summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/16301-8.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '16301-8.txt')
-rw-r--r--16301-8.txt17675
1 files changed, 17675 insertions, 0 deletions
diff --git a/16301-8.txt b/16301-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..70dd7f6
--- /dev/null
+++ b/16301-8.txt
@@ -0,0 +1,17675 @@
+The Project Gutenberg EBook of Memoiren einer Sozialistin, by Lily Braun
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Memoiren einer Sozialistin
+ Lehrjahre
+
+Author: Lily Braun
+
+Release Date: July 15, 2005 [EBook #16301]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN EINER SOZIALISTIN ***
+
+
+
+
+Produced by richyfourtytwo and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+Memoiren einer Sozialistin
+
+
+Lehrjahre
+
+
+Roman
+
+von
+
+Lily Braun
+
+Albert Langen, München
+
+1909
+
+
+
+
+An meinen Sohn
+
+
+Die Rosen blühen und die Linden duften. Über dunkle Wälder und saftgrüne
+Matten ragen die Berge meiner Heimat zum Himmel empor, an dem die Sterne
+funkeln und strahlen, ungetrübt von den Dünsten der Städte und den
+Nebeln der Niederung. Die grauen Felsriesen schimmern silbern im
+Mondlicht, und in ihren tausend Furchen und Spalten glänzt noch der
+Schnee.
+
+Das ist die schönste Nacht des Jahres, die Nacht, in der's in Wald und
+Feld von alten Märchen raunt und flüstert, die Nacht, mein Sohn, die
+dich mir geschenkt: ein Sonnwendskind, ein Sonntagskind. Elf Jahre sind
+es heute. Ist es mir doch, als wäre es erst gestern gewesen, daß du an
+meiner Brust gelegen, daß du die ersten Worte lautest, zum erstenmal die
+Füßchen setztest. Und nun bist du ein großer Junge! Die Kindheit
+bereitet sich aufs Abschiednehmen vor.
+
+Fast am gleichen Tage war es, und mehr als drei Jahrzehnte sind es her,
+daß auch ich zu Füßen dieser Berge meinen elften Geburtstag feierte. Die
+Tafel bog sich damals unter der Fülle der Geschenke -- auf deinem Tisch,
+mein Sohn, lagen heute neben dem duftenden Kuchen unsrer alten Marie nur
+ein paar Bücher! --, und Eltern, Verwandte und Freunde umgaben mich,
+mit schäumendem Sekt und schmeichelnden Reden das Geburtstagskind
+feiernd, -- wir dagegen waren heute allein und hatten nur tiroler
+Landwein in den Gläsern. Das Geburtstagskind von damals war ein blasses,
+langaufgeschossenes Mädchen mit einem alten, hochmütig-sarkastischen Zug
+um den Mund, dessen Lächeln der Dankbarkeit nur die Frucht guter
+Erziehung war; du aber bist ein blühender Knabe, der im Überschwang
+seiner Freude seine Mutter und die alte Marie abwechselnd in tollem Tanz
+auf der Wiese umherwirbelte. Nur zweierlei ist sich gleich geblieben --
+damals und heute --: auf deinem Tisch wie auf dem meinen lag das erste,
+langersehnte Tagebuch, dessen weiße Blätter so verlockend sind für ein
+elfjähriges Herz, wie der Eingang ins Zauberreich des Lebens selbst, und
+vor dir wie vor mir ragten dieselben Bergesriesen, und derselbe Wald
+umrauschte unsre Kinderträume.
+
+Mich hat mein Tagebuch durch's ganze Leben begleitet, und der
+Gewohnheit, mir allabendlich vor ihm Rechenschaft abzulegen über des
+Tages Soll und Haben, bin ich immer treu geblieben. Am Schlusse jeden
+Jahres habe ich an seiner Hand den verflossenen Lebensabschnitt überlegt
+und sein Fazit gezogen. Seine lakonischen Bemerkungen -- ein bloßes
+trockenes Tatsachenmaterial -- bildeten den festen Rahmen, den die
+Erinnerung mit den bunten Bildern des Lebens füllte, und unverzerrt
+durch jene schlechtesten Porträtisten der Welt -- Haß oder Bewunderung
+--, blickte mein Ich mir daraus entgegen.
+
+Als ich diesmal aus der Tretmühle und der Fabrikatmosphäre meines
+Berliner Arbeitslebens in unsre stille Bergeinsamkeit floh, nahm ich die
+zweiunddreißig Jahreshefte meines Tagebuches mit mir. Generalabrechnung
+muß ich halten.
+
+Auf steilem Felsenpfad bin ich bis hierher gestiegen, meinem wegkundigen
+Blick, meiner Kraft vertrauend, weit entfernt von den Lebenssphären, die
+Tradition und Sitte mit Wegweisern versah, damit auch der Gedankenlose
+nicht irre gehe. Jetzt aber muß ich stille stehen, muß Atem schöpfen,
+denn die große Einsamkeit um mich her läßt mich schaudern. Wohin nun?
+Hinab zu Tal, zu den Wegweisern? Oder weiter auf selbstgewähltem Steige?
+
+Die Menschen zürnen mir, und alle nennen mich fahnenflüchtig, die
+irgendwann auf der Lebensreise ein Stück Weges mit mir gingen; mir aber
+erscheinen sie als die Ungetreuen. Wer hat recht von uns: sie oder ich?
+Um die Antwort zu finden, will ich den letzten Wurzeln meines Daseins
+nachspüren, wie seinen äußersten Verästelungen; und an dich, mein Sohn,
+will ich denken dabei, auf daß du, zum Manne gereift, deine Mutter
+verstehen mögest.
+
+In der Sonnwendnacht, die dich mir geschenkt, in der Sonnwendnacht, in
+der ringsum auf den Höhen die Feuer glühen, in der Sonnwendnacht, wo
+aufersteht, was ewigen Lebens würdig war, seien die Geister der
+Vergangenheit zuerst heraufbeschworen.
+
+Obergrainau, den 24. Juni 1908
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+Wo die kurische Nehrung beginnt, ihre Dünen in die Ostsee
+hinauszustrecken, und das Meer auf der einen, das Haff auf der andern
+Seite das Land bespült, steht das Haus meiner Großeltern, in dem ich
+geboren bin. Vor Jahrhunderten haben deutsche Ordensritter es als festes
+Bollwerk gegen das heidnische Volk des Samlands erbaut; der breite,
+viereckige Turm, die dicken Mauern und der Graben ringsum erinnern noch
+an seinen Ursprung. Ein Ordensbruder soll es gewesen sein, der als einer
+der ersten im Samland zur Lehre Luthers übertrat, -- nicht aus
+Gewissenszwang, denn das hätte dem blonden derben Junker aus dem
+thüringischen Geschlecht der Golzows wenig ähnlich gesehen, sondern aus
+Liebe zu einem schönen Fräulein, die ihn das Keuschheitsgelübde brechen
+hieß. Er wurde auf dem Schloß von Pirgallen der Stammvater des
+preußischen Zweigs der Familie und der Vorfahr meines Großvaters. Mit
+dem Besitz schien sich aber auch die lebenbestimmende Liebesleidenschaft
+des Ahnherrn von Generation zu Generation zu vererben. Nur selten fügte
+sich ein Golzow dem Rate der Familiensippe, wenn es galt, sich die
+Eheliebste zu wählen, und so wurden viele fremde Blumen in den
+nordischen Garten verpflanzt. Manch eine mag dabei im Frost erstarrt,
+vom Meersturm zerzaust worden sein, andere aber blühten, trugen Frucht
+und streuten den Samen ihrer Heimaterde in das Land, wo er üppig
+aufging, so daß es zwischen den gelben Dünen, den weißen Birkenstämmen
+und knorrigen Eichen gar seltsam anzuschauen war.
+
+Auch meine Großmutter war solch eine fremde Blume gewesen: ein Kind der
+Liebe, dem heimlichen Bund eines Königs mit einem kleinen elsässischen
+Komteßchen entsprossen. Und sie war wohl nie recht heimisch geworden da
+oben. Sie fror immer, saß auch im Sommer gern am Kaminfeuer der Halle,
+und schwere schleppende Samtkleider, mit Pelz verbrämt, trug sie am
+liebsten. Sie blieb auch einsam trotz der großen Kinderschar, die sie
+umgab. Das Blut der Golzows war lebenskräftiger als das ihre, denn all
+die Buben und Mädeln, die sie gebar, waren nicht eigentlich ihre Kinder:
+mit hellen blauen Augen aus rosigweißen Gesichtern blickten sie in die
+Welt, und Jagd und Tanz, Spiel und Liebe blieb ihnen Lebensinhalt.
+
+An meine Mutter, ihr jüngstes Kind, die goldblonde Ilse, hatte sie sich
+mit aller Kraft ihrer Sehnsucht geklammert. Lange hoffte sie, sich
+selbst in ihr wiederzufinden, und verdeckte mit den bunten Gewändern
+ihrer Phantasie in zärtlicher Selbsttäuschung alles, was ihr fremd war
+an ihrer Tochter. Sie half ihr auch den Starrsinn des Vaters brechen,
+der sich ihrer Verbindung mit einem armen Infanterieleutnant
+widersetzte. Die Ehe mit dem ernsten, strebsamen Mann würde, so meinte
+sie, ihr eigentliches Wesen erst zur Entfaltung bringen, -- das Wesen,
+das sich schon deutlich genug dadurch auszudrücken schien, daß ihre Wahl
+unter allen ihren glänzenden Bewerbern grade auf diesen gefallen war.
+Sie wußte nicht, daß nur der Rausch Golzowscher Liebesleidenschaft --
+heiß und kurz, wie die Sommer Pirgallens -- Ilse beherrschte. Ihr Gatte
+kannte die Tochter besser als sie, darum gab er die Hoffnung nicht auf,
+statt des »heimatlosen Landsknechts«, wie er ihren Erwählten, den
+Leutnant Hans von Kleve, spöttisch nannte, einen der Standesherrn des
+Landes als Schwiegersohn zu begrüßen.
+
+Kleve besaß nichts als seinen guten Namen und seinen Ehrgeiz. Nachdem
+sein Vater, ein leichtsinniger Gardeleutnant, mit dem spärlichen Rest
+seines rasch verjubelten Vermögens und einer lustigen kleinen Frau,
+deren bürgerliche Herkunft ihn den schönen bunten Rock auszuziehen
+zwang, ein Gütchen in der Nähe Berlins erworben hatte, um dort nichts zu
+tun, als zu sterben, war seiner Mutter kaum das notwendigste übrig
+geblieben, um ihn und seine vier Geschwister zu erziehen. Wie gut, daß
+sie an Arbeit gewöhnt gewesen war ihr Leben lang! Zu stolz, die reichen
+Verwandten ihres Mannes, die sie ihrer Herkunft wegen nie hatten
+anerkennen wollen, in Anspruch zu nehmen, zog sie sich in eine kleine
+märkische Stadt zurück, wo sie ihre Kinder mit eiserner Strenge und in
+spartanischer Einfachheit erzog. Hans war zwölf Jahre alt, als er in
+diese harte Schule genommen wurde. Er empfand die Beschränktheit des
+Lebens am tiefsten und litt ständig unter den Anforderungen, die seine
+Mutter an seine geistige und moralische Leistungskraft stellte. Sein
+Liebesbedürfnis fand wenig Verständnis bei ihr, die unter dem dauernden
+Druck quälender Sorgen die Zärtlichkeit glücklicher Mütter eingebüßt
+hatte. Eine Schwester, die ihm im Alter am nächsten stand, und der er
+sein ganzes Herz zuwandte, wurde ihm früh durch väterliche Verwandte,
+die sich plötzlich der armen Witwe und ihrer Kinder erinnert hatten,
+entrissen; so blieb er ganz auf sich allein angewiesen und konzentrierte
+all seine Energie auf das eine Ziel: sich selbst das Leben zu erobern.
+
+Mit sechzehn Jahren machte er das Abiturientenexamen und trat in ein
+Königsberger Infanterieregiment ein. Kavallerist zu werden, was er sich
+gewünscht hatte -- denn die Reiterleidenschaft saß ihm tief im Blute --,
+erlaubten seine Mittel ihm nicht, und die Schwester, die von ihrem
+reichen Onkel wie ein eignes Kind gehalten wurde, hatte dem Bruder, --
+um ihre persönliche Stellung besorgt, -- rundweg abgeschlagen, eine
+Zulage für ihn zu erbitten. Von selbst reichte des Onkels Generosität
+über das Geburtstags- und Weihnachtsgoldstück und gelegentliche
+Urlaubsreisen nach dem Familiengut in Oberfranken nicht hinaus, und so
+bestand des jungen Mannes Dasein in unaufhörlichen Verzichtleistungen.
+Er lebte nur seinem Beruf; sein Empfindungsleben schien durch die Arbeit
+völlig erstickt zu sein.
+
+Um diese Zeit lernte er Ilse Golzow kennen, und alles, was an
+Liebessehnsucht in seiner Seele gelebt hatte von klein auf, brach
+ungestüm hervor. Das Weib war ihm unbekannt geblieben bis dahin; die
+Arbeit hatte ihn taub und blind gemacht, und eine angeborene Reinheit
+der Gesinnung hatte ihn das Gemeine stets als gemein empfinden lassen.
+So vereinte sich in der ersten Liebe des Achtundzwanzigjährigen die
+volle phantastische Schwärmerei des Jünglings mit der tiefen Neigung des
+reifen Mannes. Die Erfüllung alles dessen, was er in seinen stillsten
+Stunden für sich an Glück erträumt hatte, erwartete er von dem Besitz
+dieses holden blonden Mädchens. Daß ihm dies Glück nicht kampflos in den
+Schoß fiel, erhöhte nur seinen Wert für ihn.
+
+Um ihretwillen vertauschte er seine Studierstube mit dem Ballsaal; er
+entwickelte gesellige Talente, die bisher niemand in ihm vermutet hatte,
+er wurde das belebende Element aller großen und kleinen Feste. Auf dem
+Wege zwischen Königsberg und Pirgallen ritt er sein Pferd fast zu
+Schanden, das er sich endlich als Regimentsadjutant halten konnte, und
+auf den Schnitzeljagden stellte er durch seine Reiterkunst sämtliche
+Kürassierleutnants in den Schatten. Ein instinktives Verständnis für die
+weibliche Natur lehrte ihn, daß Mädchen, wie die schöne Ilse, durch die
+Bewunderung, die man ihnen abnötigt, am sichersten zu gewinnen sind. Von
+dem Vater der Geliebten aber mußte er sich eine zweimalige Ablehnung
+gefallen lassen; erst als er zum drittenmal wieder kam und die Tränen
+Ilsens sich mit seinen Bitten vereinigten, während ihre Mutter alle
+Gründe der Liebe und der Vernunft zu seinen Gunsten zur Geltung brachte,
+hieß er ihn -- mit aller Reserviertheit des Bezwungenen, nicht des
+Überzeugten -- als Schwiegersohn willkommen.
+
+An einem Maiensonntag des Jahres 1863 fand die Trauung des jungen
+Paares in der alten Pirgallener Dorfkirche statt. Als »Burg des
+Christengottes«, so erzählt die Sage, galt sie einst dem heidnischen
+Volk, und an eine Burg mehr als an eine Kirche erinnern noch heut die
+aus ungefügen Steinblöcken zusammengesetzten Mauern und der viereckige
+Turm mit den kleinen Fenstern, den dichter Efeu fast ganz überwucherte.
+Die dämmerige Halle verstärkte diesen Eindruck: vor dem Zeichen des
+Speeres, dem Wappenbilde der Golzows, verschwand fast das des Kreuzes,
+und statt der Bilder des Heilands und der Apostel reihte sich ein
+Grabstein neben dem andern an den Wänden, mit Ritterhelmen und
+Schwertern geschmückt, oder mit steinernen Bildnissen, die alle
+denselben Typus ostdeutschen Adels aufwiesen, ob ihr Antlitz mit den
+regelmäßigen, etwas leblosen Zügen und den hochmütig geschürzten Lippen
+nun unter dem Stechhelm oder der Allongeperücke hervorsah. Auf den
+Grabsteinen der Frauen erzählten die Doppelwappen, wie selten nur die
+ritterbürtige Ahnenreihe unterbrochen worden war. Und daß sie alle zu
+einem Geschlechte gehörten: diese stummen Zeugen der Hochzeit Ilsens und
+die vielen derer von Golzow, die sich in der alten Kirche
+zusammenfanden, -- das bewiesen diese schlanken Menschen mit den
+schmalen Handgelenken und den langen spitzen Fingern, die an harte
+Arbeit nie gewöhnt gewesen waren. Nur daß die Kraft der Ahnen sich in
+lässige Grazie verwandelt und ihre rassige Vornehmheit einen leisen
+Schein müder Dekadenz angenommen hatte.
+
+Auch des Bräutigams Verwandte waren vollzählig erschienen. Sie hatten
+sich die Teilnahme an dem Familienfest um so weniger entgehen lassen,
+als Hans Kleves Heirat die Mesallianz seines Vaters verschmerzen ließ.
+Von anderem Schlag waren sie als die Golzows: Das Blut fahrender
+Landsknechte und alt-nürnberger Patrizier mischte sich in ihren Adern,
+und breit, groß und stämmig waren ihre Gestalten. Die Kniehosen und
+Wadenstrümpfe ihres bayerischen Berglands ließen ihnen besser, als Frack
+und Zylinder, und seltsam stach vor allem des Bräutigams üppige
+rotblonde Schwester Klotilde ab gegen die zarte Elfengestalt seiner
+Braut.
+
+Als Menschen eigner Art jedoch, nicht als bloße Glieder einer Familie,
+traten zwei Erscheinungen aus dem großen Kreise hervor: die Mütter des
+jungen Paares waren es. Das Leben hatte sie beide auf seine Höhen
+geführt und in seine Abgründe hineingerissen, sie waren von ihm
+gezeichnet; die eine -- das Königskind, das Kind der Liebe --, um deren
+hohe Gestalt das Samtgewand wie ein Krönungsmantel niederfloß, deren
+schwermütig-dunkle Augen Geist und Güte strahlten, -- die andere --, ein
+Kind des Volkes und der Arbeit, die sich nicht zu Hause fühlte in dem
+schwarzen Seidenkleid, deren harte Hände von zähem Fleiße, deren
+durchfurchte Züge von eiserner Willenskraft sprachen, und in deren
+braunen Augen doch der kecke Humor noch lachte, der über alles Ungemach
+hinweghilft.
+
+Königsberg, die Garnison meines Vaters, als er heiratete, war mit dem
+raschen Golzowschen Gespann von Pirgallen aus in drei Stunden zu
+erreichen. Es war daher für die Tochter kein Abschied von zu Hause, der
+den Schmerz langer Trennung in sich birgt. Ja, sie blieb im Grunde
+daheim, denn im alten Stadthaus ihrer Eltern wurde dem jungen Paare die
+Wohnung eingerichtet.
+
+Während es auf der Hochzeitsreise war, schmückte die Großmutter das
+künftige Nest ihrer Kinder. All ihren Geschmack, all ihre Träume und
+Gedanken über die Schönheit, Harmonie und Behaglichkeit einer
+Familienwohnung verwirklichte sie hier. Da war der grüne Salon mit den
+tiefen englischen Lehnstühlen, dem geräumigen Sofa am breiten
+Fensterpfeiler, mit dem runden, von einer Tuchdecke bedeckten großen
+Tisch davor, dem mächtigen roten Marmorkamin an der Längswand ihm
+gegenüber; daneben, nur durch Portieren getrennt, das helle Boudoir mit
+seinen kretonneüberzogenen Wänden und Möbeln, dem Schreibtisch voller
+Familienbilder, überragt von Thorwaldsens segnendem Christus; und auf
+der andern Seite des Vaters Zimmer mit seinen schweren geschnitzten
+Eichenmöbeln, in deren Arabesken das Wappentier der Kleves, die gekrönte
+Eule, sich vielfach wiederholte. Für das Speisezimmer hatte die
+Großmutter die alten Empiremöbel ihrer Mutter hergegeben: Mahagoni mit
+Bronzebeschlägen und gelbseidnen Sesselbezügen. Hier prangte auch eine
+Reihe alter Familienbilder an den Wänden: Frauen im Reifrock mit
+märchenhaft dünner Taille und gepuderten Haaren, Männer in
+goldstrotzender Uniform und mächtiger Lockenperücke, und mitten unter
+ihnen ein rosiges, lächelndes, goldlockiges Frauenköpfchen, das die
+Mutter in spätern Jahren immer in den dunkelsten Winkel zu hängen
+pflegte: Alix, die Urgroßmutter, das Königsliebchen.
+
+Ein großes, helles Schlafzimmer, eine Fremdenstube und ein sorgfältig
+abgeschlossner, von der Großmutter streng behüteter Raum -- als hätte
+Blaubart seine Frauen darin -- vollendeten die Wohnung. In Ost und West,
+in Süd und Nord -- wohin immer das Soldatenschicksal uns getrieben hat,
+-- dieser Rahmen des Lebens ist sich stets gleich geblieben. Ein
+Gesellschaftszimmer, ein Tanzsaal kamen später wohl hinzu, sie haben
+mich aber immer wie etwas Fremdes angemutet. »Ihr habt keine Heimat,«
+pflegte die Großmutter zu sagen, »da müßt ihr sie als Ersatz, wie die
+Schnecke ihr Haus, mit euch tragen.«
+
+Als die Eltern nach der Hochzeitsreise diese Räume, die geschaffen
+schienen, Liebe und Freude in sich zu schließen, betraten, war auf ihr
+Eheglück schon ein Reif gefallen. Ahnungslos, wie alle wohlgehüteten
+Mädchen ihrer Zeit und ihrer Lebenskreise, war Ilse in die Ehe getreten.
