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+The Project Gutenberg eBook, J. W. v. Goethe's Biographie, by H. Doering
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: J. W. v. Goethe's Biographie
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+Author: H. Doering
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+Release Date: February 28, 2005 [eBook #15213]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK J. W. V. GOETHE'S BIOGRAPHIE***
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+E-text prepared by the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading
+Team
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+Transcriber's notes: _ Kursiv / italic
+ [] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos
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+Biographien
+deutscher Classiker.
+
+Supplement zu der Göschen-Cottaischen Ausgabe "deutscher Classiker."
+
+Zweites Bändchen.
+
+Joh. W. v. Goethe.
+
+Jena, 1853.
+
+J. W. v. Goethe's Biographie
+
+von
+
+Dr. H. Doering
+
+Complet in Einem Bändchen
+
+Jena, 1853.
+
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+Goethe's Leben.
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+_Johann Wolfgang Goethe,_ später in den Adelstand erhoben, war zu Frankfurt
+am Main den 28. August 1749 geboren. Sein Großvater, _Friedrich Georg_, war
+Gastgeber zum Weidenhof. Eine glänzendere Stellung behauptete sein
+Großvater mütterlicher Seite _Johann Wolfgang Textor_ als Kaiserlicher
+Schultheiß. Er war ein ernster, in sich gekehrter, ziemlich wortkarger
+Mann, dabei sehr gewissenhaft und pünktlich in der Erfüllung seiner
+Berufsgeschäfte. In seinem ruhigen, leidenschaftslosen Charakter zeigte
+sich kaum eine Spur von Heftigkeit. Sehr behaglich fühlte er sich in seiner
+einförmigen Lebensweise, die ihn früh Morgens auf's Rathhaus, hierauf an
+seinen Mittagstisch und von diesem zu einem Schläfchen in seinen
+alterthümlichen Sessel führte. An seine Wohnung in der Friedberger Straße
+stieß ein theils mit Weinstöcken, theils mit Küchengewächsen und Blumen
+bepflanzter Garten, der in Mußestunden sein Lieblingsaufenthalt war. Die
+Blumenzucht und das Inoculiren der verschiedenen Rosenarten gewährte ihm
+eine angenehme Beschäftigung. Er trug dann gewöhnlich einen langen weiten
+Schlafrock und auf dem Kopfe eine faltige schwarze Sammetmütze. Die
+allgemeine Achtung, in der er stand, ward noch gesteigert durch ein ihm
+eigenthümliches Ahnungsvermögen, besonders in Dingen, die ihn selbst
+betrafen. In seinen Büchern und Schreibkalendern pflegte er seine Ahnungen
+und Träume kurz aufzuzeichnen.
+
+Mit einer fast peinlichen Strenge hing Goethes Vater, _Johann Caspar_, an
+allem Gewohnten und Herkömmlichen. Ein ernster Lakonismus gehörte zu den
+Grundzügen seines Charakters. Er handelte nach festen, aber durchaus
+rechtlichen Principien. Lernbegierig von früher Jugend an, hatte er auf dem
+Gymnasium zu Coburg rasche Fortschritte gemacht in seiner
+wissenschaftlichen Bildung, dann in Leipzig die Rechte studirt, und zu
+Gießen durch Vertheidigung seiner Dissertation: Electa de aditione
+hereditatis die juristische Doctorwürde erlangt. Seine Welt- und
+Menschenkenntniß hatte er, nach beendigten Studien, auf einer Reise durch
+Deutschland und Italien vermehrt, und war dadurch zu dem Besitz einer
+Gemälde- und Antikensammlung gekommen, die er sehr werth hielt und sie
+Fremden, die ihn besuchten, gern zeigte. In seinem, von öffentlichen
+Geschäften befreiten Leben fand er hinlängliche Muße zu Privatstudien, bei
+denen ihn seine ansehnliche und ausgewählte Bibliothek unterstützte. Mit
+dem Titel eines Kaiserlichen Raths führte er das Leben eines Privatmannes,
+das sich mit seinen Vermögensumständen vertrug. Von seinen Kindern, deren
+Unterricht ihn neben seinen mannigfachen Studien beschäftigte, waren die
+meisten früh gestorben, so daß zuletzt nur der Dichter und dessen Schwester
+_Cornelia_ übrig blieb. Er starb am 27sten May 1782 in seiner Vaterstadt
+Frankfurt am Main.
+
+Goethes Mutter, _Catharina Elisabeth_, eine Tochter des früher erwähnten
+Schultheißen _Johann Wolfgang Textor_, besaß keine gelehrte Bildung im
+eigentlichen Sinne dieses Worts. Doch beschäftigte sie sich, wenn sie das
+Hauswesen pünktlich und gewissenhaft besorgt hatte, mit dem Lesen irgend
+eines guten deutschen oder italienischen Buchs. Ihr Sinn war im Allgemeinen
+mehr auf das Praktische gerichtet. Eine eigenthümliche Scheu hatte sie vor
+heftigen und gewaltsamen Gemüthseindrücken, die sie in allen Lagen ihres
+Lebens möglichst von sich zu entfernen suchte. Nachdrücklich schärfte sie
+ihren Dienstboten ein, ihr nichts Schreckhaftes, Verdrießliches oder
+Beunruhigendes zu hinterbringen, was in ihrem Hause, in der Stadt oder in
+der Nachbarschaft vorgefallen. Sie ging darin so weit, daß sie, als ihr
+Sohn, der Dichter, längst von ihr entfernt, zu Weimar 1805 gefährlich
+erkrankt war, erst nach seiner Wiedergenesung das Gespräch auf einen
+Gegenstand lenkte, der ihrem treuen Mutterherzen nicht gleichgültig seyn
+konnte. Eigen war ihr eine reiche Ader von Witz und Humor. Gutmüthig von
+Natur deckte sie in Bezug auf ihre Kinder manches mit dem Mantel der Liebe
+zu, was ihres Gatten Ernst und Strenge scharf gerügt haben würde. Eine nie
+versiegende Quelle heiterer Unterhaltung bot ihr in spätern Lebensjahren
+der Umgang mit Bettina Brentano, der Schwester des bekannten Dichters und
+der nachherigen Gattin des Schriftstellers Ludwig Achim von Arnim. Als in
+höherem Alter ein langes Krankenlager ihre Kräfte erschöpft hatte und ihre
+bisherige Fassung und Heiterkeit von ihr gewichen war, machte sie sich oft
+bittere Vorwürfe über ihre Ungeduld im Leiden. "Ich habe mich," schrieb
+sie, in [sie, in] ihrem eigenthümlichen Frankfurter Dialect, "recht derb
+ausgescholten, und zu mir gesagt: Ei, schäme dich, alte Räthin! Hast gute
+Tage genug gehabt in der Welt, und den Wolfgang dazu; mußt, wenn die bösen
+kommen, nun auch vorlieb nehmen, und kein so übel Gesicht machen. Was soll
+das mit dir vorstellen, daß du so ungeduldig und garstig bist, wenn der
+liebe Gott dir ein Kreuz auflegt? Willst du denn immer auf Rosen gehen, und
+bist über's Ziel, bist über siebenzig Jahre hinaus? Schauen's, so hab' ich
+zu mir selbst gesagt, und sogleich ist ein Nachlaß gekommen und ist besser
+geworden, weil ich selbst nicht mehr so garstig war." Ihren Gatten
+überlebte sie sechs und zwanzig Jahre. Sie starb zu Frankfurt am Main den
+13. September 1808.
+
+Manche ihrer Eigenschaften waren auf Goethe übergegangen. Er war ein
+munterer Knabe, aufgeweckt zu allerlei muthwilligen Streichen. Durch seine
+Spielkameraden, die Söhne des dem elterlichen Hause gegenüber wohnenden
+Schultheißen v. Ochsenstein, ließ er sich einst verleiten, mehrere
+Schüsseln und Töpfe, mit denen er gespielt, von einem obern Stockwerk auf
+die Straße zu werfen, und freute sich herzlich über das dadurch verursachte
+Geräusch. Einen günstigen Einfluß auf seine früh erwachte Wißbegierde, die
+ihn zu mancherlei Fragen über die verschiedenartigsten Gegenstände antrieb,
+hatte seine Großmutter väterlicher Seite, Cornelia, eine sanfte,
+wohlwollende Frau, die ihren Enkel gern belehrte.
+
+Früh entwickelte sich in dem Knaben der Sinn für die Schönheiten der Natur,
+die er besonders in ihren erhabenen Erscheinungen, bei aufsteigenden
+Gewittern gern betrachtete. Sein Lieblingsaufenthalt im elterlichen Hause
+war ein hochgelegenes Zimmer, von welchem er über die Stadtmauern und Wälle
+die schöne und fruchtbare Ebne nach Höchst hin überschauen konnte. Oft
+ergötzte ihn dort der Anblick der untergehenden Sonne. Eine ernste
+ahnungsvolle Gemüthsstimmung, die ihn, seines lebhaften Temperaments
+ungeachtet, oft in seinem Knabenalter ergriff, weckte in ihm das Gefühl der
+Einsamkeit. Von der Furcht, die ihn bei eintretendem Abenddunkel in dem
+düstern, winkelhaften elterlichen Hause ergriff, suchte ihn sein Vater
+frühzeitig zu heilen. Mit umgewandtem Schlafrock, wie eine Spukgestalt,
+trat er dem Knaben und seiner Schwester Cornelia entgegen, wenn sie aus
+Furcht ihr einsames Schlafzimmer verließen und sich in die Kammern des
+Gesindes flüchteten. Ein wirksameres Mittel wandte Goethe's Mutter an,
+indem sie ihren Kindern, wenn sie Nachts ihre Furcht überwänden, Obst und
+allerlei Näschereien versprach.
+
+Die Betrachtung von Gemälden und Prospecten, die sein Vater aus Italien
+mitgebracht hatte, und ein Puppenspiel, mit welchem seine Großmutter ihn an
+einem Weihnachtsabend überraschte, beschäftigten in mehrfacher Weise
+Goethe's Einbildungskraft. Der Unterricht, den er bisher im elterlichen
+Hause genossen, ward geregelter, als sein Vater ihn in die Stadtschule
+schickte. Aus der strengen Zucht des elterlichen Hauses sah er sich in
+einen Freiheitskreis versetzt, der mit seinen Neigungen harmonirte. Seine
+an Alterthümern und Merkwürdigkeiten reiche Vaterstadt und ihre Umgegend
+lernte Goethe auf mancherlei Streifzügen kennen, die er mit einigen
+Schulkameraden unternahm. An der Mainbrücke fesselte seine Aufmerksamkeit
+das emsige Treiben der Handelswelt mit ihren den Strom auf- und abwärts
+segelnden Schiffen. Dann und wann verwandte er auch einige Kreuzer zur
+Ueberfahrt nach Sachsenhausen. Von besonderem Interesse war für ihn das
+Rathhaus, der sogenannte Römer, mit seinen gewölbten Hallen und besonders
+dem zur Wahl und Krönung des Kaisers dienenden Prunkzimmer, das mit den
+Brustbildern Karls des Großen, Rudolphs von Habsburg, Karls IV., Günthers
+von Schwarzburg und anderen hohen Häuptern geziert war.
+
+Von der Außenwelt wandte sich Goethe's Blick wieder nach dem elterlichen
+Hause zurück, das durch einen bedeutenden Bau erweitert und verschönert
+worden war. Seine Wißbegierde lockte ihn bisweilen in seines Vaters
+Bibliothek, die außer mehreren juristischen Werken, auch Schriften über
+Alterthumskunde, Reisebeschreibungen und einzelne Dichter enthielt. Es
+waren jedoch, außer Virgil, Horaz u.a. römischen Classikern, größtenteils
+italienische Poeten, wie Tasso, Ariost u. A., von denen der Knabe, bei
+seiner Unkenntniß der italienischen Sprache keinen Gebrauch machen konnte.
+Einen immer neuen Genuß gewährten ihm die Gemälde und Landschaften von
+Trautmann, Schütz, Junker, Seekatz u.a. Frankfurter Künstlern. Diese
+Gemälde, früher hie und da in der elterlichen Wohnung an mehreren Orten
+zerstreut, waren von Goethe's Vater bei dem Umbau seines Hauses in einem
+besondern Zimmer vereinigt worden. Goethe's Sinn für die Kunst ward zuerst
+geweckt durch die Betrachtung jener Werke.
+
+Nur durch anhaltenden Fleiß und Wiederholung des Gelernten war Goethe's
+Vater zum Besitz mannigfacher Kenntnisse gelangt. Um so mehr schätzte er
+das angeborne Talent seines Sohnes, der durch eine schnelle Auffassungsgabe
+und ein treffliches Gedächtniß bald dem von seinem Vater und seinen Lehrern
+ihm ertheilten Unterricht entwachsen war. Den grammatischen Regeln, mit
+ihren mannigfachen Ausnahmen, vermochte er zwar keinen sonderlichen
+Geschmack abzugewinnen. Doch machte er sich mit den Sprachformen und
+rhetorischen Wendungen schnell bekannt. Sein heller Kopf zeigte sich
+vorzüglich in der raschen Entwicklung von Begriffen. Durch seine
+schriftlichen Aufsätze, ihrer Sprachfehler ungeachtet, erwarb er sich im
+Allgemeinen seines Vaters Zufriedenheit, und manches kleine Geschenk
+belohnte seinen Fleiß. Der Privatunterricht, den er gemeinschaftlich mit
+mehreren Knaben seines Alters erhielt, förderte ihn wenig, da die von
+seinen Lehrern eingeschlagene Methode nicht geeignet war, ihm ein
+besonderes Interesse an wissenschaftlichen Gegenständen einzuflößen.
+Ueberdieß beschränkte sich jener Unterricht fast nur auf die Erklärung des
+Cornelius Nepos und auf das Neue Testament.
+
+Durch das Lesen deutscher Dichter bemächtigte sich seiner, wie er in
+spätern Jahren gestand, "eine unbeschreibliche Reim- und Versewuth." In dem
+Kreise seiner Jugendfreunde fanden seine poetischen Versuche großen
+Beifall. Um so mehr fand sich seine jugendliche Eitelkeit gekränkt, als
+einer seiner Mitschüler durch höchst mittelmäßige Verse ihm seinen
+Dichterruhm streitig zu machen suchte. Darüber entrüstet, stockte seine
+poetische Fruchtbarkeit ziemlich lange, bis ihn sein erwachtes Selbstgefühl
+und eine von seinen Lehrern mit Beifall aufgenommene Probearbeit über seine
+Anlagen und Fähigkeiten beruhigte.
+
+Reiche Nahrung für seine Wißbegierde fand Goethe in dem Orbus pictus, in
+Merians Kupferbibel, in der Acerra philologica und ähnlichen Werken, die
+damals die Stelle einer noch nicht vorhandenen Kinderbibliothek vertraten.
+Ovids Metamorphosen machten ihn mit der Mythologie bekannt. Seine Phantasie
+ward dadurch vielfach angeregt zu allerlei poetischen Entwürfen. Eine
+wohlthätige Wirkung auf sein Gemüth verdankte er den moralischen
+Schilderungen in Fenelon's Telemach. Unterhaltung und Belehrung schöpfte er
+ais Robinson Crusoe und aus der Insel Felsenburg. Aus dem romantischen
+Gebiet ward er wieder in die Wirklichkeit zurückgeführt durch die
+anziehenden Schilderungen in Anton's Reise um die Welt. Ein Zufall verhalf
+ihm in dem Laden eines Antiquars zum Besitz einer Reihe mannigfacher
+Schriften. Darunter befanden sich der Eulenspiegel, die vier Haimonskinder,
+die schöne Magelone, der Kaiser Octavian, Fortunatus und ähnliche
+Volksbücher.
+
+Dieser anmuthigen Lectüre mußte Goethe, als sie kaum begonnen, wieder
+entsagen. Er ward von den Blattern befallen, und brachte unter einem
+heftigen Fieber mehrere Tage beinahe blind zu. Die Aeußerung einer seiner
+Tanten: "Ach, Wolfgang, wie häßlich bist Du geworden?" kränkte ihn um so
+mehr, da die Blattern auf seinem Gesicht durchaus keine Spur zurückgelassen
+hatten. Auch von den Masern blieb er nicht verschont, und hatte dadurch
+Gelegenheit, sich im Stoicismus zu üben. Einigen Trost gewährte es ihm, daß
+er auf seinem Krankenlager an seinem jüngern Bruder Jacob, der in der
+Blüthe seiner Jahre starb, einen Leidensgefährten hatte.
+
+Seines Vaters Strenge nöthigte ihn, durch verdoppelte Unterrichtsstunden
+das während der Krankheit Versäumte wieder nachzuholen. Die Wohnung seiner
+Großeltern und ein daran stoßender Garten in der Friedberger Straße bot ihm
+dann und wann einen Zufluchtsort, sich seinen Lectionen zu entziehen.
+Besonders angenehm war ihm auch der Aufenthalt in dem Laden seiner Tante,
+Maria Melber, der Gattin eines Gewürzhändlers, die ihn mit allerlei
+Naschwerk beschenkte. Ihre Schwester war mit dem Pfarrer und
+Consistorialrath Stark verheiratet, in dessen Bibliothek ein anderer
+geistiger Genuß sich ihm darbot. In der Büchersammlung jenes gelehrten
+Mannes fand Goethe eine prosaische Uebersetzung des Homer. Dieser Dichter
+und bald nachher Virgil machten einen tiefen und bleibenden Eindruck auf
+das poetisch gestimmte Gemüth des Knaben.
+
+Weniger befriedigte sein Herz die trockene Moral, die ihm der bisher
+ertheilte Religionsunterricht gepredigt hatte. Er ward irre an den
+christlichen Dogmen. Entzweit mit seinen religiösen Begriffen, kam ihm der
+sonderbare Gedanke, nach dem Beispiel der Separatisten, Herrnhuter und
+anderer Secten, mit dem höchsten Wesen, das er aus seinem Walten in der
+Natur längst erkannt, sich in eine Art von unmittelbarer Verbindung zu
+setzen, und demselben nach alttestamentlicher Weise einen Altar zu
+errichten. Dazu benutzte er ein rothlakirtes, mit goldnen Blumen verziertes
+Musikpult, auf welchem er mehrere Räucherkerzen anzündete. Das
+Andachtsopfer stieg empor, mißlang jedoch bei der Wiederholung durch einen
+unglücklichen Zufall so gänzlich, daß die damit verbundene Feuersgefahr ihn
+warnte, in solcher Weise wieder dem höchsten Wesen sich zu nähern.
+
+Aus den friedlichen und ruhigen Zuständen, in denen Goethe seine Kindheit
+verlebt hatte, ward er aufgeschreckt durch den Ausbruch des siebenjährigen
+Krieges im Jahr 1756. Er war damals acht Jahre alt. Was er von Friedrich II
+und seiner Persönlichkeit erzählen gehört, begeisterte ihn. Er schrieb sich
+die Kriegslieder ab, durch welche Gleim unter der Maske eines preußischen
+Grenadiers die Heldenthaten des großen Königs verherrlichte. Seinen
+Lieblingshelden verkleinern zu hören, war ihm ein unerträgliches Gefühl.
+Als sich nach einigen Jahren durch die Theilnahme Frankreichs der
+Kriegsschauplatz bis in die Nähe Frankfurts zu ziehen drohte, hatte dieß
+für Goethe die Folge, daß er weniger, als bisher, das elterliche Haus
+verlassen durfte.
+
+Unter mannichfachen Beschäftigungen griff er wieder nach den Figuren des
+Puppenspiels, das er von seiner Großmutter zum Geschenk erhalten hatte. Mit
+Hülfe einiger Jugendgespielen ward das frühere Drama, für welches die
+Puppen hinreichten, mehrmals vorgestellt. Die Garderobe und die
+Decorationen nach und nach zu verändern, war eine Lieblingsbeschäftigung
+des Knaben. Sein Versuch, größere Stücke ufzuführen [aufzuführen],
+scheiterte jedoch an dem beschränkten Schauplatz. Unter diesen Umständen
+leistete ihm ein Bedienter seines Vaters wesentliche Dienste, indem er ihm
+Panzer und Rüstungen verfertigen half. Goethe und seine Gespielen ergötzten
+sich eine Zeitlang an den gegenseitigen Parteiungen und Gefechten, die
+mitunter in ernsthafte Händel ausarteten, bei denen es ohne derbe Schläge
+nicht abging.
+
+Durch einen andern Zeitvertreib, durch das Talent, Mährchen zu erzählen,
+die er meist selbst erfunden, empfahl sich Goethe seinen Jugendfreunden.
+Eins dieser Mährchen, "der neue Paris" betitelt, hat sich in Goethe's
+gesammelten Werken erhalten. Er bediente sich dabei des Kunstgriffs, in
+eigner Person zu sprechen, wodurch die von ihm geschilderten
+abenteuerlichen Ereignisse den Anschein bekamen, als wären sie ihm selbst
+begegnet. Durch die Localitäten, die er in seine Mährchen verwebte, erhöhte
+er ihre Wirkung auf seine Zuhörer, die unter lautem Beifall sich beeilten,
+den in dem Mährchen "der neue Paris" erwähnten Ort mit den Nußbäumen, der
+Tafel und dem Brunnen aufzusuchen, in ihren Berichten über das, was sie
+gefunden, jedoch sehr variirten. Erhalten hat sich noch aus jener Zeit
+(1757) in einem alten Exercitienheft Goethe's ein von ihm verfaßtes
+Gespräch, "Wolfgang und Maximilian" überschrieben. In diesem Dialog, dem
+ersten dramatischen Versuch des achtjährigen Knaben trat besonders die
+Naivität hervor, womit Goethe, durch seinen Vornamen Wolfgang bezeichnet,
+seinem Schulcameraden Maximilian gegenüber, sich als den Soliden und
+Wohlerzogenen geschildert hatte.
+
+Einen tiefen Eindruck auf Goethe's poetisch gestimmtes Gemüth machte um
+diese Zeit (1757) Klopstocks Messias. Er mußte dies berühmte Epos heimlich
+lesen, denn sein Vater, durch Canitz, Hagedorn, Gellert und andere Dichter
+an den Reim gewöhnt, äußerte die entschiedenste Abneigung gegen den
+Hexameter, oder, wie er sich ausdrückte, gegen Verse, die eigentlich gar
+keine Verse wären. Goethe und seine Schwester Cornelia benutzten jede
+Freistunde, um in irgend einem Winkel verborgen, die zartesten und
+ergreifendsten Stellen der Messiade sich einzuprägen, nächst Portia's Traum
+besonders das verzweiflungsvolle Gespräch zwischen Satan und Adramelech im
+zehnten Gesange der Klopstockschen Dichtung. Als jene geistlichen
+Verwünschungen, die sie schon oft recitirt, einst ziemlich laut hinter dem
+Ofen, wo sie sich verborgen hatten, hervorschollen, ließ der Barbier, der
+eben Goethe's Vater rasirte, vor Schreck das Seifenbecken fallen, wodurch
+der Alte, über und über beschüttet, doch nicht von seiner Abneigung gegen
+die Hexameter, denen er jenes Unheil beimaß, geheilt ward.
+
+Goethe's Kunstsinn ward geweckt und genährt, als der französische
+Königslieutenant Graf Thorane, ein enthusiastischer Freund und Kenner von
+Gemälden, bald nach der Besitznahme Frankfurts durch die französischen
+Truppen, in Goethe's elterlichem Hause einquartirt ward. Das Mansardzimmer,
+welches Goethe bisher bewohnt hatte, war dem Grafen zu einem Atelier
+eingeräumt worden, in welchem er mehrere Frankfurter Künstler für sich
+arbeiten ließ. Für Goethe, der ihn dort oft besuchte, ging daraus noch der
+Vortheil hervor, daß er in der französischen Sprache, die er bisher sehr
+vernachlässigt, sich immer mehr vervollkommnete. Mangelhaft blieb jedoch
+seine Kenntniß des Französischen, da er sie nicht auf dem Wege eines
+grammatikalischen Unterrichts erlangt hatte.
+
+Dies ward ihm besonders fühlbar, als ein Freibillet ihm den Eintritt in das
+französische Theater verschaffte, das damals in Franfurt errichtet worden
+war. Da er, besonders im Lustspiel, wo sehr schnell gesprochen ward, nur
+wenig von den Reden der Schauspieler verstand, richtete er seine
+Aufmerksamkeit vorzugsweise auf die Bewegung der auftretenden Personen und
+auf ihre Mimik. Er gelangte dadurch zu einer, wenn auch nur oberflächlichen
+Kenntniß des französischen Lust- und Trauerspiels, und ward einigermaßen
+vertraut mit den dramatischen Regeln der französischen Bühne. Der
+abgemessene Schritt, in dem sich die Tragödie bewegte, der gleichmäßige
+Tact der Alexandriner machte auf ihn einen wunderbaren Eindruck. Aus
+Racine's Trauerspielen, die er in seines Vaters Bibliothek fand, recitirte
+er mehrere auswendig gelernte Stellen nach Art und Weise der französischen
+Schauspieler, deren Ton und Accent sich seinem Ohr scharf eingeprägt hatte.
+Fast noch mehr als die Tragödie, behagten ihm die damals sehr beliebten
+Lustspiele von Destouches, Marivaux, la Chaussée und andern französischen
+Dichtern. Auch mehrere Opern und Schäferspiele sagten seinem damaligen
+Geschmacke zu, und noch lange nachher erinnerte er sich mit Vergnügen
+einzelner Scenen und der darin auftretenden Personen.
+
+Seinem Wunsch, auch mit der innern Einrichtung des Theaters bekannt zu
+werden, kam ein französischer Knabe, Derones mit Namen, zuvor, der ihn auf
+die Bühne und in die Garderobe führte. Der Uebermuth und die Prahlerei
+seines jungen Freundes ward ihm jedoch bald so lästig, daß zwischen beiden
+ein sehr gespanntes Verhältniß eintrat, welches sogar eine Herausforderung
+und ein Duell in ächt theatralischer Weise, dann aber wieder eine
+aufrichtige Versöhnung zur Folge hatte. Erleichtert ward ihm dadurch sein
+häufiger Theaterbesuch, den aber sein Vater sehr lebhaft mißbilligte. Die
+Bühne, meinte er, habe durchaus keinen Nutzen. Goethe bot seinen ganzen
+Scharfsinn auf, ihn vom Gegentheil zu überzeugen. Lessing's Trauerspiel,
+Miß Sara Sampson, der Kaufmann von London und ähnliche Stücke lieferten ihm
+die Beweise, wie das Laster im Glück, die Tugend im Unglück durch die
+poetische Gerechtigkeit wieder ausgeglichen werde. Dieser Behauptung, gegen
+die er nichts einzuwenden vermochte, stellte Goethes Vater den Einwurf
+entgegen, daß die in die theatralischen Vorstellungen oft verwebten
+Schelmstreiche und Betrügereien auf das unverdorbene Gemüth der Jugend
+nicht anders als nachtheilig wirken könnten. Wenn ihn irgend etwas mit der
+Bühne versöhnen konnte, so war es die Bemerkung, daß sein Sohn dadurch
+seine französischen Sprachkenntnisse vermehrte.
+
+Diese Kenntnisse benutzte Goethe zum Entwurf eines dramatischen Products,
+in welchem meistens allegorische Personen, wie Jupiter, Merkur und andere
+Götter mit ihren bekannten Attributen auftraten. Das Stück bestand
+größtentheils in Reminiscenzen aus Ovid's Metamorphosen. Seine
+Autoreitelkeit fühlte sich jedoch gekränkt, als der unlängst erwähnte
+französische Knabe, welchem er sein Product mitgetheilt und ihn um sein
+Urtheil gebeten, sich erlaubte, mehrere Stellen, ja ganze Scenen zu
+streichen. Für Goethe hatte dies Verfahren den Nutzen, daß er mit der
+französischen Dramaturgie, gegen deren Regeln er gefehlt haben sollte, sich
+näher bekannt machte. Zu diesem Zweck las er Corneille's Abhandlung über
+die Aristotelische dreifache Einheit, und studirte Racine's Werke, die ihm
+zum Theil schon bekannt waren, da er einige Jahre früher auf einem
+Kindertheater in dem Trauerspiel Brittannicus den Nero gespielt hatte. Bei
+seiner immer noch sehr mangelhaften Kenntniß des Französischen förderten
+ihn jedoch diese Studien äußerst wenig, und er gab sie wieder auf, als er
+nicht ohne Mühe die Vorreden gelesen hatte, in denen Corneille und Racine
+sich gegen die Kritiker und das Publikum vertheidigten.
+
+Entschieden regte sich in dem Knaben der in spätern Jahren wachsende Trieb,
+mancherlei Naturgegenstände, deren innere Beschaffenheit sich dem Auge
+entzog, näher kennen zu lernen. Er zerpflückte Blumen, um zu sehen, wie die
+Blätter in ihren Kelch eingefügt waren. Seine jugendliche Neugier und
+Forschungslust beschäftigte sich mit den verschiedenartigsten Gegenständen.
+Er bewunderte die geheime Anziehungskraft des Magnet's, und ermüdete nicht,
+jene ihm unerklärliche Wirkung an Feilspänen und Nähnadeln zu erproben. Mit
+Hülfe eines alten Spinnrades und einiger Arzneigläser versuchte er
+fruchtlos den Effect einer Electrisirmaschine hervorzubringen. Weniger aus
+eigner Neigung, als aus Gefälligkeit gegen seinen Vater, unterzog er sich
+dann und wann der Wartung und Pflege der im elterlichen Garten gehegten
+Seidenwürmer.
+
+Dieser geschäftige Müssiggang behagte ihm mehr, als der Unterricht im
+Englischen, zu welchem er von seinem Vater mit Strenge angehalten ward.
+Indeß gelangte er durch Fleiß in kurzer Zeit zu einer ziemlichen Fertigkeit
+im Englischen. Auch seine übrigen Sprachstudien vernachlässigte er nicht
+ganz. Seinem Wunsche, hebräisch zu lernen, um das Alte Testament in der
+Ursprache lesen zu können, gab Goethe's Vater seine Zustimmung. Durch den
+Magister Albrecht in der genannten Sprache unterrichtet, machte er darin
+ziemlich rasche Fortschritte.
+
+Wichtig und einflußreich wurden Goethe's Bibelstudien besonders dadurch,
+daß sie ihn zu einem epischen Gedicht begeisterten. Den Stoff dazu fand er
+in der Geschichte Josephs. Ueber die Form jedoch war er lange Zeit mit sich
+nicht einig. Nach reiflicher Ueberlegung wählte er die Prosa. Von jenem
+Gedicht, das einen ziemlichen Umfang gewann, hat sich nicht einmal ein
+Fragment erhalten. Auch manche lyrische Poesien, unter andern mehrere
+Gedichte in Anakreons Manier, gingen verloren. Einigen geistlichen Oden und
+andern religiösen Dichtungen, unter andern einer "Höllenfahrt Christi",
+zollte Goethe's Vater besondern Beifall. Auch durch mehrere Predigtauszüge,
+die er Sonntags in einem verborgnen Kirchstuhl entwarf, empfahl Goethe sich
+seinem Vater, zog sich jedoch seine lebhafte Mißbilligung zu, als er jene
+Arbeit wieder saumseliger betrieb und zuletzt gänzlich unterließ.
+
+Seinen Sohn zu einem tüchtigen Juristen zu bilden, war ein väterlicher
+Lieblingswunsch. Goethe erhielt von seinem Vater ein in catechetischer Form
+abgefaßtes Büchlein. Dadurch sollte ihm das Studium des Corpus Juris
+erleichtert werden. Er erlangte auch ziemliche Gewandtheit im Aufschlagen
+einzelner Stellen, vermochte jedoch, als er später das Struvische
+Compendium erhielt, der Rechtswissenschaft keinen sonderlichen Geschmack
+abzugewinnen. Damit es ihm nicht an der nöthigen körperlichen Bewegung
+fehlen möchte, ließ sein Vater ihn das Fechten, späterhin auch die
+Reitkunst lernen. Es war im Herbst 1761, als er auf die Reitbahn geschickt
+ward. Seines Lehrers pedantische Methode war jedoch nicht geeignet, ihn für
+die Reitkunst besonders zu interessiren.
+
+Der Dichtkunst war Goethe nicht untreu geworden. Eine für einen
+Jugendfreund geschriebene poetische Epistel, die sich leider nicht erhalten
+hat, empfahl sich durch ihre innere Wahrheit und Naivität, und hob jeden
+Zweifel, der über sein poetisches Talent noch obwalten konnte. Sein Product
+in mehreren Händen zu sehen, schmeichelte seiner jugendlichen Eitelkeit. Er
+theilte es daher mehreren jungen Leuten mit, die er zufällig kennen gelernt
+hatte. Die nähere Berührung, in die er mit ihnen trat, ward um so
+entscheidender für ihn, da sich daran ein Liebeshandel mit einem jungen
+Mädchen knüpfte, deren Namen er späterhin in seinem "Faust" verewigte.
+Seinem Stande nicht angemessen und für seine sittlichen Grundsätze von
+keinem wohlthätigen Einflusse war der Kreis, in den er eingetreten war, und
+der ihn von seiner geregelten Lebensweise entfernte und zu manchen
+Abentheuern und jugendlichen Uebereilungen verlockte. Nach seinen eignen
+Aeußerungen in spätern Jahren bestand jener Kreis aus jungen Menschen,
+sämmtlich älter als er, die der mittlern und niedern Volksklasse
+angehörend, mit oberflächlichen Schulkenntnissen, durch Abschreiben, durch
+Besorgung kleiner Geschäfte für die Kaufleute und Mäkler sich einen
+nothdürftigen Erwerb sicherten. Ihr zweideutiger Ruf war ihm unbekannt, und
+ein Licht darüber ging ihm erst auf, als seine Eltern ihn über den
+gewählten Umgang und seinen jugendlichen Leichtsinn die bittersten Vorwürfe
+machten. Ein tiefes Gefühl von Scham ergriff ihn, als er erfuhr, daß seine
+Genossen zum Verfälschen von Papieren, zur Nachahmung von Handschriften und
+andern sträflichen Handlungen ihre Zuflucht genommen hatten.
+
+Von der trostlosen Stimmung, in die er dadurch versetzt ward, konnte ihn
+nur Fleiß und Thätigkeit befreien. Er hatte aber auch noch manches
+nachzuholen, um sich zur Universität vorzubereiten, die er bald beziehen
+sollte. Ein weites Feld zu mannigfachen Betrachtungen eröffneten ihm seine
+fortgesetzten philosophischen Studien, größtenteils nach Brucker's
+Compendium. Dieser Beschäftigung ward er wieder untreu, als der eintretende
+Frühling ihn in die freie Natur lockte. Mit seinen Freunden besuchte er die
+in der Umgegend von Frankfurt gelegenen Vergnügungsorte. Noch mehr aber
+behagte ihm, in seiner Gemüthsstimmung die Einsamkeit der Wälder. In dem
+dunkeln Schatten alter Eichen und Buchen weilte er am liebsten.
+Unwillkührlich regte sich in ihm wieder der schon früh im elterlichen Hause
+erwachte Trieb, nach der Natur zu zeichnen. Alles, was er sah, gestaltete
+sich ihm zum Bilde. Fühlbar aber ward ihm bald, daß ihm nur die Gabe
+verliehen war, die ihm entgegentretenden Gegenstände im Ganzen aufzufassen.
+Zum Zeichnen des Einzelnen schien ihn die Natur aber so wenig bestimmt zu
+haben, als zum betreibenden Dichter. Demungeachtet setzte er seine Uebungen
+mit einer gewissen Hartnäckigkeit fort. Er ermüdete nicht in der
+schwierigen Zeichnung eines alten Baumstammes, an dessen gekrümmte Wurzeln
+sich blühende Farrenkräuter hingen.
