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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:48:36 -0700
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+ The Project Gutenberg eBook of Memoiren Einer Sozialistin, by Lily Braun.
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+The Project Gutenberg EBook of Memoiren einer Sozialistin, by Lily Braun
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Memoiren einer Sozialistin
+ Lehrjahre
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+Author: Lily Braun
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+Release Date: July 15, 2005 [EBook #16301]
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+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN EINER SOZIALISTIN ***
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+Produced by richyfourtytwo and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+<h1><a name="Page_-1" id="Page_-1"></a>Memoiren einer Sozialistin</h1>
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+<h2>Lehrjahre</h2>
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+<h2>Albert Langen, M&uuml;nchen</h2>
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+<h2>1909</h2>
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+
+<h3>An meinen Sohn</h3><p><a name="Page_0" id="Page_0"></a></p><p><a name="Page_1" id="Page_1"></a></p>
+
+
+<p>Die Rosen bl&uuml;hen und die Linden duften. &Uuml;ber
+dunkle W&auml;lder und saftgr&uuml;ne Matten ragen die
+Berge meiner Heimat zum Himmel empor, an
+dem die Sterne funkeln und strahlen, ungetr&uuml;bt von den
+D&uuml;nsten der St&auml;dte und den Nebeln der Niederung.
+Die grauen Felsriesen schimmern silbern im Mondlicht,
+und in ihren tausend Furchen und Spalten gl&auml;nzt noch
+der Schnee.</p>
+
+<p>Das ist die sch&ouml;nste Nacht des Jahres, die Nacht,
+in der's in Wald und Feld von alten M&auml;rchen raunt
+und fl&uuml;stert, die Nacht, mein Sohn, die dich mir geschenkt:
+ein Sonnwendskind, ein Sonntagskind. Elf
+Jahre sind es heute. Ist es mir doch, als w&auml;re es
+erst gestern gewesen, da&szlig; du an meiner Brust gelegen,
+da&szlig; du die ersten Worte lautest, zum erstenmal die
+F&uuml;&szlig;chen setztest. Und nun bist du ein gro&szlig;er Junge!
+Die Kindheit bereitet sich aufs Abschiednehmen vor.</p>
+
+<p>Fast am gleichen Tage war es, und mehr als drei Jahrzehnte
+sind es her, da&szlig; auch ich zu F&uuml;&szlig;en dieser Berge meinen
+elften Geburtstag feierte. Die Tafel bog sich damals
+unter der F&uuml;lle der Geschenke &mdash; auf deinem Tisch,
+mein Sohn, lagen heute neben dem duftenden Kuchen
+unsrer alten Marie nur ein paar B&uuml;cher! &mdash;, und Eltern,<a name="Page_2" id="Page_2"></a>
+Verwandte und Freunde umgaben mich, mit sch&auml;umendem
+Sekt und schmeichelnden Reden das Geburtstagskind
+feiernd, &mdash; wir dagegen waren heute allein und
+hatten nur tiroler Landwein in den Gl&auml;sern. Das
+Geburtstagskind von damals war ein blasses, langaufgeschossenes
+M&auml;dchen mit einem alten, hochm&uuml;tig-sarkastischen
+Zug um den Mund, dessen L&auml;cheln der
+Dankbarkeit nur die Frucht guter Erziehung war; du
+aber bist ein bl&uuml;hender Knabe, der im &Uuml;berschwang
+seiner Freude seine Mutter und die alte Marie abwechselnd
+in tollem Tanz auf der Wiese umherwirbelte.
+Nur zweierlei ist sich gleich geblieben &mdash; damals und
+heute &mdash;: auf deinem Tisch wie auf dem meinen lag
+das erste, langersehnte Tagebuch, dessen wei&szlig;e Bl&auml;tter
+so verlockend sind f&uuml;r ein elfj&auml;hriges Herz, wie der
+Eingang ins Zauberreich des Lebens selbst, und vor
+dir wie vor mir ragten dieselben Bergesriesen, und derselbe
+Wald umrauschte unsre Kindertr&auml;ume.</p>
+
+<p>Mich hat mein Tagebuch durch's ganze Leben begleitet,
+und der Gewohnheit, mir allabendlich vor ihm Rechenschaft
+abzulegen &uuml;ber des Tages Soll und Haben, bin
+ich immer treu geblieben. Am Schlusse jeden Jahres
+habe ich an seiner Hand den verflossenen Lebensabschnitt
+&uuml;berlegt und sein Fazit gezogen. Seine lakonischen
+Bemerkungen &mdash; ein blo&szlig;es trockenes Tatsachenmaterial &mdash; bildeten
+den festen Rahmen, den die Erinnerung mit
+den bunten Bildern des Lebens f&uuml;llte, und unverzerrt
+durch jene schlechtesten Portr&auml;tisten der Welt &mdash; Ha&szlig;
+oder Bewunderung &mdash;, blickte mein Ich mir daraus entgegen.</p>
+
+<p>Als ich diesmal aus der Tretm&uuml;hle und der Fabrikatmosph&auml;re<a name="Page_3" id="Page_3"></a>
+meines Berliner Arbeitslebens in unsre stille
+Bergeinsamkeit floh, nahm ich die zweiunddrei&szlig;ig Jahreshefte
+meines Tagebuches mit mir. Generalabrechnung
+mu&szlig; ich halten.</p>
+
+<p>Auf steilem Felsenpfad bin ich bis hierher gestiegen,
+meinem wegkundigen Blick, meiner Kraft vertrauend,
+weit entfernt von den Lebenssph&auml;ren, die Tradition und
+Sitte mit Wegweisern versah, damit auch der Gedankenlose
+nicht irre gehe. Jetzt aber mu&szlig; ich stille stehen,
+mu&szlig; Atem sch&ouml;pfen, denn die gro&szlig;e Einsamkeit um mich
+her l&auml;&szlig;t mich schaudern. Wohin nun? Hinab zu Tal,
+zu den Wegweisern? Oder weiter auf selbstgew&auml;hltem
+Steige?</p>
+
+<p>Die Menschen z&uuml;rnen mir, und alle nennen mich fahnenfl&uuml;chtig,
+die irgendwann auf der Lebensreise ein St&uuml;ck
+Weges mit mir gingen; mir aber erscheinen sie als die
+Ungetreuen. Wer hat recht von uns: sie oder ich? Um
+die Antwort zu finden, will ich den letzten Wurzeln
+meines Daseins nachsp&uuml;ren, wie seinen &auml;u&szlig;ersten Ver&auml;stelungen;
+und an dich, mein Sohn, will ich denken
+dabei, auf da&szlig; du, zum Manne gereift, deine Mutter
+verstehen m&ouml;gest.</p>
+
+<p>In der Sonnwendnacht, die dich mir geschenkt, in
+der Sonnwendnacht, in der ringsum auf den H&ouml;hen
+die Feuer gl&uuml;hen, in der Sonnwendnacht, wo aufersteht,
+was ewigen Lebens w&uuml;rdig war, seien die Geister der
+Vergangenheit zuerst heraufbeschworen.</p>
+
+<p>Obergrainau, den 24. Juni 1908</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_4" id="Page_4"></a></p><p><a name="Page_5" id="Page_5"></a></p>
+<h2><a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel"></a>Erstes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Wo die kurische Nehrung beginnt, ihre D&uuml;nen
+in die Ostsee hinauszustrecken, und das
+Meer auf der einen, das Haff auf der
+andern Seite das Land besp&uuml;lt, steht das Haus
+meiner Gro&szlig;eltern, in dem ich geboren bin. Vor Jahrhunderten
+haben deutsche Ordensritter es als festes
+Bollwerk gegen das heidnische Volk des Samlands erbaut;
+der breite, viereckige Turm, die dicken Mauern
+und der Graben ringsum erinnern noch an seinen Ursprung.
+Ein Ordensbruder soll es gewesen sein, der
+als einer der ersten im Samland zur Lehre Luthers
+&uuml;bertrat, &mdash; nicht aus Gewissenszwang, denn das h&auml;tte
+dem blonden derben Junker aus dem th&uuml;ringischen
+Geschlecht der Golzows wenig &auml;hnlich gesehen, sondern
+aus Liebe zu einem sch&ouml;nen Fr&auml;ulein, die ihn das
+Keuschheitsgel&uuml;bde brechen hie&szlig;. Er wurde auf dem
+Schlo&szlig; von Pirgallen der Stammvater des preu&szlig;ischen
+Zweigs der Familie und der Vorfahr meines Gro&szlig;vaters.
+Mit dem Besitz schien sich aber auch die lebenbestimmende
+Liebesleidenschaft des Ahnherrn von Generation
+zu Generation zu vererben. Nur selten f&uuml;gte
+sich ein Golzow dem Rate der Familiensippe, wenn es
+galt, sich die Eheliebste zu w&auml;hlen, und so wurden viele
+<a name="Page_6" id="Page_6"></a>fremde Blumen in den nordischen Garten verpflanzt.
+Manch eine mag dabei im Frost erstarrt, vom Meersturm
+zerzaust worden sein, andere aber bl&uuml;hten, trugen
+Frucht und streuten den Samen ihrer Heimaterde in
+das Land, wo er &uuml;ppig aufging, so da&szlig; es zwischen den
+gelben D&uuml;nen, den wei&szlig;en Birkenst&auml;mmen und knorrigen
+Eichen gar seltsam anzuschauen war.</p>
+
+<p>Auch meine Gro&szlig;mutter war solch eine fremde Blume
+gewesen: ein Kind der Liebe, dem heimlichen Bund
+eines K&ouml;nigs mit einem kleinen els&auml;ssischen Komte&szlig;chen
+entsprossen. Und sie war wohl nie recht heimisch geworden
+da oben. Sie fror immer, sa&szlig; auch im Sommer
+gern am Kaminfeuer der Halle, und schwere schleppende
+Samtkleider, mit Pelz verbr&auml;mt, trug sie am liebsten.
+Sie blieb auch einsam trotz der gro&szlig;en Kinderschar, die
+sie umgab. Das Blut der Golzows war lebenskr&auml;ftiger
+als das ihre, denn all die Buben und M&auml;deln, die sie
+gebar, waren nicht eigentlich ihre Kinder: mit hellen
+blauen Augen aus rosigwei&szlig;en Gesichtern blickten sie in
+die Welt, und Jagd und Tanz, Spiel und Liebe blieb
+ihnen Lebensinhalt.</p>
+
+<p>An meine Mutter, ihr j&uuml;ngstes Kind, die goldblonde
+Ilse, hatte sie sich mit aller Kraft ihrer
+Sehnsucht geklammert. Lange hoffte sie, sich selbst
+in ihr wiederzufinden, und verdeckte mit den bunten Gew&auml;ndern
+ihrer Phantasie in z&auml;rtlicher Selbstt&auml;uschung
+alles, was ihr fremd war an ihrer Tochter. Sie
+half ihr auch den Starrsinn des Vaters brechen, der
+sich ihrer Verbindung mit einem armen Infanterieleutnant
+widersetzte. Die Ehe mit dem ernsten, strebsamen
+Mann w&uuml;rde, so meinte sie, ihr eigentliches<a name="Page_7" id="Page_7"></a>
+Wesen erst zur Entfaltung bringen, &mdash; das Wesen, das
+sich schon deutlich genug dadurch auszudr&uuml;cken schien,
+da&szlig; ihre Wahl unter allen ihren gl&auml;nzenden Bewerbern
+grade auf diesen gefallen war. Sie wu&szlig;te nicht, da&szlig;
+nur der Rausch Golzowscher Liebesleidenschaft &mdash; hei&szlig;
+und kurz, wie die Sommer Pirgallens &mdash; Ilse beherrschte.
+Ihr Gatte kannte die Tochter besser als sie,
+darum gab er die Hoffnung nicht auf, statt des &raquo;heimatlosen
+Landsknechts&laquo;, wie er ihren Erw&auml;hlten, den Leutnant
+Hans von Kleve, sp&ouml;ttisch nannte, einen der
+Standesherrn des Landes als Schwiegersohn zu begr&uuml;&szlig;en.</p>
+
+<p>Kleve besa&szlig; nichts als seinen guten Namen und
+seinen Ehrgeiz. Nachdem sein Vater, ein leichtsinniger
+Gardeleutnant, mit dem sp&auml;rlichen Rest seines rasch
+verjubelten Verm&ouml;gens und einer lustigen kleinen Frau,
+deren b&uuml;rgerliche Herkunft ihn den sch&ouml;nen bunten Rock
+auszuziehen zwang, ein G&uuml;tchen in der N&auml;he Berlins
+erworben hatte, um dort nichts zu tun, als zu sterben,
+war seiner Mutter kaum das notwendigste &uuml;brig geblieben,
+um ihn und seine vier Geschwister zu erziehen.
+Wie gut, da&szlig; sie an Arbeit gew&ouml;hnt gewesen war ihr
+Leben lang! Zu stolz, die reichen Verwandten ihres
+Mannes, die sie ihrer Herkunft wegen nie hatten anerkennen
+wollen, in Anspruch zu nehmen, zog sie sich
+in eine kleine m&auml;rkische Stadt zur&uuml;ck, wo sie ihre
+Kinder mit eiserner Strenge und in spartanischer Einfachheit
+erzog. Hans war zw&ouml;lf Jahre alt, als er in
+diese harte Schule genommen wurde. Er empfand
+die Beschr&auml;nktheit des Lebens am tiefsten und litt
+st&auml;ndig unter den Anforderungen, die seine Mutter an
+<a name="Page_8" id="Page_8"></a>seine geistige und moralische Leistungskraft stellte. Sein
+Liebesbed&uuml;rfnis fand wenig Verst&auml;ndnis bei ihr, die
+unter dem dauernden Druck qu&auml;lender Sorgen die Z&auml;rtlichkeit
+gl&uuml;cklicher M&uuml;tter eingeb&uuml;&szlig;t hatte. Eine Schwester,
+die ihm im Alter am n&auml;chsten stand, und der er sein
+ganzes Herz zuwandte, wurde ihm fr&uuml;h durch v&auml;terliche
+Verwandte, die sich pl&ouml;tzlich der armen Witwe
+und ihrer Kinder erinnert hatten, entrissen; so blieb er
+ganz auf sich allein angewiesen und konzentrierte all
+seine Energie auf das eine Ziel: sich selbst das Leben
+zu erobern.</p>
+
+<p>Mit sechzehn Jahren machte er das Abiturientenexamen
+und trat in ein K&ouml;nigsberger Infanterieregiment
+ein. Kavallerist zu werden, was er sich gew&uuml;nscht
+hatte &mdash; denn die Reiterleidenschaft sa&szlig; ihm tief im
+Blute &mdash;, erlaubten seine Mittel ihm nicht, und die
+Schwester, die von ihrem reichen Onkel wie ein eignes
+Kind gehalten wurde, hatte dem Bruder, &mdash; um ihre
+pers&ouml;nliche Stellung besorgt, &mdash; rundweg abgeschlagen,
+eine Zulage f&uuml;r ihn zu erbitten. Von selbst reichte des
+Onkels Generosit&auml;t &uuml;ber das Geburtstags- und Weihnachtsgoldst&uuml;ck
+und gelegentliche Urlaubsreisen nach
+dem Familiengut in Oberfranken nicht hinaus, und
+so bestand des jungen Mannes Dasein in unaufh&ouml;rlichen
+Verzichtleistungen. Er lebte nur seinem Beruf;
+sein Empfindungsleben schien durch die Arbeit v&ouml;llig erstickt
+zu sein.</p>
+
+<p>Um diese Zeit lernte er Ilse Golzow kennen, und
+alles, was an Liebessehnsucht in seiner Seele gelebt
+hatte von klein auf, brach ungest&uuml;m hervor. Das Weib
+war ihm unbekannt geblieben bis dahin; die Arbeit
+<a name="Page_9" id="Page_9"></a>hatte ihn taub und blind gemacht, und eine angeborene
+Reinheit der Gesinnung hatte ihn das Gemeine stets
+als gemein empfinden lassen. So vereinte sich in der
+ersten Liebe des Achtundzwanzigj&auml;hrigen die volle phantastische
+Schw&auml;rmerei des J&uuml;nglings mit der tiefen
+Neigung des reifen Mannes. Die Erf&uuml;llung alles
+dessen, was er in seinen stillsten Stunden f&uuml;r sich an
+Gl&uuml;ck ertr&auml;umt hatte, erwartete er von dem Besitz
+dieses holden blonden M&auml;dchens. Da&szlig; ihm dies Gl&uuml;ck
+nicht kampflos in den Scho&szlig; fiel, erh&ouml;hte nur seinen
+Wert f&uuml;r ihn.</p>
+
+<p>Um ihretwillen vertauschte er seine Studierstube mit
+dem Ballsaal; er entwickelte gesellige Talente, die bisher
+niemand in ihm vermutet hatte, er wurde das
+belebende Element aller gro&szlig;en und kleinen Feste. Auf
+dem Wege zwischen K&ouml;nigsberg und Pirgallen ritt er
+sein Pferd fast zu Schanden, das er sich endlich als
+Regimentsadjutant halten konnte, und auf den Schnitzeljagden
+stellte er durch seine Reiterkunst s&auml;mtliche
+K&uuml;rassierleutnants in den Schatten. Ein instinktives
+Verst&auml;ndnis f&uuml;r die weibliche Natur lehrte ihn, da&szlig;
+M&auml;dchen, wie die sch&ouml;ne Ilse, durch die Bewunderung,
+die man ihnen abn&ouml;tigt, am sichersten zu gewinnen sind.
+Von dem Vater der Geliebten aber mu&szlig;te er sich eine
+zweimalige Ablehnung gefallen lassen; erst als er zum
+drittenmal wieder kam und die Tr&auml;nen Ilsens sich mit
+seinen Bitten vereinigten, w&auml;hrend ihre Mutter alle
+Gr&uuml;nde der Liebe und der Vernunft zu seinen Gunsten
+zur Geltung brachte, hie&szlig; er ihn &mdash; mit aller Reserviertheit
+des Bezwungenen, nicht des &Uuml;berzeugten &mdash; als
+Schwiegersohn willkommen.</p>
+
+<p><a name="Page_10" id="Page_10"></a>An einem Maiensonntag des Jahres 1863 fand die
+Trauung des jungen Paares in der alten Pirgallener
+Dorfkirche statt. Als &raquo;Burg des Christengottes&laquo;, so erz&auml;hlt
+die Sage, galt sie einst dem heidnischen Volk,
+und an eine Burg mehr als an eine Kirche erinnern
+noch heut die aus ungef&uuml;gen Steinbl&ouml;cken zusammengesetzten
+Mauern und der viereckige Turm mit den
+kleinen Fenstern, den dichter Efeu fast ganz &uuml;berwucherte.
+Die d&auml;mmerige Halle verst&auml;rkte diesen Eindruck:
+vor dem Zeichen des Speeres, dem Wappenbilde
+der Golzows, verschwand fast das des Kreuzes,
+und statt der Bilder des Heilands und der Apostel
+reihte sich ein Grabstein neben dem andern an den
+W&auml;nden, mit Ritterhelmen und Schwertern geschm&uuml;ckt,
+oder mit steinernen Bildnissen, die alle denselben Typus
+ostdeutschen Adels aufwiesen, ob ihr Antlitz mit den
+regelm&auml;&szlig;igen, etwas leblosen Z&uuml;gen und den hochm&uuml;tig
+gesch&uuml;rzten Lippen nun unter dem Stechhelm oder der
+Allongeper&uuml;cke hervorsah. Auf den Grabsteinen der
+Frauen erz&auml;hlten die Doppelwappen, wie selten nur die
+ritterb&uuml;rtige Ahnenreihe unterbrochen worden war. Und
+da&szlig; sie alle zu einem Geschlechte geh&ouml;rten: diese
+stummen Zeugen der Hochzeit Ilsens und die vielen
+derer von Golzow, die sich in der alten Kirche zusammenfanden, &mdash; das
+bewiesen diese schlanken Menschen
+mit den schmalen Handgelenken und den langen
+spitzen Fingern, die an harte Arbeit nie gew&ouml;hnt gewesen
+waren. Nur da&szlig; die Kraft der Ahnen sich in
+l&auml;ssige Grazie verwandelt und ihre rassige Vornehmheit
+einen leisen Schein m&uuml;der Dekadenz angenommen
+hatte.</p>
+
+<p><a name="Page_11" id="Page_11"></a>Auch des Br&auml;utigams Verwandte waren vollz&auml;hlig erschienen.
+Sie hatten sich die Teilnahme an dem Familienfest
+um so weniger entgehen lassen, als Hans Kleves
+Heirat die Mesallianz seines Vaters verschmerzen lie&szlig;.
+Von anderem Schlag waren sie als die Golzows: Das
+Blut fahrender Landsknechte und alt-n&uuml;rnberger Patrizier
+mischte sich in ihren Adern, und breit, gro&szlig; und
+st&auml;mmig waren ihre Gestalten. Die Kniehosen und
+Wadenstr&uuml;mpfe ihres bayerischen Berglands lie&szlig;en ihnen
+besser, als Frack und Zylinder, und seltsam stach vor
+allem des Br&auml;utigams &uuml;ppige rotblonde Schwester
+Klotilde ab gegen die zarte Elfengestalt seiner Braut.</p>
+
+<p>Als Menschen eigner Art jedoch, nicht als blo&szlig;e
+Glieder einer Familie, traten zwei Erscheinungen aus
+dem gro&szlig;en Kreise hervor: die M&uuml;tter des jungen
+Paares waren es. Das Leben hatte sie beide auf
+seine H&ouml;hen gef&uuml;hrt und in seine Abgr&uuml;nde hineingerissen,
+sie waren von ihm gezeichnet; die eine &mdash; das
+K&ouml;nigskind, das Kind der Liebe &mdash;, um deren hohe Gestalt
+das Samtgewand wie ein Kr&ouml;nungsmantel niederflo&szlig;,
+deren schwerm&uuml;tig-dunkle Augen Geist und G&uuml;te
+strahlten, &mdash; die andere &mdash;, ein Kind des Volkes und
+der Arbeit, die sich nicht zu Hause f&uuml;hlte in dem
+schwarzen Seidenkleid, deren harte H&auml;nde von z&auml;hem
+Flei&szlig;e, deren durchfurchte Z&uuml;ge von eiserner Willenskraft
+sprachen, und in deren braunen Augen doch der
+kecke Humor noch lachte, der &uuml;ber alles Ungemach hinweghilft.</p>
+
+<p><a name="Page_12" id="Page_12"></a>K&ouml;nigsberg, die Garnison meines Vaters, als er
+heiratete, war mit dem raschen Golzowschen
+Gespann von Pirgallen aus in drei Stunden
+zu erreichen. Es war daher f&uuml;r die Tochter kein Abschied
+von zu Hause, der den Schmerz langer Trennung
+in sich birgt. Ja, sie blieb im Grunde daheim, denn
+im alten Stadthaus ihrer Eltern wurde dem jungen
+Paare die Wohnung eingerichtet.</p>
+
+<p>W&auml;hrend es auf der Hochzeitsreise war, schm&uuml;ckte die
+Gro&szlig;mutter das k&uuml;nftige Nest ihrer Kinder. All ihren Geschmack,
+all ihre Tr&auml;ume und Gedanken &uuml;ber die Sch&ouml;nheit,
+Harmonie und Behaglichkeit einer Familienwohnung verwirklichte
+sie hier. Da war der gr&uuml;ne Salon mit den
+tiefen englischen Lehnst&uuml;hlen, dem ger&auml;umigen Sofa am
+breiten Fensterpfeiler, mit dem runden, von einer Tuchdecke
+bedeckten gro&szlig;en Tisch davor, dem m&auml;chtigen roten
+Marmorkamin an der L&auml;ngswand ihm gegen&uuml;ber; daneben,
+nur durch Portieren getrennt, das helle Boudoir
+mit seinen kretonne&uuml;berzogenen W&auml;nden und M&ouml;beln,
+dem Schreibtisch voller Familienbilder, &uuml;berragt von
+Thorwaldsens segnendem Christus; und auf der andern
+Seite des Vaters Zimmer mit seinen schweren geschnitzten
+Eichenm&ouml;beln, in deren Arabesken das Wappentier der
+Kleves, die gekr&ouml;nte Eule, sich vielfach wiederholte. F&uuml;r
+das Speisezimmer hatte die Gro&szlig;mutter die alten Empirem&ouml;bel
+ihrer Mutter hergegeben: Mahagoni mit Bronzebeschl&auml;gen
+und gelbseidnen Sesselbez&uuml;gen. Hier prangte
+auch eine Reihe alter Familienbilder an den W&auml;nden:
+Frauen im Reifrock mit m&auml;rchenhaft d&uuml;nner Taille und
+gepuderten Haaren, M&auml;nner in goldstrotzender Uniform
+<a name="Page_13" id="Page_13"></a>und m&auml;chtiger Lockenper&uuml;cke, und mitten unter ihnen ein
+rosiges, l&auml;chelndes, goldlockiges Frauenk&ouml;pfchen, das die
+Mutter in sp&auml;tern Jahren immer in den dunkelsten Winkel
+zu h&auml;ngen pflegte: Alix, die Urgro&szlig;mutter, das K&ouml;nigsliebchen.</p>
+
+<p>Ein gro&szlig;es, helles Schlafzimmer, eine Fremdenstube und
+ein sorgf&auml;ltig abgeschlossner, von der Gro&szlig;mutter streng
+beh&uuml;teter Raum &mdash; als h&auml;tte Blaubart seine Frauen darin &mdash; vollendeten
+die Wohnung. In Ost und West, in S&uuml;d
+und Nord &mdash; wohin immer das Soldatenschicksal uns getrieben
+hat, &mdash; dieser Rahmen des Lebens ist sich stets
+gleich geblieben. Ein Gesellschaftszimmer, ein Tanzsaal
+kamen sp&auml;ter wohl hinzu, sie haben mich aber immer
+wie etwas Fremdes angemutet. &raquo;Ihr habt keine Heimat,&laquo;
+pflegte die Gro&szlig;mutter zu sagen, &raquo;da m&uuml;&szlig;t ihr sie als
+Ersatz, wie die Schnecke ihr Haus, mit euch tragen.&laquo;</p>
+
+<p>Als die Eltern nach der Hochzeitsreise diese R&auml;ume,
+die geschaffen schienen, Liebe und Freude in sich zu
+schlie&szlig;en, betraten, war auf ihr Ehegl&uuml;ck schon ein Reif
+gefallen. Ahnungslos, wie alle wohlgeh&uuml;teten M&auml;dchen
+ihrer Zeit und ihrer Lebenskreise, war Ilse in die Ehe
+getreten. Keusch wie sie war der Mann, dem sie sich
+verm&auml;hlt hatte, aber um so gewaltiger war die Glut
+seiner Liebe und seines Begehrens, w&auml;hrend ihre Sinne
+noch schliefen und das gro&szlig;e, tiefe Geheimnis des Geschlechts
+sich ihr wie eine gr&auml;&szlig;liche Untat offenbarte.
+Sie hat mir oft erz&auml;hlt, da&szlig; sie in den ersten acht Tagen
+ihres Zusammenlebens mit ihrem Mann am liebsten
+davongelaufen w&auml;re, wenn sie sich nicht vor ihren Eltern
+gesch&auml;mt h&auml;tte. Erst ganz allm&auml;hlich kam ihr die Erkenntnis,
+da&szlig; ihr Gatte kein Verbrecher, ihr Schicksal
+<a name="Page_14" id="Page_14"></a>kein abnormes war. Zu den seelischen Leiden, mit denen
+sie ihn, der so liebevoll, so zartf&uuml;hlend und weichherzig
+war, wohl noch mehr qu&auml;lte als sich selbst, kamen
+k&ouml;rperliche Beschwerden hinzu, deren Ursachen sie ebenso
+verst&auml;ndnislos gegen&uuml;berstand. Sie suchte sie mit der
+ihr eignen Energie zu beherrschen, um so mehr, als sie
+sich unter den ihr fremden Kleveschen Verwandten
+befand; sie teilte auch ihrer Mutter nichts davon mit,
+um die &Uuml;ber&auml;ngstliche nicht unn&ouml;tig, wie sie meinte, aufzuregen.
+Tapfer beteiligte sie sich an allen Ausfl&uuml;gen,
+allen l&auml;ndlichen Festen; tanzte und ritt, obwohl es ihr
+oft vor den Augen dunkelte und der Schwindel sie zu
+&uuml;bermannen drohte. So kehrte die junge Frau bleich
+und m&uuml;de zur&uuml;ck, die, ein Bild bl&uuml;hender Gesundheit,
+das Elternhaus verlassen hatte. Der Schatten dieser
+ersten Schmerzen und Entt&auml;uschungen fiel &uuml;ber ihr ganzes
+Leben.</p>
+
+<p>Der Gro&szlig;mutter blutete das Herz, als sie ihr Kind
+wiedersah. Bald aber war sie beruhigt und z&auml;rtlicher
+Freude voll in dem Gedanken an das junge Leben, das
+sich im Scho&szlig;e der Tochter entwickelte. Nur allzu fr&uuml;h
+sollte die Hoffnung, die von Ilse selbst nur qualvoll
+empfunden wurde, zerst&ouml;rt werden; und statt einer
+W&ouml;chnerin pflegte die Gro&szlig;mutter eine schwer kranke
+junge Frau. Erst die w&uuml;rzige Herbstluft von Pirgallen
+heilte sie, und der K&ouml;nigsberger Karneval sah sie als
+eine der sch&ouml;nsten der Sch&ouml;nen im fr&ouml;hlichen Kreise der
+Jugend wieder. Sie tanzte gern, sie sah sich gern von
+Bewunderern umgeben, und ihr Mann war &uuml;bergl&uuml;cklich,
+wenn er sie heiter wu&szlig;te.</p>
+
+<p>Im zweiten Jahre ihrer Ehe stellten sich wieder Hoff<a name="Page_15" id="Page_15"></a>nungen
+ein; mit hellem Jubel begr&uuml;&szlig;te sie Hans Kleve,
+mit tiefer R&uuml;hrung die Gro&szlig;mutter; nur die, unter
+deren Herzen das neue Leben erwachte, sp&uuml;rte nichts
+von alledem. Die Fassung, mit der sie sich in ihr
+Schicksal ergab, das Vorgef&uuml;hl ernster kommender
+Pflichten war das einzige, was sie ihm gegen&uuml;ber aufbringen
+konnte.</p>
+
+<p>Indessen richtete die Gro&szlig;mutter des Enkelkindes
+erstes St&uuml;bchen ein: Alles darin war wei&szlig; und rot,
+einfach und freundlich, nur das Sofa war mit braunem
+Rips bezogen und der Tisch davor mit braunem Wachstuch.
+Du gutes altes Sofa! Auf dir hab ich die
+Glieder im ersten Lebensgef&uuml;hl gestreckt, auf dir bin ich
+umhergeklettert, als ich die Beinchen regen konnte; in
+deinen Winkeln hab ich mein Lieblingsspielzeug geheimnisvoll
+verwahrt, habe, tief in deine Polster geschmiegt,
+meine M&auml;rchenb&uuml;cher verschlungen und meine
+ersten Tr&auml;ume auf dir getr&auml;umt!</p>
+
+<p>Mitten in den Vorbereitungen zum Empfange des
+kleinen Erdenb&uuml;rgers warf eine Lungenentz&uuml;ndung den
+alten Golzow aufs Krankenlager. Bei einer der h&auml;ufig
+wiederkehrenden &Uuml;berschwemmungen, die durch die wilden,
+alle D&auml;mme durchrei&szlig;enden Wogen des kurischen Haffs
+entstanden und die Wiesen stets auf Jahre hinaus
+wertlos machten, hatte er stundenlang, bis an die Kniee
+im Wasser, mit den Knechten um die Wette die L&ouml;cher
+der D&auml;mme zu verstopfen gesucht und sich dabei eine
+Erk&auml;ltung zugezogen. Auf die Nachricht seiner Erkrankung
+siedelte Ilse, die ihrem Vater besonders nahe
+stand, nach Pirgallen &uuml;ber. Noch wochenlang sah sie
+dem wilden Kampf des starken Mannes gegen den All<a name="Page_16" id="Page_16"></a>&uuml;berwinder
+zu, der ihn schlie&szlig;lich sanft in seine Arme
+nahm.</p>
+
+<p>Ein Maiensonntag war es abermals, als der Gutsherr
+mit all dem Pomp, der die Sprossen eines der
+&auml;ltesten Geschlechter des Landes von jeher zu Grabe
+leitete, in die Gruft seiner Vorfahren gesenkt wurde.
+Vollz&auml;hlig war wieder die Familie versammelt, vollz&auml;hlig
+war auch das Offizierkorps des K&ouml;nigsberger
+K&uuml;rassierregiments zugegen, dem Walter, der &auml;lteste Sohn
+des Verstorbenen, angeh&ouml;rte, und seine Trompeter bliesen
+die Trauerchor&auml;le. In langem Zuge folgten die Knechte
+und die Instleute dem Sarge, den der greise F&ouml;rster,
+des Toten Lebensgef&auml;hrte, mit seinen J&auml;gern trug.
+Ehrliche Trauer blickte aus den Z&uuml;gen aller der wettergebr&auml;unten
+M&auml;nner der Arbeit. Werner Golzow war
+ihnen ein guter Herr gewesen. Sie hatten nie seine
+Faust und nie seine Peitsche gesp&uuml;rt, wie ihre Kollegen
+ringsum auf den Nachbarg&uuml;tern, und sie f&uuml;rchteten sich
+vor dem Junker, seinem Erben. Sein junges h&uuml;bsches
+Gesicht war hart und hochm&uuml;tig, auf die unbeholfenen,
+teilnehmenden Worte der Diener seines Vaters antwortete
+er nur mit einem leichten Neigen des Kopfes,
+die Hand, die sie, der alten preu&szlig;ischen Sitte gem&auml;&szlig;,
+k&uuml;ssen wollten, zog er ungeduldig zur&uuml;ck. Als die Gutsleute
+nach der Beisetzung in der gro&szlig;en Halle des
+Herrenhauses von der Gro&szlig;mutter empfangen wurden,
+sp&uuml;rten sie doppelt ihre G&uuml;te, die nichts Herablassendes
+hatte, die den Untergebenen niemals den Abstand
+zwischen Herrn und Diener f&uuml;hlen lie&szlig;. Und einer nach
+dem andern richtete die angstvolle Frage an sie: Unsre
+Frau Baronin wird uns doch nicht verlassen? Sie
+<a name="Page_17" id="Page_17"></a>sch&uuml;ttelte nur wehm&uuml;tig l&auml;chelnd den Kopf dazu, und
+halb und halb beruhigt ging alles auseinander.</p>
+
+<p>Sechs Wochen sp&auml;ter wurde ich geboren. Es war
+ein gl&uuml;hhei&szlig;er Junisonntag; in voller Pracht bl&uuml;hten
+die Rosen, und in der alten dunkeln Gespensterallee, wo
+die &raquo;b&ouml;se Frau von Pirgallen&laquo; n&auml;chtlicherweile mit dem
+Kopf unter dem Arme umging, dufteten berauschend die
+Linden. Das Gel&auml;ut der Glocken begleitete gerade die
+heimkehrenden Kirchg&auml;nger, als ich zur Welt kam. Ich
+konnte das Leben nicht erwarten, denn den Weg hinein
+fand ich ohne Hilfe, &mdash; die weise Frau kam erst, als
+die Gro&szlig;mutter mich schon in den Armen hielt und dem
+Vater beim Anblick seines Kindes gro&szlig;e Tr&auml;nen der
+R&uuml;hrung &uuml;ber die Wangen liefen.</p>
+
+<p>In der alten Kirche, &uuml;ber der Gruft der Golzows
+und unter ihren Speeren, wurde ich getauft. Die Gutskinder
+hatten den d&uuml;stern Raum in eine Laube von
+Jasmin verwandelt, &mdash; darum hab ich wohl mein Lebtag
+keinen Blumenduft so geliebt wie den dieser wei&szlig;en
+Sterne. Selbst im geweihten Wasser des Taufsteins
+schwammen ihre Bl&auml;tter, und als der greise Pfarrer es
+mir auf die Stirn tr&auml;ufelte, blieb eins davon auf meinem
+dunkeln K&ouml;pfchen haften. &raquo;Und wenn ich mit Menschen- und
+Engelzungen redete und h&auml;tte der Liebe nicht, ich
+w&auml;re ein t&ouml;nend Erz und eine klingende Schelle&laquo; &mdash; lautete
+der Text der Taufpredigt und Alix der Name,
+der mir gegeben wurde. Beides hatte die Gro&szlig;mutter
+gew&auml;hlt; den Namen hatte sie gegen den Widerstand
+der Tochter f&uuml;r ihr erstes Enkelkind durchgesetzt, &mdash; den
+Namen ihrer Mutter, die sie um so inniger geliebt,
+je mehr die Welt sie verdammt hatte.</p>
+
+<p><a name="Page_18" id="Page_18"></a>Ich blieb in Pirgallen. Vergebens hatte man versucht,
+mich an die Brust meiner Mutter zu legen. War
+es ihre innere Abneigung, die sie nur im Gef&uuml;hl, eine
+Pflicht erf&uuml;llen zu m&uuml;ssen, &uuml;berwinden wollte, war es
+mein fr&uuml;h erwachter Eigensinn, &mdash; kurz, Mutter und
+Kind schienen nichts von einander wissen zu wollen,
+und eine derbe Fischerfrau, die mich mit ihrem
+S&ouml;hnchen zusammen n&auml;hrte, wurde meine Amme. Beh&uuml;tet
+von ihr und der Gro&szlig;mutter, der das schwarzhaarige,
+dunkel&auml;ugige Baby so &auml;hnlich sah, verbrachte
+ich auch den Winter bei ihr; seufzend hatte es mein
+Vater zugegeben, da er sah, da&szlig; ich hier besser aufgehoben
+war als in K&ouml;nigsberg, wo die Freuden der
+Gef&auml;lligkeit meiner Mutter ganze Zeit in Anspruch
+nahmen. Oft aber packte ihn die Sehnsucht so sehr,
+da&szlig; er Sturm und Wetter nicht scheute und, wie einst
+zu der Geliebten, zu der Braut, nun zu dem T&ouml;chterlein
+hinausritt, um es zu k&uuml;ssen, und in den Armen zu
+schaukeln. Die Gro&szlig;mutter hat immer dabei weinen
+m&uuml;ssen, erz&auml;hlte mir die Amme sp&auml;ter. Lange wu&szlig;te
+ich nicht, warum.</p>
+
+<p>Dann kam der Krieg, der b&ouml;se deutsche Bruderkrieg.
+Mein Vater wurde Kompagnief&uuml;hrer in einem jener
+Regimenter, die durch die m&ouml;rderischen K&auml;mpfe in
+B&ouml;hmen fast v&ouml;llig aufgerieben wurden. In den W&auml;ldern
+um K&ouml;niggr&auml;tz warf ihn eine Kugel zu Boden.
+W&auml;ren nicht ein paar seiner treuen Grenadiere, die ihn
+wie einen Vater liebten, der eignen Ersch&ouml;pfung nicht
+achtend, noch sp&auml;t des Nachts ausgezogen, um, wie sie
+meinten, die Leiche ihres Hauptmanns zu suchen, er w&auml;re
+elend verblutet. Puckchens, unseres Affenpinschers, kl&auml;g<a name="Page_19" id="Page_19"></a>liches
+Winseln f&uuml;hrte sie auf die Spur des Verwundeten.
+Sobald er transportf&auml;hig war, brachte man ihn nach
+K&ouml;nigsberg. Die Mutter, sonst eine so starke Frau,
+brach zusammen beim Anblick des entkr&auml;fteten, vollkommen
+entstellten Mannes. Er war es, der sie l&auml;chelnd tr&ouml;sten
+mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Viele, viele Wochen lag er auf dem Krankenlager,
+das ihm in seinem Wohnzimmer errichtet worden war.
+Je mehr seine Genesung vorschritt, desto eifriger besch&auml;ftigte
+er sich mit mir. Ich habe nie einen Mann
+gesehen, der wie er mit kleinen Kindern spielen konnte.</p>
+
+<p>Meine erste traumhafte Erinnerung, &mdash; ich bin immer
+ausgelacht worden, wenn ich von ihr erz&auml;hlte, da ich
+doch damals noch nicht zwei Jahre alt war &mdash;, f&uuml;hrt
+mich in einen dunkel verh&auml;ngten Raum vor ein gro&szlig;es
+braunes Bett, aus dem mir ein blasser Mann die Arme
+entgegenstreckte. Ich wei&szlig;, da&szlig; ich laut aufschrie, da&szlig;
+der Mann den Kopf m&uuml;de zur&uuml;cklegte und ich mich ausatmend
+in meinem hellen St&uuml;bchen wiederfand. Und
+sp&auml;ter sah ich ihn im Rollstuhl wieder und mich auf
+seinem Scho&szlig; mit seiner gro&szlig;en, dicken Uhr spielend, die,
+weil sie mit so z&auml;rtlichem, feinen Stimmchen alle Viertelstunden
+schlug, f&uuml;r mich immer etwas Lebendiges gewesen
+ist. Wende ich ein andres Blatt der Erinnerung um, so
+seh ich gro&szlig;e rote Blumenkerzen in mein Fenster hereinleuchten.
+Das war in Potsdam, wohin mein Vater
+nach dem Feldzug versetzt wurde, und wo wir in einem
+gartenums&auml;umten Haus, vor dem ein alter Kastanienbaum
+Wache hielt, das erste Stockwerk bezogen. Neben
+uns, nur durch den Gartenzaun getrennt, wohnte meiner
+Mutter zweiter Bruder Max, der bei den Gardehusaren<a name="Page_20" id="Page_20"></a>
+Leutnant war und eine els&auml;ssische Cousine geheiratet hatte.
+Werner, ihr Sohn, war nur um wenige Monate j&uuml;nger
+als ich. Unter uns aber, in die Parterrewohnung mit
+der gro&szlig;en Terrasse, auf deren Balustrade kleine Steinengelchen
+sa&szlig;en, die in meinen Tr&auml;umen immer lebendig
+wurden, zog, kaum ein Jahr nach unsrer &Uuml;bersiedlung,
+die Gro&szlig;mutter ein.</p>
+
+<p>Walter Golzow hatte nach dem Kriege den bunten
+Rock mit dem sch&ouml;nen himmelblauen Kragen ausgezogen
+und das Gut &uuml;bernommen, dessen Gesch&auml;fte die Gro&szlig;mutter
+bis dahin mit Hilfe des erprobten Verwalters
+gewissenhaft und in der alten Weise geleitet hatte. Sie
+versuchte dann noch eine Zeitlang, neben dem Sohn zu
+wirken und zu arbeiten, wie sie es fr&uuml;her gewohnt gewesen
+war. Aber zu hart stie&szlig;en die Gegens&auml;tze aneinander:
+in ihrer Milde sah Walter Schw&auml;che, in ihrer
+Wohlt&auml;tigkeit Verschwendung. Es kam auch tats&auml;chlich
+zuweilen vor, da&szlig; ihre G&uuml;te mi&szlig;braucht wurde, da&szlig; man
+die allzeit Hilfsbereite, die an jedem Menschen etwas
+Gutes sah oder herauszulocken verstand, hinterging und
+betrog. Das nahm ihr Sohn zum Vorwand, ihrem
+barmherzigen Wirken mehr und mehr Hindernisse in den
+Weg zu legen. Doch dies alles h&auml;tte sie nicht so schwer
+getroffen, da sie als Herrin ihres Verm&ouml;gens damit
+machen konnte, was ihr gut schien; unertr&auml;glich wurde
+ihr die Existenz vielmehr erst durch die fast fieberhafte
+Neuerungssucht Walters: nichts in der Wirtschaft und
+im Hause schien ihm mehr gut genug, und Umwandlungen
+und Neuanschaffungen, die ein vorsichtiger, auf
+alle M&ouml;glichkeiten schlechter Jahre vorbereiteter Gutsherr
+auf einen langen Zeitraum verteilt, sollten jetzt in we<a name="Page_21" id="Page_21"></a>nigen
+Monden vor sich gehen. Die Gro&szlig;mutter sorgte,
+warnte, bat, &mdash; sie predigte tauben Ohren. Die St&auml;lle
+f&uuml;llten sich mit Luxuspferden, die Wirtschaftsr&auml;ume mit
+neuen Maschinen aller Art, deren Handhabung selten
+einer verstand, das Herrenhaus mit modernen M&ouml;beln,
+vor deren geschmacklosem Prunk der alte, solide Hausrat
+aus Urv&auml;ter Tagen weichen mu&szlig;te. Es kam zu scharfen
+Auseinandersetzungen zwischen Mutter und Sohn, die
+ihren H&ouml;hepunkt erreichten, als sie sah, wie er auf die
+Wange eines ungeschickten Reitknechts die Peitsche
+niedersausen lie&szlig;, so da&szlig; der junge Mensch blutend zu
+Boden sank. Wenige Tage darauf entf&uuml;hrte der alte
+breite Kutschwagen mit den wohlgen&auml;hrten Braunen
+davor die Gro&szlig;mutter von der St&auml;tte ihrer jahrzehntelangen
+Wirksamkeit, von dem erinnerungsreichen Boden
+ihrer zweiten Heimat. Sie sah sich nicht um, und sie
+weinte nicht; zu tief empfand sie das schwerste Geschick,
+das ein Weib treffen kann: fremde Kinder zu haben.</p>
+
+<p>Ich war vier Jahre, als die Gro&szlig;mutter nach Potsdam
+kam. Ein &Ouml;lbild von Tochter und Enkelin, das
+damals f&uuml;r sie gemalt worden war, zeigt, da&szlig; auch ich
+meiner Mutter solch ein fremdes Kind gewesen bin:
+von ihrer lichten Erscheinung mit dem hellblonden Haar,
+der durchsichtigen Haut, den meerblauen Augen sticht
+das kleine M&auml;dchen seltsam ab, um dessen schmales gelbliches
+Antlitz dunkle schwere Locken sich ringeln, dessen
+schwarze Augen fragend und vertr&auml;umt ins Weite sehen.
+Von klein an bewunderte ich neidvoll meiner Mutter
+nordische Sch&ouml;nheit, und wenn meine Freunde mir
+Tr&auml;nen des Zorns entlocken wollten, brauchten sie mich
+nur &raquo;schwarze Alix&laquo; zu rufen; sie waren selbst alle blond,
+<a name="Page_22" id="Page_22"></a>und schon bei den Unm&uuml;ndigen wirkt die Majorit&auml;t &uuml;berzeugend.
+Die Anf&uuml;hrer bei solchen Sp&auml;&szlig;en, die mir den
+Umgang mit meinesgleichen fr&uuml;h verleideten, waren meist
+mein Vetter Werner und Adda, das T&ouml;chterchen eines
+der Regimentskameraden meines Vaters. Mit jener
+Grausamkeit, die nur den kleinen Menschentieren eigen
+ist, r&auml;chten sie sich durch ihre Neckereien an meiner Besonderheit.
+Einig waren wir drei eigentlich nur, wenn
+es galt, unseren franz&ouml;sischen Bonnen einen Schabernack
+zu spielen. Wir konnten sie alle nicht leiden und empfanden
+sie nur als notwendiges &Uuml;bel, unter dem wir
+gemeinsam zu leiden hatten.</p>
+
+<p>An jedem sch&ouml;nen Morgen f&uuml;hrten sie uns in den
+Park von Sanssouci; kein Wort Deutsch durften wir
+sprechen, und artig mu&szlig;ten wir nebeneinander gehen.
+Wenn die drei Fr&auml;uleins aber erst h&auml;kelnd auf einer
+der B&auml;nke sa&szlig;en und die Lebhaftigkeit ihres Gespr&auml;chs
+einen gewissen H&ouml;hepunkt erreicht hatte, benutzten wir
+schleunigst die Gelegenheit, aus ihrem Gesichtskreis zu
+verschwinden, und dann war ich die Anf&uuml;hrerin. Wo
+die B&uuml;sche am dichtesten waren, versteckten wir uns
+und spielten im gr&uuml;nen D&auml;mmerlicht phantastische
+M&auml;rchen. Meine bl&uuml;hende Phantasie steckte die beiden
+andern an: unter halbverwitterten steinernen G&ouml;ttern
+gruben sie eifrig nach den Sch&auml;tzen, von denen ich
+ganz genau zu erz&auml;hlen wu&szlig;te, oder sie umschlichen geduldig
+immer wieder des alten Fritzen Schlo&szlig; oben auf
+den Blumenterrassen, die Ritter und die Feen mit Herzklopfen
+erwartend, die ich schon &raquo;soo&laquo; oft gesehen hatte.
+Wenn freilich durchaus nichts von dem Erwarteten sich
+zeigen wollte, mu&szlig;te ichs bitter b&uuml;&szlig;en, und wenn wir
+<a name="Page_23" id="Page_23"></a>unsrer schmutzigen H&auml;nde und zerdr&uuml;ckten Kleider wegen
+von unsern drei Gestrengen gescholten wurden, war allemal
+ich die Hauptschuldige. Allm&auml;hlich gew&ouml;hnte sich
+mein sehr robuster und prosaischer kleiner Vetter daran,
+den lebhaften Ausbr&uuml;chen meiner Einbildungskraft mit
+einem ver&auml;chtlichen &raquo;zu dumm&laquo; zu begegnen, was mich
+bis zu Tr&auml;nen kr&auml;nkte und mehr und mehr verstummen
+lie&szlig;. Spielte ich dann artig mit Ball und Reifen, ohne
+in die B&uuml;sche zu kriechen, dann lobte mich Mademoiselle:
+&raquo;<em class="antiqua">Comme elle devient raisonable!</em>&laquo; sagte sie.</p>
+
+<p>Noch stand ich nicht fest auf dieser Staffel der guten
+Erziehung, als mir ein schwerer Kummer widerfuhr. In
+unserm Garten, in dem wir nachmittags zu spielen
+pflegten, lagen auf den Wegen viele bunte Kieselsteine.
+In einem Winkel, unter einem Jasminstrauch &mdash; zu
+den wei&szlig;en Bl&uuml;ten trug ich immer meine tiefsten Geheimnisse &mdash; sammelte
+ich die sch&ouml;nsten, die ich finden
+konnte. Ich war fest &uuml;berzeugt, da&szlig; sie in ihrem Innern
+goldne Wagen mit wei&szlig;en Pferdchen davor, blitzende
+K&ouml;nigskronen und schimmernde Schl&ouml;sser bargen, und
+versuchte, sie mit einem Hammer aufzuschlagen. Schlie&szlig;lich
+kamen Werner und Adda hinter mein Geheimnis; mein
+Vetter, den meine gl&uuml;hende Begeisterung f&uuml;r die zu erwartenden
+Herrlichkeiten anstecken mochte, bem&uuml;hte sich
+auch seinerseits, die Kiesel zu &ouml;ffnen, und es gelang.
+&raquo;Bist du dumm,&laquo; rief er &auml;rgerlich, als er die grauen
+Splitter in der Hand hielt, &raquo;es sind ja nur ganz gew&ouml;hnliche
+Steine!&laquo;</p>
+
+<p>Noch oft hab ich sp&auml;ter hinter dem Leblosen wundervolle
+Offenbarungen vermutet und im Schwei&szlig;e meines
+Angesichts versucht, zu ihnen vorzudringen, aber die Ent<a name="Page_24" id="Page_24"></a>t&auml;uschung
+hat mich kaum je so heftig geschmerzt und bis
+zu so wilder Verzweiflung getrieben, wie damals, wo
+ich, ein f&uuml;nfj&auml;hriges Kind, weinend vor den zerschlagenen
+Kieseln sa&szlig;.</p>
+
+<p>Wenn die andern mich verh&ouml;hnten, wenn der
+Schmerz mich &uuml;bermannte und sie nicht verstanden,
+warum, dann blieb mir ein Zufluchtsort und ein
+Mensch, der immer die rechten Worte des Trostes fand:
+Gro&szlig;mama. Wie oft fl&uuml;chtete ich in ihr stilles Reich,
+wo sie zwischen bl&uuml;henden Blumen und dunkeln Palmen
+lesend, schreibend oder still vor sich hintr&auml;umend in ihrem
+tiefen, gr&uuml;nen Lehnstuhl sa&szlig;. Sie hatte immer Zeit f&uuml;r
+mich, sie lachte mich niemals aus und antwortete nie
+auf meine tausend Fragen mit jenem ein weiches Kindergem&uuml;t
+so verletzenden: &raquo;Das verstehst du nicht.&laquo; Und
+wenn sich mir Park und Garten, Wasser und Wald mit
+tausend Gestalten bev&ouml;lkerten, wenn die allabendlich in
+buntem Reigen um mein Bettchen tanzten, so wu&szlig;te ich:
+Gro&szlig;mama sah sie, wie ich; nur die andern hatten keine
+Augen daf&uuml;r. War ich allein bei ihr, so erschienen mir
+ihre Zimmer wie ein einzig M&auml;rchenreich: Zwischen den
+Palmen l&auml;chelte der sch&ouml;ne wei&szlig;e J&uuml;nglingskopf ihres
+Vaters mir entgegen &mdash; halb ein C&auml;sar, halb ein Antinous &mdash;;
+von den W&auml;nden sahen M&auml;nner und Frauen
+mich an, mir vertraut seit meinem ersten Augenaufschlag,
+wenn auch fremd nach Art und Gewandung, und unter
+einem von ihnen, auf kleinem Postament, stand Winter
+und Sommer ein frischer Blumenstrau&szlig;. Das war der
+Dichter, zu dessen F&uuml;&szlig;en die Gro&szlig;mutter gesessen hatte,
+als sie ein Kind, ein junges M&auml;dchen gewesen war, der
+die Geschichte vom Heider&ouml;slein gedichtet hatte, die erste,
+<a name="Page_25" id="Page_25"></a>die ich wiedererz&auml;hlen konnte, und bei deren Schlu&szlig; mir
+immer die Stimme brach: ... &raquo;Doch es half kein Weh
+und Ach, mu&szlig;t es eben leiden!&laquo;</p>
+
+<p>Auf dem Fu&szlig;b&auml;nkchen neben Gro&szlig;mama, den Kopf
+vergraben in den weichen Falten ihres Sammetkleids,
+die Augen auf die tanzenden und zuckenden Flammen
+des Kaminfeuers gerichtet, w&auml;hrend ihre leise Stimme
+&uuml;ber mir klang, von Schneewittchen und Dornr&ouml;schen
+erz&auml;hlend oder von der kleinen Seejungfrau, die dem
+Prinzen zuliebe unter tausend Schmerzen zum Menschen
+wurde und dann doch wieder hinabsteigen mu&szlig;te in die
+Fluten, &mdash; das waren die sch&ouml;nsten Stunden meiner
+fr&uuml;hen Kinderjahre. Und das alles waren Erlebnisse
+f&uuml;r mich, viel bedeutungsvollere, als die Ereignisse des
+&ouml;ffentlichen Lebens, deren Kunde an mein Ohr schlug.
+So wei&szlig; ich vom deutsch-franz&ouml;sischen Kriege, obwohl ich
+ihn als fast Sechsj&auml;hrige erlebte, nicht allzuviel. Ich
+sehe mich zwar Charpie zupfend am Fenster sitzen oder
+mein Fr&uuml;hst&uuml;cksbr&ouml;tchen mitleidig f&uuml;r die armen Soldaten
+in die Kiste legen, die die Mutter allw&ouml;chentlich zu
+packen pflegte; ich erinnere mich, da&szlig; ich mit Hurra
+schrie bei jeder Siegesnachricht und die Illuminationskerzen
+nach dem Fall von Sedan mit in die sandgef&uuml;llten
+Gl&auml;ser steckte. Ich wei&szlig; auch, da&szlig; mir das bunte Schauspiel
+des Einzugs der Sieger in Berlin, dem ich in einem
+neuen blauseidnen Kleidchen mit meiner Mutter von
+irgend einem Lindenhotel aus beiwohnte, sehr gefiel, und
+da&szlig; mein Lorbeerkranz statt auf die Lanze eines Kriegers
+auf den aufgespannten Schirm irgend einer biedern
+Berliner B&uuml;rgerfrau niederfiel; aber von hochgeschwellter
+patriotischer Begeisterung wei&szlig; ich nichts. Vielleicht,
+<a name="Page_26" id="Page_26"></a>da&szlig; die gedr&uuml;ckte Stimmung zu Haus mich beeinflu&szlig;t
+hatte, denn hier kam eine reine Siegesfreude nicht auf.
+Nicht nur, weil S&ouml;hne und Gatten allen Wechself&auml;llen
+des Krieges ausgesetzt waren, sondern auch, weil nahe,
+liebe Verwandte der Gro&szlig;mutter im franz&ouml;sischen Heere
+dienten. Neffen von ihr kamen als Gefangene nach
+Potsdam; der alte Bruder ihrer Mutter, der sich als
+J&uuml;ngling unter Napoleon I. die Sporen verdient hatte,
+k&auml;mpfte jetzt mit derselben gl&uuml;henden Vaterlandsliebe
+unter seinem Nachfolger. Von dem Franzosenha&szlig;, der
+den deutschen Kindern sp&auml;terer Zeit eingepr&auml;gt wurde,
+wu&szlig;ten wir infolgedessen nichts. Ich glaube, jener
+Hurrapatriotismus, der sich heute breit macht, gedeiht
+nur in Friedenszeiten. Wer dem Kriege Aug in Auge
+sieht, dessen Vaterlandsliebe wird vielleicht nicht weniger
+tief, wohl aber ernster und stiller sein. Erst wenn die
+gro&szlig;en K&auml;mpfe der V&ouml;lker lange vor&uuml;ber sind, werden
+sie zu Mitteln, die Begeisterung auch der Kinder anzufachen.
+So kam es wohl, da&szlig; meine Phantasie von
+dem, was vor sich ging, ebenso unber&uuml;hrt blieb wie mein
+Gem&uuml;t. Nur der Heimkehr meines Vaters sah ich voll
+jubelnder Freude entgegen.</p>
+
+<p>Er brachte uns allen Geschenke aus Frankreich mit,
+die er mit Sorgfalt und in der freudigen Aussicht auf
+die gl&uuml;cklichen Gesichter der Empf&auml;nger ausgew&auml;hlt
+und wof&uuml;r er wohl auch viel Geld ausgegeben hatte.
+&Uuml;ber all das sch&ouml;ne Spielzeug, das ich erhielt, war
+mein Jubel ohne Grenzen, und ein zierliches goldnes
+Kettlein, das mich noch mehr entz&uuml;ckte, schlang ich mir
+grade vor dem Spiegel um den Kopf, so da&szlig; die Perle,
+die wie ein Tautropfen daran hing, just unter dem<a name="Page_27" id="Page_27"></a>
+Scheitel auf die Stirne fiel &mdash; meine schwarzen Locken
+erschienen mir pl&ouml;tzlich gar nicht mehr so h&auml;&szlig;lich &mdash;,
+als das Antlitz meiner Mutter hinter mir auftauchte.
+Angstvoll erstaunt wandte ich mich um; Seiden- und
+Samtstoffe lagen vor ihr ausgebreitet, mit z&auml;rtlich-fragenden
+Augen sah der Vater sie an, und sie &mdash; sie
+freute sich nicht! Worte des Vorwurfs &uuml;ber die &raquo;unn&uuml;tzen
+Ausgaben&laquo; war das erste, was ich sie sagen
+h&ouml;rte, und mit ungewohnt heftiger Geberde nahm sie
+mir die Kette aus den Haaren, die nun &mdash; ich wu&szlig;te
+das nur zu gut &mdash; in der unergr&uuml;ndlichen Tiefe des
+Silberschranks verschwinden w&uuml;rde, wie so manche der
+sch&ouml;nsten Dinge, bis &raquo;Alix gro&szlig; sein wird&laquo;. Dann
+dankte sie dem Vater mit einer k&uuml;hlen Phrase, aus der
+ich das Erzwungene mit dem feinen Gef&uuml;hl des Kinderherzens
+herausempfand. &Uuml;ber unsre Festtagsfreude hatte
+sich ein dunkler Schatten gelegt. Papa ging verstimmt
+hinaus, ich spielte versch&uuml;chtert in einem m&ouml;glichst
+versteckten Winkel. Freude ist eine der sensitivsten
+Pflanzen, die es gibt, das hab ich damals unbewu&szlig;t zum
+erstenmal empfunden: wenn sie in vollster Bl&uuml;te steht, gen&uuml;gt
+ein kalter Lufthauch, sie zu t&ouml;ten. Sie will geh&uuml;tet sein
+und gepflegt, und nur ihr nat&uuml;rliches Welken ist schmerzlos.
+Verschleiert blieb von da an die Stimmung; um Liebe
+werbend, dankbar f&uuml;r jeden w&auml;rmeren Blick, bem&uuml;hte
+sich mein Vater um seine sch&ouml;ne k&uuml;hle Frau. Wie oft
+nahm er mich auf den Scho&szlig;, legte mein B&auml;ckchen an
+seine Wange und herzte und streichelte mich, w&auml;hrend
+seine Augen ihr folgten, die im Zimmer umherging,
+jedem Staubf&auml;serchen nach, das etwa von einem M&ouml;belst&uuml;ck
+nicht entfernt worden war.</p>
+
+<p><a name="Page_28" id="Page_28"></a>Bald hie&szlig; es, die Mutter sei krank und brauche
+l&auml;ngere Zeit der Erholung. Gro&szlig;e Koffer wurden gepackt,
+und wir reisten &mdash; Gro&szlig;mama, Mama und ich,
+meine Mademoiselle und die Jungfer &mdash; nach der
+Schweiz. Wie schnell war da der arme, einsame Papa
+vergessen! Wundervolle Bilder von wei&szlig;leuchtenden
+Gletschern, blauen Seen, brausenden Wasserst&uuml;rzen und
+Schauerlichen Abgr&uuml;nden zogen an mir vor&uuml;ber. Nirgends
+war mir meine Bonne mit ihrem ewigen: <em class="antiqua">Tiens-toi
+droite &mdash; ne court pas si vite &mdash; sois raisonable</em>
+so widerw&auml;rtig vorgekommen wie hier. Ins Moos sich
+werfen mit ausgebreiteten Armen, laufen und springen,
+wie von Fl&uuml;geln getragen, und &uuml;ber Stock und Stein
+aufw&auml;rts klettern, h&ouml;her, immer h&ouml;her, bis zu den
+silbernen H&auml;uptern der Berge mitten in den Himmel
+hinein &mdash; ach, wer das k&ouml;nnte! Eines Tages hielt es
+mich nicht l&auml;nger. Irgendwo am Vierwaldst&auml;dter See
+wars, wo ich davon lief, gedankenlos, ziellos, nur erf&uuml;llt
+von dem Wonnegef&uuml;hl der ungebundenen Kraft.
+Erst als es anfing zu dunkeln, kam ich zum Bewu&szlig;tsein
+meiner Verwegenheit. Da pl&ouml;tzlich geschah etwas so
+Wundersames, da&szlig; ich alles verga&szlig;: die wei&szlig;en Berge
+bekamen rotgl&uuml;hendes Leben. &mdash; M&auml;nnergeschrei und
+&auml;ngstliches Rufen schreckten mich auf aus der Verzauberung;
+vom Hotel aus suchte man die Ausrei&szlig;erin.
+Stumm kehrte ich heim, unempfindlich blieb ich f&uuml;r alle
+Vorw&uuml;rfe, die mich sonst so bitter trafen; das Erlebte
+hatte jede andre Empfindung in mir ausgel&ouml;scht. Nur
+der Gro&szlig;mutter vertraute ich fl&uuml;sternd das gro&szlig;e Geheimnis
+an: wie die Bergriesen vor mir lebendig geworden
+waren.</p>
+
+<p><a name="Page_29" id="Page_29"></a>Im Herbst desselben Jahres kehrte Gro&szlig;mama nach
+Potsdam zur&uuml;ck, Mama und ich aber reisten nach Augsburg
+zu meines Vaters Schwester Klotilde. Sie hatte
+sich mit Baron Artern, dem j&uuml;ngeren Bruder ihrer
+Tante Kleve, bei der sie erzogen worden war, verm&auml;hlt
+gehabt und war nach kurzem strahlendem Gl&uuml;ck
+Witwe geworden. Monatelang schien es, als ob ihr
+sehns&uuml;chtiger Wunsch, dem Toten zu folgen, erf&uuml;llt
+werden w&uuml;rde, und es war mein Vater, der ihr in
+dieser Zeit mit der ganzen hingebungsvollen Liebe und
+zarten R&uuml;cksicht, deren er f&auml;hig war, zur Seite gestanden
+und sie dem Leben zur&uuml;ckgewonnen hatte. Er war es
+wohl auch gewesen, der ihr den Gedanken nahe legte,
+uns zu sich einzuladen. Es gibt kaum eine heilendere
+Kraft f&uuml;r alle Lebenswunden als die weichen H&auml;nde,
+die klaren Augen und das helle Lachen eines Kindes, &mdash; ihr
+war sie versagt geblieben; in mir, so hoffte mein
+Vater, sollte sie sie finden.</p>
+
+<p>An einem tr&uuml;ben Oktoberabend kamen wir in Augsburg
+an. In Trauerlivree empfing uns der Diener am
+Bahnhof, dunkel war die Equipage, dunkel waren die engen
+winkligen Stra&szlig;en, und grau, wie leblos, starrten die
+alten H&auml;user mir entgegen. In einen hallenden Torweg,
+den nur eine unruhig flackernde Lampe sp&auml;rlich erhellte,
+bog der Wagen, und vor einer breiten, teppichbelegten
+Treppe mit kunstvollem schmiedeeisernem Gel&auml;nder
+stiegen wir aus. Eine alte Dienerin mit gro&szlig;em
+Schl&uuml;sselbund &uuml;ber der schwarzseidenen Sch&uuml;rze begr&uuml;&szlig;te
+uns zuerst; oben, wie eine F&uuml;rstin, wartete des Hauses
+Herrin auf uns. Der Kreppschleier verh&uuml;llte sie fast
+ganz, nur das wei&szlig;e Gesicht und die roten Haare
+<a name="Page_30" id="Page_30"></a>leuchteten daraus hervor. Weinend umarmte sie ihre
+G&auml;ste, und ersch&uuml;ttert von dem Eindruck der neuen
+Umgebung weinte ich mit ihr. &raquo;Du gutes Kind,&laquo; sagte
+sie und k&uuml;&szlig;te mich z&auml;rtlich; ich hatte ihr Herz gewonnen.</p>
+
+<p>Ein seltsames Leben begann f&uuml;r mich in dem grauen
+Hause mit seinen langen, d&uuml;stern G&auml;ngen, an deren
+W&auml;nden ein dunkles Bild neben dem andern hing, mit
+seinen m&auml;chtigen schwarzbraunen Schr&auml;nken und den tiefen,
+tiefen Teppichen, &uuml;ber die der Fu&szlig; unh&ouml;rbar hinglitt.
+Die T&uuml;ren waren mit Fries eingefa&szlig;t, um jedes Ger&auml;usch
+zu vermeiden, und die Klingeln hatten einen
+dunkeln Ton. Meine Tante vertrug nicht den geringsten
+L&auml;rm. Man hatte mir das streng eingesch&auml;rft, aber ich
+w&auml;re hier auch ohnedies ganz still gewesen. Nur im
+St&uuml;bchen bei der alten Kathrin, der Wirtschafterin,
+die mich schnell in ihr Herz schlo&szlig;, durfte ich lachen
+und toben, und drau&szlig;en bei allen den vielen Verwandten
+und Freunden f&uuml;hlte ich mich aus dem Traumreich in
+die Welt zur&uuml;ckversetzt. Die erste M&auml;dcheneitelkeit ist
+damals von ihnen in mir gro&szlig;gezogen worden. Sie
+umgaben mich f&ouml;rmlich mit der wohligen weichen Treibhausluft
+der Bewunderung; und wenn meine Mutter
+auch, sobald wir allein waren, Worte wie Hagelschauer
+und Gewitterregen abk&uuml;hlend hernieder brausen lie&szlig;, so
+sah ich darin doch nichts weiter, als da&szlig; sie mir die
+Freude eben wieder einmal nicht g&ouml;nnen wolle. Hatte
+ich mich fr&uuml;her, weil ich anders war, zur&uuml;ckgesetzt gef&uuml;hlt,
+war ich mir im Vergleich zu meinen hell&auml;ugigen
+Gespielen h&auml;&szlig;lich vorgekommen, so wurde ich allm&auml;hlich
+meiner Besonderheit als eines Vorzugs bewu&szlig;t.</p>
+
+<p><a name="Page_31" id="Page_31"></a>In meinem Zimmer, das ich allein bewohnte &mdash; Mademoiselle
+war auf Urlaub bei ihren Eltern in der
+Schweiz geblieben &mdash;, stand ein verschlossener Schrank.
+Ich studierte durch die Glast&uuml;ren die Titel auf den
+R&uuml;cken der B&uuml;cher, soweit das meine ziemlich unzureichende
+Kenntnis der deutschen Buchstaben zulie&szlig;;
+franz&ouml;sisch war mir bisher allein gel&auml;ufig geworden.
+Auf einer Reihe gro&szlig;er Quartb&auml;nde wiederholten sich
+immer dieselben Worte: &raquo;Die Geschichten aus tausend
+und einer Nacht.&laquo; &raquo;Tausend und eine Nacht&laquo;, &mdash; hie&szlig;
+nicht so das Buch mit den bunten Bildern, aus dem
+mir Gro&szlig;mama Aladins seltsame Abenteuer vorgelesen
+hatte? Niemand erz&auml;hlte mir M&auml;rchen in Augsburg,
+die alte Kathrin wu&szlig;te nur immer dieselben Gespenstergeschichten,
+ach, wenn ich doch selber lesen k&ouml;nnte!
+Heimlich versuchte ich, mit allen Schl&uuml;sseln, die mir
+erreichbar waren, den Schrank zu &ouml;ffnen, um zu den
+Sch&auml;tzen zu gelangen, die er barg. Endlich, endlich
+sprang er auf. Wie gut, da&szlig; ich Halsweh hatte und
+Tante und Mama allein spazieren gefahren waren!
+Mit klopfendem Herzen nahm ich einen Band nach dem
+andern heraus &mdash; ich sehe noch ihr gebr&auml;untes Leder
+vor mir und ihr gelbes, stockfleckiges Papier! &mdash; und
+betrachtete die vielen Bilder darin: Geister und Ungeheuer,
+M&auml;nner auf sich b&auml;umenden Rossen mit krummen
+S&auml;beln und hohem Turban und wunder-, wundersch&ouml;ne
+Frauen. Von nun an hatte ich h&auml;ufig &raquo;Halsschmerzen&laquo;
+und lie&szlig; mir mit r&uuml;hrender Geduld Einreibungen und
+Umschl&auml;ge gefallen, trug auch klaglos das rote Flanelll&auml;ppchen,
+das ich sonst nicht rasch genug hatte abrei&szlig;en
+k&ouml;nnen. Sobald ich allein war, vertiefte ich mich in
+<a name="Page_32" id="Page_32"></a>die B&uuml;cher. Es waren unverk&uuml;rzte &Uuml;bersetzungen des
+herrlichen M&auml;rchenschatzes; ich lernte lesen darin; der
+ganze Farbenreichtum, die ganze Glut des Orients umgaben
+mich wie mit einem Zaubermantel. Wie oft, wenn
+ich mit gl&uuml;henden Wangen und hei&szlig;en Augen den Heimkehrenden
+entgegentrat, wurde mir der Fieberthermometer
+besorgt unter den Arm gesteckt. Aber ich hatte
+kein Fieber, &mdash; ich hatte ja auch nur mit den Ausschneidepuppen
+gespielt, die in buntem Durcheinander
+auf meinem Tische lagen!</p>
+
+<p>Warum ich mein Geheimnis verschwieg? Nicht nur,
+weil die Mutter ganz gewi&szlig; die B&uuml;cher verschlossen
+h&auml;tte, sondern weit mehr noch, weil alles, was mich am
+tiefsten ergriff, auch am tiefsten verh&uuml;llt bleiben mu&szlig;te.
+Es erschien mir entweiht, seines Wertes beraubt, wenn
+andre es sahen, besprachen, betasteten. Gro&szlig;mama allein
+h&auml;tte ich davon erz&auml;hlen k&ouml;nnen. Niemand merkte das
+Geheimnis, in dem ich lebte, niemand ahnte, da&szlig; ich
+in den dunkeln G&auml;ngen und tiefen Nischen alle Spukgestalten
+meiner B&uuml;cher leibhaftig vor mir sah, da&szlig;
+sie mir aus den Bildern an den W&auml;nden entgegentraten,
+da&szlig; ich eine seltsam schw&uuml;le, schwere Luft durstig
+einatmete.</p>
+
+<p>Seit meiner ersten Kinderzeit hatte ich die Gewohnheit,
+mir abends im Bett Geschichten zu erz&auml;hlen; das
+waren meine k&ouml;stlichsten Stunden! Da st&ouml;rte mich nie
+die rauhe Hand der Wirklichkeit, da lachte mich keiner
+aus. Von nun an wurden meine Phantasten wilder,
+so da&szlig; ich mich oft vor ihnen f&uuml;rchtete und zitternd
+unter die Bettdecke kroch. H&auml;ufig genug wartete ich
+mit fieberhafter Erregung auf den Schritt der Mutter
+<a name="Page_33" id="Page_33"></a>im Nebenzimmer, aber zu rufen wagte ich nicht, nachdem
+sie mich einmal meiner &raquo;dummen Aufregung&laquo; wegen
+arg gescholten hatte.</p>
+
+<p>Inzwischen war mein Vater nach Karlsruhe versetzt
+worden. Er und die Gro&szlig;mutter besorgten den Umzug,
+suchten die Wohnung und richteten sie ein. Beide erwarteten
+uns, als wir nach einer beinahe halbj&auml;hrigen
+Abwesenheit endlich heimw&auml;rts reisten. Mir war der
+Abschied von Augsburg sehr schwer geworden, denn
+mochte ich mir noch so sehr den Kopf zerbrechen, &mdash; meine
+lieben B&uuml;cher heimlich mitzunehmen, gelang mir
+nicht. Papa und Gro&szlig;mama erschraken, als sie mich
+wiedersahen. &raquo;So bla&szlig; ist mein Alixchen,&laquo; sagte sie.
+&raquo;So dunkle R&auml;nder hat sie um die Augen,&laquo; f&uuml;gte er
+hinzu. Als ich zuerst sein Zimmer betrat, einen langen
+Raum mit einem einzigen breiten Fenster, sah ich
+eine durchsichtige, wei&szlig;e Gestalt mit gesenktem Haupt an
+mir vor&uuml;berschweben. Ich schrie auf und erz&auml;hlte nach
+vielem Zureden, was mir begegnet war; schon wollte
+die Mutter auffahren, und der Vater murmelte etwas
+von &raquo;dem Unsinn, den man dem armen Kinde beigebracht
+hat&laquo;, als die Gro&szlig;mutter mich still beiseite nahm und
+lange und liebreich auf mich einsprach. Was sie sagte,
+wei&szlig; ich nicht mehr, aber es l&ouml;ste mir Herz und Zunge.
+&raquo;Ach, bleib doch bei mir, Gro&szlig;mama!&laquo; rief ich, w&auml;hrend
+die Angst sich in Tr&auml;nen l&ouml;ste. Andre jedoch bedurften
+ihrer noch mehr als ich; ihr j&uuml;ngster Sohn, Max, zog
+sie an sein Krankenlager, und ich war wieder allein.</p>
+
+<p>Es war tiefer Winter damals. Tr&uuml;bselig und neidvoll
+sah ich oft durch die geschlossenen Fenster auf
+den Platz, wo die Kinder tobten, Schneeball warfen
+<a name="Page_34" id="Page_34"></a>und Schneem&auml;nner bauten. Ich durfte nur selten hinaus.
+Von klein an war ich Halsentz&uuml;ndungen ausgesetzt
+gewesen, und meine Mutter lie&szlig; mich, ebenso
+pflichttreu wie gedankenlos, bei kaltem Wetter nur ins
+Freie, wenn es v&ouml;llig windstill war. Aber auch dann
+wurde ich dick verpackt und durfte nicht laufen wie die
+andern. Das lie&szlig; mich noch mehr vereinsamen. Mir
+ist, als h&auml;tte ich die Winter stets verschlafen, so wenig
+wei&szlig; ich von ihnen. Vom Fr&uuml;hling aber und vom
+Sommer wei&szlig; ich um so mehr. Wir hatten einen gro&szlig;en
+Garten hinter dem Hause mit alten B&auml;umen, bl&uuml;henden
+B&uuml;schen und bunten Blumen. Hier war mein Reich.
+Hier durfte ich ungest&ouml;rt umherspringen, mir H&ouml;hlen
+bauen, die zu unterirdischen Sch&auml;tzen f&uuml;hrten, auf der
+Schaukel bis zu den Wolken fliegen, die im Grunde
+gar keine Wolken, sondern Drachen und Zauberv&ouml;gel
+waren. Hier konnte ich mit meinen B&auml;llen, die alle
+M&auml;rchennamen trugen, geheimnisvolle Zwiesprach halten,
+so da&szlig; die Nachbarn oft meinten, ich h&auml;tte Scharen von
+Gespielen im Garten. Puck, unser alter Pinscher, dem
+zwei Feldz&uuml;ge schon die Haare gebleicht hatten, mu&szlig;te
+sich hier zu jugendlichen Spr&uuml;ngen bequemen, war er
+doch das Fl&uuml;gelpferd, das mich ins Zauberland tragen
+sollte.</p>
+
+<p>Ich war den gr&ouml;&szlig;ten Teil des Tages mir selbst &uuml;berlassen.
+Mademoiselle war froh, wenn sie den Mund
+nicht aufzutun brauchte und mit ihrer unendlichen
+H&auml;kelei friedfertig auf dem Sofa sitzen konnte. Papa
+war den ganzen Vormittag auf dem Bureau des
+Generalkommandos t&auml;tig, nachmittags ritt er mit Mama
+spazieren und arbeitete dann allein bis zum Abend.<a name="Page_35" id="Page_35"></a>
+Mama hatte immer schrecklich viele Besuche zu machen
+und zu empfangen; und was beiden an freier Zeit etwa
+noch &uuml;brig blieb, das verschlang die gro&szlig;e, zu jeder
+Jahreszeit &auml;u&szlig;erst lebendige Geselligkeit. Nur vormittags
+zwischen ein und zwei Uhr pflegte meine Mutter
+mich bei sch&ouml;nem Wetter zum Spaziergang mitzunehmen.
+Mit dem Reifen, meinem unzertrennlichen Gef&auml;hrten,
+lief ich voraus durch eine jener menschenleeren, langen,
+graden Stra&szlig;en, die in F&auml;cherform s&auml;mtlich am Schlo&szlig;platz
+m&uuml;nden, und trieb mein Spiel durch die stillen
+Laubeng&auml;nge des Parks, bis es Zeit war, Papa vom
+Bureau abzuholen. P&uuml;nktlich, wenn wir vor dem Hause
+standen, schlo&szlig; der Kommandierende, General von Werder,
+der Sieger von W&ouml;rth, die Vormittagsarbeit und kam mit
+Papa hinaus, um uns heim zu begleiten, denn er mochte
+alle sch&ouml;nen Frauen gern, meine Mutter insbesondere.
+Ich sehe ihn noch, den kleinen Mann, mit den H&auml;nden
+auf dem R&uuml;cken und den blitzenden Augen in dem
+scharf geschnittenen Gesicht, wie er neben uns herging,
+immer zu einem derben Scherz bereit und stets einen
+Leckerbissen f&uuml;r mich in der Tasche.</p>
+
+<p>Mein Reifen ruhte auf dem Heimweg, denn dann
+hatte der Vater mich an der Hand, und des Fragens
+und Erz&auml;hlens war kein Ende. Wenn er f&uuml;r meine
+Phantasien auch nur wenig Verst&auml;ndnis hatte und ich
+mich h&uuml;tete, sie ihm anzuvertrauen, so wu&szlig;te er doch
+wie kein anderer meine Wi&szlig;begierde zu stillen. Er hatte
+eine Art, mir die Dinge klarzumachen und selbst schwierige
+Probleme meinem kindlichen Verst&auml;ndnis nahezubringen,
+mir Naturerscheinungen, chemische oder physikalische
+Vorg&auml;nge zu erkl&auml;ren und mich das Leben der<a name="Page_36" id="Page_36"></a>
+Pflanzen und Tiere beobachten zu lehren, die die kurzen
+Stunden des Zusammenseins mit ihm wertvoller f&uuml;r
+mich machten, als wenn ich den ganzen Vormittag in
+der Schule gesessen h&auml;tte. Kamen wir nach Haus, so
+gingen wir zusammen in den Stall, und ich brachte den
+Pferden meinen Fr&uuml;hst&uuml;ckszucker, den ich mir t&auml;glich
+vom Munde absparte, seitdem Mama mich wegen meiner
+Zuckerverschwendung gescholten hatte. August, unser
+Kutscher und Faktotum, der mir trotz seiner verd&auml;chtig
+roten Nase viel lieber war als alle Mademoiselles zusammen
+genommen, mu&szlig;te den kleinen Braunen herausf&uuml;hren,
+und ich durfte auf Mamas Sattel im Hof umherreiten,
+w&auml;hrend Puckchen steifbeinig nebenher trabte,
+die Augen ernsthaft auf mich gerichtet, als m&uuml;&szlig;te er
+Sitz und Haltung ebenso beobachten und kritisieren wie
+Papa. Der war kein bequemer Lehrmeister, und ich
+f&uuml;rchtete diese halbe Stunde vor Tisch mehr, als da&szlig;
+ich mich daran freute. Ja, reiten, &mdash; das mu&szlig;te herrlich
+sein! Frei, mit verh&auml;ngtem Z&uuml;gel &uuml;ber Felder und
+Wiesen, &mdash; vor Wonne klopfte mein Herz, wenn ich
+daran dachte! Aber im engen Hof, immer im Schritt,
+bestenfalls im kurzen Trab in der Runde, jeden
+Moment gew&auml;rtig, vom Vater heftig angefahren zu
+werden, wenn ich krumm sa&szlig;, die Z&uuml;gel verkehrt hielt,
+die Ecken nicht ausritt oder die Peitsche verlor, &mdash; gr&auml;&szlig;lich
+wars! Laute, harte Worte zu h&ouml;ren, verwundete
+mich aufs tiefste, und die Liebesbeweise, mit denen
+mein Vater mich nach jedem Ausbruch seiner Heftigkeit
+in doppeltem Ma&szlig;e &uuml;bersch&uuml;ttete, vermochten den Eindruck
+nicht auszul&ouml;schen. Ich bem&uuml;hte mich, sie nicht
+hervorzurufen &mdash; man nannte das lobend &raquo;artig sein&laquo; &mdash;,
+<a name="Page_37" id="Page_37"></a>aber mein Herz krampfte sich dabei zusammen, und ich
+zog mich mehr und mehr in das Geh&auml;use meines verborgenen
+Lebens zur&uuml;ck, was meine Mutter als ein
+erfreuliches Resultat ihrer Erziehungsmethode betrachten
+mochte, die nur ein Prinzip kannte: Selbstbeherrschung.
+&raquo;Ein gut erzogenes M&auml;dchen zeigt seine Gef&uuml;hle nicht,&laquo;
+pflegte sie zu sagen, und so vergrub ich mich in die
+Kissen meines Betts, wenn ich weinen mu&szlig;te, und lief
+in den Garten hinaus, um mich hoch in die L&uuml;fte zu
+schaukeln, wenn ich mich freute.</p>
+
+<p>Eigentliche Freunde und Spielkameraden hatte ich
+nicht, wohl aber geselligen Verkehr, der mich Sonntags
+fast immer, sch&ouml;n geputzt, aus dem Hause f&uuml;hrte. Im
+Schlo&szlig; bei Gro&szlig;herzogs war ich ein h&auml;ufiger Gast:
+Prinzessin Viktoria und Prinz Ludwig, zwei bl&uuml;hende
+Kinder damals, waren lustige Gef&auml;hrten, und beim
+Baumpl&uuml;ndern zu Weihnachten, beim Eiersuchen zu
+Ostern hallte das Schlo&szlig; wieder von unserm Lachen und
+L&auml;rmen, an dem das freundliche Elternpaar stets die
+meiste Freude hatte. Nur das Kochen in Vickis gro&szlig;er
+K&uuml;che, die das Ideal aller andern kleinen M&auml;dchen
+war, langweilte mich entsetzlich, &mdash; die Fee, die dem
+Wickelkind die Hausfrauentugenden in die Wiege legt,
+war offenbar zu meinem Tauffest nicht geladen worden!
+Da wars bei Max und Marie doch sch&ouml;ner, den Kindern
+des Prinzen Wilhelm, deren kaiserlicher Gro&szlig;vater ihnen
+aus Ru&szlig;land das kostbarste Spielzeug zu schicken
+pflegte: Eisenbahnen mit richtigen Schienen, Puppen,
+die laufen und reden konnten, &mdash; lauter Dinge, die zu
+jener Zeit f&uuml;r gew&ouml;hnliche Sterbliche unerreichbar
+waren. Am allerbesten aber gefiel es mir in einem<a name="Page_38" id="Page_38"></a>
+Hause, dessen Herrin, eine Tochter Bettinens auch dem
+Geiste nach, es verstand, M&auml;rchen zu Wirklichkeiten zu
+machen. Mit ihren beiden reizenden T&ouml;chtern, die um
+ein paar Jahre &auml;lter waren als ich, fertigte sie aus
+buntem Seidenpapier die k&ouml;stlichsten Gew&auml;nder an, mit
+denen geschm&uuml;ckt wir lebende Bilder stellten, Scharaden
+auff&uuml;hrten und uns als Helden Grimmscher M&auml;rchen
+in unsre Rollen so einlebten, da&szlig; die R&uuml;ckkehr in die
+prosaische Erdenwelt uns hart ankam. Unsre Feste
+wurden bald die gro&szlig;e Attraktion der Gesellschaft; oft
+genug sah auch der Gro&szlig;herzog uns zu, und ich erinnere
+mich noch recht gut, wie ich einmal als kleiner Amor
+im rosa Hemdchen, mit goldenen Sandalen und blitzenden
+Fl&uuml;geln aus einem Strau&szlig; lebendiger Blumen
+meinen Pfeil auf ihn zu richten hatte und auf seinen
+lachenden Zuruf: &raquo;Nun, schie&szlig; los!&laquo; das strenge Schweigegebot
+vergebend, antwortete: &raquo;Aber das tut weh!&laquo;
+Bald lernte ich besser, bei solchen Gelegenheiten
+die Fassung zu bewahren, denn lebende Bilder und
+Kost&uuml;mfeste waren auch bei den &raquo;Gro&szlig;en&laquo; an der Tagesordnung,
+und fast &uuml;berall wirkte ich mit. In Scheffels
+Dichtung vom Rockertweibchen, die unter seiner pers&ouml;nlichen
+Leitung dargestellt wurde, war ich ein kleines
+Schwarzwaldm&auml;dchen, das sich der besonderen Gunst
+des Dichters erfreute. Er hatte immer eine D&uuml;te f&uuml;r
+mich in der Tasche, und das erste Glas Sekt, das mir
+warm und wohlig bis in die Fu&szlig;spitzen niederrieselte,
+verdanke ich ihm. Auch ein Rokokod&auml;mchen war ich,
+mit hoch aufget&uuml;rmtem, gepudertem Haar, und ein
+Elfenkind, und das Veilchen auf der Wiese, &mdash; was
+Wunder, da&szlig; ich immer unlustiger morgens vor meinem
+<a name="Page_39" id="Page_39"></a>alten, pedantischen Lehrer sa&szlig;, der mich Buchstaben
+malen, Gesangbuchverse und Bibelspr&uuml;che hersagen lie&szlig;.
+Im Strudel rauschender Freude untertauchen oder lesen
+und tr&auml;umen f&uuml;r mich ganz allein, &mdash; was dazwischen
+lag: das Alltagsleben mit seinen Pflichten und Leiden,
+war wie eine staubige Stra&szlig;e, die ich am liebsten zu
+gehen vermied. &raquo;Pflichten&laquo; besonders waren mir verha&szlig;t;
+ich definierte sie schon als sechsj&auml;hriges Kind auf
+eine Frage hin als das, &raquo;was immer unangenehm ist&laquo;.
+Alles, was Mama z.&nbsp;B. tat, wenn sie ein recht unzufriedenes
+Gesicht dazu machte, erkl&auml;rte sie f&uuml;r Pflichterf&uuml;llung:
+die schmutzige W&auml;sche selber z&auml;hlen, obwohl
+drei Dienstboten daneben standen, die Zutaten zum
+Kochen herausgeben, obwohl wir eine vortreffliche franz&ouml;sische
+K&ouml;chin hatten, nachmittags mit mir spazieren
+fahren, obwohl wir uns beide schrecklich dabei langweilten, &mdash; ja
+selbst die D&auml;mmerstunden bei Papa, wo
+er zu Frau und Kind gern z&auml;rtlich war, schienen mir,
+nach ihrem Ausdruck zu schlie&szlig;en, in dieses Gebiet zu
+geh&ouml;ren. Ganz gewi&szlig;, ich w&uuml;rde nie meine Pflicht erf&uuml;llen,
+schwor ich mir heimlich und suchte meine Theorie
+nur zu oft in die Praxis umzusetzen, indem ich tat, was
+mir zu tun gefiel, und Befehlen, deren Ursache und Zweck
+ich nicht einsah, hartn&auml;ckigen Widerstand entgegensetzte.
+Der meiner freien Bewegung gezogene Umkreis konnte
+daher f&uuml;r meine Bed&uuml;rfnisse nicht weit genug sein; darum
+war der Sommer so sch&ouml;n, wo ich den Garten fast f&uuml;r
+mich allein hatte, wo ich auf dem Lande bei Verwandten
+und Freunden der weitgehenden Ungebundenheit mich
+erfreute.</p>
+
+<p>Eingebettet zwischen wei&szlig;- und rotbl&uuml;henden Obst<a name="Page_40" id="Page_40"></a>b&auml;umen,
+&uuml;berragt von gr&uuml;nen H&uuml;geln, zu denen schmale,
+nu&szlig;baumbeschattete Wege emporf&uuml;hrten, noch nicht erobert
+von dem Feinde aller vertr&auml;umten Poesie, der
+fauchenden, qualmenden Maschine, lag Weinheim damals
+zu F&uuml;&szlig;en der Bergstra&szlig;e. Dem Grafen W&auml;hring,
+dem Bruder meiner Urgro&szlig;mutter, hatte das Schlo&szlig;
+geh&ouml;rt, das mit seinen G&auml;rten und Weinbergen das
+St&auml;dtchen beherrschte. Jetzt hauste seine Witwe, eine
+achtzigj&auml;hrige Greisin dort oben, der niemand ihr Alter
+ansah, und bei der wir oft wochenlang zu Gaste waren.
+Wie eine Marquise aus dem achtzehnten Jahrhundert
+war sie anzuschauen: klein, zierlich, sprudelnd von Geist
+und Leben, mit winzigen wei&szlig;en, von Juwelen bedeckten
+H&auml;nden, allerhand seltenes Tierzeug &mdash; wei&szlig;e Angorakatzen,
+schlanke Windspiele, lockige Zwergpinscher &mdash; um
+sich herum. Sie pflegte sich stets nur mit Jugend zu
+umgeben, &mdash; es sei genug, da&szlig; der Spiegel sie an ihr
+Alter erinnerte, meinte sie. Je toller es um sie her zuging,
+je mehr Liebesgeschichten sie sich entspinnen sah,
+desto fr&ouml;hlicher war sie. Immer hatte sie Schr&auml;nke voll
+Pariser Toiletten bereit, um ihre weiblichen G&auml;ste &mdash; die
+sch&ouml;nsten am h&auml;ufigsten &mdash; damit zu beschenken, und
+Juwelen, Ringe und Armb&auml;nder aller Art, mit denen
+sie sie schm&uuml;ckte. Wer harmlos irgend etwas, was nicht
+niet- und nagelfest war, bei ihr bewunderte, dem wurde
+es als Geschenk aufgen&ouml;tigt. Und was f&uuml;r merkw&uuml;rdige
+Dinge gab es in ihren Salons mit den Louis XV.
+M&ouml;beln, den hohen Spiegeln und vielen, vielen Bildern
+und Bilderchen: da waren Sessel, Fu&szlig;b&auml;nke, B&uuml;cher,
+aus denen in tollem Durcheinander Mozartsche und
+Offenbachsche Melodien ert&ouml;nten, sobald sie benutzt
+<a name="Page_41" id="Page_41"></a>wurden; Gem&auml;lde, die pl&ouml;tzlich in der Wand verschwanden,
+um einem Schr&auml;nkchen voll s&uuml;&szlig;em Naschwerk
+Platz zu machen; Tischchen, die in den Boden
+sanken, wenn man sie anstie&szlig;, um mit Wein und Kuchen
+besetzt wieder zu erscheinen, kurz &mdash; ein Paradies f&uuml;r
+ein wundergieriges Kinderherz! Und dann der Garten
+mit seiner F&uuml;lle von Beeren und Blumen, mit seinen
+dichten Laubeng&auml;ngen und lustigen Wasserspielen &mdash; und
+die Freiheit vor allem, die ungebundene!</p>
+
+<p>Wenn ich bei Tisch erschien, musterte die alte Tante
+mich zuvor sorgf&auml;ltig, r&uuml;ckte da eine Falte zurecht, steckte
+mir dort eine Schleife an, wickelte meine Locken &uuml;ber
+ihre feinen Fingerchen, zog das Kleid noch tiefer von
+meinen magern Schultern und holte die Puderquaste
+aus ihrer kleinen goldnen Taschenb&uuml;chse, um den Rest
+Vormittags&uuml;bermut von meinen Wangen zu entfernen.
+&raquo;<em class="antiqua">Est-elle gentille, la petite?!</em>&laquo; sagte sie dann, mich vor
+dem Spiegel drehend. Mit Seide und Spitzen, mit
+Kettchen und Armb&auml;ndern, mit Worten und Ratschl&auml;gen,
+die f&uuml;r die Seele einer Siebenj&auml;hrigen nichts andres
+waren als s&uuml;&szlig;es Gift, warb sie um mich und modelte
+an mir. Was sie sagte, wei&szlig; ich heute nicht mehr, aber
+ich wei&szlig;, da&szlig; ich von ihr erfuhr, des Weibes Aufgabe
+sei, zu gefallen und zu herrschen, und all die Spiegel
+und B&uuml;chschen und Fl&auml;schchen des Toilettentischs, all
+die Geheimnisse des Boudoirs seien nichts als Etappen
+auf dem Wege zu ihrer Erf&uuml;llung. Das Bewu&szlig;tsein,
+h&uuml;bsch zu sein, machte mich stolz, und mit der Koketterie
+des kleinen M&auml;dchens suchte ich zum erstenmal ein
+m&auml;nnliches Wesen mir gef&uuml;gig zu machen. Die alte
+Tante hatte einen Heidenspa&szlig; daran, nur war leider
+<a name="Page_42" id="Page_42"></a>der arme Rudi, ihr Enkel und mein Spielgef&auml;hrte, ein
+gar zu ungeeignetes Objekt f&uuml;r meine K&uuml;nste! Er
+stotterte und war infolgedessen scheu und &auml;ngstlich; und
+ich, die ich mit jener unbewu&szlig;ten Grausamkeit der
+Kinder, mein Licht vor ihm leuchten lie&szlig;, versch&uuml;chterte
+ihn nur noch mehr. Armer Rudi! Das Stottern hat
+man ihm sp&auml;ter abgew&ouml;hnt, aber in seinem Gem&uuml;t ist
+doch irgend etwas Angstvoll-Zitterndes zur&uuml;ckgeblieben:
+auf der H&ouml;he des Lebens hat er sich eine Kugel in die
+Schl&auml;fe gejagt, und keiner wu&szlig;te, warum.</p>
+
+<p>Meine Erziehung durch die alte Tante war gewisserma&szlig;en
+nur eine theoretische; am Anschauungsunterricht
+sollte es auch nicht fehlen. Wir verbrachten die Herbstwochen
+h&auml;ufig bei franz&ouml;sischen Verwandten auf ihrem
+Schlosse im Elsa&szlig;, einer sagenumwobenen alten Ritterburg.
+Gefallene Gr&ouml;&szlig;en des napoleonischen Hofes &mdash; m&auml;nnliche
+und weibliche &mdash; gaben sich dort zur Jagd
+und Weinlese ein Rendezvous. Ein St&uuml;ck Pariser Leben
+spielte sich vor meinen erstaunten Augen ab: da war
+der Herr des Hauses, ein schwer reicher Empork&ouml;mmling,
+dessen kurze, dicke H&auml;nde, mit denen er meine Wangen
+streichelte, mir in fatalster Erinnerung sind, &mdash; neben
+ihm seine vornehme zarte Frau, immer in Spitzen geh&uuml;llt,
+an denen ihre durchsichtigen H&auml;nde nerv&ouml;s hin und her
+zerrten. Eine ihrer T&ouml;chter war Onkel Maxens Frau,
+die Mutter meines alten Spielgef&auml;hrten Werner, den ich
+zu meiner hellen Freude hier wiedersah. Sie war die
+sch&ouml;nere von den beiden Schwestern, dabei still und
+phlegmatisch, eine Haremsfrauennatur, w&auml;hrend die andere
+von Geist und Leben sprudelte und der Mittelpunkt
+eines Kreises ausgelassener junger Leute war. Mich
+<a name="Page_43" id="Page_43"></a>beachteten sie wenig, sie taten sich keinerlei Zwang an
+vor mir; &raquo;<em class="antiqua">la petite</em>&laquo; hatte ihrer Meinung nach ebensowenig
+Augen und Ohren wie die Zofen und Lakaien,
+ja sie galt zuweilen als der harmloseste Liebesbote. Aber
+ich war nur allzubald gar nicht mehr harmlos: mit
+zitternder Neugier beobachtete ich ihre T&auml;ndeleien, ihre
+Stelldicheins, ihr Fl&uuml;stern, ihre K&uuml;sse, und Wellen hei&szlig;en
+Lebens, die mir &uuml;ber den R&uuml;cken fluteten, lie&szlig;en mich
+dabei erbeben.</p>
+
+<p>Als wir das letztemal vom Elsa&szlig; nach Karlsruhe
+zur&uuml;ckkehrten &mdash; acht Jahre war ich damals &mdash;, kamen
+mir mein Garten und mein Spielzeug merkw&uuml;rdig
+fremd vor. Ein St&uuml;ck harmloser Kindheit war
+mir inzwischen verloren gegangen. Gierig st&uuml;rzte ich
+mich &uuml;ber alle B&uuml;cher, deren ich habhaft werden konnte,
+und wenn jemand mich zu ertappen drohte, steckte ich
+sie rasch unter Puckchens Kissen, der fast immer auf
+dem alten braunen Sofa neben mir lag. Wenn
+ich mir jetzt des Abends im Bett Geschichten erz&auml;hlte,
+so klopfte mein Herz nicht aus Angst vor den Geistern,
+die ich rief und nicht zu bannen vermochte, sondern in
+hei&szlig;er Erregung &uuml;ber das abenteuerliche Schicksal, als
+dessen Heldin ich mich selber tr&auml;umte. Liebe, wie ich
+sie um mich gesehen hatte, Liebe, deren Wonnen und
+Schmerzen im Mittelpunkt all der Lieder, all der Erz&auml;hlungen
+standen, die ich las, wurde zum Inhalt meiner
+Phantasien, und je k&uuml;hler ich die Luft empfand, die mich
+daheim umwehte, um so durstiger wurde mein kleines
+Herz. Hatte ich doch schon lange den Feuerbrand im
+Innern heimlich gen&auml;hrt und geh&uuml;tet, weil ich niemanden
+besa&szlig;, vor dem ich ihn als Opferflamme h&auml;tte aufsteigen
+<a name="Page_44" id="Page_44"></a>lassen k&ouml;nnen, &mdash; nun mu&szlig;te ich mir selber den Gegenstand
+meiner Leidenschaft schaffen. Eines der ersch&uuml;tternsten
+Erlebnisse meiner Kindheit half mir dazu:
+das Theater. Wagners Lohengrin war das erste, was
+ich sah. Konnte es f&uuml;r mich etwas Herrlicheres geben
+als den Schwanenritter? Er erschien mir als die Verk&ouml;rperung
+idealen Heldentums. Meinen Eindruck vermochte
+ich nicht in Worte zu fassen &mdash; undankbar und
+empfindungslos wurde ich deshalb gescholten &mdash;, aber
+meinem Herzen hatte er sich unausl&ouml;schlich eingepr&auml;gt.
+In demselben Winter sah ich die Jungfrau von Orleans,
+und nun stand es fest f&uuml;r mich: nicht eine Elsa, die dem
+Geliebten die Treue brach, wollte ich sein, sondern eine
+Johanna, die seiner w&uuml;rdige Heldin welterl&ouml;sender
+Taten.</p>
+
+<p>Bald aber gen&uuml;gte mir der Lohengrin als Gegenstand
+meiner Liebe nicht mehr, &mdash; er lebte nicht, und der seine
+Silberr&uuml;stung trug, hatte die Rolle nur gespielt, mich
+aber verlangte nach einem lebendigen Menschen. Wenn
+das Herz auf die Suche geht und die Phantasie die
+F&uuml;hrung &uuml;bernimmt, dann wird gar rasch gefunden! &mdash; Bei
+meinen Eltern gingen viele G&auml;ste aus und ein.
+Ein junger, schlanker Dragonerleutnant mit einem
+schmalen, blassen Gesicht war unter ihnen, der sich oft
+mit mir unterhielt, &mdash; nicht wie die andern nur mit mir
+scherzte und spielte. Und durch nichts konnte man mich
+leichter gewinnen, als indem man mich ernst nahm; &mdash; da&szlig;
+man es immer nur drollig und kindisch findet, erbittert
+jedes geistig reifere Kind. So flog denn mein sehns&uuml;chtiges
+Herz ihm zu, und meine Phantasie umkleidete
+ihn mit aller Romantik des Lohengrinhelden meiner<a name="Page_45" id="Page_45"></a>
+Tr&auml;ume. Er war nicht von Adel, also namenlos wie
+Elsas Ritter: gewi&szlig; w&uuml;rde er sich einmal als eines
+K&ouml;nigs verschollener Sohn entpuppen, und mir fiele die
+Aufgabe zu, ihm Reich und Krone zu erobern! Die
+sch&ouml;nsten Blumen aus meinem Garten legte ich heimlich
+auf seine M&uuml;tze im Flur, ehe er ging, und der ganze
+Tag war mir verkl&auml;rt, wenn er morgens vor&uuml;berritt und
+mich gr&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>Rohe Menschen m&ouml;gen lachen &uuml;ber solche Kinderliebe
+und moralische sich dar&uuml;ber entr&uuml;sten. Mir ist, als w&auml;re
+sie die reinste meines Lebens gewesen.</p>
+
+<p>Im Fr&uuml;hling 1874 wurde mein Vater nach Berlin
+versetzt. Zum letztenmal versammelten sich des Hauses
+Freunde um unsern Teetisch. Noch wei&szlig; ich, wie mirs
+vor den Augen dunkelte, als ich meinem Helden die
+Hand zum Abschied reichte. Hei&szlig; lag sie in der seinen.
+Dann strich er mir noch einmal &uuml;ber den Kopf. &raquo;Wenn
+wir uns wiedersehn, bist du ein gro&szlig;es M&auml;dchen,&laquo; sagte
+er, &raquo;wer wei&szlig;, wir tanzen vielleicht noch einmal miteinander!&laquo;
+Wortlos lief ich hinaus in mein Zimmer
+und bi&szlig; verzweifelt in mein Kopfkissen, um mein
+Schluchzen zu ersticken.</p>
+
+<p>Kinderschmerz ist so gut echter Schmerz wie der
+der Erwachsenen, &mdash; nur da&szlig; wir ihn so leicht vergessen.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen schrieb ich meine ersten Verse
+in ein altes Schreibheft:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Maigl&ouml;ckchen zart und rein,<br /></span>
+<span class="i0">L&auml;ut'st schon den Fr&uuml;hling ein?<br /></span>
+<span class="i0">Nein, nein, er kommt noch nicht,<br /></span>
+<span class="i0">Du gehst zu fr&uuml;h ans Licht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0"><a name="Page_46" id="Page_46"></a>Werd ich dich welken sehn,<br /></span>
+<span class="i0">Dann werd auch ich vergehn,<br /></span>
+<span class="i0">Und in das k&uuml;hle Grab<br /></span>
+<span class="i0">Senkt man uns beide hinab.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Bis ich erwachsen war, hat es niemand zu sehen bekommen,
+wie man eine getrocknete Blume &mdash; eine Zeugin
+holder Stunden &mdash; vor der Ber&uuml;hrung bewahrt, die sie
+zerst&ouml;ren w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Mein Garten stand in vollem Fr&uuml;hlingsflor, als wir
+Abschied nahmen. Ich lief durch das Haus, wo die
+Packer hantierten, in den Stall, wo August die Wagen
+in Decken h&uuml;llte. &raquo;Puckchen, mein Puckchen,&laquo; rief ich.
+Noch nie war ich fortgefahren, und w&auml;re es auch nur
+auf ein paar Tage gewesen, ohne ihm ein St&uuml;ckchen
+Zucker zu geben. Aber diesmal kam Puckchen nicht. Ich
+frug den August nach ihm, er sah verlegen zur Seite
+und murmelte etwas Unverst&auml;ndliches. Da fiel mir ein,
+da&szlig; Mama vor kurzem von seinem Alter, der M&ouml;glichkeit
+seines Todes gesprochen hatte. Das Herz stand mir
+still. Noch einmal suchte und rief ich, die Stimmen
+von Mademoiselle und Mama absichtlich &uuml;berh&ouml;rend, die
+mich zur Eile mahnten. &raquo;Geh nur, geh, Alixchen,&laquo; sagte
+August, der mir nachgekommen war, beruhigend, &raquo;Puckchen
+findest du nicht &mdash; &mdash;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist tot!&laquo; schrie ich au&szlig;er mir und warf mich
+weinend in Augusts Arme. Alles lief zusammen, mich
+zu tr&ouml;sten, aber fassungslos blieb mein Schmerz. &raquo;Sieh,
+mein Kind,&laquo; sagte schlie&szlig;lich Mama, die mich auf
+den Scho&szlig; genommen hatte, &raquo;Puckchen war alt und
+krank, er h&auml;tte sich mit seinen blinden Augen in der
+fremden Stadt nicht mehr zurecht gefunden. Eine Wohltat
+<a name="Page_47" id="Page_47"></a>wars f&uuml;r ihn, da&szlig; ich ihn vergiften lie&szlig; ...&laquo; &mdash; Ich
+zuckte zusammen, wie unter einem Peitschenschlag.
+Meine Tr&auml;nen waren versiegt. Von der Mutter Scho&szlig;
+glitt ich herunter und sah sie gro&szlig; an: &raquo;Du &mdash; du &mdash; hast
+mein Puckchen vergiftet?!&laquo;</p>
+
+<p>Dann lie&szlig; ich mich still zum Wagen f&uuml;hren. Irgend
+etwas war entzwei gegangen in mir. Ganz ruhig und
+empfindungslos sah ich vom Coup&eacute;fenster aus, wie
+die Stadt allm&auml;hlich vor mir verschwand.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_48" id="Page_48"></a></p>
+<h2><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel</h2>
+
+
+<p>Wer sich von Partenkirchen westw&auml;rts wendet,
+wo lockend in geheimnisvoll d&uuml;sterer
+Pracht die Zugspitze in die Wolken
+steigt, und, die staubige Chaussee verschm&auml;hend, auf
+schmalem Pfad durch bunte Wiesen wandert, dem
+zeigt sich pl&ouml;tzlich ein Bild voll stillen Friedens: in
+leisen Wellenlinien erhebt sich das Tal, H&uuml;gel an H&uuml;gel
+von alten Baumriesen gekr&ouml;nt und bl&uuml;henden B&uuml;schen;
+gradaus aber, wohin der Weg sich gl&auml;nzend wie ein
+Silberstreifen durch die Gr&uuml;nde schl&auml;ngelt, schmiegt sich
+vertrauensvoll, wie ein kleines Kind in den Scho&szlig; der
+Ahne, ein wei&szlig;es Kirchlein an die grauen W&auml;nde des
+Waxensteins. So oft ich es sah, &mdash; mir war immer, als
+l&auml;chele es. Und ein lichter Schimmer von Lebensfreude
+lag auch auf den kleinen H&auml;usern ringsum: ein heller
+Goldton &uuml;berzog die W&auml;nde des einen, in einem satten
+Himmelblau strahlte das andere, und selbst die Heiligen
+und die M&auml;rtyrer, die irgendwo unter einem Baldachin
+oder in einer Nische standen, hatten so lustige bunte
+Kleider an, da&szlig; wohl keiner, der vor&uuml;berging, sich bei
+dem Anblick ihres gottseligen Leidenslebens erinnerte.
+Von der Zeit gebr&auml;unt waren First und Dach und
+Altanen, aber so leuchtend war der Nelkenflor, der von<a name="Page_49" id="Page_49"></a>
+Fensterkasten und Gel&auml;ndern niederschaukelte, da&szlig; das
+Dunkel auch hier nur da zu sein schien, um den Glanz
+noch st&auml;rker hervorzuheben. Dazu pl&auml;tscherte der kleine
+Bergbach lustig durchs Dorf, der ganz, ganz oben in
+den Furchen und Spalten dem Felsen entspringt und
+vom Schnee sich n&auml;hrt und vom Eis, um erst unten im
+Tal, berauscht von den Blumen, die &uuml;ber ihm nicken,
+die helle Stimme zu verlieren.</p>
+
+<p>Vor den letzten H&auml;usern beginnt der Wald. Als
+m&uuml;&szlig;te er ein Kleinod sch&uuml;tzen, so schlingt er sich dicht
+um den leuchtenden Smaragd des Badersees, der seine
+gr&uuml;ne Farbe auch unter der sch&ouml;nsten Himmelsbl&auml;ue
+nicht verliert und trotz des b&ouml;sesten Unwetters durchsichtig
+bleibt bis zum Grunde. Aber w&auml;hrend eine
+breite Stra&szlig;e ihm den Strom der Menschen zuf&uuml;hrt
+und den Wald gezwungen hat, Platz zu machen, liegt
+sein kleinerer Zwillingsbruder, der Rosensee, noch immer
+still und versteckt zwischen den B&auml;umen. Selten nur
+verirrt sich einer auf die engen Steige, die in seine
+N&auml;he f&uuml;hren, und das Riesenpaar &uuml;ber ihm &mdash; der
+Waxenstein und die Zugspitze &mdash; scheint sich darum
+besonders wohlgef&auml;llig in seinen stillen Wassern zu
+spiegeln. An seinem Ufer, das an dieser Seite von
+Rosen in allen Farben und Formen umkr&auml;nzt ist, steht
+nur ein einziges kleines Haus; von wildem Wein und
+Efeu ist es so dicht umsponnen, da&szlig; es an dunkeln
+Tagen mit dem Wald, der es umgibt, in eins verschwimmt.</p>
+
+<p>Vor vier Jahrzehnten kaufte Ulysses Artern den
+Rosensee und baute seinem jungen Ehegl&uuml;ck das gr&uuml;ne
+Nest daran. Jedes Jahr, wenn die Maigl&ouml;ckchen
+<a name="Page_50" id="Page_50"></a>bl&uuml;hten und ihr Duft s&uuml;&szlig; und schwer &uuml;ber Wasser und
+Wald sich legte, zog seine Witwe auch nach seinem Tode
+hierher und blieb, bis der Schnee &uuml;ber die Bergspitzen
+hinunter ins Tal sich streckte.</p>
+
+<p>Seitdem wir in Augsburg bei ihr gewesen waren,
+hatte sie uns jedes Jahr zu sich eingeladen. Aber nur
+mein Vater hatte sie besucht; meiner Mutter war die
+Schw&auml;gerin nie sympathisch gewesen, und so hatte sie
+lange gez&ouml;gert, zu ihr zu gehen. Mich freilich zog die
+Sehnsucht in die Berge, seitdem sie mir in der Schweiz
+Augen und Seele entz&uuml;ckt hatten; und wenn der Vater
+von Grainau erz&auml;hlte und vom Rosensee, so w&uuml;nschte ich
+nichts mehr, als dort zu sein. Und nun hatte sich mein
+Wunsch erf&uuml;llt!</p>
+
+<p>Schon in Weilheim, der Endstation der Eisenbahn
+damals, wo das Tor des Loisachtals sich vor mir &ouml;ffnete
+und tief im Hintergrunde die Umrisse der wei&szlig;en
+Bergspitzen in den Wolken verschwanden, waren mir
+die Augen &uuml;bergegangen &mdash; wie stets, wenn ein Eindruck
+mich &uuml;berw&auml;ltigte. Still und stumm lie&szlig; ich ihn
+auf der ganzen langen Wagenfahrt auf mich wirken,
+und als ich dann abends oben im Giebelst&uuml;bchen des
+Rosenhauses stand, den Blick auf die vom dunkelblauen
+Nachthimmel grausilbern sich abhebenden Berge gerichtet,
+w&auml;hrend die reine, k&uuml;hle Luft mir um die Stirne wehte,
+da fiel all mein Kinderleid von mir ab, wie ein schwerer,
+dr&uuml;ckender Mantel. Frei atmen konnte ich wieder.</p>
+
+<p>Mit jedem Morgen, an dem ich erwachte, nach festem,
+traumlosem Schlaf, mit jedem Abend, an dem ich mich
+niederlegte, m&uuml;de von dem Reichtum des Tages, steigerte
+sich diese Empfindung. Ein Vollgef&uuml;hl des Lebens
+<a name="Page_51" id="Page_51"></a>durchstr&ouml;mte mich, und wenn niemand mich sah, dann
+warf ich mich wohl vor lauter Seligkeit mit ausgebreiteten
+Armen in die bl&uuml;hende Wiese und lag so
+still und atmete so leise, da&szlig; die Schmetterlinge sich
+ruhig auf den blauen Glockenblumen, die &uuml;ber mir
+bl&uuml;hten, niederlie&szlig;en, oder ich legte den Kopf ins Waldmoos,
+wo die Maigl&ouml;ckchen am dichtesten standen, und
+sah den tanzenden Sonnenstrahlen zu. Keine Mademoiselle
+legte meiner Freiheit Z&uuml;gel an; meine Tante
+fand mich zwar &raquo;schlecht erzogen&laquo;, weil ich nicht ruhig
+mit meiner Handarbeit neben ihr sa&szlig;, und lie&szlig; es
+meiner Mutter gegen&uuml;ber an Anspielungen darauf nicht
+fehlen, aber da sie mit Kindern gar nichts anzufangen
+verstand, lie&szlig; sie mich laufen und beschr&auml;nkte ihre
+Erziehungsk&uuml;nste auf strenge Toilettenvorschriften, wenn
+ich zu Tisch erschien oder mit ihr spazieren fuhr.
+Dann sa&szlig; ich nach guter karlsruher Gewohnheit steif
+und grade auf dem R&uuml;cksitz der Equipage, wie Johann
+auf dem Bock, der Kutscher, der mit dem &raquo;gn&auml;digen
+Fr&auml;ulein&laquo; nur vertraut war, wenn es morgens in den
+Stall kam und &mdash; ohne v&auml;terliche Aufsicht! &mdash; auf dem
+gro&szlig;en Fuchs, von allen Bauernkindern bewundert, durch
+das Dorf ritt. Ich hatte bald viele Freunde unter den
+Buben und M&auml;deln. Alle Waldwege und Bergsteige
+lernte ich durch sie kennen; die sch&ouml;nsten Erdbeerpl&auml;tze
+zeigten sie mir und lehrten mich klettern, wenn es galt,
+zu den Alpenrosen zu gelangen, die rotleuchtend die
+grauen Felsen belebten.</p>
+
+<p>Die Kinder des Landvolks im Norden Deutschlands
+tragen das Zeichen der Dienstbarkeit noch immer auf
+der Stirn: wie selbstverst&auml;ndlich ordnen sie sich im Spiel
+<a name="Page_52" id="Page_52"></a>mit dem &raquo;Herrschaftskind&laquo; diesem unter und sehen es fast
+als Auszeichnung an, die Rolle der Untergebenen zu
+&uuml;bernehmen. Wo die frische Luft der Berge weht, hat
+selbst die Sklavenmoral der katholischen Kirche Freiheitsgef&uuml;hl
+und Selbstbewu&szlig;tsein nicht zu unterdr&uuml;cken vermocht.
+Der Sepp vom B&auml;renbauern, der am verwegensten
+kletterte und am sch&ouml;nsten jodeln konnte, &mdash; mein
+Hauptspielgef&auml;hrte, &mdash; behandelte mich ganz auf gleich
+und gleich, ja er sah zuweilen mit unverhohlenem Stolz
+auf mich herab, und seiner urw&uuml;chstgen Kraft gegen&uuml;ber
+kam selbst meine sonst so ausgepr&auml;gte Empfindlichkeit
+nicht auf: ich bi&szlig; nur in stillem Ingrimm die Z&auml;hne
+zusammen, wenn er mich verspottete, weil ich ohne seine
+Hilfe den Fels nicht hinaufkam. Es gab viel zerrissene
+Kleider dabei; und w&auml;re die alte Kathrin nicht gewesen,
+die sie heimlich flickte und immer daf&uuml;r sorgte, da&szlig; ich
+in m&ouml;glichst tadelloser Toilette bei den Mahlzeiten erschien, &mdash; ich
+h&auml;tte mich nicht lange meiner Freiheit erfreuen
+d&uuml;rfen.</p>
+
+<p>An einem hei&szlig;en Julinachmittag kam ich einmal,
+einen gro&szlig;en Buschen Alpenrosen im Arm, eilig vom
+Ochsenh&uuml;gel heruntergelaufen, in heller Angst, zur Teestunde
+zu sp&auml;t zu kommen. Ich suchte darum m&ouml;glichst
+schnell an dem Wagen vorbeizuschl&uuml;pfen, der vor unserem
+Gartentor hielt, als eine Hand mir in die wehenden
+Locken griff und eine lachende Stimme rief: &raquo;Das ist
+doch die Alix, das Nichtchen!&laquo; Eine gro&szlig;e blonde Frau,
+von einem kleinen M&auml;dchen und einem halberwachsenen
+Knaben begleitet, stand vor mir, und nun mu&szlig;te ich Rede
+und Antwort stehen, w&auml;hrend meine Augen &auml;ngstlich an
+meinem fleckigen Lodenrock und den schmutzigen Stiefeln
+<a name="Page_53" id="Page_53"></a>hingen. Kurz vor dem Haus ri&szlig; ich mich unter dem
+Vorwand, die Blumen ins Wasser stellen zu wollen,
+los, und erschien, noch gl&uuml;hend vor Erregung, nach zehn
+Minuten im wei&szlig;en Musselinkleid wieder, das mir die
+alte Kathrin mit einem &raquo;Kind, Kind, was wird die
+Tante sagen &mdash; das war ja die Prinzessin Friedrich!&laquo;
+hastig &uuml;bergeworfen hatte. Aber es kam nicht einmal
+zu einem strafenden Blick, denn die Prinzessin nahm mich
+in die Arme und erz&auml;hlte lachend, wie sie eben schon
+meine Bekanntschaft gemacht habe. Ihre Worte &uuml;berst&uuml;rzten
+sich wie ein Wasserfall und wurden von ebenso
+hastigen und burschikosen Geb&auml;rden begleitet. Eine
+komische &raquo;Prinzessin&laquo;, dachte ich mir im stillen und sah
+mit gesteigertem Erstaunen zu ihren Kindern her&uuml;ber,
+die sich grade nach allen Regeln der Kunst zu pr&uuml;geln
+begannen und des wohlgepflegten Rasens nicht achteten,
+auf den sich sonst nicht einmal mein Ball verirren
+durfte.</p>
+
+<p>&raquo;Der Helmut sagt, die Alix w&auml;r eine Zigeunerin,&laquo;
+schrie das kleine M&auml;dchen pl&ouml;tzlich.</p>
+
+<p>&raquo;Zigeunerinnen sind viel h&uuml;bscher als semmelblonde
+Frauenzimmer, wie du eins bist,&laquo; entgegnete der Knabe,
+und es bedurfte des Dazwischentretens der Mutter, um
+mit einer Ohrfeige nach rechts und links dem Streit
+ein Ende zu machen.</p>
+
+<p>Mein Schicksal hatte sich dabei entschieden: selbst der
+Kuchen, in den das Prinze&szlig;chen mit Behagen hineinbi&szlig;,
+hinderte sie nicht, mir feindselige Blicke zuzuwerfen,
+w&auml;hrend ihr Bruder mir die Aufmerksamkeiten eines
+vollendeten Kavaliers erwies. Er mochte sieben Jahre
+&auml;lter sein als ich, war schlank und hochaufgeschossen,
+<a name="Page_54" id="Page_54"></a>mit lustigen grauen Augen und aufgeworfenen roten
+Lippen. Die kleine Friederike glich ihm wenig; sie
+war ein d&uuml;rftiges Pers&ouml;nchen mit jenen neidisch heruntergezogenen
+Mundwinkeln, die die Gesichter solcher
+Kinder zu entstellen pflegen, die sich fr&uuml;h ihrer Reizlosigkeit
+bewu&szlig;t werden. Als Helmut nach dem Tee
+zum Badersee hin&uuml;ber wollte, um dort Kahn zu fahren,
+weigerte sie sich, mitzukommen, wohl in der Hoffnung,
+da&szlig; er dann allein gehen m&uuml;sse und der Spa&szlig; ihm
+verdorben w&auml;re. Ihre Mutter aber meinte: &raquo;Um so
+besser werden sich Helmut und Alix am&uuml;sieren,&laquo; und so
+brachen wir auf, vom Diener begleitet, der uns rudern
+sollte.</p>
+
+<p>Geheimnisvoll und spiegelklar, wie immer, lag der See
+vor uns. Vor dem kleinen Wirtshaus, das damals
+noch bescheiden an seinem Ufer lag, sa&szlig;en nur wenige
+Touristen.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt wollen wir uns erst g&uuml;tlich tun und den schlabbrigen
+Tee heruntersp&uuml;len,&laquo; sagte Helmut und bestellte
+Tiroler Wein, mit dem wir lustig unsre neue Freundschaft
+leben lie&szlig;en. Als der Diener im Hintergrund,
+vertieft in die &raquo;Fliegenden&laquo;, ruhig vor seinem Seidel
+sa&szlig;, schlichen wir davon. Die Abneigung gegen irgendwelche
+Beaufsichtigung, die Helmut dadurch bekundete,
+steigerte meine Sympathie f&uuml;r ihn. Er l&ouml;ste den Kahn
+selbst von der Kette, und wir ruderten, gl&uuml;ckselig &uuml;ber
+unsre gelungene Kriegslist, in den See hinaus. Bald
+kamen wir in lebhafte Unterhaltung; Helmut erz&auml;hlte
+mir von Berlin, wo er wohnte, und wo ich nun bald
+hinkommen sollte, soviel des Sch&ouml;nen und Interessanten,
+da&szlig; meine Abneigung dagegen sich rasch in erwartungs<a name="Page_55" id="Page_55"></a>volle
+Neugierde verwandelte. Die uns zugestandene
+Stunde war l&auml;ngst verstrichen, als heftige Rufe vom
+Ufer her uns zur R&uuml;ckkehr mahnten. Die ganze Familie
+war dort versammelt: unsere M&uuml;tter, die Tante, das
+schadenfroh l&auml;chelnde Prinze&szlig;chen, &mdash; und wir wurden
+mit Vorw&uuml;rfen &uuml;bersch&uuml;ttet, kaum da&szlig; wir das Boot
+verlassen hatten.</p>
+
+<p>&raquo;Mach dir nichts draus,&laquo; fl&uuml;sterte Helmut und
+wandte sich mit eleganter Verbeugung meiner Tante
+zu. &raquo;Alix ist unschuldig, Frau Baronin,&laquo; sagte
+er l&auml;chelnd, &raquo;sie wollte nicht ohne den Diener
+fahren und mahnte dann unausgesetzt zur R&uuml;ckkehr.&laquo;
+Mit einem raschen dankbaren Blick lohnte ich Helmuts
+Ritterlichkeit, und mit einem herzlichen &raquo;Aufwiedersehn&laquo;
+schieden wir.</p>
+
+<p>Auf dem Wege heimw&auml;rts konnte die Tante es nicht
+unterlassen, ihrer Befriedigung &uuml;ber den &raquo;passenden
+Verkehr&laquo;, den ich nun endlich gefunden h&auml;tte, und ihrer
+Hoffnung Ausdruck zu geben, da&szlig; er mich hindern
+w&uuml;rde, weiter &raquo;mit den Dorfbuben herumzuschlampen&laquo;.
+Das emp&ouml;rte mich, und ich nahm mir vor, ihre Hoffnung
+auf das gr&uuml;ndlichste zu t&auml;uschen. Schon am
+n&auml;chsten Tag lief ich in aller Fr&uuml;he mit dem Sepp in
+die W&auml;lder und lie&szlig; mich nur grade zu den Mahlzeiten
+sehen. Aber ganz so wie ehemals wurde es trotzdem
+nicht mehr. Wir fuhren oft nach Partenkirchen hinauf,
+wo die Prinzessin eine Villa besa&szlig;, und sie kam
+h&auml;ufig ins Rosenhaus. Vergebens hatte ich versucht,
+meine alten Freundschaften mit meiner neuen in Einklang
+zu bringen; Helmut kehrte dem Sepp und seinen
+Kameraden gegen&uuml;ber zu sehr den Herren heraus, so
+<a name="Page_56" id="Page_56"></a>da&szlig; sie sich fern hielten, wenn er da war. Auch sonst
+war irgend etwas nicht mehr so recht in Ordnung; wie
+mir die Adern stets hoch auf zu schwellen pflegen,
+wenn ein Gewitter im Anzuge ist, so empfand ich auch
+seelischen Atmosph&auml;rendruck mit peinvoller Sicherheit.</p>
+
+<p>Meine Tante und meine Mutter hatten sich nie gemocht.
+Sie waren beide gew&ouml;hnt, in der Gesellschaft
+eine Rolle zu spielen: die eine um ihrer Sch&ouml;nheit und
+Vornehmheit willen, die andere ihres Reichtums und
+der unangefochtenen Selbst&auml;ndigkeit ihrer Stellung
+wegen. Schmeichelei und Unterw&uuml;rfigkeit begegneten
+der Baronin Artern auf Schritt und Tritt; jeder, der
+von ihr etwas erreichen wollte &mdash; und wer h&auml;tte das
+nicht gewollt! &mdash;, beugte sich ihrem Willen und ihren
+Ansichten. So kam es, da&szlig; sie allm&auml;hlich Widerspruch
+&uuml;berhaupt nicht mehr ertrug ... Um mit ihr auszukommen,
+mu&szlig;te man Ja und Amen zu allem sagen, was
+sie behauptete, &mdash; oder schweigen. Meine Mutter schwieg,
+aber sie schwieg mit allen Zeichen inneren Widerspruchs:
+einem sarkastischen L&auml;cheln, einem hochm&uuml;tigen Achselzucken.
+Das reizte die Tante; was sie jedoch weit
+mehr reizte, war der Schw&auml;gerin unzweifelhafte Vornehmheit,
+die kein Reichtum und keine Toilettenpracht
+ersetzen konnte. Da&szlig; ihre Mutter einer einfachen
+B&uuml;rgerfamilie entstammte, das war f&uuml;r sie ein dunkler
+Punkt ihres Lebens, und in ihr lebte etwas von
+jenem P&ouml;belha&szlig;, der stets das eine Ziel verfolgt:
+Rache zu nehmen an den Vornehmen. Sie tat es
+in grober und feiner Weise: sie lie&szlig; in Gegenwart
+meiner Mutter das Licht ihres &uuml;berlegenen Geistes am
+hellsten strahlen; sie zeigte ihre vollendete Meisterschaft
+<a name="Page_57" id="Page_57"></a>am Klavier und lie&szlig; in ihrer dunkeln Altstimme alle
+Skalen der Leidenschaft vor dem entz&uuml;ckten Zuh&ouml;rer
+t&ouml;nen. Gen&uuml;gte ihr das nicht, um meine Mutter, die
+nichts Gleichwertiges zu bieten hatte, in den Schatten
+zu stellen, so griff sie sie an ihrer schw&auml;chsten Stelle
+an: ihrem preu&szlig;ischen Patriotismus. Wie oft ging
+meine Mutter mit hochrotem Kopf und zusammengepre&szlig;ten
+Lippen hinaus, wenn die Schw&auml;gerin wieder
+einmal preu&szlig;ische Sitten, preu&szlig;ische Ansichten, preu&szlig;ische
+Politik geringsch&auml;tzig kritisiert hatte. Da&szlig; sie es trotzdem
+bei ihr aushielt, war nur ein Ergebnis ihres Pflichtgef&uuml;hls:
+von der reichen, kinderlosen Frau hing die
+Gestaltung meiner Zukunft ab, ihr galt es Opfer zu
+bringen.</p>
+
+<p>Eines Tages kam es zur Explosion. Meine Mutter
+machte irgend eine wegwerfende Bemerkung &uuml;ber die
+zweifelhafte Herkunft einer Dame, die eben, eine Wolke
+von Parf&uuml;m hinterlassend, die Terrasse verlassen hatte;
+die Tante widersprach und redete sich so in den Zorn
+hinein, da&szlig; sie schlie&szlig;lich Mama vorwarf, ihren eignen
+Mann beleidigt zu haben, denn nach der von ihr ausgesprochenen
+Ansicht, w&auml;re auch seine Mutter &raquo;von
+zweifelhafter Herkunft&laquo;. Mama verteidigte sich; ein
+Wort gab das andere, Tante Klotilde spielte ihren
+letzten Trumpf aus, indem sie mit ha&szlig;funkelnden Augen
+hervorstie&szlig;: &raquo;Du am wenigsten hast ein Recht von zweifelhafter
+Herkunft zu sprechen. Wei&szlig; man doch, wer deine
+Gro&szlig;mutter war!&laquo;</p>
+
+<p>Zwei Tage sp&auml;ter verlie&szlig;en wir das Rosenhaus, nicht
+ohne da&szlig; vorher eine konventionelle Vers&ouml;hnung stattgefunden
+h&auml;tte. Unsre Zeit war sowieso beinahe ab<a name="Page_58" id="Page_58"></a>gelaufen,
+und das kalte, tr&uuml;be Wetter, das meinem
+empfindlichen Halse schaden konnte, war Erkl&auml;rung genug
+f&uuml;r unsre beschleunigte Abreise. Die Rosen am
+See waren l&auml;ngst entbl&auml;ttert; bis tief ins Tal hingen
+die Wolken, als das wei&szlig;e Kirchlein mehr und mehr
+meinen Blicken entschwand. An einer Biegung des
+Wegs kam der Sepp gelaufen, einen Strau&szlig; von blauem
+Enzian in der Hand, aus dessen Mitte zwei gro&szlig;e wei&szlig;e
+Sterne leuchteten. &raquo;Von der Zugspitz,&laquo; stotterte er, auf
+die Edelwei&szlig; zeigend, dann brach ich in Tr&auml;nen aus
+und weinte &mdash; weinte noch, als schon Garmisch weit
+hinter uns lag. Das Wetter hellte sich indessen allm&auml;hlich
+auf, und wie ich von Weilheim aus r&uuml;ckw&auml;rts
+sah, lagen die Wolken, wie bezwungene Sklaven, tief
+im Tal, w&auml;hrend die Berge, mit der gl&auml;nzenden Silberkrone
+des Neuschnees auf ihren H&auml;uptern, stolz und
+siegesbewu&szlig;t gen Himmel ragten. Dies Bild nahm
+ich mit, und ich wu&szlig;te: nie wird es mir entschwinden.</p>
+
+<p>Papas Freude, als er uns in Berlin empfing, war
+grenzenlos. In unserm neuen Heim in der Hohenzollernstra&szlig;e
+hatte er mir einen Aufbau von Geschenken
+vorbereitet, grade wie zu Weihnachten. Ich wagte zun&auml;chst
+gar nicht, mich zu freuen in Erwartung von
+Mamas bekannten, vorwurfsvollen: &raquo;Aber Hans!&laquo; Doch
+diesmal blieb es aus; stand doch mein guter Engel daneben:
+die Gro&szlig;mutter. Wie einst in Potsdam, so war
+sie jetzt mit uns in ein Haus gezogen; wir glaubten
+eines langen Aufenthalts in Berlin sicher zu sein.</p>
+
+<p>&raquo;Ist mein Herzenskind aber gro&szlig; geworden!&laquo; rief sie,
+mich ger&uuml;hrt in die Arme schlie&szlig;end. &mdash; Gro&szlig;mama, wie
+alt wurdest du, &mdash; h&auml;tte ich beinahe erwidert, wenn die<a name="Page_59" id="Page_59"></a>
+Regeln der guten Erziehung mich nicht rasch genug
+daran gehindert h&auml;tten. Ihr gl&auml;nzendes dunkles Haar
+war ganz grau, und tiefe Falten zogen sich von Nase
+und Mund herab. Sie schien mich auch ohne Worte
+zu verstehen, denn mit einem wehm&uuml;tigen L&auml;cheln sagte
+sie: &raquo;Ich bin jetzt eine alte Frau, mein Alixchen, &mdash; das
+Leben ist nur selten ein Jungbrunnen!&laquo;</p>
+
+<p>War meine Stimmung jetzt schon ged&auml;mpft, so wurde
+sie noch mehr herabgedr&uuml;ckt, als ich mich umsah bei
+uns: alles kam mir beschr&auml;nkter vor als sonst, fremde
+Leute wohnten mit uns im gleichen Haus, und statt des
+gro&szlig;en Karlsruher Gartens fand sich nur ein Vorg&auml;rtchen
+an der Stra&szlig;e, dessen Rasen man nicht zertrampeln,
+dessen Blumen man nicht abpfl&uuml;cken durfte. Ich frug
+nach August und nach den Pferden. Der Stall lag
+jenseits der Stra&szlig;e, Papa f&uuml;hrte mich hin&uuml;ber; meine
+Entt&auml;uschung &uuml;ber diese Entfernung war gro&szlig;, sie
+steigerte sich, als ich eintrat: unsre Goldf&uuml;chse waren
+fort, nur drei Pferde standen darin, ein fremder Reitknecht
+trat mir entgegen. &raquo;Wei&szlig;t du, in Berlin gibt
+es so sch&ouml;ne Droschken, da braucht man Kutscher und
+Wagen nicht,&laquo; sagte Papa l&auml;chelnd, aber ich sah recht
+gut, da&szlig; seine Schnurrbartenden verr&auml;terisch zuckten und
+seine Harmlosigkeit L&uuml;gen straften. Ich bi&szlig; mir auf
+die Lippen und ging nachdenklich nach Hause, und mehr
+als einmal zuckte ich angstvoll zusammen, wenn Papa &mdash; ein
+Zeichen seiner tiefen inneren Erregung &mdash; ohne
+besondere Ursache heftig wurde.</p>
+
+<p>Bald darauf kam ich in die Schule, ein Privatinstitut
+in der K&ouml;nigin Augustastra&szlig;e, das erst seit kurzem
+bestand und nur wenig Z&ouml;glinge hatte. Meine Gro&szlig;<a name="Page_60" id="Page_60"></a>mutter
+stellte mich der Vorsteherin vor, einer kleinen,
+dicken Dame mit fettgl&auml;nzendem Gesicht und feuchten
+H&auml;nden, mit denen sie mir zu meinem Entsetzen die
+Backen t&auml;tschelte. Der erste Eindruck, den ich von den
+Stunden empfing, war der einer grenzenlosen Langenweile.
+Erst als man mich in eine h&ouml;here Klasse nahm,
+wo die M&auml;dchen alle &auml;lter waren als ich, gewann die
+Sache mit dem Erwachen meines Ehrgeizes an Interesse.
+Der trockne Memorierstoff, auf den der ganze Unterricht
+hinauslief, vermochte mich freilich auch hier nicht zu
+fesseln, aber es den andern zuvortun, die Beste in der
+Klasse sein, &mdash; das spornte mich an. Und ich brauchte
+mich nicht einmal anzustrengen, um mein Ziel zu erreichen,
+denn ich lernte leicht und bekam immer die
+besten Noten. Meine Kameradinnen konnten mich deshalb
+alle nicht leiden, und ich hatte vor ihnen ein unbestimmtes
+Schuldbewu&szlig;ten, da ich &uuml;berdies ihre
+Interessen nicht teilte, &mdash; spielte ich doch trotz meines
+gro&szlig;en Kochherds und meiner vielen Puppen nur selten
+mit dergleichen, und den Austausch bunter Oblaten, ein
+Hauptsport damals, fand ich albern, &mdash; so blieb ich ganz
+isoliert. Neben mir in der Klasse sa&szlig; ein M&auml;dchen,
+das mir zuerst auch nichts andres war, als eine Konkurrentin,
+durch die ich mich nicht &uuml;berfl&uuml;geln lassen
+durfte, und eine gef&auml;hrliche dazu. Bald merkte ich, da&szlig;
+sie noch mehr gemieden wurde als ich, da&szlig; man sie
+mit Neckereien und Bosheiten verfolgte. &raquo;Judenm&auml;del&laquo;
+stand einmal mit roter Tinte auf ihrem Pult, ein andermal
+mit wei&szlig;er Kreide auf ihrem Mantel. Sie weinte
+stets, wenn sie es sah, wagte aber nicht, sich zu verteidigen.</p>
+
+<p><a name="Page_61" id="Page_61"></a>Einmal, nach der Religionsstunde &mdash; wir hatten
+grade die Leidensgeschichte Christi durchgenommen &mdash; sah
+ich sie pl&ouml;tzlich inmitten der andern, die sie dicht
+umdr&auml;ngten und auf ein gegebenes Zeichen gemeinsam
+losbr&uuml;llten: &raquo;Judenbalg hat Christus gekreuzigt &mdash; Judenbalg
+hat Christus gekreuzigt!&laquo; Dann tanzten
+sie im Kreise um sie herum, und auf ein &raquo;Eins, Zwei,
+Drei&laquo; der Anf&uuml;hrerin spieen sie alle vor ihr aus. Ich
+kochte vor Wut und st&uuml;rzte mich besinnungslos zwischen
+sie. &raquo;Gemeine Bande,&laquo; schrie ich, w&auml;hrend sie &uuml;berrascht
+auseinanderprallten, &raquo;sch&auml;mt ihr euch nicht: zehn
+gegen eine?&laquo; &mdash; &raquo;Sie ist aber doch eine J&uuml;din,&laquo; knurrte
+die mir Zun&auml;chststehende. &raquo;Und wenn sie es ist &mdash; wi&szlig;t
+ihr denn nicht, da&szlig; Christus auch ein Jude war?&laquo;
+gab ich zur Antwort. Dann wandte ich mich der noch
+immer Weinenden zu: &raquo;So heule doch nicht, Edith,&laquo;
+fl&uuml;sterte ich, &raquo;sonst lassen sie dich gar nicht in Ruh.&laquo;</p>
+
+<p>Von da ab befreundeten wir uns mehr und mehr.
+Wir waren beides einzige Kinder, die durch ihr stetes
+Zusammensein mit Erwachsenen reifer zu sein pflegen
+als andre; B&uuml;cher waren unsre Leidenschaft, und ein
+eifriger Austausch zwischen uns begann, gab auch stets
+neuen Stoff zur Unterhaltung. Wir wohnten &uuml;berdies
+Haus an Haus, so da&szlig; wir unsern Schulweg zusammen
+machen konnten. Aber das sollte nicht die einzige Wirkung
+meines Eintretens f&uuml;r die Angegriffene sein. Eines
+Tages lie&szlig; mich die Schulvorsteherin zu sich rufen. &raquo;Du
+hast gesagt, Christus sei ein Jude,&laquo; fuhr sie mich mit
+zornigem Stirnrunzeln an, &raquo;wie kommst du dazu?&laquo;
+&raquo;Maria und Joseph,&laquo; stotterte ich in h&ouml;chster Verlegenheit,
+&raquo;waren doch auch Juden, und &mdash; und David doch
+<a name="Page_62" id="Page_62"></a>auch, von dessen Stamm er ist.&laquo; &mdash; &raquo;Christus ist Gottes
+Sohn, merke dir das,&laquo; schrie sie, wobei ihre Stimme
+sich &uuml;berschlug, &raquo;und streue nicht Unfrieden in die gl&auml;ubigen
+Seelen deiner Kolleginnen.&laquo; Ich schluckte krampfhaft
+an den aufsteigenden Tr&auml;nen. &raquo;Ich sehe, du bereust
+deine S&uuml;nde,&laquo; sagte sie w&uuml;rdevoll, &raquo;so sei dir f&uuml;r
+diesmal vergeben,&laquo; und ihre feuchten H&auml;nde fuhren mir
+&uuml;bers Gesicht. Am liebsten w&auml;r ich davongelaufen, aber
+meine Emp&ouml;rung &uuml;ber die gemeine Art, wie die M&auml;dchen
+sich an mir ger&auml;cht hatten, hielt mich fest, und ich erz&auml;hlte
+den ganzen Zusammenhang der Geschichte. Die
+Wirkung war f&uuml;r mich verbl&uuml;ffend. &raquo;Das ist ja nat&uuml;rlich
+sehr, sehr unartig von ihnen gewesen,&laquo; erkl&auml;rte sie mit
+hochgezognen Augenbrauen, &raquo;entschuldigt aber in keiner
+Weise deine weit gr&ouml;&szlig;ere S&uuml;nde.&laquo;</p>
+
+<p>Verwirrt und erregt trat ich den Weg nach Hause
+an. Religi&ouml;se Zweifel hatten mich noch nie gequ&auml;lt.
+Ich glaubte an den lieben Herrn Jesus, von dem Gro&szlig;mama
+mir immer erz&auml;hlte, der die Ungl&uuml;cklichen tr&ouml;stet,
+den Armen Hilfe, den Kranken Heilung bringt und die
+Kinder lieb hat. Da&szlig; Christi Gotteskindschaft von so ungeheurer
+Bedeutung sein sollte, &mdash; das war mir noch nie
+in den Sinn gekommen. Geradenwegs zu Gro&szlig;mama
+ging ich und erz&auml;hlte ihr alles.</p>
+
+<p>&raquo;Das hat Fr&auml;ulein Patze gewi&szlig; nicht so schlimm gemeint,
+wie du das auffa&szlig;t,&laquo; sagte sie, &raquo;wir sind alle
+Gottes Kinder; wer aber, wie Christus, den Willen des
+Vaters in h&ouml;chster Vollkommenheit erf&uuml;llt, der ist sein
+liebster Sohn.&laquo; Ich war zun&auml;chst beruhigt, merkte aber
+in den Religionsstunden mehr auf den Sinn der Worte
+als vorher und f&uuml;hlte bald den Widerspruch zwischen
+<a name="Page_63" id="Page_63"></a>dem, was dort gelehrt wurde, und dem, was Gro&szlig;mama
+sagte, heraus. Mein Herz und mein Verstand entschieden
+f&uuml;r sie, und f&uuml;r die Lehrerinnen blieb nichts als Geringsch&auml;tzung
+&uuml;brig. Ich lernte zwar nach wie vor vortrefflich,
+aber f&uuml;r mein inneres Leben, f&uuml;r meine geistige
+Entwicklung blieb die Schule ebenso bedeutungslos, wie
+jede Art von Unterricht bisher.</p>
+
+<p>Mein Schulerlebnis sollte auch nach andrer Richtung
+nicht ohne Folgen bleiben. Edith und ich waren
+nat&uuml;rlich noch mehr als fr&uuml;her aufeinander angewiesen,
+und oft genug hatte sie mich schon zu sich eingeladen,
+ohne da&szlig; es mir erlaubt worden w&auml;re, der Einladung
+zu folgen. Erst nachdem sich Gro&szlig;mama ins Mittel
+gelegt und ich Papas Herz erweicht hatte, durfte ich zu
+ihr gehen. Es war alles sehr sch&ouml;n bei ihr, und ihre
+Eltern, die die Tochter nicht ohne Absicht in die vornehme
+Schule schicken mochten, wu&szlig;ten sich vor Freundlichkeit
+gar nicht zu lassen. Mein Besuch galt ihnen
+vielleicht als die erste Stufe zu dem Ziel, das ihnen f&uuml;r
+ihr einziges Kind vorschwebte, eine adlige Heirat, &mdash; denn
+er sollte den Verkehr mit aristokratischen Kreisen
+einleiten. Mir war es unbehaglich in der N&auml;he des
+Ehepaars: der Frau mit dem bei jeder Bewegung
+krachenden Korsett und den vielen Ringen auf den
+fleischigen H&auml;nden, des Mannes mit der dicken Uhrkette
+&uuml;ber dem Spitzbauch. Nach einem reichlichen Imbi&szlig;
+spielten wir ein Gesellschaftsspiel. Ich verlor, wie
+immer, &mdash; meine Ungeschicklichkeit in solchen Spielen war
+nicht leicht zu &uuml;bertreffen, da meine Gedanken dabei stets
+spazieren gingen &mdash;, bekam aber trotzdem eine Menge der
+reizendsten Gewinne, unter denen ein kleiner Muschel<a name="Page_64" id="Page_64"></a>wagen
+mit einem silbernen Ziegenbock davor das sch&ouml;nste
+war.</p>
+
+<p>Daheim sch&uuml;ttete ich meine Sch&auml;tze vor den Eltern
+aus, aber sie teilten meine Freude nicht; Papa r&auml;usperte
+sich heftig, und Mama kniff die Lippen zusammen. Und
+dann kams, das viel gef&uuml;rchtete Ungewitter: sie warfen
+einander gegenseitig vor, da&szlig; sie mich zu der &raquo;protzigen
+Judensippschaft&laquo; gelassen hatten, die sich &raquo;erlaubte, dem
+Kinde solche Geschenke zu machen&laquo;. Schluchzend kroch
+ich in mein Bett. Ich durfte nie wieder hin&uuml;ber. In
+der Schule ging ich Edith, die vergebens auf eine Gegeneinladung
+wartete und von den gekr&auml;nkten Eltern nun
+wohl auch ihre bestimmten Instruktionen bekommen hatte,
+scheu aus dem Wege. Im sonnt&auml;glichen Familienkreis
+bei Gro&szlig;mama kam noch einmal die Rede auf die Geschichte.
+Tante Jettchen, ihre Schw&auml;gerin, der gef&uuml;rchtete
+Kleinkinderschreck und Sittenw&auml;chter, geriet heftig aneinander
+mit ihr und erkl&auml;rte schlie&szlig;lich kategorisch:
+&raquo;Juden sind kein Umgang f&uuml;r M&auml;dchen, die eine Position
+in der Gesellschaft haben.&laquo; Manch einer l&auml;chelte verstohlen
+zu diesem Ausspruch, wu&szlig;te man doch, da&szlig; sie
+um so empfindlicher war, was diesen Punkt betraf, als
+sie es nie verwinden konnte, da&szlig; Baron Wolkenstein
+ihr Schwiegersohn geworden war. Sein Ahnherr war
+Hofjude bei Friedrich dem Gro&szlig;en gewesen, und dieser
+hatte ihn mit der Bemerkung geadelt: &raquo;Machen wir den
+Kerl zum Baron, ein Edelmann wird doch nie draus.&laquo;
+Selbst in der vierten Generation hatte das Taufwasser
+die Erinnerung an den Familienstammbaum nicht zu
+verwischen vermocht.</p>
+
+<p>Es war eine Ironie des Schicksals, da&szlig; mir als Ersatz
+<a name="Page_65" id="Page_65"></a>f&uuml;r Edith Onkel Wolkensteins &auml;ltester Sohn Hermann
+als Spielkamerad zudiktiert wurde. Er war etwas &auml;lter
+als ich, in der Schule sehr zur&uuml;ckgeblieben, und ich sollte
+ihm zum Vorbild dienen. Wir kamen einander demnach
+nicht gerade mit liebevollen Gef&uuml;hlen entgegen, vertrugen
+uns aber schlie&szlig;lich doch ganz leidlich. Auf der Erde
+in meinem Zimmer bauten wir D&ouml;rfer und Gutsh&ouml;fe
+auf, die wir aus bunten Bilderbogen selbst ausschnitten.
+Hermanns Vater besa&szlig; ein Gut in Sachsen, so da&szlig; landwirtschaftliche
+Interessen ihm am n&auml;chsten lagen; die Erinnerung
+an Grainau zauberte mir alle Wonnen des
+Landlebens vor Augen und belebte mein Spiel. Wenn
+aber Hermann anfing, sich aufs Kaufen und Verkaufen
+von Vieh, Korn und Heu beschr&auml;nken zu wollen, wobei
+er stets in den h&ouml;chsten Eifer geriet, und ich Ediths
+Muschelwagen als Feenfahrzeug durch die L&uuml;fte fliegen
+lie&szlig;, um den Menschen in meinen D&ouml;rfern alle m&ouml;glichen
+Herrlichkeiten zu bringen, dann wars mit dem
+Frieden vorbei. Hermann liebte nur die &raquo;wirklichen&laquo;
+Geschichten, und ich erkl&auml;rte seinen Handel f&uuml;r &raquo;ekelhaft&laquo;.
+Schlie&szlig;lich verschlo&szlig; ich gekr&auml;nkt den silbernen Ziegenbock
+in meinem Schrank, gerade, wie ich lernte, meine Tr&auml;ume
+f&uuml;r mich zu behalten. Es war nun einmal nicht anders
+mit den Menschen, philosophierte ich, jeder war immer
+nur f&uuml;r eine Seite meines Wesens zu brauchen; es galt
+daher, die andre zu verstecken, bis auch f&uuml;r sie die rechten
+Gef&auml;hrten sich finden w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Mit einer Schar kleiner M&auml;dchen und Knaben bekam
+ich in demselben Winter die ersten Tanzstunden, die abwechselnd
+in ihren Familien stattzufinden pflegten. Da
+sa&szlig;en dann all die Mamas und Gro&szlig;mamas und Tanten
+<a name="Page_66" id="Page_66"></a>ernsthaft im Kreise herum und musterten die junge
+Generation und spannen Zukunftspl&auml;ne und wetteiferten
+mit unserm Tanzmeister, der uns besonders interessant
+war, weil er in &raquo;Flick und Flock&laquo; den gro&szlig;en Krebs zu
+tanzen pflegte, in der Aus&uuml;bung ihrer Erziehungsk&uuml;nste.
+Sie konnten stolz sein auf ihr Werk: So gut wir franz&ouml;sisch
+parlierten, so zierlich tanzten wir Quadrille und
+Polka, &mdash; der Walzer war als &raquo;unschicklich&laquo; zu jener
+Zeit in der Hofgesellschaft verboten &mdash;, und so tadellos
+war unser Hofknix. &raquo;Eine Position in der Gesellschaft&laquo;
+war uns gesichert, ja wir besa&szlig;en sie, dank unsrer
+Familienbeziehungen, schon jetzt. Mir war sie etwas so
+Selbstverst&auml;ndliches, da&szlig; jener Hochmut, der nur entstehen
+kann, wenn man sie als etwas Besonderes ansieht,
+der daher am sichersten den Empork&ouml;mmling kennzeichnet,
+bei mir gar nicht aufkam. So war mir die
+Ehrfurcht und die Bewunderung, mit der Edith mich
+&uuml;ber die Kindergesellschaften bei &raquo;Kronprinzens&laquo; auszufragen
+pflegte, immer komisch erschienen. Ich h&auml;tte
+wirklich nicht gewu&szlig;t, was mich im kronprinzlichen
+Palais zum Bewundern und Verehren h&auml;tte bewegen
+k&ouml;nnen: die kleine unansehnliche Kronprinzessin, die mit
+der Miene einer Gouvernante unsre Spiele beaufsichtigte,
+der lustige Kronprinz, dessen derbe Sp&auml;&szlig;e die M&auml;rchenprinzenillusionen
+unsrer Kindertr&auml;ume gar nicht aufkommen
+lie&szlig;en, die einfachen, mit Spielzeug wenig verw&ouml;hnten
+Kinder, der Teetisch, auf dem ich bald aufgegeben
+hatte, etwas zu suchen, was Kindergaumen
+reizt, &mdash; es gab doch immer nur dieselben Albert-Kakes &mdash; das
+alles gab ein Gesamtbild, das der Glanz der
+Kaiserkrone nicht zu treffen schien. Ich ging nicht allzu
+<a name="Page_67" id="Page_67"></a>gerne hin: Prinzessin Charlotte, die mir am besten gefiel,
+war viel &auml;lter als ich; Prinzessin Viktoria, mit der ich
+spielen sollte, hatte nur Spa&szlig; am Kommandieren, was
+ich mir nicht gefallen lie&szlig;, die j&uuml;ngern Geschwister
+waren Babys in den Augen der bald Zehnj&auml;hrigen.
+Kam Prinz Wilhelm dazu mit dem kurzen lahmen
+Arm und dem finstern Gesicht, so wurde mirs vollends
+unheimlich. Es war jedesmal ein Seufzer der Erleichterung,
+mit dem ich mich in die Kissen des
+Wagens lehnte, der mich heimw&auml;rts fuhr. Sch&ouml;n waren
+nur die gro&szlig;en Feste: das Baumpl&uuml;ndern, die Kinderb&auml;lle,
+die Auff&uuml;hrungen. Wenn ich mit offnen Locken,
+im Spitzenkleid und Atlasschuhen die lichterstrahlenden
+S&auml;le betrat und gn&auml;dig die ersten Huldigungen kleiner
+Kavaliere entgegennahm, &mdash; dann ging mir eine Ahnung
+vom &uuml;ppigen Freudenmahl des Lebens auf, die mir alle
+Fibern mit Sehnsucht f&uuml;llte. Bei einem solchen Fest
+war es, als Helmut mir entgegentrat und mir auf dem
+Wege zum Ballsaal den Arm reichte. &raquo;Wie eine Prinzessin
+aus Tausendundeiner Nacht siehst du aus,&laquo;
+fl&uuml;sterte er dicht an meinem Ohr. Tausend und eine
+Nacht! Hei&szlig; &uuml;berflutete es mich! Und als wir uns
+dann im schimmernden Glanz der Kerzen, bei rauschender
+Musik im Tanze wiegten, war mirs, als h&ouml;rte ich verlockend
+die Worte zu seiner Melodie: sch&ouml;n sein &mdash; herrschen &mdash; genie&szlig;en!</p>
+
+<p>Eine Kugel, die ich mir einst im Schlo&szlig; vom
+Weihnachtsbaum herunterholte, und in der sich noch
+heute allj&auml;hrlich die Lichter unsres Tannenbaums spiegeln,
+ist das einzige, was mir zur Erinnerung an jene Feste
+&uuml;brig blieb. Ich hielt sie damals f&uuml;r eitel Silber.<a name="Page_68" id="Page_68"></a>
+Aber sie ist auch nur aus Glas und hat schon lange
+einen Sprung! ...</p>
+
+<p>Im Fr&uuml;hjahr wurde ich krank. Wiederholte Schwindelanf&auml;lle
+waren der Anla&szlig; gewesen, mich schon Wochen
+vorher aus der Schule zu nehmen. Dann bekam ich die
+Masern und lag lange Zeit zu Bett. Als ich wieder
+aufstehen durfte, konnte ich mich durchaus nicht erholen.
+Eine Herzschw&auml;che war zur&uuml;ckgeblieben. Ich sollte viel
+an der Luft sein und war daher vor- und nachmittags
+im Zoologischen Garten, wo ich mit Gro&szlig;mama auf
+einer sonnigen Bank zu sitzen pflegte, die recht schmal
+gewordenen H&auml;nde m&uuml;&szlig;ig im Scho&szlig;, den Kopf, der mir
+immer so schwer war, hinten &uuml;bergelehnt. Sie las mir
+vor und hatte sich zu dem Zweck eine besondre Art von
+Lekt&uuml;re ausgew&auml;hlt: Schilderungen der Jugendzeit bedeutender
+M&auml;nner, die sie ihren Lebensbeschreibungen
+und Selbstbiographien entnahm. Zwei davon machten
+mir einen unausl&ouml;schlichen Eindruck: die Napoleons und
+die Goethes. Wie der gro&szlig;e Kaiser ein armer Junge
+gewesen war und sich dem niederdr&uuml;ckenden Einflu&szlig; von
+Not und Verlassenheit nicht nur nicht unterwarf, sondern
+beide ihm zu Mitteln seiner St&auml;rke wurden, und
+wie der Genius des gro&szlig;en Dichters sich schon an des
+Knaben Puppentheater, vor den staunend aufhorchenden
+Freunden offenbarte, denen er seine M&auml;rchen erz&auml;hlte, &mdash; wundervoll
+war es! &raquo;Das mu&szlig; das Sch&ouml;nste sein
+im Leben, Gro&szlig;mama: zu sein wie ein Stern, der allen
+leuchtet&laquo; &mdash; sagte ich einmal nachdenklich. Und ihre
+Antwort t&ouml;nt mir noch in den Ohren: &raquo;Den alle lieben,
+meinst du wohl, weil er alle w&auml;rmt!&laquo;</p>
+
+<p>Legte sie das Buch weg, so erz&auml;hlte sie von ihrer eignen<a name="Page_69" id="Page_69"></a>
+Jugendzeit, die sie in der Stadt des Dichters, fast st&auml;ndig
+in seiner N&auml;he, verleben durfte. Wie arm kam mir, mit der
+ihren verglichen, meine Kindheit vor! Ich konnte &uuml;berhaupt
+gar nicht mehr recht froh werden. Es lag irgend
+etwas Dumpfes, Schweres in der Luft, das die Mienen
+immer verst&ouml;rter, das Lachen immer seltner werden lie&szlig;.
+Selbst meines Vaters Humor versiegte mehr und mehr,
+und h&auml;ufiger als je fl&uuml;chtete ich vor seiner tobenden
+Heftigkeit zu Gro&szlig;mama hinunter. Aber auch sie war
+zerstreut und sorgenvoll, so sehr sie sich auch vor mir
+zusammen nahm. Jeden Morgen vertiefte sie sich in
+den Kurszettel, und die mir r&auml;tselhafte Bemerkung: &raquo;Die
+Lombarden fallen&laquo; st&ouml;rte unsre sonst so gem&uuml;tliche Fr&uuml;hst&uuml;cksstunde.
+Eines Abends hatte Papa meine Mutter
+aus irgendeinem geringf&uuml;gigen Anla&szlig; heftig angefahren,
+was mich immer ganz besonders entsetzte, und ich lief,
+so rasch ich konnte, davon, um mich ver&auml;ngstigt im tiefen
+Sessel von Gro&szlig;mamas Boudoir zu vergraben. Da
+h&ouml;rte ich nebenan das Ger&auml;usch von Stimmen: Onkel
+Walter war tags vorher aus Ostpreu&szlig;en angekommen
+und betrat mit Gro&szlig;mama in starker Erregung, wie es
+schien, den Salon.</p>
+
+<p>Sie setzten sich zusammen auf das weiche, gr&uuml;ne Sofa,
+das mir so oft zum Schmollwinkel diente, und nun h&ouml;rte
+ich jedes Wort ihrer Unterhaltung: Gro&szlig;mamas weiche,
+von aufsteigenden Tr&auml;nen verschleierte Stimme, Onkel
+Walters hartes, durch die Aufregung immer rauher
+klingendes Organ.</p>
+
+<p>&raquo;Du kennst unsre finanzielle Lage,&laquo; sagte sie. &raquo;Hans
+hat sein kleines Verm&ouml;gen v&ouml;llig verloren, und was
+Ilsens Mitgift betrifft, so f&uuml;rchte ich das Schlimmste.<a name="Page_70" id="Page_70"></a>
+Dazu haben sich meine Eink&uuml;nfte bedeutend verringert,
+und ich mu&szlig; mich jetzt schon sehr einschr&auml;nken, um Ilse
+und Max, die beide Familie haben, nicht im Stich zu
+lassen. Du hast nicht Frau, nicht Kind, hast ein sch&ouml;nes
+Gut, &mdash; du solltest ohne weiteres auskommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Klotilde kann bei Hansens f&uuml;r dich eintreten,&laquo; entgegnete
+er.</p>
+
+<p>&raquo;Klotilde!&laquo; Gro&szlig;mama seufzte. &raquo;Jede Inanspruchnahme
+ihrer Hilfe hei&szlig;t Alixchens ganze Zukunft gef&auml;hrden.&laquo;</p>
+
+<p>Onkel Walter st&ouml;hnte schwer.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du noch etwas, was du mir verschweigst? &mdash; Sprich
+dich doch aus, mein Junge!&laquo; schmeichelte Gro&szlig;mamas
+Stimme.</p>
+
+<p>Und nun kams, wie ein Sturzbach wilder, leidenschaftlicher
+Worte, die schlie&szlig;lich Gro&szlig;mamas leises Weinen
+so wehevoll begleitete, da&szlig; sich mir das Herz schmerzhaft
+zusammenzog.</p>
+
+<p>Ich verstand nicht alles, aber die Hauptsache pr&auml;gte
+sich mir ein: irgendwo in der Schweiz oder in Italien
+bei einer der vielen Spielbanken, die damals wie Pilze
+aus der Erde schossen, hatte Onkel Walter sehr, sehr
+viel Geld verloren, und in Pirgallen standen die
+Dinge schlecht, da die Heuernte wieder einmal durch
+&Uuml;berschwemmungen zerst&ouml;rt worden war &mdash; &raquo;ich schie&szlig;e
+mir eine Kugel durch den Kopf, wenn du nicht hilfst,&laquo;
+schlo&szlig; er au&szlig;er sich. Ich schrie entsetzt auf. Gro&szlig;mama
+erhob sich, ich h&ouml;rte ihre Kleider rauschen, duckte mich
+schnell tief in die Kissen und hielt den Atem an.</p>
+
+<p>&raquo;Also ein Verschwender und ein Feigling dazu!&laquo; sagte
+sie; ihr hatte seine Drohung zu meinem Erstaunen keinen
+Eindruck gemacht. &raquo;Sch&auml;mst du dich nicht? Wie viele
+<a name="Page_71" id="Page_71"></a>fristen ihr und ihrer Familie Leben mit wenigen Groschen
+am Tag, und du wirfst Tausende zum Fenster hinaus,
+noch dazu Tausende, die dir gar nicht geh&ouml;ren! Oder
+ist es etwas andres als Diebstahl, wenn du deine
+Lieferanten, deine Handwerker und ihr Geld dem
+schlimmsten aller Teufel, dem Spielteufel, in den Rachen
+wirfst?! Wenn du noch eine Spur von Ehrgef&uuml;hl hast,
+so wirst du dir selber helfen und nicht verlangen, da&szlig;
+deine Schwester und dein Bruder sich dir opfern. Setz
+dich auf dein Gut und arbeite!&laquo;</p>
+
+<p>Niemals hatte ich Gro&szlig;mama so reden h&ouml;ren, auch
+Onkel Walter mochte erstaunt sein, denn er schwieg
+lange Zeit. Dann brachs von neuem los, nicht heftig,
+wie vorher, sondern jammernd, verzweifelnd. Und nun
+tr&ouml;stete ihn Gro&szlig;mama, wie ein krankes Kind, ohne in
+der Sache nachzugeben. Sie wollte zu ihm ziehen, ihm
+ein neues Leben aufbauen helfen, in der Wirtschaft nach
+dem Rechten sehen, bis er eine gute Frau gefunden haben
+w&uuml;rde ...</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe eine Geliebte,&laquo; stie&szlig; er hervor.</p>
+
+<p>&raquo;Auch das noch!&laquo; murmelte sie. &raquo;Kannst du sie heiraten?&laquo;
+f&uuml;gte sie rasch hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;Damit wir beide am Hungertuch nagen?&laquo; h&ouml;hnte er.</p>
+
+<p>Auf Gro&szlig;mamas Bitten berichtete er von seinem Verh&auml;ltnis
+zu dem M&auml;dchen. Ich glaube, sie war anst&auml;ndiger
+armer Leute Kind; Onkel Walter hatte sie
+f&uuml;rs Theater ausbilden lassen und an irgendeiner
+B&uuml;hne untergebracht: &raquo;Talent hat sie keins, aber sie ist
+h&uuml;bsch, damit wird sie sich schon weiter helfen! F&uuml;r
+das Kind aber, dessen Vaterschaft mir einigerma&szlig;en
+sicher ist, mu&szlig; gesorgt werden!&laquo;</p>
+<p><a name="Page_72" id="Page_72"></a></p>
+<p>&raquo;Und du &mdash; du bist mein Sohn!&laquo; h&ouml;rte ich Gro&szlig;mama
+mit halberstickter Stimme sagen. H&auml;tte ich ihr
+nur zu F&uuml;&szlig;en fallen und ihre H&auml;nde k&uuml;ssen k&ouml;nnen!</p>
+
+<p>Nach langer, peinvoller Stille fing sie wieder zu
+sprechen an: mit ruhiger Gesch&auml;ftsm&auml;&szlig;igkeit, wie zu
+einem v&ouml;llig Fremden, setzte sie Onkel Walter auseinander,
+welche Schritte zur Regelung seiner Angelegenheiten
+zu tun seien, und zu welchem Zeitpunkt sie ihre
+&Uuml;bersiedlung nach Pirgallen vornehmen w&uuml;rde. &raquo;F&uuml;r
+das unschuldige W&uuml;rmchen und die arme Mutter sorge
+ich,&laquo; schlo&szlig; sie, &raquo;und nun gute Nacht!&laquo;</p>
+
+<p>Ohne ein Wort zu erwidern, verlie&szlig; Onkel Walter
+das Zimmer.</p>
+
+<p>Wieviel Schleier, unter denen bisher das Leben sich
+mir verborgen hatte, waren in dieser kurzen Stunde
+zerrissen! Wild klopfte mir das Herz. Da trat Gro&szlig;mama
+&uuml;ber die Schwelle. &raquo;Alixchen!&laquo; rief sie entsetzt.
+Ich sprang auf, und den hei&szlig;en Kopf in die k&uuml;hlen
+Sammetfalten ihres Kleides pressend, erz&auml;hlte ich ihr,
+da&szlig; ich alles, alles geh&ouml;rt h&auml;tte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich, ich will dir helfen, Gro&szlig;mama,&laquo; rief ich, ohne
+eine Antwort von ihr abzuwarten, w&auml;hrend die abenteuerlichsten
+Pl&auml;ne sich in meinem Hirne kreuzten. &raquo;Ich
+komme mit nach Pirgallen, und dann pflege ich das
+kleine Kind, und du brauchst keine Kinderfrau.&laquo; Bittend
+sah ich auf zu ihr; mit wehm&uuml;tigem L&auml;cheln streichelte
+sie mir die gl&uuml;henden Wangen, und durch ihre Liebkosung
+ermuntert, fuhr ich noch eifriger fort: &raquo;Wei&szlig;t
+du, wenn ich das tue, sind doch auch die Eltern mich
+los und brauchen kein Geld f&uuml;r mich auszugeben&laquo; &mdash; &mdash; Gro&szlig;mama
+war noch immer still &mdash; &mdash; &raquo;vielleicht kann
+<a name="Page_73" id="Page_73"></a>ich sogar selbst Geld verdienen. Du hast einmal gesagt,
+da&szlig; viele arme Kinder f&uuml;r Geld arbeiten m&uuml;ssen. Ich
+tanze doch so gut &mdash; Herr Ebel hat mich doch selbst
+unterrichtet &mdash; der nimmt mich gewi&szlig; zum Theater.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du kleiner Hitzkopf du &mdash; was f&uuml;r t&ouml;richte Gedanken
+du dir machst,&laquo; unterbrach mich Gro&szlig;mama.
+&raquo;Komm, la&szlig; uns ruhig miteinander reden,&laquo; damit lie&szlig;
+sie sich in dem tiefen Stuhl nieder, dessen Bezug noch
+Spuren meiner Tr&auml;nen zeigte, und ich kauerte mich ihr
+zu F&uuml;&szlig;en, wie in jenen gl&uuml;cklichen Stunden, wo ich
+ihren M&auml;rchen lauschte. Lange und liebreich sprach sie
+auf mich ein: da&szlig; ich mir die Dinge nicht so schwarz
+ausmalen solle, da&szlig; wir zwar nicht mehr reich, aber
+auch nicht arm seien, da&szlig; ich viel helfen k&ouml;nne, wenn
+ich meiner Mutter das Leben erleichtere, wenn ich &uuml;berfl&uuml;ssige
+W&uuml;nsche unterdr&uuml;cke und t&uuml;chtig lerne, damit ich
+einmal, falls es n&ouml;tig sein sollte, auf eignen F&uuml;&szlig;en
+zu stehen verm&ouml;chte. Meine heroische Opferwilligkeit
+wurde nicht wenig herabgestimmt. Gar kl&auml;glich kam
+mir vor, was Gro&szlig;mama mir als eine Aufgabe ans
+Herz legte. &raquo;Und &mdash; das kleine Kind?&laquo; wagte ich noch
+einmal sch&uuml;chtern zu bemerken. Die feinen Adern auf
+Gro&szlig;mamas Schl&auml;fen schwollen. &raquo;Versprich mir, da&szlig;
+du niemandem sagst, was du von ihm geh&ouml;rt hast,&laquo;
+sagte sie, mir ernst und fest ins Auge blickend. &raquo;Ich
+verspreche es,&laquo; hauchte ich.</p>
+
+<p>Gro&szlig;mama k&uuml;&szlig;te mir beide Wangen. &raquo;So, nun
+komm! Ich bring dich in dein Bettchen, und morgen
+ist das alles nichts als ein Traum f&uuml;r dich.&laquo; Still
+und in mich gekehrt folgte ich ihr.</p>
+
+<p>Als sie aber die Decke an den Bettpfosten befestigt
+<a name="Page_74" id="Page_74"></a>hatte, &mdash; ich pflegte sie sonst im Traume von mir zu
+werfen &mdash;, und, die H&auml;nde gefaltet, neben mir stand,
+mein Abendgebet erwartend, richtete ich mich noch einmal
+auf: &raquo;Gro&szlig;mama, liebe Gro&szlig;mama,&laquo; kam es mit
+Anstrengung &uuml;ber meine Lippen, &raquo;sag mir doch, ist eine
+Geliebte dasselbe wie eine Frau?&laquo; Und sie gab mir
+eine Antwort, wie ich sie noch auf keine Frage von ihr
+erhalten hatte: &raquo;Kind, das verstehst du nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Mein Abendgebet verga&szlig;en wir danach alle beide.</p>
+
+<p>Trotz des gemeinsamen Geheimnisses, um das meine
+Gedanken sich in der Stille unaufh&ouml;rlich drehten, trat
+seitdem eine leise und noch lange nachwirkende Entfremdung
+zwischen uns ein. Ich aber achtete von nun an genau
+auf meine Umgebung, auf alles, was geschah und was
+gesprochen wurde. Ich merkte, da&szlig; Papa mir seltner
+etwas mitbrachte als fr&uuml;her, wo er fast immer eine
+Schachtel Bonbons oder ein Spielzeug f&uuml;r mich in der
+Tasche gehabt hatte. Und wenn er es jetzt noch tat, so
+war Mamas Emp&ouml;rung &uuml;ber die &raquo;Verschwendung&laquo; so
+gro&szlig;, da&szlig; mir von vornherein jede Freude verging. Ich
+sah, wie im stillen &uuml;berall gespart und geknausert wurde,
+ohne da&szlig; sich nach au&szlig;en viel ver&auml;nderte: unsre alte
+franz&ouml;sische K&ouml;chin machte einer deutschen Platz, die keine
+Kuchen und Pasteten backen konnte, an Stelle der Jungfer
+trat ein Hausm&auml;dchen, unter deren H&auml;nden Mamas
+blonder Kopf nicht mehr zu einem Kunstwerk wurde wie
+fr&uuml;her. Nur der Wilhelm, der Diener, blieb, und seine
+stets gleichm&auml;&szlig;ig unbeweglichen Z&uuml;ge verrieten niemandem,
+wie anders es im Hause der Herrschaft geworden
+war; er schenkte den billigen Mosel bei Tisch
+mit derselben W&uuml;rde ein, wie den teuren Rheinwein fr&uuml;her.</p>
+
+<p><a name="Page_75" id="Page_75"></a>Aber noch mehr, als ich sah, h&ouml;rte ich, und lernte
+rasch ein halbes Wort, ein vielsagendes L&auml;cheln
+verstehen: da mu&szlig;te der eine den Abschied nehmen, weil
+er sein &raquo;Verh&auml;ltnis&laquo; geheiratet hatte, und der andre
+ruinierte sich eines &raquo;Frauenzimmers&laquo; wegen; da wurde
+einer im Duell erschossen, weil seine Frau auf dem
+Zimmer eines Schauspielers gefunden worden war, und
+eine andre wurde in der Gesellschaft &raquo;unm&ouml;glich&laquo;, weil
+sie ihren Mann heimlich verlassen hatte. Bei alledem
+schwebte mir immer Onkel Walters Geliebte vor, die
+Mutter seines Kindes, der meine Phantasie die Gestalt
+der duldenden Madonna gegeben hatte, und ich nahm im
+Innern unentwegt Partei f&uuml;r ihre Leidensgef&auml;hrtinnen.</p>
+
+<p>Im Sommer gingen wir wieder nach Oberbayern.
+Mein schwaches Herz, das sich in Ohnmachtsanf&auml;llen
+allzu h&auml;ufig bemerkbar machte, bedurfte der St&auml;rkung
+durch die Bergluft. Aber meine Freude &uuml;ber das Reiseziel
+sollte eine erhebliche Einbu&szlig;e erfahren: statt im
+Rosenhaus zu wohnen, bei Tante Klotilde, blieben wir
+in Garmisch im Hotel. Als wir das erstemal zu ihr
+kamen, war ich steif und still. Selbst als der Sepp
+mit einem Strau&szlig; von Orchideen, die ich ihrer m&auml;rchenhaften
+Formen wegen immer besonders liebte, vor mir
+stand, lie&szlig; ich mich nicht bewegen, mit ihm zu spielen.
+&raquo;Das Fr&auml;ulein ist wohl ganz preu&szlig;isch geworden,&laquo; sagte
+Tante Klotilde sp&ouml;ttisch. Ich sah sie b&ouml;se an. Sie
+hatte keine Spur von Verst&auml;ndnis f&uuml;r mich; sie wu&szlig;te
+nicht, da&szlig; ich die Kosth&auml;ppchen des Lebens nie leiden
+konnte. Wer nicht das ganze k&ouml;stliche Gericht haben
+kann, f&uuml;r den ist eine Probe davon nur eine grausame
+Mahnung an das, was er entbehrt.</p>
+
+<p><a name="Page_76" id="Page_76"></a>Es blieb bei kurzen Besuchen am Rosensee; nur selten
+holte die Tante uns zum Spazierenfahren ab und unterlie&szlig;
+es dabei nie, ihrem &Auml;rger &uuml;ber die Nichte, die eine
+&raquo;gelbe Hopfenstange&laquo; geworden w&auml;re, Luft zu machen.
+Ich war bisher so gew&ouml;hnt gewesen, bewundert zu
+werden, da&szlig; mich ihre Bemerkung einigerma&szlig;en in Erstaunen
+setzte. Der Spiegel sprach f&uuml;r ihre Richtigkeit.
+Diese Entdeckung steigerte nur meine morose Stimmung.
+Ich hatte niemanden, der mich ihr h&auml;tte entrei&szlig;en k&ouml;nnen;
+Mama hielt mich abwechselnd f&uuml;r unartig oder f&uuml;r launisch;
+sie befand sich &uuml;berdies bald in einer ihr sehr angenehmen
+Gesellschaft und war daher ganz zufrieden, da&szlig;
+ich gar keine Anspr&uuml;che an sie stellte, sondern am liebsten
+allein mit meinem Buch im Hotelgarten sa&szlig;. Die B&auml;ume
+darin standen in Reih und Glied, wie Soldaten, und
+verbargen, trotz ihrer D&uuml;rftigkeit, den Kranz der fernen
+Berge; um aber jedes Gef&uuml;hl f&uuml;r die Gro&szlig;artigkeit der
+Natur vollends zu verwischen, pl&auml;tscherte ein d&uuml;nner,
+kleiner Springbrunnen in der Mitte. Hier konnte ich
+zeitweise vergessen, da&szlig; ich dem alten grauen Freund,
+dem Waxenstein, so nahe und er mir doch so unerreichbar
+fern war.</p>
+
+<p>Ich blieb nicht lange allein. Ein junger Mensch mit
+fuchsig rotem Haar und einem Gesicht voll gelber Sommersprossen,
+der mit seiner Mutter, einer Schriftstellerin, an
+der Table d'hote neben uns sa&szlig;, gesellte sich immer h&auml;ufiger
+zu mir und r&uuml;mpfte immer deutlicher die Nase &uuml;ber
+meine Lekt&uuml;re. Freilich: das ganze Elend der damaligen
+Jugendliteratur konnte nicht deutlicher zum Ausdruck
+kommen als hier. Gegen den gr&auml;&szlig;lichen Nieritz mit
+seiner Zuckerwassermoral hatte ich schon selbst protestiert,
+<a name="Page_77" id="Page_77"></a>daf&uuml;r herrschten jetzt Ottilie Wildermut und Elise Polko,
+die der gesitteten h&ouml;hern Tochter in hundert Variationen
+stets dasselbe predigten: der Mann ist deines Lebens
+Ziel und Zweck. Hans Guntersberg, froh, eine so dankbare
+Zuh&ouml;rerin f&uuml;r seine Primanerweisheit gefunden zu
+haben, erz&auml;hlte mir von seinen Lieblingsb&uuml;chern, und von
+niemandem schw&auml;rmte er mehr als von Paul Heyse.
+Ein Buch nach dem andern brachte er mir, um mir daraus
+die seiner Meinung nach sch&ouml;nsten Stellen mit dem Pathos
+eines Vorstadttrag&ouml;den vorzulesen. Sein ganzer Koffer
+steckte voller B&uuml;cher und sein Kopf voller Liebesgeschichten,
+wobei es kein Wunder war, da&szlig; es in dem einen an
+Platz f&uuml;r frische Kragen, in dem andern an Interesse
+f&uuml;r klassische Sprachen fehlte. Er war n&auml;mlich schon
+zwanzig Jahre alt. Seine k&ouml;rperliche N&auml;he war mir
+widerw&auml;rtig, und meine Sehnsucht nach seinen B&uuml;chern
+stand immer in hartem Kampf mit meiner Antipathie
+gegen seine Pers&ouml;nlichkeit. Er mochte f&uuml;hlen, was ihn
+allein f&uuml;r mich anziehend machte und gab daher seine
+Sch&auml;tze nicht aus der Hand. Pl&ouml;tzlich kam er nicht mehr
+und antwortete mir ausweichend, als ich ihn abends nach
+der Ursache frug. Am n&auml;chsten Tag schlich ich ihm nach
+und fand ihn in der Laube des Nebenhauses mit einem
+M&auml;dchen, das nicht nur erheblich &auml;lter, sondern auch
+viel h&uuml;bscher war als ich. In seiner bekannten Schauspielerpose
+stand er vor ihr und deklamierte, w&auml;hrend der Schwei&szlig;
+ihm in Perlen auf der sommersprossigen Stirn stand. Halb
+belustigt, halb ver&auml;rgert wandte ich mich ab. Ich g&ouml;nnte
+der Rivalin den Kurmacher, aber seine B&uuml;cher g&ouml;nnte
+ich ihr nicht. Vielleicht gab er sie mir jetzt, da seine
+Person anderweitig untergebracht war. Er lachte mich
+<a name="Page_78" id="Page_78"></a>aus, als ich ihn darum bat: &raquo;F&uuml;r dumme G&ouml;hren wie
+dich ist das noch nichts.&laquo; Mir fiel ein Laden in Partenkirchen
+ein, der alle leiblichen und geistigen Bed&uuml;rfnisse
+der Sommerg&auml;ste zu befriedigen pflegte. Heyses Novellen
+hatte er gewi&szlig;. Das Schlimme war nur, da&szlig; ich kein
+Geld besa&szlig;. An meinem Geburtstag hatte ich in Erinnerung
+an Gro&szlig;mamas Ratschl&auml;ge das Goldst&uuml;ck von
+Tante Klotilde unber&uuml;hrt gelassen. Mama sollte mir
+zum Winter ein Kleid davon kaufen, dieser Wunsch &mdash; ein
+erstes Zeichen praktischen Verst&auml;ndnisses &mdash; war durch
+einen der seltnen m&uuml;tterlichen K&uuml;sse belohnt worden. Sie
+f&uuml;r diesen Zweck nun doch um das Geld zu bitten, w&auml;re
+t&ouml;richt gewesen; bestenfalls h&auml;tte sie meinen Lesehunger
+durch einen neuen Band Wildermut gestillt. Und doch
+hatte ich ein Recht darauf &mdash; es war mein Eigentum &mdash;,
+ich konnte tun damit, was ich wollte; Mama hatte es
+sogar selbst in mein Portemonnaie gesteckt, das in der
+Kommode unter den Taschent&uuml;chern lag. Tagelang k&auml;mpfte
+ich mit mir, &mdash; aber das Verlangen wurde um so st&auml;rker,
+als ich Stunden und Stunden nichts mit mir anzufangen
+wu&szlig;te; endlich konnt ich nicht l&auml;nger widerstehen: unter
+dem Vorwand, ein Taschentuch haben zu m&uuml;ssen, verschaffte
+ich mir den Schl&uuml;ssel und nahm mein Portemonnaie
+an mich. In fliegender Hast, als brenne der Boden unter
+mir, lief ich die Treppen hinunter durch die Stra&szlig;e nach
+Partenkirchen. F&uuml;r meine Mutter, sagte ich verwirrt
+und stotternd im Laden, sollte ich Heyses Novellen kaufen.
+Verwundert sah man mich an, als ich ein ganzes Goldst&uuml;ck
+vorwies. Mit mehreren B&auml;nden beladen lief ich
+zur&uuml;ck; die Eile, die Angst vor Entdeckung, das klopfende
+Gewissen lie&szlig;en mein Herz immer st&uuml;rmischer schlagen.<a name="Page_79" id="Page_79"></a>
+Gl&uuml;hende Funken tanzten vor meinen Augen; zuweilen
+wars dann wieder, als h&uuml;llten schwarze Schleier sie ein.
+Ungesehen kam ich ins Hotel zur&uuml;ck und hatte noch gerade
+so viel Kraft, mein Paket in die leere Reisetasche zu
+stecken, als der Schwindel mich packte und ich zusammenbrach.
+Auf meinem Bett, umringt von der Mutter, dem
+Arzt, dem Stubenm&auml;dchen, das mich zuerst gefunden
+hatte, fand ich mich wieder. Die Hotelk&uuml;che sei nichts
+f&uuml;r mich &mdash; es fehle mir an Bewegung &mdash; Garmisch
+sei zu hei&szlig; &mdash; die Baronin Artern m&uuml;sse mich ins Rosenhaus
+nehmen, da w&uuml;rde das dumme Herzchen schon zur
+R&auml;son kommen &mdash; h&ouml;rte ich des alten Doktors freundliche
+Stimme sagen. Er fuhr selbst nach Grainau, um
+mit der Tante zu reden. Schon am n&auml;chsten Tag sollte
+ich hin&uuml;ber. Der Gedanke an die versteckten B&uuml;cher
+lie&szlig; zun&auml;chst meine Freude nicht aufkommen. Ich benutzte
+den Augenblick, wo Mama zum Essen hinunter
+ging, um mich hastig anzuziehen, nahm das verh&auml;ngnisvolle
+Paket und trug es mit wankenden Knien in den
+Garten. Dort, unter einem Fliederbusch, vergrub ich
+ein Buch nach dem andern in der Erde; nur eins &mdash; das
+letzte, ein d&uuml;nnes B&auml;ndchen, versenkte ich in meine
+Kleidertasche. Dann erst kam mir die bedenkliche Moralit&auml;t
+des Ereignisses zum Bewu&szlig;tsein: statt der Strafe
+f&uuml;r meine S&uuml;nden erwartete mich das Rosenhaus, meiner
+st&auml;ndigen stillen Sehnsucht Ziel!</p>
+
+<p>Ich verlebte stille, wundervolle Wochen dort. Da ich
+weder Kraft noch Lust hatte, soviel umherzuklettern wie
+im vorigen Jahr und die alte Kathrin mich &uuml;berdies
+mehr denn je in ihren Schutz nahm, fand die Tante
+nicht allzuviel Ursache zum Schelten. Und der Sepp
+<a name="Page_80" id="Page_80"></a>erwies sich als der treuste, r&uuml;cksichtsvollste Kamerad.
+Er strahlte &uuml;ber das ganze braune Gesicht vor Freude
+&uuml;ber meine Ankunft; er lie&szlig; sich willig mit Plaid und
+Mantel bepacken, wenn ich daf&uuml;r nur wieder mit ihm
+gehen durfte; er hob mich, das lange M&auml;del, das ihn
+an Gr&ouml;&szlig;e betr&auml;chtlich &uuml;berragte, &uuml;ber jeden Bach, jede
+sumpfige Stelle. Und gleich am ersten Tage f&uuml;hrte er
+mich mit geheimnisvoll verlegenem L&auml;cheln durch den
+Wald bis zu dem H&uuml;gel, unter dem der Badersee gr&uuml;n
+aufleuchtete und Waxenstein und Zugspitze her&uuml;bergr&uuml;&szlig;ten,
+als w&auml;re es nur ein Vogelflug bis zu ihnen.
+Dort unter der alten Buche hatte er mir eine Bank
+gezimmert und in ungef&uuml;gen Buchstaben ein &raquo;Alix&laquo; in
+die Lehne geschnitten. Dort nahm ich zum erstenmal
+mein gerettetes Buch aus der Tasche: &raquo;L'Arrabiata&laquo;
+war es. Ich wei&szlig; heute nichts mehr von seinem Inhalt;
+ich wei&szlig; nur, da&szlig; das kleine Werk mich in einen
+Traum von Sch&ouml;nheit verstrickte, da&szlig; ein Gluthauch von
+Leidenschaft mir daraus entgegenstr&ouml;mte, die mich mir
+selbst entrissen. Wenn ich morgens erwachte, solange
+noch alles still im Hause war, zog ich immer h&auml;ufiger
+mein Notizbuch unter dem Kopfkissen hervor und schrieb
+in Versen nieder, was mich bewegte, und was ich niemandem
+h&auml;tte sagen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Im Sp&auml;therbst kehrten wir heim. Es war mir eine
+Erleichterung, Gro&szlig;mama nicht mehr vorzufinden, &mdash; ich
+h&auml;tte ihr nicht in die Augen zu sehen vermocht. Wie
+wenig hatte ich mich ihres Vertrauens w&uuml;rdig gezeigt,
+wie schwach, wie schlecht war ich gewesen! Das sollte
+nun anders, ganz anders werden. Durch t&auml;gliche Opfer
+wollte ich gut machen, was ich verbrochen hatte. Mit
+<a name="Page_81" id="Page_81"></a>wahrer Leidenschaft st&uuml;rzte ich mich in die selbstgew&auml;hlte
+Aufgabe und nahm gleich das schwerste auf mich, was
+es f&uuml;r mich geben konnte: Handarbeiten. Der Eifer,
+mit dem eine b&uuml;&szlig;ende Nonne sich gei&szlig;elt, konnte nicht
+hingebungsvoller sein als der, mit dem ich Str&uuml;mpfe
+stopfte! Rascher, als er erlahmte, machte meines Vaters
+Versetzung nach Posen ihm ein Ende. Ich sah dieses
+Verschlagenwerden nach einer Stadt, von der niemand
+etwas Gutes zu sagen wu&szlig;te, als eine gerechte Strafe
+f&uuml;r meine S&uuml;nden an. Keine Lockungen der Eitelkeit
+und des Vergn&uuml;gens w&uuml;rden mich dort dem Ernst des
+Lebens entrei&szlig;en.</p>
+
+<p>An einem der letzten Abende vor der Abreise sa&szlig;en
+wir zwischen hochaufget&uuml;rmten Kisten um den E&szlig;zimmertisch.
+Schwarz starrten die vorhanglosen Fenster zu
+mir her&uuml;ber, vor denen ich stets ein Grauen empfand,
+wie vor offenen Gr&auml;bern. Mama trug ihren unscheinbarsten
+Morgenrock, ich &mdash; im Vollgef&uuml;hl gr&ouml;&szlig;ter Selbstentsagung &mdash; eine
+Sch&uuml;rze. Nur der Wilhelm wahrte
+auch inmitten der Unordnung des Umzugs die Form:
+tadellos, wie stets, war sein Frack, blank geputzt, wie
+immer, der silberne Teller, auf dem er Mama einen
+Brief pr&auml;sentierte. &raquo;Aus dem Kabinett Ihrer Majest&auml;t
+der Kaiserin,&laquo; sagte er mit der Miene ehrfurchtsvoller
+Devotion. Mamas Gesicht erhellte sich, w&auml;hrend sie las.
+&raquo;Das ist wirklich ein Gl&uuml;cksfall&laquo;, &mdash; damit reichte sie
+den Brief meinem Vater. Ihm stieg das Blut zu Kopf
+bei der Lekt&uuml;re; die Adern schwollen ihm auf der Stirn;
+er r&auml;usperte sich immer heftiger. &raquo;Das hast du ja mal
+wieder fein eingef&auml;delt,&laquo; rief er schlie&szlig;lich mit dr&ouml;hnender
+Stimme, warf den Brief auf den Tisch und sprang
+<a name="Page_82" id="Page_82"></a>vom Stuhl auf. Ich erhob mich gleichfalls, um m&ouml;glichst
+rasch zu verschwinden. &raquo;Du bleibst!&laquo; schrie Papa
+w&uuml;tend, mein Handgelenk umklammernd. &raquo;Alix ist
+schlie&szlig;lich die Hauptperson, &mdash; mag sie entscheiden,&laquo;
+f&uuml;gte er hinzu und reichte mir trotz Mamas entr&uuml;stetem
+&raquo;Aber Hans, wie unp&auml;dagogisch!&laquo; den gewichtigen,
+gro&szlig;en Bogen. Er enthielt die kurze Mitteilung, da&szlig;
+&raquo;Ihre Majest&auml;t gn&auml;digst geruht habe, Fr&auml;ulein Alix
+von Kleve eine Freistelle im Augustastift zu bewilligen,&laquo;
+und die Bemerkung von der Kaiserin eigener
+Hand &raquo;sie freue sich, die Enkelin ihrer lieben Jugendfreundin
+Jenny in die ihrem Herzen so nahe stehende
+Anstalt aufnehmen zu k&ouml;nnen.&laquo; Im Fluge erschienen all
+die Bilder des Stifts vor mir, die ich bei meinen Besuchen
+mit Gro&szlig;mama oft genug gesehen und meinem
+Vater oft genug geschildert hatte: Alles war Uniform
+dort, von der Kleidung bis zur Gesinnung, und von den
+weiten Schlafs&auml;len bis zum Garten atmete alles denselben
+Geist: den der Hygiene, der P&uuml;nktlichkeit, der
+Ordnung. Da gab es kein stilles Pl&auml;tzchen und keine
+Zeit zum Tr&auml;umen. Das, was mir von klein auf das
+tiefste Bed&uuml;rfnis gewesen war: allein sein zu k&ouml;nnen
+mit meinen Gedanken, w&auml;re hier Tag und Nacht unbefriedigt
+geblieben. Aber war es nicht vielleicht die
+Hand Gottes, die mir grade diesen Weg der Bu&szlig;e
+wies? W&uuml;rde ich nicht mit einem Schlage meine Eltern
+von dr&uuml;ckenden Sorgen befreien, wenn ich ihn, ohne
+R&uuml;cksicht auf meine W&uuml;nsche, tapfer betrat? Erwartungsvoll
+fragend sah Papa mich an. Und leise,
+mit gesenkten Augen sagte ich: &raquo;Es wird wohl das beste
+f&uuml;r mich sein!&laquo;</p>
+<p><a name="Page_83" id="Page_83"></a></p>
+<p>&raquo;Ihr habt ja das M&auml;del gut klein gekriegt,&laquo; h&ouml;hnte
+Papa, &raquo;aber ich geb das nie und nimmer zu! So
+stehts noch nicht mit mir, da&szlig; ich meine Tochter das
+Gnadenbrot essen lie&szlig;e! &mdash; Sie bleibt zu Hause, wo sie
+hingeh&ouml;rt, sie wird nicht zum Hofschranzen erzogen &mdash; und
+damit basta!&laquo;</p>
+
+<p>Mama blieb still. Ich wurde ins Bett geschickt,
+h&ouml;rte aber noch lange des Vaters heftige Stimme: mein
+Schicksal, das f&uuml;hlte ich, wurde dort dr&uuml;ben entschieden.</p>
+
+<p>Am Tage darauf mu&szlig;te ich mich auf des Vaters
+Kniee setzen, und mit einer weichen Z&auml;rtlichkeit, die er
+selten zu zeigen pflegte, sprach er auf mich ein:</p>
+
+<p>&raquo;Du bist mein einziges Kind, Alixchen, und meine
+ganze Lebensfreude. Wenn ich dich von mir gebe, so
+hei&szlig;t das, dich verlieren, denn fremde Einfl&uuml;sse werden
+auf dich wirken, die meinem Denken und F&uuml;hlen entgegengesetzt
+sind. Glaube mir: niemand meint es so
+gut mit dir wie ich, wenn ich auch oft grob und heftig
+bin, &mdash; und niemand kann dich lieber haben.&laquo; Mit
+feuchten Augen sah er mich an: &raquo;Willst du deinen
+armen alten Vater wirklich verlassen, mein Kind?&laquo;</p>
+
+<p>Schluchzend schlang ich die Arme um seinen Hals:
+&raquo;Ich bleibe bei dir, Papa.&laquo;</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_84" id="Page_84"></a></p>
+<h2><a name="Drittes_Kapitel" id="Drittes_Kapitel"></a>Drittes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Wir sa&szlig;en um den runden Mahagonitisch
+beim Nachmittagskaffee; von der H&auml;ngelampe
+mit dem gr&uuml;nen Schirm fiel ein
+warmes Licht auf den zierlich gedeckten Tisch mit seinen
+Kristalltellern und Sahnenn&auml;pfchen und seinen alten,
+wei&szlig;en, wappengeschm&uuml;ckten Porzellantassen; die dickbauchige
+silberne Kaffeekanne blitzte, und der gro&szlig;e Napfkuchen
+duftete sonnt&auml;glich. Mit lustigem Prasseln &uuml;bert&ouml;nten
+die brennenden Holzscheite im Kamin die gr&auml;mliche
+Herbststimme des Novemberregens drau&szlig;en.</p>
+
+<p>&raquo;Doktor Hugo Meyer,&laquo; meldete der Diener und &ouml;ffnete
+die T&uuml;r vor dem Erwarteten. Mein Vater stand
+auf. &raquo;Dein Erziehungsapparat,&laquo; fl&uuml;sterte er mir l&auml;chelnd
+zu. Ich war wenig neugierig. Sie waren bisher einander
+alle &auml;hnlich gewesen: grauhaarige M&auml;nner mit
+krummen R&uuml;cken und schmutzigen Fingern&auml;geln, &auml;ltliche,
+bebrillte Fr&auml;uleins mit blutleeren Lippen &mdash; wirklich:
+nur gleichm&auml;&szlig;ig funktionierende &raquo;Erziehungsapparate&laquo;,
+aber keine Erzieher.</p>
+
+<p>Pflichtschuldigst erhob ich mich, als Papa mich dem
+neuen Lehrer vorstellte, den er nach vielem Suchen f&uuml;r
+mich gefunden hatte. &raquo;Hier ist unsere Alix, Herr Doktor!