+Keusch wie sie war der Mann, dem sie sich vermählt hatte, aber um so
+gewaltiger war die Glut seiner Liebe und seines Begehrens, während ihre
+Sinne noch schliefen und das große, tiefe Geheimnis des Geschlechts sich
+ihr wie eine gräßliche Untat offenbarte. Sie hat mir oft erzählt, daß
+sie in den ersten acht Tagen ihres Zusammenlebens mit ihrem Mann am
+liebsten davongelaufen wäre, wenn sie sich nicht vor ihren Eltern
+geschämt hätte. Erst ganz allmählich kam ihr die Erkenntnis, daß ihr
+Gatte kein Verbrecher, ihr Schicksal kein abnormes war. Zu den
+seelischen Leiden, mit denen sie ihn, der so liebevoll, so zartfühlend
+und weichherzig war, wohl noch mehr quälte als sich selbst, kamen
+körperliche Beschwerden hinzu, deren Ursachen sie ebenso verständnislos
+gegenüberstand. Sie suchte sie mit der ihr eignen Energie zu
+beherrschen, um so mehr, als sie sich unter den ihr fremden Kleveschen
+Verwandten befand; sie teilte auch ihrer Mutter nichts davon mit, um die
+Überängstliche nicht unnötig, wie sie meinte, aufzuregen. Tapfer
+beteiligte sie sich an allen Ausflügen, allen ländlichen Festen; tanzte
+und ritt, obwohl es ihr oft vor den Augen dunkelte und der Schwindel sie
+zu übermannen drohte. So kehrte die junge Frau bleich und müde zurück,
+die, ein Bild blühender Gesundheit, das Elternhaus verlassen hatte. Der
+Schatten dieser ersten Schmerzen und Enttäuschungen fiel über ihr ganzes
+Leben.
+
+Der Großmutter blutete das Herz, als sie ihr Kind wiedersah. Bald aber
+war sie beruhigt und zärtlicher Freude voll in dem Gedanken an das junge
+Leben, das sich im Schoße der Tochter entwickelte. Nur allzu früh sollte
+die Hoffnung, die von Ilse selbst nur qualvoll empfunden wurde, zerstört
+werden; und statt einer Wöchnerin pflegte die Großmutter eine schwer
+kranke junge Frau. Erst die würzige Herbstluft von Pirgallen heilte sie,
+und der Königsberger Karneval sah sie als eine der schönsten der Schönen
+im fröhlichen Kreise der Jugend wieder. Sie tanzte gern, sie sah sich
+gern von Bewunderern umgeben, und ihr Mann war überglücklich, wenn er
+sie heiter wußte.
+
+Im zweiten Jahre ihrer Ehe stellten sich wieder Hoffnungen ein; mit
+hellem Jubel begrüßte sie Hans Kleve, mit tiefer Rührung die Großmutter;
+nur die, unter deren Herzen das neue Leben erwachte, spürte nichts von
+alledem. Die Fassung, mit der sie sich in ihr Schicksal ergab, das
+Vorgefühl ernster kommender Pflichten war das einzige, was sie ihm
+gegenüber aufbringen konnte.
+
+Indessen richtete die Großmutter des Enkelkindes erstes Stübchen ein:
+Alles darin war weiß und rot, einfach und freundlich, nur das Sofa war
+mit braunem Rips bezogen und der Tisch davor mit braunem Wachstuch. Du
+gutes altes Sofa! Auf dir hab ich die Glieder im ersten Lebensgefühl
+gestreckt, auf dir bin ich umhergeklettert, als ich die Beinchen regen
+konnte; in deinen Winkeln hab ich mein Lieblingsspielzeug geheimnisvoll
+verwahrt, habe, tief in deine Polster geschmiegt, meine Märchenbücher
+verschlungen und meine ersten Träume auf dir geträumt!
+
+Mitten in den Vorbereitungen zum Empfange des kleinen Erdenbürgers warf
+eine Lungenentzündung den alten Golzow aufs Krankenlager. Bei einer der
+häufig wiederkehrenden Überschwemmungen, die durch die wilden, alle
+Dämme durchreißenden Wogen des kurischen Haffs entstanden und die Wiesen
+stets auf Jahre hinaus wertlos machten, hatte er stundenlang, bis an die
+Kniee im Wasser, mit den Knechten um die Wette die Löcher der Dämme zu
+verstopfen gesucht und sich dabei eine Erkältung zugezogen. Auf die
+Nachricht seiner Erkrankung siedelte Ilse, die ihrem Vater besonders
+nahe stand, nach Pirgallen über. Noch wochenlang sah sie dem wilden
+Kampf des starken Mannes gegen den Allüberwinder zu, der ihn
+schließlich sanft in seine Arme nahm.
+
+Ein Maiensonntag war es abermals, als der Gutsherr mit all dem Pomp, der
+die Sprossen eines der ältesten Geschlechter des Landes von jeher zu
+Grabe leitete, in die Gruft seiner Vorfahren gesenkt wurde. Vollzählig
+war wieder die Familie versammelt, vollzählig war auch das Offizierkorps
+des Königsberger Kürassierregiments zugegen, dem Walter, der älteste
+Sohn des Verstorbenen, angehörte, und seine Trompeter bliesen die
+Trauerchoräle. In langem Zuge folgten die Knechte und die Instleute dem
+Sarge, den der greise Förster, des Toten Lebensgefährte, mit seinen
+Jägern trug. Ehrliche Trauer blickte aus den Zügen aller der
+wettergebräunten Männer der Arbeit. Werner Golzow war ihnen ein guter
+Herr gewesen. Sie hatten nie seine Faust und nie seine Peitsche gespürt,
+wie ihre Kollegen ringsum auf den Nachbargütern, und sie fürchteten sich
+vor dem Junker, seinem Erben. Sein junges hübsches Gesicht war hart und
+hochmütig, auf die unbeholfenen, teilnehmenden Worte der Diener seines
+Vaters antwortete er nur mit einem leichten Neigen des Kopfes, die Hand,
+die sie, der alten preußischen Sitte gemäß, küssen wollten, zog er
+ungeduldig zurück. Als die Gutsleute nach der Beisetzung in der großen
+Halle des Herrenhauses von der Großmutter empfangen wurden, spürten sie
+doppelt ihre Güte, die nichts Herablassendes hatte, die den Untergebenen
+niemals den Abstand zwischen Herrn und Diener fühlen ließ. Und einer
+nach dem andern richtete die angstvolle Frage an sie: Unsre Frau Baronin
+wird uns doch nicht verlassen? Sie schüttelte nur wehmütig lächelnd den
+Kopf dazu, und halb und halb beruhigt ging alles auseinander.
+
+Sechs Wochen später wurde ich geboren. Es war ein glühheißer
+Junisonntag; in voller Pracht blühten die Rosen, und in der alten
+dunkeln Gespensterallee, wo die »böse Frau von Pirgallen«
+nächtlicherweile mit dem Kopf unter dem Arme umging, dufteten
+berauschend die Linden. Das Geläut der Glocken begleitete gerade die
+heimkehrenden Kirchgänger, als ich zur Welt kam. Ich konnte das Leben
+nicht erwarten, denn den Weg hinein fand ich ohne Hilfe, -- die weise
+Frau kam erst, als die Großmutter mich schon in den Armen hielt und dem
+Vater beim Anblick seines Kindes große Tränen der Rührung über die
+Wangen liefen.
+
+In der alten Kirche, über der Gruft der Golzows und unter ihren Speeren,
+wurde ich getauft. Die Gutskinder hatten den düstern Raum in eine Laube
+von Jasmin verwandelt, -- darum hab ich wohl mein Lebtag keinen
+Blumenduft so geliebt wie den dieser weißen Sterne. Selbst im geweihten
+Wasser des Taufsteins schwammen ihre Blätter, und als der greise Pfarrer
+es mir auf die Stirn träufelte, blieb eins davon auf meinem dunkeln
+Köpfchen haften. »Und wenn ich mit Menschen- und Engelzungen redete und
+hätte der Liebe nicht, ich wäre ein tönend Erz und eine klingende
+Schelle« -- lautete der Text der Taufpredigt und Alix der Name, der mir
+gegeben wurde. Beides hatte die Großmutter gewählt; den Namen hatte sie
+gegen den Widerstand der Tochter für ihr erstes Enkelkind durchgesetzt,
+-- den Namen ihrer Mutter, die sie um so inniger geliebt, je mehr die
+Welt sie verdammt hatte.
+
+Ich blieb in Pirgallen. Vergebens hatte man versucht, mich an die Brust
+meiner Mutter zu legen. War es ihre innere Abneigung, die sie nur im
+Gefühl, eine Pflicht erfüllen zu müssen, überwinden wollte, war es mein
+früh erwachter Eigensinn, -- kurz, Mutter und Kind schienen nichts von
+einander wissen zu wollen, und eine derbe Fischerfrau, die mich mit
+ihrem Söhnchen zusammen nährte, wurde meine Amme. Behütet von ihr und
+der Großmutter, der das schwarzhaarige, dunkeläugige Baby so ähnlich
+sah, verbrachte ich auch den Winter bei ihr; seufzend hatte es mein
+Vater zugegeben, da er sah, daß ich hier besser aufgehoben war als in
+Königsberg, wo die Freuden der Gefälligkeit meiner Mutter ganze Zeit in
+Anspruch nahmen. Oft aber packte ihn die Sehnsucht so sehr, daß er Sturm
+und Wetter nicht scheute und, wie einst zu der Geliebten, zu der Braut,
+nun zu dem Töchterlein hinausritt, um es zu küssen, und in den Armen zu
+schaukeln. Die Großmutter hat immer dabei weinen müssen, erzählte mir
+die Amme später. Lange wußte ich nicht, warum.
+
+Dann kam der Krieg, der böse deutsche Bruderkrieg. Mein Vater wurde
+Kompagnieführer in einem jener Regimenter, die durch die mörderischen
+Kämpfe in Böhmen fast völlig aufgerieben wurden. In den Wäldern um
+Königgrätz warf ihn eine Kugel zu Boden. Wären nicht ein paar seiner
+treuen Grenadiere, die ihn wie einen Vater liebten, der eignen
+Erschöpfung nicht achtend, noch spät des Nachts ausgezogen, um, wie sie
+meinten, die Leiche ihres Hauptmanns zu suchen, er wäre elend verblutet.
+Puckchens, unseres Affenpinschers, klägliches Winseln führte sie auf
+die Spur des Verwundeten. Sobald er transportfähig war, brachte man ihn
+nach Königsberg. Die Mutter, sonst eine so starke Frau, brach zusammen
+beim Anblick des entkräfteten, vollkommen entstellten Mannes. Er war es,
+der sie lächelnd trösten mußte.
+
+Viele, viele Wochen lag er auf dem Krankenlager, das ihm in seinem
+Wohnzimmer errichtet worden war. Je mehr seine Genesung vorschritt,
+desto eifriger beschäftigte er sich mit mir. Ich habe nie einen Mann
+gesehen, der wie er mit kleinen Kindern spielen konnte.
+
+Meine erste traumhafte Erinnerung, -- ich bin immer ausgelacht worden,
+wenn ich von ihr erzählte, da ich doch damals noch nicht zwei Jahre alt
+war --, führt mich in einen dunkel verhängten Raum vor ein großes
+braunes Bett, aus dem mir ein blasser Mann die Arme entgegenstreckte.
+Ich weiß, daß ich laut aufschrie, daß der Mann den Kopf müde zurücklegte
+und ich mich ausatmend in meinem hellen Stübchen wiederfand. Und später
+sah ich ihn im Rollstuhl wieder und mich auf seinem Schoß mit seiner
+großen, dicken Uhr spielend, die, weil sie mit so zärtlichem, feinen
+Stimmchen alle Viertelstunden schlug, für mich immer etwas Lebendiges
+gewesen ist. Wende ich ein andres Blatt der Erinnerung um, so seh ich
+große rote Blumenkerzen in mein Fenster hereinleuchten. Das war in
+Potsdam, wohin mein Vater nach dem Feldzug versetzt wurde, und wo wir in
+einem gartenumsäumten Haus, vor dem ein alter Kastanienbaum Wache hielt,
+das erste Stockwerk bezogen. Neben uns, nur durch den Gartenzaun
+getrennt, wohnte meiner Mutter zweiter Bruder Max, der bei den
+Gardehusaren Leutnant war und eine elsässische Cousine geheiratet
+hatte. Werner, ihr Sohn, war nur um wenige Monate jünger als ich. Unter
+uns aber, in die Parterrewohnung mit der großen Terrasse, auf deren
+Balustrade kleine Steinengelchen saßen, die in meinen Träumen immer
+lebendig wurden, zog, kaum ein Jahr nach unsrer Übersiedlung, die
+Großmutter ein.
+
+Walter Golzow hatte nach dem Kriege den bunten Rock mit dem schönen
+himmelblauen Kragen ausgezogen und das Gut übernommen, dessen Geschäfte
+die Großmutter bis dahin mit Hilfe des erprobten Verwalters gewissenhaft
+und in der alten Weise geleitet hatte. Sie versuchte dann noch eine
+Zeitlang, neben dem Sohn zu wirken und zu arbeiten, wie sie es früher
+gewohnt gewesen war. Aber zu hart stießen die Gegensätze aneinander: in
+ihrer Milde sah Walter Schwäche, in ihrer Wohltätigkeit Verschwendung.
+Es kam auch tatsächlich zuweilen vor, daß ihre Güte mißbraucht wurde,
+daß man die allzeit Hilfsbereite, die an jedem Menschen etwas Gutes sah
+oder herauszulocken verstand, hinterging und betrog. Das nahm ihr Sohn
+zum Vorwand, ihrem barmherzigen Wirken mehr und mehr Hindernisse in den
+Weg zu legen. Doch dies alles hätte sie nicht so schwer getroffen, da
+sie als Herrin ihres Vermögens damit machen konnte, was ihr gut schien;
+unerträglich wurde ihr die Existenz vielmehr erst durch die fast
+fieberhafte Neuerungssucht Walters: nichts in der Wirtschaft und im
+Hause schien ihm mehr gut genug, und Umwandlungen und Neuanschaffungen,
+die ein vorsichtiger, auf alle Möglichkeiten schlechter Jahre
+vorbereiteter Gutsherr auf einen langen Zeitraum verteilt, sollten jetzt
+in wenigen Monden vor sich gehen. Die Großmutter sorgte, warnte, bat,
+-- sie predigte tauben Ohren. Die Ställe füllten sich mit Luxuspferden,
+die Wirtschaftsräume mit neuen Maschinen aller Art, deren Handhabung
+selten einer verstand, das Herrenhaus mit modernen Möbeln, vor deren
+geschmacklosem Prunk der alte, solide Hausrat aus Urväter Tagen weichen
+mußte. Es kam zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen Mutter und Sohn,
+die ihren Höhepunkt erreichten, als sie sah, wie er auf die Wange eines
+ungeschickten Reitknechts die Peitsche niedersausen ließ, so daß der
+junge Mensch blutend zu Boden sank. Wenige Tage darauf entführte der
+alte breite Kutschwagen mit den wohlgenährten Braunen davor die
+Großmutter von der Stätte ihrer jahrzehntelangen Wirksamkeit, von dem
+erinnerungsreichen Boden ihrer zweiten Heimat. Sie sah sich nicht um,
+und sie weinte nicht; zu tief empfand sie das schwerste Geschick, das
+ein Weib treffen kann: fremde Kinder zu haben.
+
+Ich war vier Jahre, als die Großmutter nach Potsdam kam. Ein Ölbild von
+Tochter und Enkelin, das damals für sie gemalt worden war, zeigt, daß
+auch ich meiner Mutter solch ein fremdes Kind gewesen bin: von ihrer
+lichten Erscheinung mit dem hellblonden Haar, der durchsichtigen Haut,
+den meerblauen Augen sticht das kleine Mädchen seltsam ab, um dessen
+schmales gelbliches Antlitz dunkle schwere Locken sich ringeln, dessen
+schwarze Augen fragend und verträumt ins Weite sehen. Von klein an
+bewunderte ich neidvoll meiner Mutter nordische Schönheit, und wenn
+meine Freunde mir Tränen des Zorns entlocken wollten, brauchten sie mich
+nur »schwarze Alix« zu rufen; sie waren selbst alle blond, und schon
+bei den Unmündigen wirkt die Majorität überzeugend. Die Anführer bei
+solchen Späßen, die mir den Umgang mit meinesgleichen früh verleideten,
+waren meist mein Vetter Werner und Adda, das Töchterchen eines der
+Regimentskameraden meines Vaters. Mit jener Grausamkeit, die nur den
+kleinen Menschentieren eigen ist, rächten sie sich durch ihre Neckereien
+an meiner Besonderheit. Einig waren wir drei eigentlich nur, wenn es
+galt, unseren französischen Bonnen einen Schabernack zu spielen. Wir
+konnten sie alle nicht leiden und empfanden sie nur als notwendiges
+Übel, unter dem wir gemeinsam zu leiden hatten.
+
+An jedem schönen Morgen führten sie uns in den Park von Sanssouci; kein
+Wort Deutsch durften wir sprechen, und artig mußten wir nebeneinander
+gehen. Wenn die drei Fräuleins aber erst häkelnd auf einer der Bänke
+saßen und die Lebhaftigkeit ihres Gesprächs einen gewissen Höhepunkt
+erreicht hatte, benutzten wir schleunigst die Gelegenheit, aus ihrem
+Gesichtskreis zu verschwinden, und dann war ich die Anführerin. Wo die
+Büsche am dichtesten waren, versteckten wir uns und spielten im grünen
+Dämmerlicht phantastische Märchen. Meine blühende Phantasie steckte die
+beiden andern an: unter halbverwitterten steinernen Göttern gruben sie
+eifrig nach den Schätzen, von denen ich ganz genau zu erzählen wußte,
+oder sie umschlichen geduldig immer wieder des alten Fritzen Schloß oben
+auf den Blumenterrassen, die Ritter und die Feen mit Herzklopfen
+erwartend, die ich schon »soo« oft gesehen hatte. Wenn freilich durchaus
+nichts von dem Erwarteten sich zeigen wollte, mußte ichs bitter büßen,
+und wenn wir unsrer schmutzigen Hände und zerdrückten Kleider wegen von
+unsern drei Gestrengen gescholten wurden, war allemal ich die
+Hauptschuldige. Allmählich gewöhnte sich mein sehr robuster und
+prosaischer kleiner Vetter daran, den lebhaften Ausbrüchen meiner
+Einbildungskraft mit einem verächtlichen »zu dumm« zu begegnen, was mich
+bis zu Tränen kränkte und mehr und mehr verstummen ließ. Spielte ich
+dann artig mit Ball und Reifen, ohne in die Büsche zu kriechen, dann
+lobte mich Mademoiselle: »Comme elle devient raisonable!« sagte sie.
+
+Noch stand ich nicht fest auf dieser Staffel der guten Erziehung, als
+mir ein schwerer Kummer widerfuhr. In unserm Garten, in dem wir
+nachmittags zu spielen pflegten, lagen auf den Wegen viele bunte
+Kieselsteine. In einem Winkel, unter einem Jasminstrauch -- zu den
+weißen Blüten trug ich immer meine tiefsten Geheimnisse -- sammelte ich
+die schönsten, die ich finden konnte. Ich war fest überzeugt, daß sie in
+ihrem Innern goldne Wagen mit weißen Pferdchen davor, blitzende
+Königskronen und schimmernde Schlösser bargen, und versuchte, sie mit
+einem Hammer aufzuschlagen. Schließlich kamen Werner und Adda hinter
+mein Geheimnis; mein Vetter, den meine glühende Begeisterung für die zu
+erwartenden Herrlichkeiten anstecken mochte, bemühte sich auch
+seinerseits, die Kiesel zu öffnen, und es gelang. »Bist du dumm,« rief
+er ärgerlich, als er die grauen Splitter in der Hand hielt, »es sind ja
+nur ganz gewöhnliche Steine!«
+
+Noch oft hab ich später hinter dem Leblosen wundervolle Offenbarungen
+vermutet und im Schweiße meines Angesichts versucht, zu ihnen
+vorzudringen, aber die Enttäuschung hat mich kaum je so heftig
+geschmerzt und bis zu so wilder Verzweiflung getrieben, wie damals, wo
+ich, ein fünfjähriges Kind, weinend vor den zerschlagenen Kieseln saß.