+
+Mit Goethe's Skizzen, so unvollkommen sie auch seyn mochten, war sein Vater
+im Allgemeinen zufrieden, wenn er auch Einzelnes daran tadelte. Gern ließ
+er seinen Sohn umherstreifen, weil er von solchen Ausflügen eine neue
+Zeichnung erwartete. Zu Fußwanderungen mit einigen Freunden gönnte er ihm
+völlige Freiheit. Einen besondern Reiz hatten für Göthe [Goethe] die
+Gebirgsgegenden. Er besuchte Homburg, Kroneburg, bestieg den Feldberg und
+Königsstein, verweilte einige Tage in Wiesbaden und Schwalbach, und kam bis
+an den Rhein. Den jugendlichen Sinn, der sich mehr in der großen Natur, als
+in abgeschlossenen Räumen gefiel, konnte Mainz nicht fesseln. Einen
+erfreulichen Eindruck auf Goethe machte die anmuthige Lage von Biberich.
+Von da kehrte er in seine Vaterstadt zurück, mit einer ziemlich reichen
+Ausbeute von landschaftlichen Skizzen und Zeichnungen der verschiedensten
+Art, unter denen manche seines Vaters Beifall erhielten, andere jedoch auch
+scharf von ihm getadelt wurden.
+
+Dadurch verstimmt, schloß sich Goethe enger an seine Mutter an, die ihm
+mehr Milde und Nachsicht bewies, und selbst noch jugendlich, mit seinen
+Gefühlen und Lebensansichten mehr harmonirte, als der ernster gestimmte
+Vater. Ein fast noch innigeres Verhältniß bestand zwischen Goethe und
+seiner ungefähr ein Jahr jüngern Schwester Cornelia. Gemeinschaftliches
+Spiel und Lernen in den Jahren der Kindheit hatte späterhin, als sich
+beider physische und geistige Kräfte entwickelten, ein festes Vertrauen
+und eine wahrhaft geschwisterliche Liebe erzeugt. Goethe ward von
+seiner Schwester zum Vertrauten aller ihrer Empfindungen und
+Herzensangelegenheiten gewählt. Ziemlich gut bestand er im Allgemeinen, als
+sein Vater seine Kenntnisse in einzelnen Materien der Jurisprudenz prüfte.
+Mehrere wissenschaftliche Fächer beschäftigten seinen strebenden Geist,
+vorzüglich die Geschichte der ältern Literatur. Durch das fortgesetzte
+Studium von Geßners Isagoge und Morhofs Polyhistor, gerieth er fast auf den
+Irrweg, selbst ein Vielwisser zu werden. Sein Tag und Nacht fortgesetzter
+Fleiß drohte ihn eher zu verwirren, als wahrhaft zu bilden. Bayle's
+historisch-kritisches Wörterbuch führte ihn vollends in ein Labyrinth, aus
+welchem er sich kaum wieder herauszufinden wußte. Von der großen
+Wichtigkeit einer gründlichen Sprachkenntniß hatte er sich längst
+überzeugt. Das Hebräische war allmälig in den Hintergrund getreten. Auch
+Goethe's Kenntnisse in der griechischen Sprache reichten nicht viel weiter,
+als zum Verständniß des Neuen Testaments im Urtexte. Ernstlicher hatte er
+sich mit dem Lateinischen beschäftigt. Er war, obschon er keinen
+grammatikalischen Unterricht genossen, ziemlich bewandert in den römischen
+Classikern.
+
+Unter diesen Sprachstudien regte sich wieder in ihm der nie ganz
+schlummernde Trieb poetischer Nachbildung. Seine Productionskraft, die
+Leichtigkeit, womit er die Erzeugnisse seines Geistes niederschrieb, hatte
+sich vermehrt. Jugendliche Eitelkeit ließ ihn seine poetischen Producte mit
+einer gewissen Vorliebe betrachten. Der Tadel, den sie mitunter erfuhren,
+raubte ihm nicht die Ueberzeugung, künftig wohl Geisteserzeugnisse zu
+liefern, die sich mit denen eines Gellert, Uz, Hagedorn und andern damals
+hochgefeierten Dichtern messen könnten. Aber die poetische Laufbahn, so
+viel Lockendes sie auch für ihn hatte, schien ihm doch zu schwankend und
+unsicher, um sie zu seinem künftigen Lebensberuf zu wählen. Ein
+akademisches Lehramt lag im Bereich seiner Wünsche. Dazu wollte er sich
+fähig machen, um zur Bildung Anderer, wie zu seiner eigenen, etwas
+beitragen zu können.
+
+Viel Lockendes hatte für Goethe der Aufenthalt in Göttingen, wo Heyne,
+Michaelis und andere berühmte Männer lehrten. Sein Vater bestand jedoch
+darauf, daß er seine akademische Laufbahn in Leipzig beginnen sollte.
+Wiederholt schärfte er ihm zugleich ein, seine Zeit auf's Zweckmäßigste zu
+benutzen. Von seinem Vater ward er hierin so ausführlich belehrt, daß er,
+ohnedies verstimmt durch das Aufgeben eines Göttinger Lieblingsplans,
+beinahe den Entschluß faßte, in seiner Studien- und Lebensweise seinen
+eignen Weg zu verfolgen. Diese Idee schien ihm nicht blos romantisch,
+sondern auch ehrenvoll. Er dachte an seinen Landsmann Griesbach, der einen
+ähnlichen Weg einschlagen und sich als gelehrter Theolog und Schriftsteller
+einen allgemein geachteten Namen erworben hatte.
+
+Immer näher rückte indeß die Zeit, wo Goethe Frankfurt verlassen sollte.
+Begleitet von den Glückwünschen seiner Eltern und Freunde, fuhr er im
+October 1765 nach Leipzig. Seine Reisegenossen waren der in Frankfurt
+ansässige Buchhändler Fleischer und dessen Gattin, eine Tochter des damals
+geschätzten Dichters Triller, die ihren Vater in Wittenberg besuchen
+wollte. Die Jahreszeit, in der Goethe seine Reise antrat, war höchst
+unfreundlich. Durch den fast ununterbrochenen Regen waren die Wege fast
+unfahrbar geworden, und in der Gegend von Auerstadt blieb der Wagen völlig
+stecken. Es war die Zeit der Messe, als er in Leipzig ankam. In der
+sogenannten Feuerkugel, zwischen der Universitätsstraße und dem Neumarkt,
+bezog Goethe zwei nach dem Hofe hinaus gelegene Zimmer, die er während der
+Messe gemeinschaftlich mit seinem Reisegefährten, dem Buchhändler
+Fleischer, später jedoch allein bewohnte.
+
+In dem Hause des Professors Böhme, der Geschichte und Staatsrecht lehrte,
+fand Goethe, nachdem er seine Empfehlungsbriefe abgegeben, eine freundliche
+Aufnahme. Als er jedoch seine Abneigung gegen die Jurisprudenz sich merken
+ließ, und mit dem Plan hervortrat, sich den alten Sprachen und schönen
+Wissenschaften widmen zu wollen, mißbilligte Böhme, der die Dichter, selbst
+den allgemein gefeierten Gellert nicht leiden konnte, dies übereilte
+Vorhaben. Dringend empfahl er das Studium der römischen Alterthümer und der
+Rechtsgeschichte, und schloß seine Ermahnungen mit der Bitte, den gefaßten
+Entschluß reiflich zu überlegen. Seine Ueberredung wirkte. Goethe gab
+seinen Plan auf, und entschied sich für die Jurisprudenz. Nach Böhme's Rath
+sollte er zuerst Philosophie, Rechtsgeschichte und die Institutionen hören.
+Er ließ sich jedoch, ungeachtet der Abneigung Böhme's gegen Gellert, nicht
+abhalten, auch dessen Auditorium zu besuchen, besonders die Collegien über
+Literaturgeschichte, die jener hochgefeierte Mann nach Stockhausens
+bekanntem Compendium las. Nach der Schilderung, welche Goethe in spätern
+Jahren von Gellert entwarf, war er von Gestalt nicht groß, schwächlich,
+doch nicht hager. Er hatte sanfte, fast traurige Augen, eine sehr schöne
+Stirn, eine nicht übertriebene Habichtsnase, einen feinen Mund und ein
+gefälliges Oval des Gesichts, was, verbunden mit der Freundlichkeit in
+seinem Benehmen, einen angenehmen Eindruck machte.
+
+Durch die Vorlesungen, die Goethe, wenigstens anfangs, sehr regelmäßig
+besuchte, ward er nicht sonderlich gefördert. In den philosophischen
+Collegien fand er nicht die gehofften Aufschlüsse über einzelne, ihm dunkle
+Materien. Er ward bald nachlässig im Nachschreiben seiner Hefte. Sie wurden
+immer unvollständiger, besonders in den philosophischen Collegien, die der
+Professor Winkler las. Auch die juristischen Vorlesungen behagten ihm nicht
+lange. Was durch ein wissenschaftliches System in enge, schroffe Grenzen,
+in dürre Begriffe ohne Leben eingeschlossen worden war, konnte seinem
+poetisch gestimmten Gemüth nicht zusagen.
+
+Zu diesem Zwiespalt mit dem starren Facultätswesen und dem Geiste der
+akademischen Vorlesungen gesellten sich noch kleine Unannehmlichkeiten des
+Lebens, die ihm, verbunden mit seinen unbefriedigten Erwartungen, den
+Aufenthalt in Leipzig verleideten. Er mußte hier und da manchen Spott hören
+über seine altmodische Kleidung, die er aus dem elterlichen Hause
+mitgebracht hatte. Diese Kleidung mit einer andern zu vertauschen, die den
+Anforderungen der Mode mehr entsprach, ward Goethe erst veranlaßt, als er
+in einem damals sehr beliebten Lustspiel von Destouches den Herrn von
+Masuren in einem ähnlichen Tressenkleide, wie er selbst es trug, auftreten
+sah. Auch sein fremder Dialekt ward ein Gegenstand des Spotts. Unmuthig
+darüber, blieb er aus geselligen Cirkeln weg, in die er eingeführt worden
+war. Die Gattin des Professors Böhme, eine vielseitig gebildete Frau, in
+der er eine zweite Mutter fand, machte ihm seine Verstöße gegen die feine
+Lebensart bemerklich. Auch auf seinen ästhetischen Geschmack übte sie, wenn
+auch nur negativ, einen wohlthätigen Einfluß aus, indem sie dazu beitrug,
+ihm Gottsched's und seiner Anhänger Poesie zu verleiden. Ihr scharfes
+Urtheil über talentvolle Dichter, unter andern ihren bittern Tadel des von
+Weiße geschriebenen Lustspiels: "die Poeten nach der Mode," konnte Goethe,
+dem dieß Stück sehr gefiel, ihr nicht verzeihen. Seine eigene
+Autoreitelkeit fühlte sich verletzt durch ihre Aeußerungen über einige
+seiner lyrischen Gedichte, die er ihr anonym mittheilte.
+
+Kaum seinen Ohren traute Goethe, als er hörte, wie Gellert in einem seiner
+Collegien seine Zuhörer vor der Dichtkunst warnte, und sie zu prosaischen
+Ausarbeitungen aufforderte. Demungeachtet wagte Goethe, ihm einige seiner
+poetischen Versuche zu zeigen, die er, wie alle übrigen, mit rother Dinte
+corrigirte und die zu große Leidenschaftlichkeit in Styl und Darstellung,
+mitunter auch einige psychologische Verstöße tadelte. Eine scharfe Rüge,
+die seinen Lieblingsdichter Wieland traf, machte ihn so irre an seinem
+poetischen Talent, daß er in seinem Unmuth eines Tages alles, was er in
+Versen und Prosa geschrieben, den Flammen übergab. Ihn in seinem poetischen
+Streben zu fördern war der damalige Zustand der schönen Literatur in
+Deutschland nicht sonderlich geeignet. Aus den Dichtern, die Goethe sich
+hätte zum Muster nehmen können, aus Gellert, Lessing, Klopstock, Wieland u.
+A. blickte eine zu entschiedene Individualität hervor. Vor sclavischer
+Nachahmung bewahrte ihn sein besseres Gefühl. Was die Poesie der genannten
+Dichter Vortreffliches hatte, glaubte er nicht erreichen zu können; aber er
+fürchtete, in ihre Fehler zu verfallen. Er hatte zu sich und seinem Talent
+das Vertrauen verloren, und fand es erst wieder in dem Umgange mit mehreren
+gebildeten und kenntnisreichen jungen Männern, zu denen unter andern sein
+Landsmann und nachheriger Schwager Schlosser gehörte, der damals als
+geheimer Secretär des Herzogs Ludwig von Würtemberg diesen Fürsten nach
+Leipzig begleitet hatte.
+
+Durch Schlosser, der als Schriftsteller nicht unrühmlichbekannt war,
+erhielt Goethe Zutritt zu manchen gelehrten und einflußreichen Männern.
+Auch mit Gottsched, dem damaligen Tonangeber des ästhetischen Geschmacks,
+dessen Aussprüche, seinem Antagonisten Breitinger zum Trotz, noch immer als
+Orakel galten, ward Goethe auf die erwähnte Weise bekannt. Er fand ihn im
+ersten Stockwerk des goldnen Bären, welches ihm von seinem Verleger
+Breitkopf, aus Erkenntlichkeit für den großen Absatz seiner Schriften, zur
+lebenslänglichen Wohnung eingeräumt worden war. In einem Schlafrock von
+grünem Damast, mit rothem Taft gefüttert, trat Gottsched, wie Goethe in
+spätern Jahren erzählte, ihm und Schlosser entgegen. In demselben
+Augenblicke aber eilte ein Diener herbei, und reichte ihm eine große
+Perücke, um sein kahles Haupt zu bedecken. Der Saumselige bekam jedoch eine
+tüchtige Ohrfeige, worauf Gottsched mit großer Ruhe und Gleichgültigkeit
+die beiden Fremden zum Sitzen nöthigte und sich mit ihnen in ein Gespräch
+einließ, das meistens literarische Gegenstände betraf.
+
+Die beliebtesten englischen Autoren sich zum Muster zu wählen, hielt Goethe
+für das wirksamste Mittel, um sich von dem seichten Geschmack Gottsched's
+und seiner Schule frei zu erhalten. Aber auch zu einem gründlichen Studium
+der bessern deutschen Schriftsteller, die der Literatur eine neue Richtung
+gaben, ward Goethe durch den Umgang mit mehreren vielseitig gebildeten
+jungen Männern geführt, zu denen, außer einigen gebildeten Livländern, ein
+Bruder des Dichters Zachariä, der nachherige Privatgelehrte Pfeil und der
+durch seine geographischen und genealogischen Compendien bekannte
+Schriftsteller Krebel gehörten. Fleißig las Goethe in Lessings, Gleims,
+Hallers, Ramlers u. A. Schriften. Keiner dieser Dichter aber raubte ihm die
+Vorliebe für Wieland. Den Eindruck, den das Lehrgedicht "Muserion" damals
+auf ihn gemacht, schilderte er in spätern Jahren mit den Worten: "Hier, in
+diesem Gedicht war es, wo ich das Antike lebendig und neu vor mir zu sehen
+glaubte. Alles, was in Wielands Natur plastisch war, zeigte sich hier aufs
+Vollkommenste, und da der zu unglückseliger Nüchternheit verdammte
+Phanias-Timon sich zuletzt wieder mit seinem Mädchen und mit der Welt
+versöhnte, so mochte ich die menschenfeindliche Epoche wohl mit ihm
+durchleben."
+
+Ein flüchtiges Interesse nahm Goethe an der lange dauernden literärischen
+Fehde, welche die Verschiedenheit religiöser Meinungen zwischen den beiden
+Leipziger Professoren Ernesti und Crusius hervorrief. Jener ging
+bekanntlich in der biblischen Hermeneutik von allgemeinen philologischen
+Grundsätzen aus, während Crusius zu einer mystischen Erklärungsweise der
+heiligen Schrift sich hinneigte. Lebhafter, als für diese theologische
+Polemik, interessirte sich Goethe, neben seiner Beschäftigung mit der
+Dichtkunst und den schönen Wissenschaften, für die eifrigen Bemühungen
+Jerusalems, Zollikofers, Spaldings und anderer berühmten Theologen, in
+Predigten und Abhandlungen der Religion und Moral aufrichtige Verehrer zu
+verschaffen. Zurückgeschreckt durch die barocke Schreibart der Juristen,
+bildete Goethe nach jenen Mustern, besonders nach Mendelssohn und Garve,
+seinen Styl.
+
+Poetischen Stoff sammelte er auf einsamen Spaziergängen durch das
+Rosenthal, nach Gohlis und andern benachbarten Orten. Zu einer Idylle, auf
+die er noch in spätern Jahren einigen Werth legte, begeisterte ihn Annette,
+die Tochter eines Wirths, bei welchem er mit mehreren Freunden seinen
+Mittagstisch hatte. Ueber sein Liebesverhältniß entwarf Goethe in spätern
+Lebensjahren eine anziehende Schilderung in den Worten: "Ich war nach
+Menschenweise in meinen Namen verliebt, und schrieb ihn, wie junge Leute zu
+thun pflegen, überall an. Einst hatte ich ihn auch sehr schön und genau in
+die glatte Rinde eines Lindenbaums geschnitten. Den Herbst darauf, als
+meine Neigung zu Annetten in ihrer besten Blüthe war, gab ich mir die Mühe,
+den ihrigen oben darüber zu schneiden. Indeß hatte ich gegen Ende des
+Winters, als ein launischer Liebhaber, manche Gelegenheit vom Zaun
+gebrochen, sie zu quälen und ihr Verdruß zu machen. Im Frühjahr besuchte
+ich zufällig die Stelle. Der Saft, der mächtig in die Bäume trat, war durch
+die Einschnitte, die ihren Namen bezeichneten, und die noch nicht
+verharrscht waren, hervorgequollen, und benetzte mit unschuldigen
+Pflanzenthränen die schon hart gewordenen Züge des meinigen. Sie hier über
+mich weinen zu sehen, der ich oft durch mein Benehmen ihre Thränen
+hervorgerufen hatte, versetzte mich in Bestürzung. In Erinnerung meines
+Unrechts und ihrer Liebe kamen mir selbst die Thränen in die Augen. Ich
+eilte, ihr Alles doppelt und dreifach abzubitten, und verwandelte jenes
+Ereigniß in eine Idylle, die ich niemals ohne Rührung lesen oder Andern
+mittheilen konnte."
+
+Aus der poetischen Gattung, zu der jenes Gedicht gehörte, ward Goethe bald
+wieder auf die dramatische Dichtkunst hingewiesen durch den tiefen und
+bleibenden Eindruck, den Lessings Minna von Barnhelm auf ihn machte. Dieß
+ganz eigentlich aus dem Leben gegriffene Lustspiel von ächtem
+Nationalgehalt, lenkte seinen Blick zugleich auf die großen Weltereignisse
+des siebenjährigen Krieges. Neben dem bedeutenden Stoff bewunderte er
+besonders die concise Behandlung. Ein solches Muster zu erreichen, traute
+er sich nicht zu. Schon sein beschränkter Umgang mit vielseitig gebildeten
+Personen verhinderte ihn daran. In den eignen Busen mußte er greifen, wenn
+es ihm darum zu thun war, seinen Gedichten durch Empfindung oder Reflexion
+eine feste Basis zu geben. Fühlbar ward ihm wenigstens, daß er, um bei
+seinen poetischen Producten zu einer klaren Anschauung der einzelnen
+Gegenstände zu gelangen, aus dem Kreise, der ihn umgab und ihm ein
+Interesse einflößte, nicht heraustreten durfte. Solchen Ansichten
+verdankten mehrere lyrische Gedichte Goethe's, von denen sich jedoch nur
+wenige erhalten haben, ihre Entstehung. Goethe gab diesen Gedichten
+meistens die Form des Liedes, bisweilen auch ein freieres Versmaß. Es waren
+weniger Produkte einer sehr lebhaften Phantasie, als des ruhigen
+Verstandes, wofür schon die epigrammatische Wendung in einigen jener
+Gedichte zu sprechen schien. Unverändert blieb seinem Geiste die Richtung,
+Alles, was ihn erfreute, beunruhigte oder überhaupt in irgend einer Weise
+lebhaft beschäftigte, in ein poetisches Gewand zu kleiden. Seine Natur, die
+leicht von einem Extrem in's andre geworfen ward, gelangte dadurch zu einer
+gewissen Ruhe.
+
+Aus seinem, durch eigene Schuld, vorzüglich durch grundlose Eifersucht
+wieder aufgelösten Lebensverhältniß schöpfte Goethe die Idee zu seinem
+ersten dramatischen Werke. 1769 dichtete er sein Schauspiel: "die Laune des
+Verliebten", das er jedoch erst nach einer bedeutenden Reihe von Jahren dem
+Druck übergab. Seinem Inhalt nach war das Stück dem später gedichteten
+Schauspiel: "Erwin und Elmire" ähnlich, so wesentlich es sich von demselben
+durch die Form und Behandlungsart unterschied. Erhalten hat sich unter
+mehreren literarischen Entwürfen aus jener Zeit nur der Anfang einer in
+Alexandrinern verfaßten Uebersetzung von Corneille's Lustspiel: Le
+Menteur, unter dem Titel: "der Lügner", und außerdem das Fragment eines in
+Briefen zwischen "Arianne und Wetty" geschriebenen Romans. Man findet diese
+Bruchstücke in den neuerlich von A. Scholl herausgegebenen Briefen und
+Aufsätzen Goethes aus den Jahren 1766-1786. Vollendet ward von Goethe nur
+das Lustspiel: "Die Mitschuldigen." Er bedauerte in spätern Jahren, daß er
+über der ernsten Richtung in seinen ersten dramatischen Werken manchen
+heitern Stoff, den ihn das Studentenleben darbot, unbenutzt gelassen hatte.
+Seine Empfindungen legte er in einzelnen Liedern und Epigrammen nieder, die
+jedoch, nach seinem eignen Geständnisse in späterer Zeit, zu subjectiv
+waren, um außer ihn selbst, noch irgend Jemand zu interessiren.
+
+Einen frühen Jugendeindruck erneuerte in Goethe Gellerts wiederholte und
+dringende Ermahnung an seine Zuhörer, sich dem öffentlichen Gottesdienste
+und dem Genuß des heiligen Abendmahls nicht zu entziehen. Etwas Furchtbares
+hatte für Goethe von jeher die neutestamentliche Vorstellung gehabt: wer
+das Sakrament unwürdig genösse, äße und tränke sich selbst den Tod. Von
+mannigfachen Gewissensscrupeln beunruhigt, hatte er sich der
+Abendmahlsfeier lange entzogen, und Gellerts Ermahnungen fielen ihm um so
+schwerer aufs Herz. Ueber die ernsten Betrachtungen, denen er sich eine
+Zeit lang überließ, siegte indeß bald wieder angeborner Humor und
+jugendlicher Leichtsinn.
+
+Einflußreich und belehrend durch seine vielseitigen Sprach- und
+Literaturkenntnisse ward für Goethe die Bekanntschaft mit dem Hofmeister
+eines jungen Grafen von Lindenau. Er hieß Behrisch, und war, nach Goethes
+eigner Schilderung, ungeachtet seines redlichen Charakters und seiner
+vielen löblichen Eigenschaften, einer der größten Sonderlinge. Trotz der
+Würde seines äußern Benehmens war er immer zu allerlei muthwilligen Possen
+aufgelegt. Durch seine sarkastischen Bemerkungen weckte er in Goethe den
+Hang zur Satyre. Zur besondern Zielscheibe seines Witzes wählte sich dieser
+den Professor Clodius, der die stylistischen Vorlesungen übernommen, welche
+Gellert, seiner Kränklichkeit wegen, hatte aufgeben müssen. Durch den Tadel
+eines Gedichts, mit welchem Goethe die Hochzeit eines Oheims in Frankfurt
+verherrlichen wollte, hatte Clodius seine Autoreitelkeit verletzt.
+Gemeinschaftlich mit seinem Freunde Behrisch rächte sich Goethe durch
+lauten Spott über die mittelmäßigen Oden, mit denen Clodius mehrmals bei
+feierlichen Gelegenheiten hervorgetreten war. Die darin enthaltenen
+Kraftsprüche und Sentenzen benutzte Goethe zu einer Parodie. Es war ein an
+den damals sehr beliebten Conditor Händel gerichtetes Gedicht, welches zwar
+nicht gedruckt, doch bald in mehreren Abschriften verbreitet ward. Die
+Wirkung seiner Parodie verstärkte Goethe noch durch einen satyrischen
+Prolog, den er bald nachher zu dem von Clodius geschriebenen Lustspiel:
+"Medon oder die Rache des Weisen" dichtete. Nach seiner eignen Schilderung
+in spätern Jahren hatte Goethe in jenem Prolog Harlekin mit zwei Säcken
+auftreten lassen, mit moralisch-ästhetischem Sande gefüllt, den die
+Schauspieler den Zuschauern in die Augen streuen sollten. Der eine Sack,
+äußerte Harlekin, sei mit Wohlthaten gefüllt, die nichts kosteten, der
+andere mit allerlei hochtrabenden Sentenzen, hinter denen nichts stecke.
+Darum möchten die Zuschauer ja die Augen zudrücken u.s.w.
+
+Getrennt von seinem Freunde Behrisch, dem seine vielseitigen Kenntnisse die
+Stelle eines Erziehers des Erbprinzen von Dessau verschafft hatten, sank
+Goethe wieder aus Mangel an Selbstständigkeit in das vielfach bewegte und
+leidenschaftliche Treiben zurück, dem er durch Behrisch kaum entrissen
+worden war. Auf einen bessern Weg führte ihn das Studium der Kunst. Bei dem
+berühmten Oeser, der als Director der Leipziger Zeichnenakademie in dem
+alten Schlosse Pleißenburg wohnte, nahm Goethe Unterricht im Zeichnen.
+Durch die Betrachtung vorzüglicher Werke und Oesers geistreiche Bemerkungen
+darüber ward sein früh erwachter Kunstsinn wieder vielfach angeregt und
+genährt. Reichen Genuß verschafften ihm besonders die werthvollen Gemälde-
+und Kupferstichsammlungen mehrerer Leipziger Kunstfreunde. Er vermehrte
+dadurch seine Kenntnisse in einem Fache, worin er, nach einer Aeußerung in
+spätern Jahren, "einst die größte Zufriedenheit seines Lebens finden
+sollte." Von der bloßen Anschauung zum Denken erhob er sich durch das
+Studium der Schriften d'Argenville's, Christs, Winkelmanns u.A. Völlig klar
+ward ihm jedoch der Unterschied zwischen den bildenden und den Redekünsten
+erst durch Lessings Laokoon. Der Triumph des Schönen über das Häßliche
+zeigte sich ihm in der Vorstellung der Griechen, die sich den Tod als den
+Bruder des Schlafs und diesem bis zum Verwechseln ähnlich dachten.
+
+Einen reinen Kunstgenuß bot ihm ein kurzer Aufenthalt in Dresden und die
+Betrachtung der dortigen Gemäldegallerie. Vielfache Belehrung verdankte er
+dem Inspector Riedel. Kurz vor seiner Rückreise nach Leipzig lernte er auch
+den Director der Kunstakademie, v. Hagedorn, einen Bruder des Dichters,
+persönlich kennen. In Leipzig fühlte Goethe, obgleich er jenen reichen
+Kunstgenuß dort entbehren mußte, nach seinem eignen Geständniß, sich ganz
+behaglich durch freundschaftlichen Umgang und einen Zuwachs an Kenntnissen.
+Beides fand er in dem Hause des Buchhändlers Breitkopf, der auf dem
+Neumarkt im silbernen Bären wohnte. Der älteste Sohn jenes Mannes spielte
+mit ziemlicher Fertigkeit die Violine, und componirte einige von Goethe's
+Gedichten, die ohne Angabe des Druckorts 1768 zu Leipzig in Quart
+erschienen. Oft wurden in Breitkopfs Hause, dessen zweiter Sohn ebenfalls
+musikalisch war, Concerte veranstaltet. Manchen Genuß und Nutzen schöpfte
+Goethe auch aus Breitkopfs auserlesener Bibliothek, welche vorzüglich an
+Werken reich war, die sich auf den Ursprung und die Fortschritte der
+Buchdruckerkunst bezogen.
+
+Wichtig ward für Goethe die Bekanntschaft des aus Nürnberg gebürtigen
+Kupferstechers Stock, der ein Mansardzimmer im Breitkopfischen Hause
+bewohnte. Die Technik der Kupferstecherkunst hatte für Goethe einen so
+unwiderstehlichen Reiz, daß er der Begierde nicht widerstehen konnte, sich
+selbst in diesem Fache zu versuchen. Zur Zufriedenheit seines Lehrers Stock
+radirte er einige Landschaften nach Thiele und andern Künstlern. Erhalten
+haben sich aus jener Zeit noch zwei radirte Blätter Goethe's. Beide stellen
+Landschaften dar, mit kleinen Cascaden, umschlossen von Felsen und Grotten.
+An dem untern Rande beider Landschaften befinden sich die Worte. Peint par
+A. Thiele, gravé par Goethe. Das eine Blatt hatte Goethe mit den
+nachstehenden Worten seinem Vater gewidmet: Dedié à Monsieur Goethe,
+Conseiller actuel de S.M. Imperiale, par son fils très-obeissant. Das
+andere Blatt führt die Unterschrift: Dedié à Mr. le Docteur Hermann,
+Assesseur de la cour provinciale supréme de justice S. A. Elect. de Saxe et
+Sénateur de la ville de Leipsic, par son ami Goethe. Eine genaue und
+ausführliche Beschreibung der erwähnten Blätter lieferte ein Aufsatz Karl
+Buchner's im Morgenblatt vom Jahr 1828. No. 3-6.
+
+Den der Gesundheit nachtheiligen Dünsten, die sich beim Aetzen von
+Kupferstichen entwickelten, gab Goethe eine gefährliche Brustbeklemmung
+schuld, die er sich aber auch wohl durch den zu reichlichen Genuß des
+Merseburger Biers und starken Kaffees zugezogen haben mochte. Der
+Organismus seiner Natur ward so heftig erschüttert, daß er einst Nachts von
+einem heftigen Blutsturz erwachte. Die ärztliche Hülfe des Doctor Reichel
+beschleunigte seine Genesung. Er ward wieder heiter gestimmt für den Umgang
+mit seinen Freunden, die er durch Kränklichkeit und üble Laune von sich
+gescheucht hatte.
+
+Die Zeit, wo Goethe nach beendigten Studien wieder in das elterliche Haus
+zurückkehren sollte, war nahe. Kurz vor seiner Abreise ereignete sich ein
+Tumult zwischen den Studenten und Stadtsoldaten. Goethe hatte keinen
+Antheil an diesen Händeln. Mit jenem Nachklange akademischer Großthaten
+verließ er Leipzig im September 1768. Er hatte dort manche
+Freundschaftsverhältnisse angeknüpft. Den Einfluß, den der Aufenthalt in
+Leipzig auf seine Bildung gehabt, konnte er nicht verkennen. Gestehen mußte
+er sich freilich, daß er den Aussichten und Hoffnungen seiner Eltern nicht
+sonderlich entsprochen. Er hatte sich ganz andern Studien gewidmet, als
+sein Vater wünschen mochte, der nur mühsam den Unmuth verbarg, seinen Sohn,
+der nun promoviren und die ihm vorgeschriebene Bahn durchlaufen sollte,
+noch nicht hinlänglich dazu vorbereitet, und überdieß geistig und
+körperlich leidend heimkehren zu sehen.
+
+Goethe aber bereute nicht den selbst gewählten Pfad, und seine Dankbarkeit
+vergaß nie den Mann, der ihn zuerst darauf hingeleitet. Den 9. November
+1768 schrieb er nach Leipzig an Oeser: "Was bin ich Ihnen nicht alles
+schuldig, daß Sie mir den Weg zum Wahren und Schönen gezeigt, daß Sie mein
+Herz für den Reiz fühlbar gemacht haben. Ich bin Ihnen mehr schuldig, als
+ich Ihnen danken könnte. Der Geschmack, den ich am Schönen habe, meine
+Kenntnisse, meine Einsichten, hab' ich die nicht alle durch Sie? Wie gewiß,
+wie einleuchtend wahr ist mir der seltsame, fast unbegreifliche Satz
+geworden, daß die Werkstatt eines großen Künstlers mehr den keimenden
+Philosophen, den keimenden Dichter entwickle, als der Hörsaal des Weisen
+und des Kritikers. Lehre thut viel, aber Aufmunterung thut Alles.
+Aufmunterung nach dem Tadel ist Sonne nach dem Regen, fruchtbares Gedeihen.
+Wenn Sie meiner Liebe zu den Musen nicht aufgeholfen hätten, ich wäre
+verzweifelt. Sie wissen, was ich war, als ich zu Ihnen kam, und was ich
+war, als ich von Ihnen ging. Der Unterschied ist Ihr Werk."
+
+Als Göthe [Goethe] diesen Brief schrieb, war er unlängst genesen von einer
+gefährlichen Krankheit, die durch gestörte Verdauung und ein dadurch
+erzeugtes Asthma die lebhaftesten Besorgnisse seiner Eltern erregte.
+Unvergeßlich blieb ihm die liebreiche Pflege seiner Mutter und die
+zärtliche Theilnahme seiner Schwester Cornelia. Durch seine Krankheit allen
+irdischen Angelegenheiten entfremdet, wandte sich sein Geist dem
+Himmlischen zu. Mit der ganzen Wärme und Innigkeit seines Gefühls suchte er
+das Unsichtbare zu ergreifen. Wie ihn als Kind vorzugsweise das Alte
+Testament angesprochen, so beschäftigte er sich nun, von einem ähnlichen
+schwärmerischen Enthusiasmus ergriffen, mit den neutestamentlichen
+Schriften.
+
+In dieser Geistesrichtung begegnete ihm eine seelenkranke Freundin seiner
+
+Mutter, ein Fräulein von Klettenberg, aus deren Unterhaltungen und Briefen
+Goethe später den Stoff hernahm zu den in seinem "Wilhelm Meister"
+enthaltenen "Bekenntnissen einer schönen Seele." Sein Verhältniß zu dem
+Fräulein von Klettenberg blieb, ungeachtet der schwärmerischen Richtung
+ihres Geistes, der dem irdischen Daseyn gänzlich entfremdet, sich nur mit
+dem ewigen Heil der Seele beschäftigte, doch nicht ohne Einfluß auf
+Goethe's moralische Veredlung. Jedenfalls hätte er indeß seine Zeit besser
+verwenden können, als zu dem Lesen von allerlei mystischen Schriften. Durch
+Theophrast, Paracelsus u. A. ward er in das Gebiet der Chemie geführt. Mit
+Hülfe eines kleinen Laboratoriums machte er, nach Anleitung des
+Boerhave'schen Compendiums einige chemische Experimente, die, so
+unvollkommen sie auch ausfielen, seine Kenntnisse in mannigfacher Weise
+bereicherten. Auch das Zeichnen, Aetzen und Radiren trat wieder in die
+Reihe seiner Lieblingsbeschäftigungen. Nach den mannigfachsten Richtungen
+schweifte seine Thätigkeit, die erst eine feste Basis gewonnen zu haben
+schien, als er sich wieder zu philosophischen Studien wandte.
+
+Den Weg, den seine Bildung nahm, zeigte ein Brief an die Tochter seines
+Freundes Oeser, vom 13. Februar 1769. "Meine gegenwärtige Lebensart,"
+schrieb Goethe, "ist der Philosophie gewidmet. Eingesperrt, allein, Cirkel,
+Papier, Feder und Dinte und zwei Bücher ist mein ganzes Rüstzeug; und auf
+diesem einfachen Wege komme ich der Erkenntniß der Wahrheit oft so nah und
+weiter, als Andere mit ihrer Bibliothekswissenschaft. Ein großer Gelehrter
+ist selten ein großer Philosoph, und wer mit Mühe viel Bücher durchblättert
+hat, verachtet das leichte, einfache Buch der Natur, und es ist nichts
+wahr, als was einfältig ist. Freilich eine Recommendation für die wahre
+Weisheit! Wer den einfältigen Weg geht, der gehe ihn, und schweige still.
