menschengedanken es auszudenken vermögen."
+
+"Und führte der Weg auch durch tausend Leben, über tausend Welten: kein
+Weg wird mich mühen."
+
+"Schon gut, Vasitthi! Gehab dich wohl, und gedenke deines Spruchs."
+
+In diesem Augenblick nahte der König mit großem Gefolge, um vom
+Erhabenen Abschied zu nehmen.
+
+Ich zog mich in die hinterste Reihe zurück, von wo aus ich ein ziemlich
+zerstreuter Zeuge der weiteren Vorgänge dieses letzten Abends war. Denn
+ich kann nicht leugnen, daß ich mich durch den so sehr leichten Spruch,
+den mir der Erhabene gegeben hatte, etwas enttäuscht fühlte. Hatten doch
+mehrere der Schwestern ganz andere schwierige Sprüche zur geistigen
+Verarbeitung vom Erhabenen zugeteilt bekommen: die eine den Spruch vom
+Entstehen aus Ursachen, die andere den vom Nichtselbst, eine dritte den
+von der Vergänglichkeit der Erscheinungen. So meinte ich denn, eine
+Zurücksetzung erfahren zu haben, was mich sehr betrübte. Wie ich aber
+weiter darüber nachdachte, kam mir die Vermutung, daß der Erhabene
+vielleicht bei mir etwas Selbstüberhebung bemerkt habe und sie auf diese
+Weise dämpfen wolle. Und ich nahm mir vor, auf der Hut zu sein, um nicht
+durch Eitelkeit und Selbstgefälligkeit in meinem geistigen Wachstum
+gehindert zu werden. Bald würde ich mich ja rühmen können, mit dem
+Spruche zu Ende zu sein, und durfte mir dann einen neuen von den Lippen
+des Erhabenen selber holen.
+
+In dieser Zuversicht sah ich früh am nächsten Morgen den Buddha mit
+vielen Jüngern von dannen wandern--unter diesen selbstverständlich auch
+Ananda, der ja des Meisters wartete und immer um ihn war, und der mir
+stets auf seine milde Art so besonders wohlwollend begegnet war, daß ich
+fühlte, ich würde auch ihn und seinen aufmunternden Blick sehr
+vermissen, noch mehr als den weisen Sariputta, der durch seine scharf
+zergliedernden Auseinandersetzungen mir in manchem schwierigen Punkt
+geholfen hatte. Nun war ich meinen eigenen Kräften überlassen.
+
+Sobald ich von meinem Almosengange zurückgekehrt war und mein Mahl
+verzehrt hatte, suchte ich mir einen schönen Baum aus, der in der Mitte
+einer kleinen Waldwiese stand--das wahre Urbild jener "mächtigen,
+lärmentrückten Bäume", von denen es heißt, daß Menschen darunter sitzen
+und denken können.
+
+Das tat ich nun, indem ich meinen Spruch ernstlich vornahm. Als ich
+gegen Abend nach der Versammlungshalle zurückkehrte, brachte ich, als
+Ausbeute meiner Tagesarbeit, eine innere Unruhe mit mir und eine leise
+Ahnung, was für eine Bewandtnis es mit diesem Spruche haben mochte. Als
+ich aber am folgenden Abend nach beendigter Gedenkenruhe zurückkehrte,
+wußte ich schon genau, was der Erhabene gemeint hatte, als er mir diesen
+Spruch gab.
+
+Ich hatte ja geglaubt, auf dem graden Wege zum vollkommenen Frieden mich
+zu befinden und meine Liebe mit ihren leidenschaftlichen Erregungen weit
+hinter mir zu haben. Aber jener unvergleichliche Herzenskenner hatte gar
+wohl gesehen, daß die Liebe keineswegs von mir überwunden war, sondern
+daß sie nur durch den mächtigen Einfluß des neuen Lebens verscheucht,
+sich In einen Innersten Winkel zurückgezogen hatte, um dort ihre Zeit zu
+erwarten. So wollte er denn, daß ich dadurch, daß ich meine
+Aufmerksamkeit auf sie richtete, sie aus diesem Schlupfloche
+hervorlocken solle, um sie dann zu überwinden.
+
+Und freilich kam sie auch hervor, aber mit solcher Macht, daß ich mich
+sofort mitten in schweren, ja zerrüttenden Seelenkämpfen befand und
+einsah, daß mir kein leichter Sieg beschieden sei.
+
+Die überraschende Kunde, daß mein Geliebter damals nicht getötet worden
+war und aller Wahrscheinlichkeit nach noch mit mir diese Erdenluft
+atmete, war jetzt freilich mehr als ein halbes Jahr alt. Als aber durch
+die Erscheinung auf der Terrasse jenes Wissen so plötzlich in mir
+auftauchte, wurde es sofort wieder durch die stürmischen Gemütswellen,
+die es selber aufregte, gleichsam überschwemmt und tauchte fast wieder
+in ihren Strudel unter. Haßgefühl, Rachegedanken, Brüten über
+Verbrecherpläne wechselten in einem wahren Dämonenreigen--dann kam
+Angulimalas Bekehrung, der überwältigende Eindruck des Buddha, das neue
+Leben, der Tagesanbruch einer neuen, gänzlich ungeahnten Welt, deren
+Elemente in der Vernichtung aller Elemente der alten bestanden. Nun aber
+war der erste Sturm des Neuen vorüber, der große Meister dieses heiligen
+Zaubers war aus meinem Gesichtskreis entschwunden, und ich saß einsam
+da, meinen Blick auf die Liebe--auf meine Liebe gerichtet. Da tauchte
+jene Kunde nun wieder klar hervor und eine grenzenlose Sehnsucht nach
+dem fernen, noch lebenden Geliebten erfaßte mich.
+
+Aber lebte er denn auch noch?--Und liebte er mich denn noch?
+
+Solche Fragen regten durch ihre bange Ungewißheit meine Sehnsucht nur
+noch mehr auf, und mit der Überwindung meiner Liebe, mit der Aneignung
+des Spruches wollte es nicht vorwärtsgehen. Immer dachte ich über die
+Liebe nach und kam nicht zum Leid und zur Leidensentstehung.
+
+Diese meine immer aussichtsloseren Seelenkämpfe blieben den anderen
+Schwestern nicht verborgen. Ich hörte wohl, wie sie von mir sprachen:
+
+"Vasitthi, die frühere Ministersgattin, die doch selbst der strenge
+Sariputta wegen ihrer schnellen und sicheren Auffassung auch schwieriger
+Punkte der Lehre uns des öfteren gepriesen hat, sie kann jetzt mit ihrem
+doch so leichten Spruch nicht fertig werden."
+
+Dadurch wurde ich noch mehr entmutigt. Scham und Verzweiflung
+bemächtigten sich meiner und zuletzt glaubte ich, diesen Zustand nicht
+mehr ertragen zu können.
+
+
+
+
+XLII. DIE KRANKE NONNE
+
+
+Um diese Zeit kam wöchentlich einmal einer der Brüder zu uns herüber und
+legte uns die Lehre dar. Als nun Angulimala an der Reihe war, ging ich
+nicht in die Versammlungshalle, sondern blieb in meiner Zelle auf der
+Ruhebank liegen und bat eine Nachbarschwester, Angulimala zu sagen:
+
+"Die Schwester Vasitthi, Ehrwürdiger, liegt in ihrer Zelle krank
+darnieder und kann in der Versammlung nicht erscheinen. Wolle,
+Ehrwürdiger, nach dem Vortrag dich nach der Zelle Schwester Vasitthis
+begeben, um auch ihr, der Kranken, die Lehre darzulegen."
+
+Und der ehrwürdige Angulimala kam nach dem Vortrag in meine Zelle,
+grüßte mich ehrerbietig und setzte sich neben mein Lager.
+
+"Du siehst hier, Bruder," sagte ich dann, "was niemand sehen sollte:
+eine liebeskranke Nonne, und an dieser meiner Krankheit bist du selber
+schuld, denn du hast mich des Gegenstandes meiner Liebe beraubt. Zwar
+hast du mich dann zu diesem großen Arzte gebracht, der von der ganzen
+Lebenskrankheit heilt; aber seine starke Heilkunst kann jetzt nicht
+weiter auf mich einwirken. In seiner großen Weisheit hat er dies wohl
+erkannt und hat mir ein Mittel gegeben, um den schleichenden
+Krankheitsstoff zur Ausscheidung durch eine Fieberkrisis zu bringen. So
+siehst du denn nun das Sehnsuchtsfieber in mir wüten. Und nun will ich
+dich an ein Versprechen mahnen, das du mir einst gegeben hast, in jener
+Nacht nämlich, wo du mich zu dem Verbrechen verleiten wolltest, dessen
+Ausführung nur durch das Dazwischentreten des Erhabenen vereitelt wurde.
+Damals sagtest du, du würdest nach Ujjeni gehen und mir sichere Kunde
+von Kamanita bringen, ob er noch am Leben sei, und wie es ihm ergehe.
+Was mir nun der Räuber einst versprach, das fordere ich jetzt vom
+Mönche. Denn mein Verlangen zu wissen, ob Kamanita lebt und wie er lebt,
+ist ein so gebieterisches, daß, bevor es nicht gestillt worden ist, für
+keinen anderen Gedanken, für kein anderes Gefühl in meiner Seele Raum
+ist, und es mir somit unmöglich ist, auch nur den kleinsten Schritt
+weiter auf diesem unserem Heilswege zu tun. Deshalb mußt du dies für
+mich tun und mein Gemüt durch irgend eine Gewißheit beruhigen."
+
+Nachdem ich also gesprochen hatte, erhob sich Angulimala und sagte:
+
+"Wie du es eben, Schwester Vasitthi, von mir verlangst," verbeugte sich
+tief und schritt zur Tür hinaus.