+
+Wenn die andern mich verhöhnten, wenn der Schmerz mich übermannte und
+sie nicht verstanden, warum, dann blieb mir ein Zufluchtsort und ein
+Mensch, der immer die rechten Worte des Trostes fand: Großmama. Wie oft
+flüchtete ich in ihr stilles Reich, wo sie zwischen blühenden Blumen und
+dunkeln Palmen lesend, schreibend oder still vor sich hinträumend in
+ihrem tiefen, grünen Lehnstuhl saß. Sie hatte immer Zeit für mich, sie
+lachte mich niemals aus und antwortete nie auf meine tausend Fragen mit
+jenem ein weiches Kindergemüt so verletzenden: »Das verstehst du nicht.«
+Und wenn sich mir Park und Garten, Wasser und Wald mit tausend Gestalten
+bevölkerten, wenn die allabendlich in buntem Reigen um mein Bettchen
+tanzten, so wußte ich: Großmama sah sie, wie ich; nur die andern hatten
+keine Augen dafür. War ich allein bei ihr, so erschienen mir ihre Zimmer
+wie ein einzig Märchenreich: Zwischen den Palmen lächelte der schöne
+weiße Jünglingskopf ihres Vaters mir entgegen -- halb ein Cäsar, halb
+ein Antinous --; von den Wänden sahen Männer und Frauen mich an, mir
+vertraut seit meinem ersten Augenaufschlag, wenn auch fremd nach Art und
+Gewandung, und unter einem von ihnen, auf kleinem Postament, stand
+Winter und Sommer ein frischer Blumenstrauß. Das war der Dichter, zu
+dessen Füßen die Großmutter gesessen hatte, als sie ein Kind, ein junges
+Mädchen gewesen war, der die Geschichte vom Heideröslein gedichtet
+hatte, die erste, die ich wiedererzählen konnte, und bei deren Schluß
+mir immer die Stimme brach: ... »Doch es half kein Weh und Ach, mußt es
+eben leiden!«
+
+Auf dem Fußbänkchen neben Großmama, den Kopf vergraben in den weichen
+Falten ihres Sammetkleids, die Augen auf die tanzenden und zuckenden
+Flammen des Kaminfeuers gerichtet, während ihre leise Stimme über mir
+klang, von Schneewittchen und Dornröschen erzählend oder von der kleinen
+Seejungfrau, die dem Prinzen zuliebe unter tausend Schmerzen zum
+Menschen wurde und dann doch wieder hinabsteigen mußte in die Fluten, --
+das waren die schönsten Stunden meiner frühen Kinderjahre. Und das alles
+waren Erlebnisse für mich, viel bedeutungsvollere, als die Ereignisse
+des öffentlichen Lebens, deren Kunde an mein Ohr schlug. So weiß ich vom
+deutsch-französischen Kriege, obwohl ich ihn als fast Sechsjährige
+erlebte, nicht allzuviel. Ich sehe mich zwar Charpie zupfend am Fenster
+sitzen oder mein Frühstücksbrötchen mitleidig für die armen Soldaten in
+die Kiste legen, die die Mutter allwöchentlich zu packen pflegte; ich
+erinnere mich, daß ich mit Hurra schrie bei jeder Siegesnachricht und
+die Illuminationskerzen nach dem Fall von Sedan mit in die sandgefüllten
+Gläser steckte. Ich weiß auch, daß mir das bunte Schauspiel des Einzugs
+der Sieger in Berlin, dem ich in einem neuen blauseidnen Kleidchen mit
+meiner Mutter von irgend einem Lindenhotel aus beiwohnte, sehr gefiel,
+und daß mein Lorbeerkranz statt auf die Lanze eines Kriegers auf den
+aufgespannten Schirm irgend einer biedern Berliner Bürgerfrau
+niederfiel; aber von hochgeschwellter patriotischer Begeisterung weiß
+ich nichts. Vielleicht, daß die gedrückte Stimmung zu Haus mich
+beeinflußt hatte, denn hier kam eine reine Siegesfreude nicht auf. Nicht
+nur, weil Söhne und Gatten allen Wechselfällen des Krieges ausgesetzt
+waren, sondern auch, weil nahe, liebe Verwandte der Großmutter im
+französischen Heere dienten. Neffen von ihr kamen als Gefangene nach
+Potsdam; der alte Bruder ihrer Mutter, der sich als Jüngling unter
+Napoleon I. die Sporen verdient hatte, kämpfte jetzt mit derselben
+glühenden Vaterlandsliebe unter seinem Nachfolger. Von dem Franzosenhaß,
+der den deutschen Kindern späterer Zeit eingeprägt wurde, wußten wir
+infolgedessen nichts. Ich glaube, jener Hurrapatriotismus, der sich
+heute breit macht, gedeiht nur in Friedenszeiten. Wer dem Kriege Aug in
+Auge sieht, dessen Vaterlandsliebe wird vielleicht nicht weniger tief,
+wohl aber ernster und stiller sein. Erst wenn die großen Kämpfe der
+Völker lange vorüber sind, werden sie zu Mitteln, die Begeisterung auch
+der Kinder anzufachen. So kam es wohl, daß meine Phantasie von dem, was
+vor sich ging, ebenso unberührt blieb wie mein Gemüt. Nur der Heimkehr
+meines Vaters sah ich voll jubelnder Freude entgegen.
+
+Er brachte uns allen Geschenke aus Frankreich mit, die er mit Sorgfalt
+und in der freudigen Aussicht auf die glücklichen Gesichter der
+Empfänger ausgewählt und wofür er wohl auch viel Geld ausgegeben hatte.
+Über all das schöne Spielzeug, das ich erhielt, war mein Jubel ohne
+Grenzen, und ein zierliches goldnes Kettlein, das mich noch mehr
+entzückte, schlang ich mir grade vor dem Spiegel um den Kopf, so daß die
+Perle, die wie ein Tautropfen daran hing, just unter dem Scheitel auf
+die Stirne fiel -- meine schwarzen Locken erschienen mir plötzlich gar
+nicht mehr so häßlich --, als das Antlitz meiner Mutter hinter mir
+auftauchte. Angstvoll erstaunt wandte ich mich um; Seiden- und
+Samtstoffe lagen vor ihr ausgebreitet, mit zärtlich-fragenden Augen sah
+der Vater sie an, und sie -- sie freute sich nicht! Worte des Vorwurfs
+über die »unnützen Ausgaben« war das erste, was ich sie sagen hörte, und
+mit ungewohnt heftiger Geberde nahm sie mir die Kette aus den Haaren,
+die nun -- ich wußte das nur zu gut -- in der unergründlichen Tiefe des
+Silberschranks verschwinden würde, wie so manche der schönsten Dinge,
+bis »Alix groß sein wird«. Dann dankte sie dem Vater mit einer kühlen
+Phrase, aus der ich das Erzwungene mit dem feinen Gefühl des
+Kinderherzens herausempfand. Über unsre Festtagsfreude hatte sich ein
+dunkler Schatten gelegt. Papa ging verstimmt hinaus, ich spielte
+verschüchtert in einem möglichst versteckten Winkel. Freude ist eine der
+sensitivsten Pflanzen, die es gibt, das hab ich damals unbewußt zum
+erstenmal empfunden: wenn sie in vollster Blüte steht, genügt ein kalter
+Lufthauch, sie zu töten. Sie will gehütet sein und gepflegt, und nur ihr
+natürliches Welken ist schmerzlos. Verschleiert blieb von da an die
+Stimmung; um Liebe werbend, dankbar für jeden wärmeren Blick, bemühte
+sich mein Vater um seine schöne kühle Frau. Wie oft nahm er mich auf den
+Schoß, legte mein Bäckchen an seine Wange und herzte und streichelte
+mich, während seine Augen ihr folgten, die im Zimmer umherging, jedem
+Staubfäserchen nach, das etwa von einem Möbelstück nicht entfernt worden
+war.
+
+Bald hieß es, die Mutter sei krank und brauche längere Zeit der
+Erholung. Große Koffer wurden gepackt, und wir reisten -- Großmama, Mama
+und ich, meine Mademoiselle und die Jungfer -- nach der Schweiz. Wie
+schnell war da der arme, einsame Papa vergessen! Wundervolle Bilder von
+weißleuchtenden Gletschern, blauen Seen, brausenden Wasserstürzen und
+Schauerlichen Abgründen zogen an mir vorüber. Nirgends war mir meine
+Bonne mit ihrem ewigen: Tiens-toi droite -- ne court pas si vite -- sois
+raisonable so widerwärtig vorgekommen wie hier. Ins Moos sich werfen mit
+ausgebreiteten Armen, laufen und springen, wie von Flügeln getragen, und
+über Stock und Stein aufwärts klettern, höher, immer höher, bis zu den
+silbernen Häuptern der Berge mitten in den Himmel hinein -- ach, wer das
+könnte! Eines Tages hielt es mich nicht länger. Irgendwo am
+Vierwaldstädter See wars, wo ich davon lief, gedankenlos, ziellos, nur
+erfüllt von dem Wonnegefühl der ungebundenen Kraft. Erst als es anfing
+zu dunkeln, kam ich zum Bewußtsein meiner Verwegenheit. Da plötzlich
+geschah etwas so Wundersames, daß ich alles vergaß: die weißen Berge
+bekamen rotglühendes Leben. -- Männergeschrei und ängstliches Rufen
+schreckten mich auf aus der Verzauberung; vom Hotel aus suchte man die
+Ausreißerin. Stumm kehrte ich heim, unempfindlich blieb ich für alle
+Vorwürfe, die mich sonst so bitter trafen; das Erlebte hatte jede andre
+Empfindung in mir ausgelöscht. Nur der Großmutter vertraute ich
+flüsternd das große Geheimnis an: wie die Bergriesen vor mir lebendig
+geworden waren.
+
+Im Herbst desselben Jahres kehrte Großmama nach Potsdam zurück, Mama
+und ich aber reisten nach Augsburg zu meines Vaters Schwester Klotilde.
+Sie hatte sich mit Baron Artern, dem jüngeren Bruder ihrer Tante Kleve,
+bei der sie erzogen worden war, vermählt gehabt und war nach kurzem
+strahlendem Glück Witwe geworden. Monatelang schien es, als ob ihr
+sehnsüchtiger Wunsch, dem Toten zu folgen, erfüllt werden würde, und es
+war mein Vater, der ihr in dieser Zeit mit der ganzen hingebungsvollen
+Liebe und zarten Rücksicht, deren er fähig war, zur Seite gestanden und
+sie dem Leben zurückgewonnen hatte. Er war es wohl auch gewesen, der ihr
+den Gedanken nahe legte, uns zu sich einzuladen. Es gibt kaum eine
+heilendere Kraft für alle Lebenswunden als die weichen Hände, die klaren
+Augen und das helle Lachen eines Kindes, -- ihr war sie versagt
+geblieben; in mir, so hoffte mein Vater, sollte sie sie finden.
+
+An einem trüben Oktoberabend kamen wir in Augsburg an. In Trauerlivree
+empfing uns der Diener am Bahnhof, dunkel war die Equipage, dunkel waren
+die engen winkligen Straßen, und grau, wie leblos, starrten die alten
+Häuser mir entgegen. In einen hallenden Torweg, den nur eine unruhig
+flackernde Lampe spärlich erhellte, bog der Wagen, und vor einer
+breiten, teppichbelegten Treppe mit kunstvollem schmiedeeisernem
+Geländer stiegen wir aus. Eine alte Dienerin mit großem Schlüsselbund
+über der schwarzseidenen Schürze begrüßte uns zuerst; oben, wie eine
+Fürstin, wartete des Hauses Herrin auf uns. Der Kreppschleier verhüllte
+sie fast ganz, nur das weiße Gesicht und die roten Haare leuchteten
+daraus hervor. Weinend umarmte sie ihre Gäste, und erschüttert von dem
+Eindruck der neuen Umgebung weinte ich mit ihr. »Du gutes Kind,« sagte
+sie und küßte mich zärtlich; ich hatte ihr Herz gewonnen.
+
+Ein seltsames Leben begann für mich in dem grauen Hause mit seinen
+langen, düstern Gängen, an deren Wänden ein dunkles Bild neben dem
+andern hing, mit seinen mächtigen schwarzbraunen Schränken und den
+tiefen, tiefen Teppichen, über die der Fuß unhörbar hinglitt. Die Türen
+waren mit Fries eingefaßt, um jedes Geräusch zu vermeiden, und die
+Klingeln hatten einen dunkeln Ton. Meine Tante vertrug nicht den
+geringsten Lärm. Man hatte mir das streng eingeschärft, aber ich wäre
+hier auch ohnedies ganz still gewesen. Nur im Stübchen bei der alten
+Kathrin, der Wirtschafterin, die mich schnell in ihr Herz schloß, durfte
+ich lachen und toben, und draußen bei allen den vielen Verwandten und
+Freunden fühlte ich mich aus dem Traumreich in die Welt zurückversetzt.
+Die erste Mädcheneitelkeit ist damals von ihnen in mir großgezogen
+worden. Sie umgaben mich förmlich mit der wohligen weichen Treibhausluft
+der Bewunderung; und wenn meine Mutter auch, sobald wir allein waren,
+Worte wie Hagelschauer und Gewitterregen abkühlend hernieder brausen
+ließ, so sah ich darin doch nichts weiter, als daß sie mir die Freude
+eben wieder einmal nicht gönnen wolle. Hatte ich mich früher, weil ich
+anders war, zurückgesetzt gefühlt, war ich mir im Vergleich zu meinen
+helläugigen Gespielen häßlich vorgekommen, so wurde ich allmählich
+meiner Besonderheit als eines Vorzugs bewußt.
+
+In meinem Zimmer, das ich allein bewohnte -- Mademoiselle war auf
+Urlaub bei ihren Eltern in der Schweiz geblieben --, stand ein
+verschlossener Schrank. Ich studierte durch die Glastüren die Titel auf
+den Rücken der Bücher, soweit das meine ziemlich unzureichende Kenntnis
+der deutschen Buchstaben zuließ; französisch war mir bisher allein
+geläufig geworden. Auf einer Reihe großer Quartbände wiederholten sich
+immer dieselben Worte: »Die Geschichten aus tausend und einer Nacht.«
+»Tausend und eine Nacht«, -- hieß nicht so das Buch mit den bunten
+Bildern, aus dem mir Großmama Aladins seltsame Abenteuer vorgelesen
+hatte? Niemand erzählte mir Märchen in Augsburg, die alte Kathrin wußte
+nur immer dieselben Gespenstergeschichten, ach, wenn ich doch selber
+lesen könnte! Heimlich versuchte ich, mit allen Schlüsseln, die mir
+erreichbar waren, den Schrank zu öffnen, um zu den Schätzen zu gelangen,
+die er barg. Endlich, endlich sprang er auf. Wie gut, daß ich Halsweh
+hatte und Tante und Mama allein spazieren gefahren waren! Mit klopfendem
+Herzen nahm ich einen Band nach dem andern heraus -- ich sehe noch ihr
+gebräuntes Leder vor mir und ihr gelbes, stockfleckiges Papier! -- und
+betrachtete die vielen Bilder darin: Geister und Ungeheuer, Männer auf
+sich bäumenden Rossen mit krummen Säbeln und hohem Turban und wunder-,
+wunderschöne Frauen. Von nun an hatte ich häufig »Halsschmerzen« und
+ließ mir mit rührender Geduld Einreibungen und Umschläge gefallen, trug
+auch klaglos das rote Flanellläppchen, das ich sonst nicht rasch genug
+hatte abreißen können. Sobald ich allein war, vertiefte ich mich in die
+Bücher. Es waren unverkürzte Übersetzungen des herrlichen
+Märchenschatzes; ich lernte lesen darin; der ganze Farbenreichtum, die
+ganze Glut des Orients umgaben mich wie mit einem Zaubermantel. Wie oft,
+wenn ich mit glühenden Wangen und heißen Augen den Heimkehrenden
+entgegentrat, wurde mir der Fieberthermometer besorgt unter den Arm
+gesteckt. Aber ich hatte kein Fieber, -- ich hatte ja auch nur mit den
+Ausschneidepuppen gespielt, die in buntem Durcheinander auf meinem
+Tische lagen!
+
+Warum ich mein Geheimnis verschwieg? Nicht nur, weil die Mutter ganz
+gewiß die Bücher verschlossen hätte, sondern weit mehr noch, weil alles,
+was mich am tiefsten ergriff, auch am tiefsten verhüllt bleiben mußte.
+Es erschien mir entweiht, seines Wertes beraubt, wenn andre es sahen,
+besprachen, betasteten. Großmama allein hätte ich davon erzählen können.
+Niemand merkte das Geheimnis, in dem ich lebte, niemand ahnte, daß ich
+in den dunkeln Gängen und tiefen Nischen alle Spukgestalten meiner
+Bücher leibhaftig vor mir sah, daß sie mir aus den Bildern an den Wänden
+entgegentraten, daß ich eine seltsam schwüle, schwere Luft durstig
+einatmete.
+
+Seit meiner ersten Kinderzeit hatte ich die Gewohnheit, mir abends im
+Bett Geschichten zu erzählen; das waren meine köstlichsten Stunden! Da
+störte mich nie die rauhe Hand der Wirklichkeit, da lachte mich keiner
+aus. Von nun an wurden meine Phantasten wilder, so daß ich mich oft vor
+ihnen fürchtete und zitternd unter die Bettdecke kroch. Häufig genug
+wartete ich mit fieberhafter Erregung auf den Schritt der Mutter im
+Nebenzimmer, aber zu rufen wagte ich nicht, nachdem sie mich einmal
+meiner »dummen Aufregung« wegen arg gescholten hatte.
+
+Inzwischen war mein Vater nach Karlsruhe versetzt worden. Er und die
+Großmutter besorgten den Umzug, suchten die Wohnung und richteten sie
+ein. Beide erwarteten uns, als wir nach einer beinahe halbjährigen
+Abwesenheit endlich heimwärts reisten. Mir war der Abschied von Augsburg
+sehr schwer geworden, denn mochte ich mir noch so sehr den Kopf
+zerbrechen, -- meine lieben Bücher heimlich mitzunehmen, gelang mir
+nicht. Papa und Großmama erschraken, als sie mich wiedersahen. »So blaß
+ist mein Alixchen,« sagte sie. »So dunkle Ränder hat sie um die Augen,«
+fügte er hinzu. Als ich zuerst sein Zimmer betrat, einen langen Raum mit
+einem einzigen breiten Fenster, sah ich eine durchsichtige, weiße
+Gestalt mit gesenktem Haupt an mir vorüberschweben. Ich schrie auf und
+erzählte nach vielem Zureden, was mir begegnet war; schon wollte die
+Mutter auffahren, und der Vater murmelte etwas von »dem Unsinn, den man
+dem armen Kinde beigebracht hat«, als die Großmutter mich still beiseite
+nahm und lange und liebreich auf mich einsprach. Was sie sagte, weiß ich
+nicht mehr, aber es löste mir Herz und Zunge. »Ach, bleib doch bei mir,
+Großmama!« rief ich, während die Angst sich in Tränen löste. Andre
+jedoch bedurften ihrer noch mehr als ich; ihr jüngster Sohn, Max, zog
+sie an sein Krankenlager, und ich war wieder allein.
+
+Es war tiefer Winter damals. Trübselig und neidvoll sah ich oft durch
+die geschlossenen Fenster auf den Platz, wo die Kinder tobten,
+Schneeball warfen und Schneemänner bauten. Ich durfte nur selten
+hinaus. Von klein an war ich Halsentzündungen ausgesetzt gewesen, und
+meine Mutter ließ mich, ebenso pflichttreu wie gedankenlos, bei kaltem
+Wetter nur ins Freie, wenn es völlig windstill war. Aber auch dann wurde
+ich dick verpackt und durfte nicht laufen wie die andern. Das ließ mich
+noch mehr vereinsamen. Mir ist, als hätte ich die Winter stets
+verschlafen, so wenig weiß ich von ihnen. Vom Frühling aber und vom
+Sommer weiß ich um so mehr. Wir hatten einen großen Garten hinter dem
+Hause mit alten Bäumen, blühenden Büschen und bunten Blumen. Hier war
+mein Reich. Hier durfte ich ungestört umherspringen, mir Höhlen bauen,
+die zu unterirdischen Schätzen führten, auf der Schaukel bis zu den
+Wolken fliegen, die im Grunde gar keine Wolken, sondern Drachen und
+Zaubervögel waren. Hier konnte ich mit meinen Bällen, die alle
+Märchennamen trugen, geheimnisvolle Zwiesprach halten, so daß die
+Nachbarn oft meinten, ich hätte Scharen von Gespielen im Garten. Puck,
+unser alter Pinscher, dem zwei Feldzüge schon die Haare gebleicht
+hatten, mußte sich hier zu jugendlichen Sprüngen bequemen, war er doch
+das Flügelpferd, das mich ins Zauberland tragen sollte.
+
+Ich war den größten Teil des Tages mir selbst überlassen. Mademoiselle
+war froh, wenn sie den Mund nicht aufzutun brauchte und mit ihrer
+unendlichen Häkelei friedfertig auf dem Sofa sitzen konnte. Papa war den
+ganzen Vormittag auf dem Bureau des Generalkommandos tätig, nachmittags
+ritt er mit Mama spazieren und arbeitete dann allein bis zum Abend.
+Mama hatte immer schrecklich viele Besuche zu machen und zu empfangen;
+und was beiden an freier Zeit etwa noch übrig blieb, das verschlang die
+große, zu jeder Jahreszeit äußerst lebendige Geselligkeit. Nur
+vormittags zwischen ein und zwei Uhr pflegte meine Mutter mich bei
+schönem Wetter zum Spaziergang mitzunehmen. Mit dem Reifen, meinem
+unzertrennlichen Gefährten, lief ich voraus durch eine jener
+menschenleeren, langen, graden Straßen, die in Fächerform sämtlich am
+Schloßplatz münden, und trieb mein Spiel durch die stillen Laubengänge
+des Parks, bis es Zeit war, Papa vom Bureau abzuholen. Pünktlich, wenn
+wir vor dem Hause standen, schloß der Kommandierende, General von
+Werder, der Sieger von Wörth, die Vormittagsarbeit und kam mit Papa
+hinaus, um uns heim zu begleiten, denn er mochte alle schönen Frauen
+gern, meine Mutter insbesondere. Ich sehe ihn noch, den kleinen Mann,
+mit den Händen auf dem Rücken und den blitzenden Augen in dem scharf
+geschnittenen Gesicht, wie er neben uns herging, immer zu einem derben
+Scherz bereit und stets einen Leckerbissen für mich in der Tasche.
+
+Mein Reifen ruhte auf dem Heimweg, denn dann hatte der Vater mich an der
+Hand, und des Fragens und Erzählens war kein Ende. Wenn er für meine
+Phantasien auch nur wenig Verständnis hatte und ich mich hütete, sie ihm
+anzuvertrauen, so wußte er doch wie kein anderer meine Wißbegierde zu
+stillen. Er hatte eine Art, mir die Dinge klarzumachen und selbst
+schwierige Probleme meinem kindlichen Verständnis nahezubringen, mir
+Naturerscheinungen, chemische oder physikalische Vorgänge zu erklären
+und mich das Leben der Pflanzen und Tiere beobachten zu lehren, die die
+kurzen Stunden des Zusammenseins mit ihm wertvoller für mich machten,
+als wenn ich den ganzen Vormittag in der Schule gesessen hätte. Kamen
+wir nach Haus, so gingen wir zusammen in den Stall, und ich brachte den
+Pferden meinen Frühstückszucker, den ich mir täglich vom Munde absparte,
+seitdem Mama mich wegen meiner Zuckerverschwendung gescholten hatte.