+Demuth und Bedächtlichkeit sind die nothwendigsten Eigenschaften unserer
+Schritte darauf, deren jeder endlich belohnt wird. Ich danke es Ihrem
+lieben Vater, er hat meine Seele zuerst zu diesem Wege bereitet. Die Zeit
+wird meinen Fleiß segnen, daß er ausführen kann, was angefangen ist. Wenn
+man anders denkt, als große Geister, so ist es gewöhnlich ein Zeichen eines
+kleinen Geistes. Ich mag nicht gern Eins und das Andere seyn. Ein großer
+Geist irrt so gut wie ein kleiner; jener, weil er keine Schranken kennt,
+dieser, weil er seinen Horizont für die Welt nimmt. O meine Freundin, das
+Licht ist die Wahrheit, von der doch das Licht quillt. Die Nacht ist
+Unwahrheit. Und was ist Schönheit? Sie ist nicht Licht und nicht Nacht,
+Dämmerung, eine Geburt von Wahrheit und Unwahrheit, ein Mittelding. In
+ihrem Reiche liegt ein Scheideweg, so zweideutig, so schielend, ein
+Herkules unter den Philosophen könnte sich vergreifen."
+
+In dankbarer Rückerinnerung an seinen "lieben Oeser" schrieb Goethe den 20.
+Februar 1770 an den Buchhändler Reich in Leipzig: "Nach Oeser und
+Shakspeare ist Wieland der Einzige, den ich für meinen ächten Lehrer
+erkenne. Andere hatten mir gezeigt, daß ich fehlte; diese zeigen mir, wie
+ich's besser machen sollte." Der erwähnte Brief enthielt zugleich einige
+charakteristische Bemerkungen über Wieland. "Mein Urtheil über den Diogenes
+von Sinope," schrieb Goethe, "werden Sie nicht verlangen. Empfinden und
+Schweigen ist Alles, was man bei dieser Gelegenheit thun kann, denn so gar
+loben soll man einen großen Mann nicht, wenn man nicht so groß ist, wie er.
+Aber geärgert hab' ich mich schon auf Wielands Rechnung, und ich glaube mit
+Recht. Wieland hat das Unglück, oft nicht verstanden zu werden. Vielleicht
+ist manchmal die Schuld sein, doch manchmal ist sie es nicht, und da muß
+man sich ärgern, wenn Leute ihre Mißverständnisse dem Publikum für
+Erklärungen verkaufen." Seine Verehrung Wielands sprach Goethe am Schlusse
+seines Briefes in den Worten aus. "Wenn Sie diesem großen Autor schreiben
+oder ihn sprechen, so haben Sie die Güte, ihm einen jungen Menschen bekannt
+zu machen, der zwar nicht Mann's genug ist, seine Verdienste zu schätzen,
+aber doch ein genug zärtliches Herz hat, sie zu verehren."
+
+Wie geringen Werth Goethe seinen in Leipzig entstandenen Gedichten beimaß,
+bewies er durch den ausgeführten Entschluß, den größten Theil derselben,
+bald nach seiner Ankunft in Frankfurt, den Flammen zu opfern. Auch mehrere
+unvollendete dramatische Werke traf dies Schicksal. Verschont blieben nur
+"die Laune des Verliebten" und "die Mitschuldigen." Das zuletzt genannte
+Stück erhielt noch einige Verbesserungen. Diese poetischen Beschäftigungen
+wurden unterbrochen durch seine nahe Abreise nach Straßburg. Dort sollte
+Goethe nach seines Vaters Wunsch, seine Studien vollenden und sich den
+juristischen Doctorhut erwerben. Noch immer gab Goethes Vater die Hoffnung
+nicht auf, aus seinem Sohne einen tüchtigen Rechtsgelehrten zu bilden.
+
+Vom Münster betrachtete Goethe bald nach seiner Ankunft in Straßburg, die
+Stadt und die Umgegend. Er pries sein Schicksal, das ihm einen so
+anmuthigen Aufenthalt bestimmt hatte. An der Sommerseite des Fischmarktes,
+einer langen und sehr belebten Straße, bezog er eine freundliche Wohnung.
+Den Mittagstisch hatte er in einer sehr gebildeten Kaufmannsfamilie, an die
+er empfohlen worden war. Ein großer Theil der Studirenden in Straßburg
+widmete sich der Arzneikunde. Dadurch gewann auch Goethe ein Interesse an
+der Medicin. Im zweiten Semester hörte er Chemie bei Spielmann, und
+Anatomie bei Lobstein, ohne darüber sein Berufsfach, die Jurisprudenz, zu
+vernachlässigen. Mit Hülfe eines Repetenten, den ihm einer seiner Freunde,
+der Actuar Salzmann, empfahl, ergänzte Goethe, was ihm noch fehlte, um in
+dem juristischen Examen mit Ehren zu bestehen.
+
+An Zerstreuung und Zerstückelung seiner Studien fehlte es ihm in Straßburg
+eben so wenig, wie während seines Aufenthalts in Leipzig. Lockend war für
+ihn das fröhliche Leben im Elsaß. Manchen Sommerabend brachte er mit
+einigen Freunden in öffentlichen Gärten und andern Lustorten zu. Auch
+unternahm er häufig Ausflüge, vorzüglich in die romantischen
+Gebirgsgegenden. Seine anmuthige Gestalt, sein offenes Wesen empfahlen ihn
+überall, und er gewann Zutritt zu den vornehmsten Cirkeln. Den
+Anforderungen des akademischen Lebens entsprach er durch seine Gewandtheit
+im Fechten. Aber auch dem Tanz und dem Kartenspiel, das er eigentlich nicht
+liebte, huldigte Goethe, um nicht gegen den feinen Gesellschaftston zu
+verstoßen.
+
+Unstreitig das wichtigste Ereigniß während seines Aufenthalts in Straßburg
+war die persönliche Bekanntschaft mit Herder, der als Reisebegleiter des
+gemüthskranken Prinzen von Holstein-Eutin nach Straßburg kam. Einen lange
+gehegten Lieblingswunsch sah Goethe erfüllt, als ihm gegönnt war, sich dem
+berühmten Manne zu nähern, der durch seine "Fragmente zur deutschen
+Literatur", durch seine "kritischen Wälder" und andere Schriften das
+Interesse des gebildeten Publikums entschieden auf sich gelenkt hatte. In
+dem Gasthofe, wo Herder eingekehrt, machte ihm Goethe seine Aufwartung.
+Herder trug ein schwarzes Kleid und einen seidnen Mantel von gleicher
+Farbe. Sein gepudertes Haar war in eine runde Locke aufgesteckt, wodurch er
+einem Geistlichen ähnlich sah. Nach der Schilderung, welche Goethe in
+spätern Jahren von Herders Persönlichkeit entwarf, war "sein Gesicht rund,
+die Stirn bedeutend, die Nase etwas stumpf, der Mund ein wenig aufgeworfen,
+aber höchst individuell angenehm und liebenswürdig. Unter schwarzen
+Augenbraunen blitzten ein Paar kohlschwarze Augen hervor, die ihre Wirkung
+nicht verfehlten, ungeachtet das eine Auge roth und entzündet war, und von
+Lobstein operirt werden sollte."
+
+Durch einen reichen Schatz von Lebenserfahrungen, verbunden mit einer
+eigenthümlichen Anziehungskraft, übte Herder, obgleich er nur fünf Jahre
+älter war als Goethe, auf diesen einen so unwiderstehlichen Reiz aus, daß
+er ihm mit Offenheit eine treuherzige Schilderung seiner
+Jugendbeschäftigungen und Liebhabereien entwarf. Herders scharfer Tadel und
+seine sarkastischen Bemerkungen vermochten ihn nicht in der Achtung
+herabzusetzen, die Goethe für ihn empfand. Er verdankte ihm einen großen
+Zuwachs an neuen Ideen und den mannigfachsten Kenntnissen. In einem ganz
+andern Lichte erschien ihm das Lieblingsbuch seiner Jugend, die Bibel,
+durch die von Herder in seinem Werke: "Vom Geist der hebräischen Poesie"
+gesammelten Blüthen morgenländischer Dichtkunst. Ueberall eröffnete ihm
+Herder einen freiern Blick in das große Gebiet der Literatur. Besonders
+ward Goethe durch ihn mit den vorzüglichsten Erzeugnissen der englischen
+Literatur bekannt. Einen noch entschiedeneren Einfluß würde Herder auf
+Goethe's Bildung gewonnen haben, wenn er seine unersättliche Wißbegierde
+nicht oft zurückgeschreckt hätte durch allerlei sarkastische Bemerkungen,
+die besonders Goethe's Selbstgefälligkeit und Eitelkeit trafen. Aus Furcht
+vor Herders Tadel verbarg ihm Goethe daher auch sein Interesse an
+poetischen Gegenständen, und namentlich die Idee, den biedern und tapfern
+Ritter Götz von Berlichingen zu einem dramatischen Helden zu wählen.
+
+Zu dem Kreise, in welchem sich Goethe damals bewegte, gehörten außer
+Herder, noch einige andere, mehr oder minder ausgezeichnete Individuen. Der
+unter dem Namen Jung-Stilling bekannte Schriftsteller befand sich damals in
+Straßburg. Goethe rühmte in spätern Jahren an ihm seinen Enthusiasmus für
+alles Gute, Wahre und Rechte. "Unverwüstlich, äußerte Goethe, war sein
+Glaube an Gott und an eine unmittelbar von ihm ausgehende Hülfe. Sein
+Glaube duldete keinen Zweifel, und seine Ueberzeugung keinen Spott." Eine
+eigenthümliche Treuherzigkeit und ein leichter Humor charakterisirte, nach
+Goethe's eignem Geständniß, seinen Freund Franz Lerse. Seine Gewandtheit im
+Fechten qualificirte ihn zum Schieds- und Kampfrichter bei allen Händeln,
+die in der Studentenwelt sich nicht durch Worte und Erklärungen beseitigen
+ließen. Den Namen seines Freundes verewigte Goethe später in seinem "Götz
+von Berlichingen." Erst in der letzten Zeit seines Aufenthalts lernte er
+den als genialen Sonderling bekannten Dichter Lenz kennen, der später
+(1792) in Geisteszerrüttung zu Moskau starb. Die Excentricität Shakspeare's
+und den unvergleichlichen Humor des Britten zu empfinden und nachzubilden,
+war Niemand geeigneter, als Lenz, wie er durch seine Uebersetzung von
+Love's labour's lost und durch die derselben beigefügten Anmerkungen über
+das Theater bewies. Wie er, fühlte sich auch Goethe nicht zurückgestoßen
+durch die Derbheit in Shakspeare's Werken, vielmehr reichlich entschädigt
+durch die darin herrschende Wahrheit und Natur. In ihren geselligen Cirkeln
+bediente Goethe mit seinen Freunden sich der von Shakspeare gebrauchten
+Worte und Redensarten. Er ward ihr Vorbild im Dichten, wie im Leben.
+
+Das früh in Goethe erwachte Gefühl für Naturschönheiten lockte ihn in die
+anmuthige Umgegend Straßburgs. Mit einigen dortigen Freunden besuchte er
+Zabern, Buchsweiler, Lützelstein, Saarbrück und andere Städte und Flecken
+im Elsaß. Auf diesen Excursionen lernte er mehrere Familien kennen, bei
+denen er eine gastfreie Aufnahme fand. Vorzüglich war dieß der Fall bei dem
+Pfarrer Brion in dem etwa sechs Stunden von Straßburg entfernten Dorfe
+Sesenheim. Ein besonderes Interesse erhielt diese Bekanntschaft für Goethe
+durch ein Liebesverhältnis zur dritten Tochter jenes Geistlichen. Nach
+übereinstimmenden Zeugnissen war Friederike Brion ein Mädchen von schönem
+Wuchs, blondem Haar und blauen Augen. Was ihr an äußern Reizen abging,
+ersetzte sie durch Anmuth in ihrem Wesen und durch das Talent geselliger
+Unterhaltung. Sie hatte ihren Geist durch das Lesen der besten
+Schrifsteller [Schriftsteller] gebildet, und war musikalisch. Oft
+durchwanderte Goethe mit ihr die anmuthige Gegend. Ein Buchenwäldchen war
+sein Lieblingsplatz. Gesellige Zerstreuungen, mitunter Pfänderspiele, bei
+denen Goethe durch seinen Witz und Humor glänzte, erheiterten den Kreis von
+Freunden und Verwandten in des Pfarrers Brion Wohnung zu Sesenheim, wenn
+Goethe, nach Straßburg zurückgekehrt, dort wieder erschien. Er verweilte
+mitunter mehrere Wochen in Sesenheim. Den Taumel von Zerstreuungen, in
+denen er sich befand, schilderten einzelne Stellen in seinen Briefen an den
+Actuar Salzmann in Straßburg.
+
+"Getanzt hab' ich," schrieb er unter andern, "am Pfingstmontage von 2 Uhr
+nach Tisch bis zwölf Uhr in der Nacht, in einem fort, außer einigen
+Intermezzo's von Essen und Trinken. Wir hatten brave Schnurranten erwischt,
+da ging's wie Wetter. Das ganze Ich war in das Tanzen versunken." Er
+schadete durch das Uebermaß seiner Gesundheit. Geplagt von einem
+hartnäckigen Husten, schrieb er einige Tage später: "Man lebt doch nur
+halb, wenn man nicht Athem schöpfen kann. Und doch mag ich nicht in die
+Stadt zurück. Die Bewegung und freie Luft hilft wenigstens, was zu helfen
+ist." Nicht ohne einen Anflug von Trübsinn schloß er seinen Brief mit den
+Worten: "Die Welt ist schön, so schön! Wer's genießen könnte! Ich bin
+manchmal ärgerlich darüber, und manchmal halte ich mir erbauliche
+Erbauungsstunden über das Heute, über diese Idee, die unserer
+Glückseligkeit so unentbehrlich ist, und die mancher Professor der Ethik
+nicht faßt, und keiner gut verträgt."
+
+Sein immer leidenschaftlicher gewordenes Verhältniß zu Friederiken fing an
+ihn zu beunruhigen. Goethe fühlte, daß es sich bald, vielleicht für immer
+auflösen mußte, da die Zeit seiner Abreise von Straßburg nahe war. Seine
+Besuche in Sesenheim wurden Seltener, aber sein Briefwechsel mit
+Friederiken dauerte fort. Goethes Zeit war freilich beschränkt. Er mußte an
+die Ausarbeitung seiner Dissertation denken, die ihm die juristische
+Doctorwürde verschaffen sollte. Das von ihm gewählte Thema war nach seiner
+eignen Aeußerung in spätern Jahren: "der Gesetzgeber sei nicht allein
+berechtigt, sondern verpflichtet, einen gewissen Cultus festzusetzen, von
+welchem weder die Geistlichkeit, noch die Laien sich lossagen dürften."
+Unter dem Vorsitz der Straßburger Professoren Koch und Oberlin fand die
+Disputation am 6. August 1771 statt. Einige von Goethes akademischen
+Freunden waren die Opponenten.
+
+Mit Thränen nahm Friederike von ihm Abschied, als er ihr vom Pferde herab
+nochmals die Hand reichte. Sie hatte ihn wahrhaft geliebt. Sie soll später
+mehrere Heirathsanträge mit der Aeußerung zurückgewiesen haben: "wer einmal
+Goethe'n geliebt, könne keinen Andern lieben." Ein sonderbarer Zufall
+begegnete ihm nach jenem schmerzlichen Abschiede auf seinem Ritt nach
+Drusenheim. Seine eigene Gestalt glaubte er zu erblicken, die ihm zu Pferde
+entgegenkam, in einem hechtgrauen, mit Gold verbrämten Kleide, wie er es
+wirklich nach acht Jahren trug, als er noch einmal in Sesenheim einen
+Besuch machte. Friederike sah ihn seitdem nicht wieder. Sie soll jedoch,
+nach seinen brieflichen Aeußerungen, schon damals sich mit dem Gedanken
+vertraut gemacht haben, auf seinen Besitz zu verzichten.
+
+Goethe's Empfang im elterlichen Hause übertraf seine Erwartungen. Erfreut,
+seinen Sohn durch die erlangte Doctorwürde seinem künftigen Beruf um einen
+Schritt näher gerückt zu sehen, ließ Goethe's Vater den Beifall, den er der
+Dissertation gezollt, auch auf mehrere Gedichte, Aufsätze und Skizzen
+übergehen, die Goethe während seines Aufenthalts in Straßburg entworfen
+hatte. Von seinen Leipziger Bekannten fand Goethe in Frankfurt, außer
+seinem Landsmann und nachherigen Schwager Schlosser, auch dessen Bruder,
+einen tüchtigen Juristen, der nebenher der Poesie huldigte, und die
+Hochzeit von Goethe's Schwester Cornelia durch ein zu Frankfurt 1773 in
+Folio gedrucktes Gedicht verherrlichte.
+
+Wichtig und einflußreich ward für Goethe die Bekanntschaft mit Merk, der
+damals als Kriegszahlmeister in Darmstadt lebte, und mit mannigfachen
+Kenntnissen und einer vielseitigen Bildung, unerschütterliche Redlichkeit
+und einen offenen, geraden Charakter verband. Lebhaft interessirte er sich
+in mehrfacher Hinsicht für Goethe und dessen Talente, und väterlich warnte
+er ihn, seine Thätigkeit nicht nach den verschiedenartigsten Richtungen zu
+zersplittern. Er ermunterte ihn, seine Fähigkeiten und Kräfte zu
+concentriren, und tadelte ihn, wenn er eine begonnene literarische Arbeit
+wieder aufgab, und immer nur Skizzen und Fragmente lieferte. Unter solchen
+Aufmunterungen entwarf Goethe die ersten Umrisse zum "Faust" und "Götz von
+Berlichingen."
+
+Durch die Beschäftigung mit dem zuletzt genannten dramatischen Werk war
+Goethe in das fünfzehnte und sechszehnte Jahrhundert zurückgeführt worden.
+Luthers Leben und Thaten, die in jenem Zeitraum so herrlich hervorglänzten,
+näherten ihn wieder der heiligen Schrift und der Betrachtung religiöser
+Gefühle und Meinungen. Er übte seinen Scharfsinn an dem Alten und Neuen
+Testament in exegetisch kritischen Untersuchungen. Zu einem besondern
+Studium machte er das Dogma von der Erbsünde. Ausführlich erörterte er
+diese Lehre in einem dem Druck übergebenen Briefe, den er unter der Maske
+eines Landgeistlichen an seinen Amtsbruder richtete. Ebenfalls angeblich
+von einem Landpfarrer in Schwaben verfaßt, war der von Goethe
+herausgegebene "Versuch einer gründlichen Beantwortung einiger bisher
+unerörterten biblischen Fragen." Ueber den Inhalt der zuletzt genannten
+Schrift legte Goethe selbst in spätern Jahren das offene Bekenntniß ab:
+"Ich gerieth damals auf die wunderlichsten Einfälle. Ich glaubte gefunden
+zu haben, daß nicht unsere zehn Gebote auf den Tafeln Moses gestanden, daß
+die Israeliten keine vierzig Jahre, sondern nur kurze Zeit durch die Wüste
+gewandert wären u.s.w. Auch das Neue Testament war vor meinen
+Untersuchungen nicht sicher. Ich verschonte es nicht mit meiner
+Sonderungslust, und glaubte auch in dieser Region allerlei Entdeckungen zu
+machen. Die Gabe der Sprachen am Pfingstfest in Glanz und Klarheit
+ertheilt, deutete ich mir auf eine etwas abstruse Weise, nicht geeignet,
+sich viele Theilnahme zu verschaffen." Die erwähnten kleinen Schriften, ein
+Verlagsartikel des Buchhändlers Eichenberg in Frankfurt am Main, erschienen
+1773 ohne Angabe des Druckorts und Verlegers, und wurden in die neuesten
+Ausgaben von Goethe's Werken aufgenommen. Aus diesem Ideenkreise ward er
+wieder entfernt durch das wachsende Interesse an seinem Ritterschauspiel
+"Götz von Berlichingen." Manche historische Studien waren ihm dabei
+unerläßlich. Dem Werke von Datt: de pace publica verdankte er manche
+Aufklärung der dunkeln Zeitperiode, in der sein Stück spielte. Seine
+Stimmung, während er mit seinem dramatischen Werke beschäftigt war,
+schilderte er den 28. November 1771 in einem Briefe an seinen Freund, den
+Actuar Salzmann in Straßburg. "Sie kennen mich so gut," schrieb er, "und
+dennoch wett' ich, Sie errathen nicht, warum ich nicht schreibe. Es ist
+eine Leidenschaft, eine ganz unerwartete Leidenschaft; Sie wissen, daß mich
+dergleichen in ein Cirkelchen werfen kann, daß ich Sonne, Mond und die
+lieben Sterne darüber vergesse. Ich kann nicht ohne das seyn, Sie wissen es
+lange, und koste es was es wolle, ich stürze mich drein. Dießmal sind keine
+Folgen zu befürchten. Mein ganzer Genius liegt auf einem Unternehmen,
+worüber Homer und Shakspeare und Alles vergessen werden. Ich dramatisire
+die Geschichte eines der edelsten Deutschen, rette das Andenken eines
+braven Mannes, und die viele Arbeit, die mich's kostet, macht mir einen
+wahren Zeitvertreib, den ich so nöthig habe. Es ist traurig, an einem Orte
+zu leben, wo unsere ganze Wirksamkeit in sich selbst summen muß. Ich ziehe
+mit mir selbst auf dem Felde und auf dem Papier herum. Es wäre aber eine
+traurige Gesellschaft, wenn ich nicht alle Stärke die ich in mir fühle, auf
+ein Object würfe, und das zu packen und zu tragen suchte, so viel mir
+möglich, und was nicht geht, das schleppe ich. Ich hoffe Sie nicht wenig zu
+vergnügen, wenn ich Ihnen einen edlen Vorfahren, die wir leider nur von
+ihren Grabsteinen kennen, im Leben darstelle. Wie oft wünsche ich Sie
+hierher, um Ihnen ein Stückchen Arbeit zu lesen und Urtheil und Beifall von
+Ihnen zu hören. Hier ist Alles um mich herum todt. Frankfurt bieibt
+[bleibt] das Nest, Nidus, wenn Sie wollen, wohl um Vögel auszubrüten,
+sonst auch figürlich Spelunca. Gott helfe aus diesem Elend, Amen." In
+einem spätern Briefe an Salzmann vom 3. Februar 1772 dankte Goethe dem
+Freunde für den Beifall, den er den ihm mitgetheilten Proben des Götz von
+Berlichingen zollte, und fügte hinzu. "Das Diarium meiner Umstände ist, wie
+Sie wissen, für den geschwindesten Schreiber unmöglich. Inzwischen haben
+Sie aus dem Drama gesehen, daß die Intentionen meiner Seele dauernder
+werden, und ich hoffe, sie soll sich nach und nach bestimmen. Aussichten
+erweitern sich täglich, und Hindernisse räumen sich weg. Ein Tag mag bei
+dem andern in die Schule gehen; denn einmal für allemal, die Minorennität
+läßt sich doch nicht überspringen."
+
+So stark auch das Interesse an seinem dramatischen Werke seyn mochte, ließ
+sich doch der andere Eindruck auf Goethe's Gefühl dadurch nicht
+beschwichtigen. Tief ergriffen hatte ihn ein Brief aus Sesenheim. Er fühlte
+Friederikens Schmerz, ohne ihn lindern zu können. Losreißen mußte er sich
+von der düstern Stimmung, die sich seiner bemächtigte und seine ganze
+Thätigkeit zu lähmen drohte. Er bedurfte der Zerstreuung. Erst in der
+freien Natur fühlte er sich wieder wohler. Seine Freunde nannten ihn den
+Wanderer, weil er oft mehrere Tage in der Umgegend von Frankfurt
+umherstrich, und bisweilen selbst den Weg nach Darmstadt und Homburg
+einschlug. Auf diesen einsamen Wanderungen entstanden mehrere seiner
+lyrischen Poesieen, unter denen sich nur das Gedicht: "Wanderers
+Sturmlied", das er, während er einem furchtbaren Wetter entgegenging, vor
+sich hin recitirte, in seinen Werken erhalten hat. Bisweilen beschränkte er
+seine Streifzüge blos auf Frankfurt und die Vorstädte dieses Orts. Er kam
+dadurch mit den verschiedenen Ständen und Volksklassen in Berührung. In
+einem Briefe vom ersten Juni 1773 erzählte Goethe, wie er rüstig Wasser
+herbeigeschleppt, um ein Nachts in der Judengasse ausgebrochenes Feuer
+löschen zu helfen. "Die wundersamsten, innigsten, mannigfachsten
+Empfindungen", schrieb er, "haben mir meine Mühe auf der Stelle belohnt.
+Ich habe bei dieser Gelegenheit das gemeine Volk wieder kennen gelernt und
+bin überzeugt worden, daß es doch die besten Menschen sind."
+
+Durch seine scheinbar zerstreute Lebensweise ward Goethe's Thätigkeit nicht
+unterbrochen. Wenigstens entging ihm keine der neuern literarischen
+Erscheinungen in dem Gebiete der Literatur. Von dem Eindruck, den Herders
+"älteste Urkunde des Menschengeschlechts" auf ihn gemacht, konnte er sich
+selbst kaum Rechenschaft geben. In einem Briefe an einen Freund des
+elterlichen Hauses, an den damals in Algier lebenden dänischen Consul
+Schönborn, vom 8. Juni 1773, nannte er Herder's Werk "ein so mystisch
+weitstrahlsinniges Ganze, eine in der Fülle verschlungener Aeste lebende
+Welt, daß weder eine Zeichnung nach verjüngtem Maßstabe einigen Ausdruck
+der Riesengestalt nachäffen, noch eine treue Silhouette einiger Theile
+melodisch und mit sympatethischem Klang in der Seele anschlagen könnte.
+Herder", fügte er hinzu, "ist in die Tiefen seiner Empfindung
+hinabgestiegen, hat darin alle die hohe heilige Kraft der simpeln Natur
+aufgewühlt, und führt sie nun in dämmerndem, wetterleuchtendem, hie und da
+morgenfreundlich lächelnden orphischem Gesange vom Aufgange herauf über die
+neue Welt, nachdem er vorher die Lasterbrut der neuern Geister, Deisten,
+Atheisten, Philologen, Textverbesserer, Orientalisten u. s. w. mit Feuer
+und Schwert und Fluthsturm ausgetilgt."
+
+Mit dieser glühenden Begeisterung für Herder contrastirte ein in diesem
+Briefe enthaltener heftiger Ausfall gegen Wieland, der durch eine nicht
+sonderlich günstige Beurtheilung des Götz von Berlichingen im deutschen
+Merkur Goethe's Autoreitelkeit gekränkt hatte und dadurch in seiner frühern
+Achtung sehr gesunken war. Klopstock ward Goethe's Lieblingsdichter. Die
+Messiade hatte ihn schon in seiner Jugend begeistert. Sorgfältig schrieb er
+sich aber auch die einzelnen Oden und Elegien jenes Sängers ab, und freute
+sich sehr, als die Landgräfin Caroline von Hessen-Darmstadt die erste
+Sammlung von Klopstocks Gedichten veranstaltete. Auch für die von diesem
+Schriftsteller damals herausgegebene "Deutsche Gelehrtenrepublik"
+interessirte sich Goethe lebhaft. "Dies herrliche Werk", schrieb er, "hat
+mir neues Leben in die Seele gegossen. Die einzige Poetik aller Zeiten und
+Völker, die einzigen Regeln, die möglich sind! Das heißt Geschichte des
+Gefühls, wie es sich nach und nach festigt und läutert, und wie mit ihm
+Ausdruck und Sprache sich bilden. Und die biedersten Aldermans-Wahrheiten
+von dem, was edel und menschlich ist am Dichter, alles das aus dem tiefsten
+Herzen, eigenster Erfahrung, mit einer bezaubernden Simplicität
+hingeschrieben. Der unter den Jünglingen, den das Unglück unter die
+Recensentenschaar geführt hat, und der nun, wenn er dies Werk liest, nicht
+seine Feder wegwirft, alle Kritik und Kritelei verschwört, sich nicht wie
+ein Quietist zur Contemplation seiner selbst niedersetzt, aus dem wird
+nichts; denn hier fließen die beiden Quellen bildender Empfindung lauter
+aus dem Thron der Natur."
+
+Eine der eigenthümlichsten Erscheinungen in der damaligen literarischen
+Welt war Lavater. Es hieß, er werde nach Frankfurt kommen. Diesen
+merkwürdigen Mann kennen zu lernen, war für Goethe von hohem Interesse. In
+einem Briefe an Schönborn vom 8. Juni 1773 beklagte er Lavater's "Mangel an
+selbstständigem Gefühl," und entwarf von ihm eine Art von Charakteristik in
+den Worten: "Die beste Seele wird von dem Menschenschicksal so innig
+gepeinigt, weil ein kranker Körper und ein schweifender Geist ihm die
+collective Kraft entzogen und so der besten Freude des Wohnens in sich
+selbst, beraubt hat. Es ist unglaublich, wie schwach er ist, und wie man
+ihm, der doch den schönsten, schlichtesten Menschenverstand hat, sogleich
+Räthsel und Mysterien spricht, wenn man aus dem in sich und durch sich
+lebenden und wirkenden Herzen redet."
+
+Sein Urtheil über Lavater änderte Goethe, als er ihn bald nachher
+persönlich kennen lernte. "Er war", schrieb er den 4. Juli 1773, "vier Tage
+bei uns, und ich habe wieder gelernt, daß man über Niemand reden soll, wenn
+man ihn noch nicht gesehen hat. Wie ganz anders ward doch Alles! Lavater
+sagt so oft, daß er schwach sei, und ich habe noch Niemand gekannt, der
+schönere Stärken gehabt hätte, als er. In seinem Element ist er unermüdet
+thätig, fertig, entschlossen, und eine Seele voll der herrlichste Liebe und
+Unschuld. Ich habe ihn nie für einen Schwärmer gehalten, und er hat noch
+weniger Einbildungskraft, als ich mir vorstellte. Aber weil seine
+Empfindungen ihm die wahrsten, so sehr verkannten Verhältnisse der Natur in
+seine Seele prägen, er daher jede Terminologie wegwirft, aus vollem Herzen
+spricht und handelt, und seine Zuhörer in eine fremde Welt zu versetzen
+scheint, indem er sie in die ihnen unbekannten Winkel ihres eignen Herzens
+führt,--kann er dem Vorwurf eines Phantasten nicht entgehen.--Seine
+Physiognomik giebt ein weitläufiges Werk mit vielen Kupfern. Es wird große
+Beiträge zur bildenden Kunst enthalten, und dem Historien- und
+Portraitmaler unentbehrlich seyn."
+
+Während Goethe die deutsche Literatur und ihre Vertreter mit scharfem Blick
+beobachtete, ruhte nicht seine eigene literarische Thätigkeit. Einige
+Auskunft über mehrere schriftstellerische Arbeiten gab er in einem Briefe
+an Schönborn vom 1. Juni 1773. "Allerlei Neues," schrieb er, "hab' ich
+gemacht. Eine Geschichte des Titels: Die Leiden des jungen Werthers, darin
+ich einen jungen Menschen darstelle, der mit einer tiefen reinen Empfindung
+und wahrer Penetration begabt, sich in schwärmende Träume verliert, sich
+durch Speculation untergräbt, bis er zuletzt durch dazu tretende
+Leidenschaften, besonders eine endlose Liebe zerrüttet, sich eine Kugel vor
+den Kopf schießt. Dann hab' ich ein Trauerspiel gearbeitet: Clavigo, eine
+moderne Anecdote dramatisirt, mit möglichster Simplicität und
+Herzenswahrheit. Mein Held ist ein unbestimmter, halb groß, halb kleiner
+Mensch, der Pendant zum Weislinger im Götz, vielmehr Weislinger selbst in
+der ganzen Rundung einer Hauptperson. Auch finden sich hier Scenen, die ich
+im Götz, um das Hauptinteresse nicht zu schwächen, nur andeuten konnte.
+Noch einige Pläne zu großen Dramen hab' ich gefunden und in meinem Herzen."
+
+In diesem Briefe gestand Goethe, daß er "zwar nicht aus Frankfurt gekommen,
+doch ein so verworrenes Leben geführt habe, daß es ihm an neuen
+Empfindungen und Ideen nie gemangelt." Der Zeitpunkt war indeß nahe, wo er,
+nach seines Vaters Wunsch, Frankfurt wieder verlassen, und sich nach
+Wetzlar begeben sollte, um sich in dem dortigen Reichskammergericht in der
+juridischen Praxis zu üben. Dieser Ortswechsel hatte wenig Lockendes für
+ihn. Er fürchtete, daß in Wetzlar, außer dem Civil- und Staatsrecht, ihm
+nichts Wissenschaftliches entgegen treten, und daß besonders seine Liebe
+zur Poesie dort wenig Nahrung finden möchte. In letzterer Hinsicht sorgte
+das Schicksal für ihn, indem es ihm in Wetzlar zur Bekanntschaft Gotter's
+verhalf. Die entschiedene Vorliebe dieses Dichters für die französischen
+Dramatiker konnte Goethe zwar nicht theilen. Gleichwohl fand zwischen ihm
+und Gotter ein lebhafter Ideenaustausch statt. Durch seinen neuen Freund
+ward Goethe zu mehreren lyrischen Gedichten angeregt, die zum Theil, wie
+unter andern das treffliche Gedicht: "der Wanderer," in dem Göttinger
+Musenalmanach aufgenommen wurden. Dadurch kam Goethe in nähere Berührung
+mit dem Göttinger Dichterbunde, zu welchem die Grafen Stolberg, Voß,
+Bürger, Hölty u.A. gehörten. Die hohe Verehrung, welche die genannten
+Dichter Klopstock zollten, konnte Goethe nicht in gleichem Maße theilen.
+Seine frühere Begeisterung für den Sänger des Messias hatte eine Grenze
+gefunden, seit Klopstock in seinen Oden, statt der griechischen Mythologie,
+die Nomenclatur der nordischen Götterlehre eingeführt hatte.
+
+Unter seinen mannigfachen poetischen Beschäftigungen, besonders einem
+eifrigen Studium des Homer, ward Goethe durch täglich wiederkehrende
+Gespräche über den Zustand des Visitationsgerichts und über so manche dabei
+obwaltende Hindernisse und Mängel auf unangenehme Weise daran erinnert, daß
+er sich in Wetzlar befand. Das kleinliche Detail von Nachlässigkeiten,
+Versäumnissen, Ungerechtigkeiten, Bestechungen u.s.w. ermüdete ihn.
+Zerstreut durch öffentliche Amtsgeschäfte, wollte ihm keine ästhetische
+Arbeit gelingen. Erwünscht kam ihm die durch Merk in Darmstadt an ihn
+ergangene Aufforderung zu Beiträgen für die Frankfurter gelehrten Anzeigen.
+Goethe's Schwager, Schlosser, war der Herausgeber jenes Blattes. Die von
+Goethe für die Frankfurter gelehrten Anzeigen gelieferten Recensionen waren
+großentheils Nachklänge seiner akademischen Jahre. Ueberall zeigte sich
+darin die frisch hervorbrechende Naturkraft des Dichters, die allem
+trocknen Theorieenwesen abhold, sich in jeder Weise Luft zu machen suchte.
+Heftig bekämpfte er alles Falsche, Schiefe und Unnatürliche in jenen
+Recensionen, die kaum eine Spur enthielten von der in spätern Jahren ihm
+eignen Ruhe und Besonnenheit.
+
+Willkommene Zerstreuung fand er auf einer Rheinreise, zu der ihn Merk in
+Darmstadt aufgefordert hatte. In Coblenz lernte er Wielands Jugendfreundin
+Sophie la Roche, und außer ihr besonders den durch seine anziehende
+Unterhaltungsgabe bekannten Schriftsteller Leuchsenring kennen, dessen
+Charakter Goethe später mit vielem Humor in seinem Fastnachtsspiel "Pater
+Brey" schilderte. Manche Ausflüge unternahm Goethe in die Umgegend, unter
+andern nach Ehrenbreitstein.
