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+<title>The Project Gutenberg eBook of J. W. v. Goethe's Biographie, by H. Doering</title>
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+<h1>The Project Gutenberg eBook, J. W. v. Goethe's Biographie, by H. Doering</h1>
+<pre>
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at <a href = "https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre>
+<p>Title: J. W. v. Goethe's Biographie</p>
+<p>Author: H. Doering</p>
+<p>Release Date: February 28, 2005 [eBook #15213]</p>
+<p>Language: German</p>
+<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p>
+<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK J. W. V. GOETHE'S BIOGRAPHIE***</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<div class="center">
+<h4>E-text prepared by the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team</h4>
+</div>
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+ Transcriber's Note:
+ </td>
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+ [&nbsp;] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos
+ </td>
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+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
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+<h1>Biographien</h1>
+<div class="center">deutscher Classiker.</div>
+
+
+<div class="center">Supplement
+zu der G&ouml;schen-Cottaischen Ausgabe
+&quot;deutscher Classiker.&quot;<br /><br />
+</div>
+
+<div class="center"><big>Zweites B&auml;ndchen.</big></div>
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+<div class="center"><big>Joh. W. v. Goethe.</big><br /><br /></div>
+
+<div class="center">Jena, 1853.</div>
+
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+<h2><a name="J_W_v_Goethes" id="J_W_v_Goethes" />J. W. v. Goethe's<br />
+<i>Biographie</i></h2>
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+<div class="center"><i>von</i></div>
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+<div class="center">Dr. H. Doering.</div>
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+<hr style="width: 65%;" />
+<div class="center"><a name="Complet_in_Einem_Bandchen" id="Complet_in_Einem_Bandchen" />Complet in Einem B&auml;ndchen
+</div>
+<div class="center"><i>Jena, 1853.</i></div>
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+<hr style="width: 65%;" />
+
+<h3><a name="Goethes_Leben" id="Goethes_Leben" /><i>Goethe's Leben.</i></h3>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p><i>Johann Wolfgang Goethe,</i> sp&auml;ter in den Adelstand erhoben, war zu Frankfurt
+am Main den 28. August 1749 geboren. Sein Gro&szlig;vater, <i>Friedrich Georg</i>, war
+Gastgeber zum Weidenhof. Eine gl&auml;nzendere Stellung behauptete sein
+Gro&szlig;vater m&uuml;tterlicher Seite <i>Johann Wolfgang Textor</i> als Kaiserlicher
+Schulthei&szlig;. Er war ein ernster, in sich gekehrter, ziemlich wortkarger
+Mann, dabei sehr gewissenhaft und p&uuml;nktlich in der Erf&uuml;llung seiner
+Berufsgesch&auml;fte. In seinem ruhigen, leidenschaftslosen Charakter zeigte
+sich kaum eine Spur von Heftigkeit. Sehr behaglich f&uuml;hlte er sich in seiner
+einf&ouml;rmigen Lebensweise, die ihn fr&uuml;h Morgens auf's Rathhaus, hierauf an
+seinen Mittagstisch und von diesem zu einem Schl&auml;fchen in seinen
+alterth&uuml;mlichen Sessel f&uuml;hrte. An seine Wohnung in der Friedberger Stra&szlig;e
+stie&szlig; ein theils mit Weinst&ouml;cken, theils mit K&uuml;chengew&auml;chsen und Blumen
+bepflanzter Garten, der in Mu&szlig;estunden sein Lieblingsaufenthalt war. Die
+Blumenzucht und das Inoculiren der verschiedenen Rosenarten gew&auml;hrte ihm
+eine angenehme Besch&auml;ftigung. Er trug dann gew&ouml;hnlich einen langen weiten
+Schlafrock und auf dem Kopfe eine faltige schwarze Sammetm&uuml;tze. Die
+allgemeine Achtung, in der er stand, ward noch gesteigert durch ein ihm
+eigenth&uuml;mliches Ahnungsverm&ouml;gen, besonders in Dingen, die ihn selbst
+betrafen. In seinen B&uuml;chern und Schreibkalendern pflegte er seine Ahnungen
+und Tr&auml;ume kurz aufzuzeichnen.</p>
+
+<p>Mit einer fast peinlichen Strenge hing Goethes Vater, <i>Johann Caspar</i>, an
+allem Gewohnten und Herk&ouml;mmlichen. Ein ernster Lakonismus geh&ouml;rte zu den
+Grundz&uuml;gen seines Charakters. Er handelte nach festen, aber durchaus
+rechtlichen Principien. Lernbegierig von fr&uuml;her Jugend an, hatte er auf dem
+Gymnasium zu Coburg rasche Fortschritte gemacht in seiner
+wissenschaftlichen Bildung, dann in Leipzig die Rechte studirt, und zu
+Gie&szlig;en durch Vertheidigung seiner Dissertation: <span class="u">Electa de aditione
+hereditatis</span> die juristische Doctorw&uuml;rde erlangt. Seine Welt- und
+Menschenkenntni&szlig; hatte er, nach beendigten Studien, auf einer Reise durch
+Deutschland und Italien vermehrt, und war dadurch zu dem Besitz einer
+Gem&auml;lde- und Antikensammlung gekommen, die er sehr werth hielt und sie
+Fremden, die ihn besuchten, gern zeigte. In seinem, von &ouml;ffentlichen
+Gesch&auml;ften befreiten Leben fand er hinl&auml;ngliche Mu&szlig;e zu Privatstudien, bei
+denen ihn seine ansehnliche und ausgew&auml;hlte Bibliothek unterst&uuml;tzte. Mit
+dem Titel eines Kaiserlichen Raths f&uuml;hrte er das Leben eines Privatmannes,
+das sich mit seinen Verm&ouml;gensumst&auml;nden vertrug. Von seinen Kindern, deren
+Unterricht ihn neben seinen mannigfachen Studien besch&auml;ftigte, waren die
+meisten fr&uuml;h gestorben, so da&szlig; zuletzt nur der Dichter und dessen Schwester
+<i>Cornelia</i> &uuml;brig blieb. Er starb am 27sten May 1782 in seiner Vaterstadt
+Frankfurt am Main.</p>
+
+<p>Goethes Mutter, <i>Catharina Elisabeth</i>, eine Tochter des fr&uuml;her erw&auml;hnten
+Schulthei&szlig;en <i>Johann Wolfgang Textor</i>, besa&szlig; keine gelehrte Bildung im
+eigentlichen Sinne dieses Worts. Doch besch&auml;ftigte sie sich, wenn sie das
+Hauswesen p&uuml;nktlich und gewissenhaft besorgt hatte, mit dem Lesen irgend
+eines guten deutschen oder italienischen Buchs. Ihr Sinn war im Allgemeinen
+mehr auf das Praktische gerichtet. Eine eigenth&uuml;mliche Scheu hatte sie vor
+heftigen und gewaltsamen Gem&uuml;thseindr&uuml;cken, die sie in allen Lagen ihres
+Lebens m&ouml;glichst von sich zu entfernen suchte. Nachdr&uuml;cklich sch&auml;rfte sie
+ihren Dienstboten ein, ihr nichts Schreckhaftes, Verdrie&szlig;liches oder
+Beunruhigendes zu hinterbringen, was in ihrem Hause, in der Stadt oder in
+der Nachbarschaft vorgefallen. Sie ging darin so weit, da&szlig; sie, als ihr
+Sohn, der Dichter, l&auml;ngst von ihr entfernt, zu Weimar 1805 gef&auml;hrlich
+erkrankt war, erst nach seiner Wiedergenesung das Gespr&auml;ch auf einen
+Gegenstand lenkte, der ihrem treuen Mutterherzen nicht gleichg&uuml;ltig seyn
+konnte. Eigen war ihr eine reiche Ader von Witz und Humor. Gutm&uuml;thig von
+Natur deckte sie in Bezug auf ihre Kinder manches mit dem Mantel der Liebe
+zu, was ihres Gatten Ernst und Strenge scharf ger&uuml;gt haben w&uuml;rde. Eine nie
+versiegende Quelle heiterer Unterhaltung bot ihr in sp&auml;tern Lebensjahren
+der Umgang mit Bettina Brentano, der Schwester des bekannten Dichters und
+der nachherigen Gattin des Schriftstellers Ludwig Achim von Arnim. Als in
+h&ouml;herem Alter ein langes Krankenlager ihre Kr&auml;fte ersch&ouml;pft hatte und ihre
+bisherige Fassung und Heiterkeit von ihr gewichen war, machte sie sich oft
+bittere Vorw&uuml;rfe &uuml;ber ihre Ungeduld im Leiden. &quot;Ich habe mich,&quot; schrieb
+sie, in [sie, in] ihrem eigenth&uuml;mlichen Frankfurter Dialect, &quot;recht derb
+ausgescholten, und zu mir gesagt: Ei, sch&auml;me dich, alte R&auml;thin! Hast gute
+Tage genug gehabt in der Welt, und den Wolfgang dazu; mu&szlig;t, wenn die b&ouml;sen
+kommen, nun auch vorlieb nehmen, und kein so &uuml;bel Gesicht machen. Was soll
+das mit dir vorstellen, da&szlig; du so ungeduldig und garstig bist, wenn der
+liebe Gott dir ein Kreuz auflegt? Willst du denn immer auf Rosen gehen, und
+bist &uuml;ber's Ziel, bist &uuml;ber siebenzig Jahre hinaus? Schauen's, so hab' ich
+zu mir selbst gesagt, und sogleich ist ein Nachla&szlig; gekommen und ist besser
+geworden, weil ich selbst nicht mehr so garstig war.&quot; Ihren Gatten
+&uuml;berlebte sie sechs und zwanzig Jahre. Sie starb zu Frankfurt am Main den
+13. September 1808.</p>
+
+<p>Manche ihrer Eigenschaften waren auf Goethe &uuml;bergegangen. Er war ein
+munterer Knabe, aufgeweckt zu allerlei muthwilligen Streichen. Durch seine
+Spielkameraden, die S&ouml;hne des dem elterlichen Hause gegen&uuml;ber wohnenden
+Schulthei&szlig;en v. Ochsenstein, lie&szlig; er sich einst verleiten, mehrere
+Sch&uuml;sseln und T&ouml;pfe, mit denen er gespielt, von einem obern Stockwerk auf
+die Stra&szlig;e zu werfen, und freute sich herzlich &uuml;ber das dadurch verursachte
+Ger&auml;usch. Einen g&uuml;nstigen Einflu&szlig; auf seine fr&uuml;h erwachte Wi&szlig;begierde, die
+ihn zu mancherlei Fragen &uuml;ber die verschiedenartigsten Gegenst&auml;nde antrieb,
+hatte seine Gro&szlig;mutter v&auml;terlicher Seite, Cornelia, eine sanfte,
+wohlwollende Frau, die ihren Enkel gern belehrte.</p>
+
+<p>Fr&uuml;h entwickelte sich in dem Knaben der Sinn f&uuml;r die Sch&ouml;nheiten der Natur,
+die er besonders in ihren erhabenen Erscheinungen, bei aufsteigenden
+Gewittern gern betrachtete. Sein Lieblingsaufenthalt im elterlichen Hause
+war ein hochgelegenes Zimmer, von welchem er &uuml;ber die Stadtmauern und W&auml;lle
+die sch&ouml;ne und fruchtbare Ebne nach H&ouml;chst hin &uuml;berschauen konnte. Oft
+erg&ouml;tzte ihn dort der Anblick der untergehenden Sonne. Eine ernste
+ahnungsvolle Gem&uuml;thsstimmung, die ihn, seines lebhaften Temperaments
+ungeachtet, oft in seinem Knabenalter ergriff, weckte in ihm das Gef&uuml;hl der
+Einsamkeit. Von der Furcht, die ihn bei eintretendem Abenddunkel in dem
+d&uuml;stern, winkelhaften elterlichen Hause ergriff, suchte ihn sein Vater
+fr&uuml;hzeitig zu heilen. Mit umgewandtem Schlafrock, wie eine Spukgestalt,
+trat er dem Knaben und seiner Schwester Cornelia entgegen, wenn sie aus
+Furcht ihr einsames Schlafzimmer verlie&szlig;en und sich in die Kammern des
+Gesindes fl&uuml;chteten. Ein wirksameres Mittel wandte Goethe's Mutter an,
+indem sie ihren Kindern, wenn sie Nachts ihre Furcht &uuml;berw&auml;nden, Obst und
+allerlei N&auml;schereien versprach.</p>
+
+<p>Die Betrachtung von Gem&auml;lden und Prospecten, die sein Vater aus Italien
+mitgebracht hatte, und ein Puppenspiel, mit welchem seine Gro&szlig;mutter ihn an
+einem Weihnachtsabend &uuml;berraschte, besch&auml;ftigten in mehrfacher Weise
+Goethe's Einbildungskraft. Der Unterricht, den er bisher im elterlichen
+Hause genossen, ward geregelter, als sein Vater ihn in die Stadtschule
+schickte. Aus der strengen Zucht des elterlichen Hauses sah er sich in
+einen Freiheitskreis versetzt, der mit seinen Neigungen harmonirte. Seine
+an Alterth&uuml;mern und Merkw&uuml;rdigkeiten reiche Vaterstadt und ihre Umgegend
+lernte Goethe auf mancherlei Streifz&uuml;gen kennen, die er mit einigen
+Schulkameraden unternahm. An der Mainbr&uuml;cke fesselte seine Aufmerksamkeit
+das emsige Treiben der Handelswelt mit ihren den Strom auf- und abw&auml;rts
+segelnden Schiffen. Dann und wann verwandte er auch einige Kreuzer zur
+Ueberfahrt nach Sachsenhausen. Von besonderem Interesse war f&uuml;r ihn das
+Rathhaus, der sogenannte R&ouml;mer, mit seinen gew&ouml;lbten Hallen und besonders
+dem zur Wahl und Kr&ouml;nung des Kaisers dienenden Prunkzimmer, das mit den
+Brustbildern Karls des Gro&szlig;en, Rudolphs von Habsburg, Karls IV., G&uuml;nthers
+von Schwarzburg und anderen hohen H&auml;uptern geziert war.</p>
+
+<p>Von der Au&szlig;enwelt wandte sich Goethe's Blick wieder nach dem elterlichen
+Hause zur&uuml;ck, das durch einen bedeutenden Bau erweitert und versch&ouml;nert
+worden war. Seine Wi&szlig;begierde lockte ihn bisweilen in seines Vaters
+Bibliothek, die au&szlig;er mehreren juristischen Werken, auch Schriften &uuml;ber
+Alterthumskunde, Reisebeschreibungen und einzelne Dichter enthielt. Es
+waren jedoch, au&szlig;er Virgil, Horaz u.a. r&ouml;mischen Classikern, gr&ouml;&szlig;tenteils
+italienische Poeten, wie Tasso, Ariost u. A., von denen der Knabe, bei
+seiner Unkenntni&szlig; der italienischen Sprache keinen Gebrauch machen konnte.
+Einen immer neuen Genu&szlig; gew&auml;hrten ihm die Gem&auml;lde und Landschaften von
+Trautmann, Sch&uuml;tz, Junker, Seekatz u.a. Frankfurter K&uuml;nstlern. Diese
+Gem&auml;lde, fr&uuml;her hie und da in der elterlichen Wohnung an mehreren Orten
+zerstreut, waren von Goethe's Vater bei dem Umbau seines Hauses in einem
+besondern Zimmer vereinigt worden. Goethe's Sinn f&uuml;r die Kunst ward zuerst
+geweckt durch die Betrachtung jener Werke.</p>
+
+<p>Nur durch anhaltenden Flei&szlig; und Wiederholung des Gelernten war Goethe's
+Vater zum Besitz mannigfacher Kenntnisse gelangt. Um so mehr sch&auml;tzte er
+das angeborne Talent seines Sohnes, der durch eine schnelle Auffassungsgabe
+und ein treffliches Ged&auml;chtni&szlig; bald dem von seinem Vater und seinen Lehrern
+ihm ertheilten Unterricht entwachsen war. Den grammatischen Regeln, mit
+ihren mannigfachen Ausnahmen, vermochte er zwar keinen sonderlichen
+Geschmack abzugewinnen. Doch machte er sich mit den Sprachformen und
+rhetorischen Wendungen schnell bekannt. Sein heller Kopf zeigte sich
+vorz&uuml;glich in der raschen Entwicklung von Begriffen. Durch seine
+schriftlichen Aufs&auml;tze, ihrer Sprachfehler ungeachtet, erwarb er sich im
+Allgemeinen seines Vaters Zufriedenheit, und manches kleine Geschenk
+belohnte seinen Flei&szlig;. Der Privatunterricht, den er gemeinschaftlich mit
+mehreren Knaben seines Alters erhielt, f&ouml;rderte ihn wenig, da die von
+seinen Lehrern eingeschlagene Methode nicht geeignet war, ihm ein
+besonderes Interesse an wissenschaftlichen Gegenst&auml;nden einzufl&ouml;&szlig;en.
+Ueberdie&szlig; beschr&auml;nkte sich jener Unterricht fast nur auf die Erkl&auml;rung des
+Cornelius Nepos und auf das Neue Testament.</p>
+
+<p>Durch das Lesen deutscher Dichter bem&auml;chtigte sich seiner, wie er in
+sp&auml;tern Jahren gestand, &quot;eine unbeschreibliche Reim- und Versewuth.&quot; In dem
+Kreise seiner Jugendfreunde fanden seine poetischen Versuche gro&szlig;en
+Beifall. Um so mehr fand sich seine jugendliche Eitelkeit gekr&auml;nkt, als
+einer seiner Mitsch&uuml;ler durch h&ouml;chst mittelm&auml;&szlig;ige Verse ihm seinen
+Dichterruhm streitig zu machen suchte. Dar&uuml;ber entr&uuml;stet, stockte seine
+poetische Fruchtbarkeit ziemlich lange, bis ihn sein erwachtes Selbstgef&uuml;hl
+und eine von seinen Lehrern mit Beifall aufgenommene Probearbeit &uuml;ber seine
+Anlagen und F&auml;higkeiten beruhigte.</p>
+
+<p>Reiche Nahrung f&uuml;r seine Wi&szlig;begierde fand Goethe in dem <span class="u">Orbus pictus</span>, in
+Merians Kupferbibel, in der <span class="u">Acerra philologica</span> und &auml;hnlichen Werken, die
+damals die Stelle einer noch nicht vorhandenen Kinderbibliothek vertraten.
+Ovids Metamorphosen machten ihn mit der Mythologie bekannt. Seine Phantasie
+ward dadurch vielfach angeregt zu allerlei poetischen Entw&uuml;rfen. Eine
+wohlth&auml;tige Wirkung auf sein Gem&uuml;th verdankte er den moralischen
+Schilderungen in Fenelon's Telemach. Unterhaltung und Belehrung sch&ouml;pfte er
+ais Robinson Crusoe und aus der Insel Felsenburg. Aus dem romantischen
+Gebiet ward er wieder in die Wirklichkeit zur&uuml;ckgef&uuml;hrt durch die
+anziehenden Schilderungen in Anton's Reise um die Welt. Ein Zufall verhalf
+ihm in dem Laden eines Antiquars zum Besitz einer Reihe mannigfacher
+Schriften. Darunter befanden sich der Eulenspiegel, die vier Haimonskinder,
+die sch&ouml;ne Magelone, der Kaiser Octavian, Fortunatus und &auml;hnliche
+Volksb&uuml;cher.</p>
+
+<p>Dieser anmuthigen Lect&uuml;re mu&szlig;te Goethe, als sie kaum begonnen, wieder
+entsagen. Er ward von den Blattern befallen, und brachte unter einem
+heftigen Fieber mehrere Tage beinahe blind zu. Die Aeu&szlig;erung einer seiner
+Tanten: &quot;Ach, Wolfgang, wie h&auml;&szlig;lich bist Du geworden?&quot; kr&auml;nkte ihn um so
+mehr, da die Blattern auf seinem Gesicht durchaus keine Spur zur&uuml;ckgelassen
+hatten. Auch von den Masern blieb er nicht verschont, und hatte dadurch
+Gelegenheit, sich im Stoicismus zu &uuml;ben. Einigen Trost gew&auml;hrte es ihm, da&szlig;
+er auf seinem Krankenlager an seinem j&uuml;ngern Bruder Jacob, der in der
+Bl&uuml;the seiner Jahre starb, einen Leidensgef&auml;hrten hatte.</p>
+
+<p>Seines Vaters Strenge n&ouml;thigte ihn, durch verdoppelte Unterrichtsstunden
+das w&auml;hrend der Krankheit Vers&auml;umte wieder nachzuholen. Die Wohnung seiner
+Gro&szlig;eltern und ein daran sto&szlig;ender Garten in der Friedberger Stra&szlig;e bot ihm
+dann und wann einen Zufluchtsort, sich seinen Lectionen zu entziehen.
+Besonders angenehm war ihm auch der Aufenthalt in dem Laden seiner Tante,
+Maria Melber, der Gattin eines Gew&uuml;rzh&auml;ndlers, die ihn mit allerlei
+Naschwerk beschenkte. Ihre Schwester war mit dem Pfarrer und
+Consistorialrath Stark verheiratet, in dessen Bibliothek ein anderer
+geistiger Genu&szlig; sich ihm darbot. In der B&uuml;chersammlung jenes gelehrten
+Mannes fand Goethe eine prosaische Uebersetzung des Homer. Dieser Dichter
+und bald nachher Virgil machten einen tiefen und bleibenden Eindruck auf
+das poetisch gestimmte Gem&uuml;th des Knaben.</p>
+
+<p>Weniger befriedigte sein Herz die trockene Moral, die ihm der bisher
+ertheilte Religionsunterricht gepredigt hatte. Er ward irre an den
+christlichen Dogmen. Entzweit mit seinen religi&ouml;sen Begriffen, kam ihm der
+sonderbare Gedanke, nach dem Beispiel der Separatisten, Herrnhuter und
+anderer Secten, mit dem h&ouml;chsten Wesen, das er aus seinem Walten in der
+Natur l&auml;ngst erkannt, sich in eine Art von unmittelbarer Verbindung zu
+setzen, und demselben nach alttestamentlicher Weise einen Altar zu
+errichten. Dazu benutzte er ein rothlakirtes, mit goldnen Blumen verziertes
+Musikpult, auf welchem er mehrere R&auml;ucherkerzen anz&uuml;ndete. Das
+Andachtsopfer stieg empor, mi&szlig;lang jedoch bei der Wiederholung durch einen
+ungl&uuml;cklichen Zufall so g&auml;nzlich, da&szlig; die damit verbundene Feuersgefahr ihn
+warnte, in solcher Weise wieder dem h&ouml;chsten Wesen sich zu n&auml;hern.</p>
+
+<p>Aus den friedlichen und ruhigen Zust&auml;nden, in denen Goethe seine Kindheit
+verlebt hatte, ward er aufgeschreckt durch den Ausbruch des siebenj&auml;hrigen
+Krieges im Jahr 1756. Er war damals acht Jahre alt. Was er von Friedrich II
+und seiner Pers&ouml;nlichkeit erz&auml;hlen geh&ouml;rt, begeisterte ihn. Er schrieb sich
+die Kriegslieder ab, durch welche Gleim unter der Maske eines preu&szlig;ischen
+Grenadiers die Heldenthaten des gro&szlig;en K&ouml;nigs verherrlichte. Seinen
+Lieblingshelden verkleinern zu h&ouml;ren, war ihm ein unertr&auml;gliches Gef&uuml;hl.
+Als sich nach einigen Jahren durch die Theilnahme Frankreichs der
+Kriegsschauplatz bis in die N&auml;he Frankfurts zu ziehen drohte, hatte die&szlig;
+f&uuml;r Goethe die Folge, da&szlig; er weniger, als bisher, das elterliche Haus
+verlassen durfte.</p>
+
+<p>Unter mannichfachen Besch&auml;ftigungen griff er wieder nach den Figuren des
+Puppenspiels, das er von seiner Gro&szlig;mutter zum Geschenk erhalten hatte. Mit
+H&uuml;lfe einiger Jugendgespielen ward das fr&uuml;here Drama, f&uuml;r welches die
+Puppen hinreichten, mehrmals vorgestellt. Die Garderobe und die
+Decorationen nach und nach zu ver&auml;ndern, war eine Lieblingsbesch&auml;ftigung
+des Knaben. Sein Versuch, gr&ouml;&szlig;ere St&uuml;cke ufzuf&uuml;hren [aufzuf&uuml;hren],
+scheiterte jedoch an dem beschr&auml;nkten Schauplatz. Unter diesen Umst&auml;nden
+leistete ihm ein Bedienter seines Vaters wesentliche Dienste, indem er ihm
+Panzer und R&uuml;stungen verfertigen half. Goethe und seine Gespielen erg&ouml;tzten
+sich eine Zeitlang an den gegenseitigen Parteiungen und Gefechten, die
+mitunter in ernsthafte H&auml;ndel ausarteten, bei denen es ohne derbe Schl&auml;ge
+nicht abging.</p>
+
+<p>Durch einen andern Zeitvertreib, durch das Talent, M&auml;hrchen zu erz&auml;hlen,
+die er meist selbst erfunden, empfahl sich Goethe seinen Jugendfreunden.
+Eins dieser M&auml;hrchen, &quot;der neue Paris&quot; betitelt, hat sich in Goethe's
+gesammelten Werken erhalten. Er bediente sich dabei des Kunstgriffs, in
+eigner Person zu sprechen, wodurch die von ihm geschilderten
+abenteuerlichen Ereignisse den Anschein bekamen, als w&auml;ren sie ihm selbst
+begegnet. Durch die Localit&auml;ten, die er in seine M&auml;hrchen verwebte, erh&ouml;hte
+er ihre Wirkung auf seine Zuh&ouml;rer, die unter lautem Beifall sich beeilten,
+den in dem M&auml;hrchen &quot;der neue Paris&quot; erw&auml;hnten Ort mit den Nu&szlig;b&auml;umen, der
+Tafel und dem Brunnen aufzusuchen, in ihren Berichten &uuml;ber das, was sie
+gefunden, jedoch sehr variirten. Erhalten hat sich noch aus jener Zeit
+(1757) in einem alten Exercitienheft Goethe's ein von ihm verfa&szlig;tes
+Gespr&auml;ch, &quot;Wolfgang und Maximilian&quot; &uuml;berschrieben. In diesem Dialog, dem
+ersten dramatischen Versuch des achtj&auml;hrigen Knaben trat besonders die
+Naivit&auml;t hervor, womit Goethe, durch seinen Vornamen Wolfgang bezeichnet,
+seinem Schulcameraden Maximilian gegen&uuml;ber, sich als den Soliden und
+Wohlerzogenen geschildert hatte.</p>
+
+<p>Einen tiefen Eindruck auf Goethe's poetisch gestimmtes Gem&uuml;th machte um
+diese Zeit (1757) Klopstocks Messias. Er mu&szlig;te dies ber&uuml;hmte Epos heimlich
+lesen, denn sein Vater, durch Canitz, Hagedorn, Gellert und andere Dichter
+an den Reim gew&ouml;hnt, &auml;u&szlig;erte die entschiedenste Abneigung gegen den
+Hexameter, oder, wie er sich ausdr&uuml;ckte, gegen Verse, die eigentlich gar
+keine Verse w&auml;ren. Goethe und seine Schwester Cornelia benutzten jede
+Freistunde, um in irgend einem Winkel verborgen, die zartesten und
+ergreifendsten Stellen der Messiade sich einzupr&auml;gen, n&auml;chst Portia's Traum
+besonders das verzweiflungsvolle Gespr&auml;ch zwischen Satan und Adramelech im
+zehnten Gesange der Klopstockschen Dichtung. Als jene geistlichen
+Verw&uuml;nschungen, die sie schon oft recitirt, einst ziemlich laut hinter dem
+Ofen, wo sie sich verborgen hatten, hervorschollen, lie&szlig; der Barbier, der
+eben Goethe's Vater rasirte, vor Schreck das Seifenbecken fallen, wodurch
+der Alte, &uuml;ber und &uuml;ber besch&uuml;ttet, doch nicht von seiner Abneigung gegen
+die Hexameter, denen er jenes Unheil beima&szlig;, geheilt ward.</p>
+
+<p>Goethe's Kunstsinn ward geweckt und gen&auml;hrt, als der franz&ouml;sische
+K&ouml;nigslieutenant Graf Thorane, ein enthusiastischer Freund und Kenner von
+Gem&auml;lden, bald nach der Besitznahme Frankfurts durch die franz&ouml;sischen
+Truppen, in Goethe's elterlichem Hause einquartirt ward. Das Mansardzimmer,
+welches Goethe bisher bewohnt hatte, war dem Grafen zu einem Atelier
+einger&auml;umt worden, in welchem er mehrere Frankfurter K&uuml;nstler f&uuml;r sich
+arbeiten lie&szlig;. F&uuml;r Goethe, der ihn dort oft besuchte, ging daraus noch der
+Vortheil hervor, da&szlig; er in der franz&ouml;sischen Sprache, die er bisher sehr
+vernachl&auml;ssigt, sich immer mehr vervollkommnete. Mangelhaft blieb jedoch
+seine Kenntni&szlig; des Franz&ouml;sischen, da er sie nicht auf dem Wege eines
+grammatikalischen Unterrichts erlangt hatte.</p>
+
+<p>Dies ward ihm besonders f&uuml;hlbar, als ein Freibillet ihm den Eintritt in das
+franz&ouml;sische Theater verschaffte, das damals in Franfurt errichtet worden
+war. Da er, besonders im Lustspiel, wo sehr schnell gesprochen ward, nur
+wenig von den Reden der Schauspieler verstand, richtete er seine
+Aufmerksamkeit vorzugsweise auf die Bewegung der auftretenden Personen und
+auf ihre Mimik. Er gelangte dadurch zu einer, wenn auch nur oberfl&auml;chlichen
+Kenntni&szlig; des franz&ouml;sischen Lust- und Trauerspiels, und ward einigerma&szlig;en
+vertraut mit den dramatischen Regeln der franz&ouml;sischen B&uuml;hne. Der
+abgemessene Schritt, in dem sich die Trag&ouml;die bewegte, der gleichm&auml;&szlig;ige
+Tact der Alexandriner machte auf ihn einen wunderbaren Eindruck. Aus
+Racine's Trauerspielen, die er in seines Vaters Bibliothek fand, recitirte
+er mehrere auswendig gelernte Stellen nach Art und Weise der franz&ouml;sischen
+Schauspieler, deren Ton und Accent sich seinem Ohr scharf eingepr&auml;gt hatte.
+Fast noch mehr als die Trag&ouml;die, behagten ihm die damals sehr beliebten
+Lustspiele von Destouches, Marivaux, la Chauss&eacute;e und andern franz&ouml;sischen
+Dichtern. Auch mehrere Opern und Sch&auml;ferspiele sagten seinem damaligen
+Geschmacke zu, und noch lange nachher erinnerte er sich mit Vergn&uuml;gen
+einzelner Scenen und der darin auftretenden Personen.</p>
+
+<p>Seinem Wunsch, auch mit der innern Einrichtung des Theaters bekannt zu
+werden, kam ein franz&ouml;sischer Knabe, Derones mit Namen, zuvor, der ihn auf
+die B&uuml;hne und in die Garderobe f&uuml;hrte. Der Uebermuth und die Prahlerei
+seines jungen Freundes ward ihm jedoch bald so l&auml;stig, da&szlig; zwischen beiden
+ein sehr gespanntes Verh&auml;ltni&szlig; eintrat, welches sogar eine Herausforderung
+und ein Duell in &auml;cht theatralischer Weise, dann aber wieder eine
+aufrichtige Vers&ouml;hnung zur Folge hatte. Erleichtert ward ihm dadurch sein
+h&auml;ufiger Theaterbesuch, den aber sein Vater sehr lebhaft mi&szlig;billigte. Die
+B&uuml;hne, meinte er, habe durchaus keinen Nutzen. Goethe bot seinen ganzen
+Scharfsinn auf, ihn vom Gegentheil zu &uuml;berzeugen. Lessing's Trauerspiel,
+Mi&szlig; Sara Sampson, der Kaufmann von London und &auml;hnliche St&uuml;cke lieferten ihm
+die Beweise, wie das Laster im Gl&uuml;ck, die Tugend im Ungl&uuml;ck durch die
+poetische Gerechtigkeit wieder ausgeglichen werde. Dieser Behauptung, gegen
+die er nichts einzuwenden vermochte, stellte Goethes Vater den Einwurf
+entgegen, da&szlig; die in die theatralischen Vorstellungen oft verwebten
+Schelmstreiche und Betr&uuml;gereien auf das unverdorbene Gem&uuml;th der Jugend
+nicht anders als nachtheilig wirken k&ouml;nnten. Wenn ihn irgend etwas mit der
+B&uuml;hne vers&ouml;hnen konnte, so war es die Bemerkung, da&szlig; sein Sohn dadurch
+seine franz&ouml;sischen Sprachkenntnisse vermehrte.</p>
+
+<p>Diese Kenntnisse benutzte Goethe zum Entwurf eines dramatischen Products,
+in welchem meistens allegorische Personen, wie Jupiter, Merkur und andere
+G&ouml;tter mit ihren bekannten Attributen auftraten. Das St&uuml;ck bestand
+gr&ouml;&szlig;tentheils in Reminiscenzen aus Ovid's Metamorphosen. Seine
+Autoreitelkeit f&uuml;hlte sich jedoch gekr&auml;nkt, als der unl&auml;ngst erw&auml;hnte
+franz&ouml;sische Knabe, welchem er sein Product mitgetheilt und ihn um sein
+Urtheil gebeten, sich erlaubte, mehrere Stellen, ja ganze Scenen zu
+streichen. F&uuml;r Goethe hatte dies Verfahren den Nutzen, da&szlig; er mit der
+franz&ouml;sischen Dramaturgie, gegen deren Regeln er gefehlt haben sollte, sich
+n&auml;her bekannt machte. Zu diesem Zweck las er Corneille's Abhandlung &uuml;ber
+die Aristotelische dreifache Einheit, und studirte Racine's Werke, die ihm
+zum Theil schon bekannt waren, da er einige Jahre fr&uuml;her auf einem
+Kindertheater in dem Trauerspiel Brittannicus den Nero gespielt hatte. Bei
+seiner immer noch sehr mangelhaften Kenntni&szlig; des Franz&ouml;sischen f&ouml;rderten
+ihn jedoch diese Studien &auml;u&szlig;erst wenig, und er gab sie wieder auf, als er
+nicht ohne M&uuml;he die Vorreden gelesen hatte, in denen Corneille und Racine
+sich gegen die Kritiker und das Publikum vertheidigten.</p>
+
+<p>Entschieden regte sich in dem Knaben der in sp&auml;tern Jahren wachsende Trieb,
+mancherlei Naturgegenst&auml;nde, deren innere Beschaffenheit sich dem Auge
+entzog, n&auml;her kennen zu lernen. Er zerpfl&uuml;ckte Blumen, um zu sehen, wie die
+Bl&auml;tter in ihren Kelch eingef&uuml;gt waren. Seine jugendliche Neugier und
+Forschungslust besch&auml;ftigte sich mit den verschiedenartigsten Gegenst&auml;nden.
+Er bewunderte die geheime Anziehungskraft des Magnet's, und erm&uuml;dete nicht,
+jene ihm unerkl&auml;rliche Wirkung an Feilsp&auml;nen und N&auml;hnadeln zu erproben. Mit
+H&uuml;lfe eines alten Spinnrades und einiger Arzneigl&auml;ser versuchte er
+fruchtlos den Effect einer Electrisirmaschine hervorzubringen. Weniger aus
+eigner Neigung, als aus Gef&auml;lligkeit gegen seinen Vater, unterzog er sich
+dann und wann der Wartung und Pflege der im elterlichen Garten gehegten
+Seidenw&uuml;rmer.</p>
+
+<p>Dieser gesch&auml;ftige M&uuml;ssiggang behagte ihm mehr, als der Unterricht im
+Englischen, zu welchem er von seinem Vater mit Strenge angehalten ward.
+Inde&szlig; gelangte er durch Flei&szlig; in kurzer Zeit zu einer ziemlichen Fertigkeit
+im Englischen. Auch seine &uuml;brigen Sprachstudien vernachl&auml;ssigte er nicht
+ganz. Seinem Wunsche, hebr&auml;isch zu lernen, um das Alte Testament in der
+Ursprache lesen zu k&ouml;nnen, gab Goethe's Vater seine Zustimmung. Durch den
+Magister Albrecht in der genannten Sprache unterrichtet, machte er darin
+ziemlich rasche Fortschritte.</p>
+
+<p>Wichtig und einflu&szlig;reich wurden Goethe's Bibelstudien besonders dadurch,
+da&szlig; sie ihn zu einem epischen Gedicht begeisterten. Den Stoff dazu fand er
+in der Geschichte Josephs. Ueber die Form jedoch war er lange Zeit mit sich
+nicht einig. Nach reiflicher Ueberlegung w&auml;hlte er die Prosa. Von jenem
+Gedicht, das einen ziemlichen Umfang gewann, hat sich nicht einmal ein
+Fragment erhalten. Auch manche lyrische Poesien, unter andern mehrere
+Gedichte in Anakreons Manier, gingen verloren. Einigen geistlichen Oden und
+andern religi&ouml;sen Dichtungen, unter andern einer &quot;H&ouml;llenfahrt Christi&quot;,
+zollte Goethe's Vater besondern Beifall. Auch durch mehrere Predigtausz&uuml;ge,
+die er Sonntags in einem verborgnen Kirchstuhl entwarf, empfahl Goethe sich
+seinem Vater, zog sich jedoch seine lebhafte Mi&szlig;billigung zu, als er jene
+Arbeit wieder saumseliger betrieb und zuletzt g&auml;nzlich unterlie&szlig;.</p>
+
+<p>Seinen Sohn zu einem t&uuml;chtigen Juristen zu bilden, war ein v&auml;terlicher
+Lieblingswunsch. Goethe erhielt von seinem Vater ein in catechetischer Form
+abgefa&szlig;tes B&uuml;chlein. Dadurch sollte ihm das Studium des <span class="u">Corpus Juris</span>
+erleichtert werden. Er erlangte auch ziemliche Gewandtheit im Aufschlagen
+einzelner Stellen, vermochte jedoch, als er sp&auml;ter das Struvische
+Compendium erhielt, der Rechtswissenschaft keinen sonderlichen Geschmack
+abzugewinnen. Damit es ihm nicht an der n&ouml;thigen k&ouml;rperlichen Bewegung
+fehlen m&ouml;chte, lie&szlig; sein Vater ihn das Fechten, sp&auml;terhin auch die
+Reitkunst lernen. Es war im Herbst 1761, als er auf die Reitbahn geschickt
+ward. Seines Lehrers pedantische Methode war jedoch nicht geeignet, ihn f&uuml;r
+die Reitkunst besonders zu interessiren.</p>
+
+<p>Der Dichtkunst war Goethe nicht untreu geworden. Eine f&uuml;r einen
+Jugendfreund geschriebene poetische Epistel, die sich leider nicht erhalten
+hat, empfahl sich durch ihre innere Wahrheit und Naivit&auml;t, und hob jeden
+Zweifel, der &uuml;ber sein poetisches Talent noch obwalten konnte. Sein Product
+in mehreren H&auml;nden zu sehen, schmeichelte seiner jugendlichen Eitelkeit. Er
+theilte es daher mehreren jungen Leuten mit, die er zuf&auml;llig kennen gelernt
+hatte. Die n&auml;here Ber&uuml;hrung, in die er mit ihnen trat, ward um so
+entscheidender f&uuml;r ihn, da sich daran ein Liebeshandel mit einem jungen
+M&auml;dchen kn&uuml;pfte, deren Namen er sp&auml;terhin in seinem &quot;Faust&quot; verewigte.
+Seinem Stande nicht angemessen und f&uuml;r seine sittlichen Grunds&auml;tze von
+keinem wohlth&auml;tigen Einflusse war der Kreis, in den er eingetreten war, und
+der ihn von seiner geregelten Lebensweise entfernte und zu manchen
+Abentheuern und jugendlichen Uebereilungen verlockte. Nach seinen eignen
+Aeu&szlig;erungen in sp&auml;tern Jahren bestand jener Kreis aus jungen Menschen,
+s&auml;mmtlich &auml;lter als er, die der mittlern und niedern Volksklasse
+angeh&ouml;rend, mit oberfl&auml;chlichen Schulkenntnissen, durch Abschreiben, durch
+Besorgung kleiner Gesch&auml;fte f&uuml;r die Kaufleute und M&auml;kler sich einen
+nothd&uuml;rftigen Erwerb sicherten. Ihr zweideutiger Ruf war ihm unbekannt, und
+ein Licht dar&uuml;ber ging ihm erst auf, als seine Eltern ihn &uuml;ber den
+gew&auml;hlten Umgang und seinen jugendlichen Leichtsinn die bittersten Vorw&uuml;rfe
+machten. Ein tiefes Gef&uuml;hl von Scham ergriff ihn, als er erfuhr, da&szlig; seine
+Genossen zum Verf&auml;lschen von Papieren, zur Nachahmung von Handschriften und
+andern str&auml;flichen Handlungen ihre Zuflucht genommen hatten.</p>
+
+<p>Von der trostlosen Stimmung, in die er dadurch versetzt ward, konnte ihn
+nur Flei&szlig; und Th&auml;tigkeit befreien. Er hatte aber auch noch manches
+nachzuholen, um sich zur Universit&auml;t vorzubereiten, die er bald beziehen
+sollte. Ein weites Feld zu mannigfachen Betrachtungen er&ouml;ffneten ihm seine
+fortgesetzten philosophischen Studien, gr&ouml;&szlig;tenteils nach Brucker's
+Compendium. Dieser Besch&auml;ftigung ward er wieder untreu, als der eintretende
+Fr&uuml;hling ihn in die freie Natur lockte. Mit seinen Freunden besuchte er die
+in der Umgegend von Frankfurt gelegenen Vergn&uuml;gungsorte. Noch mehr aber
+behagte ihm, in seiner Gem&uuml;thsstimmung die Einsamkeit der W&auml;lder. In dem
+dunkeln Schatten alter Eichen und Buchen weilte er am liebsten.
+Unwillk&uuml;hrlich regte sich in ihm wieder der schon fr&uuml;h im elterlichen Hause
+erwachte Trieb, nach der Natur zu zeichnen. Alles, was er sah, gestaltete
+sich ihm zum Bilde. F&uuml;hlbar aber ward ihm bald, da&szlig; ihm nur die Gabe
+verliehen war, die ihm entgegentretenden Gegenst&auml;nde im Ganzen aufzufassen.