+August, unser Kutscher und Faktotum, der mir trotz seiner verdächtig
+roten Nase viel lieber war als alle Mademoiselles zusammen genommen,
+mußte den kleinen Braunen herausführen, und ich durfte auf Mamas Sattel
+im Hof umherreiten, während Puckchen steifbeinig nebenher trabte, die
+Augen ernsthaft auf mich gerichtet, als müßte er Sitz und Haltung ebenso
+beobachten und kritisieren wie Papa. Der war kein bequemer Lehrmeister,
+und ich fürchtete diese halbe Stunde vor Tisch mehr, als daß ich mich
+daran freute. Ja, reiten, -- das mußte herrlich sein! Frei, mit
+verhängtem Zügel über Felder und Wiesen, -- vor Wonne klopfte mein Herz,
+wenn ich daran dachte! Aber im engen Hof, immer im Schritt, bestenfalls
+im kurzen Trab in der Runde, jeden Moment gewärtig, vom Vater heftig
+angefahren zu werden, wenn ich krumm saß, die Zügel verkehrt hielt, die
+Ecken nicht ausritt oder die Peitsche verlor, -- gräßlich wars! Laute,
+harte Worte zu hören, verwundete mich aufs tiefste, und die
+Liebesbeweise, mit denen mein Vater mich nach jedem Ausbruch seiner
+Heftigkeit in doppeltem Maße überschüttete, vermochten den Eindruck
+nicht auszulöschen. Ich bemühte mich, sie nicht hervorzurufen -- man
+nannte das lobend »artig sein« --, aber mein Herz krampfte sich dabei
+zusammen, und ich zog mich mehr und mehr in das Gehäuse meines
+verborgenen Lebens zurück, was meine Mutter als ein erfreuliches
+Resultat ihrer Erziehungsmethode betrachten mochte, die nur ein Prinzip
+kannte: Selbstbeherrschung. »Ein gut erzogenes Mädchen zeigt seine
+Gefühle nicht,« pflegte sie zu sagen, und so vergrub ich mich in die
+Kissen meines Betts, wenn ich weinen mußte, und lief in den Garten
+hinaus, um mich hoch in die Lüfte zu schaukeln, wenn ich mich freute.
+
+Eigentliche Freunde und Spielkameraden hatte ich nicht, wohl aber
+geselligen Verkehr, der mich Sonntags fast immer, schön geputzt, aus dem
+Hause führte. Im Schloß bei Großherzogs war ich ein häufiger Gast:
+Prinzessin Viktoria und Prinz Ludwig, zwei blühende Kinder damals, waren
+lustige Gefährten, und beim Baumplündern zu Weihnachten, beim Eiersuchen
+zu Ostern hallte das Schloß wieder von unserm Lachen und Lärmen, an dem
+das freundliche Elternpaar stets die meiste Freude hatte. Nur das Kochen
+in Vickis großer Küche, die das Ideal aller andern kleinen Mädchen war,
+langweilte mich entsetzlich, -- die Fee, die dem Wickelkind die
+Hausfrauentugenden in die Wiege legt, war offenbar zu meinem Tauffest
+nicht geladen worden! Da wars bei Max und Marie doch schöner, den
+Kindern des Prinzen Wilhelm, deren kaiserlicher Großvater ihnen aus
+Rußland das kostbarste Spielzeug zu schicken pflegte: Eisenbahnen mit
+richtigen Schienen, Puppen, die laufen und reden konnten, -- lauter
+Dinge, die zu jener Zeit für gewöhnliche Sterbliche unerreichbar waren.
+Am allerbesten aber gefiel es mir in einem Hause, dessen Herrin, eine
+Tochter Bettinens auch dem Geiste nach, es verstand, Märchen zu
+Wirklichkeiten zu machen. Mit ihren beiden reizenden Töchtern, die um
+ein paar Jahre älter waren als ich, fertigte sie aus buntem Seidenpapier
+die köstlichsten Gewänder an, mit denen geschmückt wir lebende Bilder
+stellten, Scharaden aufführten und uns als Helden Grimmscher Märchen in
+unsre Rollen so einlebten, daß die Rückkehr in die prosaische Erdenwelt
+uns hart ankam. Unsre Feste wurden bald die große Attraktion der
+Gesellschaft; oft genug sah auch der Großherzog uns zu, und ich erinnere
+mich noch recht gut, wie ich einmal als kleiner Amor im rosa Hemdchen,
+mit goldenen Sandalen und blitzenden Flügeln aus einem Strauß lebendiger
+Blumen meinen Pfeil auf ihn zu richten hatte und auf seinen lachenden
+Zuruf: »Nun, schieß los!« das strenge Schweigegebot vergebend,
+antwortete: »Aber das tut weh!« Bald lernte ich besser, bei solchen
+Gelegenheiten die Fassung zu bewahren, denn lebende Bilder und
+Kostümfeste waren auch bei den »Großen« an der Tagesordnung, und fast
+überall wirkte ich mit. In Scheffels Dichtung vom Rockertweibchen, die
+unter seiner persönlichen Leitung dargestellt wurde, war ich ein kleines
+Schwarzwaldmädchen, das sich der besonderen Gunst des Dichters erfreute.
+Er hatte immer eine Düte für mich in der Tasche, und das erste Glas
+Sekt, das mir warm und wohlig bis in die Fußspitzen niederrieselte,
+verdanke ich ihm. Auch ein Rokokodämchen war ich, mit hoch aufgetürmtem,
+gepudertem Haar, und ein Elfenkind, und das Veilchen auf der Wiese, --
+was Wunder, daß ich immer unlustiger morgens vor meinem alten,
+pedantischen Lehrer saß, der mich Buchstaben malen, Gesangbuchverse und
+Bibelsprüche hersagen ließ. Im Strudel rauschender Freude untertauchen
+oder lesen und träumen für mich ganz allein, -- was dazwischen lag: das
+Alltagsleben mit seinen Pflichten und Leiden, war wie eine staubige
+Straße, die ich am liebsten zu gehen vermied. »Pflichten« besonders
+waren mir verhaßt; ich definierte sie schon als sechsjähriges Kind auf
+eine Frage hin als das, »was immer unangenehm ist«. Alles, was Mama z. B.
+tat, wenn sie ein recht unzufriedenes Gesicht dazu machte, erklärte sie
+für Pflichterfüllung: die schmutzige Wäsche selber zählen, obwohl drei
+Dienstboten daneben standen, die Zutaten zum Kochen herausgeben, obwohl
+wir eine vortreffliche französische Köchin hatten, nachmittags mit mir
+spazieren fahren, obwohl wir uns beide schrecklich dabei langweilten, --
+ja selbst die Dämmerstunden bei Papa, wo er zu Frau und Kind gern
+zärtlich war, schienen mir, nach ihrem Ausdruck zu schließen, in dieses
+Gebiet zu gehören. Ganz gewiß, ich würde nie meine Pflicht erfüllen,
+schwor ich mir heimlich und suchte meine Theorie nur zu oft in die
+Praxis umzusetzen, indem ich tat, was mir zu tun gefiel, und Befehlen,
+deren Ursache und Zweck ich nicht einsah, hartnäckigen Widerstand
+entgegensetzte. Der meiner freien Bewegung gezogene Umkreis konnte daher
+für meine Bedürfnisse nicht weit genug sein; darum war der Sommer so
+schön, wo ich den Garten fast für mich allein hatte, wo ich auf dem
+Lande bei Verwandten und Freunden der weitgehenden Ungebundenheit mich
+erfreute.
+
+Eingebettet zwischen weiß- und rotblühenden Obstbäumen, überragt von
+grünen Hügeln, zu denen schmale, nußbaumbeschattete Wege emporführten,
+noch nicht erobert von dem Feinde aller verträumten Poesie, der
+fauchenden, qualmenden Maschine, lag Weinheim damals zu Füßen der
+Bergstraße. Dem Grafen Währing, dem Bruder meiner Urgroßmutter, hatte
+das Schloß gehört, das mit seinen Gärten und Weinbergen das Städtchen
+beherrschte. Jetzt hauste seine Witwe, eine achtzigjährige Greisin dort
+oben, der niemand ihr Alter ansah, und bei der wir oft wochenlang zu
+Gaste waren. Wie eine Marquise aus dem achtzehnten Jahrhundert war sie
+anzuschauen: klein, zierlich, sprudelnd von Geist und Leben, mit
+winzigen weißen, von Juwelen bedeckten Händen, allerhand seltenes
+Tierzeug -- weiße Angorakatzen, schlanke Windspiele, lockige
+Zwergpinscher -- um sich herum. Sie pflegte sich stets nur mit Jugend zu
+umgeben, -- es sei genug, daß der Spiegel sie an ihr Alter erinnerte,
+meinte sie. Je toller es um sie her zuging, je mehr Liebesgeschichten
+sie sich entspinnen sah, desto fröhlicher war sie. Immer hatte sie
+Schränke voll Pariser Toiletten bereit, um ihre weiblichen Gäste -- die
+schönsten am häufigsten -- damit zu beschenken, und Juwelen, Ringe und
+Armbänder aller Art, mit denen sie sie schmückte. Wer harmlos irgend
+etwas, was nicht niet- und nagelfest war, bei ihr bewunderte, dem wurde
+es als Geschenk aufgenötigt. Und was für merkwürdige Dinge gab es in
+ihren Salons mit den Louis XV. Möbeln, den hohen Spiegeln und vielen,
+vielen Bildern und Bilderchen: da waren Sessel, Fußbänke, Bücher, aus
+denen in tollem Durcheinander Mozartsche und Offenbachsche Melodien
+ertönten, sobald sie benutzt wurden; Gemälde, die plötzlich in der Wand
+verschwanden, um einem Schränkchen voll süßem Naschwerk Platz zu machen;
+Tischchen, die in den Boden sanken, wenn man sie anstieß, um mit Wein
+und Kuchen besetzt wieder zu erscheinen, kurz -- ein Paradies für ein
+wundergieriges Kinderherz! Und dann der Garten mit seiner Fülle von
+Beeren und Blumen, mit seinen dichten Laubengängen und lustigen
+Wasserspielen -- und die Freiheit vor allem, die ungebundene!
+
+Wenn ich bei Tisch erschien, musterte die alte Tante mich zuvor
+sorgfältig, rückte da eine Falte zurecht, steckte mir dort eine Schleife
+an, wickelte meine Locken über ihre feinen Fingerchen, zog das Kleid
+noch tiefer von meinen magern Schultern und holte die Puderquaste aus
+ihrer kleinen goldnen Taschenbüchse, um den Rest Vormittagsübermut von
+meinen Wangen zu entfernen. »Est-elle gentille, la petite?!« sagte sie
+dann, mich vor dem Spiegel drehend. Mit Seide und Spitzen, mit Kettchen
+und Armbändern, mit Worten und Ratschlägen, die für die Seele einer
+Siebenjährigen nichts andres waren als süßes Gift, warb sie um mich und
+modelte an mir. Was sie sagte, weiß ich heute nicht mehr, aber ich weiß,
+daß ich von ihr erfuhr, des Weibes Aufgabe sei, zu gefallen und zu
+herrschen, und all die Spiegel und Büchschen und Fläschchen des
+Toilettentischs, all die Geheimnisse des Boudoirs seien nichts als
+Etappen auf dem Wege zu ihrer Erfüllung. Das Bewußtsein, hübsch zu sein,
+machte mich stolz, und mit der Koketterie des kleinen Mädchens suchte
+ich zum erstenmal ein männliches Wesen mir gefügig zu machen. Die alte
+Tante hatte einen Heidenspaß daran, nur war leider der arme Rudi, ihr
+Enkel und mein Spielgefährte, ein gar zu ungeeignetes Objekt für meine
+Künste! Er stotterte und war infolgedessen scheu und ängstlich; und ich,
+die ich mit jener unbewußten Grausamkeit der Kinder, mein Licht vor ihm
+leuchten ließ, verschüchterte ihn nur noch mehr. Armer Rudi! Das
+Stottern hat man ihm später abgewöhnt, aber in seinem Gemüt ist doch
+irgend etwas Angstvoll-Zitterndes zurückgeblieben: auf der Höhe des
+Lebens hat er sich eine Kugel in die Schläfe gejagt, und keiner wußte,
+warum.
+
+Meine Erziehung durch die alte Tante war gewissermaßen nur eine
+theoretische; am Anschauungsunterricht sollte es auch nicht fehlen. Wir
+verbrachten die Herbstwochen häufig bei französischen Verwandten auf
+ihrem Schlosse im Elsaß, einer sagenumwobenen alten Ritterburg.
+Gefallene Größen des napoleonischen Hofes -- männliche und weibliche --
+gaben sich dort zur Jagd und Weinlese ein Rendezvous. Ein Stück Pariser
+Leben spielte sich vor meinen erstaunten Augen ab: da war der Herr des
+Hauses, ein schwer reicher Emporkömmling, dessen kurze, dicke Hände, mit
+denen er meine Wangen streichelte, mir in fatalster Erinnerung sind, --
+neben ihm seine vornehme zarte Frau, immer in Spitzen gehüllt, an denen
+ihre durchsichtigen Hände nervös hin und her zerrten. Eine ihrer Töchter
+war Onkel Maxens Frau, die Mutter meines alten Spielgefährten Werner,
+den ich zu meiner hellen Freude hier wiedersah. Sie war die schönere von
+den beiden Schwestern, dabei still und phlegmatisch, eine
+Haremsfrauennatur, während die andere von Geist und Leben sprudelte und
+der Mittelpunkt eines Kreises ausgelassener junger Leute war. Mich
+beachteten sie wenig, sie taten sich keinerlei Zwang an vor mir; »la
+petite« hatte ihrer Meinung nach ebensowenig Augen und Ohren wie die
+Zofen und Lakaien, ja sie galt zuweilen als der harmloseste Liebesbote.
+Aber ich war nur allzubald gar nicht mehr harmlos: mit zitternder
+Neugier beobachtete ich ihre Tändeleien, ihre Stelldicheins, ihr
+Flüstern, ihre Küsse, und Wellen heißen Lebens, die mir über den Rücken
+fluteten, ließen mich dabei erbeben.
+
+Als wir das letztemal vom Elsaß nach Karlsruhe zurückkehrten -- acht
+Jahre war ich damals --, kamen mir mein Garten und mein Spielzeug
+merkwürdig fremd vor. Ein Stück harmloser Kindheit war mir inzwischen
+verloren gegangen. Gierig stürzte ich mich über alle Bücher, deren ich
+habhaft werden konnte, und wenn jemand mich zu ertappen drohte, steckte
+ich sie rasch unter Puckchens Kissen, der fast immer auf dem alten
+braunen Sofa neben mir lag. Wenn ich mir jetzt des Abends im Bett
+Geschichten erzählte, so klopfte mein Herz nicht aus Angst vor den
+Geistern, die ich rief und nicht zu bannen vermochte, sondern in heißer
+Erregung über das abenteuerliche Schicksal, als dessen Heldin ich mich
+selber träumte. Liebe, wie ich sie um mich gesehen hatte, Liebe, deren
+Wonnen und Schmerzen im Mittelpunkt all der Lieder, all der Erzählungen
+standen, die ich las, wurde zum Inhalt meiner Phantasien, und je kühler
+ich die Luft empfand, die mich daheim umwehte, um so durstiger wurde
+mein kleines Herz. Hatte ich doch schon lange den Feuerbrand im Innern
+heimlich genährt und gehütet, weil ich niemanden besaß, vor dem ich ihn
+als Opferflamme hätte aufsteigen lassen können, -- nun mußte ich mir
+selber den Gegenstand meiner Leidenschaft schaffen. Eines der
+erschütternsten Erlebnisse meiner Kindheit half mir dazu: das Theater.
+Wagners Lohengrin war das erste, was ich sah. Konnte es für mich etwas
+Herrlicheres geben als den Schwanenritter? Er erschien mir als die
+Verkörperung idealen Heldentums. Meinen Eindruck vermochte ich nicht in
+Worte zu fassen -- undankbar und empfindungslos wurde ich deshalb
+gescholten --, aber meinem Herzen hatte er sich unauslöschlich
+eingeprägt. In demselben Winter sah ich die Jungfrau von Orleans, und
+nun stand es fest für mich: nicht eine Elsa, die dem Geliebten die Treue
+brach, wollte ich sein, sondern eine Johanna, die seiner würdige Heldin
+welterlösender Taten.
+
+Bald aber genügte mir der Lohengrin als Gegenstand meiner Liebe nicht
+mehr, -- er lebte nicht, und der seine Silberrüstung trug, hatte die
+Rolle nur gespielt, mich aber verlangte nach einem lebendigen Menschen.
+Wenn das Herz auf die Suche geht und die Phantasie die Führung
+übernimmt, dann wird gar rasch gefunden! -- Bei meinen Eltern gingen
+viele Gäste aus und ein. Ein junger, schlanker Dragonerleutnant mit
+einem schmalen, blassen Gesicht war unter ihnen, der sich oft mit mir
+unterhielt, -- nicht wie die andern nur mit mir scherzte und spielte.
+Und durch nichts konnte man mich leichter gewinnen, als indem man mich
+ernst nahm; -- daß man es immer nur drollig und kindisch findet,
+erbittert jedes geistig reifere Kind. So flog denn mein sehnsüchtiges
+Herz ihm zu, und meine Phantasie umkleidete ihn mit aller Romantik des
+Lohengrinhelden meiner Träume. Er war nicht von Adel, also namenlos wie
+Elsas Ritter: gewiß würde er sich einmal als eines Königs verschollener
+Sohn entpuppen, und mir fiele die Aufgabe zu, ihm Reich und Krone zu
+erobern! Die schönsten Blumen aus meinem Garten legte ich heimlich auf
+seine Mütze im Flur, ehe er ging, und der ganze Tag war mir verklärt,
+wenn er morgens vorüberritt und mich grüßte.
+
+Rohe Menschen mögen lachen über solche Kinderliebe und moralische sich
+darüber entrüsten. Mir ist, als wäre sie die reinste meines Lebens
+gewesen.
+
+Im Frühling 1874 wurde mein Vater nach Berlin versetzt. Zum letztenmal
+versammelten sich des Hauses Freunde um unsern Teetisch. Noch weiß ich,
+wie mirs vor den Augen dunkelte, als ich meinem Helden die Hand zum
+Abschied reichte. Heiß lag sie in der seinen. Dann strich er mir noch
+einmal über den Kopf. »Wenn wir uns wiedersehn, bist du ein großes
+Mädchen,« sagte er, »wer weiß, wir tanzen vielleicht noch einmal
+miteinander!« Wortlos lief ich hinaus in mein Zimmer und biß verzweifelt
+in mein Kopfkissen, um mein Schluchzen zu ersticken.
+
+Kinderschmerz ist so gut echter Schmerz wie der der Erwachsenen, -- nur
+daß wir ihn so leicht vergessen.
+
+Am nächsten Morgen schrieb ich meine ersten Verse in ein altes
+Schreibheft:
+
+ Maiglöckchen zart und rein,
+ Läut'st schon den Frühling ein?
+ Nein, nein, er kommt noch nicht,
+ Du gehst zu früh ans Licht.
+
+ Werd ich dich welken sehn,
+ Dann werd auch ich vergehn,
+ Und in das kühle Grab
+ Senkt man uns beide hinab.
+
+Bis ich erwachsen war, hat es niemand zu sehen bekommen, wie man eine
+getrocknete Blume -- eine Zeugin holder Stunden -- vor der Berührung
+bewahrt, die sie zerstören würde.
+
+Mein Garten stand in vollem Frühlingsflor, als wir Abschied nahmen. Ich
+lief durch das Haus, wo die Packer hantierten, in den Stall, wo August
+die Wagen in Decken hüllte. »Puckchen, mein Puckchen,« rief ich. Noch
+nie war ich fortgefahren, und wäre es auch nur auf ein paar Tage
+gewesen, ohne ihm ein Stückchen Zucker zu geben. Aber diesmal kam
+Puckchen nicht. Ich frug den August nach ihm, er sah verlegen zur Seite
+und murmelte etwas Unverständliches. Da fiel mir ein, daß Mama vor
+kurzem von seinem Alter, der Möglichkeit seines Todes gesprochen hatte.
+Das Herz stand mir still. Noch einmal suchte und rief ich, die Stimmen
+von Mademoiselle und Mama absichtlich überhörend, die mich zur Eile
+mahnten. »Geh nur, geh, Alixchen,« sagte August, der mir nachgekommen
+war, beruhigend, »Puckchen findest du nicht -- --.«
+
+»Er ist tot!« schrie ich außer mir und warf mich weinend in Augusts
+Arme. Alles lief zusammen, mich zu trösten, aber fassungslos blieb mein
+Schmerz. »Sieh, mein Kind,« sagte schließlich Mama, die mich auf den
+Schoß genommen hatte, »Puckchen war alt und krank, er hätte sich mit
+seinen blinden Augen in der fremden Stadt nicht mehr zurecht gefunden.