+
+Er ging aber geradeswegs nach seiner Zelle, um seine Almosenschale zu
+holen und verließ noch in derselben Stunde den Sinsapawald. Man glaubte
+allgemein, er sei dem Erhabenen nachgepilgert. Nur ich kannte das Ziel
+seiner Wanderung.
+
+Nach diesem Schritt fühlte ich mich in der Tat etwas beruhigt, obwohl
+ich bald zu zweifeln anfing, ob ich ihm nicht einen Gruß oder eine
+Botschaft an den Geliebten hätte mitgeben sollen. Aber es kam mir
+unpassend und unheilig vor, einen Mönch auf solche Weise als
+Liebesvermittler zu gebrauchen, während er doch ganz gut nach einer
+entfernten Stadt gehen und berichten konnte, was er dort gesehen. Auch
+würde es etwas ganz anderes sein--meinte ich mit geheimer Hoffnung--wenn
+er, ohne einen Auftrag zu haben und nur seinem eigenen Urteil folgend,
+sich entschließen sollte, mit dem Geliebten von mir zu sprechen.
+
+"Ich selber werde nach Ujjeni gehen und ihn heil und sicher
+herbringen"--diese Worte hallten immer in meinem Innersten wider. Würde
+der Mönch vielleicht das Versprechen des Räubers einlösen? Warum denn
+nicht, wenn er selber einsah, daß es für uns beide notwendig war,
+einander zu sehen und zu sprechen?
+
+Und damit kam ein neuer Gedanke, der, von einem, ungeahnten
+Hoffnungsschimmer umstrahlt, mich zunächst blendete und verwirrte. Wenn
+mein Geliebter zurückkäme--was hinderte mich dann, aus dem Orden
+auszutreten und seine Frau zu werden?
+
+Als diese Frage auftauchte, bedeckte eine brennende Röte mein Gesicht,
+das ich unwillkürlich in meinen Händen verbarg aus Furcht, jemand könne
+mich gerade beobachten. Welcher häßlichen Mißdeutung würde nicht eine
+solche Handlung ausgesetzt sein! Sähe das nicht aus, als ob ich den
+Orden des Buddha lediglich als eine Brücke betrachtet hätte, um aus
+einer unlieben Heirat in eine liebe hinüberzuwandeln? Gewiß würde das
+von Vielen so ausgelegt werden. Aber was könnte mir schließlich am
+Urteil Anderer liegen? Und wieviel besser wäre es nicht, eine fromme
+Laienschwester zu sein, die treu zum Orden hielt, als eine
+Ordensschwester, deren Herz außerhalb des Ordens weilte.
+
+Ja, wenn auch Angulimala mir nur die Mitteilung brächte, daß mein
+Kamanita noch lebe, und ich der Schilderung ihrer Begegnung entnähme,
+daß der Geliebte mir noch immer in treuer Sehnsucht ergeben sei: dann
+würde ich ja auch selber nach Ujjeni pilgern können. Und ich malte mir
+aus, wie ich eines Morgens als wandernde Asketin am Eingange deines
+Hauses stehen würde, wie du mir dann eigenhändig die Almosenschale
+füllen und mich dabei erkennen würdest--und dann die ganze
+unbeschreibliche Freude, uns wiedergefunden zu haben.
+
+Freilich war es eine weite Wanderung nach Ujjeni, und es geziemte einer
+Nonne nicht, allein zu pilgern. Aber ich brauchte nicht lange nach einer
+Begleiterin zu suchen. Gerade in dieser Zeit fand Somadatta ein
+trauriges Ende. Seine Leidenschaft für die unseligen Würfel hatte immer
+mehr die Oberhand gewonnen, und nachdem er seine ganze Habe verspielt
+hatte, ertränkte er sich in der Ganga. Die tief erschütterte Medini trat
+nunmehr in den Orden ein. Es mochte wohl weniger das religiöse Leben
+selbst in seiner herben Strenge und mit seinem hohen Ziele sein, was sie
+unwiderstehlich in diesen heiligen Hain zog, als vielmehr das Bedürfnis,
+immer in meiner Nähe zu weilen; denn ihr kindliches Herz hing mit
+rührender Treue an mir. Und so zweifelte ich denn auch nicht daran, daß
+sie, wenn ich ihr mein Vorhaben offenbarte, mit mir nach Ujjeni, ja,
+wenn es sein sollte, bis an das Ende der Welt gehen würde. Auch jetzt
+schon gereichte mir ihre Gesellschaft vielfach zur Aufmunterung, wie ich
+denn andererseits auch ihre aufrichtige Trauer über den Verlust ihres
+Gemahls durch tröstende Worte milderte.
+
+Als nun die Zeit kam, wo Angulimalas Rückkehr zu erwarten war, ging ich
+nachmittags immer nach dem südwestlichen Rande des Waldes und setzte
+mich unter einen schönen Baum auf einer mäßigen Anhöhe, von welcher aus
+ich dem Wege, den er kommen mußte, weit mit dem Blicke folgen konnte.
+Ich dachte mir, er würde wohl gegen Abend sein Ziel erreichen.
+
+Eine Woche hielt ich dort vergebens Wache, war aber auch darauf gefaßt,
+einen ganzen Monat lang warten zu müssen. Am achten Tage aber, als die
+Sonne schon so tief stand, daß ich mir mit der Hand die Augen beschatten
+mußte, wurde ich in der Ferne eine Gestalt gewahr, die sich dem Walde
+näherte. Bald erglänzte ihr gelber Mantel, und als sie an einem
+heimkehrenden Waldarbeiter vorüberschritt, erkannte man, daß
+sie von ganz ungewöhnlich hohem Wüchse war. Es war in der Tat
+Angulimala--allein. Meinen Kamanita hatte er nicht "heil und sicher
+mitgebracht"--was tat's? Wenn er mir nur versichern konnte, daß der
+Geliebte am Leben sei, dann würde ich ja selber den Weg zu ihm finden.
+
+Heftig pochte mein Herz, als Angulimala vor mir stand und mich mit
+höflichem Anstand begrüßte.
+
+"Kamanita lebt in seiner Vaterstadt in großem Wohlstand," sagte er, "ich
+habe ihn selber gesehen und gesprochen."
+
+Und er erzählte mir nun, wie er eines Morgens an dein palastähnliches
+Haus gekommen sei, wie deine beiden Frauen ihn gröblich beschimpft
+hätten, wie du dann selber hinzugetreten seiest, die bösen Frauen ins
+Haus gejagt und ihn freundlich und entschuldigend angeredet hättest.
+
+Als er nun Alles--so wie es dir ja bekannt ist--genau berichtet hatte,
+verbeugte er sich vor mir, schlug den Mantel wieder um die Schulter und
+wandte sich um, als ob er in derselben Richtung weiter wandern wollte,
+statt in den Wald hineinzugehen.
+
+Verwundert fragte ich ihn, ob er nicht nach der Halle der Mönche gehe.
+
+"Ich habe nun," antwortete er, "deinen Auftrag getreulich ausgerichtet,
+und nichts gibt es jetzt mehr, was mich hindern könnte, meinen Weg
+ostwärts zu nehmen, in den Spuren des Erhabenen, nach Benares und
+Rajagaha, wo ich ihn nun antreffen werde."
+
+Also sprechend, ging dieser mächtige Mann mit weit ausholenden Schritten
+fürbaß, den Waldrand entlang, ohne sich die geringste Rast zu gönnen.
+
+Ich starrte ihm lange nach und sah, wie die untergehende Sonne seinen
+Schatten weit vor ihm bis zum Hügelrande am Horizonte, ja gleichsam noch
+darüber hinaus streckte, als ob seine Sehnsucht ihm ungestüm vorauseile,
+während ich wie eine Gelähmte zurückblieb ohne ein Sehnsuchtsziel für
+irgend eine liebe Hoffnung.
+
+Mein Herz war gestorben, mein Traum zerronnen. Das herbe Asketenwort:
+"ein Schmutzwinkel ist die Häuslichkeit", hallte durch mein ödes Gemüt
+wider. Auf jener herrlichen Terrasse der Sorgenlosen, unter freiem,
+sternenblinkendem und monddurchstrahltem Himmel war ja meine Liebe
+daheim. Wie hätte ich Törin je daran denken können, sie nach jener
+schmutzwinkligen Häuslichkeit in Ujjeni betteln zu schicken, damit
+zankende Frauen sie mit Schimpfreden begeiferten?
+
+Mit Mühe schleppte ich mich nach meiner Zelle zurück, um mich auf das
+Krankenlager zu strecken. Diese plötzliche Vernichtung meiner fieberhaft
+erregten Hoffnungen war zuviel für meine schon durch monatelange
+Seelenkämpfe erschütterte Widerstandskraft. Mit einer Selbstaufopferung
+ohnegleichen pflegte Medini mich Tag und Nacht. Sobald aber, durch ihre
+Sorgfalt gestützt, mein Geist sich über die Schmerzen und den
+Fieberbrand erheben konnte, reifte mein Wanderplan in einer neuen
+Richtung aus. Nicht dorthin, wo ich Angulimala hingeschickt hatte,
+sondern dorthin, wo er jetzt von selber hinwanderte, wollte ich nun
+pilgern: den Spuren des Erhabenen wollte ich folgen, bis ich ihn träfe.
+War ich denn nicht mit meinem Spruche zu Ende? Wie mit der Liebe Leid
+entsteht, hatte ich ja im tiefsten Grunde erfahren. Und so durfte ich
+denn auch, meinte ich, den Buddha aufsuchen und von der Kraft des
+Heiligen mich neu beleben lassen, um nach dem höchsten Ziele weiter
+vorwärtsstreben zu können.
+
+Ich vertraute denn auch dies mein Vorhaben der guten Medini an, die
+sofort mit wahrem Feuereifer den unerwarteten Gedanken aufnahm und sich
+in ihrem kindlichen Gemüt ausmalte, wie herrlich es sein würde, mit mir
+zusammen durch liebliche Gegenden zu streifen, frei wie die Vögel durch
+die Luft, wenn die Wanderzeit sie nach fernen Himmelsstrichen ruft.