+Zum Zeichnen des Einzelnen schien ihn die Natur aber so wenig bestimmt zu
+haben, als zum betreibenden Dichter. Demungeachtet setzte er seine Uebungen
+mit einer gewissen Hartn&auml;ckigkeit fort. Er erm&uuml;dete nicht in der
+schwierigen Zeichnung eines alten Baumstammes, an dessen gekr&uuml;mmte Wurzeln
+sich bl&uuml;hende Farrenkr&auml;uter hingen.</p>
+
+<p>Mit Goethe's Skizzen, so unvollkommen sie auch seyn mochten, war sein Vater
+im Allgemeinen zufrieden, wenn er auch Einzelnes daran tadelte. Gern lie&szlig;
+er seinen Sohn umherstreifen, weil er von solchen Ausfl&uuml;gen eine neue
+Zeichnung erwartete. Zu Fu&szlig;wanderungen mit einigen Freunden g&ouml;nnte er ihm
+v&ouml;llige Freiheit. Einen besondern Reiz hatten f&uuml;r G&ouml;the [Goethe] die
+Gebirgsgegenden. Er besuchte Homburg, Kroneburg, bestieg den Feldberg und
+K&ouml;nigsstein, verweilte einige Tage in Wiesbaden und Schwalbach, und kam bis
+an den Rhein. Den jugendlichen Sinn, der sich mehr in der gro&szlig;en Natur, als
+in abgeschlossenen R&auml;umen gefiel, konnte Mainz nicht fesseln. Einen
+erfreulichen Eindruck auf Goethe machte die anmuthige Lage von Biberich.
+Von da kehrte er in seine Vaterstadt zur&uuml;ck, mit einer ziemlich reichen
+Ausbeute von landschaftlichen Skizzen und Zeichnungen der verschiedensten
+Art, unter denen manche seines Vaters Beifall erhielten, andere jedoch auch
+scharf von ihm getadelt wurden.</p>
+
+<p>Dadurch verstimmt, schlo&szlig; sich Goethe enger an seine Mutter an, die ihm
+mehr Milde und Nachsicht bewies, und selbst noch jugendlich, mit seinen
+Gef&uuml;hlen und Lebensansichten mehr harmonirte, als der ernster gestimmte
+Vater. Ein fast noch innigeres Verh&auml;ltni&szlig; bestand zwischen Goethe und
+seiner ungef&auml;hr ein Jahr j&uuml;ngern Schwester Cornelia. Gemeinschaftliches
+Spiel und Lernen in den Jahren der Kindheit hatte sp&auml;terhin, als sich
+beider physische und geistige Kr&auml;fte entwickelten, ein festes Vertrauen und
+eine wahrhaft geschwisterliche Liebe erzeugt. Goethe ward von seiner
+Schwester zum Vertrauten aller ihrer Empfindungen und
+Herzensangelegenheiten gew&auml;hlt. Ziemlich gut bestand er im Allgemeinen, als
+sein Vater seine Kenntnisse in einzelnen Materien der Jurisprudenz pr&uuml;fte.
+Mehrere wissenschaftliche F&auml;cher besch&auml;ftigten seinen strebenden Geist,
+vorz&uuml;glich die Geschichte der &auml;ltern Literatur. Durch das fortgesetzte
+Studium von Ge&szlig;ners Isagoge und Morhofs Polyhistor, gerieth er fast auf den
+Irrweg, selbst ein Vielwisser zu werden. Sein Tag und Nacht fortgesetzter
+Flei&szlig; drohte ihn eher zu verwirren, als wahrhaft zu bilden. Bayle's
+historisch-kritisches W&ouml;rterbuch f&uuml;hrte ihn vollends in ein Labyrinth, aus
+welchem er sich kaum wieder herauszufinden wu&szlig;te. Von der gro&szlig;en
+Wichtigkeit einer gr&uuml;ndlichen Sprachkenntni&szlig; hatte er sich l&auml;ngst
+&uuml;berzeugt. Das Hebr&auml;ische war allm&auml;lig in den Hintergrund getreten. Auch
+Goethe's Kenntnisse in der griechischen Sprache reichten nicht viel weiter,
+als zum Verst&auml;ndni&szlig; des Neuen Testaments im Urtexte. Ernstlicher hatte er
+sich mit dem Lateinischen besch&auml;ftigt. Er war, obschon er keinen
+grammatikalischen Unterricht genossen, ziemlich bewandert in den r&ouml;mischen
+Classikern.</p>
+
+<p>Unter diesen Sprachstudien regte sich wieder in ihm der nie ganz
+schlummernde Trieb poetischer Nachbildung. Seine Productionskraft, die
+Leichtigkeit, womit er die Erzeugnisse seines Geistes niederschrieb, hatte
+sich vermehrt. Jugendliche Eitelkeit lie&szlig; ihn seine poetischen Producte mit
+einer gewissen Vorliebe betrachten. Der Tadel, den sie mitunter erfuhren,
+raubte ihm nicht die Ueberzeugung, k&uuml;nftig wohl Geisteserzeugnisse zu
+liefern, die sich mit denen eines Gellert, Uz, Hagedorn und andern damals
+hochgefeierten Dichtern messen k&ouml;nnten. Aber die poetische Laufbahn, so
+viel Lockendes sie auch f&uuml;r ihn hatte, schien ihm doch zu schwankend und
+unsicher, um sie zu seinem k&uuml;nftigen Lebensberuf zu w&auml;hlen. Ein
+akademisches Lehramt lag im Bereich seiner W&uuml;nsche. Dazu wollte er sich
+f&auml;hig machen, um zur Bildung Anderer, wie zu seiner eigenen, etwas
+beitragen zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Viel Lockendes hatte f&uuml;r Goethe der Aufenthalt in G&ouml;ttingen, wo Heyne,
+Michaelis und andere ber&uuml;hmte M&auml;nner lehrten. Sein Vater bestand jedoch
+darauf, da&szlig; er seine akademische Laufbahn in Leipzig beginnen sollte.
+Wiederholt sch&auml;rfte er ihm zugleich ein, seine Zeit auf's Zweckm&auml;&szlig;igste zu
+benutzen. Von seinem Vater ward er hierin so ausf&uuml;hrlich belehrt, da&szlig; er,
+ohnedies verstimmt durch das Aufgeben eines G&ouml;ttinger Lieblingsplans,
+beinahe den Entschlu&szlig; fa&szlig;te, in seiner Studien- und Lebensweise seinen
+eignen Weg zu verfolgen. Diese Idee schien ihm nicht blos romantisch,
+sondern auch ehrenvoll. Er dachte an seinen Landsmann Griesbach, der einen
+&auml;hnlichen Weg einschlagen und sich als gelehrter Theolog und Schriftsteller
+einen allgemein geachteten Namen erworben hatte.</p>
+
+<p>Immer n&auml;her r&uuml;ckte inde&szlig; die Zeit, wo Goethe Frankfurt verlassen sollte.
+Begleitet von den Gl&uuml;ckw&uuml;nschen seiner Eltern und Freunde, fuhr er im
+October 1765 nach Leipzig. Seine Reisegenossen waren der in Frankfurt
+ans&auml;ssige Buchh&auml;ndler Fleischer und dessen Gattin, eine Tochter des damals
+gesch&auml;tzten Dichters Triller, die ihren Vater in Wittenberg besuchen
+wollte. Die Jahreszeit, in der Goethe seine Reise antrat, war h&ouml;chst
+unfreundlich. Durch den fast ununterbrochenen Regen waren die Wege fast
+unfahrbar geworden, und in der Gegend von Auerstadt blieb der Wagen v&ouml;llig
+stecken. Es war die Zeit der Messe, als er in Leipzig ankam. In der
+sogenannten Feuerkugel, zwischen der Universit&auml;tsstra&szlig;e und dem Neumarkt,
+bezog Goethe zwei nach dem Hofe hinaus gelegene Zimmer, die er w&auml;hrend der
+Messe gemeinschaftlich mit seinem Reisegef&auml;hrten, dem Buchh&auml;ndler
+Fleischer, sp&auml;ter jedoch allein bewohnte.</p>
+
+<p>In dem Hause des Professors B&ouml;hme, der Geschichte und Staatsrecht lehrte,
+fand Goethe, nachdem er seine Empfehlungsbriefe abgegeben, eine freundliche
+Aufnahme. Als er jedoch seine Abneigung gegen die Jurisprudenz sich merken
+lie&szlig;, und mit dem Plan hervortrat, sich den alten Sprachen und sch&ouml;nen
+Wissenschaften widmen zu wollen, mi&szlig;billigte B&ouml;hme, der die Dichter, selbst
+den allgemein gefeierten Gellert nicht leiden konnte, dies &uuml;bereilte
+Vorhaben. Dringend empfahl er das Studium der r&ouml;mischen Alterth&uuml;mer und der
+Rechtsgeschichte, und schlo&szlig; seine Ermahnungen mit der Bitte, den gefa&szlig;ten
+Entschlu&szlig; reiflich zu &uuml;berlegen. Seine Ueberredung wirkte. Goethe gab
+seinen Plan auf, und entschied sich f&uuml;r die Jurisprudenz. Nach B&ouml;hme's Rath
+sollte er zuerst Philosophie, Rechtsgeschichte und die Institutionen h&ouml;ren.
+Er lie&szlig; sich jedoch, ungeachtet der Abneigung B&ouml;hme's gegen Gellert, nicht
+abhalten, auch dessen Auditorium zu besuchen, besonders die Collegien &uuml;ber
+Literaturgeschichte, die jener hochgefeierte Mann nach Stockhausens
+bekanntem Compendium las. Nach der Schilderung, welche Goethe in sp&auml;tern
+Jahren von Gellert entwarf, war er von Gestalt nicht gro&szlig;, schw&auml;chlich,
+doch nicht hager. Er hatte sanfte, fast traurige Augen, eine sehr sch&ouml;ne
+Stirn, eine nicht &uuml;bertriebene Habichtsnase, einen feinen Mund und ein
+gef&auml;lliges Oval des Gesichts, was, verbunden mit der Freundlichkeit in
+seinem Benehmen, einen angenehmen Eindruck machte.</p>
+
+<p>Durch die Vorlesungen, die Goethe, wenigstens anfangs, sehr regelm&auml;&szlig;ig
+besuchte, ward er nicht sonderlich gef&ouml;rdert. In den philosophischen
+Collegien fand er nicht die gehofften Aufschl&uuml;sse &uuml;ber einzelne, ihm dunkle
+Materien. Er ward bald nachl&auml;ssig im Nachschreiben seiner Hefte. Sie wurden
+immer unvollst&auml;ndiger, besonders in den philosophischen Collegien, die der
+Professor Winkler las. Auch die juristischen Vorlesungen behagten ihm nicht
+lange. Was durch ein wissenschaftliches System in enge, schroffe Grenzen,
+in d&uuml;rre Begriffe ohne Leben eingeschlossen worden war, konnte seinem
+poetisch gestimmten Gem&uuml;th nicht zusagen.</p>
+
+<p>Zu diesem Zwiespalt mit dem starren Facult&auml;tswesen und dem Geiste der
+akademischen Vorlesungen gesellten sich noch kleine Unannehmlichkeiten des
+Lebens, die ihm, verbunden mit seinen unbefriedigten Erwartungen, den
+Aufenthalt in Leipzig verleideten. Er mu&szlig;te hier und da manchen Spott h&ouml;ren
+&uuml;ber seine altmodische Kleidung, die er aus dem elterlichen Hause
+mitgebracht hatte. Diese Kleidung mit einer andern zu vertauschen, die den
+Anforderungen der Mode mehr entsprach, ward Goethe erst veranla&szlig;t, als er
+in einem damals sehr beliebten Lustspiel von Destouches den Herrn von
+Masuren in einem &auml;hnlichen Tressenkleide, wie er selbst es trug, auftreten
+sah. Auch sein fremder Dialekt ward ein Gegenstand des Spotts. Unmuthig
+dar&uuml;ber, blieb er aus geselligen Cirkeln weg, in die er eingef&uuml;hrt worden
+war. Die Gattin des Professors B&ouml;hme, eine vielseitig gebildete Frau, in
+der er eine zweite Mutter fand, machte ihm seine Verst&ouml;&szlig;e gegen die feine
+Lebensart bemerklich. Auch auf seinen &auml;sthetischen Geschmack &uuml;bte sie, wenn
+auch nur negativ, einen wohlth&auml;tigen Einflu&szlig; aus, indem sie dazu beitrug,
+ihm Gottsched's und seiner Anh&auml;nger Poesie zu verleiden. Ihr scharfes
+Urtheil &uuml;ber talentvolle Dichter, unter andern ihren bittern Tadel des von
+Wei&szlig;e geschriebenen Lustspiels: &quot;die Poeten nach der Mode,&quot; konnte Goethe,
+dem die&szlig; St&uuml;ck sehr gefiel, ihr nicht verzeihen. Seine eigene
+Autoreitelkeit f&uuml;hlte sich verletzt durch ihre Aeu&szlig;erungen &uuml;ber einige
+seiner lyrischen Gedichte, die er ihr anonym mittheilte.</p>
+
+<p>Kaum seinen Ohren traute Goethe, als er h&ouml;rte, wie Gellert in einem seiner
+Collegien seine Zuh&ouml;rer vor der Dichtkunst warnte, und sie zu prosaischen
+Ausarbeitungen aufforderte. Demungeachtet wagte Goethe, ihm einige seiner
+poetischen Versuche zu zeigen, die er, wie alle &uuml;brigen, mit rother Dinte
+corrigirte und die zu gro&szlig;e Leidenschaftlichkeit in Styl und Darstellung,
+mitunter auch einige psychologische Verst&ouml;&szlig;e tadelte. Eine scharfe R&uuml;ge,
+die seinen Lieblingsdichter Wieland traf, machte ihn so irre an seinem
+poetischen Talent, da&szlig; er in seinem Unmuth eines Tages alles, was er in
+Versen und Prosa geschrieben, den Flammen &uuml;bergab. Ihn in seinem poetischen
+Streben zu f&ouml;rdern war der damalige Zustand der sch&ouml;nen Literatur in
+Deutschland nicht sonderlich geeignet. Aus den Dichtern, die Goethe sich
+h&auml;tte zum Muster nehmen k&ouml;nnen, aus Gellert, Lessing, Klopstock, Wieland u.
+A. blickte eine zu entschiedene Individualit&auml;t hervor. Vor sclavischer
+Nachahmung bewahrte ihn sein besseres Gef&uuml;hl. Was die Poesie der genannten
+Dichter Vortreffliches hatte, glaubte er nicht erreichen zu k&ouml;nnen; aber er
+f&uuml;rchtete, in ihre Fehler zu verfallen. Er hatte zu sich und seinem Talent
+das Vertrauen verloren, und fand es erst wieder in dem Umgange mit mehreren
+gebildeten und kenntnisreichen jungen M&auml;nnern, zu denen unter andern sein
+Landsmann und nachheriger Schwager Schlosser geh&ouml;rte, der damals als
+geheimer Secret&auml;r des Herzogs Ludwig von W&uuml;rtemberg diesen F&uuml;rsten nach
+Leipzig begleitet hatte.</p>
+
+<p>Durch Schlosser, der als Schriftsteller nicht unr&uuml;hmlichbekannt war,
+erhielt Goethe Zutritt zu manchen gelehrten und einflu&szlig;reichen M&auml;nnern.
+Auch mit Gottsched, dem damaligen Tonangeber des &auml;sthetischen Geschmacks,
+dessen Ausspr&uuml;che, seinem Antagonisten Breitinger zum Trotz, noch immer als
+Orakel galten, ward Goethe auf die erw&auml;hnte Weise bekannt. Er fand ihn im
+ersten Stockwerk des goldnen B&auml;ren, welches ihm von seinem Verleger
+Breitkopf, aus Erkenntlichkeit f&uuml;r den gro&szlig;en Absatz seiner Schriften, zur
+lebensl&auml;nglichen Wohnung einger&auml;umt worden war. In einem Schlafrock von
+gr&uuml;nem Damast, mit rothem Taft gef&uuml;ttert, trat Gottsched, wie Goethe in
+sp&auml;tern Jahren erz&auml;hlte, ihm und Schlosser entgegen. In demselben
+Augenblicke aber eilte ein Diener herbei, und reichte ihm eine gro&szlig;e
+Per&uuml;cke, um sein kahles Haupt zu bedecken. Der Saumselige bekam jedoch eine
+t&uuml;chtige Ohrfeige, worauf Gottsched mit gro&szlig;er Ruhe und Gleichg&uuml;ltigkeit
+die beiden Fremden zum Sitzen n&ouml;thigte und sich mit ihnen in ein Gespr&auml;ch
+einlie&szlig;, das meistens literarische Gegenst&auml;nde betraf.</p>
+
+<p>Die beliebtesten englischen Autoren sich zum Muster zu w&auml;hlen, hielt Goethe
+f&uuml;r das wirksamste Mittel, um sich von dem seichten Geschmack Gottsched's
+und seiner Schule frei zu erhalten. Aber auch zu einem gr&uuml;ndlichen Studium
+der bessern deutschen Schriftsteller, die der Literatur eine neue Richtung
+gaben, ward Goethe durch den Umgang mit mehreren vielseitig gebildeten
+jungen M&auml;nnern gef&uuml;hrt, zu denen, au&szlig;er einigen gebildeten Livl&auml;ndern, ein
+Bruder des Dichters Zachari&auml;, der nachherige Privatgelehrte Pfeil und der
+durch seine geographischen und genealogischen Compendien bekannte
+Schriftsteller Krebel geh&ouml;rten. Flei&szlig;ig las Goethe in Lessings, Gleims,
+Hallers, Ramlers u. A. Schriften. Keiner dieser Dichter aber raubte ihm die
+Vorliebe f&uuml;r Wieland. Den Eindruck, den das Lehrgedicht &quot;Muserion&quot; damals
+auf ihn gemacht, schilderte er in sp&auml;tern Jahren mit den Worten: &quot;Hier, in
+diesem Gedicht war es, wo ich das Antike lebendig und neu vor mir zu sehen
+glaubte. Alles, was in Wielands Natur plastisch war, zeigte sich hier aufs
+Vollkommenste, und da der zu ungl&uuml;ckseliger N&uuml;chternheit verdammte
+Phanias-Timon sich zuletzt wieder mit seinem M&auml;dchen und mit der Welt
+vers&ouml;hnte, so mochte ich die menschenfeindliche Epoche wohl mit ihm
+durchleben.&quot;</p>
+
+<p>Ein fl&uuml;chtiges Interesse nahm Goethe an der lange dauernden liter&auml;rischen
+Fehde, welche die Verschiedenheit religi&ouml;ser Meinungen zwischen den beiden
+Leipziger Professoren Ernesti und Crusius hervorrief. Jener ging
+bekanntlich in der biblischen Hermeneutik von allgemeinen philologischen
+Grunds&auml;tzen aus, w&auml;hrend Crusius zu einer mystischen Erkl&auml;rungsweise der
+heiligen Schrift sich hinneigte. Lebhafter, als f&uuml;r diese theologische
+Polemik, interessirte sich Goethe, neben seiner Besch&auml;ftigung mit der
+Dichtkunst und den sch&ouml;nen Wissenschaften, f&uuml;r die eifrigen Bem&uuml;hungen
+Jerusalems, Zollikofers, Spaldings und anderer ber&uuml;hmten Theologen, in
+Predigten und Abhandlungen der Religion und Moral aufrichtige Verehrer zu
+verschaffen. Zur&uuml;ckgeschreckt durch die barocke Schreibart der Juristen,
+bildete Goethe nach jenen Mustern, besonders nach Mendelssohn und Garve,
+seinen Styl.</p>
+
+<p>Poetischen Stoff sammelte er auf einsamen Spazierg&auml;ngen durch das
+Rosenthal, nach Gohlis und andern benachbarten Orten. Zu einer Idylle, auf
+die er noch in sp&auml;tern Jahren einigen Werth legte, begeisterte ihn Annette,
+die Tochter eines Wirths, bei welchem er mit mehreren Freunden seinen
+Mittagstisch hatte. Ueber sein Liebesverh&auml;ltni&szlig; entwarf Goethe in sp&auml;tern
+Lebensjahren eine anziehende Schilderung in den Worten: &quot;Ich war nach
+Menschenweise in meinen Namen verliebt, und schrieb ihn, wie junge Leute zu
+thun pflegen, &uuml;berall an. Einst hatte ich ihn auch sehr sch&ouml;n und genau in
+die glatte Rinde eines Lindenbaums geschnitten. Den Herbst darauf, als
+meine Neigung zu Annetten in ihrer besten Bl&uuml;the war, gab ich mir die M&uuml;he,
+den ihrigen oben dar&uuml;ber zu schneiden. Inde&szlig; hatte ich gegen Ende des
+Winters, als ein launischer Liebhaber, manche Gelegenheit vom Zaun
+gebrochen, sie zu qu&auml;len und ihr Verdru&szlig; zu machen. Im Fr&uuml;hjahr besuchte
+ich zuf&auml;llig die Stelle. Der Saft, der m&auml;chtig in die B&auml;ume trat, war durch
+die Einschnitte, die ihren Namen bezeichneten, und die noch nicht
+verharrscht waren, hervorgequollen, und benetzte mit unschuldigen
+Pflanzenthr&auml;nen die schon hart gewordenen Z&uuml;ge des meinigen. Sie hier &uuml;ber
+mich weinen zu sehen, der ich oft durch mein Benehmen ihre Thr&auml;nen
+hervorgerufen hatte, versetzte mich in Best&uuml;rzung. In Erinnerung meines
+Unrechts und ihrer Liebe kamen mir selbst die Thr&auml;nen in die Augen. Ich
+eilte, ihr Alles doppelt und dreifach abzubitten, und verwandelte jenes
+Ereigni&szlig; in eine Idylle, die ich niemals ohne R&uuml;hrung lesen oder Andern
+mittheilen konnte.&quot;</p>
+
+<p>Aus der poetischen Gattung, zu der jenes Gedicht geh&ouml;rte, ward Goethe bald
+wieder auf die dramatische Dichtkunst hingewiesen durch den tiefen und
+bleibenden Eindruck, den Lessings Minna von Barnhelm auf ihn machte. Die&szlig;
+ganz eigentlich aus dem Leben gegriffene Lustspiel von &auml;chtem
+Nationalgehalt, lenkte seinen Blick zugleich auf die gro&szlig;en Weltereignisse
+des siebenj&auml;hrigen Krieges. Neben dem bedeutenden Stoff bewunderte er
+besonders die concise Behandlung. Ein solches Muster zu erreichen, traute
+er sich nicht zu. Schon sein beschr&auml;nkter Umgang mit vielseitig gebildeten
+Personen verhinderte ihn daran. In den eignen Busen mu&szlig;te er greifen, wenn
+es ihm darum zu thun war, seinen Gedichten durch Empfindung oder Reflexion
+eine feste Basis zu geben. F&uuml;hlbar ward ihm wenigstens, da&szlig; er, um bei
+seinen poetischen Producten zu einer klaren Anschauung der einzelnen
+Gegenst&auml;nde zu gelangen, aus dem Kreise, der ihn umgab und ihm ein
+Interesse einfl&ouml;&szlig;te, nicht heraustreten durfte. Solchen Ansichten
+verdankten mehrere lyrische Gedichte Goethe's, von denen sich jedoch nur
+wenige erhalten haben, ihre Entstehung. Goethe gab diesen Gedichten
+meistens die Form des Liedes, bisweilen auch ein freieres Versma&szlig;. Es waren
+weniger Produkte einer sehr lebhaften Phantasie, als des ruhigen
+Verstandes, wof&uuml;r schon die epigrammatische Wendung in einigen jener
+Gedichte zu sprechen schien. Unver&auml;ndert blieb seinem Geiste die Richtung,
+Alles, was ihn erfreute, beunruhigte oder &uuml;berhaupt in irgend einer Weise
+lebhaft besch&auml;ftigte, in ein poetisches Gewand zu kleiden. Seine Natur, die
+leicht von einem Extrem in's andre geworfen ward, gelangte dadurch zu einer
+gewissen Ruhe.</p>
+
+<p>Aus seinem, durch eigene Schuld, vorz&uuml;glich durch grundlose Eifersucht
+wieder aufgel&ouml;sten Lebensverh&auml;ltni&szlig; sch&ouml;pfte Goethe die Idee zu seinem
+ersten dramatischen Werke. 1769 dichtete er sein Schauspiel: &quot;die Laune des
+Verliebten&quot;, das er jedoch erst nach einer bedeutenden Reihe von Jahren dem
+Druck &uuml;bergab. Seinem Inhalt nach war das St&uuml;ck dem sp&auml;ter gedichteten
+Schauspiel: &quot;Erwin und Elmire&quot; &auml;hnlich, so wesentlich es sich von demselben
+durch die Form und Behandlungsart unterschied. Erhalten hat sich unter
+mehreren literarischen Entw&uuml;rfen aus jener Zeit nur der Anfang einer in
+Alexandrinern verfa&szlig;ten Uebersetzung von Corneille's Lustspiel: <span class="u">Le
+Menteur</span>, unter dem Titel: &quot;der L&uuml;gner&quot;, und au&szlig;erdem das Fragment eines in
+Briefen zwischen &quot;Arianne und Wetty&quot; geschriebenen Romans. Man findet diese
+Bruchst&uuml;cke in den neuerlich von A. Scholl herausgegebenen Briefen und
+Aufs&auml;tzen Goethes aus den Jahren 1766-1786. Vollendet ward von Goethe nur
+das Lustspiel: &quot;Die Mitschuldigen.&quot; Er bedauerte in sp&auml;tern Jahren, da&szlig; er
+&uuml;ber der ernsten Richtung in seinen ersten dramatischen Werken manchen
+heitern Stoff, den ihn das Studentenleben darbot, unbenutzt gelassen hatte.
+Seine Empfindungen legte er in einzelnen Liedern und Epigrammen nieder, die
+jedoch, nach seinem eignen Gest&auml;ndnisse in sp&auml;terer Zeit, zu subjectiv
+waren, um au&szlig;er ihn selbst, noch irgend Jemand zu interessiren.</p>
+
+<p>Einen fr&uuml;hen Jugendeindruck erneuerte in Goethe Gellerts wiederholte und
+dringende Ermahnung an seine Zuh&ouml;rer, sich dem &ouml;ffentlichen Gottesdienste
+und dem Genu&szlig; des heiligen Abendmahls nicht zu entziehen. Etwas Furchtbares
+hatte f&uuml;r Goethe von jeher die neutestamentliche Vorstellung gehabt: wer
+das Sakrament unw&uuml;rdig gen&ouml;sse, &auml;&szlig;e und tr&auml;nke sich selbst den Tod. Von
+mannigfachen Gewissensscrupeln beunruhigt, hatte er sich der
+Abendmahlsfeier lange entzogen, und Gellerts Ermahnungen fielen ihm um so
+schwerer aufs Herz. Ueber die ernsten Betrachtungen, denen er sich eine
+Zeit lang &uuml;berlie&szlig;, siegte inde&szlig; bald wieder angeborner Humor und
+jugendlicher Leichtsinn.</p>
+
+<p>Einflu&szlig;reich und belehrend durch seine vielseitigen Sprach- und
+Literaturkenntnisse ward f&uuml;r Goethe die Bekanntschaft mit dem Hofmeister
+eines jungen Grafen von Lindenau. Er hie&szlig; Behrisch, und war, nach Goethes
+eigner Schilderung, ungeachtet seines redlichen Charakters und seiner
+vielen l&ouml;blichen Eigenschaften, einer der gr&ouml;&szlig;ten Sonderlinge. Trotz der
+W&uuml;rde seines &auml;u&szlig;ern Benehmens war er immer zu allerlei muthwilligen Possen
+aufgelegt. Durch seine sarkastischen Bemerkungen weckte er in Goethe den
+Hang zur Satyre. Zur besondern Zielscheibe seines Witzes w&auml;hlte sich dieser
+den Professor Clodius, der die stylistischen Vorlesungen &uuml;bernommen, welche
+Gellert, seiner Kr&auml;nklichkeit wegen, hatte aufgeben m&uuml;ssen. Durch den Tadel
+eines Gedichts, mit welchem Goethe die Hochzeit eines Oheims in Frankfurt
+verherrlichen wollte, hatte Clodius seine Autoreitelkeit verletzt.
+Gemeinschaftlich mit seinem Freunde Behrisch r&auml;chte sich Goethe durch
+lauten Spott &uuml;ber die mittelm&auml;&szlig;igen Oden, mit denen Clodius mehrmals bei
+feierlichen Gelegenheiten hervorgetreten war. Die darin enthaltenen
+Kraftspr&uuml;che und Sentenzen benutzte Goethe zu einer Parodie. Es war ein an
+den damals sehr beliebten Conditor H&auml;ndel gerichtetes Gedicht, welches zwar
+nicht gedruckt, doch bald in mehreren Abschriften verbreitet ward. Die
+Wirkung seiner Parodie verst&auml;rkte Goethe noch durch einen satyrischen
+Prolog, den er bald nachher zu dem von Clodius geschriebenen Lustspiel:
+&quot;Medon oder die Rache des Weisen&quot; dichtete. Nach seiner eignen Schilderung
+in sp&auml;tern Jahren hatte Goethe in jenem Prolog Harlekin mit zwei S&auml;cken
+auftreten lassen, mit moralisch-&auml;sthetischem Sande gef&uuml;llt, den die
+Schauspieler den Zuschauern in die Augen streuen sollten. Der eine Sack,
+&auml;u&szlig;erte Harlekin, sei mit Wohlthaten gef&uuml;llt, die nichts kosteten, der
+andere mit allerlei hochtrabenden Sentenzen, hinter denen nichts stecke.
+Darum m&ouml;chten die Zuschauer ja die Augen zudr&uuml;cken u.s.w.</p>
+
+<p>Getrennt von seinem Freunde Behrisch, dem seine vielseitigen Kenntnisse die
+Stelle eines Erziehers des Erbprinzen von Dessau verschafft hatten, sank
+Goethe wieder aus Mangel an Selbstst&auml;ndigkeit in das vielfach bewegte und
+leidenschaftliche Treiben zur&uuml;ck, dem er durch Behrisch kaum entrissen
+worden war. Auf einen bessern Weg f&uuml;hrte ihn das Studium der Kunst. Bei dem
+ber&uuml;hmten Oeser, der als Director der Leipziger Zeichnenakademie in dem
+alten Schlosse Plei&szlig;enburg wohnte, nahm Goethe Unterricht im Zeichnen.
+Durch die Betrachtung vorz&uuml;glicher Werke und Oesers geistreiche Bemerkungen
+dar&uuml;ber ward sein fr&uuml;h erwachter Kunstsinn wieder vielfach angeregt und
+gen&auml;hrt. Reichen Genu&szlig; verschafften ihm besonders die werthvollen Gem&auml;lde-
+und Kupferstichsammlungen mehrerer Leipziger Kunstfreunde. Er vermehrte
+dadurch seine Kenntnisse in einem Fache, worin er, nach einer Aeu&szlig;erung in
+sp&auml;tern Jahren, &quot;einst die gr&ouml;&szlig;te Zufriedenheit seines Lebens finden
+sollte.&quot; Von der blo&szlig;en Anschauung zum Denken erhob er sich durch das
+Studium der Schriften d'Argenville's, Christs, Winkelmanns u.A. V&ouml;llig klar
+ward ihm jedoch der Unterschied zwischen den bildenden und den Redek&uuml;nsten
+erst durch Lessings Laokoon. Der Triumph des Sch&ouml;nen &uuml;ber das H&auml;&szlig;liche
+zeigte sich ihm in der Vorstellung der Griechen, die sich den Tod als den
+Bruder des Schlafs und diesem bis zum Verwechseln &auml;hnlich dachten.</p>
+
+<p>Einen reinen Kunstgenu&szlig; bot ihm ein kurzer Aufenthalt in Dresden und die
+Betrachtung der dortigen Gem&auml;ldegallerie. Vielfache Belehrung verdankte er
+dem Inspector Riedel. Kurz vor seiner R&uuml;ckreise nach Leipzig lernte er auch
+den Director der Kunstakademie, v. Hagedorn, einen Bruder des Dichters,
+pers&ouml;nlich kennen. In Leipzig f&uuml;hlte Goethe, obgleich er jenen reichen
+Kunstgenu&szlig; dort entbehren mu&szlig;te, nach seinem eignen Gest&auml;ndni&szlig;, sich ganz
+behaglich durch freundschaftlichen Umgang und einen Zuwachs an Kenntnissen.
+Beides fand er in dem Hause des Buchh&auml;ndlers Breitkopf, der auf dem
+Neumarkt im silbernen B&auml;ren wohnte. Der &auml;lteste Sohn jenes Mannes spielte
+mit ziemlicher Fertigkeit die Violine, und componirte einige von Goethe's
+Gedichten, die ohne Angabe des Druckorts 1768 zu Leipzig in Quart
+erschienen. Oft wurden in Breitkopfs Hause, dessen zweiter Sohn ebenfalls
+musikalisch war, Concerte veranstaltet. Manchen Genu&szlig; und Nutzen sch&ouml;pfte
+Goethe auch aus Breitkopfs auserlesener Bibliothek, welche vorz&uuml;glich an
+Werken reich war, die sich auf den Ursprung und die Fortschritte der
+Buchdruckerkunst bezogen.</p>
+
+<p>Wichtig ward f&uuml;r Goethe die Bekanntschaft des aus N&uuml;rnberg geb&uuml;rtigen
+Kupferstechers Stock, der ein Mansardzimmer im Breitkopfischen Hause
+bewohnte. Die Technik der Kupferstecherkunst hatte f&uuml;r Goethe einen so
+unwiderstehlichen Reiz, da&szlig; er der Begierde nicht widerstehen konnte, sich
+selbst in diesem Fache zu versuchen. Zur Zufriedenheit seines Lehrers Stock
+radirte er einige Landschaften nach Thiele und andern K&uuml;nstlern. Erhalten
+haben sich aus jener Zeit noch zwei radirte Bl&auml;tter Goethe's. Beide stellen
+Landschaften dar, mit kleinen Cascaden, umschlossen von Felsen und Grotten.
+An dem untern Rande beider Landschaften befinden sich die Worte. <span class="u">Peint par
+A. Thiele, grav&eacute; par Goethe</span>. Das eine Blatt hatte Goethe mit den
+nachstehenden Worten seinem Vater gewidmet: <span class="u">Dedi&eacute; &agrave; Monsieur Goethe,
+Conseiller actuel de S.M. Imperiale, par son fils tr&egrave;s-obeissant</span>. Das
+andere Blatt f&uuml;hrt die Unterschrift: <span class="u">Dedi&eacute; &agrave; Mr. le Docteur Hermann,
+Assesseur de la cour provinciale supr&eacute;me de justice S. A. Elect. de Saxe et
+S&eacute;nateur de la ville de Leipsic, par son ami Goethe</span>. Eine genaue und
+ausf&uuml;hrliche Beschreibung der erw&auml;hnten Bl&auml;tter lieferte ein Aufsatz Karl
+Buchner's im Morgenblatt vom Jahr 1828. No. 3-6.</p>
+
+<p>Den der Gesundheit nachtheiligen D&uuml;nsten, die sich beim Aetzen von
+Kupferstichen entwickelten, gab Goethe eine gef&auml;hrliche Brustbeklemmung
+schuld, die er sich aber auch wohl durch den zu reichlichen Genu&szlig; des
+Merseburger Biers und starken Kaffees zugezogen haben mochte. Der
+Organismus seiner Natur ward so heftig ersch&uuml;ttert, da&szlig; er einst Nachts von
+einem heftigen Blutsturz erwachte. Die &auml;rztliche H&uuml;lfe des Doctor Reichel
+beschleunigte seine Genesung. Er ward wieder heiter gestimmt f&uuml;r den Umgang
+mit seinen Freunden, die er durch Kr&auml;nklichkeit und &uuml;ble Laune von sich
+gescheucht hatte.</p>
+
+<p>Die Zeit, wo Goethe nach beendigten Studien wieder in das elterliche Haus
+zur&uuml;ckkehren sollte, war nahe. Kurz vor seiner Abreise ereignete sich ein
+Tumult zwischen den Studenten und Stadtsoldaten. Goethe hatte keinen
+Antheil an diesen H&auml;ndeln. Mit jenem Nachklange akademischer Gro&szlig;thaten
+verlie&szlig; er Leipzig im September 1768. Er hatte dort manche
+Freundschaftsverh&auml;ltnisse angekn&uuml;pft. Den Einflu&szlig;, den der Aufenthalt in
+Leipzig auf seine Bildung gehabt, konnte er nicht verkennen. Gestehen mu&szlig;te
+er sich freilich, da&szlig; er den Aussichten und Hoffnungen seiner Eltern nicht
+sonderlich entsprochen. Er hatte sich ganz andern Studien gewidmet, als
+sein Vater w&uuml;nschen mochte, der nur m&uuml;hsam den Unmuth verbarg, seinen Sohn,
+der nun promoviren und die ihm vorgeschriebene Bahn durchlaufen sollte,
+noch nicht hinl&auml;nglich dazu vorbereitet, und &uuml;berdie&szlig; geistig und
+k&ouml;rperlich leidend heimkehren zu sehen.</p>
+
+<p>Goethe aber bereute nicht den selbst gew&auml;hlten Pfad, und seine Dankbarkeit
+verga&szlig; nie den Mann, der ihn zuerst darauf hingeleitet. Den 9. November
+1768 schrieb er nach Leipzig an Oeser: &quot;Was bin ich Ihnen nicht alles
+schuldig, da&szlig; Sie mir den Weg zum Wahren und Sch&ouml;nen gezeigt, da&szlig; Sie mein
+Herz f&uuml;r den Reiz f&uuml;hlbar gemacht haben. Ich bin Ihnen mehr schuldig, als
+ich Ihnen danken k&ouml;nnte. Der Geschmack, den ich am Sch&ouml;nen habe, meine
+Kenntnisse, meine Einsichten, hab' ich die nicht alle durch Sie? Wie gewi&szlig;,
+wie einleuchtend wahr ist mir der seltsame, fast unbegreifliche Satz
+geworden, da&szlig; die Werkstatt eines gro&szlig;en K&uuml;nstlers mehr den keimenden
+Philosophen, den keimenden Dichter entwickle, als der H&ouml;rsaal des Weisen
+und des Kritikers. Lehre thut viel, aber Aufmunterung thut Alles.
+Aufmunterung nach dem Tadel ist Sonne nach dem Regen, fruchtbares Gedeihen.
+Wenn Sie meiner Liebe zu den Musen nicht aufgeholfen h&auml;tten, ich w&auml;re
+verzweifelt. Sie wissen, was ich war, als ich zu Ihnen kam, und was ich
+war, als ich von Ihnen ging. Der Unterschied ist Ihr Werk.&quot;</p>
+
+<p>Als G&ouml;the [Goethe] diesen Brief schrieb, war er unl&auml;ngst genesen von einer
+gef&auml;hrlichen Krankheit, die durch gest&ouml;rte Verdauung und ein dadurch
+erzeugtes Asthma die lebhaftesten Besorgnisse seiner Eltern erregte.
+Unverge&szlig;lich blieb ihm die liebreiche Pflege seiner Mutter und die
+z&auml;rtliche Theilnahme seiner Schwester Cornelia. Durch seine Krankheit allen
+irdischen Angelegenheiten entfremdet, wandte sich sein Geist dem
+Himmlischen zu. Mit der ganzen W&auml;rme und Innigkeit seines Gef&uuml;hls suchte er
+das Unsichtbare zu ergreifen. Wie ihn als Kind vorzugsweise das Alte
+Testament angesprochen, so besch&auml;ftigte er sich nun, von einem &auml;hnlichen
+schw&auml;rmerischen Enthusiasmus ergriffen, mit den neutestamentlichen
+Schriften.</p>
+
+<p>In dieser Geistesrichtung begegnete ihm eine seelenkranke Freundin seiner</p>
+
+<p>Mutter, ein Fr&auml;ulein von Klettenberg, aus deren Unterhaltungen und Briefen
+Goethe sp&auml;ter den Stoff hernahm zu den in seinem &quot;Wilhelm Meister&quot;
+enthaltenen &quot;Bekenntnissen einer sch&ouml;nen Seele.&quot; Sein Verh&auml;ltni&szlig; zu dem
+Fr&auml;ulein von Klettenberg blieb, ungeachtet der schw&auml;rmerischen Richtung
+ihres Geistes, der dem irdischen Daseyn g&auml;nzlich entfremdet, sich nur mit
+dem ewigen Heil der Seele besch&auml;ftigte, doch nicht ohne Einflu&szlig; auf
+Goethe's moralische Veredlung. Jedenfalls h&auml;tte er inde&szlig; seine Zeit besser
+verwenden k&ouml;nnen, als zu dem Lesen von allerlei mystischen Schriften. Durch
+Theophrast, Paracelsus u. A. ward er in das Gebiet der Chemie gef&uuml;hrt. Mit
+H&uuml;lfe eines kleinen Laboratoriums machte er, nach Anleitung des
+Boerhave'schen Compendiums einige chemische Experimente, die, so
+unvollkommen sie auch ausfielen, seine Kenntnisse in mannigfacher Weise
+bereicherten. Auch das Zeichnen, Aetzen und Radiren trat wieder in die
+Reihe seiner Lieblingsbesch&auml;ftigungen. Nach den mannigfachsten Richtungen
+schweifte seine Th&auml;tigkeit, die erst eine feste Basis gewonnen zu haben
+schien, als er sich wieder zu philosophischen Studien wandte.</p>
+
+<p>Den Weg, den seine Bildung nahm, zeigte ein Brief an die Tochter seines
+Freundes Oeser, vom 13. Februar 1769. &quot;Meine gegenw&auml;rtige Lebensart,&quot;
+schrieb Goethe, &quot;ist der Philosophie gewidmet. Eingesperrt, allein, Cirkel,
+Papier, Feder und Dinte und zwei B&uuml;cher ist mein ganzes R&uuml;stzeug; und auf
+diesem einfachen Wege komme ich der Erkenntni&szlig; der Wahrheit oft so nah und
+weiter, als Andere mit ihrer Bibliothekswissenschaft. Ein gro&szlig;er Gelehrter
+ist selten ein gro&szlig;er Philosoph, und wer mit M&uuml;he viel B&uuml;cher durchbl&auml;ttert
+hat, verachtet das leichte, einfache Buch der Natur, und es ist nichts
+wahr, als was einf&auml;ltig ist. Freilich eine Recommendation f&uuml;r die wahre
+Weisheit! Wer den einf&auml;ltigen Weg geht, der gehe ihn, und schweige still.