+Eine Wohltat wars für ihn, daß ich ihn vergiften ließ ...« -- Ich
+zuckte zusammen, wie unter einem Peitschenschlag. Meine Tränen waren
+versiegt. Von der Mutter Schoß glitt ich herunter und sah sie groß an:
+»Du -- du -- hast mein Puckchen vergiftet?!«
+
+Dann ließ ich mich still zum Wagen führen. Irgend etwas war entzwei
+gegangen in mir. Ganz ruhig und empfindungslos sah ich vom Coupéfenster
+aus, wie die Stadt allmählich vor mir verschwand.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Wer sich von Partenkirchen westwärts wendet, wo lockend in geheimnisvoll
+düsterer Pracht die Zugspitze in die Wolken steigt, und, die staubige
+Chaussee verschmähend, auf schmalem Pfad durch bunte Wiesen wandert, dem
+zeigt sich plötzlich ein Bild voll stillen Friedens: in leisen
+Wellenlinien erhebt sich das Tal, Hügel an Hügel von alten Baumriesen
+gekrönt und blühenden Büschen; gradaus aber, wohin der Weg sich glänzend
+wie ein Silberstreifen durch die Gründe schlängelt, schmiegt sich
+vertrauensvoll, wie ein kleines Kind in den Schoß der Ahne, ein weißes
+Kirchlein an die grauen Wände des Waxensteins. So oft ich es sah, -- mir
+war immer, als lächele es. Und ein lichter Schimmer von Lebensfreude lag
+auch auf den kleinen Häusern ringsum: ein heller Goldton überzog die
+Wände des einen, in einem satten Himmelblau strahlte das andere, und
+selbst die Heiligen und die Märtyrer, die irgendwo unter einem Baldachin
+oder in einer Nische standen, hatten so lustige bunte Kleider an, daß
+wohl keiner, der vorüberging, sich bei dem Anblick ihres gottseligen
+Leidenslebens erinnerte. Von der Zeit gebräunt waren First und Dach und
+Altanen, aber so leuchtend war der Nelkenflor, der von Fensterkasten
+und Geländern niederschaukelte, daß das Dunkel auch hier nur da zu sein
+schien, um den Glanz noch stärker hervorzuheben. Dazu plätscherte der
+kleine Bergbach lustig durchs Dorf, der ganz, ganz oben in den Furchen
+und Spalten dem Felsen entspringt und vom Schnee sich nährt und vom Eis,
+um erst unten im Tal, berauscht von den Blumen, die über ihm nicken, die
+helle Stimme zu verlieren.
+
+Vor den letzten Häusern beginnt der Wald. Als müßte er ein Kleinod
+schützen, so schlingt er sich dicht um den leuchtenden Smaragd des
+Badersees, der seine grüne Farbe auch unter der schönsten Himmelsbläue
+nicht verliert und trotz des bösesten Unwetters durchsichtig bleibt bis
+zum Grunde. Aber während eine breite Straße ihm den Strom der Menschen
+zuführt und den Wald gezwungen hat, Platz zu machen, liegt sein
+kleinerer Zwillingsbruder, der Rosensee, noch immer still und versteckt
+zwischen den Bäumen. Selten nur verirrt sich einer auf die engen Steige,
+die in seine Nähe führen, und das Riesenpaar über ihm -- der Waxenstein
+und die Zugspitze -- scheint sich darum besonders wohlgefällig in seinen
+stillen Wassern zu spiegeln. An seinem Ufer, das an dieser Seite von
+Rosen in allen Farben und Formen umkränzt ist, steht nur ein einziges
+kleines Haus; von wildem Wein und Efeu ist es so dicht umsponnen, daß es
+an dunkeln Tagen mit dem Wald, der es umgibt, in eins verschwimmt.
+
+Vor vier Jahrzehnten kaufte Ulysses Artern den Rosensee und baute seinem
+jungen Eheglück das grüne Nest daran. Jedes Jahr, wenn die Maiglöckchen
+blühten und ihr Duft süß und schwer über Wasser und Wald sich legte,
+zog seine Witwe auch nach seinem Tode hierher und blieb, bis der Schnee
+über die Bergspitzen hinunter ins Tal sich streckte.
+
+Seitdem wir in Augsburg bei ihr gewesen waren, hatte sie uns jedes Jahr
+zu sich eingeladen. Aber nur mein Vater hatte sie besucht; meiner Mutter
+war die Schwägerin nie sympathisch gewesen, und so hatte sie lange
+gezögert, zu ihr zu gehen. Mich freilich zog die Sehnsucht in die Berge,
+seitdem sie mir in der Schweiz Augen und Seele entzückt hatten; und wenn
+der Vater von Grainau erzählte und vom Rosensee, so wünschte ich nichts
+mehr, als dort zu sein. Und nun hatte sich mein Wunsch erfüllt!
+
+Schon in Weilheim, der Endstation der Eisenbahn damals, wo das Tor des
+Loisachtals sich vor mir öffnete und tief im Hintergrunde die Umrisse
+der weißen Bergspitzen in den Wolken verschwanden, waren mir die Augen
+übergegangen -- wie stets, wenn ein Eindruck mich überwältigte. Still
+und stumm ließ ich ihn auf der ganzen langen Wagenfahrt auf mich wirken,
+und als ich dann abends oben im Giebelstübchen des Rosenhauses stand,
+den Blick auf die vom dunkelblauen Nachthimmel grausilbern sich
+abhebenden Berge gerichtet, während die reine, kühle Luft mir um die
+Stirne wehte, da fiel all mein Kinderleid von mir ab, wie ein schwerer,
+drückender Mantel. Frei atmen konnte ich wieder.
+
+Mit jedem Morgen, an dem ich erwachte, nach festem, traumlosem Schlaf,
+mit jedem Abend, an dem ich mich niederlegte, müde von dem Reichtum des
+Tages, steigerte sich diese Empfindung. Ein Vollgefühl des Lebens
+durchströmte mich, und wenn niemand mich sah, dann warf ich mich wohl
+vor lauter Seligkeit mit ausgebreiteten Armen in die blühende Wiese und
+lag so still und atmete so leise, daß die Schmetterlinge sich ruhig auf
+den blauen Glockenblumen, die über mir blühten, niederließen, oder ich
+legte den Kopf ins Waldmoos, wo die Maiglöckchen am dichtesten standen,
+und sah den tanzenden Sonnenstrahlen zu. Keine Mademoiselle legte meiner
+Freiheit Zügel an; meine Tante fand mich zwar »schlecht erzogen«, weil
+ich nicht ruhig mit meiner Handarbeit neben ihr saß, und ließ es meiner
+Mutter gegenüber an Anspielungen darauf nicht fehlen, aber da sie mit
+Kindern gar nichts anzufangen verstand, ließ sie mich laufen und
+beschränkte ihre Erziehungskünste auf strenge Toilettenvorschriften,
+wenn ich zu Tisch erschien oder mit ihr spazieren fuhr. Dann saß ich
+nach guter karlsruher Gewohnheit steif und grade auf dem Rücksitz der
+Equipage, wie Johann auf dem Bock, der Kutscher, der mit dem »gnädigen
+Fräulein« nur vertraut war, wenn es morgens in den Stall kam und -- ohne
+väterliche Aufsicht! -- auf dem großen Fuchs, von allen Bauernkindern
+bewundert, durch das Dorf ritt. Ich hatte bald viele Freunde unter den
+Buben und Mädeln. Alle Waldwege und Bergsteige lernte ich durch sie
+kennen; die schönsten Erdbeerplätze zeigten sie mir und lehrten mich
+klettern, wenn es galt, zu den Alpenrosen zu gelangen, die rotleuchtend
+die grauen Felsen belebten.
+
+Die Kinder des Landvolks im Norden Deutschlands tragen das Zeichen der
+Dienstbarkeit noch immer auf der Stirn: wie selbstverständlich ordnen
+sie sich im Spiel mit dem »Herrschaftskind« diesem unter und sehen es
+fast als Auszeichnung an, die Rolle der Untergebenen zu übernehmen. Wo
+die frische Luft der Berge weht, hat selbst die Sklavenmoral der
+katholischen Kirche Freiheitsgefühl und Selbstbewußtsein nicht zu
+unterdrücken vermocht. Der Sepp vom Bärenbauern, der am verwegensten
+kletterte und am schönsten jodeln konnte, -- mein Hauptspielgefährte, --
+behandelte mich ganz auf gleich und gleich, ja er sah zuweilen mit
+unverhohlenem Stolz auf mich herab, und seiner urwüchstgen Kraft
+gegenüber kam selbst meine sonst so ausgeprägte Empfindlichkeit nicht
+auf: ich biß nur in stillem Ingrimm die Zähne zusammen, wenn er mich
+verspottete, weil ich ohne seine Hilfe den Fels nicht hinaufkam. Es gab
+viel zerrissene Kleider dabei; und wäre die alte Kathrin nicht gewesen,
+die sie heimlich flickte und immer dafür sorgte, daß ich in möglichst
+tadelloser Toilette bei den Mahlzeiten erschien, -- ich hätte mich nicht
+lange meiner Freiheit erfreuen dürfen.
+
+An einem heißen Julinachmittag kam ich einmal, einen großen Buschen
+Alpenrosen im Arm, eilig vom Ochsenhügel heruntergelaufen, in heller
+Angst, zur Teestunde zu spät zu kommen. Ich suchte darum möglichst
+schnell an dem Wagen vorbeizuschlüpfen, der vor unserem Gartentor hielt,
+als eine Hand mir in die wehenden Locken griff und eine lachende Stimme
+rief: »Das ist doch die Alix, das Nichtchen!« Eine große blonde Frau,
+von einem kleinen Mädchen und einem halberwachsenen Knaben begleitet,
+stand vor mir, und nun mußte ich Rede und Antwort stehen, während meine
+Augen ängstlich an meinem fleckigen Lodenrock und den schmutzigen
+Stiefeln hingen. Kurz vor dem Haus riß ich mich unter dem Vorwand, die
+Blumen ins Wasser stellen zu wollen, los, und erschien, noch glühend vor
+Erregung, nach zehn Minuten im weißen Musselinkleid wieder, das mir die
+alte Kathrin mit einem »Kind, Kind, was wird die Tante sagen -- das war
+ja die Prinzessin Friedrich!« hastig übergeworfen hatte. Aber es kam
+nicht einmal zu einem strafenden Blick, denn die Prinzessin nahm mich in
+die Arme und erzählte lachend, wie sie eben schon meine Bekanntschaft
+gemacht habe. Ihre Worte überstürzten sich wie ein Wasserfall und wurden
+von ebenso hastigen und burschikosen Gebärden begleitet. Eine komische
+»Prinzessin«, dachte ich mir im stillen und sah mit gesteigertem
+Erstaunen zu ihren Kindern herüber, die sich grade nach allen Regeln der
+Kunst zu prügeln begannen und des wohlgepflegten Rasens nicht achteten,
+auf den sich sonst nicht einmal mein Ball verirren durfte.
+
+»Der Helmut sagt, die Alix wär eine Zigeunerin,« schrie das kleine
+Mädchen plötzlich.
+
+»Zigeunerinnen sind viel hübscher als semmelblonde Frauenzimmer, wie du
+eins bist,« entgegnete der Knabe, und es bedurfte des Dazwischentretens
+der Mutter, um mit einer Ohrfeige nach rechts und links dem Streit ein
+Ende zu machen.
+
+Mein Schicksal hatte sich dabei entschieden: selbst der Kuchen, in den
+das Prinzeßchen mit Behagen hineinbiß, hinderte sie nicht, mir
+feindselige Blicke zuzuwerfen, während ihr Bruder mir die
+Aufmerksamkeiten eines vollendeten Kavaliers erwies. Er mochte sieben
+Jahre älter sein als ich, war schlank und hochaufgeschossen, mit
+lustigen grauen Augen und aufgeworfenen roten Lippen. Die kleine
+Friederike glich ihm wenig; sie war ein dürftiges Persönchen mit jenen
+neidisch heruntergezogenen Mundwinkeln, die die Gesichter solcher Kinder
+zu entstellen pflegen, die sich früh ihrer Reizlosigkeit bewußt werden.
+Als Helmut nach dem Tee zum Badersee hinüber wollte, um dort Kahn zu
+fahren, weigerte sie sich, mitzukommen, wohl in der Hoffnung, daß er
+dann allein gehen müsse und der Spaß ihm verdorben wäre. Ihre Mutter
+aber meinte: »Um so besser werden sich Helmut und Alix amüsieren,« und
+so brachen wir auf, vom Diener begleitet, der uns rudern sollte.
+
+Geheimnisvoll und spiegelklar, wie immer, lag der See vor uns. Vor dem
+kleinen Wirtshaus, das damals noch bescheiden an seinem Ufer lag, saßen
+nur wenige Touristen.
+
+»Jetzt wollen wir uns erst gütlich tun und den schlabbrigen Tee
+herunterspülen,« sagte Helmut und bestellte Tiroler Wein, mit dem wir
+lustig unsre neue Freundschaft leben ließen. Als der Diener im
+Hintergrund, vertieft in die »Fliegenden«, ruhig vor seinem Seidel saß,
+schlichen wir davon. Die Abneigung gegen irgendwelche Beaufsichtigung,
+die Helmut dadurch bekundete, steigerte meine Sympathie für ihn. Er
+löste den Kahn selbst von der Kette, und wir ruderten, glückselig über
+unsre gelungene Kriegslist, in den See hinaus. Bald kamen wir in
+lebhafte Unterhaltung; Helmut erzählte mir von Berlin, wo er wohnte, und
+wo ich nun bald hinkommen sollte, soviel des Schönen und Interessanten,
+daß meine Abneigung dagegen sich rasch in erwartungsvolle Neugierde
+verwandelte. Die uns zugestandene Stunde war längst verstrichen, als
+heftige Rufe vom Ufer her uns zur Rückkehr mahnten. Die ganze Familie
+war dort versammelt: unsere Mütter, die Tante, das schadenfroh lächelnde
+Prinzeßchen, -- und wir wurden mit Vorwürfen überschüttet, kaum daß wir
+das Boot verlassen hatten.
+
+»Mach dir nichts draus,« flüsterte Helmut und wandte sich mit eleganter
+Verbeugung meiner Tante zu. »Alix ist unschuldig, Frau Baronin,« sagte
+er lächelnd, »sie wollte nicht ohne den Diener fahren und mahnte dann
+unausgesetzt zur Rückkehr.« Mit einem raschen dankbaren Blick lohnte ich
+Helmuts Ritterlichkeit, und mit einem herzlichen »Aufwiedersehn«
+schieden wir.
+
+Auf dem Wege heimwärts konnte die Tante es nicht unterlassen, ihrer
+Befriedigung über den »passenden Verkehr«, den ich nun endlich gefunden
+hätte, und ihrer Hoffnung Ausdruck zu geben, daß er mich hindern würde,
+weiter »mit den Dorfbuben herumzuschlampen«. Das empörte mich, und ich
+nahm mir vor, ihre Hoffnung auf das gründlichste zu täuschen. Schon am
+nächsten Tag lief ich in aller Frühe mit dem Sepp in die Wälder und ließ
+mich nur grade zu den Mahlzeiten sehen. Aber ganz so wie ehemals wurde
+es trotzdem nicht mehr. Wir fuhren oft nach Partenkirchen hinauf, wo die
+Prinzessin eine Villa besaß, und sie kam häufig ins Rosenhaus. Vergebens
+hatte ich versucht, meine alten Freundschaften mit meiner neuen in
+Einklang zu bringen; Helmut kehrte dem Sepp und seinen Kameraden
+gegenüber zu sehr den Herren heraus, so daß sie sich fern hielten, wenn
+er da war. Auch sonst war irgend etwas nicht mehr so recht in Ordnung;
+wie mir die Adern stets hoch auf zu schwellen pflegen, wenn ein Gewitter
+im Anzuge ist, so empfand ich auch seelischen Atmosphärendruck mit
+peinvoller Sicherheit.
+
+Meine Tante und meine Mutter hatten sich nie gemocht. Sie waren beide
+gewöhnt, in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen: die eine um ihrer
+Schönheit und Vornehmheit willen, die andere ihres Reichtums und der
+unangefochtenen Selbständigkeit ihrer Stellung wegen. Schmeichelei und
+Unterwürfigkeit begegneten der Baronin Artern auf Schritt und Tritt;
+jeder, der von ihr etwas erreichen wollte -- und wer hätte das nicht
+gewollt! --, beugte sich ihrem Willen und ihren Ansichten. So kam es,
+daß sie allmählich Widerspruch überhaupt nicht mehr ertrug ... Um mit
+ihr auszukommen, mußte man Ja und Amen zu allem sagen, was sie
+behauptete, -- oder schweigen. Meine Mutter schwieg, aber sie schwieg
+mit allen Zeichen inneren Widerspruchs: einem sarkastischen Lächeln,
+einem hochmütigen Achselzucken. Das reizte die Tante; was sie jedoch
+weit mehr reizte, war der Schwägerin unzweifelhafte Vornehmheit, die
+kein Reichtum und keine Toilettenpracht ersetzen konnte. Daß ihre Mutter
+einer einfachen Bürgerfamilie entstammte, das war für sie ein dunkler
+Punkt ihres Lebens, und in ihr lebte etwas von jenem Pöbelhaß, der stets
+das eine Ziel verfolgt: Rache zu nehmen an den Vornehmen. Sie tat es in
+grober und feiner Weise: sie ließ in Gegenwart meiner Mutter das Licht
+ihres überlegenen Geistes am hellsten strahlen; sie zeigte ihre
+vollendete Meisterschaft am Klavier und ließ in ihrer dunkeln Altstimme
+alle Skalen der Leidenschaft vor dem entzückten Zuhörer tönen. Genügte
+ihr das nicht, um meine Mutter, die nichts Gleichwertiges zu bieten
+hatte, in den Schatten zu stellen, so griff sie sie an ihrer schwächsten
+Stelle an: ihrem preußischen Patriotismus. Wie oft ging meine Mutter mit
+hochrotem Kopf und zusammengepreßten Lippen hinaus, wenn die Schwägerin
+wieder einmal preußische Sitten, preußische Ansichten, preußische
+Politik geringschätzig kritisiert hatte. Daß sie es trotzdem bei ihr
+aushielt, war nur ein Ergebnis ihres Pflichtgefühls: von der reichen,
+kinderlosen Frau hing die Gestaltung meiner Zukunft ab, ihr galt es
+Opfer zu bringen.
+
+Eines Tages kam es zur Explosion. Meine Mutter machte irgend eine
+wegwerfende Bemerkung über die zweifelhafte Herkunft einer Dame, die
+eben, eine Wolke von Parfüm hinterlassend, die Terrasse verlassen hatte;
+die Tante widersprach und redete sich so in den Zorn hinein, daß sie
+schließlich Mama vorwarf, ihren eignen Mann beleidigt zu haben, denn
+nach der von ihr ausgesprochenen Ansicht, wäre auch seine Mutter »von
+zweifelhafter Herkunft«. Mama verteidigte sich; ein Wort gab das andere,
+Tante Klotilde spielte ihren letzten Trumpf aus, indem sie mit
+haßfunkelnden Augen hervorstieß: »Du am wenigsten hast ein Recht von
+zweifelhafter Herkunft zu sprechen. Weiß man doch, wer deine Großmutter
+war!«
+
+Zwei Tage später verließen wir das Rosenhaus, nicht ohne daß vorher eine
+konventionelle Versöhnung stattgefunden hätte. Unsre Zeit war sowieso
+beinahe abgelaufen, und das kalte, trübe Wetter, das meinem
+empfindlichen Halse schaden konnte, war Erklärung genug für unsre
+beschleunigte Abreise. Die Rosen am See waren längst entblättert; bis
+tief ins Tal hingen die Wolken, als das weiße Kirchlein mehr und mehr
+meinen Blicken entschwand. An einer Biegung des Wegs kam der Sepp
+gelaufen, einen Strauß von blauem Enzian in der Hand, aus dessen Mitte
+zwei große weiße Sterne leuchteten. »Von der Zugspitz,« stotterte er,
+auf die Edelweiß zeigend, dann brach ich in Tränen aus und weinte --
+weinte noch, als schon Garmisch weit hinter uns lag. Das Wetter hellte
+sich indessen allmählich auf, und wie ich von Weilheim aus rückwärts
+sah, lagen die Wolken, wie bezwungene Sklaven, tief im Tal, während die
+Berge, mit der glänzenden Silberkrone des Neuschnees auf ihren Häuptern,
+stolz und siegesbewußt gen Himmel ragten. Dies Bild nahm ich mit, und
+ich wußte: nie wird es mir entschwinden.
+
+Papas Freude, als er uns in Berlin empfing, war grenzenlos. In unserm
+neuen Heim in der Hohenzollernstraße hatte er mir einen Aufbau von
+Geschenken vorbereitet, grade wie zu Weihnachten. Ich wagte zunächst gar
+nicht, mich zu freuen in Erwartung von Mamas bekannten, vorwurfsvollen:
+»Aber Hans!« Doch diesmal blieb es aus; stand doch mein guter Engel
+daneben: die Großmutter. Wie einst in Potsdam, so war sie jetzt mit uns
+in ein Haus gezogen; wir glaubten eines langen Aufenthalts in Berlin
+sicher zu sein.
+
+»Ist mein Herzenskind aber groß geworden!« rief sie, mich gerührt in die
+Arme schließend. -- Großmama, wie alt wurdest du, -- hätte ich beinahe
+erwidert, wenn die Regeln der guten Erziehung mich nicht rasch genug
+daran gehindert hätten. Ihr glänzendes dunkles Haar war ganz grau, und
+tiefe Falten zogen sich von Nase und Mund herab. Sie schien mich auch
+ohne Worte zu verstehen, denn mit einem wehmütigen Lächeln sagte sie:
+»Ich bin jetzt eine alte Frau, mein Alixchen, -- das Leben ist nur
+selten ein Jungbrunnen!«
+
+War meine Stimmung jetzt schon gedämpft, so wurde sie noch mehr
+herabgedrückt, als ich mich umsah bei uns: alles kam mir beschränkter
+vor als sonst, fremde Leute wohnten mit uns im gleichen Haus, und statt
+des großen Karlsruher Gartens fand sich nur ein Vorgärtchen an der
+Straße, dessen Rasen man nicht zertrampeln, dessen Blumen man nicht
+abpflücken durfte. Ich frug nach August und nach den Pferden. Der Stall
+lag jenseits der Straße, Papa führte mich hinüber; meine Enttäuschung
+über diese Entfernung war groß, sie steigerte sich, als ich eintrat:
+unsre Goldfüchse waren fort, nur drei Pferde standen darin, ein fremder
+Reitknecht trat mir entgegen. »Weißt du, in Berlin gibt es so schöne
+Droschken, da braucht man Kutscher und Wagen nicht,« sagte Papa
+lächelnd, aber ich sah recht gut, daß seine Schnurrbartenden
+verräterisch zuckten und seine Harmlosigkeit Lügen straften. Ich biß mir
+auf die Lippen und ging nachdenklich nach Hause, und mehr als einmal
+zuckte ich angstvoll zusammen, wenn Papa -- ein Zeichen seiner tiefen
+inneren Erregung -- ohne besondere Ursache heftig wurde.