+
+Freilich mußten wir erst geduldig warten, bis ich wieder hinlänglich zu
+Kräften gekommen war. Und als dies einigermaßen der Fall war, legte uns
+die schon eingetretene Regenzeit eine noch längere Geduldsprobe auf.
+
+In seiner letzten Rede hatte der Erhabene uns zugerufen:
+
+"Gleich wie etwa, wenn im letzten Monat der Regenzeit, im Herbste, nach
+Zerstreuung und Vertreibung der wasserschwangeren Wolken, die Sonne am
+Himmel aufgeht und alle Nebel der Lüfte strahlend verscheucht und flammt
+und leuchtet: ebenso nun auch, ihr Jünger, erscheint da diese
+Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt, und
+verscheucht strahlend die Redereien gewöhnlicher Büßer und Geistlicher
+und flammt und leuchtet."
+
+Als nun die Natur ringsum uns dies Bild verwirklichte, verließen wir den
+Krishnahain vor Kosambi, und unsere Schritte ostwärts lenkend, eilten
+wir jener Sonne einer heiligen Lebensführung entgegen.
+
+
+
+
+XLIII. DAS NIRVANA DES VOLLENDETEN
+
+
+Meine Entkräftung erlaubte es mir nicht, lange Tageswanderungen zu
+unternehmen und nötigte uns bisweilen, uns einen Ruhetag zu gönnen, so
+daß wir erst nach einer einmonatigen Pilgerfahrt in Vesali ankamen, wo,
+wie wir wußten, der Erhabene sich längere Zeit aufgehalten hatte, von wo
+er aber vor etwa sechs Wochen weiter gewandert war.
+
+Kurz vorher hatten wir in einem Dorfe, wo Anhänger der Lehre wohnten,
+gehört, daß Sariputta und Moggallana in das Nirvana eingegangen waren.
+Der Gedanke, daß diese beiden großen Jünger, die Häuptlinge der Lehre,
+wie wir sie nannten, nicht mehr auf Erden weilten, erschütterte mich
+tief. Wohl wußten wir alle, daß auch diese Großen, ja der Buddha selber,
+nur Menschen waren wie wir; aber die Vorstellung, daß sie uns verlassen
+könnten, war nie in uns aufgetaucht. Sariputta, der mir so oft auf seine
+bedächtige Weise schwierige Fragen der Lehre gelöst hatte, war
+davongegangen. Er war der Jünger, der dem Meister ähnlich sah, und er
+stand wie der Erhabene in seinem achtzigsten Lebensjahre; wäre es
+möglich, daß auch der Buddha selber sich schon dem Ende seines
+Erdenlebens näherte?
+
+Vielleicht, daß die Unruhe, die durch diese Furcht entstand, einen
+schleichenden Rest meines Fieberzustandes wieder anschürte: jedenfalls
+kam ich erschöpft und krank in Vesali an. Hier lebte eine reiche
+Anhängerin des Ordens, die es sich angelegen sein ließ, für die
+durchziehenden Mönche und Nonnen auf jede Weise zu sorgen. Wie sie nun
+erfuhr, daß eine kranke Nonne angekommen sei, suchte sie mich sofort
+auf, brachte Medini und mich nach ihrem Hause und pflegte mich dort
+sorgsam.
+
+Ihr gegenüber äußerte ich gar bald meine Furcht: ob es wohl möglich sei,
+daß der Erhabene, der ebenso alt sei wie Sariputta, uns nun auch bald
+verlassen würde?
+
+Da brach die fromme Seele in einen Strom von Tränen aus und rief
+schluchzend:
+
+"Ach! So weißt du es denn noch nicht? Hier in Vesali--vor zwei Monaten
+etwa--hat ja der Gesegnete vorausgesagt, daß nach drei Monaten sein
+Nirvana stattfinden wird. Wir haben ihn alle hier zum letzten Male
+gesehen. Und man denke: wenn nur Ananda Verstand genug besessen und zu
+rechter Zeit gesprochen hätte, dann wäre das nimmer geschehen, und der
+Buddha hätte bis zum Ende dieser Weltperiode fortgelebt!"
+
+Ich fragte, was denn der gute Ananda damit zu tun habe, und auf welche
+Weise er eine solche Rüge verdient habe.
+
+"Auf folgende Weise," antwortete die Frau. "Eines Tages weilte der
+Erhabene mit Ananda vor der Stadt bei dem Capala-Tempel. Da sagte nun
+der Gesegnete zu Ananda: wer auch immer die geistigen Kräfte in sich
+vollkommen entwickelt habe, der könne, wenn er wolle, durch eine ganze
+Weltperiode am Leben bleiben. O über diesen einfältigen Ananda, daß er,
+trotz dieses deutlichen Winkes, nicht sofort sprach: 'Möge doch der
+Erhabene eine Weltperiode hindurch zum Heile Vieler am Leben bleiben!'
+Sicher war sein Geist von Mara, dem Bösen, besessen, da er seine Bitte
+erst dann vorbrachte, als es zu spät war."
+
+"Wie konnte es aber zu spät sein," fragte ich, "da ja der Erhabene noch
+lebt?"
+
+"Das war folgendermaßen. Du mußt nämlich wissen, vor fünfzig Jahren, als
+der Erhabene in Uruvela sich das Buddhawissen errungen hatte, und nach
+siebenjährigem Kampfe den Besitz heiliger Gemütsruhe genießend, unter
+dem Nyagrodhabaume des Ziegenhirten weilte: da nahte sich ihm Mara, der
+Böse, gar sehr besorgt wegen der Gefahr, die seinem Reiche durch den
+Buddha drohte; und in der Hoffnung, die Verbreitung der Lehre zu
+verhindern, sprach er: 'Heil dir! Jetzt ist es Zeit für den Erhabenen,
+in das Nirvana einzugehen!' Aber der Buddha antwortete: 'Nicht eher
+werde ich, du Böser, in das Nirvana eingehen, als bis ich der Menschheit
+die Lehre verkündet habe; nicht eher, als bis ich mir Jünger geworben
+habe, die imstande sind, diese Lehre gegen Angriffe zu verteidigen und
+sie weiter zu verkünden. Erst dann, Böser, werde ich in das Nirvana
+eingehen, wenn das Reich der Wahrheit fest begründet ist.'
+
+Nachdem nun aber der Erhabene hier am Çapalaheiligtum so, wie ich dir
+sagte, zu Ananda gesprochen hatte und dieser, ohne den Wink zu
+verstehen, weggegangen war, nahte sich Mara, der Böse, dem Erhabenen und
+sprach zu ihm: 'Heil dir! Jetzt ist für den Erhabenen die Zeit gekommen,
+in das Nirvana einzugehen. Was mir der Erhabene damals unter dem
+Nyagrodhabaume des Ziegenhirten zu Uruvela als Bedingung für sein
+Nirvana angab, das ist ja jetzt erfüllt. Fest gegründet ist das Reich
+der Wahrheit. Möge also der Erhabene jetzt in das Nirvana eingehen!' Da
+sprach der Buddha zu Mara, dem Bösen, also: 'Sei du, o Böser, ohne
+Sorge! Das Nirvana des Vollendeten wird bald stattfinden; nach Verlauf
+von drei Monaten von jetzt ab wird der Vollendete in das Nirvana
+eingehen.' Bei diesen Worten aber erzitterte die Erde, wie du es wohl
+auch selber bemerkt haben wirst."
+
+In der Tat hatten wir in Kosambi, etwa einen Monat bevor ich den
+heiligen Hain verließ, ein leichtes Erdbeben gespürt, was ich ihr nun
+auch sagte.
+
+"Siehst du!" rief die Frau erregt--"überall haben sie es gespürt. Die
+ganze Erde bebte, und die Trommeln der Götter dröhnten, als der
+Vollendete auf längere Lebensdauer verzichtete. Ach, daß doch der
+einfältige Ananda zu rechter Zeit den ihm so deutlich gegebenen Wink
+verstanden hätte! Denn als er nun, durch dies Erdbeben aus seiner
+Selbstvertiefung geweckt, zum Erhabenen zurückkam und ihn bat, er möge
+doch noch den Rest dieser Weltperiode hindurch am Leben bleiben:--da
+hatte ja der Vollendete schon Mara sein Wort gegeben und auf längere
+Lebensdauer verzichtet."
+
+Aus diesen Reden der frommen, aber etwas abergläubischen Frau entnahm
+ich, daß der Erhabene während seines Aufenthaltes in Vesali Zeichen des
+herannahenden Todes gespürt und wohl den Jüngern gesagt habe, daß er
+bald sterben würde.
+
+So litt es mich denn nicht länger unter dem gastlichen Dache. Ich mußte
+den Buddha erreichen, bevor er uns verließ. Das war ja unser großer
+Trost gewesen, daß wir uns immer an ihn, den unerschöpflichen Quell der
+Wahrheit, wenden konnten. Nur von ihm konnten ja alle Zweifel meiner
+geängstigten Seele gelöst werden; nur er in der ganzen Welt war ja
+imstande, mir den Frieden wiederzugeben, den ich einst gekostet hatte,
+als ich am alten Krishnatempel im Sinsapawalde bei Kosambi ihm zu Füßen
+saß.
+
+So brachen wir denn auf, als, nach Verlauf von zehn Tagen meine Kräfte
+mir das Wandern einigermaßen erlaubten. Meine gute Wirtin, die sich ein
+Gewissen daraus machte, mich in meinem geschwächten Zustande weitergehen
+zu lassen, tröstete ich mit dem Versprechen, ihren Gruß dem Erhabenen zu
+Füßen zu legen.
+
+Wir gingen nun in nordwestlicher Richtung weiter in den Spuren des
+Erhabenen, die wir immer frischer fanden, je weiter wir vordrangen, von
+Ort zu Ort uns erkundigend. In Ambagama war er acht Tage vorher gewesen;
+den Salahain von Bhoganagara hatte er drei Tage vor unserer Ankunft
+verlassen, um sich nach Pava zu begeben.