+Demuth und Bed&auml;chtlichkeit sind die nothwendigsten Eigenschaften unserer
+Schritte darauf, deren jeder endlich belohnt wird. Ich danke es Ihrem
+lieben Vater, er hat meine Seele zuerst zu diesem Wege bereitet. Die Zeit
+wird meinen Flei&szlig; segnen, da&szlig; er ausf&uuml;hren kann, was angefangen ist. Wenn
+man anders denkt, als gro&szlig;e Geister, so ist es gew&ouml;hnlich ein Zeichen eines
+kleinen Geistes. Ich mag nicht gern Eins und das Andere seyn. Ein gro&szlig;er
+Geist irrt so gut wie ein kleiner; jener, weil er keine Schranken kennt,
+dieser, weil er seinen Horizont f&uuml;r die Welt nimmt. O meine Freundin, das
+Licht ist die Wahrheit, von der doch das Licht quillt. Die Nacht ist
+Unwahrheit. Und was ist Sch&ouml;nheit? Sie ist nicht Licht und nicht Nacht,
+D&auml;mmerung, eine Geburt von Wahrheit und Unwahrheit, ein Mittelding. In
+ihrem Reiche liegt ein Scheideweg, so zweideutig, so schielend, ein
+Herkules unter den Philosophen k&ouml;nnte sich vergreifen.&quot;</p>
+
+<p>In dankbarer R&uuml;ckerinnerung an seinen &quot;lieben Oeser&quot; schrieb Goethe den 20.
+Februar 1770 an den Buchh&auml;ndler Reich in Leipzig: &quot;Nach Oeser und
+Shakspeare ist Wieland der Einzige, den ich f&uuml;r meinen &auml;chten Lehrer
+erkenne. Andere hatten mir gezeigt, da&szlig; ich fehlte; diese zeigen mir, wie
+ich's besser machen sollte.&quot; Der erw&auml;hnte Brief enthielt zugleich einige
+charakteristische Bemerkungen &uuml;ber Wieland. &quot;Mein Urtheil &uuml;ber den Diogenes
+von Sinope,&quot; schrieb Goethe, &quot;werden Sie nicht verlangen. Empfinden und
+Schweigen ist Alles, was man bei dieser Gelegenheit thun kann, denn so gar
+loben soll man einen gro&szlig;en Mann nicht, wenn man nicht so gro&szlig; ist, wie er.
+Aber ge&auml;rgert hab' ich mich schon auf Wielands Rechnung, und ich glaube mit
+Recht. Wieland hat das Ungl&uuml;ck, oft nicht verstanden zu werden. Vielleicht
+ist manchmal die Schuld sein, doch manchmal ist sie es nicht, und da mu&szlig;
+man sich &auml;rgern, wenn Leute ihre Mi&szlig;verst&auml;ndnisse dem Publikum f&uuml;r
+Erkl&auml;rungen verkaufen.&quot; Seine Verehrung Wielands sprach Goethe am Schlusse
+seines Briefes in den Worten aus. &quot;Wenn Sie diesem gro&szlig;en Autor schreiben
+oder ihn sprechen, so haben Sie die G&uuml;te, ihm einen jungen Menschen bekannt
+zu machen, der zwar nicht Mann's genug ist, seine Verdienste zu sch&auml;tzen,
+aber doch ein genug z&auml;rtliches Herz hat, sie zu verehren.&quot;</p>
+
+<p>Wie geringen Werth Goethe seinen in Leipzig entstandenen Gedichten beima&szlig;,
+bewies er durch den ausgef&uuml;hrten Entschlu&szlig;, den gr&ouml;&szlig;ten Theil derselben,
+bald nach seiner Ankunft in Frankfurt, den Flammen zu opfern. Auch mehrere
+unvollendete dramatische Werke traf dies Schicksal. Verschont blieben nur
+&quot;die Laune des Verliebten&quot; und &quot;die Mitschuldigen.&quot; Das zuletzt genannte
+St&uuml;ck erhielt noch einige Verbesserungen. Diese poetischen Besch&auml;ftigungen
+wurden unterbrochen durch seine nahe Abreise nach Stra&szlig;burg. Dort sollte
+Goethe nach seines Vaters Wunsch, seine Studien vollenden und sich den
+juristischen Doctorhut erwerben. Noch immer gab Goethes Vater die Hoffnung
+nicht auf, aus seinem Sohne einen t&uuml;chtigen Rechtsgelehrten zu bilden.</p>
+
+<p>Vom M&uuml;nster betrachtete Goethe bald nach seiner Ankunft in Stra&szlig;burg, die
+Stadt und die Umgegend. Er pries sein Schicksal, das ihm einen so
+anmuthigen Aufenthalt bestimmt hatte. An der Sommerseite des Fischmarktes,
+einer langen und sehr belebten Stra&szlig;e, bezog er eine freundliche Wohnung.
+Den Mittagstisch hatte er in einer sehr gebildeten Kaufmannsfamilie, an die
+er empfohlen worden war. Ein gro&szlig;er Theil der Studirenden in Stra&szlig;burg
+widmete sich der Arzneikunde. Dadurch gewann auch Goethe ein Interesse an
+der Medicin. Im zweiten Semester h&ouml;rte er Chemie bei Spielmann, und
+Anatomie bei Lobstein, ohne dar&uuml;ber sein Berufsfach, die Jurisprudenz, zu
+vernachl&auml;ssigen. Mit H&uuml;lfe eines Repetenten, den ihm einer seiner Freunde,
+der Actuar Salzmann, empfahl, erg&auml;nzte Goethe, was ihm noch fehlte, um in
+dem juristischen Examen mit Ehren zu bestehen.</p>
+
+<p>An Zerstreuung und Zerst&uuml;ckelung seiner Studien fehlte es ihm in Stra&szlig;burg
+eben so wenig, wie w&auml;hrend seines Aufenthalts in Leipzig. Lockend war f&uuml;r
+ihn das fr&ouml;hliche Leben im Elsa&szlig;. Manchen Sommerabend brachte er mit
+einigen Freunden in &ouml;ffentlichen G&auml;rten und andern Lustorten zu. Auch
+unternahm er h&auml;ufig Ausfl&uuml;ge, vorz&uuml;glich in die romantischen
+Gebirgsgegenden. Seine anmuthige Gestalt, sein offenes Wesen empfahlen ihn
+&uuml;berall, und er gewann Zutritt zu den vornehmsten Cirkeln. Den
+Anforderungen des akademischen Lebens entsprach er durch seine Gewandtheit
+im Fechten. Aber auch dem Tanz und dem Kartenspiel, das er eigentlich nicht
+liebte, huldigte Goethe, um nicht gegen den feinen Gesellschaftston zu
+versto&szlig;en.</p>
+
+<p>Unstreitig das wichtigste Ereigni&szlig; w&auml;hrend seines Aufenthalts in Stra&szlig;burg
+war die pers&ouml;nliche Bekanntschaft mit Herder, der als Reisebegleiter des
+gem&uuml;thskranken Prinzen von Holstein-Eutin nach Stra&szlig;burg kam. Einen lange
+gehegten Lieblingswunsch sah Goethe erf&uuml;llt, als ihm geg&ouml;nnt war, sich dem
+ber&uuml;hmten Manne zu n&auml;hern, der durch seine &quot;Fragmente zur deutschen
+Literatur&quot;, durch seine &quot;kritischen W&auml;lder&quot; und andere Schriften das
+Interesse des gebildeten Publikums entschieden auf sich gelenkt hatte. In
+dem Gasthofe, wo Herder eingekehrt, machte ihm Goethe seine Aufwartung.
+Herder trug ein schwarzes Kleid und einen seidnen Mantel von gleicher
+Farbe. Sein gepudertes Haar war in eine runde Locke aufgesteckt, wodurch er
+einem Geistlichen &auml;hnlich sah. Nach der Schilderung, welche Goethe in
+sp&auml;tern Jahren von Herders Pers&ouml;nlichkeit entwarf, war &quot;sein Gesicht rund,
+die Stirn bedeutend, die Nase etwas stumpf, der Mund ein wenig aufgeworfen,
+aber h&ouml;chst individuell angenehm und liebensw&uuml;rdig. Unter schwarzen
+Augenbraunen blitzten ein Paar kohlschwarze Augen hervor, die ihre Wirkung
+nicht verfehlten, ungeachtet das eine Auge roth und entz&uuml;ndet war, und von
+Lobstein operirt werden sollte.&quot;</p>
+
+<p>Durch einen reichen Schatz von Lebenserfahrungen, verbunden mit einer
+eigenth&uuml;mlichen Anziehungskraft, &uuml;bte Herder, obgleich er nur f&uuml;nf Jahre
+&auml;lter war als Goethe, auf diesen einen so unwiderstehlichen Reiz aus, da&szlig;
+er ihm mit Offenheit eine treuherzige Schilderung seiner
+Jugendbesch&auml;ftigungen und Liebhabereien entwarf. Herders scharfer Tadel und
+seine sarkastischen Bemerkungen vermochten ihn nicht in der Achtung
+herabzusetzen, die Goethe f&uuml;r ihn empfand. Er verdankte ihm einen gro&szlig;en
+Zuwachs an neuen Ideen und den mannigfachsten Kenntnissen. In einem ganz
+andern Lichte erschien ihm das Lieblingsbuch seiner Jugend, die Bibel,
+durch die von Herder in seinem Werke: &quot;Vom Geist der hebr&auml;ischen Poesie&quot;
+gesammelten Bl&uuml;then morgenl&auml;ndischer Dichtkunst. Ueberall er&ouml;ffnete ihm
+Herder einen freiern Blick in das gro&szlig;e Gebiet der Literatur. Besonders
+ward Goethe durch ihn mit den vorz&uuml;glichsten Erzeugnissen der englischen
+Literatur bekannt. Einen noch entschiedeneren Einflu&szlig; w&uuml;rde Herder auf
+Goethe's Bildung gewonnen haben, wenn er seine uners&auml;ttliche Wi&szlig;begierde
+nicht oft zur&uuml;ckgeschreckt h&auml;tte durch allerlei sarkastische Bemerkungen,
+die besonders Goethe's Selbstgef&auml;lligkeit und Eitelkeit trafen. Aus Furcht
+vor Herders Tadel verbarg ihm Goethe daher auch sein Interesse an
+poetischen Gegenst&auml;nden, und namentlich die Idee, den biedern und tapfern
+Ritter G&ouml;tz von Berlichingen zu einem dramatischen Helden zu w&auml;hlen.</p>
+
+<p>Zu dem Kreise, in welchem sich Goethe damals bewegte, geh&ouml;rten au&szlig;er
+Herder, noch einige andere, mehr oder minder ausgezeichnete Individuen. Der
+unter dem Namen Jung-Stilling bekannte Schriftsteller befand sich damals in
+Stra&szlig;burg. Goethe r&uuml;hmte in sp&auml;tern Jahren an ihm seinen Enthusiasmus f&uuml;r
+alles Gute, Wahre und Rechte. &quot;Unverw&uuml;stlich, &auml;u&szlig;erte Goethe, war sein
+Glaube an Gott und an eine unmittelbar von ihm ausgehende H&uuml;lfe. Sein
+Glaube duldete keinen Zweifel, und seine Ueberzeugung keinen Spott.&quot; Eine
+eigenth&uuml;mliche Treuherzigkeit und ein leichter Humor charakterisirte, nach
+Goethe's eignem Gest&auml;ndni&szlig;, seinen Freund Franz Lerse. Seine Gewandtheit im
+Fechten qualificirte ihn zum Schieds- und Kampfrichter bei allen H&auml;ndeln,
+die in der Studentenwelt sich nicht durch Worte und Erkl&auml;rungen beseitigen
+lie&szlig;en. Den Namen seines Freundes verewigte Goethe sp&auml;ter in seinem &quot;G&ouml;tz
+von Berlichingen.&quot; Erst in der letzten Zeit seines Aufenthalts lernte er
+den als genialen Sonderling bekannten Dichter Lenz kennen, der sp&auml;ter
+(1792) in Geisteszerr&uuml;ttung zu Moskau starb. Die Excentricit&auml;t Shakspeare's
+und den unvergleichlichen Humor des Britten zu empfinden und nachzubilden,
+war Niemand geeigneter, als Lenz, wie er durch seine Uebersetzung von
+<span class="u">Love's labour's lost</span> und durch die derselben beigef&uuml;gten Anmerkungen &uuml;ber
+das Theater bewies. Wie er, f&uuml;hlte sich auch Goethe nicht zur&uuml;ckgesto&szlig;en
+durch die Derbheit in Shakspeare's Werken, vielmehr reichlich entsch&auml;digt
+durch die darin herrschende Wahrheit und Natur. In ihren geselligen Cirkeln
+bediente Goethe mit seinen Freunden sich der von Shakspeare gebrauchten
+Worte und Redensarten. Er ward ihr Vorbild im Dichten, wie im Leben.</p>
+
+<p>Das fr&uuml;h in Goethe erwachte Gef&uuml;hl f&uuml;r Natursch&ouml;nheiten lockte ihn in die
+anmuthige Umgegend Stra&szlig;burgs. Mit einigen dortigen Freunden besuchte er
+Zabern, Buchsweiler, L&uuml;tzelstein, Saarbr&uuml;ck und andere St&auml;dte und Flecken
+im Elsa&szlig;. Auf diesen Excursionen lernte er mehrere Familien kennen, bei
+denen er eine gastfreie Aufnahme fand. Vorz&uuml;glich war die&szlig; der Fall bei dem
+Pfarrer Brion in dem etwa sechs Stunden von Stra&szlig;burg entfernten Dorfe
+Sesenheim. Ein besonderes Interesse erhielt diese Bekanntschaft f&uuml;r Goethe
+durch ein Liebesverh&auml;ltnis zur dritten Tochter jenes Geistlichen. Nach
+&uuml;bereinstimmenden Zeugnissen war Friederike Brion ein M&auml;dchen von sch&ouml;nem
+Wuchs, blondem Haar und blauen Augen. Was ihr an &auml;u&szlig;ern Reizen abging,
+ersetzte sie durch Anmuth in ihrem Wesen und durch das Talent geselliger
+Unterhaltung. Sie hatte ihren Geist durch das Lesen der besten
+Schrifsteller [Schriftsteller] gebildet, und war musikalisch. Oft
+durchwanderte Goethe mit ihr die anmuthige Gegend. Ein Buchenw&auml;ldchen war
+sein Lieblingsplatz. Gesellige Zerstreuungen, mitunter Pf&auml;nderspiele, bei
+denen Goethe durch seinen Witz und Humor gl&auml;nzte, erheiterten den Kreis von
+Freunden und Verwandten in des Pfarrers Brion Wohnung zu Sesenheim, wenn
+Goethe, nach Stra&szlig;burg zur&uuml;ckgekehrt, dort wieder erschien. Er verweilte
+mitunter mehrere Wochen in Sesenheim. Den Taumel von Zerstreuungen, in
+denen er sich befand, schilderten einzelne Stellen in seinen Briefen an den
+Actuar Salzmann in Stra&szlig;burg.</p>
+
+<p>&quot;Getanzt hab' ich,&quot; schrieb er unter andern, &quot;am Pfingstmontage von 2 Uhr
+nach Tisch bis zw&ouml;lf Uhr in der Nacht, in einem fort, au&szlig;er einigen
+Intermezzo's von Essen und Trinken. Wir hatten brave Schnurranten erwischt,
+da ging's wie Wetter. Das ganze Ich war in das Tanzen versunken.&quot; Er
+schadete durch das Ueberma&szlig; seiner Gesundheit. Geplagt von einem
+hartn&auml;ckigen Husten, schrieb er einige Tage sp&auml;ter: &quot;Man lebt doch nur
+halb, wenn man nicht Athem sch&ouml;pfen kann. Und doch mag ich nicht in die
+Stadt zur&uuml;ck. Die Bewegung und freie Luft hilft wenigstens, was zu helfen
+ist.&quot; Nicht ohne einen Anflug von Tr&uuml;bsinn schlo&szlig; er seinen Brief mit den
+Worten: &quot;Die Welt ist sch&ouml;n, so sch&ouml;n! Wer's genie&szlig;en k&ouml;nnte! Ich bin
+manchmal &auml;rgerlich dar&uuml;ber, und manchmal halte ich mir erbauliche
+Erbauungsstunden &uuml;ber das Heute, &uuml;ber diese Idee, die unserer
+Gl&uuml;ckseligkeit so unentbehrlich ist, und die mancher Professor der Ethik
+nicht fa&szlig;t, und keiner gut vertr&auml;gt.&quot;</p>
+
+<p>Sein immer leidenschaftlicher gewordenes Verh&auml;ltni&szlig; zu Friederiken fing an
+ihn zu beunruhigen. Goethe f&uuml;hlte, da&szlig; es sich bald, vielleicht f&uuml;r immer
+aufl&ouml;sen mu&szlig;te, da die Zeit seiner Abreise von Stra&szlig;burg nahe war. Seine
+Besuche in Sesenheim wurden Seltener, aber sein Briefwechsel mit
+Friederiken dauerte fort. Goethes Zeit war freilich beschr&auml;nkt. Er mu&szlig;te an
+die Ausarbeitung seiner Dissertation denken, die ihm die juristische
+Doctorw&uuml;rde verschaffen sollte. Das von ihm gew&auml;hlte Thema war nach seiner
+eignen Aeu&szlig;erung in sp&auml;tern Jahren: &quot;der Gesetzgeber sei nicht allein
+berechtigt, sondern verpflichtet, einen gewissen Cultus festzusetzen, von
+welchem weder die Geistlichkeit, noch die Laien sich lossagen d&uuml;rften.&quot;
+Unter dem Vorsitz der Stra&szlig;burger Professoren Koch und Oberlin fand die
+Disputation am 6. August 1771 statt. Einige von Goethes akademischen
+Freunden waren die Opponenten.</p>
+
+<p>Mit Thr&auml;nen nahm Friederike von ihm Abschied, als er ihr vom Pferde herab
+nochmals die Hand reichte. Sie hatte ihn wahrhaft geliebt. Sie soll sp&auml;ter
+mehrere Heirathsantr&auml;ge mit der Aeu&szlig;erung zur&uuml;ckgewiesen haben: &quot;wer einmal
+Goethe'n geliebt, k&ouml;nne keinen Andern lieben.&quot; Ein sonderbarer Zufall
+begegnete ihm nach jenem schmerzlichen Abschiede auf seinem Ritt nach
+Drusenheim. Seine eigene Gestalt glaubte er zu erblicken, die ihm zu Pferde
+entgegenkam, in einem hechtgrauen, mit Gold verbr&auml;mten Kleide, wie er es
+wirklich nach acht Jahren trug, als er noch einmal in Sesenheim einen
+Besuch machte. Friederike sah ihn seitdem nicht wieder. Sie soll jedoch,
+nach seinen brieflichen Aeu&szlig;erungen, schon damals sich mit dem Gedanken
+vertraut gemacht haben, auf seinen Besitz zu verzichten.</p>
+
+<p>Goethe's Empfang im elterlichen Hause &uuml;bertraf seine Erwartungen. Erfreut,
+seinen Sohn durch die erlangte Doctorw&uuml;rde seinem k&uuml;nftigen Beruf um einen
+Schritt n&auml;her ger&uuml;ckt zu sehen, lie&szlig; Goethe's Vater den Beifall, den er der
+Dissertation gezollt, auch auf mehrere Gedichte, Aufs&auml;tze und Skizzen
+&uuml;bergehen, die Goethe w&auml;hrend seines Aufenthalts in Stra&szlig;burg entworfen
+hatte. Von seinen Leipziger Bekannten fand Goethe in Frankfurt, au&szlig;er
+seinem Landsmann und nachherigen Schwager Schlosser, auch dessen Bruder,
+einen t&uuml;chtigen Juristen, der nebenher der Poesie huldigte, und die
+Hochzeit von Goethe's Schwester Cornelia durch ein zu Frankfurt 1773 in
+Folio gedrucktes Gedicht verherrlichte.</p>
+
+<p>Wichtig und einflu&szlig;reich ward f&uuml;r Goethe die Bekanntschaft mit Merk, der
+damals als Kriegszahlmeister in Darmstadt lebte, und mit mannigfachen
+Kenntnissen und einer vielseitigen Bildung, unersch&uuml;tterliche Redlichkeit
+und einen offenen, geraden Charakter verband. Lebhaft interessirte er sich
+in mehrfacher Hinsicht f&uuml;r Goethe und dessen Talente, und v&auml;terlich warnte
+er ihn, seine Th&auml;tigkeit nicht nach den verschiedenartigsten Richtungen zu
+zersplittern. Er ermunterte ihn, seine F&auml;higkeiten und Kr&auml;fte zu
+concentriren, und tadelte ihn, wenn er eine begonnene literarische Arbeit
+wieder aufgab, und immer nur Skizzen und Fragmente lieferte. Unter solchen
+Aufmunterungen entwarf Goethe die ersten Umrisse zum &quot;Faust&quot; und &quot;G&ouml;tz von
+Berlichingen.&quot;</p>
+
+<p>Durch die Besch&auml;ftigung mit dem zuletzt genannten dramatischen Werk war
+Goethe in das f&uuml;nfzehnte und sechszehnte Jahrhundert zur&uuml;ckgef&uuml;hrt worden.
+Luthers Leben und Thaten, die in jenem Zeitraum so herrlich hervorgl&auml;nzten,
+n&auml;herten ihn wieder der heiligen Schrift und der Betrachtung religi&ouml;ser
+Gef&uuml;hle und Meinungen. Er &uuml;bte seinen Scharfsinn an dem Alten und Neuen
+Testament in exegetisch kritischen Untersuchungen. Zu einem besondern
+Studium machte er das Dogma von der Erbs&uuml;nde. Ausf&uuml;hrlich er&ouml;rterte er
+diese Lehre in einem dem Druck &uuml;bergebenen Briefe, den er unter der Maske
+eines Landgeistlichen an seinen Amtsbruder richtete. Ebenfalls angeblich
+von einem Landpfarrer in Schwaben verfa&szlig;t, war der von Goethe
+herausgegebene &quot;Versuch einer gr&uuml;ndlichen Beantwortung einiger bisher
+uner&ouml;rterten biblischen Fragen.&quot; Ueber den Inhalt der zuletzt genannten
+Schrift legte Goethe selbst in sp&auml;tern Jahren das offene Bekenntni&szlig; ab:
+&quot;Ich gerieth damals auf die wunderlichsten Einf&auml;lle. Ich glaubte gefunden
+zu haben, da&szlig; nicht unsere zehn Gebote auf den Tafeln Moses gestanden, da&szlig;
+die Israeliten keine vierzig Jahre, sondern nur kurze Zeit durch die W&uuml;ste
+gewandert w&auml;ren u.s.w. Auch das Neue Testament war vor meinen
+Untersuchungen nicht sicher. Ich verschonte es nicht mit meiner
+Sonderungslust, und glaubte auch in dieser Region allerlei Entdeckungen zu
+machen. Die Gabe der Sprachen am Pfingstfest in Glanz und Klarheit
+ertheilt, deutete ich mir auf eine etwas abstruse Weise, nicht geeignet,
+sich viele Theilnahme zu verschaffen.&quot; Die erw&auml;hnten kleinen Schriften, ein
+Verlagsartikel des Buchh&auml;ndlers Eichenberg in Frankfurt am Main, erschienen
+1773 ohne Angabe des Druckorts und Verlegers, und wurden in die neuesten
+Ausgaben von Goethe's Werken aufgenommen. Aus diesem Ideenkreise ward er
+wieder entfernt durch das wachsende Interesse an seinem Ritterschauspiel
+&quot;G&ouml;tz von Berlichingen.&quot; Manche historische Studien waren ihm dabei
+unerl&auml;&szlig;lich. Dem Werke von Datt: <span class="u">de pace publica</span> verdankte er manche
+Aufkl&auml;rung der dunkeln Zeitperiode, in der sein St&uuml;ck spielte. Seine
+Stimmung, w&auml;hrend er mit seinem dramatischen Werke besch&auml;ftigt war,
+schilderte er den 28. November 1771 in einem Briefe an seinen Freund, den
+Actuar Salzmann in Stra&szlig;burg. &quot;Sie kennen mich so gut,&quot; schrieb er, &quot;und
+dennoch wett' ich, Sie errathen nicht, warum ich nicht schreibe. Es ist
+eine Leidenschaft, eine ganz unerwartete Leidenschaft; Sie wissen, da&szlig; mich
+dergleichen in ein Cirkelchen werfen kann, da&szlig; ich Sonne, Mond und die
+lieben Sterne dar&uuml;ber vergesse. Ich kann nicht ohne das seyn, Sie wissen es
+lange, und koste es was es wolle, ich st&uuml;rze mich drein. Die&szlig;mal sind keine
+Folgen zu bef&uuml;rchten. Mein ganzer Genius liegt auf einem Unternehmen,
+wor&uuml;ber Homer und Shakspeare und Alles vergessen werden. Ich dramatisire
+die Geschichte eines der edelsten Deutschen, rette das Andenken eines
+braven Mannes, und die viele Arbeit, die mich's kostet, macht mir einen
+wahren Zeitvertreib, den ich so n&ouml;thig habe. Es ist traurig, an einem Orte
+zu leben, wo unsere ganze Wirksamkeit in sich selbst summen mu&szlig;. Ich ziehe
+mit mir selbst auf dem Felde und auf dem Papier herum. Es w&auml;re aber eine
+traurige Gesellschaft, wenn ich nicht alle St&auml;rke die ich in mir f&uuml;hle, auf
+ein Object w&uuml;rfe, und das zu packen und zu tragen suchte, so viel mir
+m&ouml;glich, und was nicht geht, das schleppe ich. Ich hoffe Sie nicht wenig zu
+vergn&uuml;gen, wenn ich Ihnen einen edlen Vorfahren, die wir leider nur von
+ihren Grabsteinen kennen, im Leben darstelle. Wie oft w&uuml;nsche ich Sie
+hierher, um Ihnen ein St&uuml;ckchen Arbeit zu lesen und Urtheil und Beifall von
+Ihnen zu h&ouml;ren. Hier ist Alles um mich herum todt. Frankfurt bieibt
+[bleibt] das Nest, <span class="u">Nidus</span>, wenn Sie wollen, wohl um V&ouml;gel auszubr&uuml;ten,
+sonst auch fig&uuml;rlich <span class="u">Spelunca</span>. Gott helfe aus diesem Elend, Amen.&quot; In
+einem sp&auml;tern Briefe an Salzmann vom 3. Februar 1772 dankte Goethe dem
+Freunde f&uuml;r den Beifall, den er den ihm mitgetheilten Proben des G&ouml;tz von
+Berlichingen zollte, und f&uuml;gte hinzu. &quot;Das Diarium meiner Umst&auml;nde ist, wie
+Sie wissen, f&uuml;r den geschwindesten Schreiber unm&ouml;glich. Inzwischen haben
+Sie aus dem Drama gesehen, da&szlig; die Intentionen meiner Seele dauernder
+werden, und ich hoffe, sie soll sich nach und nach bestimmen. Aussichten
+erweitern sich t&auml;glich, und Hindernisse r&auml;umen sich weg. Ein Tag mag bei
+dem andern in die Schule gehen; denn einmal f&uuml;r allemal, die Minorennit&auml;t
+l&auml;&szlig;t sich doch nicht &uuml;berspringen.&quot;</p>
+
+<p>So stark auch das Interesse an seinem dramatischen Werke seyn mochte, lie&szlig;
+sich doch der andere Eindruck auf Goethe's Gef&uuml;hl dadurch nicht
+beschwichtigen. Tief ergriffen hatte ihn ein Brief aus Sesenheim. Er f&uuml;hlte
+Friederikens Schmerz, ohne ihn lindern zu k&ouml;nnen. Losrei&szlig;en mu&szlig;te er sich
+von der d&uuml;stern Stimmung, die sich seiner bem&auml;chtigte und seine ganze
+Th&auml;tigkeit zu l&auml;hmen drohte. Er bedurfte der Zerstreuung. Erst in der
+freien Natur f&uuml;hlte er sich wieder wohler. Seine Freunde nannten ihn den
+Wanderer, weil er oft mehrere Tage in der Umgegend von Frankfurt
+umherstrich, und bisweilen selbst den Weg nach Darmstadt und Homburg
+einschlug. Auf diesen einsamen Wanderungen entstanden mehrere seiner
+lyrischen Poesieen, unter denen sich nur das Gedicht: &quot;Wanderers
+Sturmlied&quot;, das er, w&auml;hrend er einem furchtbaren Wetter entgegenging, vor
+sich hin recitirte, in seinen Werken erhalten hat. Bisweilen beschr&auml;nkte er
+seine Streifz&uuml;ge blos auf Frankfurt und die Vorst&auml;dte dieses Orts. Er kam
+dadurch mit den verschiedenen St&auml;nden und Volksklassen in Ber&uuml;hrung. In
+einem Briefe vom ersten Juni 1773 erz&auml;hlte Goethe, wie er r&uuml;stig Wasser
+herbeigeschleppt, um ein Nachts in der Judengasse ausgebrochenes Feuer
+l&ouml;schen zu helfen. &quot;Die wundersamsten, innigsten, mannigfachsten
+Empfindungen&quot;, schrieb er, &quot;haben mir meine M&uuml;he auf der Stelle belohnt.
+Ich habe bei dieser Gelegenheit das gemeine Volk wieder kennen gelernt und
+bin &uuml;berzeugt worden, da&szlig; es doch die besten Menschen sind.&quot;</p>
+
+<p>Durch seine scheinbar zerstreute Lebensweise ward Goethe's Th&auml;tigkeit nicht
+unterbrochen. Wenigstens entging ihm keine der neuern literarischen
+Erscheinungen in dem Gebiete der Literatur. Von dem Eindruck, den Herders
+&quot;&auml;lteste Urkunde des Menschengeschlechts&quot; auf ihn gemacht, konnte er sich
+selbst kaum Rechenschaft geben. In einem Briefe an einen Freund des
+elterlichen Hauses, an den damals in Algier lebenden d&auml;nischen Consul
+Sch&ouml;nborn, vom 8. Juni 1773, nannte er Herder's Werk &quot;ein so mystisch
+weitstrahlsinniges Ganze, eine in der F&uuml;lle verschlungener Aeste lebende
+Welt, da&szlig; weder eine Zeichnung nach verj&uuml;ngtem Ma&szlig;stabe einigen Ausdruck
+der Riesengestalt nach&auml;ffen, noch eine treue Silhouette einiger Theile
+melodisch und mit sympatethischem Klang in der Seele anschlagen k&ouml;nnte.
+Herder&quot;, f&uuml;gte er hinzu, &quot;ist in die Tiefen seiner Empfindung
+hinabgestiegen, hat darin alle die hohe heilige Kraft der simpeln Natur
+aufgew&uuml;hlt, und f&uuml;hrt sie nun in d&auml;mmerndem, wetterleuchtendem, hie und da
+morgenfreundlich l&auml;chelnden orphischem Gesange vom Aufgange herauf &uuml;ber die
+neue Welt, nachdem er vorher die Lasterbrut der neuern Geister, Deisten,
+Atheisten, Philologen, Textverbesserer, Orientalisten u. s. w. mit Feuer
+und Schwert und Fluthsturm ausgetilgt.&quot;</p>
+
+<p>Mit dieser gl&uuml;henden Begeisterung f&uuml;r Herder contrastirte ein in diesem
+Briefe enthaltener heftiger Ausfall gegen Wieland, der durch eine nicht
+sonderlich g&uuml;nstige Beurtheilung des G&ouml;tz von Berlichingen im deutschen
+Merkur Goethe's Autoreitelkeit gekr&auml;nkt hatte und dadurch in seiner fr&uuml;hern
+Achtung sehr gesunken war. Klopstock ward Goethe's Lieblingsdichter. Die
+Messiade hatte ihn schon in seiner Jugend begeistert. Sorgf&auml;ltig schrieb er
+sich aber auch die einzelnen Oden und Elegien jenes S&auml;ngers ab, und freute
+sich sehr, als die Landgr&auml;fin Caroline von Hessen-Darmstadt die erste
+Sammlung von Klopstocks Gedichten veranstaltete. Auch f&uuml;r die von diesem
+Schriftsteller damals herausgegebene &quot;Deutsche Gelehrtenrepublik&quot;
+interessirte sich Goethe lebhaft. &quot;Dies herrliche Werk&quot;, schrieb er, &quot;hat
+mir neues Leben in die Seele gegossen. Die einzige Poetik aller Zeiten und
+V&ouml;lker, die einzigen Regeln, die m&ouml;glich sind! Das hei&szlig;t Geschichte des
+Gef&uuml;hls, wie es sich nach und nach festigt und l&auml;utert, und wie mit ihm
+Ausdruck und Sprache sich bilden. Und die biedersten Aldermans-Wahrheiten
+von dem, was edel und menschlich ist am Dichter, alles das aus dem tiefsten
+Herzen, eigenster Erfahrung, mit einer bezaubernden Simplicit&auml;t
+hingeschrieben. Der unter den J&uuml;nglingen, den das Ungl&uuml;ck unter die
+Recensentenschaar gef&uuml;hrt hat, und der nun, wenn er dies Werk liest, nicht
+seine Feder wegwirft, alle Kritik und Kritelei verschw&ouml;rt, sich nicht wie
+ein Quietist zur Contemplation seiner selbst niedersetzt, aus dem wird
+nichts; denn hier flie&szlig;en die beiden Quellen bildender Empfindung lauter
+aus dem Thron der Natur.&quot;</p>
+
+<p>Eine der eigenth&uuml;mlichsten Erscheinungen in der damaligen literarischen
+Welt war Lavater. Es hie&szlig;, er werde nach Frankfurt kommen. Diesen
+merkw&uuml;rdigen Mann kennen zu lernen, war f&uuml;r Goethe von hohem Interesse. In
+einem Briefe an Sch&ouml;nborn vom 8. Juni 1773 beklagte er Lavater's &quot;Mangel an
+selbstst&auml;ndigem Gef&uuml;hl,&quot; und entwarf von ihm eine Art von Charakteristik in
+den Worten: &quot;Die beste Seele wird von dem Menschenschicksal so innig
+gepeinigt, weil ein kranker K&ouml;rper und ein schweifender Geist ihm die
+collective Kraft entzogen und so der besten Freude des Wohnens in sich
+selbst, beraubt hat. Es ist unglaublich, wie schwach er ist, und wie man
+ihm, der doch den sch&ouml;nsten, schlichtesten Menschenverstand hat, sogleich
+R&auml;thsel und Mysterien spricht, wenn man aus dem in sich und durch sich
+lebenden und wirkenden Herzen redet.&quot;</p>
+
+<p>Sein Urtheil &uuml;ber Lavater &auml;nderte Goethe, als er ihn bald nachher
+pers&ouml;nlich kennen lernte. &quot;Er war&quot;, schrieb er den 4. Juli 1773, &quot;vier Tage
+bei uns, und ich habe wieder gelernt, da&szlig; man &uuml;ber Niemand reden soll, wenn
+man ihn noch nicht gesehen hat. Wie ganz anders ward doch Alles! Lavater
+sagt so oft, da&szlig; er schwach sei, und ich habe noch Niemand gekannt, der
+sch&ouml;nere St&auml;rken gehabt h&auml;tte, als er. In seinem Element ist er unerm&uuml;det
+th&auml;tig, fertig, entschlossen, und eine Seele voll der herrlichste Liebe und
+Unschuld. Ich habe ihn nie f&uuml;r einen Schw&auml;rmer gehalten, und er hat noch
+weniger Einbildungskraft, als ich mir vorstellte. Aber weil seine
+Empfindungen ihm die wahrsten, so sehr verkannten Verh&auml;ltnisse der Natur in
+seine Seele pr&auml;gen, er daher jede Terminologie wegwirft, aus vollem Herzen
+spricht und handelt, und seine Zuh&ouml;rer in eine fremde Welt zu versetzen
+scheint, indem er sie in die ihnen unbekannten Winkel ihres eignen Herzens
+f&uuml;hrt,&mdash;kann er dem Vorwurf eines Phantasten nicht entgehen.&mdash;Seine
+Physiognomik giebt ein weitl&auml;ufiges Werk mit vielen Kupfern. Es wird gro&szlig;e
+Beitr&auml;ge zur bildenden Kunst enthalten, und dem Historien- und
+Portraitmaler unentbehrlich seyn.&quot;</p>
+
+<p>W&auml;hrend Goethe die deutsche Literatur und ihre Vertreter mit scharfem Blick
+beobachtete, ruhte nicht seine eigene literarische Th&auml;tigkeit. Einige
+Auskunft &uuml;ber mehrere schriftstellerische Arbeiten gab er in einem Briefe
+an Sch&ouml;nborn vom 1. Juni 1773. &quot;Allerlei Neues,&quot; schrieb er, &quot;hab' ich
+gemacht. Eine Geschichte des Titels: Die Leiden des jungen Werthers, darin
+ich einen jungen Menschen darstelle, der mit einer tiefen reinen Empfindung
+und wahrer Penetration begabt, sich in schw&auml;rmende Tr&auml;ume verliert, sich
+durch Speculation untergr&auml;bt, bis er zuletzt durch dazu tretende
+Leidenschaften, besonders eine endlose Liebe zerr&uuml;ttet, sich eine Kugel vor
+den Kopf schie&szlig;t. Dann hab' ich ein Trauerspiel gearbeitet: Clavigo, eine
+moderne Anecdote dramatisirt, mit m&ouml;glichster Simplicit&auml;t und
+Herzenswahrheit. Mein Held ist ein unbestimmter, halb gro&szlig;, halb kleiner
+Mensch, der Pendant zum Weislinger im G&ouml;tz, vielmehr Weislinger selbst in
+der ganzen Rundung einer Hauptperson. Auch finden sich hier Scenen, die ich
+im G&ouml;tz, um das Hauptinteresse nicht zu schw&auml;chen, nur andeuten konnte.
+Noch einige Pl&auml;ne zu gro&szlig;en Dramen hab' ich gefunden und in meinem Herzen.&quot;</p>
+
+<p>In diesem Briefe gestand Goethe, da&szlig; er &quot;zwar nicht aus Frankfurt gekommen,
+doch ein so verworrenes Leben gef&uuml;hrt habe, da&szlig; es ihm an neuen
+Empfindungen und Ideen nie gemangelt.&quot; Der Zeitpunkt war inde&szlig; nahe, wo er,
+nach seines Vaters Wunsch, Frankfurt wieder verlassen, und sich nach
+Wetzlar begeben sollte, um sich in dem dortigen Reichskammergericht in der
+juridischen Praxis zu &uuml;ben. Dieser Ortswechsel hatte wenig Lockendes f&uuml;r
+ihn. Er f&uuml;rchtete, da&szlig; in Wetzlar, au&szlig;er dem Civil- und Staatsrecht, ihm
+nichts Wissenschaftliches entgegen treten, und da&szlig; besonders seine Liebe
+zur Poesie dort wenig Nahrung finden m&ouml;chte. In letzterer Hinsicht sorgte
+das Schicksal f&uuml;r ihn, indem es ihm in Wetzlar zur Bekanntschaft Gotter's
+verhalf. Die entschiedene Vorliebe dieses Dichters f&uuml;r die franz&ouml;sischen
+Dramatiker konnte Goethe zwar nicht theilen. Gleichwohl fand zwischen ihm
+und Gotter ein lebhafter Ideenaustausch statt. Durch seinen neuen Freund
+ward Goethe zu mehreren lyrischen Gedichten angeregt, die zum Theil, wie
+unter andern das treffliche Gedicht: &quot;der Wanderer,&quot; in dem G&ouml;ttinger
+Musenalmanach aufgenommen wurden. Dadurch kam Goethe in n&auml;here Ber&uuml;hrung
+mit dem G&ouml;ttinger Dichterbunde, zu welchem die Grafen Stolberg, Vo&szlig;,
+B&uuml;rger, H&ouml;lty u.A. geh&ouml;rten. Die hohe Verehrung, welche die genannten
+Dichter Klopstock zollten, konnte Goethe nicht in gleichem Ma&szlig;e theilen.
+Seine fr&uuml;here Begeisterung f&uuml;r den S&auml;nger des Messias hatte eine Grenze
+gefunden, seit Klopstock in seinen Oden, statt der griechischen Mythologie,
+die Nomenclatur der nordischen G&ouml;tterlehre eingef&uuml;hrt hatte.</p>
+
+<p>Unter seinen mannigfachen poetischen Besch&auml;ftigungen, besonders einem
+eifrigen Studium des Homer, ward Goethe durch t&auml;glich wiederkehrende
+Gespr&auml;che &uuml;ber den Zustand des Visitationsgerichts und &uuml;ber so manche dabei
+obwaltende Hindernisse und M&auml;ngel auf unangenehme Weise daran erinnert, da&szlig;
+er sich in Wetzlar befand. Das kleinliche Detail von Nachl&auml;ssigkeiten,
+Vers&auml;umnissen, Ungerechtigkeiten, Bestechungen u.s.w. erm&uuml;dete ihn.
+Zerstreut durch &ouml;ffentliche Amtsgesch&auml;fte, wollte ihm keine &auml;sthetische
+Arbeit gelingen. Erw&uuml;nscht kam ihm die durch Merk in Darmstadt an ihn
+ergangene Aufforderung zu Beitr&auml;gen f&uuml;r die Frankfurter gelehrten Anzeigen.
+Goethe's Schwager, Schlosser, war der Herausgeber jenes Blattes. Die von
+Goethe f&uuml;r die Frankfurter gelehrten Anzeigen gelieferten Recensionen waren
+gro&szlig;entheils Nachkl&auml;nge seiner akademischen Jahre. Ueberall zeigte sich
+darin die frisch hervorbrechende Naturkraft des Dichters, die allem
+trocknen Theorieenwesen abhold, sich in jeder Weise Luft zu machen suchte.
+Heftig bek&auml;mpfte er alles Falsche, Schiefe und Unnat&uuml;rliche in jenen
+Recensionen, die kaum eine Spur enthielten von der in sp&auml;tern Jahren ihm
+eignen Ruhe und Besonnenheit.</p>
+
+<p>Willkommene Zerstreuung fand er auf einer Rheinreise, zu der ihn Merk in
+Darmstadt aufgefordert hatte. In Coblenz lernte er Wielands Jugendfreundin
+Sophie la Roche, und au&szlig;er ihr besonders den durch seine anziehende
+Unterhaltungsgabe bekannten Schriftsteller Leuchsenring kennen, dessen
+Charakter Goethe sp&auml;ter mit vielem Humor in seinem Fastnachtsspiel &quot;Pater
+Brey&quot; schilderte. Manche Ausfl&uuml;ge unternahm Goethe in die Umgegend, unter
+andern nach Ehrenbreitstein.</p>
+
+<p>Seine schriftstellerische Th&auml;tigkeit hatte eine Zeit lang geruht. Erst als
+er Wetzlar verlassen und wieder nach Frankfurt zur&uuml;ckgekehrt war,
+gestaltete sich der Stoff zum &quot;G&ouml;tz von Berlichingen&quot;, den er lange mit
+sich herumgetragen, zu einem eigentlichen Ganzen. Dies Sujet hatte sich vor
+seiner Einbildungskraft so weit ausgedehnt, da&szlig; es die Grenzen der
+dramatischen Form v&ouml;llig zu &uuml;berschreiten drohte. Seine Schwester Cornelia
+konnte die Vollendung des Werks kaum erwarten. Sie &auml;u&szlig;erte oft ihre Zweifel
+an Goethe's Beharrlichkeit. Wie er in sp&auml;tern Jahren erz&auml;hlte, war er mit
+seiner Arbeit in sechs Wochen fertig. Weder Merk's, noch Herder's Urtheil,
+denen er sein Manuscript mittheilte, befriedigte ihn. Wie er selbst &uuml;ber
+sein dramatisches Product dachte, schilderte Goethe in sp&auml;tern Jahren. Mit
+den ersten Acten seines Schauspiels war er im Allgemeinen zufrieden; in den
+folgenden aber, besonders gegen das Ende, habe ihn, meinte er, eine
+wunderbare Leidenschaft unbewu&szlig;t hingerissen.</p>
+
+<p>&quot;Ich hatte,&quot; gestand Goethe, &quot;indem ich mich bem&uuml;hte, Adelheid
+liebensw&uuml;rdig zu schildern, mich selbst in sie verliebt. Unwillk&uuml;rlich war
+meine Feder nur ihr gewidmet. Das Interesse an ihrem Schicksal nahm
+&uuml;berhand, und wie ohnehin gegen das Ende des St&uuml;cks G&ouml;tz au&szlig;er aller
+Th&auml;tigkeit gesetzt, nur zu einer ungl&uuml;cklichen Theilnahme am Bauernkriege
+zur&uuml;ckkehrte, so war nichts nat&uuml;rlicher, als da&szlig; eine reizende Frau ihn bei
+mir ausstach. Diesen Mangel, oder vielmehr diesen tadelhaften Ueberflu&szlig;
+erkannt' ich bald. Ich suchte daher meinem Werke immer mehr historischen
+und nationalen Gehalt zu geben, und das, was daran fabelhaft oder blos
+leidenschaftlich war, auszul&ouml;schen, wobei ich freilich manches aufopferte.