+
+Seine schriftstellerische Thätigkeit hatte eine Zeit lang geruht. Erst als
+er Wetzlar verlassen und wieder nach Frankfurt zurückgekehrt war,
+gestaltete sich der Stoff zum "Götz von Berlichingen", den er lange mit
+sich herumgetragen, zu einem eigentlichen Ganzen. Dies Sujet hatte sich vor
+seiner Einbildungskraft so weit ausgedehnt, daß es die Grenzen der
+dramatischen Form völlig zu überschreiten drohte. Seine Schwester Cornelia
+konnte die Vollendung des Werks kaum erwarten. Sie äußerte oft ihre Zweifel
+an Goethe's Beharrlichkeit. Wie er in spätern Jahren erzählte, war er mit
+seiner Arbeit in sechs Wochen fertig. Weder Merk's, noch Herder's Urtheil,
+denen er sein Manuscript mittheilte, befriedigte ihn. Wie er selbst über
+sein dramatisches Product dachte, schilderte Goethe in spätern Jahren. Mit
+den ersten Acten seines Schauspiels war er im Allgemeinen zufrieden; in den
+folgenden aber, besonders gegen das Ende, habe ihn, meinte er, eine
+wunderbare Leidenschaft unbewußt hingerissen.
+
+"Ich hatte," gestand Goethe, "indem ich mich bemühte, Adelheid
+liebenswürdig zu schildern, mich selbst in sie verliebt. Unwillkürlich war
+meine Feder nur ihr gewidmet. Das Interesse an ihrem Schicksal nahm
+überhand, und wie ohnehin gegen das Ende des Stücks Götz außer aller
+Thätigkeit gesetzt, nur zu einer unglücklichen Theilnahme am Bauernkriege
+zurückkehrte, so war nichts natürlicher, als daß eine reizende Frau ihn bei
+mir ausstach. Diesen Mangel, oder vielmehr diesen tadelhaften Ueberfluß
+erkannt' ich bald. Ich suchte daher meinem Werke immer mehr historischen
+und nationalen Gehalt zu geben, und das, was daran fabelhaft oder blos
+leidenschaftlich war, auszulöschen, wobei ich freilich manches aufopferte.
+So hatte ich mir z. B. etwas Rechtes zu Gute gethan, indem ich in einer
+grausen nächtlichen Zigeunerscene Adelheid auftreten, und ihre schöne
+Gegenwart Wunder thun ließ. Eine nähere Prüfung verbannte diese Scene, so
+wie auch der im vierten und fünften Act umständlich ausgeführte
+Liebeshandel zwischen Franz und seiner gnädigen Frau sich in's Enge zog,
+und nur in seinen Hauptmomenten hervorleuchtete."
+
+Goethe entschloß sich zu einer Umarbeitung seines Schauspiels, die er in
+einigen Wochen vollendete. In seinen gesammelten Werken findet man auch den
+"Götz von Berlichingen" in seiner ursprünglichen Gestalt und eine spätere
+Theaterbearbeitung jenes Schauspiels vom Jahr 1804. Niemand war jedoch
+unzufriedener mit dieser Umformung seines Stücks, als Merk. Er drang auf
+die Herausgabe des Schauspiels, und erbot sich, als Goethe, wie schon
+früher bei den "Mitschuldigen," keinen Verleger finden konnte, die
+Druckkosten zu übernehmen, wenn Goethe für die Anschaffung des Papiers
+sorgen wollte. So ward der "Götz von Berlichingen" 1773 zu Hamburg gedruckt
+und bereits im nächsten Jahre neu aufgelegt in der Vaterstadt des Dichters,
+der sich, nach seinem eignen Geständnisse aus späterer Zeit, "bei sehr
+erschöpfter Casse in großer Verlegenheit befand, wie er das Papier bezahlen
+sollte, auf welchem er die Welt mit seinem Talent bekannt gemacht hatte."
+
+Der Stoff, den Goethe gewählt, war zu einer weit verbreiteten Wirkung
+geeignet. Indem er seinem eignen Freiheitsgefühl Luft machte, hatte er den
+deutschen Patriotismus genährt, der durch Klopstocks "Hermannsschlacht" und
+die Bardenlieder geweckt worden war. Der Antheil des Publikums an jener
+"wilden dramatischen Skizze," wie Goethe sein Schauspiel in spätern Jahren
+nannte, war um so größer, je edler und einnehmender die poetische Gestalt
+des historischen Götz von ihm gezeichnet worden war, der in einer wilden,
+gesetzlosen Zeit kein Bedenken trug, zur Selbsthülfe zu greifen. Unter dem
+Lobe, das dem Dichter sowohl der Schilderung der einzelnen Charaktere, als
+auch des Styls wegen gespendet ward, traf ihn auch mancher bittere Tadel,
+besonders der Vorwurf, das Faustrecht mit zu glänzenden Farben geschildert,
+und der gesetzlosen Willkühr dadurch das Wort geredet zu haben. Goethe
+schien sich um die über sein dramatisches Product gefällten Urtheile wenig
+zu kümmern. Belustigend aber war für ihn die Idee eines Buchhändlers, der
+ihn aufforderte, ein Dutzend solcher Stücke zu schreiben, und sie gut zu
+honoriren versprach.
+
+Mit Goethe's mannigfachen poetischen Entwürfen harmonirten nicht die völlig
+heterogenen Geschäfte, denen er sich in Wetzlar widmen mußte. Die kalte
+Wirklichkeit, die seine Ideale zerstörte, erzeugte in ihm einen tiefen
+Unmuth und beinahe völligen Lebensüberdruß, der noch verstärkt ward
+durch die leidenschaftliche Neigung zu einem ihm versagten Gegenstande.
+Durch den vertrauten Umgang mit Charlotte Buff, der Tochter eines
+Amtmanns in Wetzlar, die mit dem dort sich aufhaltenden Bremischen
+Gesandschaftssecretär Kestner verlobt war, suchte Goethe die Leere
+auszufüllen, die das aufgelöste Verhältniß mit der Pfarrerstochter in
+Sesenheim in seinem Herzen zurückgelassen hatte. Oft allein mit dem
+Gegenstande seiner Neigung, im Garten und auf einsamen Spaziergängen,
+fühlte er das Verderbliche seiner wachsenden Leidenschaft. Das Leben ward
+ihm gleichgültig, da seine hochfliegende Phantasie überall an die Schranken
+einer bürgerlichen Existenz im gewöhnlichsten Sinne des Worts stieß, die
+ihm keinen heitern Blick in die Zukunft gewährte. In seiner unmuthigen
+Stimmung kam ihm sogar einige Mal der Gedanke, sich selbst das Leben zu
+nehmen. Um so erschütternder wirkte auf ihn der Selbstmord eines seiner
+Bekannten. Es war Karl Wilhelm Jerusalem, ein Sohn des bekannten
+Braunschweiger Theologen. Gepeinigt von einer unbefriedigten Leidenschaft
+zu eben dem Gegenstande, welchem Goethe nicht ohne harten Kampf entsagt,
+hatte jener unglückliche junge Mann sein Leben durch eine Kugel geendet.
+
+Tief ergriffen von der genauen Schilderung jenes tragischen Ereignisses,
+unternahm es Goethe, in seinem "Werther" den qualvollen Zustand zu
+schildern, den er aus eigner Erfahrung kannte. Was er selbst empfunden,
+setzte sein Gemüth in eine leidenschaftliche Bewegung, und so geschah es,
+daß er seinem Roman das Feuer und die Gluth einhauchte, die keinen
+Unterschied zuläßt zwischen der Dichtung und der Wirklichkeit. Nach
+Goethe's eignem Geständniß in späterer Zeit schrieb er, jede äußere Störung
+so viel als möglich vermeidend, den "Werther" in vier Wochen, ohne zuvor
+einen eigentlichen Plan entworfen oder einzelne Theile seines Romans
+ausgeführt zu haben. Er ward beinahe vergöttert wegen seines Werks, fand
+aber auf der andern Seite auch zahlreiche Gegner, besonders als das
+unglückliche Ende seines schwärmerischen Helden manche zu gleicher That
+reizte.
+
+Dem vielfachen Unheil, daß man jenem Roman mit und ohne Grund beimaß, wäre
+zufälliger Weise beinahe vorgebeugt worden, wenn Goethe, verstimmt durch
+die Gleichgültigkeit Merk's bei der Mittheilung seines Romans, den
+Entschluß ausgeführt hätte, ihn sofort zu verbrennen. Mit dem Buchhändler
+Weygand in Leipzig war Goethe über den Verlag seines Romans einig geworden.
+Gerade an dem Hochzeitstage seiner Schwester Cornelia kam der Brief
+Weygands an, der ihn aufforderte, das Manuscript nach Leipzig zu senden.
+Der "Werther" erschien 1774, und bereits im nächsten Jahre eine neue
+Ausgabe mit einigen Zusätzen und mit einigen späterhin weggelassenen Versen
+auf dem Titelblatte der beiden Theile des Romans.
+
+Goethe war, als er sein Werk vollendet, wieder heiterer geworden. Er hatte
+sich, nach seinem eignen Geständniß in spätern Jahren, "aus einem
+stürmischen Element gerettet auf dem er durch eigene und fremde Schuld,
+durch zufällige und gewählte Lebensweise, durch Vorsatz und Uebereilung
+umhergetrieben worden war."
+
+In Bezug auf die zahllosen Nachahmungen, Kritiken und Parodien seines Werks
+äußerte er sich unmuthig in einem Briefe vom 6. März 1775 mit den Worten:
+"Ich bin des Ausgrabens und Secirens meines Werther herzlich satt. Der Eine
+schilt, der Andere lobt, der Dritte sagt, es gehe doch noch an, und so
+hetzt mich Einer wie der Andere. Nimmt mir's doch," fügte er hinzu, "nichts
+von meinem Ganzen, rührt's und rückt mich's doch nicht in meinen Arbeiten,
+die immer nur die aufbewahrten Freuden und Leiden meines Lebens sind." An
+einer von dem Berliner Buchhändler Friedrich Nicolai herausgegebenen
+Schrift, "die Freuden des jungen Werther" betitelt, rächte sich Goethe
+durch ein satyrisches Gedicht: "Nicolai an Werthers Grabe" und durch einen
+in Prosa geschriebenen Dialog zwischen Lotte und Werther. Beide Producte
+blieben ungedruckt.
+
+Den mannigfachen Fragen, die über das Leben und den Charakter des
+unglücklichen Jünglings, den er in seinem Roman geschildert, an ihn
+gerichtet wurden, suchte Goethevergebens auszuweichen. Die Neugier des
+Publikums befriedigte einigermaßen der unbekannte Verfasser einer damals
+(1775) erschienenen Schrift: "Berichtigung der Geschichte des jungen
+Werthers." Ungeachtet der ihm lästigen Zudringlichkeit fühlte sich Goethe
+doch als Autor geschmeichelt, daß mehrere talentvolle junge Männer seine
+Bekanntschaft suchten oder den Umgang mit ihm erneuerten. Am innigsten
+schloß sich, als er wieder nach Frankfurt zurückgekehrt war, der Dichter
+Lenz an ihn an, den er schon, wie früher erwähnt, in Straßburg kennen
+gelernt hatte. Er zeigte ihm mehrere seiner dramatischen Produkte, den
+"Hofmeister," den "neuen Mendoza" u.a.m. Auch Wagner, der als Doctor der
+Rechte und Advokat in Frankfurt, gleichfalls der Poesie huldigte, kam dem
+Verfasser des Götz und Werther mit treuherziger Offenheit entgegen. Er
+täuschte jedoch Goethe's Vertrauen, der ihm mehrere seiner dramatischen
+Pläne mitgetheilt hatte. Gretchens Katastrophe im Faust benutzte Wagner
+unter andern für ein von ihm geschriebenes Trauerspiel, "die
+Kindesmörderin" betitelt. Reiner und inniger war das Verhältniß Goethe's zu
+seinem Landsmann, dem Dichter Klinger.
+
+Mit Lavater hatte Goethe schon längere Zeit in Briefwechsel gestanden, und
+ihm, außer mehreren literarischen Entwürfen, den "Werther" im Manuscript
+mitgetheilt. Den 20. August 1774 schrieb er an Lavater: "Du wirst großen
+Antheil nehmen an den Leiden des lieben Jungen, den ich darstelle. Wir
+gingen neben einander, an die sechs Jahre, ohne uns zu nähern; und nun hab'
+ich seiner Geschichte meine Empfindungen geliehen, und so macht's ein
+wunderliches Ganze." In Bezug auf seine Thätigkeit bemerkte er in diesem
+Briefe: "Ich bin nicht laß; so lange ich auf der Erde bin, erobere ich
+gewiß meinen Schritt Landes täglich." Ueber seine Beschäftigungen ertheilte
+er einige Auskunft in einem spätern Schreiben vom 18. October 1774. "Meine
+Arbeit," äußerte er, "hat bisher in Portraits im Großen und in kleinen
+Liebesliedern bestanden. Ich habe seit drei Tagen mit dem mir möglichsten
+Fleiße gearbeitet, und bin noch nicht fertig. Es ist gut, daß man einmal
+Alles thue, was man thun kann." Lavaters Vorwürfe über die Zersplitterung
+seiner Zeit und Kräfte fertigte Goethe mit den Worten ab: "Was neckst Du
+mich wegen meiner Amüsements? Ich wollte, ich hätte eine höhere Bestimmung,
+so wollte ich weder meine Handlungen Amüsements nennen, noch mich, statt zu
+handeln, amüsiren."
+
+Eine fortwährende Anregung gab dem Briefwechsel Goethe's mit Lavater, außer
+den Artikeln, die jener für dessen Physiognomik lieferte, besonders
+Lavaters Lieblingsthema, der Streit zwischen Wissen und Glauben. Ein Brief
+Goethe's, vom 24. November 1774, an Lavater und dessen Freund, den Diakonus
+Pfenninger in Zürich zugleich gerichtet, enthielt in dieser Hinsicht einige
+charakteristische Bemerkungen. Mit Herzlichkeit und in dem vertraulichen
+Tone schrieb Goethe: "Glaube mir, lieber Bruder, es wird die Zeit kommen,
+da wir uns verstehen werden. Du redest mit mir, wie mit einem Ungläubigen,
+der begreifen will, der bewiesen haben will, der nicht erfahren hat; und
+von alle dem ist gerade das Gegentheil in meinem Herzen.--Bin ich nicht
+resignirter im Begreifen und Beweisen, als ihr? Ich bin vielleicht
+ein Thor, daß ich euch nicht den Gefallen thue, mich mit euren
+Worten auszudrücken, und daß ich nicht einmal durch eine reine
+Experimental-Psychologie meines Innern euch darlege, daß ich ein Mensch
+bin, daher nicht anders sentiren kann, als andere Menschen, und daß Alles,
+was unter uns Widerspruch scheint, nur Wortstreit ist, der daraus entsteht,
+weil ich die Sachen unter andern Combinationen sentire, und darum,
+ihre Relativität ausdrückend, sie anders benennen muß, welches aller
+Controversen Quelle ewig war und ewig bleiben wird.--Und daß du mich ewig
+mit Zeugnissen quälen willst! Wozu das? Brauch ich Zeugniß, daß ich bin?
+Zeugniß, daß ich fühle? Nur so schätze, liebe, bete ich die Zeugnisse an,
+die mir darlegen, wie Tausend oder Einer vor mir eben das gefühlt haben,
+was mich kräftigt und stärkt. Und so ist das Wort der Menschen mir Wort
+Gottes, mögen's Pfaffen oder Huren gesammelt, und es zum Kanon gerollt
+oder als Fragmente hingestreut haben. Und mit inniger Seele fall' ich
+dem Bruder um den Hals--Moses! Prophet! Evangelist! Apostel! Spinoza
+oder Macchiavell! Darf aber auch zu Jedem sagen: Lieber Freund, geht
+dir's doch wie mir. Im Einzelnen sentirst Du kräftig und herrlich; das
+Ganze aber ging in deinen Kopf so wenig, als in den meinigen."
+
+Der briefliche Ideenaustausch Goethe's mit Lavater verwandelte sich, als
+dieser 1774 wieder nach Frankfurt kam, in mündliche Ueberlieferung. Das
+Phantastische in Lavaters Natur verkannte Goethe nicht, aber er fand es,
+wie er in einem früher erwähnten Briefe sich ausgedrückt hatte, "mit dem
+schönsten, schlichtesten Menschenverstande gepaart." Ihn fesselte damals
+jede Natur, mochte sie auch von der seinigen noch so verschieden seyn. Nach
+Ems, wohin sich Lavater begab, begleitete ihn Goethe. Kaum wieder nach
+Frankfurt zurückgekehrt, traf er dort mit Basedow zusammen, der damals in
+der Pädagogik ein helleres Licht angezündet hatte, doch in allerlei
+seltsamen religiösen Ansichten befangen war, die er aufs Lebhafteste
+vertheidigte. Durch das Cynische in seinem Aeußern und ganzen Wesen fühlte
+sich Goethe zurückgestoßen, besonders durch den Geruch des schlechten
+Tabaks, den Basedow auf der Reise nach Ems, wohin ihn Goethe begleitete,
+fortwährend in die Luft blies. In mehrfacher Weise störte Basedow die
+gesellige Unterhaltung in dem Hause der Frau v. Stein zu Nassau. Als Goethe
+mit Lavater und Basedow wieder nach Frankfurt zurückkehrte, und, wie er in
+einem noch erhaltenen Gedicht sagt: "als das Weltkind zwischen zwei
+Propheten saß," benutzte er Basedows entschiedene Abneigung gegen die
+Trinitatslehre zu einer lustigen Rache. Er hieß den Kutscher schnell
+vorüberfahren bei einem Wirthshause, in welchem Basedow seinen brennenden
+Durst stillen wollte. Indem Goethe auf das mit zwei verschränkten Triangeln
+versehene Gasthofsschild hinwieß, äußerte er schalkhaft, daß Basedow, der
+schon über Einen Triangel außer Fassung gerathe, bei diesem Anblick
+geradezu verrückt hätte werden müssen.
+
+Unbefriedigt und verletzt durch die ungleichartigen Naturen Lavaters und
+Basedows, schloß sich Goethe mit größerer Innigkeit den Gebrüdern Jacobi
+an, die er in Cöln kennen gelernt hatte. Der Dichter I.G. Jacobi verzieh
+ihm den Spott, den er sich über seine mit Gleim gewechselten Briefe und
+Gedichte, die damals im Druck erschienen waren, erlaubt hatte. Das offene
+Vertrauen, mit welchem ihm besonders F.H. Jacobi entgegenkam, gewann
+Goethe's Herz. Aber auch sein Geist fand Befriedigung in mannigfachen
+philosophischen Gesprächen, besonders über das System und die Lehre
+Spinoza's. Im wechselseitigen Austausch ihrer Ideen fühlten sich die
+Freunde sehr glücklich. Jacobi schrieb damals, den 27. August 1774, an
+Wieland: "Was Goethe und ich einander seyn sollten, seyn mußten, war,
+sobald wir vom Himmel herunter neben einander gefallen waren, sogleich
+entschieden. Jeder glaubte von dem Andern mehr zu empfangen, als er ihm
+geben konnte; Mangel und Reichthum auf beiden Seiten umarmten einander; so
+ward die Liebe unter uns."
+
+In der Gemäldegallerie zu Düsseldorf, wohin Goethe mit den Gebrüdern Jacobi
+gereist war, fand sein Kunstsinn volle Befriedigung. Mit einem seiner
+Straßburger Bekannten, mit Jung-Stilling, traf Goethe in Elberfeld
+zusammen. Heinse, der Verfasser des Ardinghello, den er dort kennen lernte,
+bewunderte, nach einer brieflichen Aeußerung, an dem damals fünf und
+zwanzigjährigen Goethe "das Genie, vom Wirbel bis zur Zehe, den Geist mit
+Adlersflügeln."
+
+Nach den verschiedenartigsten Richtungen verlor sich, als er wieder nach
+Frankfurt zurückgekehrt war, Goethe's literarische Thätigkeit. Er äußerte
+sich darüber in einem damaligen Briefe: "Geschrieben hab' ich allerlei,
+gewissermaßen wenig, im Grunde nichts. Wir schöpfen den Schaum von dem
+großen Strom der Menschheit mit unsern Kielen, und bilden uns ein,
+wenigstens schwimmende Inseln gefangen zu haben." So bezeichnete Goethe
+seine mannigfachen literarischen Entwürfe, von denen fast keiner ausgeführt
+ward. Längere Zeit beschäftigte ihn die Idee, das Leben Mahomet's
+dramatisch zu behandeln. Mehrere Scenen wurden theils skizzirt, theils
+vollendet. Erhalten hat sich jedoch von jenem Stück nichts weiter, als das
+in Goethe's Werken aufbewahrte Gedicht: "Mahomet's Gesang." Die bekannte
+Geschichte von dem ewigen Juden, die sich ihm schon früh durch die
+Volksbücher eingeprägt hatte, wollte er zu einem Epos benutzen. Auch die
+Fabel vom Prometheus hielt er für eine dramatische Bearbeitung geeigenet,
+von der sich jedoch nichts weiter erhalten hat, als das in Goethe's Werken
+aufbewahrte Gedicht "Prometheus." Vollendet ward von Goethe um diese Zeit
+(1774) nur das Trauerspiel "Clavigo", wozu ihm die von Beaumarchais
+geschriebenen Memoiren die nächste Veranlassung gegeben hatten.
+Gleichzeitig veröffentlichte Goethe aber auch unter dem Titel einer Farçe
+seine dramatische Dichtung: "Götter, Helden und Wieland." In den
+Anmerkungen zu seiner Uebersetzung Shakspeare's hatte Wieland den großen
+Britten scharf getadelt. Durch diesen Tadel und die zu moderne Behandlung
+der griechischen Götter in dem von Wieland geschriebenen Singspiel
+"Alceste" gereizt und aufgeregt, schrieb Goethe jenes satyrische Product,
+das seinen bisherigen Verhältnissen unvermuthet eine ganz andere und für
+sein späteres Leben einflußreiche Wendung gab.
+
+Durch jene Posse hatte Goethe die Aufmerksamkeit eines jungen Fürsten
+erregt, der sich für den Verfasser des Götz und Werther bereits lebhaft
+interessirt hatte. Es war der damalige Erbprinz und nachheriger Großherzog
+Carl August von Sachsen-Weimar, der begleitet von seinem jüngern Bruder,
+dem Prinzen Constantin und dessen Erzieher v. Knebel, auf einer damalichen
+Reise Frankfurt berührte. Goethe ward den beiden Fürsten auf deren Wunsch,
+vorgestellt und bald nachher, im November 1775, als geheimer Legationsrath
+nach Weimar gerufen, wo er im damaligen geheimen Consilium Sitz und Stimme
+erhielt. Sein neues Verhältniß schilderte er in einem Briefe an Lavater vom
+21. December 1775 mit den Worten: "Ich bin hier in Weimar wie unter den
+Meinigen. Der Herzog wird mir immer werther, und ich ihm immer
+verbundener." In einem spätern Briefe vom 22. Januar 1778 meldete Goethe
+seinem Freunde Merk: "Ich bin nun ganz in alle Hof- und politische Händel
+verwickelt. Meine Lage ist vorteilhaft genug, und die Herzogthümer Weimar
+und Eisenach sind immer ein Schauplatz, um zu versuchen, wie einem die
+Weltrolle zu Gesichte steht."
+
+Mit vielem Humor charakterisirte Goethe seinen heterogenen Geschäftskreis
+in einem Briefe an Merk vom 5. August 1778. "Im Innern", schrieb er, "geht
+mir alles nach Wunsch. Das Element, in dem ich schwebe, hat alle
+Aehnlichkeit mit dem Wasser; es zieht Jeden an, und doch versagt dem, der
+auch nur bis an die Brust hineinspringt, im Anfange der Athem. Muß er nun
+gar gleich tauchen, so verschwinden ihm Himmel und Erde. Hält man's dann
+eine Weile aus, und kriegt das Gefühl, das einem das Element trägt, und daß
+man doch nicht untersinkt, wenn man gleich nur mit der Nase hervor guckt,
+nun so findet sich im Menschen auch Glied und Geschick zum Froschwesen, und
+man lernt mit wenig Bewegung viel thun."
+
+Dieser Brief Goethe's enthielt auch eine Schilderung seiner durch ein
+bekanntes Gedicht verewigten Harzreise. "Letzten Winter", schrieb er, "hat
+mir eine Reise auf den Harz das reinste Vergnügen gegeben. Du weißt, so
+sehr ich's hasse, wenn man das Natürliche abentheuerlich machen will, so
+wohl ist mir's, wenn das Abenteuerliche natürlich zugeht. Ich machte mich
+ganz allein auf, etwa den letzten November, zu Pferde, mit einem
+Mantelsack, und ritt durch Schloßen, Frost und Koth aus Nordhausen den Harz
+hinein in die Baumannshöhle, über Wernigerode, Goßlar, auf den hohen Harz,
+das Detail erzähl' ich dir einmal, und überwand alle Schwierigkeiten, und
+stand am 8. December, glaub' ich, Mittags um Eins auf dem Brocken, oben in
+der heitersten, brennendsten Sonne, über dem anderthalb Ellen hohen Schnee,
+und sah die Gegend von Deutschland unter mir, Alles von Wolken bedeckt, daß
+der Förster, den ich mit Mühe persuadirt hatte, mich zu führen, selbst vor
+Verwunderung außer sich kam, sich da zu sehen, da er viele Jahre am Fuße
+wohnend, das immer für unmöglich gehalten hatte. Da war ich vierzehn Tage
+allein, daß kein Mensch wußte, wo ich war. Von dem Gedanken der Einsamkeit
+findest du auf dem beiliegenden Blatt fliegende Streifen." Dies Blatt
+enthielt das bekannte Gedicht: "Harzreise im Winter." Mehrere Stellen darin
+bezogen sich auf den Sohn des Superintendenten Plessing in Wernigerode,
+einen talentvollen, doch zum Theil durch das Lesen des "Werther" in eine
+unheilbare Schwermuth versunkenen jungen Mann, den Goethe im Gasthofe zu
+Wernigerode kennen gelernt hatte.
+
+Was Goethe selbst in spätern Jahren sich zum Vorwurf machte, daß er durch
+sein zerstreutes und vielfach bewegtes Leben die Wirksamkeit seines
+poetischen Talents beschränkt und beinahe zerstört habe, rügte schon damals
+sein Freund Merk mit den Worten: "Was Teufel fällt dem Wolfgang ein, am
+Hofe herumzuschranzen und zu scherwenzeln? Giebt es nichts Besseres für ihn
+zu thun?" Die Wahrheit dieser auch von Andern ihm gemachten Vorwürfe fühlte
+Goethe. Aber er erkannte und schätzte auch das Wohlwollen und die
+Freundschaft seines Fürsten, und bemühte sich dem ihm geschenkten Vertrauen
+auf jede Weise zu entsprechen. Mit seinem Beruf, wenn ihm derselbe
+vielleicht auch nicht völlig klar war, meinte er es jedenfalls redlich. In
+einem seiner damaligen Briefe gestand er: das ihm aufgetragene Tagwerk, das
+ihm täglich leichter und schwerer werde, erfordere wachend und träumend
+seine Gegenwart.
+
+"Diese Pflicht", schrieb er, "wird mir täglich theurer, und darin wünschte
+ich's den größten Menschen gleich zu thun, und in nichts Größerem. Diese
+Begierde, die Pyramide meines Daseyns, deren Basis mir angegeben und
+gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles
+Andere, und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu. Ich darf nicht säumen,
+ich bin schon weit in Jahren vor, und vielleicht bricht mich das Schicksal
+in der Mitte, und der babylonische Thurm bleibt stumpf unvollendet.
+Wenigstens soll man sagen, er war kühn entworfen, und wenn ich lebe,
+sollen, will's Gott, die Kräfte hinaufreichen."
+
+Begrenzt ward dieser weit aussehende Lebensplan Goethe's durch das in ihm
+erwachte lebhafte Interesse an theatralischen Vorstellungen. Zu Ettersburg
+und Tiefurt waren mehrere kleine Stücke und Operetten in den Buchenwäldern
+an der Ilm aufgeführt worden. Einsiedel, Seckendorf, Musäus u.A. hatten
+jenem Bedürfniß durch dramatische Producte gehuldigt, und Goethe selbst
+hatte zu diesem Zweck seine "Fischerin", und die Singspiele "Erwin und
+Elmire" und "Claudine von Villa Bella" gedichtet. Später übernahm er die
+Leitung eines in Weimar errichteten Liebhabertheaters, bei welchem der Hof
+die Kosten der Garderobe, Musik, Beleuchtung u.s.w. bestritt. Eine
+Hauptzierde jener Bühne war die talentvolle Carona Schröter, damals
+Hofsängerin, welcher Goethe später in seinem Gedicht: "Miedings Tod" ein
+unvergängliches Denkmal setzte. Auch Goethe trat in jenem Lieblingstheater
+auf, als Alcest in den "Mitschuldigen", später als Orest in seiner
+"Iphigenie" auf. Sein Spiel in ernsten Rollen soll zu leidenschaftlich und
+ungestüm gewesen seyn. Besser gelang ihm die Darstellung humoristischer
+Charaktere, vorzüglich in den von ihm gedichteten Fastnachtsspielen, als
+Hamann, als Marktschreier in dem "Jahrmarkt von Plundersweilern" u.a.m. Für
+theatralische Zwecke schrieb Goethe, außer seinen größern Werken, noch das
+dramatisch vorgestellte Gedicht "Epiphanias."
+
+Ueber einen kurzen Aufenthalt in Berlin, wohin er 1778 den Herzog von
+Weimar begleitete, schrieb Goethe an Merk: "Ich war nur wenige Tage in
+Berlin, und guckte nur drein, wie das Kind in den Schön-Raritäten-Kasten.
+Aber du weißt, wie ich im Anschauen lebe; es sind mir tausend Lichter
+aufgegangen. Und dem alten Fritz bin ich recht nahe worden; da hab' ich
+sein Wesen gesehen, sein Gold, Silber, Marmor, Affen, Papageien und
+zerrissene Vorhänge, und habe über den großen Menschen seine eignen
+Lumpenhunde räsonniren hören. Die Generäle, die ich halbdutzendweise bei
+Tisch mir gegenüber gehabt, machen mir den jetzigen König gegenwärtiger.
+Mit Menschen hab' ich sonst gar nichts zu verkehren gehabt, und habe in
+preußischen Staaten kein laut Wort hervorgebracht, daß sie nicht könnten
+drucken lassen, dafür ich gelegentlich als stolz u.s.w. ausgeschrieen
+worden bin."
+
+Einen weitern Ausflug unternahm Goethe 1779 nach der Schweiz. Er machte
+diese Reise in Gesellschaft seines von ihm hochverehrten Fürsten, der ihn
+kurz zuvor zum Geheimen Rath ernannt hatte. Die glückliche Heimkehr
+wünschte Goethe durch ein Denkmal zu verewigen, das er dem Herzog im
+Weimarischen Park errichten lassen wollte. Sehr ausführlich äußerte er sich
+in einem im November 1779 geschriebenen Briefe an Lavater über diese Idee,
+bei der er auf die Mitwirkung des rühmlich bekannten Malers Füßli in Zürich
+rechnete. "Mein erster Gedanke," schrieb Goethe, "war so. Ich wollte dem
+Monument eine viereckige Form geben. Von drei Seiten sollte jede eine
+einzelne bedeutende Figur, und die vierte eine Inschrift haben. Zuförderst
+sollte das gute heilsame Glück stehen, durch das die Schlachten gewonnen
+und die Schiffe regiert werden, günstigen Wind im Nacken, die launische
+Freundin und Belohnerin kecker Unternehmungen mit Steuerruder und Kranz. Im
+Felde zur Rechten hatte ich mir den Genius, den Antreiber, Wegmacher,
+Wegweiser, Fackelträger muthigen Schrittes gedacht. In dem Felde zur Linken
+sollte Terminus, der ruhige Grenzbeschreiber, der bedächtige, mäßige
+Rathgeber stillstehend mit dem Schlangenstabe einen Grenzstein bezeichnen,
+jener lebend rührig vordringend, dieser ruhig, sanft in sich gekehrt, zwei
+Söhne, eine Mutter--der ältere jener, der jüngere dieser. Das hintere Feld
+hatte die Inschrift: Fortunae Duci Reduci Natisque Genio Et Termino Ex
+Voto. Du siehst, was ich für Ideen damit zusammenbinden wollte. Sowohl auf
+dieser Reise als im ganzen Lande, als im ganzen Leben, sind wir diesen
+Gottheiten sehr zu Schuldnern geworden. Das erste Mal, wo wir nach einer
+langen, nicht immer fröhlichen Zeit, in die freie Welt kommen, zusammen den
+ersten bedeutenden Schritt wagen, gleich mit dem schönsten Hauche des
+Glücks fortgetrieben zu werden, in der spätern Jahreszeit, Alles mit
+günstiger Sonne und Gestirnen. Den ganzen Weg, den wir machen, begleitet
+von einem guten Geiste, der überall die Fackel vorträgt, hierhin ladet,
+dorthin treibt, daß, wenn ich zurück sehe, wir zu so manchem, das unsere
+Reise ganz macht, nicht durch unsere Wege und Wollen geleitet worden sind,
+und dann am Ende, daß wir auch durch den schönen Glückssohn bedeutet
+wurden, wo wir aufhören, wo wir einen Grenzbogen beschreiben und wieder
+zurückkehren sollten, was wieder einen unglaublichen Einfluß auf unsere
+Zurückgelassenen hat und haben wird. Das alles zusammen giebt mir die
+Empfindung, die ich nicht schöner zu ehren weiß, als womit alle Zeiten
+durch die Menschen Gott verehrt haben." Das in diesem Briefe ausführlich
+beschriebene Denkmal, das aus einem "lichtgrauen Stein" bestehen sollte,
+"der an den Marmor grenze," kam nicht zu Stande. Die Ausführung dieser
+Idee mochte ihre Schwierigkeiten haben. Ob der Maler Füßli die von ihm
+gewünschte Zeichnung wirklich lieferte, ist zweifelhaft. So viel ist gewiß,
+daß sie im Frühjahr 1780 noch nicht vorhanden war.
+
+Mit Lavater, der sich darüber in einem seiner Briefe bitter beklagte, hatte
+Goethe in der Schweiz genußreiche Tage verlebt. Er freute sich sehr, ihn
+wieder zu sehen, und seine Gedanken mit ihm austauschen zu können, so wenig
+beide auch, besonders in ihren Ansichten über religiöse Gegenstände, mit
+einander übereinstimmten. "Nicht allein vergnüglich", schrieb Goethe den
+28. October 1779, "sondern gesegnet uns beiden, soll unsere Zusammenkunft
+seyn. Für ein Paar Leute, die Gott auf so verschiedene Art dienen, sind wir
+vielleicht die einzigen, und ich denke, wir wollen mehr zusammen überlegen
+und ausmachen, als ein ganzes Concilium mit seinen Pfaffen, Huren und
+Mauleseln. Eins aber werden wir doch wohl thun, daß wir einander unsere
+Particular-Religionen ungehudelt lassen. Du bist gut darin, aber ich bin
+manchmal hart und unhold. Da bitt' ich dich im Voraus um Geduld. So hat mir
+z. B. Tobler deine Offenbarung Johannis gegeben. An der ist mir nun nichts,
+als deine Handschrift, darum hab' ich sie auch zu lesen angefangen. Es
+hilft nichts, ich kann das Göttliche nirgends, und das Poetische nur hie
+und da finden. Das Ganze ist mir fatal; mir ist's, als röche ich überall
+einen Menschen durch, der gar keinen Geruch von dem gehabt, der da ist A.
+und O.--Ich bin ein sehr irdischer Mensch; mir ist das Gleichniß vom
+ungerechten Haushalter, vom verlornen Sohn, vom Säemann, von der Perle u.
