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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:48:36 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Memoiren einer Sozialistin + Lehrjahre + +Author: Lily Braun + +Release Date: July 15, 2005 [EBook #16301] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN EINER SOZIALISTIN *** + + + + +Produced by richyfourtytwo and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<h1><a name="Page_-1" id="Page_-1"></a>Memoiren einer Sozialistin</h1> + + +<h2>Lehrjahre</h2> + + +<h2>Roman</h2> + +<h2>von</h2> + +<h2>Lily Braun</h2> + +<h2>Albert Langen, München</h2> + +<h2>1909</h2> + +<hr style="width: 65%;" /> + +<h3>An meinen Sohn</h3><p><a name="Page_0" id="Page_0"></a></p><p><a name="Page_1" id="Page_1"></a></p> + + +<p>Die Rosen blühen und die Linden duften. Über +dunkle Wälder und saftgrüne Matten ragen die +Berge meiner Heimat zum Himmel empor, an +dem die Sterne funkeln und strahlen, ungetrübt von den +Dünsten der Städte und den Nebeln der Niederung. +Die grauen Felsriesen schimmern silbern im Mondlicht, +und in ihren tausend Furchen und Spalten glänzt noch +der Schnee.</p> + +<p>Das ist die schönste Nacht des Jahres, die Nacht, +in der's in Wald und Feld von alten Märchen raunt +und flüstert, die Nacht, mein Sohn, die dich mir geschenkt: +ein Sonnwendskind, ein Sonntagskind. Elf +Jahre sind es heute. Ist es mir doch, als wäre es +erst gestern gewesen, daß du an meiner Brust gelegen, +daß du die ersten Worte lautest, zum erstenmal die +Füßchen setztest. Und nun bist du ein großer Junge! +Die Kindheit bereitet sich aufs Abschiednehmen vor.</p> + +<p>Fast am gleichen Tage war es, und mehr als drei Jahrzehnte +sind es her, daß auch ich zu Füßen dieser Berge meinen +elften Geburtstag feierte. Die Tafel bog sich damals +unter der Fülle der Geschenke — auf deinem Tisch, +mein Sohn, lagen heute neben dem duftenden Kuchen +unsrer alten Marie nur ein paar Bücher! —, und Eltern,<a name="Page_2" id="Page_2"></a> +Verwandte und Freunde umgaben mich, mit schäumendem +Sekt und schmeichelnden Reden das Geburtstagskind +feiernd, — wir dagegen waren heute allein und +hatten nur tiroler Landwein in den Gläsern. Das +Geburtstagskind von damals war ein blasses, langaufgeschossenes +Mädchen mit einem alten, hochmütig-sarkastischen +Zug um den Mund, dessen Lächeln der +Dankbarkeit nur die Frucht guter Erziehung war; du +aber bist ein blühender Knabe, der im Überschwang +seiner Freude seine Mutter und die alte Marie abwechselnd +in tollem Tanz auf der Wiese umherwirbelte. +Nur zweierlei ist sich gleich geblieben — damals und +heute —: auf deinem Tisch wie auf dem meinen lag +das erste, langersehnte Tagebuch, dessen weiße Blätter +so verlockend sind für ein elfjähriges Herz, wie der +Eingang ins Zauberreich des Lebens selbst, und vor +dir wie vor mir ragten dieselben Bergesriesen, und derselbe +Wald umrauschte unsre Kinderträume.</p> + +<p>Mich hat mein Tagebuch durch's ganze Leben begleitet, +und der Gewohnheit, mir allabendlich vor ihm Rechenschaft +abzulegen über des Tages Soll und Haben, bin +ich immer treu geblieben. Am Schlusse jeden Jahres +habe ich an seiner Hand den verflossenen Lebensabschnitt +überlegt und sein Fazit gezogen. Seine lakonischen +Bemerkungen — ein bloßes trockenes Tatsachenmaterial — bildeten +den festen Rahmen, den die Erinnerung mit +den bunten Bildern des Lebens füllte, und unverzerrt +durch jene schlechtesten Porträtisten der Welt — Haß +oder Bewunderung —, blickte mein Ich mir daraus entgegen.</p> + +<p>Als ich diesmal aus der Tretmühle und der Fabrikatmosphäre<a name="Page_3" id="Page_3"></a> +meines Berliner Arbeitslebens in unsre stille +Bergeinsamkeit floh, nahm ich die zweiunddreißig Jahreshefte +meines Tagebuches mit mir. Generalabrechnung +muß ich halten.</p> + +<p>Auf steilem Felsenpfad bin ich bis hierher gestiegen, +meinem wegkundigen Blick, meiner Kraft vertrauend, +weit entfernt von den Lebenssphären, die Tradition und +Sitte mit Wegweisern versah, damit auch der Gedankenlose +nicht irre gehe. Jetzt aber muß ich stille stehen, +muß Atem schöpfen, denn die große Einsamkeit um mich +her läßt mich schaudern. Wohin nun? Hinab zu Tal, +zu den Wegweisern? Oder weiter auf selbstgewähltem +Steige?</p> + +<p>Die Menschen zürnen mir, und alle nennen mich fahnenflüchtig, +die irgendwann auf der Lebensreise ein Stück +Weges mit mir gingen; mir aber erscheinen sie als die +Ungetreuen. Wer hat recht von uns: sie oder ich? Um +die Antwort zu finden, will ich den letzten Wurzeln +meines Daseins nachspüren, wie seinen äußersten Verästelungen; +und an dich, mein Sohn, will ich denken +dabei, auf daß du, zum Manne gereift, deine Mutter +verstehen mögest.</p> + +<p>In der Sonnwendnacht, die dich mir geschenkt, in +der Sonnwendnacht, in der ringsum auf den Höhen +die Feuer glühen, in der Sonnwendnacht, wo aufersteht, +was ewigen Lebens würdig war, seien die Geister der +Vergangenheit zuerst heraufbeschworen.</p> + +<p>Obergrainau, den 24. Juni 1908</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_4" id="Page_4"></a></p><p><a name="Page_5" id="Page_5"></a></p> +<h2><a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel"></a>Erstes Kapitel</h2> + + +<p>Wo die kurische Nehrung beginnt, ihre Dünen +in die Ostsee hinauszustrecken, und das +Meer auf der einen, das Haff auf der +andern Seite das Land bespült, steht das Haus +meiner Großeltern, in dem ich geboren bin. Vor Jahrhunderten +haben deutsche Ordensritter es als festes +Bollwerk gegen das heidnische Volk des Samlands erbaut; +der breite, viereckige Turm, die dicken Mauern +und der Graben ringsum erinnern noch an seinen Ursprung. +Ein Ordensbruder soll es gewesen sein, der +als einer der ersten im Samland zur Lehre Luthers +übertrat, — nicht aus Gewissenszwang, denn das hätte +dem blonden derben Junker aus dem thüringischen +Geschlecht der Golzows wenig ähnlich gesehen, sondern +aus Liebe zu einem schönen Fräulein, die ihn das +Keuschheitsgelübde brechen hieß. Er wurde auf dem +Schloß von Pirgallen der Stammvater des preußischen +Zweigs der Familie und der Vorfahr meines Großvaters. +Mit dem Besitz schien sich aber auch die lebenbestimmende +Liebesleidenschaft des Ahnherrn von Generation +zu Generation zu vererben. Nur selten fügte +sich ein Golzow dem Rate der Familiensippe, wenn es +galt, sich die Eheliebste zu wählen, und so wurden viele +<a name="Page_6" id="Page_6"></a>fremde Blumen in den nordischen Garten verpflanzt. +Manch eine mag dabei im Frost erstarrt, vom Meersturm +zerzaust worden sein, andere aber blühten, trugen +Frucht und streuten den Samen ihrer Heimaterde in +das Land, wo er üppig aufging, so daß es zwischen den +gelben Dünen, den weißen Birkenstämmen und knorrigen +Eichen gar seltsam anzuschauen war.</p> + +<p>Auch meine Großmutter war solch eine fremde Blume +gewesen: ein Kind der Liebe, dem heimlichen Bund +eines Königs mit einem kleinen elsässischen Komteßchen +entsprossen. Und sie war wohl nie recht heimisch geworden +da oben. Sie fror immer, saß auch im Sommer +gern am Kaminfeuer der Halle, und schwere schleppende +Samtkleider, mit Pelz verbrämt, trug sie am liebsten. +Sie blieb auch einsam trotz der großen Kinderschar, die +sie umgab. Das Blut der Golzows war lebenskräftiger +als das ihre, denn all die Buben und Mädeln, die sie +gebar, waren nicht eigentlich ihre Kinder: mit hellen +blauen Augen aus rosigweißen Gesichtern blickten sie in +die Welt, und Jagd und Tanz, Spiel und Liebe blieb +ihnen Lebensinhalt.</p> + +<p>An meine Mutter, ihr jüngstes Kind, die goldblonde +Ilse, hatte sie sich mit aller Kraft ihrer +Sehnsucht geklammert. Lange hoffte sie, sich selbst +in ihr wiederzufinden, und verdeckte mit den bunten Gewändern +ihrer Phantasie in zärtlicher Selbsttäuschung +alles, was ihr fremd war an ihrer Tochter. Sie +half ihr auch den Starrsinn des Vaters brechen, der +sich ihrer Verbindung mit einem armen Infanterieleutnant +widersetzte. Die Ehe mit dem ernsten, strebsamen +Mann würde, so meinte sie, ihr eigentliches<a name="Page_7" id="Page_7"></a> +Wesen erst zur Entfaltung bringen, — das Wesen, das +sich schon deutlich genug dadurch auszudrücken schien, +daß ihre Wahl unter allen ihren glänzenden Bewerbern +grade auf diesen gefallen war. Sie wußte nicht, daß +nur der Rausch Golzowscher Liebesleidenschaft — heiß +und kurz, wie die Sommer Pirgallens — Ilse beherrschte. +Ihr Gatte kannte die Tochter besser als sie, +darum gab er die Hoffnung nicht auf, statt des »heimatlosen +Landsknechts«, wie er ihren Erwählten, den Leutnant +Hans von Kleve, spöttisch nannte, einen der +Standesherrn des Landes als Schwiegersohn zu begrüßen.</p> + +<p>Kleve besaß nichts als seinen guten Namen und +seinen Ehrgeiz. Nachdem sein Vater, ein leichtsinniger +Gardeleutnant, mit dem spärlichen Rest seines rasch +verjubelten Vermögens und einer lustigen kleinen Frau, +deren bürgerliche Herkunft ihn den schönen bunten Rock +auszuziehen zwang, ein Gütchen in der Nähe Berlins +erworben hatte, um dort nichts zu tun, als zu sterben, +war seiner Mutter kaum das notwendigste übrig geblieben, +um ihn und seine vier Geschwister zu erziehen. +Wie gut, daß sie an Arbeit gewöhnt gewesen war ihr +Leben lang! Zu stolz, die reichen Verwandten ihres +Mannes, die sie ihrer Herkunft wegen nie hatten anerkennen +wollen, in Anspruch zu nehmen, zog sie sich +in eine kleine märkische Stadt zurück, wo sie ihre +Kinder mit eiserner Strenge und in spartanischer Einfachheit +erzog. Hans war zwölf Jahre alt, als er in +diese harte Schule genommen wurde. Er empfand +die Beschränktheit des Lebens am tiefsten und litt +ständig unter den Anforderungen, die seine Mutter an +<a name="Page_8" id="Page_8"></a>seine geistige und moralische Leistungskraft stellte. Sein +Liebesbedürfnis fand wenig Verständnis bei ihr, die +unter dem dauernden Druck quälender Sorgen die Zärtlichkeit +glücklicher Mütter eingebüßt hatte. Eine Schwester, +die ihm im Alter am nächsten stand, und der er sein +ganzes Herz zuwandte, wurde ihm früh durch väterliche +Verwandte, die sich plötzlich der armen Witwe +und ihrer Kinder erinnert hatten, entrissen; so blieb er +ganz auf sich allein angewiesen und konzentrierte all +seine Energie auf das eine Ziel: sich selbst das Leben +zu erobern.</p> + +<p>Mit sechzehn Jahren machte er das Abiturientenexamen +und trat in ein Königsberger Infanterieregiment +ein. Kavallerist zu werden, was er sich gewünscht +hatte — denn die Reiterleidenschaft saß ihm tief im +Blute —, erlaubten seine Mittel ihm nicht, und die +Schwester, die von ihrem reichen Onkel wie ein eignes +Kind gehalten wurde, hatte dem Bruder, — um ihre +persönliche Stellung besorgt, — rundweg abgeschlagen, +eine Zulage für ihn zu erbitten. Von selbst reichte des +Onkels Generosität über das Geburtstags- und Weihnachtsgoldstück +und gelegentliche Urlaubsreisen nach +dem Familiengut in Oberfranken nicht hinaus, und +so bestand des jungen Mannes Dasein in unaufhörlichen +Verzichtleistungen. Er lebte nur seinem Beruf; +sein Empfindungsleben schien durch die Arbeit völlig erstickt +zu sein.</p> + +<p>Um diese Zeit lernte er Ilse Golzow kennen, und +alles, was an Liebessehnsucht in seiner Seele gelebt +hatte von klein auf, brach ungestüm hervor. Das Weib +war ihm unbekannt geblieben bis dahin; die Arbeit +<a name="Page_9" id="Page_9"></a>hatte ihn taub und blind gemacht, und eine angeborene +Reinheit der Gesinnung hatte ihn das Gemeine stets +als gemein empfinden lassen. So vereinte sich in der +ersten Liebe des Achtundzwanzigjährigen die volle phantastische +Schwärmerei des Jünglings mit der tiefen +Neigung des reifen Mannes. Die Erfüllung alles +dessen, was er in seinen stillsten Stunden für sich an +Glück erträumt hatte, erwartete er von dem Besitz +dieses holden blonden Mädchens. Daß ihm dies Glück +nicht kampflos in den Schoß fiel, erhöhte nur seinen +Wert für ihn.</p> + +<p>Um ihretwillen vertauschte er seine Studierstube mit +dem Ballsaal; er entwickelte gesellige Talente, die bisher +niemand in ihm vermutet hatte, er wurde das +belebende Element aller großen und kleinen Feste. Auf +dem Wege zwischen Königsberg und Pirgallen ritt er +sein Pferd fast zu Schanden, das er sich endlich als +Regimentsadjutant halten konnte, und auf den Schnitzeljagden +stellte er durch seine Reiterkunst sämtliche +Kürassierleutnants in den Schatten. Ein instinktives +Verständnis für die weibliche Natur lehrte ihn, daß +Mädchen, wie die schöne Ilse, durch die Bewunderung, +die man ihnen abnötigt, am sichersten zu gewinnen sind. +Von dem Vater der Geliebten aber mußte er sich eine +zweimalige Ablehnung gefallen lassen; erst als er zum +drittenmal wieder kam und die Tränen Ilsens sich mit +seinen Bitten vereinigten, während ihre Mutter alle +Gründe der Liebe und der Vernunft zu seinen Gunsten +zur Geltung brachte, hieß er ihn — mit aller Reserviertheit +des Bezwungenen, nicht des Überzeugten — als +Schwiegersohn willkommen.</p> + +<p><a name="Page_10" id="Page_10"></a>An einem Maiensonntag des Jahres 1863 fand die +Trauung des jungen Paares in der alten Pirgallener +Dorfkirche statt. Als »Burg des Christengottes«, so erzählt +die Sage, galt sie einst dem heidnischen Volk, +und an eine Burg mehr als an eine Kirche erinnern +noch heut die aus ungefügen Steinblöcken zusammengesetzten +Mauern und der viereckige Turm mit den +kleinen Fenstern, den dichter Efeu fast ganz überwucherte. +Die dämmerige Halle verstärkte diesen Eindruck: +vor dem Zeichen des Speeres, dem Wappenbilde +der Golzows, verschwand fast das des Kreuzes, +und statt der Bilder des Heilands und der Apostel +reihte sich ein Grabstein neben dem andern an den +Wänden, mit Ritterhelmen und Schwertern geschmückt, +oder mit steinernen Bildnissen, die alle denselben Typus +ostdeutschen Adels aufwiesen, ob ihr Antlitz mit den +regelmäßigen, etwas leblosen Zügen und den hochmütig +geschürzten Lippen nun unter dem Stechhelm oder der +Allongeperücke hervorsah. Auf den Grabsteinen der +Frauen erzählten die Doppelwappen, wie selten nur die +ritterbürtige Ahnenreihe unterbrochen worden war. Und +daß sie alle zu einem Geschlechte gehörten: diese +stummen Zeugen der Hochzeit Ilsens und die vielen +derer von Golzow, die sich in der alten Kirche zusammenfanden, — das +bewiesen diese schlanken Menschen +mit den schmalen Handgelenken und den langen +spitzen Fingern, die an harte Arbeit nie gewöhnt gewesen +waren. Nur daß die Kraft der Ahnen sich in +lässige Grazie verwandelt und ihre rassige Vornehmheit +einen leisen Schein müder Dekadenz angenommen +hatte.</p> + +<p><a name="Page_11" id="Page_11"></a>Auch des Bräutigams Verwandte waren vollzählig erschienen. +Sie hatten sich die Teilnahme an dem Familienfest +um so weniger entgehen lassen, als Hans Kleves +Heirat die Mesallianz seines Vaters verschmerzen ließ. +Von anderem Schlag waren sie als die Golzows: Das +Blut fahrender Landsknechte und alt-nürnberger Patrizier +mischte sich in ihren Adern, und breit, groß und +stämmig waren ihre Gestalten. Die Kniehosen und +Wadenstrümpfe ihres bayerischen Berglands ließen ihnen +besser, als Frack und Zylinder, und seltsam stach vor +allem des Bräutigams üppige rotblonde Schwester +Klotilde ab gegen die zarte Elfengestalt seiner Braut.</p> + +<p>Als Menschen eigner Art jedoch, nicht als bloße +Glieder einer Familie, traten zwei Erscheinungen aus +dem großen Kreise hervor: die Mütter des jungen +Paares waren es. Das Leben hatte sie beide auf +seine Höhen geführt und in seine Abgründe hineingerissen, +sie waren von ihm gezeichnet; die eine — das +Königskind, das Kind der Liebe —, um deren hohe Gestalt +das Samtgewand wie ein Krönungsmantel niederfloß, +deren schwermütig-dunkle Augen Geist und Güte +strahlten, — die andere —, ein Kind des Volkes und +der Arbeit, die sich nicht zu Hause fühlte in dem +schwarzen Seidenkleid, deren harte Hände von zähem +Fleiße, deren durchfurchte Züge von eiserner Willenskraft +sprachen, und in deren braunen Augen doch der +kecke Humor noch lachte, der über alles Ungemach hinweghilft.</p> + +<p><a name="Page_12" id="Page_12"></a>Königsberg, die Garnison meines Vaters, als er +heiratete, war mit dem raschen Golzowschen +Gespann von Pirgallen aus in drei Stunden +zu erreichen. Es war daher für die Tochter kein Abschied +von zu Hause, der den Schmerz langer Trennung +in sich birgt. Ja, sie blieb im Grunde daheim, denn +im alten Stadthaus ihrer Eltern wurde dem jungen +Paare die Wohnung eingerichtet.</p> + +<p>Während es auf der Hochzeitsreise war, schmückte die +Großmutter das künftige Nest ihrer Kinder. All ihren Geschmack, +all ihre Träume und Gedanken über die Schönheit, +Harmonie und Behaglichkeit einer Familienwohnung verwirklichte +sie hier. Da war der grüne Salon mit den +tiefen englischen Lehnstühlen, dem geräumigen Sofa am +breiten Fensterpfeiler, mit dem runden, von einer Tuchdecke +bedeckten großen Tisch davor, dem mächtigen roten +Marmorkamin an der Längswand ihm gegenüber; daneben, +nur durch Portieren getrennt, das helle Boudoir +mit seinen kretonneüberzogenen Wänden und Möbeln, +dem Schreibtisch voller Familienbilder, überragt von +Thorwaldsens segnendem Christus; und auf der andern +Seite des Vaters Zimmer mit seinen schweren geschnitzten +Eichenmöbeln, in deren Arabesken das Wappentier der +Kleves, die gekrönte Eule, sich vielfach wiederholte. Für +das Speisezimmer hatte die Großmutter die alten Empiremöbel +ihrer Mutter hergegeben: Mahagoni mit Bronzebeschlägen +und gelbseidnen Sesselbezügen. Hier prangte +auch eine Reihe alter Familienbilder an den Wänden: +Frauen im Reifrock mit märchenhaft dünner Taille und +gepuderten Haaren, Männer in goldstrotzender Uniform +<a name="Page_13" id="Page_13"></a>und mächtiger Lockenperücke, und mitten unter ihnen ein +rosiges, lächelndes, goldlockiges Frauenköpfchen, das die +Mutter in spätern Jahren immer in den dunkelsten Winkel +zu hängen pflegte: Alix, die Urgroßmutter, das Königsliebchen.</p> + +<p>Ein großes, helles Schlafzimmer, eine Fremdenstube und +ein sorgfältig abgeschlossner, von der Großmutter streng +behüteter Raum — als hätte Blaubart seine Frauen darin — vollendeten +die Wohnung. In Ost und West, in Süd +und Nord — wohin immer das Soldatenschicksal uns getrieben +hat, — dieser Rahmen des Lebens ist sich stets +gleich geblieben. Ein Gesellschaftszimmer, ein Tanzsaal +kamen später wohl hinzu, sie haben mich aber immer +wie etwas Fremdes angemutet. »Ihr habt keine Heimat,« +pflegte die Großmutter zu sagen, »da müßt ihr sie als +Ersatz, wie die Schnecke ihr Haus, mit euch tragen.«</p> + +<p>Als die Eltern nach der Hochzeitsreise diese Räume, +die geschaffen schienen, Liebe und Freude in sich zu +schließen, betraten, war auf ihr Eheglück schon ein Reif +gefallen. Ahnungslos, wie alle wohlgehüteten Mädchen +ihrer Zeit und ihrer Lebenskreise, war Ilse in die Ehe +getreten. Keusch wie sie war der Mann, dem sie sich +vermählt hatte, aber um so gewaltiger war die Glut +seiner Liebe und seines Begehrens, während ihre Sinne +noch schliefen und das große, tiefe Geheimnis des Geschlechts +sich ihr wie eine gräßliche Untat offenbarte. +Sie hat mir oft erzählt, daß sie in den ersten acht Tagen +ihres Zusammenlebens mit ihrem Mann am liebsten +davongelaufen wäre, wenn sie sich nicht vor ihren Eltern +geschämt hätte. Erst ganz allmählich kam ihr die Erkenntnis, +daß ihr Gatte kein Verbrecher, ihr Schicksal +<a name="Page_14" id="Page_14"></a>kein abnormes war. Zu den seelischen Leiden, mit denen +sie ihn, der so liebevoll, so zartfühlend und weichherzig +war, wohl noch mehr quälte als sich selbst, kamen +körperliche Beschwerden hinzu, deren Ursachen sie ebenso +verständnislos gegenüberstand. Sie suchte sie mit der +ihr eignen Energie zu beherrschen, um so mehr, als sie +sich unter den ihr fremden Kleveschen Verwandten +befand; sie teilte auch ihrer Mutter nichts davon mit, +um die Überängstliche nicht unnötig, wie sie meinte, aufzuregen. +Tapfer beteiligte sie sich an allen Ausflügen, +allen ländlichen Festen; tanzte und ritt, obwohl es ihr +oft vor den Augen dunkelte und der Schwindel sie zu +übermannen drohte. So kehrte die junge Frau bleich +und müde zurück, die, ein Bild blühender Gesundheit, +das Elternhaus verlassen hatte. Der Schatten dieser +ersten Schmerzen und Enttäuschungen fiel über ihr ganzes +Leben.</p> + +<p>Der Großmutter blutete das Herz, als sie ihr Kind +wiedersah. Bald aber war sie beruhigt und zärtlicher +Freude voll in dem Gedanken an das junge Leben, das +sich im Schoße der Tochter entwickelte. Nur allzu früh +sollte die Hoffnung, die von Ilse selbst nur qualvoll +empfunden wurde, zerstört werden; und statt einer +Wöchnerin pflegte die Großmutter eine schwer kranke +junge Frau. Erst die würzige Herbstluft von Pirgallen +heilte sie, und der Königsberger Karneval sah sie als +eine der schönsten der Schönen im fröhlichen Kreise der +Jugend wieder. Sie tanzte gern, sie sah sich gern von +Bewunderern umgeben, und ihr Mann war überglücklich, +wenn er sie heiter wußte.</p> + +<p>Im zweiten Jahre ihrer Ehe stellten sich wieder Hoff<a name="Page_15" id="Page_15"></a>nungen +ein; mit hellem Jubel begrüßte sie Hans Kleve, +mit tiefer Rührung die Großmutter; nur die, unter +deren Herzen das neue Leben erwachte, spürte nichts +von alledem. Die Fassung, mit der sie sich in ihr +Schicksal ergab, das Vorgefühl ernster kommender +Pflichten war das einzige, was sie ihm gegenüber aufbringen +konnte.</p> + +<p>Indessen richtete die Großmutter des Enkelkindes +erstes Stübchen ein: Alles darin war weiß und rot, +einfach und freundlich, nur das Sofa war mit braunem +Rips bezogen und der Tisch davor mit braunem Wachstuch. +Du gutes altes Sofa! Auf dir hab ich die +Glieder im ersten Lebensgefühl gestreckt, auf dir bin ich +umhergeklettert, als ich die Beinchen regen konnte; in +deinen Winkeln hab ich mein Lieblingsspielzeug geheimnisvoll +verwahrt, habe, tief in deine Polster geschmiegt, +meine Märchenbücher verschlungen und meine +ersten Träume auf dir geträumt!</p> + +<p>Mitten in den Vorbereitungen zum Empfange des +kleinen Erdenbürgers warf eine Lungenentzündung den +alten Golzow aufs Krankenlager. Bei einer der häufig +wiederkehrenden Überschwemmungen, die durch die wilden, +alle Dämme durchreißenden Wogen des kurischen Haffs +entstanden und die Wiesen stets auf Jahre hinaus +wertlos machten, hatte er stundenlang, bis an die Kniee +im Wasser, mit den Knechten um die Wette die Löcher +der Dämme zu verstopfen gesucht und sich dabei eine +Erkältung zugezogen. Auf die Nachricht seiner Erkrankung +siedelte Ilse, die ihrem Vater besonders nahe +stand, nach Pirgallen über. Noch wochenlang sah sie +dem wilden Kampf des starken Mannes gegen den All<a name="Page_16" id="Page_16"></a>überwinder +zu, der ihn schließlich sanft in seine Arme +nahm.</p> + +<p>Ein Maiensonntag war es abermals, als der Gutsherr +mit all dem Pomp, der die Sprossen eines der +ältesten Geschlechter des Landes von jeher zu Grabe +leitete, in die Gruft seiner Vorfahren gesenkt wurde. +Vollzählig war wieder die Familie versammelt, vollzählig +war auch das Offizierkorps des Königsberger +Kürassierregiments zugegen, dem Walter, der älteste Sohn +des Verstorbenen, angehörte, und seine Trompeter bliesen +die Trauerchoräle. In langem Zuge folgten die Knechte +und die Instleute dem Sarge, den der greise Förster, +des Toten Lebensgefährte, mit seinen Jägern trug. +Ehrliche Trauer blickte aus den Zügen aller der wettergebräunten +Männer der Arbeit. Werner Golzow war +ihnen ein guter Herr gewesen. Sie hatten nie seine +Faust und nie seine Peitsche gespürt, wie ihre Kollegen +ringsum auf den Nachbargütern, und sie fürchteten sich +vor dem Junker, seinem Erben. Sein junges hübsches +Gesicht war hart und hochmütig, auf die unbeholfenen, +teilnehmenden Worte der Diener seines Vaters antwortete +er nur mit einem leichten Neigen des Kopfes, +die Hand, die sie, der alten preußischen Sitte gemäß, +küssen wollten, zog er ungeduldig zurück. Als die Gutsleute +nach der Beisetzung in der großen Halle des +Herrenhauses von der Großmutter empfangen wurden, +spürten sie doppelt ihre Güte, die nichts Herablassendes +hatte, die den Untergebenen niemals den Abstand +zwischen Herrn und Diener fühlen ließ. Und einer nach +dem andern richtete die angstvolle Frage an sie: Unsre +Frau Baronin wird uns doch nicht verlassen? Sie +<a name="Page_17" id="Page_17"></a>schüttelte nur wehmütig lächelnd den Kopf dazu, und +halb und halb beruhigt ging alles auseinander.</p> + +<p>Sechs Wochen später wurde ich geboren. Es war +ein glühheißer Junisonntag; in voller Pracht blühten +die Rosen, und in der alten dunkeln Gespensterallee, wo +die »böse Frau von Pirgallen« nächtlicherweile mit dem +Kopf unter dem Arme umging, dufteten berauschend die +Linden. Das Geläut der Glocken begleitete gerade die +heimkehrenden Kirchgänger, als ich zur Welt kam. Ich +konnte das Leben nicht erwarten, denn den Weg hinein +fand ich ohne Hilfe, — die weise Frau kam erst, als +die Großmutter mich schon in den Armen hielt und dem +Vater beim Anblick seines Kindes große Tränen der +Rührung über die Wangen liefen.</p> + +<p>In der alten Kirche, über der Gruft der Golzows +und unter ihren Speeren, wurde ich getauft. Die Gutskinder +hatten den düstern Raum in eine Laube von +Jasmin verwandelt, — darum hab ich wohl mein Lebtag +keinen Blumenduft so geliebt wie den dieser weißen +Sterne. Selbst im geweihten Wasser des Taufsteins +schwammen ihre Blätter, und als der greise Pfarrer es +mir auf die Stirn träufelte, blieb eins davon auf meinem +dunkeln Köpfchen haften. »Und wenn ich mit Menschen- und +Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, ich +wäre ein tönend Erz und eine klingende Schelle« — lautete +der Text der Taufpredigt und Alix der Name, +der mir gegeben wurde. Beides hatte die Großmutter +gewählt; den Namen hatte sie gegen den Widerstand +der Tochter für ihr erstes Enkelkind durchgesetzt, — den +Namen ihrer Mutter, die sie um so inniger geliebt, +je mehr die Welt sie verdammt hatte.</p> + +<p><a name="Page_18" id="Page_18"></a>Ich blieb in Pirgallen. Vergebens hatte man versucht, +mich an die Brust meiner Mutter zu legen. War +es ihre innere Abneigung, die sie nur im Gefühl, eine +Pflicht erfüllen zu müssen, überwinden wollte, war es +mein früh erwachter Eigensinn, — kurz, Mutter und +Kind schienen nichts von einander wissen zu wollen, +und eine derbe Fischerfrau, die mich mit ihrem +Söhnchen zusammen nährte, wurde meine Amme. Behütet +von ihr und der Großmutter, der das schwarzhaarige, +dunkeläugige Baby so ähnlich sah, verbrachte +ich auch den Winter bei ihr; seufzend hatte es mein +Vater zugegeben, da er sah, daß ich hier besser aufgehoben +war als in Königsberg, wo die Freuden der +Gefälligkeit meiner Mutter ganze Zeit in Anspruch +nahmen. Oft aber packte ihn die Sehnsucht so sehr, +daß er Sturm und Wetter nicht scheute und, wie einst +zu der Geliebten, zu der Braut, nun zu dem Töchterlein +hinausritt, um es zu küssen, und in den Armen zu +schaukeln. Die Großmutter hat immer dabei weinen +müssen, erzählte mir die Amme später. Lange wußte +ich nicht, warum.</p> + +<p>Dann kam der Krieg, der böse deutsche Bruderkrieg. +Mein Vater wurde Kompagnieführer in einem jener +Regimenter, die durch die mörderischen Kämpfe in +Böhmen fast völlig aufgerieben wurden. In den Wäldern +um Königgrätz warf ihn eine Kugel zu Boden. +Wären nicht ein paar seiner treuen Grenadiere, die ihn +wie einen Vater liebten, der eignen Erschöpfung nicht +achtend, noch spät des Nachts ausgezogen, um, wie sie +meinten, die Leiche ihres Hauptmanns zu suchen, er wäre +elend verblutet. Puckchens, unseres Affenpinschers, kläg<a name="Page_19" id="Page_19"></a>liches +Winseln führte sie auf die Spur des Verwundeten. +Sobald er transportfähig war, brachte man ihn nach +Königsberg. Die Mutter, sonst eine so starke Frau, +brach zusammen beim Anblick des entkräfteten, vollkommen +entstellten Mannes. Er war es, der sie lächelnd trösten +mußte.</p> + +<p>Viele, viele Wochen lag er auf dem Krankenlager, +das ihm in seinem Wohnzimmer errichtet worden war. +Je mehr seine Genesung vorschritt, desto eifriger beschäftigte +er sich mit mir. Ich habe nie einen Mann +gesehen, der wie er mit kleinen Kindern spielen konnte.</p> + +<p>Meine erste traumhafte Erinnerung, — ich bin immer +ausgelacht worden, wenn ich von ihr erzählte, da ich +doch damals noch nicht zwei Jahre alt war —, führt +mich in einen dunkel verhängten Raum vor ein großes +braunes Bett, aus dem mir ein blasser Mann die Arme +entgegenstreckte. Ich weiß, daß ich laut aufschrie, daß +der Mann den Kopf müde zurücklegte und ich mich ausatmend +in meinem hellen Stübchen wiederfand. Und +später sah ich ihn im Rollstuhl wieder und mich auf +seinem Schoß mit seiner großen, dicken Uhr spielend, die, +weil sie mit so zärtlichem, feinen Stimmchen alle Viertelstunden +schlug, für mich immer etwas Lebendiges gewesen +ist. Wende ich ein andres Blatt der Erinnerung um, so +seh ich große rote Blumenkerzen in mein Fenster hereinleuchten. +Das war in Potsdam, wohin mein Vater +nach dem Feldzug versetzt wurde, und wo wir in einem +gartenumsäumten Haus, vor dem ein alter Kastanienbaum +Wache hielt, das erste Stockwerk bezogen. Neben +uns, nur durch den Gartenzaun getrennt, wohnte meiner +Mutter zweiter Bruder Max, der bei den Gardehusaren<a name="Page_20" id="Page_20"></a> +Leutnant war und eine elsässische Cousine geheiratet hatte. +Werner, ihr Sohn, war nur um wenige Monate jünger +als ich. Unter uns aber, in die Parterrewohnung mit +der großen Terrasse, auf deren Balustrade kleine Steinengelchen +saßen, die in meinen Träumen immer lebendig +wurden, zog, kaum ein Jahr nach unsrer Übersiedlung, +die Großmutter ein.</p> + +<p>Walter Golzow hatte nach dem Kriege den bunten +Rock mit dem schönen himmelblauen Kragen ausgezogen +und das Gut übernommen, dessen Geschäfte die Großmutter +bis dahin mit Hilfe des erprobten Verwalters +gewissenhaft und in der alten Weise geleitet hatte. Sie +versuchte dann noch eine Zeitlang, neben dem Sohn zu +wirken und zu arbeiten, wie sie es früher gewohnt gewesen +war. Aber zu hart stießen die Gegensätze aneinander: +in ihrer Milde sah Walter Schwäche, in ihrer +Wohltätigkeit Verschwendung. Es kam auch tatsächlich +zuweilen vor, daß ihre Güte mißbraucht wurde, daß man +die allzeit Hilfsbereite, die an jedem Menschen etwas +Gutes sah oder herauszulocken verstand, hinterging und +betrog. Das nahm ihr Sohn zum Vorwand, ihrem +barmherzigen Wirken mehr und mehr Hindernisse in den +Weg zu legen. Doch dies alles hätte sie nicht so schwer +getroffen, da sie als Herrin ihres Vermögens damit +machen konnte, was ihr gut schien; unerträglich wurde +ihr die Existenz vielmehr erst durch die fast fieberhafte +Neuerungssucht Walters: nichts in der Wirtschaft und +im Hause schien ihm mehr gut genug, und Umwandlungen +und Neuanschaffungen, die ein vorsichtiger, auf +alle Möglichkeiten schlechter Jahre vorbereiteter Gutsherr +auf einen langen Zeitraum verteilt, sollten jetzt in we<a name="Page_21" id="Page_21"></a>nigen +Monden vor sich gehen. Die Großmutter sorgte, +warnte, bat, — sie predigte tauben Ohren. Die Ställe +füllten sich mit Luxuspferden, die Wirtschaftsräume mit +neuen Maschinen aller Art, deren Handhabung selten +einer verstand, das Herrenhaus mit modernen Möbeln, +vor deren geschmacklosem Prunk der alte, solide Hausrat +aus Urväter Tagen weichen mußte. Es kam zu scharfen +Auseinandersetzungen zwischen Mutter und Sohn, die +ihren Höhepunkt erreichten, als sie sah, wie er auf die +Wange eines ungeschickten Reitknechts die Peitsche +niedersausen ließ, so daß der junge Mensch blutend zu +Boden sank. Wenige Tage darauf entführte der alte +breite Kutschwagen mit den wohlgenährten Braunen +davor die Großmutter von der Stätte ihrer jahrzehntelangen +Wirksamkeit, von dem erinnerungsreichen Boden +ihrer zweiten Heimat. Sie sah sich nicht um, und sie +weinte nicht; zu tief empfand sie das schwerste Geschick, +das ein Weib treffen kann: fremde Kinder zu haben.</p> + +<p>Ich war vier Jahre, als die Großmutter nach Potsdam +kam. Ein Ölbild von Tochter und Enkelin, das +damals für sie gemalt worden war, zeigt, daß auch ich +meiner Mutter solch ein fremdes Kind gewesen bin: +von ihrer lichten Erscheinung mit dem hellblonden Haar, +der durchsichtigen Haut, den meerblauen Augen sticht +das kleine Mädchen seltsam ab, um dessen schmales gelbliches +Antlitz dunkle schwere Locken sich ringeln, dessen +schwarze Augen fragend und verträumt ins Weite sehen. +Von klein an bewunderte ich neidvoll meiner Mutter +nordische Schönheit, und wenn meine Freunde mir +Tränen des Zorns entlocken wollten, brauchten sie mich +nur »schwarze Alix« zu rufen; sie waren selbst alle blond, +<a name="Page_22" id="Page_22"></a>und schon bei den Unmündigen wirkt die Majorität überzeugend. +Die Anführer bei solchen Späßen, die mir den +Umgang mit meinesgleichen früh verleideten, waren meist +mein Vetter Werner und Adda, das Töchterchen eines +der Regimentskameraden meines Vaters. Mit jener +Grausamkeit, die nur den kleinen Menschentieren eigen +ist, rächten sie sich durch ihre Neckereien an meiner Besonderheit. +Einig waren wir drei eigentlich nur, wenn +es galt, unseren französischen Bonnen einen Schabernack +zu spielen. Wir konnten sie alle nicht leiden und empfanden +sie nur als notwendiges Übel, unter dem wir +gemeinsam zu leiden hatten.</p> + +<p>An jedem schönen Morgen führten sie uns in den +Park von Sanssouci; kein Wort Deutsch durften wir +sprechen, und artig mußten wir nebeneinander gehen. +Wenn die drei Fräuleins aber erst häkelnd auf einer +der Bänke saßen und die Lebhaftigkeit ihres Gesprächs +einen gewissen Höhepunkt erreicht hatte, benutzten wir +schleunigst die Gelegenheit, aus ihrem Gesichtskreis zu +verschwinden, und dann war ich die Anführerin. Wo +die Büsche am dichtesten waren, versteckten wir uns +und spielten im grünen Dämmerlicht phantastische +Märchen. Meine blühende Phantasie steckte die beiden +andern an: unter halbverwitterten steinernen Göttern +gruben sie eifrig nach den Schätzen, von denen ich +ganz genau zu erzählen wußte, oder sie umschlichen geduldig +immer wieder des alten Fritzen Schloß oben auf +den Blumenterrassen, die Ritter und die Feen mit Herzklopfen +erwartend, die ich schon »soo« oft gesehen hatte. +Wenn freilich durchaus nichts von dem Erwarteten sich +zeigen wollte, mußte ichs bitter büßen, und wenn wir +<a name="Page_23" id="Page_23"></a>unsrer schmutzigen Hände und zerdrückten Kleider wegen +von unsern drei Gestrengen gescholten wurden, war allemal +ich die Hauptschuldige. Allmählich gewöhnte sich +mein sehr robuster und prosaischer kleiner Vetter daran, +den lebhaften Ausbrüchen meiner Einbildungskraft mit +einem verächtlichen »zu dumm« zu begegnen, was mich +bis zu Tränen kränkte und mehr und mehr verstummen +ließ. Spielte ich dann artig mit Ball und Reifen, ohne +in die Büsche zu kriechen, dann lobte mich Mademoiselle: +»<em class="antiqua">Comme elle devient raisonable!</em>« sagte sie.</p> + +<p>Noch stand ich nicht fest auf dieser Staffel der guten +Erziehung, als mir ein schwerer Kummer widerfuhr. In +unserm Garten, in dem wir nachmittags zu spielen +pflegten, lagen auf den Wegen viele bunte Kieselsteine. +In einem Winkel, unter einem Jasminstrauch — zu +den weißen Blüten trug ich immer meine tiefsten Geheimnisse — sammelte +ich die schönsten, die ich finden +konnte. Ich war fest überzeugt, daß sie in ihrem Innern +goldne Wagen mit weißen Pferdchen davor, blitzende +Königskronen und schimmernde Schlösser bargen, und +versuchte, sie mit einem Hammer aufzuschlagen. Schließlich +kamen Werner und Adda hinter mein Geheimnis; mein +Vetter, den meine glühende Begeisterung für die zu erwartenden +Herrlichkeiten anstecken mochte, bemühte sich +auch seinerseits, die Kiesel zu öffnen, und es gelang. +»Bist du dumm,« rief er ärgerlich, als er die grauen +Splitter in der Hand hielt, »es sind ja nur ganz gewöhnliche +Steine!«</p> + +<p>Noch oft hab ich später hinter dem Leblosen wundervolle +Offenbarungen vermutet und im Schweiße meines +Angesichts versucht, zu ihnen vorzudringen, aber die Ent<a name="Page_24" id="Page_24"></a>täuschung +hat mich kaum je so heftig geschmerzt und bis +zu so wilder Verzweiflung getrieben, wie damals, wo +ich, ein fünfjähriges Kind, weinend vor den zerschlagenen +Kieseln saß.</p> + +<p>Wenn die andern mich verhöhnten, wenn der +Schmerz mich übermannte und sie nicht verstanden, +warum, dann blieb mir ein Zufluchtsort und ein +Mensch, der immer die rechten Worte des Trostes fand: +Großmama. Wie oft flüchtete ich in ihr stilles Reich, +wo sie zwischen blühenden Blumen und dunkeln Palmen +lesend, schreibend oder still vor sich hinträumend in ihrem +tiefen, grünen Lehnstuhl saß. Sie hatte immer Zeit für +mich, sie lachte mich niemals aus und antwortete nie +auf meine tausend Fragen mit jenem ein weiches Kindergemüt +so verletzenden: »Das verstehst du nicht.« Und +wenn sich mir Park und Garten, Wasser und Wald mit +tausend Gestalten bevölkerten, wenn die allabendlich in +buntem Reigen um mein Bettchen tanzten, so wußte ich: +Großmama sah sie, wie ich; nur die andern hatten keine +Augen dafür. War ich allein bei ihr, so erschienen mir +ihre Zimmer wie ein einzig Märchenreich: Zwischen den +Palmen lächelte der schöne weiße Jünglingskopf ihres +Vaters mir entgegen — halb ein Cäsar, halb ein Antinous —; +von den Wänden sahen Männer und Frauen +mich an, mir vertraut seit meinem ersten Augenaufschlag, +wenn auch fremd nach Art und Gewandung, und unter +einem von ihnen, auf kleinem Postament, stand Winter +und Sommer ein frischer Blumenstrauß. Das war der +Dichter, zu dessen Füßen die Großmutter gesessen hatte, +als sie ein Kind, ein junges Mädchen gewesen war, der +die Geschichte vom Heideröslein gedichtet hatte, die erste, +<a name="Page_25" id="Page_25"></a>die ich wiedererzählen konnte, und bei deren Schluß mir +immer die Stimme brach: ... »Doch es half kein Weh +und Ach, mußt es eben leiden!«</p> + +<p>Auf dem Fußbänkchen neben Großmama, den Kopf +vergraben in den weichen Falten ihres Sammetkleids, +die Augen auf die tanzenden und zuckenden Flammen +des Kaminfeuers gerichtet, während ihre leise Stimme +über mir klang, von Schneewittchen und Dornröschen +erzählend oder von der kleinen Seejungfrau, die dem +Prinzen zuliebe unter tausend Schmerzen zum Menschen +wurde und dann doch wieder hinabsteigen mußte in die +Fluten, — das waren die schönsten Stunden meiner +frühen Kinderjahre. Und das alles waren Erlebnisse +für mich, viel bedeutungsvollere, als die Ereignisse des +öffentlichen Lebens, deren Kunde an mein Ohr schlug. +So weiß ich vom deutsch-französischen Kriege, obwohl ich +ihn als fast Sechsjährige erlebte, nicht allzuviel. Ich +sehe mich zwar Charpie zupfend am Fenster sitzen oder +mein Frühstücksbrötchen mitleidig für die armen Soldaten +in die Kiste legen, die die Mutter allwöchentlich zu +packen pflegte; ich erinnere mich, daß ich mit Hurra +schrie bei jeder Siegesnachricht und die Illuminationskerzen +nach dem Fall von Sedan mit in die sandgefüllten +Gläser steckte. Ich weiß auch, daß mir das bunte Schauspiel +des Einzugs der Sieger in Berlin, dem ich in einem +neuen blauseidnen Kleidchen mit meiner Mutter von +irgend einem Lindenhotel aus beiwohnte, sehr gefiel, und +daß mein Lorbeerkranz statt auf die Lanze eines Kriegers +auf den aufgespannten Schirm irgend einer biedern +Berliner Bürgerfrau niederfiel; aber von hochgeschwellter +patriotischer Begeisterung weiß ich nichts. Vielleicht, +<a name="Page_26" id="Page_26"></a>daß die gedrückte Stimmung zu Haus mich beeinflußt +hatte, denn hier kam eine reine Siegesfreude nicht auf. +Nicht nur, weil Söhne und Gatten allen Wechselfällen +des Krieges ausgesetzt waren, sondern auch, weil nahe, +liebe Verwandte der Großmutter im französischen Heere +dienten. Neffen von ihr kamen als Gefangene nach +Potsdam; der alte Bruder ihrer Mutter, der sich als +Jüngling unter Napoleon I. die Sporen verdient hatte, +kämpfte jetzt mit derselben glühenden Vaterlandsliebe +unter seinem Nachfolger. Von dem Franzosenhaß, der +den deutschen Kindern späterer Zeit eingeprägt wurde, +wußten wir infolgedessen nichts. Ich glaube, jener +Hurrapatriotismus, der sich heute breit macht, gedeiht +nur in Friedenszeiten. Wer dem Kriege Aug in Auge +sieht, dessen Vaterlandsliebe wird vielleicht nicht weniger +tief, wohl aber ernster und stiller sein. Erst wenn die +großen Kämpfe der Völker lange vorüber sind, werden +sie zu Mitteln, die Begeisterung auch der Kinder anzufachen. +So kam es wohl, daß meine Phantasie von +dem, was vor sich ging, ebenso unberührt blieb wie mein +Gemüt. Nur der Heimkehr meines Vaters sah ich voll +jubelnder Freude entgegen.</p> + +<p>Er brachte uns allen Geschenke aus Frankreich mit, +die er mit Sorgfalt und in der freudigen Aussicht auf +die glücklichen Gesichter der Empfänger ausgewählt +und wofür er wohl auch viel Geld ausgegeben hatte. +Über all das schöne Spielzeug, das ich erhielt, war +mein Jubel ohne Grenzen, und ein zierliches goldnes +Kettlein, das mich noch mehr entzückte, schlang ich mir +grade vor dem Spiegel um den Kopf, so daß die Perle, +die wie ein Tautropfen daran hing, just unter dem<a name="Page_27" id="Page_27"></a> +Scheitel auf die Stirne fiel — meine schwarzen Locken +erschienen mir plötzlich gar nicht mehr so häßlich —, +als das Antlitz meiner Mutter hinter mir auftauchte. +Angstvoll erstaunt wandte ich mich um; Seiden- und +Samtstoffe lagen vor ihr ausgebreitet, mit zärtlich-fragenden +Augen sah der Vater sie an, und sie — sie +freute sich nicht! Worte des Vorwurfs über die »unnützen +Ausgaben« war das erste, was ich sie sagen +hörte, und mit ungewohnt heftiger Geberde nahm sie +mir die Kette aus den Haaren, die nun — ich wußte +das nur zu gut — in der unergründlichen Tiefe des +Silberschranks verschwinden würde, wie so manche der +schönsten Dinge, bis »Alix groß sein wird«. Dann +dankte sie dem Vater mit einer kühlen Phrase, aus der +ich das Erzwungene mit dem feinen Gefühl des Kinderherzens +herausempfand. Über unsre Festtagsfreude hatte +sich ein dunkler Schatten gelegt. Papa ging verstimmt +hinaus, ich spielte verschüchtert in einem möglichst +versteckten Winkel. Freude ist eine der sensitivsten +Pflanzen, die es gibt, das hab ich damals unbewußt zum +erstenmal empfunden: wenn sie in vollster Blüte steht, genügt +ein kalter Lufthauch, sie zu töten. Sie will gehütet sein +und gepflegt, und nur ihr natürliches Welken ist schmerzlos. +Verschleiert blieb von da an die Stimmung; um Liebe +werbend, dankbar für jeden wärmeren Blick, bemühte +sich mein Vater um seine schöne kühle Frau. Wie oft +nahm er mich auf den Schoß, legte mein Bäckchen an +seine Wange und herzte und streichelte mich, während +seine Augen ihr folgten, die im Zimmer umherging, +jedem Staubfäserchen nach, das etwa von einem Möbelstück +nicht entfernt worden war.</p> + +<p><a name="Page_28" id="Page_28"></a>Bald hieß es, die Mutter sei krank und brauche +längere Zeit der Erholung. Große Koffer wurden gepackt, +und wir reisten — Großmama, Mama und ich, +meine Mademoiselle und die Jungfer — nach der +Schweiz. Wie schnell war da der arme, einsame Papa +vergessen! Wundervolle Bilder von weißleuchtenden +Gletschern, blauen Seen, brausenden Wasserstürzen und +Schauerlichen Abgründen zogen an mir vorüber. Nirgends +war mir meine Bonne mit ihrem ewigen: <em class="antiqua">Tiens-toi +droite — ne court pas si vite — sois raisonable</em> +so widerwärtig vorgekommen wie hier. Ins Moos sich +werfen mit ausgebreiteten Armen, laufen und springen, +wie von Flügeln getragen, und über Stock und Stein +aufwärts klettern, höher, immer höher, bis zu den +silbernen Häuptern der Berge mitten in den Himmel +hinein — ach, wer das könnte! Eines Tages hielt es +mich nicht länger. Irgendwo am Vierwaldstädter See +wars, wo ich davon lief, gedankenlos, ziellos, nur erfüllt +von dem Wonnegefühl der ungebundenen Kraft. +Erst als es anfing zu dunkeln, kam ich zum Bewußtsein +meiner Verwegenheit. Da plötzlich geschah etwas so +Wundersames, daß ich alles vergaß: die weißen Berge +bekamen rotglühendes Leben. — Männergeschrei und +ängstliches Rufen schreckten mich auf aus der Verzauberung; +vom Hotel aus suchte man die Ausreißerin. +Stumm kehrte ich heim, unempfindlich blieb ich für alle +Vorwürfe, die mich sonst so bitter trafen; das Erlebte +hatte jede andre Empfindung in mir ausgelöscht. Nur +der Großmutter vertraute ich flüsternd das große Geheimnis +an: wie die Bergriesen vor mir lebendig geworden +waren.</p> + +<p><a name="Page_29" id="Page_29"></a>Im Herbst desselben Jahres kehrte Großmama nach +Potsdam zurück, Mama und ich aber reisten nach Augsburg +zu meines Vaters Schwester Klotilde. Sie hatte +sich mit Baron Artern, dem jüngeren Bruder ihrer +Tante Kleve, bei der sie erzogen worden war, vermählt +gehabt und war nach kurzem strahlendem Glück +Witwe geworden. Monatelang schien es, als ob ihr +sehnsüchtiger Wunsch, dem Toten zu folgen, erfüllt +werden würde, und es war mein Vater, der ihr in +dieser Zeit mit der ganzen hingebungsvollen Liebe und +zarten Rücksicht, deren er fähig war, zur Seite gestanden +und sie dem Leben zurückgewonnen hatte. Er war es +wohl auch gewesen, der ihr den Gedanken nahe legte, +uns zu sich einzuladen. Es gibt kaum eine heilendere +Kraft für alle Lebenswunden als die weichen Hände, +die klaren Augen und das helle Lachen eines Kindes, — ihr +war sie versagt geblieben; in mir, so hoffte mein +Vater, sollte sie sie finden.</p> + +<p>An einem trüben Oktoberabend kamen wir in Augsburg +an. In Trauerlivree empfing uns der Diener am +Bahnhof, dunkel war die Equipage, dunkel waren die engen +winkligen Straßen, und grau, wie leblos, starrten die +alten Häuser mir entgegen. In einen hallenden Torweg, +den nur eine unruhig flackernde Lampe spärlich erhellte, +bog der Wagen, und vor einer breiten, teppichbelegten +Treppe mit kunstvollem schmiedeeisernem Geländer +stiegen wir aus. Eine alte Dienerin mit großem +Schlüsselbund über der schwarzseidenen Schürze begrüßte +uns zuerst; oben, wie eine Fürstin, wartete des Hauses +Herrin auf uns. Der Kreppschleier verhüllte sie fast +ganz, nur das weiße Gesicht und die roten Haare +<a name="Page_30" id="Page_30"></a>leuchteten daraus hervor. Weinend umarmte sie ihre +Gäste, und erschüttert von dem Eindruck der neuen +Umgebung weinte ich mit ihr. »Du gutes Kind,« sagte +sie und küßte mich zärtlich; ich hatte ihr Herz gewonnen.</p> + +<p>Ein seltsames Leben begann für mich in dem grauen +Hause mit seinen langen, düstern Gängen, an deren +Wänden ein dunkles Bild neben dem andern hing, mit +seinen mächtigen schwarzbraunen Schränken und den tiefen, +tiefen Teppichen, über die der Fuß unhörbar hinglitt. +Die Türen waren mit Fries eingefaßt, um jedes Geräusch +zu vermeiden, und die Klingeln hatten einen +dunkeln Ton. Meine Tante vertrug nicht den geringsten +Lärm. Man hatte mir das streng eingeschärft, aber ich +wäre hier auch ohnedies ganz still gewesen. Nur im +Stübchen bei der alten Kathrin, der Wirtschafterin, +die mich schnell in ihr Herz schloß, durfte ich lachen +und toben, und draußen bei allen den vielen Verwandten +und Freunden fühlte ich mich aus dem Traumreich in +die Welt zurückversetzt. Die erste Mädcheneitelkeit ist +damals von ihnen in mir großgezogen worden. Sie +umgaben mich förmlich mit der wohligen weichen Treibhausluft +der Bewunderung; und wenn meine Mutter +auch, sobald wir allein waren, Worte wie Hagelschauer +und Gewitterregen abkühlend hernieder brausen ließ, so +sah ich darin doch nichts weiter, als daß sie mir die +Freude eben wieder einmal nicht gönnen wolle. Hatte +ich mich früher, weil ich anders war, zurückgesetzt gefühlt, +war ich mir im Vergleich zu meinen helläugigen +Gespielen häßlich vorgekommen, so wurde ich allmählich +meiner Besonderheit als eines Vorzugs bewußt.</p> + +<p><a name="Page_31" id="Page_31"></a>In meinem Zimmer, das ich allein bewohnte — Mademoiselle +war auf Urlaub bei ihren Eltern in der +Schweiz geblieben —, stand ein verschlossener Schrank. +Ich studierte durch die Glastüren die Titel auf den +Rücken der Bücher, soweit das meine ziemlich unzureichende +Kenntnis der deutschen Buchstaben zuließ; +französisch war mir bisher allein geläufig geworden. +Auf einer Reihe großer Quartbände wiederholten sich +immer dieselben Worte: »Die Geschichten aus tausend +und einer Nacht.« »Tausend und eine Nacht«, — hieß +nicht so das Buch mit den bunten Bildern, aus dem +mir Großmama Aladins seltsame Abenteuer vorgelesen +hatte? Niemand erzählte mir Märchen in Augsburg, +die alte Kathrin wußte nur immer dieselben Gespenstergeschichten, +ach, wenn ich doch selber lesen könnte! +Heimlich versuchte ich, mit allen Schlüsseln, die mir +erreichbar waren, den Schrank zu öffnen, um zu den +Schätzen zu gelangen, die er barg. Endlich, endlich +sprang er auf. Wie gut, daß ich Halsweh hatte und +Tante und Mama allein spazieren gefahren waren! +Mit klopfendem Herzen nahm ich einen Band nach dem +andern heraus — ich sehe noch ihr gebräuntes Leder +vor mir und ihr gelbes, stockfleckiges Papier! — und +betrachtete die vielen Bilder darin: Geister und Ungeheuer, +Männer auf sich bäumenden Rossen mit krummen +Säbeln und hohem Turban und wunder-, wunderschöne +Frauen. Von nun an hatte ich häufig »Halsschmerzen« +und ließ mir mit rührender Geduld Einreibungen und +Umschläge gefallen, trug auch klaglos das rote Flanellläppchen, +das ich sonst nicht rasch genug hatte abreißen +können. Sobald ich allein war, vertiefte ich mich in +<a name="Page_32" id="Page_32"></a>die Bücher. Es waren unverkürzte Übersetzungen des +herrlichen Märchenschatzes; ich lernte lesen darin; der +ganze Farbenreichtum, die ganze Glut des Orients umgaben +mich wie mit einem Zaubermantel. Wie oft, wenn +ich mit glühenden Wangen und heißen Augen den Heimkehrenden +entgegentrat, wurde mir der Fieberthermometer +besorgt unter den Arm gesteckt. Aber ich hatte +kein Fieber, — ich hatte ja auch nur mit den Ausschneidepuppen +gespielt, die in buntem Durcheinander +auf meinem Tische lagen!</p> + +<p>Warum ich mein Geheimnis verschwieg? Nicht nur, +weil die Mutter ganz gewiß die Bücher verschlossen +hätte, sondern weit mehr noch, weil alles, was mich am +tiefsten ergriff, auch am tiefsten verhüllt bleiben mußte. +Es erschien mir entweiht, seines Wertes beraubt, wenn +andre es sahen, besprachen, betasteten. Großmama allein +hätte ich davon erzählen können. Niemand merkte das +Geheimnis, in dem ich lebte, niemand ahnte, daß ich +in den dunkeln Gängen und tiefen Nischen alle Spukgestalten +meiner Bücher leibhaftig vor mir sah, daß +sie mir aus den Bildern an den Wänden entgegentraten, +daß ich eine seltsam schwüle, schwere Luft durstig +einatmete.</p> + +<p>Seit meiner ersten Kinderzeit hatte ich die Gewohnheit, +mir abends im Bett Geschichten zu erzählen; das +waren meine köstlichsten Stunden! Da störte mich nie +die rauhe Hand der Wirklichkeit, da lachte mich keiner +aus. Von nun an wurden meine Phantasten wilder, +so daß ich mich oft vor ihnen fürchtete und zitternd +unter die Bettdecke kroch. Häufig genug wartete ich +mit fieberhafter Erregung auf den Schritt der Mutter +<a name="Page_33" id="Page_33"></a>im Nebenzimmer, aber zu rufen wagte ich nicht, nachdem +sie mich einmal meiner »dummen Aufregung« wegen +arg gescholten hatte.</p> + +<p>Inzwischen war mein Vater nach Karlsruhe versetzt +worden. Er und die Großmutter besorgten den Umzug, +suchten die Wohnung und richteten sie ein. Beide erwarteten +uns, als wir nach einer beinahe halbjährigen +Abwesenheit endlich heimwärts reisten. Mir war der +Abschied von Augsburg sehr schwer geworden, denn +mochte ich mir noch so sehr den Kopf zerbrechen, — meine +lieben Bücher heimlich mitzunehmen, gelang mir +nicht. Papa und Großmama erschraken, als sie mich +wiedersahen. »So blaß ist mein Alixchen,« sagte sie. +»So dunkle Ränder hat sie um die Augen,« fügte er +hinzu. Als ich zuerst sein Zimmer betrat, einen langen +Raum mit einem einzigen breiten Fenster, sah ich +eine durchsichtige, weiße Gestalt mit gesenktem Haupt an +mir vorüberschweben. Ich schrie auf und erzählte nach +vielem Zureden, was mir begegnet war; schon wollte +die Mutter auffahren, und der Vater murmelte etwas +von »dem Unsinn, den man dem armen Kinde beigebracht +hat«, als die Großmutter mich still beiseite nahm und +lange und liebreich auf mich einsprach. Was sie sagte, +weiß ich nicht mehr, aber es löste mir Herz und Zunge. +»Ach, bleib doch bei mir, Großmama!« rief ich, während +die Angst sich in Tränen löste. Andre jedoch bedurften +ihrer noch mehr als ich; ihr jüngster Sohn, Max, zog +sie an sein Krankenlager, und ich war wieder allein.</p> + +<p>Es war tiefer Winter damals. Trübselig und neidvoll +sah ich oft durch die geschlossenen Fenster auf +den Platz, wo die Kinder tobten, Schneeball warfen +<a name="Page_34" id="Page_34"></a>und Schneemänner bauten. Ich durfte nur selten hinaus. +Von klein an war ich Halsentzündungen ausgesetzt +gewesen, und meine Mutter ließ mich, ebenso +pflichttreu wie gedankenlos, bei kaltem Wetter nur ins +Freie, wenn es völlig windstill war. Aber auch dann +wurde ich dick verpackt und durfte nicht laufen wie die +andern. Das ließ mich noch mehr vereinsamen. Mir +ist, als hätte ich die Winter stets verschlafen, so wenig +weiß ich von ihnen. Vom Frühling aber und vom +Sommer weiß ich um so mehr. Wir hatten einen großen +Garten hinter dem Hause mit alten Bäumen, blühenden +Büschen und bunten Blumen. Hier war mein Reich. +Hier durfte ich ungestört umherspringen, mir Höhlen +bauen, die zu unterirdischen Schätzen führten, auf der +Schaukel bis zu den Wolken fliegen, die im Grunde +gar keine Wolken, sondern Drachen und Zaubervögel +waren. Hier konnte ich mit meinen Bällen, die alle +Märchennamen trugen, geheimnisvolle Zwiesprach halten, +so daß die Nachbarn oft meinten, ich hätte Scharen von +Gespielen im Garten. Puck, unser alter Pinscher, dem +zwei Feldzüge schon die Haare gebleicht hatten, mußte +sich hier zu jugendlichen Sprüngen bequemen, war er +doch das Flügelpferd, das mich ins Zauberland tragen +sollte.</p> + +<p>Ich war den größten Teil des Tages mir selbst überlassen. +Mademoiselle war froh, wenn sie den Mund +nicht aufzutun brauchte und mit ihrer unendlichen +Häkelei friedfertig auf dem Sofa sitzen konnte. Papa +war den ganzen Vormittag auf dem Bureau des +Generalkommandos tätig, nachmittags ritt er mit Mama +spazieren und arbeitete dann allein bis zum Abend.<a name="Page_35" id="Page_35"></a> +Mama hatte immer schrecklich viele Besuche zu machen +und zu empfangen; und was beiden an freier Zeit etwa +noch übrig blieb, das verschlang die große, zu jeder +Jahreszeit äußerst lebendige Geselligkeit. Nur vormittags +zwischen ein und zwei Uhr pflegte meine Mutter +mich bei schönem Wetter zum Spaziergang mitzunehmen. +Mit dem Reifen, meinem unzertrennlichen Gefährten, +lief ich voraus durch eine jener menschenleeren, langen, +graden Straßen, die in Fächerform sämtlich am Schloßplatz +münden, und trieb mein Spiel durch die stillen +Laubengänge des Parks, bis es Zeit war, Papa vom +Bureau abzuholen. Pünktlich, wenn wir vor dem Hause +standen, schloß der Kommandierende, General von Werder, +der Sieger von Wörth, die Vormittagsarbeit und kam mit +Papa hinaus, um uns heim zu begleiten, denn er mochte +alle schönen Frauen gern, meine Mutter insbesondere. +Ich sehe ihn noch, den kleinen Mann, mit den Händen +auf dem Rücken und den blitzenden Augen in dem +scharf geschnittenen Gesicht, wie er neben uns herging, +immer zu einem derben Scherz bereit und stets einen +Leckerbissen für mich in der Tasche.</p> + +<p>Mein Reifen ruhte auf dem Heimweg, denn dann +hatte der Vater mich an der Hand, und des Fragens +und Erzählens war kein Ende. Wenn er für meine +Phantasien auch nur wenig Verständnis hatte und ich +mich hütete, sie ihm anzuvertrauen, so wußte er doch +wie kein anderer meine Wißbegierde zu stillen. Er hatte +eine Art, mir die Dinge klarzumachen und selbst schwierige +Probleme meinem kindlichen Verständnis nahezubringen, +mir Naturerscheinungen, chemische oder physikalische +Vorgänge zu erklären und mich das Leben der<a name="Page_36" id="Page_36"></a> +Pflanzen und Tiere beobachten zu lehren, die die kurzen +Stunden des Zusammenseins mit ihm wertvoller für +mich machten, als wenn ich den ganzen Vormittag in +der Schule gesessen hätte. Kamen wir nach Haus, so +gingen wir zusammen in den Stall, und ich brachte den +Pferden meinen Frühstückszucker, den ich mir täglich +vom Munde absparte, seitdem Mama mich wegen meiner +Zuckerverschwendung gescholten hatte. August, unser +Kutscher und Faktotum, der mir trotz seiner verdächtig +roten Nase viel lieber war als alle Mademoiselles zusammen +genommen, mußte den kleinen Braunen herausführen, +und ich durfte auf Mamas Sattel im Hof umherreiten, +während Puckchen steifbeinig nebenher trabte, +die Augen ernsthaft auf mich gerichtet, als müßte er +Sitz und Haltung ebenso beobachten und kritisieren wie +Papa. Der war kein bequemer Lehrmeister, und ich +fürchtete diese halbe Stunde vor Tisch mehr, als daß +ich mich daran freute. Ja, reiten, — das mußte herrlich +sein! Frei, mit verhängtem Zügel über Felder und +Wiesen, — vor Wonne klopfte mein Herz, wenn ich +daran dachte! Aber im engen Hof, immer im Schritt, +bestenfalls im kurzen Trab in der Runde, jeden +Moment gewärtig, vom Vater heftig angefahren zu +werden, wenn ich krumm saß, die Zügel verkehrt hielt, +die Ecken nicht ausritt oder die Peitsche verlor, — gräßlich +wars! Laute, harte Worte zu hören, verwundete +mich aufs tiefste, und die Liebesbeweise, mit denen +mein Vater mich nach jedem Ausbruch seiner Heftigkeit +in doppeltem Maße überschüttete, vermochten den Eindruck +nicht auszulöschen. Ich bemühte mich, sie nicht +hervorzurufen — man nannte das lobend »artig sein« —, +<a name="Page_37" id="Page_37"></a>aber mein Herz krampfte sich dabei zusammen, und ich +zog mich mehr und mehr in das Gehäuse meines verborgenen +Lebens zurück, was meine Mutter als ein +erfreuliches Resultat ihrer Erziehungsmethode betrachten +mochte, die nur ein Prinzip kannte: Selbstbeherrschung. +»Ein gut erzogenes Mädchen zeigt seine Gefühle nicht,« +pflegte sie zu sagen, und so vergrub ich mich in die +Kissen meines Betts, wenn ich weinen mußte, und lief +in den Garten hinaus, um mich hoch in die Lüfte zu +schaukeln, wenn ich mich freute.</p> + +<p>Eigentliche Freunde und Spielkameraden hatte ich +nicht, wohl aber geselligen Verkehr, der mich Sonntags +fast immer, schön geputzt, aus dem Hause führte. Im +Schloß bei Großherzogs war ich ein häufiger Gast: +Prinzessin Viktoria und Prinz Ludwig, zwei blühende +Kinder damals, waren lustige Gefährten, und beim +Baumplündern zu Weihnachten, beim Eiersuchen zu +Ostern hallte das Schloß wieder von unserm Lachen und +Lärmen, an dem das freundliche Elternpaar stets die +meiste Freude hatte. Nur das Kochen in Vickis großer +Küche, die das Ideal aller andern kleinen Mädchen +war, langweilte mich entsetzlich, — die Fee, die dem +Wickelkind die Hausfrauentugenden in die Wiege legt, +war offenbar zu meinem Tauffest nicht geladen worden! +Da wars bei Max und Marie doch schöner, den Kindern +des Prinzen Wilhelm, deren kaiserlicher Großvater ihnen +aus Rußland das kostbarste Spielzeug zu schicken +pflegte: Eisenbahnen mit richtigen Schienen, Puppen, +die laufen und reden konnten, — lauter Dinge, die zu +jener Zeit für gewöhnliche Sterbliche unerreichbar +waren. Am allerbesten aber gefiel es mir in einem<a name="Page_38" id="Page_38"></a> +Hause, dessen Herrin, eine Tochter Bettinens auch dem +Geiste nach, es verstand, Märchen zu Wirklichkeiten zu +machen. Mit ihren beiden reizenden Töchtern, die um +ein paar Jahre älter waren als ich, fertigte sie aus +buntem Seidenpapier die köstlichsten Gewänder an, mit +denen geschmückt wir lebende Bilder stellten, Scharaden +aufführten und uns als Helden Grimmscher Märchen +in unsre Rollen so einlebten, daß die Rückkehr in die +prosaische Erdenwelt uns hart ankam. Unsre Feste +wurden bald die große Attraktion der Gesellschaft; oft +genug sah auch der Großherzog uns zu, und ich erinnere +mich noch recht gut, wie ich einmal als kleiner Amor +im rosa Hemdchen, mit goldenen Sandalen und blitzenden +Flügeln aus einem Strauß lebendiger Blumen +meinen Pfeil auf ihn zu richten hatte und auf seinen +lachenden Zuruf: »Nun, schieß los!« das strenge Schweigegebot +vergebend, antwortete: »Aber das tut weh!« +Bald lernte ich besser, bei solchen Gelegenheiten +die Fassung zu bewahren, denn lebende Bilder und +Kostümfeste waren auch bei den »Großen« an der Tagesordnung, +und fast überall wirkte ich mit. In Scheffels +Dichtung vom Rockertweibchen, die unter seiner persönlichen +Leitung dargestellt wurde, war ich ein kleines +Schwarzwaldmädchen, das sich der besonderen Gunst +des Dichters erfreute. Er hatte immer eine Düte für +mich in der Tasche, und das erste Glas Sekt, das mir +warm und wohlig bis in die Fußspitzen niederrieselte, +verdanke ich ihm. Auch ein Rokokodämchen war ich, +mit hoch aufgetürmtem, gepudertem Haar, und ein +Elfenkind, und das Veilchen auf der Wiese, — was +Wunder, daß ich immer unlustiger morgens vor meinem +<a name="Page_39" id="Page_39"></a>alten, pedantischen Lehrer saß, der mich Buchstaben +malen, Gesangbuchverse und Bibelsprüche hersagen ließ. +Im Strudel rauschender Freude untertauchen oder lesen +und träumen für mich ganz allein, — was dazwischen +lag: das Alltagsleben mit seinen Pflichten und Leiden, +war wie eine staubige Straße, die ich am liebsten zu +gehen vermied. »Pflichten« besonders waren mir verhaßt; +ich definierte sie schon als sechsjähriges Kind auf +eine Frage hin als das, »was immer unangenehm ist«. +Alles, was Mama z. B. tat, wenn sie ein recht unzufriedenes +Gesicht dazu machte, erklärte sie für Pflichterfüllung: +die schmutzige Wäsche selber zählen, obwohl +drei Dienstboten daneben standen, die Zutaten zum +Kochen herausgeben, obwohl wir eine vortreffliche französische +Köchin hatten, nachmittags mit mir spazieren +fahren, obwohl wir uns beide schrecklich dabei langweilten, — ja +selbst die Dämmerstunden bei Papa, wo +er zu Frau und Kind gern zärtlich war, schienen mir, +nach ihrem Ausdruck zu schließen, in dieses Gebiet zu +gehören. Ganz gewiß, ich würde nie meine Pflicht erfüllen, +schwor ich mir heimlich und suchte meine Theorie +nur zu oft in die Praxis umzusetzen, indem ich tat, was +mir zu tun gefiel, und Befehlen, deren Ursache und Zweck +ich nicht einsah, hartnäckigen Widerstand entgegensetzte. +Der meiner freien Bewegung gezogene Umkreis konnte +daher für meine Bedürfnisse nicht weit genug sein; darum +war der Sommer so schön, wo ich den Garten fast für +mich allein hatte, wo ich auf dem Lande bei Verwandten +und Freunden der weitgehenden Ungebundenheit mich +erfreute.</p> + +<p>Eingebettet zwischen weiß- und rotblühenden Obst<a name="Page_40" id="Page_40"></a>bäumen, +überragt von grünen Hügeln, zu denen schmale, +nußbaumbeschattete Wege emporführten, noch nicht erobert +von dem Feinde aller verträumten Poesie, der +fauchenden, qualmenden Maschine, lag Weinheim damals +zu Füßen der Bergstraße. Dem Grafen Währing, +dem Bruder meiner Urgroßmutter, hatte das Schloß +gehört, das mit seinen Gärten und Weinbergen das +Städtchen beherrschte. Jetzt hauste seine Witwe, eine +achtzigjährige Greisin dort oben, der niemand ihr Alter +ansah, und bei der wir oft wochenlang zu Gaste waren. +Wie eine Marquise aus dem achtzehnten Jahrhundert +war sie anzuschauen: klein, zierlich, sprudelnd von Geist +und Leben, mit winzigen weißen, von Juwelen bedeckten +Händen, allerhand seltenes Tierzeug — weiße Angorakatzen, +schlanke Windspiele, lockige Zwergpinscher — um +sich herum. Sie pflegte sich stets nur mit Jugend zu +umgeben, — es sei genug, daß der Spiegel sie an ihr +Alter erinnerte, meinte sie. Je toller es um sie her zuging, +je mehr Liebesgeschichten sie sich entspinnen sah, +desto fröhlicher war sie. Immer hatte sie Schränke voll +Pariser Toiletten bereit, um ihre weiblichen Gäste — die +schönsten am häufigsten — damit zu beschenken, und +Juwelen, Ringe und Armbänder aller Art, mit denen +sie sie schmückte. Wer harmlos irgend etwas, was nicht +niet- und nagelfest war, bei ihr bewunderte, dem wurde +es als Geschenk aufgenötigt. Und was für merkwürdige +Dinge gab es in ihren Salons mit den Louis XV. +Möbeln, den hohen Spiegeln und vielen, vielen Bildern +und Bilderchen: da waren Sessel, Fußbänke, Bücher, +aus denen in tollem Durcheinander Mozartsche und +Offenbachsche Melodien ertönten, sobald sie benutzt +<a name="Page_41" id="Page_41"></a>wurden; Gemälde, die plötzlich in der Wand verschwanden, +um einem Schränkchen voll süßem Naschwerk +Platz zu machen; Tischchen, die in den Boden +sanken, wenn man sie anstieß, um mit Wein und Kuchen +besetzt wieder zu erscheinen, kurz — ein Paradies für +ein wundergieriges Kinderherz! Und dann der Garten +mit seiner Fülle von Beeren und Blumen, mit seinen +dichten Laubengängen und lustigen Wasserspielen — und +die Freiheit vor allem, die ungebundene!</p> + +<p>Wenn ich bei Tisch erschien, musterte die alte Tante +mich zuvor sorgfältig, rückte da eine Falte zurecht, steckte +mir dort eine Schleife an, wickelte meine Locken über +ihre feinen Fingerchen, zog das Kleid noch tiefer von +meinen magern Schultern und holte die Puderquaste +aus ihrer kleinen goldnen Taschenbüchse, um den Rest +Vormittagsübermut von meinen Wangen zu entfernen. +»<em class="antiqua">Est-elle gentille, la petite?!</em>« sagte sie dann, mich vor +dem Spiegel drehend. Mit Seide und Spitzen, mit +Kettchen und Armbändern, mit Worten und Ratschlägen, +die für die Seele einer Siebenjährigen nichts andres +waren als süßes Gift, warb sie um mich und modelte +an mir. Was sie sagte, weiß ich heute nicht mehr, aber +ich weiß, daß ich von ihr erfuhr, des Weibes Aufgabe +sei, zu gefallen und zu herrschen, und all die Spiegel +und Büchschen und Fläschchen des Toilettentischs, all +die Geheimnisse des Boudoirs seien nichts als Etappen +auf dem Wege zu ihrer Erfüllung. Das Bewußtsein, +hübsch zu sein, machte mich stolz, und mit der Koketterie +des kleinen Mädchens suchte ich zum erstenmal ein +männliches Wesen mir gefügig zu machen. Die alte +Tante hatte einen Heidenspaß daran, nur war leider +<a name="Page_42" id="Page_42"></a>der arme Rudi, ihr Enkel und mein Spielgefährte, ein +gar zu ungeeignetes Objekt für meine Künste! Er +stotterte und war infolgedessen scheu und ängstlich; und +ich, die ich mit jener unbewußten Grausamkeit der +Kinder, mein Licht vor ihm leuchten ließ, verschüchterte +ihn nur noch mehr. Armer Rudi! Das Stottern hat +man ihm später abgewöhnt, aber in seinem Gemüt ist +doch irgend etwas Angstvoll-Zitterndes zurückgeblieben: +auf der Höhe des Lebens hat er sich eine Kugel in die +Schläfe gejagt, und keiner wußte, warum.</p> + +<p>Meine Erziehung durch die alte Tante war gewissermaßen +nur eine theoretische; am Anschauungsunterricht +sollte es auch nicht fehlen. Wir verbrachten die Herbstwochen +häufig bei französischen Verwandten auf ihrem +Schlosse im Elsaß, einer sagenumwobenen alten Ritterburg. +Gefallene Größen des napoleonischen Hofes — männliche +und weibliche — gaben sich dort zur Jagd +und Weinlese ein Rendezvous. Ein Stück Pariser Leben +spielte sich vor meinen erstaunten Augen ab: da war +der Herr des Hauses, ein schwer reicher Emporkömmling, +dessen kurze, dicke Hände, mit denen er meine Wangen +streichelte, mir in fatalster Erinnerung sind, — neben +ihm seine vornehme zarte Frau, immer in Spitzen gehüllt, +an denen ihre durchsichtigen Hände nervös hin und her +zerrten. Eine ihrer Töchter war Onkel Maxens Frau, +die Mutter meines alten Spielgefährten Werner, den ich +zu meiner hellen Freude hier wiedersah. Sie war die +schönere von den beiden Schwestern, dabei still und +phlegmatisch, eine Haremsfrauennatur, während die andere +von Geist und Leben sprudelte und der Mittelpunkt +eines Kreises ausgelassener junger Leute war. Mich +<a name="Page_43" id="Page_43"></a>beachteten sie wenig, sie taten sich keinerlei Zwang an +vor mir; »<em class="antiqua">la petite</em>« hatte ihrer Meinung nach ebensowenig +Augen und Ohren wie die Zofen und Lakaien, +ja sie galt zuweilen als der harmloseste Liebesbote. Aber +ich war nur allzubald gar nicht mehr harmlos: mit +zitternder Neugier beobachtete ich ihre Tändeleien, ihre +Stelldicheins, ihr Flüstern, ihre Küsse, und Wellen heißen +Lebens, die mir über den Rücken fluteten, ließen mich +dabei erbeben.</p> + +<p>Als wir das letztemal vom Elsaß nach Karlsruhe +zurückkehrten — acht Jahre war ich damals —, kamen +mir mein Garten und mein Spielzeug merkwürdig +fremd vor. Ein Stück harmloser Kindheit war +mir inzwischen verloren gegangen. Gierig stürzte ich +mich über alle Bücher, deren ich habhaft werden konnte, +und wenn jemand mich zu ertappen drohte, steckte ich +sie rasch unter Puckchens Kissen, der fast immer auf +dem alten braunen Sofa neben mir lag. Wenn +ich mir jetzt des Abends im Bett Geschichten erzählte, +so klopfte mein Herz nicht aus Angst vor den Geistern, +die ich rief und nicht zu bannen vermochte, sondern in +heißer Erregung über das abenteuerliche Schicksal, als +dessen Heldin ich mich selber träumte. Liebe, wie ich +sie um mich gesehen hatte, Liebe, deren Wonnen und +Schmerzen im Mittelpunkt all der Lieder, all der Erzählungen +standen, die ich las, wurde zum Inhalt meiner +Phantasien, und je kühler ich die Luft empfand, die mich +daheim umwehte, um so durstiger wurde mein kleines +Herz. Hatte ich doch schon lange den Feuerbrand im +Innern heimlich genährt und gehütet, weil ich niemanden +besaß, vor dem ich ihn als Opferflamme hätte aufsteigen +<a name="Page_44" id="Page_44"></a>lassen können, — nun mußte ich mir selber den Gegenstand +meiner Leidenschaft schaffen. Eines der erschütternsten +Erlebnisse meiner Kindheit half mir dazu: +das Theater. Wagners Lohengrin war das erste, was +ich sah. Konnte es für mich etwas Herrlicheres geben +als den Schwanenritter? Er erschien mir als die Verkörperung +idealen Heldentums. Meinen Eindruck vermochte +ich nicht in Worte zu fassen — undankbar und +empfindungslos wurde ich deshalb gescholten —, aber +meinem Herzen hatte er sich unauslöschlich eingeprägt. +In demselben Winter sah ich die Jungfrau von Orleans, +und nun stand es fest für mich: nicht eine Elsa, die dem +Geliebten die Treue brach, wollte ich sein, sondern eine +Johanna, die seiner würdige Heldin welterlösender +Taten.</p> + +<p>Bald aber genügte mir der Lohengrin als Gegenstand +meiner Liebe nicht mehr, — er lebte nicht, und der seine +Silberrüstung trug, hatte die Rolle nur gespielt, mich +aber verlangte nach einem lebendigen Menschen. Wenn +das Herz auf die Suche geht und die Phantasie die +Führung übernimmt, dann wird gar rasch gefunden! — Bei +meinen Eltern gingen viele Gäste aus und ein. +Ein junger, schlanker Dragonerleutnant mit einem +schmalen, blassen Gesicht war unter ihnen, der sich oft +mit mir unterhielt, — nicht wie die andern nur mit mir +scherzte und spielte. Und durch nichts konnte man mich +leichter gewinnen, als indem man mich ernst nahm; — daß +man es immer nur drollig und kindisch findet, erbittert +jedes geistig reifere Kind. So flog denn mein sehnsüchtiges +Herz ihm zu, und meine Phantasie umkleidete +ihn mit aller Romantik des Lohengrinhelden meiner<a name="Page_45" id="Page_45"></a> +Träume. Er war nicht von Adel, also namenlos wie +Elsas Ritter: gewiß würde er sich einmal als eines +Königs verschollener Sohn entpuppen, und mir fiele die +Aufgabe zu, ihm Reich und Krone zu erobern! Die +schönsten Blumen aus meinem Garten legte ich heimlich +auf seine Mütze im Flur, ehe er ging, und der ganze +Tag war mir verklärt, wenn er morgens vorüberritt und +mich grüßte.</p> + +<p>Rohe Menschen mögen lachen über solche Kinderliebe +und moralische sich darüber entrüsten. Mir ist, als wäre +sie die reinste meines Lebens gewesen.</p> + +<p>Im Frühling 1874 wurde mein Vater nach Berlin +versetzt. Zum letztenmal versammelten sich des Hauses +Freunde um unsern Teetisch. Noch weiß ich, wie mirs +vor den Augen dunkelte, als ich meinem Helden die +Hand zum Abschied reichte. Heiß lag sie in der seinen. +Dann strich er mir noch einmal über den Kopf. »Wenn +wir uns wiedersehn, bist du ein großes Mädchen,« sagte +er, »wer weiß, wir tanzen vielleicht noch einmal miteinander!« +Wortlos lief ich hinaus in mein Zimmer +und biß verzweifelt in mein Kopfkissen, um mein +Schluchzen zu ersticken.</p> + +<p>Kinderschmerz ist so gut echter Schmerz wie der +der Erwachsenen, — nur daß wir ihn so leicht vergessen.</p> + +<p>Am nächsten Morgen schrieb ich meine ersten Verse +in ein altes Schreibheft:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Maiglöckchen zart und rein,<br /></span> +<span class="i0">Läut'st schon den Frühling ein?<br /></span> +<span class="i0">Nein, nein, er kommt noch nicht,<br /></span> +<span class="i0">Du gehst zu früh ans Licht.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0"><a name="Page_46" id="Page_46"></a>Werd ich dich welken sehn,<br /></span> +<span class="i0">Dann werd auch ich vergehn,<br /></span> +<span class="i0">Und in das kühle Grab<br /></span> +<span class="i0">Senkt man uns beide hinab.<br /></span> +</div></div> + +<p>Bis ich erwachsen war, hat es niemand zu sehen bekommen, +wie man eine getrocknete Blume — eine Zeugin +holder Stunden — vor der Berührung bewahrt, die sie +zerstören würde.</p> + +<p>Mein Garten stand in vollem Frühlingsflor, als wir +Abschied nahmen. Ich lief durch das Haus, wo die +Packer hantierten, in den Stall, wo August die Wagen +in Decken hüllte. »Puckchen, mein Puckchen,« rief ich. +Noch nie war ich fortgefahren, und wäre es auch nur +auf ein paar Tage gewesen, ohne ihm ein Stückchen +Zucker zu geben. Aber diesmal kam Puckchen nicht. Ich +frug den August nach ihm, er sah verlegen zur Seite +und murmelte etwas Unverständliches. Da fiel mir ein, +daß Mama vor kurzem von seinem Alter, der Möglichkeit +seines Todes gesprochen hatte. Das Herz stand mir +still. Noch einmal suchte und rief ich, die Stimmen +von Mademoiselle und Mama absichtlich überhörend, die +mich zur Eile mahnten. »Geh nur, geh, Alixchen,« sagte +August, der mir nachgekommen war, beruhigend, »Puckchen +findest du nicht — —.«</p> + +<p>»Er ist tot!« schrie ich außer mir und warf mich +weinend in Augusts Arme. Alles lief zusammen, mich +zu trösten, aber fassungslos blieb mein Schmerz. »Sieh, +mein Kind,« sagte schließlich Mama, die mich auf +den Schoß genommen hatte, »Puckchen war alt und +krank, er hätte sich mit seinen blinden Augen in der +fremden Stadt nicht mehr zurecht gefunden. Eine Wohltat +<a name="Page_47" id="Page_47"></a>wars für ihn, daß ich ihn vergiften ließ ...« — Ich +zuckte zusammen, wie unter einem Peitschenschlag. +Meine Tränen waren versiegt. Von der Mutter Schoß +glitt ich herunter und sah sie groß an: »Du — du — hast +mein Puckchen vergiftet?!«</p> + +<p>Dann ließ ich mich still zum Wagen führen. Irgend +etwas war entzwei gegangen in mir. Ganz ruhig und +empfindungslos sah ich vom Coupéfenster aus, wie +die Stadt allmählich vor mir verschwand.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_48" id="Page_48"></a></p> +<h2><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel</h2> + + +<p>Wer sich von Partenkirchen westwärts wendet, +wo lockend in geheimnisvoll düsterer +Pracht die Zugspitze in die Wolken +steigt, und, die staubige Chaussee verschmähend, auf +schmalem Pfad durch bunte Wiesen wandert, dem +zeigt sich plötzlich ein Bild voll stillen Friedens: in +leisen Wellenlinien erhebt sich das Tal, Hügel an Hügel +von alten Baumriesen gekrönt und blühenden Büschen; +gradaus aber, wohin der Weg sich glänzend wie ein +Silberstreifen durch die Gründe schlängelt, schmiegt sich +vertrauensvoll, wie ein kleines Kind in den Schoß der +Ahne, ein weißes Kirchlein an die grauen Wände des +Waxensteins. So oft ich es sah, — mir war immer, als +lächele es. Und ein lichter Schimmer von Lebensfreude +lag auch auf den kleinen Häusern ringsum: ein heller +Goldton überzog die Wände des einen, in einem satten +Himmelblau strahlte das andere, und selbst die Heiligen +und die Märtyrer, die irgendwo unter einem Baldachin +oder in einer Nische standen, hatten so lustige bunte +Kleider an, daß wohl keiner, der vorüberging, sich bei +dem Anblick ihres gottseligen Leidenslebens erinnerte. +Von der Zeit gebräunt waren First und Dach und +Altanen, aber so leuchtend war der Nelkenflor, der von<a name="Page_49" id="Page_49"></a> +Fensterkasten und Geländern niederschaukelte, daß das +Dunkel auch hier nur da zu sein schien, um den Glanz +noch stärker hervorzuheben. Dazu plätscherte der kleine +Bergbach lustig durchs Dorf, der ganz, ganz oben in +den Furchen und Spalten dem Felsen entspringt und +vom Schnee sich nährt und vom Eis, um erst unten im +Tal, berauscht von den Blumen, die über ihm nicken, +die helle Stimme zu verlieren.</p> + +<p>Vor den letzten Häusern beginnt der Wald. Als +müßte er ein Kleinod schützen, so schlingt er sich dicht +um den leuchtenden Smaragd des Badersees, der seine +grüne Farbe auch unter der schönsten Himmelsbläue +nicht verliert und trotz des bösesten Unwetters durchsichtig +bleibt bis zum Grunde. Aber während eine +breite Straße ihm den Strom der Menschen zuführt +und den Wald gezwungen hat, Platz zu machen, liegt +sein kleinerer Zwillingsbruder, der Rosensee, noch immer +still und versteckt zwischen den Bäumen. Selten nur +verirrt sich einer auf die engen Steige, die in seine +Nähe führen, und das Riesenpaar über ihm — der +Waxenstein und die Zugspitze — scheint sich darum +besonders wohlgefällig in seinen stillen Wassern zu +spiegeln. An seinem Ufer, das an dieser Seite von +Rosen in allen Farben und Formen umkränzt ist, steht +nur ein einziges kleines Haus; von wildem Wein und +Efeu ist es so dicht umsponnen, daß es an dunkeln +Tagen mit dem Wald, der es umgibt, in eins verschwimmt.</p> + +<p>Vor vier Jahrzehnten kaufte Ulysses Artern den +Rosensee und baute seinem jungen Eheglück das grüne +Nest daran. Jedes Jahr, wenn die Maiglöckchen +<a name="Page_50" id="Page_50"></a>blühten und ihr Duft süß und schwer über Wasser und +Wald sich legte, zog seine Witwe auch nach seinem Tode +hierher und blieb, bis der Schnee über die Bergspitzen +hinunter ins Tal sich streckte.</p> + +<p>Seitdem wir in Augsburg bei ihr gewesen waren, +hatte sie uns jedes Jahr zu sich eingeladen. Aber nur +mein Vater hatte sie besucht; meiner Mutter war die +Schwägerin nie sympathisch gewesen, und so hatte sie +lange gezögert, zu ihr zu gehen. Mich freilich zog die +Sehnsucht in die Berge, seitdem sie mir in der Schweiz +Augen und Seele entzückt hatten; und wenn der Vater +von Grainau erzählte und vom Rosensee, so wünschte ich +nichts mehr, als dort zu sein. Und nun hatte sich mein +Wunsch erfüllt!</p> + +<p>Schon in Weilheim, der Endstation der Eisenbahn +damals, wo das Tor des Loisachtals sich vor mir öffnete +und tief im Hintergrunde die Umrisse der weißen +Bergspitzen in den Wolken verschwanden, waren mir +die Augen übergegangen — wie stets, wenn ein Eindruck +mich überwältigte. Still und stumm ließ ich ihn +auf der ganzen langen Wagenfahrt auf mich wirken, +und als ich dann abends oben im Giebelstübchen des +Rosenhauses stand, den Blick auf die vom dunkelblauen +Nachthimmel grausilbern sich abhebenden Berge gerichtet, +während die reine, kühle Luft mir um die Stirne wehte, +da fiel all mein Kinderleid von mir ab, wie ein schwerer, +drückender Mantel. Frei atmen konnte ich wieder.</p> + +<p>Mit jedem Morgen, an dem ich erwachte, nach festem, +traumlosem Schlaf, mit jedem Abend, an dem ich mich +niederlegte, müde von dem Reichtum des Tages, steigerte +sich diese Empfindung. Ein Vollgefühl des Lebens +<a name="Page_51" id="Page_51"></a>durchströmte mich, und wenn niemand mich sah, dann +warf ich mich wohl vor lauter Seligkeit mit ausgebreiteten +Armen in die blühende Wiese und lag so +still und atmete so leise, daß die Schmetterlinge sich +ruhig auf den blauen Glockenblumen, die über mir +blühten, niederließen, oder ich legte den Kopf ins Waldmoos, +wo die Maiglöckchen am dichtesten standen, und +sah den tanzenden Sonnenstrahlen zu. Keine Mademoiselle +legte meiner Freiheit Zügel an; meine Tante +fand mich zwar »schlecht erzogen«, weil ich nicht ruhig +mit meiner Handarbeit neben ihr saß, und ließ es +meiner Mutter gegenüber an Anspielungen darauf nicht +fehlen, aber da sie mit Kindern gar nichts anzufangen +verstand, ließ sie mich laufen und beschränkte ihre +Erziehungskünste auf strenge Toilettenvorschriften, wenn +ich zu Tisch erschien oder mit ihr spazieren fuhr. +Dann saß ich nach guter karlsruher Gewohnheit steif +und grade auf dem Rücksitz der Equipage, wie Johann +auf dem Bock, der Kutscher, der mit dem »gnädigen +Fräulein« nur vertraut war, wenn es morgens in den +Stall kam und — ohne väterliche Aufsicht! — auf dem +großen Fuchs, von allen Bauernkindern bewundert, durch +das Dorf ritt. Ich hatte bald viele Freunde unter den +Buben und Mädeln. Alle Waldwege und Bergsteige +lernte ich durch sie kennen; die schönsten Erdbeerplätze +zeigten sie mir und lehrten mich klettern, wenn es galt, +zu den Alpenrosen zu gelangen, die rotleuchtend die +grauen Felsen belebten.</p> + +<p>Die Kinder des Landvolks im Norden Deutschlands +tragen das Zeichen der Dienstbarkeit noch immer auf +der Stirn: wie selbstverständlich ordnen sie sich im Spiel +<a name="Page_52" id="Page_52"></a>mit dem »Herrschaftskind« diesem unter und sehen es fast +als Auszeichnung an, die Rolle der Untergebenen zu +übernehmen. Wo die frische Luft der Berge weht, hat +selbst die Sklavenmoral der katholischen Kirche Freiheitsgefühl +und Selbstbewußtsein nicht zu unterdrücken vermocht. +Der Sepp vom Bärenbauern, der am verwegensten +kletterte und am schönsten jodeln konnte, — mein +Hauptspielgefährte, — behandelte mich ganz auf gleich +und gleich, ja er sah zuweilen mit unverhohlenem Stolz +auf mich herab, und seiner urwüchstgen Kraft gegenüber +kam selbst meine sonst so ausgeprägte Empfindlichkeit +nicht auf: ich biß nur in stillem Ingrimm die Zähne +zusammen, wenn er mich verspottete, weil ich ohne seine +Hilfe den Fels nicht hinaufkam. Es gab viel zerrissene +Kleider dabei; und wäre die alte Kathrin nicht gewesen, +die sie heimlich flickte und immer dafür sorgte, daß ich +in möglichst tadelloser Toilette bei den Mahlzeiten erschien, — ich +hätte mich nicht lange meiner Freiheit erfreuen +dürfen.</p> + +<p>An einem heißen Julinachmittag kam ich einmal, +einen großen Buschen Alpenrosen im Arm, eilig vom +Ochsenhügel heruntergelaufen, in heller Angst, zur Teestunde +zu spät zu kommen. Ich suchte darum möglichst +schnell an dem Wagen vorbeizuschlüpfen, der vor unserem +Gartentor hielt, als eine Hand mir in die wehenden +Locken griff und eine lachende Stimme rief: »Das ist +doch die Alix, das Nichtchen!« Eine große blonde Frau, +von einem kleinen Mädchen und einem halberwachsenen +Knaben begleitet, stand vor mir, und nun mußte ich Rede +und Antwort stehen, während meine Augen ängstlich an +meinem fleckigen Lodenrock und den schmutzigen Stiefeln +<a name="Page_53" id="Page_53"></a>hingen. Kurz vor dem Haus riß ich mich unter dem +Vorwand, die Blumen ins Wasser stellen zu wollen, +los, und erschien, noch glühend vor Erregung, nach zehn +Minuten im weißen Musselinkleid wieder, das mir die +alte Kathrin mit einem »Kind, Kind, was wird die +Tante sagen — das war ja die Prinzessin Friedrich!« +hastig übergeworfen hatte. Aber es kam nicht einmal +zu einem strafenden Blick, denn die Prinzessin nahm mich +in die Arme und erzählte lachend, wie sie eben schon +meine Bekanntschaft gemacht habe. Ihre Worte überstürzten +sich wie ein Wasserfall und wurden von ebenso +hastigen und burschikosen Gebärden begleitet. Eine +komische »Prinzessin«, dachte ich mir im stillen und sah +mit gesteigertem Erstaunen zu ihren Kindern herüber, +die sich grade nach allen Regeln der Kunst zu prügeln +begannen und des wohlgepflegten Rasens nicht achteten, +auf den sich sonst nicht einmal mein Ball verirren +durfte.</p> + +<p>»Der Helmut sagt, die Alix wär eine Zigeunerin,« +schrie das kleine Mädchen plötzlich.</p> + +<p>»Zigeunerinnen sind viel hübscher als semmelblonde +Frauenzimmer, wie du eins bist,« entgegnete der Knabe, +und es bedurfte des Dazwischentretens der Mutter, um +mit einer Ohrfeige nach rechts und links dem Streit +ein Ende zu machen.</p> + +<p>Mein Schicksal hatte sich dabei entschieden: selbst der +Kuchen, in den das Prinzeßchen mit Behagen hineinbiß, +hinderte sie nicht, mir feindselige Blicke zuzuwerfen, +während ihr Bruder mir die Aufmerksamkeiten eines +vollendeten Kavaliers erwies. Er mochte sieben Jahre +älter sein als ich, war schlank und hochaufgeschossen, +<a name="Page_54" id="Page_54"></a>mit lustigen grauen Augen und aufgeworfenen roten +Lippen. Die kleine Friederike glich ihm wenig; sie +war ein dürftiges Persönchen mit jenen neidisch heruntergezogenen +Mundwinkeln, die die Gesichter solcher +Kinder zu entstellen pflegen, die sich früh ihrer Reizlosigkeit +bewußt werden. Als Helmut nach dem Tee +zum Badersee hinüber wollte, um dort Kahn zu fahren, +weigerte sie sich, mitzukommen, wohl in der Hoffnung, +daß er dann allein gehen müsse und der Spaß ihm +verdorben wäre. Ihre Mutter aber meinte: »Um so +besser werden sich Helmut und Alix amüsieren,« und so +brachen wir auf, vom Diener begleitet, der uns rudern +sollte.</p> + +<p>Geheimnisvoll und spiegelklar, wie immer, lag der See +vor uns. Vor dem kleinen Wirtshaus, das damals +noch bescheiden an seinem Ufer lag, saßen nur wenige +Touristen.</p> + +<p>»Jetzt wollen wir uns erst gütlich tun und den schlabbrigen +Tee herunterspülen,« sagte Helmut und bestellte +Tiroler Wein, mit dem wir lustig unsre neue Freundschaft +leben ließen. Als der Diener im Hintergrund, +vertieft in die »Fliegenden«, ruhig vor seinem Seidel +saß, schlichen wir davon. Die Abneigung gegen irgendwelche +Beaufsichtigung, die Helmut dadurch bekundete, +steigerte meine Sympathie für ihn. Er löste den Kahn +selbst von der Kette, und wir ruderten, glückselig über +unsre gelungene Kriegslist, in den See hinaus. Bald +kamen wir in lebhafte Unterhaltung; Helmut erzählte +mir von Berlin, wo er wohnte, und wo ich nun bald +hinkommen sollte, soviel des Schönen und Interessanten, +daß meine Abneigung dagegen sich rasch in erwartungs<a name="Page_55" id="Page_55"></a>volle +Neugierde verwandelte. Die uns zugestandene +Stunde war längst verstrichen, als heftige Rufe vom +Ufer her uns zur Rückkehr mahnten. Die ganze Familie +war dort versammelt: unsere Mütter, die Tante, das +schadenfroh lächelnde Prinzeßchen, — und wir wurden +mit Vorwürfen überschüttet, kaum daß wir das Boot +verlassen hatten.</p> + +<p>»Mach dir nichts draus,« flüsterte Helmut und +wandte sich mit eleganter Verbeugung meiner Tante +zu. »Alix ist unschuldig, Frau Baronin,« sagte +er lächelnd, »sie wollte nicht ohne den Diener +fahren und mahnte dann unausgesetzt zur Rückkehr.« +Mit einem raschen dankbaren Blick lohnte ich Helmuts +Ritterlichkeit, und mit einem herzlichen »Aufwiedersehn« +schieden wir.</p> + +<p>Auf dem Wege heimwärts konnte die Tante es nicht +unterlassen, ihrer Befriedigung über den »passenden +Verkehr«, den ich nun endlich gefunden hätte, und ihrer +Hoffnung Ausdruck zu geben, daß er mich hindern +würde, weiter »mit den Dorfbuben herumzuschlampen«. +Das empörte mich, und ich nahm mir vor, ihre Hoffnung +auf das gründlichste zu täuschen. Schon am +nächsten Tag lief ich in aller Frühe mit dem Sepp in +die Wälder und ließ mich nur grade zu den Mahlzeiten +sehen. Aber ganz so wie ehemals wurde es trotzdem +nicht mehr. Wir fuhren oft nach Partenkirchen hinauf, +wo die Prinzessin eine Villa besaß, und sie kam +häufig ins Rosenhaus. Vergebens hatte ich versucht, +meine alten Freundschaften mit meiner neuen in Einklang +zu bringen; Helmut kehrte dem Sepp und seinen +Kameraden gegenüber zu sehr den Herren heraus, so +<a name="Page_56" id="Page_56"></a>daß sie sich fern hielten, wenn er da war. Auch sonst +war irgend etwas nicht mehr so recht in Ordnung; wie +mir die Adern stets hoch auf zu schwellen pflegen, +wenn ein Gewitter im Anzuge ist, so empfand ich auch +seelischen Atmosphärendruck mit peinvoller Sicherheit.</p> + +<p>Meine Tante und meine Mutter hatten sich nie gemocht. +Sie waren beide gewöhnt, in der Gesellschaft +eine Rolle zu spielen: die eine um ihrer Schönheit und +Vornehmheit willen, die andere ihres Reichtums und +der unangefochtenen Selbständigkeit ihrer Stellung +wegen. Schmeichelei und Unterwürfigkeit begegneten +der Baronin Artern auf Schritt und Tritt; jeder, der +von ihr etwas erreichen wollte — und wer hätte das +nicht gewollt! —, beugte sich ihrem Willen und ihren +Ansichten. So kam es, daß sie allmählich Widerspruch +überhaupt nicht mehr ertrug ... Um mit ihr auszukommen, +mußte man Ja und Amen zu allem sagen, was +sie behauptete, — oder schweigen. Meine Mutter schwieg, +aber sie schwieg mit allen Zeichen inneren Widerspruchs: +einem sarkastischen Lächeln, einem hochmütigen Achselzucken. +Das reizte die Tante; was sie jedoch weit +mehr reizte, war der Schwägerin unzweifelhafte Vornehmheit, +die kein Reichtum und keine Toilettenpracht +ersetzen konnte. Daß ihre Mutter einer einfachen +Bürgerfamilie entstammte, das war für sie ein dunkler +Punkt ihres Lebens, und in ihr lebte etwas von +jenem Pöbelhaß, der stets das eine Ziel verfolgt: +Rache zu nehmen an den Vornehmen. Sie tat es +in grober und feiner Weise: sie ließ in Gegenwart +meiner Mutter das Licht ihres überlegenen Geistes am +hellsten strahlen; sie zeigte ihre vollendete Meisterschaft +<a name="Page_57" id="Page_57"></a>am Klavier und ließ in ihrer dunkeln Altstimme alle +Skalen der Leidenschaft vor dem entzückten Zuhörer +tönen. Genügte ihr das nicht, um meine Mutter, die +nichts Gleichwertiges zu bieten hatte, in den Schatten +zu stellen, so griff sie sie an ihrer schwächsten Stelle +an: ihrem preußischen Patriotismus. Wie oft ging +meine Mutter mit hochrotem Kopf und zusammengepreßten +Lippen hinaus, wenn die Schwägerin wieder +einmal preußische Sitten, preußische Ansichten, preußische +Politik geringschätzig kritisiert hatte. Daß sie es trotzdem +bei ihr aushielt, war nur ein Ergebnis ihres Pflichtgefühls: +von der reichen, kinderlosen Frau hing die +Gestaltung meiner Zukunft ab, ihr galt es Opfer zu +bringen.</p> + +<p>Eines Tages kam es zur Explosion. Meine Mutter +machte irgend eine wegwerfende Bemerkung über die +zweifelhafte Herkunft einer Dame, die eben, eine Wolke +von Parfüm hinterlassend, die Terrasse verlassen hatte; +die Tante widersprach und redete sich so in den Zorn +hinein, daß sie schließlich Mama vorwarf, ihren eignen +Mann beleidigt zu haben, denn nach der von ihr ausgesprochenen +Ansicht, wäre auch seine Mutter »von +zweifelhafter Herkunft«. Mama verteidigte sich; ein +Wort gab das andere, Tante Klotilde spielte ihren +letzten Trumpf aus, indem sie mit haßfunkelnden Augen +hervorstieß: »Du am wenigsten hast ein Recht von zweifelhafter +Herkunft zu sprechen. Weiß man doch, wer deine +Großmutter war!«</p> + +<p>Zwei Tage später verließen wir das Rosenhaus, nicht +ohne daß vorher eine konventionelle Versöhnung stattgefunden +hätte. Unsre Zeit war sowieso beinahe ab<a name="Page_58" id="Page_58"></a>gelaufen, +und das kalte, trübe Wetter, das meinem +empfindlichen Halse schaden konnte, war Erklärung genug +für unsre beschleunigte Abreise. Die Rosen am +See waren längst entblättert; bis tief ins Tal hingen +die Wolken, als das weiße Kirchlein mehr und mehr +meinen Blicken entschwand. An einer Biegung des +Wegs kam der Sepp gelaufen, einen Strauß von blauem +Enzian in der Hand, aus dessen Mitte zwei große weiße +Sterne leuchteten. »Von der Zugspitz,« stotterte er, auf +die Edelweiß zeigend, dann brach ich in Tränen aus +und weinte — weinte noch, als schon Garmisch weit +hinter uns lag. Das Wetter hellte sich indessen allmählich +auf, und wie ich von Weilheim aus rückwärts +sah, lagen die Wolken, wie bezwungene Sklaven, tief +im Tal, während die Berge, mit der glänzenden Silberkrone +des Neuschnees auf ihren Häuptern, stolz und +siegesbewußt gen Himmel ragten. Dies Bild nahm +ich mit, und ich wußte: nie wird es mir entschwinden.</p> + +<p>Papas Freude, als er uns in Berlin empfing, war +grenzenlos. In unserm neuen Heim in der Hohenzollernstraße +hatte er mir einen Aufbau von Geschenken +vorbereitet, grade wie zu Weihnachten. Ich wagte zunächst +gar nicht, mich zu freuen in Erwartung von +Mamas bekannten, vorwurfsvollen: »Aber Hans!« Doch +diesmal blieb es aus; stand doch mein guter Engel daneben: +die Großmutter. Wie einst in Potsdam, so war +sie jetzt mit uns in ein Haus gezogen; wir glaubten +eines langen Aufenthalts in Berlin sicher zu sein.</p> + +<p>»Ist mein Herzenskind aber groß geworden!« rief sie, +mich gerührt in die Arme schließend. — Großmama, wie +alt wurdest du, — hätte ich beinahe erwidert, wenn die<a name="Page_59" id="Page_59"></a> +Regeln der guten Erziehung mich nicht rasch genug +daran gehindert hätten. Ihr glänzendes dunkles Haar +war ganz grau, und tiefe Falten zogen sich von Nase +und Mund herab. Sie schien mich auch ohne Worte +zu verstehen, denn mit einem wehmütigen Lächeln sagte +sie: »Ich bin jetzt eine alte Frau, mein Alixchen, — das +Leben ist nur selten ein Jungbrunnen!«</p> + +<p>War meine Stimmung jetzt schon gedämpft, so wurde +sie noch mehr herabgedrückt, als ich mich umsah bei +uns: alles kam mir beschränkter vor als sonst, fremde +Leute wohnten mit uns im gleichen Haus, und statt des +großen Karlsruher Gartens fand sich nur ein Vorgärtchen +an der Straße, dessen Rasen man nicht zertrampeln, +dessen Blumen man nicht abpflücken durfte. Ich frug +nach August und nach den Pferden. Der Stall lag +jenseits der Straße, Papa führte mich hinüber; meine +Enttäuschung über diese Entfernung war groß, sie +steigerte sich, als ich eintrat: unsre Goldfüchse waren +fort, nur drei Pferde standen darin, ein fremder Reitknecht +trat mir entgegen. »Weißt du, in Berlin gibt +es so schöne Droschken, da braucht man Kutscher und +Wagen nicht,« sagte Papa lächelnd, aber ich sah recht +gut, daß seine Schnurrbartenden verräterisch zuckten und +seine Harmlosigkeit Lügen straften. Ich biß mir auf +die Lippen und ging nachdenklich nach Hause, und mehr +als einmal zuckte ich angstvoll zusammen, wenn Papa — ein +Zeichen seiner tiefen inneren Erregung — ohne +besondere Ursache heftig wurde.</p> + +<p>Bald darauf kam ich in die Schule, ein Privatinstitut +in der Königin Augustastraße, das erst seit kurzem +bestand und nur wenig Zöglinge hatte. Meine Groß<a name="Page_60" id="Page_60"></a>mutter +stellte mich der Vorsteherin vor, einer kleinen, +dicken Dame mit fettglänzendem Gesicht und feuchten +Händen, mit denen sie mir zu meinem Entsetzen die +Backen tätschelte. Der erste Eindruck, den ich von den +Stunden empfing, war der einer grenzenlosen Langenweile. +Erst als man mich in eine höhere Klasse nahm, +wo die Mädchen alle älter waren als ich, gewann die +Sache mit dem Erwachen meines Ehrgeizes an Interesse. +Der trockne Memorierstoff, auf den der ganze Unterricht +hinauslief, vermochte mich freilich auch hier nicht zu +fesseln, aber es den andern zuvortun, die Beste in der +Klasse sein, — das spornte mich an. Und ich brauchte +mich nicht einmal anzustrengen, um mein Ziel zu erreichen, +denn ich lernte leicht und bekam immer die +besten Noten. Meine Kameradinnen konnten mich deshalb +alle nicht leiden, und ich hatte vor ihnen ein unbestimmtes +Schuldbewußten, da ich überdies ihre +Interessen nicht teilte, — spielte ich doch trotz meines +großen Kochherds und meiner vielen Puppen nur selten +mit dergleichen, und den Austausch bunter Oblaten, ein +Hauptsport damals, fand ich albern, — so blieb ich ganz +isoliert. Neben mir in der Klasse saß ein Mädchen, +das mir zuerst auch nichts andres war, als eine Konkurrentin, +durch die ich mich nicht überflügeln lassen +durfte, und eine gefährliche dazu. Bald merkte ich, daß +sie noch mehr gemieden wurde als ich, daß man sie +mit Neckereien und Bosheiten verfolgte. »Judenmädel« +stand einmal mit roter Tinte auf ihrem Pult, ein andermal +mit weißer Kreide auf ihrem Mantel. Sie weinte +stets, wenn sie es sah, wagte aber nicht, sich zu verteidigen.</p> + +<p><a name="Page_61" id="Page_61"></a>Einmal, nach der Religionsstunde — wir hatten +grade die Leidensgeschichte Christi durchgenommen — sah +ich sie plötzlich inmitten der andern, die sie dicht +umdrängten und auf ein gegebenes Zeichen gemeinsam +losbrüllten: »Judenbalg hat Christus gekreuzigt — Judenbalg +hat Christus gekreuzigt!« Dann tanzten +sie im Kreise um sie herum, und auf ein »Eins, Zwei, +Drei« der Anführerin spieen sie alle vor ihr aus. Ich +kochte vor Wut und stürzte mich besinnungslos zwischen +sie. »Gemeine Bande,« schrie ich, während sie überrascht +auseinanderprallten, »schämt ihr euch nicht: zehn +gegen eine?« — »Sie ist aber doch eine Jüdin,« knurrte +die mir Zunächststehende. »Und wenn sie es ist — wißt +ihr denn nicht, daß Christus auch ein Jude war?« +gab ich zur Antwort. Dann wandte ich mich der noch +immer Weinenden zu: »So heule doch nicht, Edith,« +flüsterte ich, »sonst lassen sie dich gar nicht in Ruh.«</p> + +<p>Von da ab befreundeten wir uns mehr und mehr. +Wir waren beides einzige Kinder, die durch ihr stetes +Zusammensein mit Erwachsenen reifer zu sein pflegen +als andre; Bücher waren unsre Leidenschaft, und ein +eifriger Austausch zwischen uns begann, gab auch stets +neuen Stoff zur Unterhaltung. Wir wohnten überdies +Haus an Haus, so daß wir unsern Schulweg zusammen +machen konnten. Aber das sollte nicht die einzige Wirkung +meines Eintretens für die Angegriffene sein. Eines +Tages ließ mich die Schulvorsteherin zu sich rufen. »Du +hast gesagt, Christus sei ein Jude,« fuhr sie mich mit +zornigem Stirnrunzeln an, »wie kommst du dazu?« +»Maria und Joseph,« stotterte ich in höchster Verlegenheit, +»waren doch auch Juden, und — und David doch +<a name="Page_62" id="Page_62"></a>auch, von dessen Stamm er ist.« — »Christus ist Gottes +Sohn, merke dir das,« schrie sie, wobei ihre Stimme +sich überschlug, »und streue nicht Unfrieden in die gläubigen +Seelen deiner Kolleginnen.« Ich schluckte krampfhaft +an den aufsteigenden Tränen. »Ich sehe, du bereust +deine Sünde,« sagte sie würdevoll, »so sei dir für +diesmal vergeben,« und ihre feuchten Hände fuhren mir +übers Gesicht. Am liebsten wär ich davongelaufen, aber +meine Empörung über die gemeine Art, wie die Mädchen +sich an mir gerächt hatten, hielt mich fest, und ich erzählte +den ganzen Zusammenhang der Geschichte. Die +Wirkung war für mich verblüffend. »Das ist ja natürlich +sehr, sehr unartig von ihnen gewesen,« erklärte sie mit +hochgezognen Augenbrauen, »entschuldigt aber in keiner +Weise deine weit größere Sünde.«</p> + +<p>Verwirrt und erregt trat ich den Weg nach Hause +an. Religiöse Zweifel hatten mich noch nie gequält. +Ich glaubte an den lieben Herrn Jesus, von dem Großmama +mir immer erzählte, der die Unglücklichen tröstet, +den Armen Hilfe, den Kranken Heilung bringt und die +Kinder lieb hat. Daß Christi Gotteskindschaft von so ungeheurer +Bedeutung sein sollte, — das war mir noch nie +in den Sinn gekommen. Geradenwegs zu Großmama +ging ich und erzählte ihr alles.</p> + +<p>»Das hat Fräulein Patze gewiß nicht so schlimm gemeint, +wie du das auffaßt,« sagte sie, »wir sind alle +Gottes Kinder; wer aber, wie Christus, den Willen des +Vaters in höchster Vollkommenheit erfüllt, der ist sein +liebster Sohn.« Ich war zunächst beruhigt, merkte aber +in den Religionsstunden mehr auf den Sinn der Worte +als vorher und fühlte bald den Widerspruch zwischen +<a name="Page_63" id="Page_63"></a>dem, was dort gelehrt wurde, und dem, was Großmama +sagte, heraus. Mein Herz und mein Verstand entschieden +für sie, und für die Lehrerinnen blieb nichts als Geringschätzung +übrig. Ich lernte zwar nach wie vor vortrefflich, +aber für mein inneres Leben, für meine geistige +Entwicklung blieb die Schule ebenso bedeutungslos, wie +jede Art von Unterricht bisher.</p> + +<p>Mein Schulerlebnis sollte auch nach andrer Richtung +nicht ohne Folgen bleiben. Edith und ich waren +natürlich noch mehr als früher aufeinander angewiesen, +und oft genug hatte sie mich schon zu sich eingeladen, +ohne daß es mir erlaubt worden wäre, der Einladung +zu folgen. Erst nachdem sich Großmama ins Mittel +gelegt und ich Papas Herz erweicht hatte, durfte ich zu +ihr gehen. Es war alles sehr schön bei ihr, und ihre +Eltern, die die Tochter nicht ohne Absicht in die vornehme +Schule schicken mochten, wußten sich vor Freundlichkeit +gar nicht zu lassen. Mein Besuch galt ihnen +vielleicht als die erste Stufe zu dem Ziel, das ihnen für +ihr einziges Kind vorschwebte, eine adlige Heirat, — denn +er sollte den Verkehr mit aristokratischen Kreisen +einleiten. Mir war es unbehaglich in der Nähe des +Ehepaars: der Frau mit dem bei jeder Bewegung +krachenden Korsett und den vielen Ringen auf den +fleischigen Händen, des Mannes mit der dicken Uhrkette +über dem Spitzbauch. Nach einem reichlichen Imbiß +spielten wir ein Gesellschaftsspiel. Ich verlor, wie +immer, — meine Ungeschicklichkeit in solchen Spielen war +nicht leicht zu übertreffen, da meine Gedanken dabei stets +spazieren gingen —, bekam aber trotzdem eine Menge der +reizendsten Gewinne, unter denen ein kleiner Muschel<a name="Page_64" id="Page_64"></a>wagen +mit einem silbernen Ziegenbock davor das schönste +war.</p> + +<p>Daheim schüttete ich meine Schätze vor den Eltern +aus, aber sie teilten meine Freude nicht; Papa räusperte +sich heftig, und Mama kniff die Lippen zusammen. Und +dann kams, das viel gefürchtete Ungewitter: sie warfen +einander gegenseitig vor, daß sie mich zu der »protzigen +Judensippschaft« gelassen hatten, die sich »erlaubte, dem +Kinde solche Geschenke zu machen«. Schluchzend kroch +ich in mein Bett. Ich durfte nie wieder hinüber. In +der Schule ging ich Edith, die vergebens auf eine Gegeneinladung +wartete und von den gekränkten Eltern nun +wohl auch ihre bestimmten Instruktionen bekommen hatte, +scheu aus dem Wege. Im sonntäglichen Familienkreis +bei Großmama kam noch einmal die Rede auf die Geschichte. +Tante Jettchen, ihre Schwägerin, der gefürchtete +Kleinkinderschreck und Sittenwächter, geriet heftig aneinander +mit ihr und erklärte schließlich kategorisch: +»Juden sind kein Umgang für Mädchen, die eine Position +in der Gesellschaft haben.« Manch einer lächelte verstohlen +zu diesem Ausspruch, wußte man doch, daß sie +um so empfindlicher war, was diesen Punkt betraf, als +sie es nie verwinden konnte, daß Baron Wolkenstein +ihr Schwiegersohn geworden war. Sein Ahnherr war +Hofjude bei Friedrich dem Großen gewesen, und dieser +hatte ihn mit der Bemerkung geadelt: »Machen wir den +Kerl zum Baron, ein Edelmann wird doch nie draus.« +Selbst in der vierten Generation hatte das Taufwasser +die Erinnerung an den Familienstammbaum nicht zu +verwischen vermocht.</p> + +<p>Es war eine Ironie des Schicksals, daß mir als Ersatz +<a name="Page_65" id="Page_65"></a>für Edith Onkel Wolkensteins ältester Sohn Hermann +als Spielkamerad zudiktiert wurde. Er war etwas älter +als ich, in der Schule sehr zurückgeblieben, und ich sollte +ihm zum Vorbild dienen. Wir kamen einander demnach +nicht gerade mit liebevollen Gefühlen entgegen, vertrugen +uns aber schließlich doch ganz leidlich. Auf der Erde +in meinem Zimmer bauten wir Dörfer und Gutshöfe +auf, die wir aus bunten Bilderbogen selbst ausschnitten. +Hermanns Vater besaß ein Gut in Sachsen, so daß landwirtschaftliche +Interessen ihm am nächsten lagen; die Erinnerung +an Grainau zauberte mir alle Wonnen des +Landlebens vor Augen und belebte mein Spiel. Wenn +aber Hermann anfing, sich aufs Kaufen und Verkaufen +von Vieh, Korn und Heu beschränken zu wollen, wobei +er stets in den höchsten Eifer geriet, und ich Ediths +Muschelwagen als Feenfahrzeug durch die Lüfte fliegen +ließ, um den Menschen in meinen Dörfern alle möglichen +Herrlichkeiten zu bringen, dann wars mit dem +Frieden vorbei. Hermann liebte nur die »wirklichen« +Geschichten, und ich erklärte seinen Handel für »ekelhaft«. +Schließlich verschloß ich gekränkt den silbernen Ziegenbock +in meinem Schrank, gerade, wie ich lernte, meine Träume +für mich zu behalten. Es war nun einmal nicht anders +mit den Menschen, philosophierte ich, jeder war immer +nur für eine Seite meines Wesens zu brauchen; es galt +daher, die andre zu verstecken, bis auch für sie die rechten +Gefährten sich finden würden.</p> + +<p>Mit einer Schar kleiner Mädchen und Knaben bekam +ich in demselben Winter die ersten Tanzstunden, die abwechselnd +in ihren Familien stattzufinden pflegten. Da +saßen dann all die Mamas und Großmamas und Tanten +<a name="Page_66" id="Page_66"></a>ernsthaft im Kreise herum und musterten die junge +Generation und spannen Zukunftspläne und wetteiferten +mit unserm Tanzmeister, der uns besonders interessant +war, weil er in »Flick und Flock« den großen Krebs zu +tanzen pflegte, in der Ausübung ihrer Erziehungskünste. +Sie konnten stolz sein auf ihr Werk: So gut wir französisch +parlierten, so zierlich tanzten wir Quadrille und +Polka, — der Walzer war als »unschicklich« zu jener +Zeit in der Hofgesellschaft verboten —, und so tadellos +war unser Hofknix. »Eine Position in der Gesellschaft« +war uns gesichert, ja wir besaßen sie, dank unsrer +Familienbeziehungen, schon jetzt. Mir war sie etwas so +Selbstverständliches, daß jener Hochmut, der nur entstehen +kann, wenn man sie als etwas Besonderes ansieht, +der daher am sichersten den Emporkömmling kennzeichnet, +bei mir gar nicht aufkam. So war mir die +Ehrfurcht und die Bewunderung, mit der Edith mich +über die Kindergesellschaften bei »Kronprinzens« auszufragen +pflegte, immer komisch erschienen. Ich hätte +wirklich nicht gewußt, was mich im kronprinzlichen +Palais zum Bewundern und Verehren hätte bewegen +können: die kleine unansehnliche Kronprinzessin, die mit +der Miene einer Gouvernante unsre Spiele beaufsichtigte, +der lustige Kronprinz, dessen derbe Späße die Märchenprinzenillusionen +unsrer Kinderträume gar nicht aufkommen +ließen, die einfachen, mit Spielzeug wenig verwöhnten +Kinder, der Teetisch, auf dem ich bald aufgegeben +hatte, etwas zu suchen, was Kindergaumen +reizt, — es gab doch immer nur dieselben Albert-Kakes — das +alles gab ein Gesamtbild, das der Glanz der +Kaiserkrone nicht zu treffen schien. Ich ging nicht allzu +<a name="Page_67" id="Page_67"></a>gerne hin: Prinzessin Charlotte, die mir am besten gefiel, +war viel älter als ich; Prinzessin Viktoria, mit der ich +spielen sollte, hatte nur Spaß am Kommandieren, was +ich mir nicht gefallen ließ, die jüngern Geschwister +waren Babys in den Augen der bald Zehnjährigen. +Kam Prinz Wilhelm dazu mit dem kurzen lahmen +Arm und dem finstern Gesicht, so wurde mirs vollends +unheimlich. Es war jedesmal ein Seufzer der Erleichterung, +mit dem ich mich in die Kissen des +Wagens lehnte, der mich heimwärts fuhr. Schön waren +nur die großen Feste: das Baumplündern, die Kinderbälle, +die Aufführungen. Wenn ich mit offnen Locken, +im Spitzenkleid und Atlasschuhen die lichterstrahlenden +Säle betrat und gnädig die ersten Huldigungen kleiner +Kavaliere entgegennahm, — dann ging mir eine Ahnung +vom üppigen Freudenmahl des Lebens auf, die mir alle +Fibern mit Sehnsucht füllte. Bei einem solchen Fest +war es, als Helmut mir entgegentrat und mir auf dem +Wege zum Ballsaal den Arm reichte. »Wie eine Prinzessin +aus Tausendundeiner Nacht siehst du aus,« +flüsterte er dicht an meinem Ohr. Tausend und eine +Nacht! Heiß überflutete es mich! Und als wir uns +dann im schimmernden Glanz der Kerzen, bei rauschender +Musik im Tanze wiegten, war mirs, als hörte ich verlockend +die Worte zu seiner Melodie: schön sein — herrschen — genießen!</p> + +<p>Eine Kugel, die ich mir einst im Schloß vom +Weihnachtsbaum herunterholte, und in der sich noch +heute alljährlich die Lichter unsres Tannenbaums spiegeln, +ist das einzige, was mir zur Erinnerung an jene Feste +übrig blieb. Ich hielt sie damals für eitel Silber.<a name="Page_68" id="Page_68"></a> +Aber sie ist auch nur aus Glas und hat schon lange +einen Sprung! ...</p> + +<p>Im Frühjahr wurde ich krank. Wiederholte Schwindelanfälle +waren der Anlaß gewesen, mich schon Wochen +vorher aus der Schule zu nehmen. Dann bekam ich die +Masern und lag lange Zeit zu Bett. Als ich wieder +aufstehen durfte, konnte ich mich durchaus nicht erholen. +Eine Herzschwäche war zurückgeblieben. Ich sollte viel +an der Luft sein und war daher vor- und nachmittags +im Zoologischen Garten, wo ich mit Großmama auf +einer sonnigen Bank zu sitzen pflegte, die recht schmal +gewordenen Hände müßig im Schoß, den Kopf, der mir +immer so schwer war, hinten übergelehnt. Sie las mir +vor und hatte sich zu dem Zweck eine besondre Art von +Lektüre ausgewählt: Schilderungen der Jugendzeit bedeutender +Männer, die sie ihren Lebensbeschreibungen +und Selbstbiographien entnahm. Zwei davon machten +mir einen unauslöschlichen Eindruck: die Napoleons und +die Goethes. Wie der große Kaiser ein armer Junge +gewesen war und sich dem niederdrückenden Einfluß von +Not und Verlassenheit nicht nur nicht unterwarf, sondern +beide ihm zu Mitteln seiner Stärke wurden, und +wie der Genius des großen Dichters sich schon an des +Knaben Puppentheater, vor den staunend aufhorchenden +Freunden offenbarte, denen er seine Märchen erzählte, — wundervoll +war es! »Das muß das Schönste sein +im Leben, Großmama: zu sein wie ein Stern, der allen +leuchtet« — sagte ich einmal nachdenklich. Und ihre +Antwort tönt mir noch in den Ohren: »Den alle lieben, +meinst du wohl, weil er alle wärmt!«</p> + +<p>Legte sie das Buch weg, so erzählte sie von ihrer eignen<a name="Page_69" id="Page_69"></a> +Jugendzeit, die sie in der Stadt des Dichters, fast ständig +in seiner Nähe, verleben durfte. Wie arm kam mir, mit der +ihren verglichen, meine Kindheit vor! Ich konnte überhaupt +gar nicht mehr recht froh werden. Es lag irgend +etwas Dumpfes, Schweres in der Luft, das die Mienen +immer verstörter, das Lachen immer seltner werden ließ. +Selbst meines Vaters Humor versiegte mehr und mehr, +und häufiger als je flüchtete ich vor seiner tobenden +Heftigkeit zu Großmama hinunter. Aber auch sie war +zerstreut und sorgenvoll, so sehr sie sich auch vor mir +zusammen nahm. Jeden Morgen vertiefte sie sich in +den Kurszettel, und die mir rätselhafte Bemerkung: »Die +Lombarden fallen« störte unsre sonst so gemütliche Frühstücksstunde. +Eines Abends hatte Papa meine Mutter +aus irgendeinem geringfügigen Anlaß heftig angefahren, +was mich immer ganz besonders entsetzte, und ich lief, +so rasch ich konnte, davon, um mich verängstigt im tiefen +Sessel von Großmamas Boudoir zu vergraben. Da +hörte ich nebenan das Geräusch von Stimmen: Onkel +Walter war tags vorher aus Ostpreußen angekommen +und betrat mit Großmama in starker Erregung, wie es +schien, den Salon.</p> + +<p>Sie setzten sich zusammen auf das weiche, grüne Sofa, +das mir so oft zum Schmollwinkel diente, und nun hörte +ich jedes Wort ihrer Unterhaltung: Großmamas weiche, +von aufsteigenden Tränen verschleierte Stimme, Onkel +Walters hartes, durch die Aufregung immer rauher +klingendes Organ.</p> + +<p>»Du kennst unsre finanzielle Lage,« sagte sie. »Hans +hat sein kleines Vermögen völlig verloren, und was +Ilsens Mitgift betrifft, so fürchte ich das Schlimmste.<a name="Page_70" id="Page_70"></a> +Dazu haben sich meine Einkünfte bedeutend verringert, +und ich muß mich jetzt schon sehr einschränken, um Ilse +und Max, die beide Familie haben, nicht im Stich zu +lassen. Du hast nicht Frau, nicht Kind, hast ein schönes +Gut, — du solltest ohne weiteres auskommen.«</p> + +<p>»Klotilde kann bei Hansens für dich eintreten,« entgegnete +er.</p> + +<p>»Klotilde!« Großmama seufzte. »Jede Inanspruchnahme +ihrer Hilfe heißt Alixchens ganze Zukunft gefährden.«</p> + +<p>Onkel Walter stöhnte schwer.</p> + +<p>»Hast du noch etwas, was du mir verschweigst? — Sprich +dich doch aus, mein Junge!« schmeichelte Großmamas +Stimme.</p> + +<p>Und nun kams, wie ein Sturzbach wilder, leidenschaftlicher +Worte, die schließlich Großmamas leises Weinen +so wehevoll begleitete, daß sich mir das Herz schmerzhaft +zusammenzog.</p> + +<p>Ich verstand nicht alles, aber die Hauptsache prägte +sich mir ein: irgendwo in der Schweiz oder in Italien +bei einer der vielen Spielbanken, die damals wie Pilze +aus der Erde schossen, hatte Onkel Walter sehr, sehr +viel Geld verloren, und in Pirgallen standen die +Dinge schlecht, da die Heuernte wieder einmal durch +Überschwemmungen zerstört worden war — »ich schieße +mir eine Kugel durch den Kopf, wenn du nicht hilfst,« +schloß er außer sich. Ich schrie entsetzt auf. Großmama +erhob sich, ich hörte ihre Kleider rauschen, duckte mich +schnell tief in die Kissen und hielt den Atem an.</p> + +<p>»Also ein Verschwender und ein Feigling dazu!« sagte +sie; ihr hatte seine Drohung zu meinem Erstaunen keinen +Eindruck gemacht. »Schämst du dich nicht? Wie viele +<a name="Page_71" id="Page_71"></a>fristen ihr und ihrer Familie Leben mit wenigen Groschen +am Tag, und du wirfst Tausende zum Fenster hinaus, +noch dazu Tausende, die dir gar nicht gehören! Oder +ist es etwas andres als Diebstahl, wenn du deine +Lieferanten, deine Handwerker und ihr Geld dem +schlimmsten aller Teufel, dem Spielteufel, in den Rachen +wirfst?! Wenn du noch eine Spur von Ehrgefühl hast, +so wirst du dir selber helfen und nicht verlangen, daß +deine Schwester und dein Bruder sich dir opfern. Setz +dich auf dein Gut und arbeite!«</p> + +<p>Niemals hatte ich Großmama so reden hören, auch +Onkel Walter mochte erstaunt sein, denn er schwieg +lange Zeit. Dann brachs von neuem los, nicht heftig, +wie vorher, sondern jammernd, verzweifelnd. Und nun +tröstete ihn Großmama, wie ein krankes Kind, ohne in +der Sache nachzugeben. Sie wollte zu ihm ziehen, ihm +ein neues Leben aufbauen helfen, in der Wirtschaft nach +dem Rechten sehen, bis er eine gute Frau gefunden haben +würde ...</p> + +<p>»Ich habe eine Geliebte,« stieß er hervor.</p> + +<p>»Auch das noch!« murmelte sie. »Kannst du sie heiraten?« +fügte sie rasch hinzu.</p> + +<p>»Damit wir beide am Hungertuch nagen?« höhnte er.</p> + +<p>Auf Großmamas Bitten berichtete er von seinem Verhältnis +zu dem Mädchen. Ich glaube, sie war anständiger +armer Leute Kind; Onkel Walter hatte sie +fürs Theater ausbilden lassen und an irgendeiner +Bühne untergebracht: »Talent hat sie keins, aber sie ist +hübsch, damit wird sie sich schon weiter helfen! Für +das Kind aber, dessen Vaterschaft mir einigermaßen +sicher ist, muß gesorgt werden!«</p> +<p><a name="Page_72" id="Page_72"></a></p> +<p>»Und du — du bist mein Sohn!« hörte ich Großmama +mit halberstickter Stimme sagen. Hätte ich ihr +nur zu Füßen fallen und ihre Hände küssen können!</p> + +<p>Nach langer, peinvoller Stille fing sie wieder zu +sprechen an: mit ruhiger Geschäftsmäßigkeit, wie zu +einem völlig Fremden, setzte sie Onkel Walter auseinander, +welche Schritte zur Regelung seiner Angelegenheiten +zu tun seien, und zu welchem Zeitpunkt sie ihre +Übersiedlung nach Pirgallen vornehmen würde. »Für +das unschuldige Würmchen und die arme Mutter sorge +ich,« schloß sie, »und nun gute Nacht!«</p> + +<p>Ohne ein Wort zu erwidern, verließ Onkel Walter +das Zimmer.</p> + +<p>Wieviel Schleier, unter denen bisher das Leben sich +mir verborgen hatte, waren in dieser kurzen Stunde +zerrissen! Wild klopfte mir das Herz. Da trat Großmama +über die Schwelle. »Alixchen!« rief sie entsetzt. +Ich sprang auf, und den heißen Kopf in die kühlen +Sammetfalten ihres Kleides pressend, erzählte ich ihr, +daß ich alles, alles gehört hätte.</p> + +<p>»Ich, ich will dir helfen, Großmama,« rief ich, ohne +eine Antwort von ihr abzuwarten, während die abenteuerlichsten +Pläne sich in meinem Hirne kreuzten. »Ich +komme mit nach Pirgallen, und dann pflege ich das +kleine Kind, und du brauchst keine Kinderfrau.« Bittend +sah ich auf zu ihr; mit wehmütigem Lächeln streichelte +sie mir die glühenden Wangen, und durch ihre Liebkosung +ermuntert, fuhr ich noch eifriger fort: »Weißt +du, wenn ich das tue, sind doch auch die Eltern mich +los und brauchen kein Geld für mich auszugeben« — — Großmama +war noch immer still — — »vielleicht kann +<a name="Page_73" id="Page_73"></a>ich sogar selbst Geld verdienen. Du hast einmal gesagt, +daß viele arme Kinder für Geld arbeiten müssen. Ich +tanze doch so gut — Herr Ebel hat mich doch selbst +unterrichtet — der nimmt mich gewiß zum Theater.«</p> + +<p>»Du kleiner Hitzkopf du — was für törichte Gedanken +du dir machst,« unterbrach mich Großmama. +»Komm, laß uns ruhig miteinander reden,« damit ließ +sie sich in dem tiefen Stuhl nieder, dessen Bezug noch +Spuren meiner Tränen zeigte, und ich kauerte mich ihr +zu Füßen, wie in jenen glücklichen Stunden, wo ich +ihren Märchen lauschte. Lange und liebreich sprach sie +auf mich ein: daß ich mir die Dinge nicht so schwarz +ausmalen solle, daß wir zwar nicht mehr reich, aber +auch nicht arm seien, daß ich viel helfen könne, wenn +ich meiner Mutter das Leben erleichtere, wenn ich überflüssige +Wünsche unterdrücke und tüchtig lerne, damit ich +einmal, falls es nötig sein sollte, auf eignen Füßen +zu stehen vermöchte. Meine heroische Opferwilligkeit +wurde nicht wenig herabgestimmt. Gar kläglich kam +mir vor, was Großmama mir als eine Aufgabe ans +Herz legte. »Und — das kleine Kind?« wagte ich noch +einmal schüchtern zu bemerken. Die feinen Adern auf +Großmamas Schläfen schwollen. »Versprich mir, daß +du niemandem sagst, was du von ihm gehört hast,« +sagte sie, mir ernst und fest ins Auge blickend. »Ich +verspreche es,« hauchte ich.</p> + +<p>Großmama küßte mir beide Wangen. »So, nun +komm! Ich bring dich in dein Bettchen, und morgen +ist das alles nichts als ein Traum für dich.« Still +und in mich gekehrt folgte ich ihr.</p> + +<p>Als sie aber die Decke an den Bettpfosten befestigt +<a name="Page_74" id="Page_74"></a>hatte, — ich pflegte sie sonst im Traume von mir zu +werfen —, und, die Hände gefaltet, neben mir stand, +mein Abendgebet erwartend, richtete ich mich noch einmal +auf: »Großmama, liebe Großmama,« kam es mit +Anstrengung über meine Lippen, »sag mir doch, ist eine +Geliebte dasselbe wie eine Frau?« Und sie gab mir +eine Antwort, wie ich sie noch auf keine Frage von ihr +erhalten hatte: »Kind, das verstehst du nicht.«</p> + +<p>Mein Abendgebet vergaßen wir danach alle beide.</p> + +<p>Trotz des gemeinsamen Geheimnisses, um das meine +Gedanken sich in der Stille unaufhörlich drehten, trat +seitdem eine leise und noch lange nachwirkende Entfremdung +zwischen uns ein. Ich aber achtete von nun an genau +auf meine Umgebung, auf alles, was geschah und was +gesprochen wurde. Ich merkte, daß Papa mir seltner +etwas mitbrachte als früher, wo er fast immer eine +Schachtel Bonbons oder ein Spielzeug für mich in der +Tasche gehabt hatte. Und wenn er es jetzt noch tat, so +war Mamas Empörung über die »Verschwendung« so +groß, daß mir von vornherein jede Freude verging. Ich +sah, wie im stillen überall gespart und geknausert wurde, +ohne daß sich nach außen viel veränderte: unsre alte +französische Köchin machte einer deutschen Platz, die keine +Kuchen und Pasteten backen konnte, an Stelle der Jungfer +trat ein Hausmädchen, unter deren Händen Mamas +blonder Kopf nicht mehr zu einem Kunstwerk wurde wie +früher. Nur der Wilhelm, der Diener, blieb, und seine +stets gleichmäßig unbeweglichen Züge verrieten niemandem, +wie anders es im Hause der Herrschaft geworden +war; er schenkte den billigen Mosel bei Tisch +mit derselben Würde ein, wie den teuren Rheinwein früher.</p> + +<p><a name="Page_75" id="Page_75"></a>Aber noch mehr, als ich sah, hörte ich, und lernte +rasch ein halbes Wort, ein vielsagendes Lächeln +verstehen: da mußte der eine den Abschied nehmen, weil +er sein »Verhältnis« geheiratet hatte, und der andre +ruinierte sich eines »Frauenzimmers« wegen; da wurde +einer im Duell erschossen, weil seine Frau auf dem +Zimmer eines Schauspielers gefunden worden war, und +eine andre wurde in der Gesellschaft »unmöglich«, weil +sie ihren Mann heimlich verlassen hatte. Bei alledem +schwebte mir immer Onkel Walters Geliebte vor, die +Mutter seines Kindes, der meine Phantasie die Gestalt +der duldenden Madonna gegeben hatte, und ich nahm im +Innern unentwegt Partei für ihre Leidensgefährtinnen.</p> + +<p>Im Sommer gingen wir wieder nach Oberbayern. +Mein schwaches Herz, das sich in Ohnmachtsanfällen +allzu häufig bemerkbar machte, bedurfte der Stärkung +durch die Bergluft. Aber meine Freude über das Reiseziel +sollte eine erhebliche Einbuße erfahren: statt im +Rosenhaus zu wohnen, bei Tante Klotilde, blieben wir +in Garmisch im Hotel. Als wir das erstemal zu ihr +kamen, war ich steif und still. Selbst als der Sepp +mit einem Strauß von Orchideen, die ich ihrer märchenhaften +Formen wegen immer besonders liebte, vor mir +stand, ließ ich mich nicht bewegen, mit ihm zu spielen. +»Das Fräulein ist wohl ganz preußisch geworden,« sagte +Tante Klotilde spöttisch. Ich sah sie böse an. Sie +hatte keine Spur von Verständnis für mich; sie wußte +nicht, daß ich die Kosthäppchen des Lebens nie leiden +konnte. Wer nicht das ganze köstliche Gericht haben +kann, für den ist eine Probe davon nur eine grausame +Mahnung an das, was er entbehrt.</p> + +<p><a name="Page_76" id="Page_76"></a>Es blieb bei kurzen Besuchen am Rosensee; nur selten +holte die Tante uns zum Spazierenfahren ab und unterließ +es dabei nie, ihrem Ärger über die Nichte, die eine +»gelbe Hopfenstange« geworden wäre, Luft zu machen. +Ich war bisher so gewöhnt gewesen, bewundert zu +werden, daß mich ihre Bemerkung einigermaßen in Erstaunen +setzte. Der Spiegel sprach für ihre Richtigkeit. +Diese Entdeckung steigerte nur meine morose Stimmung. +Ich hatte niemanden, der mich ihr hätte entreißen können; +Mama hielt mich abwechselnd für unartig oder für launisch; +sie befand sich überdies bald in einer ihr sehr angenehmen +Gesellschaft und war daher ganz zufrieden, daß +ich gar keine Ansprüche an sie stellte, sondern am liebsten +allein mit meinem Buch im Hotelgarten saß. Die Bäume +darin standen in Reih und Glied, wie Soldaten, und +verbargen, trotz ihrer Dürftigkeit, den Kranz der fernen +Berge; um aber jedes Gefühl für die Großartigkeit der +Natur vollends zu verwischen, plätscherte ein dünner, +kleiner Springbrunnen in der Mitte. Hier konnte ich +zeitweise vergessen, daß ich dem alten grauen Freund, +dem Waxenstein, so nahe und er mir doch so unerreichbar +fern war.</p> + +<p>Ich blieb nicht lange allein. Ein junger Mensch mit +fuchsig rotem Haar und einem Gesicht voll gelber Sommersprossen, +der mit seiner Mutter, einer Schriftstellerin, an +der Table d'hote neben uns saß, gesellte sich immer häufiger +zu mir und rümpfte immer deutlicher die Nase über +meine Lektüre. Freilich: das ganze Elend der damaligen +Jugendliteratur konnte nicht deutlicher zum Ausdruck +kommen als hier. Gegen den gräßlichen Nieritz mit +seiner Zuckerwassermoral hatte ich schon selbst protestiert, +<a name="Page_77" id="Page_77"></a>dafür herrschten jetzt Ottilie Wildermut und Elise Polko, +die der gesitteten höhern Tochter in hundert Variationen +stets dasselbe predigten: der Mann ist deines Lebens +Ziel und Zweck. Hans Guntersberg, froh, eine so dankbare +Zuhörerin für seine Primanerweisheit gefunden zu +haben, erzählte mir von seinen Lieblingsbüchern, und von +niemandem schwärmte er mehr als von Paul Heyse. +Ein Buch nach dem andern brachte er mir, um mir daraus +die seiner Meinung nach schönsten Stellen mit dem Pathos +eines Vorstadttragöden vorzulesen. Sein ganzer Koffer +steckte voller Bücher und sein Kopf voller Liebesgeschichten, +wobei es kein Wunder war, daß es in dem einen an +Platz für frische Kragen, in dem andern an Interesse +für klassische Sprachen fehlte. Er war nämlich schon +zwanzig Jahre alt. Seine körperliche Nähe war mir +widerwärtig, und meine Sehnsucht nach seinen Büchern +stand immer in hartem Kampf mit meiner Antipathie +gegen seine Persönlichkeit. Er mochte fühlen, was ihn +allein für mich anziehend machte und gab daher seine +Schätze nicht aus der Hand. Plötzlich kam er nicht mehr +und antwortete mir ausweichend, als ich ihn abends nach +der Ursache frug. Am nächsten Tag schlich ich ihm nach +und fand ihn in der Laube des Nebenhauses mit einem +Mädchen, das nicht nur erheblich älter, sondern auch +viel hübscher war als ich. In seiner bekannten Schauspielerpose +stand er vor ihr und deklamierte, während der Schweiß +ihm in Perlen auf der sommersprossigen Stirn stand. Halb +belustigt, halb verärgert wandte ich mich ab. Ich gönnte +der Rivalin den Kurmacher, aber seine Bücher gönnte +ich ihr nicht. Vielleicht gab er sie mir jetzt, da seine +Person anderweitig untergebracht war. Er lachte mich +<a name="Page_78" id="Page_78"></a>aus, als ich ihn darum bat: »Für dumme Göhren wie +dich ist das noch nichts.« Mir fiel ein Laden in Partenkirchen +ein, der alle leiblichen und geistigen Bedürfnisse +der Sommergäste zu befriedigen pflegte. Heyses Novellen +hatte er gewiß. Das Schlimme war nur, daß ich kein +Geld besaß. An meinem Geburtstag hatte ich in Erinnerung +an Großmamas Ratschläge das Goldstück von +Tante Klotilde unberührt gelassen. Mama sollte mir +zum Winter ein Kleid davon kaufen, dieser Wunsch — ein +erstes Zeichen praktischen Verständnisses — war durch +einen der seltnen mütterlichen Küsse belohnt worden. Sie +für diesen Zweck nun doch um das Geld zu bitten, wäre +töricht gewesen; bestenfalls hätte sie meinen Lesehunger +durch einen neuen Band Wildermut gestillt. Und doch +hatte ich ein Recht darauf — es war mein Eigentum —, +ich konnte tun damit, was ich wollte; Mama hatte es +sogar selbst in mein Portemonnaie gesteckt, das in der +Kommode unter den Taschentüchern lag. Tagelang kämpfte +ich mit mir, — aber das Verlangen wurde um so stärker, +als ich Stunden und Stunden nichts mit mir anzufangen +wußte; endlich konnt ich nicht länger widerstehen: unter +dem Vorwand, ein Taschentuch haben zu müssen, verschaffte +ich mir den Schlüssel und nahm mein Portemonnaie +an mich. In fliegender Hast, als brenne der Boden unter +mir, lief ich die Treppen hinunter durch die Straße nach +Partenkirchen. Für meine Mutter, sagte ich verwirrt +und stotternd im Laden, sollte ich Heyses Novellen kaufen. +Verwundert sah man mich an, als ich ein ganzes Goldstück +vorwies. Mit mehreren Bänden beladen lief ich +zurück; die Eile, die Angst vor Entdeckung, das klopfende +Gewissen ließen mein Herz immer stürmischer schlagen.<a name="Page_79" id="Page_79"></a> +Glühende Funken tanzten vor meinen Augen; zuweilen +wars dann wieder, als hüllten schwarze Schleier sie ein. +Ungesehen kam ich ins Hotel zurück und hatte noch gerade +so viel Kraft, mein Paket in die leere Reisetasche zu +stecken, als der Schwindel mich packte und ich zusammenbrach. +Auf meinem Bett, umringt von der Mutter, dem +Arzt, dem Stubenmädchen, das mich zuerst gefunden +hatte, fand ich mich wieder. Die Hotelküche sei nichts +für mich — es fehle mir an Bewegung — Garmisch +sei zu heiß — die Baronin Artern müsse mich ins Rosenhaus +nehmen, da würde das dumme Herzchen schon zur +Räson kommen — hörte ich des alten Doktors freundliche +Stimme sagen. Er fuhr selbst nach Grainau, um +mit der Tante zu reden. Schon am nächsten Tag sollte +ich hinüber. Der Gedanke an die versteckten Bücher +ließ zunächst meine Freude nicht aufkommen. Ich benutzte +den Augenblick, wo Mama zum Essen hinunter +ging, um mich hastig anzuziehen, nahm das verhängnisvolle +Paket und trug es mit wankenden Knien in den +Garten. Dort, unter einem Fliederbusch, vergrub ich +ein Buch nach dem andern in der Erde; nur eins — das +letzte, ein dünnes Bändchen, versenkte ich in meine +Kleidertasche. Dann erst kam mir die bedenkliche Moralität +des Ereignisses zum Bewußtsein: statt der Strafe +für meine Sünden erwartete mich das Rosenhaus, meiner +ständigen stillen Sehnsucht Ziel!</p> + +<p>Ich verlebte stille, wundervolle Wochen dort. Da ich +weder Kraft noch Lust hatte, soviel umherzuklettern wie +im vorigen Jahr und die alte Kathrin mich überdies +mehr denn je in ihren Schutz nahm, fand die Tante +nicht allzuviel Ursache zum Schelten. Und der Sepp +<a name="Page_80" id="Page_80"></a>erwies sich als der treuste, rücksichtsvollste Kamerad. +Er strahlte über das ganze braune Gesicht vor Freude +über meine Ankunft; er ließ sich willig mit Plaid und +Mantel bepacken, wenn ich dafür nur wieder mit ihm +gehen durfte; er hob mich, das lange Mädel, das ihn +an Größe beträchtlich überragte, über jeden Bach, jede +sumpfige Stelle. Und gleich am ersten Tage führte er +mich mit geheimnisvoll verlegenem Lächeln durch den +Wald bis zu dem Hügel, unter dem der Badersee grün +aufleuchtete und Waxenstein und Zugspitze herübergrüßten, +als wäre es nur ein Vogelflug bis zu ihnen. +Dort unter der alten Buche hatte er mir eine Bank +gezimmert und in ungefügen Buchstaben ein »Alix« in +die Lehne geschnitten. Dort nahm ich zum erstenmal +mein gerettetes Buch aus der Tasche: »L'Arrabiata« +war es. Ich weiß heute nichts mehr von seinem Inhalt; +ich weiß nur, daß das kleine Werk mich in einen +Traum von Schönheit verstrickte, daß ein Gluthauch von +Leidenschaft mir daraus entgegenströmte, die mich mir +selbst entrissen. Wenn ich morgens erwachte, solange +noch alles still im Hause war, zog ich immer häufiger +mein Notizbuch unter dem Kopfkissen hervor und schrieb +in Versen nieder, was mich bewegte, und was ich niemandem +hätte sagen können.</p> + +<p>Im Spätherbst kehrten wir heim. Es war mir eine +Erleichterung, Großmama nicht mehr vorzufinden, — ich +hätte ihr nicht in die Augen zu sehen vermocht. Wie +wenig hatte ich mich ihres Vertrauens würdig gezeigt, +wie schwach, wie schlecht war ich gewesen! Das sollte +nun anders, ganz anders werden. Durch tägliche Opfer +wollte ich gut machen, was ich verbrochen hatte. Mit +<a name="Page_81" id="Page_81"></a>wahrer Leidenschaft stürzte ich mich in die selbstgewählte +Aufgabe und nahm gleich das schwerste auf mich, was +es für mich geben konnte: Handarbeiten. Der Eifer, +mit dem eine büßende Nonne sich geißelt, konnte nicht +hingebungsvoller sein als der, mit dem ich Strümpfe +stopfte! Rascher, als er erlahmte, machte meines Vaters +Versetzung nach Posen ihm ein Ende. Ich sah dieses +Verschlagenwerden nach einer Stadt, von der niemand +etwas Gutes zu sagen wußte, als eine gerechte Strafe +für meine Sünden an. Keine Lockungen der Eitelkeit +und des Vergnügens würden mich dort dem Ernst des +Lebens entreißen.</p> + +<p>An einem der letzten Abende vor der Abreise saßen +wir zwischen hochaufgetürmten Kisten um den Eßzimmertisch. +Schwarz starrten die vorhanglosen Fenster zu +mir herüber, vor denen ich stets ein Grauen empfand, +wie vor offenen Gräbern. Mama trug ihren unscheinbarsten +Morgenrock, ich — im Vollgefühl größter Selbstentsagung — eine +Schürze. Nur der Wilhelm wahrte +auch inmitten der Unordnung des Umzugs die Form: +tadellos, wie stets, war sein Frack, blank geputzt, wie +immer, der silberne Teller, auf dem er Mama einen +Brief präsentierte. »Aus dem Kabinett Ihrer Majestät +der Kaiserin,« sagte er mit der Miene ehrfurchtsvoller +Devotion. Mamas Gesicht erhellte sich, während sie las. +»Das ist wirklich ein Glücksfall«, — damit reichte sie +den Brief meinem Vater. Ihm stieg das Blut zu Kopf +bei der Lektüre; die Adern schwollen ihm auf der Stirn; +er räusperte sich immer heftiger. »Das hast du ja mal +wieder fein eingefädelt,« rief er schließlich mit dröhnender +Stimme, warf den Brief auf den Tisch und sprang +<a name="Page_82" id="Page_82"></a>vom Stuhl auf. Ich erhob mich gleichfalls, um möglichst +rasch zu verschwinden. »Du bleibst!« schrie Papa +wütend, mein Handgelenk umklammernd. »Alix ist +schließlich die Hauptperson, — mag sie entscheiden,« +fügte er hinzu und reichte mir trotz Mamas entrüstetem +»Aber Hans, wie unpädagogisch!« den gewichtigen, +großen Bogen. Er enthielt die kurze Mitteilung, daß +»Ihre Majestät gnädigst geruht habe, Fräulein Alix +von Kleve eine Freistelle im Augustastift zu bewilligen,« +und die Bemerkung von der Kaiserin eigener +Hand »sie freue sich, die Enkelin ihrer lieben Jugendfreundin +Jenny in die ihrem Herzen so nahe stehende +Anstalt aufnehmen zu können.« Im Fluge erschienen all +die Bilder des Stifts vor mir, die ich bei meinen Besuchen +mit Großmama oft genug gesehen und meinem +Vater oft genug geschildert hatte: Alles war Uniform +dort, von der Kleidung bis zur Gesinnung, und von den +weiten Schlafsälen bis zum Garten atmete alles denselben +Geist: den der Hygiene, der Pünktlichkeit, der +Ordnung. Da gab es kein stilles Plätzchen und keine +Zeit zum Träumen. Das, was mir von klein auf das +tiefste Bedürfnis gewesen war: allein sein zu können +mit meinen Gedanken, wäre hier Tag und Nacht unbefriedigt +geblieben. Aber war es nicht vielleicht die +Hand Gottes, die mir grade diesen Weg der Buße +wies? Würde ich nicht mit einem Schlage meine Eltern +von drückenden Sorgen befreien, wenn ich ihn, ohne +Rücksicht auf meine Wünsche, tapfer betrat? Erwartungsvoll +fragend sah Papa mich an. Und leise, +mit gesenkten Augen sagte ich: »Es wird wohl das beste +für mich sein!«</p> +<p><a name="Page_83" id="Page_83"></a></p> +<p>»Ihr habt ja das Mädel gut klein gekriegt,« höhnte +Papa, »aber ich geb das nie und nimmer zu! So +stehts noch nicht mit mir, daß ich meine Tochter das +Gnadenbrot essen ließe! — Sie bleibt zu Hause, wo sie +hingehört, sie wird nicht zum Hofschranzen erzogen — und +damit basta!«</p> + +<p>Mama blieb still. Ich wurde ins Bett geschickt, +hörte aber noch lange des Vaters heftige Stimme: mein +Schicksal, das fühlte ich, wurde dort drüben entschieden.