+So hatte ich mir z. B. etwas Rechtes zu Gute gethan, indem ich in einer
+grausen n&auml;chtlichen Zigeunerscene Adelheid auftreten, und ihre sch&ouml;ne
+Gegenwart Wunder thun lie&szlig;. Eine n&auml;here Pr&uuml;fung verbannte diese Scene, so
+wie auch der im vierten und f&uuml;nften Act umst&auml;ndlich ausgef&uuml;hrte
+Liebeshandel zwischen Franz und seiner gn&auml;digen Frau sich in's Enge zog,
+und nur in seinen Hauptmomenten hervorleuchtete.&quot;</p>
+
+<p>Goethe entschlo&szlig; sich zu einer Umarbeitung seines Schauspiels, die er in
+einigen Wochen vollendete. In seinen gesammelten Werken findet man auch den
+&quot;G&ouml;tz von Berlichingen&quot; in seiner urspr&uuml;nglichen Gestalt und eine sp&auml;tere
+Theaterbearbeitung jenes Schauspiels vom Jahr 1804. Niemand war jedoch
+unzufriedener mit dieser Umformung seines St&uuml;cks, als Merk. Er drang auf
+die Herausgabe des Schauspiels, und erbot sich, als Goethe, wie schon
+fr&uuml;her bei den &quot;Mitschuldigen,&quot; keinen Verleger finden konnte, die
+Druckkosten zu &uuml;bernehmen, wenn Goethe f&uuml;r die Anschaffung des Papiers
+sorgen wollte. So ward der &quot;G&ouml;tz von Berlichingen&quot; 1773 zu Hamburg gedruckt
+und bereits im n&auml;chsten Jahre neu aufgelegt in der Vaterstadt des Dichters,
+der sich, nach seinem eignen Gest&auml;ndnisse aus sp&auml;terer Zeit, &quot;bei sehr
+ersch&ouml;pfter Casse in gro&szlig;er Verlegenheit befand, wie er das Papier bezahlen
+sollte, auf welchem er die Welt mit seinem Talent bekannt gemacht hatte.&quot;</p>
+
+<p>Der Stoff, den Goethe gew&auml;hlt, war zu einer weit verbreiteten Wirkung
+geeignet. Indem er seinem eignen Freiheitsgef&uuml;hl Luft machte, hatte er den
+deutschen Patriotismus gen&auml;hrt, der durch Klopstocks &quot;Hermannsschlacht&quot; und
+die Bardenlieder geweckt worden war. Der Antheil des Publikums an jener
+&quot;wilden dramatischen Skizze,&quot; wie Goethe sein Schauspiel in sp&auml;tern Jahren
+nannte, war um so gr&ouml;&szlig;er, je edler und einnehmender die poetische Gestalt
+des historischen G&ouml;tz von ihm gezeichnet worden war, der in einer wilden,
+gesetzlosen Zeit kein Bedenken trug, zur Selbsth&uuml;lfe zu greifen. Unter dem
+Lobe, das dem Dichter sowohl der Schilderung der einzelnen Charaktere, als
+auch des Styls wegen gespendet ward, traf ihn auch mancher bittere Tadel,
+besonders der Vorwurf, das Faustrecht mit zu gl&auml;nzenden Farben geschildert,
+und der gesetzlosen Willk&uuml;hr dadurch das Wort geredet zu haben. Goethe
+schien sich um die &uuml;ber sein dramatisches Product gef&auml;llten Urtheile wenig
+zu k&uuml;mmern. Belustigend aber war f&uuml;r ihn die Idee eines Buchh&auml;ndlers, der
+ihn aufforderte, ein Dutzend solcher St&uuml;cke zu schreiben, und sie gut zu
+honoriren versprach.</p>
+
+<p>Mit Goethe's mannigfachen poetischen Entw&uuml;rfen harmonirten nicht die v&ouml;llig
+heterogenen Gesch&auml;fte, denen er sich in Wetzlar widmen mu&szlig;te. Die kalte
+Wirklichkeit, die seine Ideale zerst&ouml;rte, erzeugte in ihm einen tiefen
+Unmuth und beinahe v&ouml;lligen Lebens&uuml;berdru&szlig;, der noch verst&auml;rkt ward durch
+die leidenschaftliche Neigung zu einem ihm versagten Gegenstande. Durch den
+vertrauten Umgang mit Charlotte Buff, der Tochter eines Amtmanns in
+Wetzlar, die mit dem dort sich aufhaltenden Bremischen
+Gesandschaftssecret&auml;r Kestner verlobt war, suchte Goethe die Leere
+auszuf&uuml;llen, die das aufgel&ouml;ste Verh&auml;ltni&szlig; mit der Pfarrerstochter in
+Sesenheim in seinem Herzen zur&uuml;ckgelassen hatte. Oft allein mit dem
+Gegenstande seiner Neigung, im Garten und auf einsamen Spazierg&auml;ngen,
+f&uuml;hlte er das Verderbliche seiner wachsenden Leidenschaft. Das Leben ward
+ihm gleichg&uuml;ltig, da seine hochfliegende Phantasie &uuml;berall an die Schranken
+einer b&uuml;rgerlichen Existenz im gew&ouml;hnlichsten Sinne des Worts stie&szlig;, die
+ihm keinen heitern Blick in die Zukunft gew&auml;hrte. In seiner unmuthigen
+Stimmung kam ihm sogar einige Mal der Gedanke, sich selbst das Leben zu
+nehmen. Um so ersch&uuml;tternder wirkte auf ihn der Selbstmord eines seiner
+Bekannten. Es war Karl Wilhelm Jerusalem, ein Sohn des bekannten
+Braunschweiger Theologen. Gepeinigt von einer unbefriedigten Leidenschaft
+zu eben dem Gegenstande, welchem Goethe nicht ohne harten Kampf entsagt,
+hatte jener ungl&uuml;ckliche junge Mann sein Leben durch eine Kugel geendet.</p>
+
+<p>Tief ergriffen von der genauen Schilderung jenes tragischen Ereignisses,
+unternahm es Goethe, in seinem &quot;Werther&quot; den qualvollen Zustand zu
+schildern, den er aus eigner Erfahrung kannte. Was er selbst empfunden,
+setzte sein Gem&uuml;th in eine leidenschaftliche Bewegung, und so geschah es,
+da&szlig; er seinem Roman das Feuer und die Gluth einhauchte, die keinen
+Unterschied zul&auml;&szlig;t zwischen der Dichtung und der Wirklichkeit. Nach
+Goethe's eignem Gest&auml;ndni&szlig; in sp&auml;terer Zeit schrieb er, jede &auml;u&szlig;ere St&ouml;rung
+so viel als m&ouml;glich vermeidend, den &quot;Werther&quot; in vier Wochen, ohne zuvor
+einen eigentlichen Plan entworfen oder einzelne Theile seines Romans
+ausgef&uuml;hrt zu haben. Er ward beinahe verg&ouml;ttert wegen seines Werks, fand
+aber auf der andern Seite auch zahlreiche Gegner, besonders als das
+ungl&uuml;ckliche Ende seines schw&auml;rmerischen Helden manche zu gleicher That
+reizte.</p>
+
+<p>Dem vielfachen Unheil, da&szlig; man jenem Roman mit und ohne Grund beima&szlig;, w&auml;re
+zuf&auml;lliger Weise beinahe vorgebeugt worden, wenn Goethe, verstimmt durch
+die Gleichg&uuml;ltigkeit Merk's bei der Mittheilung seines Romans, den
+Entschlu&szlig; ausgef&uuml;hrt h&auml;tte, ihn sofort zu verbrennen. Mit dem Buchh&auml;ndler
+Weygand in Leipzig war Goethe &uuml;ber den Verlag seines Romans einig geworden.
+Gerade an dem Hochzeitstage seiner Schwester Cornelia kam der Brief
+Weygands an, der ihn aufforderte, das Manuscript nach Leipzig zu senden.
+Der &quot;Werther&quot; erschien 1774, und bereits im n&auml;chsten Jahre eine neue
+Ausgabe mit einigen Zus&auml;tzen und mit einigen sp&auml;terhin weggelassenen Versen
+auf dem Titelblatte der beiden Theile des Romans.</p>
+
+<p>Goethe war, als er sein Werk vollendet, wieder heiterer geworden. Er hatte
+sich, nach seinem eignen Gest&auml;ndni&szlig; in sp&auml;tern Jahren, &quot;aus einem
+st&uuml;rmischen Element gerettet auf dem er durch eigene und fremde Schuld,
+durch zuf&auml;llige und gew&auml;hlte Lebensweise, durch Vorsatz und Uebereilung
+umhergetrieben worden war.&quot;</p>
+
+<p>In Bezug auf die zahllosen Nachahmungen, Kritiken und Parodien seines Werks
+&auml;u&szlig;erte er sich unmuthig in einem Briefe vom 6. M&auml;rz 1775 mit den Worten:
+&quot;Ich bin des Ausgrabens und Secirens meines Werther herzlich satt. Der Eine
+schilt, der Andere lobt, der Dritte sagt, es gehe doch noch an, und so
+hetzt mich Einer wie der Andere. Nimmt mir's doch,&quot; f&uuml;gte er hinzu, &quot;nichts
+von meinem Ganzen, r&uuml;hrt's und r&uuml;ckt mich's doch nicht in meinen Arbeiten,
+die immer nur die aufbewahrten Freuden und Leiden meines Lebens sind.&quot; An
+einer von dem Berliner Buchh&auml;ndler Friedrich Nicolai herausgegebenen
+Schrift, &quot;die Freuden des jungen Werther&quot; betitelt, r&auml;chte sich Goethe
+durch ein satyrisches Gedicht: &quot;Nicolai an Werthers Grabe&quot; und durch einen
+in Prosa geschriebenen Dialog zwischen Lotte und Werther. Beide Producte
+blieben ungedruckt.</p>
+
+<p>Den mannigfachen Fragen, die &uuml;ber das Leben und den Charakter des
+ungl&uuml;cklichen J&uuml;nglings, den er in seinem Roman geschildert, an ihn
+gerichtet wurden, suchte Goethevergebens auszuweichen. Die Neugier des
+Publikums befriedigte einigerma&szlig;en der unbekannte Verfasser einer damals
+(1775) erschienenen Schrift: &quot;Berichtigung der Geschichte des jungen
+Werthers.&quot; Ungeachtet der ihm l&auml;stigen Zudringlichkeit f&uuml;hlte sich Goethe
+doch als Autor geschmeichelt, da&szlig; mehrere talentvolle junge M&auml;nner seine
+Bekanntschaft suchten oder den Umgang mit ihm erneuerten. Am innigsten
+schlo&szlig; sich, als er wieder nach Frankfurt zur&uuml;ckgekehrt war, der Dichter
+Lenz an ihn an, den er schon, wie fr&uuml;her erw&auml;hnt, in Stra&szlig;burg kennen
+gelernt hatte. Er zeigte ihm mehrere seiner dramatischen Produkte, den
+&quot;Hofmeister,&quot; den &quot;neuen Mendoza&quot; u.a.m. Auch Wagner, der als Doctor der
+Rechte und Advokat in Frankfurt, gleichfalls der Poesie huldigte, kam dem
+Verfasser des G&ouml;tz und Werther mit treuherziger Offenheit entgegen. Er
+t&auml;uschte jedoch Goethe's Vertrauen, der ihm mehrere seiner dramatischen
+Pl&auml;ne mitgetheilt hatte. Gretchens Katastrophe im Faust benutzte Wagner
+unter andern f&uuml;r ein von ihm geschriebenes Trauerspiel, &quot;die
+Kindesm&ouml;rderin&quot; betitelt. Reiner und inniger war das Verh&auml;ltni&szlig; Goethe's zu
+seinem Landsmann, dem Dichter Klinger.</p>
+
+<p>Mit Lavater hatte Goethe schon l&auml;ngere Zeit in Briefwechsel gestanden, und
+ihm, au&szlig;er mehreren literarischen Entw&uuml;rfen, den &quot;Werther&quot; im Manuscript
+mitgetheilt. Den 20. August 1774 schrieb er an Lavater: &quot;Du wirst gro&szlig;en
+Antheil nehmen an den Leiden des lieben Jungen, den ich darstelle. Wir
+gingen neben einander, an die sechs Jahre, ohne uns zu n&auml;hern; und nun hab'
+ich seiner Geschichte meine Empfindungen geliehen, und so macht's ein
+wunderliches Ganze.&quot; In Bezug auf seine Th&auml;tigkeit bemerkte er in diesem
+Briefe: &quot;Ich bin nicht la&szlig;; so lange ich auf der Erde bin, erobere ich
+gewi&szlig; meinen Schritt Landes t&auml;glich.&quot; Ueber seine Besch&auml;ftigungen ertheilte
+er einige Auskunft in einem sp&auml;tern Schreiben vom 18. October 1774. &quot;Meine
+Arbeit,&quot; &auml;u&szlig;erte er, &quot;hat bisher in Portraits im Gro&szlig;en und in kleinen
+Liebesliedern bestanden. Ich habe seit drei Tagen mit dem mir m&ouml;glichsten
+Flei&szlig;e gearbeitet, und bin noch nicht fertig. Es ist gut, da&szlig; man einmal
+Alles thue, was man thun kann.&quot; Lavaters Vorw&uuml;rfe &uuml;ber die Zersplitterung
+seiner Zeit und Kr&auml;fte fertigte Goethe mit den Worten ab: &quot;Was neckst Du
+mich wegen meiner Am&uuml;sements? Ich wollte, ich h&auml;tte eine h&ouml;here Bestimmung,
+so wollte ich weder meine Handlungen Am&uuml;sements nennen, noch mich, statt zu
+handeln, am&uuml;siren.&quot;</p>
+
+<p>Eine fortw&auml;hrende Anregung gab dem Briefwechsel Goethe's mit Lavater, au&szlig;er
+den Artikeln, die jener f&uuml;r dessen Physiognomik lieferte, besonders
+Lavaters Lieblingsthema, der Streit zwischen Wissen und Glauben. Ein Brief
+Goethe's, vom 24. November 1774, an Lavater und dessen Freund, den Diakonus
+Pfenninger in Z&uuml;rich zugleich gerichtet, enthielt in dieser Hinsicht einige
+charakteristische Bemerkungen. Mit Herzlichkeit und in dem vertraulichen
+Tone schrieb Goethe: &quot;Glaube mir, lieber Bruder, es wird die Zeit kommen,
+da wir uns verstehen werden. Du redest mit mir, wie mit einem Ungl&auml;ubigen,
+der begreifen will, der bewiesen haben will, der nicht erfahren hat; und
+von alle dem ist gerade das Gegentheil in meinem Herzen.&mdash;Bin ich nicht
+resignirter im Begreifen und Beweisen, als ihr? Ich bin vielleicht ein
+Thor, da&szlig; ich euch nicht den Gefallen thue, mich mit euren Worten
+auszudr&uuml;cken, und da&szlig; ich nicht einmal durch eine reine
+Experimental-Psychologie meines Innern euch
+darlege, da&szlig; ich ein Mensch bin, daher nicht
+anders sentiren kann, als andere Menschen, und da&szlig; Alles, was unter uns
+Widerspruch scheint, nur Wortstreit ist, der daraus entsteht, weil ich die
+Sachen unter andern Combinationen sentire, und darum, ihre Relativit&auml;t
+ausdr&uuml;ckend, sie anders benennen mu&szlig;, welches aller Controversen Quelle
+ewig war und ewig bleiben wird.&mdash;Und da&szlig; du mich ewig mit Zeugnissen qu&auml;len
+willst! Wozu das? Brauch ich Zeugni&szlig;, da&szlig; ich bin? Zeugni&szlig;, da&szlig; ich f&uuml;hle?
+Nur so sch&auml;tze, liebe, bete ich die Zeugnisse an, die mir darlegen, wie
+Tausend oder Einer vor mir eben das gef&uuml;hlt haben, was mich kr&auml;ftigt und
+st&auml;rkt. Und so ist das Wort der Menschen mir Wort Gottes, m&ouml;gen's Pfaffen
+oder Huren gesammelt, und es zum Kanon gerollt oder als Fragmente
+hingestreut haben. Und mit inniger Seele fall' ich dem Bruder um den Hals&mdash;
+Moses! Prophet! Evangelist! Apostel! Spinoza oder Macchiavell! Darf aber
+auch zu Jedem sagen: Lieber Freund, geht dir's doch wie mir. Im Einzelnen
+sentirst Du kr&auml;ftig und herrlich; das Ganze aber ging in deinen Kopf so
+wenig, als in den meinigen.&quot;</p>
+
+<p>Der briefliche Ideenaustausch Goethe's mit Lavater verwandelte sich, als
+dieser 1774 wieder nach Frankfurt kam, in m&uuml;ndliche Ueberlieferung. Das
+Phantastische in Lavaters Natur verkannte Goethe nicht, aber er fand es,
+wie er in einem fr&uuml;her erw&auml;hnten Briefe sich ausgedr&uuml;ckt hatte, &quot;mit dem
+sch&ouml;nsten, schlichtesten Menschenverstande gepaart.&quot; Ihn fesselte damals
+jede Natur, mochte sie auch von der seinigen noch so verschieden seyn. Nach
+Ems, wohin sich Lavater begab, begleitete ihn Goethe. Kaum wieder nach
+Frankfurt zur&uuml;ckgekehrt, traf er dort mit Basedow zusammen, der damals in
+der P&auml;dagogik ein helleres Licht angez&uuml;ndet hatte, doch in allerlei
+seltsamen religi&ouml;sen Ansichten befangen war, die er aufs Lebhafteste
+vertheidigte. Durch das Cynische in seinem Aeu&szlig;ern und ganzen Wesen f&uuml;hlte
+sich Goethe zur&uuml;ckgesto&szlig;en, besonders durch den Geruch des schlechten
+Tabaks, den Basedow auf der Reise nach Ems, wohin ihn Goethe begleitete,
+fortw&auml;hrend in die Luft blies. In mehrfacher Weise st&ouml;rte Basedow die
+gesellige Unterhaltung in dem Hause der Frau v. Stein zu Nassau. Als Goethe
+mit Lavater und Basedow wieder nach Frankfurt zur&uuml;ckkehrte, und, wie er in
+einem noch erhaltenen Gedicht sagt: &quot;als das Weltkind zwischen zwei
+Propheten sa&szlig;,&quot; benutzte er Basedows entschiedene Abneigung gegen die
+Trinitatslehre zu einer lustigen Rache. Er hie&szlig; den Kutscher schnell
+vor&uuml;berfahren bei einem Wirthshause, in welchem Basedow seinen brennenden
+Durst stillen wollte. Indem Goethe auf das mit zwei verschr&auml;nkten Triangeln
+versehene Gasthofsschild hinwie&szlig;, &auml;u&szlig;erte er schalkhaft, da&szlig; Basedow, der
+schon &uuml;ber Einen Triangel au&szlig;er Fassung gerathe, bei diesem Anblick
+geradezu verr&uuml;ckt h&auml;tte werden m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Unbefriedigt und verletzt durch die ungleichartigen Naturen Lavaters und
+Basedows, schlo&szlig; sich Goethe mit gr&ouml;&szlig;erer Innigkeit den Gebr&uuml;dern Jacobi
+an, die er in C&ouml;ln kennen gelernt hatte. Der Dichter I.G. Jacobi verzieh
+ihm den Spott, den er sich &uuml;ber seine mit Gleim gewechselten Briefe und
+Gedichte, die damals im Druck erschienen waren, erlaubt hatte. Das offene
+Vertrauen, mit welchem ihm besonders F.H. Jacobi entgegenkam, gewann
+Goethe's Herz. Aber auch sein Geist fand Befriedigung in mannigfachen
+philosophischen Gespr&auml;chen, besonders &uuml;ber das System und die Lehre
+Spinoza's. Im wechselseitigen Austausch ihrer Ideen f&uuml;hlten sich die
+Freunde sehr gl&uuml;cklich. Jacobi schrieb damals, den 27. August 1774, an
+Wieland: &quot;Was Goethe und ich einander seyn sollten, seyn mu&szlig;ten, war,
+sobald wir vom Himmel herunter neben einander gefallen waren, sogleich
+entschieden. Jeder glaubte von dem Andern mehr zu empfangen, als er ihm
+geben konnte; Mangel und Reichthum auf beiden Seiten umarmten einander; so
+ward die Liebe unter uns.&quot;</p>
+
+<p>In der Gem&auml;ldegallerie zu D&uuml;sseldorf, wohin Goethe mit den Gebr&uuml;dern Jacobi
+gereist war, fand sein Kunstsinn volle Befriedigung. Mit einem seiner
+Stra&szlig;burger Bekannten, mit Jung-Stilling, traf Goethe in Elberfeld
+zusammen. Heinse, der Verfasser des Ardinghello, den er dort kennen lernte,
+bewunderte, nach einer brieflichen Aeu&szlig;erung, an dem damals f&uuml;nf und
+zwanzigj&auml;hrigen Goethe &quot;das Genie, vom Wirbel bis zur Zehe, den Geist mit
+Adlersfl&uuml;geln.&quot;</p>
+
+<p>Nach den verschiedenartigsten Richtungen verlor sich, als er wieder nach
+Frankfurt zur&uuml;ckgekehrt war, Goethe's literarische Th&auml;tigkeit. Er &auml;u&szlig;erte
+sich dar&uuml;ber in einem damaligen Briefe: &quot;Geschrieben hab' ich allerlei,
+gewisserma&szlig;en wenig, im Grunde nichts. Wir sch&ouml;pfen den Schaum von dem
+gro&szlig;en Strom der Menschheit mit unsern Kielen, und bilden uns ein,
+wenigstens schwimmende Inseln gefangen zu haben.&quot; So bezeichnete Goethe
+seine mannigfachen literarischen Entw&uuml;rfe, von denen fast keiner ausgef&uuml;hrt
+ward. L&auml;ngere Zeit besch&auml;ftigte ihn die Idee, das Leben Mahomet's
+dramatisch zu behandeln. Mehrere Scenen wurden theils skizzirt, theils
+vollendet. Erhalten hat sich jedoch von jenem St&uuml;ck nichts weiter, als das
+in Goethe's Werken aufbewahrte Gedicht: &quot;Mahomet's Gesang.&quot; Die bekannte
+Geschichte von dem ewigen Juden, die sich ihm schon fr&uuml;h durch die
+Volksb&uuml;cher eingepr&auml;gt hatte, wollte er zu einem Epos benutzen. Auch die
+Fabel vom Prometheus hielt er f&uuml;r eine dramatische Bearbeitung geeigenet,
+von der sich jedoch nichts weiter erhalten hat, als das in Goethe's Werken
+aufbewahrte Gedicht &quot;Prometheus.&quot; Vollendet ward von Goethe um diese Zeit
+(1774) nur das Trauerspiel &quot;Clavigo&quot;, wozu ihm die von Beaumarchais
+geschriebenen Memoiren die n&auml;chste Veranlassung gegeben hatten.
+Gleichzeitig ver&ouml;ffentlichte Goethe aber auch unter dem Titel einer Far&ccedil;e
+seine dramatische Dichtung: &quot;G&ouml;tter, Helden und Wieland.&quot; In den
+Anmerkungen zu seiner Uebersetzung Shakspeare's hatte Wieland den gro&szlig;en
+Britten scharf getadelt. Durch diesen Tadel und die zu moderne Behandlung
+der griechischen G&ouml;tter in dem von Wieland geschriebenen Singspiel
+&quot;Alceste&quot; gereizt und aufgeregt, schrieb Goethe jenes satyrische Product,
+das seinen bisherigen Verh&auml;ltnissen unvermuthet eine ganz andere und f&uuml;r
+sein sp&auml;teres Leben einflu&szlig;reiche Wendung gab.</p>
+
+<p>Durch jene Posse hatte Goethe die Aufmerksamkeit eines jungen F&uuml;rsten
+erregt, der sich f&uuml;r den Verfasser des G&ouml;tz und Werther bereits lebhaft
+interessirt hatte. Es war der damalige Erbprinz und nachheriger Gro&szlig;herzog
+Carl August von Sachsen-Weimar, der begleitet von seinem j&uuml;ngern Bruder,
+dem Prinzen Constantin und dessen Erzieher v. Knebel, auf einer damalichen
+Reise Frankfurt ber&uuml;hrte. Goethe ward den beiden F&uuml;rsten auf deren Wunsch,
+vorgestellt und bald nachher, im November 1775, als geheimer Legationsrath
+nach Weimar gerufen, wo er im damaligen geheimen Consilium Sitz und Stimme
+erhielt. Sein neues Verh&auml;ltni&szlig; schilderte er in einem Briefe an Lavater vom
+21. December 1775 mit den Worten: &quot;Ich bin hier in Weimar wie unter den
+Meinigen. Der Herzog wird mir immer werther, und ich ihm immer
+verbundener.&quot; In einem sp&auml;tern Briefe vom 22. Januar 1778 meldete Goethe
+seinem Freunde Merk: &quot;Ich bin nun ganz in alle Hof- und politische H&auml;ndel
+verwickelt. Meine Lage ist vorteilhaft genug, und die Herzogth&uuml;mer Weimar
+und Eisenach sind immer ein Schauplatz, um zu versuchen, wie einem die
+Weltrolle zu Gesichte steht.&quot;</p>
+
+<p>Mit vielem Humor charakterisirte Goethe seinen heterogenen Gesch&auml;ftskreis
+in einem Briefe an Merk vom 5. August 1778. &quot;Im Innern&quot;, schrieb er, &quot;geht
+mir alles nach Wunsch. Das Element, in dem ich schwebe, hat alle
+Aehnlichkeit mit dem Wasser; es zieht Jeden an, und doch versagt dem, der
+auch nur bis an die Brust hineinspringt, im Anfange der Athem. Mu&szlig; er nun
+gar gleich tauchen, so verschwinden ihm Himmel und Erde. H&auml;lt man's dann
+eine Weile aus, und kriegt das Gef&uuml;hl, das einem das Element tr&auml;gt, und da&szlig;
+man doch nicht untersinkt, wenn man gleich nur mit der Nase hervor guckt,
+nun so findet sich im Menschen auch Glied und Geschick zum Froschwesen, und
+man lernt mit wenig Bewegung viel thun.&quot;</p>
+
+<p>Dieser Brief Goethe's enthielt auch eine Schilderung seiner durch ein
+bekanntes Gedicht verewigten Harzreise. &quot;Letzten Winter&quot;, schrieb er, &quot;hat
+mir eine Reise auf den Harz das reinste Vergn&uuml;gen gegeben. Du wei&szlig;t, so
+sehr ich's hasse, wenn man das Nat&uuml;rliche abentheuerlich machen will, so
+wohl ist mir's, wenn das Abenteuerliche nat&uuml;rlich zugeht. Ich machte mich
+ganz allein auf, etwa den letzten November, zu Pferde, mit einem
+Mantelsack, und ritt durch Schlo&szlig;en, Frost und Koth aus Nordhausen den Harz
+hinein in die Baumannsh&ouml;hle, &uuml;ber Wernigerode, Go&szlig;lar, auf den hohen Harz,
+das Detail erz&auml;hl' ich dir einmal, und &uuml;berwand alle Schwierigkeiten, und
+stand am 8. December, glaub' ich, Mittags um Eins auf dem Brocken, oben in
+der heitersten, brennendsten Sonne, &uuml;ber dem anderthalb Ellen hohen Schnee,
+und sah die Gegend von Deutschland unter mir, Alles von Wolken bedeckt, da&szlig;
+der F&ouml;rster, den ich mit M&uuml;he persuadirt hatte, mich zu f&uuml;hren, selbst vor
+Verwunderung au&szlig;er sich kam, sich da zu sehen, da er viele Jahre am Fu&szlig;e
+wohnend, das immer f&uuml;r unm&ouml;glich gehalten hatte. Da war ich vierzehn Tage
+allein, da&szlig; kein Mensch wu&szlig;te, wo ich war. Von dem Gedanken der Einsamkeit
+findest du auf dem beiliegenden Blatt fliegende Streifen.&quot; Dies Blatt
+enthielt das bekannte Gedicht: &quot;Harzreise im Winter.&quot; Mehrere Stellen darin
+bezogen sich auf den Sohn des Superintendenten Plessing in Wernigerode,
+einen talentvollen, doch zum Theil durch das Lesen des &quot;Werther&quot; in eine
+unheilbare Schwermuth versunkenen jungen Mann, den Goethe im Gasthofe zu
+Wernigerode kennen gelernt hatte.</p>
+
+<p>Was Goethe selbst in sp&auml;tern Jahren sich zum Vorwurf machte, da&szlig; er durch
+sein zerstreutes und vielfach bewegtes Leben die Wirksamkeit seines
+poetischen Talents beschr&auml;nkt und beinahe zerst&ouml;rt habe, r&uuml;gte schon damals
+sein Freund Merk mit den Worten: &quot;Was Teufel f&auml;llt dem Wolfgang ein, am
+Hofe herumzuschranzen und zu scherwenzeln? Giebt es nichts Besseres f&uuml;r ihn
+zu thun?&quot; Die Wahrheit dieser auch von Andern ihm gemachten Vorw&uuml;rfe f&uuml;hlte
+Goethe. Aber er erkannte und sch&auml;tzte auch das Wohlwollen und die
+Freundschaft seines F&uuml;rsten, und bem&uuml;hte sich dem ihm geschenkten Vertrauen
+auf jede Weise zu entsprechen. Mit seinem Beruf, wenn ihm derselbe
+vielleicht auch nicht v&ouml;llig klar war, meinte er es jedenfalls redlich. In
+einem seiner damaligen Briefe gestand er: das ihm aufgetragene Tagwerk, das
+ihm t&auml;glich leichter und schwerer werde, erfordere wachend und tr&auml;umend
+seine Gegenwart.</p>
+
+<p>&quot;Diese Pflicht&quot;, schrieb er, &quot;wird mir t&auml;glich theurer, und darin w&uuml;nschte
+ich's den gr&ouml;&szlig;ten Menschen gleich zu thun, und in nichts Gr&ouml;&szlig;erem. Diese
+Begierde, die Pyramide meines Daseyns, deren Basis mir angegeben und
+gegr&uuml;ndet ist, so hoch als m&ouml;glich in die Luft zu spitzen, &uuml;berwiegt alles
+Andere, und l&auml;&szlig;t kaum augenblickliches Vergessen zu. Ich darf nicht s&auml;umen,
+ich bin schon weit in Jahren vor, und vielleicht bricht mich das Schicksal
+in der Mitte, und der babylonische Thurm bleibt stumpf unvollendet.
+Wenigstens soll man sagen, er war k&uuml;hn entworfen, und wenn ich lebe,
+sollen, will's Gott, die Kr&auml;fte hinaufreichen.&quot;</p>
+
+<p>Begrenzt ward dieser weit aussehende Lebensplan Goethe's durch das in ihm
+erwachte lebhafte Interesse an theatralischen Vorstellungen. Zu Ettersburg
+und Tiefurt waren mehrere kleine St&uuml;cke und Operetten in den Buchenw&auml;ldern
+an der Ilm aufgef&uuml;hrt worden. Einsiedel, Seckendorf, Mus&auml;us u.A. hatten
+jenem Bed&uuml;rfni&szlig; durch dramatische Producte gehuldigt, und Goethe selbst
+hatte zu diesem Zweck seine &quot;Fischerin&quot;, und die Singspiele &quot;Erwin und
+Elmire&quot; und &quot;Claudine von Villa Bella&quot; gedichtet. Sp&auml;ter &uuml;bernahm er die
+Leitung eines in Weimar errichteten Liebhabertheaters, bei welchem der Hof
+die Kosten der Garderobe, Musik, Beleuchtung u.s.w. bestritt. Eine
+Hauptzierde jener B&uuml;hne war die talentvolle Carona Schr&ouml;ter, damals
+Hofs&auml;ngerin, welcher Goethe sp&auml;ter in seinem Gedicht: &quot;Miedings Tod&quot; ein
+unverg&auml;ngliches Denkmal setzte. Auch Goethe trat in jenem Lieblingstheater
+auf, als Alcest in den &quot;Mitschuldigen&quot;, sp&auml;ter als Orest in seiner
+&quot;Iphigenie&quot; auf. Sein Spiel in ernsten Rollen soll zu leidenschaftlich und
+ungest&uuml;m gewesen seyn. Besser gelang ihm die Darstellung humoristischer
+Charaktere, vorz&uuml;glich in den von ihm gedichteten Fastnachtsspielen, als
+Hamann, als Marktschreier in dem &quot;Jahrmarkt von Plundersweilern&quot; u.a.m. F&uuml;r
+theatralische Zwecke schrieb Goethe, au&szlig;er seinen gr&ouml;&szlig;ern Werken, noch das
+dramatisch vorgestellte Gedicht &quot;Epiphanias.&quot;</p>
+
+<p>Ueber einen kurzen Aufenthalt in Berlin, wohin er 1778 den Herzog von
+Weimar begleitete, schrieb Goethe an Merk: &quot;Ich war nur wenige Tage in
+Berlin, und guckte nur drein, wie das Kind in den Sch&ouml;n-Rarit&auml;ten-Kasten.
+Aber du wei&szlig;t, wie ich im Anschauen lebe; es sind mir tausend Lichter
+aufgegangen. Und dem alten Fritz bin ich recht nahe worden; da hab' ich
+sein Wesen gesehen, sein Gold, Silber, Marmor, Affen, Papageien und
+zerrissene Vorh&auml;nge, und habe &uuml;ber den gro&szlig;en Menschen seine eignen
+Lumpenhunde r&auml;sonniren h&ouml;ren. Die Gener&auml;le, die ich halbdutzendweise bei
+Tisch mir gegen&uuml;ber gehabt, machen mir den jetzigen K&ouml;nig gegenw&auml;rtiger.
+Mit Menschen hab' ich sonst gar nichts zu verkehren gehabt, und habe in
+preu&szlig;ischen Staaten kein laut Wort hervorgebracht, da&szlig; sie nicht k&ouml;nnten
+drucken lassen, daf&uuml;r ich gelegentlich als stolz u.s.w. ausgeschrieen
+worden bin.&quot;</p>
+
+<p>Einen weitern Ausflug unternahm Goethe 1779 nach der Schweiz. Er machte
+diese Reise in Gesellschaft seines von ihm hochverehrten F&uuml;rsten, der ihn
+kurz zuvor zum Geheimen Rath ernannt hatte. Die gl&uuml;ckliche Heimkehr
+w&uuml;nschte Goethe durch ein Denkmal zu verewigen, das er dem Herzog im
+Weimarischen Park errichten lassen wollte. Sehr ausf&uuml;hrlich &auml;u&szlig;erte er sich
+in einem im November 1779 geschriebenen Briefe an Lavater &uuml;ber diese Idee,
+bei der er auf die Mitwirkung des r&uuml;hmlich bekannten Malers F&uuml;&szlig;li in Z&uuml;rich
+rechnete. &quot;Mein erster Gedanke,&quot; schrieb Goethe, &quot;war so. Ich wollte dem
+Monument eine viereckige Form geben. Von drei Seiten sollte jede eine
+einzelne bedeutende Figur, und die vierte eine Inschrift haben. Zuf&ouml;rderst
+sollte das gute heilsame Gl&uuml;ck stehen, durch das die Schlachten gewonnen
+und die Schiffe regiert werden, g&uuml;nstigen Wind im Nacken, die launische
+Freundin und Belohnerin kecker Unternehmungen mit Steuerruder und Kranz. Im
+Felde zur Rechten hatte ich mir den Genius, den Antreiber, Wegmacher,
+Wegweiser, Fackeltr&auml;ger muthigen Schrittes gedacht. In dem Felde zur Linken
+sollte Terminus, der ruhige Grenzbeschreiber, der bed&auml;chtige, m&auml;&szlig;ige
+Rathgeber stillstehend mit dem Schlangenstabe einen Grenzstein bezeichnen,
+jener lebend r&uuml;hrig vordringend, dieser ruhig, sanft in sich gekehrt, zwei
+S&ouml;hne, eine Mutter&mdash;der &auml;ltere jener, der j&uuml;ngere dieser. Das hintere Feld
+hatte die Inschrift: <span class="u">Fortunae Duci Reduci Natisque Genio Et Termino Ex
+Voto.</span> Du siehst, was ich f&uuml;r Ideen damit zusammenbinden wollte. Sowohl auf
+dieser Reise als im ganzen Lande, als im ganzen Leben, sind wir diesen
+Gottheiten sehr zu Schuldnern geworden. Das erste Mal, wo wir nach einer
+langen, nicht immer fr&ouml;hlichen Zeit, in die freie Welt kommen, zusammen den
+ersten bedeutenden Schritt wagen, gleich mit dem sch&ouml;nsten Hauche des
+Gl&uuml;cks fortgetrieben zu werden, in der sp&auml;tern Jahreszeit, Alles mit
+g&uuml;nstiger Sonne und Gestirnen. Den ganzen Weg, den wir machen, begleitet
+von einem guten Geiste, der &uuml;berall die Fackel vortr&auml;gt, hierhin ladet,
+dorthin treibt, da&szlig;, wenn ich zur&uuml;ck sehe, wir zu so manchem, das unsere
+Reise ganz macht, nicht durch unsere Wege und Wollen geleitet worden sind,
+und dann am Ende, da&szlig; wir auch durch den sch&ouml;nen Gl&uuml;ckssohn bedeutet
+wurden, wo wir aufh&ouml;ren, wo wir einen Grenzbogen beschreiben und wieder
+zur&uuml;ckkehren sollten, was wieder einen unglaublichen Einflu&szlig; auf unsere
+Zur&uuml;ckgelassenen hat und haben wird. Das alles zusammen giebt mir die
+Empfindung, die ich nicht sch&ouml;ner zu ehren wei&szlig;, als womit alle Zeiten
+durch die Menschen Gott verehrt haben.&quot; Das in diesem Briefe ausf&uuml;hrlich
+beschriebene Denkmal, das aus einem &quot;lichtgrauen Stein&quot; bestehen sollte,
+&quot;der an den Marmor grenze,&quot; kam nicht zu Stande. Die Ausf&uuml;hrung dieser
+Idee mochte ihre Schwierigkeiten haben. Ob der Maler F&uuml;&szlig;li die von ihm
+gew&uuml;nschte Zeichnung wirklich lieferte, ist zweifelhaft. So viel ist gewi&szlig;,
+da&szlig; sie im Fr&uuml;hjahr 1780 noch nicht vorhanden war.</p>
+
+<p>Mit Lavater, der sich dar&uuml;ber in einem seiner Briefe bitter beklagte, hatte
+Goethe in der Schweiz genu&szlig;reiche Tage verlebt. Er freute sich sehr, ihn
+wieder zu sehen, und seine Gedanken mit ihm austauschen zu k&ouml;nnen, so wenig
+beide auch, besonders in ihren Ansichten &uuml;ber religi&ouml;se Gegenst&auml;nde, mit
+einander &uuml;bereinstimmten. &quot;Nicht allein vergn&uuml;glich&quot;, schrieb Goethe den
+28. October 1779, &quot;sondern gesegnet uns beiden, soll unsere Zusammenkunft
+seyn. F&uuml;r ein Paar Leute, die Gott auf so verschiedene Art dienen, sind wir
+vielleicht die einzigen, und ich denke, wir wollen mehr zusammen &uuml;berlegen
+und ausmachen, als ein ganzes Concilium mit seinen Pfaffen, Huren und
+Mauleseln. Eins aber werden wir doch wohl thun, da&szlig; wir einander unsere
+Particular-Religionen ungehudelt lassen. Du bist gut darin, aber ich bin
+manchmal hart und unhold. Da bitt' ich dich im Voraus um Geduld. So hat mir
+z. B. Tobler deine Offenbarung Johannis gegeben. An der ist mir nun nichts,
+als deine Handschrift, darum hab' ich sie auch zu lesen angefangen. Es
+hilft nichts, ich kann das G&ouml;ttliche nirgends, und das Poetische nur hie
+und da finden. Das Ganze ist mir fatal; mir ist's, als r&ouml;che ich &uuml;berall
+einen Menschen durch, der gar keinen Geruch von dem gehabt, der da ist A.
+und O.&mdash;Ich bin ein sehr irdischer Mensch; mir ist das Gleichni&szlig; vom
+ungerechten Haushalter, vom verlornen Sohn, vom S&auml;emann, von der Perle u.