+Ein gro&szlig;es M&auml;del, nicht wahr? Sie werden sich
+<a name="Page_85" id="Page_85"></a>t&uuml;chtig anstrengen m&uuml;ssen, damit der Geist sich streckt,
+wie der K&ouml;rper.&laquo; Ich reichte ihm die Hand; sein
+warmer, kr&auml;ftiger H&auml;ndedruck lie&szlig; mich erstaunt zu ihm
+aufsehen, &mdash; meine fr&uuml;heren Lehrer hatten mir immer
+nur die Fingerspitzen ber&uuml;hrt, was mich von vornherein
+hatte fr&ouml;steln lassen.</p>
+
+<p>Ein gro&szlig;er, breitschultriger Mann stand vor mir;
+ein paar gute Augen von einem so reinen Blau,
+wie es mir noch bei keinem Menschen begegnet
+war, sahen mich forschend an. Und doch konnte ich
+nur schwer ein L&auml;cheln verbergen: wie schlecht pa&szlig;te
+der Mann, dachte ich, in den langen korrekten schwarzen
+Rock. Eines Arminius Lederwams und Panzer h&auml;tte
+ihm besser gestanden, und unter einem B&uuml;ffelhelm w&uuml;rde
+der breite Germanenkopf mit dem gelockten r&ouml;tlichen
+Haar und dem dichten Bart nie den Gedanken an einen
+preu&szlig;ischen Gymnasiallehrer haben aufkommen lassen. Er
+err&ouml;tete unter meinem Blick und setzte sich mit einer
+ungeschickt verlegenen Bewegung, den Zylinder immer
+noch in der Hand, auf den Rand des ihm angebotenen
+Stuhles. Es bedurfte der ganzen gesellschaftlichen Geschicklichkeit
+meiner Mutter und der jovialen Liebensw&uuml;rdigkeit
+meines Vaters, um eine Unterhaltung in
+Flu&szlig; zu bringen. Erst als das Gespr&auml;ch sich ausschlie&szlig;lich
+auf des Besuchers eigentliches Gebiet konzentrierte,
+wurde er lebendig, und je mehr er den
+schwarzen Rock und das Zeremoniell der Salonkonversation
+verga&szlig;, desto st&auml;rker trat seine Natur hervor:
+die eines Menschen voll Jugendkraft und Enthusiasmus.
+Ich empfand sie, wie ich den sch&auml;umenden Gie&szlig;bach und
+die dunkeln, schattenden B&auml;ume in dem k&uuml;hlen, gr&uuml;nen<a name="Page_86" id="Page_86"></a>
+Grund der Maxklamm empfand, wenn ich von den
+sommerschw&uuml;len Wiesen Grainaus dorthin fl&uuml;chtete.
+Ein tiefes Aufatmen ging durch meine Seele. Ich
+&ouml;ffnete den Mund nicht w&auml;hrend des ganzen Besuchs,
+und er richtete nie das Wort an mich. Da&szlig; ich seinen
+H&auml;ndedruck beim Abschied herzhaft erwiderte, war das
+einzige Zeichen meines Willkommens.</p>
+
+<p>Am Abend desselben Sonntags war es; die Stunde,
+in der mein Vater f&uuml;r W&uuml;nsche am zug&auml;nglichsten, f&uuml;r
+Widerspruch am wenigsten empfindlich war. Dann
+pflegte Mama mit gekreuzten Armen tief in der Sofaecke
+seines Zimmers zu sitzen, der Patience zuschauend,
+die er, als bestes Nervenberuhigungsmittel, wie er
+meinte, allabendlich zu legen pflegte. Ich las w&auml;hrenddessen
+oder tr&auml;umte vor mich hin.</p>
+
+<p>&raquo;Wir h&auml;tten Alix doch in die Schule schicken sollen,&laquo;
+begann Mama.</p>
+
+<p>&raquo;Damit sie mit f&uuml;nfzig Cohns und Goldsteins in einer
+Klasse sitzt! Na, Gottlob, ist das Thema seit heute erledigt,&laquo;
+antwortete er.</p>
+
+<p>&raquo;Und da&szlig; er ihr keine Religionsstunde geben will, ist
+doch auch bedenklich,&laquo; fuhr sie fort.</p>
+
+<p>&raquo;Das ists grade, was mir pa&szlig;t,&laquo; sagte er mit etwas
+erhobener Stimme, &raquo;den Katechismus kann sie am
+Schn&uuml;rchen, die Kirchenlieder auch, alles &uuml;brige l&auml;&szlig;t
+sich nicht lehren und nicht lernen, wenn mans nicht erf&auml;hrt.
+Und zu dieser Religionserziehung sind die Herren
+Eltern da.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich freue mich auf die Stunden,&laquo; unterbrach ich
+das Gespr&auml;ch, in der Angst, es k&ouml;nne sich zu einer
+Szene steigern.</p>
+<p><a name="Page_87" id="Page_87"></a></p>
+<p>&raquo;Jedenfalls mu&szlig; ich immer dabei sein,&laquo; seufzte darauf
+Mama.</p>
+
+<p>Ich erschrak. Vor niemandem vermochte ich so wenig
+aus mir herauszugehen wie vor ihr. L&auml;hmend wirkte
+ihre K&uuml;hle auf mich. Wie eine stumme Geige war ich
+in ihrer N&auml;he: gehorsam geben die Saiten dem Spiel
+der Finger nach, aber mit keinem Ton antworten sie
+ihnen.</p>
+
+<p>&raquo;Warum denn, Mama?&laquo; frug ich mit zuckenden Lippen,
+die Augen bittend auf sie gerichtet, &raquo;ich werde sicher
+gut aufpassen und immer flei&szlig;ig sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glaubst du vielleicht, ich tus aus Vergn&uuml;gen?!&laquo;
+Ihre Stimme wurde sch&auml;rfer: &raquo;Es schickt sich einfach
+nicht, euch allein zu lassen!&laquo;</p>
+
+<p>Eine unklare Empfindung, als habe mich etwas
+Unreinliches ber&uuml;hrt, trieb mir die Schamr&ouml;te in die
+Wangen.</p>
+
+<p>Wir verstummten alle. Tiefer senkte ich den Kopf
+auf mein Buch, aber ich sah die Worte nicht; ich h&ouml;rte
+auf den Regen, der eint&ouml;nig gegen die Fensterscheiben
+schlug. Das Kaminfeuer nebenan war erloschen.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Nachmittag begann der Unterricht. Mama
+sa&szlig; richtig mit einer Handarbeit dabei. Ihre Gegenwart
+schien auch der Lehrer peinlich zu empfinden, er kam
+nicht in die Stimmung, die mich an ihm mit so viel
+Hoffnung erf&uuml;llt hatte, und wir waren schlie&szlig;lich sichtlich
+entt&auml;uscht voneinander. Wochenlang blieb alles beim
+alten, und ich sagte mir mit altkluger Bitterkeit, da&szlig; ich
+mich eben wieder einmal umsonst gefreut h&auml;tte. Aber
+mit dem nahenden Winter nahm die Gef&auml;lligkeit zu, und
+schlie&szlig;lich war sie derma&szlig;en ausgedehnt, da&szlig; ich meine<a name="Page_88" id="Page_88"></a>
+Eltern fast nur zu Tisch noch sah. Besuche, Diners,
+B&auml;lle, Wohlt&auml;tigkeitsvorstellungen folgten einander auf
+dem Fu&szlig;. Meine Mutter hatte nur noch Zeit, die pflichtgem&auml;&szlig;e
+Mittagspromenade mit mir zu machen und
+meinen Lehrer zu begr&uuml;&szlig;en, wenn er kam. T&auml;glich
+wiederholte sich dabei dieselbe Szene: mit linkischer Verbeugung
+und verlegenem H&uuml;steln, das sein gewaltiger
+Brustkasten L&uuml;gen strafte, trat er ein. &raquo;Sind Sie zufrieden
+mit Alix?&laquo; frug Mama. &raquo;O sehr,&laquo; antwortete
+er. Ihm freundlich zunickend, mir rasch die Stirne k&uuml;ssend,
+verabschiedete sie sich, und mit einem Gef&uuml;hl der Erleichterung
+nahmen wir einander gegen&uuml;ber Platz. Der
+Diener brachte den Kaffee, der, wie Papa gemeint hatte, eine
+Unterhaltung und damit ein n&auml;heres Bekanntwerden von
+Lehrer und Sch&uuml;lerin herbeif&uuml;hren sollte. Aber es kam
+nie dazu. <em class="antiqua">Dr.</em> Meyer schluckte hastig den gebotnen
+braunen Trank herunter und zerbr&ouml;ckelte schweigsam den
+Kuchen zwischen den Fingern, w&auml;hrend er meine Hefte
+durchsah. Erst durch den Lehrstoff, den er vortrug, taute
+er auf, und je mehr die Zeit vorr&uuml;ckte, desto heller leuchteten
+seine Augen, desto reicher str&ouml;mten ihm alle Mittel
+eindrucksvoller Rede zu. War mein ganzer bisheriger
+Unterricht nichts als eine Anh&auml;ufung von Regeln, Versen
+Namen, Zahlen und Daten gewesen, so leblos und
+reizlos f&uuml;r mich, wie das Spielzeug, mit dem Onkels
+und Tanten meine Schubl&auml;den f&uuml;llten, so str&ouml;mte jetzt
+mit ihm das Leben selbst mir zu, dessen F&uuml;lle ich in
+atemloser Aufmerksamkeit, in herzklopfender Erregung zu
+fassen und zu halten versuchte. Die toten Helden der
+Geschichte wurden lebendig vor mir; alle, die um der
+Freiheit und der Gerechtigkeit willen geblutet hatten, &mdash; von<a name="Page_89" id="Page_89"></a>
+Leonidas und Tiberius Gracchus bis zu den Amerikanern,
+den Griechen, den Polen der Neuzeit &mdash;, zeigten
+mir ihre Narben und Wunden, und meine Begeisterung
+entflammte sich an ihren Taten und Leiden. Die
+Dichter sprachen zu mir, und die Lehrer und die Propheten
+der Menschheit brachten dem kleinen M&auml;dchen
+die unverg&auml;nglichsten ihrer Sch&auml;tze. Wenn sie auch
+ihren Wert noch nicht zu w&uuml;rdigen verstand, so erkannte
+sie doch mit inbr&uuml;nstigem Schauern ihren Reichtum, und
+die Welt, bisher f&uuml;r sie nur erf&uuml;llt mit den Nebelgestalten
+ihrer eignen Sch&ouml;pfung, sah sie nun aus tausend lebendigen
+Augen an.</p>
+
+<p>M&uuml;ndlich und schriftlich hatte ich Gelesenes und Geh&ouml;rtes
+nicht nur automatisch wiederzugeben, sondern
+meine eignen Eindr&uuml;cke und Gedanken daran zu kn&uuml;pfen.
+Stets verteidigte ich leidenschaftlich meine Helden, und
+um ihre Widersacher zu malen, war mir das tiefste
+Schwarz nicht schwarz genug. Suchte der Lehrer meine
+Engel in Menschen zu verwandeln, so b&auml;umte sich meine
+Empfindung feindselig gegen ihn auf; und geschah es,
+da&szlig; mein Verstand ihm recht geben mu&szlig;te, so trauerte
+ich verzweifelt vor dem gest&uuml;rzten Heros, als w&auml;re mir
+ein Freund gestorben.</p>
+
+<p>Ein hoher h&ouml;lzerner Fu&szlig;schemel war meine Rednertrib&uuml;ne.
+Ich konnte nicht zusammenh&auml;ngend sprechen,
+wenn ich am Tische sa&szlig; oder stand; ich bedurfte eines
+merkbaren r&auml;umlichen Abstands zwischen mir und dem
+Zuh&ouml;rer und war daher instinktiv auf diesen Ausweg
+verfallen. Nur in Mamas Gegenwart half auch der
+Fu&szlig;schemel nichts, seitdem sie einmal zugeh&ouml;rt und &uuml;ber
+mein Pathos Tr&auml;nen gelacht hatte. Mein Lehrer ver<a name="Page_90" id="Page_90"></a>stand
+mich; kam sie zuf&auml;llig herein, w&auml;hrend ich sprach,
+so wechselte er stillschweigend den Gegenstand des Unterrichts.
+Aber nicht nur der Stoff und die Form, auch
+der Tenor des Inhalts wurde ein andrer, wenn wir
+nicht allein blieben.</p>
+
+<p>Meine Mutter hatte einmal ausnahmsweise der Geschichtsstunde
+beigewohnt, als <em class="antiqua">Dr.</em> Meyer Friedrichs des
+Gro&szlig;en Polenpolitik einer abf&auml;lligen Kritik unterzog. Er
+war Hannoveraner und hatte sich als solcher trotz aller
+Begeisterung f&uuml;r das Deutsche Reich den Hohenzollern
+gegen&uuml;ber einen scharfen kritischen Blick bewahrt. Seine
+Auseinandersetzung unterbrach meine Mutter pl&ouml;tzlich mit
+einer Leidenschaftlichkeit, die bei der sonst so vornehm
+k&uuml;hlen Frau wie etwas v&ouml;llig neues erschien: &raquo;Herr
+Doktor,&laquo; rief sie, &raquo;vergessen Sie nicht, wen Sie vor sich
+haben. Wir sind Preu&szlig;en!&laquo; &mdash; &raquo;Verzeihen Sie, gn&auml;dige
+Frau,&laquo; entgegnete er, w&auml;hrend das Blut ihm in Wangen
+und Schl&auml;fen scho&szlig;, &raquo;die objektive Geschichtsforschung ...&laquo; &mdash; &raquo;Was
+geht mich die objektive Geschichtsforschung an,&laquo;
+warf sie heftig dazwischen, &raquo;wir haben unser angestammtes
+F&uuml;rstenhaus zu lieben und unsre Kinder im Respekt vor
+ihm zu erziehen. Lehren Sie Alix einfache Tatsachen,
+keine zersetzende Kritik. Sie ist sowieso schon superklug
+genug.&laquo; Ich erwartete eine energische Antwort. Doch
+der gro&szlig;e, starke Mann schien in sich zusammen zu fallen,
+er senkte die Augen, und sein Gesicht f&auml;rbte sich noch
+dunkler. Als wollte er einen b&ouml;sen Gedanken vertreiben,
+fuhr er sich mit der Hand, deren Wei&szlig;e zu ihrer breiten
+Derbheit einen seltsamen Kontrast bildete, ein paarmal
+&uuml;ber die Stirn, sah mechanisch nach der Uhr, atmete
+tief auf, da die abgelaufene Zeit seinen Aufbruch ge<a name="Page_91" id="Page_91"></a>stattete,
+und verabschiedete sich noch unbeholfener als
+gew&ouml;hnlich. Mir gab es einen Stich ins Herz: es war
+zwar nicht ein Heros, dessen Sturz mich verletzte, es war
+nur ein erster sch&uuml;chterner Trieb beginnenden Vertrauens,
+der mir aus dem Herzen gerissen wurde. Ein Mann,
+der sich so herunterputzen lie&szlig;! Der seine &Uuml;berzeugung
+nicht zu vertreten vermochte! Da&szlig; Mutter und Schwester
+daheim mit jedem Groschen rechnen mu&szlig;ten, den er verdiente, &mdash; das
+freilich wu&szlig;te ich damals nicht.</p>
+
+<p>F&uuml;r mich, f&uuml;r die ein Erlebnis, das andre kaum empfanden,
+so oft zum ersch&uuml;tternden Ereignis wurde, blieb
+diese Stunde bedeutungsvoll. Noch immer sah ich Tag
+f&uuml;r Tag meinem Lehrer voll Erwartung entgegen, aber
+er war doch nur der T&uuml;rh&uuml;ter am Museum der Menschheitsgeschichte,
+nicht der F&uuml;hrer, dessen Leitung sich der Laie
+anvertraut: er &ouml;ffnete mir einen Saal nach dem andern,
+aber ich ging schlie&szlig;lich doch allein. Wenn es auch sein
+h&ouml;chstes Verdienst war, da&szlig; ich allein gehen lernte, &mdash; nicht
+auf den Stelzen fremder Anschauungen, die unbrauchbar
+werden, sobald es gilt, &uuml;ber Felsen zu
+klettern &mdash;, so ist doch die Seele des Kindes zu weich,
+zu schutz- und anlehnungsbed&uuml;rftig, als da&szlig; sie auf einsamer
+Wanderung durch das fremde Leben nicht Wunden
+&uuml;ber Wunden davontragen m&uuml;&szlig;te und ihr beim Sammeln
+von Blumen und Beeren nicht allzuviel giftige in die
+H&auml;nde fielen.</p>
+
+<p>Ich war ein frommes Kind gewesen &mdash; mit jener
+Fr&ouml;mmigkeit, die an den lieben Gott und an die Engel
+und an den Herrn Jesus ebenso innig glaubt, wie an
+die sieben Zwerge, an die Knusperhexe und an die kleine
+Seejungfrau; mit jenem Glauben, der gar kein Glauben
+<a name="Page_92" id="Page_92"></a>ist, weil noch kein Schatten eines Zweifels ihn erprobte.</p>
+
+<p>Bei mir wie bei jedem Kinde wiederholte sich, was
+die Kindheit der V&ouml;lker kennzeichnet: ihre Phantasie ist
+das Mittel, durch das sie sich mit dem ungeheuern Geheimnis
+des Lebens und des Schicksals auseinandersetzen.
+Sie &uuml;berwinden die Furcht vor dem Unbegreiflichen
+durch den Glauben an die waltenden Wesen &uuml;ber ihnen.
+Schon als kleines Kind fl&uuml;chtete ich, wenn irgend ein
+Ereignis mich aus dem Gleichgewicht brachte, in die
+Stille, um inbr&uuml;nstig den Vater im Himmel um Hilfe
+zu bitten. Auf meine religi&ouml;sen Empfindungen blieben
+die Gebete, Spr&uuml;che und Gesangbuchverse, die ich in
+der Schule gelernt hatte, und der Luthersche Katechismus
+vor allem, der, w&auml;re er chinesisch geschrieben, den Kindern
+nicht weniger verst&auml;ndlich sein w&uuml;rde, so einflu&szlig;los
+wie die n&uuml;chterne Ode der protestantischen Kirche. Die
+Heiligenbilder, das geweihte Wasser, die durch rotes
+Glas mystisch schimmernde ewige Lampe unter dem geheimnisvollen
+Bilde der schwarzen Madonna von Ezenstochau,
+die die W&auml;nde in der Kammer unsrer polnischen
+K&ouml;chin schm&uuml;ckten, zogen mich weit mehr an.</p>
+
+<p>Das Licht des grellen Tages fiel nun in diese unber&uuml;hrte
+traumdunkle M&auml;rchenwelt meiner Religion.</p>
+
+<p>In der Geschichtsstunde, zu der in sp&auml;tern Jahren
+ein besondrer religionsgeschichtlicher Unterricht hinzukam,
+lernte ich, wie nicht nur innerhalb des Christentums
+eine Kirche, eine Sekte die andre auf das heftigste bek&auml;mpfte,
+wie jede im Besitz des alleinseligmachenden
+Glaubens zu sein behauptete, und f&uuml;r jede M&auml;rtyrer geblutet
+hatten, ich sah auch, da&szlig; Juden, Muhamedaner
+<a name="Page_93" id="Page_93"></a>und Buddhisten nicht weniger fromm waren als die
+Nachfolger Christi und mit derselben Hingabe wie sie
+f&uuml;r ihren Glauben lebten und starben. Die Fabel von
+den drei Ringen kannte ich noch nicht, aber ich empfand
+schon die Schwere ihrer Fragestellung. Mein
+Lehrer, der dem Mi&szlig;trauen meiner Mutter, als er sich
+weigerte, mir Religionsstunden zu geben, dadurch begegnet
+war, da&szlig; er versprochen hatte, keinerlei Glaubenszweifel
+in mir zu erwecken, beschr&auml;nkte sich im wesentlichen
+auf die Darstellung historischer Ereignisse und wich
+meinen bohrenden Fragen so lange aus, bis ich es
+aufgab, sie zu stellen. In meinem Innern aber wurden
+sie zu Quadersteinen eines babylonischen Turms, von dem
+auch ich &uuml;ber die Wolken zu sehen hoffte. Da ich noch
+zu schwach und ungeschickt war, sie ohne Hilfe fest und
+sicher aufeinander zu schichten, brach mein Bau fr&uuml;hzeitig
+zusammen. Nicht zu neuen Wundern hatte er mich
+emporgef&uuml;hrt, doch meinen Kinderglauben begrub er
+unter seinen Tr&uuml;mmern.</p>
+
+<p>Im mystischen Dunkel der Tempel und Kirchen waltet
+die Phantasie ungest&ouml;rt, die gro&szlig;e Bannertr&auml;gerin allen
+Glaubens, und fl&ouml;&szlig;t den Marmorsteinen der G&ouml;tter und
+den Bildern der Heiligen rotes, warmes Leben ein.
+Dringt aber Licht und L&auml;rm durch zerrissene Vorh&auml;nge
+und zerbrochene Scheiben, so wandeln sie sich wieder zu
+toten Gebilden von Menschenhand. Die Phantasie aber
+baut in stillen Winkeln neue Tempel f&uuml;r die glaubensdurstigen
+Kinderseelen, die Denker und Dichter noch
+nicht sind, oder niemals werden k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Einmal, nach der R&uuml;ckkehr von einer l&auml;ngeren Sommerreise,
+f&uuml;hrte mich mein Vater mit besondrer Feierlichkeit
+<a name="Page_94" id="Page_94"></a>in unsre Wohnung. Hatte ich bisher ein Zimmer neben
+der Schlafstube der Eltern bewohnt, in dem sich tags
+&uuml;ber meist auch die Jungfer aufzuhalten pflegte, so
+&ouml;ffnete er mir jetzt die T&uuml;r zu einem bis dahin unbenutzten
+Raum. &raquo;Das ist dein Reich, mein Kind,&laquo;
+sagte er. Ich konnte das Gl&uuml;ck kaum fassen: ein eignes
+Zimmer! Dieser Traum jedes zu selbst&auml;ndigem Leben
+reifenden Menschenkindes sollte mir so wundersam in
+Erf&uuml;llung gehen! Keine rasselnde N&auml;hmaschine durfte
+mich hier mehr st&ouml;ren, niemand konnte mir den Platz
+am eignen Schreibtisch streitig machen! Nur das alte
+braune Sofa erinnerte trotz seines neuen blau-wei&szlig;en
+Kleides noch an die Kinderstube. Die erste Nacht unter
+dem schneeigen Betthimmel und der roten Ampel fand
+ich keinen Schlaf: mein Zimmer, und doch &mdash; das allereigenste
+fehlte ihm noch, das geheimnisvolle, das niemand
+sehen durfte als ich allein. Ich richtete mich
+auf, z&uuml;ndete die Ampel an und schl&uuml;pfte aus dem Bett.
+Bunte Seidenreste und einen gro&szlig;en gelben Schal holte
+ich aus meinem W&auml;scheschr&auml;nkchen und kauerte damit
+am Fenster nieder, wo zwischen dem Sofa und der
+Wand eine Ecke leer war. Mit Nadeln und Rei&szlig;n&auml;geln
+spannte ich den gelben Schal wie ein Zeltdach
+zwischen der hohen Seitenlehne des Sofas und der
+Fensterwand, f&uuml;tterte die W&auml;nde innen mit rotem Atlas
+und breitete himmelblauen Sammet als Teppich auf
+dem Boden aus. Einen wei&szlig;en, mit Blumen bemalten
+Kasten stellte ich wie einen Altar in die Mitte, bunte
+Kerzen von meinem Geburtstagskuchen befestigte ich
+ringsum, und eine kleine Schale von Malachit, mit
+Rosenbl&auml;ttern gef&uuml;llt, legte ich als Opferstein davor.<a name="Page_95" id="Page_95"></a>
+Nur der Gott fehlte noch, dem der Weihrauch duften
+sollte. Leise, mit angehaltnem Atem, schlich ich zum
+E&szlig;zimmer hin&uuml;ber, holte vom Ofensims die kleine
+Statuette des Apoll vom Belvedere und erhob ihn zum
+Heiligen meines farbengl&uuml;henden Tempels. Tief mu&szlig;t
+ich mich neigen, um hineinzusehen; aber da&szlig; ich fast die
+Erde mit den Lippen ber&uuml;hrte, entsprach nur meiner
+feierlichen Andacht. &raquo;Baldur&laquo; nannte ich den Apollo,
+denn die G&ouml;tterwelt der Germanen war mir vor allem
+vertraut geworden, und mit einer ersten instinktiven
+Auflehnung gegen die Schmerzensgestalt des Gekreuzigten
+betete ich den bl&uuml;henden Gott des steigenden Lichtes an.</p>
+
+<p>Kindisch mags denen erscheinen, die nichts wissen von
+den Tiefen der Kindesseele, ich aber wei&szlig;, da&szlig; keines
+gl&auml;ubigen Christen Fr&ouml;mmigkeit inniger sein konnte als
+die, die mich erf&uuml;llte, wenn ich vor dem selbstgeschaffnen
+Heiligtum in die Knie sank.</p>
+
+<p>Meiner Mutter erz&auml;hlte ich herzklopfend, da&szlig; ich den
+Apollo &raquo;zerbrochen&laquo; h&auml;tte, und bat sie, wie alle Hausbewohner,
+die mit einem dunkeln Tuch sorgf&auml;ltig verh&uuml;llte
+Ecke meines Zimmers nicht zu untersuchen, der
+&raquo;Weihnachts&uuml;berraschungen&laquo; wegen, die ich dort verwahrt
+h&auml;tte. Als aber Weihnachten vor&uuml;ber war,
+machte ich keinerlei Anstalten, meinen geheimnisvollen
+Bau dem Besen und dem Scheuertuch zu opfern. Heimlich
+kaufte ich mir Blumen, um ihn stets frisch zu schm&uuml;cken,
+und eine kleine ewige Lampe, an deren Brennen und
+Erl&ouml;schen sich allm&auml;hlich allerlei abergl&auml;ubische Vorstellungen
+kn&uuml;pften, und R&auml;ucherkerzchen, die allabendlich
+den Gott auf dem Altar in bl&auml;uliche Wolken h&uuml;llten.
+Schon oft hatte Mama mich gemahnt, das &raquo;unn&uuml;tze<a name="Page_96" id="Page_96"></a>
+Zeug&laquo; fort zu r&auml;umen; schlie&szlig;lich, als ich eines Morgens
+von der Klavierstunde kam, trat sie mir mit hochrotem
+Gesicht entgegen. &raquo;Wirst du dir denn nie das
+L&uuml;gen abgew&ouml;hnen?!&laquo; rief sie und zog mich in mein
+Zimmer. Mein Tempel war verschwunden, in wirrem
+Durcheinander lagen Stoffe und Blumen, Lichter und
+R&auml;ucherwerk auf dem Tisch, erloschen stand das L&auml;mpchen
+neben Baldur-Apoll. &raquo;Wei&szlig;t du, wie man das nennt,
+wenn man sich fremdes Eigentum aneignet?!&laquo; Vor
+diesen Worten wich die Erstarrung des ersten Entsetzens
+von mir. Aufschreiend warf ich mich vor meinem Bett
+in die Kniee; meine Glieder flogen, und mein Herz
+klopfte, als wollte es mir die Brust zersprengen. Meine
+Mutter hielt diesen Ausbruch der Verzweiflung offenbar
+f&uuml;r Reue. &raquo;Na, beruhige dich, Alixchen,&laquo; sagte sie, mir
+die Hand auf den Kopf legend, eine Ber&uuml;hrung, die
+mich zwang, ihn nur noch tiefer in die Kissen zu vergraben,
+&raquo;ich will die ganze Geschichte noch einmal als
+blo&szlig;e Kinderei betrachten. Bel&uuml;gst du mich aber noch
+ein einziges Mal, so mu&szlig; ich andre Saiten aufziehen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich baute von nun an keine Tempel mehr. Mein
+&auml;u&szlig;eres Leben war das einer korrekten Sch&uuml;lerin und
+wohlerzogenen Tochter. In der schw&uuml;len Treibhausluft
+meines Innern aber wucherten die Wunderblumen
+meiner Tr&auml;ume, und berauschend umwehte mich ihr Duft,
+wenn ich allein war und zu mir selber kam. Oft hielt
+ich mich krampfhaft wach, bis alle schliefen, um dann
+bei der tr&uuml;be flackernden Kerze noch lange am Schreibtisch
+zu sitzen, wo ich mit gl&uuml;hendem Kopf und frostbebendem
+K&ouml;rper Verse zu Papier brachte, die nach
+Freiheit schrieen und nach Liebe.</p>
+
+<p><a name="Page_97" id="Page_97"></a>Nur der Unterricht meines Lehrers wirkte noch beruhigend
+auf die St&uuml;rme meines Innern und lenkte
+mein Interesse in andere Bahnen. Die Literaturgeschichte
+besonders fesselte mich mehr und mehr. Sie
+bestand nicht nur aus den Namen der Dichter, den
+Titeln ihrer Werke und fix und fertigen Urteilen &uuml;ber
+sie, mit denen ausger&uuml;stet unsere Jugend Bildung zu
+heucheln pflegt, sie vermittelte mir vielmehr, soweit es
+meiner geistigen Entwicklung entsprach, die Kenntnis
+der Werke selbst. In kleinen gelben Heftchen brachte
+sie mir mein Lehrer, der nicht die Mittel hatte, kostbarere
+Ausgaben anzuschaffen. Die nordische und die &auml;ltere
+deutsche Literatur, die griechischen und r&ouml;mischen Klassiker
+lernte ich auf diese Weise kennen; mit der Lekt&uuml;re
+wuchs mein Verlangen nach immer neuen B&uuml;chern, und
+statt des Weihrauchs und der Blumen f&uuml;r meinen
+Tempel kaufte ich mir ein Reklamheft nach dem andern.
+Nachdem ich erst den Katalog in H&auml;nden hatte, lie&szlig; es
+mir keine Ruhe mehr: ich mu&szlig;te lesen, lesen &mdash; alles
+lesen. Was mir der Lehrer empfahl, gen&uuml;gte meinen
+von Neugierde und Wissensdurst aufgepeitschten W&uuml;nschen
+l&auml;ngst nicht mehr, noch weniger, was mir die
+Eltern gaben und erlaubten. In acht Tagen pflegte
+ich meine Weihnachts- und Geburtstagsb&uuml;cher auszulesen,
+und wenn ich mich auch immer aufs neue in
+Grubes &raquo;Charakterbilder&laquo; &mdash; meine Fundgrube, wie
+Papa sagte &mdash; und in Gustav Freytags &raquo;Bilder aus
+der deutschen Vergangenheit&laquo; vertiefte, so f&uuml;llte das
+alles die freie Zeit doch nicht aus.</p>
+
+<p>Andere Kinder meines Alters spielten; meine Puppen
+und mein Kochherd wurden nur dann der Vergessenheit
+<a name="Page_98" id="Page_98"></a>entrissen, wenn ich Besuch hatte, was ich darum zumeist
+nur als unangenehme St&ouml;rung empfand. Was
+hatte ich gemeinsames mit den &raquo;dummen Schulg&ouml;hren&laquo;?
+Ihren Schulklatsch verstand ich nicht, und lie&szlig; ich mich
+hinrei&szlig;en, ihnen meine Interessen zu verraten, so lachten
+sie mich aus. Mama hielt es f&uuml;r ihre Pflicht, mir
+Verkehr mit Altersgenossen zu verschaffen, auch ich empfand
+ihn nur als eine Pflicht, die nach meiner Erfahrung
+stets das Gegenteil des Vergn&uuml;gens war. Mit
+in die H&ouml;he gezogenen Beinen in der Sofaecke kauern,
+vertieft in ein Buch, vor dessen Zauber die ganze Welt
+um mich versank, &mdash; diesem Genu&szlig; glich kein andrer!
+Nur die st&auml;ndige Angst, entdeckt zu werden, beeintr&auml;chtigte
+ihn. Denn, was ich las, &mdash; dessen war ich sicher &mdash;,
+geh&ouml;rte nicht zu der erlaubten &raquo;M&auml;dchenlekt&uuml;re&laquo;, und
+doch f&uuml;hlte ich instinktiv, da&szlig; es tausendmal wertvoller
+war als die zuckers&uuml;&szlig;en Backfischgeschichten von Clementine
+Helm, f&uuml;r die sich meine Freundinnen damals begeisterten.</p>
+
+<p>In dem neuen Bezug meines alten Sofas hatte ich
+eine Naht aufgetrennt; h&ouml;rte ich Schritte drau&szlig;en, so
+verschwand mein gelbes Heft in dies sichere Versteck,
+und ich beugte mich rasch andachtsvoll &uuml;ber Webers
+Weltgeschichte, die auf dem Tische bereit lag. Nach
+und nach wurde das gute verschwiegene M&ouml;bel meine
+Schatzkammer. Da lagen sie alle friedlich beisammen,
+deren Gestalten in meinem Hirn und Herzen in tollen
+T&auml;nzen durcheinanderwirbelten: Die Arnim und Brentano,
+die Hauff und Zschokke, die Scott und Bulwer,
+die Gogol und Turgenjeff. Sie lie&szlig;en mich nachts oft
+nicht zur Ruhe kommen, und wenn ich schlief, verfolgten
+sie mich bis in meine Tr&auml;ume.</p>
+
+<p><a name="Page_99" id="Page_99"></a>Eines Winterabends war mir der Lesestoff ausgegangen.
+Meine Eltern waren nicht zu Haus; ich
+konnte unbemerkt zum n&auml;chsten Buchh&auml;ndler laufen, um
+zu holen, wonach ich Verlangen trug. Von E.&nbsp;T.&nbsp;A.
+Hoffmann hatte ich in der Literaturgeschichte gelesen &mdash; &raquo;das
+ist noch nichts f&uuml;r dich&laquo; war mir geantwortet
+worden, als ich, in der Meinung, es handle sich um
+Kinderm&auml;rchen, den Lehrer darum gebeten hatte. Und
+dies &raquo;das ist nichts f&uuml;r dich&laquo; war mir l&auml;ngst zum
+Empfehlungsbrief der B&uuml;cher geworden. Mit &raquo;Klein-Zaches&laquo;
+und dem &raquo;Goldnen Topf&laquo; in der Tasche kam
+ich zur&uuml;ck. Dann fing ich an zu lesen. Mein Abendbrot,
+das man mir brachte, blieb unber&uuml;hrt, die Mahnung
+der Jungfer, schlafen zu gehen, unbeachtet. &mdash; Sa&szlig;
+ich nicht selbst unter dem Holunderbusch und sah
+die gr&uuml;ne Schlange, und h&ouml;rte die klingenden Gl&ouml;cklein?
+Grinste mir nicht von der T&uuml;r her das Bronzegesicht
+der zauberhaften &Auml;pfelfrau entgegen? &mdash; Da
+&ouml;ffnete sich die T&uuml;r. &raquo;Wie, du bist noch nicht im
+Bett?!&laquo; t&ouml;nte mir die Stimme meines Vaters entgegen.
+&raquo;Ich mu&szlig; wohl eingeschlafen sein,&laquo; stotterte ich und versteckte
+hastig mein Buch. &raquo;So zieh dich rasch aus &mdash; ich
+werde Mama nichts sagen &mdash; gute Nacht.&laquo; Damit
+schlo&szlig; er die T&uuml;re wieder. Ich l&ouml;schte die Lampe und
+kroch mit den Kleidern ins Bett; als Mama leise eintrat,
+glaubte sie mich schlafend. Und dann las ich
+weiter: von Klein-Zaches mit den drei goldnen Haaren,
+von der Nachtigall und der Purpurrose, von der Lotosblume
+und dem Goldk&auml;fer. Es lie&szlig; mich nicht los, bis
+ich zu Ende war, und ich lebte von da an in der Welt
+Hoffmanns, so da&szlig; mir jede Ber&uuml;hrung der Wirklichkeit
+<a name="Page_100" id="Page_100"></a>weh tat, wie ein Nadelstich. Schwerer als je wurde
+mir jetzt der Unterricht, der mir schon immer qualvoll
+gewesen war: die Musikstunde. Ich liebte die Musik;
+durch Hoffmann erschien sie mir wie ein Himmelszauber; &mdash; schon
+als kleines Kind konnte ich stundenlang
+still zuh&ouml;ren, wenn jemand sang oder spielte, &mdash; meine
+eigne Klimperei, bei der ich nie &uuml;ber den Kampf
+mit der Technik hinauskam und vor Noten und Vorsatzzeichen
+von der Musik nichts h&ouml;rte, wurde mir immer
+unertr&auml;glicher. Vergebens bat ich Mama, mich meiner
+offenbaren Talentlosigkeit wegen davon zu befreien &mdash; Klavierspielen
+geh&ouml;rte zur guten Erziehung, also bliebs
+dabei. Ich suchte mir selbst einen Ausweg: statt zur
+Lehrerin, ging ich spazieren, oder ich entschuldigte mich
+mit &raquo;Kopfweh&laquo;. Um niemanden von den Meinen zu
+begegnen, mu&szlig;t ich dann freilich abgelegene Wege suchen.</p>
+
+<p>In einem regenreichen Fr&uuml;hjahr des Jahres 1877
+war der polnische Stadtteil Posens, wo die &Auml;rmsten
+wohnten &mdash; die Walischei &mdash; durch die aus den Ufern
+tretende Warthe vollkommen unter Wasser gesetzt worden.
+Krankheit und Not nahmen &uuml;berhand, so da&szlig;
+auch in den Gesellschaftskreisen meiner Eltern auf dem
+&uuml;blichen Wege der Wohlt&auml;tigkeitsvorstellungen Hilfe geschaffen
+werden sollte. Ich wirkte nicht mit, wie fr&uuml;her
+in Karlsruhe, &mdash; mit dem langen, d&uuml;nnen, blassen
+M&auml;dchen war wohl kein Staat zu machen &mdash;, aber den
+Proben und Auff&uuml;hrungen wohnte ich bei, weil meine
+Mutter zu den Hauptdarstellern geh&ouml;rte. Da erfuhr
+ich denn mancherlei von den Ungl&uuml;cklichen, denen der
+Ertrag dieser Eitelkeitsparaden zugute kommen sollte.
+Armut &mdash; was wu&szlig;te ich von ihr? Sie hatte mich
+<a name="Page_101" id="Page_101"></a>bis zu Tr&auml;nen ersch&uuml;ttert, als sie mir in den hungernden
+Sklaven Roms zur Zeit Neros, in den um Brot
+schreienden Weibern von Paris zu Beginn der gro&szlig;en
+Revolution, in den Jammergestalten der schlesischen
+Weber in den Elendsjahren Preu&szlig;ens entgegengetreten
+war. Aber jetzt, in der Herrlichkeit des Deutschen
+Reichs, unter dem Zepter des guten alten Kaisers &mdash; jetzt
+gab es doch keine Armut mehr! Da&szlig; uns gegen&uuml;ber
+in der polnischen Kneipe Tag f&uuml;r Tag Betrunkene
+vor der T&uuml;re sa&szlig;en, da&szlig; selbst Weiber im Rausch in
+den Rinnstein fielen, erregte nur meinen Ekel, nicht
+mein Mitleid. Ihr Laster wars ja und nicht ihr Elend,
+dem sie verfallen waren. Ich beschlo&szlig;, die Armut, die
+ich nicht kannte, zu suchen; und die Angst, die mich
+angesichts des Abenteuers zittern lie&szlig;, erh&ouml;hte noch die
+Romantik meines Unternehmens. All die phantastischen
+Irrwege der Helden Hoffmannscher Erz&auml;hlungen standen
+mir lockend vor Augen.</p>
+
+<p>Es war ein na&szlig;kalter M&auml;rzmorgen, als ich, mit der
+Musikmappe am Arm, &uuml;ber den Wilhelmsplatz zum
+Markt hinunterging. Ein bekanntes Gesicht trieb mich
+in den dunkeln Dom, wo mir eine schwere Wolke von
+verbrauchter Winterluft, von Menschendunst und Weihrauch
+entgegenschlug. Die Tapsen vieler schmutziger
+F&uuml;&szlig;e hatten den Boden mit einer schwarzen klebrigen
+Schicht &uuml;berzogen. Von ein paar dicken Altarkerzen
+flackerte das Licht bl&auml;ulich in den Raum, und die Z&uuml;ge
+des Priesters, der mit heiserem Kr&auml;chzen in der Stimme
+die Messe zelebrierte, erschienen fahl, wie die eines
+Toten. Von unbestimmten Grauen getrieben, lief ich
+der n&auml;chsten T&uuml;re zu; kurz vorher aber glitt ich aus
+<a name="Page_102" id="Page_102"></a>und fiel auf die Fliesen. Der z&auml;he Schmutz blieb an
+H&auml;nden und Knien kleben, m&uuml;hsam nur, unter aufsteigender
+&Uuml;belkeit, rieb ich ihn ab. Ein b&ouml;ser Anfang!
+dachte ich, als ich durch immer engere und dunklere
+Stra&szlig;en meinem Ziele zustrebte. Schon sah ich hie
+und da, wie das Wasser aus den Kellern gepumpt und
+mit Eimern heraufgetragen wurde; dann wurden die
+H&auml;user immer kleiner, so da&szlig; die D&auml;cher fast mit den
+H&auml;nden zu fassen waren, und &uuml;ber immer breitere
+Wasserrinnen vermittelten primitive Br&uuml;cken den &Uuml;bergang.
+In den tiefer gelegenen Gassen stand das Wasser
+so hoch, da&szlig; Fl&ouml;&szlig;e aus Brettern die Passanten hin und
+her f&uuml;hrten. Auf den schwarzgelben Fluten schwammen
+K&uuml;chenabf&auml;lle, zerbrochene T&ouml;pfe, &uuml;belriechende Kehrichthaufen,
+in denen d&uuml;rftig gekleidete Kinder, oft bis zu
+den Knieen im Wasser watend, mit schmutzigen Fingern
+nach Spielzeug suchten. <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'Mie'">Mir</ins> wars, als stiege eine
+K&auml;lte an mir empor, mich umwindend wie eine graue,
+feuchte Schlange. Der gellende Ton eines Gl&ouml;ckchens
+lie&szlig; mich zur Seite sehen: ein Chorknabe schwang es,
+dem der Geistliche folgte. Vor der T&uuml;r des grellgelben
+H&auml;uschens, hinter der sie verschwanden, dr&auml;ngten sich
+Weiber und Kinder, barf&uuml;&szlig;ig, schmutzig, zerlumpt; nur
+ein paar faltige rote R&ouml;cke und bunte Kopft&uuml;cher
+zeugten von einstigen, besseren Zeiten. Ihr Schwatzen
+wurde allm&auml;hlich zum Gekreisch, ihre Geb&auml;rden machten,
+je lebhafter sie wurden, den Eindruck konvulsivischer
+Zuckungen; aus allen H&auml;usern der Stra&szlig;e str&ouml;mten sie
+zusammen, &mdash; wie war es nur m&ouml;glich, da&szlig; ihrer so
+viele darinnen wohnen konnten?! Angstvoll hatte ich
+mich in einen Torweg verkrochen, als sich neben mir
+<a name="Page_103" id="Page_103"></a>eine T&uuml;r knarrend &ouml;ffnete: r&uuml;ckw&auml;rts torkelnd, fluchend
+und schimpfend kam ein Mann heraus, eine Flasche als
+Waffe gegen seine Verfolger schwingend. Da klang
+der gellende Ton des Gl&ouml;ckchens wieder, und jeder
+andere verstummte vor ihm; die schwatzenden Weiber,
+die betrunkenen M&auml;nner und die johlenden Kinder
+sanken in die Kniee, wo irgend ein Stein oder eine
+Stufe aus dem Wasser hervorsah. An ihnen vor&uuml;ber
+schritt der Gebete murmelnde Priester; schwarz und
+schwer breitete sich sein Talar hinter ihm auf den
+Fluten aus.</p>
+
+<p>Ein Mann und ein Weib folgten ihm, hager und
+geb&uuml;ckt alle beide; in wirren Str&auml;hnen hingen strohgelbe
+Haare ihr in das von Weinen aufgedunsene Gesicht;
+ihre grauen knochigen Finger umklammerten den Griff
+des schmalen schwarzen Schreines, den sie gemeinsam
+trugen; ein Myrtenkr&auml;nzlein aus Papier, mit dem Bilde
+der schwarzen Madonna war sein einziger Schmuck.
+Stumm, wie die beiden, folgte ihnen die Menge, &mdash; ein
+langer Zug des Elends, den der Betrunkene, die leere
+Flasche zwischen den gefalteten H&auml;nden, schwankend beschlo&szlig;.
+Kein Laut war mehr h&ouml;rbar, als das Pl&auml;tschern
+des Wassers zwischen den vielen, vielen F&uuml;&szlig;en der langsam
+Schreitenden.</p>
+
+<p>Wie aus b&ouml;sem Traum erwachend, fuhr ich zusammen.
+An der weit offnen T&uuml;r des Hauses, aus dem der Sarg
+getragen worden war, mu&szlig;t ich vor&uuml;ber. Es war ganz
+dunkel darin, und doch sah ich, da&szlig; etwas am Boden
+hockte und mich anstarrte mit gro&szlig;en, leeren Augen, &mdash; die
+Armut. &mdash; So rasch meine zitternden Beine mich
+tragen konnten, entfloh ich. Frostgesch&uuml;ttelt warf ich
+<a name="Page_104" id="Page_104"></a>mich zu Hause auf mein Bett. Am n&auml;chsten Morgen
+erkannte ich niemanden mehr.</p>
+
+<p>Viele Wochen schwebte ich zwischen Tod und Leben.
+Noch Jahre darnach konnte ich mich nicht ohne Entsetzen
+der wilden Fiebertr&auml;ume erinnern, die mich damals
+gepeinigt hatten. Den Dom sah ich, und der Priester
+am Altar war ein Gerippe, und in den unergr&uuml;ndlich
+tiefen schwarzen Schlamm des Bodens zogen mich lauter
+schmutzige Knochenh&auml;nde; &mdash; durch gelbe Fluten lief ich
+atemlos, hinter mir endlose Scharen von M&auml;nnern und
+Weibern, denen Hunger, Betrunkenheit, Mordlust aus
+den rot unterlaufenen Augen gl&uuml;hte. Dazwischen tanzte
+Klein-Zaches auf der Bettdecke und bohrte mir seinen
+winzigen Degen ins Gehirn, und Serpentine mit den gro&szlig;en
+blauen Augen ringelte sich erstickend um meinen Hals.</p>
+
+<p>&raquo;Wie kommt sie nur zu solchen Phantasien?&laquo; h&ouml;rte
+ich dazwischen meine Mutter sagen, die in aufopfernder
+Pflichterf&uuml;llung nicht von meinem Lager wich.</p>
+
+<p>&raquo;Wie ists nur m&ouml;glich, da&szlig; die Malaria sie packen
+konnte?&laquo; sagte wohl auch der Arzt, der dem m&ouml;rderischen
+Sumpffieber nur unten bei den &Uuml;berschwemmten
+begegnet war.</p>
+
+<p>Ich schwieg, viel zu m&uuml;de, viel zu apathisch zum
+Sprechen; denn einer gro&szlig;en Schw&auml;che machte das
+Fieber Platz. Ich glaubte fest an meinen baldigen Tod,
+wunschlos, widerstandslos. Auch durch meiner Mutter
+gleichm&auml;&szlig;ig-freundliches L&auml;cheln, das so beruhigend
+auf einen Kranken wirken konnte, wollte ich mich nicht
+t&auml;uschen lassen. Die Angst, die sich in meines Vaters
+Z&uuml;gen malte, wenn er an mein Bett trat, schien mir
+mehr der Wahrheit zu entsprechen.</p>
+
+<p><a name="Page_105" id="Page_105"></a>Und doch erholte ich mich, und langsam, ganz langsam
+kam mit der wachsenden Kraft die Freude am Leben
+wieder. Als ob er mir Dank schuldig w&auml;re, weil ich
+lebte, so &uuml;bersch&uuml;ttete mich mein Vater nun mit Geschenken:
+erwartungsvoll sah ich schon nach der T&uuml;r,
+wenn ich mittags den Schritt des Heimkehrenden h&ouml;rte;
+B&uuml;cher, Blumen, Obst, Bonbons, &mdash; irgend etwas brachte
+er mir t&auml;glich. Wie gut waren &uuml;berhaupt die Menschen,
+sie k&uuml;mmerten sich alle um mich: jeden Tag hatte
+mein Lehrer den Arzt vor dem Hause erwartet, um
+direkte Nachricht zu haben, und jetzt schickte er mir
+seine sch&ouml;nsten B&uuml;cher; kein Regiment in der Stadt gab
+es, dessen Musikkorps der Genesenden nicht ein St&auml;ndchen
+gebracht h&auml;tte, und der gute alte General Kirchbach
+kam selbst in mein Krankenzimmer, um mir eine &mdash; Puppe
+auf die Kissen zu legen.</p>
+
+<p>&raquo;Mit der Puppe, Mama, soll mal mein T&ouml;chterchen
+spielen!&laquo; sagte ich l&auml;chelnd, als er weg war, &mdash; denn
+mit dem Spielen war es f&uuml;r mich endg&uuml;ltig vorbei.</p>
+
+<p>Nach drei Monaten sollte ich aufstehen; als ich mich
+grade erheben wollte und, von heftigem Schwindel gepackt,
+nach dem Bettpfosten griff, sah ich Blut auf dem
+Laken. Ich erschrak, denn ich wollte gesund sein. Aber
+schon hatte der Arzt mich umfa&szlig;t und sanft in die
+Kissen zur&uuml;ckgedr&uuml;ckt. Er lachte: &raquo;Also so stehts mit
+dem kleinen Fr&auml;ulein! Die Kinderschuhe hat es richtig
+ausgetreten.&laquo; Verst&auml;ndnislos sah ich die Mutter an,
+der das Blut in die Schl&auml;fen gestiegen war. &raquo;Alles
+N&ouml;tige werden Sie Ihrer Tochter erkl&auml;ren,&laquo; damit
+wandte er sich zum Gehen. &raquo;Sie ist erst zw&ouml;lf Jahre,
+Herr Doktor &mdash;&laquo; entgegnete sie z&ouml;gernd. &raquo;Tut nichts &mdash; tut<a name="Page_106" id="Page_106"></a>
+nichts &mdash; so schwere Krankheiten bedeuten immer
+eine gro&szlig;e Umw&auml;lzung&laquo;; er dr&uuml;ckte mir nochmals die
+Hand: &raquo;Nun stehen wir h&uuml;bsch ein paar Tage sp&auml;ter
+auf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du brauchst dich nicht zu &auml;ngstigen, Alixchen,&laquo; damit
+wandte Mama sich mir wieder zu, als er fort war,
+und erkl&auml;rte mir mit wenig Worten meinen Zustand.
+Ein Gef&uuml;hl des Stolzes erf&uuml;llte mich: nun war ich
+also wirklich kein Kind mehr, &mdash; und meine Tr&auml;ume
+suchten die Zukunft: so kam denn endlich das Leben, das
+lockende, zauberreiche!</p>
+
+<p>W&auml;hrend meiner Krankheit hatte ich mich so sehr
+gestreckt, da&szlig; kein Kleid mir mehr pa&szlig;te. In den
+Wochen, die ich noch zwischen Bett und Sofa verlebte,
+trug ich meiner Mutter schleppende Schlafr&ouml;cke, was
+mir sehr gefiel. Mein Bild im Spiegel, das mir so
+lange gleichg&uuml;ltig gewesen war, suchte ich wieder; und
+so bla&szlig; und so schlank ich auch war, es gefiel mir nicht
+&uuml;bel: die gro&szlig;en dunkeln Augen, die schwarzen Locken
+&uuml;ber der wei&szlig;en Stirn, die schmalen H&auml;nde mit den
+rosigen Fingerspitzen, &mdash; wer wei&szlig;, ob nicht doch noch
+etwas aus mir werden konnte!</p>
+
+<p>Als wir mit unsern Koffern zum Bahnhof fuhren,
+von wo der Zug uns wieder gen S&uuml;den tragen sollte,
+hatte ich kein einziges verbotenes Buch mit durchzuschmuggeln
+versucht; mich verlangte es nicht, zu lesen,
+denn leben &mdash; leben und genie&szlig;en &mdash; wollte ich!</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_107" id="Page_107"></a></p>
+<h2><a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Nach monatelangem Aufenthalt in den Bergen
+kehrten wir heim. Der Wind, der um den
+wei&szlig;en Schaum der Gie&szlig;b&auml;che und &uuml;ber das
+blauschimmernde Firneis fegt, bringt soviel frische K&uuml;hle
+zu Tal, da&szlig; krankhafte Fieberhitze ihm nimmer stand
+h&auml;lt; und der friedliche Klang der Herdenglocken und
+das n&auml;chtliche Zirpen der Grillen im Gras zaubert den
+ruhigen Schlaf zur&uuml;ck, auch wenn er noch so lange untreu
+war. Ein &uuml;berraschtes &raquo;Aber, Alixchen!&laquo; von
+einem strahlenden L&auml;cheln begleitet, war alles, was
+mein Vater zu sagen vermochte, als er uns in Posen
+wieder in Empfang nahm. Am n&auml;chsten Tage besuchten
+uns Verwandte, die dorthin versetzt worden waren; meine
+Kusine, die so alt war wie ich, ein kleines unansehnliches
+Gesch&ouml;pfchen im kurzen Kinderkleid, sah staunend
+zu mir empor und sagte: &raquo;Du bist ja ein Fr&auml;ulein!&laquo;
+Bald darauf kam mein Lehrer. Wortlos blieb er einen
+Augenblick an der T&uuml;re stehen. &raquo;Wie &mdash; wie geht es &mdash; Ihnen?&laquo;
+kam es dann z&ouml;gernd &uuml;ber seine Lippen.
+Noch nie hatte er mich bis dahin &raquo;Sie&laquo; genannt! Der
+Sepp von Grainau fiel mir ein, den ich in diesem
+Sommer nur mit M&uuml;he dazu gebracht hatte, bei dem
+gewohnten &raquo;Du&laquo; zu bleiben, und der Hans Gunters<a name="Page_108" id="Page_108"></a>berg,
+der wieder in Garmisch gewesen war, und dessen
+huldigende Gedichte mir nur darum keinen Eindruck
+machten, weil ich die unreine Haut und die Schwei&szlig;h&auml;nde
+ihres Verfassers nicht vergessen konnte.</p>
+
+<p>Ich war wirklich kein Kind mehr! Stillschweigend
+packte ich all mein Spielzeug in einen gro&szlig;en Korb und
+lie&szlig; ihn auf den Boden schaffen.</p>
+
+<p>Die neugewonnene Lebenskraft war wie ein Motor,
+der das ganze R&auml;derwerk der Maschine auf einmal in
+Bewegung setzt: mit Feuereifer st&uuml;rzte ich mich &uuml;ber
+meine Studien; dabei galt mir jeder Tag f&uuml;r verloren,
+an dem ich nicht ein Gedicht gemacht oder an irgend
+einem meiner Dramenentw&uuml;rfe gearbeitet h&auml;tte, zugleich
+aber schm&uuml;ckte ich mich mit Vergn&uuml;gen f&uuml;r die Tanzstunde,
+und geno&szlig; die Erlaubnis, an der Geselligkeit im
+Hause der Eltern teilzunehmen, mit vollen Z&uuml;gen...</p>
+
+<p>Da liegen sie vor mir mit vergilbtem Umschlag und
+verbla&szlig;ter Schrift, die alten Aufsatzhefte jener Tage, in
+denen ich vom Lehrer gestellte oder selbstgew&auml;hlte Themen
+behandelte: kindischer Unsinn und fr&uuml;hreife Weisheit in
+buntem Gemisch. Da&szlig; meine Ansichten denen des Lehrers
+oft widersprachen, beweisen seine kritischen Randbemerkungen;
+trotzdem findet sich meist ein &raquo;Gut&laquo; oder
+&raquo;Recht gut&laquo; darunter, &mdash; als ein Zeugnis f&uuml;r seine Objektivit&auml;t
+mehr als f&uuml;r die Richtigkeit meiner Auffassungen.
+Meine Frondeurnatur, die mich dazu trieb,
+allem, was ich h&ouml;rte, zun&auml;chst einmal meinen Widerspruch
+entgegenzusetzen, zeigt sich fast in jeder dieser
+Arbeiten. W&auml;hrend mein Lehrer z.&nbsp;B. Schiller &uuml;ber
+alles liebte, pries ich Goethe; so hei&szlig;t es in einem
+Aufsatz &uuml;ber die Balladen der beiden Dichter: &raquo;Goethe
+<a name="Page_109" id="Page_109"></a>ist ein Naturdichter, das hei&szlig;t ein Dichter von Gottes
+Gnaden. Da&szlig; das Werk, welches er schafft, ein Kunstwerk
+sein wird, ist ihm die Hauptsache. Schiller dagegen
+ist von andrer Art, denn ihm ist das Werk nur
+ein Mittel zum Moralpredigen,&laquo; &mdash; hier steh ein &raquo;Oh!!&laquo;
+des Lehrers daneben &mdash; &raquo;das sieht man an allen seinen
+Balladen, denen alle m&ouml;glichen Lehren zugrunde liegen:
+Der Gang nach dem Eisenhammer lehrt, da&szlig; Gott die
+Unschuld besch&uuml;tzt; der Kampf mit dem Drachen, da&szlig;
+der Sieg &uuml;ber sich selbst gr&ouml;&szlig;er ist als der &uuml;ber das
+Ungeheuer; die B&uuml;rgschaft und Ritter Toggenburg zeigen
+den Wert der Treue, und die Glocke ist fast ganz ein
+Lehrgedicht. Vergleichen wir damit Goethes Erlk&ouml;nig,
+der nicht einen reflektierenden Gedanken enth&auml;lt, aber
+den Hergang so plastisch malt, da&szlig; wir ihn mit erleben,
+oder seine prachtvollste Ballade, Die Braut von Korinth,
+woraus uns der vernichtende Gegensatz des Heidentums
+gegen&uuml;ber dem Christentum deutlich entgegentritt,&laquo; hier
+steht ein Fragezeichen, &raquo;so sehen wir ein, da&szlig; Goethe
+mehr ein Dichter und Schiller mehr ein Prediger ist.&laquo; &mdash; An
+einer andren Stelle sage ich &uuml;ber den Meistersang,
+den mein Lehrer sehr sch&auml;tzte: &raquo;Er war trocken
+und langweilig und zeigte deutlich den Gegensatz des
+braven, aber engherzigen Handwerkertums gegen&uuml;ber
+der ritterlichen Bildung der Minnes&auml;nger&laquo;; und &uuml;ber
+Luther, f&uuml;r den mein Lehrer mich trotz aller M&uuml;he nicht
+erw&auml;rmen konnte, hei&szlig;t es: &raquo;Er hat das gro&szlig;e Verdienst,
+die Macht des Papsttums gebrochen zu haben, aber seine
+Roheit, sein Unverst&auml;ndnis f&uuml;r die Kunst hat seiner Kirche
+den Charakter des Gew&ouml;hnlichen und N&uuml;chtern-H&auml;&szlig;lichen
+aufgepr&auml;gt&laquo;, &mdash; daneben steht: &raquo;Der K&ouml;lner Dom?<a name="Page_110" id="Page_110"></a>&laquo;
+&raquo;D&uuml;rer?&laquo; &raquo;Bach?&laquo; &mdash; In den zahlreichen historischen
+Aufs&auml;tzen schwelgte ich f&ouml;rmlich im &raquo;Tyrannenha&szlig;&laquo;. In
+einer Arbeit von nicht weniger als vierundsechzig Seiten,
+die die politischen Umw&auml;lzungen in Europa vom Drei&szlig;igj&auml;hrigen
+Krieg bis zur franz&ouml;sischen Revolution zum
+Gegenstand hatte, suchte ich nachzuweisen, &raquo;wohin ungerechte
+Regierung, Volksbedr&uuml;ckung, Verachtung alles
+G&ouml;ttlichen f&uuml;hrt ... Schlechte, nur auf ihr Vergn&uuml;gen
+bedachte F&uuml;rsten, eine verdorbene Aristokratie, ein armes,
+durch &uuml;bertriebene Aufkl&auml;rungsschriften irregeleitetes
+Volk standen sich gegen&uuml;ber. Alles bereitete eine Zeit
+vor, die schrecklich, aber notwendig war.&laquo; Unter den
+F&uuml;rsten der Neuzeit beehrte ich Friedrich Wilhelm III.
+mit meinem ganz besondern Zorn, den &raquo;die Taten seiner
+Untertanen ber&uuml;hmt gemacht haben, und der sich dadurch
+bei ihnen bedankte, da&szlig; er sein Versprechen brach ...&laquo;
+Stein feierte ich als den &raquo;Retter des Vaterlandes, der
+in Frieden erreichen wollte, was der Zweck der franz&ouml;sischen
+Revolution gewesen war.&laquo;</p>
+
+<p>H&auml;ufig pflegte mein Vater meine Aufs&auml;tze einer Kritik
+zu unterwerfen, die fast immer dem Stil, sehr selten
+nur der Gesinnung galt. Nach r&uuml;ckw&auml;rts radikal zu
+sein, wie sein T&ouml;chterchen, sich f&uuml;r vergangene V&ouml;lkerfreiheitsk&auml;mpfe
+zu begeistern, sich &uuml;ber die Schandtaten
+der F&uuml;rsten, die lange schon moderten, zu entr&uuml;sten,
+widersprach im allgemeinen nicht den Ansichten der
+Offizierskreise, in denen wir lebten. Sie befanden sich
+damals, besonders in der Provinz, in einem scharfen
+Gegensatz zu den Ideen und Gewohnheiten, die an
+unsern F&uuml;rstenh&ouml;fen herrschten. Der Luxus galt als
+ver&auml;chtlich, die Ehrbarkeit eines einfachen Familienlebens
+<a name="Page_111" id="Page_111"></a>als gr&ouml;&szlig;tes Gut. Das pers&ouml;nliche Verh&auml;ltnis, in dem
+der unbemittelte Linienoffizier noch oft zum Soldaten
+stand, war die Br&uuml;cke des Verst&auml;ndnisses f&uuml;r viele
+W&uuml;nsche und Bed&uuml;rfnisse des Volks. Mit wieviel Heftigkeit
+h&ouml;rte ich oft dar&uuml;ber reden, da&szlig; es &raquo;oben&laquo; an der
+n&ouml;tigen Sorge f&uuml;r vorhandene Not fehle, da&szlig; das
+&raquo;Hofgeschmei&szlig;&laquo; vor lauter Lustbarkeit die preu&szlig;ische
+Tradition der Pflichterf&uuml;llung immer mehr vergesse.
+Als mein Vater einmal von irgendeiner Meldung aus
+Berlin zur&uuml;ckkam, vermochte kein warnendes &raquo;Aber
+Hans!&laquo; meiner Mutter, keiner ihrer bedeutungsvollen
+Seitenblicke auf mich seine Emp&ouml;rung zu bes&auml;nftigen,
+die sich in drastischen Erz&auml;hlungen &uuml;ber das, was er
+geh&ouml;rt und gesehen hatte, Luft machte. Der zunehmende
+Einflu&szlig; der Finanzkreise, die Demoralisierung der Garde
+durch ihre Intimit&auml;t mit &raquo;Theaterprinzessinnen&laquo; und
+ihre Verschw&auml;gerung mit &raquo;B&ouml;rsenjobbern&laquo;, der unpreu&szlig;ische
+Prunk der Hoffeste, die Vetternwirtschaft, wo
+es sich um Avancements handelte, &mdash; das alles wurde
+immer wieder besprochen, und ein &raquo;Da wird noch was
+Gutes dabei herauskommen&laquo; blieb der Refrain. Aber
+Hand in Hand mit dieser abf&auml;lligen Kritik derer &raquo;oben&laquo;,
+ging eine schroffe Verurteilung jeder Auflehnungsversuche
+derer, die &raquo;unten&laquo; sind. Das patriarchalische Verh&auml;ltnis
+war das Ideal, was dagegen verstie&szlig;, ein Verbrechen.
+So war mein Vater ein grimmiger Feind des gro&szlig;industriellen
+Unternehmertums, &mdash; Worte wie &raquo;Ausbeuter&laquo;
+und &raquo;Blutsauger&laquo; h&ouml;rte ich oft von ihm &mdash;, mit derselben
+Heftigkeit aber verurteilte er die Ausgebeuteten und Ausgesogenen,
+die sich selbst Recht verschaffen wollten. Beide
+standen nach seiner Auffassung auf demselben Standpunkt
+<a name="Page_112" id="Page_112"></a>materiellen Lebensgenusses; nur da&szlig; die einen ihn besa&szlig;en,
+ihn bis zum letzten Tropfen auskosten wollten,
+die andern mit allen Mitteln um seinen Besitz k&auml;mpften.
+Inhalt und Ziel des Lebens war f&uuml;r beide gleich; &mdash; so
+schien es auch mir nach allem, was ich h&ouml;rte und
+las, darum habe ich bei all meiner Begeisterung f&uuml;r die
+Freiheitshelden der Geschichte, die Sozialdemokraten
+nicht mit ihnen zu identifizieren vermocht, und meine
+Abneigung stieg zu fanatischem Abscheu, als Kaiser
+Wilhelm, der f&uuml;r uns alle das geweihte Symbol der
+Einheit und Gr&ouml;&szlig;e Deutschlands war, von H&ouml;del bedroht
+und von Nobiling verwundet wurde.</p>
+
+<p>Oben auf dem Fort Winiary, wo ein gro&szlig;er schattiger
+Kasinogarten die Posener Offizierskreise im Sommer
+zu vereinigen pflegte und ich, die verw&ouml;hnte Tochter des
+allm&auml;chtigen Korpschefs, mit den Erwachsenen Krocket
+und Boccia spielt, sa&szlig;en wir gerade fr&ouml;hlich um den
+Kaffeetisch, als ein blutjunger Leutnant atemlos auf
+uns zugest&uuml;rzt kam. &raquo;Herr Oberst, Herr Oberst &mdash;&laquo;
+mehr brachte er nicht heraus, die dicken Tr&auml;nen liefen
+ihm &uuml;ber die Wangen. &raquo;Zum Donnerwetter, was gibts
+denn?&laquo; herrschte mein Vater ihn an. &raquo;Seine Majest&auml;t
+unser allergn&auml;digster Kaiser &mdash;&laquo; er versuchte stramm zu
+stehen wie zur Meldung, aber die Knien zitterten ihm &mdash; &raquo;ist &mdash; ist
+erschossen.&laquo; Mit einem wilden Aufschluchzen
+brach er ab. Mein Vater wurde aschfahl.
+&raquo;Das ist nicht wahr,&laquo; schrie er. Stumm reichte ihm
+der Ungl&uuml;cksbote ein halb zerkn&uuml;lltes Papier, &mdash; das
+Extrablatt. Aus dem ganzen Garten waren inzwischen
+die Menschen zusammengelaufen, Soldaten und Offiziere,
+M&auml;nner und Frauen, jung und alt. Alle weinten. Mein<a name="Page_113" id="Page_113"></a>
+Vater allein stand wie erstarrt zwischen ihnen, nur das
+stahlblaue Funkeln seiner Augen verriet, wie es in ihm
+aussah. Wortlos, von jener gemeinsamen Empfindung
+getrieben, die uns angesichts ersch&uuml;tternder Ereignisse
+stets beherrscht: da&szlig; etwas geschehen m&uuml;sse &mdash; irgend
+etwas, das die gr&auml;&szlig;liche Spannung l&ouml;st &mdash;, eilten wir alle
+dem Ausgang zu. Als wir uns der Stadt n&auml;herten, &mdash; aus
+den Fenstern der ersten H&auml;user wehten vereinzelt
+schon schwarze T&uuml;cher, vom Turm der Garnisonkirche
+l&auml;uteten die Glocken &mdash;, und wir die weite Sandfl&auml;che
+des in der Sonne gl&uuml;henden Kanonenplatzes betraten,
+kam uns ein Mann mit einem Stelzbein entgegen,
+auf dem abgetragnen Arbeitsrock ein sichtlich in
+aller Eile befestigtes eisernes Kreuz. &raquo;Der Kaiser lebt,
+der Kaiser lebt,&laquo; rief er, eine neue Depesche hochhaltend.
+Wir hatten das Neue, &Uuml;berraschende noch kaum gefa&szlig;t,
+als er seinen sch&auml;bigen Hut zwischen die harten F&auml;uste
+pre&szlig;te: &raquo;Lieber Vater im Himmel&laquo;, &mdash; alle M&uuml;tzen
+flogen von den K&ouml;pfen, alle H&auml;nde falteten sich &mdash;,
+&raquo;sch&uuml;tze unsern guten Kaiser!&laquo;</p>
+
+<p>Mein Vater war in jenen Tagen in unbeschreiblicher
+Aufregung; mitten im Gespr&auml;ch oder bei der Lekt&uuml;re
+konnte er auffahren und z&auml;hneknirschend murmeln:
+&raquo;Aufh&auml;ngen soll man die Kerle &mdash; einen neben den
+andern!&laquo; Ich aber verkroch mich in mein Zimmer und
+versuchte die gro&szlig;e Ersch&uuml;tterung dadurch zu bemeistern,
+da&szlig; ich sie in Worte fa&szlig;te. In Versen und in Prosa
+brachte ich meine Empfindungen zu Papier, und eines
+Morgens legte ich meinem Vater das Niedergeschriebene
+auf den Schreibtisch. Seine Freude war so gro&szlig;, da&szlig;
+er es kopieren lie&szlig; und Bekannten und Freunden zeigte;
+<a name="Page_114" id="Page_114"></a>auch mein Lehrer, der entz&uuml;ckt schien, verbreitete es.
+Wenn auf einen Punkt konzentrierte, fieberhaft gesteigerte
+Empfindungen die Massen beherrschen, so wird
+von ihnen stets begr&uuml;&szlig;t, was diesen Gef&uuml;hlen Ausdruck
+verleiht. So kommts, da&szlig; oft k&uuml;nstlerisch Wertloses in
+aufgeregten Zeiten Bedeutung erlangt; so kam es wohl
+auch, da&szlig; meine Verse mich &uuml;ber den engern Kreis der
+Freunde hinaus bekannt machten. Begegnete man mir
+schon anders als sonst dreizehnj&auml;hrigen M&auml;dchen, weil
+ich erwachsen aussah und h&uuml;bsch und meines Vaters
+Tochter war, so umgab man mich jetzt mit einer Treibhausluft,
+in der Eitelkeit und Hochmut wie Tropenpflanzen
+wuchern konnten. In der Tanzstunde, die ich besuchte, nahm
+ich die Huldigungen der Gymnasiasten entgegen, die nicht
+nur meiner frischen Jugend galten, sondern auch den
+literarischen Leistungen, die, wie ich erfuhr, in Gestalt
+meiner Aufs&auml;tze durch meinen Lehrer in der Klasse
+bekannt wurden. In den h&auml;uslichen Gesellschaften und
+auf dem Fort Winiary suchten die jungen Offiziere die
+Unterhaltung des &raquo;interessanten&laquo; Backfischs, und meine
+einzige Freundin Mathilde &mdash; jenes blasse Kusinchen,
+das mich bei der Heimkehr begr&uuml;&szlig;t hatte, &mdash; war eine
+Bewunderung f&uuml;r mich. Meine Mutter war die einzige,
+die ern&uuml;chternd wirken wollte. Da sie aber meine
+Interessen in Bausch und Bogen als &raquo;dummes Zeug&laquo;
+bezeichnete und die Methode hatte, jede, auch die reinste
+Flamme meiner Begeisterung mit dem kalten Wasser ihrer
+sarkastischen Kritik zu begie&szlig;en, so erreichte sie das Gegenteil
+von dem, was sie bezweckte, und entfremdete mich
+ihr dadurch vollkommen. So allein wurde es m&ouml;glich,
+da&szlig; sie ahnungslos neben mir hergehen konnte, als die
+<a name="Page_115" id="Page_115"></a>schwersten k&ouml;rperlichen und geistigen K&auml;mpfe mich zu
+vernichten drohten.</p>
+
+<p>Seit meiner Krankheit hatte ich allerlei Beschwerden,
+die sich von Jahr zu Jahr steigerten. Blutwallungen,
+die mir den Kopf zu sprengen drohten und den Herzschlag
+bis in die Kehle hinauf trieben, hatten mich schon
+in Grainau gequ&auml;lt. Instinktiv war ich dann auf die
+Berge gelaufen, oder war beim ersten Morgengrauen
+heimlich im eisigen Wasser des Rosensees untergetaucht.
+In Posen aber war ich fast immer zu Haus; die kleinen
+Spazierg&auml;nge, das in R&uuml;cksicht auf meinen stets empfindlichen
+Hals nur bei Sonnenschein und Windstille gestattete
+Schlittschuhlaufen halfen mir nat&uuml;rlich nichts;
+turnen durfte ich nicht, weil das &mdash; wie Mama sagte &mdash; die
+H&auml;nde breit macht; und die Tanzstunde mit der
+guten Bowle, an der es nie fehlte, steigerte nur das
+Qu&auml;lende meines Zustands. Etwas Hei&szlig;es, Dunkles
+beherrschte mich mehr und mehr; abends, wenn ich
+schlafen wollte, flogen Glutwellen &uuml;ber meinen K&ouml;rper.
+Meine tobenden Freiheitsges&auml;nge machten Liebesliedern
+Platz, die ich aus Scham und Furcht zu tiefst in meinem
+Schreibtisch versteckte. Ihr Gegenstand war zuerst ein
+Phantasiegebilde, ein erl&ouml;sender Lohengrin, wie in meiner
+fr&uuml;hen Kindheit, bald aber wurden es Menschen von
+Fleisch und Blut. Nicht aus der Schar meiner Tanzstundenfreunde
+w&auml;hlte ich sie, sondern aus dem Bekanntenkreise
+meiner Eltern. Die Sch&ouml;nheit gab dabei
+allein den Ausschlag, mit allem &uuml;brigen &mdash; dem Glanz
+der Geburt, dem &uuml;berragenden Geist und der G&uuml;te des
+Herzens &mdash; schm&uuml;ckte sie meine Phantasie verschwenderisch.
+Ganze Romane erlebte ich in wachen Tr&auml;umen; alle<a name="Page_116" id="Page_116"></a>
+Stadien der Leidenschaft empfand ich: Abschied und
+Wiedersehen, Eifersucht und Untreue, Besitz und Verlust;
+und mit fieberhei&szlig;en H&auml;nden f&uuml;llte ich B&uuml;cher um B&uuml;cher
+mit meinem ertr&auml;umten Gl&uuml;ck und Leid.</p>
+
+<p>Wie sie mich seltsam anmuten, die alten Poesiealbums
+mit ihren bunten geschmacklosen Einb&auml;nden: Asche, die
+von verpufftem Feuerwerk stammt. Der Schmerz bildet
+&uuml;berall den Grundakkord, die Qual der Verlassenheit
+kommt immer wieder zum Ausdruck, und der Wunsch,
+zu sterben, steigert sich oft zu brennendem Verlangen nach
+dem Tod:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Einstmals bl&uuml;htest du wunderbar,<br /></span>
+<span class="i0">Rose, du pr&auml;chtige, s&uuml;&szlig;e,<br /></span>
+<span class="i0">Sandtest zum Himmel blau und klar<br /></span>
+<span class="i0">Duftend-berauschende Gr&uuml;&szlig;e.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Einstmals f&uuml;llte der Liebe Macht<br /></span>
+<span class="i0">Mich mit Wonnen und Schmerzen,<br /></span>
+<span class="i0">Und es strahlte des Lenzes Pracht<br /></span>
+<span class="i0">Wider in meinem Herzen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Jetzt ist die Rose verwelkt, verweht,<br /></span>
+<span class="i0">Herbstlich umbraust mich das Wetter;<br /></span>
+<span class="i0">Eines nur blieb, das den Sturm besteht:<br /></span>
+<span class="i0">Dornen und d&uuml;rre Bl&auml;tter.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Im dunklen Buchengang<br /></span>
+<span class="i0">Zur sch&ouml;nen Fr&uuml;hlingszeit<br /></span>
+<span class="i0">Hast du mich hei&szlig; gek&uuml;&szlig;t<br /></span>
+<span class="i0">Voll Liebesseligkeit.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Im dunklen Buchengang<br /></span>
+<span class="i0">Fielen die Bl&auml;tter ab,<br /></span>
+<span class="i0">Als ich zum Abschied dir<br /></span>
+<span class="i0">Weinend die H&auml;nde gab.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0"><a name="Page_117" id="Page_117"></a>Im dunklen Buchengang<br /></span>
+<span class="i0">Liegt unter Eis und Schnee,<br /></span>
+<span class="i0">Begraben all mein Gl&uuml;ck &mdash;<br /></span>
+<span class="i0">Wach blieb mein Weh.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich m&ouml;chte zu Ro&szlig; durch die W&auml;lder jagen,<br /></span>
+<span class="i0">Ich m&ouml;chte, der Meersturm umbrauste mich,<br /></span>
+<span class="i0">Ich m&ouml;chte jauchzen und schluchzend klagen,<br /></span>
+<span class="i0">Zu deinen F&uuml;&szlig;en, ach, st&uuml;rbe ich!<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich m&ouml;chte entfliehen und dich vergessen,<br /></span>
+<span class="i0">Den Lippen fluchen, die ich dir bot.<br /></span>
+<span class="i0">Ich m&ouml;chte noch einmal ans Herz dich pressen,<br /></span>
+<span class="i0">Und dann umarmen den Br&auml;ut'gam Tod.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>In artigen Reimen mit wohlerzogenen Gef&uuml;hlen
+stellte ich zu gleicher Zeit meine arme Muse zu allen
+Festtagen in den Dienst der Familie und nahm f&uuml;r
+mein &raquo;h&uuml;bsches Talent&laquo; die allgemeine Anerkennung
+entgegen. Nur eine erfuhr zuweilen von den Geheimnissen
+meines Schreibtisches: Mathilde, das blasse
+Kusinchen, die allsonnt&auml;glich zu mir kam, und zu der
+ich lief, wenn das Herz mir gar zu voll war. Sie
+war, als ich sie kennen lernte, noch ein Kind ihrem
+Alter, ihrer geistigen und k&ouml;rperlichen Entwicklung nach,
+und ich h&auml;tte sie nicht beachtet, wenn sie mir nicht in
+einem Moment begegnet w&auml;re, wo ich einen Menschen
+brauchte, wie der schmelzende Schnee auf den Bergen
+ein Bett, in das er sich ergie&szlig;en kann. Ich hatte kein
+andres Interesse f&uuml;r sie als das, da&szlig; sie mich aufnahm.
+Abends in der D&auml;mmerstunde, oder in den Zeiten, wo ich
+zu Bett lag, halb verh&uuml;llt von den wei&szlig;en Vorh&auml;ngen,
+<a name="Page_118" id="Page_118"></a>w&auml;hrend das rote Licht der Ampel &uuml;ber mir strahlte,
+mu&szlig;te sie bei mir sitzen. Dann erz&auml;hlte ich von meiner
+Liebe, meiner Sehnsucht. Was ich im Traum erlebte,
+gestaltete sich vor ihr wie Wirklichkeit. Sie glaubte
+mir alles, sie weinte und seufzte mit mir; und je mehr
+sie es tat, desto mehr verwischte sich vor mir selbst
+Phantasie und Leben, desto mehr verirrte ich mich in
+den Irrg&auml;ngen meiner Einbildungen.</p>
+
+<p>Um jene Zeit war es, da&szlig; meine Mutter eine
+neue Kammerjungfer engagierte, die, im Gegensatz
+zu der entlassenen, auch mich anzuziehen und zu
+frisieren hatte. Sie war ein h&uuml;bsches, blondes Ding
+mit einem unschuldigen Madonnengesichtchen, Tochter
+einer ehrbaren Beamtenwitwe, die durch Zimmervermieten
+ihre gro&szlig;e Familie erhielt und ihre Kinder
+in strenger Zucht und Fr&ouml;mmigkeit erzog, weshalb sie
+meiner Mutter ganz besonders empfohlen worden war.
+Anna &mdash; so hie&szlig; unsre neue Hausgenossin &mdash; fand besonderes
+Gefallen an mir und wiederholte mir t&auml;glich,
+wie h&uuml;bsch ich sei, wobei sie es nicht unterlie&szlig;, jeden
+einzelnen meiner Vorz&uuml;ge zu preisen und mir alle
+Mittel anzugeben, um sie ins rechte Licht zu setzen. Ich
+war eitel, aber es war mir von selbst nie eingefallen,
+auf gut sitzende Korsetts, enge Schuhe und feine
+Str&uuml;mpfe irgend ein Gewicht zu legen. Jetzt wurde
+ich Annas gelehrige Sch&uuml;lerin, und freudehei&szlig; stieg mir
+das Blut ins Gesicht, wenn sie nicht m&uuml;de wurde, mir
+zu versichern, da&szlig; der und jener mich bewundernd ans&auml;he,
+da&szlig; ich die Herzen einmal im Sturm erobern
+werde. Allm&auml;hlich nahm sie die Gewohnheit an, bei
+mir zu bleiben, wenn ich nicht schlafen konnte und die<a name="Page_119" id="Page_119"></a>
+Eltern nicht zu Hause waren. Flink, wie ihre geschickten
+H&auml;nde die Nadel f&uuml;hrten, um aus einem scheinbaren
+Nichts immer noch ein h&uuml;bsches, kokettes Etwas zu
+machen, war ihre Zunge im Erz&auml;hlen. Aber sie kannte
+nur ein Thema: Liebesgeschichten, die sie gelesen oder
+erfahren hatte. Von der unnahbaren H&ouml;he ihrer Tugend
+herab war ihre Entr&uuml;stung &uuml;ber das, was sie berichtete,
+eine ganz ehrliche, und doch schwelgte sie mit kaum versteckter
+L&uuml;sternheit in ihren Schilderungen. Und so ri&szlig;
+sie nach und nach einen Schleier nach dem andern von
+all den Dingen, die mir trotz meiner heimlichen Lekt&uuml;re
+doch unbekannt geblieben waren. Schon als Kind
+hatte sie durchs Schl&uuml;sselloch die Zimmerherrn ihrer
+Mutter beobachtet, hatte Damen aller Art bei ihnen
+aus und ein gehen sehen. Sie selbst, &mdash; das erz&auml;hlte
+sie voll Stolz &mdash;, war niemals den Verf&uuml;hrungsk&uuml;nsten
+der Herren erlegen, wie die dummen, jungen Dinger,
+die sie mit aufs Zimmer nahmen. Aber all die guten
+Sachen, den Sekt und die Austern, hatte sie servieren
+helfen und neugierig beobachtet, wie die M&auml;dels sich
+an Liebe und Alkohol berauschten. Freilich &mdash; nachher
+mu&szlig;ten sie ihre Dummheit b&uuml;&szlig;en; denn sobald das
+Kind da war, lie&szlig;en die Herren sie laufen. &mdash; Das
+Kind! &mdash; Noch f&uuml;hle ich, wie etwas Schreckhaft-Geheimnisvolles
+mir die Glieder l&auml;hmte, als mir, der
+Dreizehnj&auml;hrigen, dies Wort aus Annas Mund feuerrot
+entgegensprang. &mdash; Das Kind! &mdash; An den Storch
+glaubte ich l&auml;ngst nicht mehr, aber wie die Liebe in
+meinen Augen immer von &uuml;berirdischem Strahlenglanz
+umgeben erschien, so schwebte um das Geheimnis des der
+Liebe entspringenden Lebens ein mystischer Heiligenschein.</p>
+
+<p><a name="Page_120" id="Page_120"></a>Wie Anna mich auslachte, mit einem hellen quiekenden
+Lachen, als ich z&ouml;gernd meine Unkenntnis gestand!
+Und wie das junge Ding mit den naiven blauen Frageaugen
+mich aufkl&auml;rte! &mdash; &mdash; Sie war so vertieft in
+alle Details der Beschreibung, da&szlig; sie gar nicht bemerkte,
+wie das Entsetzen mich sch&uuml;ttelte und meine
+Brust vor verhaltenem Schluchzen flog; das fr&ouml;hliche
+Kichern, mit dem sie ihre Rede begleitete, verriet ihre
+Freude an ihrem Gegenstand, so da&szlig; sie schlie&szlig;lich ratlos
+und kopfsch&uuml;ttelnd vor der Verzweiflung stand, die
+mich gepackt hatte. &raquo;Am Ende&laquo; &mdash; so mochte sie denken &mdash; &raquo;f&uuml;rchtet
+sie jetzt schon den Moment des Geb&auml;rens, dessen
+Analen ich beschrieb?!&laquo; Und mit noch gr&ouml;&szlig;rer Zungenfertigkeit
+erz&auml;hlte sie von den Vorsichtigen und Klugen, die
+sich vor solchen Konsequenzen zu h&uuml;ten verstehen, und von
+den Dirnen, die in die Gefahr gar nicht kommen und von
+den M&auml;nnern darum am meisten begehrt werden.</p>
+
+<p>Ich h&ouml;rte zu weinen auf und horchte hoch auf. O,
+die Kleine war gut orientiert! War sie doch oft genug
+zu Boteng&auml;ngen benutzt worden und zur intimsten
+Kenntnis des Lebens und Treibens der Halbwelt
+gelangt! Feine Damen gab es darunter, die in Samt
+und Seide gingen und sich teuer bezahlen lie&szlig;en. &raquo;Bezahlen?!&laquo; &mdash; ich
+k&auml;mpfte schon wieder mit den Tr&auml;nen.
+&raquo;Liebe bezahlen?!&laquo; Anna kicherte: &raquo;Liebe! &mdash;&laquo; und sie
+verfiel wieder in Detailschilderungen. &raquo;Pfui! &mdash; Pfui!&laquo;
+schrie ich auf und pre&szlig;te die H&auml;nde um den Kopf; mir
+war, als br&auml;chen dr&ouml;hnend die Mauern &uuml;ber mir zusammen.
+Halb von Sinnen richtete ich mich auf im
+Bett und stie&szlig; mit der Faust gegen das M&auml;dchen, so
+da&szlig; es aufheulend vom Stuhle fiel.</p>
+
+<p><a name="Page_121" id="Page_121"></a>Mama erkundigte sich am n&auml;chsten Morgen teilnehmend
+um ihr geschwollenes Gesicht; sie sprach von &raquo;Zahnschmerzen&laquo;,
+ich schwieg. Nicht ein Wort von dem, was
+geschehen war, h&auml;tte ich zu sagen vermocht. Ich ging
+umher, und meine Scham war wie ein gl&uuml;hender Mantel,
+der meinen ganzen K&ouml;rper dicht umschlo&szlig;. Ich wurde
+die Bilder nicht los, w&auml;hrend der Ekel mir die Kehle
+zukrampfte. Das &mdash; das war Liebe &mdash; Liebe, von der
+ich getr&auml;umt hatte, an der alle meine Gedanken sich
+entz&uuml;ndeten, die alle Dichter als das Sch&ouml;nste und
+H&ouml;chste priesen! &mdash; Ich wollte nicht mehr daran denken, &mdash; ich
+wollte nicht. Aber dann stiegen neue Fragen
+auf, und Zweifel, und an leise Hoffnungen klammerten
+sich die alten Ideale. An wen h&auml;tte ich mich wenden
+sollen, als an Anna, vor der die Scham am leichtesten
+&uuml;berwunden war? &raquo;Nur die ganz schlechten, ganz gemeinen
+M&auml;nner, nur die Verbrecher sind &mdash; so?&laquo; Welch
+eine Erl&ouml;sung w&auml;re ein Ja gewesen! Aber Anna
+unterstrich und erl&auml;uterte das &raquo;Nein&laquo; doppelt und
+dreifach. Und nur in ganz hellen, frohen Stunden, &mdash; sie
+waren selten genug &mdash;, triumphierte mein Idealismus,
+und die alte Sch&ouml;pferkraft meiner Phantasie schuf
+sich reine Lichtgestalten.</p>
+
+<p>Wenn aber nachts mein Herz und mein Blut mir
+keine Ruhe lie&szlig;en, so verfolgten mich unabl&auml;ssig die
+gr&auml;&szlig;lichsten Tr&auml;ume. Verzweifelt k&auml;mpfte ich dagegen
+an, &mdash; wie um meiner zu spotten, kamen sie mit doppelter
+Gewalt wieder. Am Tage war ich totm&uuml;de,
+dunkle Ringe umschatteten meine Augen, und die &Uuml;berzeugung
+meiner abgrundtiefen Schlechtigkeit machte mich
+scheuer und verschlossener noch als vorher. Wenn meine<a name="Page_122" id="Page_122"></a>
+Mutter abends an mein Bett trat und, dunkelrot im
+Gesicht, mit drohender Stimme sagte: &raquo;H&uuml;te dich vor
+der geheimen S&uuml;nde!&laquo; so verstand ich sie zwar gar nicht,
+senkte aber doch schuldbewu&szlig;t die Augen.</p>
+
+<p>Mehr als je war ich damals mir selbst &uuml;berlassen,
+aber nur ein Zufall lie&szlig; mich erfahren, warum. Das
+Fl&uuml;stern um mich her, das vielsagende L&auml;cheln, all die
+wei&szlig;en Linnenhaufen, die gen&auml;ht und sorgf&auml;ltig vor
+mir versteckt wurden, hatten mich schon neugierig gemacht.
+Da&szlig; Mama vielfach leidend war, jeder Frage
+danach aber auswich und tief err&ouml;tete, wenn sie dennoch
+antworten mu&szlig;te, erschien mir auch seltsam genug. Ein
+Satz in einem Brief der Gro&szlig;mutter, den man mir
+achtlos zu lesen gegeben hatte, kl&auml;rte mich auf: Mama
+war guter Hoffnung. &raquo;Guter Hoffnung&laquo;, &mdash; beinahe
+komisch kam mir der Ausdruck vor, wenn ich sie beobachtete:
+ihre zusammengezogenen Brauen, ihre aufeinandergepre&szlig;ten
+Lippen, die sich kaum mehr zu einem
+L&auml;cheln &ouml;ffneten, ihr Klagen und Seufzen. Nein, die
+Hoffnung war f&uuml;r sie keine gute. Es schien fast, als
+sch&auml;me sie sich ihrer, da sie sie sorgf&auml;ltig verbarg. Und
+in Gedanken an Annas Erz&auml;hlungen err&ouml;tete auch ich,
+wenn ich in Gegenwart der Eltern daran dachte. Sie
+sprachen niemals von dem, was sich vorbereitete; und
+erst als mein Schwesterchen geboren worden war, wurde
+mir das Ereignis vom Vater angek&uuml;ndigt. Seine r&uuml;hrende
+Freude wirkte ansteckend auf mich, und es gab
+Stunden, wo der Gedanke an das h&uuml;lflose kleine Wesen
+in der Wiege wie eine Erl&ouml;sung &uuml;ber mich kam: hier
+war eine Aufgabe f&uuml;r mich, die mich mir selbst entrei&szlig;en
+konnte. Und hielt ich es in den Armen, das
+<a name="Page_123" id="Page_123"></a>s&uuml;&szlig;e wei&szlig;e K&ouml;rperchen, so gingen mir die Augen &uuml;ber
+vor z&auml;rtlicher Liebe, und heimlich schwor ich mir zu: dich
+will ich beh&uuml;ten vor all der Qual, die ich erlitt. Aber
+die polnische Amme, ein leidenschaftliches Gesch&ouml;pf, das
+mit der angstvollen eifers&uuml;chtigen Liebe wilder Tiere an
+dem S&auml;ugling hing, als w&auml;re er ihr eignes Kind, tat,
+was sie konnte, um mich fernzuhalten; auch meine Mutter
+schien mich in der Kinderstube ungern zu sehen, und so
+ging ich bald wieder meine einsamen &auml;u&szlig;eren und inneren
+Wege.</p>
+
+<p>Eines Tages, als ich versp&auml;tet wie immer an den
+Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch trat, &mdash; ich pflegte erst gegen Morgen tief
+und ruhig zu schlafen &mdash;, belehrte mich ein Blick auf
+die Eltern, da&szlig; sie eine heftige Auseinandersetzung gehabt
+hatten. Das war mir zwar nichts Neues, denn
+Mama sah neuerdings h&auml;ufig verweint aus, und Papa
+wurde beim kleinsten Anla&szlig; heftiger denn je, &mdash; an der
+kurzen Begr&uuml;&szlig;ung merkte ich aber, da&szlig; ich die Ursache
+ihres Streits gewesen sein mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Da lies!&laquo; sagte mein Vater und reichte mir ein
+l&auml;ngeres Schreiben mit der Unterschrift unseres Garnisonpfarrers.
+Es lautete:</p>
+
+<p style="text-align: right">
+Posen, den 6. Januar 1879
+</p>
+
+<p>Hochverehrter Herr Oberst!</p>
+
+<p>Sie werden es mir nicht ver&uuml;beln k&ouml;nnen, wenn ich
+als Seelsorger unsrer Gemeinde, dem das ewige Heil
+aller ihrer Glieder am Herzen liegt, im Interesse Ihrer
+Tochter diese Zeilen an Sie richte.</p>
+
+<p>Schon seit l&auml;ngerer Zeit habe ich beobachtet, und aus
+vielen mir zugegangenen Berichten wohlwollender M&auml;nner
+<a name="Page_124" id="Page_124"></a>und Frauen schlie&szlig;en k&ouml;nnen, welch ernster Gefahr Alix
+entgegen geht. Das vielleicht durch eine gr&ouml;&szlig;ere geistige
+Begabung irre geleitete Kind hat viel von jener echten
+jungfr&auml;ulichen Demut und Bescheidenheit, die der Schmuck
+jeder christlichen Familie ist, verloren, und ihre junge
+Seele dem Teufel des Hochmuts zu &uuml;berliefern schon
+begonnen. Ich h&auml;tte mich aber trotzdem in Ihre Entschl&uuml;sse
+und die Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin
+noch nicht einzumischen gewagt, wenn mir nicht k&uuml;rzlich
+eine Mitteilung gemacht worden w&auml;re, deren Richtigkeit
+ich nicht anzweifeln kann. Darnach hat Ihre Tochter
+einem jungen, noch ganz unverdorbenem Mann gegen&uuml;ber
+erkl&auml;rt, da&szlig; der Opfertod unsers Herrn und
+Heilandes ihr nicht anbetungsw&uuml;rdig erscheine; jeder
+Mensch w&uuml;rde freudig zu sterben bereit sein, wenn er
+w&uuml;&szlig;te, da&szlig; er dadurch die Menschheit erl&ouml;sen k&ouml;nne.
+F&uuml;r einen Gottessohn, der seiner ewigen Seligkeit gewi&szlig;
+sei, w&auml;re dies also keine bewundernsw&uuml;rdige Tat.
+Sie f&uuml;gte noch hinzu, da&szlig; Unz&auml;hlige aus weit geringeren
+Ursachen ruhig in den Tod gegangen w&auml;ren.</p>
+
+<p>Es ist mir, Gott sei Lob und Dank, mit des Herrn
+gn&auml;diger Hilfe gelungen, den jungen in seiner christlichen
+&Uuml;berzeugung durch Ihre Tochter ersch&uuml;tterten
+Mann auf den Weg des Glaubens zur&uuml;ckzuf&uuml;hren; nunmehr
+aber habe ich die Pflicht, Sie, hochverehrter Herr
+Oberst, inst&auml;ndig zu bitten, Ihr irregeleitetes Kind dem
+Einflu&szlig; eines Seelsorgers anzuvertrauen, der diese
+Menschenblume in das Licht des Gotteswortes r&uuml;ckt,
+und sie von all dem b&ouml;sen Ungeziefer befreit, das an
+ihr nagt.</p>
+
+<p>Ich w&uuml;rde mich gl&uuml;cklich sch&auml;tzen, wenn ich in per<a name="Page_125" id="Page_125"></a>s&ouml;nlicher
+Unterredung meinen Rat zu einer Tat werden
+lassen k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Oberst, den
+Ausdruck meiner ausgezeichneten Hochachtung,</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 10em;">mit der ich verbleibe</span><br />
+<span style="margin-left: 14.5em;">Ihr ganz ergebener</span><br />
+<span style="margin-left: 21.5em;">Eberhard</span><br />
+<span style="margin-left: 21.5em;">Pfarrer</span><br />
+</p>
+
+<p>&raquo;Nun, was sagst du dazu?&laquo; fragte mein Vater, der
+immer ungeduldiger mit den Fingern auf dem Tisch
+trommelte, so da&szlig; Gl&auml;ser und Tassen klirrten.</p>
+
+<p>&raquo;Gemein!&laquo; war das einzige, was ich zun&auml;chst hervorbringen
+konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Genau dasselbe habe ich gesagt!&laquo; polterte Papa.
+&raquo;Ein netter unverdorbener J&uuml;ngling, der mit frommen
+Augenverdrehen hingeht und meine Tochter beim Herrn
+Oberbonzen verpetzt. Ich h&auml;tte Lust, dem Kerl die
+Hosen stramm zu ziehen und dem Eberhard die blauen
+Flecke als einzige Antwort zu zeigen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du solltest aber doch erst h&ouml;ren, lieber Hans, wie
+weit Alix schuldig ist,&laquo; warf Mama erregt ein.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe gesagt, was er schreibt, und bin bereit, es
+ihm ins Gesicht zu sagen!&laquo; rief ich und warf trotzig den
+Kopf zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Mama pre&szlig;te die Lippen zusammen, was ihrem sch&ouml;nen
+Gesicht etwas Grausames gab. &raquo;Da h&ouml;rst du es,&laquo; sagte
+sie; &raquo;das sind die Fr&uuml;chte der religionslosen Erziehung.
+Du hast es nicht anders gewollt, und ich habe um des
+lieben Friedens willen nachgegeben. Jetzt aber hab ich
+genug, &uuml;bergenug davon! Pfarrer Eberhard werde ich
+antworten.&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_126" id="Page_126"></a>Damit ging sie hinaus. Mein Vater sprang w&uuml;tend
+auf. Mich packte die Angst: nur keine neue Szene!
+Und all die S&uuml;nden fielen mir ein, deren ich mich tats&auml;chlich
+schuldig f&uuml;hlte. Ich trat Papa in den Weg.
+&raquo;Sei nicht b&ouml;se, bitte, bitte nicht,&laquo; bat ich schmeichelnd,
+&raquo;es ist vielleicht wirklich das Beste, wenn ich Religionsstunden
+bekomme. Ich bin ja doch bald vierzehn Jahre
+alt. Und schaden werden sie mir gewi&szlig; nichts!&laquo; Mein
+Vater, der mit ein wenig Z&auml;rtlichkeit gelenkt werden
+konnte wie ein Kind, zog mich ger&uuml;hrt in die Arme,
+als ich, um meiner Bitte Nachdruck zu geben, meine
+Wange auf seine Hand pre&szlig;te. &raquo;Und der Bengel, das
+schwatzhafte alte Weib?&laquo; brummte er noch. &raquo;Den strafe
+ich mit Verachtung,&laquo; lachte ich.</p>
+
+<p>Meine Mutter trat wieder ein. &raquo;Hier ist meine
+Antwort,&laquo; sagte sie: &raquo;Sehr geehrter Herr Pfarrer!
+Sie sind unsern W&uuml;nschen zuvorgekommen. Die rasche
+Entwicklung unsrer Tochter macht eine fr&uuml;here Einsegnung
+n&ouml;tig, als es sonst &uuml;blich ist. Wir haben sie daher
+auf das n&auml;chste Jahr festgesetzt und bitten Sie, uns
+mitzuteilen, wann der Vorbereitungsunterricht beginnt,
+zu dem wir Ihnen unsre Alix anvertrauen wollen. Auf
+die Klatscherei des jungen Mannes einzugehen, widerspricht
+unsern elterlichen Empfindungen ...</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe damit nicht etwa dich, sondern unseren
+guten Ruf in Schutz genommen,&laquo; f&uuml;gte sie rasch, zu
+mir gewendet hinzu.</p>
+
+<p>Bald darauf begann der Unterricht. Sehr befriedigt,
+von einer neuen frohen Hoffnung erf&uuml;llt, kam ich aus
+der ersten Stunde nach Hause. &raquo;Meine T&uuml;re und mein
+Herz stehen Euch jederzeit offen,&laquo; hatte der Pfarrer ge<a name="Page_127" id="Page_127"></a>sagt,
+&raquo;Ihr k&ouml;nnt mit allem, was Euch bedr&uuml;ckt, mit
+Euren Leiden und Zweifeln zu mir kommen. Ich werde
+mich immer bem&uuml;hen, Euch zu verstehen und Euch zu
+helfen.&laquo; Die harmlosen Kindergesichter meiner Mitsch&uuml;lerinnen &mdash; Offizierst&ouml;chter
+wie ich, die nat&uuml;rlich
+von den &uuml;brigen Gemeindekindern gesondert unterrichtet
+wurden &mdash; legten mir unwillk&uuml;rlich w&auml;hrend unseres
+Zusammenseins bei ihm Schweigen auf. Um so h&auml;ufiger
+wollte ich allein zu ihm gehen. Herzklopfend trat ich
+das erste Mal bei ihm ein. In vagen Andeutungen,
+die gewi&szlig; nur ein guter und g&uuml;tiger Physiologe h&auml;tte
+verstehen k&ouml;nnen, sprach ich ihm von den b&ouml;sen Gedanken
+und h&auml;&szlig;lichen Phantasien, die ich vergebens zu vertreiben
+versuchte. Ein &raquo;hm, hm,&laquo; und &raquo;so, so&laquo; und ein erstauntes
+Kopfsch&uuml;tteln war zun&auml;chst die einzige Antwort.
+In sichtlicher Verlegenheit, die Handfl&auml;chen nerv&ouml;s aneinanderreibend
+ging er im Zimmer auf und ab, blieb
+abwechselnd vor dem Gummibaum am Fenster, dem
+Stahlstich des Gekreuzigten &uuml;ber seinem Schreibpult und
+der Sammlung von Familienphotographien auf dem
+B&uuml;cherbrett stehen, die er eingehend zu betrachten schien,
+um sich endlich, wie unter dem Einflu&szlig; eines raschen
+erleuchtenden Gedankens, mir wieder zuzuwenden. &Uuml;ber
+den Tisch hinweg streckte er mir beide H&auml;nde entgegen,
+fleischige, weiche H&auml;nde, die sich anf&uuml;hlten, als h&auml;tten sie
+weder Knochen noch Muskeln. Eine physische Abneigung
+lie&szlig; mich z&ouml;gern, die meinen hineinzulegen. &raquo;Nun,
+mein Kind,&laquo; sagte er und hob sie auffordernd, &raquo;habe
+Vertrauen zu Deinem Seelsorger! Wie ich jetzt Deine
+H&auml;nde fasse,&laquo; &mdash; seine runden Finger legten sich um die
+meinen, als w&auml;ren es lauter nackte, klebrige Schnecken, &mdash; &raquo;so
+<a name="Page_128" id="Page_128"></a>wird Gott die flehend zu ihm erhobenen H&auml;nde
+deiner Seele ergreifen und dich aufrichten vom Staube!
+Das sind Versuchungen des B&ouml;sen, denen du ausgesetzt
+bist. Je mehr dein Glaube lebendig werden wird, je
+inniger du zu beten lernst, desto sicherer wirst du ihn
+&uuml;berwinden.&laquo; &mdash; Ich zog leise meine H&auml;nde aus den
+seinen und rieb sie unter dem Tisch heimlich an meinem
+Kleide ab. Er fing an, mich zu examinieren, ob, wie
+oft und wann ich bete, ob ich zu unserm Herrn und
+Heiland in kindlich-vertrauendem Verh&auml;ltnis st&uuml;nde, ob
+ich flei&szlig;ig die Bibel l&auml;se. Nach kurzem Kampfe gegen
+ein starkes inneres Widerstreben antwortete ich ihm,
+wie es der Wahrheit entsprach, war ich doch zu ihm
+gekommen, beseelt von dem aufrichtigen Wunsch, erl&ouml;st
+zu werden von meinen Qualen, getrieben von der Sehnsucht,
+mir einen neuen, dauernden Tempel bauen zu
+k&ouml;nnen, wo ich zu einem lebendigen Gott zu beten verm&ouml;chte!
+Er runzelte die Stirn, &raquo;das ist ja sehr, sehr
+traurig und unerh&ouml;rt f&uuml;r eine christliche Familie!&laquo; rief
+er aus. Ich beeilte mich, die Eltern zu verteidigen:
+&raquo;O wir beten immer bei Tisch, Mama liest jeden Morgen
+eine Andacht, und in die Kirche gehen wir auch jeden
+Sonntag!&laquo; &mdash; &raquo;Um so unbegreiflicher, da&szlig; ein so junges
+Kind, wie du, der Verf&uuml;hrung des B&ouml;sen erliegen konnte.&laquo;
+Ein neuer Gedanke schien ihm durch den Kopf zu gehen,
+scharf sah er zu mir hin&uuml;ber; &raquo;Was liest du denn?&laquo;
+frug er. Ich erschrak; sollte ich ihm das Geheimnis
+meiner sch&ouml;nsten Stunden verraten?! Ein tiefes, schmerzliches
+Aufatmen &mdash; es mu&szlig;te sein &mdash; mu&szlig;te sein, um
+meines Heiles willen! Zu jener Zeit hatte ich angefangen,
+mir aus Papas B&uuml;cherschrank Goethes Werke zu
+<a name="Page_129" id="Page_129"></a>holen, &mdash; einen Band nach dem anderen. Wenn ich mich
+darin vertiefte, so war ich am sichersten vor mir selbst:
+wie hatte ich mich f&uuml;r Iphigenie begeistert, um Gretchen
+geweint, und Werthers Leiden hatte ich mir gekauft,
+um sie immer in der Tasche tragen zu k&ouml;nnen. Ich
+pflegte sie heraus zu ziehen, wie der katholische Priester
+sein Brevier, wenn er sich vor Anfechtungen sch&uuml;tzen
+will.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ja unerh&ouml;rt, unerh&ouml;rt!&laquo; unterbrach der Pfarrer
+meine Beichte, und seine Stimme &uuml;berschlug sich, wie in
+der Kirche, sobald er von der Fleischeslust sprach. &raquo;Da
+es dein ernster Wille zu sein scheint, dich zu bessern,&laquo;
+sagte er dann so laut, als h&auml;tte er die Rekruten der
+ganzen Garnison vor sich, &raquo;so wirst du tun, was ich
+von dir verlangen mu&szlig;: du r&uuml;hrst diese verwerflichen
+B&uuml;cher w&auml;hrend der Zeit des Konfirmandenunterrichts
+nicht mehr an. Du liest nur, was ich dir gebe. Du
+kommst jedesmal eine Viertelstunde fr&uuml;her zur Stunde
+zu mir als die andern Kinder, damit sie in ihrer Unschuld
+nicht gef&auml;hrdet werden. Versprichst du mir das?&laquo;
+Ich senkte stumm den Kopf; noch einmal legten sich
+seine Finger um die meinen, dann war ich entlassen.
+Wie zerschlagen schlich ich nach Hause. Aber ich war
+fest entschlossen, zu tun, was er verlangt hatte.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen gab es zu Haus eine b&ouml;se
+Szene: Pfarrer Eberhard hatte meinen Eltern &uuml;ber
+meinen Besuch Bericht erstattet und sie aufgefordert,
+sein &raquo;schweres Rettungswerk&laquo; zu unterst&uuml;tzen. Ich sah
+wohl, da&szlig; meines Vaters Zorn sich mehr gegen den
+Pfarrer, als gegen mich richtete, aber wie immer, wenn
+Mama mit ihrer ganzen Energie auftrat, &uuml;berlie&szlig; er
+<a name="Page_130" id="Page_130"></a>ihr das Feld, mir nur unter heftigem H&auml;ndedruck ein
+&raquo;verdammte Pfaffen&laquo; zufl&uuml;sternd. Alle meine Schubf&auml;cher
+wurden untersucht, alle B&uuml;cher konfisziert, die in
+die Rubrik: Lehrb&uuml;cher und Backfischliteratur nicht hineinpa&szlig;ten;
+der Schl&uuml;ssel vom B&uuml;cherschrank wurde abgezogen, &mdash; nur
+die verborgenen Sch&auml;tze im Sofa
+blieben unentdeckt. Ich befand mich in einer unbeschreiblichen
+Aufregung: Der erste Mensch, an den ich mich
+hilfesuchend gewandt, vor dem ich mein Inneres enth&uuml;llt
+hatte, wie vor keinem bisher, vertraute mir so wenig,
+da&szlig; er mich &uuml;berwachen lie&szlig; wie einen Verbrecher!
+Auch mit meinem Lehrer hatte Mama an demselben Tage
+eine l&auml;ngere Unterredung, von der er sehr rot und versch&uuml;chtert
+zu mir kam. Er umging von da an noch
+vorsichtiger als sonst jede Ber&uuml;hrung religi&ouml;ser Fragen.
+Er wurde &uuml;berhaupt immer scheuer vor mir und war
+seltsam zerstreut.</p>
+
+<p>Eine un&uuml;berwindbare Bitterkeit lie&szlig; diese erste Erfahrung
+mit dem Pfarrer in mir zur&uuml;ck; das pers&ouml;nliche
+Vertrauen war ein f&uuml;r allemal vernichtet, aber ich hoffte
+trotzdem, da&szlig; das, was er lehrte, mir Befreiung bringen
+w&uuml;rde. Und ich klammerte mich an diese Hoffnung.
+Ich las in den B&uuml;chern, die er mir gab, und in der
+Bibel, ich klagte mich vor mir selber an, wenn ich eine
+rechte Andachtsstimmung nicht festhalten konnte und
+immer wieder an den Widerspr&uuml;chen und Unwahrscheinlichkeiten,
+die mir aufstie&szlig;en, Ansto&szlig; nahm.</p>
+
+<p>War die Bibel von Gott inspiriert, so mu&szlig;te die
+Sch&ouml;pfungsgeschichte wahr sein; und war sie es, warum
+lehrte man uns dann die naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse
+der Gelehrten kennen? Bei allen<a name="Page_131" id="Page_131"></a>
+Wundern, an die ich glauben sollte, stie&szlig;en mir dieselben
+Bedenken auf; und ebensowenig kam ich &uuml;ber die Lehre
+hinweg, da&szlig; der Gott der Liebe, der Vater im Himmel
+mit dem grausamen, rachs&uuml;chtigen Jehova des Alten
+Testaments identisch sein sollte. Furchtbarer aber als
+alles bedr&uuml;ckte mich der Zweifel an der Erl&ouml;sung der
+Menschheit durch Christi Leiden und Sterben. Weder
+die S&uuml;nden noch die Sorgen der Menschheit waren seit
+seinem Tode aus der Welt verschwunden, und jeder
+b&uuml;&szlig;te, &mdash; wie schmerzvoll empfand ich es selbst &mdash;, nach
+wie vor seine eigene Schuld. Ich sprach meine Zweifel
+und Bedenken offen aus &mdash; wir waren ja ausdr&uuml;cklich
+dazu aufgefordert worden! &mdash; und erwartete sehns&uuml;chtig,
+widerlegt, in unanfechtbarer Weise eines Besseren belehrt
+zu werden. Pfarrer Eberhard wurde immer
+nerv&ouml;ser, sobald ich den Mund auftat, und die andern
+starrten mich an, und stie&szlig;en sich kichernd mit den Ellbogen,
+wenn ich eine Frage stellte. Schlie&szlig;lich wurde
+mir ein f&uuml;r allemal verboten, in ihrer Gegenwart meine
+Gedanken laut werden zu lassen; ich benutzte zun&auml;chst
+die Viertelstunde des Alleinseins dazu, f&uuml;r die der Pfarrer
+immer seltener Zeit zu haben vorgab, und besuchte ihn
+schlie&szlig;lich au&szlig;erhalb der Stunde, wenn meine Zweifel
+mir gar keine Ruhe mehr lie&szlig;en. Er wurde von
+einem Mal zum anderen ungeduldiger, und warf mir
+meinen &raquo;geistigen Hochmut&laquo;, der mich verf&uuml;hre, mit den
+unzul&auml;nglichen Mitteln menschlichen Verstandes an g&ouml;ttliche
+Geheimnisse zu r&uuml;hren, in immer heftigerer Weise
+vor. Auf all mein Warum? war seine Antwort: dar&uuml;ber
+darf man nicht nachdenken, denn der Glaube allein versetzt
+Berge, der Glaube allein macht selig, und so wir
+<a name="Page_132" id="Page_132"></a>nicht werden wie die Kinder, werden wir das Reich
+Gottes nicht schauen. &mdash; Danach mu&szlig; geistiges Streben,
+Forschungstrieb, Wissenschaft ein Werk des Teufels sein, &mdash; folgerte
+ich. Unsere Unterhaltungen &mdash; das sah ich
+endlich ein &mdash; waren zwecklos. Ich gab sie auf. In
+dem Bed&uuml;rfnis, mich auszusprechen, machte ich meine
+Kusine, die ich schon mit meinen Herzensgeschichten aus
+allem Gleichgewicht gebracht haben mochte, zur Vertrauten
+meiner religi&ouml;sen K&auml;mpfe. Es waren Monologe,
+die ich vor ihr f&uuml;hrte, und ich war so sehr mit mir
+selbst besch&auml;ftigt, da&szlig; ich gar nicht bemerkte, wie das
+arme Ding unter mir litt: wie eine Blume war sie,
+die in der Knospe welkt, wenn sie zu fr&uuml;h dem Schutz
+des Schattens und der K&uuml;hle entrissen wird.</p>
+
+<p>Zuweilen frug mein Vater mich nach meinen Stunden;
+er, der menschlicher, feiner dachte, und der mich so lieb
+hatte wie niemand sonst, h&auml;tte mir vielleicht helfen
+k&ouml;nnen, wenn nicht eine tiefe, innere Entfremdung
+zwischen uns eingetreten w&auml;re. Hatte seine aufbrausende
+Heftigkeit, die zwar weniger im Verkehr mit mir, als
+der Dienerschaft und den Untergebenen gegen&uuml;ber hervortrat,
+ein inniges Verh&auml;ltnis zwischen uns schon nicht
+aufkommen lassen &mdash; jedes laute Wort lie&szlig; mich erzittern &mdash;,
+so machte meine allm&auml;hliche Erkenntnis unserer
+pekuni&auml;ren Lage, als deren Ursache ich ihn allein ansah,
+mich hart und unnahbar. Ich sah, wie oft meine Mutter
+weinte, wenn unerwartete Rechnungen kamen; ich las
+in den Briefen meiner Gro&szlig;mutter an Mama, die mir
+zuweilen gegeben wurden, zwischen den Zeilen, wie die
+Geldsorgen auf der ganzen Familie lasteten. Ich fing
+an zu begreifen, warum Mama sich &uuml;ber Geschenke ihres<a name="Page_133" id="Page_133"></a>
+Mannes nicht freute, was mir fr&uuml;her so herzlos erschienen
+war. Es kam vor, da&szlig; ich ihr darin schon
+nachahmte, und erst ein Blick auf Papas trauriges Gesicht,
+auf seine vor Entt&auml;uschung zuckenden Lippen, l&ouml;ste
+meine nat&uuml;rliche Freude &uuml;ber h&uuml;bsche Dinge aus. Mitleid
+aber ist kein Mittel des Vertrauens, besonders nicht
+bei einem Kinde und einem Weibe; Mitleid erhebt &uuml;ber
+den Bemitleideten; das Kind, wie das Weib, mu&szlig; emporsehen
+k&ouml;nnen zu dem Menschen, dem sein ganzes Vertrauen
+geh&ouml;ren soll. So blieb ich allein, auch in diesem,
+dem schwersten Kampf meiner Kindheit. Niemand half
+mir, selbst Gott nicht, so oft und so verzweifelt ich ihn
+auch anrief.</p>
+
+<p>Um diese Zeit war es, da&szlig; meine englische Lehrerin
+mir von Shelley erz&auml;hlte, der mit sechzehn Jahren schon
+seiner antichristlichen Ansichten wegen von der Schule
+entfernt worden war, sp&auml;ter aus denselben Gr&uuml;nden
+England verlassen mu&szlig;te und, kaum drei&szlig;ig Jahre alt,
+in den Wellen des Adriatischen Meeres seinen Tod fand.
+Sein Schicksal ergriff mich tief. Der &Uuml;berzeugung
+Stellung, Wohlleben, Familie und Heimat opfern, &mdash; das
+erschien mir stets als ruhmw&uuml;rdigste Tat.</p>
+
+<p>Mit der Versicherung, da&szlig; ich sie doch nicht verstehen
+w&uuml;rde, gab mir die lange, blonde Mi&szlig;, die f&uuml;r mich
+bis dahin nur die Verk&ouml;rperung der Grammatik gewesen
+war, auf mein dringendes Bitten Shelleys Werke.</p>
+
+<p><em class="antiqua">&raquo;Queen Mab&laquo;</em> war das erste, was ich aufschlug. In
+einer Nacht las ich es zweimal. Mir war, als w&auml;re
+ich selbst Janthe, der Geist, dem die Feenk&ouml;nigin des
+Weltalls wundervolle Pracht, die Schauer der Vergangenheit,
+das Elend der Gegenwart und das verkl&auml;rte<a name="Page_134" id="Page_134"></a>
+Bild der Erdenzukunft zeigte: Ich sah die Reichen
+schwelgen, die Armen hungern; die Toten sah ich auf
+den Schlachtfeldern, hingemordet um der L&auml;ndergier der
+K&ouml;nige willen, und sah, wie die Menschen einander
+zerfleischten wie wilde Tiere, im Namen ihrer G&ouml;tter!
+Und dann verklangen in weiter Ferne all die Laute
+der Qual, das Weinen der Verlassenen, das St&ouml;hnen
+der Hungernden, Verzweiflungsschreie und Todesr&ouml;cheln.
+&raquo;Die Wirklichkeit des Himmels, die selige Erde&laquo; zeigte
+sich, die Welt der Zukunft, wo niemand vergebens mehr
+nach Brot verlangen, niemand nach Erkenntnis verdursten,
+wo die Menschheit sich selbst erl&ouml;st haben wird
+aus der H&ouml;lle irdischer Verdammnis. <em class="antiqua">&raquo;Spirit, behold
+thy glorious destiny!&laquo;</em>, &mdash; rief Mab, die K&ouml;nigin, es
+mir nicht zu? Galt nicht mir ihre Mahnung: F&uuml;rchte dich
+nicht! F&uuml;hre den Krieg gegen Herrschsucht und Falschheit
+und Not, schlag durch die Wildnis den Pfad hin&uuml;ber
+in die Welt, die da kommen soll!</p>
+
+<p>Ich empfand Shelleys Atheismus nicht, ich f&uuml;hlte
+nur, da&szlig; er den Gott verleugnete, an den auch ich nicht
+zu glauben vermochte, und wie eine Offenbarung wirkte
+auf mich sein lebensstarker, hoffnungsreicher Idealismus,
+sein Vertrauen in der Menschen eigene Kraft, sein
+feuriger Appell an die Macht des Willens.</p>
+
+<p>In langen N&auml;chten voll innerer K&auml;mpfe suchte ich
+mir klar zu werden &uuml;ber den Weg, den ich zu gehen
+hatte, und baute mir langsam, Stein um Stein m&uuml;hselig
+zusammentragend, die Kirche meiner Religion auf.
+Ein hei&szlig;es Gl&uuml;cksgef&uuml;hl erf&uuml;llte mich, als ich mein
+Werk vollendet sah und der Entschlu&szlig; in mir fest stand,
+mich zu keinem andern Glaubensbekenntnis als zu
+<a name="Page_135" id="Page_135"></a>meinem eigenen zwingen zu lassen, &mdash; koste es, was es
+wolle.</p>
+
+<p>Um die Weihnachtszeit 1879 besuchte ich Pfarrer
+Eberhard und erkl&auml;rte ihm, da&szlig; ich au&szlig;erstande sei, das
+Apostolikum vor dem Altar zu beschw&ouml;ren, da&szlig; er mich
+daher von der Einsegnung dispensieren m&ouml;ge. Zugleich
+legte ich ihm eine schriftliche Zusammenfassung meiner
+religi&ouml;sen Ansichten vor, &mdash; ein pers&ouml;nliches Glaubensbekenntnis,
+das jeder der Konfirmanden niederzuschreiben
+verpflichtet war. Es lautet:</p>
+
+<div class="blockquot"><p>&raquo;&#8250;Ich glaube an Gott den Vater, allm&auml;chtigen
+Sch&ouml;pfer Himmels und der Erden.&#8249;</p></div>
+
+<p>Ich glaube nicht an diesen Gott. Ich glaube nicht,
+da&szlig; er in sechs Tagen die Welt geschaffen hat, da&szlig; er
+ihm zum Bilde den Menschen schuf. Ich glaube der
+Wissenschaft mehr als den unbekannten Fabelerz&auml;hlern
+des Alten Testaments.</p>
+
+<div class="blockquot"><p>&#8250;Ich glaube an Jesum Christum, Gottes eingeborenen
+Sohn, unsern Herrn, der empfangen ist von dem
+Heiligen Geiste, geboren von der Jungfrau Maria,
+gelitten unter Pontio Pilato, gekreuziget, gestorben
+und begraben, niedergefahren zur H&ouml;lle, am dritten
+Tage auferstanden ist von den Toten, aufgefahren gen
+Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, des allm&auml;chtigen
+Vaters, von dannen er kommen wird, zu richten die
+Lebendigen und die Toten.&#8249;</p></div>
+
+<p>Ich glaube nicht an diesen Christus, denn ich halte
+es f&uuml;r heidnisch, an eine Menschwerdung Gottes zu
+glauben. Ich glaube weder an seine wunderbare Geburt,
+noch an seine H&ouml;llen-, noch an seine Himmelfahrt, noch
+an seine Wunder.</p>
+<p><a name="Page_136" id="Page_136"></a></p>
+<div class="blockquot"><p>&#8250;Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige
+christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung
+der S&uuml;nden, Auferstehung des Fleisches und
+ein ewiges Leben.&#8249;</p></div>
+
+<p>Ich glaube nicht an diesen Heiligen Geist, ich glaube
+nicht an eine heilige, christliche Kirche, die mordet, brennt,
+verfolgt, steinigt, die Seelen martert, die Wahrheit
+leugnet. Ich glaube nicht an Vergebung der S&uuml;nden,
+weil S&uuml;nde sich nur durch bessere Taten vergibt. Ich
+glaube nicht an Auferstehung des Fleisches, denn das
+ist wissenschaftlich unm&ouml;glich.</p>
+
+<p>Ich glaube an eine h&ouml;here Gewalt, die wir Gott
+nennen, die der Ursprung des ersten Lebens ist, die
+die Kraft des Werdens in das erste Atom gelegt hat.
+Mein Geist ist ein Teil dieses Gottesgeistes.</p>
+
+<p>Ich glaube an Jesus, als an einen edlen Menschen,
+der zuerst das Gebot der Menschenliebe predigte und
+danach lebte. Ich glaube, da&szlig; er in Niedrigkeit geboren
+wurde, damit wir daran erkennen sollen, da&szlig; die
+Geburt nicht den Menschen macht, sondern eigene Arbeit
+und eigenes Streben. Christi Gebot der Menschenliebe
+wird die nach ihm benannte Kirche richten.</p>
+
+<p>Ich glaube an den Geist Gottes, der sich in allem
+Sch&ouml;nen und Gro&szlig;en offenbart, der nach dem Tode
+des K&ouml;rpers in andern fortlebt, sei es auf oder &uuml;ber
+der Erde. Die Kirche und ihre Dogmen halte ich f&uuml;r
+menschliche Einrichtungen, denen ein freier Geist sich
+nicht zu beugen braucht.</p>
+
+<p>Sollte dennoch die mir gelehrte christliche Religion
+die wahre sein, so hoffe ich das mit der Zeit zu erkennen.
+Wenn es ein Verbrechen ist, da&szlig; ich mich jetzt
+<a name="Page_137" id="Page_137"></a>von ihr lossage, so scheint es mir ein noch gr&ouml;&szlig;eres
+Verbrechen zu sein, mich zu ihr zu bekennen, wo mein
+Herz nichts davon wei&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>Pfarrer Eberhard war zuerst keines Wortes m&auml;chtig.
+Dann aber entlud sich sein Zorn schrankenlos &uuml;ber mir.
+Jede Selbstbeherrschung vergessend, schlug er mit Anklagen,
+Vorw&uuml;rfen, Drohungen auf mich ein, &mdash; es war
+wie eine Bastonnade! Aber ich ergab mich nicht. Durch
+Wochen und Monate setzte der Kampf zwischen uns sich
+fort, von dem niemand wu&szlig;te als wir beide. War
+es R&uuml;cksicht, oder war es die Sorge, seine Niederlage
+einzugestehen, &mdash; er weihte diesmal auch meine Eltern
+nicht ein. Zwischen jeder Zusammenkunft sammelte ich
+mein R&uuml;stzeug aus meinem verborgenen B&uuml;cherschatz,
+der um vieles gewachsen war, und gr&uuml;belte zu gleicher
+Zeit &uuml;ber die Ausf&uuml;hrung abenteuerlicher Pl&auml;ne. Gab
+der Pfarrer nicht nach, so war ich entschlossen, zu fliehen.
+Um mir das n&ouml;tige Geld zu verschaffen, schickte ich Gedichte
+und Aufs&auml;tze an die verschiedensten Zeitschriften &mdash; nat&uuml;rlich
+vergebens! &mdash; und verkaufte in obskuren
+L&auml;den ein Schmuckst&uuml;ck nach dem anderen. Als ich gerade
+im Begriffe stand, das Kostbarste, &mdash; eine alte Brillantbrosche,
+die meine Gro&szlig;mutter mir einmal geschenkt
+hatte, &mdash; fortzutragen, h&ouml;rte ich im Vor&uuml;bergehen einen
+heftigen Wortwechsel zwischen meinen Eltern. Aufhorchend
+blieb ich stehen: es handelte sich wieder einmal
+um eine unbezahlte Rechnung. Mama schluchzte; Papa
+rief aufgeregt: &raquo;Ich brauche mir deine Vorw&uuml;rfe nicht
+gefallen zu lassen. Ich saufe nicht, ich rauche nicht, ich
+r&uuml;hre keine Karte an, ich habe keine Weibergeschichten &mdash; was
+willst du eigentlich von mir?!&laquo; &mdash; &raquo;Du hast
+<a name="Page_138" id="Page_138"></a>immer zwei Pferde zu viel im Stall &mdash;&laquo; antwortete
+Mama heftig, &raquo;und Alix Privaterziehung, die Tausende
+verschlingt, war auch &uuml;berfl&uuml;ssig &mdash;.&laquo; &raquo;La&szlig; mir
+das Kind in Frieden!&laquo; brauste Papa auf &mdash; &raquo;die
+einzige Freude, die ich habe, la&szlig; ich mir nicht verg&auml;llen &mdash; &mdash;.&laquo;</p>
+
+<p>Jedes Wort traf mich ins Herz; mir hatten sie so
+gro&szlig;e Opfer gebracht &mdash; mir, die ich das Schwerste &uuml;ber
+sie heraufbeschwor; &mdash; ich war meines Vaters einzige
+Freude &mdash; ich, die ihm das Herz brechen wollte! &mdash; Ich
+lief davon, verkaufte mein Schmuckst&uuml;ck und kam
+hochrot und atemlos nach Hause zur&uuml;ck, nur von dem
+Gedanken getrieben, den armen Eltern eine Last abzunehmen.
+Sie sa&szlig;en vers&ouml;hnt nebeneinander und sahen
+mich verwundert an, als ich Mama hastig ein paar
+Goldst&uuml;cke in die Hand dr&uuml;ckte. &raquo;Was soll denn das?&laquo;
+frug sie, und &raquo;Woher hast du das Geld?&laquo; mein Vater.
+Ich erschrak; ich hatte in meinem Eifer an die M&ouml;glichkeit
+dieser Frage nicht gedacht. Sollte ich die Wahrheit
+sagen? Das hie&szlig;e auch meine &uuml;brigen Verk&auml;ufe
+verraten und meine Flucht von vornherein unm&ouml;glich
+machen. Mein Blick fiel auf das &raquo;Daheim&laquo; mit dem
+Anfang einer neuen Erz&auml;hlung an der Spitze. &raquo;Es ist &mdash; es
+ist &mdash; das Honorar f&uuml;r &mdash; diese Geschichte,&laquo;
+kam es m&uuml;hsam und stockend von meinen Lippen. Nun
+war ich im Netz meiner eigenen L&uuml;ge gefangen, und die
+Furcht vor den Folgen hinderte mich, es zu zerrei&szlig;en.
+Die Eltern glaubten mir; mein Vater umarmte mich
+voll R&uuml;hrung, und wenn er auch meine flehentliche Bitte,
+das Geheimnis meiner Autorschaft zu wahren, zu erf&uuml;llen
+versprach, so war er doch viel zu stolz auf den Erfolg
+<a name="Page_139" id="Page_139"></a>seiner Tochter, als da&szlig; er nicht wenigstens den n&auml;chsten
+Freunden und Verwandten davon Mitteilung gemacht
+h&auml;tte. Die Aufkl&auml;rung lie&szlig; nicht lange auf sich warten.
+Eine Kusine meines Vaters war mit der Verfasserin
+des Romans, den ich vorgab, geschrieben zu haben, befreundet
+und frug ihn brieflich nicht wenig erstaunt nach
+dem Zusammenhang dieser seltsamen Historie. Es kam
+zu einem furchtbaren Auftritt. Mein Vater kannte sich
+selbst nicht mehr. &raquo;Mein guter Name! Mein guter
+Name!&laquo; st&ouml;hnte er immer wieder und lief wie wahnsinnig
+im Zimmer hin und her. &raquo;Ich mu&szlig; mich erschie&szlig;en!
+Ich &uuml;berlebe die Schande nicht!&laquo; schrie er
+dazwischen, w&auml;hrend Mama still vor sich hin weinte.
+Stumm und regungslos stand ich mitten im Zimmer und
+r&uuml;hrte mich auch dann nicht, als Papa mit funkelnden,
+rot unterlaufenen Augen vor mir stehen blieb und die
+hoch erhobene Faust klatschend auf meine Wange niedersausen
+lie&szlig;.</p>
+
+<p>Stumpfsinnig vor mich hinbr&uuml;tend, lag ich ein paar
+Tage im Bett. Niemand k&uuml;mmerte sich um mich als
+die Anna, die mir auch mitleidig in die Kleider half,
+als Pfarrer Eberhards Besuch mir gemeldet wurde.
+Mit gefalteten H&auml;nden und tief bek&uuml;mmerter Miene
+trat er ein. Da&szlig; sie keinem echten Gef&uuml;hle Ausdruck
+gab, sah ich an den Lichtern leisen Triumphs, die in
+seinen Augen gl&auml;nzten: Endlich war der Sieg sein &mdash; endlich!
+Er hielt mir eine wohlvorbereitete Rede, die
+ich mit keiner Silbe unterbrach. Das furchtbare Ereignis
+habe hoffentlich, so sagte er, meinen Hochmut
+gebrochen und mich belehrt, da&szlig; Gott seiner nicht
+spotten lie&szlig;e. Noch sei es Zeit f&uuml;r mich, umzukehren
+<a name="Page_140" id="Page_140"></a>vom Wege der S&uuml;nde, und dem&uuml;tig dem zu folgen, der
+allein Wahrheit, Licht und Leben w&auml;re. &raquo;Nach all dem
+Kummer, den du deinen Eltern bereitet hast, wirst du
+ihnen die Schande nicht antun, vom Altar des Herrn
+fern bleiben zu wollen.&laquo; Ich schwieg auch jetzt, trotz
+der beziehungsreichen Pause, die er eintreten lie&szlig;. &raquo;Du
+wirst die Zeit bis dahin zur Einkehr, zur Bu&szlig;e, zum
+Gebet verwenden.&laquo; Wieder eine Pause. &raquo;Und wie
+Gott im Himmel seine Hand nicht von dir abziehen,
+und Jesu Christi Blut auch dich rein waschen wird von
+deinen S&uuml;nden, so werden deine lieben Eltern dir verzeihn.
+Ich werde mit Gottes Hilfe die Schwergepr&uuml;ften
+aufrichten und dich ihnen wieder zuf&uuml;hren.&laquo; Ich
+schwieg noch immer. &raquo;Wirst du tun, was ich, der
+Diener deines Herrn und Heilandes, von dir fordere?&laquo;
+Ein mechanisches &raquo;Ja&laquo; war meine Antwort.</p>
+
+<p>W&auml;hrend der Wochen bis zu meiner Einsegnung lebte
+ich wie ein Automat; ich f&uuml;hlte weder Reue noch Kummer,
+und die Gedanken waren wie ausgel&ouml;scht. Nur als ich
+zum erstenmal das lange wei&szlig;e Konfirmandenkleid anprobierte,
+zuckte mir ein krampfhafter Schmerz durch
+den K&ouml;rper. Den Mund kaum zu einem L&auml;cheln verziehend,
+begr&uuml;&szlig;te ich die vielen Verwandten, die zu dem
+feierlichen Tage nach Posen kamen: Onkel Walter aus
+Pirgallen mit seiner jungen Frau, die eben auf der
+Hochzeitsreise waren, Onkel Kleve aus Bayern, Tante
+Klotilde aus Augsburg, die befriedigt die &raquo;w&uuml;rdige
+Stimmung&laquo; ihrer Nichte anerkannte. Als aber am
+Sonnabend vor Pfingsten, einem herrlichen lachenden
+Maientag, vor dem ich mich versch&uuml;chtert in mein d&auml;mmriges
+Zimmer verkrochen hatte, die T&uuml;re aufging und
+<a name="Page_141" id="Page_141"></a>wie getragen von einem breiten Strom von Licht, meine
+Gro&szlig;mutter in ihrem Rahmen erschien, war mir pl&ouml;tzlich,
+als fiele ein schwerer, eiserner Panzer von mir ab,
+der mich eingezw&auml;ngt und aufrecht erhalten hatte.
+&raquo;Gro&szlig;mama, liebe Gro&szlig;mama,&laquo; rief ich und brach aufschluchzend
+vor ihr zusammen. Ach, warum war ich
+nicht zu ihr gefl&uuml;chtet, warum kam sie erst jetzt, &mdash; jetzt,
+da es zu sp&auml;t war?! Tief ersch&uuml;ttert schlo&szlig; sie mich
+in ihre Arme, und ich weinte mich aus. Aber dann kam
+Mama, und der Abend im Kreise der Familie, und die
+Nacht ...</p>
+
+<p>Widerstandslos lie&szlig; ich mich am n&auml;chsten Morgen
+schm&uuml;cken, nahm den Strau&szlig; wei&szlig;er Rosen in die Hand
+und stieg mit den Eltern in den Wagen. Die ganze
+Stra&szlig;e stand voll Menschen, &mdash; wie bei einem Begr&auml;bnis,
+dachte ich. Auch vor der Kirche sammelten sich
+die Neugierigen in ihren bunten fr&ouml;hlichen Festtagskleidern.
+Durch die Fenster flutete die Sonne, so da&szlig;
+ich geblendet die vom Weinen hei&szlig;en Augen schlo&szlig;, als
+ich zwischen Vater und Mutter auf rotem Teppich durch
+die weite, wei&szlig;e S&auml;ulenhalle schritt. Die Glocken l&auml;uteten,
+brausend setzte die Orgel ein, laut dr&ouml;hnten &uuml;ber
+mir die kr&auml;ftigen Stimmen des Soldatenchors. Jeder
+Ton schnitt mir messerscharf in die Seele. Es blitzte
+und funkelte ringsum von Uniformen und Orden und
+raschelte von seidenen Kleidern. Ich sah nicht auf.
+Da schlug ein ganz leiser, weher Laut, wie &raquo;Alix&laquo; an
+mein Ohr. Ich hob den Kopf. Es war mein Lehrer,
+der mich mit einem Blick ansah, &mdash; einem Blick, der
+mir r&auml;tselhaft schien. Und dann standen wir vor dem
+Altar. Er war ringsum mit einem Wald von Palmen
+<a name="Page_142" id="Page_142"></a>umgeben, ohne eine einzige Blume dazwischen. &raquo;Wie
+beim Begr&auml;bnis,&laquo; dachte ich noch einmal. Ich h&ouml;rte
+nicht, was der Pfarrer sprach; mir war pl&ouml;tzlich, als
+st&uuml;nde ich dicht vor dem Felsentor des H&ouml;llentals, und
+der brausende Bach drohte, mich zu verschlingen. Mein
+Strau&szlig; entfiel mir; der ihn aufhob, war mein Lehrer;
+ich begegnete seinen Augen dabei, &mdash; seltsam, wie er
+mich ansah! Verwirrt blickte ich um mich; meine Mitsch&uuml;lerinnen
+sprachen schon das Apostolikum, und ein
+strenger Blick des Pfarrers mahnte mich an meine
+Pflicht. Einem aufgezogenen Uhrwerk gleich, sagte ich,
+ohne zu stocken, die drei Artikel auf. Und w&auml;hrenddessen
+f&uuml;hlte ich die vielen hundert Augen auf mich gerichtet, &mdash; gespannt,
+h&ouml;hnend, triumphierend. Darnach
+war es einen Atemzug lang totenstill, ehe der Pfarrer von
+jeder einzelnen das pers&ouml;nliche Bekenntnis zu den gesprochenen
+Worten abnahm und den Segen erteilte.
+Ich war die letzte. Er erhob die Stimme bedeutungsvoll,
+als er sich mir zuwandte. Sage nein &mdash; sage
+nein &mdash; klang es in mir. Angstvoll, hilfesuchend sah
+ich um mich: auf das g&uuml;tige, verzeihende L&auml;cheln meines
+Vaters fiel mein Blick, auf den leisen liebevollen Gru&szlig;
+meiner Mutter &mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Bekennst du dich von ganzem Herzen zu unserm
+allerheiligsten Glauben, so antworte: Ja.&laquo; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Irgendwo fiel ein Schirm &mdash; ein S&auml;bel rasselte &mdash; jemand
+schluchzte auf, &mdash; und die vielen, vielen Augen
+durchstachen mich.</p>
+
+<p>&raquo;Ja!&laquo; klang es laut und rauh durch die Kirche. War
+das wirklich meine Stimme gewesen?! Mechanisch kniete
+ich nieder, wie die andern. Ob wohl die Schleppe
+<a name="Page_143" id="Page_143"></a>richtig lag, dachte ich stumpfsinnig, und etwas wie Neugierde
+nach dem Spruch, den der Pfarrer mir geben
+w&uuml;rde, regte sich in mir.</p>
+
+<p>&raquo;Darinnen freuet euch nicht, da&szlig; euch die Geister
+untertan sind, sondern da&szlig; eure Namen geschrieben sind
+im Himmel.&laquo;</p>
+
+<p>Das fuhr wie ein Peitschenhieb auf mich nieder.
+Mein Name &mdash; und im Himmel geschrieben!! Hatte
+ich nicht eben vor Gottes Altar einen Meineid geschworen?! &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Unter Tr&auml;nen und Gl&uuml;ckw&uuml;nschen und Schmeichelworten
+umdr&auml;ngte mich alles. Zu Hause empfing mich
+ein Aufbau von kostbaren Geschenken, von duftenden
+Blumen; Milit&auml;rmusik spielte unter den Fenstern, und
+um die geschm&uuml;ckte Tafel versammelte sich eine gl&auml;nzende
+Gesellschaft. Mir galten die Reden und Toaste, und
+immer aufs neue perlte der Sekt in meinem Glase.
+In halber Bet&auml;ubung kam ich abends in mein Zimmer;
+die rote Ampel brannte &uuml;ber dem Bett; seltsam bedr&uuml;ckend
+war nach all den wirren Ger&auml;uschen des Tages
+die Stille. Mein Blick fiel auf ein kleines Paket, durch
+dessen Schn&uuml;re ein paar gelbe Rosen gezogen waren.
+Verwundert &ouml;ffnete ich das Geschenk, das nicht auf dem
+Tisch der allgemeinen Gaben gelegen hatte. Es enthielt
+ein schmales Buch in blauem Einband &mdash; &raquo;Deutsche
+Liebe&laquo; von Max M&uuml;ller, und einen Brief:</p>
+
+<p>&raquo;Gn&auml;diges Fr&auml;ulein!</p>
+
+<p>Da ich gezwungen bin, schon morgen Posen zu verlassen,
+und vor Ihrer Abreise nicht zur&uuml;ck sein kann,
+gestatten Sie mir, Ihnen schriftlich Lebewohl zu sagen
+<a name="Page_144" id="Page_144"></a>und beifolgendes Buch als Andenken zu &uuml;berreichen.
+Seien Sie recht, recht gl&uuml;cklich!</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 6.5em;">In aufrichtiger Freundschaft</span><br />
+<span style="margin-left: 14em;">Ihr</span><br />
+<span style="margin-left: 15em;">Hugo Meyer.&laquo;</span><br />
+</p>
+
+<p>Ich strich mir &uuml;ber die Stirn, &mdash; tr&auml;umte ich denn?
+Aber nein, das Buch, das ich las, best&auml;tigte mir, was
+mich pl&ouml;tzlich seinen Blick in der Kirche hatte verstehen
+lassen. Und ich &mdash; ich war blind neben ihm hergegangen,
+hatte nicht nach seiner Hand gegriffen, die
+mir aus dem Abgrund herausgeholfen h&auml;tte, in den ich
+versank! Schwarz, unergr&uuml;ndlich, un&uuml;berbr&uuml;ckbar sah
+ich ihn vor mir: Ich hatte heute einen Meineid geschworen, &mdash; und
+mein Freund, mein einziger Freund
+hatte mich verlassen!</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_145" id="Page_145"></a></p>
+<h2><a name="Funftes_Kapitel" id="Funftes_Kapitel"></a>F&uuml;nftes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Wenn der Sommer im Samland Einzug
+h&auml;lt, dann kommt er nicht als ein z&uuml;chtig
+Werbender, der sich die Erde in z&auml;her
+Treue allm&auml;hlich erobert; er kommt vielmehr, ein st&uuml;rmischer
+junger Held, der dem Freiwerber Fr&uuml;hling gar
+nicht Zeit l&auml;&szlig;t, ihm den Weg zu bereiten. Die Sonne,
+die eben noch umsonst mit den Winternebelwolken
+k&auml;mpfte, schie&szlig;t, wenn er naht, pl&ouml;tzlich mit gl&uuml;henden
+Pfeilen vom blauen Himmel herab, und auf einmal erwacht
+Wald und Feld und Wiese und gibt sich
+schrankenlos dem ungest&uuml;men Liebhaber hin. Die Blumen,
+die das Jahr, als ein karger Weiser, sonst &uuml;ber
+viele Monde verteilt, bl&uuml;hen hier zu gleicher Zeit in
+verschwenderischer F&uuml;lle; das Schneegl&ouml;ckchen begr&uuml;&szlig;t
+noch das Veilchen und die gelbe Butterblume; &uuml;ppig
+und grade im prangenden Schmuck ihrer leuchtenden
+Farben stehen Malven und Georginen im Garten,
+w&auml;hrend wei&szlig;e und gelbe und rote Rosen ihnen den
+Preis der Sch&ouml;nheit streitig machen. Mit dem herben
+Duft des Hollunders eint sich der s&uuml;&szlig;e, zarte der Linden,
+der schmeichelnde der blauen Fliederdolden und der berauschende,
+liebeskranke des Jasmins.</p>
+
+<p><a name="Page_146" id="Page_146"></a>Weit, weit hinab, bis zu den graublauen Fluten des
+Kurischen Haffs dehnen sich saftgr&uuml;ne Wiesen und gelbe
+Kornfelder; wenn der Wind dar&uuml;ber streicht, ist es wie
+ein einziges wogendes Meer, aus dem nur hie und da
+die Strohd&auml;cher d&uuml;rftiger H&auml;user hervorlugen. Aber
+auch ihr Elend hat der Sommer, als k&ouml;nnte er nichts
+Trauriges sehen, mit rasch wucherndem Schlingkraut verschleiert,
+so da&szlig; ihre tr&uuml;ben Scheiben wie verschlafene
+Augen verwundert darunter hervorsehen. Es ist so ruhig
+hier wie im Dornr&ouml;schenzauber; nur hie und da unterbricht
+das kl&auml;gliche Weinen eines verlassenen S&auml;uglings
+die tiefe Stille. Was F&uuml;&szlig;e und Arme regen kann, ist
+hinaus mit Harke oder Sense, Spaten oder Beil, Ruder
+oder Fischnetz. Der hei&szlig;e Sommer weckte jung und
+alt aus dem langen, dumpfen Winterschlaf, und von
+fr&uuml;h bis sp&auml;t gilt es schaffen, um seiner Gaben Reichtum
+rasch, wie er sie brachte, zu bergen. Wie sie alle
+lebendig geworden sind, diese schwerbl&uuml;tigen Menschen:
+sie gehen nicht &mdash; sie springen &mdash;, sie lachen nicht &mdash; sie
+kreischen, und der Haffwind, des Samlandsommers
+treuer Knecht, peitscht ihre strohgelben Haare, da&szlig; sie
+rings von den breiten Sch&auml;deln abstehen, wie Bl&auml;tter
+der Sonnenblume um den Kelch, und bl&auml;ht die roten
+R&ouml;cke der Weiber, da&szlig; die nackten Beine bei jeder Bewegung
+darunter hervorleuchten. Sie sind mit der
+Natur noch eins, diese M&auml;nner und Frauen: sie
+schlafen auch den Winterschlaf mit ihr; denn nach
+der langen Tagesarbeit klingts und singts noch durch
+die helle warme Sommernacht; es kichert und raschelt
+zwischen den Garben, es atmet hei&szlig; und schwer in den
+Gei&szlig;blattlauben. Vom Dorfkrug aber l&auml;rmt und tobt
+<a name="Page_147" id="Page_147"></a>es her&uuml;ber: da sitzen sie hinter schw&auml;lender Lampe, vertrinken
+und verspielen ihre Habe, und wenn sie gl&uuml;hend
+vom Branntwein heimkehren, mischt sich wohl auch wilder
+Wehlaut aus Weiberkehlen in all die vielen wirren
+T&ouml;ne der Nacht.</p>
+
+<p>In solch eines Sommers hei&szlig;es Leben kam das blasse
+Stadtkind mit den tr&uuml;ben Augen und dem matten
+L&auml;cheln. Das Turmzimmer von Pirgallen nahm es
+wieder auf, wo es zuerst das von der alten Linde vor
+dem Fenster gr&uuml;n verschleierte Licht des Tages erblickt
+hatte. &raquo;Hier soll mein Alixchen wieder rund und rosig
+werden,&laquo; sagte die Gro&szlig;mama bei der Begr&uuml;&szlig;ung, das
+Enkelkind bek&uuml;mmert musternd. &raquo;Und all die Gelehrsamkeit
+soll sie vergessen,&laquo; f&uuml;gte Onkel Walter lachend
+hinzu. &raquo;Und trinken und tanzen soll sie, bis sie schwindlig
+wird,&laquo; rief Tante Emmy, seine Frau, w&auml;hrend in ihren
+lustigen braunen Augen alle Kobolde des Frohsinns ein
+Feuerwerk entz&uuml;ndeten. Seit sie vor kaum einem halben
+Jahr hier Einzug gehalten hatte, mochte das alte Schlo&szlig;
+sich selbst kaum wieder erkennen: Die G&auml;ste kamen und
+gingen, helle Kleider raschelten durch die sonst so einsamen
+G&auml;nge, die Mauern hallten wider von Lachen
+und Scherzen.</p>
+
+<p>Wenn morgens der Rasenteppich, der hinter dem
+Schlo&szlig; bis zum Wasser herunterf&uuml;hrt, unter Tauperlen
+und Sonnenstrahlen gl&auml;nzte und glitzerte wie ein Riesensmaragd,
+dann gingen die G&auml;ste von der breiten Terrasse
+die hohe Steintreppe hinab und verteilten sich in Park
+und Wald; die einen tr&auml;umten still in der H&auml;ngematte,
+die andern lockte das Haff, dessen wei&szlig;e Schaumk&ouml;pfchen
+vom Horizont her&uuml;bergl&auml;nzten, zum Bad und zur Segel<a name="Page_148" id="Page_148"></a>fahrt;
+die Ruhigen liebten es, am Strande Muscheln
+zu suchen; die Waghalsigen wollten, mit Kutschern und
+Reitknechten um die Wette, junge Pferde hinter Zaum
+und Z&uuml;gel zwingen. Freiheit der Bewegung war Gesetz
+f&uuml;r alle. Nur wenn laut der Gong durch Schlo&szlig; und
+Hof und Garten gellte, fanden sie sich allm&auml;hlich wieder
+zusammen.</p>
+
+<p>Allabendlich f&uuml;llte sich der dunkle Speisesaal, in dem
+so lange nur Mutter und Sohn einander schweigsam
+gegen&uuml;bergesessen hatten, mit lebenslustiger Jugend, und
+die kulinarischen Gen&uuml;sse, die der franz&ouml;sische Koch zu
+bereiten verstand, steigerten mit dem perlenden Sekt, den
+der alte Haushofmeister unerm&uuml;dlich in die Gl&auml;ser
+schenkte, die lebendige Stimmung. Wenn dann hinter
+den Fl&uuml;gelt&uuml;ren die z&auml;rtlich-lockende Weise des Donauwalzers
+klang, gab es ein heftiges St&uuml;hler&uuml;cken, und
+gleich darauf flogen die Paare durch den hohen wei&szlig;en
+Saal. Viele schmale Spiegel, von Goldleisten eingefa&szlig;t
+und von musizierenden Amoretten bekr&ouml;nt, warfen das
+Bild immer wilder tobender T&auml;nzer zur&uuml;ck, w&auml;hrend so
+manche durch das Alter blind gewordene Scheiben heimlich
+die Erinnerung an grazi&ouml;s und feierlich im Menuett
+sich schl&auml;ngelnde und wiegende Rokokopaare zu bewahren
+schienen. Mit leisem Klirren schlugen die Kristallprismen
+des Kronleuchters aneinander, und die Lichter
+flackerten im Takt, als h&auml;tte die Tanzweise auch ihnen
+Leben verliehen; sie bewegten sich noch lange hin und
+her, wenn die duftende Schw&uuml;le der Sommernacht die
+Tanzenden durch weit offene T&uuml;ren in den d&auml;mmernden
+Park gelockt hatte. Da gab es verschnittene Laubeng&auml;nge
+und wei&szlig;e B&auml;nke im Jasmingestr&auml;uch, und auf
+<a name="Page_149" id="Page_149"></a>stillen Weihern kleine K&auml;hne. Sp&auml;t erst, wenn feuchte
+Nebel vom Haff her&uuml;ber die nackten Schultern der
+Frauen unter den Spitzengeweben zittern lie&szlig;en, gingen
+Pirgallens Bewohner zur Ruhe.</p>
+
+<p>Unaufhaltsam ri&szlig; mich das Leben in seinen Strudel.
+Geistig m&uuml;de und stumpf, getrieben von dem Wunsch,
+nur nicht zu mir selbst kommen zu k&ouml;nnen, war es mir
+zuerst der Rausch, der Vergessen bringt. Aber dann
+siegte Jugend und Lebenslust, und der Genu&szlig; wurde
+zum Selbstzweck. Niemand dachte angesichts des gro&szlig;en
+reifen M&auml;dchens an ihre vierzehn Jahre; ich galt allen
+als erwachsene junge Dame, als Tochter des Hauses
+&uuml;berdies, und was an m&auml;nnlicher Jugend ins Schlo&szlig;
+kam, das teilte seine Huldigungen zwischen der lustigen
+Hausfrau und ihrer Nichte. Zuweilen, das merkte ich
+wohl, war ich der Tante, die gewohnt war, der Mittelpunkt
+der Gesellschaft zu sein, ein Dorn im Auge. Dann
+begann jener stille Frauenkampf um den ersten Platz,
+der, mit allen Waffen der Koketterie gef&uuml;hrt, nicht minder
+aufregend ist als der der M&auml;nner im Fechtsaal oder
+beim Hasard. Triumphierte meine Jugend &uuml;ber ihre
+Grazie und ihren Witz, so behandelte sie mich pl&ouml;tzlich
+als das Kind, das zur Strafe nicht mitgenommen wird,
+wenn die Gro&szlig;en sich am&uuml;sieren; doch &raquo;das Kind&laquo; durchkreuzte
+nur zu rasch ihre p&auml;dagogischen Einf&auml;lle. So
+wurde ich einmal von einer Segelpartie ausgeschlossen &mdash; aus
+Mangel an Platz, sagte sie &mdash;; im Augenblick
+aber, als die Jacht den Hafen verlie&szlig;, erschien ich hoch
+zu Ro&szlig; in Begleitung des feschesten K&uuml;rassierleutnants,
+den meine Tante &mdash; ich wu&szlig;te es genau! &mdash; von allen
+G&auml;sten am meisten entbehrte. Und ein andermal, als
+<a name="Page_150" id="Page_150"></a>ihre neuste Pariser Toilette mich ausstechen sollte, zog
+ich durch einen rasch zusammengestellten phantastischen
+Schmuck von Vogelbeeren auf meinem wei&szlig;en Kleid und
+in meinen schwarzen Haaren alle Blicke zuerst auf mich.
+Es war gerade von der gro&szlig;en Dampferfahrt die Rede,
+die der konservative Verein des Kreises mit seinen
+Damen durch den Friedrichskanal zum Moorbruch unternehmen
+wollte. Wir freuten uns alle darauf, ein St&uuml;ck
+altlitauer Landes und Lebens kennen zu lernen.</p>
+
+<p>&raquo;Schade, da&szlig; Alix zu Hause bleiben mu&szlig;,&laquo; h&ouml;rte ich
+pl&ouml;tzlich die hohe scharfe Stimme der Tante sagen; &raquo;nur
+pers&ouml;nlich Geladene haben Zutritt.&laquo; Mir stiegen Tr&auml;nen
+der Entt&auml;uschung und des Zorns in die Augen. Onkel
+Walter, der den Zusammenhang nicht begriff, sah mich
+an und rief &uuml;ber den Tisch hin&uuml;ber: &raquo;Beruhige dich,
+Alix, das ist eine blo&szlig;e Formalit&auml;t, die ich rasch erledigen
+werde.&laquo;</p>
+
+<p>Tante Emmys gereizte Stimmung verriet mir am
+n&auml;chsten Morgen, da&szlig; es zwischen dem Ehepaar noch eine
+Szene gegeben hatte und der Sieg nicht auf ihrer Seite
+gewesen war. Die offizielle Einladung wurde mir mit
+einer gewissen Absichtlichkeit &uuml;berreicht, und ich konnte
+das leise L&auml;cheln nicht unterdr&uuml;cken, mit dem ich die
+Tante dabei ansah.</p>
+
+<p>Am fr&uuml;hen Morgen des gro&szlig;en Tages fuhren wir in
+zwei Viersp&auml;nnern gen Labiau, die Kreisstadt. Als die
+Wagen &uuml;ber das holprige Pflaster rollten, flogen links
+und rechts die Fenster auf, und neugierige Gesichter
+starrten den ber&uuml;hmten Gespannen Pirgallens nach. Auf
+der Stra&szlig;e blieben die Leute stehen, zogen die M&uuml;tzen
+oder knixten respektvoll; und am Anlegeplatz, wo der<a name="Page_151" id="Page_151"></a>
+Dampfer schon fauchte und prustete, wartete die Menge
+der Geladenen auf den vornehmsten Mann, den gr&ouml;&szlig;ten
+Besitzer und den eben zum Reichstagskandidaten des
+Kreises aufgestellten Freiherrn. Er und seine Frau
+wurden umringt, ich stand abseits und musterte mit
+heimlichem Naser&uuml;mpfen die Gesellschaft: Die Frauen,
+fast alle gro&szlig; und hager, in seidene Staatskleider gezw&auml;ngt,
+&uuml;ber den kantigen Gesichtern und den glatten
+Scheiteln kleine Kapotth&uuml;tchen, mit allen Zeichen jener
+nicht zu &uuml;berwindenden Verlegenheit, die ungewohnte,
+mit Wetter und Tagesstunde unvereinbare Kleidung
+hervorruft; die M&auml;dchen, hochrot vor Erregung, in
+steifgest&auml;rkten Kattunf&auml;hnchen, Zwirnhandschuhe &uuml;ber
+den H&auml;nden, klirrende Armb&auml;nder &uuml;ber den breiten Gelenken,
+in einem dichten Haufen &auml;ngstlich zusammengeschart,
+als gelte es, sich gegenseitig vor den Angriffen
+der M&auml;nner zu sch&uuml;tzen. Die hatten sich schwarz und
+dicht gegen&uuml;ber postiert, nur hier und da von einer
+Reserveleutnantsuniform irgend eines hundertsten Infanterieregiments
+unterbrochen. Sonst lauter Bratenr&ouml;cke
+und Zylinder. Mich grauste es; ganz anders hatte
+ich mir die Sache gedacht, und beinahe w&auml;re ich rasch
+wieder in unseren Wagen gesprungen, als Onkel Walter
+sich nach mir umdrehte: &raquo;Erlaube, da&szlig; ich dir einige
+der Herren vorstelle: Herr v. Trebbin, v. Wanselow,
+v. Warren-Laukischken.&laquo; So alte Namen und solche
+Bauern! dachte ich, w&auml;hrend mein Blick auf ihren roten
+H&auml;nden sekundenlang haften blieb.</p>
+
+<p>&raquo;Ah, da sind Sie ja auch, mein lieber Rapp,&laquo; h&ouml;rte ich
+meinen Onkel lachend sagen, &raquo;trauen Sie sich wirklich einmal
+in Damengesellschaft?!&laquo; Ich wandte mich rasch nach
+<a name="Page_152" id="Page_152"></a>dem Angeredeten um: das also war der Frauenfeind, von
+dem Tante Emmy im Wagen gesagt hatte, er sei der einzige,
+der sie interessiere. Sie hatte zweifellos vor, den wunderlichen
+Einsiedler zu bekehren und freund-nachbarliche
+Beziehungen anzukn&uuml;pfen. Ich dachte nicht mehr daran,
+davon zu fahren, sondern folgte dem Menschenstrom,
+der &uuml;ber den Schiffssteg zum Dampfer flutete. Die
+Labiauer Stadtkapelle konzertierte, als h&auml;tten alle verstimmten
+Fl&ouml;ten und Trompeten sich hier ein Stelldichein
+gegeben, und zwischen den Eichenlaubgewinden knisterten
+die grellbunten Papierblumen. Das kleine Schiff schien
+die Geladenen kaum fassen zu k&ouml;nnen. Nur die Honoratioren,
+darunter auch meine Verwandten, wurden an
+einen gedeckten Tisch gen&ouml;tigt, auf dem ein kreisrunder
+Strau&szlig; in wei&szlig;er Papiermanschette prangte. Alle
+anderen suchten sich eilig einen Platz; wie aufgescheuchte
+V&ouml;gel liefen die M&auml;dchen umher, bis sie gl&uuml;cklich wieder
+eng gedr&auml;ngt in einer Ecke beieinander sa&szlig;en. Ich blieb
+ruhig stehen; Laufen und Hasten war mir immer antipathisch,
+und aufs Geradewohl mich irgendwo einklemmen,
+vollends. Das Schiff setzte sich schon in Bewegung, als
+ich Herrn von Rapp in meiner N&auml;he sah, sichtlich unschl&uuml;ssig,
+in welchen Winkel er sich mit seiner Menschenfeindschaft
+fl&uuml;chten sollte. &raquo;Wir sind Leidensgef&auml;hrten,&laquo;
+sprach ich ihn an, &raquo;ich glaube, in der Kaj&uuml;te sind Sessel,
+wollen Sie so gut sein, mir einen bringen?&laquo; Mit zweien
+kam er zur&uuml;ck, &mdash; ich wu&szlig;te, als h&ouml;flicher Mann konnte
+er mich nicht allein lassen. Wir unterhielten uns, zuerst
+gequ&auml;lt und konventionell, dann immer lebhafter. Der
+kleine Mann mit dem fr&uuml;hzeitig kahlen Sch&auml;del hatte
+seine Landeinsamkeit ausgenutzt: er war belesen, und &mdash; was
+<a name="Page_153" id="Page_153"></a>in dieser Umgebung noch erstaunlicher schien &mdash; er
+hatte selbst&auml;ndig &uuml;ber Welt und Menschen nachgedacht.
+Was ich geplant hatte, um die Tante zu &auml;rgern
+und mir die Zeit zu vertreiben, war rasch vergessen, &mdash; so
+sehr fesselte mich unser Gespr&auml;ch. Inzwischen fuhren
+wir im leuchtenden Sonnenschein den Friedrichskanal
+entlang, durch das dunkelgr&uuml;ne Moosbruch, an niedrigen
+H&auml;uschen vorbei, um die verkr&uuml;ppelte Obstb&auml;umchen
+bl&uuml;hten, vor&uuml;ber an Agilla und Juwendt, uralten litauer
+Ansiedlungen, wo die Strohd&auml;cher fast zur Erde reichten
+und die kleinen struppigen Pferdchen, denen des Litauers
+z&auml;rtlichste Sorgfalt gilt, lustig zwischen den Scharen
+schmutziger Blondk&ouml;pfchen umhersprangen. Mein Nachbar
+kannte Land und Leute gut; er wu&szlig;te von den hartn&auml;ckigen
+K&auml;mpfen gegen die Ordensritter zu erz&auml;hlen,
+die mit einer &mdash; was die Religion betrifft, freilich nur
+scheinbaren &mdash; Unterwerfung der Litauer erst dann
+endeten, als die Zahl ihrer M&auml;nner auf das &auml;u&szlig;erste
+dezimiert war, und kannte all ihre seltsamen Gebr&auml;uche,
+die sich noch aus der Zeit des Heidentums erhalten
+hatten.</p>
+
+<p>Ein heftiger Sto&szlig;, der unseren Dampfer erzittern
+lie&szlig;, unterbrach seine Schilderungen: wir sa&szlig;en fest,
+vergebens arbeitete die Maschine, der Kapit&auml;n, der gestand,
+hier noch nie gefahren zu sein, war ratlos, und
+alles Geschrei vermochte niemanden ans Ufer zu locken
+als die Kinder.</p>
+
+<p>&raquo;Setzen Sie ein Boot aus und fahren Sie hin&uuml;ber,&laquo;
+damit wandte sich mein Onkel an den Kapit&auml;n. Unter
+dem Vorwand, sich mit den Litauern nicht verst&auml;ndigen
+zu k&ouml;nnen, lehnte er es ab. &raquo;Begleiten wir ihn!&laquo; sagte
+<a name="Page_154" id="Page_154"></a>ich, entz&uuml;ckt von der Aussicht auf ein Abenteuer, leise
+zu Rapp, der mir eben klangvolle Strophen litauischer
+Dainos zitiert hatte. Rasch entschlossen verst&auml;ndigte
+er sich mit dem Kapit&auml;n, und ebenso rasch folgte ich den
+M&auml;nnern in den Kahn, begleitet von dem erstaunt-unwilligen
+Gemurmel der Zur&uuml;ckbleibenden. Am Ufer
+angelangt, traten wir in eines der ersten H&auml;user und
+stie&szlig;en die T&uuml;re auf, als uns auf unser Klopfen niemand
+antwortete.</p>
+
+<p>Der Raum war fast dunkel, und bei&szlig;ender Rauch
+hinderte uns &uuml;berdies, die Augen zu &ouml;ffnen; ein paar
+H&uuml;hner flogen vor uns auf, Schweinegrunzen t&ouml;nte uns
+aus dem &auml;u&szlig;ersten Winkel entgegen, auf dem Herd,
+dessen Glutaugen uns ansahen, wurde hastig ein Topf
+beiseite ger&uuml;ckt, dann n&auml;herten sich uns schlurfende
+Schritte. Ein Weib, dem wei&szlig;e lange Haare wirr und
+tief &uuml;ber die Schultern fielen, trat uns entgegen, kreuzte
+die Arme &uuml;ber das grobe Hemd, das mit einem dicken
+gelben Wollrock ihre einzige Bekleidung bildete, und
+k&uuml;&szlig;te mit einer Geb&auml;rde dem&uuml;tiger Unterw&uuml;rfigkeit den
+Saum meines Kleides. Rapp erkl&auml;rte ihr rasch die
+Situation. War sie es, oder war es der Klang der
+eigenen Sprache, der ihr ein L&auml;cheln in das Antlitz
+trieb? Ablehnend zuckte sie die Schultern und wies auf
+die Bank in der Ecke, auf der ein Mann, in eine
+Pferdedecke geh&uuml;llt, schnarchend lag.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn der Litauer nicht trinkt, dann stiehlt er, und
+wenn er nicht stiehlt, dann schl&auml;ft er,&laquo; sagt das Sprichwort.
+Rapp wurde ungeduldig und sprach lauter. Inzwischen
+hatten sich die Kinder aus der T&uuml;re hereingeschlichen
+und umringten die Mutter; in all den vielen<a name="Page_155" id="Page_155"></a>
+Augen &mdash; graublau wie das Haff &mdash; spielten feindselige
+Lichter; und je heftiger Rapp wurde, desto straffer richtete
+sich das Weib aus ihrer gebeugten Stellung auf, bis
+ihre Stirn den niedrigen Balken der H&uuml;tte fast streifte.
+&raquo;Wie eine verwunschene Schicksalsg&ouml;ttin,&laquo; dachte ich und
+wich scheu vor ihr zur&uuml;ck. Rapp aber war an ihr vorbei
+an den Herd getreten und hatte den Kessel aus Licht ger&uuml;ckt.
+&raquo;Rehbraten!&laquo; rief er. &raquo;Dacht' ichs mir doch! Also
+ein Wilddieb.&laquo; Schon lag die Frau ihm jammernd zu
+F&uuml;&szlig;en, und, sich die Augen reibend, war der Mann bei dem
+L&auml;rm vom Lager gesprungen. Es bedurfte nur noch einer
+kurzen Unterhandlung, um sie gef&uuml;gig zu machen. Kaum
+zum Dampfer zur&uuml;ckgekehrt, entwickelte sich ein merkw&uuml;rdiges
+Schauspiel vor unsern Augen: lange schmale K&auml;hne
+umringten ihn von allen Seiten, in jedem stand aufrecht,
+mit dem Ruder kr&auml;ftig sto&szlig;end, ein Weib. Eine sah
+aus wie die andere: gro&szlig;, schlank, hell&auml;ugig, mit buntem
+Rock, einem Hemd, das oft reiche Stickerei aufwies,
+ein grelles Tuch um die wei&szlig;blonden Haare geschlungen.
+Sie wu&szlig;ten so genau Bescheid in ihren heimatlichen
+Gew&auml;ssern wie der beste Lotse, und bald waren wir
+wieder flott und fuhren in gutem Fahrwasser den voranrudernden
+Frauen nach. Allm&auml;hlich wurde ihre Zahl
+immer kleiner, und nur die grauhaarige Schicksalsg&ouml;ttin
+blieb &uuml;brig, um uns den Weg zu der Mittagsstation,
+wo das ersehnte Diner unsrer wartete, zu zeigen. Schlie&szlig;lich
+verschwand auch sie, nachdem der Weg, wie sie sagte,
+nicht mehr zu fehlen sei; irgendwo aus der Ferne h&ouml;rten
+wir noch das Rufen und Lachen, mit dem die Heimkehrende
+von den Gef&auml;hrtinnen empfangen wurde. Aber
+zu unserm Mittagessen gelangten wir nicht &mdash; f&uuml;r die
+<a name="Page_156" id="Page_156"></a>entdeckte Wilddieberei hatte die Alte sich ger&auml;cht! Unser
+Schiff enthielt Proviant; aber man hatte mehr an den
+Durst als an den Hunger der Passagiere gedacht; und
+da bei stundenlanger Fahrt auch so ergiebige Gespr&auml;chsstoffe
+wie Getreidepreise, Leutemangel, Erntesorgen und
+Viehzucht schlie&szlig;lich ersch&ouml;pft waren, so blieb den biederen
+Vereinsgenossen nichts &uuml;brig, als zu trinken und Skat
+zu spielen. Um dem Sehbereich ihrer teuren Eheh&auml;lften
+zu entgehen, zogen sie sich, soweit es der Raum erlaubte,
+in die Kaj&uuml;ten zur&uuml;ck. Zigarrendampf, knallende Pfropfen,
+ein immer br&uuml;llenderes Gel&auml;chter, hier und da aus der
+Tiefe auftauchende blaurote K&ouml;pfe k&uuml;ndigten an, wie
+es dort unten aussah. Die Frauen, bei denen die drei
+ber&uuml;hmten Gespr&auml;chsthemen &mdash; Klatsch, K&uuml;che und Kleider &mdash; zwar
+etwas l&auml;nger vorhielten, waren bald &uuml;bel
+daran. Vorsorgliche Hausfrauen zogen resigniert eine
+H&auml;kelarbeit aus der Tasche, die jungen M&auml;dchen, zu
+denen ein paar unternehmende J&uuml;nglinge sich gesellt
+hatten, spielten kindliche Spiele, wobei ihr Kichern den
+Grad ihres Am&uuml;sements bezeichnen sollte; viele schliefen
+mit M&auml;ntelpolstern unter den K&ouml;pfen.</p>
+
+<p>Indessen glitt unser Dampfer mit leisem Pl&auml;tschern
+durch die traumhafte Stille endloser gleichm&auml;&szlig;ig gr&uuml;ner
+Einsamkeit.</p>
+
+<p>Seltsam, wie wenig Menschen schweigend genie&szlig;en
+k&ouml;nnen, wie der Begriff der Unterhaltung sich bei den
+meisten mit Schwatzen deckt und ein Unbesch&auml;ftigtsein
+der Zunge oder der H&auml;nde ihnen gleichbedeutend ist mit
+Langerweile. Ich sa&szlig; stundenlang still und sah in die
+Ferne, wo das Gr&uuml;n der Wiesen mit dem Blau des
+Himmels zusammenstie&szlig; und sich in schimmerndem Silber<a name="Page_157" id="Page_157"></a>glanz
+aufzul&ouml;sen schien. Ich tr&auml;umte von andern
+Menschen als diesen hier: von Menschen, die die Kultur
+ihrer Zeit verk&ouml;rpern, Menschen, denen Natur, Kunst
+und Wissenschaft unendlicher Gegenstand ihres Genie&szlig;ens,
+ihres Nachdenkens, ihrer Unterhaltung ist. Herrn von
+Rapps Stimme rief mich in die Wirklichkeit zur&uuml;ck.
+Ich l&auml;chelte: der kleine Mann mit dem glatten Sch&auml;del
+war gewi&szlig; unter diesen der beste, aber er sah aus wie
+ein Bauer, und zu meinem Begriff der Menschenkultur
+geh&ouml;rte das Aussehen eines M&auml;rchenprinzen.</p>
+
+<p>Es fing an zu d&auml;mmern als der Nemonien uns
+aufnahm, ein breiter Strom, dessen Wellen so weich
+und melodisch flie&szlig;en wie sein Name. Wir erreichten
+das Haff, von einem Lotsen gef&uuml;hrt. Gro&szlig; und rot
+versank der Sonnenball langsam hinter dem schmalen
+gelben Streifen der Nehrung, eine lange goldene
+Stra&szlig;e auf dem Wasser malend. &raquo;Der Weg zum Himmel!&laquo;
+sagte Herr von Rapp, von dem wundervollen Anblick
+ergriffen wie ich. &raquo;Zwei Fischerkinder von Nemonien
+sind einmal des Abends auf dieser Stra&szlig;e davongerudert.
+Sie bekamen daheim nur Schl&auml;ge und b&ouml;se Worte und
+wollten zum lieben Gott. Sie kamen niemals wieder &mdash; ob
+sie ihn wohl gefunden haben?!&laquo; Wie er mich
+ins Herz traf mit dieser Zweifelfrage, wie er die alten
+Wunden aufri&szlig;! &mdash; &raquo;Ich glaube es nicht,&laquo; antwortete
+ich mit zuckenden Lippen. Dann schwiegen wir wieder.
+Die Nacht brach an, die Sterne gl&auml;nzten vom hellen
+Himmel und die Mondsichel warf lauter Perlen auf
+das Haff. Mich fror. Auf eine so lange Fahrt waren
+wir nicht vorbereitet gewesen. Herr von Rapp h&uuml;llte
+mich sorglich in seinen Mantel und brachte mir Tee
+<a name="Page_158" id="Page_158"></a>und Wein. Eigentlich ist es doch seltsam, dachte ich,
+da&szlig; die Menschen uns so r&uuml;cksichtsvoll allein lassen.
+Ich hatte mich ja freilich auch nicht um sie gek&uuml;mmert.</p>
+
+<p>Um Mitternacht waren wir wieder im Hafen von
+Labiau. Ich war sehr m&uuml;de und f&uuml;hlte nur noch den
+Druck einer Hand, den ich herzhaft erwiderte. Schweigsam
+fuhren wir nach Hause.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen neckte mich Onkel Walter
+mit meiner &raquo;Eroberung&laquo;, w&auml;hrend Tante Emmy behauptete,
+ich h&auml;tte mich kompromittiert. Nachmittags
+fuhr ein Wagen durchs Tor, dem Herr von Rapp, mit
+einem Rosenstrau&szlig; bewaffnet, entstieg. Er war noch
+verlegener als ich, und sah in diesem Kreise, wie ich
+fand, recht plebejisch aus. W&auml;hrend der ganzen folgenden
+Woche kam er t&auml;glich. Ich lief oft davon, aber auch
+auf einsamen Wegen, zu Pferd und zu Fu&szlig;, wu&szlig;te er
+mich einzuholen, und schlie&szlig;lich lie&szlig; ich mir seine N&auml;he
+mit einer gewissen Herablassung gefallen. Als ich eines
+Morgens auf die Terrasse zum Fr&uuml;hst&uuml;ck kam, fand ich
+Onkel und Tante in ausgelassenster Heiterkeit: Herr
+von Rapp hatte um mich angehalten. Soll ich leugnen,
+da&szlig; meine erste Empfindung die geschmeichelter Eitelkeit
+gewesen ist?! Der erste Antrag &mdash; und kaum f&uuml;nfzehn
+Jahre alt! Dann aber dachte ich an den schwerbl&uuml;tigen
+Mann, der sich aus seiner menschenscheuen Einsamkeit
+herausgerissen hatte, um eine so bittere Erfahrung zu
+machen. Die Vorw&uuml;rfe meiner Mutter versch&auml;rften meinen
+Kummer: meine Koketterie, sagte sie, sei schuld an der
+ganzen Sache. Ich war sehr ungl&uuml;cklich und malte mir
+des armen Abgewiesenen Zustand in so d&uuml;steren Farben
+aus, da&szlig; ich mich verpflichtet f&uuml;hlte, ihn zu &raquo;retten&laquo;, &mdash; ich
+<a name="Page_159" id="Page_159"></a>wollte ihn um Verzeihung bitten, mich ihm heimlich
+verloben, ihm ewige Treue schw&ouml;ren.</p>
+
+<p>In aller Herrgottsfr&uuml;he lie&szlig; ich mir die &raquo;wei&szlig;e Dame&laquo;
+satteln und ritt durch einen feuchtkalten Septembermorgen
+zu ihm hin&uuml;ber. Vor der Stallt&uuml;r sprang ich vom Pferde und
+warf dem ersten erstaunt herbeieilenden Knecht die Z&uuml;gel
+zu. Mit wild klopfendem Herzen zog ich die Glocke an
+dem einst&ouml;ckigen, einfachen Herrenhaus. Wie heldenhaft
+kam ich mir vor, wie ungeheuer das Opfer, das ich
+brachte! Eine dicke Wirtschafterin trat mir entgegen.
+Stotternd frug ich nach dem Herrn. Mit offnem Munde
+starrte sie mich an, um dann spornstreichs im Hintergrunde
+zu verschwinden. Gleich darauf stand Rapp vor
+mir. In &auml;u&szlig;erster Verlegenheit vermochte ich nur das
+eine Wort &raquo;Verzeihung&laquo; zu murmeln. &raquo;O gn&auml;diges
+Fr&auml;ulein hatten einen Ohnmachtsanfall!&laquo; rief er so laut,
+da&szlig; die Mamsell, die den Kopf neugierig durch die n&auml;chste
+T&uuml;re steckte, es h&ouml;ren konnte, &raquo;ich werde sofort f&uuml;r eine
+Erfrischung sorgen.&laquo; Er holte ein Glas Wein und
+fl&uuml;sterte mir, w&auml;hrend ich trank, mit scharfer Stimme
+zu: &raquo;Ich kann Ihnen nur raten, schleunigst in die Kinderstube
+zur&uuml;ckzukehren. Spielen Sie vorl&auml;ufig mit Puppen,
+statt mit Menschen!&laquo; Langsam und m&uuml;de ritt ich nach
+Pirgallen zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Mein heimlicher Spazierritt und sein Ziel blieben
+nicht unbekannt, sogar Papa erfuhr davon, als er
+auf Urlaub nach Pirgallen kam. &raquo;Hast du denn gar
+keine Scham im Leibe?&laquo; schrie er mich w&uuml;tend an.
+Gro&szlig;mama suchte mich zu sch&uuml;tzen, aber ihre dauernde
+stille Sorge um mich empfand ich so sehr als einen
+Vorwurf, f&uuml;rchtete so sehr, da&szlig; sie, die fromme Christin,
+<a name="Page_160" id="Page_160"></a>mich nach meinem Seelenzustand fragen und Schmerzen
+und Erinnerungen heraufbeschw&ouml;ren k&ouml;nnte, die ich so
+tief als m&ouml;glich vergrub, da&szlig; ich jetzt auch jedem Alleinsein
+mit ihr aus dem Wege ging. Der traurige Blick,
+mit dem sie mir folgte, tat mir schon weh genug.</p>
+
+<p>Ich atmete auf, als wir Pirgallen verlie&szlig;en und der
+alte Turm, um den die gelben Bl&auml;tter im Herbstwind
+tanzten, meinen Blicken entschwand. Und ohne ein
+anderes Gef&uuml;hl als das der Erleichterung schied ich kurze
+Zeit darauf auch von meinen Eltern. Papas Schwester
+in Augsburg erwartete mich; sie hatte schon l&auml;ngst mit
+den Eltern abgemacht, da&szlig; ich ihr zum letzten &raquo;Erziehungsschliff&laquo;
+anvertraut werden sollte. Mir war es
+ganz gleichg&uuml;ltig, wohin ich ging.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_161" id="Page_161"></a></p>
+<h2><a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Ein Oktoberabend war es wieder, wie vor neun
+Jahren, als ich in Augsburg ankam. Aber
+diesmal empfing mich die Tante selbst am Bahnhof.
+Silbergraue Seide schmiegte sich eng um ihre hohe,
+volle Gestalt; unter dem gro&szlig;en gleichfarbigen Federhut
+quollen die roten Locken &uuml;ppig hervor, stahlblau gl&auml;nzten
+ihre Augen in dem wei&szlig;en Gesicht. Noch nie war ich
+mir der Sch&ouml;nheit dieser reifen Frau so bewu&szlig;t geworden.
+Als unser Wagen den K&ouml;nigsplatz erreichte, den ich einst
+als &ouml;de Sandw&uuml;ste gesehen hatte, spielten die letzten
+Goldstrahlen der Herbstsonne mit dem bunten Laub seiner
+B&auml;ume und den fallenden Tropfen seiner Springbrunnen.
+Und nicht in die enge Gasse, zu dem alten d&uuml;steren
+Hause ging es, &mdash; vor einem Park, dessen Blumenpracht
+dem Herbst zu spotten schien, &ouml;ffneten sich vielmehr die
+breiten Fl&uuml;gel des Torwegs, und zwischen den alten
+Linden lugten die hellen Mauern eines Geb&auml;udes hervor,
+das in seiner lichten Vornehmheit an altitalienische
+Villen erinnerte. Ich hatte es noch nicht gesehen, aber
+genug davon geh&ouml;rt, denn mein Vater war gar nicht
+damit einverstanden gewesen, da&szlig; seine Schwester das
+alte Stadthaus verkauft und diesen Landsitz, der wie
+viele seiner Art vor den Stadttoren ein Sommer<a name="Page_162" id="Page_162"></a>aufenthalt
+augsburger Patrizier gewesen war, mit gro&szlig;en
+Kosten ausgebaut hatte. Mich umfing die Atmosph&auml;re
+von Sch&ouml;nheit und Reichtum gleich beim ersten Eintritt
+wie ein weicher, wohliger Mantel. Das strahlend erleuchtete
+Treppenhaus glich mit seiner F&uuml;lle von exotischen
+Pflanzen einem Palmengarten, und der s&uuml;&szlig;e Duft, der
+die vielen R&auml;ume durchzog, legte sich mir wie ein berauschender
+Traum auf die Stirne. Ich wurde in den
+zweiten Stock in meine Zimmer gef&uuml;hrt: auch hier
+Blumen und viel Licht und fr&ouml;hliche Farben. Viel
+weiter noch als von der Warthe bis zum Lech f&uuml;hlte
+ich mich fern von all den Sorgen des Elternhauses und
+all den Herzens- und Gewissensschmerzen, die mich
+niedergedr&uuml;ckt hatten. Zufrieden und dankbar, in der
+Erwartung lauter sch&ouml;ner Dinge, schmiegte ich mich
+abends in die weichen Kissen meines Betts.</p>
+
+<p>Es d&auml;mmerte, als ich geweckt wurde. &raquo;Frau Baronin
+w&uuml;nschen, da&szlig; das gn&auml;dige Fr&auml;ulein fr&uuml;h aufsteht,&laquo;
+sagte die Jungfer. Nicht wenig erstaunt, erhob ich
+mich und fing an auszupacken. Der knurrende Magen
+trieb mich schlie&szlig;lich herunter; ich holte mir ein Br&ouml;tchen
+aus der K&uuml;che, da ich noch eine Stunde bis zum Fr&uuml;hst&uuml;ck
+zu warten hatte. Endlich kam der Diener mit dem
+Teewasser, und das Klappern hoher Abs&auml;tze und Rauschen
+seidener R&ouml;cke k&uuml;ndigte die Tante an. Statt eines
+Morgengru&szlig;es lachte sie mir hell ins Gesicht: &raquo;Ja wie
+schaust du denn aus?! So ein Fratz, und fagotiert sich
+wie eine junge Frau auf der Hochzeitsreise.&laquo; Tief gekr&auml;nkt
+bi&szlig; ich mir auf die Lippen; ich war so stolz auf
+den weichen schleppenden Morgenrock, den mir mein
+Vater geschenkt hatte! &raquo;Da&szlig; du mir diese Theater<a name="Page_163" id="Page_163"></a>toilette
+nicht mehr anziehst!&laquo; sagte die Tante stirnrunzelnd,
+w&auml;hrend sie sich setzte und die Spitzenflut ihres Kleides
+sich um ihren Stuhl ausbreitete.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du deine Zimmer gemacht?&laquo; mit dieser verbl&uuml;ffenden
+Frage begann sie aufs neue ein Gespr&auml;ch,
+in das ich noch mit keinem Wort eingegriffen
+hatte. &raquo;Meine Zimmer?!&laquo; Ich glaubte mich verh&ouml;rt
+zu haben. In diesem eleganten Haushalt, angesichts
+einer zahlreichen Dienerschaft m&auml;nnlichen und weiblichen
+Geschlechts sollte ich die Zimmer machen?!
+&raquo;Es ist doch selbstverst&auml;ndlich, da&szlig; ich f&uuml;r dich keine
+Kammerjungfer halten werde. Au&szlig;er der groben Arbeit
+hast du selbst Ordnung zu halten. Und zwar mu&szlig; vor
+dem Fr&uuml;hst&uuml;ck alles fix und fertig sein.&laquo; Die Bissen
+blieben mir im Halse stecken, &mdash; so etwas h&auml;tte ich mir
+niemals tr&auml;umen lassen! Aber es kam noch besser: aus
+Schr&auml;nken und Schubladen wurden meine Sachen herausgezogen;
+kaum ein Hut oder ein Kleid fand Gnade
+vor den Augen der Tante; und meine Art, die Dinge
+einzur&auml;umen, erkl&auml;rte sie f&uuml;r skandal&ouml;s. Dann forderte
+sie den Schl&uuml;ssel zum Schreibtisch &mdash; &raquo;ein Kind hat nichts
+zu verschlie&szlig;en&laquo; &mdash; und geriet in helle Emp&ouml;rung &uuml;ber
+meine poetischen Manuskripte, die sie durchst&ouml;berte, und
+meine Lieblingsb&uuml;cher, von denen ich mich nicht hatte
+trennen wollen.</p>
+
+<p>&raquo;Eine nette Erziehung!&laquo; rief sie, &raquo;und ich kann
+meine Zeit und meine Kr&auml;fte opfern, um so ein von
+Grund aus verdorbenes Gesch&ouml;pf wie dich zu einem
+anst&auml;ndigen Menschen zu machen!&laquo; Ich zitterte vor
+Aufregung, aber kein Wort kam &uuml;ber meine Lippen, &mdash; das
+einzige, was ich durch die Erziehung meiner<a name="Page_164" id="Page_164"></a>
+Mutter bis zur Vollendung gelernt hatte, war die Selbstbeherrschung.
+Erst abends im Bett, nach einem Tag,
+an dem ich nicht einen Augenblick mir selbst geh&ouml;rt hatte,
+kam die Verzweiflung &uuml;ber mich und fassungslos
+schluchzte ich in die Kissen. Aber auch die M&ouml;glichkeit,
+mich auszuweinen, sollte mir genommen werden. Sah
+ich morgens verweint aus, oder zeigten sich dunkle
+R&auml;nder um meine Augen, so erregte das den heftigsten
+Zorn der Tante, &mdash; &raquo;ein junges Ding hat frisch und
+rosig auszusehen&laquo;, erkl&auml;rte sie; und da der blo&szlig;e Befehl
+nichts helfen wollte, kam sie abends, wenn ich zu Bett
+war, wiederholt in mein Zimmer, um zu kontrollieren,
+ob ich schlief. So gew&ouml;hnte ich mich rasch an die gro&szlig;e
+Kunst, nach innen zu weinen. Grund genug hatte ich
+dazu. Es verging kein Tag, ohne da&szlig; ich gescholten
+worden w&auml;re: wenn an ihrem behandschuhten Finger,
+mit dem sie &uuml;ber jede Leiste in meinem Zimmer fuhr,
+Staub haften blieb; wenn meine Krawatte nicht
+richtig gebunden war, meine Handschuhe nicht sorgf&auml;ltig
+ausgereckt in der Schublade lagen, wenn ihre scharfen
+Augen einen Fleck auf dem Kleide entdeckten, oder wenn
+ich gar zu einer Zeit las oder schrieb, wo ich Str&uuml;mpfe
+stopfen sollte! Briefe, die nicht die Handschrift der
+Eltern aufwiesen, wurden von ihr zuerst ge&ouml;ffnet und
+gelesen. Dadurch erfuhr sie, da&szlig; ich meiner Kusine
+Mathilde mein Leid geklagt hatte. &raquo;Es ist sehr traurig,
+da&szlig; Deine geistigen Bed&uuml;rfnisse so wenig ber&uuml;cksichtigt
+werden und Deine Begabung keine Anerkennung findet,&laquo;
+hatte sie mir daraufhin geschrieben; h&ouml;hnend las die
+Tante mir die Stelle vor und erkl&auml;rte dann: &raquo;Ich
+verbiete dir jede Korrespondenz, au&szlig;er der mit deinen<a name="Page_165" id="Page_165"></a>
+Angeh&ouml;rigen. Das fehlte mir noch, da&szlig; dein dummer
+Hochmut heimlich unterst&uuml;tzt wird, statt da&szlig; du endlich
+einsiehst, wie viel dir noch fehlt, um nur den guten
+Durchschnitt zu erreichen.&laquo; Sie unterlie&szlig; nichts, um
+mir zu dieser Erkenntnis zu verhelfen, und beleuchtete
+m&ouml;glichst grell alle schwachen Seiten meiner Ausbildung:
+die musikalische, die fremdsprachliche, die praktische.
+Stundenlang qu&auml;lte ich mich t&auml;glich am Klavier; englische
+und franz&ouml;sische Konversationsstunden wechselten
+daneben mit Koch- und N&auml;hunterricht ab. Ein paar
+Musterexemplare vollendeter junger Damen wurden mir
+des guten Beispiels wegen zum Verkehr zugewiesen.
+Sie konnten alles in der Perfektion, was ich nicht
+konnte, sie sangen und spielten, stickten und schneiderten,
+und immer war ihre Toilette tadellos. Nat&uuml;rlich fand
+ich sie gr&auml;&szlig;lich und tr&auml;umte mich immer mehr in die
+tragische Rolle einer verwunschenen Prinzessin.</p>
+
+<p>Ich war klug genug, um bald einzusehen, welches die
+Triebkraft der Handlungsweise meiner Tante mir gegen&uuml;ber
+war: eine grenzenlose, von allen Menschen, die
+sich ihr n&auml;herten, sorgf&auml;ltig gen&auml;hrte Eitelkeit. Wie
+ihr Haus und ihr Park die sch&ouml;nsten, ihre Equipage
+und ihre Toiletten die elegantesten Augsburgs waren,
+so sollte ihre Nichte &mdash; am Ma&szlig;stab Augsburgs gemessen &mdash; die
+vollendetste junge Dame sein. Es geh&ouml;rte
+eine intensive geistige und k&ouml;rperliche Umwandlung
+hierzu, um dieses Ziel zu erreichen.</p>
+
+<p>Wurde die gute Gesellschaft in Norddeutschland durch
+den alten ritterb&uuml;rtigen Adel repr&auml;sentiert mit seiner
+Auffassung von Ebenb&uuml;rtigkeit, mit seinen kirchlich-orthodoxen
+und politisch-konservativen Gesinnungen, seiner
+<a name="Page_166" id="Page_166"></a>damals noch ausgesprochenen Geringsch&auml;tzung jeden Berufs,
+der au&szlig;erhalb der Laufbahn des Gutsbesitzers, des
+Offiziers oder des h&ouml;heren Staats- und Hofbeamten
+lag, so setzte sie sich hier, getreu den Traditionen, aus
+dem alten und dem neuen Patriziertum zusammen, das
+mit wenigen Ausnahmen nach wie vor b&uuml;rgerlichen Berufssph&auml;ren
+angeh&ouml;rte. Zur Zeit, da die Ahnherren
+der preu&szlig;ischen Junker wider Heiden und T&uuml;rken
+k&auml;mpften, handelte der Stammvater der Fugger mit
+Leinwand, segelten die Kauffahrteischiffe der Welfer nach
+Westindien, sa&szlig;en die ersten Stettens in der Goldschmiedzunft.
+Ihre Nachkommen betrachteten die Fr&ouml;hlich
+und Forster und Sch&auml;tzler &mdash; Industriebarone des neunzehnten
+Jahrhunderts &mdash; als zu sich geh&ouml;rig, w&auml;hrend
+der Offizier als solcher ebensowenig eine gesellschaftliche
+Stellung besa&szlig; wie der Landsknecht des Mittelalters.</p>
+
+<p>So gro&szlig; wie der Gegensatz der Herkunft war der der
+wirtschaftlichen Interessen, die in meinem bisherigen
+Lebenskreise wesentlich agrarische gewesen waren und hier
+ausschlie&szlig;lich gro&szlig;industrielle. Die verschiedenartige politische
+Stellung folgte daraus: die gute Gesellschaft Augsburgs
+war nationalliberal, und lehnte mit der politischen
+auch die kirchliche Orthodoxie ab. Ein lebhafteres Interesse
+f&uuml;r Kunst und Wissenschaft ging damit Hand in Hand,
+und wurde von der Allgemeinen Zeitung und den M&auml;nnern,
+die durch sie nach Augsburg kamen, stets rege erhalten.