+
+Sehr ermüdet trafen wir am frühen Nachmittage in diesem Orte ein.
+
+Das erste Haus, das uns auffiel, gehörte einem Kupferschmied, wie an den
+vielen Metallwaren zu erkennen war, die an der Mauer entlang standen.
+Aber kein Hammerschlag ertönte; es schien ein Feiertag zu sein, und im
+Hofe wurden am Brunnen von den Dienern Schüsseln und Platten abgespült,
+als ob dort eine Hochzeit stattgefunden hätte.
+
+Da trat ein kleiner, festlich gekleideter Mann auf uns zu und bat
+höflich, unsere Almosenschalen füllen zu dürfen.
+
+"Wäret ihr einige Stunden früher gekommen," fügte er hinzu, "dann hätte
+ich bei meinem Feste noch zwei liebe und würdige Gäste gehabt, denn euer
+Meister, der Erhabene, hat heute mit seinen Mönchen bei mir gespeist."
+
+"So ist denn der Erhabene noch hier in Pava?"
+
+"Jetzt nicht mehr, Ehrwürdigste," antwortete der Kupferschmied. "Gleich
+nach der Mahlzeit wurde der Erhabene von einer schweren Krankheit
+befallen, mit scharfen Schmerzen, die ihn einer Ohnmacht nahe brachten,
+so daß wir alle sehr erschraken. Aber der Erhabene überwand diesen
+Anfall und begab sich vor etwa einer Stunde weiter nach Kusinara."
+
+Am liebsten wäre ich sofort weiter gewandert, denn was der Schmied von
+diesem Krankheitsanfall sagte, ließ mich das Schlimmste befürchten. Aber
+es war eine gebieterische Notwendigkeit, den Körper nicht nur durch
+Speise, sondern auch durch kurze Ruhe zu stärken.
+
+Der Weg von Pava nach Kusinara war nicht zu verfehlen. Er führte bald
+von den bebauten Feldern fort, durch Tigergras und Gestrüpp, immer
+tiefer in die Dschungeln. Wir durchwateten einen kleinen Fluß und
+erfrischten uns ein wenig durch Baden. Nach kurzer Ruhe brachen wir
+wieder auf. Es wollte Abend werden, und ich konnte mich nur mit Mühe
+weiterschleppen.
+
+Medini versuchte mich zu überreden, unter einem Baume auf einer kleinen
+Anhöhe zu übernachten. Es habe keine so große Eile:
+
+"Dies Kusinara ist wohl nicht viel mehr als ein Dorf und scheint ganz in
+den Dschungeln begraben zu sein. Wie kannst du nur glauben, daß der
+Vollendete hier sterben wird? Gewiß wird er einmal im Jetavanapark bei
+Savitti, oder in einem seiner beiden Haine bei Rajagaha von dannen
+scheiden; aber der Erhabene wird doch nicht in dieser Einöde erlöschen!
+Wer hat denn je von Kusinara gehört?"
+
+"Vielleicht wird man von jetzt ab von Kusinara hören," sagte ich und
+ging weiter.
+
+Meine Kräfte waren aber bald so erschöpft, daß ich mich entschließen
+mußte, die nächste baumlose Anhöhe zu besteigen, in der Hoffnung, von
+dort aus die Nähe Kusinaras erkennen zu können. Sonst mußten wir die
+Nacht dort oben zubringen, wo wir dem Angriffe der Raubtiere und
+Schlangen weniger ausgesetzt waren und auch den fiebererzeugenden
+Ausdünstungen einigermaßen entrückt blieben.
+
+Dort oben angelangt, spähten wir vergebens nach einem Anzeichen
+menschlicher Wohnsitze aus. Scheinbar ununterbrochen stiegen die
+Dschungeln vor uns allmählich aufwärts, wie ein Teppich, den man in die
+Höhe zieht. Bald aber tauchten große Bäume aus dem niedrigen Gebüsch
+auf; die dichten Laubmassen eines Hochwaldes wölbten ihre Kuppeln
+übereinander, und in einer schwarzen Schlucht schäumte ein Wildbach,
+derselbe Strom, in dessen ruhig fließendem Wasser wir kurz vorher
+gebadet hatten.
+
+Den ganzen Tag über war es schwül und trübe gewesen. Hier wehte uns nun
+ein frischer Hauch entgegen, und immer klarer wurde es vor unseren
+Augen, als ob ein Schleier nach dem andern gelüftet würde.
+
+Ungeheure Felsenmauern türmten sich über dem Walde empor, und als ihr
+Dach bauten grüne Bergkuppen sich immer höher hinauf--bewaldete Berge
+mußten es ja sein, obwohl sie wie Mooskissen aussahen--immer höher, bis
+sie im Himmel selber zu verschwinden schienen.
+
+Nur eine einzige langgestreckte, rötliche Wolke schwebte dort oben.
+
+Während wir sie betrachteten, fing sie an gar seltsam zu glühen.
+Gleichwie wenn mein Vater mit der Zange ein Stück geläuterten Goldes aus
+dem Schmelzofen herausnahm und, nachdem es abgekühlt war, es auf eine
+lichtblaue seidene Decke hinlegte: also erglänzte jetzt dies leuchtende
+Luftgebilde in scharf begrenzten goldig-blanken Flächen; dazwischen aber
+dämmerten duftig hellgrüne Streifen und zogen sich fächerförmig nach
+unten, indem sie erblassend in die farblose Luftschicht untertauchten,
+als ob sie die grünen Bergkuppen erreichen wollten. Immer rötlicher
+glühten die Flächen, immer grüner wurden die Schatten.
+
+Das war keine Wolke!
+
+"Der Himavat!" flüsterte Medini, überwältigt und ergriffen meinen Arm
+berührend.
+
+Ja, da erhob er sich vor uns, der Berg der Berge, die Stätte des ewigen
+Schnees, die Wohnung der Götter, der Aufenthalt der Heiligen! Der
+Himavat--schon von Kindheit an hatte mich dieser Name mit tiefen
+Gefühlen von Scheu und Ehrfurcht, mit heimlicher Ahnung des Erhabenen
+erfüllt! Wie oft hatte ich in Sagen und Märchen den Satz gehört: "und er
+begab sich nach dem Himavat und lebte dort ein Asketenleben"! Zu
+Tausenden und Abertausenden waren sie dort hinaufgestiegen, die
+Erlösungsuchenden, um in der Bergeinsamkeit durch Bußübungen sich das
+Heil zu erringen--jeder mit seinem Wahn: und nun nahte er, der einzige
+Wahnlose, dessen Spuren wir folgten.
+
+Während ich also dachte, erlosch das leuchtende Bild, als ob der Himmel
+es in sich aufgesogen hätte.
+
+Ich fühlte mich aber durch diesen Anblick so wunderbar belebt und
+gestärkt, daß ich an keine Ruhe mehr dachte.
+
+"Wenn auch der Erhabene," sagte ich zu Medini, "uns bis zu jenem Gipfel
+voranschritt, um von solchem erhabenen Standorte aus in jenes höchste
+der Gefilde einzugehen: so würde ich ihm doch folgen und ihn erreichen."
+
+Und ich wanderte mutig weiter. Wir waren aber keine halbe Stunde
+gegangen, da verschwand das Gestrüpp plötzlich, und bebautes Land lag
+vor uns. Es war schon ganz dunkel, und der Vollmond ging groß und
+glühend über dem uns gegenüberliegenden Walde auf, als wir endlich
+Kusinara erreichten.
+
+Es war in der Tat nicht viel mehr als ein Dorf der Mallas, mit Mauern
+und Häusern von gestampftem Lehm und Weidengeflecht. Mein erster
+Eindruck war, daß eine verheerende Krankheit das Städtchen entvölkert
+haben müsse. Vor den Haustüren saßen einige alte und kranke Leute und
+jammerten laut.
+
+Wir fragten sie, was denn geschehen sei.
+
+"Ach," riefen sie händeringend: "Gar zu bald wird der Vollendete
+sterben. Noch in dieser Stunde wird das Licht der Welt erlöschen. Die
+Mallas sind nach dem Salahain gegangen, um den Heiligen zu sehen und zu
+verehren. Denn kurz vor Sonnenuntergang kam Ananda in unsere Stadt und
+begab sich zur Markthalle, wo die Mallas eine öffentliche Sache
+berieten, und sagte: 'Heute, noch vor Mitternacht, o Mallas, wird das
+Nirvana des Vollendeten stattfinden. Sorget, daß ihr euch nicht später
+einen Vorwurf machen müßt: in unserer Stadt ist der Buddha gestorben,
+und wir benutzten nicht die Gelegenheit, um den Vollendeten in seinen
+letzten Stunden zu besuchen.' So zogen denn die Mallas mit Weibern und
+Kindern, klagend und jammernd, nach dem Salahain. Wir aber sind zu alt
+und schwach, wir mußten hier zurückbleiben und können den Erhabenen
+nicht in seinen letzten Stunden verehren."
+
+Wir ließen uns nun den Weg von der Stadt nach jenem Salahaine zeigen.
+Dieser Weg war aber, als wir ihn betraten, schon gänzlich angefüllt mit
+den Scharen der zurückkehrenden Mallas. Wir eilten also lieber
+querfeldein, nach einer Ecke des Wäldchens zu.
+
+Hier stand, an einen Baumstamm gelehnt, ein Mönch und weinte. In dem
+Augenblick, da ich ergriffen stehen blieb, erhob er sein Antlitz zum
+Himmel--das volle Mondlicht fiel auf die schmerzdurchdrungenen Züge, und
+ich erkannte Ananda.
+
+"So bin ich doch zu spät gekommen," sagte ich mir, und ich fühlte, wie
+meine Kräfte mich verließen.