+
+Bald darauf kam ich in die Schule, ein Privatinstitut in der Königin
+Augustastraße, das erst seit kurzem bestand und nur wenig Zöglinge
+hatte. Meine Großmutter stellte mich der Vorsteherin vor, einer
+kleinen, dicken Dame mit fettglänzendem Gesicht und feuchten Händen, mit
+denen sie mir zu meinem Entsetzen die Backen tätschelte. Der erste
+Eindruck, den ich von den Stunden empfing, war der einer grenzenlosen
+Langenweile. Erst als man mich in eine höhere Klasse nahm, wo die
+Mädchen alle älter waren als ich, gewann die Sache mit dem Erwachen
+meines Ehrgeizes an Interesse. Der trockne Memorierstoff, auf den der
+ganze Unterricht hinauslief, vermochte mich freilich auch hier nicht zu
+fesseln, aber es den andern zuvortun, die Beste in der Klasse sein, --
+das spornte mich an. Und ich brauchte mich nicht einmal anzustrengen, um
+mein Ziel zu erreichen, denn ich lernte leicht und bekam immer die
+besten Noten. Meine Kameradinnen konnten mich deshalb alle nicht leiden,
+und ich hatte vor ihnen ein unbestimmtes Schuldbewußten, da ich überdies
+ihre Interessen nicht teilte, -- spielte ich doch trotz meines großen
+Kochherds und meiner vielen Puppen nur selten mit dergleichen, und den
+Austausch bunter Oblaten, ein Hauptsport damals, fand ich albern, -- so
+blieb ich ganz isoliert. Neben mir in der Klasse saß ein Mädchen, das
+mir zuerst auch nichts andres war, als eine Konkurrentin, durch die ich
+mich nicht überflügeln lassen durfte, und eine gefährliche dazu. Bald
+merkte ich, daß sie noch mehr gemieden wurde als ich, daß man sie mit
+Neckereien und Bosheiten verfolgte. »Judenmädel« stand einmal mit roter
+Tinte auf ihrem Pult, ein andermal mit weißer Kreide auf ihrem Mantel.
+Sie weinte stets, wenn sie es sah, wagte aber nicht, sich zu
+verteidigen.
+
+Einmal, nach der Religionsstunde -- wir hatten grade die
+Leidensgeschichte Christi durchgenommen -- sah ich sie plötzlich
+inmitten der andern, die sie dicht umdrängten und auf ein gegebenes
+Zeichen gemeinsam losbrüllten: »Judenbalg hat Christus gekreuzigt --
+Judenbalg hat Christus gekreuzigt!« Dann tanzten sie im Kreise um sie
+herum, und auf ein »Eins, Zwei, Drei« der Anführerin spieen sie alle vor
+ihr aus. Ich kochte vor Wut und stürzte mich besinnungslos zwischen sie.
+»Gemeine Bande,« schrie ich, während sie überrascht auseinanderprallten,
+»schämt ihr euch nicht: zehn gegen eine?« -- »Sie ist aber doch eine
+Jüdin,« knurrte die mir Zunächststehende. »Und wenn sie es ist -- wißt
+ihr denn nicht, daß Christus auch ein Jude war?« gab ich zur Antwort.
+Dann wandte ich mich der noch immer Weinenden zu: »So heule doch nicht,
+Edith,« flüsterte ich, »sonst lassen sie dich gar nicht in Ruh.«
+
+Von da ab befreundeten wir uns mehr und mehr. Wir waren beides einzige
+Kinder, die durch ihr stetes Zusammensein mit Erwachsenen reifer zu sein
+pflegen als andre; Bücher waren unsre Leidenschaft, und ein eifriger
+Austausch zwischen uns begann, gab auch stets neuen Stoff zur
+Unterhaltung. Wir wohnten überdies Haus an Haus, so daß wir unsern
+Schulweg zusammen machen konnten. Aber das sollte nicht die einzige
+Wirkung meines Eintretens für die Angegriffene sein. Eines Tages ließ
+mich die Schulvorsteherin zu sich rufen. »Du hast gesagt, Christus sei
+ein Jude,« fuhr sie mich mit zornigem Stirnrunzeln an, »wie kommst du
+dazu?« »Maria und Joseph,« stotterte ich in höchster Verlegenheit,
+»waren doch auch Juden, und -- und David doch auch, von dessen Stamm er
+ist.« -- »Christus ist Gottes Sohn, merke dir das,« schrie sie, wobei
+ihre Stimme sich überschlug, »und streue nicht Unfrieden in die
+gläubigen Seelen deiner Kolleginnen.« Ich schluckte krampfhaft an den
+aufsteigenden Tränen. »Ich sehe, du bereust deine Sünde,« sagte sie
+würdevoll, »so sei dir für diesmal vergeben,« und ihre feuchten Hände
+fuhren mir übers Gesicht. Am liebsten wär ich davongelaufen, aber meine
+Empörung über die gemeine Art, wie die Mädchen sich an mir gerächt
+hatten, hielt mich fest, und ich erzählte den ganzen Zusammenhang der
+Geschichte. Die Wirkung war für mich verblüffend. »Das ist ja natürlich
+sehr, sehr unartig von ihnen gewesen,« erklärte sie mit hochgezognen
+Augenbrauen, »entschuldigt aber in keiner Weise deine weit größere
+Sünde.«
+
+Verwirrt und erregt trat ich den Weg nach Hause an. Religiöse Zweifel
+hatten mich noch nie gequält. Ich glaubte an den lieben Herrn Jesus, von
+dem Großmama mir immer erzählte, der die Unglücklichen tröstet, den
+Armen Hilfe, den Kranken Heilung bringt und die Kinder lieb hat. Daß
+Christi Gotteskindschaft von so ungeheurer Bedeutung sein sollte, -- das
+war mir noch nie in den Sinn gekommen. Geradenwegs zu Großmama ging ich
+und erzählte ihr alles.
+
+»Das hat Fräulein Patze gewiß nicht so schlimm gemeint, wie du das
+auffaßt,« sagte sie, »wir sind alle Gottes Kinder; wer aber, wie
+Christus, den Willen des Vaters in höchster Vollkommenheit erfüllt, der
+ist sein liebster Sohn.« Ich war zunächst beruhigt, merkte aber in den
+Religionsstunden mehr auf den Sinn der Worte als vorher und fühlte bald
+den Widerspruch zwischen dem, was dort gelehrt wurde, und dem, was
+Großmama sagte, heraus. Mein Herz und mein Verstand entschieden für sie,
+und für die Lehrerinnen blieb nichts als Geringschätzung übrig. Ich
+lernte zwar nach wie vor vortrefflich, aber für mein inneres Leben, für
+meine geistige Entwicklung blieb die Schule ebenso bedeutungslos, wie
+jede Art von Unterricht bisher.
+
+Mein Schulerlebnis sollte auch nach andrer Richtung nicht ohne Folgen
+bleiben. Edith und ich waren natürlich noch mehr als früher aufeinander
+angewiesen, und oft genug hatte sie mich schon zu sich eingeladen, ohne
+daß es mir erlaubt worden wäre, der Einladung zu folgen. Erst nachdem
+sich Großmama ins Mittel gelegt und ich Papas Herz erweicht hatte,
+durfte ich zu ihr gehen. Es war alles sehr schön bei ihr, und ihre
+Eltern, die die Tochter nicht ohne Absicht in die vornehme Schule
+schicken mochten, wußten sich vor Freundlichkeit gar nicht zu lassen.
+Mein Besuch galt ihnen vielleicht als die erste Stufe zu dem Ziel, das
+ihnen für ihr einziges Kind vorschwebte, eine adlige Heirat, -- denn er
+sollte den Verkehr mit aristokratischen Kreisen einleiten. Mir war es
+unbehaglich in der Nähe des Ehepaars: der Frau mit dem bei jeder
+Bewegung krachenden Korsett und den vielen Ringen auf den fleischigen
+Händen, des Mannes mit der dicken Uhrkette über dem Spitzbauch. Nach
+einem reichlichen Imbiß spielten wir ein Gesellschaftsspiel. Ich verlor,
+wie immer, -- meine Ungeschicklichkeit in solchen Spielen war nicht
+leicht zu übertreffen, da meine Gedanken dabei stets spazieren gingen
+--, bekam aber trotzdem eine Menge der reizendsten Gewinne, unter denen
+ein kleiner Muschelwagen mit einem silbernen Ziegenbock davor das
+schönste war.
+
+Daheim schüttete ich meine Schätze vor den Eltern aus, aber sie teilten
+meine Freude nicht; Papa räusperte sich heftig, und Mama kniff die
+Lippen zusammen. Und dann kams, das viel gefürchtete Ungewitter: sie
+warfen einander gegenseitig vor, daß sie mich zu der »protzigen
+Judensippschaft« gelassen hatten, die sich »erlaubte, dem Kinde solche
+Geschenke zu machen«. Schluchzend kroch ich in mein Bett. Ich durfte nie
+wieder hinüber. In der Schule ging ich Edith, die vergebens auf eine
+Gegeneinladung wartete und von den gekränkten Eltern nun wohl auch ihre
+bestimmten Instruktionen bekommen hatte, scheu aus dem Wege. Im
+sonntäglichen Familienkreis bei Großmama kam noch einmal die Rede auf
+die Geschichte. Tante Jettchen, ihre Schwägerin, der gefürchtete
+Kleinkinderschreck und Sittenwächter, geriet heftig aneinander mit ihr
+und erklärte schließlich kategorisch: »Juden sind kein Umgang für
+Mädchen, die eine Position in der Gesellschaft haben.« Manch einer
+lächelte verstohlen zu diesem Ausspruch, wußte man doch, daß sie um so
+empfindlicher war, was diesen Punkt betraf, als sie es nie verwinden
+konnte, daß Baron Wolkenstein ihr Schwiegersohn geworden war. Sein
+Ahnherr war Hofjude bei Friedrich dem Großen gewesen, und dieser hatte
+ihn mit der Bemerkung geadelt: »Machen wir den Kerl zum Baron, ein
+Edelmann wird doch nie draus.« Selbst in der vierten Generation hatte
+das Taufwasser die Erinnerung an den Familienstammbaum nicht zu
+verwischen vermocht.
+
+Es war eine Ironie des Schicksals, daß mir als Ersatz für Edith Onkel
+Wolkensteins ältester Sohn Hermann als Spielkamerad zudiktiert wurde. Er
+war etwas älter als ich, in der Schule sehr zurückgeblieben, und ich
+sollte ihm zum Vorbild dienen. Wir kamen einander demnach nicht gerade
+mit liebevollen Gefühlen entgegen, vertrugen uns aber schließlich doch
+ganz leidlich. Auf der Erde in meinem Zimmer bauten wir Dörfer und
+Gutshöfe auf, die wir aus bunten Bilderbogen selbst ausschnitten.
+Hermanns Vater besaß ein Gut in Sachsen, so daß landwirtschaftliche
+Interessen ihm am nächsten lagen; die Erinnerung an Grainau zauberte mir
+alle Wonnen des Landlebens vor Augen und belebte mein Spiel. Wenn aber
+Hermann anfing, sich aufs Kaufen und Verkaufen von Vieh, Korn und Heu
+beschränken zu wollen, wobei er stets in den höchsten Eifer geriet, und
+ich Ediths Muschelwagen als Feenfahrzeug durch die Lüfte fliegen ließ,
+um den Menschen in meinen Dörfern alle möglichen Herrlichkeiten zu
+bringen, dann wars mit dem Frieden vorbei. Hermann liebte nur die
+»wirklichen« Geschichten, und ich erklärte seinen Handel für »ekelhaft«.
+Schließlich verschloß ich gekränkt den silbernen Ziegenbock in meinem
+Schrank, gerade, wie ich lernte, meine Träume für mich zu behalten. Es
+war nun einmal nicht anders mit den Menschen, philosophierte ich, jeder
+war immer nur für eine Seite meines Wesens zu brauchen; es galt daher,
+die andre zu verstecken, bis auch für sie die rechten Gefährten sich
+finden würden.
+
+Mit einer Schar kleiner Mädchen und Knaben bekam ich in demselben Winter
+die ersten Tanzstunden, die abwechselnd in ihren Familien stattzufinden
+pflegten. Da saßen dann all die Mamas und Großmamas und Tanten
+ernsthaft im Kreise herum und musterten die junge Generation und
+spannen Zukunftspläne und wetteiferten mit unserm Tanzmeister, der uns
+besonders interessant war, weil er in »Flick und Flock« den großen Krebs
+zu tanzen pflegte, in der Ausübung ihrer Erziehungskünste. Sie konnten
+stolz sein auf ihr Werk: So gut wir französisch parlierten, so zierlich
+tanzten wir Quadrille und Polka, -- der Walzer war als »unschicklich« zu
+jener Zeit in der Hofgesellschaft verboten --, und so tadellos war unser
+Hofknix. »Eine Position in der Gesellschaft« war uns gesichert, ja wir
+besaßen sie, dank unsrer Familienbeziehungen, schon jetzt. Mir war sie
+etwas so Selbstverständliches, daß jener Hochmut, der nur entstehen
+kann, wenn man sie als etwas Besonderes ansieht, der daher am sichersten
+den Emporkömmling kennzeichnet, bei mir gar nicht aufkam. So war mir die
+Ehrfurcht und die Bewunderung, mit der Edith mich über die
+Kindergesellschaften bei »Kronprinzens« auszufragen pflegte, immer
+komisch erschienen. Ich hätte wirklich nicht gewußt, was mich im
+kronprinzlichen Palais zum Bewundern und Verehren hätte bewegen können:
+die kleine unansehnliche Kronprinzessin, die mit der Miene einer
+Gouvernante unsre Spiele beaufsichtigte, der lustige Kronprinz, dessen
+derbe Späße die Märchenprinzenillusionen unsrer Kinderträume gar nicht
+aufkommen ließen, die einfachen, mit Spielzeug wenig verwöhnten Kinder,
+der Teetisch, auf dem ich bald aufgegeben hatte, etwas zu suchen, was
+Kindergaumen reizt, -- es gab doch immer nur dieselben Albert-Kakes --
+das alles gab ein Gesamtbild, das der Glanz der Kaiserkrone nicht zu
+treffen schien. Ich ging nicht allzu gerne hin: Prinzessin Charlotte,
+die mir am besten gefiel, war viel älter als ich; Prinzessin Viktoria,
+mit der ich spielen sollte, hatte nur Spaß am Kommandieren, was ich mir
+nicht gefallen ließ, die jüngern Geschwister waren Babys in den Augen
+der bald Zehnjährigen. Kam Prinz Wilhelm dazu mit dem kurzen lahmen Arm
+und dem finstern Gesicht, so wurde mirs vollends unheimlich. Es war
+jedesmal ein Seufzer der Erleichterung, mit dem ich mich in die Kissen
+des Wagens lehnte, der mich heimwärts fuhr. Schön waren nur die großen
+Feste: das Baumplündern, die Kinderbälle, die Aufführungen. Wenn ich mit
+offnen Locken, im Spitzenkleid und Atlasschuhen die lichterstrahlenden
+Säle betrat und gnädig die ersten Huldigungen kleiner Kavaliere
+entgegennahm, -- dann ging mir eine Ahnung vom üppigen Freudenmahl des
+Lebens auf, die mir alle Fibern mit Sehnsucht füllte. Bei einem solchen
+Fest war es, als Helmut mir entgegentrat und mir auf dem Wege zum
+Ballsaal den Arm reichte. »Wie eine Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht
+siehst du aus,« flüsterte er dicht an meinem Ohr. Tausend und eine
+Nacht! Heiß überflutete es mich! Und als wir uns dann im schimmernden
+Glanz der Kerzen, bei rauschender Musik im Tanze wiegten, war mirs, als
+hörte ich verlockend die Worte zu seiner Melodie: schön sein --
+herrschen -- genießen!
+
+Eine Kugel, die ich mir einst im Schloß vom Weihnachtsbaum
+herunterholte, und in der sich noch heute alljährlich die Lichter unsres
+Tannenbaums spiegeln, ist das einzige, was mir zur Erinnerung an jene
+Feste übrig blieb. Ich hielt sie damals für eitel Silber. Aber sie ist
+auch nur aus Glas und hat schon lange einen Sprung! ...
+
+Im Frühjahr wurde ich krank. Wiederholte Schwindelanfälle waren der
+Anlaß gewesen, mich schon Wochen vorher aus der Schule zu nehmen. Dann
+bekam ich die Masern und lag lange Zeit zu Bett. Als ich wieder
+aufstehen durfte, konnte ich mich durchaus nicht erholen. Eine
+Herzschwäche war zurückgeblieben. Ich sollte viel an der Luft sein und
+war daher vor- und nachmittags im Zoologischen Garten, wo ich mit
+Großmama auf einer sonnigen Bank zu sitzen pflegte, die recht schmal
+gewordenen Hände müßig im Schoß, den Kopf, der mir immer so schwer war,
+hinten übergelehnt. Sie las mir vor und hatte sich zu dem Zweck eine
+besondre Art von Lektüre ausgewählt: Schilderungen der Jugendzeit
+bedeutender Männer, die sie ihren Lebensbeschreibungen und
+Selbstbiographien entnahm. Zwei davon machten mir einen unauslöschlichen
+Eindruck: die Napoleons und die Goethes. Wie der große Kaiser ein armer
+Junge gewesen war und sich dem niederdrückenden Einfluß von Not und
+Verlassenheit nicht nur nicht unterwarf, sondern beide ihm zu Mitteln
+seiner Stärke wurden, und wie der Genius des großen Dichters sich schon
+an des Knaben Puppentheater, vor den staunend aufhorchenden Freunden
+offenbarte, denen er seine Märchen erzählte, -- wundervoll war es! »Das
+muß das Schönste sein im Leben, Großmama: zu sein wie ein Stern, der
+allen leuchtet« -- sagte ich einmal nachdenklich. Und ihre Antwort tönt
+mir noch in den Ohren: »Den alle lieben, meinst du wohl, weil er alle
+wärmt!«
+
+Legte sie das Buch weg, so erzählte sie von ihrer eignen Jugendzeit,
+die sie in der Stadt des Dichters, fast ständig in seiner Nähe, verleben
+durfte. Wie arm kam mir, mit der ihren verglichen, meine Kindheit vor!
+Ich konnte überhaupt gar nicht mehr recht froh werden. Es lag irgend
+etwas Dumpfes, Schweres in der Luft, das die Mienen immer verstörter,
+das Lachen immer seltner werden ließ. Selbst meines Vaters Humor
+versiegte mehr und mehr, und häufiger als je flüchtete ich vor seiner
+tobenden Heftigkeit zu Großmama hinunter. Aber auch sie war zerstreut
+und sorgenvoll, so sehr sie sich auch vor mir zusammen nahm. Jeden
+Morgen vertiefte sie sich in den Kurszettel, und die mir rätselhafte
+Bemerkung: »Die Lombarden fallen« störte unsre sonst so gemütliche
+Frühstücksstunde. Eines Abends hatte Papa meine Mutter aus irgendeinem
+geringfügigen Anlaß heftig angefahren, was mich immer ganz besonders
+entsetzte, und ich lief, so rasch ich konnte, davon, um mich verängstigt
+im tiefen Sessel von Großmamas Boudoir zu vergraben. Da hörte ich
+nebenan das Geräusch von Stimmen: Onkel Walter war tags vorher aus
+Ostpreußen angekommen und betrat mit Großmama in starker Erregung, wie
+es schien, den Salon.
+
+Sie setzten sich zusammen auf das weiche, grüne Sofa, das mir so oft zum
+Schmollwinkel diente, und nun hörte ich jedes Wort ihrer Unterhaltung:
+Großmamas weiche, von aufsteigenden Tränen verschleierte Stimme, Onkel
+Walters hartes, durch die Aufregung immer rauher klingendes Organ.
+
+»Du kennst unsre finanzielle Lage,« sagte sie. »Hans hat sein kleines
+Vermögen völlig verloren, und was Ilsens Mitgift betrifft, so fürchte
+ich das Schlimmste. Dazu haben sich meine Einkünfte bedeutend
+verringert, und ich muß mich jetzt schon sehr einschränken, um Ilse und
+Max, die beide Familie haben, nicht im Stich zu lassen. Du hast nicht
+Frau, nicht Kind, hast ein schönes Gut, -- du solltest ohne weiteres
+auskommen.«
+
+»Klotilde kann bei Hansens für dich eintreten,« entgegnete er.
+
+»Klotilde!« Großmama seufzte. »Jede Inanspruchnahme ihrer Hilfe heißt
+Alixchens ganze Zukunft gefährden.«
+
+Onkel Walter stöhnte schwer.
+
+»Hast du noch etwas, was du mir verschweigst? -- Sprich dich doch aus,
+mein Junge!« schmeichelte Großmamas Stimme.