+Unterhielt man sich in den Schl&ouml;ssern Ostpreu&szlig;ens von
+Literatur und Theater, so geschah es nur unter dem
+Gesichtswinkel des gr&ouml;&szlig;eren oder geringeren Am&uuml;sements;
+in Augsburg geh&ouml;rte es zum guten Ton, Neues zu
+<a name="Page_167" id="Page_167"></a>kennen und vom k&uuml;nstlerischen Standpunkt aus dar&uuml;ber
+zu urteilen.</p>
+
+<p>Die breite Mittelstra&szlig;e, auf der sich von rechts und
+links immer die Leute zusammenfinden, die den Mut
+nicht aufbringen, vom Wege ihrer alten Anschauung die
+entgegengesetzte Grenze zu &uuml;berschreiten, und die zu ihrer
+eigenen Beruhigung jene Stra&szlig;e die &raquo;goldene&laquo; tauften,
+war das Symbol des ganzen geistigen Lebens. In
+Preu&szlig;en vermied man es, &uuml;ber ernstere Fragen zu
+sprechen, weil dabei die Ansichten aufeinanderplatzen
+k&ouml;nnten und das nicht zum guten Ton geh&ouml;rt, hier war
+man soweit, alles zum Gegenstand blo&szlig;er Konversation
+zu machen.</p>
+
+<p>Wurde es mir sehr schwer, b&uuml;rgerliche Hausfrauentugenden
+zu lernen, und noch schwerer, jenen tief gewurzelten
+Hochmut nieder zu dr&uuml;cken, der sich durchaus
+nicht dazu verstehen wollte, einen Fabrikanten oder einen
+Bankier als gleichgestellt anzusehen, so war die politische
+und religi&ouml;se Richtung der Umgebung im Einklang
+mit meiner Entwicklung. Und von dieser Seite aus
+eroberte mich Augsburg und machte mich schlie&szlig;lich
+zum gef&uuml;gigen Z&ouml;gling meiner Tante.</p>
+
+<p>Kaum hatte sie mich &auml;u&szlig;erlich ausreichend umgemodelt &mdash; eine
+kunstvolle Frisur und ein Pariser Korsett waren
+ebenso das Attribut s&uuml;ddeutscher Vornehmheit, wie der
+glatte Scheitel und das deutsche Mieder das der norddeutschen
+waren &mdash;, als ich in den Kreis ihrer Verwandten
+und Freunde eingef&uuml;hrt wurde. Was mich zun&auml;chst in
+Erstaunen setzte, war, bei anerkanntem Reichtum, die
+gro&szlig;e Einfachheit des &auml;u&szlig;eren Lebens. In dem alten
+hochgiebeligen Stettenhaus am Obstmarkt gab es noch
+<a name="Page_168" id="Page_168"></a>gescheuerte Dielen und servierende Dienstm&auml;dchen. In
+der Zeit der Renaissancem&ouml;bel und verdunkelnden
+Gobelinvorh&auml;nge behauptete hier die wei&szlig;e Mullgardine
+neben dem leichten Biedermeierstuhl ihren Platz. Im
+Hause der Sch&auml;tzler, dessen herrlicher Rokokosaal jedem
+K&ouml;nigsschlo&szlig; zur Ehre gereichen w&uuml;rde, buk die Hausfrau
+selbst den Weihnachtskuchen und machte das Obst
+ein. Ich verlernte allm&auml;hlich, &uuml;ber dergleichen die Nase
+zu r&uuml;mpfen; die Vereinigung von Flei&szlig;, Einfachheit und
+Reichtum hatte etwas imponierendes, und die Erkenntnis,
+da&szlig; es au&szlig;erhalb der Welt meiner bisherigen Umgebung
+noch Menschen gab, mit denen &raquo;man&laquo; verkehren konnte,
+war epochemachend f&uuml;r mich. Aber noch &uuml;berraschender
+war der Eindruck, den das geistige Leben auf mich
+machte. Zu den Intimsten im Hause meiner Tante geh&ouml;rte
+der Chefredakteur der Allgemeinen Zeitung, <em class="antiqua">Dr.</em>
+Otto Braun, der Oberb&uuml;rgermeister von Augsburg,
+Ludwig Fischer, und der Pfarrer von St. Anna, Julius
+Haberland. Mit einem kleinen Kreis anderer G&auml;ste &mdash; aus
+dem die m&auml;nnliche Jugend streng ausgeschlossen war &mdash; kamen
+sie regelm&auml;&szlig;ig einmal in der Woche bei uns zusammen.
+Der Musiksaal, der mit seinen Goldornamenten
+und rotseidenen M&ouml;beln dem brutalen Prachtgeschmack
+des bayrischen K&ouml;nigs zu huldigen schien, war dem
+Wagner-Kultus geweiht. Im gr&uuml;nen Rokokoboudoir
+trafen sich die Plaudernden; in der ernsten dunkeln
+Bibliothek unter der zimmerhohen F&auml;cherpalme pflegte
+Otto Braun vorzulesen.</p>
+
+<p>Er war ein au&szlig;erordentlich lebhafter untersetzter, kleiner
+Mann, dessen Interessen wesentlich literarische waren,
+und dessen jugendliche Begeisterung f&uuml;r seine Lieblings<a name="Page_169" id="Page_169"></a>dichter
+ansteckend wirken mu&szlig;te. Trotz des Gegengewichts
+der Tante, die meine Lekt&uuml;re auf das notwendigste
+und kindlichste beschr&auml;nken wollte, verstand er es, meine
+zerfahrenen Neigungen in feste Bahnen zu lenken, und
+erschlo&szlig; mir Gebiete der Literatur, die mir, und damals
+wohl auch der Mehrzahl des lesenden Publikums, noch
+vollkommen fremd geblieben waren. Hatte ich bisher
+die B&uuml;cher der Modedichter, eines Heyse, Dahn oder
+Ebers, and&auml;chtig verschlungen, so wurden mir jetzt
+die von Gottfried Keller, von Conrad Ferdinand Meyer
+und Marie von Ebner-Eschenbach zu k&uuml;nstlerischen Offenbarungen.
+Da&szlig; Braun den Allerj&uuml;ngsten verst&auml;ndnislos
+gegen&uuml;berstand, sich gegen radikale Ausl&auml;nder, wie Zola,
+Ibsen und manche der gro&szlig;en Russen ablehnend verhielt,
+vermochte auf mich um so weniger nachteilig zu wirken,
+als der Eintritt in seine Interessensph&auml;re schon einen
+gro&szlig;en Schritt vorw&auml;rts bedeutete.</p>
+
+<p>F&uuml;r das Gebiet der Politik und der Religion galt dasselbe
+wie f&uuml;r das der Literatur. Wenn Ludwig Fischer, der als
+einflu&szlig;reiches Mitglied der nationalliberalen Partei auf der
+H&ouml;he seines parlamentarischen Ruhmes stand, seine Ansichten
+entwickelte, so erschienen sie mir, der die konservative
+Politik stets als die eines anst&auml;ndigen Menschen
+allein w&uuml;rdige dargestellt worden war, beinahe als revolution&auml;r.
+Die Erinnerung an den revolution&auml;ren
+Liberalismus von 1848, der mich in der Geschichtsstunde
+einmal begeistert hatte, verst&auml;rkte diesen Eindruck; von
+Freihandel und Schutzzoll verstand ich nichts, hatte also
+von dem Umfall der Mehrzahl der Liberalen in jener
+Schutzzollperiode Bismarcks keinen Begriff, sondern
+empfand, was ich h&ouml;rte, wie eine innere Befreiung: es
+<a name="Page_170" id="Page_170"></a>gab Menschen, es gab eine gro&szlig;e Partei, die die Ideale
+der Freiheit und der Menschenrechte hochhielten, ich
+konnte mich zu ihnen bekennen, ohne, wie sonst immer,
+bei den Meinigen auf heftigen Widerstand zu sto&szlig;en.
+&raquo;Konservativ kann ich nicht sein,&laquo; schrieb ich im Fr&uuml;hjahr
+1881 an meine Kusine, mit der ich, seitdem die
+Tante befriedigt die guten Resultate ihrer Erziehung
+konstatierte, wieder korrespondieren durfte, &raquo;das w&auml;re
+dasselbe, als wenn ich f&uuml;r die Pr&uuml;gelstrafe und die
+Unterdr&uuml;ckung jedes wissenschaftlichen Fortschritts eintreten
+wollte. Der Nationalliberalismus, der nicht eine
+Kaste und ihre veralteten Privilegien, sondern die Interessen
+des ganzen Volkes vertritt, der die wissenschaftliche
+Erkenntnis stets zu f&ouml;rdern bereit ist, und daher auch
+der religi&ouml;sen Orthodoxie energisch gegen&uuml;ber steht, entspricht
+meinen Ansichten.&laquo;</p>
+
+<p>Der kirchliche Liberalismus, den kennen zu lernen
+mir noch interessanter war, und der in Augsburg allgemein
+vorherrschte, wurde im Kreise meiner Tante durch
+den Pfarrer ihrer Gemeinde auf das eindrucksvollste
+vertreten. Der sonnt&auml;gliche Kirchgang &mdash; hier ebenso
+eine selbstverst&auml;ndliche Pflicht wie zu Hause &mdash; hatte
+darum nichts abschreckendes mehr f&uuml;r mich. Wenn
+Julius Haberlands sch&ouml;ne Apostelgestalt auf der Kanzel erschien
+und seine sonore Stimme die Kirche mit Wohlklang
+erf&uuml;llte, war ich vom ersten Augenblick an gefesselt:
+hier fehlte jede dogmatische Schroffheit; Verst&auml;ndnis und
+Milde fand ich hier f&uuml;r menschliche Fehler und Irrt&uuml;mer,
+wo mir in Posen nichts als Verurteilung und H&auml;rte
+begegnet war.</p>
+
+<p>Alle Wunden &ouml;ffneten sich wieder, die die religi&ouml;sen<a name="Page_171" id="Page_171"></a>
+K&auml;mpfe mir geschlagen hatten; sie waren nur m&uuml;hselig
+&uuml;berklebt, aber nicht geheilt worden, und ich sehnte mich
+mehr denn je nach der Heilung. Auf meinen dringenden
+Wunsch bat meine Tante den Pfarrer, mir privaten
+Religionsunterricht zu erteilen; er war bereit dazu, und
+so ging ich denn allw&ouml;chentlich ein paarmal in das stille
+Haus an der Fuggerstra&szlig;e. In seiner sonnigen Studierstube
+sa&szlig; ich dem gleichm&auml;&szlig;ig g&uuml;tigen Mann mit den seinen,
+von blondem Vollbart umrahmten Z&uuml;gen und den wei&szlig;en,
+schmalen, gepflegten H&auml;nden viele Stunden gegen&uuml;ber,
+und ganz, ganz langsam gelang es ihm, aus meinem
+&auml;ngstlich verschlossenen Inneren all meine Zweifel und
+Verzweiflungen herauszulocken. Sein Christentum, das
+den religi&ouml;sen Glauben weit mehr im Sinne des Vertrauens,
+statt in dem des F&uuml;r-wahr-haltens, auffa&szlig;te,
+wirkte zun&auml;chst auf mich, wie der Eintritt in die freie
+Natur auf einen Menschen wirkt, der zwischen den
+Mauern enger Gassen lange zu leben gewohnt war.</p>
+
+<p>Mein Glaubensbekenntnis konnte zu Recht bestehen, und
+ich war doch ein Christ. Ich brauchte nicht an die g&ouml;ttliche
+Inspiration der Bibel, an die Wunder des Alten Testaments,
+an die Jungfr&auml;ulichkeit der Mutter des Heilands
+zu glauben und war doch keine aus der Kirche Ausgesto&szlig;ene.
+Als heiliges Symbol konnte aufgefa&szlig;t werden,
+was ich w&ouml;rtlich f&uuml;r wahr zu halten verpflichtet worden
+war, &mdash; demnach hatte ich vor dem Altar keinen Meineid
+geschworen! Mein Verstand beruhigte sich dabei. Ich
+hatte auch hier die &raquo;goldene&laquo; Mittelstra&szlig;e erreicht, auf
+der so viele, selbst alte Leute gehen, die keine Heuchler
+zu sein brauchen, die aber, beherrscht von jener gef&auml;hrlichsten
+Eigenschaft unserer Denkkraft &mdash; der Bequem<a name="Page_172" id="Page_172"></a>lichkeit &mdash; da
+einen Punkt machen, wo die eigentliche
+Arbeit erst anfangen sollte.</p>
+
+<p>Aber die Befriedigung des Verstandes konnte auf die
+Dauer &uuml;ber den Hunger des Gem&uuml;ts nicht hinwegt&auml;uschen.
+Es blieb leer in mir, viel leerer als zu der
+Zeit, wo der alte strenge Gott der orthodoxen Kirche
+sich noch nicht in einen so milden, hinter fernen Nebeln
+fast verschwindenden v&auml;terlichen Greis verwandelt hatte.
+In kalte Schauer des Entsetzens h&uuml;llte mich diese trostlose
+&Ouml;de, je l&auml;nger ich in dem gl&auml;nzenden Blumenhaus
+am K&ouml;nigsplatz wohnte, je mehr ich mich
+unter den rastlos formenden H&auml;nden der Tante der
+Idealgestalt, die ihr vorschwebte, n&auml;herte. Nie lie&szlig; sie
+mir Zeit f&uuml;r mich selbst; mein Tag war, was das Arbeitpensum
+und die Art der Erholung betrifft, so genau
+eingeteilt, da&szlig; f&uuml;r meine pers&ouml;nlichen Neigungen kein
+Platz &uuml;brig blieb. Wenn mich aber einmal in den
+langen Stunden, die ich bei irgend einer Handarbeit
+sa&szlig;, die Gestalten meiner Tr&auml;ume &uuml;berw&auml;ltigten und ich
+mich ihrer nicht anders zu erwehren vermochte, als da&szlig;
+ich heimlich nachts darauf zu Feder und Tinte griff, um
+mit klopfenden Pulsen in Worte und Reime zu fassen,
+was mich erf&uuml;llte, so konnte ich sicher sein, da&szlig; die Tante
+oder die Jungfer mein streng verbotenes Tun entdeckten.
+&raquo;Unn&uuml;tze Phantasien&laquo; hatte ich zu beherrschen; mu&szlig;te
+durchaus gedichtet werden, so boten Familienfeste Gelegenheit
+genug dazu.</p>
+
+<p>Einmal, im Fr&uuml;hjahr wars, als die Tante zu einer
+&auml;rztlichen Konsultation nach M&uuml;nchen hatte fahren
+m&uuml;ssen. Da benutzte ich die Erlaubnis eines Besuchs
+bei einer Freundin, um allein nach Herzenslust in der<a name="Page_173" id="Page_173"></a>
+Stadt umherzustreifen. Einem tiefen inneren Bed&uuml;rfnis
+folgend, das sich aus k&uuml;nstlerischen und religi&ouml;sen Motiven
+merkw&uuml;rdig zusammensetzte, war es mir schon zur Gewohnheit
+geworden, bei jedem Ausgang in irgend eine
+der alten Kirchen einzutreten, wo ich im weihrauchduftenden
+D&auml;mmer wenigstens zu Augenblicken stiller
+Sammlung kam. Heute durfte ich mir ein paar Stunden
+g&ouml;nnen, nachdem ich den Besuch m&ouml;glichst abgek&uuml;rzt hatte.
+Das Portal des Doms stand offen, als ich n&auml;her
+trat, und Scharen kleiner Kinder trugen lange Girlanden
+bunter Fr&uuml;hlingsblumen hinein, um die vielhundertj&auml;hrigen
+S&auml;ulen und Alt&auml;re zu den Maiandachten
+der heiligen Jungfrau zu schm&uuml;cken. K&ouml;niglich
+und liebreich zugleich schien sie vom Pfeiler des gro&szlig;en
+Tores auf all die jungen Gl&auml;ubigen herabzul&auml;cheln.
+Innen, in den weiten Hallen, die so wunderbar deutlich,
+und eindringlicher als irgend ein gelehrtes Buch,
+von der Entwicklung deutscher Kunst erz&auml;hlen, verklangen
+die vielen trippelnden F&uuml;&szlig;chen, und es war
+ganz still. Die helle Nachmittagssonne gl&auml;nzte durch
+die alten gemalten Fenster, so da&szlig; Daniel und
+Jonas, Moses und David von neuem Leben durchgl&uuml;ht
+erschienen. Im Gegensatz zu diesem Licht waren
+die schwarzen Schatten des dunkeln Querschiffs um so
+tiefer, und wie hinter grauen Florschleiern schimmerten die
+Grabsteine in den Seitenschiffen. Dumpfkalte Winterluft
+schwebte noch um die Mauern. Dem hellen Chorgang
+schritt ich daher zu, aus dem die Kinder mir
+gerade entgegenstr&ouml;mten; sie hatten ihm schon sein
+frisches Festkleid angetan, und es trieb mich, zu sehen,
+wie sie der Mutter Gottes als heidnischer Fr&uuml;hlings<a name="Page_174" id="Page_174"></a>g&ouml;ttin
+die Erstlinge des Lenzes geopfert hatten. Da
+stockte mein Fu&szlig; vor einem steinernen Grabmal: ein
+Totensch&auml;del mit breitem Mund und leeren Augen grinste
+mich an, lang gestreckt dehnte sich der ausged&ouml;rrte Leib
+auf dem Sarkophag, von Kr&ouml;ten und Schlangen ringsum
+gr&auml;&szlig;lich benagt. Entsetzt floh ich hinaus; aber in der
+Erinnerung verst&auml;rkte sich nur noch der Eindruck: die
+steinerne Maria am Portal, die blumentragenden
+Kinder aus Fleisch und Blut, und der tote Peter von
+Schaumburg, der lebenslustige Kardinal, der sich selbst,
+da er noch im Golde w&uuml;hlte und Augsburgs sch&ouml;nsten
+T&ouml;chtern die Beichte abnahm, dieses furchtbare Denkmal
+gesetzt hatte, gingen neben mir her, traten mir in den
+Weg, oder folgten mit leisen Sohlen meinen Schritten.
+Oben in meinem Zimmer angekommen, warf ich hastig
+Hut und Mantel von mir, setzte mich an den Schreibtisch
+und schrieb &mdash; schrieb &mdash; schrieb, ohne die wiederholte
+Mahnung zum Abendessen zu ber&uuml;cksichtigen, eine
+phantastische Geschichte, in der der Kirchenf&uuml;rst zu der
+holdseligsten Jungfrau der Stadt in s&uuml;ndiger Liebe
+entbrannte und die sittsame Maid auf ihr Gebet zum
+Steinbild auf dem Pfeiler verwandelt wurde, w&auml;hrend
+er in ihrer N&auml;he sich bu&szlig;fertig dieses dauernde
+<em class="antiqua">memento mori</em> schuf. Ich achtete nicht der Stunde, ich
+h&ouml;rte nicht die Schritte der Tante hinter mir, erst als
+sie sich &uuml;ber mich beugte und ihr warmer Atem meine
+Stirne streifte, fuhr ich erschrocken aus meinem wachen
+Traum.</p>
+
+<p>&raquo;Also nur den R&uuml;cken zu kehren brauche ich, und die
+alte Geschichte f&auml;ngt von neuem an,&laquo; rief sie emp&ouml;rt
+und nahm die beschriebenen Bl&auml;tter vom Schreibtisch.<a name="Page_175" id="Page_175"></a>
+&raquo;Statt deinen englischen Aufsatz zu machen, treibst du
+Narrenspossen.&laquo; Damit zerri&szlig; sie meine Kardinalsnovelle
+in tausend St&uuml;cke. Ich f&uuml;hlte, wie alles Blut mir aus
+den Wangen wich; mit der Selbstbeherrschung war es
+vorbei. &raquo;Du willst mich umbringen &mdash; langsam zu
+Tode martern&laquo; &mdash; stie&szlig; ich hervor; &raquo;tue ich nicht alles,
+was du willst, lasse mich sogar einsperren und kontrollieren,
+wie einen Verbrecher? G&ouml;nne mir doch mein bischen
+eigenes Leben &mdash; schenk mir ein paar Stunden am
+Tag &mdash;. Gef&auml;llt Dir nicht, was ich schreibe, so la&szlig; es mir
+wenigstens. Ich werde ja niemanden damit qu&auml;len. &mdash;&laquo;
+&raquo;Das w&auml;re auch noch sch&ouml;ner, wenn du mich mit dem
+eiteln Herumzeigen solchen Geschreibsels blamieren
+wolltest!&laquo; entgegnete sie. &raquo;Ich kann tintenklexende
+Frauenzimmer bei mir nicht dulden. Und du willst, ich
+soll dir noch extra Freistunden daf&uuml;r ansetzen! Eine
+Frau hat &uuml;berhaupt nicht f&uuml;r sich zu leben, sondern f&uuml;r
+andere.&laquo; Gequ&auml;lt lachte ich auf &mdash; ich dachte daran,
+wie die Tante &raquo;f&uuml;r andere&laquo; lebte! &raquo;Ich halte es aber
+nicht aus, ich mu&szlig; los werden, was mich gepackt hat.
+Andere denken auch nicht wie du. Gro&szlig;mama ist immer
+daf&uuml;r gewesen, da&szlig; ich dem inneren Zwang gehorche.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Deine Gro&szlig;mama!&laquo; &mdash; h&ouml;hnisch sch&uuml;rzte die Tante die
+vollen Lippen; &raquo;ich will ja gewi&szlig; der alten Dame nicht
+zu nahe treten, aber du solltest doch besseres tun, als
+sie zum Kronzeugen anzurufen!&laquo;</p>
+
+<p>Emp&ouml;rt fuhr ich auf: &raquo;Gro&szlig;mama ist die beste Frau,
+die ich kenne, der einzige Mensch, der mich lieb hat und
+mich versteht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mag sein, da&szlig; sie dich versteht!&laquo; rief die Tante.
+&raquo;Sie ist gerade so &uuml;berspannt wie du. Kein Wunder &mdash; bei
+<a name="Page_176" id="Page_176"></a>der problematischen Herkunft!&laquo; Ich ballte unwillk&uuml;rlich
+die F&auml;uste, da&szlig; mir die N&auml;gel ins Fleisch
+drangen und warf hochm&uuml;tig den Kopf zur&uuml;ck: &raquo;Mit
+deinen Augsburgern Kr&auml;mern kann sie sich freilich nicht
+messen!&laquo; Kochender Zorn verzerrte die Z&uuml;ge der Tante.
+&raquo;Wirst du sofort wegen dieser unerh&ouml;rten Frechheit um
+Verzeihung bitten?!&laquo; schrie sie mich an. Mit einem
+kurzen &raquo;Nein&laquo; wandte ich mich ab und ging in mein
+Schlafzimmer.</p>
+
+<p>Ich warf mich aufs Bett und bi&szlig; die Z&auml;hne zusammen,
+um nicht laut auf zu schreien: krampfhafte
+Schmerzen in der Seite lie&szlig;en mich die seelischen
+Leiden momentan vergessen. Andeutungen davon hatte
+ich schon in Pirgallen beim Reiten gesp&uuml;rt; jetzt, in
+Augsburg waren sie immer st&auml;rker geworden, und
+steigerten sich nach jeder gro&szlig;en Erregung zu einem
+heftigen Anfall. Schlie&szlig;lich hatte ich mich entschlossen
+gehabt, der Tante davon zu sprechen; sie hatte es zum
+Anla&szlig; genommen, mir zu erkl&auml;ren, da&szlig; ein gut erzogenes
+junges M&auml;dchen nicht krank zu sein h&auml;tte, und ihr Hausarzt
+hatte mir dann, nach einem kurzen Blick auf mein
+blasses Gesicht &raquo;Beefsteak und Rotwein&laquo; empfohlen.
+Daraufhin sagte ich nichts mehr, auch wenn ich mich
+vor Schmerzen kr&uuml;mmte. So wie diese Nacht war es
+freilich noch nie gewesen. Ich tat kein Auge zu.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen wurde mir mitgeteilt, da&szlig;
+ich oben zu bleiben h&auml;tte. Auch vor den Dienstboten
+sollte ich gedem&uuml;tigt und so zur Abbitte gezwungen
+werden. Als auch der zweite Tag verstrich, ohne da&szlig; ich
+dazu Miene machte, kam Pfarrer Haberland zu mir. Er
+sprach mir viel von Tantens Liebe zu mir, ihrer Sorge
+<a name="Page_177" id="Page_177"></a>um mich, den Opfern an pers&ouml;nlichem Behagen, die sie
+mir st&auml;ndig br&auml;chte, ihrem Alter und meiner zur Unterordnung
+verpflichteten Jugend. &raquo;Zeigen Sie, da&szlig; Sie
+jetzt wirklich eine Christin sind!&laquo; sagte er. &raquo;Dem&uuml;tigen
+Sie sich, auch wenn Ihnen wirklich Unrecht geschehen w&auml;re!
+Bringen Sie freudig das Opfer Ihrer selbst &mdash; Sie
+werden reichen Lohn davon haben!&laquo; &raquo;Vielleicht hat er
+wirklich recht&laquo;, dachte ich; und in dem stolzen Bewu&szlig;tsein,
+einen Sieg &uuml;ber mein b&ouml;ses Ich errungen zu haben,
+ging ich mit ihm herunter, und es gab eine r&uuml;hrende
+Vers&ouml;hnungsszene mit viel Tr&auml;nen, K&uuml;ssen und Segensw&uuml;nschen.
+Ich hatte mich wieder einmal unterworfen.
+Als eine Art Selbstkasteiung sah ich es an, wenn ich
+nunmehr mit Feuereifer alle mir unangenehmen Arbeiten
+&uuml;bernahm: ich stickte &raquo;altdeutsche&laquo; Deckchen, als ob ich
+es bezahlt bek&auml;me, k&auml;mpfte stundenlang am Klavier mit
+meiner Talentlosigkeit, strickte unentwegt Str&uuml;mpfe f&uuml;r
+die Negerkinder, w&auml;hrend die Tante nach dem Abendbrot
+spielte und sang. Aber die Leere im Innern blieb,
+und wenn abends die Nachtigallen vor meinen Fenstern
+fl&ouml;teten und der Duft der wei&szlig;en Akaziendolden hereinstr&ouml;mte,
+dann erfa&szlig;te mich eine Sehnsucht, eine tiefe,
+hei&szlig;e &mdash; wonach, ach wonach?!</p>
+
+<p>Im Sommer fuhren wir nach Grainau. Ich freute
+mich kindisch darauf, aber durch die strenge Abgeschlossenheit
+des Lebens wurde mir der Aufenthalt sehr verbittert.
+Ich durfte nicht einmal mit dem Sepp auf die Hochalm,
+und als Hellmut Besuch machte, der inzwischen ein
+flotter Gardeleutnant geworden war, und seinen Urlaub
+in Partenkirchen bei der Mutter verlebte, nahm ihn die
+Tante allein an; sie mu&szlig;te ihm wohl bedeutet haben,
+<a name="Page_178" id="Page_178"></a>da&szlig; sie den Verkehr mit &raquo;dem Kinde&laquo; nicht w&uuml;nsche, denn
+er kam nicht wieder.</p>
+
+<p>Wir fuhren t&auml;glich spazieren, &mdash; wie ich von meinem
+Wagen aus die Touristen beneidete, die mit dem Rucksack
+auf dem Buckel frisch und fr&ouml;hlich in die Welt
+hineinmarschierten!</p>
+
+<p>Nach Augsburg zur&uuml;ckgekehrt &mdash; ich war inzwischen
+sechzehn Jahre alt geworden &mdash; er&ouml;ffnete mir die Tante,
+da&szlig; ich mich nunmehr, nachdem sie einen R&uuml;ckfall nicht
+wieder beobachtet habe, freier bewegen d&uuml;rfe. Da ich
+aber weder einen Schreibtisch-, noch einen Stubenschl&uuml;ssel
+bekam, beschr&auml;nkte sich die &raquo;Freiheit&laquo; nur auf ein geringeres
+Ma&szlig; von Kontrolle, auf den Besuch von Gesellschaften,
+die nicht ausschlie&szlig;lich aus Damen und alten
+Herren bestanden, und auf den des Theaters, wo zwei
+Logenpl&auml;tze uns jeden Abend zur Verf&uuml;gung standen.
+Die Konferenz und Energie meiner Tante, ihre unabl&auml;ssigen,
+in den verschiedensten Formen sich wiederholenden,
+und neuerdings durchaus freundschaftlich gehaltenen
+Auseinandersetzungen &uuml;ber die Pflichten eines jungen
+M&auml;dchens von vornehmer Geburt, hatten &uuml;berdies allm&auml;hlich
+auf mich gewirkt wie ein Opiat, das die Seele
+stumpf macht. Wachte irgend etwas wieder auf in mir,
+so hielt ich es selbst schon f&uuml;r ein Unrecht, und beeilte
+mich, es wieder einzuschl&auml;fern. An meine Kusine schrieb
+ich damals: &raquo;Du fragst, ob ich irgend etwas schreibe?
+Es lebt vieles in meinem Kopf und Herzen, aber ich
+finde keine Zeit dazu, es zu gestalten. Das ist ein
+wunder Punkt in meinem Leben. In mir kocht und
+gl&uuml;ht es, und ich glaube wohl, da&szlig; ich Talent habe, und
+da&szlig; es hinausst&uuml;rmen will. Da mu&szlig; ich denn doppelt
+<a name="Page_179" id="Page_179"></a>hohe Barrieren bauen. Ich mu&szlig; soviel Prosaisches tun, &mdash; und
+wenn ich erst zu Hause bin, wo ich Mama viel
+abnehmen mu&szlig;, wird meine Zeit vollends ganz ausgef&uuml;llt
+sein. Es mag Menschen geben, die f&uuml;r die Prosa
+des Lebens geboren sind; ihnen werden die gew&ouml;hnlichen
+Pflichten nicht schwer; mir werden sie schrecklich schwer ... Mein
+armer Pegasus hat zuerst daran glauben
+und am Altar der Pflicht verbluten m&uuml;ssen! ... Es ist
+am Ende das Beste so. Was soll ein armes M&auml;del
+mit ihm anfangen? Die Phantasie war das Ungl&uuml;ck
+meines Lebens; sie aus mir herauszuschneiden war eine
+gr&auml;&szlig;lich schmerzhafte Operation. Nun, da sie gelungen
+ist, will ich das, was blieb, nur benutzen, um Haus
+und Leben damit zu schm&uuml;cken, meinen Eltern und einmal
+meinem Mann zu dienen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich war <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'wirlich'">wirklich</ins> eine &raquo;junge Dame&laquo; geworden; ich
+f&uuml;hlte nicht einmal mehr, da&szlig; die hoffnungsvollen
+Triebe meines Lebensbodens niedergetrampelt waren.
+&raquo;Man beurteilt ein junges M&auml;dchen nach seinem Aussehen,
+weniger nach seinem Wissen&laquo;, schrieb ich, mir die
+Ansichten der Tante zu eigen machend, &raquo;sie wird mit
+Recht f&uuml;r arrogant gehalten, wenn sie schon eine eigne
+Meinung haben will&laquo;. Mein Tagebuch, das ich seit
+dem Augsburger Aufenthalt nicht ber&uuml;hrt hatte, weil ich
+es nicht durfte, blieb auch jetzt unausgef&uuml;llt, obwohl
+mich niemand mehr daran hinderte. Gro&szlig;mama frug
+einmal brieflich danach, und ich antwortete mit schnippischem
+Selbstbewu&szlig;tsein: &raquo;Ich schreibe keins, weil ich
+finde, da&szlig; man sich in meinem Alter darin Dinge vorl&uuml;gt,
+die man nicht denkt, und aus Ereignissen wichtige
+macht, die man besser vergi&szlig;t. Mein Leben brauche ich
+<a name="Page_180" id="Page_180"></a>nicht aufzuschreiben, denn die Nachwelt wird es nicht
+k&uuml;mmern. Auch Verse mache ich nicht mehr, denn mein
+Streben ist darauf gerichtet, mein eignes Ich und die
+Welt um mich so poetisch wie m&ouml;glich zu gestalten&laquo; &mdash; durch
+bemalte Teller und Schachteln, bestickte Deckchen
+und ein mi&szlig;handeltes Klavier! &mdash; &raquo;damit ich einmal
+meinem Mann eine h&uuml;bsche H&auml;uslichkeit schaffen kann.&laquo;</p>
+
+<p>Mein Mann! &mdash; Die Tante sorgte daf&uuml;r, da&szlig; meine
+Tr&auml;ume sich mehr und mehr um ihn drehten und meine
+Phantasie, die wir so tief eingesargt w&auml;hnten, nach dieser
+Richtung &uuml;ppigste Bl&uuml;ten trieb. War nicht das Ziel
+all ihrer Erziehungsk&uuml;nste der Mann? War es nicht
+wie ein glattes Rechenexempel, wenn sie mir auseinandersetzte,
+warum und wann und wen ich heiraten sollte?
+&raquo;Da ich kinderlos bin, wird f&uuml;r dich reichlich gesorgt
+sein,&laquo; sagte sie, als wir einmal im Siebentischwald
+spazieren gingen und ihr Arm schwer und schmerzhaft
+wie stets auf dem meinen ruhte, &raquo;aber nat&uuml;rlich erst
+nach meinem Tode. Jetzt bist du arm und bei der
+schlechten Wirtschaft deiner Eltern kannst du kaum auf
+eine Zulage rechnen. Mach also keine Dummheiten.
+Sorgen treiben gew&ouml;hnlich die Liebe zum Hause hinaus.
+Und wenn ich versucht habe, dich aus deinem Wolkenkuckucksheim
+in die n&uuml;chterne Allt&auml;glichkeit zur&uuml;ckzuf&uuml;hren,
+so doch nur, damit du dich nicht mit irgend einer konfusen
+Leidenschaft verplemperst. Du kannst jetzt die
+gr&ouml;&szlig;ten Anspr&uuml;che machen &mdash; verscherze dir das nicht!&laquo;
+Ich h&ouml;rte ruhig zu, ich war so gut erzogen, da&szlig; mir
+das alles selbstverst&auml;ndlich klang.</p>
+
+<p>Nur einmal wars, als zerrisse ein dunkler Vorhang
+vor meinen Augen, und ich sah pl&ouml;tzlich, wie eine Vision,
+<a name="Page_181" id="Page_181"></a>die tiefe, dunkle, kalte Leere meines Herzens. Ich suchte
+sp&auml;t Abends im Park nach einem Tuch, das ich irgend
+wo liegen gelassen hatte, als ich vor mir, eng aneinandergeschmiegt,
+zwei Menschen gehen sah: unsre Lina,
+das Stubenm&auml;dchen, und Johann, den Kutscher. Von
+Zeit zu Zeit blieben sie stehen und k&uuml;&szlig;ten sich &mdash; endlos
+verzehrend. &raquo;Maria und Josef&laquo;, schrie die Lina
+als sie mich sah, &raquo;das gn&auml; Fr&auml;uln!&laquo; Mit Wangen,
+die gl&uuml;hten und Augen, die gl&auml;nzten, mehr vor Gl&uuml;ck
+als vor Scham, streckte sie die H&auml;nde nach mir aus:
+&raquo;Gn&auml; Fr&auml;uln werdens nit der Frau Baronin sagen, gel
+ja?&laquo; bat sie schmeichelnd, &raquo;de Liab is ja koan Unrecht
+n&ouml;t. Wers freili so noblich haben kann wie das gn&auml;
+Fr&auml;uln, der ka ruhig aufn Prinzen warten, der glei
+mitn Trauring kimmt und gradaus in die Kirch eini
+f&uuml;hrt. Aber mir &mdash;&laquo; sie l&auml;chelte den verlegen daneben
+stehenden Johann z&auml;rtlich an, &raquo;mir haben nix als das
+bissel Liab &mdash; und d&ouml;s &mdash; d&ouml;s m&uuml;ssen wir haben ... So
+red doch auch was, Hannsl!&laquo; Sie stie&szlig; ihn aufmunternd
+in die Seite. &raquo;Recht hast!&laquo; stotterte er, &raquo;a Freud mu&szlig;
+der Mensch haben, so a rechte herzklopfete Freud!&laquo; Es
+dunkelte mir vor den Augen, laut aufgeschluchzt h&auml;tte
+ich am liebsten. Wie arm, wie schrecklich arm war ich!
+Aber ich war ja so gut erzogen! So versicherte ich
+denn das Paar meiner Verschwiegenheit und kehrte in
+meine &raquo;nobliche&laquo; Gefangenschaft zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>W&auml;hrend der folgenden Monate in Augsburg wurde
+meiner Erziehung durch die Einf&uuml;hrung in die Wohlt&auml;tigkeitsbestrebungen
+der guten Gesellschaft der letzte
+Schliff gegeben. Meine Tante war Vorstandsmitglied
+der verschiedensten Vereine und galt allgemein f&uuml;r &auml;u&szlig;erst
+<a name="Page_182" id="Page_182"></a>hilfsbereit. Mir waren dar&uuml;ber schon oft Zweifel aufgesto&szlig;en,
+wenn arme Leute, deren Ungl&uuml;ck sichtlich rasche
+Hilfe verlangte, von der Schwelle des gl&auml;nzenden Hauses
+abgefertigt und ihre Angelegenheit dem Bureaukratismus
+irgend eines Vereins &uuml;berwiesen wurde. Aber meine
+Tante wu&szlig;te so viel von der Gro&szlig;artigkeit der augsburger
+Armenf&uuml;rsorge &mdash; sowohl der kommunalen, als
+der privaten &mdash; zu erz&auml;hlen, da&szlig; ich meine Bedenken
+zur&uuml;ckhielt und mir von dem, was geleistet wurde, die
+gl&auml;nzendsten Vorstellungen machte. Schon meine erste
+Teilnahme an der Sitzung eines Krippenvereins lie&szlig; mir
+die Dinge in anderem Licht erscheinen. Da sa&szlig;en lauter
+reiche Frauen in seidenrauschenden Kleidern um den
+Tisch; keine einzige unter ihnen hatte keine Loge im
+Theater, keine Equipage vor der T&uuml;re, &mdash; und doch berieten
+sie stundenlang, auf welche Weise die zur Erweiterung
+der Anstalt notwendigen paar hundert Mark
+aufgebracht werden k&ouml;nnten. Ein Bazar wurde beschlossen.
+Schon auf der Heimfahrt jammerte meine
+Tante &uuml;ber all die damit verbundenen M&uuml;hen und
+Scherereien, &uuml;ber ein neues Kleid, das ich &mdash; als Verk&auml;uferin &mdash; notwendig
+daf&uuml;r haben m&uuml;&szlig;te, &uuml;ber einen
+neuen Hut, den sie nur in M&uuml;nchen bekommen k&ouml;nnte, &mdash; kurz,
+ich konnte die Frage nicht unterdr&uuml;cken, ob
+nicht die Kosten erheblich geringer sein w&uuml;rden, wenn
+jede der Damen durch Zahlung von f&uuml;nfzig Mark die
+ganze Sache rasch und glatt erledigt h&auml;tte. Aber da
+kam ich sch&ouml;n an. &raquo;Du hast doch gar keinen Begriff
+von Geld und Geldeswert&laquo; sagte sie, &raquo;wenn du meinst,
+wir k&ouml;nnten alle Augenblicke solche Summen einfach hergeben.
+Was wir f&uuml;r uns tun und unsere Toilette, ist
+<a name="Page_183" id="Page_183"></a>unsere Sache, f&uuml;r die Bed&uuml;rftigen aber mu&szlig; die ganze
+Bev&ouml;lkerung herangezogen werden.&laquo;</p>
+
+<p>Auch zu Recherchen wurde ich mitgenommen oder durfte
+sie hie und da selbst machen. So kam ich einmal zu
+einer armen Witwe in die Wertach-Vorstadt, die sich
+und ihre vier Kinder mit W&auml;schen&auml;hen zu ern&auml;hren bem&uuml;hte
+und um Unterst&uuml;tzung nachgesucht hatte. Durch
+einen engen, dunkeln Hof mu&szlig;te ich gehen, in dessen
+dumpfer Kellerluft eine Schar blasser, kleiner Buben
+und M&auml;deln sich herumtrieb. Sie scharten sich alle
+mit offnen M&auml;ulchen um mich, als ich nach Frau Hard
+frug. &raquo;&Uuml;ber drei Stiegen links wohnt Mutta,&laquo; sagte
+ein blasser Junge mit einem ernsthaften Altm&auml;nnergesicht,
+und die Schwester, deren Z&uuml;ge auch vom Lachen
+so wenig zu wissen schienen wie dieser Hof vom Sonnenschein,
+f&uuml;hrte mich hinauf.</p>
+
+<p>Mit jenem angstvoll nerv&ouml;sen Ausdruck gehetzter Tiere,
+der sich den Gesichtern all der Menschen einpr&auml;gt, die den
+Kampf ums t&auml;gliche Brot jeden Morgen in gleicher Sch&auml;rfe
+aufs neue beginnen m&uuml;ssen, sah die arme Frau mir entgegen.
+W&auml;hrend sie Heftf&auml;den aus all den vielen wei&szlig;en
+W&auml;schest&uuml;cken zog, die fast das ganze winzige Zimmer
+f&uuml;llten, und dazwischen hie und da aufsprang, um nach dem
+brodelnden Topf in der dunkeln K&uuml;che nebenan zu sehen,
+von dem ein widerlicher Geruch nach schlechtem Fett sich
+allm&auml;hlich &uuml;berallhin ausbreitete, erz&auml;hlte sie mir ihre
+Leidensgeschichte. Der Mann, ein Maler, war vor drei
+Jahren an der Schwindsucht gestorben, &mdash; &raquo;ka Wunder
+n&ouml;t bei dera Fabrik am Stadtbach drau&szlig;en&laquo; &mdash;, die
+Direktion hatte ihr eine einmalige Unterst&uuml;tzung von
+hundert Mark zugewiesen. &raquo;Gott vergelts ihna viel
+<a name="Page_184" id="Page_184"></a>tausendmal&laquo; f&uuml;gte sie tief ger&uuml;hrt hinzu, als sie davon
+sprach; trotz allem Flei&szlig; konnte sie aber doch nicht
+das N&ouml;tigste schaffen. Inzwischen kamen die Kinder
+herein und dr&auml;ngten sich halb neugierig halb eingesch&uuml;chtert
+in einer Zimmerecke zusammen. &raquo;Mit die Kinder
+is halt a Kreuz,&laquo; sagte die Mutter seufzend, &raquo;eins &mdash; das
+ginge noch an, aber vier, da wei&szlig; man nicht
+aus noch ein vor Sorg und Kummer.&laquo; Der Kleinste
+stolperte in diesem Augenblick &uuml;ber seine eignen d&uuml;nnen
+rachitischen Beinchen und fiel auf einen der Leinwandhaufen.
+Die Mutter patschte ihm erregt auf die H&auml;ndchen,
+zankte gleich alle Vieren, da&szlig; sie &raquo;so arg im Wege&laquo;
+st&uuml;nden und stie&szlig; sie unsanft in die K&uuml;che, mit der Mahnung,
+dort ganz still zu sitzen. Mir krampfte sich das
+Herz zusammen vor Mitleid mit diesen armen Gesch&ouml;pfen,
+die der eignen Mutter nur eine Last waren und es mit
+brutaler Deutlichkeit von ihr selbst erfahren mu&szlig;ten.
+Fast war ich schon fertig mit meinem Urteil &uuml;ber die
+Hartherzigkeit der armen N&auml;herin, als sie mir weinend
+erz&auml;hlte, wie sie des besseren Verdienstes wegen ein Jahr
+lang in die Fabrik gegangen w&auml;re, da sei aber ihr
+J&uuml;ngstes aus dem Fenster gest&uuml;rzt, w&auml;hrend sie abwesend
+war, und seitdem k&ouml;nne sie die Kinder nicht allein lassen.
+Aus lauter Angst um sie n&auml;hme sie alle Vier sogar mit,
+wenn sie liefern ginge. &raquo;Glei spr&auml;ng i nach, wenn noch
+eins da nunter fiele!&laquo;</p>
+
+<p>Ich verlor alle Selbstbeherrschung, &mdash; nie hatte
+ich auch nur im entferntesten von solch einem
+Elend gewu&szlig;t &mdash;, die Tr&auml;nen str&ouml;mten mir aus den
+Augen. Ein schwaches L&auml;cheln huschte &uuml;ber die verh&auml;rmten
+Z&uuml;ge der Frau; sie lie&szlig; die Arbeit sinken und
+<a name="Page_185" id="Page_185"></a>streichelte mir tr&ouml;stend die H&auml;nde: &raquo;So a guts Herzerl
+sans &mdash; das hat mir gwi&szlig; der liebe Herrgott geschickt!&laquo; &mdash; mich
+durchstach das Wort mit Messersch&auml;rfe: Ja, war
+es denn m&ouml;glich, da&szlig; Gott solchen Jammer mit ansehen
+konnte?! Was hatte die Mutter, was hatten die kleinen
+Kinder getan, da&szlig; sie so leiden mu&szlig;ten? Warum lebten
+sie denn eigentlich, da doch ihr Leben gar keins war?
+Und wie kam ich dazu, nicht zu sein wie sie? Dunkel
+err&ouml;tend sah ich an meinem eleganten Kleide hinab und
+blickte scheu zu den vielfach geflickten d&uuml;rftigen R&ouml;ckchen
+der Kinder hin&uuml;ber, die sich wieder der T&uuml;re gen&auml;hert
+hatten, um mich anzustaunen. Und ich f&uuml;hlte pl&ouml;tzlich
+die Spitzen meines Hemdes auf meinem K&ouml;rper brennen, &mdash; hatten
+nicht am Ende ebenso arme durchstochene
+Finger sie gen&auml;ht, wie die der Witwe vor mir? O, wie
+ich mich sch&auml;mte! W&auml;ren die Kinder auf mich zugest&uuml;rzt
+und h&auml;tten mir das weiche Tuch meines Kleides vom
+Leibe gerissen, h&auml;tte die Mutter sich mit meinem Mantel
+bekleidet, &mdash; ich h&auml;tte es in diesem Augenblick ganz
+nat&uuml;rlich gefunden. Statt dessen ruhten die Augen der
+Kleinen mit keinem andern Ausdruck als dem der Bewunderung
+auf mir, und die Mutter pries &uuml;berschwenglich
+mein &raquo;gutes Herz&laquo;.</p>
+
+<p>Ich zog den gedruckten Bogen aus der Tasche, um
+das Notwendigste einzutragen. Mechanisch stellte ich
+meine Fragen. &raquo;Wie alt sind Sie?&laquo; &mdash; &raquo;Sechsundzwanzig.&laquo; &mdash; Erschrocken
+sah ich auf: dies gelbe, faltige
+Gesicht, der krumme R&uuml;cken, die d&uuml;nnen Haare, der erloschene
+Blick, &mdash; und sechsundzwanzig Jahre! Ich sah
+pl&ouml;tzlich meine Tante vor mir, die vierzigj&auml;hrige &mdash; und
+ein dumpfer Zorn bem&auml;chtigte sich meiner. &raquo;Wie lange
+<a name="Page_186" id="Page_186"></a>arbeiten Sie am Tage?&laquo; &mdash; &raquo;I steh halt um f&uuml;nfe auf
+und leg mich um zw&ouml;lfen nieder!&laquo; &mdash; Und das alles nur
+um das elende Leben am n&auml;chsten Tag weiter zu fristen!</p>
+
+<p>&raquo;Was verdienen Sie in der Woche?&laquo; &mdash; &raquo;Sechs Mark,
+und wanns arg gut geht, achte. In der stillen Zeit
+gibts oft keine drei und vier. Und f&uuml;nf &mdash; sechs Wochen
+im Jahr is die Arbeit rar.&laquo; &mdash; Also hatte sie f&uuml;r sich
+und die ihren weniger, als mein Taschengeld betrug, &mdash; und
+ich gebrauchte f&uuml;r blo&szlig;en Toilettentand mehr als
+sie mit den Kindern zum Leben hatte!</p>
+
+<p>Ich ertrug es nicht l&auml;nger. Das Weltbild verschob
+sich mir, und seine Farben flossen zusammen, so da&szlig;
+nichts als ein schmutziges Grau &uuml;brig blieb. Ich griff
+in die Tasche, und in der Empfindung etwas zu tun,
+was f&uuml;r mich weit besch&auml;mender war, als f&uuml;r die arme
+Frau, sch&uuml;ttete ich ihr den Inhalt meiner B&ouml;rse in den
+Scho&szlig; und lief, so rasch ich konnte, davon. Als ich,
+trotz aller M&uuml;he, mich zu beherrschen, atemlos und erregt
+von dem Erlebten berichtete, erkl&auml;rte die Tante mich
+f&uuml;r &raquo;&uuml;berspannt&laquo;. &raquo;Wie kannst du die Dinge nur von
+unsern Empfindungen aus bewerten. Die Leute sind
+das nicht anders gew&ouml;hnt, und wenn f&uuml;r das Notwendigste
+gesorgt wird, sind sie zufrieden. Sie &uuml;berm&auml;&szlig;ig
+zu bedauern hei&szlig;t, sie zu Sozialdemokraten
+machen.&laquo;</p>
+
+<p>Ein andermal kam ich zu einem alten Manne, dessen
+Tochter Fabrikarbeiterin war. Die Armenunterst&uuml;tzung,
+die er erhielt, reichte zu seiner Erhaltung nicht aus, und
+sie hatte erkl&auml;rt, von ihrem Lohn nur wenig er&uuml;brigen
+zu k&ouml;nnen. Der Alte sa&szlig; am Fenster eines reinlichen
+Zimmerchens, als ich eintrat; er hustete beinahe ununter<a name="Page_187" id="Page_187"></a>brochen,
+rauchte aber trotzdem die Pfeife, und fast undurchdringliche
+Wolken umgaben ihn. Meinem Wunsch, ein
+Fenster zu &ouml;ffnen, widerstand er heftig. &raquo;I hobs auf
+der Brust und vertrag ka Zugluft n&ouml;t,&laquo; sagte er. Unter
+R&auml;uspern und Husten begann ich mein Verh&ouml;r. Er beklagte
+sich lebhaft &uuml;ber die Tochter, die &raquo;a sch&ouml;n's St&uuml;ck
+Geld&laquo; verdiene, aber &raquo;alleweil mehr an Putz denkt als
+an den alten Vater,&laquo; und lieber auf &raquo;die Tanzb&ouml;den
+umanand hupft&laquo; als bei ihm zu sein, der &raquo;d&ouml;s ausgeschamte
+Ding doch nu amal in die Welt gesetzt hat.&laquo;
+Grade ging die T&uuml;re und &raquo;d' Resi&laquo; kam nach Haus,
+ein schmalbr&uuml;stiges junges M&auml;dchen mit hektischem Rot auf
+den Wangen und fiebrig gl&auml;nzenden Augen. Sie hustete.
+&raquo;Kannst nit a bissel s' Fenster auftun,&laquo; bat sie nach
+einer verlegnen Begr&uuml;&szlig;ung, &raquo;wenn man eh' den ganzen
+Tag gar nix wie Staub schluckt.&laquo; Aber der Alte gab
+nicht nach, sondern eiferte blo&szlig; &uuml;ber die ungeratenen
+Kinder &mdash; &raquo;zu meiner Zeit gab's koanen eignen Willen
+n&ouml;t bei die Madl. Heut zu T&auml;g is aus mit'n schuldigen
+Respekt.&laquo; Die Resi bat mich, ihr mit meinem Fragebogen
+in die K&uuml;che zu folgen. Dort ri&szlig; sie das Fenster
+auf, und ein Hustenanfall ersch&uuml;tterte ihre Brust, so da&szlig;
+ihr vor Anstrengung die Schwei&szlig;tropfen auf der Stirne
+standen. Seit vier Jahren arbeitete sie, die eben erst
+achtzehn geworden war, in der gro&szlig;en Spinnerei, zu deren
+Aktion&auml;ren auch meine Tante geh&ouml;rte, wie ich aus ihrem
+eifrigen Studium der betreffenden Kurszettel erfahren
+hatte. Sie verdiente sieben Mark in der Woche, wovon
+sie dem Vater die H&auml;lfte abgab. &raquo;F&uuml;r mehr langt's
+gewi&szlig; nit, Fr&auml;ulein,&laquo; f&uuml;gte sie mit tr&auml;nenden Augen
+hinzu, &raquo;i brauch a bissel was f&uuml;r's Gewand, und dann, &mdash; schauen's,
+<a name="Page_188" id="Page_188"></a>wie's mi grad gepackt hat &mdash; d&ouml;s kommt alle
+Tag' a paar Mal &mdash; der Herr Doktor hat gesagt, i soll
+viel Milli trinken, da hol' i mi heimli an halben Liter
+am Tag&laquo; &mdash; aus dem Winkel des Schr&auml;nkchens suchte
+sie ein T&ouml;pfchen hervor, dabei &auml;ngstlich nach der T&uuml;re
+schielend, ob auch der Vater nichts merken k&ouml;nne. &raquo;Recht
+a gute Luft, meint der Herr Doktor, w&auml;r' halt auch
+n&ouml;tig&laquo; &mdash; ein bittres L&auml;cheln huschte um ihre Lippen &mdash; &raquo;Sie
+merkend ja selber, wie's hier damit steht, und
+schlafen mu&szlig; i a no bei ihm drinnen! Wie's aber in
+der Fabrik is, das wissen's gewi&szlig; nit, &mdash; da schluckt
+einer weiter nix wie Baumwolle.&laquo;</p>
+
+<p>Zu Hause meinte ich, es w&auml;re am besten, der Alte
+k&auml;me ins Spital. Die Tante war emp&ouml;rt &uuml;ber meine
+Herzlosigkeit. &raquo;Ein Kind geh&ouml;rt zu seinen Eltern,&laquo;
+sagte sie, &raquo;und dann am sichersten, wenn sie alt und
+krank sind.&laquo; Nach einer neuen, &raquo;fachverst&auml;ndigeren&laquo;
+Untersuchung wurde festgestellt, da&szlig; die Resi am Sonnabend
+stets auf dem Tanzboden zu finden sei und f&uuml;r
+bunte B&auml;nder immer Geld &uuml;brig zu haben scheine.
+Diese Entdeckung wurde mir mit allen Zeichen einer
+Entr&uuml;stung mitgeteilt, die ich beim besten Willen nicht
+zu teilen vermochte. &raquo;Wir gehen doch auch in Gesellschaften &mdash; noch
+dazu ohne die ganze Woche gearbeitet
+zu haben,&laquo; sagte ich naiv, &raquo;und die Resi ist jung wie
+wir, dazu arm und krank &mdash; la&szlig;t ihr doch das bi&szlig;chen
+Lebensfreude.&laquo;</p>
+
+<p>Von da an wurden mir die Armenbesuche verboten.
+Nur zu Weihnachten durfte ich an der allgemeinen
+Bescherung des Krippenvereins teilnehmen. In einem
+langen niedrigen Saal standen h&ouml;lzerne Tafeln mit ge<a name="Page_189" id="Page_189"></a>schmacklosen
+bunten Wollsachen, Schuhen, derben W&auml;schest&uuml;cken,
+ein paar Pfefferkuchen und verschrumpelten &Auml;pfeln
+bedeckt; ein d&uuml;rftig geschm&uuml;ckter Baum streckte seine gro&szlig;en
+Zweige wie lauter wehklagend erhobene Arme nach der
+Zimmerdecke. Lieblos und n&uuml;chtern &mdash; gar nicht nach
+Weihnachten &mdash; sah es aus, und ich mu&szlig;te der Gro&szlig;mutter
+denken, die selbst den &Auml;rmsten immer irgend eine &raquo;&Uuml;berraschung&laquo;
+bereitete, denn &raquo;<em class="antiqua">les choses superflus sont des
+choses tr&egrave;s n&eacute;cessaires</em>&laquo; Pflegte sie mit ihrem g&uuml;tigsten
+L&auml;cheln zu sagen. Auf der einen Seite dr&auml;ngten sich
+die Frauen und Kinder eng zusammen, auf der anderen
+sa&szlig;en die Damen des Vorstands, und unter dem Baum
+stand Pfarrer Haberland, der die Festpredigt hielt. Er
+war mir v&ouml;llig fremd diesen Abend, als er so viel vom
+&raquo;Vater im Himmel&laquo; sprach, &raquo;der die Armen nicht verl&auml;&szlig;t,&laquo;
+von &raquo;den wahrhaft christlichen Seelen der g&uuml;tigen
+Geberinnen,&laquo; von der gebotenen &raquo;Dankbarkeit und Zufriedenheit
+der Empfangenden.&laquo; Dann wurde gesungen
+und dann beschert, wobei die M&uuml;tter ihre Kinder immer
+wieder ermahnten &raquo;vergelts Gott&laquo; zu sagen, obwohl die
+kleine Gesellschaft offenbar nicht recht wu&szlig;te, warum. &mdash; &Uuml;ber
+eine Gummipuppe und ein Holzpferdchen h&auml;tten
+sie sich tausendmal mehr gefreut, als &uuml;ber all die prosaischen
+N&uuml;tzlichkeiten.</p>
+
+<p>Trotzdem von der Riesentanne in unserm Musiksaal
+wenige Stunden sp&auml;ter hunderte von Kerzen ein warmes
+strahlendes Licht verbreiteten und alle Geschenke meiner
+Eitelkeit zu schmeicheln schienen, verlebte ich noch nie ein
+so trauriges Weihnachtsfest. Ich sei &raquo;schlechter Laune&laquo;,
+meinte die Tante &auml;rgerlich, der mein Dank nicht st&uuml;rmisch
+genug war. Nachts darauf hatte ich wieder
+<a name="Page_190" id="Page_190"></a>einen heftigen Anfall von Seitenschmerzen und wu&szlig;te
+bald nicht mehr, ob meine Tr&auml;nen um das k&ouml;rperliche
+Leid oder um die Zerrissenheit meines Innern flossen.</p>
+
+<p>Ich mochte die Sitzungen der Vereine nicht mehr
+besuchen, trotzdem mir dringend empfohlen wurde, mir
+die gute Gelegenheit, so viel zu lernen, nicht entgehen
+zu lassen. Nur nichts h&ouml;ren und sehen von dieser H&ouml;lle,
+in die die Armen mir rettungslos verdammt erschienen!</p>
+
+<p>Ich ging aufs Eis, und in Gesellschaften und ins
+Theater, und je mehr die nat&uuml;rliche Lebenslust befriedigt
+und die Eitelkeit gen&auml;hrt wurde, desto leichter wurde
+mir ums Herz. Fuhren wir spazieren, die Tante und
+ich, und unser blauer Wagen rollte in der Vorstadt
+mitten durch den Zug der heimkehrenden Arbeiter, so
+schlo&szlig; ich am liebsten die Augen, nachdem meine Bitte,
+diese Gegend zu meiden, als &raquo;sentimental&laquo; unerf&uuml;llt
+geblieben war. Aber grade wenn ich nicht hinsah und
+nur die m&uuml;den Schritte h&ouml;rte und das freudlose Gemurmel
+vieler Stimmen, war es mir, als ginge ich
+mitten unter ihnen und s&auml;he meinen Doppelg&auml;nger bequem
+in die seidenen Kissen gelehnt an mir vor&uuml;ber
+rollen. Und dann packte mich eine Wut &mdash; eine Wut,
+da&szlig; ich am liebsten den n&auml;chsten Stein genommen und
+ihn den vornehmen Faullenzern ins Gesicht geschleudert
+h&auml;tte!</p>
+
+<p>Sah ich dann, wie aus w&uuml;stem Traum erwachend,
+um mich, so fiel mein Blick nur auf gleichg&uuml;ltige oder
+bewundernde Mienen &mdash; es gab sogar M&auml;nner, die die
+M&uuml;tze zogen vor uns. Ich wandte jedesmal den Kopf ab.</p>
+
+<p>Im Mai kam mein Vater, um mich heimzuholen. Er
+war von &uuml;berstr&ouml;mender Freude und Z&auml;rtlichkeit, die ich
+<a name="Page_191" id="Page_191"></a>ger&uuml;hrt und dankbar empfand. Seine Schwester r&uuml;hmte
+mich als das Produkt ihrer Erziehung, wobei sie ihrer
+M&uuml;hen und Opfer ausgiebig gedachte und es an Seitenhieben
+auf die Eltern nicht fehlen lie&szlig;, die mich in so
+&raquo;verwahrlostem&laquo; Zustand ihr &uuml;bergeben hatten. Seltsam,
+wie mein sonst so heftiger Vater sich das alles gefallen
+lie&szlig;; zwar schwollen ihm oft die Adern auf der Stirn,
+aber er schwieg. Ich freute mich auf Zuhause, auf die
+Liebe, die mich umgeben, die Freiheit, die ich genie&szlig;en
+sollte, auf die Pflichten, von deren Erf&uuml;llung ich mir
+Befriedigung versprach. Alles B&ouml;se wollte ich den Eltern
+vergessen machen, was sie durch mich erfahren hatten!
+Meine Gedanken und meine Empfindungen waren schon
+lange, lange vor mir daheim.</p>
+
+<p>Als ich zum stillen Abschied am letzten Abend im
+d&auml;mmernden Park auf und nieder ging, kam es &uuml;ber
+mich, wie eine Vision. Ein gro&szlig;es, dunkles Tor sah ich
+und eine endlose schwarze Schlange langsam gleichender
+Menschen, die daraus hervorkroch: M&auml;dchen, wie die
+Rest, und Frauen, wie die arme Witwe, und viele,
+viele Kinder mit sonnenlosen Gesichtern. &mdash; Ich warf
+mich ins Gras und weinte bitterlich. Als ich dann
+ins helle Licht der Lampen trat, schlang die Tante,
+beim Anblick meiner tr&auml;nenfeuchten Augen, ger&uuml;hrt &uuml;ber
+so tiefen Abschiedsschmerz, die Arme um mich.</p>
+
+<p>&raquo;Bleibe mein gutes Kind,&laquo; sagte sie beim Abschied
+mit Betonung.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_192" id="Page_192"></a></p>
+<h2><a name="Siebentes_Kapitel" id="Siebentes_Kapitel"></a>Siebentes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Es war eine mondhelle Mainacht, als wir in
+Brandenburg ankamen, mein Vater und ich.
+&Uuml;ber das holprige Pflaster rasselte die gro&szlig;e
+alte Mietkutsche durch die schlafende Stadt. Der steinerne
+Roland am Rathaus warf einen langen schwarzen
+Schatten auf die einsame Stra&szlig;e, und in dem gr&uuml;nen
+Dachlaubkr&ouml;nchen auf seinem Haupte spielte leise der
+Wind. Unter der weiten Wasserfl&auml;che am M&uuml;hlendamm,
+der zur Dominsel hin&uuml;ber f&uuml;hrt, breitete der Nebel leichte
+duftige Schleier aus, die ein zitternder Streifen silbernen
+Mondlichts mitten durch gerissen hatte, so da&szlig; sie
+flatterten, wie gr&uuml;&szlig;end von unsichtbaren H&auml;nden bewegt.</p>
+
+<p>Durch einen schmalen Torweg polterte der Wagen
+auf den Domhof. Dunkel und wuchtig wie eine Burg
+ragte das uralte Gotteshaus zum Himmel empor, das
+den engen Platz und die einst&ouml;ckigen H&auml;uschen ringsum,
+aus deren tiefen roten D&auml;chern erstaunte Fensteraugen
+verschlafen blickten, mit seinem Schatten zu erdr&uuml;cken
+schien. Nur das gr&ouml;&szlig;te der Geb&auml;ude, das breit und
+massig an der andren Seite den Hof abschlo&szlig;, war
+wach: helles Licht str&ouml;mte daraus hervor und verscheuchte
+den Schatten; um das weit offene Tor &uuml;ber der grauen
+Steintreppe schlang sich ein Kranz bunter Fr&uuml;hlings<a name="Page_193" id="Page_193"></a>blumen,
+und auf der obersten Stufe erschien, als habe
+die gr&ouml;&szlig;te davon sich losgel&ouml;st, und sei vom Mondzauber
+getroffen zu n&auml;chtlichem Elfenleben erwacht, ein
+kleines, schneewei&szlig;es Gesch&ouml;pfchen, Stirn und Wangen
+von goldenen Locken umwallt. Erst als ihre &Auml;rmchen
+warm meinen Nacken umschlangen, f&uuml;hlte ich, da&szlig; es
+ein Menschlein war, das mich willkommen hie&szlig;: mein
+Schwesterchen. Mit ungewohnter Z&auml;rtlichkeit begr&uuml;&szlig;te
+mich die Mutter, mit einem: &raquo;Nun bist du endlich daheim,&laquo;
+aus dem die ganze vergangene Sehnsucht klang,
+k&uuml;&szlig;te mir der Vater die Stirn, und die Freude hielt
+mich noch wach, als die Kissen meines Bettes mich schon
+lange weich und wohlig umfingen.</p>
+
+<p>Mit dem d&auml;mmernden jungen Tage trieb die Erregung
+mich zum Tore hinaus. Still und vertr&auml;umt
+lag der Hof im Morgenglanze, und die stummen
+Steine der Mauern erz&auml;hlten von der Vergangenheit.
+An unseres Hauses Platz mochte Pribislavs, des
+letzten Wendenherzogs, F&uuml;rstensitz sich erhoben haben,
+als er Albrecht, dem askanischen B&auml;ren, Krone und
+Land &uuml;berlie&szlig; und Triglaff, den dreik&ouml;pfigen G&ouml;tzen,
+dem Christengott zu Ehren verbrannte. Sieben Jahrhunderte
+hatten zusammengewirkt, um des Gekreuzigten
+Haus zu errichten, und viele wilde K&auml;mpfe um Glauben
+und Macht, die seiner Friedensbotschaft und Liebespredigt
+spotteten, hatten auf dem Raum zu seinen F&uuml;&szlig;en
+getobt. Jetzt nisteten die Schwalben an Giebel und
+Dachfirst, und auf dem Hof, der vor Zeiten von klirrenden
+Kettenpanzern und Sporen widerhallte, pickten wei&szlig;e
+Tauben die K&ouml;rnlein auf, die sich in dem wuchernden
+Unkraut zwischen den Pflastersteinen verloren hatten.</p>
+
+<p><a name="Page_194" id="Page_194"></a>In tausend und abertausend Lichtern tanzte die Morgensonne
+auf den blauen Wassern der Havel rings um die
+Dominsel und malte alle Farben des Regenbogens auf
+die Tautropfen der Wiesengr&auml;ser. Der Garten hinter
+unserem Hause, wo die Obstb&auml;ume wei&szlig; und rosenrot
+bl&uuml;hten, reichte bis hinab an das Ufer. Ein Kahn lag
+im Schilf vor dem wei&szlig;em Pf&ouml;rtchen, das die alte verwitterte
+Mauer hier unterbrach, und eine Bank lehnte
+sich au&szlig;en an die epheuumsponnene Wand. Von den
+wuchernden Ranken fest umschlossen, lag ein kleiner,
+pausb&auml;ckiger Liebesgott aus grauem Sandstein daneben;
+wie lange schon mochte er vom Sockel gest&uuml;rzt sein und
+die schelmischen Blicke grad auf das Himmelsgew&ouml;lbe
+richten! Mitleidig stellte ich ihn auf die runden Beinchen
+und steckte ihm statt des verlorenen Pfeils einen Hollunderzweig
+in die winzige Faust. Mir wars, als lachte er &mdash; ein
+helles, zwitscherndes Lachen &mdash;, vielleicht warens auch
+nur die lustigen Vogelstimmen im Gezweig. Ein feuchter
+Wind, der den Duft frischer, lebenschwangerer Erde mit
+sich trug, strich mir lind um die Stirne. Es war der
+Mai, der mich gr&uuml;&szlig;te, der Mai, dem mein Herz st&uuml;rmisch
+entgegenschlug!</p>
+
+<p>Zu sieben feierlichen Schl&auml;gen holte die Uhr im Domturm
+langsam aus. Und mit einemmal ward es lebendig:
+die sp&auml;ten Nachfolger der M&ouml;nche im Stiftshaus gegen&uuml;ber,
+das sich im Lauf der Jahrhunderte in eine Ritterakademie
+verwandelt hatte, st&uuml;rmten &uuml;ber den Hof, &mdash; lauter
+kecke brandenburgische Junker, deren harte Sch&auml;del
+der Weisheit der Magister trotzten, wie die ihrer Vorfahren
+von je den friedsamen B&uuml;rgern Trotz geboten
+hatten. Sie stutzten, als sie mich sahen, &mdash; die neue<a name="Page_195" id="Page_195"></a>
+Nachbarin, &mdash; und musterten mich halb neugierig, halb
+bewundernd; einer, ein langer, blonder, streckte mir die
+Hand entgegen und warf mir mit der anderen lachend
+einen ganzen Strau&szlig; von Vergi&szlig;meinnicht zu, so da&szlig;
+die blauen Sternchen mir in Haar und Kleid h&auml;ngen
+blieben. Noch ehe ich eine Antwort fand, flog mir
+mein Schwesterchen in die Arme, und im Torweg tauchten
+blitzende Helme auf: das Musikkorps von meines Vaters
+Regiment. Mich zu empfangen, kamen sie, und all die
+Lieder von Gl&uuml;ck und Liebe, die sie spielten, schmeichelten
+sich in mein Herz, und die Walzermelodien waren wie
+ein starker Duft von Jasmin, der mich in einen Rausch
+seliger Tr&auml;ume h&uuml;llte. Es war der Mai, der Mai, der
+mich gr&uuml;&szlig;te!</p>
+
+<p>Hat sich die Natur seitdem so ver&auml;ndert, ist das
+Sonnenlicht tr&uuml;ber, sind die Farben der Blumen matter
+geworden, oder waren es meine siebzehn Jahre, die
+ihren Glanz der Sonne und den Blumen liehen?</p>
+
+<p>Morgens spielte ich mit dem Schwesterchen in Hof
+und Garten. Wie sie erstaunt und gl&auml;ubig die blauen
+Augen aufri&szlig;, wenn ich ihr die schattigen Winkel zeigte,
+wo die Zwerglein hausen, und sie in jedem Bl&uuml;tenkelch
+nach den Elfen suchen lie&szlig;! Beladen mit allem, was
+strahlte und duftete im Garten und auf der Wiese,
+stiegen wir dann die wei&szlig;e Treppe zur Diele hinauf,
+um dort alle Vasen und Gl&auml;ser zu f&uuml;llen, die die Zimmer
+schm&uuml;cken sollten. Gegen&uuml;ber, an den Fenstern der
+Ritterakademie, pflegten zu gleicher Zeit viele Knabenk&ouml;pfe
+aufzutauchen, und es gab ein lustiges Lachen und
+Nicken hin und her. Bald kannte ich die, die zur Freistunde
+den Platz am Fenster dem Spiel im Schulgarten
+<a name="Page_196" id="Page_196"></a>vorzogen. Unsere Sonntagsg&auml;ste waren die meisten von
+ihnen, und der lange blonde, der Fritz, der mir die Vergi&szlig;meinnicht
+zugeworfen hatte, war mein Vetter. Die
+Tertia lie&szlig; ihn noch immer nicht los, trotz seiner achtzehn
+Jahre; sein schmaler Sch&auml;del war offenbar nicht der
+Sitz seiner besten Kraft. Aber rudern und reiten, tanzen
+und Schlittschuh laufen konnt' er daf&uuml;r, wie kein anderer;
+und zum Fenster hinaus und hinein konnt' er klettern,
+wenn es galt, zu verbotener Abendstunde unseren Garten
+zu erreichen, oder mir vor Tau und Tage Blumen von
+den Wiesen zu holen. Seit ich da war, lebte er mit
+den Wissenschaften auf noch feindseligerem Fu&szlig; als vorher.
+Die Junker von dr&uuml;ben waren alle meine Ritter,
+aber er allein war es mit der ganzen Hingabe seines
+treuen Herzens. All meinen &Uuml;bermut lie&szlig; er &uuml;ber sich
+ergehen, um so dankbarer, je mehr ich von ihm forderte.
+Geduldig h&uuml;tete er mein Schwesterchen, wenn ich zum
+Lesen Ruhe haben wollte; waghalsig kletterte er &uuml;ber
+die Mauer, um Rosen aus dem Nachbargarten zu holen,
+die mir duftiger schienen als die unseren; weit lief er
+in die Felder, um Kornblumen zu pfl&uuml;cken, die er, von
+seidenem Band umwunden, fr&uuml;hmorgens, ehe ich erwachte,
+in mein offenes Fenster warf; mit den Havelschw&auml;nen
+bestand er so manchen Kampf, weil ich mir
+die gelben Mummeln so gern in die Haare steckte. Den
+k&ouml;stlichen Genu&szlig; heimlich gerauchter Zigaretten gab er
+auf, um mir statt dessen f&uuml;r sein Taschengeld allerlei
+Zuckerwerk zu kaufen, das ich liebte.</p>
+
+<p>Am Sonntag morgen pflegte mein Vater ihm eins
+seiner Pferde zur Verf&uuml;gung zu stellen. Ehe ich noch
+die Treppe hinab kam, die lange Schleppe meines Reit<a name="Page_197" id="Page_197"></a>kleides
+stolz hinter mir schleifend, stand er schon rot vor
+Erregung wartend im Hof, und seine H&auml;nde, die er mir
+unter den Fu&szlig; schob, um mir hilfreich in den Sattel
+zu helfen, zitterten jedesmal. Unterwegs strahlte er vor
+Freude, wenn er sich zum Blitzableiter irgend einer
+Heftigkeit meines Vaters machen konnte. Vermied ich
+sonst angstvoll jede Ungeschicklichkeit, weil sie unweigerlich
+einen Sturm heraufbeschwor, so lie&szlig; ich, wenn der
+Fritz dabei war, die Peitsche oft absichtlich fallen, um
+zu sehen, wie seine schlanke J&uuml;nglingsgestalt sich <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'gegeschmeidig'">geschmeidig</ins>
+aus dem Sattel schwang, um mir das verlorene
+wiederzubringen. Vergr&ouml;&szlig;erte sich unsere Kavalkade,
+so kam es wohl vor, da&szlig; seine Mundwinkel zuckten, wie
+die eines kleinen Kindes, das weinen will, und er wortlos
+kehrt machte, um in gestrecktem Galopp nach Hause
+zu reiten.</p>
+
+<p>Das alte St&auml;dtchen war erf&uuml;llt von Jugend. Es
+gab gar keine alten Leute, glaube ich; vielleicht da&szlig; sie
+sich wie die Maulw&uuml;rfe vor dem lachenden Tag gr&auml;mlich
+verkrochen. Auch nur wenig junge M&auml;dchen gab es in
+unserem Kreise, daf&uuml;r um so mehr junge M&auml;nner. In
+meines Vaters Regiment war ich die einzige meiner Art,
+und da&szlig; alle Leutnants dem Regimentst&ouml;chterlein huldigten,
+war eigentlich selbstverst&auml;ndlich. Sie waren zumeist
+berliner Kaufmannss&ouml;hne, die bei den 35ern
+eintraten, weil ihnen trotz reichlicher Zulage die Garde
+verschlossen blieb und sie sich doch nicht zu weit von
+der Vaterstadt entfernen wollten. Manch einer unter
+ihnen hielt sich eigene Pferde und suchte durch seinen
+Aufwand wie durch seinen Hochmut die feudalen Kameraden
+von der Kavallerie zu &uuml;bertrumpfen. Das Offizier<a name="Page_198" id="Page_198"></a>korps
+der wei&szlig;-blauen K&uuml;rassiere dagegen setzte sich aus
+dem alten Adel Brandenburgs und Pommerns zusammen,
+und zwischen ihnen und den F&uuml;silieren bestanden vor
+unserer Zeit so gut wie keine gesellschaftlichen Beziehungen.
+Die einen verkehrten auf den Ritterg&uuml;tern der Umgegend,
+mit deren Besitzern Familienbeziehungen sie verbanden,
+die andern zogen den gewohnten Gesellschaftskreis der
+Kaufleute und Fabrikanten vor. Das &auml;nderte sich bald,
+als meine Eltern nach Brandenburg kamen. War meines
+Vaters Adelsstolz durch das b&uuml;rgerliche Regiment verletzt
+worden, so half ihm seine altpreu&szlig;ische Auffassung
+von der Vornehmheit des Offiziers als solchen dar&uuml;ber
+hinweg, und er setzte alles daran, diese Idee auch in den
+&auml;u&szlig;eren Fragen des Verkehrs zur Geltung zu bringen.
+Leicht war es nicht, denn B&uuml;rgerstolz ist oft so hartn&auml;ckig
+wie Adelsstolz, und manch einer der Besten mu&szlig;te
+es als Kr&auml;nkung empfinden, wenn gesellige Beziehungen
+als eines Offiziers unw&uuml;rdig bezeichnet wurden, die
+doch seiner eigenen Herkunft entsprachen. Aber der
+daraus entstehende Widerstand gegen meines Vaters
+W&uuml;nsche wurde reichlich aufgewogen durch jene unausrottbare
+neidvolle Bewunderung des B&uuml;rgerlichen f&uuml;r
+den Aristokraten, die oft die Maske des Hochmuts tr&auml;gt,
+meist aber kein andres Ziel kennt, als selbst unter
+dem&uuml;tigender Selbstverleugnung im Kreise der Bewunderten
+Aufnahme zu finden. Unsere eigenen vielfachen
+freundschaftlichen und verwandtschaftlichen Verbindungen
+mit dem Landadel und seinen S&ouml;hnen im
+K&uuml;rassierregiment unterst&uuml;tzten &uuml;berdies die Durchsetzung
+der Erziehungsprinzipien meines Vaters.</p>
+
+<p>Das Unerh&ouml;rte geschah: zu Pferd und zu Wagen,
+<a name="Page_199" id="Page_199"></a>wenn es aufs Land hinaus ging zu den Rochows und
+Bredows und Itzenplitz, oder zu lustigem Picknick im
+Walde, tauchte der rote Kragen des Infanteristen immer
+h&auml;ufiger neben dem hellen blauen des Kavalleristen auf,
+und nur der aufmerksame Beobachter bemerkte, da&szlig; sich
+hinter der tadellosen gesellschaftlichen Form eine tiefe
+innere Feindseligkeit verbarg. Grade die vollendete
+H&ouml;flichkeit, mit der der K&uuml;rassier den kleinen Leutnant
+von den F&uuml;silieren behandelte, richtete die Schranke auf,
+die den Eintritt in das intime Leben unbedingt verwehrte, &mdash; dieselbe
+H&ouml;flichkeit, die so aufreizend wirken
+kann, weil ihre k&uuml;hle Gl&auml;tte keinerlei Angriffsfl&auml;che
+gew&auml;hrt.</p>
+
+<p>Mein Vater hatte mir zur Pflicht gemacht, seinen
+Offizieren ebenso freundlich entgegen zukommen, wie den
+andern: &raquo;Da&szlig; sie M&uuml;ller und Schultze hei&szlig;en, mu&szlig; dich
+nicht st&ouml;ren; sie tragen alle denselben Rock, und heiraten
+brauchst du sie ja nicht!&laquo; Nein, gewi&szlig; nicht! Der
+blo&szlig;e Gedanke kam mir komisch vor! Heiraten &mdash;!
+Der Vornehmste und Sch&ouml;nste war mir daf&uuml;r in meinen
+Zukunftstr&auml;umen nur grade gut genug! Warum auch
+ans Heiraten denken, wo lachend und lockend ein ganzes
+freies Jugendleben vor mir lag! Gl&uuml;cklich und harmlos
+lie&szlig; ich mich von den schmeichelnden Wogen der Bewunderung
+tragen; bei manchem gl&uuml;henden Blick und
+hei&szlig;en H&auml;ndedruck bebte mir wohlig das Herz. Ich sah
+den einen lieber als den andern, ich dachte nicht daran,
+meine Empfindungen zu verstecken, denn ich liebte dankbar
+strahlende Augen und zeichnete freudig den aus, der
+mir am meisten huldigte.</p>
+
+<p>Entz&uuml;ckend war's, wenn die halbw&uuml;chsigen Knaben der<a name="Page_200" id="Page_200"></a>
+Ritterakademie sich im Garten um den Platz neben mir
+rauften; hoch auf klopfte mein Herz, wenn der blonde
+Vetter mich beim Greifspiel st&uuml;rmisch an sich ri&szlig;; weiche
+s&uuml;&szlig;e Gef&uuml;hle beschlichen mich, sa&szlig;en wir, lauter lebenspr&uuml;hende
+Jugend, im Kahn eng beieinander, und streifte
+meine Hand im Wasser die des schwarz&auml;ugigen Leutnants,
+meines getreuesten Kavaliers. Triumphierende Siegesfreude
+trieb mir das Blut wild durch die Adern, wenn
+meine braune Stute mich fr&uuml;h im Morgennebel &uuml;ber
+den Exerzierplatz trug, wo rote Sonnenstrahlen auf den
+Stahlhelmen der K&uuml;rassiere blitzten und Blicke mir
+folgten und Degen sich vor mir senkten, deren Gru&szlig;
+mehr bedeutete als blo&szlig;e H&ouml;flichkeit.</p>
+
+<p>Und einmal kam ein Tag, hei&szlig; und gewitterschw&uuml;l,
+der uns alle, eine gro&szlig;e lustige Gesellschaft, in blumengeschm&uuml;ckten
+und buntbewimpelten Wagen hinausf&uuml;hrte
+in den Wald, wohin unsere jungen Offiziere uns geladen
+hatten. Unter gr&uuml;nen B&auml;umen in hellen Zelten
+waren Tische gedeckt, Schie&szlig;- und W&uuml;rfelbuden mit
+allerlei beziehungsvollen Gewinnen standen im Hintergrund,
+auf kurzgeschorenem Rasenplan war durch bunte
+Fahnenmasten der Tanzplatz abgesteckt. Mit einem Tusch
+empfing uns die Musik, und Fredy, mein treuster Kavalier
+und meines Vaters j&uuml;ngster Leutnant, begr&uuml;&szlig;te
+mich mit einem Strau&szlig; dunkler, duftender Rosen. Er
+wich nicht mehr von meiner Seite. Ich suchte mich zu
+befreien, aber &mdash; war's Absicht oder Zufall &mdash; man lie&szlig;
+uns immer wieder allein; niemand, so schien's, wollte
+dem jungen Mann den Platz neben mir streitig machen.
+Es wurde d&auml;mmernder Abend. M&uuml;de von Scherz und
+Spiel lagerten wir unter den B&auml;umen und sch&ouml;pften
+<a name="Page_201" id="Page_201"></a>aus gro&szlig;en Kupferkesseln k&uuml;hle, duftende Erdbeerbowle,
+die den Durst nicht l&ouml;schte und das Blut nicht k&uuml;hlte,
+es vielmehr unruhig pochend gegen die Schl&auml;fen trieb.
+Eine halbwelke gelbe Rose l&ouml;ste sich mir vom G&uuml;rtel, &mdash; der
+Mann zu meinen F&uuml;&szlig;en griff danach, und ich
+sah seine H&auml;nde zittern, als er sie an die Lippen dr&uuml;ckte.</p>
+
+<p>Es wurde Nacht. Bunte Lichterketten zogen sich von
+Baum zu Baum, Raketen und Leuchtkugeln flogen zum
+Himmel empor, wie lebendig gewordene, zuckend hei&szlig;e
+Empfindungen unserer Herzen. Immer weicher und sehns&uuml;chtiger
+klang die Musik. Wir tanzten, eng aneinander
+geschmiegt; selig erschauernd f&uuml;hlte ich das pochende Herz
+an dem meinen schlagen, den hei&szlig;en Atem meine Stirne
+streifen. Tiefer in den Wald lie&szlig; ich mich in halbem
+Traume f&uuml;hren. Erst als es still, ganz still um mich
+wurde, sah ich auf &mdash; in zwei Augen, die sich verzehrend
+auf mich richteten. Stumm lehnte ich mich in den Arm,
+der sich um mich schlang, und mir war, als vers&auml;nke
+ich in ein Meer von rotem Feuer, als zwei Lippen sich
+gl&uuml;hend auf die meinen pre&szlig;ten. Die Bet&auml;ubung schwand
+nur halb, als Geschw&auml;tz und Gel&auml;chter, Pferdestampfen
+und Peitschenknallen mir ans Ohr t&ouml;nten und die
+Wagen durch die Nacht heimw&auml;rts fuhren. Es wetterleuchtete
+am Horizont.</p>
+
+<p>Gewitterregen klatschte gegen die Fensterscheiben und
+weckte mich am anderen Morgen. Tr&uuml;bselige Alltagsstimmung
+lagerte &uuml;ber Haus und Garten, und mich
+fr&ouml;stelte, wie immer, wenn mir ein Traum verloren ging.
+Mittags kam der Vater aus dem Bureau herauf; sein
+erregtes R&auml;uspern, sein schwerer Tritt k&uuml;ndigten nichts
+Gutes an.</p>
+<p><a name="Page_202" id="Page_202"></a></p>
+<p>&raquo;Du bist ja eine nette Pflanze!&laquo; rief er, kaum
+da&szlig; er eingetreten war &raquo;hinter dem R&uuml;cken deiner
+Eltern b&auml;ndelst du mit meinen Leutnants an und setzt
+ihnen Flausen in den Kopf. Hast du denn gar keine
+Ehre im Leibe?!&laquo; Verst&auml;ndnislos starrte ich ihn an.
+&raquo;Tu doch nicht so naiv,&laquo; schrie er w&uuml;tend. &raquo;Du
+wei&szlig;t ganz gut, was los ist, und meinst wohl, ich w&uuml;rde
+meine Tochter jedem hergelaufenen Ladenschwengel in
+die Arme werfen!&laquo; Ich erschrak &mdash; war das m&ouml;glich:
+der Fredy hatte um mich angehalten! &raquo;Aber ich will
+ja gar nicht!&laquo; stotterte ich. Ein halbes L&auml;cheln huschte
+&uuml;ber das rote Gesicht meines Vaters: &raquo;Ja, zum Donnerwetter,
+was bildet sich denn dann der Kerl ein &mdash;, er
+versichert hoch und teuer, deiner Zustimmung gewi&szlig; zu
+sein!&laquo;</p>
+
+<p>Es half nichts &mdash; nun mu&szlig;t' ich beichten. Und als
+ich so im grauen Tageslicht den s&uuml;&szlig;en, hei&szlig;en Traum
+der Nacht mit kalten Worten wie mit Messern zerschneiden
+mu&szlig;te, fa&szlig;te mich ein tiefer Groll gegen den
+Mann, dessen rasches Vorgehen mich dazu zwang. Ein
+Ku&szlig; in der Julinacht, &mdash; und fr&uuml;h tritt er an mit Helm
+und Sch&auml;rpe und begehrt mich zum Weibe f&uuml;r ein
+ganzes langes Leben!</p>
+
+<p>&raquo;Man k&uuml;&szlig;t doch nicht, wenn man nicht heiraten will!&laquo;
+sagte meine Mutter kopfsch&uuml;ttelnd, als der Sturm des
+v&auml;terlichen Zorns sich etwas gelegt hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Heiraten &mdash; so einen fremden Mann!&laquo; kam es
+darauf z&ouml;gernd &uuml;ber meine Lippen. Die Wirkung
+meiner Worte war verbl&uuml;ffend: mein Vater lachte &mdash; lachte,
+bis ihm die dicken Tr&auml;nen &uuml;ber die Backen
+liefen. Und abends schenkte er mir einen goldgelben<a name="Page_203" id="Page_203"></a>
+Sonnenschirm, den ich mir schon lange gew&uuml;nscht
+hatte.</p>
+
+<p>Um jede Klatscherei im Keime zu ersticken, verlangte
+Papa von dem abgewiesenen Freier, da&szlig; er sich benehmen
+m&uuml;sse, als sei nichts geschehen. Fredy folgte,
+aber er folgte in einer Weise, die das Gegenteil von
+dem erreichte, was beabsichtigt war: sein finster-verkniffenes
+Gesicht, das er zu Schau trug, sobald er
+sich neben uns zeigte, die offenbare Verachtung, mit der
+er mich strafte, fielen weit mehr auf, als seine Abwesenheit
+aufgefallen w&auml;re. &raquo;Du hast dem Fredy einen
+Korb gegeben!&laquo; rief mir Vetter Fritz eines Tages strahlend
+vor Freude zu, und bald pfiffen es die Spatzen
+von den D&auml;chern. Mit jenem Solidarit&auml;tsgef&uuml;hl, das
+den preu&szlig;ischen Offizier charakterisiert und sich selbst
+st&auml;rker erweist als die Subordination gegen&uuml;ber dem
+Vorgesetzten, wurden Fredys Kameraden nun zu seiner
+Partei: sie sprachen nur das Notwendigste mit der Tochter
+ihres Kommandeurs; und tanzten sie mit ihr, so waren
+es nur Pflichtt&auml;nze. Selbst wenn ich gewollt h&auml;tte, &mdash; diese
+geschlossene Phalanx w&uuml;rde allen Eroberungsversuchen
+getrotzt haben. Aber ich wollte gar nicht; z&auml;hneknirschende
+Emp&ouml;rung erf&uuml;llte mich, nicht, weil die Kurmacher
+mir verloren gegangen waren, sondern weil ich
+zum erstenmal die Ungerechtigkeit empfand, mit der mein
+Geschlecht im Vergleich zum m&auml;nnlichen behandelt wurde.</p>
+
+<p>Als ich einmal wieder &raquo;pflichtschuldigst&laquo; von einem
+der Offiziere des v&auml;terlichen Regiments bei einem Diner
+zu Tisch gef&uuml;hrt worden war und mich t&ouml;dlich gelangweilt
+hatte, trat ein alter Major, der mir sein besonderes
+Wohlwollen zugewendet hatte, l&auml;chelnd auf mich zu.</p>
+<p><a name="Page_204" id="Page_204"></a></p>
+<p>&raquo;Sie m&uuml;ssen sich darein finden, Kleine,&laquo; sagte er &raquo;das
+Kokettieren ist nun mal eine b&ouml;se Sache und straft sich
+immer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kokettieren?! Ich habe gar nicht kokettiert!&laquo; rief
+ich in dem Bed&uuml;rfnis, einmal auszusprechen, wie ich
+empfand, &raquo;ich hab' ihn gern gehabt, sehr gern sogar,
+aber doch lange, lange nicht so, um seine Frau zu
+werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein junges M&auml;dchen darf es nicht so weit kommen
+lassen &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn sie nicht heiraten will!&laquo; unterbrach ich den
+braven Mann lachend, dessen spitze Schnurrbartenden zu
+zittern begannen. &raquo;O ich kenne die Weise, und wei&szlig;
+daher, da&szlig; die ganze Musik falsch ist, grundfalsch!
+Warum soll denn ein M&auml;dchen sich gleich mit Leib und
+Seele verschreiben, wenn sie Einen freundlicher anl&auml;chelt
+als den andern? Warum soll der ein Recht haben auf
+ihre Hand, dem sie an einem sch&ouml;nen Julitag einmal
+von Herzen gut war? Verlangen Sie etwa dasselbe
+von Ihren Leutnants, die manch armes Ding durch ganz
+andere Liebesbeweise an die Echtheit ihrer Gef&uuml;hle glauben
+lassen?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber &mdash; mein gn&auml;digstes Fr&auml;ulein &mdash;&laquo; unterbrach der
+Major mit einer verzweifelnden Geb&auml;rde meinen Redeflu&szlig;
+und richtete sich steif und gerade auf, so da&szlig; sein
+Kahlkopf mir bis an die Nasenspitze reichte. Seine
+kleinen wasserhellen Augen dr&uuml;ckten dabei ein so komisches
+Entsetzen aus, da&szlig; meine Emp&ouml;rung verflog und ich
+das Lachen nicht unterdr&uuml;cken konnte. &raquo;Beruhigen Sie
+sich nur, Papa Schrott&laquo; &mdash; damit streckte ich ihm beg&uuml;tigend
+die Hand entgegen &mdash; &raquo;wenn ich mal so alt
+<a name="Page_205" id="Page_205"></a>bin, wie Sie, werd' ich gewi&szlig; gerad' so moralisch sein!&laquo;
+Aber er nahm meine Hand nicht &mdash;</p>
+
+<p>Was gings mich an?! Mochten sie alle die Gekr&auml;nkten
+spielen! Mein Vater irrte sich offenbar: der gleiche Rock
+macht nicht zu Gleichen! Die K&uuml;rassiere tanzten und
+ritten nicht nur viel besser, sie waren auch fr&ouml;hlichere
+Partner bei jenem Spiel mit dem Feuer, &mdash; dem einzigen,
+das ich mit steigender Leidenschaft spielte, je mehr Gefahr
+es in sich schlo&szlig;, und je h&ouml;her der Einsatz war. Wie
+ein Raubvogel mit weit gestreckten schwarzen Schwingen
+schwebte die Phantasie &uuml;ber den gr&uuml;nen lachenden Blumenmatten
+meines Lebens. Stark genug w&auml;re sie gewesen,
+mich empor zu tragen in ihr H&ouml;henreich, wo ich zu
+ihrem Herrn geworden w&auml;re; aber zur Furcht vor dieser
+Fahrt mit ihr hatte man mich dressiert, nun lauerte sie
+hungrig und rachgierig auf t&auml;gliche Beute, und ich mu&szlig;te
+mich ihr unterwerfen.</p>
+
+<p>Das gleichm&auml;&szlig;ige Tiktak des Alltags vertrug ich
+nicht, beschleunigt mu&szlig;te es werden bis zum Fiebertempo,
+oder &uuml;bert&ouml;nt von Fanfaren der Freude. Wenn ich den
+Pflichten des Hauses nachkam, so umwand ich ihre langweilige
+D&uuml;rre mit Blumen, wenn ich mit meinem
+Schwesterchen spielte, so spielte ich nicht mit ihr, mich
+ihrer Kindlichkeit unterwerfend, sondern f&uuml;hrte vor ihr
+meine bunten Tr&auml;ume auf. Mir gen&uuml;gte nicht ein
+kurzes, harmlos improvisiertes T&auml;nzchen, es mu&szlig;te ein
+wogender, leidenschaftlicher Tanz bis zur Ersch&ouml;pfung
+daraus werden. Und eine Stunde zu Pferde in der
+Morgenk&uuml;hle stachelte nur mein Verlangen nach wilden
+Ritten &uuml;ber Stock und Stein.</p>
+
+<p>Ich glaube, mein Vater war auf nichts so stolz als
+<a name="Page_206" id="Page_206"></a>auf meine Reitkunst, die das Ergebnis seiner eigensten
+Erziehung war, und nie so geneigt, mir nachzugeben,
+als wenn meine W&uuml;nsche dieses Gebiet ber&uuml;hrten. Schon
+fr&uuml;h am Morgen begleitete ich ihn, aber am Nachmittag
+durfte ich mir die Stute wieder satteln lassen, oder den
+gro&szlig;en Braunen mit der sternzackigen wei&szlig;en Bl&auml;sse auf
+der Stirn, dessen spielende Ohren sich auf jeden leisen
+Zuruf verst&auml;ndnisvoll spitzten, der schon dem sanftesten
+Druck nachgab und wie ein vom Bogen geschnellter
+Pfeil &uuml;ber Hecken und Gr&auml;ben flog. Fast immer hatte
+ich Schmerzen, wenn ich ritt, jene alten Schmerzen in
+der rechten Seite, die sich in Augsburg so gesteigert
+hatten, aber der Genu&szlig; lie&szlig; mich die Z&auml;hne zusammenbei&szlig;en.
+Im Sattel f&uuml;hlte ich mich frei; und wie meine
+F&uuml;&szlig;e nicht den Staub der Stra&szlig;e ber&uuml;hrten, so war
+meine Seele fern von allem, was grau und schmutzig
+unten liegt. Ich habe mich nie in der Mark heimisch
+zu f&uuml;hlen vermocht, aber wenn ihr weicher Sand den
+Hufen meines Pferdes nachgab, so da&szlig; das Reiten war
+wie ein sanftes Wiegen und ihre Wiesen und W&auml;lder
+sich schier endlos vor mir dehnten, eine wundervolle
+Bahn f&uuml;r einen langen Galopp, &mdash; dann liebte ich
+sie, dann ergriff ich Besitz von ihr und tr&auml;umte mich
+als Herrin des Bodens, den mein Brauner trat.</p>
+
+<p>Freiheits- und Herrschaftsgef&uuml;hl, &mdash; das ists, was nur
+der Reiter kennt, darum war Reiten von je her Herrenrecht.
+Im Schwei&szlig;e seines Angesichts, wie ein Sklave, schwer
+mit den Muskeln arbeitend, wie er, treibt der Radler sein
+Stahlro&szlig; vorw&auml;rts; nur auf gebahnten breiten Wegen
+vermag der Kraftwagen ratternd und pustend durch die
+Welt zu rasen, indes der Reiter sich leise durch tiefe<a name="Page_207" id="Page_207"></a>
+Waldeinsamkeit tragen l&auml;&szlig;t und das edle Tier unter ihm
+den reinen ruhigen Genu&szlig; der Natur nicht st&ouml;rt. Lockt
+ihn die Ferne, begehrt er, seine Kr&auml;fte zu erproben,
+um seinem Mute vor sich selbst ein Zeugnis abzulegen,
+so gen&uuml;gt ein Druck der Sporen, und er spottet aller
+Hindernisse. Er ist der K&uuml;nstler, der freie, starke, &mdash; arme
+Arbeiter aber sind jene anderen, abh&auml;ngig von
+ihrer Maschine, ihr untergeben. Wir ritten oft weit:
+bis nach Rathenow hin&uuml;ber, wo der tolle Rosenberg
+seine Husaren zu lauter Meistern der Reitkunst erzog
+und trotz Sekt und Morphium von keinem der Sch&uuml;ler
+je &uuml;bertroffen wurde, oder westw&auml;rts zu den blauen Potsdamer
+Havelseen, wo die Berliner Touristen uns freilich
+oft genug die Laune verdarben. Ein Mensch, der sich auf
+Schusters Rappen vorw&auml;rts bewegt, ist der geborene Feind
+dessen, der vier Pferdebeine unter sich hat, und der
+strengste Vater steht ohne ein Scheltwort mit heimlicher
+Befriedigung seinem Spr&ouml;&szlig;ling zu, wenn er mit Steinchen
+nach den Reitern wirft oder durch lautes Indianergeheul
+die Pferde zum Scheuen bringt. Die einstige
+Identit&auml;t von Reiter und Ritter ist unvergessen, und
+unter der Schwelle des Bewu&szlig;tseins schlummert vielleicht
+irgend eine altm&auml;rkische Erinnerung an die Krachts und
+Quitzows, die den Ha&szlig; steigern hilft.</p>
+
+<p>Im Sp&auml;therbst wars, an einem jener lichtfunkelnden
+Oktobertage, wo die Buchen im Schmuck ihres roten Goldlaubs
+gl&auml;nzen und die dunkeln Silhouetten der Kiefern
+sich vom hellen Himmel phantastisch abheben. Ein paar
+Rathenower Husaren begleiteten uns, und die Eitelkeit
+reizte mich, vor ihnen zu zeigen, was ich konnte. Die
+Stoppelfelder boten freie Bahn, und kein Hindernis im<a name="Page_208" id="Page_208"></a>
+Gel&auml;nde war mir fremd. Bis zur alten Eiche im Plauer
+Wald, schlug ich vor, sollten wir reiten.</p>
+
+<p>&raquo;Der Schleier an Ihrem Hut sei der Preis!&laquo; rief lachend
+einer der Herren. &raquo;Sie vergessen, da&szlig; ich siegen werde!&laquo; antwortete
+ich, den Kopf in den Nacken werfend, und klopfte
+meinem Braunen aufmunternd auf den schlanken Hals.
+&raquo;F&uuml;r den Fall w&uuml;nschen Sie sich ruhig die Krone vom
+Kaiser von China!&laquo; spottete ein anderer, und fort gings
+in gestrecktem Galopp. Dicht nebeneinander nahmen wir
+den ersten Graben, &mdash; aber schon flog ich voraus, eine
+halbe Pferdel&auml;nge hinter mir der Fuchs meines Vaters,
+der unter Vetter Fritzens leichtem Gewicht gewaltig ausgriff.
+&Uuml;ber die Mauer setzte ich und wieder &uuml;ber eine,
+die das Geh&ouml;ft eines armen K&auml;thners umschlo&szlig;. Ich
+war allein. Jauchzen wollte ich im Vollgef&uuml;hl nahen
+Sieges &mdash; aber der Ton blieb mir in der Kehle stecken &mdash;,
+ein scharfer Schmerz zuckte durch meinen K&ouml;rper. Unwillk&uuml;rlich
+fuhren die Sporen meinem Gaul in die
+Flanke. &Uuml;berrascht von der unverdient schlechten Behandlung,
+stieg er mit den Vorderbeinen hoch in die
+Luft, um im n&auml;chsten Moment in wahnsinniger Pace
+vorw&auml;rts zu jagen. Jeder Sprung steigerte meine
+Schmerzen, es dunkelte mir vor den Augen, &mdash; ich hing
+nur noch im Sattel. Mit d&auml;mmerndem Bewu&szlig;tsein sah
+ich eine gro&szlig;e blaue Wasserfl&auml;che dicht vor mir: den
+Plauer See. Wie eine Bitte stieg es auf in mir: trag'
+mich hinein, mein treues Ro&szlig;, trag' mich hinein &mdash; da&szlig;
+die brennenden Schmerzen sich k&uuml;hlen! Und mir war,
+als schl&uuml;gen die Wellen &uuml;ber mir zusammen.</p>
+
+<p>Im gr&uuml;nen Rasen lang ausgestreckt, kam ich zu mir
+und sah in das guten Vetters ver&auml;ngstigtes Gesicht, das
+<a name="Page_209" id="Page_209"></a>sich dicht &uuml;ber mich beugte. Tr&auml;nen standen in seinen
+Augen, und unterdr&uuml;cktes Schluchzen ersch&uuml;tterte seine
+Stimme, als er rief: &raquo;Du lebst! Gott Lob &mdash; du lebst!&laquo;
+Als mein Vater kam, stand ich schon auf den F&uuml;&szlig;en
+und machte krampfhafte Anstrengungen, ihm m&ouml;glichst
+sorglos entgegenzul&auml;cheln.</p>
+
+<p>Ein Wagen vom Planer Schlo&szlig; brachte mich nach
+Hause, und der rasch geholte Arzt machte mit der
+Morphiumspritze meinen Qualen ein Ende.</p>
+
+<p>Zwischen Bett und Liegestuhl spielte sich von nun an
+mein Leben ab. Mein Lieblingsplatz war drau&szlig;en vor
+der Mauer, wo der Hollunderbusch gebl&uuml;ht hatte, als ich
+im Mai gekommen war. Der kleine Liebesgott stand immer
+noch grade auf den dicken Beinchen, aber die V&ouml;glein zwitscherten
+nicht mehr im Weinlaub. Dunkelrot hatte der
+Herbst es gef&auml;rbt. Darunter lag ich und sah in den Himmel
+und h&ouml;rte die Bl&auml;tter fallen. Vetter Fritz war fast
+immer neben mir, meiner W&uuml;nsche gew&auml;rtig, &mdash; er hatte
+das Lernen nun wohl ganz aufgegeben.</p>
+
+<p>Mit dem berauschenden Gift, nach dem ich immer
+heftigeres Verlangen trug, kam der Arzt zweimal des
+Tages, und s&uuml;&szlig;e, traumhafte Stunden waren es, wenn
+der K&ouml;rper schwer und schwerer und der Geist immer
+leichter wurde. Zu &uuml;berirdischer Gr&ouml;&szlig;e f&uuml;hlte ich ihn
+wachsen, und Kr&auml;fte durchstr&ouml;mten mich, stark genug, mit
+einer ganzen Welt den Kampf zu bestehen. Panzerumg&uuml;rtet
+sah ich mich wieder, wie einst, wenn ich zur
+Jungfrau von Orleans mich tr&auml;umte, und ich sch&auml;mte
+mich des tatenlosen, bunten Spiels, das ich getrieben
+hatte. Aber auch andere Tr&auml;ume kamen, die mich streichelten
+oder mir hei&szlig; das Blut in die Wangen trieben; dann
+<a name="Page_210" id="Page_210"></a>lie&szlig; ichs geschehen, da&szlig; der Knabe neben mir meine
+H&auml;nde k&uuml;&szlig;te und von der Glut seiner Liebe unsinnige
+Dinge sprach.</p>
+
+<p>&raquo;Erlaube nur, da&szlig; ich dich liebe und da&szlig; ichs dir
+sagen kann &mdash;&laquo; flehte er &mdash; &raquo;bald werde ich dich nicht
+mehr sehen d&uuml;rfen wie jetzt, ferner und ferner wirst du
+mir sein, &mdash; eine Balldame, und ich &mdash; ein Schuljunge!&laquo;
+St&ouml;hnend vergrub er den Kopf in meine Kleiderfalten,
+um gleich darauf mit hei&szlig;en Augen wieder zu mir aufzusehn:
+&raquo;Aber lieben &mdash; lieben werd' ich dich immer!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Immer?!&laquo; &mdash; Wird nicht ein einziger Herbststurm
+den kleinen Liebesgott wieder vom Sockel werfen? &mdash; Ich
+l&auml;chelte wehm&uuml;tig. K&uuml;hl wehte der Abendwind vom
+Wasser, das die Nebel schon zu verh&uuml;llen begannen,
+und fr&ouml;stelnd wickelte ich mich dichter in mein Tuch.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_211" id="Page_211"></a></p>
+<h2><a name="Achtes_Kapitel" id="Achtes_Kapitel"></a>Achtes Kapitel</h2>
+
+
+<p>&raquo;Nun wird sie schlafen &mdash; &mdash;&laquo; h&ouml;rte ich in halbem
+Traum den Arzt zu meiner Mutter sagen,
+w&auml;hrend sich leise die T&uuml;re hinter ihnen schlo&szlig;.
+Seit vier Tagen hatte ich mich in Schmerzen gewunden,
+die selbst der Morphiumspritze stand hielten. Heute war
+ich chloroformiert worden. Durstig hatte ich unter der
+Gazemaske den s&uuml;&szlig;en Duft wachsender Bet&auml;ubung eingesogen.
+Jetzt lag ich schwer, wie in Ketten gebunden,
+auf dem Bett, &mdash; schmerzlos, schlaflos. Ein mattes, rosig
+flackerndes Licht ging von dem Nachtl&auml;mpchen neben mir
+aus. Die gelben Bl&auml;tter auf der Tapete zuckten hin und
+her &mdash; zuerst langsam, dann immer schneller, schneller &mdash;,
+mir wurde schwindlig dabei. Ich schlo&szlig; die Augen.
+Gott, war ich m&uuml;de! &mdash; Pl&ouml;tzlich sprang die T&uuml;re auf,
+und es schwebte herein, gro&szlig;, wei&szlig; und kalt; Augen
+sahen mich an, ohne Farbe, wie Mondlichter, &mdash; und
+andere tauchten wie aus Nebelschleiern auf, blutunterlaufene, &mdash; in
+schmerzverzerrten Gesichtern, &mdash; hungrige,
+die gierig nach Beute suchten, &mdash; l&uuml;sterne,
+in denen kleine, rote Flammen tanzten. Dabei rauschte
+es wie von vielen Gew&auml;ndern, und tappte und
+klapperte, wie von zahllosen Tritten ... Die W&auml;nde
+r&uuml;ckten auseinander vor der schiebenden dr&auml;ngenden Masse
+<a name="Page_212" id="Page_212"></a>gr&auml;&szlig;licher Gespenster ... Nun stand sie vor mir, ganz,
+ganz dicht, die Wei&szlig;e mit den Mondaugen, und eine Hand,
+wie von Eis und zentnerschwer, legte sich auf mein Herz.
+&raquo;Queen Mab&laquo; schrie ich auf &mdash; jetzt sa&szlig; sie schon auf
+meinem Bett, und ihre Finger bohrten sich in meine
+Seite ... Ich aber lag in Ketten gebunden und konnte
+sie nicht von mir sto&szlig;en.</p>
+
+<p>Wir k&auml;mpften miteinander &mdash; Tage &mdash; Wochen. Meine
+Jugend besiegte sie. Es kamen ganz stille Zeiten, wo
+die Schneeflocken leise vor meinen Fenstern niederfielen
+und nur hie und da von weitem ein lauter Ton an mein
+Ohr schlug: das Stampfen der Pferde im Stall, der
+Schlag der Domuhr, das lustige Lachen Klein-Ilschens.</p>
+
+<p>Nun wu&szlig;ten die Arzte endlich, woran ich litt: die
+Nierenentz&uuml;ndung, die mich so &uuml;berw&auml;ltigt hatte, lie&szlig;
+keinen Zweifel mehr daran. Ich mu&szlig;te bewegungslos,
+grade gestreckt im Bette liegen, auch dann noch, als die
+Wei&szlig;e mit den Mondaugen mich l&auml;ngst verlassen hatte.
+Statt ihrer spitzen Eisfinger in meinem K&ouml;rper bohrten
+sich viele kalte Gedanken in mein Hirn.</p>
+
+<p>Wo war ich? Hatte nicht der Morphiumrausch des Leichtsinns
+alles Gute, Starke in mir eingeschl&auml;fert? War ich nicht
+meinen gro&szlig;en Kinderhoffnungen untreu geworden? Oder:
+sie mir?! Tanzen, reiten, lachen, mit Herzen spielen, wie
+mit Federb&auml;llen &mdash; das Schwesterchen ein bi&szlig;chen h&auml;tscheln,
+das Haus ein bi&szlig;chen schm&uuml;cken &mdash;, sollte das des Lebens
+einziger Inhalt sein? War ich mit sechs Jahren nicht
+reicher gewesen, wo ich mich als Jungfrau von Orleans
+tr&auml;umte, als heute, nach einem Jahrzehnt? Und viel
+reicher damals, da ich mir den Baldurtempel baute?
+Ich grub &mdash; grub rastlos im versch&uuml;tteten Schacht
+<a name="Page_213" id="Page_213"></a>meines Innern. Halb verhungert im dunkelsten Winkel,
+sa&szlig; sie in sich versunken und grau, meine arme Seele.
+Wie arm, wie elend war ich! Wo war ein Ziel f&uuml;r
+mich, des Ringens wert? Wo eine gro&szlig;e Flamme, um
+des Lebens dunkle Asche wieder anzufachen?!</p>
+
+<p>Ein schmales, blasses Antlitz, von schwarzen Spitzen
+umschlossen, beugte sich &uuml;ber mich. &raquo;Gro&szlig;mama,&laquo; fl&uuml;sterte
+ich, und es war, als ob die Hoffnung eine T&uuml;re &ouml;ffnete,
+die ins Helle f&uuml;hrte. &raquo;Nur still, mein Liebling, ganz
+still &mdash;&laquo; sagte sie l&auml;chelnd, und eine Tr&auml;ne fiel mir auf
+die Stirn, eine Freudentr&auml;ne.</p>
+
+<p>Mit einer Pflichttreue, die keine Schw&auml;che aufkommen
+lie&szlig;, hatte meine Mutter mich Tag und Nacht gepflegt.
+Gro&szlig;mama war gekommen, sie abzul&ouml;sen. Sie war es
+auch, die, wie immer, wenn es zum Wohle ihrer Kinder
+und Enkel notwendig war, die Mittel hergab, durch die
+ich gesund werden sollte. Als der Arzt mir eine karlsbader
+Kur verordnete, wu&szlig;te ich wohl, warum Mama
+die Lippen zusammenpre&szlig;te und Papa sich unruhig r&auml;usperte:
+was sie hatten, verschlang des Lebens notwendiger
+Aufwand.</p>
+
+<p>So fuhr ich denn mit Gro&szlig;mama, sobald ich transportf&auml;hig
+war, nach Karlsbad, wo sie selbst so oft schon
+Heilung gefunden hatte. Ihr alter Arzt, zu dem sie
+mich brachte, sch&uuml;ttelte den Kopf &uuml;ber mich, einen dicken
+kahlen M&ouml;nchskopf, der auf einem d&uuml;nnbeinigen Zwergenk&ouml;rper
+sa&szlig;. &raquo;Nur Seelenaufruhr, wo es nicht das Alter
+ist, f&uuml;hrt zu solchen K&ouml;rperkatastrophen&laquo; &mdash; ein fragender
+Blick aus kleinen blitzenden &Auml;uglein richtete sich auf mich.
+&raquo;Wie alt ist denn das Fr&auml;ulein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Siebzehn Jahr!&laquo;</p>
+<p><a name="Page_214" id="Page_214"></a></p>
+<p>&raquo;Siebzehn Jahr!&laquo; Er sprang auf vom Stuhl und
+durchma&szlig; das Zimmer mit kleinen hastigen Schritten,
+wobei der runde Kopf sich immer von einer Schulter
+zur andern neigte.</p>
+
+<p>&raquo;Liebesschmerzen?!&laquo; &mdash; Dabei bohrte sich sein Blick
+in den meinen. Ich lachte verneinend und schwieg.
+H&auml;tte er andere Schmerzen verstanden, auch wenn ich
+sie ihm erkl&auml;rt haben w&uuml;rde?</p>
+
+<p>Mit jener taktvollen Zur&uuml;ckhaltung, die jeden Zwang auf
+das Vertrauen eines Menschen, &mdash; auch des N&auml;chsten, &mdash; sorgf&auml;ltig
+vermeidet, forschte auch Gro&szlig;mama nicht weiter,
+und ich, so gar nicht gew&ouml;hnt, mich auszusprechen, f&uuml;rchtete
+mich fast davor. Aber wenn wir im Morgensonnenschein
+unsre Spazierg&auml;nge machten, auf bequemen Wegen
+durch duftenden Tannenwald, der grade seine gr&uuml;nen
+Fr&uuml;hlingskerzchen aufgesteckt hatte, und die Gipfel der sanft
+geschwungenen H&ouml;henz&uuml;ge erreichten, die dem Kranken
+Kraftleistungen so freundlich vort&auml;uschen, dann durchstr&ouml;mte
+mich linde, l&ouml;sende Lenzluft, und sch&uuml;chtern tastend
+wagten sich Fragen hervor und Gest&auml;ndnisse.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann nicht glauben, Gro&szlig;mama,&laquo; sagte ich einmal,
+als sie von dem inneren Frieden durch den Glauben
+gesprochen hatte. Wir sa&szlig;en grade vor der gro&szlig;en,
+alten Fichte, mit dem verwitterten Muttergottesbild
+daran, die auf dem Wege zum Freundschaftstempel den
+ganzen Wald zu beherrschen scheint.</p>
+
+<p>&raquo;So la&szlig; alle Fragen des Glaubens dahingestellt, und
+handle nur im Geiste Christi, erf&uuml;lle deine Pflichten,
+diene den Menschen, unterdr&uuml;cke die b&ouml;sen Triebe in dir
+und pflege die guten, dann wird der Glaube von selbst
+kommen, und es wird stille werden in dir.&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_215" id="Page_215"></a>Ich schwieg, mechanisch zeichnete mein Schirm Kreise
+in den Sand. War der Baum vor mir nicht auf Kosten
+derer, die er besiegte, denen er die Sonne nahm, so gewaltig
+emporgewachsen? Ein lebendiger Protest erschien
+er gegen das Madonnenbild mit den Schwertern im
+Herzen, das sich in seine Rinde grub. Etwas in mir
+emp&ouml;rte sich gegen die g&uuml;tige alte Frau neben mir.
+Meine Kraft t&auml;glich in kleinen Opfern verbluten lassen,
+hie&szlig; das nicht schlie&szlig;lich mich selber morden? Und ich
+begehrte ja gar nicht des Ziels, ich wollte nicht stille
+werden, ich wollte den Kampf und das laute, spr&uuml;hende
+Leben. Aber der Mut fehlte mir, zu sagen, was ich
+dachte. Darum frug ich nur leise: &raquo;Und das Gl&uuml;ck,
+Gro&szlig;mama?&laquo;</p>
+
+<p>Sie l&auml;chelte, und eine ganz kleine, wehe Falte erschien
+zwischen ihren Brauen.</p>
+
+<p>&raquo;Das Gl&uuml;ck! &mdash; Wir sitzen, wenn wir jung sind,
+immer wie vor einem Vorhang und starren gebannt
+darauf hin und erwarten ein Zauberm&auml;rchen von dem
+Augenblick, wo er aufgeht. Indessen vers&auml;umen wir all
+die echten Gaben des Gl&uuml;cks, die es um uns ausstreut:
+die Liebe der Unseren, die Gaben des Geistes, die Fr&uuml;hlingsblumen
+und den Sommerhimmel. Mache nur die
+Augen auf und strecke die H&auml;nde aus, dann hast du sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist das alles?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, mein Kind,&laquo; entgegnete die Gro&szlig;mutter, und
+ein feierlicher Ernst legte sich &uuml;ber ihre Z&uuml;ge. &raquo;Du
+wirst Weib werden und Mutter, und Liebe empfangen
+und tausendf&auml;ltige Sorgen. Und dann wirst du wissen,
+da&szlig; sie auf sich nehmen und Liebe geben, mehr als dir
+gegeben wurde, das Gl&uuml;ck ist.&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_216" id="Page_216"></a>Wir gingen weiter; ich k&auml;mpfte mit den Tr&auml;nen.
+Meine Mutter fiel mir ein: sie erf&uuml;llte bis zur Ersch&ouml;pfung
+ihre Pflicht, aber ihre Lippen pre&szlig;ten sich
+immer enger aufeinander, als m&uuml;&szlig;ten sie krampfhaft die
+Qual zur&uuml;ckdr&auml;ngen, die nach Ausdruck verlangte. Und
+an Onkel Walter dachte ich und an jenen unvergessenen
+Auftritt mit seiner Mutter in Berlin; und an all die leisen
+Zur&uuml;cksetzungen und Kr&auml;nkungen, die sie, die immer Gute,
+von ihren Kindern zu ertragen hatte. Ich wu&szlig;te: auch
+sie hatte gelebt und geliebt und nach schwindelnden
+H&ouml;hen gestrebt, und dies war das Ende, das von ihr
+gepriesene, von all dem Sehnen, all den hei&szlig;en Hoffnungen,
+die einzige Frucht, die aus dem bl&uuml;henden Leben
+so vieler Talente, so vieler Kr&auml;fte hervorging? Mich
+&uuml;berliefs, wenn ich mein Leben an diesem ma&szlig;. Ich
+f&uuml;hlte schmerzhaft die gro&szlig;e Kluft zwischen ihrem abgekl&auml;rten
+Alter und meiner g&auml;hrenden Jugend. Liebe
+und Verehrung kann bestehen zwischen beiden, auch wohlwollendes
+Verst&auml;ndnis, und starke Wirkungen k&ouml;nnen
+ausgehen von einem zum anderen, aber jene magnetischen
+Str&ouml;me fehlen, durch die das Feinste und Tiefste lebendig
+vom Menschen zum Menschen flutet. Auf dem Wege zu
+schwindelnden Bergesh&ouml;hen kann der Greis nicht mehr
+Schritt halten mit dem J&uuml;ngling, und grausam ist es,
+wenn er ihn an sich fesselt, aber noch viel grausamer
+gegen sich selbst, wenn Jugend, ihre Triebe hemmend,
+sich freiwillig dem Alter unterwirft. Trennung &mdash; auch
+wenn sie Wunden rei&szlig;t &mdash; ist eine Bedingung des
+Lebens.</p>
+
+<p>Sich beherrschen, sich unterwerfen war die Quintessenz
+meiner &mdash; und aller &mdash; Erziehung gewesen. Darum
+<a name="Page_217" id="Page_217"></a>sch&auml;mte ich mich meines inneren Widerstandes, sprach nicht
+von ihm und versuchte, ihn unter der reifen Weisheit,
+die mir zuflo&szlig;, zu ersticken. Gro&szlig;mama verlangte es
+freilich nicht von mir: sie gab nur, wie sie stets nichts
+als das eine Bed&uuml;rfnis hatte, mit dem Besten, was sie
+besa&szlig;, andere zu &uuml;bersch&uuml;tten. Aber ein junges Pfl&auml;nzlein
+ertrinkt nur zu leicht unter der warmen F&uuml;lle des
+Fr&uuml;hlingsregens, die dem starken Baum zur Quelle
+&uuml;ppigen Lebens wird.</p>
+
+<p>Mit meiner fortschreitenden Genesung flohen wir die
+N&auml;he der Menschen allm&auml;hlich immer weniger, und ein
+gro&szlig;er Kreis von Bekannten und Verwandten fand sich
+allm&auml;hlich zusammen, aber nur wenige wurden zu unserm
+st&auml;ndigen Verkehr und zu Begleitern unsrer langen
+Spazierg&auml;nge. Einen von ihnen hatte ich in Augsburg
+kennen gelernt: es war Baron Franz Stauffenberg, der
+gerade damals wegen seiner scharfen oppositionellen
+Stellung gegen die Wirtschaftspolitik Bismarcks eine in
+unsern Kreisen ber&uuml;chtigte und gemiedene Pers&ouml;nlichkeit
+war. Da&szlig; er, der Gro&szlig;grundbesitzer, Freih&auml;ndler war und
+blieb, da&szlig; er, der Aristokrat, sich der Fortschrittspartei
+n&auml;herte, machte ihn &raquo;unm&ouml;glich&laquo;.</p>
+
+<p>Gro&szlig;mama stand jenseits solcher Vorurteile. Geist und
+Bildung zog sie an, gleichg&uuml;ltig, wer ihr Tr&auml;ger auch
+sein mochte, und Stauffenberg geh&ouml;rte zu jenen immer
+seltener werdenden Menschen, die sie an ihre Jugend in
+Weimar gemahnen konnten, wo der Beruf den Einzelnen
+noch nicht mit Haut und Haaren auffra&szlig; und die Vielseitigkeit
+lebendiger Interessen einen geselligen Verkehr
+h&ouml;herer Art m&ouml;glich machte. Stauffenberg vermied es
+sogar, &uuml;ber Politik zu sprechen, w&auml;hrend er auf jedem
+<a name="Page_218" id="Page_218"></a>anderen Gebiet, das ber&uuml;hrt wurde, zu Hause zu sein schien.
+Noch nie war ich mir so klein und unwissend vorgekommen
+wie im Verkehr mit ihm. In seiner Vorliebe
+f&uuml;r englische Literatur traf er sich mit Gro&szlig;mama; dabei
+schlugen Namen an mein Ohr, und von geistigen Str&ouml;mungen
+war die Rede, von denen ich noch nie geh&ouml;rt
+hatte: Robert Browning &mdash; Ruskin &mdash; William Morris.</p>
+
+<p>Die bildende Kunst pflegte man in den achtziger Jahren
+au&szlig;erhalb der Museen nicht zu suchen; die Beziehung
+zu ihr war f&uuml;r die meisten dieselbe, wie die zur
+Religion: sie h&ouml;rte auf, sobald die T&uuml;ren der Galerien
+und der Kirchen sich hinter ihnen schlossen. Da&szlig; Leben
+und Kunst eins sein k&ouml;nnen, fiel in unseren Kreisen
+niemandem ein. Eine gewisse Leichtigkeit der Existenz,
+ein durch Generationen sich fortpflanzender Wohlstand
+erm&ouml;glichen erst ihr Ineinanderflie&szlig;en; Preu&szlig;en hatte
+keine k&uuml;nstlerische Kultur. Was ich von Ruskin, und
+besonders von Morris, erfuhr, zauberte phantastische Bilder
+in mir hervor: ein perikleisches Zeitalter, ein Florenz
+der Mediceer. Die Wirklichkeit voll Not, voll Ungerechtigkeit
+und H&auml;&szlig;lichkeit, die Gro&szlig;mama demgegen&uuml;ber
+heraufbeschwor, weckte mich unsanft aus meinen
+Tr&auml;umen. Es sei so viel, so schrecklich viel zu tun, um
+f&uuml;r die Masse der Menschen nur das nackte Leben m&ouml;glich
+zu machen, sagte sie, da&szlig; es ihr vermessen erschiene,
+Bed&uuml;rfnisse nach Sch&ouml;nheit zu wecken, wo die vorhandenen
+Bed&uuml;rfnisse nach Nahrung und Obdach nicht
+im entferntesten gestillt w&auml;ren. Und meine Phantasie
+zerflatterte vor den Empfindungen meines Herzens, die
+Gro&szlig;mama ohne weiteres recht gaben. Ich blieb auch
+dann auf ihrer Seite, wenn sie von diesem Standpunkt
+<a name="Page_219" id="Page_219"></a>aus Bismarcks Sozialpolitik verteidigte, und ihre innere
+Erregung, Stauffenbergs Einwendungen gegen&uuml;ber, sich
+in der leichten R&ouml;te kund gab, die das feine Elfenbeinwei&szlig;
+ihrer Wangen f&auml;rbte. Warum, wie Stauffenberg
+sagte, die Schutzpolitik die m&ouml;glichen Vorteile der Versicherungsgesetzgebung
+illusorisch machen w&uuml;rde, dar&uuml;ber
+gr&uuml;belte ich um so vergeblicher nach, als national-&ouml;konomische
+Terminologie f&uuml;r mich Hieroglyphen bedeutete.
+Zu fragen hatte ich nicht den Mut; es geh&ouml;rt echte Bildung
+dazu, Unwissenheit einzugestehen. Mein Bed&uuml;rfnis nach
+Heldenverehrung war &uuml;berdies zu gro&szlig;, als da&szlig; ich
+Verlangen nach Mitteln getragen h&auml;tte, die Bismarck
+h&auml;tten entg&ouml;ttern k&ouml;nnen. Von Politik wurde von jener
+Unterhaltung ab kaum mehr gesprochen.</p>
+
+<p>Irgend eine naturwissenschaftliche Brosch&uuml;re, wie sie
+damals, wenige Monate nach Darwins Tod zahlreich
+erschienen, brachte die Rede auf den gro&szlig;en Forscher.
+Nichts h&auml;tte mich mehr verbl&uuml;ffen k&ouml;nnen, als da&szlig; ein
+ernster Mann wie Stauffenberg, dessen Wissen ich bewunderte,
+ihn nicht nur verteidigte, sondern die Ergebnisse
+seiner Untersuchungen ernst nahm. Bei Erw&auml;hnung
+seines Namens hatte man doch sonst immer nur sp&ouml;ttisch
+gelacht, und da&szlig; wir, nach ihm, vom Affen abstammen
+sollten, hatte zu nichts als zu zahllosen Witzen und Karikaturen
+den Anla&szlig; gegeben. F&uuml;r mich pers&ouml;nlich kam
+hinzu, da&szlig; meine naturwissenschaftliche Bildung gleich
+Null war, mir also zu selbst&auml;ndigem Nachdenken alles
+geistige R&uuml;stzeug fehlte. Gro&szlig;mama ging es nicht viel
+besser: zu ihrer wie zu meiner Zeit war die Bildung
+der Frauen eine rein sch&ouml;ngeistige gewesen. Stauffenberg
+hielt uns daher f&ouml;rmliche kleine Vortr&auml;ge zur Ein<a name="Page_220" id="Page_220"></a>f&uuml;hrung
+in die Ideenwelt Darwins, &mdash; im Ton des
+geistvollen Plauderers, wie immer, und doch so klar und
+durchdacht in der Gedankenfolge, da&szlig; kein Buch aufkl&auml;render
+h&auml;tte wirken k&ouml;nnen. Gro&szlig;mama war auffallend
+still und nachdenklich nach solchen Gespr&auml;chen
+und warf nur immer wieder die Frage auf, mit welchen
+Gr&uuml;nden die Gegner Darwins seinen Anschauungen entgegenzutreten
+pflegten. Erst allm&auml;hlich hellten sich ihre
+Z&uuml;ge wieder auf, und einmal sagte sie mit dem ihr
+eignen, das ganze Antlitz durchleuchtenden L&auml;cheln:</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben mich alte Frau auf dem gewohnten Wege
+f&ouml;rmlich taumeln lassen, lieber Baron. Aber nun gehe
+ich daf&uuml;r um so sichrer. Ich empfand in allem, was
+Sie sagten, das heraus, was Sie nicht sagten, und
+wohl auch gar nicht sagen wollten, was aber, meiner
+Ansicht nach, der Grundzug der Lehre Darwins ist: ihre
+Gegnerschaft zum Christentum. Da&szlig; Gott den Menschen
+schuf nach seinem Bilde, da&szlig; die S&uuml;nde die Ursache
+alles menschlichen Elends ist und es keine Erl&ouml;sung
+daraus gibt, als durch die g&ouml;ttliche Gnade, &mdash; da&szlig; es
+unsre h&ouml;chste Aufgabe ist, zu leben wie Jesus, den
+Schwachen zu helfen, den Niedrigen und Verachteten
+beizustehen, und da&szlig; der rohe Kampf ums Dasein &uuml;berwunden
+werden wird durch die Liebe, &mdash; widerspricht
+das nicht bis ins Kleinste den Lehren Darwins? Der
+Glaube an das christliche Evangelium aber, die Befolgung
+dessen, was es verlangt, hat mich nach den K&auml;mpfen
+meiner Jugend zu innerem Frieden gef&uuml;hrt, und die
+&Uuml;berzeugung lebt unersch&uuml;ttert in mir, da&szlig; die tragischsten
+Probleme der Welt, Armut und Ungl&uuml;ck, gel&ouml;st w&auml;ren,
+wenn nur alle Menschen echte Christen w&auml;ren. Soll
+<a name="Page_221" id="Page_221"></a>ich mir am Ende meines Lebens diesen Glauben nehmen
+lassen? Eine Anerkennung Darwinscher Theorien bedeutet
+doch f&uuml;r uns, die wir Laien sind, auch nichts
+anderes als Glauben an ihn. Und Sie sagen selbst,
+da&szlig; Koryph&auml;en der Wissenschaft ihn mit wissenschaftlichen
+Gr&uuml;nden bek&auml;mpfen. W&auml;re es nicht heller Wahnsinn,
+wenn ich, wie ein unge&uuml;bter Schwimmer, mich vom
+sicheren Port erprobten Glaubens in die brandenden
+Wogen fremder Ideen st&uuml;rzen wollte, nur weil vielleicht &mdash; vielleicht! &mdash; irgendwo
+in weiter Ferne ein
+neues festes Land zu finden ist?! Ich bin zu alt
+dazu &mdash; &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Statt aller Antwort k&uuml;&szlig;te Stauffenberg Gro&szlig;mama
+stumm die Hand. Meine Erregung war aber so stark,
+da&szlig; sie nach Ausdruck verlangte.</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn ich das neue feste Land nie erreichen
+sollte, &mdash; ich w&uuml;rde lieber im Meere untergehen, als
+immer nur sehns&uuml;chtig vom sicheren Port aus zusehen,
+wie es tobt und sch&auml;umt&laquo;, sagte ich, und meine Stimme
+zitterte dabei.</p>
+
+<p>Ein Schatten flog &uuml;ber Gro&szlig;mamas Z&uuml;ge. Sie legte
+ihre schmale k&uuml;hle Hand auf meine hei&szlig;en Finger.
+&raquo;Das Leben wird schon daf&uuml;r sorgen, da&szlig; es beim blo&szlig;en
+W&uuml;nschen nicht bleibt, mein Kind&laquo;, dann sich wieder zu
+Stauffenberg wendend, f&uuml;gte sie hinzu: &raquo;Sie sehen, wie
+wenig unsere Lebenserfahrungen unseren Enkeln n&uuml;tzen.
+Jeder f&auml;ngt von vorn an, und wir k&ouml;nnen schlie&szlig;lich nur
+Tr&auml;nen trocknen und Wunden verbinden.&laquo;</p>
+
+<p>Bald darauf reiste Stauffenberg ab, und ein andrer
+trat mehr und mehr an seine Stelle. Es war Karl
+von Gersdorff, ein Neffe meiner Gro&szlig;mutter, der auch
+<a name="Page_222" id="Page_222"></a>zu jenen aus der Art geschlagenen Sonderlingen geh&ouml;rte,
+die aristokratische Familien sich gern von den Rocksch&ouml;&szlig;en
+absch&uuml;tteln. Wie oft hatte ich in Pirgallen &uuml;ber ihn
+spotten h&ouml;ren, der &raquo;wie ein Schulmeister&laquo; aussah, ein
+&raquo;Fr&auml;ulein so und so&laquo; geheiratet hatte, und mit &raquo;Kreti
+und Pleti&laquo; befreundet war, wie geringsch&auml;tzig zuckten sie
+die Achseln, wenn Gro&szlig;mama ihn verteidigte. Er war
+ein begeisterter Freund Friedrich Nietzsches, hatte ihm sogar
+einmal, zum Entsetzen der Verwandtschaft, sein Gut
+zum Asyl angeboten. Durch Nietzsches Abkehr von
+Richard Wagner war eine leise Entfremdung zwischen
+beiden eingetreten, denn Gersdorff wurde ein um so
+leidenschaftlicherer Wagnerianer, je mehr sich der Meister
+zu den Ideen seines Parsifal entwickelte. Als wir in
+Karlsbad zusammentrafen, war Wagner kaum ein Jahr
+tot, und sein Wesen, seine Werke, seine Weltanschauung
+bildeten den Inhalt fast aller Gespr&auml;che. Hatte seine
+Musik mich in jenen Zustand h&ouml;chster Ekstase versetzt,
+der das ganze Ich in Andacht und Entz&uuml;cken aufl&ouml;st,
+so erschienen mir seine Gedanken &uuml;berraschend und doch
+vertraut. Sein Groll gegen die bestehende Zivilisation
+mit ihrem Inhalt an materieller und geistiger Not, sein
+Glaube an die M&ouml;glichkeit einer k&uuml;nftigen Regeneration,
+seine Kritik des gegenw&auml;rtigen Christentums, mit dem
+wahren Geiste des Evangeliums verglichen, und seine
+Erhebung der Kunst zur H&ouml;he lebendig dargestellter
+Religion, &mdash; hatte nicht irgendwo, tief verborgen, all das
+auch in mir geschlummert? Ich begr&uuml;&szlig;te es jetzt mit
+der freudigen &Uuml;berraschung, wie wir l&auml;ngst vergessene
+alte Freunde, die pl&ouml;tzlich aus dem Gew&uuml;hl der Gleichg&uuml;ltigen
+vor uns auftauchen, zu begr&uuml;&szlig;en pflegen. Im
+<a name="Page_223" id="Page_223"></a>stillen verurteilte ich Nietzsche, &mdash; dessen Namen ich
+&uuml;brigens zum elften Male h&ouml;rte, &mdash; der dem gro&szlig;en
+Freunde hatte untreu werden k&ouml;nnen, und begriff nicht
+Gersdorffs Anh&auml;nglichkeit an ihn.</p>
+
+<p>Eines sch&ouml;nen Maienmorgens sa&szlig;en wir in gro&szlig;er
+Gesellschaft eben eingetroffner Verwandter auf der &raquo;alten
+Wiese&laquo; vor dem &raquo;Elefanten&laquo;; Gro&szlig;mama war mit
+ihnen in die Besprechung alter und neuer Familiengeschichten
+vertieft, die mich immer sehr langweilten;
+Gersdorff las in einem der vielen B&uuml;cher, ohne die er
+das Haus nicht zu verlassen pflegte. Ich machte mich
+im stillen &uuml;ber die badem&auml;&szlig;ig herausgeputzte, mit rosa
+Brott&uuml;ten bewaffnete, r&uuml;hrig, wie zum ernstesten Gesch&auml;ft,
+ihrem Ziel, dem lockenden Fr&uuml;hst&uuml;ck, zustrebende
+Menge lustig, die an uns vor&uuml;berflutete. Mir war sehr
+wohl, sehr behaglich zumute, wie nur einem jungen
+Gesundgewordnen sein kann, der die gekr&auml;ftigten Glieder
+in der warmen Fr&uuml;hlingssonne dehnt. Da fiel mein
+Blick auf die &raquo;Fr&ouml;hliche Wissenschaft&laquo;, Nietzsches j&uuml;ngstes
+Werk, das neben Gersdorffs Tasse lag. Er hatte
+Gro&szlig;mama zuweilen einzelne Abschnitte daraus vorgelesen,
+von denen mir die Empfindung des unheimlich
+Fremden zur&uuml;ckgeblieben war. Mechanisch fing ich an,
+darin zu bl&auml;ttern, bis ein Satz mir ins Auge sprang:
+&raquo;Das Leben sagt: Folge mir nicht nach; &mdash; sondern dir!
+sondern dir! Leidenschaft ist besser als Stoizismus und
+Heuchelei, Ehrlichsein, selbst im B&ouml;sen, besser, als sich an
+die Sittlichkeit des Herkommens verlieren ...&laquo;</p>
+
+<p>Wenn ein eisiger Luftstrom durch pl&ouml;tzlich weit aufgeri&szlig;ne
+Fenster den im warmen Zimmer Sitzenden trifft, so
+schauert er zuerst frierend und angstvoll zusammen, um im
+<a name="Page_224" id="Page_224"></a>n&auml;chsten Augenblick mit tiefen durstigen Z&uuml;gen den reinen
+Quell einzusaugen, der ihm die dunstig-schwere Schw&uuml;le
+ringsum erst zum Bewu&szlig;tsein bringt. Wie solch einem
+war mir zumute. K&auml;mpfte ich nicht st&auml;ndig, um mich
+dem Leben und dem Herkommen unterzuordnen? Versuchte
+ich nicht, mir einzureden, jeder Sieg &uuml;ber meine
+innersten Triebe sei ein Zeichen wachsender Tugend?
+Und hatte doch stets ein schlechtes Gewissen dabei!</p>
+
+<p>Lustige Stimmen schlugen an mein Ohr:</p>
+
+<p>&raquo;Auf Wiedersehen beim Konzert nachmittag ...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gehst du zur Reunion heut abend? ...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir gehen ins Theater ...&laquo;</p>
+
+<p>Halb abwesend starrte ich von einem zum andern.</p>
+
+<p>&raquo;Alix hat Tagestr&auml;ume,&laquo; h&ouml;rte ich Gro&szlig;mama sagen;
+verwirrt schlug ich das Buch zu. Abends vor dem
+Schlafengehen trug ich den Satz aus dem Ged&auml;chtnis in
+mein Notizbuch ein &mdash; zwischen lauter Adressen, Gedichten
+und Rezepten. Mit Gro&szlig;mama wechselte ich
+kein Wort dar&uuml;ber; ich f&uuml;rchtete mich; wie ein Dieb
+kam ich mir vor, der &auml;ngstlich den gestohlenen Brillanten
+h&uuml;tet, und instinktiv f&uuml;hlte ich, da&szlig; es keinen gr&ouml;&szlig;eren
+Gegensatz geben k&ouml;nne, als den zwischen diesen Worten
+und der Lehre von der Nachfolge Christi, zu der Gro&szlig;mama
+sich bekannte. Ein Schleier war zwischen uns
+niedergefallen, der nicht trennt, aber die Klarheit der
+Z&uuml;ge verwischt.</p>
+
+<p>Ende Mai machten wir unserem Arzt die Abschiedsvisite.</p>
+
+<p>&raquo;Na also!&laquo; sagte er zufrieden, &raquo;da w&auml;ren die roten
+Backen wieder! Aber nun gilts brav sein und gehorchen
+und das Herzchen festhalten! ...&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_225" id="Page_225"></a>Nachdem er eine Reihe von Verordnungen gegeben
+hatte, hielt er z&ouml;gernd inne. &raquo;Und nun das Schlimmste
+f&uuml;r so ein junges, h&uuml;bsches Fr&auml;ulein: f&uuml;r die n&auml;chsten
+sechs &mdash; acht Monate ist jede Art starker Bewegung verboten.
+Also kein Reiten &mdash; kein Tanzen &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Er erwartete offenbar meinen heftigsten Widerspruch
+und sah mich auf mein freim&uuml;tiges &raquo;Gewi&szlig;, Herr Doktor&laquo;
+mit unverhohlenem Erstaunen an.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein tapfres Kind!&laquo; sagte Gro&szlig;mama, als
+wir die Treppe hinuntergingen.</p>
+
+<p>&raquo;Gar nicht, Gro&szlig;mama!&laquo; erwiderte ich. &raquo;Denn nur
+eins w&uuml;nsch ich mir, Ruhe zum Lernen, zum Lesen und
+Arbeiten.&laquo;</p>
+
+<p>Ein Besuch in Weimar, den wir vorhatten, und der
+dem langen Aufenthalt in Pirgallen vorausgehen sollte,
+erschien mir zun&auml;chst nur wie eine St&ouml;rung. Aber je
+mehr wir uns der Stadt Goethes n&auml;herten, desto mehr
+freute ich mich darauf. W&auml;hrend Gro&szlig;mama versuchte,
+das Enkelkind mit dem, was ihrer an Menschen und
+Dingen dort wartete, vertraut zu machen, verlor sie sich
+in den Erinnerungen ihrer Jugend. Und ich sah sie
+vor mir, die M&auml;nner mit den feinen glatten Gesichtern
+&uuml;ber den hohen Vaterm&ouml;rdern, die Frauen mit den
+kunstvoll frisierten K&ouml;pfchen und den schlichten Mullf&auml;hnchen,
+wie sie auf den Wiesen von Tiefurt Blindekuh
+spielten und zierlich-gravit&auml;tisch im Schlo&szlig;saal die
+Gavotte tanzten; ich h&ouml;rte, wie sie mit Lamartine und mit
+Byron weinten und schw&auml;rmten, ich f&uuml;hlte, wie ihre
+Gem&uuml;ter sich tiefer Freundschaft erschlossen, wie ihre
+Herzen schlugen in Liebesgl&uuml;ck und Leid. Zu Goethes
+F&uuml;&szlig;en sah ich die Gro&szlig;mutter sitzen, stumm, ehrfurchts<a name="Page_226" id="Page_226"></a>voll &mdash; ein
+Lauschen, ein Empfangen. Zur &auml;rmsten
+Zeit Deutschlands, &mdash; wie reich war sie gewesen! Und
+eine Heimat hatte sie gehabt, aus der die Wurzeln ihrer
+Seele noch heute Lebenskr&auml;fte sogen.</p>
+
+<p>Ich sa&szlig; am Kupeefenster im Abendd&auml;mmerlicht; Gro&szlig;mama
+schlummerte mir gegen&uuml;ber, noch ein L&auml;cheln der
+Erinnerung auf den Z&uuml;gen. W&auml;lder und Felder, H&auml;user
+und G&auml;rten flogen an mir vorbei. So ist mein Leben,
+dachte ich. Alles entschwindet mir, kaum da&szlig; ichs betrachten
+konnte; nirgends wurzle ich. Dabei fielen mir
+Verse ein, die ich hastig in mein Notizbuch kritzelte:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ein Vagabund bin ich genannt,<br /></span>
+<span class="i0">Will niemand von mir wissen;<br /></span>
+<span class="i0">Die Sohlen hab ich durchgerannt,<br /></span>
+<span class="i0">Mein Wams ist l&auml;ngst zerschlissen.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Zur Arbeit ruft man mich umsunst,<br /></span>
+<span class="i0">Trag nicht danach Verlangen,<br /></span>
+<span class="i0">Steh bei der Lerche hoch in Gunst,<br /></span>
+<span class="i0">Die l&auml;&szlig;t sich auch nicht fangen;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Die singt ihr Lied auf freiem Feld<br /></span>
+<span class="i0">Mit freier, lustger Kehle,<br /></span>
+<span class="i0">Die schmettert hoch in alle Welt,<br /></span>
+<span class="i0">Und h&ouml;rts auch seine Seele.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Doch eines ist, das wurmt mich schwer:<br /></span>
+<span class="i0">Sie hat ein Nest, ein kleines; &mdash;<br /></span>
+<span class="i0">Ich zog die Lande hin und her &mdash;<br /></span>
+<span class="i0">Wo aber, sagt, ist meines?!<br /></span>
+</div></div>
+
+<p><a name="Page_227" id="Page_227"></a>In Weimar wohnten wir bei Gro&szlig;mamas Bruder
+an der Ackerwand, dicht neben dem Hause der
+Frau von Stein, wo die Lorbeerb&auml;ume in ihren
+gro&szlig;en K&uuml;beln noch ebenso auf dem Vorplatz standen,
+wie zu der klassischen Zeit, da die &raquo;liebe Lotte&laquo; unter
+ihnen zum Nachmittagtee ihre Freunde empfing. Aus
+unseren Fenstern sah man weit hinein in den Park.</p>
+
+<p>Am ersten Morgen, als die Sonnenstrahlen nur gerade
+die Wipfel der alten B&auml;ume trafen, schl&uuml;pfte ich hinaus.
+Zauberhaft still und einsam war es; nur ein heimliches
+Vogelzwitschern, ein fernes Fl&uuml;stern der Ilm verriet das
+Leben. Auf dem gr&uuml;nen Wiesenplan vor dem Hochmeisterhaus
+funkelten die Tautropfen an den Zittergr&auml;sern;
+die roten und wei&szlig;en, die gelben und blauen
+Bl&uuml;ten an den B&uuml;schen strahlten im Glanze eben entfalteter
+Pracht. Weiter unten, wo im Felsen die steile
+Treppe abw&auml;rts f&uuml;hrt zum Ilmtal, stieg feuchter w&uuml;rziger
+Erdgeruch zu mir empor. Die geschlossenen Fensteraugen
+der Einsiedelei sahen aus wie die eines Schlafenden,
+minutenlang stand ich davor, traumbefangen, und wartete
+auf den geheimnisvollen Bewohner, der sie &ouml;ffnen sollte.
+Aber die Ilm pl&auml;tscherte, als lachte sie mich aus.</p>
+
+<p>&Uuml;ber der Br&uuml;cke, hinter den dunkeln B&uuml;schen und
+B&auml;umen, lag die Erde noch eingeh&uuml;llt in ein durchsichtig-wei&szlig;es
+Nebeltuch, das kecke Sonnenstrahlen zu zerrei&szlig;en
+sich bem&uuml;hten. Und ein helles H&auml;uschen schimmerte
+lockend vom jenseitigen H&uuml;gel, das mir vertraut entgegensah,
+als w&auml;re ich dr&uuml;ben daheim. War es nicht
+aus dem Rahmen getreten, der in Pirgallen in Gro&szlig;mamas
+Zimmer hing? Dort hatte ich es gesehen von
+<a name="Page_228" id="Page_228"></a>klein auf, und wenn ich vom Zuckerh&auml;uschen im Walde
+hatte erz&auml;hlen h&ouml;ren, konnte ich mirs nie anders vorstellen.
+Ob ich mich wohl hin&uuml;ber wagen k&ouml;nnte durch
+den Nebel? Erlk&ouml;nigs T&ouml;chter tanzten hier, wie einst,
+da sie den hellsehenden Augen des Dichters erschienen.</p>
+
+<p>Und nun war ich dr&uuml;ben. Aber die wei&szlig;e T&uuml;r zwischen
+den gr&uuml;nen Hecken verschlo&szlig; das stille Reich hinter ihr.
+Scheu sah ich mich um; niemand weit und breit! Der
+niedrige Holzzaun hinter der zweiten breiteren Pforte
+war kein un&uuml;berwindliches Hindernis &mdash; ein paar Risse
+im Rock, eine Schramme am Arm &mdash;, und in Goethes
+Garten stand ich. Der Ton knarrender Wagenr&auml;der
+trieb mich den langen, Unkraut bewachsenen Weg hinunter
+bis hinter das Haus. Gr&uuml;nes D&auml;mmerlicht nahm
+mich auf, kein Bl&auml;ttchen r&uuml;hrte sich &uuml;ber mir; auf der
+Lehne der morschen Bank sa&szlig; regungslos mit hochgestellten
+Fl&uuml;geln ein gro&szlig;er blauschwarzer Schmetterling.
+Die Stille herrschte &mdash; eine Stille, als w&auml;re die Erde
+versunken &mdash;, und nur dieser Raum mit dem toten Hause
+davor schwebte in der ungeheueren Weite des Weltraums.
+Ich pre&szlig;te meine H&auml;nde auf das wildklopfende
+Herz, und gro&szlig;e Tr&auml;nen tropften unaufhaltsam aus
+meinen Augen. Aber dann sch&auml;mte ich mich: wie konnte
+ich &mdash; ich! mit meinem unnennbaren Weh diesen heiligen
+Ort entweihen! Leise auf den Zehenspitzen, das Kleid
+gerafft, damit sein Rascheln nicht st&ouml;re, schlich ich davon.</p>
+
+<p>Auf den m&auml;chtigen W&uuml;rfel aus Granit mit der
+Kugel darauf lehnte ich mich und vergrub, bitterlich
+weinend, das Gesicht in den H&auml;nden. Da stimmte ein
+V&ouml;glein &uuml;ber mir sein Morgenlied an, und aus dem
+n&auml;chsten Baum antwortete ihm ein anderes, bis es
+<a name="Page_229" id="Page_229"></a>zwitschernd, tirlierend und fl&ouml;tend von allen Zweigen
+klang, &mdash; ein jubelnder Gru&szlig; an die siegende Sonne.
+Tief aufatmend streckte ich die Arme und dehnte die
+Brust, und pl&ouml;tzlich freute ich mich, da&szlig; ich gar nichts
+war als ein junges Menschenkind mit dem ganzen
+reichen gro&szlig;en Leben vor mir. In schw&auml;rmerischer Verz&uuml;ckung
+sank ich vor dem Altar des guten Gl&uuml;cks in
+die Kniee und betete den Unsterblichen an, dessen Atem
+ich zu f&uuml;hlen meinte.</p>
+
+<p>Noch am selben Tage ging ich mit Gro&szlig;mama nach
+dem Frauenplan, um in Goethes Stadthaus den letzten
+seines Namens zu besuchen, der ihr Jugendfreund war.
+Still und zur&uuml;ckgezogen, sich &auml;ngstlich vor der Ber&uuml;hrung
+mit der Welt h&uuml;tend, lebte Walter Goethe oben in den
+Giebelzimmern seiner verstorbenen Mutter. Ein gro&szlig;es
+Bild des Dichters hing im Empfangsraum; es erdr&uuml;ckte
+die kleine Stube und noch mehr den kleinen, armen
+Nachk&ouml;mmling darin. Ich konnt es nicht fassen, da&szlig;
+dies ein Goethe war! Erst als die beiden Freunde
+miteinander sprachen, f&uuml;hlte ich die andere Welt, aus
+der sie stammten. Wie warm und echt waren die Empfindungen,
+denen sie Worte liehen, wie lebendig die
+Interessen, an denen sie Anteil nahmen, &mdash; so sprach man
+heute nicht mehr miteinander, wo Gef&uuml;hl ein Spott
+und Blasiertheit Trumpf war.</p>
+
+<p>Je l&auml;nger wir in Weimar blieben, desto mehr empfand
+ich seinen Geist. Freilich, die Menschen, mit denen
+Gro&szlig;mama verkehrte, waren alle alt, alles ihre Zeitgenossen,
+und doch, weil sie treu ihrer Jugend waren,
+seelenjung. Da war der Onkel, bei dem wir wohnten,
+ein Mann von jener schlichten Vornehmheit, die allein
+<a name="Page_230" id="Page_230"></a>das Zeichen echter Kultur ist; da war der Gro&szlig;herzog
+mit seiner leidenschaftlichen Liebe f&uuml;r Weimars Tradition,
+der er bescheiden sich selbst unterordnete, &uuml;berall nach
+geistigen Werten Umschau haltend und sich der Funde
+freuend, wie ein Sammler an seinen Sch&auml;tzen; da
+waren Frauen, die begeistert und begeisternd nicht Namen
+und Titel und bunte Uniformen zu Gaste luden, sondern
+f&uuml;hrende Geister, werdende und gewordene. Ich taute
+allm&auml;hlich auf in dieser Umgebung und lernte, ohne
+Scheu vor dem Ausgelachtwerden oder dem erstaunten
+Verstummen der andern, von dem reden, was mich interessierte,
+und fragen nach dem, was ich zu wissen begehrte.
+Der Vorsatz befestigte sich in mir: ich wollte
+nicht mehr zur&uuml;ck in die Welt der Konvention und der
+k&uuml;hlen Phrase, wo feste Schl&ouml;sser vor Herz und Mund
+Bedingung guter Erziehung sind.</p>
+
+<p>Gro&szlig;mama sprach von einem k&uuml;nftigen Hofdamenposten
+f&uuml;r mich. So ganz nach meinem Geschmack war das
+allerdings nicht; von all den Tanten und Kusinen, die
+ihn inne hatten, wu&szlig;te ich, wie viel dr&uuml;ckende Dienstbarkeit
+er mit sich brachte. Aber viel besser erschien es
+mir immerhin, in Weimar abh&auml;ngig zu sein, als von
+einer Garnison zur andern stets in derselben Leutnantsatmosph&auml;re
+leben. Meine heimlich gehegten Dichtertr&auml;ume
+w&uuml;rden hier vielleicht reifen k&ouml;nnen, und ganz
+im Verborgenen tauchte dazu eine romantische Hoffnung
+auf: ihn hier zu finden, den m&auml;rchenhaften Schwanenritter,
+dem mein Herz geh&ouml;ren sollte!</p>
+
+<p>Gegen Ende unseres Aufenthalts ging ich noch einmal
+mit Gro&szlig;mama zu Walter Goethe. Er war ungew&ouml;hnlich
+freundlich zu mir und erf&uuml;llte ohne weiteres meinen<a name="Page_231" id="Page_231"></a>
+Wunsch, allein in Goethes Zimmer gehen zu d&uuml;rfen.
+Ich schlo&szlig; sie mir auf und &ouml;ffnete die kleinen L&auml;den und
+stand dann still und stumm mit gefalteten H&auml;nden vor
+dem Stuhl, in dem er gestorben war, an seinem Bett.
+Wie einem, der auszieht zum Kampf und Abschied
+nimmt, unsicher, ob er jemals wiederkehrt, war mir zumute.
+Goethes Gebet kam mir unwillk&uuml;rlich auf die
+Lippen: Gib mir gro&szlig;e Gedanken und ein reines Herz.</p>
+
+<p>Ich mochte bla&szlig; und verweint genug aussehen, als
+wir abreisten; sorgenvoll sah mich Gro&szlig;mama an: &raquo;Bist
+du nicht wohl, mein Kind?&laquo;</p>
+
+<p>Da kam mir zum Bewu&szlig;tsein, was ich ihr alles
+verdankte: Zu dem hei&szlig;en Wunderquell hatte sie mich
+gef&uuml;hrt, der meinen K&ouml;rper heilte, und erschlossen
+hatte sie die Quellen, die meine Seele n&auml;hrten. Mit
+beiden H&auml;nden griff ich nach ihrer Hand und pre&szlig;te
+die Lippen darauf: &raquo;Ich bin ganz, ganz gesund, Gro&szlig;mama!&laquo;</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_232" id="Page_232"></a></p>
+<h2><a name="Neuntes_Kapitel" id="Neuntes_Kapitel"></a>Neuntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Auf dem Wege nach Pirgallen machten wir bei
+einer Reihe von Verwandten Station. Ich
+kam mir vor, als w&auml;re ich von luftiger Bergesh&ouml;he
+in schw&uuml;le Niederung geschleudert worden. &raquo;Wir
+haben eine Vetternreise hinter uns: in Sachsen, in der
+Mark, in Pommern &mdash; &uuml;berall derselbe Schlag Krautjunker,
+je nach der Gr&ouml;&szlig;e der Geldbeutel echt oder unecht
+&uuml;berfirni&szlig;t, bei allen dieselbe souver&auml;ne Verachtung
+geistiger Werte &mdash;&laquo; schrieb ich an meine Kusine Mathilde.
+&raquo;Meine Vettern in Ingershausen &mdash; &uuml;brigens ein
+pomp&ouml;ses Schlo&szlig;, das August dem Starken, seinem Erbauer,
+alle Ehre macht &mdash;, die fr&uuml;her an be&auml;ngstigender
+Wasserscheu litten, sind Gigerl <em class="antiqua">par excellence</em> geworden,
+gardereif. Ihre Schwester, eine Venus von Milo, hat
+schon mit siebzehn Jahren geheiratet, kriegt ein Kind
+nach dem andern und den fatalen Zug um den Mund,
+den ich noch bei jeder jungen Frau entdeckt habe: ich
+glaube, es ist der der Entt&auml;uschung. Ein paar Kindheitsfreundinnen,
+die ich wiedersah, und die mir vor
+Jahr und Tag mit allen Zeichen des Triumphes &mdash; sie
+hatten mich ja im Rennen um den Mann um ein paar
+Pferdel&auml;ngen geschlagen! &mdash; ihre Verlobung mitgeteilt
+hatten, traten mir jetzt als hochschwangere Frauen ent<a name="Page_233" id="Page_233"></a>gegen:
+bla&szlig;, mi&szlig;mutig. Ich h&auml;tte nun gern meinerseits
+triumphiert, aber das Mitleid mit den armen W&uuml;rmern,
+die sie mit solcher Giftlaune unter dem Herzen tragen,
+&uuml;berwog. Ein Weib, das ein Kind erwartet, sollte sein
+wie eine Siegerin!&laquo;</p>
+
+<p>Ich atmete auf, als wir endlich in Pirgallen waren,
+wo ich hoffte, mich meinen Studien und Arbeiten ganz
+&uuml;berlassen zu k&ouml;nnen. Dort hatte sich inzwischen
+mancherlei ver&auml;ndert. Mein Onkel hatte sich in den
+Reichstag w&auml;hlen lassen, &mdash; auf vieles Zureden seiner
+Parteigenossen, denn in ihm selbst regte sich zu stark
+das alte Herrengef&uuml;hl des ostdeutschen Junkers, als da&szlig;
+es ihm nicht widerstrebt h&auml;tte, die durch das allgemeine
+Wahlrecht nun einmal festgesetzte Gleichheit zwischen
+Herr und Knecht auch nur &auml;u&szlig;erlich anzuerkennen. Da&szlig;
+er, dessen Verkehr mit den Untergebenen nur im Befehlen,
+Tadeln und Strafen bestand, von ihrer Gunst abh&auml;ngig
+war, ja sogar um sie werben mu&szlig;te, erschien ihm als
+eine Entw&uuml;rdigung. Er war dabei ein so ehrlich &uuml;berzeugter
+Konservativer, so durchdrungen davon, da&szlig; jede
+Erweiterung der Freiheit und der Rechte der unteren
+Volksklassen zu ihrem eigenen Verderben ausschlagen
+w&uuml;rde, da&szlig; er sich vollkommen berechtigt glaubte, auch
+durch ungesetzliche Mittel den Einflu&szlig; liberaler oder gar
+sozialdemokratischer Str&ouml;mungen zu bek&auml;mpfen. Seinen
+ehemaligen Viehhirten, einen notorischen S&auml;ufer, der
+sozialdemokratisch gestimmt hatte, weil &raquo;der Herr Baron
+dem Krugwirt verboten hatte, ihm mehr als zwei Glas
+Schnaps zu geben,&laquo; pflegte er seiner Mutter gegen&uuml;ber
+immer wieder zu zitieren, wenn sie das &raquo;Recht auf die
+pers&ouml;nliche &Uuml;berzeugung&laquo; verteidigte. &raquo;Gar nichts wu&szlig;te
+<a name="Page_234" id="Page_234"></a>der Kerl sonst von der Sozialdemokratie,&laquo; sagte er, &raquo;er
+konnte weder lesen noch schreiben. Jeder, der ihm Fusel
+gibt, dessen &#8250;&Uuml;berzeugung&#8249; hat er. Stellt Euch vor, alle
+Viehhirten und Konsorten stimmten wie er und k&auml;men
+zur Macht, &mdash; eine nette Wirtschaft w&uuml;rde das.&laquo; Und
+als Gro&szlig;mama einwarf: &raquo;So gebt dem Volk eine bessere
+Bildung,&laquo; antwortete er: &raquo;Damit jeder Instmannsjunge
+Professor werden und keiner mehr arbeiten will! Dann
+sollen wir wohl unsere Frauen vor den Melkeimer setzen
+und uns hinter den Pflug stellen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht entspr&auml;che solch ein Wechsel der g&ouml;ttlichen
+Gerechtigkeit,&laquo; meinte Gro&szlig;mama l&auml;chelnd, &raquo;seit Jahrhunderten
+gingen sie hinter dem Pfluge &mdash; am Ende ist
+jetzt die Reihe an Euch!&laquo; Mit hochgeschwollener Stirnader
+sprang der Onkel vom Stuhl und warf die T&uuml;re hinter
+sich zu. Er war reizbarer als sonst. Zu deutlich pochte
+die neue Zeit an das schwere Burgtor von Pirgallen,
+und er selbst hatte die Zugbr&uuml;cke, die unliebsamen G&auml;sten
+den Eingang wehrte, in eine feste, steinerne verwandelt.
+Er selbst hatte bei der Regierung all seinen Einflu&szlig;
+daran gesetzt, damit die Eisenbahn bei ihm vorbei gelegt,
+der Hafen am Kurischen Haff an seine Gutsgrenze gebaut
+werde. Nun konnten seine Steine zu fernen
+Bauten &uuml;ber die Ostsee entf&uuml;hrt werden, und die Ertr&auml;gnisse
+seines Gutes fanden in Berlin zahlungskr&auml;ftige
+K&auml;ufer, &mdash; aber neue Gedanken waren mit den fremden
+Ingenieuren und Arbeitern eingef&uuml;hrt worden. Er selbst
+strebte danach, sein Besitztum, das seine V&auml;ter schlecht
+und recht ern&auml;hrt hatte, in eine kapitalistische Unternehmung
+zu verwandeln, von der er Millionen erwartete.
+Aber mit den Maschinen, mit den Kan&auml;len, den Wiesen<a name="Page_235" id="Page_235"></a>meliorationen,
+den neuen Bebauungsweisen, der ganzen
+intensiven Art der Bewirtschaftung kamen Scharen neuer
+Arbeitskr&auml;fte ins Land, von denen die Alteingesessenen
+Ansichten und Bed&uuml;rfnisse rasch, Handfertigkeit und Verst&auml;ndnis
+aber um so langsamer lernten. Die Unzufriedenheit
+wucherte wie Unkraut, und am &uuml;ppigsten in
+den kleinen strohgedeckten Katen, deren Bewohner seit
+Generationen im Dienste der Golzows standen.</p>
+
+<p>In einer der &auml;ltesten hauste die alte Maruschka mit
+Kindern und Enkeln, ein verhutzeltes, zitteriges Weiblein.
+Wie braune Fichtenrinden waren ihre Wangen und ihre
+Stirn, die Augen eingesunken, wei&szlig; und gelb wie versteckte
+Harzl&ouml;cher. Nur wenn sie Gro&szlig;mama sah, verzog
+sie die d&uuml;nnen Lippen zu einem Grinsen. Vor Jahren
+hatte ich sie, die seit ihrer fr&uuml;hsten M&auml;dchenzeit in der
+Burg diente, noch in einem der dunkelsten R&auml;ume, dicht
+&uuml;ber dem Wassergraben, von morgens bis abends vor
+dem alten m&auml;chtigen Webstuhl sitzen sehen. Alle M&auml;gde
+trugen die Stoffe, die sie wob: feste harte, aus groben
+blauen und roten F&auml;den. Die &raquo;junge Frau Baronin&laquo;
+hatte sie aufs Altenteil gesetzt, &mdash; sie brauchte das Zimmer,
+und die h&uuml;bschen Dienstm&auml;dchen trugen das altmodische
+Zeug nicht mehr. Nun ha&szlig;te die Alte die neue Zeit und
+alles, was sie mit sich f&uuml;hrte. An ihrem schw&auml;lenden
+Herdfeuer in der engen Stube mit dem grauen schmierigen
+Lehmboden, wo H&uuml;hner, G&auml;nse, Ferkel und Kinder
+durcheinander gackerten, quiekten und schrieen, war die
+Freistatt aller Murrenden. Sie hetzte die Sch&uuml;chternen
+auf, die noch in blinder Unterw&uuml;rfigkeit an der Herrschaft
+hingen, sie lobte die Unbotm&auml;&szlig;igen und hatte trotz
+all ihrer Armseligkeit stets den Schnaps bereit f&uuml;r die,
+<a name="Page_236" id="Page_236"></a>die im Krug mit den &raquo;Neuen&laquo;, den &raquo;St&auml;dtischen&laquo; nicht
+zusammen sitzen mochten.</p>
+
+<p>Ihr J&uuml;ngster, der Franz, war Stallknecht, dem
+mein Onkel seiner Gewandtheit wegen h&auml;ufig die
+wertvollsten Pferde &uuml;berlie&szlig;. Eines abends sah er,
+da&szlig; die &raquo;Delilah&laquo;, die der Franz hatte bewegen
+sollen, schwei&szlig;triefend und ohne Decke in ihrer Box
+stand, w&auml;hrend er auf seinem Bett daneben seinen
+Rausch ausschlief. Ehe ich, die ich dabei stand, es verhindern
+konnte, sauste meines Onkels Reitpeitsche ihm
+quer &uuml;bers Gesicht. Taumelnd erhob er sich, sah meinen
+Onkel mit bl&ouml;den Augen an und fiel ihm heulend zu
+F&uuml;&szlig;en. Ich wollte mich schon emp&ouml;rt abwenden, &mdash; emp&ouml;rter
+noch &uuml;ber den Feigling, der vor mir winselte,
+als &uuml;ber den Onkel &mdash;, als mich aus dem Augenwinkel
+des auf dem Boden Kauernden ein Blick traf, wie der
+eines wilden Tieres. Am n&auml;chsten Morgen lag eine der
+Zuchtstuten verendet im Paddock. Keiner von uns
+zweifelte, da&szlig; Franz der T&auml;ter war, ich, die ich hartn&auml;ckig
+schwieg, am wenigsten. All seine Arbeitskollegen
+jedoch standen auf seiner Seite und lenkten den Verdacht
+auf die Kanalarbeiter. Zu beweisen aber war
+nichts. Onkel Walter entlie&szlig; den Knecht und verbot
+ihm mit allem Nachdruck, den Boden Pirgallens wieder
+zu betreten. Wir sa&szlig;en gerade in der Halle beim Fr&uuml;hst&uuml;ck,
+als die alte Maruschken unangemeldet auf der
+Freitreppe erschien, die verschrumpelten braunen H&auml;nde
+&uuml;ber ihrem Kr&uuml;ckstock gefaltet, im selbstgewebten Sonntagsstaat,
+den eisgrauen Kopf von einem schwarzen Tuch
+umwunden, die kleinen Bernsteinaugen funkelnd auf
+uns gerichtet, wie die Waldhexe aus dem M&auml;rchen.</p>
+<p><a name="Page_237" id="Page_237"></a></p>
+<p>&raquo;Verzeihen die gn&auml;dige Herrschaft&laquo;, hob sie mit
+stockender Stimme an &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Was willst du, Maruschken?&laquo; frug Gro&szlig;mama, ihr
+g&uuml;tig die Hand entgegenstreckend, w&auml;hrend Onkel sich
+ungeduldig r&auml;usperte.</p>
+
+<p>&raquo;O mai allerkutestes gn&auml;diges Frauchen&laquo;, &mdash; schluchzend
+st&uuml;rzte die Alte vor ihrer einstigen Herrin nieder und
+zog dem&uuml;tig ihren Rock an die Lippen, &raquo;mai Jung hat
+das Perdchen, das liebe kute Perdchen, nich erstochen!
+Schickens ihn nich in die Fremde! Mai Vater, mai
+Gro&szlig;vater, mai Ahne &mdash; alle, alle haben der gn&auml;digen
+Herrschaft gedient mit Leib und Leben &mdash; schickens uns
+nich fort!&laquo; Ihre Stimme wurde kr&auml;chzend wie Rabenstimmen,
+wenn sie im Herbst auf den Stoppelfeldern
+sitzen.</p>
+
+<p>&raquo;Mein Sohn schickt euch ja nicht fort, Maruschken,&laquo;
+antwortete Gro&szlig;mama. &raquo;Nur den einen von deinen
+Kindern, und &mdash; wenn er sich drau&szlig;en gut f&uuml;hrt &mdash;&laquo;
+bittend sah Gro&szlig;mama zu Onkel Walter her&uuml;ber &mdash; &raquo;darf
+er gewi&szlig; wieder nach Hause kommen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Alte richtete sich auf. Stumm sah sie von einem
+zum anderen.</p>
+
+<p>&raquo;Nimmt der gn&auml;dige Herr Baron den Befehl zur&uuml;ck?&laquo;
+kam es leise und zischend &uuml;ber ihre halbge&ouml;ffneten Lippen.</p>
+
+<p>&raquo;Nein!&laquo; Ein Faustschlag auf den Tisch bekr&auml;ftigte
+Onkel Walters heftige Antwort. &raquo;Und nun geht,
+Maruschken. Mein letztes Wort habt Ihr!&laquo;</p>
+
+<p>Fest auf den Stock gest&uuml;tzt, reckte die Alte den krummen
+R&uuml;cken und hob den Kopf, da&szlig; die Sehnen an ihrem
+Halse wie braunrote Stricke hervortraten.</p>
+
+<p>&raquo;Die alte Maruschken geht, mai kutestes Herrchen, &mdash; geht
+<a name="Page_238" id="Page_238"></a>weit &mdash; weit weg und nimmt mehr mit, viel mehr,
+als blo&szlig; ein Perdchen! &mdash; &mdash; Auf diesen alten Armchen
+trug ich den jungen Herrn &mdash; gab ihm die Brust, statt dem
+eignen Jungchen. Und gearbeitet hab ich an die vierzig
+Jahr auf Pirgallen &mdash; und S&ouml;hne und T&ouml;chter hab ich
+geboren und aufgezogen in Gehorsam vor der Herrschaft
+und Gottesfurcht, und sie arbeiten auch auf Pirgallen,
+f&uuml;r die gn&auml;dige Herrschaft&laquo; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Ungeduldig unterbrach der Onkel ihren Redeflu&szlig;. &raquo;Ich
+bin der letzte, der deine treue Arbeit nicht anerkannt
+und redlich belohnt hat. Aber einen widerhaarigen
+Trunkenbold &mdash; und wenn er zehnmal dein Sohn ist &mdash; kann
+ich nicht brauchen. Meine Geduld ist ersch&ouml;pft &mdash; h&uuml;te
+dich, Alte, mich noch zu reizen. Ich wei&szlig; recht
+gut, wo die St&auml;nker und Hetzer zu Hause sind!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gar nichts wei&szlig; der Herr Baron, gar nichts&laquo; eiferte
+sie. &raquo;Im Krug, wo die Kanalarbeiter sitzen, beim neuen
+Inspektor, wo die fainen Herren aus der Stadt morgens
+und abends Wein trinken, in der Gesindestube, wo die
+vornehmen Diener mit die Stadtm&auml;chens sch&auml;kern, da sind
+die St&auml;nker; &mdash; bei der alten Maruschken nich! Wir
+halten noch auf alte Art und Zucht, wir lieben das liebe
+Landchen, die Burg, und die Kirche und die Kate. Aber
+die anderen, das sind Ausl&auml;ndsche, die blos aufs Geld
+sind und keinen Glauben nich haben. Warum holt sie
+der Herr Baron und unsere Jungchens schickt er weg,
+da&szlig; sie auch so werden wie die Fremden? &mdash; &mdash; Zu
+Haus wollen wir bleiben &mdash;&laquo; ihre Stimme kreischte &mdash; &raquo;mit
+die Kindersch. Aber wo die rechte Liebe weg
+is, geht auch die Ehrfurcht und der Gehorsam ...
+Die Peitsche ins Gesicht, &mdash; das haben der alten<a name="Page_239" id="Page_239"></a>
+Maruschken ihre Jungchen nich verdient um die Herrschaft &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>W&uuml;tend erhob sich der Onkel: &raquo;Nun hab ich die
+Kom&ouml;die satt, scher dich zum Teufel.&laquo;</p>
+
+<p>Mit aufgerissenen Augen starrte die Alte ihn an und
+beachtete Gro&szlig;mama gar nicht, die beg&uuml;tigend ihre Hand
+auf ihre Schulter legte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich scher mich, ich scher mich, aber zum Teufel
+nich!&laquo; schrie sie, &raquo;der Teufel is zu Haus jetzt auf Pirgallen, &mdash; alle
+b&ouml;sen Geister gehen um, &mdash; im Turm
+krachts, wo die gn&auml;dige Herrschaft die faulen Insten in
+Ketten legte, und aus dem Haff steigen die toten Fischer
+auf &mdash; die alte Maruschken geht &mdash; das liebe Herrgottche
+suchen &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Wie unter einem Zwang waren wir alle verstummt.
+Die Steintreppe humpelte sie hinab &mdash; sie wandte den
+Kopf nicht mehr &mdash; sie war jetzt ganz klein und zusammengesunken.
+Am folgenden Tage stand ihre Kate
+leer, &mdash; bei Nacht und Nebel war sie mit ihren Kindern
+und Enkeln davongegangen, ihren armseligen Hausrat
+auf zwei Karren mit sich schleppend. Die Leute fl&uuml;sterten
+noch lange mit leisem Grauen davon, wie sie drohend
+den Kr&uuml;ckstock erhoben habe, als sie an der Burg vorbeikam,
+und unaufh&ouml;rlich vor sich hinmurmelnd dem Zuge
+der ihren voran geschritten sei, vor jeder H&uuml;tte am Wege
+inne haltend, um den aus dem Schlaf geschreckten Bewohnern
+zu erz&auml;hlen, da&szlig; der Herr von Pirgallen sie
+von Haus und Hof vertrieb.</p>
+
+<p>Auch f&uuml;r mich war der Eindruck ein unverwischbarer.
+Ich ging oft ins Dorf hinab und in die Ortschaften
+am Strande, und lernte die harten, einsilbigen Menschen
+<a name="Page_240" id="Page_240"></a>kennen, die f&uuml;r unaufh&ouml;rliche Arbeit ein sp&auml;rliches freudloses
+Leben gewannen. Die meisten nahmen es noch
+hin wie etwas Selbstverst&auml;ndliches, aber schon zuckte in
+ihren Augen hie und da dieselbe Flamme auf, die in
+dem Blick der alten Maruschken gebrannt hatte. Die
+Zeit, da sie sich vor dem Herren f&uuml;hlten wie stumme
+Sklaven oder wie willenlose Kinder, war vor&uuml;ber. Es
+gingen wirklich b&ouml;se Geister um, auch in der alten
+Ordensburg.</p>
+
+<p>Mein Onkel war, so viel er sich auch zu bilden strebte,
+den Anforderungen moderner Landwirtschaft geistig nicht
+gewachsen. &raquo;Man m&uuml;&szlig;te Chemiker, Ingenieur, Naturforscher
+sein, um nicht von jedem Hans Narren &uuml;bersehen
+und betrogen zu werden; statt dessen hat unsereins
+nur Leutnant gelernt,&laquo; sagte er einmal bitter. Er
+entschlo&szlig; sich sogar zum Verkehr mit einem alten Gegner
+aus der Nachbarschaft, einem Freisinnigen, der der beste
+Landwirt im Lande war. Ich begleitete die Herren zu
+Pferde bei ihren Inspektionsritten und h&ouml;rte oft, wie
+der alte Mann das Neue, das der junge schuf und
+plante, r&uuml;ckhaltlos gut hie&szlig;. &raquo;Nur eins kann ich Ihnen
+nicht verhehlen, Herr Baron, mit der Angst w&uuml;rde ichs
+kriegen, wenn ich Sie nicht f&uuml;r einen bedachtsamen
+Mann hielte, der wei&szlig;, da&szlig; er Hunderttausende hier
+hineinstecken mu&szlig;, ehe die Millionen herausspringen.&laquo;
+Ich sah, wie Onkel Walter um einen Schein blasser
+wurde, und erschrak mit ihm.</p>
+
+<p>Er war sehr ernst geworden in den letzten Jahren.
+Sein fr&ouml;hlicher Leichtsinn brach nur dann immer wieder
+hervor, wenn seine Frau ihn umschmeichelte &mdash; wegen
+neuer Toiletten, neuem Schmuck oder neuen Hunden &mdash; und
+<a name="Page_241" id="Page_241"></a>sein S&ouml;hnchen, das sie ihm vor drei Jahren geschenkt
+hatte, auf seinen Knieen ritt. Dieser Stammhalter
+war der Mittelpunkt des Lebens. Er besa&szlig; schon
+seinen eigenen kleinen Hofstaat, und zwei Miniaturpferdchen &mdash; Shetland-Ponies,
+die der Vater direkt hatte
+kommen lassen &mdash; sp&uuml;rten bereits, wenn er in seinem
+winzigen Wagen durch den Park fuhr, die Peitsche des
+kleinen Junkers. Alle tyrannisierte er; f&uuml;r mein
+Schwesterchen, das selbst gew&ouml;hnt war, da&szlig; die anderen
+sich ihr unterordneten, war er der gef&uuml;rchtetste Qu&auml;lgeist,
+und vor ihm fl&uuml;chtend, klammerte sie sich leidenschaftlich
+an mich an. Mein liebebed&uuml;rftiges Herz empfand das
+sehr wohlt&auml;tig, und mein, eingedenk der eigenen Kinderqualen,
+leicht erregtes Mitleid kam ihren W&uuml;nschen rasch
+entgegen. Schon fr&uuml;h morgens pflegte ich mit ihr in
+den verstecktesten Teil des Parks zu fliehen; ich erfand
+die phantastischsten Spiele und die buntesten M&auml;rchen,
+und der halbe Tag ging vor&uuml;ber, ehe ich zu mir selbst
+kam. Dann geschah es wohl, da&szlig; mich heftiger Groll
+gegen die kleine Tyrannin erfa&szlig;te, die mich so in Anspruch
+nahm; aber ein bittender Blick ihrer gro&szlig;en Blauaugen,
+ein z&auml;rtlicher Druck ihrer runden &Auml;rmchen um
+meinen Hals machte mich wieder gef&uuml;gig. Nein, sie
+sollte, sie durfte nicht erleben, was ich erlebt hatte! Allm&auml;hlich
+lernte ich sogar, ihr dankbar sein: die anderen
+nannten mich einen &raquo;Blaustrumpf&laquo; &mdash; &raquo;&uuml;berspannt&laquo; &mdash; &raquo;verdreht&laquo;,
+dem s&uuml;&szlig;en sechsj&auml;hrigen Blondkopf aber
+konnte ich gar nicht phantastisch genug sein. Sie wollte
+immer neue M&auml;rchen h&ouml;ren &mdash; &raquo;ganz neue, die noch
+kein Kind geh&ouml;rt hat&laquo; &mdash;, und unsere ganze Umgebung
+wurde zum Ausgangspunkt meiner Geschichten, in die
+<a name="Page_242" id="Page_242"></a>ich G&ouml;tter- und Heldensagen verflocht. Sie glaubte an
+mich &mdash; felsenfest: wenn wir auf dem Haff segelten,
+warf sie heimlich mitgebrachten Kuchen ins Wasser, &mdash; f&uuml;r
+Neringa, die Hafffrau, die drunten hungert, &mdash; zwischen
+die Steine der Parkmauer schob sie T&ouml;pfchen
+mit Milch, &mdash; f&uuml;r die Wichtelm&auml;nnchen, die dort ihr
+Wesen treiben.</p>
+
+<p>Lie&szlig; sie mich frei, so vergrub ich mich in die Bibliothek.
+Unter dem Vorwand, die B&uuml;cher ordnen zu wollen, hatte
+ich mir dieses Asyl, das nur selten jemand betrat, gesichert.
+Es war dunkel und roch nach moderndem Papier;
+aber was k&uuml;mmerte das mich, die ich tief im Ledersessel
+kauerte und &uuml;ber dem Lesen alles verga&szlig;! Eine kuriose
+Sammlung enthielten die Schr&auml;nke: alte landwirtschaftliche
+Brosch&uuml;ren und Zeitschriften, Reichstagsprotokolle
+der j&uuml;ngsten Zeit, Modebl&auml;tter, die sich seit Jahrzehnten
+angesammelt hatten, franz&ouml;sische Romane verf&auml;nglicher
+Art, &mdash; Zolas &raquo;Nana&laquo; und &raquo;Assommoir&laquo; mitten darunter, &mdash; deutsche
+moderne Familienromane und schlie&szlig;lich in
+billigen, schlecht gebundenen Ausgaben die deutschen
+Klassiker. Mit der Hast einer Hei&szlig;hungrigen verschlang
+ich alles: von den Memoiren der Cora Pearl bis zu
+Wieland und Herder. Ich mu&szlig; aber wohl in jener
+Zeit weder f&uuml;r die Schl&uuml;pfrigkeit noch f&uuml;r den Realismus
+sehr empf&auml;nglich gewesen sein; was ich von dieser Art
+las, interessierte mich kaum, es rief h&ouml;chstens ein Gef&uuml;hl
+des Ekels in mir wach. Noch weniger fesselten mich
+die deutschen Romane. &raquo;Unsere Unterhaltungsliteratur
+ist flach, kraft- und saftlos,&laquo; schrieb ich an meine Kusine,
+&raquo;sentimental und n&uuml;chtern, weil die Schriftsteller sich
+nach ihrem fast nur aus Frauen bestehenden Publikum
+<a name="Page_243" id="Page_243"></a>richten. M&auml;nner lesen keine Romane mehr, weil sie zu
+weibisch geschrieben sind, und Frauen werden immer
+weibischer, weil sie sich mit dem faden Zeug ihren geistigen
+Magen verderben. Am schlimmsten ists, wenn auch noch
+Frauen die Romane schreiben: mit der gestohlenen
+Gloriole der Poesie verkl&auml;rte Klatschgeschichten. Ein
+neuer Grund f&uuml;r meine Antipathie gegen die Frauen.
+Ich frage mich nur: sind wir so klein, so leer, so unweiblich &mdash; oder
+hat man uns so gemacht?&laquo;</p>
+
+<p>Mit um so hei&szlig;eren Wangen und klopfenderem Herzen
+vertiefte ich mich in Goethe. Auch das, was ich schon
+l&auml;ngst kannte, war voll neuer Offenbarungen f&uuml;r mich.
+In ein kleines Heft, das ich st&auml;ndig bei mir trug &mdash; sorgf&auml;ltig
+in ein gr&uuml;nseidenes T&uuml;chlein gewickelt &mdash;,
+schrieb ich ein, was mir am besten gefiel und schlug es
+in stillen Stunden auf, wie der Priester sein Brevier,
+um zu lesen und wieder zu lesen, bis ich Satz f&uuml;r Satz
+auswendig konnte. Zwei standen doppelt unterstrichen
+an der Spitze: &raquo;Er geh&ouml;rte zu den vielen, denen das
+Leben keine Resultate gibt und die sich daher im Einzelnen
+vor wie nach abm&uuml;hen;&laquo; &mdash; &mdash; und: &raquo;Unsere W&uuml;nsche
+sind Vorgef&uuml;hle der F&auml;higkeiten, die in uns liegen,
+Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein
+werden.&laquo; Der eine sollte sein, wie ein drohend aufgerichtetes
+Zeichen, eine stete Warnung, das Leben nicht
+zu verzetteln, sondern ihm nach gro&szlig;en Zielen die feste
+Richtung zu geben, &mdash; der andere ein Tr&ouml;ster in Zeiten
+der Mutlosigkeit, wenn ich zu mir selbst das Vertrauen
+verlor oder andere mich dessen zu berauben versuchten.
+Mit bewu&szlig;ter Auflehnung gegen die asketischen Erziehungsmaximen
+meiner Mutter schrieb ich mir vor
+<a name="Page_244" id="Page_244"></a>allem solche Stellen ab, die das Recht auf Pers&ouml;nlichkeit
+und den Wert der Freude betonten; &raquo;Ein Kind, ein
+junger Mensch, die auf ihren eigenen Wegen irre gehen,
+sind mir lieber, als manche, die auf fremden Wegen
+recht wandeln;&laquo; &mdash; &raquo;Fr&ouml;hlichkeit ist die Mutter aller
+Tugenden;&laquo; &mdash; &raquo;ein gl&uuml;cklicher Mensch, ein Wesen, das
+sich seines Daseins freut, ist das Endziel der Sch&ouml;pfung.&laquo;</p>
+
+<p>Erf&uuml;llt von dem, was ich innerlich erfuhr, konnte es
+nicht ausbleiben, da&szlig; ich zuweilen auch davon sprach.
+Meine Begeisterung konnte nicht immer stumm bleiben;
+ich sehnte mich nach Menschen, um mich ihnen mitzuteilen,
+nach jungen vor allen Dingen, bei denen weder
+Spott noch die Weisheit des Alters mich h&auml;tte zur&uuml;cksto&szlig;en
+k&ouml;nnen. &raquo;Ich suche Menschen, wie Diogenes,&laquo;
+schrieb ich an meine Kusine, mit der ich aus demselben
+inneren Bed&uuml;rfnis heraus lebhaft korrespondierte, &raquo;und
+sehe dabei immer deutlicher, da&szlig; unsere miserable Erziehung
+uns um das Beste im Leben betrogen hat. Das
+bi&szlig;chen Kunst und Wissenschaft hat man uns nur gelehrt,
+damit wir dar&uuml;ber schwatzen k&ouml;nnen. Es ist kein
+Teil unserer selbst geworden; es bleibt in Museen und
+B&uuml;chern wie die Religion in der Kirche. H&auml;tten wir
+den rechten Ernst, das tiefe Verst&auml;ndnis f&uuml;r sie, &mdash; Geist
+und Herz w&uuml;rden so sehr davon erf&uuml;llt sein, da&szlig; sie
+am Gemeinen oder Oberfl&auml;chlichen gar keine Freude
+empf&auml;nden.&laquo;</p>
+
+<p>Kamen junge Leute nach Pirgallen, die, wie Onkel
+Walter spottend zu sagen pflegte, beim &raquo;Alix-Examen
+noch nicht durchgefallen waren,&laquo; so streckte ich vorsichtig
+die F&uuml;hlh&ouml;rner meines Geistes aus. Meist begegnete
+ich einem verlegenen L&auml;cheln, einem erstaunten Blick,
+<a name="Page_245" id="Page_245"></a>und meine Mutter, die solch einem mi&szlig;gl&uuml;ckten Versuch
+zuweilen zuh&ouml;rte, sagte mir einmal:</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; du das N&uuml;sseknacken gar nicht aufgeben magst!
+Du stehst doch, da&szlig; sie alle taub sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaubs aber nicht &mdash; ich will es nicht glauben,&laquo;
+antwortete ich, &raquo;mein eigene Existenz b&uuml;rgt mir daf&uuml;r,
+da&szlig; es noch andere meiner Art geben mu&szlig;!&laquo; Mama
+kr&auml;uselte sp&ouml;ttisch die Lippen: &raquo;Die Mehrzahl ist gemein &mdash; die
+Dummen sind noch die besten.&laquo; Aber je h&auml;ufiger
+sie ihrer tiefen Menschenverachtung Ausdruck verlieh,
+desto emp&ouml;rter lehnte ich mich dagegen auf, desto &uuml;bertriebener
+wurde mein Triumphgef&uuml;hl, wenn irgend eine
+Wesenssaite des Anderen, die ich ber&uuml;hrte, leise zu klingen
+begann.</p>
+
+<p>Da war besonders einer, ein junger Nachbar, der oft
+her&uuml;bergeritten kam. Tiefere Bildung besa&szlig; er nicht, aber
+das einsame, durch keine Abwechselung unterbrochene
+Leben an den grauen Wassern des Haffs hatte ihn nachdenklich
+gemacht, so da&szlig; es uns nie an Gespr&auml;chsstoff
+fehlte. Unser Verkehr dauerte nicht lange. Onkel Walter
+nahm mich eines Tages beiseite und erkl&auml;rte mir, da&szlig;
+der Brandenstein keine &raquo;Partie&laquo; f&uuml;r mich w&auml;re.</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke ja auch gar nicht daran, ihn zu heiraten,&laquo;
+rief ich.</p>
+
+<p>&raquo;So benimm dich nicht so dumm! Die ganze Gegend
+spricht schon davon, und er selbst mu&szlig; sich Hoffnungen
+machen, wenn du dich stundenlang mit ihm allein abgibst,&laquo;
+entgegnete er. Ich war au&szlig;er mir: ein junges
+M&auml;dchen benimmt sich also unpassend, wenn es l&auml;nger
+als f&uuml;nf Minuten mit einem und demselben Herrn redet. &mdash; &raquo;Die
+lieben N&auml;chsten dr&uuml;cken nur dann ein Auge zu,
+<a name="Page_246" id="Page_246"></a>wenn sie dabei eine Verlobung wittern,&laquo; hei&szlig;t es in
+einem Brief an Mathilde. &raquo;F&uuml;hlst du, wie ekelhaft das
+ist? Welch eine faustdicke Beleidigung unseres ganzen
+Geschlechts darin liegt? Die H&uuml;ndin wertet man nicht
+anders als uns. Pfui Teufel!&laquo;</p>
+
+<p>Ich zog mich nach jenem Erlebnis immer mehr zur&uuml;ck
+und unterdr&uuml;ckte meinen Menschenhunger, bis Onkel
+Walter seinem Unwillen &uuml;ber meine &raquo;Haberei&laquo; energischen
+Ausdruck gab. Ich kam grade dazu, als er mit
+Mama &uuml;ber mich sprach.</p>
+
+<p>&raquo;Sie wird sich die besten Aussichten verscherzen
+und eine verdrehte alte Schraube werden,&laquo; sagte er.
+&raquo;Oder willst du am Ende nicht heiraten?&laquo; Damit wandte
+er sich an mich.</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig; will ich &mdash; sehr gern sogar, wenn der Mann
+danach ist!&laquo; lachte ich.</p>
+
+<p>Mama sah von ihrer Handarbeit auf: &raquo;Du wei&szlig;t,
+da&szlig; ich dich nicht zwingen werde. Ein M&auml;dchen, das
+wie du, eine gesicherte Zukunft hat, ist viel gl&uuml;cklicher,
+wenn sie nicht heiratet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit eurer Zuversicht auf Alixens Zukunft!&laquo; warf
+Onkel Walter &auml;rgerlich dazwischen. &raquo;Die ber&uuml;hmte
+Tante Klotilde kann noch zehn Mal heiraten, oder
+hundert Jahre alt werden, oder ihr Geld den Hottentotten
+vermachen. Wir m&uuml;ssen sie unter die Haube
+bringen, solange sie h&uuml;bsch ist, &mdash; das allein ist eine
+Gew&auml;hr f&uuml;r die Zukunft. Sie darf sich freilich nicht
+mit Flausen den Kopf verdrehen und verzauberte Prinzessin
+spielen, sonst nimmt ein vern&uuml;nftiger Kerl von vorn
+herein Rei&szlig;aus.&laquo;</p>
+
+<p>Hochm&uuml;tig warf ich den Kopf zur&uuml;ck und sagte sp&ouml;ttisch:<a name="Page_247" id="Page_247"></a>
+&raquo;Beruhige dich, lieber Onkel, ich kriege noch zehn f&uuml;r
+einen. Ich werde dir den Kummer nicht antun, eine
+alte Jungfer zur Nichte zu haben.&laquo;</p>
+
+<p>Und nun nahm ich wieder an der Geselligkeit teil, &mdash; nicht
+allein, weil ich ihm beweisen wollte, da&szlig; ich recht
+hatte, sondern auch, weil die Tante mich &auml;rgerte, die &mdash; wie
+ich herausf&uuml;hlte &mdash; aus reinem Egoismus das
+Einsamkeitsbed&uuml;rfnis ihrer Rivalin zu f&ouml;rdern suchte.
+&raquo;La&szlig; sie doch, wenn es ihr kein Vergn&uuml;gen macht, &mdash; wir
+werden auch ohne sie fertig!&laquo; hatte sie erst k&uuml;rzlich
+ihrem Mann zugerufen, als er noch vom Wagen aus
+mich zur Teilnahme an einem Ausflug n&ouml;tigen wollte.
+Au&szlig;erdem &mdash; wer wei&szlig;?! &mdash; konnte der Gralsritter, von
+dem ich doch immer wieder heimlich tr&auml;umte, nicht auch
+hier, am grauen Gestade der Ostsee landen?!</p>
+
+<p>Picknicks und l&auml;ndliche Feste, wo schrecklich viel gegessen,
+noch mehr getrunken und wenig geredet wurde, Jagd- und
+Man&ouml;verdiners und h&auml;uslicher Trubel fingen an,
+mir sogar wieder Spa&szlig; zu machen. Wenn ein paar
+lustige Leutnants, um vom Man&ouml;ver aus Pirgallen zu
+erreichen, meinetwegen ein paar N&auml;chte um die Ohren
+schlugen; wenn abends am Strande von Kranz, dem
+nahen Seebad, wohin wir h&auml;ufig fuhren, prasselndes
+Feuerwerk mir zu Ehren in die Luft stieg; wenn Blicke
+mir folgten, die mehr sagten als schmeichelnde Worte, &mdash; dann
+schl&uuml;rfte ich mit wonnigem Wohlgef&uuml;hl den
+berauschenden Trank der Bewunderung, und die kleinen
+Teufel der Eitelkeit triumphierten &uuml;ber die guten Geister
+im B&uuml;cherschrank von Pirgallen. Aber &raquo;er&laquo; blieb unsichtbar,
+und so war meine Gesellschaftspassion immer
+nur ein Wechselfieber. &raquo;Die Gesellschaft ists gar nicht,
+<a name="Page_248" id="Page_248"></a>die mich am&uuml;siert, sondern die Rolle, die ich in ihr
+spiele,&laquo; schrieb ich an Mathilde, &raquo;denn an sich ist sie
+t&ouml;dlich langweilig und leer &mdash; leer &mdash; leer wie ein ausgeblasenes
+Ei. Damit es was taugt, mu&szlig; ich es erst
+mit meinen Farben bemalen.&laquo;</p>
+
+<p>Ein paar Wochen vor unserer Abreise kam ein Freund
+meines Onkels, Herr von Ollech, Rittmeister bei den
+Gardedragonern, nach Pirgallen. Schon auf den K&ouml;nigsberger
+Rennen hatte ich ihn kennen gelernt, und als
+wir abends zum Souper in gro&szlig;er Gesellschaft, die aus
+lauter Dohnas, Eulenburgs und Lehndorfs bestand,
+zusammen sa&szlig;en, war er der Rettungsring gewesen, an
+den ich mich gehalten hatte, um nicht in dem unvermeidlichen
+Meer kindlicher Spiele unterzugehen. Er war
+eben in Bayreuth gewesen und hatte den Parsifal geh&ouml;rt.
+Das allein h&auml;tte gen&uuml;gt, um ihn mir interessant
+zu machen; sein ernstes musikalisches Verst&auml;ndnis war
+eine weitere starke Anziehungskraft. Ich freute mich,
+da&szlig; er mit uns heimw&auml;rts fuhr.</p>
+
+<p>Abend f&uuml;r Abend sa&szlig; er dann im Halbdunkel des
+gro&szlig;en leeren Saals und entlockte dem alten Klavier
+klagende und jauchzende, z&auml;rtliche und sehns&uuml;chtige T&ouml;ne.