+
+Ich vernahm aber ein Rascheln im Gebüsch und sah einen riesengroßen
+Mönch hervortreten und seine Hand auf Anandas Schulter legen:
+
+"Bruder Ananda, der Meister ruft dich."
+
+So sollte ich doch noch den Buddha in seinen letzten Augenblicken sehen!
+Sofort kehrten meine Kräfte wieder und befähigten mich, den beiden zu
+folgen.
+
+Jetzt bemerkte und erkannte Angulimala uns. Seinen besorgten Blick
+richtig deutend, sagte ich:
+
+"Fürchte nicht, Bruder, daß wir durch lautes Weinen und weibisches
+Klagen die letzten Augenblicke des Vollendeten stören werden. Wir haben
+uns von Vesali bis hierher keine Ruhe gegönnt, um den Erhabenen noch zu
+sehen. Verwehre uns den Zutritt nicht, wir wollen stark sein."
+
+Da winkte er uns, ihnen zu folgen.
+
+Wir hatten nicht weit zu gehen.
+
+Auf einer kleinen Waldwiese waren wohl an die zweihundert Brüder
+versammelt und standen da in einem Halbkreise. In der Mitte erhoben sich
+zwei Salabäume, die eine einzige Masse von weißen Blüten bildeten, und
+unter ihnen, auf einem Lager von gelben Mänteln, die zwischen den beiden
+Stämmen ausgebreitet waren, ruhte der Vollendete, den Kopf auf den
+rechten Arm gestützt. Und die Blüten regneten leise über ihn herab.
+
+Hinter ihm sah ich im Geiste die jetzt im Nachtdunkel verborgenen, in
+ewigen Schnee gehüllten Zinnen des Himavat, von denen ich soeben einen
+flüchtigen, traumhaften Anblick genossen hatte, dem ich es verdankte,
+daß ich jetzt hier vor dem Vollendeten stand. Der überirdische Glanz
+aber, der von ihnen herübergegrüßt hatte, strahlte mir jetzt in
+geistiger Verklärung von seinem Gesichte wider. Auch er, der Erhabene,
+schien ja, ebenso wie jene wolkenartig schwebenden Gipfel, der Erde gar
+nicht anzugehören, und doch war er wie sie, von derselben Ebene aus, die
+uns alle trägt, bis zu jener unermeßlichen Geisteshöhe emporgestiegen,
+von welcher aus er jetzt im Begriff stand, dem Blick der Menschen und
+der Götter zu entschwinden.
+
+Und er sprach zu dem vor ihm stehenden Ananda:
+
+"Ich weiß wohl, Ananda, daß du einsam weintest in dem Gedanken: 'Ich bin
+noch nicht frei von Sünden, ich habe noch nicht das Ziel erreicht, und
+mein Meister wird jetzt in das Nirvana eingehen--er, der sich meiner
+erbarmte.' Aber nicht also, Ananda--klage nicht, jammere nicht! Habe ich
+es dir nicht zuvor gesagt, Ananda:--von Allem, was man lieb hat, muß man
+scheiden? Wie wäre es möglich, Ananda, daß das, was entstanden ist,
+nicht verginge? Du aber, Ananda, hast lange Zeit den Vollendeten geehrt,
+in Liebe und Güte, mit Freuden, ohne Falsch. Du hast Gutes getan. Strebe
+ernstlich, und du wirst bald frei sein von Sinnenbegier, von Ichsucht
+und von Irrwahn."
+
+Wie um zu zeigen, daß er sich nicht mehr von Trauer überwältigen ließe,
+fragte nun Ananda, indem er mit Gewalt seine Stimme beherrschte, was die
+Jünger mit den sterblichen Resten des Vollendeten tun sollten.
+
+"Laßt euch das nicht kümmern," antwortete der Buddha. "Es gibt weise und
+fromme Anhänger unter den Adligen, unter den Brahmanen, unter den
+bürgerlichen Hausvätern--sie werden den sterblichen Resten des
+Vollendeten die letzte Ehre erweisen. Ihr aber habt Wichtigeres zu tun.
+Gedenket des Ewigen, nicht des Sterblichen; eilet vorwärts, schauet
+nicht zurück."
+
+Und indem er seinen Blick im Kreise herumgehen ließ und jeden einzelnen
+ansah, sprach er weiter:
+
+"Es möchte sein, ihr Jünger, daß ihr also denkt: 'das Wort hat seinen
+Meister verloren, wir haben keinen Meister mehr.' Aber so müßt ihr nicht
+meinen. Die Lehre, ihr Jünger, die ich euch gelehrt habe, die ist euer
+Meister, wenn ich von dannen gegangen bin. Darum haltet euch an keiner
+äußeren Stütze. Haltet fest an der Lehre, wie an einer Stütze! Seid eure
+eigene Leuchte, eure eigene Stütze."
+
+Auch mich bemerkte er dann--voll Mitleid ruhte der Blick des
+Allerbarmers auf mir, und ich fühlte, daß mein Pilgergang nicht
+vergeblich gewesen war.
+
+Nach einer kurzen Weile sprach er dann:
+
+"Es möchte sein, ihr Jünger, daß in jemand von euch irgend ein Zweifel
+aufstiege hinsichtlich des Meisters oder hinsichtlich der Lehre. Fragt
+frei, ihr Jünger, auf daß ihr euch nicht später den Vorwurf zu machen
+habt: 'der Meister war bei uns, von Angesicht zu Angesicht, und wir
+haben ihn nicht gefragt.'"
+
+Da er also gesprochen, also uns aufgefordert hatte, schwiegen Alle.
+
+Wie hätte wohl auch da noch ein Zweifel bestehen können angesichts des
+dahinscheidenden Meisters? Wie er dalag, von milden Mondstrahlen
+überflutet--als ob himmlische Genien ihm das Sterbebad bereiteten; von
+den niederregnenden Blüten bestreut--als ob die Erde ihren Verlust
+beweine; inmitten der tief erschütterten Jüngerschar selber
+unerschüttert, ruhig, heiter: wer fühlte da nicht, daß dieser vollkommen
+Heilige auf ewig alles Unvollkommene abgetan, alle Übel überwunden
+hatte? Was sie da "das sichtbare Nirvana" nennen, das sahen wir ja vor
+uns in den leuchtenden Zügen des weltverlassenden Buddha.
+
+Und Ananda faltete seine Hände und sagte, inniglich ergriffen:
+
+"Wie wunderbar ist doch dies, o Herr! Wahrlich, ich glaube, in dieser
+ganzen Versammlung ist auch nicht einer, in dem sich ein Zweifel regt."
+
+Und der Erhabene antwortete ihm:
+
+"Aus der Fülle deines Glaubens, Ananda, hast du gesprochen. Ich aber
+weiß, daß in keinem sich ein Zweifel regt. Selbst wer am weitesten
+zurück war, ist erleuchtet worden und wird schließlich das Ziel
+erreichen."
+
+Bei dieser Verheißung war es wohl jedem von uns, als ob eine starke Hand
+ihm die Pforte der Ewigkeit auftue.
+
+Noch einmal öffneten sich die Lippen, die der Welt die höchste und
+letzte Wahrheit verkündet hatten:
+
+"Wohlan, ihr Jünger, wahrlich, ich sage euch: vergänglich ist jegliche
+Gestaltung. Ringet ohne Unterlaß!"
+
+Das waren die letzten Worte des Erhabenen.
+
+
+
+
+XLIV. VASITTHIS VERMÄCHTNIS
+
+
+Und es waren die letzten, die ich auf Erden vernahm.
+
+Meine Lebenskraft war erschöpft, das Fieber umnebelte meine Sinne. Wie
+flüchtige Traumbilder sah ich noch Gestalten um mich her--Medinis
+Gesicht war oft dem meinigen nahe. Dann wurde Alles dunkel. Plötzlich
+aber war es mir, als ob ein kühles Bad meinen Fieberbrand lösche. Nein,
+ich fühlte mich, wie ein Wanderer, in der Sonnenglut an einem Teiche
+stehend, sich wohl vorstellen mag, daß die Lotuspflanze sich fühlen muß,
+die, gänzlich in quellenkühles Naß getaucht, ihre Labung mit allen
+Fasern einsaugt. Gleichzeitig hellte es sich nach oben auf, und ich sah
+dort über mir eine große schwimmende, rote Lotusrose; und über ihren
+Rand neigte sich dein liebes Gesicht hervor. Da stieg ich von selber
+aufwärts und ich erwachte neben dir, im Paradiese des Westens!"
+
+"Und gepriesen seist du," sagte Kamanita, "daß du, von deiner Liebe
+gelenkt, jenen Weg nahmst. Wo wäre ich wohl jetzt, wenn du dich mir dort
+nicht zugesellt hättest? Zwar weiß ich nicht, wohin wir uns aus den
+Trümmern dieses schrecklichen Weltunterganges retten können--doch du
+flößest mir Zuversicht ein, denn du scheinst von diesen Schrecknissen so
+unerschüttert zu sein, wie der Sonnenstrahl vom Sturm."
+
+"Wer das Größte gesehen hat, mein Freund, den bewegt das Geringere
+nicht. Geringfügig aber ist ja dies, daß Tausende und Abertausende von
+Welten vergehen, im Vergleich damit, daß ein vollendeter Buddha in das
+Nirvana eingeht. Denn alles dies, was wir rings um uns sehen, ist nur
+eine Veränderung, und alle diese Wesen werden wieder ins Dasein treten.
+Jener hunderttausendfache Brahma, der sich zornglühend gegen das
+Unabänderliche sträubt und wohl gar _uns_ neidisch ansieht, weil wir
+noch ruhig leuchten: der wird auf irgend einer niedrigeren Stufe wieder
+erscheinen, während vielleicht ein hochstrebender Menschengeist als der
+Brahma entsteht; jedes Wesen aber wird sich dort befinden, wo sein
+innerster Herzenswille und seine Geisteskraft es hinführt. Im ganzen
+jedoch wird Alles sein wie es war, weder besser noch schlimmer; weil es
+eben gleichsam aus demselben Stoff gemacht ist. Deshalb nenne ich dies
+geringfügig. Und deshalb ist es nicht nur keineswegs schrecklich,
+sondern sogar erfreulich, diesen Weltuntergang zu erleben. Denn wäre
+diese Brahmawelt ewig, dann gäbe es ja nichts Höheres."