</p> + +<p>Am Tage darauf mußte ich mich auf des Vaters +Kniee setzen, und mit einer weichen Zärtlichkeit, die er +selten zu zeigen pflegte, sprach er auf mich ein:</p> + +<p>»Du bist mein einziges Kind, Alixchen, und meine +ganze Lebensfreude. Wenn ich dich von mir gebe, so +heißt das, dich verlieren, denn fremde Einflüsse werden +auf dich wirken, die meinem Denken und Fühlen entgegengesetzt +sind. Glaube mir: niemand meint es so +gut mit dir wie ich, wenn ich auch oft grob und heftig +bin, — und niemand kann dich lieber haben.« Mit +feuchten Augen sah er mich an: »Willst du deinen +armen alten Vater wirklich verlassen, mein Kind?«</p> + +<p>Schluchzend schlang ich die Arme um seinen Hals: +»Ich bleibe bei dir, Papa.«</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_84" id="Page_84"></a></p> +<h2><a name="Drittes_Kapitel" id="Drittes_Kapitel"></a>Drittes Kapitel</h2> + + +<p>Wir saßen um den runden Mahagonitisch +beim Nachmittagskaffee; von der Hängelampe +mit dem grünen Schirm fiel ein +warmes Licht auf den zierlich gedeckten Tisch mit seinen +Kristalltellern und Sahnennäpfchen und seinen alten, +weißen, wappengeschmückten Porzellantassen; die dickbauchige +silberne Kaffeekanne blitzte, und der große Napfkuchen +duftete sonntäglich. Mit lustigem Prasseln übertönten +die brennenden Holzscheite im Kamin die grämliche +Herbststimme des Novemberregens draußen.</p> + +<p>»Doktor Hugo Meyer,« meldete der Diener und öffnete +die Tür vor dem Erwarteten. Mein Vater stand +auf. »Dein Erziehungsapparat,« flüsterte er mir lächelnd +zu. Ich war wenig neugierig. Sie waren bisher einander +alle ähnlich gewesen: grauhaarige Männer mit +krummen Rücken und schmutzigen Fingernägeln, ältliche, +bebrillte Fräuleins mit blutleeren Lippen — wirklich: +nur gleichmäßig funktionierende »Erziehungsapparate«, +aber keine Erzieher.</p> + +<p>Pflichtschuldigst erhob ich mich, als Papa mich dem +neuen Lehrer vorstellte, den er nach vielem Suchen für +mich gefunden hatte. »Hier ist unsere Alix, Herr Doktor! +Ein großes Mädel, nicht wahr? Sie werden sich +<a name="Page_85" id="Page_85"></a>tüchtig anstrengen müssen, damit der Geist sich streckt, +wie der Körper.« Ich reichte ihm die Hand; sein +warmer, kräftiger Händedruck ließ mich erstaunt zu ihm +aufsehen, — meine früheren Lehrer hatten mir immer +nur die Fingerspitzen berührt, was mich von vornherein +hatte frösteln lassen.</p> + +<p>Ein großer, breitschultriger Mann stand vor mir; +ein paar gute Augen von einem so reinen Blau, +wie es mir noch bei keinem Menschen begegnet +war, sahen mich forschend an. Und doch konnte ich +nur schwer ein Lächeln verbergen: wie schlecht paßte +der Mann, dachte ich, in den langen korrekten schwarzen +Rock. Eines Arminius Lederwams und Panzer hätte +ihm besser gestanden, und unter einem Büffelhelm würde +der breite Germanenkopf mit dem gelockten rötlichen +Haar und dem dichten Bart nie den Gedanken an einen +preußischen Gymnasiallehrer haben aufkommen lassen. Er +errötete unter meinem Blick und setzte sich mit einer +ungeschickt verlegenen Bewegung, den Zylinder immer +noch in der Hand, auf den Rand des ihm angebotenen +Stuhles. Es bedurfte der ganzen gesellschaftlichen Geschicklichkeit +meiner Mutter und der jovialen Liebenswürdigkeit +meines Vaters, um eine Unterhaltung in +Fluß zu bringen. Erst als das Gespräch sich ausschließlich +auf des Besuchers eigentliches Gebiet konzentrierte, +wurde er lebendig, und je mehr er den +schwarzen Rock und das Zeremoniell der Salonkonversation +vergaß, desto stärker trat seine Natur hervor: +die eines Menschen voll Jugendkraft und Enthusiasmus. +Ich empfand sie, wie ich den schäumenden Gießbach und +die dunkeln, schattenden Bäume in dem kühlen, grünen<a name="Page_86" id="Page_86"></a> +Grund der Maxklamm empfand, wenn ich von den +sommerschwülen Wiesen Grainaus dorthin flüchtete. +Ein tiefes Aufatmen ging durch meine Seele. Ich +öffnete den Mund nicht während des ganzen Besuchs, +und er richtete nie das Wort an mich. Daß ich seinen +Händedruck beim Abschied herzhaft erwiderte, war das +einzige Zeichen meines Willkommens.</p> + +<p>Am Abend desselben Sonntags war es; die Stunde, +in der mein Vater für Wünsche am zugänglichsten, für +Widerspruch am wenigsten empfindlich war. Dann +pflegte Mama mit gekreuzten Armen tief in der Sofaecke +seines Zimmers zu sitzen, der Patience zuschauend, +die er, als bestes Nervenberuhigungsmittel, wie er +meinte, allabendlich zu legen pflegte. Ich las währenddessen +oder träumte vor mich hin.</p> + +<p>»Wir hätten Alix doch in die Schule schicken sollen,« +begann Mama.</p> + +<p>»Damit sie mit fünfzig Cohns und Goldsteins in einer +Klasse sitzt! Na, Gottlob, ist das Thema seit heute erledigt,« +antwortete er.</p> + +<p>»Und daß er ihr keine Religionsstunde geben will, ist +doch auch bedenklich,« fuhr sie fort.</p> + +<p>»Das ists grade, was mir paßt,« sagte er mit etwas +erhobener Stimme, »den Katechismus kann sie am +Schnürchen, die Kirchenlieder auch, alles übrige läßt +sich nicht lehren und nicht lernen, wenn mans nicht erfährt. +Und zu dieser Religionserziehung sind die Herren +Eltern da.«</p> + +<p>»Ich freue mich auf die Stunden,« unterbrach ich +das Gespräch, in der Angst, es könne sich zu einer +Szene steigern.</p> +<p><a name="Page_87" id="Page_87"></a></p> +<p>»Jedenfalls muß ich immer dabei sein,« seufzte darauf +Mama.</p> + +<p>Ich erschrak. Vor niemandem vermochte ich so wenig +aus mir herauszugehen wie vor ihr. Lähmend wirkte +ihre Kühle auf mich. Wie eine stumme Geige war ich +in ihrer Nähe: gehorsam geben die Saiten dem Spiel +der Finger nach, aber mit keinem Ton antworten sie +ihnen.</p> + +<p>»Warum denn, Mama?« frug ich mit zuckenden Lippen, +die Augen bittend auf sie gerichtet, »ich werde sicher +gut aufpassen und immer fleißig sein.«</p> + +<p>»Glaubst du vielleicht, ich tus aus Vergnügen?!« +Ihre Stimme wurde schärfer: »Es schickt sich einfach +nicht, euch allein zu lassen!«</p> + +<p>Eine unklare Empfindung, als habe mich etwas +Unreinliches berührt, trieb mir die Schamröte in die +Wangen.</p> + +<p>Wir verstummten alle. Tiefer senkte ich den Kopf +auf mein Buch, aber ich sah die Worte nicht; ich hörte +auf den Regen, der eintönig gegen die Fensterscheiben +schlug. Das Kaminfeuer nebenan war erloschen.</p> + +<p>Am nächsten Nachmittag begann der Unterricht. Mama +saß richtig mit einer Handarbeit dabei. Ihre Gegenwart +schien auch der Lehrer peinlich zu empfinden, er kam +nicht in die Stimmung, die mich an ihm mit so viel +Hoffnung erfüllt hatte, und wir waren schließlich sichtlich +enttäuscht voneinander. Wochenlang blieb alles beim +alten, und ich sagte mir mit altkluger Bitterkeit, daß ich +mich eben wieder einmal umsonst gefreut hätte. Aber +mit dem nahenden Winter nahm die Gefälligkeit zu, und +schließlich war sie dermaßen ausgedehnt, daß ich meine<a name="Page_88" id="Page_88"></a> +Eltern fast nur zu Tisch noch sah. Besuche, Diners, +Bälle, Wohltätigkeitsvorstellungen folgten einander auf +dem Fuß. Meine Mutter hatte nur noch Zeit, die pflichtgemäße +Mittagspromenade mit mir zu machen und +meinen Lehrer zu begrüßen, wenn er kam. Täglich +wiederholte sich dabei dieselbe Szene: mit linkischer Verbeugung +und verlegenem Hüsteln, das sein gewaltiger +Brustkasten Lügen strafte, trat er ein. »Sind Sie zufrieden +mit Alix?« frug Mama. »O sehr,« antwortete +er. Ihm freundlich zunickend, mir rasch die Stirne küssend, +verabschiedete sie sich, und mit einem Gefühl der Erleichterung +nahmen wir einander gegenüber Platz. Der +Diener brachte den Kaffee, der, wie Papa gemeint hatte, eine +Unterhaltung und damit ein näheres Bekanntwerden von +Lehrer und Schülerin herbeiführen sollte. Aber es kam +nie dazu. <em class="antiqua">Dr.</em> Meyer schluckte hastig den gebotnen +braunen Trank herunter und zerbröckelte schweigsam den +Kuchen zwischen den Fingern, während er meine Hefte +durchsah. Erst durch den Lehrstoff, den er vortrug, taute +er auf, und je mehr die Zeit vorrückte, desto heller leuchteten +seine Augen, desto reicher strömten ihm alle Mittel +eindrucksvoller Rede zu. War mein ganzer bisheriger +Unterricht nichts als eine Anhäufung von Regeln, Versen +Namen, Zahlen und Daten gewesen, so leblos und +reizlos für mich, wie das Spielzeug, mit dem Onkels +und Tanten meine Schubläden füllten, so strömte jetzt +mit ihm das Leben selbst mir zu, dessen Fülle ich in +atemloser Aufmerksamkeit, in herzklopfender Erregung zu +fassen und zu halten versuchte. Die toten Helden der +Geschichte wurden lebendig vor mir; alle, die um der +Freiheit und der Gerechtigkeit willen geblutet hatten, — von<a name="Page_89" id="Page_89"></a> +Leonidas und Tiberius Gracchus bis zu den Amerikanern, +den Griechen, den Polen der Neuzeit —, zeigten +mir ihre Narben und Wunden, und meine Begeisterung +entflammte sich an ihren Taten und Leiden. Die +Dichter sprachen zu mir, und die Lehrer und die Propheten +der Menschheit brachten dem kleinen Mädchen +die unvergänglichsten ihrer Schätze. Wenn sie auch +ihren Wert noch nicht zu würdigen verstand, so erkannte +sie doch mit inbrünstigem Schauern ihren Reichtum, und +die Welt, bisher für sie nur erfüllt mit den Nebelgestalten +ihrer eignen Schöpfung, sah sie nun aus tausend lebendigen +Augen an.</p> + +<p>Mündlich und schriftlich hatte ich Gelesenes und Gehörtes +nicht nur automatisch wiederzugeben, sondern +meine eignen Eindrücke und Gedanken daran zu knüpfen. +Stets verteidigte ich leidenschaftlich meine Helden, und +um ihre Widersacher zu malen, war mir das tiefste +Schwarz nicht schwarz genug. Suchte der Lehrer meine +Engel in Menschen zu verwandeln, so bäumte sich meine +Empfindung feindselig gegen ihn auf; und geschah es, +daß mein Verstand ihm recht geben mußte, so trauerte +ich verzweifelt vor dem gestürzten Heros, als wäre mir +ein Freund gestorben.</p> + +<p>Ein hoher hölzerner Fußschemel war meine Rednertribüne. +Ich konnte nicht zusammenhängend sprechen, +wenn ich am Tische saß oder stand; ich bedurfte eines +merkbaren räumlichen Abstands zwischen mir und dem +Zuhörer und war daher instinktiv auf diesen Ausweg +verfallen. Nur in Mamas Gegenwart half auch der +Fußschemel nichts, seitdem sie einmal zugehört und über +mein Pathos Tränen gelacht hatte. Mein Lehrer ver<a name="Page_90" id="Page_90"></a>stand +mich; kam sie zufällig herein, während ich sprach, +so wechselte er stillschweigend den Gegenstand des Unterrichts. +Aber nicht nur der Stoff und die Form, auch +der Tenor des Inhalts wurde ein andrer, wenn wir +nicht allein blieben.</p> + +<p>Meine Mutter hatte einmal ausnahmsweise der Geschichtsstunde +beigewohnt, als <em class="antiqua">Dr.</em> Meyer Friedrichs des +Großen Polenpolitik einer abfälligen Kritik unterzog. Er +war Hannoveraner und hatte sich als solcher trotz aller +Begeisterung für das Deutsche Reich den Hohenzollern +gegenüber einen scharfen kritischen Blick bewahrt. Seine +Auseinandersetzung unterbrach meine Mutter plötzlich mit +einer Leidenschaftlichkeit, die bei der sonst so vornehm +kühlen Frau wie etwas völlig neues erschien: »Herr +Doktor,« rief sie, »vergessen Sie nicht, wen Sie vor sich +haben. Wir sind Preußen!« — »Verzeihen Sie, gnädige +Frau,« entgegnete er, während das Blut ihm in Wangen +und Schläfen schoß, »die objektive Geschichtsforschung ...« — »Was +geht mich die objektive Geschichtsforschung an,« +warf sie heftig dazwischen, »wir haben unser angestammtes +Fürstenhaus zu lieben und unsre Kinder im Respekt vor +ihm zu erziehen. Lehren Sie Alix einfache Tatsachen, +keine zersetzende Kritik. Sie ist sowieso schon superklug +genug.« Ich erwartete eine energische Antwort. Doch +der große, starke Mann schien in sich zusammen zu fallen, +er senkte die Augen, und sein Gesicht färbte sich noch +dunkler. Als wollte er einen bösen Gedanken vertreiben, +fuhr er sich mit der Hand, deren Weiße zu ihrer breiten +Derbheit einen seltsamen Kontrast bildete, ein paarmal +über die Stirn, sah mechanisch nach der Uhr, atmete +tief auf, da die abgelaufene Zeit seinen Aufbruch ge<a name="Page_91" id="Page_91"></a>stattete, +und verabschiedete sich noch unbeholfener als +gewöhnlich. Mir gab es einen Stich ins Herz: es war +zwar nicht ein Heros, dessen Sturz mich verletzte, es war +nur ein erster schüchterner Trieb beginnenden Vertrauens, +der mir aus dem Herzen gerissen wurde. Ein Mann, +der sich so herunterputzen ließ! Der seine Überzeugung +nicht zu vertreten vermochte! Daß Mutter und Schwester +daheim mit jedem Groschen rechnen mußten, den er verdiente, — das +freilich wußte ich damals nicht.</p> + +<p>Für mich, für die ein Erlebnis, das andre kaum empfanden, +so oft zum erschütternden Ereignis wurde, blieb +diese Stunde bedeutungsvoll. Noch immer sah ich Tag +für Tag meinem Lehrer voll Erwartung entgegen, aber +er war doch nur der Türhüter am Museum der Menschheitsgeschichte, +nicht der Führer, dessen Leitung sich der Laie +anvertraut: er öffnete mir einen Saal nach dem andern, +aber ich ging schließlich doch allein. Wenn es auch sein +höchstes Verdienst war, daß ich allein gehen lernte, — nicht +auf den Stelzen fremder Anschauungen, die unbrauchbar +werden, sobald es gilt, über Felsen zu +klettern —, so ist doch die Seele des Kindes zu weich, +zu schutz- und anlehnungsbedürftig, als daß sie auf einsamer +Wanderung durch das fremde Leben nicht Wunden +über Wunden davontragen müßte und ihr beim Sammeln +von Blumen und Beeren nicht allzuviel giftige in die +Hände fielen.</p> + +<p>Ich war ein frommes Kind gewesen — mit jener +Frömmigkeit, die an den lieben Gott und an die Engel +und an den Herrn Jesus ebenso innig glaubt, wie an +die sieben Zwerge, an die Knusperhexe und an die kleine +Seejungfrau; mit jenem Glauben, der gar kein Glauben +<a name="Page_92" id="Page_92"></a>ist, weil noch kein Schatten eines Zweifels ihn erprobte.</p> + +<p>Bei mir wie bei jedem Kinde wiederholte sich, was +die Kindheit der Völker kennzeichnet: ihre Phantasie ist +das Mittel, durch das sie sich mit dem ungeheuern Geheimnis +des Lebens und des Schicksals auseinandersetzen. +Sie überwinden die Furcht vor dem Unbegreiflichen +durch den Glauben an die waltenden Wesen über ihnen. +Schon als kleines Kind flüchtete ich, wenn irgend ein +Ereignis mich aus dem Gleichgewicht brachte, in die +Stille, um inbrünstig den Vater im Himmel um Hilfe +zu bitten. Auf meine religiösen Empfindungen blieben +die Gebete, Sprüche und Gesangbuchverse, die ich in +der Schule gelernt hatte, und der Luthersche Katechismus +vor allem, der, wäre er chinesisch geschrieben, den Kindern +nicht weniger verständlich sein würde, so einflußlos +wie die nüchterne Ode der protestantischen Kirche. Die +Heiligenbilder, das geweihte Wasser, die durch rotes +Glas mystisch schimmernde ewige Lampe unter dem geheimnisvollen +Bilde der schwarzen Madonna von Ezenstochau, +die die Wände in der Kammer unsrer polnischen +Köchin schmückten, zogen mich weit mehr an.</p> + +<p>Das Licht des grellen Tages fiel nun in diese unberührte +traumdunkle Märchenwelt meiner Religion.</p> + +<p>In der Geschichtsstunde, zu der in spätern Jahren +ein besondrer religionsgeschichtlicher Unterricht hinzukam, +lernte ich, wie nicht nur innerhalb des Christentums +eine Kirche, eine Sekte die andre auf das heftigste bekämpfte, +wie jede im Besitz des alleinseligmachenden +Glaubens zu sein behauptete, und für jede Märtyrer geblutet +hatten, ich sah auch, daß Juden, Muhamedaner +<a name="Page_93" id="Page_93"></a>und Buddhisten nicht weniger fromm waren als die +Nachfolger Christi und mit derselben Hingabe wie sie +für ihren Glauben lebten und starben. Die Fabel von +den drei Ringen kannte ich noch nicht, aber ich empfand +schon die Schwere ihrer Fragestellung. Mein +Lehrer, der dem Mißtrauen meiner Mutter, als er sich +weigerte, mir Religionsstunden zu geben, dadurch begegnet +war, daß er versprochen hatte, keinerlei Glaubenszweifel +in mir zu erwecken, beschränkte sich im wesentlichen +auf die Darstellung historischer Ereignisse und wich +meinen bohrenden Fragen so lange aus, bis ich es +aufgab, sie zu stellen. In meinem Innern aber wurden +sie zu Quadersteinen eines babylonischen Turms, von dem +auch ich über die Wolken zu sehen hoffte. Da ich noch +zu schwach und ungeschickt war, sie ohne Hilfe fest und +sicher aufeinander zu schichten, brach mein Bau frühzeitig +zusammen. Nicht zu neuen Wundern hatte er mich +emporgeführt, doch meinen Kinderglauben begrub er +unter seinen Trümmern.</p> + +<p>Im mystischen Dunkel der Tempel und Kirchen waltet +die Phantasie ungestört, die große Bannerträgerin allen +Glaubens, und flößt den Marmorsteinen der Götter und +den Bildern der Heiligen rotes, warmes Leben ein. +Dringt aber Licht und Lärm durch zerrissene Vorhänge +und zerbrochene Scheiben, so wandeln sie sich wieder zu +toten Gebilden von Menschenhand. Die Phantasie aber +baut in stillen Winkeln neue Tempel für die glaubensdurstigen +Kinderseelen, die Denker und Dichter noch +nicht sind, oder niemals werden können.</p> + +<p>Einmal, nach der Rückkehr von einer längeren Sommerreise, +führte mich mein Vater mit besondrer Feierlichkeit +<a name="Page_94" id="Page_94"></a>in unsre Wohnung. Hatte ich bisher ein Zimmer neben +der Schlafstube der Eltern bewohnt, in dem sich tags +über meist auch die Jungfer aufzuhalten pflegte, so +öffnete er mir jetzt die Tür zu einem bis dahin unbenutzten +Raum. »Das ist dein Reich, mein Kind,« +sagte er. Ich konnte das Glück kaum fassen: ein eignes +Zimmer! Dieser Traum jedes zu selbständigem Leben +reifenden Menschenkindes sollte mir so wundersam in +Erfüllung gehen! Keine rasselnde Nähmaschine durfte +mich hier mehr stören, niemand konnte mir den Platz +am eignen Schreibtisch streitig machen! Nur das alte +braune Sofa erinnerte trotz seines neuen blau-weißen +Kleides noch an die Kinderstube. Die erste Nacht unter +dem schneeigen Betthimmel und der roten Ampel fand +ich keinen Schlaf: mein Zimmer, und doch — das allereigenste +fehlte ihm noch, das geheimnisvolle, das niemand +sehen durfte als ich allein. Ich richtete mich +auf, zündete die Ampel an und schlüpfte aus dem Bett. +Bunte Seidenreste und einen großen gelben Schal holte +ich aus meinem Wäscheschränkchen und kauerte damit +am Fenster nieder, wo zwischen dem Sofa und der +Wand eine Ecke leer war. Mit Nadeln und Reißnägeln +spannte ich den gelben Schal wie ein Zeltdach +zwischen der hohen Seitenlehne des Sofas und der +Fensterwand, fütterte die Wände innen mit rotem Atlas +und breitete himmelblauen Sammet als Teppich auf +dem Boden aus. Einen weißen, mit Blumen bemalten +Kasten stellte ich wie einen Altar in die Mitte, bunte +Kerzen von meinem Geburtstagskuchen befestigte ich +ringsum, und eine kleine Schale von Malachit, mit +Rosenblättern gefüllt, legte ich als Opferstein davor.<a name="Page_95" id="Page_95"></a> +Nur der Gott fehlte noch, dem der Weihrauch duften +sollte. Leise, mit angehaltnem Atem, schlich ich zum +Eßzimmer hinüber, holte vom Ofensims die kleine +Statuette des Apoll vom Belvedere und erhob ihn zum +Heiligen meines farbenglühenden Tempels. Tief mußt +ich mich neigen, um hineinzusehen; aber daß ich fast die +Erde mit den Lippen berührte, entsprach nur meiner +feierlichen Andacht. »Baldur« nannte ich den Apollo, +denn die Götterwelt der Germanen war mir vor allem +vertraut geworden, und mit einer ersten instinktiven +Auflehnung gegen die Schmerzensgestalt des Gekreuzigten +betete ich den blühenden Gott des steigenden Lichtes an.</p> + +<p>Kindisch mags denen erscheinen, die nichts wissen von +den Tiefen der Kindesseele, ich aber weiß, daß keines +gläubigen Christen Frömmigkeit inniger sein konnte als +die, die mich erfüllte, wenn ich vor dem selbstgeschaffnen +Heiligtum in die Knie sank.</p> + +<p>Meiner Mutter erzählte ich herzklopfend, daß ich den +Apollo »zerbrochen« hätte, und bat sie, wie alle Hausbewohner, +die mit einem dunkeln Tuch sorgfältig verhüllte +Ecke meines Zimmers nicht zu untersuchen, der +»Weihnachtsüberraschungen« wegen, die ich dort verwahrt +hätte. Als aber Weihnachten vorüber war, +machte ich keinerlei Anstalten, meinen geheimnisvollen +Bau dem Besen und dem Scheuertuch zu opfern. Heimlich +kaufte ich mir Blumen, um ihn stets frisch zu schmücken, +und eine kleine ewige Lampe, an deren Brennen und +Erlöschen sich allmählich allerlei abergläubische Vorstellungen +knüpften, und Räucherkerzchen, die allabendlich +den Gott auf dem Altar in bläuliche Wolken hüllten. +Schon oft hatte Mama mich gemahnt, das »unnütze<a name="Page_96" id="Page_96"></a> +Zeug« fort zu räumen; schließlich, als ich eines Morgens +von der Klavierstunde kam, trat sie mir mit hochrotem +Gesicht entgegen. »Wirst du dir denn nie das +Lügen abgewöhnen?!« rief sie und zog mich in mein +Zimmer. Mein Tempel war verschwunden, in wirrem +Durcheinander lagen Stoffe und Blumen, Lichter und +Räucherwerk auf dem Tisch, erloschen stand das Lämpchen +neben Baldur-Apoll. »Weißt du, wie man das nennt, +wenn man sich fremdes Eigentum aneignet?!« Vor +diesen Worten wich die Erstarrung des ersten Entsetzens +von mir. Aufschreiend warf ich mich vor meinem Bett +in die Kniee; meine Glieder flogen, und mein Herz +klopfte, als wollte es mir die Brust zersprengen. Meine +Mutter hielt diesen Ausbruch der Verzweiflung offenbar +für Reue. »Na, beruhige dich, Alixchen,« sagte sie, mir +die Hand auf den Kopf legend, eine Berührung, die +mich zwang, ihn nur noch tiefer in die Kissen zu vergraben, +»ich will die ganze Geschichte noch einmal als +bloße Kinderei betrachten. Belügst du mich aber noch +ein einziges Mal, so muß ich andre Saiten aufziehen.«</p> + +<p>Ich baute von nun an keine Tempel mehr. Mein +äußeres Leben war das einer korrekten Schülerin und +wohlerzogenen Tochter. In der schwülen Treibhausluft +meines Innern aber wucherten die Wunderblumen +meiner Träume, und berauschend umwehte mich ihr Duft, +wenn ich allein war und zu mir selber kam. Oft hielt +ich mich krampfhaft wach, bis alle schliefen, um dann +bei der trübe flackernden Kerze noch lange am Schreibtisch +zu sitzen, wo ich mit glühendem Kopf und frostbebendem +Körper Verse zu Papier brachte, die nach +Freiheit schrieen und nach Liebe.</p> + +<p><a name="Page_97" id="Page_97"></a>Nur der Unterricht meines Lehrers wirkte noch beruhigend +auf die Stürme meines Innern und lenkte +mein Interesse in andere Bahnen. Die Literaturgeschichte +besonders fesselte mich mehr und mehr. Sie +bestand nicht nur aus den Namen der Dichter, den +Titeln ihrer Werke und fix und fertigen Urteilen über +sie, mit denen ausgerüstet unsere Jugend Bildung zu +heucheln pflegt, sie vermittelte mir vielmehr, soweit es +meiner geistigen Entwicklung entsprach, die Kenntnis +der Werke selbst. In kleinen gelben Heftchen brachte +sie mir mein Lehrer, der nicht die Mittel hatte, kostbarere +Ausgaben anzuschaffen. Die nordische und die ältere +deutsche Literatur, die griechischen und römischen Klassiker +lernte ich auf diese Weise kennen; mit der Lektüre +wuchs mein Verlangen nach immer neuen Büchern, und +statt des Weihrauchs und der Blumen für meinen +Tempel kaufte ich mir ein Reklamheft nach dem andern. +Nachdem ich erst den Katalog in Händen hatte, ließ es +mir keine Ruhe mehr: ich mußte lesen, lesen — alles +lesen. Was mir der Lehrer empfahl, genügte meinen +von Neugierde und Wissensdurst aufgepeitschten Wünschen +längst nicht mehr, noch weniger, was mir die +Eltern gaben und erlaubten. In acht Tagen pflegte +ich meine Weihnachts- und Geburtstagsbücher auszulesen, +und wenn ich mich auch immer aufs neue in +Grubes »Charakterbilder« — meine Fundgrube, wie +Papa sagte — und in Gustav Freytags »Bilder aus +der deutschen Vergangenheit« vertiefte, so füllte das +alles die freie Zeit doch nicht aus.</p> + +<p>Andere Kinder meines Alters spielten; meine Puppen +und mein Kochherd wurden nur dann der Vergessenheit +<a name="Page_98" id="Page_98"></a>entrissen, wenn ich Besuch hatte, was ich darum zumeist +nur als unangenehme Störung empfand. Was +hatte ich gemeinsames mit den »dummen Schulgöhren«? +Ihren Schulklatsch verstand ich nicht, und ließ ich mich +hinreißen, ihnen meine Interessen zu verraten, so lachten +sie mich aus. Mama hielt es für ihre Pflicht, mir +Verkehr mit Altersgenossen zu verschaffen, auch ich empfand +ihn nur als eine Pflicht, die nach meiner Erfahrung +stets das Gegenteil des Vergnügens war. Mit +in die Höhe gezogenen Beinen in der Sofaecke kauern, +vertieft in ein Buch, vor dessen Zauber die ganze Welt +um mich versank, — diesem Genuß glich kein andrer! +Nur die ständige Angst, entdeckt zu werden, beeinträchtigte +ihn. Denn, was ich las, — dessen war ich sicher —, +gehörte nicht zu der erlaubten »Mädchenlektüre«, und +doch fühlte ich instinktiv, daß es tausendmal wertvoller +war als die zuckersüßen Backfischgeschichten von Clementine +Helm, für die sich meine Freundinnen damals begeisterten.</p> + +<p>In dem neuen Bezug meines alten Sofas hatte ich +eine Naht aufgetrennt; hörte ich Schritte draußen, so +verschwand mein gelbes Heft in dies sichere Versteck, +und ich beugte mich rasch andachtsvoll über Webers +Weltgeschichte, die auf dem Tische bereit lag. Nach +und nach wurde das gute verschwiegene Möbel meine +Schatzkammer. Da lagen sie alle friedlich beisammen, +deren Gestalten in meinem Hirn und Herzen in tollen +Tänzen durcheinanderwirbelten: Die Arnim und Brentano, +die Hauff und Zschokke, die Scott und Bulwer, +die Gogol und Turgenjeff. Sie ließen mich nachts oft +nicht zur Ruhe kommen, und wenn ich schlief, verfolgten +sie mich bis in meine Träume.</p> + +<p><a name="Page_99" id="Page_99"></a>Eines Winterabends war mir der Lesestoff ausgegangen. +Meine Eltern waren nicht zu Haus; ich +konnte unbemerkt zum nächsten Buchhändler laufen, um +zu holen, wonach ich Verlangen trug. Von E. T. A. +Hoffmann hatte ich in der Literaturgeschichte gelesen — »das +ist noch nichts für dich« war mir geantwortet +worden, als ich, in der Meinung, es handle sich um +Kindermärchen, den Lehrer darum gebeten hatte. Und +dies »das ist nichts für dich« war mir längst zum +Empfehlungsbrief der Bücher geworden. Mit »Klein-Zaches« +und dem »Goldnen Topf« in der Tasche kam +ich zurück. Dann fing ich an zu lesen. Mein Abendbrot, +das man mir brachte, blieb unberührt, die Mahnung +der Jungfer, schlafen zu gehen, unbeachtet. — Saß +ich nicht selbst unter dem Holunderbusch und sah +die grüne Schlange, und hörte die klingenden Glöcklein? +Grinste mir nicht von der Tür her das Bronzegesicht +der zauberhaften Äpfelfrau entgegen? — Da +öffnete sich die Tür. »Wie, du bist noch nicht im +Bett?!« tönte mir die Stimme meines Vaters entgegen. +»Ich muß wohl eingeschlafen sein,« stotterte ich und versteckte +hastig mein Buch. »So zieh dich rasch aus — ich +werde Mama nichts sagen — gute Nacht.« Damit +schloß er die Türe wieder. Ich löschte die Lampe und +kroch mit den Kleidern ins Bett; als Mama leise eintrat, +glaubte sie mich schlafend. Und dann las ich +weiter: von Klein-Zaches mit den drei goldnen Haaren, +von der Nachtigall und der Purpurrose, von der Lotosblume +und dem Goldkäfer. Es ließ mich nicht los, bis +ich zu Ende war, und ich lebte von da an in der Welt +Hoffmanns, so daß mir jede Berührung der Wirklichkeit +<a name="Page_100" id="Page_100"></a>weh tat, wie ein Nadelstich. Schwerer als je wurde +mir jetzt der Unterricht, der mir schon immer qualvoll +gewesen war: die Musikstunde. Ich liebte die Musik; +durch Hoffmann erschien sie mir wie ein Himmelszauber; — schon +als kleines Kind konnte ich stundenlang +still zuhören, wenn jemand sang oder spielte, — meine +eigne Klimperei, bei der ich nie über den Kampf +mit der Technik hinauskam und vor Noten und Vorsatzzeichen +von der Musik nichts hörte, wurde mir immer +unerträglicher. Vergebens bat ich Mama, mich meiner +offenbaren Talentlosigkeit wegen davon zu befreien — Klavierspielen +gehörte zur guten Erziehung, also bliebs +dabei. Ich suchte mir selbst einen Ausweg: statt zur +Lehrerin, ging ich spazieren, oder ich entschuldigte mich +mit »Kopfweh«. Um niemanden von den Meinen zu +begegnen, mußt ich dann freilich abgelegene Wege suchen.</p> + +<p>In einem regenreichen Frühjahr des Jahres 1877 +war der polnische Stadtteil Posens, wo die Ärmsten +wohnten — die Walischei — durch die aus den Ufern +tretende Warthe vollkommen unter Wasser gesetzt worden. +Krankheit und Not nahmen überhand, so daß +auch in den Gesellschaftskreisen meiner Eltern auf dem +üblichen Wege der Wohltätigkeitsvorstellungen Hilfe geschaffen +werden sollte. Ich wirkte nicht mit, wie früher +in Karlsruhe, — mit dem langen, dünnen, blassen +Mädchen war wohl kein Staat zu machen —, aber den +Proben und Aufführungen wohnte ich bei, weil meine +Mutter zu den Hauptdarstellern gehörte. Da erfuhr +ich denn mancherlei von den Unglücklichen, denen der +Ertrag dieser Eitelkeitsparaden zugute kommen sollte. +Armut — was wußte ich von ihr? Sie hatte mich +<a name="Page_101" id="Page_101"></a>bis zu Tränen erschüttert, als sie mir in den hungernden +Sklaven Roms zur Zeit Neros, in den um Brot +schreienden Weibern von Paris zu Beginn der großen +Revolution, in den Jammergestalten der schlesischen +Weber in den Elendsjahren Preußens entgegengetreten +war. Aber jetzt, in der Herrlichkeit des Deutschen +Reichs, unter dem Zepter des guten alten Kaisers — jetzt +gab es doch keine Armut mehr! Daß uns gegenüber +in der polnischen Kneipe Tag für Tag Betrunkene +vor der Türe saßen, daß selbst Weiber im Rausch in +den Rinnstein fielen, erregte nur meinen Ekel, nicht +mein Mitleid. Ihr Laster wars ja und nicht ihr Elend, +dem sie verfallen waren. Ich beschloß, die Armut, die +ich nicht kannte, zu suchen; und die Angst, die mich +angesichts des Abenteuers zittern ließ, erhöhte noch die +Romantik meines Unternehmens. All die phantastischen +Irrwege der Helden Hoffmannscher Erzählungen standen +mir lockend vor Augen.</p> + +<p>Es war ein naßkalter Märzmorgen, als ich, mit der +Musikmappe am Arm, über den Wilhelmsplatz zum +Markt hinunterging. Ein bekanntes Gesicht trieb mich +in den dunkeln Dom, wo mir eine schwere Wolke von +verbrauchter Winterluft, von Menschendunst und Weihrauch +entgegenschlug. Die Tapsen vieler schmutziger +Füße hatten den Boden mit einer schwarzen klebrigen +Schicht überzogen. Von ein paar dicken Altarkerzen +flackerte das Licht bläulich in den Raum, und die Züge +des Priesters, der mit heiserem Krächzen in der Stimme +die Messe zelebrierte, erschienen fahl, wie die eines +Toten. Von unbestimmten Grauen getrieben, lief ich +der nächsten Türe zu; kurz vorher aber glitt ich aus +<a name="Page_102" id="Page_102"></a>und fiel auf die Fliesen. Der zähe Schmutz blieb an +Händen und Knien kleben, mühsam nur, unter aufsteigender +Übelkeit, rieb ich ihn ab. Ein böser Anfang! +dachte ich, als ich durch immer engere und dunklere +Straßen meinem Ziele zustrebte. Schon sah ich hie +und da, wie das Wasser aus den Kellern gepumpt und +mit Eimern heraufgetragen wurde; dann wurden die +Häuser immer kleiner, so daß die Dächer fast mit den +Händen zu fassen waren, und über immer breitere +Wasserrinnen vermittelten primitive Brücken den Übergang. +In den tiefer gelegenen Gassen stand das Wasser +so hoch, daß Flöße aus Brettern die Passanten hin und +her führten. Auf den schwarzgelben Fluten schwammen +Küchenabfälle, zerbrochene Töpfe, übelriechende Kehrichthaufen, +in denen dürftig gekleidete Kinder, oft bis zu +den Knieen im Wasser watend, mit schmutzigen Fingern +nach Spielzeug suchten. <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'Mie'">Mir</ins> wars, als stiege eine +Kälte an mir empor, mich umwindend wie eine graue, +feuchte Schlange. Der gellende Ton eines Glöckchens +ließ mich zur Seite sehen: ein Chorknabe schwang es, +dem der Geistliche folgte. Vor der Tür des grellgelben +Häuschens, hinter der sie verschwanden, drängten sich +Weiber und Kinder, barfüßig, schmutzig, zerlumpt; nur +ein paar faltige rote Röcke und bunte Kopftücher +zeugten von einstigen, besseren Zeiten. Ihr Schwatzen +wurde allmählich zum Gekreisch, ihre Gebärden machten, +je lebhafter sie wurden, den Eindruck konvulsivischer +Zuckungen; aus allen Häusern der Straße strömten sie +zusammen, — wie war es nur möglich, daß ihrer so +viele darinnen wohnen konnten?! Angstvoll hatte ich +mich in einen Torweg verkrochen, als sich neben mir +<a name="Page_103" id="Page_103"></a>eine Tür knarrend öffnete: rückwärts torkelnd, fluchend +und schimpfend kam ein Mann heraus, eine Flasche als +Waffe gegen seine Verfolger schwingend. Da klang +der gellende Ton des Glöckchens wieder, und jeder +andere verstummte vor ihm; die schwatzenden Weiber, +die betrunkenen Männer und die johlenden Kinder +sanken in die Kniee, wo irgend ein Stein oder eine +Stufe aus dem Wasser hervorsah. An ihnen vorüber +schritt der Gebete murmelnde Priester; schwarz und +schwer breitete sich sein Talar hinter ihm auf den +Fluten aus.</p> + +<p>Ein Mann und ein Weib folgten ihm, hager und +gebückt alle beide; in wirren Strähnen hingen strohgelbe +Haare ihr in das von Weinen aufgedunsene Gesicht; +ihre grauen knochigen Finger umklammerten den Griff +des schmalen schwarzen Schreines, den sie gemeinsam +trugen; ein Myrtenkränzlein aus Papier, mit dem Bilde +der schwarzen Madonna war sein einziger Schmuck. +Stumm, wie die beiden, folgte ihnen die Menge, — ein +langer Zug des Elends, den der Betrunkene, die leere +Flasche zwischen den gefalteten Händen, schwankend beschloß. +Kein Laut war mehr hörbar, als das Plätschern +des Wassers zwischen den vielen, vielen Füßen der langsam +Schreitenden.</p> + +<p>Wie aus bösem Traum erwachend, fuhr ich zusammen. +An der weit offnen Tür des Hauses, aus dem der Sarg +getragen worden war, mußt ich vorüber. Es war ganz +dunkel darin, und doch sah ich, daß etwas am Boden +hockte und mich anstarrte mit großen, leeren Augen, — die +Armut. — So rasch meine zitternden Beine mich +tragen konnten, entfloh ich. Frostgeschüttelt warf ich +<a name="Page_104" id="Page_104"></a>mich zu Hause auf mein Bett. Am nächsten Morgen +erkannte ich niemanden mehr.</p> + +<p>Viele Wochen schwebte ich zwischen Tod und Leben. +Noch Jahre darnach konnte ich mich nicht ohne Entsetzen +der wilden Fieberträume erinnern, die mich damals +gepeinigt hatten. Den Dom sah ich, und der Priester +am Altar war ein Gerippe, und in den unergründlich +tiefen schwarzen Schlamm des Bodens zogen mich lauter +schmutzige Knochenhände; — durch gelbe Fluten lief ich +atemlos, hinter mir endlose Scharen von Männern und +Weibern, denen Hunger, Betrunkenheit, Mordlust aus +den rot unterlaufenen Augen glühte. Dazwischen tanzte +Klein-Zaches auf der Bettdecke und bohrte mir seinen +winzigen Degen ins Gehirn, und Serpentine mit den großen +blauen Augen ringelte sich erstickend um meinen Hals.</p> + +<p>»Wie kommt sie nur zu solchen Phantasien?« hörte +ich dazwischen meine Mutter sagen, die in aufopfernder +Pflichterfüllung nicht von meinem Lager wich.</p> + +<p>»Wie ists nur möglich, daß die Malaria sie packen +konnte?« sagte wohl auch der Arzt, der dem mörderischen +Sumpffieber nur unten bei den Überschwemmten +begegnet war.</p> + +<p>Ich schwieg, viel zu müde, viel zu apathisch zum +Sprechen; denn einer großen Schwäche machte das +Fieber Platz. Ich glaubte fest an meinen baldigen Tod, +wunschlos, widerstandslos. Auch durch meiner Mutter +gleichmäßig-freundliches Lächeln, das so beruhigend +auf einen Kranken wirken konnte, wollte ich mich nicht +täuschen lassen. Die Angst, die sich in meines Vaters +Zügen malte, wenn er an mein Bett trat, schien mir +mehr der Wahrheit zu entsprechen.</p> + +<p><a name="Page_105" id="Page_105"></a>Und doch erholte ich mich, und langsam, ganz langsam +kam mit der wachsenden Kraft die Freude am Leben +wieder. Als ob er mir Dank schuldig wäre, weil ich +lebte, so überschüttete mich mein Vater nun mit Geschenken: +erwartungsvoll sah ich schon nach der Tür, +wenn ich mittags den Schritt des Heimkehrenden hörte; +Bücher, Blumen, Obst, Bonbons, — irgend etwas brachte +er mir täglich. Wie gut waren überhaupt die Menschen, +sie kümmerten sich alle um mich: jeden Tag hatte +mein Lehrer den Arzt vor dem Hause erwartet, um +direkte Nachricht zu haben, und jetzt schickte er mir +seine schönsten Bücher; kein Regiment in der Stadt gab +es, dessen Musikkorps der Genesenden nicht ein Ständchen +gebracht hätte, und der gute alte General Kirchbach +kam selbst in mein Krankenzimmer, um mir eine — Puppe +auf die Kissen zu legen.</p> + +<p>»Mit der Puppe, Mama, soll mal mein Töchterchen +spielen!« sagte ich lächelnd, als er weg war, — denn +mit dem Spielen war es für mich endgültig vorbei.</p> + +<p>Nach drei Monaten sollte ich aufstehen; als ich mich +grade erheben wollte und, von heftigem Schwindel gepackt, +nach dem Bettpfosten griff, sah ich Blut auf dem +Laken. Ich erschrak, denn ich wollte gesund sein. Aber +schon hatte der Arzt mich umfaßt und sanft in die +Kissen zurückgedrückt. Er lachte: »Also so stehts mit +dem kleinen Fräulein! Die Kinderschuhe hat es richtig +ausgetreten.« Verständnislos sah ich die Mutter an, +der das Blut in die Schläfen gestiegen war. »Alles +Nötige werden Sie Ihrer Tochter erklären,« damit +wandte er sich zum Gehen. »Sie ist erst zwölf Jahre, +Herr Doktor —« entgegnete sie zögernd. »Tut nichts — tut<a name="Page_106" id="Page_106"></a> +nichts — so schwere Krankheiten bedeuten immer +eine große Umwälzung«; er drückte mir nochmals die +Hand: »Nun stehen wir hübsch ein paar Tage später +auf.«</p> + +<p>»Du brauchst dich nicht zu ängstigen, Alixchen,« damit +wandte Mama sich mir wieder zu, als er fort war, +und erklärte mir mit wenig Worten meinen Zustand. +Ein Gefühl des Stolzes erfüllte mich: nun war ich +also wirklich kein Kind mehr, — und meine Träume +suchten die Zukunft: so kam denn endlich das Leben, das +lockende, zauberreiche!</p> + +<p>Während meiner Krankheit hatte ich mich so sehr +gestreckt, daß kein Kleid mir mehr paßte. In den +Wochen, die ich noch zwischen Bett und Sofa verlebte, +trug ich meiner Mutter schleppende Schlafröcke, was +mir sehr gefiel. Mein Bild im Spiegel, das mir so +lange gleichgültig gewesen war, suchte ich wieder; und +so blaß und so schlank ich auch war, es gefiel mir nicht +übel: die großen dunkeln Augen, die schwarzen Locken +über der weißen Stirn, die schmalen Hände mit den +rosigen Fingerspitzen, — wer weiß, ob nicht doch noch +etwas aus mir werden konnte!</p> + +<p>Als wir mit unsern Koffern zum Bahnhof fuhren, +von wo der Zug uns wieder gen Süden tragen sollte, +hatte ich kein einziges verbotenes Buch mit durchzuschmuggeln +versucht; mich verlangte es nicht, zu lesen, +denn leben — leben und genießen — wollte ich!</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_107" id="Page_107"></a></p> +<h2><a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel</h2> + + +<p>Nach monatelangem Aufenthalt in den Bergen +kehrten wir heim. Der Wind, der um den +weißen Schaum der Gießbäche und über das +blauschimmernde Firneis fegt, bringt soviel frische Kühle +zu Tal, daß krankhafte Fieberhitze ihm nimmer stand +hält; und der friedliche Klang der Herdenglocken und +das nächtliche Zirpen der Grillen im Gras zaubert den +ruhigen Schlaf zurück, auch wenn er noch so lange untreu +war. Ein überraschtes »Aber, Alixchen!« von +einem strahlenden Lächeln begleitet, war alles, was +mein Vater zu sagen vermochte, als er uns in Posen +wieder in Empfang nahm. Am nächsten Tage besuchten +uns Verwandte, die dorthin versetzt worden waren; meine +Kusine, die so alt war wie ich, ein kleines unansehnliches +Geschöpfchen im kurzen Kinderkleid, sah staunend +zu mir empor und sagte: »Du bist ja ein Fräulein!« +Bald darauf kam mein Lehrer. Wortlos blieb er einen +Augenblick an der Türe stehen. »Wie — wie geht es — Ihnen?« +kam es dann zögernd über seine Lippen. +Noch nie hatte er mich bis dahin »Sie« genannt! Der +Sepp von Grainau fiel mir ein, den ich in diesem +Sommer nur mit Mühe dazu gebracht hatte, bei dem +gewohnten »Du« zu bleiben, und der Hans Gunters<a name="Page_108" id="Page_108"></a>berg, +der wieder in Garmisch gewesen war, und dessen +huldigende Gedichte mir nur darum keinen Eindruck +machten, weil ich die unreine Haut und die Schweißhände +ihres Verfassers nicht vergessen konnte.</p> + +<p>Ich war wirklich kein Kind mehr! Stillschweigend +packte ich all mein Spielzeug in einen großen Korb und +ließ ihn auf den Boden schaffen.</p> + +<p>Die neugewonnene Lebenskraft war wie ein Motor, +der das ganze Räderwerk der Maschine auf einmal in +Bewegung setzt: mit Feuereifer stürzte ich mich über +meine Studien; dabei galt mir jeder Tag für verloren, +an dem ich nicht ein Gedicht gemacht oder an irgend +einem meiner Dramenentwürfe gearbeitet hätte, zugleich +aber schmückte ich mich mit Vergnügen für die Tanzstunde, +und genoß die Erlaubnis, an der Geselligkeit im +Hause der Eltern teilzunehmen, mit vollen Zügen...</p> + +<p>Da liegen sie vor mir mit vergilbtem Umschlag und +verblaßter Schrift, die alten Aufsatzhefte jener Tage, in +denen ich vom Lehrer gestellte oder selbstgewählte Themen +behandelte: kindischer Unsinn und frühreife Weisheit in +buntem Gemisch. Daß meine Ansichten denen des Lehrers +oft widersprachen, beweisen seine kritischen Randbemerkungen; +trotzdem findet sich meist ein »Gut« oder +»Recht gut« darunter, — als ein Zeugnis für seine Objektivität +mehr als für die Richtigkeit meiner Auffassungen. +Meine Frondeurnatur, die mich dazu trieb, +allem, was ich hörte, zunächst einmal meinen Widerspruch +entgegenzusetzen, zeigt sich fast in jeder dieser +Arbeiten. Während mein Lehrer z. B. Schiller über +alles liebte, pries ich Goethe; so heißt es in einem +Aufsatz über die Balladen der beiden Dichter: »Goethe +<a name="Page_109" id="Page_109"></a>ist ein Naturdichter, das heißt ein Dichter von Gottes +Gnaden. Daß das Werk, welches er schafft, ein Kunstwerk +sein wird, ist ihm die Hauptsache. Schiller dagegen +ist von andrer Art, denn ihm ist das Werk nur +ein Mittel zum Moralpredigen,« — hier steh ein »Oh!!« +des Lehrers daneben — »das sieht man an allen seinen +Balladen, denen alle möglichen Lehren zugrunde liegen: +Der Gang nach dem Eisenhammer lehrt, daß Gott die +Unschuld beschützt; der Kampf mit dem Drachen, daß +der Sieg über sich selbst größer ist als der über das +Ungeheuer; die Bürgschaft und Ritter Toggenburg zeigen +den Wert der Treue, und die Glocke ist fast ganz ein +Lehrgedicht. Vergleichen wir damit Goethes Erlkönig, +der nicht einen reflektierenden Gedanken enthält, aber +den Hergang so plastisch malt, daß wir ihn mit erleben, +oder seine prachtvollste Ballade, Die Braut von Korinth, +woraus uns der vernichtende Gegensatz des Heidentums +gegenüber dem Christentum deutlich entgegentritt,« hier +steht ein Fragezeichen, »so sehen wir ein, daß Goethe +mehr ein Dichter und Schiller mehr ein Prediger ist.« — An +einer andren Stelle sage ich über den Meistersang, +den mein Lehrer sehr schätzte: »Er war trocken +und langweilig und zeigte deutlich den Gegensatz des +braven, aber engherzigen Handwerkertums gegenüber +der ritterlichen Bildung der Minnesänger«; und über +Luther, für den mein Lehrer mich trotz aller Mühe nicht +erwärmen konnte, heißt es: »Er hat das große Verdienst, +die Macht des Papsttums gebrochen zu haben, aber seine +Roheit, sein Unverständnis für die Kunst hat seiner Kirche +den Charakter des Gewöhnlichen und Nüchtern-Häßlichen +aufgeprägt«, — daneben steht: »Der Kölner Dom?<a name="Page_110" id="Page_110"></a>« +»Dürer?« »Bach?« — In den zahlreichen historischen +Aufsätzen schwelgte ich förmlich im »Tyrannenhaß«. In +einer Arbeit von nicht weniger als vierundsechzig Seiten, +die die politischen Umwälzungen in Europa vom Dreißigjährigen +Krieg bis zur französischen Revolution zum +Gegenstand hatte, suchte ich nachzuweisen, »wohin ungerechte +Regierung, Volksbedrückung, Verachtung alles +Göttlichen führt ... Schlechte, nur auf ihr Vergnügen +bedachte Fürsten, eine verdorbene Aristokratie, ein armes, +durch übertriebene Aufklärungsschriften irregeleitetes +Volk standen sich gegenüber. Alles bereitete eine Zeit +vor, die schrecklich, aber notwendig war.« Unter den +Fürsten der Neuzeit beehrte ich Friedrich Wilhelm III. +mit meinem ganz besondern Zorn, den »die Taten seiner +Untertanen berühmt gemacht haben, und der sich dadurch +bei ihnen bedankte, daß er sein Versprechen brach ...« +Stein feierte ich als den »Retter des Vaterlandes, der +in Frieden erreichen wollte, was der Zweck der französischen +Revolution gewesen war.«</p> + +<p>Häufig pflegte mein Vater meine Aufsätze einer Kritik +zu unterwerfen, die fast immer dem Stil, sehr selten +nur der Gesinnung galt. Nach rückwärts radikal zu +sein, wie sein Töchterchen, sich für vergangene Völkerfreiheitskämpfe +zu begeistern, sich über die Schandtaten +der Fürsten, die lange schon moderten, zu entrüsten, +widersprach im allgemeinen nicht den Ansichten der +Offizierskreise, in denen wir lebten. Sie befanden sich +damals, besonders in der Provinz, in einem scharfen +Gegensatz zu den Ideen und Gewohnheiten, die an +unsern Fürstenhöfen herrschten. Der Luxus galt als +verächtlich, die Ehrbarkeit eines einfachen Familienlebens +<a name="Page_111" id="Page_111"></a>als größtes Gut. Das persönliche Verhältnis, in dem +der unbemittelte Linienoffizier noch oft zum Soldaten +stand, war die Brücke des Verständnisses für viele +Wünsche und Bedürfnisse des Volks. Mit wieviel Heftigkeit +hörte ich oft darüber reden, daß es »oben« an der +nötigen Sorge für vorhandene Not fehle, daß das +»Hofgeschmeiß« vor lauter Lustbarkeit die preußische +Tradition der Pflichterfüllung immer mehr vergesse. +Als mein Vater einmal von irgendeiner Meldung aus +Berlin zurückkam, vermochte kein warnendes »Aber +Hans!« meiner Mutter, keiner ihrer bedeutungsvollen +Seitenblicke auf mich seine Empörung zu besänftigen, +die sich in drastischen Erzählungen über das, was er +gehört und gesehen hatte, Luft machte. Der zunehmende +Einfluß der Finanzkreise, die Demoralisierung der Garde +durch ihre Intimität mit »Theaterprinzessinnen« und +ihre Verschwägerung mit »Börsenjobbern«, der unpreußische +Prunk der Hoffeste, die Vetternwirtschaft, wo +es sich um Avancements handelte, — das alles wurde +immer wieder besprochen, und ein »Da wird noch was +Gutes dabei herauskommen« blieb der Refrain. Aber +Hand in Hand mit dieser abfälligen Kritik derer »oben«, +ging eine schroffe Verurteilung jeder Auflehnungsversuche +derer, die »unten« sind. Das patriarchalische Verhältnis +war das Ideal, was dagegen verstieß, ein Verbrechen. +So war mein Vater ein grimmiger Feind des großindustriellen +Unternehmertums, — Worte wie »Ausbeuter« +und »Blutsauger« hörte ich oft von ihm —, mit derselben +Heftigkeit aber verurteilte er die Ausgebeuteten und Ausgesogenen, +die sich selbst Recht verschaffen wollten. Beide +standen nach seiner Auffassung auf demselben Standpunkt +<a name="Page_112" id="Page_112"></a>materiellen Lebensgenusses; nur daß die einen ihn besaßen, +ihn bis zum letzten Tropfen auskosten wollten, +die andern mit allen Mitteln um seinen Besitz kämpften. +Inhalt und Ziel des Lebens war für beide gleich; — so +schien es auch mir nach allem, was ich hörte und +las, darum habe ich bei all meiner Begeisterung für die +Freiheitshelden der Geschichte, die Sozialdemokraten +nicht mit ihnen zu identifizieren vermocht, und meine +Abneigung stieg zu fanatischem Abscheu, als Kaiser +Wilhelm, der für uns alle das geweihte Symbol der +Einheit und Größe Deutschlands war, von Hödel bedroht +und von Nobiling verwundet wurde.</p> + +<p>Oben auf dem Fort Winiary, wo ein großer schattiger +Kasinogarten die Posener Offizierskreise im Sommer +zu vereinigen pflegte und ich, die verwöhnte Tochter des +allmächtigen Korpschefs, mit den Erwachsenen Krocket +und Boccia spielt, saßen wir gerade fröhlich um den +Kaffeetisch, als ein blutjunger Leutnant atemlos auf +uns zugestürzt kam. »Herr Oberst, Herr Oberst —« +mehr brachte er nicht heraus, die dicken Tränen liefen +ihm über die Wangen. »Zum Donnerwetter, was gibts +denn?« herrschte mein Vater ihn an. »Seine Majestät +unser allergnädigster Kaiser —« er versuchte stramm zu +stehen wie zur Meldung, aber die Knien zitterten ihm — »ist — ist +erschossen.« Mit einem wilden Aufschluchzen +brach er ab. Mein Vater wurde aschfahl. +»Das ist nicht wahr,« schrie er. Stumm reichte ihm +der Unglücksbote ein halb zerknülltes Papier, — das +Extrablatt. Aus dem ganzen Garten waren inzwischen +die Menschen zusammengelaufen, Soldaten und Offiziere, +Männer und Frauen, jung und alt. Alle weinten. Mein<a name="Page_113" id="Page_113"></a> +Vater allein stand wie erstarrt zwischen ihnen, nur das +stahlblaue Funkeln seiner Augen verriet, wie es in ihm +aussah. Wortlos, von jener gemeinsamen Empfindung +getrieben, die uns angesichts erschütternder Ereignisse +stets beherrscht: daß etwas geschehen müsse — irgend +etwas, das die gräßliche Spannung löst —, eilten wir alle +dem Ausgang zu. Als wir uns der Stadt näherten, — aus +den Fenstern der ersten Häuser wehten vereinzelt +schon schwarze Tücher, vom Turm der Garnisonkirche +läuteten die Glocken —, und wir die weite Sandfläche +des in der Sonne glühenden Kanonenplatzes betraten, +kam uns ein Mann mit einem Stelzbein entgegen, +auf dem abgetragnen Arbeitsrock ein sichtlich in +aller Eile befestigtes eisernes Kreuz. »Der Kaiser lebt, +der Kaiser lebt,« rief er, eine neue Depesche hochhaltend. +Wir hatten das Neue, Überraschende noch kaum gefaßt, +als er seinen schäbigen Hut zwischen die harten Fäuste +preßte: »Lieber Vater im Himmel«, — alle Mützen +flogen von den Köpfen, alle Hände falteten sich —, +»schütze unsern guten Kaiser!«</p> + +<p>Mein Vater war in jenen Tagen in unbeschreiblicher +Aufregung; mitten im Gespräch oder bei der Lektüre +konnte er auffahren und zähneknirschend murmeln: +»Aufhängen soll man die Kerle — einen neben den +andern!« Ich aber verkroch mich in mein Zimmer und +versuchte die große Erschütterung dadurch zu bemeistern, +daß ich sie in Worte faßte. In Versen und in Prosa +brachte ich meine Empfindungen zu Papier, und eines +Morgens legte ich meinem Vater das Niedergeschriebene +auf den Schreibtisch. Seine Freude war so groß, daß +er es kopieren ließ und Bekannten und Freunden zeigte; +<a name="Page_114" id="Page_114"></a>auch mein Lehrer, der entzückt schien, verbreitete es. +Wenn auf einen Punkt konzentrierte, fieberhaft gesteigerte +Empfindungen die Massen beherrschen, so wird +von ihnen stets begrüßt, was diesen Gefühlen Ausdruck +verleiht. So kommts, daß oft künstlerisch Wertloses in +aufgeregten Zeiten Bedeutung erlangt; so kam es wohl +auch, daß meine Verse mich über den engern Kreis der +Freunde hinaus bekannt machten. Begegnete man mir +schon anders als sonst dreizehnjährigen Mädchen, weil +ich erwachsen aussah und hübsch und meines Vaters +Tochter war, so umgab man mich jetzt mit einer Treibhausluft, +in der Eitelkeit und Hochmut wie Tropenpflanzen +wuchern konnten. In der Tanzstunde, die ich besuchte, nahm +ich die Huldigungen der Gymnasiasten entgegen, die nicht +nur meiner frischen Jugend galten, sondern auch den +literarischen Leistungen, die, wie ich erfuhr, in Gestalt +meiner Aufsätze durch meinen Lehrer in der Klasse +bekannt wurden. In den häuslichen Gesellschaften und +auf dem Fort Winiary suchten die jungen Offiziere die +Unterhaltung des »interessanten« Backfischs, und meine +einzige Freundin Mathilde — jenes blasse Kusinchen, +das mich bei der Heimkehr begrüßt hatte, — war eine +Bewunderung für mich. Meine Mutter war die einzige, +die ernüchternd wirken wollte. Da sie aber meine +Interessen in Bausch und Bogen als »dummes Zeug« +bezeichnete und die Methode hatte, jede, auch die reinste +Flamme meiner Begeisterung mit dem kalten Wasser ihrer +sarkastischen Kritik zu begießen, so erreichte sie das Gegenteil +von dem, was sie bezweckte, und entfremdete mich +ihr dadurch vollkommen. So allein wurde es möglich, +daß sie ahnungslos neben mir hergehen konnte, als die +<a name="Page_115" id="Page_115"></a>schwersten körperlichen und geistigen Kämpfe mich zu +vernichten drohten.</p> + +<p>Seit meiner Krankheit hatte ich allerlei Beschwerden, +die sich von Jahr zu Jahr steigerten. Blutwallungen, +die mir den Kopf zu sprengen drohten und den Herzschlag +bis in die Kehle hinauf trieben, hatten mich schon +in Grainau gequält. Instinktiv war ich dann auf die +Berge gelaufen, oder war beim ersten Morgengrauen +heimlich im eisigen Wasser des Rosensees untergetaucht. +In Posen aber war ich fast immer zu Haus; die kleinen +Spaziergänge, das in Rücksicht auf meinen stets empfindlichen +Hals nur bei Sonnenschein und Windstille gestattete +Schlittschuhlaufen halfen mir natürlich nichts; +turnen durfte ich nicht, weil das — wie Mama sagte — die +Hände breit macht; und die Tanzstunde mit der +guten Bowle, an der es nie fehlte, steigerte nur das +Quälende meines Zustands. Etwas Heißes, Dunkles +beherrschte mich mehr und mehr; abends, wenn ich +schlafen wollte, flogen Glutwellen über meinen Körper. +Meine tobenden Freiheitsgesänge machten Liebesliedern +Platz, die ich aus Scham und Furcht zu tiefst in meinem +Schreibtisch versteckte. Ihr Gegenstand war zuerst ein +Phantasiegebilde, ein erlösender Lohengrin, wie in meiner +frühen Kindheit, bald aber wurden es Menschen von +Fleisch und Blut. Nicht aus der Schar meiner Tanzstundenfreunde +wählte ich sie, sondern aus dem Bekanntenkreise +meiner Eltern. Die Schönheit gab dabei +allein den Ausschlag, mit allem übrigen — dem Glanz +der Geburt, dem überragenden Geist und der Güte des +Herzens — schmückte sie meine Phantasie verschwenderisch. +Ganze Romane erlebte ich in wachen Träumen; alle<a name="Page_116" id="Page_116"></a> +Stadien der Leidenschaft empfand ich: Abschied und +Wiedersehen, Eifersucht und Untreue, Besitz und Verlust; +und mit fieberheißen Händen füllte ich Bücher um Bücher +mit meinem erträumten Glück und Leid.</p> + +<p>Wie sie mich seltsam anmuten, die alten Poesiealbums +mit ihren bunten geschmacklosen Einbänden: Asche, die +von verpufftem Feuerwerk stammt. Der Schmerz bildet +überall den Grundakkord, die Qual der Verlassenheit +kommt immer wieder zum Ausdruck, und der Wunsch, +zu sterben, steigert sich oft zu brennendem Verlangen nach +dem Tod:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Einstmals blühtest du wunderbar,<br /></span> +<span class="i0">Rose, du prächtige, süße,<br /></span> +<span class="i0">Sandtest zum Himmel blau und klar<br /></span> +<span class="i0">Duftend-berauschende Grüße.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Einstmals füllte der Liebe Macht<br /></span> +<span class="i0">Mich mit Wonnen und Schmerzen,<br /></span> +<span class="i0">Und es strahlte des Lenzes Pracht<br /></span> +<span class="i0">Wider in meinem Herzen.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Jetzt ist die Rose verwelkt, verweht,<br /></span> +<span class="i0">Herbstlich umbraust mich das Wetter;<br /></span> +<span class="i0">Eines nur blieb, das den Sturm besteht:<br /></span> +<span class="i0">Dornen und dürre Blätter.<br /></span> +</div></div> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Im dunklen Buchengang<br /></span> +<span class="i0">Zur schönen Frühlingszeit<br /></span> +<span class="i0">Hast du mich heiß geküßt<br /></span> +<span class="i0">Voll Liebesseligkeit.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Im dunklen Buchengang<br /></span> +<span class="i0">Fielen die Blätter ab,<br /></span> +<span class="i0">Als ich zum Abschied dir<br /></span> +<span class="i0">Weinend die Hände gab.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0"><a name="Page_117" id="Page_117"></a>Im dunklen Buchengang<br /></span> +<span class="i0">Liegt unter Eis und Schnee,<br /></span> +<span class="i0">Begraben all mein Glück —<br /></span> +<span class="i0">Wach blieb mein Weh.<br /></span> +</div></div> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ich möchte zu Roß durch die Wälder jagen,<br /></span> +<span class="i0">Ich möchte, der Meersturm umbrauste mich,<br /></span> +<span class="i0">Ich möchte jauchzen und schluchzend klagen,<br /></span> +<span class="i0">Zu deinen Füßen, ach, stürbe ich!<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Ich möchte entfliehen und dich vergessen,<br /></span> +<span class="i0">Den Lippen fluchen, die ich dir bot.<br /></span> +<span class="i0">Ich möchte noch einmal ans Herz dich pressen,<br /></span> +<span class="i0">Und dann umarmen den Bräut'gam Tod.<br /></span> +</div></div> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>In artigen Reimen mit wohlerzogenen Gefühlen +stellte ich zu gleicher Zeit meine arme Muse zu allen +Festtagen in den Dienst der Familie und nahm für +mein »hübsches Talent« die allgemeine Anerkennung +entgegen. Nur eine erfuhr zuweilen von den Geheimnissen +meines Schreibtisches: Mathilde, das blasse +Kusinchen, die allsonntäglich zu mir kam, und zu der +ich lief, wenn das Herz mir gar zu voll war. Sie +war, als ich sie kennen lernte, noch ein Kind ihrem +Alter, ihrer geistigen und körperlichen Entwicklung nach, +und ich hätte sie nicht beachtet, wenn sie mir nicht in +einem Moment begegnet wäre, wo ich einen Menschen +brauchte, wie der schmelzende Schnee auf den Bergen +ein Bett, in das er sich ergießen kann. Ich hatte kein +andres Interesse für sie als das, daß sie mich aufnahm. +Abends in der Dämmerstunde, oder in den Zeiten, wo ich +zu Bett lag, halb verhüllt von den weißen Vorhängen, +<a name="Page_118" id="Page_118"></a>während das rote Licht der Ampel über mir strahlte, +mußte sie bei mir sitzen. Dann erzählte ich von meiner +Liebe, meiner Sehnsucht. Was ich im Traum erlebte, +gestaltete sich vor ihr wie Wirklichkeit. Sie glaubte +mir alles, sie weinte und seufzte mit mir; und je mehr +sie es tat, desto mehr verwischte sich vor mir selbst +Phantasie und Leben, desto mehr verirrte ich mich in +den Irrgängen meiner Einbildungen.</p> + +<p>Um jene Zeit war es, daß meine Mutter eine +neue Kammerjungfer engagierte, die, im Gegensatz +zu der entlassenen, auch mich anzuziehen und zu +frisieren hatte. Sie war ein hübsches, blondes Ding +mit einem unschuldigen Madonnengesichtchen, Tochter +einer ehrbaren Beamtenwitwe, die durch Zimmervermieten +ihre große Familie erhielt und ihre Kinder +in strenger Zucht und Frömmigkeit erzog, weshalb sie +meiner Mutter ganz besonders empfohlen worden war. +Anna — so hieß unsre neue Hausgenossin — fand besonderes +Gefallen an mir und wiederholte mir täglich, +wie hübsch ich sei, wobei sie es nicht unterließ, jeden +einzelnen meiner Vorzüge zu preisen und mir alle +Mittel anzugeben, um sie ins rechte Licht zu setzen. Ich +war eitel, aber es war mir von selbst nie eingefallen, +auf gut sitzende Korsetts, enge Schuhe und feine +Strümpfe irgend ein Gewicht zu legen. Jetzt wurde +ich Annas gelehrige Schülerin, und freudeheiß stieg mir +das Blut ins Gesicht, wenn sie nicht müde wurde, mir +zu versichern, daß der und jener mich bewundernd ansähe, +daß ich die Herzen einmal im Sturm erobern +werde. Allmählich nahm sie die Gewohnheit an, bei +mir zu bleiben, wenn ich nicht schlafen konnte und die<a name="Page_119" id="Page_119"></a> +Eltern nicht zu Hause waren. Flink, wie ihre geschickten +Hände die Nadel führten, um aus einem scheinbaren +Nichts immer noch ein hübsches, kokettes Etwas zu +machen, war ihre Zunge im Erzählen. Aber sie kannte +nur ein Thema: Liebesgeschichten, die sie gelesen oder +erfahren hatte. Von der unnahbaren Höhe ihrer Tugend +herab war ihre Entrüstung über das, was sie berichtete, +eine ganz ehrliche, und doch schwelgte sie mit kaum versteckter +Lüsternheit in ihren Schilderungen. Und so riß +sie nach und nach einen Schleier nach dem andern von +all den Dingen, die mir trotz meiner heimlichen Lektüre +doch unbekannt geblieben waren. Schon als Kind +hatte sie durchs Schlüsselloch die Zimmerherrn ihrer +Mutter beobachtet, hatte Damen aller Art bei ihnen +aus und ein gehen sehen. Sie selbst, — das erzählte +sie voll Stolz —, war niemals den Verführungskünsten +der Herren erlegen, wie die dummen, jungen Dinger, +die sie mit aufs Zimmer nahmen. Aber all die guten +Sachen, den Sekt und die Austern, hatte sie servieren +helfen und neugierig beobachtet, wie die Mädels sich +an Liebe und Alkohol berauschten. Freilich — nachher +mußten sie ihre Dummheit büßen; denn sobald das +Kind da war, ließen die Herren sie laufen. — Das +Kind! — Noch fühle ich, wie etwas Schreckhaft-Geheimnisvolles +mir die Glieder lähmte, als mir, der +Dreizehnjährigen, dies Wort aus Annas Mund feuerrot +entgegensprang. — Das Kind! — An den Storch +glaubte ich längst nicht mehr, aber wie die Liebe in +meinen Augen immer von überirdischem Strahlenglanz +umgeben erschien, so schwebte um das Geheimnis des der +Liebe entspringenden Lebens ein mystischer Heiligenschein.</p> + +<p><a name="Page_120" id="Page_120"></a>Wie Anna mich auslachte, mit einem hellen quiekenden +Lachen, als ich zögernd meine Unkenntnis gestand! +Und wie das junge Ding mit den naiven blauen Frageaugen +mich aufklärte! — — Sie war so vertieft in +alle Details der Beschreibung, daß sie gar nicht bemerkte, +wie das Entsetzen mich schüttelte und meine +Brust vor verhaltenem Schluchzen flog; das fröhliche +Kichern, mit dem sie ihre Rede begleitete, verriet ihre +Freude an ihrem Gegenstand, so daß sie schließlich ratlos +und kopfschüttelnd vor der Verzweiflung stand, die +mich gepackt hatte. »Am Ende« — so mochte sie denken — »fürchtet +sie jetzt schon den Moment des Gebärens, dessen +Analen ich beschrieb?!« Und mit noch größrer Zungenfertigkeit +erzählte sie von den Vorsichtigen und Klugen, die +sich vor solchen Konsequenzen zu hüten verstehen, und von +den Dirnen, die in die Gefahr gar nicht kommen und von +den Männern darum am meisten begehrt werden.</p> + +<p>Ich hörte zu weinen auf und horchte hoch auf. O, +die Kleine war gut orientiert! War sie doch oft genug +zu Botengängen benutzt worden und zur intimsten +Kenntnis des Lebens und Treibens der Halbwelt +gelangt! Feine Damen gab es darunter, die in Samt +und Seide gingen und sich teuer bezahlen ließen. »Bezahlen?!« — ich +kämpfte schon wieder mit den Tränen. +»Liebe bezahlen?!« Anna kicherte: »Liebe! —« und sie +verfiel wieder in Detailschilderungen. »Pfui! — Pfui!« +schrie ich auf und preßte die Hände um den Kopf; mir +war, als brächen dröhnend die Mauern über mir zusammen. +Halb von Sinnen richtete ich mich auf im +Bett und stieß mit der Faust gegen das Mädchen, so +daß es aufheulend vom Stuhle fiel.</p> + +<p><a name="Page_121" id="Page_121"></a>Mama erkundigte sich am nächsten Morgen teilnehmend +um ihr geschwollenes Gesicht; sie sprach von »Zahnschmerzen«, +ich schwieg. Nicht ein Wort von dem, was +geschehen war, hätte ich zu sagen vermocht. Ich ging +umher, und meine Scham war wie ein glühender Mantel, +der meinen ganzen Körper dicht umschloß. Ich wurde +die Bilder nicht los, während der Ekel mir die Kehle +zukrampfte. Das — das war Liebe — Liebe, von der +ich geträumt hatte, an der alle meine Gedanken sich +entzündeten, die alle Dichter als das Schönste und +Höchste priesen! — Ich wollte nicht mehr daran denken, — ich +wollte nicht. Aber dann stiegen neue Fragen +auf, und Zweifel, und an leise Hoffnungen klammerten +sich die alten Ideale. An wen hätte ich mich wenden +sollen, als an Anna, vor der die Scham am leichtesten +überwunden war? »Nur die ganz schlechten, ganz gemeinen +Männer, nur die Verbrecher sind — so?« Welch +eine Erlösung wäre ein Ja gewesen! Aber Anna +unterstrich und erläuterte das »Nein« doppelt und +dreifach. Und nur in ganz hellen, frohen Stunden, — sie +waren selten genug —, triumphierte mein Idealismus, +und die alte Schöpferkraft meiner Phantasie schuf +sich reine Lichtgestalten.</p> + +<p>Wenn aber nachts mein Herz und mein Blut mir +keine Ruhe ließen, so verfolgten mich unablässig die +gräßlichsten Träume. Verzweifelt kämpfte ich dagegen +an, — wie um meiner zu spotten, kamen sie mit doppelter +Gewalt wieder. Am Tage war ich totmüde, +dunkle Ringe umschatteten meine Augen, und die Überzeugung +meiner abgrundtiefen Schlechtigkeit machte mich +scheuer und verschlossener noch als vorher. Wenn meine<a name="Page_122" id="Page_122"></a> +Mutter abends an mein Bett trat und, dunkelrot im +Gesicht, mit drohender Stimme sagte: »Hüte dich vor +der geheimen Sünde!« so verstand ich sie zwar gar nicht, +senkte aber doch schuldbewußt die Augen.</p> + +<p>Mehr als je war ich damals mir selbst überlassen, +aber nur ein Zufall ließ mich erfahren, warum. Das +Flüstern um mich her, das vielsagende Lächeln, all die +weißen Linnenhaufen, die genäht und sorgfältig vor +mir versteckt wurden, hatten mich schon neugierig gemacht. +Daß Mama vielfach leidend war, jeder Frage +danach aber auswich und tief errötete, wenn sie dennoch +antworten mußte, erschien mir auch seltsam genug. Ein +Satz in einem Brief der Großmutter, den man mir +achtlos zu lesen gegeben hatte, klärte mich auf: Mama +war guter Hoffnung. »Guter Hoffnung«, — beinahe +komisch kam mir der Ausdruck vor, wenn ich sie beobachtete: +ihre zusammengezogenen Brauen, ihre aufeinandergepreßten +Lippen, die sich kaum mehr zu einem +Lächeln öffneten, ihr Klagen und Seufzen. Nein, die +Hoffnung war für sie keine gute. Es schien fast, als +schäme sie sich ihrer, da sie sie sorgfältig verbarg. Und +in Gedanken an Annas Erzählungen errötete auch ich, +wenn ich in Gegenwart der Eltern daran dachte. Sie +sprachen niemals von dem, was sich vorbereitete; und +erst als mein Schwesterchen geboren worden war, wurde +mir das Ereignis vom Vater angekündigt. Seine rührende +Freude wirkte ansteckend auf mich, und es gab +Stunden, wo der Gedanke an das hülflose kleine Wesen +in der Wiege wie eine Erlösung über mich kam: hier +war eine Aufgabe für mich, die mich mir selbst entreißen +konnte. Und hielt ich es in den Armen, das +<a name="Page_123" id="Page_123"></a>süße weiße Körperchen, so gingen mir die Augen über +vor zärtlicher Liebe, und heimlich schwor ich mir zu: dich +will ich behüten vor all der Qual, die ich erlitt. Aber +die polnische Amme, ein leidenschaftliches Geschöpf, das +mit der angstvollen eifersüchtigen Liebe wilder Tiere an +dem Säugling hing, als wäre er ihr eignes Kind, tat, +was sie konnte, um mich fernzuhalten; auch meine Mutter +schien mich in der Kinderstube ungern zu sehen, und so +ging ich bald wieder meine einsamen äußeren und inneren +Wege.</p> + +<p>Eines Tages, als ich verspätet wie immer an den +Frühstückstisch trat, — ich pflegte erst gegen Morgen tief +und ruhig zu schlafen —, belehrte mich ein Blick auf +die Eltern, daß sie eine heftige Auseinandersetzung gehabt +hatten. Das war mir zwar nichts Neues, denn +Mama sah neuerdings häufig verweint aus, und Papa +wurde beim kleinsten Anlaß heftiger denn je, — an der +kurzen Begrüßung merkte ich aber, daß ich die Ursache +ihres Streits gewesen sein mußte.</p> + +<p>»Da lies!« sagte mein Vater und reichte mir ein +längeres Schreiben mit der Unterschrift unseres Garnisonpfarrers. +Es lautete:</p> + +<p style="text-align: right"> +Posen, den 6. Januar 1879 +</p> + +<p>Hochverehrter Herr Oberst!</p> + +<p>Sie werden es mir nicht verübeln können, wenn ich +als Seelsorger unsrer Gemeinde, dem das ewige Heil +aller ihrer Glieder am Herzen liegt, im Interesse Ihrer +Tochter diese Zeilen an Sie richte.</p> + +<p>Schon seit längerer Zeit habe ich beobachtet, und aus +vielen mir zugegangenen Berichten wohlwollender Männer +<a name="Page_124" id="Page_124"></a>und Frauen schließen können, welch ernster Gefahr Alix +entgegen geht. Das vielleicht durch eine größere geistige +Begabung irre geleitete Kind hat viel von jener echten +jungfräulichen Demut und Bescheidenheit, die der Schmuck +jeder christlichen Familie ist, verloren, und ihre junge +Seele dem Teufel des Hochmuts zu überliefern schon +begonnen. Ich hätte mich aber trotzdem in Ihre Entschlüsse +und die Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin +noch nicht einzumischen gewagt, wenn mir nicht kürzlich +eine Mitteilung gemacht worden wäre, deren Richtigkeit +ich nicht anzweifeln kann. Darnach hat Ihre Tochter +einem jungen, noch ganz unverdorbenem Mann gegenüber +erklärt, daß der Opfertod unsers Herrn und +Heilandes ihr nicht anbetungswürdig erscheine; jeder +Mensch würde freudig zu sterben bereit sein, wenn er +wüßte, daß er dadurch die Menschheit erlösen könne. +Für einen Gottessohn, der seiner ewigen Seligkeit gewiß +sei, wäre dies also keine bewundernswürdige Tat. +Sie fügte noch hinzu, daß Unzählige aus weit geringeren +Ursachen ruhig in den Tod gegangen wären.</p> + +<p>Es ist mir, Gott sei Lob und Dank, mit des Herrn +gnädiger Hilfe gelungen, den jungen in seiner christlichen +Überzeugung durch Ihre Tochter erschütterten +Mann auf den Weg des Glaubens zurückzuführen; nunmehr +aber habe ich die Pflicht, Sie, hochverehrter Herr +Oberst, inständig zu bitten, Ihr irregeleitetes Kind dem +Einfluß eines Seelsorgers anzuvertrauen, der diese +Menschenblume in das Licht des Gotteswortes rückt, +und sie von all dem bösen Ungeziefer befreit, das an +ihr nagt.</p> + +<p>Ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich in per<a name="Page_125" id="Page_125"></a>sönlicher +Unterredung meinen Rat zu einer Tat werden +lassen könnte.</p> + +<p>Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Oberst, den +Ausdruck meiner ausgezeichneten Hochachtung,</p> + +<p> +<span style="margin-left: 10em;">mit der ich verbleibe</span><br /> +<span style="margin-left: 14.5em;">Ihr ganz ergebener</span><br /> +<span style="margin-left: 21.5em;">Eberhard</span><br /> +<span style="margin-left: 21.5em;">Pfarrer</span><br /> +</p> + +<p>»Nun, was sagst du dazu?« fragte mein Vater, der +immer ungeduldiger mit den Fingern auf dem Tisch +trommelte, so daß Gläser und Tassen klirrten.</p> + +<p>»Gemein!« war das einzige, was ich zunächst hervorbringen +konnte.</p> + +<p>»Genau dasselbe habe ich gesagt!« polterte Papa. +»Ein netter unverdorbener Jüngling, der mit frommen +Augenverdrehen hingeht und meine Tochter beim Herrn +Oberbonzen verpetzt. Ich hätte Lust, dem Kerl die +Hosen stramm zu ziehen und dem Eberhard die blauen +Flecke als einzige Antwort zu zeigen!«</p> + +<p>»Du solltest aber doch erst hören, lieber Hans, wie +weit Alix schuldig ist,« warf Mama erregt ein.</p> + +<p>»Ich habe gesagt, was er schreibt, und bin bereit, es +ihm ins Gesicht zu sagen!« rief ich und warf trotzig den +Kopf zurück.</p> + +<p>Mama preßte die Lippen zusammen, was ihrem schönen +Gesicht etwas Grausames gab. »Da hörst du es,« sagte +sie; »das sind die Früchte der religionslosen Erziehung. +Du hast es nicht anders gewollt, und ich habe um des +lieben Friedens willen nachgegeben. Jetzt aber hab ich +genug, übergenug davon! Pfarrer Eberhard werde ich +antworten.«</p> + +<p><a name="Page_126" id="Page_126"></a>Damit ging sie hinaus. Mein Vater sprang wütend +auf. Mich packte die Angst: nur keine neue Szene! +Und all die Sünden fielen mir ein, deren ich mich tatsächlich +schuldig fühlte. Ich trat Papa in den Weg. +»Sei nicht böse, bitte, bitte nicht,« bat ich schmeichelnd, +»es ist vielleicht wirklich das Beste, wenn ich Religionsstunden +bekomme. Ich bin ja doch bald vierzehn Jahre +alt. Und schaden werden sie mir gewiß nichts!« Mein +Vater, der mit ein wenig Zärtlichkeit gelenkt werden +konnte wie ein Kind, zog mich gerührt in die Arme, +als ich, um meiner Bitte Nachdruck zu geben, meine +Wange auf seine Hand preßte. »Und der Bengel, das +schwatzhafte alte Weib?« brummte er noch. »Den strafe +ich mit Verachtung,« lachte ich.</p> + +<p>Meine Mutter trat wieder ein. »Hier ist meine +Antwort,« sagte sie: »Sehr geehrter Herr Pfarrer! +Sie sind unsern Wünschen zuvorgekommen. Die rasche +Entwicklung unsrer Tochter macht eine frühere Einsegnung +nötig, als es sonst üblich ist. Wir haben sie daher +auf das nächste Jahr festgesetzt und bitten Sie, uns +mitzuteilen, wann der Vorbereitungsunterricht beginnt, +zu dem wir Ihnen unsre Alix anvertrauen wollen. Auf +die Klatscherei des jungen Mannes einzugehen, widerspricht +unsern elterlichen Empfindungen ...</p> + +<p>»Ich habe damit nicht etwa dich, sondern unseren +guten Ruf in Schutz genommen,« fügte sie rasch, zu +mir gewendet hinzu.</p> + +<p>Bald darauf begann der Unterricht. Sehr befriedigt, +von einer neuen frohen Hoffnung erfüllt, kam ich aus +der ersten Stunde nach Hause. »Meine Türe und mein +Herz stehen Euch jederzeit offen,« hatte der Pfarrer ge<a name="Page_127" id="Page_127"></a>sagt, +»Ihr könnt mit allem, was Euch bedrückt, mit +Euren Leiden und Zweifeln zu mir kommen. Ich werde +mich immer bemühen, Euch zu verstehen und Euch zu +helfen.« Die harmlosen Kindergesichter meiner Mitschülerinnen — Offizierstöchter +wie ich, die natürlich +von den übrigen Gemeindekindern gesondert unterrichtet +wurden — legten mir unwillkürlich während unseres +Zusammenseins bei ihm Schweigen auf. Um so häufiger +wollte ich allein zu ihm gehen. Herzklopfend trat ich +das erste Mal bei ihm ein. In vagen Andeutungen, +die gewiß nur ein guter und gütiger Physiologe hätte +verstehen können, sprach ich ihm von den bösen Gedanken +und häßlichen Phantasien, die ich vergebens zu vertreiben +versuchte. Ein »hm, hm,« und »so, so« und ein erstauntes +Kopfschütteln war zunächst die einzige Antwort. +In sichtlicher Verlegenheit, die Handflächen nervös aneinanderreibend +ging er im Zimmer auf und ab, blieb +abwechselnd vor dem Gummibaum am Fenster, dem +Stahlstich des Gekreuzigten über seinem Schreibpult und +der Sammlung von Familienphotographien auf dem +Bücherbrett stehen, die er eingehend zu betrachten schien, +um sich endlich, wie unter dem Einfluß eines raschen +erleuchtenden Gedankens, mir wieder zuzuwenden. Über +den Tisch hinweg streckte er mir beide Hände entgegen, +fleischige, weiche Hände, die sich anfühlten, als hätten sie +weder Knochen noch Muskeln. Eine physische Abneigung +ließ mich zögern, die meinen hineinzulegen. »Nun, +mein Kind,« sagte er und hob sie auffordernd, »habe +Vertrauen zu Deinem Seelsorger! Wie ich jetzt Deine +Hände fasse,« — seine runden Finger legten sich um die +meinen, als wären es lauter nackte, klebrige Schnecken, — »so +<a name="Page_128" id="Page_128"></a>wird Gott die flehend zu ihm erhobenen Hände +deiner Seele ergreifen und dich aufrichten vom Staube! +Das sind Versuchungen des Bösen, denen du ausgesetzt +bist. Je mehr dein Glaube lebendig werden wird, je +inniger du zu beten lernst, desto sicherer wirst du ihn +überwinden.« — Ich zog leise meine Hände aus den +seinen und rieb sie unter dem Tisch heimlich an meinem +Kleide ab. Er fing an, mich zu examinieren, ob, wie +oft und wann ich bete, ob ich zu unserm Herrn und +Heiland in kindlich-vertrauendem Verhältnis stünde, ob +ich fleißig die Bibel läse. Nach kurzem Kampfe gegen +ein starkes inneres Widerstreben antwortete ich ihm, +wie es der Wahrheit entsprach, war ich doch zu ihm +gekommen, beseelt von dem aufrichtigen Wunsch, erlöst +zu werden von meinen Qualen, getrieben von der Sehnsucht, +mir einen neuen, dauernden Tempel bauen zu +können, wo ich zu einem lebendigen Gott zu beten vermöchte! +Er runzelte die Stirn, »das ist ja sehr, sehr +traurig und unerhört für eine christliche Familie!« rief +er aus. Ich beeilte mich, die Eltern zu verteidigen: +»O wir beten immer bei Tisch, Mama liest jeden Morgen +eine Andacht, und in die Kirche gehen wir auch jeden +Sonntag!« — »Um so unbegreiflicher, daß ein so junges +Kind, wie du, der Verführung des Bösen erliegen konnte.« +Ein neuer Gedanke schien ihm durch den Kopf zu gehen, +scharf sah er zu mir hinüber; »Was liest du denn?« +frug er. Ich erschrak; sollte ich ihm das Geheimnis +meiner schönsten Stunden verraten?! Ein tiefes, schmerzliches +Aufatmen — es mußte sein — mußte sein, um +meines Heiles willen! Zu jener Zeit hatte ich angefangen, +mir aus Papas Bücherschrank Goethes Werke zu +<a name="Page_129" id="Page_129"></a>holen, — einen Band nach dem anderen. Wenn ich mich +darin vertiefte, so war ich am sichersten vor mir selbst: +wie hatte ich mich für Iphigenie begeistert, um Gretchen +geweint, und Werthers Leiden hatte ich mir gekauft, +um sie immer in der Tasche tragen zu können. Ich +pflegte sie heraus zu ziehen, wie der katholische Priester +sein Brevier, wenn er sich vor Anfechtungen schützen +will.</p> + +<p>»Das ist ja unerhört, unerhört!« unterbrach der Pfarrer +meine Beichte, und seine Stimme überschlug sich, wie in +der Kirche, sobald er von der Fleischeslust sprach. »Da +es dein ernster Wille zu sein scheint, dich zu bessern,« +sagte er dann so laut, als hätte er die Rekruten der +ganzen Garnison vor sich, »so wirst du tun, was ich +von dir verlangen muß: du rührst diese verwerflichen +Bücher während der Zeit des Konfirmandenunterrichts +nicht mehr an. Du liest nur, was ich dir gebe. Du +kommst jedesmal eine Viertelstunde früher zur Stunde +zu mir als die andern Kinder, damit sie in ihrer Unschuld +nicht gefährdet werden. Versprichst du mir das?« +Ich senkte stumm den Kopf; noch einmal legten sich +seine Finger um die meinen, dann war ich entlassen. +Wie zerschlagen schlich ich nach Hause. Aber ich war +fest entschlossen, zu tun, was er verlangt hatte.</p> + +<p>Am nächsten Morgen gab es zu Haus eine böse +Szene: Pfarrer Eberhard hatte meinen Eltern über +meinen Besuch Bericht erstattet und sie aufgefordert, +sein »schweres Rettungswerk« zu unterstützen. Ich sah +wohl, daß meines Vaters Zorn sich mehr gegen den +Pfarrer, als gegen mich richtete, aber wie immer, wenn +Mama mit ihrer ganzen Energie auftrat, überließ er +<a name="Page_130" id="Page_130"></a>ihr das Feld, mir nur unter heftigem Händedruck ein +»verdammte Pfaffen« zuflüsternd. Alle meine Schubfächer +wurden untersucht, alle Bücher konfisziert, die in +die Rubrik: Lehrbücher und Backfischliteratur nicht hineinpaßten; +der Schlüssel vom Bücherschrank wurde abgezogen, — nur +die verborgenen Schätze im Sofa +blieben unentdeckt. Ich befand mich in einer unbeschreiblichen +Aufregung: Der erste Mensch, an den ich mich +hilfesuchend gewandt, vor dem ich mein Inneres enthüllt +hatte, wie vor keinem bisher, vertraute mir so wenig, +daß er mich überwachen ließ wie einen Verbrecher! +Auch mit meinem Lehrer hatte Mama an demselben Tage +eine längere Unterredung, von der er sehr rot und verschüchtert +zu mir kam. Er umging von da an noch +vorsichtiger als sonst jede Berührung religiöser Fragen. +Er wurde überhaupt immer scheuer vor mir und war +seltsam zerstreut.</p> + +<p>Eine unüberwindbare Bitterkeit ließ diese erste Erfahrung +mit dem Pfarrer in mir zurück; das persönliche +Vertrauen war ein für allemal vernichtet, aber ich hoffte +trotzdem, daß das, was er lehrte, mir Befreiung bringen +würde. Und ich klammerte mich an diese Hoffnung. +Ich las in den Büchern, die er mir gab, und in der +Bibel, ich klagte mich vor mir selber an, wenn ich eine +rechte Andachtsstimmung nicht festhalten konnte und +immer wieder an den Widersprüchen und Unwahrscheinlichkeiten, +die mir aufstießen, Anstoß nahm.</p> + +<p>War die Bibel von Gott inspiriert, so mußte die +Schöpfungsgeschichte wahr sein; und war sie es, warum +lehrte man uns dann die naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse +der Gelehrten kennen? Bei allen<a name="Page_131" id="Page_131"></a> +Wundern, an die ich glauben sollte, stießen mir dieselben +Bedenken auf; und ebensowenig kam ich über die Lehre +hinweg, daß der Gott der Liebe, der Vater im Himmel +mit dem grausamen, rachsüchtigen Jehova des Alten +Testaments identisch sein sollte. Furchtbarer aber als +alles bedrückte mich der Zweifel an der Erlösung der +Menschheit durch Christi Leiden und Sterben. Weder +die Sünden noch die Sorgen der Menschheit waren seit +seinem Tode aus der Welt verschwunden, und jeder +büßte, — wie schmerzvoll empfand ich es selbst —, nach +wie vor seine eigene Schuld. Ich sprach meine Zweifel +und Bedenken offen aus — wir waren ja ausdrücklich +dazu aufgefordert worden! — und erwartete sehnsüchtig, +widerlegt, in unanfechtbarer Weise eines Besseren belehrt +zu werden. Pfarrer Eberhard wurde immer +nervöser, sobald ich den Mund auftat, und die andern +starrten mich an, und stießen sich kichernd mit den Ellbogen, +wenn ich eine Frage stellte. Schließlich wurde +mir ein für allemal verboten, in ihrer Gegenwart meine +Gedanken laut werden zu lassen; ich benutzte zunächst +die Viertelstunde des Alleinseins dazu, für die der Pfarrer +immer seltener Zeit zu haben vorgab, und besuchte ihn +schließlich außerhalb der Stunde, wenn meine Zweifel +mir gar keine Ruhe mehr ließen. Er wurde von +einem Mal zum anderen ungeduldiger, und warf mir +meinen »geistigen Hochmut«, der mich verführe, mit den +unzulänglichen Mitteln menschlichen Verstandes an göttliche +Geheimnisse zu rühren, in immer heftigerer Weise +vor. Auf all mein Warum? war seine Antwort: darüber +darf man nicht nachdenken, denn der Glaube allein versetzt +Berge, der Glaube allein macht selig, und so wir +<a name="Page_132" id="Page_132"></a>nicht werden wie die Kinder, werden wir das Reich +Gottes nicht schauen. — Danach muß geistiges Streben, +Forschungstrieb, Wissenschaft ein Werk des Teufels sein, — folgerte +ich. Unsere Unterhaltungen — das sah ich +endlich ein — waren zwecklos. Ich gab sie auf. In +dem Bedürfnis, mich auszusprechen, machte ich meine +Kusine, die ich schon mit meinen Herzensgeschichten aus +allem Gleichgewicht gebracht haben mochte, zur Vertrauten +meiner religiösen Kämpfe. Es waren Monologe, +die ich vor ihr führte, und ich war so sehr mit mir +selbst beschäftigt, daß ich gar nicht bemerkte, wie das +arme Ding unter mir litt: wie eine Blume war sie, +die in der Knospe welkt, wenn sie zu früh dem Schutz +des Schattens und der Kühle entrissen wird.</p> + +<p>Zuweilen frug mein Vater mich nach meinen Stunden; +er, der menschlicher, feiner dachte, und der mich so lieb +hatte wie niemand sonst, hätte mir vielleicht helfen +können, wenn nicht eine tiefe, innere Entfremdung +zwischen uns eingetreten wäre. Hatte seine aufbrausende +Heftigkeit, die zwar weniger im Verkehr mit mir, als +der Dienerschaft und den Untergebenen gegenüber hervortrat, +ein inniges Verhältnis zwischen uns schon nicht +aufkommen lassen — jedes laute Wort ließ mich erzittern —, +so machte meine allmähliche Erkenntnis unserer +pekuniären Lage, als deren Ursache ich ihn allein ansah, +mich hart und unnahbar. Ich sah, wie oft meine Mutter +weinte, wenn unerwartete Rechnungen kamen; ich las +in den Briefen meiner Großmutter an Mama, die mir +zuweilen gegeben wurden, zwischen den Zeilen, wie die +Geldsorgen auf der ganzen Familie lasteten. Ich fing +an zu begreifen, warum Mama sich über Geschenke ihres<a name="Page_133" id="Page_133"></a> +Mannes nicht freute, was mir früher so herzlos erschienen +war. Es kam vor, daß ich ihr darin schon +nachahmte, und erst ein Blick auf Papas trauriges Gesicht, +auf seine vor Enttäuschung zuckenden Lippen, löste +meine natürliche Freude über hübsche Dinge aus. Mitleid +aber ist kein Mittel des Vertrauens, besonders nicht +bei einem Kinde und einem Weibe; Mitleid erhebt über +den Bemitleideten; das Kind, wie das Weib, muß emporsehen +können zu dem Menschen, dem sein ganzes Vertrauen +gehören soll. So blieb ich allein, auch in diesem, +dem schwersten Kampf meiner Kindheit. Niemand half +mir, selbst Gott nicht, so oft und so verzweifelt ich ihn +auch anrief.</p> + +<p>Um diese Zeit war es, daß meine englische Lehrerin +mir von Shelley erzählte, der mit sechzehn Jahren schon +seiner antichristlichen Ansichten wegen von der Schule +entfernt worden war, später aus denselben Gründen +England verlassen mußte und, kaum dreißig Jahre alt, +in den Wellen des Adriatischen Meeres seinen Tod fand. +Sein Schicksal ergriff mich tief. Der Überzeugung +Stellung, Wohlleben, Familie und Heimat opfern, — das +erschien mir stets als ruhmwürdigste Tat.</p> + +<p>Mit der Versicherung, daß ich sie doch nicht verstehen +würde, gab mir die lange, blonde Miß, die für mich +bis dahin nur die Verkörperung der Grammatik gewesen +war, auf mein dringendes Bitten Shelleys Werke.</p> + +<p><em class="antiqua">»Queen Mab«</em> war das erste, was ich aufschlug. In +einer Nacht las ich es zweimal. Mir war, als wäre +ich selbst Janthe, der Geist, dem die Feenkönigin des +Weltalls wundervolle Pracht, die Schauer der Vergangenheit, +das Elend der Gegenwart und das verklärte<a name="Page_134" id="Page_134"></a> +Bild der Erdenzukunft zeigte: Ich sah die Reichen +schwelgen, die Armen hungern; die Toten sah ich auf +den Schlachtfeldern, hingemordet um der Ländergier der +Könige willen, und sah, wie die Menschen einander +zerfleischten wie wilde Tiere, im Namen ihrer Götter! +Und dann verklangen in weiter Ferne all die Laute +der Qual, das Weinen der Verlassenen, das Stöhnen +der Hungernden, Verzweiflungsschreie und Todesröcheln. +»Die Wirklichkeit des Himmels, die selige Erde« zeigte +sich, die Welt der Zukunft, wo niemand vergebens mehr +nach Brot verlangen, niemand nach Erkenntnis verdursten, +wo die Menschheit sich selbst erlöst haben wird +aus der Hölle irdischer Verdammnis. <em class="antiqua">»Spirit, behold +thy glorious destiny!«</em>, — rief Mab, die Königin, es +mir nicht zu? Galt nicht mir ihre Mahnung: Fürchte dich +nicht! Führe den Krieg gegen Herrschsucht und Falschheit +und Not, schlag durch die Wildnis den Pfad hinüber +in die Welt, die da kommen soll!</p> + +<p>Ich empfand Shelleys Atheismus nicht, ich fühlte +nur, daß er den Gott verleugnete, an den auch ich nicht +zu glauben vermochte, und wie eine Offenbarung wirkte +auf mich sein lebensstarker, hoffnungsreicher Idealismus, +sein Vertrauen in der Menschen eigene Kraft, sein +feuriger Appell an die Macht des Willens.</p> + +<p>In langen Nächten voll innerer Kämpfe suchte ich +mir klar zu werden über den Weg, den ich zu gehen +hatte, und baute mir langsam, Stein um Stein mühselig +zusammentragend, die Kirche meiner Religion auf. +Ein heißes Glücksgefühl erfüllte mich, als ich mein +Werk vollendet sah und der Entschluß in mir fest stand, +mich zu keinem andern Glaubensbekenntnis als zu +<a name="Page_135" id="Page_135"></a>meinem eigenen zwingen zu lassen, — koste es, was es +wolle.</p> + +<p>Um die Weihnachtszeit 1879 besuchte ich Pfarrer +Eberhard und erklärte ihm, daß ich außerstande sei, das +Apostolikum vor dem Altar zu beschwören, daß er mich +daher von der Einsegnung dispensieren möge. Zugleich +legte ich ihm eine schriftliche Zusammenfassung meiner +religiösen Ansichten vor, — ein persönliches Glaubensbekenntnis, +das jeder der Konfirmanden niederzuschreiben +verpflichtet war. Es lautet:</p> + +<div class="blockquot"><p>»›Ich glaube an Gott den Vater, allmächtigen +Schöpfer Himmels und der Erden.‹</p></div> + +<p>Ich glaube nicht an diesen Gott. Ich glaube nicht, +daß er in sechs Tagen die Welt geschaffen hat, daß er +ihm zum Bilde den Menschen schuf. Ich glaube der +Wissenschaft mehr als den unbekannten Fabelerzählern +des Alten Testaments.</p> + +<div class="blockquot"><p>›Ich glaube an Jesum Christum, Gottes eingeborenen +Sohn, unsern Herrn, der empfangen ist von dem +Heiligen Geiste, geboren von der Jungfrau Maria, +gelitten unter Pontio Pilato, gekreuziget, gestorben +und begraben, niedergefahren zur Hölle, am dritten +Tage auferstanden ist von den Toten, aufgefahren gen +Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, des allmächtigen +Vaters, von dannen er kommen wird, zu richten die +Lebendigen und die Toten.‹</p></div> + +<p>Ich glaube nicht an diesen Christus, denn ich halte +es für heidnisch, an eine Menschwerdung Gottes zu +glauben. Ich glaube weder an seine wunderbare Geburt, +noch an seine Höllen-, noch an seine Himmelfahrt, noch +an seine Wunder.</p> +<p><a name="Page_136" id="Page_136"></a></p> +<div class="blockquot"><p>›Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige +christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung +der Sünden, Auferstehung des Fleisches und +ein ewiges Leben.‹</p></div> + +<p>Ich glaube nicht an diesen Heiligen Geist, ich glaube +nicht an eine heilige, christliche Kirche, die mordet, brennt, +verfolgt, steinigt, die Seelen martert, die Wahrheit +leugnet. Ich glaube nicht an Vergebung der Sünden, +weil Sünde sich nur durch bessere Taten vergibt. Ich +glaube nicht an Auferstehung des Fleisches, denn das +ist wissenschaftlich unmöglich.</p> + +<p>Ich glaube an eine höhere Gewalt, die wir Gott +nennen, die der Ursprung des ersten Lebens ist, die +die Kraft des Werdens in das erste Atom gelegt hat. +Mein Geist ist ein Teil dieses Gottesgeistes.</p> + +<p>Ich glaube an Jesus, als an einen edlen Menschen, +der zuerst das Gebot der Menschenliebe predigte und +danach lebte. Ich glaube, daß er in Niedrigkeit geboren +wurde, damit wir daran erkennen sollen, daß die +Geburt nicht den Menschen macht, sondern eigene Arbeit +und eigenes Streben. Christi Gebot der Menschenliebe +wird die nach ihm benannte Kirche richten.</p> + +<p>Ich glaube an den Geist Gottes, der sich in allem +Schönen und Großen offenbart, der nach dem Tode +des Körpers in andern fortlebt, sei es auf oder über +der Erde. Die Kirche und ihre Dogmen halte ich für +menschliche Einrichtungen, denen ein freier Geist sich +nicht zu beugen braucht.</p> + +<p>Sollte dennoch die mir gelehrte christliche Religion +die wahre sein, so hoffe ich das mit der Zeit zu erkennen. +Wenn es ein Verbrechen ist, daß ich mich jetzt +<a name="Page_137" id="Page_137"></a>von ihr lossage, so scheint es mir ein noch größeres +Verbrechen zu sein, mich zu ihr zu bekennen, wo mein +Herz nichts davon weiß.«</p> + +<p>Pfarrer Eberhard war zuerst keines Wortes mächtig. +Dann aber entlud sich sein Zorn schrankenlos über mir. +Jede Selbstbeherrschung vergessend, schlug er mit Anklagen, +Vorwürfen, Drohungen auf mich ein, — es war +wie eine Bastonnade! Aber ich ergab mich nicht. Durch +Wochen und Monate setzte der Kampf zwischen uns sich +fort, von dem niemand wußte als wir beide. War +es Rücksicht, oder war es die Sorge, seine Niederlage +einzugestehen, — er weihte diesmal auch meine Eltern +nicht ein. Zwischen jeder Zusammenkunft sammelte ich +mein Rüstzeug aus meinem verborgenen Bücherschatz, +der um vieles gewachsen war, und grübelte zu gleicher +Zeit über die Ausführung abenteuerlicher Pläne. Gab +der Pfarrer nicht nach, so war ich entschlossen, zu fliehen. +Um mir das nötige Geld zu verschaffen, schickte ich Gedichte +und Aufsätze an die verschiedensten Zeitschriften — natürlich +vergebens! — und verkaufte in obskuren +Läden ein Schmuckstück nach dem anderen. Als ich gerade +im Begriffe stand, das Kostbarste, — eine alte Brillantbrosche, +die meine Großmutter mir einmal geschenkt +hatte, — fortzutragen, hörte ich im Vorübergehen einen +heftigen Wortwechsel zwischen meinen Eltern. Aufhorchend +blieb ich stehen: es handelte sich wieder einmal +um eine unbezahlte Rechnung. Mama schluchzte; Papa +rief aufgeregt: »Ich brauche mir deine Vorwürfe nicht +gefallen zu lassen. Ich saufe nicht, ich rauche nicht, ich +rühre keine Karte an, ich habe keine Weibergeschichten — was +willst du eigentlich von mir?!« — »Du hast +<a name="Page_138" id="Page_138"></a>immer zwei Pferde zu viel im Stall —« antwortete +Mama heftig, »und Alix Privaterziehung, die Tausende +verschlingt, war auch überflüssig —.« »Laß mir +das Kind in Frieden!« brauste Papa auf — »die +einzige Freude, die ich habe, laß ich mir nicht vergällen — —.«</p> + +<p>Jedes Wort traf mich ins Herz; mir hatten sie so +große Opfer gebracht — mir, die ich das Schwerste über +sie heraufbeschwor; — ich war meines Vaters einzige +Freude — ich, die ihm das Herz brechen wollte! — Ich +lief davon, verkaufte mein Schmuckstück und kam +hochrot und atemlos nach Hause zurück, nur von dem +Gedanken getrieben, den armen Eltern eine Last abzunehmen. +Sie saßen versöhnt nebeneinander und sahen +mich verwundert an, als ich Mama hastig ein paar +Goldstücke in die Hand drückte. »Was soll denn das?« +frug sie, und »Woher hast du das Geld?« mein Vater. +Ich erschrak; ich hatte in meinem Eifer an die Möglichkeit +dieser Frage nicht gedacht. Sollte ich die Wahrheit +sagen? Das hieße auch meine übrigen Verkäufe +verraten und meine Flucht von vornherein unmöglich +machen. Mein Blick fiel auf das »Daheim« mit dem +Anfang einer neuen Erzählung an der Spitze. »Es ist — es +ist — das Honorar für — diese Geschichte,« +kam es mühsam und stockend von meinen Lippen. Nun +war ich im Netz meiner eigenen Lüge gefangen, und die +Furcht vor den Folgen hinderte mich, es zu zerreißen. +Die Eltern glaubten mir; mein Vater umarmte mich +voll Rührung, und wenn er auch meine flehentliche Bitte, +das Geheimnis meiner Autorschaft zu wahren, zu erfüllen +versprach, so war er doch viel zu stolz auf den Erfolg +<a name="Page_139" id="Page_139"></a>seiner Tochter, als daß er nicht wenigstens den nächsten +Freunden und Verwandten davon Mitteilung gemacht +hätte. Die Aufklärung ließ nicht lange auf sich warten. +Eine Kusine meines Vaters war mit der Verfasserin +des Romans, den ich vorgab, geschrieben zu haben, befreundet +und frug ihn brieflich nicht wenig erstaunt nach +dem Zusammenhang dieser seltsamen Historie. Es kam +zu einem furchtbaren Auftritt. Mein Vater kannte sich +selbst nicht mehr. »Mein guter Name! Mein guter +Name!« stöhnte er immer wieder und lief wie wahnsinnig +im Zimmer hin und her. »Ich muß mich erschießen! +Ich überlebe die Schande nicht!« schrie er +dazwischen, während Mama still vor sich hin weinte. +Stumm und regungslos stand ich mitten im Zimmer und +rührte mich auch dann nicht, als Papa mit funkelnden, +rot unterlaufenen Augen vor mir stehen blieb und die +hoch erhobene Faust klatschend auf meine Wange niedersausen +ließ.</p> + +<p>Stumpfsinnig vor mich hinbrütend, lag ich ein paar +Tage im Bett. Niemand kümmerte sich um mich als +die Anna, die mir auch mitleidig in die Kleider half, +als Pfarrer Eberhards Besuch mir gemeldet wurde. +Mit gefalteten Händen und tief bekümmerter Miene +trat er ein. Daß sie keinem echten Gefühle Ausdruck +gab, sah ich an den Lichtern leisen Triumphs, die in +seinen Augen glänzten: Endlich war der Sieg sein — endlich! +Er hielt mir eine wohlvorbereitete Rede, die +ich mit keiner Silbe unterbrach. Das furchtbare Ereignis +habe hoffentlich, so sagte er, meinen Hochmut +gebrochen und mich belehrt, daß Gott seiner nicht +spotten ließe. Noch sei es Zeit für mich, umzukehren +<a name="Page_140" id="Page_140"></a>vom Wege der Sünde, und demütig dem zu folgen, der +allein Wahrheit, Licht und Leben wäre. »Nach all dem +Kummer, den du deinen Eltern bereitet hast, wirst du +ihnen die Schande nicht antun, vom Altar des Herrn +fern bleiben zu wollen.« Ich schwieg auch jetzt, trotz +der beziehungsreichen Pause, die er eintreten ließ. »Du +wirst die Zeit bis dahin zur Einkehr, zur Buße, zum +Gebet verwenden.« Wieder eine Pause. »Und wie +Gott im Himmel seine Hand nicht von dir abziehen, +und Jesu Christi Blut auch dich rein waschen wird von +deinen Sünden, so werden deine lieben Eltern dir verzeihn. +Ich werde mit Gottes Hilfe die Schwergeprüften +aufrichten und dich ihnen wieder zuführen.« Ich +schwieg noch immer. »Wirst du tun, was ich, der +Diener deines Herrn und Heilandes, von dir fordere?« +Ein mechanisches »Ja« war meine Antwort.</p> + +<p>Während der Wochen bis zu meiner Einsegnung lebte +ich wie ein Automat; ich fühlte weder Reue noch Kummer, +und die Gedanken waren wie ausgelöscht. Nur als ich +zum erstenmal das lange weiße Konfirmandenkleid anprobierte, +zuckte mir ein krampfhafter Schmerz durch +den Körper. Den Mund kaum zu einem Lächeln verziehend, +begrüßte ich die vielen Verwandten, die zu dem +feierlichen Tage nach Posen kamen: Onkel Walter aus +Pirgallen mit seiner jungen Frau, die eben auf der +Hochzeitsreise waren, Onkel Kleve aus Bayern, Tante +Klotilde aus Augsburg, die befriedigt die »würdige +Stimmung« ihrer Nichte anerkannte. Als aber am +Sonnabend vor Pfingsten, einem herrlichen lachenden +Maientag, vor dem ich mich verschüchtert in mein dämmriges +Zimmer verkrochen hatte, die Türe aufging und +<a name="Page_141" id="Page_141"></a>wie getragen von einem breiten Strom von Licht, meine +Großmutter in ihrem Rahmen erschien, war mir plötzlich, +als fiele ein schwerer, eiserner Panzer von mir ab, +der mich eingezwängt und aufrecht erhalten hatte. +»Großmama, liebe Großmama,« rief ich und brach aufschluchzend +vor ihr zusammen. Ach, warum war ich +nicht zu ihr geflüchtet, warum kam sie erst jetzt, — jetzt, +da es zu spät war?! Tief erschüttert schloß sie mich +in ihre Arme, und ich weinte mich aus. Aber dann kam +Mama, und der Abend im Kreise der Familie, und die +Nacht ...</p> + +<p>Widerstandslos ließ ich mich am nächsten Morgen +schmücken, nahm den Strauß weißer Rosen in die Hand +und stieg mit den Eltern in den Wagen. Die ganze +Straße stand voll Menschen, — wie bei einem Begräbnis, +dachte ich. Auch vor der Kirche sammelten sich +die Neugierigen in ihren bunten fröhlichen Festtagskleidern. +Durch die Fenster flutete die Sonne, so daß +ich geblendet die vom Weinen heißen Augen schloß, als +ich zwischen Vater und Mutter auf rotem Teppich durch +die weite, weiße Säulenhalle schritt. Die Glocken läuteten, +brausend setzte die Orgel ein, laut dröhnten über +mir die kräftigen Stimmen des Soldatenchors. Jeder +Ton schnitt mir messerscharf in die Seele. Es blitzte +und funkelte ringsum von Uniformen und Orden und +raschelte von seidenen Kleidern. Ich sah nicht auf. +Da schlug ein ganz leiser, weher Laut, wie »Alix« an +mein Ohr. Ich hob den Kopf. Es war mein Lehrer, +der mich mit einem Blick ansah, — einem Blick, der +mir rätselhaft schien. Und dann standen wir vor dem +Altar. Er war ringsum mit einem Wald von Palmen +<a name="Page_142" id="Page_142"></a>umgeben, ohne eine einzige Blume dazwischen. »Wie +beim Begräbnis,« dachte ich noch einmal. Ich hörte +nicht, was der Pfarrer sprach; mir war plötzlich, als +stünde ich dicht vor dem Felsentor des Höllentals, und +der brausende Bach drohte, mich zu verschlingen. Mein +Strauß entfiel mir; der ihn aufhob, war mein Lehrer; +ich begegnete seinen Augen dabei, — seltsam, wie er +mich ansah! Verwirrt blickte ich um mich; meine Mitschülerinnen +sprachen schon das Apostolikum, und ein +strenger Blick des Pfarrers mahnte mich an meine +Pflicht. Einem aufgezogenen Uhrwerk gleich, sagte ich, +ohne zu stocken, die drei Artikel auf. Und währenddessen +fühlte ich die vielen hundert Augen auf mich gerichtet, — gespannt, +höhnend, triumphierend. Darnach +war es einen Atemzug lang totenstill, ehe der Pfarrer von +jeder einzelnen das persönliche Bekenntnis zu den gesprochenen +Worten abnahm und den Segen erteilte. +Ich war die letzte. Er erhob die Stimme bedeutungsvoll, +als er sich mir zuwandte. Sage nein — sage +nein — klang es in mir. Angstvoll, hilfesuchend sah +ich um mich: auf das gütige, verzeihende Lächeln meines +Vaters fiel mein Blick, auf den leisen liebevollen Gruß +meiner Mutter — — —</p> + +<p>»Bekennst du dich von ganzem Herzen zu unserm +allerheiligsten Glauben, so antworte: Ja.« — — —</p> + +<p>Irgendwo fiel ein Schirm — ein Säbel rasselte — jemand +schluchzte auf, — und die vielen, vielen Augen +durchstachen mich.</p> + +<p>»Ja!« klang es laut und rauh durch die Kirche. War +das wirklich meine Stimme gewesen?! Mechanisch kniete +ich nieder, wie die andern. Ob wohl die Schleppe +<a name="Page_143" id="Page_143"></a>richtig lag, dachte ich stumpfsinnig, und etwas wie Neugierde +nach dem Spruch, den der Pfarrer mir geben +würde, regte sich in mir.</p> + +<p>»Darinnen freuet euch nicht, daß euch die Geister +untertan sind, sondern daß eure Namen geschrieben sind +im Himmel.«</p> + +<p>Das fuhr wie ein Peitschenhieb auf mich nieder. +Mein Name — und im Himmel geschrieben!! Hatte +ich nicht eben vor Gottes Altar einen Meineid geschworen?! — —</p> + +<p>Unter Tränen und Glückwünschen und Schmeichelworten +umdrängte mich alles. Zu Hause empfing mich +ein Aufbau von kostbaren Geschenken, von duftenden +Blumen; Militärmusik spielte unter den Fenstern, und +um die geschmückte Tafel versammelte sich eine glänzende +Gesellschaft. Mir galten die Reden und Toaste, und +immer aufs neue perlte der Sekt in meinem Glase. +In halber Betäubung kam ich abends in mein Zimmer; +die rote Ampel brannte über dem Bett; seltsam bedrückend +war nach all den wirren Geräuschen des Tages +die Stille. Mein Blick fiel auf ein kleines Paket, durch +dessen Schnüre ein paar gelbe Rosen gezogen waren. +Verwundert öffnete ich das Geschenk, das nicht auf dem +Tisch der allgemeinen Gaben gelegen hatte. Es enthielt +ein schmales Buch in blauem Einband — »Deutsche +Liebe« von Max Müller, und einen Brief:</p> + +<p>»Gnädiges Fräulein!</p> + +<p>Da ich gezwungen bin, schon morgen Posen zu verlassen, +und vor Ihrer Abreise nicht zurück sein kann, +gestatten Sie mir, Ihnen schriftlich Lebewohl zu sagen +<a name="Page_144" id="Page_144"></a>und beifolgendes Buch als Andenken zu überreichen. +Seien Sie recht, recht glücklich!</p> + +<p> +<span style="margin-left: 6.5em;">In aufrichtiger Freundschaft</span><br /> +<span style="margin-left: 14em;">Ihr</span><br /> +<span style="margin-left: 15em;">Hugo Meyer.«</span><br /> +</p> + +<p>Ich strich mir über die Stirn, — träumte ich denn? +Aber nein, das Buch, das ich las, bestätigte mir, was +mich plötzlich seinen Blick in der Kirche hatte verstehen +lassen. Und ich — ich war blind neben ihm hergegangen, +hatte nicht nach seiner Hand gegriffen, die +mir aus dem Abgrund herausgeholfen hätte, in den ich +versank! Schwarz, unergründlich, unüberbrückbar sah +ich ihn vor mir: Ich hatte heute einen Meineid geschworen, — und +mein Freund, mein einziger Freund +hatte mich verlassen!</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_145" id="Page_145"></a></p> +<h2><a name="Funftes_Kapitel" id="Funftes_Kapitel"></a>Fünftes Kapitel</h2> + + +<p>Wenn der Sommer im Samland Einzug +hält, dann kommt er nicht als ein züchtig +Werbender, der sich die Erde in zäher +Treue allmählich erobert; er kommt vielmehr, ein stürmischer +junger Held, der dem Freiwerber Frühling gar +nicht Zeit läßt, ihm den Weg zu bereiten. Die Sonne, +die eben noch umsonst mit den Winternebelwolken +kämpfte, schießt, wenn er naht, plötzlich mit glühenden +Pfeilen vom blauen Himmel herab, und auf einmal erwacht +Wald und Feld und Wiese und gibt sich +schrankenlos dem ungestümen Liebhaber hin. Die Blumen, +die das Jahr, als ein karger Weiser, sonst über +viele Monde verteilt, blühen hier zu gleicher Zeit in +verschwenderischer Fülle; das Schneeglöckchen begrüßt +noch das Veilchen und die gelbe Butterblume; üppig +und grade im prangenden Schmuck ihrer leuchtenden +Farben stehen Malven und Georginen im Garten, +während weiße und gelbe und rote Rosen ihnen den +Preis der Schönheit streitig machen. Mit dem herben +Duft des Hollunders eint sich der süße, zarte der Linden, +der schmeichelnde der blauen Fliederdolden und der berauschende, +liebeskranke des Jasmins.</p> + +<p><a name="Page_146" id="Page_146"></a>Weit, weit hinab, bis zu den graublauen Fluten des +Kurischen Haffs dehnen sich saftgrüne Wiesen und gelbe +Kornfelder; wenn der Wind darüber streicht, ist es wie +ein einziges wogendes Meer, aus dem nur hie und da +die Strohdächer dürftiger Häuser hervorlugen. Aber +auch ihr Elend hat der Sommer, als könnte er nichts +Trauriges sehen, mit rasch wucherndem Schlingkraut verschleiert, +so daß ihre trüben Scheiben wie verschlafene +Augen verwundert darunter hervorsehen. Es ist so ruhig +hier wie im Dornröschenzauber; nur hie und da unterbricht +das klägliche Weinen eines verlassenen Säuglings +die tiefe Stille. Was Füße und Arme regen kann, ist +hinaus mit Harke oder Sense, Spaten oder Beil, Ruder +oder Fischnetz. Der heiße Sommer weckte jung und +alt aus dem langen, dumpfen Winterschlaf, und von +früh bis spät gilt es schaffen, um seiner Gaben Reichtum +rasch, wie er sie brachte, zu bergen. Wie sie alle +lebendig geworden sind, diese schwerblütigen Menschen: +sie gehen nicht — sie springen —, sie lachen nicht — sie +kreischen, und der Haffwind, des Samlandsommers +treuer Knecht, peitscht ihre strohgelben Haare, daß sie +rings von den breiten Schädeln abstehen, wie Blätter +der Sonnenblume um den Kelch, und bläht die roten +Röcke der Weiber, daß die nackten Beine bei jeder Bewegung +darunter hervorleuchten. Sie sind mit der +Natur noch eins, diese Männer und Frauen: sie +schlafen auch den Winterschlaf mit ihr; denn nach +der langen Tagesarbeit klingts und singts noch durch +die helle warme Sommernacht; es kichert und raschelt +zwischen den Garben, es atmet heiß und schwer in den +Geißblattlauben. Vom Dorfkrug aber lärmt und tobt +<a name="Page_147" id="Page_147"></a>es herüber: da sitzen sie hinter schwälender Lampe, vertrinken +und verspielen ihre Habe, und wenn sie glühend +vom Branntwein heimkehren, mischt sich wohl auch wilder +Wehlaut aus Weiberkehlen in all die vielen wirren +Töne der Nacht.</p> + +<p>In solch eines Sommers heißes Leben kam das blasse +Stadtkind mit den trüben Augen und dem matten +Lächeln. Das Turmzimmer von Pirgallen nahm es +wieder auf, wo es zuerst das von der alten Linde vor +dem Fenster grün verschleierte Licht des Tages erblickt +hatte. »Hier soll mein Alixchen wieder rund und rosig +werden,« sagte die Großmama bei der Begrüßung, das +Enkelkind bekümmert musternd. »Und all die Gelehrsamkeit +soll sie vergessen,« fügte Onkel Walter lachend +hinzu. »Und trinken und tanzen soll sie, bis sie schwindlig +wird,« rief Tante Emmy, seine Frau, während in ihren +lustigen braunen Augen alle Kobolde des Frohsinns ein +Feuerwerk entzündeten. Seit sie vor kaum einem halben +Jahr hier Einzug gehalten hatte, mochte das alte Schloß +sich selbst kaum wieder erkennen: Die Gäste kamen und +gingen, helle Kleider raschelten durch die sonst so einsamen +Gänge, die Mauern hallten wider von Lachen +und Scherzen.</p> + +<p>Wenn morgens der Rasenteppich, der hinter dem +Schloß bis zum Wasser herunterführt, unter Tauperlen +und Sonnenstrahlen glänzte und glitzerte wie ein Riesensmaragd, +dann gingen die Gäste von der breiten Terrasse +die hohe Steintreppe hinab und verteilten sich in Park +und Wald; die einen träumten still in der Hängematte, +die andern lockte das Haff, dessen weiße Schaumköpfchen +vom Horizont herüberglänzten, zum Bad und zur Segel<a name="Page_148" id="Page_148"></a>fahrt; +die Ruhigen liebten es, am Strande Muscheln +zu suchen; die Waghalsigen wollten, mit Kutschern und +Reitknechten um die Wette, junge Pferde hinter Zaum +und Zügel zwingen. Freiheit der Bewegung war Gesetz +für alle. Nur wenn laut der Gong durch Schloß und +Hof und Garten gellte, fanden sie sich allmählich wieder +zusammen.</p> + +<p>Allabendlich füllte sich der dunkle Speisesaal, in dem +so lange nur Mutter und Sohn einander schweigsam +gegenübergesessen hatten, mit lebenslustiger Jugend, und +die kulinarischen Genüsse, die der französische Koch zu +bereiten verstand, steigerten mit dem perlenden Sekt, den +der alte Haushofmeister unermüdlich in die Gläser +schenkte, die lebendige Stimmung. Wenn dann hinter +den Flügeltüren die zärtlich-lockende Weise des Donauwalzers +klang, gab es ein heftiges Stühlerücken, und +gleich darauf flogen die Paare durch den hohen weißen +Saal. Viele schmale Spiegel, von Goldleisten eingefaßt +und von musizierenden Amoretten bekrönt, warfen das +Bild immer wilder tobender Tänzer zurück, während so +manche durch das Alter blind gewordene Scheiben heimlich +die Erinnerung an graziös und feierlich im Menuett +sich schlängelnde und wiegende Rokokopaare zu bewahren +schienen. Mit leisem Klirren schlugen die Kristallprismen +des Kronleuchters aneinander, und die Lichter +flackerten im Takt, als hätte die Tanzweise auch ihnen +Leben verliehen; sie bewegten sich noch lange hin und +her, wenn die duftende Schwüle der Sommernacht die +Tanzenden durch weit offene Türen in den dämmernden +Park gelockt hatte. Da gab es verschnittene Laubengänge +und weiße Bänke im Jasmingesträuch, und auf +<a name="Page_149" id="Page_149"></a>stillen Weihern kleine Kähne. Spät erst, wenn feuchte +Nebel vom Haff herüber die nackten Schultern der +Frauen unter den Spitzengeweben zittern ließen, gingen +Pirgallens Bewohner zur Ruhe.</p> + +<p>Unaufhaltsam riß mich das Leben in seinen Strudel. +Geistig müde und stumpf, getrieben von dem Wunsch, +nur nicht zu mir selbst kommen zu können, war es mir +zuerst der Rausch, der Vergessen bringt. Aber dann +siegte Jugend und Lebenslust, und der Genuß wurde +zum Selbstzweck. Niemand dachte angesichts des großen +reifen Mädchens an ihre vierzehn Jahre; ich galt allen +als erwachsene junge Dame, als Tochter des Hauses +überdies, und was an männlicher Jugend ins Schloß +kam, das teilte seine Huldigungen zwischen der lustigen +Hausfrau und ihrer Nichte. Zuweilen, das merkte ich +wohl, war ich der Tante, die gewohnt war, der Mittelpunkt +der Gesellschaft zu sein, ein Dorn im Auge. Dann +begann jener stille Frauenkampf um den ersten Platz, +der, mit allen Waffen der Koketterie geführt, nicht minder +aufregend ist als der der Männer im Fechtsaal oder +beim Hasard. Triumphierte meine Jugend über ihre +Grazie und ihren Witz, so behandelte sie mich plötzlich +als das Kind, das zur Strafe nicht mitgenommen wird, +wenn die Großen sich amüsieren; doch »das Kind« durchkreuzte +nur zu rasch ihre pädagogischen Einfälle. So +wurde ich einmal von einer Segelpartie ausgeschlossen — aus +Mangel an Platz, sagte sie —; im Augenblick +aber, als die Jacht den Hafen verließ, erschien ich hoch +zu Roß in Begleitung des feschesten Kürassierleutnants, +den meine Tante — ich wußte es genau! — von allen +Gästen am meisten entbehrte. Und ein andermal, als +<a name="Page_150" id="Page_150"></a>ihre neuste Pariser Toilette mich ausstechen sollte, zog +ich durch einen rasch zusammengestellten phantastischen +Schmuck von Vogelbeeren auf meinem weißen Kleid und +in meinen schwarzen Haaren alle Blicke zuerst auf mich. +Es war gerade von der großen Dampferfahrt die Rede, +die der konservative Verein des Kreises mit seinen +Damen durch den Friedrichskanal zum Moorbruch unternehmen +wollte. Wir freuten uns alle darauf, ein Stück +altlitauer Landes und Lebens kennen zu lernen.</p> + +<p>»Schade, daß Alix zu Hause bleiben muß,« hörte ich +plötzlich die hohe scharfe Stimme der Tante sagen; »nur +persönlich Geladene haben Zutritt.« Mir stiegen Tränen +der Enttäuschung und des Zorns in die Augen. Onkel +Walter, der den Zusammenhang nicht begriff, sah mich +an und rief über den Tisch hinüber: »Beruhige dich, +Alix, das ist eine bloße Formalität, die ich rasch erledigen +werde.«</p> + +<p>Tante Emmys gereizte Stimmung verriet mir am +nächsten Morgen, daß es zwischen dem Ehepaar noch eine +Szene gegeben hatte und der Sieg nicht auf ihrer Seite +gewesen war. Die offizielle Einladung wurde mir mit +einer gewissen Absichtlichkeit überreicht, und ich konnte +das leise Lächeln nicht unterdrücken, mit dem ich die +Tante dabei ansah.</p> + +<p>Am frühen Morgen des großen Tages fuhren wir in +zwei Vierspännern gen Labiau, die Kreisstadt. Als die +Wagen über das holprige Pflaster rollten, flogen links +und rechts die Fenster auf, und neugierige Gesichter +starrten den berühmten Gespannen Pirgallens nach. Auf +der Straße blieben die Leute stehen, zogen die Mützen +oder knixten respektvoll; und am Anlegeplatz, wo der<a name="Page_151" id="Page_151"></a> +Dampfer schon fauchte und prustete, wartete die Menge +der Geladenen auf den vornehmsten Mann, den größten +Besitzer und den eben zum Reichstagskandidaten des +Kreises aufgestellten Freiherrn. Er und seine Frau +wurden umringt, ich stand abseits und musterte mit +heimlichem Naserümpfen die Gesellschaft: Die Frauen, +fast alle groß und hager, in seidene Staatskleider gezwängt, +über den kantigen Gesichtern und den glatten +Scheiteln kleine Kapotthütchen, mit allen Zeichen jener +nicht zu überwindenden Verlegenheit, die ungewohnte, +mit Wetter und Tagesstunde unvereinbare Kleidung +hervorruft; die Mädchen, hochrot vor Erregung, in +steifgestärkten Kattunfähnchen, Zwirnhandschuhe über +den Händen, klirrende Armbänder über den breiten Gelenken, +in einem dichten Haufen ängstlich zusammengeschart, +als gelte es, sich gegenseitig vor den Angriffen +der Männer zu schützen. Die hatten sich schwarz und +dicht gegenüber postiert, nur hier und da von einer +Reserveleutnantsuniform irgend eines hundertsten Infanterieregiments +unterbrochen. Sonst lauter Bratenröcke +und Zylinder. Mich grauste es; ganz anders hatte +ich mir die Sache gedacht, und beinahe wäre ich rasch +wieder in unseren Wagen gesprungen, als Onkel Walter +sich nach mir umdrehte: »Erlaube, daß ich dir einige +der Herren vorstelle: Herr v. Trebbin, v. Wanselow, +v. Warren-Laukischken.« So alte Namen und solche +Bauern! dachte ich, während mein Blick auf ihren roten +Händen sekundenlang haften blieb.</p> + +<p>»Ah, da sind Sie ja auch, mein lieber Rapp,« hörte ich +meinen Onkel lachend sagen, »trauen Sie sich wirklich einmal +in Damengesellschaft?!« Ich wandte mich rasch nach +<a name="Page_152" id="Page_152"></a>dem Angeredeten um: das also war der Frauenfeind, von +dem Tante Emmy im Wagen gesagt hatte, er sei der einzige, +der sie interessiere. Sie hatte zweifellos vor, den wunderlichen +Einsiedler zu bekehren und freund-nachbarliche +Beziehungen anzuknüpfen. Ich dachte nicht mehr daran, +davon zu fahren, sondern folgte dem Menschenstrom, +der über den Schiffssteg zum Dampfer flutete. Die +Labiauer Stadtkapelle konzertierte, als hätten alle verstimmten +Flöten und Trompeten sich hier ein Stelldichein +gegeben, und zwischen den Eichenlaubgewinden knisterten +die grellbunten Papierblumen. Das kleine Schiff schien +die Geladenen kaum fassen zu können. Nur die Honoratioren, +darunter auch meine Verwandten, wurden an +einen gedeckten Tisch genötigt, auf dem ein kreisrunder +Strauß in weißer Papiermanschette prangte. Alle +anderen suchten sich eilig einen Platz; wie aufgescheuchte +Vögel liefen die Mädchen umher, bis sie glücklich wieder +eng gedrängt in einer Ecke beieinander saßen. Ich blieb +ruhig stehen; Laufen und Hasten war mir immer antipathisch, +und aufs Geradewohl mich irgendwo einklemmen, +vollends. Das Schiff setzte sich schon in Bewegung, als +ich Herrn von Rapp in meiner Nähe sah, sichtlich unschlüssig, +in welchen Winkel er sich mit seiner Menschenfeindschaft +flüchten sollte. »Wir sind Leidensgefährten,« +sprach ich ihn an, »ich glaube, in der Kajüte sind Sessel, +wollen Sie so gut sein, mir einen bringen?« Mit zweien +kam er zurück, — ich wußte, als höflicher Mann konnte +er mich nicht allein lassen. Wir unterhielten uns, zuerst +gequält und konventionell, dann immer lebhafter. Der +kleine Mann mit dem frühzeitig kahlen Schädel hatte +seine Landeinsamkeit ausgenutzt: er war belesen, und — was +<a name="Page_153" id="Page_153"></a>in dieser Umgebung noch erstaunlicher schien — er +hatte selbständig über Welt und Menschen nachgedacht. +Was ich geplant hatte, um die Tante zu ärgern +und mir die Zeit zu vertreiben, war rasch vergessen, — so +sehr fesselte mich unser Gespräch. Inzwischen fuhren +wir im leuchtenden Sonnenschein den Friedrichskanal +entlang, durch das dunkelgrüne Moosbruch, an niedrigen +Häuschen vorbei, um die verkrüppelte Obstbäumchen +blühten, vorüber an Agilla und Juwendt, uralten litauer +Ansiedlungen, wo die Strohdächer fast zur Erde reichten +und die kleinen struppigen Pferdchen, denen des Litauers +zärtlichste Sorgfalt gilt, lustig zwischen den Scharen +schmutziger Blondköpfchen umhersprangen. Mein Nachbar +kannte Land und Leute gut; er wußte von den hartnäckigen +Kämpfen gegen die Ordensritter zu erzählen, +die mit einer — was die Religion betrifft, freilich nur +scheinbaren — Unterwerfung der Litauer erst dann +endeten, als die Zahl ihrer Männer auf das äußerste +dezimiert war, und kannte all ihre seltsamen Gebräuche, +die sich noch aus der Zeit des Heidentums erhalten +hatten.</p> + +<p>Ein heftiger Stoß, der unseren Dampfer erzittern +ließ, unterbrach seine Schilderungen: wir saßen fest, +vergebens arbeitete die Maschine, der Kapitän, der gestand, +hier noch nie gefahren zu sein, war ratlos, und +alles Geschrei vermochte niemanden ans Ufer zu locken +als die Kinder.</p> + +<p>»Setzen Sie ein Boot aus und fahren Sie hinüber,« +damit wandte sich mein Onkel an den Kapitän. Unter +dem Vorwand, sich mit den Litauern nicht verständigen +zu können, lehnte er es ab. »Begleiten wir ihn!« sagte +<a name="Page_154" id="Page_154"></a>ich, entzückt von der Aussicht auf ein Abenteuer, leise +zu Rapp, der mir eben klangvolle Strophen litauischer +Dainos zitiert hatte. Rasch entschlossen verständigte +er sich mit dem Kapitän, und ebenso rasch folgte ich den +Männern in den Kahn, begleitet von dem erstaunt-unwilligen +Gemurmel der Zurückbleibenden. Am Ufer +angelangt, traten wir in eines der ersten Häuser und +stießen die Türe auf, als uns auf unser Klopfen niemand +antwortete.</p> + +<p>Der Raum war fast dunkel, und beißender Rauch +hinderte uns überdies, die Augen zu öffnen; ein paar +Hühner flogen vor uns auf, Schweinegrunzen tönte uns +aus dem äußersten Winkel entgegen, auf dem Herd, +dessen Glutaugen uns ansahen, wurde hastig ein Topf +beiseite gerückt, dann näherten sich uns schlurfende +Schritte. Ein Weib, dem weiße lange Haare wirr und +tief über die Schultern fielen, trat uns entgegen, kreuzte +die Arme über das grobe Hemd, das mit einem dicken +gelben Wollrock ihre einzige Bekleidung bildete, und +küßte mit einer Gebärde demütiger Unterwürfigkeit den +Saum meines Kleides. Rapp erklärte ihr rasch die +Situation. War sie es, oder war es der Klang der +eigenen Sprache, der ihr ein Lächeln in das Antlitz +trieb? Ablehnend zuckte sie die Schultern und wies auf +die Bank in der Ecke, auf der ein Mann, in eine +Pferdedecke gehüllt, schnarchend lag.</p> + +<p>»Wenn der Litauer nicht trinkt, dann stiehlt er, und +wenn er nicht stiehlt, dann schläft er,« sagt das Sprichwort. +Rapp wurde ungeduldig und sprach lauter. Inzwischen +hatten sich die Kinder aus der Türe hereingeschlichen +und umringten die Mutter; in all den vielen<a name="Page_155" id="Page_155"></a> +Augen — graublau wie das Haff — spielten feindselige +Lichter; und je heftiger Rapp wurde, desto straffer richtete +sich das Weib aus ihrer gebeugten Stellung auf, bis +ihre Stirn den niedrigen Balken der Hütte fast streifte. +»Wie eine verwunschene Schicksalsgöttin,« dachte ich und +wich scheu vor ihr zurück. Rapp aber war an ihr vorbei +an den Herd getreten und hatte den Kessel aus Licht gerückt. +»Rehbraten!« rief er. »Dacht' ichs mir doch! Also +ein Wilddieb.« Schon lag die Frau ihm jammernd zu +Füßen, und, sich die Augen reibend, war der Mann bei dem +Lärm vom Lager gesprungen. Es bedurfte nur noch einer +kurzen Unterhandlung, um sie gefügig zu machen. Kaum +zum Dampfer zurückgekehrt, entwickelte sich ein merkwürdiges +Schauspiel vor unsern Augen: lange schmale Kähne +umringten ihn von allen Seiten, in jedem stand aufrecht, +mit dem Ruder kräftig stoßend, ein Weib. Eine sah +aus wie die andere: groß, schlank, helläugig, mit buntem +Rock, einem Hemd, das oft reiche Stickerei aufwies, +ein grelles Tuch um die weißblonden Haare geschlungen. +Sie wußten so genau Bescheid in ihren heimatlichen +Gewässern wie der beste Lotse, und bald waren wir +wieder flott und fuhren in gutem Fahrwasser den voranrudernden +Frauen nach. Allmählich wurde ihre Zahl +immer kleiner, und nur die grauhaarige Schicksalsgöttin +blieb übrig, um uns den Weg zu der Mittagsstation, +wo das ersehnte Diner unsrer wartete, zu zeigen. Schließlich +verschwand auch sie, nachdem der Weg, wie sie sagte, +nicht mehr zu fehlen sei; irgendwo aus der Ferne hörten +wir noch das Rufen und Lachen, mit dem die Heimkehrende +von den Gefährtinnen empfangen wurde. Aber +zu unserm Mittagessen gelangten wir nicht — für die +<a name="Page_156" id="Page_156"></a>entdeckte Wilddieberei hatte die Alte sich gerächt! Unser +Schiff enthielt Proviant; aber man hatte mehr an den +Durst als an den Hunger der Passagiere gedacht; und +da bei stundenlanger Fahrt auch so ergiebige Gesprächsstoffe +wie Getreidepreise, Leutemangel, Erntesorgen und +Viehzucht schließlich erschöpft waren, so blieb den biederen +Vereinsgenossen nichts übrig, als zu trinken und Skat +zu spielen. Um dem Sehbereich ihrer teuren Ehehälften +zu entgehen, zogen sie sich, soweit es der Raum erlaubte, +in die Kajüten zurück. Zigarrendampf, knallende Pfropfen, +ein immer brüllenderes Gelächter, hier und da aus der +Tiefe auftauchende blaurote Köpfe kündigten an, wie +es dort unten aussah. Die Frauen, bei denen die drei +berühmten Gesprächsthemen — Klatsch, Küche und Kleider — zwar +etwas länger vorhielten, waren bald übel +daran. Vorsorgliche Hausfrauen zogen resigniert eine +Häkelarbeit aus der Tasche, die jungen Mädchen, zu +denen ein paar unternehmende Jünglinge sich gesellt +hatten, spielten kindliche Spiele, wobei ihr Kichern den +Grad ihres Amüsements bezeichnen sollte; viele schliefen +mit Mäntelpolstern unter den Köpfen.</p> + +<p>Indessen glitt unser Dampfer mit leisem Plätschern +durch die traumhafte Stille endloser gleichmäßig grüner +Einsamkeit.</p> + +<p>Seltsam, wie wenig Menschen schweigend genießen +können, wie der Begriff der Unterhaltung sich bei den +meisten mit Schwatzen deckt und ein Unbeschäftigtsein +der Zunge oder der Hände ihnen gleichbedeutend ist mit +Langerweile. Ich saß stundenlang still und sah in die +Ferne, wo das Grün der Wiesen mit dem Blau des +Himmels zusammenstieß und sich in schimmerndem Silber<a name="Page_157" id="Page_157"></a>glanz +aufzulösen schien. Ich träumte von andern +Menschen als diesen hier: von Menschen, die die Kultur +ihrer Zeit verkörpern, Menschen, denen Natur, Kunst +und Wissenschaft unendlicher Gegenstand ihres Genießens, +ihres Nachdenkens, ihrer Unterhaltung ist. Herrn von +Rapps Stimme rief mich in die Wirklichkeit zurück. +Ich lächelte: der kleine Mann mit dem glatten Schädel +war gewiß unter diesen der beste, aber er sah aus wie +ein Bauer, und zu meinem Begriff der Menschenkultur +gehörte das Aussehen eines Märchenprinzen.</p> + +<p>Es fing an zu dämmern als der Nemonien uns +aufnahm, ein breiter Strom, dessen Wellen so weich +und melodisch fließen wie sein Name. Wir erreichten +das Haff, von einem Lotsen geführt. Groß und rot +versank der Sonnenball langsam hinter dem schmalen +gelben Streifen der Nehrung, eine lange goldene +Straße auf dem Wasser malend. »Der Weg zum Himmel!« +sagte Herr von Rapp, von dem wundervollen Anblick +ergriffen wie ich. »Zwei Fischerkinder von Nemonien +sind einmal des Abends auf dieser Straße davongerudert. +Sie bekamen daheim nur Schläge und böse Worte und +wollten zum lieben Gott. Sie kamen niemals wieder — ob +sie ihn wohl gefunden haben?!« Wie er mich +ins Herz traf mit dieser Zweifelfrage, wie er die alten +Wunden aufriß! — »Ich glaube es nicht,« antwortete +ich mit zuckenden Lippen. Dann schwiegen wir wieder. +Die Nacht brach an, die Sterne glänzten vom hellen +Himmel und die Mondsichel warf lauter Perlen auf +das Haff. Mich fror. Auf eine so lange Fahrt waren +wir nicht vorbereitet gewesen. Herr von Rapp hüllte +mich sorglich in seinen Mantel und brachte mir Tee +<a name="Page_158" id="Page_158"></a>und Wein. Eigentlich ist es doch seltsam, dachte ich, +daß die Menschen uns so rücksichtsvoll allein lassen. +Ich hatte mich ja freilich auch nicht um sie gekümmert.</p> + +<p>Um Mitternacht waren wir wieder im Hafen von +Labiau. Ich war sehr müde und fühlte nur noch den +Druck einer Hand, den ich herzhaft erwiderte. Schweigsam +fuhren wir nach Hause.</p> + +<p>Am nächsten Morgen neckte mich Onkel Walter +mit meiner »Eroberung«, während Tante Emmy behauptete, +ich hätte mich kompromittiert. Nachmittags +fuhr ein Wagen durchs Tor, dem Herr von Rapp, mit +einem Rosenstrauß bewaffnet, entstieg. Er war noch +verlegener als ich, und sah in diesem Kreise, wie ich +fand, recht plebejisch aus. Während der ganzen folgenden +Woche kam er täglich. Ich lief oft davon, aber auch +auf einsamen Wegen, zu Pferd und zu Fuß, wußte er +mich einzuholen, und schließlich ließ ich mir seine Nähe +mit einer gewissen Herablassung gefallen. Als ich eines +Morgens auf die Terrasse zum Frühstück kam, fand ich +Onkel und Tante in ausgelassenster Heiterkeit: Herr +von Rapp hatte um mich angehalten. Soll ich leugnen, +daß meine erste Empfindung die geschmeichelter Eitelkeit +gewesen ist?! Der erste Antrag — und kaum fünfzehn +Jahre alt! Dann aber dachte ich an den schwerblütigen +Mann, der sich aus seiner menschenscheuen Einsamkeit +herausgerissen hatte, um eine so bittere Erfahrung zu +machen. Die Vorwürfe meiner Mutter verschärften meinen +Kummer: meine Koketterie, sagte sie, sei schuld an der +ganzen Sache. Ich war sehr unglücklich und malte mir +des armen Abgewiesenen Zustand in so düsteren Farben +aus, daß ich mich verpflichtet fühlte, ihn zu »retten«, — ich +<a name="Page_159" id="Page_159"></a>wollte ihn um Verzeihung bitten, mich ihm heimlich +verloben, ihm ewige Treue schwören.</p> + +<p>In aller Herrgottsfrühe ließ ich mir die »weiße Dame« +satteln und ritt durch einen feuchtkalten Septembermorgen +zu ihm hinüber. Vor der Stalltür sprang ich vom Pferde und +warf dem ersten erstaunt herbeieilenden Knecht die Zügel +zu. Mit wild klopfendem Herzen zog ich die Glocke an +dem einstöckigen, einfachen Herrenhaus. Wie heldenhaft +kam ich mir vor, wie ungeheuer das Opfer, das ich +brachte! Eine dicke Wirtschafterin trat mir entgegen. +Stotternd frug ich nach dem Herrn. Mit offnem Munde +starrte sie mich an, um dann spornstreichs im Hintergrunde +zu verschwinden. Gleich darauf stand Rapp vor +mir. In äußerster Verlegenheit vermochte ich nur das +eine Wort »Verzeihung« zu murmeln. »O gnädiges +Fräulein hatten einen Ohnmachtsanfall!« rief er so laut, +daß die Mamsell, die den Kopf neugierig durch die nächste +Türe steckte, es hören konnte, »ich werde sofort für eine +Erfrischung sorgen.« Er holte ein Glas Wein und +flüsterte mir, während ich trank, mit scharfer Stimme +zu: »Ich kann Ihnen nur raten, schleunigst in die Kinderstube +zurückzukehren. Spielen Sie vorläufig mit Puppen, +statt mit Menschen!« Langsam und müde ritt ich nach +Pirgallen zurück.</p> + +<p>Mein heimlicher Spazierritt und sein Ziel blieben +nicht unbekannt, sogar Papa erfuhr davon, als er +auf Urlaub nach Pirgallen kam. »Hast du denn gar +keine Scham im Leibe?« schrie er mich wütend an. +Großmama suchte mich zu schützen, aber ihre dauernde +stille Sorge um mich empfand ich so sehr als einen +Vorwurf, fürchtete so sehr, daß sie, die fromme Christin, +<a name="Page_160" id="Page_160"></a>mich nach meinem Seelenzustand fragen und Schmerzen +und Erinnerungen heraufbeschwören könnte, die ich so +tief als möglich vergrub, daß ich jetzt auch jedem Alleinsein +mit ihr aus dem Wege ging. Der traurige Blick, +mit dem sie mir folgte, tat mir schon weh genug.</p> + +<p>Ich atmete auf, als wir Pirgallen verließen und der +alte Turm, um den die gelben Blätter im Herbstwind +tanzten, meinen Blicken entschwand. Und ohne ein +anderes Gefühl als das der Erleichterung schied ich kurze +Zeit darauf auch von meinen Eltern. Papas Schwester +in Augsburg erwartete mich; sie hatte schon längst mit +den Eltern abgemacht, daß ich ihr zum letzten »Erziehungsschliff« +anvertraut werden sollte. Mir war es +ganz gleichgültig, wohin ich ging.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_161" id="Page_161"></a></p> +<h2><a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel</h2> + + +<p>Ein Oktoberabend war es wieder, wie vor neun +Jahren, als ich in Augsburg ankam. Aber +diesmal empfing mich die Tante selbst am Bahnhof. +Silbergraue Seide schmiegte sich eng um ihre hohe, +volle Gestalt; unter dem großen gleichfarbigen Federhut +quollen die roten Locken üppig hervor, stahlblau glänzten +ihre Augen in dem weißen Gesicht. Noch nie war ich +mir der Schönheit dieser reifen Frau so bewußt geworden. +Als unser Wagen den Königsplatz erreichte, den ich einst +als öde Sandwüste gesehen hatte, spielten die letzten +Goldstrahlen der Herbstsonne mit dem bunten Laub seiner +Bäume und den fallenden Tropfen seiner Springbrunnen. +Und nicht in die enge Gasse, zu dem alten düsteren +Hause ging es, — vor einem Park, dessen Blumenpracht +dem Herbst zu spotten schien, öffneten sich vielmehr die +breiten Flügel des Torwegs, und zwischen den alten +Linden lugten die hellen Mauern eines Gebäudes hervor, +das in seiner lichten Vornehmheit an altitalienische +Villen erinnerte. Ich hatte es noch nicht gesehen, aber +genug davon gehört, denn mein Vater war gar nicht +damit einverstanden gewesen, daß seine Schwester das +alte Stadthaus verkauft und diesen Landsitz, der wie +viele seiner Art vor den Stadttoren ein Sommer<a name="Page_162" id="Page_162"></a>aufenthalt +augsburger Patrizier gewesen war, mit großen +Kosten ausgebaut hatte. Mich umfing die Atmosphäre +von Schönheit und Reichtum gleich beim ersten Eintritt +wie ein weicher, wohliger Mantel. Das strahlend erleuchtete +Treppenhaus glich mit seiner Fülle von exotischen +Pflanzen einem Palmengarten, und der süße Duft, der +die vielen Räume durchzog, legte sich mir wie ein berauschender +Traum auf die Stirne. Ich wurde in den +zweiten Stock in meine Zimmer geführt: auch hier +Blumen und viel Licht und fröhliche Farben. Viel +weiter noch als von der Warthe bis zum Lech fühlte +ich mich fern von all den Sorgen des Elternhauses und +all den Herzens- und Gewissensschmerzen, die mich +niedergedrückt hatten. Zufrieden und dankbar, in der +Erwartung lauter schöner Dinge, schmiegte ich mich +abends in die weichen Kissen meines Betts.</p> + +<p>Es dämmerte, als ich geweckt wurde. »Frau Baronin +wünschen, daß das gnädige Fräulein früh aufsteht,« +sagte die Jungfer. Nicht wenig erstaunt, erhob ich +mich und fing an auszupacken. Der knurrende Magen +trieb mich schließlich herunter; ich holte mir ein Brötchen +aus der Küche, da ich noch eine Stunde bis zum Frühstück +zu warten hatte. Endlich kam der Diener mit dem +Teewasser, und das Klappern hoher Absätze und Rauschen +seidener Röcke kündigte die Tante an. Statt eines +Morgengrußes lachte sie mir hell ins Gesicht: »Ja wie +schaust du denn aus?! So ein Fratz, und fagotiert sich +wie eine junge Frau auf der Hochzeitsreise.« Tief gekränkt +biß ich mir auf die Lippen; ich war so stolz auf +den weichen schleppenden Morgenrock, den mir mein +Vater geschenkt hatte! »Daß du mir diese Theater<a name="Page_163" id="Page_163"></a>toilette +nicht mehr anziehst!« sagte die Tante stirnrunzelnd, +während sie sich setzte und die Spitzenflut ihres Kleides +sich um ihren Stuhl ausbreitete.</p> + +<p>»Hast du deine Zimmer gemacht?« mit dieser verblüffenden +Frage begann sie aufs neue ein Gespräch, +in das ich noch mit keinem Wort eingegriffen +hatte. »Meine Zimmer?!« Ich glaubte mich verhört +zu haben. In diesem eleganten Haushalt, angesichts +einer zahlreichen Dienerschaft männlichen und weiblichen +Geschlechts sollte ich die Zimmer machen?! +»Es ist doch selbstverständlich, daß ich für dich keine +Kammerjungfer halten werde. Außer der groben Arbeit +hast du selbst Ordnung zu halten. Und zwar muß vor +dem Frühstück alles fix und fertig sein.« Die Bissen +blieben mir im Halse stecken, — so etwas hätte ich mir +niemals träumen lassen! Aber es kam noch besser: aus +Schränken und Schubladen wurden meine Sachen herausgezogen; +kaum ein Hut oder ein Kleid fand Gnade +vor den Augen der Tante; und meine Art, die Dinge +einzuräumen, erklärte sie für skandalös. Dann forderte +sie den Schlüssel zum Schreibtisch — »ein Kind hat nichts +zu verschließen« — und geriet in helle Empörung über +meine poetischen Manuskripte, die sie durchstöberte, und +meine Lieblingsbücher, von denen ich mich nicht hatte +trennen wollen.</p> + +<p>»Eine nette Erziehung!« rief sie, »und ich kann +meine Zeit und meine Kräfte opfern, um so ein von +Grund aus verdorbenes Geschöpf wie dich zu einem +anständigen Menschen zu machen!« Ich zitterte vor +Aufregung, aber kein Wort kam über meine Lippen, — das +einzige, was ich durch die Erziehung meiner<a name="Page_164" id="Page_164"></a> +Mutter bis zur Vollendung gelernt hatte, war die Selbstbeherrschung. +Erst abends im Bett, nach einem Tag, +an dem ich nicht einen Augenblick mir selbst gehört hatte, +kam die Verzweiflung über mich und fassungslos +schluchzte ich in die Kissen. Aber auch die Möglichkeit, +mich auszuweinen, sollte mir genommen werden. Sah +ich morgens verweint aus, oder zeigten sich dunkle +Ränder um meine Augen, so erregte das den heftigsten +Zorn der Tante, — »ein junges Ding hat frisch und +rosig auszusehen«, erklärte sie; und da der bloße Befehl +nichts helfen wollte, kam sie abends, wenn ich zu Bett +war, wiederholt in mein Zimmer, um zu kontrollieren, +ob ich schlief. So gewöhnte ich mich rasch an die große +Kunst, nach innen zu weinen. Grund genug hatte ich +dazu. Es verging kein Tag, ohne daß ich gescholten +worden wäre: wenn an ihrem behandschuhten Finger, +mit dem sie über jede Leiste in meinem Zimmer fuhr, +Staub haften blieb; wenn meine Krawatte nicht +richtig gebunden war, meine Handschuhe nicht sorgfältig +ausgereckt in der Schublade lagen, wenn ihre scharfen +Augen einen Fleck auf dem Kleide entdeckten, oder wenn +ich gar zu einer Zeit las oder schrieb, wo ich Strümpfe +stopfen sollte! Briefe, die nicht die Handschrift der +Eltern aufwiesen, wurden von ihr zuerst geöffnet und +gelesen. Dadurch erfuhr sie, daß ich meiner Kusine +Mathilde mein Leid geklagt hatte. »Es ist sehr traurig, +daß Deine geistigen Bedürfnisse so wenig berücksichtigt +werden und Deine Begabung keine Anerkennung findet,« +hatte sie mir daraufhin geschrieben; höhnend las die +Tante mir die Stelle vor und erklärte dann: »Ich +verbiete dir jede Korrespondenz, außer der mit deinen<a name="Page_165" id="Page_165"></a> +Angehörigen. Das fehlte mir noch, daß dein dummer +Hochmut heimlich unterstützt wird, statt daß du endlich +einsiehst, wie viel dir noch fehlt, um nur den guten +Durchschnitt zu erreichen.