+Die kleinen Amoretten &uuml;ber den T&uuml;ren, auf deren runde
+K&ouml;rperchen das Licht weniger Kerzen einen rosigen Schein
+warf, schienen zu atmen, und die Bl&auml;tter der Linden
+drau&szlig;en bebten im Takt. Ich sa&szlig; vor der offnen T&uuml;re,
+den mondhellen Garten vor mir, und das Zaubernetz
+wogender Rhythmen umspann mir dichter &mdash; immer dichter
+Herz und Sinne. Dankbar hingerissen erwiderte ich den
+Druck der Hand des Spielers, wenn er schlie&szlig;lich zu
+mir heraustrat und mir Gute Nacht bot. Sah ich ihn
+<a name="Page_249" id="Page_249"></a>morgens wieder, den &uuml;berschlanken, gro&szlig;en Mann, mit
+den w&auml;sserigen Augen, der roten Nase und den ergrauenden
+Haaren, h&ouml;rte ich seine rauhe Stimme, sein
+Lachen, das wie tonlos war, so war er mir ein Fremder, &mdash; eine
+Seele voll Wohlklang, die sich auf der Suche
+nach Menschwerdung in den K&ouml;rper eines Dekadenten
+verirrt hatte.</p>
+
+<p>Angstvoll empfand ich, da&szlig; er mich liebte, und sah
+zugleich an der Selbstverst&auml;ndlichkeit, mit der man mich
+mit ihm allein lie&szlig;, was alle erwarteten. Ich f&uuml;rchtete
+die Aussprache &mdash; aber nicht weniger die Trennung.
+Ich k&uuml;rzte den Augenblick des Gutenachtsagens mehr
+und mehr ab; ich wu&szlig;te, da&szlig; ich in seiner Macht war,
+wenn der Zauber seiner Musik mich gefangen genommen
+hatte.</p>
+
+<p>Sein Urlaub ging zu Ende; ich fesselte mein Schwesterchen
+so sehr als m&ouml;glich an mich, um ein Alleinsein zu verhindern.
+Aber eines sch&ouml;nen Morgens lief sie mir davon,
+als wir grade im Begriffe waren, in den Kahn zu steigen.
+Stumm ruderte er mich auf dem schmalen Kanal, der
+sich, von B&auml;umen und B&uuml;schen dicht umstanden, durch
+den Park zog. Schon tanzten gelbe Bl&auml;tter auf seinen
+dunkelgr&uuml;nen Spiegel nieder, w&auml;hrend die Glut des
+Sp&auml;tsommertages wie eingeschlossen unter dem Laubdach
+lag. Ich starrte ins Wasser und spielte mit der Hand
+darin. Ein &raquo;Fr&auml;ulein von Kleve&laquo;, mit rauherer Stimme
+als sonst hervorgesto&szlig;en, lie&szlig; mich zusammenfahren. &raquo;Wollen
+Sie meine Frau werden?&laquo; &mdash; &mdash; Ich antwortete nicht.
+&raquo;Ich bin nicht jung, nicht sch&ouml;n,&laquo; fuhr er nach einer
+Pause leise fort. &raquo;Ich habe Ihnen nichts zu bieten,
+als &mdash;&laquo; er z&ouml;gerte, und eine fl&uuml;chtige R&ouml;te stieg ihm
+<a name="Page_250" id="Page_250"></a>hei&szlig; in die Stirn &mdash; &raquo;meinen Namen, mein Verm&ouml;gen
+und &mdash; meine Liebe.&laquo; Wieder eine lange Pause &mdash; ich
+brachte keinen Ton &uuml;ber die Lippen. Mein Gegen&uuml;ber
+seufzte tief auf. &raquo;Ich will keine rasche Antwort, wenn
+Ihr Herz Sie nicht dazu zwingt. Nur eins sagen Sie
+mir, bitte: lieben Sie einen andern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein!&laquo; entgegnete ich, ihm grade in die Augen
+sehend. Seine Z&uuml;ge leuchteten so hell auf, da&szlig; ich erschrak.
+Er griff nach meiner Hand. &raquo;Dann will ich
+warten, und &mdash; hoffen. Es ist ja so wie so vermessen,
+da&szlig; ein alter Knabe wie ich so viel Jugend und Sch&ouml;nheit
+begehrt. Ich reise morgen fr&uuml;h &mdash; in vier Wochen
+kommen Sie durch Berlin. Ihre verehrte Frau Mutter
+soll mich Ihre Ankunft wissen lassen, wenn &mdash; wenn Sie
+f&uuml;r mich entschieden haben; &mdash; ists recht so?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; war alles, was ich hervorbringen konnte. Wir
+landeten. Als er mir beim Aussteigen die Hand reichte,
+traf mich ein Blick, &mdash; ein Blick so voll Liebe, so voll
+Leid, da&szlig; ich ihm aus lauter Mitgef&uuml;hl fast in die Arme
+gesunken w&auml;re. Abends sa&szlig; er zum letztenmal am Klavier
+und lie&szlig; seinen Phantasien freien Lauf; ich konnte der
+aufsteigenden Tr&auml;nen nicht Herr werden, lief fort und
+verschlo&szlig; mich in mein Zimmer, um es erst zu verlassen,
+als ich am n&auml;chsten Tag den Wagen &uuml;ber den Burghof
+rollen h&ouml;rte.</p>
+
+<p>Es verletzte mich, da&szlig; jedermann um unsere Beziehungen
+zu wissen schien. Ich wurde r&uuml;cksichtsvoll behandelt,
+wie eine Kranke, w&auml;hrend widerstreitende Empfindungen
+mir alle Ruhe raubten. Mu&szlig;te ich wirklich
+mit meinen achtzehn Jahren &uuml;ber solch eine Lebensfrage
+nachdenken wie &uuml;ber ein Rechenexempel? Wenn mein<a name="Page_251" id="Page_251"></a>
+Verstand zehnmal ja gesagt hatte, so warf das Nein
+meiner Sinne all seine Weisheit &uuml;ber den Haufen. Meiner
+Sinne &mdash; nicht meines Herzens. Allzu h&auml;ufig flo&szlig; es von
+Mitleid &uuml;ber, das der Liebe so &auml;hnlich sieht; wenn ich mir
+dann aber vorstellte: der Mann soll dich k&uuml;ssen, soll von dir
+Besitz ergreifen &mdash; k&ouml;rperlich! &mdash;, dann ha&szlig;te ich ihn beinahe.</p>
+
+<p>Wir waren noch in Pirgallen, als ein Telegramm
+meines Vaters eintraf. &raquo;Brigade in Schwerin&laquo; &mdash; nichts
+weiter stand darin. Die Freude war allgemein
+und bei mir am gr&ouml;&szlig;ten; meine Abneigung, nach Brandenburg
+zur&uuml;ckzukehren, beeinflu&szlig;te im Stillen meine
+Entscheidung Ollech gegen&uuml;ber. Die neue Garnison,
+der kleine Hof, die fremde, Neugier und Hoffnung in
+gleicher Weise wachrufende Umgebung gaukelten mir
+lauter lichte Zukunstsbilder vor. Als wir auf dem
+Wege nach Berlin im Zuge sa&szlig;en und meine Mutter die
+Schicksalsfrage stellte: &raquo;Soll ich Ollech benachrichtigen?&laquo;
+bedurfte es keiner &Uuml;berlegung mehr. Ordentlich komisch
+kam mirs vor, da&szlig; ich jemals zwischen &raquo;Ja&laquo; und &raquo;Nein&laquo;
+hatte schwanken k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>W&auml;hrend der &Uuml;bersiedelung der M&ouml;bel blieben wir in
+Berlin. Meine Mutter kannte keine gr&ouml;&szlig;ere Freude, als
+ohne Haushaltungs- und Gesellschaftszwang in der
+Hauptstadt zu sein. W&auml;hrend sie unerm&uuml;dlich von einem
+Museum, einem Theater zum anderen ging, jede Ausstellung
+durchwanderte, die L&auml;den von innen und au&szlig;en
+betrachtete, verschwanden die scharfen Linien um ihren
+Mund und machten dem Ausdruck kindlichen Genie&szlig;ens
+Platz. Sie verga&szlig; dabei sogar ihre Erziehungsgrunds&auml;tze
+und nahm mich in Possen und Operetten mit, die
+sich im Grunde gar nicht &raquo;schickten&laquo;.</p>
+
+<p><a name="Page_252" id="Page_252"></a>Im Oktober kamen wir nach Schwerin. Der erste
+Eindruck war ein deprimierender: ein Bahnhof wie
+in einem abgelegenen Provinznest, dicht daneben eine
+riesige Holzbaracke &mdash; das Interims-Theater &mdash;, enge,
+holprige Stra&szlig;en, kleine H&auml;user mit niedrigen Fenstern,
+Menschen, deren Aussehen einen um Jahre zur&uuml;ckversetzte.
+Aber schon unser neues Heim ver&auml;nderte
+das Bild: eine kleine Villa, dicht am Park, die in fr&ouml;hlichem
+Wei&szlig; zwischen B&auml;umen und B&uuml;schen einladend
+hervorlugte. Und ich hatte zwei Zimmer darin: das
+Schlafst&uuml;bchen, wei&szlig; und blau wie einst, der kleine Salon
+in mattem Gr&uuml;n, &mdash; eine &Uuml;berraschung meines Vaters.
+Gl&uuml;ckselig war ich: zur Arbeit und zum Tr&auml;umen ein
+stiller, abgeschlo&szlig;ner Winkel f&uuml;r mich! Nicht rasch genug
+konnte ich meine B&uuml;cher in die zierlichen Etageren
+r&auml;umen, meinen Schreibtisch mit Bildern schm&uuml;cken.
+Viele verborgene Sch&auml;tze kamen ans Licht, die teils aus
+Mangel an Platz, teils aus Angst vor Mama in Koffern
+und Kisten verborgen gewesen waren. Da waren Makarts
+F&uuml;nf Sinne in gro&szlig;en Photographien, B&ouml;cklins
+Insel der Seligen. Ich hatte mich berauscht an der
+gl&auml;nzenden Sch&ouml;nheit Makartscher Frauengestalten, ich
+hatte die Wirklichkeit vergessen gehabt vor dem dunkelblauen
+Wasser und der leuchtenden Ferne auf B&ouml;cklins
+vielgeschm&auml;htem Bild. Mitten auf meinem Schreibtisch
+prangten sie nun. Eine bunte Gesellschaft, von denen
+jeder einzelne vom anderen weiter entfernt war als B&ouml;cklin
+von Makart, versammelte sich auf meinem B&uuml;cherregal:
+Goethe und Julius Wolff, dessen sentimentale Sinnlichkeit
+mich vor&uuml;bergehend fesselte, Gottfried Keller und
+Felix Dahn, dessen germanische G&ouml;tter- und Helden<a name="Page_253" id="Page_253"></a>geschichten
+meiner alten Neigung begegneten, Scherers
+Geschichte der Deutschen Literatur, die eben erschienen
+war, und die ich eifrig studierte, Webers Welt- und
+L&uuml;bkes Kunstgeschichte und daneben in wirrem Durcheinander
+griechische Klassiker, russische Novellisten, altdeutsche
+Heldenlieder in braunen Reclamb&auml;nden, moderne
+Lyriker in gold&uuml;berladenem Prachtgewand.</p>
+
+<p>Noch sp&auml;t am Abend kramte ich in meinem Zimmer,
+&uuml;berzeugt, da&szlig; niemand mich st&ouml;ren w&uuml;rde, da sich die
+Schlafstuben der Eltern ein Stockwerk h&ouml;her befanden,
+als meine Mutter eintrat. &raquo;Noch nicht zu Bett?!&laquo; rief
+sie und musterte &auml;rgerlich meine Umgebung. Dabei fiel
+ihr Blick auf Bilder und B&uuml;cher. &raquo;Du bildest dir doch
+nicht ein, da&szlig; ich dergleichen dulden werde: diese schamlosen
+nackten Frauenzimmer und dies Bild eines Verr&uuml;ckten?&laquo;</p>
+
+<p>Mir stieg das Blut zu Kopf. &raquo;Das ist mein Zimmer,
+so viel ich wei&szlig;,&laquo; sprudelte ich hervor, meine Worte
+&uuml;berst&uuml;rzend, wie stets, wenn die Erregung mir den Mut
+zur Rede gegeben hatte, &raquo;und ich bin alt genug, meinem
+Geschmack zu folgen. Soll ich vielleicht Thumann aufbauen,
+der Germanen malt wie Salonhelden, und dessen
+Frauen aussehen wie lauter wohl erzogne und gut
+toilettierte Bazardamen? Solche Verlogenheit mag ich
+nicht, &mdash; sie ist schamloser, als nackte Sch&ouml;nheit. Es ist
+mir auch ganz gleichg&uuml;ltig, ob die Leute B&ouml;cklin f&uuml;r
+verr&uuml;ckt halten. Ich finde, es w&auml;re zum davonlaufen in
+der Welt, wenn nicht die paar Verr&uuml;ckten sie noch ertr&auml;glich
+machten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das magst du halten, wie du willst&laquo;, antwortete
+Mama, und nur ihre hei&szlig;en Wangen verrieten ihren Zorn.<a name="Page_254" id="Page_254"></a>
+&raquo;Solange du im Elternhause bist, hast du dich mir zu
+f&uuml;gen, und zwar lediglich in deinem Interesse. Was
+meinst du wohl, was man von dir sagen w&uuml;rde, wenn
+man solche Dinge auf deinem Schreibtisch s&auml;he?!&laquo; Damit
+ging sie hinaus, und ich nahm tief verletzt meine Bilder,
+um sie im Schlafzimmer aufzustellen, &mdash; hier sollte sie mir
+niemand verekeln d&uuml;rfen.</p>
+
+<p>Fr&uuml;h am Morgen weckte mich Papa:</p>
+
+<p>&raquo;Du, Alixchen &mdash; wie w&auml;rs mit einem Ritt? Die
+kleine Braune wartet!&laquo; Mit einem Sprung war ich aus
+dem Bett und in wenigen Minuten in den Kleidern.
+Vergessen hatte ich den &Auml;rger, noch mehr die Vorschrift
+des Arztes. Ein herrlicher Herbsttag war es, mit jenem
+geheimnisvoll blauen Dunst zwischen den B&auml;umen und
+jenem leisen Rieseln und Tanzen goldener Bl&auml;tter darin.
+Durch eine grade Allee ritten wir an beschnittenen Laubeng&auml;ngen
+und verwitterten G&ouml;tterbildern vorbei, vor&uuml;ber
+an einem kleinen Gartenh&auml;uschen, das zwischen welkenden
+Rosen tr&auml;umte, und hinein in den Dom gewaltiger grauer
+Buchenst&auml;mme, durch deren hohe gelbgr&uuml;ne W&ouml;lbung
+nur hie und da ein Sonnenstrahl bis zur Erde drang.
+Wir ritten langsam und sprachen kein Wort, selbst der
+Hufschlag der Pferde klang ged&auml;mpft, als ob sie auf
+tiefen Teppichen gingen. Pl&ouml;tzlich, wo der Weg sich j&auml;h
+zur Seite wandte, empfing uns ein blendender Strom
+flimmernden Lichts: Vergi&szlig;meinnichtblau dehnte sich der
+See bis zum nebelgrauen Horizont, und aus ihm empor
+stieg mit T&uuml;rmen und Zinnen, Erkern und Balkonen,
+funkelnd und blitzend im hellsten Morgenglanz, ein
+M&auml;rchenschlo&szlig;.</p>
+
+<p>Uns heimw&auml;rts wendend, verfolgten wir die Uferstra&szlig;e
+<a name="Page_255" id="Page_255"></a>bis zur Stadt. Das Wasser, die feierlich breite Br&uuml;cke
+dar&uuml;ber; ein &ouml;der, sandiger Platz trennte sie vom Palast
+des Herrschers. Dem&uuml;tig und zusammengeduckt, in n&uuml;chternem
+Werktagskleid, scheu und anbetend, aus kleinen
+Fenstern hin&uuml;berblinzelnd, lag sie zu seinen F&uuml;&szlig;en.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist Mecklenburg!&laquo; sagte mein Vater.</p>
+
+<p>Die ersten Wochen in Schwerin waren ausgef&uuml;llt mit
+offiziellen Besuchen und Gegenbesuchen, die f&uuml;r mich
+lauter Entt&auml;uschungen waren. Die Menschen entsprachen
+der Stadt, ob es nun Hofmarsch&auml;lle, Minister oder
+Kammerherrn und Leutnants waren. Das Resultat
+&raquo;guter&laquo; Erziehung sprang in die Augen: vollkommene
+Gleichartigkeit des Wesens, der Ansichten, der Bildung;
+unersch&uuml;tterlicher Gleichmut, selbstverst&auml;ndliche Kirchlichkeit &mdash; eine
+Vornehmheit, die, in ihrem Abscheu vor jeder
+Extravaganz, &auml;u&szlig;erlich und innerlich vollkommen farblos
+machte. Und die Frauen! Glatt gescheitelt, streng und
+k&uuml;hl die Verheirateten; eine Schar alternder M&auml;dchen &mdash; das
+Kennzeichen jeder kleinen Residenz &mdash; mit dem
+bitteren Zug entt&auml;uschter Erwartungen um blutleere
+Lippen; wenige junge, und auch die sich zu vorschriftsm&auml;&szlig;igem
+Gleichma&szlig; zwingend. Der Hoftrauer wegen &mdash; im
+Fr&uuml;hjahr war der alte, sehr geliebte Gro&szlig;herzog
+gestorben, sein kr&auml;nklicher Nachfolger war noch im S&uuml;den &mdash; gab
+es keine gro&szlig;en Gesellschaften, dagegen zahllose
+Nachmittagstees von g&auml;hnender Langerweile und steife
+Abendgesellschaften, die ihnen nichts nachgaben. Kleine
+Diners bei der alten Gro&szlig;herzogin-Mutter, der Schwester
+Kaiser Wilhelms, bildeten eine wohlt&auml;tige Ausnahme.
+Die originelle alte Dame liebte die Jugend und war,
+bei allem strengen Urteil &uuml;ber Manieren, die ihr nicht
+<a name="Page_256" id="Page_256"></a>vollkommen schienen, ihr gegen&uuml;ber nachsichtig und freundlich,
+dabei voll sarkastischen Witzes. In ihrem kleinen
+&raquo;Palais&laquo;, einem bauf&auml;lligen H&auml;uschen, das sie zu
+verlassen sich standhaft weigerte, klang an einem Nachmittag
+oft mehr frohes Lachen, als an zehn geselligen
+Abenden bei den &uuml;brigen W&uuml;rdentr&auml;gern der Stadt.
+Was den Verkehr noch besonders erschwerte, war die
+Abneigung der eingesessenen Mecklenburger Familien
+gegen die Preu&szlig;en und die strenge Scheidung der Gesellschaft
+nach der Herkunft. Nur der Adel war hoff&auml;hig;
+m&uuml;hsam hatte Preu&szlig;en es durchgesetzt, da&szlig; wenigstens
+der Offizier, auch wenn er unadlig war, empfangen
+wurde. Seine Frau jedoch empfing man nicht, die nicht
+adlig geborene Frau eines Adligen ebensowenig.</p>
+
+<p>Die Rolle der duldenden Teilnehmerin in der &Ouml;de
+dieser Gesellschaft hielt ich nicht lange aus. Mich ganz
+zur&uuml;ckziehen, was ich am liebsten getan h&auml;tte, war bei der
+Stellung meines Vaters, mit der die Verpflichtung, &raquo;ein
+Haus auszumachen&laquo;, unweigerlich verbunden war, nur
+soweit m&ouml;glich, als die R&uuml;cksicht auf meine Gesundheit
+es verlangte. Getanzt aber wurde nicht, also blieb mir
+kein Vorwand; nur hie und da, wenn ich in ein Buch
+besonders vertieft war, oder eine Phantasie unbedingt zu
+Papier bringen mu&szlig;te, sch&uuml;tzte ich Schmerzen vor, legte
+mich zu Bett, und stand, im k&ouml;stlichen Besitz ungest&ouml;rter
+Freiheit, wieder auf, sobald die Eltern das Haus verlassen
+hatten.</p>
+
+<p>Dann kamen sie, die holden Gestalten meiner Tr&auml;ume,
+und viele blaue Hefte f&uuml;llten sich allm&auml;hlich mit Gedichten
+und Betrachtungen, M&auml;rchen und Geschichten.</p>
+
+<p>Ging ich aus, so setzte ich alle Hebel in Bewegung,
+<a name="Page_257" id="Page_257"></a>um der Langenweile Herr zu werden. Zum Kampf gegen
+sie zettelte ich unter meinen wenigen Altersgenossinnen eine
+f&ouml;rmliche Verschw&ouml;rung an: wir &raquo;schnitten&laquo; die Alten und
+Gr&auml;mlichen, wir protestierten durch die Tat gegen die
+Gewohnheit der Trennung der Geschlechter, sobald das
+Essen vor&uuml;ber war, wir spielten Theater und stellten
+lebende Bilder, wozu ich die verbindenden Texte zu
+dichten pflegte. Und unsere Jugend siegte allm&auml;hlich;
+meine geselligen K&uuml;nste fanden Anerkennung, und ich
+mu&szlig;te sie &uuml;berall gl&auml;nzen lassen. Aber solche Erfolge
+gen&uuml;gten mir nicht. Ich &raquo;suchte Menschen&laquo; &mdash; verlangender
+und sehns&uuml;chtiger denn je &mdash;, und wenn ich mich
+scheinbar am besten am&uuml;siert hatte, kam ich oft heim, um
+verzweifelt in mein Bett zu schluchzen.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast das beste Leben von der Welt. Warum
+bist du nicht zufrieden?&laquo; schrieb mir meine Kusine, die
+kurze Zeit bei uns gewesen war und meine Zerfahrenheit
+nicht begriff.</p>
+
+<p>Ich antwortete ihr:</p>
+
+<p>&raquo;Du sagst, und zwar mit dem Ton moralischen Vorwurfs,
+da&szlig; ich nur darum die hiesige Gesellschaft so abf&auml;llig
+beurteile, weil ich noch niemanden fand, der mich
+pers&ouml;nlich interessiert. Das ist doch selbstverst&auml;ndlich!</p>
+
+<p>Oder gehst du der vielen Gleichg&uuml;ltigen wegen in Gesellschaft,
+die sich nach deinem Befinden erkundigen, obwohl
+es ihnen ganz einerlei ist, wie du dich befindest,
+die die kostbare Zeit mit Geschw&auml;tz totschlagen, von dem
+du absolut gar keine Anregung empf&auml;ngst, die ein verbindliches
+&#8250;Auf Wiedersehen&#8249; fl&ouml;ten und schon am n&auml;chsten
+Tag an deiner Leiche gleichg&uuml;ltig vor&uuml;bergehen w&uuml;rden?!
+Aber du treibst deinen Vorwurf noch weiter und sagst ent<a name="Page_258" id="Page_258"></a>r&uuml;stet,
+ich w&auml;re wieder einmal reif, mein Herz wegzuwerfen.
+Ich gebe das ohne weiteres zu: findet mein
+Geist kein Interesse, so mu&szlig; das Herz daran glauben.
+Hier im heiligen Mecklenburg ist kein Mensch, den
+ich nicht schon ausgepre&szlig;t h&auml;tte wie eine Zitrone, und
+der nicht immer sauer geblieben w&auml;re wie sie. Nun
+gilts, ihm das Zuckerwasser der Verliebtheit beizumengen,
+um ihn &uuml;berhaupt genie&szlig;bar zu machen. Deine Moralpauke
+schlie&szlig;t mit den Worten: nicht wieder &#8250;str&auml;flich&#8249;
+mit dem Feuer zu spielen. Sei beruhigt: ich bin
+grade auf das intensivste mit dem Sch&uuml;ren der Flamme
+besch&auml;ftigt. Und<em class="spaced"> wie</em> sie brennt!! &#8250;Er&#8249; ist h&uuml;bsch,
+elegant, leichtsinnig, oberfl&auml;chlich, &mdash; kurz, ganz was ich
+brauche! &#8250;Er&#8249; ist L&ouml;we, Herzensbrecher, &mdash; kurz, ein
+Holz, aus dem ich mit Vergn&uuml;gen meine Ritter schnitze!
+Du hast nat&uuml;rlich wieder Mitleid mit ihm, wie mit
+Vetter Fritz, mit Fredy usw.<em class="spaced"> Warum hat denn niemand
+Mitleid mit mir?!</em> Oder ist es nicht vielleicht
+mitleidsw&uuml;rdig, da&szlig; ich mein hei&szlig;es Herzblut tropfenweise
+mit dem Allerweltsleitungswasser des Flirts verd&uuml;nne?!
+Ich lechze nach Licht, flammendem Geisteslicht, selbst wenn
+ich bei seinem Anblick erblinden sollte, und nach einer
+Leidenschaft, an der ich mich verzehren kann.&laquo;</p>
+
+<p>Es kamen Stunden, in denen mein pochendes Herzblut
+mich in wild aufwallende Gef&uuml;hle verstrickte. Dann
+flatterte es mir vor den Augen in tausend Fl&auml;mmchen,
+hei&szlig;e Schauer liefen mir &uuml;ber den R&uuml;cken, und feuriger
+begegnete mein Blick dem des Mannes, der grade neben
+mir &uuml;ber die spiegelnde Eisfl&auml;che glitt oder beim
+Diner klingend sein Sektglas an das meine stie&szlig;. Ich
+galt f&uuml;r kokett; die jungen M&auml;dchen zogen sich von
+<a name="Page_259" id="Page_259"></a>mir zur&uuml;ck; ich hatte immer eine Korona von Kavalieren
+um mich.</p>
+
+<p>In grausamer Selbstzerfleischung schrieb ich in eines
+meiner blauen Hefte:</p>
+
+<p>&raquo;Irgendein unheimliches, wildes Tier haust in meinem
+Innern. Es zerrei&szlig;t die festesten Eisenketten. Es treibt
+mich seit meiner Kindheit von Leidenschaft zu Leidenschaft.
+Wie erb&auml;rmlich, sich erheben zu wollen &uuml;ber die
+M&auml;dchen der Stra&szlig;e. W&auml;ren wir nicht so gut erzogen,
+und wohl geh&uuml;tet, wie viele von uns gingen denselben
+Weg wie sie!&laquo; Und an anderer Stelle hei&szlig;t es: &raquo;O
+&uuml;ber das trostreiche Verweisen auf h&auml;usliche Pflichten!
+Als ob ich sie nicht alle erf&uuml;llte, ohne die geringste Befriedigung
+zu sp&uuml;ren! Staub wischen, H&uuml;te garnieren,
+Deckchen sticken, Str&uuml;mpfe stopfen, &mdash; soll das das Herz
+beruhigen, den Geist ausf&uuml;llen?! Es ist nichts als eine
+tugendhafte Bem&auml;ntelung des Zeittotschlagens. Meine
+Lebenskr&auml;fte schreien nach Bet&auml;tigung. Ich m&ouml;chte etwas
+erleben, das keine Nervenfaser unber&uuml;hrt, kein &Auml;derchen
+ohne Glut l&auml;&szlig;t, etwas leisten, das Wunden kostet ...&laquo;</p>
+
+<p>Einmal &mdash; ich sa&szlig; grade am Bett meines kranken
+Schwesterchens und baute ihr aus Goldpapier ein &raquo;Walhall&laquo;
+auf, dessen g&ouml;ttliche Bewohner aus Perlen und
+bunten Kn&ouml;pfen bestanden &mdash; lie&szlig; mich Papa zu sich
+herunter rufen. Herr von Landsberg, der Hoftheater-Intendant,
+war bei ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe eine Bitte an Sie, mein gn&auml;digstes Fr&auml;ulein,&laquo;
+wandte er sich an mich. &raquo;Wir wollen nach beendeter
+Trauer den Geburtstag des Gro&szlig;herzogs durch
+eine Festvorstellung feiern. Uns fehlt ein einleitender
+Prolog. D&uuml;rfen wir daf&uuml;r auf Ihre Mitarbeit rechnen?&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_260" id="Page_260"></a>Mir klopfte das Herz vor Freude: Ich sollte f&uuml;r die
+B&uuml;hne dichten! Sollte von einem gro&szlig;en Publikum geh&ouml;rt
+werden! Trotzdem kamen mir Bedenken:</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne den Gro&szlig;herzog nicht. Und ihn anhimmeln,
+blo&szlig; weil er der Gro&szlig;herzog ist, &mdash; das widerstrebt mir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Niemand verlangt das von Ihnen. Das rein Menschliche,
+da&szlig; er krank, fern seinem Lande im S&uuml;den ist, da&szlig;
+seine Abwesenheit schwer auf Handel und Wandel, Leben
+und Geselligkeit dr&uuml;ckt, da&szlig; wir ihm und uns seine Genesung
+w&uuml;nschen, gibt, scheint mir, Anregung genug zu
+dichterischer Gestaltung!&laquo; Mir leuchtete ein, was er
+sagte; die Gelegenheit, zum erstenmal &ouml;ffentlich hervorzutreten,
+war auch viel zu verlockend, als da&szlig; mein
+Widerstand sich h&auml;tte aufrecht erhalten lassen.</p>
+
+<p>Ich schrieb in schwungvollen Versen irgend etwas,
+das von den Seen und W&auml;ldern Mecklenburgs, von
+den guten heimischen G&ouml;ttern und dem tr&uuml;gerischen
+Zauber des S&uuml;dens mehr enthielt als von dem Landesf&uuml;rsten,
+den es feiern sollte. Da man ihn seiner, wie
+man glaubte, unn&ouml;tig langen Abwesenheit wegen nicht
+allzu hoch sch&auml;tzte, so entsprach meine Dichtung den
+Intentionen der Auftraggeber. Bei Landsbergs, in kleinem
+Kreise, las ich sie vor und erntete von den anwesenden
+Schauspielern einen ger&auml;uschvollen Beifall, der um so
+gr&ouml;&szlig;eren Eindruck auf mich machte, als ich noch nicht
+wu&szlig;te, da&szlig; es bei ihnen ebenso &uuml;blich ist, den Gef&uuml;hlen
+&uuml;bertrieben lauten Ausdruck zu geben, wie es bei
+uns guter Ton ist, sie bis auf ein Mindestma&szlig; zu
+unterdr&uuml;cken.</p>
+
+<p>Hier, &mdash; das schien der eine Augenblick mir zu enth&uuml;llen &mdash;,
+fand ich die Menschen, die mich verstanden,
+<a name="Page_261" id="Page_261"></a>denen die Kunst Lebensinhalt war. Ich nahm an den
+Proben teil und wurde allm&auml;hlich ein immer h&auml;ufigerer
+Gast im Hause des Intendanten. Seine geistvolle, liebend
+w&uuml;rdige Frau verh&auml;tschelte mich; er selber &mdash; wie selten
+war mir das begegnet! &mdash; nahm mich ernst und gab mir
+derlei gute Ratschl&auml;ge, um mein Talent zu f&ouml;rdern. Die
+Hauptanziehungskraft aber war mir Lisbeth Karstens,
+die junge, reizende Schauspielerin, die meinen Prolog
+sprechen sollte. Aus Begeisterung f&uuml;r die Kunst hatte
+sie das warme Nest ihres Elternhauses verlassen und
+war allein und mittellos in die Fremde gegangen. Not,
+Gemeinheit und Verkennung hatten sich ihr in den Weg
+gestellt, &mdash; ihr Enthusiasmus war st&auml;rker gewesen als
+alles. Landsberg, der es wie wenige verstand, Begabungen
+zu entdecken und die h&auml;&szlig;liche Bretterbude am Bahnhof
+infolgedessen &uuml;ber viele kostbare Theater Deutschlands
+erhob, hatte sie erst k&uuml;rzlich engagiert. Sie war ein
+ausgezeichnetes &raquo;Gretchen&laquo;, eine r&uuml;hrende &raquo;Ophelia&laquo;,
+ein hinrei&szlig;endes &raquo;K&auml;thchen von Heilbronn&laquo;, und selbst
+der blutleeren &raquo;Thekla&laquo; verhalf sie zu lieblichem Leben<ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es ','">.</ins>
+Mein Prolog, von ihr gesprochen, erschien mir wirklich
+wie ein Kunstwerk. Aber, ach, wieviel Tr&auml;nen vergo&szlig;
+ich seinetwegen!</p>
+
+<p>Mit aufrichtigem Beifall hatte mein Vater ihn beurteilt;
+es schmeichelte seiner Eitelkeit, seine Tochter anerkannt
+zu sehen, aber seine hochm&uuml;tige Mi&szlig;achtung des
+Publikums war zu gro&szlig;, als da&szlig; er ihm ein Urteil &uuml;ber
+mich h&auml;tte gestatten k&ouml;nnen. Mein Name durfte nicht
+genannt werden. Ich suchte vergebens, ihn umzustimmen.</p>
+
+<p>&raquo;Damit unser guter Name durch die schmutzigen M&auml;uler
+aller Menschen gezogen wird?!&laquo; herrschte er mich an,<a name="Page_262" id="Page_262"></a>
+&raquo;und jeder Federfuchser sich erlauben kann, dich herunterzurei&szlig;en?!&laquo;
+Als der gro&szlig;e Abend hereinbrach,
+fl&uuml;sterte man sich meinen Namen nur unter dem Siegel
+der Verschwiegenheit zu. Der Beifall aber, der das
+Theater durchbrauste, klang wie eine Fanfare bis ins
+Innerste meiner Seele, und alte Kindertr&auml;ume wachten
+auf, und junger Ehrgeiz breitete seine Fl&uuml;gel aus, um
+mich weit in die Zukunft zu tragen, &mdash; dahin, wo der
+Ruhm auf ehernen St&uuml;hlen thront und immergr&uuml;ner
+Lorbeer im Glanze der nie untergehenden Sonne eichenstark
+gen Himmel w&auml;chst.</p>
+
+<p>Seitdem hatte ich keine Ruhe mehr. Oft trieb michs
+des Nachts aus dem Bett an den Schreibtisch. Mit
+Lisbeth Karstens verband mich eine immer innigere
+Freundschaft. Sie war meine Vertraute, eine geduldige,
+leicht begeisterte, fast immer kritiklose Zuh&ouml;rerin meiner
+Dichtungen. Im Theater, das ich fast t&auml;glich besuchte,
+denn in der Loge des Intendanten war Platz f&uuml;r mich,
+sobald meine Eltern mich nicht begleiteten, fand ich immer
+neue Anregung, der K&uuml;nstlerkreis im Landsbergschen
+Haus, der f&uuml;r nichts Sinn hatte als f&uuml;r das Theater,
+fachte die Glut meines Innern zur Fieberhitze an. Noch
+waren es Nebelgestalten, die ich sah und nicht zu fassen
+vermochte. Sie nahmen festere Formen an, wenn der
+alte Wagnerf&auml;nger Hill am Fl&uuml;gel stand und seine
+machtvolle Stimme den Raum erf&uuml;llte; wenn Alois
+Schmitt &mdash; einer der k&uuml;nstlerischsten Menschen, die ich
+kannte &mdash; am Dirigentenpult sa&szlig; und sein geschultes
+Orchester die Fidelio-Ouvert&uuml;re intonierte; und sie
+wurden mir sichtbar, wie Geistererscheinungen, wenn ich
+einsam durch den Wald ritt und droben auf dem G&ouml;tter<a name="Page_263" id="Page_263"></a>h&uuml;gel
+fern der Stadt, wo vor Jahrhunderten Walvaters
+Opferstein rauchte, die rauschenden Buchen miteinander
+fl&uuml;sterten.</p>
+
+<p>Es war Sigrun, K&ouml;nig H&ouml;gnis Tochter, die ich sah, &mdash; Sigrun,
+die Schildjungfrau, die in hei&szlig;em Freiheitsdrang
+und starker Liebe den Todfeind ihres Vaters, Helgi,
+den Hundingst&ouml;ter, vor seinen M&ouml;rdern sch&uuml;tzte und
+sich ihm als Gattin verband, &mdash; Sigrun, die Treueste
+der Treuen, und die geliebteste, um deretwillen Helgi
+Walhalls Wonnen verschm&auml;hte. Zu einem Drama wollt'
+ich ihre Geschichte gestalten; der Konflikt zwischen kindlichem
+Gehorsam und Mannesliebe war sein Mittelpunkt,
+seine L&ouml;sung der freiwillige Tod der Heldin.</p>
+
+<p>Meist schrieb ich des Nachts. Am Tage f&uuml;rchtete ich
+zu sehr die St&ouml;rung, die mich aus allen meinen Himmeln
+ri&szlig;. Die Friseuse, die Schneiderin, die W&auml;sche, die
+Besuche, &mdash; nichts durft ich vers&auml;umen. &raquo;W&auml;re ich ein
+Mann, es w&uuml;rde dir nicht einfallen, mich von der Arbeit
+abzurufen!&laquo; rief ich bei solcher Gelegenheit einmal verzweifelt
+Mama entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig; nicht!&laquo; antwortete sie mit herbem L&auml;cheln,
+&raquo;da du aber ein Weib bist, mu&szlig;t du fr&uuml;hzeitig lernen,
+da&szlig; wir nie uns selbst geh&ouml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>Tante Klotilde fiel mir ein, die mir vor Jahren etwas
+&auml;hnliches gesagt hatte, und Groll gegen mein Schicksal
+erf&uuml;llte mich.</p>
+
+<p>Mit dem Fortschritt der Arbeit wurde meine Stimmung
+immer tr&uuml;ber. Ich f&uuml;hlte, da&szlig; ich meinem Werk den
+ganzen Gluthauch des Lebens, den ich dunkel empfand,
+nicht einzufl&ouml;&szlig;en vermochte. Der guten Lisbeth Beifall
+machte mich stutzig, nachdem ich erfuhr, wie wahllos sie
+<a name="Page_264" id="Page_264"></a>f&uuml;r alles schw&auml;rmte; der laute Ton des K&uuml;nstlerv&ouml;lkchens
+bei Landsbergs, der mir fr&uuml;her ersehnte Offenbarung
+nat&uuml;rlichen F&uuml;hlens gewesen war, tat mir weh, je mehr
+ich die falsche Note h&ouml;rte. Das Tiefste versteckten schlie&szlig;lich
+alle: wir durch schweigende Zur&uuml;ckhaltung, sie durch l&auml;rmende
+Heiterkeit. Ich zeigte Landsberg einige Szenen
+meines Werks, die mir am besten gelungen schienen.
+&raquo;Bringen Sies mir, wenn es vollendet ist, vielleicht l&auml;&szlig;t es
+sich auff&uuml;hren,&laquo; sagte er nach der Lekt&uuml;re, &mdash; nichts weiter.
+W&auml;re es das Au&szlig;erordentliche gewesen, das ich hatte
+schaffen wollen, er h&auml;tte sicherlich anders gesprochen!</p>
+
+<p>Ich hielt mich streng an klassische Vorbilder und
+&uuml;bertrug das urspr&uuml;nglich in Prosa oder in freien
+Rhythmen Geschriebene in f&uuml;nff&uuml;&szlig;ige Jamben. Alle
+W&auml;rme, alle Kraft ging dabei verloren. Je mehr ich
+umarbeitete, feilte, mit der Form und der Technik
+k&auml;mpfte, desto n&uuml;chterner und fremder sah mich meine
+eigene Arbeit an. Und schlie&szlig;lich kam ein Tag, an dem
+ich verzweifelt vor den vollgeschriebenen Bl&auml;ttern sa&szlig;,
+und wu&szlig;te, da&szlig; ich meiner Aufgabe nicht gewachsen
+war. Wie ein steuerloses Schiff auf brandendem Meere
+war ich wieder; eine Fata Morgana waren meine Hoffnungen
+gewesen; das Leben sah mich an, eine leere,
+dunkle, feuchtkalte H&ouml;hle, die von den Fackeln meiner
+Tr&auml;ume noch eben in magischem Zauber geleuchtet
+hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Ganz oder gar nicht,&laquo; &mdash; das war mir allm&auml;hlich
+zum Wahlspruch geworden. So verurteilte ich denn fast
+alles, was ich seit meiner Kindheit geschrieben hatte,
+zum Feuertode, verschn&uuml;rte und versiegelte das &Uuml;briggebliebene &mdash; darunter
+auch mein verungl&uuml;cktes j&uuml;ngstes<a name="Page_265" id="Page_265"></a>
+Werk &mdash; und warf den Schl&uuml;ssel der kleinen Truhe,
+in der ich es verwahrte, zum Fenster hinaus.</p>
+
+<p>Und nun &uuml;berfiel mich ein Heimweh nach den Bergen,
+so stark, so un&uuml;berwindlich, als w&auml;re ich dort zu Hause
+und &uuml;berall sonst in der Fremde. Auf meine Bitte, zu
+ihr ins Rosenhaus kommen zu d&uuml;rfen, antwortete Tante
+Klotilde umgehend, da&szlig; sie zwar noch nicht dort sei, die
+alte Kathrin aber alles zu ihrer Ankunft vorbereite und
+ich sie mit ihr dort erwarten m&ouml;ge. Ehe ich ging, zog
+ich meinem Schwesterchen noch zwei Puppen an, &mdash; Helgi
+und Sigrun. Sie liebte sie z&auml;rtlich, und noch
+Jahre nachher lachten mir ihre starren Porzelangesichter
+entgegen, als h&ouml;hnten sie meiner, die ich lebendige
+Menschen hatte schaffen wollen.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_266" id="Page_266"></a></p>
+<h2><a name="Zehntes_Kapitel" id="Zehntes_Kapitel"></a>Zehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Allein in Grainau! &mdash; Noch lag der Schnee
+bis zum Tal hinunter, und die Sonne stand
+noch nicht hoch genug am Himmel, um mehr
+als ein paar Stunden am Tage das D&ouml;rflein wieder
+zu gr&uuml;&szlig;en, vor dem sie sich im Winter monatelang hinter
+den steilen W&auml;nden des Waxensteins versteckte. Nur im
+Rosensee spiegelte sie schon l&auml;nger ihr strahlendes Antlitz,
+als wollte sie sich &uuml;berzeugen, ob sie w&uuml;rdig des
+kommenden Fr&uuml;hlings w&auml;re. Der ri&szlig; hie und da keck
+an der grauen Wolkendecke und guckte mit seinem hellen
+blauen Himmelsauge neugierig auf die arme, kahle Erde
+herunter. Seltsam, wie wohl mir war, kaum da&szlig; die
+Loisach, voll und gelb von Schneewasser, mich l&auml;rmend,
+wie ein &uuml;berm&uuml;tiger Bub, willkommen hie&szlig;. Mich st&ouml;rten
+der Regen nicht und der Sturm, die mir k&uuml;hlend um
+Stirn und Wangen strichen; in den Lodenmantel gewickelt,
+ging ich all die vertrauten Wege, und niemand zankte
+mich, wenn ich zerzaust und beschmutzt nach Hause kam,
+oder gar die Mahlzeit vers&auml;umte. Die gute Kathrin
+sch&uuml;ttelte nur nachsichtig l&auml;chelnd den Kopf, streichelte
+mir mit einem z&auml;rtlichen: &raquo;Ach die liebe Jugend&laquo; die
+hei&szlig;en Wangen und lie&szlig; es sich nicht nehmen, mir die
+<a name="Page_267" id="Page_267"></a>gew&auml;rmten Str&uuml;mpfe und Schuhe selbst &uuml;ber die F&uuml;&szlig;e
+zu ziehen.</p>
+
+<p>War das eine Wonne, allein zu sein! &Uuml;ber mein
+Tun und Lassen selbst&auml;ndig zu entscheiden! Ein Schmetterling,
+der aus dem Puppenpanzer kriecht, konnte nicht
+froher sein als ich! Pl&ouml;tzlich &mdash; ich sa&szlig; grade unter
+tropfenden B&auml;umen auf der nassen Bank, die der Sepp
+mir gezimmert hatte &mdash; fielen mir meine achtzehn Jahre
+ein; &mdash; Himmel, war ich jung! Ganz &uuml;berw&auml;ltigt von
+dieser Erkenntnis, lief ich in gro&szlig;en Spr&uuml;ngen den Berg
+hinab und konnte mich vor Lachen nicht fassen, als ich
+der L&auml;nge nach im Moose lag.</p>
+
+<p>Tante Klotilde verschob ihre Ankunft von einer Woche
+zur andern. Wenn sie den Schnupfen hatte und das
+Wetter schlecht war, zitterte sie um ihre Stimme, und
+vor der R&uuml;cksicht auf deren Gef&auml;hrdung mu&szlig;te alles
+andere zur&uuml;ckstehen. Sie schickte mir ermahnende Briefe,
+in denen sie genau vorschrieb, wie weit ich allein gehen
+d&uuml;rfe &mdash; eine Viertelstunde im Umkreis wars h&ouml;chstens &mdash;,
+und sch&auml;rfte der Kathrin ein, gut auf mich aufzupassen.</p>
+
+<p>Indessen kam der Fr&uuml;hling, und die B&auml;ume steckten
+ihm zu Ehren ihre ersten gr&uuml;nen Bl&auml;tterf&auml;hnchen aus.
+Ich sa&szlig; schon stundenlang auf der Veranda in Tantens
+Schaukelstuhl &mdash; ohne Handarbeit, ohne Buch &mdash; und
+sonnte mich. Au&szlig;er mir und der Kathrin waren nur der
+alte G&auml;rtner und sein uralter Pudel im Haus, der im
+Stoizismus seines Greisentums das Bellen sogar schon
+aufgegeben hatte. Es war daher m&auml;uschenstill bei uns.
+Um so mehr erstaunte ich, als eine kr&auml;ftige M&auml;nnerstimme
+eines Morgens an mein Ohr schlug.</p>
+<p><a name="Page_268" id="Page_268"></a></p>
+<p>&raquo;Machen Sie mir doch nichts wei&szlig;,&laquo; rief sie, &raquo;ich
+hab doch meine Augen im Kopf, &mdash; und wette zehn
+gegen eins: das Rosenhaus ist bewohnt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wahr und wahrhaftig, Durchlaucht, die Frau
+Baronin sind noch nicht hier!&laquo; greinte die Kathrin. Ein
+helles Gel&auml;chter war die Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Da k&ouml;nnten Sie am Ende recht haben &mdash; aber in
+der ganzen Welt gibt es nur einen so schwarzen Lockenkopf,
+wie der Alix ihrer, und den sah ich vom Ufer
+dr&uuml;ben. Gespenster sind nicht so h&uuml;bsch.&laquo;</p>
+
+<p>Hellmut wars! Ich lief hinaus und streckte ihm beide
+H&auml;nde entgegen. Die paar Jahre seit unserem letzten
+Zusammensein waren wie ausgewischt, und erst als ich
+sah, da&szlig; ein hochgewachsener Mann mit gebr&auml;untem
+Gesicht und keckem Schnurrb&auml;rtchen &uuml;ber den vollen Lippen
+vor mir stand, err&ouml;tete ich unwillk&uuml;rlich.</p>
+
+<p>&raquo;Wollen &mdash; Sie nicht n&auml;her treten!&laquo; sagte ich z&ouml;gernd.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Alix &mdash; &#8250;Sie!&#8249; Wir sind doch alte Freunde,&laquo;
+damit fa&szlig;te er meine Hand mit kr&auml;ftigem Druck und
+ging mit mir an den eben verlassenen Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch,
+w&auml;hrend Kathrin uns ganz bla&szlig; und geistesabwesend
+nachstarrte.</p>
+
+<p>Das Ungew&ouml;hnliche der Situation machte uns verlegen.
+Schweigend holte ich eine Tasse aus dem Schrank
+und go&szlig; ihm Tee ein, w&auml;hrend ich f&uuml;hlte, wie sein Blick
+auf mir ruhte.</p>
+
+<p>&raquo;Wie sch&ouml;n bist du geworden!&laquo; &mdash; fl&uuml;sterte er wie zu
+sich selbst. In dem Augenblick trat die Kathrin herein und
+rumorte mit eifriger Gesch&auml;ftigkeit im Zimmer. Das
+zwang uns zur Konversation, die, zuerst steif und gezwungen,
+allm&auml;hlich immer nat&uuml;rlicher wurde. Nach
+<a name="Page_269" id="Page_269"></a>dem Wie und Warum unseres Hierseins frugen wir einander,
+und ich erfuhr, da&szlig; ihn auf dem Wege nach
+Oberitalien in M&uuml;nchen pl&ouml;tzlich die Lust gepackt habe,
+die Berge von Garmisch wieder zu sehen. &raquo;Unserem
+Verwalter in Partenkirchen kam ich nicht gerade gelegen,&laquo;
+lachte er, &raquo;der hatte Gesellschaft in Mamas
+Salon, als ich eintrat. Ich habe ihm unter der Bedingung
+gn&auml;dig verziehen, da&szlig; er &uuml;ber meine Anwesenheit
+gegen jeden den Mund halten soll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann sind wir beide inkognito,&laquo; rief ich fr&ouml;hlich,
+&raquo;die Tante findet n&auml;mlich im Grunde mein Alleinsein
+so kompromittierend, da&szlig; ich versprechen mu&szlig;te, mich in
+Garmisch nicht sehen zu lassen.&laquo;</p>
+
+<p>Bis gegen Mittag blieb er. Der guten Kathrin
+warnende Blicke, die ich zuweilen auffing, nahmen mir
+den Mut, ihn zu Tisch einzuladen. Am n&auml;chsten Morgen
+aber, vor seiner Weiterreise, versprach er, mir eine
+&raquo;feierliche Abschiedsvisite&laquo; zu machen.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn das die Frau Baronin w&uuml;&szlig;te!&laquo; sagte die
+Kathrin seufzend, als er weg war.</p>
+
+<p>Es regnete in Str&ouml;men, als ich am folgenden Tage
+erwachte &raquo;Nun kommt er sicher nicht,&laquo; war mein erster
+Gedanke, und mi&szlig;mutig zog ich die Decke wieder &uuml;ber
+die Schultern. Aber eine leise Hoffnung tauchte gleich
+darnach auf und zwang mich, statt des allt&auml;glichen
+Lodenrocks ein h&uuml;bsches, helles Hauskleid aus dem
+Schrank zu holen. Kaum sa&szlig; ich am summenden Teekessel,
+als ich drau&szlig;en sein fr&ouml;hliches &raquo;Gr&uuml;&szlig; Gott,
+Fr&auml;ulein Kathrin&laquo; h&ouml;rte. &raquo;Na&szlig; bin ich wie 'ne Katze,
+aber pudelwohl, &mdash; Sie sehen, die Viecher vertragen sich
+auch im Menschen,&laquo; f&uuml;gte er hinzu, und selbst die wohl<a name="Page_270" id="Page_270"></a>erzogene
+Dienerin erlaubte sich, zu lachen. Sie lie&szlig;
+uns sogar allein &mdash; es war ja das letztemal, mochte sie
+sich zur eigenen Beruhigung sagen.</p>
+
+<p>Wie war es behaglich im Zimmer, w&auml;hrend drau&szlig;en
+der Regen an den Fenstern niedertroff! Wir fr&uuml;hst&uuml;ckten
+und plauderten miteinander, ganz wie alte Vertraute,
+und setzten uns schlie&szlig;lich vor den kleinen Kamin, der
+eine wohlige W&auml;rme ausstrahlte. &raquo;Wie w&auml;rs mit
+einer Zigarette? frug er und hielt mir die gef&uuml;llte
+Dose hin.</p>
+
+<p>&raquo;In diesen heiligen Hallen?&laquo; antwortete ich, halb erschrocken.</p>
+
+<p>&raquo;Bis die Gestrenge kommt, ist der Duft verflogen. &mdash; &mdash; Ich
+mu&szlig; dir was erz&auml;hlen, Alix, und das geht
+nicht ohne den Glimmstengel. Der macht Mut, wei&szlig;t
+du!&laquo; Wir rauchten eine Zeitlang schweigend.</p>
+
+<p>&raquo;Du mu&szlig;t mich nicht so ansehen,&laquo; fing er schlie&szlig;lich
+wieder an, &raquo;sonst kommts mir gar zu komisch vor, da&szlig;
+ich dir Gest&auml;ndnisse mache, wie einem Kameraden.&laquo; Ich
+r&uuml;ckte l&auml;chelnd den Stuhl zur Seite und sah geradaus
+ins Feuer. &raquo;Ists recht so?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fein! &mdash; Wenn du nur nicht ein so verdammt
+h&uuml;bsches Profil h&auml;ttest! &mdash;&laquo; Er schwieg aufs neue.
+Nach ein paar Minuten aber begann er: &raquo;Ich habe &mdash; Dummheiten
+gemacht in Berlin. Es hat der armen
+Mama, die so nicht auf Rosen gebettet ist, einen t&uuml;chtigen
+Happen Geld gekostet, die Sache in Ordnung zu
+bringen &mdash;.&laquo; Ein bi&szlig;chen erschrocken wandte ich den
+Kopf nach ihm &mdash; &raquo;es war nichts Gemeines, Alix &mdash; Kind,
+gewi&szlig; nicht. Du kannst ja nicht wissen, wies
+unsereinem geht. Wir sind nicht von Stein &mdash; die jungen<a name="Page_271" id="Page_271"></a>
+M&auml;dels der Gesellschaft sind steif und langweilig wie
+Holzpuppen, &mdash; und wenn sies nicht sind, ists ihr Ungl&uuml;ck.&laquo;
+Ich fuhr zusammen. &mdash; &raquo;Kannst am Ende selbst
+ein Lied davon singen, was?! &mdash; Kurz und gut, siehst
+du, ich verliebte mich eines Tages in eine Ballettratte &mdash; einen
+s&uuml;&szlig;en, kleinen K&auml;fer, sag ich dir &mdash;&laquo;, zu dumm,
+da&szlig; ich mich in diesem Augenblick bis zu Tr&auml;nen &auml;rgerte &mdash; &raquo;aber
+gr&auml;&szlig;lich ungebildet. Ich habe sie eigentlich
+nur zwei Tage gern gehabt, nachher wars Gewohnheit,
+Mitleid, &mdash; was wei&szlig; ich&laquo; &mdash; er war aufgestanden und
+ging unruhig im Zimmer hin und her, die Zigarette
+zwischen den Fingern zerdr&uuml;ckend. &raquo;Ich konnte schlie&szlig;lich
+nicht l&auml;nger &mdash; ich mu&szlig;te frei sein! Ihr Vater
+lief spornstreichs zu Mama und heulte ihr was von
+zerst&ouml;rtem Leben, geraubter Ehre usw. vor. Mir gegen&uuml;ber
+hatte er bis dahin den untert&auml;nig-dankbarsten Diener
+gemimt. Das &uuml;brige kannst du dir am Ende vorstellen!&laquo;</p>
+
+<p>Ich zitterte vor Erregung. Mich hatte ein Gedanke
+gepackt, der mich nicht minder los lie&szlig;. &raquo;Hat sie &mdash; ein &mdash; Kind?&laquo;
+stie&szlig; ich mit aller Anstrengung hervor.
+Verbl&uuml;fft blieb er vor mir stehen. &raquo;Du bist wirklich
+aus der Art geschlagen, Alix,&laquo; damit streckte er mir die
+Hand entgegen. &raquo;Meine Hand drauf: nein! W&auml;re
+das Ungl&uuml;ck geschehen, ich h&auml;tte anders gesprochen! &mdash; Aber
+wir sind noch nicht zu Ende. Man hat mich auf
+Urlaub geschickt &mdash; nach Italien, wie du siehst! &mdash;, und
+wenn die Galgenfrist zu Ende ist, soll ich &mdash; heiraten!&laquo;
+Mit komischem Entsetzen rang er die H&auml;nde.</p>
+
+<p>&raquo;Wen?&laquo; frug ich, w&auml;hrend mir das Herz h&ouml;rbar
+schlug.</p>
+
+<p>&raquo;Wen?! Ein kleines Prinze&szlig;chen nat&uuml;rlich, semmel<a name="Page_272" id="Page_272"></a>blond &mdash; du
+wei&szlig;t, wie ich so was liebe! &mdash;, bleichs&uuml;chtig,
+eine Figur wie ein wohlgehobeltes Brett.&laquo;
+Ich sp&uuml;rte mit heimlicher Freude den raschen Blick, der
+zu mir her&uuml;berzog. &raquo;Die Ebenb&uuml;rtigen mit dem n&ouml;tigen
+Mammon laufen nicht zu Dutzenden in der Welt herum.
+Und eine Ebenb&uuml;rtige mu&szlig; es sein, Mama tr&auml;umt doch
+st&auml;ndig, da&szlig; ihrem Einzigen Vetter Georgs Krone eines
+sch&ouml;nen Tages auf den Dickkopf f&auml;llt! Eine Reiche
+nat&uuml;rlich auch, &mdash; du wei&szlig;t ja, in wie schmerzlichen
+Widerspruch unser Portemonnaie zu dem Glanz unseres
+Namens steht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&uuml;nsche ihm ein langes Leben, eine t&uuml;chtige
+Frau und ein Dutzend Jungens! Zum Regieren hab ich
+kein Talent, und zum Heiraten am allerwenigsten. Das
+wei&szlig; ich eigentlich erst seit gestern. In der Stickluft
+Berlins, angesichts des versammelten Familienrats
+war ich ganz klein. Aber wie ich gestern von dir
+ging, bin ich noch bis in die Nacht hinein in den
+Bergen herumgeklettert und habe mir einen ordentlichen
+Gletscherwind um die Nase pfeifen lassen. Heute wei&szlig;
+ich: es geht nicht &mdash; m&ouml;gen sie mich meinetwegen zu
+den Insterkosaken versetzen, ich kann die Ebenb&uuml;rtige
+nicht heiraten.&laquo;</p>
+
+<p>Er wandte mir den R&uuml;cken und sah in den Regen
+hinaus.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann nicht&laquo; &mdash; wiederholte er leise, &raquo;ich mu&szlig;
+Eine haben, die ich liebe &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Es war ganz still zwischen uns. Nur die Uhr tickte
+laut und heftig.</p>
+
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte hier bleiben, Alix,&laquo; sagte er nach einer<a name="Page_273" id="Page_273"></a>
+Weile mit ruhigem Ernst. &raquo;Ich brauche die Einsamkeit
+und &mdash; dich. Du mu&szlig;t mir helfen &uuml;berlegen, was aus
+mir werden soll!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So bleibe, Hellmut,&laquo; antwortete ich rasch, aber im
+selben Augenblick fiel mir die Kathrin ein, und die Tante,
+und das Gerede der Leute; und schon kam sie selbst,
+meine getreue W&auml;chterin, und sagte, nachdem sie das
+Geschirr m&ouml;glichst langsam abger&auml;umt hatte:</p>
+
+<p>&raquo;Soll der Christoph f&uuml;r Durchlaucht einen Wagen
+bestellen? Er geht gerad ins Dorf hinunter.&laquo;</p>
+
+<p>Hellmut stieg das Blut in den Kopf. Er verstand.
+&raquo;Nein,&laquo; sagte er, &raquo;ich gehe zu Fu&szlig;. Es ist nicht n&ouml;tig,
+da&szlig; noch mehr Leute von meinem Hiersein wissen.&laquo;
+Die Kathrin sah ihn zweifelnd an. &raquo;F&uuml;rchten Sie
+nichts f&uuml;r Ihr gn&auml;diges Fr&auml;ulein, Kathrin,&laquo; fuhr
+er fort, &raquo;ich bin ihr bester Freund und werde nicht
+dulden, da&szlig; ihr auch nur ein H&auml;rchen gekr&uuml;mmt wird.&laquo;
+Als sie sich daraufhin stumm entfernt hatte, wandte er
+sich zu mir:</p>
+
+<p>&raquo;O &uuml;ber die verdammten R&uuml;cksichten auf die Gemeinheit
+der anderen! Ists nicht das nat&uuml;rlichste von der
+Welt, da&szlig; wir hier zusammen sitzen? Und nun &mdash;!
+Ich kann nicht wiederkommen, &mdash; deinetwegen nicht!&laquo;</p>
+
+<p>Ich hatte einen bitteren Geschmack auf der Zunge.
+Zugleich kam mirs feige und erb&auml;rmlich vor, ihn so
+gehen zu lassen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin viel drau&szlig;en,&laquo; sagte ich z&ouml;gernd und verlegen,
+&raquo;wenn du mich brauchst, wie du sagst, dann &mdash; dann
+k&ouml;nnten wir uns irgendwo treffen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hab Dank, herzlichen Dank, Alix. Aber das macht
+die Sache nicht besser. &mdash; Uns ein heimliches Rendezvous
+<a name="Page_274" id="Page_274"></a>geben, wie &mdash; wie ... nein, das kann ich dir nicht antun.
+Machen wirs kurz: Lebwohl.&laquo; Er zog meine Hand an
+die Lippen und wandte sich, ohne eine Antwort abzuwarten,
+rasch zur T&uuml;re.</p>
+
+<p>In mir kochte es. Ah, wer diesen G&ouml;tzen der Konvention
+zerschmettern k&ouml;nnte, auf dessen Altar unsere
+besten Gef&uuml;hle und sch&ouml;nsten Stunden verbluteten, dem
+zu Ehren wir unsere freien Glieder in Fesseln schlugen.
+Gegen Abend, als ich aus der Gartent&uuml;r trat, sprang
+mir ein kleiner Bub in den Weg und hielt mir einen
+Strau&szlig; Schneegl&ouml;ckchen entgegen. Schon zog ich die
+B&ouml;rse, um sie zu kaufen, da dr&uuml;ckte der &Uuml;berbringer ihn
+mir schelmisch lachend in die Hand und rannte davon.
+Jetzt entdeckte ich erst den Brief, der um die Stiele
+gewickelt war.</p>
+
+<p>&raquo;Im Begriff, abzureisen,&laquo; schrieb Hellmut &raquo;sende ich
+meiner lieben Freundin diese Bl&uuml;mchen, die einzigen,
+die ich auftreiben konnte. Ich fahre direkt nach Berlin.
+So leid es mir Mamas wegen tut, &mdash; mein Entschlu&szlig;
+steht fest: ich will frei bleiben. Auch wenn ich den
+Adler auf dem Helm opfern mu&szlig;. Ich werde mich zu
+den Ludwigsluster Dragonern versetzen lassen und scheide
+von Dir mit der Hoffnung auf ein frohes Wiedersehen in
+Schwerin und auf eine freundliche Fortsetzung unserer
+unterbrochenen Gespr&auml;che.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 10em;">Dein alter Freund</span><br />
+<span style="margin-left: 17em;">Hellmut.&laquo;</span><br />
+</p>
+
+<p>Meine Freude war so gro&szlig;, da&szlig; ich sie allein gar
+nicht tragen konnte. Die alte Kathrin mu&szlig;te, so sehr
+sie sich auch zierte, beim Abendessen neben mir sitzen
+und den Wein mit mir trinken, den ich mir selbst aus
+<a name="Page_275" id="Page_275"></a>dem Keller geholt hatte. Schlie&szlig;lich rief ich den Pudel
+herein und trieb ihn im Zimmer so lange im Kreise
+umher, bis vergessene Jugenderinnerungen in ihm aufd&auml;mmerten
+und er, fr&ouml;hlich mit dem Schwanze wedelnd,
+in ein heiseres Bellen ausbrach.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Mitte Juni war ich wieder in Schwerin. In
+vier Wochen stand der Einzug des Gro&szlig;herzogs
+bevor, dem eine Reihe von Festlichkeiten
+aller Art folgen sollte. Unm&ouml;glich konnte ich
+meiner Mutter alle Toilettensorgen allein &uuml;berlassen,
+und meine Tante, die kurz nach Hellmuts Abreise
+in Grainau eingetroffen war, schenkte mir aus lauter
+R&uuml;hrung &uuml;ber meine Pflichttreue ein rosaseidenes
+Kleid, von wei&szlig;em, goldgesticktem T&uuml;ll &uuml;berrieselt. Nun
+sa&szlig; ich zu Mamas hellem Erstaunen selbst in der
+Schneiderstube. &raquo;Das sind ja ganz neue Talente, die
+du entwickelst,&laquo; sagte sie, w&auml;hrend ich unerm&uuml;dlich anprobierte,
+steckte und heftete, nur die mechanische Vollendung
+der Arbeit der N&auml;herin &uuml;berlassend. Niemand
+sollt' es merken, da&szlig; unsere Kleider nicht bei Gerson gearbeitet
+worden waren. Es war mir beinahe st&ouml;rend,
+da&szlig; ein paar unentwegte Verehrer vom vorigen Winter
+zu meinem Geburtstag eine Landpartie arrangiert hatten,
+die mich einen ganzen Tag Arbeitsunterbrechung kosten
+w&uuml;rde. Schlie&szlig;lich aber am&uuml;sierte ich mich dabei k&ouml;stlich
+und lie&szlig; mir vergn&uuml;gter denn je den Hof machen.
+Wir lagerten gerade unter den Buchen und lie&szlig;en die
+Sektpfropfen knallen, als mein Vater erschien, der am<a name="Page_276" id="Page_276"></a>
+Vormittag nicht hatte abkommen k&ouml;nnen, und eine himmelblaue
+Uniform neben ihm auftauchte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bringe Se. Durchlaucht den Prinzen Hellmut
+gleich mit, der uns heute seinen Besuch hat machen
+wollen,&laquo; sagte Papa. Alle waren aufgesprungen und
+verstummt. Jeder Prinz, selbst der kleinste, ruft in
+jedem, selbst dem vornehmsten Kreis, eine Verlegenheitspause
+hervor. Hellmut verbeugte sich und trat dann
+rasch zu mir, die ich mich allein von meinem Rasenplatz
+nicht ger&uuml;hrt hatte. &raquo;Diesen Tag habe ich mir zu
+meiner Antrittsvisite ausgesucht, um Ihnen als alter
+Freund meine ergebensten Gl&uuml;ckw&uuml;nsche zu F&uuml;&szlig;en zu
+legen.&laquo; Bei der f&ouml;rmlichen Anrede sah ich erstaunt zu
+ihm auf.</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Ihnen, Durchlaucht, da&szlig; Sie sich meiner
+erinnern,&laquo; antwortete ich mit kaum verh&uuml;lltem Spott.</p>
+
+<p>Als wir nachher ziemlich isoliert beieinander sa&szlig;en, &mdash; die
+anderen hielten sich trotz all ihrer Neugierde in respektvoller
+Entfernung &mdash;, erkl&auml;rte er mir sein Verhalten.
+Mein Vater hatte ihn gebeten, von dem &raquo;Du&laquo; unserer
+Kindheit Abstand zu nehmen, &raquo;Sie kennen die Klatschm&auml;uler
+kleiner Residenzen zu gut, um meinen Wunsch
+mi&szlig;zuverstehen,&laquo; hatte er hinzugef&uuml;gt. Er war ein
+schlechter Psychologe, der gute Papa! Er h&auml;tte wissen
+m&uuml;ssen, da&szlig; dieses Verbot unseren Beziehungen die
+Harmlosigkeit nahm und ihnen den Stempel der Heimlichkeit
+aufdr&uuml;ckte. Wir kehrten ohne Verabredung zum
+Du zur&uuml;ck, sobald wir allein waren, und redeten uns
+vor anderen, belustigt &uuml;ber die Kom&ouml;die, die wir den
+Dummen vorspielten, &raquo;Durchlaucht&laquo; und &raquo;gn&auml;digstes
+Fr&auml;ulein&laquo; an.</p>
+
+<p><a name="Page_277" id="Page_277"></a>Strahlende Sommertage kamen. Die Jahreszeit, in
+der wir geboren wurden, hat eine geheimnisvolle Bedeutung
+f&uuml;r unser Leben. Nie f&uuml;hle ich das Dasein mit
+seinen Schrecken und Schmerzen, seinen Wonnen und
+Seligkeiten so stark und tief, als wenn dem Himmel
+und der Erde Glutwellen entstr&ouml;men. Wie die Rosenknospe
+sich &ouml;ffnet und sich bis zur Tiefe ihres goldenen
+Kelchs der leuchtenden Sonne preisgibt, so &ouml;ffnet sich
+dann mein Herz.</p>
+
+<p>An einem Julimorgen zogen unter klingendem Spiel
+und wehenden Fahnen Friedrich Franz II. und Anastasia,
+seine Gemahlin, durch die Stra&szlig;en von Schwerin zum
+Schlo&szlig;. Am Abend desselben Tages, w&auml;hrend der
+Mond hoch am Himmel stand und das M&auml;rchenschlo&szlig;
+in silberne Schleier h&uuml;llte, war der ganze See von
+gro&szlig;en und kleinen, mit tausenden bunter Lampen geschm&uuml;ckten
+Schiffen belebt. Bis hoch in die Masten
+schwangen sich die Lichterketten, und Blumengirlanden
+schleiften im schimmernden Wasser.</p>
+
+<p>Nur wenige W&uuml;rdentr&auml;ger waren an diesem Abend
+ins Schlo&szlig; geladen, um von den Terrassen des Burggartens
+aus dem Schauspiel unten zuzusehen. Wir geh&ouml;rten
+dazu, und Hellmut auch, der der Suite des vornehmsten
+Gastes, des K&ouml;nigs von Griechenland, attachiert
+worden war.</p>
+
+<p>Abseits stand ich unter den Taxushecken, als eine
+Stimme hinter mir fl&uuml;sterte: &raquo;Komm mit.&laquo; Ich nahm
+den Arm, der sich mir bot, und f&uuml;hlte bebend den Druck,
+mit der er den meinen an sich pre&szlig;te.</p>
+
+<p>Versteckt zwischen den Rotdornb&uuml;schen lag drunten ein
+Boot. Es trug keine Lichter, nur Kissen und Decken und
+<a name="Page_278" id="Page_278"></a>zu F&uuml;&szlig;en der Sitze in hellen K&ouml;rben eine F&uuml;lle von
+Rosen. Wir fuhren dicht am umbuschten Ufer entlang
+und hinaus, wo der See immer dunkler und einsamer
+wurde. Wie ein Heer von Gl&uuml;hw&uuml;rmchen erschienen
+von hier aus die Lichter der Schiffe, w&auml;hrend der Mond
+gro&szlig; und majest&auml;tisch zu uns hernieder sah.</p>
+
+<p>&raquo;Frierst du, Alix?&laquo; &mdash; Er zog die Ruder ein und
+h&uuml;llte mich knieend fester in die Decken. Seine Hand,
+die meinen blo&szlig;en Arm ber&uuml;hrte, war hei&szlig; und zitterte,
+und durch mein Herz zuckte ein schneidender Schmerz,
+der dabei doch so seltsam wohl tat ... Wir sahen einander an, &mdash; tief
+und fest.</p>
+
+<p>Da tauchte ein anderes dunkles Boot neben uns auf.</p>
+
+<p>&raquo;Durchlaucht verzeihen &mdash; die Herrschaften brechen
+auf &mdash;, darf ich meine Hilfe anbieten?&laquo; Graf Waldburg
+wars, ein Regimentskamerad des Prinzen, der rasch
+entschlossen in unser Boot sprang, mitten in die bunten
+Schiffe hineinruderte, wo wir &mdash; zu dritt! &mdash; von allen
+Seiten gesehen wurden und mit unseren Rosen in die
+Blumenschlacht eingriffen; zusammen erschienen wir im
+Burggarten in der Gesellschaft und erz&auml;hlten so harmlos
+als m&ouml;glich von unsrer lustigen gemeinsamen Fahrt.</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Ihnen, Waldburg,&laquo; fl&uuml;sterte Hellmut. Noch
+ein Zusammenschlagen der Sporen, ein h&ouml;flich-k&uuml;hles
+Kopfneigen als Antwort von mir, und ich schritt hinter
+den Eltern dem Wagen zu, der uns heim brachte.</p>
+
+<p>Wie lauter Tr&auml;ume folgten einander die Sommertage.
+Krachende, kurze Gewitter schienen die sonst so schwere
+Luft Mecklenburgs immer wieder zu zerstreuen; die Jugend
+wagte es pl&ouml;tzlich, jung zu sein, und die Alten l&auml;chelten
+nachsichtig dar&uuml;ber.</p>
+
+<p><a name="Page_279" id="Page_279"></a>Der sonst so stille Park war voller Leben: wir tanzten
+auf glattem Rasen zwischen buntbewimpelten Masten;
+wir spielten alte traute Kinderspiele unter dem Schatten
+der B&auml;ume; und, m&uuml;de geworden, verloren wir uns in
+den geschnittenen Bucheng&auml;ngen, vorbei an springenden
+Wasserk&uuml;nsten und verwitterten G&ouml;tterbildern. Blind
+und taub f&uuml;r die Welt um uns her, und doch wie
+gefeit durch die Weihe der Hohenzeit des Jahres, bewegten
+wir uns unter den Menschen.</p>
+
+<p>Oft ging es in bekr&auml;nzten Wagen weiter hinaus in
+die W&auml;lder, oder an einen der ferneren Seen, von
+denen jeder uns sch&ouml;ner d&uuml;nkte als der andere: der eine,
+weil er sich schmal und lang zum Horizont erstreckte,
+von freundlichen D&ouml;rfern rings umgeben, der andere,
+weil er einsam und dunkel zwischen bewaldeten H&uuml;geln
+lag. Oder wir ritten am taufrischen Morgen mit verh&auml;ngten
+Z&uuml;geln querfeldein, wo oft meilenweit kein
+Mensch uns begegnete, kein Haus zu sehen war, bis ein
+stattlicher Gutshof auftauchte, die &auml;rmlichen Tagl&ouml;hnerh&auml;user
+&uuml;berragend, &mdash; ein verkleinertes Abbild von
+Schwerin. Wenn ich sie sah, pflegte ich schon von
+weitem Kehrt zu machen.</p>
+
+<p>&raquo;Sie f&uuml;rchten sich wohl vor den Dorfk&ouml;tern?&laquo; meinte
+bei solcher Gelegenheit eine schnippische Freundin. &raquo;Das
+traut mir wohl keiner zu,&laquo; antwortete ich, &raquo;aber ich
+sch&auml;me mich vor den armen Leuten.&laquo; Alles lachte; nur
+Hellmut wandte sich mir zu und sagte: &raquo;Das w&uuml;rden
+die armen Leute am wenigsten verstehen. Ich glaube,
+da&szlig; sie f&uuml;r uns nichts empfinden als Neugierde und
+Bewunderung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um so schlimmer! Ich verstehe sie nur, wenn sie
+<a name="Page_280" id="Page_280"></a>mit Steinen nach uns werfen,&laquo; entgegnete ich laut und
+dr&uuml;ckte meiner Stute die Peitsche in die Flanke, so da&szlig;
+sie gehorsam in langen Galopp verfiel. Hellmut aber
+blieb mir dicht zur Seite, griff mit der Rechten kr&auml;ftig
+in meine Z&uuml;gel und sagte, w&auml;hrend seine hellen Augen
+mich &uuml;berm&uuml;tig anblitzten: &raquo;Wirst du mir nicht davongehen,
+du S&uuml;&szlig;e, Wilde!&laquo; Mein Groll war verflogen, &mdash; da&szlig;
+ich mich ihm, dem Starken, unterwerfen durfte, &mdash; welch
+tiefe Seligkeit war das!</p>
+
+<p>Einmal waren wir nach Rabensteinfeld hin&uuml;ber gerudert,
+dem stillen Witwensitz der alten Gro&szlig;herzogin. Mit
+dem Dampfschiff war uns eine gro&szlig;e Gesellschaft vorausgefahren,
+lauter &auml;ltere und gesetzte Angeh&ouml;rige, die zuweilen
+die Verpflichtung f&uuml;hlten, uns Jugend zu besch&uuml;tzen.
+Ich hielt das nie lange aus und war stets
+die erste, die Mittel und Wege fand, aus ihrem Gesichtskreis
+zu verschwinden. Hellmut benahm sich korrekter
+und wollte die Form nicht verletzen. Auch jetzt stand
+ich mit einem lachenden: &raquo;Wer kein Philister ist, folgt
+mir,&laquo; vom Teetisch auf und ging hinunter an das
+Seeufer. Ein paar junge Herren kamen mir nach, und
+emp&ouml;rt &uuml;ber Hellmuts Eigensinn, kokettierte ich mit ihnen
+in erzwungner Lustigkeit.</p>
+
+<p>Als wir in der Abendd&auml;mmerung zu Fu&szlig; heimkehrten,
+gesellte er sich endlich wieder zu mir. Eine tiefe Falte
+grub sich zwischen seine Brauen, die seinem sonst so guten
+Gesicht einen b&ouml;sen Ausdruck verlieh. &raquo;Das darfst du
+mir nicht wieder antun &mdash; h&ouml;rst du,&laquo; zischte er mich an
+und eisern umklammerten seine Finger mein Handgelenk.
+&raquo;Verzeih mir &mdash;,&laquo; fl&uuml;sterte ich, &raquo;aber warum hast du
+mich allein gelassen?&laquo; &mdash; &raquo;Wei&szlig;t du nicht, da&szlig; ich alles
+<a name="Page_281" id="Page_281"></a>nur um deinetwillen tue?&laquo; &mdash; Ganz weich war seine
+Stimme dabei, und schweigsam gingen wir nebeneinander,
+die Worte waren zu arm f&uuml;r die F&uuml;lle unseres Gef&uuml;hls.</p>
+
+<p>An einem anderen gl&uuml;hhei&szlig;en Sommertag gab das
+Grenadier-Regiment ein Fest im Jagdschlo&szlig; von Friedrichstal.
+Hei&szlig; und ermattet vom Tanz und vom Spiel, gingen
+wir alle zum Neum&uuml;hler See herunter, wo die Buchen
+und Birken &uuml;ber dem Uferweg dichte Lauben bilden.
+Allm&auml;hlich zerstreute sich die Menge hier- und dorthin;
+wir blieben nur zu f&uuml;nfen beieinander, &mdash; zwei M&auml;dchen
+und drei Herren. An einer kleinen dichtumbuschten
+Bucht lagerten wir, und die Lust packte mich, die F&uuml;&szlig;e
+im Wasser zu k&uuml;hlen. Meine Gef&auml;hrtin err&ouml;tete dunkel
+bei meiner Aufforderung, es mir nach zu tun. &raquo;Du, das
+ist unpassend,&laquo; fl&uuml;sterte sie mir leise zu. &raquo;Unpassend?&laquo;
+wiederholte ich laut, &raquo;zeigst du vielleicht nicht deine
+H&auml;nde, deine Arme, deinen Hals, &mdash; warum nicht deine
+F&uuml;&szlig;e?&laquo; &mdash; &raquo;Bravo, bravo,&laquo; applaudierte einer der Herren.
+Das stachelte mich auf, und keck von einem zum anderen
+blickend, fuhr ich fort: &raquo;Soll ich euch sagen, was wir
+alle wissen und ihr nur nicht zu sagen euch getraut? &mdash; Wir
+sch&auml;men uns nur unserer H&auml;&szlig;lichkeit &mdash;&laquo; Damit
+hatte ich rasch Schuhe und Str&uuml;mpfe abgestreift.</p>
+
+<p>Eine beklemmende Stille trat ein; ich wagte nicht,
+mich umzusehen, mein Blick haftete auf meinen nackten
+F&uuml;&szlig;en, als s&auml;he ich sie zum erstenmal, &mdash; sie waren
+so wei&szlig;, so schrecklich wei&szlig;! &mdash; mir stieg das Blut
+bis in die Stirne. Ich ber&uuml;hrte scheu das Wasser mit
+den Zehen. &raquo;Es &mdash; es ist &mdash; zu kalt,&laquo; brachte ich
+m&uuml;hsam hervor und zog die F&uuml;&szlig;e rasch unter die Kleider.
+Ein Ger&auml;usch verriet mir, da&szlig; die Herren sich entfernten;
+<a name="Page_282" id="Page_282"></a>die Kleine neben mir, noch r&ouml;ter und verlegener als ich,
+half mir rasch beim Anziehen und lief dann auch davon.
+Langsam erhob ich mich, &mdash; die Glieder waren mir
+schwer, &mdash; da stand Hellmut vor mir &mdash; ein paar
+Schwei&szlig;tropfen auf der Stirn und doch ganz bla&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Nun baue ich Tag um Tag eine Mauer um dich,
+damit nichts und niemand dir zu nahe treten kann, und
+du &mdash; du gibst dich diesen &mdash; diesen Schurken preis,&laquo;
+kam es stockend &uuml;ber seine Lippen. Mir st&uuml;rzten die
+Tr&auml;nen aus den Augen, &mdash; doch schon hatten seine Arme
+mich umschlungen, und sein Mund pre&szlig;te sich auf den
+meinen, und die hei&szlig;en, lang zur&uuml;ckged&auml;mmten Wogen
+der Leidenschaft schlugen &uuml;ber uns zusammen.</p>
+
+<p>Wie wir uns trennten, wie ich nach Hause kam, &mdash; ich
+wei&szlig; nichts mehr davon. Ich wei&szlig; nur, da&szlig; ich
+am weit ge&ouml;ffneten Fenster sa&szlig; und die linde Nachtluft
+tief und langsam einsog, als h&auml;tte ich nie vorher die
+Wonne des Atmens gekannt. Dann stockte mein Herzschlag, &mdash; ein
+fester Tritt, ein schleppender S&auml;bel unterbrachen
+die Stille, ein lichtes Blau schimmerte durch die
+B&uuml;sche des Gartens. &raquo;Alix &mdash;&laquo; klang es sehns&uuml;chtig. &mdash; Und
+ich nahm die Rose, die mir noch zerdr&uuml;ckt im G&uuml;rtel
+hing und warf sie in zwei ge&ouml;ffnete H&auml;nde.</p>
+
+<p>Alles Denken war ausgel&ouml;scht in meinem Hirn, ich
+f&uuml;hlte nur mit gesteigerter Intensit&auml;t. Morgens am
+Kaffeetisch umarmte ich z&auml;rtlich den Vater, &mdash; es fiel
+mir pl&ouml;tzlich schwer aufs Herz, da&szlig; ich seiner r&uuml;hrenden
+Liebe stets so k&uuml;hl begegnet war &mdash;. &raquo;Du hast ja schon
+in aller Fr&uuml;he illuminiert,&laquo; sagte er und streichelte mir
+halb erstaunt, halb begl&uuml;ckt die Wangen. Sch&uuml;chtern
+und schuldbewu&szlig;t k&uuml;&szlig;te ich der Mutter die H&auml;nde, &mdash; wie
+<a name="Page_283" id="Page_283"></a>schlecht hatte ich bisher ihre Treue gelohnt! &mdash; ach,
+und wie ernst und verh&auml;rmt sah sie aus! Als
+aber das Schwesterchen hereinsprang, hob ich sie auf
+den Scho&szlig; und fl&uuml;sterte in ihr rosiges, von lauter Goldl&ouml;ckchen
+umspieltes Ohr: &raquo;Du &mdash; ich wei&szlig; was ganz
+Heimliches: heut nacht tanzten die Nixen mit dem
+grauen Schlo&szlig;zwerg, bis er vor lauter Atemnot auf
+den Rasen plumpste. Ich glaub' immer, da liegt er
+noch und schnarcht, und die Nixen haben vor Lachen
+den Heimweg ins Wasser vergessen. Komm schnell
+hinaus, &mdash; am Ende sehn wir sie noch!&laquo; Sie jubelte
+hell auf vor Freude, und richtig, &mdash; zehn Minuten sp&auml;ter
+waren wir unten am See.</p>
+
+<p>Klein-Ilschen suchte &mdash; ich aber war still und ernst geworden
+und sah hin&uuml;ber zum fernen jenseitigen Ufer: sollte
+das Gl&uuml;ck, das mir dort begegnet war, auch nur ein n&auml;chtlicher
+Spuk gewesen sein? &mdash; Wir fanden die Nixen nicht &mdash; Klein-Ilschen
+war b&ouml;se. Wie wir langsam heimw&auml;rts
+gingen, kam ein Reiter uns entgegen, &mdash; ich wagte kaum
+aufzusehen. Doch schon war er neben mir und hielt
+den Fuchs am Z&uuml;gel. &raquo;Willst du reiten, Kleine?&laquo;
+sagte er und hob das Schwesterchen, dessen Leidenschaft
+Pferde waren, in den Sattel. Still gingen wir weiter,
+unsere Augen aber versenkten sich ineinander, tief, immer
+tiefer, &mdash; bis sie Gewi&szlig;heit hatten und auch im fernsten
+Winkel der Seele nichts Lebendiges fanden als nur das
+eigene Bild.</p>
+
+<p>&raquo;Die Nixen waren weg,&laquo; sagte das Schwesterchen
+zu Hause zu Mama, &raquo;aber Prinz Hellmut lie&szlig; mich
+reiten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Prinz Hellmut?!&laquo; Ein rascher mi&szlig;trauischer Blick
+<a name="Page_284" id="Page_284"></a>streifte mich. Ich wandte mich zu den Fenstern und
+ordnete eifrig die vielen kleinen Lichter zur abendlichen
+Illumination.</p>
+
+<p>Der Gro&szlig;herzogin Geburtstag war heute; mit dem
+pr&auml;chtigsten und zugleich dem letzten Fest dieses Sommers
+sollte er gefeiert werden. Verwandte und Freunde des
+Hofes, Deputationen der Garde-Regimenter, der ganze
+Adel Mecklenburgs waren in Schwerin versammelt.
+Stundenlang rollten auch vor unserem Hause die Wagen,
+und die Besucher kamen und gingen; Staatsvisiten
+waren es zumeist, aber auch solche guter alter Bekannter.
+Im wei&szlig;en Spitzenkleid, ein paar gelbe Rosen im G&uuml;rtel,
+stand ich im Salon, neigte mich vorschriftsm&auml;&szlig;ig &uuml;ber
+die H&auml;nde der Damen und senkte den Kopf vor den
+Herren. Was mich sonst erm&uuml;dete, machte mich heute
+froh, denn mit gesch&auml;rften Augen sah ich die Menge
+der bewundernden Blicke. Wie ich mich dann am sp&auml;ten
+Nachmittag vor der Abfahrt zum Schlo&szlig; im Spiegel
+sah, umrauscht von rosa Seide, deren starker Farbenton
+ged&auml;mpft durch goldgestickten T&uuml;ll schimmerte, &mdash; Rosen
+auf der langen Schleppe verstreut und Rosen in
+den dunkeln Locken &mdash;, da war ich zufrieden.</p>
+
+<p>Dicht gedr&auml;ngt standen die Menschen auf der Schlo&szlig;br&uuml;cke,
+wo die Wagen nur Schritt vor Schritt vorw&auml;rts
+kamen. &raquo;Alix von Kleve&laquo; &mdash; &raquo;Alix von Kleve&laquo; ging es
+fl&uuml;sternd von Mund zu Mund. Dankbar l&auml;chelnd neigte
+ich mich rechts und links aus dem offenen Wagenfenster.
+Auf den schwarzen Marmorstufen der gro&szlig;en Treppe, in
+deren tiefem Dunkel das Gold des Gel&auml;nders und der
+S&auml;ulen sich spiegelte, standen die Lakaien im roten Rock
+und die L&auml;ufer mit dem seltsamen gewaltigen Blumen<a name="Page_285" id="Page_285"></a>strau&szlig;
+&uuml;ber den Stirnen. Und droben in den Vorzimmern
+glei&szlig;te und gl&auml;nzte es von goldgestickten
+Uniformen, hellen Schleppen und funkelnden Edelsteinen.
+Wir wurden zu unseren Pl&auml;tzen gewiesen. In der Ahnengalerie
+stand die Jugend. Ich sah durch die Bogenfenster
+&uuml;ber den See hinaus und r&uuml;hrte mich nicht.
+Was gingen mich die andern Menschen an? Wozu war
+ich hier, als allein seinetwegen? Worauf wartete ich,
+als auf ihn? Die Musik im Thronsaal neben uns
+intonierte den &raquo;Einzug der G&auml;ste&laquo; auf der Wartburg,
+drei schwere Schl&auml;ge mit dem Hofmarschallstab k&uuml;ndigten
+das Nahen der Herrschaften an. Ich erwachte aus
+meinen Tr&auml;umen. Ein Rauschen ab und auf: wir versanken
+in unseren Kleidern und tauchten wieder auf &mdash; wie
+eine lange hellschimmernde Woge. Mein Blick
+haftete sekundenlang auf dem Herrscherpaar, das langsam
+durch unsere Reihen schritt: der schlanke Mann mit
+dem Kennzeichen seines Geschlechts, dem kahlen, glatten
+Sch&auml;del, darunter ein Antlitz von jener bla&szlig;-grauen
+Farbe, die das Morphium allm&auml;hlich auf die Haut seiner
+Opfer malt, zwei fiebrig gl&auml;nzende Augen darin und zwei
+Lippen, zu jenem wehm&uuml;tig-freundlichem L&auml;cheln verzogen,
+mit dem die fr&uuml;h vom Tode Gezeichneten die Jugend
+gr&uuml;&szlig;en. Neben ihm das Weib: um den &uuml;ppig-schlanken
+Leib schmiegte sich ihr Gewand schillernd wie Schlangenhaut,
+auf dem hoch erhobenen dunkeln Kopf trug sie
+stolz die Krone von Brillanten, dunkelrot w&ouml;lbten sich
+die Lippen &uuml;ber den kleinen wei&szlig;en Raubtierz&auml;hnen,
+und ein gieriges Leuchten wie von hei&szlig;em Lebenshunger
+tauchte in ihren wundersch&ouml;nen Augen auf. &Uuml;ber
+uns sah sie hinweg, sie brauchte uns nicht zu sehen, &mdash; sie
+<a name="Page_286" id="Page_286"></a>war mehr als die Jugend. In meinem Herzen aber
+wallte das Mitleid auf &mdash; mit dem Mann und mit
+der Frau.</p>
+
+<p>Dann kam der K&ouml;nig von Griechenland, &mdash; wie die
+meisten K&ouml;nige: kein K&ouml;nig. Und dann die K&ouml;nigin, &mdash; weich
+und licht und holdselig, wie die guten Feen aus
+den M&auml;rchen, und hinter ihnen der Schwarm der anderen. &mdash; Aber
+ich sah keinen mehr, denn aus dem Zuge heraus
+war Hellmut zu mir getreten.</p>
+
+<p>In einem runden Turmzimmer mit bunten Fenstern
+sa&szlig;en wir zu vier um den rosengeschm&uuml;ckten Tisch:
+Hellmut und ich, Graf Waldburg und seine Braut, die
+kleine Komte&szlig; Lantheim. Wir a&szlig;en nicht viel, aber
+unsere Gl&auml;ser klangen immer wieder aneinander, und
+prickelnd flo&szlig; der eisige Sekt durch unsere Kehlen. Leise
+und schmeichelnd t&ouml;nte von fern die Musik.</p>
+
+<p>Im goldenen Saal, durch dessen Fenster die Glut
+des Abendhimmels hineinstr&ouml;mte, w&auml;hrend viele hunderte
+flammender Kerzen alle W&auml;nde und Pfeiler aufleuchten
+lie&szlig;en wie gelbes Feuer, wurde getanzt. Es war noch
+fast leer, als wir eintraten. In wiegendem, lockendem
+Rhythmus klang die s&uuml;&szlig;e Walzerweise der &raquo;Sch&ouml;nen
+blauen Donau&laquo; von der Estrade.</p>
+
+<p>Ich lag in seinem Arm, und die T&ouml;ne schienen uns
+zu tragen. &raquo;Alix &mdash; ich liebe dich,&laquo; hauchte mir
+im weichen Takt der Bewegung seine Stimme ins Ohr &mdash; &raquo;verzehrend
+lieb ich dich &mdash; ich la&szlig; dich nicht los &mdash; nie &mdash; nimmermehr &mdash;&laquo;
+Sein hei&szlig;er Atem ber&uuml;hrte
+mich wie ein z&auml;rtlich kosender Ku&szlig;, und meine Haare
+wehten um seine Wangen.</p>
+
+<p>&raquo;Durchlaucht &mdash; Galopp &mdash; wenn ich bitten darf!<a name="Page_287" id="Page_287"></a>&laquo;
+h&ouml;rten wir pl&ouml;tzlich neben uns sagen. Aufatmend standen
+wir still, &mdash; wir hatten wirklich das strenge h&ouml;fische
+Walzerverbot vergessen! Im gleichen Augenblicke trat der
+Kammerherr der Gro&szlig;herzogin auf uns zu: &raquo;Ihre K&ouml;nigliche
+Hoheit befehlen &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mich auch?&laquo; frug Hellmut. Er senkte bejahend den
+Kopf, w&auml;hrend ein leises maliti&ouml;ses L&auml;cheln seine Lippen
+kr&auml;uselte. Sollte die sch&ouml;ne F&uuml;rstin so konventionell sein
+und unser Vergehen gar noch pers&ouml;nlich r&uuml;gen wollen?</p>
+
+<p>&raquo;Sie tanzen bezaubernd, &mdash; ich mache Ihnen mein
+Kompliment, Fr&auml;ulein von Kleve!&laquo; sagte sie laut, als
+ich in tiefer Verbeugung ihre Hand an die Lippen zog.
+&raquo;Die mecklenburger Damen k&ouml;nnen sich ein Beispiel
+nehmen!&laquo; Die Umstehenden horchten hoch auf.</p>
+
+<p>&raquo;Tanzen Sie noch einmal denselben Walzer, lieber
+Prinz, den man offenbar nur verbietet, weil man ihn zu
+tanzen nicht versteht.&laquo;</p>
+
+<p>Wie auf Kommando bildete sich ein weiter Kreis um
+uns. Und wir tanzten. Aber ich f&uuml;hlte die vielen
+musternden, neidischen, feindseligen Blicke, die mich betasteten,
+wie mit feuchtkalten Fingern, und durchbohrten,
+wie mit Nadelstichen. Ein Schwindel packte mich &mdash; fester,
+immer fester lehnte ich mich in Hellmuts Arm &mdash; er
+trug mich mehr, als da&szlig; ich tanzte.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;hren Sie Ihre T&auml;nzerin auf die Terrasse, &mdash; das
+wird ihr gut tun &mdash;&laquo; sagte die Gro&szlig;herzogin, als ich
+mich bla&szlig; und zitternd wieder verbeugte. Ein Ton war
+in ihrer Stimme, der mich auffahren lie&szlig;, &mdash; hatte sie
+unser Geheimnis erraten?</p>
+
+<p>Wir gingen hinaus. Viele bunte Lampions erhellten
+die Terrasse und den Burggarten, plaudernde Gruppen
+<a name="Page_288" id="Page_288"></a>standen ringsumher. Wir aber suchten die Nacht und
+die Stille. Tief unten schmiegte sich ein von wei&szlig;en
+Bl&uuml;ten &uuml;bers&auml;ter Strauch an die dunkle Mauer, und
+ein schwerer s&uuml;&szlig;er Duft breitete sich rings um ihn.
+Jasmin &mdash; meine Blume!</p>
+
+<p>Wei&szlig;t du noch, Hellmut, wie du &uuml;berm&uuml;tig in die
+Zweige griffst und ein Regen schneeiger Bl&auml;tter mir auf
+Schultern und Haare fiel? und wie sie matt zu Boden
+taumelten vor dem hei&szlig;en Hauch deines Mundes? Du
+pre&szlig;test mich wild an dein Herz, da&szlig; der Atem mir
+stockte, &mdash; du h&auml;ttest mich morden k&ouml;nnen in jener Nacht, &mdash; mit
+einem Liebesblick h&auml;tt ich es dir vergolten.
+&raquo;Warum sagst du mir nicht, da&szlig; du mich liebst &mdash; warum
+bist du so still?&laquo; frugst du, und ich seufzte,
+den Arm fest um deinen Hals: &raquo;Ich kann dirs nicht
+sagen &mdash; ich kann nicht &mdash; ich liebe dich viel &mdash; viel
+zu sehr!&laquo;</p>
+
+<p>Droben tanzten sie wieder &mdash; wir sahen die Paare
+hinter den hellen Fenstern vor&uuml;berschweben &mdash;, und eine
+Melodie verirrte sich zuweilen bis zu uns. Wie mit
+kosenden Stimmen antworteten ihr die Wellen, die
+pl&auml;tschernd ans Ufer schlugen, und fern von den hohen
+Baumwipfeln des Parks klang hie und da ein vertr&auml;umtes
+Vogelzwitschern. Immer verzehrender gl&uuml;hten
+unsere Augen ineinander, verlangender, sehns&uuml;chtiger
+wurden unsere K&uuml;sse.</p>
+
+<p>Da verstummte die ferne Musik, ein heftiger Schreck
+machte dich zittern. &raquo;Wir m&uuml;ssen hinauf&laquo; &mdash; sagtest du
+heiser und fuhrst dann hastig fort, w&auml;hrend wir die
+Treppe zur Terrasse emporstiegen: &raquo;Wir m&uuml;ssen uns
+trennen &mdash; mein Dienst ist morgen zu Ende &mdash;&laquo;</p>
+<p><a name="Page_289" id="Page_289"></a></p>
+<p>&raquo;Und in der n&auml;chsten Woche reisen wir,&laquo; fl&uuml;sterte ich
+m&uuml;hsam, &mdash; es w&uuml;rgte mir am Halse.</p>
+
+<p>&raquo;Im Herbst erst sehen wir uns wieder &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ertrag ich nicht &mdash; &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sterbe vor Sehnsucht &mdash;&laquo; Und noch einmal zogst
+du mich an dich, und aufschluchzend barg ich meinen Kopf
+an deiner Brust.</p>
+
+<p>&raquo;Weine nicht, Liebling, weine nicht, &mdash; f&uuml;r ein ganzes
+Leben voll Liebe, das uns bevorsteht, ist das Opfer dieser
+n&auml;chsten Wochen am Ende nicht zu gro&szlig;,&laquo; versuchtest du
+uns Beide zu tr&ouml;sten, dabei fielen hei&szlig;e Tropfen aus
+deinen Augen mir auf die Stirn. &mdash;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Wir fuhren nach Karlsbad, &mdash; Mama, Klein-Ilschen
+und ich. Wir trafen mit einem
+gro&szlig;en Kreise alter und neuer Freunde zusammen.
+&raquo;Wir&laquo; sage ich, &mdash; aber im Grunde war ich
+gar nicht da, nur mein wandelndes Schattenbild. Automatisch
+geschah alles, was ich tat: mein Reden und
+noch mehr mein Lachen. Ich selbst sa&szlig; still im dunkeln
+Chorgest&uuml;hl eines hochragenden Doms, die H&auml;nde im
+Scho&szlig; gefaltet, die Augen emporgerichtet zu den in
+mystischen Farben gl&uuml;henden Fenstern, unbeweglich horchend
+auf den Gesang s&uuml;&szlig;er Engelsstimmen, die Stirn
+umweht von Wolken duftenden Weihrauchs ...</p>
+
+<p>Wenn ich neben dem Rollstuhl Stauffenbergs ging,
+sprach ich wohl mit ihm von alledem, was mein Interesse
+sonst erregt hatte; aber eine ganz andere, eine fremde
+Alix war es. Ich selbst, ich lachte &uuml;ber sie und ihren
+komischen Eifer. Was ging mich die hohe Politik, was
+<a name="Page_290" id="Page_290"></a>gingen mich Darwin, Wagner und Nietzsche an? Neben
+dem Reichtum lebendigen Lebens, das mir begegnet war,
+verbla&szlig;te alles zu blutleeren Schemen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Am Abend unserer R&uuml;ckkehr im Herbst sa&szlig; ich im
+Dunkel der Intendantenloge im Theater. &raquo;Hoffmanns
+Erz&auml;hlungen&laquo;, &mdash; jenes geniale Werk
+Offenbachs, das er geschaffen haben mu&szlig;, besessen vom
+Geiste des Zauberers, dem es galt, &mdash; gelangte zum
+erstenmal, und ungek&uuml;rzt, zur Auff&uuml;hrung. Meine Augen
+durchforschten noch die Logen und R&auml;nge &mdash; ich war ja
+nur gekommen, weil ich &uuml;berzeugt war, ihn zu finden &mdash;,
+als die ersten Akkorde der Ouverture mich schon gefangen
+nahmen. Und dann die Oper selbst! Wie es ihr zukommt,
+war jede possenhafte Nuance vermieden worden;
+Spalanzani und Coppelius, der geheimnisvolle Brillenverk&auml;ufer
+im ersten Akt, wirkten gespensterhaft, und
+Olympia, die Puppe, war nicht nur ein Automat, der
+schlie&szlig;lich zur Erh&ouml;hung der Lachlust eines einf&auml;ltigen
+Publikums zerbrochen auf die B&uuml;hne geschleift wird, &mdash; ein
+St&uuml;ck Leben schien vielmehr in sie hineingezaubert,
+das mit einem wehen Laut erstarb. Selbst die Menuettt&auml;nzer
+und T&auml;nzerinnen bewegten sich wie nichts vollkommen
+Irdisches.</p>
+
+<p>Schon verdunkelte sich der Zuschauerraum am Ende
+der Pause, als der Bogenvorhang sich teilte, &mdash; ein
+breiter Lichtstreifen fiel herein. Der erste Ton der
+Barkarole klang ged&auml;mpft aus dem Orchester &mdash; ein
+Stuhl wurde zur Seite ger&uuml;ckt &mdash; &raquo;Alix!&laquo; h&ouml;rte ich Hell<a name="Page_291" id="Page_291"></a>muts
+Stimme hinter mir, und sein Mund brannte auf
+meinem Nacken.</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;ne Nacht &mdash; o Liebesnacht &mdash; o stille mein Verlangen!&laquo;
+t&ouml;nte es von der B&uuml;hne dicht vor uns; ausgestreckt
+auf Decken und Fellen lag die sch&ouml;ne Guiletta vor ihren Anbetern;
+ihre nackten Arme und ihre blo&szlig;en Schultern leuchteten
+im Glanz der roten Ampeln. Das Blut str&ouml;mte mir
+zum Herzen, meine Hand suchte die des Geliebten. Von
+einer Melodie durchwogt, wie sie aufreizender, sinnbet&ouml;render
+nicht zum zweitenmal vorkommt, wurde die Luft immer
+schw&uuml;ler um uns. Kaum da&szlig; wir uns im hellen Licht
+des Zwischenaktes genug zu ermannen vermochten, um
+konventionelle Phrasen mit dem Intendanten zu wechseln.
+Hellmuts Uniform verriet seine Anwesenheit auch im
+Halbdunkel der Loge, Lorgnetten und Operngl&auml;ser richteten
+sich auf uns, und tuschelnd neigten sich die K&ouml;pfe
+zueinander.</p>
+
+<p>Aber schon setzte das Orchester zum letzten Akte ein.
+&raquo;Sie entfloh &mdash; die Taube so minnig&laquo; sang der blassen
+Antonia weiche Stimme. Seltsam &mdash; kein Zweifel &mdash; sie
+sah mir &auml;hnlich: der gelbliche Ton der Haut, die dunkeln
+Locken. Mich fr&ouml;stelte. O &mdash; und als dann der gespenstische
+Arzt erschien mit der hageren Gestalt, dem
+glatten Totensch&auml;del und den klirrenden Flaschen in den
+H&auml;nden &mdash; &mdash; &raquo;Mir ist nicht ganz wohl!&laquo; fl&uuml;sterte ich
+und stand leise auf. Hellmut begleitete mich. Er hielt
+meinen vorzeitigen Aufbruch nur f&uuml;r einen Vorwand.
+W&auml;hrend er mir den Mantel um die Schultern legte,
+fl&uuml;sterte er mir zu: &raquo;Ich war bei Mama &mdash; ein bi&szlig;chen
+Tr&auml;nen hats ihr gekostet &mdash;, aber schlie&szlig;lich fand sie sich
+ins Unab&auml;nderliche. Wir d&uuml;rfen hoffen, Liebling! &mdash; Hier
+<a name="Page_292" id="Page_292"></a>alles N&auml;here,&laquo; er dr&uuml;ckte mir ein Papier in die
+Hand und f&uuml;hrte mich bis zum Wagen; schon zogen die
+Pferde an, als der Schlag sich von der anderen Seite
+noch einmal &ouml;ffnete, &mdash; mit einem raschen Sprung war
+er neben mir und ich in seinen Armen, &mdash; einen Augenblick
+nur, einen kurzen, gl&uuml;ckseligen. An der n&auml;chsten
+Stra&szlig;enbiegung verschwand er ebenso, wie er gekommen
+war. Erst zu Hause, im verschlossenen Schlafzimmer,
+&ouml;ffnete ich seinen Brief.</p>
+
+<p>&raquo;Mein s&uuml;&szlig;er Liebling,&laquo; schrieb er, &raquo;die Wochen ohne
+Dich waren eine gr&auml;&szlig;liche Fastenzeit. Zum zweitenmal
+ertrage ich so etwas nicht. Das habe ich auch Mama
+gesagt, und da sie so wie so immer um mich zittert &mdash; begreifst
+Du solche Anh&auml;nglichkeit, Du Einzigste?! &mdash;, so
+hat sie meine Drohung toternst genommen. Sie wird in
+den n&auml;chsten Tagen Tante Brigitte Sonderburg, ihre
+verdrehte alte Schwester, besuchen und sehen, ob sie bei
+ihr das n&ouml;tige Kleingeld zusammenscharren kann; bei
+Vetter Georg, dem Knauser, ist nichts zu holen, Mamas
+eigne Kasse ist v&ouml;llig schwinds&uuml;chtig. Ich sch&auml;me mich,
+Dir so was schreiben zu m&uuml;ssen, meine holde, kleine
+G&ouml;ttin Du, und doch mu&szlig;t Du wissen, warum ich
+immer noch nicht in Helm und Sch&auml;rpe antrete. Meine
+Zulage reicht kaum f&uuml;r mich, der ich das Ungl&uuml;ck habe,
+ein Prinz zu sein, und diese W&uuml;rde t&auml;glich mit barer
+M&uuml;nze bezahlen mu&szlig;. Aber trotz alledem mu&szlig; es werden,
+und ich tr&auml;ume schon jede Nacht von dem weichen Nest,
+das ich f&uuml;r mein Prinze&szlig;chen &mdash; viel, viel mehr Prinze&szlig;chen,
+als alle Ebenb&uuml;rtigen zusammengenommen! &mdash; erobern
+werde!</p>
+
+<p>Verlobte schicken einander immer briefliche K&uuml;sse. Das
+<a name="Page_293" id="Page_293"></a>finde ich fad. Aber holen tu ich sie mir bei allern&auml;chster
+Gelegenheit f&uuml;r die langen sechs Wochen, die Du sie
+mir schuldig bliebst. H&uuml;te Dich beizeiten, da&szlig; Du nicht
+daran erstickst ...&laquo;</p>
+
+<p>Ich konnte nicht schlafen. Es lag wie ein eiserner
+Reifen um meine Stirn. &raquo;Der Weg zur Ehe geht
+durch die Kirche&laquo; pflegte Mama zu sagen, &mdash; aber
+stand nicht ein goldener G&ouml;tze am Altar, statt des
+Priesters?</p>
+
+<p>Wir sahen uns oft, aber niemals allein. Eine zehrende
+Sehnsucht durchw&uuml;hlte mich wie eine Krankheit.
+Jeder H&auml;ndedruck schien mir die Haut zu versengen.
+Wir konnten den Karneval nicht erwarten, der zu heimlichen
+Begegnungen tausend Gelegenheiten bot. Ein Ball
+bei der Gro&szlig;herzogin-Mutter er&ouml;ffnete ihn endlich. Sie
+hatte es allen Warnungen zum Trotz durchgesetzt, da&szlig;
+er in ihrem Palais stattfand, dessen Tanzsaal erst vor
+jedem Fest von der Baupolizei untersucht werden mu&szlig;te.
+Diesmal, so erz&auml;hlte man sich, habe sie schon recht bedenklich
+den Kopf gesch&uuml;ttelt. Als wir kamen, fiel mein
+erster Blick auf Hellmut, der mit zusammengezognen
+Brauen, bla&szlig; und finster, allein in einer Fensternische
+stand. Ewig dauerte es, bis ich all die Verbeugungen
+und Begr&uuml;&szlig;ungen und stereotypen Phrasen erledigt hatte
+und meine Hand in der seinen ruhte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe Nachricht von Mama,&laquo; pre&szlig;te er m&uuml;hsam
+hervor, &raquo;Tante Brigitte hat rundweg abgelehnt. F&uuml;r
+dumme Streiche h&auml;tte sie kein Geld!&laquo;</p>
+
+<p>Mir wankten die Kniee. Da ging das alte frohe
+Leuchten &uuml;ber seine Z&uuml;ge, gepaart mit einem neuen Ausdruck
+starker Energie: &raquo;Sei nicht furchtsam, Liebling; du wei&szlig;t:<a name="Page_294" id="Page_294"></a>
+und wenn ich mich daf&uuml;r dem Teufel verschreiben sollte, &mdash; du
+wirst mein!&laquo;</p>
+
+<p>Junge Liebe ist voller Zuversicht, sie glaubt noch an
+Wunder; und sie ist sich selbst genug und vergi&szlig;t dar&uuml;ber
+die Welt. Es war eine st&uuml;rmische Saison damals, &mdash; kaum
+ein Tag verging ohne ein Diner, einen Ball, eine
+Schlittenpartie. Hellmut fehlte niemals. Wenn es nicht
+anders ging, ritt er noch in der Nacht nach Ludwigslust
+zur&uuml;ck. Er verlor allm&auml;hlich die gesunde Farbe, aber
+wenn ich ihn angstvoll um sein Ergehen frug, lachte er.
+Wir wurden immer k&uuml;hner und immer erfinderischer, um
+uns allein sehen zu k&ouml;nnen, und die fremdesten Menschen
+halfen uns dabei: sie zogen sich zur&uuml;ck, wenn wir ins
+Zimmer traten, sie vertieften sich in ein Gespr&auml;ch, wenn
+wir am gleichen Tische sa&szlig;en, sie m&auml;&szlig;igten das Tempo
+ihres Laufs, wenn sie auf der weiten Eisfl&auml;che des
+Schweriner Sees in unsere N&auml;he kamen. Da&szlig; die M&auml;dchen
+mich mieden, war mir nur eine Wohltat. Hie und
+da freilich fing ich ein h&auml;misches L&auml;cheln auf, ein vieldeutiges
+Augenzwinkern, oder h&ouml;rte mit halbem Ohr,
+wie es um mich her raunte und fl&uuml;sterte. Aber ich dachte
+dar&uuml;ber nicht nach. Ich vegetierte &uuml;berhaupt nur noch,
+und lebte allein, wenn er um mich war.</p>
+
+<p>In diesem Winter wu&szlig;te ich erst, was Tanzen ist:
+keine Bewegung, in der wir nach Vorschrift die F&uuml;&szlig;e so
+oder so setzen, kein harmlos-kindliches Vergn&uuml;gen aus
+reiner Freude am rhythmischen Regen der Glieder, &mdash; Liebe
+ist es, Liebe in all ihren tausend Phasen, Liebe, die zwei
+Menschen zu Eins verschmilzt, die sie auseinanderzieht,
+um die Sehnsucht zu steigern und sie um so gl&uuml;hender
+wieder zu vereinen. Liebe, die lockt und kokettiert &mdash; sich
+<a name="Page_295" id="Page_295"></a>dem&uuml;tig neigt und siegesbewu&szlig;t aufrichtet &mdash; die mit
+den anderen l&auml;chelt, sich ihnen vor&uuml;bergehend hingibt, nur
+um des einen, des Geliebten Glut zu loderndem Feuer
+zu entfachen.</p>
+
+<p>Die &raquo;Barkarole&laquo; beherrschte den Tanz in jenem Karneval.
+Ich h&ouml;rte sie bis in meine Tr&auml;ume.</p>
+
+<p>Zu einem Hofball wurde ein Menuett einstudiert, &mdash; der
+Tanz, in dem sich die ganze grazi&ouml;se S&uuml;ndhaftigkeit
+und k&uuml;nstlerisch verkl&auml;rte Erotik seiner Zeit widerspiegelt.
+Wir trugen dazu keinen billigen Maskentand,
+sondern schwere Kleider von Damast, breit ausladend
+&uuml;ber den H&uuml;ften, zum Umspannen schmal in der Taille,
+mit langen h&ouml;fischen Schleppen. Rosen und Lorbeer
+rankte sich auf dem meinen, die alten kostbaren Spitzen
+meiner Mutter garnierten den Rock, ihre Perlenschn&uuml;re
+schlangen sich mir um Hals und Nacken. Hoch gepudert
+die Haare, ein Sch&ouml;npfl&auml;sterchen am Mundwinkel
+und eins auf der Brust, &mdash; so traf ich im Vorzimmer
+am Abend des Festes Hellmut, meinen Herrn. Wir
+staunten einander an, &mdash; so hatte ich die ebenm&auml;&szlig;ige
+Sch&ouml;nheit seiner Gestalt noch nie empfunden wie jetzt,
+wo sie im Staatsgewand Ludwigs XV. vor mir stand.
+Aber sein Gesicht blieb ernst.</p>
+
+<p>&raquo;Mir pa&szlig;t der Narrentr&ouml;del nicht!&laquo; sagte er, w&auml;hrend
+wir uns nach Mozarts unverg&auml;nglichem Don Juan-Menuett
+neigten und drehten. &raquo;Ist nicht die glei&szlig;ende
+Pracht ein Hohn auf unsere Armut?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich f&uuml;hle nur, da&szlig; wir reich sind, die Reichsten der
+Welt!&laquo; antwortete ich und lehnte den Kopf zur&uuml;ck, um
+&uuml;ber die Schulter hinweg ihn selig anzul&auml;cheln, wie die
+Figur des Tanzes es grade befahl.</p>
+<p><a name="Page_296" id="Page_296"></a></p>
+<p>&raquo;Aber ich verkomme vor Qual, solang du nicht mein
+bist!&laquo; gab er zur&uuml;ck und beugte das Knie in bittender
+Geb&auml;rde zu dem lang gezognen Sehnsuchtston der
+Musik.</p>
+
+<p>Ein Walzer folgte dem Menuett. Hellmut lehnte mit
+verschr&auml;nkten Armen an einem Pfeiler, und jedesmal, wenn
+ich vor&uuml;berkam, f&uuml;hlte ich seinen Blick.</p>
+
+<p>&raquo;Du darfst heute mit keinem anderen tanzen,&laquo; redete er
+mich an, als mein T&auml;nzer mich verlassen hatte, &mdash; er
+vermochte seiner Erregung kaum Herr zu werden. Vergebens
+suchte ich ihm das Unm&ouml;gliche seines Verlangens
+klar zu machen; &raquo;ich verlasse das Schlo&szlig;, wenn du nicht
+tust, um was ich dich bitte, &mdash; ich halts einfach nicht
+aus, da&szlig; jeder Schmutzfink dich im Arm h&auml;lt und seine
+frechen Blicke sich an deiner Sch&ouml;nheit weiden.&laquo; Ich
+f&uuml;gte mich begl&uuml;ckt von der St&auml;rke seiner Leidenschaft,
+und um keinen anderen Verdacht aufkommen zu lassen,
+bat ich meine Mutter, mir in der Garderobe eine aus
+Taschent&uuml;chern improvisierte Bandage um den &raquo;verstauchten&laquo;
+Fu&szlig; zu legen, der mich am Tanzen hindern
+sollte.</p>
+
+<p>Hellmut und ich trennten uns an dem Abend nicht
+mehr. Im Ballsaal dr&auml;ngte sich die Jugend, in den
+Nebenzimmern sa&szlig;en die &Auml;lteren an den Whisttischen.
+Wir gingen durch die langen Galerien mit ihrer bunten,
+phantastischen Dekoration, wo die Lampen immer sp&auml;rlicher
+brannten. Wir standen eng aneinander geschmiegt
+vor Tristan und Isoldens Liebesm&auml;r, die hier im Schlo&szlig;
+der sittenstrengen Obotriten in hellen Farben an den
+W&auml;nden prangt, und wie Lebendige tauchten Hero und
+Leanders Marmorbilder im rosigen Schein ged&auml;mpften<a name="Page_297" id="Page_297"></a>
+Lichtes vor uns auf; ihr Busen schien zu atmen, an den
+sein Haupt sich z&auml;rtlich lehnte.</p>
+
+<p>Von ferne folgten uns die Tanzmelodien ... &raquo;Sch&ouml;ne
+Nacht &mdash; o Liebesnacht &mdash; o stille das Verlangen &mdash;&laquo;
+klang es leise &mdash; sehns&uuml;chtig.</p>
+
+<p>Und Hellmut schlang den Arm um mich, und dicht,
+immer dichter aneinander geschmiegt, flogen wir durch
+den halbdunklen Raum. Mir war, als h&ouml;rte ich ein
+unterdr&uuml;cktes Gel&auml;chter, &mdash; aber im n&auml;chsten Augenblick
+verga&szlig; ich es wieder.</p>
+
+<p>Wir tanzten, &mdash; waren wir nicht allein auf mondheller
+Wiese, von Palmen umrauscht und gro&szlig;en,
+wei&szlig;en Blumen umgeben, aus deren Goldkelch bet&auml;ubende
+D&uuml;fte str&ouml;mten? Wir tanzten, &mdash; wars
+nicht ein Schaukeln auf kristallhellen Fluten, &mdash; sahen
+wir nicht bis zum Grund, wo die blendenden Leiber
+nackter Nixen zwischen Wasserrosen auf und nieder
+tauchten und Lieder, die noch kein Menschenohr geh&ouml;rt,
+ihren roten Lippen entstr&ouml;mten? &mdash; Mein Herzschlag
+stockte &mdash; auf den n&auml;chsten Stuhl sank ich schwindelnd
+zur&uuml;ck, zu meinen F&uuml;&szlig;en brach der Geliebte zusammen,
+den blonden Kopf vergraben in meinem Scho&szlig; ...</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="antiqua">&raquo;Oh, la marquise Pompadour,</em><br /></span>
+<span class="i0"><em class="antiqua">Elle connait l'amour</em><br /></span>
+<span class="i0"><em class="antiqua">Et toutes ses tendresses,</em><br /></span>
+<span class="i0"><em class="antiqua">La plus belle des maitresses&laquo; &mdash;</em><br /></span>
+</div></div>
+
+<p>sang pl&ouml;tzlich eine kr&auml;hende Sopranstimme hinter uns.
+Hellmut sprang auf und griff instinktiv an den zierlichen
+Galanteriedegen, der ihm an der Seite hing.</p>
+
+<p>&raquo;Verdammt &mdash;&laquo; knirschte er, &mdash; es war eine leere
+Scheide, die er in der Hand hielt. Wir h&ouml;rten noch ein<a name="Page_298" id="Page_298"></a>
+Rascheln und Raunen und das ferne Schlagen einer
+T&uuml;r, dann wars still.</p>
+
+<p>&raquo;Morgen noch fahr ich selbst zu Tante Brigitte und,
+wenns nicht anders ist, zu Georg. Ich mu&szlig; ein Ende
+machen &mdash; so oder so!&laquo; fl&uuml;sterte er mir zu, ehe wir den
+Ballsaal wieder betraten. Ich suchte meine Eltern; &mdash; wir
+verabschiedeten uns. Am Ausgang, wo sich die
+meisten Menschen zusammendr&auml;ngten, trat Hellmut an
+meinen Vater heran: &raquo;Darf ich mich gleich heute f&uuml;r
+die n&auml;chsten Wochen verabschieden, Herr General,&laquo; &mdash; sagte
+er sehr laut und f&ouml;rmlich &mdash; &raquo;mein Vetter,
+Herzog Georg, w&uuml;nscht meine Anwesenheit bei den Hofb&auml;llen.&laquo; &mdash; &raquo;Reisen
+Sie gl&uuml;cklich,&laquo; antwortete mein
+Vater, und mir schien, als ob er erleichtert dabei aufatmete.
+&raquo;Am&uuml;sieren Sie sich gut&laquo; &mdash; brachte ich m&uuml;hsam
+hervor und legte meine kalten Finger fl&uuml;chtig in die seinen.</p>
+
+<p>Nur die fieberhafte Erregung gab mir Kraft, mich in
+den n&auml;chsten Wochen aufrecht zu halten. Ich fehlte in
+keiner Gesellschaft, auf keinem Ball; keine tanzte so unerm&uuml;dlich
+wie ich, an keinem andern Tisch wurde so viel
+Sekt getrunken wie an dem meinen.</p>
+
+<p>Eines Tages traf ich Graf Waldburg im Theater.
+Er machte in den Pausen mit gro&szlig;em Eifer Propaganda
+f&uuml;r eine Schlittenpartie, die mit einem Diner im Hotel
+enden sollte. &raquo;Seine Durchlaucht Prinz Hellmut bittet
+Sie um die Ehre, Sie fahren zu d&uuml;rfen,&laquo; wandte er
+sich an mich. Als ich fragend zu ihm aufsah, zuckte er
+die Achseln und sagte, nur f&uuml;r mich h&ouml;rbar: &raquo;Durchlaucht
+haben mir nichts weiter mitgeteilt, als da&szlig; ich
+rasch f&uuml;r eine Gelegenheit zu l&auml;ngerer Aussprache sorgen
+m&ouml;chte.&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_299" id="Page_299"></a>Zweimal vierundzwanzig Stunden noch! Die Erregung
+steigerte sich bis zum Unertr&auml;glichen. Inzwischen
+fing es an zu tauen. Ein schmutziges Grau
+bedeckte die Stra&szlig;en der Stadt, und dichte Nebel hingen
+&uuml;ber den Seen. Mit hellem Schellengel&auml;ut erschien
+trotzdem am festgesetzten Tage Hellmuts Schlitten vor
+unserer T&uuml;r, &mdash; eine winzige mit Pelzen dicht ausgef&uuml;tterte
+Muschel, vor der ein russischer Traber unruhig
+den Boden stampfte. Mein Vater f&uuml;hrte mich hinunter.
+Hellmuts erster Blick sagte mir alles &mdash; ich schwankte,
+als Papa mir in den Schlitten half. &raquo;Also um f&uuml;nf Uhr
+p&uuml;nktlich im Hotel!&laquo; rief er noch freundlich, dann flogen
+wir davon.</p>
+
+<p>&raquo;Georg hat mich ausgelacht &mdash; Tante Brigitte war
+zynisch genug, mir zu versichern: f&uuml;r ein vern&uuml;nftiges
+Verh&auml;ltnis h&auml;tte sie Geld &mdash; f&uuml;r eine dumme Ehe nicht!&laquo;
+Mit rauher Stimme hatte er gesprochen. &raquo;Was meinst
+du, wenn wir statt zum Rendezvous auf dem Schlo&szlig;platz
+direkt auf den See f&uuml;hren, &mdash; der h&auml;lt uns nicht lange!&laquo;</p>
+
+<p>Ich packte ihn entsetzt am Arm. &raquo;Nein, Hellmut,
+nein,&laquo; flehte ich, &raquo;wir haben ja noch gar nicht gelebt!&laquo;
+Der Fanatismus des Daseins durchgl&uuml;hte mich &mdash; so
+sterben &mdash; so &mdash; nein! Und wie eine Erleuchtung kam es
+&uuml;ber mich: Tante Klotilde, &mdash; sie mu&szlig;te und konnte
+helfen. Mit schmetternden Fanfaren begr&uuml;&szlig;te die Musik
+die Ankommenden, als wir beide, die Herzen von neuer
+Hoffnung geschwellt, auf den Schlo&szlig;platz einbogen und
+uns fr&ouml;hlich an die Spitze des langen Zuges setzten.
+War das eine Fahrt durch den Wald, wo der tauende
+Schnee eine glatte Bahn geschaffen hatte! Wie wir
+den Nebel nicht sp&uuml;rten, obwohl er unsere Pelze mit<a name="Page_300" id="Page_300"></a>
+Millionen winziger Wasserperlen besetzte, so empfanden
+wir keinen Zweifel mehr an der wieder erwachten Sonne
+unseres Gl&uuml;cks.</p>
+
+<p>Die anderen kamen durchfroren von der stundenlangen
+Fahrt ins Hotel, uns, die wir ihnen weit voran gewesen
+waren und doch als letzte zur&uuml;ckkehrten, war gl&uuml;hhei&szlig;.
+Noch lange sa&szlig;en wir zusammen; die vielen
+G&auml;nge des Mahls, bei dem die meisten Paare immer
+einsilbiger wurden, das langsame Servieren, das jeden
+Nichtmecklenburger immer ungeduldiger machte, &mdash; wir
+merkten es nicht. F&uuml;r uns wars viel zu fr&uuml;h, als es
+galt, Abschied zu nehmen. Vor dem halbdunkeln Torweg,
+im rieselnden Regen, umschlo&szlig; eine kr&auml;ftige Hand noch
+einmal die meine, und spitze N&auml;gel gruben sich mir ins
+Fleisch.</p>
+
+<p>Noch in der Nacht schrieb ich an Tante Klotilde.
+Mein ganzes Herz sch&uuml;ttete ich ihr aus; mit all meiner
+Hoffnung klammerte ich mich an sie; jede Seite ihres
+Wesens suchte ich zu r&uuml;hren.</p>
+
+<p>Wenige Tage sp&auml;ter wurde ich zu ungewohnter Stunde
+zu meinem Vater gerufen. Hochrot im Gesicht, mit
+meinem Brief in der Hand, trat er mir entgegen. Mama
+sa&szlig; vor Schrecken totenbla&szlig; im Lehnstuhl. Es gab eine
+unbeschreibliche Szene. Demselben Manne, der mir
+seine Z&auml;rtlichkeit nie genug zeigen konnte, war jetzt kein
+Wort zu verletzend, um mich zu beschimpfen. Ich stand
+vor ihm, wie versteinert. Erst als er Hellmut einen
+Ehrlosen nannte und die wahnsinnigsten Drohungen
+gegen ihn ausstie&szlig;, kam ich zu mir. &raquo;Das duld' ich
+nicht, da&szlig; du seine Ehre angreifst,&laquo; rief ich und trat
+ihm dicht unter die Augen, &raquo;schlag doch mit F&auml;usten
+<a name="Page_301" id="Page_301"></a>auf mich, wenn du willst, aber ihn &mdash; ihn darfst du
+nicht anr&uuml;hren.&laquo; Papa sah mich gro&szlig; an, wandte sich
+ab und st&ouml;hnte qualvoll. Das ertrug ich nicht mehr.
+Weinend warf ich mich ihm zu F&uuml;&szlig;en. &raquo;Papachen &mdash; hab'
+doch Mitleid mit mir &mdash; mein Ungl&uuml;ck ist doch
+schon gro&szlig; genug&laquo;, schluchzte ich. Und dieselbe Hand, die
+mich fast geschlagen h&auml;tte, hob mich empor. &raquo;Mein
+armes, armes Kind,&laquo; sagte er, und mit dem Ausdruck
+eines zu Tode Verwundeten sah er mich an.</p>
+
+<p>Mama war still gewesen bis dahin. Jetzt h&ouml;rte ich
+ihre ruhige k&uuml;hle Stimme wie von weit, weit her. Sie
+las den Brief der Tante vor, ich verstand ihn kaum,
+nur die Worte &raquo;Pflicht&laquo;, &raquo;Opfer&laquo;, &raquo;Ehrgef&uuml;hl&laquo; wiederholten
+sich, wie es schien, h&auml;ufig. &raquo;Alix wird,&laquo; so schlo&szlig;
+er ungef&auml;hr, &raquo;durch diese Erfahrung klug werden und
+ihre z&uuml;gellosen Leidenschaften b&auml;ndigen lernen. Unser
+ganzes Leben ist Entsagung und Pflichterf&uuml;llung ...&laquo;
+Ich lachte gellend auf bei dieser sch&ouml;nen Tirade, um
+gleich nachher in einen wilden Weinkrampf auszubrechen.
+Papa trug mich in mein Bett. Meine Mutter verlie&szlig;
+mich von da an keine Minute. Gegen Abend lie&szlig; sie
+mich aufstehen. Kaum auf den F&uuml;&szlig;en konnt ich mich
+halten, und vor Schmerzen h&auml;tte ich am liebsten geschrien,
+aber meine Willenskraft war st&auml;rker als alles.
+Ich vermochte es sogar, meinen Vater dankbar anzul&auml;cheln,
+als er mir mitteilte, er habe &raquo;die schwere Aufgabe
+auf sich genommen, den Prinzen &uuml;ber den Ausgang
+der traurigen Angelegenheit in Kenntnis zu setzen.&laquo;</p>
+
+<p>Als ich dann, wie immer, im Nebenzimmer den Tee bereitete,
+h&ouml;rte ich, mit meinen fieberhaft gesch&auml;rften Sinnen,
+Mama zu ihm sagen: &raquo;Ich kenne Alix genug, um keine
+<a name="Page_302" id="Page_302"></a>ernstliche Sorge zu haben. Wo wir bisher gewesen
+sind, &mdash; es gab immer irgend eine mehr oder weniger
+fatale Liebesgeschichte. In diesem Fall, wo ihre Eitelkeit
+mitspricht, sieht die Sache erheblicher aus.&laquo; &raquo;Aber
+du sahst sie doch! &mdash; Eine solche Verzweiflung l&auml;&szlig;t das
+&Auml;u&szlig;erste f&uuml;rchten!&laquo; wandte mein Vater ein. &raquo;Vertraue
+mir, lieber Hans &mdash; du siehst sie immer wie in
+einem goldnen Spiegel! Ich habe, gottlob, meine sehr
+n&uuml;chternen und klaren Augen behalten,&laquo; antwortete
+Mama, &raquo;wir haben jetzt nichts zu tun, als zu verh&uuml;ten,
+da&szlig; sie sich und uns durch tragische Posen kompromittiert &mdash; alles
+andre &uuml;berlasse ruhig der Zeit und &mdash;,&laquo; f&uuml;gte
+sie mit einem halben Lachen hinzu &mdash; &raquo;dem n&auml;chsten
+Mann!&laquo;</p>
+
+<p>Was sie sagte, war mir nur willkommen, und ich
+benahm mich, ihren Worten entsprechend, w&auml;hrend ich
+zu gleicher Zeit mit vollkommener Ruhe an die Ausf&uuml;hrung
+eines Planes ging, der vom ersten Augenblick
+an, da ich von der Ablehnung der Tante erfahren hatte,
+f&uuml;r mich fest stand. Ich lie&szlig; mir zur Gutenacht die
+Stirn k&uuml;ssen und legte mich ruhig nieder; da&szlig; Mama noch
+einmal kommen und nach mir sehen w&uuml;rde, wu&szlig;te ich,
+und wartete, bis sie zur&uuml;ck in ihr Schlafzimmer ging und
+jeder Ton im Hause erstorben war. Dann stand ich
+auf, zog mich sorgf&auml;ltig an, packte das N&ouml;tigste in eine
+bereit stehende Handtasche und schlich mit angehaltenem
+Atem die Treppe hinunter. Die Haust&uuml;r knarrte nicht
+einmal, als ich sie aufschlo&szlig;. Es regnete in Str&ouml;men,
+kein Mensch war zu h&ouml;ren, noch zu sehen. Ich wartete
+in meinen Mantel gewickelt, bis ein fester Schritt mir
+entgegen klang, ein schleppender S&auml;bel auf das Pflaster
+<a name="Page_303" id="Page_303"></a>taktm&auml;&szlig;ig aufschlug. So kam er jetzt jeden Abend, vom
+Fenster aus ein verabredetes Zeichen erwartend, in
+den dicht an unserem Hause liegenden Park. Er
+fuhr zur&uuml;ck, als er mich vor sich sah. Es bedurfte
+nicht vieler Worte zwischen uns. Aber was ich gleichg&uuml;ltig,
+mit einer ganz fremden ruhigen Stimme erz&auml;hlte,
+das ersch&uuml;tterte ihn so, da&szlig; er sich schwer auf meine
+Schulter lehnen mu&szlig;te. &raquo;Ich kann dich nicht lassen,
+Alix!&laquo; st&ouml;hnte er immer wieder. &raquo;Das sollst du auch
+nicht, Hellmut!&laquo; antwortete ich fest. &raquo;Da uns zum
+Ehebund der Goldsegen fehlt, schlie&szlig;en wir ihn unter
+dem Segen der Liebe.&laquo; Mit weit ge&ouml;ffneten Augen
+sah er mich an. &raquo;Du wolltest &mdash;?&laquo; klang es fragend,
+z&ouml;gernd. &raquo;Deine Geliebte werden &mdash; ja. Selbstverst&auml;ndlich
+mu&szlig; ich Schwerin sofort verlassen &mdash; &mdash; &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alix, du fieberst &mdash; du wei&szlig;t ja gar nicht, was du
+sagst, &mdash; das ist ja heller Wahnsinn!&laquo; rief er. Ich f&uuml;hlte
+pl&ouml;tzlich, wie die feuchte K&auml;lte der Nacht von den Fu&szlig;sohlen
+an langsam an mir emporkroch. &raquo;Ich bin nicht
+wahnsinnig, Liebster &mdash;&laquo; sagte ich weich und dr&uuml;ckte
+seine Hand z&auml;rtlich an meine Wange, &raquo;ganz im Gegenteil:
+ich will die wahnsinnige Weltordnung f&uuml;r mein
+Teil vern&uuml;nftig machen! &mdash; Nun la&szlig; uns nicht l&auml;nger
+hier stehen, Hellmut, wo jede Minute kostbar ist. Irgend
+eine kleine Station wird sich mit deinem Wagen doch
+noch erreichen lassen, wo ich den ersten Morgenzug erwarten
+kann &mdash;.&laquo; Er trat einen Schritt zur&uuml;ck, &mdash; &raquo;Mach
+mich doch nicht zum Schurken &mdash; Alix&laquo; &mdash; er
+packte mich am Arm und sch&uuml;ttelte mich, als wolle er
+mich aus einem Traum erwecken. Und wirklich &mdash; w&auml;hrend
+der Regen mir ins Antlitz peitschte &mdash; und
+<a name="Page_304" id="Page_304"></a>die letzten Laternen erloschen, kam es mit grausamer
+Klarheit &uuml;ber mich. &raquo;Hellmut!&laquo; rief ich noch einmal
+und breitete die Arme aus. Er st&uuml;rzte auf mich zu,
+bedeckte mir Mund und Augen und Wangen und H&auml;nde
+mit wilden K&uuml;ssen &mdash; und verschwand, wie von Furien
+gepeitscht, in der dunkeln Allee.</p>
+
+<p>Minutenlang blieb ich wie angewurzelt stehen, dann
+strich ich mechanisch mit den H&auml;nden &uuml;ber den nassen
+Mantel. Ich mu&szlig;te mich vergewissern, wer das eigentlich war,
+der hier drau&szlig;en im Regen stand. Auch an
+die Stelle griff ich, wo mir das Herz noch eben wild
+geschlagen hatte. Es war wohl nicht mehr da &mdash; es
+war wohl tot &mdash; oder am Ende in den Schmutz gefallen.
+Ganz &auml;ngstlich sah ich in die schwarzen Pf&uuml;tzen
+zu meinen F&uuml;&szlig;en. Jetzt m&uuml;&szlig;t ich eigentlich schlafen
+gehn &mdash; fuhr es mir durch den Kopf. &mdash; Gott, war
+das T&auml;schchen schwer und der nasse Mantel. &mdash; Ob ich
+mich lieber auf die Bank dort setzen sollte?! &mdash; Nach
+ein paar Schritten stockte mein Fu&szlig;: nein, das ging nicht,
+ringsumher standen schrecklich viele Menschen und starrten
+mich an. Und dann rissen sie alle den Mund weit auf,
+und von allen Ecken dr&ouml;hnte und kreischte es &mdash;</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0"><em class="antiqua">Oh, la marquise Pompadour &mdash;</em><br /></span>
+<span class="i0"><em class="antiqua">Elle connait l'amour &mdash;</em><br /></span>
+<span class="i0"><em class="antiqua">Et toutes ces tendresses &mdash;</em><br /></span>
+<span class="i0"><em class="antiqua">La plus belle des ma&icirc;tresses &mdash; &mdash;</em><br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Ich floh die Stufen empor, &mdash; ri&szlig; die T&uuml;re auf und
+setzte mich ersch&ouml;pft auf die Treppe. Aber sie krochen
+mir nach &mdash; auf H&auml;nden und F&uuml;&szlig;en &mdash; wie W&uuml;rmer.
+Mit den letzten Kr&auml;ften schlich ich in mein Zimmer.
+Und pl&ouml;tzlich kam mir zum Bewu&szlig;tsein, da&szlig; ich &mdash; Alix<a name="Page_305" id="Page_305"></a>
+Kleve &mdash; hier in triefenden Kleidern auf dem Bette sa&szlig;.
+Ein Grauen &uuml;berfiel mich, als w&auml;re ich mein eigenes
+Gespenst und schwebte im schwarzen grenzenlosen Weltraum.
+Die Sinne vergingen mir.</p>
+
+<p>Acht Tage fast lag ich in v&ouml;lliger Apathie. Dann
+ging ich aus, und bald darauf ins Theater. Man gab
+&raquo;Hoffmanns Erz&auml;hlungen&laquo; &mdash; selbst bei der Barkarole
+klopfte mein Herz nicht. Es war mir offenbar abhanden
+gekommen. Nach weiteren acht Tagen tanzte ich wieder.
+Mama triumphierte.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_306" id="Page_306"></a></p>
+<h2><a name="Elftes_Kapitel" id="Elftes_Kapitel"></a>Elftes Kapitel</h2>
+
+
+<p>&raquo;Wissen Sie das Neuste!&laquo; rief mir eine meiner
+Konkurrentinnen auf dem Kampfplatz
+weiblicher Eitelkeit zu, als wir gerade in
+der Quadrille einander gegen&uuml;ber standen; &raquo;Prinz Hellmut
+ist &mdash; krank und hat sich auf ein Jahr beurlauben
+lassen,&laquo; &mdash; dabei l&auml;chelte sie, halb triumphierend, halb
+schadenfroh, wie eben nur eine Frau l&auml;cheln kann.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig;, er trug sich schon lange mit diesem Plan,&laquo;
+antwortete ich mit vollkommener Ruhe.</p>
+
+<p>An dem Abend tanzte ich bis zur Ersch&ouml;pfung und
+hatte f&uuml;r alle ein liebensw&uuml;rdiges Wort, einen koketten
+Blick, so da&szlig; die Kotillonstr&auml;u&szlig;e auf meinem Scho&szlig; sich
+h&auml;uften wie noch nie. Als ich aber zu Hause am offenen
+Fenster stand und die w&uuml;rzige M&auml;rzluft das schw&uuml;le
+Zimmer mit einer Ahnung neuen Fr&uuml;hlings f&uuml;llte, warf
+ich mit einem Gef&uuml;hl des Ekels das glitzernde Ballkleid,
+die k&uuml;nstlichen Rosen, die seidenen Schuhe von mir.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann nicht mehr,&laquo; sagte ich zu mir selbst; alles
+erinnerte mich hier an die Vergangenheit, jeden Blick,
+jedes L&auml;cheln empfand ich, als ob schmutzige H&auml;nde mich
+betasteten. Ich mu&szlig;te fort, weit fort!</p>
+
+<p>Es kostete mich nur geringe M&uuml;he, meine Eltern zu
+bewegen, mich verreisen zu lassen. Die gesellschaftlichen<a name="Page_307" id="Page_307"></a>
+Pflichten waren f&uuml;r diesen Winter erledigt, meine Gesundheit
+bot stets willkommenen Vorwand zu fr&uuml;hen
+Landaufenthalten; es bedurfte nur einer Ansage, und ich
+konnte schon in den n&auml;chsten Tagen in Pirgallen eintreffen.
+Unter dem Schutz einer Bekannten, deren Anwesenheit
+mich zur Selbstbeherrschung zwang, fuhr ich
+nach Berlin, wo Onkel Walter, der zum Reichstag dort
+war, mich in Empfang nahm.</p>
+
+<p>&raquo;Na, du machst ja nette Streiche,&laquo; war sein erstes
+Wort. Peinlich &uuml;berrascht sah ich auf. &raquo;Wir hatten
+dich eigentlich ein paar Wochen hier behalten wollen,&laquo;
+fuhr er fort, &raquo;aber deine Aff&auml;re ist so sehr in aller
+Munde, da&szlig; es besser ist, wir lassen Gras dar&uuml;ber
+wachsen, ehe du dich zeigst.&laquo; Seine Frau ben&uuml;tzte die
+Gelegenheit, um &uuml;ber meine &raquo;mi&szlig;gl&uuml;ckten Pl&auml;ne&laquo;, meinen
+&raquo;bestraften Ehrgeiz&laquo; kleine bissige Bemerkungen zu machen,
+so da&szlig; ich erleichtert aufatmete, als ich im Zuge nach
+K&ouml;nigsberg sa&szlig;.</p>
+
+<p>Mit einer Z&auml;rtlichkeit, die mir noch inniger schien als
+fr&uuml;her, und die das einzige war, wodurch Gro&szlig;mama
+mir ihr Wissen verriet, schlo&szlig; sie mich in die Arme.
+Es war so still, so friedlich in ihren gr&uuml;nen Zimmern,
+hinter den dicken Mauern, als ob es in der ganzen
+Welt gar keine St&uuml;rme g&auml;be. Aber schon nach wenigen
+Tagen sollte ich an sie erinnert werden. Gleichzeitig
+kamen von meinen Eltern zwei Briefe an. Ich &ouml;ffnete
+den von Mama zuerst &mdash; ich f&uuml;rchtete mich instinktiv
+vor dem anderen.</p>
+
+<p>&raquo;Dein Vater&laquo;, schrieb sie, &raquo;ist in einer solchen Aufregung,
+da&szlig; ich es f&uuml;r n&ouml;tig halte, seinen Brief nicht
+ohne den meinen abgehen zu lassen. Die Versetzung nach<a name="Page_308" id="Page_308"></a>
+Bromberg traf ihn wie der Blitz aus heiterem Himmel.
+Wenn sie auch gewi&szlig; keine direkte Zur&uuml;cksetzung bedeutet,
+so h&auml;ngt sie sicherlich mit Deiner traurigen Angelegenheit
+zusammen, die h&ouml;hern Orts nicht unbemerkt und
+nicht unger&uuml;gt bleiben konnte. M&ouml;chtest Du daraus
+endlich die Lehre ziehen, da&szlig; Du Deine Launen und
+Leidenschaften im Zaum halten mu&szlig;t, wenn Du nicht
+Dich und Deine Eltern zugrunde richten willst ...&laquo;</p>
+
+<p>Mit zitternden H&auml;nden ri&szlig; ich Papas Brief auf. Er
+lautete:</p>
+
+<p>&raquo;Mein liebes Kind! In der Bibel steht, da&szlig; die
+S&uuml;nden der V&auml;ter an den Kindern heimgesucht werden,
+aber die andere bittere Wahrheit, die ich am eignen
+Leibe erfahren mu&szlig;, steht nicht darin: da&szlig; die V&auml;ter
+f&uuml;r die S&uuml;nden der Kinder b&uuml;&szlig;en m&uuml;ssen. Ich bin
+zum Chef der Landwehr-Inspektion in Bromberg ernannt
+worden, &mdash; das ist nichts anderes als eine ehrenr&uuml;hrige
+Strafversetzung, die ich mit meinem Abschiedsgesuch beantworten
+w&uuml;rde, wenn ich nicht gen&ouml;tigt w&auml;re, weiter
+zu dienen, um meine Familie zu erhalten ...&laquo;</p>
+
+<p>Ich konnte der Tr&auml;nen nicht Herr werden, als ich
+Gro&szlig;mama die Briefe zu lesen gab. Mit ihrer schmalen
+k&uuml;hlen Hand strich sie mir &uuml;ber die hei&szlig;e Stirn und
+sagte beg&uuml;tigend: &raquo;Dein Vater &uuml;bertreibt in der Erregung
+gern ein bi&szlig;chen, mein Alixchen; es ist gewi&szlig; nicht so
+schlimm, wie es ihm erscheint, und du wirst es ihm nun
+auch tapfer und liebevoll tragen helfen.&laquo; Aber ich lie&szlig;
+mich nicht so leicht beruhigen. Ich schwelgte f&ouml;rmlich
+im selbstqu&auml;lerischen Bewu&szlig;tsein einer Schuld, die mir
+doch nicht als bewu&szlig;te Verschuldung erscheinen konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist mein Schicksal, allen, die mich lieben, Ungl&uuml;ck
+<a name="Page_309" id="Page_309"></a>zu bringen &mdash;&laquo; so formulierte ich eines Tages Gro&szlig;mama
+gegen&uuml;ber das Resultat meiner Gr&uuml;beleien. &raquo;Das
+ist eine kindliche und &mdash; was schlimmer ist &mdash; alle Kr&auml;fte
+l&auml;hmende Auffassung,&laquo; antwortete sie: &raquo;tragische Heldinnen
+solcher Art gibt es nur in Schicksalstrag&ouml;dien, die auch
+als Kunstwerke nichts taugen.&laquo;</p>
+
+<p>Mit einem unmerklichen Zwang, dessen Konsequenz
+mir erst viel sp&auml;ter klar wurde, lenkte sie mich von der
+Besch&auml;ftigung mit mir selber ab.</p>
+
+<p>Sie hatte einen Kinderhort ins Leben gerufen, wo
+die noch nicht schulpflichtigen Kleinen unter Aufsicht
+einer alten Frau aus dem Dorfe spielten und in die
+ersten Begriffe der Reinlichkeit eingeweiht wurden. Gro&szlig;mama
+brachte t&auml;glich ein paar Stunden unter ihnen zu
+und sa&szlig;, wie eine Erscheinung aus anderer Welt in
+ihrem schwarzen Sammtkleid auf erh&ouml;htem Sitz, mit den
+feinen Fingern Papierpuppen ausschneidend, w&auml;hrend
+sie den Flachsk&ouml;pfen, die sie dicht umdr&auml;ngten, M&auml;rchen
+erz&auml;hlte. Dazwischen flocht sie manchem Ruschelkopf die
+Z&ouml;pfe, oder putzte ein triefendes N&auml;slein, oder wusch
+ein paar gar zu schmutzige Pf&ouml;tchen. Was sie mit
+freundlichem Gleichmut tat, das kostete mir viel Selbst&uuml;berwindung.
+Diese Kinder straften die beruhigend-sentimentale
+Auffassung von der bl&uuml;henden l&auml;ndlichen
+Jugend L&uuml;gen. Nur wenige waren rund und pausb&auml;ckig
+und k&ouml;rperlich fehlerlos. Die meisten wackelten m&uuml;hsam
+auf krummen Beinchen daher, an Ausschl&auml;gen an
+Kopf und K&ouml;rper, an triefenden Augen litten viele,
+selbst Kr&uuml;ppel fehlten nicht, und mit Schmutz und Ungeziefer
+waren fast alle behaftet. Manche unter ihnen
+stierten mit verbl&ouml;deten Blicken ins Leere, oder sa&szlig;en
+<a name="Page_310" id="Page_310"></a>stundenlang auf demselben Fleck, wie lebensm&uuml;de Greise.
+Andere, laute und l&auml;rmende, f&uuml;hrten Worte im Munde,
+deren Sinn, den ich erst allm&auml;hlich erriet, mir die Schamr&ouml;te
+in die Wangen trieb. Ob es ihnen wirklich irgend
+etwas nutzen konnte, da&szlig; sie hier w&auml;hrend ein paar
+Kinderjahren vom inneren und &auml;u&szlig;eren Schmutz ein
+wenig gereinigt wurden?! dachte ich bei mir und wurde
+in meiner Vermutung best&auml;rkt, wenn sich ihre eigenen
+M&uuml;tter immer wieder &uuml;ber die gesundheitssch&auml;dliche
+Anwendung zu vielen Wassers beklagen kamen.</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn wir nichts weiter erreichten, als ihnen
+ein paar fr&ouml;hliche Stunden schaffen und f&uuml;r ihr ganzes
+sp&auml;teres Leben die wohlige Erinnerung an etwas Sonnenschein &mdash; so
+ist das genug,&laquo; sagte Gro&szlig;mama.</p>
+
+<p>Wir gingen auch ins Dorf und besuchten die Insten.
+Mit unheimlicher Regelm&auml;&szlig;igkeit wiederholte sich dabei
+stets dasselbe: Frauen empfangen uns, oft kaum drei&szlig;igj&auml;hrig
+und schon mit grauen Haaren, schlaffen Br&uuml;sten
+und runden R&uuml;cken, Greisinnen unter ihnen, zahnlose,
+mit tausend Falten in der Pergamenthaut, aber nur
+hie und da bl&uuml;hende junge M&auml;dchen. Die gingen alle
+in die Stadt, in den Dienst oder in die Fabrik, und
+brachten, wenn sie heimkamen, vaterlose W&uuml;rmchen mit,
+die die alten Eltern schlecht und recht aufziehen mu&szlig;ten.
+Immer warens dieselben Klagen, die uns entgegenschollen:
+der Vater, der Gatte, der Sohn vertrank die
+paar Groschen Verdienst und lohnte Weiber und T&ouml;chter
+obendrein mit Schl&auml;gen, wenn Schmalhans zuhause
+K&uuml;chenmeister war.</p>
+
+<p>Nicht weniger als drei Schankwirte machten sich
+in Pirgallen die G&auml;ste streitig. Der scharfe Geruch
+<a name="Page_311" id="Page_311"></a>von Fusel, schlechtem Tabak und Menschenschwei&szlig;,
+der in ihren R&auml;umen klebte, lie&szlig; mir vor Ekel
+den Atem stocken, und doch war der Aufenthalt dort
+noch besser, als in der Stickluft der H&auml;user, zwischen
+l&auml;rmenden Kindern und keifenden Frauen. Mich grauste
+vor jedem Trunkenbold, &mdash; jetzt fing ich an, ihn zu verstehen.
+Vergebens hatte Gro&szlig;mama bei ihrem Sohn
+die Einrichtung von Leseabenden, die Einf&uuml;hrung guter
+B&uuml;cher f&uuml;r Pirgallens Bewohner zu erreichen gesucht,
+damit sie den Weg ins Wirtshaus seltener f&auml;nden.
+&raquo;Das hie&szlig;e Bed&uuml;rfnisse wecken, die schlie&szlig;lich zur Landflucht
+treiben,&laquo; war seine Antwort gewesen.</p>
+
+<p>Nur weiter drau&szlig;en, wo die H&auml;user der Fischer einsam
+am Haffstrand lagen und die grauen Wellen jetzt im
+M&auml;rz noch Eisschollen auf ihrem R&uuml;cken trugen, lebten
+die Familien nach uraltem Brauch friedlich zusammen.
+Die kurze Pfeife in Mund, flickte der Hausvater die
+Netze, und die Hausfrau sa&szlig; am Webstuhl, schweigsam
+wie er. Kam der Feierabend, so las der Alte aus der
+vergriffenen Bibel mit schwerer, eint&ouml;niger Stimme, und
+ein Gebet schlo&szlig; den Tageslauf. Und doch kam mirs
+hier unheimlicher vor als im Dorf. Hier herrschte
+noch mit eiserner Strenge das Gesetz der Unterordnung
+der Kinder unter den Willen der V&auml;ter.
+Jeder Wunsch in die Ferne wurde erstickt, zerpr&uuml;gelt,
+jede lebenswarme Freude starb, wenn sie hier in die
+T&uuml;re trat.</p>
+
+<p>Wir kamen nie mit leeren H&auml;nden, der Dank war
+immer ein &uuml;berschwenglicher, der nicht im Verh&auml;ltnis
+zur Gabe stand. Mochte er nun von Herzen kommen
+oder verlogen sein, mir war er gleich unertr&auml;glich.<a name="Page_312" id="Page_312"></a>
+Gro&szlig;mama meinte, da&szlig; ich durch sein Abwehren beleidigend
+wirkte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann nicht anders, Gro&szlig;mama,&laquo; sagte ich, &raquo;wenn
+ich der armen Lene eine Suppe bringe, so sch&auml;me ich
+mich, da&szlig; ich mich am liebsten vor ihr verstecken m&ouml;chte.
+Warum in aller Welt bin ich nicht die Lene?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; du es besser hast, mu&szlig;t du mit besser sein vergelten,&laquo;
+entgegnete sie ernst. Meine Empfindung aber
+steigerte sich nur. Das R&auml;tsel des Elends in der Welt
+und seine Unl&ouml;sbarkeit richtete sich riesengro&szlig; vor mir
+auf, ein Felsentor mit schwarzer Eisenpforte. Rostflecke
+bedeckten sie und Blut klebte an ihr, &mdash; Zeichen der vielen,
+die an ihr r&uuml;ttelnd vergebens Eingang verlangt hatten.
+Niemand besa&szlig; den Schl&uuml;ssel, und der Glaube, der &uuml;ber
+sie hinwegtr&auml;gt zu sonnigen Welten jenseitiger Vergeltung,
+war mir verloren gegangen.</p>
+
+<p>Abends lasen wir miteinander, Gro&szlig;mama und ich.
+Die stenographischen Berichte der Reichstagsverhandlungen,
+die sie durch ihren Sohn regelm&auml;&szlig;ig erhielt,
+bildeten damals ihre Lieblingslekt&uuml;re. Mich langweilten
+sie zun&auml;chst schrecklich, ich verstand ja nicht einmal das
+ABC der Sache. Da&szlig; Bismarck, den wir alle wie
+einen Halbgott verehrten, sich mit der ganzen Leidenschaft
+seiner Sprache, dem ganzen Gewicht seiner Pers&ouml;nlichkeit
+f&uuml;r etwas, meiner Empfindung nach so Untergeordnetes,
+wie das Branntweinmonopol ins Zeug legte, kam
+mir komisch, ja fast ver&auml;chtlich vor. Erst als Ende M&auml;rz
+die Frage der Verl&auml;ngerung des Sozialistengesetzes auf
+der Tagesordnung stand, wuchs mein Interesse mit der
+dramatischen Bewegtheit der Verhandlungen.</p>
+
+<p>Meine Gro&szlig;mutter war von je her eine Gegnerin aller<a name="Page_313" id="Page_313"></a>
+Ausnahmegesetze gewesen, mochten sie sich nun gegen
+Polen oder gegen Sozialdemokraten richten. &raquo;Sie schaffen
+nur M&auml;rtyrer, und M&auml;rtyrer werben Scharen von
+Proselyten,&laquo; pflegte sie zu sagen; aber sich mit S&ouml;hnen
+oder Schwiegersohn, denen keine Ma&szlig;regel gegen die
+Umst&uuml;rzler energisch genug war, dar&uuml;ber auseinander
+zu setzen, hatte sie l&auml;ngst aufgegeben. Mir selbst ging
+es in bezug auf die Sozialdemokratie, wie den meisten
+Menschen in bezug auf die Religion: ich hatte noch nie
+&uuml;ber sie nachgedacht, ich vermochte es kaum, weil gewisse
+dogmatische Anschauungen sich mir von klein auf als
+etwas Selbstverst&auml;ndliches eingepr&auml;gt hatten, ohne da&szlig;
+mein Glaube daran ein irgendwie lebendiger gewesen
+w&auml;re. Sozialdemokraten sind Verbrecher, auf deren ungeschriebenen
+Tafeln der K&ouml;nigsmord zum Gesetz erhoben
+wird; sie sind gemeine L&uuml;stlinge, die ein Leben niedrigster
+Gen&uuml;sse zum Ziel alles Strebens machen; sie sind Volksverf&uuml;hrer
+und Betr&uuml;ger, die, wo es ihren Vorteil gilt,
+die Ideale der Freiheit und Br&uuml;derlichkeit im Munde
+f&uuml;hren, &mdash; nie hatte ich etwas anderes geh&ouml;rt, noch nie
+war mir ein Zweifel an diesen traditionellen Auffassungen
+in den Sinn gekommen. Die kalte Atmosph&auml;re der
+Ideallosigkeit, in der auch die Religion zu Eis erstarrte,
+und die die Lebensluft der Kreise war, in denen ich
+lebte, lie&szlig; mich immer st&auml;rker fr&ouml;steln, je &auml;lter ich wurde,
+und steigerte meine Sehnsucht nach einem hei&szlig;en Sonnenland
+des inneren Lebens, wo Hoffnungsblumen noch
+wachsen k&ouml;nnen. Die Sozialdemokratie, die auf unseren
+alten Kaiser die Mordwaffe gerichtet hatte, die das
+Vaterland st&auml;ndig beschimpfte, die Familie zerst&ouml;ren, die
+Frauen zum Gemeingut machen wollte, erschien mir wie
+<a name="Page_314" id="Page_314"></a>die letzte Entwicklungsphase der Vereisung. Es gab
+daher Augenblicke, wo ich meinem Vater und meinem
+Onkel mehr beipflichtete als meiner Gro&szlig;mutter und
+deren Wunsch, &raquo;die infamen Kerls an den Laternenpf&auml;hlen
+aufzukn&uuml;pfen&laquo;, mich nicht emp&ouml;rte.</p>
+
+<p>Mit steigendem Staunen las ich jetzt die Debatten.
+Als der Minister von Puttkamer, &mdash; der mir als kirchlicher
+Reaktion&auml;r schon unangenehm genug war, &mdash; die gegen die
+&Uuml;bermacht reicher Fabrikanten um ihr Brot k&auml;mpfenden
+belgischen Kohlenarbeiter, von denen damals die Presse
+voll war, als Beispiel jener &raquo;sozialrevolution&auml;ren Bewegung&laquo;
+hinstellte, der die deutsche Regierung &raquo;mit niederschmetterndem
+Widerstand begegnen&laquo; w&uuml;rde, frappierte
+mich diese Identifizierung armer darbender Arbeiter
+mit den deutschen Sozialdemokraten au&szlig;erordentlich, und
+als Bebel antwortete, verga&szlig; ich &uuml;ber alledem, was er
+sagte, die Person des Redners. Da&szlig; der &Uuml;bermut der
+durch die Arbeit der Armen reich gewordenen belgischen
+Fabrikanten und die Unterst&uuml;tzung, die die Regierung
+ihnen angedeihen lie&szlig;, indem sie mit milit&auml;rischer Gewalt
+wie gegen Vaterlandsfeinde gegen die Bergarbeiter vorging,
+die revolution&auml;re Bewegung hervorgerufen h&auml;tte, &mdash; hervorrufen
+mu&szlig;te, weil Menschen auf die Dauer
+keine stumpfsinnigen Sklaven sind, ebenso wie die Herrschaft
+der Knute in Ru&szlig;land notwendig den Meuchelmord
+zeugte, &mdash; das alles wirkte auf mich mit der Selbstverst&auml;ndlichkeit
+eigenster Gedankeng&auml;nge, und mich emp&ouml;rte
+die versteckte Absichtlichkeit, mit der dem Redner die
+Worte im Munde verdreht wurden und seine politischen
+Gegner ihm immer wieder unterstellten, er habe den
+Mord verherrlicht. Ich fiel erst wieder &mdash; und recht
+<a name="Page_315" id="Page_315"></a>empfindlich &mdash; aus den Himmeln meiner Begeisterung,
+als St&ouml;cker von den elenden L&ouml;hnen Berliner M&auml;nteln&auml;herinnen
+sprach, und Singer, der Parteig&auml;nger Bebels,
+der sich mir eben als Vertreter aller Unterdr&uuml;ckten
+offenbart hatte, dem pers&ouml;nlichen Vorwurf, da&szlig; er selbst
+durch solche L&ouml;hne reich geworden sei, nur mit lahmen
+Ausreden begegnete.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist wie bei den Predigern des Christentums,&laquo;
+sagte ich, wie immer rasch verbittert durch eine Entt&auml;uschung,
+zu Gro&szlig;mama, &raquo;richtet euch nach meinen
+Worten, aber nicht nach meinen Taten.&laquo; Und erheblich
+ern&uuml;chtert las ich weiter. Aber schon wenige Seiten
+sp&auml;ter schlug meine Empfindung abermals um, &mdash; es
+war eben nur Empfindung, die sich wie Sommerf&auml;den
+vom Winde hin und her treiben lie&szlig;, weil sie nicht
+zwischen die festen Pfeiler der Erkenntnis gesponnen
+war. Ein konservativer Redner verlas ein Zitat aus
+dem Kommunistischen Manifest, wonach die Weibergemeinschaft
+eines der Postulate der Sozialdemokratie
+w&auml;re. Aus Liebknechts Erwiderung ergab sich, da&szlig; es
+sich auch diesmal um eine gegnerische F&auml;lschung handelte.
+Seinem ganzen Inhalt nach gab er das Manifest wieder.
+Ich fa&szlig;te nur auf, was mich am tiefsten traf: die Forderung
+einer von &ouml;konomischen R&uuml;cksichten vollkommen
+losgel&ouml;sten Ehe. Wurde nicht hier die Standarte eines
+Ideals aufgerichtet, das die ganze christliche Zivilisation
+nicht nur nicht verwirklicht, sondern mehr und mehr in
+den Staub getreten hatte?!</p>
+
+<p>Ich sprach mit Gro&szlig;mama dar&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist das Verdienst der Sozialdemokratie,&laquo; sagte
+sie, &raquo;&uuml;ber das man manche ihrer S&uuml;nden vergessen
+<a name="Page_316" id="Page_316"></a>k&ouml;nnte, da&szlig; sie alte wahrhaft christliche Ideale in ein
+neues Kleid gesteckt hat und die Menge glauben l&auml;&szlig;t,
+es handle sich auch um neue K&ouml;rper. Aber eine Verwirklichung
+kann sie trotzdem nicht dekretieren. Jahrhunderte
+einer christlichen Erziehung und Gesetzgebung
+geh&ouml;ren dazu. Sieh dir doch hier einmal die Menschen
+an. Schon die Verwirklichung einer uns so gel&auml;ufigen
+Forderung, wie die des allgemeinen Stimmrechts, erscheint
+angesichts ihrer verfr&uuml;ht. Oder meinst du, da&szlig;
+es zum Besten der Menschheit ist, wenn die Mehrheit,
+d.&nbsp;h. heute noch die Schlechten, die Dummen und Rohen,
+an ihrer Spitze stehen?&laquo; Ich verstummte vor diesem
+Argument: unsere betrunkenen Instleute &mdash; entscheidende
+Faktoren in Fragen der Kulturentwicklung, das war
+zweifellos absurd.</p>
+
+<p>Von Disraelis &raquo;Sybil&laquo; und Zolas &raquo;Germinal&laquo; hatte
+Liebknecht in derselben Rede gesprochen. Wir lasen
+daraufhin beides: das schw&auml;chliche Werk des Engl&auml;nders,
+das nur darum erstaunlich war, weil ein Premierminister
+sich so offen auf die Seite der &raquo;schwarzen
+Arbeiter&laquo; hatte stellen k&ouml;nnen, und den Roman des
+Franzosen, der mir t&auml;glich neue Schauer des Entsetzens
+&uuml;ber den R&uuml;cken jagte, dessen f&uuml;rchterliche Bilder mich
+bis in meine Tr&auml;ume verfolgten. Ich sah die Maheude
+auf dem Schlachtplatz vor dem Schacht neben dem toten
+Mann im schwarzen Schlamme sitzen und Katherine
+und Etienne tief in der dunkeln Grube, wo gurgelnd
+das Wasser h&ouml;her und h&ouml;her an ihnen emporstieg, und
+der Hunger mit kalten Knochenfingern ihren Leib zusammen
+schn&uuml;rte, w&auml;hrend der gedunsene Leichnam des
+gemordeten Rivalen wieder und wieder von den Wellen
+<a name="Page_317" id="Page_317"></a>zu ihnen empor getragen wurde; &mdash; aber f&uuml;rchterlicher,
+als all diese Bilder, haftete ein anderes unausl&ouml;schlich
+in meinem Ged&auml;chtnis: jener grauende Morgen, an dem
+sich vor dem wieder ge&ouml;ffneten Schacht scheu und geb&uuml;ckt,
+still und dem&uuml;tig all die zusammen fanden, die eben
+noch f&uuml;r ihre Freiheit Leib und Leben eingesetzt hatten.
+&raquo;Was willst du &mdash; ich hab ein Weib!&laquo; sagten sie m&uuml;de,
+&raquo;ich habe Kinder &mdash; eine Mutter &mdash; mich hungert;&laquo;
+und die Maheude, die Furie des Aufstands, z&auml;hlte schon
+die Jahre ihrer J&uuml;ngsten, bis auch sie reif w&auml;ren zur
+Einfahrt, &mdash; &raquo;sie tragen alle ihre Haut zu Markte, die
+Reihe kommt auch an sie!&laquo; &mdash; Da&szlig; es Hunger und Not
+und Elend gab, &mdash; entsetzlich war es; entsetzlicher noch,
+da&szlig; die Menschen es ertrugen.</p>
+
+<p>Inzwischen war &uuml;ber Nacht mit all seiner Herrlichkeit
+der Mai ins Land gezogen, und vorbei wars mit der
+Stille in Gro&szlig;mamas gr&uuml;nem Zimmer. Ihr Sohn und
+die Seinen kehrten heim, und ein Taubenschlag war aufs
+neue das alte Schlo&szlig; von Pirgallen. Ich wars zufrieden;
+ein Netz von Schwermut schn&uuml;rte mir den Atem
+ein, leer, zweck- und ziellos erschien mir das Leben, und
+alle Mittel versagten, um mir selbst zu entfliehen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe in letzter Zeit wieder so unter den einsamen
+Gr&uuml;belstunden gelitten und war so am Ende alles
+Denkens angelangt,&laquo; schrieb ich an meine Kusine, &raquo;da&szlig;
+der Trubel der Gef&auml;lligkeit gerade zur rechten Zeit kam;
+ich mu&szlig; in diesem bet&auml;ubenden Meer des Vergebens
+wieder untertauchen, um nicht zu sterben vor Melancholie.&laquo;
+Und ein paar Wochen sp&auml;ter: &raquo;Wenn man mit sich und
+der Welt so zerfallen ist wie ich, so ist es das Beste,
+nicht zur Besinnung zu kommen. Ich genie&szlig;e das Leben,
+<a name="Page_318" id="Page_318"></a>so lange ich jung bin und man mir huldigt, und bet&auml;ube
+die warnenden Stimmen im Innern. Ich reite,
+ich rauche, ich bin kokett, ich mache extravagante Toiletten
+und erlaube mir Dinge, die man zu verdammen pflegt, &mdash; aber
+ich w&uuml;rde mir auch nichts daraus machen,
+wenn ein Sturz vom Pferde, ein Umschlagen des Kahns
+dem dummen Spa&szlig; ein Ende machen w&uuml;rde.&laquo;</p>
+
+<p>Mit einer gewissen kalten Neugier beobachtete ich
+meine steigende Anziehungskraft auf die M&auml;nner. Ihre
+Huldigungen wurden mir mehr und mehr zum Bed&uuml;rfnis;
+von ihrer Glut sprangen warme Wellen zu mir hin&uuml;ber,
+die mir zuweilen die Wohltat eigenen Feuers vort&auml;uschten.</p>
+
+<p>An meinem Geburtstagsabend, nach einem durchtanzten
+und durchspielten Tag, an dem ich mir aus
+lauter Angst, an die Vergangenheit denken zu m&uuml;ssen,
+keinen Augenblick Ruhe geg&ouml;nnt hatte, schrieb ich an
+Mathilde, die sich gerade im Harz befand und mich
+dringend in die &raquo;Stille der Bergwelt&laquo; eingeladen hatte:
+&raquo;Die Stille mag gut sein f&uuml;r den, der sich gern erinnert,
+unsereins braucht die ewig knarrende Tretm&uuml;hle des
+Am&uuml;sements. Aber gr&uuml;&szlig; mir immerhin den Harz; seine
+Berge sind freilich Kinderspielzeug, seine Felsen eines
+nichtsnutzigen Engels schlechte Kopien von Gottvaters
+Wunderwerken, aber er hat einen Vorzug: die nahe Beziehung
+zur H&ouml;lle, nach der ich ein unb&auml;ndiges Verlangen
+trage. Wenn der Teufel auf dem Brocken seinen
+Repr&auml;sentationsball gibt, sag ihm, er soll mich nicht
+vergessen. Er wird dir dankbar sein f&uuml;r deine Kupplerdienste, &mdash; ich
+bin momentan geradezu eine Delikatesse
+f&uuml;r ihn.&laquo;</p>
+
+<p>Wir siedelten bald darauf nach Kranz &uuml;ber, wo mein<a name="Page_319" id="Page_319"></a>
+Onkel eine ger&auml;umige Villa dicht am Strand gemietet
+hatte. Das reizende Seebad war &uuml;berschwemmt mit
+dem Adel Ostpreu&szlig;ens, und mit jener Selbstverst&auml;ndlichkeit
+aller Bevorrechteten, die sich unbewu&szlig;t immer
+als Mittelpunkt des Weltganzen f&uuml;hlen und die &uuml;brige
+Menschheit nicht anders ansehen als ihre Kammerdiener,
+vor denen man sich auch ungeniert gehen lassen
+kann, dominierte unser gro&szlig;er lustiger Kreis &uuml;berall:
+wir nahmen die besten Pl&auml;tze ein, die besten Schiffe
+beanspruchten wir, und wir dachten nicht im entferntesten
+an die Ruhebed&uuml;rftigkeit anderer Badeg&auml;ste, wenn wir
+bis tief in die Nacht hinein im Kursaal tanzten und vom
+Strand aus prasselnde Feuerwerke gen Himmel steigen
+lie&szlig;en. Unsere alten Herren sa&szlig;en bei Regen und
+Sonnenschein beim Skat und k&uuml;mmerten sich wenig um
+uns, so da&szlig; die Jugend sich doppelt des Lebens freute.
+Ein kleiner Graf, den wir, wegen seiner frappanten
+&Auml;hnlichkeit mit den d&uuml;nnen Spiel&auml;ffchen aus Seide,
+den Chenille-Grafen getauft hatten, gab den Ton an.
+Er war h&auml;&szlig;lich, aber ungemein gewandt und grazi&ouml;s,
+seine Schlagfertigkeit, sein bei&szlig;ender Witz, der nicht
+frei von Zynismus war, seine chevalreske Art Damen
+gegen&uuml;ber, die einen Stich von Impertinenz besa&szlig;, seine
+vielseitige k&uuml;nstlerische Begabung, die &uuml;berall im leichtfertigen
+Dilettantismus stecken geblieben war, machten
+ihn in diesem Kreis zu einer nicht allt&auml;glichen Erscheinung.
+Eine &raquo;Partie&laquo; war er nicht; er konnte sich
+daher onkelhafte Freiheiten gestatten, und f&uuml;r mich, die
+ich, wie er, nichts suchte als Am&uuml;sement, war er der
+gegebene Kavalier.</p>
+
+<p>Eines abends &mdash; wir sa&szlig;en wie gew&ouml;hnlich im Sande
+<a name="Page_320" id="Page_320"></a>und spielten Pf&auml;nderspiele &mdash; mischte sich ein neuer
+Gef&auml;hrte in unseren Kreis: Graf G&ouml;hren. Er erschien
+mir sofort als des lustigen Chenille-Grafen direktes
+Widerspiel, gemessen in den Bewegungen, etwas ungeschickt
+sogar, ernsthaft, ein wenig verlegen. Wie ein
+guter, treuer Pinscher sah er aus, mit runden erstaunten
+Augen. Mich genierte seine Anwesenheit, ich wu&szlig;te
+nicht recht, warum. Es f&uuml;gte sich in den folgenden
+Tagen, da&szlig; wir uns n&auml;her kennen lernten, und als wir
+einmal auf einem Spaziergang in den D&uuml;nen vor einem
+Gewitter die Flucht ergriffen und, von der &uuml;brigen Gesellschaft
+getrennt, in einem verlassenen Pavillon Schutz
+suchten, legte er mit ungew&ouml;hnlich sorglicher Geb&auml;rde
+seinen Mantel um meine Schultern. Ich wurde bis
+ins Innerste warm dabei, &mdash; es tat so wohl, sich unter
+gutem Schutz zu wissen! Abends am Strande war ich
+nicht recht bei der Sache und horchte erst auf, als der
+Chenille-Graf mit einer Gitarre unter dem Arm auf
+mich zu trat. &raquo;Nun hab ich f&uuml;r Ihr Lied die Melodie
+gefunden, Gn&auml;digste,&laquo; sagte er, &raquo;wenn wir das anstimmen,
+kriegen die Kranzer eine G&auml;nsehaut vor Entsetzen.&laquo;
+Mein Lied?! Ach so! &mdash; vor ein paar Tagen
+hatte er mein Notizbuch gefunden, und keck, wie er war,
+zum Lohn ein Gedicht begehrt, da&szlig; er darin entdeckt
+hatte. &raquo;Darf ich es sehen?&laquo; frug Graf G&ouml;hren. Seine
+Stirn runzelte sich, als er es las. &raquo;Sie werden es
+nicht singen lassen&laquo; &mdash; sagte er darnach mit scharfer
+Betonung zu mir gewandt. &raquo;Erlauben Sie, lieber Graf,&laquo;
+warf der andere l&auml;chelnd ein: &raquo;Fr&auml;ulein von Kleve hat
+sich des Rechts dar&uuml;ber schon begeben.&laquo; &mdash; &raquo;Es bleibt
+trotzdem ihr Eigentum, und ich versichere Sie, da&szlig; es
+<a name="Page_321" id="Page_321"></a>niemand anders h&ouml;ren wird &mdash;&laquo;. Graf G&ouml;hrens Stimme
+nahm einen drohenden Klang an, die Situation wurde
+kritisch. Mir stieg das Blut zu Kopf, &mdash; mit welchem
+Recht verf&uuml;gte dieser Mann &uuml;ber mich?! Da sah der
+Chenille-Graf mich mit seinem bezauberndsten L&auml;cheln und
+einem kecken Blinzeln seiner kleinen stechenden Augen
+an: &raquo;Ich beuge mich selbstverst&auml;ndlich, wie immer, dem
+Willen der Dame&laquo;, &mdash; und herausfordernd griffen seine
+schmalen gebr&auml;unten Finger in die Seiten der Gitarre.
+&raquo;Sie brauchen wirklich nicht um mein Seelenheil besorgt
+zu sein; Graf G&ouml;hren,&laquo; spottete ich, &raquo;wenn mein Lied
+Sie chokiert, steht es Ihnen frei, nicht zuzuh&ouml;ren!&laquo; Mit
+kurzer Verbeugung reichte er mir das Papier. Es hatte
+zu d&auml;mmern angefangen, und unsere Gef&auml;hrten str&ouml;mten
+von allen Seiten zum gewohnten Platz. Eine Bowle,
+ein paar Torten, das Ergebnis einer verlorenen Wette,
+wurden von der Strandkonditorei herunter getragen, &mdash; &raquo;und
+nun kommt das Beste!&laquo; rief der Chenille-Graf,
+&raquo;unser k&uuml;nftiges Bundeslied:&laquo;</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Sto&szlig;t an mit mir! F&uuml;llt wieder die Pokale,<br /></span>
+<span class="i0">Es sch&auml;umt der Wein, sch&auml;umt wie des Lebens Lust;<br /></span>
+<span class="i0">Ein heitrer Sinn ziemt diesem G&ouml;ttermahle.<br /></span>
+<span class="i0">Im Fieber schl&auml;gt das Herz uns in der Brust,<br /></span>
+<span class="i0">La&szlig;t uns, damit die Sorgen uns versinken,<br /></span>
+<span class="i12">Trinken!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Die Herren im Kreise wiederholten den Refrain, die
+Damen schwiegen.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Lind ist die Nacht, es duften s&uuml;&szlig; die Rosen,<br /></span>
+<span class="i0">Hei&szlig; ist der Mund, der sich auf deinen pre&szlig;t;<br /></span>
+<span class="i0">Noch ist es Zeit, zu lieben und zu kosen,<br /></span>
+<span class="i0">Noch sei ein jeder Augenblick ein Fest.<br /></span><p><a name="Page_322" id="Page_322"></a></p>
+<span class="i0">La&szlig;t uns, so lang die Sommerblumen sprie&szlig;en<br /></span>
+<span class="i12">Genie&szlig;en!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Auf der Strandpromenade hinter uns sammelte sich das
+Publikum. Von einer flackernden Laterne matt erhellt,
+sah ich G&ouml;hrens Gesicht mitten darunter, und ihm zum
+Trotz stimmte ich als einzige unter den jungen M&auml;dchen,
+deren Wangen sich vor Verlegenheit mehr und mehr
+r&ouml;teten, in den Refrain ein.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Es braust das Meer, das Schiff schwankt auf und nieder,<br /></span>
+<span class="i0">Helljubelnd gr&uuml;&szlig;en wir den Wellenschaum,<br /></span>
+<span class="i0">Der Sturm singt uns das sch&ouml;nste aller Lieder<br /></span>
+<span class="i0">Und wiegt uns ein zu wild-bewegtem Traum &mdash;<br /></span>
+<span class="i0">Was ist das Ende, wenn die Wellen branden? &mdash;<br /></span>
+<span class="i12">Stranden!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Mit einem Akkord fanatischer Lebensfreude, der mir
+in seiner grellen Dissonanz zu den Worten schmerzhaft
+ins Herz schnitt, schlo&szlig; der S&auml;nger. Man dr&auml;ngte sich
+um uns, die Gl&auml;ser klirrten aneinander, ich hob das
+meine noch einmal hoch empor wie zum Gru&szlig; an den
+mi&szlig;g&uuml;nstigen Zuschauer, der unter der Menge verschwand.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast dir wiedermal eine der besten Partien verscherzt,&laquo;
+sagte Onkel Walter am Morgen &auml;rgerlich zu
+mir; &raquo;Graf G&ouml;hren ist abgereist.&laquo; Ich zuckte gleichg&uuml;ltig
+die Achseln. &raquo;Du solltest zufrieden sein, wenn
+&uuml;berhaupt noch irgendwer ernsthafte Absichten hat, nach
+dem Skandal mit &mdash;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bitte dich, dies Thema ein f&uuml;r allemal unber&uuml;hrt
+zu lassen,&laquo; unterbrach ich ihn heftig, &raquo;im &uuml;brigen erkl&auml;re
+ich dir: lieber gehe ich betteln, als da&szlig; ich mich
+verkaufe.&laquo;</p>
+
+<p>Onkel Walter wurde dunkelrot. &raquo;M&auml;&szlig;ige dich, ja?<a name="Page_323" id="Page_323"></a>&laquo;
+herrschte er mich an, dann zuckte ein bitteres L&auml;cheln
+&uuml;ber seine sonst so gemessen beherrschten Z&uuml;ge: &raquo;Glaubst
+du, da&szlig; irgend einer von uns seinem Herzen hat folgen
+k&ouml;nnen?!&laquo; &Uuml;berrascht sah ich auf &mdash; welch Licht fiel
+pl&ouml;tzlich auf das Gl&uuml;ck von Pirgallen?!</p>
+
+<p>Im Sp&auml;therbst besuchte ich Gro&szlig;mama noch ein paar
+Tage, um dann zu meinen Eltern nach Bromberg &uuml;berzusiedeln.
+Die letzten Monate krampfhaften Lebens
+waren wie der Sturm gewesen, der dem noch immer
+vom Sommer sehns&uuml;chtig tr&auml;umenden Baum die letzten
+Bl&auml;tter entrei&szlig;t. Sonst, wenn michs fr&ouml;stelte vor dem
+nahenden Winter, gaukelte meine treue Gef&auml;hrtin
+Phantasie mir immer neue lachende Fr&uuml;hlingsbilder vor,
+und meine junge, starke Hoffnung hielt sie gl&auml;ubig fest.
+Jetzt sah ich mich vergebens um nach den beiden. In
+jener Nacht, da mein Herz gestorben war, hatten sie
+mich wohl verlassen. Sie bleiben nur Lebendigen treu.</p>
+
+<p>&raquo;Ist es nicht merkw&uuml;rdig, da&szlig; Ihr alle meinen Leichnam
+f&uuml;r mich selbst halten k&ouml;nnt?!&laquo; schrieb ich an meine
+Kusine, &raquo;oder meinst Du, ich lebte, nachdem ich mit vollen
+Segeln ins Leben hinaus fuhr, um eine neue Welt zu
+entdecken, und nun mitten auf dem Ozean treibe und nichts
+gefunden habe als das ewige Einerlei der Wogen! &mdash; &mdash; &mdash; Nur
+um eine Einsicht bin ich inzwischen reicher
+geworden: da&szlig; das Gl&uuml;ck, nach dem wir ein so unb&auml;ndiges
+Verlangen tragen, nichts ist als Bet&auml;ubung. Bet&auml;ube
+durch Arbeit, Vergn&uuml;gen, Liebe, durch Religion und
+Kunst Deine &Uuml;berlegung, bet&auml;ube den Gedanken an all
+das Elend in der Welt, geistiges und leibliches, bet&auml;ube
+die Erinnerung an selbstverschuldete Schmerzen, an gescheiterte
+Hoffnungen mit einem dieser Narkotika, und<a name="Page_324" id="Page_324"></a>
+Du wirst &#8250;gl&uuml;cklich&#8249; sein. Je j&uuml;nger man ist, desto
+leichter gehts; es ist aber leider wie mit dem Morphium:
+je mehr man seiner bedarf, desto weniger wirkt es ...&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Ich ging sehr ungern nach Bromberg. Ich f&uuml;rchtete
+mich. Vor Papas &uuml;bler Laune, vor der &Ouml;de
+der Kleinstadt. Nach einer Richtung wurde
+ich angenehm entt&auml;uscht: mein Vater war bei bestem
+Humor und erz&auml;hlte mir schon in den ersten zehn
+Minuten des Zusammenseins, da&szlig; seine Stellung nicht nur
+eine sehr angenehme und selbst&auml;ndige, sondern infolge der
+anzeigenden Kriegswolken an der russischen Grenze eine
+h&ouml;chst interessante w&auml;re. Aber in bezug auf die Kleinstadt
+wurden meine schlimmsten Erwartungen &uuml;bertroffen.
+Es gibt welche, die erf&uuml;llt sind von Tradition; die
+Giebelh&auml;user, die T&uuml;rme, die Kirchen, die Stadtmauern
+erz&auml;hlen unabl&auml;ssig ihre alten Geschichten, und wir
+tr&auml;umen und phantasieren schlie&szlig;lich so gern mit ihnen,
+da&szlig; wir die Welt drau&szlig;en beinah vergessen; und andere
+gibt es, die liegen warm und wohlig an breiter sch&uuml;tzender
+Bergbrust, ein Fl&uuml;&szlig;lein rauscht und pl&auml;tschert ihnen zu
+F&uuml;&szlig;en, und ringsum breitet Mutter Natur ihr wunderlieblichstes
+Spielzeug aus, &mdash; auch da ist gut sein f&uuml;r
+arme heimatlose Wanderer; aber wo Pest und polnische
+Wirtschaft die H&auml;user und Mauern zerfallen, die W&auml;lder
+rasieren lie&szlig;en und die moderne Industrie lieblos und
+gleichg&uuml;ltig an schnurgeraden Stra&szlig;en Kasernen und
+Fabriken baute, da ist recht eigentlich die Fremde, die
+nie und nimmer zur Heimat wird. Da&szlig; der alte Fritz
+hier den Kanal gebaut hatte, der die Weichsel mit der<a name="Page_325" id="Page_325"></a>
+Oder verband, da&szlig; er die Schleusen mit vielen sch&ouml;nen
+B&auml;umen umpflanzen lie&szlig;, dankte ihm jeder, der nach
+Bromberg verschlagen wurde, &mdash; diese einzige Sch&ouml;nheit
+des Orts machte es allein m&ouml;glich, hier und da frei
+aufzuatmen.</p>
+
+<p>Wie die Tiere sich in Form und F&auml;rbung ihrer Umgebung
+anpassen, so nehmen die Menschen allm&auml;hlich die
+Stimmung ihres Wohnorts an. Ein schweres Grau
+lagerte daher &uuml;ber der bromberger Geselligkeit, selbst
+die Ballgeigen litten unter einer gewissen Apathie.
+Dabei tanzte man unerm&uuml;dlich mit einem erwartungsvollen
+Eifer, als gelte es, das Vergn&uuml;gen schlie&szlig;lich doch
+einzuholen. Aber es lief immer wieder davon. Der
+Flirt stand in sch&ouml;nster Bl&uuml;te, und der Klatsch noch
+mehr, &mdash; womit h&auml;tten sich die Leute auch sonst besch&auml;ftigen
+sollen?! Es wimmelte von Uniformen aller
+Art; aber selbst die sch&ouml;nste kavalleristische Farbenpracht
+vermochte nicht &uuml;ber den Talmiglanz des Lebens hinweg
+zu t&auml;uschen. Ich verkehrte viel mit jungen Frauen;
+zwischen mir und den jungen M&auml;dchen bestand nun einmal
+ein gespanntes Verh&auml;ltnis. &raquo;Ihr Leben allein widert
+mich an&laquo;, schrieb ich an Mathilde, &raquo;ein bi&szlig;chen Musik,
+ein bi&szlig;chen Malerei, ein bi&szlig;chen Wohlt&auml;tigkeit und unter
+dieser Maske der guten Gesellschaft entweder nichts, oder
+ein unklares Durcheinander von Romantik und unterdr&uuml;ckten
+kleinen Passionen. Nie ein starkes Gef&uuml;hl, nie
+ein brennendes Interesse. O, da&szlig; ihr kalt oder warm
+w&auml;ret!&laquo; Die Frauen hatten doch einen Lebensinhalt:
+ihre Kinder, ihren Mann, ihre H&auml;uslichkeit; freilich: Zeit,
+an ihre Bildung zu denken, hatten sie nicht. Wie viele,
+die abends in eleganter Toilette, Lebenslust heuchelnd,
+<a name="Page_326" id="Page_326"></a>den Ballsaal betraten, standen vom fr&uuml;hen Morgen an
+am Kochherd, nur mit dem Burschen, dem gutm&uuml;tigen
+&raquo;M&auml;dchen f&uuml;r Alles&laquo; als H&uuml;lfe, und wuschen abends
+heimlich bei verh&auml;ngten Fenstern die Kinderw&auml;sche selbst.
+Zu standesgem&auml;&szlig;er Geselligkeit verpflichtet, gaben sie
+zwei langweilig-feierliche Soupers j&auml;hrlich, fasteten vor- und
+nachher, um sie m&ouml;glich zu machen, und bezahlten
+eine gro&szlig;e Wohnung aus demselben Grunde. Wenn
+sie aber dann, schlank und vornehm im glatten Schneiderkleid
+an der Seite ihrer eleganten, s&auml;belrasselnden
+M&auml;nner &uuml;ber die Stra&szlig;en gingen, folgten ihnen neidische
+Blicke, denn das Volk hat die Naivit&auml;t der Kinder, die
+sich den K&ouml;nig nur in Purpur und Krone, den Bettler
+nur im durchl&ouml;cherten Kleide denken k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Der aus diesem Neide geborene Groll gegen den Offizier &mdash; einem
+m&auml;nnlichen Seitenst&uuml;ck zu dem neidischen
+Ha&szlig;, mit dem die meisten Frauen jede sch&ouml;n Gekleidete
+betrachten &mdash; war wohl noch nie so stark zutage getreten
+als damals, wo selbst der Kleinst&auml;dter, den sonst die Wellen
+geistiger Bewegungen kaum erreichten, an den parlamentarischen
+K&auml;mpfen um das Septennat lebhaften Anteil
+nahm.</p>
+
+<p>Bromberg ist eine Industriestadt mit einer zum Teil
+polnischen Arbeiterbev&ouml;lkerung. Was Uniform trug,
+vermied die N&auml;he der Fabriken. Als ich einmal mit
+meinem Vater spazieren ritt, flog &uuml;ber eine Mauer weg
+ein Hagel von kleinen Steinen unseren Pferden zwischen
+die Beine. Sie stiegen erschrocken und sausten dann in
+Karriere &uuml;ber die Landstra&szlig;e, so da&szlig; mir Hut und Schleier
+davonflog und es ein St&uuml;ck Arbeit kostete, sich im Sattel
+zu halten. Papa, der seinen Fuchs besser im Z&uuml;gel hielt,
+<a name="Page_327" id="Page_327"></a>war indessen vergebens den heimt&uuml;ckischen Angreifern
+auf der Spur gewesen; er konnte sich nicht fassen vor
+Wut, und ich h&ouml;rte tagelang nichts anderes als sein
+ma&szlig;loses Schimpfen auf diese &raquo;Satansbrut von Sozialdemokraten.&laquo;
+Niemand als sie waren die Attent&auml;ter
+gewesen, sie, die sich im Reichstag durch ihre Haltung
+gegen&uuml;ber der Milit&auml;rvorlage als Vaterlandsverr&auml;ter
+dokumentiert hatten, &mdash; sie, die nichts anders verdienten,
+als samt und sonders nach den Kolonien deportiert zu
+werden.</p>
+
+<p>Die Kriegswolken ballten sich gewitterdrohend zusammen.
+Da&szlig; sie nur in der Phantasie Bismarks lebten,
+als willkommenes Mittel, seine Forderungen durchzusetzen, &mdash; das
+glaubten wir hier, dicht an der russischen
+Grenze, nicht. Eine Tag um Tag steigende Erregung
+bem&auml;chtigte sich unser: die jungen Offiziere strahlten in
+der Erwartung, da&szlig; ihr Leben endlich zum Ereignis
+werden k&ouml;nnte; mein Vater, der die Schrecken des
+Krieges kannte, war bei allem Ernst, mit dem er die
+Situation betrachtete, doch in gehobener Stimmung.
+&raquo;Soldat sein und nur Krieg spielen und Rekruten drillen,
+ist dasselbe wie K&uuml;nstler sein und nichts als Malstunden
+geben,&laquo; pflegte er zu sagen. In unserer n&auml;chsten N&auml;he
+an der Grenze standen die Kosaken, und Woche um
+Woche wurden die russischen Garnisonen verst&auml;rkt. Mein
+Vater reiste nach Berlin. Wenige Tage nach seiner
+R&uuml;ckkehr wurden die Weisungen von dort unheildrohender.
+In aller Stille wurden die Offiziere benachrichtigt, beizeiten
+f&uuml;r rasche Entfernung ihrer Familien zu sorgen;
+kam es zur Kriegserkl&auml;rung, so konnten die russischen
+Reiter in wenigen Stunden mitten in Bromberg sein.<a name="Page_328" id="Page_328"></a>
+Mein Vater, der im Kriegsfall zum Kommandanten
+der wichtigsten, weil der feindlichen Grenze am n&auml;chsten
+liegenden Festung Thorn bestimmt war, bereitete seine
+Equipierung bis in alle Einzelheiten vor, wir verpackten
+Silber und Schmuck, stellten die Koffer bereit; denn
+m&ouml;glicherweise galt es, binnen wenigen Stunden die
+Stadt zu verlassen.</p>
+
+<p>Da der Kriegsl&auml;rm auch an der Westgrenze des Reichs
+immer lauter wurde, konnte dar&uuml;ber kein Zweifel sein:
+kam es zur Explosion dieses massenhaft angesammelten
+Z&uuml;ndstoffs, so war es ein Weltkrieg, an dessen Schwelle
+wir standen.</p>
+
+<p>Bismarcks fulminante Rede, sein Appell an die
+Deutschen, die Gott f&uuml;rchteten und sonst nichts in der
+Welt, &mdash; die Ablehnung des Septennats und die Aufl&ouml;sung
+des Reichstags steigerten die fieberhafte Erregung,
+in der wir alle lebten. Zum erstenmal verfolgte ich mit
+brennendem Interesse die Wahlk&auml;mpfe und begr&uuml;&szlig;te
+freudig den Sieg der Vaterlandsfreunde &uuml;ber die Sozialdemokraten,
+die uns wehrlos den Feinden hatten &uuml;berliefern
+wollen.</p>
+
+<p>Als aber dann der Kriegsl&auml;rm so merkw&uuml;rdig pl&ouml;tzlich
+verstummte und all das gl&uuml;hende Feuer patriotischer
+Begeisterung nur da zu sein schien, um die Gerichte gar
+zu kochen, die Bismarck dem Reichstag vorsetzte, war ich
+rasch ern&uuml;chtert.</p>
+
+<p>&raquo;Droben auf der kurischen Nehrung gibt es unheimliche
+Berge von Sand. Sie wandern. Und immer
+wieder pflanzen die Menschen junge B&auml;umchen in den
+Boden, und so oft auch der gelbe M&ouml;rder &uuml;ber Nacht
+wieder kommt und das gr&uuml;nende Leben verschlingt, &mdash; sie
+<a name="Page_329" id="Page_329"></a>hoffen stets aufs neue, da&szlig; die Wurzeln ihrer Pfl&auml;nzlein
+die Erde umklammern und festigen werden. &mdash; Unser
+Zeitalter ist wie die D&uuml;nen auf der Nehrung: es
+duldet nichts Gr&uuml;nes. Vern&uuml;nftige Leute werden darum
+meine Dummheit verlachen, die mich zwingt, Hoffnungsb&auml;ume
+hineinzusetzen und sie noch dazu mit der Treibhausluft
+meiner Begeisterung zu umgeben ... Man
+will nivellieren, und es ist, als ob man nach dem
+Ma&szlig;stab des kleinsten Baumes einen ganzen Wald zurechtstutzen
+wollte. Die alten Ideale hat man zerst&ouml;rt &mdash; schon
+das Wort &#8250;ideal&#8249; entlockt den meisten ein
+mitleidiges L&auml;cheln &mdash; und h&uuml;llt sich nur hinein,
+wie Schauspieler in die Toga der Gracchen, um
+dem P&ouml;bel wei&szlig; zu machen, man w&auml;re ein echter
+Volkstribun.</p>
+
+<p>Man jagt nach Bildung im Theater, in Ausstellungen,
+auf Reisen, in der Lekt&uuml;re, nicht um Kopf, Herz und
+Seele zu weiten, sondern um seinen kritischen Witz vor
+den Leuten leuchten zu lassen. Man nahm uns Genu&szlig;f&auml;higkeit
+und gab uns Spottsucht daf&uuml;r, wie man den
+Kindern aus &#8250;Anstandsgef&uuml;hl&#8249; G&ouml;tterbilder verh&uuml;llt und
+ihnen die Trikotnacktheit des Ballets statt dessen zeigt.
+Und dabei verhungern wir im stillen nach dem, was
+die notwendigste Speise unseres inneren Menschen ist:
+nach geistigem Genu&szlig;, nach dem Glauben an ideale
+G&uuml;ter. Noch sch&auml;men wir uns dieses Gef&uuml;hls, noch
+haben wir nicht den Mut zu uns selbst, aber wenn ich
+auch in einem K&auml;fig lebe, so sp&uuml;re ich doch die Luft,
+die drau&szlig;en weht, und mir ahnt in jenen lichtesten
+Momenten des Lebens, die die vern&uuml;nftigen Leute phantastische
+Nachtstunden nennen, da&szlig; junge kr&auml;ftige B&auml;ume
+<a name="Page_330" id="Page_330"></a>den Flugsand doch noch fesseln und ihre toten Br&uuml;der
+an ihm r&auml;chen werden.&laquo;</p>
+
+<p>Dieser Brief trug mir eine lange Moralpredigt von
+der Empf&auml;ngerin, meiner Kusine, ein; sie geh&ouml;rte auch
+zu den &#8250;vern&uuml;nftigen&#8249; Leuten, und schon l&auml;ngst hatte
+unsere Korrespondenz den Charakter des Gedankenaustausches
+vollkommen eingeb&uuml;&szlig;t. Da&szlig; ich jemanden hatte,
+dem gegen&uuml;ber ich mich r&uuml;ckhaltlos aussprechen konnte,
+war aber f&uuml;r mich Grund genug, sie aufrecht zu erhalten.