+
+"So weißt du denn ein Höheres als diese Brahmawelt?"
+
+"Diese Brahmawelt ist, wie du siehst, vergänglich. Aber es gibt ein
+Unvergängliches, ein Ungewordenes. 'Es gibt,' sagt der Herr, 'eine
+Stätte, wo nicht Erde noch Wasser ist, nicht Licht noch Luft, weder
+Raumunendlichkeit noch Bewußtseinsunendlichkeit, weder Vorstellung noch
+Nichtvorstellung. Das heiße ich, ihr Jünger, weder Kommen noch Gehen,
+weder Sterben noch Geburt; das ist des Leidens Ende, die Stätte der
+Ruhe, das Land des Friedens, das unsichtbare Nirvana.'"
+
+"Hilf mir, du Heilige, daß wir dort, im Lande des Friedens,
+auferstehen!"
+
+"'Auferstehen'--hat der Herr gesagt--"das trifft dort nicht zu;
+Nichtauferstehen, das trifft dort nicht zu. Womit du bezeichnend irgend
+etwas greifbar machen und erfassen kannst--das trifft dort nicht zu.'"
+
+"Was soll mir aber das Ungreifbare?"
+
+"Lieber frage: was greifbar ist, ist das noch wert, die Hand danach
+auszustrecken?"
+
+"Ach, Vasitthi, wahrlich, ich glaube, einst muß ich einen Brahmanenmord
+oder ein ähnliches Verbrechen begangen haben, das mich mit seiner
+Vergeltung so grausam in dem Gäßchen Rajagahas traf. Denn wäre ich dort
+nicht jäh ums Leben gekommen, so hätte ich dem Erhabenen zu Füßen
+gesessen, ja gewiß wäre ich auch wie du bei seinem Nirvana zugegen
+gewesen. Und ich würde sein wie du bist.--Aber wohlan, Vasitthi--während
+uns noch Gedanken und Vorstellungen gehören, tue mir dies zu Liebe.
+Beschreibe mir den Vollendeten genau, auf daß ich ihn im Geiste sehe und
+somit das erreiche, was mir auf Erden nicht vergönnt war: gewiß wird das
+mir den Frieden geben."
+
+"Gern, mein Freund," antwortete Vasitthi. Und sie schilderte ihm die
+Erscheinung des Vollendeten, Zug um Zug, auch nicht das Geringste
+vergessend.
+
+Aber mißmutig sagte Kamanita:
+
+"Ach, was helfen Beschreibungen! Was du da sagst, das könnte alles
+ebensogut auf jenen alten Asketen passen, von dem ich dir erzählt habe,
+daß ich mit ihm zusammen zu Rajagaha in der Halle eines Hafners die
+Nacht zubrachte, und der wohl nicht ganz so töricht war, wie ich
+geglaubt habe, denn er hat doch, wie ich jetzt merke, manches Richtige
+gesagt. Wohlan, Vasitthi, sage mir nichts mehr, sondern stelle dir im
+Geiste den Vollendeten vor, bis du ihn siehst, wie du ihn zuletzt von
+Angesicht zu Angesicht gesehen hast; und infolge unserer geistigen
+Gemeinschaft werde ich dann vielleicht an dieser Vision teilnehmen."
+
+"Gern, mein Freund."
+
+Und Vasitthi stellte sich den Vollendeten vor, wie er im Begriff war, in
+das Nirvana einzugehen.
+
+"Siehst du ihn, mein Lieber?"
+
+"Noch nicht, Vasitthi."
+
+"Ich muß dies Phantasiebild versinnlichen," dachte Vasitthi.
+
+Und sie sah sich im unermeßlichen Raume um, wo die Brahmawelt im
+Erlöschen begriffen war.
+
+Gleichwie etwa ein großer Erzgießer, wenn er die Form eines herrlichen
+Götterbildes fertiggestellt hat, und es ihm an Erz gebricht um diese
+Form zu füllen, sich nun in seiner Werkstatt umsieht; und was da alles
+umhersteht an kleinen Götterbildern, Figuren, Vasen und Gefäßen, sein
+ganzes Eigentum, das Werk seines Lebens,--das wirft er alles gern und
+willig in den Schmelzofen, um dies eine herrliche Götterbild vollkommen
+gießen zu können:
+
+also sah Vasitthi sich im unermeßlichen Räume um:
+
+und was da alles noch von erblassendem Licht und zerfließenden Formen
+dieser Brahmawelt übrig war, das zog sie durch ihre Geisteskraft an
+sich, den ganzen Raum entvölkernd, und bannte diese ganze Masse von
+Astralstoff in die Formen ihrer Phantasie und schuf so im Räume ein
+kolossales leuchtendes Bild des Vollendeten, wie er im Begriff war, in
+das Nirvana einzugehen.
+
+Und wie sie dies Bild sich gegenüber erblickte, erhob sich in ihr keine
+Neigung, keine Wehmut.
+
+Denn selbst der große Heilige Upagupta, als er durch die Zauberkunst
+Maras, des Bösen, die Gestalt des längst gestorbenen Buddha zu sehen
+bekam, da erhob sich in ihm Neigung, so daß er sich vor der
+Trugerscheinung anbetend niederwarf und von Wehmut übermannt klagte:
+"Wehe über diese erbarmungslose Unbeständigkeit, daß sie auch so
+herrliche Gestalten auflöst! Denn der so herrliche Körper des großen
+Heiligen unterlag der Vergänglichkeit und ist der Vernichtung
+anheimgefallen."
+
+Nicht aber so Vasitthi.
+
+Unbewegt, gesammelten Geistes betrachtete sie die Erscheinung, wie ein
+Künstler sein Werk, nur darauf bedacht, dieselbe Kamanita mitzuteilen.
+
+"Jetzt fange ich an, eine Gestalt zu sehen," sagte dieser. "O halte sie
+fest, laß sie noch deutlicher aufleuchten!"
+
+Da blickte Vasitthi sich wieder im Raume um.
+
+In seiner Mitte war noch der rotglühende, zornesblitzende Glanz des
+hunderttausendfachen Brahma geblieben.
+
+Und Vasitthi riß durch ihre Geisteskraft diese höchste Gottheit aus
+ihrer Stätte und bannte sie in die Form der Buddhaerscheinung hinein. Da
+erleuchtete sich diese und belebte sich, wie Einer, der einen stärkenden
+Trank genießt.
+
+"Jetzt seh' ich sie schon deutlicher," sagte Kamanita.
+
+Da schien es Vasitthi, als ob der Buddha zu ihr spräche:
+
+"So bist du denn gekommen, meine Tochter. Bist du mit deinem Spruch zu
+Ende?"
+
+Und wie man seinem Traumbilde antwortet, entgegnete Vasitthi:
+
+"Ich bin damit zu Ende, Herr."
+
+"Recht so, meine Tochter! Und der lange Weg hat dich nicht gemüht? Noch
+bedarfst du der Hilfe des Vollendeten?"
+
+"Nein, o Herr, ich bedarf nicht mehr der Hilfe des Vollendeten."
+
+"Recht so, meine Tochter! Bei dir selber hast du Zuflucht genommen, in
+deinem eigenen Selbst ruhest du, Vasitthi."
+
+"Mein Selbst habe ich kennen gelernt, o Herr. Wie man die Blattscheiden
+eines Pisangstammes aufrollt und findet darin kein Kernholz, aus dem
+eine feste Stütze zu zimmern wäre; also habe ich da mein Selbst kennen
+gelernt: ein Haufen wechselnder Gestaltungen, in denen nichts Ewiges
+ist, worin man ruhen könnte. Und ich gebe dies mein Selbst auf: 'das bin
+ich nicht, das gehört mir nicht'--also urteile ich darüber."
+
+"Recht so, meine Tochter! Nur an der Lehre hältst du dich noch fest."
+
+"Die Lehre, o Herr, hat mich zum Ziel gebracht. Wie einer, der mittelst
+eines Flosses einen Strom durchquert hat, wenn er das jenseitige Ufer
+betritt, das Floß nicht festhält, nicht mit sich schleppt: also halte
+ich mich nicht mehr an der Lehre fest, lasse die Lehre fahren."
+
+"Recht so, meine Tochter! Solcherweise nirgend anhänglich haftend, wirst
+du bei mir am Orte des Friedens auferstehen."
+
+"'Auferstehen,' hast du gesagt, o Herr, 'das trifft nicht zu.
+Nichtauferstehen, das trifft nicht zu.' Und auch diese Lehre, daß weder
+Auferstehen noch Nichtauferstehen zutrifft--auch die trifft nicht mehr
+zu. Nichts trifft mehr zu, _und am wenigsten trifft das Nichts zu_. Also
+hab' ich es jetzt verstanden."
+
+Da lächelte die Buddhaerscheinung ein leuchtendes Lächeln.
+
+"Jetzt werde ich auch die Züge gewahr," sagte Kamanita. "Wie ein
+Spiegelbild in fließendem Wasser erkenne ich sie undeutlich. O, halte
+sie fest, stätige sie, Vasitthi!"
+
+Vasitthi sah sich im Raume um.
+
+Der Raum war leer.
+
+Da warf Vasitthi ihre eigene Körperlichkeit in die Astralmasse der
+Erscheinung hinein.
+
+Kamanita merkte, wie Vasitthi entschwand. Wie aber ein Sterbender ein
+Vermächtnis hinterläßt, so hatte Vasitthi ihm jetzt das Buddhabild
+vermacht, das mit ihm allein im Räume zurückblieb, und das er jetzt
+deutlich erkannte.