+
+Und nun kams, wie ein Sturzbach wilder, leidenschaftlicher Worte, die
+schließlich Großmamas leises Weinen so wehevoll begleitete, daß sich mir
+das Herz schmerzhaft zusammenzog.
+
+Ich verstand nicht alles, aber die Hauptsache prägte sich mir ein:
+irgendwo in der Schweiz oder in Italien bei einer der vielen
+Spielbanken, die damals wie Pilze aus der Erde schossen, hatte Onkel
+Walter sehr, sehr viel Geld verloren, und in Pirgallen standen die Dinge
+schlecht, da die Heuernte wieder einmal durch Überschwemmungen zerstört
+worden war -- »ich schieße mir eine Kugel durch den Kopf, wenn du nicht
+hilfst,« schloß er außer sich. Ich schrie entsetzt auf. Großmama erhob
+sich, ich hörte ihre Kleider rauschen, duckte mich schnell tief in die
+Kissen und hielt den Atem an.
+
+»Also ein Verschwender und ein Feigling dazu!« sagte sie; ihr hatte
+seine Drohung zu meinem Erstaunen keinen Eindruck gemacht. »Schämst du
+dich nicht? Wie viele fristen ihr und ihrer Familie Leben mit wenigen
+Groschen am Tag, und du wirfst Tausende zum Fenster hinaus, noch dazu
+Tausende, die dir gar nicht gehören! Oder ist es etwas andres als
+Diebstahl, wenn du deine Lieferanten, deine Handwerker und ihr Geld dem
+schlimmsten aller Teufel, dem Spielteufel, in den Rachen wirfst?! Wenn
+du noch eine Spur von Ehrgefühl hast, so wirst du dir selber helfen und
+nicht verlangen, daß deine Schwester und dein Bruder sich dir opfern.
+Setz dich auf dein Gut und arbeite!«
+
+Niemals hatte ich Großmama so reden hören, auch Onkel Walter mochte
+erstaunt sein, denn er schwieg lange Zeit. Dann brachs von neuem los,
+nicht heftig, wie vorher, sondern jammernd, verzweifelnd. Und nun
+tröstete ihn Großmama, wie ein krankes Kind, ohne in der Sache
+nachzugeben. Sie wollte zu ihm ziehen, ihm ein neues Leben aufbauen
+helfen, in der Wirtschaft nach dem Rechten sehen, bis er eine gute Frau
+gefunden haben würde ...
+
+»Ich habe eine Geliebte,« stieß er hervor.
+
+»Auch das noch!« murmelte sie. »Kannst du sie heiraten?« fügte sie rasch
+hinzu.
+
+»Damit wir beide am Hungertuch nagen?« höhnte er.
+
+Auf Großmamas Bitten berichtete er von seinem Verhältnis zu dem Mädchen.
+Ich glaube, sie war anständiger armer Leute Kind; Onkel Walter hatte sie
+fürs Theater ausbilden lassen und an irgendeiner Bühne untergebracht:
+»Talent hat sie keins, aber sie ist hübsch, damit wird sie sich schon
+weiter helfen! Für das Kind aber, dessen Vaterschaft mir einigermaßen
+sicher ist, muß gesorgt werden!«
+
+»Und du -- du bist mein Sohn!« hörte ich Großmama mit halberstickter
+Stimme sagen. Hätte ich ihr nur zu Füßen fallen und ihre Hände küssen
+können!
+
+Nach langer, peinvoller Stille fing sie wieder zu sprechen an: mit
+ruhiger Geschäftsmäßigkeit, wie zu einem völlig Fremden, setzte sie
+Onkel Walter auseinander, welche Schritte zur Regelung seiner
+Angelegenheiten zu tun seien, und zu welchem Zeitpunkt sie ihre
+Übersiedlung nach Pirgallen vornehmen würde. »Für das unschuldige
+Würmchen und die arme Mutter sorge ich,« schloß sie, »und nun gute
+Nacht!«
+
+Ohne ein Wort zu erwidern, verließ Onkel Walter das Zimmer.
+
+Wieviel Schleier, unter denen bisher das Leben sich mir verborgen hatte,
+waren in dieser kurzen Stunde zerrissen! Wild klopfte mir das Herz. Da
+trat Großmama über die Schwelle. »Alixchen!« rief sie entsetzt. Ich
+sprang auf, und den heißen Kopf in die kühlen Sammetfalten ihres Kleides
+pressend, erzählte ich ihr, daß ich alles, alles gehört hätte.
+
+»Ich, ich will dir helfen, Großmama,« rief ich, ohne eine Antwort von
+ihr abzuwarten, während die abenteuerlichsten Pläne sich in meinem Hirne
+kreuzten. »Ich komme mit nach Pirgallen, und dann pflege ich das kleine
+Kind, und du brauchst keine Kinderfrau.« Bittend sah ich auf zu ihr; mit
+wehmütigem Lächeln streichelte sie mir die glühenden Wangen, und durch
+ihre Liebkosung ermuntert, fuhr ich noch eifriger fort: »Weißt du, wenn
+ich das tue, sind doch auch die Eltern mich los und brauchen kein Geld
+für mich auszugeben« -- -- Großmama war noch immer still -- --
+»vielleicht kann ich sogar selbst Geld verdienen. Du hast einmal
+gesagt, daß viele arme Kinder für Geld arbeiten müssen. Ich tanze doch
+so gut -- Herr Ebel hat mich doch selbst unterrichtet -- der nimmt mich
+gewiß zum Theater.«
+
+»Du kleiner Hitzkopf du -- was für törichte Gedanken du dir machst,«
+unterbrach mich Großmama. »Komm, laß uns ruhig miteinander reden,« damit
+ließ sie sich in dem tiefen Stuhl nieder, dessen Bezug noch Spuren
+meiner Tränen zeigte, und ich kauerte mich ihr zu Füßen, wie in jenen
+glücklichen Stunden, wo ich ihren Märchen lauschte. Lange und liebreich
+sprach sie auf mich ein: daß ich mir die Dinge nicht so schwarz ausmalen
+solle, daß wir zwar nicht mehr reich, aber auch nicht arm seien, daß ich
+viel helfen könne, wenn ich meiner Mutter das Leben erleichtere, wenn
+ich überflüssige Wünsche unterdrücke und tüchtig lerne, damit ich
+einmal, falls es nötig sein sollte, auf eignen Füßen zu stehen
+vermöchte. Meine heroische Opferwilligkeit wurde nicht wenig
+herabgestimmt. Gar kläglich kam mir vor, was Großmama mir als eine
+Aufgabe ans Herz legte. »Und -- das kleine Kind?« wagte ich noch einmal
+schüchtern zu bemerken. Die feinen Adern auf Großmamas Schläfen
+schwollen. »Versprich mir, daß du niemandem sagst, was du von ihm gehört
+hast,« sagte sie, mir ernst und fest ins Auge blickend. »Ich verspreche
+es,« hauchte ich.
+
+Großmama küßte mir beide Wangen. »So, nun komm! Ich bring dich in dein
+Bettchen, und morgen ist das alles nichts als ein Traum für dich.« Still
+und in mich gekehrt folgte ich ihr.
+
+Als sie aber die Decke an den Bettpfosten befestigt hatte, -- ich
+pflegte sie sonst im Traume von mir zu werfen --, und, die Hände
+gefaltet, neben mir stand, mein Abendgebet erwartend, richtete ich mich
+noch einmal auf: »Großmama, liebe Großmama,« kam es mit Anstrengung über
+meine Lippen, »sag mir doch, ist eine Geliebte dasselbe wie eine Frau?«
+Und sie gab mir eine Antwort, wie ich sie noch auf keine Frage von ihr
+erhalten hatte: »Kind, das verstehst du nicht.«
+
+Mein Abendgebet vergaßen wir danach alle beide.
+
+Trotz des gemeinsamen Geheimnisses, um das meine Gedanken sich in der
+Stille unaufhörlich drehten, trat seitdem eine leise und noch lange
+nachwirkende Entfremdung zwischen uns ein. Ich aber achtete von nun an
+genau auf meine Umgebung, auf alles, was geschah und was gesprochen
+wurde. Ich merkte, daß Papa mir seltner etwas mitbrachte als früher, wo
+er fast immer eine Schachtel Bonbons oder ein Spielzeug für mich in der
+Tasche gehabt hatte. Und wenn er es jetzt noch tat, so war Mamas
+Empörung über die »Verschwendung« so groß, daß mir von vornherein jede
+Freude verging. Ich sah, wie im stillen überall gespart und geknausert
+wurde, ohne daß sich nach außen viel veränderte: unsre alte französische
+Köchin machte einer deutschen Platz, die keine Kuchen und Pasteten
+backen konnte, an Stelle der Jungfer trat ein Hausmädchen, unter deren
+Händen Mamas blonder Kopf nicht mehr zu einem Kunstwerk wurde wie
+früher. Nur der Wilhelm, der Diener, blieb, und seine stets gleichmäßig
+unbeweglichen Züge verrieten niemandem, wie anders es im Hause der
+Herrschaft geworden war; er schenkte den billigen Mosel bei Tisch mit
+derselben Würde ein, wie den teuren Rheinwein früher.
+
+Aber noch mehr, als ich sah, hörte ich, und lernte rasch ein halbes
+Wort, ein vielsagendes Lächeln verstehen: da mußte der eine den Abschied
+nehmen, weil er sein »Verhältnis« geheiratet hatte, und der andre
+ruinierte sich eines »Frauenzimmers« wegen; da wurde einer im Duell
+erschossen, weil seine Frau auf dem Zimmer eines Schauspielers gefunden
+worden war, und eine andre wurde in der Gesellschaft »unmöglich«, weil
+sie ihren Mann heimlich verlassen hatte. Bei alledem schwebte mir immer
+Onkel Walters Geliebte vor, die Mutter seines Kindes, der meine
+Phantasie die Gestalt der duldenden Madonna gegeben hatte, und ich nahm
+im Innern unentwegt Partei für ihre Leidensgefährtinnen.
+
+Im Sommer gingen wir wieder nach Oberbayern. Mein schwaches Herz, das
+sich in Ohnmachtsanfällen allzu häufig bemerkbar machte, bedurfte der
+Stärkung durch die Bergluft. Aber meine Freude über das Reiseziel sollte
+eine erhebliche Einbuße erfahren: statt im Rosenhaus zu wohnen, bei
+Tante Klotilde, blieben wir in Garmisch im Hotel. Als wir das erstemal
+zu ihr kamen, war ich steif und still. Selbst als der Sepp mit einem
+Strauß von Orchideen, die ich ihrer märchenhaften Formen wegen immer
+besonders liebte, vor mir stand, ließ ich mich nicht bewegen, mit ihm zu
+spielen. »Das Fräulein ist wohl ganz preußisch geworden,« sagte Tante
+Klotilde spöttisch. Ich sah sie böse an. Sie hatte keine Spur von
+Verständnis für mich; sie wußte nicht, daß ich die Kosthäppchen des
+Lebens nie leiden konnte. Wer nicht das ganze köstliche Gericht haben
+kann, für den ist eine Probe davon nur eine grausame Mahnung an das, was
+er entbehrt.
+
+Es blieb bei kurzen Besuchen am Rosensee; nur selten holte die Tante
+uns zum Spazierenfahren ab und unterließ es dabei nie, ihrem Ärger über
+die Nichte, die eine »gelbe Hopfenstange« geworden wäre, Luft zu machen.
+Ich war bisher so gewöhnt gewesen, bewundert zu werden, daß mich ihre
+Bemerkung einigermaßen in Erstaunen setzte. Der Spiegel sprach für ihre
+Richtigkeit. Diese Entdeckung steigerte nur meine morose Stimmung. Ich
+hatte niemanden, der mich ihr hätte entreißen können; Mama hielt mich
+abwechselnd für unartig oder für launisch; sie befand sich überdies bald
+in einer ihr sehr angenehmen Gesellschaft und war daher ganz zufrieden,
+daß ich gar keine Ansprüche an sie stellte, sondern am liebsten allein
+mit meinem Buch im Hotelgarten saß. Die Bäume darin standen in Reih und
+Glied, wie Soldaten, und verbargen, trotz ihrer Dürftigkeit, den Kranz
+der fernen Berge; um aber jedes Gefühl für die Großartigkeit der Natur
+vollends zu verwischen, plätscherte ein dünner, kleiner Springbrunnen in
+der Mitte. Hier konnte ich zeitweise vergessen, daß ich dem alten grauen
+Freund, dem Waxenstein, so nahe und er mir doch so unerreichbar fern
+war.
+
+Ich blieb nicht lange allein. Ein junger Mensch mit fuchsig rotem Haar
+und einem Gesicht voll gelber Sommersprossen, der mit seiner Mutter,
+einer Schriftstellerin, an der Table d'hote neben uns saß, gesellte sich
+immer häufiger zu mir und rümpfte immer deutlicher die Nase über meine
+Lektüre. Freilich: das ganze Elend der damaligen Jugendliteratur konnte
+nicht deutlicher zum Ausdruck kommen als hier. Gegen den gräßlichen
+Nieritz mit seiner Zuckerwassermoral hatte ich schon selbst protestiert,
+dafür herrschten jetzt Ottilie Wildermut und Elise Polko, die der
+gesitteten höhern Tochter in hundert Variationen stets dasselbe
+predigten: der Mann ist deines Lebens Ziel und Zweck. Hans Guntersberg,
+froh, eine so dankbare Zuhörerin für seine Primanerweisheit gefunden zu
+haben, erzählte mir von seinen Lieblingsbüchern, und von niemandem
+schwärmte er mehr als von Paul Heyse. Ein Buch nach dem andern brachte
+er mir, um mir daraus die seiner Meinung nach schönsten Stellen mit dem
+Pathos eines Vorstadttragöden vorzulesen. Sein ganzer Koffer steckte
+voller Bücher und sein Kopf voller Liebesgeschichten, wobei es kein
+Wunder war, daß es in dem einen an Platz für frische Kragen, in dem
+andern an Interesse für klassische Sprachen fehlte. Er war nämlich schon
+zwanzig Jahre alt. Seine körperliche Nähe war mir widerwärtig, und meine
+Sehnsucht nach seinen Büchern stand immer in hartem Kampf mit meiner
+Antipathie gegen seine Persönlichkeit. Er mochte fühlen, was ihn allein
+für mich anziehend machte und gab daher seine Schätze nicht aus der
+Hand. Plötzlich kam er nicht mehr und antwortete mir ausweichend, als
+ich ihn abends nach der Ursache frug. Am nächsten Tag schlich ich ihm
+nach und fand ihn in der Laube des Nebenhauses mit einem Mädchen, das
+nicht nur erheblich älter, sondern auch viel hübscher war als ich. In
+seiner bekannten Schauspielerpose stand er vor ihr und deklamierte,
+während der Schweiß ihm in Perlen auf der sommersprossigen Stirn stand.
+Halb belustigt, halb verärgert wandte ich mich ab. Ich gönnte der
+Rivalin den Kurmacher, aber seine Bücher gönnte ich ihr nicht.
+Vielleicht gab er sie mir jetzt, da seine Person anderweitig
+untergebracht war. Er lachte mich aus, als ich ihn darum bat: »Für
+dumme Göhren wie dich ist das noch nichts.« Mir fiel ein Laden in
+Partenkirchen ein, der alle leiblichen und geistigen Bedürfnisse der
+Sommergäste zu befriedigen pflegte. Heyses Novellen hatte er gewiß. Das
+Schlimme war nur, daß ich kein Geld besaß. An meinem Geburtstag hatte
+ich in Erinnerung an Großmamas Ratschläge das Goldstück von Tante
+Klotilde unberührt gelassen. Mama sollte mir zum Winter ein Kleid davon
+kaufen, dieser Wunsch -- ein erstes Zeichen praktischen Verständnisses
+-- war durch einen der seltnen mütterlichen Küsse belohnt worden. Sie
+für diesen Zweck nun doch um das Geld zu bitten, wäre töricht gewesen;
+bestenfalls hätte sie meinen Lesehunger durch einen neuen Band Wildermut
+gestillt. Und doch hatte ich ein Recht darauf -- es war mein Eigentum
+--, ich konnte tun damit, was ich wollte; Mama hatte es sogar selbst in
+mein Portemonnaie gesteckt, das in der Kommode unter den Taschentüchern
+lag. Tagelang kämpfte ich mit mir, -- aber das Verlangen wurde um so
+stärker, als ich Stunden und Stunden nichts mit mir anzufangen wußte;
+endlich konnt ich nicht länger widerstehen: unter dem Vorwand, ein
+Taschentuch haben zu müssen, verschaffte ich mir den Schlüssel und nahm
+mein Portemonnaie an mich. In fliegender Hast, als brenne der Boden
+unter mir, lief ich die Treppen hinunter durch die Straße nach
+Partenkirchen. Für meine Mutter, sagte ich verwirrt und stotternd im
+Laden, sollte ich Heyses Novellen kaufen. Verwundert sah man mich an,
+als ich ein ganzes Goldstück vorwies. Mit mehreren Bänden beladen lief
+ich zurück; die Eile, die Angst vor Entdeckung, das klopfende Gewissen
+ließen mein Herz immer stürmischer schlagen. Glühende Funken tanzten
+vor meinen Augen; zuweilen wars dann wieder, als hüllten schwarze
+Schleier sie ein. Ungesehen kam ich ins Hotel zurück und hatte noch
+gerade so viel Kraft, mein Paket in die leere Reisetasche zu stecken,
+als der Schwindel mich packte und ich zusammenbrach. Auf meinem Bett,
+umringt von der Mutter, dem Arzt, dem Stubenmädchen, das mich zuerst
+gefunden hatte, fand ich mich wieder. Die Hotelküche sei nichts für mich
+-- es fehle mir an Bewegung -- Garmisch sei zu heiß -- die Baronin
+Artern müsse mich ins Rosenhaus nehmen, da würde das dumme Herzchen
+schon zur Räson kommen -- hörte ich des alten Doktors freundliche Stimme
+sagen. Er fuhr selbst nach Grainau, um mit der Tante zu reden. Schon am
+nächsten Tag sollte ich hinüber. Der Gedanke an die versteckten Bücher
+ließ zunächst meine Freude nicht aufkommen. Ich benutzte den Augenblick,
+wo Mama zum Essen hinunter ging, um mich hastig anzuziehen, nahm das
+verhängnisvolle Paket und trug es mit wankenden Knien in den Garten.
+Dort, unter einem Fliederbusch, vergrub ich ein Buch nach dem andern in
+der Erde; nur eins -- das letzte, ein dünnes Bändchen, versenkte ich in
+meine Kleidertasche. Dann erst kam mir die bedenkliche Moralität des
+Ereignisses zum Bewußtsein: statt der Strafe für meine Sünden erwartete
+mich das Rosenhaus, meiner ständigen stillen Sehnsucht Ziel!
+
+Ich verlebte stille, wundervolle Wochen dort. Da ich weder Kraft noch
+Lust hatte, soviel umherzuklettern wie im vorigen Jahr und die alte
+Kathrin mich überdies mehr denn je in ihren Schutz nahm, fand die Tante
+nicht allzuviel Ursache zum Schelten. Und der Sepp erwies sich als der
+treuste, rücksichtsvollste Kamerad. Er strahlte über das ganze braune
+Gesicht vor Freude über meine Ankunft; er ließ sich willig mit Plaid und
+Mantel bepacken, wenn ich dafür nur wieder mit ihm gehen durfte; er hob
+mich, das lange Mädel, das ihn an Größe beträchtlich überragte, über
+jeden Bach, jede sumpfige Stelle. Und gleich am ersten Tage führte er
+mich mit geheimnisvoll verlegenem Lächeln durch den Wald bis zu dem
+Hügel, unter dem der Badersee grün aufleuchtete und Waxenstein und
+Zugspitze herübergrüßten, als wäre es nur ein Vogelflug bis zu ihnen.
+Dort unter der alten Buche hatte er mir eine Bank gezimmert und in
+ungefügen Buchstaben ein »Alix« in die Lehne geschnitten. Dort nahm ich
+zum erstenmal mein gerettetes Buch aus der Tasche: »L'Arrabiata« war es.
+Ich weiß heute nichts mehr von seinem Inhalt; ich weiß nur, daß das
+kleine Werk mich in einen Traum von Schönheit verstrickte, daß ein
+Gluthauch von Leidenschaft mir daraus entgegenströmte, die mich mir
+selbst entrissen. Wenn ich morgens erwachte, solange noch alles still im
+Hause war, zog ich immer häufiger mein Notizbuch unter dem Kopfkissen
+hervor und schrieb in Versen nieder, was mich bewegte, und was ich
+niemandem hätte sagen können.
+
+Im Spätherbst kehrten wir heim. Es war mir eine Erleichterung, Großmama
+nicht mehr vorzufinden, -- ich hätte ihr nicht in die Augen zu sehen
+vermocht. Wie wenig hatte ich mich ihres Vertrauens würdig gezeigt, wie
+schwach, wie schlecht war ich gewesen! Das sollte nun anders, ganz
+anders werden. Durch tägliche Opfer wollte ich gut machen, was ich
+verbrochen hatte. Mit wahrer Leidenschaft stürzte ich mich in die
+selbstgewählte Aufgabe und nahm gleich das schwerste auf mich, was es
+für mich geben konnte: Handarbeiten. Der Eifer, mit dem eine büßende
+Nonne sich geißelt, konnte nicht hingebungsvoller sein als der, mit dem
+ich Strümpfe stopfte! Rascher, als er erlahmte, machte meines Vaters
+Versetzung nach Posen ihm ein Ende. Ich sah dieses Verschlagenwerden
+nach einer Stadt, von der niemand etwas Gutes zu sagen wußte, als eine
+gerechte Strafe für meine Sünden an. Keine Lockungen der Eitelkeit und
+des Vergnügens würden mich dort dem Ernst des Lebens entreißen.