+Auf meiner Reise nach S&uuml;ddeutschland, die ich,
+der Einladung von Tante Klotilde folgend, schon im
+Mai des Jahres 1887 antrat, hielt ich mich in Magdeburg
+eine Woche bei Mathilde auf. Ich w&auml;re am
+liebsten schon nach dem ersten Tage abgereist: eine
+H&auml;uslichkeit, wo die Armut in jedem Winkel zu hocken
+schien und einen stillen siegreichen Kampf mit der Vornehmheit
+k&auml;mpfte, die versch&uuml;chtert durch die R&auml;ume
+schlich; ein von des Lebens Not gezeichneter, in der
+muffigen Luft der Bureaus st&auml;ndig mit seiner Sehnsucht
+nach der freien Natur ringender Vater, der mit verbissenem
+Ha&szlig; alles verfolgte, was reich, was gl&uuml;cklich
+war; die Mutter, die trotz ihrer drei Kinder alle b&ouml;sen
+Zeichen vergr&auml;mter Altjungfernschaft an sich trug; die
+S&ouml;hne, geistig verk&uuml;mmert, durch die Schultyrannei
+um jeden Rest von Jugendfrohsinn gebracht; die Tochter,
+meine Freundin, bla&szlig;, m&uuml;de, mit M&auml;dchenfreundschaften,
+Gesangvereinen, und Sonntagsschularbeit m&uuml;hselig ihren
+Lebenshunger stillend, &mdash; da&szlig; es dergleichen gab, da&szlig;
+sich solch ein Dasein ertragen lie&szlig;!</p>
+
+<p>In M&uuml;nchen traf ich meinen Vater. Wir reisten zusammen
+nach Augsburg, einem schweren Augenblick ent<a name="Page_331" id="Page_331"></a>gegen.
+Sein Bruder Arthur, mit dem er sich seit vielen
+Jahren, wegen seiner Heirat mit einer T&auml;nzerin, &uuml;berworfen
+hatte, war seit kurzem, nach dem Tode seiner
+Frau, zu seiner Schwester gezogen, und diese w&uuml;nschte
+eine Vers&ouml;hnung der Br&uuml;der. Mit jener Bereitwilligkeit,
+die mein sonst so starrk&ouml;pfiger Vater seiner Schwester
+gegen&uuml;ber stets an den Tag legte, hatte er sich ihrem
+Willen gef&uuml;gt. Wie schwer es ihm wurde, merkte ich
+an seiner Aufregung. Es kam auch nur zu einer konventionellen
+Verkleisterung des Bruchs, einem h&ouml;flichen
+H&auml;ndedruck, einem taktvollen Nebeneinanderhergehen.
+Ich w&auml;re &uuml;ber diesen von mir nicht erwarteten friedlichen
+Ausgang der Dinge sehr erfreut gewesen, wenn
+der Zorn &uuml;ber die Art, wie meine Tante meinen Vater
+behandelte, und wie er sich von ihr behandeln lie&szlig;, mich
+nicht immer wieder &uuml;bermannt h&auml;tte. Wie an einem
+Schulbuben n&ouml;rgelte sie den ganzen Tag an ihm herum,
+und schmeichelte in einem Atem dem anderen Bruder.
+Das Zivil meines Vaters mi&szlig;fiel ihr &mdash; man sah ihm
+immer an, wie unbehaglich ihm darin zumute war &mdash;,
+wie bewundernswert war dagegen Arthurs Eleganz!
+Sie spottete &uuml;ber seine zunehmende K&ouml;rperf&uuml;lle, &mdash; welch
+jugendliche Schlankheit hatte Arthur behalten! Sie verf&uuml;gte
+r&uuml;cksichtslos &uuml;ber seine Zeit, ordnete sich selbst dagegen
+immer den W&uuml;nschen Arthurs unter. Sie hatte
+ihr Haus seinetwegen auf den Kopf gestellt, ihre M&ouml;bel
+ausger&auml;umt, um den seinen Platz zu machen, und mit einem
+liebensw&uuml;rdigen Egoismus, der ihren brutalen &uuml;bertrumpfte,
+spielte er den Herrn im Hause. Hatte sich mein Vater
+den ganzen Tag ihren Launen gef&uuml;gt, so h&ouml;rte ich durch
+die T&uuml;r, wie er sich nachts st&ouml;hnend im Bett hin und
+<a name="Page_332" id="Page_332"></a>her warf. Eines Morgens sa&szlig; ich im Gartenpavillon,
+als er, anscheinend in heftigem Wortwechsel, mit der
+Tante drau&szlig;en vor&uuml;ber ging. &raquo;Ich bin nicht dazu da,
+euren Aufwand zu bestreiten,&laquo; sagte sie, &raquo;es sollte dir
+wahrhaftig ausreichend sein, da&szlig; ich dich in deiner Tochter
+so bevorzuge.&laquo; &mdash; &raquo;Wenn ich mich nur darauf verlassen
+k&ouml;nnte,&laquo; stie&szlig; er hervor. &raquo;Ich breche mein Versprechen
+nicht &mdash; Gott soll mich vor der S&uuml;nde bewahren,&laquo;
+antwortete sie laut und fest. Sie gingen weiter. Nach
+geraumer Weile kehrten sie denselben Weg zur&uuml;ck. Die
+Tante hatte den Arm in den ihres Bruders gelegt. Sie
+sprachen friedlich, fast z&auml;rtlich miteinander. &raquo;So werd'
+ich einmal ruhig sterben k&ouml;nnen,&laquo; sagte mein Vater mit
+weicher Stimme, &raquo;bis &uuml;bers Grab hinaus will ich dir
+dankbar sein, Klotilde!&laquo;</p>
+
+<p>Milder und gef&uuml;giger als je war er in den folgenden
+letzten Tagen seines Augsburger Aufenthalts, er schien
+kaum zu merken, mit welch satanischer Freude sie die
+Situation ausn&uuml;tzte. Ich aber suchte ihm mit allen
+Mitteln der Liebe und Z&auml;rtlichkeit das Leben zu erleichtern,
+so da&szlig; er mich oft verwundert ansah und
+l&auml;chelnd sagte: &raquo;Ja, was ist denn das mit dir? So was
+hat dein alter Vater an seinem T&ouml;chterlein ja noch gar
+nicht erlebt?!&laquo; Meinem Onkel ging ich aus dem Wege,
+die Tante ha&szlig;te ich fast.</p>
+
+<p>Nach meines Vaters Heimkehr reiste ich mit ihnen
+nach Tegernsee, wo die Tante auf Wunsch Onkel Arthurs,
+dem die Einsamkeit von Grainau unsympathisch war,
+eine Villa gemietet hatte. An meinem Geburtstag, der
+in die erste Woche unseres Aufenthalts fiel, nahm mich
+der Onkel beiseite und dr&uuml;ckte mir heimlich ein Kuvert
+<a name="Page_333" id="Page_333"></a>in die Hand. &raquo;Ich wei&szlig;, Hans braucht Geld,&laquo; sagte er
+beinahe sch&uuml;chtern, &raquo;von mir nimmt ers nicht. Schick
+ihm das &mdash; zur Verwahrung &mdash; als mein Geburtstagsgeschenk
+an dich.&laquo; Er wartete meinen Dank nicht ab;
+ich schickte noch in derselben Stunde die braunen Scheine
+nach Bromberg; das Eis zwischen mir und Onkel Arthur
+war gebrochen.</p>
+
+<p>Wir wurden gute Kameraden. Die strenge Tante
+verwandelte sich unter seinem Einflu&szlig; zu einer mehr
+als nachsichtigen. Er erreichte alles, was mir Vergn&uuml;gen
+machte, vorausgesetzt, da&szlig; es auch seinen W&uuml;nschen
+entsprach! Endlich durfte ich hoch in die Berge
+hinauf, &mdash; zu dem jahrelangen Ziel meiner Sehnsucht! Er
+war ein ebenso leidenschaftlicher wie tollk&uuml;hner Bergsteiger,
+der F&uuml;hrer und gebahnte Wege verschm&auml;hte. Auf
+dem Leonhardsstein, hinter Dorf Kreuth, der spitz und
+gerade wie ein Kirchtum gen Himmel steigt, mu&szlig;te ich
+erst Probe klettern, ehe er mich &uuml;berall hin mitnahm &mdash; auf
+die Berge der Gegend zuerst und dann weiter, immer
+weiter. Eine Sportausr&uuml;stung eigener Erfindung lie&szlig;
+er mir machen: kurze Hosen und Gamaschen &mdash; etwas
+Unerh&ouml;rtes zu damaliger Zeit. Aber auch das lie&szlig; die
+Tante geschehen, sie str&auml;ubte sich nur im Namen des
+Anstands ein bi&szlig;chen, als er den &raquo;Panzer&laquo; verbot. &raquo;Ich
+fa&szlig; dich jedesmal um die Taille und la&szlig; dich unweigerlich
+sitzen, wenn du das Marterinstrument tr&auml;gst,&laquo; sagte
+er, und ich f&uuml;hlte mit Wonne die Freiheit starker Atemz&uuml;ge.</p>
+
+<p>Auf den Wallberg kletterten wir zuerst. Es gab damals
+nur einen Hirtensteg hinauf und droben nur eine kleine
+H&uuml;tte mit einfachem Heulager. Wir z&uuml;ndeten zum Zeichen
+<a name="Page_334" id="Page_334"></a>unserer Ankunft auf der Spitze ein m&auml;chtiges Feuer an
+und sahen schweigsam zu, bis es vergl&uuml;hte und das Tal
+schwarz und dunkel unter uns lag. Um so leuchtender
+strahlten jetzt die Sterne, und wei&szlig; und gespenstisch
+gl&auml;nzten von fern im Mondlicht die Schneegipfel zu uns
+her&uuml;ber. Mit einem tiefen, erl&ouml;senden Aufatmen breitete
+mein Begleiter die Arme aus. &raquo;Ich lebe!&laquo; fl&uuml;sterte
+er. Wie weh mir der Jubel tat, der in seiner Stimme
+lag! &mdash; Ich verga&szlig; seine N&auml;he, lehnte den Kopf an den
+Felsen und weinte &mdash; seit langer, langer Zeit zum erstenmal!
+Unten in der H&uuml;tte, in dem starken Heuduft fand
+ich keine Ruhe und sa&szlig; die ganze Nacht auf der Altane,
+w&auml;hrend die Geister der Vergangenheit aus der Tiefe zu
+mir aufstiegen, wie Nebel aus Fiebers&uuml;mpfen. Die
+Felsengesichter schnitten mir h&ouml;hnische Fratzen, und still
+und hoheitsvoll sahen wei&szlig;e Riesenh&auml;upter auf mich
+herab.</p>
+
+<p>Mein Onkel war ein guter Reisekamerad, dessen Lebensfreudigkeit
+seine grauen Haare vergessen lie&szlig;, dabei voll
+r&uuml;hrender Sorgfalt f&uuml;r mich. Einmal sa&szlig;en wir im
+Sonnenschein vor der Sennh&uuml;tte zur schwarzen Tenne.
+&Uuml;ber dem offnen Feuer an einem primitiven Spie&szlig; briet
+er uns ein H&uuml;hnchen; &raquo;Frauenzimmer sind zu dumm
+dazu,&laquo; sagte er, und ich &uuml;berlie&szlig; ihm nur zu gern die
+Arbeit, um, an die braunen Balken der H&uuml;tte gelehnt,
+durch dunkelgr&uuml;ne Tannenwipfel in die Sonne zu blinzeln.
+Nach dem Mahl, das die nie vergessene Flasche
+Moselwein w&uuml;rzte, streckte er sich mir zu F&uuml;&szlig;en ins
+Gras und pfiff eine Tanzweise tr&auml;umerisch vor sich hin.
+&raquo;Komisch,&laquo; sagte ich halb zu mir selber, &raquo;du bist im
+Grunde ein Primaner oder bestenfalls ein Sekondeleut<a name="Page_335" id="Page_335"></a>nant.&laquo;
+Er lachte. &raquo;Das bin ich auch; die Jahre, die
+zwischen damals und heute liegen, lebte ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ...&laquo; ich stockte.</p>
+
+<p>&raquo;Sprichs ruhig aus: du hast mit dem Weib deiner
+Wahl gelebt! Niemand wei&szlig; bis heute, da&szlig; diese zwei
+Jahrzehnte die H&ouml;lle waren. Mein Stolz hie&szlig; mich
+schweigen. Ich wollte nicht, da&szlig; Mutter und Geschwister
+Recht behielten. Endlich kam die Erl&ouml;sung: sie starb &mdash; seit
+vielen Monden eine arme Irre, die nichts daf&uuml;r
+konnte, da&szlig; sie mich qu&auml;lte,&laquo; &mdash; ganz alt sah der Onkel
+pl&ouml;tzlich aus, &mdash; dann sprang er auf, sch&uuml;ttelte sich wie ein
+nasser Jagdhund und f&uuml;gte l&auml;chelnd hinzu: &raquo;die Liebe
+ist Humbug, wei&szlig;t du, echt ist allein die Natur, die
+Kunst, die Wissenschaft. Ich freue mich auf das Leben
+wie ein Student!&laquo;</p>
+
+<p>Unsere Ruhetage in Tegernsee waren beinahe anstrengender
+als unsere Wanderungen. Von fr&uuml;h bis
+sp&auml;t wimmelte es von G&auml;sten; wenn der Onkel irgendwo
+jemanden traf, der ihm interessant zu sein schien, so
+lud er ihn ein, ohne nach Nam' und Art viel zu fragen.
+Es war eine bunte Gesellschaft, die sich auf die Weise
+bei uns zusammenfand, denn Tegernsee selbst schien eine
+Art neutraler Boden zu sein, wo die heterogensten Elemente
+ihre Neugier nacheinander befriedigen konnten.
+Da gab es Prinzen echter einheimischer und zweifelhafter
+exotischer Art; Finanzgr&ouml;&szlig;en dunkelster Herkunft;
+alte Diplomaten, die bei irgend einem Hofskandal
+Schiffbruch gelitten hatten; franz&ouml;sische Marquisen, deren
+Emailleur alle vier Wochen aus Paris kam, um ihrem
+Antlitz die bezaubernde Frische zu verleihen, mit der sie
+so siegessicher auf Eroberungen ausgingen; deutsche<a name="Page_336" id="Page_336"></a>
+Gr&auml;finnen, deren grazi&ouml;se Pirouetten noch vor kurzem
+die Balletthabitu&eacute;s der Gro&szlig;st&auml;dte entz&uuml;ckt hatten; und
+um die Galerie moderner Typen der &#8250;guten&#8249; Gesellschaft
+voll zu machen, fehlte es nicht an &ouml;sterreichischen Erzherzogen,
+sogar nicht an einem K&ouml;nig, &mdash; wenn es auch
+nur einer a.&nbsp;D. war, der von Neapel, &mdash; einem alten
+Rou&eacute;, und seiner wundersch&ouml;nen extravaganten K&ouml;nigin.
+Dazwischen bewegte sich das K&uuml;nstlervolk &mdash; ein wenig
+geniert die einen, &auml;ngstlich bestrebt, es den Vornehmen
+m&ouml;glichst gleich zu tun, die anderen, Menschen von
+genialer Ungebundenheit unter ihnen, und ein paar
+Auserw&auml;hlte mit jener seltenen angeborenen Gr&ouml;&szlig;e, die
+sich &uuml;berall mit gleicher Selbstverst&auml;ndlichkeit zu bewegen
+vermag. Von mancher sch&ouml;nen &ouml;sterreichischen Komte&szlig;
+fl&uuml;sterte man sich zu, da&szlig; sie an der Entstehung Makartscher
+Frauengestalten nicht unbeteiligt gewesen war, und
+noch heut lie&szlig; sie es gern geschehen, wenn die Maler
+sich an ihr begeisterten; ein Hauch von Romantik, der
+die Dichter unweigerlich anzog, umschwebte den rotblonden
+Kopf einer grazi&ouml;sen Baronin, von deren Beziehungen
+zum Kronprinzen von &Ouml;sterreich Frau Fama
+vernehmlich fl&uuml;sterte. All das flirtete und rauschte in
+knisternder Seide und weichem Spitzengeriesel am hellen
+Strand des blauen Tegernsees, wo vor Jahrhunderten in
+kl&ouml;sterlicher Einsamkeit der fromme M&ouml;nch Werinher der
+allerseligsten Jungfrau s&uuml;&szlig;e Weisen gesungen hatte, oder
+stieg in kokettem Jagdkost&uuml;m auf bequemen Wegen zu
+den Sennh&uuml;tten hinauf, deren G&auml;ste noch vor kurzem
+nur Dirndeln, J&auml;ger und Wilddiebe gewesen waren.
+Am sp&auml;ten Nachmittag rollten die Equipagen ins kreuther
+Tal, wo hoch oben, von Bergen eng umschlossen, auf
+<a name="Page_337" id="Page_337"></a>gr&uuml;nem Plateau die Kurmusik des Bades so komisch
+quiekte und wimmerte. Man stieg dort aus, lie&szlig; seine
+Toiletten bewundern, trank seinen Kaffee mit &ouml;sterreichischer
+Betonung und von &ouml;sterreichischer G&uuml;te und
+ging an dem Springbrunnen vorbei hinunter zu den
+sieben H&uuml;tten, wo die Burschen in Kniehosen und Wadenstr&uuml;mpfen,
+die Madeln im Silbergeschn&uuml;r und weitbauschendem
+kurzem Gewand sich im Tanze drehten. Wenn
+die D&auml;mmerung kam und lustige bunte Lampions sich
+wie leuchtende Girlanden von H&uuml;tte zu H&uuml;tte zogen,
+dann &auml;nderte sich das Bild: wei&szlig;e Schleppen wirbelten
+zwischen den bunten R&ouml;cken, und Lackschuhe glitten zwischen
+den Nagelstiefeln. Droben auf der Hohensteinalp die
+blonde Sennerin und in der Langenau die schwarze Liese
+wu&szlig;ten zu sagen, warum manch vornehmer Herr den
+Weg nicht nach Hause fand &mdash; ach, und kleinwinzige
+Buberln gabs im Tal und M&auml;derln, vaterlose, mit
+feinen Fingern und schlanken Gliedern, gar wunderseltsam
+anzuschaun!</p>
+
+<p>Wo sich im kreuther Tal die Wege kreuzen, der
+eine zum Bad, der andere nach dem Achensee f&uuml;hrt, lag
+in einem weiten schattigen Park ein Haus, nicht viel
+anders als das eines reichen Bauern, mit Galerien
+ringsum und buntbemalten L&auml;den. Auf den gr&uuml;nen
+Rasenfl&auml;chen davor, auf den Spielpl&auml;tzen zu beiden
+Seiten herrschte allt&auml;glich ein frohes Leben und Treiben.
+Der Gastfreundschaft schienen keine Grenzen gesteckt, zu
+jeder Tageszeit ward man freudig begr&uuml;&szlig;t und reichlich
+bewirtet. Mich lockte dies Haus schon lange; die ersten
+K&uuml;nstler, das wu&szlig;te ich, gingen dort aus und ein.
+Aber meine Tante r&uuml;mpfte die Nase, wenn ich seiner<a name="Page_338" id="Page_338"></a>
+Erw&auml;hnung tat, und mit tadelndem Kopfsch&uuml;tteln wurden
+diejenigen aus unsern Kreisen betrachtet, die den Bann
+gebrochen hatten und sichs wohl sein lie&szlig;en in Schwarzeck.
+Ein Baron Goldberger, ein Wiener Bankier, war der
+Besitzer, und sein Aussehen verriet seine Rasse noch mehr
+als sein Name, so da&szlig; sich ihm gegen&uuml;ber jener &auml;sthetische
+Antisemitismus geltend machte, den auch Vorurteilslose
+oft nicht abstreifen k&ouml;nnen. Der Magnet des Hauses
+waren seine vier T&ouml;chter, von denen eine immer h&uuml;bscher
+war als die andre. Nachdem uns zu Ohren kam, da&szlig;
+selbst der Herzog Karl Theodor bei ihnen verkehrte, &uuml;berwand
+Onkel Arthur den Widerstand der Tante, und eines
+Nachmittags fuhren wir hin, um unsere Antrittsvisitte zu
+machen. Schon diese ersten Stunden inmitten eines
+Kreises von m&uuml;nchner K&uuml;nstlern und Schriftstellern
+&ouml;ffneten mir Ausblicke in eine neue Welt: Fragen des
+Lebens und der Kunst wurden mit so r&uuml;ckhaltloser Offenheit
+besprochen, da&szlig; ich es zun&auml;chst fast peinlich empfand
+und, ungewohnt, mich unter Fremden auszusprechen, au&szlig;erstande
+war, mich daran zu beteiligen. Um so aufmerksamer
+h&ouml;rte ich zu: war dies ein Abglanz der Welt, die
+ich suchte, ein Teil jener Menschheit, die, von neuen
+Idealen erf&uuml;llt, auszog, um sie zu erobern?!</p>
+
+<p>Ich wurde einer der h&auml;ufigsten G&auml;ste in Schwarzeck.
+Ich trotzte selbst dem Befehl der Tante, die mich glaubte
+zur&uuml;ckhalten zu k&ouml;nnen, wenn sie f&uuml;r mich nicht anspannen
+lie&szlig;, und fuhr mit der Post, oder ging zu Fu&szlig;.</p>
+
+<p>Eines Nachmittags fand ich die Tee-Gesellschaft in
+heftigster Debatte begriffen. Irgend ein Artikel aus
+M.&nbsp;G. Conrads &raquo;Gesellschaft&laquo; schien der Anla&szlig; gewesen
+zu sein. Ich erinnerte mich dunkel, von dieser &raquo;sitten<a name="Page_339" id="Page_339"></a>losen,&laquo;
+&raquo;die Sicherheit von Staat und Kirche untergrabenden&laquo;
+Zeitschrift in unserer konservativen, norddeutschen
+Presse &mdash; der einzigen, die ich zu Gesicht bekam &mdash; zuweilen
+gelesen zu haben.</p>
+
+<p>&raquo;Und ich sage Ihnen, da&szlig; er recht hat &mdash; tausendmal
+recht,&laquo; rief ein junger blonder Dichter, das gelbe Heft
+wie eine Fahne schwingend, &raquo;Wahrheit, h&uuml;llenlose Wahrheit
+ist die Muse der kommenden Dichtung. Nur indem
+wir sie ohne R&uuml;cksicht auf hyper&auml;sthetische Altjungfernnerven,
+auch in ihrer H&auml;&szlig;lichkeit, auch mit ihren Schw&auml;ren
+und Wunden vor die Menschheit hinstellen, schaffen wir
+Kunstwerke, Kulturwerte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ernst ist das Leben, heiter sei die Kunst,&laquo; warf ein
+Maler Pilotyscher Richtung ein, &raquo;sie soll uns erheben,
+uns auf Momente wenigstens &uuml;ber das Elend des Daseins
+hinweghelfen &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hinwegt&auml;uschen, sagen Sie lieber,&laquo; mischte sich die
+junge Frau eines m&uuml;nchener Redakteurs ins Gespr&auml;ch,
+die, wie man munkelte, unter anderem Namen Geschichten
+schrieb, die junge M&auml;dchen nicht lesen durften,
+&raquo;sie soll den gro&szlig;en Kindern M&auml;rchen erz&auml;hlen, statt
+sie zu lehren, mit der brutalen Wahrheit des Lebens fertig
+zu werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn das ihre Aufgabe sein soll,&laquo; entgegnete der
+Maler, &raquo;dann werden wir gl&uuml;cklich dahin gelangen,
+Operationss&auml;le und Wochenstuben auf der B&uuml;hne zu sehen.
+Mit dem Irrenhaus hat ja Ibsen schon den Anfang
+gemacht.&laquo;</p>
+
+<p>Der Name wirkte vollends wie Sprengstoff. Seit dem
+letzten Winter, wo der Herzog von Meiningen den unerh&ouml;rten
+Schritt gewagt hatte, die &raquo;Gespenster&laquo; auf seine<a name="Page_340" id="Page_340"></a>
+B&uuml;hne zu bringen, wo Berlin dem Beispiel gefolgt war
+und ein Kreis junger Hei&szlig;sporne den Dichter auf den
+Schild erhob, las und h&ouml;rte ich oft von ihm, als von
+einem halb Verr&uuml;ckten, einem, der mit Wollust im Schmutze
+w&uuml;hle. Ihn kennen zu lernen, hatte ich gar kein Verlangen
+getragen, denn auf der Suche nach neuen Idealen
+konnte er unm&ouml;glich ein Wegweiser sein.</p>
+
+<p>&raquo;Ibsen ist gr&ouml;&szlig;er als Zola,&laquo; &uuml;bert&ouml;nte eine rauhe
+M&auml;nnerstimme wie ein ferner Lawinensturz die Durcheinanderredenden,
+&raquo;Zola ist der Zustandsschilderer <em class="antiqua">par
+excellence</em>, Ibsen aber legt die kritische Sonde an die
+tiefsten &Uuml;bel der Gesellschaft. Wenn Sie sich hier so
+aufregen, meine Herrschaften, so zeigt das nur, da&szlig; es
+irgendwo einen Punkt gibt, wo auch Sie unter seiner
+Ber&uuml;hrung schmerzhaft zusammenzucken. Da&szlig; wir vor
+lauter Moral, vor lauter Pflichten, kurz vor all den
+gro&szlig;en und kleinen Stricken und Ketten, die uns formen
+und einschn&uuml;ren, unser Ich verloren haben und als
+Phantome toter Traditionen herumlaufen, statt als
+lebendige Menschen, &mdash; das ist es, was jeden trifft, und
+was Ibsen zeigt. Neugierig bin ich nur, ob diese Erkenntnis
+uns schlie&szlig;lich zu Kettenbrechern machen wird,
+oder ob irgend welche vorsorglichen Menschheitsw&auml;rter
+nicht schon mit neuen Zwangsjacken bereit stehen &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Das allgemeine Gespr&auml;ch verlief sich allm&auml;hlich in die
+Rinnsale der Einzelunterhaltung und versickerte schlie&szlig;lich
+im Sande der Alltagsfragen. W&auml;hrend die anderen sich
+im Park zerstreuten, sprach ich den mit der rauhen Stimme
+an, einen echten vierschr&ouml;tigen Bajuvaren. &raquo;K&ouml;nnen Sie
+mir die Werke Ibsens nennen, die bisher in deutscher
+Sprache erschienen sind?&laquo; Er musterte mich augenblinzelnd.</p>
+<p><a name="Page_341" id="Page_341"></a></p>
+<p>&raquo;Hm&laquo; &mdash; machte er &mdash; &raquo;obs der gn&auml;digen Frau Tante
+auch recht sein wird?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darauf d&uuml;rfte es kaum ankommen, da ich sie lesen
+will,&laquo; entgegnete ich scharf, ge&auml;rgert &uuml;ber die sp&ouml;ttische
+Art seiner Antwort. Er lachte dr&ouml;hnend.</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben ja, scheints, auch so'n Tropfen Rebellenblut
+in den Adern!&laquo; Mit gro&szlig;en, ungef&uuml;gen Buchstaben
+schrieb er mir die Titel der B&uuml;cher auf eine Ecke
+Zeitungspapier, zerdr&uuml;ckte mir mit seiner Riesenfaust fast
+die Hand, die ich ihm dankbar gereicht hatte, und stapfte
+zum Parktor hinaus.</p>
+
+<p>&raquo;Wer war das?&laquo; frug ich eine der T&ouml;chter.</p>
+
+<p>&raquo;Ach &mdash; der! Den hat der Doktor neulich mal mitgebracht.
+Wie er hei&szlig;t, habe ich nicht verstanden. Ein
+ungehobelter Gesell, nicht wahr?&laquo;</p>
+
+<p>Ich nickte zerstreut. Noch auf dem R&uuml;ckweg gab ich
+eine Karte an eine m&uuml;nchener Buchhandlung auf und sah
+von nun an jedem Postboten erwartungsvoll entgegen,
+heftige Kopfschmerzen als Vorwand meines ungewohnten
+h&auml;uslichen Lebens vorsch&uuml;tzend.</p>
+
+<p>Und endlich kamen die B&uuml;cher! Ich las sie nicht, &mdash; ich
+trank sie, wie ein Durstender in der W&uuml;ste das frische
+Wasser. Nicht das Kunstwerk geno&szlig; ich in ihnen, und
+nichts sah ich von den handelnden Menschen; mir war
+vielmehr, als h&auml;tte ich lange im Dunkeln erwartungsvoll
+vor einem dichten Vorhang gestanden, den pl&ouml;tzlich ein
+Sturmwind auseinanderri&szlig;, um mir den blendenden,
+kristallhellen Spiegel dahinter zu enth&uuml;llen, der scharf
+und klar mein eigenes Bild zur&uuml;ckwarf, und das der
+Vielen um mich her.</p>
+
+<p>Worte las ich, die mich trafen wie Offenbarungen:<a name="Page_342" id="Page_342"></a>
+von den wenigen Menschen, die auf Vorposten stehen
+und f&uuml;r die Wahrheiten k&auml;mpfen, die noch zu neugeboren
+sind, als da&szlig; sie die Mehrheit f&uuml;r sich haben
+k&ouml;nnten. Und Tradition und Konvention sah ich ihrer
+bunten Gew&auml;nder entkleidet als nackte L&uuml;gen vor mir,
+und mit einem einzigen Blick erkannte ich des Weibes
+Puppendasein. Lebte ich nicht auch davon, da&szlig; ich den
+anderen Kunstst&uuml;cke vormachte?! &raquo;Ich habe Pflichten,
+die ebenso heilig sind &mdash; Pflichten gegen mich selbst &mdash;;&laquo;
+&raquo;ich mu&szlig; nachdenken, ob das, was mir gelehrt wurde,
+richtig ist, oder vielmehr, ob es f&uuml;r mich richtig ist &mdash;&laquo;
+sagte Nora, und verlie&szlig; das Puppenheim, um sich selbst
+zu finden. &raquo;Irgend wie und wann werde ich handeln
+m&uuml;ssen, wie Nora,&laquo; hei&szlig;t es in meinem Tagebuch von
+Sommer 1887, &raquo;viele Fesseln, &mdash; feine, die ich kaum f&uuml;hlte,
+und grobe, die sich mir ins Fleisch schnitten, &mdash; umschn&uuml;ren
+mich von klein an. Aber ich erkenne jetzt, da&szlig; ich jedes
+Jahr einige davon abstreifte. Sollte ich nicht auch mit
+den letzten fertig werden?&laquo; Und an meine Kusine, die
+mir &uuml;ber meine Ibsenbegeisterung erschrockene <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'Verhaltungen'">Vorhaltungen</ins>
+machte, schrieb ich: &raquo;Wer, wie Ibsen, den
+Mut hat, das Schwache, das Schlechte, das geistig Tote
+niederzurei&szlig;en, der ist kein Pessimist, wie die Leute ihn
+schelten, die zu feige und zu bequem sind, um die Augen
+zu &ouml;ffnen. Nur der lebensstarke Glaube an eine Zukunft,
+f&uuml;r deren helle Tempel Platz geschaffen werden mu&szlig;, gibt
+die Riesenkraft zu solchem Werk der Zerst&ouml;rung ... Du
+warnst mich vor &#8250;un&uuml;berlegten Handlungen&#8249;; daraus sehe
+ich, wie wenig du mich verstehst. Denn gerade damit
+hat es ein Ende. Das Spiel ist aus. Auch ich mu&szlig;
+die Aufgabe l&ouml;sen, mich selbst zu erziehen, ehe ich irgend<a name="Page_343" id="Page_343"></a>wo
+Hand anlegen kann, wo es f&uuml;r mich etwas zu
+tun gibt.&laquo;</p>
+
+<p>Der Schnee lag schon bis zum Tal hinunter, als ich
+mich zur Heimkehr r&uuml;stete. Beim Abschied hielt der
+Onkel meine Hand lange in der seinen. &raquo;Schade, da&szlig;
+du den Bergen untreu wurdest,&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>Langsam kroch der Zug von Gmund aus den Abhang
+in die H&ouml;he. Tief unten l&auml;chelte der See mit seinem
+gro&szlig;en Vergi&szlig;meinnichtauge; freundliche rote D&auml;cher
+und spitze Kircht&uuml;rme gr&uuml;&szlig;ten von seinen Ufern, und
+hinter ihm bauten sich Ketten um Ketten wei&szlig;gl&auml;nzender
+Firnen auf. Nein, ich war den Bergen nicht untreu
+geworden, und H&ouml;henluft wars, die ich mit mir nahm.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_344" id="Page_344"></a></p>
+<h2><a name="Zwolftes_Kapitel" id="Zwolftes_Kapitel"></a>Zw&ouml;lftes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Ein Aufenthalt in Berlin galt mir immer als ein
+Gipfel des Vergn&uuml;gens, besonders wenn Onkel
+Walter der F&uuml;hrer war. Niemand wu&szlig;te wie
+er, in welchen Theatern man am meisten lacht, in welchem
+Zirkus am schneidigsten geritten wird, und wo man am
+besten i&szlig;t und trinkt. Die acht Tage, die ich diesmal
+auf der Durchreise nach Bromberg bei ihm verbrachte,
+waren aber mehr eine Qual als ein Genu&szlig; f&uuml;r mich,
+obwohl wir vor lauter &raquo;Am&uuml;sement&laquo; gar nicht zu Atem
+kamen und meine lustige Tante sich &uuml;ber meine &raquo;blasierte
+Miene&laquo;, mit der ich wohl &raquo;die neueste Mode mitmachte&laquo;,
+nicht genug moquieren konnte. Wir waren bei Kroll
+im &raquo;Mikado&laquo;, in der Friedrich-Wilhelmstadt und bei
+Renz, wir sa&szlig;en auf der Estrade im Wintergarten,
+soupierten bei Hiller und im Kaiserhof, immer in
+derselben Gesellschaft von Gardeleutnants und konservativen
+Parlamentariern, aber von dem modernen
+k&uuml;nstlerischen und literarischen Leben, dem mein ganzes
+Interesse galt, war nur insofern etwas zu sp&uuml;ren,
+als die einen es verh&ouml;hnten, die anderen nach dem
+Staatsanwalt schrieen und der Rest heimlich und
+voll zynischer L&uuml;sternheit mit ihm lieb&auml;ugelte, wie ein
+alter Rou&eacute; mit der Stra&szlig;endirne. Familien-, Hof-<a name="Page_345" id="Page_345"></a>
+und politischer Klatsch stand im &uuml;brigen im Mittelpunkt
+der Unterhaltung, und dem &Auml;rger und der Verstimmung
+gab man, wie gew&ouml;hnlich, wenn man unter sich war,
+den kr&auml;ftigsten Ausdruck. Des armen kranken Kronprinzen
+wurde kaum mit einem Wort des Mitleids gedacht,
+die Emp&ouml;rung &uuml;ber den Einflu&szlig; der Kronprinzessin,
+&uuml;ber die von ihr eingef&auml;delte Battenberg-Aff&auml;re, deren
+Schlu&szlig;effekt der Sturz Bismarcks h&auml;tte sein sollen, &uuml;ber
+die ganze allm&auml;hlich zu Macht und Ansehen gelangende
+Kronprinzenpartei, die aus Juden und Judengenossen
+zusammen gesetzt sei, war viel zu gro&szlig;.</p>
+
+<p>Die von Bismarck kopulierte unnat&uuml;rliche Ehe zwischen
+dem Nationalliberalismus und den Konservativen
+wurde hier, wo man sich keinerlei Zwang aufzuerlegen
+brauchte, drastisch genug beleuchtet.</p>
+
+<p>&raquo;Hab ichs nicht immer gesagt,&laquo; rief bei einer
+solchen Unterhaltung eines der &auml;ltesten Mitglieder des
+Herrenhauses, der Typus eines echten Feudalherrn vom
+guten Schlag, &raquo;da&szlig; wir uns nicht st&auml;rker blamieren
+konnten, als durch diese Liierung mit den Industrierittern.
+Nichts, gar nichts Gemeinsames haben wir
+mit den Kerlen. Und 'ne Ehe gibts, wie die der Bienenk&ouml;nigin,
+die ihre werten Gatten t&ouml;ten l&auml;&szlig;t, wenn sie
+ihre Schuldigkeit getan haben. Ist irgend einer unter
+uns so d&auml;mlich, uns f&uuml;r &mdash; die K&ouml;nigin zu halten?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, h&ouml;ren Sie mal, lieber Graf, Sie werden doch
+nicht behaupten wollen &mdash;&laquo; unterbrach ihn mein Onkel.</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig; behaupte ich &mdash;,&laquo; polterte der alte Herr
+&raquo;la&szlig;t mal erst das Gesindel hoff&auml;hig werden &mdash; ein
+&#8250;von&#8249; und ein &#8250;Baron&#8249; ist heut schon eine Spielerei f&uuml;r
+den, ders Geld hat &mdash;, dann wirds bei uns wie in<a name="Page_346" id="Page_346"></a>
+England und in Frankreich: unsere Jungens rei&szlig;en sich
+um ihre M&auml;dels, und von dem ganzen guten preu&szlig;ischen
+Adel bleibt nichts &uuml;brig als der Name.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur da&szlig; die Voraussetzung f&uuml;r Ihre Folgerungen
+fehlen wird: der Kronprinz wird kaum zur Regierung
+kommen, und mit seinem Tod haben die Ambitionen der
+Herren Liberalen ihr Ende erreicht.&laquo;</p>
+
+<p>Der Graf lachte und klopfte Onkel Walter freundschaftlich
+auf die Schulter: &raquo;Sie sind ein guter Kerl,
+Golzow, aber das Pulvererfinden ist ihre Sache nicht!
+Oder glauben Sie vielleicht, unter dem jungen Herrn
+w&uuml;rde die Geschichte erheblich anders werden?! Der ist
+heute konservativ &mdash; aus Opposition, nat&uuml;rlich! Er
+bleibts vielleicht auch &mdash; dem Namen nach. Aber ist
+er erst mal am Ruder, wird er auch mit gegebenen
+Gr&ouml;&szlig;en rechnen m&uuml;ssen. Ich werds ja, Gott Lob, nicht
+erleben, aber Sie, meine Herren, werden in zwanzig
+Jahren mal dem alten Lehnsburg recht geben, wenn
+er ihnen heute sagt: bis dahin sind wir amerikanisiert,
+und nicht die Ehre, nicht der reinliche Stammbaum bestimmen
+mehr den Wert des Mannes, sondern das gute
+Gesch&auml;ft.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es w&uuml;rde uns heute schon nichts schaden, wenn wir
+gesch&auml;ftskundiger w&auml;ren,&laquo; mischte sich Baron Minckwitz
+ins Gespr&auml;ch, der wegen seiner Teilnahme an
+allerlei industriellen Unternehmungen schon etwas anr&uuml;chig
+war, &raquo;man mu&szlig; mit den W&ouml;lfen heulen, will
+man nicht zugrunde gehen.&laquo;</p>
+
+<p>Graf Lehnsburg hieb mit der Faust auf den Tisch,
+da&szlig; die Gl&auml;ser klirrten. &raquo;Ich gehe lieber zugrunde!&laquo;
+br&uuml;llte er. Ein peinliches Schweigen entstand. Mir
+<a name="Page_347" id="Page_347"></a>gefiel die unverf&auml;lschte Echtheit des Alten. Er schien
+mirs an den Augen abzusehn, und reichte mir &uuml;ber den
+Tisch hinweg die Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Verzeihung, mein gn&auml;digstes Fr&auml;ulein,&laquo; sagte er
+l&auml;chelnd, &raquo;ich bin wirklich ein alter Mummelgreis,
+da&szlig; ich in Anwesenheit junger Damen so ein Zeug
+schw&auml;tze! &Uuml;brigens &mdash; ich wills gleich wieder gut
+machen &mdash; richten Sie Ihrem Herrn Vater mein Kompliment
+aus. Ich traf ihn vor vier Wochen in Stettin
+bei Ihrer Majest&auml;t, er lief mir aber davon, ehe ich ihm
+selber sagen konnte, wie gl&auml;nzend seine F&uuml;hrung im
+Man&ouml;ver war. In der Umgebung Seiner Majest&auml;t
+herrschte nur eine Stimme dar&uuml;ber.&laquo;</p>
+
+<p>Ich hatte bis dahin vom pommerschen Kaiserman&ouml;ver,
+bei dem mein Vater das Ostkorps, den &raquo;markierten
+Feind&laquo;, zu kommandieren gehabt hatte, nur wenig geh&ouml;rt.
+&raquo;Der Kaiser war au&szlig;erordentlich gn&auml;dig,&laquo; hatte
+er mir geschrieben, &raquo;die Ernennung zum Divisionskommandeur
+kann jeden Tag erfolgen,&laquo; hatte Mama
+hinzugef&uuml;gt. Ich freute mich nun doppelt, N&auml;heres zu
+erfahren. &raquo;Sie w&uuml;nschen am Ende eine Kriegsberichterstattung
+mit allen Schikanen?&laquo; frug Graf Lehnsburg
+und baute aus Brotkr&uuml;meln und Papierschnitzeln ein
+ganzes Schlachtfeld auf, ohne erst meine Antwort abzuwarten.</p>
+
+<p>&raquo;Sehen Sie hier der Teller, das ist Stettin;
+die Papierschnitzel davor, das ist das Dorf Brunn,
+und hier die Semmeln, das sind die H&ouml;hen, die der
+General von Kleve bereits im ersten Morgengrauen
+des 14. September besetzt hielt. Er geh&ouml;rt noch zu der
+alten Sorte, wissen Sie, die von Anno 70 her wei&szlig;,
+<a name="Page_348" id="Page_348"></a>da&szlig; der, der am fr&uuml;hsten aufsteht, dem Siege am n&auml;chsten
+ist. Dort dr&uuml;ben von der Ostsee her &mdash; der Rotweinklexs
+reicht gerade f&uuml;r den T&uuml;mpel &mdash; kommt das
+feindliche Korps auf Stettin zu marschiert, das es, nach
+dem Ratschlu&szlig; der obersten G&ouml;tter, erobern soll. Der
+Kleve war ja eigentlich nur dazu da, um totgeschossen
+zu werden und den Ruhm des Gegners zu erh&ouml;hen.
+Nat&uuml;rlich war dieser Gegner &mdash; wie das die G&ouml;tter
+mit ihren Lieblingen so zu machen pflegen &mdash; noch mal
+so stark als er und hatte &uuml;berdies in seiner Mitte so
+was wie einen Schutzheiligen, der, wenn alle Stricke
+rei&szlig;en, immer noch seine Gl&auml;ubigen heraushaut.&laquo; Er
+legte dabei ein dickes St&uuml;ck Schwarzbrot in die Mitte
+der feindlichen Papierschnitzel. Die Anwesenden horchten
+auf, lachten und r&uuml;ckten n&auml;her zusammen. &raquo;Nun war
+aber ein Hundewetter an dem Tag, es regnete Bauernjungens,
+darum entdeckte das Westkorps den General,
+der schon eine ganze Weile mit allem n&ouml;tigen Klimbim
+auf seinen sieben H&uuml;geln thronte, erst nach einigem unruhigen
+Hin- und Herfackeln. Nachdem es die Situation
+gl&uuml;cklich erfa&szlig;t hatte, ging es marsch, marsch im Sturm
+voran. Prinz Wilhelm &mdash; der Schutzheilige, wissen
+Sie! &mdash; f&uuml;hrte dabei das Pommersche Grenadierregiment,
+und ich glaube, jeder einzelne Kerl darin hatte schon
+nach dem Kopf gegriffen, der bekanntlich den Lorbeer
+zu tragen bestimmt ist, als er morgens in die Stiebeln
+kroch. Aber Ihr Herr Vater h&auml;lt offenbar nichts von
+Heiligen, &mdash; er ist ein ausgemachter Ketzer, f&uuml;r den schon
+irgendwo die Dienstbeflissenen den Scheiterhaufen zusammentragen, &mdash; er
+empfing den Feind mit einem
+m&ouml;rderischen Feuer, und was von ihm nicht am Platze
+<a name="Page_349" id="Page_349"></a>blieb, das h&auml;tte er, wei&szlig; Gott, noch gefangen genommen,
+wenn nicht ein weiser Hoherpriester ihn beizeiten
+davon abgeraten h&auml;tte. Der hat freilich zum Dank
+daf&uuml;r ein paar faustdicke Grobheiten einstecken m&uuml;ssen!
+Es gab dann noch eine formidable Reiterattacke &mdash; ein
+<em class="antiqua">th&eacute;&acirc;tre par&eacute;</em> f&uuml;r die Fremden! &mdash;, wobei ein paar
+tausend arme G&auml;ule sich einbilden sollten, das Vaterland
+retten zu m&uuml;ssen; aber auch die Vierf&uuml;&szlig;ler im Ostkorps
+zeigen sich als die st&auml;rkeren. Ein schauerliches
+Abschlachten w&auml;rs im Ernstfall gewesen. Sie sehen,
+Stettin konnte ruhig sein, &mdash; und der alte Herr hat in
+der Kritik den General von Kleve &uuml;ber den gr&uuml;nen
+Klee gelobt. Trotzdem wars eine haneb&uuml;chene Dummheit,
+wie sie den Tapfersten immer zust&ouml;&szlig;t, da&szlig; er &mdash; hm! &mdash; da&szlig;
+er den &mdash; den Schutzheiligen nicht besser
+respektierte.&laquo;</p>
+
+<p>Mein Onkel, der schon die ganze Zeit ungeduldig
+mit den Fingern auf der Stuhllehne getrommelt hatte,
+schien f&uuml;r den Humor der Sache keinen Sinn zu haben.
+&raquo;Schon Wochen vorher habe ich meinen Schwager gewarnt,&laquo;
+sagte er, &raquo;wer den Prinzen kennt, wei&szlig;, da&szlig;
+er alles kann, nur nicht vergessen.&laquo;</p>
+
+<p>Angriffe auf meinen Vater konnte ich nie vertragen.
+Mir stieg auch jetzt das Blut zu Kopf, und meine
+Verteidigung fiel heftiger aus, als es n&ouml;tig gewesen
+w&auml;re.</p>
+
+<p>&raquo;Ich finde, eine R&uuml;cksicht, wie du sie verlangtest,
+w&auml;re eine Pflichtverletzung gewesen. Wenn der Prinz,
+der noch nie eine Kugel hat pfeifen h&ouml;ren, mit lauter
+servilen Leuten zu tun bek&auml;me, so w&uuml;rde es Deutschland
+mal b&uuml;&szlig;en m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+<p><a name="Page_350" id="Page_350"></a></p>
+<p>&raquo;Bravo!&laquo; sagte Graf Lehnsburg. &raquo;Gro&szlig;spuriges Geschw&auml;tz!&laquo;
+brummte der Onkel.</p>
+
+<p>Am fr&uuml;hen Morgen des n&auml;chsten Tages kam ein
+Telegramm: &raquo;Division in M&uuml;nster.&laquo; Mit beiden F&uuml;&szlig;en
+zugleich sprang ich aus dem Bett. Westfalen: Das
+nordische Rom &mdash; die Wiedert&auml;ufer &mdash; Annette Droste &mdash; der
+Westf&auml;lische Friede &mdash; die Hermannsschlacht, &mdash; es
+war eine verwirrende Vielheit bunter Bilder, die bei diesem
+Namen vor mir aufstiegen. Ich fuhr noch am Nachmittag
+nach Bromberg. Merkw&uuml;rdig ernst empfing mich mein
+Vater. Kaum da&szlig; ich eine Frage an ihn zu richten
+wagte. Und auch zu Hause blieb er still, w&auml;hrend mein
+Schwesterchen voll Freude &uuml;ber den Wechsel im Zimmer
+umhersprang und Mama die n&auml;chsten Pl&auml;ne erwog.
+Erst sp&auml;t am Abend, als er seine gewohnte Patience
+gelegt hatte und sich befriedigt, weil sie mit Mamas
+Hilfe richtig aufgegangen war, in den Stuhl zur&uuml;cklehnte,
+fing er an, sich &uuml;ber die Zukunft auszusprechen.
+Wir orientierten uns mit Hilfe der Rangliste &uuml;ber die
+Verh&auml;ltnisse seiner Division; bis nach Aachen und Paderborn
+dehnte sie sich aus; lauter St&auml;dte voll historischer
+Bedeutung geh&ouml;rten zu ihren Garnisonen. In M&uuml;nster
+erwartete uns eine ger&auml;umige Dienstwohnung, eine gl&auml;nzende
+Geselligkeit; der Kommandierende war meinem
+Vater als liebensw&uuml;rdiger Vorgesetzter bekannt.</p>
+
+<p>&raquo;Und trotzdem &mdash;?&laquo; Ich stockte vor dem finsteren
+Blick, der mich traf. Gleich darauf l&auml;chelte er ein wenig
+gezwungen und strich sich halb nachdenklich, halb verlegen
+den Bart. &raquo;Ihr merkt eben nichts, gar nichts,&laquo;
+sagte er, &raquo;mit der Nase mu&szlig; man euch darauf sto&szlig;en;&laquo;
+damit wies er mit dem Finger in die Rangliste: &raquo;Die<a name="Page_351" id="Page_351"></a>
+13. Division&laquo; stand dort, fett gedruckt. Die 13 aber
+war rot unterstrichen.</p>
+
+<p>Mein Vater verlie&szlig; die Gesellschaft, wenn dreizehn
+bei Tische waren, er drehte um, wenn eine Katze ihm
+&uuml;ber den Weg lief, und machte drei Kreuze, wenn ihm
+beim Morgenritt als Erste ein altes Weib begegnete.
+Ich l&auml;chelte leise und dr&uuml;ckte schmeichelnd meine Wange
+an die seine. &raquo;Den Spuk werden wir bannen, Papachen &mdash; auf
+immer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glaubst du?!&laquo; meinte er zweifelnd und starrte mit
+gro&szlig;en Augen an mir vorbei ins Leere.</p>
+
+<p>Wir blieben nur noch wenige Tage. Der alte Packer
+aus Berlin, der jedes St&uuml;ck unserer Einrichtung kannte
+und seine Kisten stets so wiederfand, wie er sie beim
+letzten Umzug verlassen hatte, pflegte uns, wenn er kam,
+ebenso entschieden wie freundlich hinaus zu komplimentieren.
+&raquo;For ne Exzellenz is der Dreck nu jar
+nischt,&laquo; sagte er diesmal, als er mit seinem Zeitungspaket
+unter dem Arme eintrat. In Berlin hielten wir
+uns noch auf der Durchreise auf. W&auml;hrend Papa sich
+meldete, machten wir Besorgungen. Die Gr&ouml;&szlig;e der
+k&uuml;nftigen Wohnung hatte eine erhebliche Vermehrung
+unserer Einrichtung notwendig erscheinen lassen, und
+die alten M&ouml;bel waren schon lange eines neuen Gewandes
+bed&uuml;rftig. Auch an Toiletten f&uuml;r den n&auml;chsten
+Karneval fehlte es uns. Unter dem Eindruck, nun nicht
+mehr mit jedem Groschen rechnen, nicht mehr an allen
+verlockenden Auslagen als blo&szlig;e Zuschauerin vorbeigehen
+zu m&uuml;ssen, verj&uuml;ngte sich meine Mutter f&ouml;rmlich; ich
+entdeckte zum erstenmal und nicht ohne Besch&auml;mung,
+da&szlig; sie mit ihren dreiundvierzig Jahren noch immer
+<a name="Page_352" id="Page_352"></a>eine sch&ouml;ne Frau war, und eine Ahnung davon durchzuckte
+mich, da&szlig; sie im Grunde ein &auml;rmliches Leben gef&uuml;hrt
+hatte und noch Anspr&uuml;che daran zu stellen berechtigt war.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Es war ein Sp&auml;therbstabend, als wir uns
+M&uuml;nster n&auml;herten; ein Wald von T&uuml;rmen
+stand schwarz am dunkelvioletten Himmel.
+Durch d&auml;mmernde Stra&szlig;en, &uuml;ber die nur hie und da
+graue Gestalten huschten, erreichten wir den Gasthof
+mit seiner gew&ouml;lbten Eingangshalle und den von jahrhundertelangen
+Tritten ausgeh&ouml;hlten Steinstufen der
+Treppe.</p>
+
+<p>Fr&uuml;h am Morgen weckte mich ein tiefer Ton, wie
+fernes Donnerrollen; allm&auml;hlich schwoll er st&auml;rker und
+st&auml;rker an, und ein Chor heller Stimmen mischte sich
+hinein: die Glocken M&uuml;nsters, die zur Fr&uuml;hmesse riefen.
+Noch lange, nachdem sie verhallt waren, schien die ganze
+Luft in geheimnisvoll klingende Schwingung versetzt.</p>
+
+<p>Ich lugte neugierig zum schmalen Erkerfenster hinaus.
+Eine breite Stra&szlig;e sah ich, eingefa&szlig;t von hochgegiebelten
+H&auml;usern mit reichen Zieraten, Erkern, Bl&auml;tterwerk und
+Zinkenkronen; jedes in sich abgeschlossen, die Trennung
+vom Nachbarn durch die ragende Spitze betonend; unten
+aber verbanden gew&ouml;lbte Arkaden, deren breite Bogen
+auf trutzig-kr&auml;ftigen Pfeilern ruhten, alle Geb&auml;ude miteinander.
+Mir war, als sei mir durch einen Blick der
+tiefe Sinn alten deutschen B&uuml;rgertums aufgegangen:
+wie es auf breitem Boden der Gemeinsamkeit und des
+gegenseitigen Schutzes festbegr&uuml;ndet ruhte und die Einheit
+und Selbst&auml;ndigkeit der Familie klar und scharf sich
+<a name="Page_353" id="Page_353"></a>daraus emporhob. Wie reich war doch jenes viel gel&auml;sterte
+&raquo;finstere&laquo; Mittelalter gewesen, das f&uuml;r Inhalt
+und Bedeutung des Lebens so wundervoll-harmonische
+Ausdrucksformen fand!</p>
+
+<p>Eine Kirche, &uuml;ber die der ganze glaubensselige
+Reichtum der Gotik ausgegossen schien, schlo&szlig; mit
+schlankem Turm, durch dessen Ma&szlig;werk hoch oben
+des Himmels lichte Bl&auml;ue strahlte, und kraftvoll
+aufw&auml;rts wachsenden Strebepfeilern die Stra&szlig;e gen
+Norden ab. Mu&szlig;ten sich nun nicht rings die Tore
+&ouml;ffnen, um fromme Beter zur Fr&uuml;hmesse zu entlassen, &mdash; Frauen
+in langen, reichen Gew&auml;ndern, mit perlengestickten
+G&uuml;rteln, das Haupt z&uuml;chtig umh&uuml;llt, das Gebetbuch
+mit kunstvoll-geschmiedeter Silberschlie&szlig;e in den
+H&auml;nden, &mdash; M&auml;nner mit bunten geschlitzten W&auml;msen
+und der nickenden Feder auf dem Barett? Ich wartete
+vergebens. Nur ein paar Weiber in jenen tonlosen
+Kleidern, die das Ende des neunzehnten Jahrhunderts,
+passend zum monotonen Stil seiner Kasernenst&auml;dte, erfunden
+hat, verschwanden hinter den Kirchent&uuml;ren. Schon
+wollte ich mich, unmutig &uuml;ber den zerst&ouml;rten Zauber
+zur&uuml;ck ins Zimmer wenden, als mein Blick noch einmal
+gefesselt ward: aus der engen Gasse gegen&uuml;ber wand
+sich lautlos ein Zug grauer Nonnen; die Zipfel ihrer
+Hauben wehten im Morgenwind, eng aneinander gedr&uuml;ckt,
+bewegten sie sich unh&ouml;rbaren Schrittes vorw&auml;rts, &mdash; eine
+Kette verflogener Nachtv&ouml;gel, die lichtscheu &uuml;ber
+den Boden strich, bis sie das dunkle Kirchentor jenseits
+verschlang. Und einsam wie vorher lag nun die
+Stra&szlig;e.</p>
+
+<p>Unser erster Gang an demselben Morgen galt unserem
+<a name="Page_354" id="Page_354"></a>k&uuml;nftigen Heim: dem ehemaligen Kloster der Augustinerinnen,
+das fast vierhundert Jahre lang dem strengen
+Orden der b&uuml;&szlig;enden Nonnen geh&ouml;rt hatte, ehe es der
+piet&auml;tlosen, s&auml;belrasselnden Preu&szlig;enpolitik zum Opfer
+fiel. Vor dem langgestreckten grauen Haus mit seinen
+dicken Mauern und kleinen Fenstern stand hinter ein
+paar m&auml;chtigen Linden halb versteckt die uralte dunkle
+Servatiikirche; die hohen Gartenmauern des Erbdrostenhofes &mdash; eines
+jener zahlreichen prunkvollen Stadtschl&ouml;sser
+westf&auml;lischer Adelsgeschlechter &mdash; umschlossen hinter ihr
+den engen Platz. Nur z&ouml;gernd betrat ich den breiten,
+fliesengedeckten Flur unseres Hauses; die laute erkl&auml;rende
+Stimme des Intendanturbeamten, der uns f&uuml;hrte, machte
+mir denselben schmerzhaften Eindruck wie die Stimmen
+all jener Kirchen-, Gallerie- und Schlo&szlig;diener, die eigens
+dazu berufen zu sein scheinen, den Besucher vor der
+Tiefe irgend eines Eindrucks zu bewahren. Ich lie&szlig; ihn
+vorangehen und blieb allein. Es war ein heller Herbsttag
+drau&szlig;en, die Sonne &uuml;berflutete das gro&szlig;e Treppenhaus,
+aber in die Zimmer hinein drang sie nicht; hier
+wehte jene schwere k&uuml;hle Luft der Gr&uuml;fte, die nie ein
+Sonnenstrahl ber&uuml;hrt. Alle Wohnr&auml;ume lagen nach
+Norden, &mdash; kein warmer Gru&szlig; lockenden Lebens durfte
+die Nonnen ber&uuml;hren, deren Zellen hier gewesen waren.
+Eine davon mochte wohl den fr&ouml;mmsten zur Wohnung
+gedient haben: auf einen winzigen Hof sah sie hinaus;
+gerade gegen&uuml;ber, zum Greifen nah, fiel der Blick auf
+das hohe gotische Fenster der Klosterkapelle, aus dessen
+zerbrochenem Glasgem&auml;lde die schmerzverzerrten Z&uuml;ge
+eines heiligen M&auml;rtyrers noch zu erkennen waren. &raquo;Hier
+ist der Zugang zur Kapelle vermauert,&laquo; hatte ich von
+<a name="Page_355" id="Page_355"></a>ferne den Beamten sagen h&ouml;ren; &raquo;die Leute erz&auml;hlen
+sich noch immer, da&szlig; die Nonnen n&auml;chtlicherweile hier
+umgehen und klagend an den W&auml;nden kratzen, weil ihnen
+der Weg versperrt wurde.&laquo;</p>
+
+<p>Unten im Garten trafen wir uns wieder. Das Wahrzeichen
+M&uuml;nsters &mdash; die Linde &mdash; schm&uuml;ckte auch ihn,
+aber jetzt, da sie kahl war, verst&auml;rkte sie nur den Eindruck
+lebloser Stille, den die Mauern ringsum hervorriefen:
+die der K&uuml;rassierkaserne auf der einen, die des
+Proviantmagazins, in das ein Fl&uuml;gel des Klosters umgewandelt
+worden war, auf der anderen Seite.</p>
+
+<p>&raquo;Hier war der Kirchhof des Klosters,&laquo; sagte unser
+F&uuml;hrer. &raquo;Als vor ein paar Jahren Exzellenz Melchior
+durch das Tor dort hereinfuhr, senkte sich der Boden,
+und die R&auml;der w&uuml;hlten vermorschte S&auml;rge auf.&laquo; &mdash; &raquo;Eine
+gem&uuml;tliche Dienstwohnung, &mdash; das mu&szlig; ich sagen,&laquo; versuchte
+mein Vater zu scherzen. Ich f&uuml;hlte, da&szlig; es auch
+ihm schwer wie ein Alb auf der Seele lag. &raquo;Mir gef&auml;llt
+sie ausnehmend,&laquo; sagte meine Mutter l&auml;chelnd,
+&raquo;die armen Toten schrecken mich nicht, und die Wohnung
+ist prachtvoll.&laquo;</p>
+
+<p>Die Handwerker brachten von nun an L&auml;rm und Leben
+hinein. Wir blieben noch ein paar Wochen im Hotel,
+und ich benutzte die Zeit, um in allen Gassen und Kirchen
+umherzustreichen. Nie hatte ich solch eine Stadt gesehen:
+in Augsburg, in N&uuml;rnberg hatte die neue Zeit
+unter der F&uuml;hrung der r&uuml;cksichtslosen Eroberer Industrie
+und Technik die alte mehr und mehr zur&uuml;ckgedr&auml;ngt,
+&uuml;berflutet, vernichtet, &mdash; hier stand das Leben still, kein
+Fabrikschlot erhob sich mit all seiner barbarischen Protzenhaftigkeit
+neben den Kirchent&uuml;rmen; hinter hohen Eisen<a name="Page_356" id="Page_356"></a>gittern,
+in vornehmer Zur&uuml;ckgezogenheit prangten die
+Renaissance- und Rokokoschl&ouml;sser der Ketteler, der Heereman,
+der Droste-Vischering, der Romberg, der Zwickel
+der Bevernf&ouml;rde, der Schmising, der Galen, der F&uuml;rstenberg;
+zwischen hundertj&auml;hrigen Linden standen Kirchen
+und Kapellen, erf&uuml;llt von der Pracht und Sch&ouml;nheit
+romanischer und gotischer Kunst; in abgelegenen Winkeln
+tauchten alte Kl&ouml;ster auf, deren gras&uuml;berwucherte H&ouml;fe
+von Kreuzg&auml;ngen wie von sch&uuml;tzenden Armen umgeben
+waren; manch alte Festungsmauer lugte drau&szlig;en vor
+der Stadt zwischen dickem Efeu und dichtem Geb&uuml;sch
+hervor, und heimlich vertr&auml;umte Pl&auml;tzchen gab es neben
+pl&auml;tschernden Brunnen, unter Weinlaub umsponnenen
+Bogen, wohin kein anderer Laut des Lebens drang.</p>
+
+<p>Da&szlig; die blaue Blume der Romantik hier Wurzel gefa&szlig;t
+hatte, als drau&szlig;en in der Welt die Aufkl&auml;rung umging
+und sie mit Stumpf und Stiel auszurotten trachtete, da&szlig;
+Freiheitsschw&auml;rmer, wie die Br&uuml;der Stolberg, sich hier
+zu F&uuml;&szlig;en der F&uuml;rstin Galitzin in die Fesseln der katholischen
+Kirche schlagen lie&szlig;en und Hamann, der Magus
+des Nordens, hier seinen frommen Phantasien lebte, &mdash; wer
+verst&uuml;nde es nicht, dem M&uuml;nster seinen Zauber
+enth&uuml;llte?</p>
+
+<p>Mit der Fertigstellung unserer Wohnung hatte die
+genu&szlig;volle Zeit t&auml;glicher Entdeckungsreisen ein Ende.
+Die h&auml;uslichen und au&szlig;erh&auml;uslichen Pflichten nahmen
+mich wieder in Anspruch. &raquo;Wir feierten den gestrigen
+Einzug in unser Kloster mit dem ersten Besuch der
+Garnisonkirche und h&ouml;rten in einem kahlen, kalten,
+n&uuml;chternen Raum eine ebensolche Predigt,&laquo; schrieb ich
+an meine Kusine. &raquo;Dann kamen Besuche &uuml;ber Besuche, &mdash; leider
+<a name="Page_357" id="Page_357"></a>nur solche, bei denen es einem geht, wie dem
+erwachsenen Menschen vor dem Marionettentheater: alles
+Interesse h&ouml;rt auf, sobald der Unternehmer die Puppen
+wieder in den Kasten legt. Am liebsten m&ouml;chte ich jetzt
+still in der Fensternische meiner Zelle sitzen und lesen,
+lesen, lesen. Ich habe eine Bibliothek entdeckt &mdash; im
+Verein f&uuml;r Wissenschaft und Kunst &mdash;, die mir um so
+mehr zur Verf&uuml;gung steht, als sie niemand sonst zu benutzen
+scheint. Ein junger Beamter mit einem strengen
+Asketengesicht, der mich zuerst sehr abweisend behandelte,
+ist jetzt mein bester Berater. Du h&auml;ttest sehen sollen,
+wie seine sonst halb geschlossenen Augen aufleuchteten,
+als ich die Sch&ouml;nheit M&uuml;nsters pries! &#8250;Wenn Sie erst
+ganz Westfalen kennen w&uuml;rden!&#8249; meinte er, und dabei
+huschte ein heller Schein kindlicher Schw&auml;rmerei ihm
+&uuml;ber die Z&uuml;ge. Er gab mir St&ouml;&szlig;e von B&uuml;chern mit,
+aus denen ich Natur und Kunst seiner geliebten roten
+Erde kennen lernen soll. Was mich aber noch weit
+mehr anzieht, sind die zahlreichen Werke allgemeinen
+kulturgeschichtlichen Inhalts, die der Katalog der Bibliothek
+aufweist. Mein Berater erkl&auml;rte freilich mit aller
+Bestimmtheit, das w&auml;re nichts f&uuml;r mich, es seien B&uuml;cher
+darunter, die die Ruhe der Seele gef&auml;hrdeten; er wurde
+bla&szlig; und rot, als ich ihm versicherte, da&szlig; mir nichts
+w&uuml;nschenswerter sei; und als ich von dem alten Bibliotheksdiener
+Leckys Geschichte der Aufkl&auml;rung und Tylors
+Anf&auml;nge der Kultur verlangte, starrte er mich an wie
+eine Erscheinung und stotterte schlie&szlig;lich: &raquo;Aber &mdash; aber
+es sind nicht einmal Bilder drin!&laquo; N&auml;chtlicherweile habe
+ich sie verschlungen, mein Verstand hat zu ihnen ja und
+zehnmal ja gesagt; &mdash; meine Sinne aber schwelgten im
+<a name="Page_358" id="Page_358"></a>weihrauchgeschw&auml;ngerten D&auml;mmerdunkel des Doms.
+Unter diesem scheinbaren Widerspruch habe ich gelitten,
+bis mir klar wurde, da&szlig; es gar keiner ist: alle Seiten
+unserer Natur bed&uuml;rfen der Nahrung, und die Kunst
+ist die Nahrung der Sinne. Religion aber ist im
+Grunde nichts als Kunst und gestaltende Phantasie.
+Mir war der Protestantismus nie sympatisch; da&szlig; er
+im Grunde nicht nur eine Vergewaltigung deutschen Geistes
+und Wesens, sondern ausgesprochen areligi&ouml;s ist, wurde
+mir von diesem Standpunkt aus erst v&ouml;llig klar.</p>
+
+<p>Leider mu&szlig; ich mir zum Denken und Lernen jede
+Stunde erk&auml;mpfen. Vor R&auml;umen, Toilettenkrimskrams,
+Leute einarbeiten, Besuche machen und empfangen komme
+ich am Tage kaum zu mir selbst. Dabei haben sich wieder
+ein paar landl&auml;ufige Weisheitsspr&uuml;che als fadenscheiniger
+Plunder erwiesen: &#8250;Nach getaner Arbeit ist gut ruhn,&#8249; &mdash; &#8250;Gut
+Gewissen, sanftes Ruhekissen&#8249; &mdash; &#8250;Pflichterf&uuml;llung
+begl&uuml;ckt&#8249;, &mdash; lauter faustdicke L&uuml;gen, die man uns wie
+Binden um die Augen legt, damit wir die Wahrheit
+nicht mehr sehen k&ouml;nnen, &mdash; die Wahrheit, die uns zeigt:
+Tue Deine Arbeit, dann erst findest Du Befriedigung, &mdash; erf&uuml;lle
+Deine Bestimmung, dann erst wirst Du gl&uuml;cklich
+sein.&laquo;</p>
+
+<p>Mit steigender Virtuosit&auml;t f&uuml;hrte ich ein Doppelleben:
+ich vergrub mich stundenweise in meine B&uuml;cher, ich lebte
+mit meinen Gedanken in ihnen, w&auml;hrend ich H&uuml;te garnierte,
+schneiderte, oder mit den Vorbereitungen zu den
+immer zahlreicheren Gesellschaften, Diners und B&auml;llen
+besch&auml;ftigt war. Aber mit dem Augenblick, wo ich im
+Festkleid in den Wagen stieg oder die ersten G&auml;ste bei
+uns erschienen, zog ich den Schl&uuml;ssel zu dem Ge<a name="Page_359" id="Page_359"></a>heimfach
+meines Innern ab, und nichts blieb von mir
+&uuml;brig als die Salondame.</p>
+
+<p>P&uuml;nktlich mit dem Dreik&ouml;nigstag &ouml;ffneten sich die
+Adelsh&ouml;fe M&uuml;nsters. Der Karneval zog ein. Keiner
+von denen, die weise Ma&szlig; halten und Hygiene und
+Moral zu Hofmarsch&auml;llen ernennen, damit die braven
+Menschenkinder sich auch den Magen nicht verderben &mdash; sondern
+ein ungest&uuml;mer, ein wilder, z&uuml;gelloser, der jung
+und alt in seine Dienste zwingt, der uns &uuml;berkommt wie
+ein Rausch und uns selig-m&uuml;de zur&uuml;ck l&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p>Eine alte Legende, die im Volke Westfalens noch
+immer lebendig ist, erz&auml;hlt, da&szlig; der Teufel einmal die
+Junker der ganzen Welt in seinen Sack gesteckt habe,
+um sie der H&ouml;lle zu &uuml;berliefern. Als er just &uuml;ber
+Westfalen flog, zerri&szlig; der Sack, und es regnete Ritter.
+Darum gibt es noch heut auf der roten Erde eine so
+gro&szlig;e Menge von ihnen, und kein K&ouml;nigshof k&ouml;nnte
+eine vornehmere Gesellschaft um sich versammeln als
+M&uuml;nster zur Karnevalszeit. Was aber ihrem alten Adel,
+dessen Ursprung sich oft bis in die dunkeln Zeiten Wittekinds
+des Sachsenherzogs verliert, den Glanz verleiht,
+ist der gesicherte Reichtum vieler Generationen. Der
+preu&szlig;ische, der schlesische, der m&auml;rkische Edelmann mit
+seinen gro&szlig;en H&auml;nden, seiner breiten Statur, seinem
+dicken Sch&auml;del verr&auml;t noch oft, da&szlig; sein Vorfahr wie
+ein Bauer arbeiten und leben mu&szlig;te, und sein derber
+Witz, seine Verst&auml;ndnislosigkeit f&uuml;r die feineren k&uuml;nstlerischen
+Reize des Lebens lassen nicht vergessen, da&szlig;
+neben Axt und Pflug sein einziges Handwerkszeug das
+Schwert gewesen ist. Seines westf&auml;lischen Standesgenossen
+rassige Schlankheit, seine der harten Arbeit seit<a name="Page_360" id="Page_360"></a>
+Jahrhunderten entw&ouml;hnten H&auml;nde verdankt er dagegen
+der Freigebigkeit des &uuml;ppigen Bodens, den Scharen
+der H&ouml;rigen, die ihn bebauen mu&szlig;ten; und die Grazie
+seiner gesellschaftlichen Formen, die Sch&ouml;nheit seiner
+Umgebung erinnert an die prunkvollen H&ouml;fe der Kirchenf&uuml;rsten
+von K&ouml;ln, von Paderborn, von M&uuml;nster, wo
+seine Ahnen erzogen wurden, und an die k&uuml;nstlerische
+Kultur, die die katholische Kirche um sich verbreitete.
+Mit einem angeborenen Sinn f&uuml;r Stoffe und Farben
+kleiden sich seine sch&ouml;n gewachsenen, ein wenig steifen
+Frauen und T&ouml;chter mit den feinen, regelm&auml;&szlig;igen, ein
+wenig leeren Gesichtern; Perlen und Edelsteine in herrlicher
+alter Fassung schm&uuml;cken ihre vollen blonden Haare,
+ihre schneewei&szlig;en Nacken und Arme. Die M&ouml;bel, die
+Schaust&uuml;cke, das reiche Silberger&auml;t in ihren H&auml;usern
+ist ererbter Familienbesitz aus den Glanzzeiten der Gotik,
+der Renaissance, des Rokoko; von den farbensatten
+Gobelins, die die W&auml;nde der S&auml;le decken, sieht die
+ganze Vergangenheit herab auf das junge Geschlecht,
+das ihr auch geistig nicht untreu geworden ist.</p>
+
+<p>Sie sind alle gl&auml;ubige Katholiken; sie vers&auml;umen die
+Messe nicht, auch wenn sie die N&auml;chte durchtanzen;
+barh&auml;uptig, Gebetbuch und Rosenkranz in den H&auml;nden,
+schreiten die vornehmsten mit in der gro&szlig;en Prozession
+am Montag nach dem Reliquienfeste und am Tage
+Mari&auml; Heimsuchung; die Kirche ist ihr eigentliches
+Vaterland; in den Jahren des Kulturkampfes behandelte
+der westf&auml;lische Adel die preu&szlig;ischen Beamten und Offiziere
+wie Feinde, und eine gewisse mi&szlig;trauische Zur&uuml;ckhaltung
+zeigte sich hier und da auch jetzt. Aber sie galt
+weniger dem preu&szlig;ischen Protestanten im allgemeinen,
+<a name="Page_361" id="Page_361"></a>als dem einzelnen, der mit taktloser Gro&szlig;spurigkeit auftrat,
+oder &mdash; dessen Adelsdiplom nicht ganz reinlich erschien.
+Hier herrschte noch vollkommenste Exklusivit&auml;t, &mdash; ein
+B&uuml;rgerlicher, ein Neugeadelter war nicht gesellschaftsf&auml;hig,
+und dies ungeschriebene Gesetz wurde den
+Einheimischen gegen&uuml;ber am strengsten gehandhabt. Eine
+Organisation westf&auml;lischer Damen, die angesichts des
+Gleichheitstaumels der franz&ouml;sischen Revolutionsepoche
+gegr&uuml;ndet worden war, konnte &uuml;ber Sein und Nichtsein
+entscheiden. Ihre Feste waren unter dem Namen der
+B&auml;lle des Damenklubs weit und breit ber&uuml;hmt und &mdash; gef&uuml;rchtet.
+Wer dazu nicht geladen wurde, war einf&uuml;r
+allemal boykottiert; r&uuml;ckhaltlos gesellschaftlich anerkannt
+war nur, wer auch bei den intimen Veranstaltungen
+nicht fehlte. Der Klub hatte die Macht, Mitglieder
+des westf&auml;lischen Adels, die sich irgend etwas
+hatten zuschulden kommen lassen, durch geheime Abstimmung
+auf Monate oder Jahre von allem Verkehr
+mit seinen Standesgenossen auszuschlie&szlig;en.</p>
+
+<p>Die R&uuml;cksicht auf diese tiefwurzelnden Auffassungen &mdash; spukte
+nicht hier sogar die Erinnerung an die Vehme? &mdash; f&uuml;hrte
+zu merkw&uuml;rdigen Konsequenzen: man hatte
+zwar durchgesetzt, da&szlig; auch die nicht adeligen Offiziere
+nicht v&ouml;llig von der Geselligkeit ausgeschlossen wurden,
+aber sie wurden nur zu gro&szlig;en B&auml;llen gebeten und
+h&auml;tten es auch dort kaum wagen d&uuml;rfen, eine westf&auml;lische
+Dame zum Tanz zu f&uuml;hren. Die vierten K&uuml;rassiere
+und die sogenannten Papst-Husaren aus Paderborn, &mdash; Regimenter,
+so vornehm wie nur irgend eins der Garde,
+in die nicht einmal ein unadliger Einj&auml;hriger Aufnahme
+fand, &mdash; waren die allein &#8250;hoff&auml;higen&#8249;. Und so war es
+<a name="Page_362" id="Page_362"></a>denn auch nicht die Stellung meines Vaters, sondern
+sein Name und der Stammbaum meiner Mutter, die uns
+rasch alle T&uuml;ren &ouml;ffneten. Geistige Anspr&uuml;che an unsere
+Gesellschaft zu stellen, hatte ich aufgegeben; die Alix Kleve,
+die mit hei&szlig;en Wangen und brennender Lebenslust zum
+Klang s&uuml;&szlig;er Walzerweisen von einem Arm in den
+anderen flog, war nicht dieselbe, die daheim mit
+klopfendem Herzen und unstillbarem Geistesdurst &uuml;ber
+den B&uuml;chern sa&szlig;.</p>
+
+<p>Die Atmosph&auml;re der Vornehmheit und des Reichtums,
+die Eleganz der T&auml;nzer, die Sch&ouml;nheit der Menschen
+und der R&auml;ume befriedigte meine Sinne; es gab Tage
+und Stunden, wo die prickelnde, fiebernde Lust des
+Karnevals mich ganz und gar gefangen nahm, wo eine
+Tanzmelodie mich wie ein elektrischer Schlag bis in die
+Fu&szlig;spitzen durchzuckte und alle &uuml;brigen Lebenst&ouml;ne erschlug.
+Wir tanzten t&auml;glich; in den Fastnachtstagen fielen sogar
+die Schranken zwischen den Gesellschaftsklassen und unter
+Papierschlangengeschossen und Konfettiregen wagten wir
+uns unter die maskierte Menge der Stra&szlig;e. Alle H&ouml;fe
+und H&auml;user standen offen; &uuml;berall konnten die Masken
+sich selbst zu Gaste laden, und doch artete die sprudelnde
+Lustigkeit nie in rohe Sp&auml;&szlig;e aus.</p>
+
+<p>Am Fastnachtsdienstag gab es ein Fr&uuml;hst&uuml;ck im K&uuml;rassierkasino,
+wo die Sektpfropfen knatterten wie Salven, und
+darauf einen ausgelassenen Tanz im Sande der Reitbahn,
+wo die Herren um die Wette &uuml;ber H&uuml;rden und Gr&auml;ben
+sprangen. Abends war der letzte Ball des Damenklubs; noch
+einmal wurde getanzt wie rasend, alte Graub&auml;rte machten
+den J&uuml;ngsten den Rang dabei streitig, und die F&uuml;lle
+der Blumen, die uns gespendet wurden, lie&szlig; sich kaum
+<a name="Page_363" id="Page_363"></a>fassen. Mir stoben Funken vor den Augen, und ich f&uuml;hlte
+nichts mehr als die wiegende, schleifende Bewegung
+und den hei&szlig;en, keuchenden Atem meiner T&auml;nzer. Pl&ouml;tzlich,
+mitten im wilden Abschiedsgalopp, stand alles still,
+wie von einem Zauber gebannt, die Musik brach ab,
+mit kurzem Gru&szlig; huschten die Damen hinaus, rasch
+warfen die Herren den Mantel &uuml;ber die Schultern &mdash; zw&ouml;lf
+schlug die tiefe Glocke vom Domturm, Aschermittwoch
+klingelte das schrille Gl&ouml;cklein von der Liebfrauenkirche.</p>
+
+<p>Mit einem Schlag schien das Leben erloschen. Still,
+mit verh&auml;ngten Fenstern lagen von nun an wieder die
+Adelsh&ouml;fe. Nur dr&uuml;ben im Erbdrostenhof regte sichs
+noch: gestern hatte die schlanke Tochter des Hauses mit
+uns getanzt, heute nahm sie im Kloster der Ursulinerinnen
+den Schleier. Wie eine gl&uuml;ckliche Braut ward sie von
+all den Ihren geleitet, und sie selbst l&auml;chelte wie eine
+solche. Mit einem Glanz verkl&auml;rter Freude auf den
+Z&uuml;gen leisteten ihre Br&uuml;der &mdash; die &uuml;berm&uuml;tigsten T&auml;nzer
+sonst &mdash; die Ministrantendienste bei der heiligen Handlung.
+Und doch wu&szlig;ten alle, da&szlig; es ein Abschied f&uuml;r
+immer war, denn in strenger Klausur verbringen die
+Ursulinerinnen ihr nur dem Gebet und der Bu&szlig;e geweihtes
+Leben.</p>
+
+<p>W&auml;hrend der Fastenzeit kamen Kapuzinerm&ouml;nche nach
+M&uuml;nster, die besten Kirchenredner ihres Ordens. Sie
+Sprachen von vier Kanzeln dreimal des Tags, und Kopf
+an Kopf dr&auml;ngte sich jedesmal die Menge und hielt geduldig
+stundenlang stehend aus. Ich ging wiederholt in
+den Dom; die fanatische Beredsamkeit dieser blassen
+M&auml;nner in ihren braunen Kutten war &uuml;berw&auml;ltigend.<a name="Page_364" id="Page_364"></a>
+Sie sprachen r&uuml;cksichtslos und griffen mitten ins Leben,
+und eine Wirkung ging von ihnen aus, die nicht nur
+in dem wachsenden Andrang zu ihren Beichtst&uuml;hlen zum
+Ausdruck kam, sondern auch in den Handlungen der
+Einwohner M&uuml;nsters. Wir h&ouml;rten h&auml;ufig, da&szlig; gestohlenes
+Gut zur&uuml;ckgegeben wurde, Verleumder den Verleumdeten
+um Verzeihung baten, Treulose zu den verf&uuml;hrten
+M&auml;dchen zur&uuml;ckkehrten. &raquo;Es geht ein Zug nach
+Wahrheit und Befreiung durch die Welt, dem, ihrer
+selbst nicht bewu&szlig;t, auch die asketischen Diener der Kirche
+folgen m&uuml;ssen. Zuweilen, wenn sie mit &uuml;berw&auml;ltigender
+Kraft das Elend armer Arbeiter schilderten, und den
+Reihen, die nicht sehen und h&ouml;ren wollen, mit den
+Schrecken auch der irdischen Sorgen drohten, schien es
+wirklich Christi lebendiger Atem zu sein, der sie beseelte.
+Mir tr&auml;umte dabei von einer fernen Zukunft, wo in
+heiligen Hallen, wie diese, Missionsprediger der Freiheit
+zu den Tausenden sprechen werden.&laquo; So schrieb ich an
+Mathilde. In M&uuml;nster aber verstand man meine h&auml;ufigen
+Kirchenbesuche anders. Zufall &mdash; Absicht? &mdash; f&uuml;hrten
+mich mit katholischen Priestern zusammen, und ich merkte
+bald, welch lebhaftes Interesse sie an mir nahmen. Sie
+boten sich mir zu F&uuml;hrern in Kirchen und Kapellen an
+und verwickelten mich, wenn ich kam, in religi&ouml;se Gespr&auml;che.
+Aus meiner Stellung zum Protestantismus
+machte ich kein Hehl, und als ich einmal freim&uuml;tig erkl&auml;rte,
+da&szlig; der Katholizismus mir weit anziehender sei,
+meinte mein Begleiter vorsichtig: &raquo;Sie sollten sich mit
+unserer Kirche n&auml;her vertraut machen, wenn sie Ihnen,
+wie es den Anschein hat, die Idee des Christentums
+deutlicher repr&auml;sentiert.&laquo; &mdash; &raquo;Die Idee des Christentums?!<a name="Page_365" id="Page_365"></a>&laquo;
+erwiderte ich l&auml;chelnd. &raquo;Nein, Hochw&uuml;rden, mit ihr hat
+die katholische Kirche nichts zu tun! Und gerade das
+ist es, was ich an ihr liebe und bewundere.&laquo; Sprachlos
+starrte der Priester mich an. &raquo;Ich begreife nicht &mdash;&laquo;
+brachte er schlie&szlig;lich hervor. &raquo;Darf ich es Ihnen erkl&auml;ren?&laquo;
+Er nickte zustimmend.</p>
+
+<p>&raquo;Meiner Ansicht nach ist die urspr&uuml;ngliche Lehre Christi
+mit ihrem Asketismus, ihrer Verachtung des Lebens,
+der Freude, der Sch&ouml;nheit, ihrer Menschenfeindschaft, &mdash; bei
+aller Betonung der Menschenliebe, &mdash; der Natur der
+abendl&auml;ndischen V&ouml;lker so widersprechend, da&szlig; sie sich in
+ihrer Reinheit gar nicht durchsetzen konnte. Wir sind
+Heiden, sind Sonnenanbeter; mit den Gesch&ouml;pfen unserer
+Tr&auml;ume beleben wir Feld und Wald, Berg und Tal.
+Karl der Gro&szlig;e hat das rasch begriffen, und seine Missionare
+mit ihm. Sie hatten h&auml;ufig genug selbst Sachsenblut
+in den Adern. Darum bauten sie an Stelle der
+Heiligt&uuml;mer Wotans, Donars, Baldurs und Freyas die
+Tempel Ihrer vielen Heiligen; darum erhoben sie nicht
+den Gekreuzigten, sondern die Mutter Gottes, das Symbol
+schaffenden Lebens, auf den Thron des Himmels.
+Darum schm&uuml;cken die Diener des Mannes, der nicht
+hatte, da er sein Haupt h&auml;tte hinlegen k&ouml;nnen, ihre Gew&auml;nder,
+ihre Alt&auml;re und ihre Kirchen mit Gold und
+Edelsteinen und zogen die Kunst in ihren Dienst. Vom
+Standpunkt Christi aus hatten Ihre Wiedert&auml;ufer Recht,
+die die Bilder zerst&ouml;rten, aber die lebensstarke Natur
+ihrer Volksgenossen hat sie ins Unrecht gesetzt. Und
+wissen Sie, was mich in meiner Auffassung vom heidnischen
+Charakter des Katholizismus und seiner Lebensf&auml;higkeit
+infolgedessen best&auml;rkte: der eben verflossene<a name="Page_366" id="Page_366"></a>
+Karneval! In keinem protestantischen Lande ist dergleichen
+m&ouml;glich, auch wenn es auf denselben Breitengraden
+liegt, wie M&uuml;nster, wie K&ouml;ln, wie D&uuml;sseldorf,
+wie M&uuml;nchen. Vor lauter Verst&auml;ndigkeit und N&uuml;chternheit
+haben wir die Freude verlernt, die ein Bestandteil
+heidnischer Religi&ouml;sit&auml;t ist.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt war die Reihe an meinem Begleiter, &uuml;berlegen
+zu l&auml;cheln.</p>
+
+<p>&raquo;Ob Sie, infolge irgend welcher verwirrender Lehren
+sogenannter wissenschaftlicher Aufkl&auml;rung, Heidentum
+nennen, was christ-katholisch ist, das d&uuml;rfte zun&auml;chst von
+geringem Belang sein, sofern Sie nur an die Lehren
+der Kirche glauben. Wir verlangen von den Novizen
+nicht die Gedanken- und Gef&uuml;hlstiefe des erprobten Bekenners.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich glaube ja an Ihre Heiligen nicht, wenn ich
+ihre Existenz auch verstehe!&laquo; Der Priester sch&uuml;ttelte den
+grauen Kopf. &raquo;Wir werden einander nie n&auml;her kommen,
+Hochw&uuml;rden. Wo Sie Religion sehen, sehe ich Kunst,
+und Ihr Gott und Ihre Heiligen sind f&uuml;r mich nicht
+&uuml;berirdische Wesen, die ich anbeten mu&szlig;, sondern Gebilde,
+die unsere Phantasie erschuf, wie die Hand des Malers
+die heilige Jungfrau dr&uuml;ben. Da&szlig; Ihre Kirche diese
+Sch&ouml;pferkraft nicht unterband, sondern sch&uuml;tzte, n&auml;hrte,
+anfeuerte, ist ein Verdienst, das sie mir ehrw&uuml;rdig macht.
+Sie werden aber nun selbst einsehen, da&szlig; sich aus solchem
+Material keine Proselyten machen lassen.&laquo;</p>
+
+<p>Man schien mich trotz alledem nicht aufzugeben. Ich
+wurde in der Gesellschaft Westfalens mit mehr Interesse
+und Aufmerksamkeit behandelt als sonst ein junges M&auml;dchen
+und war viel zu eitel, um die Vorteile dieser Aus<a name="Page_367" id="Page_367"></a>nahmestellung
+nicht angenehm zu empfinden. Da&szlig; ich
+mich im stillen immer weiter aus dem geistigen Bannkreis
+meiner Umgebung entfernte, bemerkte niemand.
+Mit wem h&auml;tte ich mich auch ehrlich aussprechen k&ouml;nnen?
+Mein Vater war in seinen kirchlich und politisch konservativen
+Anschauungen immer schroffer geworden, und
+je h&ouml;her die Stellung war, die er einnahm, je mehr er
+nichts anderes um sich hatte als Untergebene, desto
+selbstherrlicher wurde er, desto weniger duldete er Widerspruch.
+Meine Mutter wurde von steigender Antipathie
+gegen meine Studien beherrscht, jeden B&uuml;chertitel musterte
+sie mit gr&ouml;&szlig;tem Mi&szlig;trauen, und ich konnte sicher sein,
+mit irgend einer &raquo;wichtigen&laquo; h&auml;uslichen Aufgabe, wie
+W&auml;sche flicken, Staub wischen oder dergleichen, immer
+dann betraut zu werden, wenn ich am meisten gefesselt
+war. Unter unseren vielen Bekannten war niemand,
+den ich f&uuml;r w&uuml;rdig und f&auml;hig gehalten h&auml;tte, an meinen
+Interessen teil zu nehmen. Es gab schon verbl&uuml;ffte Gesichter
+genug um mich her, wenn ich etwa &uuml;ber politische
+Tagesereignisse mitzureden den Mut fa&szlig;te.</p>
+
+<p>So wurde ich denn immer launischer, reizbarer und
+hochm&uuml;tiger. Nichts als meine pessimistischen Ansichten
+&uuml;ber die Menschen hatte ich ausgesprochen, wenn ich auf
+einem Maskenfest des letzten Winters an die Rosen, die
+ich verteilte, statt der Dornen Verse wie diese geheftet
+hatte:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Menschen tragen im Leben<br /></span>
+<span class="i0">Eine Maske vor dem Gesicht;<br /></span>
+<span class="i0">W&uuml;nsch' nicht, sie zu demaskieren,<br /></span>
+<span class="i0">Denn, wisse, es lohnt sich nicht!<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<div class="poem"><div class="stanza"><a name="Page_368" id="Page_368"></a>
+<span class="i0">Und f&uuml;rchtest du die Rose,<br /></span>
+<span class="i0">Weil stets ihr Dorn dich sticht, &mdash;<br /></span>
+<span class="i0">So pfl&uuml;cke dir G&auml;nsebl&uuml;mchen,<br /></span>
+<span class="i0">Die, Teuerster, stechen nicht!<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Du tr&auml;umst vom Feuer der Liebe,<br /></span>
+<span class="i0">Das hoch ein jeder preist?<br /></span>
+<span class="i0">Wisse, in unserm Jahrhundert<br /></span>
+<span class="i0">Ist es ein Irrlicht meist.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Traue keinem hier von allen,<br /></span>
+<span class="i0">Dann erst recht nicht, wenn die Maske fiel;<br /></span>
+<span class="i0">Niemals wird die zweite Maske fallen,<br /></span>
+<span class="i0">Und was Wahrheit scheint, ist Narrenspiel.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Im M&uuml;nster ist's finster,&laquo;<br /></span>
+<span class="i0">Wer w&uuml;&szlig;te das nicht?<br /></span>
+<span class="i0">Doch sag mir, wo in der Welt<br /></span>
+<span class="i0">Ist es licht?<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Licht war f&uuml;r mich nur die Welt der B&uuml;cher; Erkenntnisse,
+die ich gewann, erf&uuml;llten mich mit tiefer
+hei&szlig;er Freude, und die Sehnsucht wuchs hinaus aus der
+Enge des Lebens; von der Phantasie nahm sie die
+leuchtendsten Farben, um Menschen zu malen, die von
+Idealen erf&uuml;llt, mit den reichsten Waffen des Geistes
+ausgestattet, eine dunkel geahnte andere Welt zu erobern
+ausgingen. Mein Tagebuch und die Briefe an Mathilde
+waren die Vertrauten meines eigentlichen, verborgenen
+Lebens.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin in meinem Studium der Kulturgeschichte
+beim f&uuml;nften gro&szlig;en Werke angelangt,&laquo; schrieb ich da<a name="Page_369" id="Page_369"></a>mals,
+&raquo;mein Interesse daf&uuml;r ist immer im Wachsen, und
+immer wieder finde ich, was mich fast von Kindheit
+an &mdash; damals noch wie eine Ahnung &mdash; erf&uuml;llte: da&szlig;
+wir uns trotz allem, was den Blick momentan verdunkeln
+mag, unaufhaltsam vorw&auml;rts bewegen. Wehe
+denen, die hemmen wollen, sei es in der Kunst, der Wissenschaft,
+der Religion, oder der Politik! &mdash; Nur eins
+schmerzt mich oft bis zur Verzweiflung: da&szlig; ich nur
+Zuschauer bin und weder beim Niederrei&szlig;en des Alten,
+noch beim Aufbauen des Neuen tatkr&auml;ftig eingreifen
+kann.&laquo;</p>
+
+<p>An anderer Stelle hei&szlig;t es: &raquo;Auf dem Wege meiner
+stillen Studien bin ich zu der Erkenntnis gelangt, da&szlig;
+unsere Entwicklung wie auf einer Wendeltreppe vorw&auml;rts
+schreitet. Zuerst lernt man mechanisch, ohne zu verstehen,
+dann lernt man verstehen; aus beiden folgt das eigene Denken,
+und erst auf diesen drei Stufen erhebt sich der pers&ouml;nliche
+Mensch und f&auml;ngt nun scheinbar von vorn an: er
+lernt, er versteht, er denkt &mdash; oder er entz&uuml;ndet das trocken
+aufgeh&auml;ufte Pulver des Verstandes mit dem elektrischen
+Funken seines eigenen Geistes und sprengt damit die
+starren Formelmauern, um nun selbst Licht und W&auml;rme
+zu verbreiten. Auf jeder Stufe bleiben viele Menschen
+stehen; darum wird man mit dem Vorw&auml;rtsschreiten
+immer einsamer und l&auml;&szlig;t viele hinter sich zur&uuml;ck, die nicht
+gleichen Schritt mit uns hielten.&laquo;</p>
+
+<p>Soweit meine Kusine sich auf Diskussionen einlie&szlig;,
+trat sie mir entgegen. Sie verteidigte z.&nbsp;B. die Heroengeschichte
+gegen&uuml;ber der Kulturgeschichte; sie suchte
+mir zu beweisen, da&szlig; die K&ouml;nige, Staatsm&auml;nner und
+Feldherrn die Geschichte &raquo;machen,&laquo; w&auml;hrend ich erkl&auml;rte,<a name="Page_370" id="Page_370"></a>
+&raquo;da&szlig; der einzige dauernde gesunde Fortschritt aus
+dem Volk herausw&auml;chst und die Gro&szlig;en der Erde oft
+nichts sind als Marionetten in der Hand der ungeheuern
+namenlosen Masse.&laquo; Ich hatte viel zu sehr das Bed&uuml;rfnis,
+mich irgend jemandem gegen&uuml;ber auszusprechen,
+und ihr Urteil war mir &uuml;berdies viel zu wenig ma&szlig;gebend,
+als da&szlig; ich mich von ihren Gegengr&uuml;nden h&auml;tte
+abschrecken lassen. &raquo;Meine letzte Entdeckung mu&szlig; ich
+Dir mitteilen, obwohl ich von vornherein wei&szlig;, da&szlig; Du
+&uuml;ber meine &#8250;umst&uuml;rzlerischen&#8249; Ansichten wieder emp&ouml;rt
+sein wirst. Je mehr ich die Geschichte der V&ouml;lker studiere,
+desto klarer wird mir, da&szlig; der gro&szlig;e, viel zu wenig
+anerkannte Fortschritt unserer Zeit in der v&ouml;llig ver&auml;nderten
+Wertung der Arbeit besteht. Kein Volk der
+Vergangenheit hat die Arbeit an sich als etwas Ehrenvolles
+betrachtet. Im Gegenteil: nur der Sklave, der
+Kriegsgefangene, kurz, der Entrechtete, Ehrlose arbeitete.
+Die Arbeit war eines freien Mannes unw&uuml;rdig. Das
+war die durchg&auml;ngige Ansicht der antiken V&ouml;lker, das
+war auch die der Germanen. Und zu jenen Ehrlosen,
+die zur Arbeit gewisserma&szlig;en verdammt waren, geh&ouml;rten
+charakteristischerweise nicht nur die Unfreien unter den
+Frauen, sondern ihr ganzes Geschlecht. Die Arbeit
+eine Ehre &mdash; das Nichtstun ein Laster, &mdash; dahin fangen
+wir erst an, uns zu entwickeln, und zu ihrer vollen Bedeutung
+wird diese Erkenntnis erst in sp&auml;ter Zukunft gelangen. &mdash; F&uuml;r
+mich pers&ouml;nlich ist sie nicht eine blo&szlig;e
+verstandsm&auml;&szlig;ige Einsicht, sondern ein Ereignis, das mich
+ersch&uuml;tterte. Wird der Wert des Menschen an seiner
+Leistung gemessen, &mdash; wie bestehe ich vor dieser Pr&uuml;fung?!
+Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt, gesund an<a name="Page_371" id="Page_371"></a>
+Geist und K&ouml;rper, leistungsf&auml;higer vielleicht als viele,
+und ich arbeite nicht nur nichts, ich lebe nicht einmal,
+sondern werde gelebt!&laquo;</p>
+
+<p>Wie sich der Hei&szlig;hungrige &uuml;ber jeden Bissen st&uuml;rzt,
+so warf ich mich &uuml;ber jede M&ouml;glichkeit des Erlebens und
+der Arbeit.</p>
+
+<p>Zu jener Zeit starb der alte Kaiser, und im M&auml;rtyrerschicksal
+seines Nachfolgers begann der Trag&ouml;die letzter
+Akt. Mit jener steigenden Erregbarkeit meiner Nerven,
+die auch die Ereignisse au&szlig;erhalb des eigenen Schicksals
+zum pers&ouml;nlichen Erlebnis werden lie&szlig;, verfolgte ich die
+Berichte der Presse, dachte des &raquo;neuen Herrn,&laquo; der
+nun kam, dessen verk&uuml;mmerter Arm mich vor Jahrzehnten
+schreckte, und der, seit jenem Gespr&auml;ch mit Graf Lehnsburg,
+seltsam drohend sich meinem Vater entgegenzustrecken
+schien. Die alte Welt versank, &mdash; der Todeskampf
+Friedrichs III. war auch der ihre. Und mit wilder
+Zerst&ouml;rungslust schienen die Elemente ihn zu begleiten.
+Unaufh&ouml;rlich str&ouml;mte der Regen, aus ihren Ufern traten
+die Fl&uuml;sse, die D&auml;mme brachen &mdash; tausende stiller Heimst&auml;tten
+wurden vernichtet, hunderttausenden armer Menschen
+drohte Hunger und Elend. Und ich sa&szlig; hier im
+gesicherten Schutz unseres Hauses mit gebundenen H&auml;nden! &mdash; In
+fieberhaftem Eifer schrieb ich die M&auml;rchen
+nieder, die ich meinem Schwesterchen im Laufe der Jahre
+erz&auml;hlt hatte. Ich schickte sie aufs geratewohl einem
+K&ouml;nigsberger Verleger, mit der Bestimmung, den etwaigen
+Erl&ouml;s den &Uuml;berschwemmten zuzuf&uuml;hren. &raquo;Ver&ouml;ffentlichungen
+dieser Art liegen au&szlig;erhalb unseres Gebiets,&laquo;
+schrieb er, und rasch entmutigt warf ich sie ins Feuer.
+Kurz darauf wurde ein Dilettantenkonzert zum Besten
+<a name="Page_372" id="Page_372"></a>der Notleidenden arrangiert, und ich, deren Karnevalsverse
+in Erinnerung geblieben waren, sollte einen Prolog
+dazu verfassen und vortragen. Es wurde mir nicht schwer,
+ich brauchte nur auszusprechen, was ich empfand, und
+als ich am Tage der Auff&uuml;hrung im schwarzem Trauerkleid
+auf hohem Podium stand, eine stumme dunkle Menge
+vor mir, und f&uuml;hlte, wie meine Stimme den Saal erf&uuml;llte, &mdash; da
+war mirs, als sprengte mein eigenes
+klopfendes Herz die Eisenreifen, die es umschn&uuml;rt hatten.
+Von der tiefen Glocke in meiner Brust sprach man mir,
+nachdem die einen mir stumm die Hand gesch&uuml;ttelt, die
+anderen, voll Enthusiasmus, mir gedankt hatten. Besa&szlig;
+ich die Macht, die Menschen zu ersch&uuml;ttern, sie zum Gro&szlig;en
+und Guten aus ihrer Stumpfheit aufzur&uuml;tteln? Er&ouml;ffnete
+sich hier irgend ein Weg f&uuml;r mich, auf dem ich endlich,
+endlich dem nutzlosen Leben entfliehen konnte? &raquo;O da&szlig;
+ich die Kr&auml;fte, die ich besitze, in einer jener Pionierarbeiten
+einsetzen d&uuml;rfte, die durch die W&uuml;ste der Welt
+neue Wege bahnen!&laquo; schrieb ich noch in der Nacht darnach
+an meine Kusine.</p>
+
+<p>Mein Prolog wurde gedruckt und in ein paar tausend
+Exemplaren verkauft. Aber dem Hochgef&uuml;hl folgte bald
+die Ern&uuml;chterung. Ein Tropfen auf den hei&szlig;en Stein
+war, was ich f&uuml;r die &Uuml;berschwemmten erreicht hatte; in
+die Alltagsstimmung fielen die Begeisterten rasch zur&uuml;ck;
+in das Alltagsleben mu&szlig;te ich aufs neue. Ich befand
+mich in einer f&ouml;rmlichen Krisis, die mich sch&uuml;ttelte wie
+ein Fieber, mir allen Schlaf und alle Selbstbeherrschung
+raubte. Als mein Vater mich daher eines Abends frug,
+warum ich so stumm und stocksteif das&auml;&szlig;e, antwortete ich
+mit einer Leidenschaft, die sich nicht mehr zur&uuml;ckd&auml;mmen
+<a name="Page_373" id="Page_373"></a>lie&szlig;: &raquo;Weil das Leben mir zum Ekel wurde &mdash; weil ich
+mich selbst nicht l&auml;nger ertragen kann. &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja um Himmels willen, was ist denn geschehen?
+Wieder so 'ne verdammte Liebesgeschichte?&laquo; Papa
+schwollen vor Schreck die Adern auf der Stirn. Mama
+dagegen sah mich fl&uuml;chtig forschend an und l&auml;chelte dann
+ihr feines maliti&ouml;ses L&auml;cheln.</p>
+
+<p>&raquo;Das Gegenteil d&uuml;rfte richtig sein, &mdash; ihr fehlt
+momentan die Liebesgeschichte,&laquo; sagte sie, und sekundenlang
+fuhr es mir blitzartig durchs Gehirn, ob sie am
+Ende recht haben k&ouml;nnte. Dann aber antwortete ich
+rasch, um den Gedanken in mir selbst zu erl&ouml;schen:</p>
+
+<p>&raquo;Arbeiten m&ouml;cht ich, &mdash; irgend etwas leisten, das mich
+ganz und gar in Anspruch nimmt. Ich beneide den
+Steinklopfer an der Stra&szlig;e, der abends wenigstens
+arbeitges&auml;ttigt totm&uuml;de auf seinen Strohsack sinkt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast doch genug zu tun, wie ich bemerke,&laquo; meinte
+Papa nach einem kleinen z&ouml;gernden Nachdenken, &raquo;du
+liest, du malst, du schneiderst, du besch&auml;ftigst dich mit
+deiner Schwester, du bist der unersetzliche Arrangeur
+unserer Feste &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Mama unterbrach ihn: &raquo;Das gen&uuml;gt nat&uuml;rlich Alix'
+Ehrgeiz nicht. H&auml;usliche Pflichten sind ein &uuml;berwundner
+Standpunkt. Aber du hast ja Auswahl genug, wenn
+du ihrer &uuml;berdr&uuml;ssig wurdest,&laquo; damit wandte sie sich an
+mich; ihr ganzes Gesicht war rot, und ihre schmalen
+Lippen bebten, &raquo;du kannst Gesellschafterin &mdash; Gouvernante &mdash; Hofdame
+werden. Sieh dann selber zu, wie
+das harte Brod der Fremde schmeckt!&laquo;</p>
+
+<p>Mir st&uuml;rzten die Tr&auml;nen aus den Augen. Mir ahnte
+l&auml;ngst, da&szlig; mir kein Ausweg blieb, und doch ersch&uuml;tterte
+<a name="Page_374" id="Page_374"></a>mich die trockne Aufz&auml;hlung dieser einzigen M&ouml;glichkeiten,
+die f&uuml;r mich Unm&ouml;glichkeiten waren. Mein Vater
+konnte niemanden weinen sehen, am wenigsten seine
+T&ouml;chter. Er sprang auf und zog mich in die Arme,
+mir mit einem leisen: &raquo;Armes Kind, armes Kind!&laquo; die
+Wangen streichelnd. Es blieb dann eine Weile ganz
+still zwischen uns. Und dann sprach er mit derselben
+weichen Stimme auf mich ein, wie auf eine Kranke, &mdash; mit
+langen Pausen dazwischen, als wollte er mir zum
+Antworten Zeit lassen. &raquo;Sei still, mein Kind &mdash; bitte
+weine nicht mehr. &mdash; Wie ein Vorwurf ist das f&uuml;r
+mich &mdash; da&szlig; ich nicht besser f&uuml;r dich sorgte! W&auml;rst
+du ein Mann, so h&auml;tte ich dich schon auf Wege gef&uuml;hrt,
+die einen Lebensinhalt gew&auml;hrleisten, aber so &mdash; &mdash; du
+bist nur ein M&auml;dchen &mdash; nur f&uuml;r einen einzigen Beruf
+bestimmt, &mdash; alle anderen w&auml;ren doch nichts als traurige
+L&uuml;ckenb&uuml;&szlig;er. Du sollst diesem einzigen nicht so krampfhaft &mdash; oder
+leichtsinnig &mdash; aus dem Wege gehen!
+Ich bin ein alter Mann und werde nicht ruhig sterben
+k&ouml;nnen, wenn ich dich nicht im Hafen wei&szlig;!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Papa &mdash; lieber Papa!&laquo; schluchzte ich auf; dann lief
+ich hinaus und schlo&szlig; mein Schlafzimmer hinter mir zu
+und sa&szlig; auf dem Bett stundenlang mit brennenden
+Augen und wundem Herzen. Nun hatte ich ein Buch
+nach dem anderen hei&szlig;hungrig verschlungen, und dunkel
+und leer g&auml;hnte mein Inneres mich trotzdem an, &mdash; hatte
+Erkenntnisse gewonnen, die mich berauschten, und
+wenn ich zum n&uuml;chternen Tageslicht erwachte, war ich
+elender als zuvor. So ist das Gl&uuml;ck geistigen Werdens
+und Wachsens denn auch nichts weiter als Bet&auml;ubung?
+Ist wirklich das Schicksal des Weibes nur der Mann?<a name="Page_375" id="Page_375"></a>
+Und hat es kein Recht auf ein eigenes Leben? &mdash; Der
+Mann! Ich dachte derer, die mir im letzten Winter
+gehuldigt hatten, &mdash; gute T&auml;nzer, lustige Kurmacher,
+zu einem fl&uuml;chtigen Flirt wie geschaffen &mdash; aber an sie
+gekettet, ihnen unterworfen sein &mdash; ein ganzes Leben
+lang &mdash; entsetzlich! Pl&ouml;tzlich aber f&uuml;hlte ich mich wie
+eingeh&uuml;llt von einem Feuerstrom, so da&szlig; im ersten Schreck
+das Herz mir stockte: ein Kind! ein Kind! &mdash; das war
+des Lebens Zweck und Inhalt. Ein Kind wollt ich
+haben, gleichg&uuml;ltig von wem, ein lebendiges Teil meiner
+Selbst, einen Sohn, &mdash; das Gesch&ouml;pf meines K&ouml;rpers
+und meines Geistes &mdash;, der meine Tr&auml;ume erf&uuml;llen, der
+werden sollte, was ich zu werden vergebens hoffte!
+Was galt mir der Mann: mochte er sein, was er wollte, &mdash; nur
+den Vater meines Sohnes brauchte ich!</p>
+
+<p>Und als wir am n&auml;chsten Abend wieder um den
+runden Tisch zusammen sa&szlig;en, sagte ich: &raquo;Du sollst dich
+nicht weiter um mich gr&auml;men, Papachen, &mdash; pa&szlig; auf,
+&uuml;ber kurz oder lang hast du einen Schwiegersohn und
+bist die b&ouml;se Tochter los!&laquo; Worauf ich lachend einen
+z&auml;rtlichen Ku&szlig; bekam. Mama nahm keine Notiz von meiner
+Bemerkung; erst am folgenden Tag kam sie darauf zur&uuml;ck.
+&raquo;Ich habe dir niemals zur Ehe zugeredet,&laquo; sagte
+sie, &raquo;und h&uuml;te mich auch jetzt davor. Das Gl&uuml;ck, das
+ein M&auml;dchen von ihr erwartet, findet sie nie.&laquo; &mdash; &raquo;Ich
+will auch kein Gl&uuml;ck &mdash; eine Lebensaufgabe will ich &mdash; ein
+Kind,&laquo; stie&szlig; ich widerwillig hervor, denn mich meiner
+Mutter anzuvertrauen, kostete mir die gr&ouml;&szlig;te &Uuml;berwindung.
+&raquo;Ein Kind?!&laquo; wiederholte sie, &raquo;um dich vollends
+mit Sorgen zu beladen?!&laquo;</p>
+
+<p>Sie hatte mich offenbar nie so wenig verstanden wie heute.</p>
+
+<p><a name="Page_376" id="Page_376"></a>Mein Vater dagegen war noch nie so liebevoll zu
+mir gewesen. Was er mir an den Augen absehen
+konnte, das tat er. Lange Morgenritte machten wir
+wieder zusammen, hinaus in die weite Heide, vorbei an
+all den stolz in sich abgeschlossenen einsamen Bauernh&ouml;fen
+und an manch uraltem Schlo&szlig; mit festen T&uuml;rmen
+und tiefen Gr&auml;ben ringsum. Und wenn er weiter ins
+Land Inspektionsreisen machte &mdash; nach Minden, nach
+Soest, nach Paderborn &mdash;, nahm er mich mit; w&auml;hrend
+er seinen Dienst erledigte, lernte ich all die Sch&auml;tze alter
+Kunst, all die Wahrzeichen alter Geschichte kennen, an
+denen Westfalen so reich ist.</p>
+
+<p>In der ersten H&auml;lfte des Monats Juni fuhren wir
+nach Aachen, der Garnison des 53. Infanterieregiments,
+dessen Chef Kaiser Friedrich war. Das Wetter war so
+sch&ouml;n, die Stadt und ihre Umgebung so unersch&ouml;pflich,
+da&szlig; wir l&auml;nger blieben, als es der Dienst meines Vaters
+erfordert h&auml;tte.</p>
+
+<p>Am Mittag des 15. Juni 1888 &mdash; wir kehrten gerade
+von einem Spaziergang in unser Hotel zur&uuml;ck &mdash; kam ein
+junger Leutnant atemlos von der Kaserne und bat uns,
+ihm so rasch wie m&ouml;glich dorthin zu folgen. Was er
+erz&auml;hlte, war so seltsam, da&szlig; wir, w&auml;re es nicht heller
+Tag gewesen, an seiner N&uuml;chternheit h&auml;tten zweifeln
+d&uuml;rfen. Ein Zug Soldaten habe, so berichtete er, auf
+dem Kasernenhof exerziert; kaum sei er abgetreten, als
+einem der Offiziere von seinem Fenster aus gro&szlig;e lateinische
+Schriftzeichen im Sande aufgefallen seien, die
+offenbar von den regelm&auml;&szlig;ig sich wiederholenden Fu&szlig;tritten
+herr&uuml;hren mu&szlig;ten. Man habe inzwischen rasch zu einem
+Photographen geschickt, um das merkw&uuml;rdige Ph&auml;nomen
+<a name="Page_377" id="Page_377"></a>auf der Platte festzuhalten, und &raquo;Exzellenz m&uuml;ssen es
+unbedingt auch in Augenschein nehmen &mdash;&laquo; f&uuml;gte er
+eifrig hinzu. &raquo;Zum Donnerwetter, was ist es denn?&laquo;
+sauste mein Vater ihn an. &raquo;Es hei&szlig;t f&uuml;r jeden deutlich &mdash;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Extrablatt! Extrablatt!&laquo; unterbrachen den &auml;ngstlich
+stotternden Leutnant in diesem Augenblick viele Stimmen.
+&raquo;Heute Morgen elf Uhr ist Kaiser Friedrich gestorben!&laquo;</p>
+
+<p>Der junge Offizier wurde leichenbla&szlig;. &raquo;Elf Uhr?!&laquo;
+wiederholte er langsam. &raquo;Um diese Stunde entstand die
+Schrift!&laquo;</p>
+
+<p>Wir traten in den Kasernenhof. Das ganze Regiment
+schien versammelt und starrte wie gebannt auf den
+regenfeuchten Platz. Mitten darauf stand in riesigen
+Lettern:</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 12em;">W W II.</span><br />
+</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_378" id="Page_378"></a></p>
+<h2><a name="Dreizehntes_Kapitel" id="Dreizehntes_Kapitel"></a>Dreizehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p style="text-align: right">
+M&uuml;nster, 29. Dez. 1888
+</p>
+
+<p>Liebe Mathilde!</p>
+
+<p>Das Dreibretzeljahr, von dem ich mir so viel
+versprochen hatte, geht zu Ende. Es ist nicht
+s&uuml;&szlig;, ja nicht einmal schmackhaft gewesen, und
+sein einziges greifbares Resultat ist, da&szlig; ich meine hochfliegenden
+W&uuml;nsche und Hoffnungen sauber verpackt zu
+anderem Urv&auml;terhausrat in die alte Truhe legte, wo
+ich sie vielleicht an Sonn- und Feiertagen des Lebens
+hie und da herausnehmen und mit wehm&uuml;tiger Resignation
+betrachten werde, wie die Gro&szlig;m&uuml;tter die Liebesbriefe
+ihrer sechzehn Jahre. Du brauchst mir zum neuen
+Jahr kein Gl&uuml;ck zu w&uuml;nschen; ich wei&szlig; von vorn herein,
+was es bringt: das landl&auml;ufige M&auml;dchenschicksal einer
+Vernunftheirat. Ich kenne den Gl&uuml;cklichen noch nicht,
+der sich an den Resten meines Ich entflammen wird &mdash; aber
+ich werde ihn finden, und trainiere mich jetzt schon
+zur K&uuml;hle und Ruhe, damit mir nicht am unrechten
+Ort das Herz durchgeht.</p>
+
+<p>Heut nacht hab ich beim m&uuml;den Schimmer meiner
+Rosa-Ampel lange wach gesessen und getr&auml;umt, &mdash; gegr&uuml;belt
+wohl eher, denn tr&auml;umen tut man kaum mehr,
+<a name="Page_379" id="Page_379"></a>wenn das erste Vierteljahrhundert des Lebens sich seinem
+Ende zu neigt; und tut mans trotzdem, so sind es eben &mdash; schlechte
+Tr&auml;ume. Im Kamin prasselte das Feuer,
+und wenn ich aufsah, blickte mir aus dem Spiegel ein
+Gesicht entgegen, das das einer Toten h&auml;tte sein k&ouml;nnen,
+wenn nicht die Augen von verhaltenen Tr&auml;nen geschimmert
+und die Lippen wie eine klaffende Wunde
+blutrot geleuchtet h&auml;tten. Ein Kindergesicht wars nie, &mdash; bin
+ich denn &uuml;berhaupt ein Kind gewesen? Ein
+gl&uuml;ckliches Kind? Es mu&szlig; sehr lange her sein, denn
+ich besinne mich nicht darauf. Ich mag auch nicht die
+Tafeln der Erinnerung aufdecken. H&auml;&szlig;liche Bilder zeigen
+sie. Freilich meist golden umrahmt, auf Elfenbein gemalt
+in schillernden Farben, aber sieh dir den H&ouml;llenspuk
+nur genauer an: war nicht das Schicksal ein wahnwitziger
+Maler, da&szlig; es so kostbares Material an solchen
+Schund verwandte?</p>
+
+<p>Was hat denn gehalten von alledem? Die Liebe
+etwa? Armes Menschenkind! Sie ging an dir vor&uuml;ber
+und du sahst nur so viel von ihr, um die Sehnsucht
+darnach, die fiebernde, hei&szlig;e, ewig zu sp&uuml;ren! Und der
+Glanz? Wie schnell sah das allzu scharfe Auge, da&szlig;
+er nichts war als Flittergold, &mdash; Raketen, die prasseln
+und strahlen; wenn sie verglimmt sind, ist es viel dunkler
+noch als zuvor! &mdash;</p>
+
+<p>Ich habe die Wissenschaft gepflegt, wie eine verbotene
+Liebschaft, &mdash; die bleibt mir. Ich habe die Kunst geliebt,
+sch&uuml;chtern nur und von ferne, um die Hehre nicht mit
+meiner Pfuscherei zu besudeln, &mdash; die bleibt mir. Das
+mag jenen Luxustieren unter den Menschen gen&uuml;gen,
+die vom Leben nichts wollen als Genu&szlig;, &mdash; jenen, die
+<a name="Page_380" id="Page_380"></a>so hohl sind, da&szlig; sie immer empfangen k&ouml;nnen. Ich
+aber wollte schaffen!! &mdash; Wozu lebe ich denn &uuml;berhaupt?
+W&uuml;rde mich jemand vermissen, w&uuml;rde eine L&uuml;cke
+bleiben, wenn ich nicht w&auml;re? Meine Eltern, meine
+Schwester, meine Freunde w&uuml;rden trauern. Wie lange?
+Ich bin ihnen doch allen fremd geblieben! Wer wird
+denn nur wahrhaft vermi&szlig;t? Ein guter Vater, &mdash; eine
+treue, sorgende Mutter! &mdash;</p>
+
+<p>Pfui, du hast geweint, &mdash; schnell, lache, setze die
+Maske auf, &mdash; wer zeigt denn heutzutage sein Gesicht?
+Es w&auml;ren der Falten, der Tr&auml;nen zu viele!</p>
+
+<p>Verzeih &mdash; ich schrieb in Gedanken ein Romankapitel.
+Im n&auml;chsten Brief sollst Du h&ouml;ren, wie herrlich ich mich
+am&uuml;siere!</p>
+
+<p>Prost Neujahr! &mdash; &Uuml;brigens eine prachtvolle Phrase,
+mit der man sich um das &#8250;Gl&uuml;ck&#8249; w&uuml;nschen herumdr&uuml;cken
+kann.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 20.5em;">Deine Alix.</span><br />
+</p>
+
+<p style="text-align: right">
+M&uuml;nster, 30.&nbsp;1.&nbsp;89
+</p>
+
+<p>Liebe Mathilde!</p>
+
+<p>Ein Karneval, der mich kaum zu Atem kommen l&auml;&szlig;t,
+ist die Ursache meines langen Schweigens. Ich will
+ihn durchtollen, bis zum bitteren Bodensatz genie&szlig;en,
+weil es unweigerlich der letzte f&uuml;r mich ist. So oder
+so: ich verlasse den Schauplatz nicht, es sei denn auf
+der H&ouml;he des Triumphs. Alle b&ouml;sen Geister haben
+wieder von mir Besitz ergriffen und peitschen mich vorw&auml;rts
+auf der Rennbahn der Eitelkeit, angesichts heftiger
+Konkurrenz. Mit dem neuen Kommandierenden &mdash; dem
+einst allm&auml;chtigen und gef&uuml;rchteten Chef des<a name="Page_381" id="Page_381"></a>
+Milit&auml;rkabinetts, der die Vorsehung seiner Vettern bis
+ins zwanzigste Glied gewesen ist &mdash; scheinen die L&ouml;winnen
+des alten berliner Hofs den Schauplatz ihrer T&auml;tigkeit
+hierher verlegt zu haben. Eine komische Gesellschaft:
+vornehm, blasiert, elegant, hochnasig, mit einem starken
+Stich ins Burschikose, nicht ohne &#8250;Vergangenheit&#8249;. Diese
+beiden letztgenannten Eigenschaften sind die Ursache ihrer
+nicht ganz freiwilligen Entfernung aus Berlin, wo man
+im Zeichen der Tugend und Gottesfurcht steht. Nun
+ist M&uuml;nster aber auch nicht der Ort, wo Leutnants den
+jungen Damen kameradschaftlich auf die Schultern klopfen
+und mit frischem Stallgeruch und schmutzigen Stiefeln zum
+Damenfr&uuml;hst&uuml;ck erscheinen k&ouml;nnen. Kurz &mdash; wir werden
+die fremden V&ouml;gel schon ausr&auml;uchern, und ich tue dazu,
+was ich an Koketterie, an Geist und Toiletten aufbringen
+kann. Mit dem gl&auml;nzendsten Kavalier dieses
+Karnevals, Herrn von Hessenstein, der k&uuml;rzlich hier
+Schwadronschef geworden ist, schlo&szlig; ich ein Schutz- und
+Trutzb&uuml;ndnis zu diesem Zweck. Du brauchst keine
+Kassandrarufe auszusto&szlig;en &mdash; wir gefallen einander &mdash; nichts
+weiter!</p>
+
+<p>Es gibt eine Anziehungskraft zwischen Mann und
+Weib, die mit Geist und Herz gar nichts zu tun hat;
+ich m&ouml;chte sie k&ouml;rperlichen Magnetismus nennen. Man
+ist nicht gemein, wenn man sie empfindet, weil der Instinkt
+der Natur nicht gemein sein kann. Zum Ungl&uuml;ck
+wird sie nur, weil das sentimentale Liebesgewinsel
+unserer Goldschnitt-Lyriker und unsere verlogene Erziehung
+uns dazu gebracht haben, sie vor uns selbst mit
+falschen Empfindungen zu umkleiden. Meine fiebernden
+Sinne werden oft von Menschen angezogen, von denen<a name="Page_382" id="Page_382"></a>
+Geist und Herz sich abgesto&szlig;en f&uuml;hlen. Und umgekehrt
+sind diese gefangen, wo jene beinahe Ekel empfinden.
+W&uuml;rde ich mich des Instinktes sch&auml;men und ihn infolgedessen
+mit dem Feigenblatt verlogener Schw&auml;rmerei bedecken, &mdash; in
+welch unselige Ehen h&auml;tte ich mich schon
+fesseln lassen! Vielleicht ist die wahre, dauernde Liebe
+erst m&ouml;glich unter den Gatten, die sich ganz kennen, sich
+ganz besitzen, und die noch dazu ein gewisser &auml;u&szlig;erer
+Zwang zusammenh&auml;lt. Alles &uuml;brige ist Flirt &mdash; Sport,
+oder sonst ein Fremdwort ... Wenn ich nur nicht die
+fatale Eigenschaft h&auml;tte, gegen alle Art b&uuml;rgerlich ehrbarer,
+staatlich sanktionierter, zu lebensl&auml;nglichem Gebrauch
+auf Flaschen gezogener Gef&uuml;hle einen un&uuml;berwindlichen
+Abscheu zu haben ...&laquo;</p>
+
+<p>Gegen Ende des Karnevals gab Herr von Hagen,
+unser Oberpr&auml;sident, &mdash; ein gescheiter, feiner, alter
+Herr, der einzige fast, mit dem ich eine ernstere Unterhaltung
+f&uuml;hren mochte, &mdash; ein Diner, zu dem er mich,
+entgegen der sonstigen Gewohnheit, mit einlud. Junge
+M&auml;dchen waren ja nur zum Tanzen da; man schlo&szlig; sie
+daher &uuml;berall von den Gelegenheiten aus, wo Anspr&uuml;che
+an den Geist, statt an die F&uuml;&szlig;e gemacht werden konnten.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sollen heute diesen B&ouml;otier bekehren,&laquo; sagte mir
+unser Gastgeber l&auml;chelnd, indem er mir Herrn von Syburg,
+den neuen Hammer Landrat vorstellte, &raquo;er hat Ansichten
+&uuml;ber die Frauen, &mdash; na, Sie werden ja sehen!&laquo;</p>
+
+<p>Ein gro&szlig;er schm&auml;chtiger Mann machte mir eine steife
+Verbeugung, und ein paar helle, weit vorstehende Augen
+musterten mich ernsthaft. Der erste Eindruck, den ich
+empfing, war fast ein feindseliger. Als wir dann aber
+ins Gespr&auml;ch kamen, gefiel er mir. Seine Ruhe, seine<a name="Page_383" id="Page_383"></a>
+Kenntnisse, seine vielseitigen Interessen erhoben ihn &uuml;ber
+den Durchschnitt. Er war konservativ bis in die Fingerspitzen,
+und unsere Ansichten platzten st&auml;ndig aufeinander.
+Aber hinter den seinen stand eine so gefestigte &Uuml;berzeugung,
+so da&szlig; mir meine eigene Unklarheit peinlich zum
+Bewu&szlig;tsein kam. Im Grunde war ich nur sicher in der
+Negation; diese Schw&auml;che meines Standpunkts schien
+Herr von Syburg rasch zu entdecken, sie verlieh ihm
+ein &Uuml;bergewicht, das mir in unserem ferneren Verkehr
+stets peinlich f&uuml;hlbar blieb.</p>
+
+<p>Er besuchte uns am n&auml;chsten Tage und fehlte dann
+in keiner Gesellschaft. Er machte mir auf seine Art
+den Hof, tanzte fast jeden Kotillon mit mir und war
+stets mein Tischherr.</p>
+
+<p>&raquo;Nun hast du gl&uuml;cklich wieder eine neue &#8250;Briefmarke&#8249;,&laquo;
+meinte mein Vater; aber w&auml;hrend er sonst an dieselbe
+Bemerkung &auml;rgerliche Vorw&uuml;rfe kn&uuml;pfte, l&auml;chelte er diesmal
+dazu. Er neckte mich, weil ich fahnenfl&uuml;chtig zum
+Zivil &uuml;berginge, und erz&auml;hlte wohl auch gelegentlich von
+dem gro&szlig;en Besitz der Syburgs in Schleswig, oder von
+dem Ministerportefeuille, das der Landrat schon heimlich
+in der Tasche tr&uuml;ge. Seine Stimmung machte mich
+weich, &mdash; der Gedanke, da&szlig; es vielleicht in meiner Hand
+liegen sollte, ihn gl&uuml;cklich zu machen, l&auml;hmte meine
+Widerstandskraft. Dabei wurde ich Syburg gegen&uuml;ber
+immer scheuer und b&uuml;&szlig;te immer mehr von meiner
+Lustigkeit ein, weil ich mich st&auml;ndig von ihm beobachtet
+wu&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Sie kommen mir vor wie ein Abiturient im Examen,&laquo;
+sagte Hessenstein eines Tages zu mir, der der einzige
+war, dem die Entwicklung der Dinge mi&szlig;fiel, und der
+<a name="Page_384" id="Page_384"></a>kein Hehl daraus machte. Im stillen gab ich ihm recht.
+Er unterwirft mich wirklich einer f&ouml;rmlichen Pr&uuml;fung,
+dachte ich bitter. H&auml;ufig nahm er einen dozierenden
+Ton an, der mich wild machen konnte. Und doch wuchs
+seine Macht &uuml;ber mich. Es imponierte mir, da&szlig; er nie
+den girrenden Seladon spielte, sich niemals meinen
+W&uuml;nschen f&uuml;gte, ja, sich manchen leisen Tadel gestattete,
+dessen Berechtigung ich anerkennen mu&szlig;te. Schon vor
+Jahr und Tag hatte ich meiner Kusine geschrieben:
+&raquo;Ich bedarf der Bewunderung, sagst du, &mdash; gewi&szlig;!
+Und doch sehne ich mich nach einem Menschen, den
+nicht ich unterwerfe, sondern der mich unterwirft, der
+mir nicht dem&uuml;tig die H&auml;nde k&uuml;&szlig;t, sondern mich sanft
+und mitleidig an sein Herz zieht und spricht: Nun ruh
+dich aus, du armes, m&uuml;des Kind!&laquo;</p>
+
+<p>Nur die Halbgeschlechtlichen, die der Natur Entfremdeten
+konstruieren k&uuml;nstlich eine Weibesliebe, die
+den Gleichen begehrt. Den H&ouml;herstehenden will sie;
+denn blindes Vertrauen und kindliche Schutzbed&uuml;rftigkeit
+ist ihres Wesens Inhalt. Mir half die Phantasie,
+meiner Sehnsucht Erf&uuml;llung vorzut&auml;uschen, und wenn
+ich auch oft entsetzt gewahr wurde, da&szlig; der Instinkt der
+Natur mich nicht zu Syburg zwang, sondern es zwischen
+uns lag wie eiskaltes Gletscherwasser, so schlugen meine
+W&uuml;nsche immer wieder die Br&uuml;cken hin&uuml;ber. Nur des
+Nachts r&auml;chte sich die unterjochte Natur an mir. Stundenlang
+lag ich wach und k&auml;mpfte mit den warnenden
+Stimmen meines Innern; erst wenn der Tag d&auml;mmerte,
+fiel ich in unruhigen Schlaf. Von der Servatiikirche
+h&ouml;rte ich die Stunden schlagen; die gleichm&auml;&szlig;igen Schritte
+z&auml;hlte ich, mit denen der Posten vor dem Hause unaufh&ouml;rlich
+<a name="Page_385" id="Page_385"></a>auf und nieder ging, und verkroch mich zitternd unter
+die Decke, wenn die M&auml;use, die unvertilgbar schienen,
+piepsend &uuml;ber die Diele raschelten. Von Kindheit an
+brach mir der Angstschwei&szlig; aus, sobald eins der zierlichen
+grauen Gesch&ouml;pfchen in meine N&auml;he geriet.</p>
+
+<p>Ich wurde immer schmaler und blasser, und m&uuml;de &mdash; immer
+m&uuml;der. Die weiche Fr&uuml;hlingsluft, die merkw&uuml;rdig
+fr&uuml;h in diesem Jahr Bl&auml;tter und Bl&uuml;ten hervorlockte,
+erschlaffte mich vollends.</p>
+
+<p>Syburg schien meine krankhafte Mattigkeit f&uuml;r weibliche
+Sanftmut zu halten; das verst&auml;rkte in seinen Augen
+meine Anziehungskraft. Ich lie&szlig; es geschehen, da&szlig; er
+mich fast schon wie sein Eigentum behandelte. Hessenstein
+versuchte vergeblich, meine Widerstandskraft wach
+zu rufen. &raquo;Sie rennen sehenden Auges in Ihr Ungl&uuml;ck,&laquo;
+sagte er einmal, &raquo;niemals passen Feuer und
+Wasser zusammen.&laquo; &raquo;Aber das Wasser l&ouml;scht das Feuer
+aus,&laquo; antwortete ich mit tr&uuml;bem L&auml;cheln, &raquo;und gerade
+das ists, was ich brauche.&laquo;</p>
+
+<p>Es war schon Ende M&auml;rz, als Prinz Sayn, der
+Kommandeur der K&uuml;rassiere und unerm&uuml;dliche liebensw&uuml;rdige
+Arrangeur aller Feste, zum Polterabend einer
+bevorstehenden Hochzeit eine Quadrille zu tanzen in
+Vorschlag brachte. Die Paare wurden bestimmt; Syburg
+war selbstverst&auml;ndlich mein Partner. Bei einer der vorbereitenden
+Zusammenk&uuml;nfte wurde die Kost&uuml;mfrage besprochen,
+und wir hatten uns beinahe schon geeinigt,
+der Auff&uuml;hrung den Charakter eines Sch&auml;ferspiels zu
+geben, als meine Mutter das Hofkost&uuml;m der Rokokozeit
+f&uuml;r angemessener hielt. Der Prinz und seine Frau, die
+mittanzen wollten und an den jugendlichen Gew&auml;ndern
+<a name="Page_386" id="Page_386"></a>schon Ansto&szlig; genommen hatten, stimmten ihr zu; da
+niemand einen Einwand erhob, schien die Angelegenheit
+erledigt. Beim Nachhausewege erfuhr ich erst den Grund,
+der meine Mutter zu ihrer Anregung bestimmt hatte.
+&raquo;Dein schweriner Pompadourkost&uuml;m hast du nur das
+eine Mal angehabt,&laquo; sagte sie, sichtlich befriedigt, &raquo;wir
+sparen nun, Gott Lob, jede Neuanschaffung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Pompadourkost&uuml;m!&laquo; Ich erschrak und rief
+heftig: &raquo;Lieber verbrenn' ichs!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist wohl nicht ganz bei Trost!&laquo; antwortete Mama
+&auml;rgerlich. Meine Bl&auml;sse erst machte sie aufmerksam.
+&raquo;Ach &mdash; darum!&laquo; sagte sie gedehnt, &raquo;solch eine Sentimentalit&auml;t
+h&auml;tte ich dir nicht zugetraut.&laquo; Ich schwieg.</p>
+
+<p>Bei der ersten Tanzprobe jedoch brachte ich im stillen
+mit Hessensteins Hilfe die Jugend auf meine Seite.
+Die Herren erkl&auml;rten, da&szlig; die Hofkost&uuml;me ihnen zu kostspielig
+seien, die jungen M&auml;dchen, da&szlig; sie die langen
+Schleppen nicht leiden k&ouml;nnten. Es war eine f&ouml;rmliche
+Revolte. Syburg allein war auf Seite der &auml;lteren
+Mitwirkenden und der M&uuml;tter. &raquo;Ich kenne die Gr&uuml;nde
+Ihrer Frau Mutter,&laquo; sagte er mir leise, &raquo;und ich begreife
+nicht, wie eine so kluge junge Dame wie Sie an
+diesem kindischen Tumult teilnehmen kann.&laquo; Ich &auml;rgerte
+mich &uuml;ber die Bevormundung und mehr noch &uuml;ber das
+gute Einvernehmen zwischen Syburg und meiner Mutter,
+aber die Heftigkeit meines Widerstands war gebrochen;
+wir wurden &uuml;berstimmt.</p>
+
+<p>Und der Abend kam, wo das alte Kleid vor mir lag.
+Ein leiser Duft von Jasmin stieg aus den Falten, und
+seine B&auml;nder und Schleifen, seine gr&uuml;nen Bl&auml;tter und
+roten Rosen sahen mich an, wie lauter lebendig ge<a name="Page_387" id="Page_387"></a>wordene
+Erinnerungen. In leisen Melodien raschelte
+die Seide: <em class="antiqua">&raquo;O la marquise Pompadour &mdash; Elle connait
+l'amour &mdash;&laquo;</em>. Durch das Mieder, das sich eng um meinen
+K&ouml;rper schmiegte, sp&uuml;rte ich den Arm, der mich einst so
+z&auml;rtlich an sich gezogen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Hellmut!&laquo; st&ouml;hnte ich leise und brach in Tr&auml;nen aus.
+Der Felsen, den ich vor die Grabkammer meines Innern
+gew&auml;lzt hatte, war zersprengt; und wo ich nur Totes
+w&auml;hnte, st&uuml;rzte wild wie ein Gie&szlig;bach das Leben hervor.</p>
+
+<p>&raquo;Du weinst?!&laquo; Mein Vater stand vor mir. &raquo;Es ist
+nichts &mdash; Papachen &mdash; nichts!&laquo; versuchte ich ihn zu beruhigen
+und trocknete hastig Augen und Wangen. Er
+l&auml;chelte liebevoll: &raquo;Sei nur ganz ruhig, mein Alixchen &mdash; alles &mdash; alles
+wird gut werden!&laquo; Und als ich,
+meiner selbst nicht m&auml;chtig, noch einmal krampfhaft aufschluchzte,
+zog er mir die H&auml;nde vom Gesicht und sagte
+leise: &raquo;Syburg war l&auml;ngst bei mir und hat &mdash; als ein
+ehrenwerter Mann durch und durch &mdash; zuerst deine
+Eltern gefragt, ob er um dich werben d&uuml;rfe ...&laquo; Ich
+fuhr auf und starrte ihm entsetzt ins Gesicht. &raquo;Das
+darf dich nicht kr&auml;nken, mein Kind, &mdash; du solltest selbstverst&auml;ndlich
+nichts davon wissen &mdash; die Freiheit der
+Entschlie&szlig;ung sollte dir allein vorbehalten bleiben &mdash;&laquo;
+Er schlo&szlig; mich ger&uuml;hrt in die Arme, &mdash; er war &uuml;berzeugt,
+mich ganz getr&ouml;stet zu haben &mdash; der gute
+Vater!</p>
+
+<p>Er f&uuml;hrte mich zum Wagen hinunter &mdash; meine Schleppe
+raschelte &uuml;ber die breiten Stufen &mdash; drau&szlig;en, rechts und
+links, standen die Menschen, um mich anzustaunen; &mdash; hatte
+ich diesen Augenblick nicht schon einmal erlebt? Damals &mdash; im
+wei&szlig;en Kleide wars gewesen, als ich zur Kirche fuhr,
+<a name="Page_388" id="Page_388"></a>um ein Gel&uuml;bde abzulegen, von dem mein Herz nichts
+wu&szlig;te!</p>
+
+<p>Auf der Treppe des Hotels ergriff mich ein Schwindel.
+Hessenstein sprang zu und st&uuml;tzte mich. In demselben
+Augenblick war Syburg neben mir. &raquo;Ihre Dame erwartet
+Sie,&laquo; sagte er scharf und k&uuml;hl zu meinem Begleiter,
+und gehorsam legte ich meine Hand in seinen
+dargebotenen Arm.</p>
+
+<p>Und dann tanzten wir. War ich ein Automat, da&szlig;
+meine F&uuml;&szlig;e sich im Takt bewegten, w&auml;hrend meine Seele
+weit, weit fort war &mdash; oder war ich die kleine Seejungfrau,
+die ihre Menschwerdung bei jedem Schritt,
+den sie tat, mit schneidenden Schmerzen bezahlen mu&szlig;te?! &mdash; Wie
+fest schlossen sich heute die Finger meines T&auml;nzers
+um meine Hand &mdash; wie Teufelskrallen, die mich nicht
+mehr los lassen wollten &mdash;; und so sengend hei&szlig; wehte
+sein Atem mir in den Nacken! &Auml;ngstlich vermied ich es,
+ihn anzusehen, ich sah ihn niemals gern, wenn er tanzte,
+wie auf Draht gezogen bewegte er sich, &mdash; ach, und
+heute &mdash; heute tanzte spukhaft eine andere Gestalt neben
+mir &mdash;</p>
+
+<p>Die Musik intonierte die letzte Tour. Ich mu&szlig;te ihn
+ansehen, &uuml;ber die Schulter hinweg, f&auml;cherschlagend, mit
+einem koketten L&auml;cheln. Und da traf mich sein Auge,
+und blieb auf dem tiefen Ausschnitt meines Kleides
+haften &mdash; mit schw&uuml;ler, begehrlicher L&uuml;sternheit &mdash;</p>
+
+<p>Noch eine Verbeugung, und wiegenden Schrittes, sich
+an den Fingerspitzen haltend, verlie&szlig;en die Paare den
+Saal. Meine Kraft war zu Ende. Ich bat Syburg,
+meine Mutter zu rufen, da ich mich leidend f&uuml;hlte und
+nach Haus fahren m&uuml;&szlig;te. Ohne R&uuml;cksicht auf all die
+<a name="Page_389" id="Page_389"></a>erstaunten Blicke, die mich trafen, nahm ich den Mantel
+um und stand schon auf der Treppe, als meine Eltern
+mich einholten. Angekleidet, wie ich war, warf ich mich
+zu Hause aufs Bett. Mama f&uuml;hlte mir den Puls und
+schickte nach dem Arzt. &raquo;Die &uuml;bliche Fr&uuml;hlingskrankheit
+junger Damen,&laquo; sagte er, &raquo;schicken Sie ihr Fr&auml;ulein
+Tochter aufs Land.&laquo; Mit einem Gef&uuml;hl der Befreiung
+ergriff ich den guten Rat und stellte mich kr&auml;nker, als
+ich war, nur um ihm folgen zu d&uuml;rfen.</p>
+
+<p>Es war Ende April damals. Die kleine F&uuml;rstin Limburg
+fiel mir ein, die mich wiederholt nach Hohenlimburg eingeladen
+hatte. Sie war ein reizendes Frauchen, das jedoch
+seiner nicht ganz ebenb&uuml;rtigen Herkunft wegen von der
+Gesellschaft M&uuml;nsters schlecht behandelt worden war. Zuerst
+aus blo&szlig;em Widerspruchsgeist, dann aus Sympathie hatte
+ich mich ihrer eifrig angenommen und mir ihre Freundschaft
+erworben. &raquo;Kommen Sie sofort, freue mich riesig&laquo;
+war ihre telegraphische Antwort auf meine Anfrage, ob
+mein Besuch ihr recht w&auml;re.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Der Fr&uuml;hling des Jahres 89 schien allen Dichterphantasien
+gerecht werden zu wollen. In reinem
+Blau spannte sich der Himmel Tag um Tag &uuml;ber
+die Erde, und es spro&szlig;te und bl&uuml;hte &uuml;berall; keinen kahlen
+Winkel duldete der Lenz in seiner verschwenderischen Laune.
+Am ersten Mai fuhr ich &uuml;ber die Haar hinunter ins Lennetal;
+leuchtend wie fl&uuml;ssiges Silber, schl&auml;ngelte sich der
+Flu&szlig; zwischen den Bergen, die ihn links und rechts,
+von gr&uuml;ngoldigem Glanz &uuml;bergossen, in weichen Linien
+begrenzten. So weit das Auge blickte: Wald und Berg,
+<a name="Page_390" id="Page_390"></a>und hoch oben die Burg mit T&uuml;rmen und Zinnen, wie
+ein starker, trutzig gewappneter Sch&uuml;tzer dieses stillen
+Friedens. Aber je n&auml;her ich kam, desto mehr verschob
+sich das Bild: breit und massig dehnte sich die Stadt
+unten am Ufer aus, als h&auml;tte sie sich mit Ellbogen und
+F&auml;usten Platz geschaffen; und verletzt von der Roheit
+des Eindringlings, der mit seinen schwarzen Fabrikschloten
+zu ihr hinauf drohte, zog sich die Burg hinter
+ihren dunklen B&auml;umen zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Anna Limburg empfing mich am Bahnhof. Und ihr
+helles Lachen und Schwatzen begleitete unsere ganze
+Fahrt hinauf, so da&szlig; ich Mu&szlig;e hatte, die Augen wandern
+zu lassen. Die Stadt verschwand wieder in der Tiefe;
+je h&ouml;her wir kamen, desto mehr wuchsen die Berge empor:
+dort der Kegel des Raffenbergs, der Wei&szlig;enstein mit
+seinen zackigen Spitzen, das Felsentor der H&uuml;nenpforte,
+und fern am Horizont die blauen H&ouml;hen der Ruhr.
+O, wer doch immer hoch oben bleiben k&ouml;nnte, wohin
+kein L&auml;rm und kein Ru&szlig; zu dringen vermag!</p>
+
+<p>Durch den langen gew&ouml;lbten Torweg ratterte der
+Wagen in den Burghof, den hohe Mauern, T&uuml;rme und
+Wehrg&auml;nge umschlossen. &raquo;Ists nicht sch&ouml;n hier?&laquo; l&auml;chelte
+Anna. &raquo;Aber mit meinem Fritz w&uuml;rd' ich auch in einer
+Rumpelkammer gl&uuml;cklich sein,&laquo; f&uuml;gte sie rasch hinzu und
+flog ihrem Mann um den Hals, der eben auf uns zu trat.</p>
+
+<p>Stille Tage folgten. Von der Galerie der Schlo&szlig;mauer
+tr&auml;umte ich stundenlang ins Land hinaus; auf
+der Terrasse unter den hohen, knospenden Linden sa&szlig; ich,
+wo vier alte Gesch&uuml;tze an die Zeit erinnerten, da die
+Grafen von Limburg noch selbst&auml;ndig Kriege f&uuml;hren und
+M&uuml;nzen pr&auml;gen konnten; und zu Fu&szlig;, zu Wagen und
+<a name="Page_391" id="Page_391"></a>zu Pferde besuchten wir die Gegend ringsum. Noch
+gab es hier weltabgeschiedene T&auml;ler, mit lindenumgr&uuml;nten
+Bauernh&ouml;fen, und steile H&ouml;hen, mit Burgen gekr&ouml;nt,
+von den Sprossen alter Geschlechter bewohnt; fast &uuml;berall
+aber dr&ouml;hnten die Eisenh&auml;mmer, kreischten die S&auml;gen
+und klapperten die M&uuml;hlen; und wer die Geister der
+Vergangenheit suchen wollte, der mochte sie wohl nur
+noch tief in den Felsenh&ouml;hlen der Berge finden. Viele
+St&auml;tten erinnerten durch Namen und Sage an die G&ouml;tter
+der Alten, an Wodan und Donar, an die K&auml;mpfe der
+R&ouml;mer gegen das m&auml;chtige Volk der Sachsen, an Wittekinds
+vergebliches Ringen mit dem gewaltigen Karl
+und seine Unterwerfung unter Kreuz und Krone, &mdash; aber
+schon lauerte das gefr&auml;&szlig;ige Ungeheuer, die neue
+Zeit, um sie alle zu verschlingen. Sieghaft stieg der
+Fabrikschornstein empor, wo der Burgturm langsam
+zusammenst&uuml;rzte. Ich floh seinen Anblick und w&auml;re so
+gern auf den ausgebreiteten schillernden Fl&uuml;geln der
+Phantasie vor mir selbst entflohen ins sonnendurchgl&uuml;hte
+M&auml;rchenreich, aber die Wirklichkeit fing mich immer wieder
+mit ihren grauen, dichten Spinnenf&auml;den.</p>
+
+<p>Mein Vater schrieb mir fast t&auml;glich, und selten nur
+blieb Syburgs Name unerw&auml;hnt in seinen Briefen.
+&raquo;Ich sah ihn auf dem letzten Rennen in Hamm,&laquo; hie&szlig;
+es zuletzt, &raquo;er frug voll aufrichtiger Teilnahme nach
+Deinem Befinden und freute sich Deines Wohlergehens.
+Er hofft Dich in Brake bei Bodenbergs zu sehen;
+Limburgs werden des alten Herrn siebenzigj&auml;hrigen
+Geburtstag doch sicher mitfeiern helfen.&laquo;</p>
+
+<p>Da&szlig; er sich so gewaltsam in mein Leben hineindr&auml;ngte
+und die Erw&auml;gungen der Vernunft, die Gef&uuml;hle
+<a name="Page_392" id="Page_392"></a>der Kindespflicht, die Sehnsucht nach Inhalt und Zweck
+des Daseins seine W&uuml;nsche unterst&uuml;tzten! Jene geheimnisvolle
+Gewalt des Instinkts, die mich in M&uuml;nster
+von seiner Seite gerissen hatte, schien mich auch jetzt
+unter ihren Willen zwingen zu wollen. &raquo;Geh ihm aus
+dem Wege &mdash;&laquo; fl&uuml;sterte sie mir zu. Aber von jeher
+hielt ich sie f&uuml;r meinen b&ouml;sen Engel, mit dem ich glaubte
+ringen zu m&uuml;ssen. Zu tief hatte sich mir der Mutter
+einziges Erziehungsprinzip eingepr&auml;gt, das Selbstbeherrschung
+mit Selbstent&auml;u&szlig;erung gleich setzte.</p>
+
+<p>So sa&szlig; ich denn am n&auml;chsten Morgen zur Abfahrt
+ger&uuml;stet am Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch &mdash; &raquo;ohne Mailaune,&laquo; wie
+Anna neckend bemerkte, &mdash; als der Diener die Post
+brachte: &raquo;Revolution im Kohlenrevier&laquo; stand in fetten
+Lettern an der Spitze des Kreisblatts, und mein Vater
+schrieb: &raquo;In Gelsenkirchen haben sich ein paar dumme
+Bengels mausig gemacht, und die Kohlenfritzen flehen
+nun mit schlotternden Knien um milit&auml;rischen Schutz.
+Obwohl etwas Angst und eine kleine Tracht Pr&uuml;gel
+den Protzen, die die armen Leute zum Besten ihres
+Geldsacks in die Gruben schicken, ganz gesund w&auml;re,
+mu&szlig;te ich heute schon eine Kompagnie Dreizehner nach
+Gelsenkirchen schicken, denen die K&uuml;rassiere morgen folgen
+werden. Ich finde solche Aktionen eines Soldaten unw&uuml;rdig ...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu dumm!&laquo; rief Anna &auml;rgerlich. &raquo;Nun ists mit der
+ganzen Stimmung vorbei. Statt lustig zu sein, werden
+uns die Herren mit Politik an&ouml;den!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Am besten w&auml;rs, wir blieben zu Hause,&laquo; meinte ihr
+Mann. Davon aber wollte sie nichts wissen. Sie
+weinte fast vor Erregung.</p>
+<p><a name="Page_393" id="Page_393"></a></p>
+<p>&raquo;Angsthase, der du bist! Wenns in M&uuml;nster brennt,
+wirst du in Limburg noch nach der Feuerspritze laufen!&laquo;
+Der F&uuml;rst lachte und streichelte der kleinen Frau beg&uuml;tigend
+die Wangen.</p>
+
+<p>&raquo;Sei ruhig, Kindchen &mdash; nat&uuml;rlich fahren wir!
+Brake ist, Gottlob, weit vom Schu&szlig;, und im dortmunder
+Kreis scheint alles ruhig zu sein.&laquo;</p>
+
+<p>Aber je mehr wir uns auf der Fahrt aus den gr&uuml;nen
+Bergt&auml;lern entfernten, und je zahlreicher die zum Himmel
+starrenden Essen wurden, desto st&auml;rker sprach ihr Anblick
+f&uuml;r ungew&ouml;hnliche Vorg&auml;nge: das Leben, das ihnen
+sonst in grauen W&ouml;lkchen, in schwarzen Schwaden, in
+tollem Funkenspr&uuml;hen vielgestaltig entquoll, war erloschen.
+Ungehindert strahlte die Maiensonne vom
+wolkenlosen Himmel; wie ein Feiertag wars.</p>
+
+<p>Im grauen Herrenhaus zu Brake, das, von einem
+Wassergraben umgeben, mit seinen dicken Mauern und
+kleinen Fenstern d&uuml;ster ins weite ebene Land hinaussah,
+wurden wir freudig empfangen. Viele hatten im letzten
+Augenblick abtelegraphiert, vor allem fehlte es an jungen
+Herren f&uuml;r die tanzlustigen M&auml;dchen, sie waren entweder
+mit ihrer Truppe im Streikgebiet um Gelsenkirchen
+oder mu&szlig;ten in ihren Garnisonen aller Befehle
+gew&auml;rtig sein. Nur Syburg trat mir entgegen &mdash; mit
+einem so freudigen Aufleuchten in den sonst so unbeweglichen
+Z&uuml;gen, da&szlig; es mir unwillk&uuml;rlich warm ums
+Herz ward &mdash; und Hessenstein, der mit seiner Schwadron
+in Dortmund in Quartier lag und her&uuml;bergeritten war.
+&raquo;Am liebsten h&auml;tte ich alle meine Kerls mitgenommen,&laquo;
+sagte er. &raquo;Man sch&auml;mt sich f&ouml;rmlich seines S&auml;belrasselns
+inmitten v&ouml;lliger Kirchenruhe.&laquo;</p>
+<p><a name="Page_394" id="Page_394"></a></p>
+<p>&raquo;Wenn Sie nur nicht doch noch recht blutige Arbeit
+bekommen!&laquo; meinte Syburg. &raquo;Eine Rotte Betrunkener, &mdash; und
+das Ungl&uuml;ck ist geschehen.&laquo;</p>
+
+<p>Anna sollte Recht behalten: trotz der blumengeschm&uuml;ckten
+Tafel, der feurigen Weine und der launigen
+Toaste auf den Hausherrn und das Geburtstagskind
+wollte die echte Feststimmung nicht aufkommen. Alles
+war voll von den Ereignissen, und jeder wu&szlig;te andere
+Details zu erz&auml;hlen. Der Ortspfarrer war eben von
+Castrop zur&uuml;ckgekehrt. Er hatte die Streikenden der
+Zechen Erin und Schwerin gesehen und gesprochen.
+&raquo;Ihr Verhalten ist ein so w&uuml;rdiges,&laquo; sagte er, &raquo;da&szlig;
+die Aufregung der Zechenbeamten dem gegen&uuml;ber einen
+peinlichen Eindruck macht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dasselbe habe ich eben vom Oberpr&auml;sidenten geh&ouml;rt,
+den ich in Witten traf,&laquo; meinte Graf Recke. &raquo;Er kam
+aus Gelsenkirchen, wo er mit den Arbeitern der Hibernia
+verhandelt hat. Ihre Forderungen halten sich zun&auml;chst
+in durchaus diskutabeln Grenzen, und wenn die Presse
+wegen der Achtstundenschicht Zetermordio schreit, so
+wei&szlig; sie eben nicht, was uns alten Westfalen von
+Jugend an bekannt ist: da&szlig; nach unseren Bergordnungen
+vom 17. Jahrhundert an die Schicht schlechthin achtst&uuml;ndig
+war und erst das gesegnete 19. Jahrhundert,
+wie mit so vielen guten alten Bestimmungen, auch damit
+aufr&auml;umte. Die Knappschaften verlangen nichts
+anderes als das Recht ihrer V&auml;ter.&laquo;</p>
+
+<p>Baron Bodenberg best&auml;tigte Reckes Behauptung.</p>
+
+<p>&raquo;Und mit ihren &uuml;brigen W&uuml;nschen steht es im Grunde
+nicht anders,&laquo; f&uuml;gte er hinzu, &raquo;in meiner Jugend hatten
+die Grubenbesitzer den Knappen gegen&uuml;ber keine freie<a name="Page_395" id="Page_395"></a>
+Hand. &Uuml;ber Annahme und Entlassung der Arbeiter,
+Feststellung der L&ouml;hne, Regelung des Betriebs usw. usw.
+stand die Entscheidung damals ausschlie&szlig;lich der k&ouml;niglichen
+Bergbeh&ouml;rde zu. Jetzt, im Zeitalter der famosen
+freien Konkurrenz kann jeder Jude, der sich eine Grube
+kauft, aber nie in seinem Leben selbst die Nase hineinsteckt,
+machen, was er will. Opponieren ihm mal die
+alten Leute, so holt er sich polnisches Gesindel und
+ruiniert uns durch das hergelaufene Volk den guten
+Stamm und seine gute Gesinnung. Ich sprach erst
+gestern einen H&auml;uer von der Zeche Schleswig, der hier
+vom Gutshofe stammt, ein Spielkamerad meiner S&ouml;hne
+war und ein Knappe vom guten alten Schlage ist.
+&#8250;Wir wollen gar nicht randalieren,&#8249; meinte der, &#8250;und
+hauen unseren gr&uuml;nen Jungens selbst eine runter, wenn
+sie spektakeln. Auch um den Lohn ists uns nicht so
+sehr zu tun, nur k&uuml;rzere Schicht m&uuml;ssen wir haben und
+anst&auml;ndige Behandlung.&#8249; Und solche Leute werden wie
+Aufr&uuml;hrer mit Pulver und Blei bedroht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, die Herren sehen die Dinge zu sehr
+durch die Brille der Tradition,&laquo; mischte sich F&uuml;rst Limburg
+ins Gespr&auml;ch. &raquo;Alte Bestimmungen und altes
+Recht entsprechen doch kaum mehr der ganz ver&auml;nderten
+Betriebsweise. Und das wissen die einsichtsvolleren
+unter den Knappen sicher ganz genau. Mir scheint daher,
+da&szlig; die eigentliche Triebkraft der ganzen Bewegung
+nicht in der Sehnsucht nach der &#8250;guten alten Zeit&#8249; zu
+suchen ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und worin sonst, wenn ich fragen darf?&laquo; warf der
+alte Bodenberg, der so sehr das Orakel der Gegend
+war, da&szlig; er Widerspruch selten erfuhr, gereizt ein.</p>
+<p><a name="Page_396" id="Page_396"></a></p>
+<p>&raquo;In demselben Gegensatz, der auch die Sozialdemokratie
+gro&szlig; zieht: dem zwischen den ungeheueren Reicht&uuml;mern
+auf der Seite der Unternehmer und der Besitzlosigkeit,
+um nicht zu sagen der Armut, auf der Seite
+der Arbeiter &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Armut! Darin steht man wieder Ihre jugendliche
+Neigung zu starken Worten!&laquo; polterte Bodenberg;
+&raquo;als ob unsere Bergleute von Armut auch nur 'ne
+Ahnung h&auml;tten! Haben alle ihr H&auml;uschen, ihren
+Gem&uuml;segarten und m&auml;sten sich ein Schwein &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und doch, Herr Baron, haben wir unten im Dorf
+manche Ehefrau, die schon mitverdienen mu&szlig;, und die
+Kinder schicken sie gewi&szlig; auch nicht aus Vergn&uuml;gen so
+fr&uuml;h als m&ouml;glich &mdash; mit gef&auml;lschten Geburtsscheinen,
+wenns nicht anders geht &mdash; in die Grube,&laquo; lie&szlig; sich
+der Pfarrer vernehmen.</p>
+
+<p>&raquo;Von der verdammten Genu&szlig;sucht kommt das, und
+von nichts anderem!&laquo; unterbrach ihn der alte Baron,
+&raquo;zu meiner Zeit gingen die Knappenfrauen noch in
+Kopft&uuml;chern und Sch&uuml;rzen in die Kirche &mdash; heute mu&szlig;
+jede einen Federhut tragen und die R&ouml;cke auf dem
+Tanzboden schwenken &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn die Leute sehen, da&szlig; die Herren Direktoren
+mit vierzig- und f&uuml;nfzigtausend Mark Gehalt auf
+Gummir&auml;dern fahren und Sektgelage geben und die
+Aktion&auml;re schmunzelnd enorme Dividenden schlucken, so
+ists doch kein Wunder, da&szlig; sies ihnen auf der einen
+Seite nachmachen m&ouml;chten und auf der anderen vor
+Neid immer rabiater werden. Die ganze Bewegung ist
+dadurch entstanden &mdash; ich komme damit auf meinen
+Ausgangspunkt zur&uuml;ck &mdash;, da&szlig; die gl&auml;nzende Konjunktur
+<a name="Page_397" id="Page_397"></a>der letzten Jahre ausschlie&szlig;lich den Besitzern und
+Aktion&auml;ren, nicht aber den Bergleuten zugute kam.
+Hier hakt notwendigerweise die sozialdemokratische Agitation
+ein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sehen, was das betrifft, sicher zu schwarz, lieber
+Limburg,&laquo; sagte Graf Recke, &raquo;jedenfalls, soweit unser
+h&ouml;rder Kreis in Frage kommt. Unsere frommen,
+k&ouml;nigstreuen Bergleute &mdash; und Sozialdemokraten! Selbst
+ihre Versammlungen schlie&szlig;en sie mit einem Hoch auf
+den Kaiser!&laquo;</p>
+
+<p>Hessenstein r&auml;usperte sich vernehmlich: &raquo;Und doch
+haben mir heute morgen ein paar Kameraden von den
+Dreizehnern erz&auml;hlt, da&szlig; die Direktoren der Zeche
+Schleswig gleichfalls um milit&auml;rischen Schutz gebeten
+haben. Man f&uuml;rchte Ausschreitungen gegen Streikbrecher,
+hie&szlig; es.&laquo;</p>
+
+<p>Bodelschwing lachte, da&szlig; ihm die Tr&auml;nen in den
+wei&szlig;en Bart liefen: &raquo;Das ist wirklich kostbar! &mdash; Die
+Furcht ist schon die ansteckendste Krankheit! &mdash; Viel
+eher m&ouml;cht' ich glauben, da&szlig; unsere Dorfsch&ouml;nen sich
+auf diese ungew&ouml;hnliche Weise f&uuml;r den morgigen Feiertag
+die T&auml;nzer bestellten, die ihnen wahrscheinlich ebenso
+fehlen wie uns!&laquo;</p>
+
+<p>Schweigsam hatte Syburg bis dahin zugeh&ouml;rt. Sein
+k&uuml;hler, hochm&uuml;tig-wissender Ausdruck &mdash; der typische
+des altpreu&szlig;ischen Beamten &mdash; reizte mich.</p>
+
+<p>&raquo;Ihre landr&auml;tliche W&uuml;rde verbietet Ihnen wohl, sich
+auszusprechen?&laquo; wandte ich mich spottend an ihn, und
+als er, unangenehm &uuml;berrascht, aufsah, f&uuml;gte ich rasch
+hinzu: &raquo;Oder sollten Sie ketzerische Gedanken zu verbergen
+haben?&laquo;</p>
+<p><a name="Page_398" id="Page_398"></a></p>
+<p>&raquo;Ketzerische Gedanken?!&laquo; &mdash; er warf mir einen
+tadelnden Blick zu &mdash; &raquo;vielleicht! Aber andere, als
+Sie anzunehmen scheinen! So milde, wie die Herren
+hier, vermag ich die Dinge nicht zu beurteilen. Nach
+meiner Ansicht hat eine gewissenlose sozialdemokratische
+Agitation die gut bezahlten Bergarbeiter zum Kontraktbruch
+verf&uuml;hrt, und es ist unsere Pflicht, sie, wenn es
+sein mu&szlig;, mit Gewalt auf den Weg des Rechts zur&uuml;ckzuf&uuml;hren.
+Wortbruch und Pflichtvergessenheit sind &uuml;berall
+der Anfang vom Ende.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ganz Ihrer Meinung, Herr von Syburg!&laquo; antwortete
+ich, w&auml;hrend mir das Blut hei&szlig; in die Schl&auml;fen
+stieg. &raquo;Es kommt nur darauf an, auf welcher Seite
+Wortbruch und Pflichtvergessenheit zu finden ist! Wenn
+die Grubenbesitzer, die in der gl&uuml;cklichen Lage sind,
+eine Havanna rauchend vor dem Tischlein-deck-dich zu
+sitzen, den Arbeitern nicht so viel geben, da&szlig; sie anst&auml;ndig
+leben k&ouml;nnen, so ist das Pflichtvergessenheit;
+und wenn sie, die zu allen Vergn&uuml;gungen der Welt
+Zeit haben, ihnen das althergebrachte Recht auf eine
+geregelte Arbeitszeit vorenthalten, so ist das Wortbruch!&laquo;</p>
+
+<p>Syburg pre&szlig;te die Lippen zusammen, &mdash; er zwang
+sich offenbar zu einer ruhigen Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sprechen aus der Gef&uuml;hlsperspektive der Frau.
+Das ist verzeihlich. Sie kennen, Gott sei Dank, diese
+aufr&uuml;hrerische, mit sozialdemokratischen Phrasen vollgef&uuml;tterte
+Bande nicht, die jetzt auf den Gruben und
+in den Fabriken das gro&szlig;e Wort f&uuml;hrt und an allem
+r&uuml;ttelt, was uns heilig ist.&laquo;</p>
+
+<p>Wie eine Vision sah ich pl&ouml;tzlich all die Gestalten
+des Elends wieder, die mir im Leben begegnet waren:<a name="Page_399" id="Page_399"></a>
+aus den Vorst&auml;dten Posens und Augsburgs, aus den
+D&ouml;rfern des Samlands.</p>
+
+<p>&raquo;Sie m&ouml;gen recht haben,&laquo; sagte ich nachdenklich, &raquo;die
+kenn' ich nicht &mdash; aber andere kenn' ich. Und das
+Eine wei&szlig; ich gewi&szlig; &mdash;&laquo; meine Stimme zitterte vor
+Erregung &mdash; &raquo;w&auml;re ich eine von denen, meine Geduld
+w&auml;re ersch&ouml;pft, und ich w&uuml;rde mich um Treue und
+Pflicht nicht k&uuml;mmern.&laquo;</p>
+
+<p>Syburgs blasses Gesicht hatte sich mit tiefer R&ouml;te
+&uuml;berzogen; doch die Herrin des Hauses hob die Tafel
+auf, und er unterdr&uuml;ckte noch rasch eine scharfe Antwort,
+die ihm offenbar auf den Lippen schwebte. W&auml;hrend
+des ganzen warmen Fr&uuml;hlingsabends, der uns alle in
+den Park hinauslockte, mied er mich. Nur beim Abschied
+hielt er meine Hand fest in der seinen und
+fl&uuml;sterte: &raquo;Ich m&ouml;chte, da&szlig; wir uns vers&ouml;hnen &mdash; ganz
+und auf immer &mdash;, darf ich darauf hoffen, wenn ich
+nach Hohenlimburg komme?&laquo; Ich nickte nur.</p>
+
+<p>Wir blieben &uuml;ber Nacht in Brake, um den bequemen
+Fr&uuml;hzug benutzen zu k&ouml;nnen. Aber als wir am n&auml;chsten
+Morgen herunterkamen, trat uns der alte Bodenberg
+mit ernstem Gesicht entgegen. &raquo;In Witten und Annen
+hat das Milit&auml;r scharf geschossen,&laquo; sagte er, &raquo;in Dortmund
+soll die Haltung der Arbeiter eine drohende sein &mdash; nach
+H&ouml;rde sind, wie mein Verwalter eben berichtet,
+die K&uuml;rassiere unterwegs. Wenn auch die Stimmung
+der Leute in unserer n&auml;chsten Nachbarschaft vollkommen
+friedlich ist, so m&ouml;chte ich Sie doch bitten, diesen Tag
+noch abzuwarten &mdash; oder wenigstens Ihre Damen hier
+zu lassen &mdash;&laquo; So sehr wir uns str&auml;ubten &mdash; Anna,
+weil die Gesellschaft des alten Ehepaars sie langweilte,
+<a name="Page_400" id="Page_400"></a>ich, weil mir nichts erw&uuml;nschter gewesen w&auml;re, als den
+Aufstand der Arbeiter in der N&auml;he zu sehen, &mdash; wir
+mu&szlig;ten uns f&uuml;gen.</p>
+
+<p>Ich lief in den Park, &mdash; vielleicht, da&szlig; sich von hier
+aus irgend etwas ersp&auml;hen lie&szlig;. Das Abenteuerfieber
+der Jugend packte mich, dasselbe Fieber, durch das
+Schulbuben auf Auswandererschiffe getrieben und schw&auml;rmerische
+Byron-Seelen in phantastische Freiheitsk&auml;mpfe
+gerissen werden, das Fieber, das &uuml;berall ausbricht, wo
+ein Gluthauch pl&ouml;tzlich die Normaltemperatur des Alltags
+vertreibt. Hohe Mauern wehrten mir den Ausblick.
+Sollten sie mich immer wieder von der lebendigen Welt
+da drau&szlig;en trennen?</p>
+
+<p>Ich trat auf den Gutshof. Feiert&auml;gige Stille herrschte
+auch hier. Aber dr&uuml;ben, wo zwei m&auml;chtige Linden am
+Ausgang zur Stra&szlig;e Wache standen, sah ich einen Haufen
+lebhaft gestikulierender Menschen. Ein grauer Kopf mit
+der Bergmannsm&uuml;tze auf den kurzgeschorenen Haaren
+ragte aus ihrer Mitte hervor. &raquo;Ich, ich bin dabei gewesen!&laquo;
+h&ouml;rte ich ihn schreien, als ich n&auml;her hinzutrat, &mdash; &raquo;ein
+Wunder, da&szlig; ich mit heilen Gliedern davon kam!
+Sie haben geschossen, wie verr&uuml;ckt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So erz&auml;hlt doch, Mann, erz&auml;hlt!&laquo; &mdash; &raquo;Wo &mdash; wo
+ists denn gewesen?&laquo; best&uuml;rmten ihn die Umstehenden.
+&raquo;In Bochum &mdash; gestern abend. Ein blutjunger Leutnant
+kommandierte Feuer &mdash; grad, als die Menschen
+aus dem Bahnhof str&ouml;mten. Wie die Hunde die
+Hammelherde, so umschlossen die Soldaten die Leute &mdash; lauter
+harmloses Volk &mdash; kaum einer von uns darunter, &mdash; und
+dann lag der Platz voller Toten &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Irgend woher klang eine Kirchenglocke. Der Berg<a name="Page_401" id="Page_401"></a>mann
+schwieg, ri&szlig; die M&uuml;tze vom Kopf und schlug mit
+der harten rissigen Hand das Kreuz &uuml;ber Stirn und
+Brust. Erst jetzt sah ich ihn genauer. Der Kohlenstaub
+schien sich in die Falten unter den Augen eingebrannt
+zu haben, so da&szlig; sie aussahen wie die gro&szlig;en runden
+Augenh&ouml;hlen der Totensch&auml;del. Farblos fahl waren die
+Z&uuml;ge; eine breite, gelbe Narbe, die das Gesicht in zwei
+H&auml;lften teilte, entstellte sie zur Fratze. Er wandte sich
+zum Gehen, und die Menge dr&auml;ngte ihm nach. Die
+gerade schwarze Stra&szlig;e, mit den kahlen Pappeln zu
+jeder Seite und dem schweren Grau tr&uuml;bdunstigen
+Fr&uuml;hlingshimmels ringsum, verschlang sie rasch. Drohend
+wie ein Galgen ragten in der Ferne die Glockenst&uuml;hle
+in die Luft, und die Sonnenstrahlen scheuten sich vor der
+Ber&uuml;hrung dieser &Ouml;de ...</p>
+
+<p>Langsam, schweren Herzens, wandte ich mich wieder
+dem Schlosse zu. Die Hausbewohner waren zur
+Sonntagsandacht in der Halle versammelt. Auf hohem
+Stuhl sa&szlig; der Hausherr und las aus der alten Bibel:
+&raquo;Kommet her zu mir alle, die ihr m&uuml;hselig und beladen
+seid ...&laquo;</p>
+
+<p>Und die Vertreter christlicher Ordnung schossen auf
+die M&uuml;hseligen und Beladenen! dachte ich bitter.</p>
+
+<p>&raquo;Es l&auml;&szlig;t mir keine Ruhe,&laquo; sagte der alte Bodenberg,
+nachdem der letzte Ton auf dem Harmonium verklungen
+war und die Dienerschaft sich entfernt hatte.
+&raquo;Kommen Sie, Limburg, wir gehen ein St&uuml;ck Weges
+zur Zeche hinunter &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Entsetzt schrie Anna auf: &raquo;Das darfst du mir nicht
+antun, Fritz!&laquo; Aber beg&uuml;tigend legte die alte Baronin
+ihre feine Greisenhand auf den Arm der Erregten:<a name="Page_402" id="Page_402"></a>
+&raquo;F&uuml;rchten Sie nichts, kleine Frau, &mdash; die Leute hier
+kr&uuml;mmen unseren M&auml;nnern kein H&auml;rchen.&laquo; Wir blieben
+trotzdem in kaum zu bemeisternder Unruhe zur&uuml;ck. Wir
+horchten auf jeden Ton, w&auml;hrend einer den anderen
+durch eine m&ouml;glichst harmlos-heitere Unterhaltung &uuml;ber
+die Erregung hinwegzut&auml;uschen suchte, und sprangen
+gleichzeitig erleichtert auf, als nach einer Stunde Bodenbergs
+kr&auml;ftige Stimme vom Hof herauf durch das
+Fenster klang.</p>
+
+<p>&raquo;Hab' ichs euch nicht gesagt?&laquo; lachte er uns entgegen.
+&raquo;Sie freuen sich drunten ihres Feiertags, wie
+nur je. Die Kinder spielen auf den Stra&szlig;en, die
+Frauen stehen im Sonntagsputz vor den T&uuml;ren und
+schwatzen mit den Nachbarn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und doch hei&szlig;t es, da&szlig; Soldaten kommen,&laquo; unterbrach
+ihn Limburg mit einem Ausdruck schwerer Besorgnis in
+den Z&uuml;gen.</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;gen sie doch! Gegen die Kinder, die jetzt schon
+in der Vorfreude hurraschreiend ihre F&auml;hnchen schwingen,
+werden sie kaum zu Felde ziehen. Sahen Sie nicht
+den krummbeinigen Schlingel, dem seine Gef&auml;hrtin, ein
+s&uuml;&szlig;es M&auml;delchen mit Haaren wie rote Flammen, den
+Platz an der Spitze der kleinen Gesellschaft streitig
+machte? Gef&auml;hrliche Aufr&uuml;hrer sind das, nicht wahr?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig; sah ich sie &mdash; aber ich sah auch die Gesichter
+der M&auml;nner hinter den Fenstern der Kneipe ...&laquo;</p>
+
+<p>Ein Ger&auml;usch &mdash; wie ein fernes Prasseln von Hagelk&ouml;rnern
+auf Glasscheiben &mdash; unterbrach das Gespr&auml;ch.
+Bodenberg wurde aschfahl &mdash; &raquo;Gewehrsalven&laquo; &mdash; murmelte
+Limburg. Wir standen, wie an den Boden gebannt, &mdash; in
+atemloser Erwartung. Unten auf dem<a name="Page_403" id="Page_403"></a>
+Hof liefen die Leute zusammen. &raquo;Sie schie&szlig;en,&laquo; schrie
+einer. Wir st&uuml;rzten hinunter bis ans Tor, keiner sprach
+mehr ein Wort, aber von einer Angst erf&uuml;llt starrten
+wir alle die lange, &ouml;de, schwarze Stra&szlig;e hinab. Die
+Zeit schien still zu stehen, Ewigkeiten d&uuml;nkten uns die
+Minuten. Endlich erhob sich in der Ferne eine Wolke
+Staubs vom Boden: Menschen, die liefen, als w&auml;re
+der Teufel ihnen auf den Fersen. N&auml;her und n&auml;her
+kamen sie: Weiber mit wehenden Haaren und verzerrten
+Z&uuml;gen &mdash; schreiende Kinder mit rot verquollenen
+Augen &mdash; ihre Sonntagskleider bedeckt mit dem schwarzen
+Ru&szlig; der Stra&szlig;e. &raquo;Sie morden uns &mdash;&laquo; st&ouml;hnte eine
+wei&szlig;haarige Alte, warf die hageren Arme verzweifelt
+um den Kopf und brach vor uns zusammen ...</p>
+
+<p>Tr&ouml;stend und helfend gingen Brakes Bewohner von
+einem zu anderen, und endlich gelang es, aus dem
+wirren Durcheinander des allgemeinen Erz&auml;hlens ein
+Bild dessen zu gewinnen, was geschehen war.</p>
+
+<p>Der Ton der Pfeifen und Trommeln hatte alles auf
+die Dorfstra&szlig;e gelockt. Den Gro&szlig;en voran waren die
+Kinder jubelnd den einziehenden Soldaten entgegengelaufen,
+als ein barsches &raquo;Platz da&laquo; ihres F&uuml;hrers,
+eines jungen Leutnants, die Freude in Furcht verwandelt
+hatte. Die Kinder hatten sich hinter den Gro&szlig;en verkrochen,
+die M&auml;nner eine drohende Haltung angenommen.</p>
+
+<p>&raquo;Nur das rothaarige Lieserl stellte sich keck mitten
+auf die Stra&szlig;e,&laquo; sagte die Alte, die noch auf dem
+Boden hockte.</p>
+
+<p>&raquo;Und den Franz sah ich, wie er einen Stecken aus
+unserem Zaun ri&szlig; und damit wild herumfuchtelte,&laquo;
+berichtete zungenfertig eine andere. &raquo;&#8250;Platz da&#8249; &mdash; rief
+<a name="Page_404" id="Page_404"></a>der Leutnant dann noch einmal, und die Soldaten
+trieben uns alle gegen die H&auml;user. Da dr&auml;ngte sich
+die Mutter vom Franz mit dem Kleinsten an der Brust
+durch die Reihen &mdash; der Junge ist ihr &Auml;ltester, ihren
+Mann brachten sie ihr voriges Jahr tot aus der Grube &mdash;;
+sie hatte ihn grade erwischt, als der Herr Offizier noch
+mal losschrie &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&#8250;Immer die Augen auf den Feind halten,&#8249; sagte er.
+Ich hab' es ganz genau geh&ouml;rt,&laquo; erg&auml;nzte ein blasses
+Ding mit fanatisch funkelnden Augen die Worte der
+Erz&auml;hlerin.</p>
+
+<p>&raquo;Den Feind, &mdash; damit meinte er uns!&laquo; riefen sie alle
+durcheinander und selbst auf den Wangen der M&uuml;desten
+und Stillsten erschienen rote Flecken.</p>
+
+<p>&raquo;Da wars aus mit der Ruhe bei den Knappen &mdash; sie
+drohten mit den F&auml;usten, sie schimpften, auch ein
+paar Steine flogen ...&laquo; Die Erz&auml;hlerin schluchzte auf.</p>
+
+<p>&raquo;Dann schossen sie auf uns &mdash;&laquo; sagte mit tonloser
+Stimme die Alte. Und nun schwiegen sie alle &mdash; nur
+verhaltenes Weinen unterbrach die Stille.</p>
+
+<p>Ich griff mir an den Kopf, &mdash; es war doch wohl nur
+ein b&ouml;ser Traum, der mich narrte?! Es brauste mir in
+den Ohren, das Entsetzen schn&uuml;rte mir die Kehle zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Dem Franz seine Mutter war die erste, die fiel &mdash;&laquo;
+wie aus weiter Ferne schlugen die Worte wieder an
+mein Ohr. &raquo;Ich sah sie dicht vor mir &mdash; die Haare
+ganz voll Blut, &mdash; das J&uuml;ngste an die Brust gepre&szlig;t &mdash; und
+den Stock noch in der Hand, den sie dem Franz
+entrissen hatte ...&laquo;</p>
+
+<p>War ich es, die qualvoll aufst&ouml;hnte &mdash; oder war
+es<em class="spaced"> ein</em> Ton, der sich uns allen entri&szlig;?!</p>
+<p><a name="Page_405" id="Page_405"></a></p>
+<p>&raquo;... Ja, und die rote Liefe lag auch mitten auf der
+Stra&szlig;e &mdash; sie guckte grade in den Himmel mit den
+toten Augen ...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das s&uuml;&szlig;e M&auml;delchen mit den Flammenhaaren ...&laquo;
+fl&uuml;sterte der alte Bodenberg mit erstickter Stimme.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Wir fuhren noch an demselben Tage auf einem
+gro&szlig;en Umweg zur&uuml;ck. Dicht hinter Unna
+wies der F&uuml;rst aus dem Fenster. &raquo;Wir
+passieren hier den historischen Boden der Zukunft,&laquo; sagte
+er, &raquo;dort dr&uuml;ben auf der Heide stand noch zu meines
+Vaters Lebzeiten jener uralte sagenumwobene Birkenbaum,
+und jenseits, von den Schl&uuml;ckinger H&ouml;hen, sahen
+die Bauern, wie die blutige Schlacht um ihn tobte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht ist sie heute schon keine Sage mehr,&laquo; antwortete
+ich.</p>
+
+<p>Mit steigender Erregung verfolgte ich in den n&auml;chsten
+Tagen die Ereignisse. Noch mehr als durch die Zeitungen
+erfuhren wir durch Briefe und durch die Erz&auml;hlungen
+der Augenzeugen.</p>
+
+<p>Kaum eine Stimme war, die f&uuml;r die Zechendirektoren
+Partei ergriffen h&auml;tte, und die Emp&ouml;rung war allgemein,
+je h&auml;ufiger sie den Bergleuten, die im Vertrauen auf
+ihre Versprechungen die Arbeit wieder aufgenommen
+hatten, ihr Wort brachen.</p>
+
+<p>&raquo;Habt ihr endlich Hunger genug?!&laquo; Damit empfingen
+die Zechenbeamten von Gelsenkirchen die wieder einfahrenden
+Knappen, und in H&ouml;rde trieben sie kranke
+Weiber und Kinder aus den Zechenh&auml;usern, wenn die
+M&auml;nner im Ausstand beharrten.</p>
+<p><a name="Page_406" id="Page_406"></a></p>
+<p>&raquo;Ich glaube, da&szlig; wir vor einer gro&szlig;en Umw&auml;lzung
+stehen,&laquo; schrieb ich an meine Kusine, &raquo;die Macht des
+Kapitals mu&szlig; gebrochen werden. Vor hundert Jahren
+hat die Revolution den Absolutismus und den Feudalismus
+gest&uuml;rzt, &mdash; sie waren dessen wert! &mdash;, eine
+k&uuml;nftige Revolution wird den Kapitalismus vernichten,
+und wir werden das wunderbare Schauspiel erleben,
+da&szlig; der Adel und die Arbeiter zusammen gehen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Deputation der Bergleute zum Kaiser schien mir der
+Auftakt des gro&szlig;en Schauspiels, das ich erwartete. Und
+die ersten Nachrichten von ihrem Empfang, von der Anerkennung
+ihrer W&uuml;nsche durch den Monarchen best&auml;tigten
+meine Hoffnungen. Dann aber sickerten allerlei andere
+Ger&uuml;chte durch: die drei Deputierten waren keineswegs
+befriedigt zur&uuml;ckgekommen; kaum zehn Minuten hatte er
+Zeit gehabt, sie anzuh&ouml;ren, mit einer Drohung gegen alle,
+die sich den Anordnungen der Beh&ouml;rden widersetzen
+w&uuml;rden, hatte er seine Antwort geschlossen. Und was
+folgte, schien die Wahrheit der Ger&uuml;chte zu best&auml;tigen:
+das ganze Streikkomitee wurde verhaftet, der Oberpr&auml;sident,
+der stets zu vermitteln gesucht hatte, mu&szlig;te einem
+Nachfolger weichen, dem der Ruf eines Scharfmachers
+voran ging. &raquo;Studt ist ein glatter H&ouml;fling,&laquo; schrieb
+mir mein Vater, &raquo;der mir neulich mit dem verbindlichsten
+L&auml;cheln erkl&auml;rte, da&szlig; meine offenbare Verkennung
+so trefflicher Leute, wie der Grubenmagnaten, h&ouml;heren
+Orts unliebsam empfunden w&uuml;rde. Mich solls nicht
+wundern, wenn wir in Preu&szlig;en noch mal so weit kommen,
+vor jedem Geldsack auf dem Bauche zu rutschen.&laquo;</p>
+
+<p>Unter den Entt&auml;uschungen litt ich, als betr&auml;fen sie mich
+selbst. Mit der M&auml;rtyrergloriole hatte ich das Haupt
+<a name="Page_407" id="Page_407"></a>der erschossenen Bergmannsfrau und das rote K&ouml;pfchen
+des Proletarierkindes umwoben und den gr&auml;&szlig;lichen
+Eindruck in der eigenen Erinnerung verkl&auml;rt; nun waren
+sie umsonst gestorben, und nichts als der schwarze Stra&szlig;enru&szlig;
+umgab sie.</p>
+
+<p>Ich war in wehm&uuml;tig weicher Stimmung, als Syburg
+kam. Am Morgen desselben Tages hatte mir Anna mit
+einem selig-versch&auml;mten L&auml;cheln von ihrer Mutterhoffnung
+erz&auml;hlt, hatte mich in das wei&szlig;e Zimmer gef&uuml;hrt, das
+den jungen Erdenb&uuml;rger erwartete, und all die weichen,
+duftigen Dinge aus Spitzen und Battist waren mir durch
+die Finger geglitten. Meine H&auml;nde waren hei&szlig; geworden
+dabei, und die Tr&auml;nen waren mir in die Augen gestiegen.
+Und die kleine Anna hatte sich emporgereckt, um mich mit
+einem altklug wissenden Ausdruck auf den Mund zu k&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Nun lie&szlig; sie all die Kupplerk&uuml;nste spielen, in denen
+junge, gl&uuml;ckliche Frauen Meisterinnen sind. Sie pries
+neckend meine Sch&ouml;nheit und meine Tugenden, erz&auml;hlte
+allerlei Abenteuerliches von meinen vielen Verehrern und
+lie&szlig; uns schlie&szlig;lich, M&uuml;digkeit vorsch&uuml;tzend, im Park allein.
+Syburg schien nur darauf gewartet zu haben.</p>
+
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte Klarheit haben zwischen uns, volle Klarheit,
+Fr&auml;ulein Alix,&laquo; begann er, zum erstenmal vertraulich
+meinen Namen nennend. Ich fuhr unwillk&uuml;rlich
+erschrocken zusammen. Aber die Frage, die er stellte,
+war nicht die erwartete &mdash; gef&uuml;rchtete. &raquo;Man hat mir
+erz&auml;hlt, Sie h&auml;tten sich neulich nach dem Aufstand auf
+der Zeche Schleswig mit gr&ouml;&szlig;ter Sch&auml;rfe f&uuml;r die Streikenden
+ausgesprochen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich bezwang meinen Zorn &uuml;ber diese Art, mich auf
+Herz und Nieren zu pr&uuml;fen.</p>
+<p><a name="Page_408" id="Page_408"></a></p>
+<p>&raquo;Und wenn ich es getan h&auml;tte,&laquo; sagte ich rasch und
+abwehrend, &raquo;ist es nicht eine der ersten Forderungen
+Ihres Christentums, den Unschuldigen beizustehen? &mdash; Gebietet
+es nicht Ihre Religion, sich opferm&uuml;tig zwischen
+die Kinder und ihre M&ouml;rder zu werfen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Christentum?! Meine Religion?!&laquo; Er sah
+mich gro&szlig; an. &raquo;Sie haben sich falsch ausgedr&uuml;ckt, wie
+ich hoffe! Unser Glaube ist der gleiche &mdash; nicht wahr,
+Fr&auml;ulein Alix?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie spielen ein m&auml;nnliches Gretchen, Herr von
+Syburg!&laquo; fuhr ich auf, &raquo;mit welchem Recht behandeln
+Sie mich wie ihr Beichtkind?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit dem Recht des Mannes, der das Jawort ihrer
+Eltern erhielt!&laquo; Er griff nach meiner Hand, die ich
+ihm heftig entri&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;So erfahren Sie denn, da&szlig; ich dies Recht nicht anerkenne!
+Niemand hat &uuml;ber mich zu verf&uuml;gen &mdash; niemand &mdash; als
+ich, ich ganz allein. Und ich &mdash; ich werfe Ihnen
+ihr Jawort vor die F&uuml;&szlig;e!&laquo;</p>
+
+<p>Ich wandte ihm den R&uuml;cken, schritt ruhig durch
+die Lindenallee, &uuml;ber den Burghof, die Treppen hinauf
+in mein Zimmer &mdash; warf die T&uuml;r ins Schlo&szlig;, riegelte
+zu &mdash; reckte die Arme weit aus: nun war ich frei!</p>
+
+<p>Anna lie&szlig; ich vergebens klopfen &mdash; fragen &mdash; bitten.
+Ich w&auml;re au&szlig;erstande gewesen, irgend jemandem Rede
+und Antwort zu stehen. Ich mu&szlig;te allein sein.</p>
+
+<p>Noch stand ich mit einem Gef&uuml;hl des Schreckens vor
+dem Abgrund, der zwischen mir und meiner Welt auseinanderklaffte.
+Unter den Speerw&uuml;rfen blendenden
+Sonnenlichts war der Nebel zerrissen, den ich, mich selbst
+bel&uuml;gend, so lange f&uuml;r eine Br&uuml;cke gehalten hatte. Ich
+<a name="Page_409" id="Page_409"></a>stand auf fremdem Boden, &mdash; zurecht finden mu&szlig;t ich
+mich, meine Gedanken sammeln, &uuml;ber meine Zukunft
+entscheiden.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen, in aller Fr&uuml;he schrieb ich an
+meine Eltern und trug den Brief selbst zur Stadt hinunter.
+Schneidend pfiff der Wind &uuml;ber die H&ouml;hen, als
+ich abw&auml;rts schritt. In grauen Wolken verschwanden
+die T&uuml;rme der Burg, und aus der Tiefe gr&uuml;&szlig;ten mich
+sieghaft die schwarzen Schlote.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_410" id="Page_410"></a></p>
+<h2><a name="Vierzehntes_Kapitel" id="Vierzehntes_Kapitel"></a>Vierzehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Und nun kamen stille Wochen auf Hohenlimburg.
+Die Mutterhoffnung hatte Anna v&ouml;llig ver&auml;ndert.
+Sie lernte die Einsamkeit lieben und
+&uuml;berlie&szlig; mich stundenlang mir selbst. In den ersten Tagen
+f&uuml;rchtete ich mich vor jedem Postwagen, der ankam.
+Die Briefe, die er brachte, waren fast noch schlimmer,
+als die Ankunft des Vaters gewesen w&auml;re, die ich erwartet
+hatte. Die Gr&uuml;nde, die mich bewogen hatten,
+Syburgs Werbung abzulehnen, hatte dieser nat&uuml;rlich
+in einer Weise dargestellt, die mich kompromittieren
+sollte. &Uuml;ber meine Sympathie mit den Bergarbeitern
+wurden, wie es schien, nicht ohne Syburgs Hilfe,
+wahre R&auml;ubergeschichten verbreitet, denen mein Vater
+zun&auml;chst Glauben schenkte. Und derselbe Mann, der
+eben erst gegen die Unternehmer gewettert hatte, gefiel
+sich jetzt in wilden &Uuml;bertreibungen und beschuldigte
+mich, sein Ungl&uuml;ck zu sein. &raquo;Da&szlig; ich, ein k&ouml;nigstreuer
+Edelmann und Offizier, es erleben mu&szlig;te, da&szlig; meine
+Tochter mit diesen wortbr&uuml;chigen Hallunken sympathisiert!&laquo;
+schrieb er. Aber die Anschuldigungen, mit denen
+er mich in der ersten Aufregung &uuml;berh&auml;ufte, trafen mich
+weit weniger als der tiefe Schmerz &uuml;ber mein Schicksal,
+der in seinen sp&auml;teren, ruhigeren Briefen zum<a name="Page_411" id="Page_411"></a>
+Ausdruck kam. &raquo;Wie hatte ich mich gefreut, dich versorgt
+zu sehen, ehe ich sterbe &mdash;&laquo; dies Wort tat mir
+bitter weh. Meiner Mutter Briefe dagegen mit ihrem:
+&raquo;ich habe es vorausgesehen&laquo;, &mdash; &raquo;ich wu&szlig;te, da&szlig; du
+dich nie in geregelten Bahnen bewegen w&uuml;rdest&laquo; &mdash; &raquo;deine
+Romane sind nur um ein Kapitel reicher geworden&laquo; emp&ouml;rten mich.</p>
+
+<p>Auch meine Tante schrieb mir. &raquo;Deine Ablehnung
+einer, wie mir Hans mitteilte, so ungew&ouml;hnlich guten
+Partie ist ein Schaden, den du dir selbst zugef&uuml;gt hast,
+und dessen Folgen du ebenso zu tragen haben wirst wie
+die sonstigen Folgen deines Eigensinns ...&laquo;</p>
+
+<p>Schweigend lie&szlig; ich alle Vorw&uuml;rfe &uuml;ber mich ergehen.
+Ich machte weite Spazierg&auml;nge, auf denen mir der
+schwarze C&auml;sar, der treue Hofhund, nicht von der Seite
+wich. Dem Zusammenhang meines Lebens suchte ich
+nachzusp&uuml;ren: Was war es gewesen &mdash; was wollte es
+von mir? Und wenn es Abend wurde, schrieb ich nieder,
+was mir durch den Kopf gegangen war, und meine
+Feder brachte Ordnung in das Chaos meiner Gedanken.</p>
+
+<p>&raquo;Der Bildhauer bildet sein Werk aus einem rohen
+Marmorblock, er behaut es, er gl&auml;ttet es, er sucht die
+weichen Formen einer Venus aus dem harten Material
+herauszuarbeiten. Es dauert lange, ehe er sich selbst
+gen&uuml;gt; nicht das lebende Modell will er kopieren,
+er will ein Sch&ouml;nheitsideal, das ihm best&auml;ndig vorschwebt,
+verwirklichen. Anders der Handwerker, der
+rasch ein effektvolles Dekorationsst&uuml;ck schaffen will: er
+fertigt ein Holzger&uuml;st, drapiert es mit Sackleinwand,
+wirft Gyps dar&uuml;ber und setzt eine fertig gekaufte Allerweltsgipsb&uuml;ste
+darauf. Aus einiger Entfernung wirkt
+<a name="Page_412" id="Page_412"></a>seine Arbeit nicht &uuml;bel, dem Rohen t&auml;uscht sie dauernd
+ein Kunstwerk vor, &mdash; nur in der N&auml;he schau sie nicht
+an und h&uuml;te sie wohl vor Regen und Sturm, das Holzger&uuml;st
+m&ouml;chte sonst allzu schnell zum Vorschein kommen! &mdash; Hat
+ein K&uuml;nstler oder ein Handwerker mich geschaffen?
+Habe ich die N&auml;he zu f&uuml;rchten und das
+Wetter? Oder st&uuml;rzt mich kein Sturm? Bin ich, oder
+scheine ich nur?&laquo; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Bald lie&szlig; es mir keine Ruhe mehr, &mdash; kaum da&szlig; ich
+den n&ouml;tigsten Schlaf mir g&ouml;nnte &mdash;, ich schrieb und
+nannte das kleine schwarze Buch, &uuml;ber dessen Seiten meine
+Feder fiebernd flog: Wider die L&uuml;ge. Seine ersten
+Seiten lauteten:</p>
+
+<p>&raquo;Die L&uuml;ge ist der Anfang alles Verderbens, ist das
+Verderben selbst. Alle Sch&auml;den, an denen unsere Zeit,
+an denen wir selber kranken, entspringen aus diesem
+Grund&uuml;bel. Wir sprechen in vollt&ouml;nenden Phrasen von
+Wahrheit, und doch trennen uns von ihr tote Jahrhunderte.
+Denn die Wahrheit der Vergangenheit wird
+zur L&uuml;ge der Gegenwart. Wie ein Verbrechen verstecken
+wir, was in die alten Formen und Formeln nicht passen
+will, und sehen nicht, da&szlig; es vielmehr Verbrechen ist,
+diese Formen und Formeln aufrecht zu erhalten. Wir
+beugen uns unter Gesetze, gegen die wir uns innerlich
+emp&ouml;ren, und triumphieren, wenn wir schlie&szlig;lich selbst
+das Gef&uuml;hl der Emp&ouml;rung unterdr&uuml;ckt haben. Und die
+Diener der Kirche und des Staates lehren uns, da&szlig; wir
+damit den Himmel erwerben.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist Wahrheit? &mdash; Zweifelnd und verzweifelnd,
+sch&uuml;chtern und wild flog diese Frage durch die Jahrtausende.