+s. w. göttlicher--wenn je was Göttliches da seyn soll--als die sieben
+Botschafter, Leuchter, Hörner, Siegel, Sterne und Wehe. Ich denke auch aus
+der Wahrheit zu seyn, aber aus der Wahrheit der fünf Sinne, und Gott habe
+Geduld mit mir, wie bisher.--Gegen deine Messiade hab' ich nichts; sie
+liest sich gut, wenn man einmal das Buch mag, und was in der Apokalypse
+enthalten ist, drückt sich durch deinen Mund rein und gut in die Seele. Das
+willst du da; wozu denn aber die ewigen Trümpfe, mit denen man nicht
+sticht, und kein Spiel gewinnt, weil sie kein Mensch gelten läßt? Du
+siehst, ich bin noch immer der Alte, und falle dir wieder von eben der
+Seite, wie vormals, zur Last. Ich war schon in Versuchung, das Blatt zu
+zerreißen; doch da wir uns sehen werden, so mag es gehen."
+
+Die in diesem Briefe enthaltenen Aeußerungen zeigten, wie Goethe den
+nüchternen gesunden Menschenverstand den schwärmerischen Ansichten Lavaters
+gegenüber geltend machte. Im mündlichen Austausch ihrer Ideen, im
+traulichen Gespräch hatten sie sich wenigstens so weit genähert, als ihre
+individuelle Denk- und Empfindungsweise erlaubte. Selbst das mißbilligende
+Urtheil über manche Schriften Lavaters nahm Goethe zurück. "Deine
+Offenbarung Johannis," schrieb er den 2. November 1779, "hat mir viel
+Vergnügen gemacht. Ich habe sie recht und vieles davon mehr als einmal
+gelesen. Da ich hörte, du habest darüber von Amtswegen gepredigt, gab es
+mir ein ganz neues Interesse, denn ich konnte nun mehr begreifen, wie du
+dich mit diesem Buche so lange beschäftigt, es ganz in dich hinüber
+empfunden hast, und es in einem so fremden vehiculo ohne fremden,
+vielleicht eigentlich heterogenen Zusatz wieder aus dir herausquellen
+lassen konntest; denn nach meiner Empfindung macht deine Ausmalung keinen
+andern Eindruck, als die Originalskizze macht, wenigstens einer Seele aus
+diesem Jahrhundert, wo man die Ideen, die du hineinlegst, selbst von
+Kindheit an hineinzulegen pflegt. Die Arbeit selbst ist dir glücklich von
+statten gegangen; einige treffliche Züge der Auslegung und Empfindung sind
+darin. Ausgemalt sind viele Stellen ganz trefflich, besonders alle, die der
+innern Empfindung von Zärtlichkeit und Kraft, wie z. B. die Verheißung des
+ewigen Lebens, das Weiden der Schafe unter Palmen u. s. w. In einigen
+Gestalten und Gleichnissen hast du dich auch gut gehalten; nur schwinden
+deine Ungeheuer für mich zu schnell in allegorischen Dampf. Doch ist auch
+dieß, wenn ich's recht bedenke, das klügste Theil, das du ergreifen
+kannst." Der Brief schließt mit den herzlichen Worten: "Laß uns ja einander
+bleiben, einander mehr werden. Neue Freunde und Lieben mag ich nicht.
+Leider fühl' ich meine dreißig Jahre und Weltwesen. Schon einige Ferne von
+dem werdenden, sich entfaltenden, ich erkenn' es noch mit Vergnügen, mein
+Geist ist ihm nah, aber mein Herz ist fremd. Große Gedanken, die dem
+Jüngling ganz fremd, füllen jetzt meine Seele."
+
+In einem Briefe an Merk, vom 7. April 1780, meldete Goethe seine Genesung
+von einer langwierigen Krankheit, die ihn bald nach der Rückkehr aus der
+Schweiz befallen. "Schon in Frankfurt," schrieb er, "und als wir in der
+Kälte an den Höfen herumzogen, war mir's nicht just. Die Bewegung der Reise
+ließ es nicht zum Ausbruch kommen. Doch hatte ich eine böse
+Zusammengezogenheit, eine Kälte, und Untheilnehmung, die Jedermann auffiel
+und gar nicht natürlich war. Jetzt geht Alles wieder ganz gut."
+
+Dieser Brief Goethe's enthielt zugleich flüchtige Andeutungen über manche
+literärische Entwürfe, die jedoch größtentheils unausgeführt blieben. "Der
+wichtigste Theil meiner Schweizerreise," schrieb er, "ist aus einzelnen, im
+Moment geschriebenen Blättchen und Briefchen durch eine lebhafte Erinnerung
+componirt. Wieland declarirte es für ein Poema. Ich habe aber noch weit
+mehr damit vor, und wenn es mir glückt, so will ich mit diesem Garn viele
+Vögel fangen. Zur Geschichte Herzog Bernhards von Weimar hab' ich viele
+Documente und Collectaneen zusammengebracht, kann sie schon ziemlich
+erzählen, und will, wenn ich erst den Scheiterhaufen gedruckter und
+ungedruckter Nachrichten, Urkunden und Anecdoten recht zierlich
+zusammengelegt, ausgeschmückt, und eine Menge schönen Räucherwerks und
+Wohlgeruchs darauf herumgestreut habe, ihn einmal bei schöner trockner
+Nachtzeit anzünden, und auch dieses Kunst- und Lustfeuer zum Vergnügen des
+Publici brennen lassen."
+
+Auch in einem spätern Briefe an Lavater, vom 5. Juni 1780, nahm Goethe die
+Idee einer Biographie des Herzogs Bernhard wieder auf. "Ich scharre",
+schrieb er, "nach meiner Art, Vorrath zu einer Lebensbeschreibung dieses
+als Helden und Herrscher wirklich sehr merkwürdigen Mannes, der in seiner
+kurzen Laufbahn ein Liebling der Menschen gewesen ist, allmählich zusammen,
+und erwarte die Zeit, wo mir's vielleicht glücken wird, ein Feuerwerk
+daraus zu machen. Seine Jahre fallen in den dreißigjährigen Krieg. Sein und
+seiner Brüder Familiengemälde interessirt mich noch am meisten, da ich
+ihren Urenkeln, in denen so manche Züge leibhaftig wiederkommen, so nahe
+bin. Uebrigens versuche ich allerlei Beschwörungen und Hocus pocus, um
+die Gestalten gleichzeitiger Helden und Lumpen in Nachahmung der Hexe zu
+Endor wenigstens bis an den Gürtel aus dem Grabe steigen zu lassen, und
+allenfalls irgend einen König, der an Zeichen und Wunder glaubt, in's
+Bockshorn zu jagen."
+
+Ueber jene Idee, die er wieder aufgab, äußerte sich Goethe in späteren
+Jahren mit den Worten: "Manche Zeit und Mühe ward auf den Vorsatz, das
+Leben Herzog Bernhards zu schreiben, vergebens aufgewendet. Nach vielfachem
+Sammeln und mehrmaligem Schematisiren ward zuletzt nur allzu klar, daß die
+Ereignisse des Helden kein Bild machten. In der jammervollen Ilias des
+dreißigjährigen Krieges spielte er eine würdige Rolle, ließ sich aber von
+jener Gesellschaft nicht absondern. Einen Ausweg glaubte ich jedoch
+gefunden zu haben. Ich wollte das Leben schreiben wie einen ersten Band,
+der den zweiten nothwendig machte. Ueberall sollten Verzahnungen stehen
+bleiben, damit Jedermann bedauerte, daß ein frühzeitiger Tod den Baumeister
+verhindert habe, sein Werk zu vollenden. Für mich war diese Bemühung nicht
+unfruchtbar; denn wie das Studium zu Götz von Berlichingen mir tiefere
+Einsicht in das funfzehnte und sechszehnte Jahrhundert gewährte, so mußte
+mir diesmal die Verworfenheit des siebzehnten sich mehr entwickeln, als
+sonst vielleicht geschehen wäre."
+
+Auch durch anderweitige Beschäftigungen mochte Goethe jener historischen
+Arbeit entzogen worden seyn. Noch immer betrieb er mit lebhaftem Interesse
+die seit frühester Jugend ihm liebgewordenen Kunststudien. Seine Briefe an
+Merk und Lavater enthielten mannigfache Aeußerungen über den Entwurf und
+die Ausführung werthvoller Landschaften, Blätter und Skizzen, die er theils
+besaß, theils zu erhalten wünschte, um seine Sammlung zu vervollständigen.
+Ueber Albrecht Dürer schrieb er den 6. März 1780 an Lavater: "Ich verehre
+täglich mehr die mit Gold und Silber nicht zu bezahlende Arbeit des Mannes,
+der, wenn man ihn recht im Innersten erkennen lernt, an Wahrheit,
+Erhabenheit, und selbst Grazie nur die ersten Italiener zu seines Gleichen
+hat. Dieses wollen wir laut sagen." In diesem Briefe erwähnte er den Besitz
+einer Sammlung von "geistigen Handrissen, besonders in Landschaften", die
+er zu vermehren wünschte. Er schrieb darüber an Lavater: "Passe doch auf,
+dir geht so vieles durch die Hände. Wenn du so ein Blatt findest, worauf
+die erste, schnellste, unmittelbarste Aeußerung des Künstlergeistes
+gedruckt ist, so lasse es dir nicht entwischen, wenn du's um leidliches
+Geld haben kannst. Mir macht's ein besonderes Vergnügen."
+
+Genährt ward Goethe's Kunstinteresse durch einen vierzehntägigen Aufenthalt
+Oeser's in Ettersburg. Nichts konnte ihm erfreulicher seyn, als das
+Wiedersehen seines alten Leipziger Freundes und Lehrers, dem er, nach
+seinem eignen Geständniß in früher mitgetheilten Briefen, einen großen
+Theil seiner Bildung verdankte. Oeser war vielfach beschäftigt mit der
+Einrichtung und Anordnung des Liebhabertheaters in Ettersburg, auf welchem
+das von Goethe nach Aristophanes bearbeitete Lustspiel: "die Vögel"
+vorgestellt werden sollte. Goethe schrieb über Oeser: "Der Alte hatte den
+ganzen Tag etwas zu kramen, anzugeben, zu verändern, zu zeichnen, zu
+deuten, zu besprechen, zu lehren u.s.w., daß keine Minute leer war. Seitdem
+er fort ist, gehts freilich ein wenig stiller und einfacher zu."
+
+Durch Oeser's Abreise wich Goethe's Neigung zur Kunst allmählich dem in
+späteren Jahren wachsenden Interesse an mannigfachen Naturgegenständen.
+Seinem Freunde Merk hatte er in einem Briefe vom 3. Juli 1780 die Nachricht
+mitgetheilt, daß der Bildhauer Klauer Oeser's Kopf "allerliebst bossirt",
+und daß derselbe in Gyps gegossen und in grauen Stein gehauen werden solle.
+"A propops", fügte er hinzu, "von Steinen hab' ich jetzt etwas sehr
+Angenehmes und Unterhaltendes angefangen. Durch einen jungen Menschen, den
+wir zum Bergwesen herbeiziehen, lasse ich eine mineralogische Beschreibung
+von Weimar, Eisenach und Jena machen. Er bringt alle Steinarten mit seiner
+Beschreibung überein, und numerirt mit, woraus ein sehr einfaches aber für
+uns interessantes Cabinet entsteht. Wir finden auch mancherlei, was gut und
+nützlich, ich will aber nicht sagen, einträglich ist." Seinen Brief schloß
+Goethe mit der an Merk gerichteten Bitte: "Du thust mir einen großen
+Gefallen, wenn du mir gelegentlich ein Stück von den Graniten schicktest,
+die nicht weit von euch im Gebirge liegen, wo große abgesägte Stücke davon
+glauben machen, daß die Römer ihre Obelisken daher geholt haben. Wenn du
+einmal Gelegenheit findest zu erforschen, was der Felsberg auf seiner
+höchsten Höhe für Steine hat, wird es mir auch sehr angenehm seyn."
+
+Während Goethe das Gebiet der Wissenschaft und Kunst nach den
+mannigfachsten Richtungen durchstreifte, schien seine poetische Thätigkeit
+zu schlummern. Geweckt ward sie wieder durch die Erscheinung von Wielands
+Oberon. Er schrieb darüber an Merk den 7. April 1780: "Du wirst den Oberon
+gelesen und dich daran erfreut haben. Ich habe Wielandn' dafür einen
+Lorbeerkranz geschickt, der ihn sehr erfreut hat." Nach einem spätern
+Briefe an Lavater vom 3. Juli 1780 war Goethe überzeugt: "so lange Poesie
+Poesie, Gold Gold und Crystall Crystall bleibe, werde auch Wieland's Oberon
+als ein Meisterstück poetischer Kunst geliebt und bewundert werden."
+
+Von dem genannten Epos begeistert, warnte er in einem Briefe vom 24. Juni
+1780 vor der seichten und anmaßenden Kritik, die auch das Trefflichste
+nicht verschone. "Bei Gelegenheit von Wieland's Oberon", schrieb er an
+Lavater, "brauchst du das Wort Talent, als wenn es der Gegensatz von Genie
+wäre, wo nicht ganz, doch wenigstens etwas Subordinirtes. Wir sollten aber
+bedenken, daß das eigentliche Talent nichts weiter seyn kann, als die
+Sprache des Genies. Ich will nicht chikaniren, denn ich weiß wohl, was du
+im Durchschnitt damit sagen willst, und ich zupfe dich nur beim Aermel. Wir
+sind oft gar zu freigebig mit allgemeinen Worten, und schneiden, wenn wir
+ein Buch gelesen haben, das uns von Seite zu Seite Freude gemacht, und
+aller Ehren werth vorgekommen ist, endlich gern mit der Scheere so gerade
+durch, wie durch einen weißen Bogen Papier. Wenn ich ein solches Werk auch
+blos als ein Schnitzbildchen ansehe, so wird es doch der feinsten Scheere
+unmöglich, alle kleinen Formenzüge und Linien, worin der Werth liegt,
+herauszusondern. Es ist nachher noch eins, was man nicht so leicht an einem
+solchen Werke schätzt, weil es so selten ist: daß nämlich der Autor nichts
+hat machen wollen und gemacht hat, als was eben da steht. Für das Gefühl,
+die Kunst und Freiheit, vieles wegzulassen, gebührt ihm freilich der größte
+Dank, den ihm aber auch nur der Künstler und Mitgenosse giebt."
+
+Damit beruhigte sich Goethe bei dem einseitigen Urtheil, das von mehreren
+Seiten seinen "Triumph der Empfindsamkeit" traf, eine harmlose Satyre auf
+das damalige Weimarische Theaterpersonal, mit Anspielungen auf mancherlei
+Vorfälle und Tagesereignisse. Manchen Tadel mußte er auch vernehmen über
+die vorherrschende Sentimentalität in dem von ihm geschriebenen Schauspiel
+"Lila", in dem Drama "die Geschwister," und in andern seiner damaligen
+Producte. In eine dramatische Form kleidete Goethe auch mehrere theils
+ernste, theils scherzhafte Gedichte, zu denen er durch Festlichkeiten des
+Weimarischen Hofes veranlaßt ward.
+
+Eine höhere poetische Idee lag seiner "Iphigenie" zum Grunde. Der erste
+Entwurf dieses Schauspiels und seines erst mehrere Jahre später vollendeten
+Romans: "Wilhelm Meisters Lehrjahre" fällt in diese Periode von Goethe's
+Leben. Das Urtheil seiner Freunde, denen er mehrere von seinen damaligen
+Producten handschriftlich mittheilte, war ihm nicht gleichgültig. Den 24.
+Juli 1780 schrieb er an Lavater: "Daß du Freude gehabt hast an meiner
+Iphigenie, ist mir ein außerordentliches Geschenk. Da wir mit unsern
+Existenzen so nahe stehen, und mit unsern Gedanken und Imaginationen so
+weit auseinander gehen wie zwei Schützen, die mit dem Rücken aneinander
+lehnend, nach ganz verschiedenen Zielen schießen, so erlaube ich mir
+niemals den Wunsch, daß meine Sachen dir etwas werden könnten. Ich freue
+mich deswegen recht herzlich, daß ich auch mit diesem Product wieder an's
+Herz gekommen bin."
+
+In solcher Stimmung verschmerzte Goethe den Verdruß und Unmuth, den ihm ein
+gewinnsüchtiger Buchhändler, Himburg in Berlin, bereitet hatte, als er ohne
+Goethe's Mitwissen eine Sammlung seiner bisherigen Schriften in zwei
+Octavbänden veranstaltete. Goethe erhielt von ihm einen Brief, in welchem
+er dem Publikum einen großen Dienst erwiesen zu haben meinte, und sich
+erbot, dem Dichter als einen Beweis seiner Erkenntlichkeit einiges Berliner
+Porcellan zu schicken. Empört über die Anmaßung des unberufenen Verlegers
+seiner Schriften, ließ Goethe das an ihn gerichtete Schreiben
+unbeantwortet, und rächte sich im Stillen durch einige satyrische Verse.
+
+Wissenschaftliche Forschungen der verschiedensten Art behielten für ihn ein
+lebhaftes Interesse. Immer neuen Genuß schöpfte er aus der Betrachtung der
+Natur, auch der anorganischen, auf seinen öftern Reisen in die Umgegend,
+besonders nach Franken, als Begleiter des Herzogs von Weimar. In Bezug auf
+seine mineralogischen Studien bemerkte Goethe in einem Briefe an Merk vom
+11. October 1780: "Ich habe mich diesen Wissenschaften mit völliger
+Leidenschaft ergeben, und habe eine sehr große Freude daran. Dabei schränke
+ich mich aber nicht, wie die neuesten Chursachsen, philisterhaft darauf
+ein, ob jener Berg dem Herzog von Weimar gehört oder nicht. Wie ein Hirsch,
+der ohne Rücksicht des Territoriums sich äset, so denk' ich, muß der
+Mineralog auch seyn. Und so hab' ich vom Gipfel des Inselbergs, des
+höchsten vom Thüringerwalde, bis in's Würzburgische, Fuldaische, Hessische,
+Chursächsische, bis über die Saale hinüber, und wieder so weiter bis
+Saalfeld und Coburg herum, meine schnellen Ausflüge getrieben; habe die
+meisten Stein- und Gebirgsarten von allen diesen Gegenden beisammen, und
+finde in meiner Art zu sehen, das bischen Metallische, das den mühseligen
+Menschen in die Tiefen hineinlockt, immer das Geringste. Durch dieses alles
+zusammen und durch die Kramereien meiner Vorgänger bin ich im Stande, einen
+kleinen Aufsatz zu liefern, der gewiß interessant seyn soll. Ich habe jetzt
+die allgemeinsten Ideen und gewiß einen reinen Begriff, wie alles auf
+einander steht und liegt, ohne Prätension auszuführen, wie es auf einander
+gekommen ist. Da ich einmal nichts aus Büchern lernen kann, so fang' ich
+erst jetzt an, nachdem ich die meilenlangen Blätter unserer Gegenden
+umgeschlagen habe, auch die Erfahrungen Anderer zu studiren und zu nutzen.
+Dies Feld ist, wie ich jetzt erst sehe, kurze Zeit her mit großem Fleiße
+bebaut worden, und ich bin überzeugt, daß bei so viel Versuchen und
+Hülfsmitteln ein einziger großer Mensch, der mit den Füßen oder dem Geist
+die Welt umlaufen könnte, diesen seltsam zusammengebauten Ball ein- für
+allemal erkennen und beschreiben könnte, was vielleicht schon Büffon im
+höchsten Sinne gethan hat, weßhalb auch Franzosen und Deutschfranzosen
+sagen, er habe einen Roman geschrieben, welches sehr wohl gesagt ist, weil
+das ehrsame Publikum alles Außerordentliche nur durch den Roman kennt."
+
+Durch diese Studien und andere Lieblingsneigungen ward Goethe nicht der
+Amtsthätigkeit entzogen, die seine Stellung als Geheimer Rath mit Sitz und
+Stimme in mehreren Collegien von ihm forderte. Die Huld seines Fürsten
+hatte ihn von manchen lästigen Geschäften befreit. Auch ward ihm, nach
+einem früher mitgetheilten Geständnisse, "sein Tagewerk leicht." Gleichwohl
+beklagte er sich in einem im Februar 1781 an Lavater geschriebenen Briefe,
+daß er fast zu viel auf sich lade. Er fügte hinzu: "Staatssachen sollte der
+Mensch, der darein versetzt ist, sich ganz widmen, und ich möchte doch auch
+so vieles Andere nicht fallen lassen."
+
+In gleichem Sinne hatte er schon in einem frühern Briefe an Lavater
+geäußert: "Den guten Landes- und Hausvater würdest du näher nur bedauern.
+Was da auszustehen ist, spricht keine Zunge aus. Herrschaft wird Niemand
+angeboren, und der sie ererbte, muß sie so bitter gewinnen, wie der
+Eroberer, wenn er sie haben will, und bitterer. Es versteht dieß kein
+Mensch, der seinen Wirkungskreis aus sich geschaffen und ausgetrieben hat."
+Dann tröstete er sich wieder mit dem behaglichen Gefühl der Gesundheit. In
+einem Briefe an Lavater vom 18. März 1781 sprach er den Wunsch aus, daß
+Gott ihn noch lange auf dieser schönen Welt erhalten und ihm Kraft
+verleihen möchte, ihr zu dienen und sie zu nutzen. "Mit mir steht's gut,"
+schrieb er, "besonders innerlich. In weltlichen Dingen erwerb' ich täglich
+mehr Gewandtheit, und vom Geiste fallen mir täglich Schuppen und Nebel, daß
+ich denke, er müßte ganz nackt dastehen, und doch bleiben ihm noch Hüllen
+genug."
+
+Was ihn besonders über den Druck und Wechsel äußerer Lebensverhältnisse
+erhob, war Goethe's Sinn für die Schönheiten der Natur. Mannigfachen Genuß
+bot ihm sein am Weimarischen Park gelegener Garten. "Die nächsten Wochen
+des Frühlings," schrieb er den 9. April 1781 an Lavater, "sind mir
+gesegnet. Jeden Morgen empfängt mich eine neue Blume oder Knospe. Die
+stille, reine, immer wiederkehrende, leidenlose Vegetation tröstet mich oft
+über der Menschen Noth, ihre moralischen und noch mehr physischen Uebel."
+Aehnliche Aeußerungen enthielt ein späterer Brief an Lavater vom 22. Juni
+1781. "Glaube mir," schrieb Goethe, "unsere moralische und politische Welt
+ist mit unterirdischen Gängen, Kellern und Kloaken minirt, wie eine große
+Stadt zu seyn pflegt, an deren Zusammenhang und ihrer Bewohner Verhältnisse
+wohl Niemand denkt und sinnt. Nun wird es dem, der davon einige Kundschaft
+hat, viel begreiflicher, wenn da einmal der Erdboden einstürzt, und dort
+einmal ein Rauch aufgeht aus einer Schlucht."
+
+Von solchen Betrachtungen wandte sich Goethe, wie er es schon in seiner
+Jugend gethan, zum Uebersinnlichen. "Ich bin," schrieb er an Lavater,
+"geneigter als Jemand, noch an eine Welt, außer der sichtbaren, zu glauben,
+und ich habe Dichtungs- und Lebenskraft genug, sogar mein eignes
+beschränktes Selbst zu einem Swedenborgischen Geister-Universum erweitert
+zu fühlen. Alsdann mag ich aber gern, daß das Alberne und Ekelhafte
+menschlicher Excremente durch eine feine Gährung abgesondert, und der
+reinlichste Zustand, in den wir versetzt werden können, empfunden werde."
+
+Unter mannigfachen Arbeiten und Zerstreuungen war Goethe, nach seinen
+eignen Worten, wieder zur Poesie zurückgekehrt. Neben der noch
+unvollendeten "Iphigenie" beschäftigte ihn die Idee, Torquato Tasso, den
+Dichter des befreiten Jerusalems, zum Helden eines Drama's zu wählen.
+Den Stoff zu den Umgebungen seines Schauspiels fand er an dem Hofe der
+Herzogin Amalie von Weimar. Dort lernte er den Ton kennen, der solchen
+Umgebungen ziemte. Seinem Freunde Lavater berichtete Goethe den 14.
+November 1781, er habe den ersten Act seines "Tasso" vollendet. "Ich
+wünsche," fügte er hinzu, "daß er auch für dich geschrieben seyn
+möchte." Goethe befand sich übrigens in einer Stimmung und in
+Verhältnissen, die der raschen Förderung seines Werks nicht günstig
+schienen. "Die Unruhe, in der ich lebe," schrieb er, ["]läßt mich nicht
+über dergleichen vergnügliche Arbeiten bleiben, und so sehe ich auch
+noch nicht den Raum vor mir, die übrigen Acte zu enden. Es geht mir, wie
+es den Verschwendern geht, die in dem Augenblicke, wenn über Mangel an
+Einnahme, überspannte Schulden und Ausgaben geklagt wird, gleichsam von
+einem Geiste des Widerspruchs außer sich gesetzt, sich in neue
+Verbindungen und Unkosten zu stürzen pflegen."
+
+Treffend hatte Goethe in diesem Briefe sich selbst und die Beweglichkeit
+seines Geistes geschildert, die ihn nicht lange bei einem und demselben
+Gegenstande verweilen ließ. Auch das dramatische Interesse vermochte ihn
+nicht ausschließlich zu fesseln. In dem eben erwähnten Briefe meldete
+Goethe: "Auf unserer Zeichnungsakademie hab' ich mir diesen Winter
+vorgenommen, mit den Lehrern und Schülern den Knochenbau des menschlichen
+Körpers durchzugehen, sowohl um ihnen als mir zu nützen, sie auf das
+Merkwürdige dieser einzigen Gestalt zu führen, und sie dadurch auf die
+erste Stufe zu stellen, das Bedeutende in der Nachahmung sichtlicher Dinge
+zu erkennen und zu suchen. Zugleich behandle ich die Knochen als einen
+Text, woran sich alles Leben und alles Menschliche anhängen läßt; habe
+dabei den Vortheil, zweimal die Woche öffentlich zu reden, und über Dinge,
+die mir werth sind, mich mit aufmerksamen Menschen zu unterhalten.["] Das
+sei, meinte er, ein Vergnügen, dem er in dem gewöhnlichen Welt-, Geschäfts-
+und Hofleben entsagen müßte. Seine Jahre spornten ihn zu verdoppelter
+Thätigkeit. "Mit meinem Leben," schrieb er, "rückt es stark vor, und ich
+fange nun bald an zu begreifen, warum wir, sobald wir uns hienieden
+einzurichten angefangen haben, wieder weiter müssen."
+
+
+Ueberhäufte Amtsgeschäfte nahmen damals Goethe's Kräfte fast übermäßig in
+Anspruch. Den 16. Juli 1782 schrieb er an Merk: "Es geht mir, wie dem
+Treufreund in meinen Vögeln. Mir wird ein Stück des Reichs nach dem andern
+auf einem Spaziergange übertragen. Diesmal muß mir's nun freilich Ernst,
+sehr Ernst seyn, denn mein Herr Vorgänger hat mir viel Arbeit gemacht.
+Manchmal wird mir's sauer, denn ich stehe redlich aus. Dann denk' ich
+wieder: Hic est aut nusquam, quod quaerimus." Auf ähnliche Weise äußerte
+sich Goethe in einem spätern Briefe vom 29. Juli 1782: "Von mir hab' ich
+nichts zu sagen, als daß ich mich meinem Beruf aufopfere, in dem ich nichts
+weiter suche, als wenn es das Ziel meiner Begriffe wäre."
+
+Von den irdischen Angelegenheiten wandte sich Goethe wieder zu dem
+Uebersinnlichen. Sein Interesse daran ward durch den Briefwechsel mit
+Lavater lebendig erhalten. "Daß du", schrieb er den 4. October 1782, "mir
+noch einmal den innern Zusammenhang deiner Religion vorlegen wolltest, war
+mir sehr willkommen. Wir werden ja nun wohl bald einmal einander über
+diesen Punkt kennen und in Ruhe lassen. Großen Dank verdient die Natur, daß
+sie in die Existenz eines jeden lebenden Wesens auch so viel Handlungskraft
+gelegt hat, daß es sich, wenn es an einem oder dem andern Ende zerrissen
+wird, selbst wieder zusammenflicken kann; und was sind tausendfältige
+Religionen anders, als tausendfache Aeußerungen dieser Heilungskraft? Mein
+Pflaster schlägt bei dir nicht an, deins nicht bei mir; in unsres Vaters
+Apotheke sind viel Recepte. So hab' ich auf deinen Brief nichts zu
+antworten, nichts zu widerlegen; aber dagegen zu stellen hab' ich vieles.
+Wir sollten einmal unsere Glaubensbekenntnisse in zwei Columnen neben
+einander setzen, und darauf einen Friedens- und Toleranzbund errichten."
+
+Näher, als diese religiösen Betrachtungen, lagen Goethe's Liebe zur Natur
+und seinem heitern Weltsinn seine geognostischen und mineralogischen
+Studien. Auch die Osteologie hatte er, wie bereits erwähnt, in den Kreis
+seiner Forschungen gezogen. "Ich freue mich", schrieb er den 23. April 1784
+an Merk, "daß du so frisch fort arbeitest in deinem Knochenwesen. Ich habe
+die Zeit über auch Verschiedenes in anatomicis, wie es die Zeit erlauben
+wollte, gepfuscht, wovon ich vielleicht ehestens etwas werde produciren
+können." In einem spätern Briefe an Merk, vom 6. August 1784, schrieb
+Goethe: "Schicke mir den Schädel deiner Myrmecophaga sobald als möglich;
+du erzeigst mir dadurch einen außerordentlichen Gefallen. Ich brauche ihn
+zu meiner Inauguraldisputation, durch welche ich mich in eurem docto
+corpore zu legitimiren gesonnen bin. Das eigentliche Thema halte ich noch
+geheim, um euch eine angenehme Ueberraschung zu machen. Ich komme nunmehr
+wieder auf den Harz, und werde meine mineralogischen und oryktologischen
+Beobachtungen, in denen ich bisher unermüdet fortgefahren, immer weiter
+treiben. Ich fange an, auf Resultate zu kommen, die ich aber bis jetzt noch
+für mich behalte." Diese Resultate theilte Goethe bald nachher in einer in
+seinen Werken aufbewahrten Abhandlung mit, in welcher er zu beweisen
+suchte, "daß den Menschen, wie den Thieren, ein Zwischenknochen der obern
+Kinnlade zuzuschreiben sei."
+
+Goethe's Dichtertalent schien unter so heterogenen Beschäftigungen zu
+schlummern. Die früher erwähnten Anfänge des "Wilhelm Meister" hatten lange
+geruht. Eine ganz neue Richtung erhielten Goethes Lebensverhältnisse und
+seine Thätigkeit, als die Huld seines Fürsten ihm vergönnte, das Land zu
+sehen, das von frühester Jugend an ein Gegenstand seiner Sehnsucht gewesen.
+Im September 1786 reiste er nach Italien. Dort fand sein reiches Gemüth die
+gleiche Empfänglichkeit für das Hohe und kindlich Liebliche, sein tiefer
+Sinn für Natur und Kunst die vollste Befriedigung.
+
+Das unvollendete Manuscript seiner "Iphigenie" hatte Goethe nach Italien
+mitgenommen. Dieser erste Entwurf, völlig abweichend in der Form, die jenes
+Schauspiel später erhielt, ist von A. Stahr (Oldenburg 1839) veröffentlicht
+worden. Goethe schrieb darüber den 8. September 1786: "Das Stück, wie es
+gegenwärtig da steht, ist mehr Entwurf, als Ausführung; es ist in
+poetischer Prosa geschrieben, die sich manchmal in einen jambischen
+Rhythmus verliert, auch wohl andern Sylbenmaßen ähnelt. Dies thut freilich
+der Wirkung großen Eintrag, wenn man es nicht sehr gut liest und durch
+gewisse Kunstgriffe diese Mängel zu verbergen weiß. Herder legte mir dies
+so dringend an's Herz, und da ich meinen größern Reiseplan ihm, wie Allen,
+verborgen hatte, so glaubte er, es sei nur wieder von einer Bergwandrung
+die Rede, und weil er sich gegen Mineralogie und Geologie immer spöttisch
+äußerte, meinte er, ich sollte, statt taubes Gestein zu klopfen, meine
+Werkzeuge an diese Arbeit wenden. Jetzt sondere ich die Iphigenie aus dem
+Packet, und nehme sie mit mir in das schöne warme Land als Begleiterin. Der
+Tag ist so lang, das Nachdenken ungestört, und die herrlichen Bilder der
+Urwelt verdrängen keineswegs den poetischen Sinn; sie rufen ihn vielmehr,
+von Bewegung und freier Luft begleitet, nur desto schneller hervor."
+
+Am [Am] 28. September 1786 war Goethe in Venedig angekommen. "Ich bin
+hier," schrieb er, "gut logirt in der Königin von England, nicht weit vom
+Marcusplatze. Meine Fenster gehen auf einen schmalen Canal zwischen hohen
+Häusern. Gleich unter mir befindet sich eine einbogige Brücke, und
+gegenüber ein schmales, belebtes Gäßchen. So wohn' ich, und die Einsamkeit,
+nach der ich oft so sehnsuchtsvoll geseufzt, kann ich nun recht genießen;
+denn nirgends fühlt man sich einsamer, als im Gewimmel, wo man sich, Allen
+ganz unbekannt, durchdrängt."
+
+Ermüdet von einer Wandrung durch die Stadt mit ihren Canälen, Brücken und
+Brückchen, setzte sich Goethe am Michaelisfeste, wo eine ungeheuere
+Menschenmasse über den Rialto nach der Kirche zog, in eine Gondel. Durch
+den nördlichen Theil des großen Canals fuhr er in die Lagunen bis gegen den
+Marcusplatz. Er überließ sich seinen einsamen Betrachtungen. "So war ich
+nun," schrieb er, "auf einmal ein Mitherr des adriatischen Meeres, wie
+jeder Venetianer sich fühlt, wenn er sich in seine Gondel legt. Ich
+gedachte dabei meines Vaters, der nichts Besseres wußte, als von diesen
+Dingen zu erzählen. Wird mir's nicht auch so gehen? Alles, was mich
+umgiebt, ist würdig, ein großes Werk versammelter Menschenkraft, ein
+herrliches Monument, nicht eines Gebieters sondern eines Volkes. Und wenn
+auch ihre Lagunen sich nach und nach ausfüllen, böse Dünste über dem Sumpfe
+schweben, ihr Handel geschwächt, ihre Macht gesunken ist, so wird die ganze
+Anlage der Republik und ihr Wesen nicht einen Augenblick dem Beobachter
+unehrwürdig seyn. Sie unterliegt der Zeit, wie Alles, was ein erscheinendes
+Daseyn hat."
+
+Einen genußreichen Abend versprach sich Goethe im Theater St. Chrysostomo.
+Die Vorstellung von Crebillon's Electra befriedigte ihn nicht, ungeachtet
+des im Allgemeinen braven Spiels. "Indessen," schrieb er, "hab' ich doch
+wieder gelernt. Der italienische, immer einsylbige Jambe hat für die
+Deklamation große Unbequemlichkeit, weil die letzte Sylbe durchaus kurz
+ist, und wider den Willen des Declamators in die Höhe schlägt."
+
+Lebhafter, als für die italienische Bühne, interessirte sich Goethe für die
+Baukunst, die, nach seinen eignen Worten, "wie ein Geist aus dem Grabe
+hervorstieg." Fleißig studirte er den Vitruv, Palladio und andere
+Schriftsteller, um so zu einer klaren Vorstellung von jenen werthvollen
+Ueberresten vergangner Zeit zu gelangen. Als er nach einem vierzehntägigen
+Aufenthalt in Venedig am 14. October 1786 die Stadt wieder verließ, und
+über Ferrara, Cento, Bologna, Lugano, Perugia, Terni und Citta nach Rom
+reiste, glaubte er sich das Zeugniß geben zu können: "Ich bin nur kurze
+Zeit in Venedig gewesen, aber ich habe mir die dortige Existenz genugsam
+zugeeignet, und weiß, daß ich, wenn auch einen unvollständigen, doch einen
+ganz klaren und wahren Begriff mit wegnehme."