+s. w. g&ouml;ttlicher&mdash;wenn je was G&ouml;ttliches da seyn soll&mdash;als die sieben
+Botschafter, Leuchter, H&ouml;rner, Siegel, Sterne und Wehe. Ich denke auch aus
+der Wahrheit zu seyn, aber aus der Wahrheit der f&uuml;nf Sinne, und Gott habe
+Geduld mit mir, wie bisher.&mdash;Gegen deine Messiade hab' ich nichts; sie
+liest sich gut, wenn man einmal das Buch mag, und was in der Apokalypse
+enthalten ist, dr&uuml;ckt sich durch deinen Mund rein und gut in die Seele. Das
+willst du da; wozu denn aber die ewigen Tr&uuml;mpfe, mit denen man nicht
+sticht, und kein Spiel gewinnt, weil sie kein Mensch gelten l&auml;&szlig;t? Du
+siehst, ich bin noch immer der Alte, und falle dir wieder von eben der
+Seite, wie vormals, zur Last. Ich war schon in Versuchung, das Blatt zu
+zerrei&szlig;en; doch da wir uns sehen werden, so mag es gehen.&quot;</p>
+
+<p>Die in diesem Briefe enthaltenen Aeu&szlig;erungen zeigten, wie Goethe den
+n&uuml;chternen gesunden Menschenverstand den schw&auml;rmerischen Ansichten Lavaters
+gegen&uuml;ber geltend machte. Im m&uuml;ndlichen Austausch ihrer Ideen, im
+traulichen Gespr&auml;ch hatten sie sich wenigstens so weit gen&auml;hert, als ihre
+individuelle Denk- und Empfindungsweise erlaubte. Selbst das mi&szlig;billigende
+Urtheil &uuml;ber manche Schriften Lavaters nahm Goethe zur&uuml;ck. &quot;Deine
+Offenbarung Johannis,&quot; schrieb er den 2. November 1779, &quot;hat mir viel
+Vergn&uuml;gen gemacht. Ich habe sie recht und vieles davon mehr als einmal
+gelesen. Da ich h&ouml;rte, du habest dar&uuml;ber von Amtswegen gepredigt, gab es
+mir ein ganz neues Interesse, denn ich konnte nun mehr begreifen, wie du
+dich mit diesem Buche so lange besch&auml;ftigt, es ganz in dich hin&uuml;ber
+empfunden hast, und es in einem so fremden <span class="u">vehiculo</span> ohne fremden,
+vielleicht eigentlich heterogenen Zusatz wieder aus dir herausquellen
+lassen konntest; denn nach meiner Empfindung macht deine Ausmalung keinen
+andern Eindruck, als die Originalskizze macht, wenigstens einer Seele aus
+diesem Jahrhundert, wo man die Ideen, die du hineinlegst, selbst von
+Kindheit an hineinzulegen pflegt. Die Arbeit selbst ist dir gl&uuml;cklich von
+statten gegangen; einige treffliche Z&uuml;ge der Auslegung und Empfindung sind
+darin. Ausgemalt sind viele Stellen ganz trefflich, besonders alle, die der
+innern Empfindung von Z&auml;rtlichkeit und Kraft, wie z. B. die Verhei&szlig;ung des
+ewigen Lebens, das Weiden der Schafe unter Palmen u. s. w. In einigen
+Gestalten und Gleichnissen hast du dich auch gut gehalten; nur schwinden
+deine Ungeheuer f&uuml;r mich zu schnell in allegorischen Dampf. Doch ist auch
+die&szlig;, wenn ich's recht bedenke, das kl&uuml;gste Theil, das du ergreifen
+kannst.&quot; Der Brief schlie&szlig;t mit den herzlichen Worten: &quot;La&szlig; uns ja einander
+bleiben, einander mehr werden. Neue Freunde und Lieben mag ich nicht.
+Leider f&uuml;hl' ich meine drei&szlig;ig Jahre und Weltwesen. Schon einige Ferne von
+dem werdenden, sich entfaltenden, ich erkenn' es noch mit Vergn&uuml;gen, mein
+Geist ist ihm nah, aber mein Herz ist fremd. Gro&szlig;e Gedanken, die dem
+J&uuml;ngling ganz fremd, f&uuml;llen jetzt meine Seele.&quot;</p>
+
+<p>In einem Briefe an Merk, vom 7. April 1780, meldete Goethe seine Genesung
+von einer langwierigen Krankheit, die ihn bald nach der R&uuml;ckkehr aus der
+Schweiz befallen. &quot;Schon in Frankfurt,&quot; schrieb er, &quot;und als wir in der
+K&auml;lte an den H&ouml;fen herumzogen, war mir's nicht just. Die Bewegung der Reise
+lie&szlig; es nicht zum Ausbruch kommen. Doch hatte ich eine b&ouml;se
+Zusammengezogenheit, eine K&auml;lte, und Untheilnehmung, die Jedermann auffiel
+und gar nicht nat&uuml;rlich war. Jetzt geht Alles wieder ganz gut.&quot;</p>
+
+<p>Dieser Brief Goethe's enthielt zugleich fl&uuml;chtige Andeutungen &uuml;ber manche
+liter&auml;rische Entw&uuml;rfe, die jedoch gr&ouml;&szlig;tentheils unausgef&uuml;hrt blieben. &quot;Der
+wichtigste Theil meiner Schweizerreise,&quot; schrieb er, &quot;ist aus einzelnen, im
+Moment geschriebenen Bl&auml;ttchen und Briefchen durch eine lebhafte Erinnerung
+componirt. Wieland declarirte es f&uuml;r ein Poema. Ich habe aber noch weit
+mehr damit vor, und wenn es mir gl&uuml;ckt, so will ich mit diesem Garn viele
+V&ouml;gel fangen. Zur Geschichte Herzog Bernhards von Weimar hab' ich viele
+Documente und Collectaneen zusammengebracht, kann sie schon ziemlich
+erz&auml;hlen, und will, wenn ich erst den Scheiterhaufen gedruckter und
+ungedruckter Nachrichten, Urkunden und Anecdoten recht zierlich
+zusammengelegt, ausgeschm&uuml;ckt, und eine Menge sch&ouml;nen R&auml;ucherwerks und
+Wohlgeruchs darauf herumgestreut habe, ihn einmal bei sch&ouml;ner trockner
+Nachtzeit anz&uuml;nden, und auch dieses Kunst- und Lustfeuer zum Vergn&uuml;gen des
+Publici brennen lassen.&quot;</p>
+
+<p>Auch in einem sp&auml;tern Briefe an Lavater, vom 5. Juni 1780, nahm Goethe die
+Idee einer Biographie des Herzogs Bernhard wieder auf. &quot;Ich scharre&quot;,
+schrieb er, &quot;nach meiner Art, Vorrath zu einer Lebensbeschreibung dieses
+als Helden und Herrscher wirklich sehr merkw&uuml;rdigen Mannes, der in seiner
+kurzen Laufbahn ein Liebling der Menschen gewesen ist, allm&auml;hlich zusammen,
+und erwarte die Zeit, wo mir's vielleicht gl&uuml;cken wird, ein Feuerwerk
+daraus zu machen. Seine Jahre fallen in den drei&szlig;igj&auml;hrigen Krieg. Sein und
+seiner Br&uuml;der Familiengem&auml;lde interessirt mich noch am meisten, da ich
+ihren Urenkeln, in denen so manche Z&uuml;ge leibhaftig wiederkommen, so nahe
+bin. Uebrigens versuche ich allerlei Beschw&ouml;rungen und <span class="u">Hocus pocus</span>, um
+die Gestalten gleichzeitiger Helden und Lumpen in Nachahmung der Hexe zu
+Endor wenigstens bis an den G&uuml;rtel aus dem Grabe steigen zu lassen, und
+allenfalls irgend einen K&ouml;nig, der an Zeichen und Wunder glaubt, in's
+Bockshorn zu jagen.&quot;</p>
+
+<p>Ueber jene Idee, die er wieder aufgab, &auml;u&szlig;erte sich Goethe in sp&auml;teren
+Jahren mit den Worten: &quot;Manche Zeit und M&uuml;he ward auf den Vorsatz, das
+Leben Herzog Bernhards zu schreiben, vergebens aufgewendet. Nach vielfachem
+Sammeln und mehrmaligem Schematisiren ward zuletzt nur allzu klar, da&szlig; die
+Ereignisse des Helden kein Bild machten. In der jammervollen Ilias des
+drei&szlig;igj&auml;hrigen Krieges spielte er eine w&uuml;rdige Rolle, lie&szlig; sich aber von
+jener Gesellschaft nicht absondern. Einen Ausweg glaubte ich jedoch
+gefunden zu haben. Ich wollte das Leben schreiben wie einen ersten Band,
+der den zweiten nothwendig machte. Ueberall sollten Verzahnungen stehen
+bleiben, damit Jedermann bedauerte, da&szlig; ein fr&uuml;hzeitiger Tod den Baumeister
+verhindert habe, sein Werk zu vollenden. F&uuml;r mich war diese Bem&uuml;hung nicht
+unfruchtbar; denn wie das Studium zu G&ouml;tz von Berlichingen mir tiefere
+Einsicht in das funfzehnte und sechszehnte Jahrhundert gew&auml;hrte, so mu&szlig;te
+mir diesmal die Verworfenheit des siebzehnten sich mehr entwickeln, als
+sonst vielleicht geschehen w&auml;re.&quot;</p>
+
+<p>Auch durch anderweitige Besch&auml;ftigungen mochte Goethe jener historischen
+Arbeit entzogen worden seyn. Noch immer betrieb er mit lebhaftem Interesse
+die seit fr&uuml;hester Jugend ihm liebgewordenen Kunststudien. Seine Briefe an
+Merk und Lavater enthielten mannigfache Aeu&szlig;erungen &uuml;ber den Entwurf und
+die Ausf&uuml;hrung werthvoller Landschaften, Bl&auml;tter und Skizzen, die er theils
+besa&szlig;, theils zu erhalten w&uuml;nschte, um seine Sammlung zu vervollst&auml;ndigen.
+Ueber Albrecht D&uuml;rer schrieb er den 6. M&auml;rz 1780 an Lavater: &quot;Ich verehre
+t&auml;glich mehr die mit Gold und Silber nicht zu bezahlende Arbeit des Mannes,
+der, wenn man ihn recht im Innersten erkennen lernt, an Wahrheit,
+Erhabenheit, und selbst Grazie nur die ersten Italiener zu seines Gleichen
+hat. Dieses wollen wir laut sagen.&quot; In diesem Briefe erw&auml;hnte er den Besitz
+einer Sammlung von &quot;geistigen Handrissen, besonders in Landschaften&quot;, die
+er zu vermehren w&uuml;nschte. Er schrieb dar&uuml;ber an Lavater: &quot;Passe doch auf,
+dir geht so vieles durch die H&auml;nde. Wenn du so ein Blatt findest, worauf
+die erste, schnellste, unmittelbarste Aeu&szlig;erung des K&uuml;nstlergeistes
+gedruckt ist, so lasse es dir nicht entwischen, wenn du's um leidliches
+Geld haben kannst. Mir macht's ein besonderes Vergn&uuml;gen.&quot;</p>
+
+<p>Gen&auml;hrt ward Goethe's Kunstinteresse durch einen vierzehnt&auml;gigen Aufenthalt
+Oeser's in Ettersburg. Nichts konnte ihm erfreulicher seyn, als das
+Wiedersehen seines alten Leipziger Freundes und Lehrers, dem er, nach
+seinem eignen Gest&auml;ndni&szlig; in fr&uuml;her mitgetheilten Briefen, einen gro&szlig;en
+Theil seiner Bildung verdankte. Oeser war vielfach besch&auml;ftigt mit der
+Einrichtung und Anordnung des Liebhabertheaters in Ettersburg, auf welchem
+das von Goethe nach Aristophanes bearbeitete Lustspiel: &quot;die V&ouml;gel&quot;
+vorgestellt werden sollte. Goethe schrieb &uuml;ber Oeser: &quot;Der Alte hatte den
+ganzen Tag etwas zu kramen, anzugeben, zu ver&auml;ndern, zu zeichnen, zu
+deuten, zu besprechen, zu lehren u.s.w., da&szlig; keine Minute leer war. Seitdem
+er fort ist, gehts freilich ein wenig stiller und einfacher zu.&quot;</p>
+
+<p>Durch Oeser's Abreise wich Goethe's Neigung zur Kunst allm&auml;hlich dem in
+sp&auml;teren Jahren wachsenden Interesse an mannigfachen Naturgegenst&auml;nden.
+Seinem Freunde Merk hatte er in einem Briefe vom 3. Juli 1780 die Nachricht
+mitgetheilt, da&szlig; der Bildhauer Klauer Oeser's Kopf &quot;allerliebst bossirt&quot;,
+und da&szlig; derselbe in Gyps gegossen und in grauen Stein gehauen werden solle.
+&quot;<span class="u">A propops</span>&quot;, f&uuml;gte er hinzu, &quot;von Steinen hab' ich jetzt etwas sehr
+Angenehmes und Unterhaltendes angefangen. Durch einen jungen Menschen, den
+wir zum Bergwesen herbeiziehen, lasse ich eine mineralogische Beschreibung
+von Weimar, Eisenach und Jena machen. Er bringt alle Steinarten mit seiner
+Beschreibung &uuml;berein, und numerirt mit, woraus ein sehr einfaches aber f&uuml;r
+uns interessantes Cabinet entsteht. Wir finden auch mancherlei, was gut und
+n&uuml;tzlich, ich will aber nicht sagen, eintr&auml;glich ist.&quot; Seinen Brief schlo&szlig;
+Goethe mit der an Merk gerichteten Bitte: &quot;Du thust mir einen gro&szlig;en
+Gefallen, wenn du mir gelegentlich ein St&uuml;ck von den Graniten schicktest,
+die nicht weit von euch im Gebirge liegen, wo gro&szlig;e abges&auml;gte St&uuml;cke davon
+glauben machen, da&szlig; die R&ouml;mer ihre Obelisken daher geholt haben. Wenn du
+einmal Gelegenheit findest zu erforschen, was der Felsberg auf seiner
+h&ouml;chsten H&ouml;he f&uuml;r Steine hat, wird es mir auch sehr angenehm seyn.&quot;</p>
+
+<p>W&auml;hrend Goethe das Gebiet der Wissenschaft und Kunst nach den
+mannigfachsten Richtungen durchstreifte, schien seine poetische Th&auml;tigkeit
+zu schlummern. Geweckt ward sie wieder durch die Erscheinung von Wielands
+Oberon. Er schrieb dar&uuml;ber an Merk den 7. April 1780: &quot;Du wirst den Oberon
+gelesen und dich daran erfreut haben. Ich habe Wielandn' daf&uuml;r einen
+Lorbeerkranz geschickt, der ihn sehr erfreut hat.&quot; Nach einem sp&auml;tern
+Briefe an Lavater vom 3. Juli 1780 war Goethe &uuml;berzeugt: &quot;so lange Poesie
+Poesie, Gold Gold und Crystall Crystall bleibe, werde auch Wieland's Oberon
+als ein Meisterst&uuml;ck poetischer Kunst geliebt und bewundert werden.&quot;</p>
+
+<p>Von dem genannten Epos begeistert, warnte er in einem Briefe vom 24. Juni
+1780 vor der seichten und anma&szlig;enden Kritik, die auch das Trefflichste
+nicht verschone. &quot;Bei Gelegenheit von Wieland's Oberon&quot;, schrieb er an
+Lavater, &quot;brauchst du das Wort Talent, als wenn es der Gegensatz von Genie
+w&auml;re, wo nicht ganz, doch wenigstens etwas Subordinirtes. Wir sollten aber
+bedenken, da&szlig; das eigentliche Talent nichts weiter seyn kann, als die
+Sprache des Genies. Ich will nicht chikaniren, denn ich wei&szlig; wohl, was du
+im Durchschnitt damit sagen willst, und ich zupfe dich nur beim Aermel. Wir
+sind oft gar zu freigebig mit allgemeinen Worten, und schneiden, wenn wir
+ein Buch gelesen haben, das uns von Seite zu Seite Freude gemacht, und
+aller Ehren werth vorgekommen ist, endlich gern mit der Scheere so gerade
+durch, wie durch einen wei&szlig;en Bogen Papier. Wenn ich ein solches Werk auch
+blos als ein Schnitzbildchen ansehe, so wird es doch der feinsten Scheere
+unm&ouml;glich, alle kleinen Formenz&uuml;ge und Linien, worin der Werth liegt,
+herauszusondern. Es ist nachher noch eins, was man nicht so leicht an einem
+solchen Werke sch&auml;tzt, weil es so selten ist: da&szlig; n&auml;mlich der Autor nichts
+hat machen wollen und gemacht hat, als was eben da steht. F&uuml;r das Gef&uuml;hl,
+die Kunst und Freiheit, vieles wegzulassen, geb&uuml;hrt ihm freilich der gr&ouml;&szlig;te
+Dank, den ihm aber auch nur der K&uuml;nstler und Mitgenosse giebt.&quot;</p>
+
+<p>Damit beruhigte sich Goethe bei dem einseitigen Urtheil, das von mehreren
+Seiten seinen &quot;Triumph der Empfindsamkeit&quot; traf, eine harmlose Satyre auf
+das damalige Weimarische Theaterpersonal, mit Anspielungen auf mancherlei
+Vorf&auml;lle und Tagesereignisse. Manchen Tadel mu&szlig;te er auch vernehmen &uuml;ber
+die vorherrschende Sentimentalit&auml;t in dem von ihm geschriebenen Schauspiel
+&quot;Lila&quot;, in dem Drama &quot;die Geschwister,&quot; und in andern seiner damaligen
+Producte. In eine dramatische Form kleidete Goethe auch mehrere theils
+ernste, theils scherzhafte Gedichte, zu denen er durch Festlichkeiten des
+Weimarischen Hofes veranla&szlig;t ward.</p>
+
+<p>Eine h&ouml;here poetische Idee lag seiner &quot;Iphigenie&quot; zum Grunde. Der erste
+Entwurf dieses Schauspiels und seines erst mehrere Jahre sp&auml;ter vollendeten
+Romans: &quot;Wilhelm Meisters Lehrjahre&quot; f&auml;llt in diese Periode von Goethe's
+Leben. Das Urtheil seiner Freunde, denen er mehrere von seinen damaligen
+Producten handschriftlich mittheilte, war ihm nicht gleichg&uuml;ltig. Den 24.
+Juli 1780 schrieb er an Lavater: &quot;Da&szlig; du Freude gehabt hast an meiner
+Iphigenie, ist mir ein au&szlig;erordentliches Geschenk. Da wir mit unsern
+Existenzen so nahe stehen, und mit unsern Gedanken und Imaginationen so
+weit auseinander gehen wie zwei Sch&uuml;tzen, die mit dem R&uuml;cken aneinander
+lehnend, nach ganz verschiedenen Zielen schie&szlig;en, so erlaube ich mir
+niemals den Wunsch, da&szlig; meine Sachen dir etwas werden k&ouml;nnten. Ich freue
+mich deswegen recht herzlich, da&szlig; ich auch mit diesem Product wieder an's
+Herz gekommen bin.&quot;</p>
+
+<p>In solcher Stimmung verschmerzte Goethe den Verdru&szlig; und Unmuth, den ihm ein
+gewinns&uuml;chtiger Buchh&auml;ndler, Himburg in Berlin, bereitet hatte, als er ohne
+Goethe's Mitwissen eine Sammlung seiner bisherigen Schriften in zwei
+Octavb&auml;nden veranstaltete. Goethe erhielt von ihm einen Brief, in welchem
+er dem Publikum einen gro&szlig;en Dienst erwiesen zu haben meinte, und sich
+erbot, dem Dichter als einen Beweis seiner Erkenntlichkeit einiges Berliner
+Porcellan zu schicken. Emp&ouml;rt &uuml;ber die Anma&szlig;ung des unberufenen Verlegers
+seiner Schriften, lie&szlig; Goethe das an ihn gerichtete Schreiben
+unbeantwortet, und r&auml;chte sich im Stillen durch einige satyrische Verse.</p>
+
+<p>Wissenschaftliche Forschungen der verschiedensten Art behielten f&uuml;r ihn ein
+lebhaftes Interesse. Immer neuen Genu&szlig; sch&ouml;pfte er aus der Betrachtung der
+Natur, auch der anorganischen, auf seinen &ouml;ftern Reisen in die Umgegend,
+besonders nach Franken, als Begleiter des Herzogs von Weimar. In Bezug auf
+seine mineralogischen Studien bemerkte Goethe in einem Briefe an Merk vom
+11. October 1780: &quot;Ich habe mich diesen Wissenschaften mit v&ouml;lliger
+Leidenschaft ergeben, und habe eine sehr gro&szlig;e Freude daran. Dabei schr&auml;nke
+ich mich aber nicht, wie die neuesten Chursachsen, philisterhaft darauf
+ein, ob jener Berg dem Herzog von Weimar geh&ouml;rt oder nicht. Wie ein Hirsch,
+der ohne R&uuml;cksicht des Territoriums sich &auml;set, so denk' ich, mu&szlig; der
+Mineralog auch seyn. Und so hab' ich vom Gipfel des Inselbergs, des
+h&ouml;chsten vom Th&uuml;ringerwalde, bis in's W&uuml;rzburgische, Fuldaische, Hessische,
+Churs&auml;chsische, bis &uuml;ber die Saale hin&uuml;ber, und wieder so weiter bis
+Saalfeld und Coburg herum, meine schnellen Ausfl&uuml;ge getrieben; habe die
+meisten Stein- und Gebirgsarten von allen diesen Gegenden beisammen, und
+finde in meiner Art zu sehen, das bischen Metallische, das den m&uuml;hseligen
+Menschen in die Tiefen hineinlockt, immer das Geringste. Durch dieses alles
+zusammen und durch die Kramereien meiner Vorg&auml;nger bin ich im Stande, einen
+kleinen Aufsatz zu liefern, der gewi&szlig; interessant seyn soll. Ich habe jetzt
+die allgemeinsten Ideen und gewi&szlig; einen reinen Begriff, wie alles auf
+einander steht und liegt, ohne Pr&auml;tension auszuf&uuml;hren, wie es auf einander
+gekommen ist. Da ich einmal nichts aus B&uuml;chern lernen kann, so fang' ich
+erst jetzt an, nachdem ich die meilenlangen Bl&auml;tter unserer Gegenden
+umgeschlagen habe, auch die Erfahrungen Anderer zu studiren und zu nutzen.
+Dies Feld ist, wie ich jetzt erst sehe, kurze Zeit her mit gro&szlig;em Flei&szlig;e
+bebaut worden, und ich bin &uuml;berzeugt, da&szlig; bei so viel Versuchen und
+H&uuml;lfsmitteln ein einziger gro&szlig;er Mensch, der mit den F&uuml;&szlig;en oder dem Geist
+die Welt umlaufen k&ouml;nnte, diesen seltsam zusammengebauten Ball ein- f&uuml;r
+allemal erkennen und beschreiben k&ouml;nnte, was vielleicht schon B&uuml;ffon im
+h&ouml;chsten Sinne gethan hat, we&szlig;halb auch Franzosen und Deutschfranzosen
+sagen, er habe einen Roman geschrieben, welches sehr wohl gesagt ist, weil
+das ehrsame Publikum alles Au&szlig;erordentliche nur durch den Roman kennt.&quot;</p>
+
+<p>Durch diese Studien und andere Lieblingsneigungen ward Goethe nicht der
+Amtsth&auml;tigkeit entzogen, die seine Stellung als Geheimer Rath mit Sitz und
+Stimme in mehreren Collegien von ihm forderte. Die Huld seines F&uuml;rsten
+hatte ihn von manchen l&auml;stigen Gesch&auml;ften befreit. Auch ward ihm, nach
+einem fr&uuml;her mitgetheilten Gest&auml;ndnisse, &quot;sein Tagewerk leicht.&quot; Gleichwohl
+beklagte er sich in einem im Februar 1781 an Lavater geschriebenen Briefe,
+da&szlig; er fast zu viel auf sich lade. Er f&uuml;gte hinzu: &quot;Staatssachen sollte der
+Mensch, der darein versetzt ist, sich ganz widmen, und ich m&ouml;chte doch auch
+so vieles Andere nicht fallen lassen.&quot;</p>
+
+<p>In gleichem Sinne hatte er schon in einem fr&uuml;hern Briefe an Lavater
+ge&auml;u&szlig;ert: &quot;Den guten Landes- und Hausvater w&uuml;rdest du n&auml;her nur bedauern.
+Was da auszustehen ist, spricht keine Zunge aus. Herrschaft wird Niemand
+angeboren, und der sie ererbte, mu&szlig; sie so bitter gewinnen, wie der
+Eroberer, wenn er sie haben will, und bitterer. Es versteht die&szlig; kein
+Mensch, der seinen Wirkungskreis aus sich geschaffen und ausgetrieben hat.&quot;
+Dann tr&ouml;stete er sich wieder mit dem behaglichen Gef&uuml;hl der Gesundheit. In
+einem Briefe an Lavater vom 18. M&auml;rz 1781 sprach er den Wunsch aus, da&szlig;
+Gott ihn noch lange auf dieser sch&ouml;nen Welt erhalten und ihm Kraft
+verleihen m&ouml;chte, ihr zu dienen und sie zu nutzen. &quot;Mit mir steht's gut,&quot;
+schrieb er, &quot;besonders innerlich. In weltlichen Dingen erwerb' ich t&auml;glich
+mehr Gewandtheit, und vom Geiste fallen mir t&auml;glich Schuppen und Nebel, da&szlig;
+ich denke, er m&uuml;&szlig;te ganz nackt dastehen, und doch bleiben ihm noch H&uuml;llen
+genug.&quot;</p>
+
+<p>Was ihn besonders &uuml;ber den Druck und Wechsel &auml;u&szlig;erer Lebensverh&auml;ltnisse
+erhob, war Goethe's Sinn f&uuml;r die Sch&ouml;nheiten der Natur. Mannigfachen Genu&szlig;
+bot ihm sein am Weimarischen Park gelegener Garten. &quot;Die n&auml;chsten Wochen
+des Fr&uuml;hlings,&quot; schrieb er den 9. April 1781 an Lavater, &quot;sind mir
+gesegnet. Jeden Morgen empf&auml;ngt mich eine neue Blume oder Knospe. Die
+stille, reine, immer wiederkehrende, leidenlose Vegetation tr&ouml;stet mich oft
+&uuml;ber der Menschen Noth, ihre moralischen und noch mehr physischen Uebel.&quot;
+Aehnliche Aeu&szlig;erungen enthielt ein sp&auml;terer Brief an Lavater vom 22. Juni
+1781. &quot;Glaube mir,&quot; schrieb Goethe, &quot;unsere moralische und politische Welt
+ist mit unterirdischen G&auml;ngen, Kellern und Kloaken minirt, wie eine gro&szlig;e
+Stadt zu seyn pflegt, an deren Zusammenhang und ihrer Bewohner Verh&auml;ltnisse
+wohl Niemand denkt und sinnt. Nun wird es dem, der davon einige Kundschaft
+hat, viel begreiflicher, wenn da einmal der Erdboden einst&uuml;rzt, und dort
+einmal ein Rauch aufgeht aus einer Schlucht.&quot;</p>
+
+<p>Von solchen Betrachtungen wandte sich Goethe, wie er es schon in seiner
+Jugend gethan, zum Uebersinnlichen. &quot;Ich bin,&quot; schrieb er an Lavater,
+&quot;geneigter als Jemand, noch an eine Welt, au&szlig;er der sichtbaren, zu glauben,
+und ich habe Dichtungs- und Lebenskraft genug, sogar mein eignes
+beschr&auml;nktes Selbst zu einem Swedenborgischen Geister-Universum erweitert
+zu f&uuml;hlen. Alsdann mag ich aber gern, da&szlig; das Alberne und Ekelhafte
+menschlicher Excremente durch eine feine G&auml;hrung abgesondert, und der
+reinlichste Zustand, in den wir versetzt werden k&ouml;nnen, empfunden werde.&quot;</p>
+
+<p>Unter mannigfachen Arbeiten und Zerstreuungen war Goethe, nach seinen
+eignen Worten, wieder zur Poesie zur&uuml;ckgekehrt. Neben der noch
+unvollendeten &quot;Iphigenie&quot; besch&auml;ftigte ihn die Idee, Torquato Tasso, den
+Dichter des befreiten Jerusalems, zum Helden eines Drama's zu w&auml;hlen.
+Den Stoff zu den Umgebungen seines Schauspiels fand er an dem Hofe der
+Herzogin Amalie von Weimar. Dort lernte er den Ton kennen, der solchen
+Umgebungen ziemte. Seinem Freunde Lavater berichtete Goethe den 14.
+November 1781, er habe den ersten Act seines &quot;Tasso&quot; vollendet. &quot;Ich
+w&uuml;nsche,&quot; f&uuml;gte er hinzu, &quot;da&szlig; er auch f&uuml;r dich geschrieben seyn
+m&ouml;chte.&quot; Goethe befand sich &uuml;brigens in einer Stimmung und in
+Verh&auml;ltnissen, die der raschen F&ouml;rderung seines Werks nicht g&uuml;nstig
+schienen. &quot;Die Unruhe, in der ich lebe,&quot; schrieb er, [&quot;]l&auml;&szlig;t mich nicht
+&uuml;ber dergleichen vergn&uuml;gliche Arbeiten bleiben, und so sehe ich auch
+noch nicht den Raum vor mir, die &uuml;brigen Acte zu enden. Es geht mir, wie
+es den Verschwendern geht, die in dem Augenblicke, wenn &uuml;ber Mangel an
+Einnahme, &uuml;berspannte Schulden und Ausgaben geklagt wird, gleichsam von
+einem Geiste des Widerspruchs au&szlig;er sich gesetzt, sich in neue
+Verbindungen und Unkosten zu st&uuml;rzen pflegen.&quot;</p>
+
+<p>Treffend hatte Goethe in diesem Briefe sich selbst und die Beweglichkeit
+seines Geistes geschildert, die ihn nicht lange bei einem und demselben
+Gegenstande verweilen lie&szlig;. Auch das dramatische Interesse vermochte ihn
+nicht ausschlie&szlig;lich zu fesseln. In dem eben erw&auml;hnten Briefe meldete
+Goethe: &quot;Auf unserer Zeichnungsakademie hab' ich mir diesen Winter
+vorgenommen, mit den Lehrern und Sch&uuml;lern den Knochenbau des menschlichen
+K&ouml;rpers durchzugehen, sowohl um ihnen als mir zu n&uuml;tzen, sie auf das
+Merkw&uuml;rdige dieser einzigen Gestalt zu f&uuml;hren, und sie dadurch auf die
+erste Stufe zu stellen, das Bedeutende in der Nachahmung sichtlicher Dinge
+zu erkennen und zu suchen. Zugleich behandle ich die Knochen als einen
+Text, woran sich alles Leben und alles Menschliche anh&auml;ngen l&auml;&szlig;t; habe
+dabei den Vortheil, zweimal die Woche &ouml;ffentlich zu reden, und &uuml;ber Dinge,
+die mir werth sind, mich mit aufmerksamen Menschen zu unterhalten.[&quot;] Das
+sei, meinte er, ein Vergn&uuml;gen, dem er in dem gew&ouml;hnlichen Welt-, Gesch&auml;fts-
+und Hofleben entsagen m&uuml;&szlig;te. Seine Jahre spornten ihn zu verdoppelter
+Th&auml;tigkeit. &quot;Mit meinem Leben,&quot; schrieb er, &quot;r&uuml;ckt es stark vor, und ich
+fange nun bald an zu begreifen, warum wir, sobald wir uns hienieden
+einzurichten angefangen haben, wieder weiter m&uuml;ssen.&quot;</p>
+
+
+<p>Ueberh&auml;ufte Amtsgesch&auml;fte nahmen damals Goethe's Kr&auml;fte fast &uuml;berm&auml;&szlig;ig in
+Anspruch. Den 16. Juli 1782 schrieb er an Merk: &quot;Es geht mir, wie dem
+Treufreund in meinen V&ouml;geln. Mir wird ein St&uuml;ck des Reichs nach dem andern
+auf einem Spaziergange &uuml;bertragen. Diesmal mu&szlig; mir's nun freilich Ernst,
+sehr Ernst seyn, denn mein Herr Vorg&auml;nger hat mir viel Arbeit gemacht.
+Manchmal wird mir's sauer, denn ich stehe redlich aus. Dann denk' ich
+wieder: <span class="u">Hic est aut nusquam, quod quaerimus.</span>&quot; Auf &auml;hnliche Weise &auml;u&szlig;erte
+sich Goethe in einem sp&auml;tern Briefe vom 29. Juli 1782: &quot;Von mir hab' ich
+nichts zu sagen, als da&szlig; ich mich meinem Beruf aufopfere, in dem ich nichts
+weiter suche, als wenn es das Ziel meiner Begriffe w&auml;re.&quot;</p>
+
+<p>Von den irdischen Angelegenheiten wandte sich Goethe wieder zu dem
+Uebersinnlichen. Sein Interesse daran ward durch den Briefwechsel mit
+Lavater lebendig erhalten. &quot;Da&szlig; du&quot;, schrieb er den 4. October 1782, &quot;mir
+noch einmal den innern Zusammenhang deiner Religion vorlegen wolltest, war
+mir sehr willkommen. Wir werden ja nun wohl bald einmal einander &uuml;ber
+diesen Punkt kennen und in Ruhe lassen. Gro&szlig;en Dank verdient die Natur, da&szlig;
+sie in die Existenz eines jeden lebenden Wesens auch so viel Handlungskraft
+gelegt hat, da&szlig; es sich, wenn es an einem oder dem andern Ende zerrissen
+wird, selbst wieder zusammenflicken kann; und was sind tausendf&auml;ltige
+Religionen anders, als tausendfache Aeu&szlig;erungen dieser Heilungskraft? Mein
+Pflaster schl&auml;gt bei dir nicht an, deins nicht bei mir; in unsres Vaters
+Apotheke sind viel Recepte. So hab' ich auf deinen Brief nichts zu
+antworten, nichts zu widerlegen; aber dagegen zu stellen hab' ich vieles.
+Wir sollten einmal unsere Glaubensbekenntnisse in zwei Columnen neben
+einander setzen, und darauf einen Friedens- und Toleranzbund errichten.&quot;</p>
+
+<p>N&auml;her, als diese religi&ouml;sen Betrachtungen, lagen Goethe's Liebe zur Natur
+und seinem heitern Weltsinn seine geognostischen und mineralogischen
+Studien. Auch die Osteologie hatte er, wie bereits erw&auml;hnt, in den Kreis
+seiner Forschungen gezogen. &quot;Ich freue mich&quot;, schrieb er den 23. April 1784
+an Merk, &quot;da&szlig; du so frisch fort arbeitest in deinem Knochenwesen. Ich habe
+die Zeit &uuml;ber auch Verschiedenes <span class="u">in anatomicis</span>, wie es die Zeit erlauben
+wollte, gepfuscht, wovon ich vielleicht ehestens etwas werde produciren
+k&ouml;nnen.&quot; In einem sp&auml;tern Briefe an Merk, vom 6. August 1784, schrieb
+Goethe: &quot;Schicke mir den Sch&auml;del deiner <span class="u">Myrmecophaga</span> sobald als m&ouml;glich;
+du erzeigst mir dadurch einen au&szlig;erordentlichen Gefallen. Ich brauche ihn
+zu meiner Inauguraldisputation, durch welche ich mich in eurem <span class="u">docto
+corpore</span> zu legitimiren gesonnen bin. Das eigentliche Thema halte ich noch
+geheim, um euch eine angenehme Ueberraschung zu machen. Ich komme nunmehr
+wieder auf den Harz, und werde meine mineralogischen und oryktologischen
+Beobachtungen, in denen ich bisher unerm&uuml;det fortgefahren, immer weiter
+treiben. Ich fange an, auf Resultate zu kommen, die ich aber bis jetzt noch
+f&uuml;r mich behalte.&quot; Diese Resultate theilte Goethe bald nachher in einer in
+seinen Werken aufbewahrten Abhandlung mit, in welcher er zu beweisen
+suchte, &quot;da&szlig; den Menschen, wie den Thieren, ein Zwischenknochen der obern
+Kinnlade zuzuschreiben sei.&quot;</p>
+
+<p>Goethe's Dichtertalent schien unter so heterogenen Besch&auml;ftigungen zu
+schlummern. Die fr&uuml;her erw&auml;hnten Anf&auml;nge des &quot;Wilhelm Meister&quot; hatten lange
+geruht. Eine ganz neue Richtung erhielten Goethes Lebensverh&auml;ltnisse und
+seine Th&auml;tigkeit, als die Huld seines F&uuml;rsten ihm verg&ouml;nnte, das Land zu
+sehen, das von fr&uuml;hester Jugend an ein Gegenstand seiner Sehnsucht gewesen.
+Im September 1786 reiste er nach Italien. Dort fand sein reiches Gem&uuml;th die
+gleiche Empf&auml;nglichkeit f&uuml;r das Hohe und kindlich Liebliche, sein tiefer
+Sinn f&uuml;r Natur und Kunst die vollste Befriedigung.</p>
+
+<p>Das unvollendete Manuscript seiner &quot;Iphigenie&quot; hatte Goethe nach Italien
+mitgenommen. Dieser erste Entwurf, v&ouml;llig abweichend in der Form, die jenes
+Schauspiel sp&auml;ter erhielt, ist von A. Stahr (Oldenburg 1839) ver&ouml;ffentlicht
+worden. Goethe schrieb dar&uuml;ber den 8. September 1786: &quot;Das St&uuml;ck, wie es
+gegenw&auml;rtig da steht, ist mehr Entwurf, als Ausf&uuml;hrung; es ist in
+poetischer Prosa geschrieben, die sich manchmal in einen jambischen
+Rhythmus verliert, auch wohl andern Sylbenma&szlig;en &auml;hnelt. Dies thut freilich
+der Wirkung gro&szlig;en Eintrag, wenn man es nicht sehr gut liest und durch
+gewisse Kunstgriffe diese M&auml;ngel zu verbergen wei&szlig;. Herder legte mir dies
+so dringend an's Herz, und da ich meinen gr&ouml;&szlig;ern Reiseplan ihm, wie Allen,
+verborgen hatte, so glaubte er, es sei nur wieder von einer Bergwandrung
+die Rede, und weil er sich gegen Mineralogie und Geologie immer sp&ouml;ttisch
+&auml;u&szlig;erte, meinte er, ich sollte, statt taubes Gestein zu klopfen, meine
+Werkzeuge an diese Arbeit wenden. Jetzt sondere ich die Iphigenie aus dem
+Packet, und nehme sie mit mir in das sch&ouml;ne warme Land als Begleiterin. Der
+Tag ist so lang, das Nachdenken ungest&ouml;rt, und die herrlichen Bilder der
+Urwelt verdr&auml;ngen keineswegs den poetischen Sinn; sie rufen ihn vielmehr,
+von Bewegung und freier Luft begleitet, nur desto schneller hervor.&quot;</p>
+
+<p>Am [Am] 28. September 1786 war Goethe in Venedig angekommen. &quot;Ich bin
+hier,&quot; schrieb er, &quot;gut logirt in der K&ouml;nigin von England, nicht weit vom
+Marcusplatze. Meine Fenster gehen auf einen schmalen Canal zwischen hohen
+H&auml;usern. Gleich unter mir befindet sich eine einbogige Br&uuml;cke, und
+gegen&uuml;ber ein schmales, belebtes G&auml;&szlig;chen. So wohn' ich, und die Einsamkeit,
+nach der ich oft so sehnsuchtsvoll geseufzt, kann ich nun recht genie&szlig;en;
+denn nirgends f&uuml;hlt man sich einsamer, als im Gewimmel, wo man sich, Allen
+ganz unbekannt, durchdr&auml;ngt.&quot;</p>
+
+<p>Erm&uuml;det von einer Wandrung durch die Stadt mit ihren Can&auml;len, Br&uuml;cken und
+Br&uuml;ckchen, setzte sich Goethe am Michaelisfeste, wo eine ungeheuere
+Menschenmasse &uuml;ber den Rialto nach der Kirche zog, in eine Gondel. Durch
+den n&ouml;rdlichen Theil des gro&szlig;en Canals fuhr er in die Lagunen bis gegen den
+Marcusplatz. Er &uuml;berlie&szlig; sich seinen einsamen Betrachtungen. &quot;So war ich
+nun,&quot; schrieb er, &quot;auf einmal ein Mitherr des adriatischen Meeres, wie
+jeder Venetianer sich f&uuml;hlt, wenn er sich in seine Gondel legt. Ich
+gedachte dabei meines Vaters, der nichts Besseres wu&szlig;te, als von diesen
+Dingen zu erz&auml;hlen. Wird mir's nicht auch so gehen? Alles, was mich
+umgiebt, ist w&uuml;rdig, ein gro&szlig;es Werk versammelter Menschenkraft, ein
+herrliches Monument, nicht eines Gebieters sondern eines Volkes. Und wenn
+auch ihre Lagunen sich nach und nach ausf&uuml;llen, b&ouml;se D&uuml;nste &uuml;ber dem Sumpfe
+schweben, ihr Handel geschw&auml;cht, ihre Macht gesunken ist, so wird die ganze
+Anlage der Republik und ihr Wesen nicht einen Augenblick dem Beobachter
+unehrw&uuml;rdig seyn. Sie unterliegt der Zeit, wie Alles, was ein erscheinendes
+Daseyn hat.&quot;</p>
+
+<p>Einen genu&szlig;reichen Abend versprach sich Goethe im Theater St. Chrysostomo.
+Die Vorstellung von Crebillon's Electra befriedigte ihn nicht, ungeachtet
+des im Allgemeinen braven Spiels. &quot;Indessen,&quot; schrieb er, &quot;hab' ich doch
+wieder gelernt. Der italienische, immer einsylbige Jambe hat f&uuml;r die
+Deklamation gro&szlig;e Unbequemlichkeit, weil die letzte Sylbe durchaus kurz
+ist, und wider den Willen des Declamators in die H&ouml;he schl&auml;gt.&quot;</p>
+
+<p>Lebhafter, als f&uuml;r die italienische B&uuml;hne, interessirte sich Goethe f&uuml;r die
+Baukunst, die, nach seinen eignen Worten, &quot;wie ein Geist aus dem Grabe
+hervorstieg.&quot; Flei&szlig;ig studirte er den Vitruv, Palladio und andere
+Schriftsteller, um so zu einer klaren Vorstellung von jenen werthvollen
+Ueberresten vergangner Zeit zu gelangen. Als er nach einem vierzehnt&auml;gigen
+Aufenthalt in Venedig am 14. October 1786 die Stadt wieder verlie&szlig;, und
+&uuml;ber Ferrara, Cento, Bologna, Lugano, Perugia, Terni und Citta nach Rom
+reiste, glaubte er sich das Zeugni&szlig; geben zu k&ouml;nnen: &quot;Ich bin nur kurze
+Zeit in Venedig gewesen, aber ich habe mir die dortige Existenz genugsam
+zugeeignet, und wei&szlig;, da&szlig; ich, wenn auch einen unvollst&auml;ndigen, doch einen
+ganz klaren und wahren Begriff mit wegnehme.&quot;</p>
+
+<p>Begeistert von dem Eindruck mehrerer Gem&auml;lde Raphael's, die er in Bologna
+betrachtet hatte, besonders einer heiligen Agathe, schrieb Goethe den 19.