+Oft glich die Antwort einem Achselzucken,
+<a name="Page_413" id="Page_413"></a>noch &ouml;fter dem Befehl eines Tyrannen, der jeden Widerspruch
+mit dem Beil des Henkers lohnt. Der Muhamedaner
+schw&ouml;rt auf den Koran, der Jude auf den Talmud,
+der Christ auf die Bibel. Und jeder, der ein neues
+Gedankengeb&auml;ude gen Himmel t&uuml;rmt, sagt: das ist
+Wahrheit.</p>
+
+<p>&raquo;Gibt es eine Wahrheit? Eine unumst&ouml;&szlig;liche, an der
+kein Steinchen sich lockert? Eine unbedingt g&uuml;ltige f&uuml;r
+alle Zeiten, alle Kreaturen, alle Welten?</p>
+
+<p>&raquo;Wie ein fernes Licht hinter einem dunkeln Vorhang
+leuchtet sie, und langsam, Schritt f&uuml;r Schritt, dringt
+die Erkenntnis erobernd vor und raubt dem Glauben
+einen Fu&szlig;breit Boden nach dem anderen. Der Weg
+wird heller, aber fern bleibt das Licht. Das Ende
+aller Dinge f&auml;llt zusammen mit seiner Enth&uuml;llung. Wir
+aber leben, und darum haben wir die reine Wahrheit
+nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Wir m&uuml;ssen w&auml;hlen zwischen fremder Wahrheit und
+unserer Wahrheit. Wir werden zu L&uuml;gnern, wenn wir
+bequem und gedankenlos nach den fertigen Wahrheiten
+der anderen greifen.</p>
+
+<p>&raquo;Wer wahr sein will, mu&szlig; frei sein. Frei von den
+Ketten, in die Erziehung, Bildung, Tradition uns geschmiedet
+haben, frei von den Zauberbrillen, mit denen
+die Priester unser Augenlicht verdunkelten, frei von der
+Tracht der Lakaien, in die die Machthaber der Erde die
+Abh&auml;ngigen zwingen. Was du nicht selbst erwarbst,
+nicht selbst bist, das ist L&uuml;ge und Sklaverei.</p>
+
+<p>&raquo;Die Erziehung ist wie eine eiserne Form, in die die
+weichen Kinderseelen hineingepre&szlig;t werden. Und sollte
+doch nur ein Stab sein, zum Halt f&uuml;r das junge
+<a name="Page_414" id="Page_414"></a>wachsende B&auml;umchen. Im Leben des Kindes bedeutet
+das &#8250;Warum?&#8249; die Geburt des Menschen. Die Erziehung
+schl&auml;gt es tot, kaum da&szlig; es die Glieder regt. Das
+Schulzuchthaus spannt in dasselbe Joch den Begabten
+und den Unbegabten, den Phantasiereichen und den
+N&uuml;chternen. Es stopft die Gehirne voll mit Namen,
+Zahlen und Regeln, und der beste Sch&uuml;ler ist, der rasch
+aufnimmt, der schlechteste, der sich gr&uuml;belnd das Geh&ouml;rte
+zu eigen machen will. Dar&uuml;ber stirbt das &#8250;Warum&#8249;, das
+Gehirn trocknet ein, das Herz verschrumpft, und an
+Stelle selbst&auml;ndigen Denkens, lebendiger Begeisterung
+f&uuml;r das Gute, Wahre und Sch&ouml;ne treten Geschichtstabellen,
+Bibelspr&uuml;che, Urteile &uuml;ber Welt und Menschen.</p>
+
+<p>&raquo;Wehe, wer dem Lehrenden widerspricht: Denken f&uuml;hrt
+auf Abwege, Zweifeln schafft Ketzer und Aufr&uuml;hrer.</p>
+
+<p>&raquo;Verschling ihn getrost, den weichen s&uuml;&szlig;en Brei, den
+man dir mundgerecht vorsetzt, du P&auml;ppelkind, du verlernst
+dabei selbst den Gebrauch deiner Z&auml;hne!</p>
+
+<p>&raquo;Nicht als mythendurchwebte Geschichte der Juden
+werden dem Kinde uralte Urkunden der Menschheit vorgetragen,
+als Wahrheit vielmehr, daran zu zweifeln
+S&uuml;nde ist. Rauben und Morden, Verfolgen und Betr&uuml;gen, &mdash; das
+Volk Gottes tat es auf Jehovas Befehl,
+unter seinem Schutz, und demselben Kinde, das diesen
+Gott anbeten, seine Auserw&auml;hlten verehren soll, wird
+die Religion der Liebe gepredigt.</p>
+
+<p>&raquo;Nimm auch das hin, du arme kleine Menschenmaschine:
+R&uuml;ttelst du nur mit einem eigenen Gedanken
+daran, so f&auml;llt das ganze Haus in Tr&uuml;mmer.
+Bringe deinen Verstand h&uuml;bsch zum Schweigen, werde
+<a name="Page_415" id="Page_415"></a>wie alle, die es in der Welt zu Geld und Ansehen
+bringen: eine lebendige L&uuml;ge.</p>
+
+<p>&raquo;Ein gebildeter Mensch ist das Ziel der Erziehung.
+Herrlich! Wenn es wahr w&auml;re. Bilden hei&szlig;t den
+gegebenen Stoff zur h&ouml;chsten Vollkommenheit entwickeln, &mdash; nicht
+aus Gips Marmors&auml;ulen, aus Holz Eisenkonstruktionen,
+aus Glas Diamanten machen. Aber an
+Stelle des Seins die T&auml;uschung setzen, ist das Zeichen
+unserer Bildung. Wer &uuml;ber alles mitredet, stets mit
+einem fertigen Urteil bei der Hand ist, selten bewundert,
+gilt als gebildet. Urteilsf&auml;higkeit ist Kriterium der
+Bildung, aber doch nur dann, wenn das Urteil ein
+eigenes ist. Zu dieser Bildung aber ist der Weg lang
+und steil, und mi&szlig;trauisch sollte stets fertiges Urteil
+machen.</p>
+
+<p>&raquo;Der Gebildete unserer Tage scheint, was er nicht
+ist; er bel&uuml;gt andere, oft auch sich selbst; er begeht
+geistigen Diebstahl, indem er fremde Weisheit als eigene
+ausgibt; er beraubt sich der wundervollsten Lebensfreude,
+indem er zwar lernte, sich durch stete Verneinung
+hochm&uuml;tig &uuml;ber alle zu erheben, nicht aber offnen Sinnes
+zu genie&szlig;en, was Natur und Kunst geschaffen haben.
+Vergiftet ward uns der frische sprudelnde Quell der
+Bildung, ert&ouml;tend rinnt er nun durch die Adern des
+Volks und tr&uuml;bt seinen Blick, so da&szlig; es den Vieles-Wissenden
+an Stelle des Selbst-Seienden zum G&ouml;tzen
+erhebt.</p>
+
+<p>&raquo;Wer wider die L&uuml;ge streiten will, mu&szlig; die neue
+Wahrheit verk&uuml;nden. Welches ist sie?</p>
+
+<p>&raquo;Die Wahrheit von den Kindern zun&auml;chst:</p>
+
+<p>&raquo;Das Ziel der Erziehung sei kein Lexikon, sondern ein
+<a name="Page_416" id="Page_416"></a>freier Mensch. Wissen sei nicht Selbstzweck, sondern
+Mittel zu dem Zweck, das Leben reich, den Menschen stark
+zu machen. T&ouml;te kein &#8250;Warum&#8249;, locke es vielmehr hervor,
+wie der G&auml;rtner durch sorgsame Pflege die jungen
+Triebe hervorlockt. Leite, &mdash; meistere nicht. Wisse, da&szlig;
+deine Wahrheit nicht die des Kindes ist, da&szlig; du es
+l&uuml;gen lehrst, wenn du sie ihm aufzwingst. M&auml;rchenglaube
+ist Kindeswahrheit. La&szlig; sie ihm. Erz&auml;hle ihm
+darum die Mythen der V&ouml;lker wie M&auml;rchen: von Isis
+und Osiris zu Odin und Baldur, von Jehova zu Jupiter
+bis zum himmlischen Vater der Christen. Zeig ihm, wie
+die Menschen unter tausend Namen und Formen vor
+dem heiligen Geheimnis schaffenden Lebens anbetend
+knieten. Lehre es ihn schauen und bewundern in jeder
+duftenden Blume, jeder Wolke, jedem Stern, jedem Gesetz
+der Natur.</p>
+
+<p>&raquo;Und dann f&uuml;hre es ein in die Geschichte der Menschen.
+Schaffe keine Engel und Teufel aus deiner Machtvollkommenheit &mdash; aber
+st&ouml;re das Kind nicht, wenn es sich
+eigene Helden bildet. Tritt bescheiden zur&uuml;ck mit deinem
+eigenen Ich hinter dem werdenden Ich des anderen.
+Was er nicht selbst beurteilen kann, lehre ihn nicht beurteilen.
+Es ist Sentimentalit&auml;t, durch unsere Erfahrungen
+dem Kinde die eigenen ersparen <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'zuwollen'">zu wollen</ins>. Denn
+eigene Erfahrung ist die allein sichere Stufenleiter der
+Entwicklung. F&uuml;hrt sie das Kind fort von dir, so
+jammere nicht, denn nicht dein Eigentum ist es, sondern
+sein eigenes und das der Menschheit. Pr&auml;ge ihm nicht
+Lebensregeln ein, weise ihm vielmehr den Weg, um
+seines Lebens eigene Regeln zu finden.</p>
+
+<p>&raquo;Und seines Herzens eigene Religion.</p>
+<p><a name="Page_417" id="Page_417"></a></p>
+<p>&raquo;Welches ist die Wahrheit von ihr? Der Entwickelungsgang
+der Menschheit ist vom ersten Ursprung an
+ein stetig fortschreitender. Kindlicher M&auml;rchenglaube ist
+der vom verlorenen Paradiese; der Mann glaubt an das
+zu erobernde.</p>
+
+<p>&raquo;In der Natur gibt es keinen Stillstand: der Flu&szlig;
+strebt dem Meere zu, der Baum w&auml;chst empor, zum
+Menschen wird das Kind. Dies &#8250;Vorw&auml;rts&#8249; ist ein Gesetz,
+das sich nie verleugnet; so oft seine Kraft zu
+schwinden drohte, so oft brach es auch machtvoll durch
+alle Schranken, die menschliche Torheit m&uuml;hsam aufrichtete.
+Die &Uuml;berzeugung von der Unumst&ouml;&szlig;lichkeit dieses
+Gesetzes weitet unser Herz und unseren Geist. Wir
+werden es aus allen Verdunkelungen, aus allen Leiden,
+von denen die Geschichte der V&ouml;lker und der Menschen
+erz&auml;hlt, heraus erkennen, wenn es unser eigenes Lebensprinzip
+geworden ist. Wir werden es auch dann bejahen,
+wenn es t&ouml;tet, weil wir wissen, da&szlig; welke Bl&auml;tter
+fallen m&uuml;ssen, um jungen Trieben Platz zu machen, da&szlig;
+die Bl&uuml;te sterben mu&szlig;, wenn die Frucht reifen soll.</p>
+
+<p>&raquo;Der Pessimismus sagt: Es gibt kein Gl&uuml;ck; der
+Pietismus versichert: Die Erde ist ein Jammertal. Aber
+die neue Wahrheit lehrt: Es gibt ein Gl&uuml;ck, das &uuml;ber
+alles Leid hinweghilft; jede Blume auf dem Felde, jede
+Eichel am Baum, jeder S&auml;ugling am Mutterherzen
+zeugt davon. Sein Gesetz ist: Wachse! Werde! Soll
+es allein f&uuml;r die Religion nicht gelten?</p>
+
+<p>&raquo;Was ist Religion? Der Zug nach oben, die Ehrfurcht
+vor dem Unerkannten, Nichtzuerkennenden. Sollte sie
+unwandelbar feststehen, weil sie sonst kein Halt, keine St&uuml;tze
+w&auml;re f&uuml;r so viele? Was ist denn das Feststehende an
+<a name="Page_418" id="Page_418"></a>ihr? Etwa der Glaube, da&szlig; Gott Eins und doch Drei,
+oder da&szlig; Christus einer Jungfrau Sohn ist? Oder der
+Glaube an die Speisung der Tausende, an die feurigen
+Z&uuml;nglein des heiligen Geistes? Selbst der strengste
+Christ wird darin nicht den Urquell seiner Herzensreligion
+finden. Was ihn zu dem macht, was er ist,
+ihm die Kraft gibt zum Handeln und zum Ertragen,
+das ist nichts anderes als die &Uuml;berzeugung von der Unendlichkeit
+des Werdens, &mdash; theologisch ausgedr&uuml;ckt:
+der Unsterblichkeitsglaube. F&uuml;r ihn mag er in der
+Form des pers&ouml;nlichen Fortlebens, der Auferstehung des
+Fleisches, Wahrheit sein. Uns ward er zur Wahrheit
+im Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Wie ein Sto&szlig;
+fortwirkt ohne Aufh&ouml;ren, wirkt die Tat fort und der
+Gedanke ohne Ende.</p>
+
+<p>&raquo;Staat und Kirche lehren die Religion Christi wie vor
+achtzehnhundert Jahren. Was die Apostel, einfache
+M&auml;nner des Volks, in orientalischer Phantasie und
+kindlichem Glauben von ihres Herren und Meisters Geburt
+und Leben erz&auml;hlten, soll uns noch Wahrheit sein.
+Was aber bleibt f&uuml;r uns, wenn wir hinter den Mythen
+die Wahrheit suchen? Die g&ouml;ttliche Geburt Christi?
+Des Menschen Geist ist g&ouml;ttlichen Ursprungs, und wer
+seiner Bestimmung folgt bis zum Tode, &mdash; der ist Gottes
+Sohn. Wir aber, die wir uns nennen nach dem Namen
+des Nazareners, der, wie wenige vor und nach ihm,
+der alten L&uuml;ge die neue Wahrheit entgegensetzte und
+sich ans Kreuz schlagen lie&szlig; von den Frommen seiner
+Zeit, &mdash; wir verleugnen das gr&ouml;&szlig;te, was uns ward:
+den Geist. Wir stempeln seine g&ouml;ttliche Kraft zur S&uuml;nde
+und lehren im Namen des Gekreuzigten, da&szlig; wir nicht
+<a name="Page_419" id="Page_419"></a>zweifeln, das hei&szlig;t: nicht denken d&uuml;rfen. Aber die neue
+Wahrheit von der Religion predigt die Pflicht des
+Zweifelns, weil der Zweifel die neue Wahrheit gebiert
+und die Wurzeln des Werdens in ihm ruhen.</p>
+
+<p>&raquo;Denke bis zu den letzten Konsequenzen, rei&szlig;e nieder,
+was deinem Denken im Wege steht; selbst das Heiligste,
+das Unantastbare ist unheilig und ein Frevel, wenn es dem
+Gedanken zur Schranke ward. Denke, &mdash; und du wirst
+reich, denke, &mdash; und du wirst stark und froh. Wer, und
+ob er gleich hundert Jahre lebte, wird solchen Werdens
+ein Ende finden? Darum, statt Christi wundersame
+Geburt zu verk&uuml;nden, verk&uuml;ndet die Heiligkeit unseres
+Lebens! &mdash; Und sein Opfertod? Wer an ewige H&ouml;llenstrafen
+glaubt, den lehrt die Angst, da&szlig; die eigene
+Schuld von einem anderen ges&uuml;hnt werden k&ouml;nnte.
+Jesus aber starb nicht f&uuml;r andere, sondern f&uuml;r seine
+&Uuml;berzeugung, &mdash; er lehrte die Tat, nicht die Reue. Und
+seine Auferstehung? Wer verm&ouml;chte an ihr zu zweifeln?
+Lebt nicht sein Geist &mdash; und wird er nicht ewig leben,
+auch wenn seine Lehre nicht die Wahrheit an sich ist,
+sondern nur eine Stufe zu ihr? &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Nun aber bleibt mir noch die R&auml;tselfrage nach der
+neuen Wahrheit vom Leben! Warum all die Qual und
+Not, all das Elend und die Verzweiflung? Im Kampf
+ums Dasein sind Milliarden Lebewesen untergegangen,
+um h&ouml;heren Formen, reiferen Gehirnen Platz zu machen.</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;ber Tote geht alle Entwicklung.</p>
+
+<p>&raquo;Die rohe Kraft wich den feineren Kr&auml;ften des Geistes,
+und die Kr&auml;fte des Geistes warten ihrer Erg&auml;nzung
+durch die der Seele. Ohne Qualen g&auml;be es keine Kraft,
+die an ihnen w&auml;chst und sich bew&auml;hrt.</p>
+<p><a name="Page_420" id="Page_420"></a></p>
+<p>&raquo;Wer am Leiden zugrunde geht, ist des Lebens nicht
+wert gewesen.</p>
+
+<p>&raquo;W&auml;chst nicht selbst aus dem Hunger der Massen der
+Riese, der ihn &uuml;berwinden wird? Schafft die Not nicht
+die Einigkeit und den Kampf, gr&uuml;nt nicht heimlich unter
+Blutlachen und Tr&auml;nen die junge Saat der kommenden
+Menschen?</p>
+
+<p>&raquo;Nur Eins ist not: da&szlig; wir in dem ungeheuern Triebrade
+der Entwicklung kein Staubkorn sind, das hindert,
+bis es zermalmt wird, kein Rostfleck, der den Mechanismus
+anfri&szlig;t, bis er verrieben ist. Wenn wir kein Teil der
+motorischen Kraft sein k&ouml;nnen, seien wir wenigstens ein
+Tr&ouml;pflein &Ouml;ls, ein winziges Z&auml;hnchen.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist die neue Wahrheit vom Leben.&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Mir war, als h&auml;tte ich mir ein R&uuml;stzeug geschmiedet,
+das mich un&uuml;berwindlich machte.
+Gl&uuml;ckselig sah ich jedem jungen Tage entgegen
+und wanderte mit frischen Kr&auml;ften tief in den
+Wald, die Lenzluft einatmend, die starke, w&uuml;rzige, &mdash; den
+echten Jugendborn f&uuml;r Geist und K&ouml;rper.</p>
+
+<p>Es war hoher Sommer, als ich mich entschlo&szlig;, meines
+Vaters Wunsch Folge zu leisten und zum Kaiserman&ouml;ver
+nach M&uuml;nster zur&uuml;ckkehren.</p>
+
+<p>Am Tage meiner Ankunft prangte die Stadt schon in
+vollem Schmuck: Fahnen und Wimpel in bunter Farbenpracht
+flatterten im Winde, aus den Fenstern hingen
+Teppiche, &uuml;ber die Stra&szlig;en zogen sich gr&uuml;ne Girlanden,
+mit roten und blauen Sommerblumen besteckt. Eine bunte
+Volksmenge f&uuml;llte die Stra&szlig;en. Alte Trachten tauchten auf:<a name="Page_421" id="Page_421"></a>
+Frauen mit schweren, goldgestickten Hauben, M&auml;nner
+mit wei&szlig;en Str&uuml;mpfen und roten Westen, auf denen
+dicke Silberkn&ouml;pfe gl&auml;nzten. Als am n&auml;chsten Morgen
+in gl&uuml;hendem Sommersonnenschein das Kaiserpaar einzog,
+schien die ganze Luft erf&uuml;llt von dem gewaltigen Konzert
+der Glocken, und der Donner der Gesch&uuml;tze klang nur
+wie der tiefe Akkord der Begleitung. Alle Pracht und
+allen Reichtum hatte der Adel Westfalens aufgeboten;
+in altert&uuml;mlichen Kaleschen, gemalt und goldverziert,
+gepuderte Kutscher und Lakaien in roten, blauen, gelben
+und wei&szlig;en R&ouml;cken auf Bock und Trittbrett, fuhren seine
+Vertreter mittags zum Empfang ins Schlo&szlig;.</p>
+
+<p>Kein Prunkzelt der Medizeer konnte &uuml;ppiger sein als das
+auf dem Ludgeriplatz, wo die Mitglieder des Landtags den
+Landesherrn zum Mittagsmahl empfingen. Und kein florentinischer
+Palast konnte gr&ouml;&szlig;eren Glanz entfalten als das
+Haus des Damenklubs, das am Abend die kaiserlichen
+G&auml;ste erwartete. Auf den Treppenstufen standen die J&auml;ger
+der Herzoge von Croy, von Ratibor, von Rheina-Wolbeck,
+der F&uuml;rsten Bentheim und Salm; mit kostbaren Gobelins,
+alten Venetianer Spiegeln, Waffen aller L&auml;nder und
+Zeiten, goldenen und silbernen Schaugef&auml;&szlig;en waren die
+S&auml;le geschm&uuml;ckt, aber die F&uuml;lle der Edelsteine auf den
+K&ouml;pfen, den Schultern, und den Armen all der sch&ouml;nen,
+rassigen Frauen &uuml;berstrahlte alles. Mit schimmernden
+Seidenkleidern und bunten Uniformen f&uuml;llten sich die
+R&auml;ume; eine Fanfare, &mdash; und unter dem Bogen der
+T&uuml;re erschien das Kaiserpaar: in Husarenuniform, den
+Dolman &uuml;ber dem kurzen, linken Arm der Kaiser, in
+wei&szlig;em Brokat die Kaiserin. Zum erstenmal sah ich ihn
+wieder seit meiner Kinderzeit: das gebr&auml;unte Gesicht
+<a name="Page_422" id="Page_422"></a>war noch finsterer geworden, der emporgewirbelte Bart
+konnte &uuml;ber die herabgezogenen Mundwinkel nicht t&auml;uschen,
+und das gleichm&auml;&szlig;ig verbindliche L&auml;cheln der blonden
+Frau neben ihm war zu konventionell, ihr helles Antlitz
+zu ausdruckslos, als da&szlig; es den Blick von ihm h&auml;tte
+ablenken, die Empfindung von Eisesk&auml;lte, die uns alle
+&uuml;berkam, h&auml;tte vertreiben k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Der Ball begann. Ich f&uuml;hlte, wie die jungen Damen
+mehr als sonst von mir abr&uuml;ckten, wie man, trotz der
+Erregung des Augenblicks, Zeit fand, &uuml;ber mich zu
+tuscheln und zu raunen. Hessenstein stand wie ein
+riesiger W&auml;chter neben mir. Er war es auch, der mir
+zufl&uuml;sterte, noch ehe eine &raquo;gute Freundin&laquo; mich schadenfroh
+davon unterrichten konnte, da&szlig; Syburg sich verlobt
+habe. Und an seinem Arm flog ich durch den Saal,
+als der erste Walzer seine Schmeichelweise ert&ouml;nen lie&szlig;.
+Unten, dicht vor der Estrade, wo die Kaiserin Cercle
+hielt, stand der Kaiser. Im Rausch des Tanzes bemerkte
+ich ihn erst, als die Schleppe meines Kleides ihn
+streifte. Einen Augenblick lang sah er mir nach und
+l&auml;chelte, w&auml;hrend mir mit einem Gef&uuml;hl des Triumphes
+durch den Sinn scho&szlig;, da&szlig; kein T&auml;nzer im Saal so
+sch&ouml;n war wie der meine und keine Dame so gut tanzte
+wie ich. So sollte es sein: nicht allm&auml;hlich, wie die
+alternden Mauerbl&uuml;mchen, wollte ich mich losrei&szlig;en
+vom Jugendleben, &mdash; auf der H&ouml;he vielmehr wollte ich
+Abschied feiern! In den Pausen dr&auml;ngten sich die jungen
+M&auml;dchen in die N&auml;he der Kaiserin und kehrten mit
+verkl&auml;rten Gesichtern zur&uuml;ck, wenn es ihnen gelungen
+war, vorgestellt zu werden. &raquo;Wollen Sie nicht auch &mdash;?&laquo;
+meinte Hessenstein bedenklich. &raquo;Wozu?&laquo; antwortete ich
+<a name="Page_423" id="Page_423"></a>lachend &raquo;um eines Handkusses und einer Phrase willen
+meine Spitzen in Gefahr bringen!&laquo;</p>
+
+<p>Im Speisesaal war auf erh&ouml;htem Platz die Kaisertafel
+gedeckt; aus Gold waren Bestecke, Sch&uuml;sseln und Schalen,
+phantastische Orchideen nickten aus hohen Kristallkelchen,
+Kr&auml;nze von gelben Rosen hoben sich leuchtend von der
+mattvioletten Seide der W&auml;nde. Tisch an Tisch reihte
+sich in dem weiten Raum darunter, und den Dreihundert,
+die sich hier zusammenfanden, wurde von silbernen
+Sch&uuml;sseln auf silbernen Tellern serviert. Ich sa&szlig; in
+einem fr&ouml;hlichen kleinen Kreis abseits unter dem Schatten
+gro&szlig;bl&auml;tteriger Palmen; zwischen ihren St&auml;mmen hindurch
+konnte ich hinauf zur Kaisertafel blicken. Das
+Profil Wilhelms II. stand scharf gegen den hellen Hintergrund.
+Ich sah, wie er das Sektglas wieder und wieder
+zum Munde hob und wie er lachte, &mdash; der kleine dicke
+Herzog von Croy, der ihm gegen&uuml;ber sa&szlig;, liebte derbe
+Sp&auml;&szlig;e, &mdash; aber es war das Lachen eines Ausgelassenen,
+das mit Heiterkeit nichts zu tun hat. Die starke rechte
+Hand gestikulierte lebhaft und benutzte nur hie und da
+das Doppelbesteck, um ein paar Bissen zu schneiden und
+zum Munde zu f&uuml;hren. Kraftlos, bewegungslos wie
+ein fremdes Glied hing die behandschuhte Linke an dem
+kurzen Kinderarm.</p>
+
+<p>Sommerschw&uuml;le br&uuml;tete in den Stra&szlig;en, als wir heimw&auml;rts
+fuhren, und ein Sommernachtsm&auml;rchentraum hielt
+die alte Stadt umfangen. Exotische Gl&uuml;hw&uuml;rmchen
+schienen um die Pfeiler der Laubeng&auml;nge zu tanzen, sich,
+allen Linien des Ma&szlig;werks folgend, bis hoch in die
+Spitzen der Kircht&uuml;rme zu schwingen. Die grauen Steine
+verschwanden; aus Licht und Farben waren die spitzen<a name="Page_424" id="Page_424"></a>
+Giebel, die schlanken S&auml;ulen, die hohen Fensterbogen
+gebaut. Hinter dem dunkeln Laubdach der alten Linden
+schimmerte der Dom wie ein gewaltiger Tempel des
+Lichtgotts.</p>
+
+<p>Wir fuhren langsam in unseren hellen Kleidern,
+Ballblumen im Haar, und die Menge jubelte uns zu,
+wo wir vor&uuml;berkamen. Aus den offenen Fenstern und
+den G&auml;rten t&ouml;nte Gesang und Musik.</p>
+
+<p>Lebensfreudiges Heidentum lachte und leuchtete um
+uns, jenes Heidentum, das die katholische Kirche klug
+zu erhalten verstand. Wo der Protestantismus mit seiner
+kunstfeindlichen N&uuml;chternheit einzog, entfloh es; wo der
+Bischof im goldgestickten Ornat dem Prediger im schwarzen
+Trauerkleid Platz machen mu&szlig;te, wo die lustigen rotr&ouml;ckigen
+Chorknaben verschwanden und in das mystische,
+weihrauchgeschw&auml;ngerte Dunkel der Kirchen grelles Tageslicht
+eindrang und duftloser Alltag, da verlor das Volk
+allm&auml;hlich den Kindersinn, der sich in phantastischem Prunk
+und bunten Spielen &auml;u&szlig;ert.</p>
+
+<p>Zu F&uuml;&szlig;en der Porta Westfalica waren vierzehn Tage
+sp&auml;ter die Kaiserman&ouml;ver. Mit einer Parade vor den
+Toren von Minden wurden sie er&ouml;ffnet. Es war dasselbe
+Bild wie immer bei solchen Gelegenheiten: schwarze
+Menschenmassen, graue Staubwolken, geschmacklos dekorierte
+Trib&uuml;nen, von Fremden und Einheimischen dicht
+besetzt; auf dem Felde davor, wohin das Auge reichte,
+blitzende Uniformen, wehende Helmb&uuml;sche, stampfende
+Pferde. In der Ferne die blauen H&ouml;henz&uuml;ge des Wesergebirges, &mdash; ein
+ruhig-ernster Abschlu&szlig; des lebendigen
+Bildes.</p>
+
+<p>Wenn ein altes Ro&szlig;, das schon lang vor dem Last<a name="Page_425" id="Page_425"></a>wagen
+keucht, die Trompete h&ouml;rt, so spitzt es die Ohren,
+hebt den m&uuml;den Kopf und versucht mit den lahmen
+Beinen grazi&ouml;s zu t&auml;nzeln; und wenn der Mensch, der
+die Soldatenspielerei der V&ouml;lker schon l&auml;ngst f&uuml;r frevelhaft
+h&auml;lt, die alten Kriegsm&auml;rsche h&ouml;rt, so mu&szlig; er an
+sich halten, um nicht mit zu marschieren; tauchen aber
+die Truppen selbst vor seinen Augen auf, &mdash; all die
+Tausende junger, lebensstarker Menschen zu Fu&szlig; und zu
+Pferde, im silber- und goldverschn&uuml;rten Rock, im gl&auml;nzenden
+K&uuml;ra&szlig; und die Sonne spiegelnden Stahlhelm, mit schwarzwei&szlig;en
+wehenden F&auml;hnchen, den rasselnden S&auml;bel zur
+Seite, oder mit dem dr&ouml;hnenden Gleichma&szlig; des Tritts
+zahlloser Bataillone, &mdash; so pocht das Herz ihm h&ouml;her,
+so fest ers auch halten m&ouml;chte.</p>
+
+<p>Ich stand in der Mittelloge der Trib&uuml;ne. Dicht vor
+mir die Suite des Kaisers, die fremdl&auml;ndischen F&uuml;rsten,
+er selbst, und an ihnen vor&uuml;ber ein gl&auml;nzender Strom
+von Soldaten, den die Tonwellen schmetternder Fanfaren
+zu tragen und zu treiben schienen. Ich wollte nicht
+staunen, nicht bewundern, aber die Worte des Spottes
+erstarben mir auf den Lippen. Wecken jene Kl&auml;nge
+verlorene Erinnerungen aus barbarischer Vorzeit? Peitscht
+der Anblick kriegerischer Wehr jenen Tropfen Blutes
+auf, der von unseren Vorfahren, denen Kampf Lust und
+Leben war, noch in unseren Adern rollt? Oder ist es
+nicht blo&szlig; die Suggestion der Masse, der Musik, der
+Farben, die unsere Sinne berauscht? W&uuml;rde es uns nicht
+in dieselbe Erregung versetzen, wenn diese Soldaten
+M&auml;nner der Arbeit w&auml;ren, ihre Waffen blanke Werkzeuge,
+ihre Uniformen Festgew&auml;nder, das ganze strahlendbunte
+Bild eine gewaltige Revue der Arbeit?</p>
+
+<p><a name="Page_426" id="Page_426"></a>Ich gr&uuml;belte noch dar&uuml;ber nach, als ein brausendes
+&raquo;Hurrah&laquo; mich aufsehen lie&szlig;. Der Kaiser hatte sich an
+die Spitze der 53er gesetzt und f&uuml;hrte das Regiment
+seines Vaters an den Trib&uuml;nen vor&uuml;ber. Als spontane
+Gef&uuml;hls&auml;u&szlig;erung wurde jubelnd begr&uuml;&szlig;t, was nur eine
+Aus&uuml;bung h&ouml;fisch-milit&auml;rischer Sitte war.</p>
+
+<p>&raquo;Wird ihm diesmal schwer geworden sein,&laquo; meinte
+F&uuml;rst Limburg leise, der neben mir stand. &raquo;Warum?&laquo;
+frug ich verwundert. &raquo;Der Spuk im aachener Kasernenhof
+soll ihn nicht wenig erregt haben!&laquo;</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen ritt ich mit Limburgs unter
+F&uuml;hrung eines Korps-Gendarmen ins Man&ouml;vergel&auml;nde.
+Mit tr&uuml;ben Gedanken, die der regnerische Tag nicht
+heller machte, war ich zu Pferde gestiegen. Meinen
+Vater hatte ich seit meiner R&uuml;ckkehr so wortkarg und
+finster gefunden, wie nie vorher; in diesen Tagen aber
+war er von haltloser Heftigkeit, so da&szlig; alles vor ihm
+zitterte. Ob er wohl auch an das pommersche Kaiserman&ouml;ver
+vom Jahre 87 dachte?! &mdash; In einem Geh&ouml;ft
+fanden wir Verdy, den Kriegsminister, dessen sarkastischer
+Witz mich immer ebenso anzog, wie sein vernachl&auml;ssigtes
+&Auml;u&szlig;ere mich abstie&szlig;. &raquo;Sauwetter!&laquo; brummte er, mir
+die Hand sch&uuml;ttelnd &raquo;Sie h&auml;tten sich auch was Besseres
+aussuchen k&ouml;nnen, als diesem Man&ouml;ver beizuwohnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was bedeutet die seltsame Betonung, Exzellenz?&laquo;
+frug ich unruhig.</p>
+
+<p>&raquo;Na, Sie sehen doch, &mdash; es regnet,&laquo; wich er aus,
+&raquo;und dann &mdash; all das Hofgeschmei&szlig;, &uuml;ber das man
+stolpert! Wissen Sie &uuml;brigens, &mdash; Majest&auml;t hat Herrn
+von Wittich in letzter Stunde die F&uuml;hrung des markierten
+Feindes &uuml;bertragen.&laquo; Ich erschrak. Wittich, der General<a name="Page_427" id="Page_427"></a>adjutant
+und G&uuml;nstling des Kaisers, ein Mann, dessen
+milit&auml;rische Leistungen mein Vater zu verh&ouml;hnen pflegte, &mdash; stand
+ihm heute als Gegner gegen&uuml;ber!</p>
+
+<p>Wir ritten weiter. Unterwegs begegnete uns ein
+Ordonanzoffizier vom Stabe meines Vaters. Er strahlte.</p>
+
+<p>&raquo;Das war ein Bravourst&uuml;ck,&laquo; rief er mir schon von
+weitem entgegen. &raquo;Die dreizehnte Division hat einen
+Marsch hinter sich, der alles in Erstaunen setzte. Nat&uuml;rlich
+kam die feindliche Kavallerie zu sp&auml;t und wurde
+gl&auml;nzend abgewiesen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich atmete auf. Vor der M&uuml;hle Habichtshorst wehte
+die Kaiserstandarte. Wir ritten so nah heran wie m&ouml;glich.</p>
+
+<p>Im n&auml;chsten Augenblick brauste und dr&ouml;hnte es
+dicht vor uns: unter tausenden von Pferdehufen bebte
+die Erde, die ganze Kavallerie-Division st&uuml;rmte zum
+Angriff, &mdash; ein Anblick, der den Herzschlag stocken lie&szlig;
+und jenes Fieber gespannter Erregung ausl&ouml;ste, das den
+Hazardspieler packt, wenn er die Elfenbeinkugel rollen
+sieht. Ich verga&szlig; meine Unruhe &mdash; den Vater &mdash; den
+peitschenden Regen &mdash;, meine Hand, die den Feldstecher
+vor die Augen hielt, zitterte. Einen Moment trat das
+Antlitz des Kaisers in mein Gesichtsfeld: seine Augen
+gl&uuml;hten, und seine Lippen zuckten. Ich begriff pl&ouml;tzlich
+seine Leidenschaft f&uuml;r solch ein Schauspiel.</p>
+
+<p>Gleich darauf h&ouml;rte ich Trommeln und Pfeifen: im
+Sturmschritt r&uuml;ckte die Infanterie von der anderen Seite
+vor, &mdash; sie kam in unz&auml;hlbaren Massen, wie aus der
+Erde gestampft, mit Hurra und knatterndem Gewehrfeuer.
+Ich sah den Fuchs meines Vaters, &mdash; da pl&ouml;tzlich
+ein Signal: Das Ganze Halt!, und still stand der
+Kampf.</p>
+
+<p><a name="Page_428" id="Page_428"></a>Merkw&uuml;rdig scheu wichen mir auf dem Heimweg
+unsere Offiziere aus. Kurz vor Minden traf ich Hessenstein,
+den ich anrief. &raquo;Was ist geschehen?&laquo; frug ich ver&auml;ngstigt.</p>
+
+<p>&raquo;Es soll einen b&ouml;sen Auftritt gegeben haben,&laquo; antwortete
+er. &raquo;Auf die Mitteilung, da&szlig; er geschlagen
+sei, ist Ihr Herr Vater in helle Wut geraten. &#8250;Sie
+sind wohl des Teufels&#8249;, soll er geschrien haben, &#8250;ihre
+ganze Kavallerie ist ja vernichtet&#8249;. Alle, die ich sprach,
+geben ihm &uuml;brigens Recht. Der Sturm auf Nordhemmern
+und Holzhausen h&auml;tte zweifellos seinen Sieg gesichert,
+wenn er nicht abgebrochen worden w&auml;re.&laquo;</p>
+
+<p>Wir reisten noch an demselben Tage nach M&uuml;nster zur&uuml;ck
+und erwarteten dort meinen Vater. Er war ruhiger,
+als ich gef&uuml;rchtet hatte, und erwog mit solcher Sicherheit
+die Aussichten auf ein Armeekorps, da&szlig; wir selbst
+kaum mehr daran zu zweifeln vermochten.</p>
+
+<p>Als der nahende Karneval uns grade wieder an die
+geselligen &raquo;Pflichten&laquo; zu erinnern begann, starb die alte
+Kaiserin Augusta, und es war f&uuml;r diesen Winter mit
+Spiel und Tanz vorbei. Nichts h&auml;tte mich mehr befriedigen
+k&ouml;nnen. Nun konnte ich mich ungest&ouml;rt der
+Aufgabe widmen, deren Erf&uuml;llung ein neues Leben einleiten
+sollte.</p>
+
+<p>Das kleine Buch, das ich in Hohenlimburg zu schreiben
+begonnen hatte, enthielt die Skizzen, aus denen ich ein
+Gem&auml;lde schaffen wollte, so stark an Farben, so lebendig
+an Gestalten, da&szlig; in Zukunft niemand daran w&uuml;rde
+vor&uuml;bergehen k&ouml;nnen. Aber so rasch jener erste Entwurf
+entstanden war, so langsam gings mit der neuen Arbeit.
+Ich entdeckte L&uuml;cken in meiner Bildung, die durch die
+<a name="Page_429" id="Page_429"></a>mir zu Gebote stehenden Mittel unausf&uuml;llbar blieben.
+Meine Unwissenheit auf den Gebieten der Philosophie und
+der Naturwissenschaften st&uuml;rzte mich oft in die tiefste
+Verzweiflung. Mein ganzes bisheriges Leben erschien
+mir dann wertlos, die Zukunft, wie ich sie ertr&auml;umte,
+auf immer gef&auml;hrdet. Oft sa&szlig; ich bis in die Nacht
+hinein gr&uuml;belnd am Schreibtisch, und erst, wenn das
+letzte Scheit Holz im Kamin erlosch und die Finger
+in der Winterk&auml;lte erstarrten, huschte ich fr&ouml;stelnd in
+mein Schlafzimmer.</p>
+
+<p>Ich war in dieser Zeit so mit meinen eigenen
+Gedanken besch&auml;ftigt, da&szlig; ich mich automatenhaft in
+meiner Umgebung bewegte, bis mir eines Tages
+meines Vaters klanglose Stimme auffiel. &raquo;Bist du
+krank, Papachen?&laquo; frug ich besorgt. Er lachte gequ&auml;lt:
+&raquo;Ich sollte es sein!&laquo; Als ich am n&auml;chsten Morgen zum
+Fr&uuml;hst&uuml;ck in sein Zimmer trat, lag er im Lehnstuhl,
+leichenbla&szlig;, mit weit aufgerissenen Augen. Ich st&uuml;rzte
+neben ihm in die Kniee und griff nach seiner schlaff
+herabh&auml;ngenden Hand. In dem Augenblick kam er zur
+Besinnung; ein Ton, der nichts menschliches an sich hatte,
+drang aus seiner Kehle, &mdash; er sprang auf, schlug wild
+aufschluchzend die H&auml;nde vors Gesicht, um in der
+n&auml;chsten Minute wieder zur&uuml;ckzusinken. Da fiel mein
+Blick auf einen wei&szlig;en Bogen, aus einem blauen Umschlag
+halb herausgerissen, &mdash; ich griff danach und las
+mit verdunkeltem Blick nur die drei Worte: &raquo;... der
+Abschied bewilligt ...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die dreizehnte Division!&laquo; murmelte mein Vater.</p>
+
+<p><a name="Page_430" id="Page_430"></a>Nicht rasch genug konnten wir unseren Haushalt
+aufl&ouml;sen. Mein Vater vertauschte noch an
+demselben Tage die geliebte Uniform mit dem
+schwarzen Rock. Aber er wagte sich damit bei Tage
+nicht auf die Stra&szlig;e; sein Gesicht f&auml;rbte sich dunkelrot
+bei jedem Soldaten, der ohne Gru&szlig; an ihm vor&uuml;berging.
+Ich folgte ihm wie sein Schatten; er sah aus wie einer,
+dem der Tod nachschleicht. Ohne Anteilnahme h&ouml;rte er
+zu, wenn meine Mutter Zukunftspl&auml;ne schmiedete; wenn
+sie aber in der Aussicht auf ein ruhiges Leben f&ouml;rmlich
+froh zu werden vermochte, erhob er sich schwerf&auml;llig und
+ging hinaus. Er k&uuml;mmerte sich um nichts, &auml;u&szlig;erte keinen
+Wunsch, lie&szlig; alles geschehen.</p>
+
+<p>Meine Mutter verkaufte ein gut Teil der M&ouml;bel &mdash; er
+merkte es nicht; sein Adjutant verhandelte mit
+Hilfe des Reitknechts mit den Pferdeh&auml;ndlern, &mdash; er
+betrat den Stall nicht mehr. Als dann aber der
+Morgen kam, wo die Pferde fortgef&uuml;hrt werden sollten
+und wir alle versuchten, ihn in seinem Zimmer festzuhalten,
+lief er pl&ouml;tzlich auf den Flur hinaus, &mdash; hell
+hatte der Fuchs, sein Lieblingspferd, gewiehert, auf
+dem Hofe unten stand er, sein goldiges Seidenhaar
+gl&auml;nzte im Sonnenlicht und lustig bellend, wie sonst vor
+dem Morgenritt, sprang ihm Percy, der wei&szlig;e Terrier,
+an die Nase. Gegen die Scheibe pre&szlig;te mein Vater die
+Stirn, ein Beben ersch&uuml;tterte seinen starken K&ouml;rper, und
+schwere Tr&auml;nen rollten ihm &uuml;ber die Wangen. Der Fuchs
+verschwand im Torweg; nur der Hund blieb noch unschl&uuml;ssig
+stehen, kniff den Schwanz, sah fragend zu uns hinauf
+und trottete dann erst nach &mdash; langsam, ganz langsam.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_431" id="Page_431"></a></p>
+<h2><a name="Funfzehntes_Kapitel" id="Funfzehntes_Kapitel"></a>F&uuml;nfzehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>M&auml;rzsturm im Harz. Er sch&uuml;ttelte auf den H&ouml;hen
+die schweren Schneemassen von den B&auml;umen
+und peitschte durch die T&auml;ler feuchtkalten,
+rieselnden Regen. Hochauf geschwellt wie ein Gie&szlig;bach
+rauschte die sonst so bescheiden fl&uuml;sternde Radau durch
+das St&auml;dtchen. Unter den kahlen, schwarzbraunen Eichen
+stand in grauschillernden Lachen das Wasser; es hing in
+hellen Tropfen in den Spinngeweben zwischen den
+Balken des Musikpavillons und im d&uuml;rren Weinlaubgerank
+um die muffig riechenden Wandelhallen. Mit
+geschlossenen Fensterl&auml;den schliefen H&auml;user und Gasth&ouml;fe
+noch den Winterschlaf, und auf den Wegen in die W&auml;lder
+hatten Regen und Schnee all die vielen Fu&szlig;spuren des
+vergangenen Sommers verwischt.</p>
+
+<p>Jeden Morgen, wenn die blecherne Uhr von Juliushall &mdash; das
+einzig Lebendige zu dieser Stunde &mdash; sieben
+schlug, trat aus dem kleinen H&auml;uschen gegen&uuml;ber ein
+Mann heraus: mit zwei m&uuml;den, blauen Augen unter
+finster gefalteter Stirn sah er k&uuml;hl und gleichg&uuml;ltig zum
+ewig grauen Himmel auf; die vollen Lippen, die ein
+dichter blonder Bart beschattete, pre&szlig;ten sich fest aufeinander,
+und die eine Faust auf dem R&uuml;cken, die andere
+um den Kr&uuml;ckstock gespannt, ging er rasch die Chaussee
+<a name="Page_432" id="Page_432"></a>hinauf. Er lief immer mehr, je weiter er kam; tauchte
+irgendwo ein Mensch auf, so bog er seitw&auml;rts in die
+W&auml;lder. Zuweilen folgte ihm vorsichtig sp&auml;hend ein
+junges blasses M&auml;dchen, dem die schwarzen Locken im
+Wind wild um die Stirne tanzten. Aber sie kam nicht
+weit, &mdash; sie h&auml;tte schlie&szlig;lich laufen m&uuml;ssen, um ihn im
+Auge zu behalten, und das Herz klopfte ihr zu stark.
+So ging sie denn aufseufzend, mit einem sorgenvollen
+Zug um den Mund, die schmale Treppe wieder hinauf,
+in die Puppenwohnung mit den verschossenen Puppenm&ouml;beln,
+den bunten &Ouml;ldrucken an der gro&szlig;blumigen
+Tapete, dem unbehaglich d&uuml;rftigen Pensionsfr&uuml;hst&uuml;ck auf
+dem runden Tisch. Sie schluckte den d&uuml;nnen Kaffee,
+a&szlig; widerwillig ein winziges Br&ouml;tchen und sprang mit
+nerv&ouml;ser Hast auf, als nebenan Stimmen laut wurden.
+&raquo;Schwester!&laquo; rief die eine halb verschlafen &mdash; &raquo;Alix!&laquo;
+klang eine andere, scharfe, spitze durch die zweite T&uuml;r.
+Vor dem kleinen M&auml;dchen knieend, das sich die goldenen
+L&ouml;ckchen wohlgef&auml;llig &uuml;ber die rosigen Fingerchen wickelte,
+zog sie ihm Str&uuml;mpfe und Schuhe an, um gleich darnach
+zur Mutter zu gehen, die vor dem Spiegel der geschickten
+H&auml;nde ihrer &Auml;ltesten wartete.</p>
+
+<p>&raquo;Papa war heute wieder sehr b&ouml;se &uuml;ber den schlechten
+Kaffee,&laquo; sagte sie, w&auml;hrend sie mit dem Kamm durch
+die noch immer vollen blonden Haare ihrer Mutter fuhr,
+&raquo;und der Ofen will auch nicht brennen, &mdash; wir sollten
+doch lieber umziehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wei&szlig;t, da&szlig; alle anderen Pensionen erheblich teurer
+sind,&laquo; antwortete die Mutter gereizt, &raquo;Hans mu&szlig; sich eben
+an Einschr&auml;nkung gew&ouml;hnen.&laquo;</p>
+
+<p>Kam der Vater gegen Mittag zur&uuml;ck, mi&szlig;mutig und
+<a name="Page_433" id="Page_433"></a>m&uuml;de, so sa&szlig; seine &Auml;lteste schon seit ein paar Stunden
+neben dem Schwesterchen und spielte Lehrerin. Des
+Nachmittags gingen sie zu viert spazieren; aber angesichts
+der gramvollen Verschlossenheit des Vaters, der unnahbaren
+K&uuml;hle der Mutter und einer Natur, die von
+der wei&szlig;gl&auml;nzenden Winterpracht und der gr&uuml;nschimmernden
+Fr&uuml;hlingshoffnung gleich weit entfernt war,
+verstummte selbst Klein-Ilschens Lachen und leichtsinniges
+Geplauder. Im stillen atmete jeder auf, wenn der
+Familienausflug ein Ende nahm, und doch versicherte
+einer dem anderen, da&szlig; er &raquo;herrlich&laquo; gewesen w&auml;re.</p>
+
+<p>Gro&szlig;e Schmerzen bed&uuml;rfen der Einsamkeit. Schw&uuml;l
+und schwer lasten sie wie Gewitterluft, wenn sie sich
+nicht entladen k&ouml;nnen; und die Qualen des anderen mit
+ansehen, hei&szlig;t die eigenen verdoppeln. Aber Tradition
+und Sitte predigen in verlogener Sentimentalit&auml;t, da&szlig;
+sie gemeinsam getragen werden m&uuml;ssen; und ihnen beugten
+sich die drei Menschen, so sehr sie auch auseinander
+verlangten.</p>
+
+<p>Wenn alle schliefen, brannte bei der Schwarzen,
+Blassen noch lange die Lampe. Aus den Schulb&uuml;chern
+der Schwester bereitete sie sich auf das Pensum des
+n&auml;chsten Tages vor, &mdash; sie hatte ja nie gelernt, zu lehren,
+und m&uuml;hsam wars, das Notwendige nachzuholen. Dabei
+war auch noch stets der Arbeitskorb voll, geflickt mu&szlig;te
+werden und gen&auml;ht, &mdash; niemand durfte merken, da&szlig; die
+Verh&auml;ltnisse der Familie ihrem Rang nicht mehr entsprachen.
+Sehns&uuml;chtig schweiften die dunkeln Augen der
+Arbeitenden oft genug zu den B&uuml;chern, die erwartungsvoll
+mit blanken Goldlettern auf dem R&uuml;cken von dem
+kleinen Regal zu ihr her&uuml;bersahen. Stahlen sich dann
+<a name="Page_434" id="Page_434"></a>aber gar Tr&auml;nen zwischen den Wimpern hervor, so zog
+sie einen zerknitterten Brief aus der Tasche, mit feinen
+Schriftz&uuml;gen dicht bedeckt, und las ihn, den sie schon fast
+auswendig wu&szlig;te, wieder und wieder. Er lautete:</p>
+
+<p style="text-align: right">
+Pirgallen, 10. M&auml;rz 1890
+</p>
+
+<p>&raquo;Mein geliebtes Enkelkind!</p>
+
+<p>Deine Mutter schreibt mir, mit welch ruhigem Ernst
+Du Dich in die neue Lage gefunden hast, und wie treulich
+Du all die Pflichten, die sie Dir auferlegt, erf&uuml;llst, so
+da&szlig; ich Dich nun ganz besonders meiner z&auml;rtlichen Liebe
+und freudigen Anerkennung versichern m&ouml;chte. Ich habe
+oft gef&uuml;rchtet, die kleinen Teufel der Eitelkeit m&ouml;chten
+von meiner Alix reinem Herzen schlie&szlig;lich Besitz ergreifen;
+vielleicht hat die F&uuml;hrung Gottes, die uns
+kurzsichtigen Menschen oft grausam erscheint, auch f&uuml;r
+Dich den rechten Weg gefunden, auf dem Dein besseres
+Selbst sich voll entfalten kann. Ich habe, wie Du wei&szlig;t,
+von Anfang an den Abschied Deines Vaters nicht so
+tragisch genommen als alle anderen, als vor allem er
+selbst. Je &auml;lter wir werden, desto gleichg&uuml;ltiger erscheinen
+uns solch &auml;u&szlig;erliche Begebenheiten. Da&szlig; es
+freilich eine harte Schule gerade f&uuml;r Hans ist, der an
+seiner empfindlichsten Stelle, &mdash; seinem Selbstbewu&szlig;tsein,
+seinem Ehrgeiz, &mdash; getroffen wurde, wei&szlig; ich nur zu
+wohl. Aber er ist stark und gut genug, um sie schlie&szlig;lich
+bestehen zu k&ouml;nnen, wenn Ihr alle, Du besonders, mein
+Kind, an der er mit all seiner Z&auml;rtlichkeit h&auml;ngt, ihm
+in geduldiger Liebe beizustehen nie unterlassen werdet
+und er f&uuml;r seine ungebrochene Kraft eine T&auml;tigkeit
+findet, die ihr entspricht.</p>
+
+<p><a name="Page_435" id="Page_435"></a>Aber noch eine andere, und f&uuml;r Dich vielleicht schwerer
+zu erf&uuml;llende Aufgabe mu&szlig; ich Dir, meine Alix, &uuml;bertragen.
+Ich hoffe, Du wirst daran den Grad meines
+Vertrauens zu Dir ermessen k&ouml;nnen und es nicht als
+Grausamkeit empfinden, wenn ich gerade Deinen jungen
+Schultern diese Last auferlege. Ich bin 78 Jahre alt
+und kann jeden Tag abberufen werden. Es ist mir
+m&ouml;glich gewesen, meine einzige Tochter, Deine Mutter,
+durch regelm&auml;&szlig;ige pekuni&auml;re Zuwendungen, durch Geschenke,
+Badereisen und dergleichen, vor qu&auml;lenden Sorgen
+zu bewahren. Nichts konnte mich mehr freuen, als da&szlig;
+ich dazu imstande war, denn seine Lieben mit dem zu
+unterst&uuml;tzen, was man entbehren kann, ist niemals ein
+Opfer. Deine Mutter hat es um so selbstverst&auml;ndlicher
+angenommen, als sie stets zu dem Glauben berechtigt
+war, da&szlig; ihr k&uuml;nftiges Erbteil noch unangetastet in
+meinem Besitz sich befinde. Um den Frieden ihrer Ehe
+nicht zu st&ouml;ren, habe ich ihr die Wahrheit verschwiegen.
+Sterbe ich, so wird sie erfahren, da&szlig; Hans auf Grund
+dieser Erbschaft von meinem Sohn Walter im Laufe
+der Jahre Darlehen empfing, die sie sogar um ein betr&auml;chtliches
+&uuml;bersteigen. Das wird f&uuml;r Deine Mutter
+nicht nur eine gro&szlig;e Entt&auml;uschung sein, es wird auch
+Einschr&auml;nkungen aller Art nach sich ziehen, und auch an
+bitteren Empfindungen zwischen Deinen Eltern wird es
+nicht fehlen. Dir, meine Alix, teile ich das schon
+heute mit, damit Du bereits jetzt Deinen Einflu&szlig; dahin
+geltend machst, da&szlig; Euer neues Leben sich m&ouml;glichst
+einfach gestalte, und Du fortf&auml;hrst, ein flei&szlig;iges Hausm&uuml;tterchen
+zu sein. Deine Eltern glauben Deiner Jugend,
+Deiner Zukunft, einer m&ouml;glichen Heirat alle R&uuml;cksicht
+<a name="Page_436" id="Page_436"></a>schuldig zu sein, sie werden sich gewi&szlig; einen Aufenthaltsort
+aussuchen, wo Du die gewohnte Geselligkeit finden
+und eine gesellschaftliche Rolle spielen kannst. Ich denke
+zu hoch von meiner Enkelin, als da&szlig; ich nicht w&uuml;&szlig;te,
+da&szlig; Du h&ouml;here Werte zu sch&auml;tzen und h&ouml;heren Zielen
+zu folgen wei&szlig;t. Eine Ehe ist nur selten ein Gl&uuml;ck,
+am wenigsten eine solche, die im Ballsaal geschlossen
+wird, und Dich hat Gott mit so vielen guten Gaben
+bedacht, da&szlig; Du auch au&szlig;erhalb der nat&uuml;rlichen weiblichen
+Lebenssph&auml;re einen Dich und Andere befriedigenden
+Lebensinhalt finden wirst. Suche Dir diesen Inhalt,
+nicht nur um Deiner selbst willen, sondern auch, um
+Deinen Eltern die Sorge um Dich von der Seele zu
+nehmen. Dein Vater freilich, immer ein Optimist in
+diesen Dingen, rechnet f&uuml;r seine T&ouml;chter mit den Millionen
+der augsburger Tante. Deine alte Gro&szlig;mutter, mein
+Kind, die stets in dem Rufe stand, schwarz zu sehen, wei&szlig;
+aber aus Erfahrung, da&szlig; es mehr als t&ouml;richt ist, auf den
+wankelm&uuml;tigen Sinn reicher Frauen Zukunftsburgen zu
+bauen. Klotilde ist ebenso egoistisch wie launisch, und
+ihrer Eitelkeit zu schmeicheln hast Du, Gott Lob!, noch nicht
+verstanden. Darum ist der Rat, der letzte vielleicht, den
+ich Dir geben kann, der: stelle Dich auf Deine eigenen
+F&uuml;&szlig;e. &Uuml;ber das &raquo;Wie&laquo; zu entscheiden, wird freilich
+Deine Sache sein. Nur an ein paar Beispiele m&ouml;chte
+ich Dich erinnern: an Frau v.&nbsp;W., die ein sch&ouml;nes,
+gefeiertes M&auml;dchen, eine verw&ouml;hnte Frau gewesen ist.
+Ihr Mann verjubelte, was sie besa&szlig;, und mu&szlig;te, als
+unheilbar Gel&auml;hmter, den Abschied nehmen, so da&szlig; ihr
+allein die Erhaltung der ganzen Familie zufiel. Sie
+setzte sich an den Schreibtisch, schrieb Romane und er<a name="Page_437" id="Page_437"></a>warb,
+was n&ouml;tig war, um zu leben und ihre Kinder
+zu erziehen. Oder denke an die kleine Gr&auml;fin B., deren
+Eltern starben, als ihre f&uuml;nf Geschwister noch unm&uuml;ndige
+Kinder waren. Mit den K&uuml;nsten, durch die sie bisher
+nur die Verwandten erfreut hatte, erhielt sie von da an
+die Ihren. Ihre gemalten Teller, ihre gebrannten
+Wappen und gepunzten Ledereinb&auml;nde findest Du jetzt
+in den Auslagen gro&szlig;er Berliner Gesch&auml;fte.</p>
+
+<p>Und nun lebwohl, mein Herzensenkelkind; ich f&uuml;hle,
+da&szlig; Du mich recht verstehst, und wei&szlig; zuversichtlich, da&szlig;
+ich im Vertrauen auf Dich ruhig meine Augen werde
+schlie&szlig;en k&ouml;nnen. Ich dr&uuml;cke Dich an mein Herz, als</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 12em;">Deine treue, sehr alte</span><br />
+<span style="margin-left: 21em;">Gro&szlig;mama.&laquo;</span><br />
+</p>
+
+<p>Viele schlaflose N&auml;chte hatte mich dieser Brief gekostet,
+und noch war keine Stunde am Tage vergangen,
+die mich nicht an ihn erinnert h&auml;tte. Im ersten &Uuml;berschwang
+des Gef&uuml;hls hatte ich Gro&szlig;mama alles versprochen,
+was sie von mir erwartete, und freudigen
+Herzens hatte ich mich in meine Aufgabe gest&uuml;rzt. Aber
+der Eifer erlahmte bald, und es blieb nichts &uuml;brig als
+n&uuml;chterne, eiskalte Pflichterf&uuml;llung. Ich mu&szlig;te Gro&szlig;mamas
+W&uuml;nschen folgen, weil die Verh&auml;ltnisse mir unweigerlich
+ihre Erf&uuml;llung aufzwangen, und ich konnte
+es, soweit die h&auml;uslichen Pflichten in Betracht kamen.
+Aber wie sollte ich es fertig bringen, mich &raquo;auf eigene
+F&uuml;&szlig;e zu stellen&laquo;?! Nach Selbst&auml;ndigkeit hatte ich mich
+gesehnt mein Leben lang, &mdash; nach Selbst&auml;ndigkeit und
+nach Freiheit &mdash;, aber das wars ja gar nicht, was
+Gro&szlig;mama unter ihren eigenen Worten verstand, und
+<a name="Page_438" id="Page_438"></a>was ich zu erreichen gen&ouml;tigt werden w&uuml;rde. Nicht
+meiner &Uuml;berzeugung leben, mein geistiges Ich befreien
+sollte ich, sondern im Dienst der Familie meine Begabungen
+in blanke M&uuml;nze umsetzen.</p>
+
+<p>Aus bunten Lappen, Blumen und Bildern hatte ich
+mir einst im Zimmerwinkel einen heimlichen Tempel erbaut,
+der wertlos f&uuml;r mich wurde und entweiht durch den
+ersten fremden Blick, der hineinfiel, &mdash; und nun sollte
+ich meine Gedanken, den ganzen Inhalt meines Seelenheiligtums
+preisgeben, sollte f&uuml;r den Verkauf denken
+und tr&auml;umen, wie man Spitzen kl&ouml;ppelt, um sie nach
+dem Meter an den Mann zu bringen?! Ich hatte gehofft,
+mit jenem kleinen schwarzen B&uuml;chlein einmal
+&ouml;ffentlich wider die L&uuml;ge zu k&auml;mpfen, &mdash; aber nur um
+des Kampfes willen! In den Schmutz ziehen hie&szlig; es
+die ganze gro&szlig;e Sache, wenn auch nur ein Gedanke
+an &raquo;Verdienen&laquo; sich mit ihr verband. Nein &mdash; tief in
+den Koffer und noch tiefer in den Hintergrund meines
+Herzens mu&szlig;te ich das schwarze B&uuml;chlein bannen, solange
+ich an &raquo;Verdienen&laquo; denken mu&szlig;te. Ob ich wohl auch,
+wie Frau v.&nbsp;W., Romane schreiben k&ouml;nnte? &mdash; Eine
+tiefe Ehrfurcht vor dem Schaffen der Dichter erf&uuml;llte mich
+von je her. Als h&ouml;here Wesen erschienen sie mir, Gott
+&auml;hnlich, da sie Menschen schufen, wie er. Sie wurden
+geboren durch ein h&ouml;heres Naturgesetz und nur durch
+ein solches zum Schaffen gezwungen. Ein Frevler am
+Heiligtum, wer sich zu ihnen erhob, um mit Phantasien
+und Versen zu schachern, &mdash; lieber Hemden n&auml;hen, oder
+Str&uuml;mpfe stricken!</p>
+
+<p>Fl&uuml;chtig fiel mir meine Geschicklichkeit ein, Kleider
+zu machen und H&uuml;te zu garnieren, &mdash; doch: ein Fr&auml;u<a name="Page_439" id="Page_439"></a>lein
+von Kleve eine Schneiderin, eine Putzmacherin &mdash; unm&ouml;glich!
+Aber wie viel Tischkarten hatte ich nicht
+schon gemalt, wie viel St&uuml;hle und Tische und Kasten
+und Rahmen gebrannt, &mdash; hier war vielleicht ein Weg,
+der sich betreten lie&szlig;. Von nun an benutzte ich jede
+freie Stunde, um mit dem Pinsel oder dem Brennstift
+Seide und Sammet, Papier, Holz und Leder zu bearbeiten.</p>
+
+<p>&raquo;Komisch,&laquo; meinte Papa eines Abends, &raquo;da&szlig; du pl&ouml;tzlich
+mit solchem Eifer Dilettantenk&uuml;nste treibst. Es ist
+doch noch lange Zeit bis Weihnachten.&laquo; &mdash; &raquo;An Alix'
+Geistesspr&uuml;nge solltest du eigentlich schon gewohnt sein,&laquo;
+spottete Mama. Hei&szlig; stieg mir das Blut in die Schl&auml;fen;
+eine heftige Antwort schwebte mir schon auf der Zunge,
+als ein f&uuml;r Hamburgs Stille ungewohnter L&auml;rm auf
+der Stra&szlig;e uns alle ans Fenster trieb.</p>
+
+<p>&raquo;Extrablatt &mdash; Extrablatt!&laquo; Mein Schwesterchen
+st&uuml;rmte die Treppe hinab, &mdash; endlich ein Ereignis in
+diesem einf&ouml;rmigen Leben! &mdash;, und mein Vater ihr nach,
+der immer irgend etwas Ungeheures erwartete und sich
+seit seinem Abschied mehr denn je in Prophezeiungen
+gefiel.</p>
+
+<p>&raquo;Bismarck ist entlassen &mdash;&laquo; atemlos rief er es uns
+von der Stra&szlig;e herauf zu und stieg mit jugendlicher
+Elastizit&auml;t die hohen Stufen wieder hinauf. Hochrot
+war er im Gesicht, die Schwei&szlig;tropfen standen ihm auf
+der Stirn, und ein triumphierendes Leuchten war in seinen
+Augen. Erstaunt sah ich zu ihm auf.</p>
+
+<p>&raquo;Er auch!&laquo; sagte er wie zu sich selbst und l&auml;chelte.
+Nun verstand ich ihn: ein Gr&ouml;&szlig;erer war gefallen, von
+demselben Sch&uuml;tzen getroffen, &mdash; nicht mehr als der Gedem&uuml;tigte
+stand er da, sondern als der Gef&auml;hrte dessen,
+<a name="Page_440" id="Page_440"></a>der das Reich gegr&uuml;ndet hatte und von des Reiches
+drittem Kaiser aus dem Wege ger&auml;umt worden war.
+Von dem Tage an lebte er auf, wurde gespr&auml;chig wie
+fr&uuml;her, verfolgte mit steigendem Interesse die politischen
+Ereignisse, und seine oppositionelle Stellung zum &raquo;neuen
+Kurs&laquo; wurde eine immer schroffere.</p>
+
+<p>&raquo;Wir werden nach Berlin &uuml;bersiedeln,&laquo; sagte er mit
+einer Bestimmtheit, die jeden Widerspruch ausschlo&szlig;.
+&raquo;Dort er&ouml;ffnen sich mir alle M&ouml;glichkeiten zu literarischer
+und politischer T&auml;tigkeit.&laquo; Er begann f&uuml;r die konservative
+Presse sch&auml;rfster Observanz zu schreiben, die
+damals der &Auml;ra Caprivi all ihren Widerstand entgegensetzte.</p>
+
+<p>Die Aussicht auf Berlin elektrisierte selbst die
+Mutter: auf Theater, Konzerte, Ausstellungen freute sie
+sich wie ein Kind. Ein unterdr&uuml;ckter, ungestillter Hunger
+schien pl&ouml;tzlich bei ihr zum Ausbruch zu kommen. Auch
+ich war mit der Wahl von Berlin zufrieden; dort w&uuml;rde
+es mir leichter werden als anderswo, meine Arbeiten
+anzubringen, und die tr&uuml;be Nebelstimmung meines
+von der Pflicht und dem Erwerb ausgef&uuml;llten Daseins
+w&uuml;rde doch vielleicht hier und da von einem Sonnenstrahl
+aus der Welt geistigen Lebens &mdash; der f&uuml;r mich
+unerreichbar fernen! &mdash; durchbrochen werden. Da&szlig;
+meine Freude eine so ged&auml;mpfte war, begriffen die Eltern
+nicht. Mein Vater bem&uuml;hte sich immer wieder, der
+Ursache nachzusp&uuml;ren.</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst mit Mama die Hofb&auml;lle besuchen &mdash; auch
+wenn ich nicht mittun kann,&laquo; sagte er eines Tages mit
+g&uuml;tigem L&auml;cheln. &raquo;Nein, Papachen!&laquo; antwortete ich,
+ihm dankbar die Wange k&uuml;ssend. &raquo;Ich bin lange genug
+<a name="Page_441" id="Page_441"></a>ausgegangen &mdash; ich mache mir nicht das mindeste
+daraus.&laquo;</p>
+
+<p>Er sch&uuml;ttelte bek&uuml;mmert den Kopf, &mdash; nun war er
+vollends ratlos. Wie gut, dachte ich, da&szlig; seine J&uuml;ngste,
+Tischen mit dem Goldhaar, die allzeit Fr&ouml;hliche, ihm
+immer wieder die Sorgenfalten von der Stirne lachte
+und schmeichelte. Oft schickte ich sie hinein, wenn ich
+ihn in tr&uuml;ben Gedanken wu&szlig;te. Sie verstand es, wie
+Sonnenschein, alle Regentropfen glitzern zu machen. Und
+jeden Abend trieb sie die b&ouml;sen Geister, die sich am Tage
+heimlich eingeschlichen hatten, mit ihren Wirbelt&auml;nzen
+zu T&uuml;ren und Fenstern hinaus. Sie hatte Musik in
+den Gliedern; jede Melodie wurde ihr zur rhythmischen
+Bewegung. Unerm&uuml;dlich pfiff der Vater, und auf und
+nieder, hin und her flog sie, ein <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'flattender'">flatternder</ins> Irrwisch &mdash; mit
+Feuerfunken in den Augen und gl&uuml;henden Rosen
+auf den Wangen. Ganz ver&auml;ngstigt flackerte die kleine
+Petroleumlampe, &mdash; aufgest&ouml;rt aus ihrer w&uuml;rdevollen
+Ruhe, mit der sie sonst nur flei&szlig;ige H&auml;nde und stille
+Menschen zu bescheinen gewohnt war. Ich sa&szlig; indessen
+am Tisch und beugte den Kopf immer tiefer auf die
+Arbeit; oft schlich ich still hinaus, &mdash; ich wu&szlig;te nur zu
+gut, da&szlig; mich niemand vermissen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Ich wurde bla&szlig; und schmal, und blaue Ringe umschatteten
+meine Augen.</p>
+
+<p>Da kam eines Tages ein Telegramm aus Pirgallen:
+&raquo;Mama im Sterben. Walter&laquo;. Mir l&auml;hmte der Schreck
+die Glieder; stumpfsinnig sah ich zu, wie meine Mutter
+in Tr&auml;nen ausbrach. Ich kannte den Tod ja nur vom
+H&ouml;rensagen; noch war mir niemand von denen gestorben,
+die mir die liebsten waren. Erst als ich sah,
+<a name="Page_442" id="Page_442"></a>wie meine Mutter hastig den Koffer packte, kam ich
+zu mir.</p>
+
+<p>&raquo;Ich komme mit&laquo;, sagte ich rasch und ri&szlig; ein paar
+Sachen aus dem Schrank und aus der Kommode. &raquo;Du?!&laquo;
+Mama sah erstaunt von ihrer Arbeit auf. &raquo;Davon
+kann selbstverst&auml;ndlich keine Rede sein. Entweder wir
+reisen alle &mdash; und das ist zu kostspielig &mdash;, oder du mu&szlig;t
+bei Haus und Ilse bleiben. Die Kleine kann nicht
+allein sein.&laquo; Ich zitterte vor Aufregung: Pl&ouml;tzlich
+ward mir klar, da&szlig; der einzige Mensch, der mich verstand,
+der mich liebte &mdash; mich selbst, so wie ich wirklich
+war &mdash;, mit dem Tode rang; da&szlig; ich ihn verlieren
+sollte, ohne da&szlig; ich ihn je ganz besa&szlig;, ohne in das
+kostbare offene Gef&auml;&szlig; seines gro&szlig;en Herzens all mein
+Leid, all meine Zweifel ausgegossen zu haben und
+Kraft und Klarheit und Verst&auml;ndnis von ihm zu empfangen.</p>
+
+<p>&raquo;Ilse ist gro&szlig; genug &mdash; und Papa sorgt f&uuml;r sie &mdash; besser
+als ich. Ich bitte dich &mdash; la&szlig; mich mit! &mdash;&laquo; rief
+ich verzweifelt.</p>
+
+<p>&raquo;Du wei&szlig;t, da&szlig; es unm&ouml;glich ist &mdash;&laquo; Mamas Stimme
+wurde scharf, &raquo;oder hast du vielleicht das Geld f&uuml;r die
+Reise?&laquo;</p>
+
+<p>Tr&auml;nen des Zorns, der Emp&ouml;rung, der Scham st&uuml;rzten
+mir aus den Augen: Gro&szlig;mama starb, &mdash; und von Geld
+konnte gesprochen werden! &mdash;</p>
+
+<p>Meine Mutter fuhr allein, aber auch sie kam zu sp&auml;t:
+in der Nacht vor ihrer Ankunft hatte die Greisin ausgeatmet.</p>
+
+<p>Jetzt erst dachte ich all dessen, was bevorstand, und
+der Schmerz wich mehr und mehr der Angst. Ich be<a name="Page_443" id="Page_443"></a>obachtete
+Papa: er vermochte seiner Aufregung kaum
+Herr zu werden. Wenige Tage nach der Beerdigung
+kam ein Brief von Mama. Er &ouml;ffnete ihn nicht, sondern
+ging damit aus dem Zimmer und schlo&szlig; sich in seiner
+Schlafstube ein. Ich horchte an der d&uuml;nnen Wand:
+ein Stuhl fiel zu Boden &mdash; ein unterdr&uuml;cktes St&ouml;hnen &mdash; ein
+bitter-grelles Auflachen klang an mein Ohr.
+Mein ganzes Herz trieb mich zu ihm, aber ich hatte den
+Mut nicht, meinem Gef&uuml;hl zu folgen. Als Papa nach
+ein paar Stunden zu Tisch erschien, sah er so m&uuml;de, so
+zerfallen und verzweifelt aus wie damals, als ihm der
+Abschied ins Haus geschickt worden war.</p>
+
+<p>Eine Woche sp&auml;ter kehrte Mama zur&uuml;ck. Ihre Schl&auml;fen
+waren grau geworden, und noch fester als sonst pre&szlig;ten
+sich die schmalen Lippen aufeinander. Mit einem k&uuml;hlen
+Blick streifte sie den Vater und mich, reichte uns fl&uuml;chtig
+die Hand und hatte nur f&uuml;r Ilschen einen z&auml;rtlichen
+Ku&szlig;. Zu Hause &uuml;bergab sie mir ein gro&szlig;es Packet.
+&raquo;Ihren schriftlichen Nachla&szlig; hat Mamachen dir hinterlassen,&laquo;
+sagte sie, &raquo;du kannst damit machen, was du
+willst.&laquo; Mir traten die Tr&auml;nen in die Augen. Die
+liebe, gute Gro&szlig;mama! Nun w&uuml;rde sie doch f&uuml;r mich
+eine Lebendige bleiben! So rasch wie m&ouml;glich zog ich
+mich mit meinem Schatz in mein Zimmer zur&uuml;ck. Aber
+ich hatte kaum die Siegel gel&ouml;st, die vielen B&auml;nder ge&ouml;ffnet,
+als ein heftiger Wortwechsel zu mir her&uuml;bert&ouml;nte.
+&raquo;Hinter meinem R&uuml;cken hast du mein Erbteil verbraucht,&laquo;
+sagte Mama, &raquo;und da&szlig; auch meine Mutter
+mir verschwieg, was mich doch wohl am n&auml;chsten anging, &mdash; das
+verbittert mir noch die Erinnerung an die
+Tote ...&laquo;</p>
+<p><a name="Page_444" id="Page_444"></a></p>
+<p>&raquo;Habe ichs etwa f&uuml;r mich gebraucht?!&laquo; brauste Papa
+auf, &raquo;oder nicht vielmehr f&uuml;r dich, deinen Haushalt,
+deine Toiletten, und f&uuml;r die Kinder &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und f&uuml;r deine Pferde, und die &uuml;berfl&uuml;ssigen Geschenke,
+und dein ganzes gro&szlig;spuriges Auftreten!&laquo; setzte
+sie heftig hinzu. &raquo;Warum hast du mich behandelt wie
+ein unm&uuml;ndiges Kind, und mir nicht gesagt, da&szlig; wir
+von deinem Gehalt nicht auskommen?! Ich h&auml;tte mich,
+wei&szlig; Gott, auch an gr&ouml;&szlig;ere Einschr&auml;nkung gew&ouml;hnt &mdash; wie
+an so vieles andere!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil ich dich schonen, dir ein angenehmes Leben
+schaffen wollte! &mdash; Aber beruhige dich, liebe Ilse &mdash; beruhige
+dich. Ich hatte zwar gerade gehofft, da&szlig; wir
+nun endlich ein gemeinsames, ein menschliches Leben
+miteinander f&uuml;hren w&uuml;rden, &mdash; aber du erinnerst mich
+beizeiten daran, da&szlig; ich auch jetzt nichts weiter bin,
+als dein Portemonnaie....&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit solchen Phrasen verschone mich bitte, &mdash; sie
+t&auml;uschen mich &uuml;ber die Tatsache nicht hinweg, da&szlig; es
+doch nur mein Geldbeutel war, den du &mdash; angeblich in
+meinem Interesse! &mdash; geleert hast.&laquo;</p>
+
+<p>Ich erwartete zitternd eine w&uuml;tende Antwort, &mdash; statt
+dessen h&ouml;rte ich, wie des Vaters Stimme umschlug und
+weich und flehend wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Ilschen &mdash; sei doch nicht so grausam &mdash; siehst du
+denn nicht, wie mich die Selbstvorw&uuml;rfe schon gemartert
+haben? &mdash; Im Grunde hast du ja recht &mdash; ganz recht &mdash; aber
+es war doch nur meine gro&szlig;e Liebe zu dir &mdash; die
+stete Angst, die deine zu verlieren, die mich dir all
+das verschweigen lie&szlig;, die immer wieder &mdash; in jeder
+Form &mdash; um deine Gunst werben mu&szlig;te, &mdash; ich w&uuml;rde
+<a name="Page_445" id="Page_445"></a>auch Millionen f&uuml;r dich ausgegeben haben, wenn ich sie
+gehabt h&auml;tte...&laquo;</p>
+
+<p>Das konnt ich nicht mehr mit anh&ouml;ren, &mdash; wie gejagt
+lief ich in den Garten hinunter.</p>
+
+<p>Und b&ouml;se war die Zeit, die folgte: der Vater in der
+gedr&uuml;cktesten Stimmung, jeder Blick, den er auf seine
+Frau warf, ein Betteln um Liebe, w&auml;hrend sie kaum
+die notwendigsten Worte mit ihm wechselte und mit
+peinigender Betonung bei jeder Gelegenheit Sparsamkeit
+predigte, &mdash; das Schwesterchen dazwischen, das sich um
+so leidenschaftlicher an mich anklammerte, je unheimlicher
+es ihm bei den Eltern zumute wurde, &mdash; und schlie&szlig;lich
+ich selbst, m&uuml;de und herzenswund, und dabei krampfhaft
+bem&uuml;ht, der Kleinen Lehrerin und Spielkamerad
+zugleich zu sein und dem Vater Frohsinn vorzut&auml;uschen,
+um ihn zu erheitern.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en gl&uuml;hte und gl&auml;nzte der Sommer. Ein einziger
+gr&uuml;ner Dom war der Wald, die grauen St&auml;mme
+der Buchen seine gewaltigen S&auml;ulen, der Duft der
+Tannen sein w&uuml;rziger Weihrauch. Und doch floh ich
+vergebens hinaus, um hier zu finden, was ich einst im
+Hochgebirge gefunden hatte: Kraft und Weihe. Menschenmassen
+&uuml;berfluteten jetzt Berge und T&auml;ler; ihre niedrigen
+Eitelkeiten, ihre verstaubten Interessen trieben den
+Frieden und die Andacht aus den W&auml;ldern. Und die
+Natur hatte sich ihnen allm&auml;hlich angepa&szlig;t: mit ihren
+geebneten Parkwegen, ihren umz&auml;unten Rasenfl&auml;chen
+und gepflegten Blumenbeeten war sie nichts, als ein
+Salon im Freien.</p>
+
+<p>Alte Freunde aus M&uuml;nster, die zur Reitschule nach
+Hannover kommandiert worden waren, besuchten uns
+<a name="Page_446" id="Page_446"></a>um diese Zeit, und ihr Entsetzen &uuml;ber mein Aussehen
+machte meine Eltern erst darauf aufmerksam.</p>
+
+<p>&raquo;Was fehlt dir blo&szlig;?&laquo; rief mein Vater besorgt.</p>
+
+<p>&raquo;Ein bi&szlig;chen Leben, Exzellenz,&laquo; schnitt Rittmeister
+von Behr mir die Antwort ab. &raquo;B&auml;ume, Berge und
+Wasserf&auml;lle sind keine rechte Gesellschaft f&uuml;r Ihr Fr&auml;ulein
+Tochter. Geben Sie sie uns mit nach Hannover;
+hat sie mit uns erst ein paar Pullen Sekt geleert und
+ein paar G&auml;ule kaput geritten, dann wird das Blut
+ihr schon wieder in die Wangen schie&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>Ich lehnte die Einladung ab: &raquo;Wir sind in tiefer
+Trauer, Herr von Behr, und mein schwarzes Kleid
+pa&szlig;t kaum in Ihre Gesellschaft.&laquo; Als wir allein waren,
+sagte meine Mutter mit einem kaum merklichen Z&ouml;gern:
+&raquo;Wenn das schwarze Kleid allein dich zur&uuml;ckh&auml;lt, so
+kannst du es ruhig mit einem wei&szlig;en vertauschen. Hier
+ist Mamachens letzter Brief an mich, worin sie den
+Wunsch ausspricht, da&szlig; ihre Enkel keine Trauer anlegen
+sollen.&laquo; &mdash; &raquo;Und das sagst du mir jetzt erst?!&laquo; entfuhr
+es mir, &mdash; hatte ich es doch die ganze Zeit &uuml;ber wie
+eine Beleidigung der Toten empfunden, die Trauer um
+sie den neugierig-mitleidigen Blicken aller Welt preiszugeben.
+Meine Mutter verstand mich falsch.</p>
+
+<p>&raquo;Ich h&auml;tte nicht geglaubt, da&szlig; du so wenig Herz hast,&laquo;
+meinte sie gekr&auml;nkt, &raquo;dann wirf nur den Krepp beiseite
+und geh deinem Vergn&uuml;gen nach.&laquo;</p>
+
+<p>In der n&auml;chsten Viertelstunde war ich bereits umgezogen,
+aber bei meiner Weigerung Herrn von Behrs
+Einladung gegen&uuml;ber blieb ich. Erst Papas Bitten,
+seinen Vorw&uuml;rfen und seinen sorgenvollen Blicken, die
+ich stets auf mir ruhen f&uuml;hlte, gab ich schlie&szlig;lich nach.</p>
+
+<p><a name="Page_447" id="Page_447"></a>Der schneidigste Kavallerist der Armee war zu jener
+Zeit Leiter der Reitschule, und der Kursus der Stabsoffiziere
+hatte gerade eine gro&szlig;e Zahl der besten Reiter
+nach Hannover gef&uuml;hrt. Kraft und K&uuml;hnheit, Lebenslust
+und Leichtsinn gaben sich ein Stelldichein; der Tretm&uuml;hle
+des Kasernenhofdienstes entronnen, von der Familie
+entfernt, die mehr als alles andere an die schmerzvolle
+W&uuml;rde des Alterns erinnerte, feierten all diese reifen
+M&auml;nner ein st&uuml;rmisches Wiedersehen mit der Jugend.
+Sie tranken und spielten die N&auml;chte durch und sa&szlig;en
+beim Morgengrauen wieder im Sattel; sie fanden sich
+strahlend und heiter, ihrer eigenen grauen Haare spottend,
+zur &uuml;ppigen Mittagstafel ein und tanzten abends ausdauernder
+als die j&uuml;ngsten Leutnants. Ich war das
+einzige junge M&auml;dchen in diesem Kreis, und der Verkehr
+inmitten dieser bunten Gesellschaft, die die Kavallerie
+ganz Deutschlands vertrat, war um so ungezwungener,
+als der Gedanke, der sich sonst st&ouml;rend und trennend
+zwischen die m&auml;nnliche und die weibliche Jugend schiebt, &mdash; &raquo;Kann
+er mich heiraten?&laquo; &mdash; &raquo;Ist sie eine Partie?&laquo; &mdash; hier
+nicht aufkam, wo jeder Mann &mdash; wenigstens
+solange er in unserer Gesellschaft war &mdash; den Trauring
+am Finger trug.</p>
+
+<p>Ah, wie gut tat es doch, wieder fr&ouml;hlich zu sein! Zu
+vergessen &mdash; im Lebensrausch der Stunde!</p>
+
+<p>Einmal war ein kleiner s&auml;chsischer Husar mein Tischnachbar &mdash; &raquo;Herr
+von Egidy&laquo;, hatte man ihn mir vorgestellt, &mdash; und
+ich hatte die gedrungene Gestalt mit dem
+runden Sch&auml;del kaum im Ged&auml;chtnis behalten. Jetzt
+fielen mir pl&ouml;tzlich ein paar gro&szlig;e blaue Augen auf, die
+mich mit einem so reinen Ausdruck anstrahlten, wie er
+<a name="Page_448" id="Page_448"></a>mir bei einem Manne selten begegnet war. Wir
+kamen in ein Gespr&auml;ch, das mich, je &uuml;berraschender sein
+Inhalt wurde, desto mehr fesselte. Dieser Husarenmajor
+hatte andere Gedanken hinter seiner breiten Stirn
+als die &uuml;ber Schwadronsexerzieren und Jagdreiten.
+Man hatte sich gerade &uuml;ber die j&uuml;ngsten Verordnungen
+des Kaisers gegen den Luxus unterhalten, und bei aller
+Wahrung der Form war doch der Ausdruck des Unmuts
+ein allgemeiner.</p>
+
+<p>&raquo;Mich haben die Worte Sr. Majest&auml;t geradezu begl&uuml;ckt,&laquo;
+sagte Egidy. &raquo;Wir nennen uns Christen, und
+verleugnen die Lehre Christi fast t&auml;glich.&laquo;</p>
+
+<p>Erstaunt sah ich auf. Noch nie hatte jemand zwischen
+Austern und Mocturtle-Suppe &uuml;ber die Lehre Christi
+mit mir gesprochen. War das ein schlechter Witz? Ich
+begegnete einem ernsten Blick, der meine Vermutung
+L&uuml;gen strafte.</p>
+
+<p>&raquo;Wir sollen doch Christen sein, nicht hei&szlig;en!&laquo; fuhr er
+fort &raquo;und der Heiland sa&szlig; mit den Z&ouml;llnern bei Tisch. &mdash; Verzeihen
+Sie, gn&auml;diges Fr&auml;ulein &mdash; ich verga&szlig; &mdash; das
+ist kaum ein Dinergespr&auml;ch mit einer jungen Dame &mdash; aber
+meine Gedanken kreisen immer mehr um denselben
+Punkt &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie deuten meine Verwunderung falsch, Herr von
+Egidy,&laquo; antwortete ich, &raquo;Sie warfen meine ganze gesellschaftliche
+Erfahrung &uuml;ber den Haufen, &mdash; und das verbl&uuml;ffte
+mich. Wir alle pflegen doch sonst unsere Gedanken,
+besonders wenn sie so ketzerischer Natur sind,
+f&uuml;r uns zu behalten. Ich wenigstens &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So haben Sie welche und verschweigen sie nur?!&laquo;
+Er l&auml;chelte &mdash; sein ganzes Gesicht leuchtete auf dabei,<a name="Page_449" id="Page_449"></a>
+&raquo;Meinen Sie denn nicht auch, da&szlig; nur einer &ouml;ffentlich
+auszusprechen braucht, was alle an &mdash; wie Sie sagen &mdash; ketzerischen
+Gedanken in sich tragen, um jedem die
+Zunge zu l&ouml;sen?! Wie ein gro&szlig;es befreiendes Aufatmen
+w&uuml;rde es durch die Menschheit gehen &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblick schlug einer ans Glas: &raquo;Das
+h&ouml;chste Gl&uuml;ck der Erde liegt auf dem R&uuml;cken der
+Pferde, und am Herzen des Weibes &mdash; &mdash;&laquo; Es gab
+ein allgemeines St&uuml;hler&uuml;cken &mdash; Ansto&szlig;en &mdash; Gel&auml;chter.
+Alles umringte mich und forderte von mir eine Antwort.
+Ohne viel &Uuml;berlegung brachte ich auf die
+lustigen Majore, die am Jungbrunnen von Hannover
+wieder zu Leutnants geworden w&auml;ren, einen Trinkspruch
+aus. Und wieder klangen die gef&uuml;llten Gl&auml;ser aneinander,
+und alle Rosen, die die Tafel geschm&uuml;ckt hatten, h&auml;uften
+sich vor mir. Aber ich l&auml;chelte nur mechanisch &uuml;ber die
+Huldigung. &raquo;Wie ein gro&szlig;es befreiendes Aufatmen
+wird es durch die Menschheit gehen, wenn nur einer
+auszusprechen wagt, was alle an ketzerischen Gedanken
+in sich tragen,&laquo; &mdash; das lie&szlig; mich nicht los. In meinem
+Koffer zu Haus lag ein schwarzes Buch, &mdash; war es
+wirklich meine h&ouml;here Pflicht, das Schwesterchen zu
+unterrichten, der Mutter die Haare zu k&auml;mmen und mit
+schlechter Dilettantenarbeit ein paar Taler zu verdienen &mdash; statt
+das erl&ouml;sende Wort in die Welt zu rufen?
+Denn felsenfest glaubte ich daran, da&szlig; es ein erl&ouml;sendes
+Wort sein w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Vormittag besuchte mich Egidy. Er hatte
+ein Manuskript bei sich, mit den klaren, gro&szlig;en Schriftz&uuml;gen
+des Soldaten bedeckt, wie ich sie bei meinem Vater
+gewohnt war. &raquo;Ernste Gedanken&laquo; nannte er es. Wir
+<a name="Page_450" id="Page_450"></a>waren ungest&ouml;rt, und er begann mir daraus vorzulesen, &mdash; eine
+Kritik der Kirchenlehren war es, ein Bekenntnis
+zu einem Christentum Christi ohne Dogmen, ohne Wunder,
+in einfachen lapidaren S&auml;tzen geschrieben, durchgl&uuml;ht
+von einem kindlich-naiven Glauben an die eigene Sache,
+an ihren sicheren Sieg, an die Menschheit. Mir war
+das alles vertraut, und ich konnte mich einer leisen
+Entt&auml;uschung, da&szlig; es nicht mehr war, nicht erwehren.
+Er schien meine Gedanken zu erraten.</p>
+
+<p>&raquo;Ihnen ist das nichts Neues,&laquo; sagte er, &raquo;das freut mich.
+Neu daran ist doch nur, da&szlig; es jemand ausspricht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber das haben schon viele vor Ihnen getan,&laquo; wandte
+ich ein, &raquo;Strau&szlig;, Renan, die Protestantenvereinler &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne die Leute nicht,&laquo; antwortet er br&uuml;sk, &raquo;und
+das beweist, das sie nichts taugten, &mdash; sonst h&auml;tten ihre
+Schriften wirken<em class="spaced"> m&uuml;ssen</em> &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie denken an eine Ver&ouml;ffentlichung?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;An was sonst? Jedes Wort wendet sich doch an die
+Masse! Ich mu&szlig; handeln, weil kein anderer es getan
+hat!&laquo; Seine blauen Augen funkelten dabei.</p>
+
+<p>&raquo;Und &mdash; die Folgen?! Bangt Ihnen davor nicht?&laquo;
+Mit aufrichtiger Bewunderung sah ich zu dem Mann
+in dem bunten Husarenrock auf, der jetzt erregt, straff
+aufgerichtet, vor mir hin und her ging. Er l&auml;chelte
+wieder sein vertrauendes Kinderl&auml;cheln.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann mich doch nur freuen! Ein paar Unverst&auml;ndige
+werden r&auml;sonnieren, die wenigen, wirklich noch
+vorhandenen Altgl&auml;ubigen werden Zeter-Mordio schreien,
+aber die Masse des Volkes &mdash; wir alle sind &#8250;Volk&#8249;, wissen
+Sie &mdash; wird in Bewegung gesetzt werden. Und der
+Kaiser &mdash;&laquo;</p>
+<p><a name="Page_451" id="Page_451"></a></p>
+<p>&raquo;Der Kaiser?!&laquo; rief ich, auf das &auml;u&szlig;erste &uuml;berrascht.</p>
+
+<p>&raquo;Ja der Kaiser!&laquo; wiederholte er mit fester Stimme.
+&raquo;Ihm vertraue ich vor allem. All dein Tun ist von
+wahrhaft christlichem Geiste erf&uuml;llt: seine Erlasse, seine
+Arbeiterpolitik &mdash; denken Sie nur an die Arbeiterschutz-Konferenz!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin ganz und gar anderer Meinung, Herr von
+Egidy, und Ihr Vertrauen ist mir viel zu wertvoll, als
+da&szlig; ich Ihnen nicht die Wahrheit schuldig w&auml;re,&laquo;
+antwortete ich in tiefer Bewegung. &raquo;Sie sollen Ihre
+Schrift erscheinen lassen &mdash; gewi&szlig; &mdash;, aber die Bewegung,
+die Sie erwarten, wird ausbleiben. Denn was
+heute not tut, ist nicht eine Erneuerung, sondern eine
+&Uuml;berwindung des Christentums, dazu werden Sie beitragen,
+weil auch Ihr Werk Steine abbr&ouml;ckelt vom Bau
+der Kirche. &mdash; Sie l&auml;cheln?! Nun &mdash; ich gebe zu, da&szlig; in
+meinem Mund vermessen klingen mag, was ich sage, &mdash; vielleicht
+irre ich mich, vielleicht haben Sie recht,
+aber eins wei&szlig; ich ganz gewi&szlig;: der Kaiser wird Sie
+nicht unterst&uuml;tzen &mdash; doch den sch&ouml;nen bunten Rock ausziehen, &mdash; das
+wird er Ihnen!&laquo;</p>
+
+<p>Ungl&auml;ubig erstaunt sah mich Egidy an: &raquo;So jung
+und so pessimistisch! Dieser Rock und dies Buch sind
+einander doch nicht unw&uuml;rdig. Und wenn ich als Soldat
+und als Christ meine Pflicht erf&uuml;lle, &mdash; wie k&ouml;nnte mein
+Kaiser mich dieses Rocks entkleiden?!&laquo;</p>
+
+<p>Ich schwieg. Wie eine Entweihung w&auml;re mirs vorgekommen,
+dieses Mannes r&uuml;hrenden Kinderglauben noch
+einmal anzutasten.</p>
+
+<p>Der n&auml;chste Tag war der letzte meines Aufenthalts in
+Hannover, und mit einer Schleppjagd sollte an demselben<a name="Page_452" id="Page_452"></a>
+Morgen der Kursus der Stabsoffiziere abgeschlossen
+werden. Schon fr&uuml;h um f&uuml;nf Uhr fuhren wir, Frau
+von Behr und ich, im leichten Jagdwagen hinaus zum
+Rendezvous. Taufrisch lag die weite Heide vor uns,
+von Gr&auml;ben und Hecken und von dem im Sonnenlicht
+glitzernden blauen Band der kleinen Witze durchschnitten.
+Zwischen Weidenst&auml;mmen und gelbem Ginster hatte sich
+eine gro&szlig;e Gesellschaft zusammengefunden: junge Offiziere
+der Reitschule, M&auml;dchen und Frauen der Gesellschaft in
+hellen Sommerkleidern, Burschen und Ordonnanzen mit
+Decken und M&auml;nteln und der Koch des Kasinos mit
+seinem wei&szlig;besch&uuml;rzten Stab vor dem mit Kisten und
+F&auml;ssern hochget&uuml;rmten Kremperwagen. Mit Feldstechern
+und Opernguckern bewaffnet, warteten wir alle der
+Reiter. Und pl&ouml;tzlich brauste es heran, wie ein farbenspr&uuml;hendes
+M&auml;rchen aus Tausend und einer Nacht: blau,
+gr&uuml;n, gelb, rot, wei&szlig;, &mdash; hatte ein Regenbogen sich dicht
+&uuml;ber die Erde gespannt?! N&auml;her kam es und n&auml;her &mdash; das
+Schnauben der Rosse, das Sausen der Gerten, der
+vielstimmig-aufmunternde Zuruf der Reiter vereinten sich
+zu einem einzigen fiebrisch-wirbelnden, wild aufreizenden
+Ton. Da flog ein Brauner, den schlanken Leib lang
+gestreckt dicht vor mir &uuml;ber das Fl&uuml;&szlig;chen, hinter ihm
+ein Fuchs &mdash; ein Schimmel mit wehendem Schweif
+kaum eine Nasenl&auml;nge weiter, und nun &mdash; zehn, zwanzig,
+hundert rassige Tiere, Schaum vor dem Maul, mit
+bebenden N&uuml;stern, &mdash; mir klopfte das Herz, und noch
+minutenlang nachher f&uuml;hlte ich nichts als die wundervoll-leidenschaftliche
+Erregung dieses Augenblicks. Dann
+lagerten wir auf dem gr&uuml;nen Rasen, duftige Erdbeerbowle
+kredenzten die Ordonnanzen, und mitten in der<a name="Page_453" id="Page_453"></a>
+Schar dieser durch die eigene Leistung froh bewegten
+M&auml;nner kam ich mir einmal wieder wie zu Hause vor.
+Da fiel mein Blick auf einen, der mit verschr&auml;nkten
+Armen und gefurchter Stirne abseits stand: Egidy, &mdash; und
+ich erwachte aus der Bet&auml;ubung. Nein &mdash; hier
+war meinesgleichen nicht mehr, &mdash; ich erhob mich hastig
+aus dem lustigen Kreise und trat auf ihn zu.</p>
+
+<p>&raquo;Ihre Worte kommen mir nicht aus dem Sinn&laquo; &mdash; sagte
+er, &raquo;ich ging nach Hannover in der Meinung, noch
+einmal fr&ouml;hlich sein zu k&ouml;nnen, und &uuml;berzeugte mich f&uuml;r
+immer, da&szlig; der Frohsinn gebannt ist und, &mdash; bleiben
+die ernsten Gedanken in meinem Schreibtisch &mdash;, nimmer
+wiederkehren w&uuml;rde. Und nun empfind' ich, da&szlig; die
+Ver&ouml;ffentlichung dem Frohsinn erst recht den Weg sperren
+wird.&laquo; Seine Stimme sank. Mit einer raschen Bewegung
+legte er die Hand vor die Augen: &raquo;Und es ist
+doch so sch&ouml;n gewesen!&laquo;</p>
+
+<p>Ein Blick voll tiefem Abschiedsweh flog &uuml;ber die
+Haide, den schimmernden Flu&szlig;, die lachenden Kameraden.
+Mir wurden die Augen feucht. Ich griff
+nach seiner Hand. &raquo;Gehen wir,&laquo; sagte ich leise, &raquo;losrei&szlig;en
+m&uuml;ssen wir uns doch &mdash; ehe die anderen uns
+verleugnen.&laquo; Und stumm, schweren Herzens, z&ouml;gernd,
+als schleppten wir eine unsichtbare Kette nach, schritten
+wir durch den Wald zur n&auml;chsten Station.</p>
+
+<p>Abends war ich wieder in Harzburg. Noch in der
+Nacht nahm ich mein schwarzes B&uuml;chlein aus dem Koffer,
+schrieb ein paar Zeilen dazu und sandte es fr&uuml;hmorgens
+an Egidy. Eine unbestimmte Hoffnung, da&szlig; er doch
+vielleicht der Befreier &mdash; auch mein Befreier &mdash; werden
+k&ouml;nnte, lie&szlig; mir das Herz dabei h&ouml;her schlagen. Wenige<a name="Page_454" id="Page_454"></a>
+Tage sp&auml;ter bekam ich seine Antwort. &raquo;Wir sind Bundesgenossen,&laquo;
+schrieb er, &raquo;denn nicht darauf kommt es an,
+was wir glauben, sondern was wir sind; nicht darauf,
+wie wir uns nennen, sondern ob wir wollen, da&szlig; etwas
+werde. Ich rechne auf Sie. Zu wirken gilt es, solange
+es Tag ist, mein ganzes Dasein geh&ouml;rt diesem Wirken.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 6.5em;">In wahrster respektvoller Ergebenheit</span><br />
+<span style="margin-left: 21em;">M. von Egidy.&laquo;</span><br />
+</p>
+
+<p>Nun verflossen meine Tage wieder in alter Einf&ouml;rmigkeit;
+aber ihr tr&uuml;bes Grau war wie Fr&uuml;hlingsnebel,
+der die Sonne ahnen l&auml;&szlig;t, und meine tr&auml;ge gewordene
+Phantasie griff wieder nach der Palette, um Zukunftsbilder
+zu malen. Ich konnte unsere Abreise kaum mehr
+erwarten. In Berlin w&uuml;rde der gro&szlig;e Strom des
+Weltgeschehens die Rinnsale des Eigenlebens aufnehmen,
+das enge Beieinandersein innerlich entzweiter Menschen
+w&uuml;rde aufh&ouml;ren, und &raquo;das Wunderbare&laquo; w&uuml;rde vielleicht
+doch noch erl&ouml;send in mein Dasein treten.</p>
+
+<p>Meine Mutter war, um Wohnung zu suchen, schon
+vorausgereist, als ich von Professor Fiedler, dem Herausgeber
+der Goethe-Zeitschrift, einen Brief erhielt. Er
+hatte sich nach Gro&szlig;mamas Tod zuerst an Onkel Walter
+gewandt, um zu erfahren, welche Erinnerungen ihr Nachla&szlig;
+an den gro&szlig;en Freund ihrer Jugend enthielte, und dieser
+hatte ihn an mich verwiesen. Ob ich f&uuml;r seine Zeitschrift
+einen Artikel schreiben wolle, frug er, &mdash; ich staunte:
+wie kam es nur, da&szlig; ich bisher so blind gewesen war?!
+Die Lebende hatte mich ernst und eindringlich auf den
+Weg des Erwerbs gewiesen, und die Tote gab mir die
+Mittel an die Hand, durch die es mir m&ouml;glich sein
+sollte, ihn zu betreten!</p>
+
+<p><a name="Page_455" id="Page_455"></a>Gewi&szlig;, mit Freuden w&uuml;rd' ich den Aufsatz schreiben,
+antwortete ich; viele wertvolle Erinnerungsbl&auml;tter von
+der Hand der Verstorbenen seien in meinem Besitz, die ich
+zu ver&ouml;ffentlichen die Absicht h&auml;tte, und &uuml;beraus dankbar
+w&uuml;rde ich ihm sein, wenn ich dabei auf seine Hilfe
+rechnen k&ouml;nne. Umgehend erhielt ich noch einen Brief,
+worin mir der Gelehrte seinen Beistand zusicherte. Ich
+strahlte: das war ein Anfang, &mdash; der erste Schritt zur
+Unabh&auml;ngigkeit, und vielleicht &mdash; zum Ruhm!</p>
+
+<p>An einem jener leuchtenden Herbstabende, wie sie
+nur im Norden Deutschlands vorkommen, n&auml;herten wir
+uns Berlin. In hellem Violett, das hie und da ins
+Rosenrote &uuml;berging, lag der Dunst der Gro&szlig;stadt &uuml;ber
+den H&auml;usern, verwischte ihre H&auml;&szlig;lichkeit und verlieh
+ihnen einen Schimmer phantastischen Lebens. Feuchtgl&auml;nzende
+Schienenstr&auml;nge liefen vor uns her und dehnten
+sich nach allen Seiten, &mdash; zahllose Polypenarme, die sich
+verlangend dem gewaltigen Ungeheuer der Stadt entgegenstreckten,
+das mit roten, gr&uuml;nen und wei&szlig;en grell-glotzenden
+Augen gierig Ausschau hielt nach neuer Beute.
+Ein schwarzer Rachen, &ouml;ffnete sich die Halle des Bahnhofs.
+Mit Gezisch und Geratter brauste der Zug hinein &mdash; Rauchschwaden
+stiegen auf &mdash; ein letztes Ausatmen seiner
+Maschine &mdash; ein kurzer, harter Sto&szlig; noch &mdash; und Berlin
+hatte ihn verschlungen. Aufgeregt, r&uuml;cksichtslos, erwartungsvoll
+schoben und dr&auml;ngten sich die Menschen.
+Mir aber war, als m&uuml;&szlig;ten meine F&uuml;&szlig;e den grauschwarzen
+Asphalt sanft und schmeichelnd ber&uuml;hren: Neuland
+war es, das ich betreten hatte.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_456" id="Page_456"></a></p>
+<h2><a name="Sechzehntes_Kapitel" id="Sechzehntes_Kapitel"></a>Sechzehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p style="text-align: right">
+Berlin, 28.&nbsp;12.&nbsp;90
+</p>
+
+<p>Liebe Mathilde!</p>
+
+<p>Du beklagst Dich &uuml;ber mein monatelanges
+Schweigen, und solltest doch froh sein, da&szlig;
+ich Dich w&auml;hrend einer Zeit innerer und
+&auml;u&szlig;erer Zerrissenheit mit Briefen verschonte. Womit
+ich nicht behaupten will, da&szlig; ich Dir jetzt das Bild
+abgekl&auml;rter Weisheit geben k&ouml;nnte. Aber ich habe zum
+mindesten den Taumel &uuml;berwunden und sehe das Verwirrende,
+Vielgestaltige des neuen Lebens. &mdash; Doch Du
+willst zun&auml;chst seinen Rahmen kennen lernen. Er ist &mdash; um
+ihn mit zwei Worten zu kennzeichnen &mdash; bronzierter
+Gips, den der Fremde f&uuml;r vergoldete Holzschnitzerei
+zu halten verpflichtet ist. Wir wohnen &mdash; nat&uuml;rlich! &mdash; im
+&#8250;vornehmen&#8249; Westen, aber an jener Grenzscheide, wo
+die neuesten Mietskasernen mit ihren dunkeln H&ouml;fen
+und protzigen Fassaden sich mit den Kartoffelfeldern
+begegnen. Unsere Wohnung hat einen Aufgang &#8250;nur
+f&uuml;r Herrschaften&#8249; und ist selbstverst&auml;ndlich &#8250;hochherrschaftlich&#8249;:
+&uuml;ber den T&uuml;ren tanzen Stuckamoretten mit
+verrenkten Armen und Beinen, die &Ouml;fen sind Prachtgeb&auml;ude
+aus den buntesten Kacheln, das E&szlig;zimmer &mdash; ein
+<a name="Page_457" id="Page_457"></a>wahrer Tanzsaal &mdash; hat Holzpaneele und eine
+Holzdecke aus Papier, der Salon weist gar eine imitierte
+Seidentapete auf, die der Wirt uns als ganz besonders
+&#8250;vornehm&#8249; anpries, und das Herrenzimmer prunkt im
+papierenem Leder! Dazu hat der Tapezier die Gardinen
+von acht Zimmern an die Fenster und T&uuml;ren dieser drei
+R&auml;ume geh&auml;ngt, so da&szlig; die &Uuml;ppigkeit eine geradezu
+&uuml;berw&auml;ltigende ist und unsere verschossenen M&ouml;bel und
+zertretenen Teppiche in einem vorteilhaften Zwielicht
+Glanz und Reichtum vort&auml;uschen. Die n&uuml;chterne Wahrheit
+beginnt erst mit dem langen dunkeln Korridor, an
+den sich drei Kammern &mdash; Schlafzimmer genannt &mdash; anlehnen.
+Eine davon bewohne ich. Es ist mir gelungen,
+sie mittelst Kretonnevorh&auml;ngen in zwei R&auml;ume
+zu verwandeln, die sich freilich beide mit einem Fenster
+begn&uuml;gen m&uuml;ssen und von der Existenz des Himmels
+keine Ahnung haben, geschweige denn von der der Sonne.</p>
+
+<p>Und doch mu&szlig; zwischen meiner Seele und der Sonne
+irgendein geheimnisvoller Zusammenhang bestehen: mein
+Denken und F&uuml;hlen friert ein ohne sie. Wenn ich
+arbeiten will, mu&szlig; ich darum immer zuerst &uuml;ber Felder
+und Sturz&auml;cker laufen, wo kein Haus und kein Baum
+Schatten werfen. Trotzdem will meine Arbeit nicht so
+recht hell und warm werden ...</p>
+
+<p>Bald nach unserer Ankunft besuchte uns Professor
+Fiedler. Mein Artikel &uuml;ber Gro&szlig;mamas Goethe-Erinnerungen
+gefiel ihm &mdash; unter uns gesagt: mir gar
+nicht! &mdash;, und f&uuml;r alles, was ich sonst noch von ihr
+habe, war er aufs h&ouml;chste interessiert. Er empfahl mich
+an Rodenberg, an Lindau, an Westermanns Monatshefte,
+und ich habe auf Monate, vielleicht auf Jahre
+<a name="Page_458" id="Page_458"></a>hinaus zu tun, ohne da&szlig; der Eintritt in die Literatur
+mir irgendwelche Schwierigkeiten gekostet h&auml;tte. Auch
+sonst bin ich vom &#8250;Gl&uuml;ck&#8249; beg&uuml;nstigt: Meine Brennarbeiten
+hat der Offizierverein zum Verkauf angenommen, und
+meine Erfindung &mdash; die Vereinigung von Brennen und
+Malen auf Sammet und Tuch &mdash; hat eine Frauenzeitung
+geschildert und mich dabei als Verfertigerin
+empfohlen. Ich habe meinen Eltern infolgedessen das
+Taschengeld schon &#8250;k&uuml;ndigen&#8249; k&ouml;nnen, und dieser erste
+Schritt zur Selbst&auml;ndigkeit ersetzt mir etwas den Mangel
+an seelischer und geistiger Befriedigung. Da ich den
+Eltern &uuml;berdies durch Schneidern, Putzmachen und
+Gouvernantenspielen bei Ilse ein M&auml;dchen f&uuml;r alles
+und ein Fr&auml;ulein erspare, so kann ich mir einbilden,
+mich bereits selbst zu erhalten. Nur da&szlig; dies blo&szlig;e
+Erhalten des Lebens vom Leben selbst weit entfernt ist.</p>
+
+<p>Ich sehe dich heimlich l&auml;cheln. &#8250;Ihr fehlt einmal
+wieder der Mann,&#8249; sagst Du. Du irrst: ich komme mir
+mit meinen 25 Jahren so alt vor, da&szlig; ich bereits gro&szlig;m&uuml;tterlich
+mitleidig l&auml;chle, wenn andere von Liebe reden.
+Besinnst Du Dich auf Vetter Fritz in Brandenburg?
+Du warst damals sittlich entr&uuml;stet, da&szlig; ich dem guten
+Jungen den Kopf verdrehte. Nachdem er in den letzten
+acht Jahren meinen Geburtstag nicht einmal vergessen
+hatte, stellte er sich hier wieder bei uns ein, &mdash; noch
+immer derselbe kindliche Mensch, trotz seiner Gardeulanenuniform.
+Mit Blumen und Blicken wirbt er
+um mich, und seine Treue r&uuml;hrt mich oft so, da&szlig; ich
+mich frage, ob es nicht das Beste w&auml;re, seine Frau zu
+werden. Dann h&auml;tte die liebe Seele Ruhe, und allen
+Ambitionen und Befreiungsgel&uuml;sten w&auml;re ein f&uuml;r allemal
+<a name="Page_459" id="Page_459"></a>ein Riegel vorgeschoben. Die gesamte Familie &mdash; die
+durch Onkel Walters und Maxens, durch Tante Jettchen
+und ihre Kinder und Enkel erschreckende Dimensionen
+angenommen hat &mdash; unterst&uuml;tzt nat&uuml;rlich im stillen die
+Sache, und das reizt mich zum Widerspruch.</p>
+
+<p>Na, &uuml;berhaupt die Familie! Die Familiensonntage
+vor allem, wo man sich mittags und abends genie&szlig;t, meist
+f&uuml;nfzehn bis zwanzig Mann hoch! Nur eins ist f&uuml;r mich
+dabei wohltuend: da&szlig; ich mich wieder einmal so recht
+intensiv als das einzige schwarze Schaf empfinde.</p>
+
+<p>Seit St&ouml;ckers Abschied ist der Antisemitismus geradezu
+epidemisch geworden, gerade so, wie der Kultus Bismarcks &mdash; wenigstens
+in den Kreisen meiner lieben Verwandtschaft &mdash; erst
+nach seinem Sturz ins Kraut scho&szlig;.
+Und ein Staatsanwalt w&uuml;rde Karriere machen, wenn
+er das Geschimpfe auf S.&nbsp;M. mit anh&ouml;ren k&ouml;nnte, &mdash; vorausgesetzt,
+da&szlig; die Delinquenten nicht preu&szlig;ische
+Edelleute, sondern internationale Sozis w&auml;ren! Der
+adlige Klub am Pariser Platz, wo nur die Alleredelsten
+der Nation aufgenommen werden und Papa und die
+Enkels t&auml;glich verkehren, ist der Mittelpunkt der Fronde;
+Str&ouml;me von Skandalosa flie&szlig;en aus seinen T&uuml;ren in
+die Welt, und ich k&ouml;nnte aus lauter Widerspruchsgeist &mdash; der
+zuweilen zur Objektivit&auml;t erzieht &mdash; fast zur
+Verteidigerin des &#8250;neuen Herrn&#8249; werden, wenn er nicht
+selbst der sich kaum sch&uuml;chtern entwickelnden Anerkennung
+immer wieder einen Fu&szlig;tritt g&auml;be, so da&szlig; sie zusammenknickt
+wie ein Veilchen unter dem Nagelschuh. Du
+kannst Dir denken, wie es mich z.&nbsp;B. begeisterte, als er
+in der Schulreform die Initiative ergriff, und welche
+Hoffnungen ich an die Konferenz kn&uuml;pfte. Und dann
+<a name="Page_460" id="Page_460"></a>stellte ihr S.&nbsp;M. keine andere Aufgabe, als die Schule
+in ein Kampfmittel gegen die Sozialdemokraten zu verwandeln
+und blindw&uuml;tigen Hurrapatriotismus noch
+mehr als bisher zu verbreiten. Nat&uuml;rlich bestand die
+Antwort der zusammengerufenen &#8250;F&uuml;hrer der Jugend&#8249;
+in devotester Verbeugung vor dem allerh&ouml;chsten Willen,
+und befriedigt von dem &#8250;Erfolg&#8249; des &#8250;offenen&#8249; Gedankenaustausches
+schlo&szlig; S.&nbsp;M. die Versammlung mit einer
+Verbeugung seinerseits vor der Kirche.</p>
+
+<p>F&uuml;r Egidy war dies Ereignis, seit er den Abschied bekam,
+wohl der gr&ouml;&szlig;te Schmerz. Ich stehe mit ihm in Briefwechsel,
+und so sehr ich mich im Gegensatz zu vielen
+seiner Grundanschauungen befinde, genie&szlig;e ich diese lebens- und
+glaubensstarke Individualit&auml;t, wie ein Durstiger
+frisches Quellwasser. &#8250;So schwer auch die Gegenwart
+mich belastet,&#8249; schrieb er mir k&uuml;rzlich, &#8250;so kraftvoll ich
+auch ringen mu&szlig;, um die Erinnerung niederzuk&auml;mpfen,
+die gerade in diesen Tagen furchtbar an mir zehrt, da
+das Regiment, das acht Wochen nach dem Erscheinen
+der Ernsten Gedanken das meine werden sollte, sein Jubil&auml;um
+feiert, &mdash; so beseelt mich doch die Hoffnung, da&szlig;
+ich dem Vaterlande, der Welt noch dienen kann, und
+da&szlig; das, was ich tat, nicht fruchtlos war. Auch auf
+den Kaiser ist meine Hoffnung unzerst&ouml;rbar, &mdash; es gilt
+nur sein Ohr zu erreichen....&#8249;</p>
+
+<p>Doch <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'im'">ich</ins> sehe, da&szlig; mein Brief sich zu einem Buch
+auszuwachsen beginnt, &mdash; hoffentlich ein Beweis f&uuml;r die
+k&uuml;nftige Regsamkeit unseres Briefwechsels.</p>
+
+<p>Was soll ich Dir nun ohne Phrase und ohne Kom&ouml;die
+zum neuen Jahre w&uuml;nschen? Gl&uuml;ck? Wer glaubt daran?
+Befriedigung? Wer findet sie, solange das Blut noch
+<a name="Page_461" id="Page_461"></a>hei&szlig; durch die Adern rollt! Soll ich auf ewige Seligkeit
+vertr&ouml;sten? Ein schwacher Trost f&uuml;r den, der die
+irdische noch nicht durchkostet hat. Lerne dich bescheiden,
+werde so rasch wie m&ouml;glich alt und k&uuml;hl, &mdash; ist das nicht
+am Ende der beste Wunsch?!</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 8em;">In treuer <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'Freudschaft'">Freundschaft</ins></span><br />
+<span style="margin-left: 17em;">Deine Alix.&laquo;</span><br />
+</p>
+
+
+<p style="text-align: right">
+Berlin, 20.&nbsp;2.&nbsp;91
+</p>
+
+<p>Liebe Mathilde!</p>
+
+<p>Seit meinem letzten Brief und Deiner Antwort &mdash; die
+meiner Erwartung vollkommen entsprach, alldieweil
+Du meine Arbeitswut nur als Intermezzo zwischen zwei
+Romankapiteln betrachtest &mdash; sind wieder einige inhaltreiche
+Wochen vergangen. Ich fange allm&auml;hlich an,
+den Pulsschlag des Weltlebens zu empfinden und den
+meinen auf denselben Takt einzustellen, wobei ich allerdings
+immer deutlicher den Gegensatz zwischen mir und
+der lieben Verwandtschaft empfinde, deren Blut so tr&auml;ge
+flie&szlig;t, da&szlig; es eigentlich Anno 70 noch kaum &uuml;berwunden
+hat. Der j&uuml;ngste Familienzuwachs ist nach der Richtung
+besonders charakteristisch. Du entsinnst Dich, da&szlig; Papa
+einen j&uuml;ngeren Bruder hatte, der Geistlicher war und
+im Irrenhaus starb. Er hinterlie&szlig; eine Wittwe mit
+f&uuml;nf Kindern in bedr&auml;ngtester Lage, und Tante Klotilde
+mu&szlig;te sich wohl oder &uuml;bel entschlie&szlig;en, das Ihre zur
+Erhaltung der Familie beizutragen, was sie nat&uuml;rlich
+von vornherein gegen sie einnahm. Die m&uuml;tterlichen
+Verwandten taten desgleichen; Papa verschaffte den
+S&ouml;hnen ein Unterkommen im Kadettenkorps, Mama
+erreichte, da&szlig; eine der T&ouml;chter die mir zugedachte Frei<a name="Page_462" id="Page_462"></a>stelle
+im Augustastift bekam, so da&szlig; Tante Marie schlie&szlig;lich
+nur f&uuml;r ein Kind zu sorgen hatte. Jetzt wills das
+Ungl&uuml;ck, da&szlig; die M&auml;dchen erwachsen sind und die S&ouml;hne
+in die Armee eintreten, und was das Malheur voll
+macht: die ganze Gesellschaft ist aus der Art der Kleves
+geschlagen. Tante Klotilde entr&uuml;stet sich dar&uuml;ber, und
+Papa schimpft wie ein Rohrspatz, da&szlig; die m&uuml;tterliche
+Verwandtschaft das Blut verdorben hat und er nun gen&ouml;tigt
+ist, die Jungens weiter zu bringen. Er war ja
+von je der hilfreiche Geist, wenn irgendein Vetter
+durch das Einj&auml;hrige bugsiert werden oder in ein anst&auml;ndiges
+Regiment Aufnahme finden sollte. So hat er
+denn f&uuml;r Erich, den &auml;ltesten dieser mi&szlig;ratenen Kleves,
+sein altes Regiment gef&uuml;gig gemacht und ihm &mdash; in
+der goldenen Zeit der eigenen Korpshoffnungen! &mdash; die
+n&ouml;tige Zulage versprochen. Das Einl&ouml;sen dieses Versprechens
+wird ihm jetzt gewaltig sauer, und es macht
+mir eine Riesenfreude, da&szlig; ich bald imstande sein werde,
+einen Teil davon auf mich zu nehmen.</p>
+
+<p>Tante Marie lebt mit ihren T&ouml;chtern in Potsdam,
+die S&ouml;hne sind in Lichterfelde und Frankfurt, und
+diese N&auml;he verschafft uns das Gl&uuml;ck ihrer Sonntagsbesuche.
+Ich sitze dabei immer wie auf Nadeln in
+Erwartung von Papas sarkastischen Bemerkungen und
+&uuml;berbiete mich in Liebensw&uuml;rdigkeit, wenn mir auch
+gar nicht darnach zumute ist. Alle miteinander sind
+kaiserlich bis in die Knochen, ist doch Tante Marie
+mit der neuen Hofclique verschw&auml;gert, mit den Eulenburgs
+vor allem, die nahe daran sind, das Hausmeiertum
+an sich zu rei&szlig;en. Infolgedessen sind sie
+nat&uuml;rlich auch kirchlich-orthodox; &mdash; darnach kannst Du<a name="Page_463" id="Page_463"></a>
+Dir die Harmonie unserer Beziehungen ungef&auml;hr vorstellen!
+Mama, mit ihrem oft ganz fanatischen Gerechtigkeitsgef&uuml;hl
+ist die einzige, die sie aus &Uuml;berzeugung
+verteidigt und es sogar unternahm, Tante Klotilde, die
+jede pers&ouml;nliche Zusammenkunft mit ihren Neffen und
+Nichten bisher vermieden hat, freundlicher zu stimmen.
+Sie wirft mir Herzlosigkeit vor, weil ich sie darin nicht
+unterst&uuml;tzen mag, und zankt sogar mit ihrem Lieblingsbruder,
+der sie warnte, sich &#8250;kein Kuckucksei ins Nest zu
+legen&#8249;. Die Gefahr ist, scheint mir, sehr gering, denn
+um bei Tante Klotilde etwas zu erreichen, m&uuml;&szlig;te Mama
+ungef&auml;hr das Gegenteil von dem verlangen, was sie
+erreichen will. Au&szlig;erdem w&uuml;rde ich den armen W&uuml;rmern
+einen t&uuml;chtigen Anteil an Tante Klotildes Reicht&uuml;mern
+von Herzen g&ouml;nnen.</p>
+
+<p>In schroffem Gegensatz zu diesem Zwangsverkehr steht
+ein anderer, den ich mir erk&auml;mpft habe, &mdash; obwohl Du
+mich bereits vorher vor meinen &#8250;j&uuml;dischen Beziehungen&#8249;
+warntest: der im Hause Fiedlers und Rodenbergs. Papa
+war zuerst entr&uuml;stet, als ich ihn um die Erlaubnis bat,
+den freundlichen Einladungen der beiden, meine literarische
+T&auml;tigkeit so lebhaft unterst&uuml;tzenden, folgen zu
+d&uuml;rfen. Nach einigem Brummen, R&auml;uspern und Toben &mdash; wobei
+ich ver&auml;ngstigt wie immer aus dem Zimmer
+floh, w&auml;hrend Ilschen lachte und den Papa zu meinen
+Gunsten umschmeichelte &mdash; entschlo&szlig; er sich freiwillig
+zu offiziellen Familienvisiten und gestattete mir dann,
+die Gesellschaften allein zu besuchen. Nun genie&szlig;e ich
+den geistig anregenden Verkehr ungeheuer und fange an,
+meine Sch&uuml;chternheit angesichts dieser mir doch sehr neuen
+Menschen und fremden Verkehrsformen zu &uuml;berwinden.<a name="Page_464" id="Page_464"></a>
+Ich bin seit langem daran gew&ouml;hnt, meine Ansichten nur
+im h&ouml;chsten Affekt auszusprechen, so da&szlig; ich erst eine
+gewisse Schwerf&auml;lligkeit niederk&auml;mpfen, ja sogar mit
+dem Ausdruck ringen mu&szlig;. Das steigert sich, wenn
+Namen genannt und Ereignisse lebhaft er&ouml;rtert werden,
+von denen ich keine Ahnung habe.</p>
+
+<p>Im Mittelpunkt des Interesses steht auf der einen Seite
+die neue literarische Bewegung, die sich in der Freien B&uuml;hne
+ein eigenes Theater schuf, und deren Vertreter stark realistische
+und sozialistische Tendenzen haben, und auf der anderen
+der neu aufsteigende Stern am Dichterhimmel &mdash; Sudermann &mdash;,
+dessen Dramen, wie Du sicher aus den Zeitungen
+wei&szlig;t, wahre St&uuml;rme f&uuml;r und wider hervorrufen.
+Ich kenne von alledem noch nichts. Onkel Walter
+erkl&auml;rt, da&szlig; &#8250;ein junges M&auml;dchen&#8249; Sudermanns Werke
+unm&ouml;glich sehen k&ouml;nne, &mdash; aber ins Residenztheater und
+in den Wintergarten werde ich ohne Bedenken mitgenommen! &mdash;,
+und im Kreise meiner literarischen Bekannten
+sieht man den Jungen von Friedrichshagen &mdash; einem
+Vorort von Berlin, wo sie, wie man munkelt,
+ein gemeinsames Leben f&uuml;hren, das das kommunistische
+Prinzip sogar auf &mdash; die Frauen ausdehnt! &mdash; skeptisch
+gegen&uuml;ber. Ich bin zwar sehr geneigt, mich, wenn auch
+nicht der Autorit&auml;t Onkel Walters, so doch dem reifen
+Urteil meiner neuen Freunde von vornherein anzuschlie&szlig;en,
+um so mehr, als <em class="antiqua">Dr.</em> Friedrich, der hervorragendste
+Kritiker Berlins und ein tiefer Goethe-Kenner,
+an ihrer Spitze steht, aber mich interessiert jede moderne
+Erscheinung viel zu sehr, als da&szlig; ich sie nicht aus
+eigner Anschauung kennen lernen wollte.</p>
+
+<p>Wegen Vetter Fritz sei ganz ruhig. Ich habe besseres
+<a name="Page_465" id="Page_465"></a>zu tun, als zu kokettieren. Meine Haltung ihm gegen&uuml;ber
+ist eine ganz passive: ich empfinde mit wohligem
+Behagen die Atmosph&auml;re seiner Zuneigung, und vielleicht
+ist solch ein sich lieben lassen f&uuml;r mich ein Lebensbed&uuml;rfnis,
+ebenso wie das sich bescheinen lassen von der
+Sonne.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 14em;">Von Herzen</span><br />
+<span style="margin-left: 16.5em;">Deine Alix.&laquo;</span><br />
+</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Meine Mutter pflegte sich Onkel Walters Ansichten
+fast immer zu unterwerfen, weil es
+im Grunde stets die ihren waren. Aber
+in Bezug auf meine Theaterbesuche geriet sie in einen
+Zwiespalt mit ihrer eigenen Neigung und mit ihrem
+Pflichtgef&uuml;hl. Das Theater wurde mehr und mehr ihre
+Leidenschaft, &mdash; es war, als suche diese k&uuml;hle, harte
+Frau das Leben, weil sie selbst nicht gelebt hatte &mdash;,
+aber f&uuml;r sich allein und ihr pers&ouml;nliches Vergn&uuml;gen
+Geld auszugeben, w&auml;re ihr nie in den Sinn gekommen.
+Also nahm sie mich mit, beruhigte ihr Gewissen damit,
+da&szlig; &raquo;uns doch niemand sehen wird&laquo;, und sch&auml;rfte mir
+ein, nicht dar&uuml;ber zu sprechen. So sahen wir &raquo;Die
+Ehre&laquo; und &raquo;Sodoms Ende&laquo;, dessen urspr&uuml;ngliches
+Verbot auf des Kaisers direkten Eingriff zur&uuml;ckgef&uuml;hrt
+wurde und den Erfolg des Werks von vornherein gesichert
+hatte. Der tiefe Eindruck, den wir empfingen,
+setzte sich aus Verbl&uuml;ffung, Entsetzen und Ergriffenheit
+zusammen. Aber w&auml;hrend er sich bei meiner Mutter
+durch den befreienden Gedanken ausl&ouml;ste, da&szlig; hier der
+verdorbenen Bourgeoisie und den verha&szlig;ten Parven&uuml;s
+<a name="Page_466" id="Page_466"></a>ein gr&auml;&szlig;liches Spiegelbild vorgehalten werde, das sie
+im Grunde nichts anging, wirkte er in mir schmerzhaft
+nach. Ich sah in meinen Tr&auml;umen Alma, das verdorbene
+M&auml;dchen aus dem Hinterhaus, und Frau Adah, die
+arme Reiche, die nach Gl&uuml;ck und Liebe lechzte, w&auml;hrend
+ihr Mann sich mit Stra&szlig;endirnen umhertrieb. Sie waren
+nichts als Typen der modernen Gesellschaft, und ihre
+Wahrhaftigkeit ersch&uuml;tterte mich.</p>
+
+<p>Und dann las ich mit demselben Feuereifer, mit dem
+ich einst in Posen meine heimlich erworbenen Reklamb&auml;ndchen
+verschlang, die Werke der &raquo;Jungen&laquo;. Jedes
+Buch ri&szlig; mir einen neuen Schleier von den Augen.
+Kretzers &raquo;Meister Timpe&laquo;, Holz-Schlafs &raquo;Familie Selicke&laquo;,
+Gerhart Hauptmanns &raquo;Vor Sonnenaufgang&laquo;, &mdash; mit
+welcher Grausamkeit enth&uuml;llten sie ungeahnte Tiefen des
+Elends! Dazwischen fielen mir in bunter Reihe B&uuml;cher
+in die H&auml;nde &mdash; von Strindberg, von Garborg, von
+Przybyszewski &mdash;, die mit demselben brutalen Wahrheitsfanatismus
+blutende Herzen und zuckende Sinne blo&szlig;legten.
+Und in diesem grellen Licht, das nur tiefe
+Schatten und blendende Helle schuf und milde, zart
+verschwimmende D&auml;mmerung nicht duldete, enth&uuml;llte sich
+nun auch die Welt in mir. Hatte ich die zehrende Glut
+meines Innern, all die Qualen meiner jungen Sinne
+doch nur vergebens mit den Feuerl&ouml;scheimern des Verstandes
+und der Pflichterf&uuml;llung zu ersticken gesucht.</p>
+
+<p>Das Leben hatte in tausend und abertausend bunten
+Farbenflecken unruhig, blendend, vor meinen Augen geflirrt;
+jetzt erst entdeckte ich, da&szlig; sie alle notwendig zueinander
+geh&ouml;rten und zu einem einzigen, riesigen Gem&auml;lde
+zusammenschossen. Es galt nur, die Blicke fest
+<a name="Page_467" id="Page_467"></a>und mutig darauf zu richten, nicht zu schaudern vor der
+Wahrheit, die im zerschlissenen, blutbefleckten Gewande
+der Not der schier endlosen Schar der Hungernden
+und Blinden, der Lahmen und Verkr&uuml;ppelten, der Irren
+und der Kettentr&auml;ger voranschritt. Wer sehend war,
+erkannte unter ihrem Bettlermantel das K&ouml;nigskleid,
+und ihm wandelte sich die Gei&szlig;el, die sie trug, zur Fahne
+des Sieges.</p>
+
+<p>Das Grauen verschwand, ein Gef&uuml;hl unbezwinglicher
+Kraft &uuml;berkam mich. O, ich war stark genug, um, Seite
+an Seite mit den anderen, Ruinen einzurei&szlig;en und
+Felsen aufeinander zu t&uuml;rmen!</p>
+
+<p>War ich es wirklich?! Beugte ich mich nicht &auml;ngstlich
+jenem pedantischen Schulmeister, dem Alltag, der
+mich jeden Morgen aus meinen Tr&auml;umen weckte, mich
+zwang, zwanzig alte, muffig riechende B&uuml;cher zu durchst&ouml;bern,
+um &uuml;ber irgend einen vergessenen Zeitgenossen
+Goethes einen kleinen Artikel zu schreiben, oder
+meinem Schwesterchen beim Rechnen beizustehen, oder
+Mamas Winterhut neu zu garnieren, oder f&uuml;r ein
+Dutzend &uuml;berraschender Abendg&auml;ste den Tisch zu decken?!</p>
+
+<p>In der Goethe-Zeitschrift waren inzwischen meine
+Aufs&auml;tze erschienen, und von den weimarer Freunden
+und Verwandten meiner Gro&szlig;mutter wurde mir eitel Anerkennung
+zu Teil. Auch der Gro&szlig;herzog lie&szlig; mir sagen,
+wie sehr ihn interessiere, was ich schreibe, und legte mir
+nahe, nach Weimar zu kommen, wo ich zu neuen Studien
+und Arbeiten alle T&uuml;ren offen und alle Menschen hilfsbereit
+finden w&uuml;rde. Mein Vater strahlte &uuml;ber diesen
+Erfolg und begriff nicht, wie ich auch nur einen Moment
+z&ouml;gern k&ouml;nne, der Anregung Folge zu leisten.</p>
+<p><a name="Page_468" id="Page_468"></a></p>
+<p>&raquo;Du bist doch nun einmal dem Tintenteufel verfallen,&laquo;
+meinte er, &raquo;nun kannst du es wenigstens auf eine standesgem&auml;&szlig;e
+Weise sein.&laquo;</p>
+
+<p>Ich schwieg. Sollte ich ihm den Schmerz bereiten
+und ihm sagen, da&szlig; die Fesseln des &raquo;Standesgem&auml;&szlig;en&laquo;
+mir schon jetzt schmerzhaft genug ins Fleisch schnitten?</p>
+
+<p>Auch im Kreise der Goethe-Zeitschrift verstand man
+mich nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Der Gro&szlig;herzog selbst fordert Sie auf und bietet
+Ihnen seine Hilfe an, und Sie haben noch Bedenken,
+nach Weimar zu gehen?!&laquo; sagte Professor Fiedler, als
+ich einmal wieder zu einer gr&ouml;&szlig;eren Abendgesellschaft bei
+ihm war. &raquo;Nur Ihre schriftstellerische Jugend bietet
+mir eine Erkl&auml;rung daf&uuml;r! Was viele Gelehrte vergebens
+w&uuml;nschten &mdash; Zugang zu den verschlossenen
+Sch&auml;tzen Weimars &mdash;, wird Ihnen hier entgegen getragen,
+und Sie greifen nicht mit beiden H&auml;nden zu! Das bedeutet
+doch nichts anderes, als eine Sicherstellung Ihrer
+literarischen Zukunft, als den Beginn einer gro&szlig;en
+Karriere.&laquo; Ich hatte ihm und seiner Unterst&uuml;tzung schon
+zu viel zu verdanken, als da&szlig; sein Zureden ohne Eindruck
+h&auml;tte bleiben k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben pers&ouml;nliche Beziehungen zum Gro&szlig;herzog
+von Sachsen-Weimar?&laquo; mischte sich ein anderer Gast ins
+Gespr&auml;ch, der mich bisher von der H&ouml;he seiner Ber&uuml;hmtheit
+und seiner vielbewunderten &Auml;hnlichkeit mit Goethe
+kaum eines fl&uuml;chtigen Gru&szlig;es gew&uuml;rdigt hatte. Ich erz&auml;hlte
+von Gro&szlig;mamas Freundschaft mit Karl Alexander.
+Der Kreis um mich vergr&ouml;&szlig;erte sich. Man erging sich
+in Lobeserhebungen des F&uuml;rsten, &uuml;ber den ich in meinen
+Kreisen immer nur hatte lachen und spotten h&ouml;ren.</p>
+<p><a name="Page_469" id="Page_469"></a></p>
+<p>&raquo;Wenn Sie sich seiner Gunst weiter erfreuen, &mdash; welche
+Dienste k&ouml;nnen Sie dann der Wissenschaft leisten!&laquo; sagte
+der Mann mit dem Goethe-Kopf. Seltsam, wie er pl&ouml;tzlich
+von meiner Leistungskraft &uuml;berzeugt schien, obwohl er
+alle Zusendungen meiner Artikel mit Stillschweigen &uuml;bergangen
+hatte! Er f&uuml;hrte mich zu Tisch, und ich, die ich
+bis jetzt eine bescheiden abseits Stehende gewesen war,
+sah mich auf einmal im Mittelpunkt der Gesellschaft.
+Das verletzte mich aufs tiefste: waren das die freien,
+geistig hoch stehenden Menschen, zu denen ich bewundernd
+aufgesehen hatte, deren Verkehr mich in den Strom geistigen
+Fortschritts rei&szlig;en sollte?</p>
+
+<p>Auf das angenehmste &uuml;berrascht wandte ich mich daher
+meinem Nachbarn zur Rechten zu, der meinen Aufsatz
+in der Goethe-Zeitschrift gelesen zu haben schien und ein
+paar kritische Bemerkungen dar&uuml;ber machte. Er war
+ein bekannter &ouml;sterreichischer Dichter, dessen tapfere
+B&uuml;cher, aus denen das ganze Leid des jahrhundertelang
+verfolgten und unterdr&uuml;ckten Judentums herausschrie, mich
+ihn schon lange bewundern lie&szlig;en.</p>
+
+<p>&raquo;Wie stolz m&uuml;ssen Sie sein, so wertvolle Andenken an
+Goethe Ihr eigen zu nennen, wie die Gedichte an Ihre
+Frau Gro&szlig;mutter, wie den Ring aus der Hand des
+Olympiers,&laquo; meinte er.</p>
+
+<p>Ich zog den schmalen Goldreif vom Finger. Er machte
+die Runde um den Tisch. Alles schien entz&uuml;ckt, dankbar,
+voll Bewunderung.</p>
+
+<p>&raquo;Mu&szlig; man das dem Fr&auml;ulein glauben?!&laquo; rief
+pl&ouml;tzlich eine helle Stimme von der anderen Seite
+der Tafel. Halb verletzt, halb erstaunt, suchte ich
+mit den Augen die Sprecherin, &mdash; sie hatte offenbar
+<a name="Page_470" id="Page_470"></a>nicht den mindesten Respekt vor meinen f&uuml;rstlichen Beziehungen.</p>
+
+<p>&raquo;Juliane D&eacute;ry&laquo; &mdash; fl&uuml;sterte mir mein Tischherr zu,
+&raquo;ein &uuml;berspanntes, hypermodernes Frauenzimmer. Sie
+kennen doch ihre Novellen?&laquo;</p>
+
+<p>Ich kannte nicht einmal ihren Namen. Aber ihre
+Unart gefiel mir. Nach dem Souper sprach ich sie an.</p>
+
+<p>Sie sa&szlig; hingekauert zu F&uuml;&szlig;en des &ouml;sterreichischen
+Dichters und ma&szlig; mich mit einem feindseligen Blick,
+w&auml;hrend sie ungeduldig den tief herabgesunkenen &Auml;rmel
+ihres ausgeschnittenen nilgr&uuml;nen Kleides auf die Schulter
+zur&uuml;ckschob.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe kein Interesse f&uuml;r Goethe und nicht das
+mindeste f&uuml;r die Goethe-Philologie,&laquo; sagte sie gereizt.</p>
+
+<p>&raquo;Fr&auml;ulein von Kleve sieht mir aber auch nicht aus,
+als ob sie mit Haut und Haaren der Philologie verfallen
+w&auml;re,&laquo; lachte der Dichter, ein wenig verlegen ob der
+Ungezogenheit seiner Gef&auml;hrtin.</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Ihnen f&uuml;r die gute Meinung,&laquo; antwortete
+ich und setzte mich auf einen geraden Holzstuhl, der mit
+ein paar anderen seinesgleichen, einigen von Zeitschriften
+beladenen Tischen und schlichten B&uuml;cherregalen die Einrichtung
+des Raumes bildete. Es schien als sei diese
+Einfachheit wohlerwogene Absicht, denn um so gewaltiger
+und beherrschender traten die Goethe-Bilder hervor, die
+die W&auml;nde schm&uuml;ckten. &raquo;Tats&auml;chlich habe ich gar keine
+Neigung zur Philologie, &mdash; sehen Sie nur, wie all der
+aufgeh&auml;ufte papierne Wissenskram schon vor dem blo&szlig;en
+Abbild des lebendigen Goethe zusammenschrumpft! Es
+widerstrebt mir geradezu, ihn zu vermehren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum tun Sie's denn?!&laquo; rief die junge Schrift<a name="Page_471" id="Page_471"></a>stellerin,
+sp&ouml;ttisch lachend. Ich schwieg. Ich hatte die
+Empfindung, schon viel zu viel von mir selbst verraten
+zu haben. Der Dichter, bem&uuml;ht, zwischen mir und dem
+M&auml;dchen zu seinen F&uuml;&szlig;en eine Br&uuml;cke zu bauen, lenkte
+ein: &raquo;Seien Sie ihr nicht b&ouml;se. Sie ist viel besser, als
+sie sich gibt, und mit der borstigen Au&szlig;enseite will sie nur
+das allzu Weiche ihres Inneren verstecken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie will?!&laquo; Juliane D&eacute;ry sprang auf und w&uuml;hlte
+mit nerv&ouml;sen schmalen Fingern, die merkw&uuml;rdig wenig
+zu der kurzen breiten Hand und dem vulg&auml;ren Handgelenk
+pa&szlig;ten, in ihrem wirren Haarschopf. &raquo;Sie will
+gar nicht. Aber zuweilen mu&szlig; sie. Und das M&uuml;ssen
+widert sie an. Nicht verbergen, blo&szlig;legen, was ihr im
+Innern lebt &mdash; ganz nackt und blo&szlig; &mdash;, da&szlig; Ihr guten
+anst&auml;ndigen Leute eine G&auml;nsehaut kriegt, das will sie, &mdash; das
+wollen wir alle, die wir jung sind, und dem Leben
+dienen, &mdash; und keinem toten G&ouml;tzen.&laquo; Mir stieg das Blut
+in die Schl&auml;fen. Das Zimmer hatte sich gef&uuml;llt. Wie
+konnte man vor all diesen fremden Menschen die Pforten
+seiner Seele aufrei&szlig;en, dachte ich, und doch beneidete ich
+sie, weil sie es konnte.</p>
+
+<p>Sie hatte einen Funken ins Pulverfa&szlig; geschleudert.
+Eine allgemeine Unterhaltung &uuml;ber das Wollen und
+K&ouml;nnen der Jungen entspann sich, bei der die scheinbar
+ruhigsten Menschen in leidenschaftliche Erregung gerieten, &mdash; jene
+Erregung, die immer verr&auml;t, da&szlig; der Kampf
+aufh&ouml;rt, objektiv gef&uuml;hrt zu werden. Ich h&ouml;rte mit
+steigendem Erstaunen zu. Verteidigten sie nicht im
+Grunde ihre pers&ouml;nliche Ruhe, wenn sie mit Keulen auf
+alle diejenigen losschlugen, die die Wahrheit vom Leben
+verk&uuml;ndigten?</p>
+<p><a name="Page_472" id="Page_472"></a></p>
+<p>&raquo;Der P&ouml;belruhm Zolas und Ibsens ist den Leuten zu
+Kopfe gestiegen,&laquo; eiferte <em class="antiqua">Dr</em>. Friedrich, der von vielen
+als zweiter Lessing gepriesen wurde, und sein schmales
+bartloses Gesicht r&ouml;tete sich. &raquo;Man spekuliert auf die
+ganz gemeine Freude am Schmutz, und hat damit nat&uuml;rlich
+die Masse auf seiner Seite. Was w&uuml;rde der
+Gro&szlig;e hier sagen&laquo; &mdash; er wies mit einer theatralischen
+Geb&auml;rde auf die Bilder an den W&auml;nden &mdash; &raquo;wenn er
+diese Entartung der deutschen Literatur h&auml;tte erleben
+m&uuml;ssen!&laquo;</p>
+
+<p>Eine Pause trat ein. Juliane D&eacute;ry stampfte mit dem
+Fu&szlig; und bi&szlig; sich die vollen Lippen wund, aber auch sie
+schwieg. Die Autorit&auml;t des gef&uuml;rchteten Mannes wirkte
+l&auml;hmend auf alle. Ich allein war noch viel zu naiv, um
+von seiner Macht eine Ahnung zu haben.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, niemand w&uuml;rde die Jungen besser verstehen
+und w&uuml;rdigen als er,&laquo; begann ich leise und
+stockend, w&auml;hrend &auml;ngstliche, warnende und sp&ouml;ttische
+Blicke sich auf mich richteten. &raquo;Sein Werther, sein
+Meister, sein Faust und sein Gretchen vor allem m&ouml;gen
+die meisten seiner Zeitgenossen durch ihre Wahrhaftigkeit
+nicht minder verletzt haben als die Enth&uuml;llungen des
+&auml;u&szlig;eren und inneren Elends der Gegenwart Sie heute
+verletzen. Mir scheint, Dichter und K&uuml;nstler m&uuml;ssen uns
+die Wahrheit zeigen, wie sie ist, weil wir selber nicht den
+Mut haben, sie aus eigener Kraft zu sehen.&laquo;</p>
+
+<p>Man unterbrach mich; Rufe der Entr&uuml;stung wurden
+laut, ich wollte schon versch&uuml;chtert schweigen, als ein
+k&uuml;hler, herausfordernder Blick <em class="antiqua">Dr</em>. Friedrichs mich traf,
+der jetzt dicht vor mir stand.</p>
+
+<p>&raquo;Reden Sie nur weiter, gn&auml;diges Fr&auml;ulein, reden Sie!<a name="Page_473" id="Page_473"></a>
+Es ist psychologisch interessant, einmal zu sehen, wie die
+Dinge auf Menschen wirken, die, wie Sie, dem Leben
+so fern stehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich stehe ihm n&auml;her, viel n&auml;her, als Sie glauben &mdash;&laquo;
+nun flossen mir die Worte rasch und klar von den
+Lippen &mdash; &raquo;und ich wei&szlig;, da&szlig; wir nicht weiter kommen &mdash; der
+Einzelne nicht und die Gesamtheit nicht &mdash;, solange
+wir uns scheuen, das B&ouml;se und Widerw&auml;rtige, das
+H&auml;&szlig;liche und Schmerzhafte zu sehen, wie es ist. Erst
+daran erprobt sich die Lebenskraft. Kein gr&ouml;&szlig;eres Zeichen
+der Dekadenz gibt es als die Furcht vor dem Schmerz.
+Sie ist unsere Krankheit, und an ihr geht unsere Welt
+zugrunde, wenn sie sich von den Ibsen und Zola und
+Nietzsche und denen, die ihresgleichen sind, nicht heilen
+l&auml;&szlig;t.&laquo; Ich atmete tief auf. Jetzt erst sah ich wieder,
+wer um mich war: man l&auml;chelte, halb verlegen, halb mitleidig,
+man zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn nichts anderes, so haben Sie doch eins bewiesen,
+meine Gn&auml;digste,&laquo; sp&ouml;ttelte <em class="antiqua">Dr</em>. Friedrich, &raquo;Sie
+haben Ihren Beruf verfehlt: eine Rednerin ist an Ihnen
+verloren gegangen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich f&uuml;hlte mich gedr&uuml;ckt und verlegen und mochte den
+Mund nicht mehr auftun.</p>
+
+<p>Auf dem Nachhausewege schlo&szlig; sich mir pl&ouml;tzlich
+Juliane D&eacute;ry an und schob ihren Arm in den meinen.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind eine tapfere kleine Person,&laquo; sagte sie, &raquo;aber
+furchtbar dumm sind Sie auch! &mdash; Das vergi&szlig;t Ihnen
+der Friedrich nie!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn meine ganze Dummheit darin besteht, &mdash; die
+Folgen will ich auf mich nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na &mdash; allerhand Achtung vor Ihrer Kurage! &mdash; Aber &mdash; da
+<a name="Page_474" id="Page_474"></a>wir zwei die Wahrheit zu vertragen scheinen,
+so sag ichs frei heraus: Ihre Dummheit ist noch nicht
+ersch&ouml;pft. Sie haben Ihr Gewissen sogar mit einem
+Verbrechen beladen. Sie haben der Kunst ethische
+Motive angedichtet. Die Kunst ist Kunst, &mdash; nicht mehr,
+aber auch nicht weniger. Sie hat eine neue Sch&ouml;nheit
+entdeckt, die der Wahrheit &mdash; der H&auml;&szlig;lichkeit meinetwegen &mdash;,
+die mu&szlig; sie darstellen. Im Wort, im Bild,
+im Ton. Aber n&uuml;tzen und bessern will sie nicht, soll
+sie nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mag sein, da&szlig; das nicht ihre Absicht ist. Auch die
+Blume bl&uuml;ht und duftet und ist sch&ouml;n und vollendet, selbst
+wenn sie nicht zur Frucht werden wollte. Aber die Frucht
+kommt ohne ihre Absicht.&laquo;</p>
+
+<p>Es zuckte ironisch um die Mundwinkel meiner Begleiterin.
+&raquo;Ihr Vergleich hinkt. Die Blume mu&szlig; sterben,
+soll die Frucht ihre Folge sein. Die Kunst aber bl&uuml;ht
+und ist immer Frucht und Blume zugleich.&laquo;</p>
+
+<p>Wir waren &uuml;ber kaum angelegte Stra&szlig;en, an Kartoffelfeldern
+vorbei bis zu der alten Linde gelangt, die mitten
+in der Stra&szlig;enkreuzung des Kurf&uuml;rstendamms und der
+Tauenzienstra&szlig;e stand, ein letzter Zeuge jener Vergangenheit,
+wo die lauernde Schlange der Gro&szlig;stadt die Natur
+noch nicht bis zum letzten Rest in ihrer Umarmung erdrosselt
+hatte.</p>
+
+<p>Wir trennten uns mit einem H&auml;ndedruck und doch
+eben so fremd wie vorher. Nicht zu jenen geh&ouml;rte ich,
+deren Gast ich eben gewesen war, und nicht zu ihr.
+Wohin denn?...</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_475" id="Page_475"></a></p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen schrieb ich an meine Verwandten
+nach Weimar und k&uuml;ndigte meinen
+Besuch an. In die Arbeit wolle ich mich
+st&uuml;rzen, das w&uuml;rde wieder das Beste sein.</p>
+
+<p>Vor meiner Abreise kam die Familie noch einmal vollz&auml;hlig
+bei uns zusammen: Onkel Walter mit seiner Frau,
+die Potsdamer Kleves, Vetter Fritz und Vetter Hermann
+Wolkenstein, der als Offizier auf keine Karriere zu
+rechnen hatte und daher zur Diplomatie &uuml;bergegangen
+war. Auch Tante Jettchen, das Familienorakel, war
+gekommen, sehr alt, sehr gebrechlich, aber mit ihren
+scharfen klugen Augen doch noch alles sehend, alles beobachtend,
+und in ihrem Urteil h&auml;rter denn je. Ihr
+Kopf schien nichts als ein Lexikon der Familie zu sein.
+Sie kannte die Schicksale der entferntesten Verwandten.
+Mich mochte sie nicht: da&szlig; ich als Kind auch nur
+wochenlang eine j&uuml;dische Schulfreundin gehabt hatte, war
+ein unausl&ouml;schlicher Makel in meiner Erziehung. Heute
+jedoch lie&szlig; sie sich meinen Handku&szlig; auf das gn&auml;digste
+gefallen.</p>
+
+<p>&raquo;Es freut mich, freut mich sehr, da&szlig; du nach Weimar
+gehst,&laquo; sagte sie, &raquo;f&uuml;r verschrobene K&ouml;pfe wie deinen ist
+das gut &mdash; sehr gut. Literarisch angehauchte Frauenzimmer
+haben dort Aussicht auf Hofkarriere.&laquo; Ich l&auml;chelte
+unwillk&uuml;rlich: Professor Fiedler hatte auch von der
+&raquo;Karriere&laquo; gesprochen!</p>
+
+<p>Die Unterhaltung drehte sich zun&auml;chst um Familienereignisse.
+Von den Vettern, die um die Ecke gegangen
+waren, und die, statt wie fr&uuml;her nach Amerika, jetzt
+nach den Kolonien abgeschoben wurden, um als Kultur<a name="Page_476" id="Page_476"></a>tr&auml;ger
+aufzutreten; von den sitzengebliebenen Kusinen, die
+Krankenpflegerinnen wurden, weil andere Berufe sich
+doch nicht schickten, war die Rede. &raquo;Besser sich die Finger
+mit Blut als mit Tinte beschmutzen,&laquo; kr&auml;hte die hohe
+Greisenstimme Tante Jettchens. Und dann wurde das
+unerh&ouml;rte Ereignis kr&auml;ftig glossiert, da&szlig; ein Golzow die
+Tochter eines Gro&szlig;industriellen geheiratet hatte. Die
+erste Unadelige in der Familie, und noch dazu der Spr&ouml;&szlig;ling
+eines &raquo;Kohlenfritzen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und der Kerl, der Ernst, hat noch die Frechheit
+gehabt, mir seine Verlobungsanzeige zu schicken.&laquo;
+Auf Tante Jettchens runzligen Wangen brannten
+rote Flecke. &raquo;Aber freilich, wenn von oben das
+Beispiel gegeben wird! &mdash; Wenn Se. Majest&auml;t selbst
+mit dem Kanonen-Krupp und den Hamburger Kaffees&auml;cken
+fraternisiert! &mdash; Und amerikanische Milliard&auml;rst&ouml;chter,
+deren V&auml;ter noch mit dem B&uuml;ndel auf dem
+R&uuml;cken durchs Land zogen, hoff&auml;hig werden!&laquo; &mdash; Ihre
+Stimme &uuml;berschlug sich, der stockende Atem zwang sie
+zum Schweigen. Und nun erst griff die rechte Stimmung
+Platz, ohne die eine Gesellschaft unserer Kreise kaum
+noch m&ouml;glich schien: Jeder wu&szlig;te einen neuen Hofklatsch,
+eine neue Variation einer der vielen Kaiserreden oder
+fl&uuml;sterte dem Zun&auml;chstsitzenden &mdash; aus R&uuml;cksicht auf die
+anwesenden jungen M&auml;dchen &mdash; einen neuen derben
+Spa&szlig; zu, durch den irgendein Eulenburg oder Kessel
+die Lachlust Sr. Majest&auml;t gereizt und sich eine neue
+Gunstbezeugung errungen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r das Modell des Doms, mit seiner &uuml;berladenen
+Pracht, hat er selbst die Zeichnungen entworfen,&laquo; sagte
+der eine, &raquo;dem Darsteller des gro&szlig;en Kurf&uuml;rsten in<a name="Page_477" id="Page_477"></a>
+Wildenbruchs neuem Spektakelst&uuml;ck, dem &#8250;neuen Herrn&#8249; &mdash; das
+&uuml;brigens ein unglaublich taktloser Angriff auf
+Bismarck ist &mdash; hat er pers&ouml;nlich gezeigt, wie ein Hohenzoller
+sich bewegen und benehmen mu&szlig;,&laquo; &mdash; f&uuml;gte ein
+anderer hinzu, &raquo;kurz, der liebe Gott kann alles, aber der
+Kaiser kann alles besser,&laquo; lachte Onkel Walter. Und die
+alte Tante sch&uuml;ttelte sich vor Vergn&uuml;gen: &raquo;Als <em class="antiqua">roi soleil</em>
+hat er sich ja auch schon malen lassen!&laquo;</p>
+
+<p>Nur die Kleves waren verlegen und still, und Papa
+hatte sich mit bezeichnenden Blicken auf die jungen
+Offiziere schon oft vernehmbar ger&auml;uspert.</p>
+
+<p>&raquo;Nun aber genug des grausamen Spiels,&laquo; unterbrach
+er schlie&szlig;lich den allgemeinen Redeflu&szlig;. &raquo;Ich
+komme gewi&szlig; nicht in den Verdacht, ein Sachwalter des
+neuen Kurses zu sein, wenn ich daran erinnere, da&szlig;
+wir doch auch Ursache haben, dem jungen Herrn zuzustimmen.
+Schien er im &Uuml;berschwang jugendlicher Gef&uuml;hle
+den Herren Sozialdemokraten Konzessionen zu machen
+und den Arbeitern die Backen zu streicheln, so hat er doch
+beizeiten gestoppt und andere Saiten aufgezogen &mdash; &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Doch die Verteidigung steigerte nur die Heftigkeit des
+Angriffs. Merkw&uuml;rdig, welche Reizbarkeit alle Menschen
+befallen hatte, wie es fast unm&ouml;glich schien, eine ruhige
+Unterhaltung zu f&uuml;hren.</p>
+
+<p>&raquo;Du siehst die Dinge wirklich nur von au&szlig;en, lieber
+Hans,&laquo; rief Onkel Walter, der sich als Reichstagsmitglied
+f&uuml;hlte und sich gern das Ansehen gab, als w&auml;re
+er in alle politischen Kulissengeheimnisse eingeweiht;
+&raquo;tats&auml;chlich steuert man direkt in den Sozialismus hinein,
+und das um so rascher, je mehr man uns, die einzigen
+St&uuml;tzen der Monarchie, vor den Kopf st&ouml;&szlig;t. Ist es er<a name="Page_478" id="Page_478"></a>h&ouml;rt,
+da&szlig; von einem preu&szlig;ischen K&ouml;nige Ausdr&uuml;cke wie
+der von der Rebellion der Junker kolportiert werden
+k&ouml;nnen, da&szlig; Reden gehalten werden, wie auf dem
+brandenburgischen Provinziallandtag, die nichts anderes
+sind, als ein Kriegsruf gegen uns?!&laquo;</p>
+
+<p>Meine Mutter stimmte eifrig zu. &raquo;Der Geist der
+Unzufriedenheit, von dem der Kaiser sprach, und der die
+Seelen vergiftet, ist wahrhaftig anderswo zu suchen!&laquo;
+sagte sie und lenkte die Unterhaltung auf die moderne Literatur.
+Seitdem sie &raquo;Die Ehre&laquo; und &raquo;Sodoms Ende&laquo; gesehen
+hatte, schien sie von dem Eindruck ganz beherrscht
+zu sein und schwankte zwischen der Emp&ouml;rung, die die
+traditionelle Auffassung von dem, was sich schickt, ihr
+auspre&szlig;te, und zwischen der Anerkennung, zu der ihr
+Gerechtigkeitsgef&uuml;hl sie zwang. Sie w&uuml;nschte sichtlich ihre
+Emp&ouml;rung zu st&auml;rken, aber unsere G&auml;ste hielten dies
+Thema nicht f&uuml;r der M&uuml;he wert, um sich deswegen zu
+erhitzen. &raquo;Wie kannst du dergleichen ernsthaft nehmen,&laquo;
+meinte Onkel Walter achselzuckend; &raquo;eine neue Form
+am&uuml;santer Schweinereien &mdash; nichts weiter.&laquo; Nur Tante
+Jettchen ereiferte sich: &raquo;Anst&auml;ndige Leute gehen in solche
+St&uuml;cke nicht.&laquo; Und erleichtert &uuml;ber die Wendung des
+Gespr&auml;chs, sekundierte ihr die fromme Tante aus Potsdam.</p>
+
+<p>Am Tisch der Jugend, wo man indessen Schreibspiele
+gespielt hatte, sa&szlig; ich in steigender Erregung. Pl&ouml;tzlich
+trafen mich die scharfen Augen des Familienorakels.
+&raquo;Ich glaube gar, das K&uuml;ken m&ouml;chte mitreden, wo sie
+nicht einmal hinh&ouml;ren sollte.&laquo; Ich wurde rot. Auf
+der faltigen Stirn der alten Frau erschienen hundert
+neue Runzeln. &raquo;Du erlaubst dir am Ende, eine andere
+Meinung zu haben?!&laquo; forderte sie mich heraus. Ver<a name="Page_479" id="Page_479"></a>legenheit
+vor all den Blicken, die sich auf mich richteten,
+Angst vor dem Skandal, den ich erregen w&uuml;rde, lie&szlig;en
+mich schweigen. Aber als wir Jugend beim Abendessen,
+getrennt von den anderen, zusammensa&szlig;en und Hermann
+Wolkenstein eine wegwerfende Bemerkung machte, die
+mir in seinem Munde doppelt l&auml;cherlich vorkam, verteidigte
+ich die moderne Richtung in Kunst und Literatur,
+und zwar um so sch&auml;rfer, je mehr mich die Beschr&auml;nktheit
+und der dumme Hochmut der anderen emp&ouml;rte.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig; Tante Klotilde um deine Ansichten?&laquo; frug unvermittelt
+eine der Potsdamer Kleves und streifte mich
+mit einem schiefen, lauernden Blick.</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&uuml;rde vor ihr am wenigsten Ansto&szlig; nehmen, sie
+zu entwickeln,&laquo; antwortete ich und warf den Kopf zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Von dir wundert mich schon gar nichts mehr,&laquo; meinte
+Hermann naser&uuml;mpfend. &raquo;Wer sich mit j&uuml;dischen Literaten
+intimiert ...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Beleidige doch deine Vorfahren nicht noch im
+Grabe &mdash;&laquo; spottete ich.</p>
+
+<p>Er warf mir einen b&ouml;sen Blick zu. Die anderen,
+ihrer tadellosen Ahnenreihe bewu&szlig;t, l&auml;chelten leise. Das
+reizte ihn noch mehr. Er hieb mit der riesigen, wei&szlig;en,
+gepflegten Hand auf den Tisch, da&szlig; sein Kettenarmband
+klirrend unter der Manschette hervorsprang.</p>
+
+<p>&raquo;Und du spiel' dich nicht auf,&laquo; zischte er zwischen
+den Z&auml;hnen hervor; &raquo;mit deiner Vergangenheit hast du
+am wenigsten Grund dazu.&laquo; Ein unartikulierter Laut
+lie&szlig; mich den Kopf rasch zur anderen Seite wenden,
+Fritz hatte ihn ausgesto&szlig;en. Er sa&szlig; da, kreidewei&szlig; im
+Gesicht, mit zuckenden Lippen.</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden meine Kusine um Verzeihung bitten,<a name="Page_480" id="Page_480"></a>
+Baron Wolkenstein,&laquo; herrschte er Hermann an. &raquo;Habe
+gar keine Ursache, Herr von Langenscheid,&laquo; antwortete
+dieser, lehnte sich breit in den Stuhl zur&uuml;ck und steckte
+die H&auml;nde in die Hosentaschen. Ich umklammerte hastig
+die hei&szlig;en Finger meines Verteidigers. &raquo;Mach doch
+keine Geschichten, Fritz &mdash;, Hermann ist taktlos wie
+immer &mdash; bitte, mir zuliebe, beruhige dich! &mdash; das ist
+ja gr&auml;&szlig;lich &mdash; hier, im Hause meiner Eltern!&laquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblick fingen die Verwandten im Nebenzimmer
+an, sich zu verabschieden. Fritz zog mich beiseite.
+Er zitterte vor Erregung.</p>
+
+<p>&raquo;Und du verteidigst dich nicht einmal gegen solche
+Gemeinheit,&laquo; fl&uuml;sterte er mit erstickter Stimme.</p>
+
+<p>&raquo;Verteidigen?! Vor solch einem Menschen?!! Soll
+ich ihm vielleicht eingestehen, da&szlig; ich einmal im Leben
+liebte, &mdash; mit ganzer Seele und mit vollem Herzen?!
+Soll vor den Leuten, die gar keiner starken Empfindung
+f&auml;hig sind, mein Inneres entbl&ouml;&szlig;en, was ich vor mir
+selbst zu tun kaum den Mut habe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alix!&laquo; von weit her schien jemand meinen Namen
+zu rufen, mit einem Ausdruck, der mir in die Seele
+schnitt.</p>
+
+<p>Im n&auml;chsten Moment beugte ich mich zum Abschied
+&uuml;ber die welke Hand Tante Jettchens, h&ouml;rte mit halbem
+Ohr ein allgemeines Stimmengewirr und f&uuml;hlte schlie&szlig;lich
+noch Papas Lippen auf meiner Stirn.</p>
+
+<p>&raquo;Gott Lob,&laquo; murmelte er, &raquo;den Abend h&auml;tten wir
+hinter uns!&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_481" id="Page_481"></a>Vertr&auml;umt und erstaunt sah ich um mich, als ich
+acht Tage sp&auml;ter in Weimar ankam. Stand
+die Zeit hier seit zehn Jahren still?! Derselbe
+helle Maienabend wie damals empfing mich. Und
+in dasselbe alte Haus an der Ackerwand f&uuml;hrte mich
+die Hofequipage, wie einst, als die Gro&szlig;mutter ihr
+Enkelkind zum erstenmal hergeleitete. Sie freilich war
+nicht mehr da, und doch war mirs, als ob ihr Kleid
+neben mir die Treppe hinauf rauschte. Auch ihr Bruder
+war lange tot, und doch schien's, als w&auml;re der sch&ouml;ne,
+tief br&uuml;nette Mann mit den schmalen H&auml;nden und dem
+leicht gebeugten Nacken, der mich empfing, kein anderer
+als er.</p>
+
+<p>Im Rokokosalon mit den vielen Miniaturen &uuml;ber
+dem grazi&ouml;sen Sofa und den verbla&szlig;ten Pastellbildern
+an der mattblauen Seidentapete erhob sich aus dem
+goldgeschnitzten Lehnstuhl am Fenster ein schlankes Frauenbild
+und streckte mir mit einem s&uuml;&szlig;-z&auml;rtlichen L&auml;cheln
+ein wei&szlig;es H&auml;ndchen entgegen. War das wirklich die
+Gr&auml;fin Wendland &mdash; meine Tante &mdash;, oder war es
+nicht Frau von Stein, deren Schatten sich aus dem
+Nebenhaus hierher verirrt hatte?! Dann kamen die
+Kinder und begr&uuml;&szlig;ten mich, &mdash; lauter kleine Elfen mit
+allzu schweren Haaren auf den feinen K&ouml;pfchen und
+allzu gro&szlig;en Blauaugen &uuml;ber den schmalen Wangen.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en vor meinem Zimmer pl&auml;tscherte der Brunnen,
+wie vor uralten Zeiten, und die B&auml;ume rauschten feierlich,
+als tr&auml;fe ihre Kronen niemals ein Wirbelsturm.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen besuchte mich der Gro&szlig;herzog.
+Er kam zu Fu&szlig; und unangemeldet, mit den raschen
+<a name="Page_482" id="Page_482"></a>elastischen Schritten eines jungen Mannes; ich hatte
+kaum Zeit, ihm bis zum Treppenaufgang entgegenzugehen.
+Und dann sa&szlig; er mir im Rokokosalon gegen&uuml;ber, und
+je l&auml;nger er sprach &mdash; mit heller Stimme und in dem
+eleganten Franz&ouml;sisch des <em class="antiqua">ancien r&eacute;gime</em> &mdash;, desto tiefer
+versank die Gegenwart, und in mystischem Halbdunkel
+stieg die Vergangenheit empor. Von der Gro&szlig;mutter
+erz&auml;hlte er mir zuerst, wie sch&ouml;n und wie gut und wie
+klug sie gewesen w&auml;re, wie sie Weimars Geist in sich
+verk&ouml;rpert habe, wie er nie habe verstehen k&ouml;nnen, da&szlig;
+sie <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'andersvo'">anderswo</ins> als in ihrer Seelenheimat zu leben imstande
+gewesen war. Zuweilen legte er die Hand &uuml;ber die
+Augen, eine gelbliche, blutleere muskellose Hand, die
+gewi&szlig; niemals fest zuzupacken vermocht hatte, und lehnte
+sich, als k&auml;me pl&ouml;tzlich die Erinnerung an das eigene
+Alter &uuml;ber ihn, tief in den Stuhl zur&uuml;ck. Aber gleich
+darauf reckte sich sein schmaler Oberk&ouml;rper krampfhaft
+auf, die H&auml;nde umschlossen die Seitenlehnen, die Augen
+weiteten sich, und mit dem stereotypen angelernten F&uuml;rstenl&auml;cheln,
+das &uuml;ber jede Empfindung hinweg t&auml;uschen soll,
+begann er wieder zu reden. Nun war ich nicht mehr
+das Enkelkind der Freundin seiner Jugend, sondern die
+Schriftstellerin, von der er die Erf&uuml;llung eines langgehegten
+Wunsches erwartete. Die Geschichte der Gesellschaft
+Weimars sollte ich schreiben, jener Gesellschaft,
+die seit Goethes Ankunft in der Residenz Karl Augusts
+&raquo;getreu ihrer Tradition, K&uuml;nstler und Dichter als gleichberechtigte
+aufgenommen und ihnen den Weg zum Ruhm
+gebahnt hat.&laquo; Und von den Vielen erz&auml;hlte er, denen
+Weimar ein Sprungbrett ins Leben gewesen war, die
+hier zuerst die Anerkennung fanden, die die Welt drau&szlig;en
+<a name="Page_483" id="Page_483"></a>ihnen versagte. Er begeisterte sich an seinem eigenen
+Gedankengang, sein farbloses Gesicht &uuml;berzog sich mit
+einer ganz feinen bl&auml;ulichen R&ouml;te, und in seinen verschleierten
+Augen entz&uuml;ndete sich ein stilles Licht.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind pr&auml;destiniert, dies Werk zu schaffen: Getr&auml;nkt
+mit Weimars Erinnerungen, erzogen in Weimars
+Geist, geleitet von dem unfehlbaren Takt der Aristokratin,&laquo;
+sagte er, indem er sich erhob und mir die Hand reichte.
+&raquo;Von Ihnen brauche ich keine jener widerw&auml;rtigen Enth&uuml;llungen
+zu f&uuml;rchten, die die Kunst beschmutzen, das
+Leben vergiften. Meine Archive stehen Ihnen offen;
+dasselbe glaube ich auch im Namen der Gro&szlig;herzogin
+versprechen zu d&uuml;rfen. Ich hoffe, Sie oft zu sehen &mdash; &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Zu einer Antwort lie&szlig; er mir keine Zeit mehr, &mdash; da&szlig;
+ich nicht nein sagen k&ouml;nnte und d&uuml;rfte, war ihm selbstverst&auml;ndlich.
+Ich hatte mich nur noch tief und dankbar
+zu verneigen.</p>
+
+<p>Und immer enger spann sich Weimars Zaubernetz mir
+um Geist und Sinne. Mit offenen Armen, wie eine
+Heimkehrende, ward ich &uuml;berall aufgenommen. W&auml;hrend
+langer Audienzen besprach die Gro&szlig;herzogin meine Arbeit
+im Goethe-Archiv mit mir. Sie blieb stets in jedem
+Wort und jeder Bewegung die unnahbare F&uuml;rstin, und
+doch lag ein m&uuml;tterlicher Ausdruck auf ihren Z&uuml;gen,
+wenn ich eintrat. Der kleine, derbe Erbgro&szlig;herzog, in
+allen St&uuml;cken das Gegenteil seines Vaters, glich ihm
+mir gegen&uuml;ber in der Freundlichkeit, die durch seinen
+breiten Weimarer Dialekt und seine mit einer gewissen
+Absichtlichkeit &uuml;bertriebene Verachtung aller Form noch
+um einen Schein herzlicher war, und seine gute, dicke
+Frau, die gewi&szlig; eine pr&auml;chtige Landpastorin abgegeben
+<a name="Page_484" id="Page_484"></a>h&auml;tte, unterst&uuml;tzte ihn darin. Mit der halben Hofgesellschaft
+verbanden mich verwandtschaftliche Beziehungen;
+Vettern und Kusinen sechsten und achten Grades behandelten
+einander hier in dem festgeschlossenen Kreise
+wie nahe Blutsverwandte. Wir waren in gro&szlig;er Gesellschaft,
+wenn kaum einer unter uns nicht &raquo;Du&laquo; zu dem
+anderen sagte.</p>
+
+<p>Wie ein s&uuml;&szlig;er Duft verl&ouml;schter Wachskerzen schwebte
+die Erinnerung an das achtzehnte Jahrhundert &uuml;ber all
+diesen Menschen und ihrer Umgebung. Alles war verbla&szlig;t,
+was damals in Farben und Gef&uuml;hlen gejauchzt
+und geschwelgt hatte: die Rosenteppiche, &mdash; die gemalten
+Wangen, &mdash; die Liebe. Und die raschelnden bauschenden
+Gew&auml;nder, die Sch&ouml;npfl&auml;sterchen, die bunten Westen, die
+wei&szlig;en Per&uuml;cken und Galanteriedegen hatten die Damen
+und Herren abgelegt. Sie sahen darum oft recht d&uuml;rftig
+und ungeschickt aus. Nur wenn im Schlo&szlig; die L&uuml;ster
+brannten und das blanke Parkett und die hohen Spiegel
+ihr Licht tausendf&auml;ltig wiedergaben, schienen sie sich des
+alten Lebens bewu&szlig;t zu werden. Sie tanzten und lachten
+und neigten sich und nippten vom s&uuml;&szlig;en Weine, und
+ich selbst mitten darin kam mir vor wie ihresgleichen:
+ein Schatten der Vergangenheit.</p>
+
+<p>Auch in die B&uuml;rgerh&auml;user kam ich, wo Erinnerungen
+alter Zeiten in vergilbten Briefen, z&auml;rtlich-himmelblauen
+Stammb&uuml;chern, Ringen aus den Haaren der Liebsten,
+Prunktassen mit den Bildern der Unsterblichen verwahrt
+wurden. Der freundliche, ein wenig sentimentale,
+ein wenig enge Geist der drei&szlig;iger Jahre herrschte hier.
+Keine moderne Renaissance hatte die gradlinigen Biedermeierm&ouml;bel
+und die hellen Mullgardinen verdr&auml;ngt, und
+<a name="Page_485" id="Page_485"></a>trotzdem der Rausch der Farben und der T&ouml;ne eines
+B&ouml;cklin, eines Liszt und Wagner ihr Auge und ihr Ohr
+getroffen hatte, standen sie inmitten der weichen M&auml;rchentr&auml;ume
+Schwindscher W&auml;lder, und in ihrem Inneren
+klangen die Volksweisen Felix Mendelsohns.</p>
+
+<p>Ich arbeitete jeden Vormittag in den R&auml;umen des
+Goethe-Archivs, hoch oben im linken Schlo&szlig;fl&uuml;gel, durch
+dessen Fenster der Blick weit &uuml;ber den Park hinweg
+schweifen konnte und das Ohr nichts vernahm als das
+leise Geschw&auml;tz zwischen der pl&auml;tschernden Ilm und den
+gr&uuml;nen Baumbl&auml;ttern &uuml;ber ihr. Die gelehrten Herren,
+die mit mir arbeiteten, behandelten mich mit jener ausgesuchten
+H&ouml;flichkeit, die Mauern aufrichtet zwischen den
+Menschen. Sie beantworteten meine Fragen, sie brachten
+mir, was ich brauchte, sie verbeugten sich tiefer vor mir,
+als es n&ouml;tig gewesen w&auml;re, aber ich f&uuml;hlte trotzdem die
+Geringsch&auml;tzung des deutschen Gelehrten vor dem Weibe,
+das in seine Kreise dringt. Doch je l&auml;nger ich in
+Weimar war, desto dichter umh&uuml;llte mich eine Atmosph&auml;re
+des Weihrauchs, die mich nicht nur unempfindlich, sondern
+auch unnahbar hochm&uuml;tig machte. Nur einer, der Direktor,
+ein geistvoller Sonderling, begegnete mir wie ein Mensch
+dem Menschen. Zuweilen aber kam es vor, da&szlig; ich
+seine v&auml;terlichen Ermahnungen, seine klugen Ratschl&auml;ge,
+seine sarkastischen Kritiken nicht mehr vertrug. Nicht
+nur die Eitelkeit, die in der Treibhausluft der Salons
+so &uuml;ppig gedieh, auch die Ungeduld, die mich oft mitten
+in der Arbeit packte, trug daran die Schuld.</p>
+
+<p>&raquo;Man degradiert sich zum Lumpensammler bei dieser
+ewigen Papierkorbarbeit,&laquo; rief ich einmal emp&ouml;rt, als ich
+eine Notiz, die mir fehlte, durchaus nicht finden konnte.</p>
+
+<p><a name="Page_486" id="Page_486"></a>Der Direktor, der mir w&auml;hrend der letzten Stunden
+geholfen hatte, sah mich stirnrunzelnd an.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind sehr jung und sehr voreilig, gn&auml;diges
+Fr&auml;ulein,&laquo; sagte er scharf. &raquo;Wer zur Vollendung eines
+Mosaikbildes ein einziges Steinchen braucht und Kisten
+und Kasten, selbst Bergwerke darnach durchforscht, der
+leistet eine wertvollere Arbeit, als mancher, der ein
+ganzes Gem&auml;lde in zwei Stunden hinpatzt. &#8250;Beschr&auml;nkung
+ist &uuml;berall unser Loos,&#8249; sagt unser Meister, und mit
+vollem Bewu&szlig;tsein einseitig werden, ist der Ausgangspunkt
+t&uuml;chtiger Leistung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Beschr&auml;nkung ist &uuml;berall unser Loos&laquo;, &mdash; das bohrte
+sich in mein Gehirn &mdash; ich suchte von da an meine
+Steinchen und unterdr&uuml;ckte mein Murren.</p>
+
+<p>An einem Lenztag, der so reich war, als h&auml;tten alle
+Lieder der S&auml;nger Weimars sich in Duft und Glanz
+und Farben verwandelt, fuhren wir hinauf nach Belvedere.
+Der Gro&szlig;herzog hatte uns zum Fr&uuml;hlingsfest
+in sein Schl&ouml;&szlig;chen geladen. In eine Laube von Maigl&ouml;ckchen
+und Rosen war der runde Gartensaal verwandelt;
+durch die weit ge&ouml;ffneten T&uuml;rbogen lachte der
+blaue Himmel, auf dem blinkenden Silber und den geschliffenen
+Kristallen der Tafel gl&auml;nzte die Sonne, die
+Zahl der Tischg&auml;ste &uuml;berstieg nicht die der Musen, und
+ein heiteres Gespr&auml;ch, das wie der Wiesenbach alle Ecken
+und Kanten meidet und selbst die Steine streichelt, die ihm
+im Wege liegen, flutete hin und her. Warum nur meine Gedanken
+zuweilen den Faden verloren, und der M&auml;rchenwald
+am gr&uuml;nen Badersee mir wie eine Fatamorgana erschien
+und k&uuml;hler Bergwind mir die Stirn umstrich? &mdash; der Duft
+der Maigl&ouml;ckchen war es wohl, der den Zauber hervorrief.</p>
+
+<p><a name="Page_487" id="Page_487"></a>In den Park geleitete uns unser Gastgeber nach dem
+Diner. Er zeigte mir das Labyrinth und die Naturb&uuml;hne
+und wies mit liebevoller Bewunderung auf die
+sanften waldigen H&uuml;gelketten, die sich weit bis in die
+Ferne dehnten. &raquo;Das ist Sch&ouml;nheit,&laquo; sagte er, &raquo;ruhig-vornehme
+Sch&ouml;nheit, ein reiner Rahmen f&uuml;r echte Kunst,
+wie wir sie in Weimar gepflegt haben und pflegen
+werden. Ich freue mich, da&szlig; Sie uns helfen wollen. &mdash; Sie
+werden in Weimar bleiben, nicht wahr?&laquo; Ich
+antwortete ausweichend. Er verstand mich falsch: &raquo;Eine
+Stellung zu finden, die Ihnen entspricht, d&uuml;rfen Sie
+mir &uuml;berlassen,&laquo; und mit einem freundlichen H&auml;ndedruck
+wandte er sich anderen zu. Auf dem Heimweg
+gratulierten mir meine Verwandten. Graf Wendland,
+der hinter den All&uuml;ren eines tadellosen Hofmannes einen
+klugen, merkw&uuml;rdig freien Menschen verbarg, meinte mit
+einem feinen L&auml;cheln: &raquo;Der wei&szlig;e Falke wird der Hofhistoriographin
+nicht fehlen. Ein Ziel, aufs innigste
+zu w&uuml;nschen, nicht wahr?!&laquo;</p>
+
+<p>An demselben Abend war ich bei einer meiner vielen
+Tanten zum Souper. Aber es war eine, die nicht wie
+die vielen war, &mdash; ein Original, &uuml;ber das die Familie die
+Achseln zuckte und die K&ouml;pfe sch&uuml;ttelte. Sie hatte sich
+schon in ihrer fr&uuml;hen M&auml;dchenzeit Weimar zum Trotz
+ihr eigenes Leben geschaffen. Sie suchte sich ihre Hausfreunde
+unter den K&uuml;nstlern und Dichtern, die sonst in
+Goethes Stadt doch nur zu wirksamen Dekorationsst&uuml;cken
+der Hofgesellschaften verwendet wurden. So war sie
+allm&auml;hlich zur m&uuml;tterlichen Freundin all der jungen
+Menschen geworden, die hier auf der steilen Leiter zum
+Ruhm die ersten Schritte taten oder k&uuml;nstlerische Offenbarungen
+suchten. Und wem der Zwang des Hofes
+l&auml;stig wurde, wer frischere Luft brauchte, wem ein freies
+Wort auf der Zunge brannte, der kam zu ihr.</p>
+
+<p>Heute waren sie alle um ihren Teetisch versammelt, die
+Alten und Jungen: Lassens jovialer K&uuml;nstlerkopf tauchte
+neben dem sch&ouml;nen Schillerprofil Alexander von Gleichens
+auf; ein paar ausw&auml;rtige Freunde, Schriftsteller und
+Theaterdirektoren, die zum bevorstehenden Goethe-Gesellschaftstag
+schon angekommen waren, fanden sich ein;
+Richard Strau&szlig; stand sch&uuml;chtern in einer Ecke, der blasse
+junge Kapellmeister, den die meisten verlachten, und der
+hier bei der g&uuml;tigen Frau, die ihn eben in schwerer
+Krankheit gepflegt hatte, wie Kind im Hause war. Und
+schmal und bla&szlig; wie er, in altmodischem Sammetkleid
+und glattgescheiteltem Haar tauchte ein M&auml;dchen &mdash; nicht
+jung, nicht alt &mdash; in der T&uuml;re auf, das mir die Tante
+schon oft als gro&szlig;es dichterisches Talent gepriesen hatte:
+Gabriele Reuter. Und eine junge S&auml;ngerin kam,
+eine bayerische Oberstentochter, die trotz ihrer sch&ouml;nen
+Stimme auf der B&uuml;hne nicht heimisch werden konnte
+und &auml;ngstlich, wie ein verirrter Vogel, nach Menschen
+suchte, die sich ihrer annahmen. Die Hausfrau dirigierte
+wie ein Feldherr die bunte Gesellschaft und das
+Gespr&auml;ch, &mdash; und warf ein geistvolles Wort hinein,
+wenn es auf die Landstra&szlig;e allgemeinen Klatsches zu
+geraten drohte. Schlie&szlig;lich stritt man sich hitzig &uuml;ber
+Weimars Bedeutung f&uuml;r das geistige Leben der Gegenwart.</p>
+
+<p>&raquo;K&uuml;nstler bed&uuml;rfen der Ruhe,&laquo; sagte Gleichen, &raquo;aber
+sie verkommen und versauern, wenn sie nicht immer
+wieder mit einer Ladung von Ideen aus der Welt
+drau&szlig;en hierher zur&uuml;ckkehren.&laquo;</p>
+<p><a name="Page_488" id="Page_488"></a></p>
+<p><a name="Page_489" id="Page_489"></a>Lebhaft widersprach Werner von Eberstein, ein junger
+Historiker, der im gro&szlig;herzoglichen Hausarchiv t&auml;tig war.
+&raquo;F&uuml;r den Mann der Wissenschaft gibt es nichts Besseres,
+als in diesen sicheren Port einzulaufen, wo nichts ihn
+von seinen Studien ablenkt.&laquo;</p>
+
+<p>Die Tante ergriff lebhaft Gleichens Partei. &raquo;Alten
+Leuten mag das entsprechen. Euch Jungen aber mu&szlig; der
+Sturm erst t&uuml;chtig um die Nase blasen,&laquo; sagte sie. &raquo;Ausgegangen
+sind viele von hier, mit Schaffenskraft ges&auml;ttigt,
+aber etwas geworden sind sie erst au&szlig;erhalb unserer milden
+Luft. So gern ich Euch habe, Kinder, &mdash; hinaustreiben m&ouml;cht
+ich Euch alle miteinander,&laquo; und damit nickte sie dem schmalbr&uuml;stigen
+Musiker und der sch&uuml;chternen kleinen Schriftstellerin
+zu, um sich gleich darauf an mich und an
+Eberstein zu wenden, der neben mir sa&szlig; und ihr Neffe war:</p>
+
+<p>&raquo;Ihr seid beide schon in Vorschu&szlig;lorbeeren eingewickelt
+bis an den Hals, aber trotzdem gebe ich euch noch
+nicht auf. Habt die Selbstverleugnung, sie abzurei&szlig;en!
+Hoflust erstickt Talente, genau so wie die der Hinterhausstuben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind ganz bla&szlig; und still geworden, liebes Fr&auml;ulein,&laquo;
+sagte Gleichen, als er mich sp&auml;t in der Nacht
+nach Hause begleitete. &raquo;Glauben Sie, ich h&auml;tte meine
+verr&uuml;ckten Krautg&auml;rten malen k&ouml;nnen, wenn ich die
+Blumen und die Sonne nicht anderswo gesehen h&auml;tte
+als hier?!&laquo;</p>
+
+<p>Er kam mir vor wie ein alter Freund, obwohl ich
+ihm zum erstenmal begegnet war.</p>
+
+<p>&raquo;Aber vielleicht bedeutet Weimar f&uuml;r mich, was f&uuml;r
+Sie die &uuml;brige Welt bedeutet: Leben &mdash; Befreiung?!&laquo;
+antwortete ich.</p>
+<p><a name="Page_490" id="Page_490"></a></p>
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sagte er energisch und dr&uuml;ckte mir die Hand.
+&raquo;Nein &mdash; Sie brauchen gr&ouml;&szlig;eren Spielraum f&uuml;r Ihre
+Freiheit.&laquo;</p>
+
+<p>Ich wurde m&uuml;der von Tag zu Tag. War es die
+t&auml;gliche stundenlange Morgenarbeit in den Archiven, war
+es die ununterbrochene Geselligkeit am Mittag und
+am Abend, die mich allm&auml;hlich erschlafften? Ich wurde
+mir nicht klar dar&uuml;ber. Aber ich sehnte mich in die
+Stille der Berge, wo ich mit Hilfe der aufgeh&auml;uften
+Materialien mein Buch zu beginnen die Absicht hatte.
+Nur die Goethe-Tage wollte ich noch abwarten. Sie
+fielen in diesem Jahre mit dem Jubil&auml;um des alten
+Theaters zusammen und zogen Ber&uuml;hmtheiten aus aller
+Herren L&auml;ndern nach Weimar. Auch meine Berliner
+Freunde fehlten nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Habe ich ihnen nicht gut geraten?&laquo; meinte Professor
+Fiedler mit ehrlicher Freude, als er mich im
+Mittelpunkt der Gesellschaft, von Anerkennung und
+Schmeichelei umgeben, wiedersah.</p>
+
+<p>&raquo;Welch eine Ehre f&uuml;r mich, mein gn&auml;diges Fr&auml;ulein,&laquo;
+sagte der Mann mit dem Goethekopf, als er bei einem
+Diner neben mir sa&szlig;.</p>
+
+<p>Und ich sah mit wachsendem Mi&szlig;vergn&uuml;gen, wie tief
+all die M&auml;nner der Kunst und Wissenschaft die grauen
+K&ouml;pfe vor den F&uuml;rsten neigten, wie sie erwartungsvoll,
+stumm und aufgeregt in Reih und Glied standen und
+ein Ausdruck von Begl&uuml;ckung das Gesicht jedes Einzelnen
+belebte, wenn der Gro&szlig;herzog ein paar nichtssagende
+Worte an ihn richtete. Ich wurde mi&szlig;trauisch gegen
+jeden, der mich zuvorkommend behandelte. Selbst die
+Freude an den Versen, die der greise Bodenstedt an
+<a name="Page_491" id="Page_491"></a>mich richtete, verbitterte mir der Gedanke, da&szlig; nur der
+Glanz der Krone, in deren hellem Umkreis ich stand,
+mich dem Dichter als das erscheinen lie&szlig;, was er besang.</p>
+
+<p>Mit mir selbst zerfallen, sa&szlig; ich am Vorabend meiner
+Abreise im dunklen Hintergrund der kleinen Hofloge des
+Theaters und sah den Faust. Wie seltsam geschah mir:
+Acht Wochen hatte ich in Goethes Stadt gelebt, hatte
+t&auml;glich die Luft geatmet, die droben im Archiv sein Lebenswerk
+in seinen Schriften umgab, und nun pl&ouml;tzlich sprach
+er selbst, und &mdash; ich kannte ihn nicht! Als h&auml;tte ich
+sie niemals gelesen, niemals auswendig gewu&szlig;t, trafen
+seine Worte mein Ohr; lauter grelle Blitze, die das Dunkel
+erhellten, lauter Donnerschl&auml;ge, die mich erbeben lie&szlig;en.</p>
+
+<p>Das war des Menschen Schicksal, das an mir
+vor&uuml;ber rollte; mein eigen kleines Leben sah ich darin
+verflochten mit seinen K&auml;mpfen und Niederlagen. Und
+vor einer Niederlage stand ich wieder. &raquo;Nur der verdient
+sich Freiheit, wie das Leben, der t&auml;glich sie erobern
+mu&szlig;&laquo; dr&ouml;hnte es mir in den Ohren.</p>
+
+<p>Am Ausgang des Theaters traf ich Gleichen. Ich
+dr&uuml;ckte ihm die Hand. &raquo;Leben Sie wohl&laquo;, sagte ich.
+&raquo;Sie reisen?&laquo; Er sah mich forschend an. &raquo;Ja, &mdash; und
+ich werde nicht wiederkommen.&laquo;</p>
+
+<p>Auf dem Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch fand ich am n&auml;chsten Morgen
+zwei Briefe: vom Gro&szlig;herzog, der mich aufforderte, den
+Hof nach Wilhelmstal zu begleiten, von Tante Klotilde,
+die mir mitteilte, da&szlig; sie mich in diesem Sommer in
+Grainau nicht erwarten k&ouml;nne, weil sie, dem Rate meiner
+Mutter folgend, eine der Potsdamer Nichten zu sich gebeten
+habe. Ich zuckte unwillk&uuml;rlich zusammen, als habe
+mir jemand hinterr&uuml;cks einen Schlag ins Genick versetzt.<a name="Page_492" id="Page_492"></a>
+&raquo;Also werd' ich nach Pirgallen gehen,&laquo; sagte ich laut,
+wie zu mir selbst.</p>
+
+<p>&raquo;Nach Pirgallen?!&laquo; frug die kleine Rokokogr&auml;fin erstaunt.
+&raquo;Man rechnet doch auf dich f&uuml;r Wilhelmstal!&laquo;
+&raquo;Ich werde ablehnen m&uuml;ssen, &mdash; mein Buch soll zum
+Herbst fertig werden, &mdash; ich brauche den Sommer zur
+Arbeit,&laquo; antwortete ich ein wenig z&ouml;gernd. Es war ein
+paar Augenblicke still in dem wei&szlig;en, von der Morgensonne
+hell durchfluteten Speisesaal. Nur der Teekessel
+sang, und drau&szlig;en &uuml;ber das holprige Pflaster rasselte
+eine Hofequipage.</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;berlege es dir reiflich,&laquo; begann Graf Wendland
+langsam und sah mit gerunzelter Stirn auf seine blanken
+Fingern&auml;gel. &raquo;Es ist vielleicht eine Lebensentscheidung,
+die du triffst&laquo;, &mdash; ein langer pr&uuml;fender Blick traf mich, &mdash; &raquo;du
+wei&szlig;t wohl noch nicht &mdash; Prinz Hellmut hat
+am Mariental das Schlo&szlig; seiner eben verstorbenen Tante
+&uuml;bernommen ...&laquo;</p>
+
+<p>Wieder war es still. Ich h&ouml;rte das Summen einer
+Biene am Fenster und sah, wie schwarz und schwer das
+alte eichene Buffet sich von der wei&szlig;en Wand abhob.
+Mein Herzschlag setzte aus, um im n&auml;chsten Moment
+atemlos zu toben, wie eine rasende Maschine. Hellmut &mdash; &mdash;!
+Er hatte mich gehen hei&szlig;en, als ich mich
+ihm geben wollte &mdash; &mdash;! Aber hatte er nicht, wie ich,
+unter dem Zwang gro&szlig;er, selbstverleugnender Liebe gehandelt &mdash; &mdash;?
+Doch warum kam er nicht wieder &mdash; jetzt,
+da er ein freier Mann war? &mdash; Ich strich mir
+mit eiskalten, zitternden Fingern die Locken aus der
+Stirn:</p>
+
+<p>&raquo;Mein Entschlu&szlig; steht fest, &mdash; ich gehe nach Pirgallen!&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_493" id="Page_493"></a>Und nun sa&szlig; ich in Gro&szlig;mamas stillem, gr&uuml;nem
+Zimmer unter dem wei&szlig;en Marmorbild ihres
+Vaters, und aus dem Garten gr&uuml;&szlig;ten die
+Jasminstr&auml;ucher mit gro&szlig;en, s&uuml;&szlig; duftenden Bl&uuml;ten.
+Niemand st&ouml;rte mich in dieser Einsamkeit. Onkel Walter
+f&uuml;rchtete die R&auml;ume der Toten, als ginge ihr Geist
+darin um. Mama glaubte mich bei der Arbeit, der
+Vater ritt mit dem Schwesterchen durch die W&auml;lder,
+wie einst mit mir. Ich hatte arbeiten wollen. B&uuml;cher
+und Notizen lagen in gro&szlig;en St&ouml;&szlig;en auf dem Tisch
+der Altane. Aber sobald ich sie aufschlug, schrumpften
+mir alle Gedanken ein. Tot und leer waren all die
+vielen Papiere, &mdash; wie sollte je etwas Lebendiges aus
+ihnen hervorgehen. Und was gingen mich im Grunde
+die fremden Dinge und Menschen an? Was w&uuml;rde die
+Welt davon haben, wenn ich des langen und breiten
+von denen erz&auml;hlte, die im Dunkel geblieben w&auml;ren,
+wenn nicht ein ganz Gro&szlig;er sie in seine N&auml;he gezogen
+h&auml;tte?</p>
+
+<p>In Gro&szlig;mamas B&uuml;cherschrank standen Goethes Werke
+in langer Reihe mit gr&uuml;nen Einb&auml;nden und wei&szlig;en
+runden Schildern auf dem R&uuml;cken. Ich begann zu lesen &mdash; stundenlang,
+tagelang, wochenlang &mdash;. Und je mehr
+ich las, desto mehr zog ich mich in die R&auml;ume zur&uuml;ck,
+die eine stille Insel waren mitten im Weltgetriebe.