« Sie unterließ nichts, um +mir zu dieser Erkenntnis zu verhelfen, und beleuchtete +möglichst grell alle schwachen Seiten meiner Ausbildung: +die musikalische, die fremdsprachliche, die praktische. +Stundenlang quälte ich mich täglich am Klavier; englische +und französische Konversationsstunden wechselten +daneben mit Koch- und Nähunterricht ab. Ein paar +Musterexemplare vollendeter junger Damen wurden mir +des guten Beispiels wegen zum Verkehr zugewiesen. +Sie konnten alles in der Perfektion, was ich nicht +konnte, sie sangen und spielten, stickten und schneiderten, +und immer war ihre Toilette tadellos. Natürlich fand +ich sie gräßlich und träumte mich immer mehr in die +tragische Rolle einer verwunschenen Prinzessin.</p> + +<p>Ich war klug genug, um bald einzusehen, welches die +Triebkraft der Handlungsweise meiner Tante mir gegenüber +war: eine grenzenlose, von allen Menschen, die +sich ihr näherten, sorgfältig genährte Eitelkeit. Wie +ihr Haus und ihr Park die schönsten, ihre Equipage +und ihre Toiletten die elegantesten Augsburgs waren, +so sollte ihre Nichte — am Maßstab Augsburgs gemessen — die +vollendetste junge Dame sein. Es gehörte +eine intensive geistige und körperliche Umwandlung +hierzu, um dieses Ziel zu erreichen.</p> + +<p>Wurde die gute Gesellschaft in Norddeutschland durch +den alten ritterbürtigen Adel repräsentiert mit seiner +Auffassung von Ebenbürtigkeit, mit seinen kirchlich-orthodoxen +und politisch-konservativen Gesinnungen, seiner +<a name="Page_166" id="Page_166"></a>damals noch ausgesprochenen Geringschätzung jeden Berufs, +der außerhalb der Laufbahn des Gutsbesitzers, des +Offiziers oder des höheren Staats- und Hofbeamten +lag, so setzte sie sich hier, getreu den Traditionen, aus +dem alten und dem neuen Patriziertum zusammen, das +mit wenigen Ausnahmen nach wie vor bürgerlichen Berufssphären +angehörte. Zur Zeit, da die Ahnherren +der preußischen Junker wider Heiden und Türken +kämpften, handelte der Stammvater der Fugger mit +Leinwand, segelten die Kauffahrteischiffe der Welfer nach +Westindien, saßen die ersten Stettens in der Goldschmiedzunft. +Ihre Nachkommen betrachteten die Fröhlich +und Forster und Schätzler — Industriebarone des neunzehnten +Jahrhunderts — als zu sich gehörig, während +der Offizier als solcher ebensowenig eine gesellschaftliche +Stellung besaß wie der Landsknecht des Mittelalters.</p> + +<p>So groß wie der Gegensatz der Herkunft war der der +wirtschaftlichen Interessen, die in meinem bisherigen +Lebenskreise wesentlich agrarische gewesen waren und hier +ausschließlich großindustrielle. Die verschiedenartige politische +Stellung folgte daraus: die gute Gesellschaft Augsburgs +war nationalliberal, und lehnte mit der politischen +auch die kirchliche Orthodoxie ab. Ein lebhafteres Interesse +für Kunst und Wissenschaft ging damit Hand in Hand, +und wurde von der Allgemeinen Zeitung und den Männern, +die durch sie nach Augsburg kamen, stets rege erhalten. +Unterhielt man sich in den Schlössern Ostpreußens von +Literatur und Theater, so geschah es nur unter dem +Gesichtswinkel des größeren oder geringeren Amüsements; +in Augsburg gehörte es zum guten Ton, Neues zu +<a name="Page_167" id="Page_167"></a>kennen und vom künstlerischen Standpunkt aus darüber +zu urteilen.</p> + +<p>Die breite Mittelstraße, auf der sich von rechts und +links immer die Leute zusammenfinden, die den Mut +nicht aufbringen, vom Wege ihrer alten Anschauung die +entgegengesetzte Grenze zu überschreiten, und die zu ihrer +eigenen Beruhigung jene Straße die »goldene« tauften, +war das Symbol des ganzen geistigen Lebens. In +Preußen vermied man es, über ernstere Fragen zu +sprechen, weil dabei die Ansichten aufeinanderplatzen +könnten und das nicht zum guten Ton gehört, hier war +man soweit, alles zum Gegenstand bloßer Konversation +zu machen.</p> + +<p>Wurde es mir sehr schwer, bürgerliche Hausfrauentugenden +zu lernen, und noch schwerer, jenen tief gewurzelten +Hochmut nieder zu drücken, der sich durchaus +nicht dazu verstehen wollte, einen Fabrikanten oder einen +Bankier als gleichgestellt anzusehen, so war die politische +und religiöse Richtung der Umgebung im Einklang +mit meiner Entwicklung. Und von dieser Seite aus +eroberte mich Augsburg und machte mich schließlich +zum gefügigen Zögling meiner Tante.</p> + +<p>Kaum hatte sie mich äußerlich ausreichend umgemodelt — eine +kunstvolle Frisur und ein Pariser Korsett waren +ebenso das Attribut süddeutscher Vornehmheit, wie der +glatte Scheitel und das deutsche Mieder das der norddeutschen +waren —, als ich in den Kreis ihrer Verwandten +und Freunde eingeführt wurde. Was mich zunächst in +Erstaunen setzte, war, bei anerkanntem Reichtum, die +große Einfachheit des äußeren Lebens. In dem alten +hochgiebeligen Stettenhaus am Obstmarkt gab es noch +<a name="Page_168" id="Page_168"></a>gescheuerte Dielen und servierende Dienstmädchen. In +der Zeit der Renaissancemöbel und verdunkelnden +Gobelinvorhänge behauptete hier die weiße Mullgardine +neben dem leichten Biedermeierstuhl ihren Platz. Im +Hause der Schätzler, dessen herrlicher Rokokosaal jedem +Königsschloß zur Ehre gereichen würde, buk die Hausfrau +selbst den Weihnachtskuchen und machte das Obst +ein. Ich verlernte allmählich, über dergleichen die Nase +zu rümpfen; die Vereinigung von Fleiß, Einfachheit und +Reichtum hatte etwas imponierendes, und die Erkenntnis, +daß es außerhalb der Welt meiner bisherigen Umgebung +noch Menschen gab, mit denen »man« verkehren konnte, +war epochemachend für mich. Aber noch überraschender +war der Eindruck, den das geistige Leben auf mich +machte. Zu den Intimsten im Hause meiner Tante gehörte +der Chefredakteur der Allgemeinen Zeitung, <em class="antiqua">Dr.</em> +Otto Braun, der Oberbürgermeister von Augsburg, +Ludwig Fischer, und der Pfarrer von St. Anna, Julius +Haberland. Mit einem kleinen Kreis anderer Gäste — aus +dem die männliche Jugend streng ausgeschlossen war — kamen +sie regelmäßig einmal in der Woche bei uns zusammen. +Der Musiksaal, der mit seinen Goldornamenten +und rotseidenen Möbeln dem brutalen Prachtgeschmack +des bayrischen Königs zu huldigen schien, war dem +Wagner-Kultus geweiht. Im grünen Rokokoboudoir +trafen sich die Plaudernden; in der ernsten dunkeln +Bibliothek unter der zimmerhohen Fächerpalme pflegte +Otto Braun vorzulesen.</p> + +<p>Er war ein außerordentlich lebhafter untersetzter, kleiner +Mann, dessen Interessen wesentlich literarische waren, +und dessen jugendliche Begeisterung für seine Lieblings<a name="Page_169" id="Page_169"></a>dichter +ansteckend wirken mußte. Trotz des Gegengewichts +der Tante, die meine Lektüre auf das notwendigste +und kindlichste beschränken wollte, verstand er es, meine +zerfahrenen Neigungen in feste Bahnen zu lenken, und +erschloß mir Gebiete der Literatur, die mir, und damals +wohl auch der Mehrzahl des lesenden Publikums, noch +vollkommen fremd geblieben waren. Hatte ich bisher +die Bücher der Modedichter, eines Heyse, Dahn oder +Ebers, andächtig verschlungen, so wurden mir jetzt +die von Gottfried Keller, von Conrad Ferdinand Meyer +und Marie von Ebner-Eschenbach zu künstlerischen Offenbarungen. +Daß Braun den Allerjüngsten verständnislos +gegenüberstand, sich gegen radikale Ausländer, wie Zola, +Ibsen und manche der großen Russen ablehnend verhielt, +vermochte auf mich um so weniger nachteilig zu wirken, +als der Eintritt in seine Interessensphäre schon einen +großen Schritt vorwärts bedeutete.</p> + +<p>Für das Gebiet der Politik und der Religion galt dasselbe +wie für das der Literatur. Wenn Ludwig Fischer, der als +einflußreiches Mitglied der nationalliberalen Partei auf der +Höhe seines parlamentarischen Ruhmes stand, seine Ansichten +entwickelte, so erschienen sie mir, der die konservative +Politik stets als die eines anständigen Menschen +allein würdige dargestellt worden war, beinahe als revolutionär. +Die Erinnerung an den revolutionären +Liberalismus von 1848, der mich in der Geschichtsstunde +einmal begeistert hatte, verstärkte diesen Eindruck; von +Freihandel und Schutzzoll verstand ich nichts, hatte also +von dem Umfall der Mehrzahl der Liberalen in jener +Schutzzollperiode Bismarcks keinen Begriff, sondern +empfand, was ich hörte, wie eine innere Befreiung: es +<a name="Page_170" id="Page_170"></a>gab Menschen, es gab eine große Partei, die die Ideale +der Freiheit und der Menschenrechte hochhielten, ich +konnte mich zu ihnen bekennen, ohne, wie sonst immer, +bei den Meinigen auf heftigen Widerstand zu stoßen. +»Konservativ kann ich nicht sein,« schrieb ich im Frühjahr +1881 an meine Kusine, mit der ich, seitdem die +Tante befriedigt die guten Resultate ihrer Erziehung +konstatierte, wieder korrespondieren durfte, »das wäre +dasselbe, als wenn ich für die Prügelstrafe und die +Unterdrückung jedes wissenschaftlichen Fortschritts eintreten +wollte. Der Nationalliberalismus, der nicht eine +Kaste und ihre veralteten Privilegien, sondern die Interessen +des ganzen Volkes vertritt, der die wissenschaftliche +Erkenntnis stets zu fördern bereit ist, und daher auch +der religiösen Orthodoxie energisch gegenüber steht, entspricht +meinen Ansichten.«</p> + +<p>Der kirchliche Liberalismus, den kennen zu lernen +mir noch interessanter war, und der in Augsburg allgemein +vorherrschte, wurde im Kreise meiner Tante durch +den Pfarrer ihrer Gemeinde auf das eindrucksvollste +vertreten. Der sonntägliche Kirchgang — hier ebenso +eine selbstverständliche Pflicht wie zu Hause — hatte +darum nichts abschreckendes mehr für mich. Wenn +Julius Haberlands schöne Apostelgestalt auf der Kanzel erschien +und seine sonore Stimme die Kirche mit Wohlklang +erfüllte, war ich vom ersten Augenblick an gefesselt: +hier fehlte jede dogmatische Schroffheit; Verständnis und +Milde fand ich hier für menschliche Fehler und Irrtümer, +wo mir in Posen nichts als Verurteilung und Härte +begegnet war.</p> + +<p>Alle Wunden öffneten sich wieder, die die religiösen<a name="Page_171" id="Page_171"></a> +Kämpfe mir geschlagen hatten; sie waren nur mühselig +überklebt, aber nicht geheilt worden, und ich sehnte mich +mehr denn je nach der Heilung. Auf meinen dringenden +Wunsch bat meine Tante den Pfarrer, mir privaten +Religionsunterricht zu erteilen; er war bereit dazu, und +so ging ich denn allwöchentlich ein paarmal in das stille +Haus an der Fuggerstraße. In seiner sonnigen Studierstube +saß ich dem gleichmäßig gütigen Mann mit den seinen, +von blondem Vollbart umrahmten Zügen und den weißen, +schmalen, gepflegten Händen viele Stunden gegenüber, +und ganz, ganz langsam gelang es ihm, aus meinem +ängstlich verschlossenen Inneren all meine Zweifel und +Verzweiflungen herauszulocken. Sein Christentum, das +den religiösen Glauben weit mehr im Sinne des Vertrauens, +statt in dem des Für-wahr-haltens, auffaßte, +wirkte zunächst auf mich, wie der Eintritt in die freie +Natur auf einen Menschen wirkt, der zwischen den +Mauern enger Gassen lange zu leben gewohnt war.</p> + +<p>Mein Glaubensbekenntnis konnte zu Recht bestehen, und +ich war doch ein Christ. Ich brauchte nicht an die göttliche +Inspiration der Bibel, an die Wunder des Alten Testaments, +an die Jungfräulichkeit der Mutter des Heilands +zu glauben und war doch keine aus der Kirche Ausgestoßene. +Als heiliges Symbol konnte aufgefaßt werden, +was ich wörtlich für wahr zu halten verpflichtet worden +war, — demnach hatte ich vor dem Altar keinen Meineid +geschworen! Mein Verstand beruhigte sich dabei. Ich +hatte auch hier die »goldene« Mittelstraße erreicht, auf +der so viele, selbst alte Leute gehen, die keine Heuchler +zu sein brauchen, die aber, beherrscht von jener gefährlichsten +Eigenschaft unserer Denkkraft — der Bequem<a name="Page_172" id="Page_172"></a>lichkeit — da +einen Punkt machen, wo die eigentliche +Arbeit erst anfangen sollte.</p> + +<p>Aber die Befriedigung des Verstandes konnte auf die +Dauer über den Hunger des Gemüts nicht hinwegtäuschen. +Es blieb leer in mir, viel leerer als zu der +Zeit, wo der alte strenge Gott der orthodoxen Kirche +sich noch nicht in einen so milden, hinter fernen Nebeln +fast verschwindenden väterlichen Greis verwandelt hatte. +In kalte Schauer des Entsetzens hüllte mich diese trostlose +Öde, je länger ich in dem glänzenden Blumenhaus +am Königsplatz wohnte, je mehr ich mich +unter den rastlos formenden Händen der Tante der +Idealgestalt, die ihr vorschwebte, näherte. Nie ließ sie +mir Zeit für mich selbst; mein Tag war, was das Arbeitpensum +und die Art der Erholung betrifft, so genau +eingeteilt, daß für meine persönlichen Neigungen kein +Platz übrig blieb. Wenn mich aber einmal in den +langen Stunden, die ich bei irgend einer Handarbeit +saß, die Gestalten meiner Träume überwältigten und ich +mich ihrer nicht anders zu erwehren vermochte, als daß +ich heimlich nachts darauf zu Feder und Tinte griff, um +mit klopfenden Pulsen in Worte und Reime zu fassen, +was mich erfüllte, so konnte ich sicher sein, daß die Tante +oder die Jungfer mein streng verbotenes Tun entdeckten. +»Unnütze Phantasien« hatte ich zu beherrschen; mußte +durchaus gedichtet werden, so boten Familienfeste Gelegenheit +genug dazu.</p> + +<p>Einmal, im Frühjahr wars, als die Tante zu einer +ärztlichen Konsultation nach München hatte fahren +müssen. Da benutzte ich die Erlaubnis eines Besuchs +bei einer Freundin, um allein nach Herzenslust in der<a name="Page_173" id="Page_173"></a> +Stadt umherzustreifen. Einem tiefen inneren Bedürfnis +folgend, das sich aus künstlerischen und religiösen Motiven +merkwürdig zusammensetzte, war es mir schon zur Gewohnheit +geworden, bei jedem Ausgang in irgend eine +der alten Kirchen einzutreten, wo ich im weihrauchduftenden +Dämmer wenigstens zu Augenblicken stiller +Sammlung kam. Heute durfte ich mir ein paar Stunden +gönnen, nachdem ich den Besuch möglichst abgekürzt hatte. +Das Portal des Doms stand offen, als ich näher +trat, und Scharen kleiner Kinder trugen lange Girlanden +bunter Frühlingsblumen hinein, um die vielhundertjährigen +Säulen und Altäre zu den Maiandachten +der heiligen Jungfrau zu schmücken. Königlich +und liebreich zugleich schien sie vom Pfeiler des großen +Tores auf all die jungen Gläubigen herabzulächeln. +Innen, in den weiten Hallen, die so wunderbar deutlich, +und eindringlicher als irgend ein gelehrtes Buch, +von der Entwicklung deutscher Kunst erzählen, verklangen +die vielen trippelnden Füßchen, und es war +ganz still. Die helle Nachmittagssonne glänzte durch +die alten gemalten Fenster, so daß Daniel und +Jonas, Moses und David von neuem Leben durchglüht +erschienen. Im Gegensatz zu diesem Licht waren +die schwarzen Schatten des dunkeln Querschiffs um so +tiefer, und wie hinter grauen Florschleiern schimmerten die +Grabsteine in den Seitenschiffen. Dumpfkalte Winterluft +schwebte noch um die Mauern. Dem hellen Chorgang +schritt ich daher zu, aus dem die Kinder mir +gerade entgegenströmten; sie hatten ihm schon sein +frisches Festkleid angetan, und es trieb mich, zu sehen, +wie sie der Mutter Gottes als heidnischer Frühlings<a name="Page_174" id="Page_174"></a>göttin +die Erstlinge des Lenzes geopfert hatten. Da +stockte mein Fuß vor einem steinernen Grabmal: ein +Totenschädel mit breitem Mund und leeren Augen grinste +mich an, lang gestreckt dehnte sich der ausgedörrte Leib +auf dem Sarkophag, von Kröten und Schlangen ringsum +gräßlich benagt. Entsetzt floh ich hinaus; aber in der +Erinnerung verstärkte sich nur noch der Eindruck: die +steinerne Maria am Portal, die blumentragenden +Kinder aus Fleisch und Blut, und der tote Peter von +Schaumburg, der lebenslustige Kardinal, der sich selbst, +da er noch im Golde wühlte und Augsburgs schönsten +Töchtern die Beichte abnahm, dieses furchtbare Denkmal +gesetzt hatte, gingen neben mir her, traten mir in den +Weg, oder folgten mit leisen Sohlen meinen Schritten. +Oben in meinem Zimmer angekommen, warf ich hastig +Hut und Mantel von mir, setzte mich an den Schreibtisch +und schrieb — schrieb — schrieb, ohne die wiederholte +Mahnung zum Abendessen zu berücksichtigen, eine +phantastische Geschichte, in der der Kirchenfürst zu der +holdseligsten Jungfrau der Stadt in sündiger Liebe +entbrannte und die sittsame Maid auf ihr Gebet zum +Steinbild auf dem Pfeiler verwandelt wurde, während +er in ihrer Nähe sich bußfertig dieses dauernde +<em class="antiqua">memento mori</em> schuf. Ich achtete nicht der Stunde, ich +hörte nicht die Schritte der Tante hinter mir, erst als +sie sich über mich beugte und ihr warmer Atem meine +Stirne streifte, fuhr ich erschrocken aus meinem wachen +Traum.</p> + +<p>»Also nur den Rücken zu kehren brauche ich, und die +alte Geschichte fängt von neuem an,« rief sie empört +und nahm die beschriebenen Blätter vom Schreibtisch.<a name="Page_175" id="Page_175"></a> +»Statt deinen englischen Aufsatz zu machen, treibst du +Narrenspossen.« Damit zerriß sie meine Kardinalsnovelle +in tausend Stücke. Ich fühlte, wie alles Blut mir aus +den Wangen wich; mit der Selbstbeherrschung war es +vorbei. »Du willst mich umbringen — langsam zu +Tode martern« — stieß ich hervor; »tue ich nicht alles, +was du willst, lasse mich sogar einsperren und kontrollieren, +wie einen Verbrecher? Gönne mir doch mein bischen +eigenes Leben — schenk mir ein paar Stunden am +Tag —. Gefällt Dir nicht, was ich schreibe, so laß es mir +wenigstens. Ich werde ja niemanden damit quälen. —« +»Das wäre auch noch schöner, wenn du mich mit dem +eiteln Herumzeigen solchen Geschreibsels blamieren +wolltest!« entgegnete sie. »Ich kann tintenklexende +Frauenzimmer bei mir nicht dulden. Und du willst, ich +soll dir noch extra Freistunden dafür ansetzen! Eine +Frau hat überhaupt nicht für sich zu leben, sondern für +andere.« Gequält lachte ich auf — ich dachte daran, +wie die Tante »für andere« lebte! »Ich halte es aber +nicht aus, ich muß los werden, was mich gepackt hat. +Andere denken auch nicht wie du. Großmama ist immer +dafür gewesen, daß ich dem inneren Zwang gehorche.«</p> + +<p>»Deine Großmama!« — höhnisch schürzte die Tante die +vollen Lippen; »ich will ja gewiß der alten Dame nicht +zu nahe treten, aber du solltest doch besseres tun, als +sie zum Kronzeugen anzurufen!«</p> + +<p>Empört fuhr ich auf: »Großmama ist die beste Frau, +die ich kenne, der einzige Mensch, der mich lieb hat und +mich versteht!«</p> + +<p>»Mag sein, daß sie dich versteht!« rief die Tante. +»Sie ist gerade so überspannt wie du. Kein Wunder — bei +<a name="Page_176" id="Page_176"></a>der problematischen Herkunft!« Ich ballte unwillkürlich +die Fäuste, daß mir die Nägel ins Fleisch +drangen und warf hochmütig den Kopf zurück: »Mit +deinen Augsburgern Krämern kann sie sich freilich nicht +messen!« Kochender Zorn verzerrte die Züge der Tante. +»Wirst du sofort wegen dieser unerhörten Frechheit um +Verzeihung bitten?!« schrie sie mich an. Mit einem +kurzen »Nein« wandte ich mich ab und ging in mein +Schlafzimmer.</p> + +<p>Ich warf mich aufs Bett und biß die Zähne zusammen, +um nicht laut auf zu schreien: krampfhafte +Schmerzen in der Seite ließen mich die seelischen +Leiden momentan vergessen. Andeutungen davon hatte +ich schon in Pirgallen beim Reiten gespürt; jetzt, in +Augsburg waren sie immer stärker geworden, und +steigerten sich nach jeder großen Erregung zu einem +heftigen Anfall. Schließlich hatte ich mich entschlossen +gehabt, der Tante davon zu sprechen; sie hatte es zum +Anlaß genommen, mir zu erklären, daß ein gut erzogenes +junges Mädchen nicht krank zu sein hätte, und ihr Hausarzt +hatte mir dann, nach einem kurzen Blick auf mein +blasses Gesicht »Beefsteak und Rotwein« empfohlen. +Daraufhin sagte ich nichts mehr, auch wenn ich mich +vor Schmerzen krümmte. So wie diese Nacht war es +freilich noch nie gewesen. Ich tat kein Auge zu.</p> + +<p>Am nächsten Morgen wurde mir mitgeteilt, daß +ich oben zu bleiben hätte. Auch vor den Dienstboten +sollte ich gedemütigt und so zur Abbitte gezwungen +werden. Als auch der zweite Tag verstrich, ohne daß ich +dazu Miene machte, kam Pfarrer Haberland zu mir. Er +sprach mir viel von Tantens Liebe zu mir, ihrer Sorge +<a name="Page_177" id="Page_177"></a>um mich, den Opfern an persönlichem Behagen, die sie +mir ständig brächte, ihrem Alter und meiner zur Unterordnung +verpflichteten Jugend. »Zeigen Sie, daß Sie +jetzt wirklich eine Christin sind!« sagte er. »Demütigen +Sie sich, auch wenn Ihnen wirklich Unrecht geschehen wäre! +Bringen Sie freudig das Opfer Ihrer selbst — Sie +werden reichen Lohn davon haben!« »Vielleicht hat er +wirklich recht«, dachte ich; und in dem stolzen Bewußtsein, +einen Sieg über mein böses Ich errungen zu haben, +ging ich mit ihm herunter, und es gab eine rührende +Versöhnungsszene mit viel Tränen, Küssen und Segenswünschen. +Ich hatte mich wieder einmal unterworfen. +Als eine Art Selbstkasteiung sah ich es an, wenn ich +nunmehr mit Feuereifer alle mir unangenehmen Arbeiten +übernahm: ich stickte »altdeutsche« Deckchen, als ob ich +es bezahlt bekäme, kämpfte stundenlang am Klavier mit +meiner Talentlosigkeit, strickte unentwegt Strümpfe für +die Negerkinder, während die Tante nach dem Abendbrot +spielte und sang. Aber die Leere im Innern blieb, +und wenn abends die Nachtigallen vor meinen Fenstern +flöteten und der Duft der weißen Akaziendolden hereinströmte, +dann erfaßte mich eine Sehnsucht, eine tiefe, +heiße — wonach, ach wonach?!</p> + +<p>Im Sommer fuhren wir nach Grainau. Ich freute +mich kindisch darauf, aber durch die strenge Abgeschlossenheit +des Lebens wurde mir der Aufenthalt sehr verbittert. +Ich durfte nicht einmal mit dem Sepp auf die Hochalm, +und als Hellmut Besuch machte, der inzwischen ein +flotter Gardeleutnant geworden war, und seinen Urlaub +in Partenkirchen bei der Mutter verlebte, nahm ihn die +Tante allein an; sie mußte ihm wohl bedeutet haben, +<a name="Page_178" id="Page_178"></a>daß sie den Verkehr mit »dem Kinde« nicht wünsche, denn +er kam nicht wieder.</p> + +<p>Wir fuhren täglich spazieren, — wie ich von meinem +Wagen aus die Touristen beneidete, die mit dem Rucksack +auf dem Buckel frisch und fröhlich in die Welt +hineinmarschierten!</p> + +<p>Nach Augsburg zurückgekehrt — ich war inzwischen +sechzehn Jahre alt geworden — eröffnete mir die Tante, +daß ich mich nunmehr, nachdem sie einen Rückfall nicht +wieder beobachtet habe, freier bewegen dürfe. Da ich +aber weder einen Schreibtisch-, noch einen Stubenschlüssel +bekam, beschränkte sich die »Freiheit« nur auf ein geringeres +Maß von Kontrolle, auf den Besuch von Gesellschaften, +die nicht ausschließlich aus Damen und alten +Herren bestanden, und auf den des Theaters, wo zwei +Logenplätze uns jeden Abend zur Verfügung standen. +Die Konferenz und Energie meiner Tante, ihre unablässigen, +in den verschiedensten Formen sich wiederholenden, +und neuerdings durchaus freundschaftlich gehaltenen +Auseinandersetzungen über die Pflichten eines jungen +Mädchens von vornehmer Geburt, hatten überdies allmählich +auf mich gewirkt wie ein Opiat, das die Seele +stumpf macht. Wachte irgend etwas wieder auf in mir, +so hielt ich es selbst schon für ein Unrecht, und beeilte +mich, es wieder einzuschläfern. An meine Kusine schrieb +ich damals: »Du fragst, ob ich irgend etwas schreibe? +Es lebt vieles in meinem Kopf und Herzen, aber ich +finde keine Zeit dazu, es zu gestalten. Das ist ein +wunder Punkt in meinem Leben. In mir kocht und +glüht es, und ich glaube wohl, daß ich Talent habe, und +daß es hinausstürmen will. Da muß ich denn doppelt +<a name="Page_179" id="Page_179"></a>hohe Barrieren bauen. Ich muß soviel Prosaisches tun, — und +wenn ich erst zu Hause bin, wo ich Mama viel +abnehmen muß, wird meine Zeit vollends ganz ausgefüllt +sein. Es mag Menschen geben, die für die Prosa +des Lebens geboren sind; ihnen werden die gewöhnlichen +Pflichten nicht schwer; mir werden sie schrecklich schwer ... Mein +armer Pegasus hat zuerst daran glauben +und am Altar der Pflicht verbluten müssen! ... Es ist +am Ende das Beste so. Was soll ein armes Mädel +mit ihm anfangen? Die Phantasie war das Unglück +meines Lebens; sie aus mir herauszuschneiden war eine +gräßlich schmerzhafte Operation. Nun, da sie gelungen +ist, will ich das, was blieb, nur benutzen, um Haus +und Leben damit zu schmücken, meinen Eltern und einmal +meinem Mann zu dienen.«</p> + +<p>Ich war <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'wirlich'">wirklich</ins> eine »junge Dame« geworden; ich +fühlte nicht einmal mehr, daß die hoffnungsvollen +Triebe meines Lebensbodens niedergetrampelt waren. +»Man beurteilt ein junges Mädchen nach seinem Aussehen, +weniger nach seinem Wissen«, schrieb ich, mir die +Ansichten der Tante zu eigen machend, »sie wird mit +Recht für arrogant gehalten, wenn sie schon eine eigne +Meinung haben will«. Mein Tagebuch, das ich seit +dem Augsburger Aufenthalt nicht berührt hatte, weil ich +es nicht durfte, blieb auch jetzt unausgefüllt, obwohl +mich niemand mehr daran hinderte. Großmama frug +einmal brieflich danach, und ich antwortete mit schnippischem +Selbstbewußtsein: »Ich schreibe keins, weil ich +finde, daß man sich in meinem Alter darin Dinge vorlügt, +die man nicht denkt, und aus Ereignissen wichtige +macht, die man besser vergißt. Mein Leben brauche ich +<a name="Page_180" id="Page_180"></a>nicht aufzuschreiben, denn die Nachwelt wird es nicht +kümmern. Auch Verse mache ich nicht mehr, denn mein +Streben ist darauf gerichtet, mein eignes Ich und die +Welt um mich so poetisch wie möglich zu gestalten« — durch +bemalte Teller und Schachteln, bestickte Deckchen +und ein mißhandeltes Klavier! — »damit ich einmal +meinem Mann eine hübsche Häuslichkeit schaffen kann.«</p> + +<p>Mein Mann! — Die Tante sorgte dafür, daß meine +Träume sich mehr und mehr um ihn drehten und meine +Phantasie, die wir so tief eingesargt wähnten, nach dieser +Richtung üppigste Blüten trieb. War nicht das Ziel +all ihrer Erziehungskünste der Mann? War es nicht +wie ein glattes Rechenexempel, wenn sie mir auseinandersetzte, +warum und wann und wen ich heiraten sollte? +»Da ich kinderlos bin, wird für dich reichlich gesorgt +sein,« sagte sie, als wir einmal im Siebentischwald +spazieren gingen und ihr Arm schwer und schmerzhaft +wie stets auf dem meinen ruhte, »aber natürlich erst +nach meinem Tode. Jetzt bist du arm und bei der +schlechten Wirtschaft deiner Eltern kannst du kaum auf +eine Zulage rechnen. Mach also keine Dummheiten. +Sorgen treiben gewöhnlich die Liebe zum Hause hinaus. +Und wenn ich versucht habe, dich aus deinem Wolkenkuckucksheim +in die nüchterne Alltäglichkeit zurückzuführen, +so doch nur, damit du dich nicht mit irgend einer konfusen +Leidenschaft verplemperst. Du kannst jetzt die +größten Ansprüche machen — verscherze dir das nicht!« +Ich hörte ruhig zu, ich war so gut erzogen, daß mir +das alles selbstverständlich klang.</p> + +<p>Nur einmal wars, als zerrisse ein dunkler Vorhang +vor meinen Augen, und ich sah plötzlich, wie eine Vision, +<a name="Page_181" id="Page_181"></a>die tiefe, dunkle, kalte Leere meines Herzens. Ich suchte +spät Abends im Park nach einem Tuch, das ich irgend +wo liegen gelassen hatte, als ich vor mir, eng aneinandergeschmiegt, +zwei Menschen gehen sah: unsre Lina, +das Stubenmädchen, und Johann, den Kutscher. Von +Zeit zu Zeit blieben sie stehen und küßten sich — endlos +verzehrend. »Maria und Josef«, schrie die Lina +als sie mich sah, »das gnä Fräuln!« Mit Wangen, +die glühten und Augen, die glänzten, mehr vor Glück +als vor Scham, streckte sie die Hände nach mir aus: +»Gnä Fräuln werdens nit der Frau Baronin sagen, gel +ja?« bat sie schmeichelnd, »de Liab is ja koan Unrecht +nöt. Wers freili so noblich haben kann wie das gnä +Fräuln, der ka ruhig aufn Prinzen warten, der glei +mitn Trauring kimmt und gradaus in die Kirch eini +führt. Aber mir —« sie lächelte den verlegen daneben +stehenden Johann zärtlich an, »mir haben nix als das +bissel Liab — und dös — dös müssen wir haben ... So +red doch auch was, Hannsl!« Sie stieß ihn aufmunternd +in die Seite. »Recht hast!« stotterte er, »a Freud muß +der Mensch haben, so a rechte herzklopfete Freud!« Es +dunkelte mir vor den Augen, laut aufgeschluchzt hätte +ich am liebsten. Wie arm, wie schrecklich arm war ich! +Aber ich war ja so gut erzogen! So versicherte ich +denn das Paar meiner Verschwiegenheit und kehrte in +meine »nobliche« Gefangenschaft zurück.</p> + +<p>Während der folgenden Monate in Augsburg wurde +meiner Erziehung durch die Einführung in die Wohltätigkeitsbestrebungen +der guten Gesellschaft der letzte +Schliff gegeben. Meine Tante war Vorstandsmitglied +der verschiedensten Vereine und galt allgemein für äußerst +<a name="Page_182" id="Page_182"></a>hilfsbereit. Mir waren darüber schon oft Zweifel aufgestoßen, +wenn arme Leute, deren Unglück sichtlich rasche +Hilfe verlangte, von der Schwelle des glänzenden Hauses +abgefertigt und ihre Angelegenheit dem Bureaukratismus +irgend eines Vereins überwiesen wurde. Aber meine +Tante wußte so viel von der Großartigkeit der augsburger +Armenfürsorge — sowohl der kommunalen, als +der privaten — zu erzählen, daß ich meine Bedenken +zurückhielt und mir von dem, was geleistet wurde, die +glänzendsten Vorstellungen machte. Schon meine erste +Teilnahme an der Sitzung eines Krippenvereins ließ mir +die Dinge in anderem Licht erscheinen. Da saßen lauter +reiche Frauen in seidenrauschenden Kleidern um den +Tisch; keine einzige unter ihnen hatte keine Loge im +Theater, keine Equipage vor der Türe, — und doch berieten +sie stundenlang, auf welche Weise die zur Erweiterung +der Anstalt notwendigen paar hundert Mark +aufgebracht werden könnten. Ein Bazar wurde beschlossen. +Schon auf der Heimfahrt jammerte meine +Tante über all die damit verbundenen Mühen und +Scherereien, über ein neues Kleid, das ich — als Verkäuferin — notwendig +dafür haben müßte, über einen +neuen Hut, den sie nur in München bekommen könnte, — kurz, +ich konnte die Frage nicht unterdrücken, ob +nicht die Kosten erheblich geringer sein würden, wenn +jede der Damen durch Zahlung von fünfzig Mark die +ganze Sache rasch und glatt erledigt hätte. Aber da +kam ich schön an. »Du hast doch gar keinen Begriff +von Geld und Geldeswert« sagte sie, »wenn du meinst, +wir könnten alle Augenblicke solche Summen einfach hergeben. +Was wir für uns tun und unsere Toilette, ist +<a name="Page_183" id="Page_183"></a>unsere Sache, für die Bedürftigen aber muß die ganze +Bevölkerung herangezogen werden.«</p> + +<p>Auch zu Recherchen wurde ich mitgenommen oder durfte +sie hie und da selbst machen. So kam ich einmal zu +einer armen Witwe in die Wertach-Vorstadt, die sich +und ihre vier Kinder mit Wäschenähen zu ernähren bemühte +und um Unterstützung nachgesucht hatte. Durch +einen engen, dunkeln Hof mußte ich gehen, in dessen +dumpfer Kellerluft eine Schar blasser, kleiner Buben +und Mädeln sich herumtrieb. Sie scharten sich alle +mit offnen Mäulchen um mich, als ich nach Frau Hard +frug. »Über drei Stiegen links wohnt Mutta,« sagte +ein blasser Junge mit einem ernsthaften Altmännergesicht, +und die Schwester, deren Züge auch vom Lachen +so wenig zu wissen schienen wie dieser Hof vom Sonnenschein, +führte mich hinauf.</p> + +<p>Mit jenem angstvoll nervösen Ausdruck gehetzter Tiere, +der sich den Gesichtern all der Menschen einprägt, die den +Kampf ums tägliche Brot jeden Morgen in gleicher Schärfe +aufs neue beginnen müssen, sah die arme Frau mir entgegen. +Während sie Heftfäden aus all den vielen weißen +Wäschestücken zog, die fast das ganze winzige Zimmer +füllten, und dazwischen hie und da aufsprang, um nach dem +brodelnden Topf in der dunkeln Küche nebenan zu sehen, +von dem ein widerlicher Geruch nach schlechtem Fett sich +allmählich überallhin ausbreitete, erzählte sie mir ihre +Leidensgeschichte. Der Mann, ein Maler, war vor drei +Jahren an der Schwindsucht gestorben, — »ka Wunder +nöt bei dera Fabrik am Stadtbach draußen« —, die +Direktion hatte ihr eine einmalige Unterstützung von +hundert Mark zugewiesen. »Gott vergelts ihna viel +<a name="Page_184" id="Page_184"></a>tausendmal« fügte sie tief gerührt hinzu, als sie davon +sprach; trotz allem Fleiß konnte sie aber doch nicht +das Nötigste schaffen. Inzwischen kamen die Kinder +herein und drängten sich halb neugierig halb eingeschüchtert +in einer Zimmerecke zusammen. »Mit die Kinder +is halt a Kreuz,« sagte die Mutter seufzend, »eins — das +ginge noch an, aber vier, da weiß man nicht +aus noch ein vor Sorg und Kummer.« Der Kleinste +stolperte in diesem Augenblick über seine eignen dünnen +rachitischen Beinchen und fiel auf einen der Leinwandhaufen. +Die Mutter patschte ihm erregt auf die Händchen, +zankte gleich alle Vieren, daß sie »so arg im Wege« +stünden und stieß sie unsanft in die Küche, mit der Mahnung, +dort ganz still zu sitzen. Mir krampfte sich das +Herz zusammen vor Mitleid mit diesen armen Geschöpfen, +die der eignen Mutter nur eine Last waren und es mit +brutaler Deutlichkeit von ihr selbst erfahren mußten. +Fast war ich schon fertig mit meinem Urteil über die +Hartherzigkeit der armen Näherin, als sie mir weinend +erzählte, wie sie des besseren Verdienstes wegen ein Jahr +lang in die Fabrik gegangen wäre, da sei aber ihr +Jüngstes aus dem Fenster gestürzt, während sie abwesend +war, und seitdem könne sie die Kinder nicht allein lassen. +Aus lauter Angst um sie nähme sie alle Vier sogar mit, +wenn sie liefern ginge. »Glei spräng i nach, wenn noch +eins da nunter fiele!«</p> + +<p>Ich verlor alle Selbstbeherrschung, — nie hatte +ich auch nur im entferntesten von solch einem +Elend gewußt —, die Tränen strömten mir aus den +Augen. Ein schwaches Lächeln huschte über die verhärmten +Züge der Frau; sie ließ die Arbeit sinken und +<a name="Page_185" id="Page_185"></a>streichelte mir tröstend die Hände: »So a guts Herzerl +sans — das hat mir gwiß der liebe Herrgott geschickt!« — mich +durchstach das Wort mit Messerschärfe: Ja, war +es denn möglich, daß Gott solchen Jammer mit ansehen +konnte?! Was hatte die Mutter, was hatten die kleinen +Kinder getan, daß sie so leiden mußten? Warum lebten +sie denn eigentlich, da doch ihr Leben gar keins war? +Und wie kam ich dazu, nicht zu sein wie sie? Dunkel +errötend sah ich an meinem eleganten Kleide hinab und +blickte scheu zu den vielfach geflickten dürftigen Röckchen +der Kinder hinüber, die sich wieder der Türe genähert +hatten, um mich anzustaunen. Und ich fühlte plötzlich +die Spitzen meines Hemdes auf meinem Körper brennen, — hatten +nicht am Ende ebenso arme durchstochene +Finger sie genäht, wie die der Witwe vor mir? O, wie +ich mich schämte! Wären die Kinder auf mich zugestürzt +und hätten mir das weiche Tuch meines Kleides vom +Leibe gerissen, hätte die Mutter sich mit meinem Mantel +bekleidet, — ich hätte es in diesem Augenblick ganz +natürlich gefunden. Statt dessen ruhten die Augen der +Kleinen mit keinem andern Ausdruck als dem der Bewunderung +auf mir, und die Mutter pries überschwenglich +mein »gutes Herz«.</p> + +<p>Ich zog den gedruckten Bogen aus der Tasche, um +das Notwendigste einzutragen. Mechanisch stellte ich +meine Fragen. »Wie alt sind Sie?« — »Sechsundzwanzig.« — Erschrocken +sah ich auf: dies gelbe, faltige +Gesicht, der krumme Rücken, die dünnen Haare, der erloschene +Blick, — und sechsundzwanzig Jahre! Ich sah +plötzlich meine Tante vor mir, die vierzigjährige — und +ein dumpfer Zorn bemächtigte sich meiner. »Wie lange +<a name="Page_186" id="Page_186"></a>arbeiten Sie am Tage?« — »I steh halt um fünfe auf +und leg mich um zwölfen nieder!« — Und das alles nur +um das elende Leben am nächsten Tag weiter zu fristen!</p> + +<p>»Was verdienen Sie in der Woche?« — »Sechs Mark, +und wanns arg gut geht, achte. In der stillen Zeit +gibts oft keine drei und vier. Und fünf — sechs Wochen +im Jahr is die Arbeit rar.« — Also hatte sie für sich +und die ihren weniger, als mein Taschengeld betrug, — und +ich gebrauchte für bloßen Toilettentand mehr als +sie mit den Kindern zum Leben hatte!</p> + +<p>Ich ertrug es nicht länger. Das Weltbild verschob +sich mir, und seine Farben flossen zusammen, so daß +nichts als ein schmutziges Grau übrig blieb. Ich griff +in die Tasche, und in der Empfindung etwas zu tun, +was für mich weit beschämender war, als für die arme +Frau, schüttete ich ihr den Inhalt meiner Börse in den +Schoß und lief, so rasch ich konnte, davon. Als ich, +trotz aller Mühe, mich zu beherrschen, atemlos und erregt +von dem Erlebten berichtete, erklärte die Tante mich +für »überspannt«. »Wie kannst du die Dinge nur von +unsern Empfindungen aus bewerten. Die Leute sind +das nicht anders gewöhnt, und wenn für das Notwendigste +gesorgt wird, sind sie zufrieden. Sie übermäßig +zu bedauern heißt, sie zu Sozialdemokraten +machen.«</p> + +<p>Ein andermal kam ich zu einem alten Manne, dessen +Tochter Fabrikarbeiterin war. Die Armenunterstützung, +die er erhielt, reichte zu seiner Erhaltung nicht aus, und +sie hatte erklärt, von ihrem Lohn nur wenig erübrigen +zu können. Der Alte saß am Fenster eines reinlichen +Zimmerchens, als ich eintrat; er hustete beinahe ununter<a name="Page_187" id="Page_187"></a>brochen, +rauchte aber trotzdem die Pfeife, und fast undurchdringliche +Wolken umgaben ihn. Meinem Wunsch, ein +Fenster zu öffnen, widerstand er heftig. »I hobs auf +der Brust und vertrag ka Zugluft nöt,« sagte er. Unter +Räuspern und Husten begann ich mein Verhör. Er beklagte +sich lebhaft über die Tochter, die »a schön's Stück +Geld« verdiene, aber »alleweil mehr an Putz denkt als +an den alten Vater,« und lieber auf »die Tanzböden +umanand hupft« als bei ihm zu sein, der »dös ausgeschamte +Ding doch nu amal in die Welt gesetzt hat.« +Grade ging die Türe und »d' Resi« kam nach Haus, +ein schmalbrüstiges junges Mädchen mit hektischem Rot auf +den Wangen und fiebrig glänzenden Augen. Sie hustete. +»Kannst nit a bissel s' Fenster auftun,« bat sie nach +einer verlegnen Begrüßung, »wenn man eh' den ganzen +Tag gar nix wie Staub schluckt.« Aber der Alte gab +nicht nach, sondern eiferte bloß über die ungeratenen +Kinder — »zu meiner Zeit gab's koanen eignen Willen +nöt bei die Madl. Heut zu Täg is aus mit'n schuldigen +Respekt.« Die Resi bat mich, ihr mit meinem Fragebogen +in die Küche zu folgen. Dort riß sie das Fenster +auf, und ein Hustenanfall erschütterte ihre Brust, so daß +ihr vor Anstrengung die Schweißtropfen auf der Stirne +standen. Seit vier Jahren arbeitete sie, die eben erst +achtzehn geworden war, in der großen Spinnerei, zu deren +Aktionären auch meine Tante gehörte, wie ich aus ihrem +eifrigen Studium der betreffenden Kurszettel erfahren +hatte. Sie verdiente sieben Mark in der Woche, wovon +sie dem Vater die Hälfte abgab. »Für mehr langt's +gewiß nit, Fräulein,« fügte sie mit tränenden Augen +hinzu, »i brauch a bissel was für's Gewand, und dann, — schauen's, +<a name="Page_188" id="Page_188"></a>wie's mi grad gepackt hat — dös kommt alle +Tag' a paar Mal — der Herr Doktor hat gesagt, i soll +viel Milli trinken, da hol' i mi heimli an halben Liter +am Tag« — aus dem Winkel des Schränkchens suchte +sie ein Töpfchen hervor, dabei ängstlich nach der Türe +schielend, ob auch der Vater nichts merken könne. »Recht +a gute Luft, meint der Herr Doktor, wär' halt auch +nötig« — ein bittres Lächeln huschte um ihre Lippen — »Sie +merkend ja selber, wie's hier damit steht, und +schlafen muß i a no bei ihm drinnen! Wie's aber in +der Fabrik is, das wissen's gewiß nit, — da schluckt +einer weiter nix wie Baumwolle.«</p> + +<p>Zu Hause meinte ich, es wäre am besten, der Alte +käme ins Spital. Die Tante war empört über meine +Herzlosigkeit. »Ein Kind gehört zu seinen Eltern,« +sagte sie, »und dann am sichersten, wenn sie alt und +krank sind.« Nach einer neuen, »fachverständigeren« +Untersuchung wurde festgestellt, daß die Resi am Sonnabend +stets auf dem Tanzboden zu finden sei und für +bunte Bänder immer Geld übrig zu haben scheine. +Diese Entdeckung wurde mir mit allen Zeichen einer +Entrüstung mitgeteilt, die ich beim besten Willen nicht +zu teilen vermochte. »Wir gehen doch auch in Gesellschaften — noch +dazu ohne die ganze Woche gearbeitet +zu haben,« sagte ich naiv, »und die Resi ist jung wie +wir, dazu arm und krank — laßt ihr doch das bißchen +Lebensfreude.«</p> + +<p>Von da an wurden mir die Armenbesuche verboten. +Nur zu Weihnachten durfte ich an der allgemeinen +Bescherung des Krippenvereins teilnehmen. In einem +langen niedrigen Saal standen hölzerne Tafeln mit ge<a name="Page_189" id="Page_189"></a>schmacklosen +bunten Wollsachen, Schuhen, derben Wäschestücken, +ein paar Pfefferkuchen und verschrumpelten Äpfeln +bedeckt; ein dürftig geschmückter Baum streckte seine großen +Zweige wie lauter wehklagend erhobene Arme nach der +Zimmerdecke. Lieblos und nüchtern — gar nicht nach +Weihnachten — sah es aus, und ich mußte der Großmutter +denken, die selbst den Ärmsten immer irgend eine »Überraschung« +bereitete, denn »<em class="antiqua">les choses superflus sont des +choses très nécessaires</em>« Pflegte sie mit ihrem gütigsten +Lächeln zu sagen. Auf der einen Seite drängten sich +die Frauen und Kinder eng zusammen, auf der anderen +saßen die Damen des Vorstands, und unter dem Baum +stand Pfarrer Haberland, der die Festpredigt hielt. Er +war mir völlig fremd diesen Abend, als er so viel vom +»Vater im Himmel« sprach, »der die Armen nicht verläßt,« +von »den wahrhaft christlichen Seelen der gütigen +Geberinnen,« von der gebotenen »Dankbarkeit und Zufriedenheit +der Empfangenden.« Dann wurde gesungen +und dann beschert, wobei die Mütter ihre Kinder immer +wieder ermahnten »vergelts Gott« zu sagen, obwohl die +kleine Gesellschaft offenbar nicht recht wußte, warum. — Über +eine Gummipuppe und ein Holzpferdchen hätten +sie sich tausendmal mehr gefreut, als über all die prosaischen +Nützlichkeiten.</p> + +<p>Trotzdem von der Riesentanne in unserm Musiksaal +wenige Stunden später hunderte von Kerzen ein warmes +strahlendes Licht verbreiteten und alle Geschenke meiner +Eitelkeit zu schmeicheln schienen, verlebte ich noch nie ein +so trauriges Weihnachtsfest. Ich sei »schlechter Laune«, +meinte die Tante ärgerlich, der mein Dank nicht stürmisch +genug war. Nachts darauf hatte ich wieder +<a name="Page_190" id="Page_190"></a>einen heftigen Anfall von Seitenschmerzen und wußte +bald nicht mehr, ob meine Tränen um das körperliche +Leid oder um die Zerrissenheit meines Innern flossen.</p> + +<p>Ich mochte die Sitzungen der Vereine nicht mehr +besuchen, trotzdem mir dringend empfohlen wurde, mir +die gute Gelegenheit, so viel zu lernen, nicht entgehen +zu lassen. Nur nichts hören und sehen von dieser Hölle, +in die die Armen mir rettungslos verdammt erschienen!</p> + +<p>Ich ging aufs Eis, und in Gesellschaften und ins +Theater, und je mehr die natürliche Lebenslust befriedigt +und die Eitelkeit genährt wurde, desto leichter wurde +mir ums Herz. Fuhren wir spazieren, die Tante und +ich, und unser blauer Wagen rollte in der Vorstadt +mitten durch den Zug der heimkehrenden Arbeiter, so +schloß ich am liebsten die Augen, nachdem meine Bitte, +diese Gegend zu meiden, als »sentimental« unerfüllt +geblieben war. Aber grade wenn ich nicht hinsah und +nur die müden Schritte hörte und das freudlose Gemurmel +vieler Stimmen, war es mir, als ginge ich +mitten unter ihnen und sähe meinen Doppelgänger bequem +in die seidenen Kissen gelehnt an mir vorüber +rollen. Und dann packte mich eine Wut — eine Wut, +daß ich am liebsten den nächsten Stein genommen und +ihn den vornehmen Faullenzern ins Gesicht geschleudert +hätte!</p> + +<p>Sah ich dann, wie aus wüstem Traum erwachend, +um mich, so fiel mein Blick nur auf gleichgültige oder +bewundernde Mienen — es gab sogar Männer, die die +Mütze zogen vor uns. Ich wandte jedesmal den Kopf ab.</p> + +<p>Im Mai kam mein Vater, um mich heimzuholen. Er +war von überströmender Freude und Zärtlichkeit, die ich +<a name="Page_191" id="Page_191"></a>gerührt und dankbar empfand. Seine Schwester rühmte +mich als das Produkt ihrer Erziehung, wobei sie ihrer +Mühen und Opfer ausgiebig gedachte und es an Seitenhieben +auf die Eltern nicht fehlen ließ, die mich in so +»verwahrlostem« Zustand ihr übergeben hatten. Seltsam, +wie mein sonst so heftiger Vater sich das alles gefallen +ließ; zwar schwollen ihm oft die Adern auf der Stirn, +aber er schwieg. Ich freute mich auf Zuhause, auf die +Liebe, die mich umgeben, die Freiheit, die ich genießen +sollte, auf die Pflichten, von deren Erfüllung ich mir +Befriedigung versprach. Alles Böse wollte ich den Eltern +vergessen machen, was sie durch mich erfahren hatten! +Meine Gedanken und meine Empfindungen waren schon +lange, lange vor mir daheim.</p> + +<p>Als ich zum stillen Abschied am letzten Abend im +dämmernden Park auf und nieder ging, kam es über +mich, wie eine Vision. Ein großes, dunkles Tor sah ich +und eine endlose schwarze Schlange langsam gleichender +Menschen, die daraus hervorkroch: Mädchen, wie die +Rest, und Frauen, wie die arme Witwe, und viele, +viele Kinder mit sonnenlosen Gesichtern. — Ich warf +mich ins Gras und weinte bitterlich. Als ich dann +ins helle Licht der Lampen trat, schlang die Tante, +beim Anblick meiner tränenfeuchten Augen, gerührt über +so tiefen Abschiedsschmerz, die Arme um mich.</p> + +<p>»Bleibe mein gutes Kind,« sagte sie beim Abschied +mit Betonung.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_192" id="Page_192"></a></p> +<h2><a name="Siebentes_Kapitel" id="Siebentes_Kapitel"></a>Siebentes Kapitel</h2> + + +<p>Es war eine mondhelle Mainacht, als wir in +Brandenburg ankamen, mein Vater und ich. +Über das holprige Pflaster rasselte die große +alte Mietkutsche durch die schlafende Stadt. Der steinerne +Roland am Rathaus warf einen langen schwarzen +Schatten auf die einsame Straße, und in dem grünen +Dachlaubkrönchen auf seinem Haupte spielte leise der +Wind. Unter der weiten Wasserfläche am Mühlendamm, +der zur Dominsel hinüber führt, breitete der Nebel leichte +duftige Schleier aus, die ein zitternder Streifen silbernen +Mondlichts mitten durch gerissen hatte, so daß sie +flatterten, wie grüßend von unsichtbaren Händen bewegt.</p> + +<p>Durch einen schmalen Torweg polterte der Wagen +auf den Domhof. Dunkel und wuchtig wie eine Burg +ragte das uralte Gotteshaus zum Himmel empor, das +den engen Platz und die einstöckigen Häuschen ringsum, +aus deren tiefen roten Dächern erstaunte Fensteraugen +verschlafen blickten, mit seinem Schatten zu erdrücken +schien. Nur das größte der Gebäude, das breit und +massig an der andren Seite den Hof abschloß, war +wach: helles Licht strömte daraus hervor und verscheuchte +den Schatten; um das weit offene Tor über der grauen +Steintreppe schlang sich ein Kranz bunter Frühlings<a name="Page_193" id="Page_193"></a>blumen, +und auf der obersten Stufe erschien, als habe +die größte davon sich losgelöst, und sei vom Mondzauber +getroffen zu nächtlichem Elfenleben erwacht, ein +kleines, schneeweißes Geschöpfchen, Stirn und Wangen +von goldenen Locken umwallt. Erst als ihre Ärmchen +warm meinen Nacken umschlangen, fühlte ich, daß es +ein Menschlein war, das mich willkommen hieß: mein +Schwesterchen. Mit ungewohnter Zärtlichkeit begrüßte +mich die Mutter, mit einem: »Nun bist du endlich daheim,« +aus dem die ganze vergangene Sehnsucht klang, +küßte mir der Vater die Stirn, und die Freude hielt +mich noch wach, als die Kissen meines Bettes mich schon +lange weich und wohlig umfingen.</p> + +<p>Mit dem dämmernden jungen Tage trieb die Erregung +mich zum Tore hinaus. Still und verträumt +lag der Hof im Morgenglanze, und die stummen +Steine der Mauern erzählten von der Vergangenheit. +An unseres Hauses Platz mochte Pribislavs, des +letzten Wendenherzogs, Fürstensitz sich erhoben haben, +als er Albrecht, dem askanischen Bären, Krone und +Land überließ und Triglaff, den dreiköpfigen Götzen, +dem Christengott zu Ehren verbrannte. Sieben Jahrhunderte +hatten zusammengewirkt, um des Gekreuzigten +Haus zu errichten, und viele wilde Kämpfe um Glauben +und Macht, die seiner Friedensbotschaft und Liebespredigt +spotteten, hatten auf dem Raum zu seinen Füßen +getobt. Jetzt nisteten die Schwalben an Giebel und +Dachfirst, und auf dem Hof, der vor Zeiten von klirrenden +Kettenpanzern und Sporen widerhallte, pickten weiße +Tauben die Körnlein auf, die sich in dem wuchernden +Unkraut zwischen den Pflastersteinen verloren hatten.</p> + +<p><a name="Page_194" id="Page_194"></a>In tausend und abertausend Lichtern tanzte die Morgensonne +auf den blauen Wassern der Havel rings um die +Dominsel und malte alle Farben des Regenbogens auf +die Tautropfen der Wiesengräser. Der Garten hinter +unserem Hause, wo die Obstbäume weiß und rosenrot +blühten, reichte bis hinab an das Ufer. Ein Kahn lag +im Schilf vor dem weißem Pförtchen, das die alte verwitterte +Mauer hier unterbrach, und eine Bank lehnte +sich außen an die epheuumsponnene Wand. Von den +wuchernden Ranken fest umschlossen, lag ein kleiner, +pausbäckiger Liebesgott aus grauem Sandstein daneben; +wie lange schon mochte er vom Sockel gestürzt sein und +die schelmischen Blicke grad auf das Himmelsgewölbe +richten! Mitleidig stellte ich ihn auf die runden Beinchen +und steckte ihm statt des verlorenen Pfeils einen Hollunderzweig +in die winzige Faust. Mir wars, als lachte er — ein +helles, zwitscherndes Lachen —, vielleicht warens auch +nur die lustigen Vogelstimmen im Gezweig. Ein feuchter +Wind, der den Duft frischer, lebenschwangerer Erde mit +sich trug, strich mir lind um die Stirne. Es war der +Mai, der mich grüßte, der Mai, dem mein Herz stürmisch +entgegenschlug!</p> + +<p>Zu sieben feierlichen Schlägen holte die Uhr im Domturm +langsam aus. Und mit einemmal ward es lebendig: +die späten Nachfolger der Mönche im Stiftshaus gegenüber, +das sich im Lauf der Jahrhunderte in eine Ritterakademie +verwandelt hatte, stürmten über den Hof, — lauter +kecke brandenburgische Junker, deren harte Schädel +der Weisheit der Magister trotzten, wie die ihrer Vorfahren +von je den friedsamen Bürgern Trotz geboten +hatten. Sie stutzten, als sie mich sahen, — die neue<a name="Page_195" id="Page_195"></a> +Nachbarin, — und musterten mich halb neugierig, halb +bewundernd; einer, ein langer, blonder, streckte mir die +Hand entgegen und warf mir mit der anderen lachend +einen ganzen Strauß von Vergißmeinnicht zu, so daß +die blauen Sternchen mir in Haar und Kleid hängen +blieben. Noch ehe ich eine Antwort fand, flog mir +mein Schwesterchen in die Arme, und im Torweg tauchten +blitzende Helme auf: das Musikkorps von meines Vaters +Regiment. Mich zu empfangen, kamen sie, und all die +Lieder von Glück und Liebe, die sie spielten, schmeichelten +sich in mein Herz, und die Walzermelodien waren wie +ein starker Duft von Jasmin, der mich in einen Rausch +seliger Träume hüllte. Es war der Mai, der Mai, der +mich grüßte!</p> + +<p>Hat sich die Natur seitdem so verändert, ist das +Sonnenlicht trüber, sind die Farben der Blumen matter +geworden, oder waren es meine siebzehn Jahre, die +ihren Glanz der Sonne und den Blumen liehen?</p> + +<p>Morgens spielte ich mit dem Schwesterchen in Hof +und Garten. Wie sie erstaunt und gläubig die blauen +Augen aufriß, wenn ich ihr die schattigen Winkel zeigte, +wo die Zwerglein hausen, und sie in jedem Blütenkelch +nach den Elfen suchen ließ! Beladen mit allem, was +strahlte und duftete im Garten und auf der Wiese, +stiegen wir dann die weiße Treppe zur Diele hinauf, +um dort alle Vasen und Gläser zu füllen, die die Zimmer +schmücken sollten. Gegenüber, an den Fenstern der +Ritterakademie, pflegten zu gleicher Zeit viele Knabenköpfe +aufzutauchen, und es gab ein lustiges Lachen und +Nicken hin und her. Bald kannte ich die, die zur Freistunde +den Platz am Fenster dem Spiel im Schulgarten +<a name="Page_196" id="Page_196"></a>vorzogen. Unsere Sonntagsgäste waren die meisten von +ihnen, und der lange blonde, der Fritz, der mir die Vergißmeinnicht +zugeworfen hatte, war mein Vetter. Die +Tertia ließ ihn noch immer nicht los, trotz seiner achtzehn +Jahre; sein schmaler Schädel war offenbar nicht der +Sitz seiner besten Kraft. Aber rudern und reiten, tanzen +und Schlittschuh laufen konnt' er dafür, wie kein anderer; +und zum Fenster hinaus und hinein konnt' er klettern, +wenn es galt, zu verbotener Abendstunde unseren Garten +zu erreichen, oder mir vor Tau und Tage Blumen von +den Wiesen zu holen. Seit ich da war, lebte er mit +den Wissenschaften auf noch feindseligerem Fuß als vorher. +Die Junker von drüben waren alle meine Ritter, +aber er allein war es mit der ganzen Hingabe seines +treuen Herzens. All meinen Übermut ließ er über sich +ergehen, um so dankbarer, je mehr ich von ihm forderte. +Geduldig hütete er mein Schwesterchen, wenn ich zum +Lesen Ruhe haben wollte; waghalsig kletterte er über +die Mauer, um Rosen aus dem Nachbargarten zu holen, +die mir duftiger schienen als die unseren; weit lief er +in die Felder, um Kornblumen zu pflücken, die er, von +seidenem Band umwunden, frühmorgens, ehe ich erwachte, +in mein offenes Fenster warf; mit den Havelschwänen +bestand er so manchen Kampf, weil ich mir +die gelben Mummeln so gern in die Haare steckte. Den +köstlichen Genuß heimlich gerauchter Zigaretten gab er +auf, um mir statt dessen für sein Taschengeld allerlei +Zuckerwerk zu kaufen, das ich liebte.</p> + +<p>Am Sonntag morgen pflegte mein Vater ihm eins +seiner Pferde zur Verfügung zu stellen. Ehe ich noch +die Treppe hinab kam, die lange Schleppe meines Reit<a name="Page_197" id="Page_197"></a>kleides +stolz hinter mir schleifend, stand er schon rot vor +Erregung wartend im Hof, und seine Hände, die er mir +unter den Fuß schob, um mir hilfreich in den Sattel +zu helfen, zitterten jedesmal. Unterwegs strahlte er vor +Freude, wenn er sich zum Blitzableiter irgend einer +Heftigkeit meines Vaters machen konnte. Vermied ich +sonst angstvoll jede Ungeschicklichkeit, weil sie unweigerlich +einen Sturm heraufbeschwor, so ließ ich, wenn der +Fritz dabei war, die Peitsche oft absichtlich fallen, um +zu sehen, wie seine schlanke Jünglingsgestalt sich <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'gegeschmeidig'">geschmeidig</ins> +aus dem Sattel schwang, um mir das verlorene +wiederzubringen. Vergrößerte sich unsere Kavalkade, +so kam es wohl vor, daß seine Mundwinkel zuckten, wie +die eines kleinen Kindes, das weinen will, und er wortlos +kehrt machte, um in gestrecktem Galopp nach Hause +zu reiten.</p> + +<p>Das alte Städtchen war erfüllt von Jugend. Es +gab gar keine alten Leute, glaube ich; vielleicht daß sie +sich wie die Maulwürfe vor dem lachenden Tag grämlich +verkrochen. Auch nur wenig junge Mädchen gab es in +unserem Kreise, dafür um so mehr junge Männer. In +meines Vaters Regiment war ich die einzige meiner Art, +und daß alle Leutnants dem Regimentstöchterlein huldigten, +war eigentlich selbstverständlich. Sie waren zumeist +berliner Kaufmannssöhne, die bei den 35ern +eintraten, weil ihnen trotz reichlicher Zulage die Garde +verschlossen blieb und sie sich doch nicht zu weit von +der Vaterstadt entfernen wollten. Manch einer unter +ihnen hielt sich eigene Pferde und suchte durch seinen +Aufwand wie durch seinen Hochmut die feudalen Kameraden +von der Kavallerie zu übertrumpfen. Das Offizier<a name="Page_198" id="Page_198"></a>korps +der weiß-blauen Kürassiere dagegen setzte sich aus +dem alten Adel Brandenburgs und Pommerns zusammen, +und zwischen ihnen und den Füsilieren bestanden vor +unserer Zeit so gut wie keine gesellschaftlichen Beziehungen. +Die einen verkehrten auf den Rittergütern der Umgegend, +mit deren Besitzern Familienbeziehungen sie verbanden, +die andern zogen den gewohnten Gesellschaftskreis der +Kaufleute und Fabrikanten vor. Das änderte sich bald, +als meine Eltern nach Brandenburg kamen. War meines +Vaters Adelsstolz durch das bürgerliche Regiment verletzt +worden, so half ihm seine altpreußische Auffassung +von der Vornehmheit des Offiziers als solchen darüber +hinweg, und er setzte alles daran, diese Idee auch in den +äußeren Fragen des Verkehrs zur Geltung zu bringen. +Leicht war es nicht, denn Bürgerstolz ist oft so hartnäckig +wie Adelsstolz, und manch einer der Besten mußte +es als Kränkung empfinden, wenn gesellige Beziehungen +als eines Offiziers unwürdig bezeichnet wurden, die +doch seiner eigenen Herkunft entsprachen. Aber der +daraus entstehende Widerstand gegen meines Vaters +Wünsche wurde reichlich aufgewogen durch jene unausrottbare +neidvolle Bewunderung des Bürgerlichen für +den Aristokraten, die oft die Maske des Hochmuts trägt, +meist aber kein andres Ziel kennt, als selbst unter +demütigender Selbstverleugnung im Kreise der Bewunderten +Aufnahme zu finden. Unsere eigenen vielfachen +freundschaftlichen und verwandtschaftlichen Verbindungen +mit dem Landadel und seinen Söhnen im +Kürassierregiment unterstützten überdies die Durchsetzung +der Erziehungsprinzipien meines Vaters.</p> + +<p>Das Unerhörte geschah: zu Pferd und zu Wagen, +<a name="Page_199" id="Page_199"></a>wenn es aufs Land hinaus ging zu den Rochows und +Bredows und Itzenplitz, oder zu lustigem Picknick im +Walde, tauchte der rote Kragen des Infanteristen immer +häufiger neben dem hellen blauen des Kavalleristen auf, +und nur der aufmerksame Beobachter bemerkte, daß sich +hinter der tadellosen gesellschaftlichen Form eine tiefe +innere Feindseligkeit verbarg. Grade die vollendete +Höflichkeit, mit der der Kürassier den kleinen Leutnant +von den Füsilieren behandelte, richtete die Schranke auf, +die den Eintritt in das intime Leben unbedingt verwehrte, — dieselbe +Höflichkeit, die so aufreizend wirken +kann, weil ihre kühle Glätte keinerlei Angriffsfläche +gewährt.</p> + +<p>Mein Vater hatte mir zur Pflicht gemacht, seinen +Offizieren ebenso freundlich entgegen zukommen, wie den +andern: »Daß sie Müller und Schultze heißen, muß dich +nicht stören; sie tragen alle denselben Rock, und heiraten +brauchst du sie ja nicht!« Nein, gewiß nicht! Der +bloße Gedanke kam mir komisch vor! Heiraten —! +Der Vornehmste und Schönste war mir dafür in meinen +Zukunftsträumen nur grade gut genug! Warum auch +ans Heiraten denken, wo lachend und lockend ein ganzes +freies Jugendleben vor mir lag! Glücklich und harmlos +ließ ich mich von den schmeichelnden Wogen der Bewunderung +tragen; bei manchem glühenden Blick und +heißen Händedruck bebte mir wohlig das Herz. Ich sah +den einen lieber als den andern, ich dachte nicht daran, +meine Empfindungen zu verstecken, denn ich liebte dankbar +strahlende Augen und zeichnete freudig den aus, der +mir am meisten huldigte.</p> + +<p>Entzückend war's, wenn die halbwüchsigen Knaben der<a name="Page_200" id="Page_200"></a> +Ritterakademie sich im Garten um den Platz neben mir +rauften; hoch auf klopfte mein Herz, wenn der blonde +Vetter mich beim Greifspiel stürmisch an sich riß; weiche +süße Gefühle beschlichen mich, saßen wir, lauter lebensprühende +Jugend, im Kahn eng beieinander, und streifte +meine Hand im Wasser die des schwarzäugigen Leutnants, +meines getreuesten Kavaliers. Triumphierende Siegesfreude +trieb mir das Blut wild durch die Adern, wenn +meine braune Stute mich früh im Morgennebel über +den Exerzierplatz trug, wo rote Sonnenstrahlen auf den +Stahlhelmen der Kürassiere blitzten und Blicke mir +folgten und Degen sich vor mir senkten, deren Gruß +mehr bedeutete als bloße Höflichkeit.</p> + +<p>Und einmal kam ein Tag, heiß und gewitterschwül, +der uns alle, eine große lustige Gesellschaft, in blumengeschmückten +und buntbewimpelten Wagen hinausführte +in den Wald, wohin unsere jungen Offiziere uns geladen +hatten. Unter grünen Bäumen in hellen Zelten +waren Tische gedeckt, Schieß- und Würfelbuden mit +allerlei beziehungsvollen Gewinnen standen im Hintergrund, +auf kurzgeschorenem Rasenplan war durch bunte +Fahnenmasten der Tanzplatz abgesteckt. Mit einem Tusch +empfing uns die Musik, und Fredy, mein treuster Kavalier +und meines Vaters jüngster Leutnant, begrüßte +mich mit einem Strauß dunkler, duftender Rosen. Er +wich nicht mehr von meiner Seite. Ich suchte mich zu +befreien, aber — war's Absicht oder Zufall — man ließ +uns immer wieder allein; niemand, so schien's, wollte +dem jungen Mann den Platz neben mir streitig machen. +Es wurde dämmernder Abend. Müde von Scherz und +Spiel lagerten wir unter den Bäumen und schöpften +<a name="Page_201" id="Page_201"></a>aus großen Kupferkesseln kühle, duftende Erdbeerbowle, +die den Durst nicht löschte und das Blut nicht kühlte, +es vielmehr unruhig pochend gegen die Schläfen trieb. +Eine halbwelke gelbe Rose löste sich mir vom Gürtel, — der +Mann zu meinen Füßen griff danach, und ich +sah seine Hände zittern, als er sie an die Lippen drückte.</p> + +<p>Es wurde Nacht. Bunte Lichterketten zogen sich von +Baum zu Baum, Raketen und Leuchtkugeln flogen zum +Himmel empor, wie lebendig gewordene, zuckend heiße +Empfindungen unserer Herzen. Immer weicher und sehnsüchtiger +klang die Musik. Wir tanzten, eng aneinander +geschmiegt; selig erschauernd fühlte ich das pochende Herz +an dem meinen schlagen, den heißen Atem meine Stirne +streifen. Tiefer in den Wald ließ ich mich in halbem +Traume führen. Erst als es still, ganz still um mich +wurde, sah ich auf — in zwei Augen, die sich verzehrend +auf mich richteten. Stumm lehnte ich mich in den Arm, +der sich um mich schlang, und mir war, als versänke +ich in ein Meer von rotem Feuer, als zwei Lippen sich +glühend auf die meinen preßten. Die Betäubung schwand +nur halb, als Geschwätz und Gelächter, Pferdestampfen +und Peitschenknallen mir ans Ohr tönten und die +Wagen durch die Nacht heimwärts fuhren. Es wetterleuchtete +am Horizont.</p> + +<p>Gewitterregen klatschte gegen die Fensterscheiben und +weckte mich am anderen Morgen. Trübselige Alltagsstimmung +lagerte über Haus und Garten, und mich +fröstelte, wie immer, wenn mir ein Traum verloren ging. +Mittags kam der Vater aus dem Bureau herauf; sein +erregtes Räuspern, sein schwerer Tritt kündigten nichts +Gutes an.</p> +<p><a name="Page_202" id="Page_202"></a></p> +<p>»Du bist ja eine nette Pflanze!« rief er, kaum +daß er eingetreten war »hinter dem Rücken deiner +Eltern bändelst du mit meinen Leutnants an und setzt +ihnen Flausen in den Kopf. Hast du denn gar keine +Ehre im Leibe?!« Verständnislos starrte ich ihn an. +»Tu doch nicht so naiv,« schrie er wütend. »Du +weißt ganz gut, was los ist, und meinst wohl, ich würde +meine Tochter jedem hergelaufenen Ladenschwengel in +die Arme werfen!« Ich erschrak — war das möglich: +der Fredy hatte um mich angehalten! »Aber ich will +ja gar nicht!« stotterte ich. Ein halbes Lächeln huschte +über das rote Gesicht meines Vaters: »Ja, zum Donnerwetter, +was bildet sich denn dann der Kerl ein —, er +versichert hoch und teuer, deiner Zustimmung gewiß zu +sein!«</p> + +<p>Es half nichts — nun mußt' ich beichten. Und als +ich so im grauen Tageslicht den süßen, heißen Traum +der Nacht mit kalten Worten wie mit Messern zerschneiden +mußte, faßte mich ein tiefer Groll gegen den +Mann, dessen rasches Vorgehen mich dazu zwang. Ein +Kuß in der Julinacht, — und früh tritt er an mit Helm +und Schärpe und begehrt mich zum Weibe für ein +ganzes langes Leben!</p> + +<p>»Man küßt doch nicht, wenn man nicht heiraten will!« +sagte meine Mutter kopfschüttelnd, als der Sturm des +väterlichen Zorns sich etwas gelegt hatte.</p> + +<p>»Heiraten — so einen fremden Mann!« kam es +darauf zögernd über meine Lippen. Die Wirkung +meiner Worte war verblüffend: mein Vater lachte — lachte, +bis ihm die dicken Tränen über die Backen +liefen. Und abends schenkte er mir einen goldgelben<a name="Page_203" id="Page_203"></a> +Sonnenschirm, den ich mir schon lange gewünscht +hatte.</p> + +<p>Um jede Klatscherei im Keime zu ersticken, verlangte +Papa von dem abgewiesenen Freier, daß er sich benehmen +müsse, als sei nichts geschehen. Fredy folgte, +aber er folgte in einer Weise, die das Gegenteil von +dem erreichte, was beabsichtigt war: sein finster-verkniffenes +Gesicht, das er zu Schau trug, sobald er +sich neben uns zeigte, die offenbare Verachtung, mit der +er mich strafte, fielen weit mehr auf, als seine Abwesenheit +aufgefallen wäre. »Du hast dem Fredy einen +Korb gegeben!« rief mir Vetter Fritz eines Tages strahlend +vor Freude zu, und bald pfiffen es die Spatzen +von den Dächern. Mit jenem Solidaritätsgefühl, das +den preußischen Offizier charakterisiert und sich selbst +stärker erweist als die Subordination gegenüber dem +Vorgesetzten, wurden Fredys Kameraden nun zu seiner +Partei: sie sprachen nur das Notwendigste mit der Tochter +ihres Kommandeurs; und tanzten sie mit ihr, so waren +es nur Pflichttänze. Selbst wenn ich gewollt hätte, — diese +geschlossene Phalanx würde allen Eroberungsversuchen +getrotzt haben. Aber ich wollte gar nicht; zähneknirschende +Empörung erfüllte mich, nicht, weil die Kurmacher +mir verloren gegangen waren, sondern weil ich +zum erstenmal die Ungerechtigkeit empfand, mit der mein +Geschlecht im Vergleich zum männlichen behandelt wurde.</p> + +<p>Als ich einmal wieder »pflichtschuldigst« von einem +der Offiziere des väterlichen Regiments bei einem Diner +zu Tisch geführt worden war und mich tödlich gelangweilt +hatte, trat ein alter Major, der mir sein besonderes +Wohlwollen zugewendet hatte, lächelnd auf mich zu.</p> +<p><a name="Page_204" id="Page_204"></a></p> +<p>»Sie müssen sich darein finden, Kleine,« sagte er »das +Kokettieren ist nun mal eine böse Sache und straft sich +immer.«</p> + +<p>»Kokettieren?! Ich habe gar nicht kokettiert!« rief +ich in dem Bedürfnis, einmal auszusprechen, wie ich +empfand, »ich hab' ihn gern gehabt, sehr gern sogar, +aber doch lange, lange nicht so, um seine Frau zu +werden.«</p> + +<p>»Ein junges Mädchen darf es nicht so weit kommen +lassen —«</p> + +<p>»Wenn sie nicht heiraten will!« unterbrach ich den +braven Mann lachend, dessen spitze Schnurrbartenden zu +zittern begannen. »O ich kenne die Weise, und weiß +daher, daß die ganze Musik falsch ist, grundfalsch! +Warum soll denn ein Mädchen sich gleich mit Leib und +Seele verschreiben, wenn sie Einen freundlicher anlächelt +als den andern? Warum soll der ein Recht haben auf +ihre Hand, dem sie an einem schönen Julitag einmal +von Herzen gut war? Verlangen Sie etwa dasselbe +von Ihren Leutnants, die manch armes Ding durch ganz +andere Liebesbeweise an die Echtheit ihrer Gefühle glauben +lassen?!«</p> + +<p>»Aber — mein gnädigstes Fräulein —« unterbrach der +Major mit einer verzweifelnden Gebärde meinen Redefluß +und richtete sich steif und gerade auf, so daß sein +Kahlkopf mir bis an die Nasenspitze reichte. Seine +kleinen wasserhellen Augen drückten dabei ein so komisches +Entsetzen aus, daß meine Empörung verflog und ich +das Lachen nicht unterdrücken konnte. »Beruhigen Sie +sich nur, Papa Schrott« — damit streckte ich ihm begütigend +die Hand entgegen — »wenn ich mal so alt +<a name="Page_205" id="Page_205"></a>bin, wie Sie, werd' ich gewiß gerad' so moralisch sein!« +Aber er nahm meine Hand nicht —</p> + +<p>Was gings mich an?! Mochten sie alle die Gekränkten +spielen! Mein Vater irrte sich offenbar: der gleiche Rock +macht nicht zu Gleichen! Die Kürassiere tanzten und +ritten nicht nur viel besser, sie waren auch fröhlichere +Partner bei jenem Spiel mit dem Feuer, — dem einzigen, +das ich mit steigender Leidenschaft spielte, je mehr Gefahr +es in sich schloß, und je höher der Einsatz war. Wie +ein Raubvogel mit weit gestreckten schwarzen Schwingen +schwebte die Phantasie über den grünen lachenden Blumenmatten +meines Lebens. Stark genug wäre sie gewesen, +mich empor zu tragen in ihr Höhenreich, wo ich zu +ihrem Herrn geworden wäre; aber zur Furcht vor dieser +Fahrt mit ihr hatte man mich dressiert, nun lauerte sie +hungrig und rachgierig auf tägliche Beute, und ich mußte +mich ihr unterwerfen.</p> + +<p>Das gleichmäßige Tiktak des Alltags vertrug ich +nicht, beschleunigt mußte es werden bis zum Fiebertempo, +oder übertönt von Fanfaren der Freude. Wenn ich den +Pflichten des Hauses nachkam, so umwand ich ihre langweilige +Dürre mit Blumen, wenn ich mit meinem +Schwesterchen spielte, so spielte ich nicht mit ihr, mich +ihrer Kindlichkeit unterwerfend, sondern führte vor ihr +meine bunten Träume auf. Mir genügte nicht ein +kurzes, harmlos improvisiertes Tänzchen, es mußte ein +wogender, leidenschaftlicher Tanz bis zur Erschöpfung +daraus werden. Und eine Stunde zu Pferde in der +Morgenkühle stachelte nur mein Verlangen nach wilden +Ritten über Stock und Stein.</p> + +<p>Ich glaube, mein Vater war auf nichts so stolz als +<a name="Page_206" id="Page_206"></a>auf meine Reitkunst, die das Ergebnis seiner eigensten +Erziehung war, und nie so geneigt, mir nachzugeben, +als wenn meine Wünsche dieses Gebiet berührten. Schon +früh am Morgen begleitete ich ihn, aber am Nachmittag +durfte ich mir die Stute wieder satteln lassen, oder den +großen Braunen mit der sternzackigen weißen Blässe auf +der Stirn, dessen spielende Ohren sich auf jeden leisen +Zuruf verständnisvoll spitzten, der schon dem sanftesten +Druck nachgab und wie ein vom Bogen geschnellter +Pfeil über Hecken und Gräben flog. Fast immer hatte +ich Schmerzen, wenn ich ritt, jene alten Schmerzen in +der rechten Seite, die sich in Augsburg so gesteigert +hatten, aber der Genuß ließ mich die Zähne zusammenbeißen. +Im Sattel fühlte ich mich frei; und wie meine +Füße nicht den Staub der Straße berührten, so war +meine Seele fern von allem, was grau und schmutzig +unten liegt. Ich habe mich nie in der Mark heimisch +zu fühlen vermocht, aber wenn ihr weicher Sand den +Hufen meines Pferdes nachgab, so daß das Reiten war +wie ein sanftes Wiegen und ihre Wiesen und Wälder +sich schier endlos vor mir dehnten, eine wundervolle +Bahn für einen langen Galopp, — dann liebte ich +sie, dann ergriff ich Besitz von ihr und träumte mich +als Herrin des Bodens, den mein Brauner trat.</p> + +<p>Freiheits- und Herrschaftsgefühl, — das ists, was nur +der Reiter kennt, darum war Reiten von je her Herrenrecht. +Im Schweiße seines Angesichts, wie ein Sklave, schwer +mit den Muskeln arbeitend, wie er, treibt der Radler sein +Stahlroß vorwärts; nur auf gebahnten breiten Wegen +vermag der Kraftwagen ratternd und pustend durch die +Welt zu rasen, indes der Reiter sich leise durch tiefe<a name="Page_207" id="Page_207"></a> +Waldeinsamkeit tragen läßt und das edle Tier unter ihm +den reinen ruhigen Genuß der Natur nicht stört. Lockt +ihn die Ferne, begehrt er, seine Kräfte zu erproben, +um seinem Mute vor sich selbst ein Zeugnis abzulegen, +so genügt ein Druck der Sporen, und er spottet aller +Hindernisse. Er ist der Künstler, der freie, starke, — arme +Arbeiter aber sind jene anderen, abhängig von +ihrer Maschine, ihr untergeben. Wir ritten oft weit: +bis nach Rathenow hinüber, wo der tolle Rosenberg +seine Husaren zu lauter Meistern der Reitkunst erzog +und trotz Sekt und Morphium von keinem der Schüler +je übertroffen wurde, oder westwärts zu den blauen Potsdamer +Havelseen, wo die Berliner Touristen uns freilich +oft genug die Laune verdarben. Ein Mensch, der sich auf +Schusters Rappen vorwärts bewegt, ist der geborene Feind +dessen, der vier Pferdebeine unter sich hat, und der +strengste Vater steht ohne ein Scheltwort mit heimlicher +Befriedigung seinem Sprößling zu, wenn er mit Steinchen +nach den Reitern wirft oder durch lautes Indianergeheul +die Pferde zum Scheuen bringt. Die einstige +Identität von Reiter und Ritter ist unvergessen, und +unter der Schwelle des Bewußtseins schlummert vielleicht +irgend eine altmärkische Erinnerung an die Krachts und +Quitzows, die den Haß steigern hilft.</p> + +<p>Im Spätherbst wars, an einem jener lichtfunkelnden +Oktobertage, wo die Buchen im Schmuck ihres roten Goldlaubs +glänzen und die dunkeln Silhouetten der Kiefern +sich vom hellen Himmel phantastisch abheben. Ein paar +Rathenower Husaren begleiteten uns, und die Eitelkeit +reizte mich, vor ihnen zu zeigen, was ich konnte. Die +Stoppelfelder boten freie Bahn, und kein Hindernis im<a name="Page_208" id="Page_208"></a> +Gelände war mir fremd. Bis zur alten Eiche im Plauer +Wald, schlug ich vor, sollten wir reiten.</p> + +<p>»Der Schleier an Ihrem Hut sei der Preis!« rief lachend +einer der Herren. »Sie vergessen, daß ich siegen werde!« antwortete +ich, den Kopf in den Nacken werfend, und klopfte +meinem Braunen aufmunternd auf den schlanken Hals. +»Für den Fall wünschen Sie sich ruhig die Krone vom +Kaiser von China!« spottete ein anderer, und fort gings +in gestrecktem Galopp. Dicht nebeneinander nahmen wir +den ersten Graben, — aber schon flog ich voraus, eine +halbe Pferdelänge hinter mir der Fuchs meines Vaters, +der unter Vetter Fritzens leichtem Gewicht gewaltig ausgriff. +Über die Mauer setzte ich und wieder über eine, +die das Gehöft eines armen Käthners umschloß. Ich +war allein. Jauchzen wollte ich im Vollgefühl nahen +Sieges — aber der Ton blieb mir in der Kehle stecken —, +ein scharfer Schmerz zuckte durch meinen Körper. Unwillkürlich +fuhren die Sporen meinem Gaul in die +Flanke. Überrascht von der unverdient schlechten Behandlung, +stieg er mit den Vorderbeinen hoch in die +Luft, um im nächsten Moment in wahnsinniger Pace +vorwärts zu jagen. Jeder Sprung steigerte meine +Schmerzen, es dunkelte mir vor den Augen, — ich hing +nur noch im Sattel. Mit dämmerndem Bewußtsein sah +ich eine große blaue Wasserfläche dicht vor mir: den +Plauer See. Wie eine Bitte stieg es auf in mir: trag' +mich hinein, mein treues Roß, trag' mich hinein — daß +die brennenden Schmerzen sich kühlen! Und mir war, +als schlügen die Wellen über mir zusammen.</p> + +<p>Im grünen Rasen lang ausgestreckt, kam ich zu mir +und sah in das guten Vetters verängstigtes Gesicht, das +<a name="Page_209" id="Page_209"></a>sich dicht über mich beugte. Tränen standen in seinen +Augen, und unterdrücktes Schluchzen erschütterte seine +Stimme, als er rief: »Du lebst! Gott Lob — du lebst!« +Als mein Vater kam, stand ich schon auf den Füßen +und machte krampfhafte Anstrengungen, ihm möglichst +sorglos entgegenzulächeln.</p> + +<p>Ein Wagen vom Planer Schloß brachte mich nach +Hause, und der rasch geholte Arzt machte mit der +Morphiumspritze meinen Qualen ein Ende.</p> + +<p>Zwischen Bett und Liegestuhl spielte sich von nun an +mein Leben ab. Mein Lieblingsplatz war draußen vor +der Mauer, wo der Hollunderbusch geblüht hatte, als ich +im Mai gekommen war. Der kleine Liebesgott stand immer +noch grade auf den dicken Beinchen, aber die Vöglein zwitscherten +nicht mehr im Weinlaub. Dunkelrot hatte der +Herbst es gefärbt. Darunter lag ich und sah in den Himmel +und hörte die Blätter fallen. Vetter Fritz war fast +immer neben mir, meiner Wünsche gewärtig, — er hatte +das Lernen nun wohl ganz aufgegeben.</p> + +<p>Mit dem berauschenden Gift, nach dem ich immer +heftigeres Verlangen trug, kam der Arzt zweimal des +Tages, und süße, traumhafte Stunden waren es, wenn +der Körper schwer und schwerer und der Geist immer +leichter wurde. Zu überirdischer Größe fühlte ich ihn +wachsen, und Kräfte durchströmten mich, stark genug, mit +einer ganzen Welt den Kampf zu bestehen. Panzerumgürtet +sah ich mich wieder, wie einst, wenn ich zur +Jungfrau von Orleans mich träumte, und ich schämte +mich des tatenlosen, bunten Spiels, das ich getrieben +hatte. Aber auch andere Träume kamen, die mich streichelten +oder mir heiß das Blut in die Wangen trieben; dann +<a name="Page_210" id="Page_210"></a>ließ ichs geschehen, daß der Knabe neben mir meine +Hände küßte und von der Glut seiner Liebe unsinnige +Dinge sprach.</p> + +<p>»Erlaube nur, daß ich dich liebe und daß ichs dir +sagen kann —« flehte er — »bald werde ich dich nicht +mehr sehen dürfen wie jetzt, ferner und ferner wirst du +mir sein, — eine Balldame, und ich — ein Schuljunge!« +Stöhnend vergrub er den Kopf in meine Kleiderfalten, +um gleich darauf mit heißen Augen wieder zu mir aufzusehn: +»Aber lieben — lieben werd' ich dich immer!«</p> + +<p>»Immer?!« — Wird nicht ein einziger Herbststurm +den kleinen Liebesgott wieder vom Sockel werfen? — Ich +lächelte wehmütig. Kühl wehte der Abendwind vom +Wasser, das die Nebel schon zu verhüllen begannen, +und fröstelnd wickelte ich mich dichter in mein Tuch.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_211" id="Page_211"></a></p> +<h2><a name="Achtes_Kapitel" id="Achtes_Kapitel"></a>Achtes Kapitel</h2> + + +<p>»Nun wird sie schlafen — —« hörte ich in halbem +Traum den Arzt zu meiner Mutter sagen, +während sich leise die Türe hinter ihnen schloß. +Seit vier Tagen hatte ich mich in Schmerzen gewunden, +die selbst der Morphiumspritze stand hielten. Heute war +ich chloroformiert worden. Durstig hatte ich unter der +Gazemaske den süßen Duft wachsender Betäubung eingesogen. +Jetzt lag ich schwer, wie in Ketten gebunden, +auf dem Bett, — schmerzlos, schlaflos. Ein mattes, rosig +flackerndes Licht ging von dem Nachtlämpchen neben mir +aus. Die gelben Blätter auf der Tapete zuckten hin und +her — zuerst langsam, dann immer schneller, schneller —, +mir wurde schwindlig dabei. Ich schloß die Augen. +Gott, war ich müde! — Plötzlich sprang die Türe auf, +und es schwebte herein, groß, weiß und kalt; Augen +sahen mich an, ohne Farbe, wie Mondlichter, — und +andere tauchten wie aus Nebelschleiern auf, blutunterlaufene, — in +schmerzverzerrten Gesichtern, — hungrige, +die gierig nach Beute suchten, — lüsterne, +in denen kleine, rote Flammen tanzten. Dabei rauschte +es wie von vielen Gewändern, und tappte und +klapperte, wie von zahllosen Tritten ... Die Wände +rückten auseinander vor der schiebenden drängenden Masse +<a name="Page_212" id="Page_212"></a>gräßlicher Gespenster ... Nun stand sie vor mir, ganz, +ganz dicht, die Weiße mit den Mondaugen, und eine Hand, +wie von Eis und zentnerschwer, legte sich auf mein Herz. +»Queen Mab« schrie ich auf — jetzt saß sie schon auf +meinem Bett, und ihre Finger bohrten sich in meine +Seite ... Ich aber lag in Ketten gebunden und konnte +sie nicht von mir stoßen.</p> + +<p>Wir kämpften miteinander — Tage — Wochen. Meine +Jugend besiegte sie. Es kamen ganz stille Zeiten, wo +die Schneeflocken leise vor meinen Fenstern niederfielen +und nur hie und da von weitem ein lauter Ton an mein +Ohr schlug: das Stampfen der Pferde im Stall, der +Schlag der Domuhr, das lustige Lachen Klein-Ilschens.</p> + +<p>Nun wußten die Arzte endlich, woran ich litt: die +Nierenentzündung, die mich so überwältigt hatte, ließ +keinen Zweifel mehr daran. Ich mußte bewegungslos, +grade gestreckt im Bette liegen, auch dann noch, als die +Weiße mit den Mondaugen mich längst verlassen hatte. +Statt ihrer spitzen Eisfinger in meinem Körper bohrten +sich viele kalte Gedanken in mein Hirn.</p> + +<p>Wo war ich? Hatte nicht der Morphiumrausch des Leichtsinns +alles Gute, Starke in mir eingeschläfert? War ich nicht +meinen großen Kinderhoffnungen untreu geworden? Oder: +sie mir?! Tanzen, reiten, lachen, mit Herzen spielen, wie +mit Federbällen — das Schwesterchen ein bißchen hätscheln, +das Haus ein bißchen schmücken —, sollte das des Lebens +einziger Inhalt sein? War ich mit sechs Jahren nicht +reicher gewesen, wo ich mich als Jungfrau von Orleans +träumte, als heute, nach einem Jahrzehnt? Und viel +reicher damals, da ich mir den Baldurtempel baute? +Ich grub — grub rastlos im verschütteten Schacht +<a name="Page_213" id="Page_213"></a>meines Innern. Halb verhungert im dunkelsten Winkel, +saß sie in sich versunken und grau, meine arme Seele. +Wie arm, wie elend war ich! Wo war ein Ziel für +mich, des Ringens wert? Wo eine große Flamme, um +des Lebens dunkle Asche wieder anzufachen?!</p> + +<p>Ein schmales, blasses Antlitz, von schwarzen Spitzen +umschlossen, beugte sich über mich. »Großmama,« flüsterte +ich, und es war, als ob die Hoffnung eine Türe öffnete, +die ins Helle führte. »Nur still, mein Liebling, ganz +still —« sagte sie lächelnd, und eine Träne fiel mir auf +die Stirn, eine Freudenträne.</p> + +<p>Mit einer Pflichttreue, die keine Schwäche aufkommen +ließ, hatte meine Mutter mich Tag und Nacht gepflegt. +Großmama war gekommen, sie abzulösen. Sie war es +auch, die, wie immer, wenn es zum Wohle ihrer Kinder +und Enkel notwendig war, die Mittel hergab, durch die +ich gesund werden sollte. Als der Arzt mir eine karlsbader +Kur verordnete, wußte ich wohl, warum Mama +die Lippen zusammenpreßte und Papa sich unruhig räusperte: +was sie hatten, verschlang des Lebens notwendiger +Aufwand.</p> + +<p>So fuhr ich denn mit Großmama, sobald ich transportfähig +war, nach Karlsbad, wo sie selbst so oft schon +Heilung gefunden hatte. Ihr alter Arzt, zu dem sie +mich brachte, schüttelte den Kopf über mich, einen dicken +kahlen Mönchskopf, der auf einem dünnbeinigen Zwergenkörper +saß. »Nur Seelenaufruhr, wo es nicht das Alter +ist, führt zu solchen Körperkatastrophen« — ein fragender +Blick aus kleinen blitzenden Äuglein richtete sich auf mich. +»Wie alt ist denn das Fräulein?«</p> + +<p>»Siebzehn Jahr!«</p> +<p><a name="Page_214" id="Page_214"></a></p> +<p>»Siebzehn Jahr!« Er sprang auf vom Stuhl und +durchmaß das Zimmer mit kleinen hastigen Schritten, +wobei der runde Kopf sich immer von einer Schulter +zur andern neigte.</p> + +<p>»Liebesschmerzen?!« — Dabei bohrte sich sein Blick +in den meinen. Ich lachte verneinend und schwieg. +Hätte er andere Schmerzen verstanden, auch wenn ich +sie ihm erklärt haben würde?</p> + +<p>Mit jener taktvollen Zurückhaltung, die jeden Zwang auf +das Vertrauen eines Menschen, — auch des Nächsten, — sorgfältig +vermeidet, forschte auch Großmama nicht weiter, +und ich, so gar nicht gewöhnt, mich auszusprechen, fürchtete +mich fast davor. Aber wenn wir im Morgensonnenschein +unsre Spaziergänge machten, auf bequemen Wegen +durch duftenden Tannenwald, der grade seine grünen +Frühlingskerzchen aufgesteckt hatte, und die Gipfel der sanft +geschwungenen Höhenzüge erreichten, die dem Kranken +Kraftleistungen so freundlich vortäuschen, dann durchströmte +mich linde, lösende Lenzluft, und schüchtern tastend +wagten sich Fragen hervor und Geständnisse.</p> + +<p>»Ich kann nicht glauben, Großmama,« sagte ich einmal, +als sie von dem inneren Frieden durch den Glauben +gesprochen hatte. Wir saßen grade vor der großen, +alten Fichte, mit dem verwitterten Muttergottesbild +daran, die auf dem Wege zum Freundschaftstempel den +ganzen Wald zu beherrschen scheint.</p> + +<p>»So laß alle Fragen des Glaubens dahingestellt, und +handle nur im Geiste Christi, erfülle deine Pflichten, +diene den Menschen, unterdrücke die bösen Triebe in dir +und pflege die guten, dann wird der Glaube von selbst +kommen, und es wird stille werden in dir.«</p> + +<p><a name="Page_215" id="Page_215"></a>Ich schwieg, mechanisch zeichnete mein Schirm Kreise +in den Sand. War der Baum vor mir nicht auf Kosten +derer, die er besiegte, denen er die Sonne nahm, so gewaltig +emporgewachsen? Ein lebendiger Protest erschien +er gegen das Madonnenbild mit den Schwertern im +Herzen, das sich in seine Rinde grub. Etwas in mir +empörte sich gegen die gütige alte Frau neben mir. +Meine Kraft täglich in kleinen Opfern verbluten lassen, +hieß das nicht schließlich mich selber morden? Und ich +begehrte ja gar nicht des Ziels, ich wollte nicht stille +werden, ich wollte den Kampf und das laute, sprühende +Leben. Aber der Mut fehlte mir, zu sagen, was ich +dachte. Darum frug ich nur leise: »Und das Glück, +Großmama?«</p> + +<p>Sie lächelte, und eine ganz kleine, wehe Falte erschien +zwischen ihren Brauen.</p> + +<p>»Das Glück! — Wir sitzen, wenn wir jung sind, +immer wie vor einem Vorhang und starren gebannt +darauf hin und erwarten ein Zaubermärchen von dem +Augenblick, wo er aufgeht. Indessen versäumen wir all +die echten Gaben des Glücks, die es um uns ausstreut: +die Liebe der Unseren, die Gaben des Geistes, die Frühlingsblumen +und den Sommerhimmel. Mache nur die +Augen auf und strecke die Hände aus, dann hast du sie.«</p> + +<p>»Ist das alles?!«</p> + +<p>»Nein, mein Kind,« entgegnete die Großmutter, und +ein feierlicher Ernst legte sich über ihre Züge. »Du +wirst Weib werden und Mutter, und Liebe empfangen +und tausendfältige Sorgen. Und dann wirst du wissen, +daß sie auf sich nehmen und Liebe geben, mehr als dir +gegeben wurde, das Glück ist.«</p> + +<p><a name="Page_216" id="Page_216"></a>Wir gingen weiter; ich kämpfte mit den Tränen. +Meine Mutter fiel mir ein: sie erfüllte bis zur Erschöpfung +ihre Pflicht, aber ihre Lippen preßten sich +immer enger aufeinander, als müßten sie krampfhaft die +Qual zurückdrängen, die nach Ausdruck verlangte. Und +an Onkel Walter dachte ich und an jenen unvergessenen +Auftritt mit seiner Mutter in Berlin; und an all die leisen +Zurücksetzungen und Kränkungen, die sie, die immer Gute, +von ihren Kindern zu ertragen hatte. Ich wußte: auch +sie hatte gelebt und geliebt und nach schwindelnden +Höhen gestrebt, und dies war das Ende, das von ihr +gepriesene, von all dem Sehnen, all den heißen Hoffnungen, +die einzige Frucht, die aus dem blühenden Leben +so vieler Talente, so vieler Kräfte hervorging? Mich +überliefs, wenn ich mein Leben an diesem maß. Ich +fühlte schmerzhaft die große Kluft zwischen ihrem abgeklärten +Alter und meiner gährenden Jugend. Liebe +und Verehrung kann bestehen zwischen beiden, auch wohlwollendes +Verständnis, und starke Wirkungen können +ausgehen von einem zum anderen, aber jene magnetischen +Ströme fehlen, durch die das Feinste und Tiefste lebendig +vom Menschen zum Menschen flutet. Auf dem Wege zu +schwindelnden Bergeshöhen kann der Greis nicht mehr +Schritt halten mit dem Jüngling, und grausam ist es, +wenn er ihn an sich fesselt, aber noch viel grausamer +gegen sich selbst, wenn Jugend, ihre Triebe hemmend, +sich freiwillig dem Alter unterwirft. Trennung — auch +wenn sie Wunden reißt — ist eine Bedingung des +Lebens.</p> + +<p>Sich beherrschen, sich unterwerfen war die Quintessenz +meiner — und aller — Erziehung gewesen. Darum +<a name="Page_217" id="Page_217"></a>schämte ich mich meines inneren Widerstandes, sprach nicht +von ihm und versuchte, ihn unter der reifen Weisheit, +die mir zufloß, zu ersticken. Großmama verlangte es +freilich nicht von mir: sie gab nur, wie sie stets nichts +als das eine Bedürfnis hatte, mit dem Besten, was sie +besaß, andere zu überschütten. Aber ein junges Pflänzlein +ertrinkt nur zu leicht unter der warmen Fülle des +Frühlingsregens, die dem starken Baum zur Quelle +üppigen Lebens wird.</p> + +<p>Mit meiner fortschreitenden Genesung flohen wir die +Nähe der Menschen allmählich immer weniger, und ein +großer Kreis von Bekannten und Verwandten fand sich +allmählich zusammen, aber nur wenige wurden zu unserm +ständigen Verkehr und zu Begleitern unsrer langen +Spaziergänge. Einen von ihnen hatte ich in Augsburg +kennen gelernt: es war Baron Franz Stauffenberg, der +gerade damals wegen seiner scharfen oppositionellen +Stellung gegen die Wirtschaftspolitik Bismarcks eine in +unsern Kreisen berüchtigte und gemiedene Persönlichkeit +war. Daß er, der Großgrundbesitzer, Freihändler war und +blieb, daß er, der Aristokrat, sich der Fortschrittspartei +näherte, machte ihn »unmöglich«.</p> + +<p>Großmama stand jenseits solcher Vorurteile. Geist und +Bildung zog sie an, gleichgültig, wer ihr Träger auch +sein mochte, und Stauffenberg gehörte zu jenen immer +seltener werdenden Menschen, die sie an ihre Jugend in +Weimar gemahnen konnten, wo der Beruf den Einzelnen +noch nicht mit Haut und Haaren auffraß und die Vielseitigkeit +lebendiger Interessen einen geselligen Verkehr +höherer Art möglich machte. Stauffenberg vermied es +sogar, über Politik zu sprechen, während er auf jedem +<a name="Page_218" id="Page_218"></a>anderen Gebiet, das berührt wurde, zu Hause zu sein schien. +Noch nie war ich mir so klein und unwissend vorgekommen +wie im Verkehr mit ihm. In seiner Vorliebe +für englische Literatur traf er sich mit Großmama; dabei +schlugen Namen an mein Ohr, und von geistigen Strömungen +war die Rede, von denen ich noch nie gehört +hatte: Robert Browning — Ruskin — William Morris.</p> + +<p>Die bildende Kunst pflegte man in den achtziger Jahren +außerhalb der Museen nicht zu suchen; die Beziehung +zu ihr war für die meisten dieselbe, wie die zur +Religion: sie hörte auf, sobald die Türen der Galerien +und der Kirchen sich hinter ihnen schlossen. Daß Leben +und Kunst eins sein können, fiel in unseren Kreisen +niemandem ein. Eine gewisse Leichtigkeit der Existenz, +ein durch Generationen sich fortpflanzender Wohlstand +ermöglichen erst ihr Ineinanderfließen; Preußen hatte +keine künstlerische Kultur. Was ich von Ruskin, und +besonders von Morris, erfuhr, zauberte phantastische Bilder +in mir hervor: ein perikleisches Zeitalter, ein Florenz +der Mediceer. Die Wirklichkeit voll Not, voll Ungerechtigkeit +und Häßlichkeit, die Großmama demgegenüber +heraufbeschwor, weckte mich unsanft aus meinen +Träumen. Es sei so viel, so schrecklich viel zu tun, um +für die Masse der Menschen nur das nackte Leben möglich +zu machen, sagte sie, daß es ihr vermessen erschiene, +Bedürfnisse nach Schönheit zu wecken, wo die vorhandenen +Bedürfnisse nach Nahrung und Obdach nicht +im entferntesten gestillt wären. Und meine Phantasie +zerflatterte vor den Empfindungen meines Herzens, die +Großmama ohne weiteres recht gaben. Ich blieb auch +dann auf ihrer Seite, wenn sie von diesem Standpunkt +<a name="Page_219" id="Page_219"></a>aus Bismarcks Sozialpolitik verteidigte, und ihre innere +Erregung, Stauffenbergs Einwendungen gegenüber, sich +in der leichten Röte kund gab, die das feine Elfenbeinweiß +ihrer Wangen färbte. Warum, wie Stauffenberg +sagte, die Schutzpolitik die möglichen Vorteile der Versicherungsgesetzgebung +illusorisch machen würde, darüber +grübelte ich um so vergeblicher nach, als national-ökonomische +Terminologie für mich Hieroglyphen bedeutete. +Zu fragen hatte ich nicht den Mut; es gehört echte Bildung +dazu, Unwissenheit einzugestehen. Mein Bedürfnis nach +Heldenverehrung war überdies zu groß, als daß ich +Verlangen nach Mitteln getragen hätte, die Bismarck +hätten entgöttern können. Von Politik wurde von jener +Unterhaltung ab kaum mehr gesprochen.</p> + +<p>Irgend eine naturwissenschaftliche Broschüre, wie sie +damals, wenige Monate nach Darwins Tod zahlreich +erschienen, brachte die Rede auf den großen Forscher. +Nichts hätte mich mehr verblüffen können, als daß ein +ernster Mann wie Stauffenberg, dessen Wissen ich bewunderte, +ihn nicht nur verteidigte, sondern die Ergebnisse +seiner Untersuchungen ernst nahm. Bei Erwähnung +seines Namens hatte man doch sonst immer nur spöttisch +gelacht, und daß wir, nach ihm, vom Affen abstammen +sollten, hatte zu nichts als zu zahllosen Witzen und Karikaturen +den Anlaß gegeben. Für mich persönlich kam +hinzu, daß meine naturwissenschaftliche Bildung gleich +Null war, mir also zu selbständigem Nachdenken alles +geistige Rüstzeug fehlte. Großmama ging es nicht viel +besser: zu ihrer wie zu meiner Zeit war die Bildung +der Frauen eine rein schöngeistige gewesen. Stauffenberg +hielt uns daher förmliche kleine Vorträge zur Ein<a name="Page_220" id="Page_220"></a>führung +in die Ideenwelt Darwins, — im Ton des +geistvollen Plauderers, wie immer, und doch so klar und +durchdacht in der Gedankenfolge, daß kein Buch aufklärender +hätte wirken können. Großmama war auffallend +still und nachdenklich nach solchen Gesprächen +und warf nur immer wieder die Frage auf, mit welchen +Gründen die Gegner Darwins seinen Anschauungen entgegenzutreten +pflegten. Erst allmählich hellten sich ihre +Züge wieder auf, und einmal sagte sie mit dem ihr +eignen, das ganze Antlitz durchleuchtenden Lächeln:</p> + +<p>»Sie haben mich alte Frau auf dem gewohnten Wege +förmlich taumeln lassen, lieber Baron. Aber nun gehe +ich dafür um so sichrer. Ich empfand in allem, was +Sie sagten, das heraus, was Sie nicht sagten, und +wohl auch gar nicht sagen wollten, was aber, meiner +Ansicht nach, der Grundzug der Lehre Darwins ist: ihre +Gegnerschaft zum Christentum. Daß Gott den Menschen +schuf nach seinem Bilde, daß die Sünde die Ursache +alles menschlichen Elends ist und es keine Erlösung +daraus gibt, als durch die göttliche Gnade, — daß es +unsre höchste Aufgabe ist, zu leben wie Jesus, den +Schwachen zu helfen, den Niedrigen und Verachteten +beizustehen, und daß der rohe Kampf ums Dasein überwunden +werden wird durch die Liebe, — widerspricht +das nicht bis ins Kleinste den Lehren Darwins? Der +Glaube an das christliche Evangelium aber, die Befolgung +dessen, was es verlangt, hat mich nach den Kämpfen +meiner Jugend zu innerem Frieden geführt, und die +Überzeugung lebt unerschüttert in mir, daß die tragischsten +Probleme der Welt, Armut und Unglück, gelöst wären, +wenn nur alle Menschen echte Christen wären. Soll +<a name="Page_221" id="Page_221"></a>ich mir am Ende meines Lebens diesen Glauben nehmen +lassen? Eine Anerkennung Darwinscher Theorien bedeutet +doch für uns, die wir Laien sind, auch nichts +anderes als Glauben an ihn. Und Sie sagen selbst, +daß Koryphäen der Wissenschaft ihn mit wissenschaftlichen +Gründen bekämpfen. Wäre es nicht heller Wahnsinn, +wenn ich, wie ein ungeübter Schwimmer, mich vom +sicheren Port erprobten Glaubens in die brandenden +Wogen fremder Ideen stürzen wollte, nur weil vielleicht — vielleicht! — irgendwo +in weiter Ferne ein +neues festes Land zu finden ist?! Ich bin zu alt +dazu — —«</p> + +<p>Statt aller Antwort küßte Stauffenberg Großmama +stumm die Hand. Meine Erregung war aber so stark, +daß sie nach Ausdruck verlangte.</p> + +<p>»Und wenn ich das neue feste Land nie erreichen +sollte, — ich würde lieber im Meere untergehen, als +immer nur sehnsüchtig vom sicheren Port aus zusehen, +wie es tobt und schäumt«, sagte ich, und meine Stimme +zitterte dabei.</p> + +<p>Ein Schatten flog über Großmamas Züge. Sie legte +ihre schmale kühle Hand auf meine heißen Finger. +»Das Leben wird schon dafür sorgen, daß es beim bloßen +Wünschen nicht bleibt, mein Kind«, dann sich wieder zu +Stauffenberg wendend, fügte sie hinzu: »Sie sehen, wie +wenig unsere Lebenserfahrungen unseren Enkeln nützen. +Jeder fängt von vorn an, und wir können schließlich nur +Tränen trocknen und Wunden verbinden.«</p> + +<p>Bald darauf reiste Stauffenberg ab, und ein andrer +trat mehr und mehr an seine Stelle. Es war Karl +von Gersdorff, ein Neffe meiner Großmutter, der auch +<a name="Page_222" id="Page_222"></a>zu jenen aus der Art geschlagenen Sonderlingen gehörte, +die aristokratische Familien sich gern von den Rockschößen +abschütteln. Wie oft hatte ich in Pirgallen über ihn +spotten hören, der »wie ein Schulmeister« aussah, ein +»Fräulein so und so« geheiratet hatte, und mit »Kreti +und Pleti« befreundet war, wie geringschätzig zuckten sie +die Achseln, wenn Großmama ihn verteidigte. Er war +ein begeisterter Freund Friedrich Nietzsches, hatte ihm sogar +einmal, zum Entsetzen der Verwandtschaft, sein Gut +zum Asyl angeboten. Durch Nietzsches Abkehr von +Richard Wagner war eine leise Entfremdung zwischen +beiden eingetreten, denn Gersdorff wurde ein um so +leidenschaftlicherer Wagnerianer, je mehr sich der Meister +zu den Ideen seines Parsifal entwickelte. Als wir in +Karlsbad zusammentrafen, war Wagner kaum ein Jahr +tot, und sein Wesen, seine Werke, seine Weltanschauung +bildeten den Inhalt fast aller Gespräche. Hatte seine +Musik mich in jenen Zustand höchster Ekstase versetzt, +der das ganze Ich in Andacht und Entzücken auflöst, +so erschienen mir seine Gedanken überraschend und doch +vertraut. Sein Groll gegen die bestehende Zivilisation +mit ihrem Inhalt an materieller und geistiger Not, sein +Glaube an die Möglichkeit einer künftigen Regeneration, +seine Kritik des gegenwärtigen Christentums, mit dem +wahren Geiste des Evangeliums verglichen, und seine +Erhebung der Kunst zur Höhe lebendig dargestellter +Religion, — hatte nicht irgendwo, tief verborgen, all das +auch in mir geschlummert? Ich begrüßte es jetzt mit +der freudigen Überraschung, wie wir längst vergessene +alte Freunde, die plötzlich aus dem Gewühl der Gleichgültigen +vor uns auftauchen, zu begrüßen pflegen. Im +<a name="Page_223" id="Page_223"></a>stillen verurteilte ich Nietzsche, — dessen Namen ich +übrigens zum elften Male hörte, — der dem großen +Freunde hatte untreu werden können, und begriff nicht +Gersdorffs Anhänglichkeit an ihn.</p> + +<p>Eines schönen Maienmorgens saßen wir in großer +Gesellschaft eben eingetroffner Verwandter auf der »alten +Wiese« vor dem »Elefanten«; Großmama war mit +ihnen in die Besprechung alter und neuer Familiengeschichten +vertieft, die mich immer sehr langweilten; +Gersdorff las in einem der vielen Bücher, ohne die er +das Haus nicht zu verlassen pflegte. Ich machte mich +im stillen über die bademäßig herausgeputzte, mit rosa +Brottüten bewaffnete, rührig, wie zum ernstesten Geschäft, +ihrem Ziel, dem lockenden Frühstück, zustrebende +Menge lustig, die an uns vorüberflutete. Mir war sehr +wohl, sehr behaglich zumute, wie nur einem jungen +Gesundgewordnen sein kann, der die gekräftigten Glieder +in der warmen Frühlingssonne dehnt. Da fiel mein +Blick auf die »Fröhliche Wissenschaft«, Nietzsches jüngstes +Werk, das neben Gersdorffs Tasse lag. Er hatte +Großmama zuweilen einzelne Abschnitte daraus vorgelesen, +von denen mir die Empfindung des unheimlich +Fremden zurückgeblieben war. Mechanisch fing ich an, +darin zu blättern, bis ein Satz mir ins Auge sprang: +»Das Leben sagt: Folge mir nicht nach; — sondern dir! +sondern dir! Leidenschaft ist besser als Stoizismus und +Heuchelei, Ehrlichsein, selbst im Bösen, besser, als sich an +die Sittlichkeit des Herkommens verlieren ...«</p> + +<p>Wenn ein eisiger Luftstrom durch plötzlich weit aufgerißne +Fenster den im warmen Zimmer Sitzenden trifft, so +schauert er zuerst frierend und angstvoll zusammen, um im +<a name="Page_224" id="Page_224"></a>nächsten Augenblick mit tiefen durstigen Zügen den reinen +Quell einzusaugen, der ihm die dunstig-schwere Schwüle +ringsum erst zum Bewußtsein bringt. Wie solch einem +war mir zumute. Kämpfte ich nicht ständig, um mich +dem Leben und dem Herkommen unterzuordnen? Versuchte +ich nicht, mir einzureden, jeder Sieg über meine +innersten Triebe sei ein Zeichen wachsender Tugend? +Und hatte doch stets ein schlechtes Gewissen dabei!</p> + +<p>Lustige Stimmen schlugen an mein Ohr:</p> + +<p>»Auf Wiedersehen beim Konzert nachmittag ...«</p> + +<p>»Gehst du zur Reunion heut abend? ...«</p> + +<p>»Wir gehen ins Theater ...«</p> + +<p>Halb abwesend starrte ich von einem zum andern.</p> + +<p>»Alix hat Tagesträume,« hörte ich Großmama sagen; +verwirrt schlug ich das Buch zu. Abends vor dem +Schlafengehen trug ich den Satz aus dem Gedächtnis in +mein Notizbuch ein — zwischen lauter Adressen, Gedichten +und Rezepten. Mit Großmama wechselte ich +kein Wort darüber; ich fürchtete mich; wie ein Dieb +kam ich mir vor, der ängstlich den gestohlenen Brillanten +hütet, und instinktiv fühlte ich, daß es keinen größeren +Gegensatz geben könne, als den zwischen diesen Worten +und der Lehre von der Nachfolge Christi, zu der Großmama +sich bekannte. Ein Schleier war zwischen uns +niedergefallen, der nicht trennt, aber die Klarheit der +Züge verwischt.</p> + +<p>Ende Mai machten wir unserem Arzt die Abschiedsvisite.</p> + +<p>»Na also!« sagte er zufrieden, »da wären die roten +Backen wieder! Aber nun gilts brav sein und gehorchen +und das Herzchen festhalten! ...«</p> + +<p><a name="Page_225" id="Page_225"></a>Nachdem er eine Reihe von Verordnungen gegeben +hatte, hielt er zögernd inne. »Und nun das Schlimmste +für so ein junges, hübsches Fräulein: für die nächsten +sechs — acht Monate ist jede Art starker Bewegung verboten. +Also kein Reiten — kein Tanzen —«</p> + +<p>Er erwartete offenbar meinen heftigsten Widerspruch +und sah mich auf mein freimütiges »Gewiß, Herr Doktor« +mit unverhohlenem Erstaunen an.</p> + +<p>»Du bist ein tapfres Kind!« sagte Großmama, als +wir die Treppe hinuntergingen.</p> + +<p>»Gar nicht, Großmama!« erwiderte ich. »Denn nur +eins wünsch ich mir, Ruhe zum Lernen, zum Lesen und +Arbeiten.«</p> + +<p>Ein Besuch in Weimar, den wir vorhatten, und der +dem langen Aufenthalt in Pirgallen vorausgehen sollte, +erschien mir zunächst nur wie eine Störung. Aber je +mehr wir uns der Stadt Goethes näherten, desto mehr +freute ich mich darauf. Während Großmama versuchte, +das Enkelkind mit dem, was ihrer an Menschen und +Dingen dort wartete, vertraut zu machen, verlor sie sich +in den Erinnerungen ihrer Jugend. Und ich sah sie +vor mir, die Männer mit den feinen glatten Gesichtern +über den hohen Vatermördern, die Frauen mit den +kunstvoll frisierten Köpfchen und den schlichten Mullfähnchen, +wie sie auf den Wiesen von Tiefurt Blindekuh +spielten und zierlich-gravitätisch im Schloßsaal die +Gavotte tanzten; ich hörte, wie sie mit Lamartine und mit +Byron weinten und schwärmten, ich fühlte, wie ihre +Gemüter sich tiefer Freundschaft erschlossen, wie ihre +Herzen schlugen in Liebesglück und Leid. Zu Goethes +Füßen sah ich die Großmutter sitzen, stumm, ehrfurchts<a name="Page_226" id="Page_226"></a>voll — ein +Lauschen, ein Empfangen. Zur ärmsten +Zeit Deutschlands, — wie reich war sie gewesen! Und +eine Heimat hatte sie gehabt, aus der die Wurzeln ihrer +Seele noch heute Lebenskräfte sogen.</p> + +<p>Ich saß am Kupeefenster im Abenddämmerlicht; Großmama +schlummerte mir gegenüber, noch ein Lächeln der +Erinnerung auf den Zügen. Wälder und Felder, Häuser +und Gärten flogen an mir vorbei. So ist mein Leben, +dachte ich. Alles entschwindet mir, kaum daß ichs betrachten +konnte; nirgends wurzle ich. Dabei fielen mir +Verse ein, die ich hastig in mein Notizbuch kritzelte:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ein Vagabund bin ich genannt,<br /></span> +<span class="i0">Will niemand von mir wissen;<br /></span> +<span class="i0">Die Sohlen hab ich durchgerannt,<br /></span> +<span class="i0">Mein Wams ist längst zerschlissen.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Zur Arbeit ruft man mich umsunst,<br /></span> +<span class="i0">Trag nicht danach Verlangen,<br /></span> +<span class="i0">Steh bei der Lerche hoch in Gunst,<br /></span> +<span class="i0">Die läßt sich auch nicht fangen;<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Die singt ihr Lied auf freiem Feld<br /></span> +<span class="i0">Mit freier, lustger Kehle,<br /></span> +<span class="i0">Die schmettert hoch in alle Welt,<br /></span> +<span class="i0">Und hörts auch seine Seele.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Doch eines ist, das wurmt mich schwer:<br /></span> +<span class="i0">Sie hat ein Nest, ein kleines; —<br /></span> +<span class="i0">Ich zog die Lande hin und her —<br /></span> +<span class="i0">Wo aber, sagt, ist meines?!<br /></span> +</div></div> + +<p><a name="Page_227" id="Page_227"></a>In Weimar wohnten wir bei Großmamas Bruder +an der Ackerwand, dicht neben dem Hause der +Frau von Stein, wo die Lorbeerbäume in ihren +großen Kübeln noch ebenso auf dem Vorplatz standen, +wie zu der klassischen Zeit, da die »liebe Lotte« unter +ihnen zum Nachmittagtee ihre Freunde empfing. Aus +unseren Fenstern sah man weit hinein in den Park.</p> + +<p>Am ersten Morgen, als die Sonnenstrahlen nur gerade +die Wipfel der alten Bäume trafen, schlüpfte ich hinaus. +Zauberhaft still und einsam war es; nur ein heimliches +Vogelzwitschern, ein fernes Flüstern der Ilm verriet das +Leben. Auf dem grünen Wiesenplan vor dem Hochmeisterhaus +funkelten die Tautropfen an den Zittergräsern; +die roten und weißen, die gelben und blauen +Blüten an den Büschen strahlten im Glanze eben entfalteter +Pracht. Weiter unten, wo im Felsen die steile +Treppe abwärts führt zum Ilmtal, stieg feuchter würziger +Erdgeruch zu mir empor. Die geschlossenen Fensteraugen +der Einsiedelei sahen aus wie die eines Schlafenden, +minutenlang stand ich davor, traumbefangen, und wartete +auf den geheimnisvollen Bewohner, der sie öffnen sollte. +Aber die Ilm plätscherte, als lachte sie mich aus.</p> + +<p>Über der Brücke, hinter den dunkeln Büschen und +Bäumen, lag die Erde noch eingehüllt in ein durchsichtig-weißes +Nebeltuch, das kecke Sonnenstrahlen zu zerreißen +sich bemühten. Und ein helles Häuschen schimmerte +lockend vom jenseitigen Hügel, das mir vertraut entgegensah, +als wäre ich drüben daheim. War es nicht +aus dem Rahmen getreten, der in Pirgallen in Großmamas +Zimmer hing? Dort hatte ich es gesehen von +<a name="Page_228" id="Page_228"></a>klein auf, und wenn ich vom Zuckerhäuschen im Walde +hatte erzählen hören, konnte ich mirs nie anders vorstellen. +Ob ich mich wohl hinüber wagen könnte durch +den Nebel? Erlkönigs Töchter tanzten hier, wie einst, +da sie den hellsehenden Augen des Dichters erschienen.</p> + +<p>Und nun war ich drüben. Aber die weiße Tür zwischen +den grünen Hecken verschloß das stille Reich hinter ihr. +Scheu sah ich mich um; niemand weit und breit! Der +niedrige Holzzaun hinter der zweiten breiteren Pforte +war kein unüberwindliches Hindernis — ein paar Risse +im Rock, eine Schramme am Arm —, und in Goethes +Garten stand ich. Der Ton knarrender Wagenräder +trieb mich den langen, Unkraut bewachsenen Weg hinunter +bis hinter das Haus. Grünes Dämmerlicht nahm +mich auf, kein Blättchen rührte sich über mir; auf der +Lehne der morschen Bank saß regungslos mit hochgestellten +Flügeln ein großer blauschwarzer Schmetterling. +Die Stille herrschte — eine Stille, als wäre die Erde +versunken —, und nur dieser Raum mit dem toten Hause +davor schwebte in der ungeheueren Weite des Weltraums. +Ich preßte meine Hände auf das wildklopfende +Herz, und große Tränen tropften unaufhaltsam aus +meinen Augen. Aber dann schämte ich mich: wie konnte +ich — ich! mit meinem unnennbaren Weh diesen heiligen +Ort entweihen! Leise auf den Zehenspitzen, das Kleid +gerafft, damit sein Rascheln nicht störe, schlich ich davon.</p> + +<p>Auf den mächtigen Würfel aus Granit mit der +Kugel darauf lehnte ich mich und vergrub, bitterlich +weinend, das Gesicht in den Händen. Da stimmte ein +Vöglein über mir sein Morgenlied an, und aus dem +nächsten Baum antwortete ihm ein anderes, bis es +<a name="Page_229" id="Page_229"></a>zwitschernd, tirlierend und flötend von allen Zweigen +klang, — ein jubelnder Gruß an die siegende Sonne. +Tief aufatmend streckte ich die Arme und dehnte die +Brust, und plötzlich freute ich mich, daß ich gar nichts +war als ein junges Menschenkind mit dem ganzen +reichen großen Leben vor mir. In schwärmerischer Verzückung +sank ich vor dem Altar des guten Glücks in +die Kniee und betete den Unsterblichen an, dessen Atem +ich zu fühlen meinte.</p> + +<p>Noch am selben Tage ging ich mit Großmama nach +dem Frauenplan, um in Goethes Stadthaus den letzten +seines Namens zu besuchen, der ihr Jugendfreund war. +Still und zurückgezogen, sich ängstlich vor der Berührung +mit der Welt hütend, lebte Walter Goethe oben in den +Giebelzimmern seiner verstorbenen Mutter. Ein großes +Bild des Dichters hing im Empfangsraum; es erdrückte +die kleine Stube und noch mehr den kleinen, armen +Nachkömmling darin. Ich konnt es nicht fassen, daß +dies ein Goethe war! Erst als die beiden Freunde +miteinander sprachen, fühlte ich die andere Welt, aus +der sie stammten. Wie warm und echt waren die Empfindungen, +denen sie Worte liehen, wie lebendig die +Interessen, an denen sie Anteil nahmen, — so sprach man +heute nicht mehr miteinander, wo Gefühl ein Spott +und Blasiertheit Trumpf war.</p> + +<p>Je länger wir in Weimar blieben, desto mehr empfand +ich seinen Geist. Freilich, die Menschen, mit denen +Großmama verkehrte, waren alle alt, alles ihre Zeitgenossen, +und doch, weil sie treu ihrer Jugend waren, +seelenjung. Da war der Onkel, bei dem wir wohnten, +ein Mann von jener schlichten Vornehmheit, die allein +<a name="Page_230" id="Page_230"></a>das Zeichen echter Kultur ist; da war der Großherzog +mit seiner leidenschaftlichen Liebe für Weimars Tradition, +der er bescheiden sich selbst unterordnete, überall nach +geistigen Werten Umschau haltend und sich der Funde +freuend, wie ein Sammler an seinen Schätzen; da +waren Frauen, die begeistert und begeisternd nicht Namen +und Titel und bunte Uniformen zu Gaste luden, sondern +führende Geister, werdende und gewordene. Ich taute +allmählich auf in dieser Umgebung und lernte, ohne +Scheu vor dem Ausgelachtwerden oder dem erstaunten +Verstummen der andern, von dem reden, was mich interessierte, +und fragen nach dem, was ich zu wissen begehrte. +Der Vorsatz befestigte sich in mir: ich wollte +nicht mehr zurück in die Welt der Konvention und der +kühlen Phrase, wo feste Schlösser vor Herz und Mund +Bedingung guter Erziehung sind.</p> + +<p>Großmama sprach von einem künftigen Hofdamenposten +für mich. So ganz nach meinem Geschmack war das +allerdings nicht; von all den Tanten und Kusinen, die +ihn inne hatten, wußte ich, wie viel drückende Dienstbarkeit +er mit sich brachte. Aber viel besser erschien es +mir immerhin, in Weimar abhängig zu sein, als von +einer Garnison zur andern stets in derselben Leutnantsatmosphäre +leben. Meine heimlich gehegten Dichterträume +würden hier vielleicht reifen können, und ganz +im Verborgenen tauchte dazu eine romantische Hoffnung +auf: ihn hier zu finden, den märchenhaften Schwanenritter, +dem mein Herz gehören sollte!</p> + +<p>Gegen Ende unseres Aufenthalts ging ich noch einmal +mit Großmama zu Walter Goethe. Er war ungewöhnlich +freundlich zu mir und erfüllte ohne weiteres meinen<a name="Page_231" id="Page_231"></a> +Wunsch, allein in Goethes Zimmer gehen zu dürfen. +Ich schloß sie mir auf und öffnete die kleinen Läden und +stand dann still und stumm mit gefalteten Händen vor +dem Stuhl, in dem er gestorben war, an seinem Bett. +Wie einem, der auszieht zum Kampf und Abschied +nimmt, unsicher, ob er jemals wiederkehrt, war mir zumute. +Goethes Gebet kam mir unwillkürlich auf die +Lippen: Gib mir große Gedanken und ein reines Herz.</p> + +<p>Ich mochte blaß und verweint genug aussehen, als +wir abreisten; sorgenvoll sah mich Großmama an: »Bist +du nicht wohl, mein Kind?«</p> + +<p>Da kam mir zum Bewußtsein, was ich ihr alles +verdankte: Zu dem heißen Wunderquell hatte sie mich +geführt, der meinen Körper heilte, und erschlossen +hatte sie die Quellen, die meine Seele nährten. Mit +beiden Händen griff ich nach ihrer Hand und preßte +die Lippen darauf: »Ich bin ganz, ganz gesund, Großmama!«</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_232" id="Page_232"></a></p> +<h2><a name="Neuntes_Kapitel" id="Neuntes_Kapitel"></a>Neuntes Kapitel</h2> + + +<p>Auf dem Wege nach Pirgallen machten wir bei +einer Reihe von Verwandten Station. Ich +kam mir vor, als wäre ich von luftiger Bergeshöhe +in schwüle Niederung geschleudert worden. »Wir +haben eine Vetternreise hinter uns: in Sachsen, in der +Mark, in Pommern — überall derselbe Schlag Krautjunker, +je nach der Größe der Geldbeutel echt oder unecht +überfirnißt, bei allen dieselbe souveräne Verachtung +geistiger Werte —« schrieb ich an meine Kusine Mathilde. +»Meine Vettern in Ingershausen — übrigens ein +pompöses Schloß, das August dem Starken, seinem Erbauer, +alle Ehre macht —, die früher an beängstigender +Wasserscheu litten, sind Gigerl <em class="antiqua">par excellence</em> geworden, +gardereif. Ihre Schwester, eine Venus von Milo, hat +schon mit siebzehn Jahren geheiratet, kriegt ein Kind +nach dem andern und den fatalen Zug um den Mund, +den ich noch bei jeder jungen Frau entdeckt habe: ich +glaube, es ist der der Enttäuschung. Ein paar Kindheitsfreundinnen, +die ich wiedersah, und die mir vor +Jahr und Tag mit allen Zeichen des Triumphes — sie +hatten mich ja im Rennen um den Mann um ein paar +Pferdelängen geschlagen! — ihre Verlobung mitgeteilt +hatten, traten mir jetzt als hochschwangere Frauen ent<a name="Page_233" id="Page_233"></a>gegen: +blaß, mißmutig. Ich hätte nun gern meinerseits +triumphiert, aber das Mitleid mit den armen Würmern, +die sie mit solcher Giftlaune unter dem Herzen tragen, +überwog. Ein Weib, das ein Kind erwartet, sollte sein +wie eine Siegerin!«</p> + +<p>Ich atmete auf, als wir endlich in Pirgallen waren, +wo ich hoffte, mich meinen Studien und Arbeiten ganz +überlassen zu können. Dort hatte sich inzwischen +mancherlei verändert. Mein Onkel hatte sich in den +Reichstag wählen lassen, — auf vieles Zureden seiner +Parteigenossen, denn in ihm selbst regte sich zu stark +das alte Herrengefühl des ostdeutschen Junkers, als daß +es ihm nicht widerstrebt hätte, die durch das allgemeine +Wahlrecht nun einmal festgesetzte Gleichheit zwischen +Herr und Knecht auch nur äußerlich anzuerkennen. Daß +er, dessen Verkehr mit den Untergebenen nur im Befehlen, +Tadeln und Strafen bestand, von ihrer Gunst abhängig +war, ja sogar um sie werben mußte, erschien ihm als +eine Entwürdigung. Er war dabei ein so ehrlich überzeugter +Konservativer, so durchdrungen davon, daß jede +Erweiterung der Freiheit und der Rechte der unteren +Volksklassen zu ihrem eigenen Verderben ausschlagen +würde, daß er sich vollkommen berechtigt glaubte, auch +durch ungesetzliche Mittel den Einfluß liberaler oder gar +sozialdemokratischer Strömungen zu bekämpfen. Seinen +ehemaligen Viehhirten, einen notorischen Säufer, der +sozialdemokratisch gestimmt hatte, weil »der Herr Baron +dem Krugwirt verboten hatte, ihm mehr als zwei Glas +Schnaps zu geben,« pflegte er seiner Mutter gegenüber +immer wieder zu zitieren, wenn sie das »Recht auf die +persönliche Überzeugung« verteidigte. »Gar nichts wußte +<a name="Page_234" id="Page_234"></a>der Kerl sonst von der Sozialdemokratie,« sagte er, »er +konnte weder lesen noch schreiben. Jeder, der ihm Fusel +gibt, dessen ›Überzeugung‹ hat er. Stellt Euch vor, alle +Viehhirten und Konsorten stimmten wie er und kämen +zur Macht, — eine nette Wirtschaft würde das.« Und +als Großmama einwarf: »So gebt dem Volk eine bessere +Bildung,« antwortete er: »Damit jeder Instmannsjunge +Professor werden und keiner mehr arbeiten will! Dann +sollen wir wohl unsere Frauen vor den Melkeimer setzen +und uns hinter den Pflug stellen?«</p> + +<p>»Vielleicht entspräche solch ein Wechsel der göttlichen +Gerechtigkeit,« meinte Großmama lächelnd, »seit Jahrhunderten +gingen sie hinter dem Pfluge — am Ende ist +jetzt die Reihe an Euch!« Mit hochgeschwollener Stirnader +sprang der Onkel vom Stuhl und warf die Türe hinter +sich zu. Er war reizbarer als sonst. Zu deutlich pochte +die neue Zeit an das schwere Burgtor von Pirgallen, +und er selbst hatte die Zugbrücke, die unliebsamen Gästen +den Eingang wehrte, in eine feste, steinerne verwandelt. +Er selbst hatte bei der Regierung all seinen Einfluß +daran gesetzt, damit die Eisenbahn bei ihm vorbei gelegt, +der Hafen am Kurischen Haff an seine Gutsgrenze gebaut +werde. Nun konnten seine Steine zu fernen +Bauten über die Ostsee entführt werden, und die Erträgnisse +seines Gutes fanden in Berlin zahlungskräftige +Käufer, — aber neue Gedanken waren mit den fremden +Ingenieuren und Arbeitern eingeführt worden. Er selbst +strebte danach, sein Besitztum, das seine Väter schlecht +und recht ernährt hatte, in eine kapitalistische Unternehmung +zu verwandeln, von der er Millionen erwartete. +Aber mit den Maschinen, mit den Kanälen, den Wiesen<a name="Page_235" id="Page_235"></a>meliorationen, +den neuen Bebauungsweisen, der ganzen +intensiven Art der Bewirtschaftung kamen Scharen neuer +Arbeitskräfte ins Land, von denen die Alteingesessenen +Ansichten und Bedürfnisse rasch, Handfertigkeit und Verständnis +aber um so langsamer lernten. Die Unzufriedenheit +wucherte wie Unkraut, und am üppigsten in +den kleinen strohgedeckten Katen, deren Bewohner seit +Generationen im Dienste der Golzows standen.</p> + +<p>In einer der ältesten hauste die alte Maruschka mit +Kindern und Enkeln, ein verhutzeltes, zitteriges Weiblein. +Wie braune Fichtenrinden waren ihre Wangen und ihre +Stirn, die Augen eingesunken, weiß und gelb wie versteckte +Harzlöcher. Nur wenn sie Großmama sah, verzog +sie die dünnen Lippen zu einem Grinsen. Vor Jahren +hatte ich sie, die seit ihrer frühsten Mädchenzeit in der +Burg diente, noch in einem der dunkelsten Räume, dicht +über dem Wassergraben, von morgens bis abends vor +dem alten mächtigen Webstuhl sitzen sehen. Alle Mägde +trugen die Stoffe, die sie wob: feste harte, aus groben +blauen und roten Fäden. Die »junge Frau Baronin« +hatte sie aufs Altenteil gesetzt, — sie brauchte das Zimmer, +und die hübschen Dienstmädchen trugen das altmodische +Zeug nicht mehr. Nun haßte die Alte die neue Zeit und +alles, was sie mit sich führte. An ihrem schwälenden +Herdfeuer in der engen Stube mit dem grauen schmierigen +Lehmboden, wo Hühner, Gänse, Ferkel und Kinder +durcheinander gackerten, quiekten und schrieen, war die +Freistatt aller Murrenden. Sie hetzte die Schüchternen +auf, die noch in blinder Unterwürfigkeit an der Herrschaft +hingen, sie lobte die Unbotmäßigen und hatte trotz +all ihrer Armseligkeit stets den Schnaps bereit für die, +<a name="Page_236" id="Page_236"></a>die im Krug mit den »Neuen«, den »Städtischen« nicht +zusammen sitzen mochten.</p> + +<p>Ihr Jüngster, der Franz, war Stallknecht, dem +mein Onkel seiner Gewandtheit wegen häufig die +wertvollsten Pferde überließ. Eines abends sah er, +daß die »Delilah«, die der Franz hatte bewegen +sollen, schweißtriefend und ohne Decke in ihrer Box +stand, während er auf seinem Bett daneben seinen +Rausch ausschlief. Ehe ich, die ich dabei stand, es verhindern +konnte, sauste meines Onkels Reitpeitsche ihm +quer übers Gesicht. Taumelnd erhob er sich, sah meinen +Onkel mit blöden Augen an und fiel ihm heulend zu +Füßen. Ich wollte mich schon empört abwenden, — empörter +noch über den Feigling, der vor mir winselte, +als über den Onkel —, als mich aus dem Augenwinkel +des auf dem Boden Kauernden ein Blick traf, wie der +eines wilden Tieres. Am nächsten Morgen lag eine der +Zuchtstuten verendet im Paddock. Keiner von uns +zweifelte, daß Franz der Täter war, ich, die ich hartnäckig +schwieg, am wenigsten. All seine Arbeitskollegen +jedoch standen auf seiner Seite und lenkten den Verdacht +auf die Kanalarbeiter. Zu beweisen aber war +nichts. Onkel Walter entließ den Knecht und verbot +ihm mit allem Nachdruck, den Boden Pirgallens wieder +zu betreten. Wir saßen gerade in der Halle beim Frühstück, +als die alte Maruschken unangemeldet auf der +Freitreppe erschien, die verschrumpelten braunen Hände +über ihrem Krückstock gefaltet, im selbstgewebten Sonntagsstaat, +den eisgrauen Kopf von einem schwarzen Tuch +umwunden, die kleinen Bernsteinaugen funkelnd auf +uns gerichtet, wie die Waldhexe aus dem Märchen.</p> +<p><a name="Page_237" id="Page_237"></a></p> +<p>»Verzeihen die gnädige Herrschaft«, hob sie mit +stockender Stimme an —</p> + +<p>»Was willst du, Maruschken?« frug Großmama, ihr +gütig die Hand entgegenstreckend, während Onkel sich +ungeduldig räusperte.</p> + +<p>»O mai allerkutestes gnädiges Frauchen«, — schluchzend +stürzte die Alte vor ihrer einstigen Herrin nieder und +zog demütig ihren Rock an die Lippen, »mai Jung hat +das Perdchen, das liebe kute Perdchen, nich erstochen! +Schickens ihn nich in die Fremde! Mai Vater, mai +Großvater, mai Ahne — alle, alle haben der gnädigen +Herrschaft gedient mit Leib und Leben — schickens uns +nich fort!« Ihre Stimme wurde krächzend wie Rabenstimmen, +wenn sie im Herbst auf den Stoppelfeldern +sitzen.</p> + +<p>»Mein Sohn schickt euch ja nicht fort, Maruschken,« +antwortete Großmama. »Nur den einen von deinen +Kindern, und — wenn er sich draußen gut führt —« +bittend sah Großmama zu Onkel Walter herüber — »darf +er gewiß wieder nach Hause kommen.«</p> + +<p>Die Alte richtete sich auf. Stumm sah sie von einem +zum anderen.</p> + +<p>»Nimmt der gnädige Herr Baron den Befehl zurück?« +kam es leise und zischend über ihre halbgeöffneten Lippen.</p> + +<p>»Nein!« Ein Faustschlag auf den Tisch bekräftigte +Onkel Walters heftige Antwort. »Und nun geht, +Maruschken. Mein letztes Wort habt Ihr!«</p> + +<p>Fest auf den Stock gestützt, reckte die Alte den krummen +Rücken und hob den Kopf, daß die Sehnen an ihrem +Halse wie braunrote Stricke hervortraten.</p> + +<p>»Die alte Maruschken geht, mai kutestes Herrchen, — geht +<a name="Page_238" id="Page_238"></a>weit — weit weg und nimmt mehr mit, viel mehr, +als bloß ein Perdchen! — — Auf diesen alten Armchen +trug ich den jungen Herrn — gab ihm die Brust, statt dem +eignen Jungchen. Und gearbeitet hab ich an die vierzig +Jahr auf Pirgallen — und Söhne und Töchter hab ich +geboren und aufgezogen in Gehorsam vor der Herrschaft +und Gottesfurcht, und sie arbeiten auch auf Pirgallen, +für die gnädige Herrschaft« — —</p> + +<p>Ungeduldig unterbrach der Onkel ihren Redefluß. »Ich +bin der letzte, der deine treue Arbeit nicht anerkannt +und redlich belohnt hat. Aber einen widerhaarigen +Trunkenbold — und wenn er zehnmal dein Sohn ist — kann +ich nicht brauchen. Meine Geduld ist erschöpft — hüte +dich, Alte, mich noch zu reizen. Ich weiß recht +gut, wo die Stänker und Hetzer zu Hause sind!«</p> + +<p>»Gar nichts weiß der Herr Baron, gar nichts« eiferte +sie. »Im Krug, wo die Kanalarbeiter sitzen, beim neuen +Inspektor, wo die fainen Herren aus der Stadt morgens +und abends Wein trinken, in der Gesindestube, wo die +vornehmen Diener mit die Stadtmächens schäkern, da sind +die Stänker; — bei der alten Maruschken nich! Wir +halten noch auf alte Art und Zucht, wir lieben das liebe +Landchen, die Burg, und die Kirche und die Kate. Aber +die anderen, das sind Ausländsche, die blos aufs Geld +sind und keinen Glauben nich haben. Warum holt sie +der Herr Baron und unsere Jungchens schickt er weg, +daß sie auch so werden wie die Fremden? — — Zu +Haus wollen wir bleiben —« ihre Stimme kreischte — »mit +die Kindersch. Aber wo die rechte Liebe weg +is, geht auch die Ehrfurcht und der Gehorsam ... +Die Peitsche ins Gesicht, — das haben der alten<a name="Page_239" id="Page_239"></a> +Maruschken ihre Jungchen nich verdient um die Herrschaft —«</p> + +<p>Wütend erhob sich der Onkel: »Nun hab ich die +Komödie satt, scher dich zum Teufel.«</p> + +<p>Mit aufgerissenen Augen starrte die Alte ihn an und +beachtete Großmama gar nicht, die begütigend ihre Hand +auf ihre Schulter legte.</p> + +<p>»Ich scher mich, ich scher mich, aber zum Teufel +nich!« schrie sie, »der Teufel is zu Haus jetzt auf Pirgallen, — alle +bösen Geister gehen um, — im Turm +krachts, wo die gnädige Herrschaft die faulen Insten in +Ketten legte, und aus dem Haff steigen die toten Fischer +auf — die alte Maruschken geht — das liebe Herrgottche +suchen —«</p> + +<p>Wie unter einem Zwang waren wir alle verstummt. +Die Steintreppe humpelte sie hinab — sie wandte den +Kopf nicht mehr — sie war jetzt ganz klein und zusammengesunken. +Am folgenden Tage stand ihre Kate +leer, — bei Nacht und Nebel war sie mit ihren Kindern +und Enkeln davongegangen, ihren armseligen Hausrat +auf zwei Karren mit sich schleppend. Die Leute flüsterten +noch lange mit leisem Grauen davon, wie sie drohend +den Krückstock erhoben habe, als sie an der Burg vorbeikam, +und unaufhörlich vor sich hinmurmelnd dem Zuge +der ihren voran geschritten sei, vor jeder Hütte am Wege +inne haltend, um den aus dem Schlaf geschreckten Bewohnern +zu erzählen, daß der Herr von Pirgallen sie +von Haus und Hof vertrieb.</p> + +<p>Auch für mich war der Eindruck ein unverwischbarer. +Ich ging oft ins Dorf hinab und in die Ortschaften +am Strande, und lernte die harten, einsilbigen Menschen +<a name="Page_240" id="Page_240"></a>kennen, die für unaufhörliche Arbeit ein spärliches freudloses +Leben gewannen. Die meisten nahmen es noch +hin wie etwas Selbstverständliches, aber schon zuckte in +ihren Augen hie und da dieselbe Flamme auf, die in +dem Blick der alten Maruschken gebrannt hatte. Die +Zeit, da sie sich vor dem Herren fühlten wie stumme +Sklaven oder wie willenlose Kinder, war vorüber. Es +gingen wirklich böse Geister um, auch in der alten +Ordensburg.</p> + +<p>Mein Onkel war, so viel er sich auch zu bilden strebte, +den Anforderungen moderner Landwirtschaft geistig nicht +gewachsen. »Man müßte Chemiker, Ingenieur, Naturforscher +sein, um nicht von jedem Hans Narren übersehen +und betrogen zu werden; statt dessen hat unsereins +nur Leutnant gelernt,« sagte er einmal bitter. Er +entschloß sich sogar zum Verkehr mit einem alten Gegner +aus der Nachbarschaft, einem Freisinnigen, der der beste +Landwirt im Lande war. Ich begleitete die Herren zu +Pferde bei ihren Inspektionsritten und hörte oft, wie +der alte Mann das Neue, das der junge schuf und +plante, rückhaltlos gut hieß. »Nur eins kann ich Ihnen +nicht verhehlen, Herr Baron, mit der Angst würde ichs +kriegen, wenn ich Sie nicht für einen bedachtsamen +Mann hielte, der weiß, daß er Hunderttausende hier +hineinstecken muß, ehe die Millionen herausspringen.« +Ich sah, wie Onkel Walter um einen Schein blasser +wurde, und erschrak mit ihm.</p> + +<p>Er war sehr ernst geworden in den letzten Jahren. +Sein fröhlicher Leichtsinn brach nur dann immer wieder +hervor, wenn seine Frau ihn umschmeichelte — wegen +neuer Toiletten, neuem Schmuck oder neuen Hunden — und +<a name="Page_241" id="Page_241"></a>sein Söhnchen, das sie ihm vor drei Jahren geschenkt +hatte, auf seinen Knieen ritt. Dieser Stammhalter +war der Mittelpunkt des Lebens. Er besaß schon +seinen eigenen kleinen Hofstaat, und zwei Miniaturpferdchen — Shetland-Ponies, +die der Vater direkt hatte +kommen lassen — spürten bereits, wenn er in seinem +winzigen Wagen durch den Park fuhr, die Peitsche des +kleinen Junkers. Alle tyrannisierte er; für mein +Schwesterchen, das selbst gewöhnt war, daß die anderen +sich ihr unterordneten, war er der gefürchtetste Quälgeist, +und vor ihm flüchtend, klammerte sie sich leidenschaftlich +an mich an. Mein liebebedürftiges Herz empfand das +sehr wohltätig, und mein, eingedenk der eigenen Kinderqualen, +leicht erregtes Mitleid kam ihren Wünschen rasch +entgegen. Schon früh morgens pflegte ich mit ihr in +den verstecktesten Teil des Parks zu fliehen; ich erfand +die phantastischsten Spiele und die buntesten Märchen, +und der halbe Tag ging vorüber, ehe ich zu mir selbst +kam. Dann geschah es wohl, daß mich heftiger Groll +gegen die kleine Tyrannin erfaßte, die mich so in Anspruch +nahm; aber ein bittender Blick ihrer großen Blauaugen, +ein zärtlicher Druck ihrer runden Ärmchen um +meinen Hals machte mich wieder gefügig. Nein, sie +sollte, sie durfte nicht erleben, was ich erlebt hatte! Allmählich +lernte ich sogar, ihr dankbar sein: die anderen +nannten mich einen »Blaustrumpf« — »überspannt« — »verdreht«, +dem süßen sechsjährigen Blondkopf aber +konnte ich gar nicht phantastisch genug sein. Sie wollte +immer neue Märchen hören — »ganz neue, die noch +kein Kind gehört hat« —, und unsere ganze Umgebung +wurde zum Ausgangspunkt meiner Geschichten, in die +<a name="Page_242" id="Page_242"></a>ich Götter- und Heldensagen verflocht. Sie glaubte an +mich — felsenfest: wenn wir auf dem Haff segelten, +warf sie heimlich mitgebrachten Kuchen ins Wasser, — für +Neringa, die Hafffrau, die drunten hungert, — zwischen +die Steine der Parkmauer schob sie Töpfchen +mit Milch, — für die Wichtelmännchen, die dort ihr +Wesen treiben.</p> + +<p>Ließ sie mich frei, so vergrub ich mich in die Bibliothek. +Unter dem Vorwand, die Bücher ordnen zu wollen, hatte +ich mir dieses Asyl, das nur selten jemand betrat, gesichert. +Es war dunkel und roch nach moderndem Papier; +aber was kümmerte das mich, die ich tief im Ledersessel +kauerte und über dem Lesen alles vergaß! Eine kuriose +Sammlung enthielten die Schränke: alte landwirtschaftliche +Broschüren und Zeitschriften, Reichstagsprotokolle +der jüngsten Zeit, Modeblätter, die sich seit Jahrzehnten +angesammelt hatten, französische Romane verfänglicher +Art, — Zolas »Nana« und »Assommoir« mitten darunter, — deutsche +moderne Familienromane und schließlich in +billigen, schlecht gebundenen Ausgaben die deutschen +Klassiker. Mit der Hast einer Heißhungrigen verschlang +ich alles: von den Memoiren der Cora Pearl bis zu +Wieland und Herder. Ich muß aber wohl in jener +Zeit weder für die Schlüpfrigkeit noch für den Realismus +sehr empfänglich gewesen sein; was ich von dieser Art +las, interessierte mich kaum, es rief höchstens ein Gefühl +des Ekels in mir wach. Noch weniger fesselten mich +die deutschen Romane. »Unsere Unterhaltungsliteratur +ist flach, kraft- und saftlos,« schrieb ich an meine Kusine, +»sentimental und nüchtern, weil die Schriftsteller sich +nach ihrem fast nur aus Frauen bestehenden Publikum +<a name="Page_243" id="Page_243"></a>richten. Männer lesen keine Romane mehr, weil sie zu +weibisch geschrieben sind, und Frauen werden immer +weibischer, weil sie sich mit dem faden Zeug ihren geistigen +Magen verderben. Am schlimmsten ists, wenn auch noch +Frauen die Romane schreiben: mit der gestohlenen +Gloriole der Poesie verklärte Klatschgeschichten. Ein +neuer Grund für meine Antipathie gegen die Frauen. +Ich frage mich nur: sind wir so klein, so leer, so unweiblich — oder +hat man uns so gemacht?«</p> + +<p>Mit um so heißeren Wangen und klopfenderem Herzen +vertiefte ich mich in Goethe. Auch das, was ich schon +längst kannte, war voll neuer Offenbarungen für mich. +In ein kleines Heft, das ich ständig bei mir trug — sorgfältig +in ein grünseidenes Tüchlein gewickelt —, +schrieb ich ein, was mir am besten gefiel und schlug es +in stillen Stunden auf, wie der Priester sein Brevier, +um zu lesen und wieder zu lesen, bis ich Satz für Satz +auswendig konnte. Zwei standen doppelt unterstrichen +an der Spitze: »Er gehörte zu den vielen, denen das +Leben keine Resultate gibt und die sich daher im Einzelnen +vor wie nach abmühen;« — — und: »Unsere Wünsche +sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen, +Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein +werden.« Der eine sollte sein, wie ein drohend aufgerichtetes +Zeichen, eine stete Warnung, das Leben nicht +zu verzetteln, sondern ihm nach großen Zielen die feste +Richtung zu geben, — der andere ein Tröster in Zeiten +der Mutlosigkeit, wenn ich zu mir selbst das Vertrauen +verlor oder andere mich dessen zu berauben versuchten. +Mit bewußter Auflehnung gegen die asketischen Erziehungsmaximen +meiner Mutter schrieb ich mir vor +<a name="Page_244" id="Page_244"></a>allem solche Stellen ab, die das Recht auf Persönlichkeit +und den Wert der Freude betonten; »Ein Kind, ein +junger Mensch, die auf ihren eigenen Wegen irre gehen, +sind mir lieber, als manche, die auf fremden Wegen +recht wandeln;« — »Fröhlichkeit ist die Mutter aller +Tugenden;« — »ein glücklicher Mensch, ein Wesen, das +sich seines Daseins freut, ist das Endziel der Schöpfung.«</p> + +<p>Erfüllt von dem, was ich innerlich erfuhr, konnte es +nicht ausbleiben, daß ich zuweilen auch davon sprach. +Meine Begeisterung konnte nicht immer stumm bleiben; +ich sehnte mich nach Menschen, um mich ihnen mitzuteilen, +nach jungen vor allen Dingen, bei denen weder +Spott noch die Weisheit des Alters mich hätte zurückstoßen +können. »Ich suche Menschen, wie Diogenes,« +schrieb ich an meine Kusine, mit der ich aus demselben +inneren Bedürfnis heraus lebhaft korrespondierte, »und +sehe dabei immer deutlicher, daß unsere miserable Erziehung +uns um das Beste im Leben betrogen hat. Das +bißchen Kunst und Wissenschaft hat man uns nur gelehrt, +damit wir darüber schwatzen können. Es ist kein +Teil unserer selbst geworden; es bleibt in Museen und +Büchern wie die Religion in der Kirche. Hätten wir +den rechten Ernst, das tiefe Verständnis für sie, — Geist +und Herz würden so sehr davon erfüllt sein, daß sie +am Gemeinen oder Oberflächlichen gar keine Freude +empfänden.«</p> + +<p>Kamen junge Leute nach Pirgallen, die, wie Onkel +Walter spottend zu sagen pflegte, beim »Alix-Examen +noch nicht durchgefallen waren,« so streckte ich vorsichtig +die Fühlhörner meines Geistes aus. Meist begegnete +ich einem verlegenen Lächeln, einem erstaunten Blick, +<a name="Page_245" id="Page_245"></a>und meine Mutter, die solch einem mißglückten Versuch +zuweilen zuhörte, sagte mir einmal:</p> + +<p>»Daß du das Nüsseknacken gar nicht aufgeben magst! +Du stehst doch, daß sie alle taub sind.«</p> + +<p>»Ich glaubs aber nicht — ich will es nicht glauben,« +antwortete ich, »mein eigene Existenz bürgt mir dafür, +daß es noch andere meiner Art geben muß!« Mama +kräuselte spöttisch die Lippen: »Die Mehrzahl ist gemein — die +Dummen sind noch die besten.« Aber je häufiger +sie ihrer tiefen Menschenverachtung Ausdruck verlieh, +desto empörter lehnte ich mich dagegen auf, desto übertriebener +wurde mein Triumphgefühl, wenn irgend eine +Wesenssaite des Anderen, die ich berührte, leise zu klingen +begann.</p> + +<p>Da war besonders einer, ein junger Nachbar, der oft +herübergeritten kam. Tiefere Bildung besaß er nicht, aber +das einsame, durch keine Abwechselung unterbrochene +Leben an den grauen Wassern des Haffs hatte ihn nachdenklich +gemacht, so daß es uns nie an Gesprächsstoff +fehlte. Unser Verkehr dauerte nicht lange. Onkel Walter +nahm mich eines Tages beiseite und erklärte mir, daß +der Brandenstein keine »Partie« für mich wäre.</p> + +<p>»Ich denke ja auch gar nicht daran, ihn zu heiraten,« +rief ich.</p> + +<p>»So benimm dich nicht so dumm! Die ganze Gegend +spricht schon davon, und er selbst muß sich Hoffnungen +machen, wenn du dich stundenlang mit ihm allein abgibst,« +entgegnete er. Ich war außer mir: ein junges +Mädchen benimmt sich also unpassend, wenn es länger +als fünf Minuten mit einem und demselben Herrn redet. — »Die +lieben Nächsten drücken nur dann ein Auge zu, +<a name="Page_246" id="Page_246"></a>wenn sie dabei eine Verlobung wittern,« heißt es in +einem Brief an Mathilde. »Fühlst du, wie ekelhaft das +ist? Welch eine faustdicke Beleidigung unseres ganzen +Geschlechts darin liegt? Die Hündin wertet man nicht +anders als uns. Pfui Teufel!