+
+"Jener alte Asket, mit dem ich in Rajagaha übernachtete und den ich
+töricht schalt, das war ja der Vollendete! O über mich Toren! Gab es je
+einen größeren Toren als mich? Was ich als das höchste Heil, als die
+Erlösung selber ersehnte, das hab' ich ja schon seit Milliarden von
+Jahren besessen!"
+
+Da näherte sich ihm die Erscheinung wie eine heranziehende Wolke und
+hüllte ihn in einen glänzenden Nebel ein.
+
+
+
+
+XLV. WELTENNACHT UND WELTENGRAUEN
+
+
+Wie in einer Festhalle, wenn alle Fackeln und Lampen ausgelöscht sind,
+in einer Ecke vor einem heiligen Bilde ein Lämpchen noch brennen bleibt:
+also blieb Kamanita in der Weltennacht allein zurück.
+
+Denn wie seine Leiblichkeit in den Astralstoff jener Buddhaerscheinung
+gehüllt war, so war seine Seele ganz und gar vom Buddhagedanken umhüllt:
+und das war das Öl, welches die Flamme dieses Lämpchens speiste.
+
+Das ganze Gespräch, das er in der Vorhalle des Hafners zu Rajagaha mit
+dem Erhabenen gehabt hatte, stieg Satz für Satz, Wort für Wort in seiner
+Erinnerung auf. Nachdem er es aber ganz durchgegangen war, hub er wieder
+von vorne an. Und jeder Satz war ihm da wie eine Pforte, von der aus
+sich neue Gedankenwege eröffneten, die wiederum zu anderen führten. Und
+er wanderte sie alle, bedächtigen Schrittes, und nichts war da, was ihm
+dunkel blieb.
+
+Und während sein Geist da solchermaßen den Buddhagedanken in sich
+hineinspann und verarbeitete, sog seine Körperlichkeit immer mehr von
+dem sie umgebenden Astralnebel in sich, so daß dieser endlich
+durchsichtig wurde. Und die Finsternis der Weltennacht fing an sich als
+ein zartes Blau zu zeigen, das immer dunkler ward.
+
+Da dachte Kamanita:
+
+"Draußen herrscht nun die ungeheure Finsternis der Weltennacht. Einst
+aber wird die Zeit kommen, da der Tag graut und eine neue Brahmawelt ins
+Dasein tritt. Wenn mein Sinnen und Trachten nun darauf gerichtet wäre,
+der hunderttausendfache Brahma zu sein, der diese Welt ins Leben rufen
+wird, so sehe ich nicht, wer mir da den Rang ablaufen könnte. Denn
+während alle Wesen jener Brahmawelt in Ohnmacht und Nichtsein versunken
+sind, bin ich hier wach und geistesmächtig zur Stelle. Ja, ich könnte,
+wenn ich wollte, in diesem Augenblick jene Wesen alle ins Dasein rufen,
+jedes an seine Stelle, und den neuen Weltentag beginnen. Eins aber
+könnte ich nicht: Vasitthi könnte ich nimmer wieder ins Dasein rufen.
+Vasitthi ist davongegangen in jenem Entschwinden, das keine Daseinskeime
+zurückläßt; kein Gott und kein Brahma kann sie finden. Was aber soll mir
+ein Leben ohne Vasitthi, die im Leben das Schönste und Beste war? Und
+was soll mir ein Brahmasein, über welches man hinausgehen kann? Was soll
+mir die Zeitlichkeit, wenn es eine Ewigkeit gibt?
+
+"Es gibt eine Ewigkeit und einen Weg in die Ewigkeit. Einst hat mich ein
+alter Waldbrahmane gelehrt, daß um das Herz hundert feine Adern
+gesponnen sind, durch welche die Seele in dem ganzen Körper
+umherschweifen kann; eine einzige Ader aber gäbe es, die zum Scheitel
+führe, und durch diese verlasse die Seele den Körper. So gibt es auch
+hundert, ja tausend und hunderttausend Wege, die in dieser Welt
+umherführen, durch mannigfache Leidensstätten, langwierige und
+kurzwierige, schön ausgestattete und häßlich ausgestattete: Himmel und
+Menschenwelt und Tierreiche und Höllen. Aber einen einzigen Weg gibt es,
+der aus dieser Welt gänzlich hinausführt. Das ist der Weg in die
+Ewigkeit, der Weg ins Unbetretene. Auf diesem Wege befinde ich mich
+jetzt. Wohlan, ich will ihn zu Ende gehen."
+
+Und er dachte den Buddhagedanken von dem zur Leidensvernichtung
+führenden Wege immer weiter.
+
+Und immer dunkler wurde das Blau der durchscheinenden Weltennacht.
+
+Wie dasselbe aber anfing fast schwarz zu werden, leuchtete der neue
+Brahma auf, ein hunderttausendfacher Brahma, der hunderttausend Welten
+erleuchtet und erhält.
+
+Und der Brahma ließ den frohen Weckruf ergehen:
+
+"Wachet auf, ihr Wesen alle, die ihr diese ganze Weltennacht hindurch im
+Schoße des Nichtseins ruhtet! Hierher, die neue Brahmawelt zu bilden,
+den neuen Weltentag zu genießen, jeder an seiner Stätte, jeder nach
+seiner Kraft!"
+
+Und die Wesen und Welten tauchten aus dem Nichtsein der Finsternis
+hervor, Stern an Stern, und wie Jauchzen von hunderttausend Stimmen und
+Schall von hunderttausend Pauken und Muschelhörnern erklang es:
+
+"Heil dem hunderttausendfachen Brahma, der uns zum neuen Weltentage
+ruft! Heil uns, die wir berufen sind, den Weltentag mit ihm zu genießen,
+seinen göttlichen Glanz selig widerzuspiegeln!"
+
+Als Kamanita dies sah und vernahm, wurde er von tiefem Mitleid
+ergriffen.
+
+"Diese Wesen und Welten, diese Sternengötter und der hunderttausendfache
+Brahma selber jauchzen dem Weltentage entgegen, erfreuen sich des
+Lebens. Und warum? Weil sie es nicht kennen."
+
+Durch dies sein Mitleid mit der Welt, mit den Göttern und mit dem
+höchsten Gott überwand Kamanita den letzten Rest von Eigenliebe.
+
+Aber er erwog nun:
+
+"Auch während dieses Weltentages werden ja vollendete Buddhas
+erscheinen, welche die Wahrheit verkünden. Wenn nun diese Gottheiten die
+Heilswahrheit vernehmen und sich erinnern, daß sie im ersten Grauen des
+Weltentages ein Wesen gesehen haben, das aus der Welt hinausging, dann
+wird ihnen diese Erinnerung zum Vorteil gedeihen. 'Schon einer aus
+unserer Mitte, gleichsam ein Teil von uns, ist auf jenem Weg
+vorausgegangen,' werden sie sich sagen und das wird ihnen zum Heil
+gereichen. Also helfe ich Allen, indem ich mir selber helfe. Denn
+niemand kann in Wahrheit sich selber helfen, ohne Allen zu helfen."
+
+Da bemerkten nun bald einige, dann immer mehrere der Sternengötter, daß
+Einer da war, der nicht wie die anderen klarer und klarer leuchtete,
+sondern vielmehr an Glanz abnahm.
+
+Und sie riefen ihm zu:
+
+"Heda, Bruder! Blicke doch auf den großen, den hunderttausendfachen
+Brahma, auf daß dein Glanz sich erfrische, auf daß du aufleuchten mögest
+wie wir! Auch du, Bruder, bist ja berufen, den Glanz des höchsten Gottes
+selig widerzuspiegeln."
+
+Als die Götter ihn so anriefen, blickte Kamanita weder hin, noch hörte
+er hin.
+
+Und die Götter, die ihn noch trüber werden sahen, wurden um ihn gar sehr
+besorgt. Und sie wandten sich an Brahma:
+
+"Großer Brahma! Erleuchter und Erhalter! O siehe doch dies arme Wesen,
+das zu schwach ist, um mitzufolgen, dessen Glanz abnimmt, anstatt
+zuzunehmen! O, richte doch deine Aufmerksamkeit auf ihn, erleuchte ihn,
+erfrische ihn! Auch ihn hast du ja gerufen, damit er deinen göttlichen
+Glanz selig widerspiegele."
+
+Und der große Brahma, voll Fürsorge für die Wesen, richtete seine
+Aufmerksamkeit auf Kamanita, um ihn zu erfrischen und zu stärken.
+
+Aber der Glanz Kamanitas nahm trotzdem zusehends ab.
+
+Da verdroß es nun den großen Brahma mehr, daß dies eine Wesen sich von
+ihm nicht erhellen ließ und seinen Glanz nicht widerspiegelte, als es
+ihn erfreute, daß hunderttausend Welten sich in seinem Lichte sonnten
+und ihn jauchzend priesen.
+
+Und er zog einen großen Teil seiner göttlichen Leuchtkraft von den
+Welten zurück--Leuchtkraft genug, um tausend Welten zu entzünden--und
+richtete sie auf Kamanita.
+
+Aber der Glanz Kamanitas nahm immer noch ab, als ob er dem völligen
+Erlöschen entgegenginge.
+
+Nun geriet Brahma in große Angst, in große Besorgnis:
+
+"Dieser eine entzieht sich meiner Macht--so bin ich denn nicht
+allmächtig? Nicht kenn' ich den Weg, den er geht--so bin ich denn nicht
+allwissend? Denn nicht erlischt jener, wie die Wesen im Tode erlöschen,
+um je nach den Werken wiedergeboren zu werden; nicht, wie die Welten in
+der Brahmanacht erlöschen, um sich wieder zu entzünden. Welches Licht
+leuchtet denn ihm, daß er das meine verschmäht? So gibt es also ein
+Licht, leuchtender als das meine? So gibt es also einen Weg, dem meinen
+entgegengesetzt--einen Weg ins Unbetretene? Werde ich wohl selber jemals
+diesen Weg einschlagen--den Weg ins Unbetretene?"