+T&auml;glich schm&uuml;ckte ich sie mit frischen Blumen, wie Gro&szlig;mama
+es getan hatte, und zog des Nachts die dunkeln
+Sammetportieren vor T&uuml;ren und Fenster und steckte die
+Ampel an mit der gro&szlig;en Flamme unter dem sonnengoldnen
+Seidenschirm. Wenn ich dann halb die Augen
+<a name="Page_494" id="Page_494"></a>schlo&szlig;, sah ich das Zimmer erf&uuml;llt wie von einem flimmernden
+Nebel, aus dem die Statue Goethes immer
+gr&ouml;&szlig;er und lebendiger hervorwuchs.</p>
+
+<p>&raquo;Rede zu mir, Meister!&laquo; flehte meine Seele. Und er redete.</p>
+
+<p>&raquo;Dein Leben sieht einer Vorbereitung, nicht einem
+Werke gleich,&laquo; z&uuml;rnte er.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, welch ein Werk bleibt mir zu tun?!&laquo; schrie meine
+Seele.</p>
+
+<p>&raquo;Bleibe nicht am Boden haften &mdash; frisch gewagt und
+frisch hinaus,&laquo; h&ouml;rte ich die Stimme des Mahners, &raquo;dem
+T&uuml;chtigen ist diese Welt nicht stumm, &mdash; t&auml;tig zu sein,
+ist seine Bestimmung!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So zeige meiner Kraft eine Tat &mdash;&laquo;, und sehns&uuml;chtig
+streckte meine Seele die gefalteten H&auml;nde empor zu ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Ein edler Held ists, der f&uuml;rs Vaterland, ein edlerer,
+der f&uuml;r des Landes Wohl, der edelste, der f&uuml;r die Menschheit
+k&auml;mpft....&laquo;</p>
+
+<p>Zu einem Tempel weitete sich das Zimmer, und von
+den Marmorw&auml;nden klangen dr&ouml;hnend die Worte seines
+Hohenpriesters wider.</p>
+
+<p>Der Boden leuchtete wie ein einziger Rubin, &mdash; tr&auml;nkte
+ihn der Menschheit ganzes, blutrotes Leiden?</p>
+
+<p>Hingestreckt lag meine Seele vor dem Altar.</p>
+
+<p>&raquo;Nenne mir Ziel und Ma&szlig;stab meines Strebens!&laquo;
+fl&uuml;sterte sie.</p>
+
+<p>&raquo;... Solch ein Gewimmel m&ouml;cht ich sehn &mdash; auf
+freiem Grund mit freiem Volke stehn....&laquo;</p>
+
+<p>Nicht mehr der eine war es, der also sprach, es war
+ein Chor von Millionen Stimmen, und alle Hoffnung
+der Verlassenen, alle Sehnsucht deren, die zu leben begehren,
+t&ouml;nte darin.</p>
+
+<p><a name="Page_495" id="Page_495"></a>Ein Brief von Egidy, erf&uuml;llt von den Ereignissen
+der Gegenwart und seinen Pl&auml;nen f&uuml;r die
+Zukunft, gab mich der Wirklichkeit zur&uuml;ck, und
+in unsicheren Umrissen sah auch ich ein Feld der Bet&auml;tigung
+vor mir. &raquo;Ihre &Uuml;bersiedelung nach Berlin
+freut mich au&szlig;erordentlich,&laquo; antwortete ich ihm, &raquo;und
+wenn ich Ihnen heute auch noch mit keinem Ja auf die
+Frage, ob ich Ihre Mitk&auml;mpferin werden kann, zu antworten
+vermag, so steht das Eine f&uuml;r mich fest: ich
+werde meine Kraft nicht im Durchst&ouml;bern alter Folianten
+verzehren und die Luft nicht durch Aufwirbeln ruhenden
+Staubes verdunkeln. Ich wei&szlig;, da&szlig; dem Christentum
+des Wortes das der Gesinnung und der Tat folgen
+mu&szlig;, &mdash; nur zweifle ich noch, ob wir dann auf den
+Namen Christentum noch ein Recht haben.</p>
+
+<p>Mein Entschlu&szlig;, Weimar endg&uuml;ltig aufzugeben, hat
+in meiner Familie viel Entr&uuml;stung hervorgerufen. Meine
+Mutter sieht darin einen neuen Beweis f&uuml;r meine
+Charakterschw&auml;che. &#8250;Alix ist noch niemals konsequent bei
+der Sache geblieben, &mdash; sie wechselt ihre Neigungen f&uuml;r
+Menschen und Dinge wie alte Handschuhe,&#8249; meinte sie.
+Ich selbst aber fange an zu glauben, da&szlig; in dieser
+Inkonsequenz die einzige Konsequenz meines Lebens liegt.
+Alles und Alle sind Stufen, und ich bin noch keine r&uuml;ckw&auml;rts
+gegangen. Papa war traurig &mdash;, was mir immer
+am meisten weh tut. Mein Onkel dagegen hat mir eine
+Rede gehalten, deren Quintessenz war, da&szlig; ich lieber
+heiraten solle, statt modernen Schwarmgeistern zu verfallen.</p>
+
+<p>Wir reisen n&auml;chste Woche nach Haus.</p>
+
+<p>Ich gehe noch einmal alle alten Wege, und oft steigen
+<a name="Page_496" id="Page_496"></a>mir pl&ouml;tzlich die Tr&auml;nen in die Augen, wenn ich den
+breiten efeuumsponnenen Turm von Pirgallen vor mir
+sehe. Er war etwas Lebendiges f&uuml;r mich; ein treuer,
+starker Freund, ein Wahrzeichen vieler Kinderjahre, die
+zu seinen F&uuml;&szlig;en wuchsen und in seinem Schutz. Nun
+hat er die Seele verloren, seit Gro&szlig;mama ihn verlie&szlig;.
+Es ist auch f&uuml;r mich Zeit, zu gehen. Aber soviel St&auml;rke
+auch die Erkenntnis verleiht und der Entschlu&szlig;, &mdash; der
+Abschied von den Toten tut weh. Und mir ist, als s&auml;he
+ich sie nie wieder ....&laquo;</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_497" id="Page_497"></a></p>
+<h2><a name="Siebzehntes_Kapitel" id="Siebzehntes_Kapitel"></a>Siebzehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>Septembersonne! In mattem Blaugr&uuml;n spannt
+sich der Himmel &uuml;ber Berlin; alles Licht ist
+ged&auml;mpft, und die Schatten haben einen silbernen
+Ton. Auf den Anlagen der gro&szlig;en Pl&auml;tze und
+in den Vorg&auml;rten der H&auml;user, die die Kultur m&uuml;hsam
+dem spr&ouml;den Sandboden abgerungen hat, feiert sie jetzt
+ihre gr&ouml;&szlig;ten Triumphe: vom hellen Gelb der Linden bis
+zum dunkeln Rot der Blutbuchen leuchten alle Farben
+des Herbstes; aus dem gr&uuml;nen Rasenteppich gl&auml;nzen
+Astern in sanftem Violett und m&uuml;dem Blau, w&auml;hrend
+sich in wehm&uuml;tigem Sterben blasse Rosen an die wei&szlig;en
+Steinstufen der Estraden schmiegen. Goldene Bl&auml;tter
+tanzen in lind bewegter Luft, und unter den B&auml;umen
+sitzen auf wei&szlig;en B&auml;nken jene modernen Frauen der
+Gro&szlig;stadt, die starke Farben scheuen wie starke Gef&uuml;hle
+und Kleider tragen, die aussehen, als w&auml;ren sie in der
+Sommersonne verblichen.</p>
+
+<p>T&auml;glich, am fr&uuml;hen Nachmittag, gingen wir vier in
+den nahen Zoologischen Garten, wo sich die Bewohner
+des Westens am Neptunteich unter den Musikkapellen
+ein Stelldichein gaben. Hier traf sich der beh&auml;bige
+Spie&szlig;b&uuml;rger mit Freunden und Verwandten, im stillen
+begl&uuml;ckt, nach der vorschriftsm&auml;&szlig;igen Sommerreise wieder
+<a name="Page_498" id="Page_498"></a>ruhig am rotgedeckten Tisch zu sitzen, statt schwitzend und
+prustend Ausfl&uuml;ge abzuklappern. Hier erschien in sch&auml;biger
+Eleganz die Offiziers- und Beamtenwitwe, um
+ihre schon stark angejahrten, interessant verschleierten
+T&ouml;chter vor M&auml;nneraugen spazieren zu f&uuml;hren. Hier
+lie&szlig;en sich mit der Stickerei und dem mitgebrachten
+Kuchen zu stundenlangem Klatsch all die &Uuml;berfl&uuml;ssigen
+nieder, an denen das weibliche Geschlecht so reich ist.
+Droben aber vor dem Restaurant, wo die wei&szlig;en Tischt&uuml;cher
+weithin sichtbar die Klassen schieden, tauchten
+elegante Toiletten und bunte Gardeuniformen auf, und
+R&uuml;cken an R&uuml;cken mit der vornehmen Frau der Hofgesellschaft
+sa&szlig; im Glanz ihrer Brillanten und schwarzen
+Augen die sch&ouml;ne Otero und ihresgleichen. Jenseits jedoch,
+auf dem H&uuml;gel hinter dem Neptun, fanden die
+Stillen sich ein, die Musik- und die Naturschw&auml;rmer,
+die Nebenabsichtslosen mit ihren B&uuml;chern und ihren
+Zeitungen. Sie alle sahen unten auf der L&auml;sterallee
+den bunten Strom kokettierender Jugend an sich vor&uuml;berfluten:
+bartlose Knaben mit erzwungener Blasiertheit,
+kurzr&ouml;ckige M&auml;dchen mit hei&szlig;en Augen; greisenhafte
+J&uuml;nglinge, l&uuml;stern nach Beute um sich schauend; korrekte
+junge Damen, glatt gescheitelt, mit k&uuml;hlen, bleichen
+Wangen.</p>
+
+<p>Nachdem die erste Neugierde gestillt war, ging ich
+nicht gern hierher; es kam mir wie Zeitverschwendung
+vor, und &uuml;berdies sah ich mit leiser Angst mein reizendes
+Schwesterchen im Kreise flirtender Backfische und Gymnasiasten.
+Aber mein Vater liebte den Verkehr mit
+alten Freunden, die hier immer zu finden waren, und
+meine Mutter am&uuml;sierte der gro&szlig;st&auml;dtische Trubel. Bald
+<a name="Page_499" id="Page_499"></a>hatten auch wir unseren Stammtisch unter der gro&szlig;en
+Kastanie bei der Musikkapelle, und Menschen verschiedenster
+Art gesellten sich zu uns, die nur ein gemeinsames
+Gef&uuml;hl aneinander zu fesseln schien: die Unzufriedenheit.
+Das Leben hatte ihnen allen nicht gehalten,
+was sie sich von ihm versprochen hatten, und
+sie gaben nicht sich die Schuld, und nicht den Verh&auml;ltnissen, &mdash; wodurch
+Unzufriedenheit zum Hebel der Tatkraft
+werden kann, &mdash; sondern den heimlichen Feinden
+im Milit&auml;r- und Zivilkabinett und den Intriganten am
+neuen Kaiserhof.</p>
+
+<p>Es waren M&auml;nner darunter, die, um die magere
+Pension zu erh&ouml;hen und ihren Frauen und T&ouml;chtern
+standesgem&auml;&szlig;e Toiletten, ihren S&ouml;hnen die Leutnantszulage
+zu sichern, halbe Tage als Agenten der verschiedensten
+Versicherungsgesellschaften Trepp auf, Trepp
+ab liefen, und nachmittags im Zoologischen den Junker
+spielten, der von seinen Renten lebt. Andere, die f&uuml;r
+ihre ungebrochene Kraft eine Besch&auml;ftigung, f&uuml;r ihre
+leere Zeit eine Ausf&uuml;llung brauchten, griffen zu den
+seltsamsten Hilfsmitteln. Der eine vergrub sich in
+heraldische Studien, ein zweiter sammelte Briefmarken,
+ein dritter widmete jede Stunde und jeden Gedanken
+dem Studium Dantes, ein vierter ging im Spiritismus
+auf und hatte t&auml;glich andere Geistererscheinungen. Aus
+Langerweile lie&szlig; ich mich mit diesem seltsamen Kauz,
+einem Obersten von Glyzcinski, dessen robuste Erscheinung
+mit dem breiten roten Gesicht wenig an einen Geisterseher
+erinnerte, oftmals in Gespr&auml;che ein und am&uuml;sierte
+mich im stillen dar&uuml;ber, auf welch vertrautem Fu&szlig; er mit
+dem lieben Gott stand, und wie gl&uuml;hend er zu gleicher<a name="Page_500" id="Page_500"></a>
+Zeit die Kirche und ihre Diener ha&szlig;te. Dankbar f&uuml;r
+mein vermeintliches Interesse brachte er mir t&auml;glich
+andere B&uuml;cher und Brosch&uuml;ren und lief geduldig die
+L&auml;sterallee mit mir auf und ab, wenn ich es in der von
+&Auml;rger und Mi&szlig;gunst geschw&auml;ngerten Atmosph&auml;re unserer
+Tafelrunde gar nicht mehr aushalten konnte.</p>
+
+<p>So gingen wir gerade einmal wieder von einer Musikkapelle
+zur anderen, als der Oberst pl&ouml;tzlich stehen blieb.</p>
+
+<p>&raquo;Wie gehts dir, Vetter?&laquo; h&ouml;rte ich ihn sagen; mein
+Blick fiel durch den Schwarm Vor&uuml;bergehender hindurch
+auf ein schmales Gesicht, von dichtem braunem Bart
+umrahmt, aus dem zwei tiefe, strahlende Kinderaugen
+herausleuchteten, wie von gro&szlig;er innerer Freude erhellt.
+&raquo;Gut &mdash; sehr gut,&laquo; antwortete eine Stimme, die wie ein
+voller Geigenton klang. Welch gl&uuml;cklicher Mensch mu&szlig;
+das sein, dachte ich mit stillem Neid. In dem Augenblick
+schoben sich die Menschen zwischen uns auseinander, &mdash; ich
+sah einen Rollstuhl, &mdash; eine dunkle Pelzdecke, &mdash; zwei
+ganz schmale, wei&szlig;e H&auml;nde, deren blaues Ge&auml;der
+wie mit einem feinen Pinsel gezogen war, &mdash; einen
+schm&auml;chtigen Oberk&ouml;rper &mdash; &mdash; unm&ouml;glich! &mdash; das konnte
+doch der Mann nicht sein mit den strahlenden Kinderaugen!
+Aber schon richteten sie sich auf mich &mdash; verwirrt
+sah ich zu Boden. &raquo;Entschuldigen Sie ...&laquo; sagte
+mein Begleiter im Weitergehen. &raquo;Wer war das?&laquo;
+frug ich hastig, noch im Bann tiefen Erstaunens.</p>
+
+<p>&raquo;Professor von Glyzcinski &mdash; mein Vetter,&laquo; lautete
+die lakonische Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;K&ouml;nnen Sie mich mit ihm bekannt machen?&laquo; Mein
+rasch entstandener Wunsch formte sich ebenso rasch zur
+Bitte. Der Oberst runzelte die Brauen.</p>
+<p><a name="Page_501" id="Page_501"></a></p>
+<p>&raquo;Er ist Atheist und Sozialist,&laquo; kam es mit harter Betonung
+&uuml;ber seine Lippen.</p>
+
+<p>Ich zuckte zusammen und konnte dem Schauder nicht
+wehren, der mir zitternd &uuml;ber den R&uuml;cken lief. Aber
+mein Wunsch wurde nur noch st&auml;rker.</p>
+
+<p>&raquo;Stellen Sie mich vor,&laquo; bat ich dringend. Er sah
+mich von der Seite an: &raquo;Aber die Verantwortung
+tragen Sie allein!&laquo;</p>
+
+<p>Wir drehten um. Ein kurzes Zeremoniell: &raquo;Fr&auml;ulein
+von Kleve m&ouml;chte dich kennen lernen, Georg, &mdash; sie ist
+Schriftstellerin.&laquo;</p>
+
+<p>Des Professors Gesicht schien sich noch mehr zu erhellen.
+&raquo;Dann freue ich mich doppelt Ihrer Bekanntschaft,&laquo;
+sagte er, und seine Hand umfa&szlig;te die meine mit
+einer kr&auml;ftigen Herzlichkeit, die ich ihr nicht zugetraut
+h&auml;tte. &raquo;Jede arbeitende Frau ist ein Gewinn f&uuml;r unsere
+Gesellschaft.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch ein Gewinn f&uuml;r die Kunst und die Wissenschaft?&laquo;
+meinte ich zweifelnd.</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;! Sobald alle Universit&auml;ten und Akademien
+ihnen offen stehen, wie den M&auml;nnern!&laquo; Ich sah ihn
+verwundert an. Nur aus Witzbl&auml;ttern hatte ich bisher
+vom Frauenstudium erfahren, und hie und da war mir
+eine russische Studentin mit ausgetretenen Stiefeln, zerfranstem
+Rock und kurz geschorenen Haaren begegnet, die
+meine tiefe Abneigung gegen die Verleugnung der Weiblichkeit
+nur steigerte. Z&ouml;gernd &auml;u&szlig;erte ich meine Ansicht.
+Der Professor l&auml;chelte. Die Witwe mit den angejahrten
+T&ouml;chtern ging gerade vor&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;Sind diese armen alten M&auml;dchen, die nun schon seit
+Jahren hier auf den Heiratsmarkt gef&uuml;hrt werden,
+<a name="Page_502" id="Page_502"></a>vielleicht w&uuml;rdigere Vertreter der Weiblichkeit?&laquo; sagte er,
+&raquo;die russische Studentin ziehe ich ihnen jedenfalls vor;
+und so arm sie sein mag, &mdash; sie selbst w&uuml;rde keinenfalls
+mit ihnen tauschen m&ouml;gen. Denn sie hat ihre Freiheit,
+ihre Arbeit und ist tausendmal reicher als jene.&laquo; Er
+schwieg, aber da ich nicht antwortete &mdash; das was er sagte
+war mir in seiner einfachen Selbstverst&auml;ndlichkeit doppelt
+&uuml;berraschend &mdash;, fuhr er nach einer Pause fort: &raquo;Stellen
+Sie sich eine Frau in meiner Lage vor, &mdash; wie ungl&uuml;cklich
+m&uuml;&szlig;te sie sich f&uuml;hlen, weil sie nicht nur von vielen
+Freuden des Lebens ausgeschlossen, sondern vor allem,
+weil sie nutzlos, weil sie &uuml;berfl&uuml;ssig ist. Ich aber bin
+vollkommen gl&uuml;cklich!&laquo;</p>
+
+<p>Der Professor lehnte sich tief in den Rollstuhl zur&uuml;ck,
+legte die H&auml;nde &uuml;bereinander auf die schwarze Pelzdecke
+und sah mit einem Ausdruck der Verkl&auml;rung &uuml;ber die
+Menschen hinweg in die gelben tanzenden Bl&auml;tter, in
+die rosigen Abendwolken hinein. Mein Herz klopfte zum
+Zerspringen. Ich war keines Wortes m&auml;chtig und
+dankbar, da&szlig; die Eltern, die mich suchten, mich jeder
+Antwort &uuml;berhoben.</p>
+
+<p>Von nun an war ich es, die die Nachmittage nicht
+erwarten konnte, die, als es immer herbstlicher wurde,
+und k&auml;lter und tr&uuml;ber, oft allein den gewohnten Weg
+ging, um in dem stiller und stiller werdenden Garten
+den Mann zu suchen, dessen durchsichtige Krankenhand
+mich auf steile H&ouml;hen mit endlosen Fernsichten und in
+dunkle Tiefen voll &uuml;berquellender Sch&auml;tze f&uuml;hrte. Ohne
+da&szlig; er eine Frage stellte, lockte der warme Strahl seiner
+Augen meine verborgensten Gedanken ans Tageslicht,
+und wo sie wirr auseinanderfielen, wie vom Sturm zer<a name="Page_503" id="Page_503"></a>rissene
+Telegraphendr&auml;hte, kn&uuml;pfte er sie wieder vorsichtig
+zusammen. Er brachte mir B&uuml;cher, Zeitungen
+und Zeitschriften mit und wenn ich damit beladen nach
+Hause kam, wurde es mir schwer, mich von ihnen zu
+trennen und zu meiner Arbeit zur&uuml;ckzukehren. Ich hatte
+mancherlei Versprochenes und Begonnenes zu vollenden
+und tat es widerwillig, nur von dem Gedanken erf&uuml;llt,
+mich auf eigene F&uuml;&szlig;e zu stellen.</p>
+
+<p>Aber der Professor verstand es, mir selbst diese Arbeit
+wieder wertvoll zu machen. &raquo;Wie viele gro&szlig;e, gute
+und gef&auml;hrlich umst&uuml;rzlerische Ideen k&ouml;nnen Sie einschmuggeln,
+wenn Sie nur Ihren Goethe t&uuml;chtig ausnutzen,&laquo;
+meinte er, &raquo;und die vielen kleinen Fl&auml;mmchen,
+die Sie entz&uuml;nden, schlagen schlie&szlig;lich zu einer gro&szlig;en
+Flamme zusammen.&laquo;</p>
+
+<p>Da&szlig; diese Arbeit nicht die meine bleiben d&uuml;rfe, &mdash; davon
+war er freilich auch &uuml;berzeugt, doch er lachte mich
+aus, &mdash; mit einem hellen frohen Gel&auml;chter, das von Spott
+nichts wei&szlig; &mdash;, als ich sagte, f&uuml;r mich gebe es nichts
+zu tun. &raquo;Die F&uuml;lle der Aufgaben m&uuml;&szlig;te Sie vielmehr
+erdr&uuml;cken, wenn Sie nicht so stark w&auml;ren, alle auf sich
+zu nehmen,&laquo; versicherte er mir.</p>
+
+<p>Ich vertiefte mich auf seinen Rat in die Literatur der
+amerikanischen und englischen Frauenbewegung. Ihre
+Ideen erschienen mir nur als die notwendige Konferenz
+meiner eigenen. Unter der Unfreiheit hatte ich gelitten,
+die Unm&ouml;glichkeit, meine geistigen F&auml;higkeiten auszubilden
+und zu bet&auml;tigen, hatte mich fast erdr&uuml;ckt. Ich las
+Condorcet und John Stuart Mill und lernte die Heldenk&auml;mpfe
+der Amerikanerinnen um die Befreiung der
+Sklaven kennen. &raquo;Sie alle haben ein Recht, sich den<a name="Page_504" id="Page_504"></a>
+M&auml;nnern gleich zu stellen,&laquo; sagte ich zum Professor, &raquo;denn
+wie sie opferten diese Frauen Gut und Blut f&uuml;r die
+Freiheit. Aber wir?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Verleihung politischer Rechte ist doch auch beim
+Mann nicht die Konsequenz heroischer Taten!&laquo; antwortete
+er. &raquo;Und wenn sie &uuml;berhaupt an irgend eine Bedingung
+gekn&uuml;pft w&auml;re, so w&uuml;rde mir nur eine gerecht erscheinen:
+das Ma&szlig; des Leidens. Wer am meisten leidet, sollte
+die weitestgehenden Rechte haben, um die Ursachen seiner
+Leiden zu beseitigen. Meinen Sie nicht, da&szlig; die Frauen
+in diesem Fall in erster Linie st&uuml;nden?!&laquo;</p>
+
+<p>Ich dachte an die Arbeiterinnen Augsburgs und konnte
+ihm nur zustimmen. Am n&auml;chsten Tage brachte er mir
+ein Paket Zeitungen mit. Rote und blaue Striche an
+den R&auml;ndern zeugten von der sorgf&auml;ltigen Lekt&uuml;re. Aber
+als ich sie auseinanderfaltete, erschrak ich: &raquo;Die Volkstrib&uuml;ne,
+Sozialistische Wochenschrift&laquo; stand als Titel gro&szlig;
+dar&uuml;ber. Jetzt zuckte es doch wie ein ganz leiser Spott
+um die Lippen des Professors:</p>
+
+<p>&raquo;Also auch Sie f&uuml;rchten sich vor den Sozis!&laquo; meinte
+er l&auml;chelnd. &raquo;Lesen Sie nur dies Blatt, &mdash; ich habe
+mehr daraus gelernt, als aus manch dickleibigem Buch
+gelehrter Kollegen!&laquo;</p>
+
+<p>Und ich nahm mir die Bl&auml;tter mit und las sie und
+war so vertieft, da&szlig; ich erst merkte, wie sp&auml;t es war,
+als mein Vater drau&szlig;en die Entreet&uuml;r aufschlo&szlig;. Er
+kam aus Brandenburg zur&uuml;ck, wo er an dem Jubil&auml;umsfest
+seines alten Regiments teilgenommen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Wie, du bist noch auf?&laquo; rief er. &raquo;Da kann ich dir
+ja noch Egidys Gr&uuml;&szlig;e bestellen!&laquo; Damit trat er ein.
+&raquo;Ich wu&szlig;te gar nicht, da&szlig; er F&uuml;nfunddrei&szlig;iger gewesen
+<a name="Page_505" id="Page_505"></a>ist, ehe er zur Kavallerie ging. &Uuml;brigens ein famoser
+Kerl, tapfer und ehrlich. Und, &mdash; stell dir vor! &mdash; die
+Rasselbande hat ihn geschnitten! Kannst dir denken,
+da&szlig; ich ihm um so deutlicher meine Anerkennung f&uuml;r seine
+&Uuml;berzeugungstreue aussprach. Er w&auml;re mir beinahe um
+den Hals gefallen vor Dankbarkeit.&laquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblick entdeckte mein Vater die &raquo;Volkstrib&uuml;ne&laquo;,
+die offen vor mir lag. Die Ader schwoll ihm
+auf der Stirn, und blaurot f&auml;rbten sich seine Z&uuml;ge.
+&raquo;Was f&uuml;r ein Schuft hat dir diese Zeitung in die H&auml;nde
+geschmuggelt?&laquo; schrie er, &raquo;vor meine Pistole mit dem
+infamen Patron!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe sie mir gekauft,&laquo; log ich, &raquo;man mu&szlig; auch
+seine Gegner aus ihren eigenen Schriften kennen
+lernen.&laquo;</p>
+
+<p>Mein Vater nahm w&uuml;tend die Bl&auml;tter vom Tisch und
+zerri&szlig; sie. &raquo;Bring mir solche Schweinereien nicht wieder
+ins Haus!&laquo; drohte er mit erhobener Faust. &raquo;Von Leuten,
+die das Vaterland verraten, den Meineid predigen und
+den F&uuml;rstenmord, darf meine Tochter nicht einmal einen
+Fetzen Papier in H&auml;nden haben!&laquo; Und w&uuml;tend warf er
+die T&uuml;r ins Schlo&szlig;.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Vormittag besuchte uns Egidy. Den
+Zylinder in der Hand, in milit&auml;risch strammer Haltung
+wie zu einer dienstlichen Meldung stand er vor meinem
+Vater.</p>
+
+<p>&raquo;Die Wohltat, die Eure Exzellenz mir in Brandenburg
+erwiesen, rechne ich zu den h&ouml;chsten Empfindungen
+inneren Gl&uuml;cks, die mich bisher in meinem Leben beseelten.
+Euer Exzellenz Worte sind &mdash; ich sage nichts,
+als was ich f&uuml;hle, &mdash; die gr&ouml;&szlig;ten, die an mich heran<a name="Page_506" id="Page_506"></a>klangen,
+seit ich tat, was mir Pflicht schien.&laquo; Scharf
+und bestimmt sprach er, und dann erst wandte er sich zu
+meiner Mutter und mir.</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich Ihnen meine T&ouml;chter bringen?&laquo; frug er
+mich. &raquo;Es sind brave Kinder, die alles tapfer mit mir
+getragen haben und doch wehm&uuml;tig empfinden, wie sie
+aus ihrer Bahn gerissen wurden.&laquo; Ich reichte ihm die
+Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Selbstverst&auml;ndlich, Herr von Egidy! Was ich
+den Ihren sein kann, will ich mit Freuden sein,&laquo; antwortete
+ich.</p>
+
+<p>&raquo;Und darf ich nicht nur auf Ihre Freundschaft, sondern
+auch auf Ihre Mitarbeit rechnen?&laquo; Er streckte mir noch
+einmal die Hand entgegen.</p>
+
+<p>Ich legte die meine z&ouml;gernd hinein: &raquo;Auf meine Freundschaft,
+ja! Meine Mitarbeit aber kann ich Ihnen noch
+nicht versprechen!&laquo;</p>
+
+<p>Sein Blick verfinsterte sich. &raquo;Ihr Herr Vater ehrt die
+&Uuml;berzeugungstreue ...&laquo; sagte er mit Betonung.</p>
+
+<p>&raquo;Und ich werde meiner &Uuml;berzeugung zu folgen wissen!&laquo;
+entgegnete ich gereizt.</p>
+
+<p>Am Nachmittag erz&auml;hlte ich dem Professor von Egidy
+und meinen Beziehungen zu ihm. Ich war noch ver&auml;rgert,
+und mein Urteil &uuml;ber die Halbheit, die ihn zwang,
+an dem Namen &raquo;Christentum&laquo; festzuhalten, mochte nicht
+gerade milde klingen. Der Professor sch&uuml;ttelte den Kopf, &mdash; ein
+deutliches Zeichen seines Mi&szlig;fallens. &raquo;Sie verlangen
+wirklich ein bi&szlig;chen viel, gn&auml;diges Fr&auml;ulein!
+Ist es nicht schon einzig und unerh&ouml;rt und h&ouml;chst erfreulich,
+da&szlig; ein Mann, wie er, in dieser Weise den
+Kampf gegen das traditionelle Christentum aufnimmt? &mdash; Zahllose<a name="Page_507" id="Page_507"></a>
+Menschen, die f&uuml;r die Worte ausgesprochener
+Freidenker nur taube Ohren haben, werden ihn h&ouml;ren,
+und ihr erster Schritt auf der schiefen Ebene wird dann
+nicht ihr letzter sein!&laquo;</p>
+
+<p>Ich dachte meiner eigenen Erfahrungen und gab ihm
+Recht. Hatte unser Gespr&auml;ch sich bisher wesentlich um
+die Frauenfrage gedreht, so kamen wir heute zum erstenmal
+auf religi&ouml;se Fragen zu sprechen. Ich erz&auml;hlte ihm
+von meiner Entwicklung. Er h&ouml;rte mit sichtlichem Interesse
+zu und sprach mir dann von der seinen.</p>
+
+<p>&raquo;Religi&ouml;se Gewissensk&auml;mpfe sind mir fremd geblieben,&laquo;
+begann er. &raquo;Bis ich in die Schule kam, wu&szlig;te ich nichts
+von Religion. Als meine Mutter mich zu meinem
+Klassenlehrer brachte und er mich frug, was ich vom
+lieben Heiland w&uuml;&szlig;te, gab ich erstaunt zur Antwort,
+da&szlig; ich von dem Land noch nie etwas geh&ouml;rt h&auml;tte.
+Der Schulreligionsunterricht bestand dann eigentlich nur
+im mechanischen Auswendiglernen, was ich ebenso gedankenlos
+absolvierte, wie irgend welche Tabellen oder
+grammatische Regeln. Was dem Gem&uuml;t vieler Kinder
+die Religion bieten mag, das bot mir die Natur; und
+da ich von klein an schw&auml;chlich war und meinen Altersgenossen
+und ihren Spielen infolgedessen ziemlich fern
+blieb, unterst&uuml;tzten meine Eltern meine Passionen. Mein
+Zimmer war immer ein wahres Aquarium, und das
+Leben der Tiere und der Pflanzen mit all seinen Wundern
+lernte ich mit steigendem Entz&uuml;cken zuerst aus eigenen
+Beobachtungen kennen. Jetzt habe ich nur noch ein
+paar V&ouml;gel und ein Blumenfenster,&laquo; &mdash; er l&auml;chelte wehm&uuml;tig,
+&raquo;seit meine Mutter im vorigen Jahre starb und
+ich bewegungslos bin, w&uuml;rde doch keiner f&uuml;r meinen<a name="Page_508" id="Page_508"></a>
+Privat-Zoo sorgen k&ouml;nnen!&laquo; Mit der ihm charakteristischen
+Geb&auml;rde reckte er den Oberk&ouml;rper, als wollte
+er eine peinliche Erinnerung energisch absto&szlig;en &mdash; &raquo;und
+allm&auml;hlich sind mir denn doch die Menschen interessanter
+geworden als die Tiere. Ich studierte Philosophie, weil
+es das einzige ist, was ein Mann wie ich zu seinem
+Lebensberuf machen kann. Aber meine ungl&uuml;ckliche Liebe
+zu den Naturwissenschaften ist doch gleich in meiner
+Doktordissertation zum Ausdruck gekommen, in der ich
+die philosophischen Konsequenzen der Darwinschen Evolutionstheorie
+behandelte. &mdash; Sie m&uuml;ssens mal lesen,
+gn&auml;diges Fr&auml;ulein, &mdash; ich habe noch heute meine Freude
+dran, obwohl der liebe Gott noch bedenklich zwischen
+den Zeilen spukt! Dann hab ich mich hier habilitiert. &mdash; Ich
+wohnte bei meiner guten Mutter, einer blitzgescheiten
+Frau &mdash; schade, da&szlig; Sie sie nicht mehr
+kannten! &mdash;, die mit dem lieben Gott auf besonders gespanntem
+Fu&szlig;e stand, weil er ihren Jungen zum Kr&uuml;ppel
+hatte werden lassen. Und ein bi&szlig;chen mag das auch bei
+mir dazu beigetragen haben, an seiner Existenz allm&auml;hlich
+zu zweifeln. Bei n&auml;herem Nachdenken konnte ich die
+geistigen Kapriolen der frommen Leute nicht mitmachen,
+die n&ouml;tig sind, wenn man das unverschuldete Elend in
+der Welt, wenn man Unrecht und Verbrechen mit dem
+allg&uuml;tigen und allm&auml;chtigen Himmelsvater in Einklang
+bringen will. W&auml;re er, so m&uuml;&szlig;te er entweder ein herzloses
+Scheusal oder das ungl&uuml;ckseligste aller Wesen sein,
+das gezwungen ist, unt&auml;tig zuzusehen, wie seine Gesch&ouml;pfe
+sich zerfleischen!&laquo; Die Stimme des Professors
+hatte sich gehoben, seine Augen funkelten, sein ganzer
+zarter K&ouml;rper schien von starker Energie gespannt.</p>
+<p><a name="Page_509" id="Page_509"></a></p>
+<p>&raquo;Und doch sind Sie ein gl&uuml;cklicher Mensch geworden!&laquo;
+sagte ich mehr zu mir selbst als zu ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Das habe ich wieder den Naturwissenschaften und
+meinen vielen lieben Freunden zu verdanken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihren Freunden?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Denen, die immer um mich sind und nur reden,
+wenn ich sie brauche: den B&uuml;chern. Darwins Entwicklungsgesetz
+war es, das mich zuerst mit einem unbeschreiblichen,
+unzerst&ouml;rbaren Gl&uuml;cksgef&uuml;hl erf&uuml;llte, denn
+es festigte meinen Glauben an die unendliche sittliche und
+intellektuelle Vervollkommnungsf&auml;higkeit der Menschennatur,
+und er trat an die Stelle des Glaubens an einen
+unbeweisbaren Gott.&laquo;</p>
+
+<p>Das Herz klopfte mir vor Freude; ich umfa&szlig;te unwillk&uuml;rlich
+mit meiner hei&szlig;en Hand seine k&uuml;hlen Finger:
+&raquo;Ich danke Ihnen &mdash; danke Ihnen tausendmal,&laquo; kam es
+vor Erregung bebend &uuml;ber meine Lippen, &raquo;so bin ich
+doch nicht mehr allein mit dem, was ich dachte und f&uuml;hlte,
+und was mir fast schon zu entschwinden drohte. Einmal,
+in einer gl&uuml;cklichen Stunde, schrieb ichs auf, &mdash; darf ich
+es Ihnen bringen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bitte Sie darum!&laquo; Ein warmer Blick traf mich, &mdash; er
+schien mich ganz und gar zu umfassen. &raquo;Sollte
+ich doch am Ende wieder an den lieben Gott glauben
+m&uuml;ssen &mdash; der mir eine Frau wie Sie in den Weg geschickt
+hat?!&laquo;</p>
+
+<p>Die Eltern kamen und holten mich ab. Mein Vater
+war merkm&uuml;rdig kurz angebunden. &raquo;Du wirst deinen
+Verkehr mit dem Professor beschr&auml;nken m&uuml;ssen,&laquo; sagte er
+auf dem Nachhausewege, &raquo;Walter sagte mir, da&szlig; er im
+Rufe steht, einer der gef&auml;hrlichen Kathedersozialisten zu
+<a name="Page_510" id="Page_510"></a>sein.&laquo; &mdash; &raquo;Da&szlig; er Gott verleugnet, hat er neulich mit
+zynischer Frivolit&auml;t selbst zugestanden,&laquo; f&uuml;gte Mama mit
+hochrotem Gesicht hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn er es tat, so ist es weder zynisch noch frivol,
+sondern ein Beweis derselben tapferen &Uuml;berzeugungstreue,
+die Ihr an Egidy zu r&uuml;hmen pflegt,&laquo; antwortete ich.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Atheist ist ein Verbrecher,&laquo; stie&szlig; Mama aufgeregt
+hervor; dann schwiegen wir alle, in dem gemeinsamen
+Gef&uuml;hl, auf der Stra&szlig;e keine Szene provozieren
+zu wollen.</p>
+
+<p>Als am n&auml;chsten Tage der Herbst mit Sturm und
+Regen durch die Stra&szlig;en fegte und die B&auml;ume arm und
+kahl zur&uuml;cklie&szlig;, die eben noch im Glanz ihres bunten
+Kleides geprangt hatten, atmete Mama f&ouml;rmlich erleichtert
+auf: &raquo;Nun haben die Zoo-Nachmittage ein Ende!&laquo;</p>
+
+<p>Ich aber nahm mein altes Glaubensbekenntnis und
+mein kleines schwarzes Buch und verlie&szlig; das Haus zur
+gew&ouml;hnlichen Stunde.</p>
+
+<p>&Uuml;ber den &ouml;den Wittenbergplatz f&uuml;hrte mein Weg an
+einer Reihe von Neubauten vorbei, aus denen ein
+feuchter Kellergeruch mir entgegenstr&ouml;mte, der mich
+fr&ouml;steln machte. Die Kleiststra&szlig;e ging ich entlang, deren
+neue H&auml;user, wie lauter Parven&uuml;s, sich durch &uuml;berladenen
+Schmuck gegenseitig zu &uuml;berbieten suchten, und
+bog dann in die stille dunkle Nettelbeckstra&szlig;e ein. Sch&uuml;chterne
+Sonnenstrahlen, die gerade die Wolken durchbrachen,
+trafen nur noch die D&auml;cher der H&auml;user. In
+eins davon trat ich.</p>
+
+<p>&raquo;Professor von Glyzcinski?&laquo; Die Portierfrau musterte
+mich von oben bis unten. &raquo;Gartenhaus &mdash; parterre!<a name="Page_511" id="Page_511"></a>&laquo;
+Der Hof war noch enger und lichtloser als bei uns,
+und die Treppe war vollkommen finster. Auf mein
+Klingeln &ouml;ffnete der Diener. Im Flur konnte ich die
+Hand nicht vor Augen sehen. Im n&auml;chsten Moment
+aber schlo&szlig; ich sie geblendet. Aus der T&uuml;r, durch die
+ich ins Zimmer trat, str&ouml;mte ein Meer von rotgoldenem
+Licht.</p>
+
+<p>&raquo;Willkommen, mein liebes, gn&auml;diges Fr&auml;ulein!&laquo; h&ouml;rte
+ich des Professors weiche Stimme sagen.</p>
+
+<p>Und nun erst sah ich ihn: am Fenster sa&szlig; er, das dicht
+von wildem Wein umsponnen, den Blick in lauter G&auml;rten
+schweifen lie&szlig;. Auf die B&uuml;cher und Papiere, die den
+Schreibtisch vor ihm bedeckten, malte die Sonne lauter
+runde blinkende Silberflecken und streichelte an der Wand
+gegen&uuml;ber die vielen, sch&ouml;n aneinander gereihten B&uuml;cher.
+Zwei V&ouml;gel mit buntschillernden Fl&uuml;geln flatterten, durch
+meinen Eintritt aufgescheucht, durch den Raum und
+lie&szlig;en langgezogene Fl&ouml;tent&ouml;ne h&ouml;ren.</p>
+
+<p>Auf den breiten Lehnstuhl neben dem Schreibtisch
+deutete einladend die wei&szlig;e Hand Glyzcinskis, der mir
+mit seinen Kinderaugen und dem wesenlosen, unter
+Decken verborgenen K&ouml;rper wie ein Zauberer inmitten
+seines M&auml;rchenreichs erschien. Fl&uuml;chtig tauchte mein
+dunkles Zimmer vor meinem inneren Auge auf, &mdash; hatte
+meine Sehnsucht nicht dieses M&auml;rchenreich l&auml;ngst
+gesucht?</p>
+
+<p>&raquo;Wissen Sie, da&szlig; ich Sie mit Bestimmtheit erwartet
+habe?!&laquo; sagte er, &raquo;darum gibt es auch heute Kuchen
+zum Kaffee, wie an einem Festtag!&laquo; Er versuchte von
+dem Tischchen aus, das der Diener hereingetragen hatte
+mich zu bedienen. &raquo;Das ist Frauensache!&laquo; lachte ich
+<a name="Page_512" id="Page_512"></a>und nahm ihm die Kaffeekanne ab. Wie alte Freunde
+sa&szlig;en wir beieinander.</p>
+
+<p>Und dann las ich ihm &raquo;Wider die L&uuml;ge&laquo; vor.</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; Sie mir nichts Gew&ouml;hnliches bringen w&uuml;rden,
+wu&szlig;te ich,&laquo; bemerkte er langsam nach einer kurzen Pause,
+die mich schon ganz &auml;ngstlich gemacht hatte. &raquo;Von keinem
+meiner Studenten d&uuml;rfte ich so viel Geist und Kraft
+und Selbst&auml;ndigkeit erwarten ... Ich habe lange &uuml;ber
+Sie nachgedacht, aber das Resultat dieses Nachdenkens
+h&auml;tte ich noch f&uuml;r mich behalten, wenn Sie mir nicht
+diesen Einblick in Ihr Geistesleben gew&auml;hrt haben
+w&uuml;rden. Nun m&ouml;chte ich Ihnen einen Vorschlag machen,
+dessen selbsts&uuml;chtige Beweggr&uuml;nde mein Gewissen freilich
+arg belasten: Sie haben keinen Bruder, ich keine
+Schwester, &mdash; lassen Sie mich Ihren Bruder sein, und
+gestatten Sie mir dann als solchem, mich Ihrer anzunehmen.
+All die guten Freunde dr&uuml;ben &mdash;&laquo; er zeigte
+auf den B&uuml;cherschrank &mdash; &raquo;will ich Ihnen vorstellen;
+Sie werden rasch nachholen, was Ihnen an philosophischen
+Kenntnissen fehlt, &mdash; und dann &mdash; &mdash;,&laquo; er stockte.</p>
+
+<p>&raquo;Dann?!&laquo; frug ich gespannt.</p>
+
+<p>&raquo;Dann werden Sie tun, was mir versagt ist: unsere
+Ideen unter die Massen tragen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werde ich es k&ouml;nnen &mdash; &mdash; d&uuml;rfen?! Meine Eltern
+sind schon jetzt....&laquo;</p>
+
+<p>Er unterbrach mich. Ein harter Zug grub sich um
+seine Mundwinkel. &raquo;Wer den Pflug anfa&szlig;t und siehet
+zur&uuml;ck, der ist unserer Sache nicht wert ...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So lehren Sie mich Ihre Sache kennen, &mdash; ich glaube
+freilich schon von vorn herein, da&szlig; es auch die meine
+sein wird!&laquo;</p>
+<p><a name="Page_513" id="Page_513"></a></p>
+<p>&raquo;Sie sollen nichts glauben, woran Sie zu glauben
+noch gar kein Recht haben! Das ist die Lehre der neuen
+Tugend, der intellektuellen Redlichkeit! &mdash; nehmen Sie
+die B&uuml;cher dort mit dem dunkelblauen R&uuml;cken, &mdash; lesen
+Sie sie in aller Ruhe, und dann sagen Sie mir, was
+Sie dar&uuml;ber und was Sie &uuml;ber meinen Vorschlag denken.&laquo;</p>
+
+<p>Ich erhob mich. Es wurde mir sehr schwer, diesen
+stillen Raum zu verlassen, der von dem hellen Geist
+starker Freudigkeit erf&uuml;llt schien, wie von der gl&auml;nzenden
+Oktobersonne.</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie Dank, vielen Dank,&laquo; sagte ich noch und
+wandte mich zum Gehen. Ich stand schon an der T&uuml;r,
+als ich noch einmal seine Stimme h&ouml;rte:</p>
+
+<p>&raquo;Nicht wahr &mdash; Sie kommen bald, recht bald &mdash; &mdash; morgen
+schon?&laquo; Ich nickte. Und dann verschlang mich
+der dunkle Flur, der finstere Hof, die k&uuml;hle Stra&szlig;e.</p>
+
+<p>&raquo;Woher kommst du?&laquo; Mit dieser von einem mi&szlig;trauischen
+Blick begleiteten Frage, empfing mich zu Hause
+mein Vater. Sie sa&szlig;en alle drei beim Abendessen. Ich
+hatte schon irgend eine billige Ausrede auf der Zunge &mdash; aber
+pl&ouml;tzlich wurde mir klar, da&szlig; jede verlogene
+Heimlichkeit mein Erlebnis beschmutzen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>&raquo;Von Herrn Professor von Glyzcinski ...&laquo; Mein
+Vater hieb mit der Faust auf den Tisch, da&szlig; die Gl&auml;ser
+klirrten.</p>
+
+<p>&raquo;Unerh&ouml;rt!&laquo; rief er &raquo;und das wagst du mir ins Gesicht
+zu sagen, nachdem du meine Meinung &uuml;ber diesen
+Verkehr erst gestern deutlich genug geh&ouml;rt hast?! &mdash; Und
+rennst wie ein Frauenzimmer einem unverheirateten
+Mann in die Wohnung?! &mdash; Willst du mich denn
+durchaus ins Grab bringen, mit all der Schande, die
+<a name="Page_514" id="Page_514"></a>du mir machst?&laquo; Er lief aufgeregt im Zimmer umher,
+w&auml;hrend helle Schwei&szlig;tropfen auf seiner Stirne standen.</p>
+
+<p>Ich zwang mich zur Ruhe: &raquo;Du wei&szlig;t wohl nicht,
+was du sagst, Papa! Herr von Glyzcinski ist ein
+Schwerkranker, meinen Besuch kann niemand mi&szlig;deuten!&laquo;</p>
+
+<p>Aber die Wut, in die er sich hineingeredet hatte,
+steigerte sich nur noch mehr. Ich versuchte das Zimmer
+zu verlassen, w&auml;hrend Mama und Klein-Ilschen, vor
+Schrecken stumm, sich nicht zu r&uuml;hren wagten.</p>
+
+<p>&raquo;Du bleibst!&laquo; schrie mein Vater und packte mein
+Handgelenk. &raquo;Versprich mir, da&szlig; dieser Besuch der erste
+und der letzte war, und ich will ihn vergessen!&laquo; Und
+gleich darauf ruhten seine Blicke mit einem Ausdruck
+liebevoll besorgter Bitte auf mir. Mein Herz krampfte
+sich zusammen: Sinnlosem Zorn konnte ich die Stirne
+bieten, &mdash; aber der Liebe?! Ich schlo&szlig; eine Sekunde
+lang die Augen: Wer den Pflug anfa&szlig;t ...!</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann dir diesen Wunsch nicht erf&uuml;llen, Papa!&laquo;
+Mit weit aufgerissenen Augen starrte er mich an. Dann
+brach der Sturm von neuem los. Auch meine Mutter
+mischte sich hinein, &mdash; von den teuflischen Verf&uuml;hrungsk&uuml;nsten
+des Gottesleugners h&ouml;rte ich sie etwas sagen,
+auch von Weimar sprach sie und versuchte, mich zu bestimmen,
+meinen f&uuml;r das n&auml;chste Fr&uuml;hjahr beabsichtigten
+Besuch auf die allern&auml;chsten Tage festzusetzen. An meinen
+Ehrgeiz, an meine Eitelkeit appellierte sie, w&auml;hrend
+meines Vaters Stimmung, wie stets nach einem solchen
+Ausbruch der Leidenschaft, immer weicher wurde. &raquo;Wir
+sind an allem Schuld, wir allein,&laquo; sagte er, &raquo;wir haben
+dir keinen Verkehr verschafft, wie du ihn zu fordern ein
+Recht hast. Aber das soll anders &mdash; ganz anders
+<a name="Page_515" id="Page_515"></a>werden. Wir werden an den Hof gehen, wo wir hingeh&ouml;ren.
+Und du wirst nun auch mein gutes Kind sein
+und gehorchen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Papa! &mdash; Ich bin sechsundzwanzig Jahre
+alt. W&auml;re ich Euer Sohn, statt Eure Tochter, ihr
+w&uuml;rdet es selbstverst&auml;ndlich finden, wenn ich meine eigenen
+Wege ginge. Ich kann nicht denken wie ihr, und ich bin
+au&szlig;erstande, nichts als eine Haustochter zu sein. Pa&szlig;t
+Euch der Verkehr nicht, der mir notwendig ist, wollt
+Ihr Euch nicht mit mir identifizieren, &mdash; so la&szlig;t mich in
+Frieden meiner Wege gehen, &mdash; gebt mir freiwillig die
+Freiheit!&laquo;</p>
+
+<p>Meine Worte wirkten verbl&uuml;ffend. Die Eltern waren
+pl&ouml;tzlich ganz ruhig geworden. Sie schienen auf das
+tiefste verletzt. &raquo;Da&szlig; wir &uuml;ber solchen Wahnwitz mit
+dir verhandeln, wirst du selbst nicht erwarten k&ouml;nnen,&laquo;
+sagte Papa kalt. &raquo;Geh in dein Zimmer. Bis morgen
+fr&uuml;h d&uuml;rftest du wohl zur Vernunft gekommen sein.&laquo;</p>
+
+<p>Aber der Morgen kam und fand mich entschlossen,
+eher das Haus zu verlassen, als auf meine Besuche bei
+Herrn von Glyzcinski zu verzichten. Und die Eltern,
+die zwischen dem Skandal einer davonlaufenden Tochter
+und dem Eingehen auf ihre W&uuml;nsche zu w&auml;hlen hatten,
+gaben mir nach. Eine dr&uuml;ckende Stimmung, wie geladen
+von Mi&szlig;trauen und Feindseligkeit, blieb zur&uuml;ck. Nur
+Papa gab sich alle M&uuml;he, meine Interessen auf andere
+Wege zu leiten. Meine Teilnahme an den Bestrebungen
+Egidys schien ihm sogar erw&uuml;nscht, um die Einfl&uuml;sse
+von der anderen Seite zu paralysieren. Er selbst hielt
+sich davon zur&uuml;ck. &raquo;Es widerstrebt mir, mich als preu&szlig;ischer
+General in irgendeine &ouml;ffentliche Bewegung zu
+<a name="Page_516" id="Page_516"></a>mischen. Ich bin Soldat, &mdash; nichts weiter,&laquo; sagte er
+zu Egidy bei unserem Gegenbesuch, der der erste und
+letzte war, den er bei ihm machte. Um so h&auml;ufiger geleitete
+mich meine Mutter in die Spenerstra&szlig;e, zuerst
+mit mi&szlig;mutig aufeinander gepre&szlig;ten Lippen, nur aus
+Pflichtgef&uuml;hl, &mdash; den Standesgenossen gegen&uuml;ber mu&szlig;te
+doch die Form gewahrt werden, die einem jungen
+M&auml;dchen nicht gestattete, allein in Gesellschaft zu gehen! &mdash; Dann
+mit steigender pers&ouml;nlicher Neigung. Diese
+bunte Welt, die sich jeden Dienstag Abend in dem gastfreien
+Hause zusammenfand, war eine v&ouml;llig neue f&uuml;r
+sie, und mit einer fast kindlichen Neugierde besch&auml;ftigte
+sie sich mit jedem Besucher, w&auml;hrend bei mir das Interesse
+an dem blo&szlig; Neuen und Fremdartigen um so
+mehr erlahmte, je leidenschaftlicher ich nach Gesinnungsgenossen
+suchte.</p>
+
+<p>Eigenbr&ouml;dler aller Art f&uuml;llten die Salons der Familie
+Egidy, bis zu solchen herab, deren armer enger Geist
+durch die unabl&auml;ssige Besch&auml;ftigung mit einem einzigen
+Gedanken mehr und mehr in Verwirrung geraten war.
+Da gab es Menschen, die von der R&uuml;ckkehr zur Natur
+das Heil der Welt erwarteten, barfu&szlig; gingen im Gewande
+des Nazareners, von K&ouml;rnern lebten, die sie in
+der Tasche trugen; andere mit fahlen, asketischen Z&uuml;gen,
+die mit der ganzen m&uuml;hselig zur&uuml;ckged&auml;mmten Leidenschaftlichkeit
+ihres Inneren die Selbstvernichtung der
+Menschheit predigten, und, als ihr Gegensatz, fanatische
+Anarchisten, die die Freiheit ihrer eigenen kleinen Gel&uuml;ste
+mit dem Schlagwort vom schrankenlosen Ausleben
+der Pers&ouml;nlichkeit zu rechtfertigen suchten. Studenten
+und Studentinnen aller Nationen fanden sich ein, deren
+<a name="Page_517" id="Page_517"></a>jugendlicher &Uuml;berschwang in Egidy einen neuen Heiland
+verehrte, und eine Menge &auml;ltliche Damen, die aus dem
+stillen Winkel ihres leeren Lebens hervorgekrochen schienen
+wie Maulw&uuml;rfe, die die Sonne suchen, und mit dem
+Rest ihrer unterdr&uuml;ckten Gef&uuml;hle verschw&auml;rmt zu Egidys
+F&uuml;&szlig;en sa&szlig;en; versch&auml;mte Arme, die hier nichts wollten
+als den reich gedeckten Tisch, an dem sie einmal in der
+Woche satt werden konnten; mitten darin Abenteurer
+aller Art, die den reichen, nur allzu vertrauensseligen
+Mann f&uuml;r ihre Zwecke zu gewinnen suchten, und dazwischen &mdash; vereinzelt &mdash; ernste
+aufrichtige Anh&auml;nger,
+junge Literaten und Theologen zumeist, die sich vergebens
+bem&uuml;hten, Egidy vor sich selbst zu sch&uuml;tzen. Er
+hatte f&uuml;r Alle Zeit, f&uuml;r jeden Herzenskummer, der ihm
+anvertraut wurde, ein freundliches Interesse; und warnte
+man ihn vor diesem und jenem seiner G&auml;ste, der ein
+notorischer Hochstapler war, so sagte er mit fester &Uuml;berzeugung:
+&raquo;Wer zu mir kommt, der beweist dadurch, da&szlig;
+er gewillt ist, ein Anderer zu werden. Und ich sollte
+ihm mein Haus verschlie&szlig;en?&laquo;</p>
+
+<p>Aber auch ernste, reife Menschen erschienen, M&auml;nner
+und Frauen mit ber&uuml;hmten Namen, die auf irgend
+einem reformbed&uuml;rftigen Gebiet des &ouml;ffentlichen Lebens
+t&auml;tig waren und alle versuchten, Egidy auf ihre Seite
+zu ziehen: Abstinenzler, Friedensfreunde und Bodenreformer,
+moderne P&auml;dagogen und Frauenrechtlerinnen.
+Warteten sie nicht alle, die ihre Kr&auml;fte in dramatischen
+Gesten oder in der Kleinarbeit winziger Ref&ouml;rmchen
+ersch&ouml;pften, ihrer selbst unbewu&szlig;t, auf irgend
+ein Zauberwort, das ihre eigenen Fesseln sprengen
+und sie zu gemeinsamer gro&szlig;er Leistung vereinigen
+<a name="Page_518" id="Page_518"></a>w&uuml;rde? War Egidy der Mann, der es aussprechen
+sollte?</p>
+
+<p>Ich hatte inzwischen die B&uuml;cher Glyzcinskis gelesen:
+seine eigene Moralphilosophie und die Schriften der
+Gr&uuml;nder und Leiter der Ethischen Gesellschaften Amerikas
+und Englands. Sie vertraten die Einheit der Moral
+gegen&uuml;ber der Vielheit der Religionen, sie waren &uuml;berzeugt,
+da&szlig; alle Menschen, die ernstlich das Gute wollen,
+sich, unabh&auml;ngig von ihren verschiedenartigen transzendenten
+Anschauungen, auf dem Boden allgemein
+g&uuml;ltiger Ethik zu dem gro&szlig;en Werk sittlicher und
+sozialer Reform vereinigen k&ouml;nnten. &Uuml;ber Gott und
+den G&ouml;ttern stand f&uuml;r sie das Absolute, die Moral;
+denn nicht darum ist das Gute gut, sagten sie, weil
+Gott es seinen Gl&auml;ubigen zu tun befiehlt, er befiehlt
+es vielmehr, weil es gut ist, also mu&szlig; auch f&uuml;r
+die Gottgl&auml;ubigen das Gute das Allumfassende sein.
+Sie selbst stellten f&uuml;r das sittliche Handeln keine Einzelvorschriften
+auf, sie erkannten vielmehr als dessen
+Richtschnur und Pr&uuml;fstein das gr&ouml;&szlig;tm&ouml;gliche Gl&uuml;ck der
+gr&ouml;&szlig;ten Mehrzahl.</p>
+
+<p>Auf mich wirkten diese Werke wie eine Offenbarung:
+hier war das erl&ouml;sende Wort, das nicht nur all die
+auf Seitenwegen Umherirrenden zusammen rufen und
+dem gemeinsamen Ziel entgegenf&uuml;hren w&uuml;rde, hier war
+der Zauberstab, der aus den Felsenherzen der Menschen
+lebendige Brunnen tatkr&auml;ftigen Wirkens hervorlocken
+k&ouml;nnte; hier breitete sich vor meinen inneren Augen
+jungfr&auml;ulicher Boden aus, den ich mit zu roden und
+zu bebauen bestimmt schien. Eine Ethische Gesellschaft
+in Deutschland zu gr&uuml;nden, die das &ouml;ffentliche Gewissen
+<a name="Page_519" id="Page_519"></a>der Nation werden sollte, &mdash; darauf richteten sich alle
+meine Gedanken.</p>
+
+<p>Ich ging t&auml;glich zum Professor. Schon lange hegte
+er denselben Wunsch wie ich, ohne, seiner eigenen Gebrechlichkeit
+wegen, an die M&ouml;glichkeit naher Erf&uuml;llung
+zu glauben.</p>
+
+<p>&raquo;Hatte ich nicht recht,&laquo; sagte er einmal, &raquo;wenn ich
+meinte, ich m&uuml;sse eigentlich dem lieben Gott dankbar
+sein f&uuml;r die merkw&uuml;rdige Begegnung mit Ihnen? Durch
+Sie wird der Lieblingstraum meines Lebens in Erf&uuml;llung
+gehen!&laquo;</p>
+
+<p>Wir arbeiteten unseren Plan in allen Einzelheiten
+aus: Mitglieder der verschiedensten religi&ouml;sen und politischen
+Richtungen sollten den ersten Aufruf zur Gr&uuml;ndung
+der Ethischen Gesellschaft unterzeichnen. Ihr Zweck
+sollte sein, einen neutralen Boden zu schaffen, auf dem
+alle Menschen ihre Gedanken freim&uuml;tig &uuml;ber alle brennenden
+Fragen der Gegenwart auszutauschen verm&ouml;chten,
+von dem aus gemeinsam geschaffene Gesetzesvorschl&auml;ge
+den Regierungen unterbreitet und zu den Ereignissen des
+&ouml;ffentlichen Lebens Stellung genommen werden sollte.
+Niemand d&uuml;rfe um seines Glaubens oder seinen politischen
+Anschauungen wegen bek&auml;mpft oder ausgeschlossen
+werden, es sei denn, da&szlig; er dadurch gegen das Grundprinzip
+der Gesellschaft versto&szlig;e: das gr&ouml;&szlig;te Gl&uuml;ck der
+gr&ouml;&szlig;ten Anzahl zu f&ouml;rdern.</p>
+
+<p>Mein Gedankengang geriet bei diesem Punkt ins
+Stocken. &raquo;Wenn ichs mir recht &uuml;berlege,&laquo; sagte ich
+nachdenklich, &raquo;kann ein echter Christ sich unserem Bunde
+nicht anschlie&szlig;en. Toleranz gegen Andersgl&auml;ubige kann
+bei denjenigen kaum erwartet werden, die &uuml;berzeugt sind,
+<a name="Page_520" id="Page_520"></a>da&szlig; ihr Glaube der allein selig machende sei; und das
+gr&ouml;&szlig;te Gl&uuml;ck als Ziel unseres Strebens aufstellen, ist
+vollends ganz und gar unchristlich.&laquo;</p>
+
+<p>Glyzcinski lachte: &raquo;Sie haben einen hellen Kopf,
+liebe Freundin, darum lassen Sie mich ihnen noch eins
+verraten. Niemand, der von Herzen an einen lebendigen
+Gott glaubt, kann auf unsere Seite treten; oder d&uuml;rfte
+er zugeben, da&szlig; Gott selbst sich der Moral unterordnet?!
+Die Religion als vager metaphysischer Glaube, als
+fl&uuml;chtig berauschendes Genu&szlig;mittel schwacher Seelen
+kann innerhalb unserer Reihen Anh&auml;nger haben, nicht
+aber die Religion als Grundlage der Sittlichkeit, &mdash; und
+damit wird ihr Halt und Inhalt zugleich entzogen.
+Der Kaiser und die Junker haben von ihrem Standpunkt
+aus vollkommen recht, wenn sie dem Volke die
+Religion erhalten und die Schule der Kirche mit Haut
+und Haar ausliefern m&ouml;chten: nichts hindert die Verbreitung
+wahrer ethischer Kultur mehr als die Religion.
+Die Dankbarkeit f&uuml;r alles, was wir haben und sind,
+k&ouml;rperlich und geistig, wird in sentimentalen Gef&uuml;hlen
+auf Gott gelenkt, statt da&szlig; sie sich in Taten ausl&ouml;st f&uuml;r
+die Menschheit, der wir in Wirklichkeit alles verdanken.
+Aller Widerstand gegen das B&ouml;se, alle Kampfeslust gegen
+das Ungl&uuml;ck wird dadurch gel&auml;hmt, da&szlig; man den Menschen
+lehrt, sich dem&uuml;tig vor Gottes Willen zu neigen,
+und ihnen den Glauben an die ewige Seligkeit einfl&ouml;&szlig;t.
+Und alle Tapferkeit, alle Menschenliebe, alle Kraft zur
+Selbstbefreiung und zur Befreiung der Menschheit aus
+Elend und Knechtschaft wird im Keime erstickt, wenn
+die Verantwortlichkeit f&uuml;r das Leiden auf die Gottheit
+abgew&auml;lzt werden kann.&laquo;</p>
+<p><a name="Page_521" id="Page_521"></a></p>
+<p>&raquo;Ich verstehe Sie nicht, &mdash; Sie scheinen gegen den
+eigenen Plan zu sprechen, &mdash; nach Ihnen m&uuml;&szlig;te keine
+ethische, sondern eine atheistische Gemeinschaft gegr&uuml;ndet
+werden,&laquo; wandte ich ein.</p>
+
+<p>&raquo;Sie irren, &mdash; atheistische Pfaffen, die wir in diesem
+Fall z&uuml;chten w&uuml;rden, schaden unserer Sache mindestens
+ebenso viel wie kirchliche. Ethik wollen wir verbreiten,
+und in dieser Ethik ruht die Kraft der Wahrhaftigkeit,
+die allm&auml;hlich alle alten Gespenster austreiben wird.
+F&uuml;r mich &mdash; wir beide sprechen offen miteinander! &mdash; ist
+die Hauptaufgabe der Ethischen Gesellschaft nicht die,
+f&uuml;r Gerade und Krumme ein gleichm&auml;&szlig;ig passendes
+moralisches M&auml;ntelchen zuzuschneiden, sondern im Dienst
+der sittlichen und sozialen Entwicklung dem Antichristentum
+und dem Sozialismus die Wege zu bereiten!&laquo;</p>
+
+<p>Ich schwieg; ein tiefer Schrecken vor unbekannten
+Gefahren hatte mich erfa&szlig;t. Der Sozialismus! &mdash; M&auml;nner
+mit niedrigen Stirnen und schwieligen F&auml;usten
+sah ich, schwinds&uuml;chtige Frauen und Kinder mit Greisengesichtern,
+ein Zug von Gestalten, ha&szlig;erf&uuml;llt die Z&uuml;ge,
+die F&auml;uste drohend erhoben wider alles, was unser
+Leben sch&ouml;n und reich machte, eingeh&uuml;llt in einen Geruch
+von Schwei&szlig; und Blut. Helfen wollte ich ihnen, &mdash; einen
+Weg wollte ich hauen durch die Wildnis ihres
+Elends, ich f&uuml;rchtete nicht die Dornen, die mir die
+H&auml;nde zerrei&szlig;en, die fallenden &Auml;ste, die mich verwunden
+w&uuml;rden, &mdash; aber mich ihrem Zuge einreihen &mdash;, mich
+schauderte.</p>
+
+<p>&raquo;Wie sind Sie bla&szlig; und still geworden!&laquo; h&ouml;rte ich
+Glyzcinskis warme Stimme. &raquo;Verzeihen Sie mir &mdash; ich
+habe mich schon so daran gew&ouml;hnt, vor Ihnen laut
+<a name="Page_522" id="Page_522"></a>zu denken, da&szlig; mir nicht einfiel, wie sehr ich Sie dadurch
+erschrecken k&ouml;nnte!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben nur, wie immer, zu gut von mir gedacht,
+und ich bedarf ihrer Verzeihung, &mdash; nicht umgekehrt,&laquo;
+antwortete ich. &raquo;Sie m&uuml;ssen Geduld mit mir haben, &mdash; ich
+mu&szlig; mich erst an die Neuheit des Gedankens gew&ouml;hnen.
+Ich wei&szlig; ja auch im Grunde gar nichts vom
+Wesen des Sozialismus. Vieles, was ich h&ouml;rte, stimmte
+wohl mit meinen eigenen Ansichten &uuml;berein, vieles aber
+hat mich immer abgesto&szlig;en &mdash;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde wieder meine stummen Freunde f&uuml;r mich
+sprechen lassen!&laquo; Und Glyzcinski bezeichnete mir die
+B&uuml;cher und Brosch&uuml;ren, die ich aus seinem B&uuml;cherschrank
+nehmen sollte. &raquo;Nur eins m&ouml;chte ich Ihnen
+gleich heute sagen: Auf dem Wege wissenschaftlichen
+Studiums bin ich zu meinen ethischen &Uuml;berzeugungen
+gelangt, auf demselben Wege habe ich
+erkannt, da&szlig; die Entwicklung zum Sozialismus eine
+gesetzm&auml;&szlig;ige, unab&auml;nderliche ist, gleichg&uuml;ltig, ob unser
+Gef&uuml;hl sich dagegen str&auml;ubt oder nicht. Nachdem ich
+das aber einmal erkannt habe, kann es f&uuml;r mich von
+meinem ethischen Standpunkt aus keine andere Wahl
+geben, als die, mich in den Dienst der Entwicklung zu
+stellen und mit allen Kr&auml;ften dahin zu wirken, da&szlig; sie
+eine m&ouml;glichst friedliche, das Gl&uuml;ck der Menschen m&ouml;glichst
+wenig gef&auml;hrdende sei. Andere denselben Weg
+der Erkenntnis zu f&uuml;hren, den ich gegangen bin, &mdash; das
+ist daher meine Aufgabe &mdash;, das ist die Aufgabe, die
+die Ethischen Gesellschaften haben sollten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Sie glauben, da&szlig; die Menschen sich dahin
+f&uuml;hren lassen werden?!&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_523" id="Page_523"></a>Des Professors Gesicht nahm jenen kindlich-strahlenden
+Ausdruck an, der mich immer an gotische Heiligenbilder
+erinnerte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube daran! Sonst m&uuml;&szlig;te ich mich selbst f&uuml;r
+eine Ausnahme aller Regel halten!&laquo;</p>
+
+<p>Auch Egidy, dachte ich auf dem Heimweg, ist solch
+ein Gl&auml;ubiger; bei ihm soll das Einige Christentum
+vollenden, was der Professor von der Ethischen Kultur
+erwartet.</p>
+
+<p>Und wieder las ich manche Nacht hindurch. Bei
+jedem Umschlagen einer Seite erwartete ich das Gr&auml;&szlig;liche
+zu finden, das so vielen Menschen das Recht gab,
+den Sozialismus zu verabscheuen und mit allen Mitteln
+zu bek&auml;mpfen. Aber ich fand es nicht. Nichts entsetzte
+mich, und wenn ich &uuml;berrascht war, so nur &uuml;ber die
+Selbstverst&auml;ndlichkeit jeder Kritik am Bestehenden und
+jeder Forderung an die Zukunft. Oft lachte ich im
+stillen vor Freude, wenn ich eigene, l&auml;ngst vertraute
+Ideen wiederfand; und wo meine Gedanken nicht Schritt
+halten konnten, sagte mein Gef&uuml;hl ja und tausendmal
+ja. Gleiche Rechte f&uuml;r alle: M&auml;nner und Frauen;
+Freiheit der &Uuml;berzeugung; Sicherung der Existenz;
+Frieden der V&ouml;lker; Kunst, Wissenschaft, Natur ein
+Gemeingut Aller; Arbeit eine Pflicht f&uuml;r Alle; freie
+Entwicklung der Pers&ouml;nlichkeit, ungehemmt durch Fesseln
+der Kaste, der Rasse, des Geschlechts, des Verm&ouml;gens &mdash;:
+wie konnte irgend jemand, der auch nur
+&uuml;ber seine n&auml;chsten vier W&auml;nde hinausdachte, sich der
+Richtigkeit und Notwendigkeit dieser Forderungen verschlie&szlig;en?!</p>
+
+<p>Eugen Richters famose Brosch&uuml;re, die ich im Sommer
+<a name="Page_524" id="Page_524"></a>gelesen hatte, und die Onkel Walter in Pirgallen gratis
+unter die Arbeiter verteilte, fiel mir ein. Sollte der
+Verfasser wissentlich gelogen haben? Und war es L&uuml;ge,
+nichts als L&uuml;ge, was die Gegner vom Sozialismus verbreiteten?
+Da&szlig; der Professor mir irgend etwas vorenthalten
+haben konnte, war doch unm&ouml;glich!</p>
+
+<p>Ich besprach alles mit ihm: meine freudige Zustimmung
+und meine Zweifel und Bedenken. Der erfurter Parteitag
+war eben geschlossen worden, das neue Programm lag
+vor, und Glyzcinski erkl&auml;rte es mir in allen seinen Einzelheiten.
+Ich sah, da&szlig; die vielverl&auml;sterte und mir immer
+l&auml;cherlich erschienene Forderung nach der Verteilung
+allen Besitzes in Wirklichkeit nicht vorhanden war, da&szlig;
+nur der Grund und Boden, der seine privaten Besitzer
+reich machte, ohne da&szlig; sie arbeiteten, und die Produktionsmittel
+der Industrie, durch die ihre Eigent&uuml;mer
+zu Million&auml;ren wurden und ihre Arbeiter zu abh&auml;ngigen
+Sklaven, in den Besitz der Allgemeinheit &uuml;bergehen
+sollten. Dabei konnten wir alle nur gewinnen, &mdash; wir
+vielen, die wir doch auch nichts als Besitzlose waren! &mdash; Warum
+str&auml;ubten wir uns dann?</p>
+
+<p>&raquo;Sie sehen selbst: Unwissenheit und Selbstsucht sind
+die Gegner der Sozialdemokratie, die L&uuml;ge ihre Waffe,&laquo;
+sagte der Professor, &raquo;und wir sollten sie zu besiegen
+nicht imstande sein?!&laquo;</p>
+
+<p>Die Zeit damals war geladen mit Elektrizit&auml;t. &Uuml;berall
+schien die alte Erde von unterirdischen Donnern ersch&uuml;ttert,
+und hie und da klaffte ein dunkelg&auml;hnender
+Abgrund, wo noch eben gr&uuml;ne Wiesen gelacht hatten.
+Schmutzige Geldgeschichten in preu&szlig;ischen Ministerhotels,
+Betrugsanklagen gegen Vertreter der deutschen Regierung
+<a name="Page_525" id="Page_525"></a>im Ausland; Unterschlagungen von Kirchengeldern und
+wohlt&auml;tigen Stiftungen durch christliche, vom Hof protegierte
+Bankh&auml;user ersch&uuml;tterten das noch vorhandene
+Vertrauen in die Unantastbarkeit preu&szlig;ischen Beamtentums
+und christlicher Tugenden. Und wer, wie ich, von
+den Tiefen menschlichen Elends und menschlicher Verworfenheit
+noch wenig wu&szlig;te, dem ri&szlig; der Proze&szlig; Heintze
+die letzten Schleier von den Augen. Diese gewaltsame
+Enth&uuml;llung der Wahrheit, die selbst die, die nicht sehen
+wollten, zum Sehen zwang, wirkte wie Wetterleuchten,
+das gro&szlig;en Umw&auml;lzungen vorhergeht.</p>
+
+<p>Im Egidyschen Kreise, den ich jetzt um so seltener
+fern blieb, als ich gerade hier die erfolgreichste Propaganda
+f&uuml;r die Ideen der Ethischen Kultur glaubte machen
+zu k&ouml;nnen, trat die durch die &ouml;ffentlichen Ereignisse hervorgerufene
+Erregung deutlich zutage. Egidy pflegte
+kurze Vortr&auml;ge zu halten, in denen Tagesfragen stets
+ber&uuml;hrt wurden; selten nur begegnete ihm ein Widerspruch,
+fast immer konnte er der jubelnden Zustimmung
+seiner G&auml;ste sicher sein, wenn er in seiner halb kindlichen,
+halb herrischen Weise alle Fragen spielend l&ouml;ste. &raquo;Wir
+brauchen nur Christen zu sein, ganz und gar Christen,
+und wir haben keine Rasse-, keine Geschlechts- und keine
+sozialen Probleme mehr,&laquo; erkl&auml;rte er, und mit unersch&uuml;tterlichem
+Optimismus hoffte er auf den Kaiser:
+&raquo;Nach einem F&uuml;hrer unserer Bewegung, die das ganze
+Volk ohne Ausnahme umfassen wird, braucht ein Land
+nicht zu suchen, dem F&uuml;rsten<em class="spaced"> geboren</em> werden.&laquo; Ich
+war fast die einzige, die nicht nur skeptisch blieb, sondern
+alles daran setzte, die gro&szlig;e Pers&ouml;nlichkeit dieses Mannes,
+die mir wie geschaffen zu sein schien, Hunderttausende
+<a name="Page_526" id="Page_526"></a>mit sich zu rei&szlig;en, den Ideen der Ethischen Bewegung
+zu gewinnen. Wir debattierten oft stundenlang und
+setzten dann noch brieflich unsere Diskussionen fort.</p>
+
+<p>&raquo;Wir wollen beide dasselbe,&laquo; sagte er einmal, &raquo;und
+auf diesen ernsten Willen kommt es an.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist unser Wille der gleiche, und sind unsere Gedanken
+dieselben, so haben Sie so wenig das Recht wie ich,
+sich f&uuml;r neuen Wein alter Schl&auml;uche zu bedienen!&laquo; antwortete
+ich.</p>
+
+<p>&raquo;Das Christentum &mdash; mein Christentum Jesu ist aber
+nicht der alte Schlauch, den die Kirche gemacht hat,
+mit der ich ganz und gar nichts zu tun habe,&laquo; beharrte er.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will &uuml;berhaupt nur, da&szlig; etwas wird,&laquo; schrieb
+er bald darauf: &raquo;Wir wollen die Religion<em class="spaced"> leben</em>; setzen
+Sie f&uuml;r das Wort: Religion &mdash; Ethik, so ist's mir
+recht, aber f&uuml;r das Wort: leben sollen Sie mir kein
+anderes setzen. &mdash; Wir m&uuml;ssen das Christentum ernst
+nehmen; setzen Sie f&uuml;r Christentum &mdash; Ethik, so ist's
+mir recht, das Ernstnehmen aber lasse ich mir nicht fortstreichen.
+Wir haben lange genug entwickelt, &mdash; ich will
+nun Entfaltung sehen. Wieder blo&szlig; reden, blo&szlig; predigen,
+blo&szlig; erziehen, derweilen die Menschen weiter
+hungern und die Welt aus Laune einzelner in Waffen
+starrt, &mdash; nein! Mein Streben geht darauf hin, Zust&auml;nde
+zu schaffen, die<em class="spaced"> verwirklichen</em>, was Sie predigen. Der
+Staat soll eine gro&szlig;e ethische Gesellschaft sein, jede
+Schule eine in Ihrem Sinne ethische, in meinem Sinne
+religi&ouml;se Gemeinschaft erziehen. Glauben Sie mir: ich
+marschiere ganz auf realem Boden. Da&szlig; auch Fr&auml;ulein
+von Kleve &mdash; traurig oder l&auml;chelnd? &mdash; den Kopf sch&uuml;ttelt,
+tut mir furchtbar weh. Entmutigen aber darf es mich
+<a name="Page_527" id="Page_527"></a>nicht. Sie waren ja vor mir auf dem Schlachtfelde, &mdash; ich
+wei&szlig; das recht gut. Die Frage wird schlie&szlig;lich
+einfach die sein: wer der Menschheit zumeist gen&uuml;tzt
+haben wird, &mdash; Ethische Gesellschaft oder Angewandtes
+Christentum. Sie beantwortet sich allenfalls heute schon
+daraus: womit begr&uuml;ndet jemand seine Anspr&uuml;che an
+die Gemeinsamkeit wirksamer: indem er auf Grund
+ethischer Prinzipien &mdash; &#8250;neuer Werte&#8249; &mdash; fordert, oder
+indem er auf Grund des &#8250;gerade von euch, ihr Herren&#8249;
+gepredigten Christentums, im Namen des Jesus von
+Nazareth verlangt? ...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch ich will, da&szlig; etwas wird,&laquo; antwortete ich ihm,
+&raquo;aber ich sehe nicht, da&szlig; wir, die wir jede gewaltsame
+Durchsetzung neuer Zust&auml;nde ablehnen, dieses Werden
+anders f&ouml;rdern k&ouml;nnen, als durch &#8250;reden&#8249;, &#8250;erziehen&#8249;,
+&#8250;predigen&#8249;, das hei&szlig;t durch Verbreitung neuer Ideen. Sie
+tun doch auch nichts anderes! Und Sie werden mir
+gewi&szlig; zugeben, da&szlig; Reden &mdash; &#8250;blo&szlig; reden&#8249; (!) &mdash; eine
+mutigere und an Folgen reichere Tat sein kann, als
+Schlachten schlagen. Auf diese Folgen kommt es an,
+sagen Sie, und wieder finden Sie mich auf Ihrer Seite.
+Wenn ich aber wirklich zuweilen traurig &mdash; niemals
+l&auml;chelnd! &mdash; den Kopf sch&uuml;ttele, so nur deshalb, weil
+ich &uuml;berzeugt bin, da&szlig; die Folgen der von Ihnen ins
+Leben gerufenen Bewegung gr&ouml;&szlig;ere sein w&uuml;rden, wenn
+Sie sich anderer Mittel bedienten. Die urspr&uuml;ngliche
+Lehre Jesu mag mit Ihren Ansichten &uuml;bereinstimmen &mdash; das
+zu entscheiden w&auml;re Sache gelehrter theologischer
+Forschung &mdash;, aber das, was heute die ganze Welt unter
+Christentum versteht, ist etwas im Laufe der Jahrhunderte
+historisch Gewordenes, das umzusto&szlig;en viel mehr<a name="Page_528" id="Page_528"></a>
+Zeit, viel mehr Kraft erfordern w&uuml;rde, &mdash; falls es
+&uuml;berhaupt m&ouml;glich ist! &mdash;, als neue Werte unter neuem
+Namen in die K&ouml;pfe und Herzen zu pflanzen ...&laquo;</p>
+
+<p>Aber all unsere Auseinandersetzungen, in denen wir
+im Grunde mit gr&ouml;&szlig;erer Leidenschaft um einander, als um
+Ideen k&auml;mpften, blieben fruchtlos. &raquo;Also &mdash; ich reite
+allein!&laquo; schrieb mir Egidy in einem Augenblick, wo wir,
+wie ersch&ouml;pft vom Kampf, mit gesenktem Degen stumm
+voneinander gegangen waren, &raquo;aber &mdash; den Glauben
+d&uuml;rfen, richtiger: k&ouml;nnen Sie mir nicht rauben, da&szlig; Sie
+und ich im kleinsten Finger dasselbe meinen; ich habe
+Sie erfa&szlig;t, nur Sie mich nicht! Warum? ich werde es
+Ihnen einmal sagen, &mdash; nicht schreiben; ich habe ein
+ganz klares Bewu&szlig;tsein davon ...&laquo;</p>
+
+<p>Glyzcinski gegen&uuml;ber gab ich meinem Unmut &uuml;ber das
+Vergebliche meines Bem&uuml;hens lebhaften Ausdruck. Er
+selbst hatte urspr&uuml;nglich auf Egidy, als einen unserer
+k&uuml;nftigen Mitk&auml;mpfer, au&szlig;erordentlichen Wert gelegt.
+Allm&auml;hlich grub sich eine kleine Falte zwischen seine
+Brauen, wenn ich von ihm erz&auml;hlte. &raquo;Sie sollten Ihre
+Kr&auml;fte nicht l&auml;nger an eine verlorene Sache verschwenden,&laquo;
+meinte er dann. Aber ich konnte mich um so weniger
+beruhigen, als mir ein Zusammensto&szlig; zwischen den
+beiden Bewegungen unvermeidlich schien, je mehr sie an
+Bedeutung gewannen.</p>
+
+<p>Einer der Leiter der Ethischen Gesellschaften Amerikas
+war auf Glyzcinskis Veranlagung nach Berlin gekommen,
+seine Vortr&auml;ge hatten gro&szlig;e Aufmerksamkeit
+erregt und im Kreise der Intellektuellen lebhafte
+Debatten hervorgerufen. Ich sah, wie schmerzlich
+Egidy und seine Anh&auml;nger das Auftreten des Ethikers
+<a name="Page_529" id="Page_529"></a>empfanden. An den folgenden Dienstagabenden dr&auml;ngten
+sich die Menschen mehr als sonst in den Salons der
+Spenerstra&szlig;e; die hektisch ger&ouml;teten Wangen vieler Besucher
+verrieten ihre krankhaft gesteigerte Aufregung; und
+welcher Gruppe ich mich auch n&auml;herte: die Plaudernden
+verstummten oder stoben scheu auseinander.</p>
+
+<p>&raquo;Man hat Sie als Spitzel der Ethischen Bewegung verd&auml;chtigt,&laquo;
+sagte lachend Wilhelm von Polenz, ein treuer
+Freund und st&auml;ndiger Gast des Egidyschen Hauses, den
+ich um Aufkl&auml;rung bat. &raquo;Bande!&laquo; &mdash; stie&szlig; ich zwischen
+den Z&auml;hnen hervor. &raquo;Sie haben mit Ihrer Bezeichnung,
+f&uuml;rcht' ich, mehr recht, als Sie ahnen,&laquo; &mdash; des jungen
+Dichters Z&uuml;ge waren ernst, fast traurig geworden &mdash; &raquo;es
+ist ein Jammer, da&szlig; unser Freund diese Umgebung
+hat und duldet. Aber es mu&szlig; anders werden!&laquo; f&uuml;gte
+er nach einer Pause hinzu. &raquo;Ich denke an solche, die
+f&auml;hig und w&uuml;rdig sind, Tr&auml;ger seiner Ideen zu sein,
+und die &mdash; vielleicht unbewu&szlig;t &mdash; nach Vertiefung und
+Bereicherung ihres Innenlebens lechzen: an unsere
+jungen K&uuml;nstler und Literaten.&laquo; Egidy begann zu
+reden und unterbrach unser Gespr&auml;ch. Meine Gedanken
+waren aber noch dabei; Polenz hatte recht, ganz recht:
+die Dichter der &raquo;Ehre&laquo;, der &raquo;Familie Selicke&laquo;, des &raquo;Vor
+Sonnenaufgang&laquo; waren unsere geborenen Mitk&auml;mpfer.
+Unsere?! &mdash; die der Ethischen Bewegung nat&uuml;rlich!</p>
+
+<p>&raquo;... Jetzt haben die Ethiker den Triumph, da&szlig; Orthodoxe
+und Liberale ihnen Beifall rauschen,&laquo; h&ouml;rte ich
+Egidys klare, scharfe Kommandostimme, &raquo;weil sie erkl&auml;ren,
+die allgemein menschliche Moral zu vertreten
+und den religi&ouml;sen Glauben des einzelnen nicht
+tasten. Ich aber mu&szlig; es &uuml;ber mich ergehen lassen, da&szlig;
+<a name="Page_530" id="Page_530"></a>man sich schaudernd von mir wendet, weil ich dem
+dogmatischen Christentum zu Leibe gehe. Ich sage Ihnen,
+da&szlig; ich jedem Dogma zu Leibe gehe, &mdash; aber mit
+offenem Visire, nicht so, da&szlig; man erst gar nichts B&ouml;ses
+hinter mir ahnt und ich mich dann erst als Erzketzer
+entpuppe, sondern: erst Ketzer &mdash; dann ganzer und wahrer
+und Nur-Mensch, &mdash; &mdash; so sind noch nicht viele in die
+Schranken des &ouml;ffentlichen Lebens eingeritten ...&laquo; Ein
+langer Blick traf mich, und irgend etwas Unbestimmtes &mdash; wars
+&Auml;rger, wars Besch&auml;mung? &mdash; lie&szlig; mich err&ouml;ten ... &raquo;Doch
+im Namen wahrer Religion tue ich es.
+Die Ethiker haben keinen Namen, der so alles in sich
+schlie&szlig;t, wie Religion. Hat man den Namen bisher
+mi&szlig;braucht, so soll man ihn jetzt zu Ehren bringen:
+Religion nicht mehr neben unserem Leben, unser Leben
+selbst Religion! Und diese Religion bezeichne ich mit
+dem Worte Christentum. M&ouml;gen die Ethiker es doch
+versuchen, mit einem anderen Wort etwas zu erreichen!
+Aufs Erreichen kommt es an, nicht auf den Widerwillen,
+den man gegen Begriffe und Worte hat, die achtzehnhundert
+Jahre lang der Deckmantel schn&ouml;dester Frevel waren. Jetzt
+aber soll es anders werden. Wille wird! aber nicht,
+indem man das Banner fortwirft, und es der Menge
+&uuml;berl&auml;&szlig;t, kopfscheu auseinander zu rennen, sondern indem
+man es h&ouml;her denn je erhebt und mutig ausruft:
+Alle hierher! Eben entdecken wir erst, da&szlig; es noch nie
+richtig entrollt war &mdash; in den Falten, die man unseren
+Blicken entzog, steht ja ganz was anderes &mdash;, die ganze
+Menschheit soll dies Banner st&uuml;tzen, und nicht die Kirche!&laquo;</p>
+
+<p>Es war sekundenlang still. Egidy hatte sich ein f&uuml;r
+allemal jede Beifalls&auml;u&szlig;erung streng verboten. Die<a name="Page_531" id="Page_531"></a>
+Zun&auml;chststehenden sahen mich erwartungsvoll an. Das
+Herz klopfte mir bis zum Halse herauf &mdash; mir wurde
+hei&szlig; und kalt &mdash;, ich f&uuml;hlte, ich mu&szlig;te sprechen. Es
+dunkelte mir vor den Augen, die Angst schn&uuml;rte mir
+fast die Kehle zu, &mdash; wie sollt' ich die Worte finden,
+wie reden, wenn all die vielen feindseligen Blicke mir
+entgegenblitzten?! Und doch: durft' ich zum erstenmal,
+wo die Gelegenheit sich bot, die gro&szlig;e Sache zu verteidigen, &mdash; meine
+Sache! &mdash;, durfte ich feige schweigen?!</p>
+
+<p>&raquo;Herr von Egidy stellte die Lage so dar, als ob es
+hie&szlig;e: Hie Christentum &mdash; hie Ethik,&laquo; begann ich, die
+zitternden H&auml;nde krampfhaft auf die Stuhllehne vor mir
+st&uuml;tzend, &raquo;w&auml;hrend wir alle, deren gleiches Ziel die
+Wohlfahrt der Menschheit ist, nicht die Verschiedenheiten
+unserer Anschauungsweisen hervorsuchen, sondern die
+Einheit unserer Aufgaben betonen sollten ...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Zerst&ouml;rung der Kirche ist unsere Aufgabe!&laquo; rief
+eine kr&auml;chzende Stimme dazwischen. Ich suchte einen
+Augenblick verwirrt nach dem zerrissenen Faden meiner
+Rede und fuhr dann fort. &raquo;Wir Vertreter der Ethischen
+Bewegung legen auf das gemeinsame Handeln den
+gr&ouml;&szlig;ten Wert und meinen, da&szlig; es weit richtiger ist,
+gegen Hunger und Not zu k&auml;mpfen, als gegen die
+Kirche ...&laquo;</p>
+
+<p>Eine lebhaft gestikulierende Dame, der das Haar in
+stumpfblonden Str&auml;hnen &uuml;ber die Stirne hing, reckte die
+d&uuml;rren H&auml;nde pl&ouml;tzlich hoch empor und schrie gellend: &raquo;Sie
+verleumdet Egidy, &mdash; duldet das nicht, duldet das nicht!&laquo;
+Egidy machte eine kurze, beruhigende Bewegung und
+stand dann wieder mit verschr&auml;nkten Armen, die Blicke
+starr auf mich gerichtet, unter dem T&uuml;rrahmen. Ich
+<a name="Page_532" id="Page_532"></a>wei&szlig;, da&szlig; ich in diesem Moment, wo die Aufregung um
+mich stieg, wie um Hilfe flehend zu ihm hin&uuml;bersah.</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind der &Uuml;berzeugung, da&szlig; das Gemeinsame der
+Menschen &mdash;&laquo; fast mechanisch sprach ich jetzt und ausdruckslos &mdash; &raquo;nicht
+die Religion, die im Gegenteil die Welt
+in feindselige Lager teilt, wohl aber eine allgemeine
+Moral sein kann, auf Grund deren wir handeln.&laquo; Mir
+wurde, angesichts der gr&ouml;&szlig;eren Ruhe um mich her, freier
+ums Herz. &raquo;Das gr&ouml;&szlig;te Gl&uuml;ck der gr&ouml;&szlig;ten Anzahl &mdash; diese
+sittliche Richtschnur kann von allen anerkannt werden,
+ohne da&szlig; der Glaube des einzelnen verletzt zu werden
+braucht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dazu sind Sie ja viel zu feige!&laquo; &mdash; wie ein
+gut gezielter Pfeilscho&szlig; flogen mir die Worte zu.</p>
+
+<p>Ich sah auf Egidy &mdash; noch r&uuml;hrte er sich nicht &mdash; das
+Herz tat mir weh, und zugleich kam mir blitzartig die
+Erkenntnis, da&szlig; er im Grunde in seiner Rede dasselbe
+gemeint hatte. Ich zwang mich zur Ruhe und w&uuml;rdigte
+den Zwischenrufer keiner Antwort. &raquo;Herr von Egidy
+r&uuml;hmte sich mit Recht, da&szlig; er mit offenem Visir k&auml;mpfe, &mdash; und
+wir und meine Freunde sind die letzten, die
+seinen Mut bezweifeln. Wir ehren jede &Uuml;berzeugung,
+indem wir sie nicht antasten und &uuml;ber ihre Schranken
+hinweg den anderen die H&auml;nde reichen ...&laquo;</p>
+
+<p>Ein sp&ouml;ttisches Gel&auml;chter neben mir reizte meinen
+kaum unterdr&uuml;ckten Zorn, und alle Selbstbeherrschung
+verlierend, st&uuml;rzten mir die Worte &uuml;ber die Lippen:
+&raquo;Sie sind feige, die Sie mich hinterr&uuml;cks angreifen, &mdash; nicht
+ich! Viel r&uuml;cksichtsloser als bei irgend
+einem unter Ihnen ist meine Gegnerschaft zur
+Kirche, zu den Dogmen, ja, zum Christentum selbst,
+<a name="Page_533" id="Page_533"></a>dessen Inhalt, dessen Tendenz volks- und kulturfeindlich
+ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alix!&laquo; &mdash; meiner Mutter Stimme war's, &mdash; in ein
+fassungsloses Schluchzen brach sie aus. Meine harte
+Mutter, die Empfindungen kaum zu kennen schien, sie
+zum mindesten immer in eisernen Fesseln hielt, &mdash; meine
+Mutter weinte! Wir f&uuml;hrten sie hinaus, Egidy und ich.
+Er sprach ihr beruhigend zu, und ihre Augen wurden
+trocken, ihre Lippen bewegten sich zu m&uuml;hsamem L&auml;cheln.
+An der T&uuml;r streckte er mir die Hand entgegen, &mdash; ich
+&uuml;bersah sie. Wir fuhren wortlos nach Haus. Erst
+als ich vor meinem Schlafzimmer ein leises &raquo;Gute
+Nacht&laquo; fl&uuml;sterte, schien sie sich des Geschehenen wieder
+zu erinnern.</p>
+
+<p>&raquo;Du &mdash; du wagst es, mir eine gute Nacht zu
+w&uuml;nschen?!&laquo; kam es sto&szlig;weise &uuml;ber ihre Lippen. &raquo;Hast
+du mir nicht schon genug Kummer gemacht, und nun
+mu&szlig; ich noch das F&uuml;rchterliche erleben, da&szlig; du in aller
+&Ouml;ffentlichkeit unseren Herren und Heiland verleugnest?! ...
+Dazu also hast du die Freiheit benutzt, die wir t&ouml;richte,
+mehr als r&uuml;cksichtsvolle Eltern dir gew&auml;hrten, hast dir
+von dem Professor, der uns gegen&uuml;ber die Maske des
+duldsamen Ethikers tr&auml;gt, den Kopf verdrehen lassen!
+Ein sch&ouml;ner Dank f&uuml;r all unsere Liebe &mdash; &mdash; Aber das
+schw&ouml;r' ich dir zu: keinen Fu&szlig; setzt du mehr &uuml;ber die
+Schwelle dieses Elenden!&laquo; Ich wollte heftig erwidern,
+aber schon war sie fort und schob ger&auml;uschvoll den Riegel
+vor ihre T&uuml;re.</p>
+
+<p>Noch in der Nacht schrieb ich zwei Briefe, den
+einen an Egidy, worin ich mich bitter beklagte, da&szlig;
+er mich in seinem eigenen Hause den Angriffen seiner<a name="Page_534" id="Page_534"></a>
+Anh&auml;nger schutzlos preisgegeben habe, und da&szlig; ich daf&uuml;r
+nur eine Antwort h&auml;tte: ihm von nun an fern zu
+bleiben, und einen anderen an meine Kusine Mathilde,
+durch den ich sie bat, mich so rasch wie m&ouml;glich zu
+sich einzuladen, da ich Berlin auf einige Zeit verlassen
+m&uuml;sse. In aller Fr&uuml;he steckte ich beide in den Kasten
+und ging zu Glyzcinski. Als ich bei ihm eintrat,
+in dies stille, vertraute Zimmer voll Licht und Frieden
+und Vogelgezwitscher, &uuml;berfiel mich ein Schwindel, &mdash; sekundenlang
+lehnte ich mit fest auf das Herz gepre&szlig;ten
+H&auml;nden an der T&uuml;re. Er hatte sich krampfhaft aufgerichtet
+und starrte mich an, die Augen angstvoll aufgerissen,
+die Z&uuml;ge leichenfahl. Und dann hielt er meine
+Hand in der seinen und lie&szlig; sie nicht los, so lange
+ich erz&auml;hlte.</p>
+
+<p>&raquo;Meine liebes, armes Schwesterchen!&laquo; sagte er immer
+wieder. &raquo;Aber es mu&szlig;te einmal so kommen, &mdash; Sie
+werden sich mit dem Gedanken vertraut machen m&uuml;ssen,
+da&szlig; schlie&szlig;lich ein Bruch zwischen Ihnen und den Ihren
+unvermeidlich ist.&laquo; Ich lie&szlig; mutlos den Kopf sinken.
+&raquo;Dann erst werden Sie leisten k&ouml;nnen, was Sie zu
+leisten berufen sind.&laquo;</p>
+
+<p>Ich sprach von meiner Absicht, abzureisen. Es legte
+sich wie ein Schleier &uuml;ber seine Augen, und ein fast unmerkliches
+Zucken ging durch seinen K&ouml;rper. &raquo;Aber ich
+bleibe ohne Besinnen, wenn es Ihnen lieber ist,&laquo; f&uuml;gte
+ich rasch hinzu. Er l&auml;chelte gezwungen: &raquo;Mir scheint
+es freilich fast unm&ouml;glich, Sie zu missen, &mdash; aber gehen
+Sie &mdash; gehen Sie nur! Wie k&ouml;nnt' ich verlangen, da&szlig;
+Sie mir ein Opfer bringen?!&laquo; ...</p>
+
+<p>Ein Opfer?! scho&szlig; es mir durch den Kopf, &mdash; ist
+<a name="Page_535" id="Page_535"></a>nicht der Gedanke f&uuml;r mich selbst beinahe unertr&auml;glich,
+ihn zu verlassen?! &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Noch am Nachmittag kam ein Brief von Egidy. &raquo;Der
+Vorwurf, den Sie mir machen, bek&uuml;mmert mich sehr,&laquo; hie&szlig;
+es darin. &raquo;Ich habe nicht den Eindruck gehabt, da&szlig; mein
+Schutz Ihnen n&ouml;tig war. Ich fand, da&szlig; Sie sich selbst
+an besten verteidigen konnten. Am tiefsten aber betr&uuml;bt
+es mir, da&szlig; Sie jetzt von einem Wegbleiben reden.
+Der Gedanke, Sie missen zu m&uuml;ssen, ist mir schmerzlich.
+Ich habe Herz und Kopf noch so voll f&uuml;r Sie, &mdash; ich
+habe sie richtig lieb. Am schmerzlichsten aber ist der
+Stachel, den Ihre Worte mir ins Herz gesenkt: da&szlig;
+Ihnen dies Wegbleiben gar etwa so schwer nicht w&uuml;rde!
+Ich meine: andernfalls d&uuml;rften Ihnen Vorkommnisse
+solcher Art einen solchen Gedanken nicht eingeben, vielmehr
+m&uuml;&szlig;ten Sie eine Befriedigung im &Uuml;berwinden derartiger
+Dinge finden; dies um so mehr, als Sie meiner
+ritterlichen Verteidigung wohl &uuml;berzeugt sein d&uuml;rfen,
+sofern ich sehe, da&szlig; Sie derselben irgend ben&ouml;tigen. So
+wenigstens denke ich von der Aufrechterhaltung eines
+Bandes, das zu keinem anderen Zwecke besteht als zu
+dem: den Menschen zu dienen; &mdash; &mdash; ganz abgesehen
+von einem Gef&uuml;hl wohltuender Freundschaft: &#8250;oh rei&szlig;
+den Faden nicht der Freundschaft kurz entzwei &mdash; wird
+sie auch wieder fest &mdash; ein Knoten bleibt dabei &mdash;&#8249;
+Wir werden uns aussprechen, &mdash; ich bin in wenigen
+Stunden bei Ihnen ...&laquo;</p>
+
+<p>Und er kam. Ich wollte ihn nicht sehen, meine Mutter
+empfing ihn; er blieb lange bei ihr, und als er gegangen
+war, trat sie mir mit ganz ver&auml;ndertem Ausdruck entgegen.
+&raquo;Egidy l&auml;&szlig;t dich gr&uuml;&szlig;en,&laquo; sagte sie, &raquo;danke es
+<a name="Page_536" id="Page_536"></a>diesem prachtvollen Menschen, da&szlig; ich dir noch einmal
+verzeihe und deine Freiheit nicht antasten will.&laquo;</p>
+
+<p>Noch am Abend brachte der Diener Glyzcinskis mir ein
+paar Zeilen von ihm: &raquo;Eben verl&auml;&szlig;t mich Egidy. Sein
+Besuch war mir eine doppelte Freude: Ich erfuhr, da&szlig; er
+Ihre Mutter beruhigen konnte, und lernte einen Mann
+kennen, wie es &mdash; trotz all seiner Schrullen und Eigenheiten &mdash; wenige
+geben mag. Nicht wahr, nun darf
+ich auch hoffen, da&szlig; Sie bleiben werden und bei mir
+wieder jeden Nachmittag Sonntag ist?!&laquo;</p>
+
+<p>Egidy selbst schrieb mir nur vier Worte: &raquo;Hab ichs
+recht gemacht?!&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Ein politisches Ereignis von weittragender Bedeutung
+sollte dem Einigen Christentum Egidys
+und der Ethischen Bewegung, die bisher
+beide einen verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig kleinen Kreis Getreuer
+umfa&szlig;ten, gewaltigen Vorschub leisten: der Zedlitzsche
+Volksschulgesetzentwurf. Wer die Wissenschaft vertrat,
+oder einen auch nur gem&auml;&szlig;igten Fortschritt, f&uuml;hlte
+sich in seinen Idealen pers&ouml;nlich verletzt und suchte
+nach Gleichgesinnten, um den Mut zu gemeinsamen Protesten
+zu finden, den er f&uuml;r sich allein nicht aufbrachte.
+Die sich Christen nannten, str&ouml;mten Egidy zu, die Juden
+und die Freidenker zeigten ein t&auml;glich wachsendes Interesse
+an der Ethischen Bewegung. Egidy selbst war zuerst
+so gedr&uuml;ckt durch die T&auml;uschung, die sein Vertrauen auf
+den Kaiser gefunden hatte, &mdash; denn da&szlig; der Entwurf
+dessen pers&ouml;nlichstes Werk war, daran zweifelte kaum
+einer &mdash;, da&szlig; die neue Anh&auml;ngerschaft ihn daf&uuml;r nicht
+<a name="Page_537" id="Page_537"></a>zu entsch&auml;digen vermochte. Vor der Menge zeigte er sich
+stark und hoffnungsfroh; sprach ich ihn allein, so schien
+mirs, als s&auml;nke dieser stramm aufgerichtete Soldat zum
+erstenmal m&uuml;de zusammen. Kam ich dagegen zu Glyzcinski,
+so fand ich den Gel&auml;hmten in einer Stimmung,
+die strahlend aus seinem Antlitz sprach und t&auml;glich zuversichtlicher
+wurde. &raquo;Denen, die das Gute wollen,
+m&uuml;ssen alle Dinge zum Besten dienen,&laquo; rief er mir zu,
+kaum da&szlig; ich eintrat. &raquo;Sehen Sie hier: &mdash;&laquo; und er
+schwenkte ein paar Briefbogen wie eine Fahne, &raquo;nichts
+als Beitritts- und Zustimmungserkl&auml;rungen. Mein alter
+Traum geht wirklich in Erf&uuml;llung: wir werden in Deutschland
+eine Ethische Gesellschaft haben!&laquo;</p>
+
+<p>Ich erz&auml;hlte es Egidy, &mdash; seit jenem b&ouml;sen Dienstagabend
+war die Ethische Bewegung zwischen uns nicht mehr
+erw&auml;hnt worden &mdash;, er sch&uuml;ttelte langsam den Kopf:
+&raquo;Wenn es doch bei der blo&szlig;en Bewegung geblieben
+w&auml;re!&laquo; sagte er, &raquo;wie ganz anders fl&ouml;ssen unsere Bestrebungen
+nicht nur neben- sondern ineinander, wenn
+Sie die Ihrigen nicht durch Satzungen zu einem k&uuml;nstlich
+gemauerten Kanal formen w&uuml;rden. Gedanken verbreiten, &mdash; das
+ist das einzig Not tuende! &mdash; Sie werden vor
+lauter Statutenberatungen und Vorstandssitzungen f&uuml;r
+diese Hauptsache gar keine Kraft und Zeit mehr &uuml;brig
+haben. Ein Verein &mdash; nun ja, &mdash; das ist ja ganz nett,
+aber &mdash; und nun glauben Sie mir einmal! &mdash; &uuml;ber
+kurz oder lang arten sie alle in Sport aus. Der Starke
+ist am m&auml;chtigsten allein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das sagen Sie!&laquo; antwortete ich, ein wenig &auml;rgerlich,
+&raquo;und doch tun Sie nichts anderes als Anh&auml;nger werben,
+die sich zwar nicht auf Statuten, wohl aber auf Ihren<a name="Page_538" id="Page_538"></a>
+Namen verpflichten m&uuml;ssen. Sogar an Bebel hat sich
+Ihr Freund, der asketische Kandidat der Theologie,
+neulich gewandt &mdash; &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig; &mdash; und mit meiner Zustimmung,&laquo; unterbrach
+mich Egidy, &raquo;das Christentum schlie&szlig;t, wie alles andere
+Entwicklungsf&auml;hige, so auch den Sozialismus in seinen
+lebensf&auml;higen und w&uuml;rdigen Forderungen in sich. Und
+einem F&uuml;hrer, wie Bebel, h&auml;tte ich eine richtigere Einsicht
+zugetraut. Wollen Sie seine Antwort lesen?&laquo;</p>
+
+<p>Ich bejahte lebhaft und las den Brief nicht nur,
+sondern schrieb ihn auch ab, um ihn Glyzcinski zeigen
+zu k&ouml;nnen. Es hie&szlig; darin: &raquo; ... Das B&uuml;rgertum sieht
+die Religion heute als eins der wirksamsten Kampfmittel
+gegen die Sozialdemokratie an. Daher die Macht,
+die seit zw&ouml;lf bis f&uuml;nfzehn Jahren das Pfaffentum erlangte,
+und die Erscheinungen, die Herrn von Egidy zu seinem
+Kampfe gegen die herrschende Str&ouml;mung aufreizten. Die
+B&uuml;rgerklasse, obwohl meist freigeistig, wird sich daher in
+ihrer Masse den Bestrebungen des Herrn von Egidy fernhalten,
+andererseits kann sich auch die Sozialdemokratie
+nicht f&uuml;r diesen Kampf begeistern, weil seine Ziele ihrer
+Natur nach nur eine Halbheit sein k&ouml;nnen und an dem
+sozialen und politischen Zustande, der haupts&auml;chlich auf
+den Massen lastet, und dessen Beseitigung ihre Hauptaufgabe
+ist, nichts &auml;ndert. Sich f&uuml;r die Bestrebungen
+des Herrn von Egidy unsererseits zu engagieren, hie&szlig;e
+unsere Kr&auml;fte zersplittern, aber auch zugleich seine Bestrebungen
+als sozialdemokratische stigmatisteren und ihm
+die Mehrzahl seiner Anh&auml;nger vertreiben ... Voller
+Sympathie also f&uuml;r die Sache an sich, insofern uns
+jeder Kampf gegen bestehende &Uuml;bel willkommen ist und
+<a name="Page_539" id="Page_539"></a>den bestehenden Bau ersch&uuml;ttern hilft, k&ouml;nnen wir doch
+nicht gemeinsam wirken, weil unser Ziel weit &uuml;ber das
+von Herrn von Egidy gesteckte hinausf&uuml;hrt ... Da also
+der Berg nicht zu Mohammed kommen kann, mu&szlig;
+Mohammed eben zum Berge kommen! ...&laquo;</p>
+
+<p>Hier war kein Satz, dem ich h&auml;tte widersprechen k&ouml;nnen:
+gewi&szlig;, seine Partei konnte sicher und ruhig ihren Zielen
+entgegen gehen; sie bedurfte unser nicht. Aber eines,
+so schien mir, verga&szlig; Bebel: da&szlig; es neben dem Proletariat
+Millionen Menschen gibt, die nicht nur der endlichen
+Erl&ouml;sung ebenso w&uuml;rdig und bed&uuml;rftig sind, die
+sich vielmehr auch im Augenblick, wo die Arbeiterklasse
+schon die Fahne des Sieges aufzupflanzen imstande w&auml;re,
+ihr wie eine Barriere in den Weg stellen w&uuml;rden. Mich
+und meinen Glauben an unsere Sache entmutigte weder
+Egidy noch Bebel. Und der Professor &mdash; dessen war ich
+gewi&szlig; &mdash; w&uuml;rde nicht anders denken als ich.</p>
+
+<p>Mit Bebels Brief in der Hand, &uuml;berschritt ich wieder
+einmal den engen Hof, die dunkle Treppe, den lichtlosen
+Flur, und stand schon vor seiner T&uuml;re, als eine Stimme
+von innen meinen Fu&szlig; stocken lie&szlig;. Sie klang tief und
+warm und hatte jenen &ouml;sterreichischen Akzent, der uns
+Norddeutsche, wie alles, was vom S&uuml;den kommt, so seltsam
+anheimelt.</p>
+
+<p>&raquo;Alle Str&ouml;me flie&szlig;en in unser Meer ...&laquo; sagte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin ganz Ihrer Meinung und w&uuml;nschte, da&szlig;
+Ihre Partei uns ebenso einsch&auml;tzt: als einen Nebenflu&szlig;,
+der ihr reiche Sch&auml;tze zuzutragen vermag,&laquo; antwortete
+der Professor. Noch ein St&uuml;hler&uuml;cken, ein
+paar H&ouml;flichkeitsphrasen, ein fester Tritt, &mdash; ich &ouml;ffnete
+rasch die T&uuml;re, um nicht als Horcherin ertappt zu
+<a name="Page_540" id="Page_540"></a>werden. Ein gro&szlig;er, blonder Mann stand mir gegen&uuml;ber,
+wir sahen einander einen Augenblick lang ins Gesicht,
+und mit einer stummen Verbeugung ging er an mir
+vorbei zum Zimmer hinaus.</p>
+
+<p>&raquo;Wer war das?&laquo; frug ich erstaunt und strich mir
+mechanisch mit der Hand &uuml;ber die Stirne, &mdash; ich mu&szlig;te
+diesen Menschen schon irgendwo gesehen haben.</p>
+
+<p>&raquo;<em class="antiqua">Dr.</em> Brandt, &mdash; der bekannte sozialdemokratische
+Schriftsteller,&laquo; sagte Glyzcinski, er strahlte noch vor
+Freude &uuml;ber den Besuch. &raquo;Was meinen Sie, sollen
+seine Worte der geheime Wahlspruch werden, den wir
+Beide an die Spitze unserer Satzungen stellen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alle Str&ouml;me flie&szlig;en in unser Meer,&laquo; wiederholte ich
+und dr&uuml;ckte fest die Hand, die er mir entgegenstreckte &mdash; &raquo;hier
+haben Sie mich zum Bundesgenossen!&laquo;</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_541" id="Page_541"></a></p>
+<h2><a name="Achtzehntes_Kapitel" id="Achtzehntes_Kapitel"></a>Achtzehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p style="text-align: right">
+Kranz, 15.&nbsp;6.&nbsp;92
+</p>
+
+<p>Verehrter Herr Professor!</p>
+
+<p>Wir sind wohlbehalten hier angekommen und ich
+benutze den herrlichen Morgen, um Ihnen
+gleich die erste Nachricht zu geben. Seit
+gestern Abend, wo Onkel Walter, kaum da&szlig; ich den Reisestaub
+abgesch&uuml;ttelt hatte, mich bereits ganz gegen seine
+Gewohnheit in ein politisches Gespr&auml;ch verwickelte, zweifle
+ich nicht mehr daran, da&szlig; nicht meiner Schwester Bleichsucht,
+sondern mein &#8250;gef&auml;hrlicher&#8249; Geisteszustand die Eltern
+veranla&szlig;te, uns Beide so unerwartet rasch auf Reisen
+zu schicken. Der Onkel erz&auml;hlte mir, da&szlig; die Regierung,
+d.&nbsp;h. heute kaum etwas anderes als S.&nbsp;M., Egidy,
+diesem &#8250;kompletten Narren&#8249;, nur aus R&uuml;cksicht auf seine
+Familienbeziehungen noch &#8250;keinen Maulkorb&#8249; vorgebunden
+habe, man werde daf&uuml;r bei Zeiten seinen Parteig&auml;ngern
+an den Kragen gehen, die im Polizeipr&auml;sidium als
+Anarchisten wohl bekannt seien. &#8250;Aber Dein Professor
+ist viel gef&auml;hrlicher&#8249;, f&uuml;gte er dann hinzu, &#8250;und er w&auml;re
+l&auml;ngst beseitigt worden, wenn er nicht ein kranker Mann
+w&auml;re.&#8249; Da mir die schlechte Gewohnheit des Schweigens
+inzwischen gl&uuml;cklich abhanden gekommen ist, gab es eine
+<a name="Page_542" id="Page_542"></a>erregte Aussprache. &#8250;Das kommt davon, wenn Frauen
+sich in Dinge mischen, die sie nichts angehen,&#8249; sagte
+der Onkel, als ich Ihre Stellung zum seligen Volksschulgesetzentwurf
+und zur Arbeitslosenbewegung verteidigt
+und als die meinige bezeichnet hatte. Wir seien
+nichts anderes als Helfershelfer der Sozialdemokratie,
+erkl&auml;rte er mit der Hellsichtigkeit des Hasses. Und nun
+war es mir nicht nur h&ouml;chst interessant, ihn seinen
+eigenen Standpunkt auseinandersetzen zu h&ouml;ren, sondern &mdash; lachen
+Sie mich bitte nicht aus! &mdash; zum erstenmal,
+seit ich ihn kenne, fing ich an, ihn ernst zu nehmen und
+zu begreifen. Wer, auch ohne den Dogmenglauben zu
+besitzen, ges&auml;ttigt von dem ganzen Pessimismus des
+Christentums, alle Menschen f&uuml;r S&uuml;nder und die Welt
+f&uuml;r ein Jammertal, bestenfalls f&uuml;r eine fegefeuer&auml;hnliche
+Durchgangsstation h&auml;lt, daneben aber sich der ungeheuern
+Vorteile alter Kultur und angestammter Herrenrechte
+voll bewu&szlig;t ist, der kann den Sozialismus und alle seine
+Begleiterscheinungen nur f&uuml;r das Ende aller Dinge
+halten, gegen das er sich naturgem&auml;&szlig; wehren mu&szlig;. Offen
+gestanden, sind mir solch ehrliche Junker hundertmal
+lieber als die Richter und Konsorten, die wir ja eben
+zur Gen&uuml;ge kennen gelernt haben. &Uuml;brigens nahm ich
+die Gelegenheit wahr, um Onkel auf seinen Monarchismus
+hin festzunageln, &#8250;der mir angesichts der Haltung
+seiner Partei gegen&uuml;ber den Handelsvertr&auml;gen einigerma&szlig;en
+fadenscheinig vork&auml;me.&#8249; &mdash; &#8250;Unser Monarchismus
+besteht nicht in h&uuml;ndischer Treue gegen&uuml;ber dem einzelnen
+Monarchen,&#8249; antwortete er &#8250;sondern in der Hochhaltung
+und Verteidigung alles dessen, was die Monarchie st&uuml;tzt
+und kr&auml;ftigt, &mdash; auch gegen den Monarchen, wenn es
+<a name="Page_543" id="Page_543"></a>sein mu&szlig;!&#8249; Mich w&uuml;rde diese geistreiche Definition in
+seinem Munde verbl&uuml;fft haben, wenn mir nicht rechtzeitig
+eingefallen w&auml;re, da&szlig; in letzter Zeit seine ganze
+geistige Nahrung in den Apostata-Artikeln der &#8250;Gegenwart&#8249;
+bestanden hat.</p>
+
+<p>Hoffentlich h&ouml;re ich bald von Ihnen, von Ihrem pers&ouml;nlichen
+Ergehen, von der Entwicklung der Beratungen.
+Soll ich Ihnen gestehen, da&szlig; ich ohne Bedenken auf die
+Teilnahme an ihnen verzichtet h&auml;tte, wenn meine Eltern
+mir daf&uuml;r erlaubt haben w&uuml;rden jeden Nachmittag bei
+Ihnen allein meine Tasse Kaffee zu trinken?!</p>
+
+<p>Mit herzlichen Gr&uuml;&szlig;en</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 11.5em;">Ihre dankbar ergebene</span><br />
+<span style="margin-left: 14.5em;">Alix von Kleve.&laquo;</span><br />
+</p>
+
+
+<p style="text-align: right">
+&raquo;Berlin, 18.&nbsp;6.&nbsp;92
+</p>
+
+<p>Gn&auml;digstes Fr&auml;ulein!</p>
+
+<p>So rasch eine Nachricht von Ihnen zu bekommen,
+war eine aufrichtige Freude, und Ihre Schilderung Ihres
+Gespr&auml;chs mit Ihrem Herrn Onkel interessierte mich
+nat&uuml;rlich lebhaft. Da&szlig; man die Ethische Bewegung
+&#8250;oben&#8249; nicht ohne Besorgnis betrachtet, wei&szlig; ich. Geheimrat
+Althoff lie&szlig; sich dieser Tage von mir alles auf
+sie bez&uuml;gliche Material kommen, und in der Universit&auml;t,
+wo der Gestrenge mich, wenn wir uns begegneten,
+h&ouml;chst liebensw&uuml;rdig zu begr&uuml;&szlig;en pflegte, ging er heute
+stirnrunzelnd an mir vor&uuml;ber.</p>
+
+<p>Ihr Urteil &uuml;ber die Junker teile ich nicht. Nur der
+krasseste Egoismus ist es, der sie, die Jahrhunderte lang
+alle Vorz&uuml;ge des Besitzes und der Kultur genossen haben,
+den Forderungen der neuen Zeit verschlie&szlig;t. Mit vollem<a name="Page_544" id="Page_544"></a>
+Recht kann von ihnen verlangt werden, da&szlig; sie auf
+dem Wege wissenschaftlicher &mdash; das hei&szlig;t in diesem Fall
+ethischer und sozialer &mdash; Einsicht zu denselben &Uuml;berzeugungen
+kommen, die sich die Armen und Entrechteten
+nur durch die Erkenntnis ihrer &ouml;konomischen Lage zu
+erwerben verm&ouml;gen. Adel verpflichtet! Und sind wir
+nicht auch &#8250;Junker&#8249;?!</p>
+
+<p>Die letzte Sitzung unserer Kommission verlief ziemlich
+st&uuml;rmisch, und mir kamen wieder arge Bedenken &uuml;ber
+deren Zusammensetzung. Die einen forderten in erregtester
+Weise, da&szlig; die Religion innerhalb der Ethischen
+Gesellschaft &uuml;berhaupt nicht ber&uuml;hrt werden d&uuml;rfte,
+die anderen, Professor Seefried an der Spitze, erkl&auml;rten
+das Hineinziehen der sozialen Frage f&uuml;r
+au&szlig;erordentlich bedenklich, worauf ich mich zu der Erkl&auml;rung
+gezwungen sah, da&szlig; eine Ethische Gesellschaft,
+die ihr aus dem Wege ginge, nicht wert sei, zu
+existieren. Die milde, vers&ouml;hnliche Art unseres Vorsitzenden
+go&szlig; &Ouml;l auf die Wogen unserer Erregung, aber
+was er zu berichten hatte, wirkte wieder wie ein Sturm.
+Eine hiesige Zeitung wollte aus &#8250;bester Quelle&#8249; erfahren
+haben, die Haupttendenz unserer Gesellschaft sei eine
+antisozialistische; im Anschlu&szlig; daran hielt Geheimrat
+Frommann eine h&ouml;chst charakteristische kleine Rede,
+deren Hauptpunkte ich Ihnen nicht vorenthalten will.
+&#8250;Ich kann nur insoweit mit der Sozialdemokratie mitgehen,
+als ich die Verstaatlichung des Grund und Bodens
+f&uuml;r notwendig und durchf&uuml;hrbar halte,&#8249; sagte er, wobei
+ich ihn mit dem Zitat &#8250;du wirst dich weiter noch entschlie&szlig;en
+m&uuml;ssen,&#8249; unterbrach. Die &#8250;irdische Zukunftspoesie&#8249;
+der Sozialdemokratie erkl&auml;rte er f&uuml;r utopischer
+<a name="Page_545" id="Page_545"></a>als den Himmel der Frommen, und den Glauben an
+die Verwirklichung solcher Tr&auml;ume f&uuml;r eine gef&auml;hrliche
+Ablenkung von ernster Arbeit. Ich lie&szlig; es bei meiner
+Erwiderung nat&uuml;rlich wieder an dem n&ouml;tigen ethischen Ma&szlig;
+fehlen. Was ich sagte, war etwa dies: da&szlig; ich das Emporkommen
+der Arbeiterklasse und einen sozialistischen Staat
+im Gegensatz zu dem so vielfach herrschenden anarchischen
+Individualismus f&uuml;r das erstrebenswerteste Ziel ans&auml;he,
+das sich auch ohne Zweifel verwirklichen werde, &mdash; in
+vern&uuml;nftiger Weise, wenn die leitenden Kreise vern&uuml;nftig,
+in unvern&uuml;nftiger, wenn sie einsichtslos bleiben; und
+ich habe hinzugef&uuml;gt, da&szlig; ich mich sofort von einer Bewegung
+lossagen w&uuml;rde, welche dem Sozialismus direkt
+oder indirekt entgegenwirken wolle. Damit war der Ansto&szlig;
+zu einer erregten Sozialistendebatte gegeben, und Helma
+Kurz, deren Wirken in der Frauenbewegung sie mir so
+ungemein sympatisch machte, entt&auml;uschte mich bitter, indem
+sie all ihre Waffen gegen die Sozis aus Eugen Richters
+R&uuml;stkammer holte: &#8250;Aufl&ouml;sung der Familie&#8249;, &mdash; als ob
+es nicht der Kapitalismus w&auml;re, der V&auml;ter, M&uuml;tter und
+Kinder in die Fabriken hetzt! &mdash; &#8250;Weibergemeinschaft&#8249;, &mdash; als
+ob nicht die heutige Gesellschaftsordnung die
+armen Frauen zur k&auml;uflichen Waare machte!</p>
+
+<p>Da ich mich etwas besch&auml;mt als den eigentlichen Ruhest&ouml;rer
+empfand, bin ich nachher still gewesen, und das
+endliche praktische Resultat unserer Sitzung waren der
+beifolgende Aufruf und Statutenentwurf. Sie werden
+selbst empfinden, wie wenig mir deren Farblosigkeit gefallen
+kann. Da&szlig; unsere Aufgabe sein soll, &#8250;der Feindseligkeit
+und dem Unma&szlig; in der Menschenwelt Schranken
+zu ziehen und eine entsprechende Gestaltung der Er<a name="Page_546" id="Page_546"></a>ziehung
+und der Lebensf&uuml;hrung zu f&ouml;rdern&#8249;, hei&szlig;t, f&uuml;rchte
+ich, Egidys Vers&ouml;hnung noch &uuml;bertrumpfen, und da&szlig; aus
+dem &sect; 2 der Statuten die Worte &#8250;Besitzlose&#8249; und &#8250;Schutz vor
+Ausbeutung&#8249; gestrichen wurden, gab mir ordentlich einen
+Stich ins Herz. F&uuml;r die Zukunft brauche ich dringend
+Ihre Unterst&uuml;tzung, wenn anders unsere Idee sich nicht
+allm&auml;hlich in ihr Gegenteil verwandeln soll. Ich habe
+Sie darum als Kommissions-Mitglied vorgeschlagen und
+bin beauftragt, Sie um Annahme der erfolgten Wahl
+zu bitten. Ich hoffe bestimmt, da&szlig; Sie sich nicht auch
+jetzt noch durch falsche Bescheidenheit und ebenso falsche
+R&uuml;cksicht auf Ihre Eltern abhalten lassen, in den Dienst
+unserer Sache zu treten.</p>
+
+<p>&Uuml;brigens hatte ich gestern die Ehre des Besuchs Ihrer
+Frau Mutter. Sie suchte mich zu bestimmen, meinen
+&#8250;gro&szlig;en Einflu&szlig;&#8249; auf Sie geltend zu machen, um Sie
+wieder in den Scho&szlig; Weimars und unter den Schutz
+des wei&szlig;en Falken zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Ich lehnte entschieden
+ab und betonte, da&szlig; Sie zu Gr&ouml;&szlig;erem berufen seien, und
+da&szlig; es Pflicht der Eltern w&auml;re, Ihnen vollkommen freie
+Bahn zu lassen. Daraufhin empfahl sich Ihre Exzellenz
+recht k&uuml;hl und, wie es schien, verletzt.</p>
+
+<p>Auch Egidy war vor ein paar Tagen bei mir. Ich
+f&uuml;rchte, da&szlig; er mehr und mehr alle Distanz zu sich selbst
+und der Welt verliert. So sieht er uns &mdash; ernstlich! &mdash; als
+ein Konkurrenzunternehmen an und vermag
+in seiner ungeheuern Selbst&uuml;bersch&auml;tzung nicht einzusehen,
+da&szlig; er doch nur, wie wir, einer der vielen Arbeiter
+ist, die von den Ruinen der Vergangenheit Stein um
+Stein abtragen, um dem Bau der Zukunft Platz zu
+machen.</p>
+
+<p><a name="Page_547" id="Page_547"></a>Ich habe meine einsamen Zoo-Fahrten wieder aufgekommen.
+Auch zu Pfingsten war ich dort und lie&szlig; die
+Menschen an mir vor&uuml;berfluten. Diese Physiognomien
+k&ouml;nnten selbst mich beinahe glauben machen, da&szlig; wir
+vom Zukunftsstaat noch grenzenlos weit entfernt sind! &mdash; Alle
+alten Bekannten fanden sich um den Stammtisch
+ein, &mdash; wie schrecklich gleichg&uuml;ltig und langweilig
+sie mir doch inzwischen geworden sind! Wie gern ich
+auf sie und den ganzen Zoo verzichtete, wenn Sie auch
+nur einen einzigen Nachmittag wieder neben mir s&auml;&szlig;en!</p>
+
+<p>Sie herzlichst gr&uuml;&szlig;end, verbleibe ich</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 10em;">Ihr treuergebenster</span><br />
+<span style="margin-left: 13.5em;">Georg von Glyzcinski.</span><br />
+</p>
+
+<p>Allerlei Lekt&uuml;re, auch der &#8250;Vorw&auml;rts&#8249;, folgt anbei!&laquo;</p>
+
+
+<p style="text-align: right">
+&raquo;Kranz, 29.&nbsp;6.&nbsp;92
+</p>
+
+<p>Verehrter Herr Professor!</p>
+
+<p>Haben Sie vielen Dank f&uuml;r Ihren Brief, den ich erst
+heute beantworte, weil wir inzwischen von einem sogenannten
+Vergn&uuml;gen zum anderen hetzten und Ilschen
+den Rest meiner Zeit mit ihrer Kur in Anspruch nahm.
+Die Gesellschaft, in der ich mich st&auml;ndig befunden habe
+und die doch eigentlich die meine ist, wird mir bis zur
+Verst&auml;ndnislosigkeit fremd. Ihre Atmosph&auml;re legt sich
+mir beklemmend aufs Herz, wie die eines &uuml;berf&uuml;llten
+Saales; und wenn ich versuche ein Fenster zu &ouml;ffnen, so
+schreit alles, aus Angst vor Erk&auml;ltung.</p>
+
+<p>Nach Ihrem letzten Bericht &uuml;ber die Kommissionsverhandlungen
+und nach dem Empfang des Programms
+und der Statuten ist das gl&uuml;hende Feuer meiner Hoffnung
+freilich durch einen recht abk&uuml;hlenden Wasserstrahl
+<a name="Page_548" id="Page_548"></a>getroffen worden. Ich finde &mdash; verzeihen Sie mir meine
+Ehrlichkeit! &mdash;, da&szlig; beide stark nach Phrase schmecken.
+Der Ausdruck &#8250;Unma&szlig; in der Menschenwelt&#8249; st&ouml;rt mich
+besonders. Zu sehr Ma&szlig; halten, zu &auml;ngstlich darauf
+sehen, es mit keinem zu verderben, mag an sich ethisch
+sein, kann aber zu sehr unethischen Konsequenzen f&uuml;hren.
+Und zu der Stellung von Professor Seefried und Helma
+Kurz kann ich nur sagen: wer nicht f&uuml;r uns ist, der ist
+wider uns.</p>
+
+<p>Nach alledem ist es f&uuml;r mich selbstverst&auml;ndlich, da&szlig;
+ich die Wahl in die Kommission annehmen mu&szlig;. Wenn
+ich nur nicht auch zu einer Entt&auml;uschung f&uuml;r Sie werde!
+Es mu&szlig; wohl doch nicht allein ein Ergebnis meiner Erziehung,
+sondern ein Teil meines Wesens sein, da&szlig; es
+mir so schrecklich schwer wird, vor Fremden meine
+innersten Gedanken zu entwickeln, &mdash; als ob ich mich
+vor allem Volk nackt zeigen m&uuml;&szlig;te! Da ich aber einsehe,
+da&szlig; die geistige Nacktheit das gro&szlig;e Opfer ist, das
+die Menschheit von denen verlangt, die sich in ihre
+Dienste stellen, so will ich versuchen, mich dazu zu
+erziehen.</p>
+
+<p>Bei den Ausfl&uuml;gen, die wir in die Umgegend gemacht
+haben, bin ich durch das, was ich sah, in meinem Vorsatz
+best&auml;rkt worden: wie viel Jammer und Elend auf
+dem Hintergrund des blauen Himmelsgew&ouml;lbes und des
+unendlichen brandenden Meeres! Fast m&ouml;chte man,
+wie die Menschen bisher, verzweifelt dar&uuml;ber die H&auml;nde
+unt&auml;tig in den Scho&szlig; legen, oder, wie die Anarchisten,
+Vernichtung predigen, weil anders eine Rettung nicht
+m&ouml;glich erscheint. Je mehr ich offenen Auges um mich
+sehe, desto mehr entwickelt sich bei mir ein Zug zum<a name="Page_549" id="Page_549"></a>
+Fanatismus, und ich mu&szlig; mir immerfort das Gebot der
+Toleranz und die Pflicht, leidenschaftslos zu urteilen,
+vorhalten. Von dem Augenblick an, da&szlig; man sich klar
+wird, &mdash; es mag vielleicht paradox klingen, aber die
+meisten werden sich wirklich niemals klar dar&uuml;ber! &mdash;,
+da&szlig; jenes in Schmutz, Hunger und Stumpfheit aufgewachsene
+Fischerkind auch ein Mensch ist, genau wie
+man selber, kein fremdartiges Gesch&ouml;pf, &mdash; von dem
+Augenblick an beginnt man &uuml;berhaupt erst zu sehen.
+Und wenn mir jetzt vorgehalten wird: die Leute empfinden
+ihr Elend nicht, &mdash; so kann ich mich nicht mehr
+dabei beruhigen. Ich f&uuml;hle vielmehr, &mdash; und f&uuml;hls mit
+allen Schmerzen peinigenden Selbstvorwurfs, &mdash; da&szlig;
+gerade dies, was ein Trost sein soll, das gr&ouml;&szlig;te Ungl&uuml;ck
+ist und jeder einzelne von uns die Verantwortung
+daf&uuml;r tr&auml;gt.</p>
+
+<p>Das Erwecken der Menschen zu dem Bewu&szlig;tsein ihres
+Elends ist sicher der erste Schritt zu ihrer Erhebung,
+und wenn ich jetzt den &#8250;Vorw&auml;rts&#8249;, dank Ihrer G&uuml;te,
+regelm&auml;&szlig;ig lese, so scheint mir das Hauptverdienst der
+Sozialdemokratie darin zu bestehen, da&szlig; sie &uuml;berall die
+Sturmglocke l&auml;utet. Womit ich mich aber nicht befreunden
+kann, &mdash; das ist die unterschiedslose Verdammung
+aller Bestrebungen, die nicht von vornherein rot abgestempelt
+sind. Warum entdeckt der Vorw&auml;rts nicht, wie
+<em class="antiqua">Dr.</em> Brandt, die &#8250;Str&ouml;me, die in sein Meer flie&szlig;en'? So
+ist sein Angriff auf die Ethische Bewegung ebenso t&ouml;richt
+wie ungerecht. Er m&uuml;&szlig;te uns wahrhaftig von Bildungsanstalten
+Richterscher und St&ouml;ckerscher Art unterscheiden
+k&ouml;nnen! Und warum Ha&szlig; und h&auml;mischen Neid gegen
+die einzelnen Mitglieder anderer Klassen gro&szlig; ziehen, &mdash; der
+<a name="Page_550" id="Page_550"></a>nichts zur Folge hat, als l&auml;hmende Bitterkeit &mdash;,
+statt nur den Ha&szlig; gegen die Zust&auml;nde, der Mut und
+Kampflust ausl&ouml;st? Gerade der Sozialismus lehrt doch,
+da&szlig; die Menschen Ergebnisse der sozialen und wirtschaftlichen
+Verh&auml;ltnisse sind; man setzt sich also in Widerspruch
+zu den eigenen Grundprinzipien, wenn man den
+Ha&szlig; gegen Personen verbreitet, die doch so werden
+mu&szlig;ten, wie sie wurden.</p>
+
+<p>Damit komme ich noch mit einem Wort auf unseren
+alten Streitpunkt, die Junker betreffend, zur&uuml;ck. Sie
+erinnern mich daran und werden es vielleicht jetzt wieder
+tun, da&szlig; wir beide doch auch Junker w&auml;ren und uns
+trotzdem, lediglich auf Grund unserer ethischen Einsicht,
+zum Sozialismus bekennen. Nun denn &mdash; lachen Sie
+mich nur ruhig aus, ich h&ouml;re Sie so gerne lachen! &mdash;,
+ich bestreite Ihre Behauptung! Sind wir nicht von
+Jugend an Abh&auml;ngige gewesen, &mdash; wir und unsere Eltern, &mdash; von
+unserem Brotgeber, dem Staat? H&auml;tten meine
+Eltern sich frei bewegen k&ouml;nnen, ohne sich den Kopf an
+der Mauer einzurennen, die der Staat um sie gezogen
+hat? K&ouml;nnen Sie es? Und diese Abh&auml;ngigkeit &mdash; macht
+sie nicht den Proletarier? Ich aber, die ich ein
+Weib bin, geh&ouml;re von Rechts wegen noch tausendmal
+mehr als Sie zu der gro&szlig;en, dunkeln, darbenden Masse
+der Enterbten!</p>
+
+<p>Mich hat diese Erkenntnis mit neuer Freudigkeit
+erf&uuml;llt und mit neuer Hoffnung; gilt doch dann dasselbe
+f&uuml;r unseresgleichen wie f&uuml;r das arme Fischerkind: es
+bedarf nur der Erweckung, und Tausende neuer K&auml;mpfer
+gesellen sich br&uuml;derlich zu denen, die vorangingen! Wie
+viele gibt es, deren ganzes Wesen nach Befreiung und<a name="Page_551" id="Page_551"></a>
+Bet&auml;tigung verlangt, deren geistige Kr&auml;fte, ihnen selbst
+vielleicht oft kaum bewu&szlig;t, schon im Dienst der gro&szlig;en
+Menschheitssache stehen, &mdash; denken Sie nur an all unsere
+jungen K&uuml;nstler und Schriftsteller!</p>
+
+<p>Wenn der Kaiser jetzt gegen die moderne Kunst redet,
+Burgen mit Schie&szlig;scharten baut und Wildenbruch und
+Lauff zu Hofpoeten macht, so spricht das nicht nur f&uuml;r
+seinen Scharfsinn, der die Revolution wittert, wo andere
+nur die blaue Blume neuer Dichtung sehen, sondern er
+zeigt sich abermals als unser bester Agitator, der nun
+auch die geistigen Arbeiter in die Schranken ruft. Wir
+sollten jetzt zur Stelle sein und das Eisen ihrer Entr&uuml;stung
+schmieden, solange es warm ist.</p>
+
+<p>Vielleicht, da&szlig; ich demn&auml;chst nach dieser Richtung einen
+ersten Versuch machen kann. Eine alte Freundin von
+mir, einstiges Mitglied des Schweriner Hoftheaters, die
+mit einem K&ouml;nigsberger Professor verheiratet ist, lud
+mich ein. Zuerst z&ouml;gerte ich, hinzugehen: sie konnte,
+solange sie Schauspielerin war, das gutb&uuml;rgerliche Milieu,
+aus dem sie stammte, nicht vergessen; und nun, da sie
+dorthin zur&uuml;ckkehrte, klebt ihrem Wesen die Erinnerung
+an die B&uuml;hne an. Aber die Aussicht, Sindermann,
+einen jungen Schriftsteller, bei ihr kennen zu lernen,
+war entscheidend, und ich warte nur noch auf die Bestimmung
+des Tages, um hinzufahren. Ein Mann,
+der durch seine Werke der b&uuml;rgerlichen Welt das
+Verdammungsurteil ins Gesicht schleudern konnte, geh&ouml;rt
+von vornherein zu uns und m&uuml;&szlig;te der Bannertr&auml;ger
+des Emanzipationskampfs der geistigen Arbeiter
+werden.</p>
+
+<p>Verzeihen Sie den langen Brief. Ich habe hier
+<a name="Page_552" id="Page_552"></a>niemanden, mit dem ich mich auszusprechen verm&ouml;chte,
+und Sie haben mich so sehr verw&ouml;hnt!</p>
+
+<p>Meine Eltern sind seit gestern hier; vergebens bat ich
+sie, nach Berlin zur&uuml;ckkehren zu d&uuml;rfen. Allein in unserer
+Wohnung zu sein, halten sie f&uuml;r unpassend, und zu
+Egidys zu gehen, die mich in freundlichster Weise einluden,
+ist ihnen auch bedenklich! Bin ich notwendig, so
+komme ich ohne ihre Erlaubnis.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 11.5em;">Mit herzlichsten Gr&uuml;&szlig;en</span><br />
+<span style="margin-left: 14.5em;">Ihre dankbar ergebene</span><br />
+<span style="margin-left: 20.5em;">Alix von Kleve.&laquo;</span><br />
+</p>
+
+
+<p style="text-align: right">
+&raquo;Berlin, den 1. Juli 1892
+</p>
+
+<p>Mein liebes gn&auml;diges Fr&auml;ulein!</p>
+
+<p>Wundern Sie sich nicht &uuml;ber meine rasche Antwort:
+jeden Tag h&auml;uft sich so viel an, was ich Ihnen sagen
+m&ouml;chte, und Ihr Brief weckt &uuml;berdies solch eine Menge
+Empfindungen und Gedanken, da&szlig; ich nicht anders kann,
+als schreiben, sobald ich Ihre Schrift vor mir sehe.
+Entschuldigen Sie nur meine h&auml;&szlig;lichen zitternden Krakelf&uuml;&szlig;e, &mdash; ich
+bin nicht ganz auf dem Posten und mu&szlig;
+ausgestreckt liegen.</p>
+
+<p>F&uuml;r die Annahme Ihrer Wahl danke ich Ihnen ganz
+pers&ouml;nlich: Sie werden unserer Sache von gr&ouml;&szlig;tem
+Nutzen sein und &mdash; was mich besonders befriedigt! &mdash; das
+weibliche Geschlecht allein zu vertreten haben. Helma
+Kurz und Frau Schaper haben &mdash; infolge &#8250;starker Arbeitslast&#8249;! &mdash; ihre
+&Auml;mter niedergelegt. Ich habe nun die Wahl
+von zwei Sozialdemokraten vorgeschlagen, so da&szlig; wir uns
+m&ouml;glicherweise sehr verbessern werden. Sie werden dann
+auch Gelegenheit haben, sich mit diesen &uuml;ber Ihre Er<a name="Page_553" id="Page_553"></a>weiterung
+des Begriffs Proletarier auseinandersetzen,
+der, wie ich glaube, durchaus im Rahmen marxistischer
+Entwicklungslehre liegt: der Arbeiter, der &#8250;mit dem
+Hirne pfl&uuml;gt&#8249; wird als Gleichberechtigter und Gleichentrechteter
+neben den Handarbeiter gestellt.</p>
+
+<p>Mit Ihrer Kritik des Vorw&auml;rts freilich w&uuml;rden Sie
+sich weniger in &Uuml;bereinstimmung mit den &#8250;Genossen&#8249;
+befinden, &mdash; auch mit Ihrem getreuen &#8250;Genossen&#8249; Glyzcinski
+nicht! Ich kann seine Haltung uns gegen&uuml;ber nicht
+verurteilen: ohne Zweifel werden in der Ethischen Gesellschaft
+alsbald viele sein, welche von dessen Urteil
+getroffen werden und nichts als &#8250;Harmonieduselei&#8249;
+treiben wollen. Wer aber b&uuml;rgt daf&uuml;r, da&szlig; sie nicht
+schlie&szlig;lich herrschen und &#8250;gef&auml;hrliche&#8249; Elemente
+hinausdr&auml;ngen?!</p>
+
+<p>Suchen Sie Sindermann f&uuml;r uns zu gewinnen. Mein
+Vetter Paul, den Sie einmal bei mir sahen, und der
+dem Friedrichshagener Kreis angeh&ouml;rt, h&auml;lt zwar
+nichts von ihm und meint, Eitelkeit und Ehrgeiz
+w&uuml;rden ihn eher immer weiter von uns entfernen, als
+ihn uns n&auml;her bringen. Er r&uuml;hmte mir dagegen den
+jungen Dichter des Dramas &#8250;Vor Sonnenaufgang&#8249;, den
+er f&uuml;r den &#8250;Kommenden&#8249; h&auml;lt; aber bei der Manier
+dieser Art junger Leute, aus jedem bunten K&auml;lbchen
+einen G&ouml;tzen zu machen, vor dem sie anbetend auf
+dem Bauche liegen, bin ich vorl&auml;ufig noch sehr
+skeptisch.</p>
+
+<p>Unsere Kommissionssitzungen sind einstweilen eingestellt
+worden. Alles denkt ans Reisen, und es wird im Zoo
+immer stiller. Wie sch&ouml;n und ungest&ouml;rt lie&szlig;e sichs jetzt
+dort plaudern! Nicht wahr, Sie g&ouml;nnen mir die Vor<a name="Page_554" id="Page_554"></a>freude
+und teilen mir zeitlich mit, wann ich Sie
+erwarten darf?</p>
+
+<p>Mit herzlichsten Gr&uuml;&szlig;en</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 13em;">Ihr treuergebener</span><br />
+<span style="margin-left: 16.5em;">Georg von Glyzcinski.&laquo;</span><br />
+</p>
+
+<p>Ich vermochte den Brief kaum zu Ende zu lesen,
+nichts als leere Worte tanzten mir vor den Augen; denn
+nur ein Satz hatte sich mir schreckhaft eingepr&auml;gt: &raquo;ich
+bin nicht auf dem Posten &mdash; mu&szlig; ausgestreckt liegen.&laquo;
+Und ich sah ihn deutlich vor mir, den kranken Mann
+mit dem Apostelkopf und dem wesenlosen K&ouml;rper, wie
+er allein, von einem ungeschickten Diener kaum bedient,
+geschweige denn gepflegt, in seinem stillen Zimmer lag,
+die wei&szlig;en schmalen H&auml;nde auf der schwarzen Pelzdecke,
+die Kinderaugen sehns&uuml;chtig ins Weite gerichtet. Mein
+Herz klopfte zum Zerspringen, und ich wu&szlig;te auf einmal,
+wohin ich geh&ouml;rte.</p>
+
+<p>Mechanisch faltete ich einen zweiten Brief auseinander:
+von Lisbeth; &mdash; noch heute sollte ich zu ihr kommen,
+Sindermann habe sich zum Abend angesagt, schrieb sie.
+Ich ging in mein Zimmer, raffte das Notwendigste eilig
+zusammen und hinterlie&szlig; meiner Mutter, die mit allen
+anderen auf ein Nachbargut gefahren war, zwei Zeilen:
+&raquo;Frau Professor Landmann l&auml;dt mich soeben ein, noch
+heute nach K&ouml;nigsberg zu kommen. Da ich Eurer Erlaubnis
+sicher zu sein glaube, fahre ich mit dem n&auml;chsten
+Zug.&laquo;</p>
+
+<p>Unterwegs erst wurde ich Herr einer Erregung, die
+mich den fernen Freund schon mit geschlossenen Augen
+und erbla&szlig;ten Lippen auf dem Totenbette sehen lie&szlig;.
+Ich hatte beschlossen, den Nachtzug nach Berlin zu be<a name="Page_555" id="Page_555"></a>nutzen, &mdash; aber
+konnte &mdash; durfte ich den Kranken durch
+meine &uuml;berraschende Ankunft erschrecken? Sah das nicht
+doch vielleicht nach einem unw&uuml;rdigen Sichaufdr&auml;ngen aus?
+Ich err&ouml;tete unwillk&uuml;rlich. Auf dem Bahnhof bat ich
+ihn telegraphisch um Nachricht &uuml;ber sein Befinden und
+k&uuml;ndigte meine R&uuml;ckkehr an. Dann erst fuhr ich hinauf
+in die stille Tragheimer Kirchenstra&szlig;e mit ihrem
+ausgefahrenen Pflaster und ihren altersgrauen H&auml;usern.
+Welch eine strenge, ernste Stadt ist doch dies K&ouml;nigsberg,
+dachte ich; eine Stadt, die in jedem Winkel an
+den Ernst des Lebens erinnert und ihre B&uuml;rger zwingt,
+still in sich selbst Einkehr zu halten. W&auml;re ich hier
+aufgewachsen, vielleicht h&auml;tte meine Sehnsucht nie &uuml;ber
+ihre W&auml;lle und Gr&auml;ben hinaus verlangt!</p>
+
+<p>Im phantastischen Kost&uuml;m einer Zarewna, Augen und
+Wangen gl&uuml;hend vor Eifer, empfing mich Lisbeth. So &mdash; gerade
+so hatte ich sie einmal in Schwerin auf der
+B&uuml;hne gesehen. Was sie spielte, verga&szlig; ich oder wu&szlig;te
+es nie. &raquo;Wie sch&ouml;n sie ist!&laquo; hatte ich damals bewundernd
+gefl&uuml;stert &raquo;Du &mdash; du bist viel tausendmal sch&ouml;ner &mdash;&laquo;
+war mir aus dem Dunkel der Loge hei&szlig; ins Ohr
+geklungen ...</p>
+
+<p>Ein Wortschwall z&auml;rtlicher Begr&uuml;&szlig;ung entri&szlig; mich
+dem Taumel der Erinnerung. Still &mdash; ein bi&szlig;chen
+verlegen, die Augen in offenbarer Bewunderung auf
+seine Frau gerichtet, stand ihr Mann daneben, der typische
+deutsche Professor, mit kurzsichtig zwinkernden &Auml;uglein
+und linkischen Bewegungen. Ich wurde hineingezogen.
+In eine Laube von bl&uuml;henden Sommerblumen war das
+Wohnzimmer verwandelt, gr&uuml;ne Girlanden hingen von
+der Decke herab, bunte Lampions schaukelten dazwischen.<a name="Page_556" id="Page_556"></a>
+Und pl&ouml;tzlich trat hinter dem Epheugerank am Fenster
+ein wei&szlig;es, goldhaariges Gesch&ouml;pfchen l&auml;chelnd auf mich
+zu. Lisbeths sprudelndes Plaudern brach ab, ihr erhitztes
+Gesicht nahm einen Ausdruck still-seliger Verkl&auml;rung
+an; &mdash; &raquo;mein Kind!&laquo; sagte sie leise und legte die Hand
+auf das schimmernde Haar des Kleinen. Mir stiegen
+Tr&auml;nen, brennendhei&szlig;e, in die Augen: Ihr Kind! &mdash; Wie
+reich mu&szlig;te sie sein!</p>
+
+<p>Wir brachten ihn gemeinsam zu Bett, den herzigen
+Buben; seine rosigen F&uuml;&szlig;chen, seine runden &Auml;rmchen,
+die Gr&uuml;bchen in den H&auml;nden und in den Knieen mu&szlig;te
+ich bewundern. Dann trat ich still beiseite: Mutter und
+Kind, die einander Gute Nacht sagen, sind wie inbr&uuml;nstig-fromme
+Beter, die selbst der Ungl&auml;ubigste nicht zu
+st&ouml;ren wagt. In diesem Augenblick lag es um mich
+wie ungeheure Einsamkeit.</p>
+
+<p>Noch war ich zerstreut und bedr&uuml;ckt, als Sindermann
+kam.</p>
+
+<p>Wir ertragen angesichts eines tiefen inneren
+Erlebens nur die Allern&auml;chsten, und seine Erscheinung wirkte
+v&ouml;llig fremd. Ein &raquo;<em class="antiqua">bel homme</em>&laquo; &mdash; es gibt keinen
+deutschen Ausdruck, der denselben Sinn h&auml;tte &mdash; mit
+liebevoll gepflegtem schwarzem Vollbart, erzwungen aristokratischen
+All&uuml;ren, gro&szlig;en breiten H&auml;nden und runden
+fleischigen Fingern daran.</p>
+
+<p>Es herrschte jene spezifisch norddeutsche Stimmung
+reservierter Verschlossenheit, die zu der phantastischen
+Umgebung und dem romantischen Kost&uuml;m der Hausfrau
+in demselben peinlich-komischen Gegensatz stand
+wie die N&uuml;chternheit aller Ostelbier zum Karnevalstrubel.
+Nur einem Gegner pflegt sie allm&auml;hlich zu
+<a name="Page_557" id="Page_557"></a>weichen: dem Wein. Als in Lisbeths von dem ged&auml;mpften
+Kerzenlicht bunter Lampions erhellten k&uuml;nstlichen
+Garten die Erdbeerbowle auf dem Tische stand und
+die Ketten und die Rheinkiesel auf Kopf und Hals und
+Armen der falschen Zarewna leuchteten und gl&auml;nzten
+wie Perlen und Brillanten, verschwand nach und nach
+jener erste Eindruck der Fremdheit.</p>
+
+<p>Wir sprachen von allem, was die Zeit bewegte: von
+der Kunst der Moderne, von der Frauenfrage, von der
+Sozialdemokratie. &raquo;Ich bin Sozialist,&laquo; sagte Sindermann,
+&raquo;weil ein denkender Mensch heute nichts andres
+sein kann, &mdash;&laquo; schon klopfte mir das Herz h&ouml;her vor
+Freude &mdash; &raquo;aber ich glaube nicht, da&szlig; die Ideen des
+Sozialismus sich in absehbarer Zeit erf&uuml;llen werden.&laquo;
+Und nun entwickelte ich die Prinzipien und die Zukunftshoffnungen
+der Ethischen Bewegung und f&uuml;hrte all meine
+Gr&uuml;nde ins Feuer, um ihn zu einem der unseren zu
+machen. Er l&auml;chelte; in dem r&ouml;tlichen D&auml;mmer des
+Raums vermochte ich nicht zu unterscheiden, ob es das
+L&auml;cheln des Sp&ouml;tters oder das tragisch-resignierte des
+Pessimisten war. &raquo;Wir Deutschen sind vorl&auml;ufig unf&auml;hig,
+uns zu w&uuml;rdigeren inneren und &auml;u&szlig;eren Zust&auml;nden aufzuschwingen,&laquo;
+meinte er dann, &raquo;und so sehr ich alle Ihre
+Ideen anerkenne, so wenig glaube ich, da&szlig; Sie unter
+den K&uuml;nstlern Proselyten machen werden. Nicht viele
+fassen ihre Aufgabe auf wie ich &mdash;&laquo; er schwieg und
+betrachtete nachdenklich seine Fingerspitzen. Dann warf
+er einen kurzen, erwartungsvollen Blick auf mich.</p>
+
+<p>&raquo;Und Ihre Auffassung w&auml;re?!&laquo; frug ich gespannt.</p>
+
+<p>&raquo;Der Dichter mu&szlig; das Leben wiedergeben, wie es sich
+ihm darstellt; das vermag er nur dann, wenn sein Herz
+<a name="Page_558" id="Page_558"></a>weit genug ist, um das ganze Leid der Gegenwart mit
+zu f&uuml;hlen. W&auml;hrend die Dichter der Vergangenheit
+Tugend und Laster auf die B&uuml;hne brachten und den
+Zuschauer dadurch befriedigten, da&szlig; eine vergeltende Gerechtigkeit
+den Schlu&szlig; herbeif&uuml;hrte, zeichnet der moderne
+Dichter das wahre Bild des Lebens und ruft den Zuschauern
+zu: so ist es, geht hin und helft! Ich will
+mein Publikum nicht am&uuml;sieren, ich will ihm nicht die
+Zeit tot schlagen helfen, ich will es aufr&uuml;tteln, will es
+zur Erkenntnis von Wahrheiten f&uuml;hren, denen es im
+Leben aus dem Wege geht. Hei&szlig;t das nicht auch ethisch
+handeln?&laquo;</p>
+
+<p>Ich war entz&uuml;ckt. So hatte ich mir das Wirken des
+K&uuml;nstlers vorgestellt! Er wurde w&auml;rmer und lebhafter.</p>
+
+<p>&raquo;Glauben Sie mir,&laquo; sagte er mit einer gro&szlig;en Geste,
+&raquo;wenn ich k&ouml;nnte, w&uuml;rde ich nur vor Arbeitern meine
+St&uuml;cke auff&uuml;hren lassen, &mdash; die verstehen, die w&uuml;rdigen
+mich!&laquo; Und dann erz&auml;hlte er von der berliner Gesellschaft
+der Kunstkenner, &Auml;stheten und M&auml;cene, die wahl- und
+kritiklos jeder neu auftauchenden Gr&ouml;&szlig;e nachliefen.
+&raquo;Bewundert haben mich alle als den ber&uuml;hmten Mann,&laquo;
+und wieder zeigte sich jenes unbestimmte tragisch-<ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'resignerte'">resignierte</ins>
+L&auml;cheln, &mdash; ich erinnerte mich fl&uuml;chtig eines Schauspielers,
+dem meine Altersgenossinnen in Posen um solch
+eines L&auml;chelns willen zu F&uuml;&szlig;en lagen &mdash; &raquo;aber die
+meisten wu&szlig;ten nicht, ob dieses notwendige Salonrequisit
+ein Bildhauer oder sonst was w&auml;re.&laquo;</p>
+
+<p>Es mochte Mitternacht geworden sein, als auf sein
+neuestes Werk die Rede kam, das im n&auml;chsten Winter
+das Licht der Rampen erblicken sollte. Ich horchte um
+so gespannter auf, je mehr ich von seinem Inhalt erfuhr.<a name="Page_559" id="Page_559"></a>
+Ein Weib sollte die Heldin sein, deren K&uuml;nstlernatur
+sie aus dem engen Zuhause einer Offiziersfamilie hinaustrieb
+in die Welt.</p>
+
+<p>Und meine Phantasie arbeitete noch rascher, als der
+Dichter zu erz&auml;hlen vermochte: Ich selbst war dies Weib,
+das sich endlich losri&szlig;, um die Heimat seines Wesens
+zu finden, &mdash; war nicht am Ende auch der alte Oberst,
+der in der Verzweiflung zur Pistole griff, &mdash; mein
+Vater?! Die Heimat, &mdash; das ist das Schicksal, es vernichtet
+uns, wenn wir die Schw&auml;cheren sind, und es ist
+wie die antike Trag&ouml;die, die immer Tote auf der Wahlstatt
+l&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p>Ich war ganz still geworden, versunken in die Gedanken,
+die des Gastes Werk in mir ausgel&ouml;st hatte.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en d&auml;mmerte der Tag. Die Blumen im Zimmer
+hingen erschlafft die K&ouml;pfchen; ein feiner Zigarettenrauch
+zog seine Kreise um die verglimmenden Kerzen.
+Und pl&ouml;tzlich &uuml;bermannte uns bleierne M&uuml;digkeit. Sindermann
+erhob sich. Verwirrt sah ich auf: da war er ja
+wieder, vom ersten Fr&uuml;hlicht beleuchtet, der <em class="antiqua">&raquo;bel homme&laquo;</em>,
+der Mann mit dem liebevoll gepflegten Bart, den gro&szlig;en
+H&auml;nden und den runden fleischigen Fingern daran. Seltsam,
+wie fremd, wie st&ouml;rend er wirkte. War er es wirklich
+gewesen, der mir eben mein Schicksal gedeutet hatte?</p>
+
+<p>Zwei Stunden schlief ich den unruhigen Schlaf der
+Ersch&ouml;pfung. Das rasche Klingeln des Telegraphenboten
+weckte mich: &raquo;Befinden wechselnd. Freue mich
+unbeschreiblich auf Ihre R&uuml;ckkehr. Glyzcinski.&laquo; Ich
+hatte noch gerade Zeit, die Eltern schriftlich meines
+raschen Entschlusses wegen um Entschuldigung zu bitten.
+&raquo;Der Professor ist krank; Ihr wi&szlig;t, sein Leben h&auml;ngt
+<a name="Page_560" id="Page_560"></a>nur an einem Faden; ich w&uuml;rde es mir nie verzeihen,
+wenn er einsam und ohne Pflege leiden und sterben
+m&uuml;&szlig;te,&laquo; schrieb ich.</p>
+
+<p>Am Abend war ich bei ihm. Er sa&szlig; vor dem Schreibtisch
+am Fenster wie immer, und schon wollt' ich
+freudig &uuml;berrascht auf ihn zueilen, als seine Augen mir
+entgegensahen: flackernde Fieberlichter brannten darin;
+auf seinen schmalen Wangen gl&uuml;hten rote Flecken, und
+die Hand bebte, die er mir bot. &raquo;Sie haben sich meinetwegen
+aus dem Bett gewagt!&laquo; rief ich erschrocken.</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich denn dies gl&uuml;ckliche Ereignis nicht auf meine
+Art feiern?!&laquo; &mdash; sein ganzes Antlitz strahlte &mdash; &raquo;es
+geht mir ja besser, viel besser &mdash; und ich glaubte schon&laquo; &mdash; seine
+Stimme senkte sich &mdash; &raquo;ich glaubte, ich w&uuml;rde
+Sie niemals wiedersehen!&laquo;</p>
+
+<p>Minutenlang blieb es still zwischen uns. Er lehnte
+den Kopf zur&uuml;ck, mit halb geschlossenen Augen, ich sah
+nichts als sein Gesicht, das ein Ausdruck seligen Friedens
+verkl&auml;rte. Und dann hatten wir einander so viel zu
+sagen, da&szlig; selbst die schlagende Uhr uns an die vorr&uuml;ckende
+Stunde nicht zu erinnern vermochte.</p>
+
+<p>Der Diener trat ein. &raquo;Es ist zehn Uhr, Herr Professor,&laquo;
+sagte er und sah mich halb verwundert, halb mi&szlig;billigend
+an. Erschrocken sprang ich auf. &raquo;Wie komm' ich nun
+ins Haus &mdash; und wie in die Wohnung!&laquo; Ich hatte
+vergessen, mich dem M&auml;dchen anzuk&uuml;ndigen.</p>
+
+<p>&raquo;So bleiben Sie eben hier,&laquo; entschied Glyzcinski,
+&raquo;nebenan auf dem Sofa hat mein Bruder oft geschlafen, &mdash; Friedrich
+braucht Ihnen nur die Betten aus dem
+Schrank zu geben.&laquo;</p>
+
+<p>War das eine stille Nacht! Nur aus der Ferne drang
+<a name="Page_561" id="Page_561"></a>das Ger&auml;usch der Gro&szlig;stadt durch die offenen Fenster.
+Wie geborgen kam ich mir vor! Am n&auml;chsten Morgen
+beeilte ich mich, auf dem gr&uuml;numbuschten Balkon den
+Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch zu decken und achtete wenig auf das
+m&uuml;rrische Gebahren des Dieners. Erst als er seinen
+Herrn im Rollstuhl hinausfuhr, traf mich aus zwinkerndem
+Augenwinkel ein h&auml;misch-vielsagender Blick, vor dem
+mir fast der Morgengru&szlig; im Munde erstickte. Gott
+Lob &mdash; Glyzcinski bemerkte nichts. Seine Augen hatten
+den alten, klaren Schein, seine Wangen die gleichm&auml;&szlig;ige
+F&auml;rbung.</p>
+
+<p>&raquo;So gut habe ich es in meinem Leben nicht gehabt!&laquo;
+sagte er und behielt meine Hand in der seinen.</p>
+
+<p>Zu Hause fand ich ein Telegramm von der Mutter:
+&raquo;Papa &uuml;ber deine Abreise &auml;u&szlig;erst emp&ouml;rt, verlangt sofortige
+R&uuml;ckkehr oder &Uuml;bersiedlung zu Egidys.&laquo; Noch
+am gleichen Tage zog ich auf Glyzcinskis Rat in die
+Spenerstra&szlig;e. Egidy selbst war verreist, und so konnte
+ich, ohne zu verletzen, den Tag &uuml;ber abwesend sein. Fast
+immer war ich bei Glyzcinski. Wenn er es auch niemals
+zulie&szlig;, da&szlig; ich ihn pflegte, so konnte ich doch &uuml;berwachen,
+ob die Vorschriften des Arztes befolgt, die verschiedenen
+Umschl&auml;ge und Kompressen zur rechten Zeit gewechselt
+wurden. Meiner alten Kochk&uuml;nste erinnerte ich mich
+wieder und freute mich wie ein Kind, wenn ich zusah,
+mit welch wachsendem Behagen der liebe Kranke meine
+Suppen a&szlig;. Einmal gelang es mir, den Arzt allein zu
+sprechen: &raquo;Nur der Geist h&auml;lt diesen K&ouml;rper aufrecht,&laquo;
+sagte er ernst. &raquo;Leidet er?&laquo; frug ich und lehnte mich,
+um meine Angst zu verbergen, tief in den dunkelsten
+Schatten der Treppe.</p>
+<p><a name="Page_562" id="Page_562"></a></p>
+<p>&raquo;Ein gew&ouml;hnlicher Mensch w&uuml;rde dies Dasein kaum
+ertragen, aber er, &mdash; wir Gesunden k&ouml;nnten ihn fast um
+das Gl&uuml;cksgef&uuml;hl beneiden, das ihm unver&auml;nderlich aus
+den Augen strahlt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wird er genesen und &mdash; leben?&laquo; brachte ich m&uuml;hsam
+hervor.</p>
+
+<p>Mit einem pr&uuml;fenden, langen Blick sah mir der Arzt
+ins Auge und reichte mir die Hand zum Abschied:</p>
+
+<p>&raquo;Genesen, &mdash; niemals! Leben?! Gl&uuml;ck und Liebe sind
+Elixire, die schon Sterbende ins Dasein zur&uuml;ckriefen.
+Verordnen k&ouml;nnen wir sie leider nicht!&laquo;</p>
+
+<p>Glyzcinski wurde von Tag zu Tag frischer und froher.
+Morgens, wenn ich kam, begr&uuml;&szlig;te er mich, als w&auml;re ich
+Jahre fort gewesen, und des Abends, wenn ich ging,
+zuckten seine Lippen, wie die kleiner Kinder, die weinen
+wollen. Unsere Tage verliefen in ruhigem Gleichma&szlig;.
+Der Philosophie war der Vormittag gewidmet &mdash; &raquo;in
+einem Jahr m&uuml;ssen Sie Ihr Doktorexamen machen
+k&ouml;nnen,&laquo; hatte Glyzcinski mir versichert, und es war
+ein f&ouml;rmlicher systematischer Unterricht, den er mir erteilte.
+Er wollte dabei niemals zugeben, was ich immer
+deutlicher empfand: da&szlig; mir f&uuml;r gro&szlig;e Gebiete des
+Wissens die sprachlichen und &mdash; noch mehr &mdash; die
+mathematischen und naturwissenschaftlichen Vorkenntnisse
+fehlten. Oft w&uuml;nschte ich, mich noch auf irgendeine
+gymnasiale Schulbank setzen zu k&ouml;nnen, aber dann lachte
+er mich aus: &raquo;Sie kennen das Leben, &mdash; das ist mehr
+wert, als aller Wissenskram; und Sie sollen handeln, &mdash; das
+ist besser, als mathematische Aufgaben l&ouml;sen und
+den Plato im Urtext verstehen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend der Nachmittagstunden besch&auml;ftigten wir
+<a name="Page_563" id="Page_563"></a>uns mit der Tagespolitik und der modernen Literatur.
+Die Milit&auml;rvorlage warf damals ihre Schatten
+voraus; die sozialdemokratische Presse entfaltete eine
+lebhafte Agitation dagegen und kritisierte auf das
+sch&auml;rfste das Verhalten der Regierung, die, statt alte
+feierliche Versprechungen auf dem Gebiet der Sozialpolitik
+einzul&ouml;sen, die Lebenshaltung des Volkes nur
+durch neue, ungeheure Lasten herabdr&uuml;cke. Ich lernte
+durch d&uuml;rre Zahlen belegte Tatsachen &uuml;ber L&ouml;hne,
+Lebensmittelpreise, Arbeits- und Existenzbedingungen
+kennen, durch die die graue Nebelwelt des Elends, wie
+ich sie hie und da vor mir hatte aufsteigen sehen, eine
+immer deutlichere, fest umrissenere Gestalt annahm.
+Meine philosophischen Interessen traten mehr und mehr
+zur&uuml;ck: hier war ein Gebiet, das empfand ich instinktiv,
+das zu ersch&ouml;pfen die ganze Kraft erforderte. Und die
+Zeit, die mich trug, kam mir auch darin entgegen: von
+allen Seiten str&ouml;mten mir in Form von B&uuml;chern, Brosch&uuml;ren
+und Zeitungsartikeln Aufkl&auml;rungen aller Art zu.
+Wir vertieften uns mit brennendem Eifer in den ersten
+Band von Marx Kapital und in die Schriften von
+Friedrich Engels, wir lasen Paul G&ouml;hres &raquo;Drei Monate
+Fabrikarbeiter,&laquo; dessen ungewollte agitatorische Kraft
+uns mit sich fortri&szlig;; und als <em class="antiqua">Dr.</em> Brandt dem Professor
+eines Tages die Probenummer einer von ihm ins Leben
+gerufenen Zeitschrift zuschickte, die ausschlie&szlig;lich Fragen
+der Sozialpolitik behandeln sollte, las ich sie mit brennendem
+Eifer und sah von da an jeder Nummer mit einer
+Spannung entgegen, wie der Backfisch einer Romanfortsetzung.
+Auch Egidy, der inzwischen heimgekehrt war,
+erblickte nicht mehr in der &Uuml;berwindung der Dogmen
+<a name="Page_564" id="Page_564"></a>den Ausgangspunkt allen Heils, sondern im Kampf
+gegen Not und Unterdr&uuml;ckung.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist eine Lust, zu leben, wo alles sich r&uuml;hrt,
+und alles w&auml;chst, &mdash; dem gleichen Himmel zu, ob
+auch die Wurzeln im verschiedensten Erdboden stehen,&laquo;
+pflegte Glyzcinski zu sagen. Und wenn ich ungeduldig
+seufzte: &raquo;K&ouml;nnten wir nur den Anfang der k&uuml;nftigen
+Ordnung der Dinge noch erleben,&laquo; so antwortete er:
+&raquo;Aber wir sind ja schon mitten darin!&laquo;</p>
+
+<p>Tats&auml;chlich schien diese eine Bewegung mit einer ungeheuern
+magnetischen Kraft alles an sich zu ziehen.
+Die Wissenschaft trat in ihre Dienste, die Kunst schmiedete
+Waffen f&uuml;r sie. Was waren Hauptmanns &raquo;Weber&laquo; andres,
+als ihr dr&ouml;hnender Schlachtgesang?! Jener Fanatismus,
+der nichts sieht als sein Ziel, der ihm entgegenst&uuml;rmt
+mit blutenden F&uuml;&szlig;en und keuchendem Atem, die stillen
+Stege nicht kennt, die abseits von seinem Wege auf
+duftende Blumenwiesen, in d&auml;mmernde W&auml;lder und
+hoch auf die Berge der weiten Ausblicke f&uuml;hren, den kein
+Ausruhen lockt im Schatten der Dorflinde und der
+Kirchenpforten, &mdash; derselbe Fanatismus, der die ersten
+Christen zwang, die wei&szlig;en Marmorleiber heidnischer
+G&ouml;tter in die pontinischen S&uuml;mpfe zu werfen, hatte von
+mir Besitz ergriffen.</p>
+
+<p>Und meine Seele schlo&szlig; leise, da&szlig; keiner es merkte,
+die Pforte der Kammer zu, hinter der lebte, was zu
+tiefst mein Eigen war.</p>
+
+<p>Fast wie eine St&ouml;rung empfand ichs, als Sindermann
+mich zur Vorlesung seines nunmehr vollendeten Dramas
+einlud. Aber war er nicht auch einer, der mit uns
+k&auml;mpfte?</p>
+
+<p><a name="Page_565" id="Page_565"></a>Wir fuhren miteinander hinaus nach Chorin, einem
+jener stillen melancholischen Waldwinkel der Mark, wo
+schwarze Kiefern sich in kleinen tiefen Seeen spiegeln und
+in zerbr&ouml;ckelnde Klosterruinen der mattblaue Himmel
+hineinscheint. Freunde des Dichters erwarteten ihn hier,
+und ein fremder &raquo;Kollege&laquo;, wie er sich mit einem seltsam
+feinen L&auml;cheln nannte, war dabei: Detlev von
+Liliencron.</p>
+
+<p>Niemand ist in seiner Wahrhaftigkeit so unbarmherzig
+wie die Natur. Sie scheidet grausam Echtes vom Unechten,
+ihr Licht, das durch keine Schleier und keine Papierlaternen
+ged&auml;mpft wird, beleuchtet grell, was am Menschen
+ihr entspricht, und was ihn von ihr trennt. Frauen
+mit kunstvollen Lockengeb&auml;nden auf zarten K&ouml;pfchen, in
+modischen Kleidern und zierlichen Hackenschuhen, die in
+der Stadt sch&ouml;n sind und im Salon blenden, wirken,
+wo die Natur herrscht, pl&ouml;tzlich halb l&auml;cherlich, halb
+gespensterhaft. Und moderne M&auml;nner mit l&uuml;stern-blasiertem
+L&auml;cheln und der &raquo;interessanten&laquo; Bl&auml;sse endloser
+Kaffeehausn&auml;chte auf den Z&uuml;gen, richtet sie ohne
+Nachsicht, als das, was sie sind. Werfen sich diese Damen
+und Herren in dem instinktiven, unbehaglichen Gef&uuml;hl,
+zu sein, wo sie nicht hingeh&ouml;ren, aber gar in Dirndlkost&uuml;me
+und Lodenjoppen und setzen naiv gr&uuml;ne H&uuml;tchen
+auf ihre gebrannten Haare und m&uuml;den Glatzen, so tritt
+ihre gr&auml;&szlig;liche Disharmonie zur Natur in tragischer
+Deutlichkeit hervor, und von den geistreichen Helden
+und Heldinnen gro&szlig;st&auml;dtischen Lebens bleibt nichts
+&uuml;brig als die armselige Maske kleiner Vorstadtkom&ouml;dianten.</p>
+
+<p>Aber auch gro&szlig;e Menschen verm&ouml;gen der Natur nicht
+<a name="Page_566" id="Page_566"></a>immer Stand zu halten. Wer zu sehen gelernt hat,
+dem enth&uuml;llen sie ihre Bl&ouml;&szlig;en, da&szlig; es einem beinahe
+wehe tut.</p>
+
+<p>Wir gingen vom Bahnhof durch den Wald bis
+zu dem kleinen Wirtshaus am See. Warum hatte
+nur unser Dichter solch gl&auml;nzend-schwarzen Bart und
+so geistreiche Augen &mdash; so fleischige Finger und eine
+so starke M&auml;nnerhand? Auch hier war eine Disharmonie,
+die schmerzte. Wie ein St&uuml;ck dieser m&auml;rkischen
+Natur selbst schritt dagegen der andere, mir noch
+v&ouml;llig fremde, neben uns, ein Mann aus einem Gu&szlig;,
+bei dem alles zueinander pa&szlig;te.</p>
+
+<p>Ein Gewitter stand drohend am Himmel, als Sindermann
+zu lesen begann, und Blitz und Donner begleiteten
+die sich entwickelnde Katastrophe. Rasch war ich wieder
+im Bann des Werkes. Das war ja alles mein eigenes
+Erleben: wie dieser Maria die Heimat zur Fremde
+wurde, in der die Menschen eine unverst&auml;ndliche Sprache
+sprechen, wie sie sich selbst retten mu&szlig; vor den Schlingen,
+die die Heimat wieder nach ihrer Freiheit auswirft. Und
+ich war es selbst, die sprach: &raquo;Es mu&szlig; klar werden zwischen
+der Heimat und mir!&laquo;</p>
+
+<p>Der Beifall in dem kleinen Kreis der Zuh&ouml;rer war
+gro&szlig;. Da&szlig; man jede Szene stundenlang unter dem
+Gesichtspunkt der B&uuml;hnenwirksamkeit besprach, verletzte
+mich freilich. Erst auf dem R&uuml;ckweg zur Bahn fing man
+an, die Tendenz des St&uuml;ckes zu er&ouml;rtern.</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; das individualistische Prinzip darin zu so starkem
+Ausdruck kommt, befriedigt mich ganz besonders,&laquo; sagte
+einer.</p>
+
+<p>&raquo;Diese Maria ist die Personifizierung der Idee<a name="Page_567" id="Page_567"></a>
+Nietzsches!&laquo; f&uuml;gte enthusiastisch ein anderer hinzu, &raquo;sie
+hat die Umwertung aller Werte f&uuml;r sich vollzogen, sie steht
+jenseits von gut und b&ouml;se, sie ist der &Uuml;bermensch, obwohl
+sie ein Weib ist!&laquo;</p>
+
+<p>Der &Uuml;bermensch, &mdash; diese Maria, die sich von einem
+Elenden hatte verf&uuml;hren lassen?! dachte ich. Und die
+Umwertung aller Werte sollte sie vollzogen haben, weil
+sie die Heimat &uuml;berwand?! W&auml;re es m&ouml;glich, da&szlig; ich
+meinen Nietzsche so gar nicht verstanden hatte? &mdash; Die
+Unterhaltung wurde lebhafter. Man sprach &uuml;ber die
+Notwendigkeit, den Sozialismus durch den Individualismus
+zu &uuml;berwinden, die Sklavenmoral durch die
+Herrenmoral.</p>
+
+<p>&raquo;Wir K&uuml;nstler haben inmitten der gef&auml;hrlichen Nivellierungsbestrebungen
+unserer Zeit die Aufgabe, das
+Recht der Adelsmenschen zu vertreten,&laquo; rief ein kleiner
+Mann mit einem Spitzbauch, w&auml;hrend ihm die hellen
+Schwei&szlig;tropfen &uuml;ber das runde Gesicht liefen.</p>
+
+<p>&raquo;Und worin besteht dieses Recht?&laquo; frug ich neugierig,
+das Lachen m&uuml;hsam verbei&szlig;end.</p>
+
+<p>Verbl&uuml;fft sah er mich an. &raquo;In dem Recht, sich zu
+behaupten, seine Pers&ouml;nlichkeit auszuleben,&laquo; sagte er
+schlie&szlig;lich und hieb sich mit der flachen Hand auf den
+breiten Sportg&uuml;rtel, da&szlig; die dicke Goldkette klirrte, die
+weithin leuchtend dar&uuml;ber hing.</p>
+
+<p>&raquo;Sofern man eine hat,&laquo; meinte Liliencron lakonisch,
+der bisher fast immer geschwiegen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig; &mdash; gewi&szlig;,&laquo; echote der erhitzte Individualist,
+sichtlich froh, da&szlig; der einfahrende Zug ihn einer weiteren
+Er&ouml;rterung &uuml;berhob.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tag fiel mein philosophischer Unterricht
+<a name="Page_568" id="Page_568"></a>aus: wir stritten uns &uuml;ber Nietzsche, und zum erstenmal
+seit unserer Bekanntschaft verteidigte Glyzcinski seine
+Ansichten mit offenbarer Heftigkeit. &raquo;Wie im Anarchismus
+die gro&szlig;e Gefahr f&uuml;r die Verbreitung des Sozialismus
+in der Arbeiterklasse zu suchen ist,&laquo; sagte er,
+&raquo;so kann die Ausbreitung der Ideen Nietzsches die
+Wirksamkeit der Ethischen Bewegung in den oberen
+Klassen v&ouml;llig untergraben. Die Ausbildung der Pers&ouml;nlichkeit
+als Selbstzweck steht zu unserem Ziel &mdash; dem
+gr&ouml;&szlig;ten Gl&uuml;ck der gr&ouml;&szlig;ten Mehrheit &mdash; in direktem
+Gegensatz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verzeihen Sie mir, wenn ich das bestreite,&laquo;
+antwortete ich sch&uuml;chtern, aber doch im Augenblick
+meiner gegenteiligen Ansicht sehr sicher. &raquo;Mir scheint
+n&auml;mlich, als ob gerade sie unser Ziel w&auml;re. H&ouml;chstes
+Gl&uuml;ck der Erdenkinder ist nur die Pers&ouml;nlichkeit, &mdash; so
+&auml;hnlich hei&szlig;t es schon bei Goethe. Und der Sozialismus
+soll eben die M&ouml;glichkeit f&uuml;r alle schaffen, ein
+Gl&uuml;ck sich zu erringen, das heute nur wenige genie&szlig;en
+k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn der arme Nietzsche geistig nicht tot w&auml;re,&laquo;
+lachte Glyzcinski, &raquo;so w&uuml;rde ihn diese Ihre Auslegung
+daran mahnen, zum Weibe nicht ohne Peitsche zu kommen! &mdash; Sehen
+Sie doch um sich: sind seine lautesten
+Anh&auml;nger nicht unsere &auml;rgsten Feinde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil sie es sind, die ihn mi&szlig;verstehen, nicht ich!
+Sich ausleben, bedeutet doch nichts anderes, als alle
+Fesseln zerrei&szlig;en und zersprengen, die uns hindern k&ouml;nnen,
+die Glieder im Dienst der Menschheit zu regen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das, mein liebes Schwesterchen, ist aber kein Originalgedanke
+Nietzsches, sondern eine Forderung, die schon<a name="Page_569" id="Page_569"></a>
+Fichte und Kant und viele andere mehr ausgesprochen
+haben,&laquo; antwortete der Professor. &raquo;Ich f&uuml;rchtete schon,
+wir beide k&ouml;nnten uneins werden, und nun sehe ich, da&szlig;
+selbst Ihre Verteidigung Nietzsches nur ein neuer Beweis
+unserer Einigkeit ist.&laquo;</p>
+
+<p>Ein unbestimmter Widerspruch, &uuml;ber dessen Inhalt ich
+mir nicht klar zu werden vermochte, regte sich zwar noch
+in mir, aber ich war viel zu gl&uuml;cklich &uuml;ber die Br&uuml;cke
+des Verst&auml;ndnisses, die wir betreten hatten, als da&szlig; ich
+weiter dar&uuml;ber h&auml;tte nachdenken m&ouml;gen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Die Eltern kehrten zur&uuml;ck. Die Stimmung des
+Vaters mir gegen&uuml;ber wechselte t&auml;glich: er
+konnte z&auml;rtlich sein und voller Interesse f&uuml;r
+mich, meine Studien, meinen Verkehr; und in der
+n&auml;chsten Stunde schon wandelte sich seine Liebe in
+rauhen Zorn, seine Teilnahme in ungerechte Verdammungsurteile,
+wenn irgendein politisches Ereignis,
+eine sozialdemokratische Demonstration, eine Darstellung
+der Ethischen Bewegung in der konservativen
+Presse, den Aristokraten, den General, den Monarchisten
+in ihm &uuml;ber den Vater siegen lie&szlig;en. Die Mutter dagegen
+blieb fast immer k&uuml;hl, zur&uuml;ckhaltend, beobachtend.
+Klein-Ilschen ging mir scheu aus dem Wege. Und
+als ich sie nach der Ursache frug, gestand sie, da&szlig; der
+Konfirmandenunterricht ihr eine n&auml;here Beziehung zu
+mir unm&ouml;glich mache.</p>
+
+<p>Bisher hatte ich es stumm ertragen, die Rolle der
+ungern Geduldeten zu spielen, &mdash; an dem Tage aber, wo
+dies blonde Kind sich von mir wandte, weinte ich.</p>
+
+<p><a name="Page_570" id="Page_570"></a>Die konstituierende Versammlung der Ethischen Gesellschaft
+stand vor der T&uuml;r. Aus allen Teilen Deutschlands
+str&ouml;mten uns Begr&uuml;&szlig;ungsschreiben, Beitrittserkl&auml;rungen,
+Zustimmungskundgebungen zu, &mdash; es schien
+wirklich, als h&auml;tten sich viele im stillen nach einer
+geistigen Vereinigung auf dieser Basis gesehnt. Selten
+nur traf ich Glyzcinski nachmittags allein: Gelehrte und
+Ungelehrte, Leute mit ber&uuml;hmten Namen und mit W&uuml;rden
+beladen erschienen neben armen Handwerkern, und
+Frauen aus allen Kreisen fanden sich ein. Es war ein
+anderes Publikum, als das bei Egidy gewesen war:
+entschiedener in seiner antireligi&ouml;sen Gesinnung, von
+sozialem Pflichtbewu&szlig;tsein st&auml;rker durchdrungen. Und
+die nahende Vollendung des lange vorbereiteten Werks
+gestaltete auch die letzten Kommissionssitzungen harmonischer.
+Wir waren alle voll Zuversicht und voll
+guten Willens, uns auf dem Boden &raquo;allgemein menschlicher
+Ethik&laquo; zusammenzufinden.</p>
+
+<p>Von jener Begeisterung getragen, die die Geburtsstunde
+jeder neuen humanit&auml;ren Sch&ouml;pfung begleitet und
+die Teilnehmer glauben l&auml;&szlig;t, der Beginn sei schon die
+Vollendung, verliefen die offiziellen Gr&uuml;ndungstage unserer
+Gesellschaft. Es tat f&ouml;rmlich weh, zu der N&uuml;chternheit
+der Alltagsaufgaben zur&uuml;ckzukehren, und die meisten
+Menschen, die uns eben noch zugejubelt hatten, ergriffen
+vor ihnen die Flucht. Mir, die ich von der Welterl&ouml;sung
+getr&auml;umt hatte, wurde es besonders schwer, an
+all den internen Beratungen und Zusammenk&uuml;nften teil
+zu nehmen, wo &uuml;ber Fragen, wie die der Versammlungslokale,
+der Einkassierung der Beitr&auml;ge, und dergleichen
+mehr oft stundenlang verhandelt wurde. Ich ging
+<a name="Page_571" id="Page_571"></a>regelm&auml;&szlig;ig hin, um Glyzcinski dar&uuml;ber zu berichten, der
+nur ausnahmsweise an den Sitzungen teilnehmen konnte,
+und daher auch oft den Grad meiner Ern&uuml;chterung nicht
+verstand. In R&uuml;cksicht auf ihn, dessen Freundschaft mit
+mir kein Geheimnis war, mehr als in Anerkennung
+meiner sehr geringen Verdienste um die Gesellschaft,
+wurde mir, statt seiner &mdash; der jede Wahl von vornherein
+abgelehnt hatte &mdash; der Schriftf&uuml;hrerposten im
+Hauptvorstand angeboten. Ich z&ouml;gerte keinen Augenblick,
+ihn anzunehmen, da ich mir wohl bewu&szlig;t war,
+gerade durch ihn den gr&ouml;&szlig;ten Einflu&szlig; gewinnen zu
+k&ouml;nnen. Zu Hause erz&auml;hlte ich nicht ohne Stolz von
+der mir widerfahrenen Ehre. Der Vater kam gerade
+aus seinem Klub, und ich hatte in meiner Freude auf
+seine Mienen nicht geachtet und Mamas heimliche Zeichen
+nicht bemerkt.</p>
+
+<p>&raquo;Wie &mdash;&laquo;, fuhr er los, &raquo;ein Mensch, der meinen ehrlichen
+Namen tr&auml;gt, offizieller Vertreter dieser Gesellschaft
+internationaler Schwindler?!&laquo; Ich wollte ihn
+unterbrechen, aber er lie&szlig; mich nicht zu Worte kommen.
+&raquo;Habt ihr vielleicht nicht soeben, wie ich nat&uuml;rlich von
+Fremden erfahren mu&szlig;te, f&uuml;r die wahnwitzige Utopie
+ewigen Friedens demonstriert, was nichts anderes bedeutet,
+als diesen Schuften, den Sozialdemokraten, Wasser
+auf ihre M&uuml;hle treiben!&laquo; Seine Stimme schwoll an,
+als st&uuml;nde er auf dem Kasernenhof, &raquo;und die Religion
+wollt ihr schon den Kindern durch euren sogenannten
+Moralunterricht austreiben. Eine nette Moral das &mdash; wahrhaftig!&laquo;
+Er trat auf mich zu: &raquo;Ich verbiete dir
+ein- f&uuml;r allemal, mit diesen Gottesleugnern und Vaterlandsverr&auml;tern
+gemeinsame Sache zu machen &mdash; sonst &mdash;&laquo;</p>
+<p><a name="Page_572" id="Page_572"></a></p>
+<p>&raquo;Du erlaubst, da&szlig; ich mich entferne &mdash;&laquo; unterbrach
+ich den Tobenden und ging hinaus.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen kam er mir entgegen: ganz bla&szlig;,
+mit &uuml;berwachten, m&uuml;den Augen. &raquo;H&ouml;re auf deinen
+alten Vater, mein Kind, der es gut mit dir meint, &mdash; du
+bist auf falschem Wege, &mdash; schneide dir nicht die R&uuml;ckkehr
+ab, indem du dich &ouml;ffentlich engagierst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; mir Zeit zum &Uuml;berlegen, lieber Vater,&laquo; bat ich
+stockend, innerlich fast schon &uuml;berwunden; nur bei Glyzcinski
+wollte ich mir noch Rats erholen.</p>
+
+<p>&raquo;Geben Sie nach, &mdash; f&uuml;r diesmal noch!&laquo; sagte er,
+&raquo;das geringste Ma&szlig; von Schmerz sollen wir anderen
+zuf&uuml;gen. Und am sch&ouml;nsten ists, wenn der Gegner sich
+uns aus &Uuml;berzeugung schlie&szlig;lich selbst ergibt.&laquo;</p>
+
+<p>Meinen Vater &uuml;berw&auml;ltigte fast die R&uuml;hrung, als ich
+ihm sagte, da&szlig; ich mich seinem Wunsche f&uuml;gen wolle.
+Er ging selbst zum Professor und unterhielt sich ruhig
+und eingehend mit ihm, &raquo;wie ein vollendeter Ethiker.&laquo;
+Dann mu&szlig;t ich mit ihm in die Stadt, um mir ein Kleid
+auszusuchen: &raquo;Ich will nicht, da&szlig; du durch die ewige
+N&auml;herei in der Arbeit gest&ouml;rt wirst, die dir am Herzen
+liegt!&laquo;</p>
+
+<p>Es dauerte jedoch nicht lange, und ich f&uuml;hlte, da&szlig; es
+nur eines geringf&uuml;gigen Anlasses bedurfte, um einen
+neuen Sturm heraufzubeschw&ouml;ren.</p>
+
+<p>Ich schwebte in st&auml;ndiger Angst. Schon der Tritt
+meines Vaters auf der Treppe machte mich zittern, und
+m&ouml;glichst leise verlie&szlig; ich nachmittags das Haus, um erst
+dann erleichtert aufzuatmen, wenn die T&uuml;r von Glyzcinskis
+Studierstube sich hinter mir schlo&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt m&uuml;&szlig;t' ich Sie pflegen k&ouml;nnen, wie Sie mich,<a name="Page_573" id="Page_573"></a>&laquo;
+sagte er dann wohl, und sein warmer Blick voll Liebe
+und Mitleid ruhte auf mir.</p>
+
+<p>Eines Novemberabends &mdash; ich hatte infolge eines
+heftigen Erk&auml;ltungsfiebers ein paar Tage das Bett h&uuml;ten
+m&uuml;ssen &mdash; kam ein Brief vom Professor:</p>
+
+<p>&raquo;Mein gn&auml;digstes Fr&auml;ulein!</p>
+
+<p>Wir haben schon oft miteinander besprochen, da&szlig; die
+Schaffung eines Ethischen Journals sich angesichts der
+Entwicklung der Gesellschaft als eine immer st&auml;rkere
+Notwendigkeit erweist. Dieser Tage habe ich innerhalb
+unserer literarischen Gruppe die Frage er&ouml;rtert, und
+der Verleger unserer Flugbl&auml;tter hat sich bereit erkl&auml;rt,
+eine Zeitschrift, wie wir sie brauchen, in Gemeinschaft
+mit mir ins Leben zu rufen; da ich jedoch au&szlig;erstande
+bin, sie allein zu leiten, &mdash; der Redakteur eines solchen
+Blattes mu&szlig; pers&ouml;nlich bei wichtigen Vorkommnissen zugegen
+sein k&ouml;nnen &mdash;, liegt die letzte Entscheidung der
+Sache in Ihrer Hand. Die Stellung als mein Mitredakteur
+wird Ihre Arbeitskraft stark in Anspruch nehmen,
+und im Anfang ist der Verlag leider au&szlig;erstande, Ihnen
+ein h&ouml;heres Honorar, als etwa f&uuml;nfzehnhundert bis zweitausend
+Mark j&auml;hrlich zu bieten. Aber ich hoffe und
+glaube, da&szlig; Ihre Liebe zur Sache gro&szlig; genug ist, um
+&uuml;ber diese Schwierigkeiten hinwegzusehen.</p>
+
+<p>Mit verbindlichen Empfehlungen den Exzellenzen und
+herzlichen Gr&uuml;&szlig;en an Sie</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 13.5em;">Ihr treuergebenster</span><br />
+<span style="margin-left: 13em;">Georg von Glyzcinski.&laquo;</span><br />
+</p>
+
+<p>Das ist die Befreiung! jubelte ich &mdash; und zitterte doch
+vor Angst, als ich den Brief meinen Eltern gab. Die<a name="Page_574" id="Page_574"></a>
+Szene, die folgte, war schlimmer als je vorher. &raquo;Solange
+du meinen Namen tr&auml;gst, niemals &mdash; niemals!&laquo;
+Dabei blieb der Vater. Ich lief in die Nettelbeckstra&szlig;e
+und brach, aufschluchzend, neben dem Stuhl
+des Freundes zusammen. Minutenlang vermochte ich
+nicht zu sprechen und f&uuml;hlte nur, wie der schmalen
+Hand, die mir leise &uuml;ber die Stirne strich, wohlt&auml;tige
+Ruhe entstr&ouml;mte. Und dann erz&auml;hlte ich &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;&#8250;Solange du meinen Namen tr&auml;gst&#8249; &mdash; das sagte Ihr
+Vater?&laquo; Glyzcinski wandte den Kopf und sah zum
+Fenster hinaus, wo die roten und gelben Bl&auml;tter im
+Herbststurm tanzten. Es dunkelte schon, &mdash; eine Mahnung
+zum Aufbruch.</p>
+
+<p>&raquo;Ich f&uuml;rchte mich so &mdash;&laquo; murmelte ich mit neu hervorst&uuml;rzenden
+Tr&auml;nen. Und aus dem Zwielicht und der
+Stille h&ouml;rte ich seine leise Stimme sagen: &raquo;M&ouml;chtest du
+bei mir bleiben, mein Schwesterchen?&laquo; &mdash; &raquo;Immer &mdash; immer &mdash;&laquo;
+st&ouml;hnte ich und pre&szlig;te meine Lippen, ehe ers
+hindern konnte, auf die Hand, die wei&szlig; und unirdisch
+im D&auml;mmer leuchtete.</p>
+
+<p>Am fr&uuml;hen Morgen des n&auml;chsten Tages erhielt ich
+diesen Brief:</p>
+
+<p>&raquo;Mein liebes, gn&auml;diges Fr&auml;ulein!</p>
+
+<p>Schon vor Monaten habe ich mir oft gedacht: wenn
+Sie eine Anzahl Jahre &auml;lter geworden w&auml;ren, ohne das
+Gl&uuml;ck gefunden zu haben, das Sie in so reichem Ma&szlig;e
+verdienen, &mdash; wenn Sie sich mit dem Gedanken, auf
+Liebe und Gl&uuml;ck verzichten zu m&uuml;ssen, vertraut gemacht
+h&auml;tten, dann wollte ich fragen: Liebe Freundin, wollen
+wir zueinander ziehen, Mann und Frau werden, dabei
+<a name="Page_575" id="Page_575"></a>aber &mdash; wie es mir beschieden w&auml;re &mdash; als Bruder und
+Schwester weiterleben?!</p>
+
+<p>Der Umstand nun, da&szlig; sich jetzt ein Arbeitsplan f&uuml;r
+uns meldet, dessen Verwirklichung, nach dem Standpunkt,
+den Ihr Herr Vater einnimmt, zu schlie&szlig;en, durch
+jene Lebensvereinigung sehr erleichtert werden w&uuml;rde,
+ist der Grund, da&szlig; ich schon heut mit dieser Frage an
+Sie herantrete.</p>
+
+<p>Wir w&uuml;rden keine Liebes-, sondern eine Freundschafts- und
+Arbeitsehe f&uuml;hren; sie w&uuml;rde f&uuml;r Sie alles andere
+eher als eine &#8250;Versorgung&#8249; sein; wir w&uuml;rden wie die
+Zukunftsmenschen leben, wo auch die Frau sich durch
+eigene Arbeit erh&auml;lt. Ich bin ohne Verm&ouml;gen und habe
+nur ein geringes Einkommen. Im &uuml;brigen wissen Sie,
+da&szlig; mein Leben jeden Tag zu Ende sein kann.</p>
+
+<p>Und nun d&uuml;rfen Sie rasch &#8250;nein&#8249; sagen. Meine
+Freundschaft zu Ihnen w&uuml;rde auch dann immer dieselbe
+bleiben. Das &#8250;ja&#8249; w&uuml;rde jedenfalls eine lange &Uuml;berlegung
+notwendig machen. Handelt es sich doch um
+etwas &Auml;hnliches, als wenn ein M&auml;dchen den Nonnenschleier
+nimmt. Sollten Sie trotz alledem einmal &#8250;ja&#8249;
+sagen, so k&ouml;nnte es doch eine in ihrer Art sch&ouml;ne Ehe
+werden.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 20em;">Ewig</span><br />
+<span style="margin-left: 21.5em;">Ihr treuer Freund</span><br />
+<span style="margin-left: 20em;">Georg von Glyzcinski.&laquo;</span><br />
+</p>
+
+<p>Ich hatte kaum zu Ende gelesen &mdash; mit klopfendem
+Herzen und tiefen Atemz&uuml;gen &mdash;, als ich schon am Schreibtisch
+sa&szlig; und meine Feder &uuml;ber das Papier flog:</p>
+<p><a name="Page_576" id="Page_576"></a></p>
+<p>&raquo;Mein lieber Freund!</p>
+
+<p>Es bedarf f&uuml;r mich keiner &Uuml;berlegung, um meine
+Hand mit einem freudig-dankbaren Ja in die Ihre zu
+legen. Und es geschieht nicht im Gef&uuml;hl, auf Gl&uuml;ck
+und Liebe verzichten zu m&uuml;ssen: f&uuml;r mich gibt es nur
+ein Gl&uuml;ck, und das ist bei Ihnen; und alles was an
+Liebe in mir ist, geh&ouml;rt Ihnen. Auch ich habe, wie die
+Kinder, einmal von einem Paradies getr&auml;umt, das dem
+Himmel der Frommen &auml;hnlich sah. Jetzt k&ouml;nnte es mir fast
+wie die H&ouml;lle erscheinen, &mdash; w&auml;hrend Sie mir bieten, was
+die Erf&uuml;llung meiner hei&szlig;esten W&uuml;nsche in sich schlie&szlig;t.</p>
+
+<p>Ich sehe einen Urwald, bewohnt von allerhand Raubzeug,
+oft undurchdringlich dicht, da&szlig; die Sonne nicht
+bis auf den Boden dringen kann. Und mitten darin
+wir beide, eng verbunden, mit den Beilen bewaffnet,
+die Du uns schmiedetest. Und aus der N&auml;he und aus
+der Ferne t&ouml;nen die Axtschl&auml;ge vieler anderer Arbeiter
+zu uns her&uuml;ber. Das ist Musik f&uuml;r unser Ohr.