«</p> + +<p>Ich zog mich nach jenem Erlebnis immer mehr zurück +und unterdrückte meinen Menschenhunger, bis Onkel +Walter seinem Unwillen über meine »Haberei« energischen +Ausdruck gab. Ich kam grade dazu, als er mit +Mama über mich sprach.</p> + +<p>»Sie wird sich die besten Aussichten verscherzen +und eine verdrehte alte Schraube werden,« sagte er. +»Oder willst du am Ende nicht heiraten?« Damit wandte +er sich an mich.</p> + +<p>»Gewiß will ich — sehr gern sogar, wenn der Mann +danach ist!« lachte ich.</p> + +<p>Mama sah von ihrer Handarbeit auf: »Du weißt, +daß ich dich nicht zwingen werde. Ein Mädchen, das +wie du, eine gesicherte Zukunft hat, ist viel glücklicher, +wenn sie nicht heiratet.«</p> + +<p>»Mit eurer Zuversicht auf Alixens Zukunft!« warf +Onkel Walter ärgerlich dazwischen. »Die berühmte +Tante Klotilde kann noch zehn Mal heiraten, oder +hundert Jahre alt werden, oder ihr Geld den Hottentotten +vermachen. Wir müssen sie unter die Haube +bringen, solange sie hübsch ist, — das allein ist eine +Gewähr für die Zukunft. Sie darf sich freilich nicht +mit Flausen den Kopf verdrehen und verzauberte Prinzessin +spielen, sonst nimmt ein vernünftiger Kerl von vorn +herein Reißaus.«</p> + +<p>Hochmütig warf ich den Kopf zurück und sagte spöttisch:<a name="Page_247" id="Page_247"></a> +»Beruhige dich, lieber Onkel, ich kriege noch zehn für +einen. Ich werde dir den Kummer nicht antun, eine +alte Jungfer zur Nichte zu haben.«</p> + +<p>Und nun nahm ich wieder an der Geselligkeit teil, — nicht +allein, weil ich ihm beweisen wollte, daß ich recht +hatte, sondern auch, weil die Tante mich ärgerte, die — wie +ich herausfühlte — aus reinem Egoismus das +Einsamkeitsbedürfnis ihrer Rivalin zu fördern suchte. +»Laß sie doch, wenn es ihr kein Vergnügen macht, — wir +werden auch ohne sie fertig!« hatte sie erst kürzlich +ihrem Mann zugerufen, als er noch vom Wagen aus +mich zur Teilnahme an einem Ausflug nötigen wollte. +Außerdem — wer weiß?! — konnte der Gralsritter, von +dem ich doch immer wieder heimlich träumte, nicht auch +hier, am grauen Gestade der Ostsee landen?!</p> + +<p>Picknicks und ländliche Feste, wo schrecklich viel gegessen, +noch mehr getrunken und wenig geredet wurde, Jagd- und +Manöverdiners und häuslicher Trubel fingen an, +mir sogar wieder Spaß zu machen. Wenn ein paar +lustige Leutnants, um vom Manöver aus Pirgallen zu +erreichen, meinetwegen ein paar Nächte um die Ohren +schlugen; wenn abends am Strande von Kranz, dem +nahen Seebad, wohin wir häufig fuhren, prasselndes +Feuerwerk mir zu Ehren in die Luft stieg; wenn Blicke +mir folgten, die mehr sagten als schmeichelnde Worte, — dann +schlürfte ich mit wonnigem Wohlgefühl den +berauschenden Trank der Bewunderung, und die kleinen +Teufel der Eitelkeit triumphierten über die guten Geister +im Bücherschrank von Pirgallen. Aber »er« blieb unsichtbar, +und so war meine Gesellschaftspassion immer +nur ein Wechselfieber. »Die Gesellschaft ists gar nicht, +<a name="Page_248" id="Page_248"></a>die mich amüsiert, sondern die Rolle, die ich in ihr +spiele,« schrieb ich an Mathilde, »denn an sich ist sie +tödlich langweilig und leer — leer — leer wie ein ausgeblasenes +Ei. Damit es was taugt, muß ich es erst +mit meinen Farben bemalen.«</p> + +<p>Ein paar Wochen vor unserer Abreise kam ein Freund +meines Onkels, Herr von Ollech, Rittmeister bei den +Gardedragonern, nach Pirgallen. Schon auf den Königsberger +Rennen hatte ich ihn kennen gelernt, und als +wir abends zum Souper in großer Gesellschaft, die aus +lauter Dohnas, Eulenburgs und Lehndorfs bestand, +zusammen saßen, war er der Rettungsring gewesen, an +den ich mich gehalten hatte, um nicht in dem unvermeidlichen +Meer kindlicher Spiele unterzugehen. Er war +eben in Bayreuth gewesen und hatte den Parsifal gehört. +Das allein hätte genügt, um ihn mir interessant +zu machen; sein ernstes musikalisches Verständnis war +eine weitere starke Anziehungskraft. Ich freute mich, +daß er mit uns heimwärts fuhr.</p> + +<p>Abend für Abend saß er dann im Halbdunkel des +großen leeren Saals und entlockte dem alten Klavier +klagende und jauchzende, zärtliche und sehnsüchtige Töne. +Die kleinen Amoretten über den Türen, auf deren runde +Körperchen das Licht weniger Kerzen einen rosigen Schein +warf, schienen zu atmen, und die Blätter der Linden +draußen bebten im Takt. Ich saß vor der offnen Türe, +den mondhellen Garten vor mir, und das Zaubernetz +wogender Rhythmen umspann mir dichter — immer dichter +Herz und Sinne. Dankbar hingerissen erwiderte ich den +Druck der Hand des Spielers, wenn er schließlich zu +mir heraustrat und mir Gute Nacht bot. Sah ich ihn +<a name="Page_249" id="Page_249"></a>morgens wieder, den überschlanken, großen Mann, mit +den wässerigen Augen, der roten Nase und den ergrauenden +Haaren, hörte ich seine rauhe Stimme, sein +Lachen, das wie tonlos war, so war er mir ein Fremder, — eine +Seele voll Wohlklang, die sich auf der Suche +nach Menschwerdung in den Körper eines Dekadenten +verirrt hatte.</p> + +<p>Angstvoll empfand ich, daß er mich liebte, und sah +zugleich an der Selbstverständlichkeit, mit der man mich +mit ihm allein ließ, was alle erwarteten. Ich fürchtete +die Aussprache — aber nicht weniger die Trennung. +Ich kürzte den Augenblick des Gutenachtsagens mehr +und mehr ab; ich wußte, daß ich in seiner Macht war, +wenn der Zauber seiner Musik mich gefangen genommen +hatte.</p> + +<p>Sein Urlaub ging zu Ende; ich fesselte mein Schwesterchen +so sehr als möglich an mich, um ein Alleinsein zu verhindern. +Aber eines schönen Morgens lief sie mir davon, +als wir grade im Begriffe waren, in den Kahn zu steigen. +Stumm ruderte er mich auf dem schmalen Kanal, der +sich, von Bäumen und Büschen dicht umstanden, durch +den Park zog. Schon tanzten gelbe Blätter auf seinen +dunkelgrünen Spiegel nieder, während die Glut des +Spätsommertages wie eingeschlossen unter dem Laubdach +lag. Ich starrte ins Wasser und spielte mit der Hand +darin. Ein »Fräulein von Kleve«, mit rauherer Stimme +als sonst hervorgestoßen, ließ mich zusammenfahren. »Wollen +Sie meine Frau werden?« — — Ich antwortete nicht. +»Ich bin nicht jung, nicht schön,« fuhr er nach einer +Pause leise fort. »Ich habe Ihnen nichts zu bieten, +als —« er zögerte, und eine flüchtige Röte stieg ihm +<a name="Page_250" id="Page_250"></a>heiß in die Stirn — »meinen Namen, mein Vermögen +und — meine Liebe.« Wieder eine lange Pause — ich +brachte keinen Ton über die Lippen. Mein Gegenüber +seufzte tief auf. »Ich will keine rasche Antwort, wenn +Ihr Herz Sie nicht dazu zwingt. Nur eins sagen Sie +mir, bitte: lieben Sie einen andern?«</p> + +<p>»Nein!« entgegnete ich, ihm grade in die Augen +sehend. Seine Züge leuchteten so hell auf, daß ich erschrak. +Er griff nach meiner Hand. »Dann will ich +warten, und — hoffen. Es ist ja so wie so vermessen, +daß ein alter Knabe wie ich so viel Jugend und Schönheit +begehrt. Ich reise morgen früh — in vier Wochen +kommen Sie durch Berlin. Ihre verehrte Frau Mutter +soll mich Ihre Ankunft wissen lassen, wenn — wenn Sie +für mich entschieden haben; — ists recht so?«</p> + +<p>»Ja,« war alles, was ich hervorbringen konnte. Wir +landeten. Als er mir beim Aussteigen die Hand reichte, +traf mich ein Blick, — ein Blick so voll Liebe, so voll +Leid, daß ich ihm aus lauter Mitgefühl fast in die Arme +gesunken wäre. Abends saß er zum letztenmal am Klavier +und ließ seinen Phantasien freien Lauf; ich konnte der +aufsteigenden Tränen nicht Herr werden, lief fort und +verschloß mich in mein Zimmer, um es erst zu verlassen, +als ich am nächsten Tag den Wagen über den Burghof +rollen hörte.</p> + +<p>Es verletzte mich, daß jedermann um unsere Beziehungen +zu wissen schien. Ich wurde rücksichtsvoll behandelt, +wie eine Kranke, während widerstreitende Empfindungen +mir alle Ruhe raubten. Mußte ich wirklich +mit meinen achtzehn Jahren über solch eine Lebensfrage +nachdenken wie über ein Rechenexempel? Wenn mein<a name="Page_251" id="Page_251"></a> +Verstand zehnmal ja gesagt hatte, so warf das Nein +meiner Sinne all seine Weisheit über den Haufen. Meiner +Sinne — nicht meines Herzens. Allzu häufig floß es von +Mitleid über, das der Liebe so ähnlich sieht; wenn ich mir +dann aber vorstellte: der Mann soll dich küssen, soll von dir +Besitz ergreifen — körperlich! —, dann haßte ich ihn beinahe.</p> + +<p>Wir waren noch in Pirgallen, als ein Telegramm +meines Vaters eintraf. »Brigade in Schwerin« — nichts +weiter stand darin. Die Freude war allgemein +und bei mir am größten; meine Abneigung, nach Brandenburg +zurückzukehren, beeinflußte im Stillen meine +Entscheidung Ollech gegenüber. Die neue Garnison, +der kleine Hof, die fremde, Neugier und Hoffnung in +gleicher Weise wachrufende Umgebung gaukelten mir +lauter lichte Zukunstsbilder vor. Als wir auf dem +Wege nach Berlin im Zuge saßen und meine Mutter die +Schicksalsfrage stellte: »Soll ich Ollech benachrichtigen?« +bedurfte es keiner Überlegung mehr. Ordentlich komisch +kam mirs vor, daß ich jemals zwischen »Ja« und »Nein« +hatte schwanken können.</p> + +<p>Während der Übersiedelung der Möbel blieben wir in +Berlin. Meine Mutter kannte keine größere Freude, als +ohne Haushaltungs- und Gesellschaftszwang in der +Hauptstadt zu sein. Während sie unermüdlich von einem +Museum, einem Theater zum anderen ging, jede Ausstellung +durchwanderte, die Läden von innen und außen +betrachtete, verschwanden die scharfen Linien um ihren +Mund und machten dem Ausdruck kindlichen Genießens +Platz. Sie vergaß dabei sogar ihre Erziehungsgrundsätze +und nahm mich in Possen und Operetten mit, die +sich im Grunde gar nicht »schickten«.</p> + +<p><a name="Page_252" id="Page_252"></a>Im Oktober kamen wir nach Schwerin. Der erste +Eindruck war ein deprimierender: ein Bahnhof wie +in einem abgelegenen Provinznest, dicht daneben eine +riesige Holzbaracke — das Interims-Theater —, enge, +holprige Straßen, kleine Häuser mit niedrigen Fenstern, +Menschen, deren Aussehen einen um Jahre zurückversetzte. +Aber schon unser neues Heim veränderte +das Bild: eine kleine Villa, dicht am Park, die in fröhlichem +Weiß zwischen Bäumen und Büschen einladend +hervorlugte. Und ich hatte zwei Zimmer darin: das +Schlafstübchen, weiß und blau wie einst, der kleine Salon +in mattem Grün, — eine Überraschung meines Vaters. +Glückselig war ich: zur Arbeit und zum Träumen ein +stiller, abgeschloßner Winkel für mich! Nicht rasch genug +konnte ich meine Bücher in die zierlichen Etageren +räumen, meinen Schreibtisch mit Bildern schmücken. +Viele verborgene Schätze kamen ans Licht, die teils aus +Mangel an Platz, teils aus Angst vor Mama in Koffern +und Kisten verborgen gewesen waren. Da waren Makarts +Fünf Sinne in großen Photographien, Böcklins +Insel der Seligen. Ich hatte mich berauscht an der +glänzenden Schönheit Makartscher Frauengestalten, ich +hatte die Wirklichkeit vergessen gehabt vor dem dunkelblauen +Wasser und der leuchtenden Ferne auf Böcklins +vielgeschmähtem Bild. Mitten auf meinem Schreibtisch +prangten sie nun. Eine bunte Gesellschaft, von denen +jeder einzelne vom anderen weiter entfernt war als Böcklin +von Makart, versammelte sich auf meinem Bücherregal: +Goethe und Julius Wolff, dessen sentimentale Sinnlichkeit +mich vorübergehend fesselte, Gottfried Keller und +Felix Dahn, dessen germanische Götter- und Helden<a name="Page_253" id="Page_253"></a>geschichten +meiner alten Neigung begegneten, Scherers +Geschichte der Deutschen Literatur, die eben erschienen +war, und die ich eifrig studierte, Webers Welt- und +Lübkes Kunstgeschichte und daneben in wirrem Durcheinander +griechische Klassiker, russische Novellisten, altdeutsche +Heldenlieder in braunen Reclambänden, moderne +Lyriker in goldüberladenem Prachtgewand.</p> + +<p>Noch spät am Abend kramte ich in meinem Zimmer, +überzeugt, daß niemand mich stören würde, da sich die +Schlafstuben der Eltern ein Stockwerk höher befanden, +als meine Mutter eintrat. »Noch nicht zu Bett?!« rief +sie und musterte ärgerlich meine Umgebung. Dabei fiel +ihr Blick auf Bilder und Bücher. »Du bildest dir doch +nicht ein, daß ich dergleichen dulden werde: diese schamlosen +nackten Frauenzimmer und dies Bild eines Verrückten?«</p> + +<p>Mir stieg das Blut zu Kopf. »Das ist mein Zimmer, +so viel ich weiß,« sprudelte ich hervor, meine Worte +überstürzend, wie stets, wenn die Erregung mir den Mut +zur Rede gegeben hatte, »und ich bin alt genug, meinem +Geschmack zu folgen. Soll ich vielleicht Thumann aufbauen, +der Germanen malt wie Salonhelden, und dessen +Frauen aussehen wie lauter wohl erzogne und gut +toilettierte Bazardamen? Solche Verlogenheit mag ich +nicht, — sie ist schamloser, als nackte Schönheit. Es ist +mir auch ganz gleichgültig, ob die Leute Böcklin für +verrückt halten. Ich finde, es wäre zum davonlaufen in +der Welt, wenn nicht die paar Verrückten sie noch erträglich +machten.«</p> + +<p>»Das magst du halten, wie du willst«, antwortete +Mama, und nur ihre heißen Wangen verrieten ihren Zorn.<a name="Page_254" id="Page_254"></a> +»Solange du im Elternhause bist, hast du dich mir zu +fügen, und zwar lediglich in deinem Interesse. Was +meinst du wohl, was man von dir sagen würde, wenn +man solche Dinge auf deinem Schreibtisch sähe?!« Damit +ging sie hinaus, und ich nahm tief verletzt meine Bilder, +um sie im Schlafzimmer aufzustellen, — hier sollte sie mir +niemand verekeln dürfen.</p> + +<p>Früh am Morgen weckte mich Papa:</p> + +<p>»Du, Alixchen — wie wärs mit einem Ritt? Die +kleine Braune wartet!« Mit einem Sprung war ich aus +dem Bett und in wenigen Minuten in den Kleidern. +Vergessen hatte ich den Ärger, noch mehr die Vorschrift +des Arztes. Ein herrlicher Herbsttag war es, mit jenem +geheimnisvoll blauen Dunst zwischen den Bäumen und +jenem leisen Rieseln und Tanzen goldener Blätter darin. +Durch eine grade Allee ritten wir an beschnittenen Laubengängen +und verwitterten Götterbildern vorbei, vorüber +an einem kleinen Gartenhäuschen, das zwischen welkenden +Rosen träumte, und hinein in den Dom gewaltiger grauer +Buchenstämme, durch deren hohe gelbgrüne Wölbung +nur hie und da ein Sonnenstrahl bis zur Erde drang. +Wir ritten langsam und sprachen kein Wort, selbst der +Hufschlag der Pferde klang gedämpft, als ob sie auf +tiefen Teppichen gingen. Plötzlich, wo der Weg sich jäh +zur Seite wandte, empfing uns ein blendender Strom +flimmernden Lichts: Vergißmeinnichtblau dehnte sich der +See bis zum nebelgrauen Horizont, und aus ihm empor +stieg mit Türmen und Zinnen, Erkern und Balkonen, +funkelnd und blitzend im hellsten Morgenglanz, ein +Märchenschloß.</p> + +<p>Uns heimwärts wendend, verfolgten wir die Uferstraße +<a name="Page_255" id="Page_255"></a>bis zur Stadt. Das Wasser, die feierlich breite Brücke +darüber; ein öder, sandiger Platz trennte sie vom Palast +des Herrschers. Demütig und zusammengeduckt, in nüchternem +Werktagskleid, scheu und anbetend, aus kleinen +Fenstern hinüberblinzelnd, lag sie zu seinen Füßen.</p> + +<p>»Das ist Mecklenburg!« sagte mein Vater.</p> + +<p>Die ersten Wochen in Schwerin waren ausgefüllt mit +offiziellen Besuchen und Gegenbesuchen, die für mich +lauter Enttäuschungen waren. Die Menschen entsprachen +der Stadt, ob es nun Hofmarschälle, Minister oder +Kammerherrn und Leutnants waren. Das Resultat +»guter« Erziehung sprang in die Augen: vollkommene +Gleichartigkeit des Wesens, der Ansichten, der Bildung; +unerschütterlicher Gleichmut, selbstverständliche Kirchlichkeit — eine +Vornehmheit, die, in ihrem Abscheu vor jeder +Extravaganz, äußerlich und innerlich vollkommen farblos +machte. Und die Frauen! Glatt gescheitelt, streng und +kühl die Verheirateten; eine Schar alternder Mädchen — das +Kennzeichen jeder kleinen Residenz — mit dem +bitteren Zug enttäuschter Erwartungen um blutleere +Lippen; wenige junge, und auch die sich zu vorschriftsmäßigem +Gleichmaß zwingend. Der Hoftrauer wegen — im +Frühjahr war der alte, sehr geliebte Großherzog +gestorben, sein kränklicher Nachfolger war noch im Süden — gab +es keine großen Gesellschaften, dagegen zahllose +Nachmittagstees von gähnender Langerweile und steife +Abendgesellschaften, die ihnen nichts nachgaben. Kleine +Diners bei der alten Großherzogin-Mutter, der Schwester +Kaiser Wilhelms, bildeten eine wohltätige Ausnahme. +Die originelle alte Dame liebte die Jugend und war, +bei allem strengen Urteil über Manieren, die ihr nicht +<a name="Page_256" id="Page_256"></a>vollkommen schienen, ihr gegenüber nachsichtig und freundlich, +dabei voll sarkastischen Witzes. In ihrem kleinen +»Palais«, einem baufälligen Häuschen, das sie zu +verlassen sich standhaft weigerte, klang an einem Nachmittag +oft mehr frohes Lachen, als an zehn geselligen +Abenden bei den übrigen Würdenträgern der Stadt. +Was den Verkehr noch besonders erschwerte, war die +Abneigung der eingesessenen Mecklenburger Familien +gegen die Preußen und die strenge Scheidung der Gesellschaft +nach der Herkunft. Nur der Adel war hoffähig; +mühsam hatte Preußen es durchgesetzt, daß wenigstens +der Offizier, auch wenn er unadlig war, empfangen +wurde. Seine Frau jedoch empfing man nicht, die nicht +adlig geborene Frau eines Adligen ebensowenig.</p> + +<p>Die Rolle der duldenden Teilnehmerin in der Öde +dieser Gesellschaft hielt ich nicht lange aus. Mich ganz +zurückziehen, was ich am liebsten getan hätte, war bei der +Stellung meines Vaters, mit der die Verpflichtung, »ein +Haus auszumachen«, unweigerlich verbunden war, nur +soweit möglich, als die Rücksicht auf meine Gesundheit +es verlangte. Getanzt aber wurde nicht, also blieb mir +kein Vorwand; nur hie und da, wenn ich in ein Buch +besonders vertieft war, oder eine Phantasie unbedingt zu +Papier bringen mußte, schützte ich Schmerzen vor, legte +mich zu Bett, und stand, im köstlichen Besitz ungestörter +Freiheit, wieder auf, sobald die Eltern das Haus verlassen +hatten.</p> + +<p>Dann kamen sie, die holden Gestalten meiner Träume, +und viele blaue Hefte füllten sich allmählich mit Gedichten +und Betrachtungen, Märchen und Geschichten.</p> + +<p>Ging ich aus, so setzte ich alle Hebel in Bewegung, +<a name="Page_257" id="Page_257"></a>um der Langenweile Herr zu werden. Zum Kampf gegen +sie zettelte ich unter meinen wenigen Altersgenossinnen eine +förmliche Verschwörung an: wir »schnitten« die Alten und +Grämlichen, wir protestierten durch die Tat gegen die +Gewohnheit der Trennung der Geschlechter, sobald das +Essen vorüber war, wir spielten Theater und stellten +lebende Bilder, wozu ich die verbindenden Texte zu +dichten pflegte. Und unsere Jugend siegte allmählich; +meine geselligen Künste fanden Anerkennung, und ich +mußte sie überall glänzen lassen. Aber solche Erfolge +genügten mir nicht. Ich »suchte Menschen« — verlangender +und sehnsüchtiger denn je —, und wenn ich mich +scheinbar am besten amüsiert hatte, kam ich oft heim, um +verzweifelt in mein Bett zu schluchzen.</p> + +<p>»Du hast das beste Leben von der Welt. Warum +bist du nicht zufrieden?« schrieb mir meine Kusine, die +kurze Zeit bei uns gewesen war und meine Zerfahrenheit +nicht begriff.</p> + +<p>Ich antwortete ihr:</p> + +<p>»Du sagst, und zwar mit dem Ton moralischen Vorwurfs, +daß ich nur darum die hiesige Gesellschaft so abfällig +beurteile, weil ich noch niemanden fand, der mich +persönlich interessiert. Das ist doch selbstverständlich!</p> + +<p>Oder gehst du der vielen Gleichgültigen wegen in Gesellschaft, +die sich nach deinem Befinden erkundigen, obwohl +es ihnen ganz einerlei ist, wie du dich befindest, +die die kostbare Zeit mit Geschwätz totschlagen, von dem +du absolut gar keine Anregung empfängst, die ein verbindliches +›Auf Wiedersehen‹ flöten und schon am nächsten +Tag an deiner Leiche gleichgültig vorübergehen würden?! +Aber du treibst deinen Vorwurf noch weiter und sagst ent<a name="Page_258" id="Page_258"></a>rüstet, +ich wäre wieder einmal reif, mein Herz wegzuwerfen. +Ich gebe das ohne weiteres zu: findet mein +Geist kein Interesse, so muß das Herz daran glauben. +Hier im heiligen Mecklenburg ist kein Mensch, den +ich nicht schon ausgepreßt hätte wie eine Zitrone, und +der nicht immer sauer geblieben wäre wie sie. Nun +gilts, ihm das Zuckerwasser der Verliebtheit beizumengen, +um ihn überhaupt genießbar zu machen. Deine Moralpauke +schließt mit den Worten: nicht wieder ›sträflich‹ +mit dem Feuer zu spielen. Sei beruhigt: ich bin +grade auf das intensivste mit dem Schüren der Flamme +beschäftigt. Und<em class="spaced"> wie</em> sie brennt!! ›Er‹ ist hübsch, +elegant, leichtsinnig, oberflächlich, — kurz, ganz was ich +brauche! ›Er‹ ist Löwe, Herzensbrecher, — kurz, ein +Holz, aus dem ich mit Vergnügen meine Ritter schnitze! +Du hast natürlich wieder Mitleid mit ihm, wie mit +Vetter Fritz, mit Fredy usw.<em class="spaced"> Warum hat denn niemand +Mitleid mit mir?!</em> Oder ist es nicht vielleicht +mitleidswürdig, daß ich mein heißes Herzblut tropfenweise +mit dem Allerweltsleitungswasser des Flirts verdünne?! +Ich lechze nach Licht, flammendem Geisteslicht, selbst wenn +ich bei seinem Anblick erblinden sollte, und nach einer +Leidenschaft, an der ich mich verzehren kann.«</p> + +<p>Es kamen Stunden, in denen mein pochendes Herzblut +mich in wild aufwallende Gefühle verstrickte. Dann +flatterte es mir vor den Augen in tausend Flämmchen, +heiße Schauer liefen mir über den Rücken, und feuriger +begegnete mein Blick dem des Mannes, der grade neben +mir über die spiegelnde Eisfläche glitt oder beim +Diner klingend sein Sektglas an das meine stieß. Ich +galt für kokett; die jungen Mädchen zogen sich von +<a name="Page_259" id="Page_259"></a>mir zurück; ich hatte immer eine Korona von Kavalieren +um mich.</p> + +<p>In grausamer Selbstzerfleischung schrieb ich in eines +meiner blauen Hefte:</p> + +<p>»Irgendein unheimliches, wildes Tier haust in meinem +Innern. Es zerreißt die festesten Eisenketten. Es treibt +mich seit meiner Kindheit von Leidenschaft zu Leidenschaft. +Wie erbärmlich, sich erheben zu wollen über die +Mädchen der Straße. Wären wir nicht so gut erzogen, +und wohl gehütet, wie viele von uns gingen denselben +Weg wie sie!« Und an anderer Stelle heißt es: »O +über das trostreiche Verweisen auf häusliche Pflichten! +Als ob ich sie nicht alle erfüllte, ohne die geringste Befriedigung +zu spüren! Staub wischen, Hüte garnieren, +Deckchen sticken, Strümpfe stopfen, — soll das das Herz +beruhigen, den Geist ausfüllen?! Es ist nichts als eine +tugendhafte Bemäntelung des Zeittotschlagens. Meine +Lebenskräfte schreien nach Betätigung. Ich möchte etwas +erleben, das keine Nervenfaser unberührt, kein Äderchen +ohne Glut läßt, etwas leisten, das Wunden kostet ...«</p> + +<p>Einmal — ich saß grade am Bett meines kranken +Schwesterchens und baute ihr aus Goldpapier ein »Walhall« +auf, dessen göttliche Bewohner aus Perlen und +bunten Knöpfen bestanden — ließ mich Papa zu sich +herunter rufen. Herr von Landsberg, der Hoftheater-Intendant, +war bei ihm.</p> + +<p>»Ich habe eine Bitte an Sie, mein gnädigstes Fräulein,« +wandte er sich an mich. »Wir wollen nach beendeter +Trauer den Geburtstag des Großherzogs durch +eine Festvorstellung feiern. Uns fehlt ein einleitender +Prolog. Dürfen wir dafür auf Ihre Mitarbeit rechnen?«</p> + +<p><a name="Page_260" id="Page_260"></a>Mir klopfte das Herz vor Freude: Ich sollte für die +Bühne dichten! Sollte von einem großen Publikum gehört +werden! Trotzdem kamen mir Bedenken:</p> + +<p>»Ich kenne den Großherzog nicht. Und ihn anhimmeln, +bloß weil er der Großherzog ist, — das widerstrebt mir.«</p> + +<p>»Niemand verlangt das von Ihnen. Das rein Menschliche, +daß er krank, fern seinem Lande im Süden ist, daß +seine Abwesenheit schwer auf Handel und Wandel, Leben +und Geselligkeit drückt, daß wir ihm und uns seine Genesung +wünschen, gibt, scheint mir, Anregung genug zu +dichterischer Gestaltung!« Mir leuchtete ein, was er +sagte; die Gelegenheit, zum erstenmal öffentlich hervorzutreten, +war auch viel zu verlockend, als daß mein +Widerstand sich hätte aufrecht erhalten lassen.</p> + +<p>Ich schrieb in schwungvollen Versen irgend etwas, +das von den Seen und Wäldern Mecklenburgs, von +den guten heimischen Göttern und dem trügerischen +Zauber des Südens mehr enthielt als von dem Landesfürsten, +den es feiern sollte. Da man ihn seiner, wie +man glaubte, unnötig langen Abwesenheit wegen nicht +allzu hoch schätzte, so entsprach meine Dichtung den +Intentionen der Auftraggeber. Bei Landsbergs, in kleinem +Kreise, las ich sie vor und erntete von den anwesenden +Schauspielern einen geräuschvollen Beifall, der um so +größeren Eindruck auf mich machte, als ich noch nicht +wußte, daß es bei ihnen ebenso üblich ist, den Gefühlen +übertrieben lauten Ausdruck zu geben, wie es bei +uns guter Ton ist, sie bis auf ein Mindestmaß zu +unterdrücken.</p> + +<p>Hier, — das schien der eine Augenblick mir zu enthüllen —, +fand ich die Menschen, die mich verstanden, +<a name="Page_261" id="Page_261"></a>denen die Kunst Lebensinhalt war. Ich nahm an den +Proben teil und wurde allmählich ein immer häufigerer +Gast im Hause des Intendanten. Seine geistvolle, liebend +würdige Frau verhätschelte mich; er selber — wie selten +war mir das begegnet! — nahm mich ernst und gab mir +derlei gute Ratschläge, um mein Talent zu fördern. Die +Hauptanziehungskraft aber war mir Lisbeth Karstens, +die junge, reizende Schauspielerin, die meinen Prolog +sprechen sollte. Aus Begeisterung für die Kunst hatte +sie das warme Nest ihres Elternhauses verlassen und +war allein und mittellos in die Fremde gegangen. Not, +Gemeinheit und Verkennung hatten sich ihr in den Weg +gestellt, — ihr Enthusiasmus war stärker gewesen als +alles. Landsberg, der es wie wenige verstand, Begabungen +zu entdecken und die häßliche Bretterbude am Bahnhof +infolgedessen über viele kostbare Theater Deutschlands +erhob, hatte sie erst kürzlich engagiert. Sie war ein +ausgezeichnetes »Gretchen«, eine rührende »Ophelia«, +ein hinreißendes »Käthchen von Heilbronn«, und selbst +der blutleeren »Thekla« verhalf sie zu lieblichem Leben<ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es ','">.</ins> +Mein Prolog, von ihr gesprochen, erschien mir wirklich +wie ein Kunstwerk. Aber, ach, wieviel Tränen vergoß +ich seinetwegen!</p> + +<p>Mit aufrichtigem Beifall hatte mein Vater ihn beurteilt; +es schmeichelte seiner Eitelkeit, seine Tochter anerkannt +zu sehen, aber seine hochmütige Mißachtung des +Publikums war zu groß, als daß er ihm ein Urteil über +mich hätte gestatten können. Mein Name durfte nicht +genannt werden. Ich suchte vergebens, ihn umzustimmen.</p> + +<p>»Damit unser guter Name durch die schmutzigen Mäuler +aller Menschen gezogen wird?!« herrschte er mich an,<a name="Page_262" id="Page_262"></a> +»und jeder Federfuchser sich erlauben kann, dich herunterzureißen?!« +Als der große Abend hereinbrach, +flüsterte man sich meinen Namen nur unter dem Siegel +der Verschwiegenheit zu. Der Beifall aber, der das +Theater durchbrauste, klang wie eine Fanfare bis ins +Innerste meiner Seele, und alte Kinderträume wachten +auf, und junger Ehrgeiz breitete seine Flügel aus, um +mich weit in die Zukunft zu tragen, — dahin, wo der +Ruhm auf ehernen Stühlen thront und immergrüner +Lorbeer im Glanze der nie untergehenden Sonne eichenstark +gen Himmel wächst.</p> + +<p>Seitdem hatte ich keine Ruhe mehr. Oft trieb michs +des Nachts aus dem Bett an den Schreibtisch. Mit +Lisbeth Karstens verband mich eine immer innigere +Freundschaft. Sie war meine Vertraute, eine geduldige, +leicht begeisterte, fast immer kritiklose Zuhörerin meiner +Dichtungen. Im Theater, das ich fast täglich besuchte, +denn in der Loge des Intendanten war Platz für mich, +sobald meine Eltern mich nicht begleiteten, fand ich immer +neue Anregung, der Künstlerkreis im Landsbergschen +Haus, der für nichts Sinn hatte als für das Theater, +fachte die Glut meines Innern zur Fieberhitze an. Noch +waren es Nebelgestalten, die ich sah und nicht zu fassen +vermochte. Sie nahmen festere Formen an, wenn der +alte Wagnerfänger Hill am Flügel stand und seine +machtvolle Stimme den Raum erfüllte; wenn Alois +Schmitt — einer der künstlerischsten Menschen, die ich +kannte — am Dirigentenpult saß und sein geschultes +Orchester die Fidelio-Ouvertüre intonierte; und sie +wurden mir sichtbar, wie Geistererscheinungen, wenn ich +einsam durch den Wald ritt und droben auf dem Götter<a name="Page_263" id="Page_263"></a>hügel +fern der Stadt, wo vor Jahrhunderten Walvaters +Opferstein rauchte, die rauschenden Buchen miteinander +flüsterten.</p> + +<p>Es war Sigrun, König Högnis Tochter, die ich sah, — Sigrun, +die Schildjungfrau, die in heißem Freiheitsdrang +und starker Liebe den Todfeind ihres Vaters, Helgi, +den Hundingstöter, vor seinen Mördern schützte und +sich ihm als Gattin verband, — Sigrun, die Treueste +der Treuen, und die geliebteste, um deretwillen Helgi +Walhalls Wonnen verschmähte. Zu einem Drama wollt' +ich ihre Geschichte gestalten; der Konflikt zwischen kindlichem +Gehorsam und Mannesliebe war sein Mittelpunkt, +seine Lösung der freiwillige Tod der Heldin.</p> + +<p>Meist schrieb ich des Nachts. Am Tage fürchtete ich +zu sehr die Störung, die mich aus allen meinen Himmeln +riß. Die Friseuse, die Schneiderin, die Wäsche, die +Besuche, — nichts durft ich versäumen. »Wäre ich ein +Mann, es würde dir nicht einfallen, mich von der Arbeit +abzurufen!« rief ich bei solcher Gelegenheit einmal verzweifelt +Mama entgegen.</p> + +<p>»Gewiß nicht!« antwortete sie mit herbem Lächeln, +»da du aber ein Weib bist, mußt du frühzeitig lernen, +daß wir nie uns selbst gehören.«</p> + +<p>Tante Klotilde fiel mir ein, die mir vor Jahren etwas +ähnliches gesagt hatte, und Groll gegen mein Schicksal +erfüllte mich.</p> + +<p>Mit dem Fortschritt der Arbeit wurde meine Stimmung +immer trüber. Ich fühlte, daß ich meinem Werk den +ganzen Gluthauch des Lebens, den ich dunkel empfand, +nicht einzuflößen vermochte. Der guten Lisbeth Beifall +machte mich stutzig, nachdem ich erfuhr, wie wahllos sie +<a name="Page_264" id="Page_264"></a>für alles schwärmte; der laute Ton des Künstlervölkchens +bei Landsbergs, der mir früher ersehnte Offenbarung +natürlichen Fühlens gewesen war, tat mir weh, je mehr +ich die falsche Note hörte. Das Tiefste versteckten schließlich +alle: wir durch schweigende Zurückhaltung, sie durch lärmende +Heiterkeit. Ich zeigte Landsberg einige Szenen +meines Werks, die mir am besten gelungen schienen. +»Bringen Sies mir, wenn es vollendet ist, vielleicht läßt es +sich aufführen,« sagte er nach der Lektüre, — nichts weiter. +Wäre es das Außerordentliche gewesen, das ich hatte +schaffen wollen, er hätte sicherlich anders gesprochen!</p> + +<p>Ich hielt mich streng an klassische Vorbilder und +übertrug das ursprünglich in Prosa oder in freien +Rhythmen Geschriebene in fünffüßige Jamben. Alle +Wärme, alle Kraft ging dabei verloren. Je mehr ich +umarbeitete, feilte, mit der Form und der Technik +kämpfte, desto nüchterner und fremder sah mich meine +eigene Arbeit an. Und schließlich kam ein Tag, an dem +ich verzweifelt vor den vollgeschriebenen Blättern saß, +und wußte, daß ich meiner Aufgabe nicht gewachsen +war. Wie ein steuerloses Schiff auf brandendem Meere +war ich wieder; eine Fata Morgana waren meine Hoffnungen +gewesen; das Leben sah mich an, eine leere, +dunkle, feuchtkalte Höhle, die von den Fackeln meiner +Träume noch eben in magischem Zauber geleuchtet +hatte.</p> + +<p>»Ganz oder gar nicht,« — das war mir allmählich +zum Wahlspruch geworden. So verurteilte ich denn fast +alles, was ich seit meiner Kindheit geschrieben hatte, +zum Feuertode, verschnürte und versiegelte das Übriggebliebene — darunter +auch mein verunglücktes jüngstes<a name="Page_265" id="Page_265"></a> +Werk — und warf den Schlüssel der kleinen Truhe, +in der ich es verwahrte, zum Fenster hinaus.</p> + +<p>Und nun überfiel mich ein Heimweh nach den Bergen, +so stark, so unüberwindlich, als wäre ich dort zu Hause +und überall sonst in der Fremde. Auf meine Bitte, zu +ihr ins Rosenhaus kommen zu dürfen, antwortete Tante +Klotilde umgehend, daß sie zwar noch nicht dort sei, die +alte Kathrin aber alles zu ihrer Ankunft vorbereite und +ich sie mit ihr dort erwarten möge. Ehe ich ging, zog +ich meinem Schwesterchen noch zwei Puppen an, — Helgi +und Sigrun. Sie liebte sie zärtlich, und noch +Jahre nachher lachten mir ihre starren Porzelangesichter +entgegen, als höhnten sie meiner, die ich lebendige +Menschen hatte schaffen wollen.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_266" id="Page_266"></a></p> +<h2><a name="Zehntes_Kapitel" id="Zehntes_Kapitel"></a>Zehntes Kapitel</h2> + + +<p>Allein in Grainau! — Noch lag der Schnee +bis zum Tal hinunter, und die Sonne stand +noch nicht hoch genug am Himmel, um mehr +als ein paar Stunden am Tage das Dörflein wieder +zu grüßen, vor dem sie sich im Winter monatelang hinter +den steilen Wänden des Waxensteins versteckte. Nur im +Rosensee spiegelte sie schon länger ihr strahlendes Antlitz, +als wollte sie sich überzeugen, ob sie würdig des +kommenden Frühlings wäre. Der riß hie und da keck +an der grauen Wolkendecke und guckte mit seinem hellen +blauen Himmelsauge neugierig auf die arme, kahle Erde +herunter. Seltsam, wie wohl mir war, kaum daß die +Loisach, voll und gelb von Schneewasser, mich lärmend, +wie ein übermütiger Bub, willkommen hieß. Mich störten +der Regen nicht und der Sturm, die mir kühlend um +Stirn und Wangen strichen; in den Lodenmantel gewickelt, +ging ich all die vertrauten Wege, und niemand zankte +mich, wenn ich zerzaust und beschmutzt nach Hause kam, +oder gar die Mahlzeit versäumte. Die gute Kathrin +schüttelte nur nachsichtig lächelnd den Kopf, streichelte +mir mit einem zärtlichen: »Ach die liebe Jugend« die +heißen Wangen und ließ es sich nicht nehmen, mir die +<a name="Page_267" id="Page_267"></a>gewärmten Strümpfe und Schuhe selbst über die Füße +zu ziehen.</p> + +<p>War das eine Wonne, allein zu sein! Über mein +Tun und Lassen selbständig zu entscheiden! Ein Schmetterling, +der aus dem Puppenpanzer kriecht, konnte nicht +froher sein als ich! Plötzlich — ich saß grade unter +tropfenden Bäumen auf der nassen Bank, die der Sepp +mir gezimmert hatte — fielen mir meine achtzehn Jahre +ein; — Himmel, war ich jung! Ganz überwältigt von +dieser Erkenntnis, lief ich in großen Sprüngen den Berg +hinab und konnte mich vor Lachen nicht fassen, als ich +der Länge nach im Moose lag.</p> + +<p>Tante Klotilde verschob ihre Ankunft von einer Woche +zur andern. Wenn sie den Schnupfen hatte und das +Wetter schlecht war, zitterte sie um ihre Stimme, und +vor der Rücksicht auf deren Gefährdung mußte alles +andere zurückstehen. Sie schickte mir ermahnende Briefe, +in denen sie genau vorschrieb, wie weit ich allein gehen +dürfe — eine Viertelstunde im Umkreis wars höchstens —, +und schärfte der Kathrin ein, gut auf mich aufzupassen.</p> + +<p>Indessen kam der Frühling, und die Bäume steckten +ihm zu Ehren ihre ersten grünen Blätterfähnchen aus. +Ich saß schon stundenlang auf der Veranda in Tantens +Schaukelstuhl — ohne Handarbeit, ohne Buch — und +sonnte mich. Außer mir und der Kathrin waren nur der +alte Gärtner und sein uralter Pudel im Haus, der im +Stoizismus seines Greisentums das Bellen sogar schon +aufgegeben hatte. Es war daher mäuschenstill bei uns. +Um so mehr erstaunte ich, als eine kräftige Männerstimme +eines Morgens an mein Ohr schlug.</p> +<p><a name="Page_268" id="Page_268"></a></p> +<p>»Machen Sie mir doch nichts weiß,« rief sie, »ich +hab doch meine Augen im Kopf, — und wette zehn +gegen eins: das Rosenhaus ist bewohnt.«</p> + +<p>»Aber wahr und wahrhaftig, Durchlaucht, die Frau +Baronin sind noch nicht hier!« greinte die Kathrin. Ein +helles Gelächter war die Antwort.</p> + +<p>»Da könnten Sie am Ende recht haben — aber in +der ganzen Welt gibt es nur einen so schwarzen Lockenkopf, +wie der Alix ihrer, und den sah ich vom Ufer +drüben. Gespenster sind nicht so hübsch.«</p> + +<p>Hellmut wars! Ich lief hinaus und streckte ihm beide +Hände entgegen. Die paar Jahre seit unserem letzten +Zusammensein waren wie ausgewischt, und erst als ich +sah, daß ein hochgewachsener Mann mit gebräuntem +Gesicht und keckem Schnurrbärtchen über den vollen Lippen +vor mir stand, errötete ich unwillkürlich.</p> + +<p>»Wollen — Sie nicht näher treten!« sagte ich zögernd.</p> + +<p>»Aber Alix — ›Sie!‹ Wir sind doch alte Freunde,« +damit faßte er meine Hand mit kräftigem Druck und +ging mit mir an den eben verlassenen Frühstückstisch, +während Kathrin uns ganz blaß und geistesabwesend +nachstarrte.</p> + +<p>Das Ungewöhnliche der Situation machte uns verlegen. +Schweigend holte ich eine Tasse aus dem Schrank +und goß ihm Tee ein, während ich fühlte, wie sein Blick +auf mir ruhte.</p> + +<p>»Wie schön bist du geworden!« — flüsterte er wie zu +sich selbst. In dem Augenblick trat die Kathrin herein und +rumorte mit eifriger Geschäftigkeit im Zimmer. Das +zwang uns zur Konversation, die, zuerst steif und gezwungen, +allmählich immer natürlicher wurde. Nach +<a name="Page_269" id="Page_269"></a>dem Wie und Warum unseres Hierseins frugen wir einander, +und ich erfuhr, daß ihn auf dem Wege nach +Oberitalien in München plötzlich die Lust gepackt habe, +die Berge von Garmisch wieder zu sehen. »Unserem +Verwalter in Partenkirchen kam ich nicht gerade gelegen,« +lachte er, »der hatte Gesellschaft in Mamas +Salon, als ich eintrat. Ich habe ihm unter der Bedingung +gnädig verziehen, daß er über meine Anwesenheit +gegen jeden den Mund halten soll.«</p> + +<p>»Dann sind wir beide inkognito,« rief ich fröhlich, +»die Tante findet nämlich im Grunde mein Alleinsein +so kompromittierend, daß ich versprechen mußte, mich in +Garmisch nicht sehen zu lassen.«</p> + +<p>Bis gegen Mittag blieb er. Der guten Kathrin +warnende Blicke, die ich zuweilen auffing, nahmen mir +den Mut, ihn zu Tisch einzuladen. Am nächsten Morgen +aber, vor seiner Weiterreise, versprach er, mir eine +»feierliche Abschiedsvisite« zu machen.</p> + +<p>»Wenn das die Frau Baronin wüßte!« sagte die +Kathrin seufzend, als er weg war.</p> + +<p>Es regnete in Strömen, als ich am folgenden Tage +erwachte »Nun kommt er sicher nicht,« war mein erster +Gedanke, und mißmutig zog ich die Decke wieder über +die Schultern. Aber eine leise Hoffnung tauchte gleich +darnach auf und zwang mich, statt des alltäglichen +Lodenrocks ein hübsches, helles Hauskleid aus dem +Schrank zu holen. Kaum saß ich am summenden Teekessel, +als ich draußen sein fröhliches »Grüß Gott, +Fräulein Kathrin« hörte. »Naß bin ich wie 'ne Katze, +aber pudelwohl, — Sie sehen, die Viecher vertragen sich +auch im Menschen,« fügte er hinzu, und selbst die wohl<a name="Page_270" id="Page_270"></a>erzogene +Dienerin erlaubte sich, zu lachen. Sie ließ +uns sogar allein — es war ja das letztemal, mochte sie +sich zur eigenen Beruhigung sagen.</p> + +<p>Wie war es behaglich im Zimmer, während draußen +der Regen an den Fenstern niedertroff! Wir frühstückten +und plauderten miteinander, ganz wie alte Vertraute, +und setzten uns schließlich vor den kleinen Kamin, der +eine wohlige Wärme ausstrahlte. »Wie wärs mit +einer Zigarette? frug er und hielt mir die gefüllte +Dose hin.</p> + +<p>»In diesen heiligen Hallen?« antwortete ich, halb erschrocken.</p> + +<p>»Bis die Gestrenge kommt, ist der Duft verflogen. — — Ich +muß dir was erzählen, Alix, und das geht +nicht ohne den Glimmstengel. Der macht Mut, weißt +du!« Wir rauchten eine Zeitlang schweigend.</p> + +<p>»Du mußt mich nicht so ansehen,« fing er schließlich +wieder an, »sonst kommts mir gar zu komisch vor, daß +ich dir Geständnisse mache, wie einem Kameraden.« Ich +rückte lächelnd den Stuhl zur Seite und sah geradaus +ins Feuer. »Ists recht so?«</p> + +<p>»Fein! — Wenn du nur nicht ein so verdammt +hübsches Profil hättest! —« Er schwieg aufs neue. +Nach ein paar Minuten aber begann er: »Ich habe — Dummheiten +gemacht in Berlin. Es hat der armen +Mama, die so nicht auf Rosen gebettet ist, einen tüchtigen +Happen Geld gekostet, die Sache in Ordnung zu +bringen —.« Ein bißchen erschrocken wandte ich den +Kopf nach ihm — »es war nichts Gemeines, Alix — Kind, +gewiß nicht. Du kannst ja nicht wissen, wies +unsereinem geht. Wir sind nicht von Stein — die jungen<a name="Page_271" id="Page_271"></a> +Mädels der Gesellschaft sind steif und langweilig wie +Holzpuppen, — und wenn sies nicht sind, ists ihr Unglück.« +Ich fuhr zusammen. — »Kannst am Ende selbst +ein Lied davon singen, was?! — Kurz und gut, siehst +du, ich verliebte mich eines Tages in eine Ballettratte — einen +süßen, kleinen Käfer, sag ich dir —«, zu dumm, +daß ich mich in diesem Augenblick bis zu Tränen ärgerte — »aber +gräßlich ungebildet. Ich habe sie eigentlich +nur zwei Tage gern gehabt, nachher wars Gewohnheit, +Mitleid, — was weiß ich« — er war aufgestanden und +ging unruhig im Zimmer hin und her, die Zigarette +zwischen den Fingern zerdrückend. »Ich konnte schließlich +nicht länger — ich mußte frei sein! Ihr Vater +lief spornstreichs zu Mama und heulte ihr was von +zerstörtem Leben, geraubter Ehre usw. vor. Mir gegenüber +hatte er bis dahin den untertänig-dankbarsten Diener +gemimt. Das übrige kannst du dir am Ende vorstellen!«</p> + +<p>Ich zitterte vor Erregung. Mich hatte ein Gedanke +gepackt, der mich nicht minder los ließ. »Hat sie — ein — Kind?« +stieß ich mit aller Anstrengung hervor. +Verblüfft blieb er vor mir stehen. »Du bist wirklich +aus der Art geschlagen, Alix,« damit streckte er mir die +Hand entgegen. »Meine Hand drauf: nein! Wäre +das Unglück geschehen, ich hätte anders gesprochen! — Aber +wir sind noch nicht zu Ende. Man hat mich auf +Urlaub geschickt — nach Italien, wie du siehst! —, und +wenn die Galgenfrist zu Ende ist, soll ich — heiraten!« +Mit komischem Entsetzen rang er die Hände.</p> + +<p>»Wen?« frug ich, während mir das Herz hörbar +schlug.</p> + +<p>»Wen?! Ein kleines Prinzeßchen natürlich, semmel<a name="Page_272" id="Page_272"></a>blond — du +weißt, wie ich so was liebe! —, bleichsüchtig, +eine Figur wie ein wohlgehobeltes Brett.« +Ich spürte mit heimlicher Freude den raschen Blick, der +zu mir herüberzog. »Die Ebenbürtigen mit dem nötigen +Mammon laufen nicht zu Dutzenden in der Welt herum. +Und eine Ebenbürtige muß es sein, Mama träumt doch +ständig, daß ihrem Einzigen Vetter Georgs Krone eines +schönen Tages auf den Dickkopf fällt! Eine Reiche +natürlich auch, — du weißt ja, in wie schmerzlichen +Widerspruch unser Portemonnaie zu dem Glanz unseres +Namens steht!«</p> + +<p>»Und du?«</p> + +<p>»Ich wünsche ihm ein langes Leben, eine tüchtige +Frau und ein Dutzend Jungens! Zum Regieren hab ich +kein Talent, und zum Heiraten am allerwenigsten. Das +weiß ich eigentlich erst seit gestern. In der Stickluft +Berlins, angesichts des versammelten Familienrats +war ich ganz klein. Aber wie ich gestern von dir +ging, bin ich noch bis in die Nacht hinein in den +Bergen herumgeklettert und habe mir einen ordentlichen +Gletscherwind um die Nase pfeifen lassen. Heute weiß +ich: es geht nicht — mögen sie mich meinetwegen zu +den Insterkosaken versetzen, ich kann die Ebenbürtige +nicht heiraten.«</p> + +<p>Er wandte mir den Rücken und sah in den Regen +hinaus.</p> + +<p>»Ich kann nicht« — wiederholte er leise, »ich muß +Eine haben, die ich liebe —«</p> + +<p>Es war ganz still zwischen uns. Nur die Uhr tickte +laut und heftig.</p> + +<p>»Ich möchte hier bleiben, Alix,« sagte er nach einer<a name="Page_273" id="Page_273"></a> +Weile mit ruhigem Ernst. »Ich brauche die Einsamkeit +und — dich. Du mußt mir helfen überlegen, was aus +mir werden soll!«</p> + +<p>»So bleibe, Hellmut,« antwortete ich rasch, aber im +selben Augenblick fiel mir die Kathrin ein, und die Tante, +und das Gerede der Leute; und schon kam sie selbst, +meine getreue Wächterin, und sagte, nachdem sie das +Geschirr möglichst langsam abgeräumt hatte:</p> + +<p>»Soll der Christoph für Durchlaucht einen Wagen +bestellen? Er geht gerad ins Dorf hinunter.«</p> + +<p>Hellmut stieg das Blut in den Kopf. Er verstand. +»Nein,« sagte er, »ich gehe zu Fuß. Es ist nicht nötig, +daß noch mehr Leute von meinem Hiersein wissen.« +Die Kathrin sah ihn zweifelnd an. »Fürchten Sie +nichts für Ihr gnädiges Fräulein, Kathrin,« fuhr +er fort, »ich bin ihr bester Freund und werde nicht +dulden, daß ihr auch nur ein Härchen gekrümmt wird.« +Als sie sich daraufhin stumm entfernt hatte, wandte er +sich zu mir:</p> + +<p>»O über die verdammten Rücksichten auf die Gemeinheit +der anderen! Ists nicht das natürlichste von der +Welt, daß wir hier zusammen sitzen? Und nun —! +Ich kann nicht wiederkommen, — deinetwegen nicht!«</p> + +<p>Ich hatte einen bitteren Geschmack auf der Zunge. +Zugleich kam mirs feige und erbärmlich vor, ihn so +gehen zu lassen.</p> + +<p>»Ich bin viel draußen,« sagte ich zögernd und verlegen, +»wenn du mich brauchst, wie du sagst, dann — dann +könnten wir uns irgendwo treffen.«</p> + +<p>»Hab Dank, herzlichen Dank, Alix. Aber das macht +die Sache nicht besser. — Uns ein heimliches Rendezvous +<a name="Page_274" id="Page_274"></a>geben, wie — wie ... nein, das kann ich dir nicht antun. +Machen wirs kurz: Lebwohl.« Er zog meine Hand an +die Lippen und wandte sich, ohne eine Antwort abzuwarten, +rasch zur Türe.</p> + +<p>In mir kochte es. Ah, wer diesen Götzen der Konvention +zerschmettern könnte, auf dessen Altar unsere +besten Gefühle und schönsten Stunden verbluteten, dem +zu Ehren wir unsere freien Glieder in Fesseln schlugen. +Gegen Abend, als ich aus der Gartentür trat, sprang +mir ein kleiner Bub in den Weg und hielt mir einen +Strauß Schneeglöckchen entgegen. Schon zog ich die +Börse, um sie zu kaufen, da drückte der Überbringer ihn +mir schelmisch lachend in die Hand und rannte davon. +Jetzt entdeckte ich erst den Brief, der um die Stiele +gewickelt war.</p> + +<p>»Im Begriff, abzureisen,« schrieb Hellmut »sende ich +meiner lieben Freundin diese Blümchen, die einzigen, +die ich auftreiben konnte. Ich fahre direkt nach Berlin. +So leid es mir Mamas wegen tut, — mein Entschluß +steht fest: ich will frei bleiben. Auch wenn ich den +Adler auf dem Helm opfern muß. Ich werde mich zu +den Ludwigsluster Dragonern versetzen lassen und scheide +von Dir mit der Hoffnung auf ein frohes Wiedersehen in +Schwerin und auf eine freundliche Fortsetzung unserer +unterbrochenen Gespräche.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 10em;">Dein alter Freund</span><br /> +<span style="margin-left: 17em;">Hellmut.«</span><br /> +</p> + +<p>Meine Freude war so groß, daß ich sie allein gar +nicht tragen konnte. Die alte Kathrin mußte, so sehr +sie sich auch zierte, beim Abendessen neben mir sitzen +und den Wein mit mir trinken, den ich mir selbst aus +<a name="Page_275" id="Page_275"></a>dem Keller geholt hatte. Schließlich rief ich den Pudel +herein und trieb ihn im Zimmer so lange im Kreise +umher, bis vergessene Jugenderinnerungen in ihm aufdämmerten +und er, fröhlich mit dem Schwanze wedelnd, +in ein heiseres Bellen ausbrach.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Mitte Juni war ich wieder in Schwerin. In +vier Wochen stand der Einzug des Großherzogs +bevor, dem eine Reihe von Festlichkeiten +aller Art folgen sollte. Unmöglich konnte ich +meiner Mutter alle Toilettensorgen allein überlassen, +und meine Tante, die kurz nach Hellmuts Abreise +in Grainau eingetroffen war, schenkte mir aus lauter +Rührung über meine Pflichttreue ein rosaseidenes +Kleid, von weißem, goldgesticktem Tüll überrieselt. Nun +saß ich zu Mamas hellem Erstaunen selbst in der +Schneiderstube. »Das sind ja ganz neue Talente, die +du entwickelst,« sagte sie, während ich unermüdlich anprobierte, +steckte und heftete, nur die mechanische Vollendung +der Arbeit der Näherin überlassend. Niemand +sollt' es merken, daß unsere Kleider nicht bei Gerson gearbeitet +worden waren. Es war mir beinahe störend, +daß ein paar unentwegte Verehrer vom vorigen Winter +zu meinem Geburtstag eine Landpartie arrangiert hatten, +die mich einen ganzen Tag Arbeitsunterbrechung kosten +würde. Schließlich aber amüsierte ich mich dabei köstlich +und ließ mir vergnügter denn je den Hof machen. +Wir lagerten gerade unter den Buchen und ließen die +Sektpfropfen knallen, als mein Vater erschien, der am<a name="Page_276" id="Page_276"></a> +Vormittag nicht hatte abkommen können, und eine himmelblaue +Uniform neben ihm auftauchte.</p> + +<p>»Ich bringe Se. Durchlaucht den Prinzen Hellmut +gleich mit, der uns heute seinen Besuch hat machen +wollen,« sagte Papa. Alle waren aufgesprungen und +verstummt. Jeder Prinz, selbst der kleinste, ruft in +jedem, selbst dem vornehmsten Kreis, eine Verlegenheitspause +hervor. Hellmut verbeugte sich und trat dann +rasch zu mir, die ich mich allein von meinem Rasenplatz +nicht gerührt hatte. »Diesen Tag habe ich mir zu +meiner Antrittsvisite ausgesucht, um Ihnen als alter +Freund meine ergebensten Glückwünsche zu Füßen zu +legen.« Bei der förmlichen Anrede sah ich erstaunt zu +ihm auf.</p> + +<p>»Ich danke Ihnen, Durchlaucht, daß Sie sich meiner +erinnern,« antwortete ich mit kaum verhülltem Spott.</p> + +<p>Als wir nachher ziemlich isoliert beieinander saßen, — die +anderen hielten sich trotz all ihrer Neugierde in respektvoller +Entfernung —, erklärte er mir sein Verhalten. +Mein Vater hatte ihn gebeten, von dem »Du« unserer +Kindheit Abstand zu nehmen, »Sie kennen die Klatschmäuler +kleiner Residenzen zu gut, um meinen Wunsch +mißzuverstehen,« hatte er hinzugefügt. Er war ein +schlechter Psychologe, der gute Papa! Er hätte wissen +müssen, daß dieses Verbot unseren Beziehungen die +Harmlosigkeit nahm und ihnen den Stempel der Heimlichkeit +aufdrückte. Wir kehrten ohne Verabredung zum +Du zurück, sobald wir allein waren, und redeten uns +vor anderen, belustigt über die Komödie, die wir den +Dummen vorspielten, »Durchlaucht« und »gnädigstes +Fräulein« an.</p> + +<p><a name="Page_277" id="Page_277"></a>Strahlende Sommertage kamen. Die Jahreszeit, in +der wir geboren wurden, hat eine geheimnisvolle Bedeutung +für unser Leben. Nie fühle ich das Dasein mit +seinen Schrecken und Schmerzen, seinen Wonnen und +Seligkeiten so stark und tief, als wenn dem Himmel +und der Erde Glutwellen entströmen. Wie die Rosenknospe +sich öffnet und sich bis zur Tiefe ihres goldenen +Kelchs der leuchtenden Sonne preisgibt, so öffnet sich +dann mein Herz.</p> + +<p>An einem Julimorgen zogen unter klingendem Spiel +und wehenden Fahnen Friedrich Franz II. und Anastasia, +seine Gemahlin, durch die Straßen von Schwerin zum +Schloß. Am Abend desselben Tages, während der +Mond hoch am Himmel stand und das Märchenschloß +in silberne Schleier hüllte, war der ganze See von +großen und kleinen, mit tausenden bunter Lampen geschmückten +Schiffen belebt. Bis hoch in die Masten +schwangen sich die Lichterketten, und Blumengirlanden +schleiften im schimmernden Wasser.</p> + +<p>Nur wenige Würdenträger waren an diesem Abend +ins Schloß geladen, um von den Terrassen des Burggartens +aus dem Schauspiel unten zuzusehen. Wir gehörten +dazu, und Hellmut auch, der der Suite des vornehmsten +Gastes, des Königs von Griechenland, attachiert +worden war.</p> + +<p>Abseits stand ich unter den Taxushecken, als eine +Stimme hinter mir flüsterte: »Komm mit.« Ich nahm +den Arm, der sich mir bot, und fühlte bebend den Druck, +mit der er den meinen an sich preßte.</p> + +<p>Versteckt zwischen den Rotdornbüschen lag drunten ein +Boot. Es trug keine Lichter, nur Kissen und Decken und +<a name="Page_278" id="Page_278"></a>zu Füßen der Sitze in hellen Körben eine Fülle von +Rosen. Wir fuhren dicht am umbuschten Ufer entlang +und hinaus, wo der See immer dunkler und einsamer +wurde. Wie ein Heer von Glühwürmchen erschienen +von hier aus die Lichter der Schiffe, während der Mond +groß und majestätisch zu uns hernieder sah.</p> + +<p>»Frierst du, Alix?« — Er zog die Ruder ein und +hüllte mich knieend fester in die Decken. Seine Hand, +die meinen bloßen Arm berührte, war heiß und zitterte, +und durch mein Herz zuckte ein schneidender Schmerz, +der dabei doch so seltsam wohl tat ... Wir sahen einander an, — tief +und fest.</p> + +<p>Da tauchte ein anderes dunkles Boot neben uns auf.</p> + +<p>»Durchlaucht verzeihen — die Herrschaften brechen +auf —, darf ich meine Hilfe anbieten?« Graf Waldburg +wars, ein Regimentskamerad des Prinzen, der rasch +entschlossen in unser Boot sprang, mitten in die bunten +Schiffe hineinruderte, wo wir — zu dritt! — von allen +Seiten gesehen wurden und mit unseren Rosen in die +Blumenschlacht eingriffen; zusammen erschienen wir im +Burggarten in der Gesellschaft und erzählten so harmlos +als möglich von unsrer lustigen gemeinsamen Fahrt.</p> + +<p>»Ich danke Ihnen, Waldburg,« flüsterte Hellmut. Noch +ein Zusammenschlagen der Sporen, ein höflich-kühles +Kopfneigen als Antwort von mir, und ich schritt hinter +den Eltern dem Wagen zu, der uns heim brachte.</p> + +<p>Wie lauter Träume folgten einander die Sommertage. +Krachende, kurze Gewitter schienen die sonst so schwere +Luft Mecklenburgs immer wieder zu zerstreuen; die Jugend +wagte es plötzlich, jung zu sein, und die Alten lächelten +nachsichtig darüber.</p> + +<p><a name="Page_279" id="Page_279"></a>Der sonst so stille Park war voller Leben: wir tanzten +auf glattem Rasen zwischen buntbewimpelten Masten; +wir spielten alte traute Kinderspiele unter dem Schatten +der Bäume; und, müde geworden, verloren wir uns in +den geschnittenen Buchengängen, vorbei an springenden +Wasserkünsten und verwitterten Götterbildern. Blind +und taub für die Welt um uns her, und doch wie +gefeit durch die Weihe der Hohenzeit des Jahres, bewegten +wir uns unter den Menschen.</p> + +<p>Oft ging es in bekränzten Wagen weiter hinaus in +die Wälder, oder an einen der ferneren Seen, von +denen jeder uns schöner dünkte als der andere: der eine, +weil er sich schmal und lang zum Horizont erstreckte, +von freundlichen Dörfern rings umgeben, der andere, +weil er einsam und dunkel zwischen bewaldeten Hügeln +lag. Oder wir ritten am taufrischen Morgen mit verhängten +Zügeln querfeldein, wo oft meilenweit kein +Mensch uns begegnete, kein Haus zu sehen war, bis ein +stattlicher Gutshof auftauchte, die ärmlichen Taglöhnerhäuser +überragend, — ein verkleinertes Abbild von +Schwerin. Wenn ich sie sah, pflegte ich schon von +weitem Kehrt zu machen.</p> + +<p>»Sie fürchten sich wohl vor den Dorfkötern?« meinte +bei solcher Gelegenheit eine schnippische Freundin. »Das +traut mir wohl keiner zu,« antwortete ich, »aber ich +schäme mich vor den armen Leuten.« Alles lachte; nur +Hellmut wandte sich mir zu und sagte: »Das würden +die armen Leute am wenigsten verstehen. Ich glaube, +daß sie für uns nichts empfinden als Neugierde und +Bewunderung.«</p> + +<p>»Um so schlimmer! Ich verstehe sie nur, wenn sie +<a name="Page_280" id="Page_280"></a>mit Steinen nach uns werfen,« entgegnete ich laut und +drückte meiner Stute die Peitsche in die Flanke, so daß +sie gehorsam in langen Galopp verfiel. Hellmut aber +blieb mir dicht zur Seite, griff mit der Rechten kräftig +in meine Zügel und sagte, während seine hellen Augen +mich übermütig anblitzten: »Wirst du mir nicht davongehen, +du Süße, Wilde!« Mein Groll war verflogen, — daß +ich mich ihm, dem Starken, unterwerfen durfte, — welch +tiefe Seligkeit war das!</p> + +<p>Einmal waren wir nach Rabensteinfeld hinüber gerudert, +dem stillen Witwensitz der alten Großherzogin. Mit +dem Dampfschiff war uns eine große Gesellschaft vorausgefahren, +lauter ältere und gesetzte Angehörige, die zuweilen +die Verpflichtung fühlten, uns Jugend zu beschützen. +Ich hielt das nie lange aus und war stets +die erste, die Mittel und Wege fand, aus ihrem Gesichtskreis +zu verschwinden. Hellmut benahm sich korrekter +und wollte die Form nicht verletzen. Auch jetzt stand +ich mit einem lachenden: »Wer kein Philister ist, folgt +mir,« vom Teetisch auf und ging hinunter an das +Seeufer. Ein paar junge Herren kamen mir nach, und +empört über Hellmuts Eigensinn, kokettierte ich mit ihnen +in erzwungner Lustigkeit.</p> + +<p>Als wir in der Abenddämmerung zu Fuß heimkehrten, +gesellte er sich endlich wieder zu mir. Eine tiefe Falte +grub sich zwischen seine Brauen, die seinem sonst so guten +Gesicht einen bösen Ausdruck verlieh. »Das darfst du +mir nicht wieder antun — hörst du,« zischte er mich an +und eisern umklammerten seine Finger mein Handgelenk. +»Verzeih mir —,« flüsterte ich, »aber warum hast du +mich allein gelassen?« — »Weißt du nicht, daß ich alles +<a name="Page_281" id="Page_281"></a>nur um deinetwillen tue?« — Ganz weich war seine +Stimme dabei, und schweigsam gingen wir nebeneinander, +die Worte waren zu arm für die Fülle unseres Gefühls.</p> + +<p>An einem anderen glühheißen Sommertag gab das +Grenadier-Regiment ein Fest im Jagdschloß von Friedrichstal. +Heiß und ermattet vom Tanz und vom Spiel, gingen +wir alle zum Neumühler See herunter, wo die Buchen +und Birken über dem Uferweg dichte Lauben bilden. +Allmählich zerstreute sich die Menge hier- und dorthin; +wir blieben nur zu fünfen beieinander, — zwei Mädchen +und drei Herren. An einer kleinen dichtumbuschten +Bucht lagerten wir, und die Lust packte mich, die Füße +im Wasser zu kühlen. Meine Gefährtin errötete dunkel +bei meiner Aufforderung, es mir nach zu tun. »Du, das +ist unpassend,« flüsterte sie mir leise zu. »Unpassend?« +wiederholte ich laut, »zeigst du vielleicht nicht deine +Hände, deine Arme, deinen Hals, — warum nicht deine +Füße?« — »Bravo, bravo,« applaudierte einer der Herren. +Das stachelte mich auf, und keck von einem zum anderen +blickend, fuhr ich fort: »Soll ich euch sagen, was wir +alle wissen und ihr nur nicht zu sagen euch getraut? — Wir +schämen uns nur unserer Häßlichkeit —« Damit +hatte ich rasch Schuhe und Strümpfe abgestreift.</p> + +<p>Eine beklemmende Stille trat ein; ich wagte nicht, +mich umzusehen, mein Blick haftete auf meinen nackten +Füßen, als sähe ich sie zum erstenmal, — sie waren +so weiß, so schrecklich weiß! — mir stieg das Blut +bis in die Stirne. Ich berührte scheu das Wasser mit +den Zehen. »Es — es ist — zu kalt,« brachte ich +mühsam hervor und zog die Füße rasch unter die Kleider. +Ein Geräusch verriet mir, daß die Herren sich entfernten; +<a name="Page_282" id="Page_282"></a>die Kleine neben mir, noch röter und verlegener als ich, +half mir rasch beim Anziehen und lief dann auch davon. +Langsam erhob ich mich, — die Glieder waren mir +schwer, — da stand Hellmut vor mir — ein paar +Schweißtropfen auf der Stirn und doch ganz blaß.</p> + +<p>»Nun baue ich Tag um Tag eine Mauer um dich, +damit nichts und niemand dir zu nahe treten kann, und +du — du gibst dich diesen — diesen Schurken preis,« +kam es stockend über seine Lippen. Mir stürzten die +Tränen aus den Augen, — doch schon hatten seine Arme +mich umschlungen, und sein Mund preßte sich auf den +meinen, und die heißen, lang zurückgedämmten Wogen +der Leidenschaft schlugen über uns zusammen.</p> + +<p>Wie wir uns trennten, wie ich nach Hause kam, — ich +weiß nichts mehr davon. Ich weiß nur, daß ich +am weit geöffneten Fenster saß und die linde Nachtluft +tief und langsam einsog, als hätte ich nie vorher die +Wonne des Atmens gekannt. Dann stockte mein Herzschlag, — ein +fester Tritt, ein schleppender Säbel unterbrachen +die Stille, ein lichtes Blau schimmerte durch die +Büsche des Gartens. »Alix —« klang es sehnsüchtig. — Und +ich nahm die Rose, die mir noch zerdrückt im Gürtel +hing und warf sie in zwei geöffnete Hände.</p> + +<p>Alles Denken war ausgelöscht in meinem Hirn, ich +fühlte nur mit gesteigerter Intensität. Morgens am +Kaffeetisch umarmte ich zärtlich den Vater, — es fiel +mir plötzlich schwer aufs Herz, daß ich seiner rührenden +Liebe stets so kühl begegnet war —. »Du hast ja schon +in aller Frühe illuminiert,« sagte er und streichelte mir +halb erstaunt, halb beglückt die Wangen. Schüchtern +und schuldbewußt küßte ich der Mutter die Hände, — wie +<a name="Page_283" id="Page_283"></a>schlecht hatte ich bisher ihre Treue gelohnt! — ach, +und wie ernst und verhärmt sah sie aus! Als +aber das Schwesterchen hereinsprang, hob ich sie auf +den Schoß und flüsterte in ihr rosiges, von lauter Goldlöckchen +umspieltes Ohr: »Du — ich weiß was ganz +Heimliches: heut nacht tanzten die Nixen mit dem +grauen Schloßzwerg, bis er vor lauter Atemnot auf +den Rasen plumpste. Ich glaub' immer, da liegt er +noch und schnarcht, und die Nixen haben vor Lachen +den Heimweg ins Wasser vergessen. Komm schnell +hinaus, — am Ende sehn wir sie noch!« Sie jubelte +hell auf vor Freude, und richtig, — zehn Minuten später +waren wir unten am See.</p> + +<p>Klein-Ilschen suchte — ich aber war still und ernst geworden +und sah hinüber zum fernen jenseitigen Ufer: sollte +das Glück, das mir dort begegnet war, auch nur ein nächtlicher +Spuk gewesen sein? — Wir fanden die Nixen nicht — Klein-Ilschen +war böse. Wie wir langsam heimwärts +gingen, kam ein Reiter uns entgegen, — ich wagte kaum +aufzusehen. Doch schon war er neben mir und hielt +den Fuchs am Zügel. »Willst du reiten, Kleine?« +sagte er und hob das Schwesterchen, dessen Leidenschaft +Pferde waren, in den Sattel. Still gingen wir weiter, +unsere Augen aber versenkten sich ineinander, tief, immer +tiefer, — bis sie Gewißheit hatten und auch im fernsten +Winkel der Seele nichts Lebendiges fanden als nur das +eigene Bild.</p> + +<p>»Die Nixen waren weg,« sagte das Schwesterchen +zu Hause zu Mama, »aber Prinz Hellmut ließ mich +reiten!«</p> + +<p>»Prinz Hellmut?!« Ein rascher mißtrauischer Blick +<a name="Page_284" id="Page_284"></a>streifte mich. Ich wandte mich zu den Fenstern und +ordnete eifrig die vielen kleinen Lichter zur abendlichen +Illumination.</p> + +<p>Der Großherzogin Geburtstag war heute; mit dem +prächtigsten und zugleich dem letzten Fest dieses Sommers +sollte er gefeiert werden. Verwandte und Freunde des +Hofes, Deputationen der Garde-Regimenter, der ganze +Adel Mecklenburgs waren in Schwerin versammelt. +Stundenlang rollten auch vor unserem Hause die Wagen, +und die Besucher kamen und gingen; Staatsvisiten +waren es zumeist, aber auch solche guter alter Bekannter. +Im weißen Spitzenkleid, ein paar gelbe Rosen im Gürtel, +stand ich im Salon, neigte mich vorschriftsmäßig über +die Hände der Damen und senkte den Kopf vor den +Herren. Was mich sonst ermüdete, machte mich heute +froh, denn mit geschärften Augen sah ich die Menge +der bewundernden Blicke. Wie ich mich dann am späten +Nachmittag vor der Abfahrt zum Schloß im Spiegel +sah, umrauscht von rosa Seide, deren starker Farbenton +gedämpft durch goldgestickten Tüll schimmerte, — Rosen +auf der langen Schleppe verstreut und Rosen in +den dunkeln Locken —, da war ich zufrieden.</p> + +<p>Dicht gedrängt standen die Menschen auf der Schloßbrücke, +wo die Wagen nur Schritt vor Schritt vorwärts +kamen. »Alix von Kleve« — »Alix von Kleve« ging es +flüsternd von Mund zu Mund. Dankbar lächelnd neigte +ich mich rechts und links aus dem offenen Wagenfenster. +Auf den schwarzen Marmorstufen der großen Treppe, in +deren tiefem Dunkel das Gold des Geländers und der +Säulen sich spiegelte, standen die Lakaien im roten Rock +und die Läufer mit dem seltsamen gewaltigen Blumen<a name="Page_285" id="Page_285"></a>strauß +über den Stirnen. Und droben in den Vorzimmern +gleißte und glänzte es von goldgestickten +Uniformen, hellen Schleppen und funkelnden Edelsteinen. +Wir wurden zu unseren Plätzen gewiesen. In der Ahnengalerie +stand die Jugend. Ich sah durch die Bogenfenster +über den See hinaus und rührte mich nicht. +Was gingen mich die andern Menschen an? Wozu war +ich hier, als allein seinetwegen? Worauf wartete ich, +als auf ihn? Die Musik im Thronsaal neben uns +intonierte den »Einzug der Gäste« auf der Wartburg, +drei schwere Schläge mit dem Hofmarschallstab kündigten +das Nahen der Herrschaften an. Ich erwachte aus +meinen Träumen. Ein Rauschen ab und auf: wir versanken +in unseren Kleidern und tauchten wieder auf — wie +eine lange hellschimmernde Woge. Mein Blick +haftete sekundenlang auf dem Herrscherpaar, das langsam +durch unsere Reihen schritt: der schlanke Mann mit +dem Kennzeichen seines Geschlechts, dem kahlen, glatten +Schädel, darunter ein Antlitz von jener blaß-grauen +Farbe, die das Morphium allmählich auf die Haut seiner +Opfer malt, zwei fiebrig glänzende Augen darin und zwei +Lippen, zu jenem wehmütig-freundlichem Lächeln verzogen, +mit dem die früh vom Tode Gezeichneten die Jugend +grüßen. Neben ihm das Weib: um den üppig-schlanken +Leib schmiegte sich ihr Gewand schillernd wie Schlangenhaut, +auf dem hoch erhobenen dunkeln Kopf trug sie +stolz die Krone von Brillanten, dunkelrot wölbten sich +die Lippen über den kleinen weißen Raubtierzähnen, +und ein gieriges Leuchten wie von heißem Lebenshunger +tauchte in ihren wunderschönen Augen auf. Über +uns sah sie hinweg, sie brauchte uns nicht zu sehen, — sie +<a name="Page_286" id="Page_286"></a>war mehr als die Jugend. In meinem Herzen aber +wallte das Mitleid auf — mit dem Mann und mit +der Frau.</p> + +<p>Dann kam der König von Griechenland, — wie die +meisten Könige: kein König. Und dann die Königin, — weich +und licht und holdselig, wie die guten Feen aus +den Märchen, und hinter ihnen der Schwarm der anderen. — Aber +ich sah keinen mehr, denn aus dem Zuge heraus +war Hellmut zu mir getreten.</p> + +<p>In einem runden Turmzimmer mit bunten Fenstern +saßen wir zu vier um den rosengeschmückten Tisch: +Hellmut und ich, Graf Waldburg und seine Braut, die +kleine Komteß Lantheim. Wir aßen nicht viel, aber +unsere Gläser klangen immer wieder aneinander, und +prickelnd floß der eisige Sekt durch unsere Kehlen. Leise +und schmeichelnd tönte von fern die Musik.</p> + +<p>Im goldenen Saal, durch dessen Fenster die Glut +des Abendhimmels hineinströmte, während viele hunderte +flammender Kerzen alle Wände und Pfeiler aufleuchten +ließen wie gelbes Feuer, wurde getanzt. Es war noch +fast leer, als wir eintraten. In wiegendem, lockendem +Rhythmus klang die süße Walzerweise der »Schönen +blauen Donau« von der Estrade.</p> + +<p>Ich lag in seinem Arm, und die Töne schienen uns +zu tragen. »Alix — ich liebe dich,« hauchte mir +im weichen Takt der Bewegung seine Stimme ins Ohr — »verzehrend +lieb ich dich — ich laß dich nicht los — nie — nimmermehr —« +Sein heißer Atem berührte +mich wie ein zärtlich kosender Kuß, und meine Haare +wehten um seine Wangen.</p> + +<p>»Durchlaucht — Galopp — wenn ich bitten darf!<a name="Page_287" id="Page_287"></a>« +hörten wir plötzlich neben uns sagen. Aufatmend standen +wir still, — wir hatten wirklich das strenge höfische +Walzerverbot vergessen! Im gleichen Augenblicke trat der +Kammerherr der Großherzogin auf uns zu: »Ihre Königliche +Hoheit befehlen —«</p> + +<p>»Mich auch?« frug Hellmut. Er senkte bejahend den +Kopf, während ein leises malitiöses Lächeln seine Lippen +kräuselte. Sollte die schöne Fürstin so konventionell sein +und unser Vergehen gar noch persönlich rügen wollen?</p> + +<p>»Sie tanzen bezaubernd, — ich mache Ihnen mein +Kompliment, Fräulein von Kleve!« sagte sie laut, als +ich in tiefer Verbeugung ihre Hand an die Lippen zog. +»Die mecklenburger Damen können sich ein Beispiel +nehmen!« Die Umstehenden horchten hoch auf.</p> + +<p>»Tanzen Sie noch einmal denselben Walzer, lieber +Prinz, den man offenbar nur verbietet, weil man ihn zu +tanzen nicht versteht.«</p> + +<p>Wie auf Kommando bildete sich ein weiter Kreis um +uns. Und wir tanzten. Aber ich fühlte die vielen +musternden, neidischen, feindseligen Blicke, die mich betasteten, +wie mit feuchtkalten Fingern, und durchbohrten, +wie mit Nadelstichen. Ein Schwindel packte mich — fester, +immer fester lehnte ich mich in Hellmuts Arm — er +trug mich mehr, als daß ich tanzte.</p> + +<p>»Führen Sie Ihre Tänzerin auf die Terrasse, — das +wird ihr gut tun —« sagte die Großherzogin, als ich +mich blaß und zitternd wieder verbeugte. Ein Ton war +in ihrer Stimme, der mich auffahren ließ, — hatte sie +unser Geheimnis erraten?</p> + +<p>Wir gingen hinaus. Viele bunte Lampions erhellten +die Terrasse und den Burggarten, plaudernde Gruppen +<a name="Page_288" id="Page_288"></a>standen ringsumher. Wir aber suchten die Nacht und +die Stille. Tief unten schmiegte sich ein von weißen +Blüten übersäter Strauch an die dunkle Mauer, und +ein schwerer süßer Duft breitete sich rings um ihn. +Jasmin — meine Blume!</p> + +<p>Weißt du noch, Hellmut, wie du übermütig in die +Zweige griffst und ein Regen schneeiger Blätter mir auf +Schultern und Haare fiel? und wie sie matt zu Boden +taumelten vor dem heißen Hauch deines Mundes? Du +preßtest mich wild an dein Herz, daß der Atem mir +stockte, — du hättest mich morden können in jener Nacht, — mit +einem Liebesblick hätt ich es dir vergolten. +»Warum sagst du mir nicht, daß du mich liebst — warum +bist du so still?« frugst du, und ich seufzte, +den Arm fest um deinen Hals: »Ich kann dirs nicht +sagen — ich kann nicht — ich liebe dich viel — viel +zu sehr!«</p> + +<p>Droben tanzten sie wieder — wir sahen die Paare +hinter den hellen Fenstern vorüberschweben —, und eine +Melodie verirrte sich zuweilen bis zu uns. Wie mit +kosenden Stimmen antworteten ihr die Wellen, die +plätschernd ans Ufer schlugen, und fern von den hohen +Baumwipfeln des Parks klang hie und da ein verträumtes +Vogelzwitschern. Immer verzehrender glühten +unsere Augen ineinander, verlangender, sehnsüchtiger +wurden unsere Küsse.</p> + +<p>Da verstummte die ferne Musik, ein heftiger Schreck +machte dich zittern. »Wir müssen hinauf« — sagtest du +heiser und fuhrst dann hastig fort, während wir die +Treppe zur Terrasse emporstiegen: »Wir müssen uns +trennen — mein Dienst ist morgen zu Ende —«</p> +<p><a name="Page_289" id="Page_289"></a></p> +<p>»Und in der nächsten Woche reisen wir,« flüsterte ich +mühsam, — es würgte mir am Halse.</p> + +<p>»Im Herbst erst sehen wir uns wieder —«</p> + +<p>»Das ertrag ich nicht — —«</p> + +<p>»Ich sterbe vor Sehnsucht —« Und noch einmal zogst +du mich an dich, und aufschluchzend barg ich meinen Kopf +an deiner Brust.</p> + +<p>»Weine nicht, Liebling, weine nicht, — für ein ganzes +Leben voll Liebe, das uns bevorsteht, ist das Opfer dieser +nächsten Wochen am Ende nicht zu groß,« versuchtest du +uns Beide zu trösten, dabei fielen heiße Tropfen aus +deinen Augen mir auf die Stirn. —</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Wir fuhren nach Karlsbad, — Mama, Klein-Ilschen +und ich. Wir trafen mit einem +großen Kreise alter und neuer Freunde zusammen. +»Wir« sage ich, — aber im Grunde war ich +gar nicht da, nur mein wandelndes Schattenbild. Automatisch +geschah alles, was ich tat: mein Reden und +noch mehr mein Lachen. Ich selbst saß still im dunkeln +Chorgestühl eines hochragenden Doms, die Hände im +Schoß gefaltet, die Augen emporgerichtet zu den in +mystischen Farben glühenden Fenstern, unbeweglich horchend +auf den Gesang süßer Engelsstimmen, die Stirn +umweht von Wolken duftenden Weihrauchs ...</p> + +<p>Wenn ich neben dem Rollstuhl Stauffenbergs ging, +sprach ich wohl mit ihm von alledem, was mein Interesse +sonst erregt hatte; aber eine ganz andere, eine fremde +Alix war es. Ich selbst, ich lachte über sie und ihren +komischen Eifer. Was ging mich die hohe Politik, was +<a name="Page_290" id="Page_290"></a>gingen mich Darwin, Wagner und Nietzsche an? Neben +dem Reichtum lebendigen Lebens, das mir begegnet war, +verblaßte alles zu blutleeren Schemen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Am Abend unserer Rückkehr im Herbst saß ich im +Dunkel der Intendantenloge im Theater. »Hoffmanns +Erzählungen«, — jenes geniale Werk +Offenbachs, das er geschaffen haben muß, besessen vom +Geiste des Zauberers, dem es galt, — gelangte zum +erstenmal, und ungekürzt, zur Aufführung. Meine Augen +durchforschten noch die Logen und Ränge — ich war ja +nur gekommen, weil ich überzeugt war, ihn zu finden —, +als die ersten Akkorde der Ouverture mich schon gefangen +nahmen. Und dann die Oper selbst! Wie es ihr zukommt, +war jede possenhafte Nuance vermieden worden; +Spalanzani und Coppelius, der geheimnisvolle Brillenverkäufer +im ersten Akt, wirkten gespensterhaft, und +Olympia, die Puppe, war nicht nur ein Automat, der +schließlich zur Erhöhung der Lachlust eines einfältigen +Publikums zerbrochen auf die Bühne geschleift wird, — ein +Stück Leben schien vielmehr in sie hineingezaubert, +das mit einem wehen Laut erstarb. Selbst die Menuetttänzer +und Tänzerinnen bewegten sich wie nichts vollkommen +Irdisches.</p> + +<p>Schon verdunkelte sich der Zuschauerraum am Ende +der Pause, als der Bogenvorhang sich teilte, — ein +breiter Lichtstreifen fiel herein. Der erste Ton der +Barkarole klang gedämpft aus dem Orchester — ein +Stuhl wurde zur Seite gerückt — »Alix!« hörte ich Hell<a name="Page_291" id="Page_291"></a>muts +Stimme hinter mir, und sein Mund brannte auf +meinem Nacken.</p> + +<p>»Schöne Nacht — o Liebesnacht — o stille mein Verlangen!« +tönte es von der Bühne dicht vor uns; ausgestreckt +auf Decken und Fellen lag die schöne Guiletta vor ihren Anbetern; +ihre nackten Arme und ihre bloßen Schultern leuchteten +im Glanz der roten Ampeln. Das Blut strömte mir +zum Herzen, meine Hand suchte die des Geliebten. Von +einer Melodie durchwogt, wie sie aufreizender, sinnbetörender +nicht zum zweitenmal vorkommt, wurde die Luft immer +schwüler um uns. Kaum daß wir uns im hellen Licht +des Zwischenaktes genug zu ermannen vermochten, um +konventionelle Phrasen mit dem Intendanten zu wechseln. +Hellmuts Uniform verriet seine Anwesenheit auch im +Halbdunkel der Loge, Lorgnetten und Operngläser richteten +sich auf uns, und tuschelnd neigten sich die Köpfe +zueinander.</p> + +<p>Aber schon setzte das Orchester zum letzten Akte ein. +»Sie entfloh — die Taube so minnig« sang der blassen +Antonia weiche Stimme. Seltsam — kein Zweifel — sie +sah mir ähnlich: der gelbliche Ton der Haut, die dunkeln +Locken. Mich fröstelte. O — und als dann der gespenstische +Arzt erschien mit der hageren Gestalt, dem +glatten Totenschädel und den klirrenden Flaschen in den +Händen — — »Mir ist nicht ganz wohl!« flüsterte ich +und stand leise auf. Hellmut begleitete mich. Er hielt +meinen vorzeitigen Aufbruch nur für einen Vorwand. +Während er mir den Mantel um die Schultern legte, +flüsterte er mir zu: »Ich war bei Mama — ein bißchen +Tränen hats ihr gekostet —, aber schließlich fand sie sich +ins Unabänderliche. Wir dürfen hoffen, Liebling! — Hier +<a name="Page_292" id="Page_292"></a>alles Nähere,« er drückte mir ein Papier in die +Hand und führte mich bis zum Wagen; schon zogen die +Pferde an, als der Schlag sich von der anderen Seite +noch einmal öffnete, — mit einem raschen Sprung war +er neben mir und ich in seinen Armen, — einen Augenblick +nur, einen kurzen, glückseligen. An der nächsten +Straßenbiegung verschwand er ebenso, wie er gekommen +war. Erst zu Hause, im verschlossenen Schlafzimmer, +öffnete ich seinen Brief.</p> + +<p>»Mein süßer Liebling,« schrieb er, »die Wochen ohne +Dich waren eine gräßliche Fastenzeit. Zum zweitenmal +ertrage ich so etwas nicht. Das habe ich auch Mama +gesagt, und da sie so wie so immer um mich zittert — begreifst +Du solche Anhänglichkeit, Du Einzigste?! —, so +hat sie meine Drohung toternst genommen. Sie wird in +den nächsten Tagen Tante Brigitte Sonderburg, ihre +verdrehte alte Schwester, besuchen und sehen, ob sie bei +ihr das nötige Kleingeld zusammenscharren kann; bei +Vetter Georg, dem Knauser, ist nichts zu holen, Mamas +eigne Kasse ist völlig schwindsüchtig. Ich schäme mich, +Dir so was schreiben zu müssen, meine holde, kleine +Göttin Du, und doch mußt Du wissen, warum ich +immer noch nicht in Helm und Schärpe antrete. Meine +Zulage reicht kaum für mich, der ich das Unglück habe, +ein Prinz zu sein, und diese Würde täglich mit barer +Münze bezahlen muß. Aber trotz alledem muß es werden, +und ich träume schon jede Nacht von dem weichen Nest, +das ich für mein Prinzeßchen — viel, viel mehr Prinzeßchen, +als alle Ebenbürtigen zusammengenommen! — erobern +werde!</p> + +<p>Verlobte schicken einander immer briefliche Küsse. Das +<a name="Page_293" id="Page_293"></a>finde ich fad. Aber holen tu ich sie mir bei allernächster +Gelegenheit für die langen sechs Wochen, die Du sie +mir schuldig bliebst. Hüte Dich beizeiten, daß Du nicht +daran erstickst ...«</p> + +<p>Ich konnte nicht schlafen. Es lag wie ein eiserner +Reifen um meine Stirn. »Der Weg zur Ehe geht +durch die Kirche« pflegte Mama zu sagen, — aber +stand nicht ein goldener Götze am Altar, statt des +Priesters?</p> + +<p>Wir sahen uns oft, aber niemals allein. Eine zehrende +Sehnsucht durchwühlte mich wie eine Krankheit. +Jeder Händedruck schien mir die Haut zu versengen. +Wir konnten den Karneval nicht erwarten, der zu heimlichen +Begegnungen tausend Gelegenheiten bot. Ein Ball +bei der Großherzogin-Mutter eröffnete ihn endlich. Sie +hatte es allen Warnungen zum Trotz durchgesetzt, daß +er in ihrem Palais stattfand, dessen Tanzsaal erst vor +jedem Fest von der Baupolizei untersucht werden mußte. +Diesmal, so erzählte man sich, habe sie schon recht bedenklich +den Kopf geschüttelt. Als wir kamen, fiel mein +erster Blick auf Hellmut, der mit zusammengezognen +Brauen, blaß und finster, allein in einer Fensternische +stand. Ewig dauerte es, bis ich all die Verbeugungen +und Begrüßungen und stereotypen Phrasen erledigt hatte +und meine Hand in der seinen ruhte.</p> + +<p>»Ich habe Nachricht von Mama,« preßte er mühsam +hervor, »Tante Brigitte hat rundweg abgelehnt. Für +dumme Streiche hätte sie kein Geld!«</p> + +<p>Mir wankten die Kniee. Da ging das alte frohe +Leuchten über seine Züge, gepaart mit einem neuen Ausdruck +starker Energie: »Sei nicht furchtsam, Liebling; du weißt:<a name="Page_294" id="Page_294"></a> +und wenn ich mich dafür dem Teufel verschreiben sollte, — du +wirst mein!«</p> + +<p>Junge Liebe ist voller Zuversicht, sie glaubt noch an +Wunder; und sie ist sich selbst genug und vergißt darüber +die Welt. Es war eine stürmische Saison damals, — kaum +ein Tag verging ohne ein Diner, einen Ball, eine +Schlittenpartie. Hellmut fehlte niemals. Wenn es nicht +anders ging, ritt er noch in der Nacht nach Ludwigslust +zurück. Er verlor allmählich die gesunde Farbe, aber +wenn ich ihn angstvoll um sein Ergehen frug, lachte er. +Wir wurden immer kühner und immer erfinderischer, um +uns allein sehen zu können, und die fremdesten Menschen +halfen uns dabei: sie zogen sich zurück, wenn wir ins +Zimmer traten, sie vertieften sich in ein Gespräch, wenn +wir am gleichen Tische saßen, sie mäßigten das Tempo +ihres Laufs, wenn sie auf der weiten Eisfläche des +Schweriner Sees in unsere Nähe kamen. Daß die Mädchen +mich mieden, war mir nur eine Wohltat. Hie und +da freilich fing ich ein hämisches Lächeln auf, ein vieldeutiges +Augenzwinkern, oder hörte mit halbem Ohr, +wie es um mich her raunte und flüsterte. Aber ich dachte +darüber nicht nach. Ich vegetierte überhaupt nur noch, +und lebte allein, wenn er um mich war.</p> + +<p>In diesem Winter wußte ich erst, was Tanzen ist: +keine Bewegung, in der wir nach Vorschrift die Füße so +oder so setzen, kein harmlos-kindliches Vergnügen aus +reiner Freude am rhythmischen Regen der Glieder, — Liebe +ist es, Liebe in all ihren tausend Phasen, Liebe, die zwei +Menschen zu Eins verschmilzt, die sie auseinanderzieht, +um die Sehnsucht zu steigern und sie um so glühender +wieder zu vereinen. Liebe, die lockt und kokettiert — sich +<a name="Page_295" id="Page_295"></a>demütig neigt und siegesbewußt aufrichtet — die mit +den anderen lächelt, sich ihnen vorübergehend hingibt, nur +um des einen, des Geliebten Glut zu loderndem Feuer +zu entfachen.</p> + +<p>Die »Barkarole« beherrschte den Tanz in jenem Karneval. +Ich hörte sie bis in meine Träume.</p> + +<p>Zu einem Hofball wurde ein Menuett einstudiert, — der +Tanz, in dem sich die ganze graziöse Sündhaftigkeit +und künstlerisch verklärte Erotik seiner Zeit widerspiegelt. +Wir trugen dazu keinen billigen Maskentand, +sondern schwere Kleider von Damast, breit ausladend +über den Hüften, zum Umspannen schmal in der Taille, +mit langen höfischen Schleppen. Rosen und Lorbeer +rankte sich auf dem meinen, die alten kostbaren Spitzen +meiner Mutter garnierten den Rock, ihre Perlenschnüre +schlangen sich mir um Hals und Nacken. Hoch gepudert +die Haare, ein Schönpflästerchen am Mundwinkel +und eins auf der Brust, — so traf ich im Vorzimmer +am Abend des Festes Hellmut, meinen Herrn. Wir +staunten einander an, — so hatte ich die ebenmäßige +Schönheit seiner Gestalt noch nie empfunden wie jetzt, +wo sie im Staatsgewand Ludwigs XV. vor mir stand. +Aber sein Gesicht blieb ernst.</p> + +<p>»Mir paßt der Narrentrödel nicht!« sagte er, während +wir uns nach Mozarts unvergänglichem Don Juan-Menuett +neigten und drehten. »Ist nicht die gleißende +Pracht ein Hohn auf unsere Armut?«</p> + +<p>»Ich fühle nur, daß wir reich sind, die Reichsten der +Welt!« antwortete ich und lehnte den Kopf zurück, um +über die Schulter hinweg ihn selig anzulächeln, wie die +Figur des Tanzes es grade befahl.</p> +<p><a name="Page_296" id="Page_296"></a></p> +<p>»Aber ich verkomme vor Qual, solang du nicht mein +bist!« gab er zurück und beugte das Knie in bittender +Gebärde zu dem lang gezognen Sehnsuchtston der +Musik.</p> + +<p>Ein Walzer folgte dem Menuett. Hellmut lehnte mit +verschränkten Armen an einem Pfeiler, und jedesmal, wenn +ich vorüberkam, fühlte ich seinen Blick.</p> + +<p>»Du darfst heute mit keinem anderen tanzen,« redete er +mich an, als mein Tänzer mich verlassen hatte, — er +vermochte seiner Erregung kaum Herr zu werden. Vergebens +suchte ich ihm das Unmögliche seines Verlangens +klar zu machen; »ich verlasse das Schloß, wenn du nicht +tust, um was ich dich bitte, — ich halts einfach nicht +aus, daß jeder Schmutzfink dich im Arm hält und seine +frechen Blicke sich an deiner Schönheit weiden.« Ich +fügte mich beglückt von der Stärke seiner Leidenschaft, +und um keinen anderen Verdacht aufkommen zu lassen, +bat ich meine Mutter, mir in der Garderobe eine aus +Taschentüchern improvisierte Bandage um den »verstauchten« +Fuß zu legen, der mich am Tanzen hindern +sollte.</p> + +<p>Hellmut und ich trennten uns an dem Abend nicht +mehr. Im Ballsaal drängte sich die Jugend, in den +Nebenzimmern saßen die Älteren an den Whisttischen. +Wir gingen durch die langen Galerien mit ihrer bunten, +phantastischen Dekoration, wo die Lampen immer spärlicher +brannten. Wir standen eng aneinander geschmiegt +vor Tristan und Isoldens Liebesmär, die hier im Schloß +der sittenstrengen Obotriten in hellen Farben an den +Wänden prangt, und wie Lebendige tauchten Hero und +Leanders Marmorbilder im rosigen Schein gedämpften<a name="Page_297" id="Page_297"></a> +Lichtes vor uns auf; ihr Busen schien zu atmen, an den +sein Haupt sich zärtlich lehnte.</p> + +<p>Von ferne folgten uns die Tanzmelodien ... »Schöne +Nacht — o Liebesnacht — o stille das Verlangen —« +klang es leise — sehnsüchtig.</p> + +<p>Und Hellmut schlang den Arm um mich, und dicht, +immer dichter aneinander geschmiegt, flogen wir durch +den halbdunklen Raum. Mir war, als hörte ich ein +unterdrücktes Gelächter, — aber im nächsten Augenblick +vergaß ich es wieder.</p> + +<p>Wir tanzten, — waren wir nicht allein auf mondheller +Wiese, von Palmen umrauscht und großen, +weißen Blumen umgeben, aus deren Goldkelch betäubende +Düfte strömten? Wir tanzten, — wars +nicht ein Schaukeln auf kristallhellen Fluten, — sahen +wir nicht bis zum Grund, wo die blendenden Leiber +nackter Nixen zwischen Wasserrosen auf und nieder +tauchten und Lieder, die noch kein Menschenohr gehört, +ihren roten Lippen entströmten? — Mein Herzschlag +stockte — auf den nächsten Stuhl sank ich schwindelnd +zurück, zu meinen Füßen brach der Geliebte zusammen, +den blonden Kopf vergraben in meinem Schoß ...</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0"><em class="antiqua">»Oh, la marquise Pompadour,</em><br /></span> +<span class="i0"><em class="antiqua">Elle connait l'amour</em><br /></span> +<span class="i0"><em class="antiqua">Et toutes ses tendresses,</em><br /></span> +<span class="i0"><em class="antiqua">La plus belle des maitresses« —</em><br /></span> +</div></div> + +<p>sang plötzlich eine krähende Sopranstimme hinter uns. +Hellmut sprang auf und griff instinktiv an den zierlichen +Galanteriedegen, der ihm an der Seite hing.</p> + +<p>»Verdammt —« knirschte er, — es war eine leere +Scheide, die er in der Hand hielt. Wir hörten noch ein<a name="Page_298" id="Page_298"></a> +Rascheln und Raunen und das ferne Schlagen einer +Tür, dann wars still.</p> + +<p>»Morgen noch fahr ich selbst zu Tante Brigitte und, +wenns nicht anders ist, zu Georg. Ich muß ein Ende +machen — so oder so!« flüsterte er mir zu, ehe wir den +Ballsaal wieder betraten. Ich suchte meine Eltern; — wir +verabschiedeten uns. Am Ausgang, wo sich die +meisten Menschen zusammendrängten, trat Hellmut an +meinen Vater heran: »Darf ich mich gleich heute für +die nächsten Wochen verabschieden, Herr General,« — sagte +er sehr laut und förmlich — »mein Vetter, +Herzog Georg, wünscht meine Anwesenheit bei den Hofbällen.« — »Reisen +Sie glücklich,« antwortete mein +Vater, und mir schien, als ob er erleichtert dabei aufatmete. +»Amüsieren Sie sich gut« — brachte ich mühsam +hervor und legte meine kalten Finger flüchtig in die seinen.</p> + +<p>Nur die fieberhafte Erregung gab mir Kraft, mich in +den nächsten Wochen aufrecht zu halten. Ich fehlte in +keiner Gesellschaft, auf keinem Ball; keine tanzte so unermüdlich +wie ich, an keinem andern Tisch wurde so viel +Sekt getrunken wie an dem meinen.</p> + +<p>Eines Tages traf ich Graf Waldburg im Theater. +Er machte in den Pausen mit großem Eifer Propaganda +für eine Schlittenpartie, die mit einem Diner im Hotel +enden sollte. »Seine Durchlaucht Prinz Hellmut bittet +Sie um die Ehre, Sie fahren zu dürfen,« wandte er +sich an mich. Als ich fragend zu ihm aufsah, zuckte er +die Achseln und sagte, nur für mich hörbar: »Durchlaucht +haben mir nichts weiter mitgeteilt, als daß ich +rasch für eine Gelegenheit zu längerer Aussprache sorgen +möchte.«</p> + +<p><a name="Page_299" id="Page_299"></a>Zweimal vierundzwanzig Stunden noch! Die Erregung +steigerte sich bis zum Unerträglichen. Inzwischen +fing es an zu tauen. Ein schmutziges Grau +bedeckte die Straßen der Stadt, und dichte Nebel hingen +über den Seen. Mit hellem Schellengeläut erschien +trotzdem am festgesetzten Tage Hellmuts Schlitten vor +unserer Tür, — eine winzige mit Pelzen dicht ausgefütterte +Muschel, vor der ein russischer Traber unruhig +den Boden stampfte. Mein Vater führte mich hinunter. +Hellmuts erster Blick sagte mir alles — ich schwankte, +als Papa mir in den Schlitten half. »Also um fünf Uhr +pünktlich im Hotel!« rief er noch freundlich, dann flogen +wir davon.</p> + +<p>»Georg hat mich ausgelacht — Tante Brigitte war +zynisch genug, mir zu versichern: für ein vernünftiges +Verhältnis hätte sie Geld — für eine dumme Ehe nicht!« +Mit rauher Stimme hatte er gesprochen. »Was meinst +du, wenn wir statt zum Rendezvous auf dem Schloßplatz +direkt auf den See führen, — der hält uns nicht lange!«</p> + +<p>Ich packte ihn entsetzt am Arm. »Nein, Hellmut, +nein,« flehte ich, »wir haben ja noch gar nicht gelebt!« +Der Fanatismus des Daseins durchglühte mich — so +sterben — so — nein! Und wie eine Erleuchtung kam es +über mich: Tante Klotilde, — sie mußte und konnte +helfen. Mit schmetternden Fanfaren begrüßte die Musik +die Ankommenden, als wir beide, die Herzen von neuer +Hoffnung geschwellt, auf den Schloßplatz einbogen und +uns fröhlich an die Spitze des langen Zuges setzten. +War das eine Fahrt durch den Wald, wo der tauende +Schnee eine glatte Bahn geschaffen hatte! Wie wir +den Nebel nicht spürten, obwohl er unsere Pelze mit<a name="Page_300" id="Page_300"></a> +Millionen winziger Wasserperlen besetzte, so empfanden +wir keinen Zweifel mehr an der wieder erwachten Sonne +unseres Glücks.</p> + +<p>Die anderen kamen durchfroren von der stundenlangen +Fahrt ins Hotel, uns, die wir ihnen weit voran gewesen +waren und doch als letzte zurückkehrten, war glühheiß. +Noch lange saßen wir zusammen; die vielen +Gänge des Mahls, bei dem die meisten Paare immer +einsilbiger wurden, das langsame Servieren, das jeden +Nichtmecklenburger immer ungeduldiger machte, — wir +merkten es nicht. Für uns wars viel zu früh, als es +galt, Abschied zu nehmen. Vor dem halbdunkeln Torweg, +im rieselnden Regen, umschloß eine kräftige Hand noch +einmal die meine, und spitze Nägel gruben sich mir ins +Fleisch.</p> + +<p>Noch in der Nacht schrieb ich an Tante Klotilde. +Mein ganzes Herz schüttete ich ihr aus; mit all meiner +Hoffnung klammerte ich mich an sie; jede Seite ihres +Wesens suchte ich zu rühren.</p> + +<p>Wenige Tage später wurde ich zu ungewohnter Stunde +zu meinem Vater gerufen. Hochrot im Gesicht, mit +meinem Brief in der Hand, trat er mir entgegen. Mama +saß vor Schrecken totenblaß im Lehnstuhl. Es gab eine +unbeschreibliche Szene. Demselben Manne, der mir +seine Zärtlichkeit nie genug zeigen konnte, war jetzt kein +Wort zu verletzend, um mich zu beschimpfen. Ich stand +vor ihm, wie versteinert. Erst als er Hellmut einen +Ehrlosen nannte und die wahnsinnigsten Drohungen +gegen ihn ausstieß, kam ich zu mir. »Das duld' ich +nicht, daß du seine Ehre angreifst,« rief ich und trat +ihm dicht unter die Augen, »schlag doch mit Fäusten +<a name="Page_301" id="Page_301"></a>auf mich, wenn du willst, aber ihn — ihn darfst du +nicht anrühren.« Papa sah mich groß an, wandte sich +ab und stöhnte qualvoll. Das ertrug ich nicht mehr. +Weinend warf ich mich ihm zu Füßen. »Papachen — hab' +doch Mitleid mit mir — mein Unglück ist doch +schon groß genug«, schluchzte ich. Und dieselbe Hand, die +mich fast geschlagen hätte, hob mich empor. »Mein +armes, armes Kind,« sagte er, und mit dem Ausdruck +eines zu Tode Verwundeten sah er mich an.</p> + +<p>Mama war still gewesen bis dahin. Jetzt hörte ich +ihre ruhige kühle Stimme wie von weit, weit her. Sie +las den Brief der Tante vor, ich verstand ihn kaum, +nur die Worte »Pflicht«, »Opfer«, »Ehrgefühl« wiederholten +sich, wie es schien, häufig. »Alix wird,« so schloß +er ungefähr, »durch diese Erfahrung klug werden und +ihre zügellosen Leidenschaften bändigen lernen. Unser +ganzes Leben ist Entsagung und Pflichterfüllung ...« +Ich lachte gellend auf bei dieser schönen Tirade, um +gleich nachher in einen wilden Weinkrampf auszubrechen. +Papa trug mich in mein Bett. Meine Mutter verließ +mich von da an keine Minute. Gegen Abend ließ sie +mich aufstehen. Kaum auf den Füßen konnt ich mich +halten, und vor Schmerzen hätte ich am liebsten geschrien, +aber meine Willenskraft war stärker als alles. +Ich vermochte es sogar, meinen Vater dankbar anzulächeln, +als er mir mitteilte, er habe »die schwere Aufgabe +auf sich genommen, den Prinzen über den Ausgang +der traurigen Angelegenheit in Kenntnis zu setzen.«</p> + +<p>Als ich dann, wie immer, im Nebenzimmer den Tee bereitete, +hörte ich, mit meinen fieberhaft geschärften Sinnen, +Mama zu ihm sagen: »Ich kenne Alix genug, um keine +<a name="Page_302" id="Page_302"></a>ernstliche Sorge zu haben. Wo wir bisher gewesen +sind, — es gab immer irgend eine mehr oder weniger +fatale Liebesgeschichte. In diesem Fall, wo ihre Eitelkeit +mitspricht, sieht die Sache erheblicher aus.« »Aber +du sahst sie doch! — Eine solche Verzweiflung läßt das +Äußerste fürchten!« wandte mein Vater ein. »Vertraue +mir, lieber Hans — du siehst sie immer wie in +einem goldnen Spiegel! Ich habe, gottlob, meine sehr +nüchternen und klaren Augen behalten,« antwortete +Mama, »wir haben jetzt nichts zu tun, als zu verhüten, +daß sie sich und uns durch tragische Posen kompromittiert — alles +andre überlasse ruhig der Zeit und —,« fügte +sie mit einem halben Lachen hinzu — »dem nächsten +Mann!«</p> + +<p>Was sie sagte, war mir nur willkommen, und ich +benahm mich, ihren Worten entsprechend, während ich +zu gleicher Zeit mit vollkommener Ruhe an die Ausführung +eines Planes ging, der vom ersten Augenblick +an, da ich von der Ablehnung der Tante erfahren hatte, +für mich fest stand. Ich ließ mir zur Gutenacht die +Stirn küssen und legte mich ruhig nieder; daß Mama noch +einmal kommen und nach mir sehen würde, wußte ich, +und wartete, bis sie zurück in ihr Schlafzimmer ging und +jeder Ton im Hause erstorben war. Dann stand ich +auf, zog mich sorgfältig an, packte das Nötigste in eine +bereit stehende Handtasche und schlich mit angehaltenem +Atem die Treppe hinunter. Die Haustür knarrte nicht +einmal, als ich sie aufschloß. Es regnete in Strömen, +kein Mensch war zu hören, noch zu sehen. Ich wartete +in meinen Mantel gewickelt, bis ein fester Schritt mir +entgegen klang, ein schleppender Säbel auf das Pflaster +<a name="Page_303" id="Page_303"></a>taktmäßig aufschlug. So kam er jetzt jeden Abend, vom +Fenster aus ein verabredetes Zeichen erwartend, in +den dicht an unserem Hause liegenden Park. Er +fuhr zurück, als er mich vor sich sah. Es bedurfte +nicht vieler Worte zwischen uns. Aber was ich gleichgültig, +mit einer ganz fremden ruhigen Stimme erzählte, +das erschütterte ihn so, daß er sich schwer auf meine +Schulter lehnen mußte. »Ich kann dich nicht lassen, +Alix!« stöhnte er immer wieder. »Das sollst du auch +nicht, Hellmut!« antwortete ich fest. »Da uns zum +Ehebund der Goldsegen fehlt, schließen wir ihn unter +dem Segen der Liebe.« Mit weit geöffneten Augen +sah er mich an. »Du wolltest —?« klang es fragend, +zögernd. »Deine Geliebte werden — ja. Selbstverständlich +muß ich Schwerin sofort verlassen — — —«</p> + +<p>»Alix, du fieberst — du weißt ja gar nicht, was du +sagst, — das ist ja heller Wahnsinn!« rief er. Ich fühlte +plötzlich, wie die feuchte Kälte der Nacht von den Fußsohlen +an langsam an mir emporkroch. »Ich bin nicht +wahnsinnig, Liebster —« sagte ich weich und drückte +seine Hand zärtlich an meine Wange, »ganz im Gegenteil: +ich will die wahnsinnige Weltordnung für mein +Teil vernünftig machen! — Nun laß uns nicht länger +hier stehen, Hellmut, wo jede Minute kostbar ist. Irgend +eine kleine Station wird sich mit deinem Wagen doch +noch erreichen lassen, wo ich den ersten Morgenzug erwarten +kann —.« Er trat einen Schritt zurück, — »Mach +mich doch nicht zum Schurken — Alix« — er +packte mich am Arm und schüttelte mich, als wolle er +mich aus einem Traum erwecken. Und wirklich — während +der Regen mir ins Antlitz peitschte — und +<a name="Page_304" id="Page_304"></a>die letzten Laternen erloschen, kam es mit grausamer +Klarheit über mich. »Hellmut!« rief ich noch einmal +und breitete die Arme aus. Er stürzte auf mich zu, +bedeckte mir Mund und Augen und Wangen und Hände +mit wilden Küssen — und verschwand, wie von Furien +gepeitscht, in der dunkeln Allee.</p> + +<p>Minutenlang blieb ich wie angewurzelt stehen, dann +strich ich mechanisch mit den Händen über den nassen +Mantel. Ich mußte mich vergewissern, wer das eigentlich war, +der hier draußen im Regen stand. Auch an +die Stelle griff ich, wo mir das Herz noch eben wild +geschlagen hatte. Es war wohl nicht mehr da — es +war wohl tot — oder am Ende in den Schmutz gefallen. +Ganz ängstlich sah ich in die schwarzen Pfützen +zu meinen Füßen. Jetzt müßt ich eigentlich schlafen +gehn — fuhr es mir durch den Kopf. — Gott, war +das Täschchen schwer und der nasse Mantel. — Ob ich +mich lieber auf die Bank dort setzen sollte?! — Nach +ein paar Schritten stockte mein Fuß: nein, das ging nicht, +ringsumher standen schrecklich viele Menschen und starrten +mich an. Und dann rissen sie alle den Mund weit auf, +und von allen Ecken dröhnte und kreischte es —</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0"><em class="antiqua">Oh, la marquise Pompadour —</em><br /></span> +<span class="i0"><em class="antiqua">Elle connait l'amour —</em><br /></span> +<span class="i0"><em class="antiqua">Et toutes ces tendresses —</em><br /></span> +<span class="i0"><em class="antiqua">La plus belle des maîtresses — —</em><br /></span> +</div></div> + +<p>Ich floh die Stufen empor, — riß die Türe auf und +setzte mich erschöpft auf die Treppe. Aber sie krochen +mir nach — auf Händen und Füßen — wie Würmer. +Mit den letzten Kräften schlich ich in mein Zimmer. +Und plötzlich kam mir zum Bewußtsein, daß ich — Alix<a name="Page_305" id="Page_305"></a> +Kleve — hier in triefenden Kleidern auf dem Bette saß. +Ein Grauen überfiel mich, als wäre ich mein eigenes +Gespenst und schwebte im schwarzen grenzenlosen Weltraum. +Die Sinne vergingen mir.</p> + +<p>Acht Tage fast lag ich in völliger Apathie. Dann +ging ich aus, und bald darauf ins Theater. Man gab +»Hoffmanns Erzählungen« — selbst bei der Barkarole +klopfte mein Herz nicht. Es war mir offenbar abhanden +gekommen. Nach weiteren acht Tagen tanzte ich wieder. +Mama triumphierte.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_306" id="Page_306"></a></p> +<h2><a name="Elftes_Kapitel" id="Elftes_Kapitel"></a>Elftes Kapitel</h2> + + +<p>»Wissen Sie das Neuste!« rief mir eine meiner +Konkurrentinnen auf dem Kampfplatz +weiblicher Eitelkeit zu, als wir gerade in +der Quadrille einander gegenüber standen; »Prinz Hellmut +ist — krank und hat sich auf ein Jahr beurlauben +lassen,« — dabei lächelte sie, halb triumphierend, halb +schadenfroh, wie eben nur eine Frau lächeln kann.</p> + +<p>»Ich weiß, er trug sich schon lange mit diesem Plan,« +antwortete ich mit vollkommener Ruhe.</p> + +<p>An dem Abend tanzte ich bis zur Erschöpfung und +hatte für alle ein liebenswürdiges Wort, einen koketten +Blick, so daß die Kotillonsträuße auf meinem Schoß sich +häuften wie noch nie. Als ich aber zu Hause am offenen +Fenster stand und die würzige Märzluft das schwüle +Zimmer mit einer Ahnung neuen Frühlings füllte, warf +ich mit einem Gefühl des Ekels das glitzernde Ballkleid, +die künstlichen Rosen, die seidenen Schuhe von mir.</p> + +<p>»Ich kann nicht mehr,« sagte ich zu mir selbst; alles +erinnerte mich hier an die Vergangenheit, jeden Blick, +jedes Lächeln empfand ich, als ob schmutzige Hände mich +betasteten. Ich mußte fort, weit fort!</p> + +<p>Es kostete mich nur geringe Mühe, meine Eltern zu +bewegen, mich verreisen zu lassen. Die gesellschaftlichen<a name="Page_307" id="Page_307"></a> +Pflichten waren für diesen Winter erledigt, meine Gesundheit +bot stets willkommenen Vorwand zu frühen +Landaufenthalten; es bedurfte nur einer Ansage, und ich +konnte schon in den nächsten Tagen in Pirgallen eintreffen. +Unter dem Schutz einer Bekannten, deren Anwesenheit +mich zur Selbstbeherrschung zwang, fuhr ich +nach Berlin, wo Onkel Walter, der zum Reichstag dort +war, mich in Empfang nahm.</p> + +<p>»Na, du machst ja nette Streiche,« war sein erstes +Wort. Peinlich überrascht sah ich auf. »Wir hatten +dich eigentlich ein paar Wochen hier behalten wollen,« +fuhr er fort, »aber deine Affäre ist so sehr in aller +Munde, daß es besser ist, wir lassen Gras darüber +wachsen, ehe du dich zeigst.« Seine Frau benützte die +Gelegenheit, um über meine »mißglückten Pläne«, meinen +»bestraften Ehrgeiz« kleine bissige Bemerkungen zu machen, +so daß ich erleichtert aufatmete, als ich im Zuge nach +Königsberg saß.</p> + +<p>Mit einer Zärtlichkeit, die mir noch inniger schien als +früher, und die das einzige war, wodurch Großmama +mir ihr Wissen verriet, schloß sie mich in die Arme. +Es war so still, so friedlich in ihren grünen Zimmern, +hinter den dicken Mauern, als ob es in der ganzen +Welt gar keine Stürme gäbe. Aber schon nach wenigen +Tagen sollte ich an sie erinnert werden. Gleichzeitig +kamen von meinen Eltern zwei Briefe an. Ich öffnete +den von Mama zuerst — ich fürchtete mich instinktiv +vor dem anderen.</p> + +<p>»Dein Vater«, schrieb sie, »ist in einer solchen Aufregung, +daß ich es für nötig halte, seinen Brief nicht +ohne den meinen abgehen zu lassen. Die Versetzung nach<a name="Page_308" id="Page_308"></a> +Bromberg traf ihn wie der Blitz aus heiterem Himmel. +Wenn sie auch gewiß keine direkte Zurücksetzung bedeutet, +so hängt sie sicherlich mit Deiner traurigen Angelegenheit +zusammen, die höhern Orts nicht unbemerkt und +nicht ungerügt bleiben konnte. Möchtest Du daraus +endlich die Lehre ziehen, daß Du Deine Launen und +Leidenschaften im Zaum halten mußt, wenn Du nicht +Dich und Deine Eltern zugrunde richten willst ...«</p> + +<p>Mit zitternden Händen riß ich Papas Brief auf. Er +lautete:</p> + +<p>»Mein liebes Kind! In der Bibel steht, daß die +Sünden der Väter an den Kindern heimgesucht werden, +aber die andere bittere Wahrheit, die ich am eignen +Leibe erfahren muß, steht nicht darin: daß die Väter +für die Sünden der Kinder büßen müssen. Ich bin +zum Chef der Landwehr-Inspektion in Bromberg ernannt +worden, — das ist nichts anderes als eine ehrenrührige +Strafversetzung, die ich mit meinem Abschiedsgesuch beantworten +würde, wenn ich nicht genötigt wäre, weiter +zu dienen, um meine Familie zu erhalten ...«</p> + +<p>Ich konnte der Tränen nicht Herr werden, als ich +Großmama die Briefe zu lesen gab. Mit ihrer schmalen +kühlen Hand strich sie mir über die heiße Stirn und +sagte begütigend: »Dein Vater übertreibt in der Erregung +gern ein bißchen, mein Alixchen; es ist gewiß nicht so +schlimm, wie es ihm erscheint, und du wirst es ihm nun +auch tapfer und liebevoll tragen helfen.« Aber ich ließ +mich nicht so leicht beruhigen. Ich schwelgte förmlich +im selbstquälerischen Bewußtsein einer Schuld, die mir +doch nicht als bewußte Verschuldung erscheinen konnte.</p> + +<p>»Es ist mein Schicksal, allen, die mich lieben, Unglück +<a name="Page_309" id="Page_309"></a>zu bringen —« so formulierte ich eines Tages Großmama +gegenüber das Resultat meiner Grübeleien. »Das +ist eine kindliche und — was schlimmer ist — alle Kräfte +lähmende Auffassung,« antwortete sie: »tragische Heldinnen +solcher Art gibt es nur in Schicksalstragödien, die auch +als Kunstwerke nichts taugen.«</p> + +<p>Mit einem unmerklichen Zwang, dessen Konsequenz +mir erst viel später klar wurde, lenkte sie mich von der +Beschäftigung mit mir selber ab.</p> + +<p>Sie hatte einen Kinderhort ins Leben gerufen, wo +die noch nicht schulpflichtigen Kleinen unter Aufsicht +einer alten Frau aus dem Dorfe spielten und in die +ersten Begriffe der Reinlichkeit eingeweiht wurden. Großmama +brachte täglich ein paar Stunden unter ihnen zu +und saß, wie eine Erscheinung aus anderer Welt in +ihrem schwarzen Sammtkleid auf erhöhtem Sitz, mit den +feinen Fingern Papierpuppen ausschneidend, während +sie den Flachsköpfen, die sie dicht umdrängten, Märchen +erzählte. Dazwischen flocht sie manchem Ruschelkopf die +Zöpfe, oder putzte ein triefendes Näslein, oder wusch +ein paar gar zu schmutzige Pfötchen. Was sie mit +freundlichem Gleichmut tat, das kostete mir viel Selbstüberwindung. +Diese Kinder straften die beruhigend-sentimentale +Auffassung von der blühenden ländlichen +Jugend Lügen. Nur wenige waren rund und pausbäckig +und körperlich fehlerlos. Die meisten wackelten mühsam +auf krummen Beinchen daher, an Ausschlägen an +Kopf und Körper, an triefenden Augen litten viele, +selbst Krüppel fehlten nicht, und mit Schmutz und Ungeziefer +waren fast alle behaftet. Manche unter ihnen +stierten mit verblödeten Blicken ins Leere, oder saßen +<a name="Page_310" id="Page_310"></a>stundenlang auf demselben Fleck, wie lebensmüde Greise. +Andere, laute und lärmende, führten Worte im Munde, +deren Sinn, den ich erst allmählich erriet, mir die Schamröte +in die Wangen trieb. Ob es ihnen wirklich irgend +etwas nutzen konnte, daß sie hier während ein paar +Kinderjahren vom inneren und äußeren Schmutz ein +wenig gereinigt wurden?! dachte ich bei mir und wurde +in meiner Vermutung bestärkt, wenn sich ihre eigenen +Mütter immer wieder über die gesundheitsschädliche +Anwendung zu vielen Wassers beklagen kamen.</p> + +<p>»Und wenn wir nichts weiter erreichten, als ihnen +ein paar fröhliche Stunden schaffen und für ihr ganzes +späteres Leben die wohlige Erinnerung an etwas Sonnenschein — so +ist das genug,« sagte Großmama.</p> + +<p>Wir gingen auch ins Dorf und besuchten die Insten. +Mit unheimlicher Regelmäßigkeit wiederholte sich dabei +stets dasselbe: Frauen empfangen uns, oft kaum dreißigjährig +und schon mit grauen Haaren, schlaffen Brüsten +und runden Rücken, Greisinnen unter ihnen, zahnlose, +mit tausend Falten in der Pergamenthaut, aber nur +hie und da blühende junge Mädchen. Die gingen alle +in die Stadt, in den Dienst oder in die Fabrik, und +brachten, wenn sie heimkamen, vaterlose Würmchen mit, +die die alten Eltern schlecht und recht aufziehen mußten. +Immer warens dieselben Klagen, die uns entgegenschollen: +der Vater, der Gatte, der Sohn vertrank die +paar Groschen Verdienst und lohnte Weiber und Töchter +obendrein mit Schlägen, wenn Schmalhans zuhause +Küchenmeister war.</p> + +<p>Nicht weniger als drei Schankwirte machten sich +in Pirgallen die Gäste streitig. Der scharfe Geruch +<a name="Page_311" id="Page_311"></a>von Fusel, schlechtem Tabak und Menschenschweiß, +der in ihren Räumen klebte, ließ mir vor Ekel +den Atem stocken, und doch war der Aufenthalt dort +noch besser, als in der Stickluft der Häuser, zwischen +lärmenden Kindern und keifenden Frauen. Mich grauste +vor jedem Trunkenbold, — jetzt fing ich an, ihn zu verstehen. +Vergebens hatte Großmama bei ihrem Sohn +die Einrichtung von Leseabenden, die Einführung guter +Bücher für Pirgallens Bewohner zu erreichen gesucht, +damit sie den Weg ins Wirtshaus seltener fänden. +»Das hieße Bedürfnisse wecken, die schließlich zur Landflucht +treiben,« war seine Antwort gewesen.</p> + +<p>Nur weiter draußen, wo die Häuser der Fischer einsam +am Haffstrand lagen und die grauen Wellen jetzt im +März noch Eisschollen auf ihrem Rücken trugen, lebten +die Familien nach uraltem Brauch friedlich zusammen. +Die kurze Pfeife in Mund, flickte der Hausvater die +Netze, und die Hausfrau saß am Webstuhl, schweigsam +wie er. Kam der Feierabend, so las der Alte aus der +vergriffenen Bibel mit schwerer, eintöniger Stimme, und +ein Gebet schloß den Tageslauf. Und doch kam mirs +hier unheimlicher vor als im Dorf. Hier herrschte +noch mit eiserner Strenge das Gesetz der Unterordnung +der Kinder unter den Willen der Väter. +Jeder Wunsch in die Ferne wurde erstickt, zerprügelt, +jede lebenswarme Freude starb, wenn sie hier in die +Türe trat.</p> + +<p>Wir kamen nie mit leeren Händen, der Dank war +immer ein überschwenglicher, der nicht im Verhältnis +zur Gabe stand. Mochte er nun von Herzen kommen +oder verlogen sein, mir war er gleich unerträglich.<a name="Page_312" id="Page_312"></a> +Großmama meinte, daß ich durch sein Abwehren beleidigend +wirkte.</p> + +<p>»Ich kann nicht anders, Großmama,« sagte ich, »wenn +ich der armen Lene eine Suppe bringe, so schäme ich +mich, daß ich mich am liebsten vor ihr verstecken möchte. +Warum in aller Welt bin ich nicht die Lene?!«</p> + +<p>»Daß du es besser hast, mußt du mit besser sein vergelten,« +entgegnete sie ernst. Meine Empfindung aber +steigerte sich nur. Das Rätsel des Elends in der Welt +und seine Unlösbarkeit richtete sich riesengroß vor mir +auf, ein Felsentor mit schwarzer Eisenpforte. Rostflecke +bedeckten sie und Blut klebte an ihr, — Zeichen der vielen, +die an ihr rüttelnd vergebens Eingang verlangt hatten. +Niemand besaß den Schlüssel, und der Glaube, der über +sie hinwegträgt zu sonnigen Welten jenseitiger Vergeltung, +war mir verloren gegangen.</p> + +<p>Abends lasen wir miteinander, Großmama und ich. +Die stenographischen Berichte der Reichstagsverhandlungen, +die sie durch ihren Sohn regelmäßig erhielt, +bildeten damals ihre Lieblingslektüre. Mich langweilten +sie zunächst schrecklich, ich verstand ja nicht einmal das +ABC der Sache. Daß Bismarck, den wir alle wie +einen Halbgott verehrten, sich mit der ganzen Leidenschaft +seiner Sprache, dem ganzen Gewicht seiner Persönlichkeit +für etwas, meiner Empfindung nach so Untergeordnetes, +wie das Branntweinmonopol ins Zeug legte, kam +mir komisch, ja fast verächtlich vor. Erst als Ende März +die Frage der Verlängerung des Sozialistengesetzes auf +der Tagesordnung stand, wuchs mein Interesse mit der +dramatischen Bewegtheit der Verhandlungen.</p> + +<p>Meine Großmutter war von je her eine Gegnerin aller<a name="Page_313" id="Page_313"></a> +Ausnahmegesetze gewesen, mochten sie sich nun gegen +Polen oder gegen Sozialdemokraten richten. »Sie schaffen +nur Märtyrer, und Märtyrer werben Scharen von +Proselyten,« pflegte sie zu sagen; aber sich mit Söhnen +oder Schwiegersohn, denen keine Maßregel gegen die +Umstürzler energisch genug war, darüber auseinander +zu setzen, hatte sie längst aufgegeben. Mir selbst ging +es in bezug auf die Sozialdemokratie, wie den meisten +Menschen in bezug auf die Religion: ich hatte noch nie +über sie nachgedacht, ich vermochte es kaum, weil gewisse +dogmatische Anschauungen sich mir von klein auf als +etwas Selbstverständliches eingeprägt hatten, ohne daß +mein Glaube daran ein irgendwie lebendiger gewesen +wäre. Sozialdemokraten sind Verbrecher, auf deren ungeschriebenen +Tafeln der Königsmord zum Gesetz erhoben +wird; sie sind gemeine Lüstlinge, die ein Leben niedrigster +Genüsse zum Ziel alles Strebens machen; sie sind Volksverführer +und Betrüger, die, wo es ihren Vorteil gilt, +die Ideale der Freiheit und Brüderlichkeit im Munde +führen, — nie hatte ich etwas anderes gehört, noch nie +war mir ein Zweifel an diesen traditionellen Auffassungen +in den Sinn gekommen. Die kalte Atmosphäre der +Ideallosigkeit, in der auch die Religion zu Eis erstarrte, +und die die Lebensluft der Kreise war, in denen ich +lebte, ließ mich immer stärker frösteln, je älter ich wurde, +und steigerte meine Sehnsucht nach einem heißen Sonnenland +des inneren Lebens, wo Hoffnungsblumen noch +wachsen können. Die Sozialdemokratie, die auf unseren +alten Kaiser die Mordwaffe gerichtet hatte, die das +Vaterland ständig beschimpfte, die Familie zerstören, die +Frauen zum Gemeingut machen wollte, erschien mir wie +<a name="Page_314" id="Page_314"></a>die letzte Entwicklungsphase der Vereisung. Es gab +daher Augenblicke, wo ich meinem Vater und meinem +Onkel mehr beipflichtete als meiner Großmutter und +deren Wunsch, »die infamen Kerls an den Laternenpfählen +aufzuknüpfen«, mich nicht empörte.</p> + +<p>Mit steigendem Staunen las ich jetzt die Debatten. +Als der Minister von Puttkamer, — der mir als kirchlicher +Reaktionär schon unangenehm genug war, — die gegen die +Übermacht reicher Fabrikanten um ihr Brot kämpfenden +belgischen Kohlenarbeiter, von denen damals die Presse +voll war, als Beispiel jener »sozialrevolutionären Bewegung« +hinstellte, der die deutsche Regierung »mit niederschmetterndem +Widerstand begegnen« würde, frappierte +mich diese Identifizierung armer darbender Arbeiter +mit den deutschen Sozialdemokraten außerordentlich, und +als Bebel antwortete, vergaß ich über alledem, was er +sagte, die Person des Redners. Daß der Übermut der +durch die Arbeit der Armen reich gewordenen belgischen +Fabrikanten und die Unterstützung, die die Regierung +ihnen angedeihen ließ, indem sie mit militärischer Gewalt +wie gegen Vaterlandsfeinde gegen die Bergarbeiter vorging, +die revolutionäre Bewegung hervorgerufen hätte, — hervorrufen +mußte, weil Menschen auf die Dauer +keine stumpfsinnigen Sklaven sind, ebenso wie die Herrschaft +der Knute in Rußland notwendig den Meuchelmord +zeugte, — das alles wirkte auf mich mit der Selbstverständlichkeit +eigenster Gedankengänge, und mich empörte +die versteckte Absichtlichkeit, mit der dem Redner die +Worte im Munde verdreht wurden und seine politischen +Gegner ihm immer wieder unterstellten, er habe den +Mord verherrlicht. Ich fiel erst wieder — und recht +<a name="Page_315" id="Page_315"></a>empfindlich — aus den Himmeln meiner Begeisterung, +als Stöcker von den elenden Löhnen Berliner Mäntelnäherinnen +sprach, und Singer, der Parteigänger Bebels, +der sich mir eben als Vertreter aller Unterdrückten +offenbart hatte, dem persönlichen Vorwurf, daß er selbst +durch solche Löhne reich geworden sei, nur mit lahmen +Ausreden begegnete.</p> + +<p>»Es ist wie bei den Predigern des Christentums,« +sagte ich, wie immer rasch verbittert durch eine Enttäuschung, +zu Großmama, »richtet euch nach meinen +Worten, aber nicht nach meinen Taten.« Und erheblich +ernüchtert las ich weiter. Aber schon wenige Seiten +später schlug meine Empfindung abermals um, — es +war eben nur Empfindung, die sich wie Sommerfäden +vom Winde hin und her treiben ließ, weil sie nicht +zwischen die festen Pfeiler der Erkenntnis gesponnen +war. Ein konservativer Redner verlas ein Zitat aus +dem Kommunistischen Manifest, wonach die Weibergemeinschaft +eines der Postulate der Sozialdemokratie +wäre. Aus Liebknechts Erwiderung ergab sich, daß es +sich auch diesmal um eine gegnerische Fälschung handelte. +Seinem ganzen Inhalt nach gab er das Manifest wieder. +Ich faßte nur auf, was mich am tiefsten traf: die Forderung +einer von ökonomischen Rücksichten vollkommen +losgelösten Ehe. Wurde nicht hier die Standarte eines +Ideals aufgerichtet, das die ganze christliche Zivilisation +nicht nur nicht verwirklicht, sondern mehr und mehr in +den Staub getreten hatte?!</p> + +<p>Ich sprach mit Großmama darüber.</p> + +<p>»Das ist das Verdienst der Sozialdemokratie,« sagte +sie, »über das man manche ihrer Sünden vergessen +<a name="Page_316" id="Page_316"></a>könnte, daß sie alte wahrhaft christliche Ideale in ein +neues Kleid gesteckt hat und die Menge glauben läßt, +es handle sich auch um neue Körper. Aber eine Verwirklichung +kann sie trotzdem nicht dekretieren. Jahrhunderte +einer christlichen Erziehung und Gesetzgebung +gehören dazu. Sieh dir doch hier einmal die Menschen +an. Schon die Verwirklichung einer uns so geläufigen +Forderung, wie die des allgemeinen Stimmrechts, erscheint +angesichts ihrer verfrüht. Oder meinst du, daß +es zum Besten der Menschheit ist, wenn die Mehrheit, +d. h. heute noch die Schlechten, die Dummen und Rohen, +an ihrer Spitze stehen?« Ich verstummte vor diesem +Argument: unsere betrunkenen Instleute — entscheidende +Faktoren in Fragen der Kulturentwicklung, das war +zweifellos absurd.</p> + +<p>Von Disraelis »Sybil« und Zolas »Germinal« hatte +Liebknecht in derselben Rede gesprochen. Wir lasen +daraufhin beides: das schwächliche Werk des Engländers, +das nur darum erstaunlich war, weil ein Premierminister +sich so offen auf die Seite der »schwarzen +Arbeiter« hatte stellen können, und den Roman des +Franzosen, der mir täglich neue Schauer des Entsetzens +über den Rücken jagte, dessen fürchterliche Bilder mich +bis in meine Träume verfolgten. Ich sah die Maheude +auf dem Schlachtplatz vor dem Schacht neben dem toten +Mann im schwarzen Schlamme sitzen und Katherine +und Etienne tief in der dunkeln Grube, wo gurgelnd +das Wasser höher und höher an ihnen emporstieg, und +der Hunger mit kalten Knochenfingern ihren Leib zusammen +schnürte, während der gedunsene Leichnam des +gemordeten Rivalen wieder und wieder von den Wellen +<a name="Page_317" id="Page_317"></a>zu ihnen empor getragen wurde; — aber fürchterlicher, +als all diese Bilder, haftete ein anderes unauslöschlich +in meinem Gedächtnis: jener grauende Morgen, an dem +sich vor dem wieder geöffneten Schacht scheu und gebückt, +still und demütig all die zusammen fanden, die eben +noch für ihre Freiheit Leib und Leben eingesetzt hatten. +»Was willst du — ich hab ein Weib!« sagten sie müde, +»ich habe Kinder — eine Mutter — mich hungert;« +und die Maheude, die Furie des Aufstands, zählte schon +die Jahre ihrer Jüngsten, bis auch sie reif wären zur +Einfahrt, — »sie tragen alle ihre Haut zu Markte, die +Reihe kommt auch an sie!« — Daß es Hunger und Not +und Elend gab, — entsetzlich war es; entsetzlicher noch, +daß die Menschen es ertrugen.</p> + +<p>Inzwischen war über Nacht mit all seiner Herrlichkeit +der Mai ins Land gezogen, und vorbei wars mit der +Stille in Großmamas grünem Zimmer. Ihr Sohn und +die Seinen kehrten heim, und ein Taubenschlag war aufs +neue das alte Schloß von Pirgallen. Ich wars zufrieden; +ein Netz von Schwermut schnürte mir den Atem +ein, leer, zweck- und ziellos erschien mir das Leben, und +alle Mittel versagten, um mir selbst zu entfliehen.</p> + +<p>»Ich habe in letzter Zeit wieder so unter den einsamen +Grübelstunden gelitten und war so am Ende alles +Denkens angelangt,« schrieb ich an meine Kusine, »daß +der Trubel der Gefälligkeit gerade zur rechten Zeit kam; +ich muß in diesem betäubenden Meer des Vergebens +wieder untertauchen, um nicht zu sterben vor Melancholie.« +Und ein paar Wochen später: »Wenn man mit sich und +der Welt so zerfallen ist wie ich, so ist es das Beste, +nicht zur Besinnung zu kommen. Ich genieße das Leben, +<a name="Page_318" id="Page_318"></a>so lange ich jung bin und man mir huldigt, und betäube +die warnenden Stimmen im Innern. Ich reite, +ich rauche, ich bin kokett, ich mache extravagante Toiletten +und erlaube mir Dinge, die man zu verdammen pflegt, — aber +ich würde mir auch nichts daraus machen, +wenn ein Sturz vom Pferde, ein Umschlagen des Kahns +dem dummen Spaß ein Ende machen würde.«</p> + +<p>Mit einer gewissen kalten Neugier beobachtete ich +meine steigende Anziehungskraft auf die Männer. Ihre +Huldigungen wurden mir mehr und mehr zum Bedürfnis; +von ihrer Glut sprangen warme Wellen zu mir hinüber, +die mir zuweilen die Wohltat eigenen Feuers vortäuschten.</p> + +<p>An meinem Geburtstagsabend, nach einem durchtanzten +und durchspielten Tag, an dem ich mir aus +lauter Angst, an die Vergangenheit denken zu müssen, +keinen Augenblick Ruhe gegönnt hatte, schrieb ich an +Mathilde, die sich gerade im Harz befand und mich +dringend in die »Stille der Bergwelt« eingeladen hatte: +»Die Stille mag gut sein für den, der sich gern erinnert, +unsereins braucht die ewig knarrende Tretmühle des +Amüsements. Aber grüß mir immerhin den Harz; seine +Berge sind freilich Kinderspielzeug, seine Felsen eines +nichtsnutzigen Engels schlechte Kopien von Gottvaters +Wunderwerken, aber er hat einen Vorzug: die nahe Beziehung +zur Hölle, nach der ich ein unbändiges Verlangen +trage. Wenn der Teufel auf dem Brocken seinen +Repräsentationsball gibt, sag ihm, er soll mich nicht +vergessen. Er wird dir dankbar sein für deine Kupplerdienste, — ich +bin momentan geradezu eine Delikatesse +für ihn.«</p> + +<p>Wir siedelten bald darauf nach Kranz über, wo mein<a name="Page_319" id="Page_319"></a> +Onkel eine geräumige Villa dicht am Strand gemietet +hatte. Das reizende Seebad war überschwemmt mit +dem Adel Ostpreußens, und mit jener Selbstverständlichkeit +aller Bevorrechteten, die sich unbewußt immer +als Mittelpunkt des Weltganzen fühlen und die übrige +Menschheit nicht anders ansehen als ihre Kammerdiener, +vor denen man sich auch ungeniert gehen lassen +kann, dominierte unser großer lustiger Kreis überall: +wir nahmen die besten Plätze ein, die besten Schiffe +beanspruchten wir, und wir dachten nicht im entferntesten +an die Ruhebedürftigkeit anderer Badegäste, wenn wir +bis tief in die Nacht hinein im Kursaal tanzten und vom +Strand aus prasselnde Feuerwerke gen Himmel steigen +ließen. Unsere alten Herren saßen bei Regen und +Sonnenschein beim Skat und kümmerten sich wenig um +uns, so daß die Jugend sich doppelt des Lebens freute. +Ein kleiner Graf, den wir, wegen seiner frappanten +Ähnlichkeit mit den dünnen Spieläffchen aus Seide, +den Chenille-Grafen getauft hatten, gab den Ton an. +Er war häßlich, aber ungemein gewandt und graziös, +seine Schlagfertigkeit, sein beißender Witz, der nicht +frei von Zynismus war, seine chevalreske Art Damen +gegenüber, die einen Stich von Impertinenz besaß, seine +vielseitige künstlerische Begabung, die überall im leichtfertigen +Dilettantismus stecken geblieben war, machten +ihn in diesem Kreis zu einer nicht alltäglichen Erscheinung. +Eine »Partie« war er nicht; er konnte sich +daher onkelhafte Freiheiten gestatten, und für mich, die +ich, wie er, nichts suchte als Amüsement, war er der +gegebene Kavalier.</p> + +<p>Eines abends — wir saßen wie gewöhnlich im Sande +<a name="Page_320" id="Page_320"></a>und spielten Pfänderspiele — mischte sich ein neuer +Gefährte in unseren Kreis: Graf Göhren. Er erschien +mir sofort als des lustigen Chenille-Grafen direktes +Widerspiel, gemessen in den Bewegungen, etwas ungeschickt +sogar, ernsthaft, ein wenig verlegen. Wie ein +guter, treuer Pinscher sah er aus, mit runden erstaunten +Augen. Mich genierte seine Anwesenheit, ich wußte +nicht recht, warum. Es fügte sich in den folgenden +Tagen, daß wir uns näher kennen lernten, und als wir +einmal auf einem Spaziergang in den Dünen vor einem +Gewitter die Flucht ergriffen und, von der übrigen Gesellschaft +getrennt, in einem verlassenen Pavillon Schutz +suchten, legte er mit ungewöhnlich sorglicher Gebärde +seinen Mantel um meine Schultern. Ich wurde bis +ins Innerste warm dabei, — es tat so wohl, sich unter +gutem Schutz zu wissen! Abends am Strande war ich +nicht recht bei der Sache und horchte erst auf, als der +Chenille-Graf mit einer Gitarre unter dem Arm auf +mich zu trat. »Nun hab ich für Ihr Lied die Melodie +gefunden, Gnädigste,« sagte er, »wenn wir das anstimmen, +kriegen die Kranzer eine Gänsehaut vor Entsetzen.« +Mein Lied?! Ach so! — vor ein paar Tagen +hatte er mein Notizbuch gefunden, und keck, wie er war, +zum Lohn ein Gedicht begehrt, daß er darin entdeckt +hatte. »Darf ich es sehen?« frug Graf Göhren. Seine +Stirn runzelte sich, als er es las. »Sie werden es +nicht singen lassen« — sagte er darnach mit scharfer +Betonung zu mir gewandt. »Erlauben Sie, lieber Graf,« +warf der andere lächelnd ein: »Fräulein von Kleve hat +sich des Rechts darüber schon begeben.« — »Es bleibt +trotzdem ihr Eigentum, und ich versichere Sie, daß es +<a name="Page_321" id="Page_321"></a>niemand anders hören wird —«. Graf Göhrens Stimme +nahm einen drohenden Klang an, die Situation wurde +kritisch. Mir stieg das Blut zu Kopf, — mit welchem +Recht verfügte dieser Mann über mich?! Da sah der +Chenille-Graf mich mit seinem bezauberndsten Lächeln und +einem kecken Blinzeln seiner kleinen stechenden Augen +an: »Ich beuge mich selbstverständlich, wie immer, dem +Willen der Dame«, — und herausfordernd griffen seine +schmalen gebräunten Finger in die Seiten der Gitarre. +»Sie brauchen wirklich nicht um mein Seelenheil besorgt +zu sein; Graf Göhren,« spottete ich, »wenn mein Lied +Sie chokiert, steht es Ihnen frei, nicht zuzuhören!« Mit +kurzer Verbeugung reichte er mir das Papier. Es hatte +zu dämmern angefangen, und unsere Gefährten strömten +von allen Seiten zum gewohnten Platz. Eine Bowle, +ein paar Torten, das Ergebnis einer verlorenen Wette, +wurden von der Strandkonditorei herunter getragen, — »und +nun kommt das Beste!« rief der Chenille-Graf, +»unser künftiges Bundeslied:«</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Stoßt an mit mir! Füllt wieder die Pokale,<br /></span> +<span class="i0">Es schäumt der Wein, schäumt wie des Lebens Lust;<br /></span> +<span class="i0">Ein heitrer Sinn ziemt diesem Göttermahle.<br /></span> +<span class="i0">Im Fieber schlägt das Herz uns in der Brust,<br /></span> +<span class="i0">Laßt uns, damit die Sorgen uns versinken,<br /></span> +<span class="i12">Trinken!«<br /></span> +</div></div> + +<p>Die Herren im Kreise wiederholten den Refrain, die +Damen schwiegen.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Lind ist die Nacht, es duften süß die Rosen,<br /></span> +<span class="i0">Heiß ist der Mund, der sich auf deinen preßt;<br /></span> +<span class="i0">Noch ist es Zeit, zu lieben und zu kosen,<br /></span> +<span class="i0">Noch sei ein jeder Augenblick ein Fest.<br /></span><p><a name="Page_322" id="Page_322"></a></p> +<span class="i0">Laßt uns, so lang die Sommerblumen sprießen<br /></span> +<span class="i12">Genießen!«<br /></span> +</div></div> + +<p>Auf der Strandpromenade hinter uns sammelte sich das +Publikum. Von einer flackernden Laterne matt erhellt, +sah ich Göhrens Gesicht mitten darunter, und ihm zum +Trotz stimmte ich als einzige unter den jungen Mädchen, +deren Wangen sich vor Verlegenheit mehr und mehr +röteten, in den Refrain ein.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Es braust das Meer, das Schiff schwankt auf und nieder,<br /></span> +<span class="i0">Helljubelnd grüßen wir den Wellenschaum,<br /></span> +<span class="i0">Der Sturm singt uns das schönste aller Lieder<br /></span> +<span class="i0">Und wiegt uns ein zu wild-bewegtem Traum —<br /></span> +<span class="i0">Was ist das Ende, wenn die Wellen branden? —<br /></span> +<span class="i12">Stranden!«<br /></span> +</div></div> + +<p>Mit einem Akkord fanatischer Lebensfreude, der mir +in seiner grellen Dissonanz zu den Worten schmerzhaft +ins Herz schnitt, schloß der Sänger. Man drängte sich +um uns, die Gläser klirrten aneinander, ich hob das +meine noch einmal hoch empor wie zum Gruß an den +mißgünstigen Zuschauer, der unter der Menge verschwand.</p> + +<p>»Du hast dir wiedermal eine der besten Partien verscherzt,« +sagte Onkel Walter am Morgen ärgerlich zu +mir; »Graf Göhren ist abgereist.« Ich zuckte gleichgültig +die Achseln. »Du solltest zufrieden sein, wenn +überhaupt noch irgendwer ernsthafte Absichten hat, nach +dem Skandal mit —.«</p> + +<p>»Ich bitte dich, dies Thema ein für allemal unberührt +zu lassen,« unterbrach ich ihn heftig, »im übrigen erkläre +ich dir: lieber gehe ich betteln, als daß ich mich +verkaufe.«</p> + +<p>Onkel Walter wurde dunkelrot. »Mäßige dich, ja?<a name="Page_323" id="Page_323"></a>« +herrschte er mich an, dann zuckte ein bitteres Lächeln +über seine sonst so gemessen beherrschten Züge: »Glaubst +du, daß irgend einer von uns seinem Herzen hat folgen +können?!« Überrascht sah ich auf — welch Licht fiel +plötzlich auf das Glück von Pirgallen?!</p> + +<p>Im Spätherbst besuchte ich Großmama noch ein paar +Tage, um dann zu meinen Eltern nach Bromberg überzusiedeln. +Die letzten Monate krampfhaften Lebens +waren wie der Sturm gewesen, der dem noch immer +vom Sommer sehnsüchtig träumenden Baum die letzten +Blätter entreißt. Sonst, wenn michs fröstelte vor dem +nahenden Winter, gaukelte meine treue Gefährtin +Phantasie mir immer neue lachende Frühlingsbilder vor, +und meine junge, starke Hoffnung hielt sie gläubig fest. +Jetzt sah ich mich vergebens um nach den beiden. In +jener Nacht, da mein Herz gestorben war, hatten sie +mich wohl verlassen. Sie bleiben nur Lebendigen treu.</p> + +<p>»Ist es nicht merkwürdig, daß Ihr alle meinen Leichnam +für mich selbst halten könnt?!« schrieb ich an meine +Kusine, »oder meinst Du, ich lebte, nachdem ich mit vollen +Segeln ins Leben hinaus fuhr, um eine neue Welt zu +entdecken, und nun mitten auf dem Ozean treibe und nichts +gefunden habe als das ewige Einerlei der Wogen! — — — Nur +um eine Einsicht bin ich inzwischen reicher +geworden: daß das Glück, nach dem wir ein so unbändiges +Verlangen tragen, nichts ist als Betäubung. Betäube +durch Arbeit, Vergnügen, Liebe, durch Religion und +Kunst Deine Überlegung, betäube den Gedanken an all +das Elend in der Welt, geistiges und leibliches, betäube +die Erinnerung an selbstverschuldete Schmerzen, an gescheiterte +Hoffnungen mit einem dieser Narkotika, und<a name="Page_324" id="Page_324"></a> +Du wirst ›glücklich‹ sein. Je jünger man ist, desto +leichter gehts; es ist aber leider wie mit dem Morphium: +je mehr man seiner bedarf, desto weniger wirkt es ...«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Ich ging sehr ungern nach Bromberg. Ich fürchtete +mich. Vor Papas übler Laune, vor der Öde +der Kleinstadt. Nach einer Richtung wurde +ich angenehm enttäuscht: mein Vater war bei bestem +Humor und erzählte mir schon in den ersten zehn +Minuten des Zusammenseins, daß seine Stellung nicht nur +eine sehr angenehme und selbständige, sondern infolge der +anzeigenden Kriegswolken an der russischen Grenze eine +höchst interessante wäre. Aber in bezug auf die Kleinstadt +wurden meine schlimmsten Erwartungen übertroffen. +Es gibt welche, die erfüllt sind von Tradition; die +Giebelhäuser, die Türme, die Kirchen, die Stadtmauern +erzählen unablässig ihre alten Geschichten, und wir +träumen und phantasieren schließlich so gern mit ihnen, +daß wir die Welt draußen beinah vergessen; und andere +gibt es, die liegen warm und wohlig an breiter schützender +Bergbrust, ein Flüßlein rauscht und plätschert ihnen zu +Füßen, und ringsum breitet Mutter Natur ihr wunderlieblichstes +Spielzeug aus, — auch da ist gut sein für +arme heimatlose Wanderer; aber wo Pest und polnische +Wirtschaft die Häuser und Mauern zerfallen, die Wälder +rasieren ließen und die moderne Industrie lieblos und +gleichgültig an schnurgeraden Straßen Kasernen und +Fabriken baute, da ist recht eigentlich die Fremde, die +nie und nimmer zur Heimat wird. Daß der alte Fritz +hier den Kanal gebaut hatte, der die Weichsel mit der<a name="Page_325" id="Page_325"></a> +Oder verband, daß er die Schleusen mit vielen schönen +Bäumen umpflanzen ließ, dankte ihm jeder, der nach +Bromberg verschlagen wurde, — diese einzige Schönheit +des Orts machte es allein möglich, hier und da frei +aufzuatmen.</p> + +<p>Wie die Tiere sich in Form und Färbung ihrer Umgebung +anpassen, so nehmen die Menschen allmählich die +Stimmung ihres Wohnorts an. Ein schweres Grau +lagerte daher über der bromberger Geselligkeit, selbst +die Ballgeigen litten unter einer gewissen Apathie. +Dabei tanzte man unermüdlich mit einem erwartungsvollen +Eifer, als gelte es, das Vergnügen schließlich doch +einzuholen. Aber es lief immer wieder davon. Der +Flirt stand in schönster Blüte, und der Klatsch noch +mehr, — womit hätten sich die Leute auch sonst beschäftigen +sollen?! Es wimmelte von Uniformen aller +Art; aber selbst die schönste kavalleristische Farbenpracht +vermochte nicht über den Talmiglanz des Lebens hinweg +zu täuschen. Ich verkehrte viel mit jungen Frauen; +zwischen mir und den jungen Mädchen bestand nun einmal +ein gespanntes Verhältnis. »Ihr Leben allein widert +mich an«, schrieb ich an Mathilde, »ein bißchen Musik, +ein bißchen Malerei, ein bißchen Wohltätigkeit und unter +dieser Maske der guten Gesellschaft entweder nichts, oder +ein unklares Durcheinander von Romantik und unterdrückten +kleinen Passionen. Nie ein starkes Gefühl, nie +ein brennendes Interesse. O, daß ihr kalt oder warm +wäret!« Die Frauen hatten doch einen Lebensinhalt: +ihre Kinder, ihren Mann, ihre Häuslichkeit; freilich: Zeit, +an ihre Bildung zu denken, hatten sie nicht. Wie viele, +die abends in eleganter Toilette, Lebenslust heuchelnd, +<a name="Page_326" id="Page_326"></a>den Ballsaal betraten, standen vom frühen Morgen an +am Kochherd, nur mit dem Burschen, dem gutmütigen +»Mädchen für Alles« als Hülfe, und wuschen abends +heimlich bei verhängten Fenstern die Kinderwäsche selbst. +Zu standesgemäßer Geselligkeit verpflichtet, gaben sie +zwei langweilig-feierliche Soupers jährlich, fasteten vor- und +nachher, um sie möglich zu machen, und bezahlten +eine große Wohnung aus demselben Grunde. Wenn +sie aber dann, schlank und vornehm im glatten Schneiderkleid +an der Seite ihrer eleganten, säbelrasselnden +Männer über die Straßen gingen, folgten ihnen neidische +Blicke, denn das Volk hat die Naivität der Kinder, die +sich den König nur in Purpur und Krone, den Bettler +nur im durchlöcherten Kleide denken können.</p> + +<p>Der aus diesem Neide geborene Groll gegen den Offizier — einem +männlichen Seitenstück zu dem neidischen +Haß, mit dem die meisten Frauen jede schön Gekleidete +betrachten — war wohl noch nie so stark zutage getreten +als damals, wo selbst der Kleinstädter, den sonst die Wellen +geistiger Bewegungen kaum erreichten, an den parlamentarischen +Kämpfen um das Septennat lebhaften Anteil +nahm.</p> + +<p>Bromberg ist eine Industriestadt mit einer zum Teil +polnischen Arbeiterbevölkerung. Was Uniform trug, +vermied die Nähe der Fabriken. Als ich einmal mit +meinem Vater spazieren ritt, flog über eine Mauer weg +ein Hagel von kleinen Steinen unseren Pferden zwischen +die Beine. Sie stiegen erschrocken und sausten dann in +Karriere über die Landstraße, so daß mir Hut und Schleier +davonflog und es ein Stück Arbeit kostete, sich im Sattel +zu halten. Papa, der seinen Fuchs besser im Zügel hielt, +<a name="Page_327" id="Page_327"></a>war indessen vergebens den heimtückischen Angreifern +auf der Spur gewesen; er konnte sich nicht fassen vor +Wut, und ich hörte tagelang nichts anderes als sein +maßloses Schimpfen auf diese »Satansbrut von Sozialdemokraten.« +Niemand als sie waren die Attentäter +gewesen, sie, die sich im Reichstag durch ihre Haltung +gegenüber der Militärvorlage als Vaterlandsverräter +dokumentiert hatten, — sie, die nichts anders verdienten, +als samt und sonders nach den Kolonien deportiert zu +werden.</p> + +<p>Die Kriegswolken ballten sich gewitterdrohend zusammen. +Daß sie nur in der Phantasie Bismarks lebten, +als willkommenes Mittel, seine Forderungen durchzusetzen, — das +glaubten wir hier, dicht an der russischen +Grenze, nicht. Eine Tag um Tag steigende Erregung +bemächtigte sich unser: die jungen Offiziere strahlten in +der Erwartung, daß ihr Leben endlich zum Ereignis +werden könnte; mein Vater, der die Schrecken des +Krieges kannte, war bei allem Ernst, mit dem er die +Situation betrachtete, doch in gehobener Stimmung. +»Soldat sein und nur Krieg spielen und Rekruten drillen, +ist dasselbe wie Künstler sein und nichts als Malstunden +geben,« pflegte er zu sagen. In unserer nächsten Nähe +an der Grenze standen die Kosaken, und Woche um +Woche wurden die russischen Garnisonen verstärkt. Mein +Vater reiste nach Berlin. Wenige Tage nach seiner +Rückkehr wurden die Weisungen von dort unheildrohender. +In aller Stille wurden die Offiziere benachrichtigt, beizeiten +für rasche Entfernung ihrer Familien zu sorgen; +kam es zur Kriegserklärung, so konnten die russischen +Reiter in wenigen Stunden mitten in Bromberg sein.