+October 1786: &quot;Ich habe mir die Gestalt wohl gemerkt, und werde ihr im
+Geist meine Iphigenie vorlesen, und meine Heldin nichts sagen lassen, was
+diese Heilige nicht aussprechen m&ouml;chte.&mdash;Da ich einmal dieser s&uuml;&szlig;en B&uuml;rde
+gedenke, die ich auf meinen Wandrungen mit mir f&uuml;hre, so kann ich nicht
+verschweigen, da&szlig; zu den gro&szlig;en Kunst- und Naturgegenst&auml;nden, durch die ich
+mich durcharbeiten mu&szlig;, noch eine wundersame Folge von poetischen Gestalten
+hindurchzieht, die mich beunruhigen. Von Cento her&uuml;ber wollte ich meine
+Arbeit an Iphigenie fortsetzen; aber was geschah? Der Geist f&uuml;hrte mir das
+Argument der Iphigenie von Tauris vor die Seele, und ich mu&szlig;te es
+ausbilden. So kurz als m&ouml;glich sei es hier verzeichnet: Electra, in
+gewisser Hoffnung, da&szlig; Orest das Bild der Taurischen Diana nach Delphi
+bringen werde, erscheint in dem Tempel des Apoll, und widmet die grausame
+Axt, die so viel Unheil in Pelops Hause angerichtet, als schlie&szlig;liches
+S&uuml;hnopfer dem Gotte. Zu ihr tritt leider einer der Griechen, und erz&auml;hlt,
+wie er Orest und Pylades nach Tauris begleitet, die beiden Freunde zum Tode
+f&uuml;hren sehen, und sich gl&uuml;cklich gerettet habe. Die leidenschaftliche
+Electra kennt sich selbst nicht, und wei&szlig; nicht, ob sie gegen G&ouml;tter oder
+Menschen ihre Wuth richten soll. Indessen sind Iphigenie, Orest und Pylades
+gleichfalls in Delphi angekommen. Iphigenie'ns heilige Ruhe contrastirt gar
+merkw&uuml;rdig mit Electra's irdischer Leidenschaft, als die beiden Gestalten,
+wechselseitig unerkannt, zusammentreffen. Der entflohene Grieche erblickt
+Iphigenie'n, erkennt die Priesterin, welche die Freunde geopfert, und er
+entdeckt es Electra. Diese ist im Begriff, mit demselben Beil, welches sie
+dem Altar wieder entrei&szlig;t, Iphigenie'n zu ermorden, als eine gl&uuml;ckliche
+Wendung dieses letzte schreckliche Uebel von den Geschwistern abwendet.&quot;
+Wenn diese Scene gel&auml;nge, meinte Goethe, d&uuml;rfte nicht leicht etwas Gr&ouml;&szlig;eres
+und R&uuml;hrenderes auf der B&uuml;hne gesehen worden seyn. &quot;Aber,&quot; f&uuml;gte er hinzu,
+&quot;wo soll man H&auml;nde und Zeit hernehmen, wenn auch der Geist willig w&auml;re?&quot;</p>
+
+<p>Gro&szlig; und gewaltig war der Eindruck, den die &quot;Hauptstadt der Welt&quot; auf
+Goethe's Gem&uuml;th machte. So nannte er Rom in einem Briefe vom 1. November
+1786. In lebhafter Erinnerung an die r&ouml;mischen Prospecte im elterlichen
+Hause, schrieb Goethe: &quot;Alle Tr&auml;ume meiner Jugend seh' ich nun erf&uuml;llt, ich
+sehe die ersten Kupferbilder wieder. Was ich in Gem&auml;lden, Zeichnungen und
+Holzschnitten schon lange gekannt, steht nun beisammen vor mir. Wohin ich
+gehe, finde ich eine Bekanntschaft in einer neuen Welt. Es ist Alles, wie
+ich mir's dachte, und Alles neu. Eben dies kann ich von meinen
+Betrachtungen, von meinen Ideen sagen. Ich habe keinen ganz neuen Gedanken
+gehabt, nichts ganz fremd gefunden; aber die alten Ideen sind so bestimmt,
+so lebendig, so zusammenh&auml;ngend geworden, da&szlig; sie f&uuml;r neu gelten k&ouml;nnen.&quot;</p>
+
+<p>Zu Goethe's vorz&uuml;glichsten Bekanntschaften in Rom geh&ouml;rte der F&uuml;rst
+Lichtenstein, der italienische Dichter Monti, der besonders durch seine
+mythologischen Forschungen bekannte Schriftsteller Moritz und der
+Historienmaler Tischbein. Mit dem Letztern hatte Goethe schon fr&uuml;her in
+Briefwechsel gestanden. Durch Tischbein gelangte er zu einem klaren
+Verst&auml;ndni&szlig; und einer richtigen W&uuml;rdigung der zahlreichen und unsch&auml;tzbaren
+Gem&auml;lde Raphael's, Michel Angelo's u.A. in der Peterskirche und besonders
+in der Sixtinischen Capelle.</p>
+
+<p>Eine treuere Anh&auml;nglichkeit und eine an Schw&auml;rmerei grenzende Vorliebe f&uuml;r
+seine literarischen Erzeugnisse, besonders f&uuml;r den Werther, zeigte keiner
+von Goethe's Freunden in solchem Grade, als Moritz. Goethe interessirte
+sich lebhaft f&uuml;r ihn, und nahm innigen Antheil an seinem Schicksal, als
+Moritz durch einen ungl&uuml;cklichen Fall den Arm brach. Goethe schrieb
+dar&uuml;ber: &quot;Was ich bei diesem Leidenden als W&auml;rter, Beichtvater und
+Vertrauter, als Finanzminister und geheimer Secret&auml;r erfahren und gelernt,
+mag mir in der Folge zu Gute kommen. Die fatalsten Leiden und die edelsten
+Gen&uuml;sse gingen diese Zeit &uuml;ber immer einander zur Seite.&quot;</p>
+
+<p>Charakteristisch in mehrfacher Hinsicht war ein Schreiben, welches Goethe
+im November 1786 an den Herzog von Weimar richtete. &quot;Wie dank' ich Ihnen,&quot;
+schrieb er aus Rom, &quot;da&szlig; Sie mir diese k&ouml;stliche Mu&szlig;e geben und g&ouml;nnen. Da
+doch einmal von Jugend auf mein Geist diese Richtung genommen, so h&auml;tt' ich
+nie ruhig werden k&ouml;nnen, ohne dies Ziel zu erreichen. Mein Verh&auml;ltni&szlig; zu
+den Gesch&auml;ften ist aus meinem pers&ouml;nlichen zu Ihnen entstanden; lassen Sie
+nun ein neues Verh&auml;ltni&szlig; zu Ihnen nach so manchen Jahren aus dem bisherigen
+hervorgehen. Ich darf wohl sagen, ich habe mich in dieser Einsamkeit selbst
+wiedergefunden. Aber als was? Als K&uuml;nstler! Was ich sonst noch bin, werden
+Sie beurtheilen und nutzen. Sie haben durch Ihr fortdauerndes wirkendes
+Leben jene f&uuml;rstliche Kenntni&szlig;, wozu die Menschen zu benutzen sind, immer
+mehr erweitert und gesch&auml;rft, wie mir jeder Ihrer Briefe deutlich sehen
+l&auml;&szlig;t. Dieser Beurtheilung unterwerfe ich mich gern. Fragen Sie mich &uuml;ber
+die Symphonie, die Sie zu spielen gedenken; ich will gern und ehrlich
+jederzeit meine Meinung sagen. Lassen Sie mich an Ihrer Seite das ganze Ma&szlig;
+meiner Existenz ausf&uuml;llen, so wird meine Kraft, wie eine neu ge&ouml;ffnete,
+gesammelte, gereinigte Quelle, von einer H&ouml;he nach Ihrem Willen leicht da
+oder dorthin zu leiten seyn. Schon sehe ich, was mir die Reise gen&uuml;tzt, wie
+sie mich aufgekl&auml;rt und meine Existenz erheitert hat. Wie Sie mich bisher
+getragen, sorgen Sie ferner f&uuml;r mich. Sie thun mir mehr wohl, als ich
+selbst kann, als ich w&uuml;nschen und verlangen darf. Ich habe so ein gro&szlig;es
+und sch&ouml;nes St&uuml;ck Welt gesehen, und das Resultat ist, da&szlig; ich nur mit Ihnen
+und den Ihrigen leben mag. Ja, ich w&uuml;rde Ihnen noch mehr werden, als ich
+oft bisher war, wenn Sie mich nur das thun lassen, was Niemand als ich thun
+kann, und das Uebrige Andern auftragen. Ihre Gesinnungen, die Sie mir in
+Ihrem Briefe zu erkennen gaben, sind so sch&ouml;n, f&uuml;r mich bis zur Besch&auml;mung
+ehrenvoll, da&szlig; ich nur sagen kann: Herr, hier bin ich, mache aus deinem
+Knechte, was du willst.&quot;</p>
+
+<p>In einem sp&auml;tern Schreiben an den Herzog von Weimar sprach Goethe den
+Wunsch aus, das Land seines F&uuml;rsten nach seiner R&uuml;ckkehr &quot;als Fremder
+durchreisen zu d&uuml;rfen.&quot; Mit ganz frischem Auge, meinte er, w&uuml;rde ihn dann
+die Gewohnheit, Land und Welt zu sehen, jede Provinz betrachten lassen.
+&quot;Ich w&uuml;rde,&quot; f&uuml;gte er hinzu, &quot;mir nach meiner Art ein neues Bild machen,
+einen vollst&auml;ndigen Begriff erlangen, und mich zu jeder Art von Dienst
+gleichsam auf's neue qualificiren, zu dem mich Ihre G&uuml;te, Ihr Zutrauen
+bestimmen will. Bei Ihnen und den Ihrigen ist mein Herz und Sinn, wenn sich
+gleich die Tr&auml;ume einer Welt in die Wagschale legen. Der Mensch bedarf
+wenig; Liebe und Sicherheit seines Verh&auml;ltnisses zu dem einmal Gew&auml;hlten
+und Gegebenen kann er nicht entbehren.&quot; So bewahrte Goethe mit reiner
+Piet&auml;t die treue Anh&auml;nglichkeit und innige Verehrung f&uuml;r einen F&uuml;rsten, dem
+er sein Lebensgl&uuml;ck und die Mu&szlig;e zu seiner literarischen Th&auml;tigkeit
+verdankte.</p>
+
+<p>Flei&szlig;ig besch&auml;ftigte sich Goethe in Rom mit der Fortsetzung und Vollendung
+der Iphigenie. Zu Anfange des Jahres 1787 war er damit fertig geworden. In
+einem Briefe vom 6. Januar machte er die Orte namhaft, wo er sich
+vorzugsweise mit seiner dramatischen Dichtung besch&auml;ftigt hatte. Er schrieb
+dar&uuml;ber: &quot;Am Garda-See, als der gewaltige Mittagswind die Wellen an's Ufer
+trieb, und wo ich wenigstens so allein war, als meine Heldin am Gestade von
+Tauris, zog ich die ersten Linien der neuen Bearbeitung, die ich in Verona,
+Vicenza, Padua, am flei&szlig;igsten aber in Venedig fortsetzte. Dann aber
+gerieth die Arbeit in Stocken. Ich ward auf eine neue Erfindung gef&uuml;hrt,
+n&auml;mlich Iphigenie auf Delphi zu schreiben, was ich auch sogleich gethan
+h&auml;tte, wenn nicht die Zerstreuung und ein Pflichtgef&uuml;hl gegen das &auml;ltere
+St&uuml;ck mich davon abgehalten h&auml;tten.&quot;</p>
+
+<p>Was ihn dazu bewog, seine Iphigenie urspr&uuml;nglich in Prosa zu schreiben,
+war, nach seinen eignen Worten &quot;die Unsicherheit, in der die deutsche
+Prosodie schwebe.&quot; &quot;Es ist auffallend,&quot; schrieb er, &quot;da&szlig; wir in unserer
+Sprache nur wenige Sylben finden, die entschieden kurz oder lang sind; mit
+den &uuml;brigen verf&auml;hrt man nach Geschmack und Willk&uuml;hr.&quot; Ungeachtet dieser
+Bemerkungen gab er sp&auml;terhin seinem Schauspiel eine metrische Form. Das
+vollendete Manuscript hatte er nach Weimar gesandt, um das Urtheil seiner
+Freunde zu vernehmen. In den ruhigen Gang des St&uuml;cks konnten sie sich nicht
+sogleich finden. Sie hatten mehr leidenschaftliche Bewegung erwartet,
+&quot;etwas Berlichingisches&quot;, wie Goethe sich dar&uuml;ber &auml;u&szlig;erte. Immer dachten
+sie sich den Dichter noch in seiner poetischen Sturm- und Drangperiode, die
+l&auml;ngst f&uuml;r ihn vor&uuml;ber war.</p>
+
+<p>In einem Briefe vom 21. Februar 1787 beklagte sich Goethe, noch kein
+gr&uuml;ndliches und ersch&ouml;pfendes Urtheil &uuml;ber die Iphigenie geh&ouml;rt zu haben.
+Das k&ouml;nnte ihm, meinte er, zur Leitung dienen bei seinem &quot;Tasso&quot;, denn das
+sei doch eine &auml;hnliche Arbeit. Von diesem Schauspiel hatte er damals die
+ersten Scenen entworfen. &quot;Der Gegenstand,&quot; schrieb er, &quot;ist fast noch
+beschr&auml;nkter, als in der Iphigenie, und will daher im Einzelnen noch mehr
+ausgearbeitet seyn. Doch wei&szlig; ich noch nicht, was es werden wird. Das
+Vorhandene mu&szlig; ich ganz zerst&ouml;ren. Es hat zu lange gelegen, und weder die
+Personen, noch der Plan, noch der Ton haben mit meiner jetzigen Ansicht die
+geringste Verwandtschaft.&quot;</p>
+
+<p>Best&auml;rkt ward Goethe in diesem Entschlu&szlig; durch den Beifall, der von
+einsichtsvollen Freunden seiner Umarbeitung der Iphigenie gezollt ward. Ihn
+selbst lie&szlig; sein Schauspiel auch in der ver&auml;nderten Form unbefriedigt.</p>
+
+<p>Inde&szlig; tr&ouml;stete er sich dar&uuml;ber in einem Briefe vom 16. M&auml;rz 1787. Eine
+solche Arbeit, meinte er, werde eigentlich nie fertig; man m&uuml;sse sie f&uuml;r
+fertig erkl&auml;ren, wenn man nach Zeit und Umst&auml;nden das M&ouml;glichste gethan
+habe. &quot;Das soll mich aber,&quot; f&uuml;gte er hinzu, &quot;nicht abschrecken, mit dem
+Tasso eine &auml;hnliche Operation vorzunehmen. Lieber w&uuml;rfe ich ihn in's Feuer.
+Aber ich will bei meinem Entschlu&szlig; beharren, und da es einmal nicht anders
+ist, so wollen wir ein wunderlich Werk daraus machen.&quot;</p>
+
+<p>Besch&auml;ftigt mit seiner dramatischen Dichtung, blieb Goethe, wenn man den
+Umgang mit dem Landschaftsmaler Hackert ausnimmt, dessen Leben er sp&auml;ter so
+anziehend beschrieb, auch in Neapel &quot;dem eigensinnigen Einsiedlersinn&quot;
+treu, der ihm schon in Rom von seinen Freunden zum Vorwurf gemacht worden
+war. &quot;Freilich scheint es,&quot; schrieb er, &quot;ein wunderliches Beginnen, da&szlig; man
+in die Welt geht, um allein bleiben zu wollen.&quot; W&auml;hrend Goethe sich aber
+dem geselligen Leben entzog, streifte er in der Umgegend umher. &quot;Neapel ist
+ein Paradies,&quot; &auml;u&szlig;erte er in dem vorhin mitgetheilten Briefe. &quot;Jedermann
+lebt in einer Art von trunkener Selbstvergessenheit. Mir geht es eben so.
+Ich erkenne mich kaum, ich scheine mir ein ganz anderer Mensch.&quot;</p>
+
+<p>L&auml;ngere Zeit schwankte Goethe in dem Entschlu&szlig;, auch Sicilien zu besuchen.
+&quot;Eine Seereise,&quot; schrieb er, &quot;fehlt mir ganz in meinen Begriffen. Die
+kleine Ueberfahrt, vielleicht eine K&uuml;stenumschiffung, wird meiner
+Einbildungskraft nachhelfen und mir die Welt erweitern. Und so geh' ich
+denn Donnerstag den 29sten mit der Corvette, die ich, des Seewesens
+unkundig, in meinem vorigen Briefe zum Rang einer Fregatte erhob, nach
+Palermo.&quot;</p>
+
+<p>Von der Seekrankheit befallen, wagte sich Goethe l&auml;ngere Zeit nicht wieder
+auf's Verdeck, und mu&szlig;te so den herrlichen Anblick der K&uuml;sten und Inseln
+entbehren. &quot;Abgeschlossen von der &auml;u&szlig;ern Welt,&quot; schrieb er, &quot;lie&szlig; ich die
+innere walten, und da eine langsame Fahrt vorauszusehen war, gab ich mir
+gleich zu bedeutender Unterhaltung ein starkes Pensum auf. Die zwei ersten
+Acte des Tasso, in poetischer Prosa geschrieben, habe ich von allen
+Papieren allein mit &uuml;ber See genommen. Diese beiden Acte, schon vor
+mehreren Jahren geschrieben, hatten etwas Weichliches, Nebelhaftes, welches
+sich jedoch bald verlor, als ich, nach neueren Ansichten, die Form
+vorwalten und den Rhythmus eintreten lie&szlig;.&quot;</p>
+
+<p>Einen begeisternden Eindruck machte auf Goethe der majest&auml;tische Anblick
+des Meeres mit seinen zahllosen Inseln. In dieser lebendigen Umgebung
+glaubte er, nach seinen eignen Worten, den besten Commentar zu Homers
+Odyssee zu finden, deren Lect&uuml;re ihn damals besch&auml;ftigte. &quot;Was den Homer
+betrifft,&quot; schrieb er an Herder, &quot;so ist mir eine Decke von den Augen
+gefallen. Die Beschreibungen, die Gleichnisse u.s.w. kommen uns poetisch
+vor, und sind doch uns&auml;glich nat&uuml;rlich, aber freilich mit einer Reinheit
+und Innigkeit bezeichnet, vor der man erschrickt. Selbst die sonderbarsten
+erlogensten Begebenheiten haben eine Nat&uuml;rlichkeit, die ich nie so gef&uuml;hlt
+habe, als in der N&auml;he der betriebenen Gegenst&auml;nde. Ich m&ouml;chte den Gedanken
+kurz so ausdr&uuml;cken: <i>sie</i> stellen die Existenz dar; <i>wir</i> gew&auml;hren den
+Effect; <i>sie</i> schildern das F&uuml;rchterliche; <i>wir</i> schildern f&uuml;rchterlich;
+<i>sie</i> das Angenehme, <i>wir</i> angenehm. Daher kommt alles Uebertriebene, alle
+falsche Grazie, aller Schwulst. Wenn das, was ich sage, nicht neu ist, so
+hab' ich es doch bei neuem Anla&szlig; recht lebhaft gef&uuml;hlt. Nun ich alle diese
+K&uuml;sten und Vorgebirge, Golfe und Buchten, Inseln und Erdzungen, Felsen und
+Sandstreifen, buschige H&uuml;gel, sanfte W&auml;lder, fruchtbare Felder, geschm&uuml;ckte
+G&auml;rten, gepflegte B&auml;ume, h&auml;ngende Reben, Wolkenberge und immer heitere
+Ebenen, Klippen und B&auml;nke und das alles umgebende Meer mit so vielen
+Abwechselungen und Mannigfaltigkeiten vor mir habe&mdash;nun ist mir erst die
+Odyssee ein lebendiges Wort.&quot;</p>
+
+<p>Ergriffen von diesen Ideen, wollte Goethe in der Heldin einer Trag&ouml;die,
+&quot;Nausikaa&quot; betitelt, von welcher sich jedoch nur die zwei ersten Scenen des
+ersten Acts in Goethe's Werken erhalten haben, nach seinen eignen
+Aeu&szlig;erungen, &quot;eine treffliche, von Vielen umworbene Jungfrau darstellen,
+die keiner Neigung sich bewu&szlig;t, alle Freier bisher ablehnend behandelt,
+durch einen sittsamen Fremdling aber ger&uuml;hrt, aus ihrem Zustande
+heraustr&auml;te und durch eine voreilige Aeu&szlig;erung ihrer Neigung sich
+compromittirte.&quot; Von dieser Situation versprach sich Goethe eine gro&szlig;e
+tragische Wirkung. Der Reichthum der subordinirten Motive und besonders das
+Meer- und Inselhafte der Ausf&uuml;hrung sollte, nach Goethe's Ansicht, jener
+einfachen Fabel ein besonderes Interesse geben. Er war so ergriffen von
+seinem Gegenstande, da&szlig; er dar&uuml;ber, wie er &auml;u&szlig;erte, &quot;seinen Aufenthalt zu
+Palermo, ja den gr&ouml;&szlig;ten Theil seiner &uuml;brigen sicilianischen Reise
+vertr&auml;umte.&quot;</p>
+
+<p>Der lebendige Antheil an jenem S&uuml;jet verlor sich jedoch bald wieder. In
+einem Briefe vom 17. April 1787 beklagte sich Goethe &quot;&uuml;ber das wahrhafte
+Ungl&uuml;ck, von vielerlei Geistern verfolgt und versucht zu werden.&quot; In einem
+&ouml;ffentlichen Garten weckte die Betrachtung mehrerer dort bl&uuml;hender Gew&auml;chse
+in ihm eine alte Lieblingsidee. Er wollte, wo m&ouml;glich, unter dieser Schaar
+die Urpflanze entdecken. Eine poetische Form gab Goethe dieser Idee in
+seinem Gedicht. &quot;die Metamorphose der Pflanzen.&quot; Wissenschaftlich er&ouml;rterte
+er jenen Gegenstand in seinem 1790 gedruckten &quot;Versuch, die Metamorphose
+der Pflanzen zu erkl&auml;ren.&quot;</p>
+
+<p>Wie Goethe die Natur &uuml;berhaupt, besonders aber im</p>
+
+<p>Gegensatze zur Kunst betrachtete, zeigten die nachfolgenden Aeu&szlig;erungen in
+einem Schreiben an die Herzogin Luise von Sachsen-Weimar: &quot;Das geringste
+Product der Natur hat den Kreis seiner Vollkommenheit in sich, und ich darf
+nur Augen haben, um zu sehen, so kann ich die Verh&auml;ltnisse entdecken; ich
+bin sicher, da&szlig; innerhalb eines kleinen Cirkels eine ganze wahre Existenz
+beschlossen ist. Ein Kunstwerk hingegen hat seine Vollkommenheit au&szlig;er
+sich; das Beste liegt in der Idee des K&uuml;nstlers, die er selten oder nie
+erreicht; alles Folgende in gewissen angenommenen Gesetzen, welche zwar aus
+der Natur der Kunst und des Handwerks hergeleitet, aber doch nicht so
+leicht zu verstehen und zu entziffern sind, als die Gesetze der lebendigen
+Natur. Bei den Kunstwerken ist viel Tradition, die Naturwerke sind immer
+wie ein frisch ausgesprochenes Wort Gottes.&quot;</p>
+
+<p>Ueber die vorhin erw&auml;hnte Idee einer Metamorphose der Pflanzen erkl&auml;rte
+sich Goethe n&auml;her in einem Briefe an Herder vom M&auml;rz 1787. Er &auml;u&szlig;erte
+darin, da&szlig; er dem Geheimni&szlig; der Pflanzenerzeugung und Organisation ganz
+nahe gekommen sei, und meinte, da&szlig; es nichts Einfacheres gehen k&ouml;nnte.
+Unter dem italienischen Himmel lie&szlig;en sich dar&uuml;ber die herrlichsten
+Beobachtungen anstellen. &quot;Den Hauptpunkt, wo der Keim steckt,&quot; schrieb
+Goethe, &quot;hab' ich ganz klar und zweifellos gefunden. Alles Uebrige sah ich
+schon im Ganzen, und nur noch einige Punkte m&uuml;ssen bestimmter werden. Die
+Urpflanze wird das wunderlichste Gesch&ouml;pf von der Welt, um welches die
+Natur selbst mich beneiden soll. Mit diesem Modell und dem Schl&uuml;ssel dazu,
+kann man alsdann Pflanzen in's Unendliche erfinden, die consequent seyn
+m&uuml;ssen, d. h. die, wenn sie auch nicht existiren, doch existiren k&ouml;nnen,
+und nicht etwa malerische und dichterische Schatten und Scheine sind,
+sondern innerliche Wahrheit und Nothwendigkeit haben.&quot; Dasselbe Gesetz,
+meinte Goethe, werde sich auf alles &uuml;brige Lebende anwenden lassen.</p>
+
+<p>In mehreren von Goethe's damaligen Briefen regte sich die Sehnsucht, wieder
+in seine Heimath zur&uuml;ckzukehren. Besonders freute er sich auf das
+Wiedersehen Herders, mit dem er stets in innigen Verh&auml;ltnissen gelebt
+hatte. An ihn schrieb er den 17. M&auml;rz 1787. &quot;Wir sind so nahe in unserer
+Vorstellungsweise, als es m&ouml;glich ist, ohne eins zu seyn, und in den
+Hauptquellen am n&auml;chsten. Wenn du diese Zeit her viel aus dir selbst
+gesch&ouml;pft hast, so hab' ich viel erworben, und ich kann einen guten Tausch
+machen. Ich bin freilich mit meiner Vorstellung sehr an's Gegenw&auml;rtige
+geheftet, und je mehr ich die Welt sehe, desto weniger kann ich hoffen, da&szlig;
+die Menschheit je Eine weise, kluge, gl&uuml;ckliche Masse werden k&ouml;nne.
+Vielleicht ist unter den Millionen eine, die sich des Vorzugs r&uuml;hmen kann;
+bei der Constitution der unsrigen bleibt mir so wenig f&uuml;r sie, als f&uuml;r
+Sicilien bei der seinigen zu hoffen.&quot;</p>
+
+<p>In dieser Stimmung versprach sich Goethe viel von dem damals noch
+ungedruckten dritten Theil von Herders Ideen zu einer Geschichte der
+Philosophie der Menschheit. &quot;Ich glaube selbst,&quot; schrieb Goethe, &quot;da&szlig; die
+Humanit&auml;t endlich siegen wird. Nur f&uuml;rcht' ich, da&szlig; zu gleicher Zeit die
+Welt ein gro&szlig;es Hospital, und Einer des Andern humaner Krankenw&auml;rter seyn
+werde.&quot; Als ihn nun das sehnlich erwartete Buch begr&uuml;&szlig;te, schrieb er den
+12. Oktober 1787 an Herder: &quot;Den lebhaftesten Dank f&uuml;r die Ideen. Sie sind
+mir als das liebwertheste Evangelium gekommen. Die interessantesten Studien
+meines Lebens laufen da zusammen.&quot;</p>
+
+<p>Lockerer ward nach Goethe's R&uuml;ckkehr aus Italien das Band zwischen ihm und
+Herder. Was beide von einander trennte, war ihre verschiedenartige Stellung
+zu der Kantischen Philosophie, die damals ihren sich immer weiter
+ausbreitenden Einflu&szlig; geltend machte, und f&uuml;r die Wissenschaft, wie f&uuml;r
+Poesie und Kunst, ganz neue Principien aufstellte. Als Kant mit seiner
+&quot;Kritik der reinen Vernunft&quot; hervorgetreten war, erkl&auml;rte sich Herder,
+obgleich er ein Sch&uuml;ler Kant's gewesen war, f&uuml;r einen seiner
+entschiedensten Gegner. Goethe aber, obgleich er f&uuml;r Philosophie im
+strengsten Sinne des Worts eigentlich kein Organ hatte, hielt sich doch zur
+Parthei derjenigen, die mit Kant behaupteten: wenn auch alle menschliche
+Erkenntni&szlig; mit der Erfahrung beginne, so entspr&auml;nge sie darum doch nicht
+immer unbedingt aus der Erfahrung.</p>
+
+<p>W&auml;hrend seines Aufenthalts in Rom hatte Goethe mit Moritz viel &uuml;ber Kunst
+und Kunsttheorie gesprochen. Immer hatte ihm eine feste Basis gefehlt.
+Diese glaubte er in einem sp&auml;tern Werke Kant's, in der &quot;Kritik der
+Urtheilskraft&quot; zu finden. Daraus entsprang seine Vorliebe f&uuml;r die&szlig; Buch und
+seine Abneigung gegen Herder, der es ihm zu verleiden suchte. Goethe
+glaubte diesen philosophischen Studien mannigfache Belehrung zu verdanken.
+Wenn er auch im Einzelnen nicht immer mit der Vorstellungsart und Ansichten
+Kant's &uuml;bereinstimmen konnte, so schienen doch die Hauptideen in der
+&quot;Kritik der Urtheilskraft&quot; seiner Denk- und Empfindungsweise im Allgemeinen
+analog. Das innere Leben der Kunst, wie der Natur, ihr beiderseitiges
+Wirken von innen heraus schien ihm klar ausgesprochen in jenem Werke
+Kant's, das kurze Zeit jene andere Lect&uuml;re verdr&auml;ngte. Seine innere
+Ueberzeugung mu&szlig;te ihm jedoch bald sagen, da&szlig; er f&uuml;r abstracte Philosophie
+und ihre metaphysischen Tr&auml;ume nicht geschaffen sei.</p>
+
+<p>Ein h&ouml;heres Interesse gewann f&uuml;r Goethe, bald nach seiner Ankunft in
+Weimar, das frische Naturleben, besonders als seine Vorliebe f&uuml;r Botanik
+durch Batsch, G&ouml;ttling u.a. ausgezeichnete M&auml;nner in der benachbarten
+Universit&auml;tsstadt Jena aufs Neue angeregt ward. Die Aufsicht &uuml;ber die
+dortigen wissenschaftlichen Anstalten, die Einrichtung und Anordnung der
+Museen, die Pflege des botanischen Gartens gaben ihm eine ebenso angenehme,
+als lehrreiche Besch&auml;ftigung. Die Betrachtung der Natur, verbunden mit dem
+Studium der Botanik, entsch&auml;digte ihn f&uuml;r den Mangel eines Kunstlebens, wie
+er es in Italien genossen hatte. Immer kehrte Goethe, auch wenn er sich
+eine Zeit lang daraus entfernte, wieder in die&szlig; Gebiet zur&uuml;ck. Ihm blieb
+ein lebendiges Interesse, der Bildung und Umbildung organischer Naturen
+nachzuforschen. Die von ihm selbst in seiner &quot;Metamorphose der Pflanzen&quot;
+aufgestellte Theorie diente ihm dabei zum Wegweiser. Aber die Natur schien
+ihm zugleich synthetisch zu handeln, indem sie v&ouml;llig fremdartig scheinende
+Verh&auml;ltnisse einander n&auml;herte und sie zusammen in Eins verkn&uuml;pfte.</p>
+
+<p>Unter diesen Forschungen wandte sich Goethes Th&auml;tigkeit abwechselnd wieder
+zu anderweitigen Besch&auml;ftigungen. Sein poetisches Talent &uuml;bte sich, nach
+der Vollendung der &quot;Iphigenie&quot; und des &quot;Tasso&quot; an dem Trauerspiel &quot;Egmont.&quot;
+Merkw&uuml;rdig war ihm der Umstand, da&szlig; nach den Zeitungen die von ihm
+geschilderten Scenen sich in Br&uuml;ssel fast w&ouml;rtlich erneuert hatten. Noch
+vor dem Ausbruch der franz&ouml;sischen Revolution hatte die ber&uuml;chtigte
+Halsbandgeschichte, w&auml;hrend seines Aufenthalts in Italien einen tiefen
+Eindruck auf ihn gemacht. Er hatte die &uuml;ber jenen Vorfall erschienenen
+Proce&szlig;acten mit Aufmerksamkeit gelesen. Die in Sicilien von ihm gesammelten
+&quot;Nachrichten &uuml;ber Cagliostro und seine Familie&quot; benutzte Goethe zu seinem
+Lustspiel: &quot;Der Gro&szlig;cophta.&quot; Nach einzelnen, von dem Capellmeister
+Reichardt componirten Liedern zu schlie&szlig;en, h&auml;tte sich jener Stoff
+vielleicht noch besser zu einer Oper geeignet. Goethe versuchte sich inde&szlig;
+auch in der eben genannten Gattung der Poesie. Unvollendet blieb jedoch
+sein Singspiel: &quot;die ungleichen Hausgenossen.&quot; Nachkl&auml;nge seines
+Aufenthalts in Italien waren die &quot;r&ouml;mischen Elegien&quot; und die
+&quot;venetianischen Epigramme.&quot; Sie wurden jedoch erst gedichtet nach einem
+abermaligen l&auml;ngern Aufenthalt Goethe's in Rom und Venedig (1790) im
+Gefolge der Herzogin Amalie von Sachsen-Weimar.</p>
+
+<p>Kaum wieder aus Italien zur&uuml;ckgekehrt, begleitete Goethe den Herzog von
+Weimar nach Schlesien, wo die preu&szlig;ischen und &ouml;sterreichischen Gesandten
+sich auf dem Congre&szlig; zu Reichenbach versammelten. In Breslau, mitten unter
+der allgemeinen Bewegung, welche die Truppenm&auml;rsche und Man&ouml;ver der
+verschiedenen Regimenter veranla&szlig;ten, ward Goethe wieder von der alten
+Lieblingsidee ergriffen, sich v&ouml;llig zu isoliren, und mit Naturstudien,
+besonders aber mit der vergleichenden Anatomie sich zu besch&auml;ftigen. Zur
+festen Ueberzeugung ward ihm die Idee, da&szlig; ein allgemeiner, durch
+Metamorphose erzeugter Typus durch die s&auml;mmtlichen organischen Gesch&ouml;pfe
+hindurchgehe und in allen seinen Abstufungen sich beobachten lasse. In
+mehreren, zum Theil ungedruckt gebliebenen Abhandlungen zergliederte Goethe
+die&szlig; Thema. Er fand jedoch bald, da&szlig; die Aufgabe zu gro&szlig; war, um gen&uuml;gend
+gel&ouml;st zu werden. Auf andere wissenschaftliche Gegenst&auml;nde lenkte sich
+daher, als er wieder nach Weimar zur&uuml;ckgekehrt war, Goethe's Th&auml;tigkeit.
+Eine ger&auml;umige dunkle Kammer in seinem freigelegnen Wohnhause mit dem daran
+sto&szlig;enden Garten beg&uuml;nstigte seine chromatischen Untersuchungen, die damals
+ein lebhaftes Interesse f&uuml;r ihn gewonnen hatten. Zu einem besondern
+Gegenstande seiner Aufmerksamkeit machte er die prismatischen
+Erscheinungen. Die Resultate seiner Forschungen ver&ouml;ffentlichte Goethe in
+seinen &quot;optischen Beitr&auml;gen,&quot; von denen 1791 das erste St&uuml;ck erschien.</p>
+
+<p>Seinem Dichtergenius und der Liebe zur dramatischen Poesie ward er wieder
+zur&uuml;ckgegeben, als er um diese Zeit die Leitung des Weimarischen
+Hoftheaters &uuml;bernahm. Diese B&uuml;hne hatte sich aus den in Weimar
+zur&uuml;ckgebliebenen Mitgliedern der Bellomo'schen Schauspielertruppe
+gebildet, welche seit 1784 nicht ohne Beifall in der genannten Residenz
+gespielt hatte. Die unerm&uuml;dliche Th&auml;tigkeit des Concertmeisters Cranz
+verschaffte besonders den italienischen und franz&ouml;sischen Opern, welche
+Vulpius f&uuml;r das Theater bearbeitete, dort l&auml;ngere Zeit Aufnahme und
+Beifall. Besch&auml;ftigung und Unterhaltung zugleich fand Goethe, der die
+Leitung des Ganzen &uuml;bernommen hatte, in den mannigfachen Versuchen, das
+Talent der Schauspieler zu wecken, und ihrem Spiel, wie der technischen
+Einrichtung der B&uuml;hne, eine immer h&ouml;here Vollkommenheit zu geben. In diesen
+Bem&uuml;hungen unterst&uuml;tzte ihn besonders Einsiedel, der, mit gleicher Vorliebe
+f&uuml;r die Oper, im Gefolge der Herzogin Amalie aus Italien nach Weimar
+zur&uuml;ckgekehrt war. In diesem heitern Lebenskreise erhielt Goethe's Geist
+eine ernstere Richtung durch den Blick auf die damaligen Zeitereignisse
+nach dem Ausbruch der franz&ouml;sischen Revolution. In den &quot;Unterhaltungen
+deutscher Ausgewanderten,&quot; in den Lustspielen &quot;der B&uuml;rgergeneral&quot; und &quot;die
+Aufgeregten&quot;, von denen das zuletzt genannte St&uuml;ck unvollendet blieb,
+besch&auml;ftigte sich Goethe's Phantasie, einzelne Scenen des damaligen
+Kriegstheaters darzustellen, das er bald aus eigner Anschauung kennen
+lernen sollte. Es war um diese Zeit, als er den Herzog von Weimar auf dem
+Feldzuge in die Champagne begleitete. Ueber Frankfurt, Mainz, Trier und
+Luxemburg begab sich Goethe 1792 nach Longwi, welches er den 26. August
+schon eingenommen fand, von da nach Valmy und von Trier die Mosel hinab
+nach Coblenz.</p>
+
+<p>Auch in diesem vielfach bewegten und zerstreuten Leben verlor Goethe seine
+wissenschaftlichen Forschungen nicht v&ouml;llig aus den Augen. Manche
+Naturbeobachtungen und die fortgesetzte Besch&auml;ftigung mit seinen
+chromatischen Arbeiten lenkten seinen Blick von den Kriegsereignissen
+hinweg. Der Entwurf zu einer allgemeinen &quot;Farbenlehre&quot; fiel in diese Zeit.
+Aber auch Goethe's Dichtertalent regte sich wieder auf mannigfache Weise,
+unter andern in einer freien Umarbeitung des altdeutschen Gedichts
+&quot;Reinecke Fuchs,&quot; f&uuml;r welches er statt der Jamben Hexameter w&auml;hlte, um sich
+in diesem, ihm noch wenig gel&auml;ufigen Versma&szlig; auch einmal zu versuchen.</p>
+
+<p>In dem allgemeinen Kriegstumult, der ihn umgab, als er der Belagerung von
+Mainz beiwohnte, ward Goethe an die ruhigen b&uuml;rgerlichen Verh&auml;ltnisse
+seiner Vaterstadt Frankfurt erinnert durch einen Brief seiner Mutter, die
+ihm Aussichten er&ouml;ffnete zu einer durch den Tod seines Oheims Textor
+erledigten Rathsherrnstelle. Viel Lockendes hatte die Aussicht f&uuml;r ihn, in
+seiner Vaterstadt rasch empor zu steigen von einer Ehrenstufe zur andern,
+und auf die reichsst&auml;dtische Verfassung Frankfurts einen bedeutenden
+Einflu&szlig; zu gewinnen. Aber das unumschr&auml;nkte Vertrauen, das der Herzog von
+Weimar in ihn gesetzt, die mannigfachen Beweise der Huld seines F&uuml;rsten und
+ein nicht zu unterdr&uuml;ckendes Gef&uuml;hl der Dankbarkeit waren f&uuml;r ihn mehr als
+hinreichend, jenen Antrag abzulehnen. Auch t&auml;uschte er sich wohl nicht,
+wenn er den neuen Wirkungskreis, in den er treten sollte, weder seinen
+F&auml;higkeiten, noch seinen Neigungen angemessen hielt.</p>
+
+<p>Genu&szlig;reiche Tage verlebte Goethe damals mit seinem Jugendfreunde Jacobi in
+Pempelfort, wo ihn eine ger&auml;umige und geschmackvoll decorirte Wohnung mit
+einem daran sto&szlig;enden Garten empfing. Der Tag ward meistens in der freien
+Natur zugebracht. Die Abende waren gr&ouml;&szlig;tentheils der geselligen
+Unterhaltung &uuml;ber die neusten Erscheinungen im Gebiet der sch&ouml;nen Literatur
+gewidmet. Auch hier erlebte Goethe ein &auml;hnliches Schicksal, wie bei der
+ersten Mittheilung des Manuscripts seiner &quot;Iphigenie&quot;. Seine Freunde
+konnten sich nicht sogleich finden in den Ton und Charakter seiner neusten
+poetischen Producte, ungeachtet er in denselben doch mit seinem Lebensgange
+immer gleichen Schritt gehalten zu haben glaubte. Das Verh&auml;ltni&szlig; zu seinen
+Freunden ward dadurch nicht gest&ouml;rt. Er schied von ihnen mit den
+wohlthuenden Eindr&uuml;cken, welche die Betrachtung der Gem&auml;ldegallerie in dem
+benachbarten D&uuml;sseldorf auf ihn gemacht hatte.</p>
+
+<p>In Duisburg fand Goethe einen alten Bekannten wieder, den Sohn des
+Professors Plessing, den er vor sechzehn Jahren, wie fr&uuml;her erw&auml;hnt, auf
+seiner damaligen Harzreise in dem Gasthofe zu Wernigerode kennen gelernt
+hatte. Plessing hatte sich seitdem zu einem geachteten Schriftsteller
+erhoben. Aber sein fr&uuml;herer Tr&uuml;bsinn war nicht von ihm gewichen. Noch immer
+schien er nach einem Unerreichbaren zu streben. Das Gespr&auml;ch zwischen ihm
+und Goethe gerieth bald in Stocken, als die Erinnerung an fr&uuml;here
+Verh&auml;ltnisse, auf die er immer wieder zur&uuml;ckkam, ersch&ouml;pft war.</p>
+
+<p>Freundlich und zuvorkommend war die Aufnahme, welche Goethe im November
+1792 bei der vielseitig gebildeten F&uuml;rstin Amalie von Gallizin in M&uuml;nster
+fand. Die Betrachtung einer kostbaren Sammlung von geschnittenen Steinen
+veranla&szlig;te den Dichter zu der Bemerkung, da&szlig; die christliche Religion sich
+mit der bildenden Kunst von jeher in einer Art von Zwiespalt befunden habe,
+da jene sich von der Sinnlichkeit zu entfernen strebe, diese dagegen das
+sinnliche Element f&uuml;r ihren eigentlichen Wirkungskreis erkenne und darin
+verharre. Diese Idee legte Goethe dem sinnigen Gedicht: &quot;der neue Amor&quot; zum
+Grunde, welches man in der Sammlung seiner Werke findet.</p>
+
+<p>Das vielfach bewegte Reiseleben hatte Goethe wieder mit den ruhigen
+Verh&auml;ltnissen in Weimar vertauscht. Von den politischen Ereignissen, welche
+die Welt bedrohten, war er zum Theil ein Zeuge gewesen. Den B&uuml;rger, den
+Bauer, den Soldaten hatte er mit mannigfachen Drangsalen k&auml;mpfen sehen.