+
+Und auch die Sternengötter alle gerieten in große Angst, in große
+Besorgnis:
+
+"Dieser eine entzieht sich der Macht des großen Brahma--so ist denn der
+große Brahma nicht allmächtig? Welches Licht leuchtet wohl ihm, daß er
+dasjenige des großen Brahma verschmäht? So gibt es denn ein Licht,
+herrlicher als das göttliche, das wir selig widerspiegeln? So gibt es
+also einen Weg, dem unseren entgegengesetzt--einen Weg ins Unbetretene?
+Werden wir wohl jemals diesen Weg einschlagen--den Weg ins Unbetretene?"
+
+Da erwog nun der hunderttausendfache Brahma:
+
+"Wohlan, ich werde meine Leuchtkraft, die jetzt in dem Raume verbreitet
+ist, wieder zurückziehen und werde alle diese Welten wiederum in das
+Dunkel der Brahmanacht versenken. Und in einen einzigen Strahl gesammelt
+werde ich mein Licht auf jenes Wesen richten, um es für diese meine
+Brahmawelt noch zu retten."
+
+Und der hunderttausendfache Brahma zog nun seine in dem Raume
+verbreitete Leuchtkraft an sich zurück, so daß alle die Welten wieder in
+das Dunkel der Brahmanacht versanken. Und indem er sein Licht in einen
+einzigen Strahl sammelte, richtete er diesen auf Kamanita.
+
+"Nun muß an dieser Stelle der strahlendste Stern meiner ganzen
+Brahmawelt leuchten!" dachte er.
+
+Da zog der hunderttausendfache Brahma diesen einzigen Strahl, mit
+Leuchtkraft genug um hunderttausend Welten zu entzünden, an sich zurück
+und verbreitete dann wieder sein Licht durch den ganzen Raum.
+
+An der Stelle aber, wo er hoffte, den strahlendsten Stern leuchten zu
+sehen, war nur noch ein verglimmendes Fünkchen zu entdecken.
+
+Und während im unermeßlichen Raume Welten an Welten aufleuchtend und
+aufjauchzend zum neuen Brahmatage sich hervordrängten, erlosch der
+Pilger Kamanita gänzlich, wie eine Lampe erlischt, wenn sie den letzten
+in ihren Docht aufgesogenen Öltropfen verzehrt hat.
+
+Ende
+
+
+
+
+NOTE
+
+
+Mit Ausnahme der Begegnung des Buddha und des Pilgers in der Vorhalle
+des Hafners (_Majjhimanikayo_ Nr. 140, wo aber der Pilger den Buddha
+versteht und erkennt) und der Bekehrung Angulimalas[1] sind die in
+diesem Buche erzählten Begebenheiten von mir frei erfunden--was ich
+deshalb bemerke, weil einige Leser des Manuskriptes glaubten, ich hätte
+irgend eine indische Sage bearbeitet. Nur die Schilderung des
+Ballspieles habe ich aus _Dandins_ Novellenkranze _Daçakumaracaritam_
+genommen; auch in der glänzenden Einleitung der deutschen Übersetzung
+dieses Werkes--von _J.J. Meyer_--fand ich manchen guten Wink. Daß ich
+zum Ausmalen des Milieus kulturhistorische Werke älteren und neueren
+Datums--vor allen die _Jatakas_--benutzt habe, versteht sich wohl von
+selber; von modernen Werken sei hier _Richard Schmidts_ "_Beiträge zur
+indischen Erotik_" als ausgiebige Fundgrube erwähnt (Lotus-Verlag,
+Leipzig 1902; in demselben Verlage ist Daçakumaracaritam erschienen).
+
+ [1] XXXIV. Kap. Die Einzelheiten der Legende nach Majjh. No. 86. Doch
+ ist das vereitelte Pfeilschießen von mir hinzugefügt. Das Höllenbild
+ findet sich auch nicht dort, sondern in No. 50; die daran sich
+ schließende Stelle vom Höllenrichter ist aus No. 130 genommen; die dann
+ folgende Skala von den Vielen und den Wenigen gehört einem andern Teile
+ des Kanons an (Anguttara-Nikayo--nach K.E. Neumanns "Buddhistischer
+ Anthologie", p. 104 ff.).
+
+Die echten Buddhaworte sind durch ihren Stil leicht als solche zu
+erkennen--wiewohl einige nachgemachte (p. 140 bis 144) mit ihnen
+verwechselt werden können. Sie sind meistens dem großartigen
+Übersetzungswerke Dr. _Karl E. Neumanns_ "_Die Reden Buddhos_"
+(Majjhimanikayo) entnommen. Aber auch dem epochemachenden und noch immer
+unübertroffenen Werke Prof. _Oldenbergs_ ("Buddha") verdanke ich einige
+wichtige Stellen.
+
+Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß die wenigen Upanishadstellen (p.
+36ff., 129, 141) nach Prof. _Deussens_ "Sechzig Upanishads des Veda"
+zitiert sind. Dem zweiten großen Übersetzungswerke dieses trefflichen
+und unermüdlichen Forschers "_Die Sutras des Vedanta_" verdankt mein
+_zehntes Kapitel_ seine Entstehung. Wenn dies kuriose Stück inhaltlich
+eine Darstellung des Indischen Übermenschentums ist--als des äußersten
+Gegensatzes zum Buddhismus--so ist es in seiner Form eine peinlich
+genaue Nachbildung des vedantischen Sutrastils, mit der änigmatischen
+Kürze des Textes, dessen eigentliches Prinzip--wie Deussen richtig
+erkannt hat--darin besteht, nur Stichworte für das Gedächtnis,
+keineswegs aber die für den Sinn wichtigen Worte zu geben; so konnte man
+ohne Gefahr den Text schriftlich fixieren, da er doch von keinem
+verstanden wurde, dem der Lehrer nicht auch mündlich den Kommentar
+mitteilte, der dann gewöhnlich um so pedantisch umständlicher ausfiel.
+Allerdings sind diese _Kali-Sutras_--wie der ganze Vajaçavas--eine
+scherzhafte Fiktion von mir,--aber eine, glaube ich, von der jeder
+Kenner des alten Indien zugeben wird, daß sie sich innerhalb der Grenzen
+des Möglichen--ja sogar des Wahrscheinlichen--hält. Indien ist eben das
+Land, wo auch der Räuber philosophieren muß und es gelegentlich bis zum
+"wunderlichen Heiligen" treibt, und wo auch der Höllenwächter "höflich
+bis zur letzten Galgensprosse" bleibt.
+
+Sollte nun einen solchen Kenner die Lust anwandeln, mich wegen einiger
+Ungenauigkeiten zu schulmeistern, so bitte ich ihn, zu bedenken, daß
+der, der den "Pilger Kamanita" schrieb, wohl am besten weiß, welche
+Freiheiten er sich genommen hat und warum. So hätte ich ja leicht
+anstatt des späteren Sukhavati den Himmel der dreiunddreißig Götter
+nehmen können und wäre dann korrekt geblieben. Aber was in aller Welt
+hätte ich mit dreiunddreißig Göttern anstellen sollen, da ich nicht
+einmal in Sukhavati für den einen Amithaba Verwendung hatte? So ließ
+mich denn auch als Dichter die Frage recht kalt, ob das Mahabharatam
+schon zur Zeit des Buddha existierte, und in welcher Form. Auch gestehe
+ich gern, daß ich gar nicht weiß, ob man von Kusinara aus die
+Schneegipfel des Himalaya erblicken kann, ja daß ich dies sogar sehr
+bezweifle; wiewohl nicht der Entfernung wegen, da Schlagintweit aus noch
+größerer den Gaurisankar von der Ebene aus gesehen hat. Dem sei nun wie
+es wolle: ich bin der Ansicht, daß die Forderungen der Poesie denen der
+Geographie vorangehen.
+
+Dagegen würde ich mir nie erlaubt haben, am ursprünglichen Buddhismus
+"poetischer" Zwecke halber auch nur den geringsten Zug zu ändern; denn
+daß ich, wie gesagt, die später so höchst populäre Vorstellung von
+Sukhavati hineingezogen habe, wird man mir nicht als eine solche
+Entstellung anrechnen können, da doch der Sache nach identische
+Vorstellungen im ältesten Buddhismus lebendig sind. Vielmehr ist es mir
+ein Herzensbedürfnis gewesen, ein echtes Bild buddhistischer Lebens- und
+Weltanschauung aufzurollen. Wenn Dr. _K.E. Neumann_, ohne dessen
+Arbeiten diese Dichtung nicht hätte entstehen können, in seinem Nachwort
+zum "Wahrheitspfad" vor dreizehn Jahren schrieb: "Die letzten
+Jahrzehnte, die letzten Jahre haben uns erst Aufschluß darüber gegeben,
+wer der Buddha war und was er gelehrt hat....Die Poesie des Buddhismus,
+sein Innerstes, ist uns aber noch ein Buch mit fünf Siegeln. Eins nach
+dem andern muß gelöst werden, wollen wir sein Herz verstehen
+lernen....Nachdem die Gelehrten das Ihrige getan haben, komme nun der
+Dichter und tue das Seinige: die Pali-Urkunden warten auf ihn. Dann erst
+wird die Buddhalehre auch bei uns zum Leben erwachen, wird deutsch unter
+Deutschen blühn"--so hoffe ich, daß mein gelehrter und verehrter
+Freund--und vielleicht mancher mit ihm--in diesem Werk den Anfang der
+Erfüllung jenes Wunsches begrüßen wird.
+
+Dresden, September 1906 Karl Gjellerup
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER PILGER KAMANITA***
+
+
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+
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+
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
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+Literary Archive Foundation
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+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+approach us with offers to donate.
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
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+works.
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