<a name="Page_328" id="Page_328"></a> +Mein Vater, der im Kriegsfall zum Kommandanten +der wichtigsten, weil der feindlichen Grenze am nächsten +liegenden Festung Thorn bestimmt war, bereitete seine +Equipierung bis in alle Einzelheiten vor, wir verpackten +Silber und Schmuck, stellten die Koffer bereit; denn +möglicherweise galt es, binnen wenigen Stunden die +Stadt zu verlassen.</p> + +<p>Da der Kriegslärm auch an der Westgrenze des Reichs +immer lauter wurde, konnte darüber kein Zweifel sein: +kam es zur Explosion dieses massenhaft angesammelten +Zündstoffs, so war es ein Weltkrieg, an dessen Schwelle +wir standen.</p> + +<p>Bismarcks fulminante Rede, sein Appell an die +Deutschen, die Gott fürchteten und sonst nichts in der +Welt, — die Ablehnung des Septennats und die Auflösung +des Reichstags steigerten die fieberhafte Erregung, +in der wir alle lebten. Zum erstenmal verfolgte ich mit +brennendem Interesse die Wahlkämpfe und begrüßte +freudig den Sieg der Vaterlandsfreunde über die Sozialdemokraten, +die uns wehrlos den Feinden hatten überliefern +wollen.</p> + +<p>Als aber dann der Kriegslärm so merkwürdig plötzlich +verstummte und all das glühende Feuer patriotischer +Begeisterung nur da zu sein schien, um die Gerichte gar +zu kochen, die Bismarck dem Reichstag vorsetzte, war ich +rasch ernüchtert.</p> + +<p>»Droben auf der kurischen Nehrung gibt es unheimliche +Berge von Sand. Sie wandern. Und immer +wieder pflanzen die Menschen junge Bäumchen in den +Boden, und so oft auch der gelbe Mörder über Nacht +wieder kommt und das grünende Leben verschlingt, — sie +<a name="Page_329" id="Page_329"></a>hoffen stets aufs neue, daß die Wurzeln ihrer Pflänzlein +die Erde umklammern und festigen werden. — Unser +Zeitalter ist wie die Dünen auf der Nehrung: es +duldet nichts Grünes. Vernünftige Leute werden darum +meine Dummheit verlachen, die mich zwingt, Hoffnungsbäume +hineinzusetzen und sie noch dazu mit der Treibhausluft +meiner Begeisterung zu umgeben ... Man +will nivellieren, und es ist, als ob man nach dem +Maßstab des kleinsten Baumes einen ganzen Wald zurechtstutzen +wollte. Die alten Ideale hat man zerstört — schon +das Wort ›ideal‹ entlockt den meisten ein +mitleidiges Lächeln — und hüllt sich nur hinein, +wie Schauspieler in die Toga der Gracchen, um +dem Pöbel weiß zu machen, man wäre ein echter +Volkstribun.</p> + +<p>Man jagt nach Bildung im Theater, in Ausstellungen, +auf Reisen, in der Lektüre, nicht um Kopf, Herz und +Seele zu weiten, sondern um seinen kritischen Witz vor +den Leuten leuchten zu lassen. Man nahm uns Genußfähigkeit +und gab uns Spottsucht dafür, wie man den +Kindern aus ›Anstandsgefühl‹ Götterbilder verhüllt und +ihnen die Trikotnacktheit des Ballets statt dessen zeigt. +Und dabei verhungern wir im stillen nach dem, was +die notwendigste Speise unseres inneren Menschen ist: +nach geistigem Genuß, nach dem Glauben an ideale +Güter. Noch schämen wir uns dieses Gefühls, noch +haben wir nicht den Mut zu uns selbst, aber wenn ich +auch in einem Käfig lebe, so spüre ich doch die Luft, +die draußen weht, und mir ahnt in jenen lichtesten +Momenten des Lebens, die die vernünftigen Leute phantastische +Nachtstunden nennen, daß junge kräftige Bäume +<a name="Page_330" id="Page_330"></a>den Flugsand doch noch fesseln und ihre toten Brüder +an ihm rächen werden.«</p> + +<p>Dieser Brief trug mir eine lange Moralpredigt von +der Empfängerin, meiner Kusine, ein; sie gehörte auch +zu den ›vernünftigen‹ Leuten, und schon längst hatte +unsere Korrespondenz den Charakter des Gedankenaustausches +vollkommen eingebüßt. Daß ich jemanden hatte, +dem gegenüber ich mich rückhaltlos aussprechen konnte, +war aber für mich Grund genug, sie aufrecht zu erhalten. +Auf meiner Reise nach Süddeutschland, die ich, +der Einladung von Tante Klotilde folgend, schon im +Mai des Jahres 1887 antrat, hielt ich mich in Magdeburg +eine Woche bei Mathilde auf. Ich wäre am +liebsten schon nach dem ersten Tage abgereist: eine +Häuslichkeit, wo die Armut in jedem Winkel zu hocken +schien und einen stillen siegreichen Kampf mit der Vornehmheit +kämpfte, die verschüchtert durch die Räume +schlich; ein von des Lebens Not gezeichneter, in der +muffigen Luft der Bureaus ständig mit seiner Sehnsucht +nach der freien Natur ringender Vater, der mit verbissenem +Haß alles verfolgte, was reich, was glücklich +war; die Mutter, die trotz ihrer drei Kinder alle bösen +Zeichen vergrämter Altjungfernschaft an sich trug; die +Söhne, geistig verkümmert, durch die Schultyrannei +um jeden Rest von Jugendfrohsinn gebracht; die Tochter, +meine Freundin, blaß, müde, mit Mädchenfreundschaften, +Gesangvereinen, und Sonntagsschularbeit mühselig ihren +Lebenshunger stillend, — daß es dergleichen gab, daß +sich solch ein Dasein ertragen ließ!</p> + +<p>In München traf ich meinen Vater. Wir reisten zusammen +nach Augsburg, einem schweren Augenblick ent<a name="Page_331" id="Page_331"></a>gegen. +Sein Bruder Arthur, mit dem er sich seit vielen +Jahren, wegen seiner Heirat mit einer Tänzerin, überworfen +hatte, war seit kurzem, nach dem Tode seiner +Frau, zu seiner Schwester gezogen, und diese wünschte +eine Versöhnung der Brüder. Mit jener Bereitwilligkeit, +die mein sonst so starrköpfiger Vater seiner Schwester +gegenüber stets an den Tag legte, hatte er sich ihrem +Willen gefügt. Wie schwer es ihm wurde, merkte ich +an seiner Aufregung. Es kam auch nur zu einer konventionellen +Verkleisterung des Bruchs, einem höflichen +Händedruck, einem taktvollen Nebeneinanderhergehen. +Ich wäre über diesen von mir nicht erwarteten friedlichen +Ausgang der Dinge sehr erfreut gewesen, wenn +der Zorn über die Art, wie meine Tante meinen Vater +behandelte, und wie er sich von ihr behandeln ließ, mich +nicht immer wieder übermannt hätte. Wie an einem +Schulbuben nörgelte sie den ganzen Tag an ihm herum, +und schmeichelte in einem Atem dem anderen Bruder. +Das Zivil meines Vaters mißfiel ihr — man sah ihm +immer an, wie unbehaglich ihm darin zumute war —, +wie bewundernswert war dagegen Arthurs Eleganz! +Sie spottete über seine zunehmende Körperfülle, — welch +jugendliche Schlankheit hatte Arthur behalten! Sie verfügte +rücksichtslos über seine Zeit, ordnete sich selbst dagegen +immer den Wünschen Arthurs unter. Sie hatte +ihr Haus seinetwegen auf den Kopf gestellt, ihre Möbel +ausgeräumt, um den seinen Platz zu machen, und mit einem +liebenswürdigen Egoismus, der ihren brutalen übertrumpfte, +spielte er den Herrn im Hause. Hatte sich mein Vater +den ganzen Tag ihren Launen gefügt, so hörte ich durch +die Tür, wie er sich nachts stöhnend im Bett hin und +<a name="Page_332" id="Page_332"></a>her warf. Eines Morgens saß ich im Gartenpavillon, +als er, anscheinend in heftigem Wortwechsel, mit der +Tante draußen vorüber ging. »Ich bin nicht dazu da, +euren Aufwand zu bestreiten,« sagte sie, »es sollte dir +wahrhaftig ausreichend sein, daß ich dich in deiner Tochter +so bevorzuge.« — »Wenn ich mich nur darauf verlassen +könnte,« stieß er hervor. »Ich breche mein Versprechen +nicht — Gott soll mich vor der Sünde bewahren,« +antwortete sie laut und fest. Sie gingen weiter. Nach +geraumer Weile kehrten sie denselben Weg zurück. Die +Tante hatte den Arm in den ihres Bruders gelegt. Sie +sprachen friedlich, fast zärtlich miteinander. »So werd' +ich einmal ruhig sterben können,« sagte mein Vater mit +weicher Stimme, »bis übers Grab hinaus will ich dir +dankbar sein, Klotilde!«</p> + +<p>Milder und gefügiger als je war er in den folgenden +letzten Tagen seines Augsburger Aufenthalts, er schien +kaum zu merken, mit welch satanischer Freude sie die +Situation ausnützte. Ich aber suchte ihm mit allen +Mitteln der Liebe und Zärtlichkeit das Leben zu erleichtern, +so daß er mich oft verwundert ansah und +lächelnd sagte: »Ja, was ist denn das mit dir? So was +hat dein alter Vater an seinem Töchterlein ja noch gar +nicht erlebt?!« Meinem Onkel ging ich aus dem Wege, +die Tante haßte ich fast.</p> + +<p>Nach meines Vaters Heimkehr reiste ich mit ihnen +nach Tegernsee, wo die Tante auf Wunsch Onkel Arthurs, +dem die Einsamkeit von Grainau unsympathisch war, +eine Villa gemietet hatte. An meinem Geburtstag, der +in die erste Woche unseres Aufenthalts fiel, nahm mich +der Onkel beiseite und drückte mir heimlich ein Kuvert +<a name="Page_333" id="Page_333"></a>in die Hand. »Ich weiß, Hans braucht Geld,« sagte er +beinahe schüchtern, »von mir nimmt ers nicht. Schick +ihm das — zur Verwahrung — als mein Geburtstagsgeschenk +an dich.« Er wartete meinen Dank nicht ab; +ich schickte noch in derselben Stunde die braunen Scheine +nach Bromberg; das Eis zwischen mir und Onkel Arthur +war gebrochen.</p> + +<p>Wir wurden gute Kameraden. Die strenge Tante +verwandelte sich unter seinem Einfluß zu einer mehr +als nachsichtigen. Er erreichte alles, was mir Vergnügen +machte, vorausgesetzt, daß es auch seinen Wünschen +entsprach! Endlich durfte ich hoch in die Berge +hinauf, — zu dem jahrelangen Ziel meiner Sehnsucht! Er +war ein ebenso leidenschaftlicher wie tollkühner Bergsteiger, +der Führer und gebahnte Wege verschmähte. Auf +dem Leonhardsstein, hinter Dorf Kreuth, der spitz und +gerade wie ein Kirchtum gen Himmel steigt, mußte ich +erst Probe klettern, ehe er mich überall hin mitnahm — auf +die Berge der Gegend zuerst und dann weiter, immer +weiter. Eine Sportausrüstung eigener Erfindung ließ +er mir machen: kurze Hosen und Gamaschen — etwas +Unerhörtes zu damaliger Zeit. Aber auch das ließ die +Tante geschehen, sie sträubte sich nur im Namen des +Anstands ein bißchen, als er den »Panzer« verbot. »Ich +faß dich jedesmal um die Taille und laß dich unweigerlich +sitzen, wenn du das Marterinstrument trägst,« sagte +er, und ich fühlte mit Wonne die Freiheit starker Atemzüge.</p> + +<p>Auf den Wallberg kletterten wir zuerst. Es gab damals +nur einen Hirtensteg hinauf und droben nur eine kleine +Hütte mit einfachem Heulager. Wir zündeten zum Zeichen +<a name="Page_334" id="Page_334"></a>unserer Ankunft auf der Spitze ein mächtiges Feuer an +und sahen schweigsam zu, bis es verglühte und das Tal +schwarz und dunkel unter uns lag. Um so leuchtender +strahlten jetzt die Sterne, und weiß und gespenstisch +glänzten von fern im Mondlicht die Schneegipfel zu uns +herüber. Mit einem tiefen, erlösenden Aufatmen breitete +mein Begleiter die Arme aus. »Ich lebe!« flüsterte +er. Wie weh mir der Jubel tat, der in seiner Stimme +lag! — Ich vergaß seine Nähe, lehnte den Kopf an den +Felsen und weinte — seit langer, langer Zeit zum erstenmal! +Unten in der Hütte, in dem starken Heuduft fand +ich keine Ruhe und saß die ganze Nacht auf der Altane, +während die Geister der Vergangenheit aus der Tiefe zu +mir aufstiegen, wie Nebel aus Fiebersümpfen. Die +Felsengesichter schnitten mir höhnische Fratzen, und still +und hoheitsvoll sahen weiße Riesenhäupter auf mich +herab.</p> + +<p>Mein Onkel war ein guter Reisekamerad, dessen Lebensfreudigkeit +seine grauen Haare vergessen ließ, dabei voll +rührender Sorgfalt für mich. Einmal saßen wir im +Sonnenschein vor der Sennhütte zur schwarzen Tenne. +Über dem offnen Feuer an einem primitiven Spieß briet +er uns ein Hühnchen; »Frauenzimmer sind zu dumm +dazu,« sagte er, und ich überließ ihm nur zu gern die +Arbeit, um, an die braunen Balken der Hütte gelehnt, +durch dunkelgrüne Tannenwipfel in die Sonne zu blinzeln. +Nach dem Mahl, das die nie vergessene Flasche +Moselwein würzte, streckte er sich mir zu Füßen ins +Gras und pfiff eine Tanzweise träumerisch vor sich hin. +»Komisch,« sagte ich halb zu mir selber, »du bist im +Grunde ein Primaner oder bestenfalls ein Sekondeleut<a name="Page_335" id="Page_335"></a>nant.« +Er lachte. »Das bin ich auch; die Jahre, die +zwischen damals und heute liegen, lebte ich nicht.«</p> + +<p>»Aber ...« ich stockte.</p> + +<p>»Sprichs ruhig aus: du hast mit dem Weib deiner +Wahl gelebt! Niemand weiß bis heute, daß diese zwei +Jahrzehnte die Hölle waren. Mein Stolz hieß mich +schweigen. Ich wollte nicht, daß Mutter und Geschwister +Recht behielten. Endlich kam die Erlösung: sie starb — seit +vielen Monden eine arme Irre, die nichts dafür +konnte, daß sie mich quälte,« — ganz alt sah der Onkel +plötzlich aus, — dann sprang er auf, schüttelte sich wie ein +nasser Jagdhund und fügte lächelnd hinzu: »die Liebe +ist Humbug, weißt du, echt ist allein die Natur, die +Kunst, die Wissenschaft. Ich freue mich auf das Leben +wie ein Student!«</p> + +<p>Unsere Ruhetage in Tegernsee waren beinahe anstrengender +als unsere Wanderungen. Von früh bis +spät wimmelte es von Gästen; wenn der Onkel irgendwo +jemanden traf, der ihm interessant zu sein schien, so +lud er ihn ein, ohne nach Nam' und Art viel zu fragen. +Es war eine bunte Gesellschaft, die sich auf die Weise +bei uns zusammenfand, denn Tegernsee selbst schien eine +Art neutraler Boden zu sein, wo die heterogensten Elemente +ihre Neugier nacheinander befriedigen konnten. +Da gab es Prinzen echter einheimischer und zweifelhafter +exotischer Art; Finanzgrößen dunkelster Herkunft; +alte Diplomaten, die bei irgend einem Hofskandal +Schiffbruch gelitten hatten; französische Marquisen, deren +Emailleur alle vier Wochen aus Paris kam, um ihrem +Antlitz die bezaubernde Frische zu verleihen, mit der sie +so siegessicher auf Eroberungen ausgingen; deutsche<a name="Page_336" id="Page_336"></a> +Gräfinnen, deren graziöse Pirouetten noch vor kurzem +die Balletthabitués der Großstädte entzückt hatten; und +um die Galerie moderner Typen der ›guten‹ Gesellschaft +voll zu machen, fehlte es nicht an österreichischen Erzherzogen, +sogar nicht an einem König, — wenn es auch +nur einer a. D. war, der von Neapel, — einem alten +Roué, und seiner wunderschönen extravaganten Königin. +Dazwischen bewegte sich das Künstlervolk — ein wenig +geniert die einen, ängstlich bestrebt, es den Vornehmen +möglichst gleich zu tun, die anderen, Menschen von +genialer Ungebundenheit unter ihnen, und ein paar +Auserwählte mit jener seltenen angeborenen Größe, die +sich überall mit gleicher Selbstverständlichkeit zu bewegen +vermag. Von mancher schönen österreichischen Komteß +flüsterte man sich zu, daß sie an der Entstehung Makartscher +Frauengestalten nicht unbeteiligt gewesen war, und +noch heut ließ sie es gern geschehen, wenn die Maler +sich an ihr begeisterten; ein Hauch von Romantik, der +die Dichter unweigerlich anzog, umschwebte den rotblonden +Kopf einer graziösen Baronin, von deren Beziehungen +zum Kronprinzen von Österreich Frau Fama +vernehmlich flüsterte. All das flirtete und rauschte in +knisternder Seide und weichem Spitzengeriesel am hellen +Strand des blauen Tegernsees, wo vor Jahrhunderten in +klösterlicher Einsamkeit der fromme Mönch Werinher der +allerseligsten Jungfrau süße Weisen gesungen hatte, oder +stieg in kokettem Jagdkostüm auf bequemen Wegen zu +den Sennhütten hinauf, deren Gäste noch vor kurzem +nur Dirndeln, Jäger und Wilddiebe gewesen waren. +Am späten Nachmittag rollten die Equipagen ins kreuther +Tal, wo hoch oben, von Bergen eng umschlossen, auf +<a name="Page_337" id="Page_337"></a>grünem Plateau die Kurmusik des Bades so komisch +quiekte und wimmerte. Man stieg dort aus, ließ seine +Toiletten bewundern, trank seinen Kaffee mit österreichischer +Betonung und von österreichischer Güte und +ging an dem Springbrunnen vorbei hinunter zu den +sieben Hütten, wo die Burschen in Kniehosen und Wadenstrümpfen, +die Madeln im Silbergeschnür und weitbauschendem +kurzem Gewand sich im Tanze drehten. Wenn +die Dämmerung kam und lustige bunte Lampions sich +wie leuchtende Girlanden von Hütte zu Hütte zogen, +dann änderte sich das Bild: weiße Schleppen wirbelten +zwischen den bunten Röcken, und Lackschuhe glitten zwischen +den Nagelstiefeln. Droben auf der Hohensteinalp die +blonde Sennerin und in der Langenau die schwarze Liese +wußten zu sagen, warum manch vornehmer Herr den +Weg nicht nach Hause fand — ach, und kleinwinzige +Buberln gabs im Tal und Mäderln, vaterlose, mit +feinen Fingern und schlanken Gliedern, gar wunderseltsam +anzuschaun!</p> + +<p>Wo sich im kreuther Tal die Wege kreuzen, der +eine zum Bad, der andere nach dem Achensee führt, lag +in einem weiten schattigen Park ein Haus, nicht viel +anders als das eines reichen Bauern, mit Galerien +ringsum und buntbemalten Läden. Auf den grünen +Rasenflächen davor, auf den Spielplätzen zu beiden +Seiten herrschte alltäglich ein frohes Leben und Treiben. +Der Gastfreundschaft schienen keine Grenzen gesteckt, zu +jeder Tageszeit ward man freudig begrüßt und reichlich +bewirtet. Mich lockte dies Haus schon lange; die ersten +Künstler, das wußte ich, gingen dort aus und ein. +Aber meine Tante rümpfte die Nase, wenn ich seiner<a name="Page_338" id="Page_338"></a> +Erwähnung tat, und mit tadelndem Kopfschütteln wurden +diejenigen aus unsern Kreisen betrachtet, die den Bann +gebrochen hatten und sichs wohl sein ließen in Schwarzeck. +Ein Baron Goldberger, ein Wiener Bankier, war der +Besitzer, und sein Aussehen verriet seine Rasse noch mehr +als sein Name, so daß sich ihm gegenüber jener ästhetische +Antisemitismus geltend machte, den auch Vorurteilslose +oft nicht abstreifen können. Der Magnet des Hauses +waren seine vier Töchter, von denen eine immer hübscher +war als die andre. Nachdem uns zu Ohren kam, daß +selbst der Herzog Karl Theodor bei ihnen verkehrte, überwand +Onkel Arthur den Widerstand der Tante, und eines +Nachmittags fuhren wir hin, um unsere Antrittsvisitte zu +machen. Schon diese ersten Stunden inmitten eines +Kreises von münchner Künstlern und Schriftstellern +öffneten mir Ausblicke in eine neue Welt: Fragen des +Lebens und der Kunst wurden mit so rückhaltloser Offenheit +besprochen, daß ich es zunächst fast peinlich empfand +und, ungewohnt, mich unter Fremden auszusprechen, außerstande +war, mich daran zu beteiligen. Um so aufmerksamer +hörte ich zu: war dies ein Abglanz der Welt, die +ich suchte, ein Teil jener Menschheit, die, von neuen +Idealen erfüllt, auszog, um sie zu erobern?!</p> + +<p>Ich wurde einer der häufigsten Gäste in Schwarzeck. +Ich trotzte selbst dem Befehl der Tante, die mich glaubte +zurückhalten zu können, wenn sie für mich nicht anspannen +ließ, und fuhr mit der Post, oder ging zu Fuß.</p> + +<p>Eines Nachmittags fand ich die Tee-Gesellschaft in +heftigster Debatte begriffen. Irgend ein Artikel aus +M. G. Conrads »Gesellschaft« schien der Anlaß gewesen +zu sein. Ich erinnerte mich dunkel, von dieser »sitten<a name="Page_339" id="Page_339"></a>losen,« +»die Sicherheit von Staat und Kirche untergrabenden« +Zeitschrift in unserer konservativen, norddeutschen +Presse — der einzigen, die ich zu Gesicht bekam — zuweilen +gelesen zu haben.</p> + +<p>»Und ich sage Ihnen, daß er recht hat — tausendmal +recht,« rief ein junger blonder Dichter, das gelbe Heft +wie eine Fahne schwingend, »Wahrheit, hüllenlose Wahrheit +ist die Muse der kommenden Dichtung. Nur indem +wir sie ohne Rücksicht auf hyperästhetische Altjungfernnerven, +auch in ihrer Häßlichkeit, auch mit ihren Schwären +und Wunden vor die Menschheit hinstellen, schaffen wir +Kunstwerke, Kulturwerte.«</p> + +<p>»Ernst ist das Leben, heiter sei die Kunst,« warf ein +Maler Pilotyscher Richtung ein, »sie soll uns erheben, +uns auf Momente wenigstens über das Elend des Daseins +hinweghelfen —«</p> + +<p>»Hinwegtäuschen, sagen Sie lieber,« mischte sich die +junge Frau eines münchener Redakteurs ins Gespräch, +die, wie man munkelte, unter anderem Namen Geschichten +schrieb, die junge Mädchen nicht lesen durften, +»sie soll den großen Kindern Märchen erzählen, statt +sie zu lehren, mit der brutalen Wahrheit des Lebens fertig +zu werden.«</p> + +<p>»Wenn das ihre Aufgabe sein soll,« entgegnete der +Maler, »dann werden wir glücklich dahin gelangen, +Operationssäle und Wochenstuben auf der Bühne zu sehen. +Mit dem Irrenhaus hat ja Ibsen schon den Anfang +gemacht.«</p> + +<p>Der Name wirkte vollends wie Sprengstoff. Seit dem +letzten Winter, wo der Herzog von Meiningen den unerhörten +Schritt gewagt hatte, die »Gespenster« auf seine<a name="Page_340" id="Page_340"></a> +Bühne zu bringen, wo Berlin dem Beispiel gefolgt war +und ein Kreis junger Heißsporne den Dichter auf den +Schild erhob, las und hörte ich oft von ihm, als von +einem halb Verrückten, einem, der mit Wollust im Schmutze +wühle. Ihn kennen zu lernen, hatte ich gar kein Verlangen +getragen, denn auf der Suche nach neuen Idealen +konnte er unmöglich ein Wegweiser sein.</p> + +<p>»Ibsen ist größer als Zola,« übertönte eine rauhe +Männerstimme wie ein ferner Lawinensturz die Durcheinanderredenden, +»Zola ist der Zustandsschilderer <em class="antiqua">par +excellence</em>, Ibsen aber legt die kritische Sonde an die +tiefsten Übel der Gesellschaft. Wenn Sie sich hier so +aufregen, meine Herrschaften, so zeigt das nur, daß es +irgendwo einen Punkt gibt, wo auch Sie unter seiner +Berührung schmerzhaft zusammenzucken. Daß wir vor +lauter Moral, vor lauter Pflichten, kurz vor all den +großen und kleinen Stricken und Ketten, die uns formen +und einschnüren, unser Ich verloren haben und als +Phantome toter Traditionen herumlaufen, statt als +lebendige Menschen, — das ist es, was jeden trifft, und +was Ibsen zeigt. Neugierig bin ich nur, ob diese Erkenntnis +uns schließlich zu Kettenbrechern machen wird, +oder ob irgend welche vorsorglichen Menschheitswärter +nicht schon mit neuen Zwangsjacken bereit stehen —«</p> + +<p>Das allgemeine Gespräch verlief sich allmählich in die +Rinnsale der Einzelunterhaltung und versickerte schließlich +im Sande der Alltagsfragen. Während die anderen sich +im Park zerstreuten, sprach ich den mit der rauhen Stimme +an, einen echten vierschrötigen Bajuvaren. »Können Sie +mir die Werke Ibsens nennen, die bisher in deutscher +Sprache erschienen sind?« Er musterte mich augenblinzelnd.</p> +<p><a name="Page_341" id="Page_341"></a></p> +<p>»Hm« — machte er — »obs der gnädigen Frau Tante +auch recht sein wird?!«</p> + +<p>»Darauf dürfte es kaum ankommen, da ich sie lesen +will,« entgegnete ich scharf, geärgert über die spöttische +Art seiner Antwort. Er lachte dröhnend.</p> + +<p>»Wir haben ja, scheints, auch so'n Tropfen Rebellenblut +in den Adern!« Mit großen, ungefügen Buchstaben +schrieb er mir die Titel der Bücher auf eine Ecke +Zeitungspapier, zerdrückte mir mit seiner Riesenfaust fast +die Hand, die ich ihm dankbar gereicht hatte, und stapfte +zum Parktor hinaus.</p> + +<p>»Wer war das?« frug ich eine der Töchter.</p> + +<p>»Ach — der! Den hat der Doktor neulich mal mitgebracht. +Wie er heißt, habe ich nicht verstanden. Ein +ungehobelter Gesell, nicht wahr?«</p> + +<p>Ich nickte zerstreut. Noch auf dem Rückweg gab ich +eine Karte an eine münchener Buchhandlung auf und sah +von nun an jedem Postboten erwartungsvoll entgegen, +heftige Kopfschmerzen als Vorwand meines ungewohnten +häuslichen Lebens vorschützend.</p> + +<p>Und endlich kamen die Bücher! Ich las sie nicht, — ich +trank sie, wie ein Durstender in der Wüste das frische +Wasser. Nicht das Kunstwerk genoß ich in ihnen, und +nichts sah ich von den handelnden Menschen; mir war +vielmehr, als hätte ich lange im Dunkeln erwartungsvoll +vor einem dichten Vorhang gestanden, den plötzlich ein +Sturmwind auseinanderriß, um mir den blendenden, +kristallhellen Spiegel dahinter zu enthüllen, der scharf +und klar mein eigenes Bild zurückwarf, und das der +Vielen um mich her.</p> + +<p>Worte las ich, die mich trafen wie Offenbarungen:<a name="Page_342" id="Page_342"></a> +von den wenigen Menschen, die auf Vorposten stehen +und für die Wahrheiten kämpfen, die noch zu neugeboren +sind, als daß sie die Mehrheit für sich haben +könnten. Und Tradition und Konvention sah ich ihrer +bunten Gewänder entkleidet als nackte Lügen vor mir, +und mit einem einzigen Blick erkannte ich des Weibes +Puppendasein. Lebte ich nicht auch davon, daß ich den +anderen Kunststücke vormachte?! »Ich habe Pflichten, +die ebenso heilig sind — Pflichten gegen mich selbst —;« +»ich muß nachdenken, ob das, was mir gelehrt wurde, +richtig ist, oder vielmehr, ob es für mich richtig ist —« +sagte Nora, und verließ das Puppenheim, um sich selbst +zu finden. »Irgend wie und wann werde ich handeln +müssen, wie Nora,« heißt es in meinem Tagebuch von +Sommer 1887, »viele Fesseln, — feine, die ich kaum fühlte, +und grobe, die sich mir ins Fleisch schnitten, — umschnüren +mich von klein an. Aber ich erkenne jetzt, daß ich jedes +Jahr einige davon abstreifte. Sollte ich nicht auch mit +den letzten fertig werden?« Und an meine Kusine, die +mir über meine Ibsenbegeisterung erschrockene <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'Verhaltungen'">Vorhaltungen</ins> +machte, schrieb ich: »Wer, wie Ibsen, den +Mut hat, das Schwache, das Schlechte, das geistig Tote +niederzureißen, der ist kein Pessimist, wie die Leute ihn +schelten, die zu feige und zu bequem sind, um die Augen +zu öffnen. Nur der lebensstarke Glaube an eine Zukunft, +für deren helle Tempel Platz geschaffen werden muß, gibt +die Riesenkraft zu solchem Werk der Zerstörung ... Du +warnst mich vor ›unüberlegten Handlungen‹; daraus sehe +ich, wie wenig du mich verstehst. Denn gerade damit +hat es ein Ende. Das Spiel ist aus. Auch ich muß +die Aufgabe lösen, mich selbst zu erziehen, ehe ich irgend<a name="Page_343" id="Page_343"></a>wo +Hand anlegen kann, wo es für mich etwas zu +tun gibt.«</p> + +<p>Der Schnee lag schon bis zum Tal hinunter, als ich +mich zur Heimkehr rüstete. Beim Abschied hielt der +Onkel meine Hand lange in der seinen. »Schade, daß +du den Bergen untreu wurdest,« sagte er.</p> + +<p>Langsam kroch der Zug von Gmund aus den Abhang +in die Höhe. Tief unten lächelte der See mit seinem +großen Vergißmeinnichtauge; freundliche rote Dächer +und spitze Kirchtürme grüßten von seinen Ufern, und +hinter ihm bauten sich Ketten um Ketten weißglänzender +Firnen auf. Nein, ich war den Bergen nicht untreu +geworden, und Höhenluft wars, die ich mit mir nahm.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_344" id="Page_344"></a></p> +<h2><a name="Zwolftes_Kapitel" id="Zwolftes_Kapitel"></a>Zwölftes Kapitel</h2> + + +<p>Ein Aufenthalt in Berlin galt mir immer als ein +Gipfel des Vergnügens, besonders wenn Onkel +Walter der Führer war. Niemand wußte wie +er, in welchen Theatern man am meisten lacht, in welchem +Zirkus am schneidigsten geritten wird, und wo man am +besten ißt und trinkt. Die acht Tage, die ich diesmal +auf der Durchreise nach Bromberg bei ihm verbrachte, +waren aber mehr eine Qual als ein Genuß für mich, +obwohl wir vor lauter »Amüsement« gar nicht zu Atem +kamen und meine lustige Tante sich über meine »blasierte +Miene«, mit der ich wohl »die neueste Mode mitmachte«, +nicht genug moquieren konnte. Wir waren bei Kroll +im »Mikado«, in der Friedrich-Wilhelmstadt und bei +Renz, wir saßen auf der Estrade im Wintergarten, +soupierten bei Hiller und im Kaiserhof, immer in +derselben Gesellschaft von Gardeleutnants und konservativen +Parlamentariern, aber von dem modernen +künstlerischen und literarischen Leben, dem mein ganzes +Interesse galt, war nur insofern etwas zu spüren, +als die einen es verhöhnten, die anderen nach dem +Staatsanwalt schrieen und der Rest heimlich und +voll zynischer Lüsternheit mit ihm liebäugelte, wie ein +alter Roué mit der Straßendirne. Familien-, Hof-<a name="Page_345" id="Page_345"></a> +und politischer Klatsch stand im übrigen im Mittelpunkt +der Unterhaltung, und dem Ärger und der Verstimmung +gab man, wie gewöhnlich, wenn man unter sich war, +den kräftigsten Ausdruck. Des armen kranken Kronprinzen +wurde kaum mit einem Wort des Mitleids gedacht, +die Empörung über den Einfluß der Kronprinzessin, +über die von ihr eingefädelte Battenberg-Affäre, deren +Schlußeffekt der Sturz Bismarcks hätte sein sollen, über +die ganze allmählich zu Macht und Ansehen gelangende +Kronprinzenpartei, die aus Juden und Judengenossen +zusammen gesetzt sei, war viel zu groß.</p> + +<p>Die von Bismarck kopulierte unnatürliche Ehe zwischen +dem Nationalliberalismus und den Konservativen +wurde hier, wo man sich keinerlei Zwang aufzuerlegen +brauchte, drastisch genug beleuchtet.</p> + +<p>»Hab ichs nicht immer gesagt,« rief bei einer +solchen Unterhaltung eines der ältesten Mitglieder des +Herrenhauses, der Typus eines echten Feudalherrn vom +guten Schlag, »daß wir uns nicht stärker blamieren +konnten, als durch diese Liierung mit den Industrierittern. +Nichts, gar nichts Gemeinsames haben wir +mit den Kerlen. Und 'ne Ehe gibts, wie die der Bienenkönigin, +die ihre werten Gatten töten läßt, wenn sie +ihre Schuldigkeit getan haben. Ist irgend einer unter +uns so dämlich, uns für — die Königin zu halten?!«</p> + +<p>»Na, hören Sie mal, lieber Graf, Sie werden doch +nicht behaupten wollen —« unterbrach ihn mein Onkel.</p> + +<p>»Gewiß behaupte ich —,« polterte der alte Herr +»laßt mal erst das Gesindel hoffähig werden — ein +›von‹ und ein ›Baron‹ ist heut schon eine Spielerei für +den, ders Geld hat —, dann wirds bei uns wie in<a name="Page_346" id="Page_346"></a> +England und in Frankreich: unsere Jungens reißen sich +um ihre Mädels, und von dem ganzen guten preußischen +Adel bleibt nichts übrig als der Name.«</p> + +<p>»Nur daß die Voraussetzung für Ihre Folgerungen +fehlen wird: der Kronprinz wird kaum zur Regierung +kommen, und mit seinem Tod haben die Ambitionen der +Herren Liberalen ihr Ende erreicht.«</p> + +<p>Der Graf lachte und klopfte Onkel Walter freundschaftlich +auf die Schulter: »Sie sind ein guter Kerl, +Golzow, aber das Pulvererfinden ist ihre Sache nicht! +Oder glauben Sie vielleicht, unter dem jungen Herrn +würde die Geschichte erheblich anders werden?! Der ist +heute konservativ — aus Opposition, natürlich! Er +bleibts vielleicht auch — dem Namen nach. Aber ist +er erst mal am Ruder, wird er auch mit gegebenen +Größen rechnen müssen. Ich werds ja, Gott Lob, nicht +erleben, aber Sie, meine Herren, werden in zwanzig +Jahren mal dem alten Lehnsburg recht geben, wenn +er ihnen heute sagt: bis dahin sind wir amerikanisiert, +und nicht die Ehre, nicht der reinliche Stammbaum bestimmen +mehr den Wert des Mannes, sondern das gute +Geschäft.«</p> + +<p>»Es würde uns heute schon nichts schaden, wenn wir +geschäftskundiger wären,« mischte sich Baron Minckwitz +ins Gespräch, der wegen seiner Teilnahme an +allerlei industriellen Unternehmungen schon etwas anrüchig +war, »man muß mit den Wölfen heulen, will +man nicht zugrunde gehen.«</p> + +<p>Graf Lehnsburg hieb mit der Faust auf den Tisch, +daß die Gläser klirrten. »Ich gehe lieber zugrunde!« +brüllte er. Ein peinliches Schweigen entstand. Mir +<a name="Page_347" id="Page_347"></a>gefiel die unverfälschte Echtheit des Alten. Er schien +mirs an den Augen abzusehn, und reichte mir über den +Tisch hinweg die Hand.</p> + +<p>»Verzeihung, mein gnädigstes Fräulein,« sagte er +lächelnd, »ich bin wirklich ein alter Mummelgreis, +daß ich in Anwesenheit junger Damen so ein Zeug +schwätze! Übrigens — ich wills gleich wieder gut +machen — richten Sie Ihrem Herrn Vater mein Kompliment +aus. Ich traf ihn vor vier Wochen in Stettin +bei Ihrer Majestät, er lief mir aber davon, ehe ich ihm +selber sagen konnte, wie glänzend seine Führung im +Manöver war. In der Umgebung Seiner Majestät +herrschte nur eine Stimme darüber.«</p> + +<p>Ich hatte bis dahin vom pommerschen Kaisermanöver, +bei dem mein Vater das Ostkorps, den »markierten +Feind«, zu kommandieren gehabt hatte, nur wenig gehört. +»Der Kaiser war außerordentlich gnädig,« hatte +er mir geschrieben, »die Ernennung zum Divisionskommandeur +kann jeden Tag erfolgen,« hatte Mama +hinzugefügt. Ich freute mich nun doppelt, Näheres zu +erfahren. »Sie wünschen am Ende eine Kriegsberichterstattung +mit allen Schikanen?« frug Graf Lehnsburg +und baute aus Brotkrümeln und Papierschnitzeln ein +ganzes Schlachtfeld auf, ohne erst meine Antwort abzuwarten.</p> + +<p>»Sehen Sie hier der Teller, das ist Stettin; +die Papierschnitzel davor, das ist das Dorf Brunn, +und hier die Semmeln, das sind die Höhen, die der +General von Kleve bereits im ersten Morgengrauen +des 14. September besetzt hielt. Er gehört noch zu der +alten Sorte, wissen Sie, die von Anno 70 her weiß, +<a name="Page_348" id="Page_348"></a>daß der, der am frühsten aufsteht, dem Siege am nächsten +ist. Dort drüben von der Ostsee her — der Rotweinklexs +reicht gerade für den Tümpel — kommt das +feindliche Korps auf Stettin zu marschiert, das es, nach +dem Ratschluß der obersten Götter, erobern soll. Der +Kleve war ja eigentlich nur dazu da, um totgeschossen +zu werden und den Ruhm des Gegners zu erhöhen. +Natürlich war dieser Gegner — wie das die Götter +mit ihren Lieblingen so zu machen pflegen — noch mal +so stark als er und hatte überdies in seiner Mitte so +was wie einen Schutzheiligen, der, wenn alle Stricke +reißen, immer noch seine Gläubigen heraushaut.« Er +legte dabei ein dickes Stück Schwarzbrot in die Mitte +der feindlichen Papierschnitzel. Die Anwesenden horchten +auf, lachten und rückten näher zusammen. »Nun war +aber ein Hundewetter an dem Tag, es regnete Bauernjungens, +darum entdeckte das Westkorps den General, +der schon eine ganze Weile mit allem nötigen Klimbim +auf seinen sieben Hügeln thronte, erst nach einigem unruhigen +Hin- und Herfackeln. Nachdem es die Situation +glücklich erfaßt hatte, ging es marsch, marsch im Sturm +voran. Prinz Wilhelm — der Schutzheilige, wissen +Sie! — führte dabei das Pommersche Grenadierregiment, +und ich glaube, jeder einzelne Kerl darin hatte schon +nach dem Kopf gegriffen, der bekanntlich den Lorbeer +zu tragen bestimmt ist, als er morgens in die Stiebeln +kroch. Aber Ihr Herr Vater hält offenbar nichts von +Heiligen, — er ist ein ausgemachter Ketzer, für den schon +irgendwo die Dienstbeflissenen den Scheiterhaufen zusammentragen, — er +empfing den Feind mit einem +mörderischen Feuer, und was von ihm nicht am Platze +<a name="Page_349" id="Page_349"></a>blieb, das hätte er, weiß Gott, noch gefangen genommen, +wenn nicht ein weiser Hoherpriester ihn beizeiten +davon abgeraten hätte. Der hat freilich zum Dank +dafür ein paar faustdicke Grobheiten einstecken müssen! +Es gab dann noch eine formidable Reiterattacke — ein +<em class="antiqua">théâtre paré</em> für die Fremden! —, wobei ein paar +tausend arme Gäule sich einbilden sollten, das Vaterland +retten zu müssen; aber auch die Vierfüßler im Ostkorps +zeigen sich als die stärkeren. Ein schauerliches +Abschlachten wärs im Ernstfall gewesen. Sie sehen, +Stettin konnte ruhig sein, — und der alte Herr hat in +der Kritik den General von Kleve über den grünen +Klee gelobt. Trotzdem wars eine hanebüchene Dummheit, +wie sie den Tapfersten immer zustößt, daß er — hm! — daß +er den — den Schutzheiligen nicht besser +respektierte.«</p> + +<p>Mein Onkel, der schon die ganze Zeit ungeduldig +mit den Fingern auf der Stuhllehne getrommelt hatte, +schien für den Humor der Sache keinen Sinn zu haben. +»Schon Wochen vorher habe ich meinen Schwager gewarnt,« +sagte er, »wer den Prinzen kennt, weiß, daß +er alles kann, nur nicht vergessen.«</p> + +<p>Angriffe auf meinen Vater konnte ich nie vertragen. +Mir stieg auch jetzt das Blut zu Kopf, und meine +Verteidigung fiel heftiger aus, als es nötig gewesen +wäre.</p> + +<p>»Ich finde, eine Rücksicht, wie du sie verlangtest, +wäre eine Pflichtverletzung gewesen. Wenn der Prinz, +der noch nie eine Kugel hat pfeifen hören, mit lauter +servilen Leuten zu tun bekäme, so würde es Deutschland +mal büßen müssen.«</p> +<p><a name="Page_350" id="Page_350"></a></p> +<p>»Bravo!« sagte Graf Lehnsburg. »Großspuriges Geschwätz!« +brummte der Onkel.</p> + +<p>Am frühen Morgen des nächsten Tages kam ein +Telegramm: »Division in Münster.« Mit beiden Füßen +zugleich sprang ich aus dem Bett. Westfalen: Das +nordische Rom — die Wiedertäufer — Annette Droste — der +Westfälische Friede — die Hermannsschlacht, — es +war eine verwirrende Vielheit bunter Bilder, die bei diesem +Namen vor mir aufstiegen. Ich fuhr noch am Nachmittag +nach Bromberg. Merkwürdig ernst empfing mich mein +Vater. Kaum daß ich eine Frage an ihn zu richten +wagte. Und auch zu Hause blieb er still, während mein +Schwesterchen voll Freude über den Wechsel im Zimmer +umhersprang und Mama die nächsten Pläne erwog. +Erst spät am Abend, als er seine gewohnte Patience +gelegt hatte und sich befriedigt, weil sie mit Mamas +Hilfe richtig aufgegangen war, in den Stuhl zurücklehnte, +fing er an, sich über die Zukunft auszusprechen. +Wir orientierten uns mit Hilfe der Rangliste über die +Verhältnisse seiner Division; bis nach Aachen und Paderborn +dehnte sie sich aus; lauter Städte voll historischer +Bedeutung gehörten zu ihren Garnisonen. In Münster +erwartete uns eine geräumige Dienstwohnung, eine glänzende +Geselligkeit; der Kommandierende war meinem +Vater als liebenswürdiger Vorgesetzter bekannt.</p> + +<p>»Und trotzdem —?« Ich stockte vor dem finsteren +Blick, der mich traf. Gleich darauf lächelte er ein wenig +gezwungen und strich sich halb nachdenklich, halb verlegen +den Bart. »Ihr merkt eben nichts, gar nichts,« +sagte er, »mit der Nase muß man euch darauf stoßen;« +damit wies er mit dem Finger in die Rangliste: »Die<a name="Page_351" id="Page_351"></a> +13. Division« stand dort, fett gedruckt. Die 13 aber +war rot unterstrichen.</p> + +<p>Mein Vater verließ die Gesellschaft, wenn dreizehn +bei Tische waren, er drehte um, wenn eine Katze ihm +über den Weg lief, und machte drei Kreuze, wenn ihm +beim Morgenritt als Erste ein altes Weib begegnete. +Ich lächelte leise und drückte schmeichelnd meine Wange +an die seine. »Den Spuk werden wir bannen, Papachen — auf +immer.«</p> + +<p>»Glaubst du?!« meinte er zweifelnd und starrte mit +großen Augen an mir vorbei ins Leere.</p> + +<p>Wir blieben nur noch wenige Tage. Der alte Packer +aus Berlin, der jedes Stück unserer Einrichtung kannte +und seine Kisten stets so wiederfand, wie er sie beim +letzten Umzug verlassen hatte, pflegte uns, wenn er kam, +ebenso entschieden wie freundlich hinaus zu komplimentieren. +»For ne Exzellenz is der Dreck nu jar +nischt,« sagte er diesmal, als er mit seinem Zeitungspaket +unter dem Arme eintrat. In Berlin hielten wir +uns noch auf der Durchreise auf. Während Papa sich +meldete, machten wir Besorgungen. Die Größe der +künftigen Wohnung hatte eine erhebliche Vermehrung +unserer Einrichtung notwendig erscheinen lassen, und +die alten Möbel waren schon lange eines neuen Gewandes +bedürftig. Auch an Toiletten für den nächsten +Karneval fehlte es uns. Unter dem Eindruck, nun nicht +mehr mit jedem Groschen rechnen, nicht mehr an allen +verlockenden Auslagen als bloße Zuschauerin vorbeigehen +zu müssen, verjüngte sich meine Mutter förmlich; ich +entdeckte zum erstenmal und nicht ohne Beschämung, +daß sie mit ihren dreiundvierzig Jahren noch immer +<a name="Page_352" id="Page_352"></a>eine schöne Frau war, und eine Ahnung davon durchzuckte +mich, daß sie im Grunde ein ärmliches Leben geführt +hatte und noch Ansprüche daran zu stellen berechtigt war.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Es war ein Spätherbstabend, als wir uns +Münster näherten; ein Wald von Türmen +stand schwarz am dunkelvioletten Himmel. +Durch dämmernde Straßen, über die nur hie und da +graue Gestalten huschten, erreichten wir den Gasthof +mit seiner gewölbten Eingangshalle und den von jahrhundertelangen +Tritten ausgehöhlten Steinstufen der +Treppe.</p> + +<p>Früh am Morgen weckte mich ein tiefer Ton, wie +fernes Donnerrollen; allmählich schwoll er stärker und +stärker an, und ein Chor heller Stimmen mischte sich +hinein: die Glocken Münsters, die zur Frühmesse riefen. +Noch lange, nachdem sie verhallt waren, schien die ganze +Luft in geheimnisvoll klingende Schwingung versetzt.</p> + +<p>Ich lugte neugierig zum schmalen Erkerfenster hinaus. +Eine breite Straße sah ich, eingefaßt von hochgegiebelten +Häusern mit reichen Zieraten, Erkern, Blätterwerk und +Zinkenkronen; jedes in sich abgeschlossen, die Trennung +vom Nachbarn durch die ragende Spitze betonend; unten +aber verbanden gewölbte Arkaden, deren breite Bogen +auf trutzig-kräftigen Pfeilern ruhten, alle Gebäude miteinander. +Mir war, als sei mir durch einen Blick der +tiefe Sinn alten deutschen Bürgertums aufgegangen: +wie es auf breitem Boden der Gemeinsamkeit und des +gegenseitigen Schutzes festbegründet ruhte und die Einheit +und Selbständigkeit der Familie klar und scharf sich +<a name="Page_353" id="Page_353"></a>daraus emporhob. Wie reich war doch jenes viel gelästerte +»finstere« Mittelalter gewesen, das für Inhalt +und Bedeutung des Lebens so wundervoll-harmonische +Ausdrucksformen fand!</p> + +<p>Eine Kirche, über die der ganze glaubensselige +Reichtum der Gotik ausgegossen schien, schloß mit +schlankem Turm, durch dessen Maßwerk hoch oben +des Himmels lichte Bläue strahlte, und kraftvoll +aufwärts wachsenden Strebepfeilern die Straße gen +Norden ab. Mußten sich nun nicht rings die Tore +öffnen, um fromme Beter zur Frühmesse zu entlassen, — Frauen +in langen, reichen Gewändern, mit perlengestickten +Gürteln, das Haupt züchtig umhüllt, das Gebetbuch +mit kunstvoll-geschmiedeter Silberschließe in den +Händen, — Männer mit bunten geschlitzten Wämsen +und der nickenden Feder auf dem Barett? Ich wartete +vergebens. Nur ein paar Weiber in jenen tonlosen +Kleidern, die das Ende des neunzehnten Jahrhunderts, +passend zum monotonen Stil seiner Kasernenstädte, erfunden +hat, verschwanden hinter den Kirchentüren. Schon +wollte ich mich, unmutig über den zerstörten Zauber +zurück ins Zimmer wenden, als mein Blick noch einmal +gefesselt ward: aus der engen Gasse gegenüber wand +sich lautlos ein Zug grauer Nonnen; die Zipfel ihrer +Hauben wehten im Morgenwind, eng aneinander gedrückt, +bewegten sie sich unhörbaren Schrittes vorwärts, — eine +Kette verflogener Nachtvögel, die lichtscheu über +den Boden strich, bis sie das dunkle Kirchentor jenseits +verschlang. Und einsam wie vorher lag nun die +Straße.</p> + +<p>Unser erster Gang an demselben Morgen galt unserem +<a name="Page_354" id="Page_354"></a>künftigen Heim: dem ehemaligen Kloster der Augustinerinnen, +das fast vierhundert Jahre lang dem strengen +Orden der büßenden Nonnen gehört hatte, ehe es der +pietätlosen, säbelrasselnden Preußenpolitik zum Opfer +fiel. Vor dem langgestreckten grauen Haus mit seinen +dicken Mauern und kleinen Fenstern stand hinter ein +paar mächtigen Linden halb versteckt die uralte dunkle +Servatiikirche; die hohen Gartenmauern des Erbdrostenhofes — eines +jener zahlreichen prunkvollen Stadtschlösser +westfälischer Adelsgeschlechter — umschlossen hinter ihr +den engen Platz. Nur zögernd betrat ich den breiten, +fliesengedeckten Flur unseres Hauses; die laute erklärende +Stimme des Intendanturbeamten, der uns führte, machte +mir denselben schmerzhaften Eindruck wie die Stimmen +all jener Kirchen-, Gallerie- und Schloßdiener, die eigens +dazu berufen zu sein scheinen, den Besucher vor der +Tiefe irgend eines Eindrucks zu bewahren. Ich ließ ihn +vorangehen und blieb allein. Es war ein heller Herbsttag +draußen, die Sonne überflutete das große Treppenhaus, +aber in die Zimmer hinein drang sie nicht; hier +wehte jene schwere kühle Luft der Grüfte, die nie ein +Sonnenstrahl berührt. Alle Wohnräume lagen nach +Norden, — kein warmer Gruß lockenden Lebens durfte +die Nonnen berühren, deren Zellen hier gewesen waren. +Eine davon mochte wohl den frömmsten zur Wohnung +gedient haben: auf einen winzigen Hof sah sie hinaus; +gerade gegenüber, zum Greifen nah, fiel der Blick auf +das hohe gotische Fenster der Klosterkapelle, aus dessen +zerbrochenem Glasgemälde die schmerzverzerrten Züge +eines heiligen Märtyrers noch zu erkennen waren. »Hier +ist der Zugang zur Kapelle vermauert,« hatte ich von +<a name="Page_355" id="Page_355"></a>ferne den Beamten sagen hören; »die Leute erzählen +sich noch immer, daß die Nonnen nächtlicherweile hier +umgehen und klagend an den Wänden kratzen, weil ihnen +der Weg versperrt wurde.«</p> + +<p>Unten im Garten trafen wir uns wieder. Das Wahrzeichen +Münsters — die Linde — schmückte auch ihn, +aber jetzt, da sie kahl war, verstärkte sie nur den Eindruck +lebloser Stille, den die Mauern ringsum hervorriefen: +die der Kürassierkaserne auf der einen, die des +Proviantmagazins, in das ein Flügel des Klosters umgewandelt +worden war, auf der anderen Seite.</p> + +<p>»Hier war der Kirchhof des Klosters,« sagte unser +Führer. »Als vor ein paar Jahren Exzellenz Melchior +durch das Tor dort hereinfuhr, senkte sich der Boden, +und die Räder wühlten vermorschte Särge auf.« — »Eine +gemütliche Dienstwohnung, — das muß ich sagen,« versuchte +mein Vater zu scherzen. Ich fühlte, daß es auch +ihm schwer wie ein Alb auf der Seele lag. »Mir gefällt +sie ausnehmend,« sagte meine Mutter lächelnd, +»die armen Toten schrecken mich nicht, und die Wohnung +ist prachtvoll.«</p> + +<p>Die Handwerker brachten von nun an Lärm und Leben +hinein. Wir blieben noch ein paar Wochen im Hotel, +und ich benutzte die Zeit, um in allen Gassen und Kirchen +umherzustreichen. Nie hatte ich solch eine Stadt gesehen: +in Augsburg, in Nürnberg hatte die neue Zeit +unter der Führung der rücksichtslosen Eroberer Industrie +und Technik die alte mehr und mehr zurückgedrängt, +überflutet, vernichtet, — hier stand das Leben still, kein +Fabrikschlot erhob sich mit all seiner barbarischen Protzenhaftigkeit +neben den Kirchentürmen; hinter hohen Eisen<a name="Page_356" id="Page_356"></a>gittern, +in vornehmer Zurückgezogenheit prangten die +Renaissance- und Rokokoschlösser der Ketteler, der Heereman, +der Droste-Vischering, der Romberg, der Zwickel +der Bevernförde, der Schmising, der Galen, der Fürstenberg; +zwischen hundertjährigen Linden standen Kirchen +und Kapellen, erfüllt von der Pracht und Schönheit +romanischer und gotischer Kunst; in abgelegenen Winkeln +tauchten alte Klöster auf, deren grasüberwucherte Höfe +von Kreuzgängen wie von schützenden Armen umgeben +waren; manch alte Festungsmauer lugte draußen vor +der Stadt zwischen dickem Efeu und dichtem Gebüsch +hervor, und heimlich verträumte Plätzchen gab es neben +plätschernden Brunnen, unter Weinlaub umsponnenen +Bogen, wohin kein anderer Laut des Lebens drang.</p> + +<p>Daß die blaue Blume der Romantik hier Wurzel gefaßt +hatte, als draußen in der Welt die Aufklärung umging +und sie mit Stumpf und Stiel auszurotten trachtete, daß +Freiheitsschwärmer, wie die Brüder Stolberg, sich hier +zu Füßen der Fürstin Galitzin in die Fesseln der katholischen +Kirche schlagen ließen und Hamann, der Magus +des Nordens, hier seinen frommen Phantasien lebte, — wer +verstünde es nicht, dem Münster seinen Zauber +enthüllte?</p> + +<p>Mit der Fertigstellung unserer Wohnung hatte die +genußvolle Zeit täglicher Entdeckungsreisen ein Ende. +Die häuslichen und außerhäuslichen Pflichten nahmen +mich wieder in Anspruch. »Wir feierten den gestrigen +Einzug in unser Kloster mit dem ersten Besuch der +Garnisonkirche und hörten in einem kahlen, kalten, +nüchternen Raum eine ebensolche Predigt,« schrieb ich +an meine Kusine. »Dann kamen Besuche über Besuche, — leider +<a name="Page_357" id="Page_357"></a>nur solche, bei denen es einem geht, wie dem +erwachsenen Menschen vor dem Marionettentheater: alles +Interesse hört auf, sobald der Unternehmer die Puppen +wieder in den Kasten legt. Am liebsten möchte ich jetzt +still in der Fensternische meiner Zelle sitzen und lesen, +lesen, lesen. Ich habe eine Bibliothek entdeckt — im +Verein für Wissenschaft und Kunst —, die mir um so +mehr zur Verfügung steht, als sie niemand sonst zu benutzen +scheint. Ein junger Beamter mit einem strengen +Asketengesicht, der mich zuerst sehr abweisend behandelte, +ist jetzt mein bester Berater. Du hättest sehen sollen, +wie seine sonst halb geschlossenen Augen aufleuchteten, +als ich die Schönheit Münsters pries! ›Wenn Sie erst +ganz Westfalen kennen würden!‹ meinte er, und dabei +huschte ein heller Schein kindlicher Schwärmerei ihm +über die Züge. Er gab mir Stöße von Büchern mit, +aus denen ich Natur und Kunst seiner geliebten roten +Erde kennen lernen soll. Was mich aber noch weit +mehr anzieht, sind die zahlreichen Werke allgemeinen +kulturgeschichtlichen Inhalts, die der Katalog der Bibliothek +aufweist. Mein Berater erklärte freilich mit aller +Bestimmtheit, das wäre nichts für mich, es seien Bücher +darunter, die die Ruhe der Seele gefährdeten; er wurde +blaß und rot, als ich ihm versicherte, daß mir nichts +wünschenswerter sei; und als ich von dem alten Bibliotheksdiener +Leckys Geschichte der Aufklärung und Tylors +Anfänge der Kultur verlangte, starrte er mich an wie +eine Erscheinung und stotterte schließlich: »Aber — aber +es sind nicht einmal Bilder drin!« Nächtlicherweile habe +ich sie verschlungen, mein Verstand hat zu ihnen ja und +zehnmal ja gesagt; — meine Sinne aber schwelgten im +<a name="Page_358" id="Page_358"></a>weihrauchgeschwängerten Dämmerdunkel des Doms. +Unter diesem scheinbaren Widerspruch habe ich gelitten, +bis mir klar wurde, daß es gar keiner ist: alle Seiten +unserer Natur bedürfen der Nahrung, und die Kunst +ist die Nahrung der Sinne. Religion aber ist im +Grunde nichts als Kunst und gestaltende Phantasie. +Mir war der Protestantismus nie sympatisch; daß er +im Grunde nicht nur eine Vergewaltigung deutschen Geistes +und Wesens, sondern ausgesprochen areligiös ist, wurde +mir von diesem Standpunkt aus erst völlig klar.</p> + +<p>Leider muß ich mir zum Denken und Lernen jede +Stunde erkämpfen. Vor Räumen, Toilettenkrimskrams, +Leute einarbeiten, Besuche machen und empfangen komme +ich am Tage kaum zu mir selbst. Dabei haben sich wieder +ein paar landläufige Weisheitssprüche als fadenscheiniger +Plunder erwiesen: ›Nach getaner Arbeit ist gut ruhn,‹ — ›Gut +Gewissen, sanftes Ruhekissen‹ — ›Pflichterfüllung +beglückt‹, — lauter faustdicke Lügen, die man uns wie +Binden um die Augen legt, damit wir die Wahrheit +nicht mehr sehen können, — die Wahrheit, die uns zeigt: +Tue Deine Arbeit, dann erst findest Du Befriedigung, — erfülle +Deine Bestimmung, dann erst wirst Du glücklich +sein.«</p> + +<p>Mit steigender Virtuosität führte ich ein Doppelleben: +ich vergrub mich stundenweise in meine Bücher, ich lebte +mit meinen Gedanken in ihnen, während ich Hüte garnierte, +schneiderte, oder mit den Vorbereitungen zu den +immer zahlreicheren Gesellschaften, Diners und Bällen +beschäftigt war. Aber mit dem Augenblick, wo ich im +Festkleid in den Wagen stieg oder die ersten Gäste bei +uns erschienen, zog ich den Schlüssel zu dem Ge<a name="Page_359" id="Page_359"></a>heimfach +meines Innern ab, und nichts blieb von mir +übrig als die Salondame.</p> + +<p>Pünktlich mit dem Dreikönigstag öffneten sich die +Adelshöfe Münsters. Der Karneval zog ein. Keiner +von denen, die weise Maß halten und Hygiene und +Moral zu Hofmarschällen ernennen, damit die braven +Menschenkinder sich auch den Magen nicht verderben — sondern +ein ungestümer, ein wilder, zügelloser, der jung +und alt in seine Dienste zwingt, der uns überkommt wie +ein Rausch und uns selig-müde zurück läßt.</p> + +<p>Eine alte Legende, die im Volke Westfalens noch +immer lebendig ist, erzählt, daß der Teufel einmal die +Junker der ganzen Welt in seinen Sack gesteckt habe, +um sie der Hölle zu überliefern. Als er just über +Westfalen flog, zerriß der Sack, und es regnete Ritter. +Darum gibt es noch heut auf der roten Erde eine so +große Menge von ihnen, und kein Königshof könnte +eine vornehmere Gesellschaft um sich versammeln als +Münster zur Karnevalszeit. Was aber ihrem alten Adel, +dessen Ursprung sich oft bis in die dunkeln Zeiten Wittekinds +des Sachsenherzogs verliert, den Glanz verleiht, +ist der gesicherte Reichtum vieler Generationen. Der +preußische, der schlesische, der märkische Edelmann mit +seinen großen Händen, seiner breiten Statur, seinem +dicken Schädel verrät noch oft, daß sein Vorfahr wie +ein Bauer arbeiten und leben mußte, und sein derber +Witz, seine Verständnislosigkeit für die feineren künstlerischen +Reize des Lebens lassen nicht vergessen, daß +neben Axt und Pflug sein einziges Handwerkszeug das +Schwert gewesen ist. Seines westfälischen Standesgenossen +rassige Schlankheit, seine der harten Arbeit seit<a name="Page_360" id="Page_360"></a> +Jahrhunderten entwöhnten Hände verdankt er dagegen +der Freigebigkeit des üppigen Bodens, den Scharen +der Hörigen, die ihn bebauen mußten; und die Grazie +seiner gesellschaftlichen Formen, die Schönheit seiner +Umgebung erinnert an die prunkvollen Höfe der Kirchenfürsten +von Köln, von Paderborn, von Münster, wo +seine Ahnen erzogen wurden, und an die künstlerische +Kultur, die die katholische Kirche um sich verbreitete. +Mit einem angeborenen Sinn für Stoffe und Farben +kleiden sich seine schön gewachsenen, ein wenig steifen +Frauen und Töchter mit den feinen, regelmäßigen, ein +wenig leeren Gesichtern; Perlen und Edelsteine in herrlicher +alter Fassung schmücken ihre vollen blonden Haare, +ihre schneeweißen Nacken und Arme. Die Möbel, die +Schaustücke, das reiche Silbergerät in ihren Häusern +ist ererbter Familienbesitz aus den Glanzzeiten der Gotik, +der Renaissance, des Rokoko; von den farbensatten +Gobelins, die die Wände der Säle decken, sieht die +ganze Vergangenheit herab auf das junge Geschlecht, +das ihr auch geistig nicht untreu geworden ist.</p> + +<p>Sie sind alle gläubige Katholiken; sie versäumen die +Messe nicht, auch wenn sie die Nächte durchtanzen; +barhäuptig, Gebetbuch und Rosenkranz in den Händen, +schreiten die vornehmsten mit in der großen Prozession +am Montag nach dem Reliquienfeste und am Tage +Mariä Heimsuchung; die Kirche ist ihr eigentliches +Vaterland; in den Jahren des Kulturkampfes behandelte +der westfälische Adel die preußischen Beamten und Offiziere +wie Feinde, und eine gewisse mißtrauische Zurückhaltung +zeigte sich hier und da auch jetzt. Aber sie galt +weniger dem preußischen Protestanten im allgemeinen, +<a name="Page_361" id="Page_361"></a>als dem einzelnen, der mit taktloser Großspurigkeit auftrat, +oder — dessen Adelsdiplom nicht ganz reinlich erschien. +Hier herrschte noch vollkommenste Exklusivität, — ein +Bürgerlicher, ein Neugeadelter war nicht gesellschaftsfähig, +und dies ungeschriebene Gesetz wurde den +Einheimischen gegenüber am strengsten gehandhabt. Eine +Organisation westfälischer Damen, die angesichts des +Gleichheitstaumels der französischen Revolutionsepoche +gegründet worden war, konnte über Sein und Nichtsein +entscheiden. Ihre Feste waren unter dem Namen der +Bälle des Damenklubs weit und breit berühmt und — gefürchtet. +Wer dazu nicht geladen wurde, war einfür +allemal boykottiert; rückhaltlos gesellschaftlich anerkannt +war nur, wer auch bei den intimen Veranstaltungen +nicht fehlte. Der Klub hatte die Macht, Mitglieder +des westfälischen Adels, die sich irgend etwas +hatten zuschulden kommen lassen, durch geheime Abstimmung +auf Monate oder Jahre von allem Verkehr +mit seinen Standesgenossen auszuschließen.</p> + +<p>Die Rücksicht auf diese tiefwurzelnden Auffassungen — spukte +nicht hier sogar die Erinnerung an die Vehme? — führte +zu merkwürdigen Konsequenzen: man hatte +zwar durchgesetzt, daß auch die nicht adeligen Offiziere +nicht völlig von der Geselligkeit ausgeschlossen wurden, +aber sie wurden nur zu großen Bällen gebeten und +hätten es auch dort kaum wagen dürfen, eine westfälische +Dame zum Tanz zu führen. Die vierten Kürassiere +und die sogenannten Papst-Husaren aus Paderborn, — Regimenter, +so vornehm wie nur irgend eins der Garde, +in die nicht einmal ein unadliger Einjähriger Aufnahme +fand, — waren die allein ›hoffähigen‹. Und so war es +<a name="Page_362" id="Page_362"></a>denn auch nicht die Stellung meines Vaters, sondern +sein Name und der Stammbaum meiner Mutter, die uns +rasch alle Türen öffneten. Geistige Ansprüche an unsere +Gesellschaft zu stellen, hatte ich aufgegeben; die Alix Kleve, +die mit heißen Wangen und brennender Lebenslust zum +Klang süßer Walzerweisen von einem Arm in den +anderen flog, war nicht dieselbe, die daheim mit +klopfendem Herzen und unstillbarem Geistesdurst über +den Büchern saß.</p> + +<p>Die Atmosphäre der Vornehmheit und des Reichtums, +die Eleganz der Tänzer, die Schönheit der Menschen +und der Räume befriedigte meine Sinne; es gab Tage +und Stunden, wo die prickelnde, fiebernde Lust des +Karnevals mich ganz und gar gefangen nahm, wo eine +Tanzmelodie mich wie ein elektrischer Schlag bis in die +Fußspitzen durchzuckte und alle übrigen Lebenstöne erschlug. +Wir tanzten täglich; in den Fastnachtstagen fielen sogar +die Schranken zwischen den Gesellschaftsklassen und unter +Papierschlangengeschossen und Konfettiregen wagten wir +uns unter die maskierte Menge der Straße. Alle Höfe +und Häuser standen offen; überall konnten die Masken +sich selbst zu Gaste laden, und doch artete die sprudelnde +Lustigkeit nie in rohe Späße aus.</p> + +<p>Am Fastnachtsdienstag gab es ein Frühstück im Kürassierkasino, +wo die Sektpfropfen knatterten wie Salven, und +darauf einen ausgelassenen Tanz im Sande der Reitbahn, +wo die Herren um die Wette über Hürden und Gräben +sprangen. Abends war der letzte Ball des Damenklubs; noch +einmal wurde getanzt wie rasend, alte Graubärte machten +den Jüngsten den Rang dabei streitig, und die Fülle +der Blumen, die uns gespendet wurden, ließ sich kaum +<a name="Page_363" id="Page_363"></a>fassen. Mir stoben Funken vor den Augen, und ich fühlte +nichts mehr als die wiegende, schleifende Bewegung +und den heißen, keuchenden Atem meiner Tänzer. Plötzlich, +mitten im wilden Abschiedsgalopp, stand alles still, +wie von einem Zauber gebannt, die Musik brach ab, +mit kurzem Gruß huschten die Damen hinaus, rasch +warfen die Herren den Mantel über die Schultern — zwölf +schlug die tiefe Glocke vom Domturm, Aschermittwoch +klingelte das schrille Glöcklein von der Liebfrauenkirche.</p> + +<p>Mit einem Schlag schien das Leben erloschen. Still, +mit verhängten Fenstern lagen von nun an wieder die +Adelshöfe. Nur drüben im Erbdrostenhof regte sichs +noch: gestern hatte die schlanke Tochter des Hauses mit +uns getanzt, heute nahm sie im Kloster der Ursulinerinnen +den Schleier. Wie eine glückliche Braut ward sie von +all den Ihren geleitet, und sie selbst lächelte wie eine +solche. Mit einem Glanz verklärter Freude auf den +Zügen leisteten ihre Brüder — die übermütigsten Tänzer +sonst — die Ministrantendienste bei der heiligen Handlung. +Und doch wußten alle, daß es ein Abschied für +immer war, denn in strenger Klausur verbringen die +Ursulinerinnen ihr nur dem Gebet und der Buße geweihtes +Leben.</p> + +<p>Während der Fastenzeit kamen Kapuzinermönche nach +Münster, die besten Kirchenredner ihres Ordens. Sie +Sprachen von vier Kanzeln dreimal des Tags, und Kopf +an Kopf drängte sich jedesmal die Menge und hielt geduldig +stundenlang stehend aus. Ich ging wiederholt in +den Dom; die fanatische Beredsamkeit dieser blassen +Männer in ihren braunen Kutten war überwältigend.<a name="Page_364" id="Page_364"></a> +Sie sprachen rücksichtslos und griffen mitten ins Leben, +und eine Wirkung ging von ihnen aus, die nicht nur +in dem wachsenden Andrang zu ihren Beichtstühlen zum +Ausdruck kam, sondern auch in den Handlungen der +Einwohner Münsters. Wir hörten häufig, daß gestohlenes +Gut zurückgegeben wurde, Verleumder den Verleumdeten +um Verzeihung baten, Treulose zu den verführten +Mädchen zurückkehrten. »Es geht ein Zug nach +Wahrheit und Befreiung durch die Welt, dem, ihrer +selbst nicht bewußt, auch die asketischen Diener der Kirche +folgen müssen. Zuweilen, wenn sie mit überwältigender +Kraft das Elend armer Arbeiter schilderten, und den +Reihen, die nicht sehen und hören wollen, mit den +Schrecken auch der irdischen Sorgen drohten, schien es +wirklich Christi lebendiger Atem zu sein, der sie beseelte. +Mir träumte dabei von einer fernen Zukunft, wo in +heiligen Hallen, wie diese, Missionsprediger der Freiheit +zu den Tausenden sprechen werden.« So schrieb ich an +Mathilde. In Münster aber verstand man meine häufigen +Kirchenbesuche anders. Zufall — Absicht? — führten +mich mit katholischen Priestern zusammen, und ich merkte +bald, welch lebhaftes Interesse sie an mir nahmen. Sie +boten sich mir zu Führern in Kirchen und Kapellen an +und verwickelten mich, wenn ich kam, in religiöse Gespräche. +Aus meiner Stellung zum Protestantismus +machte ich kein Hehl, und als ich einmal freimütig erklärte, +daß der Katholizismus mir weit anziehender sei, +meinte mein Begleiter vorsichtig: »Sie sollten sich mit +unserer Kirche näher vertraut machen, wenn sie Ihnen, +wie es den Anschein hat, die Idee des Christentums +deutlicher repräsentiert.« — »Die Idee des Christentums?!<a name="Page_365" id="Page_365"></a>« +erwiderte ich lächelnd. »Nein, Hochwürden, mit ihr hat +die katholische Kirche nichts zu tun! Und gerade das +ist es, was ich an ihr liebe und bewundere.« Sprachlos +starrte der Priester mich an. »Ich begreife nicht —« +brachte er schließlich hervor. »Darf ich es Ihnen erklären?« +Er nickte zustimmend.</p> + +<p>»Meiner Ansicht nach ist die ursprüngliche Lehre Christi +mit ihrem Asketismus, ihrer Verachtung des Lebens, +der Freude, der Schönheit, ihrer Menschenfeindschaft, — bei +aller Betonung der Menschenliebe, — der Natur der +abendländischen Völker so widersprechend, daß sie sich in +ihrer Reinheit gar nicht durchsetzen konnte. Wir sind +Heiden, sind Sonnenanbeter; mit den Geschöpfen unserer +Träume beleben wir Feld und Wald, Berg und Tal. +Karl der Große hat das rasch begriffen, und seine Missionare +mit ihm. Sie hatten häufig genug selbst Sachsenblut +in den Adern. Darum bauten sie an Stelle der +Heiligtümer Wotans, Donars, Baldurs und Freyas die +Tempel Ihrer vielen Heiligen; darum erhoben sie nicht +den Gekreuzigten, sondern die Mutter Gottes, das Symbol +schaffenden Lebens, auf den Thron des Himmels. +Darum schmücken die Diener des Mannes, der nicht +hatte, da er sein Haupt hätte hinlegen können, ihre Gewänder, +ihre Altäre und ihre Kirchen mit Gold und +Edelsteinen und zogen die Kunst in ihren Dienst. Vom +Standpunkt Christi aus hatten Ihre Wiedertäufer Recht, +die die Bilder zerstörten, aber die lebensstarke Natur +ihrer Volksgenossen hat sie ins Unrecht gesetzt. Und +wissen Sie, was mich in meiner Auffassung vom heidnischen +Charakter des Katholizismus und seiner Lebensfähigkeit +infolgedessen bestärkte: der eben verflossene<a name="Page_366" id="Page_366"></a> +Karneval! In keinem protestantischen Lande ist dergleichen +möglich, auch wenn es auf denselben Breitengraden +liegt, wie Münster, wie Köln, wie Düsseldorf, +wie München. Vor lauter Verständigkeit und Nüchternheit +haben wir die Freude verlernt, die ein Bestandteil +heidnischer Religiösität ist.«</p> + +<p>Jetzt war die Reihe an meinem Begleiter, überlegen +zu lächeln.</p> + +<p>»Ob Sie, infolge irgend welcher verwirrender Lehren +sogenannter wissenschaftlicher Aufklärung, Heidentum +nennen, was christ-katholisch ist, das dürfte zunächst von +geringem Belang sein, sofern Sie nur an die Lehren +der Kirche glauben. Wir verlangen von den Novizen +nicht die Gedanken- und Gefühlstiefe des erprobten Bekenners.«</p> + +<p>»Aber ich glaube ja an Ihre Heiligen nicht, wenn ich +ihre Existenz auch verstehe!« Der Priester schüttelte den +grauen Kopf. »Wir werden einander nie näher kommen, +Hochwürden. Wo Sie Religion sehen, sehe ich Kunst, +und Ihr Gott und Ihre Heiligen sind für mich nicht +überirdische Wesen, die ich anbeten muß, sondern Gebilde, +die unsere Phantasie erschuf, wie die Hand des Malers +die heilige Jungfrau drüben. Daß Ihre Kirche diese +Schöpferkraft nicht unterband, sondern schützte, nährte, +anfeuerte, ist ein Verdienst, das sie mir ehrwürdig macht. +Sie werden aber nun selbst einsehen, daß sich aus solchem +Material keine Proselyten machen lassen.«</p> + +<p>Man schien mich trotz alledem nicht aufzugeben. Ich +wurde in der Gesellschaft Westfalens mit mehr Interesse +und Aufmerksamkeit behandelt als sonst ein junges Mädchen +und war viel zu eitel, um die Vorteile dieser Aus<a name="Page_367" id="Page_367"></a>nahmestellung +nicht angenehm zu empfinden. Daß ich +mich im stillen immer weiter aus dem geistigen Bannkreis +meiner Umgebung entfernte, bemerkte niemand. +Mit wem hätte ich mich auch ehrlich aussprechen können? +Mein Vater war in seinen kirchlich und politisch konservativen +Anschauungen immer schroffer geworden, und +je höher die Stellung war, die er einnahm, je mehr er +nichts anderes um sich hatte als Untergebene, desto +selbstherrlicher wurde er, desto weniger duldete er Widerspruch. +Meine Mutter wurde von steigender Antipathie +gegen meine Studien beherrscht, jeden Büchertitel musterte +sie mit größtem Mißtrauen, und ich konnte sicher sein, +mit irgend einer »wichtigen« häuslichen Aufgabe, wie +Wäsche flicken, Staub wischen oder dergleichen, immer +dann betraut zu werden, wenn ich am meisten gefesselt +war. Unter unseren vielen Bekannten war niemand, +den ich für würdig und fähig gehalten hätte, an meinen +Interessen teil zu nehmen. Es gab schon verblüffte Gesichter +genug um mich her, wenn ich etwa über politische +Tagesereignisse mitzureden den Mut faßte.</p> + +<p>So wurde ich denn immer launischer, reizbarer und +hochmütiger. Nichts als meine pessimistischen Ansichten +über die Menschen hatte ich ausgesprochen, wenn ich auf +einem Maskenfest des letzten Winters an die Rosen, die +ich verteilte, statt der Dornen Verse wie diese geheftet +hatte:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Die Menschen tragen im Leben<br /></span> +<span class="i0">Eine Maske vor dem Gesicht;<br /></span> +<span class="i0">Wünsch' nicht, sie zu demaskieren,<br /></span> +<span class="i0">Denn, wisse, es lohnt sich nicht!<br /></span> +</div></div> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<div class="poem"><div class="stanza"><a name="Page_368" id="Page_368"></a> +<span class="i0">Und fürchtest du die Rose,<br /></span> +<span class="i0">Weil stets ihr Dorn dich sticht, —<br /></span> +<span class="i0">So pflücke dir Gänseblümchen,<br /></span> +<span class="i0">Die, Teuerster, stechen nicht!<br /></span> +</div></div> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Du träumst vom Feuer der Liebe,<br /></span> +<span class="i0">Das hoch ein jeder preist?<br /></span> +<span class="i0">Wisse, in unserm Jahrhundert<br /></span> +<span class="i0">Ist es ein Irrlicht meist.<br /></span> +</div></div> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Traue keinem hier von allen,<br /></span> +<span class="i0">Dann erst recht nicht, wenn die Maske fiel;<br /></span> +<span class="i0">Niemals wird die zweite Maske fallen,<br /></span> +<span class="i0">Und was Wahrheit scheint, ist Narrenspiel.<br /></span> +</div></div> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Im Münster ist's finster,«<br /></span> +<span class="i0">Wer wüßte das nicht?<br /></span> +<span class="i0">Doch sag mir, wo in der Welt<br /></span> +<span class="i0">Ist es licht?<br /></span> +</div></div> + +<p>Licht war für mich nur die Welt der Bücher; Erkenntnisse, +die ich gewann, erfüllten mich mit tiefer +heißer Freude, und die Sehnsucht wuchs hinaus aus der +Enge des Lebens; von der Phantasie nahm sie die +leuchtendsten Farben, um Menschen zu malen, die von +Idealen erfüllt, mit den reichsten Waffen des Geistes +ausgestattet, eine dunkel geahnte andere Welt zu erobern +ausgingen. Mein Tagebuch und die Briefe an Mathilde +waren die Vertrauten meines eigentlichen, verborgenen +Lebens.</p> + +<p>»Ich bin in meinem Studium der Kulturgeschichte +beim fünften großen Werke angelangt,« schrieb ich da<a name="Page_369" id="Page_369"></a>mals, +»mein Interesse dafür ist immer im Wachsen, und +immer wieder finde ich, was mich fast von Kindheit +an — damals noch wie eine Ahnung — erfüllte: daß +wir uns trotz allem, was den Blick momentan verdunkeln +mag, unaufhaltsam vorwärts bewegen. Wehe +denen, die hemmen wollen, sei es in der Kunst, der Wissenschaft, +der Religion, oder der Politik! — Nur eins +schmerzt mich oft bis zur Verzweiflung: daß ich nur +Zuschauer bin und weder beim Niederreißen des Alten, +noch beim Aufbauen des Neuen tatkräftig eingreifen +kann.«</p> + +<p>An anderer Stelle heißt es: »Auf dem Wege meiner +stillen Studien bin ich zu der Erkenntnis gelangt, daß +unsere Entwicklung wie auf einer Wendeltreppe vorwärts +schreitet. Zuerst lernt man mechanisch, ohne zu verstehen, +dann lernt man verstehen; aus beiden folgt das eigene Denken, +und erst auf diesen drei Stufen erhebt sich der persönliche +Mensch und fängt nun scheinbar von vorn an: er +lernt, er versteht, er denkt — oder er entzündet das trocken +aufgehäufte Pulver des Verstandes mit dem elektrischen +Funken seines eigenen Geistes und sprengt damit die +starren Formelmauern, um nun selbst Licht und Wärme +zu verbreiten. Auf jeder Stufe bleiben viele Menschen +stehen; darum wird man mit dem Vorwärtsschreiten +immer einsamer und läßt viele hinter sich zurück, die nicht +gleichen Schritt mit uns hielten.«</p> + +<p>Soweit meine Kusine sich auf Diskussionen einließ, +trat sie mir entgegen. Sie verteidigte z. B. die Heroengeschichte +gegenüber der Kulturgeschichte; sie suchte +mir zu beweisen, daß die Könige, Staatsmänner und +Feldherrn die Geschichte »machen,« während ich erklärte,<a name="Page_370" id="Page_370"></a> +»daß der einzige dauernde gesunde Fortschritt aus +dem Volk herauswächst und die Großen der Erde oft +nichts sind als Marionetten in der Hand der ungeheuern +namenlosen Masse.« Ich hatte viel zu sehr das Bedürfnis, +mich irgend jemandem gegenüber auszusprechen, +und ihr Urteil war mir überdies viel zu wenig maßgebend, +als daß ich mich von ihren Gegengründen hätte +abschrecken lassen. »Meine letzte Entdeckung muß ich +Dir mitteilen, obwohl ich von vornherein weiß, daß Du +über meine ›umstürzlerischen‹ Ansichten wieder empört +sein wirst. Je mehr ich die Geschichte der Völker studiere, +desto klarer wird mir, daß der große, viel zu wenig +anerkannte Fortschritt unserer Zeit in der völlig veränderten +Wertung der Arbeit besteht. Kein Volk der +Vergangenheit hat die Arbeit an sich als etwas Ehrenvolles +betrachtet. Im Gegenteil: nur der Sklave, der +Kriegsgefangene, kurz, der Entrechtete, Ehrlose arbeitete. +Die Arbeit war eines freien Mannes unwürdig. Das +war die durchgängige Ansicht der antiken Völker, das +war auch die der Germanen. Und zu jenen Ehrlosen, +die zur Arbeit gewissermaßen verdammt waren, gehörten +charakteristischerweise nicht nur die Unfreien unter den +Frauen, sondern ihr ganzes Geschlecht. Die Arbeit +eine Ehre — das Nichtstun ein Laster, — dahin fangen +wir erst an, uns zu entwickeln, und zu ihrer vollen Bedeutung +wird diese Erkenntnis erst in später Zukunft gelangen. — Für +mich persönlich ist sie nicht eine bloße +verstandsmäßige Einsicht, sondern ein Ereignis, das mich +erschütterte. Wird der Wert des Menschen an seiner +Leistung gemessen, — wie bestehe ich vor dieser Prüfung?! +Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt, gesund an<a name="Page_371" id="Page_371"></a> +Geist und Körper, leistungsfähiger vielleicht als viele, +und ich arbeite nicht nur nichts, ich lebe nicht einmal, +sondern werde gelebt!«</p> + +<p>Wie sich der Heißhungrige über jeden Bissen stürzt, +so warf ich mich über jede Möglichkeit des Erlebens und +der Arbeit.</p> + +<p>Zu jener Zeit starb der alte Kaiser, und im Märtyrerschicksal +seines Nachfolgers begann der Tragödie letzter +Akt. Mit jener steigenden Erregbarkeit meiner Nerven, +die auch die Ereignisse außerhalb des eigenen Schicksals +zum persönlichen Erlebnis werden ließ, verfolgte ich die +Berichte der Presse, dachte des »neuen Herrn,« der +nun kam, dessen verkümmerter Arm mich vor Jahrzehnten +schreckte, und der, seit jenem Gespräch mit Graf Lehnsburg, +seltsam drohend sich meinem Vater entgegenzustrecken +schien. Die alte Welt versank, — der Todeskampf +Friedrichs III. war auch der ihre. Und mit wilder +Zerstörungslust schienen die Elemente ihn zu begleiten. +Unaufhörlich strömte der Regen, aus ihren Ufern traten +die Flüsse, die Dämme brachen — tausende stiller Heimstätten +wurden vernichtet, hunderttausenden armer Menschen +drohte Hunger und Elend. Und ich saß hier im +gesicherten Schutz unseres Hauses mit gebundenen Händen! — In +fieberhaftem Eifer schrieb ich die Märchen +nieder, die ich meinem Schwesterchen im Laufe der Jahre +erzählt hatte. Ich schickte sie aufs geratewohl einem +Königsberger Verleger, mit der Bestimmung, den etwaigen +Erlös den Überschwemmten zuzuführen. »Veröffentlichungen +dieser Art liegen außerhalb unseres Gebiets,« +schrieb er, und rasch entmutigt warf ich sie ins Feuer. +Kurz darauf wurde ein Dilettantenkonzert zum Besten +<a name="Page_372" id="Page_372"></a>der Notleidenden arrangiert, und ich, deren Karnevalsverse +in Erinnerung geblieben waren, sollte einen Prolog +dazu verfassen und vortragen. Es wurde mir nicht schwer, +ich brauchte nur auszusprechen, was ich empfand, und +als ich am Tage der Aufführung im schwarzem Trauerkleid +auf hohem Podium stand, eine stumme dunkle Menge +vor mir, und fühlte, wie meine Stimme den Saal erfüllte, — da +war mirs, als sprengte mein eigenes +klopfendes Herz die Eisenreifen, die es umschnürt hatten. +Von der tiefen Glocke in meiner Brust sprach man mir, +nachdem die einen mir stumm die Hand geschüttelt, die +anderen, voll Enthusiasmus, mir gedankt hatten. Besaß +ich die Macht, die Menschen zu erschüttern, sie zum Großen +und Guten aus ihrer Stumpfheit aufzurütteln? Eröffnete +sich hier irgend ein Weg für mich, auf dem ich endlich, +endlich dem nutzlosen Leben entfliehen konnte? »O daß +ich die Kräfte, die ich besitze, in einer jener Pionierarbeiten +einsetzen dürfte, die durch die Wüste der Welt +neue Wege bahnen!« schrieb ich noch in der Nacht darnach +an meine Kusine.</p> + +<p>Mein Prolog wurde gedruckt und in ein paar tausend +Exemplaren verkauft. Aber dem Hochgefühl folgte bald +die Ernüchterung. Ein Tropfen auf den heißen Stein +war, was ich für die Überschwemmten erreicht hatte; in +die Alltagsstimmung fielen die Begeisterten rasch zurück; +in das Alltagsleben mußte ich aufs neue. Ich befand +mich in einer förmlichen Krisis, die mich schüttelte wie +ein Fieber, mir allen Schlaf und alle Selbstbeherrschung +raubte. Als mein Vater mich daher eines Abends frug, +warum ich so stumm und stocksteif dasäße, antwortete ich +mit einer Leidenschaft, die sich nicht mehr zurückdämmen +<a name="Page_373" id="Page_373"></a>ließ: »Weil das Leben mir zum Ekel wurde — weil ich +mich selbst nicht länger ertragen kann. —«</p> + +<p>»Ja um Himmels willen, was ist denn geschehen? +Wieder so 'ne verdammte Liebesgeschichte?« Papa +schwollen vor Schreck die Adern auf der Stirn. Mama +dagegen sah mich flüchtig forschend an und lächelte dann +ihr feines malitiöses Lächeln.</p> + +<p>»Das Gegenteil dürfte richtig sein, — ihr fehlt +momentan die Liebesgeschichte,« sagte sie, und sekundenlang +fuhr es mir blitzartig durchs Gehirn, ob sie am +Ende recht haben könnte. Dann aber antwortete ich +rasch, um den Gedanken in mir selbst zu erlöschen:</p> + +<p>»Arbeiten möcht ich, — irgend etwas leisten, das mich +ganz und gar in Anspruch nimmt. Ich beneide den +Steinklopfer an der Straße, der abends wenigstens +arbeitgesättigt totmüde auf seinen Strohsack sinkt.«</p> + +<p>»Du hast doch genug zu tun, wie ich bemerke,« meinte +Papa nach einem kleinen zögernden Nachdenken, »du +liest, du malst, du schneiderst, du beschäftigst dich mit +deiner Schwester, du bist der unersetzliche Arrangeur +unserer Feste —«</p> + +<p>Mama unterbrach ihn: »Das genügt natürlich Alix' +Ehrgeiz nicht. Häusliche Pflichten sind ein überwundner +Standpunkt. Aber du hast ja Auswahl genug, wenn +du ihrer überdrüssig wurdest,« damit wandte sie sich an +mich; ihr ganzes Gesicht war rot, und ihre schmalen +Lippen bebten, »du kannst Gesellschafterin — Gouvernante — Hofdame +werden. Sieh dann selber zu, wie +das harte Brod der Fremde schmeckt!«</p> + +<p>Mir stürzten die Tränen aus den Augen. Mir ahnte +längst, daß mir kein Ausweg blieb, und doch erschütterte +<a name="Page_374" id="Page_374"></a>mich die trockne Aufzählung dieser einzigen Möglichkeiten, +die für mich Unmöglichkeiten waren. Mein Vater +konnte niemanden weinen sehen, am wenigsten seine +Töchter. Er sprang auf und zog mich in die Arme, +mir mit einem leisen: »Armes Kind, armes Kind!« die +Wangen streichelnd. Es blieb dann eine Weile ganz +still zwischen uns. Und dann sprach er mit derselben +weichen Stimme auf mich ein, wie auf eine Kranke, — mit +langen Pausen dazwischen, als wollte er mir zum +Antworten Zeit lassen. »Sei still, mein Kind — bitte +weine nicht mehr. — Wie ein Vorwurf ist das für +mich — daß ich nicht besser für dich sorgte! Wärst +du ein Mann, so hätte ich dich schon auf Wege geführt, +die einen Lebensinhalt gewährleisten, aber so — — du +bist nur ein Mädchen — nur für einen einzigen Beruf +bestimmt, — alle anderen wären doch nichts als traurige +Lückenbüßer. Du sollst diesem einzigen nicht so krampfhaft — oder +leichtsinnig — aus dem Wege gehen! +Ich bin ein alter Mann und werde nicht ruhig sterben +können, wenn ich dich nicht im Hafen weiß!«</p> + +<p>»Papa — lieber Papa!« schluchzte ich auf; dann lief +ich hinaus und schloß mein Schlafzimmer hinter mir zu +und saß auf dem Bett stundenlang mit brennenden +Augen und wundem Herzen. Nun hatte ich ein Buch +nach dem anderen heißhungrig verschlungen, und dunkel +und leer gähnte mein Inneres mich trotzdem an, — hatte +Erkenntnisse gewonnen, die mich berauschten, und +wenn ich zum nüchternen Tageslicht erwachte, war ich +elender als zuvor. So ist das Glück geistigen Werdens +und Wachsens denn auch nichts weiter als Betäubung? +Ist wirklich das Schicksal des Weibes nur der Mann?<a name="Page_375" id="Page_375"></a> +Und hat es kein Recht auf ein eigenes Leben? — Der +Mann! Ich dachte derer, die mir im letzten Winter +gehuldigt hatten, — gute Tänzer, lustige Kurmacher, +zu einem flüchtigen Flirt wie geschaffen — aber an sie +gekettet, ihnen unterworfen sein — ein ganzes Leben +lang — entsetzlich! Plötzlich aber fühlte ich mich wie +eingehüllt von einem Feuerstrom, so daß im ersten Schreck +das Herz mir stockte: ein Kind! ein Kind! — das war +des Lebens Zweck und Inhalt. Ein Kind wollt ich +haben, gleichgültig von wem, ein lebendiges Teil meiner +Selbst, einen Sohn, — das Geschöpf meines Körpers +und meines Geistes —, der meine Träume erfüllen, der +werden sollte, was ich zu werden vergebens hoffte! +Was galt mir der Mann: mochte er sein, was er wollte, — nur +den Vater meines Sohnes brauchte ich!</p> + +<p>Und als wir am nächsten Abend wieder um den +runden Tisch zusammen saßen, sagte ich: »Du sollst dich +nicht weiter um mich grämen, Papachen, — paß auf, +über kurz oder lang hast du einen Schwiegersohn und +bist die böse Tochter los!« Worauf ich lachend einen +zärtlichen Kuß bekam. Mama nahm keine Notiz von meiner +Bemerkung; erst am folgenden Tag kam sie darauf zurück. +»Ich habe dir niemals zur Ehe zugeredet,« sagte +sie, »und hüte mich auch jetzt davor. Das Glück, das +ein Mädchen von ihr erwartet, findet sie nie.« — »Ich +will auch kein Glück — eine Lebensaufgabe will ich — ein +Kind,« stieß ich widerwillig hervor, denn mich meiner +Mutter anzuvertrauen, kostete mir die größte Überwindung. +»Ein Kind?!« wiederholte sie, »um dich vollends +mit Sorgen zu beladen?!«</p> + +<p>Sie hatte mich offenbar nie so wenig verstanden wie heute.</p> + +<p><a name="Page_376" id="Page_376"></a>Mein Vater dagegen war noch nie so liebevoll zu +mir gewesen. Was er mir an den Augen absehen +konnte, das tat er. Lange Morgenritte machten wir +wieder zusammen, hinaus in die weite Heide, vorbei an +all den stolz in sich abgeschlossenen einsamen Bauernhöfen +und an manch uraltem Schloß mit festen Türmen +und tiefen Gräben ringsum. Und wenn er weiter ins +Land Inspektionsreisen machte — nach Minden, nach +Soest, nach Paderborn —, nahm er mich mit; während +er seinen Dienst erledigte, lernte ich all die Schätze alter +Kunst, all die Wahrzeichen alter Geschichte kennen, an +denen Westfalen so reich ist.</p> + +<p>In der ersten Hälfte des Monats Juni fuhren wir +nach Aachen, der Garnison des 53. Infanterieregiments, +dessen Chef Kaiser Friedrich war. Das Wetter war so +schön, die Stadt und ihre Umgebung so unerschöpflich, +daß wir länger blieben, als es der Dienst meines Vaters +erfordert hätte.</p> + +<p>Am Mittag des 15. Juni 1888 — wir kehrten gerade +von einem Spaziergang in unser Hotel zurück — kam ein +junger Leutnant atemlos von der Kaserne und bat uns, +ihm so rasch wie möglich dorthin zu folgen. Was er +erzählte, war so seltsam, daß wir, wäre es nicht heller +Tag gewesen, an seiner Nüchternheit hätten zweifeln +dürfen. Ein Zug Soldaten habe, so berichtete er, auf +dem Kasernenhof exerziert; kaum sei er abgetreten, als +einem der Offiziere von seinem Fenster aus große lateinische +Schriftzeichen im Sande aufgefallen seien, die +offenbar von den regelmäßig sich wiederholenden Fußtritten +herrühren mußten. Man habe inzwischen rasch zu einem +Photographen geschickt, um das merkwürdige Phänomen +<a name="Page_377" id="Page_377"></a>auf der Platte festzuhalten, und »Exzellenz müssen es +unbedingt auch in Augenschein nehmen —« fügte er +eifrig hinzu. »Zum Donnerwetter, was ist es denn?« +sauste mein Vater ihn an. »Es heißt für jeden deutlich —.«</p> + +<p>»Extrablatt! Extrablatt!« unterbrachen den ängstlich +stotternden Leutnant in diesem Augenblick viele Stimmen. +»Heute Morgen elf Uhr ist Kaiser Friedrich gestorben!«</p> + +<p>Der junge Offizier wurde leichenblaß. »Elf Uhr?!« +wiederholte er langsam. »Um diese Stunde entstand die +Schrift!«</p> + +<p>Wir traten in den Kasernenhof. Das ganze Regiment +schien versammelt und starrte wie gebannt auf den +regenfeuchten Platz. Mitten darauf stand in riesigen +Lettern:</p> + +<p> +<span style="margin-left: 12em;">W W II.</span><br /> +</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_378" id="Page_378"></a></p> +<h2><a name="Dreizehntes_Kapitel" id="Dreizehntes_Kapitel"></a>Dreizehntes Kapitel</h2> + + +<p style="text-align: right"> +Münster, 29. Dez. 1888 +</p> + +<p>Liebe Mathilde!</p> + +<p>Das Dreibretzeljahr, von dem ich mir so viel +versprochen hatte, geht zu Ende. Es ist nicht +süß, ja nicht einmal schmackhaft gewesen, und +sein einziges greifbares Resultat ist, daß ich meine hochfliegenden +Wünsche und Hoffnungen sauber verpackt zu +anderem Urväterhausrat in die alte Truhe legte, wo +ich sie vielleicht an Sonn- und Feiertagen des Lebens +hie und da herausnehmen und mit wehmütiger Resignation +betrachten werde, wie die Großmütter die Liebesbriefe +ihrer sechzehn Jahre. Du brauchst mir zum neuen +Jahr kein Glück zu wünschen; ich weiß von vorn herein, +was es bringt: das landläufige Mädchenschicksal einer +Vernunftheirat. Ich kenne den Glücklichen noch nicht, +der sich an den Resten meines Ich entflammen wird — aber +ich werde ihn finden, und trainiere mich jetzt schon +zur Kühle und Ruhe, damit mir nicht am unrechten +Ort das Herz durchgeht.</p> + +<p>Heut nacht hab ich beim müden Schimmer meiner +Rosa-Ampel lange wach gesessen und geträumt, — gegrübelt +wohl eher, denn träumen tut man kaum mehr, +<a name="Page_379" id="Page_379"></a>wenn das erste Vierteljahrhundert des Lebens sich seinem +Ende zu neigt; und tut mans trotzdem, so sind es eben — schlechte +Träume. Im Kamin prasselte das Feuer, +und wenn ich aufsah, blickte mir aus dem Spiegel ein +Gesicht entgegen, das das einer Toten hätte sein können, +wenn nicht die Augen von verhaltenen Tränen geschimmert +und die Lippen wie eine klaffende Wunde +blutrot geleuchtet hätten. Ein Kindergesicht wars nie, — bin +ich denn überhaupt ein Kind gewesen? Ein +glückliches Kind? Es muß sehr lange her sein, denn +ich besinne mich nicht darauf. Ich mag auch nicht die +Tafeln der Erinnerung aufdecken. Häßliche Bilder zeigen +sie. Freilich meist golden umrahmt, auf Elfenbein gemalt +in schillernden Farben, aber sieh dir den Höllenspuk +nur genauer an: war nicht das Schicksal ein wahnwitziger +Maler, daß es so kostbares Material an solchen +Schund verwandte?</p> + +<p>Was hat denn gehalten von alledem? Die Liebe +etwa? Armes Menschenkind! Sie ging an dir vorüber +und du sahst nur so viel von ihr, um die Sehnsucht +darnach, die fiebernde, heiße, ewig zu spüren! Und der +Glanz? Wie schnell sah das allzu scharfe Auge, daß +er nichts war als Flittergold, — Raketen, die prasseln +und strahlen; wenn sie verglimmt sind, ist es viel dunkler +noch als zuvor! —</p> + +<p>Ich habe die Wissenschaft gepflegt, wie eine verbotene +Liebschaft, — die bleibt mir. Ich habe die Kunst geliebt, +schüchtern nur und von ferne, um die Hehre nicht mit +meiner Pfuscherei zu besudeln, — die bleibt mir. Das +mag jenen Luxustieren unter den Menschen genügen, +die vom Leben nichts wollen als Genuß, — jenen, die +<a name="Page_380" id="Page_380"></a>so hohl sind, daß sie immer empfangen können. Ich +aber wollte schaffen!! — Wozu lebe ich denn überhaupt? +Würde mich jemand vermissen, würde eine Lücke +bleiben, wenn ich nicht wäre? Meine Eltern, meine +Schwester, meine Freunde würden trauern. Wie lange? +Ich bin ihnen doch allen fremd geblieben! Wer wird +denn nur wahrhaft vermißt? Ein guter Vater, — eine +treue, sorgende Mutter! —</p> + +<p>Pfui, du hast geweint, — schnell, lache, setze die +Maske auf, — wer zeigt denn heutzutage sein Gesicht? +Es wären der Falten, der Tränen zu viele!</p> + +<p>Verzeih — ich schrieb in Gedanken ein Romankapitel. +Im nächsten Brief sollst Du hören, wie herrlich ich mich +amüsiere!</p> + +<p>Prost Neujahr! — Übrigens eine prachtvolle Phrase, +mit der man sich um das ›Glück‹ wünschen herumdrücken +kann.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 20.5em;">Deine Alix.</span><br /> +</p> + +<p style="text-align: right"> +Münster, 30. 1. 89 +</p> + +<p>Liebe Mathilde!</p> + +<p>Ein Karneval, der mich kaum zu Atem kommen läßt, +ist die Ursache meines langen Schweigens. Ich will +ihn durchtollen, bis zum bitteren Bodensatz genießen, +weil es unweigerlich der letzte für mich ist. So oder +so: ich verlasse den Schauplatz nicht, es sei denn auf +der Höhe des Triumphs. Alle bösen Geister haben +wieder von mir Besitz ergriffen und peitschen mich vorwärts +auf der Rennbahn der Eitelkeit, angesichts heftiger +Konkurrenz. Mit dem neuen Kommandierenden — dem +einst allmächtigen und gefürchteten Chef des<a name="Page_381" id="Page_381"></a> +Militärkabinetts, der die Vorsehung seiner Vettern bis +ins zwanzigste Glied gewesen ist — scheinen die Löwinnen +des alten berliner Hofs den Schauplatz ihrer Tätigkeit +hierher verlegt zu haben. Eine komische Gesellschaft: +vornehm, blasiert, elegant, hochnasig, mit einem starken +Stich ins Burschikose, nicht ohne ›Vergangenheit‹. Diese +beiden letztgenannten Eigenschaften sind die Ursache ihrer +nicht ganz freiwilligen Entfernung aus Berlin, wo man +im Zeichen der Tugend und Gottesfurcht steht. Nun +ist Münster aber auch nicht der Ort, wo Leutnants den +jungen Damen kameradschaftlich auf die Schultern klopfen +und mit frischem Stallgeruch und schmutzigen Stiefeln zum +Damenfrühstück erscheinen können. Kurz — wir werden +die fremden Vögel schon ausräuchern, und ich tue dazu, +was ich an Koketterie, an Geist und Toiletten aufbringen +kann. Mit dem glänzendsten Kavalier dieses +Karnevals, Herrn von Hessenstein, der kürzlich hier +Schwadronschef geworden ist, schloß ich ein Schutz- und +Trutzbündnis zu diesem Zweck. Du brauchst keine +Kassandrarufe auszustoßen — wir gefallen einander — nichts +weiter!</p> + +<p>Es gibt eine Anziehungskraft zwischen Mann und +Weib, die mit Geist und Herz gar nichts zu tun hat; +ich möchte sie körperlichen Magnetismus nennen. Man +ist nicht gemein, wenn man sie empfindet, weil der Instinkt +der Natur nicht gemein sein kann. Zum Unglück +wird sie nur, weil das sentimentale Liebesgewinsel +unserer Goldschnitt-Lyriker und unsere verlogene Erziehung +uns dazu gebracht haben, sie vor uns selbst mit +falschen Empfindungen zu umkleiden. Meine fiebernden +Sinne werden oft von Menschen angezogen, von denen<a name="Page_382" id="Page_382"></a> +Geist und Herz sich abgestoßen fühlen. Und umgekehrt +sind diese gefangen, wo jene beinahe Ekel empfinden. +Würde ich mich des Instinktes schämen und ihn infolgedessen +mit dem Feigenblatt verlogener Schwärmerei bedecken, — in +welch unselige Ehen hätte ich mich schon +fesseln lassen! Vielleicht ist die wahre, dauernde Liebe +erst möglich unter den Gatten, die sich ganz kennen, sich +ganz besitzen, und die noch dazu ein gewisser äußerer +Zwang zusammenhält. Alles übrige ist Flirt — Sport, +oder sonst ein Fremdwort ... Wenn ich nur nicht die +fatale Eigenschaft hätte, gegen alle Art bürgerlich ehrbarer, +staatlich sanktionierter, zu lebenslänglichem Gebrauch +auf Flaschen gezogener Gefühle einen unüberwindlichen +Abscheu zu haben ...«</p> + +<p>Gegen Ende des Karnevals gab Herr von Hagen, +unser Oberpräsident, — ein gescheiter, feiner, alter +Herr, der einzige fast, mit dem ich eine ernstere Unterhaltung +führen mochte, — ein Diner, zu dem er mich, +entgegen der sonstigen Gewohnheit, mit einlud. Junge +Mädchen waren ja nur zum Tanzen da; man schloß sie +daher überall von den Gelegenheiten aus, wo Ansprüche +an den Geist, statt an die Füße gemacht werden konnten.</p> + +<p>»Sie sollen heute diesen Böotier bekehren,« sagte mir +unser Gastgeber lächelnd, indem er mir Herrn von Syburg, +den neuen Hammer Landrat vorstellte, »er hat Ansichten +über die Frauen, — na, Sie werden ja sehen!«</p> + +<p>Ein großer schmächtiger Mann machte mir eine steife +Verbeugung, und ein paar helle, weit vorstehende Augen +musterten mich ernsthaft. Der erste Eindruck, den ich +empfing, war fast ein feindseliger. Als wir dann aber +ins Gespräch kamen, gefiel er mir. Seine Ruhe, seine<a name="Page_383" id="Page_383"></a> +Kenntnisse, seine vielseitigen Interessen erhoben ihn über +den Durchschnitt. Er war konservativ bis in die Fingerspitzen, +und unsere Ansichten platzten ständig aufeinander. +Aber hinter den seinen stand eine so gefestigte Überzeugung, +so daß mir meine eigene Unklarheit peinlich zum +Bewußtsein kam. Im Grunde war ich nur sicher in der +Negation; diese Schwäche meines Standpunkts schien +Herr von Syburg rasch zu entdecken, sie verlieh ihm +ein Übergewicht, das mir in unserem ferneren Verkehr +stets peinlich fühlbar blieb.</p> + +<p>Er besuchte uns am nächsten Tage und fehlte dann +in keiner Gesellschaft. Er machte mir auf seine Art +den Hof, tanzte fast jeden Kotillon mit mir und war +stets mein Tischherr.</p> + +<p>»Nun hast du glücklich wieder eine neue ›Briefmarke‹,« +meinte mein Vater; aber während er sonst an dieselbe +Bemerkung ärgerliche Vorwürfe knüpfte, lächelte er diesmal +dazu. Er neckte mich, weil ich fahnenflüchtig zum +Zivil überginge, und erzählte wohl auch gelegentlich von +dem großen Besitz der Syburgs in Schleswig, oder von +dem Ministerportefeuille, das der Landrat schon heimlich +in der Tasche trüge. Seine Stimmung machte mich +weich, — der Gedanke, daß es vielleicht in meiner Hand +liegen sollte, ihn glücklich zu machen, lähmte meine +Widerstandskraft. Dabei wurde ich Syburg gegenüber +immer scheuer und büßte immer mehr von meiner +Lustigkeit ein, weil ich mich ständig von ihm beobachtet +wußte.</p> + +<p>»Sie kommen mir vor wie ein Abiturient im Examen,« +sagte Hessenstein eines Tages zu mir, der der einzige +war, dem die Entwicklung der Dinge mißfiel, und der +<a name="Page_384" id="Page_384"></a>kein Hehl daraus machte. Im stillen gab ich ihm recht. +Er unterwirft mich wirklich einer förmlichen Prüfung, +dachte ich bitter. Häufig nahm er einen dozierenden +Ton an, der mich wild machen konnte. Und doch wuchs +seine Macht über mich. Es imponierte mir, daß er nie +den girrenden Seladon spielte, sich niemals meinen +Wünschen fügte, ja, sich manchen leisen Tadel gestattete, +dessen Berechtigung ich anerkennen mußte. Schon vor +Jahr und Tag hatte ich meiner Kusine geschrieben: +»Ich bedarf der Bewunderung, sagst du, — gewiß! +Und doch sehne ich mich nach einem Menschen, den +nicht ich unterwerfe, sondern der mich unterwirft, der +mir nicht demütig die Hände küßt, sondern mich sanft +und mitleidig an sein Herz zieht und spricht: Nun ruh +dich aus, du armes, müdes Kind!«</p> + +<p>Nur die Halbgeschlechtlichen, die der Natur Entfremdeten +konstruieren künstlich eine Weibesliebe, die +den Gleichen begehrt. Den Höherstehenden will sie; +denn blindes Vertrauen und kindliche Schutzbedürftigkeit +ist ihres Wesens Inhalt. Mir half die Phantasie, +meiner Sehnsucht Erfüllung vorzutäuschen, und wenn +ich auch oft entsetzt gewahr wurde, daß der Instinkt der +Natur mich nicht zu Syburg zwang, sondern es zwischen +uns lag wie eiskaltes Gletscherwasser, so schlugen meine +Wünsche immer wieder die Brücken hinüber. Nur des +Nachts rächte sich die unterjochte Natur an mir. Stundenlang +lag ich wach und kämpfte mit den warnenden +Stimmen meines Innern; erst wenn der Tag dämmerte, +fiel ich in unruhigen Schlaf. Von der Servatiikirche +hörte ich die Stunden schlagen; die gleichmäßigen Schritte +zählte ich, mit denen der Posten vor dem Hause unaufhörlich +<a name="Page_385" id="Page_385"></a>auf und nieder ging, und verkroch mich zitternd unter +die Decke, wenn die Mäuse, die unvertilgbar schienen, +piepsend über die Diele raschelten. Von Kindheit an +brach mir der Angstschweiß aus, sobald eins der zierlichen +grauen Geschöpfchen in meine Nähe geriet.</p> + +<p>Ich wurde immer schmaler und blasser, und müde — immer +müder. Die weiche Frühlingsluft, die merkwürdig +früh in diesem Jahr Blätter und Blüten hervorlockte, +erschlaffte mich vollends.</p> + +<p>Syburg schien meine krankhafte Mattigkeit für weibliche +Sanftmut zu halten; das verstärkte in seinen Augen +meine Anziehungskraft. Ich ließ es geschehen, daß er +mich fast schon wie sein Eigentum behandelte. Hessenstein +versuchte vergeblich, meine Widerstandskraft wach +zu rufen. »Sie rennen sehenden Auges in Ihr Unglück,« +sagte er einmal, »niemals passen Feuer und +Wasser zusammen.« »Aber das Wasser löscht das Feuer +aus,« antwortete ich mit trübem Lächeln, »und gerade +das ists, was ich brauche.«</p> + +<p>Es war schon Ende März, als Prinz Sayn, der +Kommandeur der Kürassiere und unermüdliche liebenswürdige +Arrangeur aller Feste, zum Polterabend einer +bevorstehenden Hochzeit eine Quadrille zu tanzen in +Vorschlag brachte. Die Paare wurden bestimmt; Syburg +war selbstverständlich mein Partner. Bei einer der vorbereitenden +Zusammenkünfte wurde die Kostümfrage besprochen, +und wir hatten uns beinahe schon geeinigt, +der Aufführung den Charakter eines Schäferspiels zu +geben, als meine Mutter das Hofkostüm der Rokokozeit +für angemessener hielt. Der Prinz und seine Frau, die +mittanzen wollten und an den jugendlichen Gewändern +<a name="Page_386" id="Page_386"></a>schon Anstoß genommen hatten, stimmten ihr zu; da +niemand einen Einwand erhob, schien die Angelegenheit +erledigt. Beim Nachhausewege erfuhr ich erst den Grund, +der meine Mutter zu ihrer Anregung bestimmt hatte. +»Dein schweriner Pompadourkostüm hast du nur das +eine Mal angehabt,« sagte sie, sichtlich befriedigt, »wir +sparen nun, Gott Lob, jede Neuanschaffung.«</p> + +<p>»Mein Pompadourkostüm!« Ich erschrak und rief +heftig: »Lieber verbrenn' ichs!«</p> + +<p>»Du bist wohl nicht ganz bei Trost!« antwortete Mama +ärgerlich. Meine Blässe erst machte sie aufmerksam. +»Ach — darum!« sagte sie gedehnt, »solch eine Sentimentalität +hätte ich dir nicht zugetraut.« Ich schwieg.</p> + +<p>Bei der ersten Tanzprobe jedoch brachte ich im stillen +mit Hessensteins Hilfe die Jugend auf meine Seite. +Die Herren erklärten, daß die Hofkostüme ihnen zu kostspielig +seien, die jungen Mädchen, daß sie die langen +Schleppen nicht leiden könnten. Es war eine förmliche +Revolte. Syburg allein war auf Seite der älteren +Mitwirkenden und der Mütter. »Ich kenne die Gründe +Ihrer Frau Mutter,« sagte er mir leise, »und ich begreife +nicht, wie eine so kluge junge Dame wie Sie an +diesem kindischen Tumult teilnehmen kann.« Ich ärgerte +mich über die Bevormundung und mehr noch über das +gute Einvernehmen zwischen Syburg und meiner Mutter, +aber die Heftigkeit meines Widerstands war gebrochen; +wir wurden überstimmt.</p> + +<p>Und der Abend kam, wo das alte Kleid vor mir lag. +Ein leiser Duft von Jasmin stieg aus den Falten, und +seine Bänder und Schleifen, seine grünen Blätter und +roten Rosen sahen mich an, wie lauter lebendig ge<a name="Page_387" id="Page_387"></a>wordene +Erinnerungen. In leisen Melodien raschelte +die Seide: <em class="antiqua">»O la marquise Pompadour — Elle connait +l'amour —«</em>. Durch das Mieder, das sich eng um meinen +Körper schmiegte, spürte ich den Arm, der mich einst so +zärtlich an sich gezogen hatte.</p> + +<p>»Hellmut!« stöhnte ich leise und brach in Tränen aus. +Der Felsen, den ich vor die Grabkammer meines Innern +gewälzt hatte, war zersprengt; und wo ich nur Totes +wähnte, stürzte wild wie ein Gießbach das Leben hervor.</p> + +<p>»Du weinst?!« Mein Vater stand vor mir. »Es ist +nichts — Papachen — nichts!« versuchte ich ihn zu beruhigen +und trocknete hastig Augen und Wangen. Er +lächelte liebevoll: »Sei nur ganz ruhig, mein Alixchen — alles — alles +wird gut werden!« Und als ich, +meiner selbst nicht mächtig, noch einmal krampfhaft aufschluchzte, +zog er mir die Hände vom Gesicht und sagte +leise: »Syburg war längst bei mir und hat — als ein +ehrenwerter Mann durch und durch — zuerst deine +Eltern gefragt, ob er um dich werben dürfe ...« Ich +fuhr auf und starrte ihm entsetzt ins Gesicht. »Das +darf dich nicht kränken, mein Kind, — du solltest selbstverständlich +nichts davon wissen — die Freiheit der +Entschließung sollte dir allein vorbehalten bleiben —« +Er schloß mich gerührt in die Arme, — er war überzeugt, +mich ganz getröstet zu haben — der gute +Vater!</p> + +<p>Er führte mich zum Wagen hinunter — meine Schleppe +raschelte über die breiten Stufen — draußen, rechts und +links, standen die Menschen, um mich anzustaunen; — hatte +ich diesen Augenblick nicht schon einmal erlebt? Damals — im +weißen Kleide wars gewesen, als ich zur Kirche fuhr, +<a name="Page_388" id="Page_388"></a>um ein Gelübde abzulegen, von dem mein Herz nichts +wußte!</p> + +<p>Auf der Treppe des Hotels ergriff mich ein Schwindel. +Hessenstein sprang zu und stützte mich. In demselben +Augenblick war Syburg neben mir. »Ihre Dame erwartet +Sie,« sagte er scharf und kühl zu meinem Begleiter, +und gehorsam legte ich meine Hand in seinen +dargebotenen Arm.</p> + +<p>Und dann tanzten wir. War ich ein Automat, daß +meine Füße sich im Takt bewegten, während meine Seele +weit, weit fort war — oder war ich die kleine Seejungfrau, +die ihre Menschwerdung bei jedem Schritt, +den sie tat, mit schneidenden Schmerzen bezahlen mußte?! — Wie +fest schlossen sich heute die Finger meines Tänzers +um meine Hand — wie Teufelskrallen, die mich nicht +mehr los lassen wollten —; und so sengend heiß wehte +sein Atem mir in den Nacken! Ängstlich vermied ich es, +ihn anzusehen, ich sah ihn niemals gern, wenn er tanzte, +wie auf Draht gezogen bewegte er sich, — ach, und +heute — heute tanzte spukhaft eine andere Gestalt neben +mir —</p> + +<p>Die Musik intonierte die letzte Tour. Ich mußte ihn +ansehen, über die Schulter hinweg, fächerschlagend, mit +einem koketten Lächeln. Und da traf mich sein Auge, +und blieb auf dem tiefen Ausschnitt meines Kleides +haften — mit schwüler, begehrlicher Lüsternheit —</p> + +<p>Noch eine Verbeugung, und wiegenden Schrittes, sich +an den Fingerspitzen haltend, verließen die Paare den +Saal. Meine Kraft war zu Ende. Ich bat Syburg, +meine Mutter zu rufen, da ich mich leidend fühlte und +nach Haus fahren müßte. Ohne Rücksicht auf all die +<a name="Page_389" id="Page_389"></a>erstaunten Blicke, die mich trafen, nahm ich den Mantel +um und stand schon auf der Treppe, als meine Eltern +mich einholten. Angekleidet, wie ich war, warf ich mich +zu Hause aufs Bett. Mama fühlte mir den Puls und +schickte nach dem Arzt. »Die übliche Frühlingskrankheit +junger Damen,« sagte er, »schicken Sie ihr Fräulein +Tochter aufs Land.« Mit einem Gefühl der Befreiung +ergriff ich den guten Rat und stellte mich kränker, als +ich war, nur um ihm folgen zu dürfen.</p> + +<p>Es war Ende April damals. Die kleine Fürstin Limburg +fiel mir ein, die mich wiederholt nach Hohenlimburg eingeladen +hatte. Sie war ein reizendes Frauchen, das jedoch +seiner nicht ganz ebenbürtigen Herkunft wegen von der +Gesellschaft Münsters schlecht behandelt worden war. Zuerst +aus bloßem Widerspruchsgeist, dann aus Sympathie hatte +ich mich ihrer eifrig angenommen und mir ihre Freundschaft +erworben. »Kommen Sie sofort, freue mich riesig« +war ihre telegraphische Antwort auf meine Anfrage, ob +mein Besuch ihr recht wäre.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Der Frühling des Jahres 89 schien allen Dichterphantasien +gerecht werden zu wollen. In reinem +Blau spannte sich der Himmel Tag um Tag über +die Erde, und es sproßte und blühte überall; keinen kahlen +Winkel duldete der Lenz in seiner verschwenderischen Laune. +Am ersten Mai fuhr ich über die Haar hinunter ins Lennetal; +leuchtend wie flüssiges Silber, schlängelte sich der +Fluß zwischen den Bergen, die ihn links und rechts, +von grüngoldigem Glanz übergossen, in weichen Linien +begrenzten. So weit das Auge blickte: Wald und Berg, +<a name="Page_390" id="Page_390"></a>und hoch oben die Burg mit Türmen und Zinnen, wie +ein starker, trutzig gewappneter Schützer dieses stillen +Friedens. Aber je näher ich kam, desto mehr verschob +sich das Bild: breit und massig dehnte sich die Stadt +unten am Ufer aus, als hätte sie sich mit Ellbogen und +Fäusten Platz geschaffen; und verletzt von der Roheit +des Eindringlings, der mit seinen schwarzen Fabrikschloten +zu ihr hinauf drohte, zog sich die Burg hinter +ihren dunklen Bäumen zurück.</p> + +<p>Anna Limburg empfing mich am Bahnhof. Und ihr +helles Lachen und Schwatzen begleitete unsere ganze +Fahrt hinauf, so daß ich Muße hatte, die Augen wandern +zu lassen. Die Stadt verschwand wieder in der Tiefe; +je höher wir kamen, desto mehr wuchsen die Berge empor: +dort der Kegel des Raffenbergs, der Weißenstein mit +seinen zackigen Spitzen, das Felsentor der Hünenpforte, +und fern am Horizont die blauen Höhen der Ruhr. +O, wer doch immer hoch oben bleiben könnte, wohin +kein Lärm und kein Ruß zu dringen vermag!</p> + +<p>Durch den langen gewölbten Torweg ratterte der +Wagen in den Burghof, den hohe Mauern, Türme und +Wehrgänge umschlossen. »Ists nicht schön hier?« lächelte +Anna. »Aber mit meinem Fritz würd' ich auch in einer +Rumpelkammer glücklich sein,« fügte sie rasch hinzu und +flog ihrem Mann um den Hals, der eben auf uns zu trat.</p> + +<p>Stille Tage folgten. Von der Galerie der Schloßmauer +träumte ich stundenlang ins Land hinaus; auf +der Terrasse unter den hohen, knospenden Linden saß ich, +wo vier alte Geschütze an die Zeit erinnerten, da die +Grafen von Limburg noch selbständig Kriege führen und +Münzen prägen konnten; und zu Fuß, zu Wagen und +<a name="Page_391" id="Page_391"></a>zu Pferde besuchten wir die Gegend ringsum. Noch +gab es hier weltabgeschiedene Täler, mit lindenumgrünten +Bauernhöfen, und steile Höhen, mit Burgen gekrönt, +von den Sprossen alter Geschlechter bewohnt; fast überall +aber dröhnten die Eisenhämmer, kreischten die Sägen +und klapperten die Mühlen; und wer die Geister der +Vergangenheit suchen wollte, der mochte sie wohl nur +noch tief in den Felsenhöhlen der Berge finden. Viele +Stätten erinnerten durch Namen und Sage an die Götter +der Alten, an Wodan und Donar, an die Kämpfe der +Römer gegen das mächtige Volk der Sachsen, an Wittekinds +vergebliches Ringen mit dem gewaltigen Karl +und seine Unterwerfung unter Kreuz und Krone, — aber +schon lauerte das gefräßige Ungeheuer, die neue +Zeit, um sie alle zu verschlingen. Sieghaft stieg der +Fabrikschornstein empor, wo der Burgturm langsam +zusammenstürzte. Ich floh seinen Anblick und wäre so +gern auf den ausgebreiteten schillernden Flügeln der +Phantasie vor mir selbst entflohen ins sonnendurchglühte +Märchenreich, aber die Wirklichkeit fing mich immer wieder +mit ihren grauen, dichten Spinnenfäden.</p> + +<p>Mein Vater schrieb mir fast täglich, und selten nur +blieb Syburgs Name unerwähnt in seinen Briefen. +»Ich sah ihn auf dem letzten Rennen in Hamm,« hieß +es zuletzt, »er frug voll aufrichtiger Teilnahme nach +Deinem Befinden und freute sich Deines Wohlergehens. +Er hofft Dich in Brake bei Bodenbergs zu sehen; +Limburgs werden des alten Herrn siebenzigjährigen +Geburtstag doch sicher mitfeiern helfen.«</p> + +<p>Daß er sich so gewaltsam in mein Leben hineindrängte +und die Erwägungen der Vernunft, die Gefühle +<a name="Page_392" id="Page_392"></a>der Kindespflicht, die Sehnsucht nach Inhalt und Zweck +des Daseins seine Wünsche unterstützten! Jene geheimnisvolle +Gewalt des Instinkts, die mich in Münster +von seiner Seite gerissen hatte, schien mich auch jetzt +unter ihren Willen zwingen zu wollen. »Geh ihm aus +dem Wege —« flüsterte sie mir zu. Aber von jeher +hielt ich sie für meinen bösen Engel, mit dem ich glaubte +ringen zu müssen. Zu tief hatte sich mir der Mutter +einziges Erziehungsprinzip eingeprägt, das Selbstbeherrschung +mit Selbstentäußerung gleich setzte.</p> + +<p>So saß ich denn am nächsten Morgen zur Abfahrt +gerüstet am Frühstückstisch — »ohne Mailaune,« wie +Anna neckend bemerkte, — als der Diener die Post +brachte: »Revolution im Kohlenrevier« stand in fetten +Lettern an der Spitze des Kreisblatts, und mein Vater +schrieb: »In Gelsenkirchen haben sich ein paar dumme +Bengels mausig gemacht, und die Kohlenfritzen flehen +nun mit schlotternden Knien um militärischen Schutz. +Obwohl etwas Angst und eine kleine Tracht Prügel +den Protzen, die die armen Leute zum Besten ihres +Geldsacks in die Gruben schicken, ganz gesund wäre, +mußte ich heute schon eine Kompagnie Dreizehner nach +Gelsenkirchen schicken, denen die Kürassiere morgen folgen +werden. Ich finde solche Aktionen eines Soldaten unwürdig ...«</p> + +<p>»Zu dumm!« rief Anna ärgerlich. »Nun ists mit der +ganzen Stimmung vorbei. Statt lustig zu sein, werden +uns die Herren mit Politik anöden!«</p> + +<p>»Am besten wärs, wir blieben zu Hause,« meinte ihr +Mann. Davon aber wollte sie nichts wissen. Sie +weinte fast vor Erregung.</p> +<p><a name="Page_393" id="Page_393"></a></p> +<p>»Angsthase, der du bist! Wenns in Münster brennt, +wirst du in Limburg noch nach der Feuerspritze laufen!« +Der Fürst lachte und streichelte der kleinen Frau begütigend +die Wangen.</p> + +<p>»Sei ruhig, Kindchen — natürlich fahren wir! +Brake ist, Gottlob, weit vom Schuß, und im dortmunder +Kreis scheint alles ruhig zu sein.«</p> + +<p>Aber je mehr wir uns auf der Fahrt aus den grünen +Bergtälern entfernten, und je zahlreicher die zum Himmel +starrenden Essen wurden, desto stärker sprach ihr Anblick +für ungewöhnliche Vorgänge: das Leben, das ihnen +sonst in grauen Wölkchen, in schwarzen Schwaden, in +tollem Funkensprühen vielgestaltig entquoll, war erloschen. +Ungehindert strahlte die Maiensonne vom +wolkenlosen Himmel; wie ein Feiertag wars.</p> + +<p>Im grauen Herrenhaus zu Brake, das, von einem +Wassergraben umgeben, mit seinen dicken Mauern und +kleinen Fenstern düster ins weite ebene Land hinaussah, +wurden wir freudig empfangen. Viele hatten im letzten +Augenblick abtelegraphiert, vor allem fehlte es an jungen +Herren für die tanzlustigen Mädchen, sie waren entweder +mit ihrer Truppe im Streikgebiet um Gelsenkirchen +oder mußten in ihren Garnisonen aller Befehle +gewärtig sein. Nur Syburg trat mir entgegen — mit +einem so freudigen Aufleuchten in den sonst so unbeweglichen +Zügen, daß es mir unwillkürlich warm ums +Herz ward — und Hessenstein, der mit seiner Schwadron +in Dortmund in Quartier lag und herübergeritten war. +»Am liebsten hätte ich alle meine Kerls mitgenommen,« +sagte er. »Man schämt sich förmlich seines Säbelrasselns +inmitten völliger Kirchenruhe.«</p> +<p><a name="Page_394" id="Page_394"></a></p> +<p>»Wenn Sie nur nicht doch noch recht blutige Arbeit +bekommen!« meinte Syburg. »Eine Rotte Betrunkener, — und +das Unglück ist geschehen.«</p> + +<p>Anna sollte Recht behalten: trotz der blumengeschmückten +Tafel, der feurigen Weine und der launigen +Toaste auf den Hausherrn und das Geburtstagskind +wollte die echte Feststimmung nicht aufkommen. Alles +war voll von den Ereignissen, und jeder wußte andere +Details zu erzählen. Der Ortspfarrer war eben von +Castrop zurückgekehrt. Er hatte die Streikenden der +Zechen Erin und Schwerin gesehen und gesprochen. +»Ihr Verhalten ist ein so würdiges,« sagte er, »daß +die Aufregung der Zechenbeamten dem gegenüber einen +peinlichen Eindruck macht.«</p> + +<p>»Dasselbe habe ich eben vom Oberpräsidenten gehört, +den ich in Witten traf,« meinte Graf Recke. »Er kam +aus Gelsenkirchen, wo er mit den Arbeitern der Hibernia +verhandelt hat. Ihre Forderungen halten sich zunächst +in durchaus diskutabeln Grenzen, und wenn die Presse +wegen der Achtstundenschicht Zetermordio schreit, so +weiß sie eben nicht, was uns alten Westfalen von +Jugend an bekannt ist: daß nach unseren Bergordnungen +vom 17. Jahrhundert an die Schicht schlechthin achtstündig +war und erst das gesegnete 19. Jahrhundert, +wie mit so vielen guten alten Bestimmungen, auch damit +aufräumte. Die Knappschaften verlangen nichts +anderes als das Recht ihrer Väter.«</p> + +<p>Baron Bodenberg bestätigte Reckes Behauptung.</p> + +<p>»Und mit ihren übrigen Wünschen steht es im Grunde +nicht anders,« fügte er hinzu, »in meiner Jugend hatten +die Grubenbesitzer den Knappen gegenüber keine freie<a name="Page_395" id="Page_395"></a> +Hand. Über Annahme und Entlassung der Arbeiter, +Feststellung der Löhne, Regelung des Betriebs usw. usw. +stand die Entscheidung damals ausschließlich der königlichen +Bergbehörde zu. Jetzt, im Zeitalter der famosen +freien Konkurrenz kann jeder Jude, der sich eine Grube +kauft, aber nie in seinem Leben selbst die Nase hineinsteckt, +machen, was er will. Opponieren ihm mal die +alten Leute, so holt er sich polnisches Gesindel und +ruiniert uns durch das hergelaufene Volk den guten +Stamm und seine gute Gesinnung. Ich sprach erst +gestern einen Häuer von der Zeche Schleswig, der hier +vom Gutshofe stammt, ein Spielkamerad meiner Söhne +war und ein Knappe vom guten alten Schlage ist. +›Wir wollen gar nicht randalieren,‹ meinte der, ›und +hauen unseren grünen Jungens selbst eine runter, wenn +sie spektakeln. Auch um den Lohn ists uns nicht so +sehr zu tun, nur kürzere Schicht müssen wir haben und +anständige Behandlung.‹ Und solche Leute werden wie +Aufrührer mit Pulver und Blei bedroht!«</p> + +<p>»Ich glaube, die Herren sehen die Dinge zu sehr +durch die Brille der Tradition,« mischte sich Fürst Limburg +ins Gespräch. »Alte Bestimmungen und altes +Recht entsprechen doch kaum mehr der ganz veränderten +Betriebsweise. Und das wissen die einsichtsvolleren +unter den Knappen sicher ganz genau. Mir scheint daher, +daß die eigentliche Triebkraft der ganzen Bewegung +nicht in der Sehnsucht nach der ›guten alten Zeit‹ zu +suchen ist.«</p> + +<p>»Und worin sonst, wenn ich fragen darf?« warf der +alte Bodenberg, der so sehr das Orakel der Gegend +war, daß er Widerspruch selten erfuhr, gereizt ein.</p> +<p><a name="Page_396" id="Page_396"></a></p> +<p>»In demselben Gegensatz, der auch die Sozialdemokratie +groß zieht: dem zwischen den ungeheueren Reichtümern +auf der Seite der Unternehmer und der Besitzlosigkeit, +um nicht zu sagen der Armut, auf der Seite +der Arbeiter —«</p> + +<p>»Armut! Darin steht man wieder Ihre jugendliche +Neigung zu starken Worten!« polterte Bodenberg; +»als ob unsere Bergleute von Armut auch nur 'ne +Ahnung hätten! Haben alle ihr Häuschen, ihren +Gemüsegarten und mästen sich ein Schwein —«</p> + +<p>»Und doch, Herr Baron, haben wir unten im Dorf +manche Ehefrau, die schon mitverdienen muß, und die +Kinder schicken sie gewiß auch nicht aus Vergnügen so +früh als möglich — mit gefälschten Geburtsscheinen, +wenns nicht anders geht — in die Grube,« ließ sich +der Pfarrer vernehmen.</p> + +<p>»Von der verdammten Genußsucht kommt das, und +von nichts anderem!« unterbrach ihn der alte Baron, +»zu meiner Zeit gingen die Knappenfrauen noch in +Kopftüchern und Schürzen in die Kirche — heute muß +jede einen Federhut tragen und die Röcke auf dem +Tanzboden schwenken —«</p> + +<p>»Wenn die Leute sehen, daß die Herren Direktoren +mit vierzig- und fünfzigtausend Mark Gehalt auf +Gummirädern fahren und Sektgelage geben und die +Aktionäre schmunzelnd enorme Dividenden schlucken, so +ists doch kein Wunder, daß sies ihnen auf der einen +Seite nachmachen möchten und auf der anderen vor +Neid immer rabiater werden. Die ganze Bewegung ist +dadurch entstanden — ich komme damit auf meinen +Ausgangspunkt zurück —, daß die glänzende Konjunktur +<a name="Page_397" id="Page_397"></a>der letzten Jahre ausschließlich den Besitzern und +Aktionären, nicht aber den Bergleuten zugute kam. +Hier hakt notwendigerweise die sozialdemokratische Agitation +ein.«</p> + +<p>»Sie sehen, was das betrifft, sicher zu schwarz, lieber +Limburg,« sagte Graf Recke, »jedenfalls, soweit unser +hörder Kreis in Frage kommt. Unsere frommen, +königstreuen Bergleute — und Sozialdemokraten! Selbst +ihre Versammlungen schließen sie mit einem Hoch auf +den Kaiser!«</p> + +<p>Hessenstein räusperte sich vernehmlich: »Und doch +haben mir heute morgen ein paar Kameraden von den +Dreizehnern erzählt, daß die Direktoren der Zeche +Schleswig gleichfalls um militärischen Schutz gebeten +haben. Man fürchte Ausschreitungen gegen Streikbrecher, +hieß es.«</p> + +<p>Bodelschwing lachte, daß ihm die Tränen in den +weißen Bart liefen: »Das ist wirklich kostbar! — Die +Furcht ist schon die ansteckendste Krankheit! — Viel +eher möcht' ich glauben, daß unsere Dorfschönen sich +auf diese ungewöhnliche Weise für den morgigen Feiertag +die Tänzer bestellten, die ihnen wahrscheinlich ebenso +fehlen wie uns!«</p> + +<p>Schweigsam hatte Syburg bis dahin zugehört. Sein +kühler, hochmütig-wissender Ausdruck — der typische +des altpreußischen Beamten — reizte mich.</p> + +<p>»Ihre landrätliche Würde verbietet Ihnen wohl, sich +auszusprechen?« wandte ich mich spottend an ihn, und +als er, unangenehm überrascht, aufsah, fügte ich rasch +hinzu: »Oder sollten Sie ketzerische Gedanken zu verbergen +haben?«</p> +<p><a name="Page_398" id="Page_398"></a></p> +<p>»Ketzerische Gedanken?!« — er warf mir einen +tadelnden Blick zu — »vielleicht! Aber andere, als +Sie anzunehmen scheinen! So milde, wie die Herren +hier, vermag ich die Dinge nicht zu beurteilen. Nach +meiner Ansicht hat eine gewissenlose sozialdemokratische +Agitation die gut bezahlten Bergarbeiter zum Kontraktbruch +verführt, und es ist unsere Pflicht, sie, wenn es +sein muß, mit Gewalt auf den Weg des Rechts zurückzuführen. +Wortbruch und Pflichtvergessenheit sind überall +der Anfang vom Ende.«</p> + +<p>»Ganz Ihrer Meinung, Herr von Syburg!« antwortete +ich, während mir das Blut heiß in die Schläfen +stieg. »Es kommt nur darauf an, auf welcher Seite +Wortbruch und Pflichtvergessenheit zu finden ist! Wenn +die Grubenbesitzer, die in der glücklichen Lage sind, +eine Havanna rauchend vor dem Tischlein-deck-dich zu +sitzen, den Arbeitern nicht so viel geben, daß sie anständig +leben können, so ist das Pflichtvergessenheit; +und wenn sie, die zu allen Vergnügungen der Welt +Zeit haben, ihnen das althergebrachte Recht auf eine +geregelte Arbeitszeit vorenthalten, so ist das Wortbruch!«</p> + +<p>Syburg preßte die Lippen zusammen, — er zwang +sich offenbar zu einer ruhigen Antwort.</p> + +<p>»Sie sprechen aus der Gefühlsperspektive der Frau. +Das ist verzeihlich. Sie kennen, Gott sei Dank, diese +aufrührerische, mit sozialdemokratischen Phrasen vollgefütterte +Bande nicht, die jetzt auf den Gruben und +in den Fabriken das große Wort führt und an allem +rüttelt, was uns heilig ist.«</p> + +<p>Wie eine Vision sah ich plötzlich all die Gestalten +des Elends wieder, die mir im Leben begegnet waren:<a name="Page_399" id="Page_399"></a> +aus den Vorstädten Posens und Augsburgs, aus den +Dörfern des Samlands.</p> + +<p>»Sie mögen recht haben,« sagte ich nachdenklich, »die +kenn' ich nicht — aber andere kenn' ich. Und das +Eine weiß ich gewiß —« meine Stimme zitterte vor +Erregung — »wäre ich eine von denen, meine Geduld +wäre erschöpft, und ich würde mich um Treue und +Pflicht nicht kümmern.«</p> + +<p>Syburgs blasses Gesicht hatte sich mit tiefer Röte +überzogen; doch die Herrin des Hauses hob die Tafel +auf, und er unterdrückte noch rasch eine scharfe Antwort, +die ihm offenbar auf den Lippen schwebte. Während +des ganzen warmen Frühlingsabends, der uns alle in +den Park hinauslockte, mied er mich. Nur beim Abschied +hielt er meine Hand fest in der seinen und +flüsterte: »Ich möchte, daß wir uns versöhnen — ganz +und auf immer —, darf ich darauf hoffen, wenn ich +nach Hohenlimburg komme?« Ich nickte nur.</p> + +<p>Wir blieben über Nacht in Brake, um den bequemen +Frühzug benutzen zu können. Aber als wir am nächsten +Morgen herunterkamen, trat uns der alte Bodenberg +mit ernstem Gesicht entgegen. »In Witten und Annen +hat das Militär scharf geschossen,« sagte er, »in Dortmund +soll die Haltung der Arbeiter eine drohende sein — nach +Hörde sind, wie mein Verwalter eben berichtet, +die Kürassiere unterwegs. Wenn auch die Stimmung +der Leute in unserer nächsten Nachbarschaft vollkommen +friedlich ist, so möchte ich Sie doch bitten, diesen Tag +noch abzuwarten — oder wenigstens Ihre Damen hier +zu lassen —« So sehr wir uns sträubten — Anna, +weil die Gesellschaft des alten Ehepaars sie langweilte, +<a name="Page_400" id="Page_400"></a>ich, weil mir nichts erwünschter gewesen wäre, als den +Aufstand der Arbeiter in der Nähe zu sehen, — wir +mußten uns fügen.</p> + +<p>Ich lief in den Park, — vielleicht, daß sich von hier +aus irgend etwas erspähen ließ. Das Abenteuerfieber +der Jugend packte mich, dasselbe Fieber, durch das +Schulbuben auf Auswandererschiffe getrieben und schwärmerische +Byron-Seelen in phantastische Freiheitskämpfe +gerissen werden, das Fieber, das überall ausbricht, wo +ein Gluthauch plötzlich die Normaltemperatur des Alltags +vertreibt. Hohe Mauern wehrten mir den Ausblick. +Sollten sie mich immer wieder von der lebendigen Welt +da draußen trennen?</p> + +<p>Ich trat auf den Gutshof. Feiertägige Stille herrschte +auch hier. Aber drüben, wo zwei mächtige Linden am +Ausgang zur Straße Wache standen, sah ich einen Haufen +lebhaft gestikulierender Menschen. Ein grauer Kopf mit +der Bergmannsmütze auf den kurzgeschorenen Haaren +ragte aus ihrer Mitte hervor. »Ich, ich bin dabei gewesen!« +hörte ich ihn schreien, als ich näher hinzutrat, — »ein +Wunder, daß ich mit heilen Gliedern davon kam! +Sie haben geschossen, wie verrückt.«</p> + +<p>»So erzählt doch, Mann, erzählt!« — »Wo — wo +ists denn gewesen?« bestürmten ihn die Umstehenden. +»In Bochum — gestern abend. Ein blutjunger Leutnant +kommandierte Feuer — grad, als die Menschen +aus dem Bahnhof strömten. Wie die Hunde die +Hammelherde, so umschlossen die Soldaten die Leute — lauter +harmloses Volk — kaum einer von uns darunter, — und +dann lag der Platz voller Toten —«</p> + +<p>Irgend woher klang eine Kirchenglocke. Der Berg<a name="Page_401" id="Page_401"></a>mann +schwieg, riß die Mütze vom Kopf und schlug mit +der harten rissigen Hand das Kreuz über Stirn und +Brust. Erst jetzt sah ich ihn genauer. Der Kohlenstaub +schien sich in die Falten unter den Augen eingebrannt +zu haben, so daß sie aussahen wie die großen runden +Augenhöhlen der Totenschädel. Farblos fahl waren die +Züge; eine breite, gelbe Narbe, die das Gesicht in zwei +Hälften teilte, entstellte sie zur Fratze. Er wandte sich +zum Gehen, und die Menge drängte ihm nach. Die +gerade schwarze Straße, mit den kahlen Pappeln zu +jeder Seite und dem schweren Grau trübdunstigen +Frühlingshimmels ringsum, verschlang sie rasch. Drohend +wie ein Galgen ragten in der Ferne die Glockenstühle +in die Luft, und die Sonnenstrahlen scheuten sich vor der +Berührung dieser Öde ...</p> + +<p>Langsam, schweren Herzens, wandte ich mich wieder +dem Schlosse zu. Die Hausbewohner waren zur +Sonntagsandacht in der Halle versammelt. Auf hohem +Stuhl saß der Hausherr und las aus der alten Bibel: +»Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen +seid ...«</p> + +<p>Und die Vertreter christlicher Ordnung schossen auf +die Mühseligen und Beladenen! dachte ich bitter.</p> + +<p>»Es läßt mir keine Ruhe,« sagte der alte Bodenberg, +nachdem der letzte Ton auf dem Harmonium verklungen +war und die Dienerschaft sich entfernt hatte. +»Kommen Sie, Limburg, wir gehen ein Stück Weges +zur Zeche hinunter —«</p> + +<p>Entsetzt schrie Anna auf: »Das darfst du mir nicht +antun, Fritz!« Aber begütigend legte die alte Baronin +ihre feine Greisenhand auf den Arm der Erregten:<a name="Page_402" id="Page_402"></a> +»Fürchten Sie nichts, kleine Frau, — die Leute hier +krümmen unseren Männern kein Härchen.« Wir blieben +trotzdem in kaum zu bemeisternder Unruhe zurück. Wir +horchten auf jeden Ton, während einer den anderen +durch eine möglichst harmlos-heitere Unterhaltung über +die Erregung hinwegzutäuschen suchte, und sprangen +gleichzeitig erleichtert auf, als nach einer Stunde Bodenbergs +kräftige Stimme vom Hof herauf durch das +Fenster klang.</p> + +<p>»Hab' ichs euch nicht gesagt?« lachte er uns entgegen. +»Sie freuen sich drunten ihres Feiertags, wie +nur je. Die Kinder spielen auf den Straßen, die +Frauen stehen im Sonntagsputz vor den Türen und +schwatzen mit den Nachbarn.«</p> + +<p>»Und doch heißt es, daß Soldaten kommen,« unterbrach +ihn Limburg mit einem Ausdruck schwerer Besorgnis in +den Zügen.</p> + +<p>»Mögen sie doch! Gegen die Kinder, die jetzt schon +in der Vorfreude hurraschreiend ihre Fähnchen schwingen, +werden sie kaum zu Felde ziehen. Sahen Sie nicht +den krummbeinigen Schlingel, dem seine Gefährtin, ein +süßes Mädelchen mit Haaren wie rote Flammen, den +Platz an der Spitze der kleinen Gesellschaft streitig +machte? Gefährliche Aufrührer sind das, nicht wahr?!«</p> + +<p>»Gewiß sah ich sie — aber ich sah auch die Gesichter +der Männer hinter den Fenstern der Kneipe ...«</p> + +<p>Ein Geräusch — wie ein fernes Prasseln von Hagelkörnern +auf Glasscheiben — unterbrach das Gespräch. +Bodenberg wurde aschfahl — »Gewehrsalven« — murmelte +Limburg. Wir standen, wie an den Boden gebannt, — in +atemloser Erwartung. Unten auf dem<a name="Page_403" id="Page_403"></a> +Hof liefen die Leute zusammen. »Sie schießen,« schrie +einer. Wir stürzten hinunter bis ans Tor, keiner sprach +mehr ein Wort, aber von einer Angst erfüllt starrten +wir alle die lange, öde, schwarze Straße hinab. Die +Zeit schien still zu stehen, Ewigkeiten dünkten uns die +Minuten. Endlich erhob sich in der Ferne eine Wolke +Staubs vom Boden: Menschen, die liefen, als wäre +der Teufel ihnen auf den Fersen. Näher und näher +kamen sie: Weiber mit wehenden Haaren und verzerrten +Zügen — schreiende Kinder mit rot verquollenen +Augen — ihre Sonntagskleider bedeckt mit dem schwarzen +Ruß der Straße. »Sie morden uns —« stöhnte eine +weißhaarige Alte, warf die hageren Arme verzweifelt +um den Kopf und brach vor uns zusammen ...</p> + +<p>Tröstend und helfend gingen Brakes Bewohner von +einem zu anderen, und endlich gelang es, aus dem +wirren Durcheinander des allgemeinen Erzählens ein +Bild dessen zu gewinnen, was geschehen war.</p> + +<p>Der Ton der Pfeifen und Trommeln hatte alles auf +die Dorfstraße gelockt. Den Großen voran waren die +Kinder jubelnd den einziehenden Soldaten entgegengelaufen, +als ein barsches »Platz da« ihres Führers, +eines jungen Leutnants, die Freude in Furcht verwandelt +hatte. Die Kinder hatten sich hinter den Großen verkrochen, +die Männer eine drohende Haltung angenommen.</p> + +<p>»Nur das rothaarige Lieserl stellte sich keck mitten +auf die Straße,« sagte die Alte, die noch auf dem +Boden hockte.</p> + +<p>»Und den Franz sah ich, wie er einen Stecken aus +unserem Zaun riß und damit wild herumfuchtelte,« +berichtete zungenfertig eine andere. »›Platz da‹ — rief +<a name="Page_404" id="Page_404"></a>der Leutnant dann noch einmal, und die Soldaten +trieben uns alle gegen die Häuser. Da drängte sich +die Mutter vom Franz mit dem Kleinsten an der Brust +durch die Reihen — der Junge ist ihr Ältester, ihren +Mann brachten sie ihr voriges Jahr tot aus der Grube —; +sie hatte ihn grade erwischt, als der Herr Offizier noch +mal losschrie —«</p> + +<p>»›Immer die Augen auf den Feind halten,‹ sagte er. +Ich hab' es ganz genau gehört,« ergänzte ein blasses +Ding mit fanatisch funkelnden Augen die Worte der +Erzählerin.</p> + +<p>»Den Feind, — damit meinte er uns!« riefen sie alle +durcheinander und selbst auf den Wangen der Müdesten +und Stillsten erschienen rote Flecken.</p> + +<p>»Da wars aus mit der Ruhe bei den Knappen — sie +drohten mit den Fäusten, sie schimpften, auch ein +paar Steine flogen ...« Die Erzählerin schluchzte auf.</p> + +<p>»Dann schossen sie auf uns —« sagte mit tonloser +Stimme die Alte. Und nun schwiegen sie alle — nur +verhaltenes Weinen unterbrach die Stille.</p> + +<p>Ich griff mir an den Kopf, — es war doch wohl nur +ein böser Traum, der mich narrte?! Es brauste mir in +den Ohren, das Entsetzen schnürte mir die Kehle zusammen.</p> + +<p>»Dem Franz seine Mutter war die erste, die fiel —« +wie aus weiter Ferne schlugen die Worte wieder an +mein Ohr. »Ich sah sie dicht vor mir — die Haare +ganz voll Blut, — das Jüngste an die Brust gepreßt — und +den Stock noch in der Hand, den sie dem Franz +entrissen hatte ...«</p> + +<p>War ich es, die qualvoll aufstöhnte — oder war +es<em class="spaced"> ein</em> Ton, der sich uns allen entriß?!</p> +<p><a name="Page_405" id="Page_405"></a></p> +<p>»... Ja, und die rote Liefe lag auch mitten auf der +Straße — sie guckte grade in den Himmel mit den +toten Augen ...«</p> + +<p>»Das süße Mädelchen mit den Flammenhaaren ...« +flüsterte der alte Bodenberg mit erstickter Stimme.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Wir fuhren noch an demselben Tage auf einem +großen Umweg zurück. Dicht hinter Unna +wies der Fürst aus dem Fenster. »Wir +passieren hier den historischen Boden der Zukunft,« sagte +er, »dort drüben auf der Heide stand noch zu meines +Vaters Lebzeiten jener uralte sagenumwobene Birkenbaum, +und jenseits, von den Schlückinger Höhen, sahen +die Bauern, wie die blutige Schlacht um ihn tobte.«</p> + +<p>»Vielleicht ist sie heute schon keine Sage mehr,« antwortete +ich.</p> + +<p>Mit steigender Erregung verfolgte ich in den nächsten +Tagen die Ereignisse. Noch mehr als durch die Zeitungen +erfuhren wir durch Briefe und durch die Erzählungen +der Augenzeugen.</p> + +<p>Kaum eine Stimme war, die für die Zechendirektoren +Partei ergriffen hätte, und die Empörung war allgemein, +je häufiger sie den Bergleuten, die im Vertrauen auf +ihre Versprechungen die Arbeit wieder aufgenommen +hatten, ihr Wort brachen.</p> + +<p>»Habt ihr endlich Hunger genug?!« Damit empfingen +die Zechenbeamten von Gelsenkirchen die wieder einfahrenden +Knappen, und in Hörde trieben sie kranke +Weiber und Kinder aus den Zechenhäusern, wenn die +Männer im Ausstand beharrten.</p> +<p><a name="Page_406" id="Page_406"></a></p> +<p>»Ich glaube, daß wir vor einer großen Umwälzung +stehen,« schrieb ich an meine Kusine, »die Macht des +Kapitals muß gebrochen werden. Vor hundert Jahren +hat die Revolution den Absolutismus und den Feudalismus +gestürzt, — sie waren dessen wert! —, eine +künftige Revolution wird den Kapitalismus vernichten, +und wir werden das wunderbare Schauspiel erleben, +daß der Adel und die Arbeiter zusammen gehen.«</p> + +<p>Die Deputation der Bergleute zum Kaiser schien mir der +Auftakt des großen Schauspiels, das ich erwartete. Und +die ersten Nachrichten von ihrem Empfang, von der Anerkennung +ihrer Wünsche durch den Monarchen bestätigten +meine Hoffnungen. Dann aber sickerten allerlei andere +Gerüchte durch: die drei Deputierten waren keineswegs +befriedigt zurückgekommen; kaum zehn Minuten hatte er +Zeit gehabt, sie anzuhören, mit einer Drohung gegen alle, +die sich den Anordnungen der Behörden widersetzen +würden, hatte er seine Antwort geschlossen. Und was +folgte, schien die Wahrheit der Gerüchte zu bestätigen: +das ganze Streikkomitee wurde verhaftet, der Oberpräsident, +der stets zu vermitteln gesucht hatte, mußte einem +Nachfolger weichen, dem der Ruf eines Scharfmachers +voran ging. »Studt ist ein glatter Höfling,« schrieb +mir mein Vater, »der mir neulich mit dem verbindlichsten +Lächeln erklärte, daß meine offenbare Verkennung +so trefflicher Leute, wie der Grubenmagnaten, höheren +Orts unliebsam empfunden würde. Mich solls nicht +wundern, wenn wir in Preußen noch mal so weit kommen, +vor jedem Geldsack auf dem Bauche zu rutschen.«</p> + +<p>Unter den Enttäuschungen litt ich, als beträfen sie mich +selbst. Mit der Märtyrergloriole hatte ich das Haupt +<a name="Page_407" id="Page_407"></a>der erschossenen Bergmannsfrau und das rote Köpfchen +des Proletarierkindes umwoben und den gräßlichen +Eindruck in der eigenen Erinnerung verklärt; nun waren +sie umsonst gestorben, und nichts als der schwarze Straßenruß +umgab sie.</p> + +<p>Ich war in wehmütig weicher Stimmung, als Syburg +kam. Am Morgen desselben Tages hatte mir Anna mit +einem selig-verschämten Lächeln von ihrer Mutterhoffnung +erzählt, hatte mich in das weiße Zimmer geführt, das +den jungen Erdenbürger erwartete, und all die weichen, +duftigen Dinge aus Spitzen und Battist waren mir durch +die Finger geglitten. Meine Hände waren heiß geworden +dabei, und die Tränen waren mir in die Augen gestiegen. +Und die kleine Anna hatte sich emporgereckt, um mich mit +einem altklug wissenden Ausdruck auf den Mund zu küssen.</p> + +<p>Nun ließ sie all die Kupplerkünste spielen, in denen +junge, glückliche Frauen Meisterinnen sind. Sie pries +neckend meine Schönheit und meine Tugenden, erzählte +allerlei Abenteuerliches von meinen vielen Verehrern und +ließ uns schließlich, Müdigkeit vorschützend, im Park allein. +Syburg schien nur darauf gewartet zu haben.</p> + +<p>»Ich möchte Klarheit haben zwischen uns, volle Klarheit, +Fräulein Alix,« begann er, zum erstenmal vertraulich +meinen Namen nennend. Ich fuhr unwillkürlich +erschrocken zusammen. Aber die Frage, die er stellte, +war nicht die erwartete — gefürchtete. »Man hat mir +erzählt, Sie hätten sich neulich nach dem Aufstand auf +der Zeche Schleswig mit größter Schärfe für die Streikenden +ausgesprochen.«</p> + +<p>Ich bezwang meinen Zorn über diese Art, mich auf +Herz und Nieren zu prüfen.</p> +<p><a name="Page_408" id="Page_408"></a></p> +<p>»Und wenn ich es getan hätte,« sagte ich rasch und +abwehrend, »ist es nicht eine der ersten Forderungen +Ihres Christentums, den Unschuldigen beizustehen? — Gebietet +es nicht Ihre Religion, sich opfermütig zwischen +die Kinder und ihre Mörder zu werfen?«</p> + +<p>»Mein Christentum?! Meine Religion?!« Er sah +mich groß an. »Sie haben sich falsch ausgedrückt, wie +ich hoffe! Unser Glaube ist der gleiche — nicht wahr, +Fräulein Alix?«</p> + +<p>»Sie spielen ein männliches Gretchen, Herr von +Syburg!« fuhr ich auf, »mit welchem Recht behandeln +Sie mich wie ihr Beichtkind?!«</p> + +<p>»Mit dem Recht des Mannes, der das Jawort ihrer +Eltern erhielt!« Er griff nach meiner Hand, die ich +ihm heftig entriß.</p> + +<p>»So erfahren Sie denn, daß ich dies Recht nicht anerkenne! +Niemand hat über mich zu verfügen — niemand — als +ich, ich ganz allein. Und ich — ich werfe Ihnen +ihr Jawort vor die Füße!«</p> + +<p>Ich wandte ihm den Rücken, schritt ruhig durch +die Lindenallee, über den Burghof, die Treppen hinauf +in mein Zimmer — warf die Tür ins Schloß, riegelte +zu — reckte die Arme weit aus: nun war ich frei!</p> + +<p>Anna ließ ich vergebens klopfen — fragen — bitten. +Ich wäre außerstande gewesen, irgend jemandem Rede +und Antwort zu stehen. Ich mußte allein sein.</p> + +<p>Noch stand ich mit einem Gefühl des Schreckens vor +dem Abgrund, der zwischen mir und meiner Welt auseinanderklaffte. +Unter den Speerwürfen blendenden +Sonnenlichts war der Nebel zerrissen, den ich, mich selbst +belügend, so lange für eine Brücke gehalten hatte. Ich +<a name="Page_409" id="Page_409"></a>stand auf fremdem Boden, — zurecht finden mußt ich +mich, meine Gedanken sammeln, über meine Zukunft +entscheiden.</p> + +<p>Am nächsten Morgen, in aller Frühe schrieb ich an +meine Eltern und trug den Brief selbst zur Stadt hinunter. +Schneidend pfiff der Wind über die Höhen, als +ich abwärts schritt. In grauen Wolken verschwanden +die Türme der Burg, und aus der Tiefe grüßten mich +sieghaft die schwarzen Schlote.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_410" id="Page_410"></a></p> +<h2><a name="Vierzehntes_Kapitel" id="Vierzehntes_Kapitel"></a>Vierzehntes Kapitel</h2> + + +<p>Und nun kamen stille Wochen auf Hohenlimburg. +Die Mutterhoffnung hatte Anna völlig verändert. +Sie lernte die Einsamkeit lieben und +überließ mich stundenlang mir selbst. In den ersten Tagen +fürchtete ich mich vor jedem Postwagen, der ankam. +Die Briefe, die er brachte, waren fast noch schlimmer, +als die Ankunft des Vaters gewesen wäre, die ich erwartet +hatte. Die Gründe, die mich bewogen hatten, +Syburgs Werbung abzulehnen, hatte dieser natürlich +in einer Weise dargestellt, die mich kompromittieren +sollte. Über meine Sympathie mit den Bergarbeitern +wurden, wie es schien, nicht ohne Syburgs Hilfe, +wahre Räubergeschichten verbreitet, denen mein Vater +zunächst Glauben schenkte. Und derselbe Mann, der +eben erst gegen die Unternehmer gewettert hatte, gefiel +sich jetzt in wilden Übertreibungen und beschuldigte +mich, sein Unglück zu sein. »Daß ich, ein königstreuer +Edelmann und Offizier, es erleben mußte, daß meine +Tochter mit diesen wortbrüchigen Hallunken sympathisiert!