+Noch immer dauerten die ungeheuern Bewegungen fort, die die Revolution im
+Innern Frankreichs hervorgerufen hatte. Der Tod Ludwigs XVI. und seiner
+Gemahlin, die Greulthaten Robespierre's, Danton's und anderer damaliger
+Machthaber erf&uuml;llten die Welt mit Schrecken, und bei den raschen
+Kriegsschritten der aufgeregten franz&ouml;sischen Nation schien eine
+Ver&auml;nderung, wo nicht ein v&ouml;lliger Umsturz aller bestehenden Verh&auml;ltnisse
+zu f&uuml;rchten. Ueberall h&ouml;rte man von Kriegsr&uuml;stungen und von Fl&uuml;chtlingen,
+die in ihrer Heimath bedroht, anderswo ein Asyl suchten. Vergebens bot
+Goethe seiner Mutter einen ruhigen Aufenthalt in Weimar an. Sie f&uuml;hlte
+keine Besorgni&szlig; f&uuml;r ihre eigne Person, tr&ouml;stete sich durch Bibelstellen,
+und wollte sich durchaus nicht trennen von ihrer Vaterstadt Frankfurt, mit
+der sie, wie Goethe sich ausdr&uuml;ckte, &quot;ganz eigentlich zusammengewachsen
+war.&quot;</p>
+
+<p>Von dem bewegten Treiben der Au&szlig;enwelt wandte sich Goethe, seiner
+Gewohnheit nach, wieder zu mannigfachen literarischen Besch&auml;ftigungen. Das
+Gedicht &quot;Reinecke Fuchs&quot; ward um diese Zeit vollendet. Auch der Druck des
+ersten Bandes von &quot;Wilhelm Meisters Lehrjahren&quot; hatte begonnen. Seinen
+botanischen und mineralogischen Studien widmete sich Goethe ebenfalls
+wieder mit gro&szlig;em Eifer. Erfreulich war f&uuml;r ihn in dieser Hinsicht der
+unterhaltende und belehrende Umgang mit G&ouml;ttling, Batsch, Voigt und andern
+Professoren der Universit&auml;t Jena. Ein besonderer Gegenstand seiner
+Aufmerksamkeit war das Bergwesen in Ilmenau, und mancher Ausflug in jene
+Gegend ward von ihm unternommen. Goethe freute sich &uuml;ber die Fortschritte
+jenes Unternehmens, die bei beschr&auml;nkten Mitteln freilich nur m&auml;&szlig;ig seyn
+konnten.</p>
+
+<p>Unstreitig das wichtigste Ereignis in Goethe's Leben war das um diese Zeit
+(1794) sich entwickelnde n&auml;here Verh&auml;ltni&szlig; zu Schiller. Aus entschiedener
+Abneigung gegen die fr&uuml;hern Producte dieses Dichters, die ihn an die
+poetische Sturm- und Drangperiode erinnerten, der er l&auml;ngst entwachsen war,
+hatte er sich bisher von Schiller entfernt gehalten. Zwar war er ihm 1789
+beh&uuml;lflich gewesen zu einer Professur in Jena, aber an ein n&auml;heres
+Verh&auml;ltni&szlig; schienen beide nicht zu denken. Ein philosophisches Gespr&auml;ch in
+einer Sitzung der von dem Professor Batsch in Jena gegr&uuml;ndeten
+naturforschenden Gesellschaft bewirkte die erste Ann&auml;herung der beiden
+Dichter. Das von Schiller damals herausgegebene Journal: &quot;die Horen&quot; ward
+das vermittelnde Band zwischen ihm und Goethe, der ebenfalls Beitr&auml;ge zu
+jener Zeitschrift lieferte.</p>
+
+<p>Das Verh&auml;ltni&szlig; zwischen beiden Dichtern ward bald immer inniger. An
+Schillers Arbeiten nahm Goethe das lebhafteste Interesse, das durch die
+Uebereinstimmung ihrer Ideen immer wieder aufs neue angeregt ward. Ueber
+eine damals noch ungedruckte Abhandlung Schillers schrieb Goethe den 4.
+September 1794: &quot;Ich habe Ihre Entwickelung des Erhabenen mit vielem
+Vergn&uuml;gen gelesen, und mich daraus aufs neue &uuml;berzeugt, da&szlig; uns nicht
+allein dieselben Gegenst&auml;nde interessiren, sondern da&szlig; wir auch in der Art,
+sie anzusehen, meistens &uuml;bereinkommen. Ueber alle Hauptpunkte, seh' ich,
+sind wir eins, und was die Abweichungen, die Standpunkte, die Verbindungen
+des Ausdrucks betrifft, so zeugen diese von dem Reichthum des Objects und
+der ihm correspondirenden Mannigfaltigkeit der Subjecte.&quot; Dieser Brief
+enthielt zugleich eine an Schiller gerichtete Einladung, nach Weimar zu
+kommen, und in Goethe's Hause zu wohnen. &quot;Wir unterhielten uns&quot;, schrieb
+Goethe, &quot;s&auml;hen Freunde, die uns am &auml;hnlichsten gesinnt w&auml;ren, und w&uuml;rden
+nicht ohne Nutzen von einander scheiden.&quot; Schillers Individualit&auml;t
+ber&uuml;cksichtigend f&uuml;gte Goethe noch hinzu: &quot;Sie sollen ganz nach ihrer Art
+und Weise leben, und sich ganz wie zu Hause einrichten.&quot; Schiller folgte
+jener Einladung, und Goethe schrieb den 1. October 1794: &quot;Nach unserer
+vierzehnt&auml;gigen Conferenz wissen wir nun, da&szlig; wir in Prinzipien einig sind,
+und die Kreise unsers Empfindens, Denkens und Wirkens theils coincidiren,
+theils sich ber&uuml;hren.&quot;</p>
+
+<p>Zur Aufnahme in die von Schiller herausgegebenen &quot;Horen&quot; sandte Goethe,
+seine &quot;r&ouml;mischen Elegien&quot;, zwei &quot;Episteln&quot;, denen noch eine dritte folgen
+sollte, und andere poetische Beitr&auml;ge. Auch zu einigen Aufs&auml;tzen hoffte er
+noch Mu&szlig;e zu finden unter der fortw&auml;hrenden Besch&auml;ftigung mit seinem
+&quot;Wilhelm Meister.&quot; &quot;Zu kleinen Erz&auml;hlungen&quot;, schrieb er den 27. November
+1794, &quot;hab' ich gro&szlig;e Lust, nach der Last, die einem so ein Pseudo-Epos,
+wie der Roman, auferlegt. Ich denke dabei wie die Erz&auml;hlerin in der Tausend
+und Einen Nacht zu verfahren.&quot;</p>
+
+<p>Lebhaft interessirte sich Goethe f&uuml;r Schillers &quot;Briefe &uuml;ber &auml;sthetische
+Erziehung.&quot; Diese Abhandlung harmonirte im Wesentlichen mit seinen eignen
+Ansichten und Ideen. Er schrieb dar&uuml;ber den 26. October 1794: &quot;Wie uns ein
+k&ouml;stlicher, unserer Natur analoger Trank willig hinunterschleicht und auf
+der Zunge schon durch gute Stimmung des Nervensystems seine heilsame
+Wirkung zeigt, so waren mir diese Briefe angenehm und wohlth&auml;tig, und wie
+sollte es anders seyn, da ich das, was ich f&uuml;r recht seit langer Zeit
+erkannt, auf eine so zusammenh&auml;ngende und edle Weise vorgetragen fand. In
+diesem behaglichen Zustande h&auml;tte mich ein Billet Herders beinahe gest&ouml;rt,
+der uns, die wir an dieser Vorstellungsart Freude haben, gern einer
+Einseitigkeit beschuldigen m&ouml;chte. Da man aber im Reiche der Erscheinungen
+es &uuml;berhaupt nicht so genau nehmen darf, und es immer schon tr&ouml;stlich genug
+ist, mit einer Anzahl gepr&uuml;fter Menschen eher zum Nutzen als Schaden seiner
+selbst und seiner Zeitgenossen zu irren, so wollen wir getrost und
+unverr&uuml;ckt so fortleben, und wirklich und in unserm Seyn und Wollen ein
+Ganzes denken, um unser St&uuml;ckwerk nur einigerma&szlig;en vollst&auml;ndig zu machen.&quot;</p>
+
+<p>Treffend bezeichnete Goethe so seine unvollendeten literarischen Arbeiten.
+Der &quot;Faust&quot;, zu dessen Fortsetzung ihn Schiller ermuntert hatte, ruhte
+l&auml;ngst. &quot;Ich wage nicht,&quot; schrieb Goethe, &quot;das Packet aufzuschn&uuml;ren, das
+ihn gefangen h&auml;lt.&quot; Seine Th&auml;tigkeit zersplitterte sich in mannigfachen
+Pl&auml;nen und Entw&uuml;rfen, die er gro&szlig;entheils f&uuml;r die &quot;Horen&quot; auszuf&uuml;hren
+gedachte. Einer seiner gehaltvollsten Beitr&auml;ge f&uuml;r dieses Journal waren die
+bisher ungedruckt gebliebenen &quot;Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter.&quot;
+Den Werth und Gehalt seiner Producte machte Goethe fast ohne Ausnahme von
+Schillers Urtheil abh&auml;ngig. Durch ihn gewann er auch das fast verlorene
+Vertrauen zu seinem Roman wieder. Er glaubte, als er denselben begann, das
+Publikum zu Anforderungen berechtigt zu haben, die er sich nicht zu
+erf&uuml;llen getraute.</p>
+
+<p>Beruhigt &uuml;ber das im Allgemeinen g&uuml;nstig lautende Urtheil Schillers, dem er
+einen Theil des Manuscripts gesandt hatte, schrieb Goethe an ihn den 10.
+December 1794: &quot;Sie haben mir sehr wohl gethan durch das gute Zeugni&szlig;, da&szlig;
+sie dem ersten Buche meines Romans geben. Nach den sonderbaren Schicksalen,
+welche diese Production von innen und au&szlig;en gehabt hat, w&auml;re es kein
+Wunder, wenn ich ganz und gar confus dar&uuml;ber w&uuml;rde. Ich habe mich zuletzt
+blos an meine Idee gehalten, und will mich freuen, wenn sie mich aus diesem
+Labyrinth herausleitet.&quot; Schiller war ihm hierzu durch seinen Rath
+beh&uuml;lflich, und dankbar erkannte er des Freundes Bem&uuml;hungen. Er gewann
+dadurch wieder Muth zur Fortsetzung seines Werks. Ein Brief vom 11. M&auml;rz
+1795 enthielt das Gest&auml;ndni&szlig;, da&szlig; er den gr&ouml;&szlig;ten Theil des vierten Buchs
+vom &quot;Wilhelm Meister&quot; zum Druck abgesandt, und au&szlig;erdem noch eine Novelle,
+&quot;der Procurator&quot;, geschrieben habe.</p>
+
+<p>Aus dem Carlsbade zur&uuml;ckgekehrt, wohin ihn im Juni 1795 seine
+Kr&auml;nklichkeit, besonders katarrhalische Zuf&auml;lle gen&ouml;thigt hatten, unternahm
+Goethe h&auml;ufige Ausfl&uuml;ge nach Jena. Au&szlig;er Schiller fand er dort auch
+Alexander und Wilhelm von Humboldt. Er verlebte in Jena genu&szlig;reiche Tage.
+Naturwissenschaftliche Betrachtungen wechselten mit Gespr&auml;chen &uuml;ber Poesie
+und Kunst. Zur Fortsetzung des &quot;Wilhelm Meister&quot; und zu Beitr&auml;gen f&uuml;r die
+&quot;Horen&quot; ermunterte ihn Schiller, so wenig auch dessen Erwartungen die
+genannte Zeitschrift entsprach. Schiller hatte von jenem Journal eine
+allgemein verbreitete gro&szlig;artige Wirkung gehofft, und stie&szlig; dagegen von
+Seiten des Publikums &uuml;berall auf Mangel an Empf&auml;nglichkeit und auf
+kleinliche Ansichten. Goethe theilte seines Freundes Begeistrung f&uuml;r alles
+Treffliche, den lebendigen Ha&szlig; gegen falschen Geschmack und gegen jede
+Beschr&auml;nkung der Wissenschaft und Kunst. Entr&uuml;stet &uuml;ber die kalte Aufnahme
+der &quot;Horen&quot; und &uuml;ber die einseitige Beurtheilung dieser Zeitschrift in
+mehreren kritischen Bl&auml;ttern, schrieb Goethe: &quot;Ueberall spukt doch dieser
+Geist anma&szlig;licher Halbheit. Welch eine sonderbare Mischung von Selbstbetrug
+und Klarheit diese Personen zu ihrer Existenz brauchen, und was dieser
+Cirkel sich f&uuml;r eine Terminologie gemacht hat, um das zu beseitigen, was
+ihnen nicht ansteht, und das, was sie besitzen, als die Schlange Mosis
+aufzustellen, ist in der That merkw&uuml;rdig.&quot;</p>
+
+<p>In solcher Stimmung vereinigte sich Goethe mit Schiller zur Abfassung der
+unter dem Namen &quot;Xenien&quot; bekannten Epigramme. Ein damaliger Brief Schillers
+bezeichnete sie als &quot;wilde Satyre, besonders gegen Schriftsteller und
+schriftstellerische Producte gerichtet, untermischt mit einzelnen
+poetischen und philosophischen Gedankenblitzen.&quot; Lebhaft ergriff Goethe
+diese von ihm ausgegangene Idee. Er schrieb dar&uuml;ber an Schiller den 23.
+December 1795: &quot;Den Einfall, auf alle Zeitschriften Epigramme zu machen,
+wie die Xenien des Martial sind, der mir diese Tage zugekommen ist, m&uuml;ssen
+wir cultiviren, und eine solche Sammlung in Ihren Musenalmanach des
+n&auml;chsten Jahres bringen.&quot;</p>
+
+<p>Nur auf wenige subordinirte Geister hatte sich anfangs der Witz in den
+erw&auml;hnten Epigrammen beschr&auml;nkt. Der Stoff breitete sich jedoch immer mehr
+aus, und die Pfeile der Satyre verschonten auch nicht Namen, die der
+deutschen Literatur zur Ehre gereichten. Die bedeutendsten unter den
+zahlreichen Gegenschriften, welche die Xenien veranla&szlig;ten, waren von Gleim,
+Claudius, Jenisch, Dyk, Manso u.A. Mit vielem Scharfsinn und mit der
+feinsten Ironie suchte Wieland, der ebenfalls in den Xenien nicht geschont
+worden war, in einem gedruckten Briefe einen Freund zu &uuml;berzeugen, da&szlig;
+Schiller und Goethe, nach ihren bisherigen ausgezeichneten Producten,
+unm&ouml;glich die Verfasser der Xenien seyn k&ouml;nnten. Ueber die
+Gewissensscrupel, durch die das in jenen Producten mitunter verletzte
+Zartgef&uuml;hl sich an seinem Freunde Schiller r&auml;chte, setzte sich Goethe's
+heiterer Weltsinn hinweg. &quot;Da&szlig; man,&quot; schrieb er, &quot;nicht &uuml;berall mit uns
+zufrieden seyn sollte, war ja unsere Absicht, und da das literarische
+Faustrecht noch nicht abgeschafft ist, so bedienen wir uns der reinen
+Befugni&szlig;, uns selbst Recht zu verschaffen. Ich erwarte nur, da&szlig; mir Jemand
+etwas merken l&auml;&szlig;t, wo ich mich denn so lustig und artig als m&ouml;glich
+expectoriren werde.&quot;</p>
+
+<p>Neben den &quot;Xenien&quot; entstanden damals mehrere Gedichte Goethe's, die zu dem
+Trefflichsten geh&ouml;ren, was die deutsche Poesie aufzuweisen hat, so unter
+andern die Elegie &quot;Alexis und Dora&quot;, und, durch einen Wetteifer mit
+Schiller veranla&szlig;t, mehrere Balladen: &quot;die Braut von Corinth, der Gott und
+die Bajadere, das Bl&uuml;mlein Wundersch&ouml;n, der Junggesell und der M&uuml;hlbach,
+der M&uuml;llerin Verrath&quot; u.a.m. Auch mehrere humoristische Gedichte fielen in
+diese Zeit, wie unter andern das bekannte Tischlied: &quot;Mich ergreift, ich
+nicht wie u.s.w.&quot; F&uuml;r die &quot;Horen&quot; lieferte Goethe, au&szlig;er andern Beitr&auml;gen,
+einzelne Fragmente aus seiner damals noch unvollendeten Biographie des
+Florentinischen Goldschmids &quot;Benvenuto Cellini.&quot; Immer aber blieb der
+&quot;Wilhelm Meister&quot; seine Hauptbesch&auml;ftigung.</p>
+
+<p>In Bezug auf Schillers kritische Bemerkungen &uuml;ber das ihm mitgetheilte
+Manuscript seines Romans, bemerkte Goethe treffend: &quot;Der Fehler, den Sie
+mit Recht bemerken, kommt aus meiner innersten Natur, aus einem gewissen
+realistischen Tic, durch den ich meine Existenz, meine Handlungen, meine
+Schriften den Menschen aus den Augen zu r&uuml;cken behaglich finde. So werde
+ich immer gern incognito reisen, das geringere Kleid vor dem bessern
+w&auml;hlen, den unbedeutenden Gegenstand oder doch den weniger bedeutenden
+Ausdruck vorziehen, mich leichtsinniger betragen, als ich bin, und mich so,
+ich m&ouml;chte sagen, zwischen mich selbst und meine eigene Erscheinung
+stellen. Nach dieser allgemeinen Beichte will ich gern zur besondern
+&uuml;bergehen, da&szlig; ich ohne Ihren Antrieb und Ansto&szlig; wider besser Wissen und
+Gewissen, mir auch diese Eigenheit bei einem Roman h&auml;tte hingehen lassen,
+welches denn doch bei dem ungeheuren Aufwande, der darauf gemacht ist,
+unverzeihlich gewesen w&auml;re, da alles das, was gefordert werden kann, theils
+so leicht zu erkennen, theils so bequem zu machen ist. Es ist keine Frage,
+da&szlig; die scheinbaren, von mir ausgesprochenen Resultate viel beschr&auml;nkter
+sind, als der Inhalt des Werks, und ich komme mir vor, wie einer, der,
+nachdem er viele und gro&szlig;e Zahlen &uuml;ber einander gestellt, endlich
+muthwillig selbst Additionsfehler macht, um die letzte Summe, Gott wei&szlig;,
+aus was f&uuml;r einer Grille, zu verringern. Ich bin Ihnen den lebhaftesten
+Dank schuldig, da&szlig; Sie noch zur rechten Zeit, auf eine so entschiedene Art,
+diese perverse Manier zur Sprache bringen, und ich werde gewi&szlig;, in wiefern
+es mir m&ouml;glich ist, Ihren gerechten W&uuml;nschen entgegen gehen.&quot;</p>
+
+<p>Ueber die einseitigen Urtheile, welche seinen Roman, den er 1796 vollendet
+hatte, von mehreren Seiten trafen, machte sich Goethe in den unmuthigen
+Worten Luft: &quot;M&ouml;chte bei solchen Aeu&szlig;erungen nicht die Hippokrene zu Eis
+erstarren, und Pegasus sich mausern! Doch das war vor f&uuml;nf und zwanzig
+Jahren, als ich anfing, eben so, und wird so seyn, wenn ich lange geendigt
+habe. Inde&szlig; ist es nicht zu leugnen, da&szlig; es doch aussieht, als wenn gewisse
+Einsichten und Grunds&auml;tze, ohne die man sich eigentlich keinem Kunstwerke
+n&auml;hern sollte, nach und nach allgemeiner werden m&uuml;&szlig;ten.&quot;</p>
+
+<p>Den Eindruck, den die mannigfachen, gegen die &quot;Xenien&quot; gerichteten
+Brosch&uuml;ren auf ihn gemacht hatten, schilderte Goethe in einem Briefe an
+Schiller vom 7. December 1796. &quot;Wenn ich aufrichtig seyn soll,&quot; schrieb er,
+&quot;so ist das Betragen des Volks ganz nach meinem Wunsch. Es ist eine nicht
+genug gekannte und ge&uuml;bte Politik, da&szlig; Jeder, der auf einigen Nachruhm
+Anspruch macht, seine Zeitgenossen zwingen soll, alles, was sie gegen ihn
+in <span class="u">petto</span> haben, von sich zu geben. Den Eindruck davon vertilgt er durch
+die Gegenwart, Leben und Wirken jederzeit wieder. Was half es manchem
+bescheidenen, verdienstvollen und klugen Manne, den ich &uuml;berlebt habe, da&szlig;
+er durch unglaubliche Nachgiebigkeit, Unth&auml;tigkeit, Schmeichelei, R&uuml;cken
+und Zurechtlegen einen leidlichen Ruf zeitlebens erhielt? Gleich nach dem
+Tode sitzt der Advokat des Teufels neben dem Leichnam, und der Engel, der
+ihm Widerpart halten soll, macht gew&ouml;hnlich eine kl&auml;gliche Gebehrde. Ich
+hoffe, da&szlig; die Xenien auch eine ganze Weile wirken, und den b&ouml;sen Geist
+gegen uns in Th&auml;tigkeit erhalten werden. Wir wollen inde&szlig; unsere positiven
+Arbeiten fortsetzen, und ihm die Negation &uuml;berlassen. Nicht eher, als bis
+sie ganz ruhig sind und sicher zu seyn glauben, m&uuml;ssen wir, wenn der Humor
+frisch bleibt, sie noch einmal recht aus dem Fundament &auml;rgern.&quot;</p>
+
+<p>Dieser Vorsatz unterblieb. Einen w&uuml;rdigern Gebrauch machte Goethe von
+seinem poetischen Talent in dem epischen Gedicht &quot;Hermann und Dorothea,&quot;
+das er um diese Zeit entworfen hatte. Er schrieb dar&uuml;ber den 18. Januar
+1797 an Schiller, die wunderbare Epoche, in der er eingetreten, sei ihm
+h&ouml;chst merkw&uuml;rdig. &quot;Ich schleppe von der analytischen Zeit noch so vieles
+mit, das [da&szlig;] ich es nicht loswerden und kaum verarbeiten kann. Indessen
+bleibt mir nichts &uuml;brig, als auf diesem Strom mein Fahrzeug so gut zu
+lenken, als es nur gehen will. In's Ferne und Ganze l&auml;&szlig;t sich nichts
+voraussagen, da diese regulirte Naturkraft, wie alle unregulirten, durch
+nichts in der Welt geleitet werden kann, sondern sich selbst bilden mu&szlig;,
+auch aus sich selbst und auf ihre Weise wirkt.[&quot;]</p>
+
+<p>Goethe blieb seiner Natur und schnell wechselnden Geistesrichtung treu.
+Schon eilf Tage sp&auml;ter, am 29. Januar, beklagte er sich, &quot;da&szlig; f&uuml;r ihn an
+keine &auml;sthetische Stimmung zu denken sei.&quot; Seine Th&auml;tigkeit wandte sich
+wieder zu wissenschaftlichen Gegenst&auml;nden. &quot;Die Farbentafeln,&quot; schrieb er,
+&quot;schlie&szlig;en sich immer fester an einander, und in Betrachtung organischer
+Naturen bin ich auch nicht m&uuml;&szlig;ig gewesen. Es leuchten mir in diesen langen
+N&auml;chten ganz wundersame Lichter. Ich hoffe, es sollen keine Irrlichter
+seyn.&quot; In einem sp&auml;tern Briefe an Schiller vom 8. Februar 1797 gestand
+Goethe, er sei wie ein Ball, den eine Stunde der andern zuwerfe. &quot;In den
+Fr&uuml;hstunden,&quot; schrieb er, &quot;suche ich die letzte Lieferung des Benvenuto
+Cellini zu bearbeiten. Ueber die Metamorphose der Insekten gelingen mir
+allerlei gute Bemerkungen. Die Raupen, die ich im Winter in der warmen
+Stube hielt, erscheinen schon nach und nach als Schmetterlinge, und ich
+suche sie auf dem Wege zu dieser neuen Verwandlung zu ertappen.&quot;</p>
+
+<p>In diese stillen Besch&auml;ftigungen griffen die damaligen politischen
+Ereignisse st&ouml;rend ein. Die mannigfachen Truppenm&auml;rsche der europ&auml;ischen
+M&auml;chte lie&szlig;en auf den nahen Ausbruch eines allgemeinen Kriegs schlie&szlig;en.
+Erst als die Besorgnisse allm&auml;lig verschwanden, gewann Goethe wieder Muth
+zur Fortsetzung seines noch unvollendeten Gedichts &quot;Hermann und Dorothea.&quot;
+Unterbrochen ward er jedoch darin durch physische Leiden, besonders durch
+einen hartn&auml;ckigen Katarrh, der ihn w&auml;hrend seines Aufenthalts in Jena
+heimsuchte. An Schiller schrieb er den 27. Februar 1797: &quot;Ich bin wirklich
+mit Hausarrest belegt, sitze am warmen Ofen, und friere von innen heraus.
+Der Kopf ist mir eingenommen, und meine ganze Intelligenz w&auml;re nicht im
+Stande, durch einen freien Denkactus den einfachsten Wurm zu produciren;
+vielmehr mu&szlig; sie dem Salmiak und dem Liquiriziensaft, als Dingen, die an
+sich den h&auml;&szlig;lichsten Geschmack haben, wider ihren Willen die Existenz
+zugestehen. Wir wollen hoffen, da&szlig; wir aus der Erniedrigung dieser realen
+Bedr&auml;ngnisse zur Herrlichkeit poetischer Darstellungen n&auml;chstens gelangen
+werden, und glauben dies um so sicherer, als uns die Wunder der stetigen
+Naturwirkungen bekannt sind.&quot;</p>
+
+<p>Am 1. M&auml;rz 1797 meldete Goethe, da&szlig; &quot;der Katarrh zwar im Abmarsch sei,&quot; er
+aber noch das Zimmer h&uuml;ten m&uuml;&szlig;te. &quot;Die Gewohnheit&quot;, schrieb er, &quot;f&auml;ngt an,
+mir diesen Aufenthalt ertr&auml;glich zu machen.&quot; Er &auml;u&szlig;erte in diesem Briefe
+die Hoffnung, sein Gedicht &quot;Hermann und Dorothea,&quot; wovon er den vierten
+Gesang vollendet habe, gl&uuml;cklich zu Ende zu bringen. &quot;So verschm&auml;hen also,&quot;
+schrieb er, &quot;die Musen den asthenischen Zustand nicht, in welchem ich mich
+durch das Uebel versetzt f&uuml;hle. Vielleicht ist es gar ihren Einfl&uuml;ssen
+g&uuml;nstig.&quot; Bereits am 4. M&auml;rz meldete Goethe, da&szlig; die Arbeit fortr&uuml;cke, und
+schon anfange, Masse zu machen. &quot;Nur auf zwei Tage,&quot; schrieb er, &quot;kommt es
+noch an, so ist der Schatz gehoben, und ist er erst einmal &uuml;ber der Erde,
+so findet sich alsdann das Poliren von selbst.&quot; Merkw&uuml;rdig sei es, f&uuml;gte
+Goethe hinzu, wie das Gedicht gegen das Ende sich ganz zu seinem
+idyllischen Ursprung hinneige.</p>
+
+<p>Die Erfindung, die Wahl des Stoffs hielt Goethe bei jedem poetischen Werke
+f&uuml;r die Hauptsache. Form und Darstellung, meinte er, seien nur Nebendinge.
+Er schrieb dar&uuml;ber an Schiller den 5. April 1797: &quot;Sie haben ganz Recht,
+da&szlig; in den Gestalten der alten Dichtkunst, wie in der Bildhauerkunst, ein
+Abstractum erscheint, das seine H&ouml;he nur durch das, was man Styl nennt,
+erreichen kann. Es giebt auch Abstracta durch Manier, wie bei den
+Franzosen. Auf dem Gl&uuml;ck der Fabel beruht freilich alles; man ist wegen des
+Hauptaufwandes sicher, die meisten Leser und Zuschauer nehmen dann doch
+nichts weiter davon, und dem Dichter bleibt doch das ganze Verdienst einer
+lebendigen Ausf&uuml;hrung, die desto flei&szlig;iger seyn kann, je besser die Fabel
+ist.&quot;</p>
+
+<p>Abgelenkt ward Goethe wieder von der Besch&auml;ftigung mit seinem Epos durch
+eine jugendliche Lieblingsidee, die in ihm auftauchte. Die Bibel ward f&uuml;r
+ihn ein Gegenstand mannigfacher Forschungen. &quot;Indem ich den
+patriarchalischen Ueberresten nachsp&uuml;rte,&quot; schrieb er den 12. April 1797,
+&quot;bin ich in das Alte Testament gerathen, und habe mich auf's Neue nicht
+genug verwundern k&ouml;nnen &uuml;ber die Confusion und die Widerspr&uuml;che der f&uuml;nf
+B&uuml;cher Mosis, die freilich, wie bekannt, aus hunderterlei schriftlichen und
+m&uuml;ndlichen Traditionen zusammengestellt seyn m&ouml;gen. Ueber den Zug der
+Kinder Israel in der W&uuml;ste hab' ich einige artige Bemerkungen gemacht, und
+es ist der verwegene Gedanke in mir entstanden, ob nicht die gro&szlig;e Zeit,
+welche sie darin zugebracht haben, erst eine sp&auml;tere Erfindung sei.&quot;</p>
+
+<p>N&auml;her erkl&auml;rte sich Goethe hier&uuml;ber in einem Briefe vom 15. April 1797.
+&quot;Noch immer,&quot; schrieb er, &quot;hab' ich die Kinder Israel in der W&uuml;ste
+begleitet. Meine kritisch-historisch-poetische Arbeit geht davon aus, da&szlig;
+die vorhandenen B&uuml;cher sich selbst widersprechen und sich selbst verrathen;
+und der ganze Spa&szlig;, den ich mir mache, l&auml;uft dahin hinaus, das menschlich
+Wahrscheinliche von dem Absichtlichen und blos Imaginirten zu sondern, und
+doch f&uuml;r meine Meinung &uuml;berall Belege aufzufinden. Alle Hypothesen dieser
+Art bestehen blos durch das Nat&uuml;rliche des Gedankens und durch die
+Mannigfaltigkeit der Ph&auml;nomene, auf die er sich gr&uuml;ndet.&quot; Es sei ihm, f&uuml;gte
+Goethe hinzu, &quot;recht wohl zu Muthe, wieder einmal etwas auf kurze Zeit zu
+haben, bei dem er mit Interesse im eigentlichen Sinne des Worts spielen
+k&ouml;nne, denn die Poesie, wie er sie seit einiger Zeit treibe, sei doch eine
+gar zu ernste Besch&auml;ftigung.&quot;</p>
+
+<p>Neben diesen Bibelstudien, bei denen ihm Eichhorn's Einleitung in das Alte
+Testament wesentliche Dienste leistete, hatten sich die einzelnen Ges&auml;nge
+von &quot;Hermann und Dorothea&quot; nach und nach zu einem Ganzen gerundet. An
+Schiller schrieb Goethe den 28. April 1797: &quot;Mein Gedicht ist fertig. Es
+besteht aus zweitausend Hexametern, und ist in neun Ges&auml;nge getheilt, und
+ich sehe darin wenigstens einen Theil meiner W&uuml;nsche erf&uuml;llt. Die h&ouml;chste
+Instanz, vor der es gerichtet werden kann, ist die, vor welche der
+Menschenmaler seine Compositionen bringt, und es wird die Frage seyn, ob
+man unter dem modernen Cost&uuml;m meines Gedichts die wahren &auml;chten
+Menschenproportionen anerkennen werde. Der Gegenstand selbst ist &auml;u&szlig;erst
+gl&uuml;cklich, ein S&uuml;jet, wie man es in seinem Leben nicht zweimal findet; wie
+denn &uuml;berhaupt die Gegenst&auml;nde zu wahren Kunstwerken seltener gefunden
+werden, als man denkt, woher auch die Alten sich nur best&auml;ndig in einem
+gewissen Kreise bewegen. In der Lage, in der ich mich befinde, habe ich mir
+zugeschworen, an nichts mehr Theil zu nehmen, als an dem, was ich so in
+meiner Gewalt habe, wie ein Gedicht, wo man wei&szlig;, da&szlig; man zuletzt nur sich
+zu tadeln oder zu loben hat; an einem Werke, an dem man, wenn der Plan
+einmal gut ist, nicht das Schicksal des Penelopeischen Schleiers erlebt.
+Leider l&ouml;sen in allen &uuml;brigen Dingen einem die Menschen gew&ouml;hnlich wieder
+auf, was man mit gro&szlig;er Sorgfalt gewoben hat, und das Leben gleicht jener
+beschwerlichen Art zu wallfahrten, wo man drei Schritte vor, und zwei
+zur&uuml;ck thun mu&szlig;.&quot;</p>
+
+<p>So wenig auch Goethe's individuelle Natur, die Vielseitigkeit seines
+Geistes ihm erlaubte, bei dem in diesem Briefe ausgesprochenen Entschlusse
+ernstlich zu beharren, so schien er doch diesmal demselben treu bleiben zu
+wollen. &quot;Ich habe,&quot; schrieb er den 22. Juni 1797, &quot;mich entschlossen, an
+meinen Faust zu gehen, und ihn, wo nicht zu vollenden, doch wenigstens um
+ein gutes Theil weiter zu bringen, indem ich das, was gedruckt ist, wieder
+aufl&ouml;se, und es mit dem, was schon fertig oder erfunden ist, in gro&szlig;e
+Massen disponire, und so die Ausf&uuml;hrung des Plans, der eigentlich nur eine
+Idee ist, n&auml;her vorbereite. Nun hab' ich eben diese Idee und deren
+Darstellung wieder vorgenommen, und bin mit mir selbst ziemlich einig. Da
+die verschiedenen Theile dieses Gedichts in Absicht auf die Stimmung
+verschieden behandelt werden k&ouml;nnen, wenn sie sich nur dem Geist und Ton
+des Ganzen subordiniren, und da &uuml;brigens die ganze Arbeit subjectiv ist, so
+kann ich in einzelnen Momenten mich damit besch&auml;ftigen, und so bin ich auch
+jetzt etwas zu leisten im Stande. Ich werde vorerst die gro&szlig;en erfundenen
+und halb bearbeiteten Massen zu enden, und mit dem, was gedruckt ist,
+zusammen zu stellen suchen, und so lange treiben, bis sich der Kreis selbst
+ersch&ouml;pft.&quot;</p>
+
+<p>Unterbrochen ward Goethe's Besch&auml;ftigung mit dem &quot;Faust&quot;, so wie seine
+ganze literarische Th&auml;tigkeit durch eine Reise nach der Schweiz. Den 30.
+Juli 1797 verlie&szlig; er Weimar. Unterwegs besch&auml;ftigte ihn die genaue
+Betrachtung der Gegenden, besonders in Bezug auf Geognosie und die darauf
+gegr&uuml;ndete Cultur des Bodens. Genu&szlig;reiche Tage verlebte er in seiner
+Vaterstadt Frankfurt. Unter mehreren Bekanntschaften, die er dort theils
+ankn&uuml;pfte, theils erneuerte, war besonders S&ouml;mmering f&uuml;r ihn belehrend
+durch seine geistreiche Unterhaltung, durch Pr&auml;parate und Zeichnungen. Zur
+Ausf&uuml;hrung einiger poetischen Entw&uuml;rfe fehlte ihm die n&ouml;thige Stimmung, die
+er erst nach der R&uuml;ckkehr von einem ruhigen Zustande erwartete. Von
+Frankfurt a.M. ging er &uuml;ber Heidelberg, Heilbronn und Ludwigsburg nach
+Stuttgart, wo er den kunstliebenden Kaufmann Rapp und die Bildhauer
+Dannecker und Scheffauer kennen lernte. In der Schweiz, wohin er sich im
+September 1797 begab, fand sein poetisches Talent mannigfache Anregung
+durch die Betrachtung der sch&ouml;nen Natur. &quot;Herrliche Stoffe zu Idyllen und
+Elegien,&quot; schrieb er, &quot;habe ich aufgefunden, und Einiges schon wirklich
+gemacht.&quot; Am l&auml;ngsten verweilte er bei der Idee, den Befreier der Schweiz
+zum Helden eines epischen Gedichts zu w&auml;hlen. Er schrieb dar&uuml;ber den 14.
+October 1797: &quot;Ich bin fest &uuml;berzeugt, da&szlig; die Fabel vom Tell sich werde
+episch behandeln lassen, und es w&uuml;rde daher, wenn es mir, wie ich vorhabe,
+gelingt, der sonderbare Fall eintreten, da&szlig; das M&auml;hrchen durch die Poesie
+erst zu seiner vollkommnen Wahrheit gelangte, anstatt da&szlig; man sonst, um
+etwas zu leisten, die Geschichte zur Fabel machen mu&szlig;. Das beschr&auml;nkte,
+h&ouml;chst bedeutende Local, worauf die Begebenheit spielt, hab' ich mir wieder
+recht genau vergegenw&auml;rtigt, so wie die Charaktere, Sitten und Gebr&auml;uche
+der Menschen in diesen Gegenden, so gut in der kurzen Zeit m&ouml;glich,
+beobachtet, und es kommt nun auf gut Gl&uuml;ck an, ob aus diesem Unternehmen
+etwas werden kann.&quot;</p>
+
+<p>Andere Gegenst&auml;nde verdr&auml;ngten die Ausf&uuml;hrung dieser Idee. Inde&szlig; meinte
+Goethe doch, da&szlig; nur ein wenig Gewohnheit dazu geh&ouml;re, die literarische
+Th&auml;tigkeit, an die man daheim gew&ouml;hnt sei, auch ausw&auml;rts fortzusetzen.
+&quot;Wenn die Reise,&quot; schrieb er, &quot;zu gewissen Zeiten zerstreut, so f&uuml;hrt sie
+uns zu andern Zeiten desto schneller auf uns selbst zur&uuml;ck. Der Mangel an
+&auml;u&szlig;eren Verh&auml;ltnissen und Verbindungen, ja die lange Weile ist demjenigen
+g&uuml;nstig, der manches zu verarbeiten hat. Die Reise gleicht einem Spiel; man
+empf&auml;ngt mehr oder weniger, als man hofft, man kann ungest&ouml;rt eine Weile
+hinschlendern, und dann ist man wieder gen&ouml;thigt, sich einen Augenblick
+zusammenzunehmen. F&uuml;r Naturen, wie die meinige, die sich gern festsetzen
+und die Dinge festhalten, ist eine Reise unsch&auml;tzbar; sie belebt,
+berichtigt, belehrt und bildet.&quot;</p>
+
+<p>Bei seiner R&uuml;ckkehr nach Weimar widmete Goethe vorzugsweise seine
+Aufmerksamkeit dem Theater. Sein Interesse an der B&uuml;hne, durch die
+schriftliche und m&uuml;ndliche Unterhaltung mit Schiller immer auf's neue
+belebt, ward noch h&ouml;her gesteigert, als Iffland im April 1798 eine Reihe
+von gl&auml;nzenden Darstellungen gab. Vielfach th&auml;tig war Goethe bei dem neuen
+Theatergeb&auml;ude, das damals durch den Architekten Thouret aus Stuttgart in
+Weimar errichtet und mit einem Prolog Schillers er&ouml;ffnet ward, welchem eine
+Vorstellung von Wallensteins Lager folgte. Goethe f&uuml;hlte sich der
+dramatischen Gattung seit l&auml;ngerer Zeit entfremdet. Er gestand dies in
+einem Briefe an Schiller vom 9. December 1797. &quot;Ohne ein lebhaftes
+pathologisches Interesse,&quot; schrieb er, &quot;ist es mir nie gelungen, irgend
+eine tragische Situation zu bearbeiten, und ich habe sie daher eher
+vermieden, als aufgesucht. Sollte es wohl auch einer von den Vorz&uuml;gen der
+Alten gewesen seyn, da bei uns die Naturwahrheit mitwirken mu&szlig;, um ein
+solches Wesen hervorzubringen? Ich kenne mich zwar nicht selbst genug, um
+zu wissen, ob ich eine wahre Trag&ouml;die schreiben k&ouml;nnte; ich erschrecke aber
+blos vor dem Unternehmen, und bin &uuml;berzeugt, da&szlig; ich mich durch den blo&szlig;en
+Versuch zerst&ouml;ren k&ouml;nnte.&quot;</p>
+
+<p>In der Beilage zu einem an Schiller gerichteten Briefe hatte Goethe den
+Unterschied zwischen epischer und dramatischer Dichtung scharf bezeichnet.
+Doch blieb er der erstern treu, weil sie mit seinen Naturanlagen mehr
+harmonirte. Das fortgesetzte Studium des Homer f&uuml;hrte ihn zu dem Entwurf
+eines epischen Gedichts unter dem Titel &quot;Achilleis&quot;, das jedoch unvollendet
+blieb. Den 6. December 1797 schrieb Goethe: &quot;Ich habe diese Tage
+fortgefahren, die Ilias zu studiren, und zu &uuml;berlegen, ob zwischen ihr und
+der Odyssee nicht noch eine Epop&ouml;e inne liege. Ich finde aber eigentlich
+nur tragische Stoffe, es sei nun, da&szlig; es wirklich so ist, oder da&szlig; ich nur
+den epischen nicht finden kann. Das Lebensende des Achill mit seinen
+Umgebungen lie&szlig;e eine epische Behandlung zu, und forderte sie gewisserma&szlig;en
+wegen der Breite des zu bearbeitenden Stoffs. Nun w&uuml;rde die Frage
+entstehen, ob man wohl thue, einen tragischen Stoff ebenfalls episch zu
+behandeln. Es l&auml;&szlig;t sich allerlei daf&uuml;r und dagegen sagen. Was den Effect
+betrifft, so w&uuml;rde ein Neuer, der f&uuml;r Neue arbeitet, immer dabei im
+Vortheil seyn, weil man ohne pathologisches Interesse sich wohl schwerlich
+den Beifall der Zeit erwerben wird.&quot;</p>
+
+<p>Noch in mehreren seiner Briefe kam Goethe wieder auf diese Idee zur&uuml;ck, die
+er jedoch, der Ermunterungen Schillers ungeachtet, nicht realisirte.