+
+Begeistert von dem Eindruck mehrerer Gemälde Raphael's, die er in Bologna
+betrachtet hatte, besonders einer heiligen Agathe, schrieb Goethe den 19.
+October 1786: "Ich habe mir die Gestalt wohl gemerkt, und werde ihr im
+Geist meine Iphigenie vorlesen, und meine Heldin nichts sagen lassen, was
+diese Heilige nicht aussprechen möchte.--Da ich einmal dieser süßen Bürde
+gedenke, die ich auf meinen Wandrungen mit mir führe, so kann ich nicht
+verschweigen, daß zu den großen Kunst- und Naturgegenständen, durch die ich
+mich durcharbeiten muß, noch eine wundersame Folge von poetischen Gestalten
+hindurchzieht, die mich beunruhigen. Von Cento herüber wollte ich meine
+Arbeit an Iphigenie fortsetzen; aber was geschah? Der Geist führte mir das
+Argument der Iphigenie von Tauris vor die Seele, und ich mußte es
+ausbilden. So kurz als möglich sei es hier verzeichnet: Electra, in
+gewisser Hoffnung, daß Orest das Bild der Taurischen Diana nach Delphi
+bringen werde, erscheint in dem Tempel des Apoll, und widmet die grausame
+Axt, die so viel Unheil in Pelops Hause angerichtet, als schließliches
+Sühnopfer dem Gotte. Zu ihr tritt leider einer der Griechen, und erzählt,
+wie er Orest und Pylades nach Tauris begleitet, die beiden Freunde zum Tode
+führen sehen, und sich glücklich gerettet habe. Die leidenschaftliche
+Electra kennt sich selbst nicht, und weiß nicht, ob sie gegen Götter oder
+Menschen ihre Wuth richten soll. Indessen sind Iphigenie, Orest und Pylades
+gleichfalls in Delphi angekommen. Iphigenie'ns heilige Ruhe contrastirt gar
+merkwürdig mit Electra's irdischer Leidenschaft, als die beiden Gestalten,
+wechselseitig unerkannt, zusammentreffen. Der entflohene Grieche erblickt
+Iphigenie'n, erkennt die Priesterin, welche die Freunde geopfert, und er
+entdeckt es Electra. Diese ist im Begriff, mit demselben Beil, welches sie
+dem Altar wieder entreißt, Iphigenie'n zu ermorden, als eine glückliche
+Wendung dieses letzte schreckliche Uebel von den Geschwistern abwendet."
+Wenn diese Scene gelänge, meinte Goethe, dürfte nicht leicht etwas Größeres
+und Rührenderes auf der Bühne gesehen worden seyn. "Aber," fügte er hinzu,
+"wo soll man Hände und Zeit hernehmen, wenn auch der Geist willig wäre?"
+
+Groß und gewaltig war der Eindruck, den die "Hauptstadt der Welt" auf
+Goethe's Gemüth machte. So nannte er Rom in einem Briefe vom 1. November
+1786. In lebhafter Erinnerung an die römischen Prospecte im elterlichen
+Hause, schrieb Goethe: "Alle Träume meiner Jugend seh' ich nun erfüllt, ich
+sehe die ersten Kupferbilder wieder. Was ich in Gemälden, Zeichnungen und
+Holzschnitten schon lange gekannt, steht nun beisammen vor mir. Wohin ich
+gehe, finde ich eine Bekanntschaft in einer neuen Welt. Es ist Alles, wie
+ich mir's dachte, und Alles neu. Eben dies kann ich von meinen
+Betrachtungen, von meinen Ideen sagen. Ich habe keinen ganz neuen Gedanken
+gehabt, nichts ganz fremd gefunden; aber die alten Ideen sind so bestimmt,
+so lebendig, so zusammenhängend geworden, daß sie für neu gelten können."
+
+Zu Goethe's vorzüglichsten Bekanntschaften in Rom gehörte der Fürst
+Lichtenstein, der italienische Dichter Monti, der besonders durch seine
+mythologischen Forschungen bekannte Schriftsteller Moritz und der
+Historienmaler Tischbein. Mit dem Letztern hatte Goethe schon früher in
+Briefwechsel gestanden. Durch Tischbein gelangte er zu einem klaren
+Verständniß und einer richtigen Würdigung der zahlreichen und unschätzbaren
+Gemälde Raphael's, Michel Angelo's u.A. in der Peterskirche und besonders
+in der Sixtinischen Capelle.
+
+Eine treuere Anhänglichkeit und eine an Schwärmerei grenzende Vorliebe für
+seine literarischen Erzeugnisse, besonders für den Werther, zeigte keiner
+von Goethe's Freunden in solchem Grade, als Moritz. Goethe interessirte
+sich lebhaft für ihn, und nahm innigen Antheil an seinem Schicksal, als
+Moritz durch einen unglücklichen Fall den Arm brach. Goethe schrieb
+darüber: "Was ich bei diesem Leidenden als Wärter, Beichtvater und
+Vertrauter, als Finanzminister und geheimer Secretär erfahren und gelernt,
+mag mir in der Folge zu Gute kommen. Die fatalsten Leiden und die edelsten
+Genüsse gingen diese Zeit über immer einander zur Seite."
+
+Charakteristisch in mehrfacher Hinsicht war ein Schreiben, welches Goethe
+im November 1786 an den Herzog von Weimar richtete. "Wie dank' ich Ihnen,"
+schrieb er aus Rom, "daß Sie mir diese köstliche Muße geben und gönnen. Da
+doch einmal von Jugend auf mein Geist diese Richtung genommen, so hätt' ich
+nie ruhig werden können, ohne dies Ziel zu erreichen. Mein Verhältniß zu
+den Geschäften ist aus meinem persönlichen zu Ihnen entstanden; lassen Sie
+nun ein neues Verhältniß zu Ihnen nach so manchen Jahren aus dem bisherigen
+hervorgehen. Ich darf wohl sagen, ich habe mich in dieser Einsamkeit selbst
+wiedergefunden. Aber als was? Als Künstler! Was ich sonst noch bin, werden
+Sie beurtheilen und nutzen. Sie haben durch Ihr fortdauerndes wirkendes
+Leben jene fürstliche Kenntniß, wozu die Menschen zu benutzen sind, immer
+mehr erweitert und geschärft, wie mir jeder Ihrer Briefe deutlich sehen
+läßt. Dieser Beurtheilung unterwerfe ich mich gern. Fragen Sie mich über
+die Symphonie, die Sie zu spielen gedenken; ich will gern und ehrlich
+jederzeit meine Meinung sagen. Lassen Sie mich an Ihrer Seite das ganze Maß
+meiner Existenz ausfüllen, so wird meine Kraft, wie eine neu geöffnete,
+gesammelte, gereinigte Quelle, von einer Höhe nach Ihrem Willen leicht da
+oder dorthin zu leiten seyn. Schon sehe ich, was mir die Reise genützt, wie
+sie mich aufgeklärt und meine Existenz erheitert hat. Wie Sie mich bisher
+getragen, sorgen Sie ferner für mich. Sie thun mir mehr wohl, als ich
+selbst kann, als ich wünschen und verlangen darf. Ich habe so ein großes
+und schönes Stück Welt gesehen, und das Resultat ist, daß ich nur mit Ihnen
+und den Ihrigen leben mag. Ja, ich würde Ihnen noch mehr werden, als ich
+oft bisher war, wenn Sie mich nur das thun lassen, was Niemand als ich thun
+kann, und das Uebrige Andern auftragen. Ihre Gesinnungen, die Sie mir in
+Ihrem Briefe zu erkennen gaben, sind so schön, für mich bis zur Beschämung
+ehrenvoll, daß ich nur sagen kann: Herr, hier bin ich, mache aus deinem
+Knechte, was du willst."
+
+In einem spätern Schreiben an den Herzog von Weimar sprach Goethe den
+Wunsch aus, das Land seines Fürsten nach seiner Rückkehr "als Fremder
+durchreisen zu dürfen." Mit ganz frischem Auge, meinte er, würde ihn dann
+die Gewohnheit, Land und Welt zu sehen, jede Provinz betrachten lassen.
+"Ich würde," fügte er hinzu, "mir nach meiner Art ein neues Bild machen,
+einen vollständigen Begriff erlangen, und mich zu jeder Art von Dienst
+gleichsam auf's neue qualificiren, zu dem mich Ihre Güte, Ihr Zutrauen
+bestimmen will. Bei Ihnen und den Ihrigen ist mein Herz und Sinn, wenn sich
+gleich die Träume einer Welt in die Wagschale legen. Der Mensch bedarf
+wenig; Liebe und Sicherheit seines Verhältnisses zu dem einmal Gewählten
+und Gegebenen kann er nicht entbehren." So bewahrte Goethe mit reiner
+Pietät die treue Anhänglichkeit und innige Verehrung für einen Fürsten, dem
+er sein Lebensglück und die Muße zu seiner literarischen Thätigkeit
+verdankte.
+
+Fleißig beschäftigte sich Goethe in Rom mit der Fortsetzung und Vollendung
+der Iphigenie. Zu Anfange des Jahres 1787 war er damit fertig geworden. In
+einem Briefe vom 6. Januar machte er die Orte namhaft, wo er sich
+vorzugsweise mit seiner dramatischen Dichtung beschäftigt hatte. Er schrieb
+darüber: "Am Garda-See, als der gewaltige Mittagswind die Wellen an's Ufer
+trieb, und wo ich wenigstens so allein war, als meine Heldin am Gestade von
+Tauris, zog ich die ersten Linien der neuen Bearbeitung, die ich in Verona,
+Vicenza, Padua, am fleißigsten aber in Venedig fortsetzte. Dann aber
+gerieth die Arbeit in Stocken. Ich ward auf eine neue Erfindung geführt,
+nämlich Iphigenie auf Delphi zu schreiben, was ich auch sogleich gethan
+hätte, wenn nicht die Zerstreuung und ein Pflichtgefühl gegen das ältere
+Stück mich davon abgehalten hätten."
+
+Was ihn dazu bewog, seine Iphigenie ursprünglich in Prosa zu schreiben,
+war, nach seinen eignen Worten "die Unsicherheit, in der die deutsche
+Prosodie schwebe." "Es ist auffallend," schrieb er, "daß wir in unserer
+Sprache nur wenige Sylben finden, die entschieden kurz oder lang sind; mit
+den übrigen verfährt man nach Geschmack und Willkühr." Ungeachtet dieser
+Bemerkungen gab er späterhin seinem Schauspiel eine metrische Form. Das
+vollendete Manuscript hatte er nach Weimar gesandt, um das Urtheil seiner
+Freunde zu vernehmen. In den ruhigen Gang des Stücks konnten sie sich nicht
+sogleich finden. Sie hatten mehr leidenschaftliche Bewegung erwartet,
+"etwas Berlichingisches", wie Goethe sich darüber äußerte. Immer dachten
+sie sich den Dichter noch in seiner poetischen Sturm- und Drangperiode, die
+längst für ihn vorüber war.
+
+In einem Briefe vom 21. Februar 1787 beklagte sich Goethe, noch kein
+gründliches und erschöpfendes Urtheil über die Iphigenie gehört zu haben.
+Das könnte ihm, meinte er, zur Leitung dienen bei seinem "Tasso", denn das
+sei doch eine ähnliche Arbeit. Von diesem Schauspiel hatte er damals die
+ersten Scenen entworfen. "Der Gegenstand," schrieb er, "ist fast noch
+beschränkter, als in der Iphigenie, und will daher im Einzelnen noch mehr
+ausgearbeitet seyn. Doch weiß ich noch nicht, was es werden wird. Das
+Vorhandene muß ich ganz zerstören. Es hat zu lange gelegen, und weder die
+Personen, noch der Plan, noch der Ton haben mit meiner jetzigen Ansicht die
+geringste Verwandtschaft."
+
+Bestärkt ward Goethe in diesem Entschluß durch den Beifall, der von
+einsichtsvollen Freunden seiner Umarbeitung der Iphigenie gezollt ward. Ihn
+selbst ließ sein Schauspiel auch in der veränderten Form unbefriedigt.
+
+Indeß tröstete er sich darüber in einem Briefe vom 16. März 1787. Eine
+solche Arbeit, meinte er, werde eigentlich nie fertig; man müsse sie für
+fertig erklären, wenn man nach Zeit und Umständen das Möglichste gethan
+habe. "Das soll mich aber," fügte er hinzu, "nicht abschrecken, mit dem
+Tasso eine ähnliche Operation vorzunehmen. Lieber würfe ich ihn in's Feuer.
+Aber ich will bei meinem Entschluß beharren, und da es einmal nicht anders
+ist, so wollen wir ein wunderlich Werk daraus machen."
+
+Beschäftigt mit seiner dramatischen Dichtung, blieb Goethe, wenn man den
+Umgang mit dem Landschaftsmaler Hackert ausnimmt, dessen Leben er später so
+anziehend beschrieb, auch in Neapel "dem eigensinnigen Einsiedlersinn"
+treu, der ihm schon in Rom von seinen Freunden zum Vorwurf gemacht worden
+war. "Freilich scheint es," schrieb er, "ein wunderliches Beginnen, daß man
+in die Welt geht, um allein bleiben zu wollen." Während Goethe sich aber
+dem geselligen Leben entzog, streifte er in der Umgegend umher. "Neapel ist
+ein Paradies," äußerte er in dem vorhin mitgetheilten Briefe. "Jedermann
+lebt in einer Art von trunkener Selbstvergessenheit. Mir geht es eben so.
+Ich erkenne mich kaum, ich scheine mir ein ganz anderer Mensch."
+
+Längere Zeit schwankte Goethe in dem Entschluß, auch Sicilien zu besuchen.
+"Eine Seereise," schrieb er, "fehlt mir ganz in meinen Begriffen. Die
+kleine Ueberfahrt, vielleicht eine Küstenumschiffung, wird meiner
+Einbildungskraft nachhelfen und mir die Welt erweitern. Und so geh' ich
+denn Donnerstag den 29sten mit der Corvette, die ich, des Seewesens
+unkundig, in meinem vorigen Briefe zum Rang einer Fregatte erhob, nach
+Palermo."
+
+Von der Seekrankheit befallen, wagte sich Goethe längere Zeit nicht wieder
+auf's Verdeck, und mußte so den herrlichen Anblick der Küsten und Inseln
+entbehren. "Abgeschlossen von der äußern Welt," schrieb er, "ließ ich die
+innere walten, und da eine langsame Fahrt vorauszusehen war, gab ich mir
+gleich zu bedeutender Unterhaltung ein starkes Pensum auf. Die zwei ersten
+Acte des Tasso, in poetischer Prosa geschrieben, habe ich von allen
+Papieren allein mit über See genommen. Diese beiden Acte, schon vor
+mehreren Jahren geschrieben, hatten etwas Weichliches, Nebelhaftes, welches
+sich jedoch bald verlor, als ich, nach neueren Ansichten, die Form
+vorwalten und den Rhythmus eintreten ließ."
+
+Einen begeisternden Eindruck machte auf Goethe der majestätische Anblick
+des Meeres mit seinen zahllosen Inseln. In dieser lebendigen Umgebung
+glaubte er, nach seinen eignen Worten, den besten Commentar zu Homers
+Odyssee zu finden, deren Lectüre ihn damals beschäftigte. "Was den Homer
+betrifft," schrieb er an Herder, "so ist mir eine Decke von den Augen
+gefallen. Die Beschreibungen, die Gleichnisse u.s.w. kommen uns poetisch
+vor, und sind doch unsäglich natürlich, aber freilich mit einer Reinheit
+und Innigkeit bezeichnet, vor der man erschrickt. Selbst die sonderbarsten
+erlogensten Begebenheiten haben eine Natürlichkeit, die ich nie so gefühlt
+habe, als in der Nähe der betriebenen Gegenstände. Ich möchte den Gedanken
+kurz so ausdrücken: _sie_ stellen die Existenz dar; _wir_ gewähren den
+Effect; _sie_ schildern das Fürchterliche; _wir_ schildern fürchterlich;
+_sie_ das Angenehme, _wir_ angenehm. Daher kommt alles Uebertriebene, alle
+falsche Grazie, aller Schwulst. Wenn das, was ich sage, nicht neu ist, so
+hab' ich es doch bei neuem Anlaß recht lebhaft gefühlt. Nun ich alle diese
+Küsten und Vorgebirge, Golfe und Buchten, Inseln und Erdzungen, Felsen und
+Sandstreifen, buschige Hügel, sanfte Wälder, fruchtbare Felder, geschmückte
+Gärten, gepflegte Bäume, hängende Reben, Wolkenberge und immer heitere
+Ebenen, Klippen und Bänke und das alles umgebende Meer mit so vielen
+Abwechselungen und Mannigfaltigkeiten vor mir habe--nun ist mir erst die
+Odyssee ein lebendiges Wort."
+
+Ergriffen von diesen Ideen, wollte Goethe in der Heldin einer Tragödie,
+"Nausikaa" betitelt, von welcher sich jedoch nur die zwei ersten Scenen des
+ersten Acts in Goethe's Werken erhalten haben, nach seinen eignen
+Aeußerungen, "eine treffliche, von Vielen umworbene Jungfrau darstellen,
+die keiner Neigung sich bewußt, alle Freier bisher ablehnend behandelt,
+durch einen sittsamen Fremdling aber gerührt, aus ihrem Zustande
+herausträte und durch eine voreilige Aeußerung ihrer Neigung sich
+compromittirte." Von dieser Situation versprach sich Goethe eine große
+tragische Wirkung. Der Reichthum der subordinirten Motive und besonders das
+Meer- und Inselhafte der Ausführung sollte, nach Goethe's Ansicht, jener
+einfachen Fabel ein besonderes Interesse geben. Er war so ergriffen von
+seinem Gegenstande, daß er darüber, wie er äußerte, "seinen Aufenthalt zu
+Palermo, ja den größten Theil seiner übrigen sicilianischen Reise
+verträumte."
+
+Der lebendige Antheil an jenem Süjet verlor sich jedoch bald wieder. In
+einem Briefe vom 17. April 1787 beklagte sich Goethe "über das wahrhafte
+Unglück, von vielerlei Geistern verfolgt und versucht zu werden." In einem
+öffentlichen Garten weckte die Betrachtung mehrerer dort blühender Gewächse
+in ihm eine alte Lieblingsidee. Er wollte, wo möglich, unter dieser Schaar
+die Urpflanze entdecken. Eine poetische Form gab Goethe dieser Idee in
+seinem Gedicht. "die Metamorphose der Pflanzen." Wissenschaftlich erörterte
+er jenen Gegenstand in seinem 1790 gedruckten "Versuch, die Metamorphose
+der Pflanzen zu erklären."
+
+Wie Goethe die Natur überhaupt, besonders aber im
+
+Gegensatze zur Kunst betrachtete, zeigten die nachfolgenden Aeußerungen in
+einem Schreiben an die Herzogin Luise von Sachsen-Weimar: "Das geringste
+Product der Natur hat den Kreis seiner Vollkommenheit in sich, und ich darf
+nur Augen haben, um zu sehen, so kann ich die Verhältnisse entdecken; ich
+bin sicher, daß innerhalb eines kleinen Cirkels eine ganze wahre Existenz
+beschlossen ist. Ein Kunstwerk hingegen hat seine Vollkommenheit außer
+sich; das Beste liegt in der Idee des Künstlers, die er selten oder nie
+erreicht; alles Folgende in gewissen angenommenen Gesetzen, welche zwar aus
+der Natur der Kunst und des Handwerks hergeleitet, aber doch nicht so
+leicht zu verstehen und zu entziffern sind, als die Gesetze der lebendigen
+Natur. Bei den Kunstwerken ist viel Tradition, die Naturwerke sind immer
+wie ein frisch ausgesprochenes Wort Gottes."
+
+Ueber die vorhin erwähnte Idee einer Metamorphose der Pflanzen erklärte
+sich Goethe näher in einem Briefe an Herder vom März 1787. Er äußerte
+darin, daß er dem Geheimniß der Pflanzenerzeugung und Organisation ganz
+nahe gekommen sei, und meinte, daß es nichts Einfacheres gehen könnte.
+Unter dem italienischen Himmel ließen sich darüber die herrlichsten
+Beobachtungen anstellen. "Den Hauptpunkt, wo der Keim steckt," schrieb
+Goethe, "hab' ich ganz klar und zweifellos gefunden. Alles Uebrige sah ich
+schon im Ganzen, und nur noch einige Punkte müssen bestimmter werden. Die
+Urpflanze wird das wunderlichste Geschöpf von der Welt, um welches die
+Natur selbst mich beneiden soll. Mit diesem Modell und dem Schlüssel dazu,
+kann man alsdann Pflanzen in's Unendliche erfinden, die consequent seyn
+müssen, d. h. die, wenn sie auch nicht existiren, doch existiren können,
+und nicht etwa malerische und dichterische Schatten und Scheine sind,
+sondern innerliche Wahrheit und Nothwendigkeit haben." Dasselbe Gesetz,
+meinte Goethe, werde sich auf alles übrige Lebende anwenden lassen.
+
+In mehreren von Goethe's damaligen Briefen regte sich die Sehnsucht, wieder
+in seine Heimath zurückzukehren. Besonders freute er sich auf das
+Wiedersehen Herders, mit dem er stets in innigen Verhältnissen gelebt
+hatte. An ihn schrieb er den 17. März 1787. "Wir sind so nahe in unserer
+Vorstellungsweise, als es möglich ist, ohne eins zu seyn, und in den
+Hauptquellen am nächsten. Wenn du diese Zeit her viel aus dir selbst
+geschöpft hast, so hab' ich viel erworben, und ich kann einen guten Tausch
+machen. Ich bin freilich mit meiner Vorstellung sehr an's Gegenwärtige
+geheftet, und je mehr ich die Welt sehe, desto weniger kann ich hoffen, daß
+die Menschheit je Eine weise, kluge, glückliche Masse werden könne.
+Vielleicht ist unter den Millionen eine, die sich des Vorzugs rühmen kann;
+bei der Constitution der unsrigen bleibt mir so wenig für sie, als für
+Sicilien bei der seinigen zu hoffen."
+
+In dieser Stimmung versprach sich Goethe viel von dem damals noch
+ungedruckten dritten Theil von Herders Ideen zu einer Geschichte der
+Philosophie der Menschheit. "Ich glaube selbst," schrieb Goethe, "daß die
+Humanität endlich siegen wird. Nur fürcht' ich, daß zu gleicher Zeit die
+Welt ein großes Hospital, und Einer des Andern humaner Krankenwärter seyn
+werde." Als ihn nun das sehnlich erwartete Buch begrüßte, schrieb er den
+12. Oktober 1787 an Herder: "Den lebhaftesten Dank für die Ideen. Sie sind
+mir als das liebwertheste Evangelium gekommen. Die interessantesten Studien
+meines Lebens laufen da zusammen."
+
+Lockerer ward nach Goethe's Rückkehr aus Italien das Band zwischen ihm und
+Herder. Was beide von einander trennte, war ihre verschiedenartige Stellung
+zu der Kantischen Philosophie, die damals ihren sich immer weiter
+ausbreitenden Einfluß geltend machte, und für die Wissenschaft, wie für
+Poesie und Kunst, ganz neue Principien aufstellte. Als Kant mit seiner
+"Kritik der reinen Vernunft" hervorgetreten war, erklärte sich Herder,
+obgleich er ein Schüler Kant's gewesen war, für einen seiner
+entschiedensten Gegner. Goethe aber, obgleich er für Philosophie im
+strengsten Sinne des Worts eigentlich kein Organ hatte, hielt sich doch zur
+Parthei derjenigen, die mit Kant behaupteten: wenn auch alle menschliche
+Erkenntniß mit der Erfahrung beginne, so entspränge sie darum doch nicht
+immer unbedingt aus der Erfahrung.
+
+Während seines Aufenthalts in Rom hatte Goethe mit Moritz viel über Kunst
+und Kunsttheorie gesprochen. Immer hatte ihm eine feste Basis gefehlt.
+Diese glaubte er in einem spätern Werke Kant's, in der "Kritik der
+Urtheilskraft" zu finden. Daraus entsprang seine Vorliebe für dieß Buch und
+seine Abneigung gegen Herder, der es ihm zu verleiden suchte. Goethe
+glaubte diesen philosophischen Studien mannigfache Belehrung zu verdanken.
+Wenn er auch im Einzelnen nicht immer mit der Vorstellungsart und Ansichten
+Kant's übereinstimmen konnte, so schienen doch die Hauptideen in der
+"Kritik der Urtheilskraft" seiner Denk- und Empfindungsweise im Allgemeinen
+analog. Das innere Leben der Kunst, wie der Natur, ihr beiderseitiges
+Wirken von innen heraus schien ihm klar ausgesprochen in jenem Werke
+Kant's, das kurze Zeit jene andere Lectüre verdrängte. Seine innere
+Ueberzeugung mußte ihm jedoch bald sagen, daß er für abstracte Philosophie
+und ihre metaphysischen Träume nicht geschaffen sei.
+
+Ein höheres Interesse gewann für Goethe, bald nach seiner Ankunft in
+Weimar, das frische Naturleben, besonders als seine Vorliebe für Botanik
+durch Batsch, Göttling u.a. ausgezeichnete Männer in der benachbarten
+Universitätsstadt Jena aufs Neue angeregt ward. Die Aufsicht über die
+dortigen wissenschaftlichen Anstalten, die Einrichtung und Anordnung der
+Museen, die Pflege des botanischen Gartens gaben ihm eine ebenso angenehme,
+als lehrreiche Beschäftigung. Die Betrachtung der Natur, verbunden mit dem
+Studium der Botanik, entschädigte ihn für den Mangel eines Kunstlebens, wie
+er es in Italien genossen hatte. Immer kehrte Goethe, auch wenn er sich
+eine Zeit lang daraus entfernte, wieder in dieß Gebiet zurück. Ihm blieb
+ein lebendiges Interesse, der Bildung und Umbildung organischer Naturen
+nachzuforschen. Die von ihm selbst in seiner "Metamorphose der Pflanzen"
+aufgestellte Theorie diente ihm dabei zum Wegweiser. Aber die Natur schien
+ihm zugleich synthetisch zu handeln, indem sie völlig fremdartig scheinende
+Verhältnisse einander näherte und sie zusammen in Eins verknüpfte.
+
+Unter diesen Forschungen wandte sich Goethes Thätigkeit abwechselnd wieder
+zu anderweitigen Beschäftigungen. Sein poetisches Talent übte sich, nach
+der Vollendung der "Iphigenie" und des "Tasso" an dem Trauerspiel "Egmont."
+Merkwürdig war ihm der Umstand, daß nach den Zeitungen die von ihm
+geschilderten Scenen sich in Brüssel fast wörtlich erneuert hatten. Noch
+vor dem Ausbruch der französischen Revolution hatte die berüchtigte
+Halsbandgeschichte, während seines Aufenthalts in Italien einen tiefen
+Eindruck auf ihn gemacht. Er hatte die über jenen Vorfall erschienenen
+Proceßacten mit Aufmerksamkeit gelesen. Die in Sicilien von ihm gesammelten
+"Nachrichten über Cagliostro und seine Familie" benutzte Goethe zu seinem
+Lustspiel: "Der Großcophta." Nach einzelnen, von dem Capellmeister
+Reichardt componirten Liedern zu schließen, hätte sich jener Stoff
+vielleicht noch besser zu einer Oper geeignet. Goethe versuchte sich indeß
+auch in der eben genannten Gattung der Poesie. Unvollendet blieb jedoch
+sein Singspiel: "die ungleichen Hausgenossen." Nachklänge seines
+Aufenthalts in Italien waren die "römischen Elegien" und die
+"venetianischen Epigramme." Sie wurden jedoch erst gedichtet nach einem
+abermaligen längern Aufenthalt Goethe's in Rom und Venedig (1790) im
+Gefolge der Herzogin Amalie von Sachsen-Weimar.
+
+Kaum wieder aus Italien zurückgekehrt, begleitete Goethe den Herzog von
+Weimar nach Schlesien, wo die preußischen und österreichischen Gesandten
+sich auf dem Congreß zu Reichenbach versammelten. In Breslau, mitten unter
+der allgemeinen Bewegung, welche die Truppenmärsche und Manöver der
+verschiedenen Regimenter veranlaßten, ward Goethe wieder von der alten
+Lieblingsidee ergriffen, sich völlig zu isoliren, und mit Naturstudien,
+besonders aber mit der vergleichenden Anatomie sich zu beschäftigen. Zur
+festen Ueberzeugung ward ihm die Idee, daß ein allgemeiner, durch
+Metamorphose erzeugter Typus durch die sämmtlichen organischen Geschöpfe
+hindurchgehe und in allen seinen Abstufungen sich beobachten lasse. In
+mehreren, zum Theil ungedruckt gebliebenen Abhandlungen zergliederte Goethe
+dieß Thema. Er fand jedoch bald, daß die Aufgabe zu groß war, um genügend
+gelöst zu werden. Auf andere wissenschaftliche Gegenstände lenkte sich
+daher, als er wieder nach Weimar zurückgekehrt war, Goethe's Thätigkeit.
+Eine geräumige dunkle Kammer in seinem freigelegnen Wohnhause mit dem daran
+stoßenden Garten begünstigte seine chromatischen Untersuchungen, die damals
+ein lebhaftes Interesse für ihn gewonnen hatten. Zu einem besondern
+Gegenstande seiner Aufmerksamkeit machte er die prismatischen
+Erscheinungen. Die Resultate seiner Forschungen veröffentlichte Goethe in
+seinen "optischen Beiträgen," von denen 1791 das erste Stück erschien.
+
+Seinem Dichtergenius und der Liebe zur dramatischen Poesie ward er wieder
+zurückgegeben, als er um diese Zeit die Leitung des Weimarischen
+Hoftheaters übernahm. Diese Bühne hatte sich aus den in Weimar
+zurückgebliebenen Mitgliedern der Bellomo'schen Schauspielertruppe
+gebildet, welche seit 1784 nicht ohne Beifall in der genannten Residenz
+gespielt hatte. Die unermüdliche Thätigkeit des Concertmeisters Cranz
+verschaffte besonders den italienischen und französischen Opern, welche
+Vulpius für das Theater bearbeitete, dort längere Zeit Aufnahme und
+Beifall. Beschäftigung und Unterhaltung zugleich fand Goethe, der die
+Leitung des Ganzen übernommen hatte, in den mannigfachen Versuchen, das
+Talent der Schauspieler zu wecken, und ihrem Spiel, wie der technischen
+Einrichtung der Bühne, eine immer höhere Vollkommenheit zu geben. In diesen
+Bemühungen unterstützte ihn besonders Einsiedel, der, mit gleicher Vorliebe
+für die Oper, im Gefolge der Herzogin Amalie aus Italien nach Weimar
+zurückgekehrt war. In diesem heitern Lebenskreise erhielt Goethe's Geist
+eine ernstere Richtung durch den Blick auf die damaligen Zeitereignisse
+nach dem Ausbruch der französischen Revolution. In den "Unterhaltungen
+deutscher Ausgewanderten," in den Lustspielen "der Bürgergeneral" und "die
+Aufgeregten", von denen das zuletzt genannte Stück unvollendet blieb,
+beschäftigte sich Goethe's Phantasie, einzelne Scenen des damaligen
+Kriegstheaters darzustellen, das er bald aus eigner Anschauung kennen
+lernen sollte. Es war um diese Zeit, als er den Herzog von Weimar auf dem
+Feldzuge in die Champagne begleitete. Ueber Frankfurt, Mainz, Trier und
+Luxemburg begab sich Goethe 1792 nach Longwi, welches er den 26. August
+schon eingenommen fand, von da nach Valmy und von Trier die Mosel hinab
+nach Coblenz.
+
+Auch in diesem vielfach bewegten und zerstreuten Leben verlor Goethe seine
+wissenschaftlichen Forschungen nicht völlig aus den Augen. Manche
+Naturbeobachtungen und die fortgesetzte Beschäftigung mit seinen
+chromatischen Arbeiten lenkten seinen Blick von den Kriegsereignissen
+hinweg. Der Entwurf zu einer allgemeinen "Farbenlehre" fiel in diese Zeit.
+Aber auch Goethe's Dichtertalent regte sich wieder auf mannigfache Weise,
+unter andern in einer freien Umarbeitung des altdeutschen Gedichts
+"Reinecke Fuchs," für welches er statt der Jamben Hexameter wählte, um sich
+in diesem, ihm noch wenig geläufigen Versmaß auch einmal zu versuchen.
+
+In dem allgemeinen Kriegstumult, der ihn umgab, als er der Belagerung von
+Mainz beiwohnte, ward Goethe an die ruhigen bürgerlichen Verhältnisse
+seiner Vaterstadt Frankfurt erinnert durch einen Brief seiner Mutter, die
+ihm Aussichten eröffnete zu einer durch den Tod seines Oheims Textor
+erledigten Rathsherrnstelle. Viel Lockendes hatte die Aussicht für ihn, in
+seiner Vaterstadt rasch empor zu steigen von einer Ehrenstufe zur andern,
+und auf die reichsstädtische Verfassung Frankfurts einen bedeutenden
+Einfluß zu gewinnen. Aber das unumschränkte Vertrauen, das der Herzog von
+Weimar in ihn gesetzt, die mannigfachen Beweise der Huld seines Fürsten und
+ein nicht zu unterdrückendes Gefühl der Dankbarkeit waren für ihn mehr als
+hinreichend, jenen Antrag abzulehnen. Auch täuschte er sich wohl nicht,
+wenn er den neuen Wirkungskreis, in den er treten sollte, weder seinen
+Fähigkeiten, noch seinen Neigungen angemessen hielt.
+
+Genußreiche Tage verlebte Goethe damals mit seinem Jugendfreunde Jacobi in
+Pempelfort, wo ihn eine geräumige und geschmackvoll decorirte Wohnung mit
+einem daran stoßenden Garten empfing. Der Tag ward meistens in der freien
+Natur zugebracht. Die Abende waren größtentheils der geselligen
+Unterhaltung über die neusten Erscheinungen im Gebiet der schönen Literatur
+gewidmet. Auch hier erlebte Goethe ein ähnliches Schicksal, wie bei der
+ersten Mittheilung des Manuscripts seiner "Iphigenie". Seine Freunde
+konnten sich nicht sogleich finden in den Ton und Charakter seiner neusten
+poetischen Producte, ungeachtet er in denselben doch mit seinem Lebensgange
+immer gleichen Schritt gehalten zu haben glaubte. Das Verhältniß zu seinen
+Freunden ward dadurch nicht gestört. Er schied von ihnen mit den
+wohlthuenden Eindrücken, welche die Betrachtung der Gemäldegallerie in dem
+benachbarten Düsseldorf auf ihn gemacht hatte.
+
+In Duisburg fand Goethe einen alten Bekannten wieder, den Sohn des
+Professors Plessing, den er vor sechzehn Jahren, wie früher erwähnt, auf
+seiner damaligen Harzreise in dem Gasthofe zu Wernigerode kennen gelernt
+hatte. Plessing hatte sich seitdem zu einem geachteten Schriftsteller
+erhoben. Aber sein früherer Trübsinn war nicht von ihm gewichen. Noch immer
+schien er nach einem Unerreichbaren zu streben. Das Gespräch zwischen ihm
+und Goethe gerieth bald in Stocken, als die Erinnerung an frühere
+Verhältnisse, auf die er immer wieder zurückkam, erschöpft war.
+
+Freundlich und zuvorkommend war die Aufnahme, welche Goethe im November
+1792 bei der vielseitig gebildeten Fürstin Amalie von Gallizin in Münster
+fand. Die Betrachtung einer kostbaren Sammlung von geschnittenen Steinen
+veranlaßte den Dichter zu der Bemerkung, daß die christliche Religion sich
+mit der bildenden Kunst von jeher in einer Art von Zwiespalt befunden habe,
+da jene sich von der Sinnlichkeit zu entfernen strebe, diese dagegen das
+sinnliche Element für ihren eigentlichen Wirkungskreis erkenne und darin
+verharre. Diese Idee legte Goethe dem sinnigen Gedicht: "der neue Amor" zum
+Grunde, welches man in der Sammlung seiner Werke findet.