« +schrieb er. Aber die Anschuldigungen, mit denen +er mich in der ersten Aufregung überhäufte, trafen mich +weit weniger als der tiefe Schmerz über mein Schicksal, +der in seinen späteren, ruhigeren Briefen zum<a name="Page_411" id="Page_411"></a> +Ausdruck kam. »Wie hatte ich mich gefreut, dich versorgt +zu sehen, ehe ich sterbe —« dies Wort tat mir +bitter weh. Meiner Mutter Briefe dagegen mit ihrem: +»ich habe es vorausgesehen«, — »ich wußte, daß du +dich nie in geregelten Bahnen bewegen würdest« — »deine +Romane sind nur um ein Kapitel reicher geworden« empörten mich.</p> + +<p>Auch meine Tante schrieb mir. »Deine Ablehnung +einer, wie mir Hans mitteilte, so ungewöhnlich guten +Partie ist ein Schaden, den du dir selbst zugefügt hast, +und dessen Folgen du ebenso zu tragen haben wirst wie +die sonstigen Folgen deines Eigensinns ...«</p> + +<p>Schweigend ließ ich alle Vorwürfe über mich ergehen. +Ich machte weite Spaziergänge, auf denen mir der +schwarze Cäsar, der treue Hofhund, nicht von der Seite +wich. Dem Zusammenhang meines Lebens suchte ich +nachzuspüren: Was war es gewesen — was wollte es +von mir? Und wenn es Abend wurde, schrieb ich nieder, +was mir durch den Kopf gegangen war, und meine +Feder brachte Ordnung in das Chaos meiner Gedanken.</p> + +<p>»Der Bildhauer bildet sein Werk aus einem rohen +Marmorblock, er behaut es, er glättet es, er sucht die +weichen Formen einer Venus aus dem harten Material +herauszuarbeiten. Es dauert lange, ehe er sich selbst +genügt; nicht das lebende Modell will er kopieren, +er will ein Schönheitsideal, das ihm beständig vorschwebt, +verwirklichen. Anders der Handwerker, der +rasch ein effektvolles Dekorationsstück schaffen will: er +fertigt ein Holzgerüst, drapiert es mit Sackleinwand, +wirft Gyps darüber und setzt eine fertig gekaufte Allerweltsgipsbüste +darauf. Aus einiger Entfernung wirkt +<a name="Page_412" id="Page_412"></a>seine Arbeit nicht übel, dem Rohen täuscht sie dauernd +ein Kunstwerk vor, — nur in der Nähe schau sie nicht +an und hüte sie wohl vor Regen und Sturm, das Holzgerüst +möchte sonst allzu schnell zum Vorschein kommen! — Hat +ein Künstler oder ein Handwerker mich geschaffen? +Habe ich die Nähe zu fürchten und das +Wetter? Oder stürzt mich kein Sturm? Bin ich, oder +scheine ich nur?« — —</p> + +<p>Bald ließ es mir keine Ruhe mehr, — kaum daß ich +den nötigsten Schlaf mir gönnte —, ich schrieb und +nannte das kleine schwarze Buch, über dessen Seiten meine +Feder fiebernd flog: Wider die Lüge. Seine ersten +Seiten lauteten:</p> + +<p>»Die Lüge ist der Anfang alles Verderbens, ist das +Verderben selbst. Alle Schäden, an denen unsere Zeit, +an denen wir selber kranken, entspringen aus diesem +Grundübel. Wir sprechen in volltönenden Phrasen von +Wahrheit, und doch trennen uns von ihr tote Jahrhunderte. +Denn die Wahrheit der Vergangenheit wird +zur Lüge der Gegenwart. Wie ein Verbrechen verstecken +wir, was in die alten Formen und Formeln nicht passen +will, und sehen nicht, daß es vielmehr Verbrechen ist, +diese Formen und Formeln aufrecht zu erhalten. Wir +beugen uns unter Gesetze, gegen die wir uns innerlich +empören, und triumphieren, wenn wir schließlich selbst +das Gefühl der Empörung unterdrückt haben. Und die +Diener der Kirche und des Staates lehren uns, daß wir +damit den Himmel erwerben.</p> + +<p>»Was ist Wahrheit? — Zweifelnd und verzweifelnd, +schüchtern und wild flog diese Frage durch die Jahrtausende. +Oft glich die Antwort einem Achselzucken, +<a name="Page_413" id="Page_413"></a>noch öfter dem Befehl eines Tyrannen, der jeden Widerspruch +mit dem Beil des Henkers lohnt. Der Muhamedaner +schwört auf den Koran, der Jude auf den Talmud, +der Christ auf die Bibel. Und jeder, der ein neues +Gedankengebäude gen Himmel türmt, sagt: das ist +Wahrheit.</p> + +<p>»Gibt es eine Wahrheit? Eine unumstößliche, an der +kein Steinchen sich lockert? Eine unbedingt gültige für +alle Zeiten, alle Kreaturen, alle Welten?</p> + +<p>»Wie ein fernes Licht hinter einem dunkeln Vorhang +leuchtet sie, und langsam, Schritt für Schritt, dringt +die Erkenntnis erobernd vor und raubt dem Glauben +einen Fußbreit Boden nach dem anderen. Der Weg +wird heller, aber fern bleibt das Licht. Das Ende +aller Dinge fällt zusammen mit seiner Enthüllung. Wir +aber leben, und darum haben wir die reine Wahrheit +nicht.</p> + +<p>»Wir müssen wählen zwischen fremder Wahrheit und +unserer Wahrheit. Wir werden zu Lügnern, wenn wir +bequem und gedankenlos nach den fertigen Wahrheiten +der anderen greifen.</p> + +<p>»Wer wahr sein will, muß frei sein. Frei von den +Ketten, in die Erziehung, Bildung, Tradition uns geschmiedet +haben, frei von den Zauberbrillen, mit denen +die Priester unser Augenlicht verdunkelten, frei von der +Tracht der Lakaien, in die die Machthaber der Erde die +Abhängigen zwingen. Was du nicht selbst erwarbst, +nicht selbst bist, das ist Lüge und Sklaverei.</p> + +<p>»Die Erziehung ist wie eine eiserne Form, in die die +weichen Kinderseelen hineingepreßt werden. Und sollte +doch nur ein Stab sein, zum Halt für das junge +<a name="Page_414" id="Page_414"></a>wachsende Bäumchen. Im Leben des Kindes bedeutet +das ›Warum?‹ die Geburt des Menschen. Die Erziehung +schlägt es tot, kaum daß es die Glieder regt. Das +Schulzuchthaus spannt in dasselbe Joch den Begabten +und den Unbegabten, den Phantasiereichen und den +Nüchternen. Es stopft die Gehirne voll mit Namen, +Zahlen und Regeln, und der beste Schüler ist, der rasch +aufnimmt, der schlechteste, der sich grübelnd das Gehörte +zu eigen machen will. Darüber stirbt das ›Warum‹, das +Gehirn trocknet ein, das Herz verschrumpft, und an +Stelle selbständigen Denkens, lebendiger Begeisterung +für das Gute, Wahre und Schöne treten Geschichtstabellen, +Bibelsprüche, Urteile über Welt und Menschen.</p> + +<p>»Wehe, wer dem Lehrenden widerspricht: Denken führt +auf Abwege, Zweifeln schafft Ketzer und Aufrührer.</p> + +<p>»Verschling ihn getrost, den weichen süßen Brei, den +man dir mundgerecht vorsetzt, du Päppelkind, du verlernst +dabei selbst den Gebrauch deiner Zähne!</p> + +<p>»Nicht als mythendurchwebte Geschichte der Juden +werden dem Kinde uralte Urkunden der Menschheit vorgetragen, +als Wahrheit vielmehr, daran zu zweifeln +Sünde ist. Rauben und Morden, Verfolgen und Betrügen, — das +Volk Gottes tat es auf Jehovas Befehl, +unter seinem Schutz, und demselben Kinde, das diesen +Gott anbeten, seine Auserwählten verehren soll, wird +die Religion der Liebe gepredigt.</p> + +<p>»Nimm auch das hin, du arme kleine Menschenmaschine: +Rüttelst du nur mit einem eigenen Gedanken +daran, so fällt das ganze Haus in Trümmer. +Bringe deinen Verstand hübsch zum Schweigen, werde +<a name="Page_415" id="Page_415"></a>wie alle, die es in der Welt zu Geld und Ansehen +bringen: eine lebendige Lüge.</p> + +<p>»Ein gebildeter Mensch ist das Ziel der Erziehung. +Herrlich! Wenn es wahr wäre. Bilden heißt den +gegebenen Stoff zur höchsten Vollkommenheit entwickeln, — nicht +aus Gips Marmorsäulen, aus Holz Eisenkonstruktionen, +aus Glas Diamanten machen. Aber an +Stelle des Seins die Täuschung setzen, ist das Zeichen +unserer Bildung. Wer über alles mitredet, stets mit +einem fertigen Urteil bei der Hand ist, selten bewundert, +gilt als gebildet. Urteilsfähigkeit ist Kriterium der +Bildung, aber doch nur dann, wenn das Urteil ein +eigenes ist. Zu dieser Bildung aber ist der Weg lang +und steil, und mißtrauisch sollte stets fertiges Urteil +machen.</p> + +<p>»Der Gebildete unserer Tage scheint, was er nicht +ist; er belügt andere, oft auch sich selbst; er begeht +geistigen Diebstahl, indem er fremde Weisheit als eigene +ausgibt; er beraubt sich der wundervollsten Lebensfreude, +indem er zwar lernte, sich durch stete Verneinung +hochmütig über alle zu erheben, nicht aber offnen Sinnes +zu genießen, was Natur und Kunst geschaffen haben. +Vergiftet ward uns der frische sprudelnde Quell der +Bildung, ertötend rinnt er nun durch die Adern des +Volks und trübt seinen Blick, so daß es den Vieles-Wissenden +an Stelle des Selbst-Seienden zum Götzen +erhebt.</p> + +<p>»Wer wider die Lüge streiten will, muß die neue +Wahrheit verkünden. Welches ist sie?</p> + +<p>»Die Wahrheit von den Kindern zunächst:</p> + +<p>»Das Ziel der Erziehung sei kein Lexikon, sondern ein +<a name="Page_416" id="Page_416"></a>freier Mensch. Wissen sei nicht Selbstzweck, sondern +Mittel zu dem Zweck, das Leben reich, den Menschen stark +zu machen. Töte kein ›Warum‹, locke es vielmehr hervor, +wie der Gärtner durch sorgsame Pflege die jungen +Triebe hervorlockt. Leite, — meistere nicht. Wisse, daß +deine Wahrheit nicht die des Kindes ist, daß du es +lügen lehrst, wenn du sie ihm aufzwingst. Märchenglaube +ist Kindeswahrheit. Laß sie ihm. Erzähle ihm +darum die Mythen der Völker wie Märchen: von Isis +und Osiris zu Odin und Baldur, von Jehova zu Jupiter +bis zum himmlischen Vater der Christen. Zeig ihm, wie +die Menschen unter tausend Namen und Formen vor +dem heiligen Geheimnis schaffenden Lebens anbetend +knieten. Lehre es ihn schauen und bewundern in jeder +duftenden Blume, jeder Wolke, jedem Stern, jedem Gesetz +der Natur.</p> + +<p>»Und dann führe es ein in die Geschichte der Menschen. +Schaffe keine Engel und Teufel aus deiner Machtvollkommenheit — aber +störe das Kind nicht, wenn es sich +eigene Helden bildet. Tritt bescheiden zurück mit deinem +eigenen Ich hinter dem werdenden Ich des anderen. +Was er nicht selbst beurteilen kann, lehre ihn nicht beurteilen. +Es ist Sentimentalität, durch unsere Erfahrungen +dem Kinde die eigenen ersparen <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'zuwollen'">zu wollen</ins>. Denn +eigene Erfahrung ist die allein sichere Stufenleiter der +Entwicklung. Führt sie das Kind fort von dir, so +jammere nicht, denn nicht dein Eigentum ist es, sondern +sein eigenes und das der Menschheit. Präge ihm nicht +Lebensregeln ein, weise ihm vielmehr den Weg, um +seines Lebens eigene Regeln zu finden.</p> + +<p>»Und seines Herzens eigene Religion.</p> +<p><a name="Page_417" id="Page_417"></a></p> +<p>»Welches ist die Wahrheit von ihr? Der Entwickelungsgang +der Menschheit ist vom ersten Ursprung an +ein stetig fortschreitender. Kindlicher Märchenglaube ist +der vom verlorenen Paradiese; der Mann glaubt an das +zu erobernde.</p> + +<p>»In der Natur gibt es keinen Stillstand: der Fluß +strebt dem Meere zu, der Baum wächst empor, zum +Menschen wird das Kind. Dies ›Vorwärts‹ ist ein Gesetz, +das sich nie verleugnet; so oft seine Kraft zu +schwinden drohte, so oft brach es auch machtvoll durch +alle Schranken, die menschliche Torheit mühsam aufrichtete. +Die Überzeugung von der Unumstößlichkeit dieses +Gesetzes weitet unser Herz und unseren Geist. Wir +werden es aus allen Verdunkelungen, aus allen Leiden, +von denen die Geschichte der Völker und der Menschen +erzählt, heraus erkennen, wenn es unser eigenes Lebensprinzip +geworden ist. Wir werden es auch dann bejahen, +wenn es tötet, weil wir wissen, daß welke Blätter +fallen müssen, um jungen Trieben Platz zu machen, daß +die Blüte sterben muß, wenn die Frucht reifen soll.</p> + +<p>»Der Pessimismus sagt: Es gibt kein Glück; der +Pietismus versichert: Die Erde ist ein Jammertal. Aber +die neue Wahrheit lehrt: Es gibt ein Glück, das über +alles Leid hinweghilft; jede Blume auf dem Felde, jede +Eichel am Baum, jeder Säugling am Mutterherzen +zeugt davon. Sein Gesetz ist: Wachse! Werde! Soll +es allein für die Religion nicht gelten?</p> + +<p>»Was ist Religion? Der Zug nach oben, die Ehrfurcht +vor dem Unerkannten, Nichtzuerkennenden. Sollte sie +unwandelbar feststehen, weil sie sonst kein Halt, keine Stütze +wäre für so viele? Was ist denn das Feststehende an +<a name="Page_418" id="Page_418"></a>ihr? Etwa der Glaube, daß Gott Eins und doch Drei, +oder daß Christus einer Jungfrau Sohn ist? Oder der +Glaube an die Speisung der Tausende, an die feurigen +Zünglein des heiligen Geistes? Selbst der strengste +Christ wird darin nicht den Urquell seiner Herzensreligion +finden. Was ihn zu dem macht, was er ist, +ihm die Kraft gibt zum Handeln und zum Ertragen, +das ist nichts anderes als die Überzeugung von der Unendlichkeit +des Werdens, — theologisch ausgedrückt: +der Unsterblichkeitsglaube. Für ihn mag er in der +Form des persönlichen Fortlebens, der Auferstehung des +Fleisches, Wahrheit sein. Uns ward er zur Wahrheit +im Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Wie ein Stoß +fortwirkt ohne Aufhören, wirkt die Tat fort und der +Gedanke ohne Ende.</p> + +<p>»Staat und Kirche lehren die Religion Christi wie vor +achtzehnhundert Jahren. Was die Apostel, einfache +Männer des Volks, in orientalischer Phantasie und +kindlichem Glauben von ihres Herren und Meisters Geburt +und Leben erzählten, soll uns noch Wahrheit sein. +Was aber bleibt für uns, wenn wir hinter den Mythen +die Wahrheit suchen? Die göttliche Geburt Christi? +Des Menschen Geist ist göttlichen Ursprungs, und wer +seiner Bestimmung folgt bis zum Tode, — der ist Gottes +Sohn. Wir aber, die wir uns nennen nach dem Namen +des Nazareners, der, wie wenige vor und nach ihm, +der alten Lüge die neue Wahrheit entgegensetzte und +sich ans Kreuz schlagen ließ von den Frommen seiner +Zeit, — wir verleugnen das größte, was uns ward: +den Geist. Wir stempeln seine göttliche Kraft zur Sünde +und lehren im Namen des Gekreuzigten, daß wir nicht +<a name="Page_419" id="Page_419"></a>zweifeln, das heißt: nicht denken dürfen. Aber die neue +Wahrheit von der Religion predigt die Pflicht des +Zweifelns, weil der Zweifel die neue Wahrheit gebiert +und die Wurzeln des Werdens in ihm ruhen.</p> + +<p>»Denke bis zu den letzten Konsequenzen, reiße nieder, +was deinem Denken im Wege steht; selbst das Heiligste, +das Unantastbare ist unheilig und ein Frevel, wenn es dem +Gedanken zur Schranke ward. Denke, — und du wirst +reich, denke, — und du wirst stark und froh. Wer, und +ob er gleich hundert Jahre lebte, wird solchen Werdens +ein Ende finden? Darum, statt Christi wundersame +Geburt zu verkünden, verkündet die Heiligkeit unseres +Lebens! — Und sein Opfertod? Wer an ewige Höllenstrafen +glaubt, den lehrt die Angst, daß die eigene +Schuld von einem anderen gesühnt werden könnte. +Jesus aber starb nicht für andere, sondern für seine +Überzeugung, — er lehrte die Tat, nicht die Reue. Und +seine Auferstehung? Wer vermöchte an ihr zu zweifeln? +Lebt nicht sein Geist — und wird er nicht ewig leben, +auch wenn seine Lehre nicht die Wahrheit an sich ist, +sondern nur eine Stufe zu ihr? —</p> + +<p>»Nun aber bleibt mir noch die Rätselfrage nach der +neuen Wahrheit vom Leben! Warum all die Qual und +Not, all das Elend und die Verzweiflung? Im Kampf +ums Dasein sind Milliarden Lebewesen untergegangen, +um höheren Formen, reiferen Gehirnen Platz zu machen.</p> + +<p>»Über Tote geht alle Entwicklung.</p> + +<p>»Die rohe Kraft wich den feineren Kräften des Geistes, +und die Kräfte des Geistes warten ihrer Ergänzung +durch die der Seele. Ohne Qualen gäbe es keine Kraft, +die an ihnen wächst und sich bewährt.</p> +<p><a name="Page_420" id="Page_420"></a></p> +<p>»Wer am Leiden zugrunde geht, ist des Lebens nicht +wert gewesen.</p> + +<p>»Wächst nicht selbst aus dem Hunger der Massen der +Riese, der ihn überwinden wird? Schafft die Not nicht +die Einigkeit und den Kampf, grünt nicht heimlich unter +Blutlachen und Tränen die junge Saat der kommenden +Menschen?</p> + +<p>»Nur Eins ist not: daß wir in dem ungeheuern Triebrade +der Entwicklung kein Staubkorn sind, das hindert, +bis es zermalmt wird, kein Rostfleck, der den Mechanismus +anfrißt, bis er verrieben ist. Wenn wir kein Teil der +motorischen Kraft sein können, seien wir wenigstens ein +Tröpflein Öls, ein winziges Zähnchen.</p> + +<p>»Das ist die neue Wahrheit vom Leben.«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Mir war, als hätte ich mir ein Rüstzeug geschmiedet, +das mich unüberwindlich machte. +Glückselig sah ich jedem jungen Tage entgegen +und wanderte mit frischen Kräften tief in den +Wald, die Lenzluft einatmend, die starke, würzige, — den +echten Jugendborn für Geist und Körper.</p> + +<p>Es war hoher Sommer, als ich mich entschloß, meines +Vaters Wunsch Folge zu leisten und zum Kaisermanöver +nach Münster zurückkehren.</p> + +<p>Am Tage meiner Ankunft prangte die Stadt schon in +vollem Schmuck: Fahnen und Wimpel in bunter Farbenpracht +flatterten im Winde, aus den Fenstern hingen +Teppiche, über die Straßen zogen sich grüne Girlanden, +mit roten und blauen Sommerblumen besteckt. Eine bunte +Volksmenge füllte die Straßen. Alte Trachten tauchten auf:<a name="Page_421" id="Page_421"></a> +Frauen mit schweren, goldgestickten Hauben, Männer +mit weißen Strümpfen und roten Westen, auf denen +dicke Silberknöpfe glänzten. Als am nächsten Morgen +in glühendem Sommersonnenschein das Kaiserpaar einzog, +schien die ganze Luft erfüllt von dem gewaltigen Konzert +der Glocken, und der Donner der Geschütze klang nur +wie der tiefe Akkord der Begleitung. Alle Pracht und +allen Reichtum hatte der Adel Westfalens aufgeboten; +in altertümlichen Kaleschen, gemalt und goldverziert, +gepuderte Kutscher und Lakaien in roten, blauen, gelben +und weißen Röcken auf Bock und Trittbrett, fuhren seine +Vertreter mittags zum Empfang ins Schloß.</p> + +<p>Kein Prunkzelt der Medizeer konnte üppiger sein als das +auf dem Ludgeriplatz, wo die Mitglieder des Landtags den +Landesherrn zum Mittagsmahl empfingen. Und kein florentinischer +Palast konnte größeren Glanz entfalten als das +Haus des Damenklubs, das am Abend die kaiserlichen +Gäste erwartete. Auf den Treppenstufen standen die Jäger +der Herzoge von Croy, von Ratibor, von Rheina-Wolbeck, +der Fürsten Bentheim und Salm; mit kostbaren Gobelins, +alten Venetianer Spiegeln, Waffen aller Länder und +Zeiten, goldenen und silbernen Schaugefäßen waren die +Säle geschmückt, aber die Fülle der Edelsteine auf den +Köpfen, den Schultern, und den Armen all der schönen, +rassigen Frauen überstrahlte alles. Mit schimmernden +Seidenkleidern und bunten Uniformen füllten sich die +Räume; eine Fanfare, — und unter dem Bogen der +Türe erschien das Kaiserpaar: in Husarenuniform, den +Dolman über dem kurzen, linken Arm der Kaiser, in +weißem Brokat die Kaiserin. Zum erstenmal sah ich ihn +wieder seit meiner Kinderzeit: das gebräunte Gesicht +<a name="Page_422" id="Page_422"></a>war noch finsterer geworden, der emporgewirbelte Bart +konnte über die herabgezogenen Mundwinkel nicht täuschen, +und das gleichmäßig verbindliche Lächeln der blonden +Frau neben ihm war zu konventionell, ihr helles Antlitz +zu ausdruckslos, als daß es den Blick von ihm hätte +ablenken, die Empfindung von Eiseskälte, die uns alle +überkam, hätte vertreiben können.</p> + +<p>Der Ball begann. Ich fühlte, wie die jungen Damen +mehr als sonst von mir abrückten, wie man, trotz der +Erregung des Augenblicks, Zeit fand, über mich zu +tuscheln und zu raunen. Hessenstein stand wie ein +riesiger Wächter neben mir. Er war es auch, der mir +zuflüsterte, noch ehe eine »gute Freundin« mich schadenfroh +davon unterrichten konnte, daß Syburg sich verlobt +habe. Und an seinem Arm flog ich durch den Saal, +als der erste Walzer seine Schmeichelweise ertönen ließ. +Unten, dicht vor der Estrade, wo die Kaiserin Cercle +hielt, stand der Kaiser. Im Rausch des Tanzes bemerkte +ich ihn erst, als die Schleppe meines Kleides ihn +streifte. Einen Augenblick lang sah er mir nach und +lächelte, während mir mit einem Gefühl des Triumphes +durch den Sinn schoß, daß kein Tänzer im Saal so +schön war wie der meine und keine Dame so gut tanzte +wie ich. So sollte es sein: nicht allmählich, wie die +alternden Mauerblümchen, wollte ich mich losreißen +vom Jugendleben, — auf der Höhe vielmehr wollte ich +Abschied feiern! In den Pausen drängten sich die jungen +Mädchen in die Nähe der Kaiserin und kehrten mit +verklärten Gesichtern zurück, wenn es ihnen gelungen +war, vorgestellt zu werden. »Wollen Sie nicht auch —?« +meinte Hessenstein bedenklich. »Wozu?« antwortete ich +<a name="Page_423" id="Page_423"></a>lachend »um eines Handkusses und einer Phrase willen +meine Spitzen in Gefahr bringen!«</p> + +<p>Im Speisesaal war auf erhöhtem Platz die Kaisertafel +gedeckt; aus Gold waren Bestecke, Schüsseln und Schalen, +phantastische Orchideen nickten aus hohen Kristallkelchen, +Kränze von gelben Rosen hoben sich leuchtend von der +mattvioletten Seide der Wände. Tisch an Tisch reihte +sich in dem weiten Raum darunter, und den Dreihundert, +die sich hier zusammenfanden, wurde von silbernen +Schüsseln auf silbernen Tellern serviert. Ich saß in +einem fröhlichen kleinen Kreis abseits unter dem Schatten +großblätteriger Palmen; zwischen ihren Stämmen hindurch +konnte ich hinauf zur Kaisertafel blicken. Das +Profil Wilhelms II. stand scharf gegen den hellen Hintergrund. +Ich sah, wie er das Sektglas wieder und wieder +zum Munde hob und wie er lachte, — der kleine dicke +Herzog von Croy, der ihm gegenüber saß, liebte derbe +Späße, — aber es war das Lachen eines Ausgelassenen, +das mit Heiterkeit nichts zu tun hat. Die starke rechte +Hand gestikulierte lebhaft und benutzte nur hie und da +das Doppelbesteck, um ein paar Bissen zu schneiden und +zum Munde zu führen. Kraftlos, bewegungslos wie +ein fremdes Glied hing die behandschuhte Linke an dem +kurzen Kinderarm.</p> + +<p>Sommerschwüle brütete in den Straßen, als wir heimwärts +fuhren, und ein Sommernachtsmärchentraum hielt +die alte Stadt umfangen. Exotische Glühwürmchen +schienen um die Pfeiler der Laubengänge zu tanzen, sich, +allen Linien des Maßwerks folgend, bis hoch in die +Spitzen der Kirchtürme zu schwingen. Die grauen Steine +verschwanden; aus Licht und Farben waren die spitzen<a name="Page_424" id="Page_424"></a> +Giebel, die schlanken Säulen, die hohen Fensterbogen +gebaut. Hinter dem dunkeln Laubdach der alten Linden +schimmerte der Dom wie ein gewaltiger Tempel des +Lichtgotts.</p> + +<p>Wir fuhren langsam in unseren hellen Kleidern, +Ballblumen im Haar, und die Menge jubelte uns zu, +wo wir vorüberkamen. Aus den offenen Fenstern und +den Gärten tönte Gesang und Musik.</p> + +<p>Lebensfreudiges Heidentum lachte und leuchtete um +uns, jenes Heidentum, das die katholische Kirche klug +zu erhalten verstand. Wo der Protestantismus mit seiner +kunstfeindlichen Nüchternheit einzog, entfloh es; wo der +Bischof im goldgestickten Ornat dem Prediger im schwarzen +Trauerkleid Platz machen mußte, wo die lustigen rotröckigen +Chorknaben verschwanden und in das mystische, +weihrauchgeschwängerte Dunkel der Kirchen grelles Tageslicht +eindrang und duftloser Alltag, da verlor das Volk +allmählich den Kindersinn, der sich in phantastischem Prunk +und bunten Spielen äußert.</p> + +<p>Zu Füßen der Porta Westfalica waren vierzehn Tage +später die Kaisermanöver. Mit einer Parade vor den +Toren von Minden wurden sie eröffnet. Es war dasselbe +Bild wie immer bei solchen Gelegenheiten: schwarze +Menschenmassen, graue Staubwolken, geschmacklos dekorierte +Tribünen, von Fremden und Einheimischen dicht +besetzt; auf dem Felde davor, wohin das Auge reichte, +blitzende Uniformen, wehende Helmbüsche, stampfende +Pferde. In der Ferne die blauen Höhenzüge des Wesergebirges, — ein +ruhig-ernster Abschluß des lebendigen +Bildes.</p> + +<p>Wenn ein altes Roß, das schon lang vor dem Last<a name="Page_425" id="Page_425"></a>wagen +keucht, die Trompete hört, so spitzt es die Ohren, +hebt den müden Kopf und versucht mit den lahmen +Beinen graziös zu tänzeln; und wenn der Mensch, der +die Soldatenspielerei der Völker schon längst für frevelhaft +hält, die alten Kriegsmärsche hört, so muß er an +sich halten, um nicht mit zu marschieren; tauchen aber +die Truppen selbst vor seinen Augen auf, — all die +Tausende junger, lebensstarker Menschen zu Fuß und zu +Pferde, im silber- und goldverschnürten Rock, im glänzenden +Küraß und die Sonne spiegelnden Stahlhelm, mit schwarzweißen +wehenden Fähnchen, den rasselnden Säbel zur +Seite, oder mit dem dröhnenden Gleichmaß des Tritts +zahlloser Bataillone, — so pocht das Herz ihm höher, +so fest ers auch halten möchte.</p> + +<p>Ich stand in der Mittelloge der Tribüne. Dicht vor +mir die Suite des Kaisers, die fremdländischen Fürsten, +er selbst, und an ihnen vorüber ein glänzender Strom +von Soldaten, den die Tonwellen schmetternder Fanfaren +zu tragen und zu treiben schienen. Ich wollte nicht +staunen, nicht bewundern, aber die Worte des Spottes +erstarben mir auf den Lippen. Wecken jene Klänge +verlorene Erinnerungen aus barbarischer Vorzeit? Peitscht +der Anblick kriegerischer Wehr jenen Tropfen Blutes +auf, der von unseren Vorfahren, denen Kampf Lust und +Leben war, noch in unseren Adern rollt? Oder ist es +nicht bloß die Suggestion der Masse, der Musik, der +Farben, die unsere Sinne berauscht? Würde es uns nicht +in dieselbe Erregung versetzen, wenn diese Soldaten +Männer der Arbeit wären, ihre Waffen blanke Werkzeuge, +ihre Uniformen Festgewänder, das ganze strahlendbunte +Bild eine gewaltige Revue der Arbeit?</p> + +<p><a name="Page_426" id="Page_426"></a>Ich grübelte noch darüber nach, als ein brausendes +»Hurrah« mich aufsehen ließ. Der Kaiser hatte sich an +die Spitze der 53er gesetzt und führte das Regiment +seines Vaters an den Tribünen vorüber. Als spontane +Gefühlsäußerung wurde jubelnd begrüßt, was nur eine +Ausübung höfisch-militärischer Sitte war.</p> + +<p>»Wird ihm diesmal schwer geworden sein,« meinte +Fürst Limburg leise, der neben mir stand. »Warum?« +frug ich verwundert. »Der Spuk im aachener Kasernenhof +soll ihn nicht wenig erregt haben!«</p> + +<p>Am nächsten Morgen ritt ich mit Limburgs unter +Führung eines Korps-Gendarmen ins Manövergelände. +Mit trüben Gedanken, die der regnerische Tag nicht +heller machte, war ich zu Pferde gestiegen. Meinen +Vater hatte ich seit meiner Rückkehr so wortkarg und +finster gefunden, wie nie vorher; in diesen Tagen aber +war er von haltloser Heftigkeit, so daß alles vor ihm +zitterte. Ob er wohl auch an das pommersche Kaisermanöver +vom Jahre 87 dachte?! — In einem Gehöft +fanden wir Verdy, den Kriegsminister, dessen sarkastischer +Witz mich immer ebenso anzog, wie sein vernachlässigtes +Äußere mich abstieß. »Sauwetter!« brummte er, mir +die Hand schüttelnd »Sie hätten sich auch was Besseres +aussuchen können, als diesem Manöver beizuwohnen.«</p> + +<p>»Was bedeutet die seltsame Betonung, Exzellenz?« +frug ich unruhig.</p> + +<p>»Na, Sie sehen doch, — es regnet,« wich er aus, +»und dann — all das Hofgeschmeiß, über das man +stolpert! Wissen Sie übrigens, — Majestät hat Herrn +von Wittich in letzter Stunde die Führung des markierten +Feindes übertragen.« Ich erschrak. Wittich, der General<a name="Page_427" id="Page_427"></a>adjutant +und Günstling des Kaisers, ein Mann, dessen +militärische Leistungen mein Vater zu verhöhnen pflegte, — stand +ihm heute als Gegner gegenüber!</p> + +<p>Wir ritten weiter. Unterwegs begegnete uns ein +Ordonanzoffizier vom Stabe meines Vaters. Er strahlte.</p> + +<p>»Das war ein Bravourstück,« rief er mir schon von +weitem entgegen. »Die dreizehnte Division hat einen +Marsch hinter sich, der alles in Erstaunen setzte. Natürlich +kam die feindliche Kavallerie zu spät und wurde +glänzend abgewiesen.«</p> + +<p>Ich atmete auf. Vor der Mühle Habichtshorst wehte +die Kaiserstandarte. Wir ritten so nah heran wie möglich.</p> + +<p>Im nächsten Augenblick brauste und dröhnte es +dicht vor uns: unter tausenden von Pferdehufen bebte +die Erde, die ganze Kavallerie-Division stürmte zum +Angriff, — ein Anblick, der den Herzschlag stocken ließ +und jenes Fieber gespannter Erregung auslöste, das den +Hazardspieler packt, wenn er die Elfenbeinkugel rollen +sieht. Ich vergaß meine Unruhe — den Vater — den +peitschenden Regen —, meine Hand, die den Feldstecher +vor die Augen hielt, zitterte. Einen Moment trat das +Antlitz des Kaisers in mein Gesichtsfeld: seine Augen +glühten, und seine Lippen zuckten. Ich begriff plötzlich +seine Leidenschaft für solch ein Schauspiel.</p> + +<p>Gleich darauf hörte ich Trommeln und Pfeifen: im +Sturmschritt rückte die Infanterie von der anderen Seite +vor, — sie kam in unzählbaren Massen, wie aus der +Erde gestampft, mit Hurra und knatterndem Gewehrfeuer. +Ich sah den Fuchs meines Vaters, — da plötzlich +ein Signal: Das Ganze Halt!, und still stand der +Kampf.</p> + +<p><a name="Page_428" id="Page_428"></a>Merkwürdig scheu wichen mir auf dem Heimweg +unsere Offiziere aus. Kurz vor Minden traf ich Hessenstein, +den ich anrief. »Was ist geschehen?« frug ich verängstigt.</p> + +<p>»Es soll einen bösen Auftritt gegeben haben,« antwortete +er. »Auf die Mitteilung, daß er geschlagen +sei, ist Ihr Herr Vater in helle Wut geraten. ›Sie +sind wohl des Teufels‹, soll er geschrien haben, ›ihre +ganze Kavallerie ist ja vernichtet‹. Alle, die ich sprach, +geben ihm übrigens Recht. Der Sturm auf Nordhemmern +und Holzhausen hätte zweifellos seinen Sieg gesichert, +wenn er nicht abgebrochen worden wäre.«</p> + +<p>Wir reisten noch an demselben Tage nach Münster zurück +und erwarteten dort meinen Vater. Er war ruhiger, +als ich gefürchtet hatte, und erwog mit solcher Sicherheit +die Aussichten auf ein Armeekorps, daß wir selbst +kaum mehr daran zu zweifeln vermochten.</p> + +<p>Als der nahende Karneval uns grade wieder an die +geselligen »Pflichten« zu erinnern begann, starb die alte +Kaiserin Augusta, und es war für diesen Winter mit +Spiel und Tanz vorbei. Nichts hätte mich mehr befriedigen +können. Nun konnte ich mich ungestört der +Aufgabe widmen, deren Erfüllung ein neues Leben einleiten +sollte.</p> + +<p>Das kleine Buch, das ich in Hohenlimburg zu schreiben +begonnen hatte, enthielt die Skizzen, aus denen ich ein +Gemälde schaffen wollte, so stark an Farben, so lebendig +an Gestalten, daß in Zukunft niemand daran würde +vorübergehen können. Aber so rasch jener erste Entwurf +entstanden war, so langsam gings mit der neuen Arbeit. +Ich entdeckte Lücken in meiner Bildung, die durch die +<a name="Page_429" id="Page_429"></a>mir zu Gebote stehenden Mittel unausfüllbar blieben. +Meine Unwissenheit auf den Gebieten der Philosophie und +der Naturwissenschaften stürzte mich oft in die tiefste +Verzweiflung. Mein ganzes bisheriges Leben erschien +mir dann wertlos, die Zukunft, wie ich sie erträumte, +auf immer gefährdet. Oft saß ich bis in die Nacht +hinein grübelnd am Schreibtisch, und erst, wenn das +letzte Scheit Holz im Kamin erlosch und die Finger +in der Winterkälte erstarrten, huschte ich fröstelnd in +mein Schlafzimmer.</p> + +<p>Ich war in dieser Zeit so mit meinen eigenen +Gedanken beschäftigt, daß ich mich automatenhaft in +meiner Umgebung bewegte, bis mir eines Tages +meines Vaters klanglose Stimme auffiel. »Bist du +krank, Papachen?« frug ich besorgt. Er lachte gequält: +»Ich sollte es sein!« Als ich am nächsten Morgen zum +Frühstück in sein Zimmer trat, lag er im Lehnstuhl, +leichenblaß, mit weit aufgerissenen Augen. Ich stürzte +neben ihm in die Kniee und griff nach seiner schlaff +herabhängenden Hand. In dem Augenblick kam er zur +Besinnung; ein Ton, der nichts menschliches an sich hatte, +drang aus seiner Kehle, — er sprang auf, schlug wild +aufschluchzend die Hände vors Gesicht, um in der +nächsten Minute wieder zurückzusinken. Da fiel mein +Blick auf einen weißen Bogen, aus einem blauen Umschlag +halb herausgerissen, — ich griff danach und las +mit verdunkeltem Blick nur die drei Worte: »... der +Abschied bewilligt ...«</p> + +<p>»Die dreizehnte Division!« murmelte mein Vater.</p> + +<p><a name="Page_430" id="Page_430"></a>Nicht rasch genug konnten wir unseren Haushalt +auflösen. Mein Vater vertauschte noch an +demselben Tage die geliebte Uniform mit dem +schwarzen Rock. Aber er wagte sich damit bei Tage +nicht auf die Straße; sein Gesicht färbte sich dunkelrot +bei jedem Soldaten, der ohne Gruß an ihm vorüberging. +Ich folgte ihm wie sein Schatten; er sah aus wie einer, +dem der Tod nachschleicht. Ohne Anteilnahme hörte er +zu, wenn meine Mutter Zukunftspläne schmiedete; wenn +sie aber in der Aussicht auf ein ruhiges Leben förmlich +froh zu werden vermochte, erhob er sich schwerfällig und +ging hinaus. Er kümmerte sich um nichts, äußerte keinen +Wunsch, ließ alles geschehen.</p> + +<p>Meine Mutter verkaufte ein gut Teil der Möbel — er +merkte es nicht; sein Adjutant verhandelte mit +Hilfe des Reitknechts mit den Pferdehändlern, — er +betrat den Stall nicht mehr. Als dann aber der +Morgen kam, wo die Pferde fortgeführt werden sollten +und wir alle versuchten, ihn in seinem Zimmer festzuhalten, +lief er plötzlich auf den Flur hinaus, — hell +hatte der Fuchs, sein Lieblingspferd, gewiehert, auf +dem Hofe unten stand er, sein goldiges Seidenhaar +glänzte im Sonnenlicht und lustig bellend, wie sonst vor +dem Morgenritt, sprang ihm Percy, der weiße Terrier, +an die Nase. Gegen die Scheibe preßte mein Vater die +Stirn, ein Beben erschütterte seinen starken Körper, und +schwere Tränen rollten ihm über die Wangen. Der Fuchs +verschwand im Torweg; nur der Hund blieb noch unschlüssig +stehen, kniff den Schwanz, sah fragend zu uns hinauf +und trottete dann erst nach — langsam, ganz langsam.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_431" id="Page_431"></a></p> +<h2><a name="Funfzehntes_Kapitel" id="Funfzehntes_Kapitel"></a>Fünfzehntes Kapitel</h2> + + +<p>Märzsturm im Harz. Er schüttelte auf den Höhen +die schweren Schneemassen von den Bäumen +und peitschte durch die Täler feuchtkalten, +rieselnden Regen. Hochauf geschwellt wie ein Gießbach +rauschte die sonst so bescheiden flüsternde Radau durch +das Städtchen. Unter den kahlen, schwarzbraunen Eichen +stand in grauschillernden Lachen das Wasser; es hing in +hellen Tropfen in den Spinngeweben zwischen den +Balken des Musikpavillons und im dürren Weinlaubgerank +um die muffig riechenden Wandelhallen. Mit +geschlossenen Fensterläden schliefen Häuser und Gasthöfe +noch den Winterschlaf, und auf den Wegen in die Wälder +hatten Regen und Schnee all die vielen Fußspuren des +vergangenen Sommers verwischt.</p> + +<p>Jeden Morgen, wenn die blecherne Uhr von Juliushall — das +einzig Lebendige zu dieser Stunde — sieben +schlug, trat aus dem kleinen Häuschen gegenüber ein +Mann heraus: mit zwei müden, blauen Augen unter +finster gefalteter Stirn sah er kühl und gleichgültig zum +ewig grauen Himmel auf; die vollen Lippen, die ein +dichter blonder Bart beschattete, preßten sich fest aufeinander, +und die eine Faust auf dem Rücken, die andere +um den Krückstock gespannt, ging er rasch die Chaussee +<a name="Page_432" id="Page_432"></a>hinauf. Er lief immer mehr, je weiter er kam; tauchte +irgendwo ein Mensch auf, so bog er seitwärts in die +Wälder. Zuweilen folgte ihm vorsichtig spähend ein +junges blasses Mädchen, dem die schwarzen Locken im +Wind wild um die Stirne tanzten. Aber sie kam nicht +weit, — sie hätte schließlich laufen müssen, um ihn im +Auge zu behalten, und das Herz klopfte ihr zu stark. +So ging sie denn aufseufzend, mit einem sorgenvollen +Zug um den Mund, die schmale Treppe wieder hinauf, +in die Puppenwohnung mit den verschossenen Puppenmöbeln, +den bunten Öldrucken an der großblumigen +Tapete, dem unbehaglich dürftigen Pensionsfrühstück auf +dem runden Tisch. Sie schluckte den dünnen Kaffee, +aß widerwillig ein winziges Brötchen und sprang mit +nervöser Hast auf, als nebenan Stimmen laut wurden. +»Schwester!« rief die eine halb verschlafen — »Alix!« +klang eine andere, scharfe, spitze durch die zweite Tür. +Vor dem kleinen Mädchen knieend, das sich die goldenen +Löckchen wohlgefällig über die rosigen Fingerchen wickelte, +zog sie ihm Strümpfe und Schuhe an, um gleich darnach +zur Mutter zu gehen, die vor dem Spiegel der geschickten +Hände ihrer Ältesten wartete.</p> + +<p>»Papa war heute wieder sehr böse über den schlechten +Kaffee,« sagte sie, während sie mit dem Kamm durch +die noch immer vollen blonden Haare ihrer Mutter fuhr, +»und der Ofen will auch nicht brennen, — wir sollten +doch lieber umziehen!«</p> + +<p>»Du weißt, daß alle anderen Pensionen erheblich teurer +sind,« antwortete die Mutter gereizt, »Hans muß sich eben +an Einschränkung gewöhnen.«</p> + +<p>Kam der Vater gegen Mittag zurück, mißmutig und +<a name="Page_433" id="Page_433"></a>müde, so saß seine Älteste schon seit ein paar Stunden +neben dem Schwesterchen und spielte Lehrerin. Des +Nachmittags gingen sie zu viert spazieren; aber angesichts +der gramvollen Verschlossenheit des Vaters, der unnahbaren +Kühle der Mutter und einer Natur, die von +der weißglänzenden Winterpracht und der grünschimmernden +Frühlingshoffnung gleich weit entfernt war, +verstummte selbst Klein-Ilschens Lachen und leichtsinniges +Geplauder. Im stillen atmete jeder auf, wenn der +Familienausflug ein Ende nahm, und doch versicherte +einer dem anderen, daß er »herrlich« gewesen wäre.</p> + +<p>Große Schmerzen bedürfen der Einsamkeit. Schwül +und schwer lasten sie wie Gewitterluft, wenn sie sich +nicht entladen können; und die Qualen des anderen mit +ansehen, heißt die eigenen verdoppeln. Aber Tradition +und Sitte predigen in verlogener Sentimentalität, daß +sie gemeinsam getragen werden müssen; und ihnen beugten +sich die drei Menschen, so sehr sie auch auseinander +verlangten.</p> + +<p>Wenn alle schliefen, brannte bei der Schwarzen, +Blassen noch lange die Lampe. Aus den Schulbüchern +der Schwester bereitete sie sich auf das Pensum des +nächsten Tages vor, — sie hatte ja nie gelernt, zu lehren, +und mühsam wars, das Notwendige nachzuholen. Dabei +war auch noch stets der Arbeitskorb voll, geflickt mußte +werden und genäht, — niemand durfte merken, daß die +Verhältnisse der Familie ihrem Rang nicht mehr entsprachen. +Sehnsüchtig schweiften die dunkeln Augen der +Arbeitenden oft genug zu den Büchern, die erwartungsvoll +mit blanken Goldlettern auf dem Rücken von dem +kleinen Regal zu ihr herübersahen. Stahlen sich dann +<a name="Page_434" id="Page_434"></a>aber gar Tränen zwischen den Wimpern hervor, so zog +sie einen zerknitterten Brief aus der Tasche, mit feinen +Schriftzügen dicht bedeckt, und las ihn, den sie schon fast +auswendig wußte, wieder und wieder. Er lautete:</p> + +<p style="text-align: right"> +Pirgallen, 10. März 1890 +</p> + +<p>»Mein geliebtes Enkelkind!</p> + +<p>Deine Mutter schreibt mir, mit welch ruhigem Ernst +Du Dich in die neue Lage gefunden hast, und wie treulich +Du all die Pflichten, die sie Dir auferlegt, erfüllst, so +daß ich Dich nun ganz besonders meiner zärtlichen Liebe +und freudigen Anerkennung versichern möchte. Ich habe +oft gefürchtet, die kleinen Teufel der Eitelkeit möchten +von meiner Alix reinem Herzen schließlich Besitz ergreifen; +vielleicht hat die Führung Gottes, die uns +kurzsichtigen Menschen oft grausam erscheint, auch für +Dich den rechten Weg gefunden, auf dem Dein besseres +Selbst sich voll entfalten kann. Ich habe, wie Du weißt, +von Anfang an den Abschied Deines Vaters nicht so +tragisch genommen als alle anderen, als vor allem er +selbst. Je älter wir werden, desto gleichgültiger erscheinen +uns solch äußerliche Begebenheiten. Daß es +freilich eine harte Schule gerade für Hans ist, der an +seiner empfindlichsten Stelle, — seinem Selbstbewußtsein, +seinem Ehrgeiz, — getroffen wurde, weiß ich nur zu +wohl. Aber er ist stark und gut genug, um sie schließlich +bestehen zu können, wenn Ihr alle, Du besonders, mein +Kind, an der er mit all seiner Zärtlichkeit hängt, ihm +in geduldiger Liebe beizustehen nie unterlassen werdet +und er für seine ungebrochene Kraft eine Tätigkeit +findet, die ihr entspricht.</p> + +<p><a name="Page_435" id="Page_435"></a>Aber noch eine andere, und für Dich vielleicht schwerer +zu erfüllende Aufgabe muß ich Dir, meine Alix, übertragen. +Ich hoffe, Du wirst daran den Grad meines +Vertrauens zu Dir ermessen können und es nicht als +Grausamkeit empfinden, wenn ich gerade Deinen jungen +Schultern diese Last auferlege. Ich bin 78 Jahre alt +und kann jeden Tag abberufen werden. Es ist mir +möglich gewesen, meine einzige Tochter, Deine Mutter, +durch regelmäßige pekuniäre Zuwendungen, durch Geschenke, +Badereisen und dergleichen, vor quälenden Sorgen +zu bewahren. Nichts konnte mich mehr freuen, als daß +ich dazu imstande war, denn seine Lieben mit dem zu +unterstützen, was man entbehren kann, ist niemals ein +Opfer. Deine Mutter hat es um so selbstverständlicher +angenommen, als sie stets zu dem Glauben berechtigt +war, daß ihr künftiges Erbteil noch unangetastet in +meinem Besitz sich befinde. Um den Frieden ihrer Ehe +nicht zu stören, habe ich ihr die Wahrheit verschwiegen. +Sterbe ich, so wird sie erfahren, daß Hans auf Grund +dieser Erbschaft von meinem Sohn Walter im Laufe +der Jahre Darlehen empfing, die sie sogar um ein beträchtliches +übersteigen. Das wird für Deine Mutter +nicht nur eine große Enttäuschung sein, es wird auch +Einschränkungen aller Art nach sich ziehen, und auch an +bitteren Empfindungen zwischen Deinen Eltern wird es +nicht fehlen. Dir, meine Alix, teile ich das schon +heute mit, damit Du bereits jetzt Deinen Einfluß dahin +geltend machst, daß Euer neues Leben sich möglichst +einfach gestalte, und Du fortfährst, ein fleißiges Hausmütterchen +zu sein. Deine Eltern glauben Deiner Jugend, +Deiner Zukunft, einer möglichen Heirat alle Rücksicht +<a name="Page_436" id="Page_436"></a>schuldig zu sein, sie werden sich gewiß einen Aufenthaltsort +aussuchen, wo Du die gewohnte Geselligkeit finden +und eine gesellschaftliche Rolle spielen kannst. Ich denke +zu hoch von meiner Enkelin, als daß ich nicht wüßte, +daß Du höhere Werte zu schätzen und höheren Zielen +zu folgen weißt. Eine Ehe ist nur selten ein Glück, +am wenigsten eine solche, die im Ballsaal geschlossen +wird, und Dich hat Gott mit so vielen guten Gaben +bedacht, daß Du auch außerhalb der natürlichen weiblichen +Lebenssphäre einen Dich und Andere befriedigenden +Lebensinhalt finden wirst. Suche Dir diesen Inhalt, +nicht nur um Deiner selbst willen, sondern auch, um +Deinen Eltern die Sorge um Dich von der Seele zu +nehmen. Dein Vater freilich, immer ein Optimist in +diesen Dingen, rechnet für seine Töchter mit den Millionen +der augsburger Tante. Deine alte Großmutter, mein +Kind, die stets in dem Rufe stand, schwarz zu sehen, weiß +aber aus Erfahrung, daß es mehr als töricht ist, auf den +wankelmütigen Sinn reicher Frauen Zukunftsburgen zu +bauen. Klotilde ist ebenso egoistisch wie launisch, und +ihrer Eitelkeit zu schmeicheln hast Du, Gott Lob!, noch nicht +verstanden. Darum ist der Rat, der letzte vielleicht, den +ich Dir geben kann, der: stelle Dich auf Deine eigenen +Füße. Über das »Wie« zu entscheiden, wird freilich +Deine Sache sein. Nur an ein paar Beispiele möchte +ich Dich erinnern: an Frau v. W., die ein schönes, +gefeiertes Mädchen, eine verwöhnte Frau gewesen ist. +Ihr Mann verjubelte, was sie besaß, und mußte, als +unheilbar Gelähmter, den Abschied nehmen, so daß ihr +allein die Erhaltung der ganzen Familie zufiel. Sie +setzte sich an den Schreibtisch, schrieb Romane und er<a name="Page_437" id="Page_437"></a>warb, +was nötig war, um zu leben und ihre Kinder +zu erziehen. Oder denke an die kleine Gräfin B., deren +Eltern starben, als ihre fünf Geschwister noch unmündige +Kinder waren. Mit den Künsten, durch die sie bisher +nur die Verwandten erfreut hatte, erhielt sie von da an +die Ihren. Ihre gemalten Teller, ihre gebrannten +Wappen und gepunzten Ledereinbände findest Du jetzt +in den Auslagen großer Berliner Geschäfte.</p> + +<p>Und nun lebwohl, mein Herzensenkelkind; ich fühle, +daß Du mich recht verstehst, und weiß zuversichtlich, daß +ich im Vertrauen auf Dich ruhig meine Augen werde +schließen können. Ich drücke Dich an mein Herz, als</p> + +<p> +<span style="margin-left: 12em;">Deine treue, sehr alte</span><br /> +<span style="margin-left: 21em;">Großmama.«</span><br /> +</p> + +<p>Viele schlaflose Nächte hatte mich dieser Brief gekostet, +und noch war keine Stunde am Tage vergangen, +die mich nicht an ihn erinnert hätte. Im ersten Überschwang +des Gefühls hatte ich Großmama alles versprochen, +was sie von mir erwartete, und freudigen +Herzens hatte ich mich in meine Aufgabe gestürzt. Aber +der Eifer erlahmte bald, und es blieb nichts übrig als +nüchterne, eiskalte Pflichterfüllung. Ich mußte Großmamas +Wünschen folgen, weil die Verhältnisse mir unweigerlich +ihre Erfüllung aufzwangen, und ich konnte +es, soweit die häuslichen Pflichten in Betracht kamen. +Aber wie sollte ich es fertig bringen, mich »auf eigene +Füße zu stellen«?! Nach Selbständigkeit hatte ich mich +gesehnt mein Leben lang, — nach Selbständigkeit und +nach Freiheit —, aber das wars ja gar nicht, was +Großmama unter ihren eigenen Worten verstand, und +<a name="Page_438" id="Page_438"></a>was ich zu erreichen genötigt werden würde. Nicht +meiner Überzeugung leben, mein geistiges Ich befreien +sollte ich, sondern im Dienst der Familie meine Begabungen +in blanke Münze umsetzen.</p> + +<p>Aus bunten Lappen, Blumen und Bildern hatte ich +mir einst im Zimmerwinkel einen heimlichen Tempel erbaut, +der wertlos für mich wurde und entweiht durch den +ersten fremden Blick, der hineinfiel, — und nun sollte +ich meine Gedanken, den ganzen Inhalt meines Seelenheiligtums +preisgeben, sollte für den Verkauf denken +und träumen, wie man Spitzen klöppelt, um sie nach +dem Meter an den Mann zu bringen?! Ich hatte gehofft, +mit jenem kleinen schwarzen Büchlein einmal +öffentlich wider die Lüge zu kämpfen, — aber nur um +des Kampfes willen! In den Schmutz ziehen hieß es +die ganze große Sache, wenn auch nur ein Gedanke +an »Verdienen« sich mit ihr verband. Nein — tief in +den Koffer und noch tiefer in den Hintergrund meines +Herzens mußte ich das schwarze Büchlein bannen, solange +ich an »Verdienen« denken mußte. Ob ich wohl auch, +wie Frau v. W., Romane schreiben könnte? — Eine +tiefe Ehrfurcht vor dem Schaffen der Dichter erfüllte mich +von je her. Als höhere Wesen erschienen sie mir, Gott +ähnlich, da sie Menschen schufen, wie er. Sie wurden +geboren durch ein höheres Naturgesetz und nur durch +ein solches zum Schaffen gezwungen. Ein Frevler am +Heiligtum, wer sich zu ihnen erhob, um mit Phantasien +und Versen zu schachern, — lieber Hemden nähen, oder +Strümpfe stricken!</p> + +<p>Flüchtig fiel mir meine Geschicklichkeit ein, Kleider +zu machen und Hüte zu garnieren, — doch: ein Fräu<a name="Page_439" id="Page_439"></a>lein +von Kleve eine Schneiderin, eine Putzmacherin — unmöglich! +Aber wie viel Tischkarten hatte ich nicht +schon gemalt, wie viel Stühle und Tische und Kasten +und Rahmen gebrannt, — hier war vielleicht ein Weg, +der sich betreten ließ. Von nun an benutzte ich jede +freie Stunde, um mit dem Pinsel oder dem Brennstift +Seide und Sammet, Papier, Holz und Leder zu bearbeiten.</p> + +<p>»Komisch,« meinte Papa eines Abends, »daß du plötzlich +mit solchem Eifer Dilettantenkünste treibst. Es ist +doch noch lange Zeit bis Weihnachten.« — »An Alix' +Geistessprünge solltest du eigentlich schon gewohnt sein,« +spottete Mama. Heiß stieg mir das Blut in die Schläfen; +eine heftige Antwort schwebte mir schon auf der Zunge, +als ein für Hamburgs Stille ungewohnter Lärm auf +der Straße uns alle ans Fenster trieb.</p> + +<p>»Extrablatt — Extrablatt!« Mein Schwesterchen +stürmte die Treppe hinab, — endlich ein Ereignis in +diesem einförmigen Leben! —, und mein Vater ihr nach, +der immer irgend etwas Ungeheures erwartete und sich +seit seinem Abschied mehr denn je in Prophezeiungen +gefiel.</p> + +<p>»Bismarck ist entlassen —« atemlos rief er es uns +von der Straße herauf zu und stieg mit jugendlicher +Elastizität die hohen Stufen wieder hinauf. Hochrot +war er im Gesicht, die Schweißtropfen standen ihm auf +der Stirn, und ein triumphierendes Leuchten war in seinen +Augen. Erstaunt sah ich zu ihm auf.</p> + +<p>»Er auch!« sagte er wie zu sich selbst und lächelte. +Nun verstand ich ihn: ein Größerer war gefallen, von +demselben Schützen getroffen, — nicht mehr als der Gedemütigte +stand er da, sondern als der Gefährte dessen, +<a name="Page_440" id="Page_440"></a>der das Reich gegründet hatte und von des Reiches +drittem Kaiser aus dem Wege geräumt worden war. +Von dem Tage an lebte er auf, wurde gesprächig wie +früher, verfolgte mit steigendem Interesse die politischen +Ereignisse, und seine oppositionelle Stellung zum »neuen +Kurs« wurde eine immer schroffere.</p> + +<p>»Wir werden nach Berlin übersiedeln,« sagte er mit +einer Bestimmtheit, die jeden Widerspruch ausschloß. +»Dort eröffnen sich mir alle Möglichkeiten zu literarischer +und politischer Tätigkeit.« Er begann für die konservative +Presse schärfster Observanz zu schreiben, die +damals der Ära Caprivi all ihren Widerstand entgegensetzte.</p> + +<p>Die Aussicht auf Berlin elektrisierte selbst die +Mutter: auf Theater, Konzerte, Ausstellungen freute sie +sich wie ein Kind. Ein unterdrückter, ungestillter Hunger +schien plötzlich bei ihr zum Ausbruch zu kommen. Auch +ich war mit der Wahl von Berlin zufrieden; dort würde +es mir leichter werden als anderswo, meine Arbeiten +anzubringen, und die trübe Nebelstimmung meines +von der Pflicht und dem Erwerb ausgefüllten Daseins +würde doch vielleicht hier und da von einem Sonnenstrahl +aus der Welt geistigen Lebens — der für mich +unerreichbar fernen! — durchbrochen werden. Daß +meine Freude eine so gedämpfte war, begriffen die Eltern +nicht. Mein Vater bemühte sich immer wieder, der +Ursache nachzuspüren.</p> + +<p>»Du wirst mit Mama die Hofbälle besuchen — auch +wenn ich nicht mittun kann,« sagte er eines Tages mit +gütigem Lächeln. »Nein, Papachen!« antwortete ich, +ihm dankbar die Wange küssend. »Ich bin lange genug +<a name="Page_441" id="Page_441"></a>ausgegangen — ich mache mir nicht das mindeste +daraus.«</p> + +<p>Er schüttelte bekümmert den Kopf, — nun war er +vollends ratlos. Wie gut, dachte ich, daß seine Jüngste, +Tischen mit dem Goldhaar, die allzeit Fröhliche, ihm +immer wieder die Sorgenfalten von der Stirne lachte +und schmeichelte. Oft schickte ich sie hinein, wenn ich +ihn in trüben Gedanken wußte. Sie verstand es, wie +Sonnenschein, alle Regentropfen glitzern zu machen. Und +jeden Abend trieb sie die bösen Geister, die sich am Tage +heimlich eingeschlichen hatten, mit ihren Wirbeltänzen +zu Türen und Fenstern hinaus. Sie hatte Musik in +den Gliedern; jede Melodie wurde ihr zur rhythmischen +Bewegung. Unermüdlich pfiff der Vater, und auf und +nieder, hin und her flog sie, ein <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'flattender'">flatternder</ins> Irrwisch — mit +Feuerfunken in den Augen und glühenden Rosen +auf den Wangen. Ganz verängstigt flackerte die kleine +Petroleumlampe, — aufgestört aus ihrer würdevollen +Ruhe, mit der sie sonst nur fleißige Hände und stille +Menschen zu bescheinen gewohnt war. Ich saß indessen +am Tisch und beugte den Kopf immer tiefer auf die +Arbeit; oft schlich ich still hinaus, — ich wußte nur zu +gut, daß mich niemand vermissen würde.</p> + +<p>Ich wurde blaß und schmal, und blaue Ringe umschatteten +meine Augen.</p> + +<p>Da kam eines Tages ein Telegramm aus Pirgallen: +»Mama im Sterben. Walter«. Mir lähmte der Schreck +die Glieder; stumpfsinnig sah ich zu, wie meine Mutter +in Tränen ausbrach. Ich kannte den Tod ja nur vom +Hörensagen; noch war mir niemand von denen gestorben, +die mir die liebsten waren. Erst als ich sah, +<a name="Page_442" id="Page_442"></a>wie meine Mutter hastig den Koffer packte, kam ich +zu mir.</p> + +<p>»Ich komme mit«, sagte ich rasch und riß ein paar +Sachen aus dem Schrank und aus der Kommode. »Du?!« +Mama sah erstaunt von ihrer Arbeit auf. »Davon +kann selbstverständlich keine Rede sein. Entweder wir +reisen alle — und das ist zu kostspielig —, oder du mußt +bei Haus und Ilse bleiben. Die Kleine kann nicht +allein sein.« Ich zitterte vor Aufregung: Plötzlich +ward mir klar, daß der einzige Mensch, der mich verstand, +der mich liebte — mich selbst, so wie ich wirklich +war —, mit dem Tode rang; daß ich ihn verlieren +sollte, ohne daß ich ihn je ganz besaß, ohne in das +kostbare offene Gefäß seines großen Herzens all mein +Leid, all meine Zweifel ausgegossen zu haben und +Kraft und Klarheit und Verständnis von ihm zu empfangen.</p> + +<p>»Ilse ist groß genug — und Papa sorgt für sie — besser +als ich. Ich bitte dich — laß mich mit! —« rief +ich verzweifelt.</p> + +<p>»Du weißt, daß es unmöglich ist —« Mamas Stimme +wurde scharf, »oder hast du vielleicht das Geld für die +Reise?«</p> + +<p>Tränen des Zorns, der Empörung, der Scham stürzten +mir aus den Augen: Großmama starb, — und von Geld +konnte gesprochen werden! —</p> + +<p>Meine Mutter fuhr allein, aber auch sie kam zu spät: +in der Nacht vor ihrer Ankunft hatte die Greisin ausgeatmet.</p> + +<p>Jetzt erst dachte ich all dessen, was bevorstand, und +der Schmerz wich mehr und mehr der Angst. Ich be<a name="Page_443" id="Page_443"></a>obachtete +Papa: er vermochte seiner Aufregung kaum +Herr zu werden. Wenige Tage nach der Beerdigung +kam ein Brief von Mama. Er öffnete ihn nicht, sondern +ging damit aus dem Zimmer und schloß sich in seiner +Schlafstube ein. Ich horchte an der dünnen Wand: +ein Stuhl fiel zu Boden — ein unterdrücktes Stöhnen — ein +bitter-grelles Auflachen klang an mein Ohr. +Mein ganzes Herz trieb mich zu ihm, aber ich hatte den +Mut nicht, meinem Gefühl zu folgen. Als Papa nach +ein paar Stunden zu Tisch erschien, sah er so müde, so +zerfallen und verzweifelt aus wie damals, als ihm der +Abschied ins Haus geschickt worden war.</p> + +<p>Eine Woche später kehrte Mama zurück. Ihre Schläfen +waren grau geworden, und noch fester als sonst preßten +sich die schmalen Lippen aufeinander. Mit einem kühlen +Blick streifte sie den Vater und mich, reichte uns flüchtig +die Hand und hatte nur für Ilschen einen zärtlichen +Kuß. Zu Hause übergab sie mir ein großes Packet. +»Ihren schriftlichen Nachlaß hat Mamachen dir hinterlassen,« +sagte sie, »du kannst damit machen, was du +willst.« Mir traten die Tränen in die Augen. Die +liebe, gute Großmama! Nun würde sie doch für mich +eine Lebendige bleiben! So rasch wie möglich zog ich +mich mit meinem Schatz in mein Zimmer zurück. Aber +ich hatte kaum die Siegel gelöst, die vielen Bänder geöffnet, +als ein heftiger Wortwechsel zu mir herübertönte. +»Hinter meinem Rücken hast du mein Erbteil verbraucht,« +sagte Mama, »und daß auch meine Mutter +mir verschwieg, was mich doch wohl am nächsten anging, — das +verbittert mir noch die Erinnerung an die +Tote ...«</p> +<p><a name="Page_444" id="Page_444"></a></p> +<p>»Habe ichs etwa für mich gebraucht?!« brauste Papa +auf, »oder nicht vielmehr für dich, deinen Haushalt, +deine Toiletten, und für die Kinder —«</p> + +<p>»Und für deine Pferde, und die überflüssigen Geschenke, +und dein ganzes großspuriges Auftreten!« setzte +sie heftig hinzu. »Warum hast du mich behandelt wie +ein unmündiges Kind, und mir nicht gesagt, daß wir +von deinem Gehalt nicht auskommen?! Ich hätte mich, +weiß Gott, auch an größere Einschränkung gewöhnt — wie +an so vieles andere!«</p> + +<p>»Weil ich dich schonen, dir ein angenehmes Leben +schaffen wollte! — Aber beruhige dich, liebe Ilse — beruhige +dich. Ich hatte zwar gerade gehofft, daß wir +nun endlich ein gemeinsames, ein menschliches Leben +miteinander führen würden, — aber du erinnerst mich +beizeiten daran, daß ich auch jetzt nichts weiter bin, +als dein Portemonnaie....«</p> + +<p>»Mit solchen Phrasen verschone mich bitte, — sie +täuschen mich über die Tatsache nicht hinweg, daß es +doch nur mein Geldbeutel war, den du — angeblich in +meinem Interesse! — geleert hast.«</p> + +<p>Ich erwartete zitternd eine wütende Antwort, — statt +dessen hörte ich, wie des Vaters Stimme umschlug und +weich und flehend wurde.</p> + +<p>»Ilschen — sei doch nicht so grausam — siehst du +denn nicht, wie mich die Selbstvorwürfe schon gemartert +haben? — Im Grunde hast du ja recht — ganz recht — aber +es war doch nur meine große Liebe zu dir — die +stete Angst, die deine zu verlieren, die mich dir all +das verschweigen ließ, die immer wieder — in jeder +Form — um deine Gunst werben mußte, — ich würde +<a name="Page_445" id="Page_445"></a>auch Millionen für dich ausgegeben haben, wenn ich sie +gehabt hätte...«</p> + +<p>Das konnt ich nicht mehr mit anhören, — wie gejagt +lief ich in den Garten hinunter.</p> + +<p>Und böse war die Zeit, die folgte: der Vater in der +gedrücktesten Stimmung, jeder Blick, den er auf seine +Frau warf, ein Betteln um Liebe, während sie kaum +die notwendigsten Worte mit ihm wechselte und mit +peinigender Betonung bei jeder Gelegenheit Sparsamkeit +predigte, — das Schwesterchen dazwischen, das sich um +so leidenschaftlicher an mich anklammerte, je unheimlicher +es ihm bei den Eltern zumute wurde, — und schließlich +ich selbst, müde und herzenswund, und dabei krampfhaft +bemüht, der Kleinen Lehrerin und Spielkamerad +zugleich zu sein und dem Vater Frohsinn vorzutäuschen, +um ihn zu erheitern.</p> + +<p>Draußen glühte und glänzte der Sommer. Ein einziger +grüner Dom war der Wald, die grauen Stämme +der Buchen seine gewaltigen Säulen, der Duft der +Tannen sein würziger Weihrauch. Und doch floh ich +vergebens hinaus, um hier zu finden, was ich einst im +Hochgebirge gefunden hatte: Kraft und Weihe. Menschenmassen +überfluteten jetzt Berge und Täler; ihre niedrigen +Eitelkeiten, ihre verstaubten Interessen trieben den +Frieden und die Andacht aus den Wäldern. Und die +Natur hatte sich ihnen allmählich angepaßt: mit ihren +geebneten Parkwegen, ihren umzäunten Rasenflächen +und gepflegten Blumenbeeten war sie nichts, als ein +Salon im Freien.</p> + +<p>Alte Freunde aus Münster, die zur Reitschule nach +Hannover kommandiert worden waren, besuchten uns +<a name="Page_446" id="Page_446"></a>um diese Zeit, und ihr Entsetzen über mein Aussehen +machte meine Eltern erst darauf aufmerksam.</p> + +<p>»Was fehlt dir bloß?« rief mein Vater besorgt.</p> + +<p>»Ein bißchen Leben, Exzellenz,« schnitt Rittmeister +von Behr mir die Antwort ab. »Bäume, Berge und +Wasserfälle sind keine rechte Gesellschaft für Ihr Fräulein +Tochter. Geben Sie sie uns mit nach Hannover; +hat sie mit uns erst ein paar Pullen Sekt geleert und +ein paar Gäule kaput geritten, dann wird das Blut +ihr schon wieder in die Wangen schießen.«</p> + +<p>Ich lehnte die Einladung ab: »Wir sind in tiefer +Trauer, Herr von Behr, und mein schwarzes Kleid +paßt kaum in Ihre Gesellschaft.« Als wir allein waren, +sagte meine Mutter mit einem kaum merklichen Zögern: +»Wenn das schwarze Kleid allein dich zurückhält, so +kannst du es ruhig mit einem weißen vertauschen. Hier +ist Mamachens letzter Brief an mich, worin sie den +Wunsch ausspricht, daß ihre Enkel keine Trauer anlegen +sollen.« — »Und das sagst du mir jetzt erst?!« entfuhr +es mir, — hatte ich es doch die ganze Zeit über wie +eine Beleidigung der Toten empfunden, die Trauer um +sie den neugierig-mitleidigen Blicken aller Welt preiszugeben. +Meine Mutter verstand mich falsch.</p> + +<p>»Ich hätte nicht geglaubt, daß du so wenig Herz hast,« +meinte sie gekränkt, »dann wirf nur den Krepp beiseite +und geh deinem Vergnügen nach.«</p> + +<p>In der nächsten Viertelstunde war ich bereits umgezogen, +aber bei meiner Weigerung Herrn von Behrs +Einladung gegenüber blieb ich. Erst Papas Bitten, +seinen Vorwürfen und seinen sorgenvollen Blicken, die +ich stets auf mir ruhen fühlte, gab ich schließlich nach.</p> + +<p><a name="Page_447" id="Page_447"></a>Der schneidigste Kavallerist der Armee war zu jener +Zeit Leiter der Reitschule, und der Kursus der Stabsoffiziere +hatte gerade eine große Zahl der besten Reiter +nach Hannover geführt. Kraft und Kühnheit, Lebenslust +und Leichtsinn gaben sich ein Stelldichein; der Tretmühle +des Kasernenhofdienstes entronnen, von der Familie +entfernt, die mehr als alles andere an die schmerzvolle +Würde des Alterns erinnerte, feierten all diese reifen +Männer ein stürmisches Wiedersehen mit der Jugend. +Sie tranken und spielten die Nächte durch und saßen +beim Morgengrauen wieder im Sattel; sie fanden sich +strahlend und heiter, ihrer eigenen grauen Haare spottend, +zur üppigen Mittagstafel ein und tanzten abends ausdauernder +als die jüngsten Leutnants. Ich war das +einzige junge Mädchen in diesem Kreis, und der Verkehr +inmitten dieser bunten Gesellschaft, die die Kavallerie +ganz Deutschlands vertrat, war um so ungezwungener, +als der Gedanke, der sich sonst störend und trennend +zwischen die männliche und die weibliche Jugend schiebt, — »Kann +er mich heiraten?« — »Ist sie eine Partie?« — hier +nicht aufkam, wo jeder Mann — wenigstens +solange er in unserer Gesellschaft war — den Trauring +am Finger trug.</p> + +<p>Ah, wie gut tat es doch, wieder fröhlich zu sein! Zu +vergessen — im Lebensrausch der Stunde!</p> + +<p>Einmal war ein kleiner sächsischer Husar mein Tischnachbar — »Herr +von Egidy«, hatte man ihn mir vorgestellt, — und +ich hatte die gedrungene Gestalt mit dem +runden Schädel kaum im Gedächtnis behalten. Jetzt +fielen mir plötzlich ein paar große blaue Augen auf, die +mich mit einem so reinen Ausdruck anstrahlten, wie er +<a name="Page_448" id="Page_448"></a>mir bei einem Manne selten begegnet war. Wir +kamen in ein Gespräch, das mich, je überraschender sein +Inhalt wurde, desto mehr fesselte. Dieser Husarenmajor +hatte andere Gedanken hinter seiner breiten Stirn +als die über Schwadronsexerzieren und Jagdreiten. +Man hatte sich gerade über die jüngsten Verordnungen +des Kaisers gegen den Luxus unterhalten, und bei aller +Wahrung der Form war doch der Ausdruck des Unmuts +ein allgemeiner.</p> + +<p>»Mich haben die Worte Sr. Majestät geradezu beglückt,« +sagte Egidy. »Wir nennen uns Christen, und +verleugnen die Lehre Christi fast täglich.«</p> + +<p>Erstaunt sah ich auf. Noch nie hatte jemand zwischen +Austern und Mocturtle-Suppe über die Lehre Christi +mit mir gesprochen. War das ein schlechter Witz? Ich +begegnete einem ernsten Blick, der meine Vermutung +Lügen strafte.</p> + +<p>»Wir sollen doch Christen sein, nicht heißen!« fuhr er +fort »und der Heiland saß mit den Zöllnern bei Tisch. — Verzeihen +Sie, gnädiges Fräulein — ich vergaß — das +ist kaum ein Dinergespräch mit einer jungen Dame — aber +meine Gedanken kreisen immer mehr um denselben +Punkt —«</p> + +<p>»Sie deuten meine Verwunderung falsch, Herr von +Egidy,« antwortete ich, »Sie warfen meine ganze gesellschaftliche +Erfahrung über den Haufen, — und das verblüffte +mich. Wir alle pflegen doch sonst unsere Gedanken, +besonders wenn sie so ketzerischer Natur sind, +für uns zu behalten. Ich wenigstens —«</p> + +<p>»So haben Sie welche und verschweigen sie nur?!« +Er lächelte — sein ganzes Gesicht leuchtete auf dabei,<a name="Page_449" id="Page_449"></a> +»Meinen Sie denn nicht auch, daß nur einer öffentlich +auszusprechen braucht, was alle an — wie Sie sagen — ketzerischen +Gedanken in sich tragen, um jedem die +Zunge zu lösen?! Wie ein großes befreiendes Aufatmen +würde es durch die Menschheit gehen —«</p> + +<p>In diesem Augenblick schlug einer ans Glas: »Das +höchste Glück der Erde liegt auf dem Rücken der +Pferde, und am Herzen des Weibes — —« Es gab +ein allgemeines Stühlerücken — Anstoßen — Gelächter. +Alles umringte mich und forderte von mir eine Antwort. +Ohne viel Überlegung brachte ich auf die +lustigen Majore, die am Jungbrunnen von Hannover +wieder zu Leutnants geworden wären, einen Trinkspruch +aus. Und wieder klangen die gefüllten Gläser aneinander, +und alle Rosen, die die Tafel geschmückt hatten, häuften +sich vor mir. Aber ich lächelte nur mechanisch über die +Huldigung. »Wie ein großes befreiendes Aufatmen +wird es durch die Menschheit gehen, wenn nur einer +auszusprechen wagt, was alle an ketzerischen Gedanken +in sich tragen,« — das ließ mich nicht los. In meinem +Koffer zu Haus lag ein schwarzes Buch, — war es +wirklich meine höhere Pflicht, das Schwesterchen zu +unterrichten, der Mutter die Haare zu kämmen und mit +schlechter Dilettantenarbeit ein paar Taler zu verdienen — statt +das erlösende Wort in die Welt zu rufen? +Denn felsenfest glaubte ich daran, daß es ein erlösendes +Wort sein würde.</p> + +<p>Am nächsten Vormittag besuchte mich Egidy. Er hatte +ein Manuskript bei sich, mit den klaren, großen Schriftzügen +des Soldaten bedeckt, wie ich sie bei meinem Vater +gewohnt war. »Ernste Gedanken« nannte er es. Wir +<a name="Page_450" id="Page_450"></a>waren ungestört, und er begann mir daraus vorzulesen, — eine +Kritik der Kirchenlehren war es, ein Bekenntnis +zu einem Christentum Christi ohne Dogmen, ohne Wunder, +in einfachen lapidaren Sätzen geschrieben, durchglüht +von einem kindlich-naiven Glauben an die eigene Sache, +an ihren sicheren Sieg, an die Menschheit. Mir war +das alles vertraut, und ich konnte mich einer leisen +Enttäuschung, daß es nicht mehr war, nicht erwehren. +Er schien meine Gedanken zu erraten.</p> + +<p>»Ihnen ist das nichts Neues,« sagte er, »das freut mich. +Neu daran ist doch nur, daß es jemand ausspricht.«</p> + +<p>»Aber das haben schon viele vor Ihnen getan,« wandte +ich ein, »Strauß, Renan, die Protestantenvereinler —«</p> + +<p>»Ich kenne die Leute nicht,« antwortet er brüsk, »und +das beweist, das sie nichts taugten, — sonst hätten ihre +Schriften wirken<em class="spaced"> müssen</em> —«</p> + +<p>»Sie denken an eine Veröffentlichung?!«</p> + +<p>»An was sonst? Jedes Wort wendet sich doch an die +Masse! Ich muß handeln, weil kein anderer es getan +hat!« Seine blauen Augen funkelten dabei.</p> + +<p>»Und — die Folgen?! Bangt Ihnen davor nicht?« +Mit aufrichtiger Bewunderung sah ich zu dem Mann +in dem bunten Husarenrock auf, der jetzt erregt, straff +aufgerichtet, vor mir hin und her ging. Er lächelte +wieder sein vertrauendes Kinderlächeln.</p> + +<p>»Ich kann mich doch nur freuen! Ein paar Unverständige +werden räsonnieren, die wenigen, wirklich noch +vorhandenen Altgläubigen werden Zeter-Mordio schreien, +aber die Masse des Volkes — wir alle sind ›Volk‹, wissen +Sie — wird in Bewegung gesetzt werden. Und der +Kaiser —«</p> +<p><a name="Page_451" id="Page_451"></a></p> +<p>»Der Kaiser?!« rief ich, auf das äußerste überrascht.</p> + +<p>»Ja der Kaiser!« wiederholte er mit fester Stimme. +»Ihm vertraue ich vor allem. All dein Tun ist von +wahrhaft christlichem Geiste erfüllt: seine Erlasse, seine +Arbeiterpolitik — denken Sie nur an die Arbeiterschutz-Konferenz!«</p> + +<p>»Ich bin ganz und gar anderer Meinung, Herr von +Egidy, und Ihr Vertrauen ist mir viel zu wertvoll, als +daß ich Ihnen nicht die Wahrheit schuldig wäre,« +antwortete ich in tiefer Bewegung. »Sie sollen Ihre +Schrift erscheinen lassen — gewiß —, aber die Bewegung, +die Sie erwarten, wird ausbleiben. Denn was +heute not tut, ist nicht eine Erneuerung, sondern eine +Überwindung des Christentums, dazu werden Sie beitragen, +weil auch Ihr Werk Steine abbröckelt vom Bau +der Kirche. — Sie lächeln?! Nun — ich gebe zu, daß in +meinem Mund vermessen klingen mag, was ich sage, — vielleicht +irre ich mich, vielleicht haben Sie recht, +aber eins weiß ich ganz gewiß: der Kaiser wird Sie +nicht unterstützen — doch den schönen bunten Rock ausziehen, — das +wird er Ihnen!«</p> + +<p>Ungläubig erstaunt sah mich Egidy an: »So jung +und so pessimistisch! Dieser Rock und dies Buch sind +einander doch nicht unwürdig. Und wenn ich als Soldat +und als Christ meine Pflicht erfülle, — wie könnte mein +Kaiser mich dieses Rocks entkleiden?!«</p> + +<p>Ich schwieg. Wie eine Entweihung wäre mirs vorgekommen, +dieses Mannes rührenden Kinderglauben noch +einmal anzutasten.</p> + +<p>Der nächste Tag war der letzte meines Aufenthalts in +Hannover, und mit einer Schleppjagd sollte an demselben<a name="Page_452" id="Page_452"></a> +Morgen der Kursus der Stabsoffiziere abgeschlossen +werden. Schon früh um fünf Uhr fuhren wir, Frau +von Behr und ich, im leichten Jagdwagen hinaus zum +Rendezvous. Taufrisch lag die weite Heide vor uns, +von Gräben und Hecken und von dem im Sonnenlicht +glitzernden blauen Band der kleinen Witze durchschnitten. +Zwischen Weidenstämmen und gelbem Ginster hatte sich +eine große Gesellschaft zusammengefunden: junge Offiziere +der Reitschule, Mädchen und Frauen der Gesellschaft in +hellen Sommerkleidern, Burschen und Ordonnanzen mit +Decken und Mänteln und der Koch des Kasinos mit +seinem weißbeschürzten Stab vor dem mit Kisten und +Fässern hochgetürmten Kremperwagen. Mit Feldstechern +und Opernguckern bewaffnet, warteten wir alle der +Reiter. Und plötzlich brauste es heran, wie ein farbensprühendes +Märchen aus Tausend und einer Nacht: blau, +grün, gelb, rot, weiß, — hatte ein Regenbogen sich dicht +über die Erde gespannt?! Näher kam es und näher — das +Schnauben der Rosse, das Sausen der Gerten, der +vielstimmig-aufmunternde Zuruf der Reiter vereinten sich +zu einem einzigen fiebrisch-wirbelnden, wild aufreizenden +Ton. Da flog ein Brauner, den schlanken Leib lang +gestreckt dicht vor mir über das Flüßchen, hinter ihm +ein Fuchs — ein Schimmel mit wehendem Schweif +kaum eine Nasenlänge weiter, und nun — zehn, zwanzig, +hundert rassige Tiere, Schaum vor dem Maul, mit +bebenden Nüstern, — mir klopfte das Herz, und noch +minutenlang nachher fühlte ich nichts als die wundervoll-leidenschaftliche +Erregung dieses Augenblicks. Dann +lagerten wir auf dem grünen Rasen, duftige Erdbeerbowle +kredenzten die Ordonnanzen, und mitten in der<a name="Page_453" id="Page_453"></a> +Schar dieser durch die eigene Leistung froh bewegten +Männer kam ich mir einmal wieder wie zu Hause vor. +Da fiel mein Blick auf einen, der mit verschränkten +Armen und gefurchter Stirne abseits stand: Egidy, — und +ich erwachte aus der Betäubung. Nein — hier +war meinesgleichen nicht mehr, — ich erhob mich hastig +aus dem lustigen Kreise und trat auf ihn zu.</p> + +<p>»Ihre Worte kommen mir nicht aus dem Sinn« — sagte +er, »ich ging nach Hannover in der Meinung, noch +einmal fröhlich sein zu können, und überzeugte mich für +immer, daß der Frohsinn gebannt ist und, — bleiben +die ernsten Gedanken in meinem Schreibtisch —, nimmer +wiederkehren würde. Und nun empfind' ich, daß die +Veröffentlichung dem Frohsinn erst recht den Weg sperren +wird.« Seine Stimme sank. Mit einer raschen Bewegung +legte er die Hand vor die Augen: »Und es ist +doch so schön gewesen!«</p> + +<p>Ein Blick voll tiefem Abschiedsweh flog über die +Haide, den schimmernden Fluß, die lachenden Kameraden. +Mir wurden die Augen feucht. Ich griff +nach seiner Hand. »Gehen wir,« sagte ich leise, »losreißen +müssen wir uns doch — ehe die anderen uns +verleugnen.« Und stumm, schweren Herzens, zögernd, +als schleppten wir eine unsichtbare Kette nach, schritten +wir durch den Wald zur nächsten Station.</p> + +<p>Abends war ich wieder in Harzburg. Noch in der +Nacht nahm ich mein schwarzes Büchlein aus dem Koffer, +schrieb ein paar Zeilen dazu und sandte es frühmorgens +an Egidy. Eine unbestimmte Hoffnung, daß er doch +vielleicht der Befreier — auch mein Befreier — werden +könnte, ließ mir das Herz dabei höher schlagen. Wenige<a name="Page_454" id="Page_454"></a> +Tage später bekam ich seine Antwort. »Wir sind Bundesgenossen,« +schrieb er, »denn nicht darauf kommt es an, +was wir glauben, sondern was wir sind; nicht darauf, +wie wir uns nennen, sondern ob wir wollen, daß etwas +werde. Ich rechne auf Sie. Zu wirken gilt es, solange +es Tag ist, mein ganzes Dasein gehört diesem Wirken.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 6.5em;">In wahrster respektvoller Ergebenheit</span><br /> +<span style="margin-left: 21em;">M. von Egidy.«</span><br /> +</p> + +<p>Nun verflossen meine Tage wieder in alter Einförmigkeit; +aber ihr trübes Grau war wie Frühlingsnebel, +der die Sonne ahnen läßt, und meine träge gewordene +Phantasie griff wieder nach der Palette, um Zukunftsbilder +zu malen. Ich konnte unsere Abreise kaum mehr +erwarten. In Berlin würde der große Strom des +Weltgeschehens die Rinnsale des Eigenlebens aufnehmen, +das enge Beieinandersein innerlich entzweiter Menschen +würde aufhören, und »das Wunderbare« würde vielleicht +doch noch erlösend in mein Dasein treten.</p> + +<p>Meine Mutter war, um Wohnung zu suchen, schon +vorausgereist, als ich von Professor Fiedler, dem Herausgeber +der Goethe-Zeitschrift, einen Brief erhielt. Er +hatte sich nach Großmamas Tod zuerst an Onkel Walter +gewandt, um zu erfahren, welche Erinnerungen ihr Nachlaß +an den großen Freund ihrer Jugend enthielte, und dieser +hatte ihn an mich verwiesen. Ob ich für seine Zeitschrift +einen Artikel schreiben wolle, frug er, — ich staunte: +wie kam es nur, daß ich bisher so blind gewesen war?! +Die Lebende hatte mich ernst und eindringlich auf den +Weg des Erwerbs gewiesen, und die Tote gab mir die +Mittel an die Hand, durch die es mir möglich sein +sollte, ihn zu betreten!</p> + +<p><a name="Page_455" id="Page_455"></a>Gewiß, mit Freuden würd' ich den Aufsatz schreiben, +antwortete ich; viele wertvolle Erinnerungsblätter von +der Hand der Verstorbenen seien in meinem Besitz, die ich +zu veröffentlichen die Absicht hätte, und überaus dankbar +würde ich ihm sein, wenn ich dabei auf seine Hilfe +rechnen könne. Umgehend erhielt ich noch einen Brief, +worin mir der Gelehrte seinen Beistand zusicherte. Ich +strahlte: das war ein Anfang, — der erste Schritt zur +Unabhängigkeit, und vielleicht — zum Ruhm!</p> + +<p>An einem jener leuchtenden Herbstabende, wie sie +nur im Norden Deutschlands vorkommen, näherten wir +uns Berlin. In hellem Violett, das hie und da ins +Rosenrote überging, lag der Dunst der Großstadt über +den Häusern, verwischte ihre Häßlichkeit und verlieh +ihnen einen Schimmer phantastischen Lebens. Feuchtglänzende +Schienenstränge liefen vor uns her und dehnten +sich nach allen Seiten, — zahllose Polypenarme, die sich +verlangend dem gewaltigen Ungeheuer der Stadt entgegenstreckten, +das mit roten, grünen und weißen grell-glotzenden +Augen gierig Ausschau hielt nach neuer Beute. +Ein schwarzer Rachen, öffnete sich die Halle des Bahnhofs. +Mit Gezisch und Geratter brauste der Zug hinein — Rauchschwaden +stiegen auf — ein letztes Ausatmen seiner +Maschine — ein kurzer, harter Stoß noch — und Berlin +hatte ihn verschlungen. Aufgeregt, rücksichtslos, erwartungsvoll +schoben und drängten sich die Menschen. +Mir aber war, als müßten meine Füße den grauschwarzen +Asphalt sanft und schmeichelnd berühren: Neuland +war es, das ich betreten hatte.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_456" id="Page_456"></a></p> +<h2><a name="Sechzehntes_Kapitel" id="Sechzehntes_Kapitel"></a>Sechzehntes Kapitel</h2> + + +<p style="text-align: right"> +Berlin, 28. 12. 90 +</p> + +<p>Liebe Mathilde!</p> + +<p>Du beklagst Dich über mein monatelanges +Schweigen, und solltest doch froh sein, daß +ich Dich während einer Zeit innerer und +äußerer Zerrissenheit mit Briefen verschonte. Womit +ich nicht behaupten will, daß ich Dir jetzt das Bild +abgeklärter Weisheit geben könnte. Aber ich habe zum +mindesten den Taumel überwunden und sehe das Verwirrende, +Vielgestaltige des neuen Lebens. — Doch Du +willst zunächst seinen Rahmen kennen lernen. Er ist — um +ihn mit zwei Worten zu kennzeichnen — bronzierter +Gips, den der Fremde für vergoldete Holzschnitzerei +zu halten verpflichtet ist. Wir wohnen — natürlich! — im +›vornehmen‹ Westen, aber an jener Grenzscheide, wo +die neuesten Mietskasernen mit ihren dunkeln Höfen +und protzigen Fassaden sich mit den Kartoffelfeldern +begegnen. Unsere Wohnung hat einen Aufgang ›nur +für Herrschaften‹ und ist selbstverständlich ›hochherrschaftlich‹: +über den Türen tanzen Stuckamoretten mit +verrenkten Armen und Beinen, die Öfen sind Prachtgebäude +aus den buntesten Kacheln, das Eßzimmer — ein +<a name="Page_457" id="Page_457"></a>wahrer Tanzsaal — hat Holzpaneele und eine +Holzdecke aus Papier, der Salon weist gar eine imitierte +Seidentapete auf, die der Wirt uns als ganz besonders +›vornehm‹ anpries, und das Herrenzimmer prunkt im +papierenem Leder! Dazu hat der Tapezier die Gardinen +von acht Zimmern an die Fenster und Türen dieser drei +Räume gehängt, so daß die Üppigkeit eine geradezu +überwältigende ist und unsere verschossenen Möbel und +zertretenen Teppiche in einem vorteilhaften Zwielicht +Glanz und Reichtum vortäuschen. Die nüchterne Wahrheit +beginnt erst mit dem langen dunkeln Korridor, an +den sich drei Kammern — Schlafzimmer genannt — anlehnen. +Eine davon bewohne ich. Es ist mir gelungen, +sie mittelst Kretonnevorhängen in zwei Räume +zu verwandeln, die sich freilich beide mit einem Fenster +begnügen müssen und von der Existenz des Himmels +keine Ahnung haben, geschweige denn von der der Sonne.</p> + +<p>Und doch muß zwischen meiner Seele und der Sonne +irgendein geheimnisvoller Zusammenhang bestehen: mein +Denken und Fühlen friert ein ohne sie. Wenn ich +arbeiten will, muß ich darum immer zuerst über Felder +und Sturzäcker laufen, wo kein Haus und kein Baum +Schatten werfen. Trotzdem will meine Arbeit nicht so +recht hell und warm werden ...</p> + +<p>Bald nach unserer Ankunft besuchte uns Professor +Fiedler. Mein Artikel über Großmamas Goethe-Erinnerungen +gefiel ihm — unter uns gesagt: mir gar +nicht! —, und für alles, was ich sonst noch von ihr +habe, war er aufs höchste interessiert. Er empfahl mich +an Rodenberg, an Lindau, an Westermanns Monatshefte, +und ich habe auf Monate, vielleicht auf Jahre +<a name="Page_458" id="Page_458"></a>hinaus zu tun, ohne daß der Eintritt in die Literatur +mir irgendwelche Schwierigkeiten gekostet hätte. Auch +sonst bin ich vom ›Glück‹ begünstigt: Meine Brennarbeiten +hat der Offizierverein zum Verkauf angenommen, und +meine Erfindung — die Vereinigung von Brennen und +Malen auf Sammet und Tuch — hat eine Frauenzeitung +geschildert und mich dabei als Verfertigerin +empfohlen. Ich habe meinen Eltern infolgedessen das +Taschengeld schon ›kündigen‹ können, und dieser erste +Schritt zur Selbständigkeit ersetzt mir etwas den Mangel +an seelischer und geistiger Befriedigung. Da ich den +Eltern überdies durch Schneidern, Putzmachen und +Gouvernantenspielen bei Ilse ein Mädchen für alles +und ein Fräulein erspare, so kann ich mir einbilden, +mich bereits selbst zu erhalten. Nur daß dies bloße +Erhalten des Lebens vom Leben selbst weit entfernt ist.</p> + +<p>Ich sehe dich heimlich lächeln. ›Ihr fehlt einmal +wieder der Mann,‹ sagst Du. Du irrst: ich komme mir +mit meinen 25 Jahren so alt vor, daß ich bereits großmütterlich +mitleidig lächle, wenn andere von Liebe reden. +Besinnst Du Dich auf Vetter Fritz in Brandenburg? +Du warst damals sittlich entrüstet, daß ich dem guten +Jungen den Kopf verdrehte. Nachdem er in den letzten +acht Jahren meinen Geburtstag nicht einmal vergessen +hatte, stellte er sich hier wieder bei uns ein, — noch +immer derselbe kindliche Mensch, trotz seiner Gardeulanenuniform. +Mit Blumen und Blicken wirbt er +um mich, und seine Treue rührt mich oft so, daß ich +mich frage, ob es nicht das Beste wäre, seine Frau zu +werden. Dann hätte die liebe Seele Ruhe, und allen +Ambitionen und Befreiungsgelüsten wäre ein für allemal +<a name="Page_459" id="Page_459"></a>ein Riegel vorgeschoben. Die gesamte Familie — die +durch Onkel Walters und Maxens, durch Tante Jettchen +und ihre Kinder und Enkel erschreckende Dimensionen +angenommen hat — unterstützt natürlich im stillen die +Sache, und das reizt mich zum Widerspruch.</p> + +<p>Na, überhaupt die Familie! Die Familiensonntage +vor allem, wo man sich mittags und abends genießt, meist +fünfzehn bis zwanzig Mann hoch! Nur eins ist für mich +dabei wohltuend: daß ich mich wieder einmal so recht +intensiv als das einzige schwarze Schaf empfinde.</p> + +<p>Seit Stöckers Abschied ist der Antisemitismus geradezu +epidemisch geworden, gerade so, wie der Kultus Bismarcks — wenigstens +in den Kreisen meiner lieben Verwandtschaft — erst +nach seinem Sturz ins Kraut schoß. +Und ein Staatsanwalt würde Karriere machen, wenn +er das Geschimpfe auf S. M. mit anhören könnte, — vorausgesetzt, +daß die Delinquenten nicht preußische +Edelleute, sondern internationale Sozis wären! Der +adlige Klub am Pariser Platz, wo nur die Alleredelsten +der Nation aufgenommen werden und Papa und die +Enkels täglich verkehren, ist der Mittelpunkt der Fronde; +Ströme von Skandalosa fließen aus seinen Türen in +die Welt, und ich könnte aus lauter Widerspruchsgeist — der +zuweilen zur Objektivität erzieht — fast zur +Verteidigerin des ›neuen Herrn‹ werden, wenn er nicht +selbst der sich kaum schüchtern entwickelnden Anerkennung +immer wieder einen Fußtritt gäbe, so daß sie zusammenknickt +wie ein Veilchen unter dem Nagelschuh. Du +kannst Dir denken, wie es mich z. B. begeisterte, als er +in der Schulreform die Initiative ergriff, und welche +Hoffnungen ich an die Konferenz knüpfte. Und dann +<a name="Page_460" id="Page_460"></a>stellte ihr S. M. keine andere Aufgabe, als die Schule +in ein Kampfmittel gegen die Sozialdemokraten zu verwandeln +und blindwütigen Hurrapatriotismus noch +mehr als bisher zu verbreiten. Natürlich bestand die +Antwort der zusammengerufenen ›Führer der Jugend‹ +in devotester Verbeugung vor dem allerhöchsten Willen, +und befriedigt von dem ›Erfolg‹ des ›offenen‹ Gedankenaustausches +schloß S. M. die Versammlung mit einer +Verbeugung seinerseits vor der Kirche.</p> + +<p>Für Egidy war dies Ereignis, seit er den Abschied bekam, +wohl der größte Schmerz. Ich stehe mit ihm in Briefwechsel, +und so sehr ich mich im Gegensatz zu vielen +seiner Grundanschauungen befinde, genieße ich diese lebens- und +glaubensstarke Individualität, wie ein Durstiger +frisches Quellwasser. ›So schwer auch die Gegenwart +mich belastet,‹ schrieb er mir kürzlich, ›so kraftvoll ich +auch ringen muß, um die Erinnerung niederzukämpfen, +die gerade in diesen Tagen furchtbar an mir zehrt, da +das Regiment, das acht Wochen nach dem Erscheinen +der Ernsten Gedanken das meine werden sollte, sein Jubiläum +feiert, — so beseelt mich doch die Hoffnung, daß +ich dem Vaterlande, der Welt noch dienen kann, und +daß das, was ich tat, nicht fruchtlos war. Auch auf +den Kaiser ist meine Hoffnung unzerstörbar, — es gilt +nur sein Ohr zu erreichen....‹</p> + +<p>Doch <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'im'">ich</ins> sehe, daß mein Brief sich zu einem Buch +auszuwachsen beginnt, — hoffentlich ein Beweis für die +künftige Regsamkeit unseres Briefwechsels.</p> + +<p>Was soll ich Dir nun ohne Phrase und ohne Komödie +zum neuen Jahre wünschen? Glück? Wer glaubt daran? +Befriedigung? Wer findet sie, solange das Blut noch +<a name="Page_461" id="Page_461"></a>heiß durch die Adern rollt! Soll ich auf ewige Seligkeit +vertrösten? Ein schwacher Trost für den, der die +irdische noch nicht durchkostet hat. Lerne dich bescheiden, +werde so rasch wie möglich alt und kühl, — ist das nicht +am Ende der beste Wunsch?!</p> + +<p> +<span style="margin-left: 8em;">In treuer <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'Freudschaft'">Freundschaft</ins></span><br /> +<span style="margin-left: 17em;">Deine Alix.«</span><br /> +</p> + + +<p style="text-align: right"> +Berlin, 20. 2. 91 +</p> + +<p>Liebe Mathilde!</p> + +<p>Seit meinem letzten Brief und Deiner Antwort — die +meiner Erwartung vollkommen entsprach, alldieweil +Du meine Arbeitswut nur als Intermezzo zwischen zwei +Romankapiteln betrachtest — sind wieder einige inhaltreiche +Wochen vergangen. Ich fange allmählich an, +den Pulsschlag des Weltlebens zu empfinden und den +meinen auf denselben Takt einzustellen, wobei ich allerdings +immer deutlicher den Gegensatz zwischen mir und +der lieben Verwandtschaft empfinde, deren Blut so träge +fließt, daß es eigentlich Anno 70 noch kaum überwunden +hat. Der jüngste Familienzuwachs ist nach der Richtung +besonders charakteristisch. Du entsinnst Dich, daß Papa +einen jüngeren Bruder hatte, der Geistlicher war und +im Irrenhaus starb. Er hinterließ eine Wittwe mit +fünf Kindern in bedrängtester Lage, und Tante Klotilde +mußte sich wohl oder übel entschließen, das Ihre zur +Erhaltung der Familie beizutragen, was sie natürlich +von vornherein gegen sie einnahm. Die mütterlichen +Verwandten taten desgleichen; Papa verschaffte den +Söhnen ein Unterkommen im Kadettenkorps, Mama +erreichte, daß eine der Töchter die mir zugedachte Frei<a name="Page_462" id="Page_462"></a>stelle +im Augustastift bekam, so daß Tante Marie schließlich +nur für ein Kind zu sorgen hatte. Jetzt wills das +Unglück, daß die Mädchen erwachsen sind und die Söhne +in die Armee eintreten, und was das Malheur voll +macht: die ganze Gesellschaft ist aus der Art der Kleves +geschlagen. Tante Klotilde entrüstet sich darüber, und +Papa schimpft wie ein Rohrspatz, daß die mütterliche +Verwandtschaft das Blut verdorben hat und er nun genötigt +ist, die Jungens weiter zu bringen. Er war ja +von je der hilfreiche Geist, wenn irgendein Vetter +durch das Einjährige bugsiert werden oder in ein anständiges +Regiment Aufnahme finden sollte. So hat er +denn für Erich, den ältesten dieser mißratenen Kleves, +sein altes Regiment gefügig gemacht und ihm — in +der goldenen Zeit der eigenen Korpshoffnungen! — die +nötige Zulage versprochen. Das Einlösen dieses Versprechens +wird ihm jetzt gewaltig sauer, und es macht +mir eine Riesenfreude, daß ich bald imstande sein werde, +einen Teil davon auf mich zu nehmen.</p> + +<p>Tante Marie lebt mit ihren Töchtern in Potsdam, +die Söhne sind in Lichterfelde und Frankfurt, und +diese Nähe verschafft uns das Glück ihrer Sonntagsbesuche. +Ich sitze dabei immer wie auf Nadeln in +Erwartung von Papas sarkastischen Bemerkungen und +überbiete mich in Liebenswürdigkeit, wenn mir auch +gar nicht darnach zumute ist. Alle miteinander sind +kaiserlich bis in die Knochen, ist doch Tante Marie +mit der neuen Hofclique verschwägert, mit den Eulenburgs +vor allem, die nahe daran sind, das Hausmeiertum +an sich zu reißen. Infolgedessen sind sie +natürlich auch kirchlich-orthodox; — darnach kannst Du<a name="Page_463" id="Page_463"></a> +Dir die Harmonie unserer Beziehungen ungefähr vorstellen! +Mama, mit ihrem oft ganz fanatischen Gerechtigkeitsgefühl +ist die einzige, die sie aus Überzeugung +verteidigt und es sogar unternahm, Tante Klotilde, die +jede persönliche Zusammenkunft mit ihren Neffen und +Nichten bisher vermieden hat, freundlicher zu stimmen. +Sie wirft mir Herzlosigkeit vor, weil ich sie darin nicht +unterstützen mag, und zankt sogar mit ihrem Lieblingsbruder, +der sie warnte, sich ›kein Kuckucksei ins Nest zu +legen‹. Die Gefahr ist, scheint mir, sehr gering, denn +um bei Tante Klotilde etwas zu erreichen, müßte Mama +ungefähr das Gegenteil von dem verlangen, was sie +erreichen will. Außerdem würde ich den armen Würmern +einen tüchtigen Anteil an Tante Klotildes Reichtümern +von Herzen gönnen.</p> + +<p>In schroffem Gegensatz zu diesem Zwangsverkehr steht +ein anderer, den ich mir erkämpft habe, — obwohl Du +mich bereits vorher vor meinen ›jüdischen Beziehungen‹ +warntest: der im Hause Fiedlers und Rodenbergs. Papa +war zuerst entrüstet, als ich ihn um die Erlaubnis bat, +den freundlichen Einladungen der beiden, meine literarische +Tätigkeit so lebhaft unterstützenden, folgen zu +dürfen. Nach einigem Brummen, Räuspern und Toben — wobei +ich verängstigt wie immer aus dem Zimmer +floh, während Ilschen lachte und den Papa zu meinen +Gunsten umschmeichelte — entschloß er sich freiwillig +zu offiziellen Familienvisiten und gestattete mir dann, +die Gesellschaften allein zu besuchen. Nun genieße ich +den geistig anregenden Verkehr ungeheuer und fange an, +meine Schüchternheit angesichts dieser mir doch sehr neuen +Menschen und fremden Verkehrsformen zu überwinden.<a name="Page_464" id="Page_464"></a> +Ich bin seit langem daran gewöhnt, meine Ansichten nur +im höchsten Affekt auszusprechen, so daß ich erst eine +gewisse Schwerfälligkeit niederkämpfen, ja sogar mit +dem Ausdruck ringen muß. Das steigert sich, wenn +Namen genannt und Ereignisse lebhaft erörtert werden, +von denen ich keine Ahnung habe.</p> + +<p>Im Mittelpunkt des Interesses steht auf der einen Seite +die neue literarische Bewegung, die sich in der Freien Bühne +ein eigenes Theater schuf, und deren Vertreter stark realistische +und sozialistische Tendenzen haben, und auf der anderen +der neu aufsteigende Stern am Dichterhimmel — Sudermann —, +dessen Dramen, wie Du sicher aus den Zeitungen +weißt, wahre Stürme für und wider hervorrufen. +Ich kenne von alledem noch nichts. Onkel Walter +erklärt, daß ›ein junges Mädchen‹ Sudermanns Werke +unmöglich sehen könne, — aber ins Residenztheater und +in den Wintergarten werde ich ohne Bedenken mitgenommen! —, +und im Kreise meiner literarischen Bekannten +sieht man den Jungen von Friedrichshagen — einem +Vorort von Berlin, wo sie, wie man munkelt, +ein gemeinsames Leben führen, das das kommunistische +Prinzip sogar auf — die Frauen ausdehnt! — skeptisch +gegenüber. Ich bin zwar sehr geneigt, mich, wenn auch +nicht der Autorität Onkel Walters, so doch dem reifen +Urteil meiner neuen Freunde von vornherein anzuschließen, +um so mehr, als <em class="antiqua">Dr.</em> Friedrich, der hervorragendste +Kritiker Berlins und ein tiefer Goethe-Kenner, +an ihrer Spitze steht, aber mich interessiert jede moderne +Erscheinung viel zu sehr, als daß ich sie nicht aus +eigner Anschauung kennen lernen wollte.</p> + +<p>Wegen Vetter Fritz sei ganz ruhig. Ich habe besseres +<a name="Page_465" id="Page_465"></a>zu tun, als zu kokettieren. Meine Haltung ihm gegenüber +ist eine ganz passive: ich empfinde mit wohligem +Behagen die Atmosphäre seiner Zuneigung, und vielleicht +ist solch ein sich lieben lassen für mich ein Lebensbedürfnis, +ebenso wie das sich bescheinen lassen von der +Sonne.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 14em;">Von Herzen</span><br /> +<span style="margin-left: 16.5em;">Deine Alix.«</span><br /> +</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Meine Mutter pflegte sich Onkel Walters Ansichten +fast immer zu unterwerfen, weil es +im Grunde stets die ihren waren. Aber +in Bezug auf meine Theaterbesuche geriet sie in einen +Zwiespalt mit ihrer eigenen Neigung und mit ihrem +Pflichtgefühl. Das Theater wurde mehr und mehr ihre +Leidenschaft, — es war, als suche diese kühle, harte +Frau das Leben, weil sie selbst nicht gelebt hatte —, +aber für sich allein und ihr persönliches Vergnügen +Geld auszugeben, wäre ihr nie in den Sinn gekommen. +Also nahm sie mich mit, beruhigte ihr Gewissen damit, +daß »uns doch niemand sehen wird«, und schärfte mir +ein, nicht darüber zu sprechen. So sahen wir »Die +Ehre« und »Sodoms Ende«, dessen ursprüngliches +Verbot auf des Kaisers direkten Eingriff zurückgeführt +wurde und den Erfolg des Werks von vornherein gesichert +hatte. Der tiefe Eindruck, den wir empfingen, +setzte sich aus Verblüffung, Entsetzen und Ergriffenheit +zusammen. Aber während er sich bei meiner Mutter +durch den befreienden Gedanken auslöste, daß hier der +verdorbenen Bourgeoisie und den verhaßten Parvenüs +<a name="Page_466" id="Page_466"></a>ein gräßliches Spiegelbild vorgehalten werde, das sie +im Grunde nichts anging, wirkte er in mir schmerzhaft +nach. Ich sah in meinen Träumen Alma, das verdorbene +Mädchen aus dem Hinterhaus, und Frau Adah, die +arme Reiche, die nach Glück und Liebe lechzte, während +ihr Mann sich mit Straßendirnen umhertrieb. Sie waren +nichts als Typen der modernen Gesellschaft, und ihre +Wahrhaftigkeit erschütterte mich.</p> + +<p>Und dann las ich mit demselben Feuereifer, mit dem +ich einst in Posen meine heimlich erworbenen Reklambändchen +verschlang, die Werke der »Jungen«. Jedes +Buch riß mir einen neuen Schleier von den Augen. +Kretzers »Meister Timpe«, Holz-Schlafs »Familie Selicke«, +Gerhart Hauptmanns »Vor Sonnenaufgang«, — mit +welcher Grausamkeit enthüllten sie ungeahnte Tiefen des +Elends! Dazwischen fielen mir in bunter Reihe Bücher +in die Hände — von Strindberg, von Garborg, von +Przybyszewski —, die mit demselben brutalen Wahrheitsfanatismus +blutende Herzen und zuckende Sinne bloßlegten. +Und in diesem grellen Licht, das nur tiefe +Schatten und blendende Helle schuf und milde, zart +verschwimmende Dämmerung nicht duldete, enthüllte sich +nun auch die Welt in mir. Hatte ich die zehrende Glut +meines Innern, all die Qualen meiner jungen Sinne +doch nur vergebens mit den Feuerlöscheimern des Verstandes +und der Pflichterfüllung zu ersticken gesucht.</p> + +<p>Das Leben hatte in tausend und abertausend bunten +Farbenflecken unruhig, blendend, vor meinen Augen geflirrt; +jetzt erst entdeckte ich, daß sie alle notwendig zueinander +gehörten und zu einem einzigen, riesigen Gemälde +zusammenschossen. Es galt nur, die Blicke fest +<a name="Page_467" id="Page_467"></a>und mutig darauf zu richten, nicht zu schaudern vor der +Wahrheit, die im zerschlissenen, blutbefleckten Gewande +der Not der schier endlosen Schar der Hungernden +und Blinden, der Lahmen und Verkrüppelten, der Irren +und der Kettenträger voranschritt. Wer sehend war, +erkannte unter ihrem Bettlermantel das Königskleid, +und ihm wandelte sich die Geißel, die sie trug, zur Fahne +des Sieges.</p> + +<p>Das Grauen verschwand, ein Gefühl unbezwinglicher +Kraft überkam mich. O, ich war stark genug, um, Seite +an Seite mit den anderen, Ruinen einzureißen und +Felsen aufeinander zu türmen!</p> + +<p>War ich es wirklich?! Beugte ich mich nicht ängstlich +jenem pedantischen Schulmeister, dem Alltag, der +mich jeden Morgen aus meinen Träumen weckte, mich +zwang, zwanzig alte, muffig riechende Bücher zu durchstöbern, +um über irgend einen vergessenen Zeitgenossen +Goethes einen kleinen Artikel zu schreiben, oder +meinem Schwesterchen beim Rechnen beizustehen, oder +Mamas Winterhut neu zu garnieren, oder für ein +Dutzend überraschender Abendgäste den Tisch zu decken?!</p> + +<p>In der Goethe-Zeitschrift waren inzwischen meine +Aufsätze erschienen, und von den weimarer Freunden +und Verwandten meiner Großmutter wurde mir eitel Anerkennung +zu Teil. Auch der Großherzog ließ mir sagen, +wie sehr ihn interessiere, was ich schreibe, und legte mir +nahe, nach Weimar zu kommen, wo ich zu neuen Studien +und Arbeiten alle Türen offen und alle Menschen hilfsbereit +finden würde. Mein Vater strahlte über diesen +Erfolg und begriff nicht, wie ich auch nur einen Moment +zögern könne, der Anregung Folge zu leisten.</p> +<p><a name="Page_468" id="Page_468"></a></p> +<p>»Du bist doch nun einmal dem Tintenteufel verfallen,« +meinte er, »nun kannst du es wenigstens auf eine standesgemäße +Weise sein.«</p> + +<p>Ich schwieg. Sollte ich ihm den Schmerz bereiten +und ihm sagen, daß die Fesseln des »Standesgemäßen« +mir schon jetzt schmerzhaft genug ins Fleisch schnitten?</p> + +<p>Auch im Kreise der Goethe-Zeitschrift verstand man +mich nicht.</p> + +<p>»Der Großherzog selbst fordert Sie auf und bietet +Ihnen seine Hilfe an, und Sie haben noch Bedenken, +nach Weimar zu gehen?!« sagte Professor Fiedler, als +ich einmal wieder zu einer größeren Abendgesellschaft bei +ihm war. »Nur Ihre schriftstellerische Jugend bietet +mir eine Erklärung dafür! Was viele Gelehrte vergebens +wünschten — Zugang zu den verschlossenen +Schätzen Weimars —, wird Ihnen hier entgegen getragen, +und Sie greifen nicht mit beiden Händen zu! Das bedeutet +doch nichts anderes, als eine Sicherstellung Ihrer +literarischen Zukunft, als den Beginn einer großen +Karriere.« Ich hatte ihm und seiner Unterstützung schon +zu viel zu verdanken, als daß sein Zureden ohne Eindruck +hätte bleiben können.</p> + +<p>»Sie haben persönliche Beziehungen zum Großherzog +von Sachsen-Weimar?« mischte sich ein anderer Gast ins +Gespräch, der mich bisher von der Höhe seiner Berühmtheit +und seiner vielbewunderten Ähnlichkeit mit Goethe +kaum eines flüchtigen Grußes gewürdigt hatte. Ich erzählte +von Großmamas Freundschaft mit Karl Alexander. +Der Kreis um mich vergrößerte sich. Man erging sich +in Lobeserhebungen des Fürsten, über den ich in meinen +Kreisen immer nur hatte lachen und spotten hören.</p> +<p><a name="Page_469" id="Page_469"></a></p> +<p>»Wenn Sie sich seiner Gunst weiter erfreuen, — welche +Dienste können Sie dann der Wissenschaft leisten!« sagte +der Mann mit dem Goethe-Kopf. Seltsam, wie er plötzlich +von meiner Leistungskraft überzeugt schien, obwohl er +alle Zusendungen meiner Artikel mit Stillschweigen übergangen +hatte! Er führte mich zu Tisch, und ich, die ich +bis jetzt eine bescheiden abseits Stehende gewesen war, +sah mich auf einmal im Mittelpunkt der Gesellschaft. +Das verletzte mich aufs tiefste: waren das die freien, +geistig hoch stehenden Menschen, zu denen ich bewundernd +aufgesehen hatte, deren Verkehr mich in den Strom geistigen +Fortschritts reißen sollte?</p> + +<p>Auf das angenehmste überrascht wandte ich mich daher +meinem Nachbarn zur Rechten zu, der meinen Aufsatz +in der Goethe-Zeitschrift gelesen zu haben schien und ein +paar kritische Bemerkungen darüber machte. Er war +ein bekannter österreichischer Dichter, dessen tapfere +Bücher, aus denen das ganze Leid des jahrhundertelang +verfolgten und unterdrückten Judentums herausschrie, mich +ihn schon lange bewundern ließen.</p> + +<p>»Wie stolz müssen Sie sein, so wertvolle Andenken an +Goethe Ihr eigen zu nennen, wie die Gedichte an Ihre +Frau Großmutter, wie den Ring aus der Hand des +Olympiers,« meinte er.</p> + +<p>Ich zog den schmalen Goldreif vom Finger. Er machte +die Runde um den Tisch. Alles schien entzückt, dankbar, +voll Bewunderung.</p> + +<p>»Muß man das dem Fräulein glauben?!« rief +plötzlich eine helle Stimme von der anderen Seite +der Tafel. Halb verletzt, halb erstaunt, suchte ich +mit den Augen die Sprecherin, — sie hatte offenbar +<a name="Page_470" id="Page_470"></a>nicht den mindesten Respekt vor meinen fürstlichen Beziehungen.</p> + +<p>»Juliane Déry« — flüsterte mir mein Tischherr zu, +»ein überspanntes, hypermodernes Frauenzimmer. Sie +kennen doch ihre Novellen?«</p> + +<p>Ich kannte nicht einmal ihren Namen. Aber ihre +Unart gefiel mir. Nach dem Souper sprach ich sie an.</p> + +<p>Sie saß hingekauert zu Füßen des österreichischen +Dichters und maß mich mit einem feindseligen Blick, +während sie ungeduldig den tief herabgesunkenen Ärmel +ihres ausgeschnittenen nilgrünen Kleides auf die Schulter +zurückschob.</p> + +<p>»Ich habe kein Interesse für Goethe und nicht das +mindeste für die Goethe-Philologie,« sagte sie gereizt.</p> + +<p>»Fräulein von Kleve sieht mir aber auch nicht aus, +als ob sie mit Haut und Haaren der Philologie verfallen +wäre,« lachte der Dichter, ein wenig verlegen ob der +Ungezogenheit seiner Gefährtin.</p> + +<p>»Ich danke Ihnen für die gute Meinung,« antwortete +ich und setzte mich auf einen geraden Holzstuhl, der mit +ein paar anderen seinesgleichen, einigen von Zeitschriften +beladenen Tischen und schlichten Bücherregalen die Einrichtung +des Raumes bildete. Es schien als sei diese +Einfachheit wohlerwogene Absicht, denn um so gewaltiger +und beherrschender traten die Goethe-Bilder hervor, die +die Wände schmückten. »Tatsächlich habe ich gar keine +Neigung zur Philologie, — sehen Sie nur, wie all der +aufgehäufte papierne Wissenskram schon vor dem bloßen +Abbild des lebendigen Goethe zusammenschrumpft! Es +widerstrebt mir geradezu, ihn zu vermehren.«</p> + +<p>»Warum tun Sie's denn?!« rief die junge Schrift<a name="Page_471" id="Page_471"></a>stellerin, +spöttisch lachend. Ich schwieg. Ich hatte die +Empfindung, schon viel zu viel von mir selbst verraten +zu haben. Der Dichter, bemüht, zwischen mir und dem +Mädchen zu seinen Füßen eine Brücke zu bauen, lenkte +ein: »Seien Sie ihr nicht böse. Sie ist viel besser, als +sie sich gibt, und mit der borstigen Außenseite will sie nur +das allzu Weiche ihres Inneren verstecken.«</p> + +<p>»Sie will?!« Juliane Déry sprang auf und wühlte +mit nervösen schmalen Fingern, die merkwürdig wenig +zu der kurzen breiten Hand und dem vulgären Handgelenk +paßten, in ihrem wirren Haarschopf. »Sie will +gar nicht. Aber zuweilen muß sie. Und das Müssen +widert sie an. Nicht verbergen, bloßlegen, was ihr im +Innern lebt — ganz nackt und bloß —, daß Ihr guten +anständigen Leute eine Gänsehaut kriegt, das will sie, — das +wollen wir alle, die wir jung sind, und dem Leben +dienen, — und keinem toten Götzen.« Mir stieg das Blut +in die Schläfen. Das Zimmer hatte sich gefüllt. Wie +konnte man vor all diesen fremden Menschen die Pforten +seiner Seele aufreißen, dachte ich, und doch beneidete ich +sie, weil sie es konnte.</p> + +<p>Sie hatte einen Funken ins Pulverfaß geschleudert. +Eine allgemeine Unterhaltung über das Wollen und +Können der Jungen entspann sich, bei der die scheinbar +ruhigsten Menschen in leidenschaftliche Erregung gerieten, — jene +Erregung, die immer verrät, daß der Kampf +aufhört, objektiv geführt zu werden. Ich hörte mit +steigendem Erstaunen zu. Verteidigten sie nicht im +Grunde ihre persönliche Ruhe, wenn sie mit Keulen auf +alle diejenigen losschlugen, die die Wahrheit vom Leben +verkündigten?</p> +<p><a name="Page_472" id="Page_472"></a></p> +<p>»Der Pöbelruhm Zolas und Ibsens ist den Leuten zu +Kopfe gestiegen,« eiferte <em class="antiqua">Dr</em>. Friedrich, der von vielen +als zweiter Lessing gepriesen wurde, und sein schmales +bartloses Gesicht rötete sich. »Man spekuliert auf die +ganz gemeine Freude am Schmutz, und hat damit natürlich +die Masse auf seiner Seite. Was würde der +Große hier sagen« — er wies mit einer theatralischen +Gebärde auf die Bilder an den Wänden — »wenn er +diese Entartung der deutschen Literatur hätte erleben +müssen!«</p> + +<p>Eine Pause trat ein. Juliane Déry stampfte mit dem +Fuß und biß sich die vollen Lippen wund, aber auch sie +schwieg. Die Autorität des gefürchteten Mannes wirkte +lähmend auf alle. Ich allein war noch viel zu naiv, um +von seiner Macht eine Ahnung zu haben.</p> + +<p>»Ich glaube, niemand würde die Jungen besser verstehen +und würdigen als er,« begann ich leise und +stockend, während ängstliche, warnende und spöttische +Blicke sich auf mich richteten. »Sein Werther, sein +Meister, sein Faust und sein Gretchen vor allem mögen +die meisten seiner Zeitgenossen durch ihre Wahrhaftigkeit +nicht minder verletzt haben als die Enthüllungen des +äußeren und inneren Elends der Gegenwart Sie heute +verletzen. Mir scheint, Dichter und Künstler müssen uns +die Wahrheit zeigen, wie sie ist, weil wir selber nicht den +Mut haben, sie aus eigener Kraft zu sehen.«</p> + +<p>Man unterbrach mich; Rufe der Entrüstung wurden +laut, ich wollte schon verschüchtert schweigen, als ein +kühler, herausfordernder Blick <em class="antiqua">Dr</em>. Friedrichs mich traf, +der jetzt dicht vor mir stand.</p> + +<p>»Reden Sie nur weiter, gnädiges Fräulein, reden Sie!<a name="Page_473" id="Page_473"></a> +Es ist psychologisch interessant, einmal zu sehen, wie die +Dinge auf Menschen wirken, die, wie Sie, dem Leben +so fern stehen.«</p> + +<p>»Ich stehe ihm näher, viel näher, als Sie glauben —« +nun flossen mir die Worte rasch und klar von den +Lippen — »und ich weiß, daß wir nicht weiter kommen — der +Einzelne nicht und die Gesamtheit nicht —, solange +wir uns scheuen, das Böse und Widerwärtige, das +Häßliche und Schmerzhafte zu sehen, wie es ist. Erst +daran erprobt sich die Lebenskraft. Kein größeres Zeichen +der Dekadenz gibt es als die Furcht vor dem Schmerz. +Sie ist unsere Krankheit, und an ihr geht unsere Welt +zugrunde, wenn sie sich von den Ibsen und Zola und +Nietzsche und denen, die ihresgleichen sind, nicht heilen +läßt.« Ich atmete tief auf. Jetzt erst sah ich wieder, +wer um mich war: man lächelte, halb verlegen, halb mitleidig, +man zuckte die Achseln.</p> + +<p>»Wenn nichts anderes, so haben Sie doch eins bewiesen, +meine Gnädigste,« spöttelte <em class="antiqua">Dr</em>. Friedrich, »Sie +haben Ihren Beruf verfehlt: eine Rednerin ist an Ihnen +verloren gegangen.«</p> + +<p>Ich fühlte mich gedrückt und verlegen und mochte den +Mund nicht mehr auftun.</p> + +<p>Auf dem Nachhausewege schloß sich mir plötzlich +Juliane Déry an und schob ihren Arm in den meinen.</p> + +<p>»Sie sind eine tapfere kleine Person,« sagte sie, »aber +furchtbar dumm sind Sie auch! — Das vergißt Ihnen +der Friedrich nie!«</p> + +<p>»Wenn meine ganze Dummheit darin besteht, — die +Folgen will ich auf mich nehmen.«</p> + +<p>»Na — allerhand Achtung vor Ihrer Kurage! — Aber — da +<a name="Page_474" id="Page_474"></a>wir zwei die Wahrheit zu vertragen scheinen, +so sag ichs frei heraus: Ihre Dummheit ist noch nicht +erschöpft. Sie haben Ihr Gewissen sogar mit einem +Verbrechen beladen. Sie haben der Kunst ethische +Motive angedichtet. Die Kunst ist Kunst, — nicht mehr, +aber auch nicht weniger. Sie hat eine neue Schönheit +entdeckt, die der Wahrheit — der Häßlichkeit meinetwegen —, +die muß sie darstellen. Im Wort, im Bild, +im Ton. Aber nützen und bessern will sie nicht, soll +sie nicht.«</p> + +<p>»Mag sein, daß das nicht ihre Absicht ist. Auch die +Blume blüht und duftet und ist schön und vollendet, selbst +wenn sie nicht zur Frucht werden wollte. Aber die Frucht +kommt ohne ihre Absicht.«</p> + +<p>Es zuckte ironisch um die Mundwinkel meiner Begleiterin. +»Ihr Vergleich hinkt. Die Blume muß sterben, +soll die Frucht ihre Folge sein. Die Kunst aber blüht +und ist immer Frucht und Blume zugleich.«</p> + +<p>Wir waren über kaum angelegte Straßen, an Kartoffelfeldern +vorbei bis zu der alten Linde gelangt, die mitten +in der Straßenkreuzung des Kurfürstendamms und der +Tauenzienstraße stand, ein letzter Zeuge jener Vergangenheit, +wo die lauernde Schlange der Großstadt die Natur +noch nicht bis zum letzten Rest in ihrer Umarmung erdrosselt +hatte.</p> + +<p>Wir trennten uns mit einem Händedruck und doch +eben so fremd wie vorher. Nicht zu jenen gehörte ich, +deren Gast ich eben gewesen war, und nicht zu ihr. +Wohin denn?...</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_475" id="Page_475"></a></p> + +<p>Am nächsten Morgen schrieb ich an meine Verwandten +nach Weimar und kündigte meinen +Besuch an. In die Arbeit wolle ich mich +stürzen, das würde wieder das Beste sein.</p> + +<p>Vor meiner Abreise kam die Familie noch einmal vollzählig +bei uns zusammen: Onkel Walter mit seiner Frau, +die Potsdamer Kleves, Vetter Fritz und Vetter Hermann +Wolkenstein, der als Offizier auf keine Karriere zu +rechnen hatte und daher zur Diplomatie übergegangen +war. Auch Tante Jettchen, das Familienorakel, war +gekommen, sehr alt, sehr gebrechlich, aber mit ihren +scharfen klugen Augen doch noch alles sehend, alles beobachtend, +und in ihrem Urteil härter denn je. Ihr +Kopf schien nichts als ein Lexikon der Familie zu sein. +Sie kannte die Schicksale der entferntesten Verwandten. +Mich mochte sie nicht: daß ich als Kind auch nur +wochenlang eine jüdische Schulfreundin gehabt hatte, war +ein unauslöschlicher Makel in meiner Erziehung. Heute +jedoch ließ sie sich meinen Handkuß auf das gnädigste +gefallen.</p> + +<p>»Es freut mich, freut mich sehr, daß du nach Weimar +gehst,« sagte sie, »für verschrobene Köpfe wie deinen ist +das gut — sehr gut. Literarisch angehauchte Frauenzimmer +haben dort Aussicht auf Hofkarriere.« Ich lächelte +unwillkürlich: Professor Fiedler hatte auch von der +»Karriere« gesprochen!</p> + +<p>Die Unterhaltung drehte sich zunächst um Familienereignisse. +Von den Vettern, die um die Ecke gegangen +waren, und die, statt wie früher nach Amerika, jetzt +nach den Kolonien abgeschoben wurden, um als Kultur<a name="Page_476" id="Page_476"></a>träger +aufzutreten; von den sitzengebliebenen Kusinen, die +Krankenpflegerinnen wurden, weil andere Berufe sich +doch nicht schickten, war die Rede. »Besser sich die Finger +mit Blut als mit Tinte beschmutzen,« krähte die hohe +Greisenstimme Tante Jettchens. Und dann wurde das +unerhörte Ereignis kräftig glossiert, daß ein Golzow die +Tochter eines Großindustriellen geheiratet hatte. Die +erste Unadelige in der Familie, und noch dazu der Sprößling +eines »Kohlenfritzen!«</p> + +<p>»Und der Kerl, der Ernst, hat noch die Frechheit +gehabt, mir seine Verlobungsanzeige zu schicken.« +Auf Tante Jettchens runzligen Wangen brannten +rote Flecke. »Aber freilich, wenn von oben das +Beispiel gegeben wird! — Wenn Se. Majestät selbst +mit dem Kanonen-Krupp und den Hamburger Kaffeesäcken +fraternisiert! — Und amerikanische Milliardärstöchter, +deren Väter noch mit dem Bündel auf dem +Rücken durchs Land zogen, hoffähig werden!« — Ihre +Stimme überschlug sich, der stockende Atem zwang sie +zum Schweigen. Und nun erst griff die rechte Stimmung +Platz, ohne die eine Gesellschaft unserer Kreise kaum +noch möglich schien: Jeder wußte einen neuen Hofklatsch, +eine neue Variation einer der vielen Kaiserreden oder +flüsterte dem Zunächstsitzenden — aus Rücksicht auf die +anwesenden jungen Mädchen — einen neuen derben +Spaß zu, durch den irgendein Eulenburg oder Kessel +die Lachlust Sr. Majestät gereizt und sich eine neue +Gunstbezeugung errungen hatte.</p> + +<p>»Für das Modell des Doms, mit seiner überladenen +Pracht, hat er selbst die Zeichnungen entworfen,« sagte +der eine, »dem Darsteller des großen Kurfürsten in<a name="Page_477" id="Page_477"></a> +Wildenbruchs neuem Spektakelstück, dem ›neuen Herrn‹ — das +übrigens ein unglaublich taktloser Angriff auf +Bismarck ist — hat er persönlich gezeigt, wie ein Hohenzoller +sich bewegen und benehmen muß,« — fügte ein +anderer hinzu, »kurz, der liebe Gott kann alles, aber der +Kaiser kann alles besser,« lachte Onkel Walter. Und die +alte Tante schüttelte sich vor Vergnügen: »Als <em class="antiqua">roi soleil</em> +hat er sich ja auch schon malen lassen!«</p> + +<p>Nur die Kleves waren verlegen und still, und Papa +hatte sich mit bezeichnenden Blicken auf die jungen +Offiziere schon oft vernehmbar geräuspert.</p> + +<p>»Nun aber genug des grausamen Spiels,« unterbrach +er schließlich den allgemeinen Redefluß. »Ich +komme gewiß nicht in den Verdacht, ein Sachwalter des +neuen Kurses zu sein, wenn ich daran erinnere, daß +wir doch auch Ursache haben, dem jungen Herrn zuzustimmen. +Schien er im Überschwang jugendlicher Gefühle +den Herren Sozialdemokraten Konzessionen zu machen +und den Arbeitern die Backen zu streicheln, so hat er doch +beizeiten gestoppt und andere Saiten aufgezogen — —«</p> + +<p>Doch die Verteidigung steigerte nur die Heftigkeit des +Angriffs. Merkwürdig, welche Reizbarkeit alle Menschen +befallen hatte, wie es fast unmöglich schien, eine ruhige +Unterhaltung zu führen.</p> + +<p>»Du siehst die Dinge wirklich nur von außen, lieber +Hans,« rief Onkel Walter, der sich als Reichstagsmitglied +fühlte und sich gern das Ansehen gab, als wäre +er in alle politischen Kulissengeheimnisse eingeweiht; +»tatsächlich steuert man direkt in den Sozialismus hinein, +und das um so rascher, je mehr man uns, die einzigen +Stützen der Monarchie, vor den Kopf stößt. Ist es er<a name="Page_478" id="Page_478"></a>hört, +daß von einem preußischen Könige Ausdrücke wie +der von der Rebellion der Junker kolportiert werden +können, daß Reden gehalten werden, wie auf dem +brandenburgischen Provinziallandtag, die nichts anderes +sind, als ein Kriegsruf gegen uns?!«</p> + +<p>Meine Mutter stimmte eifrig zu. »Der Geist der +Unzufriedenheit, von dem der Kaiser sprach, und der die +Seelen vergiftet, ist wahrhaftig anderswo zu suchen!« +sagte sie und lenkte die Unterhaltung auf die moderne Literatur. +Seitdem sie »Die Ehre« und »Sodoms Ende« gesehen +hatte, schien sie von dem Eindruck ganz beherrscht +zu sein und schwankte zwischen der Empörung, die die +traditionelle Auffassung von dem, was sich schickt, ihr +auspreßte, und zwischen der Anerkennung, zu der ihr +Gerechtigkeitsgefühl sie zwang. Sie wünschte sichtlich ihre +Empörung zu stärken, aber unsere Gäste hielten dies +Thema nicht für der Mühe wert, um sich deswegen zu +erhitzen. »Wie kannst du dergleichen ernsthaft nehmen,« +meinte Onkel Walter achselzuckend; »eine neue Form +amüsanter Schweinereien — nichts weiter.« Nur Tante +Jettchen ereiferte sich: »Anständige Leute gehen in solche +Stücke nicht.« Und erleichtert über die Wendung des +Gesprächs, sekundierte ihr die fromme Tante aus Potsdam.</p> + +<p>Am Tisch der Jugend, wo man indessen Schreibspiele +gespielt hatte, saß ich in steigender Erregung. Plötzlich +trafen mich die scharfen Augen des Familienorakels. +»Ich glaube gar, das Küken möchte mitreden, wo sie +nicht einmal hinhören sollte.« Ich wurde rot. Auf +der faltigen Stirn der alten Frau erschienen hundert +neue Runzeln. »Du erlaubst dir am Ende, eine andere +Meinung zu haben?!« forderte sie mich heraus. Ver<a name="Page_479" id="Page_479"></a>legenheit +vor all den Blicken, die sich auf mich richteten, +Angst vor dem Skandal, den ich erregen würde, ließen +mich schweigen. Aber als wir Jugend beim Abendessen, +getrennt von den anderen, zusammensaßen und Hermann +Wolkenstein eine wegwerfende Bemerkung machte, die +mir in seinem Munde doppelt lächerlich vorkam, verteidigte +ich die moderne Richtung in Kunst und Literatur, +und zwar um so schärfer, je mehr mich die Beschränktheit +und der dumme Hochmut der anderen empörte.</p> + +<p>»Weiß Tante Klotilde um deine Ansichten?« frug unvermittelt +eine der Potsdamer Kleves und streifte mich +mit einem schiefen, lauernden Blick.</p> + +<p>»Ich würde vor ihr am wenigsten Anstoß nehmen, sie +zu entwickeln,« antwortete ich und warf den Kopf zurück.</p> + +<p>»Von dir wundert mich schon gar nichts mehr,« meinte +Hermann naserümpfend. »Wer sich mit jüdischen Literaten +intimiert ...«</p> + +<p>»Beleidige doch deine Vorfahren nicht noch im +Grabe —« spottete ich.</p> + +<p>Er warf mir einen bösen Blick zu. Die anderen, +ihrer tadellosen Ahnenreihe bewußt, lächelten leise. Das +reizte ihn noch mehr. Er hieb mit der riesigen, weißen, +gepflegten Hand auf den Tisch, daß sein Kettenarmband +klirrend unter der Manschette hervorsprang.</p> + +<p>»Und du spiel' dich nicht auf,« zischte er zwischen +den Zähnen hervor; »mit deiner Vergangenheit hast du +am wenigsten Grund dazu.« Ein unartikulierter Laut +ließ mich den Kopf rasch zur anderen Seite wenden, +Fritz hatte ihn ausgestoßen. Er saß da, kreideweiß im +Gesicht, mit zuckenden Lippen.</p> + +<p>»Sie werden meine Kusine um Verzeihung bitten,<a name="Page_480" id="Page_480"></a> +Baron Wolkenstein,« herrschte er Hermann an. »Habe +gar keine Ursache, Herr von Langenscheid,« antwortete +dieser, lehnte sich breit in den Stuhl zurück und steckte +die Hände in die Hosentaschen. Ich umklammerte hastig +die heißen Finger meines Verteidigers. »Mach doch +keine Geschichten, Fritz —, Hermann ist taktlos wie +immer — bitte, mir zuliebe, beruhige dich! — das ist +ja gräßlich — hier, im Hause meiner Eltern!«</p> + +<p>In diesem Augenblick fingen die Verwandten im Nebenzimmer +an, sich zu verabschieden. Fritz zog mich beiseite. +Er zitterte vor Erregung.</p> + +<p>»Und du verteidigst dich nicht einmal gegen solche +Gemeinheit,« flüsterte er mit erstickter Stimme.</p> + +<p>»Verteidigen?! Vor solch einem Menschen?!! Soll +ich ihm vielleicht eingestehen, daß ich einmal im Leben +liebte, — mit ganzer Seele und mit vollem Herzen?! +Soll vor den Leuten, die gar keiner starken Empfindung +fähig sind, mein Inneres entblößen, was ich vor mir +selbst zu tun kaum den Mut habe?«</p> + +<p>»Alix!« von weit her schien jemand meinen Namen +zu rufen, mit einem Ausdruck, der mir in die Seele +schnitt.</p> + +<p>Im nächsten Moment beugte ich mich zum Abschied +über die welke Hand Tante Jettchens, hörte mit halbem +Ohr ein allgemeines Stimmengewirr und fühlte schließlich +noch Papas Lippen auf meiner Stirn.</p> + +<p>»Gott Lob,« murmelte er, »den Abend hätten wir +hinter uns!«</p> + +<p><a name="Page_481" id="Page_481"></a>Verträumt und erstaunt sah ich um mich, als ich +acht Tage später in Weimar ankam. Stand +die Zeit hier seit zehn Jahren still?! Derselbe +helle Maienabend wie damals empfing mich. Und +in dasselbe alte Haus an der Ackerwand führte mich +die Hofequipage, wie einst, als die Großmutter ihr +Enkelkind zum erstenmal hergeleitete. Sie freilich war +nicht mehr da, und doch war mirs, als ob ihr Kleid +neben mir die Treppe hinauf rauschte. Auch ihr Bruder +war lange tot, und doch schien's, als wäre der schöne, +tief brünette Mann mit den schmalen Händen und dem +leicht gebeugten Nacken, der mich empfing, kein anderer +als er.</p> + +<p>Im Rokokosalon mit den vielen Miniaturen über +dem graziösen Sofa und den verblaßten Pastellbildern +an der mattblauen Seidentapete erhob sich aus dem +goldgeschnitzten Lehnstuhl am Fenster ein schlankes Frauenbild +und streckte mir mit einem süß-zärtlichen Lächeln +ein weißes Händchen entgegen. War das wirklich die +Gräfin Wendland — meine Tante —, oder war es +nicht Frau von Stein, deren Schatten sich aus dem +Nebenhaus hierher verirrt hatte?! Dann kamen die +Kinder und begrüßten mich, — lauter kleine Elfen mit +allzu schweren Haaren auf den feinen Köpfchen und +allzu großen Blauaugen über den schmalen Wangen.</p> + +<p>Draußen vor meinem Zimmer plätscherte der Brunnen, +wie vor uralten Zeiten, und die Bäume rauschten feierlich, +als träfe ihre Kronen niemals ein Wirbelsturm.</p> + +<p>Am nächsten Morgen besuchte mich der Großherzog. +Er kam zu Fuß und unangemeldet, mit den raschen +<a name="Page_482" id="Page_482"></a>elastischen Schritten eines jungen Mannes; ich hatte +kaum Zeit, ihm bis zum Treppenaufgang entgegenzugehen. +Und dann saß er mir im Rokokosalon gegenüber, und +je länger er sprach — mit heller Stimme und in dem +eleganten Französisch des <em class="antiqua">ancien régime</em> —, desto tiefer +versank die Gegenwart, und in mystischem Halbdunkel +stieg die Vergangenheit empor. Von der Großmutter +erzählte er mir zuerst, wie schön und wie gut und wie +klug sie gewesen wäre, wie sie Weimars Geist in sich +verkörpert habe, wie er nie habe verstehen können, daß +sie <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'andersvo'">anderswo</ins> als in ihrer Seelenheimat zu leben imstande +gewesen war. Zuweilen legte er die Hand über die +Augen, eine gelbliche, blutleere muskellose Hand, die +gewiß niemals fest zuzupacken vermocht hatte, und lehnte +sich, als käme plötzlich die Erinnerung an das eigene +Alter über ihn, tief in den Stuhl zurück. Aber gleich +darauf reckte sich sein schmaler Oberkörper krampfhaft +auf, die Hände umschlossen die Seitenlehnen, die Augen +weiteten sich, und mit dem stereotypen angelernten Fürstenlächeln, +das über jede Empfindung hinweg täuschen soll, +begann er wieder zu reden. Nun war ich nicht mehr +das Enkelkind der Freundin seiner Jugend, sondern die +Schriftstellerin, von der er die Erfüllung eines langgehegten +Wunsches erwartete. Die Geschichte der Gesellschaft +Weimars sollte ich schreiben, jener Gesellschaft, +die seit Goethes Ankunft in der Residenz Karl Augusts +»getreu ihrer Tradition, Künstler und Dichter als gleichberechtigte +aufgenommen und ihnen den Weg zum Ruhm +gebahnt hat.« Und von den Vielen erzählte er, denen +Weimar ein Sprungbrett ins Leben gewesen war, die +hier zuerst die Anerkennung fanden, die die Welt draußen +<a name="Page_483" id="Page_483"></a>ihnen versagte. Er begeisterte sich an seinem eigenen +Gedankengang, sein farbloses Gesicht überzog sich mit +einer ganz feinen bläulichen Röte, und in seinen verschleierten +Augen entzündete sich ein stilles Licht.</p> + +<p>»Sie sind prädestiniert, dies Werk zu schaffen: Getränkt +mit Weimars Erinnerungen, erzogen in Weimars +Geist, geleitet von dem unfehlbaren Takt der Aristokratin,« +sagte er, indem er sich erhob und mir die Hand reichte. +»Von Ihnen brauche ich keine jener widerwärtigen Enthüllungen +zu fürchten, die die Kunst beschmutzen, das +Leben vergiften. Meine Archive stehen Ihnen offen; +dasselbe glaube ich auch im Namen der Großherzogin +versprechen zu dürfen. Ich hoffe, Sie oft zu sehen — —«</p> + +<p>Zu einer Antwort ließ er mir keine Zeit mehr, — daß +ich nicht nein sagen könnte und dürfte, war ihm selbstverständlich. +Ich hatte mich nur noch tief und dankbar +zu verneigen.</p> + +<p>Und immer enger spann sich Weimars Zaubernetz mir +um Geist und Sinne. Mit offenen Armen, wie eine +Heimkehrende, ward ich überall aufgenommen. Während +langer Audienzen besprach die Großherzogin meine Arbeit +im Goethe-Archiv mit mir. Sie blieb stets in jedem +Wort und jeder Bewegung die unnahbare Fürstin, und +doch lag ein mütterlicher Ausdruck auf ihren Zügen, +wenn ich eintrat. Der kleine, derbe Erbgroßherzog, in +allen Stücken das Gegenteil seines Vaters, glich ihm +mir gegenüber in der Freundlichkeit, die durch seinen +breiten Weimarer Dialekt und seine mit einer gewissen +Absichtlichkeit übertriebene Verachtung aller Form noch +um einen Schein herzlicher war, und seine gute, dicke +Frau, die gewiß eine prächtige Landpastorin abgegeben +<a name="Page_484" id="Page_484"></a>hätte, unterstützte ihn darin. Mit der halben Hofgesellschaft +verbanden mich verwandtschaftliche Beziehungen; +Vettern und Kusinen sechsten und achten Grades behandelten +einander hier in dem festgeschlossenen Kreise +wie nahe Blutsverwandte. Wir waren in großer Gesellschaft, +wenn kaum einer unter uns nicht »Du« zu dem +anderen sagte.</p> + +<p>Wie ein süßer Duft verlöschter Wachskerzen schwebte +die Erinnerung an das achtzehnte Jahrhundert über all +diesen Menschen und ihrer Umgebung. Alles war verblaßt, +was damals in Farben und Gefühlen gejauchzt +und geschwelgt hatte: die Rosenteppiche, — die gemalten +Wangen, — die Liebe. Und die raschelnden bauschenden +Gewänder, die Schönpflästerchen, die bunten Westen, die +weißen Perücken und Galanteriedegen hatten die Damen +und Herren abgelegt. Sie sahen darum oft recht dürftig +und ungeschickt aus. Nur wenn im Schloß die Lüster +brannten und das blanke Parkett und die hohen Spiegel +ihr Licht tausendfältig wiedergaben, schienen sie sich des +alten Lebens bewußt zu werden. Sie tanzten und lachten +und neigten sich und nippten vom süßen Weine, und +ich selbst mitten darin kam mir vor wie ihresgleichen: +ein Schatten der Vergangenheit.</p> + +<p>Auch in die Bürgerhäuser kam ich, wo Erinnerungen +alter Zeiten in vergilbten Briefen, zärtlich-himmelblauen +Stammbüchern, Ringen aus den Haaren der Liebsten, +Prunktassen mit den Bildern der Unsterblichen verwahrt +wurden. Der freundliche, ein wenig sentimentale, +ein wenig enge Geist der dreißiger Jahre herrschte hier. +Keine moderne Renaissance hatte die gradlinigen Biedermeiermöbel +und die hellen Mullgardinen verdrängt, und +<a name="Page_485" id="Page_485"></a>trotzdem der Rausch der Farben und der Töne eines +Böcklin, eines Liszt und Wagner ihr Auge und ihr Ohr +getroffen hatte, standen sie inmitten der weichen Märchenträume +Schwindscher Wälder, und in ihrem Inneren +klangen die Volksweisen Felix Mendelsohns.</p> + +<p>Ich arbeitete jeden Vormittag in den Räumen des +Goethe-Archivs, hoch oben im linken Schloßflügel, durch +dessen Fenster der Blick weit über den Park hinweg +schweifen konnte und das Ohr nichts vernahm als das +leise Geschwätz zwischen der plätschernden Ilm und den +grünen Baumblättern über ihr. Die gelehrten Herren, +die mit mir arbeiteten, behandelten mich mit jener ausgesuchten +Höflichkeit, die Mauern aufrichtet zwischen den +Menschen. Sie beantworteten meine Fragen, sie brachten +mir, was ich brauchte, sie verbeugten sich tiefer vor mir, +als es nötig gewesen wäre, aber ich fühlte trotzdem die +Geringschätzung des deutschen Gelehrten vor dem Weibe, +das in seine Kreise dringt. Doch je länger ich in +Weimar war, desto dichter umhüllte mich eine Atmosphäre +des Weihrauchs, die mich nicht nur unempfindlich, sondern +auch unnahbar hochmütig machte. Nur einer, der Direktor, +ein geistvoller Sonderling, begegnete mir wie ein Mensch +dem Menschen. Zuweilen aber kam es vor, daß ich +seine väterlichen Ermahnungen, seine klugen Ratschläge, +seine sarkastischen Kritiken nicht mehr vertrug. Nicht +nur die Eitelkeit, die in der Treibhausluft der Salons +so üppig gedieh, auch die Ungeduld, die mich oft mitten +in der Arbeit packte, trug daran die Schuld.</p> + +<p>»Man degradiert sich zum Lumpensammler bei dieser +ewigen Papierkorbarbeit,« rief ich einmal empört, als ich +eine Notiz, die mir fehlte, durchaus nicht finden konnte.</p> + +<p><a name="Page_486" id="Page_486"></a>Der Direktor, der mir während der letzten Stunden +geholfen hatte, sah mich stirnrunzelnd an.</p> + +<p>»Sie sind sehr jung und sehr voreilig, gnädiges +Fräulein,« sagte er scharf. »Wer zur Vollendung eines +Mosaikbildes ein einziges Steinchen braucht und Kisten +und Kasten, selbst Bergwerke darnach durchforscht, der +leistet eine wertvollere Arbeit, als mancher, der ein +ganzes Gemälde in zwei Stunden hinpatzt. ›Beschränkung +ist überall unser Loos,‹ sagt unser Meister, und mit +vollem Bewußtsein einseitig werden, ist der Ausgangspunkt +tüchtiger Leistung.«</p> + +<p>»Beschränkung ist überall unser Loos«, — das bohrte +sich in mein Gehirn — ich suchte von da an meine +Steinchen und unterdrückte mein Murren.</p> + +<p>An einem Lenztag, der so reich war, als hätten alle +Lieder der Sänger Weimars sich in Duft und Glanz +und Farben verwandelt, fuhren wir hinauf nach Belvedere. +Der Großherzog hatte uns zum Frühlingsfest +in sein Schlößchen geladen. In eine Laube von Maiglöckchen +und Rosen war der runde Gartensaal verwandelt; +durch die weit geöffneten Türbogen lachte der +blaue Himmel, auf dem blinkenden Silber und den geschliffenen +Kristallen der Tafel glänzte die Sonne, die +Zahl der Tischgäste überstieg nicht die der Musen, und +ein heiteres Gespräch, das wie der Wiesenbach alle Ecken +und Kanten meidet und selbst die Steine streichelt, die ihm +im Wege liegen, flutete hin und her. Warum nur meine Gedanken +zuweilen den Faden verloren, und der Märchenwald +am grünen Badersee mir wie eine Fatamorgana erschien +und kühler Bergwind mir die Stirn umstrich? — der Duft +der Maiglöckchen war es wohl, der den Zauber hervorrief.</p> + +<p><a name="Page_487" id="Page_487"></a>In den Park geleitete uns unser Gastgeber nach dem +Diner. Er zeigte mir das Labyrinth und die Naturbühne +und wies mit liebevoller Bewunderung auf die +sanften waldigen Hügelketten, die sich weit bis in die +Ferne dehnten. »Das ist Schönheit,« sagte er, »ruhig-vornehme +Schönheit, ein reiner Rahmen für echte Kunst, +wie wir sie in Weimar gepflegt haben und pflegen +werden. Ich freue mich, daß Sie uns helfen wollen. — Sie +werden in Weimar bleiben, nicht wahr?« Ich +antwortete ausweichend. Er verstand mich falsch: »Eine +Stellung zu finden, die Ihnen entspricht, dürfen Sie +mir überlassen,« und mit einem freundlichen Händedruck +wandte er sich anderen zu. Auf dem Heimweg +gratulierten mir meine Verwandten. Graf Wendland, +der hinter den Allüren eines tadellosen Hofmannes einen +klugen, merkwürdig freien Menschen verbarg, meinte mit +einem feinen Lächeln: »Der weiße Falke wird der Hofhistoriographin +nicht fehlen. Ein Ziel, aufs innigste +zu wünschen, nicht wahr?!«</p> + +<p>An demselben Abend war ich bei einer meiner vielen +Tanten zum Souper. Aber es war eine, die nicht wie +die vielen war, — ein Original, über das die Familie die +Achseln zuckte und die Köpfe schüttelte. Sie hatte sich +schon in ihrer frühen Mädchenzeit Weimar zum Trotz +ihr eigenes Leben geschaffen. Sie suchte sich ihre Hausfreunde +unter den Künstlern und Dichtern, die sonst in +Goethes Stadt doch nur zu wirksamen Dekorationsstücken +der Hofgesellschaften verwendet wurden. So war sie +allmählich zur mütterlichen Freundin all der jungen +Menschen geworden, die hier auf der steilen Leiter zum +Ruhm die ersten Schritte taten oder künstlerische Offenbarungen +suchten. Und wem der Zwang des Hofes +lästig wurde, wer frischere Luft brauchte, wem ein freies +Wort auf der Zunge brannte, der kam zu ihr.</p> + +<p>Heute waren sie alle um ihren Teetisch versammelt, die +Alten und Jungen: Lassens jovialer Künstlerkopf tauchte +neben dem schönen Schillerprofil Alexander von Gleichens +auf; ein paar auswärtige Freunde, Schriftsteller und +Theaterdirektoren, die zum bevorstehenden Goethe-Gesellschaftstag +schon angekommen waren, fanden sich ein; +Richard Strauß stand schüchtern in einer Ecke, der blasse +junge Kapellmeister, den die meisten verlachten, und der +hier bei der gütigen Frau, die ihn eben in schwerer +Krankheit gepflegt hatte, wie Kind im Hause war. Und +schmal und blaß wie er, in altmodischem Sammetkleid +und glattgescheiteltem Haar tauchte ein Mädchen — nicht +jung, nicht alt — in der Türe auf, das mir die Tante +schon oft als großes dichterisches Talent gepriesen hatte: +Gabriele Reuter. Und eine junge Sängerin kam, +eine bayerische Oberstentochter, die trotz ihrer schönen +Stimme auf der Bühne nicht heimisch werden konnte +und ängstlich, wie ein verirrter Vogel, nach Menschen +suchte, die sich ihrer annahmen. Die Hausfrau dirigierte +wie ein Feldherr die bunte Gesellschaft und das +Gespräch, — und warf ein geistvolles Wort hinein, +wenn es auf die Landstraße allgemeinen Klatsches zu +geraten drohte. Schließlich stritt man sich hitzig über +Weimars Bedeutung für das geistige Leben der Gegenwart.</p> + +<p>»Künstler bedürfen der Ruhe,« sagte Gleichen, »aber +sie verkommen und versauern, wenn sie nicht immer +wieder mit einer Ladung von Ideen aus der Welt +draußen hierher zurückkehren.«</p> +<p><a name="Page_488" id="Page_488"></a></p> +<p><a name="Page_489" id="Page_489"></a>Lebhaft widersprach Werner von Eberstein, ein junger +Historiker, der im großherzoglichen Hausarchiv tätig war. +»Für den Mann der Wissenschaft gibt es nichts Besseres, +als in diesen sicheren Port einzulaufen, wo nichts ihn +von seinen Studien ablenkt.«</p> + +<p>Die Tante ergriff lebhaft Gleichens Partei. »Alten +Leuten mag das entsprechen. Euch Jungen aber muß der +Sturm erst tüchtig um die Nase blasen,« sagte sie. »Ausgegangen +sind viele von hier, mit Schaffenskraft gesättigt, +aber etwas geworden sind sie erst außerhalb unserer milden +Luft. So gern ich Euch habe, Kinder, — hinaustreiben möcht +ich Euch alle miteinander,« und damit nickte sie dem schmalbrüstigen +Musiker und der schüchternen kleinen Schriftstellerin +zu, um sich gleich darauf an mich und an +Eberstein zu wenden, der neben mir saß und ihr Neffe war:</p> + +<p>»Ihr seid beide schon in Vorschußlorbeeren eingewickelt +bis an den Hals, aber trotzdem gebe ich euch noch +nicht auf. Habt die Selbstverleugnung, sie abzureißen! +Hoflust erstickt Talente, genau so wie die der Hinterhausstuben.«</p> + +<p>»Sie sind ganz blaß und still geworden, liebes Fräulein,« +sagte Gleichen, als er mich spät in der Nacht +nach Hause begleitete. »Glauben Sie, ich hätte meine +verrückten Krautgärten malen können, wenn ich die +Blumen und die Sonne nicht anderswo gesehen hätte +als hier?!«</p> + +<p>Er kam mir vor wie ein alter Freund, obwohl ich +ihm zum erstenmal begegnet war.</p> + +<p>»Aber vielleicht bedeutet Weimar für mich, was für +Sie die übrige Welt bedeutet: Leben — Befreiung?!« +antwortete ich.</p> +<p><a name="Page_490" id="Page_490"></a></p> +<p>»Nein,« sagte er energisch und drückte mir die Hand. +»Nein — Sie brauchen größeren Spielraum für Ihre +Freiheit.«</p> + +<p>Ich wurde müder von Tag zu Tag. War es die +tägliche stundenlange Morgenarbeit in den Archiven, war +es die ununterbrochene Geselligkeit am Mittag und +am Abend, die mich allmählich erschlafften? Ich wurde +mir nicht klar darüber. Aber ich sehnte mich in die +Stille der Berge, wo ich mit Hilfe der aufgehäuften +Materialien mein Buch zu beginnen die Absicht hatte. +Nur die Goethe-Tage wollte ich noch abwarten. Sie +fielen in diesem Jahre mit dem Jubiläum des alten +Theaters zusammen und zogen Berühmtheiten aus aller +Herren Ländern nach Weimar. Auch meine Berliner +Freunde fehlten nicht.</p> + +<p>»Habe ich ihnen nicht gut geraten?« meinte Professor +Fiedler mit ehrlicher Freude, als er mich im +Mittelpunkt der Gesellschaft, von Anerkennung und +Schmeichelei umgeben, wiedersah.</p> + +<p>»Welch eine Ehre für mich, mein gnädiges Fräulein,« +sagte der Mann mit dem Goethekopf, als er bei einem +Diner neben mir saß.</p> + +<p>Und ich sah mit wachsendem Mißvergnügen, wie tief +all die Männer der Kunst und Wissenschaft die grauen +Köpfe vor den Fürsten neigten, wie sie erwartungsvoll, +stumm und aufgeregt in Reih und Glied standen und +ein Ausdruck von Beglückung das Gesicht jedes Einzelnen +belebte, wenn der Großherzog ein paar nichtssagende +Worte an ihn richtete. Ich wurde mißtrauisch gegen +jeden, der mich zuvorkommend behandelte. Selbst die +Freude an den Versen, die der greise Bodenstedt an +<a name="Page_491" id="Page_491"></a>mich richtete, verbitterte mir der Gedanke, daß nur der +Glanz der Krone, in deren hellem Umkreis ich stand, +mich dem Dichter als das erscheinen ließ, was er besang.</p> + +<p>Mit mir selbst zerfallen, saß ich am Vorabend meiner +Abreise im dunklen Hintergrund der kleinen Hofloge des +Theaters und sah den Faust. Wie seltsam geschah mir: +Acht Wochen hatte ich in Goethes Stadt gelebt, hatte +täglich die Luft geatmet, die droben im Archiv sein Lebenswerk +in seinen Schriften umgab, und nun plötzlich sprach +er selbst, und — ich kannte ihn nicht! Als hätte ich +sie niemals gelesen, niemals auswendig gewußt, trafen +seine Worte mein Ohr; lauter grelle Blitze, die das Dunkel +erhellten, lauter Donnerschläge, die mich erbeben ließen.</p> + +<p>Das war des Menschen Schicksal, das an mir +vorüber rollte; mein eigen kleines Leben sah ich darin +verflochten mit seinen Kämpfen und Niederlagen. Und +vor einer Niederlage stand ich wieder. »Nur der verdient +sich Freiheit, wie das Leben, der täglich sie erobern +muß« dröhnte es mir in den Ohren.</p> + +<p>Am Ausgang des Theaters traf ich Gleichen. Ich +drückte ihm die Hand. »Leben Sie wohl«, sagte ich. +»Sie reisen?« Er sah mich forschend an. »Ja, — und +ich werde nicht wiederkommen.