+Dankbar erkannte er jedoch des Freundes wohlth&auml;tigen Einflu&szlig; auf seine
+poetische Th&auml;tigkeit. Er schrieb dar&uuml;ber den 6. Januar 1798 an Schiller:
+&quot;Das g&uuml;nstige Zusammentreffen unsrer beiden Naturen hat uns schon manchen
+Vortheil verschafft. Wenn ich Ihnen zum Repr&auml;sentanten mancher Objecte
+diente, so haben Sie mich von der allzustrengen Beobachtung der &auml;u&szlig;ern
+Dinge und ihrer Verh&auml;ltnisse auf mich selbst zur&uuml;ckgef&uuml;hrt. Sie haben mich
+die Vielseitigkeit des innern Menschen mit mehr Billigkeit anzuschauen
+gelehrt, Sie haben mir eine zweite Jugend verschafft, und mich zum Dichter
+gemacht, welches zu seyn ich so gut als aufgeh&ouml;rt hatte.&quot;</p>
+
+<p>Seine poetische Unfruchtbarkeit erkl&auml;rte sich Goethe aus den noch immer
+fortdauernden Nachwirkungen seines zerstreuten Reiselebens. &quot;Das Material,
+das ich erbeute,&quot; schrieb er, &quot;kann ich zu nichts brauchen, und ich bin
+au&szlig;er aller Stimmung gekommen, irgend etwas zu thun. Ich erinnere mich aus
+fr&uuml;herer Zeit eben solcher Wirkungen, und es ist mir aus manchen F&auml;llen und
+Umst&auml;nden wohl bekannt, da&szlig; Eindr&uuml;cke bei mir sehr lange wirken m&uuml;ssen, bis
+sie zum poetischen Gebrauch sich willig finden lassen. Ich habe auch
+deshalb ganz pausirt, und erwarte nun, was mir mein erster Aufenthalt in
+Jena bringen wird.&quot;</p>
+
+<p>Die erwartete poetische Ausbeute bestand jedoch nur in einzelnen kleinen
+Gedichten, unter denen die &quot;Weissagungen des Bakis&quot; vielleicht die
+bedeutendsten waren. Goethe wandte sich zur bildenden Kunst. Ihn
+besch&auml;ftigten die Vorarbeiten zur Herausgabe einer Zeitschrift, &quot;die
+Propyl&auml;en&quot; betitelt. Gleichzeitig setzte er die Biographie des &quot;Benvenuto
+Cellini&quot; fort, als Anhaltspunkt der Geschichte des sechzehnten
+Jahrhunderts. Daran reihten sich mannigfache andere Besch&auml;ftigungen, die in
+der rauhen und unfreundlichen Witterung des Januar ihm die Zeit verk&uuml;rzten.
+Er nahm unter andern seine &quot;Farbenlehre&quot; wieder zur Hand.</p>
+
+<p>Seinem Freunde Schiller kam er aufmunternd entgegen durch das lebhafte
+Interesse an dem &quot;Wallenstein.&quot; Gemeinschaftlich mit Schiller entwarf er
+die Idee, mehrere &auml;ltere Schauspiele dem Geschmack der neuern Zeit zu
+n&auml;hern, und sie in einer Umbildung auf die B&uuml;hne zu bringen. Dem deutschen
+Theater sollte dadurch zu einem soliden Repertoir verholfen werden. Goethe
+machte hiezu den Anfang mit seiner Uebersetzung des Mahomet und Tancred von
+Voltaire, Schiller mit der Umarbeitung von Shakespeare's [Shakspeare's]
+Macbeth.</p>
+
+<p>Durch den Beifall, mit welchem Schillers &quot;Wallenstein,&quot; seine &quot;Maria
+Stuart&quot; u.a. seiner sp&auml;tern dramatischen Werke bei der Vorstellung auf der
+B&uuml;hne aufgenommen wurden, f&uuml;hlte sich Goethe ermuntert, in einer ihm seit
+mehrern Jahren beinahe fremd gewordenen Gattung sich wieder zu versuchen.
+Die Memoiren der Stephanie von Bourbon boten ihm den Stoff zu einer
+Trag&ouml;die, die er sp&auml;ter unter dem Titel &quot;die nat&uuml;rliche Tochter&quot; herausgab.
+Nach seinem eignen Gest&auml;ndni&szlig; wollte er darin &quot;wie in einem Gef&auml;&szlig; alles
+niederlegen, was er &uuml;ber die franz&ouml;sische Revolution und ihre Folgen theils
+gedacht, theils niedergeschrieben hatte.&quot; W&auml;hrend der Besch&auml;ftigung mit
+diesem Werke blieb er th&auml;tig f&uuml;r die &quot;Propyl&auml;en.&quot; Manche Mu&szlig;estunde widmete
+er auch, durch Schelling's Naturphilosophie angeregt, verschiedenen damit
+zusammenh&auml;ngenden Studien. Aus seiner Gartenwohnung am sogenannten Stern,
+einem Theil des Weimarischen Parks, beobachtete er durch ein
+Spiegeltelescop den Mondwechsel mit seinen wunderbaren Erscheinungen.
+Daneben besch&auml;ftigte ihn die Lect&uuml;re von Herder's &quot;Fragmenten zur
+Geschichte der Literatur&quot;, von &quot;Winkelmanns Briefen&quot; und von Milton's
+&quot;verlorenem Paradiese&quot;, um, nach seinem eignen Gest&auml;ndni&szlig;, &quot;die
+mannigfachsten Zust&auml;nde, Denk- und Dichtweisen sich zu vergegenw&auml;rtigen.&quot;</p>
+
+<p>Wie Goethe die Literatur &uuml;berhaupt, insonderheit aber die Poesie
+betrachtete, zeigte folgende Stelle in einem Briefe vom 6. M&auml;rz 1800: &quot;Was
+die gro&szlig;en Anforderungen betrifft, die man jetzt an den Dichter macht, so
+glaube ich, da&szlig; sie nicht leicht einen Dichter hervorbringen werden. Die
+Dichtkunst verlangt ein Subject, das sie aus&uuml;ben soll, eine gewisse
+gutm&uuml;thige, in's Reale verliebte Beschr&auml;nktheit, hinter welcher das
+Absolute verborgen liegt. Die Forderungen von oben herein zerst&ouml;ren jenen
+unschuldigen productiven Zustand, und setzen vor lauter Poesie an die
+Stelle der Poesie etwas, das nun ein f&uuml;r allemal nicht Poesie ist, wie wir
+in unsern Tagen leider gewahr werden, und so verh&auml;lt es sich mit den
+verwandten K&uuml;nsten, ja mit der Kunst im weitesten Sinne. Dies ist mein
+Glaubensbekenntnis welches &uuml;brigens keine weitern Anspr&uuml;che macht.&quot;</p>
+
+<p>Unter den mannigfachen Besch&auml;ftigungen, auf die sich die Vielseitigkeit
+seines Geistes lenkte, &uuml;berraschte ihn eins der tr&uuml;bsten Ereignisse, der
+Tod Schillers am 9. Mai 1805. Mit seiner eigenen Kr&auml;nklichkeit hatte Goethe
+den Freund unter seinen physischen Leiden zu tr&ouml;sten gesucht. Scherzend
+schrieb er ihm den 24. Januar 1805: &quot;Ob nach der alten Lehre die <span class="u">humores
+peccantis</span> im K&ouml;rper herumspazieren, oder ob nach der neuern die
+verh&auml;ltni&szlig;m&auml;&szlig;ig schw&auml;chern Theile in <span class="u">d&eacute;savantage</span> sind, genug, bei mir
+hinkt es bald hier, bald dort, und sind die Unbequemlichkeiten in den
+Ged&auml;rmen in's Diaphragma, von da in die Brust, ferner in den Hals und so
+weiter in's Auge gefahren, wo sie mir denn am allerwenigsten willkommen
+sind.&quot;</p>
+
+<p>Die scherzhafte Stimmung in diesem Briefe wich bald dem Gef&uuml;hl der Wehmuth
+und Trauer bei dem lange gef&uuml;rchteten Verlust seines Freundes. Als Goethe,
+mehrere Wochen an sein Zimmer gefesselt, zu Anfange Mai sich zum ersten Mal
+aus dem Hause wagte, traf er Schiller, der eben im Begriff war, in's
+Theater zu gehen. &quot;Ein Mi&szlig;behagen,&quot; erz&auml;hlt Goethe selbst, &quot;hinderte mich,
+ihn zu begleiten, und so schieden wir vor seiner Hausth&uuml;r, um uns nie
+wiederzusehen. Bei dem Zustande meines K&ouml;rpers und Geistes wagte Niemand,
+die Nachricht von seinem Scheiden in meine Einsamkeit zu bringen. Schiller
+war am neunten Mai verschieden, und ich nun von allen meinen Uebeln doppelt
+und dreifach angefallen.&quot; Seine Stimmung schilderte folgende Stelle in
+einem Briefe vom 1. Juni 1805. &quot;Ich dachte mich selbst zu verlieren, und
+verliere einen Freund, und in demselben die H&auml;lfte meines Daseyns.
+Eigentlich&quot;, f&uuml;gte er hinzu, &quot;sollte ich eine neue Lebensweise anfangen.
+Aber dazu ist in meinen Jahren auch kein Weg mehr. Ich sehe also jetzt
+jeden Tag unmittelbar vor mich hin, ohne an eine weitere Folge zu denken.&quot;</p>
+
+<p>Mehr als jemals, f&uuml;hlte Goethe das Bed&uuml;rfnis einer anhaltenden Th&auml;tigkeit.
+Manche Hindernisse stellten sich der Ausf&uuml;hrung des Plans entgegen, das von
+Schiller unvollendet zur&uuml;ckgelassene Trauerspiel &quot;Demetrius&quot; zu beenden.
+Unterst&uuml;tzt durch mehrere sch&auml;tzbare Beitr&auml;ge F.A. Wolfs gab Goethe damals
+(1805) das f&uuml;r die Kunstgeschichte wichtige Werk: &quot;Winkelmann und sein
+Jahrhundert&quot; heraus, und gleichzeitig einen aus dem Franz&ouml;sischen
+&uuml;bersetzten Dialog Diderots, unter dem Titel: &quot;Rameau's Neffe.&quot;</p>
+
+<p>Tr&uuml;be Tage brachte ihm die Schlacht bei Jena am 14. October 1806 und die
+allgemeine Pl&uuml;nderung, welche die Stadt Weimar traf. Mitten unter jenen
+Kriegsst&uuml;rmen reichte Goethe, in bereits vorger&uuml;cktem Alter einer
+vielj&auml;hrigen Freundin am Altar die Hand. Es war Christiane Vulpius, eine
+Schwester des bekannten Romanschriftstellers und nachherigen
+Oberbibliothekars in Weimar.</p>
+
+<p>Neben einer genauen Durchsicht seiner bisherigen Schriften, die in einer
+zw&ouml;lfb&auml;ndigen Gesammtausgabe 1806 erschienen, besch&auml;ftigte sich Goethe mit
+seinen wissenschaftlichen Forschungen, vor allen mit seiner &quot;Farbenlehre,&quot;
+die 1808 mit einer Zueignung an die Herzogin Louise von Sachsen-Weimar ans
+Licht trat. Jene Forschungen weckten in ihm die Idee zu einem Roman, in
+welchem er unter dem Titel &quot;die Wahlverwandtschaften&quot; nach seinem eignen
+Gest&auml;ndni&szlig;, &quot;das Leben von seiner t&auml;glichen Licht- und Schattenseite
+darstellen, und zugleich die Macht begreiflich machen wollte, die das Spiel
+geheimer Naturgesetze &uuml;ber menschliche Verh&auml;ltnisse aus&uuml;bt.&quot; Die von ihm
+begonnene Biographie des Landschaftsmalers Philipp Hackert, mit dem er in
+Rom genu&szlig;reiche Tage verlebt hatte, trat in den Hintergrund durch Goethe's
+Besch&auml;ftigung mit seiner Selbstbiographie, die er unter dem Titel:
+&quot;Dichtung und Wahrheit aus meinem Leben&quot; in mehrern B&auml;nden herausgab.
+Ungeachtet seiner Abneigung gegen alle politischen Tendenzen, verewigte
+Goethe die Befreiung seines Vaterlandes von franz&ouml;sischer Botm&auml;&szlig;igkeit
+durch das Festspiel: &quot;Des Epimenides Erwachen&quot;, das zuerst in Berlin
+vorgestellt ward. Die Stimmung, in welcher er dies St&uuml;ck, welchem eine alte
+griechische Mythe zum Grunde lag, gedichtet hatte, kehrte ihm wieder, und
+er verfa&szlig;te die Inschrift f&uuml;r das dem F&uuml;rsten Bl&uuml;cher in seiner Vaterstadt
+Rostock errichtete Denkmal.</p>
+
+<p>Das Interesse an botanischen und mineralogischen Studien ward in Goethe
+erhalten durch seine j&auml;hrlich nach Carlsbad und T&ouml;plitz unternommenen
+Badereisen, zu denen ihn sein Gesundheitszustand n&ouml;thigte. Einer seiner
+Freunde erz&auml;hlte, wie er unterwegs aus dem Wagen gestiegen sei und mit
+einem Hammer Steine zerklopft habe. Seine Vaterstadt Frankfurt, die er nach
+siebzehn Jahren (1814) zum ersten mal wieder besuchte, ehrte ihn durch eine
+Vorstellung seines &quot;Tasso&quot;, und feierte auf eine noch gl&auml;nzendere Weise
+(1818) seinen siebzigsten Geburtstag durch Ueberreichung eines goldenen
+Lorbeerkranzes, der an Werth die Summe von 1500 Fl. &uuml;berstiegen haben soll.
+Goethe dankte seinen Verehrern durch das in seinen Werken aufbewahrte
+Gedicht: &quot;Die Feier des 28. August dankbar zu erwiedern.&quot;</p>
+
+<p>Das von ihm unter dem Titel: &quot;Kunst und Alterthum&quot; 1816 herausgegebene
+Journal, welches kurze Reiseberichte, und Recensionen &uuml;ber neuere Werke der
+Dichtkunst, Malerei und Plastik enthielt, war eine Art von Fortsetzung der
+Aufs&auml;tze, die Goethe fr&uuml;her in Verbindung mit den Weimarischen
+Kunstfreunden in den &quot;Propyl&auml;en&quot; und in der Allgemeinen Literaturzeitung
+mitgetheilt hatte. F&uuml;r den Theil seiner Studien, dem er seit fr&uuml;her Jugend
+unver&auml;ndert treu geblieben war, gr&uuml;ndete er eine, in einzelnen Heften
+fortlaufende Zeitschrift: &quot;Zur Morphologie und Naturwissenschaft &uuml;berhaupt&quot;
+betitelt. Das Gebiet der Poesie, aus dem er sich l&auml;ngere Zeit entfernt
+hatte, betrat er wieder in einer Art von Fortsetzung seines Romans &quot;Wilhelm
+Meister&quot;, die er unter dem Titel &quot;Wilhelm Meisters Wanderjahre&quot; herausgab.
+In eigent&uuml;mlicher Weise suchte er in seinem &quot;West&ouml;stlichen Divan&quot; die
+orientalische Poesie auf den deutschen Boden zu verpflanzen. An der B&uuml;hne
+und ihren Vorstellungen nahm er wenig Antheil mehr. Das Auftreten eines
+Thieres in dem bekannten Drama. &quot;Der Hund des Aubry&quot; hielt er f&uuml;r eine so
+tiefe Herabw&uuml;rdigung der B&uuml;hne, da&szlig; er sich dadurch bewogen fand, 1817 die
+bisher von ihm gef&uuml;hrte Theaterdirection niederzulegen.</p>
+
+<p>Die ruhige Besonnenheit und Klarheit, die seinem Geiste stets eigen war und
+die sich im h&ouml;hern Alter noch steigerte, vermi&szlig;te Goethe in der neuern
+Literatur. Mit der Richtung, die sie genommen, konnte er sich eben so wenig
+befreunden, als mit den eigenth&uuml;mlichen Fortschritten der Cultur &uuml;berhaupt.
+Nicht ohne Bitterkeit &auml;u&szlig;erte er sich dar&uuml;ber in einem Briefe vom 9. Juni
+1825 mit den Worten: &quot;Alles ist jetzt ultra, alles transcendirt
+unaufhaltsam, im Denken, wie im Thun. Niemand kennt sich mehr. Niemand
+begreift das Element, worin er schwebt und wirkt, Niemand den Stoff, den er
+bearbeitet. Von reiner Einfalt kann die Rede nicht seyn; einf&auml;ltiges Zeug
+giebt es genug. Junge Leute werden viel zu fr&uuml;h aufgeregt, und dann im
+Zeitstrom fortgerissen. Reichthum und Schnelligkeit ist es, was die Welt
+bewundert. Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle m&ouml;glichen
+Facilit&auml;ten der Communication sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht,
+sich zu &uuml;berbilden, und dadurch in der Mittelm&auml;&szlig;igkeit zu verharren.
+Eigentlich ist es das Jahrhundert f&uuml;r die f&auml;higen K&ouml;pfe, f&uuml;r
+leichtfassende, practische Menschen, die, mit einer gewissen Gewandtheit
+ausgestattet, ihre Superiorit&auml;t &uuml;ber die Menge f&uuml;hlen, wenn sie gleich
+selbst nicht zum H&ouml;chsten begabt sind.&quot;</p>
+
+<p>Eine ruhigere Stimmung herrschte in einem Briefe Goethe's vom 3. November
+1825. &quot;Von mir,&quot; schrieb er, &quot;kann ich so viel sagen, da&szlig; ich, meinem Alter
+und Umst&auml;nden nach, wohl zufrieden seyn darf. Die Verhandlungen wegen einer
+neuen Ausgabe meiner Werke geben mir mehr als billig zu thun; sie sind nun
+ein ganzes Jahr im Gange. Alles l&auml;&szlig;t sich aber so gut an, und verspricht
+den Meinigen unerwartete Vortheile, um derentwillen es wohl der M&uuml;he werth
+ist, sich zu bem&uuml;hen. Auch fehlt es nicht mitunter an guten Gedanken und
+neuen Ansichten, zu denen man auf der H&ouml;he des Lebens gelangt.&quot;</p>
+
+<p>Erhalten ward Goethe in dieser heitern Stimmung durch seinen lebhaften
+Antheil an zwei Dichtern des Auslandes, mit denen er um diese Zeit in
+schriftliche Ber&uuml;hrung kam. Den Italiener Manzoni, f&uuml;r dessen Trag&ouml;die:
+&quot;Der Graf von Carmagnola,&quot; sich Goethe lebhaft interessirte, nannte er in
+einem seiner Briefe &quot;einen Dichter, der verdiene, da&szlig; man ihn studire.&quot;
+Durch die eigent&uuml;mliche Art und Weise, wie der Lord Byron die dem &quot;Faust&quot;
+zu Grunde liegende Idee des unbefriedigten Strebens eines reichen, aber in
+sich zerfallenen Gem&uuml;ths f&uuml;r das Drama: &quot;Manfred&quot; benutzt hatte, lenkte
+sich Goethe's Aufmerksamkeit auf diesen Dichter, dessen gro&szlig;es poetisches
+Talent er zwar anerkannte, doch zugleich sich wieder von ihm zur&uuml;ckgesto&szlig;en
+f&uuml;hlte durch Byron's an Verzweiflung grenzende Unzufriedenheit mit der Welt
+und ihren Verh&auml;ltnissen.</p>
+
+<p>Zu den erfreulichsten Erscheinungen f&uuml;r Goethe in seinem h&ouml;heren Alter
+geh&ouml;rte die durch zahlreiche Gedichte seiner Freunde und Verehrer und durch
+sonstige werthvolle Gaben gefeierte Wiederkehr seines Geburtstages. Innig
+freute er sich, da&szlig; sein Talent noch immer eine Anerkennung fand zu einer
+Zeit, wo eine einseitige und befangene Kritik ihm seinen wohlverdienten
+Dichterruhm zu schm&auml;lern suchte. Zu einer allgemeinen und w&uuml;rdigen Feier,
+nicht blos in Weimar, sondern auch in mehreren andern St&auml;dten Deutschlands
+ward Goethe's Jubelfest im Jahr 1825. Die funfzigste Wiederkehr des Tages,
+an welchem Goethe in den Weimarischen Lebenskreis eingetreten war, sollte
+zugleich als sein Dienstjubil&auml;um gefeiert werden. Dies geschah auf den
+Wunsch seines F&uuml;rsten, dem er ein halbes Jahrhundert hindurch seine treue
+Gesinnung als Staatsmann, Dichter, Rathgeber und Freund im h&ouml;chsten Sinne
+des Worts in mannigfacher Weise beth&auml;tigt hatte. Aehnliche Festlichkeiten,
+von denen eine in Weimar erschienene Schrift eine ausf&uuml;hrliche Beschreibung
+lieferte, hatten einige Monate fr&uuml;her, den 5. November 1825 bei dem durch
+Goethe mehrfach verherrlichten Regierungsjubil&auml;um seines F&uuml;rsten statt
+gefunden.</p>
+
+<p>Goethe war dadurch seiner gewohnten stillen Th&auml;tigkeit entzogen worden. Die
+Nachwirkungen jener ger&auml;uschvollen Tage schien er noch lange zu empfinden.
+Er schrieb dar&uuml;ber den 16. November 1825: &quot;Wie der Eindruck des Ungl&uuml;cks
+durch die Zeit gemildert wird, so bedarf das Gl&uuml;ck auch dieses wohlth&auml;tigen
+Einflusses. Erst nach und nach erhole ich mich vom 7. November. Solchen
+Tagen sucht man sich im Augenblick m&ouml;glichst gleich zu stellen, f&uuml;hlt aber
+erst hinterher, da&szlig; eine solche Anstrengung nothwendig einen abgespannten
+Zustand zur Folge hat. Ich bin h&ouml;chst bedr&auml;ngt, zwar nicht von Sorgen, aber
+doch von Besorgungen, und das kann sich zuletzt zu einem Grade steigern,
+da&szlig; es fast dasselbe wird.&quot;</p>
+
+<p>Den Standpunkt, aus welchem Goethe im h&ouml;heren Alter das Leben mit seinen
+mannigfach wechselnden Erscheinungen betrachtete, zeigte folgende Stelle in
+einem Briefe vom 19ten M&auml;rz 1827: &quot;Mir erscheint der zun&auml;chst mich
+ber&uuml;hrende Personenkreis wie ein Convolut sibyllinischer B&uuml;cher, deren eins
+nach dem andern, von Lebensflammen aufgezehrt, in der Luft zerstiebt, und
+dabei den &uuml;brig bleibenden von Augenblick zu Augenblick h&ouml;hern Werth
+verleiht. Wirken wir fort, bis wir, vor oder nach einander, vom Weltgeist
+berufen in den Aether zur&uuml;ckkehren. M&ouml;ge dann der ewig Lebendige uns neue
+Th&auml;tigkeiten, denen analog, in welchem wir uns schon erprobt, nicht
+versagen. F&uuml;gt er sodann Erinnerung und Nachgef&uuml;hl des Rechten und Guten,
+was wir hier schon gewollt und geleistet, v&auml;terlich hinzu, so werden wir
+gewi&szlig; um desto rascher in die K&auml;mme des Weltgetriebes eingreifen. Die
+entelechische Monade mu&szlig; sich nur in rastloser Th&auml;tigkeit erhalten; wird
+ihr diese zur andern Natur, so kann es ihr in Ewigkeit nicht an
+Besch&auml;ftigung fehlen. Man verzeihe mir diese obstrusen Ausdr&uuml;cke. Hat der
+Mensch sich doch von jeher in solche Regionen verloren, in solchen
+Spracharten sich mitzutheilen versucht, da, wo die Vernunft nicht
+hinreichte, und wo man doch die Unvernunft nicht wollte walten lassen.&quot;</p>
+
+<p>Unter Goethe's poetischen Entw&uuml;rfen besch&auml;ftigte ihn vorz&uuml;glich eine
+Fortsetzung seines &quot;Faust.&quot; Diese Trag&ouml;die, zu welcher er ein
+Zwischenspiel, &quot;Helena&quot; betitelt, gedichtet hatte, sollte einen zweiten
+Theil erhalten. Mit dieser poetischen Arbeit besch&auml;ftigte er sich
+gr&ouml;&szlig;tentheils in seiner am Park gelegenen Gartenwohnung. Heiter gestimmt
+ward er durch den Anblick der freien Natur. &quot;Die Vegetation,&quot; schrieb er,
+&quot;hat sich dieses Jahr in der ganzen Umgegend auch an alten B&auml;umen
+bemerklich gemacht, und so freue ich mich des lange Vers&auml;umten und
+Vernachl&auml;ssigten noch mehr, als eines Vermi&szlig;ten und Ersehnten. Ich f&uuml;hle
+mich gen&ouml;thigt, jeden Tag wenigstens einige Stunden in meinem Garten
+zuzubringen.&quot; Den 21. November 1827 meldete Goethe, der zweite Theil des
+Faust r&uuml;cke rasch fort. &quot;Die Aufgabe,&quot; schrieb er, &quot;ist hier, wie bei der
+Helena, das Vorhandene so zu bilden und zu richten, da&szlig; es zum Neuen passe
+und klappe, wobei manches zu verwerfen, manches umzuarbeiten ist.&quot;</p>
+
+
+<p>Sein selten wankender Gesundheitszustand g&ouml;nnte ihm eine rastlose
+Th&auml;tigkeit. Er hatte daher auch seit einigen Jahren seine gew&ouml;hnlichen
+Sommerreisen nach Carlsbad und T&ouml;plitz aufgegeben. Hinsichtlich seiner
+Arbeiten meinte er in einem Briefe vom 22. April 1828: &quot;Wenn der Mensch
+nicht von Natur zu seinem Talent verdammt w&auml;re, so m&uuml;&szlig;te man sich als
+th&ouml;richt schelten, da&szlig; man in einem langen Leben immer neue Pein und
+wiederholtes M&uuml;hsal sich aufl&auml;de.&quot;</p>
+
+<p>Den Eindruck, den der Tod seines von ihm innig verehrten F&uuml;rsten, des
+Gro&szlig;herzogs Carl August von Sachsen-Weimar, der den 14. Juni 1828 zu
+Graditz bei Torgau gestorben war, auf Goethe machte, schilderte ein aus
+Dornburg vom 10. Juli datirter Brief. &quot;Bei dem schmerzlichsten Zustande
+meines Innern,&quot; schrieb Goethe, &quot;mu&szlig;te ich wenigstens meine &auml;u&szlig;ern Sinne
+schonen. Ich begab mich daher den 7. Juli hieher, um den d&uuml;stern Functionen
+zu entgehen, wodurch man, wie billig und schicklich, der Menge symbolisch
+darstellt, was sie im Augenblicke verloren hat, und was sie diesmal gewi&szlig;
+auch in jedem Sinne empfindet.&quot;</p>
+
+<p>Linderung f&uuml;r seinen Schmerz fand Goethe in der sch&ouml;nen Natur Dornburgs und
+der Umgegend, wo er l&auml;ngere Zeit verweilte. &quot;Ein reich ausgestatteter
+Blumengarten,&quot; schrieb er, &quot;vollh&auml;ngende Weingel&auml;nde sind mir &uuml;berall zur
+Seite, und da thut sich dann die alte wohlfundirte Liebschaft wieder auf.
+Gr&uuml;ndliche Gedanken sind ein Schatz, der im Stillen w&auml;chst, und Interessen
+zu Interessen schl&auml;gt. Davon zehre ich denn auch gegenw&auml;rtig, ohne den
+kleinsten Theil aufzehren zu k&ouml;nnen. Denn das &auml;chte Lebendige w&auml;chst nach,
+wie das B&ouml;sartige der Hydra auch nicht zu tilgen ist.&quot; Diese Aeu&szlig;erung
+entlockten dem greisen Dichter die mannichfachen Versuche seiner Gegner,
+seine poetischen und wissenschaftlichen Bestrebungen in einem falschen
+Lichte zu zeigen, und ihn dadurch in der Achtung des Publikums
+herabzusetzen. Goethe &auml;u&szlig;erte sich dar&uuml;ber mit den Worten: &quot;Von allem, was
+gegen mich geschieht, keine Notiz zu nehmen, wird mir im Alter, wie in der
+Jugend erlaubt seyn. Ich habe Breite genug, mich in der Welt zu bewegen,
+und es darf mich nicht k&uuml;mmern, ob sich irgend einer da oder dort in den
+Weg stellt, den ich gegangen bin.&quot;</p>
+
+<p>Ueber die ungen&uuml;genden und fehlerhaften Geisteserzeugnisse mancher neueren</p>
+
+<p>Schriftsteller, vorz&uuml;glich auf dem wissenschaftlichen Felde, &auml;u&szlig;erte sich
+Goethe unmuthig in einem Briefe vom 2. Januar 1829. &quot;Es giebt,&quot; schrieb er,
+&quot;sehr vorz&uuml;gliche Leute, aber die Hansnarren wollen alle von vorn anfangen,
+und unabh&auml;ngig, selbstst&auml;ndig, original, eigenm&auml;chtig, uneingreifend,
+gerade vor sich hin, und wie man die Thorheiten alle nennen m&ouml;chte, wirken,
+und dem Unerreichbaren genug thun. Ich sehe diesem Gange seit 1789 zu, und
+wei&szlig;, was h&auml;tte geschehen k&ouml;nnen, wenn irgend Einer rein eingegriffen, und
+nicht jeder ein <span class="u">Peculium</span> f&uuml;r sich behalten h&auml;tte. Mir ziemt jetzt 1829
+&uuml;ber das Vorliegende klar zu werden, es vielleicht auszusprechen. Doch wenn
+mir das auch gelingt, wird's doch nichts helfen; denn das Wahre ist einfach
+und giebt wenig zu thun; das Falsche giebt Gelegenheit, Zeit und Kr&auml;fte zu
+zersplittern.&quot;</p>
+
+<p>Wissenschaftliche Forschungen behielten f&uuml;r Goethe noch immer ein sehr
+lebhaftes Interesse. &quot;Ich suche,&quot; schrieb er, &quot;meine Stellung gegen
+Geologie, Geognosie und Oryktognosie klar zu machen, weder polemisch, noch
+conciliarisch, sondern positiv und individuell. Das ist das Kl&uuml;gste, was
+man in alten Tagen thun kann. Die Wissenschaften, mit denen wir uns
+besch&auml;ftigen, r&uuml;cken unverh&auml;ltni&szlig;m&auml;&szlig;ig vor, manchmal gr&uuml;ndlich, oft
+&uuml;bereilt und modisch. Da d&uuml;rfen wir denn nicht unmittelbar nachr&uuml;cken, weil
+wir keine Zeit mehr haben, auf irgend eine Weise leichtsinnig in der Irre
+zu gehen. Um aber nicht zu stocken und allzuweit zur&uuml;ck zu bleiben, sind
+Pr&uuml;fungen unserer Zust&auml;nde n&ouml;thig. Mich bringt nichts ab von meinem alten
+erprobten Wege: die Probleme sacht wie Zwiebelh&auml;ute zu enth&uuml;llen, und
+Respect zu behalten vor allen wahrhaft stilllebenden Knospen. Je &auml;lter ich
+werde, desto mehr vertrau' ich auf das Gesetz, wonach die Rose und Lilie
+bl&uuml;ht.&quot;</p>
+
+<p>Manche erfreuliche Anerkennung ward Goethe's Talenten im In- und Auslande
+gezollt. Mehrere seiner Freunde und Verehrer in England und Schottland
+&uuml;berraschte ihn bei der Wiederkehr seines Geburtstages am 28. August durch
+das Geschenk eines kostbaren, mit gro&szlig;er Kunstfertigkeit gearbeiteten
+Petschafts. Fast gleichzeitig erhielt er seine von dem franz&ouml;sischen
+Bildhauer David gefertigte Colossalb&uuml;ste, anderer werthvollen Geschenke und
+Auszeichnungen nicht zu gedenken. Sein Leben war in mehrfacher Hinsicht ein
+gl&uuml;ckliches zu nennen. Gleichwohl blieb er nicht verschont von bittern
+Erfahrungen. Seinen einzigen Sohn, den Kammerrath August v. Goethe, entri&szlig;
+ihm der Tod zu Rom in der Bl&uuml;the seiner Jahre, am 28. October 1830.
+Goethe's Fassung bei diesem Verlust schilderte folgende Stelle in einem
+seiner damaligen Briefe. &quot;Hier kann allein der gro&szlig;e Begriff der Pflicht
+uns aufrecht erhalten. Ich habe keine Sorge, als mich im Gleichgewicht zu
+erhalten. Der K&ouml;rper mu&szlig;, der Geist will, und wer seinem Wollen die
+nothwendige Bahn vorgeschrieben sieht, der braucht sich nicht viel zu
+besinnen.&quot;</p>
+
+<p>So ward eine verdoppelte Th&auml;tigkeit, die seiner Natur ein dringendes
+Bed&uuml;rfni&szlig; war, f&uuml;r Goethe zugleich das wirksamste Mittel, schmerzhaften
+Eindr&uuml;cken kr&auml;ftig zu begegnen. Besch&auml;ftigte ihn irgend eine gro&szlig;e Idee, so
+entsagte er oft ganze Monate jeder Lect&uuml;re, um sich nicht durch andere
+Gegenst&auml;nde zu zerstreuen. &quot;Es ist doch,&quot; schrieb er, &quot;genau betrachtet,
+nur eine Philisterei, wenn wir demjenigen zu viel Antheil schenken, worin
+wir nicht wirken k&ouml;nnen. Und dann darf ich wohl sagen: ich erfahre das
+Gl&uuml;ck, da&szlig; mir in meinem hohen Alter Gedanken aufgehen, welche zu verfolgen
+und in Aus&uuml;bung zu bringen, eine Wiederholung des Lebens gar wohl werth
+w&auml;re. Daher wollen wir uns, so lange es Tag ist, nicht mit Allotrien
+besch&auml;ftigen.&quot;</p>
+
+<p>Eine gewisse Begrenzung der Th&auml;tigkeit hielt Goethe f&uuml;r nothwendig. &quot;Es ist
+ganz eins,&quot; schrieb er, &quot;in welchem Kreise ein edler Mensch wirkt, wenn er
+nur diesen Kreis genau kennen zu lernen und v&ouml;llig auszuf&uuml;llen wei&szlig;. Wof&uuml;r
+aber der Mensch nicht wirken kann, daf&uuml;r sollte er auch nicht &auml;ngstlich
+sorgen, nicht &uuml;ber Bed&uuml;rfni&szlig; und Empf&auml;nglichkeit des Kreises hinaus, in den
+ihn Gott und die Natur gestellt, anma&szlig;lich weiter wirken wollen. Alles
+Voreilige schadet; die Mittelstra&szlig;e zu &uuml;berspringen, ist nicht heilsam.
+Thue nur jeder an seiner Stelle das Rechte, ohne sich um den Wirrwarr zu
+bek&uuml;mmern, der fern oder nah die Stunden auf die unseligste Weise verdirbt,
+so werden Gleichgesinnte sich bald ihm anschlie&szlig;en, und Vertrauen und
+wachsende Einsicht von selbst immer gr&ouml;&szlig;ere Kreise bilden.&quot;</p>
+
+<p>Diesen Lebensregeln und seiner rastlosen Th&auml;tigkeit auch in h&ouml;herem Alter
+treu zu bleiben, war ihm durch die fast ununterbrochene Dauer seiner
+Gesundheit geg&ouml;nnt. Er genas bald wieder von einem Blutsturz, der ihn 1831
+befiel, als er sich mit dem Ordnen seines literarischen Nachlasses und mit
+dem zweiten Theil des &quot;Faust&quot; besch&auml;ftigte. Im August des genannten Jahres
+ging er nach Ilmenau. Nach seinem eignen Gest&auml;ndni&szlig; hatte er sich dorthin
+begeben, um den pers&ouml;nlichen Huldigungen auszuweichen, die ihn bei der
+Wiederkehr seines Geburtstages zu &uuml;berraschen pflegten.</p>
+
+<p>Sichtbar gest&auml;rkt kehrte er wieder nach Weimar zur&uuml;ck. Die Kraft und
+Munterkeit des Geistes im Gespr&auml;ch mit seinen Freunden lie&szlig; kaum ahnen, da&szlig;
+ihm sein Lebensende sehr nahe war. Ein Engl&auml;nder, der ihn besuchte,
+schilderte ihn noch so jung und kr&auml;ftig wie einen Vierziger. Dem kalten
+Luftzug, der ihn auf dem Gange aus seiner Studirstube nach den vordern
+Zimmern angeweht habe, schrieb Goethe ein heftiges Bruststechen zu, das
+nach einer unruhigen Nacht noch am Morgen fortdauerte. Er ahnte keine
+Gefahr, als &auml;rztliche Mittel jenes Uebel und den fieberhaften Zustand
+beseitigt hatten. Sein Athem war jedoch noch immer beengt, und in Gegenwart
+seines Arztes, des <span class="u">Dr.</span> Vogel, den er den 20. M&auml;rz 1832 hatte rufen
+lassen, pre&szlig;te ihm der Schmerz schneidende T&ouml;ne aus. Von einer innern Angst
+bald in das Bette, bald in den daneben stehenden Lehnstuhl getrieben,
+f&uuml;rchtete er eine Wiederkehr des Blutsturzes, der ihn das Jahr zuvor
+befallen. Seine Gesichtsz&uuml;ge waren verzerrt, das Antlitz graublau, der
+ganze K&ouml;rper kalt, und von triefendem Schwei&szlig; bedeckt. Er f&uuml;hlte sich sehr
+matt, und es traten Augenblicke v&ouml;lliger Bewu&szlig;tlosigkeit ein. Mitunter
+phantasirte er, indem er ruhig in seinem Lehnstuhl sa&szlig;. &quot;Seht,&quot; sprach er
+unter andern, &quot;seht den sch&ouml;nen weiblichen Kopf mit schwarzen Locken, in
+pr&auml;chtigem Colorit, mit dunkelm Hintergrunde!&quot; Unter solchen und &auml;hnlichen
+Phantasieen und R&uuml;ckerinnerungen an seinen ihm vorangegangenen Freund
+Schiller, rief er seinem Diener zu, doch den zweiten Fensterladen zu
+&ouml;ffnen, damit mehr Licht in's Zimmer komme. Es sollen seine letzten Worte
+gewesen seyn. Immer schwerer athmend, dr&uuml;ckte er sich in die linke Seite
+seines Lehnsessels. Es war am 22. M&auml;rz 1832, als er wie es schien,
+schmerzlos verschied.</p>
+
+<p>Jenen Tag, an welchem sieben Jahre fr&uuml;her ein ungl&uuml;cklicher Brand das
+Weimarische Theater vernichtet, hatte Goethe, dem Glauben an Ahnungen von
+jeher geneigt, immer f&uuml;r einen tragischen und ungl&uuml;cksschwangern Tag
+gehalten. Mehrmals hatte er gefragt, der wievielste Tag im M&auml;rz heute sei,
+und der Zufall wollte, da&szlig; er an demselben Tage, in derselben Stunde starb,
+wo vor dreizehn Jahren sein vielj&auml;hriger Freund und Amtscollege, der
+Minister v. Voigt, verschieden war.</p>
+
+<p>&quot;Am Morgen nach Goethe's Tode,&quot; erz&auml;hlt einer seiner j&uuml;ngern Freunde,
+&quot;ergriff mich eine tiefe Sehnsucht, seine irdische H&uuml;lle noch einmal zu
+sehen. Sein treuer Diener Friedrich schlo&szlig; mir das Zimmer auf, wo man ihn
+hingelegt hatte. Auf den R&uuml;cken ausgestreckt, ruhte er wie ein Schlafender.
+Tiefer Friede und Festigkeit waltete auf den Z&uuml;gen seines erhabenen edeln
+Gesichts. Die m&auml;chtige Stirn schien noch Gedanken zu hegen. Ich hatte das
+Verlangen nach einer Locke von seinen Haaren, doch die Ehrfurcht hinderte
+mich, sie ihm abzuschneiden. Der K&ouml;rper lag nackend in ein wei&szlig;es Betttuch
+geh&uuml;llt. Gro&szlig;e Eisst&uuml;cke hatte man in einiger N&auml;he umhergestellt, um ihn
+selbst frisch zu erhalten so lange als m&ouml;glich. Friedrich schlug das Tuch
+auseinander, und ich erstaunte &uuml;ber die g&ouml;ttliche Pracht dieser Glieder.
+Die Brust &uuml;beraus m&auml;chtig, breit und gew&ouml;lbt; Arme und Schenkel voll und
+sanft muskul&ouml;s; die F&uuml;&szlig;e zierlich und von der reinsten Form, und nirgends
+am ganzen K&ouml;rper eine Spur von Fettigkeit oder Abmagerung und Verfall. Ein
+vollkommener Mensch lag in gro&szlig;er Sch&ouml;nheit vor mir, und das Entz&uuml;cken, das
+ich dar&uuml;ber empfand, lie&szlig; mich auf Augenblicke vergessen, da&szlig; der
+unsterbliche Geist eine solche H&uuml;lle verlassen. Ich legte meine Hand auf
+sein Herz&mdash;es war eine tiefe Stille&mdash;und ich wendete mich abw&auml;rts, um
+meinen verhaltenen Thr&auml;nen freien Lauf zu lassen.&quot;</p>
+
+<p>Die allgemeine Liebe und Verehrung, die er im Leben genossen, zeigte
+Goethe's gl&auml;nzende Begr&auml;bni&szlig;feier am 26. M&auml;rz 1832. Eine &ouml;ffentliche
+Ausstellung seiner Leiche war der Beerdigung vorangegangen. Seine irdischen
+Ueberreste empfing die f&uuml;rstliche Gruft. Die Weimarische B&uuml;hne blieb an
+Goethe's Begr&auml;bni&szlig;tage geschlossen, und ward am 27. M&auml;rz mit einer
+Vorstellung seines &quot;Tasso&quot; er&ouml;ffnet. Am Schlusse des St&uuml;cks sprach der
+Schauspieler Durand einen von dem Geh. Rath und Kanzler v. M&uuml;ller
+gedichteten, alle Gem&uuml;ther tief ergreifenden Epilog. Auch mehrere Gedichte
+von Goethes Freunden und Verehrern sagten seinen Zeitgenossen, was sie an
+ihm verloren. In mehrfacher Hinsicht pa&szlig;ten auf ihn selbst die Worte, die
+er einst am Grabe der Herzogin Amalia von Sachsen-Weimar gesprochen: &quot;Das
+ist der Vorzug edler Naturen, da&szlig; ihr Hinscheiden in h&ouml;here Regionen
+segnend wirkt, wie ihr Verweilen auf der Erde, da&szlig; sie uns von dorther,
+gleich Sternen, entgegen leuchten, als Richtpunkte, wohin wir unsern Lauf
+bei einer nur zu oft durch St&uuml;rme unterbrochenen Fahrt zu lenken haben; da&szlig;
+diejenigen, zu denen wir uns oft als zu Wohlwollenden und H&uuml;lfreichen im
+Leben hinwendeten, nun die sehnsuchtsvollen Blicke nach sich ziehen, als
+Vollendete, Selige.&quot;</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK J. W. V. GOETHE'S BIOGRAPHIE***</p>
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+<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.</p>
+
+<p>Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+
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+<pre>
+*** START: FULL LICENSE ***
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+works. See paragraph 1.E below.
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
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+Foundation
+
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+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
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+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year.
+
+<a href="https://www.gutenberg.org/dirs/etext06/">https://www.gutenberg.org/dirs/etext06/</a>
+
+ (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+https://www.gutenberg.org/dirs/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+https://www.gutenberg.org/dirs/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+<a href="https://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL">https://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL</a>
+
+*** END: FULL LICENSE ***
+</pre>
+</body>
+</html>