+Freilich fehlt es nicht an niederfallenden &Auml;sten, die uns
+verwunden, an giftigen Schlangen, die uns umdrohen.
+Aber solange wir uns selber haben, solange uns das
+Werkzeug nicht entf&auml;llt, solange wir offnen Auges das
+Licht immer m&auml;chtiger in die Tiefen des Waldes fluten
+sehen, &mdash; solange ist er uns das Paradies unseres
+Lebens ...&laquo;</p>
+
+<p>Ich schickte meine Antwort voran und folgte ihr auf
+dem Fu&szlig;e. Leise trat ich ins Zimmer &mdash; Georg bemerkte
+mich nicht. Auf dem Schreibtisch vor ihm lag
+mein Brief, die H&auml;nde hatte er dar&uuml;ber gefaltet und
+die Stirn wie versunken darauf gepre&szlig;t.</p>
+
+<p>&raquo;Georg &mdash;&laquo;</p>
+<p><a name="Page_577" id="Page_577"></a></p>
+<p>&raquo;Alix &mdash;&laquo;, er fuhr zusammen, ein Antlitz wandte sich
+mir zu, &uuml;berstr&ouml;mt von Tr&auml;nen. Und er nahm meine
+H&auml;nde und k&uuml;&szlig;te sie und zog meinen Kopf zu sich hernieder,
+und ich f&uuml;hlte, wie sein Mund sanft meine Augen
+ber&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Mit ruhiger Fassung sah ich den Ereignissen entgegen,
+die nun folgen mu&szlig;ten, &mdash; da&szlig; meine Eltern gegen
+meine Heirat wesentliche Einw&auml;nde erheben w&uuml;rden,
+nahm ich nicht an: Georg war von gutem, alten Adel &mdash; und
+im &uuml;brigen konnte es von ihnen nur als Erleichterung
+empfunden werden, mich endlich aus dem
+Hause zu haben. Ich war wie versteinert vor Schreck,
+als Georgs offizieller Brief an meinen Vater gekommen
+war und ich in seinem Zimmer vor ihm stand. Schwer
+atmend, mit dunkel gef&auml;rbtem Gesicht, die Augen rot
+unterlaufen, sa&szlig; er auf seinem Stuhl, den Rock ge&ouml;ffnet,
+mit den Fingern ungeduldig an seinem Kragen zerrend,
+als f&uuml;rchte er, zu ersticken. Heiser, ruckweise, mit einer
+Stimme, die die seine nicht war, begann er zu reden,
+w&auml;hrend die Mutter, im Sofa zusammengekauert, leise
+vor sich hin weinte.</p>
+
+<p>&raquo;Das mir &mdash; das mir! &mdash; hat Gott mich nicht
+schon genug gestraft?! &mdash; Dich &mdash; dich &mdash; auf die ich
+so stolz gewesen bin! &mdash; Die du mein &mdash; mein Kind
+warst vor allem! &mdash; Dich, um die ein K&ouml;nig noch h&auml;tte
+betteln m&uuml;ssen! &mdash; Dich will dieser &mdash; dieser &mdash; den
+Gott selbst als einen Ausgesto&szlig;enen brandmarkte &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Papa &mdash;!&laquo; schrie ich und taumelte bis an die T&uuml;r
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Er sprang auf, um sich im n&auml;chsten Augenblick, wie
+von einem Schwindel erfa&szlig;t, mit beiden F&auml;usten schwer
+<a name="Page_578" id="Page_578"></a>auf den Tisch zu st&uuml;tzen. Den Kopf weit vorgestreckt,
+die Augen stier auf mich gerichtet, fuhr er
+mich an:</p>
+
+<p>&raquo;Du l&auml;ufst mir nicht wieder davon, &mdash; und wenn
+ich dich mit Gewalt festhalten m&uuml;&szlig;te! Und deinen
+sauberen Galan &mdash;&laquo; er lachte grell auf &mdash; &raquo;ein
+Kerl, der nicht einmal ein Mann ist, &mdash; niederschie&szlig;en
+tu ich ihn, wie einen tollen Hund &mdash; &mdash;.&laquo; Mit einem
+unartikulierten Laut fiel er in den Stuhl zur&uuml;ck. Ich
+lief nach Wasser, &mdash; benetzte ihm die Lippen, &mdash; rieb
+ihm die Stirn, &mdash; es war ja ein Kranker, den ich vor
+mir hatte! Aber kaum war er zu sich gekommen, stie&szlig;
+er mich auch schon von sich.</p>
+
+<p>Mama, Ilse und der Diener brachten ihn zu Bett.
+Fast die ganze Nacht sa&szlig; ich horchend vor seiner Schlafzimmert&uuml;r.
+Wie eine M&ouml;rderin kam ich mir vor. Als
+der Morgen graute, schrieb ich ein paar Zeilen an
+Glyzcinski, und kaum da&szlig; der graue Novembertag mit
+schwerf&auml;llig-langsamen Schritten durch die Stra&szlig;en geschlichen
+kam, h&ouml;rte ich den Vater schon wieder in seinem
+Zimmer auf und nieder gehen. Er rief nach mir, &mdash; die
+Angst schn&uuml;rte mir die Kehle zu, aber ich folgte.
+Wie entsetzlich sah er aus! In einer einzigen Nacht, &mdash; wie
+furchtbar gealtert!</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;rchte dich nicht, &mdash; ich tue dir nichts &mdash;&laquo; sagte
+er und verzog den Mund mit den gesprungenen Lippen
+zu einer Grimasse, die ein L&auml;cheln sein sollte. &raquo;Ich will
+nur mit dir reden, will dir klar machen, &mdash; was du
+nicht wei&szlig;t &mdash; nicht wissen kannst, und was der Professor &mdash;&laquo;
+es war ihm offenbar unm&ouml;glich, den verha&szlig;ten
+Namen zu nennen &mdash; &raquo;vielleicht auch nicht
+<a name="Page_579" id="Page_579"></a>wei&szlig;. Die einzige Entschuldigung, die ich ihm zubilligen
+kann!&laquo; Ich mu&szlig;te mich neben ihn setzen, wie
+in fr&uuml;heren Jahren, und er behielt, w&auml;hrend er sprach,
+meine Hand in der seinen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich sagte dir schon, &mdash; du bist mein Kind! Du
+hast meine Leidenschaften, mein hei&szlig;es Herz, mein wildes
+Blut. Bist du die &mdash; die Frau dieses Mannes, so wird &mdash; ich
+wei&szlig; es genau, ganz genau! &mdash; eine Zeit kommen,
+fr&uuml;her oder sp&auml;ter, wo dein Herz sich vor Qualen zusammenkrampft,
+wo dein Blut nach Liebe schreit &mdash; schreit!! &mdash; h&ouml;rst
+du? &mdash; Nach einer Liebe, die dieser
+Mann dir nie wird geben k&ouml;nnen! &mdash; Dann wirst du
+ungl&uuml;cklich werden, totungl&uuml;cklich &mdash; oder &mdash;,&laquo; er brachte
+nur mit &auml;u&szlig;erster Anstrengung die letzten Worte hervor &mdash; &raquo;eine
+Ehrlose, &mdash; eine &mdash; eine Dirne!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Papa, lieber Papa!&laquo; ich streichelte ihm die H&auml;nde,
+&raquo;du k&ouml;nntest so nicht sprechen, wenn du mich besser
+kennen w&uuml;rdest! &mdash; Ich bin kein Kind mehr &mdash; ich habe
+viel erlebt, &mdash; sehr, sehr viel gelitten, mein Blut hat
+endg&uuml;ltig ausgetobt, mein Herz wei&szlig; von keiner anderen
+Liebe als von der, die Georg mir bietet!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du irrst, &mdash; und dieser Irrtum wird dein Ungl&uuml;ck
+werden. Ich kenne dich besser, als du dich in diesem
+Augenblick kennst &mdash;.&laquo; Seine &uuml;berwachten Augen sahen
+ins Weite, er schien immer mehr zu vergessen, da&szlig; ich
+neben ihm sa&szlig;. &raquo;Auch ich liebte &mdash; und verzehrte mich
+nach Liebe! Und warb ein viertel Jahrhundert lang um
+sie, die mein Weib war. Ich wollte nicht begreifen,
+da&szlig; all meine Leidenschaft sie nicht erw&auml;rmen konnte &mdash;!
+Bis ich ein alter Mann geworden bin, bis ich einsehen
+lernte, da&szlig; nichts &mdash; nichts im Leben mir Wort hielt, &mdash; auch
+<a name="Page_580" id="Page_580"></a>meine Liebeshoffnung nicht! &mdash;&laquo; Er schwieg,
+&uuml;berw&auml;ltigt von der Erinnerung.</p>
+
+<p>&raquo;Verstehst du nun, da&szlig; ich den Gedanken nicht ertragen
+kann, dich ebenso &mdash; nein &mdash; noch viel ungl&uuml;cklicher
+werden zu sehen als mich? &mdash; Du wirst ja nicht
+einmal Kinder haben!&laquo;</p>
+
+<p>Ich zuckte zusammen, &mdash; aber rasch und gewaltsam
+hatte ich die Empfindung auch schon niedergek&auml;mpft, die
+ihm Recht h&auml;tte geben k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;Alle armen, alle verlassenen Kinder in der Welt
+werden meine Kinder sein &mdash;&laquo; antwortete ich, &raquo;f&uuml;r sie
+werde ich denken und arbeiten!&laquo;</p>
+
+<p>Papa stand auf: &raquo;So habe ich dir nichts mehr zu
+sagen. Du bist majorenn, du bedarfst meiner Erlaubnis
+nicht. Nur um eins bitte ich dich, und deine Mutter
+wird dieselbe Bitte dem &mdash; dem Professor vortragen &mdash; ich
+selbst f&uuml;hle mich nicht stark genug, ihn zu sehen &mdash;:
+Warte nur noch ein halbes Jahr, &mdash; pr&uuml;fe dich w&auml;hrenddessen.
+Du kannst, ungehindert durch mich, deinen Verkehr
+in derselben Weise fortsetzen wie bisher, &mdash; bist du
+dann noch entschlossen, &mdash; so strecke ich die Waffen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich wollte danken, &mdash; war doch dies Zugest&auml;ndnis
+weit mehr, als ich nach dem gestrigen Auftritt noch
+glaubte erwarten zu d&uuml;rfen, &mdash; aber er entzog mir seine
+Hand und verlie&szlig; hastig das Zimmer.</p>
+
+<p>Noch am Abend schrieb mir Georg, den meine Mutter
+inzwischen aufgesucht hatte:</p>
+
+<p>&raquo;... Wir hatten eine lange ernste Unterredung miteinander,
+die mir um so gr&ouml;&szlig;eren Eindruck machte, als
+kurz vorher der Oberst Glyzcinski hier gewesen war,
+dem ich mich in meiner Aufregung verriet, und der mir
+<a name="Page_581" id="Page_581"></a>aus meinem Vorgehen die heftigsten Vorw&uuml;rfe machte.
+&#8250;Geschieht, was du in deiner Unkenntnis der Welt und
+der Menschen als dein Gl&uuml;ck ansiehst, so geht Ihr zugrunde,&#8249;
+sagte er. Meine geliebte Alix, &mdash; sind wir
+nicht in einer Hinsicht wirklich unwissende Kinder? Es
+sollte doch keiner von uns zugrunde gehen! Wir haben
+doch beide eine Mission! Es gibt so gar wenige, die
+unseren Enthusiasmus f&uuml;r unsere Sache haben! Sollten
+wir uns beide nicht dieser Sache erhalten? Vielleicht
+ist es ein Verh&auml;ngnis, das der sch&ouml;nen Tochter der
+Exzellenz den alten Professor zurseite schob und in
+ein stilles, beschauliches, von allen irdischen Freuden
+abgeschlossenes Gelehrtenleben pl&ouml;tzlich eine Fee hineinversetzte.
+Sollten wir dies Verh&auml;ngnis nicht in ein
+segensreiches Schicksal verwandeln k&ouml;nnen, wenn wir,
+wenn vor allem ich mich selbst bezwinge? ...</p>
+
+<p>Drei Stunden t&auml;glich Liebe und Sonnenschein? Ist
+das nicht viel? Die armen Millionen, denen sie nimmer
+scheint, die liebe Sonne! Ich freilich d&uuml;rste nach mehr,
+aber dann geht einer von uns zugrunde!! &mdash; Und lieber
+lebe ich dauernd in tiefster Nacht, als da&szlig; ich &uuml;ber das
+Haupt des liebsten Menschen solch Schicksal heraufbeschw&ouml;re!</p>
+
+<p>Machen wir also den ernsten Versuch, geliebte Freundin,
+uns mit ein wenig Gl&uuml;ck &mdash; f&uuml;r mich ist das schon
+&uuml;berschwenglich viel! &mdash; und viel Arbeit zu begn&uuml;gen,
+und bitte Deine Eltern, da&szlig; sie es Dir leicht machen
+sollen ...&laquo;</p>
+
+<p>Aber seine Blicke straften die scheinbare Ruhe dieser
+Verzichtleistung L&uuml;gen. Das strahlende Licht war aus
+seinen Augen verschwunden, wie das sonnige L&auml;cheln
+<a name="Page_582" id="Page_582"></a>um seine Lippen. Und verlie&szlig; ich ihn des Abends, so
+hielt er mich oft mit einem Ausdruck fest, als litte er
+alle Qualen eines Abschieds auf immer. Wir sahen
+uns t&auml;glich. Bald aber merkte ich, wie mein Vater
+durch Einladungen und Verabredungen aller Art meine
+Besuche bei Georg zu hindern suchte. Erinnerte ich ihn
+an sein Versprechen, so wurde er heftig, setzte ich seinen
+W&uuml;nschen Widerstand entgegen, so konnte ich sicher sein,
+bei der Heimkehr die Mutter verweint, die Schwester
+versch&uuml;chtert, den Vater stumm und finster wieder zu
+finden. Blieb ich des Abends fort &mdash; Versammlungen
+und Kommissionssitzungen, &uuml;ber die ich in unserer Zeitschrift
+berichten mu&szlig;te, machten es h&auml;ufig genug notwendig &mdash;, so
+schlich ich mich in zitternder Furcht nach
+Hause, weil der Vater mich schon oft mit den ungerechtfertigsten
+Vorw&uuml;rfen empfangen hatte. Jeder Artikel,
+den ich in unserem Blatt unter meinem Namen
+schrieb &mdash; die Anonymit&auml;t war mir als eine Feigheit
+verha&szlig;t &mdash;, gab Anla&szlig; zu den peinlichsten Auseinandersetzungen,
+und die politischen Ereignisse der Zeit benutzte
+er, um das, was mir heilig war, ma&szlig;los zu verunglimpfen.
+Ich wurde schlie&szlig;lich von einem so dauernden,
+Angstgef&uuml;hl gefoltert, da&szlig; ich oft meinte, vom Verfolgungswahn
+gepackt zu sein. Der t&auml;glich wiederholte
+Versuch, vor Georg heiter zu sein, mi&szlig;lang immer vollst&auml;ndiger,
+und eines Tages gestanden wir einander das
+Unertr&auml;gliche unseres Zustands.</p>
+
+<p>&raquo;So willst du wirklich &mdash; wirklich diesen Kr&uuml;ppel
+heiraten, den man im Mittelalter der Zauberei angeklagt,
+und ganz gewi&szlig; verbrannt haben w&uuml;rde?&laquo; sagte er mit
+ungl&auml;ubigem L&auml;cheln.</p>
+<p><a name="Page_583" id="Page_583"></a></p>
+<p>&raquo;Ich will!&laquo; antwortete ich fest &raquo;und wenn es sein
+mu&szlig;, ohne den Segen der Eltern.&laquo; Da ich wu&szlig;te, da&szlig;
+meines Vaters Heftigkeit mich nicht w&uuml;rde zu Worte
+kommen lassen, so schrieb ich ihm einen langen, liebevollen
+Brief, in dem ich ihm klar zu machen versuchte,
+da&szlig; ich alt genug sei, um nach eigener &Uuml;berzeugung mein
+Leben zu gestalten, da&szlig; es im h&ouml;heren Sinne gewissenlos
+und pflichtwidrig w&auml;re, statt der eigenen Einsicht
+und dem eigenen Gef&uuml;hl sklavisch dem Machtgebot
+anderer zu gehorchen, da&szlig; es schlimmer sei als t&ouml;ten,
+wenn ein Mensch den anderen zeitlebens zur Unm&uuml;ndigkeit
+und Unfreiheit verdamme.</p>
+
+<p>Einen ganzen Vormittag lang schien mein Vater
+meinen Brief zu ignorieren, erst als ich das Haus verlassen
+wollte, trat er mir im Flur entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Du bleibst!&laquo; rief er und umklammerte mein Handgelenk.
+&raquo;Die sechs Monate Frist, die ich dir gestellt
+habe, sind noch nicht um, &mdash; aber du zwingst mich, meine
+Bedingungen zu &auml;ndern. Du wirst von heute ab deine
+Besuche einstellen. Dieser sittenstrenge Ethiker soll mir
+nicht ganz und gar deine Seele vergiften.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du brichst dein Versprechen, Papa &mdash;&laquo; stie&szlig; ich
+hervor und ri&szlig; mich gewaltsam los. In demselben Augenblick
+griff er nach der alten Reiterpistole auf seinem
+Schreibtisch &mdash;.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Schritt noch und ich schie&szlig;e &mdash;.&laquo; Aber schon
+lief ich die Treppe hinunter &mdash; &uuml;ber die Stra&szlig;e &mdash; &uuml;ber
+den Platz, &mdash; Menschen und Wagen und H&auml;user
+sah ich wie Schatten an mir vor&uuml;berfliegen.</p>
+
+<p>Wie ich zu Georg kam, &mdash; ich wei&szlig; es nicht, &mdash; der
+gelle Angstschrei, den er ausstie&szlig;, als ich mitten in seinem<a name="Page_584" id="Page_584"></a>
+Zimmer niederfiel, brachte mich zur Besinnung. Noch
+an demselben Abend fuhr ich zu Freunden von ihm, die
+mir auf alle F&auml;lle ihr Haus schon zur Verf&uuml;gung gestellt
+hatten. Ohne Angabe meiner Adresse teilte ich
+den Eltern mit, da&szlig; ich nicht mehr zu ihnen zur&uuml;ckkehren
+werde. Aber noch ehe mein Brief sie erreicht
+haben konnte, benachrichtigte mich Georg, da&szlig; Onkel
+Walter mich zu sprechen w&uuml;nsche. Er erwarte mich im
+Reichstag. Ich ging hin. Und w&auml;hrend im Plenarsaal
+die Redeschlacht um die Milit&auml;rvorlage tobte, gingen
+wir ruhig und gemessen in der Wandelhalle auf und
+ab, und niemand konnte ahnen, da&szlig; sich hier ein Schicksal
+entschied.</p>
+
+<p>&raquo;Hans war bei mir, &mdash; gleich nach jener Szene. Er
+sprach, dramatisch wie immer, von Versto&szlig;en, Verfluchen
+und dergleichen,&laquo; begann Onkel Walter in gesch&auml;ftsm&auml;&szlig;igem
+Ton. &raquo;Ich habe ihm erkl&auml;rt, da&szlig; es unser
+aller Pflicht sei, einen Familienskandal zu vermeiden,
+und da&szlig; ich &mdash; wenn er auf seinem Standpunkt beharren
+wolle &mdash; meine Nichte, die Tochter meiner
+Schwester, in mein Haus nehmen, und da&szlig; sie dort unter
+meinem Schutz heiraten w&uuml;rde. Ilse ist, Gott Lob, ganz
+meiner Meinung. Ein Zustand, wie der bisherige, ist
+f&uuml;r alle Teile auf die Dauer unhaltbar. Von mir aus
+ist Hans bei Geheimrat Frommann gewesen, der ihm
+zugeredet hat, nachzugeben, und dich und deinen Verlobten
+in den h&ouml;chsten T&ouml;nen pries. Infolgedessen hat dein
+Vater sich wesentlich beruhigt. Er wird morgen meine
+Frau nach Pirgallen begleiten und erlaubte deiner
+Mutter, alle Vorbereitungen zu deiner Hochzeit zu treffen,
+an der er nat&uuml;rlich selbst nicht teilnehmen wird.&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_585" id="Page_585"></a>Mir traten die Tr&auml;nen in die Augen, &mdash; die Ersch&uuml;tterung
+dieses neuen pl&ouml;tzlichen Umschwungs war zu
+gro&szlig; f&uuml;r mich!</p>
+
+<p>&raquo;Du hast keine Ursache, mir zu danken,&laquo; schnitt Onkel
+Walter schroff jede Antwort ab, &raquo;ich tat nur meine
+Pflicht im Interesse der Ehre unserer Familie. Im
+&uuml;brigen ist es hohe Zeit, da&szlig; wir Ruhe vor dir haben.&laquo;
+Damit war ich entlassen.</p>
+
+<p>Ich kehrte nach Hause zur&uuml;ck, nachdem mein Vater
+abgereist war.</p>
+
+<p>Mit ihrem k&uuml;hlsten Gesichtsausdruck empfing mich die
+Mutter. &raquo;Deiner Heirat steht nichts mehr im Wege,&laquo;
+sagte sie, &raquo;au&szlig;er einer Kleinigkeit, die du nat&uuml;rlich vergessen
+hast: der Ausstattung. Wir sind, wie du wei&szlig;t,
+nicht in der Lage, sie dir zu beschaffen, du wirst dich
+also mit der kleinen Summe aus der Kleveschen Familienstiftung
+begn&uuml;gen m&uuml;ssen. Und was die Wohnung
+betrifft, so &mdash; &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ich mu&szlig;te wider Willen lachen: &raquo;Das sind aber doch
+wirklich nichts als Kleinigkeiten, Mama!&laquo; unterbrach
+ich sie. &raquo;Wir haben, was wir brauchen, &mdash; und Georgs
+Wohnung ist viel zu h&uuml;bsch, als da&szlig; ich sie aufgeben
+m&ouml;chte!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine Hofwohnung &mdash; und nur drei Zimmer!&laquo; Mama
+kr&auml;uselte ver&auml;chtlich die Lippen.</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;bergenug f&uuml;r uns! &mdash; du siehst: wenn das Aufgebot
+morgen erfolgt, k&ouml;nnen wir in vierzehn Tagen getraut
+werden &mdash; &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Selbstverst&auml;ndlich! &mdash; Ich werde heute noch mit
+Euren Papieren auf das Standesamt und wom&ouml;glich
+auch gleich zum Geistlichen gehen.&laquo;</p>
+<p><a name="Page_586" id="Page_586"></a></p>
+<p>&raquo;Zum &mdash; Geistlichen?!&laquo; Ich starrte sie verst&auml;ndnislos
+an. Wir &raquo;dezidierten Nichtchristen&laquo; sollten uns geistlich
+trauen lassen?!</p>
+
+<p>&raquo;Georg ist Atheist &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schlimm genug!&laquo; rief die Mutter, &raquo;aber du heiratest
+unter dem Schutz deiner gl&auml;ubigen Eltern und wirst
+es nach unserem Glauben tun &mdash; oder gar nicht.&laquo;</p>
+
+<p>All meine Erkl&auml;rungen und Bitten prallten an ihrem
+unbeugsamen Willen ab. Ich sah aufs neue die schwer
+erk&auml;mpfte Zukunft gef&auml;hrdet. Aber als ich Georg mit
+vor Aufregung zitternder Stimme von der m&uuml;tterlichen
+Entscheidung erz&auml;hlte, zog nur ein leichter Schatten &uuml;ber
+seine Z&uuml;ge.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn deiner Mutter Herz an dieser Zeremonie h&auml;ngt,
+so lassen wir ihr die Freude,&laquo; meinte er nach kurzem
+&Uuml;berlegen. &raquo;D&uuml;rfen wir unser Leben und seine Aufgabe
+von einer blo&szlig;en Formel abh&auml;ngig machen?!&laquo; Ich senkte
+stumm den Kopf, so recht aufrichtig h&auml;tte ich seiner Ansicht
+doch nicht zustimmen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Den n&auml;chsten Verwandten war meine bevorstehende
+Heirat mitgeteilt worden. Mit einer gewissen Genugtuung
+zeigte mir die Mutter, um deren Mundwinkel
+sich die Falten der Bitterkeit t&auml;glich tiefer gruben,
+ihre teils entsetzten, teils mitleidigen Briefe. An Tante
+Klotilde hatte ich selbst geschrieben; ein paar Tage vor
+der Hochzeit antwortete sie mir: &raquo;Was du tust, ist
+Wahnsinn, ja, schlimmer noch: ein widernat&uuml;rliches
+Verbrechen. Auf welch traurigen Abwegen du dich befindest,
+habe ich schon durch deine potsdamer Kusinen
+erfahren. Da&szlig; es aber soweit mit dir kommen w&uuml;rde,
+h&auml;tte ich nimmer gedacht. Wolle Gott, da&szlig; meine
+<a name="Page_587" id="Page_587"></a>schlimmsten Bef&uuml;rchtungen f&uuml;r die Zukunft nicht in Erf&uuml;llung
+gehen! Das ist der einzige Wunsch, mit dem
+ich deine Heirat begleite...&laquo;</p>
+
+<p>Aber je n&auml;her ich meinem Ziele war, desto gleichg&uuml;ltiger
+lie&szlig;en mich all die Nadelstiche des t&auml;glichen
+Lebens.</p>
+
+<p>Als ich jedoch am Abend vor der Trauung zum
+letztenmal in die elterliche Wohnung zur&uuml;ckkehrte, stockte
+mir schon vor der T&uuml;re der Atem, und in den dunkeln
+R&auml;umen legte sich mir die Luft zentnerschwer auf das Herz.
+In dem verlassenen Zimmer des Vaters war es totenstill,
+selbst die Uhr tickte nicht mehr; &mdash; hatte ich &mdash; ich, die
+Tochter, die er am meisten liebte, ihn nicht hinaus getrieben?!
+Stumm und in sich gekehrt sa&szlig;en Mutter
+und Schwester und ich um den gedeckten Tisch und zerbr&ouml;ckelten
+das Brot zwischen den Fingern. Die Lampe
+wollte heute nicht leuchten, und der Teekessel summte
+schwerm&uuml;tig, &mdash; gro&szlig; und vorwurfsvoll sah mir zuweilen
+das blaue Augenpaar der Schwester entgegen, &mdash; die
+Mutter vermied meinen Blick; und was sie sagte, kam
+ihr rauh und hart aus der Kehle. In mein Zimmer
+trieb es mich fr&uuml;her als sonst. Ich legte mechanisch
+meine letzten zur&uuml;ckgebliebenen Sachen in den Koffer.
+Da klopfte es leise &mdash; und in den unruhigen Schein
+der Kerze trat Klein-Ilse mit hei&szlig;-geweinten Wangen,
+einen Kranz von Orangenbl&uuml;ten in der Hand und einen
+wei&szlig;en Schleier. Sie wollte sprechen, &mdash; sie konnte es
+nicht, &mdash; unaufhaltsam flossen ihr die Tr&auml;nen aus den
+Augen; &mdash; mit einer Bewegung, die Schmerz, Ha&szlig; und
+Liebe zugleich zu diktieren schienen, warf sie ihre Gabe
+auf den Tisch und war im n&auml;chsten Augenblick wieder
+<a name="Page_588" id="Page_588"></a>verschwunden. Ich l&auml;chelte m&uuml;de, &mdash; einen anderen
+Kranz hatte ich mir wohl vor langen Jahren ertr&auml;umt; &mdash; fort
+mit allem blassen Erinnern, &mdash; drau&szlig;en stand die
+Arbeit, stand das Leben und begehrte meiner!</p>
+
+<p>Noch einmal klopfte es: ein Brief von Georg:</p>
+
+<p>&raquo;Mein Liebling! Zum letztenmal sag ich Dir aus der
+Ferne Gute Nacht. Von morgen ab wirst Du bei mir
+sein und bleiben. Eine heilige Lebensaufgabe liegt vor
+uns, die wir zum Wohle der Menschheit erf&uuml;llen wollen,
+und eine, die unsere br&auml;utliche Ehe uns pers&ouml;nlich auferlegt.</p>
+
+<p>Nach meinem Tode kannst Du &mdash; aber ganz aufrichtig,
+meine tapfere Alix! &mdash; der Welt erz&auml;hlen, wie
+ihre L&ouml;sung gelang, &mdash; anderen zur Warnung, oder zur
+Nachahmung. Nur ein Versprechen verlange ich heute
+von Dir: sollte jene Liebe Dich jemals gefangen nehmen,
+vor der die Menschen uns warnen, und die sich auf
+mich, Deinen Gatten, nicht richten kann, &mdash; so denke,
+ich sei Dein Vater, und schenke mir Dein Vertrauen.
+Ich werde mich seiner w&uuml;rdig erweisen, und nie soll ein
+St&uuml;ck Papier f&uuml;r Dich eine Fessel werden. In keiner
+Lebenslage w&uuml;rdest Du mich verlieren.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 11em;">Dein in Zeit und Ewigkeit!</span><br />
+<span style="margin-left: 23.5em;">Georg.&laquo;</span><br />
+</p>
+
+<p>Und die Schatten der Vergangenheit zerstoben; ruhig
+und gl&uuml;cklich schlief ich dem Morgen entgegen.</p>
+
+<p>Meine Kusine Mathilde war gekommen, &mdash; auch sie
+mit einem Gesicht, als sollte sie an einer Beerdigung
+und nicht an einer Hochzeit teilnehmen. Zu Fu&szlig; gingen
+wir vier in die Nettelbeckstra&szlig;e. Wir gingen rascher &mdash; immer
+rascher, als wollte einer dem anderen ent<a name="Page_589" id="Page_589"></a>laufen.
+Kein Wort der Liebe war meiner Mutter bisher
+&uuml;ber die Lippen gekommen. Vor der Haust&uuml;r blieb
+sie aufatmend stehen. &raquo;Nun hast du deinen Willen
+durchgesetzt,&laquo; stie&szlig; sie zwischen den Z&auml;hnen hervor.</p>
+
+<p>In meinem k&uuml;nftigen Schlafzimmer, einem gro&szlig;en
+Raum, dessen einziges Fenster auf den dunklen Hof
+hinaussah, zog ich mein Brautkleid an. Kranz und
+Schleier lagen bereit; niemand kam, mir zu helfen. Sie
+waren alle vorn und schm&uuml;ckten den Altar! Da h&ouml;rt'
+ich eine zaghafte Stimme an der T&uuml;r: &raquo;Darf ich?&laquo;, und
+eine kleine Frau schl&uuml;pfte herein, verlegen und l&auml;chelnd
+an der gro&szlig;en wei&szlig;en Sch&uuml;rze zupfend, in den roten
+H&auml;nden einen bunten Nelkenstrau&szlig;. Ich kannte sie
+fl&uuml;chtig: die Frau vom Tischler nebenan war's, dem
+Georg aus dem Elend geholfen hatte, und der jetzt
+t&auml;glich kam, um sich den &raquo;Vorw&auml;rts&laquo; zu holen. &raquo;Ich
+konnt' doch heut nicht fehlen,&laquo; stotterte sie, &raquo;ich mu&szlig;t'
+doch dem gn&auml;digen Fr&auml;ulein zeigen, wie m&auml;chtig wir
+uns freuen, mein Karl und ich! So sch&ouml;n ist's, da&szlig; der
+gute Herr Professor nu nich mehr so alleinich is, &mdash; so
+heilig sch&ouml;n, da&szlig; Sie seine Frau werden!&laquo; Dabei faltete
+sie die H&auml;nde und sah mich aus ihren hellen runden
+Augen an, wie der gute Katholik ein wundert&auml;tiges
+Heiligenbild. Und dann nahm sie vorsichtig den Schleier
+und steckte ihn mir auf die Locken und legte mit ihren
+groben Arbeitsh&auml;nden ganz leicht und zart den Kranz
+darauf: &raquo;Der liebe Gott segne Sie! &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>War es, weil ich aus dem Dunkel kam, oder weil
+helle Freudentr&auml;nen mir in den Augen standen, &mdash; ich
+sah, als ich in Georgs Zimmer trat, nichts als Wogen
+goldschimmernden Glanzes. Wie Schattenbilder, die uns
+<a name="Page_590" id="Page_590"></a>nichts angingen, bewegten sich die Menschen darin. Ich
+h&ouml;rte Worte, mit denen sich mir kein Sinn verband,
+und leises Schluchzen, das von weit her kam. Um den
+Tisch hinter der schwarzen Gestalt des Pfarrers schwebte
+eine Woge weichen Blumendufts zu mir her&uuml;ber, ein
+wei&szlig;es Kreuz leuchtete auf gr&uuml;nem Grund, &mdash; es hatte
+einst auf Gro&szlig;mamas Schreibtisch gestanden &mdash; und die
+schwarze Schrift darauf war die Traupredigt, die ich
+allein vernahm: &raquo;Die Liebe h&ouml;ret nimmer auf.&laquo; Ein
+paar H&auml;ndedr&uuml;cke f&uuml;hlt' ich noch, eine paar zeremonielle
+K&uuml;sse auf der Stirn &mdash; Kleiderrauschen &mdash; halblautes
+Schwatzen &mdash; T&uuml;ren schlagen &mdash; und noch einmal den
+grellen Ton der Glocke: Ein Telegramm. &raquo;In z&auml;rtlichster
+Liebe bin ich bei dir und Georg. Dein Vater.&laquo;</p>
+
+<p>Dann ward es still, ganz still bei uns. Wir waren
+allein.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_591" id="Page_591"></a></p>
+<h2><a name="Neunzehntes_Kapitel" id="Neunzehntes_Kapitel"></a>Neunzehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p>In einem Tal des Friedens lebte ich. Sanfte
+H&ouml;henz&uuml;ge h&uuml;teten es vor der Welt, wie freundliche
+W&auml;chter. Meine Wege kannten keine j&auml;hen
+Abh&auml;nge mehr, an denen der Fu&szlig; &auml;ngstlich strauchelt,
+nirgends drohte ein Fels, kein Habicht lauerte auf meine
+singenden V&ouml;gel. Die B&auml;che d&auml;mpften ihr Geschw&auml;tz,
+der Wind streichelte leise Bl&auml;tter und Blumen, der
+Sonne Licht war wie ein m&uuml;tterliches L&auml;cheln.</p>
+
+<p>Wie kam es nur, da&szlig; die Tage vor&uuml;berflossen ohne
+Angst &mdash; ohne Streit, da&szlig; die Stunden nicht mehr erf&uuml;llt
+waren von der lastenden Luft heimlichen Zornes?
+Und da&szlig; ich sagen durfte, was ich dachte?! Wie war
+es m&ouml;glich, da&szlig; ich kein Kettenklirren h&ouml;rte, wenn mein
+Fu&szlig; neue Pfade betrat, da&szlig; ich nicht allein war und
+mich doch niemand scheltend zur&uuml;ckri&szlig;, wenn ich vom
+Berge weit &mdash; weit in die Ferne sah? Einer war neben
+mir und h&uuml;tete jeden meiner Schritte und ging mir
+zugleich voran, ein Pfadfinder.</p>
+
+<p>Der P&ouml;bel str&ouml;mte herzu mit seiner Neugierde und
+seiner Niedrigkeit, aber unsichtbare Kr&auml;fte verschlossen
+ihm unser Tal des Friedens. Wir allein gingen ungehindert
+ein und aus. Aber ob wir gleich in der
+Welt wandelten und unsere Schwerter kreuzten mit<a name="Page_592" id="Page_592"></a>
+Kr&auml;mern und Philistern, so war doch unsere Seele
+immer in ihm. Und seine Quellen heilten alle unsere
+Wunden ...</p>
+
+<p>Fieberhaft rasch klopfte damals das Herz der Zeit.
+Sie war, wie ein geniales Kind, das &uuml;ber dem Reichtum
+seines Innern unruhig von einem der goldenen
+Sch&auml;tze zum anderen springt.</p>
+
+<p>Der Kaiser hatte den Reichstag aufgel&ouml;st. Wieder
+einmal war der Monarch, der unter dem nivellierenden
+Rock des Europ&auml;ers stets den mystisch-schimmernden
+Herrschermantel des Gottesgnadentums trug, mit dem
+Volk aufeinandergesto&szlig;en. Da&szlig; er es nicht begriff, nicht
+begreifen konnte, war weniger seine Schuld als die des
+unl&ouml;sbar-tragischen Widerspruchs zwischen der uralten
+Tradition der K&ouml;nige und der zum Bewu&szlig;tsein ihrer selbst
+erwachten Menschheit. V&auml;ter pflegen selten zu begreifen,
+da&szlig; ihre Kinder Menschen werden. F&uuml;r ihn blieb das
+Volk &mdash; &raquo;mein&laquo; Volk!, &mdash; das Kind, das willenlose,
+und immer nur waren es &raquo;Hetzer&laquo; und &raquo;Unberufene&laquo;,
+die sich als seine Wortf&uuml;hrer aufspielten. Darum galt
+ihm das Heer, &mdash; ein durch die Macht der Disziplin
+in das Stadium der Kindheit zur&uuml;ckgedr&auml;ngtes Volk &mdash;,
+stets als &raquo;die einzige S&auml;ule, auf der unser Reich besteht,&laquo;
+und ein Volksverr&auml;ter war, wer seine Entwicklung
+hemmte. Im festen Glauben an die ihm von Gott
+selbst gegebene Macht, &mdash; <em class="antiqua">&raquo;suprema lex regis voluntas,&laquo;</em>
+hatte er ein Jahr vorher in das goldene Buch M&uuml;nchens
+geschrieben &mdash;, verk&uuml;ndete er seinen Willen allen h&ouml;rbar,
+und nahm die stummen Verbeugungen deren, die um
+ihn standen, als Zeichen f&uuml;r die allgemeine Ergebenheit.</p>
+
+<p>Um die Milit&auml;rvorlage tobte der Wahlkampf, der alte<a name="Page_593" id="Page_593"></a>
+Parteien auseinanderri&szlig; und wie Scheidewasser die Geister
+voneinander trennte. In atemloser Spannung sah ich
+zu. Auch Egidy, der tapfere Tr&auml;umer, der &raquo;Edel-Anarchist&laquo;,
+der keine Partei anerkannte und doch, getrieben
+von der unbestechlichen Wahrhaftigkeit seines
+Wesens, die Wahlparole der Sozialdemokratie nur in
+seine Sprache &uuml;bersetzte, stand auf der Wahlstatt.</p>
+
+<p>&raquo;Was sagen Sie dazu, da&szlig; unser gemeinsamer Freund
+sich zum Reichstag aufgestellt hat?&laquo; schrieb mir Wilhelm
+von Polenz. &raquo;&Uuml;berrascht er nicht immer wieder
+durch seinen Mut und die Konsequenz seiner Entwicklung?
+Ich komme dieser Tage nach Berlin und
+m&ouml;chte Sie gern in eine seiner Wahlversammlungen
+begleiten.&laquo;</p>
+
+<p>Wenigen Ereignissen stand ich erwartungsvoller gegen&uuml;ber
+als diesem ersten Besuch einer Volksversammlung!</p>
+
+<p>Es war ein halbdunkler Raum, niedrig und verr&auml;uchert,
+in den wir eintraten. Er f&uuml;llte sich nur langsam. Zuerst
+kam der Kreis der engeren Gemeinde Egidys, die
+seit seinem entschiedenen Eintritt in das praktisch-politische
+Leben sehr zusammengeschmolzen war; dann erschienen
+die vielen, die &uuml;berall dabei sein m&uuml;ssen: sensationsl&uuml;sterne
+Weiber, k&uuml;hl-neugierige Skribenten; ganz nach
+vorn dr&auml;ngten sich die russischen Studenten und Studentinnen,
+die stets mit sicherem Instinkt die Luft
+geistiger Revolutionen wittern, und schlie&szlig;lich str&ouml;mte
+es herein von M&auml;nnern und Frauen, von denen ich nicht
+recht wu&szlig;te, wohin sie geh&ouml;rten. &raquo;Arbeiter!&laquo; sagte
+Polenz. Arbeiter?! Diese ernsten, ruhigen Menschen,
+deren b&uuml;rgerliche Kleidung in nichts an den Kittel und
+das Schurzfell erinnerte?! Sie waren die stillsten, als<a name="Page_594" id="Page_594"></a>
+Egidy sprach. Nur zuweilen warf einer eine ironische
+Bemerkung, einen derben Witz dazwischen, und die feinen
+Damen vorn entr&uuml;steten sich und klatschten barbarischen
+Beifall, den der Redner vergebens zu beschwichtigen
+suchte.</p>
+
+<p>&raquo;Kurage hat er!&laquo; fl&uuml;sterte ein blasses M&auml;dchen
+mit wund gestichelten Fingern am Tisch neben mir.
+&raquo;Wat ick mir dafor koofe!&laquo; brummte ihr Begleiter.
+&raquo;Jetzt red' er uns zum Mund, weil er in 'n Reichstag
+will &mdash; un nachher is er doch man blo&szlig; ein Junker
+mehr!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bahn frei! Den neuen M&auml;nnern und den neuen
+Zeiten!&laquo; &mdash; t&ouml;nte es von der Rednertrib&uuml;ne, &raquo;aus dem
+Wege r&auml;umen, was eine kulturentsprechende, Gott gewollte
+Entwicklung hemmt&laquo; &mdash; irgendwo pfiff einer
+durch die Finger &mdash;, &raquo;wir Deutschen wollen das Christentum
+verwirklichen&laquo; &mdash; &raquo;Quatsch!&laquo; schrie jemand &mdash; &raquo;Sst &mdash; sst!&laquo;
+antwortete einm&uuml;tig die Menge, &mdash; &raquo;ein
+Reich des Friedens gr&uuml;nden, wo jeder &mdash; M&auml;nner
+und Frauen &mdash; ein Recht an das Leben hat, wo niemand
+hungernd daneben steht, wenn die andern schwelgen.&laquo; &mdash; Die
+Studenten schrieen, und ihre Gef&auml;hrtinnen
+winkten mit H&uuml;ten und Taschent&uuml;chern. &mdash; &raquo;Wir
+sind ein m&uuml;ndiges Volk und werden uns aus eigener
+Kraft andere Zust&auml;nde schaffen. Die n&auml;chsten Wochen
+sollen uns einen t&uuml;chtigen Schritt vorw&auml;rts bringen.
+Das Alte st&uuml;rzt, und neues Leben bl&uuml;ht aus den Ruinen, &mdash; damit
+an die Arbeit!&laquo; Ein kurzer Beifall, wie ein
+pl&ouml;tzlich ausbrechendes Gewitter, dann Stille, &mdash; die
+Damen r&uuml;ckten an den St&uuml;hlen, die kleine Gemeinde
+bildete erwartungsvoll an der T&uuml;re Spalier. Da pl&ouml;tzlich
+<a name="Page_595" id="Page_595"></a>stand das blasse M&auml;dchen mit den zerstochenen Fingern
+auf der Trib&uuml;ne; sie war sehr klein, ein echtes Proletarierkind,
+dem die Not von je her die schwere Hand
+auf den Kopf gedr&uuml;ckt hatte, so da&szlig; es nicht wachsen
+konnte, und die Z&uuml;ge formte, so da&szlig; sie zeitlos blieben.
+Sie wechselte ein paar Worte mit Egidy, strich sich &uuml;ber
+den glatten, stumpfblonden Scheitel und begann mit einer
+Stimme zu reden, deren Ton etwas rauhes, knarrendes
+an sich hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Der Herr Referent sagte mir, da&szlig; es in seinen Versammlungen
+nicht &uuml;blich ist, sich zur Diskussion zu melden.
+Er hat mir aber erlaubt, ihm eine Frage zu stellen, die
+mir und manchen meiner Parteigenossen&laquo; &mdash; ein paar
+Journalisten riefen h&ouml;hnend &raquo;Aha&laquo;, reckten die K&ouml;pfe,
+und klemmten sich den Zwicker auf die Nase, um die
+Rednerin genauer ins Auge fassen zu k&ouml;nnen &mdash; &raquo;w&auml;hrend
+seiner Ausf&uuml;hrungen auf den Lippen schwebte. Was er
+sagte, ist f&uuml;r uns nichts Neues gewesen. Es geh&ouml;rt seit
+Jahrzehnten zum eisernen Bestand der Sozialdemokratie,
+die daf&uuml;r von seiten der herrschenden Klassen unterdr&uuml;ckt,
+verfolgt und mi&szlig;achtet wird,&laquo; &mdash; ein paar Damen
+steckten tuschelnd die K&ouml;pfe zusammen &mdash;, &raquo;die Gleichheit
+vor dem Gesetz, die allgemeine Einheitsschule, die Abschaffung
+der stehenden Heere, &mdash; das alles sind Forderungen
+des Erfurter Programms. Und f&uuml;r die Befreiung
+des weiblichen Geschlechts aus politischer und
+sozialer Versklavung k&auml;mpft eine Partei von anderthalb
+Millionen deutschen Arbeitern, w&auml;hrend die b&uuml;rgerlichen
+Damen in ihren Wohlt&auml;tigkeitskr&auml;nzchen so was nicht
+einmal unter vier Augen zu fl&uuml;stern wagen.&laquo; &mdash; &raquo;Aber &mdash; aber!&laquo;
+rief eine Frauenrechtlerin kopfsch&uuml;ttelnd und
+<a name="Page_596" id="Page_596"></a>hob die schweren Lider wie eine gut geschulte Trag&ouml;din.
+Ich jedoch zuckte zusammen, als m&uuml;&szlig;t' ich mich pers&ouml;nlich
+getroffen f&uuml;hlen. &mdash; &raquo;Und wenn der Herr Referent mit
+so viel dankenswertem Eifer f&uuml;r den gesetzlichen Arbeiterschutz
+eintritt, so h&auml;tte er &mdash; zur Aufkl&auml;rung f&uuml;r all die
+Herrschaften, die in unsere Versammlungen doch nicht
+kommen &mdash; wohl ein W&ouml;rtchen dar&uuml;ber sagen k&ouml;nnen,
+da&szlig; wir es waren und sind, deren rastloser Arbeit, nach
+F&uuml;rst Bismarcks eigenem Ausspruch, das bi&szlig;chen Arbeiterschutz
+zu verdanken ist, das wir haben. Den Herren da
+oben ist das schon zu viel, sie schreien nach Flinten und
+Kanonen gegen den inneren Feind und winseln nach
+Liebesgaben f&uuml;r ihre Taschen ...&laquo; Sie brach ab, ihre
+Stimme war kreischend geworden. Egidy stand ruhig
+mit verschr&auml;nkten Armen und einer tiefen Falte auf der
+Stirn neben ihr.</p>
+
+<p>&raquo;Und Ihre Frage, mein Fr&auml;ulein?&laquo; frug er.</p>
+
+<p>&raquo;Ach so &mdash; meine Frage &mdash;&laquo; ein verlegenes L&auml;cheln
+lie&szlig; sie pl&ouml;tzlich ganz jung erscheinen, dann reckte sie sich,
+stemmte die Arme fest auf das Pult vor ihr, sah Egidy
+gerade ins Gesicht und sagte. &raquo;Wenn Sie dasselbe wollen,
+wie wir, &mdash; warum sind Sie nicht Sozialdemokrat?&laquo;</p>
+
+<p>Ein spannender Moment: tausend Augenpaare bohrten
+sich in das blasse, erregte Gesicht Egidys. &raquo;Das hab'
+ich gef&uuml;rchtet &mdash;&laquo; fl&uuml;sterte Polenz neben mir.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe den Soldatenrock ausgezogen um meiner
+&Uuml;berzeugung willen, &mdash; darnach gibt es f&uuml;r mich kein
+Opfer mehr, das ich ihr nicht leichten Herzens bringen
+k&ouml;nnte. Ich bin nicht Sozialdemokrat, weil Ihre Partei
+das tiefste Bed&uuml;rfnis der Menschenseele, das religi&ouml;se,
+niederh&ouml;hnt und niedertrampelt &mdash; &mdash;&laquo;</p>
+<p><a name="Page_597" id="Page_597"></a></p>
+<p>&raquo;Das ist gelogen!&laquo; schrie eine Stimme ihm entgegen;
+er wurde noch um einen Schein blasser.</p>
+
+<p>&raquo;Ich l&uuml;ge nie,&laquo; dr&ouml;hnte es in den Saal. &raquo;Und ich
+bin nicht Sozialdemokrat, weil Ihre Partei f&uuml;r eine
+gute Sache mit schlechten Waffen k&auml;mpft &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ein allgemeiner Tumult verschlang, was er noch sagte.
+&raquo;Bravo&laquo; &mdash; &raquo;sehr richtig&laquo; klangs von der einen Seite &mdash; &raquo;Pfui&laquo; &mdash; dr&ouml;hnte
+es langgedehnt aus dem Hintergrunde.
+Der Polizeileutnant griff nach dem Helm, Egidy
+stand regungslos wie eine Mauer und starrte auf die
+sich erschrocken hinausdr&auml;ngende Menge, die kleine N&auml;herin
+suchte sich vergebens Geh&ouml;r zu schaffen.</p>
+
+<p>Ein Mann, auf eine Kr&uuml;cke gest&uuml;tzt, wirre schwarze
+Haarstr&auml;hnen um gelbe, eingefallene Z&uuml;ge, brach sich in
+diesem Augenblick Bahn bis zur Trib&uuml;ne. &raquo;Genosse
+Reinhard, &mdash; Gott Lob&laquo;, die kleine N&auml;herin streckte ihm
+von oben die Hand entgegen, ein paar andere sprangen
+helfend herzu, und neben ihr stand er.</p>
+
+<p>&raquo;Genossen &mdash;&laquo; wie unter einen Zauberschlag schwieg
+alles, &mdash; der Polizeileutnant legte den Helm auf den
+Tisch, die sich ins Freie Schiebenden wandten sich um,
+und blieben stehen, in Egidys steinerne Ruhe kehrte das
+Leben zur&uuml;ck; &mdash; &raquo;es ist unser unw&uuml;rdig, eine Versammlung
+durch L&auml;rm zu st&ouml;ren, in der wir nichts als
+G&auml;ste sind. Noch weniger haben wir einen Grund, uns
+dar&uuml;ber aufzuregen, da&szlig; Herr von Egidy die Frage der
+Genossin Bartels ehrlich beantwortet hat. Mir war seine
+Antwort vielmehr h&ouml;chst interessant. Alle jene b&uuml;rgerlichen
+Ideologen, von den Ethikern an, die die Welt
+durch die Moral erobern wollen, bis zu den Christlichsozialen
+um Naumann w&uuml;rden uns eine &auml;hnliche haben
+<a name="Page_598" id="Page_598"></a>geben k&ouml;nnen. Und weil Sie so ehrlich sind, Herr von
+Egidy, &mdash;&laquo; er wandte sich mit einer kleinen Kopfneigung
+zu dem neben ihm stehenden, &raquo;darum lassen Sie sich auch
+unsere ehrliche Antwort gefallen: rechnen Sie nicht
+auf unsere Stimmen. Sie sind ein braver Mann &mdash; Sie
+m&ouml;gen allerlei brave Leute hinter sich haben, &mdash; aber
+unsere Sache bedarf solcher Kerle, wie wir sind &mdash; die
+den Dreschflegel und den Hammer &mdash; &#8250;die schlechten
+Waffen!&#8249; &mdash; zu f&uuml;hren gelernt haben, denen die Maschine
+die Glieder zerri&szlig;, &mdash;&laquo; er hob die Kr&uuml;cke wie ein Troph&auml;e &mdash; &raquo;an
+deren Leibern die Tuberkelbazillen fressen&laquo; &mdash; er
+reckte den mageren Arm in die H&ouml;he. &raquo;Neunzehnhundert
+Jahre haben wir gewartet, da&szlig; Eure christlichen
+Liebes- und Barmherzigkeitspredigten uns helfen m&ouml;chten, &mdash; jetzt
+ist unsere Geduld ersch&ouml;pft. Und wenn Euch
+unsere Waffen nicht ritterlich genug sind, &mdash; Ihr selbst
+seid daran schuld, da&szlig; wir sie brauchen m&uuml;ssen!&laquo; &mdash;</p>
+
+<p>Die Augen des Redners weiteten sich, sie sahen ekstatisch
+in die Ferne, hinweg &uuml;ber die Menschen unter ihm, die
+Kr&uuml;cke fiel krachend zu Boden, und die Arme streckten
+sich aus. Still war's sekundenlang, man h&ouml;rte nur die
+eigenen Atemz&uuml;ge, &mdash; dann brach es los: &raquo;Hoch Genosse
+Reinhard&laquo; &mdash;, &raquo;Hoch die Sozialdemokratie&laquo; &mdash; &raquo;Nieder
+der Militarismus&laquo;, &mdash; und pl&ouml;tzlich vereinigten
+sich die durcheinanderschreienden Stimmen zu einem
+einzigen vollen Gesang: der Schritt heranr&uuml;ckender
+Massen, die &uuml;berw&auml;ltigende Einheit eines beherrschenden
+Gef&uuml;hls, die r&uuml;cksichtslose Kraft der Jugend lag
+darin.</p>
+
+<p>&raquo;Kommen Sie &mdash;&laquo; sagte Polenz leise. Wie aus
+einem Traume sah ich auf. Der Saal war schon halb leer.<a name="Page_599" id="Page_599"></a>
+Nur droben auf der Trib&uuml;ne stand Egidy noch mit der
+kleinen N&auml;herin.</p>
+
+<p>&raquo;Lassen Sie mich &mdash;&laquo; antwortete ich hastig und trat
+rasch auf die beiden zu. &raquo;Darf ich einmal zu Ihnen
+kommen?&laquo; &mdash; ganz zaghaft nur sprach ich dem jungen
+M&auml;dchen meine Bitte aus. Sie sah mich an, noch mit
+dem Glanz strahlender Freude auf den Z&uuml;gen: &raquo;Sicherlich!&laquo; &mdash; Und
+ich notierte ihre Adresse.</p>
+
+<p>Nicht schnell genug konnte ich zu Hause sein und lie&szlig;
+mir nicht die Zeit, Hut und Mantel abzulegen, um Georg
+zu erz&auml;hlen, was ich erlebt hatte. Er h&ouml;rte mich l&auml;chelnd
+an. &raquo;Was ist mein Liebling f&uuml;r ein feuriger Redner,&laquo;
+sagte er, als ich endlich schwieg.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wollte, ich w&auml;re es! Auf alle Trib&uuml;nen der
+Welt w&uuml;rde ich steigen und die steinernen Herzen warm
+machen und die Schlafenden aufr&uuml;tteln ...&laquo; Mit einem
+tiefen Seufzer warf ich mich in den Stuhl.</p>
+
+<p>&raquo;So versuch es doch einmal ...&laquo;</p>
+
+<p>Ich sprang auf: &raquo;Meinst du?!&laquo;</p>
+
+<p>Schon am n&auml;chsten Morgen ging ich zu Martha
+Bartels. Weit drau&szlig;en im Osten wohnte sie. Durch
+zwei schmutzige Fabrikh&ouml;fe mu&szlig;te ich hindurch bis zu
+dem niedrigen H&auml;uschen mit der wackligen Holztreppe,
+die an einem Stall vorbei hinauf in ihre Wohnung
+f&uuml;hrte. Das Rattern der N&auml;hmaschine wies mir den
+Weg; eine laute gleichm&auml;&szlig;ig lesende M&auml;nnerstimme begleitete
+es. &raquo;... die Befreiung der Arbeiterklasse kann
+also nur ein Werk der Arbeiterklasse selbst sein,&laquo; h&ouml;rte
+ich durch die T&uuml;re. Ein graub&auml;rtiger Alter &ouml;ffnete mir.
+&raquo;La&szlig; die Dame nur herein, Vater,&laquo; rief Martha
+Bartels aus dem Zimmer, &raquo;das ist sicher die Frau<a name="Page_600" id="Page_600"></a>
+Professor &mdash;&laquo; Mit ausgestreckter Hand kam sie mir
+entgegen.</p>
+
+<p>Ein freundlicher Raum wars, in den ich eintrat: auf
+den beiden Betten lagen rotgew&uuml;rfelt und glattgestrichen
+die Kissen, vor dem alten braunen Sofa mit dem sorgf&auml;ltig
+geflickten Bezug stand auf drei geschwungenen
+Beinen ein runder Tisch, auf dem nicht ein St&auml;ubchen
+sich zeigte. Nur um die Maschine am Fenster bauschte
+sich wei&szlig;e Leinwand, sonst herrschte peinlichste Ordnung
+&uuml;berall. Als einziger Schmuck prangten die Bilder von
+Marx und Lassalle an den W&auml;nden.</p>
+
+<p>Mit Fragen begann ich das Gespr&auml;ch; Vater und
+Tochter erg&auml;nzten einander im Erz&auml;hlen: wie er einst,
+als kleiner Schuhmachermeister, lange und hartn&auml;ckig
+den Kampf gegen die &uuml;berm&auml;chtige Fabrik gef&uuml;hrt habe,
+wie sie &mdash; fr&uuml;h mutterlos &mdash; schon als Schulkind mit
+verdienen mu&szlig;te und der kleine Haushalt &uuml;berdies auf
+sie allein angewiesen war.</p>
+
+<p>&raquo;Damals haderte ich mit dem Geschick,&laquo; sagte der
+Alte, &raquo;an den lieben Gott zu glauben hatte ich l&auml;ngst
+aufgeh&ouml;rt, und oft wu&szlig;t ich nicht, sollt ich den Fabrikanten
+erschlagen, oder lieber mit dem Kinde zusammen
+dem elenden Leben ein Ende machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In der Werkstatt, wo ich mit immer m&uuml;den Augen
+und einem Stumpfsinn, der mir bald alles gleichg&uuml;ltig
+machte, Knopfl&ouml;cher n&auml;hte, &mdash; Tag aus, Tag ein, vom
+grauen Morgen bis tief in die Nacht immer blo&szlig; Knopfl&ouml;cher! &mdash;&laquo;
+fuhr die Tochter fort &raquo;lernte ich einen
+B&uuml;gler kennen, der nahm mich zuerst in Versammlungen
+mit und steckte mir heimlich Zeitungen und Flugbl&auml;tter
+zu. Wie mir da die Augen aufgingen!&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_601" id="Page_601"></a>Der Alte streichelte mit der runzligen Hand die Wange
+der Tochter. &raquo;Sehen Sie, und damit hat mir die Kleine
+das Leben gerettet! Wir waren auf einmal nicht mehr
+allein, und der M&uuml;he wert wars auch f&uuml;r uns arme
+Leute, zu leben! Hier in diesem Zimmer sind wir
+w&auml;hrend des Sozialistengesetzes oft genug mit den Genossen
+zusammen gekommen, und drau&szlig;en in der Fabrik,
+wo ich arbeitete &mdash; der Meisterhochmut war mir gl&uuml;cklich
+vergangen! &mdash;, und in der Werkstatt, wohin die
+Martha ging, haben wir ganz im stillen immer neue
+Freunde geworben.&laquo;</p>
+
+<p>Die Tochter lachte: &raquo;Jetzt gehts dem Vater eigentlich
+viel zu friedlich zu! Sie h&auml;tten ihn sehen sollen, wie
+er mit seinem ehrlichen Gesicht den Spitzeln eine Nase
+drehte und unsere Zeitungen &uuml;berall einzuschmuggeln verstand! &mdash; Na,
+lange dauerts nicht mehr, und er wird sich
+seiner alten K&uuml;nste erinnern m&uuml;ssen!&laquo;</p>
+
+<p>Und dann erfuhr ich von ihrer jetzigen T&auml;tigkeit: wie
+sie f&uuml;r ihre Gewerkschaft auf Agitationsreisen ging, wie
+sie in t&auml;glicher Kleinarbeit f&uuml;r die Partei die Kollegen
+und Kolleginnen zu gewinnen suchte, wie sie im Arbeiterinnenverein
+die Proletarierfrauen durch Vorlesen
+aus B&uuml;chern und Zeitschriften zu geistigen Interessen
+erzog.</p>
+
+<p>&raquo;Wo aber nehmen Sie blo&szlig; die Zeit und die Kenntnisse
+her?&laquo; frug ich mit steigendem Erstaunen. &raquo;Sie
+m&uuml;ssen doch wohl verdienen, wie ich sehe!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig; mu&szlig; sie das und f&uuml;r Zwei sogar!&laquo; antwortete
+der Vater, &raquo;mich will sie durchaus nicht mehr in die
+Fabrik gehen lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist mir zu n&ouml;tig!&laquo; unterbrach sie ihn. &raquo;Er liest
+<a name="Page_602" id="Page_602"></a>mir vor, wenn ich n&auml;he, und wenn wir Feierabend
+machen, brauch' ich ihn wieder. Er hat eine bessere
+Schulbildung als ich und erkl&auml;rt mir, was ich in
+unseren B&uuml;chern nicht verstehe.&laquo; Sie sah nach der
+Uhr: &raquo;Seien Sie nicht b&ouml;se &mdash; aber jetzt mu&szlig; ich fort, &mdash; wir
+tragen heut in unserem Bezirk Wahlflugbl&auml;tter
+aus &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Wir gingen zusammen. Unterwegs erz&auml;hlte sie mir
+von ihrem Frauenverein, von den polizeilichen Verfolgungen,
+denen er ausgesetzt w&auml;re. &raquo;Sie sollten mal hinkommen,
+Frau Professor!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit Freuden, wenn ich darf! Aber &mdash; bitte &mdash; nennen
+Sie mich nicht &#8250;Frau Professor&#8249;, Frauentitel sind mir zuwider,
+wenn sie nicht selbst erworben sind.&laquo;</p>
+
+<p>Sie blinzelte mich von der Seite an: &raquo;Ja &mdash; wie soll
+ich Sie sonst anreden &mdash; ich verschnappe mich am Ende
+noch mal und sage: Genossin!&laquo;</p>
+
+<p>Sie hatte ihr Ziel erreicht. Vor einer kleinen Kneipe
+str&ouml;mten die Menschen zusammen, Frauen und M&auml;nner,
+junge und alte Leute. Sie gr&uuml;&szlig;ten einander, wie lauter
+Freunde. Still trat ich beiseite. Wie sie alle fr&ouml;hlich
+waren und siegesbewu&szlig;t! Ein paar mi&szlig;trauische
+Blicke streiften mich, mit sp&ouml;ttischem Augenzwinkern
+gingen Arm in Arm ein paar M&auml;dchen an mir vor&uuml;ber.
+Und mit j&auml;hem Schmerzgef&uuml;hl empfand ich: da&szlig; ich hier
+eine Fremde war.</p>
+
+<p>Acht Tage sp&auml;ter begleitete ich Georg zum Wahllokal.
+W&auml;hrend er im Rollstuhl vor der T&uuml;r stand, streckten
+sich ihm von allen Seiten die H&auml;nde mit den Wahlzetteln
+entgegen. &raquo;Wir w&auml;hlen den Sozi,&laquo; sagte er
+laut und lustig, &raquo;meine Frau und ich!&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_603" id="Page_603"></a>Aber der Rollstuhl ging nicht &uuml;ber die Stufen. Der
+Diener, der ihn schob, mu&szlig;te den Gel&auml;hmten hineintragen.
+Ein Auflauf Neugieriger entstand. Ich deckte
+rasch die schwarze Pelzdecke &uuml;ber den armen, schmalen
+K&ouml;rper &mdash; &raquo;Frauen raus!&laquo; sauste mich eine rauhe
+Stimme an, kaum da&szlig; ich den Fu&szlig; auf die Schwelle
+setzte. Ich ballte unwillk&uuml;rlich die F&auml;uste und schritt
+mit zur&uuml;ckgeworfenem Kopf an dem Schreier vorbei in
+den Saal, wo ich vor dem Tisch des Bureaus stehen
+blieb, bis Georg seinen Zettel in die Urne geworfen
+hatte.</p>
+
+<p>Da&szlig; wir uns innerlich mit wachsender Sicherheit zum
+Sozialismus bekannten, spiegelte sich in jeder Nummer
+unserer Zeitschrift wieder. Wir hatten des alten Bartels
+Selbstbiographie ver&ouml;ffentlicht und, dadurch angeregt,
+durch die sozialdemokratische Presse Aufforderungen zur
+Einsendung solcher Lebensbilder verbreiten lassen. Von
+allen Seiten kamen sie uns zu, und wir erwarteten
+Wunder von den Folgen der in ihrer Einfachheit doppelt
+ersch&uuml;tternden Bekenntnisse. Aber statt dessen liefen aus
+den Mitgliederkreisen der Ethischen Gesellschaft Klagen
+um Klagen ein &uuml;ber den &raquo;aufreizenden, unethischen Ton&laquo;,
+den wir anschl&uuml;gen, und Professor Seefried, Georgs
+alter Gegner, erschien in Berlin, um durch einen &ouml;ffentlichen
+Vortrag die politische Neutralit&auml;t der Gesellschaft
+aufs neue scharf zu betonen und sich in ihrem Namen
+gegen die &raquo;einer h&ouml;heren ethischen Welt- und Lebensauffassung
+widerstreitenden Ideen des Kollektivismus&laquo;
+zu erkl&auml;ren. Eine heftige Debatte in unserer Zeitschrift
+schlo&szlig; sich daran; und in den Sitzungen und Versammlungen
+der Gesellschaft traten die tiefen geistigen Gegen<a name="Page_604" id="Page_604"></a>s&auml;tze
+zwischen Sozialisten und Antisozialisten trotz aller
+Aufrechterhaltung ethischer Formen immer deutlicher
+hervor. Ich beteiligte mich bald genug nur aus R&uuml;cksicht
+auf Georgs W&uuml;nsche an den Vereinsversammlungen.</p>
+
+<p>&raquo;Wir m&uuml;ssen uns vor dem zweisamen Egoismus h&uuml;ten,
+Kindchen,&laquo; mahnte er oft; &raquo;das hie&szlig;e den Frieden und
+die geistige Eintracht unseres pers&ouml;nlichen Lebens h&ouml;her
+stellen, als unsere Sache.&laquo;</p>
+
+<p>Und so mu&szlig;t ich denn so manchen Abend opfern und
+kam doch fast immer mit einem Gef&uuml;hl peinlicher Leere
+nach Hause. Gearbeitet wurde, &mdash; zweifellos. Da war
+eine kluge, warmherzige Frau, die eine Auskunftsstelle f&uuml;r
+Bed&uuml;rftige und Verlassene gegr&uuml;ndet hatte und der Sorge
+f&uuml;r die vielen Fragenden all ihre Zeit opferte; da war
+eine andere, die voll tiefen Erbarmens Tag aus, Tag ein
+denen nachging, die eigene Leidenschaft und m&auml;nnliche
+L&uuml;sternheit in des Lebens tiefste Abgr&uuml;nde ri&szlig;; eine Gruppe
+gab es, die zu einer k&uuml;nftigen Volksbibliothek die B&uuml;cher
+St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck m&uuml;hselig zusammentrug. Und Reden
+wurden gehalten, zu Tagesfragen Stellung genommen,
+und manch ein Schwankender sicherlich auf neue Wege
+gef&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Aber was galt das alles mir? Entsprach dieser Verein
+mit seinen paar hundert Mitgliedern jener gro&szlig;en Bewegung,
+wie ich sie erwartet hatte? Vergebens erinnerte
+mich Georg daran, da&szlig; wir im ersten Anfang unserer
+Entwickelung st&uuml;nden. Mir kam es vor, als ob die mit
+vielem Eifer ergriffene praktische Arbeit innerhalb der
+Gesellschaft den gro&szlig;en starken Strom der Idee in
+hundert kl&auml;gliche Wasserleitungen teile, deren jede grade
+nur ausreichte, ein paar d&uuml;nne S&uuml;ppchen zu kochen.</p>
+
+<p><a name="Page_605" id="Page_605"></a>Oder fehlte es unserer Sache nur an den richtigen
+Menschen? Unsere Zeitschrift und unser Haus wurden
+allm&auml;hlich der Mittelpunkt, um den sich scharte, was
+unseres Geistes war. &raquo;Eine gef&auml;hrliche Nebenregierung!&laquo;
+hatte <em class="antiqua">Dr.</em> Jacob mir einmal mit sauers&uuml;&szlig;em L&auml;cheln gesagt, &mdash; derselbe
+<em class="antiqua">Dr.</em> Jacob, der, wie mir dienstfertige
+Freunde berichteten, jedem anvertraute, da&szlig;
+Fr&auml;ulein von Kleve den Professor von Glyzcinski nur
+geheiratet h&auml;tte, um eine Rolle zu spielen.</p>
+
+<p>Selten nur waren wir nachmittags an unserem Teetisch
+allein. Georgs Beziehungen zu den Gelehrten des
+Auslands zogen uns G&auml;ste aus aller Herren L&auml;ndern zu;
+Amerikaner und Engl&auml;nder fehlten nie; aber auch
+Russen, Rum&auml;nen und Japaner fanden sich ein: Studenten
+und Studentinnen, die hei&szlig;hungrig in wenigen
+Monden Deutschlands ganze Kultur in sich aufzunehmen
+verlangten, Professoren, die dem alten Witzblattypus in
+nichts mehr glichen, f&uuml;r die das Leben Wissenschaft und
+die Wissenschaft Leben war.</p>
+
+<p>Ein geistvoller Kopf, mit den Spuren mancher S&auml;belmensur
+auf den Z&uuml;gen, tauchte h&auml;ufig zwischen ihnen
+auf: der des Sozialdemokraten Sch&ouml;nlank. Niemand
+verstand wie er, die Ideen der Partei darzustellen und
+zu verteidigen, und stets umgab ihn eine aufmerksame
+Zuh&ouml;rerschaft. Auch Egidy kam, und Martha Bartels
+und ihr Vater. Eines Tages brachte sie sogar den
+lahmen Reinhard mit, den Professor Tondern, unser
+sozialpolitisch am meisten links stehendes Vorstandsmitglied,
+sofort mit Beschlag belegte, um mit der Gewerkschaftsbewegung
+F&uuml;hlung zu gewinnen. Auch der
+Leiter der Neuen Freien Volksb&uuml;hne war ein h&auml;ufiger<a name="Page_606" id="Page_606"></a>
+Gast, und manch ein junger Theologe, voll ehrlicher
+Begeisterung f&uuml;r die neuen Aufgaben, die der christlich-soziale
+Kongre&szlig; den Vertretern der Kirche stellte, fand
+den Weg zu uns. Bertha von Suttner erschien, sobald
+sie in Berlin war, beseelt von jenem strahlenden Glauben
+an die Sache, der das Kennzeichen geborener Reformatoren
+ist, und &uuml;ber den nur engherzige Alltagsleute
+l&auml;cheln. Denselben heiteren Optimismus, der
+die ganze Atmosph&auml;re in starke Schwingungen zu versetzen
+scheint, brachte Frances Willard in unseren Kreis,
+die tapfere Amerikanerin, die auf dem Feldzug gegen
+Laster und Not entdeckt hatte, da&szlig; ihrem Geschlecht zu
+seiner Durchf&uuml;hrung die Waffen fehlten, und die nun
+mit einer Energie ohne Gleichen den Gedanken des
+Frauenstimmrechts von einem Ende der Welt zum anderen
+trug.</p>
+
+<p>So verschiedenartig die Menschen waren, die &uuml;ber den
+dunkeln Hof und die finstere Treppe den Weg in unsere
+hellen Zimmer fanden, &mdash; zweierlei war ihnen allen
+gemeinsam: die &Uuml;berzeugung, da&szlig; unsere Welt sich das
+Lebensrecht verscherzt habe, und die Kraft, die Welt
+der Zukunft mit der Hingabe des ganzen Lebens aufzubauen.</p>
+
+<p>&raquo;Ist das nicht recht eigentlich unsere Ethische Gesellschaft?&laquo;
+sagte Georg eines Tages, als unsere G&auml;ste all
+ihre Reformpl&auml;ne und Umsturzideen miteinander ausgetauscht
+hatten und im Rausch der eigenen Begeisterung
+bis zum sp&auml;ten Abend bei uns geblieben waren.
+&raquo;Von allen Seiten bohren sie schon den Felsen an, der
+unser Nordland vom Zukunftss&uuml;den trennt!&laquo; Er strahlte
+wieder wie ein Kind.</p>
+<p><a name="Page_607" id="Page_607"></a></p>
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte auch bohren, Georg!&laquo; meinte ich &mdash; eine
+tiefe Unzufriedenheit mit mir selbst hatte mich innerhalb
+dieses Kreises selbst&auml;ndig schaffender Menschen ergriffen &mdash;,
+&raquo;nicht immer blo&szlig; nachschleichen, wo die anderen schon
+den ersten Schritt getan haben.&laquo; Schon l&auml;ngst besch&auml;ftigte
+mich der Gedanke, da&szlig; die Frauen vor allem
+berufen seien, Tr&auml;gerinnen der sozialen Bewegung zu
+werden, die notwendig zum Sozialismus f&uuml;hren m&uuml;sse.</p>
+
+<p>&raquo;Unsere politische Rechtlosigkeit, unsere wirtschaftliche
+Abh&auml;ngigkeit, unsere soziale Unterdr&uuml;ckung stellt uns auch
+ohne unser Wissen und Wollen auf die Seite aller Entrechteten.
+Unsere m&uuml;tterlichen Empfindungen machen
+uns &uuml;berdies hellsichtiger f&uuml;r Not und Elend. H&auml;tten
+wir die Frauen, &mdash; wir h&auml;tten die Welt!&laquo; Ich lief
+aufgeregt im Zimmer umher &mdash; &raquo;das ist eine Aufgabe,
+die sich der M&uuml;he lohnt &mdash; &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und die meine Alix erf&uuml;llen kann,&laquo; unterbrach mich
+Georg, mir beide H&auml;nde entgegenstreckend.</p>
+
+<p>Gleich am n&auml;chsten Tage lie&szlig; ich mich in die Vortragsliste
+der Ethischen Gesellschaft einzeichnen. Da es immer
+an Rednern fehlte, wurde meine Anmeldung mit Freuden
+begr&uuml;&szlig;t. Und nun ging ich an die Vorbereitung. Durch
+amerikanische und englische Frauenzeitschriften war ich
+&uuml;ber den Stand der Bewegung im Ausland vollkommen
+orientiert; der &raquo;Vorw&auml;rts,&laquo; die Arbeiterinnenzeitung, die
+Versammlungen des Arbeiterinnenvereins, die ich mit
+Martha Bartels besuchte, hatten mir ein Bild von der
+Lage der Proletarierinnen, ihren W&uuml;nschen und ihren
+Bestrebungen gegeben; nur von der deutschen Frauenbewegung
+wu&szlig;te ich noch nicht viel.</p>
+
+<p>Seit einem halben Jahrhundert k&auml;mpfte sie um die<a name="Page_608" id="Page_608"></a>
+Er&ouml;ffnung b&uuml;rgerlicher Berufe, um h&ouml;here Bildung.
+Sie k&auml;mpfte?! Ach nein; sie hatte in Vereinen und
+Vereinchen Resolutionen und Petitionen verfa&szlig;t, &mdash; aber
+die Welt au&szlig;erhalb ihrer Kreise wu&szlig;te nichts von ihr.
+Ich las die Brosch&uuml;ren von Helma Kurz; ich besuchte
+Frau Vanselow, die ich bei Egidy kennen gelernt
+hatte, und deren Ruf, von allen Frauenrechtlerinnen
+die radikalste zu sein, sie mir sympathisch machte. Aber
+die Tendenzen ihres Vereins und seines kleinen Organs
+waren keine anderen als die der Kurz.</p>
+
+<p>&raquo;Ich begreife nicht, wie Sie bei solchen Forderungen
+stehen bleiben k&ouml;nnen!&laquo; rief ich, als Frau Vanselow mir
+ihre Prinzipien auseinandersetzte. &raquo;Und wenn wir schon
+Pastoren, Professoren und Advokaten werden k&ouml;nnen,
+was haben wir dann besonderes, als einige Berufsphilister
+und Bildungsproleten mehr! Damit ist die
+Frauenfrage ebenso wenig gel&ouml;st, wie sie etwa bei den
+Arbeiterinnen gel&ouml;st ist, die l&auml;ngst das Recht haben, zu
+schuften wie die M&auml;nner.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin ganz Ihrer Meinung &mdash; ganz und gar &mdash;&laquo;
+nickte Frau Vanselow eifrig und hob die schweren Lider
+von den ber&uuml;hmt sch&ouml;nen Augen &mdash; &raquo;aber wir m&uuml;ssen vorsichtig &mdash; sehr
+vorsichtig sein, um zun&auml;chst nur einzelne Konzessionen
+zu erringen. Sie sind jung, &mdash; k&auml;mpfen Sie erst
+so lange Jahre wie ich, meine liebe Freundin, und Sie
+werden einsehen, da&szlig; wir Frauen nur Schritt f&uuml;r Schritt
+vorgehen d&uuml;rfen. Ich besonders habe schwer zu ringen &mdash; niemand
+versteht mich &mdash; meine Vereinsdamen sind die
+&Auml;ngstlichkeit selbst &mdash;&laquo;, sie griff nach meiner Hand und behielt
+sie in der ihren &mdash; &raquo;wie froh w&auml;re ich, in Ihnen eine
+frische Hilfskraft gewinnen zu k&ouml;nnen!&laquo; Ich err&ouml;tete
+<a name="Page_609" id="Page_609"></a>erfreut; hier bot sich mir eine neue Gelegenheit, um zu
+wirken. &raquo;Ich danke Ihnen f&uuml;r Ihr Vertrauen,&laquo; antwortete
+ich, &raquo;aber ehe ich mich Ihnen verpflichte, sollten
+Sie erst abwarten, was ich leisten kann.&laquo;</p>
+
+<p>Mit steigendem Eifer arbeitete ich an meinem Vortrag.
+Ich lernte ihn Satz f&uuml;r Satz auswendig. Am
+Abend vor der Versammlung war &raquo;Generalprobe&laquo; vor
+Georg als meinem einzigen Zuh&ouml;rer. &raquo;Wenn ich mich
+schon vor dir so f&uuml;rchte, wie soll das blo&szlig; morgen
+werden!&laquo; sagte ich, und das Papier zitterte in meinen
+H&auml;nden. Da klingelte es, &mdash; ich h&ouml;rte eine Stimme,
+die mir in diesem Augenblick gespannter Erregung die
+Tr&auml;nen in die Augen trieb: mein Vater! Ich hatte
+seine R&uuml;ckkehr noch nicht erwartet und nun stand er
+vor mir &mdash; sehr gealtert, ganz bla&szlig;, die H&auml;nde schwer
+auf den Stock st&uuml;tzend &mdash;, wie an den Boden gewurzelt.</p>
+
+<p>&raquo;Papa!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein liebes Herzenskind!&laquo; Ich lag in seinen Armen.
+Und dann nahm er meinen Kopf zwischen seine H&auml;nde
+und sah mich an. &raquo;Wie rosig du aussiehst &mdash; und wie &mdash; wie
+gl&uuml;cklich!&laquo; Mit einer raschen Bewegung n&auml;herte er sich
+Georg und reichte ihm die Hand. &raquo;Verzeiht mir, Kinder,
+verzeiht! &mdash; Und du, hab Dank, tausend Dank, da&szlig; ich
+meine Alix so wiederfinde!&laquo; Er konnte sich nicht trennen;
+jedes Bild an der Wand, jeder Zimmerwinkel mu&szlig;te
+einmal und noch einmal besichtigt werden. &raquo;Wie h&uuml;bsch
+und friedlich es bei Euch ist!&laquo; Er legte mit einem
+Seufzer die Hand &uuml;ber die Augen. &raquo;Da werdet Ihr
+mich so leicht nicht mehr los werden!&laquo;</p>
+
+<p>Von allem erz&auml;hlte er, was ihn in den Monaten seit
+unserer Trennung besch&auml;ftigt hatte, und verga&szlig; in der<a name="Page_610" id="Page_610"></a>
+Lebhaftigkeit rasch, wen er vor sich sah: &raquo;Diese Rasselbande,
+die die Milit&auml;rvorlage ablehnte, &mdash; und dann
+diese infamen Wahlen &mdash; &mdash;.&laquo;</p>
+
+<p>Wir schwiegen, aber ein harter Zug trat auf Georgs
+Gesicht. Er r&auml;usperte sich vernehmbar. Der Vater stockte.
+&raquo;Ach soo &mdash;&laquo; sagte er gedehnt, bi&szlig; sich heftig auf die
+Lippen und stand auf. Ich begleitete ihn hinaus. An
+der T&uuml;re hielt er meine Hand noch einmal fest: &raquo;Auf allen
+Litfa&szlig;s&auml;ulen steht dein Name &mdash; mich hat das nicht
+wenig entsetzt &mdash; du wirst kaum auf mich rechnen in der
+Versammlung &mdash; Mama wird mir berichten. &mdash; Gute
+Nacht, mein Kind.&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Am Abend darauf trat ich in den hellen, dicht gef&uuml;llten
+Saal des Langenbeck-Hauses. Einen
+Augenblick lang schien die Erde zu schwanken,
+die Lichter tanzten einen wahnsinnigen Ringelreihen, und
+mir war, als m&uuml;&szlig;ten die vielen Menschen auf den amphitheatralisch
+hoch aufsteigenden B&auml;nken wie eine Lawine
+auf mich niederst&uuml;rzen. Da fiel mein Blick auf Georg:
+seine strahlenden Augen ruhten fest auf mir, und ein
+Gef&uuml;hl sicherer Ruhe &uuml;berkam mich. Ich sprach zuerst
+nur f&uuml;r ihn. Allm&auml;hlich aber str&ouml;mte etwas mir entgegen
+wie ein lebendig gewordenes Verstehen, &mdash; ich
+f&uuml;hlte die Menschen, die unter meinen Worten<em class="spaced"> ein</em>
+Mensch geworden waren, &mdash; mit<em class="spaced"> einem</em> klopfenden
+Herzen,<em class="spaced"> einem</em> horchenden Verstand.</p>
+
+<p>&raquo;Jedes St&uuml;ck unserer Kleidung, von der Leinwand an
+bis zu dem Seidenkleid, von den N&auml;geln unserer Stiefel
+bis zu dem feinen Leder unserer Handschuhe k&ouml;nnte von
+<a name="Page_611" id="Page_611"></a>hohl&auml;ugigen, m&uuml;den Frauen, von blassen um ihre Jugend
+betrogenen M&auml;dchen qualvolle Leidensgeschichten erz&auml;hlen.
+Der hohe Spiegel, der das Bild der sch&ouml;nen, gl&uuml;cklichen
+Frau wiederstrahlt, hat vielleicht ein keimendes Leben
+vernichtet ... Und der Damast, der unsere Tafeln deckt, &mdash; Leopold
+Jakoby singt von ihm: &#8250;Daraus hervor
+grauenhaft &mdash; das Gespenst des Hungers grinst mich
+an &mdash; &uuml;ber den Tisch ...&laquo;</p>
+
+<p>Ein Aufseufzen ging durch den Saal wie eine schwere
+Woge, die mich trug &mdash; mich empor hob &mdash; hoch &mdash; immer
+h&ouml;her, so da&szlig; meine Stimme &uuml;ber alle hinweg
+in die Ferne drang.</p>
+
+<p>&raquo;... die Prostitution ist das einzige Privilegium der
+Frau ... Ein M&auml;dchen darf, solange es minorenn ist,
+ohne die Einwilligung ihres Vaters nicht heiraten, aber
+es darf sich preisgeben, ohne da&szlig; sein Vater es daran
+hindern kann. Die Frau darf &mdash; bei uns in Deutschland! &mdash; nicht
+Medizin studieren, weil man f&uuml;r ihre Weiblichkeit
+so z&auml;rtlich besorgt ist und ihre Sittlichkeit h&uuml;ten
+will, aber sie darf sich einen Gewerbeschein verschaffen,
+der sie berechtigt, sich und andere physisch und moralisch
+zugrunde zu richten. Sie darf &mdash; bei uns in Deutschland! &mdash; an
+keiner &ouml;ffentlichen Wahl sich beteiligen,
+aber sie darf von ihrem durch den Verkauf ihres K&ouml;rpers
+schm&auml;hlich erworbenen Geld dem Staate Abgaben
+zahlen ...&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt war es der Sturm, der von dr&uuml;ben mir entgegenschlug, &mdash; der
+Sturm der Emp&ouml;rung, und mein war die
+Macht, ihn zu lenken, wo es Ruinen einzurei&szlig;en, d&uuml;rre
+B&auml;ume zu st&uuml;rzen galt!</p>
+
+<p>&raquo;... Was tun? fragen wir mit dem gro&szlig;en russi<a name="Page_612" id="Page_612"></a>schen
+Dichter, dessen Werk nur ein Ausdruck des Gef&uuml;hls
+von Hunderttausenden ist. Wir werden nicht mehr petitionieren,
+sondern fordern, uns nicht mehr hinter den verschlossenen
+T&uuml;ren unserer Vereine &uuml;ber unsere frommen
+W&uuml;nsche unterhalten, sondern auf den offenen Markt
+hinaustreten und f&uuml;r ihre Erf&uuml;llung k&auml;mpfen, gleichg&uuml;ltig,
+ob man mit Steinen nach uns wirft ...&laquo;</p>
+
+<p>Brausender Beifall unterbrach mich, &mdash; ich sah nur
+Georg, der weit vorgebeugt in seinem Rollstuhl sa&szlig; und
+die Augen nicht von mir lie&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;... Aber was wir auch fordern m&ouml;gen zugunsten
+unseres Geschlechts, das die wirtschaftliche Entwicklung
+aus dem Frieden des Hauses hinaus in den
+Kampf ums Dasein trieb, &mdash; man wird uns mit Phrasen
+und kl&auml;glichen Pflastern f&uuml;r unsere Wunden abspeisen,
+solange die politische Macht uns fehlt ...&laquo;</p>
+
+<p>Erneuter, dr&ouml;hnender Beifall, &mdash; aber von irgendwo
+her mischte sich ein giftiger, zischender Laut hinein.</p>
+
+<p>&raquo;... Von der geistigen Inferiorit&auml;t der Frau
+h&ouml;re ich gro&szlig;e und kleine Leute sprechen, die, darauf
+gest&uuml;tzt, unsere Forderung der politischen Gleichberechtigung
+glauben ablehnen zu d&uuml;rfen. Aber erst wenn die
+Frauen ebenso viele Jahrhunderte lang wie die M&auml;nner
+die Hilfe der Wissenschaften, die Schulung des Lebens
+und den Sporn des Ruhmes genossen haben werden,
+wird es an der Zeit sein, zu fragen, wie es mit ihrem
+Verstande steht. Das weibliche Geschlecht &mdash; so wirft
+man weiter ein &mdash; habe noch kein Genie hervorgebracht.
+Hat man bei den Negern Amerikas auf das Genie gewartet,
+ehe man ihnen politische Rechte gab? Hat man
+ihre Gew&auml;hrung beim Mann von einer Pr&uuml;fung seiner<a name="Page_613" id="Page_613"></a>
+Geisteskr&auml;fte abh&auml;ngig gemacht?... Sie k&ouml;nnen der
+Wehrpflicht nicht gen&uuml;gen, darum kommt den Frauen
+das Stimmrecht nicht zu, lautet das letzte Argument der
+in die Enge getriebenen Gegner. Ich aber frage: der
+Mann, der sein Leben vor dem Feinde in die Schanze
+schl&auml;gt, und die Frau, die mit Gefahr ihres Lebens dem
+Staate die B&uuml;rger gebiert &mdash; haben sie nicht die gleiche
+Berechtigung &uuml;ber das Wohl und Wehe des Vaterlands zu
+entscheiden? Jede drei&szlig;igste Frau stirbt an diesem ihrem
+nat&uuml;rlichen Beruf, und sie wird trotz aller Fortschritte
+der Wissenschaft auch dann noch in Lebensgefahr schweben,
+wenn der V&ouml;lkermord l&auml;ngst der Erinnerung angeh&ouml;ren
+wird ...&laquo;</p>
+
+<p>Ich hatte geendet &mdash; mir war, als vers&auml;nke ich in
+einem vom Orkan gepeitschten Ozean. Es dunkelte mir
+vor den Augen &mdash; ich f&uuml;hlte H&auml;ndedr&uuml;cke &mdash; sah in
+hundert unbekannte Gesichter, &mdash; &mdash; vor all diesen fremden
+Menschen hatte ich eben gesprochen?! Wie war das nur
+m&ouml;glich gewesen?! &mdash; Meine Mutter stand auf einmal
+vor mir, mit hei&szlig;em, erregten Gesicht &mdash; meine Schwester
+umarmte mich st&uuml;rmisch. &mdash; An der T&uuml;r dr&auml;ngte sich
+Martha Bartels durch die Menge, &mdash; ich f&uuml;hlte nur,
+wie sich ihre hei&szlig;en Finger schmerzhaft fest um die
+meinen pre&szlig;ten. Endlich &mdash; endlich sah ich Georg!
+Was galten mir die anderen alle, &mdash; von ihm allein
+erwartete ich die Wahrheit: seine Augen waren feucht, &mdash; er
+beugte den Kopf &uuml;ber meine Hand und k&uuml;&szlig;te sie.</p>
+
+<p>Die Menschen hatten sich verlaufen. Fast unbemerkt
+traten wir in die stille, dunkle Ziegelstra&szlig;e, und leise
+rollten die R&auml;der des Fahrstuhls &uuml;ber das Pflaster.
+An einer Stra&szlig;enecke legte sich mir eine Hand auf die<a name="Page_614" id="Page_614"></a>
+Schulter. Erschrocken wandte ich den Kopf: Mein
+Vater stand vor uns. &raquo;Ich habs zu Hause nicht ausgehalten, &mdash; und
+nun lie&szlig; ich all deine Zuh&ouml;rer Revue
+passieren. Wie stolz bin ich auf deinen Erfolg!&laquo; Und
+er ging den ganzen langen Weg durch die Karlstra&szlig;e
+und den nachtdunkeln Tiergarten mit uns.</p>
+
+<p>Diese Nacht schlief ich nicht: die alten wachen
+Kindertr&auml;ume umgaukelten mich. Strahlte nicht auf
+meiner Fahne, wie auf der Johannas von Orleans, das
+Bild der Mutter des Menschen? Heute hatte ich sie
+entfaltet, &mdash; im Sturme w&uuml;rde ich sie zum Siege f&uuml;hren!</p>
+
+<p>Als mir Professor Tondern am n&auml;chsten Tage sp&ouml;ttisch
+von der &raquo;Premieren-Publikums-Begeisterung&laquo; sprach, &raquo;an
+deren Feuer sich kaum ein Nachtlicht anz&uuml;nden l&auml;&szlig;t&laquo;,
+empfand ich seine Bemerkung nur als Ausflu&szlig; seiner
+pessimistischen Weltanschauung. Georg best&auml;rkte mich
+darin.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr Unglauben an die Menschennatur l&auml;hmt Ihre
+Tatkraft,&laquo; sagte er ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Und Ihr weltfremder Idealismus wird zwar nicht
+Sie, wohl aber Ihre Frau in einem Meer von Entt&auml;uschung
+untergehen lassen,&laquo; antwortete er &auml;rgerlich und
+fuhr sich nerv&ouml;s mit allen zehn Fingern durch die langen,
+roten Haare.</p>
+
+<p>&raquo;Warum halten Sie mich allein f&uuml;r gefeit?&laquo; frug
+Georg l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>&raquo;Weil Sie vom Frieden Ihres Zimmers aus die Welt
+betrachten &mdash; und Ihre Frau mit beiden F&uuml;&szlig;en zugleich
+mitten in den Strudel springt &mdash;&laquo;, Professor Tondern
+ging aufgeregt im Zimmer auf und ab. &raquo;Weil Ihnen
+gegen&uuml;ber alle b&ouml;sen Triebe der lieben N&auml;chsten sich in
+<a name="Page_615" id="Page_615"></a>den dunkelsten Winkel verkriechen &mdash; Verleumdungssucht,
+Ehrgeiz, Neid &mdash; und sie Ihrer Frau um so z&auml;hnefletschender
+an die Gurgel springen ...&laquo;</p>
+
+<p>Ich sah ihm fest in die Augen: &raquo;Sie w&uuml;rden so nicht
+sprechen, wenn Sie nicht gewichtige Gr&uuml;nde h&auml;tten. &mdash; Trotzdem:
+ich will &mdash; ich darf nicht Ihrer Ansicht sein!
+Auf meinem Glauben an die Menschen beruht meine
+Kraft.&laquo;</p>
+
+<p>Er nagte nerv&ouml;s an der Unterlippe. &raquo;Glauben Sie
+an die Sache, &mdash; das w&auml;re besser f&uuml;r Sie und uns!&laquo;</p>
+
+<p>Frau Vanselows Besuch unterbrach unser Gespr&auml;ch.
+Sie hatte nicht Worte genug, um die Gr&ouml;&szlig;e meines Erfolgs
+zu schildern. &raquo;Und nun d&uuml;rfen Sie sich uns nicht mehr
+entziehen,&laquo; sie richtete ihre feucht gewordenen Augen mit
+einem Ausdruck z&auml;rtlichen Flehens auf mich, &raquo;sie m&uuml;ssen
+ihren Vortrag in unserem Verein wiederholen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, verehrte Frau!&laquo; Meine Energie lie&szlig; mich
+fast erschrecken. &raquo;Ich wiederhole weder diesen Vortrag,
+noch spreche ich vor Vereinsmitgliedern. Veranstalten Sie
+eine Volksversammlung! Wir m&uuml;ssen die gewinnen, die
+noch nicht die unseren sind, &mdash; wir m&uuml;ssen vor der
+breitesten &Ouml;ffentlichkeit die Forderung des Frauenstimmrechts
+erheben!&laquo;</p>
+
+<p>Sie starrte mich entgeistert an: &raquo;Eine Volksversammlung?!
+Aber das ist ja &mdash; das ist ja &mdash; sozialdemokratisch!&laquo;
+Es bedurfte jedoch nur eines kurzen Zuredens,
+an dem Georg sich lebhaft beteiligte, um sie zu gewinnen.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben ganz und gar meine Ansicht ausgesprochen,
+mein teuerster Herr Professor, und der Verein Frauenrecht
+wird es sich nicht entgehen lassen, auch in diesem
+Fall an der Spitze zu schreiten! &mdash; Aber nicht wahr &mdash; meine
+<a name="Page_616" id="Page_616"></a>liebe junge Freundin &mdash;, Sie werden ihre
+W&uuml;nsche vor unserem Vorstand selbst vertreten?&laquo;</p>
+
+<p>Ich versprach ihr, was sie wollte, und wandte mich,
+als sie fort war, mit einem triumphierenden &raquo;Nun?!&laquo; an
+Tondern. Er fuhr, wie erschrocken, aus seiner Schweigsamkeit
+auf: &raquo;Erlassen Sie mir die Antwort! Sonst
+entdecken Sie am Ende noch Ihre Seelenverwandtschaft
+mit S.&nbsp;M., und verlangen von dem N&ouml;rgler, da&szlig; er
+den Staub von seinen Pantoffeln sch&uuml;ttele!&laquo; Und mit
+&uuml;berst&uuml;rzter Hast empfahl er sich.</p>
+
+<p>Frau Vanselow f&uuml;hrte mich im Vorstand des Vereins
+Frauenrecht ein: &raquo;Sie werden sich mit mir freuen, meine
+Damen, da&szlig; es mir gelungen ist, diese junge vielversprechende
+Kraft gerade unserem Verein gewonnen zu
+haben.&laquo; Die Damen begr&uuml;&szlig;ten mich mit neugierig-k&uuml;hler
+Reserviertheit. Ich war doch wieder in recht
+beklommener Stimmung. All diese Frauen, die seit
+Jahrzehnten in der Bewegung standen, die an Wissen,
+an Erfahrungen, an Verdiensten reich waren, sollte ich &mdash; ein
+Neuling auf allen Gebieten &mdash; meinem Willen
+gef&uuml;gig machen!</p>
+
+<p>Aber je &ouml;fter ich mit ihnen zusammenkam &mdash; und
+es bedurfte zahlreicher Sitzungen, um nur um
+kleine Schritte vorw&auml;rts zu kommen &mdash;, desto mehr
+erstaunte ich. Es war, als ob der Verein um ihr
+Denken und Streben eine Mauer gezogen h&auml;tte. Von
+dem, was jenseits lag, wu&szlig;ten sie nichts, und nur widerstrebend
+lie&szlig;en sie sich von mir an einen Ausguck ziehen,
+von wo aus sie den Feminismus im Ausland, seine gro&szlig;en
+K&auml;mpfe und Siege und den Stand der Stimmrechtsbewegung
+&uuml;berschauen konnten.</p>
+<p><a name="Page_617" id="Page_617"></a></p>
+<p>&raquo;Das ist alles ganz sch&ouml;n und gut, aber nichts f&uuml;r
+uns deutsche Frauen,&laquo; meinte kopfsch&uuml;ttelnd ein rundliches,
+bebrilltes Pers&ouml;nchen, dessen Doktortitel sie mir
+&auml;u&szlig;erst interessant erscheinen lie&szlig;; &raquo;wir w&uuml;rden das
+Wichtigste gef&auml;hrden: die endliche Zulassung der deutschen
+Frauen zum Medizinstudium, wenn wir so bedenkliche
+Fragen wie die politischer Rechte ber&uuml;hren wollten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und unser Verein, der sowieso schwer genug k&auml;mpfen
+mu&szlig;, w&uuml;rde zweifellos seine einflu&szlig;reichen und opferwilligsten
+Mitglieder verlieren,&laquo; jammerte ein d&uuml;rre
+alte Jungfer.</p>
+
+<p>&raquo;An das Gef&auml;hrlichste denken Sie nat&uuml;rlich zuletzt,
+meine Damen,&laquo; f&uuml;gte eine Dritte hinzu und setzte eine
+geheimnisvoll-wissende Miene auf. &raquo;Angesichts der
+jetzigen Str&ouml;mung innerhalb der Regierungskreise w&uuml;rde
+es unseren Verein politisch anr&uuml;chig machen und der
+Gefahr der Aufl&ouml;sung aussetzen, wenn wir &ouml;ffentlich eine
+sozialdemokratische Forderung aufstellen w&uuml;rden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So lassen Sie doch den Verein zugrunde gehen; sein
+M&auml;rtyrertum wird nur der gro&szlig;en Sache n&uuml;tzen!&laquo; rief
+ich ungeduldig. Mitleidiges L&auml;cheln, mi&szlig;billigendes
+Kopfsch&uuml;tteln waren die Antwort. Es blieb bei der
+Ablehnung, das letzte Argument war ausschlaggebend
+gewesen.</p>
+
+<p>&raquo;So werde ich versuchen, Helma Kurz und ihren
+Verein zu gewinnen.&laquo; Ohne jeden Nebengedanken hatte
+ich ausgesprochen, was mir eben durch den Kopf gegangen
+war.</p>
+
+<p>Frau Vanselow, die mir bisher nur vielsagend-melancholische
+Blicke zugeworfen hatte, war aufgesprungen.
+&raquo;Helma Kurz?! &mdash; Niemals!&laquo; rief sie. &raquo;Das, meine<a name="Page_618" id="Page_618"></a>
+Damen, werden Sie nicht zugeben!&laquo; Eine erregte, von
+allen zugleich gef&uuml;hrte Debatte entspann sich. Ihr Resultat
+war, da&szlig; der Verein als solcher sich statutengem&auml;&szlig;
+f&uuml;r die Stimmrechtsfrage nicht engagieren k&ouml;nne,
+da&szlig; er jedoch unter der Hand das Arrangement und
+die Kosten einer &ouml;ffentlichen Versammlung und seine
+Vorsitzende ihre Leitung &uuml;bernehmen wolle.</p>
+
+<p>Ich mu&szlig;te mich nur noch verpflichten, meinen Vortrag
+vorher <em class="antiqua">in extenso</em> der Zensur des Vorstandes zu unterwerfen.</p>
+
+<p>Nicht wie eine Siegerin kam ich nach Hause. Vergebens
+suchte Georg mich zu tr&ouml;sten: &raquo;Das Wichtigste
+ist doch, da&szlig; du die Sache durchgesetzt hast!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meinst du? &mdash; Wenn aber der Sache die Tr&auml;ger,
+die Menschen, fehlen?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bist du nicht da? &mdash; Und bin ich nicht bei dir?&laquo;
+Er streichelte mir leise den herabh&auml;ngenden Arm, eine
+Bewegung, bei der mich immer ein Gef&uuml;hl tiefer Ruhe
+&uuml;berkam.</p>
+
+<p>Dankbar k&uuml;&szlig;te ich seine Stirn, &mdash; unter meinen Lippen
+stieg es auf wie eine Flamme.</p>
+
+<p>&raquo;Sag, Georg &mdash; lieber Georg &mdash; sag es mir ganz
+ehrlich &mdash;&laquo; fl&uuml;sterte ich und trat besch&auml;mt von ihm zur&uuml;ck,
+&raquo;hast dus nicht gern, wenn ich dich k&uuml;sse?&laquo;</p>
+
+<p>Mit einem langen, tiefen Blick aus dunkel erweiterten
+Pupillen sah er zu mir auf. Und ich sank vor ihm in
+die Kniee, pre&szlig;te das ergl&uuml;hende Gesicht in die schwarze
+Pelzdecke und f&uuml;hlte, wie seine zitternden Finger mir
+z&auml;rtlich die Locken von den Schl&auml;fen strichen ...</p>
+
+<p><a name="Page_619" id="Page_619"></a>Meinen neuen Vortrag schrieb ich wie im Fluge,
+kaum da&szlig; die Feder den einst&uuml;rmenden Gedanken
+zu folgen vermochte. Und die Stimme
+zitterte mir vor Erregung, als ich ihn das erste Mal
+vorlas. Meine gestrengen Zuh&ouml;rerinnen aber blieben
+merkw&uuml;rdig k&uuml;hl. Nur Frau Vanselow nahm meine
+beiden H&auml;nde mit einem verst&auml;ndnisinnigen Druck zwischen
+die ihren.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe mir die Punkte notiert, die Sie &auml;ndern,
+respektive fortlassen m&uuml;ssen,&laquo; sagte das rundliche Fr&auml;ulein
+Doktor und r&uuml;ckte die Brille fester auf ihr viel zu
+kurz geratenes N&auml;schen. &raquo;Zun&auml;chst d&uuml;rfen Sie nicht
+sagen, da&szlig; die Existenz von Wohlt&auml;tigkeitsvereinen ein
+Armutszeugnis f&uuml;r den Staat sei und die Gebenden
+sich ihrer Wohlt&auml;tigkeitsakte ebenso sch&auml;men m&uuml;&szlig;ten, wie
+die Empfangenden. Sie schlagen damit die Besten vor
+den Kopf &mdash;.&laquo;</p>
+
+<p>Ich verteidigte meine Anschauung, aber die Abstimmung
+entschied gegen mich.</p>
+
+<p>&raquo;Auch Ihre Elendsschilderungen sind viel zu &uuml;bertrieben
+und wirken in h&ouml;chstem Ma&szlig;e aufreizend,&laquo;
+meinte die Hagere.</p>
+
+<p>&raquo;So sollen sie wirken!&laquo; entgegnete ich, &raquo;und &uuml;berdies
+stammen all meine Angaben aus amtlichen Quellen.&laquo;
+Nach einer kurzen, scharfen Auseinandersetzung gab
+meine Kritikerin seufzend nach.</p>
+
+<p>&raquo;Unbedingt notwendig aber ist es, da&szlig; Sie den Satz
+&uuml;ber die Sozialdemokratie streichen,&laquo; erkl&auml;rte eine andere
+Vorstandsdame, deren verwandtschaftliche Beziehung zu
+<a name="Page_620" id="Page_620"></a>einem freisinnigen Abgeordneten ihr eine Art Respektstellung
+geschaffen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist im Rahmen meines Vortrags einfach unm&ouml;glich;&laquo;
+widersprach ich. &raquo;Die Sozialdemokratie ist
+die einzige Partei, die f&uuml;r die Gleichberechtigung des
+weiblichen Geschlechts eintritt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schlimm genug! Wir werden darum immer verd&auml;chtig
+erscheinen, wenn wir ihre W&uuml;nsche zu den
+unseren machen, &mdash; das habe ich ja schon oft betont,
+ohne Geh&ouml;r zu finden.&laquo;</p>
+
+<p>Ich hielt hartn&auml;ckig an dem beanstandeten Satze fest
+und war nahe daran, den ganzen Vortrag zur&uuml;ckzuziehen.
+Aber mu&szlig;te ich nicht Konzessionen machen, um nur &uuml;berhaupt
+etwas durchzusetzen?! Ich wurde wieder &uuml;berstimmt, &mdash; Frau
+Vanselow allein enthielt sich mit einem
+bedauernden Achselzucken der Abstimmung.</p>
+
+<p>In dem gro&szlig;en Saal des Konzerthauses in der
+Leipzigerstra&szlig;e fand an einem Sonntag Vormittag die
+Versammlung statt. Bis in die Gallerien hinauf dr&auml;ngten
+sich die Menschen. An langen Tischen unter der Rednertrib&uuml;ne
+sa&szlig;en mit blasierten Gesichtern und gespitzten
+Bleistiften die Journalisten. Mit triumphierendem
+L&auml;cheln, den Kopf von einem Spitzenschleier malerisch
+bedeckt, die ebenm&auml;&szlig;ige Gestalt eng von schwarzer Seide
+umschlossen, stand Frau <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'Vansalow'">Vanselow</ins> neben mir. &raquo;Helma
+Kurz, &mdash; sehen Sie nur! Ganz gr&uuml;n ist sie vor &Auml;rger &mdash;&laquo;
+hatte sie mir noch hastig zugezischelt. Ein Polizeileutnant
+sa&szlig; an meiner anderen Seite, ein wei&szlig;es Papier
+breit vor sich auf dem Tisch, an dessen Kopf zun&auml;chst
+nichts weiter als mein Name stand.</p>
+
+<p>Und dann sprach ich, und wieder trug mich die<a name="Page_621" id="Page_621"></a>
+Woge, und ich empfand die dunkle Menge vor mir
+wie Ton, der sich nach meinem Willen formte.
+Achtlos zerknitterte ich mein Manuskript zwischen
+den H&auml;nden. Ich bedurfte seiner nicht. Vor dem
+Rednerpult fielen mir kr&auml;ftigere Worte und st&auml;rkere
+Beweisf&uuml;hrungen ein als am Schreibtisch. Gestern erst
+hatte Martha Bartels mir von der polizeilichen Aufl&ouml;sung
+eines Arbeiterinnenvereins berichtet. Gab es
+ein besseres Beispiel als dies, um die Rechtlosigkeit der
+Frauen zu beleuchten? &raquo;Die R&uuml;cksicht auf die Weiblichkeit
+gebietet solch ein Vorgehen, sagen die M&auml;nner,&laquo;
+rief ich aus, &raquo;aber die R&uuml;cksicht auf dieselbe Weiblichkeit
+hat noch keinen Mann verhindert, Frauen in die
+Steinbr&uuml;che und Bergwerke zu schicken, und werdende
+M&uuml;tter in die Giftluft der Fabrik!&laquo; Frenetischer Beifall
+von den Galerien herunter lie&szlig; mich minutenlang
+nicht zu Worte kommen. Der Polizeileutnant stenographierte, &mdash; entgeistert
+sah Frau Vanselow mich an:
+&raquo;Das ist gegen die Abmachung!&laquo; fl&uuml;sterte sie erregt.
+Ich l&auml;chelte.</p>
+
+<p>&raquo;Und nun frage ich euch, meine Schwestern, habt ihr
+wirklich nichts zu tun f&uuml;r euer Geschlecht? &mdash; Denkt an
+die j&uuml;ngste Vergangenheit, wo der Vertreter Sr. Majest&auml;t
+des Kaisers, der Kanzler Leist, Frauen sch&auml;ndete, aber
+dessen ungeachtet f&uuml;r einen &#8250;t&uuml;chtigen und pflichttreuen
+Beamten&#8249; erkl&auml;rt wurde, &mdash; und dann wagt es noch, zu
+sagen: wir haben keine B&uuml;rgerpflicht!... Von Ort zu
+Ort will ich wandern und jene heilsame Unzufriedenheit,
+die die Mutter aller Reformen ist, in die Herzen der
+Frauen pflanzen!...&laquo; Der Polizeileutnant wurde rot
+vor Eifer, ich h&ouml;rte das Kritzeln seines Stifts durch
+<a name="Page_622" id="Page_622"></a>alles Klatschen hindurch. Und ich verga&szlig; mein Versprechen
+und sprach von der Sozialdemokratie, von &raquo;den
+Rittern der Arbeit, die heute die einzigen Ritter der
+Frauen sind.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt brauste der Beifall wie der Fr&uuml;hlingssturm, der
+die d&uuml;rren Bl&auml;tter jauchzend niedersch&uuml;ttelt, um den
+jungen Knospen Licht und Luft zu schaffen ...</p>
+
+<p>Die folgenden Tage waren ein einziger Ikarussturz, &mdash; nur
+da&szlig; die Arme der Liebe mich auffingen, ehe ich
+den harten Boden ber&uuml;hrte. Im Verein Frauenrecht
+kam es fast zu einem Staatsstreich, um den Vorstand
+aus dem Sattel zu heben; mit Vorw&uuml;rfen wurde ich
+&uuml;bersch&uuml;ttet. Die Zeitungen berichteten halb h&ouml;hnisch,
+halb wegwerfend &uuml;ber die &raquo;verkappte Genossin&laquo;, konservative
+Bl&auml;tter unterlie&szlig;en nicht, den &raquo;unerh&ouml;rten Seitensprung
+der Frau eines preu&szlig;ischen Universit&auml;tsprofessors&laquo;
+an die gro&szlig;e Glocke zu h&auml;ngen, und Georg kam eines
+Morgens ernst und versonnen aus seiner Vorlesung
+zur&uuml;ck: &raquo;Althoff hat mir einen wohlmeinenden Wink
+gegeben!&laquo; sagte er. Auch mein Vater erschien und
+machte mir eine Szene, als w&auml;re ich noch zu Haus.</p>
+
+<p>&raquo;... Mit Fingern weisen die Leute auf mich ... Im
+Reichstag &mdash; im Klub kann ich mich nicht mehr sehen
+lassen ...&laquo; schrie er. Georg hatte sich, auf beide H&auml;nde
+gest&uuml;tzt, hoch aufgerichtet.</p>
+
+<p>&raquo;Exzellenz vergessen,&laquo; sagte er kalt und scharf, &raquo;da&szlig;
+Sie sich bei mir befinden!&laquo; Einen Moment lang ma&szlig;en
+sich die beiden M&auml;nner mit einem Blick angriffsbereiter
+Feindschaft, dann verlie&szlig; mein Vater wortlos das Zimmer,
+und ersch&ouml;pft sank Georg in den Stuhl zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Von Mama erhielt ich einen langen Brief: &raquo;Ich bin
+<a name="Page_623" id="Page_623"></a>viel zu erregt, um Dich sehen zu k&ouml;nnen. Wie k&ouml;nnt
+Ihr Ethiker es vor Eurem Gewissen verantworten, dem
+eigenen Vater die T&uuml;re zu weisen! In welche Abgr&uuml;nde
+die Gottlosigkeit Euch treibt, das hast Du freilich durch
+Deinen Vortrag schon bewiesen: Was ist es anders als
+eine teuflische Eingebung, in einer Zeit, wo dem Volke
+nichts so nottut als christliche Ergebenheit und Demut,
+die Unzufriedenheit zu predigen!...&laquo;</p>
+
+<p>So schwer es mir wurde, Georg allein zu lassen, dessen
+fahle Bl&auml;sse mich jetzt oft entsetzte, so empfand ichs
+pers&ouml;nlich doch wie eine Erleichterung, da&szlig; meine Delegation
+zur Generalversammlung der Ethischen Gesellschaft
+mich f&uuml;r einige Tage von Berlin fortf&uuml;hrte. Wir
+fuhren zusammen: Geheimrat Frommann, Frau Schwabach,
+die Leiterin der Auskunftsstelle, Professor Tondern
+und ich. Schon unsere Eisenbahnunterhaltungen gaben
+einen Vorgeschmack der kommenden Diskussionen. Mit
+einer Sch&auml;rfe, die von der milden, vers&ouml;hnlichen Form
+kaum abgeschw&auml;cht wurde, gab unser Vorsitzender mir
+zu verstehen, wie wenig unsere Zeitschrift der Aufgabe,
+allgemein menschliche Ethik zu verbreiten, entspr&auml;che,
+und Frau Schwabach hielt mir ernstlich vor, wie unethisch
+meine Angriffe auf die b&uuml;rgerliche Gesellschaft in
+meiner letzten Rede und in jedem meiner Artikel w&auml;ren.</p>
+
+<p>&raquo;Sie w&uuml;rden unendlich viel st&auml;rker wirken, wenn Sie
+alle Negation beiseite lie&szlig;en &mdash;&laquo; sagte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Und die guten Leute streichelten, damit sie im besten
+Fall schnurren wie die Katzen,&laquo; f&uuml;gte Tondern h&ouml;hnisch
+hinzu. &raquo;Wer keine Kritik vertr&auml;gt und dem Spiegel
+nicht dankbar ist, der alle Flecken und Falten wiedergibt, &mdash; der
+soll sich nur gleich begraben lassen!&laquo;</p>
+
+<p><a name="Page_624" id="Page_624"></a>Noch am Abend in Leipzig zeigte er mir den Antrag,
+den er stellen wollte: &raquo;Die Ethische Gesellschaft nimmt
+mit Genugtuung davon Kenntnis, da&szlig; der Kongre&szlig;
+f&uuml;r Hygiene sich f&uuml;r den Achtstundentag ausgesprochen
+hat, und erkl&auml;rt, von ethischen Gesichtspunkten ausgehend,
+sich dieser Forderung anzuschlie&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wird uns vorw&auml;rts bringen!&laquo; sagte ich und
+gab ihm freudig meine Unterschrift.</p>
+
+<p>Er verzog die Mundwinkel zu einem sp&ouml;ttischen L&auml;cheln:
+&raquo;Vorw&auml;rts bringen?! Gewi&szlig;, die reinliche Scheidung
+der Geister ist allemal ein Fortschritt!&laquo;</p>
+
+<p>Zwei Tage sp&auml;ter sa&szlig;en wir einander an demselben Tisch
+gegen&uuml;ber: seine Augenwinkel zuckten nerv&ouml;s, unruhig
+trommelten seine Finger auf der Tischplatte, w&auml;hrend
+ich, totm&uuml;de von den langen Verhandlungen, gedankenlos
+in einer Zeitung bl&auml;tterte.</p>
+
+<p>&raquo;Was sagen Sie nun?!&laquo; unterbrach er unser langes
+Schweigen. &raquo;Ich &mdash; ich bin noch ein Optimist gewesen!
+Eine Ethische Gesellschaft, die geschlossen gegen uns
+beide den Achtstundentag ablehnt! &mdash; Weil er ein
+&#8250;Schlagwort&#8249; ist! &mdash; Weil seine Annahme den Verein
+sprengen w&uuml;rde! &mdash; Weil es &#8250;unethisch&#8249; ist, andere zu
+&#8250;verletzen&#8249;! &mdash; Was meinen Sie: ist es vom Standpunkt
+unserer Privatethik aus zu rechtfertigen, wenn wir immer
+noch nichts als heimliche Sozis sind?!&laquo;</p>
+
+<p>Ich senkte den Kopf tiefer. Ich dachte an Georg, an
+seine strahlenden, hoffnungsvollen Kinderaugen, an seine
+zarten, schmalen H&auml;nde, seinen armen gel&auml;hmten K&ouml;rper.
+&raquo;Nur eine Aufgabe kann ich erf&uuml;llen,&laquo; hatte er einmal
+gesagt, &raquo;von meinem Katheder aus die Jugend &#8250;vergiften&#8249;!&laquo;
+Und dann fiel mein Blick auf den breiten<a name="Page_625" id="Page_625"></a>
+Trauring an der Hand meines Gef&auml;hrten, &mdash; er hatte
+ein Weib daheim und vier kleine Kinder.</p>
+
+<p>&raquo;Sind wir so frei, um tun zu k&ouml;nnen, was wir
+wollen?&laquo; kam es mir leise, wie im Selbstgespr&auml;ch &uuml;ber
+die Lippen.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben recht &mdash; wir m&uuml;ssen uns abfinden &mdash; so
+oder so!&laquo; ...</p>
+
+<p>Fr&uuml;her, als Georg mich erwartet hatte, kam ich nach
+Haus. Ganz leise schlo&szlig; ich die Wohnungst&uuml;r auf, &mdash; um
+die Zeit war er immer in seine Studien vertieft,
+dann h&ouml;rte und sah er nichts. Aber kaum hatte ich
+den Fu&szlig; &uuml;ber die Schwelle gesetzt, klang mir schon seine
+Stimme entgegen &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Alix!!&laquo; &mdash; Ein einziger Laut, &mdash; und der Jubel,
+die Sehnsucht, die Liebe eines ganzen Herzens darin!
+Ach, und wie seine Lippen bebten und brannten, &mdash; zum
+erstenmal hatte er mich auf den Mund gek&uuml;&szlig;t.</p>
+
+<p>&raquo;Das Leben ist kurz, Alix, viel &mdash; viel zu kurz! Du
+mu&szlig;t mich nie mehr verlassen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nie mehr, Georg &mdash; nie mehr!&laquo; &mdash; Angstvoll forschte
+ich in seinen Z&uuml;gen. &mdash; &raquo;Hast du gelitten, &mdash; mehr als
+sonst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sprechen wir nicht davon, &mdash; jetzt ist es ja gut &mdash; alles
+gut!&laquo; Und er l&auml;chelte mit seinem strahlendsten
+L&auml;cheln.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_626" id="Page_626"></a></p>
+<h2><a name="Zwanzigstes_Kapitel" id="Zwanzigstes_Kapitel"></a>Zwanzigstes Kapitel</h2>
+
+
+<p>An einem sch&ouml;nen Sommersonntag besuchten uns
+die Eltern wieder. Sie ber&uuml;hrten das Vergangene
+nicht mehr. Und von da an kamen
+sie oft, aber meist jeder allein. &raquo;Bei Euch ist's so sch&ouml;n
+ruhig!&laquo; pflegte Mama zu sagen, wenn sie sich tief in
+den Lehnstuhl gleiten lie&szlig;. &raquo;So viel Sonne habt Ihr!&laquo;
+bemerkte der Vater und stellte sich mit dem R&uuml;cken ans
+Fenster in die hellsten Strahlen, als fr&ouml;stle ihn. Auch
+das Schwesterchen lief oft her&uuml;ber. Sie war ein bildh&uuml;bscher
+Backfisch geworden, mit einem suchenden Glanz
+in den Augen. &raquo;Papa brummt immer, &mdash; wir gehen
+ihm so viel als m&ouml;glich aus dem Wege!&laquo; erz&auml;hlte sie.</p>
+
+<p>Sonntags mu&szlig;te ich zu Tisch zu den Eltern kommen,
+oder zu Onkel Walters. Es war jedes Mal eine
+Qu&auml;lerei, denn um zwecklosen Auseinandersetzungen aus
+dem Wege zu gehen, blieb mir nichts &uuml;brig, als zu
+schweigen, w&auml;hrend mir das Blut oft vor Zorn in den
+Schl&auml;fen klopfte. Man vermied zwar von der Ethischen
+Bewegung zu sprechen, schimpfte aber um so mehr auf
+Juden, Kathedersozialisten und Egidyaner, als den
+&raquo;Hilfstruppen&laquo; der Sozialdemokratie, und die Tante
+besonders fand ein Vergn&uuml;gen darin, mich durch ihre
+schw&auml;rmerische Kaiser-Verehrung zu reizen.</p>
+
+<p><a name="Page_627" id="Page_627"></a>Einmal nahm mich der Onkel beiseite, und ich erwartete
+schon <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'ein'">eine</ins> wohlgemeinte politische Belehrung, als er von
+Egidy zu sprechen begann. &raquo;Er ist ein Phantast, aber trotz
+alledem ein Edelmann und dein Freund,&laquo; sagte er, &raquo;da
+geh&ouml;rt sich's, da&szlig; du ihn vor Schaden bewahrst. Er hat
+sich droben bei uns mit einem meiner Nachbarn, einem
+notorischen Schwindler &mdash; Wohlfahrt hei&szlig;t der Kerl
+zum &Uuml;berflu&szlig;! &mdash;, wie ich h&ouml;re, das N&auml;heren eingelassen.
+Warne ihn, ehe es zu sp&auml;t ist.&laquo; Ich lie&szlig; mir die n&ouml;tigen
+Details geben und bat Egidy um seinen Besuch.</p>
+
+<p>Wir hatten einander ein paar Monate lang nicht gesehen.
+Er aber sah um Jahre gealtert aus. Kaum
+hatte ich den Mut, diesem m&uuml;den Gesicht gegen&uuml;ber zu
+sagen, was ich wu&szlig;te. Er starrte mich an, die Finger
+ineinandergekrampft, die Augen weit aufgerissen. Und
+pl&ouml;tzlich sank sein Kopf auf die gefalteten H&auml;nde, und
+seine breiten Schultern bebten, von lautlosem Schluchzen
+ersch&uuml;ttert. Fassungslos stand ich vor ihm: er, der dem
+Spott und Ha&szlig; einer ganzen Welt getrotzt hatte, dessen
+sieghafter Glaube an die Menschen ihn un&uuml;berwindlich
+zu machen schien, &mdash; er sa&szlig; hier vor mir, zusammengebrochen,
+als w&auml;re ein Fels ihm auf den starken Nacken
+gest&uuml;rzt, &mdash; und weinte!</p>
+
+<p>&raquo;Meine Kinder &mdash; meine armen Kinder!&laquo; stie&szlig; er abgebrochen
+hervor &mdash; &raquo;alles habe ich diesem Menschen
+geopfert, &mdash; mein Letztes!&laquo;</p>
+
+<p>Georg kam nach Hause. Egidy raffte sich auf, um
+ihn zu begr&uuml;&szlig;en, aber die Kniee wankten ihm. Und
+dann war's, als m&uuml;&szlig;te er sein Herz aussch&uuml;tten, aussprechen,
+was er vielleicht vor sich selbst noch verhehlt
+hatte: Wie seine Hoffnungen ihn betrogen, die Scharen
+<a name="Page_628" id="Page_628"></a>seiner Gefolgschaft ihn verlassen hatten, sein Haus leer
+geworden war, seitdem er nicht mehr Wein und Braten
+aufzutischen vermochte.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt erst, wo die Menschen Sie nicht mehr als
+einen M&auml;rtyrer bewundern, werden Sie zeigen k&ouml;nnen,
+da&szlig; Sie ein Mann sind!&laquo; sagte Georg, als er schwieg.</p>
+
+<p>Mit einer raschen Bewegung, als wolle er jeden Rest
+von Schw&auml;che verscheuchen, strich sich Egidy &uuml;ber die
+Stirn und reichte Georg die Hand: &raquo;Wei&szlig; Gott, &mdash; ich
+werde es beweisen!&laquo; Und sich zu mir sich wendend, fuhr
+er fort: &raquo;Erinnern Sie sich, was ich Ihnen in Hannover
+sagte: &#8250;Im schlimmsten Fall reite ich allein &mdash; langsamen
+Schritt vorw&auml;rts &mdash; nach Z&auml;hlen &mdash; im Kugelregen.&#8249; &mdash; Leben
+Sie wohl.&laquo;</p>
+
+<p>Mich lie&szlig; er schweren Herzens zur&uuml;ck. &raquo;Allein &mdash; im
+Kugelregen!&laquo; wiederholte ich leise und kreuzte
+fr&ouml;stelnd die Arme unter der Brust.</p>
+
+<p>&raquo;Meine Alix f&uuml;rchtet sich?! &mdash; Vergi&szlig; niemals, was
+der gro&szlig;e Sklavenbefreier William Lloyd Garrison sagte:
+Einer mit der Wahrheit im Bunde ist m&auml;chtiger als alle.
+In diesem Glauben siegte er!&laquo; Georgs blasse Haut
+leuchtete im Abendd&auml;mmer.</p>
+
+<p>War ich so schwach, da&szlig; ich immer Menschen suchte &mdash; Gleichgesinnte? &mdash; und
+mich freute wie ein Kind,
+das hinter den Felsen hundert Gespielen w&auml;hnt, wenn
+irgendwo ein Echo meiner Stimme mir entgegenklang?...</p>
+
+<p><a name="Page_629" id="Page_629"></a>Der Verein Frauenrecht hatte mich trotz meiner
+S&uuml;nden in seinen Vorstand gew&auml;hlt: Ich war
+ein &raquo;Name&laquo;, &mdash; damit hatte Frau Vanselow die
+Mitglieder f&uuml;r ihren Plan gewonnen. Und ich hatte trotz
+meiner inneren Abneigung die Wahl angenommen: der
+Verein war am Ende doch ein wirksames Mittel zum
+Zweck. Vor allem galt es eins durchzusetzen: die
+deutsche Frauenbewegung aus ihrem Veilchen-Dasein zu
+befreien. F&uuml;nfundzwanzig Jahre hatte ich selbst gelebt,
+ehe ich von ihrer Existenz etwas erfuhr. Die deutsche
+Presse nahm noch jetzt kaum je irgendwelche Notiz von ihr.</p>
+
+<p>Es gelang mir zun&auml;chst &mdash; nachdem ich von vornherein
+die Arbeit daf&uuml;r auf mich genommen hatte &mdash;, eine
+Zeitungs-Korrespondenz durchzusetzen, und ich hatte die
+Genugtuung, da&szlig; meine Notizen in zahlreichen Bl&auml;ttern
+Aufnahme fanden. Nun mu&szlig;te ein Organ geschaffen
+werden, &mdash; eine weithin sichtbare Fahne f&uuml;r unsere Sache.
+Ich gewann den Verleger der Ethischen Bl&auml;tter f&uuml;r die
+Idee und kam strahlend &uuml;ber diesen Erfolg in die Vorstandssitzung
+des Vereins. Aber statt allgemeiner Freude
+begegnete ich allgemeinem Widerstand. &Uuml;ber die Verantwortung,
+die wir damit auf uns nehmen m&uuml;&szlig;ten,
+jammerte die eine, &uuml;ber die &raquo;seit Jahren liebgewordenen&laquo;
+Vereinsmitteilungen, an deren Stelle die Zeitschrift treten
+sollte, die andere.</p>
+
+<p>&raquo;Und die Frage der Redaktion ist doch vor allem eine
+schwer zu entscheidende,&laquo; meinte mit bedenklich hoch gezogenen
+Augenbrauen Frau Vanselow und sah mich
+pr&uuml;fend an. Ich begriff.</p>
+
+<p>&raquo;Selbstverst&auml;ndlich wird sie unserer verehrten Vor<a name="Page_630" id="Page_630"></a>sitzenden
+anvertraut werden,&laquo; sagte ich rasch. &raquo;Und
+meine liebe Frau von Glyzcinski wird mir hilfreich
+wie immer zur Seite stehen,&laquo; erg&auml;nzte Frau Vanselow
+und streckte mir &uuml;ber den Tisch hinweg die Hand entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich halte dies Vorgehen f&uuml;r unethisch,&laquo; t&ouml;nte Frau
+Schwabachs scharfe Stimme dazwischen. Erstaunt sah
+ich auf: &raquo;Das begreife, wer kann!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unser liebes, heute leider fehlendes Fr&auml;ulein Georgi
+hat die Mitteilungen bisher als Schriftf&uuml;hrerin zu unser
+aller Zufriedenheit und &mdash; unentgeltlich &mdash;&laquo; ein vielsagender
+Blick traf mich &mdash; &raquo;in selbstloser Hingabe an
+die Sache geleitet. Ich gebe meine Zustimmung nicht,
+wenn man sie beiseite schiebt!&laquo;</p>
+
+<p>Emp&ouml;rt fuhr ich auf: &raquo;Es handelt sich hier um die
+Sache und nicht um die Personen, um ein &ouml;ffentliches
+Unternehmen und nicht um ein Vereinsbl&auml;ttchen! Jeder
+Fortschritt verletzt irgendwen, &mdash; und wenn Ihre Ethik
+im Gegensatz zum Fortschritt steht, so gebe ich sie preis
+und w&auml;hle diesen!&laquo;</p>
+
+<p>Ich erhob mich rasch und &uuml;berlie&szlig; den Vorstand sich
+selber.</p>
+
+<p>Vier Wochen sp&auml;ter erschien die erste Nummer der
+&raquo;Frauenfrage&laquo; unter Frau Vanselows und meiner
+Redaktion. Georg er&ouml;ffnete sie mit einem Artikel f&uuml;r
+das Frauenstimmrecht. Etwa zu gleicher Zeit versandte
+Helma Kurz ein Zirkular an die deutschen Frauenvereine,
+durch das sie zur Gr&uuml;ndung eines nationalen
+Frauenbundes aufforderte, der sich dem bereits bestehenden
+in Amerika ins Leben gerufenen internationalen Verbande
+anschlie&szlig;en sollte.</p>
+
+<p><a name="Page_631" id="Page_631"></a>Mit einem harten &raquo;Niemals&laquo; begegnete Frau Vanselow
+meiner Begeisterung f&uuml;r diesen Zusammenschlu&szlig;.
+&raquo;Aufspielen will sich die Kurz, von sich reden machen,
+nachdem ihr angesichts unserer Erfolge l&auml;ngst schon die
+Galle &uuml;berl&auml;uft ...&laquo; Nur schwer gelang es mir, sie zu
+beruhigen und zur Teilnahme an den vorbereitenden
+Sitzungen zu bewegen. Ein Heer von Frauen, in der
+ganzen Welt zu einer Organisation zusammengeschlossen, &mdash; war
+das nicht die welterobernde Macht der Zukunft?!
+Hier w&uuml;rde die Arbeiterin neben der Bourgeoisdame,
+die Sozialdemokratin neben der Frau des Ostelbiers zu
+Worte kommen; im friedlichen Austausch der Ideen
+w&uuml;rde schlie&szlig;lich die lebenskr&auml;ftigste siegen, &mdash; durch die
+M&uuml;tter der kommenden Generation w&uuml;rde leise und
+nat&uuml;rlich die Quelle in die Menschheit gelenkt werden,
+die bestimmt war, als Strom die Schiffe der Zukunft
+zu tragen!</p>
+
+<p>&raquo;Also eine Ethische Gesellschaft der Frauen, &mdash; nach
+unserem Plan!&laquo; meinte Georg. Ich benutzte den n&auml;chsten
+freien Augenblick, um mit Martha Bartels die Sache
+zu besprechen. Seltsam: sie wu&szlig;te von nichts, das Zirkular
+war ihr nicht zugegangen. &raquo;Und wenn ich es
+schon erhalten h&auml;tte,&laquo; sagte sie, &raquo;es ist mir zweifelhaft,
+ob meine Genossinnen eine Beteiligung f&uuml;r n&uuml;tzlich gehalten
+haben w&uuml;rden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber bedenken Sie doch, welch ein Agitationsgebiet
+sich Ihnen er&ouml;ffnen w&uuml;rde&laquo; &mdash; eiferte ich, auf das
+schmerzlichste &uuml;berrascht durch ihre ablehnende Haltung, &mdash; denn
+da&szlig; die Aufforderung sie nur durch irgend
+einen Zufall nicht erreicht hatte, davon war ich &uuml;berzeugt, &mdash; es
+war ja im Zirkular die Rede von &raquo;allen Frauen&laquo;.</p>
+<p><a name="Page_632" id="Page_632"></a></p>
+<p>&raquo;Unser Agitationsgebiet ist das gesamte Proletariat, &mdash; gro&szlig;
+genug f&uuml;r die gewaltigsten Arbeitskr&auml;fte! Eine
+Vereinigung mit der b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung w&uuml;rde
+zersplitternd und verwirrend wirken. Die gro&szlig;e Masse
+unserer Arbeiterinnen ist noch nicht so selbstbewu&szlig;t, um
+sich den Damen gegen&uuml;ber als Gleichberechtigte zu f&uuml;hlen.&laquo;</p>
+
+<p>Mir schien, als ob aus ihren Worten mehr Gekr&auml;nktheit
+&uuml;ber die Zur&uuml;cksetzung als &Uuml;berzeugung sprach.</p>
+
+<p>&raquo;Wir reden noch dar&uuml;ber,&laquo; sagte ich, innerlich ordentlich
+froh &uuml;ber die Aufgabe, die sich mir er&ouml;ffnete: Ich
+sah sie schon erf&uuml;llt, sah in Gedanken Martha Bartels
+auf der Trib&uuml;ne stehen und durch ihre schlichte
+Wahrhaftigkeit die Frauen <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'gewinnnen'">gewinnen</ins>. Ich schrieb an Helma
+Kurz, um sie auf das Vers&auml;umte aufmerksam zu machen, &mdash; ich
+erhielt keine Antwort. Bei dem Begr&uuml;&szlig;ungsabend
+der deutschen Delegierten erwartete ich mit Ungeduld
+das Ende des Diners, um sie pers&ouml;nlich zu sprechen.
+Ich fand es zum mindesten geschmacklos, solch ein Werk
+bei Wein und Rehbraten in gro&szlig;er Toilette zu beginnen
+und einander durch Toaste anzuhimmeln, noch ehe irgend
+etwas geschehen war. Endlich erreichte ich Helma
+Kurz; sie wurde dunkelrot, als sie mich sah. &raquo;Hier ist
+nicht der Ort, prinzipielle Fragen zu er&ouml;rtern,&laquo; sagte
+sie heftig und drehte mir den breiten R&uuml;cken zu.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen in der Sitzung meldete ich mich
+als eine der ersten zur Debatte. Es wurden endlose
+Reden gehalten: &uuml;ber die Einigkeit aller Frauen, &uuml;ber
+die gemeinsamen gro&szlig;en Ziele, &mdash; vergebens wartete ich
+Stunde um Stunde, da&szlig; mir das Wort erteilt werden
+w&uuml;rde. Ich meldete mich noch einmal. &raquo;Sie m&uuml;ssen
+Ihren Antrag schriftlich formulieren!&laquo; schrie Helma<a name="Page_633" id="Page_633"></a>
+Kurz mich bitterb&ouml;se an. Ich tat es. Ein erregtes
+Tuscheln um den Vorstandstisch &mdash; &raquo;Ihr Antrag steht
+au&szlig;erhalb der Tagesordnung&laquo; &mdash; verk&uuml;ndete die Vorsitzende.
+Ich versuchte mir gewaltsam Geh&ouml;r zu verschaffen.
+Um mich kreischten erregte Stimmen: &raquo;Schweigen Sie!&laquo; &mdash; &raquo;Hinaus!&laquo; &mdash; &raquo;Wie
+unethisch!&laquo;</p>
+
+<p>Majest&auml;tisch richtete sich die schwere Gestalt der Kurz
+hinter dem Vorstandstisch auf: &raquo;An dieser St&ouml;rung
+unserer sch&ouml;nen Harmonie sehen Sie, meine Damen,
+wes Geistes Kind diejenige sein mu&szlig;, die sie hervorrief!&laquo;
+erkl&auml;rte sie mit feierlicher W&uuml;rde, jedes Wort betonend.
+&raquo;Ich werde trotzdem, nicht aus R&uuml;cksicht auf die Delegierte
+des Vereins Frauenrecht&laquo; &mdash; sie l&auml;chelte sp&ouml;ttisch &mdash; &raquo;sondern
+auf unsere hier anwesenden bew&auml;hrten
+Mitk&auml;mpferinnen die Erkl&auml;rung abgeben, die in einer
+Weise gefordert wird, wie sie bis dato nur in sozialdemokratischen
+Radauversammlungen &uuml;blich war. S&auml;mtliche
+deutsche Frauenvereine sind zu dieser Zusammenkunft
+aufgefordert worden, mit Ausnahme derjenigen nat&uuml;rlich,
+die nicht auf dem Boden unserer Staats- und Gesellschaftsordnung
+stehen.&laquo; &mdash; Ein langanhaltendes Bravo-Rufen
+unterbrach sie &mdash; &raquo;Ihre Teilnahme w&uuml;rde die Aufl&ouml;sung
+des Verbandes zur notwendigen Folge gehabt
+haben ...&laquo; Ich sprang auf und warf noch einmal
+meine Karte auf den Vorstandstisch. &raquo;Im Interesse der
+ruhigen Fortf&uuml;hrung unserer Verhandlungen haben wir
+beschlossen, Frau von Glyzcinski das Wort zu verweigern.&laquo;
+Erneuter allgemeiner Beifall &mdash;</p>
+
+<p>Ich hatte rasch einen Protest gegen den Ausschlu&szlig; der
+Arbeiterinnenvereine zu Papier gebracht und benutzte
+die Pause zum Sammeln von Unterschriften. Aber
+<a name="Page_634" id="Page_634"></a>wem ich auch in die N&auml;he trat, &mdash; schon vor meiner
+Person zog man sich scheu zur&uuml;ck. Entr&uuml;stet blitzte mich
+Frau Schwabach mit ihren klugen dunkeln Augen an:
+&raquo;Und Sie sind eine Ethikerin, die das allen Gemeinsame
+pflegen und betonen soll!&laquo; Ich fand in der gro&szlig;en Versammlung
+nur zwei Stimmen, die sich mir anschlossen,
+unter ihnen die Frau Vanselows. &raquo;Sie schicken das an die
+Presse? &mdash; Famos! Ein empfindlicher Schlag f&uuml;r Helma
+Kurz!&laquo; sagte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Rom ist nicht an einem Tage gebaut worden,&laquo; tr&ouml;stete
+mich Georg, als ich verstimmt und entt&auml;uscht nach Hause
+kam. Es dauerte lange, ehe der heilende Trank seines
+Menschenglaubens mir die tiefe Verbitterung aus dem
+Herzen trieb. Aber den letzten Keim der Krankheit
+t&ouml;tete er nicht. Was ich in unserer Zeitschrift und in
+der &raquo;Frauenfrage&laquo; ver&ouml;ffentlichte, wurde immer sch&auml;rfer
+im Ton. Die Menschen, denen ich begegnete, die B&uuml;cher,
+die ich las, die dramatischen Werke, die ich sah, &mdash; ich
+beurteilte sie alle nur von dem einen Gesichtspunkt aus:
+ihrer Stellung zur sozialen Frage, zum Sozialismus.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Aus der Dichtung und aus der bildenden Kunst verschwand
+damals allm&auml;hlich die Elendsschilderung,
+die in Hauptmanns Webern noch die Peitsche
+gewesen war, die r&uuml;cksichtslos blutige Striemen zog, und
+in seinem &raquo;Hannele&laquo; das Bettlerkind schon in M&auml;rchenkleidern
+zeigte. K&uuml;nstlerische Begeisterung entz&uuml;ndet sich an
+jungen Ideen, solange sie flackernde Flammen sind und
+die Gefahr des Erl&ouml;schens ihnen phantastisch-spannenden<a name="Page_635" id="Page_635"></a>
+Reiz verleiht. Mit ihrer Reife erstarren sie zu Schwertern,
+die der K&auml;mpferarme bed&uuml;rfen, w&auml;hrend das Seherauge
+des K&uuml;nstlers schon sehns&uuml;chtig nach neu auftauchenden
+Lichtern im fernen Dunkel Ausschau h&auml;lt. Aber was
+Notwendigkeit ist, erschien mir wie Treulosigkeit und
+Schw&auml;che, und der Ich-Kultus, der an Stelle des Kultus
+der Menschheit trat, wie ein frevelhafter R&uuml;ckschritt.</p>
+
+<p>Gegen eine Welt von Widersachern hatten die Ibsen
+und Nietzsche die Freiheit der Pers&ouml;nlichkeit verk&uuml;ndet,
+in jahrelangem, schmerzvollem Ringen hatten wir sie
+erobert; ein Heiligtum war sie uns, dessen ewige Lampe
+sich von unserem Herzblut tr&auml;nkte. Und nun kamen die
+vielen l&auml;rmenden Leute und griffen nach ihr ohne Ehrfurcht,
+und nichts als ein neues Spielzeug war sie ihnen.
+Dem gebildeten P&ouml;bel galt jeder als ein Freier, der
+schrankenlos seinen Begierden folgte. Die entg&ouml;tterte
+Menschheit suchte nach G&ouml;tzen, und jeder fand eine anbetende
+Gemeinde, der alte Werte mit F&uuml;&szlig;en trat.</p>
+
+<p>&raquo;Die sexuelle Freiheit ist doch nicht die Freiheit an
+sich!&laquo; sagte ich einmal voller Emp&ouml;rung zu Polenz, der
+mir Hartlebens &raquo;Hanna Jagert&laquo; gebracht hatte. &raquo;Gewi&szlig;
+gibt es Frauen mit denselben sinnlichen Leidenschaften,
+wie M&auml;nner sie haben, aber in ihnen den &#8250;gro&szlig;en freien
+Weibtypus der Zukunft&#8249; zu suchen, ist ebenso frevelhaft,
+als wenn man den modernen Lebemann f&uuml;r das Ideal
+der M&auml;nnlichkeit erkl&auml;ren w&uuml;rde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie kennen eben unsere jungen Dichter nicht, die
+zumeist aus dem engsten Kleinb&uuml;rgertum stammen und
+von da aus direkt der Gro&szlig;stadtboh&ecirc;me in die Arme
+laufen. Eine andere Welt ist ihnen fast allen fremd
+und bleibt ihnen fast immer verschlossen. Gerade Sie
+<a name="Page_636" id="Page_636"></a>sollten es wagen, in die H&ouml;hle der L&ouml;wen zu kommen,&laquo;
+antwortete Polenz.</p>
+
+<p>Ich z&ouml;gerte noch, aber Georg, dem jedes Mittel willkommen
+war, das ihm geeignet schien, mich heiterer zu
+stimmen, redete zu, und so folgte ich eines Abends Polenz'
+Einladung. Er hatte eine heterogene Gesellschaft zusammen
+gebeten: alte Regimentskameraden und anarchistelnde
+Schriftsteller, s&auml;chsische Gesandschaftsattach&eacute;s
+und die Bl&uuml;te der berliner Kaffeehaus-Literaten. Eine
+unbehagliche Stimmung herrschte; die Herren von der
+Feder f&uuml;hlten sich sichtlich nicht wohl in ihren Fr&auml;cken,
+und die Damen, die sich von ihnen etwas ungeheuer
+Interessantes erwartet hatten, vermochten trotz aller
+M&uuml;he die genierte Steifheit der fremden G&auml;ste nicht zu
+&uuml;berwinden. Erst bei Tisch und beim Wein wurde es
+ein wenig lebendiger. Einer der modernsten und beliebtesten
+Schriftsteller, der mit einer gewissen Grazie
+die gewagtesten Dinge zu schildern pflegte, sa&szlig; neben
+mir, ein anderer, der die Hoffnung der Moderne war,
+mit dunkler Brille &uuml;ber den lebhaften Augen, mir gegen&uuml;ber.
+Ich lie&szlig; alle meine oft erprobten, geselligen
+K&uuml;nste spielen, schlug alle Saiten an, von denen ich
+einen Ton erwarten konnte, &mdash; vergebens. Wie Backfische,
+die zuerst in Gesellschaft kommen, antworteten sie
+mit einem Ja, einem Nein und einem verlegenen
+L&auml;cheln, wenn ich glaubte, gerade ihre Interessen ber&uuml;hrt
+zu haben. Ich sah forschend die lange Tafel herauf
+und herunter: &uuml;berall dasselbe Bild, &mdash; und langsam
+legte sich eine bleierne Langeweile &uuml;ber die zu krampfhaftem
+H&ouml;flichkeitsgrinsen verzerrten Z&uuml;ge. Man atmete
+schlie&szlig;lich erleichtert auf, als das Essen zu Ende war;
+<a name="Page_637" id="Page_637"></a>und so rasch sie konnten, verschwanden die Herren im
+Nebenzimmer, von wo bei Kognak und Zigarrren bald
+dr&ouml;hnendes Lachen herr&uuml;berscholl.</p>
+
+<p>Als ich, die Elektrische erwartend, auf der Stra&szlig;e stand,
+trat eine kleine Frau mit blitzenden Saphiraugen, ein
+Spitzentuch l&auml;ssig &uuml;ber den dicken, blonden Schopf geworfen,
+auf mich zu. &raquo;Er ist wohl noch immer da drin, der
+Franzl,&laquo; sagte sie und wies mit dem Daumen zu der erleuchteten
+Etage herauf, die ich eben verlassen hatte. &Uuml;berrascht
+sah ich sie an &mdash; &raquo;Juliane D&eacute;ry! Was machen Sie
+denn hier?&laquo; &mdash; &raquo;Ich warte! &mdash; mit dem letzten Bissen im
+Munde wollte er diesem Menschenragout entlaufen. Aber es
+mu&szlig; doch pikanter ausgefallen sein, als ich prophezeite ...&laquo;
+Ich lachte hellauf und gab ihr eine Schilderung der letzten
+drei Stunden. &raquo;Und Sie dachten wirklich an gedeckten
+Tischen, zwischen Grafen und Baroninnen, unsere jungen
+Genies kennen zu lernen?!&laquo; Sie konnte sich vor Vergn&uuml;gen
+nicht lassen, am&uuml;siert blieben die Vor&uuml;bergehenden
+bereits neben uns stehen. &raquo;Kommen Sie!&laquo; mahnte ich
+leise und schob meinen Arm in den ihren.</p>
+
+<p>&raquo;Richtig! &mdash; Wir haben ja schon einmal eine n&auml;chtliche
+Promenade gemacht! Seitdem sind Sie ethisch geworden
+und haben &mdash;&laquo; sie stockte ein wenig &mdash; &raquo;geheiratet!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Sie?&laquo; Ich frug ohne Interesse, im Grunde nur,
+um irgend etwas zu sagen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich? &mdash; Gott &mdash; Sie sehen: ich lebe! Was sollte
+unsereins auch sonst noch tun!&laquo; Ein d&uuml;sterer Schatten
+verdunkelte einen Augenblick lang ihre Augen, dann
+l&auml;chelte sie wieder: &raquo;Wissen Sie was? Kommen Sie
+heute mit mir, &mdash; ich bin ein besserer Cicerone der
+Boh&egrave;me als Ihre Gastgeber eben! &Uuml;berdies &mdash;&laquo; sie
+<a name="Page_638" id="Page_638"></a>musterte mich unter der n&auml;chsten Laterne von oben bis
+unten &mdash; &raquo;werde ich mit Ihnen Furore machen.&laquo;</p>
+
+<p>Bis zu unserem Ziel, einer kleinen Weinstube in der
+Friedrichstadt, erz&auml;hlte sie mir mit der ihr eigenen
+spr&uuml;henden Lebhaftigkeit von all den freien Geistern,
+die ich finden w&uuml;rde. &raquo;Der gro&szlig;e...&laquo;, &raquo;der geniale...&laquo;,
+&raquo;der einzige...&laquo;, &mdash; mit diesen Adjektiven begleitete
+sie Namen, die mir kaum bekannt waren.</p>
+
+<p>Als wir eintraten, schlug ein Wolke dicken Rauches
+uns entgegen; ein paar Lampen, ein paar Lichtp&uuml;nktchen
+brennender Zigaretten leuchteten hindurch. Ein Chor
+schwatzender Stimmen machte jedes Wort unverst&auml;ndlich.
+Erst als wir im Lichtkreis der Gasflammen standen,
+verstummte die Gesellschaft. Die Herren erhoben sich
+und umringten uns. Sie rochen nach Kognak, &mdash; unwillk&uuml;rlich
+trat ich einen Schritt zur&uuml;ck. Man h&ouml;rte
+meinen Namen. &raquo;Bist wohl verr&uuml;ckt geworden, Juliane!&laquo;
+brummte eine M&auml;nnerstimme, und ein Arm legte sich
+um ihre Taille. Ich setzte mich abseits in eine Ecke.
+Nach einer Weile schien ich vergessen und f&uuml;hlte mich
+wie eine Zuschauerin vor der B&uuml;hne. Es war zweifellos
+ein interessantes Spektakelst&uuml;ck, das ich sah, und
+Menschen eigener Art, die darin spielten.</p>
+
+<p>Zu F&uuml;&szlig;en eines gro&szlig;en, tiefbr&uuml;netten Mannes, um
+den sich allm&auml;hlich die leeren Flaschen h&auml;uften, sa&szlig; eine
+blasse Frau mit blonder Haarkrone auf dem vornehmen
+K&ouml;pfchen. Das mu&szlig;te die d&auml;nische Gr&auml;fin sein, die
+der &raquo;satanische&laquo; Dichter, wie die D&eacute;ry ihn nannte,
+entf&uuml;hrt hatte. Wenn er redete, sah sie and&auml;chtig zu
+ihm auf, und die N&auml;chststehenden schwiegen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja &mdash; was ich sagen wollte &mdash; &mdash;&laquo; er sprach mit
+<a name="Page_639" id="Page_639"></a>einem scharfen slawischen Akzent &mdash; &raquo;was &mdash; was
+war es doch?&laquo; Er go&szlig; sich roten Wein in das Glas, &mdash; ein
+paar Tropfen spritzten der Frau zu seinen
+F&uuml;&szlig;en auf die wei&szlig;e Stirn, &mdash; er verga&szlig; zu trinken
+und starrte sie an: &raquo;wie sch&ouml;n das ist: die Dornen
+deines unsichtbaren Kranzes haben dich verwundet, &mdash; wie
+ein Rubin leuchtet dein k&ouml;nigliches Blut ...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zum Donnerwetter, was schweigt ihr,&laquo; br&uuml;llte er im
+n&auml;chsten Augenblick und st&uuml;rzte den Wein hinunter,
+&raquo;was geht das Euch Kanaillen an?!&laquo; Die anderen
+lachten.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast uns deinen Helden schildern wollen!&laquo; sagte
+jemand.</p>
+
+<p>&raquo;Meinen Helden!&laquo; begann er wieder, &raquo;das wird ein
+Kerl sein! Kein waschlappiger Schmachtfetzen, der die
+Weiber anhimmelt, sondern einer, der zupackt, wie ich!&laquo; &mdash; seine
+Riesenfaust umklammerte den Arm der blonden
+Frau, die schmerzhaft zusammenfuhr, &mdash; &raquo;keiner, der den
+Lahmen Kr&uuml;cken schenkt und den Blinden Brillen, sondern
+einer, der beiseite st&ouml;&szlig;t, was ihm im Wege steht. Oder
+meint ihr, das Gesindel um uns sei was besseres wert?!
+Glaubt mir, wenn wir nicht empor kommen, die Starken,
+die Hartherzigen, dann wird das Gew&uuml;rm, das Junge
+wirft wie die Kaninchen, uns auffressen. Den Schwachen
+helfen, winselt ihr mit dem verw&auml;sserten Christenblut in
+den Adern? Nein, sage ich: den Schwachen den Gnadensto&szlig;
+geben, damit die Starken Platz haben!&laquo;</p>
+
+<p>Ich hielt mich nicht l&auml;nger. &raquo;Es mu&szlig; sich aber erst
+erweisen, wer die Starken sind,&laquo; rief ich.</p>
+
+<p>&raquo;Erweisen? Nein, sch&ouml;nste Frau, &mdash; wenn wirs nur
+von uns selber wissen,&laquo; antwortete er, stand auf und
+<a name="Page_640" id="Page_640"></a>trat auf mich zu, &mdash; er schwankte ein wenig &mdash; &raquo;Sie
+sind ja so Eine, die sich opfert &mdash; der Menschheit &mdash; der
+Ethik &mdash; pfui Teufel! Mit so einem Gesicht und
+solcher Gestalt &mdash;&laquo; seine gro&szlig;e Hand streckte sich, ich
+wich ihr erschrocken aus &mdash; &raquo;sich behaupten sollten Sie, &mdash; Gl&uuml;ck
+schenken und Liebe, &mdash; das ist mehr als Trakt&auml;tchen &mdash; und &mdash; und &mdash; Kinder
+kriegen &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Er fiel wie ein gef&auml;llter Baum der L&auml;nge nach zu
+Boden. Ich strebte hastig der T&uuml;re zu. Juliane D&eacute;ry
+kam mir nach und dr&auml;ngte ihr gl&uuml;hendes Gesicht dicht
+an das meine.</p>
+
+<p>&raquo;So bleiben Sie doch &mdash; Sch&ouml;nste &mdash; Beste,&laquo; schmeichelte
+sie &mdash; ich f&uuml;hlte ihre Hand auf meiner H&uuml;fte. &raquo;Ist er
+nicht gro&szlig;? &mdash; herrlich? Und jetzt wird es erst sch&ouml;n &mdash; komm!
+komm! &mdash; la&szlig; uns Freundinnen sein &mdash;&laquo;
+Sie versuchte mich zu k&uuml;ssen. Ich sch&uuml;ttelte sie ab.
+&raquo;Hochm&uuml;tige N&auml;rrin &mdash;&laquo; knirschte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Sie &mdash; sie hat kein Herz &mdash; kein Herz &mdash; wie all
+die &mdash; die Trib&uuml;nenweiber!&laquo; lallte der Betrunkene, der
+sich halb aufgerichtet hatte.</p>
+
+<p>Ich lief hinaus wie gejagt und sprang in den n&auml;chsten
+Wagen. Warum nur brach ich schluchzend in den
+Kissen zusammen, &mdash; warum?!</p>
+
+<p>Leise schlich ich in die Wohnung, in mein Zimmer.
+Zum erstenmal verschwieg ich Georg, was ich erlebt
+hatte; nur von dem Abend bei Polenz erz&auml;hlte ich und
+von den Menschen dort, die &raquo;auch nicht die unseren
+sind&laquo;.</p>
+
+<p>Er h&ouml;rte kaum zu, seine Gedanken waren bei dem
+Brief, den er zwischen den Fingern rollte und mir
+l&auml;chelnd reichte.</p>
+<p><a name="Page_641" id="Page_641"></a></p>
+<p>&raquo;Hier werden wir die unseren finden!&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>Es war eine Einladung zu einem Festkommers &raquo;unserem
+verehrten Genossen Friedrich Engels zu Ehren&laquo;, von
+den Mitgliedern des Parteivorstands unterschrieben.
+&raquo;Du willst hingehen?&laquo; frug ich erstaunt, &raquo;als preu&szlig;ischer
+Universit&auml;tsprofessor?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Freude will ich mir nicht entgehen lassen,
+einmal im Leben dazu zu geh&ouml;ren! &mdash; und den Kragen
+wird es nicht kosten!&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Ein gro&szlig;er Saal. Gr&uuml;ne Girlanden, mit roten
+Blumen besteckt, schwebten in runden Bogen um
+die Galerien, von einer S&auml;ule zur anderen. &raquo;Proletarier
+aller L&auml;nder, vereinigt euch!&laquo; leuchtete es in riesigen
+Goldbuchstaben auf rotem Grund von der Trib&uuml;nenwand
+herab den Eintretenden entgegen. Unter Lorbeerb&uuml;schen
+gl&auml;nzten die wei&szlig;en B&uuml;sten von Marx und
+Lassalle. Als wir kamen, war der Riesenraum schon
+dicht gef&uuml;llt: M&auml;nner im Festtagsrock, Frauen und
+M&auml;dchen in bunten Blusen und hellen Kleidern, die
+Gesichter verkl&auml;rt, wie die der Kinder von Weihnachtsvorfreude.
+Ein Glanz der Jugend strahlte aus
+allen Augen und verwischte die Furchen, die Leidensz&uuml;ge,
+die Kummerfalten, und gab den fr&uuml;h gebleichten
+Wangen die R&ouml;te der Kinder des Gl&uuml;cks.</p>
+
+<p>Neugierig richteten sich alle Blicke auf uns: den
+bleichen Mann im Rollstuhl und die junge Frau
+ihm zur Seite. Der alte Bartels f&uuml;hrte uns bis nach
+vorn, wo an gedeckten Tischen die Pl&auml;tze f&uuml;r die G&auml;ste
+reserviert waren.</p>
+<p><a name="Page_642" id="Page_642"></a></p>
+<p>&raquo;Da&szlig; ich das noch erlebe &mdash; Herr Professor &mdash; das
+noch erlebe,&laquo; wiederholte er immer wieder, mit dicken
+Freudentr&auml;nen in den kleinen, zwinkernden &Auml;uglein.</p>
+
+<p>Brausende Hochrufe ersch&uuml;tterten die Luft. &mdash; Alles
+erhob sich &mdash; schwenkte die H&uuml;te und wehte mit den
+Taschent&uuml;chern &mdash; auf die Tische und auf die Schultern
+wurden die Kinder gehoben, so da&szlig; ihre K&ouml;pfchen
+wie Blumen aus dichtem Wiesengrund &uuml;ber die Massen
+emporragten. Und durch den breiten Mittelgang, an
+dem sich rechts und links, eine undurchdringliche Mauer,
+die Menge staute, kamen sie alle, die alten K&auml;mpfer,
+deren Namen ein blutiger Schrecken f&uuml;r die einen, ein
+Symbol k&uuml;nftiger Gl&uuml;ckseligkeit f&uuml;r die anderen war.</p>
+
+<p>Mein Blick blieb nur auf den vier Voranschreitenden
+haften, die ich um mich herum immer wieder fl&uuml;sternd
+nennen h&ouml;rte: Liebknecht &mdash; Bebel &mdash; Auer &mdash; Engels.
+Gro&szlig; war der eine, mit grauem Vollbart, hoher Stirn,
+geistvoll spr&uuml;henden Augen, einen feinen Zug von Sarkasmus
+um den Mund, klein der andere, mit widerspenstiger
+voller Haarstr&auml;hne, die ihm immer wieder
+nach vorne fiel, so da&szlig; sein Blick sich noch mehr verschleierte, &mdash; jener
+merkw&uuml;rdige Blick, wie ihn nur
+Dichter und Tr&auml;umer haben. Einen breiten, hellen
+Germanenkopf trug der Dritte stolz auf den starken
+Schultern, ein paar Augen, die gewi&szlig; kampflustig zu
+blitzen verstanden wie die alter H&auml;uptlinge, sahen &uuml;ber
+die Menge hinweg. Vorne aber ging der alte gefeierte
+Gast mit einem L&auml;cheln so voll ger&uuml;hrter G&uuml;te und
+freudiger Menschenliebe, als w&auml;ren das alles seine
+Kinder, die ihm entgegenjauchzten.</p>
+
+<p>Gesang, Musik, Begr&uuml;&szlig;ungsreden wechselten miteinander
+<a name="Page_643" id="Page_643"></a>ab, wie bei einem gro&szlig;en Familienfest. Nichts Pathetisches,
+aber auch nichts, das an Aufruhr und revolution&auml;re
+Schrecken erinnerte, st&ouml;rte die Stimmung.
+Das Rot der vielen Schleifen und Fahnen im Saal
+schien heute nur die Farbe der Freude zu sein, nicht
+die des Bluts. Auch die &#8250;Freiheit&#8249;, die auftrat, mit der
+phrygischen M&uuml;tze auf dem schwarzen Krauskopf, ihre
+Verse skandierend wie ein Schulkind, glich mehr einem
+Boten des Fr&uuml;hlings als der Revolution.</p>
+
+<p>Drunten im Saal, wie oben auf der Trib&uuml;ne herrschte
+eitel Fr&ouml;hlichkeit.</p>
+
+<p>Von einem Tisch zum anderen begr&uuml;&szlig;ten sich die Bekannten,
+und er, der Held des Tages, dr&auml;ngte sich mit
+den Freunden immer wieder durch die Reihen und
+sch&uuml;ttelte die H&auml;nde alter Kampfgenossen aus den
+schweren Zeiten der Verfolgung. Sie kamen auch zu
+uns und setzten sich um Georgs Rollstuhl, und seine
+Lippen zuckten, und seine Augen wurden feucht vor Bewegung.
+Mit einer altv&auml;terisch-chevaleresken Verbeugung
+schenkte mir Engels ein paar Blumen aus der F&uuml;lle,
+die ihm gegeben worden war. &raquo;Ein gef&auml;hrliches Zeichen,&laquo;
+lachte Liebknecht und wies auf die rote Nelke darunter.
+&raquo;Eins des Sieges, wie ich hoffe,&laquo; antwortete ich.</p>
+
+<p>Wir gingen still nach Haus. Eine gro&szlig;e Freudigkeit
+erf&uuml;llte uns.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>An einem grauen, na&szlig;kalten Dezembertag war
+es. Das Reichshaus sollte eingeweiht werden.
+Am Brandenburger Tor stand ich, Eindr&uuml;cke
+zu sammeln f&uuml;r das, was ich schreiben wollte. Man
+<a name="Page_644" id="Page_644"></a>lachte &mdash; schwatzte &mdash; h&ouml;hnte rings um mich her: vom
+&raquo;Gipfel der Geschmacklosigkeit&laquo; sprach der Eine, &mdash; so
+hatte S.&nbsp;M. j&uuml;ngst in Italien den Bau Wallots bezeichnet &mdash;,
+von der leeren Tafel &uuml;ber den Toren erz&auml;hlte
+der andere, die auf die Inschrift &raquo;Dem deutschen
+Volke&laquo; vermutlich vergebens warten w&uuml;rde; &mdash; &raquo;den
+Junkern und Pfaffen, &mdash; wirds statt dessen hei&szlig;en,&laquo;
+f&uuml;gte bissig ein Dritter hinzu. &raquo;Wenn man die Umsturzvorlage
+det janze Dings nich umst&uuml;rzen wird,&laquo; zischelte
+es dicht neben mir. Der stramme Polizeileutnant, der
+hier Wache hielt, wandte stirnrunzelnd den Kopf. In
+offenem Wagen fuhren die Abgeordneten vor&uuml;ber: Zivilisten
+mit gl&auml;nzenden Zylindern auf dem Kopf und
+bunten B&auml;ndchen im Knopfloch, auf den Z&uuml;gen den
+Ausdruck ernsthafter Wichtigkeit, Geistliche in der schwarzen
+Soutane mit runden gl&auml;nzenden Gesichtern; Reserveoffiziere,
+denen der enge Kragen das Blut blaurot in
+die Stirne trieb, und deren bunter Rock sich in Falten
+&uuml;ber Brust und Leib spannte. &raquo;Drum m&uuml;ssen sie doch
+alle stramm stehen vor dem obersten Kriegsherrn, &mdash; die
+M.&nbsp;d.&nbsp;R.s &mdash;&laquo; zischelte dieselbe Stimme wie vorhin.</p>
+
+<p>Aufgeregt sprengten die Polizisten noch einmal hin
+und her, &mdash; ihre Pferde dr&auml;ngten die angstvoll aufkreischenden
+Zuschauer zur Seite.</p>
+
+<p>Vom Schlo&szlig; die Linden hinunter trabte eine Schwadron
+Garde du Korps in gl&auml;nzender Uniform mit
+wehenden F&auml;hnlein. Da pl&ouml;tzlich ein klirrender Sto&szlig; &mdash; ein
+Schrei, &mdash; und zwei Reiter w&auml;lzten sich unter
+ihren Pferden.</p>
+
+<p>Im gleichen Augenblick nahte ein Wagen: der Kaiser!
+Schweigend &mdash; erwartungsvoll &mdash; kaum, da&szlig; ein paar<a name="Page_645" id="Page_645"></a>
+H&uuml;te von den K&ouml;pfen flogen &mdash; harrte die Menge, &mdash; schwankend,
+mit totblassem Gesicht richtete der eine der
+gefallenen Soldaten sich auf die Kniee, &mdash; dicht vor
+ihm schlugen die Hufe des Viergespanns schon auf das
+Pflaster.</p>
+
+<p>Das Bronzegesicht des Monarchen tauchte sekundenlang
+auf &mdash; ein einziger kalter Blick streifte den Garde
+du Korps &mdash; die feindselig-stumme Menge hinter ihm, &mdash; und
+vor&uuml;ber raste der Wagen.</p>
+
+<p>Erregt, mit verbissenem Grimm stoben die Menschen
+auseinander. Das war, so schien mir, der rechte Auftakt
+f&uuml;r das kommende Schauspiel: den Kampf um die
+Umsturzvorlage, die als erster Gesetzentwurf den Volksvertretern
+im neuen Hause zur Entscheidung vorlag.</p>
+
+<p>Unter kriegerischem Gepr&auml;nge war es heute geweiht
+worden, &mdash; Kriegszeiten standen bevor.</p>
+
+<p>Auf dem Wege durch den feuchtdunstigen Tiergarten
+war mein Plan gefa&szlig;t, und noch ehe Georg aus der
+Universit&auml;t zur&uuml;ckkam, lag meine &raquo;Erkl&auml;rung&laquo; schon auf
+dem Schreibtisch. &raquo;Im Namen des weiblichen Geschlechts
+protestieren wir unterzeichneten Frauen gegen die Umsturzvorlage,&laquo;
+begann sie, und weiter hie&szlig; es darin:
+&raquo;&#8250;Beschimpfende &Auml;u&szlig;erungen gegen Ehe und Familie&#8249;
+gef&auml;hrden das sittliche Leben des Volkes nicht so sehr
+wie die gesetzliche Sanktionierung der Unsittlichkeit; und
+nicht durch &#8250;Kundgebungen&#8249; werden &#8250;weite Bev&ouml;lkerungkreise&#8249;
+zu dem Glauben verf&uuml;hrt, da&szlig; die Grundlagen
+unseres Lebens auf &#8250;Unwahrheit und Ungerechtigkeit&#8249;
+beruhen, sondern durch eine Gesetzgebung, die die H&auml;lfte
+des Menschengeschlechts, die M&uuml;tter der Staatsb&uuml;rger,
+mit Unm&uuml;ndigen, Wahnsinnigen und Verbrechern auf
+<a name="Page_646" id="Page_646"></a>eine Stufe stellt und durch wirtschaftliche Zust&auml;nde, die
+Millionen von Frauen in den Kampf ums Dasein treiben,
+das Familienleben zerst&ouml;ren, die Ehe ersch&uuml;ttern ...&laquo;</p>
+
+<p>Ich versandte noch an demselben Abend meine Erkl&auml;rung
+mit der Bitte um Unterschriften an die Presse. Kaum
+war sie ver&ouml;ffentlicht, als Onkel Walter mich mit seinem
+Besuch &uuml;berraschte. &raquo;Ich komme, dich zu warnen,&laquo; sagte
+er, &raquo;man hat ein Auge auf dich, man kennt im Polizeipr&auml;sidium
+deine geheimen Beziehungen zur sozialdemokratischen
+Partei, und heute im Reichstag hat der
+Minister des Innern mir im Vertrauen gesagt, da&szlig;,
+wenn die Umsturzvorlage oder ein dem Sinne nach ihr
+&auml;hnliches Gesetz in Kraft treten sollte, du zu den Ersten
+geh&ouml;ren wirst, die davon getroffen werden; &mdash; vorausgesetzt
+nat&uuml;rlich &mdash;,&laquo; er sprach langsam und betonte
+jede Silbe &mdash; &raquo;da&szlig; du nicht klug genug bist, vorher
+andere Wege einzuschlagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir f&uuml;r deine Freundschaft, lieber Onkel, &mdash; aber
+da&szlig; ich deinem Rat folgen werde, wirst du
+von mir kaum erwarten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sind wir geschiedene Leute!&laquo; rief er, und krachend
+fiel hinter ihm die T&uuml;r ins Schlo&szlig;.</p>
+
+<p>Seltsam, &mdash; er hatte mir niemals nahe gestanden, und
+doch: in diesem Augenblick krampfte sich mir das Herz
+zusammen, &mdash; ein St&uuml;ck der Kindheitsheimat nahm er
+mit sich fort. Was wird der Vater sagen, dachte ich
+furchtsam. Aber er kam nicht, er schrieb mir nur zwei
+Zeilen ohne Anrede und Unterschrift: &raquo;Nach Deinem
+letzten Benehmen wirst Du Dich nicht wundern, wenn
+wir Dir eine Zeitlang fern bleiben. Wir hoffen zu Gott,
+da&szlig; er Dich wieder auf den rechten Weg leiten m&ouml;ge! ...&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' /><p><a name="Page_647" id="Page_647"></a></p>
+
+<p>Eisig fegte der Ostwind durch die Stra&szlig;en, feine,
+schimmernde Eiskristalle tanzten in der Luft,
+und der Rauhreif wandelte den Tiergarten in
+ein Winterm&auml;rchen. Jeden Morgen begleitete ich jetzt
+Georg in die Universit&auml;t. Seine Vorlesungen &uuml;ber
+soziale Ethik f&uuml;llten das Auditorium bis in den fernsten
+Winkel und leidenschaftlich erregte Menschen &mdash; alte
+und junge &mdash; M&auml;nner und Frauen &mdash; begr&uuml;&szlig;ten
+ihn mit heftigem Beifallsgetrampel. Hinter
+dem Pult war nichts von ihm zu sehen als der bleiche,
+dunkel umrahmte Kopf mit den strahlenden Kinderaugen.
+Er sprach, wie er noch nie gesprochen hatte, er gei&szlig;elte
+die S&uuml;nden des Kapitalismus mit einer Sch&auml;rfe, wie
+sie in diesen R&auml;umen noch nie geh&ouml;rt worden war, und
+verteidigte die Rechte der Frauen und die der Arbeiter
+mit einer Begeisterung, die alles mit sich fort ri&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Der Glaube, da&szlig; wir jetzt vor tief gehenden Wandlungen,
+vor einer Weltwende stehen, wie die Menschheit
+noch keine erlebt hat, ist eine &Uuml;berzeugung, die immer
+weitere Kreise ergreift ... Jetzt ist keine Zeit mehr zu
+beschaulichem Tr&auml;umen ...&laquo; &mdash; Seine Stimme hob
+sich in ungewohnter Kraft und bekam einen Klang wie
+eine tiefe Glocke. &raquo;... Wir m&uuml;ssen uns klar werden
+&uuml;ber die Lage der Dinge und wach sein f&uuml;r die N&ouml;te
+des Tages ... Wir m&uuml;ssen uns bewu&szlig;t werden, wohin
+wir geh&ouml;ren ...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er spricht sein Todesurteil ...&laquo; h&ouml;rte ich leise
+fl&uuml;stern. Kirchenstill war es. Er wurde vom Katheder
+heruntergehoben, sein Rollstuhl setzte sich in Bewegung,
+mit scheuer Ehrfurcht gr&uuml;&szlig;ten ihn die Studenten.</p>
+
+<p><a name="Page_648" id="Page_648"></a>Fauchend schlug ihm der Wind in das hei&szlig;e Gesicht,
+als wir ins Freie traten, und fr&ouml;stelnd zog er sich den
+Pelzkragen h&ouml;her. Vergebens bat ich ihn, sich aus seinem
+offenen Rollstuhl in einen geschlossenen Wagen heben
+zu lassen. Den ganzen langen Weg &uuml;ber die Linden,
+durch den Tiergarten, &uuml;ber den L&uuml;tzowplatz k&auml;mpften
+wir m&uuml;hsam wider den Schneesturm.</p>
+
+<p>Vor unserem Hause ging ein Herr auf und ab: gro&szlig;
+und schlank, den feingeschnittenen Kopf zur&uuml;ckgeworfen,
+den Bart keck in die H&ouml;he gewirbelt, &mdash; &raquo;Hessenstein!&laquo;
+rief ich &uuml;berrascht.</p>
+
+<p>&raquo;Kein anderer, gn&auml;dige Frau!&laquo; sagte er und k&uuml;&szlig;te
+mir die Hand &mdash; &raquo;ich warte auf Sie &mdash; ich konnte
+Europa nicht verlassen, ohne von Ihnen Abschied zu
+nehmen &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Wir begaben uns zusammen in unsere Wohnung.
+Seltsam fragend betrachtete Georg den Gast, den ich
+so freudig willkommen hie&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Sie verlassen Europa?&laquo; frug ich, &raquo;und warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seit meinen kriegerischen Erfahrungen im Bergwerksbezirk
+war mir nicht mehr wohl im bunten Rock &mdash;&laquo;
+antwortete er, w&auml;hrend sein Blick sekundenlang peinlich
+&uuml;berrascht zwischen Georg und mir hin und her flog &mdash; &raquo;und
+die neu er&ouml;ffnete Aussicht, gelegentlich einmal auf
+Eltern und Geschwister schie&szlig;en lassen zu m&uuml;ssen, hat
+meinen milit&auml;rischen Ehrgeiz auch nicht wesentlich steigern
+k&ouml;nnen. &mdash; &mdash; Ich habe einen Bruder in Java, &mdash; dorthin
+will ich. Eigentlich auch kein erstrebenswertes Ziel!
+Aber &mdash; was soll man tun &mdash;, wenn man den Mut nicht
+aufbringt, unter die Roten zu gehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann ist Ihre Wahl sicherlich die beste,&laquo; sagte Georg
+<a name="Page_649" id="Page_649"></a>mit feindseliger Sch&auml;rfe. Rote Flecken brannten ihm
+&uuml;ber den Backenknochen.</p>
+
+<p>Sichtlich verletzt, erhob sich Hessenstein. In dem Wunsch,
+gut machen zu wollen, was Georg verfehlt hatte, war
+ich doppelt herzlich.</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht treffen sich unsere Wege doch einmal wieder!
+M&ouml;chten Sie recht, recht gl&uuml;cklich werden&laquo; &mdash; damit
+reichte ich ihm beide H&auml;nde. Er senkte tief den Kopf
+darauf. &raquo;Ich danke Ihnen!&laquo; fl&uuml;sterte er bewegt.</p>
+
+<p>Kaum war er fort, als Georg mich zu sich rief. Sein
+Kopf gl&uuml;hte &mdash; seine H&auml;nde waren hei&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Du fieberst!&laquo; rief ich erschrocken.</p>
+
+<p>&raquo;Mir war schon diese Nacht nicht recht wohl, &mdash; ich wollte
+nur heute die Universit&auml;t nicht vers&auml;umen &mdash;&laquo; ein harter
+Husten lie&szlig; ihn verstummen. &raquo;Aber es ist nichts, Kindchen,
+nichts, &mdash; ein Katarrh vielleicht!&laquo; Wieder eine
+Pause. &mdash; &raquo;Komm einmal her zu mir, Liebling, &mdash; ganz
+nah &mdash;&laquo; ich kniete neben ihm &mdash; sein rascher, hei&szlig;er
+Atem ber&uuml;hrte mein Gesicht &mdash; &raquo;du &mdash; du &mdash; liebtest
+wohl jenen Hessenstein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Georg!!&laquo; Mir stieg das Blut in die Schl&auml;fen.
+&raquo;Wie kommst du darauf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr &mdash; ihr saht euch an &mdash; wie &mdash; wie Menschen,
+die zusammen geh&ouml;ren!&laquo;</p>
+
+<p>L&auml;chelnd dr&uuml;ckte ich meine Wange an seine schmalen
+H&auml;nde. &raquo;Nie &mdash; Georg, &mdash; nie &mdash; geh&ouml;rten wir zusammen!&laquo;
+meine Augen richteten sich klar auf ihn. &raquo;Und
+wenn es gewesen w&auml;re, &mdash; bin ich heute nicht dein &mdash; nur
+dein?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O du &mdash; du!&laquo; st&ouml;hnte er; seine Arme pre&szlig;ten sich
+sich um meine Schultern, &mdash; in meinen Haaren vergrub
+<a name="Page_650" id="Page_650"></a>er sein Gesicht, &mdash; gegen meine Brust pochte sein Herz
+in wilden Schl&auml;gen.</p>
+
+<p>Er hatte keine Ruhe mehr vor dem Schreibtisch, ich
+mu&szlig;te ihn auf und ab fahren; der Husten nahm zu, und
+jedesmal, wenn er den armen K&ouml;rper sch&uuml;ttelte, verzogen
+sich schmerzhaft die Z&uuml;ge. Ich schickte zum Arzt. Er untersuchte
+ihn und l&auml;chelte beruhigend, als Georgs Blick in
+angstvoller Frage den seinen suchte.</p>
+
+<p>&raquo;Eine Erk&auml;ltung. Halten Sie sich h&uuml;bsch ruhig, &mdash; dann
+ists bald vorbei.&laquo;</p>
+
+<p>In der Nacht stieg das Fieber. Er lie&szlig; meine Hand
+nicht los. Von Zeit zu Zeit sah er mich flehend an,
+und fl&uuml;sterte kaum h&ouml;rbar: &raquo;K&uuml;sse mich!&laquo;</p>
+
+<p>Ich wich nicht von seiner Seite, drei Tage und drei
+N&auml;chte lang.</p>
+
+<p>&raquo;Sie m&uuml;ssen Hilfe haben,&laquo; &mdash; sagte schlie&szlig;lich der
+Arzt. Ich sch&uuml;ttelte nur den Kopf. Am Nachmittag des
+vierten Tages schien <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'des'">das</ins> Fieber zu sinken. Die Augen
+wurden wieder klar.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe mit dir zu sprechen, meine Alix,&laquo; begann
+der Kranke mit ruhiger, fester Stimme. &raquo;Es geht zu
+Ende mit mir, &mdash; weine nicht, Kindchen, &mdash; bitte, weine
+nicht! &mdash; Ich habe, glaube ich, meine Schuldigkeit getan &mdash;;
+was ich ungetan lie&szlig;, &mdash; du, du wirst es vollenden! &mdash; &mdash; Du
+wirst mir treu sein, &mdash; im h&ouml;chsten
+Sinne treu &mdash;&laquo; fassungslos brach ich neben ihm zusammen &mdash; seine
+H&auml;nde lagen auf meinem Kopf &mdash; &raquo;&uuml;ber
+alles in der Welt habe ich dich geliebt &mdash;.&laquo;
+Nur wie ein Hauch kamen die Worte &uuml;ber seine Lippen &mdash; &raquo;zum
+Paradiese hast du mir das Leben gemacht, &mdash; hab
+Dank, &mdash; Dank &mdash;.&laquo; Ich verlor die Besinnung &mdash;</p>
+
+<p><a name="Page_651" id="Page_651"></a>Auf meinem Bett fand ich mich wieder; es war tief
+in der Nacht, nur ein Licht brannte im Zimmer, die
+Mutter war neben mir, &mdash; so sanft und gut und leise,
+wie immer, wenn sie Kranke pflegte.</p>
+
+<p>&raquo;Alix &mdash;&laquo; klang es tonlos aus dem Nebenzimmer.
+Ich st&uuml;rzte hinein. Aufrecht auf seinem Stuhl sa&szlig; Georg.
+Ich schlang den Arm um seine Schulter.</p>
+
+<p>&raquo;Warum &mdash; warum l&auml;&szlig;t du mich sterben?!&laquo; fl&uuml;sterte
+es vor meinem Ohr. Sein Kopf sank an meine Schl&auml;fe.
+Tiefe, r&ouml;chelnde Atemz&uuml;ge kamen aus seiner Brust.</p>
+
+<p>Wie lange ich regungslos sa&szlig;, &mdash; ich wei&szlig; es nicht. &mdash; Fahl
+d&auml;mmerte der Tag durch die Scheiben. Der
+Arzt trat ein und umfa&szlig;te die wachsbleiche Hand &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist vor&uuml;ber &mdash;&laquo;</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p><a name="Page_652" id="Page_652"></a></p>
+<h2><a name="Einundzwanzigstes_Kapitel" id="Einundzwanzigstes_Kapitel"></a>Einundzwanzigstes Kapitel.</h2>
+
+
+<p>Ein hei&szlig;er Sommertag. Auf den Wiesen Grainaus
+brannte die Sonne. In &uuml;ppiger Farbenpracht
+gl&auml;nzten die bunten Blumen, ein spr&uuml;hender
+Perlenregen war der Bach. Die Zugspitze spiegelte
+ihre leuchtenden Schneefelder im Rosensee. Schw&uuml;l
+duftete um das Haus der Jasmin.</p>
+
+<p>Ich lag in Decken geh&uuml;llt auf der Altane, &mdash; ich sah
+das alles, und doch sah ichs nicht. Tante Klotilde ging
+ab und zu. Sie war in Berlin eines Tages in mein
+Zimmer getreten, hatte mich tr&auml;nen&uuml;berstr&ouml;mt in die
+Arme geschlossen und immer wieder die zwei Worte
+wiederholt: verzeih mir! Ich hatte ihr versprechen m&uuml;ssen,
+im Sommer zu ihr zu kommen.</p>
+
+<p>Und nun war ich hier, &mdash; zu einer letzten, stillen Rast.
+Ich wu&szlig;te, was ich zu tun hatte, wenn ich ihm, der
+unter gr&uuml;nem Epheu und roten Rosen lag, treu sein
+wollte. Mein Entschlu&szlig; war gefa&szlig;t. In meinem
+Schreibtisch lag mein Abschiedswort an die Leser der
+Zeitschrift, die wir miteinander geleitet hatten, &mdash; und
+der Brief an meine Eltern, von dem ich wu&szlig;te, da&szlig; er
+sie schmerzen w&uuml;rde, wie nichts vorher. &raquo;Sie werden
+es &uuml;berwinden &mdash;&laquo; dachte ich in meinen schlaflosen<a name="Page_653" id="Page_653"></a>
+N&auml;chten, &mdash; &raquo;ich werde ihnen von da an eine Gestorbene
+sein!&laquo;</p>
+
+<p>All das war mir nicht einmal schwer geworden, solange
+ich zu Hause in meinen einsamen R&auml;umen war.
+Losgel&ouml;st f&uuml;hlte ich mich schon von aller Vergangenheit:
+Zu den Eltern zur&uuml;ckkehren sollte ich, hatten Vater und
+Mutter in sorgender Liebe gemeint, &mdash; so wenig wu&szlig;ten
+sie von mir! Gro&szlig;mamas Heim im Schlo&szlig; von Pirgallen
+hatte mir Onkel Walter als Ruhesitz angeboten, &mdash; so
+wenig ahnten sie, da&szlig; ich nicht ruhen durfte!</p>
+
+<p>Nur Martha Bartels hatte mich verstehen gelernt,
+w&auml;hrend sie mir in den schwersten Tagen der ersten
+Einsamkeit viele Arbeitsstunden opferte.</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden uns eine liebe Genossin sein &mdash;&laquo; hatte
+sie gesagt.</p>
+
+<p>Eine Genossin! &mdash; Keines Menschen Geliebte, keines
+Kindes Mutter, &mdash; eine Gef&auml;hrtin nur der Elenden und
+der Verfolgten. Es war fast ein Gef&uuml;hl von Freude
+gewesen, mit dem ich Abschied genommen hatte.</p>
+
+<p>Und nun wurde es mir auf einmal so bitter schwer!</p>
+
+<p>O du Sommertag &uuml;ber den Bergen, wie wundersch&ouml;n
+bist du!</p>
+
+<p>Es liegt in der Luft wie eine gro&szlig;e Sehnsucht, &mdash; und
+jubelnde Erf&uuml;llung zwitschern die V&ouml;gel und duften die
+Blumen. In den Sonnenstrahlen gl&uuml;ht jedes Blatt wie
+Gold, blutrot f&auml;rben sich zur Abendstunde die grauen
+Felsen. Und ein ganzer, gro&szlig;er Korb bl&uuml;hender Alpenrosen
+steht vor mir. &mdash; Ich will die Augen schlie&szlig;en,
+will das prangende Leben nicht sehen, &mdash; aber dann schleicht
+auf unh&ouml;rbar linden Sohlen die Erinnerung in meine
+Tr&auml;ume ... Hier begegnete mir vor Zeiten das Gl&uuml;ck ...</p>
+
+<p><a name="Page_654" id="Page_654"></a>In der Morgenfr&uuml;he gleitet mein Kahn &uuml;ber den
+Badersee. Tief, tief bis zum Grund kann ich sehen, wo
+um samaragdne Moose glitzernd die Forellen streichen
+und versteinerte Baumriesen schlafen. Langsam schlepp
+ich meine m&uuml;den F&uuml;&szlig;e heimw&auml;rts durch den Wald, wo
+die Orchideen bl&uuml;hen.</p>
+
+<p>Dr&uuml;ben beim B&auml;renbauern herrscht jetzt der Sepp als
+Hausherr. Sein junges blondes Weib tr&auml;gt den ersten
+Buben an der Brust. Verlegen, die M&uuml;tze zwischen den
+H&auml;nden drehend, hatte er die alte Spielgef&auml;hrtin begr&uuml;&szlig;t.
+Sie wu&szlig;ten im Dorf von mir: da&szlig; ich die &raquo;heilige
+Kirche&laquo; bek&auml;mpfte und es mit den Freidenkern hielt!
+Warum schmerzt mich das alles so sehr? Was konnten
+die Wenigen mir sein, da ich den Vielen geh&ouml;rte?</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>&raquo;&Uuml;bermorgen mu&szlig; ich fort,&laquo; sagte ich entschlossen
+zu meiner Tante, &mdash; &raquo;du wei&szlig;t, die Arbeit
+wartet nicht, und ich bedarf ihrer &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bleib noch, mein Kind, bleib noch, &mdash; du bist noch
+so schwach &mdash;&laquo; bat sie.</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde dir morgen beweisen, da&szlig; ich stark bin &mdash;&laquo;
+l&auml;chelte ich ...</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Es l&auml;utete gerade zur Fr&uuml;hmesse, als ich aus dem
+Gartentor trat. Einen Atemzug lang stand ich
+still, die H&auml;nde auf dem pochenden Herzen.
+Mir war, als h&auml;tte ich dr&uuml;ben, zwischen den B&auml;umen
+einen Menschen gesehen, &mdash; eine Erscheinung aus ferner,
+ferner Vergangenheit.</p>
+
+<p><a name="Page_655" id="Page_655"></a>Dann ging ich festen Schrittes weiter und warf
+ohne Besinnen meine Briefe in den blauen Kasten an
+der Post. H&ouml;rte ich nicht einen Schritt? &mdash; Es war
+wohl nur das Klopfen und Rauschen meines eigenen
+Blutes in den Ohren.</p>
+
+<p>Auf den Stock gest&uuml;tzt, schritt ich langsam bergauf.
+Wie doch die B&auml;ume gewachsen waren auf der Schonung!
+Fr&uuml;her reiften hier in der Sonne die s&uuml;&szlig;esten roten
+Beeren. Und weiter droben war ein neuer Schlag, &mdash; kleinwinzige
+Tannenpfl&auml;nzchen guckten schon neugierig
+zwischen Grasb&uuml;scheln und alten Wurzeln hervor.</p>
+
+<p>&Uuml;ber die Steinhalde lief ich sonst, &mdash; heute wurde
+mir das Atmen recht schwer!</p>
+
+<p>Nun gings durch den Wald &uuml;ber Sturzb&auml;che, h&ouml;her
+und h&ouml;her, bis der Weg nur als schmales Band an der
+schroffen Felsenwand des Waxensteins entlang f&uuml;hrt.
+Tief unten braust und sch&auml;umt der H&ouml;llentalbach.</p>
+
+<p>O, ich kenne noch keinen Schwindel, &mdash; findet meine
+Sohle nur einen Fu&szlig; breit Erde, so stehe ich sicher!</p>
+
+<p>Wie frei weht die Luft hier oben, &mdash; wie leicht l&auml;&szlig;t
+es sich atmen! &Uuml;ber himmelhohem Abgrund schwingt
+sich die eiserne Br&uuml;cke von Berg zu Berg, und jenseits
+f&uuml;hren Leitern wieder empor. Auf weichem Moos unter
+einer Tanne, die ihre Wurzeln keck um einen Felsvorsprung
+klammert, halte ich Rast. Im Halbkreis
+schieben sich hier die Berge aneinander, ein Zirkus, von
+Riesen gebaut, bestimmt f&uuml;r die Spiele unsterblicher G&ouml;tter.</p>
+
+<p>Da h&ouml;r' ich Schritte, &mdash; Nagelschuhe auf Felsstufen, &mdash; ein
+Wilddieb vielleicht, oder ein Bergf&uuml;hrer,
+der &uuml;ber die Knappenh&auml;user zur Hochalm will. Ich
+stehe auf &mdash; die Hand fest um den Stock &mdash;, hier gibt
+<a name="Page_656" id="Page_656"></a>es kein Ausweichen. Und schon sehe ich ihn vor mir,
+den einsamen Wanderer, die Spielhahnfeder am gr&uuml;nen
+Hut, ein gebr&auml;untes Antlitz darunter, mit Augen &mdash; &mdash;!
+Ein Zittern durchl&auml;uft meinen K&ouml;rper &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Warum erschrickst du vor mir, Alix, &mdash; ich bin ja
+nur ein Gespenst unserer Jugend &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ich raffe mich zusammen und seh ihm gerad' ins
+Gesicht. Wie hart sind die weichen Z&uuml;ge geworden,
+denke ich. Das Blut str&ouml;mt mir wieder zum Herzen.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; mich vor&uuml;ber, &mdash; ich glaube nicht an Gespenster,&laquo;
+sag' ich, den Ton meiner Stimme zur K&auml;lte zwingend.</p>
+
+<p>&raquo;Du gingst denselben Weg, wie ich: hinauf!&laquo; gibt
+er leise zur&uuml;ck und r&uuml;hrt sich nicht von der Stelle.</p>
+
+<p>&raquo;Denselben Weg?! Nein, &mdash; unsere Wege sind l&auml;ngst
+auseinandergegangen, &mdash; und da&szlig; der deine emporf&uuml;hrt, &mdash; daran
+erlaubst du mir wohl, zu zweifeln!&laquo; antworte
+ich h&ouml;hnisch, &mdash; meine eigenen Worte stechen mich
+wie lauter Nadeln.</p>
+
+<p>&raquo;Ich suchte dich, Alix, &mdash; seit Wochen, &mdash; kein Zufall
+ists, da&szlig; ich hier bin &mdash;;&laquo; aus seinen Augen dringt ein
+blaues Blitzen &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Du &mdash; mich?!&laquo; Ich lache, da&szlig; es vom Felsen
+wiederklingt, &mdash; aber in meinem Herzen weint es.</p>
+
+<p>&raquo;Ich liebe dich,&laquo; fl&uuml;stert er &mdash; &raquo;ich habe geglaubt,
+ich k&ouml;nnte dich vergessen, &mdash; aber meine Sehnsucht bliebst
+du, &mdash; mein ganzes Leben war ein einziges Warten auf
+dich. Endlich hab' ich dich gefunden! Alix, mein
+Lieb, &mdash; verla&szlig; mich nicht wieder!&laquo; Und flehend, wie
+ein Hungernder, streckt er die ge&ouml;ffneten H&auml;nde mir
+entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;An eine Nacht denke ich, Hellmut, in der ich vor
+<a name="Page_657" id="Page_657"></a>dir stand und dir schenken wollte, was du heut' begehrst; &mdash; jetzt
+hab' ich nichts mehr, bin bettelarm! &mdash; Ich
+liebe nur noch die Erinnerung, &mdash; nicht dich; &mdash; du
+bist ein fremder Mann f&uuml;r mich, &mdash; an dem ich vor&uuml;ber
+mu&szlig; &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>In meinem Herzen zuckt es, wie ein verborgenes
+Leben, das mit dem Tode ringt &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will um dich werben, Alix, &mdash; dem&uuml;tig &mdash; geduldig, &mdash; an
+meiner Liebe wirst du Kalte wieder
+warm werden &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ich sch&uuml;ttle den Kopf. &raquo;Nein!&laquo; sagt eine harte
+Stimme. War das die meine?!</p>
+
+<p>Er richtet sich auf, sein Blick erstarrt, &mdash; er tritt
+zur&uuml;ck, und ohne aufzusehen, schreite ich an ihm vorbei, &mdash; sehr
+langsam, schwer atmend, auf den Stock gest&uuml;tzt.</p>
+
+<p>Hoch oben, wo auf gr&uuml;ner Halde um die Ruinen der
+Knappenh&auml;user in dichten B&uuml;schen dunkelblaue Vergi&szlig;meinnicht
+bl&uuml;hen, sah ich noch einmal hinab: auf dem
+Wege zu Tal steht eine graue Gestalt, vom Dunst der
+Tiefe halb verwischt: meine Jugend.</p>
+
+<p>Und der steile Steg, den ich gehen will, wohin
+f&uuml;hrt er?</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Memoiren einer Sozialistin, by Lily Braun
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN EINER SOZIALISTIN ***
+
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+Produced by richyfourtytwo and the Online Distributed
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
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