«</p> + +<p>Auf dem Frühstückstisch fand ich am nächsten Morgen +zwei Briefe: vom Großherzog, der mich aufforderte, den +Hof nach Wilhelmstal zu begleiten, von Tante Klotilde, +die mir mitteilte, daß sie mich in diesem Sommer in +Grainau nicht erwarten könne, weil sie, dem Rate meiner +Mutter folgend, eine der Potsdamer Nichten zu sich gebeten +habe. Ich zuckte unwillkürlich zusammen, als habe +mir jemand hinterrücks einen Schlag ins Genick versetzt.<a name="Page_492" id="Page_492"></a> +»Also werd' ich nach Pirgallen gehen,« sagte ich laut, +wie zu mir selbst.</p> + +<p>»Nach Pirgallen?!« frug die kleine Rokokogräfin erstaunt. +»Man rechnet doch auf dich für Wilhelmstal!« +»Ich werde ablehnen müssen, — mein Buch soll zum +Herbst fertig werden, — ich brauche den Sommer zur +Arbeit,« antwortete ich ein wenig zögernd. Es war ein +paar Augenblicke still in dem weißen, von der Morgensonne +hell durchfluteten Speisesaal. Nur der Teekessel +sang, und draußen über das holprige Pflaster rasselte +eine Hofequipage.</p> + +<p>»Überlege es dir reiflich,« begann Graf Wendland +langsam und sah mit gerunzelter Stirn auf seine blanken +Fingernägel. »Es ist vielleicht eine Lebensentscheidung, +die du triffst«, — ein langer prüfender Blick traf mich, — »du +weißt wohl noch nicht — Prinz Hellmut hat +am Mariental das Schloß seiner eben verstorbenen Tante +übernommen ...«</p> + +<p>Wieder war es still. Ich hörte das Summen einer +Biene am Fenster und sah, wie schwarz und schwer das +alte eichene Buffet sich von der weißen Wand abhob. +Mein Herzschlag setzte aus, um im nächsten Moment +atemlos zu toben, wie eine rasende Maschine. Hellmut — —! +Er hatte mich gehen heißen, als ich mich +ihm geben wollte — —! Aber hatte er nicht, wie ich, +unter dem Zwang großer, selbstverleugnender Liebe gehandelt — —? +Doch warum kam er nicht wieder — jetzt, +da er ein freier Mann war? — Ich strich mir +mit eiskalten, zitternden Fingern die Locken aus der +Stirn:</p> + +<p>»Mein Entschluß steht fest, — ich gehe nach Pirgallen!«</p> + +<p><a name="Page_493" id="Page_493"></a>Und nun saß ich in Großmamas stillem, grünem +Zimmer unter dem weißen Marmorbild ihres +Vaters, und aus dem Garten grüßten die +Jasminsträucher mit großen, süß duftenden Blüten. +Niemand störte mich in dieser Einsamkeit. Onkel Walter +fürchtete die Räume der Toten, als ginge ihr Geist +darin um. Mama glaubte mich bei der Arbeit, der +Vater ritt mit dem Schwesterchen durch die Wälder, +wie einst mit mir. Ich hatte arbeiten wollen. Bücher +und Notizen lagen in großen Stößen auf dem Tisch +der Altane. Aber sobald ich sie aufschlug, schrumpften +mir alle Gedanken ein. Tot und leer waren all die +vielen Papiere, — wie sollte je etwas Lebendiges aus +ihnen hervorgehen. Und was gingen mich im Grunde +die fremden Dinge und Menschen an? Was würde die +Welt davon haben, wenn ich des langen und breiten +von denen erzählte, die im Dunkel geblieben wären, +wenn nicht ein ganz Großer sie in seine Nähe gezogen +hätte?</p> + +<p>In Großmamas Bücherschrank standen Goethes Werke +in langer Reihe mit grünen Einbänden und weißen +runden Schildern auf dem Rücken. Ich begann zu lesen — stundenlang, +tagelang, wochenlang —. Und je mehr +ich las, desto mehr zog ich mich in die Räume zurück, +die eine stille Insel waren mitten im Weltgetriebe. +Täglich schmückte ich sie mit frischen Blumen, wie Großmama +es getan hatte, und zog des Nachts die dunkeln +Sammetportieren vor Türen und Fenster und steckte die +Ampel an mit der großen Flamme unter dem sonnengoldnen +Seidenschirm. Wenn ich dann halb die Augen +<a name="Page_494" id="Page_494"></a>schloß, sah ich das Zimmer erfüllt wie von einem flimmernden +Nebel, aus dem die Statue Goethes immer +größer und lebendiger hervorwuchs.</p> + +<p>»Rede zu mir, Meister!« flehte meine Seele. Und er redete.</p> + +<p>»Dein Leben sieht einer Vorbereitung, nicht einem +Werke gleich,« zürnte er.</p> + +<p>»Ach, welch ein Werk bleibt mir zu tun?!« schrie meine +Seele.</p> + +<p>»Bleibe nicht am Boden haften — frisch gewagt und +frisch hinaus,« hörte ich die Stimme des Mahners, »dem +Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm, — tätig zu sein, +ist seine Bestimmung!«</p> + +<p>»So zeige meiner Kraft eine Tat —«, und sehnsüchtig +streckte meine Seele die gefalteten Hände empor zu ihm.</p> + +<p>»Ein edler Held ists, der fürs Vaterland, ein edlerer, +der für des Landes Wohl, der edelste, der für die Menschheit +kämpft....«</p> + +<p>Zu einem Tempel weitete sich das Zimmer, und von +den Marmorwänden klangen dröhnend die Worte seines +Hohenpriesters wider.</p> + +<p>Der Boden leuchtete wie ein einziger Rubin, — tränkte +ihn der Menschheit ganzes, blutrotes Leiden?</p> + +<p>Hingestreckt lag meine Seele vor dem Altar.</p> + +<p>»Nenne mir Ziel und Maßstab meines Strebens!« +flüsterte sie.</p> + +<p>»... Solch ein Gewimmel möcht ich sehn — auf +freiem Grund mit freiem Volke stehn....«</p> + +<p>Nicht mehr der eine war es, der also sprach, es war +ein Chor von Millionen Stimmen, und alle Hoffnung +der Verlassenen, alle Sehnsucht deren, die zu leben begehren, +tönte darin.</p> + +<p><a name="Page_495" id="Page_495"></a>Ein Brief von Egidy, erfüllt von den Ereignissen +der Gegenwart und seinen Plänen für die +Zukunft, gab mich der Wirklichkeit zurück, und +in unsicheren Umrissen sah auch ich ein Feld der Betätigung +vor mir. »Ihre Übersiedelung nach Berlin +freut mich außerordentlich,« antwortete ich ihm, »und +wenn ich Ihnen heute auch noch mit keinem Ja auf die +Frage, ob ich Ihre Mitkämpferin werden kann, zu antworten +vermag, so steht das Eine für mich fest: ich +werde meine Kraft nicht im Durchstöbern alter Folianten +verzehren und die Luft nicht durch Aufwirbeln ruhenden +Staubes verdunkeln. Ich weiß, daß dem Christentum +des Wortes das der Gesinnung und der Tat folgen +muß, — nur zweifle ich noch, ob wir dann auf den +Namen Christentum noch ein Recht haben.</p> + +<p>Mein Entschluß, Weimar endgültig aufzugeben, hat +in meiner Familie viel Entrüstung hervorgerufen. Meine +Mutter sieht darin einen neuen Beweis für meine +Charakterschwäche. ›Alix ist noch niemals konsequent bei +der Sache geblieben, — sie wechselt ihre Neigungen für +Menschen und Dinge wie alte Handschuhe,‹ meinte sie. +Ich selbst aber fange an zu glauben, daß in dieser +Inkonsequenz die einzige Konsequenz meines Lebens liegt. +Alles und Alle sind Stufen, und ich bin noch keine rückwärts +gegangen. Papa war traurig —, was mir immer +am meisten weh tut. Mein Onkel dagegen hat mir eine +Rede gehalten, deren Quintessenz war, daß ich lieber +heiraten solle, statt modernen Schwarmgeistern zu verfallen.</p> + +<p>Wir reisen nächste Woche nach Haus.</p> + +<p>Ich gehe noch einmal alle alten Wege, und oft steigen +<a name="Page_496" id="Page_496"></a>mir plötzlich die Tränen in die Augen, wenn ich den +breiten efeuumsponnenen Turm von Pirgallen vor mir +sehe. Er war etwas Lebendiges für mich; ein treuer, +starker Freund, ein Wahrzeichen vieler Kinderjahre, die +zu seinen Füßen wuchsen und in seinem Schutz. Nun +hat er die Seele verloren, seit Großmama ihn verließ. +Es ist auch für mich Zeit, zu gehen. Aber soviel Stärke +auch die Erkenntnis verleiht und der Entschluß, — der +Abschied von den Toten tut weh. Und mir ist, als sähe +ich sie nie wieder ....«</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_497" id="Page_497"></a></p> +<h2><a name="Siebzehntes_Kapitel" id="Siebzehntes_Kapitel"></a>Siebzehntes Kapitel</h2> + + +<p>Septembersonne! In mattem Blaugrün spannt +sich der Himmel über Berlin; alles Licht ist +gedämpft, und die Schatten haben einen silbernen +Ton. Auf den Anlagen der großen Plätze und +in den Vorgärten der Häuser, die die Kultur mühsam +dem spröden Sandboden abgerungen hat, feiert sie jetzt +ihre größten Triumphe: vom hellen Gelb der Linden bis +zum dunkeln Rot der Blutbuchen leuchten alle Farben +des Herbstes; aus dem grünen Rasenteppich glänzen +Astern in sanftem Violett und müdem Blau, während +sich in wehmütigem Sterben blasse Rosen an die weißen +Steinstufen der Estraden schmiegen. Goldene Blätter +tanzen in lind bewegter Luft, und unter den Bäumen +sitzen auf weißen Bänken jene modernen Frauen der +Großstadt, die starke Farben scheuen wie starke Gefühle +und Kleider tragen, die aussehen, als wären sie in der +Sommersonne verblichen.</p> + +<p>Täglich, am frühen Nachmittag, gingen wir vier in +den nahen Zoologischen Garten, wo sich die Bewohner +des Westens am Neptunteich unter den Musikkapellen +ein Stelldichein gaben. Hier traf sich der behäbige +Spießbürger mit Freunden und Verwandten, im stillen +beglückt, nach der vorschriftsmäßigen Sommerreise wieder +<a name="Page_498" id="Page_498"></a>ruhig am rotgedeckten Tisch zu sitzen, statt schwitzend und +prustend Ausflüge abzuklappern. Hier erschien in schäbiger +Eleganz die Offiziers- und Beamtenwitwe, um +ihre schon stark angejahrten, interessant verschleierten +Töchter vor Männeraugen spazieren zu führen. Hier +ließen sich mit der Stickerei und dem mitgebrachten +Kuchen zu stundenlangem Klatsch all die Überflüssigen +nieder, an denen das weibliche Geschlecht so reich ist. +Droben aber vor dem Restaurant, wo die weißen Tischtücher +weithin sichtbar die Klassen schieden, tauchten +elegante Toiletten und bunte Gardeuniformen auf, und +Rücken an Rücken mit der vornehmen Frau der Hofgesellschaft +saß im Glanz ihrer Brillanten und schwarzen +Augen die schöne Otero und ihresgleichen. Jenseits jedoch, +auf dem Hügel hinter dem Neptun, fanden die +Stillen sich ein, die Musik- und die Naturschwärmer, +die Nebenabsichtslosen mit ihren Büchern und ihren +Zeitungen. Sie alle sahen unten auf der Lästerallee +den bunten Strom kokettierender Jugend an sich vorüberfluten: +bartlose Knaben mit erzwungener Blasiertheit, +kurzröckige Mädchen mit heißen Augen; greisenhafte +Jünglinge, lüstern nach Beute um sich schauend; korrekte +junge Damen, glatt gescheitelt, mit kühlen, bleichen +Wangen.</p> + +<p>Nachdem die erste Neugierde gestillt war, ging ich +nicht gern hierher; es kam mir wie Zeitverschwendung +vor, und überdies sah ich mit leiser Angst mein reizendes +Schwesterchen im Kreise flirtender Backfische und Gymnasiasten. +Aber mein Vater liebte den Verkehr mit +alten Freunden, die hier immer zu finden waren, und +meine Mutter amüsierte der großstädtische Trubel. Bald +<a name="Page_499" id="Page_499"></a>hatten auch wir unseren Stammtisch unter der großen +Kastanie bei der Musikkapelle, und Menschen verschiedenster +Art gesellten sich zu uns, die nur ein gemeinsames +Gefühl aneinander zu fesseln schien: die Unzufriedenheit. +Das Leben hatte ihnen allen nicht gehalten, +was sie sich von ihm versprochen hatten, und +sie gaben nicht sich die Schuld, und nicht den Verhältnissen, — wodurch +Unzufriedenheit zum Hebel der Tatkraft +werden kann, — sondern den heimlichen Feinden +im Militär- und Zivilkabinett und den Intriganten am +neuen Kaiserhof.</p> + +<p>Es waren Männer darunter, die, um die magere +Pension zu erhöhen und ihren Frauen und Töchtern +standesgemäße Toiletten, ihren Söhnen die Leutnantszulage +zu sichern, halbe Tage als Agenten der verschiedensten +Versicherungsgesellschaften Trepp auf, Trepp +ab liefen, und nachmittags im Zoologischen den Junker +spielten, der von seinen Renten lebt. Andere, die für +ihre ungebrochene Kraft eine Beschäftigung, für ihre +leere Zeit eine Ausfüllung brauchten, griffen zu den +seltsamsten Hilfsmitteln. Der eine vergrub sich in +heraldische Studien, ein zweiter sammelte Briefmarken, +ein dritter widmete jede Stunde und jeden Gedanken +dem Studium Dantes, ein vierter ging im Spiritismus +auf und hatte täglich andere Geistererscheinungen. Aus +Langerweile ließ ich mich mit diesem seltsamen Kauz, +einem Obersten von Glyzcinski, dessen robuste Erscheinung +mit dem breiten roten Gesicht wenig an einen Geisterseher +erinnerte, oftmals in Gespräche ein und amüsierte +mich im stillen darüber, auf welch vertrautem Fuß er mit +dem lieben Gott stand, und wie glühend er zu gleicher<a name="Page_500" id="Page_500"></a> +Zeit die Kirche und ihre Diener haßte. Dankbar für +mein vermeintliches Interesse brachte er mir täglich +andere Bücher und Broschüren und lief geduldig die +Lästerallee mit mir auf und ab, wenn ich es in der von +Ärger und Mißgunst geschwängerten Atmosphäre unserer +Tafelrunde gar nicht mehr aushalten konnte.</p> + +<p>So gingen wir gerade einmal wieder von einer Musikkapelle +zur anderen, als der Oberst plötzlich stehen blieb.</p> + +<p>»Wie gehts dir, Vetter?« hörte ich ihn sagen; mein +Blick fiel durch den Schwarm Vorübergehender hindurch +auf ein schmales Gesicht, von dichtem braunem Bart +umrahmt, aus dem zwei tiefe, strahlende Kinderaugen +herausleuchteten, wie von großer innerer Freude erhellt. +»Gut — sehr gut,« antwortete eine Stimme, die wie ein +voller Geigenton klang. Welch glücklicher Mensch muß +das sein, dachte ich mit stillem Neid. In dem Augenblick +schoben sich die Menschen zwischen uns auseinander, — ich +sah einen Rollstuhl, — eine dunkle Pelzdecke, — zwei +ganz schmale, weiße Hände, deren blaues Geäder +wie mit einem feinen Pinsel gezogen war, — einen +schmächtigen Oberkörper — — unmöglich! — das konnte +doch der Mann nicht sein mit den strahlenden Kinderaugen! +Aber schon richteten sie sich auf mich — verwirrt +sah ich zu Boden. »Entschuldigen Sie ...« sagte +mein Begleiter im Weitergehen. »Wer war das?« +frug ich hastig, noch im Bann tiefen Erstaunens.</p> + +<p>»Professor von Glyzcinski — mein Vetter,« lautete +die lakonische Antwort.</p> + +<p>»Können Sie mich mit ihm bekannt machen?« Mein +rasch entstandener Wunsch formte sich ebenso rasch zur +Bitte. Der Oberst runzelte die Brauen.</p> +<p><a name="Page_501" id="Page_501"></a></p> +<p>»Er ist Atheist und Sozialist,« kam es mit harter Betonung +über seine Lippen.</p> + +<p>Ich zuckte zusammen und konnte dem Schauder nicht +wehren, der mir zitternd über den Rücken lief. Aber +mein Wunsch wurde nur noch stärker.</p> + +<p>»Stellen Sie mich vor,« bat ich dringend. Er sah +mich von der Seite an: »Aber die Verantwortung +tragen Sie allein!«</p> + +<p>Wir drehten um. Ein kurzes Zeremoniell: »Fräulein +von Kleve möchte dich kennen lernen, Georg, — sie ist +Schriftstellerin.«</p> + +<p>Des Professors Gesicht schien sich noch mehr zu erhellen. +»Dann freue ich mich doppelt Ihrer Bekanntschaft,« +sagte er, und seine Hand umfaßte die meine mit +einer kräftigen Herzlichkeit, die ich ihr nicht zugetraut +hätte. »Jede arbeitende Frau ist ein Gewinn für unsere +Gesellschaft.«</p> + +<p>»Auch ein Gewinn für die Kunst und die Wissenschaft?« +meinte ich zweifelnd.</p> + +<p>»Gewiß! Sobald alle Universitäten und Akademien +ihnen offen stehen, wie den Männern!« Ich sah ihn +verwundert an. Nur aus Witzblättern hatte ich bisher +vom Frauenstudium erfahren, und hie und da war mir +eine russische Studentin mit ausgetretenen Stiefeln, zerfranstem +Rock und kurz geschorenen Haaren begegnet, die +meine tiefe Abneigung gegen die Verleugnung der Weiblichkeit +nur steigerte. Zögernd äußerte ich meine Ansicht. +Der Professor lächelte. Die Witwe mit den angejahrten +Töchtern ging gerade vorüber.</p> + +<p>»Sind diese armen alten Mädchen, die nun schon seit +Jahren hier auf den Heiratsmarkt geführt werden, +<a name="Page_502" id="Page_502"></a>vielleicht würdigere Vertreter der Weiblichkeit?« sagte er, +»die russische Studentin ziehe ich ihnen jedenfalls vor; +und so arm sie sein mag, — sie selbst würde keinenfalls +mit ihnen tauschen mögen. Denn sie hat ihre Freiheit, +ihre Arbeit und ist tausendmal reicher als jene.« Er +schwieg, aber da ich nicht antwortete — das was er sagte +war mir in seiner einfachen Selbstverständlichkeit doppelt +überraschend —, fuhr er nach einer Pause fort: »Stellen +Sie sich eine Frau in meiner Lage vor, — wie unglücklich +müßte sie sich fühlen, weil sie nicht nur von vielen +Freuden des Lebens ausgeschlossen, sondern vor allem, +weil sie nutzlos, weil sie überflüssig ist. Ich aber bin +vollkommen glücklich!«</p> + +<p>Der Professor lehnte sich tief in den Rollstuhl zurück, +legte die Hände übereinander auf die schwarze Pelzdecke +und sah mit einem Ausdruck der Verklärung über die +Menschen hinweg in die gelben tanzenden Blätter, in +die rosigen Abendwolken hinein. Mein Herz klopfte zum +Zerspringen. Ich war keines Wortes mächtig und +dankbar, daß die Eltern, die mich suchten, mich jeder +Antwort überhoben.</p> + +<p>Von nun an war ich es, die die Nachmittage nicht +erwarten konnte, die, als es immer herbstlicher wurde, +und kälter und trüber, oft allein den gewohnten Weg +ging, um in dem stiller und stiller werdenden Garten +den Mann zu suchen, dessen durchsichtige Krankenhand +mich auf steile Höhen mit endlosen Fernsichten und in +dunkle Tiefen voll überquellender Schätze führte. Ohne +daß er eine Frage stellte, lockte der warme Strahl seiner +Augen meine verborgensten Gedanken ans Tageslicht, +und wo sie wirr auseinanderfielen, wie vom Sturm zer<a name="Page_503" id="Page_503"></a>rissene +Telegraphendrähte, knüpfte er sie wieder vorsichtig +zusammen. Er brachte mir Bücher, Zeitungen +und Zeitschriften mit und wenn ich damit beladen nach +Hause kam, wurde es mir schwer, mich von ihnen zu +trennen und zu meiner Arbeit zurückzukehren. Ich hatte +mancherlei Versprochenes und Begonnenes zu vollenden +und tat es widerwillig, nur von dem Gedanken erfüllt, +mich auf eigene Füße zu stellen.</p> + +<p>Aber der Professor verstand es, mir selbst diese Arbeit +wieder wertvoll zu machen. »Wie viele große, gute +und gefährlich umstürzlerische Ideen können Sie einschmuggeln, +wenn Sie nur Ihren Goethe tüchtig ausnutzen,« +meinte er, »und die vielen kleinen Flämmchen, +die Sie entzünden, schlagen schließlich zu einer großen +Flamme zusammen.«</p> + +<p>Daß diese Arbeit nicht die meine bleiben dürfe, — davon +war er freilich auch überzeugt, doch er lachte mich +aus, — mit einem hellen frohen Gelächter, das von Spott +nichts weiß —, als ich sagte, für mich gebe es nichts +zu tun. »Die Fülle der Aufgaben müßte Sie vielmehr +erdrücken, wenn Sie nicht so stark wären, alle auf sich +zu nehmen,« versicherte er mir.</p> + +<p>Ich vertiefte mich auf seinen Rat in die Literatur der +amerikanischen und englischen Frauenbewegung. Ihre +Ideen erschienen mir nur als die notwendige Konferenz +meiner eigenen. Unter der Unfreiheit hatte ich gelitten, +die Unmöglichkeit, meine geistigen Fähigkeiten auszubilden +und zu betätigen, hatte mich fast erdrückt. Ich las +Condorcet und John Stuart Mill und lernte die Heldenkämpfe +der Amerikanerinnen um die Befreiung der +Sklaven kennen. »Sie alle haben ein Recht, sich den<a name="Page_504" id="Page_504"></a> +Männern gleich zu stellen,« sagte ich zum Professor, »denn +wie sie opferten diese Frauen Gut und Blut für die +Freiheit. Aber wir?!«</p> + +<p>»Die Verleihung politischer Rechte ist doch auch beim +Mann nicht die Konsequenz heroischer Taten!« antwortete +er. »Und wenn sie überhaupt an irgend eine Bedingung +geknüpft wäre, so würde mir nur eine gerecht erscheinen: +das Maß des Leidens. Wer am meisten leidet, sollte +die weitestgehenden Rechte haben, um die Ursachen seiner +Leiden zu beseitigen. Meinen Sie nicht, daß die Frauen +in diesem Fall in erster Linie stünden?!«</p> + +<p>Ich dachte an die Arbeiterinnen Augsburgs und konnte +ihm nur zustimmen. Am nächsten Tage brachte er mir +ein Paket Zeitungen mit. Rote und blaue Striche an +den Rändern zeugten von der sorgfältigen Lektüre. Aber +als ich sie auseinanderfaltete, erschrak ich: »Die Volkstribüne, +Sozialistische Wochenschrift« stand als Titel groß +darüber. Jetzt zuckte es doch wie ein ganz leiser Spott +um die Lippen des Professors:</p> + +<p>»Also auch Sie fürchten sich vor den Sozis!« meinte +er lächelnd. »Lesen Sie nur dies Blatt, — ich habe +mehr daraus gelernt, als aus manch dickleibigem Buch +gelehrter Kollegen!«</p> + +<p>Und ich nahm mir die Blätter mit und las sie und +war so vertieft, daß ich erst merkte, wie spät es war, +als mein Vater draußen die Entreetür aufschloß. Er +kam aus Brandenburg zurück, wo er an dem Jubiläumsfest +seines alten Regiments teilgenommen hatte.</p> + +<p>»Wie, du bist noch auf?« rief er. »Da kann ich dir +ja noch Egidys Grüße bestellen!« Damit trat er ein. +»Ich wußte gar nicht, daß er Fünfunddreißiger gewesen +<a name="Page_505" id="Page_505"></a>ist, ehe er zur Kavallerie ging. Übrigens ein famoser +Kerl, tapfer und ehrlich. Und, — stell dir vor! — die +Rasselbande hat ihn geschnitten! Kannst dir denken, +daß ich ihm um so deutlicher meine Anerkennung für seine +Überzeugungstreue aussprach. Er wäre mir beinahe um +den Hals gefallen vor Dankbarkeit.«</p> + +<p>In diesem Augenblick entdeckte mein Vater die »Volkstribüne«, +die offen vor mir lag. Die Ader schwoll ihm +auf der Stirn, und blaurot färbten sich seine Züge. +»Was für ein Schuft hat dir diese Zeitung in die Hände +geschmuggelt?« schrie er, »vor meine Pistole mit dem +infamen Patron!«</p> + +<p>»Ich habe sie mir gekauft,« log ich, »man muß auch +seine Gegner aus ihren eigenen Schriften kennen +lernen.«</p> + +<p>Mein Vater nahm wütend die Blätter vom Tisch und +zerriß sie. »Bring mir solche Schweinereien nicht wieder +ins Haus!« drohte er mit erhobener Faust. »Von Leuten, +die das Vaterland verraten, den Meineid predigen und +den Fürstenmord, darf meine Tochter nicht einmal einen +Fetzen Papier in Händen haben!« Und wütend warf er +die Tür ins Schloß.</p> + +<p>Am nächsten Vormittag besuchte uns Egidy. Den +Zylinder in der Hand, in militärisch strammer Haltung +wie zu einer dienstlichen Meldung stand er vor meinem +Vater.</p> + +<p>»Die Wohltat, die Eure Exzellenz mir in Brandenburg +erwiesen, rechne ich zu den höchsten Empfindungen +inneren Glücks, die mich bisher in meinem Leben beseelten. +Euer Exzellenz Worte sind — ich sage nichts, +als was ich fühle, — die größten, die an mich heran<a name="Page_506" id="Page_506"></a>klangen, +seit ich tat, was mir Pflicht schien.« Scharf +und bestimmt sprach er, und dann erst wandte er sich zu +meiner Mutter und mir.</p> + +<p>»Darf ich Ihnen meine Töchter bringen?« frug er +mich. »Es sind brave Kinder, die alles tapfer mit mir +getragen haben und doch wehmütig empfinden, wie sie +aus ihrer Bahn gerissen wurden.« Ich reichte ihm die +Hand.</p> + +<p>»Selbstverständlich, Herr von Egidy! Was ich +den Ihren sein kann, will ich mit Freuden sein,« antwortete +ich.</p> + +<p>»Und darf ich nicht nur auf Ihre Freundschaft, sondern +auch auf Ihre Mitarbeit rechnen?« Er streckte mir noch +einmal die Hand entgegen.</p> + +<p>Ich legte die meine zögernd hinein: »Auf meine Freundschaft, +ja! Meine Mitarbeit aber kann ich Ihnen noch +nicht versprechen!«</p> + +<p>Sein Blick verfinsterte sich. »Ihr Herr Vater ehrt die +Überzeugungstreue ...« sagte er mit Betonung.</p> + +<p>»Und ich werde meiner Überzeugung zu folgen wissen!« +entgegnete ich gereizt.</p> + +<p>Am Nachmittag erzählte ich dem Professor von Egidy +und meinen Beziehungen zu ihm. Ich war noch verärgert, +und mein Urteil über die Halbheit, die ihn zwang, +an dem Namen »Christentum« festzuhalten, mochte nicht +gerade milde klingen. Der Professor schüttelte den Kopf, — ein +deutliches Zeichen seines Mißfallens. »Sie verlangen +wirklich ein bißchen viel, gnädiges Fräulein! +Ist es nicht schon einzig und unerhört und höchst erfreulich, +daß ein Mann, wie er, in dieser Weise den +Kampf gegen das traditionelle Christentum aufnimmt? — Zahllose<a name="Page_507" id="Page_507"></a> +Menschen, die für die Worte ausgesprochener +Freidenker nur taube Ohren haben, werden ihn hören, +und ihr erster Schritt auf der schiefen Ebene wird dann +nicht ihr letzter sein!«</p> + +<p>Ich dachte meiner eigenen Erfahrungen und gab ihm +Recht. Hatte unser Gespräch sich bisher wesentlich um +die Frauenfrage gedreht, so kamen wir heute zum erstenmal +auf religiöse Fragen zu sprechen. Ich erzählte ihm +von meiner Entwicklung. Er hörte mit sichtlichem Interesse +zu und sprach mir dann von der seinen.</p> + +<p>»Religiöse Gewissenskämpfe sind mir fremd geblieben,« +begann er. »Bis ich in die Schule kam, wußte ich nichts +von Religion. Als meine Mutter mich zu meinem +Klassenlehrer brachte und er mich frug, was ich vom +lieben Heiland wüßte, gab ich erstaunt zur Antwort, +daß ich von dem Land noch nie etwas gehört hätte. +Der Schulreligionsunterricht bestand dann eigentlich nur +im mechanischen Auswendiglernen, was ich ebenso gedankenlos +absolvierte, wie irgend welche Tabellen oder +grammatische Regeln. Was dem Gemüt vieler Kinder +die Religion bieten mag, das bot mir die Natur; und +da ich von klein an schwächlich war und meinen Altersgenossen +und ihren Spielen infolgedessen ziemlich fern +blieb, unterstützten meine Eltern meine Passionen. Mein +Zimmer war immer ein wahres Aquarium, und das +Leben der Tiere und der Pflanzen mit all seinen Wundern +lernte ich mit steigendem Entzücken zuerst aus eigenen +Beobachtungen kennen. Jetzt habe ich nur noch ein +paar Vögel und ein Blumenfenster,« — er lächelte wehmütig, +»seit meine Mutter im vorigen Jahre starb und +ich bewegungslos bin, würde doch keiner für meinen<a name="Page_508" id="Page_508"></a> +Privat-Zoo sorgen können!« Mit der ihm charakteristischen +Gebärde reckte er den Oberkörper, als wollte +er eine peinliche Erinnerung energisch abstoßen — »und +allmählich sind mir denn doch die Menschen interessanter +geworden als die Tiere. Ich studierte Philosophie, weil +es das einzige ist, was ein Mann wie ich zu seinem +Lebensberuf machen kann. Aber meine unglückliche Liebe +zu den Naturwissenschaften ist doch gleich in meiner +Doktordissertation zum Ausdruck gekommen, in der ich +die philosophischen Konsequenzen der Darwinschen Evolutionstheorie +behandelte. — Sie müssens mal lesen, +gnädiges Fräulein, — ich habe noch heute meine Freude +dran, obwohl der liebe Gott noch bedenklich zwischen +den Zeilen spukt! Dann hab ich mich hier habilitiert. — Ich +wohnte bei meiner guten Mutter, einer blitzgescheiten +Frau — schade, daß Sie sie nicht mehr +kannten! —, die mit dem lieben Gott auf besonders gespanntem +Fuße stand, weil er ihren Jungen zum Krüppel +hatte werden lassen. Und ein bißchen mag das auch bei +mir dazu beigetragen haben, an seiner Existenz allmählich +zu zweifeln. Bei näherem Nachdenken konnte ich die +geistigen Kapriolen der frommen Leute nicht mitmachen, +die nötig sind, wenn man das unverschuldete Elend in +der Welt, wenn man Unrecht und Verbrechen mit dem +allgütigen und allmächtigen Himmelsvater in Einklang +bringen will. Wäre er, so müßte er entweder ein herzloses +Scheusal oder das unglückseligste aller Wesen sein, +das gezwungen ist, untätig zuzusehen, wie seine Geschöpfe +sich zerfleischen!« Die Stimme des Professors +hatte sich gehoben, seine Augen funkelten, sein ganzer +zarter Körper schien von starker Energie gespannt.</p> +<p><a name="Page_509" id="Page_509"></a></p> +<p>»Und doch sind Sie ein glücklicher Mensch geworden!« +sagte ich mehr zu mir selbst als zu ihm.</p> + +<p>»Das habe ich wieder den Naturwissenschaften und +meinen vielen lieben Freunden zu verdanken.«</p> + +<p>»Ihren Freunden?!«</p> + +<p>»Denen, die immer um mich sind und nur reden, +wenn ich sie brauche: den Büchern. Darwins Entwicklungsgesetz +war es, das mich zuerst mit einem unbeschreiblichen, +unzerstörbaren Glücksgefühl erfüllte, denn +es festigte meinen Glauben an die unendliche sittliche und +intellektuelle Vervollkommnungsfähigkeit der Menschennatur, +und er trat an die Stelle des Glaubens an einen +unbeweisbaren Gott.«</p> + +<p>Das Herz klopfte mir vor Freude; ich umfaßte unwillkürlich +mit meiner heißen Hand seine kühlen Finger: +»Ich danke Ihnen — danke Ihnen tausendmal,« kam es +vor Erregung bebend über meine Lippen, »so bin ich +doch nicht mehr allein mit dem, was ich dachte und fühlte, +und was mir fast schon zu entschwinden drohte. Einmal, +in einer glücklichen Stunde, schrieb ichs auf, — darf ich +es Ihnen bringen?«</p> + +<p>»Ich bitte Sie darum!« Ein warmer Blick traf mich, — er +schien mich ganz und gar zu umfassen. »Sollte +ich doch am Ende wieder an den lieben Gott glauben +müssen — der mir eine Frau wie Sie in den Weg geschickt +hat?!«</p> + +<p>Die Eltern kamen und holten mich ab. Mein Vater +war merkmürdig kurz angebunden. »Du wirst deinen +Verkehr mit dem Professor beschränken müssen,« sagte er +auf dem Nachhausewege, »Walter sagte mir, daß er im +Rufe steht, einer der gefährlichen Kathedersozialisten zu +<a name="Page_510" id="Page_510"></a>sein.« — »Daß er Gott verleugnet, hat er neulich mit +zynischer Frivolität selbst zugestanden,« fügte Mama mit +hochrotem Gesicht hinzu.</p> + +<p>»Wenn er es tat, so ist es weder zynisch noch frivol, +sondern ein Beweis derselben tapferen Überzeugungstreue, +die Ihr an Egidy zu rühmen pflegt,« antwortete ich.</p> + +<p>»Ein Atheist ist ein Verbrecher,« stieß Mama aufgeregt +hervor; dann schwiegen wir alle, in dem gemeinsamen +Gefühl, auf der Straße keine Szene provozieren +zu wollen.</p> + +<p>Als am nächsten Tage der Herbst mit Sturm und +Regen durch die Straßen fegte und die Bäume arm und +kahl zurückließ, die eben noch im Glanz ihres bunten +Kleides geprangt hatten, atmete Mama förmlich erleichtert +auf: »Nun haben die Zoo-Nachmittage ein Ende!«</p> + +<p>Ich aber nahm mein altes Glaubensbekenntnis und +mein kleines schwarzes Buch und verließ das Haus zur +gewöhnlichen Stunde.</p> + +<p>Über den öden Wittenbergplatz führte mein Weg an +einer Reihe von Neubauten vorbei, aus denen ein +feuchter Kellergeruch mir entgegenströmte, der mich +frösteln machte. Die Kleiststraße ging ich entlang, deren +neue Häuser, wie lauter Parvenüs, sich durch überladenen +Schmuck gegenseitig zu überbieten suchten, und +bog dann in die stille dunkle Nettelbeckstraße ein. Schüchterne +Sonnenstrahlen, die gerade die Wolken durchbrachen, +trafen nur noch die Dächer der Häuser. In +eins davon trat ich.</p> + +<p>»Professor von Glyzcinski?« Die Portierfrau musterte +mich von oben bis unten. »Gartenhaus — parterre!<a name="Page_511" id="Page_511"></a>« +Der Hof war noch enger und lichtloser als bei uns, +und die Treppe war vollkommen finster. Auf mein +Klingeln öffnete der Diener. Im Flur konnte ich die +Hand nicht vor Augen sehen. Im nächsten Moment +aber schloß ich sie geblendet. Aus der Tür, durch die +ich ins Zimmer trat, strömte ein Meer von rotgoldenem +Licht.</p> + +<p>»Willkommen, mein liebes, gnädiges Fräulein!« hörte +ich des Professors weiche Stimme sagen.</p> + +<p>Und nun erst sah ich ihn: am Fenster saß er, das dicht +von wildem Wein umsponnen, den Blick in lauter Gärten +schweifen ließ. Auf die Bücher und Papiere, die den +Schreibtisch vor ihm bedeckten, malte die Sonne lauter +runde blinkende Silberflecken und streichelte an der Wand +gegenüber die vielen, schön aneinander gereihten Bücher. +Zwei Vögel mit buntschillernden Flügeln flatterten, durch +meinen Eintritt aufgescheucht, durch den Raum und +ließen langgezogene Flötentöne hören.</p> + +<p>Auf den breiten Lehnstuhl neben dem Schreibtisch +deutete einladend die weiße Hand Glyzcinskis, der mir +mit seinen Kinderaugen und dem wesenlosen, unter +Decken verborgenen Körper wie ein Zauberer inmitten +seines Märchenreichs erschien. Flüchtig tauchte mein +dunkles Zimmer vor meinem inneren Auge auf, — hatte +meine Sehnsucht nicht dieses Märchenreich längst +gesucht?</p> + +<p>»Wissen Sie, daß ich Sie mit Bestimmtheit erwartet +habe?!« sagte er, »darum gibt es auch heute Kuchen +zum Kaffee, wie an einem Festtag!« Er versuchte von +dem Tischchen aus, das der Diener hereingetragen hatte +mich zu bedienen. »Das ist Frauensache!« lachte ich +<a name="Page_512" id="Page_512"></a>und nahm ihm die Kaffeekanne ab. Wie alte Freunde +saßen wir beieinander.</p> + +<p>Und dann las ich ihm »Wider die Lüge« vor.</p> + +<p>»Daß Sie mir nichts Gewöhnliches bringen würden, +wußte ich,« bemerkte er langsam nach einer kurzen Pause, +die mich schon ganz ängstlich gemacht hatte. »Von keinem +meiner Studenten dürfte ich so viel Geist und Kraft +und Selbständigkeit erwarten ... Ich habe lange über +Sie nachgedacht, aber das Resultat dieses Nachdenkens +hätte ich noch für mich behalten, wenn Sie mir nicht +diesen Einblick in Ihr Geistesleben gewährt haben +würden. Nun möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen, +dessen selbstsüchtige Beweggründe mein Gewissen freilich +arg belasten: Sie haben keinen Bruder, ich keine +Schwester, — lassen Sie mich Ihren Bruder sein, und +gestatten Sie mir dann als solchem, mich Ihrer anzunehmen. +All die guten Freunde drüben —« er zeigte +auf den Bücherschrank — »will ich Ihnen vorstellen; +Sie werden rasch nachholen, was Ihnen an philosophischen +Kenntnissen fehlt, — und dann — —,« er stockte.</p> + +<p>»Dann?!« frug ich gespannt.</p> + +<p>»Dann werden Sie tun, was mir versagt ist: unsere +Ideen unter die Massen tragen.«</p> + +<p>»Werde ich es können — — dürfen?! Meine Eltern +sind schon jetzt....«</p> + +<p>Er unterbrach mich. Ein harter Zug grub sich um +seine Mundwinkel. »Wer den Pflug anfaßt und siehet +zurück, der ist unserer Sache nicht wert ...«</p> + +<p>»So lehren Sie mich Ihre Sache kennen, — ich glaube +freilich schon von vorn herein, daß es auch die meine +sein wird!«</p> +<p><a name="Page_513" id="Page_513"></a></p> +<p>»Sie sollen nichts glauben, woran Sie zu glauben +noch gar kein Recht haben! Das ist die Lehre der neuen +Tugend, der intellektuellen Redlichkeit! — nehmen Sie +die Bücher dort mit dem dunkelblauen Rücken, — lesen +Sie sie in aller Ruhe, und dann sagen Sie mir, was +Sie darüber und was Sie über meinen Vorschlag denken.«</p> + +<p>Ich erhob mich. Es wurde mir sehr schwer, diesen +stillen Raum zu verlassen, der von dem hellen Geist +starker Freudigkeit erfüllt schien, wie von der glänzenden +Oktobersonne.</p> + +<p>»Haben Sie Dank, vielen Dank,« sagte ich noch und +wandte mich zum Gehen. Ich stand schon an der Tür, +als ich noch einmal seine Stimme hörte:</p> + +<p>»Nicht wahr — Sie kommen bald, recht bald — — morgen +schon?« Ich nickte. Und dann verschlang mich +der dunkle Flur, der finstere Hof, die kühle Straße.</p> + +<p>»Woher kommst du?« Mit dieser von einem mißtrauischen +Blick begleiteten Frage, empfing mich zu Hause +mein Vater. Sie saßen alle drei beim Abendessen. Ich +hatte schon irgend eine billige Ausrede auf der Zunge — aber +plötzlich wurde mir klar, daß jede verlogene +Heimlichkeit mein Erlebnis beschmutzen würde.</p> + +<p>»Von Herrn Professor von Glyzcinski ...« Mein +Vater hieb mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser +klirrten.</p> + +<p>»Unerhört!« rief er »und das wagst du mir ins Gesicht +zu sagen, nachdem du meine Meinung über diesen +Verkehr erst gestern deutlich genug gehört hast?! — Und +rennst wie ein Frauenzimmer einem unverheirateten +Mann in die Wohnung?! — Willst du mich denn +durchaus ins Grab bringen, mit all der Schande, die +<a name="Page_514" id="Page_514"></a>du mir machst?« Er lief aufgeregt im Zimmer umher, +während helle Schweißtropfen auf seiner Stirne standen.</p> + +<p>Ich zwang mich zur Ruhe: »Du weißt wohl nicht, +was du sagst, Papa! Herr von Glyzcinski ist ein +Schwerkranker, meinen Besuch kann niemand mißdeuten!«</p> + +<p>Aber die Wut, in die er sich hineingeredet hatte, +steigerte sich nur noch mehr. Ich versuchte das Zimmer +zu verlassen, während Mama und Klein-Ilschen, vor +Schrecken stumm, sich nicht zu rühren wagten.</p> + +<p>»Du bleibst!« schrie mein Vater und packte mein +Handgelenk. »Versprich mir, daß dieser Besuch der erste +und der letzte war, und ich will ihn vergessen!« Und +gleich darauf ruhten seine Blicke mit einem Ausdruck +liebevoll besorgter Bitte auf mir. Mein Herz krampfte +sich zusammen: Sinnlosem Zorn konnte ich die Stirne +bieten, — aber der Liebe?! Ich schloß eine Sekunde +lang die Augen: Wer den Pflug anfaßt ...!</p> + +<p>»Ich kann dir diesen Wunsch nicht erfüllen, Papa!« +Mit weit aufgerissenen Augen starrte er mich an. Dann +brach der Sturm von neuem los. Auch meine Mutter +mischte sich hinein, — von den teuflischen Verführungskünsten +des Gottesleugners hörte ich sie etwas sagen, +auch von Weimar sprach sie und versuchte, mich zu bestimmen, +meinen für das nächste Frühjahr beabsichtigten +Besuch auf die allernächsten Tage festzusetzen. An meinen +Ehrgeiz, an meine Eitelkeit appellierte sie, während +meines Vaters Stimmung, wie stets nach einem solchen +Ausbruch der Leidenschaft, immer weicher wurde. »Wir +sind an allem Schuld, wir allein,« sagte er, »wir haben +dir keinen Verkehr verschafft, wie du ihn zu fordern ein +Recht hast. Aber das soll anders — ganz anders +<a name="Page_515" id="Page_515"></a>werden. Wir werden an den Hof gehen, wo wir hingehören. +Und du wirst nun auch mein gutes Kind sein +und gehorchen!«</p> + +<p>»Nein, Papa! — Ich bin sechsundzwanzig Jahre +alt. Wäre ich Euer Sohn, statt Eure Tochter, ihr +würdet es selbstverständlich finden, wenn ich meine eigenen +Wege ginge. Ich kann nicht denken wie ihr, und ich bin +außerstande, nichts als eine Haustochter zu sein. Paßt +Euch der Verkehr nicht, der mir notwendig ist, wollt +Ihr Euch nicht mit mir identifizieren, — so laßt mich in +Frieden meiner Wege gehen, — gebt mir freiwillig die +Freiheit!«</p> + +<p>Meine Worte wirkten verblüffend. Die Eltern waren +plötzlich ganz ruhig geworden. Sie schienen auf das +tiefste verletzt. »Daß wir über solchen Wahnwitz mit +dir verhandeln, wirst du selbst nicht erwarten können,« +sagte Papa kalt. »Geh in dein Zimmer. Bis morgen +früh dürftest du wohl zur Vernunft gekommen sein.«</p> + +<p>Aber der Morgen kam und fand mich entschlossen, +eher das Haus zu verlassen, als auf meine Besuche bei +Herrn von Glyzcinski zu verzichten. Und die Eltern, +die zwischen dem Skandal einer davonlaufenden Tochter +und dem Eingehen auf ihre Wünsche zu wählen hatten, +gaben mir nach. Eine drückende Stimmung, wie geladen +von Mißtrauen und Feindseligkeit, blieb zurück. Nur +Papa gab sich alle Mühe, meine Interessen auf andere +Wege zu leiten. Meine Teilnahme an den Bestrebungen +Egidys schien ihm sogar erwünscht, um die Einflüsse +von der anderen Seite zu paralysieren. Er selbst hielt +sich davon zurück. »Es widerstrebt mir, mich als preußischer +General in irgendeine öffentliche Bewegung zu +<a name="Page_516" id="Page_516"></a>mischen. Ich bin Soldat, — nichts weiter,« sagte er +zu Egidy bei unserem Gegenbesuch, der der erste und +letzte war, den er bei ihm machte. Um so häufiger geleitete +mich meine Mutter in die Spenerstraße, zuerst +mit mißmutig aufeinander gepreßten Lippen, nur aus +Pflichtgefühl, — den Standesgenossen gegenüber mußte +doch die Form gewahrt werden, die einem jungen +Mädchen nicht gestattete, allein in Gesellschaft zu gehen! — Dann +mit steigender persönlicher Neigung. Diese +bunte Welt, die sich jeden Dienstag Abend in dem gastfreien +Hause zusammenfand, war eine völlig neue für +sie, und mit einer fast kindlichen Neugierde beschäftigte +sie sich mit jedem Besucher, während bei mir das Interesse +an dem bloß Neuen und Fremdartigen um so +mehr erlahmte, je leidenschaftlicher ich nach Gesinnungsgenossen +suchte.</p> + +<p>Eigenbrödler aller Art füllten die Salons der Familie +Egidy, bis zu solchen herab, deren armer enger Geist +durch die unablässige Beschäftigung mit einem einzigen +Gedanken mehr und mehr in Verwirrung geraten war. +Da gab es Menschen, die von der Rückkehr zur Natur +das Heil der Welt erwarteten, barfuß gingen im Gewande +des Nazareners, von Körnern lebten, die sie in +der Tasche trugen; andere mit fahlen, asketischen Zügen, +die mit der ganzen mühselig zurückgedämmten Leidenschaftlichkeit +ihres Inneren die Selbstvernichtung der +Menschheit predigten, und, als ihr Gegensatz, fanatische +Anarchisten, die die Freiheit ihrer eigenen kleinen Gelüste +mit dem Schlagwort vom schrankenlosen Ausleben +der Persönlichkeit zu rechtfertigen suchten. Studenten +und Studentinnen aller Nationen fanden sich ein, deren +<a name="Page_517" id="Page_517"></a>jugendlicher Überschwang in Egidy einen neuen Heiland +verehrte, und eine Menge ältliche Damen, die aus dem +stillen Winkel ihres leeren Lebens hervorgekrochen schienen +wie Maulwürfe, die die Sonne suchen, und mit dem +Rest ihrer unterdrückten Gefühle verschwärmt zu Egidys +Füßen saßen; verschämte Arme, die hier nichts wollten +als den reich gedeckten Tisch, an dem sie einmal in der +Woche satt werden konnten; mitten darin Abenteurer +aller Art, die den reichen, nur allzu vertrauensseligen +Mann für ihre Zwecke zu gewinnen suchten, und dazwischen — vereinzelt — ernste +aufrichtige Anhänger, +junge Literaten und Theologen zumeist, die sich vergebens +bemühten, Egidy vor sich selbst zu schützen. Er +hatte für Alle Zeit, für jeden Herzenskummer, der ihm +anvertraut wurde, ein freundliches Interesse; und warnte +man ihn vor diesem und jenem seiner Gäste, der ein +notorischer Hochstapler war, so sagte er mit fester Überzeugung: +»Wer zu mir kommt, der beweist dadurch, daß +er gewillt ist, ein Anderer zu werden. Und ich sollte +ihm mein Haus verschließen?«</p> + +<p>Aber auch ernste, reife Menschen erschienen, Männer +und Frauen mit berühmten Namen, die auf irgend +einem reformbedürftigen Gebiet des öffentlichen Lebens +tätig waren und alle versuchten, Egidy auf ihre Seite +zu ziehen: Abstinenzler, Friedensfreunde und Bodenreformer, +moderne Pädagogen und Frauenrechtlerinnen. +Warteten sie nicht alle, die ihre Kräfte in dramatischen +Gesten oder in der Kleinarbeit winziger Reförmchen +erschöpften, ihrer selbst unbewußt, auf irgend +ein Zauberwort, das ihre eigenen Fesseln sprengen +und sie zu gemeinsamer großer Leistung vereinigen +<a name="Page_518" id="Page_518"></a>würde? War Egidy der Mann, der es aussprechen +sollte?</p> + +<p>Ich hatte inzwischen die Bücher Glyzcinskis gelesen: +seine eigene Moralphilosophie und die Schriften der +Gründer und Leiter der Ethischen Gesellschaften Amerikas +und Englands. Sie vertraten die Einheit der Moral +gegenüber der Vielheit der Religionen, sie waren überzeugt, +daß alle Menschen, die ernstlich das Gute wollen, +sich, unabhängig von ihren verschiedenartigen transzendenten +Anschauungen, auf dem Boden allgemein +gültiger Ethik zu dem großen Werk sittlicher und +sozialer Reform vereinigen könnten. Über Gott und +den Göttern stand für sie das Absolute, die Moral; +denn nicht darum ist das Gute gut, sagten sie, weil +Gott es seinen Gläubigen zu tun befiehlt, er befiehlt +es vielmehr, weil es gut ist, also muß auch für +die Gottgläubigen das Gute das Allumfassende sein. +Sie selbst stellten für das sittliche Handeln keine Einzelvorschriften +auf, sie erkannten vielmehr als dessen +Richtschnur und Prüfstein das größtmögliche Glück der +größten Mehrzahl.</p> + +<p>Auf mich wirkten diese Werke wie eine Offenbarung: +hier war das erlösende Wort, das nicht nur all die +auf Seitenwegen Umherirrenden zusammen rufen und +dem gemeinsamen Ziel entgegenführen würde, hier war +der Zauberstab, der aus den Felsenherzen der Menschen +lebendige Brunnen tatkräftigen Wirkens hervorlocken +könnte; hier breitete sich vor meinen inneren Augen +jungfräulicher Boden aus, den ich mit zu roden und +zu bebauen bestimmt schien. Eine Ethische Gesellschaft +in Deutschland zu gründen, die das öffentliche Gewissen +<a name="Page_519" id="Page_519"></a>der Nation werden sollte, — darauf richteten sich alle +meine Gedanken.</p> + +<p>Ich ging täglich zum Professor. Schon lange hegte +er denselben Wunsch wie ich, ohne, seiner eigenen Gebrechlichkeit +wegen, an die Möglichkeit naher Erfüllung +zu glauben.</p> + +<p>»Hatte ich nicht recht,« sagte er einmal, »wenn ich +meinte, ich müsse eigentlich dem lieben Gott dankbar +sein für die merkwürdige Begegnung mit Ihnen? Durch +Sie wird der Lieblingstraum meines Lebens in Erfüllung +gehen!«</p> + +<p>Wir arbeiteten unseren Plan in allen Einzelheiten +aus: Mitglieder der verschiedensten religiösen und politischen +Richtungen sollten den ersten Aufruf zur Gründung +der Ethischen Gesellschaft unterzeichnen. Ihr Zweck +sollte sein, einen neutralen Boden zu schaffen, auf dem +alle Menschen ihre Gedanken freimütig über alle brennenden +Fragen der Gegenwart auszutauschen vermöchten, +von dem aus gemeinsam geschaffene Gesetzesvorschläge +den Regierungen unterbreitet und zu den Ereignissen des +öffentlichen Lebens Stellung genommen werden sollte. +Niemand dürfe um seines Glaubens oder seinen politischen +Anschauungen wegen bekämpft oder ausgeschlossen +werden, es sei denn, daß er dadurch gegen das Grundprinzip +der Gesellschaft verstoße: das größte Glück der +größten Anzahl zu fördern.</p> + +<p>Mein Gedankengang geriet bei diesem Punkt ins +Stocken. »Wenn ichs mir recht überlege,« sagte ich +nachdenklich, »kann ein echter Christ sich unserem Bunde +nicht anschließen. Toleranz gegen Andersgläubige kann +bei denjenigen kaum erwartet werden, die überzeugt sind, +<a name="Page_520" id="Page_520"></a>daß ihr Glaube der allein selig machende sei; und das +größte Glück als Ziel unseres Strebens aufstellen, ist +vollends ganz und gar unchristlich.«</p> + +<p>Glyzcinski lachte: »Sie haben einen hellen Kopf, +liebe Freundin, darum lassen Sie mich ihnen noch eins +verraten. Niemand, der von Herzen an einen lebendigen +Gott glaubt, kann auf unsere Seite treten; oder dürfte +er zugeben, daß Gott selbst sich der Moral unterordnet?! +Die Religion als vager metaphysischer Glaube, als +flüchtig berauschendes Genußmittel schwacher Seelen +kann innerhalb unserer Reihen Anhänger haben, nicht +aber die Religion als Grundlage der Sittlichkeit, — und +damit wird ihr Halt und Inhalt zugleich entzogen. +Der Kaiser und die Junker haben von ihrem Standpunkt +aus vollkommen recht, wenn sie dem Volke die +Religion erhalten und die Schule der Kirche mit Haut +und Haar ausliefern möchten: nichts hindert die Verbreitung +wahrer ethischer Kultur mehr als die Religion. +Die Dankbarkeit für alles, was wir haben und sind, +körperlich und geistig, wird in sentimentalen Gefühlen +auf Gott gelenkt, statt daß sie sich in Taten auslöst für +die Menschheit, der wir in Wirklichkeit alles verdanken. +Aller Widerstand gegen das Böse, alle Kampfeslust gegen +das Unglück wird dadurch gelähmt, daß man den Menschen +lehrt, sich demütig vor Gottes Willen zu neigen, +und ihnen den Glauben an die ewige Seligkeit einflößt. +Und alle Tapferkeit, alle Menschenliebe, alle Kraft zur +Selbstbefreiung und zur Befreiung der Menschheit aus +Elend und Knechtschaft wird im Keime erstickt, wenn +die Verantwortlichkeit für das Leiden auf die Gottheit +abgewälzt werden kann.«</p> +<p><a name="Page_521" id="Page_521"></a></p> +<p>»Ich verstehe Sie nicht, — Sie scheinen gegen den +eigenen Plan zu sprechen, — nach Ihnen müßte keine +ethische, sondern eine atheistische Gemeinschaft gegründet +werden,« wandte ich ein.</p> + +<p>»Sie irren, — atheistische Pfaffen, die wir in diesem +Fall züchten würden, schaden unserer Sache mindestens +ebenso viel wie kirchliche. Ethik wollen wir verbreiten, +und in dieser Ethik ruht die Kraft der Wahrhaftigkeit, +die allmählich alle alten Gespenster austreiben wird. +Für mich — wir beide sprechen offen miteinander! — ist +die Hauptaufgabe der Ethischen Gesellschaft nicht die, +für Gerade und Krumme ein gleichmäßig passendes +moralisches Mäntelchen zuzuschneiden, sondern im Dienst +der sittlichen und sozialen Entwicklung dem Antichristentum +und dem Sozialismus die Wege zu bereiten!«</p> + +<p>Ich schwieg; ein tiefer Schrecken vor unbekannten +Gefahren hatte mich erfaßt. Der Sozialismus! — Männer +mit niedrigen Stirnen und schwieligen Fäusten +sah ich, schwindsüchtige Frauen und Kinder mit Greisengesichtern, +ein Zug von Gestalten, haßerfüllt die Züge, +die Fäuste drohend erhoben wider alles, was unser +Leben schön und reich machte, eingehüllt in einen Geruch +von Schweiß und Blut. Helfen wollte ich ihnen, — einen +Weg wollte ich hauen durch die Wildnis ihres +Elends, ich fürchtete nicht die Dornen, die mir die +Hände zerreißen, die fallenden Äste, die mich verwunden +würden, — aber mich ihrem Zuge einreihen —, mich +schauderte.</p> + +<p>»Wie sind Sie blaß und still geworden!« hörte ich +Glyzcinskis warme Stimme. »Verzeihen Sie mir — ich +habe mich schon so daran gewöhnt, vor Ihnen laut +<a name="Page_522" id="Page_522"></a>zu denken, daß mir nicht einfiel, wie sehr ich Sie dadurch +erschrecken könnte!«</p> + +<p>»Sie haben nur, wie immer, zu gut von mir gedacht, +und ich bedarf ihrer Verzeihung, — nicht umgekehrt,« +antwortete ich. »Sie müssen Geduld mit mir haben, — ich +muß mich erst an die Neuheit des Gedankens gewöhnen. +Ich weiß ja auch im Grunde gar nichts vom +Wesen des Sozialismus. Vieles, was ich hörte, stimmte +wohl mit meinen eigenen Ansichten überein, vieles aber +hat mich immer abgestoßen —.«</p> + +<p>»Ich werde wieder meine stummen Freunde für mich +sprechen lassen!« Und Glyzcinski bezeichnete mir die +Bücher und Broschüren, die ich aus seinem Bücherschrank +nehmen sollte. »Nur eins möchte ich Ihnen +gleich heute sagen: Auf dem Wege wissenschaftlichen +Studiums bin ich zu meinen ethischen Überzeugungen +gelangt, auf demselben Wege habe ich +erkannt, daß die Entwicklung zum Sozialismus eine +gesetzmäßige, unabänderliche ist, gleichgültig, ob unser +Gefühl sich dagegen sträubt oder nicht. Nachdem ich +das aber einmal erkannt habe, kann es für mich von +meinem ethischen Standpunkt aus keine andere Wahl +geben, als die, mich in den Dienst der Entwicklung zu +stellen und mit allen Kräften dahin zu wirken, daß sie +eine möglichst friedliche, das Glück der Menschen möglichst +wenig gefährdende sei. Andere denselben Weg +der Erkenntnis zu führen, den ich gegangen bin, — das +ist daher meine Aufgabe —, das ist die Aufgabe, die +die Ethischen Gesellschaften haben sollten.«</p> + +<p>»Und Sie glauben, daß die Menschen sich dahin +führen lassen werden?!«</p> + +<p><a name="Page_523" id="Page_523"></a>Des Professors Gesicht nahm jenen kindlich-strahlenden +Ausdruck an, der mich immer an gotische Heiligenbilder +erinnerte.</p> + +<p>»Ich glaube daran! Sonst müßte ich mich selbst für +eine Ausnahme aller Regel halten!«</p> + +<p>Auch Egidy, dachte ich auf dem Heimweg, ist solch +ein Gläubiger; bei ihm soll das Einige Christentum +vollenden, was der Professor von der Ethischen Kultur +erwartet.</p> + +<p>Und wieder las ich manche Nacht hindurch. Bei +jedem Umschlagen einer Seite erwartete ich das Gräßliche +zu finden, das so vielen Menschen das Recht gab, +den Sozialismus zu verabscheuen und mit allen Mitteln +zu bekämpfen. Aber ich fand es nicht. Nichts entsetzte +mich, und wenn ich überrascht war, so nur über die +Selbstverständlichkeit jeder Kritik am Bestehenden und +jeder Forderung an die Zukunft. Oft lachte ich im +stillen vor Freude, wenn ich eigene, längst vertraute +Ideen wiederfand; und wo meine Gedanken nicht Schritt +halten konnten, sagte mein Gefühl ja und tausendmal +ja. Gleiche Rechte für alle: Männer und Frauen; +Freiheit der Überzeugung; Sicherung der Existenz; +Frieden der Völker; Kunst, Wissenschaft, Natur ein +Gemeingut Aller; Arbeit eine Pflicht für Alle; freie +Entwicklung der Persönlichkeit, ungehemmt durch Fesseln +der Kaste, der Rasse, des Geschlechts, des Vermögens —: +wie konnte irgend jemand, der auch nur +über seine nächsten vier Wände hinausdachte, sich der +Richtigkeit und Notwendigkeit dieser Forderungen verschließen?!</p> + +<p>Eugen Richters famose Broschüre, die ich im Sommer +<a name="Page_524" id="Page_524"></a>gelesen hatte, und die Onkel Walter in Pirgallen gratis +unter die Arbeiter verteilte, fiel mir ein. Sollte der +Verfasser wissentlich gelogen haben? Und war es Lüge, +nichts als Lüge, was die Gegner vom Sozialismus verbreiteten? +Daß der Professor mir irgend etwas vorenthalten +haben konnte, war doch unmöglich!</p> + +<p>Ich besprach alles mit ihm: meine freudige Zustimmung +und meine Zweifel und Bedenken. Der erfurter Parteitag +war eben geschlossen worden, das neue Programm lag +vor, und Glyzcinski erklärte es mir in allen seinen Einzelheiten. +Ich sah, daß die vielverlästerte und mir immer +lächerlich erschienene Forderung nach der Verteilung +allen Besitzes in Wirklichkeit nicht vorhanden war, daß +nur der Grund und Boden, der seine privaten Besitzer +reich machte, ohne daß sie arbeiteten, und die Produktionsmittel +der Industrie, durch die ihre Eigentümer +zu Millionären wurden und ihre Arbeiter zu abhängigen +Sklaven, in den Besitz der Allgemeinheit übergehen +sollten. Dabei konnten wir alle nur gewinnen, — wir +vielen, die wir doch auch nichts als Besitzlose waren! — Warum +sträubten wir uns dann?</p> + +<p>»Sie sehen selbst: Unwissenheit und Selbstsucht sind +die Gegner der Sozialdemokratie, die Lüge ihre Waffe,« +sagte der Professor, »und wir sollten sie zu besiegen +nicht imstande sein?!«</p> + +<p>Die Zeit damals war geladen mit Elektrizität. Überall +schien die alte Erde von unterirdischen Donnern erschüttert, +und hie und da klaffte ein dunkelgähnender +Abgrund, wo noch eben grüne Wiesen gelacht hatten. +Schmutzige Geldgeschichten in preußischen Ministerhotels, +Betrugsanklagen gegen Vertreter der deutschen Regierung +<a name="Page_525" id="Page_525"></a>im Ausland; Unterschlagungen von Kirchengeldern und +wohltätigen Stiftungen durch christliche, vom Hof protegierte +Bankhäuser erschütterten das noch vorhandene +Vertrauen in die Unantastbarkeit preußischen Beamtentums +und christlicher Tugenden. Und wer, wie ich, von +den Tiefen menschlichen Elends und menschlicher Verworfenheit +noch wenig wußte, dem riß der Prozeß Heintze +die letzten Schleier von den Augen. Diese gewaltsame +Enthüllung der Wahrheit, die selbst die, die nicht sehen +wollten, zum Sehen zwang, wirkte wie Wetterleuchten, +das großen Umwälzungen vorhergeht.</p> + +<p>Im Egidyschen Kreise, den ich jetzt um so seltener +fern blieb, als ich gerade hier die erfolgreichste Propaganda +für die Ideen der Ethischen Kultur glaubte machen +zu können, trat die durch die öffentlichen Ereignisse hervorgerufene +Erregung deutlich zutage. Egidy pflegte +kurze Vorträge zu halten, in denen Tagesfragen stets +berührt wurden; selten nur begegnete ihm ein Widerspruch, +fast immer konnte er der jubelnden Zustimmung +seiner Gäste sicher sein, wenn er in seiner halb kindlichen, +halb herrischen Weise alle Fragen spielend löste. »Wir +brauchen nur Christen zu sein, ganz und gar Christen, +und wir haben keine Rasse-, keine Geschlechts- und keine +sozialen Probleme mehr,« erklärte er, und mit unerschütterlichem +Optimismus hoffte er auf den Kaiser: +»Nach einem Führer unserer Bewegung, die das ganze +Volk ohne Ausnahme umfassen wird, braucht ein Land +nicht zu suchen, dem Fürsten<em class="spaced"> geboren</em> werden.« Ich +war fast die einzige, die nicht nur skeptisch blieb, sondern +alles daran setzte, die große Persönlichkeit dieses Mannes, +die mir wie geschaffen zu sein schien, Hunderttausende +<a name="Page_526" id="Page_526"></a>mit sich zu reißen, den Ideen der Ethischen Bewegung +zu gewinnen. Wir debattierten oft stundenlang und +setzten dann noch brieflich unsere Diskussionen fort.</p> + +<p>»Wir wollen beide dasselbe,« sagte er einmal, »und +auf diesen ernsten Willen kommt es an.«</p> + +<p>»Ist unser Wille der gleiche, und sind unsere Gedanken +dieselben, so haben Sie so wenig das Recht wie ich, +sich für neuen Wein alter Schläuche zu bedienen!« antwortete +ich.</p> + +<p>»Das Christentum — mein Christentum Jesu ist aber +nicht der alte Schlauch, den die Kirche gemacht hat, +mit der ich ganz und gar nichts zu tun habe,« beharrte er.</p> + +<p>»Ich will überhaupt nur, daß etwas wird,« schrieb +er bald darauf: »Wir wollen die Religion<em class="spaced"> leben</em>; setzen +Sie für das Wort: Religion — Ethik, so ist's mir +recht, aber für das Wort: leben sollen Sie mir kein +anderes setzen. — Wir müssen das Christentum ernst +nehmen; setzen Sie für Christentum — Ethik, so ist's +mir recht, das Ernstnehmen aber lasse ich mir nicht fortstreichen. +Wir haben lange genug entwickelt, — ich will +nun Entfaltung sehen. Wieder bloß reden, bloß predigen, +bloß erziehen, derweilen die Menschen weiter +hungern und die Welt aus Laune einzelner in Waffen +starrt, — nein! Mein Streben geht darauf hin, Zustände +zu schaffen, die<em class="spaced"> verwirklichen</em>, was Sie predigen. Der +Staat soll eine große ethische Gesellschaft sein, jede +Schule eine in Ihrem Sinne ethische, in meinem Sinne +religiöse Gemeinschaft erziehen. Glauben Sie mir: ich +marschiere ganz auf realem Boden. Daß auch Fräulein +von Kleve — traurig oder lächelnd? — den Kopf schüttelt, +tut mir furchtbar weh. Entmutigen aber darf es mich +<a name="Page_527" id="Page_527"></a>nicht. Sie waren ja vor mir auf dem Schlachtfelde, — ich +weiß das recht gut. Die Frage wird schließlich +einfach die sein: wer der Menschheit zumeist genützt +haben wird, — Ethische Gesellschaft oder Angewandtes +Christentum. Sie beantwortet sich allenfalls heute schon +daraus: womit begründet jemand seine Ansprüche an +die Gemeinsamkeit wirksamer: indem er auf Grund +ethischer Prinzipien — ›neuer Werte‹ — fordert, oder +indem er auf Grund des ›gerade von euch, ihr Herren‹ +gepredigten Christentums, im Namen des Jesus von +Nazareth verlangt? ...«</p> + +<p>»Auch ich will, daß etwas wird,« antwortete ich ihm, +»aber ich sehe nicht, daß wir, die wir jede gewaltsame +Durchsetzung neuer Zustände ablehnen, dieses Werden +anders fördern können, als durch ›reden‹, ›erziehen‹, +›predigen‹, das heißt durch Verbreitung neuer Ideen. Sie +tun doch auch nichts anderes! Und Sie werden mir +gewiß zugeben, daß Reden — ›bloß reden‹ (!) — eine +mutigere und an Folgen reichere Tat sein kann, als +Schlachten schlagen. Auf diese Folgen kommt es an, +sagen Sie, und wieder finden Sie mich auf Ihrer Seite. +Wenn ich aber wirklich zuweilen traurig — niemals +lächelnd! — den Kopf schüttele, so nur deshalb, weil +ich überzeugt bin, daß die Folgen der von Ihnen ins +Leben gerufenen Bewegung größere sein würden, wenn +Sie sich anderer Mittel bedienten. Die ursprüngliche +Lehre Jesu mag mit Ihren Ansichten übereinstimmen — das +zu entscheiden wäre Sache gelehrter theologischer +Forschung —, aber das, was heute die ganze Welt unter +Christentum versteht, ist etwas im Laufe der Jahrhunderte +historisch Gewordenes, das umzustoßen viel mehr<a name="Page_528" id="Page_528"></a> +Zeit, viel mehr Kraft erfordern würde, — falls es +überhaupt möglich ist! —, als neue Werte unter neuem +Namen in die Köpfe und Herzen zu pflanzen ...«</p> + +<p>Aber all unsere Auseinandersetzungen, in denen wir +im Grunde mit größerer Leidenschaft um einander, als um +Ideen kämpften, blieben fruchtlos. »Also — ich reite +allein!« schrieb mir Egidy in einem Augenblick, wo wir, +wie erschöpft vom Kampf, mit gesenktem Degen stumm +voneinander gegangen waren, »aber — den Glauben +dürfen, richtiger: können Sie mir nicht rauben, daß Sie +und ich im kleinsten Finger dasselbe meinen; ich habe +Sie erfaßt, nur Sie mich nicht! Warum? ich werde es +Ihnen einmal sagen, — nicht schreiben; ich habe ein +ganz klares Bewußtsein davon ...«</p> + +<p>Glyzcinski gegenüber gab ich meinem Unmut über das +Vergebliche meines Bemühens lebhaften Ausdruck. Er +selbst hatte ursprünglich auf Egidy, als einen unserer +künftigen Mitkämpfer, außerordentlichen Wert gelegt. +Allmählich grub sich eine kleine Falte zwischen seine +Brauen, wenn ich von ihm erzählte. »Sie sollten Ihre +Kräfte nicht länger an eine verlorene Sache verschwenden,« +meinte er dann. Aber ich konnte mich um so weniger +beruhigen, als mir ein Zusammenstoß zwischen den +beiden Bewegungen unvermeidlich schien, je mehr sie an +Bedeutung gewannen.</p> + +<p>Einer der Leiter der Ethischen Gesellschaften Amerikas +war auf Glyzcinskis Veranlagung nach Berlin gekommen, +seine Vorträge hatten große Aufmerksamkeit +erregt und im Kreise der Intellektuellen lebhafte +Debatten hervorgerufen. Ich sah, wie schmerzlich +Egidy und seine Anhänger das Auftreten des Ethikers +<a name="Page_529" id="Page_529"></a>empfanden. An den folgenden Dienstagabenden drängten +sich die Menschen mehr als sonst in den Salons der +Spenerstraße; die hektisch geröteten Wangen vieler Besucher +verrieten ihre krankhaft gesteigerte Aufregung; und +welcher Gruppe ich mich auch näherte: die Plaudernden +verstummten oder stoben scheu auseinander.</p> + +<p>»Man hat Sie als Spitzel der Ethischen Bewegung verdächtigt,« +sagte lachend Wilhelm von Polenz, ein treuer +Freund und ständiger Gast des Egidyschen Hauses, den +ich um Aufklärung bat. »Bande!« — stieß ich zwischen +den Zähnen hervor. »Sie haben mit Ihrer Bezeichnung, +fürcht' ich, mehr recht, als Sie ahnen,« — des jungen +Dichters Züge waren ernst, fast traurig geworden — »es +ist ein Jammer, daß unser Freund diese Umgebung +hat und duldet. Aber es muß anders werden!« fügte +er nach einer Pause hinzu. »Ich denke an solche, die +fähig und würdig sind, Träger seiner Ideen zu sein, +und die — vielleicht unbewußt — nach Vertiefung und +Bereicherung ihres Innenlebens lechzen: an unsere +jungen Künstler und Literaten.« Egidy begann zu +reden und unterbrach unser Gespräch. Meine Gedanken +waren aber noch dabei; Polenz hatte recht, ganz recht: +die Dichter der »Ehre«, der »Familie Selicke«, des »Vor +Sonnenaufgang« waren unsere geborenen Mitkämpfer. +Unsere?! — die der Ethischen Bewegung natürlich!</p> + +<p>»... Jetzt haben die Ethiker den Triumph, daß Orthodoxe +und Liberale ihnen Beifall rauschen,« hörte ich +Egidys klare, scharfe Kommandostimme, »weil sie erklären, +die allgemein menschliche Moral zu vertreten +und den religiösen Glauben des einzelnen nicht +tasten. Ich aber muß es über mich ergehen lassen, daß +<a name="Page_530" id="Page_530"></a>man sich schaudernd von mir wendet, weil ich dem +dogmatischen Christentum zu Leibe gehe. Ich sage Ihnen, +daß ich jedem Dogma zu Leibe gehe, — aber mit +offenem Visire, nicht so, daß man erst gar nichts Böses +hinter mir ahnt und ich mich dann erst als Erzketzer +entpuppe, sondern: erst Ketzer — dann ganzer und wahrer +und Nur-Mensch, — — so sind noch nicht viele in die +Schranken des öffentlichen Lebens eingeritten ...« Ein +langer Blick traf mich, und irgend etwas Unbestimmtes — wars +Ärger, wars Beschämung? — ließ mich erröten ... »Doch +im Namen wahrer Religion tue ich es. +Die Ethiker haben keinen Namen, der so alles in sich +schließt, wie Religion. Hat man den Namen bisher +mißbraucht, so soll man ihn jetzt zu Ehren bringen: +Religion nicht mehr neben unserem Leben, unser Leben +selbst Religion! Und diese Religion bezeichne ich mit +dem Worte Christentum. Mögen die Ethiker es doch +versuchen, mit einem anderen Wort etwas zu erreichen! +Aufs Erreichen kommt es an, nicht auf den Widerwillen, +den man gegen Begriffe und Worte hat, die achtzehnhundert +Jahre lang der Deckmantel schnödester Frevel waren. Jetzt +aber soll es anders werden. Wille wird! aber nicht, +indem man das Banner fortwirft, und es der Menge +überläßt, kopfscheu auseinander zu rennen, sondern indem +man es höher denn je erhebt und mutig ausruft: +Alle hierher! Eben entdecken wir erst, daß es noch nie +richtig entrollt war — in den Falten, die man unseren +Blicken entzog, steht ja ganz was anderes —, die ganze +Menschheit soll dies Banner stützen, und nicht die Kirche!«</p> + +<p>Es war sekundenlang still. Egidy hatte sich ein für +allemal jede Beifallsäußerung streng verboten. Die<a name="Page_531" id="Page_531"></a> +Zunächststehenden sahen mich erwartungsvoll an. Das +Herz klopfte mir bis zum Halse herauf — mir wurde +heiß und kalt —, ich fühlte, ich mußte sprechen. Es +dunkelte mir vor den Augen, die Angst schnürte mir +fast die Kehle zu, — wie sollt' ich die Worte finden, +wie reden, wenn all die vielen feindseligen Blicke mir +entgegenblitzten?! Und doch: durft' ich zum erstenmal, +wo die Gelegenheit sich bot, die große Sache zu verteidigen, — meine +Sache! —, durfte ich feige schweigen?!</p> + +<p>»Herr von Egidy stellte die Lage so dar, als ob es +hieße: Hie Christentum — hie Ethik,« begann ich, die +zitternden Hände krampfhaft auf die Stuhllehne vor mir +stützend, »während wir alle, deren gleiches Ziel die +Wohlfahrt der Menschheit ist, nicht die Verschiedenheiten +unserer Anschauungsweisen hervorsuchen, sondern die +Einheit unserer Aufgaben betonen sollten ...«</p> + +<p>»Die Zerstörung der Kirche ist unsere Aufgabe!« rief +eine krächzende Stimme dazwischen. Ich suchte einen +Augenblick verwirrt nach dem zerrissenen Faden meiner +Rede und fuhr dann fort. »Wir Vertreter der Ethischen +Bewegung legen auf das gemeinsame Handeln den +größten Wert und meinen, daß es weit richtiger ist, +gegen Hunger und Not zu kämpfen, als gegen die +Kirche ...«</p> + +<p>Eine lebhaft gestikulierende Dame, der das Haar in +stumpfblonden Strähnen über die Stirne hing, reckte die +dürren Hände plötzlich hoch empor und schrie gellend: »Sie +verleumdet Egidy, — duldet das nicht, duldet das nicht!« +Egidy machte eine kurze, beruhigende Bewegung und +stand dann wieder mit verschränkten Armen, die Blicke +starr auf mich gerichtet, unter dem Türrahmen. Ich +<a name="Page_532" id="Page_532"></a>weiß, daß ich in diesem Moment, wo die Aufregung um +mich stieg, wie um Hilfe flehend zu ihm hinübersah.</p> + +<p>»Wir sind der Überzeugung, daß das Gemeinsame der +Menschen —« fast mechanisch sprach ich jetzt und ausdruckslos — »nicht +die Religion, die im Gegenteil die Welt +in feindselige Lager teilt, wohl aber eine allgemeine +Moral sein kann, auf Grund deren wir handeln.« Mir +wurde, angesichts der größeren Ruhe um mich her, freier +ums Herz. »Das größte Glück der größten Anzahl — diese +sittliche Richtschnur kann von allen anerkannt werden, +ohne daß der Glaube des einzelnen verletzt zu werden +braucht.«</p> + +<p>»Dazu sind Sie ja viel zu feige!« — wie ein +gut gezielter Pfeilschoß flogen mir die Worte zu.</p> + +<p>Ich sah auf Egidy — noch rührte er sich nicht — das +Herz tat mir weh, und zugleich kam mir blitzartig die +Erkenntnis, daß er im Grunde in seiner Rede dasselbe +gemeint hatte. Ich zwang mich zur Ruhe und würdigte +den Zwischenrufer keiner Antwort. »Herr von Egidy +rühmte sich mit Recht, daß er mit offenem Visir kämpfe, — und +wir und meine Freunde sind die letzten, die +seinen Mut bezweifeln. Wir ehren jede Überzeugung, +indem wir sie nicht antasten und über ihre Schranken +hinweg den anderen die Hände reichen ...«</p> + +<p>Ein spöttisches Gelächter neben mir reizte meinen +kaum unterdrückten Zorn, und alle Selbstbeherrschung +verlierend, stürzten mir die Worte über die Lippen: +»Sie sind feige, die Sie mich hinterrücks angreifen, — nicht +ich! Viel rücksichtsloser als bei irgend +einem unter Ihnen ist meine Gegnerschaft zur +Kirche, zu den Dogmen, ja, zum Christentum selbst, +<a name="Page_533" id="Page_533"></a>dessen Inhalt, dessen Tendenz volks- und kulturfeindlich +ist.«</p> + +<p>»Alix!« — meiner Mutter Stimme war's, — in ein +fassungsloses Schluchzen brach sie aus. Meine harte +Mutter, die Empfindungen kaum zu kennen schien, sie +zum mindesten immer in eisernen Fesseln hielt, — meine +Mutter weinte! Wir führten sie hinaus, Egidy und ich. +Er sprach ihr beruhigend zu, und ihre Augen wurden +trocken, ihre Lippen bewegten sich zu mühsamem Lächeln. +An der Tür streckte er mir die Hand entgegen, — ich +übersah sie. Wir fuhren wortlos nach Haus. Erst +als ich vor meinem Schlafzimmer ein leises »Gute +Nacht« flüsterte, schien sie sich des Geschehenen wieder +zu erinnern.</p> + +<p>»Du — du wagst es, mir eine gute Nacht zu +wünschen?!« kam es stoßweise über ihre Lippen. »Hast +du mir nicht schon genug Kummer gemacht, und nun +muß ich noch das Fürchterliche erleben, daß du in aller +Öffentlichkeit unseren Herren und Heiland verleugnest?! ... +Dazu also hast du die Freiheit benutzt, die wir törichte, +mehr als rücksichtsvolle Eltern dir gewährten, hast dir +von dem Professor, der uns gegenüber die Maske des +duldsamen Ethikers trägt, den Kopf verdrehen lassen! +Ein schöner Dank für all unsere Liebe — — Aber das +schwör' ich dir zu: keinen Fuß setzt du mehr über die +Schwelle dieses Elenden!« Ich wollte heftig erwidern, +aber schon war sie fort und schob geräuschvoll den Riegel +vor ihre Türe.</p> + +<p>Noch in der Nacht schrieb ich zwei Briefe, den +einen an Egidy, worin ich mich bitter beklagte, daß +er mich in seinem eigenen Hause den Angriffen seiner<a name="Page_534" id="Page_534"></a> +Anhänger schutzlos preisgegeben habe, und daß ich dafür +nur eine Antwort hätte: ihm von nun an fern zu +bleiben, und einen anderen an meine Kusine Mathilde, +durch den ich sie bat, mich so rasch wie möglich zu +sich einzuladen, da ich Berlin auf einige Zeit verlassen +müsse. In aller Frühe steckte ich beide in den Kasten +und ging zu Glyzcinski. Als ich bei ihm eintrat, +in dies stille, vertraute Zimmer voll Licht und Frieden +und Vogelgezwitscher, überfiel mich ein Schwindel, — sekundenlang +lehnte ich mit fest auf das Herz gepreßten +Händen an der Türe. Er hatte sich krampfhaft aufgerichtet +und starrte mich an, die Augen angstvoll aufgerissen, +die Züge leichenfahl. Und dann hielt er meine +Hand in der seinen und ließ sie nicht los, so lange +ich erzählte.</p> + +<p>»Meine liebes, armes Schwesterchen!« sagte er immer +wieder. »Aber es mußte einmal so kommen, — Sie +werden sich mit dem Gedanken vertraut machen müssen, +daß schließlich ein Bruch zwischen Ihnen und den Ihren +unvermeidlich ist.« Ich ließ mutlos den Kopf sinken. +»Dann erst werden Sie leisten können, was Sie zu +leisten berufen sind.«</p> + +<p>Ich sprach von meiner Absicht, abzureisen. Es legte +sich wie ein Schleier über seine Augen, und ein fast unmerkliches +Zucken ging durch seinen Körper. »Aber ich +bleibe ohne Besinnen, wenn es Ihnen lieber ist,« fügte +ich rasch hinzu. Er lächelte gezwungen: »Mir scheint +es freilich fast unmöglich, Sie zu missen, — aber gehen +Sie — gehen Sie nur! Wie könnt' ich verlangen, daß +Sie mir ein Opfer bringen?!« ...</p> + +<p>Ein Opfer?! schoß es mir durch den Kopf, — ist +<a name="Page_535" id="Page_535"></a>nicht der Gedanke für mich selbst beinahe unerträglich, +ihn zu verlassen?! — —</p> + +<p>Noch am Nachmittag kam ein Brief von Egidy. »Der +Vorwurf, den Sie mir machen, bekümmert mich sehr,« hieß +es darin. »Ich habe nicht den Eindruck gehabt, daß mein +Schutz Ihnen nötig war. Ich fand, daß Sie sich selbst +an besten verteidigen konnten. Am tiefsten aber betrübt +es mir, daß Sie jetzt von einem Wegbleiben reden. +Der Gedanke, Sie missen zu müssen, ist mir schmerzlich. +Ich habe Herz und Kopf noch so voll für Sie, — ich +habe sie richtig lieb. Am schmerzlichsten aber ist der +Stachel, den Ihre Worte mir ins Herz gesenkt: daß +Ihnen dies Wegbleiben gar etwa so schwer nicht würde! +Ich meine: andernfalls dürften Ihnen Vorkommnisse +solcher Art einen solchen Gedanken nicht eingeben, vielmehr +müßten Sie eine Befriedigung im Überwinden derartiger +Dinge finden; dies um so mehr, als Sie meiner +ritterlichen Verteidigung wohl überzeugt sein dürfen, +sofern ich sehe, daß Sie derselben irgend benötigen. So +wenigstens denke ich von der Aufrechterhaltung eines +Bandes, das zu keinem anderen Zwecke besteht als zu +dem: den Menschen zu dienen; — — ganz abgesehen +von einem Gefühl wohltuender Freundschaft: ›oh reiß +den Faden nicht der Freundschaft kurz entzwei — wird +sie auch wieder fest — ein Knoten bleibt dabei —‹ +Wir werden uns aussprechen, — ich bin in wenigen +Stunden bei Ihnen ...«</p> + +<p>Und er kam. Ich wollte ihn nicht sehen, meine Mutter +empfing ihn; er blieb lange bei ihr, und als er gegangen +war, trat sie mir mit ganz verändertem Ausdruck entgegen. +»Egidy läßt dich grüßen,« sagte sie, »danke es +<a name="Page_536" id="Page_536"></a>diesem prachtvollen Menschen, daß ich dir noch einmal +verzeihe und deine Freiheit nicht antasten will.«</p> + +<p>Noch am Abend brachte der Diener Glyzcinskis mir ein +paar Zeilen von ihm: »Eben verläßt mich Egidy. Sein +Besuch war mir eine doppelte Freude: Ich erfuhr, daß er +Ihre Mutter beruhigen konnte, und lernte einen Mann +kennen, wie es — trotz all seiner Schrullen und Eigenheiten — wenige +geben mag. Nicht wahr, nun darf +ich auch hoffen, daß Sie bleiben werden und bei mir +wieder jeden Nachmittag Sonntag ist?!«</p> + +<p>Egidy selbst schrieb mir nur vier Worte: »Hab ichs +recht gemacht?!«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Ein politisches Ereignis von weittragender Bedeutung +sollte dem Einigen Christentum Egidys +und der Ethischen Bewegung, die bisher +beide einen verhältnismäßig kleinen Kreis Getreuer +umfaßten, gewaltigen Vorschub leisten: der Zedlitzsche +Volksschulgesetzentwurf. Wer die Wissenschaft vertrat, +oder einen auch nur gemäßigten Fortschritt, fühlte +sich in seinen Idealen persönlich verletzt und suchte +nach Gleichgesinnten, um den Mut zu gemeinsamen Protesten +zu finden, den er für sich allein nicht aufbrachte. +Die sich Christen nannten, strömten Egidy zu, die Juden +und die Freidenker zeigten ein täglich wachsendes Interesse +an der Ethischen Bewegung. Egidy selbst war zuerst +so gedrückt durch die Täuschung, die sein Vertrauen auf +den Kaiser gefunden hatte, — denn daß der Entwurf +dessen persönlichstes Werk war, daran zweifelte kaum +einer —, daß die neue Anhängerschaft ihn dafür nicht +<a name="Page_537" id="Page_537"></a>zu entschädigen vermochte. Vor der Menge zeigte er sich +stark und hoffnungsfroh; sprach ich ihn allein, so schien +mirs, als sänke dieser stramm aufgerichtete Soldat zum +erstenmal müde zusammen. Kam ich dagegen zu Glyzcinski, +so fand ich den Gelähmten in einer Stimmung, +die strahlend aus seinem Antlitz sprach und täglich zuversichtlicher +wurde. »Denen, die das Gute wollen, +müssen alle Dinge zum Besten dienen,« rief er mir zu, +kaum daß ich eintrat. »Sehen Sie hier: —« und er +schwenkte ein paar Briefbogen wie eine Fahne, »nichts +als Beitritts- und Zustimmungserklärungen. Mein alter +Traum geht wirklich in Erfüllung: wir werden in Deutschland +eine Ethische Gesellschaft haben!«</p> + +<p>Ich erzählte es Egidy, — seit jenem bösen Dienstagabend +war die Ethische Bewegung zwischen uns nicht mehr +erwähnt worden —, er schüttelte langsam den Kopf: +»Wenn es doch bei der bloßen Bewegung geblieben +wäre!« sagte er, »wie ganz anders flössen unsere Bestrebungen +nicht nur neben- sondern ineinander, wenn +Sie die Ihrigen nicht durch Satzungen zu einem künstlich +gemauerten Kanal formen würden. Gedanken verbreiten, — das +ist das einzig Not tuende! — Sie werden vor +lauter Statutenberatungen und Vorstandssitzungen für +diese Hauptsache gar keine Kraft und Zeit mehr übrig +haben. Ein Verein — nun ja, — das ist ja ganz nett, +aber — und nun glauben Sie mir einmal! — über +kurz oder lang arten sie alle in Sport aus. Der Starke +ist am mächtigsten allein!«</p> + +<p>»Das sagen Sie!« antwortete ich, ein wenig ärgerlich, +»und doch tun Sie nichts anderes als Anhänger werben, +die sich zwar nicht auf Statuten, wohl aber auf Ihren<a name="Page_538" id="Page_538"></a> +Namen verpflichten müssen. Sogar an Bebel hat sich +Ihr Freund, der asketische Kandidat der Theologie, +neulich gewandt — —«</p> + +<p>»Gewiß — und mit meiner Zustimmung,« unterbrach +mich Egidy, »das Christentum schließt, wie alles andere +Entwicklungsfähige, so auch den Sozialismus in seinen +lebensfähigen und würdigen Forderungen in sich. Und +einem Führer, wie Bebel, hätte ich eine richtigere Einsicht +zugetraut. Wollen Sie seine Antwort lesen?«</p> + +<p>Ich bejahte lebhaft und las den Brief nicht nur, +sondern schrieb ihn auch ab, um ihn Glyzcinski zeigen +zu können. Es hieß darin: » ... Das Bürgertum sieht +die Religion heute als eins der wirksamsten Kampfmittel +gegen die Sozialdemokratie an. Daher die Macht, +die seit zwölf bis fünfzehn Jahren das Pfaffentum erlangte, +und die Erscheinungen, die Herrn von Egidy zu seinem +Kampfe gegen die herrschende Strömung aufreizten. Die +Bürgerklasse, obwohl meist freigeistig, wird sich daher in +ihrer Masse den Bestrebungen des Herrn von Egidy fernhalten, +andererseits kann sich auch die Sozialdemokratie +nicht für diesen Kampf begeistern, weil seine Ziele ihrer +Natur nach nur eine Halbheit sein können und an dem +sozialen und politischen Zustande, der hauptsächlich auf +den Massen lastet, und dessen Beseitigung ihre Hauptaufgabe +ist, nichts ändert. Sich für die Bestrebungen +des Herrn von Egidy unsererseits zu engagieren, hieße +unsere Kräfte zersplittern, aber auch zugleich seine Bestrebungen +als sozialdemokratische stigmatisteren und ihm +die Mehrzahl seiner Anhänger vertreiben ... Voller +Sympathie also für die Sache an sich, insofern uns +jeder Kampf gegen bestehende Übel willkommen ist und +<a name="Page_539" id="Page_539"></a>den bestehenden Bau erschüttern hilft, können wir doch +nicht gemeinsam wirken, weil unser Ziel weit über das +von Herrn von Egidy gesteckte hinausführt ... Da also +der Berg nicht zu Mohammed kommen kann, muß +Mohammed eben zum Berge kommen! ...«</p> + +<p>Hier war kein Satz, dem ich hätte widersprechen können: +gewiß, seine Partei konnte sicher und ruhig ihren Zielen +entgegen gehen; sie bedurfte unser nicht. Aber eines, +so schien mir, vergaß Bebel: daß es neben dem Proletariat +Millionen Menschen gibt, die nicht nur der endlichen +Erlösung ebenso würdig und bedürftig sind, die +sich vielmehr auch im Augenblick, wo die Arbeiterklasse +schon die Fahne des Sieges aufzupflanzen imstande wäre, +ihr wie eine Barriere in den Weg stellen würden. Mich +und meinen Glauben an unsere Sache entmutigte weder +Egidy noch Bebel. Und der Professor — dessen war ich +gewiß — würde nicht anders denken als ich.</p> + +<p>Mit Bebels Brief in der Hand, überschritt ich wieder +einmal den engen Hof, die dunkle Treppe, den lichtlosen +Flur, und stand schon vor seiner Türe, als eine Stimme +von innen meinen Fuß stocken ließ. Sie klang tief und +warm und hatte jenen österreichischen Akzent, der uns +Norddeutsche, wie alles, was vom Süden kommt, so seltsam +anheimelt.</p> + +<p>»Alle Ströme fließen in unser Meer ...« sagte sie.</p> + +<p>»Ich bin ganz Ihrer Meinung und wünschte, daß +Ihre Partei uns ebenso einschätzt: als einen Nebenfluß, +der ihr reiche Schätze zuzutragen vermag,« antwortete +der Professor. Noch ein Stühlerücken, ein +paar Höflichkeitsphrasen, ein fester Tritt, — ich öffnete +rasch die Türe, um nicht als Horcherin ertappt zu +<a name="Page_540" id="Page_540"></a>werden. Ein großer, blonder Mann stand mir gegenüber, +wir sahen einander einen Augenblick lang ins Gesicht, +und mit einer stummen Verbeugung ging er an mir +vorbei zum Zimmer hinaus.</p> + +<p>»Wer war das?« frug ich erstaunt und strich mir +mechanisch mit der Hand über die Stirne, — ich mußte +diesen Menschen schon irgendwo gesehen haben.</p> + +<p>»<em class="antiqua">Dr.</em> Brandt, — der bekannte sozialdemokratische +Schriftsteller,« sagte Glyzcinski, er strahlte noch vor +Freude über den Besuch. »Was meinen Sie, sollen +seine Worte der geheime Wahlspruch werden, den wir +Beide an die Spitze unserer Satzungen stellen?«</p> + +<p>»Alle Ströme fließen in unser Meer,« wiederholte ich +und drückte fest die Hand, die er mir entgegenstreckte — »hier +haben Sie mich zum Bundesgenossen!«</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_541" id="Page_541"></a></p> +<h2><a name="Achtzehntes_Kapitel" id="Achtzehntes_Kapitel"></a>Achtzehntes Kapitel</h2> + + +<p style="text-align: right"> +Kranz, 15. 6. 92 +</p> + +<p>Verehrter Herr Professor!</p> + +<p>Wir sind wohlbehalten hier angekommen und ich +benutze den herrlichen Morgen, um Ihnen +gleich die erste Nachricht zu geben. Seit +gestern Abend, wo Onkel Walter, kaum daß ich den Reisestaub +abgeschüttelt hatte, mich bereits ganz gegen seine +Gewohnheit in ein politisches Gespräch verwickelte, zweifle +ich nicht mehr daran, daß nicht meiner Schwester Bleichsucht, +sondern mein ›gefährlicher‹ Geisteszustand die Eltern +veranlaßte, uns Beide so unerwartet rasch auf Reisen +zu schicken. Der Onkel erzählte mir, daß die Regierung, +d. h. heute kaum etwas anderes als S. M., Egidy, +diesem ›kompletten Narren‹, nur aus Rücksicht auf seine +Familienbeziehungen noch ›keinen Maulkorb‹ vorgebunden +habe, man werde dafür bei Zeiten seinen Parteigängern +an den Kragen gehen, die im Polizeipräsidium als +Anarchisten wohl bekannt seien. ›Aber Dein Professor +ist viel gefährlicher‹, fügte er dann hinzu, ›und er wäre +längst beseitigt worden, wenn er nicht ein kranker Mann +wäre.‹ Da mir die schlechte Gewohnheit des Schweigens +inzwischen glücklich abhanden gekommen ist, gab es eine +<a name="Page_542" id="Page_542"></a>erregte Aussprache. ›Das kommt davon, wenn Frauen +sich in Dinge mischen, die sie nichts angehen,‹ sagte +der Onkel, als ich Ihre Stellung zum seligen Volksschulgesetzentwurf +und zur Arbeitslosenbewegung verteidigt +und als die meinige bezeichnet hatte. Wir seien +nichts anderes als Helfershelfer der Sozialdemokratie, +erklärte er mit der Hellsichtigkeit des Hasses. Und nun +war es mir nicht nur höchst interessant, ihn seinen +eigenen Standpunkt auseinandersetzen zu hören, sondern — lachen +Sie mich bitte nicht aus! — zum erstenmal, +seit ich ihn kenne, fing ich an, ihn ernst zu nehmen und +zu begreifen. Wer, auch ohne den Dogmenglauben zu +besitzen, gesättigt von dem ganzen Pessimismus des +Christentums, alle Menschen für Sünder und die Welt +für ein Jammertal, bestenfalls für eine fegefeuerähnliche +Durchgangsstation hält, daneben aber sich der ungeheuern +Vorteile alter Kultur und angestammter Herrenrechte +voll bewußt ist, der kann den Sozialismus und alle seine +Begleiterscheinungen nur für das Ende aller Dinge +halten, gegen das er sich naturgemäß wehren muß. Offen +gestanden, sind mir solch ehrliche Junker hundertmal +lieber als die Richter und Konsorten, die wir ja eben +zur Genüge kennen gelernt haben. Übrigens nahm ich +die Gelegenheit wahr, um Onkel auf seinen Monarchismus +hin festzunageln, ›der mir angesichts der Haltung +seiner Partei gegenüber den Handelsverträgen einigermaßen +fadenscheinig vorkäme.‹ — ›Unser Monarchismus +besteht nicht in hündischer Treue gegenüber dem einzelnen +Monarchen,‹ antwortete er ›sondern in der Hochhaltung +und Verteidigung alles dessen, was die Monarchie stützt +und kräftigt, — auch gegen den Monarchen, wenn es +<a name="Page_543" id="Page_543"></a>sein muß!‹ Mich würde diese geistreiche Definition in +seinem Munde verblüfft haben, wenn mir nicht rechtzeitig +eingefallen wäre, daß in letzter Zeit seine ganze +geistige Nahrung in den Apostata-Artikeln der ›Gegenwart‹ +bestanden hat.</p> + +<p>Hoffentlich höre ich bald von Ihnen, von Ihrem persönlichen +Ergehen, von der Entwicklung der Beratungen. +Soll ich Ihnen gestehen, daß ich ohne Bedenken auf die +Teilnahme an ihnen verzichtet hätte, wenn meine Eltern +mir dafür erlaubt haben würden jeden Nachmittag bei +Ihnen allein meine Tasse Kaffee zu trinken?!</p> + +<p>Mit herzlichen Grüßen</p> + +<p> +<span style="margin-left: 11.5em;">Ihre dankbar ergebene</span><br /> +<span style="margin-left: 14.5em;">Alix von Kleve.«</span><br /> +</p> + + +<p style="text-align: right"> +»Berlin, 18. 6. 92 +</p> + +<p>Gnädigstes Fräulein!</p> + +<p>So rasch eine Nachricht von Ihnen zu bekommen, +war eine aufrichtige Freude, und Ihre Schilderung Ihres +Gesprächs mit Ihrem Herrn Onkel interessierte mich +natürlich lebhaft. Daß man die Ethische Bewegung +›oben‹ nicht ohne Besorgnis betrachtet, weiß ich. Geheimrat +Althoff ließ sich dieser Tage von mir alles auf +sie bezügliche Material kommen, und in der Universität, +wo der Gestrenge mich, wenn wir uns begegneten, +höchst liebenswürdig zu begrüßen pflegte, ging er heute +stirnrunzelnd an mir vorüber.</p> + +<p>Ihr Urteil über die Junker teile ich nicht. Nur der +krasseste Egoismus ist es, der sie, die Jahrhunderte lang +alle Vorzüge des Besitzes und der Kultur genossen haben, +den Forderungen der neuen Zeit verschließt. Mit vollem<a name="Page_544" id="Page_544"></a> +Recht kann von ihnen verlangt werden, daß sie auf +dem Wege wissenschaftlicher — das heißt in diesem Fall +ethischer und sozialer — Einsicht zu denselben Überzeugungen +kommen, die sich die Armen und Entrechteten +nur durch die Erkenntnis ihrer ökonomischen Lage zu +erwerben vermögen. Adel verpflichtet! Und sind wir +nicht auch ›Junker‹?!</p> + +<p>Die letzte Sitzung unserer Kommission verlief ziemlich +stürmisch, und mir kamen wieder arge Bedenken über +deren Zusammensetzung. Die einen forderten in erregtester +Weise, daß die Religion innerhalb der Ethischen +Gesellschaft überhaupt nicht berührt werden dürfte, +die anderen, Professor Seefried an der Spitze, erklärten +das Hineinziehen der sozialen Frage für +außerordentlich bedenklich, worauf ich mich zu der Erklärung +gezwungen sah, daß eine Ethische Gesellschaft, +die ihr aus dem Wege ginge, nicht wert sei, zu +existieren. Die milde, versöhnliche Art unseres Vorsitzenden +goß Öl auf die Wogen unserer Erregung, aber +was er zu berichten hatte, wirkte wieder wie ein Sturm. +Eine hiesige Zeitung wollte aus ›bester Quelle‹ erfahren +haben, die Haupttendenz unserer Gesellschaft sei eine +antisozialistische; im Anschluß daran hielt Geheimrat +Frommann eine höchst charakteristische kleine Rede, +deren Hauptpunkte ich Ihnen nicht vorenthalten will. +›Ich kann nur insoweit mit der Sozialdemokratie mitgehen, +als ich die Verstaatlichung des Grund und Bodens +für notwendig und durchführbar halte,‹ sagte er, wobei +ich ihn mit dem Zitat ›du wirst dich weiter noch entschließen +müssen,‹ unterbrach. Die ›irdische Zukunftspoesie‹ +der Sozialdemokratie erklärte er für utopischer +<a name="Page_545" id="Page_545"></a>als den Himmel der Frommen, und den Glauben an +die Verwirklichung solcher Träume für eine gefährliche +Ablenkung von ernster Arbeit. Ich ließ es bei meiner +Erwiderung natürlich wieder an dem nötigen ethischen Maß +fehlen. Was ich sagte, war etwa dies: daß ich das Emporkommen +der Arbeiterklasse und einen sozialistischen Staat +im Gegensatz zu dem so vielfach herrschenden anarchischen +Individualismus für das erstrebenswerteste Ziel ansähe, +das sich auch ohne Zweifel verwirklichen werde, — in +vernünftiger Weise, wenn die leitenden Kreise vernünftig, +in unvernünftiger, wenn sie einsichtslos bleiben; und +ich habe hinzugefügt, daß ich mich sofort von einer Bewegung +lossagen würde, welche dem Sozialismus direkt +oder indirekt entgegenwirken wolle. Damit war der Anstoß +zu einer erregten Sozialistendebatte gegeben, und Helma +Kurz, deren Wirken in der Frauenbewegung sie mir so +ungemein sympatisch machte, enttäuschte mich bitter, indem +sie all ihre Waffen gegen die Sozis aus Eugen Richters +Rüstkammer holte: ›Auflösung der Familie‹, — als ob +es nicht der Kapitalismus wäre, der Väter, Mütter und +Kinder in die Fabriken hetzt! — ›Weibergemeinschaft‹, — als +ob nicht die heutige Gesellschaftsordnung die +armen Frauen zur käuflichen Waare machte!</p> + +<p>Da ich mich etwas beschämt als den eigentlichen Ruhestörer +empfand, bin ich nachher still gewesen, und das +endliche praktische Resultat unserer Sitzung waren der +beifolgende Aufruf und Statutenentwurf. Sie werden +selbst empfinden, wie wenig mir deren Farblosigkeit gefallen +kann. Daß unsere Aufgabe sein soll, ›der Feindseligkeit +und dem Unmaß in der Menschenwelt Schranken +zu ziehen und eine entsprechende Gestaltung der Er<a name="Page_546" id="Page_546"></a>ziehung +und der Lebensführung zu fördern‹, heißt, fürchte +ich, Egidys Versöhnung noch übertrumpfen, und daß aus +dem § 2 der Statuten die Worte ›Besitzlose‹ und ›Schutz vor +Ausbeutung‹ gestrichen wurden, gab mir ordentlich einen +Stich ins Herz. Für die Zukunft brauche ich dringend +Ihre Unterstützung, wenn anders unsere Idee sich nicht +allmählich in ihr Gegenteil verwandeln soll. Ich habe +Sie darum als Kommissions-Mitglied vorgeschlagen und +bin beauftragt, Sie um Annahme der erfolgten Wahl +zu bitten. Ich hoffe bestimmt, daß Sie sich nicht auch +jetzt noch durch falsche Bescheidenheit und ebenso falsche +Rücksicht auf Ihre Eltern abhalten lassen, in den Dienst +unserer Sache zu treten.</p> + +<p>Übrigens hatte ich gestern die Ehre des Besuchs Ihrer +Frau Mutter. Sie suchte mich zu bestimmen, meinen +›großen Einfluß‹ auf Sie geltend zu machen, um Sie +wieder in den Schoß Weimars und unter den Schutz +des weißen Falken zurückzuführen. Ich lehnte entschieden +ab und betonte, daß Sie zu Größerem berufen seien, und +daß es Pflicht der Eltern wäre, Ihnen vollkommen freie +Bahn zu lassen. Daraufhin empfahl sich Ihre Exzellenz +recht kühl und, wie es schien, verletzt.</p> + +<p>Auch Egidy war vor ein paar Tagen bei mir. Ich +fürchte, daß er mehr und mehr alle Distanz zu sich selbst +und der Welt verliert. So sieht er uns — ernstlich! — als +ein Konkurrenzunternehmen an und vermag +in seiner ungeheuern Selbstüberschätzung nicht einzusehen, +daß er doch nur, wie wir, einer der vielen Arbeiter +ist, die von den Ruinen der Vergangenheit Stein um +Stein abtragen, um dem Bau der Zukunft Platz zu +machen.</p> + +<p><a name="Page_547" id="Page_547"></a>Ich habe meine einsamen Zoo-Fahrten wieder aufgekommen. +Auch zu Pfingsten war ich dort und ließ die +Menschen an mir vorüberfluten. Diese Physiognomien +könnten selbst mich beinahe glauben machen, daß wir +vom Zukunftsstaat noch grenzenlos weit entfernt sind! — Alle +alten Bekannten fanden sich um den Stammtisch +ein, — wie schrecklich gleichgültig und langweilig +sie mir doch inzwischen geworden sind! Wie gern ich +auf sie und den ganzen Zoo verzichtete, wenn Sie auch +nur einen einzigen Nachmittag wieder neben mir säßen!</p> + +<p>Sie herzlichst grüßend, verbleibe ich</p> + +<p> +<span style="margin-left: 10em;">Ihr treuergebenster</span><br /> +<span style="margin-left: 13.5em;">Georg von Glyzcinski.</span><br /> +</p> + +<p>Allerlei Lektüre, auch der ›Vorwärts‹, folgt anbei!«</p> + + +<p style="text-align: right"> +»Kranz, 29. 6. 92 +</p> + +<p>Verehrter Herr Professor!</p> + +<p>Haben Sie vielen Dank für Ihren Brief, den ich erst +heute beantworte, weil wir inzwischen von einem sogenannten +Vergnügen zum anderen hetzten und Ilschen +den Rest meiner Zeit mit ihrer Kur in Anspruch nahm. +Die Gesellschaft, in der ich mich ständig befunden habe +und die doch eigentlich die meine ist, wird mir bis zur +Verständnislosigkeit fremd. Ihre Atmosphäre legt sich +mir beklemmend aufs Herz, wie die eines überfüllten +Saales; und wenn ich versuche ein Fenster zu öffnen, so +schreit alles, aus Angst vor Erkältung.</p> + +<p>Nach Ihrem letzten Bericht über die Kommissionsverhandlungen +und nach dem Empfang des Programms +und der Statuten ist das glühende Feuer meiner Hoffnung +freilich durch einen recht abkühlenden Wasserstrahl +<a name="Page_548" id="Page_548"></a>getroffen worden. Ich finde — verzeihen Sie mir meine +Ehrlichkeit! —, daß beide stark nach Phrase schmecken. +Der Ausdruck ›Unmaß in der Menschenwelt‹ stört mich +besonders. Zu sehr Maß halten, zu ängstlich darauf +sehen, es mit keinem zu verderben, mag an sich ethisch +sein, kann aber zu sehr unethischen Konsequenzen führen. +Und zu der Stellung von Professor Seefried und Helma +Kurz kann ich nur sagen: wer nicht für uns ist, der ist +wider uns.</p> + +<p>Nach alledem ist es für mich selbstverständlich, daß +ich die Wahl in die Kommission annehmen muß. Wenn +ich nur nicht auch zu einer Enttäuschung für Sie werde! +Es muß wohl doch nicht allein ein Ergebnis meiner Erziehung, +sondern ein Teil meines Wesens sein, daß es +mir so schrecklich schwer wird, vor Fremden meine +innersten Gedanken zu entwickeln, — als ob ich mich +vor allem Volk nackt zeigen müßte! Da ich aber einsehe, +daß die geistige Nacktheit das große Opfer ist, das +die Menschheit von denen verlangt, die sich in ihre +Dienste stellen, so will ich versuchen, mich dazu zu +erziehen.</p> + +<p>Bei den Ausflügen, die wir in die Umgegend gemacht +haben, bin ich durch das, was ich sah, in meinem Vorsatz +bestärkt worden: wie viel Jammer und Elend auf +dem Hintergrund des blauen Himmelsgewölbes und des +unendlichen brandenden Meeres! Fast möchte man, +wie die Menschen bisher, verzweifelt darüber die Hände +untätig in den Schoß legen, oder, wie die Anarchisten, +Vernichtung predigen, weil anders eine Rettung nicht +möglich erscheint. Je mehr ich offenen Auges um mich +sehe, desto mehr entwickelt sich bei mir ein Zug zum<a name="Page_549" id="Page_549"></a> +Fanatismus, und ich muß mir immerfort das Gebot der +Toleranz und die Pflicht, leidenschaftslos zu urteilen, +vorhalten. Von dem Augenblick an, daß man sich klar +wird, — es mag vielleicht paradox klingen, aber die +meisten werden sich wirklich niemals klar darüber! —, +daß jenes in Schmutz, Hunger und Stumpfheit aufgewachsene +Fischerkind auch ein Mensch ist, genau wie +man selber, kein fremdartiges Geschöpf, — von dem +Augenblick an beginnt man überhaupt erst zu sehen. +Und wenn mir jetzt vorgehalten wird: die Leute empfinden +ihr Elend nicht, — so kann ich mich nicht mehr +dabei beruhigen. Ich fühle vielmehr, — und fühls mit +allen Schmerzen peinigenden Selbstvorwurfs, — daß +gerade dies, was ein Trost sein soll, das größte Unglück +ist und jeder einzelne von uns die Verantwortung +dafür trägt.</p> + +<p>Das Erwecken der Menschen zu dem Bewußtsein ihres +Elends ist sicher der erste Schritt zu ihrer Erhebung, +und wenn ich jetzt den ›Vorwärts‹, dank Ihrer Güte, +regelmäßig lese, so scheint mir das Hauptverdienst der +Sozialdemokratie darin zu bestehen, daß sie überall die +Sturmglocke läutet. Womit ich mich aber nicht befreunden +kann, — das ist die unterschiedslose Verdammung +aller Bestrebungen, die nicht von vornherein rot abgestempelt +sind. Warum entdeckt der Vorwärts nicht, wie +<em class="antiqua">Dr.</em> Brandt, die ›Ströme, die in sein Meer fließen'? So +ist sein Angriff auf die Ethische Bewegung ebenso töricht +wie ungerecht. Er müßte uns wahrhaftig von Bildungsanstalten +Richterscher und Stöckerscher Art unterscheiden +können! Und warum Haß und hämischen Neid gegen +die einzelnen Mitglieder anderer Klassen groß ziehen, — der +<a name="Page_550" id="Page_550"></a>nichts zur Folge hat, als lähmende Bitterkeit —, +statt nur den Haß gegen die Zustände, der Mut und +Kampflust auslöst? Gerade der Sozialismus lehrt doch, +daß die Menschen Ergebnisse der sozialen und wirtschaftlichen +Verhältnisse sind; man setzt sich also in Widerspruch +zu den eigenen Grundprinzipien, wenn man den +Haß gegen Personen verbreitet, die doch so werden +mußten, wie sie wurden.</p> + +<p>Damit komme ich noch mit einem Wort auf unseren +alten Streitpunkt, die Junker betreffend, zurück. Sie +erinnern mich daran und werden es vielleicht jetzt wieder +tun, daß wir beide doch auch Junker wären und uns +trotzdem, lediglich auf Grund unserer ethischen Einsicht, +zum Sozialismus bekennen. Nun denn — lachen Sie +mich nur ruhig aus, ich höre Sie so gerne lachen! —, +ich bestreite Ihre Behauptung! Sind wir nicht von +Jugend an Abhängige gewesen, — wir und unsere Eltern, — von +unserem Brotgeber, dem Staat? Hätten meine +Eltern sich frei bewegen können, ohne sich den Kopf an +der Mauer einzurennen, die der Staat um sie gezogen +hat? Können Sie es? Und diese Abhängigkeit — macht +sie nicht den Proletarier? Ich aber, die ich ein +Weib bin, gehöre von Rechts wegen noch tausendmal +mehr als Sie zu der großen, dunkeln, darbenden Masse +der Enterbten!</p> + +<p>Mich hat diese Erkenntnis mit neuer Freudigkeit +erfüllt und mit neuer Hoffnung; gilt doch dann dasselbe +für unseresgleichen wie für das arme Fischerkind: es +bedarf nur der Erweckung, und Tausende neuer Kämpfer +gesellen sich brüderlich zu denen, die vorangingen! Wie +viele gibt es, deren ganzes Wesen nach Befreiung und<a name="Page_551" id="Page_551"></a> +Betätigung verlangt, deren geistige Kräfte, ihnen selbst +vielleicht oft kaum bewußt, schon im Dienst der großen +Menschheitssache stehen, — denken Sie nur an all unsere +jungen Künstler und Schriftsteller!</p> + +<p>Wenn der Kaiser jetzt gegen die moderne Kunst redet, +Burgen mit Schießscharten baut und Wildenbruch und +Lauff zu Hofpoeten macht, so spricht das nicht nur für +seinen Scharfsinn, der die Revolution wittert, wo andere +nur die blaue Blume neuer Dichtung sehen, sondern er +zeigt sich abermals als unser bester Agitator, der nun +auch die geistigen Arbeiter in die Schranken ruft. Wir +sollten jetzt zur Stelle sein und das Eisen ihrer Entrüstung +schmieden, solange es warm ist.</p> + +<p>Vielleicht, daß ich demnächst nach dieser Richtung einen +ersten Versuch machen kann. Eine alte Freundin von +mir, einstiges Mitglied des Schweriner Hoftheaters, die +mit einem Königsberger Professor verheiratet ist, lud +mich ein. Zuerst zögerte ich, hinzugehen: sie konnte, +solange sie Schauspielerin war, das gutbürgerliche Milieu, +aus dem sie stammte, nicht vergessen; und nun, da sie +dorthin zurückkehrte, klebt ihrem Wesen die Erinnerung +an die Bühne an. Aber die Aussicht, Sindermann, +einen jungen Schriftsteller, bei ihr kennen zu lernen, +war entscheidend, und ich warte nur noch auf die Bestimmung +des Tages, um hinzufahren. Ein Mann, +der durch seine Werke der bürgerlichen Welt das +Verdammungsurteil ins Gesicht schleudern konnte, gehört +von vornherein zu uns und müßte der Bannerträger +des Emanzipationskampfs der geistigen Arbeiter +werden.</p> + +<p>Verzeihen Sie den langen Brief. Ich habe hier +<a name="Page_552" id="Page_552"></a>niemanden, mit dem ich mich auszusprechen vermöchte, +und Sie haben mich so sehr verwöhnt!</p> + +<p>Meine Eltern sind seit gestern hier; vergebens bat ich +sie, nach Berlin zurückkehren zu dürfen. Allein in unserer +Wohnung zu sein, halten sie für unpassend, und zu +Egidys zu gehen, die mich in freundlichster Weise einluden, +ist ihnen auch bedenklich! Bin ich notwendig, so +komme ich ohne ihre Erlaubnis.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 11.5em;">Mit herzlichsten Grüßen</span><br /> +<span style="margin-left: 14.5em;">Ihre dankbar ergebene</span><br /> +<span style="margin-left: 20.5em;">Alix von Kleve.«</span><br /> +</p> + + +<p style="text-align: right"> +»Berlin, den 1. Juli 1892 +</p> + +<p>Mein liebes gnädiges Fräulein!</p> + +<p>Wundern Sie sich nicht über meine rasche Antwort: +jeden Tag häuft sich so viel an, was ich Ihnen sagen +möchte, und Ihr Brief weckt überdies solch eine Menge +Empfindungen und Gedanken, daß ich nicht anders kann, +als schreiben, sobald ich Ihre Schrift vor mir sehe. +Entschuldigen Sie nur meine häßlichen zitternden Krakelfüße, — ich +bin nicht ganz auf dem Posten und muß +ausgestreckt liegen.</p> + +<p>Für die Annahme Ihrer Wahl danke ich Ihnen ganz +persönlich: Sie werden unserer Sache von größtem +Nutzen sein und — was mich besonders befriedigt! — das +weibliche Geschlecht allein zu vertreten haben. Helma +Kurz und Frau Schaper haben — infolge ›starker Arbeitslast‹! — ihre +Ämter niedergelegt. Ich habe nun die Wahl +von zwei Sozialdemokraten vorgeschlagen, so daß wir uns +möglicherweise sehr verbessern werden. Sie werden dann +auch Gelegenheit haben, sich mit diesen über Ihre Er<a name="Page_553" id="Page_553"></a>weiterung +des Begriffs Proletarier auseinandersetzen, +der, wie ich glaube, durchaus im Rahmen marxistischer +Entwicklungslehre liegt: der Arbeiter, der ›mit dem +Hirne pflügt‹ wird als Gleichberechtigter und Gleichentrechteter +neben den Handarbeiter gestellt.</p> + +<p>Mit Ihrer Kritik des Vorwärts freilich würden Sie +sich weniger in Übereinstimmung mit den ›Genossen‹ +befinden, — auch mit Ihrem getreuen ›Genossen‹ Glyzcinski +nicht! Ich kann seine Haltung uns gegenüber nicht +verurteilen: ohne Zweifel werden in der Ethischen Gesellschaft +alsbald viele sein, welche von dessen Urteil +getroffen werden und nichts als ›Harmonieduselei‹ +treiben wollen. Wer aber bürgt dafür, daß sie nicht +schließlich herrschen und ›gefährliche‹ Elemente +hinausdrängen?!</p> + +<p>Suchen Sie Sindermann für uns zu gewinnen. Mein +Vetter Paul, den Sie einmal bei mir sahen, und der +dem Friedrichshagener Kreis angehört, hält zwar +nichts von ihm und meint, Eitelkeit und Ehrgeiz +würden ihn eher immer weiter von uns entfernen, als +ihn uns näher bringen. Er rühmte mir dagegen den +jungen Dichter des Dramas ›Vor Sonnenaufgang‹, den +er für den ›Kommenden‹ hält; aber bei der Manier +dieser Art junger Leute, aus jedem bunten Kälbchen +einen Götzen zu machen, vor dem sie anbetend auf +dem Bauche liegen, bin ich vorläufig noch sehr +skeptisch.</p> + +<p>Unsere Kommissionssitzungen sind einstweilen eingestellt +worden. Alles denkt ans Reisen, und es wird im Zoo +immer stiller. Wie schön und ungestört ließe sichs jetzt +dort plaudern! Nicht wahr, Sie gönnen mir die Vor<a name="Page_554" id="Page_554"></a>freude +und teilen mir zeitlich mit, wann ich Sie +erwarten darf?</p> + +<p>Mit herzlichsten Grüßen</p> + +<p> +<span style="margin-left: 13em;">Ihr treuergebener</span><br /> +<span style="margin-left: 16.5em;">Georg von Glyzcinski.«</span><br /> +</p> + +<p>Ich vermochte den Brief kaum zu Ende zu lesen, +nichts als leere Worte tanzten mir vor den Augen; denn +nur ein Satz hatte sich mir schreckhaft eingeprägt: »ich +bin nicht auf dem Posten — muß ausgestreckt liegen.« +Und ich sah ihn deutlich vor mir, den kranken Mann +mit dem Apostelkopf und dem wesenlosen Körper, wie +er allein, von einem ungeschickten Diener kaum bedient, +geschweige denn gepflegt, in seinem stillen Zimmer lag, +die weißen schmalen Hände auf der schwarzen Pelzdecke, +die Kinderaugen sehnsüchtig ins Weite gerichtet. Mein +Herz klopfte zum Zerspringen, und ich wußte auf einmal, +wohin ich gehörte.</p> + +<p>Mechanisch faltete ich einen zweiten Brief auseinander: +von Lisbeth; — noch heute sollte ich zu ihr kommen, +Sindermann habe sich zum Abend angesagt, schrieb sie. +Ich ging in mein Zimmer, raffte das Notwendigste eilig +zusammen und hinterließ meiner Mutter, die mit allen +anderen auf ein Nachbargut gefahren war, zwei Zeilen: +»Frau Professor Landmann lädt mich soeben ein, noch +heute nach Königsberg zu kommen. Da ich Eurer Erlaubnis +sicher zu sein glaube, fahre ich mit dem nächsten +Zug.«</p> + +<p>Unterwegs erst wurde ich Herr einer Erregung, die +mich den fernen Freund schon mit geschlossenen Augen +und erblaßten Lippen auf dem Totenbette sehen ließ. +Ich hatte beschlossen, den Nachtzug nach Berlin zu be<a name="Page_555" id="Page_555"></a>nutzen, — aber +konnte — durfte ich den Kranken durch +meine überraschende Ankunft erschrecken? Sah das nicht +doch vielleicht nach einem unwürdigen Sichaufdrängen aus? +Ich errötete unwillkürlich. Auf dem Bahnhof bat ich +ihn telegraphisch um Nachricht über sein Befinden und +kündigte meine Rückkehr an. Dann erst fuhr ich hinauf +in die stille Tragheimer Kirchenstraße mit ihrem +ausgefahrenen Pflaster und ihren altersgrauen Häusern. +Welch eine strenge, ernste Stadt ist doch dies Königsberg, +dachte ich; eine Stadt, die in jedem Winkel an +den Ernst des Lebens erinnert und ihre Bürger zwingt, +still in sich selbst Einkehr zu halten. Wäre ich hier +aufgewachsen, vielleicht hätte meine Sehnsucht nie über +ihre Wälle und Gräben hinaus verlangt!</p> + +<p>Im phantastischen Kostüm einer Zarewna, Augen und +Wangen glühend vor Eifer, empfing mich Lisbeth. So — gerade +so hatte ich sie einmal in Schwerin auf der +Bühne gesehen. Was sie spielte, vergaß ich oder wußte +es nie. »Wie schön sie ist!« hatte ich damals bewundernd +geflüstert »Du — du bist viel tausendmal schöner —« +war mir aus dem Dunkel der Loge heiß ins Ohr +geklungen ...</p> + +<p>Ein Wortschwall zärtlicher Begrüßung entriß mich +dem Taumel der Erinnerung. Still — ein bißchen +verlegen, die Augen in offenbarer Bewunderung auf +seine Frau gerichtet, stand ihr Mann daneben, der typische +deutsche Professor, mit kurzsichtig zwinkernden Äuglein +und linkischen Bewegungen. Ich wurde hineingezogen. +In eine Laube von blühenden Sommerblumen war das +Wohnzimmer verwandelt, grüne Girlanden hingen von +der Decke herab, bunte Lampions schaukelten dazwischen.<a name="Page_556" id="Page_556"></a> +Und plötzlich trat hinter dem Epheugerank am Fenster +ein weißes, goldhaariges Geschöpfchen lächelnd auf mich +zu. Lisbeths sprudelndes Plaudern brach ab, ihr erhitztes +Gesicht nahm einen Ausdruck still-seliger Verklärung +an; — »mein Kind!« sagte sie leise und legte die Hand +auf das schimmernde Haar des Kleinen. Mir stiegen +Tränen, brennendheiße, in die Augen: Ihr Kind! — Wie +reich mußte sie sein!</p> + +<p>Wir brachten ihn gemeinsam zu Bett, den herzigen +Buben; seine rosigen Füßchen, seine runden Ärmchen, +die Grübchen in den Händen und in den Knieen mußte +ich bewundern. Dann trat ich still beiseite: Mutter und +Kind, die einander Gute Nacht sagen, sind wie inbrünstig-fromme +Beter, die selbst der Ungläubigste nicht zu +stören wagt. In diesem Augenblick lag es um mich +wie ungeheure Einsamkeit.</p> + +<p>Noch war ich zerstreut und bedrückt, als Sindermann +kam.</p> + +<p>Wir ertragen angesichts eines tiefen inneren +Erlebens nur die Allernächsten, und seine Erscheinung wirkte +völlig fremd. Ein »<em class="antiqua">bel homme</em>« — es gibt keinen +deutschen Ausdruck, der denselben Sinn hätte — mit +liebevoll gepflegtem schwarzem Vollbart, erzwungen aristokratischen +Allüren, großen breiten Händen und runden +fleischigen Fingern daran.</p> + +<p>Es herrschte jene spezifisch norddeutsche Stimmung +reservierter Verschlossenheit, die zu der phantastischen +Umgebung und dem romantischen Kostüm der Hausfrau +in demselben peinlich-komischen Gegensatz stand +wie die Nüchternheit aller Ostelbier zum Karnevalstrubel. +Nur einem Gegner pflegt sie allmählich zu +<a name="Page_557" id="Page_557"></a>weichen: dem Wein. Als in Lisbeths von dem gedämpften +Kerzenlicht bunter Lampions erhellten künstlichen +Garten die Erdbeerbowle auf dem Tische stand und +die Ketten und die Rheinkiesel auf Kopf und Hals und +Armen der falschen Zarewna leuchteten und glänzten +wie Perlen und Brillanten, verschwand nach und nach +jener erste Eindruck der Fremdheit.</p> + +<p>Wir sprachen von allem, was die Zeit bewegte: von +der Kunst der Moderne, von der Frauenfrage, von der +Sozialdemokratie. »Ich bin Sozialist,« sagte Sindermann, +»weil ein denkender Mensch heute nichts andres +sein kann, —« schon klopfte mir das Herz höher vor +Freude — »aber ich glaube nicht, daß die Ideen des +Sozialismus sich in absehbarer Zeit erfüllen werden.« +Und nun entwickelte ich die Prinzipien und die Zukunftshoffnungen +der Ethischen Bewegung und führte all meine +Gründe ins Feuer, um ihn zu einem der unseren zu +machen. Er lächelte; in dem rötlichen Dämmer des +Raums vermochte ich nicht zu unterscheiden, ob es das +Lächeln des Spötters oder das tragisch-resignierte des +Pessimisten war. »Wir Deutschen sind vorläufig unfähig, +uns zu würdigeren inneren und äußeren Zuständen aufzuschwingen,« +meinte er dann, »und so sehr ich alle Ihre +Ideen anerkenne, so wenig glaube ich, daß Sie unter +den Künstlern Proselyten machen werden. Nicht viele +fassen ihre Aufgabe auf wie ich —« er schwieg und +betrachtete nachdenklich seine Fingerspitzen. Dann warf +er einen kurzen, erwartungsvollen Blick auf mich.</p> + +<p>»Und Ihre Auffassung wäre?!« frug ich gespannt.</p> + +<p>»Der Dichter muß das Leben wiedergeben, wie es sich +ihm darstellt; das vermag er nur dann, wenn sein Herz +<a name="Page_558" id="Page_558"></a>weit genug ist, um das ganze Leid der Gegenwart mit +zu fühlen. Während die Dichter der Vergangenheit +Tugend und Laster auf die Bühne brachten und den +Zuschauer dadurch befriedigten, daß eine vergeltende Gerechtigkeit +den Schluß herbeiführte, zeichnet der moderne +Dichter das wahre Bild des Lebens und ruft den Zuschauern +zu: so ist es, geht hin und helft! Ich will +mein Publikum nicht amüsieren, ich will ihm nicht die +Zeit tot schlagen helfen, ich will es aufrütteln, will es +zur Erkenntnis von Wahrheiten führen, denen es im +Leben aus dem Wege geht. Heißt das nicht auch ethisch +handeln?«</p> + +<p>Ich war entzückt. So hatte ich mir das Wirken des +Künstlers vorgestellt! Er wurde wärmer und lebhafter.</p> + +<p>»Glauben Sie mir,« sagte er mit einer großen Geste, +»wenn ich könnte, würde ich nur vor Arbeitern meine +Stücke aufführen lassen, — die verstehen, die würdigen +mich!« Und dann erzählte er von der berliner Gesellschaft +der Kunstkenner, Ästheten und Mäcene, die wahl- und +kritiklos jeder neu auftauchenden Größe nachliefen. +»Bewundert haben mich alle als den berühmten Mann,« +und wieder zeigte sich jenes unbestimmte tragisch-<ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'resignerte'">resignierte</ins> +Lächeln, — ich erinnerte mich flüchtig eines Schauspielers, +dem meine Altersgenossinnen in Posen um solch +eines Lächelns willen zu Füßen lagen — »aber die +meisten wußten nicht, ob dieses notwendige Salonrequisit +ein Bildhauer oder sonst was wäre.«</p> + +<p>Es mochte Mitternacht geworden sein, als auf sein +neuestes Werk die Rede kam, das im nächsten Winter +das Licht der Rampen erblicken sollte. Ich horchte um +so gespannter auf, je mehr ich von seinem Inhalt erfuhr.<a name="Page_559" id="Page_559"></a> +Ein Weib sollte die Heldin sein, deren Künstlernatur +sie aus dem engen Zuhause einer Offiziersfamilie hinaustrieb +in die Welt.</p> + +<p>Und meine Phantasie arbeitete noch rascher, als der +Dichter zu erzählen vermochte: Ich selbst war dies Weib, +das sich endlich losriß, um die Heimat seines Wesens +zu finden, — war nicht am Ende auch der alte Oberst, +der in der Verzweiflung zur Pistole griff, — mein +Vater?! Die Heimat, — das ist das Schicksal, es vernichtet +uns, wenn wir die Schwächeren sind, und es ist +wie die antike Tragödie, die immer Tote auf der Wahlstatt +läßt.</p> + +<p>Ich war ganz still geworden, versunken in die Gedanken, +die des Gastes Werk in mir ausgelöst hatte.</p> + +<p>Draußen dämmerte der Tag. Die Blumen im Zimmer +hingen erschlafft die Köpfchen; ein feiner Zigarettenrauch +zog seine Kreise um die verglimmenden Kerzen. +Und plötzlich übermannte uns bleierne Müdigkeit. Sindermann +erhob sich. Verwirrt sah ich auf: da war er ja +wieder, vom ersten Frühlicht beleuchtet, der <em class="antiqua">»bel homme«</em>, +der Mann mit dem liebevoll gepflegten Bart, den großen +Händen und den runden fleischigen Fingern daran. Seltsam, +wie fremd, wie störend er wirkte. War er es wirklich +gewesen, der mir eben mein Schicksal gedeutet hatte?</p> + +<p>Zwei Stunden schlief ich den unruhigen Schlaf der +Erschöpfung. Das rasche Klingeln des Telegraphenboten +weckte mich: »Befinden wechselnd. Freue mich +unbeschreiblich auf Ihre Rückkehr. Glyzcinski.« Ich +hatte noch gerade Zeit, die Eltern schriftlich meines +raschen Entschlusses wegen um Entschuldigung zu bitten. +»Der Professor ist krank; Ihr wißt, sein Leben hängt +<a name="Page_560" id="Page_560"></a>nur an einem Faden; ich würde es mir nie verzeihen, +wenn er einsam und ohne Pflege leiden und sterben +müßte,« schrieb ich.</p> + +<p>Am Abend war ich bei ihm. Er saß vor dem Schreibtisch +am Fenster wie immer, und schon wollt' ich +freudig überrascht auf ihn zueilen, als seine Augen mir +entgegensahen: flackernde Fieberlichter brannten darin; +auf seinen schmalen Wangen glühten rote Flecken, und +die Hand bebte, die er mir bot. »Sie haben sich meinetwegen +aus dem Bett gewagt!« rief ich erschrocken.</p> + +<p>»Darf ich denn dies glückliche Ereignis nicht auf meine +Art feiern?!« — sein ganzes Antlitz strahlte — »es +geht mir ja besser, viel besser — und ich glaubte schon« — seine +Stimme senkte sich — »ich glaubte, ich würde +Sie niemals wiedersehen!«</p> + +<p>Minutenlang blieb es still zwischen uns. Er lehnte +den Kopf zurück, mit halb geschlossenen Augen, ich sah +nichts als sein Gesicht, das ein Ausdruck seligen Friedens +verklärte. Und dann hatten wir einander so viel zu +sagen, daß selbst die schlagende Uhr uns an die vorrückende +Stunde nicht zu erinnern vermochte.</p> + +<p>Der Diener trat ein. »Es ist zehn Uhr, Herr Professor,« +sagte er und sah mich halb verwundert, halb mißbilligend +an. Erschrocken sprang ich auf. »Wie komm' ich nun +ins Haus — und wie in die Wohnung!« Ich hatte +vergessen, mich dem Mädchen anzukündigen.</p> + +<p>»So bleiben Sie eben hier,« entschied Glyzcinski, +»nebenan auf dem Sofa hat mein Bruder oft geschlafen, — Friedrich +braucht Ihnen nur die Betten aus dem +Schrank zu geben.«</p> + +<p>War das eine stille Nacht! Nur aus der Ferne drang +<a name="Page_561" id="Page_561"></a>das Geräusch der Großstadt durch die offenen Fenster. +Wie geborgen kam ich mir vor! Am nächsten Morgen +beeilte ich mich, auf dem grünumbuschten Balkon den +Frühstückstisch zu decken und achtete wenig auf das +mürrische Gebahren des Dieners. Erst als er seinen +Herrn im Rollstuhl hinausfuhr, traf mich aus zwinkerndem +Augenwinkel ein hämisch-vielsagender Blick, vor dem +mir fast der Morgengruß im Munde erstickte. Gott +Lob — Glyzcinski bemerkte nichts. Seine Augen hatten +den alten, klaren Schein, seine Wangen die gleichmäßige +Färbung.</p> + +<p>»So gut habe ich es in meinem Leben nicht gehabt!« +sagte er und behielt meine Hand in der seinen.</p> + +<p>Zu Hause fand ich ein Telegramm von der Mutter: +»Papa über deine Abreise äußerst empört, verlangt sofortige +Rückkehr oder Übersiedlung zu Egidys.« Noch +am gleichen Tage zog ich auf Glyzcinskis Rat in die +Spenerstraße. Egidy selbst war verreist, und so konnte +ich, ohne zu verletzen, den Tag über abwesend sein. Fast +immer war ich bei Glyzcinski. Wenn er es auch niemals +zuließ, daß ich ihn pflegte, so konnte ich doch überwachen, +ob die Vorschriften des Arztes befolgt, die verschiedenen +Umschläge und Kompressen zur rechten Zeit gewechselt +wurden. Meiner alten Kochkünste erinnerte ich mich +wieder und freute mich wie ein Kind, wenn ich zusah, +mit welch wachsendem Behagen der liebe Kranke meine +Suppen aß. Einmal gelang es mir, den Arzt allein zu +sprechen: »Nur der Geist hält diesen Körper aufrecht,« +sagte er ernst. »Leidet er?« frug ich und lehnte mich, +um meine Angst zu verbergen, tief in den dunkelsten +Schatten der Treppe.</p> +<p><a name="Page_562" id="Page_562"></a></p> +<p>»Ein gewöhnlicher Mensch würde dies Dasein kaum +ertragen, aber er, — wir Gesunden könnten ihn fast um +das Glücksgefühl beneiden, das ihm unveränderlich aus +den Augen strahlt.«</p> + +<p>»Wird er genesen und — leben?« brachte ich mühsam +hervor.</p> + +<p>Mit einem prüfenden, langen Blick sah mir der Arzt +ins Auge und reichte mir die Hand zum Abschied:</p> + +<p>»Genesen, — niemals! Leben?! Glück und Liebe sind +Elixire, die schon Sterbende ins Dasein zurückriefen. +Verordnen können wir sie leider nicht!«</p> + +<p>Glyzcinski wurde von Tag zu Tag frischer und froher. +Morgens, wenn ich kam, begrüßte er mich, als wäre ich +Jahre fort gewesen, und des Abends, wenn ich ging, +zuckten seine Lippen, wie die kleiner Kinder, die weinen +wollen. Unsere Tage verliefen in ruhigem Gleichmaß. +Der Philosophie war der Vormittag gewidmet — »in +einem Jahr müssen Sie Ihr Doktorexamen machen +können,« hatte Glyzcinski mir versichert, und es war +ein förmlicher systematischer Unterricht, den er mir erteilte. +Er wollte dabei niemals zugeben, was ich immer +deutlicher empfand: daß mir für große Gebiete des +Wissens die sprachlichen und — noch mehr — die +mathematischen und naturwissenschaftlichen Vorkenntnisse +fehlten. Oft wünschte ich, mich noch auf irgendeine +gymnasiale Schulbank setzen zu können, aber dann lachte +er mich aus: »Sie kennen das Leben, — das ist mehr +wert, als aller Wissenskram; und Sie sollen handeln, — das +ist besser, als mathematische Aufgaben lösen und +den Plato im Urtext verstehen können.«</p> + +<p>Während der Nachmittagstunden beschäftigten wir +<a name="Page_563" id="Page_563"></a>uns mit der Tagespolitik und der modernen Literatur. +Die Militärvorlage warf damals ihre Schatten +voraus; die sozialdemokratische Presse entfaltete eine +lebhafte Agitation dagegen und kritisierte auf das +schärfste das Verhalten der Regierung, die, statt alte +feierliche Versprechungen auf dem Gebiet der Sozialpolitik +einzulösen, die Lebenshaltung des Volkes nur +durch neue, ungeheure Lasten herabdrücke. Ich lernte +durch dürre Zahlen belegte Tatsachen über Löhne, +Lebensmittelpreise, Arbeits- und Existenzbedingungen +kennen, durch die die graue Nebelwelt des Elends, wie +ich sie hie und da vor mir hatte aufsteigen sehen, eine +immer deutlichere, fest umrissenere Gestalt annahm. +Meine philosophischen Interessen traten mehr und mehr +zurück: hier war ein Gebiet, das empfand ich instinktiv, +das zu erschöpfen die ganze Kraft erforderte. Und die +Zeit, die mich trug, kam mir auch darin entgegen: von +allen Seiten strömten mir in Form von Büchern, Broschüren +und Zeitungsartikeln Aufklärungen aller Art zu. +Wir vertieften uns mit brennendem Eifer in den ersten +Band von Marx Kapital und in die Schriften von +Friedrich Engels, wir lasen Paul Göhres »Drei Monate +Fabrikarbeiter,« dessen ungewollte agitatorische Kraft +uns mit sich fortriß; und als <em class="antiqua">Dr.</em> Brandt dem Professor +eines Tages die Probenummer einer von ihm ins Leben +gerufenen Zeitschrift zuschickte, die ausschließlich Fragen +der Sozialpolitik behandeln sollte, las ich sie mit brennendem +Eifer und sah von da an jeder Nummer mit einer +Spannung entgegen, wie der Backfisch einer Romanfortsetzung. +Auch Egidy, der inzwischen heimgekehrt war, +erblickte nicht mehr in der Überwindung der Dogmen +<a name="Page_564" id="Page_564"></a>den Ausgangspunkt allen Heils, sondern im Kampf +gegen Not und Unterdrückung.</p> + +<p>»Es ist eine Lust, zu leben, wo alles sich rührt, +und alles wächst, — dem gleichen Himmel zu, ob +auch die Wurzeln im verschiedensten Erdboden stehen,« +pflegte Glyzcinski zu sagen. Und wenn ich ungeduldig +seufzte: »Könnten wir nur den Anfang der künftigen +Ordnung der Dinge noch erleben,« so antwortete er: +»Aber wir sind ja schon mitten darin!«</p> + +<p>Tatsächlich schien diese eine Bewegung mit einer ungeheuern +magnetischen Kraft alles an sich zu ziehen. +Die Wissenschaft trat in ihre Dienste, die Kunst schmiedete +Waffen für sie. Was waren Hauptmanns »Weber« andres, +als ihr dröhnender Schlachtgesang?! Jener Fanatismus, +der nichts sieht als sein Ziel, der ihm entgegenstürmt +mit blutenden Füßen und keuchendem Atem, die stillen +Stege nicht kennt, die abseits von seinem Wege auf +duftende Blumenwiesen, in dämmernde Wälder und +hoch auf die Berge der weiten Ausblicke führen, den kein +Ausruhen lockt im Schatten der Dorflinde und der +Kirchenpforten, — derselbe Fanatismus, der die ersten +Christen zwang, die weißen Marmorleiber heidnischer +Götter in die pontinischen Sümpfe zu werfen, hatte von +mir Besitz ergriffen.</p> + +<p>Und meine Seele schloß leise, daß keiner es merkte, +die Pforte der Kammer zu, hinter der lebte, was zu +tiefst mein Eigen war.</p> + +<p>Fast wie eine Störung empfand ichs, als Sindermann +mich zur Vorlesung seines nunmehr vollendeten Dramas +einlud. Aber war er nicht auch einer, der mit uns +kämpfte?</p> + +<p><a name="Page_565" id="Page_565"></a>Wir fuhren miteinander hinaus nach Chorin, einem +jener stillen melancholischen Waldwinkel der Mark, wo +schwarze Kiefern sich in kleinen tiefen Seeen spiegeln und +in zerbröckelnde Klosterruinen der mattblaue Himmel +hineinscheint. Freunde des Dichters erwarteten ihn hier, +und ein fremder »Kollege«, wie er sich mit einem seltsam +feinen Lächeln nannte, war dabei: Detlev von +Liliencron.</p> + +<p>Niemand ist in seiner Wahrhaftigkeit so unbarmherzig +wie die Natur. Sie scheidet grausam Echtes vom Unechten, +ihr Licht, das durch keine Schleier und keine Papierlaternen +gedämpft wird, beleuchtet grell, was am Menschen +ihr entspricht, und was ihn von ihr trennt. Frauen +mit kunstvollen Lockengebänden auf zarten Köpfchen, in +modischen Kleidern und zierlichen Hackenschuhen, die in +der Stadt schön sind und im Salon blenden, wirken, +wo die Natur herrscht, plötzlich halb lächerlich, halb +gespensterhaft. Und moderne Männer mit lüstern-blasiertem +Lächeln und der »interessanten« Blässe endloser +Kaffeehausnächte auf den Zügen, richtet sie ohne +Nachsicht, als das, was sie sind. Werfen sich diese Damen +und Herren in dem instinktiven, unbehaglichen Gefühl, +zu sein, wo sie nicht hingehören, aber gar in Dirndlkostüme +und Lodenjoppen und setzen naiv grüne Hütchen +auf ihre gebrannten Haare und müden Glatzen, so tritt +ihre gräßliche Disharmonie zur Natur in tragischer +Deutlichkeit hervor, und von den geistreichen Helden +und Heldinnen großstädtischen Lebens bleibt nichts +übrig als die armselige Maske kleiner Vorstadtkomödianten.</p> + +<p>Aber auch große Menschen vermögen der Natur nicht +<a name="Page_566" id="Page_566"></a>immer Stand zu halten. Wer zu sehen gelernt hat, +dem enthüllen sie ihre Blößen, daß es einem beinahe +wehe tut.</p> + +<p>Wir gingen vom Bahnhof durch den Wald bis +zu dem kleinen Wirtshaus am See. Warum hatte +nur unser Dichter solch glänzend-schwarzen Bart und +so geistreiche Augen — so fleischige Finger und eine +so starke Männerhand? Auch hier war eine Disharmonie, +die schmerzte. Wie ein Stück dieser märkischen +Natur selbst schritt dagegen der andere, mir noch +völlig fremde, neben uns, ein Mann aus einem Guß, +bei dem alles zueinander paßte.</p> + +<p>Ein Gewitter stand drohend am Himmel, als Sindermann +zu lesen begann, und Blitz und Donner begleiteten +die sich entwickelnde Katastrophe. Rasch war ich wieder +im Bann des Werkes. Das war ja alles mein eigenes +Erleben: wie dieser Maria die Heimat zur Fremde +wurde, in der die Menschen eine unverständliche Sprache +sprechen, wie sie sich selbst retten muß vor den Schlingen, +die die Heimat wieder nach ihrer Freiheit auswirft. Und +ich war es selbst, die sprach: »Es muß klar werden zwischen +der Heimat und mir!«</p> + +<p>Der Beifall in dem kleinen Kreis der Zuhörer war +groß. Daß man jede Szene stundenlang unter dem +Gesichtspunkt der Bühnenwirksamkeit besprach, verletzte +mich freilich. Erst auf dem Rückweg zur Bahn fing man +an, die Tendenz des Stückes zu erörtern.</p> + +<p>»Daß das individualistische Prinzip darin zu so starkem +Ausdruck kommt, befriedigt mich ganz besonders,« sagte +einer.</p> + +<p>»Diese Maria ist die Personifizierung der Idee<a name="Page_567" id="Page_567"></a> +Nietzsches!« fügte enthusiastisch ein anderer hinzu, »sie +hat die Umwertung aller Werte für sich vollzogen, sie steht +jenseits von gut und böse, sie ist der Übermensch, obwohl +sie ein Weib ist!«</p> + +<p>Der Übermensch, — diese Maria, die sich von einem +Elenden hatte verführen lassen?! dachte ich. Und die +Umwertung aller Werte sollte sie vollzogen haben, weil +sie die Heimat überwand?! Wäre es möglich, daß ich +meinen Nietzsche so gar nicht verstanden hatte? — Die +Unterhaltung wurde lebhafter. Man sprach über die +Notwendigkeit, den Sozialismus durch den Individualismus +zu überwinden, die Sklavenmoral durch die +Herrenmoral.</p> + +<p>»Wir Künstler haben inmitten der gefährlichen Nivellierungsbestrebungen +unserer Zeit die Aufgabe, das +Recht der Adelsmenschen zu vertreten,« rief ein kleiner +Mann mit einem Spitzbauch, während ihm die hellen +Schweißtropfen über das runde Gesicht liefen.</p> + +<p>»Und worin besteht dieses Recht?« frug ich neugierig, +das Lachen mühsam verbeißend.</p> + +<p>Verblüfft sah er mich an. »In dem Recht, sich zu +behaupten, seine Persönlichkeit auszuleben,« sagte er +schließlich und hieb sich mit der flachen Hand auf den +breiten Sportgürtel, daß die dicke Goldkette klirrte, die +weithin leuchtend darüber hing.</p> + +<p>»Sofern man eine hat,« meinte Liliencron lakonisch, +der bisher fast immer geschwiegen hatte.</p> + +<p>»Gewiß — gewiß,« echote der erhitzte Individualist, +sichtlich froh, daß der einfahrende Zug ihn einer weiteren +Erörterung überhob.</p> + +<p>Am nächsten Tag fiel mein philosophischer Unterricht +<a name="Page_568" id="Page_568"></a>aus: wir stritten uns über Nietzsche, und zum erstenmal +seit unserer Bekanntschaft verteidigte Glyzcinski seine +Ansichten mit offenbarer Heftigkeit. »Wie im Anarchismus +die große Gefahr für die Verbreitung des Sozialismus +in der Arbeiterklasse zu suchen ist,« sagte er, +»so kann die Ausbreitung der Ideen Nietzsches die +Wirksamkeit der Ethischen Bewegung in den oberen +Klassen völlig untergraben. Die Ausbildung der Persönlichkeit +als Selbstzweck steht zu unserem Ziel — dem +größten Glück der größten Mehrheit — in direktem +Gegensatz.«</p> + +<p>»Verzeihen Sie mir, wenn ich das bestreite,« +antwortete ich schüchtern, aber doch im Augenblick +meiner gegenteiligen Ansicht sehr sicher. »Mir scheint +nämlich, als ob gerade sie unser Ziel wäre. Höchstes +Glück der Erdenkinder ist nur die Persönlichkeit, — so +ähnlich heißt es schon bei Goethe. Und der Sozialismus +soll eben die Möglichkeit für alle schaffen, ein +Glück sich zu erringen, das heute nur wenige genießen +können.«</p> + +<p>»Wenn der arme Nietzsche geistig nicht tot wäre,« +lachte Glyzcinski, »so würde ihn diese Ihre Auslegung +daran mahnen, zum Weibe nicht ohne Peitsche zu kommen! — Sehen +Sie doch um sich: sind seine lautesten +Anhänger nicht unsere ärgsten Feinde?«</p> + +<p>»Weil sie es sind, die ihn mißverstehen, nicht ich! +Sich ausleben, bedeutet doch nichts anderes, als alle +Fesseln zerreißen und zersprengen, die uns hindern können, +die Glieder im Dienst der Menschheit zu regen!«</p> + +<p>»Das, mein liebes Schwesterchen, ist aber kein Originalgedanke +Nietzsches, sondern eine Forderung, die schon<a name="Page_569" id="Page_569"></a> +Fichte und Kant und viele andere mehr ausgesprochen +haben,« antwortete der Professor. »Ich fürchtete schon, +wir beide könnten uneins werden, und nun sehe ich, daß +selbst Ihre Verteidigung Nietzsches nur ein neuer Beweis +unserer Einigkeit ist.«</p> + +<p>Ein unbestimmter Widerspruch, über dessen Inhalt ich +mir nicht klar zu werden vermochte, regte sich zwar noch +in mir, aber ich war viel zu glücklich über die Brücke +des Verständnisses, die wir betreten hatten, als daß ich +weiter darüber hätte nachdenken mögen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Die Eltern kehrten zurück. Die Stimmung des +Vaters mir gegenüber wechselte täglich: er +konnte zärtlich sein und voller Interesse für +mich, meine Studien, meinen Verkehr; und in der +nächsten Stunde schon wandelte sich seine Liebe in +rauhen Zorn, seine Teilnahme in ungerechte Verdammungsurteile, +wenn irgendein politisches Ereignis, +eine sozialdemokratische Demonstration, eine Darstellung +der Ethischen Bewegung in der konservativen +Presse, den Aristokraten, den General, den Monarchisten +in ihm über den Vater siegen ließen. Die Mutter dagegen +blieb fast immer kühl, zurückhaltend, beobachtend. +Klein-Ilschen ging mir scheu aus dem Wege. Und +als ich sie nach der Ursache frug, gestand sie, daß der +Konfirmandenunterricht ihr eine nähere Beziehung zu +mir unmöglich mache.</p> + +<p>Bisher hatte ich es stumm ertragen, die Rolle der +ungern Geduldeten zu spielen, — an dem Tage aber, wo +dies blonde Kind sich von mir wandte, weinte ich.</p> + +<p><a name="Page_570" id="Page_570"></a>Die konstituierende Versammlung der Ethischen Gesellschaft +stand vor der Tür. Aus allen Teilen Deutschlands +strömten uns Begrüßungsschreiben, Beitrittserklärungen, +Zustimmungskundgebungen zu, — es schien +wirklich, als hätten sich viele im stillen nach einer +geistigen Vereinigung auf dieser Basis gesehnt. Selten +nur traf ich Glyzcinski nachmittags allein: Gelehrte und +Ungelehrte, Leute mit berühmten Namen und mit Würden +beladen erschienen neben armen Handwerkern, und +Frauen aus allen Kreisen fanden sich ein. Es war ein +anderes Publikum, als das bei Egidy gewesen war: +entschiedener in seiner antireligiösen Gesinnung, von +sozialem Pflichtbewußtsein stärker durchdrungen. Und +die nahende Vollendung des lange vorbereiteten Werks +gestaltete auch die letzten Kommissionssitzungen harmonischer. +Wir waren alle voll Zuversicht und voll +guten Willens, uns auf dem Boden »allgemein menschlicher +Ethik« zusammenzufinden.</p> + +<p>Von jener Begeisterung getragen, die die Geburtsstunde +jeder neuen humanitären Schöpfung begleitet und +die Teilnehmer glauben läßt, der Beginn sei schon die +Vollendung, verliefen die offiziellen Gründungstage unserer +Gesellschaft. Es tat förmlich weh, zu der Nüchternheit +der Alltagsaufgaben zurückzukehren, und die meisten +Menschen, die uns eben noch zugejubelt hatten, ergriffen +vor ihnen die Flucht. Mir, die ich von der Welterlösung +geträumt hatte, wurde es besonders schwer, an +all den internen Beratungen und Zusammenkünften teil +zu nehmen, wo über Fragen, wie die der Versammlungslokale, +der Einkassierung der Beiträge, und dergleichen +mehr oft stundenlang verhandelt wurde. Ich ging +<a name="Page_571" id="Page_571"></a>regelmäßig hin, um Glyzcinski darüber zu berichten, der +nur ausnahmsweise an den Sitzungen teilnehmen konnte, +und daher auch oft den Grad meiner Ernüchterung nicht +verstand. In Rücksicht auf ihn, dessen Freundschaft mit +mir kein Geheimnis war, mehr als in Anerkennung +meiner sehr geringen Verdienste um die Gesellschaft, +wurde mir, statt seiner — der jede Wahl von vornherein +abgelehnt hatte — der Schriftführerposten im +Hauptvorstand angeboten. Ich zögerte keinen Augenblick, +ihn anzunehmen, da ich mir wohl bewußt war, +gerade durch ihn den größten Einfluß gewinnen zu +können. Zu Hause erzählte ich nicht ohne Stolz von +der mir widerfahrenen Ehre. Der Vater kam gerade +aus seinem Klub, und ich hatte in meiner Freude auf +seine Mienen nicht geachtet und Mamas heimliche Zeichen +nicht bemerkt.</p> + +<p>»Wie —«, fuhr er los, »ein Mensch, der meinen ehrlichen +Namen trägt, offizieller Vertreter dieser Gesellschaft +internationaler Schwindler?!« Ich wollte ihn +unterbrechen, aber er ließ mich nicht zu Worte kommen. +»Habt ihr vielleicht nicht soeben, wie ich natürlich von +Fremden erfahren mußte, für die wahnwitzige Utopie +ewigen Friedens demonstriert, was nichts anderes bedeutet, +als diesen Schuften, den Sozialdemokraten, Wasser +auf ihre Mühle treiben!« Seine Stimme schwoll an, +als stünde er auf dem Kasernenhof, »und die Religion +wollt ihr schon den Kindern durch euren sogenannten +Moralunterricht austreiben. Eine nette Moral das — wahrhaftig!« +Er trat auf mich zu: »Ich verbiete dir +ein- für allemal, mit diesen Gottesleugnern und Vaterlandsverrätern +gemeinsame Sache zu machen — sonst —«</p> +<p><a name="Page_572" id="Page_572"></a></p> +<p>»Du erlaubst, daß ich mich entferne —« unterbrach +ich den Tobenden und ging hinaus.</p> + +<p>Am nächsten Morgen kam er mir entgegen: ganz blaß, +mit überwachten, müden Augen. »Höre auf deinen +alten Vater, mein Kind, der es gut mit dir meint, — du +bist auf falschem Wege, — schneide dir nicht die Rückkehr +ab, indem du dich öffentlich engagierst!«</p> + +<p>»Laß mir Zeit zum Überlegen, lieber Vater,« bat ich +stockend, innerlich fast schon überwunden; nur bei Glyzcinski +wollte ich mir noch Rats erholen.</p> + +<p>»Geben Sie nach, — für diesmal noch!« sagte er, +»das geringste Maß von Schmerz sollen wir anderen +zufügen. Und am schönsten ists, wenn der Gegner sich +uns aus Überzeugung schließlich selbst ergibt.«</p> + +<p>Meinen Vater überwältigte fast die Rührung, als ich +ihm sagte, daß ich mich seinem Wunsche fügen wolle. +Er ging selbst zum Professor und unterhielt sich ruhig +und eingehend mit ihm, »wie ein vollendeter Ethiker.« +Dann mußt ich mit ihm in die Stadt, um mir ein Kleid +auszusuchen: »Ich will nicht, daß du durch die ewige +Näherei in der Arbeit gestört wirst, die dir am Herzen +liegt!«</p> + +<p>Es dauerte jedoch nicht lange, und ich fühlte, daß es +nur eines geringfügigen Anlasses bedurfte, um einen +neuen Sturm heraufzubeschwören.</p> + +<p>Ich schwebte in ständiger Angst. Schon der Tritt +meines Vaters auf der Treppe machte mich zittern, und +möglichst leise verließ ich nachmittags das Haus, um erst +dann erleichtert aufzuatmen, wenn die Tür von Glyzcinskis +Studierstube sich hinter mir schloß.</p> + +<p>»Jetzt müßt' ich Sie pflegen können, wie Sie mich,<a name="Page_573" id="Page_573"></a>« +sagte er dann wohl, und sein warmer Blick voll Liebe +und Mitleid ruhte auf mir.</p> + +<p>Eines Novemberabends — ich hatte infolge eines +heftigen Erkältungsfiebers ein paar Tage das Bett hüten +müssen — kam ein Brief vom Professor:</p> + +<p>»Mein gnädigstes Fräulein!</p> + +<p>Wir haben schon oft miteinander besprochen, daß die +Schaffung eines Ethischen Journals sich angesichts der +Entwicklung der Gesellschaft als eine immer stärkere +Notwendigkeit erweist. Dieser Tage habe ich innerhalb +unserer literarischen Gruppe die Frage erörtert, und +der Verleger unserer Flugblätter hat sich bereit erklärt, +eine Zeitschrift, wie wir sie brauchen, in Gemeinschaft +mit mir ins Leben zu rufen; da ich jedoch außerstande +bin, sie allein zu leiten, — der Redakteur eines solchen +Blattes muß persönlich bei wichtigen Vorkommnissen zugegen +sein können —, liegt die letzte Entscheidung der +Sache in Ihrer Hand. Die Stellung als mein Mitredakteur +wird Ihre Arbeitskraft stark in Anspruch nehmen, +und im Anfang ist der Verlag leider außerstande, Ihnen +ein höheres Honorar, als etwa fünfzehnhundert bis zweitausend +Mark jährlich zu bieten. Aber ich hoffe und +glaube, daß Ihre Liebe zur Sache groß genug ist, um +über diese Schwierigkeiten hinwegzusehen.</p> + +<p>Mit verbindlichen Empfehlungen den Exzellenzen und +herzlichen Grüßen an Sie</p> + +<p> +<span style="margin-left: 13.5em;">Ihr treuergebenster</span><br /> +<span style="margin-left: 13em;">Georg von Glyzcinski.«</span><br /> +</p> + +<p>Das ist die Befreiung! jubelte ich — und zitterte doch +vor Angst, als ich den Brief meinen Eltern gab. Die<a name="Page_574" id="Page_574"></a> +Szene, die folgte, war schlimmer als je vorher. »Solange +du meinen Namen trägst, niemals — niemals!