+
+Das vielfach bewegte Reiseleben hatte Goethe wieder mit den ruhigen
+Verhältnissen in Weimar vertauscht. Von den politischen Ereignissen, welche
+die Welt bedrohten, war er zum Theil ein Zeuge gewesen. Den Bürger, den
+Bauer, den Soldaten hatte er mit mannigfachen Drangsalen kämpfen sehen.
+Noch immer dauerten die ungeheuern Bewegungen fort, die die Revolution im
+Innern Frankreichs hervorgerufen hatte. Der Tod Ludwigs XVI. und seiner
+Gemahlin, die Greulthaten Robespierre's, Danton's und anderer damaliger
+Machthaber erfüllten die Welt mit Schrecken, und bei den raschen
+Kriegsschritten der aufgeregten französischen Nation schien eine
+Veränderung, wo nicht ein völliger Umsturz aller bestehenden Verhältnisse
+zu fürchten. Ueberall hörte man von Kriegsrüstungen und von Flüchtlingen,
+die in ihrer Heimath bedroht, anderswo ein Asyl suchten. Vergebens bot
+Goethe seiner Mutter einen ruhigen Aufenthalt in Weimar an. Sie fühlte
+keine Besorgniß für ihre eigne Person, tröstete sich durch Bibelstellen,
+und wollte sich durchaus nicht trennen von ihrer Vaterstadt Frankfurt, mit
+der sie, wie Goethe sich ausdrückte, "ganz eigentlich zusammengewachsen
+war."
+
+Von dem bewegten Treiben der Außenwelt wandte sich Goethe, seiner
+Gewohnheit nach, wieder zu mannigfachen literarischen Beschäftigungen. Das
+Gedicht "Reinecke Fuchs" ward um diese Zeit vollendet. Auch der Druck des
+ersten Bandes von "Wilhelm Meisters Lehrjahren" hatte begonnen. Seinen
+botanischen und mineralogischen Studien widmete sich Goethe ebenfalls
+wieder mit großem Eifer. Erfreulich war für ihn in dieser Hinsicht der
+unterhaltende und belehrende Umgang mit Göttling, Batsch, Voigt und andern
+Professoren der Universität Jena. Ein besonderer Gegenstand seiner
+Aufmerksamkeit war das Bergwesen in Ilmenau, und mancher Ausflug in jene
+Gegend ward von ihm unternommen. Goethe freute sich über die Fortschritte
+jenes Unternehmens, die bei beschränkten Mitteln freilich nur mäßig seyn
+konnten.
+
+Unstreitig das wichtigste Ereignis in Goethe's Leben war das um diese Zeit
+(1794) sich entwickelnde nähere Verhältniß zu Schiller. Aus entschiedener
+Abneigung gegen die frühern Producte dieses Dichters, die ihn an die
+poetische Sturm- und Drangperiode erinnerten, der er längst entwachsen war,
+hatte er sich bisher von Schiller entfernt gehalten. Zwar war er ihm 1789
+behülflich gewesen zu einer Professur in Jena, aber an ein näheres
+Verhältniß schienen beide nicht zu denken. Ein philosophisches Gespräch in
+einer Sitzung der von dem Professor Batsch in Jena gegründeten
+naturforschenden Gesellschaft bewirkte die erste Annäherung der beiden
+Dichter. Das von Schiller damals herausgegebene Journal: "die Horen" ward
+das vermittelnde Band zwischen ihm und Goethe, der ebenfalls Beiträge zu
+jener Zeitschrift lieferte.
+
+Das Verhältniß zwischen beiden Dichtern ward bald immer inniger. An
+Schillers Arbeiten nahm Goethe das lebhafteste Interesse, das durch die
+Uebereinstimmung ihrer Ideen immer wieder aufs neue angeregt ward. Ueber
+eine damals noch ungedruckte Abhandlung Schillers schrieb Goethe den 4.
+September 1794: "Ich habe Ihre Entwickelung des Erhabenen mit vielem
+Vergnügen gelesen, und mich daraus aufs neue überzeugt, daß uns nicht
+allein dieselben Gegenstände interessiren, sondern daß wir auch in der Art,
+sie anzusehen, meistens übereinkommen. Ueber alle Hauptpunkte, seh' ich,
+sind wir eins, und was die Abweichungen, die Standpunkte, die Verbindungen
+des Ausdrucks betrifft, so zeugen diese von dem Reichthum des Objects und
+der ihm correspondirenden Mannigfaltigkeit der Subjecte." Dieser Brief
+enthielt zugleich eine an Schiller gerichtete Einladung, nach Weimar zu
+kommen, und in Goethe's Hause zu wohnen. "Wir unterhielten uns", schrieb
+Goethe, "sähen Freunde, die uns am ähnlichsten gesinnt wären, und würden
+nicht ohne Nutzen von einander scheiden." Schillers Individualität
+berücksichtigend fügte Goethe noch hinzu: "Sie sollen ganz nach ihrer Art
+und Weise leben, und sich ganz wie zu Hause einrichten." Schiller folgte
+jener Einladung, und Goethe schrieb den 1. October 1794: "Nach unserer
+vierzehntägigen Conferenz wissen wir nun, daß wir in Prinzipien einig sind,
+und die Kreise unsers Empfindens, Denkens und Wirkens theils coincidiren,
+theils sich berühren."
+
+Zur Aufnahme in die von Schiller herausgegebenen "Horen" sandte Goethe,
+seine "römischen Elegien", zwei "Episteln", denen noch eine dritte folgen
+sollte, und andere poetische Beiträge. Auch zu einigen Aufsätzen hoffte er
+noch Muße zu finden unter der fortwährenden Beschäftigung mit seinem
+"Wilhelm Meister." "Zu kleinen Erzählungen", schrieb er den 27. November
+1794, "hab' ich große Lust, nach der Last, die einem so ein Pseudo-Epos,
+wie der Roman, auferlegt. Ich denke dabei wie die Erzählerin in der Tausend
+und Einen Nacht zu verfahren."
+
+Lebhaft interessirte sich Goethe für Schillers "Briefe über ästhetische
+Erziehung." Diese Abhandlung harmonirte im Wesentlichen mit seinen eignen
+Ansichten und Ideen. Er schrieb darüber den 26. October 1794: "Wie uns ein
+köstlicher, unserer Natur analoger Trank willig hinunterschleicht und auf
+der Zunge schon durch gute Stimmung des Nervensystems seine heilsame
+Wirkung zeigt, so waren mir diese Briefe angenehm und wohlthätig, und wie
+sollte es anders seyn, da ich das, was ich für recht seit langer Zeit
+erkannt, auf eine so zusammenhängende und edle Weise vorgetragen fand. In
+diesem behaglichen Zustande hätte mich ein Billet Herders beinahe gestört,
+der uns, die wir an dieser Vorstellungsart Freude haben, gern einer
+Einseitigkeit beschuldigen möchte. Da man aber im Reiche der Erscheinungen
+es überhaupt nicht so genau nehmen darf, und es immer schon tröstlich genug
+ist, mit einer Anzahl geprüfter Menschen eher zum Nutzen als Schaden seiner
+selbst und seiner Zeitgenossen zu irren, so wollen wir getrost und
+unverrückt so fortleben, und wirklich und in unserm Seyn und Wollen ein
+Ganzes denken, um unser Stückwerk nur einigermaßen vollständig zu machen."
+
+Treffend bezeichnete Goethe so seine unvollendeten literarischen Arbeiten.
+Der "Faust", zu dessen Fortsetzung ihn Schiller ermuntert hatte, ruhte
+längst. "Ich wage nicht," schrieb Goethe, "das Packet aufzuschnüren, das
+ihn gefangen hält." Seine Thätigkeit zersplitterte sich in mannigfachen
+Plänen und Entwürfen, die er großentheils für die "Horen" auszuführen
+gedachte. Einer seiner gehaltvollsten Beiträge für dieses Journal waren die
+bisher ungedruckt gebliebenen "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter."
+Den Werth und Gehalt seiner Producte machte Goethe fast ohne Ausnahme von
+Schillers Urtheil abhängig. Durch ihn gewann er auch das fast verlorene
+Vertrauen zu seinem Roman wieder. Er glaubte, als er denselben begann, das
+Publikum zu Anforderungen berechtigt zu haben, die er sich nicht zu
+erfüllen getraute.
+
+Beruhigt über das im Allgemeinen günstig lautende Urtheil Schillers, dem er
+einen Theil des Manuscripts gesandt hatte, schrieb Goethe an ihn den 10.
+December 1794: "Sie haben mir sehr wohl gethan durch das gute Zeugniß, daß
+sie dem ersten Buche meines Romans geben. Nach den sonderbaren Schicksalen,
+welche diese Production von innen und außen gehabt hat, wäre es kein
+Wunder, wenn ich ganz und gar confus darüber würde. Ich habe mich zuletzt
+blos an meine Idee gehalten, und will mich freuen, wenn sie mich aus diesem
+Labyrinth herausleitet." Schiller war ihm hierzu durch seinen Rath
+behülflich, und dankbar erkannte er des Freundes Bemühungen. Er gewann
+dadurch wieder Muth zur Fortsetzung seines Werks. Ein Brief vom 11. März
+1795 enthielt das Geständniß, daß er den größten Theil des vierten Buchs
+vom "Wilhelm Meister" zum Druck abgesandt, und außerdem noch eine Novelle,
+"der Procurator", geschrieben habe.
+
+Aus dem Carlsbade zurückgekehrt, wohin ihn im Juni 1795 seine
+Kränklichkeit, besonders katarrhalische Zufälle genöthigt hatten, unternahm
+Goethe häufige Ausflüge nach Jena. Außer Schiller fand er dort auch
+Alexander und Wilhelm von Humboldt. Er verlebte in Jena genußreiche Tage.
+Naturwissenschaftliche Betrachtungen wechselten mit Gesprächen über Poesie
+und Kunst. Zur Fortsetzung des "Wilhelm Meister" und zu Beiträgen für die
+"Horen" ermunterte ihn Schiller, so wenig auch dessen Erwartungen die
+genannte Zeitschrift entsprach. Schiller hatte von jenem Journal eine
+allgemein verbreitete großartige Wirkung gehofft, und stieß dagegen von
+Seiten des Publikums überall auf Mangel an Empfänglichkeit und auf
+kleinliche Ansichten. Goethe theilte seines Freundes Begeistrung für alles
+Treffliche, den lebendigen Haß gegen falschen Geschmack und gegen jede
+Beschränkung der Wissenschaft und Kunst. Entrüstet über die kalte Aufnahme
+der "Horen" und über die einseitige Beurtheilung dieser Zeitschrift in
+mehreren kritischen Blättern, schrieb Goethe: "Ueberall spukt doch dieser
+Geist anmaßlicher Halbheit. Welch eine sonderbare Mischung von Selbstbetrug
+und Klarheit diese Personen zu ihrer Existenz brauchen, und was dieser
+Cirkel sich für eine Terminologie gemacht hat, um das zu beseitigen, was
+ihnen nicht ansteht, und das, was sie besitzen, als die Schlange Mosis
+aufzustellen, ist in der That merkwürdig."
+
+In solcher Stimmung vereinigte sich Goethe mit Schiller zur Abfassung der
+unter dem Namen "Xenien" bekannten Epigramme. Ein damaliger Brief Schillers
+bezeichnete sie als "wilde Satyre, besonders gegen Schriftsteller und
+schriftstellerische Producte gerichtet, untermischt mit einzelnen
+poetischen und philosophischen Gedankenblitzen." Lebhaft ergriff Goethe
+diese von ihm ausgegangene Idee. Er schrieb darüber an Schiller den 23.
+December 1795: "Den Einfall, auf alle Zeitschriften Epigramme zu machen,
+wie die Xenien des Martial sind, der mir diese Tage zugekommen ist, müssen
+wir cultiviren, und eine solche Sammlung in Ihren Musenalmanach des
+nächsten Jahres bringen."
+
+Nur auf wenige subordinirte Geister hatte sich anfangs der Witz in den
+erwähnten Epigrammen beschränkt. Der Stoff breitete sich jedoch immer mehr
+aus, und die Pfeile der Satyre verschonten auch nicht Namen, die der
+deutschen Literatur zur Ehre gereichten. Die bedeutendsten unter den
+zahlreichen Gegenschriften, welche die Xenien veranlaßten, waren von Gleim,
+Claudius, Jenisch, Dyk, Manso u.A. Mit vielem Scharfsinn und mit der
+feinsten Ironie suchte Wieland, der ebenfalls in den Xenien nicht geschont
+worden war, in einem gedruckten Briefe einen Freund zu überzeugen, daß
+Schiller und Goethe, nach ihren bisherigen ausgezeichneten Producten,
+unmöglich die Verfasser der Xenien seyn könnten. Ueber die
+Gewissensscrupel, durch die das in jenen Producten mitunter verletzte
+Zartgefühl sich an seinem Freunde Schiller rächte, setzte sich Goethe's
+heiterer Weltsinn hinweg. "Daß man," schrieb er, "nicht überall mit uns
+zufrieden seyn sollte, war ja unsere Absicht, und da das literarische
+Faustrecht noch nicht abgeschafft ist, so bedienen wir uns der reinen
+Befugniß, uns selbst Recht zu verschaffen. Ich erwarte nur, daß mir Jemand
+etwas merken läßt, wo ich mich denn so lustig und artig als möglich
+expectoriren werde."
+
+Neben den "Xenien" entstanden damals mehrere Gedichte Goethe's, die zu dem
+Trefflichsten gehören, was die deutsche Poesie aufzuweisen hat, so unter
+andern die Elegie "Alexis und Dora", und, durch einen Wetteifer mit
+Schiller veranlaßt, mehrere Balladen: "die Braut von Corinth, der Gott und
+die Bajadere, das Blümlein Wunderschön, der Junggesell und der Mühlbach,
+der Müllerin Verrath" u.a.m. Auch mehrere humoristische Gedichte fielen in
+diese Zeit, wie unter andern das bekannte Tischlied: "Mich ergreift, ich
+nicht wie u.s.w." Für die "Horen" lieferte Goethe, außer andern Beiträgen,
+einzelne Fragmente aus seiner damals noch unvollendeten Biographie des
+Florentinischen Goldschmids "Benvenuto Cellini." Immer aber blieb der
+"Wilhelm Meister" seine Hauptbeschäftigung.
+
+In Bezug auf Schillers kritische Bemerkungen über das ihm mitgetheilte
+Manuscript seines Romans, bemerkte Goethe treffend: "Der Fehler, den Sie
+mit Recht bemerken, kommt aus meiner innersten Natur, aus einem gewissen
+realistischen Tic, durch den ich meine Existenz, meine Handlungen, meine
+Schriften den Menschen aus den Augen zu rücken behaglich finde. So werde
+ich immer gern incognito reisen, das geringere Kleid vor dem bessern
+wählen, den unbedeutenden Gegenstand oder doch den weniger bedeutenden
+Ausdruck vorziehen, mich leichtsinniger betragen, als ich bin, und mich so,
+ich möchte sagen, zwischen mich selbst und meine eigene Erscheinung
+stellen. Nach dieser allgemeinen Beichte will ich gern zur besondern
+übergehen, daß ich ohne Ihren Antrieb und Anstoß wider besser Wissen und
+Gewissen, mir auch diese Eigenheit bei einem Roman hätte hingehen lassen,
+welches denn doch bei dem ungeheuren Aufwande, der darauf gemacht ist,
+unverzeihlich gewesen wäre, da alles das, was gefordert werden kann, theils
+so leicht zu erkennen, theils so bequem zu machen ist. Es ist keine Frage,
+daß die scheinbaren, von mir ausgesprochenen Resultate viel beschränkter
+sind, als der Inhalt des Werks, und ich komme mir vor, wie einer, der,
+nachdem er viele und große Zahlen über einander gestellt, endlich
+muthwillig selbst Additionsfehler macht, um die letzte Summe, Gott weiß,
+aus was für einer Grille, zu verringern. Ich bin Ihnen den lebhaftesten
+Dank schuldig, daß Sie noch zur rechten Zeit, auf eine so entschiedene Art,
+diese perverse Manier zur Sprache bringen, und ich werde gewiß, in wiefern
+es mir möglich ist, Ihren gerechten Wünschen entgegen gehen."
+
+Ueber die einseitigen Urtheile, welche seinen Roman, den er 1796 vollendet
+hatte, von mehreren Seiten trafen, machte sich Goethe in den unmuthigen
+Worten Luft: "Möchte bei solchen Aeußerungen nicht die Hippokrene zu Eis
+erstarren, und Pegasus sich mausern! Doch das war vor fünf und zwanzig
+Jahren, als ich anfing, eben so, und wird so seyn, wenn ich lange geendigt
+habe. Indeß ist es nicht zu leugnen, daß es doch aussieht, als wenn gewisse
+Einsichten und Grundsätze, ohne die man sich eigentlich keinem Kunstwerke
+nähern sollte, nach und nach allgemeiner werden müßten."
+
+Den Eindruck, den die mannigfachen, gegen die "Xenien" gerichteten
+Broschüren auf ihn gemacht hatten, schilderte Goethe in einem Briefe an
+Schiller vom 7. December 1796. "Wenn ich aufrichtig seyn soll," schrieb er,
+"so ist das Betragen des Volks ganz nach meinem Wunsch. Es ist eine nicht
+genug gekannte und geübte Politik, daß Jeder, der auf einigen Nachruhm
+Anspruch macht, seine Zeitgenossen zwingen soll, alles, was sie gegen ihn
+in petto haben, von sich zu geben. Den Eindruck davon vertilgt er durch
+die Gegenwart, Leben und Wirken jederzeit wieder. Was half es manchem
+bescheidenen, verdienstvollen und klugen Manne, den ich überlebt habe, daß
+er durch unglaubliche Nachgiebigkeit, Unthätigkeit, Schmeichelei, Rücken
+und Zurechtlegen einen leidlichen Ruf zeitlebens erhielt? Gleich nach dem
+Tode sitzt der Advokat des Teufels neben dem Leichnam, und der Engel, der
+ihm Widerpart halten soll, macht gewöhnlich eine klägliche Gebehrde. Ich
+hoffe, daß die Xenien auch eine ganze Weile wirken, und den bösen Geist
+gegen uns in Thätigkeit erhalten werden. Wir wollen indeß unsere positiven
+Arbeiten fortsetzen, und ihm die Negation überlassen. Nicht eher, als bis
+sie ganz ruhig sind und sicher zu seyn glauben, müssen wir, wenn der Humor
+frisch bleibt, sie noch einmal recht aus dem Fundament ärgern."
+
+Dieser Vorsatz unterblieb. Einen würdigern Gebrauch machte Goethe von
+seinem poetischen Talent in dem epischen Gedicht "Hermann und Dorothea,"
+das er um diese Zeit entworfen hatte. Er schrieb darüber den 18. Januar
+1797 an Schiller, die wunderbare Epoche, in der er eingetreten, sei ihm
+höchst merkwürdig. "Ich schleppe von der analytischen Zeit noch so vieles
+mit, das [daß] ich es nicht loswerden und kaum verarbeiten kann. Indessen
+bleibt mir nichts übrig, als auf diesem Strom mein Fahrzeug so gut zu
+lenken, als es nur gehen will. In's Ferne und Ganze läßt sich nichts
+voraussagen, da diese regulirte Naturkraft, wie alle unregulirten, durch
+nichts in der Welt geleitet werden kann, sondern sich selbst bilden muß,
+auch aus sich selbst und auf ihre Weise wirkt.["]
+
+Goethe blieb seiner Natur und schnell wechselnden Geistesrichtung treu.
+Schon eilf Tage später, am 29. Januar, beklagte er sich, "daß für ihn an
+keine ästhetische Stimmung zu denken sei." Seine Thätigkeit wandte sich
+wieder zu wissenschaftlichen Gegenständen. "Die Farbentafeln," schrieb er,
+"schließen sich immer fester an einander, und in Betrachtung organischer
+Naturen bin ich auch nicht müßig gewesen. Es leuchten mir in diesen langen
+Nächten ganz wundersame Lichter. Ich hoffe, es sollen keine Irrlichter
+seyn." In einem spätern Briefe an Schiller vom 8. Februar 1797 gestand
+Goethe, er sei wie ein Ball, den eine Stunde der andern zuwerfe. "In den
+Frühstunden," schrieb er, "suche ich die letzte Lieferung des Benvenuto
+Cellini zu bearbeiten. Ueber die Metamorphose der Insekten gelingen mir
+allerlei gute Bemerkungen. Die Raupen, die ich im Winter in der warmen
+Stube hielt, erscheinen schon nach und nach als Schmetterlinge, und ich
+suche sie auf dem Wege zu dieser neuen Verwandlung zu ertappen."
+
+In diese stillen Beschäftigungen griffen die damaligen politischen
+Ereignisse störend ein. Die mannigfachen Truppenmärsche der europäischen
+Mächte ließen auf den nahen Ausbruch eines allgemeinen Kriegs schließen.
+Erst als die Besorgnisse allmälig verschwanden, gewann Goethe wieder Muth
+zur Fortsetzung seines noch unvollendeten Gedichts "Hermann und Dorothea."
+Unterbrochen ward er jedoch darin durch physische Leiden, besonders durch
+einen hartnäckigen Katarrh, der ihn während seines Aufenthalts in Jena
+heimsuchte. An Schiller schrieb er den 27. Februar 1797: "Ich bin wirklich
+mit Hausarrest belegt, sitze am warmen Ofen, und friere von innen heraus.
+Der Kopf ist mir eingenommen, und meine ganze Intelligenz wäre nicht im
+Stande, durch einen freien Denkactus den einfachsten Wurm zu produciren;
+vielmehr muß sie dem Salmiak und dem Liquiriziensaft, als Dingen, die an
+sich den häßlichsten Geschmack haben, wider ihren Willen die Existenz
+zugestehen. Wir wollen hoffen, daß wir aus der Erniedrigung dieser realen
+Bedrängnisse zur Herrlichkeit poetischer Darstellungen nächstens gelangen
+werden, und glauben dies um so sicherer, als uns die Wunder der stetigen
+Naturwirkungen bekannt sind."
+
+Am 1. März 1797 meldete Goethe, daß "der Katarrh zwar im Abmarsch sei," er
+aber noch das Zimmer hüten müßte. "Die Gewohnheit", schrieb er, "fängt an,
+mir diesen Aufenthalt erträglich zu machen." Er äußerte in diesem Briefe
+die Hoffnung, sein Gedicht "Hermann und Dorothea," wovon er den vierten
+Gesang vollendet habe, glücklich zu Ende zu bringen. "So verschmähen also,"
+schrieb er, "die Musen den asthenischen Zustand nicht, in welchem ich mich
+durch das Uebel versetzt fühle. Vielleicht ist es gar ihren Einflüssen
+günstig." Bereits am 4. März meldete Goethe, daß die Arbeit fortrücke, und
+schon anfange, Masse zu machen. "Nur auf zwei Tage," schrieb er, "kommt es
+noch an, so ist der Schatz gehoben, und ist er erst einmal über der Erde,
+so findet sich alsdann das Poliren von selbst." Merkwürdig sei es, fügte
+Goethe hinzu, wie das Gedicht gegen das Ende sich ganz zu seinem
+idyllischen Ursprung hinneige.
+
+Die Erfindung, die Wahl des Stoffs hielt Goethe bei jedem poetischen Werke
+für die Hauptsache. Form und Darstellung, meinte er, seien nur Nebendinge.
+Er schrieb darüber an Schiller den 5. April 1797: "Sie haben ganz Recht,
+daß in den Gestalten der alten Dichtkunst, wie in der Bildhauerkunst, ein
+Abstractum erscheint, das seine Höhe nur durch das, was man Styl nennt,
+erreichen kann. Es giebt auch Abstracta durch Manier, wie bei den
+Franzosen. Auf dem Glück der Fabel beruht freilich alles; man ist wegen des
+Hauptaufwandes sicher, die meisten Leser und Zuschauer nehmen dann doch
+nichts weiter davon, und dem Dichter bleibt doch das ganze Verdienst einer
+lebendigen Ausführung, die desto fleißiger seyn kann, je besser die Fabel
+ist."
+
+Abgelenkt ward Goethe wieder von der Beschäftigung mit seinem Epos durch
+eine jugendliche Lieblingsidee, die in ihm auftauchte. Die Bibel ward für
+ihn ein Gegenstand mannigfacher Forschungen. "Indem ich den
+patriarchalischen Ueberresten nachspürte," schrieb er den 12. April 1797,
+"bin ich in das Alte Testament gerathen, und habe mich auf's Neue nicht
+genug verwundern können über die Confusion und die Widersprüche der fünf
+Bücher Mosis, die freilich, wie bekannt, aus hunderterlei schriftlichen und
+mündlichen Traditionen zusammengestellt seyn mögen. Ueber den Zug der
+Kinder Israel in der Wüste hab' ich einige artige Bemerkungen gemacht, und
+es ist der verwegene Gedanke in mir entstanden, ob nicht die große Zeit,
+welche sie darin zugebracht haben, erst eine spätere Erfindung sei."
+
+Näher erklärte sich Goethe hierüber in einem Briefe vom 15. April 1797.
+"Noch immer," schrieb er, "hab' ich die Kinder Israel in der Wüste
+begleitet. Meine kritisch-historisch-poetische Arbeit geht davon aus, daß
+die vorhandenen Bücher sich selbst widersprechen und sich selbst verrathen;
+und der ganze Spaß, den ich mir mache, läuft dahin hinaus, das menschlich
+Wahrscheinliche von dem Absichtlichen und blos Imaginirten zu sondern, und
+doch für meine Meinung überall Belege aufzufinden. Alle Hypothesen dieser
+Art bestehen blos durch das Natürliche des Gedankens und durch die
+Mannigfaltigkeit der Phänomene, auf die er sich gründet." Es sei ihm, fügte
+Goethe hinzu, "recht wohl zu Muthe, wieder einmal etwas auf kurze Zeit zu
+haben, bei dem er mit Interesse im eigentlichen Sinne des Worts spielen
+könne, denn die Poesie, wie er sie seit einiger Zeit treibe, sei doch eine
+gar zu ernste Beschäftigung."
+
+Neben diesen Bibelstudien, bei denen ihm Eichhorn's Einleitung in das Alte
+Testament wesentliche Dienste leistete, hatten sich die einzelnen Gesänge
+von "Hermann und Dorothea" nach und nach zu einem Ganzen gerundet. An
+Schiller schrieb Goethe den 28. April 1797: "Mein Gedicht ist fertig. Es
+besteht aus zweitausend Hexametern, und ist in neun Gesänge getheilt, und
+ich sehe darin wenigstens einen Theil meiner Wünsche erfüllt. Die höchste
+Instanz, vor der es gerichtet werden kann, ist die, vor welche der
+Menschenmaler seine Compositionen bringt, und es wird die Frage seyn, ob
+man unter dem modernen Costüm meines Gedichts die wahren ächten
+Menschenproportionen anerkennen werde. Der Gegenstand selbst ist äußerst
+glücklich, ein Süjet, wie man es in seinem Leben nicht zweimal findet; wie
+denn überhaupt die Gegenstände zu wahren Kunstwerken seltener gefunden
+werden, als man denkt, woher auch die Alten sich nur beständig in einem
+gewissen Kreise bewegen. In der Lage, in der ich mich befinde, habe ich mir
+zugeschworen, an nichts mehr Theil zu nehmen, als an dem, was ich so in
+meiner Gewalt habe, wie ein Gedicht, wo man weiß, daß man zuletzt nur sich
+zu tadeln oder zu loben hat; an einem Werke, an dem man, wenn der Plan
+einmal gut ist, nicht das Schicksal des Penelopeischen Schleiers erlebt.
+Leider lösen in allen übrigen Dingen einem die Menschen gewöhnlich wieder
+auf, was man mit großer Sorgfalt gewoben hat, und das Leben gleicht jener
+beschwerlichen Art zu wallfahrten, wo man drei Schritte vor, und zwei
+zurück thun muß."
+
+So wenig auch Goethe's individuelle Natur, die Vielseitigkeit seines
+Geistes ihm erlaubte, bei dem in diesem Briefe ausgesprochenen Entschlusse
+ernstlich zu beharren, so schien er doch diesmal demselben treu bleiben zu
+wollen. "Ich habe," schrieb er den 22. Juni 1797, "mich entschlossen, an
+meinen Faust zu gehen, und ihn, wo nicht zu vollenden, doch wenigstens um
+ein gutes Theil weiter zu bringen, indem ich das, was gedruckt ist, wieder
+auflöse, und es mit dem, was schon fertig oder erfunden ist, in große
+Massen disponire, und so die Ausführung des Plans, der eigentlich nur eine
+Idee ist, näher vorbereite. Nun hab' ich eben diese Idee und deren
+Darstellung wieder vorgenommen, und bin mit mir selbst ziemlich einig. Da
+die verschiedenen Theile dieses Gedichts in Absicht auf die Stimmung
+verschieden behandelt werden können, wenn sie sich nur dem Geist und Ton
+des Ganzen subordiniren, und da übrigens die ganze Arbeit subjectiv ist, so
+kann ich in einzelnen Momenten mich damit beschäftigen, und so bin ich auch
+jetzt etwas zu leisten im Stande. Ich werde vorerst die großen erfundenen
+und halb bearbeiteten Massen zu enden, und mit dem, was gedruckt ist,
+zusammen zu stellen suchen, und so lange treiben, bis sich der Kreis selbst
+erschöpft."
+
+Unterbrochen ward Goethe's Beschäftigung mit dem "Faust", so wie seine
+ganze literarische Thätigkeit durch eine Reise nach der Schweiz. Den 30.
+Juli 1797 verließ er Weimar. Unterwegs beschäftigte ihn die genaue
+Betrachtung der Gegenden, besonders in Bezug auf Geognosie und die darauf
+gegründete Cultur des Bodens. Genußreiche Tage verlebte er in seiner
+Vaterstadt Frankfurt. Unter mehreren Bekanntschaften, die er dort theils
+anknüpfte, theils erneuerte, war besonders Sömmering für ihn belehrend
+durch seine geistreiche Unterhaltung, durch Präparate und Zeichnungen. Zur
+Ausführung einiger poetischen Entwürfe fehlte ihm die nöthige Stimmung, die
+er erst nach der Rückkehr von einem ruhigen Zustande erwartete. Von
+Frankfurt a.M. ging er über Heidelberg, Heilbronn und Ludwigsburg nach
+Stuttgart, wo er den kunstliebenden Kaufmann Rapp und die Bildhauer
+Dannecker und Scheffauer kennen lernte. In der Schweiz, wohin er sich im
+September 1797 begab, fand sein poetisches Talent mannigfache Anregung
+durch die Betrachtung der schönen Natur. "Herrliche Stoffe zu Idyllen und
+Elegien," schrieb er, "habe ich aufgefunden, und Einiges schon wirklich
+gemacht." Am längsten verweilte er bei der Idee, den Befreier der Schweiz
+zum Helden eines epischen Gedichts zu wählen. Er schrieb darüber den 14.
+October 1797: "Ich bin fest überzeugt, daß die Fabel vom Tell sich werde
+episch behandeln lassen, und es würde daher, wenn es mir, wie ich vorhabe,
+gelingt, der sonderbare Fall eintreten, daß das Mährchen durch die Poesie
+erst zu seiner vollkommnen Wahrheit gelangte, anstatt daß man sonst, um
+etwas zu leisten, die Geschichte zur Fabel machen muß. Das beschränkte,
+höchst bedeutende Local, worauf die Begebenheit spielt, hab' ich mir wieder
+recht genau vergegenwärtigt, so wie die Charaktere, Sitten und Gebräuche
+der Menschen in diesen Gegenden, so gut in der kurzen Zeit möglich,
+beobachtet, und es kommt nun auf gut Glück an, ob aus diesem Unternehmen
+etwas werden kann."
+
+Andere Gegenstände verdrängten die Ausführung dieser Idee. Indeß meinte
+Goethe doch, daß nur ein wenig Gewohnheit dazu gehöre, die literarische
+Thätigkeit, an die man daheim gewöhnt sei, auch auswärts fortzusetzen.
+"Wenn die Reise," schrieb er, "zu gewissen Zeiten zerstreut, so führt sie
+uns zu andern Zeiten desto schneller auf uns selbst zurück. Der Mangel an
+äußeren Verhältnissen und Verbindungen, ja die lange Weile ist demjenigen
+günstig, der manches zu verarbeiten hat. Die Reise gleicht einem Spiel; man
+empfängt mehr oder weniger, als man hofft, man kann ungestört eine Weile
+hinschlendern, und dann ist man wieder genöthigt, sich einen Augenblick
+zusammenzunehmen. Für Naturen, wie die meinige, die sich gern festsetzen
+und die Dinge festhalten, ist eine Reise unschätzbar; sie belebt,
+berichtigt, belehrt und bildet."
+
+Bei seiner Rückkehr nach Weimar widmete Goethe vorzugsweise seine
+Aufmerksamkeit dem Theater. Sein Interesse an der Bühne, durch die
+schriftliche und mündliche Unterhaltung mit Schiller immer auf's neue
+belebt, ward noch höher gesteigert, als Iffland im April 1798 eine Reihe
+von glänzenden Darstellungen gab. Vielfach thätig war Goethe bei dem neuen
+Theatergebäude, das damals durch den Architekten Thouret aus Stuttgart in
+Weimar errichtet und mit einem Prolog Schillers eröffnet ward, welchem eine
+Vorstellung von Wallensteins Lager folgte. Goethe fühlte sich der
+dramatischen Gattung seit längerer Zeit entfremdet. Er gestand dies in
+einem Briefe an Schiller vom 9. December 1797. "Ohne ein lebhaftes
+pathologisches Interesse," schrieb er, "ist es mir nie gelungen, irgend
+eine tragische Situation zu bearbeiten, und ich habe sie daher eher
+vermieden, als aufgesucht. Sollte es wohl auch einer von den Vorzügen der
+Alten gewesen seyn, da bei uns die Naturwahrheit mitwirken muß, um ein
+solches Wesen hervorzubringen? Ich kenne mich zwar nicht selbst genug, um
+zu wissen, ob ich eine wahre Tragödie schreiben könnte; ich erschrecke aber
+blos vor dem Unternehmen, und bin überzeugt, daß ich mich durch den bloßen
+Versuch zerstören könnte."
+
+In der Beilage zu einem an Schiller gerichteten Briefe hatte Goethe den
+Unterschied zwischen epischer und dramatischer Dichtung scharf bezeichnet.
+Doch blieb er der erstern treu, weil sie mit seinen Naturanlagen mehr
+harmonirte. Das fortgesetzte Studium des Homer führte ihn zu dem Entwurf
+eines epischen Gedichts unter dem Titel "Achilleis", das jedoch unvollendet
+blieb. Den 6. December 1797 schrieb Goethe: "Ich habe diese Tage
+fortgefahren, die Ilias zu studiren, und zu überlegen, ob zwischen ihr und
+der Odyssee nicht noch eine Epopöe inne liege. Ich finde aber eigentlich
+nur tragische Stoffe, es sei nun, daß es wirklich so ist, oder daß ich nur
+den epischen nicht finden kann. Das Lebensende des Achill mit seinen
+Umgebungen ließe eine epische Behandlung zu, und forderte sie gewissermaßen
+wegen der Breite des zu bearbeitenden Stoffs. Nun würde die Frage
+entstehen, ob man wohl thue, einen tragischen Stoff ebenfalls episch zu
+behandeln. Es läßt sich allerlei dafür und dagegen sagen. Was den Effect
+betrifft, so würde ein Neuer, der für Neue arbeitet, immer dabei im
+Vortheil seyn, weil man ohne pathologisches Interesse sich wohl schwerlich
+den Beifall der Zeit erwerben wird."
+
+Noch in mehreren seiner Briefe kam Goethe wieder auf diese Idee zurück, die
+er jedoch, der Ermunterungen Schillers ungeachtet, nicht realisirte.