« +Dabei blieb der Vater. Ich lief in die Nettelbeckstraße +und brach, aufschluchzend, neben dem Stuhl +des Freundes zusammen. Minutenlang vermochte ich +nicht zu sprechen und fühlte nur, wie der schmalen +Hand, die mir leise über die Stirne strich, wohltätige +Ruhe entströmte. Und dann erzählte ich —</p> + +<p>»›Solange du meinen Namen trägst‹ — das sagte Ihr +Vater?« Glyzcinski wandte den Kopf und sah zum +Fenster hinaus, wo die roten und gelben Blätter im +Herbststurm tanzten. Es dunkelte schon, — eine Mahnung +zum Aufbruch.</p> + +<p>»Ich fürchte mich so —« murmelte ich mit neu hervorstürzenden +Tränen. Und aus dem Zwielicht und der +Stille hörte ich seine leise Stimme sagen: »Möchtest du +bei mir bleiben, mein Schwesterchen?« — »Immer — immer —« +stöhnte ich und preßte meine Lippen, ehe ers +hindern konnte, auf die Hand, die weiß und unirdisch +im Dämmer leuchtete.</p> + +<p>Am frühen Morgen des nächsten Tages erhielt ich +diesen Brief:</p> + +<p>»Mein liebes, gnädiges Fräulein!</p> + +<p>Schon vor Monaten habe ich mir oft gedacht: wenn +Sie eine Anzahl Jahre älter geworden wären, ohne das +Glück gefunden zu haben, das Sie in so reichem Maße +verdienen, — wenn Sie sich mit dem Gedanken, auf +Liebe und Glück verzichten zu müssen, vertraut gemacht +hätten, dann wollte ich fragen: Liebe Freundin, wollen +wir zueinander ziehen, Mann und Frau werden, dabei +<a name="Page_575" id="Page_575"></a>aber — wie es mir beschieden wäre — als Bruder und +Schwester weiterleben?!</p> + +<p>Der Umstand nun, daß sich jetzt ein Arbeitsplan für +uns meldet, dessen Verwirklichung, nach dem Standpunkt, +den Ihr Herr Vater einnimmt, zu schließen, durch +jene Lebensvereinigung sehr erleichtert werden würde, +ist der Grund, daß ich schon heut mit dieser Frage an +Sie herantrete.</p> + +<p>Wir würden keine Liebes-, sondern eine Freundschafts- und +Arbeitsehe führen; sie würde für Sie alles andere +eher als eine ›Versorgung‹ sein; wir würden wie die +Zukunftsmenschen leben, wo auch die Frau sich durch +eigene Arbeit erhält. Ich bin ohne Vermögen und habe +nur ein geringes Einkommen. Im übrigen wissen Sie, +daß mein Leben jeden Tag zu Ende sein kann.</p> + +<p>Und nun dürfen Sie rasch ›nein‹ sagen. Meine +Freundschaft zu Ihnen würde auch dann immer dieselbe +bleiben. Das ›ja‹ würde jedenfalls eine lange Überlegung +notwendig machen. Handelt es sich doch um +etwas Ähnliches, als wenn ein Mädchen den Nonnenschleier +nimmt. Sollten Sie trotz alledem einmal ›ja‹ +sagen, so könnte es doch eine in ihrer Art schöne Ehe +werden.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 20em;">Ewig</span><br /> +<span style="margin-left: 21.5em;">Ihr treuer Freund</span><br /> +<span style="margin-left: 20em;">Georg von Glyzcinski.«</span><br /> +</p> + +<p>Ich hatte kaum zu Ende gelesen — mit klopfendem +Herzen und tiefen Atemzügen —, als ich schon am Schreibtisch +saß und meine Feder über das Papier flog:</p> +<p><a name="Page_576" id="Page_576"></a></p> +<p>»Mein lieber Freund!</p> + +<p>Es bedarf für mich keiner Überlegung, um meine +Hand mit einem freudig-dankbaren Ja in die Ihre zu +legen. Und es geschieht nicht im Gefühl, auf Glück +und Liebe verzichten zu müssen: für mich gibt es nur +ein Glück, und das ist bei Ihnen; und alles was an +Liebe in mir ist, gehört Ihnen. Auch ich habe, wie die +Kinder, einmal von einem Paradies geträumt, das dem +Himmel der Frommen ähnlich sah. Jetzt könnte es mir fast +wie die Hölle erscheinen, — während Sie mir bieten, was +die Erfüllung meiner heißesten Wünsche in sich schließt.</p> + +<p>Ich sehe einen Urwald, bewohnt von allerhand Raubzeug, +oft undurchdringlich dicht, daß die Sonne nicht +bis auf den Boden dringen kann. Und mitten darin +wir beide, eng verbunden, mit den Beilen bewaffnet, +die Du uns schmiedetest. Und aus der Nähe und aus +der Ferne tönen die Axtschläge vieler anderer Arbeiter +zu uns herüber. Das ist Musik für unser Ohr. +Freilich fehlt es nicht an niederfallenden Ästen, die uns +verwunden, an giftigen Schlangen, die uns umdrohen. +Aber solange wir uns selber haben, solange uns das +Werkzeug nicht entfällt, solange wir offnen Auges das +Licht immer mächtiger in die Tiefen des Waldes fluten +sehen, — solange ist er uns das Paradies unseres +Lebens ...«</p> + +<p>Ich schickte meine Antwort voran und folgte ihr auf +dem Fuße. Leise trat ich ins Zimmer — Georg bemerkte +mich nicht. Auf dem Schreibtisch vor ihm lag +mein Brief, die Hände hatte er darüber gefaltet und +die Stirn wie versunken darauf gepreßt.</p> + +<p>»Georg —«</p> +<p><a name="Page_577" id="Page_577"></a></p> +<p>»Alix —«, er fuhr zusammen, ein Antlitz wandte sich +mir zu, überströmt von Tränen. Und er nahm meine +Hände und küßte sie und zog meinen Kopf zu sich hernieder, +und ich fühlte, wie sein Mund sanft meine Augen +berührte.</p> + +<p>Mit ruhiger Fassung sah ich den Ereignissen entgegen, +die nun folgen mußten, — daß meine Eltern gegen +meine Heirat wesentliche Einwände erheben würden, +nahm ich nicht an: Georg war von gutem, alten Adel — und +im übrigen konnte es von ihnen nur als Erleichterung +empfunden werden, mich endlich aus dem +Hause zu haben. Ich war wie versteinert vor Schreck, +als Georgs offizieller Brief an meinen Vater gekommen +war und ich in seinem Zimmer vor ihm stand. Schwer +atmend, mit dunkel gefärbtem Gesicht, die Augen rot +unterlaufen, saß er auf seinem Stuhl, den Rock geöffnet, +mit den Fingern ungeduldig an seinem Kragen zerrend, +als fürchte er, zu ersticken. Heiser, ruckweise, mit einer +Stimme, die die seine nicht war, begann er zu reden, +während die Mutter, im Sofa zusammengekauert, leise +vor sich hin weinte.</p> + +<p>»Das mir — das mir! — hat Gott mich nicht +schon genug gestraft?! — Dich — dich — auf die ich +so stolz gewesen bin! — Die du mein — mein Kind +warst vor allem! — Dich, um die ein König noch hätte +betteln müssen! — Dich will dieser — dieser — den +Gott selbst als einen Ausgestoßenen brandmarkte —«</p> + +<p>»Papa —!« schrie ich und taumelte bis an die Tür +zurück.</p> + +<p>Er sprang auf, um sich im nächsten Augenblick, wie +von einem Schwindel erfaßt, mit beiden Fäusten schwer +<a name="Page_578" id="Page_578"></a>auf den Tisch zu stützen. Den Kopf weit vorgestreckt, +die Augen stier auf mich gerichtet, fuhr er +mich an:</p> + +<p>»Du läufst mir nicht wieder davon, — und wenn +ich dich mit Gewalt festhalten müßte! Und deinen +sauberen Galan —« er lachte grell auf — »ein +Kerl, der nicht einmal ein Mann ist, — niederschießen +tu ich ihn, wie einen tollen Hund — —.« Mit einem +unartikulierten Laut fiel er in den Stuhl zurück. Ich +lief nach Wasser, — benetzte ihm die Lippen, — rieb +ihm die Stirn, — es war ja ein Kranker, den ich vor +mir hatte! Aber kaum war er zu sich gekommen, stieß +er mich auch schon von sich.</p> + +<p>Mama, Ilse und der Diener brachten ihn zu Bett. +Fast die ganze Nacht saß ich horchend vor seiner Schlafzimmertür. +Wie eine Mörderin kam ich mir vor. Als +der Morgen graute, schrieb ich ein paar Zeilen an +Glyzcinski, und kaum daß der graue Novembertag mit +schwerfällig-langsamen Schritten durch die Straßen geschlichen +kam, hörte ich den Vater schon wieder in seinem +Zimmer auf und nieder gehen. Er rief nach mir, — die +Angst schnürte mir die Kehle zu, aber ich folgte. +Wie entsetzlich sah er aus! In einer einzigen Nacht, — wie +furchtbar gealtert!</p> + +<p>»Fürchte dich nicht, — ich tue dir nichts —« sagte +er und verzog den Mund mit den gesprungenen Lippen +zu einer Grimasse, die ein Lächeln sein sollte. »Ich will +nur mit dir reden, will dir klar machen, — was du +nicht weißt — nicht wissen kannst, und was der Professor —« +es war ihm offenbar unmöglich, den verhaßten +Namen zu nennen — »vielleicht auch nicht +<a name="Page_579" id="Page_579"></a>weiß. Die einzige Entschuldigung, die ich ihm zubilligen +kann!« Ich mußte mich neben ihn setzen, wie +in früheren Jahren, und er behielt, während er sprach, +meine Hand in der seinen.</p> + +<p>»Ich sagte dir schon, — du bist mein Kind! Du +hast meine Leidenschaften, mein heißes Herz, mein wildes +Blut. Bist du die — die Frau dieses Mannes, so wird — ich +weiß es genau, ganz genau! — eine Zeit kommen, +früher oder später, wo dein Herz sich vor Qualen zusammenkrampft, +wo dein Blut nach Liebe schreit — schreit!! — hörst +du? — Nach einer Liebe, die dieser +Mann dir nie wird geben können! — Dann wirst du +unglücklich werden, totunglücklich — oder —,« er brachte +nur mit äußerster Anstrengung die letzten Worte hervor — »eine +Ehrlose, — eine — eine Dirne!«</p> + +<p>»Papa, lieber Papa!« ich streichelte ihm die Hände, +»du könntest so nicht sprechen, wenn du mich besser +kennen würdest! — Ich bin kein Kind mehr — ich habe +viel erlebt, — sehr, sehr viel gelitten, mein Blut hat +endgültig ausgetobt, mein Herz weiß von keiner anderen +Liebe als von der, die Georg mir bietet!«</p> + +<p>»Du irrst, — und dieser Irrtum wird dein Unglück +werden. Ich kenne dich besser, als du dich in diesem +Augenblick kennst —.« Seine überwachten Augen sahen +ins Weite, er schien immer mehr zu vergessen, daß ich +neben ihm saß. »Auch ich liebte — und verzehrte mich +nach Liebe! Und warb ein viertel Jahrhundert lang um +sie, die mein Weib war. Ich wollte nicht begreifen, +daß all meine Leidenschaft sie nicht erwärmen konnte —! +Bis ich ein alter Mann geworden bin, bis ich einsehen +lernte, daß nichts — nichts im Leben mir Wort hielt, — auch +<a name="Page_580" id="Page_580"></a>meine Liebeshoffnung nicht! —« Er schwieg, +überwältigt von der Erinnerung.</p> + +<p>»Verstehst du nun, daß ich den Gedanken nicht ertragen +kann, dich ebenso — nein — noch viel unglücklicher +werden zu sehen als mich? — Du wirst ja nicht +einmal Kinder haben!«</p> + +<p>Ich zuckte zusammen, — aber rasch und gewaltsam +hatte ich die Empfindung auch schon niedergekämpft, die +ihm Recht hätte geben können.</p> + +<p>»Alle armen, alle verlassenen Kinder in der Welt +werden meine Kinder sein —« antwortete ich, »für sie +werde ich denken und arbeiten!«</p> + +<p>Papa stand auf: »So habe ich dir nichts mehr zu +sagen. Du bist majorenn, du bedarfst meiner Erlaubnis +nicht. Nur um eins bitte ich dich, und deine Mutter +wird dieselbe Bitte dem — dem Professor vortragen — ich +selbst fühle mich nicht stark genug, ihn zu sehen —: +Warte nur noch ein halbes Jahr, — prüfe dich währenddessen. +Du kannst, ungehindert durch mich, deinen Verkehr +in derselben Weise fortsetzen wie bisher, — bist du +dann noch entschlossen, — so strecke ich die Waffen.«</p> + +<p>Ich wollte danken, — war doch dies Zugeständnis +weit mehr, als ich nach dem gestrigen Auftritt noch +glaubte erwarten zu dürfen, — aber er entzog mir seine +Hand und verließ hastig das Zimmer.</p> + +<p>Noch am Abend schrieb mir Georg, den meine Mutter +inzwischen aufgesucht hatte:</p> + +<p>»... Wir hatten eine lange ernste Unterredung miteinander, +die mir um so größeren Eindruck machte, als +kurz vorher der Oberst Glyzcinski hier gewesen war, +dem ich mich in meiner Aufregung verriet, und der mir +<a name="Page_581" id="Page_581"></a>aus meinem Vorgehen die heftigsten Vorwürfe machte. +›Geschieht, was du in deiner Unkenntnis der Welt und +der Menschen als dein Glück ansiehst, so geht Ihr zugrunde,‹ +sagte er. Meine geliebte Alix, — sind wir +nicht in einer Hinsicht wirklich unwissende Kinder? Es +sollte doch keiner von uns zugrunde gehen! Wir haben +doch beide eine Mission! Es gibt so gar wenige, die +unseren Enthusiasmus für unsere Sache haben! Sollten +wir uns beide nicht dieser Sache erhalten? Vielleicht +ist es ein Verhängnis, das der schönen Tochter der +Exzellenz den alten Professor zurseite schob und in +ein stilles, beschauliches, von allen irdischen Freuden +abgeschlossenes Gelehrtenleben plötzlich eine Fee hineinversetzte. +Sollten wir dies Verhängnis nicht in ein +segensreiches Schicksal verwandeln können, wenn wir, +wenn vor allem ich mich selbst bezwinge? ...</p> + +<p>Drei Stunden täglich Liebe und Sonnenschein? Ist +das nicht viel? Die armen Millionen, denen sie nimmer +scheint, die liebe Sonne! Ich freilich dürste nach mehr, +aber dann geht einer von uns zugrunde!! — Und lieber +lebe ich dauernd in tiefster Nacht, als daß ich über das +Haupt des liebsten Menschen solch Schicksal heraufbeschwöre!</p> + +<p>Machen wir also den ernsten Versuch, geliebte Freundin, +uns mit ein wenig Glück — für mich ist das schon +überschwenglich viel! — und viel Arbeit zu begnügen, +und bitte Deine Eltern, daß sie es Dir leicht machen +sollen ...«</p> + +<p>Aber seine Blicke straften die scheinbare Ruhe dieser +Verzichtleistung Lügen. Das strahlende Licht war aus +seinen Augen verschwunden, wie das sonnige Lächeln +<a name="Page_582" id="Page_582"></a>um seine Lippen. Und verließ ich ihn des Abends, so +hielt er mich oft mit einem Ausdruck fest, als litte er +alle Qualen eines Abschieds auf immer. Wir sahen +uns täglich. Bald aber merkte ich, wie mein Vater +durch Einladungen und Verabredungen aller Art meine +Besuche bei Georg zu hindern suchte. Erinnerte ich ihn +an sein Versprechen, so wurde er heftig, setzte ich seinen +Wünschen Widerstand entgegen, so konnte ich sicher sein, +bei der Heimkehr die Mutter verweint, die Schwester +verschüchtert, den Vater stumm und finster wieder zu +finden. Blieb ich des Abends fort — Versammlungen +und Kommissionssitzungen, über die ich in unserer Zeitschrift +berichten mußte, machten es häufig genug notwendig —, so +schlich ich mich in zitternder Furcht nach +Hause, weil der Vater mich schon oft mit den ungerechtfertigsten +Vorwürfen empfangen hatte. Jeder Artikel, +den ich in unserem Blatt unter meinem Namen +schrieb — die Anonymität war mir als eine Feigheit +verhaßt —, gab Anlaß zu den peinlichsten Auseinandersetzungen, +und die politischen Ereignisse der Zeit benutzte +er, um das, was mir heilig war, maßlos zu verunglimpfen. +Ich wurde schließlich von einem so dauernden, +Angstgefühl gefoltert, daß ich oft meinte, vom Verfolgungswahn +gepackt zu sein. Der täglich wiederholte +Versuch, vor Georg heiter zu sein, mißlang immer vollständiger, +und eines Tages gestanden wir einander das +Unerträgliche unseres Zustands.</p> + +<p>»So willst du wirklich — wirklich diesen Krüppel +heiraten, den man im Mittelalter der Zauberei angeklagt, +und ganz gewiß verbrannt haben würde?« sagte er mit +ungläubigem Lächeln.</p> +<p><a name="Page_583" id="Page_583"></a></p> +<p>»Ich will!« antwortete ich fest »und wenn es sein +muß, ohne den Segen der Eltern.« Da ich wußte, daß +meines Vaters Heftigkeit mich nicht würde zu Worte +kommen lassen, so schrieb ich ihm einen langen, liebevollen +Brief, in dem ich ihm klar zu machen versuchte, +daß ich alt genug sei, um nach eigener Überzeugung mein +Leben zu gestalten, daß es im höheren Sinne gewissenlos +und pflichtwidrig wäre, statt der eigenen Einsicht +und dem eigenen Gefühl sklavisch dem Machtgebot +anderer zu gehorchen, daß es schlimmer sei als töten, +wenn ein Mensch den anderen zeitlebens zur Unmündigkeit +und Unfreiheit verdamme.</p> + +<p>Einen ganzen Vormittag lang schien mein Vater +meinen Brief zu ignorieren, erst als ich das Haus verlassen +wollte, trat er mir im Flur entgegen.</p> + +<p>»Du bleibst!« rief er und umklammerte mein Handgelenk. +»Die sechs Monate Frist, die ich dir gestellt +habe, sind noch nicht um, — aber du zwingst mich, meine +Bedingungen zu ändern. Du wirst von heute ab deine +Besuche einstellen. Dieser sittenstrenge Ethiker soll mir +nicht ganz und gar deine Seele vergiften.«</p> + +<p>»Du brichst dein Versprechen, Papa —« stieß ich +hervor und riß mich gewaltsam los. In demselben Augenblick +griff er nach der alten Reiterpistole auf seinem +Schreibtisch —.</p> + +<p>»Ein Schritt noch und ich schieße —.« Aber schon +lief ich die Treppe hinunter — über die Straße — über +den Platz, — Menschen und Wagen und Häuser +sah ich wie Schatten an mir vorüberfliegen.</p> + +<p>Wie ich zu Georg kam, — ich weiß es nicht, — der +gelle Angstschrei, den er ausstieß, als ich mitten in seinem<a name="Page_584" id="Page_584"></a> +Zimmer niederfiel, brachte mich zur Besinnung. Noch +an demselben Abend fuhr ich zu Freunden von ihm, die +mir auf alle Fälle ihr Haus schon zur Verfügung gestellt +hatten. Ohne Angabe meiner Adresse teilte ich +den Eltern mit, daß ich nicht mehr zu ihnen zurückkehren +werde. Aber noch ehe mein Brief sie erreicht +haben konnte, benachrichtigte mich Georg, daß Onkel +Walter mich zu sprechen wünsche. Er erwarte mich im +Reichstag. Ich ging hin. Und während im Plenarsaal +die Redeschlacht um die Militärvorlage tobte, gingen +wir ruhig und gemessen in der Wandelhalle auf und +ab, und niemand konnte ahnen, daß sich hier ein Schicksal +entschied.</p> + +<p>»Hans war bei mir, — gleich nach jener Szene. Er +sprach, dramatisch wie immer, von Verstoßen, Verfluchen +und dergleichen,« begann Onkel Walter in geschäftsmäßigem +Ton. »Ich habe ihm erklärt, daß es unser +aller Pflicht sei, einen Familienskandal zu vermeiden, +und daß ich — wenn er auf seinem Standpunkt beharren +wolle — meine Nichte, die Tochter meiner +Schwester, in mein Haus nehmen, und daß sie dort unter +meinem Schutz heiraten würde. Ilse ist, Gott Lob, ganz +meiner Meinung. Ein Zustand, wie der bisherige, ist +für alle Teile auf die Dauer unhaltbar. Von mir aus +ist Hans bei Geheimrat Frommann gewesen, der ihm +zugeredet hat, nachzugeben, und dich und deinen Verlobten +in den höchsten Tönen pries. Infolgedessen hat dein +Vater sich wesentlich beruhigt. Er wird morgen meine +Frau nach Pirgallen begleiten und erlaubte deiner +Mutter, alle Vorbereitungen zu deiner Hochzeit zu treffen, +an der er natürlich selbst nicht teilnehmen wird.«</p> + +<p><a name="Page_585" id="Page_585"></a>Mir traten die Tränen in die Augen, — die Erschütterung +dieses neuen plötzlichen Umschwungs war zu +groß für mich!</p> + +<p>»Du hast keine Ursache, mir zu danken,« schnitt Onkel +Walter schroff jede Antwort ab, »ich tat nur meine +Pflicht im Interesse der Ehre unserer Familie. Im +übrigen ist es hohe Zeit, daß wir Ruhe vor dir haben.« +Damit war ich entlassen.</p> + +<p>Ich kehrte nach Hause zurück, nachdem mein Vater +abgereist war.</p> + +<p>Mit ihrem kühlsten Gesichtsausdruck empfing mich die +Mutter. »Deiner Heirat steht nichts mehr im Wege,« +sagte sie, »außer einer Kleinigkeit, die du natürlich vergessen +hast: der Ausstattung. Wir sind, wie du weißt, +nicht in der Lage, sie dir zu beschaffen, du wirst dich +also mit der kleinen Summe aus der Kleveschen Familienstiftung +begnügen müssen. Und was die Wohnung +betrifft, so — —«</p> + +<p>Ich mußte wider Willen lachen: »Das sind aber doch +wirklich nichts als Kleinigkeiten, Mama!« unterbrach +ich sie. »Wir haben, was wir brauchen, — und Georgs +Wohnung ist viel zu hübsch, als daß ich sie aufgeben +möchte!«</p> + +<p>»Eine Hofwohnung — und nur drei Zimmer!« Mama +kräuselte verächtlich die Lippen.</p> + +<p>»Übergenug für uns! — du siehst: wenn das Aufgebot +morgen erfolgt, können wir in vierzehn Tagen getraut +werden — —«</p> + +<p>»Selbstverständlich! — Ich werde heute noch mit +Euren Papieren auf das Standesamt und womöglich +auch gleich zum Geistlichen gehen.«</p> +<p><a name="Page_586" id="Page_586"></a></p> +<p>»Zum — Geistlichen?!« Ich starrte sie verständnislos +an. Wir »dezidierten Nichtchristen« sollten uns geistlich +trauen lassen?!</p> + +<p>»Georg ist Atheist —«</p> + +<p>»Schlimm genug!« rief die Mutter, »aber du heiratest +unter dem Schutz deiner gläubigen Eltern und wirst +es nach unserem Glauben tun — oder gar nicht.«</p> + +<p>All meine Erklärungen und Bitten prallten an ihrem +unbeugsamen Willen ab. Ich sah aufs neue die schwer +erkämpfte Zukunft gefährdet. Aber als ich Georg mit +vor Aufregung zitternder Stimme von der mütterlichen +Entscheidung erzählte, zog nur ein leichter Schatten über +seine Züge.</p> + +<p>»Wenn deiner Mutter Herz an dieser Zeremonie hängt, +so lassen wir ihr die Freude,« meinte er nach kurzem +Überlegen. »Dürfen wir unser Leben und seine Aufgabe +von einer bloßen Formel abhängig machen?!« Ich senkte +stumm den Kopf, so recht aufrichtig hätte ich seiner Ansicht +doch nicht zustimmen können.</p> + +<p>Den nächsten Verwandten war meine bevorstehende +Heirat mitgeteilt worden. Mit einer gewissen Genugtuung +zeigte mir die Mutter, um deren Mundwinkel +sich die Falten der Bitterkeit täglich tiefer gruben, +ihre teils entsetzten, teils mitleidigen Briefe. An Tante +Klotilde hatte ich selbst geschrieben; ein paar Tage vor +der Hochzeit antwortete sie mir: »Was du tust, ist +Wahnsinn, ja, schlimmer noch: ein widernatürliches +Verbrechen. Auf welch traurigen Abwegen du dich befindest, +habe ich schon durch deine potsdamer Kusinen +erfahren. Daß es aber soweit mit dir kommen würde, +hätte ich nimmer gedacht. Wolle Gott, daß meine +<a name="Page_587" id="Page_587"></a>schlimmsten Befürchtungen für die Zukunft nicht in Erfüllung +gehen! Das ist der einzige Wunsch, mit dem +ich deine Heirat begleite...«</p> + +<p>Aber je näher ich meinem Ziele war, desto gleichgültiger +ließen mich all die Nadelstiche des täglichen +Lebens.</p> + +<p>Als ich jedoch am Abend vor der Trauung zum +letztenmal in die elterliche Wohnung zurückkehrte, stockte +mir schon vor der Türe der Atem, und in den dunkeln +Räumen legte sich mir die Luft zentnerschwer auf das Herz. +In dem verlassenen Zimmer des Vaters war es totenstill, +selbst die Uhr tickte nicht mehr; — hatte ich — ich, die +Tochter, die er am meisten liebte, ihn nicht hinaus getrieben?! +Stumm und in sich gekehrt saßen Mutter +und Schwester und ich um den gedeckten Tisch und zerbröckelten +das Brot zwischen den Fingern. Die Lampe +wollte heute nicht leuchten, und der Teekessel summte +schwermütig, — groß und vorwurfsvoll sah mir zuweilen +das blaue Augenpaar der Schwester entgegen, — die +Mutter vermied meinen Blick; und was sie sagte, kam +ihr rauh und hart aus der Kehle. In mein Zimmer +trieb es mich früher als sonst. Ich legte mechanisch +meine letzten zurückgebliebenen Sachen in den Koffer. +Da klopfte es leise — und in den unruhigen Schein +der Kerze trat Klein-Ilse mit heiß-geweinten Wangen, +einen Kranz von Orangenblüten in der Hand und einen +weißen Schleier. Sie wollte sprechen, — sie konnte es +nicht, — unaufhaltsam flossen ihr die Tränen aus den +Augen; — mit einer Bewegung, die Schmerz, Haß und +Liebe zugleich zu diktieren schienen, warf sie ihre Gabe +auf den Tisch und war im nächsten Augenblick wieder +<a name="Page_588" id="Page_588"></a>verschwunden. Ich lächelte müde, — einen anderen +Kranz hatte ich mir wohl vor langen Jahren erträumt; — fort +mit allem blassen Erinnern, — draußen stand die +Arbeit, stand das Leben und begehrte meiner!</p> + +<p>Noch einmal klopfte es: ein Brief von Georg:</p> + +<p>»Mein Liebling! Zum letztenmal sag ich Dir aus der +Ferne Gute Nacht. Von morgen ab wirst Du bei mir +sein und bleiben. Eine heilige Lebensaufgabe liegt vor +uns, die wir zum Wohle der Menschheit erfüllen wollen, +und eine, die unsere bräutliche Ehe uns persönlich auferlegt.</p> + +<p>Nach meinem Tode kannst Du — aber ganz aufrichtig, +meine tapfere Alix! — der Welt erzählen, wie +ihre Lösung gelang, — anderen zur Warnung, oder zur +Nachahmung. Nur ein Versprechen verlange ich heute +von Dir: sollte jene Liebe Dich jemals gefangen nehmen, +vor der die Menschen uns warnen, und die sich auf +mich, Deinen Gatten, nicht richten kann, — so denke, +ich sei Dein Vater, und schenke mir Dein Vertrauen. +Ich werde mich seiner würdig erweisen, und nie soll ein +Stück Papier für Dich eine Fessel werden. In keiner +Lebenslage würdest Du mich verlieren.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 11em;">Dein in Zeit und Ewigkeit!</span><br /> +<span style="margin-left: 23.5em;">Georg.«</span><br /> +</p> + +<p>Und die Schatten der Vergangenheit zerstoben; ruhig +und glücklich schlief ich dem Morgen entgegen.</p> + +<p>Meine Kusine Mathilde war gekommen, — auch sie +mit einem Gesicht, als sollte sie an einer Beerdigung +und nicht an einer Hochzeit teilnehmen. Zu Fuß gingen +wir vier in die Nettelbeckstraße. Wir gingen rascher — immer +rascher, als wollte einer dem anderen ent<a name="Page_589" id="Page_589"></a>laufen. +Kein Wort der Liebe war meiner Mutter bisher +über die Lippen gekommen. Vor der Haustür blieb +sie aufatmend stehen. »Nun hast du deinen Willen +durchgesetzt,« stieß sie zwischen den Zähnen hervor.</p> + +<p>In meinem künftigen Schlafzimmer, einem großen +Raum, dessen einziges Fenster auf den dunklen Hof +hinaussah, zog ich mein Brautkleid an. Kranz und +Schleier lagen bereit; niemand kam, mir zu helfen. Sie +waren alle vorn und schmückten den Altar! Da hört' +ich eine zaghafte Stimme an der Tür: »Darf ich?«, und +eine kleine Frau schlüpfte herein, verlegen und lächelnd +an der großen weißen Schürze zupfend, in den roten +Händen einen bunten Nelkenstrauß. Ich kannte sie +flüchtig: die Frau vom Tischler nebenan war's, dem +Georg aus dem Elend geholfen hatte, und der jetzt +täglich kam, um sich den »Vorwärts« zu holen. »Ich +konnt' doch heut nicht fehlen,« stotterte sie, »ich mußt' +doch dem gnädigen Fräulein zeigen, wie mächtig wir +uns freuen, mein Karl und ich! So schön ist's, daß der +gute Herr Professor nu nich mehr so alleinich is, — so +heilig schön, daß Sie seine Frau werden!« Dabei faltete +sie die Hände und sah mich aus ihren hellen runden +Augen an, wie der gute Katholik ein wundertätiges +Heiligenbild. Und dann nahm sie vorsichtig den Schleier +und steckte ihn mir auf die Locken und legte mit ihren +groben Arbeitshänden ganz leicht und zart den Kranz +darauf: »Der liebe Gott segne Sie! —«</p> + +<p>War es, weil ich aus dem Dunkel kam, oder weil +helle Freudentränen mir in den Augen standen, — ich +sah, als ich in Georgs Zimmer trat, nichts als Wogen +goldschimmernden Glanzes. Wie Schattenbilder, die uns +<a name="Page_590" id="Page_590"></a>nichts angingen, bewegten sich die Menschen darin. Ich +hörte Worte, mit denen sich mir kein Sinn verband, +und leises Schluchzen, das von weit her kam. Um den +Tisch hinter der schwarzen Gestalt des Pfarrers schwebte +eine Woge weichen Blumendufts zu mir herüber, ein +weißes Kreuz leuchtete auf grünem Grund, — es hatte +einst auf Großmamas Schreibtisch gestanden — und die +schwarze Schrift darauf war die Traupredigt, die ich +allein vernahm: »Die Liebe höret nimmer auf.« Ein +paar Händedrücke fühlt' ich noch, eine paar zeremonielle +Küsse auf der Stirn — Kleiderrauschen — halblautes +Schwatzen — Türen schlagen — und noch einmal den +grellen Ton der Glocke: Ein Telegramm. »In zärtlichster +Liebe bin ich bei dir und Georg. Dein Vater.«</p> + +<p>Dann ward es still, ganz still bei uns. Wir waren +allein.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_591" id="Page_591"></a></p> +<h2><a name="Neunzehntes_Kapitel" id="Neunzehntes_Kapitel"></a>Neunzehntes Kapitel</h2> + + +<p>In einem Tal des Friedens lebte ich. Sanfte +Höhenzüge hüteten es vor der Welt, wie freundliche +Wächter. Meine Wege kannten keine jähen +Abhänge mehr, an denen der Fuß ängstlich strauchelt, +nirgends drohte ein Fels, kein Habicht lauerte auf meine +singenden Vögel. Die Bäche dämpften ihr Geschwätz, +der Wind streichelte leise Blätter und Blumen, der +Sonne Licht war wie ein mütterliches Lächeln.</p> + +<p>Wie kam es nur, daß die Tage vorüberflossen ohne +Angst — ohne Streit, daß die Stunden nicht mehr erfüllt +waren von der lastenden Luft heimlichen Zornes? +Und daß ich sagen durfte, was ich dachte?! Wie war +es möglich, daß ich kein Kettenklirren hörte, wenn mein +Fuß neue Pfade betrat, daß ich nicht allein war und +mich doch niemand scheltend zurückriß, wenn ich vom +Berge weit — weit in die Ferne sah? Einer war neben +mir und hütete jeden meiner Schritte und ging mir +zugleich voran, ein Pfadfinder.</p> + +<p>Der Pöbel strömte herzu mit seiner Neugierde und +seiner Niedrigkeit, aber unsichtbare Kräfte verschlossen +ihm unser Tal des Friedens. Wir allein gingen ungehindert +ein und aus. Aber ob wir gleich in der +Welt wandelten und unsere Schwerter kreuzten mit<a name="Page_592" id="Page_592"></a> +Krämern und Philistern, so war doch unsere Seele +immer in ihm. Und seine Quellen heilten alle unsere +Wunden ...</p> + +<p>Fieberhaft rasch klopfte damals das Herz der Zeit. +Sie war, wie ein geniales Kind, das über dem Reichtum +seines Innern unruhig von einem der goldenen +Schätze zum anderen springt.</p> + +<p>Der Kaiser hatte den Reichstag aufgelöst. Wieder +einmal war der Monarch, der unter dem nivellierenden +Rock des Europäers stets den mystisch-schimmernden +Herrschermantel des Gottesgnadentums trug, mit dem +Volk aufeinandergestoßen. Daß er es nicht begriff, nicht +begreifen konnte, war weniger seine Schuld als die des +unlösbar-tragischen Widerspruchs zwischen der uralten +Tradition der Könige und der zum Bewußtsein ihrer selbst +erwachten Menschheit. Väter pflegen selten zu begreifen, +daß ihre Kinder Menschen werden. Für ihn blieb das +Volk — »mein« Volk!, — das Kind, das willenlose, +und immer nur waren es »Hetzer« und »Unberufene«, +die sich als seine Wortführer aufspielten. Darum galt +ihm das Heer, — ein durch die Macht der Disziplin +in das Stadium der Kindheit zurückgedrängtes Volk —, +stets als »die einzige Säule, auf der unser Reich besteht,« +und ein Volksverräter war, wer seine Entwicklung +hemmte. Im festen Glauben an die ihm von Gott +selbst gegebene Macht, — <em class="antiqua">»suprema lex regis voluntas,«</em> +hatte er ein Jahr vorher in das goldene Buch Münchens +geschrieben —, verkündete er seinen Willen allen hörbar, +und nahm die stummen Verbeugungen deren, die um +ihn standen, als Zeichen für die allgemeine Ergebenheit.</p> + +<p>Um die Militärvorlage tobte der Wahlkampf, der alte<a name="Page_593" id="Page_593"></a> +Parteien auseinanderriß und wie Scheidewasser die Geister +voneinander trennte. In atemloser Spannung sah ich +zu. Auch Egidy, der tapfere Träumer, der »Edel-Anarchist«, +der keine Partei anerkannte und doch, getrieben +von der unbestechlichen Wahrhaftigkeit seines +Wesens, die Wahlparole der Sozialdemokratie nur in +seine Sprache übersetzte, stand auf der Wahlstatt.</p> + +<p>»Was sagen Sie dazu, daß unser gemeinsamer Freund +sich zum Reichstag aufgestellt hat?« schrieb mir Wilhelm +von Polenz. »Überrascht er nicht immer wieder +durch seinen Mut und die Konsequenz seiner Entwicklung? +Ich komme dieser Tage nach Berlin und +möchte Sie gern in eine seiner Wahlversammlungen +begleiten.«</p> + +<p>Wenigen Ereignissen stand ich erwartungsvoller gegenüber +als diesem ersten Besuch einer Volksversammlung!</p> + +<p>Es war ein halbdunkler Raum, niedrig und verräuchert, +in den wir eintraten. Er füllte sich nur langsam. Zuerst +kam der Kreis der engeren Gemeinde Egidys, die +seit seinem entschiedenen Eintritt in das praktisch-politische +Leben sehr zusammengeschmolzen war; dann erschienen +die vielen, die überall dabei sein müssen: sensationslüsterne +Weiber, kühl-neugierige Skribenten; ganz nach +vorn drängten sich die russischen Studenten und Studentinnen, +die stets mit sicherem Instinkt die Luft +geistiger Revolutionen wittern, und schließlich strömte +es herein von Männern und Frauen, von denen ich nicht +recht wußte, wohin sie gehörten. »Arbeiter!« sagte +Polenz. Arbeiter?! Diese ernsten, ruhigen Menschen, +deren bürgerliche Kleidung in nichts an den Kittel und +das Schurzfell erinnerte?! Sie waren die stillsten, als<a name="Page_594" id="Page_594"></a> +Egidy sprach. Nur zuweilen warf einer eine ironische +Bemerkung, einen derben Witz dazwischen, und die feinen +Damen vorn entrüsteten sich und klatschten barbarischen +Beifall, den der Redner vergebens zu beschwichtigen +suchte.</p> + +<p>»Kurage hat er!« flüsterte ein blasses Mädchen +mit wund gestichelten Fingern am Tisch neben mir. +»Wat ick mir dafor koofe!« brummte ihr Begleiter. +»Jetzt red' er uns zum Mund, weil er in 'n Reichstag +will — un nachher is er doch man bloß ein Junker +mehr!«</p> + +<p>»Bahn frei! Den neuen Männern und den neuen +Zeiten!« — tönte es von der Rednertribüne, »aus dem +Wege räumen, was eine kulturentsprechende, Gott gewollte +Entwicklung hemmt« — irgendwo pfiff einer +durch die Finger —, »wir Deutschen wollen das Christentum +verwirklichen« — »Quatsch!« schrie jemand — »Sst — sst!« +antwortete einmütig die Menge, — »ein +Reich des Friedens gründen, wo jeder — Männer +und Frauen — ein Recht an das Leben hat, wo niemand +hungernd daneben steht, wenn die andern schwelgen.« — Die +Studenten schrieen, und ihre Gefährtinnen +winkten mit Hüten und Taschentüchern. — »Wir +sind ein mündiges Volk und werden uns aus eigener +Kraft andere Zustände schaffen. Die nächsten Wochen +sollen uns einen tüchtigen Schritt vorwärts bringen. +Das Alte stürzt, und neues Leben blüht aus den Ruinen, — damit +an die Arbeit!« Ein kurzer Beifall, wie ein +plötzlich ausbrechendes Gewitter, dann Stille, — die +Damen rückten an den Stühlen, die kleine Gemeinde +bildete erwartungsvoll an der Türe Spalier. Da plötzlich +<a name="Page_595" id="Page_595"></a>stand das blasse Mädchen mit den zerstochenen Fingern +auf der Tribüne; sie war sehr klein, ein echtes Proletarierkind, +dem die Not von je her die schwere Hand +auf den Kopf gedrückt hatte, so daß es nicht wachsen +konnte, und die Züge formte, so daß sie zeitlos blieben. +Sie wechselte ein paar Worte mit Egidy, strich sich über +den glatten, stumpfblonden Scheitel und begann mit einer +Stimme zu reden, deren Ton etwas rauhes, knarrendes +an sich hatte.</p> + +<p>»Der Herr Referent sagte mir, daß es in seinen Versammlungen +nicht üblich ist, sich zur Diskussion zu melden. +Er hat mir aber erlaubt, ihm eine Frage zu stellen, die +mir und manchen meiner Parteigenossen« — ein paar +Journalisten riefen höhnend »Aha«, reckten die Köpfe, +und klemmten sich den Zwicker auf die Nase, um die +Rednerin genauer ins Auge fassen zu können — »während +seiner Ausführungen auf den Lippen schwebte. Was er +sagte, ist für uns nichts Neues gewesen. Es gehört seit +Jahrzehnten zum eisernen Bestand der Sozialdemokratie, +die dafür von seiten der herrschenden Klassen unterdrückt, +verfolgt und mißachtet wird,« — ein paar Damen +steckten tuschelnd die Köpfe zusammen —, »die Gleichheit +vor dem Gesetz, die allgemeine Einheitsschule, die Abschaffung +der stehenden Heere, — das alles sind Forderungen +des Erfurter Programms. Und für die Befreiung +des weiblichen Geschlechts aus politischer und +sozialer Versklavung kämpft eine Partei von anderthalb +Millionen deutschen Arbeitern, während die bürgerlichen +Damen in ihren Wohltätigkeitskränzchen so was nicht +einmal unter vier Augen zu flüstern wagen.« — »Aber — aber!« +rief eine Frauenrechtlerin kopfschüttelnd und +<a name="Page_596" id="Page_596"></a>hob die schweren Lider wie eine gut geschulte Tragödin. +Ich jedoch zuckte zusammen, als müßt' ich mich persönlich +getroffen fühlen. — »Und wenn der Herr Referent mit +so viel dankenswertem Eifer für den gesetzlichen Arbeiterschutz +eintritt, so hätte er — zur Aufklärung für all die +Herrschaften, die in unsere Versammlungen doch nicht +kommen — wohl ein Wörtchen darüber sagen können, +daß wir es waren und sind, deren rastloser Arbeit, nach +Fürst Bismarcks eigenem Ausspruch, das bißchen Arbeiterschutz +zu verdanken ist, das wir haben. Den Herren da +oben ist das schon zu viel, sie schreien nach Flinten und +Kanonen gegen den inneren Feind und winseln nach +Liebesgaben für ihre Taschen ...« Sie brach ab, ihre +Stimme war kreischend geworden. Egidy stand ruhig +mit verschränkten Armen und einer tiefen Falte auf der +Stirn neben ihr.</p> + +<p>»Und Ihre Frage, mein Fräulein?« frug er.</p> + +<p>»Ach so — meine Frage —« ein verlegenes Lächeln +ließ sie plötzlich ganz jung erscheinen, dann reckte sie sich, +stemmte die Arme fest auf das Pult vor ihr, sah Egidy +gerade ins Gesicht und sagte. »Wenn Sie dasselbe wollen, +wie wir, — warum sind Sie nicht Sozialdemokrat?«</p> + +<p>Ein spannender Moment: tausend Augenpaare bohrten +sich in das blasse, erregte Gesicht Egidys. »Das hab' +ich gefürchtet —« flüsterte Polenz neben mir.</p> + +<p>»Ich habe den Soldatenrock ausgezogen um meiner +Überzeugung willen, — darnach gibt es für mich kein +Opfer mehr, das ich ihr nicht leichten Herzens bringen +könnte. Ich bin nicht Sozialdemokrat, weil Ihre Partei +das tiefste Bedürfnis der Menschenseele, das religiöse, +niederhöhnt und niedertrampelt — —«</p> +<p><a name="Page_597" id="Page_597"></a></p> +<p>»Das ist gelogen!« schrie eine Stimme ihm entgegen; +er wurde noch um einen Schein blasser.</p> + +<p>»Ich lüge nie,« dröhnte es in den Saal. »Und ich +bin nicht Sozialdemokrat, weil Ihre Partei für eine +gute Sache mit schlechten Waffen kämpft —«</p> + +<p>Ein allgemeiner Tumult verschlang, was er noch sagte. +»Bravo« — »sehr richtig« klangs von der einen Seite — »Pfui« — dröhnte +es langgedehnt aus dem Hintergrunde. +Der Polizeileutnant griff nach dem Helm, Egidy +stand regungslos wie eine Mauer und starrte auf die +sich erschrocken hinausdrängende Menge, die kleine Näherin +suchte sich vergebens Gehör zu schaffen.</p> + +<p>Ein Mann, auf eine Krücke gestützt, wirre schwarze +Haarsträhnen um gelbe, eingefallene Züge, brach sich in +diesem Augenblick Bahn bis zur Tribüne. »Genosse +Reinhard, — Gott Lob«, die kleine Näherin streckte ihm +von oben die Hand entgegen, ein paar andere sprangen +helfend herzu, und neben ihr stand er.</p> + +<p>»Genossen —« wie unter einen Zauberschlag schwieg +alles, — der Polizeileutnant legte den Helm auf den +Tisch, die sich ins Freie Schiebenden wandten sich um, +und blieben stehen, in Egidys steinerne Ruhe kehrte das +Leben zurück; — »es ist unser unwürdig, eine Versammlung +durch Lärm zu stören, in der wir nichts als +Gäste sind. Noch weniger haben wir einen Grund, uns +darüber aufzuregen, daß Herr von Egidy die Frage der +Genossin Bartels ehrlich beantwortet hat. Mir war seine +Antwort vielmehr höchst interessant. Alle jene bürgerlichen +Ideologen, von den Ethikern an, die die Welt +durch die Moral erobern wollen, bis zu den Christlichsozialen +um Naumann würden uns eine ähnliche haben +<a name="Page_598" id="Page_598"></a>geben können. Und weil Sie so ehrlich sind, Herr von +Egidy, —« er wandte sich mit einer kleinen Kopfneigung +zu dem neben ihm stehenden, »darum lassen Sie sich auch +unsere ehrliche Antwort gefallen: rechnen Sie nicht +auf unsere Stimmen. Sie sind ein braver Mann — Sie +mögen allerlei brave Leute hinter sich haben, — aber +unsere Sache bedarf solcher Kerle, wie wir sind — die +den Dreschflegel und den Hammer — ›die schlechten +Waffen!‹ — zu führen gelernt haben, denen die Maschine +die Glieder zerriß, —« er hob die Krücke wie ein Trophäe — »an +deren Leibern die Tuberkelbazillen fressen« — er +reckte den mageren Arm in die Höhe. »Neunzehnhundert +Jahre haben wir gewartet, daß Eure christlichen +Liebes- und Barmherzigkeitspredigten uns helfen möchten, — jetzt +ist unsere Geduld erschöpft. Und wenn Euch +unsere Waffen nicht ritterlich genug sind, — Ihr selbst +seid daran schuld, daß wir sie brauchen müssen!« —</p> + +<p>Die Augen des Redners weiteten sich, sie sahen ekstatisch +in die Ferne, hinweg über die Menschen unter ihm, die +Krücke fiel krachend zu Boden, und die Arme streckten +sich aus. Still war's sekundenlang, man hörte nur die +eigenen Atemzüge, — dann brach es los: »Hoch Genosse +Reinhard« —, »Hoch die Sozialdemokratie« — »Nieder +der Militarismus«, — und plötzlich vereinigten +sich die durcheinanderschreienden Stimmen zu einem +einzigen vollen Gesang: der Schritt heranrückender +Massen, die überwältigende Einheit eines beherrschenden +Gefühls, die rücksichtslose Kraft der Jugend lag +darin.</p> + +<p>»Kommen Sie —« sagte Polenz leise. Wie aus +einem Traume sah ich auf. Der Saal war schon halb leer.<a name="Page_599" id="Page_599"></a> +Nur droben auf der Tribüne stand Egidy noch mit der +kleinen Näherin.</p> + +<p>»Lassen Sie mich —« antwortete ich hastig und trat +rasch auf die beiden zu. »Darf ich einmal zu Ihnen +kommen?« — ganz zaghaft nur sprach ich dem jungen +Mädchen meine Bitte aus. Sie sah mich an, noch mit +dem Glanz strahlender Freude auf den Zügen: »Sicherlich!« — Und +ich notierte ihre Adresse.</p> + +<p>Nicht schnell genug konnte ich zu Hause sein und ließ +mir nicht die Zeit, Hut und Mantel abzulegen, um Georg +zu erzählen, was ich erlebt hatte. Er hörte mich lächelnd +an. »Was ist mein Liebling für ein feuriger Redner,« +sagte er, als ich endlich schwieg.</p> + +<p>»Ich wollte, ich wäre es! Auf alle Tribünen der +Welt würde ich steigen und die steinernen Herzen warm +machen und die Schlafenden aufrütteln ...« Mit einem +tiefen Seufzer warf ich mich in den Stuhl.</p> + +<p>»So versuch es doch einmal ...«</p> + +<p>Ich sprang auf: »Meinst du?!«</p> + +<p>Schon am nächsten Morgen ging ich zu Martha +Bartels. Weit draußen im Osten wohnte sie. Durch +zwei schmutzige Fabrikhöfe mußte ich hindurch bis zu +dem niedrigen Häuschen mit der wackligen Holztreppe, +die an einem Stall vorbei hinauf in ihre Wohnung +führte. Das Rattern der Nähmaschine wies mir den +Weg; eine laute gleichmäßig lesende Männerstimme begleitete +es. »... die Befreiung der Arbeiterklasse kann +also nur ein Werk der Arbeiterklasse selbst sein,« hörte +ich durch die Türe. Ein graubärtiger Alter öffnete mir. +»Laß die Dame nur herein, Vater,« rief Martha +Bartels aus dem Zimmer, »das ist sicher die Frau<a name="Page_600" id="Page_600"></a> +Professor —« Mit ausgestreckter Hand kam sie mir +entgegen.</p> + +<p>Ein freundlicher Raum wars, in den ich eintrat: auf +den beiden Betten lagen rotgewürfelt und glattgestrichen +die Kissen, vor dem alten braunen Sofa mit dem sorgfältig +geflickten Bezug stand auf drei geschwungenen +Beinen ein runder Tisch, auf dem nicht ein Stäubchen +sich zeigte. Nur um die Maschine am Fenster bauschte +sich weiße Leinwand, sonst herrschte peinlichste Ordnung +überall. Als einziger Schmuck prangten die Bilder von +Marx und Lassalle an den Wänden.</p> + +<p>Mit Fragen begann ich das Gespräch; Vater und +Tochter ergänzten einander im Erzählen: wie er einst, +als kleiner Schuhmachermeister, lange und hartnäckig +den Kampf gegen die übermächtige Fabrik geführt habe, +wie sie — früh mutterlos — schon als Schulkind mit +verdienen mußte und der kleine Haushalt überdies auf +sie allein angewiesen war.</p> + +<p>»Damals haderte ich mit dem Geschick,« sagte der +Alte, »an den lieben Gott zu glauben hatte ich längst +aufgehört, und oft wußt ich nicht, sollt ich den Fabrikanten +erschlagen, oder lieber mit dem Kinde zusammen +dem elenden Leben ein Ende machen.«</p> + +<p>»In der Werkstatt, wo ich mit immer müden Augen +und einem Stumpfsinn, der mir bald alles gleichgültig +machte, Knopflöcher nähte, — Tag aus, Tag ein, vom +grauen Morgen bis tief in die Nacht immer bloß Knopflöcher! —« +fuhr die Tochter fort »lernte ich einen +Bügler kennen, der nahm mich zuerst in Versammlungen +mit und steckte mir heimlich Zeitungen und Flugblätter +zu. Wie mir da die Augen aufgingen!«</p> + +<p><a name="Page_601" id="Page_601"></a>Der Alte streichelte mit der runzligen Hand die Wange +der Tochter. »Sehen Sie, und damit hat mir die Kleine +das Leben gerettet! Wir waren auf einmal nicht mehr +allein, und der Mühe wert wars auch für uns arme +Leute, zu leben! Hier in diesem Zimmer sind wir +während des Sozialistengesetzes oft genug mit den Genossen +zusammen gekommen, und draußen in der Fabrik, +wo ich arbeitete — der Meisterhochmut war mir glücklich +vergangen! —, und in der Werkstatt, wohin die +Martha ging, haben wir ganz im stillen immer neue +Freunde geworben.«</p> + +<p>Die Tochter lachte: »Jetzt gehts dem Vater eigentlich +viel zu friedlich zu! Sie hätten ihn sehen sollen, wie +er mit seinem ehrlichen Gesicht den Spitzeln eine Nase +drehte und unsere Zeitungen überall einzuschmuggeln verstand! — Na, +lange dauerts nicht mehr, und er wird sich +seiner alten Künste erinnern müssen!«</p> + +<p>Und dann erfuhr ich von ihrer jetzigen Tätigkeit: wie +sie für ihre Gewerkschaft auf Agitationsreisen ging, wie +sie in täglicher Kleinarbeit für die Partei die Kollegen +und Kolleginnen zu gewinnen suchte, wie sie im Arbeiterinnenverein +die Proletarierfrauen durch Vorlesen +aus Büchern und Zeitschriften zu geistigen Interessen +erzog.</p> + +<p>»Wo aber nehmen Sie bloß die Zeit und die Kenntnisse +her?« frug ich mit steigendem Erstaunen. »Sie +müssen doch wohl verdienen, wie ich sehe!«</p> + +<p>»Gewiß muß sie das und für Zwei sogar!« antwortete +der Vater, »mich will sie durchaus nicht mehr in die +Fabrik gehen lassen.«</p> + +<p>»Er ist mir zu nötig!« unterbrach sie ihn. »Er liest +<a name="Page_602" id="Page_602"></a>mir vor, wenn ich nähe, und wenn wir Feierabend +machen, brauch' ich ihn wieder. Er hat eine bessere +Schulbildung als ich und erklärt mir, was ich in +unseren Büchern nicht verstehe.« Sie sah nach der +Uhr: »Seien Sie nicht böse — aber jetzt muß ich fort, — wir +tragen heut in unserem Bezirk Wahlflugblätter +aus —«</p> + +<p>Wir gingen zusammen. Unterwegs erzählte sie mir +von ihrem Frauenverein, von den polizeilichen Verfolgungen, +denen er ausgesetzt wäre. »Sie sollten mal hinkommen, +Frau Professor!«</p> + +<p>»Mit Freuden, wenn ich darf! Aber — bitte — nennen +Sie mich nicht ›Frau Professor‹, Frauentitel sind mir zuwider, +wenn sie nicht selbst erworben sind.«</p> + +<p>Sie blinzelte mich von der Seite an: »Ja — wie soll +ich Sie sonst anreden — ich verschnappe mich am Ende +noch mal und sage: Genossin!«</p> + +<p>Sie hatte ihr Ziel erreicht. Vor einer kleinen Kneipe +strömten die Menschen zusammen, Frauen und Männer, +junge und alte Leute. Sie grüßten einander, wie lauter +Freunde. Still trat ich beiseite. Wie sie alle fröhlich +waren und siegesbewußt! Ein paar mißtrauische +Blicke streiften mich, mit spöttischem Augenzwinkern +gingen Arm in Arm ein paar Mädchen an mir vorüber. +Und mit jähem Schmerzgefühl empfand ich: daß ich hier +eine Fremde war.</p> + +<p>Acht Tage später begleitete ich Georg zum Wahllokal. +Während er im Rollstuhl vor der Tür stand, streckten +sich ihm von allen Seiten die Hände mit den Wahlzetteln +entgegen. »Wir wählen den Sozi,« sagte er +laut und lustig, »meine Frau und ich!«</p> + +<p><a name="Page_603" id="Page_603"></a>Aber der Rollstuhl ging nicht über die Stufen. Der +Diener, der ihn schob, mußte den Gelähmten hineintragen. +Ein Auflauf Neugieriger entstand. Ich deckte +rasch die schwarze Pelzdecke über den armen, schmalen +Körper — »Frauen raus!« sauste mich eine rauhe +Stimme an, kaum daß ich den Fuß auf die Schwelle +setzte. Ich ballte unwillkürlich die Fäuste und schritt +mit zurückgeworfenem Kopf an dem Schreier vorbei in +den Saal, wo ich vor dem Tisch des Bureaus stehen +blieb, bis Georg seinen Zettel in die Urne geworfen +hatte.</p> + +<p>Daß wir uns innerlich mit wachsender Sicherheit zum +Sozialismus bekannten, spiegelte sich in jeder Nummer +unserer Zeitschrift wieder. Wir hatten des alten Bartels +Selbstbiographie veröffentlicht und, dadurch angeregt, +durch die sozialdemokratische Presse Aufforderungen zur +Einsendung solcher Lebensbilder verbreiten lassen. Von +allen Seiten kamen sie uns zu, und wir erwarteten +Wunder von den Folgen der in ihrer Einfachheit doppelt +erschütternden Bekenntnisse. Aber statt dessen liefen aus +den Mitgliederkreisen der Ethischen Gesellschaft Klagen +um Klagen ein über den »aufreizenden, unethischen Ton«, +den wir anschlügen, und Professor Seefried, Georgs +alter Gegner, erschien in Berlin, um durch einen öffentlichen +Vortrag die politische Neutralität der Gesellschaft +aufs neue scharf zu betonen und sich in ihrem Namen +gegen die »einer höheren ethischen Welt- und Lebensauffassung +widerstreitenden Ideen des Kollektivismus« +zu erklären. Eine heftige Debatte in unserer Zeitschrift +schloß sich daran; und in den Sitzungen und Versammlungen +der Gesellschaft traten die tiefen geistigen Gegen<a name="Page_604" id="Page_604"></a>sätze +zwischen Sozialisten und Antisozialisten trotz aller +Aufrechterhaltung ethischer Formen immer deutlicher +hervor. Ich beteiligte mich bald genug nur aus Rücksicht +auf Georgs Wünsche an den Vereinsversammlungen.</p> + +<p>»Wir müssen uns vor dem zweisamen Egoismus hüten, +Kindchen,« mahnte er oft; »das hieße den Frieden und +die geistige Eintracht unseres persönlichen Lebens höher +stellen, als unsere Sache.«</p> + +<p>Und so mußt ich denn so manchen Abend opfern und +kam doch fast immer mit einem Gefühl peinlicher Leere +nach Hause. Gearbeitet wurde, — zweifellos. Da war +eine kluge, warmherzige Frau, die eine Auskunftsstelle für +Bedürftige und Verlassene gegründet hatte und der Sorge +für die vielen Fragenden all ihre Zeit opferte; da war +eine andere, die voll tiefen Erbarmens Tag aus, Tag ein +denen nachging, die eigene Leidenschaft und männliche +Lüsternheit in des Lebens tiefste Abgründe riß; eine Gruppe +gab es, die zu einer künftigen Volksbibliothek die Bücher +Stück für Stück mühselig zusammentrug. Und Reden +wurden gehalten, zu Tagesfragen Stellung genommen, +und manch ein Schwankender sicherlich auf neue Wege +geführt.</p> + +<p>Aber was galt das alles mir? Entsprach dieser Verein +mit seinen paar hundert Mitgliedern jener großen Bewegung, +wie ich sie erwartet hatte? Vergebens erinnerte +mich Georg daran, daß wir im ersten Anfang unserer +Entwickelung stünden. Mir kam es vor, als ob die mit +vielem Eifer ergriffene praktische Arbeit innerhalb der +Gesellschaft den großen starken Strom der Idee in +hundert klägliche Wasserleitungen teile, deren jede grade +nur ausreichte, ein paar dünne Süppchen zu kochen.</p> + +<p><a name="Page_605" id="Page_605"></a>Oder fehlte es unserer Sache nur an den richtigen +Menschen? Unsere Zeitschrift und unser Haus wurden +allmählich der Mittelpunkt, um den sich scharte, was +unseres Geistes war. »Eine gefährliche Nebenregierung!« +hatte <em class="antiqua">Dr.</em> Jacob mir einmal mit sauersüßem Lächeln gesagt, — derselbe +<em class="antiqua">Dr.</em> Jacob, der, wie mir dienstfertige +Freunde berichteten, jedem anvertraute, daß +Fräulein von Kleve den Professor von Glyzcinski nur +geheiratet hätte, um eine Rolle zu spielen.</p> + +<p>Selten nur waren wir nachmittags an unserem Teetisch +allein. Georgs Beziehungen zu den Gelehrten des +Auslands zogen uns Gäste aus aller Herren Ländern zu; +Amerikaner und Engländer fehlten nie; aber auch +Russen, Rumänen und Japaner fanden sich ein: Studenten +und Studentinnen, die heißhungrig in wenigen +Monden Deutschlands ganze Kultur in sich aufzunehmen +verlangten, Professoren, die dem alten Witzblattypus in +nichts mehr glichen, für die das Leben Wissenschaft und +die Wissenschaft Leben war.</p> + +<p>Ein geistvoller Kopf, mit den Spuren mancher Säbelmensur +auf den Zügen, tauchte häufig zwischen ihnen +auf: der des Sozialdemokraten Schönlank. Niemand +verstand wie er, die Ideen der Partei darzustellen und +zu verteidigen, und stets umgab ihn eine aufmerksame +Zuhörerschaft. Auch Egidy kam, und Martha Bartels +und ihr Vater. Eines Tages brachte sie sogar den +lahmen Reinhard mit, den Professor Tondern, unser +sozialpolitisch am meisten links stehendes Vorstandsmitglied, +sofort mit Beschlag belegte, um mit der Gewerkschaftsbewegung +Fühlung zu gewinnen. Auch der +Leiter der Neuen Freien Volksbühne war ein häufiger<a name="Page_606" id="Page_606"></a> +Gast, und manch ein junger Theologe, voll ehrlicher +Begeisterung für die neuen Aufgaben, die der christlich-soziale +Kongreß den Vertretern der Kirche stellte, fand +den Weg zu uns. Bertha von Suttner erschien, sobald +sie in Berlin war, beseelt von jenem strahlenden Glauben +an die Sache, der das Kennzeichen geborener Reformatoren +ist, und über den nur engherzige Alltagsleute +lächeln. Denselben heiteren Optimismus, der +die ganze Atmosphäre in starke Schwingungen zu versetzen +scheint, brachte Frances Willard in unseren Kreis, +die tapfere Amerikanerin, die auf dem Feldzug gegen +Laster und Not entdeckt hatte, daß ihrem Geschlecht zu +seiner Durchführung die Waffen fehlten, und die nun +mit einer Energie ohne Gleichen den Gedanken des +Frauenstimmrechts von einem Ende der Welt zum anderen +trug.</p> + +<p>So verschiedenartig die Menschen waren, die über den +dunkeln Hof und die finstere Treppe den Weg in unsere +hellen Zimmer fanden, — zweierlei war ihnen allen +gemeinsam: die Überzeugung, daß unsere Welt sich das +Lebensrecht verscherzt habe, und die Kraft, die Welt +der Zukunft mit der Hingabe des ganzen Lebens aufzubauen.</p> + +<p>»Ist das nicht recht eigentlich unsere Ethische Gesellschaft?« +sagte Georg eines Tages, als unsere Gäste all +ihre Reformpläne und Umsturzideen miteinander ausgetauscht +hatten und im Rausch der eigenen Begeisterung +bis zum späten Abend bei uns geblieben waren. +»Von allen Seiten bohren sie schon den Felsen an, der +unser Nordland vom Zukunftssüden trennt!« Er strahlte +wieder wie ein Kind.</p> +<p><a name="Page_607" id="Page_607"></a></p> +<p>»Ich möchte auch bohren, Georg!« meinte ich — eine +tiefe Unzufriedenheit mit mir selbst hatte mich innerhalb +dieses Kreises selbständig schaffender Menschen ergriffen —, +»nicht immer bloß nachschleichen, wo die anderen schon +den ersten Schritt getan haben.« Schon längst beschäftigte +mich der Gedanke, daß die Frauen vor allem +berufen seien, Trägerinnen der sozialen Bewegung zu +werden, die notwendig zum Sozialismus führen müsse.</p> + +<p>»Unsere politische Rechtlosigkeit, unsere wirtschaftliche +Abhängigkeit, unsere soziale Unterdrückung stellt uns auch +ohne unser Wissen und Wollen auf die Seite aller Entrechteten. +Unsere mütterlichen Empfindungen machen +uns überdies hellsichtiger für Not und Elend. Hätten +wir die Frauen, — wir hätten die Welt!« Ich lief +aufgeregt im Zimmer umher — »das ist eine Aufgabe, +die sich der Mühe lohnt — —«</p> + +<p>»Und die meine Alix erfüllen kann,« unterbrach mich +Georg, mir beide Hände entgegenstreckend.</p> + +<p>Gleich am nächsten Tage ließ ich mich in die Vortragsliste +der Ethischen Gesellschaft einzeichnen. Da es immer +an Rednern fehlte, wurde meine Anmeldung mit Freuden +begrüßt. Und nun ging ich an die Vorbereitung. Durch +amerikanische und englische Frauenzeitschriften war ich +über den Stand der Bewegung im Ausland vollkommen +orientiert; der »Vorwärts,« die Arbeiterinnenzeitung, die +Versammlungen des Arbeiterinnenvereins, die ich mit +Martha Bartels besuchte, hatten mir ein Bild von der +Lage der Proletarierinnen, ihren Wünschen und ihren +Bestrebungen gegeben; nur von der deutschen Frauenbewegung +wußte ich noch nicht viel.</p> + +<p>Seit einem halben Jahrhundert kämpfte sie um die<a name="Page_608" id="Page_608"></a> +Eröffnung bürgerlicher Berufe, um höhere Bildung. +Sie kämpfte?! Ach nein; sie hatte in Vereinen und +Vereinchen Resolutionen und Petitionen verfaßt, — aber +die Welt außerhalb ihrer Kreise wußte nichts von ihr. +Ich las die Broschüren von Helma Kurz; ich besuchte +Frau Vanselow, die ich bei Egidy kennen gelernt +hatte, und deren Ruf, von allen Frauenrechtlerinnen +die radikalste zu sein, sie mir sympathisch machte. Aber +die Tendenzen ihres Vereins und seines kleinen Organs +waren keine anderen als die der Kurz.</p> + +<p>»Ich begreife nicht, wie Sie bei solchen Forderungen +stehen bleiben können!« rief ich, als Frau Vanselow mir +ihre Prinzipien auseinandersetzte. »Und wenn wir schon +Pastoren, Professoren und Advokaten werden können, +was haben wir dann besonderes, als einige Berufsphilister +und Bildungsproleten mehr! Damit ist die +Frauenfrage ebenso wenig gelöst, wie sie etwa bei den +Arbeiterinnen gelöst ist, die längst das Recht haben, zu +schuften wie die Männer.«</p> + +<p>»Ich bin ganz Ihrer Meinung — ganz und gar —« +nickte Frau Vanselow eifrig und hob die schweren Lider +von den berühmt schönen Augen — »aber wir müssen vorsichtig — sehr +vorsichtig sein, um zunächst nur einzelne Konzessionen +zu erringen. Sie sind jung, — kämpfen Sie erst +so lange Jahre wie ich, meine liebe Freundin, und Sie +werden einsehen, daß wir Frauen nur Schritt für Schritt +vorgehen dürfen. Ich besonders habe schwer zu ringen — niemand +versteht mich — meine Vereinsdamen sind die +Ängstlichkeit selbst —«, sie griff nach meiner Hand und behielt +sie in der ihren — »wie froh wäre ich, in Ihnen eine +frische Hilfskraft gewinnen zu können!« Ich errötete +<a name="Page_609" id="Page_609"></a>erfreut; hier bot sich mir eine neue Gelegenheit, um zu +wirken. »Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen,« antwortete +ich, »aber ehe ich mich Ihnen verpflichte, sollten +Sie erst abwarten, was ich leisten kann.«</p> + +<p>Mit steigendem Eifer arbeitete ich an meinem Vortrag. +Ich lernte ihn Satz für Satz auswendig. Am +Abend vor der Versammlung war »Generalprobe« vor +Georg als meinem einzigen Zuhörer. »Wenn ich mich +schon vor dir so fürchte, wie soll das bloß morgen +werden!« sagte ich, und das Papier zitterte in meinen +Händen. Da klingelte es, — ich hörte eine Stimme, +die mir in diesem Augenblick gespannter Erregung die +Tränen in die Augen trieb: mein Vater! Ich hatte +seine Rückkehr noch nicht erwartet und nun stand er +vor mir — sehr gealtert, ganz blaß, die Hände schwer +auf den Stock stützend —, wie an den Boden gewurzelt.</p> + +<p>»Papa!«</p> + +<p>»Mein liebes Herzenskind!« Ich lag in seinen Armen. +Und dann nahm er meinen Kopf zwischen seine Hände +und sah mich an. »Wie rosig du aussiehst — und wie — wie +glücklich!« Mit einer raschen Bewegung näherte er sich +Georg und reichte ihm die Hand. »Verzeiht mir, Kinder, +verzeiht! — Und du, hab Dank, tausend Dank, daß ich +meine Alix so wiederfinde!« Er konnte sich nicht trennen; +jedes Bild an der Wand, jeder Zimmerwinkel mußte +einmal und noch einmal besichtigt werden. »Wie hübsch +und friedlich es bei Euch ist!« Er legte mit einem +Seufzer die Hand über die Augen. »Da werdet Ihr +mich so leicht nicht mehr los werden!«</p> + +<p>Von allem erzählte er, was ihn in den Monaten seit +unserer Trennung beschäftigt hatte, und vergaß in der<a name="Page_610" id="Page_610"></a> +Lebhaftigkeit rasch, wen er vor sich sah: »Diese Rasselbande, +die die Militärvorlage ablehnte, — und dann +diese infamen Wahlen — —.«</p> + +<p>Wir schwiegen, aber ein harter Zug trat auf Georgs +Gesicht. Er räusperte sich vernehmbar. Der Vater stockte. +»Ach soo —« sagte er gedehnt, biß sich heftig auf die +Lippen und stand auf. Ich begleitete ihn hinaus. An +der Türe hielt er meine Hand noch einmal fest: »Auf allen +Litfaßsäulen steht dein Name — mich hat das nicht +wenig entsetzt — du wirst kaum auf mich rechnen in der +Versammlung — Mama wird mir berichten. — Gute +Nacht, mein Kind.«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Am Abend darauf trat ich in den hellen, dicht gefüllten +Saal des Langenbeck-Hauses. Einen +Augenblick lang schien die Erde zu schwanken, +die Lichter tanzten einen wahnsinnigen Ringelreihen, und +mir war, als müßten die vielen Menschen auf den amphitheatralisch +hoch aufsteigenden Bänken wie eine Lawine +auf mich niederstürzen. Da fiel mein Blick auf Georg: +seine strahlenden Augen ruhten fest auf mir, und ein +Gefühl sicherer Ruhe überkam mich. Ich sprach zuerst +nur für ihn. Allmählich aber strömte etwas mir entgegen +wie ein lebendig gewordenes Verstehen, — ich +fühlte die Menschen, die unter meinen Worten<em class="spaced"> ein</em> +Mensch geworden waren, — mit<em class="spaced"> einem</em> klopfenden +Herzen,<em class="spaced"> einem</em> horchenden Verstand.</p> + +<p>»Jedes Stück unserer Kleidung, von der Leinwand an +bis zu dem Seidenkleid, von den Nägeln unserer Stiefel +bis zu dem feinen Leder unserer Handschuhe könnte von +<a name="Page_611" id="Page_611"></a>hohläugigen, müden Frauen, von blassen um ihre Jugend +betrogenen Mädchen qualvolle Leidensgeschichten erzählen. +Der hohe Spiegel, der das Bild der schönen, glücklichen +Frau wiederstrahlt, hat vielleicht ein keimendes Leben +vernichtet ... Und der Damast, der unsere Tafeln deckt, — Leopold +Jakoby singt von ihm: ›Daraus hervor +grauenhaft — das Gespenst des Hungers grinst mich +an — über den Tisch ...«</p> + +<p>Ein Aufseufzen ging durch den Saal wie eine schwere +Woge, die mich trug — mich empor hob — hoch — immer +höher, so daß meine Stimme über alle hinweg +in die Ferne drang.</p> + +<p>»... die Prostitution ist das einzige Privilegium der +Frau ... Ein Mädchen darf, solange es minorenn ist, +ohne die Einwilligung ihres Vaters nicht heiraten, aber +es darf sich preisgeben, ohne daß sein Vater es daran +hindern kann. Die Frau darf — bei uns in Deutschland! — nicht +Medizin studieren, weil man für ihre Weiblichkeit +so zärtlich besorgt ist und ihre Sittlichkeit hüten +will, aber sie darf sich einen Gewerbeschein verschaffen, +der sie berechtigt, sich und andere physisch und moralisch +zugrunde zu richten. Sie darf — bei uns in Deutschland! — an +keiner öffentlichen Wahl sich beteiligen, +aber sie darf von ihrem durch den Verkauf ihres Körpers +schmählich erworbenen Geld dem Staate Abgaben +zahlen ...«</p> + +<p>Jetzt war es der Sturm, der von drüben mir entgegenschlug, — der +Sturm der Empörung, und mein war die +Macht, ihn zu lenken, wo es Ruinen einzureißen, dürre +Bäume zu stürzen galt!</p> + +<p>»... Was tun? fragen wir mit dem großen russi<a name="Page_612" id="Page_612"></a>schen +Dichter, dessen Werk nur ein Ausdruck des Gefühls +von Hunderttausenden ist. Wir werden nicht mehr petitionieren, +sondern fordern, uns nicht mehr hinter den verschlossenen +Türen unserer Vereine über unsere frommen +Wünsche unterhalten, sondern auf den offenen Markt +hinaustreten und für ihre Erfüllung kämpfen, gleichgültig, +ob man mit Steinen nach uns wirft ...«</p> + +<p>Brausender Beifall unterbrach mich, — ich sah nur +Georg, der weit vorgebeugt in seinem Rollstuhl saß und +die Augen nicht von mir ließ.</p> + +<p>»... Aber was wir auch fordern mögen zugunsten +unseres Geschlechts, das die wirtschaftliche Entwicklung +aus dem Frieden des Hauses hinaus in den +Kampf ums Dasein trieb, — man wird uns mit Phrasen +und kläglichen Pflastern für unsere Wunden abspeisen, +solange die politische Macht uns fehlt ...«</p> + +<p>Erneuter, dröhnender Beifall, — aber von irgendwo +her mischte sich ein giftiger, zischender Laut hinein.</p> + +<p>»... Von der geistigen Inferiorität der Frau +höre ich große und kleine Leute sprechen, die, darauf +gestützt, unsere Forderung der politischen Gleichberechtigung +glauben ablehnen zu dürfen. Aber erst wenn die +Frauen ebenso viele Jahrhunderte lang wie die Männer +die Hilfe der Wissenschaften, die Schulung des Lebens +und den Sporn des Ruhmes genossen haben werden, +wird es an der Zeit sein, zu fragen, wie es mit ihrem +Verstande steht. Das weibliche Geschlecht — so wirft +man weiter ein — habe noch kein Genie hervorgebracht. +Hat man bei den Negern Amerikas auf das Genie gewartet, +ehe man ihnen politische Rechte gab? Hat man +ihre Gewährung beim Mann von einer Prüfung seiner<a name="Page_613" id="Page_613"></a> +Geisteskräfte abhängig gemacht?... Sie können der +Wehrpflicht nicht genügen, darum kommt den Frauen +das Stimmrecht nicht zu, lautet das letzte Argument der +in die Enge getriebenen Gegner. Ich aber frage: der +Mann, der sein Leben vor dem Feinde in die Schanze +schlägt, und die Frau, die mit Gefahr ihres Lebens dem +Staate die Bürger gebiert — haben sie nicht die gleiche +Berechtigung über das Wohl und Wehe des Vaterlands zu +entscheiden? Jede dreißigste Frau stirbt an diesem ihrem +natürlichen Beruf, und sie wird trotz aller Fortschritte +der Wissenschaft auch dann noch in Lebensgefahr schweben, +wenn der Völkermord längst der Erinnerung angehören +wird ...«</p> + +<p>Ich hatte geendet — mir war, als versänke ich in +einem vom Orkan gepeitschten Ozean. Es dunkelte mir +vor den Augen — ich fühlte Händedrücke — sah in +hundert unbekannte Gesichter, — — vor all diesen fremden +Menschen hatte ich eben gesprochen?! Wie war das nur +möglich gewesen?! — Meine Mutter stand auf einmal +vor mir, mit heißem, erregten Gesicht — meine Schwester +umarmte mich stürmisch. — An der Tür drängte sich +Martha Bartels durch die Menge, — ich fühlte nur, +wie sich ihre heißen Finger schmerzhaft fest um die +meinen preßten. Endlich — endlich sah ich Georg! +Was galten mir die anderen alle, — von ihm allein +erwartete ich die Wahrheit: seine Augen waren feucht, — er +beugte den Kopf über meine Hand und küßte sie.</p> + +<p>Die Menschen hatten sich verlaufen. Fast unbemerkt +traten wir in die stille, dunkle Ziegelstraße, und leise +rollten die Räder des Fahrstuhls über das Pflaster. +An einer Straßenecke legte sich mir eine Hand auf die<a name="Page_614" id="Page_614"></a> +Schulter. Erschrocken wandte ich den Kopf: Mein +Vater stand vor uns. »Ich habs zu Hause nicht ausgehalten, — und +nun ließ ich all deine Zuhörer Revue +passieren. Wie stolz bin ich auf deinen Erfolg!« Und +er ging den ganzen langen Weg durch die Karlstraße +und den nachtdunkeln Tiergarten mit uns.</p> + +<p>Diese Nacht schlief ich nicht: die alten wachen +Kinderträume umgaukelten mich. Strahlte nicht auf +meiner Fahne, wie auf der Johannas von Orleans, das +Bild der Mutter des Menschen? Heute hatte ich sie +entfaltet, — im Sturme würde ich sie zum Siege führen!</p> + +<p>Als mir Professor Tondern am nächsten Tage spöttisch +von der »Premieren-Publikums-Begeisterung« sprach, »an +deren Feuer sich kaum ein Nachtlicht anzünden läßt«, +empfand ich seine Bemerkung nur als Ausfluß seiner +pessimistischen Weltanschauung. Georg bestärkte mich +darin.</p> + +<p>»Ihr Unglauben an die Menschennatur lähmt Ihre +Tatkraft,« sagte er ihm.</p> + +<p>»Und Ihr weltfremder Idealismus wird zwar nicht +Sie, wohl aber Ihre Frau in einem Meer von Enttäuschung +untergehen lassen,« antwortete er ärgerlich und +fuhr sich nervös mit allen zehn Fingern durch die langen, +roten Haare.</p> + +<p>»Warum halten Sie mich allein für gefeit?« frug +Georg lächelnd.</p> + +<p>»Weil Sie vom Frieden Ihres Zimmers aus die Welt +betrachten — und Ihre Frau mit beiden Füßen zugleich +mitten in den Strudel springt —«, Professor Tondern +ging aufgeregt im Zimmer auf und ab. »Weil Ihnen +gegenüber alle bösen Triebe der lieben Nächsten sich in +<a name="Page_615" id="Page_615"></a>den dunkelsten Winkel verkriechen — Verleumdungssucht, +Ehrgeiz, Neid — und sie Ihrer Frau um so zähnefletschender +an die Gurgel springen ...«</p> + +<p>Ich sah ihm fest in die Augen: »Sie würden so nicht +sprechen, wenn Sie nicht gewichtige Gründe hätten. — Trotzdem: +ich will — ich darf nicht Ihrer Ansicht sein! +Auf meinem Glauben an die Menschen beruht meine +Kraft.«</p> + +<p>Er nagte nervös an der Unterlippe. »Glauben Sie +an die Sache, — das wäre besser für Sie und uns!«</p> + +<p>Frau Vanselows Besuch unterbrach unser Gespräch. +Sie hatte nicht Worte genug, um die Größe meines Erfolgs +zu schildern. »Und nun dürfen Sie sich uns nicht mehr +entziehen,« sie richtete ihre feucht gewordenen Augen mit +einem Ausdruck zärtlichen Flehens auf mich, »sie müssen +ihren Vortrag in unserem Verein wiederholen!«</p> + +<p>»Nein, verehrte Frau!« Meine Energie ließ mich +fast erschrecken. »Ich wiederhole weder diesen Vortrag, +noch spreche ich vor Vereinsmitgliedern. Veranstalten Sie +eine Volksversammlung! Wir müssen die gewinnen, die +noch nicht die unseren sind, — wir müssen vor der +breitesten Öffentlichkeit die Forderung des Frauenstimmrechts +erheben!«</p> + +<p>Sie starrte mich entgeistert an: »Eine Volksversammlung?! +Aber das ist ja — das ist ja — sozialdemokratisch!« +Es bedurfte jedoch nur eines kurzen Zuredens, +an dem Georg sich lebhaft beteiligte, um sie zu gewinnen.</p> + +<p>»Sie haben ganz und gar meine Ansicht ausgesprochen, +mein teuerster Herr Professor, und der Verein Frauenrecht +wird es sich nicht entgehen lassen, auch in diesem +Fall an der Spitze zu schreiten! — Aber nicht wahr — meine +<a name="Page_616" id="Page_616"></a>liebe junge Freundin —, Sie werden ihre +Wünsche vor unserem Vorstand selbst vertreten?«</p> + +<p>Ich versprach ihr, was sie wollte, und wandte mich, +als sie fort war, mit einem triumphierenden »Nun?!« an +Tondern. Er fuhr, wie erschrocken, aus seiner Schweigsamkeit +auf: »Erlassen Sie mir die Antwort! Sonst +entdecken Sie am Ende noch Ihre Seelenverwandtschaft +mit S. M., und verlangen von dem Nörgler, daß er +den Staub von seinen Pantoffeln schüttele!« Und mit +überstürzter Hast empfahl er sich.</p> + +<p>Frau Vanselow führte mich im Vorstand des Vereins +Frauenrecht ein: »Sie werden sich mit mir freuen, meine +Damen, daß es mir gelungen ist, diese junge vielversprechende +Kraft gerade unserem Verein gewonnen zu +haben.« Die Damen begrüßten mich mit neugierig-kühler +Reserviertheit. Ich war doch wieder in recht +beklommener Stimmung. All diese Frauen, die seit +Jahrzehnten in der Bewegung standen, die an Wissen, +an Erfahrungen, an Verdiensten reich waren, sollte ich — ein +Neuling auf allen Gebieten — meinem Willen +gefügig machen!</p> + +<p>Aber je öfter ich mit ihnen zusammenkam — und +es bedurfte zahlreicher Sitzungen, um nur um +kleine Schritte vorwärts zu kommen —, desto mehr +erstaunte ich. Es war, als ob der Verein um ihr +Denken und Streben eine Mauer gezogen hätte. Von +dem, was jenseits lag, wußten sie nichts, und nur widerstrebend +ließen sie sich von mir an einen Ausguck ziehen, +von wo aus sie den Feminismus im Ausland, seine großen +Kämpfe und Siege und den Stand der Stimmrechtsbewegung +überschauen konnten.</p> +<p><a name="Page_617" id="Page_617"></a></p> +<p>»Das ist alles ganz schön und gut, aber nichts für +uns deutsche Frauen,« meinte kopfschüttelnd ein rundliches, +bebrilltes Persönchen, dessen Doktortitel sie mir +äußerst interessant erscheinen ließ; »wir würden das +Wichtigste gefährden: die endliche Zulassung der deutschen +Frauen zum Medizinstudium, wenn wir so bedenkliche +Fragen wie die politischer Rechte berühren wollten!«</p> + +<p>»Und unser Verein, der sowieso schwer genug kämpfen +muß, würde zweifellos seine einflußreichen und opferwilligsten +Mitglieder verlieren,« jammerte ein dürre +alte Jungfer.</p> + +<p>»An das Gefährlichste denken Sie natürlich zuletzt, +meine Damen,« fügte eine Dritte hinzu und setzte eine +geheimnisvoll-wissende Miene auf. »Angesichts der +jetzigen Strömung innerhalb der Regierungskreise würde +es unseren Verein politisch anrüchig machen und der +Gefahr der Auflösung aussetzen, wenn wir öffentlich eine +sozialdemokratische Forderung aufstellen würden.«</p> + +<p>»So lassen Sie doch den Verein zugrunde gehen; sein +Märtyrertum wird nur der großen Sache nützen!« rief +ich ungeduldig. Mitleidiges Lächeln, mißbilligendes +Kopfschütteln waren die Antwort. Es blieb bei der +Ablehnung, das letzte Argument war ausschlaggebend +gewesen.</p> + +<p>»So werde ich versuchen, Helma Kurz und ihren +Verein zu gewinnen.« Ohne jeden Nebengedanken hatte +ich ausgesprochen, was mir eben durch den Kopf gegangen +war.</p> + +<p>Frau Vanselow, die mir bisher nur vielsagend-melancholische +Blicke zugeworfen hatte, war aufgesprungen. +»Helma Kurz?! — Niemals!« rief sie. »Das, meine<a name="Page_618" id="Page_618"></a> +Damen, werden Sie nicht zugeben!« Eine erregte, von +allen zugleich geführte Debatte entspann sich. Ihr Resultat +war, daß der Verein als solcher sich statutengemäß +für die Stimmrechtsfrage nicht engagieren könne, +daß er jedoch unter der Hand das Arrangement und +die Kosten einer öffentlichen Versammlung und seine +Vorsitzende ihre Leitung übernehmen wolle.</p> + +<p>Ich mußte mich nur noch verpflichten, meinen Vortrag +vorher <em class="antiqua">in extenso</em> der Zensur des Vorstandes zu unterwerfen.</p> + +<p>Nicht wie eine Siegerin kam ich nach Hause. Vergebens +suchte Georg mich zu trösten: »Das Wichtigste +ist doch, daß du die Sache durchgesetzt hast!«</p> + +<p>»Meinst du? — Wenn aber der Sache die Träger, +die Menschen, fehlen?!«</p> + +<p>»Bist du nicht da? — Und bin ich nicht bei dir?« +Er streichelte mir leise den herabhängenden Arm, eine +Bewegung, bei der mich immer ein Gefühl tiefer Ruhe +überkam.</p> + +<p>Dankbar küßte ich seine Stirn, — unter meinen Lippen +stieg es auf wie eine Flamme.</p> + +<p>»Sag, Georg — lieber Georg — sag es mir ganz +ehrlich —« flüsterte ich und trat beschämt von ihm zurück, +»hast dus nicht gern, wenn ich dich küsse?«</p> + +<p>Mit einem langen, tiefen Blick aus dunkel erweiterten +Pupillen sah er zu mir auf. Und ich sank vor ihm in +die Kniee, preßte das erglühende Gesicht in die schwarze +Pelzdecke und fühlte, wie seine zitternden Finger mir +zärtlich die Locken von den Schläfen strichen ...</p> + +<p><a name="Page_619" id="Page_619"></a>Meinen neuen Vortrag schrieb ich wie im Fluge, +kaum daß die Feder den einstürmenden Gedanken +zu folgen vermochte. Und die Stimme +zitterte mir vor Erregung, als ich ihn das erste Mal +vorlas. Meine gestrengen Zuhörerinnen aber blieben +merkwürdig kühl. Nur Frau Vanselow nahm meine +beiden Hände mit einem verständnisinnigen Druck zwischen +die ihren.</p> + +<p>»Ich habe mir die Punkte notiert, die Sie ändern, +respektive fortlassen müssen,« sagte das rundliche Fräulein +Doktor und rückte die Brille fester auf ihr viel zu +kurz geratenes Näschen. »Zunächst dürfen Sie nicht +sagen, daß die Existenz von Wohltätigkeitsvereinen ein +Armutszeugnis für den Staat sei und die Gebenden +sich ihrer Wohltätigkeitsakte ebenso schämen müßten, wie +die Empfangenden. Sie schlagen damit die Besten vor +den Kopf —.«</p> + +<p>Ich verteidigte meine Anschauung, aber die Abstimmung +entschied gegen mich.</p> + +<p>»Auch Ihre Elendsschilderungen sind viel zu übertrieben +und wirken in höchstem Maße aufreizend,« +meinte die Hagere.</p> + +<p>»So sollen sie wirken!« entgegnete ich, »und überdies +stammen all meine Angaben aus amtlichen Quellen.« +Nach einer kurzen, scharfen Auseinandersetzung gab +meine Kritikerin seufzend nach.</p> + +<p>»Unbedingt notwendig aber ist es, daß Sie den Satz +über die Sozialdemokratie streichen,« erklärte eine andere +Vorstandsdame, deren verwandtschaftliche Beziehung zu +<a name="Page_620" id="Page_620"></a>einem freisinnigen Abgeordneten ihr eine Art Respektstellung +geschaffen hatte.</p> + +<p>»Das ist im Rahmen meines Vortrags einfach unmöglich;« +widersprach ich. »Die Sozialdemokratie ist +die einzige Partei, die für die Gleichberechtigung des +weiblichen Geschlechts eintritt.«</p> + +<p>»Schlimm genug! Wir werden darum immer verdächtig +erscheinen, wenn wir ihre Wünsche zu den +unseren machen, — das habe ich ja schon oft betont, +ohne Gehör zu finden.«</p> + +<p>Ich hielt hartnäckig an dem beanstandeten Satze fest +und war nahe daran, den ganzen Vortrag zurückzuziehen. +Aber mußte ich nicht Konzessionen machen, um nur überhaupt +etwas durchzusetzen?! Ich wurde wieder überstimmt, — Frau +Vanselow allein enthielt sich mit einem +bedauernden Achselzucken der Abstimmung.</p> + +<p>In dem großen Saal des Konzerthauses in der +Leipzigerstraße fand an einem Sonntag Vormittag die +Versammlung statt. Bis in die Gallerien hinauf drängten +sich die Menschen. An langen Tischen unter der Rednertribüne +saßen mit blasierten Gesichtern und gespitzten +Bleistiften die Journalisten. Mit triumphierendem +Lächeln, den Kopf von einem Spitzenschleier malerisch +bedeckt, die ebenmäßige Gestalt eng von schwarzer Seide +umschlossen, stand Frau <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'Vansalow'">Vanselow</ins> neben mir. »Helma +Kurz, — sehen Sie nur! Ganz grün ist sie vor Ärger —« +hatte sie mir noch hastig zugezischelt. Ein Polizeileutnant +saß an meiner anderen Seite, ein weißes Papier +breit vor sich auf dem Tisch, an dessen Kopf zunächst +nichts weiter als mein Name stand.</p> + +<p>Und dann sprach ich, und wieder trug mich die<a name="Page_621" id="Page_621"></a> +Woge, und ich empfand die dunkle Menge vor mir +wie Ton, der sich nach meinem Willen formte. +Achtlos zerknitterte ich mein Manuskript zwischen +den Händen. Ich bedurfte seiner nicht. Vor dem +Rednerpult fielen mir kräftigere Worte und stärkere +Beweisführungen ein als am Schreibtisch. Gestern erst +hatte Martha Bartels mir von der polizeilichen Auflösung +eines Arbeiterinnenvereins berichtet. Gab es +ein besseres Beispiel als dies, um die Rechtlosigkeit der +Frauen zu beleuchten? »Die Rücksicht auf die Weiblichkeit +gebietet solch ein Vorgehen, sagen die Männer,« +rief ich aus, »aber die Rücksicht auf dieselbe Weiblichkeit +hat noch keinen Mann verhindert, Frauen in die +Steinbrüche und Bergwerke zu schicken, und werdende +Mütter in die Giftluft der Fabrik!« Frenetischer Beifall +von den Galerien herunter ließ mich minutenlang +nicht zu Worte kommen. Der Polizeileutnant stenographierte, — entgeistert +sah Frau Vanselow mich an: +»Das ist gegen die Abmachung!« flüsterte sie erregt. +Ich lächelte.</p> + +<p>»Und nun frage ich euch, meine Schwestern, habt ihr +wirklich nichts zu tun für euer Geschlecht? — Denkt an +die jüngste Vergangenheit, wo der Vertreter Sr. Majestät +des Kaisers, der Kanzler Leist, Frauen schändete, aber +dessen ungeachtet für einen ›tüchtigen und pflichttreuen +Beamten‹ erklärt wurde, — und dann wagt es noch, zu +sagen: wir haben keine Bürgerpflicht!... Von Ort zu +Ort will ich wandern und jene heilsame Unzufriedenheit, +die die Mutter aller Reformen ist, in die Herzen der +Frauen pflanzen!...« Der Polizeileutnant wurde rot +vor Eifer, ich hörte das Kritzeln seines Stifts durch +<a name="Page_622" id="Page_622"></a>alles Klatschen hindurch. Und ich vergaß mein Versprechen +und sprach von der Sozialdemokratie, von »den +Rittern der Arbeit, die heute die einzigen Ritter der +Frauen sind.«</p> + +<p>Jetzt brauste der Beifall wie der Frühlingssturm, der +die dürren Blätter jauchzend niederschüttelt, um den +jungen Knospen Licht und Luft zu schaffen ...</p> + +<p>Die folgenden Tage waren ein einziger Ikarussturz, — nur +daß die Arme der Liebe mich auffingen, ehe ich +den harten Boden berührte. Im Verein Frauenrecht +kam es fast zu einem Staatsstreich, um den Vorstand +aus dem Sattel zu heben; mit Vorwürfen wurde ich +überschüttet. Die Zeitungen berichteten halb höhnisch, +halb wegwerfend über die »verkappte Genossin«, konservative +Blätter unterließen nicht, den »unerhörten Seitensprung +der Frau eines preußischen Universitätsprofessors« +an die große Glocke zu hängen, und Georg kam eines +Morgens ernst und versonnen aus seiner Vorlesung +zurück: »Althoff hat mir einen wohlmeinenden Wink +gegeben!« sagte er. Auch mein Vater erschien und +machte mir eine Szene, als wäre ich noch zu Haus.</p> + +<p>»... Mit Fingern weisen die Leute auf mich ... Im +Reichstag — im Klub kann ich mich nicht mehr sehen +lassen ...« schrie er. Georg hatte sich, auf beide Hände +gestützt, hoch aufgerichtet.</p> + +<p>»Exzellenz vergessen,« sagte er kalt und scharf, »daß +Sie sich bei mir befinden!« Einen Moment lang maßen +sich die beiden Männer mit einem Blick angriffsbereiter +Feindschaft, dann verließ mein Vater wortlos das Zimmer, +und erschöpft sank Georg in den Stuhl zurück.</p> + +<p>Von Mama erhielt ich einen langen Brief: »Ich bin +<a name="Page_623" id="Page_623"></a>viel zu erregt, um Dich sehen zu können. Wie könnt +Ihr Ethiker es vor Eurem Gewissen verantworten, dem +eigenen Vater die Türe zu weisen! In welche Abgründe +die Gottlosigkeit Euch treibt, das hast Du freilich durch +Deinen Vortrag schon bewiesen: Was ist es anders als +eine teuflische Eingebung, in einer Zeit, wo dem Volke +nichts so nottut als christliche Ergebenheit und Demut, +die Unzufriedenheit zu predigen!...«</p> + +<p>So schwer es mir wurde, Georg allein zu lassen, dessen +fahle Blässe mich jetzt oft entsetzte, so empfand ichs +persönlich doch wie eine Erleichterung, daß meine Delegation +zur Generalversammlung der Ethischen Gesellschaft +mich für einige Tage von Berlin fortführte. Wir +fuhren zusammen: Geheimrat Frommann, Frau Schwabach, +die Leiterin der Auskunftsstelle, Professor Tondern +und ich. Schon unsere Eisenbahnunterhaltungen gaben +einen Vorgeschmack der kommenden Diskussionen. Mit +einer Schärfe, die von der milden, versöhnlichen Form +kaum abgeschwächt wurde, gab unser Vorsitzender mir +zu verstehen, wie wenig unsere Zeitschrift der Aufgabe, +allgemein menschliche Ethik zu verbreiten, entspräche, +und Frau Schwabach hielt mir ernstlich vor, wie unethisch +meine Angriffe auf die bürgerliche Gesellschaft in +meiner letzten Rede und in jedem meiner Artikel wären.</p> + +<p>»Sie würden unendlich viel stärker wirken, wenn Sie +alle Negation beiseite ließen —« sagte sie.</p> + +<p>»Und die guten Leute streichelten, damit sie im besten +Fall schnurren wie die Katzen,« fügte Tondern höhnisch +hinzu. »Wer keine Kritik verträgt und dem Spiegel +nicht dankbar ist, der alle Flecken und Falten wiedergibt, — der +soll sich nur gleich begraben lassen!«</p> + +<p><a name="Page_624" id="Page_624"></a>Noch am Abend in Leipzig zeigte er mir den Antrag, +den er stellen wollte: »Die Ethische Gesellschaft nimmt +mit Genugtuung davon Kenntnis, daß der Kongreß +für Hygiene sich für den Achtstundentag ausgesprochen +hat, und erklärt, von ethischen Gesichtspunkten ausgehend, +sich dieser Forderung anzuschließen.«</p> + +<p>»Das wird uns vorwärts bringen!« sagte ich und +gab ihm freudig meine Unterschrift.</p> + +<p>Er verzog die Mundwinkel zu einem spöttischen Lächeln: +»Vorwärts bringen?! Gewiß, die reinliche Scheidung +der Geister ist allemal ein Fortschritt!«</p> + +<p>Zwei Tage später saßen wir einander an demselben Tisch +gegenüber: seine Augenwinkel zuckten nervös, unruhig +trommelten seine Finger auf der Tischplatte, während +ich, totmüde von den langen Verhandlungen, gedankenlos +in einer Zeitung blätterte.</p> + +<p>»Was sagen Sie nun?!« unterbrach er unser langes +Schweigen. »Ich — ich bin noch ein Optimist gewesen! +Eine Ethische Gesellschaft, die geschlossen gegen uns +beide den Achtstundentag ablehnt! — Weil er ein +›Schlagwort‹ ist! — Weil seine Annahme den Verein +sprengen würde! — Weil es ›unethisch‹ ist, andere zu +›verletzen‹! — Was meinen Sie: ist es vom Standpunkt +unserer Privatethik aus zu rechtfertigen, wenn wir immer +noch nichts als heimliche Sozis sind?!«</p> + +<p>Ich senkte den Kopf tiefer. Ich dachte an Georg, an +seine strahlenden, hoffnungsvollen Kinderaugen, an seine +zarten, schmalen Hände, seinen armen gelähmten Körper. +»Nur eine Aufgabe kann ich erfüllen,« hatte er einmal +gesagt, »von meinem Katheder aus die Jugend ›vergiften‹!« +Und dann fiel mein Blick auf den breiten<a name="Page_625" id="Page_625"></a> +Trauring an der Hand meines Gefährten, — er hatte +ein Weib daheim und vier kleine Kinder.</p> + +<p>»Sind wir so frei, um tun zu können, was wir +wollen?« kam es mir leise, wie im Selbstgespräch über +die Lippen.</p> + +<p>»Sie haben recht — wir müssen uns abfinden — so +oder so!« ...</p> + +<p>Früher, als Georg mich erwartet hatte, kam ich nach +Haus. Ganz leise schloß ich die Wohnungstür auf, — um +die Zeit war er immer in seine Studien vertieft, +dann hörte und sah er nichts. Aber kaum hatte ich +den Fuß über die Schwelle gesetzt, klang mir schon seine +Stimme entgegen —</p> + +<p>»Alix!!« — Ein einziger Laut, — und der Jubel, +die Sehnsucht, die Liebe eines ganzen Herzens darin! +Ach, und wie seine Lippen bebten und brannten, — zum +erstenmal hatte er mich auf den Mund geküßt.</p> + +<p>»Das Leben ist kurz, Alix, viel — viel zu kurz! Du +mußt mich nie mehr verlassen!«</p> + +<p>»Nie mehr, Georg — nie mehr!« — Angstvoll forschte +ich in seinen Zügen. — »Hast du gelitten, — mehr als +sonst?«</p> + +<p>»Sprechen wir nicht davon, — jetzt ist es ja gut — alles +gut!« Und er lächelte mit seinem strahlendsten +Lächeln.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_626" id="Page_626"></a></p> +<h2><a name="Zwanzigstes_Kapitel" id="Zwanzigstes_Kapitel"></a>Zwanzigstes Kapitel</h2> + + +<p>An einem schönen Sommersonntag besuchten uns +die Eltern wieder. Sie berührten das Vergangene +nicht mehr. Und von da an kamen +sie oft, aber meist jeder allein. »Bei Euch ist's so schön +ruhig!« pflegte Mama zu sagen, wenn sie sich tief in +den Lehnstuhl gleiten ließ. »So viel Sonne habt Ihr!« +bemerkte der Vater und stellte sich mit dem Rücken ans +Fenster in die hellsten Strahlen, als fröstle ihn. Auch +das Schwesterchen lief oft herüber. Sie war ein bildhübscher +Backfisch geworden, mit einem suchenden Glanz +in den Augen. »Papa brummt immer, — wir gehen +ihm so viel als möglich aus dem Wege!« erzählte sie.</p> + +<p>Sonntags mußte ich zu Tisch zu den Eltern kommen, +oder zu Onkel Walters. Es war jedes Mal eine +Quälerei, denn um zwecklosen Auseinandersetzungen aus +dem Wege zu gehen, blieb mir nichts übrig, als zu +schweigen, während mir das Blut oft vor Zorn in den +Schläfen klopfte. Man vermied zwar von der Ethischen +Bewegung zu sprechen, schimpfte aber um so mehr auf +Juden, Kathedersozialisten und Egidyaner, als den +»Hilfstruppen« der Sozialdemokratie, und die Tante +besonders fand ein Vergnügen darin, mich durch ihre +schwärmerische Kaiser-Verehrung zu reizen.</p> + +<p><a name="Page_627" id="Page_627"></a>Einmal nahm mich der Onkel beiseite, und ich erwartete +schon <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'ein'">eine</ins> wohlgemeinte politische Belehrung, als er von +Egidy zu sprechen begann. »Er ist ein Phantast, aber trotz +alledem ein Edelmann und dein Freund,« sagte er, »da +gehört sich's, daß du ihn vor Schaden bewahrst. Er hat +sich droben bei uns mit einem meiner Nachbarn, einem +notorischen Schwindler — Wohlfahrt heißt der Kerl +zum Überfluß! —, wie ich höre, das Näheren eingelassen. +Warne ihn, ehe es zu spät ist.« Ich ließ mir die nötigen +Details geben und bat Egidy um seinen Besuch.</p> + +<p>Wir hatten einander ein paar Monate lang nicht gesehen. +Er aber sah um Jahre gealtert aus. Kaum +hatte ich den Mut, diesem müden Gesicht gegenüber zu +sagen, was ich wußte. Er starrte mich an, die Finger +ineinandergekrampft, die Augen weit aufgerissen. Und +plötzlich sank sein Kopf auf die gefalteten Hände, und +seine breiten Schultern bebten, von lautlosem Schluchzen +erschüttert. Fassungslos stand ich vor ihm: er, der dem +Spott und Haß einer ganzen Welt getrotzt hatte, dessen +sieghafter Glaube an die Menschen ihn unüberwindlich +zu machen schien, — er saß hier vor mir, zusammengebrochen, +als wäre ein Fels ihm auf den starken Nacken +gestürzt, — und weinte!</p> + +<p>»Meine Kinder — meine armen Kinder!« stieß er abgebrochen +hervor — »alles habe ich diesem Menschen +geopfert, — mein Letztes!«</p> + +<p>Georg kam nach Hause. Egidy raffte sich auf, um +ihn zu begrüßen, aber die Kniee wankten ihm. Und +dann war's, als müßte er sein Herz ausschütten, aussprechen, +was er vielleicht vor sich selbst noch verhehlt +hatte: Wie seine Hoffnungen ihn betrogen, die Scharen +<a name="Page_628" id="Page_628"></a>seiner Gefolgschaft ihn verlassen hatten, sein Haus leer +geworden war, seitdem er nicht mehr Wein und Braten +aufzutischen vermochte.</p> + +<p>»Jetzt erst, wo die Menschen Sie nicht mehr als +einen Märtyrer bewundern, werden Sie zeigen können, +daß Sie ein Mann sind!« sagte Georg, als er schwieg.</p> + +<p>Mit einer raschen Bewegung, als wolle er jeden Rest +von Schwäche verscheuchen, strich sich Egidy über die +Stirn und reichte Georg die Hand: »Weiß Gott, — ich +werde es beweisen!« Und sich zu mir sich wendend, fuhr +er fort: »Erinnern Sie sich, was ich Ihnen in Hannover +sagte: ›Im schlimmsten Fall reite ich allein — langsamen +Schritt vorwärts — nach Zählen — im Kugelregen.‹ — Leben +Sie wohl.«</p> + +<p>Mich ließ er schweren Herzens zurück. »Allein — im +Kugelregen!« wiederholte ich leise und kreuzte +fröstelnd die Arme unter der Brust.</p> + +<p>»Meine Alix fürchtet sich?! — Vergiß niemals, was +der große Sklavenbefreier William Lloyd Garrison sagte: +Einer mit der Wahrheit im Bunde ist mächtiger als alle. +In diesem Glauben siegte er!« Georgs blasse Haut +leuchtete im Abenddämmer.</p> + +<p>War ich so schwach, daß ich immer Menschen suchte — Gleichgesinnte? — und +mich freute wie ein Kind, +das hinter den Felsen hundert Gespielen wähnt, wenn +irgendwo ein Echo meiner Stimme mir entgegenklang?...</p> + +<p><a name="Page_629" id="Page_629"></a>Der Verein Frauenrecht hatte mich trotz meiner +Sünden in seinen Vorstand gewählt: Ich war +ein »Name«, — damit hatte Frau Vanselow die +Mitglieder für ihren Plan gewonnen. Und ich hatte trotz +meiner inneren Abneigung die Wahl angenommen: der +Verein war am Ende doch ein wirksames Mittel zum +Zweck. Vor allem galt es eins durchzusetzen: die +deutsche Frauenbewegung aus ihrem Veilchen-Dasein zu +befreien. Fünfundzwanzig Jahre hatte ich selbst gelebt, +ehe ich von ihrer Existenz etwas erfuhr. Die deutsche +Presse nahm noch jetzt kaum je irgendwelche Notiz von ihr.</p> + +<p>Es gelang mir zunächst — nachdem ich von vornherein +die Arbeit dafür auf mich genommen hatte —, eine +Zeitungs-Korrespondenz durchzusetzen, und ich hatte die +Genugtuung, daß meine Notizen in zahlreichen Blättern +Aufnahme fanden. Nun mußte ein Organ geschaffen +werden, — eine weithin sichtbare Fahne für unsere Sache. +Ich gewann den Verleger der Ethischen Blätter für die +Idee und kam strahlend über diesen Erfolg in die Vorstandssitzung +des Vereins. Aber statt allgemeiner Freude +begegnete ich allgemeinem Widerstand. Über die Verantwortung, +die wir damit auf uns nehmen müßten, +jammerte die eine, über die »seit Jahren liebgewordenen« +Vereinsmitteilungen, an deren Stelle die Zeitschrift treten +sollte, die andere.</p> + +<p>»Und die Frage der Redaktion ist doch vor allem eine +schwer zu entscheidende,« meinte mit bedenklich hoch gezogenen +Augenbrauen Frau Vanselow und sah mich +prüfend an. Ich begriff.</p> + +<p>»Selbstverständlich wird sie unserer verehrten Vor<a name="Page_630" id="Page_630"></a>sitzenden +anvertraut werden,« sagte ich rasch. »Und +meine liebe Frau von Glyzcinski wird mir hilfreich +wie immer zur Seite stehen,« ergänzte Frau Vanselow +und streckte mir über den Tisch hinweg die Hand entgegen.</p> + +<p>»Ich halte dies Vorgehen für unethisch,« tönte Frau +Schwabachs scharfe Stimme dazwischen. Erstaunt sah +ich auf: »Das begreife, wer kann!«</p> + +<p>»Unser liebes, heute leider fehlendes Fräulein Georgi +hat die Mitteilungen bisher als Schriftführerin zu unser +aller Zufriedenheit und — unentgeltlich —« ein vielsagender +Blick traf mich — »in selbstloser Hingabe an +die Sache geleitet. Ich gebe meine Zustimmung nicht, +wenn man sie beiseite schiebt!«</p> + +<p>Empört fuhr ich auf: »Es handelt sich hier um die +Sache und nicht um die Personen, um ein öffentliches +Unternehmen und nicht um ein Vereinsblättchen! Jeder +Fortschritt verletzt irgendwen, — und wenn Ihre Ethik +im Gegensatz zum Fortschritt steht, so gebe ich sie preis +und wähle diesen!«</p> + +<p>Ich erhob mich rasch und überließ den Vorstand sich +selber.</p> + +<p>Vier Wochen später erschien die erste Nummer der +»Frauenfrage« unter Frau Vanselows und meiner +Redaktion. Georg eröffnete sie mit einem Artikel für +das Frauenstimmrecht. Etwa zu gleicher Zeit versandte +Helma Kurz ein Zirkular an die deutschen Frauenvereine, +durch das sie zur Gründung eines nationalen +Frauenbundes aufforderte, der sich dem bereits bestehenden +in Amerika ins Leben gerufenen internationalen Verbande +anschließen sollte.</p> + +<p><a name="Page_631" id="Page_631"></a>Mit einem harten »Niemals« begegnete Frau Vanselow +meiner Begeisterung für diesen Zusammenschluß. +»Aufspielen will sich die Kurz, von sich reden machen, +nachdem ihr angesichts unserer Erfolge längst schon die +Galle überläuft ...« Nur schwer gelang es mir, sie zu +beruhigen und zur Teilnahme an den vorbereitenden +Sitzungen zu bewegen. Ein Heer von Frauen, in der +ganzen Welt zu einer Organisation zusammengeschlossen, — war +das nicht die welterobernde Macht der Zukunft?! +Hier würde die Arbeiterin neben der Bourgeoisdame, +die Sozialdemokratin neben der Frau des Ostelbiers zu +Worte kommen; im friedlichen Austausch der Ideen +würde schließlich die lebenskräftigste siegen, — durch die +Mütter der kommenden Generation würde leise und +natürlich die Quelle in die Menschheit gelenkt werden, +die bestimmt war, als Strom die Schiffe der Zukunft +zu tragen!</p> + +<p>»Also eine Ethische Gesellschaft der Frauen, — nach +unserem Plan!« meinte Georg. Ich benutzte den nächsten +freien Augenblick, um mit Martha Bartels die Sache +zu besprechen. Seltsam: sie wußte von nichts, das Zirkular +war ihr nicht zugegangen. »Und wenn ich es +schon erhalten hätte,« sagte sie, »es ist mir zweifelhaft, +ob meine Genossinnen eine Beteiligung für nützlich gehalten +haben würden.«</p> + +<p>»Aber bedenken Sie doch, welch ein Agitationsgebiet +sich Ihnen eröffnen würde« — eiferte ich, auf das +schmerzlichste überrascht durch ihre ablehnende Haltung, — denn +daß die Aufforderung sie nur durch irgend +einen Zufall nicht erreicht hatte, davon war ich überzeugt, — es +war ja im Zirkular die Rede von »allen Frauen«.</p> +<p><a name="Page_632" id="Page_632"></a></p> +<p>»Unser Agitationsgebiet ist das gesamte Proletariat, — groß +genug für die gewaltigsten Arbeitskräfte! Eine +Vereinigung mit der bürgerlichen Frauenbewegung würde +zersplitternd und verwirrend wirken. Die große Masse +unserer Arbeiterinnen ist noch nicht so selbstbewußt, um +sich den Damen gegenüber als Gleichberechtigte zu fühlen.«</p> + +<p>Mir schien, als ob aus ihren Worten mehr Gekränktheit +über die Zurücksetzung als Überzeugung sprach.</p> + +<p>»Wir reden noch darüber,« sagte ich, innerlich ordentlich +froh über die Aufgabe, die sich mir eröffnete: Ich +sah sie schon erfüllt, sah in Gedanken Martha Bartels +auf der Tribüne stehen und durch ihre schlichte +Wahrhaftigkeit die Frauen <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'gewinnnen'">gewinnen</ins>. Ich schrieb an Helma +Kurz, um sie auf das Versäumte aufmerksam zu machen, — ich +erhielt keine Antwort. Bei dem Begrüßungsabend +der deutschen Delegierten erwartete ich mit Ungeduld +das Ende des Diners, um sie persönlich zu sprechen. +Ich fand es zum mindesten geschmacklos, solch ein Werk +bei Wein und Rehbraten in großer Toilette zu beginnen +und einander durch Toaste anzuhimmeln, noch ehe irgend +etwas geschehen war. Endlich erreichte ich Helma +Kurz; sie wurde dunkelrot, als sie mich sah. »Hier ist +nicht der Ort, prinzipielle Fragen zu erörtern,« sagte +sie heftig und drehte mir den breiten Rücken zu.</p> + +<p>Am nächsten Morgen in der Sitzung meldete ich mich +als eine der ersten zur Debatte. Es wurden endlose +Reden gehalten: über die Einigkeit aller Frauen, über +die gemeinsamen großen Ziele, — vergebens wartete ich +Stunde um Stunde, daß mir das Wort erteilt werden +würde. Ich meldete mich noch einmal. »Sie müssen +Ihren Antrag schriftlich formulieren!« schrie Helma<a name="Page_633" id="Page_633"></a> +Kurz mich bitterböse an. Ich tat es. Ein erregtes +Tuscheln um den Vorstandstisch — »Ihr Antrag steht +außerhalb der Tagesordnung« — verkündete die Vorsitzende. +Ich versuchte mir gewaltsam Gehör zu verschaffen. +Um mich kreischten erregte Stimmen: »Schweigen Sie!« — »Hinaus!« — »Wie +unethisch!«</p> + +<p>Majestätisch richtete sich die schwere Gestalt der Kurz +hinter dem Vorstandstisch auf: »An dieser Störung +unserer schönen Harmonie sehen Sie, meine Damen, +wes Geistes Kind diejenige sein muß, die sie hervorrief!« +erklärte sie mit feierlicher Würde, jedes Wort betonend. +»Ich werde trotzdem, nicht aus Rücksicht auf die Delegierte +des Vereins Frauenrecht« — sie lächelte spöttisch — »sondern +auf unsere hier anwesenden bewährten +Mitkämpferinnen die Erklärung abgeben, die in einer +Weise gefordert wird, wie sie bis dato nur in sozialdemokratischen +Radauversammlungen üblich war. Sämtliche +deutsche Frauenvereine sind zu dieser Zusammenkunft +aufgefordert worden, mit Ausnahme derjenigen natürlich, +die nicht auf dem Boden unserer Staats- und Gesellschaftsordnung +stehen.« — Ein langanhaltendes Bravo-Rufen +unterbrach sie — »Ihre Teilnahme würde die Auflösung +des Verbandes zur notwendigen Folge gehabt +haben ...« Ich sprang auf und warf noch einmal +meine Karte auf den Vorstandstisch. »Im Interesse der +ruhigen Fortführung unserer Verhandlungen haben wir +beschlossen, Frau von Glyzcinski das Wort zu verweigern.« +Erneuter allgemeiner Beifall —</p> + +<p>Ich hatte rasch einen Protest gegen den Ausschluß der +Arbeiterinnenvereine zu Papier gebracht und benutzte +die Pause zum Sammeln von Unterschriften. Aber +<a name="Page_634" id="Page_634"></a>wem ich auch in die Nähe trat, — schon vor meiner +Person zog man sich scheu zurück. Entrüstet blitzte mich +Frau Schwabach mit ihren klugen dunkeln Augen an: +»Und Sie sind eine Ethikerin, die das allen Gemeinsame +pflegen und betonen soll!« Ich fand in der großen Versammlung +nur zwei Stimmen, die sich mir anschlossen, +unter ihnen die Frau Vanselows. »Sie schicken das an die +Presse? — Famos! Ein empfindlicher Schlag für Helma +Kurz!« sagte sie.</p> + +<p>»Rom ist nicht an einem Tage gebaut worden,« tröstete +mich Georg, als ich verstimmt und enttäuscht nach Hause +kam. Es dauerte lange, ehe der heilende Trank seines +Menschenglaubens mir die tiefe Verbitterung aus dem +Herzen trieb. Aber den letzten Keim der Krankheit +tötete er nicht. Was ich in unserer Zeitschrift und in +der »Frauenfrage« veröffentlichte, wurde immer schärfer +im Ton. Die Menschen, denen ich begegnete, die Bücher, +die ich las, die dramatischen Werke, die ich sah, — ich +beurteilte sie alle nur von dem einen Gesichtspunkt aus: +ihrer Stellung zur sozialen Frage, zum Sozialismus.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Aus der Dichtung und aus der bildenden Kunst verschwand +damals allmählich die Elendsschilderung, +die in Hauptmanns Webern noch die Peitsche +gewesen war, die rücksichtslos blutige Striemen zog, und +in seinem »Hannele« das Bettlerkind schon in Märchenkleidern +zeigte. Künstlerische Begeisterung entzündet sich an +jungen Ideen, solange sie flackernde Flammen sind und +die Gefahr des Erlöschens ihnen phantastisch-spannenden<a name="Page_635" id="Page_635"></a> +Reiz verleiht. Mit ihrer Reife erstarren sie zu Schwertern, +die der Kämpferarme bedürfen, während das Seherauge +des Künstlers schon sehnsüchtig nach neu auftauchenden +Lichtern im fernen Dunkel Ausschau hält. Aber was +Notwendigkeit ist, erschien mir wie Treulosigkeit und +Schwäche, und der Ich-Kultus, der an Stelle des Kultus +der Menschheit trat, wie ein frevelhafter Rückschritt.</p> + +<p>Gegen eine Welt von Widersachern hatten die Ibsen +und Nietzsche die Freiheit der Persönlichkeit verkündet, +in jahrelangem, schmerzvollem Ringen hatten wir sie +erobert; ein Heiligtum war sie uns, dessen ewige Lampe +sich von unserem Herzblut tränkte. Und nun kamen die +vielen lärmenden Leute und griffen nach ihr ohne Ehrfurcht, +und nichts als ein neues Spielzeug war sie ihnen. +Dem gebildeten Pöbel galt jeder als ein Freier, der +schrankenlos seinen Begierden folgte. Die entgötterte +Menschheit suchte nach Götzen, und jeder fand eine anbetende +Gemeinde, der alte Werte mit Füßen trat.</p> + +<p>»Die sexuelle Freiheit ist doch nicht die Freiheit an +sich!« sagte ich einmal voller Empörung zu Polenz, der +mir Hartlebens »Hanna Jagert« gebracht hatte. »Gewiß +gibt es Frauen mit denselben sinnlichen Leidenschaften, +wie Männer sie haben, aber in ihnen den ›großen freien +Weibtypus der Zukunft‹ zu suchen, ist ebenso frevelhaft, +als wenn man den modernen Lebemann für das Ideal +der Männlichkeit erklären würde.«</p> + +<p>»Sie kennen eben unsere jungen Dichter nicht, die +zumeist aus dem engsten Kleinbürgertum stammen und +von da aus direkt der Großstadtbohême in die Arme +laufen. Eine andere Welt ist ihnen fast allen fremd +und bleibt ihnen fast immer verschlossen. Gerade Sie +<a name="Page_636" id="Page_636"></a>sollten es wagen, in die Höhle der Löwen zu kommen,« +antwortete Polenz.</p> + +<p>Ich zögerte noch, aber Georg, dem jedes Mittel willkommen +war, das ihm geeignet schien, mich heiterer zu +stimmen, redete zu, und so folgte ich eines Abends Polenz' +Einladung. Er hatte eine heterogene Gesellschaft zusammen +gebeten: alte Regimentskameraden und anarchistelnde +Schriftsteller, sächsische Gesandschaftsattachés +und die Blüte der berliner Kaffeehaus-Literaten. Eine +unbehagliche Stimmung herrschte; die Herren von der +Feder fühlten sich sichtlich nicht wohl in ihren Fräcken, +und die Damen, die sich von ihnen etwas ungeheuer +Interessantes erwartet hatten, vermochten trotz aller +Mühe die genierte Steifheit der fremden Gäste nicht zu +überwinden. Erst bei Tisch und beim Wein wurde es +ein wenig lebendiger. Einer der modernsten und beliebtesten +Schriftsteller, der mit einer gewissen Grazie +die gewagtesten Dinge zu schildern pflegte, saß neben +mir, ein anderer, der die Hoffnung der Moderne war, +mit dunkler Brille über den lebhaften Augen, mir gegenüber. +Ich ließ alle meine oft erprobten, geselligen +Künste spielen, schlug alle Saiten an, von denen ich +einen Ton erwarten konnte, — vergebens. Wie Backfische, +die zuerst in Gesellschaft kommen, antworteten sie +mit einem Ja, einem Nein und einem verlegenen +Lächeln, wenn ich glaubte, gerade ihre Interessen berührt +zu haben. Ich sah forschend die lange Tafel herauf +und herunter: überall dasselbe Bild, — und langsam +legte sich eine bleierne Langeweile über die zu krampfhaftem +Höflichkeitsgrinsen verzerrten Züge. Man atmete +schließlich erleichtert auf, als das Essen zu Ende war; +<a name="Page_637" id="Page_637"></a>und so rasch sie konnten, verschwanden die Herren im +Nebenzimmer, von wo bei Kognak und Zigarrren bald +dröhnendes Lachen herrüberscholl.</p> + +<p>Als ich, die Elektrische erwartend, auf der Straße stand, +trat eine kleine Frau mit blitzenden Saphiraugen, ein +Spitzentuch lässig über den dicken, blonden Schopf geworfen, +auf mich zu. »Er ist wohl noch immer da drin, der +Franzl,« sagte sie und wies mit dem Daumen zu der erleuchteten +Etage herauf, die ich eben verlassen hatte. Überrascht +sah ich sie an — »Juliane Déry! Was machen Sie +denn hier?« — »Ich warte! — mit dem letzten Bissen im +Munde wollte er diesem Menschenragout entlaufen. Aber es +muß doch pikanter ausgefallen sein, als ich prophezeite ...« +Ich lachte hellauf und gab ihr eine Schilderung der letzten +drei Stunden. »Und Sie dachten wirklich an gedeckten +Tischen, zwischen Grafen und Baroninnen, unsere jungen +Genies kennen zu lernen?!« Sie konnte sich vor Vergnügen +nicht lassen, amüsiert blieben die Vorübergehenden +bereits neben uns stehen. »Kommen Sie!« mahnte ich +leise und schob meinen Arm in den ihren.</p> + +<p>»Richtig! — Wir haben ja schon einmal eine nächtliche +Promenade gemacht! Seitdem sind Sie ethisch geworden +und haben —« sie stockte ein wenig — »geheiratet!«</p> + +<p>»Und Sie?« Ich frug ohne Interesse, im Grunde nur, +um irgend etwas zu sagen.</p> + +<p>»Ich? — Gott — Sie sehen: ich lebe! Was sollte +unsereins auch sonst noch tun!« Ein düsterer Schatten +verdunkelte einen Augenblick lang ihre Augen, dann +lächelte sie wieder: »Wissen Sie was? Kommen Sie +heute mit mir, — ich bin ein besserer Cicerone der +Bohème als Ihre Gastgeber eben! Überdies —« sie +<a name="Page_638" id="Page_638"></a>musterte mich unter der nächsten Laterne von oben bis +unten — »werde ich mit Ihnen Furore machen.«</p> + +<p>Bis zu unserem Ziel, einer kleinen Weinstube in der +Friedrichstadt, erzählte sie mir mit der ihr eigenen +sprühenden Lebhaftigkeit von all den freien Geistern, +die ich finden würde. »Der große...«, »der geniale...«, +»der einzige...«, — mit diesen Adjektiven begleitete +sie Namen, die mir kaum bekannt waren.</p> + +<p>Als wir eintraten, schlug ein Wolke dicken Rauches +uns entgegen; ein paar Lampen, ein paar Lichtpünktchen +brennender Zigaretten leuchteten hindurch. Ein Chor +schwatzender Stimmen machte jedes Wort unverständlich. +Erst als wir im Lichtkreis der Gasflammen standen, +verstummte die Gesellschaft. Die Herren erhoben sich +und umringten uns. Sie rochen nach Kognak, — unwillkürlich +trat ich einen Schritt zurück. Man hörte +meinen Namen. »Bist wohl verrückt geworden, Juliane!« +brummte eine Männerstimme, und ein Arm legte sich +um ihre Taille. Ich setzte mich abseits in eine Ecke. +Nach einer Weile schien ich vergessen und fühlte mich +wie eine Zuschauerin vor der Bühne. Es war zweifellos +ein interessantes Spektakelstück, das ich sah, und +Menschen eigener Art, die darin spielten.</p> + +<p>Zu Füßen eines großen, tiefbrünetten Mannes, um +den sich allmählich die leeren Flaschen häuften, saß eine +blasse Frau mit blonder Haarkrone auf dem vornehmen +Köpfchen. Das mußte die dänische Gräfin sein, die +der »satanische« Dichter, wie die Déry ihn nannte, +entführt hatte. Wenn er redete, sah sie andächtig zu +ihm auf, und die Nächststehenden schwiegen.</p> + +<p>»Ja — was ich sagen wollte — —« er sprach mit +<a name="Page_639" id="Page_639"></a>einem scharfen slawischen Akzent — »was — was +war es doch?« Er goß sich roten Wein in das Glas, — ein +paar Tropfen spritzten der Frau zu seinen +Füßen auf die weiße Stirn, — er vergaß zu trinken +und starrte sie an: »wie schön das ist: die Dornen +deines unsichtbaren Kranzes haben dich verwundet, — wie +ein Rubin leuchtet dein königliches Blut ...«</p> + +<p>»Zum Donnerwetter, was schweigt ihr,« brüllte er im +nächsten Augenblick und stürzte den Wein hinunter, +»was geht das Euch Kanaillen an?!« Die anderen +lachten.</p> + +<p>»Du hast uns deinen Helden schildern wollen!« sagte +jemand.</p> + +<p>»Meinen Helden!« begann er wieder, »das wird ein +Kerl sein! Kein waschlappiger Schmachtfetzen, der die +Weiber anhimmelt, sondern einer, der zupackt, wie ich!« — seine +Riesenfaust umklammerte den Arm der blonden +Frau, die schmerzhaft zusammenfuhr, — »keiner, der den +Lahmen Krücken schenkt und den Blinden Brillen, sondern +einer, der beiseite stößt, was ihm im Wege steht. Oder +meint ihr, das Gesindel um uns sei was besseres wert?! +Glaubt mir, wenn wir nicht empor kommen, die Starken, +die Hartherzigen, dann wird das Gewürm, das Junge +wirft wie die Kaninchen, uns auffressen. Den Schwachen +helfen, winselt ihr mit dem verwässerten Christenblut in +den Adern? Nein, sage ich: den Schwachen den Gnadenstoß +geben, damit die Starken Platz haben!«</p> + +<p>Ich hielt mich nicht länger. »Es muß sich aber erst +erweisen, wer die Starken sind,« rief ich.</p> + +<p>»Erweisen? Nein, schönste Frau, — wenn wirs nur +von uns selber wissen,« antwortete er, stand auf und +<a name="Page_640" id="Page_640"></a>trat auf mich zu, — er schwankte ein wenig — »Sie +sind ja so Eine, die sich opfert — der Menschheit — der +Ethik — pfui Teufel! Mit so einem Gesicht und +solcher Gestalt —« seine große Hand streckte sich, ich +wich ihr erschrocken aus — »sich behaupten sollten Sie, — Glück +schenken und Liebe, — das ist mehr als Traktätchen — und — und — Kinder +kriegen —«</p> + +<p>Er fiel wie ein gefällter Baum der Länge nach zu +Boden. Ich strebte hastig der Türe zu. Juliane Déry +kam mir nach und drängte ihr glühendes Gesicht dicht +an das meine.</p> + +<p>»So bleiben Sie doch — Schönste — Beste,« schmeichelte +sie — ich fühlte ihre Hand auf meiner Hüfte. »Ist er +nicht groß? — herrlich? Und jetzt wird es erst schön — komm! +komm! — laß uns Freundinnen sein —« +Sie versuchte mich zu küssen. Ich schüttelte sie ab. +»Hochmütige Närrin —« knirschte sie.</p> + +<p>»Sie — sie hat kein Herz — kein Herz — wie all +die — die Tribünenweiber!« lallte der Betrunkene, der +sich halb aufgerichtet hatte.</p> + +<p>Ich lief hinaus wie gejagt und sprang in den nächsten +Wagen. Warum nur brach ich schluchzend in den +Kissen zusammen, — warum?!</p> + +<p>Leise schlich ich in die Wohnung, in mein Zimmer. +Zum erstenmal verschwieg ich Georg, was ich erlebt +hatte; nur von dem Abend bei Polenz erzählte ich und +von den Menschen dort, die »auch nicht die unseren +sind«.</p> + +<p>Er hörte kaum zu, seine Gedanken waren bei dem +Brief, den er zwischen den Fingern rollte und mir +lächelnd reichte.</p> +<p><a name="Page_641" id="Page_641"></a></p> +<p>»Hier werden wir die unseren finden!« sagte er.</p> + +<p>Es war eine Einladung zu einem Festkommers »unserem +verehrten Genossen Friedrich Engels zu Ehren«, von +den Mitgliedern des Parteivorstands unterschrieben. +»Du willst hingehen?« frug ich erstaunt, »als preußischer +Universitätsprofessor?!«</p> + +<p>»Die Freude will ich mir nicht entgehen lassen, +einmal im Leben dazu zu gehören! — und den Kragen +wird es nicht kosten!«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Ein großer Saal. Grüne Girlanden, mit roten +Blumen besteckt, schwebten in runden Bogen um +die Galerien, von einer Säule zur anderen. »Proletarier +aller Länder, vereinigt euch!« leuchtete es in riesigen +Goldbuchstaben auf rotem Grund von der Tribünenwand +herab den Eintretenden entgegen. Unter Lorbeerbüschen +glänzten die weißen Büsten von Marx und +Lassalle. Als wir kamen, war der Riesenraum schon +dicht gefüllt: Männer im Festtagsrock, Frauen und +Mädchen in bunten Blusen und hellen Kleidern, die +Gesichter verklärt, wie die der Kinder von Weihnachtsvorfreude. +Ein Glanz der Jugend strahlte aus +allen Augen und verwischte die Furchen, die Leidenszüge, +die Kummerfalten, und gab den früh gebleichten +Wangen die Röte der Kinder des Glücks.</p> + +<p>Neugierig richteten sich alle Blicke auf uns: den +bleichen Mann im Rollstuhl und die junge Frau +ihm zur Seite. Der alte Bartels führte uns bis nach +vorn, wo an gedeckten Tischen die Plätze für die Gäste +reserviert waren.</p> +<p><a name="Page_642" id="Page_642"></a></p> +<p>»Daß ich das noch erlebe — Herr Professor — das +noch erlebe,« wiederholte er immer wieder, mit dicken +Freudentränen in den kleinen, zwinkernden Äuglein.</p> + +<p>Brausende Hochrufe erschütterten die Luft. — Alles +erhob sich — schwenkte die Hüte und wehte mit den +Taschentüchern — auf die Tische und auf die Schultern +wurden die Kinder gehoben, so daß ihre Köpfchen +wie Blumen aus dichtem Wiesengrund über die Massen +emporragten. Und durch den breiten Mittelgang, an +dem sich rechts und links, eine undurchdringliche Mauer, +die Menge staute, kamen sie alle, die alten Kämpfer, +deren Namen ein blutiger Schrecken für die einen, ein +Symbol künftiger Glückseligkeit für die anderen war.</p> + +<p>Mein Blick blieb nur auf den vier Voranschreitenden +haften, die ich um mich herum immer wieder flüsternd +nennen hörte: Liebknecht — Bebel — Auer — Engels. +Groß war der eine, mit grauem Vollbart, hoher Stirn, +geistvoll sprühenden Augen, einen feinen Zug von Sarkasmus +um den Mund, klein der andere, mit widerspenstiger +voller Haarsträhne, die ihm immer wieder +nach vorne fiel, so daß sein Blick sich noch mehr verschleierte, — jener +merkwürdige Blick, wie ihn nur +Dichter und Träumer haben. Einen breiten, hellen +Germanenkopf trug der Dritte stolz auf den starken +Schultern, ein paar Augen, die gewiß kampflustig zu +blitzen verstanden wie die alter Häuptlinge, sahen über +die Menge hinweg. Vorne aber ging der alte gefeierte +Gast mit einem Lächeln so voll gerührter Güte und +freudiger Menschenliebe, als wären das alles seine +Kinder, die ihm entgegenjauchzten.</p> + +<p>Gesang, Musik, Begrüßungsreden wechselten miteinander +<a name="Page_643" id="Page_643"></a>ab, wie bei einem großen Familienfest. Nichts Pathetisches, +aber auch nichts, das an Aufruhr und revolutionäre +Schrecken erinnerte, störte die Stimmung. +Das Rot der vielen Schleifen und Fahnen im Saal +schien heute nur die Farbe der Freude zu sein, nicht +die des Bluts. Auch die ›Freiheit‹, die auftrat, mit der +phrygischen Mütze auf dem schwarzen Krauskopf, ihre +Verse skandierend wie ein Schulkind, glich mehr einem +Boten des Frühlings als der Revolution.</p> + +<p>Drunten im Saal, wie oben auf der Tribüne herrschte +eitel Fröhlichkeit.</p> + +<p>Von einem Tisch zum anderen begrüßten sich die Bekannten, +und er, der Held des Tages, drängte sich mit +den Freunden immer wieder durch die Reihen und +schüttelte die Hände alter Kampfgenossen aus den +schweren Zeiten der Verfolgung. Sie kamen auch zu +uns und setzten sich um Georgs Rollstuhl, und seine +Lippen zuckten, und seine Augen wurden feucht vor Bewegung. +Mit einer altväterisch-chevaleresken Verbeugung +schenkte mir Engels ein paar Blumen aus der Fülle, +die ihm gegeben worden war. »Ein gefährliches Zeichen,« +lachte Liebknecht und wies auf die rote Nelke darunter. +»Eins des Sieges, wie ich hoffe,« antwortete ich.</p> + +<p>Wir gingen still nach Haus. Eine große Freudigkeit +erfüllte uns.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>An einem grauen, naßkalten Dezembertag war +es. Das Reichshaus sollte eingeweiht werden. +Am Brandenburger Tor stand ich, Eindrücke +zu sammeln für das, was ich schreiben wollte. Man +<a name="Page_644" id="Page_644"></a>lachte — schwatzte — höhnte rings um mich her: vom +»Gipfel der Geschmacklosigkeit« sprach der Eine, — so +hatte S. M. jüngst in Italien den Bau Wallots bezeichnet —, +von der leeren Tafel über den Toren erzählte +der andere, die auf die Inschrift »Dem deutschen +Volke« vermutlich vergebens warten würde; — »den +Junkern und Pfaffen, — wirds statt dessen heißen,« +fügte bissig ein Dritter hinzu. »Wenn man die Umsturzvorlage +det janze Dings nich umstürzen wird,« zischelte +es dicht neben mir. Der stramme Polizeileutnant, der +hier Wache hielt, wandte stirnrunzelnd den Kopf. In +offenem Wagen fuhren die Abgeordneten vorüber: Zivilisten +mit glänzenden Zylindern auf dem Kopf und +bunten Bändchen im Knopfloch, auf den Zügen den +Ausdruck ernsthafter Wichtigkeit, Geistliche in der schwarzen +Soutane mit runden glänzenden Gesichtern; Reserveoffiziere, +denen der enge Kragen das Blut blaurot in +die Stirne trieb, und deren bunter Rock sich in Falten +über Brust und Leib spannte. »Drum müssen sie doch +alle stramm stehen vor dem obersten Kriegsherrn, — die +M. d. R.s —« zischelte dieselbe Stimme wie vorhin.</p> + +<p>Aufgeregt sprengten die Polizisten noch einmal hin +und her, — ihre Pferde drängten die angstvoll aufkreischenden +Zuschauer zur Seite.</p> + +<p>Vom Schloß die Linden hinunter trabte eine Schwadron +Garde du Korps in glänzender Uniform mit +wehenden Fähnlein. Da plötzlich ein klirrender Stoß — ein +Schrei, — und zwei Reiter wälzten sich unter +ihren Pferden.</p> + +<p>Im gleichen Augenblick nahte ein Wagen: der Kaiser! +Schweigend — erwartungsvoll — kaum, daß ein paar<a name="Page_645" id="Page_645"></a> +Hüte von den Köpfen flogen — harrte die Menge, — schwankend, +mit totblassem Gesicht richtete der eine der +gefallenen Soldaten sich auf die Kniee, — dicht vor +ihm schlugen die Hufe des Viergespanns schon auf das +Pflaster.</p> + +<p>Das Bronzegesicht des Monarchen tauchte sekundenlang +auf — ein einziger kalter Blick streifte den Garde +du Korps — die feindselig-stumme Menge hinter ihm, — und +vorüber raste der Wagen.</p> + +<p>Erregt, mit verbissenem Grimm stoben die Menschen +auseinander. Das war, so schien mir, der rechte Auftakt +für das kommende Schauspiel: den Kampf um die +Umsturzvorlage, die als erster Gesetzentwurf den Volksvertretern +im neuen Hause zur Entscheidung vorlag.</p> + +<p>Unter kriegerischem Gepränge war es heute geweiht +worden, — Kriegszeiten standen bevor.</p> + +<p>Auf dem Wege durch den feuchtdunstigen Tiergarten +war mein Plan gefaßt, und noch ehe Georg aus der +Universität zurückkam, lag meine »Erklärung« schon auf +dem Schreibtisch. »Im Namen des weiblichen Geschlechts +protestieren wir unterzeichneten Frauen gegen die Umsturzvorlage,« +begann sie, und weiter hieß es darin: +»›Beschimpfende Äußerungen gegen Ehe und Familie‹ +gefährden das sittliche Leben des Volkes nicht so sehr +wie die gesetzliche Sanktionierung der Unsittlichkeit; und +nicht durch ›Kundgebungen‹ werden ›weite Bevölkerungkreise‹ +zu dem Glauben verführt, daß die Grundlagen +unseres Lebens auf ›Unwahrheit und Ungerechtigkeit‹ +beruhen, sondern durch eine Gesetzgebung, die die Hälfte +des Menschengeschlechts, die Mütter der Staatsbürger, +mit Unmündigen, Wahnsinnigen und Verbrechern auf +<a name="Page_646" id="Page_646"></a>eine Stufe stellt und durch wirtschaftliche Zustände, die +Millionen von Frauen in den Kampf ums Dasein treiben, +das Familienleben zerstören, die Ehe erschüttern ...«</p> + +<p>Ich versandte noch an demselben Abend meine Erklärung +mit der Bitte um Unterschriften an die Presse. Kaum +war sie veröffentlicht, als Onkel Walter mich mit seinem +Besuch überraschte. »Ich komme, dich zu warnen,« sagte +er, »man hat ein Auge auf dich, man kennt im Polizeipräsidium +deine geheimen Beziehungen zur sozialdemokratischen +Partei, und heute im Reichstag hat der +Minister des Innern mir im Vertrauen gesagt, daß, +wenn die Umsturzvorlage oder ein dem Sinne nach ihr +ähnliches Gesetz in Kraft treten sollte, du zu den Ersten +gehören wirst, die davon getroffen werden; — vorausgesetzt +natürlich —,« er sprach langsam und betonte +jede Silbe — »daß du nicht klug genug bist, vorher +andere Wege einzuschlagen.«</p> + +<p>»Ich danke dir für deine Freundschaft, lieber Onkel, — aber +daß ich deinem Rat folgen werde, wirst du +von mir kaum erwarten.«</p> + +<p>»So sind wir geschiedene Leute!« rief er, und krachend +fiel hinter ihm die Tür ins Schloß.</p> + +<p>Seltsam, — er hatte mir niemals nahe gestanden, und +doch: in diesem Augenblick krampfte sich mir das Herz +zusammen, — ein Stück der Kindheitsheimat nahm er +mit sich fort. Was wird der Vater sagen, dachte ich +furchtsam. Aber er kam nicht, er schrieb mir nur zwei +Zeilen ohne Anrede und Unterschrift: »Nach Deinem +letzten Benehmen wirst Du Dich nicht wundern, wenn +wir Dir eine Zeitlang fern bleiben. Wir hoffen zu Gott, +daß er Dich wieder auf den rechten Weg leiten möge! ...«</p> + +<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_647" id="Page_647"></a></p> + +<p>Eisig fegte der Ostwind durch die Straßen, feine, +schimmernde Eiskristalle tanzten in der Luft, +und der Rauhreif wandelte den Tiergarten in +ein Wintermärchen. Jeden Morgen begleitete ich jetzt +Georg in die Universität. Seine Vorlesungen über +soziale Ethik füllten das Auditorium bis in den fernsten +Winkel und leidenschaftlich erregte Menschen — alte +und junge — Männer und Frauen — begrüßten +ihn mit heftigem Beifallsgetrampel. Hinter +dem Pult war nichts von ihm zu sehen als der bleiche, +dunkel umrahmte Kopf mit den strahlenden Kinderaugen. +Er sprach, wie er noch nie gesprochen hatte, er geißelte +die Sünden des Kapitalismus mit einer Schärfe, wie +sie in diesen Räumen noch nie gehört worden war, und +verteidigte die Rechte der Frauen und die der Arbeiter +mit einer Begeisterung, die alles mit sich fort riß.</p> + +<p>»Der Glaube, daß wir jetzt vor tief gehenden Wandlungen, +vor einer Weltwende stehen, wie die Menschheit +noch keine erlebt hat, ist eine Überzeugung, die immer +weitere Kreise ergreift ... Jetzt ist keine Zeit mehr zu +beschaulichem Träumen ...« — Seine Stimme hob +sich in ungewohnter Kraft und bekam einen Klang wie +eine tiefe Glocke. »... Wir müssen uns klar werden +über die Lage der Dinge und wach sein für die Nöte +des Tages ... Wir müssen uns bewußt werden, wohin +wir gehören ...«</p> + +<p>»Er spricht sein Todesurteil ...« hörte ich leise +flüstern. Kirchenstill war es. Er wurde vom Katheder +heruntergehoben, sein Rollstuhl setzte sich in Bewegung, +mit scheuer Ehrfurcht grüßten ihn die Studenten.</p> + +<p><a name="Page_648" id="Page_648"></a>Fauchend schlug ihm der Wind in das heiße Gesicht, +als wir ins Freie traten, und fröstelnd zog er sich den +Pelzkragen höher. Vergebens bat ich ihn, sich aus seinem +offenen Rollstuhl in einen geschlossenen Wagen heben +zu lassen. Den ganzen langen Weg über die Linden, +durch den Tiergarten, über den Lützowplatz kämpften +wir mühsam wider den Schneesturm.</p> + +<p>Vor unserem Hause ging ein Herr auf und ab: groß +und schlank, den feingeschnittenen Kopf zurückgeworfen, +den Bart keck in die Höhe gewirbelt, — »Hessenstein!« +rief ich überrascht.</p> + +<p>»Kein anderer, gnädige Frau!« sagte er und küßte +mir die Hand — »ich warte auf Sie — ich konnte +Europa nicht verlassen, ohne von Ihnen Abschied zu +nehmen —«</p> + +<p>Wir begaben uns zusammen in unsere Wohnung. +Seltsam fragend betrachtete Georg den Gast, den ich +so freudig willkommen hieß.</p> + +<p>»Sie verlassen Europa?« frug ich, »und warum?«</p> + +<p>»Seit meinen kriegerischen Erfahrungen im Bergwerksbezirk +war mir nicht mehr wohl im bunten Rock —« +antwortete er, während sein Blick sekundenlang peinlich +überrascht zwischen Georg und mir hin und her flog — »und +die neu eröffnete Aussicht, gelegentlich einmal auf +Eltern und Geschwister schießen lassen zu müssen, hat +meinen militärischen Ehrgeiz auch nicht wesentlich steigern +können. — — Ich habe einen Bruder in Java, — dorthin +will ich. Eigentlich auch kein erstrebenswertes Ziel! +Aber — was soll man tun —, wenn man den Mut nicht +aufbringt, unter die Roten zu gehen!«</p> + +<p>»Dann ist Ihre Wahl sicherlich die beste,« sagte Georg +<a name="Page_649" id="Page_649"></a>mit feindseliger Schärfe. Rote Flecken brannten ihm +über den Backenknochen.</p> + +<p>Sichtlich verletzt, erhob sich Hessenstein. In dem Wunsch, +gut machen zu wollen, was Georg verfehlt hatte, war +ich doppelt herzlich.</p> + +<p>»Vielleicht treffen sich unsere Wege doch einmal wieder! +Möchten Sie recht, recht glücklich werden« — damit +reichte ich ihm beide Hände. Er senkte tief den Kopf +darauf. »Ich danke Ihnen!« flüsterte er bewegt.</p> + +<p>Kaum war er fort, als Georg mich zu sich rief. Sein +Kopf glühte — seine Hände waren heiß.</p> + +<p>»Du fieberst!« rief ich erschrocken.</p> + +<p>»Mir war schon diese Nacht nicht recht wohl, — ich wollte +nur heute die Universität nicht versäumen —« ein harter +Husten ließ ihn verstummen. »Aber es ist nichts, Kindchen, +nichts, — ein Katarrh vielleicht!« Wieder eine +Pause. — »Komm einmal her zu mir, Liebling, — ganz +nah —« ich kniete neben ihm — sein rascher, heißer +Atem berührte mein Gesicht — »du — du — liebtest +wohl jenen Hessenstein?«</p> + +<p>»Georg!!« Mir stieg das Blut in die Schläfen. +»Wie kommst du darauf?«</p> + +<p>»Ihr — ihr saht euch an — wie — wie Menschen, +die zusammen gehören!«</p> + +<p>Lächelnd drückte ich meine Wange an seine schmalen +Hände. »Nie — Georg, — nie — gehörten wir zusammen!« +meine Augen richteten sich klar auf ihn. »Und +wenn es gewesen wäre, — bin ich heute nicht dein — nur +dein?!«</p> + +<p>»O du — du!« stöhnte er; seine Arme preßten sich +sich um meine Schultern, — in meinen Haaren vergrub +<a name="Page_650" id="Page_650"></a>er sein Gesicht, — gegen meine Brust pochte sein Herz +in wilden Schlägen.</p> + +<p>Er hatte keine Ruhe mehr vor dem Schreibtisch, ich +mußte ihn auf und ab fahren; der Husten nahm zu, und +jedesmal, wenn er den armen Körper schüttelte, verzogen +sich schmerzhaft die Züge. Ich schickte zum Arzt. Er untersuchte +ihn und lächelte beruhigend, als Georgs Blick in +angstvoller Frage den seinen suchte.</p> + +<p>»Eine Erkältung. Halten Sie sich hübsch ruhig, — dann +ists bald vorbei.«</p> + +<p>In der Nacht stieg das Fieber. Er ließ meine Hand +nicht los. Von Zeit zu Zeit sah er mich flehend an, +und flüsterte kaum hörbar: »Küsse mich!«</p> + +<p>Ich wich nicht von seiner Seite, drei Tage und drei +Nächte lang.</p> + +<p>»Sie müssen Hilfe haben,« — sagte schließlich der +Arzt. Ich schüttelte nur den Kopf. Am Nachmittag des +vierten Tages schien <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'des'">das</ins> Fieber zu sinken. Die Augen +wurden wieder klar.</p> + +<p>»Ich habe mit dir zu sprechen, meine Alix,« begann +der Kranke mit ruhiger, fester Stimme. »Es geht zu +Ende mit mir, — weine nicht, Kindchen, — bitte, weine +nicht! — Ich habe, glaube ich, meine Schuldigkeit getan —; +was ich ungetan ließ, — du, du wirst es vollenden! — — Du +wirst mir treu sein, — im höchsten +Sinne treu —« fassungslos brach ich neben ihm zusammen — seine +Hände lagen auf meinem Kopf — »über +alles in der Welt habe ich dich geliebt —.« +Nur wie ein Hauch kamen die Worte über seine Lippen — »zum +Paradiese hast du mir das Leben gemacht, — hab +Dank, — Dank —.« Ich verlor die Besinnung —</p> + +<p><a name="Page_651" id="Page_651"></a>Auf meinem Bett fand ich mich wieder; es war tief +in der Nacht, nur ein Licht brannte im Zimmer, die +Mutter war neben mir, — so sanft und gut und leise, +wie immer, wenn sie Kranke pflegte.</p> + +<p>»Alix —« klang es tonlos aus dem Nebenzimmer. +Ich stürzte hinein. Aufrecht auf seinem Stuhl saß Georg. +Ich schlang den Arm um seine Schulter.</p> + +<p>»Warum — warum läßt du mich sterben?!« flüsterte +es vor meinem Ohr. Sein Kopf sank an meine Schläfe. +Tiefe, röchelnde Atemzüge kamen aus seiner Brust.</p> + +<p>Wie lange ich regungslos saß, — ich weiß es nicht. — Fahl +dämmerte der Tag durch die Scheiben. Der +Arzt trat ein und umfaßte die wachsbleiche Hand —</p> + +<p>»Es ist vorüber —«</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_652" id="Page_652"></a></p> +<h2><a name="Einundzwanzigstes_Kapitel" id="Einundzwanzigstes_Kapitel"></a>Einundzwanzigstes Kapitel.</h2> + + +<p>Ein heißer Sommertag. Auf den Wiesen Grainaus +brannte die Sonne. In üppiger Farbenpracht +glänzten die bunten Blumen, ein sprühender +Perlenregen war der Bach. Die Zugspitze spiegelte +ihre leuchtenden Schneefelder im Rosensee. Schwül +duftete um das Haus der Jasmin.</p> + +<p>Ich lag in Decken gehüllt auf der Altane, — ich sah +das alles, und doch sah ichs nicht. Tante Klotilde ging +ab und zu. Sie war in Berlin eines Tages in mein +Zimmer getreten, hatte mich tränenüberströmt in die +Arme geschlossen und immer wieder die zwei Worte +wiederholt: verzeih mir! Ich hatte ihr versprechen müssen, +im Sommer zu ihr zu kommen.</p> + +<p>Und nun war ich hier, — zu einer letzten, stillen Rast. +Ich wußte, was ich zu tun hatte, wenn ich ihm, der +unter grünem Epheu und roten Rosen lag, treu sein +wollte. Mein Entschluß war gefaßt. In meinem +Schreibtisch lag mein Abschiedswort an die Leser der +Zeitschrift, die wir miteinander geleitet hatten, — und +der Brief an meine Eltern, von dem ich wußte, daß er +sie schmerzen würde, wie nichts vorher. »Sie werden +es überwinden —« dachte ich in meinen schlaflosen<a name="Page_653" id="Page_653"></a> +Nächten, — »ich werde ihnen von da an eine Gestorbene +sein!«</p> + +<p>All das war mir nicht einmal schwer geworden, solange +ich zu Hause in meinen einsamen Räumen war. +Losgelöst fühlte ich mich schon von aller Vergangenheit: +Zu den Eltern zurückkehren sollte ich, hatten Vater und +Mutter in sorgender Liebe gemeint, — so wenig wußten +sie von mir! Großmamas Heim im Schloß von Pirgallen +hatte mir Onkel Walter als Ruhesitz angeboten, — so +wenig ahnten sie, daß ich nicht ruhen durfte!</p> + +<p>Nur Martha Bartels hatte mich verstehen gelernt, +während sie mir in den schwersten Tagen der ersten +Einsamkeit viele Arbeitsstunden opferte.</p> + +<p>»Sie werden uns eine liebe Genossin sein —« hatte +sie gesagt.</p> + +<p>Eine Genossin! — Keines Menschen Geliebte, keines +Kindes Mutter, — eine Gefährtin nur der Elenden und +der Verfolgten. Es war fast ein Gefühl von Freude +gewesen, mit dem ich Abschied genommen hatte.</p> + +<p>Und nun wurde es mir auf einmal so bitter schwer!</p> + +<p>O du Sommertag über den Bergen, wie wunderschön +bist du!</p> + +<p>Es liegt in der Luft wie eine große Sehnsucht, — und +jubelnde Erfüllung zwitschern die Vögel und duften die +Blumen. In den Sonnenstrahlen glüht jedes Blatt wie +Gold, blutrot färben sich zur Abendstunde die grauen +Felsen. Und ein ganzer, großer Korb blühender Alpenrosen +steht vor mir. — Ich will die Augen schließen, +will das prangende Leben nicht sehen, — aber dann schleicht +auf unhörbar linden Sohlen die Erinnerung in meine +Träume ... Hier begegnete mir vor Zeiten das Glück ...</p> + +<p><a name="Page_654" id="Page_654"></a>In der Morgenfrühe gleitet mein Kahn über den +Badersee. Tief, tief bis zum Grund kann ich sehen, wo +um samaragdne Moose glitzernd die Forellen streichen +und versteinerte Baumriesen schlafen. Langsam schlepp +ich meine müden Füße heimwärts durch den Wald, wo +die Orchideen blühen.</p> + +<p>Drüben beim Bärenbauern herrscht jetzt der Sepp als +Hausherr. Sein junges blondes Weib trägt den ersten +Buben an der Brust. Verlegen, die Mütze zwischen den +Händen drehend, hatte er die alte Spielgefährtin begrüßt. +Sie wußten im Dorf von mir: daß ich die »heilige +Kirche« bekämpfte und es mit den Freidenkern hielt! +Warum schmerzt mich das alles so sehr? Was konnten +die Wenigen mir sein, da ich den Vielen gehörte?</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>»Übermorgen muß ich fort,« sagte ich entschlossen +zu meiner Tante, — »du weißt, die Arbeit +wartet nicht, und ich bedarf ihrer —«</p> + +<p>»Bleib noch, mein Kind, bleib noch, — du bist noch +so schwach —« bat sie.</p> + +<p>»Ich werde dir morgen beweisen, daß ich stark bin —« +lächelte ich ...</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Es läutete gerade zur Frühmesse, als ich aus dem +Gartentor trat. Einen Atemzug lang stand ich +still, die Hände auf dem pochenden Herzen. +Mir war, als hätte ich drüben, zwischen den Bäumen +einen Menschen gesehen, — eine Erscheinung aus ferner, +ferner Vergangenheit.</p> + +<p><a name="Page_655" id="Page_655"></a>Dann ging ich festen Schrittes weiter und warf +ohne Besinnen meine Briefe in den blauen Kasten an +der Post. Hörte ich nicht einen Schritt? — Es war +wohl nur das Klopfen und Rauschen meines eigenen +Blutes in den Ohren.</p> + +<p>Auf den Stock gestützt, schritt ich langsam bergauf. +Wie doch die Bäume gewachsen waren auf der Schonung! +Früher reiften hier in der Sonne die süßesten roten +Beeren. Und weiter droben war ein neuer Schlag, — kleinwinzige +Tannenpflänzchen guckten schon neugierig +zwischen Grasbüscheln und alten Wurzeln hervor.</p> + +<p>Über die Steinhalde lief ich sonst, — heute wurde +mir das Atmen recht schwer!</p> + +<p>Nun gings durch den Wald über Sturzbäche, höher +und höher, bis der Weg nur als schmales Band an der +schroffen Felsenwand des Waxensteins entlang führt. +Tief unten braust und schäumt der Höllentalbach.</p> + +<p>O, ich kenne noch keinen Schwindel, — findet meine +Sohle nur einen Fuß breit Erde, so stehe ich sicher!</p> + +<p>Wie frei weht die Luft hier oben, — wie leicht läßt +es sich atmen! Über himmelhohem Abgrund schwingt +sich die eiserne Brücke von Berg zu Berg, und jenseits +führen Leitern wieder empor. Auf weichem Moos unter +einer Tanne, die ihre Wurzeln keck um einen Felsvorsprung +klammert, halte ich Rast. Im Halbkreis +schieben sich hier die Berge aneinander, ein Zirkus, von +Riesen gebaut, bestimmt für die Spiele unsterblicher Götter.</p> + +<p>Da hör' ich Schritte, — Nagelschuhe auf Felsstufen, — ein +Wilddieb vielleicht, oder ein Bergführer, +der über die Knappenhäuser zur Hochalm will. Ich +stehe auf — die Hand fest um den Stock —, hier gibt +<a name="Page_656" id="Page_656"></a>es kein Ausweichen. Und schon sehe ich ihn vor mir, +den einsamen Wanderer, die Spielhahnfeder am grünen +Hut, ein gebräuntes Antlitz darunter, mit Augen — —! +Ein Zittern durchläuft meinen Körper —</p> + +<p>»Warum erschrickst du vor mir, Alix, — ich bin ja +nur ein Gespenst unserer Jugend —«</p> + +<p>Ich raffe mich zusammen und seh ihm gerad' ins +Gesicht. Wie hart sind die weichen Züge geworden, +denke ich. Das Blut strömt mir wieder zum Herzen.</p> + +<p>»Laß mich vorüber, — ich glaube nicht an Gespenster,« +sag' ich, den Ton meiner Stimme zur Kälte zwingend.</p> + +<p>»Du gingst denselben Weg, wie ich: hinauf!« gibt +er leise zurück und rührt sich nicht von der Stelle.</p> + +<p>»Denselben Weg?! Nein, — unsere Wege sind längst +auseinandergegangen, — und daß der deine emporführt, — daran +erlaubst du mir wohl, zu zweifeln!« antworte +ich höhnisch, — meine eigenen Worte stechen mich +wie lauter Nadeln.</p> + +<p>»Ich suchte dich, Alix, — seit Wochen, — kein Zufall +ists, daß ich hier bin —;« aus seinen Augen dringt ein +blaues Blitzen —</p> + +<p>»Du — mich?!« Ich lache, daß es vom Felsen +wiederklingt, — aber in meinem Herzen weint es.</p> + +<p>»Ich liebe dich,« flüstert er — »ich habe geglaubt, +ich könnte dich vergessen, — aber meine Sehnsucht bliebst +du, — mein ganzes Leben war ein einziges Warten auf +dich. Endlich hab' ich dich gefunden! Alix, mein +Lieb, — verlaß mich nicht wieder!« Und flehend, wie +ein Hungernder, streckt er die geöffneten Hände mir +entgegen.</p> + +<p>»An eine Nacht denke ich, Hellmut, in der ich vor +<a name="Page_657" id="Page_657"></a>dir stand und dir schenken wollte, was du heut' begehrst; — jetzt +hab' ich nichts mehr, bin bettelarm! — Ich +liebe nur noch die Erinnerung, — nicht dich; — du +bist ein fremder Mann für mich, — an dem ich vorüber +muß —«</p> + +<p>In meinem Herzen zuckt es, wie ein verborgenes +Leben, das mit dem Tode ringt —</p> + +<p>»Ich will um dich werben, Alix, — demütig — geduldig, — an +meiner Liebe wirst du Kalte wieder +warm werden —«</p> + +<p>Ich schüttle den Kopf. »Nein!« sagt eine harte +Stimme. War das die meine?!</p> + +<p>Er richtet sich auf, sein Blick erstarrt, — er tritt +zurück, und ohne aufzusehen, schreite ich an ihm vorbei, — sehr +langsam, schwer atmend, auf den Stock gestützt.</p> + +<p>Hoch oben, wo auf grüner Halde um die Ruinen der +Knappenhäuser in dichten Büschen dunkelblaue Vergißmeinnicht +blühen, sah ich noch einmal hinab: auf dem +Wege zu Tal steht eine graue Gestalt, vom Dunst der +Tiefe halb verwischt: meine Jugend.</p> + +<p>Und der steile Steg, den ich gehen will, wohin +führt er?</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Memoiren einer Sozialistin, by Lily Braun + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN EINER SOZIALISTIN *** + +***** This file should be named 16301-h.htm or 16301-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/6/3/0/16301/ + +Produced by richyfourtytwo and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. 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