+Dankbar erkannte er jedoch des Freundes wohlthätigen Einfluß auf seine
+poetische Thätigkeit. Er schrieb darüber den 6. Januar 1798 an Schiller:
+"Das günstige Zusammentreffen unsrer beiden Naturen hat uns schon manchen
+Vortheil verschafft. Wenn ich Ihnen zum Repräsentanten mancher Objecte
+diente, so haben Sie mich von der allzustrengen Beobachtung der äußern
+Dinge und ihrer Verhältnisse auf mich selbst zurückgeführt. Sie haben mich
+die Vielseitigkeit des innern Menschen mit mehr Billigkeit anzuschauen
+gelehrt, Sie haben mir eine zweite Jugend verschafft, und mich zum Dichter
+gemacht, welches zu seyn ich so gut als aufgehört hatte."
+
+Seine poetische Unfruchtbarkeit erklärte sich Goethe aus den noch immer
+fortdauernden Nachwirkungen seines zerstreuten Reiselebens. "Das Material,
+das ich erbeute," schrieb er, "kann ich zu nichts brauchen, und ich bin
+außer aller Stimmung gekommen, irgend etwas zu thun. Ich erinnere mich aus
+früherer Zeit eben solcher Wirkungen, und es ist mir aus manchen Fällen und
+Umständen wohl bekannt, daß Eindrücke bei mir sehr lange wirken müssen, bis
+sie zum poetischen Gebrauch sich willig finden lassen. Ich habe auch
+deshalb ganz pausirt, und erwarte nun, was mir mein erster Aufenthalt in
+Jena bringen wird."
+
+Die erwartete poetische Ausbeute bestand jedoch nur in einzelnen kleinen
+Gedichten, unter denen die "Weissagungen des Bakis" vielleicht die
+bedeutendsten waren. Goethe wandte sich zur bildenden Kunst. Ihn
+beschäftigten die Vorarbeiten zur Herausgabe einer Zeitschrift, "die
+Propyläen" betitelt. Gleichzeitig setzte er die Biographie des "Benvenuto
+Cellini" fort, als Anhaltspunkt der Geschichte des sechzehnten
+Jahrhunderts. Daran reihten sich mannigfache andere Beschäftigungen, die in
+der rauhen und unfreundlichen Witterung des Januar ihm die Zeit verkürzten.
+Er nahm unter andern seine "Farbenlehre" wieder zur Hand.
+
+Seinem Freunde Schiller kam er aufmunternd entgegen durch das lebhafte
+Interesse an dem "Wallenstein." Gemeinschaftlich mit Schiller entwarf er
+die Idee, mehrere ältere Schauspiele dem Geschmack der neuern Zeit zu
+nähern, und sie in einer Umbildung auf die Bühne zu bringen. Dem deutschen
+Theater sollte dadurch zu einem soliden Repertoir verholfen werden. Goethe
+machte hiezu den Anfang mit seiner Uebersetzung des Mahomet und Tancred von
+Voltaire, Schiller mit der Umarbeitung von Shakespeare's [Shakspeare's]
+Macbeth.
+
+Durch den Beifall, mit welchem Schillers "Wallenstein," seine "Maria
+Stuart" u.a. seiner spätern dramatischen Werke bei der Vorstellung auf der
+Bühne aufgenommen wurden, fühlte sich Goethe ermuntert, in einer ihm seit
+mehrern Jahren beinahe fremd gewordenen Gattung sich wieder zu versuchen.
+Die Memoiren der Stephanie von Bourbon boten ihm den Stoff zu einer
+Tragödie, die er später unter dem Titel "die natürliche Tochter" herausgab.
+Nach seinem eignen Geständniß wollte er darin "wie in einem Gefäß alles
+niederlegen, was er über die französische Revolution und ihre Folgen theils
+gedacht, theils niedergeschrieben hatte." Während der Beschäftigung mit
+diesem Werke blieb er thätig für die "Propyläen." Manche Mußestunde widmete
+er auch, durch Schelling's Naturphilosophie angeregt, verschiedenen damit
+zusammenhängenden Studien. Aus seiner Gartenwohnung am sogenannten Stern,
+einem Theil des Weimarischen Parks, beobachtete er durch ein
+Spiegeltelescop den Mondwechsel mit seinen wunderbaren Erscheinungen.
+Daneben beschäftigte ihn die Lectüre von Herder's "Fragmenten zur
+Geschichte der Literatur", von "Winkelmanns Briefen" und von Milton's
+"verlorenem Paradiese", um, nach seinem eignen Geständniß, "die
+mannigfachsten Zustände, Denk- und Dichtweisen sich zu vergegenwärtigen."
+
+Wie Goethe die Literatur überhaupt, insonderheit aber die Poesie
+betrachtete, zeigte folgende Stelle in einem Briefe vom 6. März 1800: "Was
+die großen Anforderungen betrifft, die man jetzt an den Dichter macht, so
+glaube ich, daß sie nicht leicht einen Dichter hervorbringen werden. Die
+Dichtkunst verlangt ein Subject, das sie ausüben soll, eine gewisse
+gutmüthige, in's Reale verliebte Beschränktheit, hinter welcher das
+Absolute verborgen liegt. Die Forderungen von oben herein zerstören jenen
+unschuldigen productiven Zustand, und setzen vor lauter Poesie an die
+Stelle der Poesie etwas, das nun ein für allemal nicht Poesie ist, wie wir
+in unsern Tagen leider gewahr werden, und so verhält es sich mit den
+verwandten Künsten, ja mit der Kunst im weitesten Sinne. Dies ist mein
+Glaubensbekenntnis welches übrigens keine weitern Ansprüche macht."
+
+Unter den mannigfachen Beschäftigungen, auf die sich die Vielseitigkeit
+seines Geistes lenkte, überraschte ihn eins der trübsten Ereignisse, der
+Tod Schillers am 9. Mai 1805. Mit seiner eigenen Kränklichkeit hatte Goethe
+den Freund unter seinen physischen Leiden zu trösten gesucht. Scherzend
+schrieb er ihm den 24. Januar 1805: "Ob nach der alten Lehre die humores
+peccantis im Körper herumspazieren, oder ob nach der neuern die
+verhältnißmäßig schwächern Theile in désavantage sind, genug, bei mir
+hinkt es bald hier, bald dort, und sind die Unbequemlichkeiten in den
+Gedärmen in's Diaphragma, von da in die Brust, ferner in den Hals und so
+weiter in's Auge gefahren, wo sie mir denn am allerwenigsten willkommen
+sind."
+
+Die scherzhafte Stimmung in diesem Briefe wich bald dem Gefühl der Wehmuth
+und Trauer bei dem lange gefürchteten Verlust seines Freundes. Als Goethe,
+mehrere Wochen an sein Zimmer gefesselt, zu Anfange Mai sich zum ersten Mal
+aus dem Hause wagte, traf er Schiller, der eben im Begriff war, in's
+Theater zu gehen. "Ein Mißbehagen," erzählt Goethe selbst, "hinderte mich,
+ihn zu begleiten, und so schieden wir vor seiner Hausthür, um uns nie
+wiederzusehen. Bei dem Zustande meines Körpers und Geistes wagte Niemand,
+die Nachricht von seinem Scheiden in meine Einsamkeit zu bringen. Schiller
+war am neunten Mai verschieden, und ich nun von allen meinen Uebeln doppelt
+und dreifach angefallen." Seine Stimmung schilderte folgende Stelle in
+einem Briefe vom 1. Juni 1805. "Ich dachte mich selbst zu verlieren, und
+verliere einen Freund, und in demselben die Hälfte meines Daseyns.
+Eigentlich", fügte er hinzu, "sollte ich eine neue Lebensweise anfangen.
+Aber dazu ist in meinen Jahren auch kein Weg mehr. Ich sehe also jetzt
+jeden Tag unmittelbar vor mich hin, ohne an eine weitere Folge zu denken."
+
+Mehr als jemals, fühlte Goethe das Bedürfnis einer anhaltenden Thätigkeit.
+Manche Hindernisse stellten sich der Ausführung des Plans entgegen, das von
+Schiller unvollendet zurückgelassene Trauerspiel "Demetrius" zu beenden.
+Unterstützt durch mehrere schätzbare Beiträge F.A. Wolfs gab Goethe damals
+(1805) das für die Kunstgeschichte wichtige Werk: "Winkelmann und sein
+Jahrhundert" heraus, und gleichzeitig einen aus dem Französischen
+übersetzten Dialog Diderots, unter dem Titel: "Rameau's Neffe."
+
+Trübe Tage brachte ihm die Schlacht bei Jena am 14. October 1806 und die
+allgemeine Plünderung, welche die Stadt Weimar traf. Mitten unter jenen
+Kriegsstürmen reichte Goethe, in bereits vorgerücktem Alter einer
+vieljährigen Freundin am Altar die Hand. Es war Christiane Vulpius, eine
+Schwester des bekannten Romanschriftstellers und nachherigen
+Oberbibliothekars in Weimar.
+
+Neben einer genauen Durchsicht seiner bisherigen Schriften, die in einer
+zwölfbändigen Gesammtausgabe 1806 erschienen, beschäftigte sich Goethe mit
+seinen wissenschaftlichen Forschungen, vor allen mit seiner "Farbenlehre,"
+die 1808 mit einer Zueignung an die Herzogin Louise von Sachsen-Weimar ans
+Licht trat. Jene Forschungen weckten in ihm die Idee zu einem Roman, in
+welchem er unter dem Titel "die Wahlverwandtschaften" nach seinem eignen
+Geständniß, "das Leben von seiner täglichen Licht- und Schattenseite
+darstellen, und zugleich die Macht begreiflich machen wollte, die das Spiel
+geheimer Naturgesetze über menschliche Verhältnisse ausübt." Die von ihm
+begonnene Biographie des Landschaftsmalers Philipp Hackert, mit dem er in
+Rom genußreiche Tage verlebt hatte, trat in den Hintergrund durch Goethe's
+Beschäftigung mit seiner Selbstbiographie, die er unter dem Titel:
+"Dichtung und Wahrheit aus meinem Leben" in mehrern Bänden herausgab.
+Ungeachtet seiner Abneigung gegen alle politischen Tendenzen, verewigte
+Goethe die Befreiung seines Vaterlandes von französischer Botmäßigkeit
+durch das Festspiel: "Des Epimenides Erwachen", das zuerst in Berlin
+vorgestellt ward. Die Stimmung, in welcher er dies Stück, welchem eine alte
+griechische Mythe zum Grunde lag, gedichtet hatte, kehrte ihm wieder, und
+er verfaßte die Inschrift für das dem Fürsten Blücher in seiner Vaterstadt
+Rostock errichtete Denkmal.
+
+Das Interesse an botanischen und mineralogischen Studien ward in Goethe
+erhalten durch seine jährlich nach Carlsbad und Töplitz unternommenen
+Badereisen, zu denen ihn sein Gesundheitszustand nöthigte. Einer seiner
+Freunde erzählte, wie er unterwegs aus dem Wagen gestiegen sei und mit
+einem Hammer Steine zerklopft habe. Seine Vaterstadt Frankfurt, die er nach
+siebzehn Jahren (1814) zum ersten mal wieder besuchte, ehrte ihn durch eine
+Vorstellung seines "Tasso", und feierte auf eine noch glänzendere Weise
+(1818) seinen siebzigsten Geburtstag durch Ueberreichung eines goldenen
+Lorbeerkranzes, der an Werth die Summe von 1500 Fl. überstiegen haben soll.
+Goethe dankte seinen Verehrern durch das in seinen Werken aufbewahrte
+Gedicht: "Die Feier des 28. August dankbar zu erwiedern."
+
+Das von ihm unter dem Titel: "Kunst und Alterthum" 1816 herausgegebene
+Journal, welches kurze Reiseberichte, und Recensionen über neuere Werke der
+Dichtkunst, Malerei und Plastik enthielt, war eine Art von Fortsetzung der
+Aufsätze, die Goethe früher in Verbindung mit den Weimarischen
+Kunstfreunden in den "Propyläen" und in der Allgemeinen Literaturzeitung
+mitgetheilt hatte. Für den Theil seiner Studien, dem er seit früher Jugend
+unverändert treu geblieben war, gründete er eine, in einzelnen Heften
+fortlaufende Zeitschrift: "Zur Morphologie und Naturwissenschaft überhaupt"
+betitelt. Das Gebiet der Poesie, aus dem er sich längere Zeit entfernt
+hatte, betrat er wieder in einer Art von Fortsetzung seines Romans "Wilhelm
+Meister", die er unter dem Titel "Wilhelm Meisters Wanderjahre" herausgab.
+In eigentümlicher Weise suchte er in seinem "Westöstlichen Divan" die
+orientalische Poesie auf den deutschen Boden zu verpflanzen. An der Bühne
+und ihren Vorstellungen nahm er wenig Antheil mehr. Das Auftreten eines
+Thieres in dem bekannten Drama. "Der Hund des Aubry" hielt er für eine so
+tiefe Herabwürdigung der Bühne, daß er sich dadurch bewogen fand, 1817 die
+bisher von ihm geführte Theaterdirection niederzulegen.
+
+Die ruhige Besonnenheit und Klarheit, die seinem Geiste stets eigen war und
+die sich im höhern Alter noch steigerte, vermißte Goethe in der neuern
+Literatur. Mit der Richtung, die sie genommen, konnte er sich eben so wenig
+befreunden, als mit den eigenthümlichen Fortschritten der Cultur überhaupt.
+Nicht ohne Bitterkeit äußerte er sich darüber in einem Briefe vom 9. Juni
+1825 mit den Worten: "Alles ist jetzt ultra, alles transcendirt
+unaufhaltsam, im Denken, wie im Thun. Niemand kennt sich mehr. Niemand
+begreift das Element, worin er schwebt und wirkt, Niemand den Stoff, den er
+bearbeitet. Von reiner Einfalt kann die Rede nicht seyn; einfältiges Zeug
+giebt es genug. Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt, und dann im
+Zeitstrom fortgerissen. Reichthum und Schnelligkeit ist es, was die Welt
+bewundert. Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle möglichen
+Facilitäten der Communication sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht,
+sich zu überbilden, und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren.
+Eigentlich ist es das Jahrhundert für die fähigen Köpfe, für
+leichtfassende, practische Menschen, die, mit einer gewissen Gewandtheit
+ausgestattet, ihre Superiorität über die Menge fühlen, wenn sie gleich
+selbst nicht zum Höchsten begabt sind."
+
+Eine ruhigere Stimmung herrschte in einem Briefe Goethe's vom 3. November
+1825. "Von mir," schrieb er, "kann ich so viel sagen, daß ich, meinem Alter
+und Umständen nach, wohl zufrieden seyn darf. Die Verhandlungen wegen einer
+neuen Ausgabe meiner Werke geben mir mehr als billig zu thun; sie sind nun
+ein ganzes Jahr im Gange. Alles läßt sich aber so gut an, und verspricht
+den Meinigen unerwartete Vortheile, um derentwillen es wohl der Mühe werth
+ist, sich zu bemühen. Auch fehlt es nicht mitunter an guten Gedanken und
+neuen Ansichten, zu denen man auf der Höhe des Lebens gelangt."
+
+Erhalten ward Goethe in dieser heitern Stimmung durch seinen lebhaften
+Antheil an zwei Dichtern des Auslandes, mit denen er um diese Zeit in
+schriftliche Berührung kam. Den Italiener Manzoni, für dessen Tragödie:
+"Der Graf von Carmagnola," sich Goethe lebhaft interessirte, nannte er in
+einem seiner Briefe "einen Dichter, der verdiene, daß man ihn studire."
+Durch die eigentümliche Art und Weise, wie der Lord Byron die dem "Faust"
+zu Grunde liegende Idee des unbefriedigten Strebens eines reichen, aber in
+sich zerfallenen Gemüths für das Drama: "Manfred" benutzt hatte, lenkte
+sich Goethe's Aufmerksamkeit auf diesen Dichter, dessen großes poetisches
+Talent er zwar anerkannte, doch zugleich sich wieder von ihm zurückgestoßen
+fühlte durch Byron's an Verzweiflung grenzende Unzufriedenheit mit der Welt
+und ihren Verhältnissen.
+
+Zu den erfreulichsten Erscheinungen für Goethe in seinem höheren Alter
+gehörte die durch zahlreiche Gedichte seiner Freunde und Verehrer und durch
+sonstige werthvolle Gaben gefeierte Wiederkehr seines Geburtstages. Innig
+freute er sich, daß sein Talent noch immer eine Anerkennung fand zu einer
+Zeit, wo eine einseitige und befangene Kritik ihm seinen wohlverdienten
+Dichterruhm zu schmälern suchte. Zu einer allgemeinen und würdigen Feier,
+nicht blos in Weimar, sondern auch in mehreren andern Städten Deutschlands
+ward Goethe's Jubelfest im Jahr 1825. Die funfzigste Wiederkehr des Tages,
+an welchem Goethe in den Weimarischen Lebenskreis eingetreten war, sollte
+zugleich als sein Dienstjubiläum gefeiert werden. Dies geschah auf den
+Wunsch seines Fürsten, dem er ein halbes Jahrhundert hindurch seine treue
+Gesinnung als Staatsmann, Dichter, Rathgeber und Freund im höchsten Sinne
+des Worts in mannigfacher Weise bethätigt hatte. Aehnliche Festlichkeiten,
+von denen eine in Weimar erschienene Schrift eine ausführliche Beschreibung
+lieferte, hatten einige Monate früher, den 5. November 1825 bei dem durch
+Goethe mehrfach verherrlichten Regierungsjubiläum seines Fürsten statt
+gefunden.
+
+Goethe war dadurch seiner gewohnten stillen Thätigkeit entzogen worden. Die
+Nachwirkungen jener geräuschvollen Tage schien er noch lange zu empfinden.
+Er schrieb darüber den 16. November 1825: "Wie der Eindruck des Unglücks
+durch die Zeit gemildert wird, so bedarf das Glück auch dieses wohlthätigen
+Einflusses. Erst nach und nach erhole ich mich vom 7. November. Solchen
+Tagen sucht man sich im Augenblick möglichst gleich zu stellen, fühlt aber
+erst hinterher, daß eine solche Anstrengung nothwendig einen abgespannten
+Zustand zur Folge hat. Ich bin höchst bedrängt, zwar nicht von Sorgen, aber
+doch von Besorgungen, und das kann sich zuletzt zu einem Grade steigern,
+daß es fast dasselbe wird."
+
+Den Standpunkt, aus welchem Goethe im höheren Alter das Leben mit seinen
+mannigfach wechselnden Erscheinungen betrachtete, zeigte folgende Stelle in
+einem Briefe vom 19ten März 1827: "Mir erscheint der zunächst mich
+berührende Personenkreis wie ein Convolut sibyllinischer Bücher, deren eins
+nach dem andern, von Lebensflammen aufgezehrt, in der Luft zerstiebt, und
+dabei den übrig bleibenden von Augenblick zu Augenblick höhern Werth
+verleiht. Wirken wir fort, bis wir, vor oder nach einander, vom Weltgeist
+berufen in den Aether zurückkehren. Möge dann der ewig Lebendige uns neue
+Thätigkeiten, denen analog, in welchem wir uns schon erprobt, nicht
+versagen. Fügt er sodann Erinnerung und Nachgefühl des Rechten und Guten,
+was wir hier schon gewollt und geleistet, väterlich hinzu, so werden wir
+gewiß um desto rascher in die Kämme des Weltgetriebes eingreifen. Die
+entelechische Monade muß sich nur in rastloser Thätigkeit erhalten; wird
+ihr diese zur andern Natur, so kann es ihr in Ewigkeit nicht an
+Beschäftigung fehlen. Man verzeihe mir diese obstrusen Ausdrücke. Hat der
+Mensch sich doch von jeher in solche Regionen verloren, in solchen
+Spracharten sich mitzutheilen versucht, da, wo die Vernunft nicht
+hinreichte, und wo man doch die Unvernunft nicht wollte walten lassen."
+
+Unter Goethe's poetischen Entwürfen beschäftigte ihn vorzüglich eine
+Fortsetzung seines "Faust." Diese Tragödie, zu welcher er ein
+Zwischenspiel, "Helena" betitelt, gedichtet hatte, sollte einen zweiten
+Theil erhalten. Mit dieser poetischen Arbeit beschäftigte er sich
+größtentheils in seiner am Park gelegenen Gartenwohnung. Heiter gestimmt
+ward er durch den Anblick der freien Natur. "Die Vegetation," schrieb er,
+"hat sich dieses Jahr in der ganzen Umgegend auch an alten Bäumen
+bemerklich gemacht, und so freue ich mich des lange Versäumten und
+Vernachlässigten noch mehr, als eines Vermißten und Ersehnten. Ich fühle
+mich genöthigt, jeden Tag wenigstens einige Stunden in meinem Garten
+zuzubringen." Den 21. November 1827 meldete Goethe, der zweite Theil des
+Faust rücke rasch fort. "Die Aufgabe," schrieb er, "ist hier, wie bei der
+Helena, das Vorhandene so zu bilden und zu richten, daß es zum Neuen passe
+und klappe, wobei manches zu verwerfen, manches umzuarbeiten ist."
+
+
+Sein selten wankender Gesundheitszustand gönnte ihm eine rastlose
+Thätigkeit. Er hatte daher auch seit einigen Jahren seine gewöhnlichen
+Sommerreisen nach Carlsbad und Töplitz aufgegeben. Hinsichtlich seiner
+Arbeiten meinte er in einem Briefe vom 22. April 1828: "Wenn der Mensch
+nicht von Natur zu seinem Talent verdammt wäre, so müßte man sich als
+thöricht schelten, daß man in einem langen Leben immer neue Pein und
+wiederholtes Mühsal sich aufläde."
+
+Den Eindruck, den der Tod seines von ihm innig verehrten Fürsten, des
+Großherzogs Carl August von Sachsen-Weimar, der den 14. Juni 1828 zu
+Graditz bei Torgau gestorben war, auf Goethe machte, schilderte ein aus
+Dornburg vom 10. Juli datirter Brief. "Bei dem schmerzlichsten Zustande
+meines Innern," schrieb Goethe, "mußte ich wenigstens meine äußern Sinne
+schonen. Ich begab mich daher den 7. Juli hieher, um den düstern Functionen
+zu entgehen, wodurch man, wie billig und schicklich, der Menge symbolisch
+darstellt, was sie im Augenblicke verloren hat, und was sie diesmal gewiß
+auch in jedem Sinne empfindet."
+
+Linderung für seinen Schmerz fand Goethe in der schönen Natur Dornburgs und
+der Umgegend, wo er längere Zeit verweilte. "Ein reich ausgestatteter
+Blumengarten," schrieb er, "vollhängende Weingelände sind mir überall zur
+Seite, und da thut sich dann die alte wohlfundirte Liebschaft wieder auf.
+Gründliche Gedanken sind ein Schatz, der im Stillen wächst, und Interessen
+zu Interessen schlägt. Davon zehre ich denn auch gegenwärtig, ohne den
+kleinsten Theil aufzehren zu können. Denn das ächte Lebendige wächst nach,
+wie das Bösartige der Hydra auch nicht zu tilgen ist." Diese Aeußerung
+entlockten dem greisen Dichter die mannichfachen Versuche seiner Gegner,
+seine poetischen und wissenschaftlichen Bestrebungen in einem falschen
+Lichte zu zeigen, und ihn dadurch in der Achtung des Publikums
+herabzusetzen. Goethe äußerte sich darüber mit den Worten: "Von allem, was
+gegen mich geschieht, keine Notiz zu nehmen, wird mir im Alter, wie in der
+Jugend erlaubt seyn. Ich habe Breite genug, mich in der Welt zu bewegen,
+und es darf mich nicht kümmern, ob sich irgend einer da oder dort in den
+Weg stellt, den ich gegangen bin."
+
+Ueber die ungenügenden und fehlerhaften Geisteserzeugnisse mancher neueren
+
+Schriftsteller, vorzüglich auf dem wissenschaftlichen Felde, äußerte sich
+Goethe unmuthig in einem Briefe vom 2. Januar 1829. "Es giebt," schrieb er,
+"sehr vorzügliche Leute, aber die Hansnarren wollen alle von vorn anfangen,
+und unabhängig, selbstständig, original, eigenmächtig, uneingreifend,
+gerade vor sich hin, und wie man die Thorheiten alle nennen möchte, wirken,
+und dem Unerreichbaren genug thun. Ich sehe diesem Gange seit 1789 zu, und
+weiß, was hätte geschehen können, wenn irgend Einer rein eingegriffen, und
+nicht jeder ein Peculium für sich behalten hätte. Mir ziemt jetzt 1829
+über das Vorliegende klar zu werden, es vielleicht auszusprechen. Doch wenn
+mir das auch gelingt, wird's doch nichts helfen; denn das Wahre ist einfach
+und giebt wenig zu thun; das Falsche giebt Gelegenheit, Zeit und Kräfte zu
+zersplittern."
+
+Wissenschaftliche Forschungen behielten für Goethe noch immer ein sehr
+lebhaftes Interesse. "Ich suche," schrieb er, "meine Stellung gegen
+Geologie, Geognosie und Oryktognosie klar zu machen, weder polemisch, noch
+conciliarisch, sondern positiv und individuell. Das ist das Klügste, was
+man in alten Tagen thun kann. Die Wissenschaften, mit denen wir uns
+beschäftigen, rücken unverhältnißmäßig vor, manchmal gründlich, oft
+übereilt und modisch. Da dürfen wir denn nicht unmittelbar nachrücken, weil
+wir keine Zeit mehr haben, auf irgend eine Weise leichtsinnig in der Irre
+zu gehen. Um aber nicht zu stocken und allzuweit zurück zu bleiben, sind
+Prüfungen unserer Zustände nöthig. Mich bringt nichts ab von meinem alten
+erprobten Wege: die Probleme sacht wie Zwiebelhäute zu enthüllen, und
+Respect zu behalten vor allen wahrhaft stilllebenden Knospen. Je älter ich
+werde, desto mehr vertrau' ich auf das Gesetz, wonach die Rose und Lilie
+blüht."
+
+Manche erfreuliche Anerkennung ward Goethe's Talenten im In- und Auslande
+gezollt. Mehrere seiner Freunde und Verehrer in England und Schottland
+überraschte ihn bei der Wiederkehr seines Geburtstages am 28. August durch
+das Geschenk eines kostbaren, mit großer Kunstfertigkeit gearbeiteten
+Petschafts. Fast gleichzeitig erhielt er seine von dem französischen
+Bildhauer David gefertigte Colossalbüste, anderer werthvollen Geschenke und
+Auszeichnungen nicht zu gedenken. Sein Leben war in mehrfacher Hinsicht ein
+glückliches zu nennen. Gleichwohl blieb er nicht verschont von bittern
+Erfahrungen. Seinen einzigen Sohn, den Kammerrath August v. Goethe, entriß
+ihm der Tod zu Rom in der Blüthe seiner Jahre, am 28. October 1830.
+Goethe's Fassung bei diesem Verlust schilderte folgende Stelle in einem
+seiner damaligen Briefe. "Hier kann allein der große Begriff der Pflicht
+uns aufrecht erhalten. Ich habe keine Sorge, als mich im Gleichgewicht zu
+erhalten. Der Körper muß, der Geist will, und wer seinem Wollen die
+nothwendige Bahn vorgeschrieben sieht, der braucht sich nicht viel zu
+besinnen."
+
+So ward eine verdoppelte Thätigkeit, die seiner Natur ein dringendes
+Bedürfniß war, für Goethe zugleich das wirksamste Mittel, schmerzhaften
+Eindrücken kräftig zu begegnen. Beschäftigte ihn irgend eine große Idee, so
+entsagte er oft ganze Monate jeder Lectüre, um sich nicht durch andere
+Gegenstände zu zerstreuen. "Es ist doch," schrieb er, "genau betrachtet,
+nur eine Philisterei, wenn wir demjenigen zu viel Antheil schenken, worin
+wir nicht wirken können. Und dann darf ich wohl sagen: ich erfahre das
+Glück, daß mir in meinem hohen Alter Gedanken aufgehen, welche zu verfolgen
+und in Ausübung zu bringen, eine Wiederholung des Lebens gar wohl werth
+wäre. Daher wollen wir uns, so lange es Tag ist, nicht mit Allotrien
+beschäftigen."
+
+Eine gewisse Begrenzung der Thätigkeit hielt Goethe für nothwendig. "Es ist
+ganz eins," schrieb er, "in welchem Kreise ein edler Mensch wirkt, wenn er
+nur diesen Kreis genau kennen zu lernen und völlig auszufüllen weiß. Wofür
+aber der Mensch nicht wirken kann, dafür sollte er auch nicht ängstlich
+sorgen, nicht über Bedürfniß und Empfänglichkeit des Kreises hinaus, in den
+ihn Gott und die Natur gestellt, anmaßlich weiter wirken wollen. Alles
+Voreilige schadet; die Mittelstraße zu überspringen, ist nicht heilsam.
+Thue nur jeder an seiner Stelle das Rechte, ohne sich um den Wirrwarr zu
+bekümmern, der fern oder nah die Stunden auf die unseligste Weise verdirbt,
+so werden Gleichgesinnte sich bald ihm anschließen, und Vertrauen und
+wachsende Einsicht von selbst immer größere Kreise bilden."
+
+Diesen Lebensregeln und seiner rastlosen Thätigkeit auch in höherem Alter
+treu zu bleiben, war ihm durch die fast ununterbrochene Dauer seiner
+Gesundheit gegönnt. Er genas bald wieder von einem Blutsturz, der ihn 1831
+befiel, als er sich mit dem Ordnen seines literarischen Nachlasses und mit
+dem zweiten Theil des "Faust" beschäftigte. Im August des genannten Jahres
+ging er nach Ilmenau. Nach seinem eignen Geständniß hatte er sich dorthin
+begeben, um den persönlichen Huldigungen auszuweichen, die ihn bei der
+Wiederkehr seines Geburtstages zu überraschen pflegten.
+
+Sichtbar gestärkt kehrte er wieder nach Weimar zurück. Die Kraft und
+Munterkeit des Geistes im Gespräch mit seinen Freunden ließ kaum ahnen, daß
+ihm sein Lebensende sehr nahe war. Ein Engländer, der ihn besuchte,
+schilderte ihn noch so jung und kräftig wie einen Vierziger. Dem kalten
+Luftzug, der ihn auf dem Gange aus seiner Studirstube nach den vordern
+Zimmern angeweht habe, schrieb Goethe ein heftiges Bruststechen zu, das
+nach einer unruhigen Nacht noch am Morgen fortdauerte. Er ahnte keine
+Gefahr, als ärztliche Mittel jenes Uebel und den fieberhaften Zustand
+beseitigt hatten. Sein Athem war jedoch noch immer beengt, und in Gegenwart
+seines Arztes, des Dr. Vogel, den er den 20. März 1832 hatte rufen
+lassen, preßte ihm der Schmerz schneidende Töne aus. Von einer innern Angst
+bald in das Bette, bald in den daneben stehenden Lehnstuhl getrieben,
+fürchtete er eine Wiederkehr des Blutsturzes, der ihn das Jahr zuvor
+befallen. Seine Gesichtszüge waren verzerrt, das Antlitz graublau, der
+ganze Körper kalt, und von triefendem Schweiß bedeckt. Er fühlte sich sehr
+matt, und es traten Augenblicke völliger Bewußtlosigkeit ein. Mitunter
+phantasirte er, indem er ruhig in seinem Lehnstuhl saß. "Seht," sprach er
+unter andern, "seht den schönen weiblichen Kopf mit schwarzen Locken, in
+prächtigem Colorit, mit dunkelm Hintergrunde!" Unter solchen und ähnlichen
+Phantasieen und Rückerinnerungen an seinen ihm vorangegangenen Freund
+Schiller, rief er seinem Diener zu, doch den zweiten Fensterladen zu
+öffnen, damit mehr Licht in's Zimmer komme. Es sollen seine letzten Worte
+gewesen seyn. Immer schwerer athmend, drückte er sich in die linke Seite
+seines Lehnsessels. Es war am 22. März 1832, als er wie es schien,
+schmerzlos verschied.
+
+Jenen Tag, an welchem sieben Jahre früher ein unglücklicher Brand das
+Weimarische Theater vernichtet, hatte Goethe, dem Glauben an Ahnungen von
+jeher geneigt, immer für einen tragischen und unglücksschwangern Tag
+gehalten. Mehrmals hatte er gefragt, der wievielste Tag im März heute sei,
+und der Zufall wollte, daß er an demselben Tage, in derselben Stunde starb,
+wo vor dreizehn Jahren sein vieljähriger Freund und Amtscollege, der
+Minister v. Voigt, verschieden war.
+
+"Am Morgen nach Goethe's Tode," erzählt einer seiner jüngern Freunde,
+"ergriff mich eine tiefe Sehnsucht, seine irdische Hülle noch einmal zu
+sehen. Sein treuer Diener Friedrich schloß mir das Zimmer auf, wo man ihn
+hingelegt hatte. Auf den Rücken ausgestreckt, ruhte er wie ein Schlafender.
+Tiefer Friede und Festigkeit waltete auf den Zügen seines erhabenen edeln
+Gesichts. Die mächtige Stirn schien noch Gedanken zu hegen. Ich hatte das
+Verlangen nach einer Locke von seinen Haaren, doch die Ehrfurcht hinderte
+mich, sie ihm abzuschneiden. Der Körper lag nackend in ein weißes Betttuch
+gehüllt. Große Eisstücke hatte man in einiger Nähe umhergestellt, um ihn
+selbst frisch zu erhalten so lange als möglich. Friedrich schlug das Tuch
+auseinander, und ich erstaunte über die göttliche Pracht dieser Glieder.
+Die Brust überaus mächtig, breit und gewölbt; Arme und Schenkel voll und
+sanft muskulös; die Füße zierlich und von der reinsten Form, und nirgends
+am ganzen Körper eine Spur von Fettigkeit oder Abmagerung und Verfall. Ein
+vollkommener Mensch lag in großer Schönheit vor mir, und das Entzücken, das
+ich darüber empfand, ließ mich auf Augenblicke vergessen, daß der
+unsterbliche Geist eine solche Hülle verlassen. Ich legte meine Hand auf
+sein Herz--es war eine tiefe Stille--und ich wendete mich abwärts, um
+meinen verhaltenen Thränen freien Lauf zu lassen."
+
+Die allgemeine Liebe und Verehrung, die er im Leben genossen, zeigte
+Goethe's glänzende Begräbnißfeier am 26. März 1832. Eine öffentliche
+Ausstellung seiner Leiche war der Beerdigung vorangegangen. Seine irdischen
+Ueberreste empfing die fürstliche Gruft. Die Weimarische Bühne blieb an
+Goethe's Begräbnißtage geschlossen, und ward am 27. März mit einer
+Vorstellung seines "Tasso" eröffnet. Am Schlusse des Stücks sprach der
+Schauspieler Durand einen von dem Geh. Rath und Kanzler v. Müller
+gedichteten, alle Gemüther tief ergreifenden Epilog. Auch mehrere Gedichte
+von Goethes Freunden und Verehrern sagten seinen Zeitgenossen, was sie an
+ihm verloren. In mehrfacher Hinsicht paßten auf ihn selbst die Worte, die
+er einst am Grabe der Herzogin Amalia von Sachsen-Weimar gesprochen: "Das
+ist der Vorzug edler Naturen, daß ihr Hinscheiden in höhere Regionen
+segnend wirkt, wie ihr Verweilen auf der Erde, daß sie uns von dorther,
+gleich Sternen, entgegen leuchten, als Richtpunkte, wohin wir unsern Lauf
+bei einer nur zu oft durch Stürme unterbrochenen Fahrt zu lenken haben; daß
+diejenigen, zu denen wir uns oft als zu Wohlwollenden und Hülfreichen im
+Leben hinwendeten, nun die sehnsuchtsvollen Blicke nach sich ziehen, als
+Vollendete, Selige."
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK J. W. V. GOETHE'S BIOGRAPHIE***
+
+
+******* This file should be named 15213-8.txt or 15213-8.zip *******
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+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
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+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+redistribution.
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
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+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit:
+https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
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+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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