+
+An einem der letzten Abende vor der Abreise saßen wir zwischen
+hochaufgetürmten Kisten um den Eßzimmertisch. Schwarz starrten die
+vorhanglosen Fenster zu mir herüber, vor denen ich stets ein Grauen
+empfand, wie vor offenen Gräbern. Mama trug ihren unscheinbarsten
+Morgenrock, ich -- im Vollgefühl größter Selbstentsagung -- eine
+Schürze. Nur der Wilhelm wahrte auch inmitten der Unordnung des Umzugs
+die Form: tadellos, wie stets, war sein Frack, blank geputzt, wie immer,
+der silberne Teller, auf dem er Mama einen Brief präsentierte. »Aus dem
+Kabinett Ihrer Majestät der Kaiserin,« sagte er mit der Miene
+ehrfurchtsvoller Devotion. Mamas Gesicht erhellte sich, während sie las.
+»Das ist wirklich ein Glücksfall«, -- damit reichte sie den Brief meinem
+Vater. Ihm stieg das Blut zu Kopf bei der Lektüre; die Adern schwollen
+ihm auf der Stirn; er räusperte sich immer heftiger. »Das hast du ja mal
+wieder fein eingefädelt,« rief er schließlich mit dröhnender Stimme,
+warf den Brief auf den Tisch und sprang vom Stuhl auf. Ich erhob mich
+gleichfalls, um möglichst rasch zu verschwinden. »Du bleibst!« schrie
+Papa wütend, mein Handgelenk umklammernd. »Alix ist schließlich die
+Hauptperson, -- mag sie entscheiden,« fügte er hinzu und reichte mir
+trotz Mamas entrüstetem »Aber Hans, wie unpädagogisch!« den gewichtigen,
+großen Bogen. Er enthielt die kurze Mitteilung, daß »Ihre Majestät
+gnädigst geruht habe, Fräulein Alix von Kleve eine Freistelle im
+Augustastift zu bewilligen,« und die Bemerkung von der Kaiserin eigener
+Hand »sie freue sich, die Enkelin ihrer lieben Jugendfreundin Jenny in
+die ihrem Herzen so nahe stehende Anstalt aufnehmen zu können.« Im Fluge
+erschienen all die Bilder des Stifts vor mir, die ich bei meinen
+Besuchen mit Großmama oft genug gesehen und meinem Vater oft genug
+geschildert hatte: Alles war Uniform dort, von der Kleidung bis zur
+Gesinnung, und von den weiten Schlafsälen bis zum Garten atmete alles
+denselben Geist: den der Hygiene, der Pünktlichkeit, der Ordnung. Da gab
+es kein stilles Plätzchen und keine Zeit zum Träumen. Das, was mir von
+klein auf das tiefste Bedürfnis gewesen war: allein sein zu können mit
+meinen Gedanken, wäre hier Tag und Nacht unbefriedigt geblieben. Aber
+war es nicht vielleicht die Hand Gottes, die mir grade diesen Weg der
+Buße wies? Würde ich nicht mit einem Schlage meine Eltern von drückenden
+Sorgen befreien, wenn ich ihn, ohne Rücksicht auf meine Wünsche, tapfer
+betrat? Erwartungsvoll fragend sah Papa mich an. Und leise, mit
+gesenkten Augen sagte ich: »Es wird wohl das beste für mich sein!«
+
+»Ihr habt ja das Mädel gut klein gekriegt,« höhnte Papa, »aber ich geb
+das nie und nimmer zu! So stehts noch nicht mit mir, daß ich meine
+Tochter das Gnadenbrot essen ließe! -- Sie bleibt zu Hause, wo sie
+hingehört, sie wird nicht zum Hofschranzen erzogen -- und damit basta!«
+
+Mama blieb still. Ich wurde ins Bett geschickt, hörte aber noch lange
+des Vaters heftige Stimme: mein Schicksal, das fühlte ich, wurde dort
+drüben entschieden.
+
+Am Tage darauf mußte ich mich auf des Vaters Kniee setzen, und mit einer
+weichen Zärtlichkeit, die er selten zu zeigen pflegte, sprach er auf
+mich ein:
+
+»Du bist mein einziges Kind, Alixchen, und meine ganze Lebensfreude.
+Wenn ich dich von mir gebe, so heißt das, dich verlieren, denn fremde
+Einflüsse werden auf dich wirken, die meinem Denken und Fühlen
+entgegengesetzt sind. Glaube mir: niemand meint es so gut mit dir wie
+ich, wenn ich auch oft grob und heftig bin, -- und niemand kann dich
+lieber haben.« Mit feuchten Augen sah er mich an: »Willst du deinen
+armen alten Vater wirklich verlassen, mein Kind?«
+
+Schluchzend schlang ich die Arme um seinen Hals: »Ich bleibe bei dir,
+Papa.«
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+Wir saßen um den runden Mahagonitisch beim Nachmittagskaffee; von der
+Hängelampe mit dem grünen Schirm fiel ein warmes Licht auf den zierlich
+gedeckten Tisch mit seinen Kristalltellern und Sahnennäpfchen und seinen
+alten, weißen, wappengeschmückten Porzellantassen; die dickbauchige
+silberne Kaffeekanne blitzte, und der große Napfkuchen duftete
+sonntäglich. Mit lustigem Prasseln übertönten die brennenden Holzscheite
+im Kamin die grämliche Herbststimme des Novemberregens draußen.
+
+»Doktor Hugo Meyer,« meldete der Diener und öffnete die Tür vor dem
+Erwarteten. Mein Vater stand auf. »Dein Erziehungsapparat,« flüsterte er
+mir lächelnd zu. Ich war wenig neugierig. Sie waren bisher einander alle
+ähnlich gewesen: grauhaarige Männer mit krummen Rücken und schmutzigen
+Fingernägeln, ältliche, bebrillte Fräuleins mit blutleeren Lippen --
+wirklich: nur gleichmäßig funktionierende »Erziehungsapparate«, aber
+keine Erzieher.
+
+Pflichtschuldigst erhob ich mich, als Papa mich dem neuen Lehrer
+vorstellte, den er nach vielem Suchen für mich gefunden hatte. »Hier ist
+unsere Alix, Herr Doktor! Ein großes Mädel, nicht wahr? Sie werden sich
+tüchtig anstrengen müssen, damit der Geist sich streckt, wie der
+Körper.« Ich reichte ihm die Hand; sein warmer, kräftiger Händedruck
+ließ mich erstaunt zu ihm aufsehen, -- meine früheren Lehrer hatten mir
+immer nur die Fingerspitzen berührt, was mich von vornherein hatte
+frösteln lassen.
+
+Ein großer, breitschultriger Mann stand vor mir; ein paar gute Augen von
+einem so reinen Blau, wie es mir noch bei keinem Menschen begegnet war,
+sahen mich forschend an. Und doch konnte ich nur schwer ein Lächeln
+verbergen: wie schlecht paßte der Mann, dachte ich, in den langen
+korrekten schwarzen Rock. Eines Arminius Lederwams und Panzer hätte ihm
+besser gestanden, und unter einem Büffelhelm würde der breite
+Germanenkopf mit dem gelockten rötlichen Haar und dem dichten Bart nie
+den Gedanken an einen preußischen Gymnasiallehrer haben aufkommen
+lassen. Er errötete unter meinem Blick und setzte sich mit einer
+ungeschickt verlegenen Bewegung, den Zylinder immer noch in der Hand,
+auf den Rand des ihm angebotenen Stuhles. Es bedurfte der ganzen
+gesellschaftlichen Geschicklichkeit meiner Mutter und der jovialen
+Liebenswürdigkeit meines Vaters, um eine Unterhaltung in Fluß zu
+bringen. Erst als das Gespräch sich ausschließlich auf des Besuchers
+eigentliches Gebiet konzentrierte, wurde er lebendig, und je mehr er den
+schwarzen Rock und das Zeremoniell der Salonkonversation vergaß, desto
+stärker trat seine Natur hervor: die eines Menschen voll Jugendkraft und
+Enthusiasmus. Ich empfand sie, wie ich den schäumenden Gießbach und die
+dunkeln, schattenden Bäume in dem kühlen, grünen Grund der Maxklamm
+empfand, wenn ich von den sommerschwülen Wiesen Grainaus dorthin
+flüchtete. Ein tiefes Aufatmen ging durch meine Seele. Ich öffnete den
+Mund nicht während des ganzen Besuchs, und er richtete nie das Wort an
+mich. Daß ich seinen Händedruck beim Abschied herzhaft erwiderte, war
+das einzige Zeichen meines Willkommens.
+
+Am Abend desselben Sonntags war es; die Stunde, in der mein Vater für
+Wünsche am zugänglichsten, für Widerspruch am wenigsten empfindlich war.
+Dann pflegte Mama mit gekreuzten Armen tief in der Sofaecke seines
+Zimmers zu sitzen, der Patience zuschauend, die er, als bestes
+Nervenberuhigungsmittel, wie er meinte, allabendlich zu legen pflegte.
+Ich las währenddessen oder träumte vor mich hin.
+
+»Wir hätten Alix doch in die Schule schicken sollen,« begann Mama.
+
+»Damit sie mit fünfzig Cohns und Goldsteins in einer Klasse sitzt! Na,
+Gottlob, ist das Thema seit heute erledigt,« antwortete er.
+
+»Und daß er ihr keine Religionsstunde geben will, ist doch auch
+bedenklich,« fuhr sie fort.
+
+»Das ists grade, was mir paßt,« sagte er mit etwas erhobener Stimme,
+»den Katechismus kann sie am Schnürchen, die Kirchenlieder auch, alles
+übrige läßt sich nicht lehren und nicht lernen, wenn mans nicht erfährt.
+Und zu dieser Religionserziehung sind die Herren Eltern da.«
+
+»Ich freue mich auf die Stunden,« unterbrach ich das Gespräch, in der
+Angst, es könne sich zu einer Szene steigern.
+
+»Jedenfalls muß ich immer dabei sein,« seufzte darauf Mama.
+
+Ich erschrak. Vor niemandem vermochte ich so wenig aus mir herauszugehen
+wie vor ihr. Lähmend wirkte ihre Kühle auf mich. Wie eine stumme Geige
+war ich in ihrer Nähe: gehorsam geben die Saiten dem Spiel der Finger
+nach, aber mit keinem Ton antworten sie ihnen.
+
+»Warum denn, Mama?« frug ich mit zuckenden Lippen, die Augen bittend auf
+sie gerichtet, »ich werde sicher gut aufpassen und immer fleißig sein.«
+
+»Glaubst du vielleicht, ich tus aus Vergnügen?!« Ihre Stimme wurde
+schärfer: »Es schickt sich einfach nicht, euch allein zu lassen!«
+
+Eine unklare Empfindung, als habe mich etwas Unreinliches berührt, trieb
+mir die Schamröte in die Wangen.
+
+Wir verstummten alle. Tiefer senkte ich den Kopf auf mein Buch, aber ich
+sah die Worte nicht; ich hörte auf den Regen, der eintönig gegen die
+Fensterscheiben schlug. Das Kaminfeuer nebenan war erloschen.
+
+Am nächsten Nachmittag begann der Unterricht. Mama saß richtig mit einer
+Handarbeit dabei. Ihre Gegenwart schien auch der Lehrer peinlich zu
+empfinden, er kam nicht in die Stimmung, die mich an ihm mit so viel
+Hoffnung erfüllt hatte, und wir waren schließlich sichtlich enttäuscht
+voneinander. Wochenlang blieb alles beim alten, und ich sagte mir mit
+altkluger Bitterkeit, daß ich mich eben wieder einmal umsonst gefreut
+hätte. Aber mit dem nahenden Winter nahm die Gefälligkeit zu, und
+schließlich war sie dermaßen ausgedehnt, daß ich meine Eltern fast nur
+zu Tisch noch sah. Besuche, Diners, Bälle, Wohltätigkeitsvorstellungen
+folgten einander auf dem Fuß. Meine Mutter hatte nur noch Zeit, die
+pflichtgemäße Mittagspromenade mit mir zu machen und meinen Lehrer zu
+begrüßen, wenn er kam. Täglich wiederholte sich dabei dieselbe Szene:
+mit linkischer Verbeugung und verlegenem Hüsteln, das sein gewaltiger
+Brustkasten Lügen strafte, trat er ein. »Sind Sie zufrieden mit Alix?«
+frug Mama. »O sehr,« antwortete er. Ihm freundlich zunickend, mir rasch
+die Stirne küssend, verabschiedete sie sich, und mit einem Gefühl der
+Erleichterung nahmen wir einander gegenüber Platz. Der Diener brachte
+den Kaffee, der, wie Papa gemeint hatte, eine Unterhaltung und damit ein
+näheres Bekanntwerden von Lehrer und Schülerin herbeiführen sollte. Aber
+es kam nie dazu. Dr. Meyer schluckte hastig den gebotnen braunen Trank
+herunter und zerbröckelte schweigsam den Kuchen zwischen den Fingern,
+während er meine Hefte durchsah. Erst durch den Lehrstoff, den er
+vortrug, taute er auf, und je mehr die Zeit vorrückte, desto heller
+leuchteten seine Augen, desto reicher strömten ihm alle Mittel
+eindrucksvoller Rede zu. War mein ganzer bisheriger Unterricht nichts
+als eine Anhäufung von Regeln, Versen Namen, Zahlen und Daten gewesen,
+so leblos und reizlos für mich, wie das Spielzeug, mit dem Onkels und
+Tanten meine Schubläden füllten, so strömte jetzt mit ihm das Leben
+selbst mir zu, dessen Fülle ich in atemloser Aufmerksamkeit, in
+herzklopfender Erregung zu fassen und zu halten versuchte. Die toten
+Helden der Geschichte wurden lebendig vor mir; alle, die um der Freiheit
+und der Gerechtigkeit willen geblutet hatten, -- von Leonidas und
+Tiberius Gracchus bis zu den Amerikanern, den Griechen, den Polen der
+Neuzeit --, zeigten mir ihre Narben und Wunden, und meine Begeisterung
+entflammte sich an ihren Taten und Leiden. Die Dichter sprachen zu mir,
+und die Lehrer und die Propheten der Menschheit brachten dem kleinen
+Mädchen die unvergänglichsten ihrer Schätze. Wenn sie auch ihren Wert
+noch nicht zu würdigen verstand, so erkannte sie doch mit inbrünstigem
+Schauern ihren Reichtum, und die Welt, bisher für sie nur erfüllt mit
+den Nebelgestalten ihrer eignen Schöpfung, sah sie nun aus tausend
+lebendigen Augen an.
+
+Mündlich und schriftlich hatte ich Gelesenes und Gehörtes nicht nur
+automatisch wiederzugeben, sondern meine eignen Eindrücke und Gedanken
+daran zu knüpfen. Stets verteidigte ich leidenschaftlich meine Helden,
+und um ihre Widersacher zu malen, war mir das tiefste Schwarz nicht
+schwarz genug. Suchte der Lehrer meine Engel in Menschen zu verwandeln,
+so bäumte sich meine Empfindung feindselig gegen ihn auf; und geschah
+es, daß mein Verstand ihm recht geben mußte, so trauerte ich verzweifelt
+vor dem gestürzten Heros, als wäre mir ein Freund gestorben.
+
+Ein hoher hölzerner Fußschemel war meine Rednertribüne. Ich konnte nicht
+zusammenhängend sprechen, wenn ich am Tische saß oder stand; ich
+bedurfte eines merkbaren räumlichen Abstands zwischen mir und dem
+Zuhörer und war daher instinktiv auf diesen Ausweg verfallen. Nur in
+Mamas Gegenwart half auch der Fußschemel nichts, seitdem sie einmal
+zugehört und über mein Pathos Tränen gelacht hatte. Mein Lehrer
+verstand mich; kam sie zufällig herein, während ich sprach, so
+wechselte er stillschweigend den Gegenstand des Unterrichts. Aber nicht
+nur der Stoff und die Form, auch der Tenor des Inhalts wurde ein andrer,
+wenn wir nicht allein blieben.
+
+Meine Mutter hatte einmal ausnahmsweise der Geschichtsstunde beigewohnt,
+als Dr. Meyer Friedrichs des Großen Polenpolitik einer abfälligen Kritik
+unterzog. Er war Hannoveraner und hatte sich als solcher trotz aller
+Begeisterung für das Deutsche Reich den Hohenzollern gegenüber einen
+scharfen kritischen Blick bewahrt. Seine Auseinandersetzung unterbrach
+meine Mutter plötzlich mit einer Leidenschaftlichkeit, die bei der sonst
+so vornehm kühlen Frau wie etwas völlig neues erschien: »Herr Doktor,«
+rief sie, »vergessen Sie nicht, wen Sie vor sich haben. Wir sind
+Preußen!« -- »Verzeihen Sie, gnädige Frau,« entgegnete er, während
+das Blut ihm in Wangen und Schläfen schoß, »die objektive
+Geschichtsforschung ...« -- »Was geht mich die objektive
+Geschichtsforschung an,« warf sie heftig dazwischen, »wir haben unser
+angestammtes Fürstenhaus zu lieben und unsre Kinder im Respekt vor ihm
+zu erziehen. Lehren Sie Alix einfache Tatsachen, keine zersetzende
+Kritik. Sie ist sowieso schon superklug genug.« Ich erwartete eine
+energische Antwort. Doch der große, starke Mann schien in sich zusammen
+zu fallen, er senkte die Augen, und sein Gesicht färbte sich noch
+dunkler. Als wollte er einen bösen Gedanken vertreiben, fuhr er sich mit
+der Hand, deren Weiße zu ihrer breiten Derbheit einen seltsamen Kontrast
+bildete, ein paarmal über die Stirn, sah mechanisch nach der Uhr, atmete
+tief auf, da die abgelaufene Zeit seinen Aufbruch gestattete, und
+verabschiedete sich noch unbeholfener als gewöhnlich. Mir gab es einen
+Stich ins Herz: es war zwar nicht ein Heros, dessen Sturz mich
+verletzte, es war nur ein erster schüchterner Trieb beginnenden
+Vertrauens, der mir aus dem Herzen gerissen wurde. Ein Mann, der sich so
+herunterputzen ließ! Der seine Überzeugung nicht zu vertreten vermochte!
+Daß Mutter und Schwester daheim mit jedem Groschen rechnen mußten, den
+er verdiente, -- das freilich wußte ich damals nicht.
+
+Für mich, für die ein Erlebnis, das andre kaum empfanden, so oft zum
+erschütternden Ereignis wurde, blieb diese Stunde bedeutungsvoll. Noch
+immer sah ich Tag für Tag meinem Lehrer voll Erwartung entgegen, aber er
+war doch nur der Türhüter am Museum der Menschheitsgeschichte, nicht der
+Führer, dessen Leitung sich der Laie anvertraut: er öffnete mir einen
+Saal nach dem andern, aber ich ging schließlich doch allein. Wenn es
+auch sein höchstes Verdienst war, daß ich allein gehen lernte, -- nicht
+auf den Stelzen fremder Anschauungen, die unbrauchbar werden, sobald es
+gilt, über Felsen zu klettern --, so ist doch die Seele des Kindes zu
+weich, zu schutz- und anlehnungsbedürftig, als daß sie auf einsamer
+Wanderung durch das fremde Leben nicht Wunden über Wunden davontragen
+müßte und ihr beim Sammeln von Blumen und Beeren nicht allzuviel giftige
+in die Hände fielen.
+
+Ich war ein frommes Kind gewesen -- mit jener Frömmigkeit, die an den
+lieben Gott und an die Engel und an den Herrn Jesus ebenso innig glaubt,
+wie an die sieben Zwerge, an die Knusperhexe und an die kleine
+Seejungfrau; mit jenem Glauben, der gar kein Glauben ist, weil noch
+kein Schatten eines Zweifels ihn erprobte.
+
+Bei mir wie bei jedem Kinde wiederholte sich, was die Kindheit der
+Völker kennzeichnet: ihre Phantasie ist das Mittel, durch das sie sich
+mit dem ungeheuern Geheimnis des Lebens und des Schicksals
+auseinandersetzen. Sie überwinden die Furcht vor dem Unbegreiflichen
+durch den Glauben an die waltenden Wesen über ihnen. Schon als kleines
+Kind flüchtete ich, wenn irgend ein Ereignis mich aus dem Gleichgewicht
+brachte, in die Stille, um inbrünstig den Vater im Himmel um Hilfe zu
+bitten. Auf meine religiösen Empfindungen blieben die Gebete, Sprüche
+und Gesangbuchverse, die ich in der Schule gelernt hatte, und der
+Luthersche Katechismus vor allem, der, wäre er chinesisch geschrieben,
+den Kindern nicht weniger verständlich sein würde, so einflußlos wie die
+nüchterne Ode der protestantischen Kirche. Die Heiligenbilder, das
+geweihte Wasser, die durch rotes Glas mystisch schimmernde ewige Lampe
+unter dem geheimnisvollen Bilde der schwarzen Madonna von Ezenstochau,
+die die Wände in der Kammer unsrer polnischen Köchin schmückten, zogen
+mich weit mehr an.
+
+Das Licht des grellen Tages fiel nun in diese unberührte traumdunkle
+Märchenwelt meiner Religion.
+
+In der Geschichtsstunde, zu der in spätern Jahren ein besondrer
+religionsgeschichtlicher Unterricht hinzukam, lernte ich, wie nicht nur
+innerhalb des Christentums eine Kirche, eine Sekte die andre auf das
+heftigste bekämpfte, wie jede im Besitz des alleinseligmachenden
+Glaubens zu sein behauptete, und für jede Märtyrer geblutet hatten, ich
+sah auch, daß Juden, Muhamedaner und Buddhisten nicht weniger fromm
+waren als die Nachfolger Christi und mit derselben Hingabe wie sie für
+ihren Glauben lebten und starben. Die Fabel von den drei Ringen kannte
+ich noch nicht, aber ich empfand schon die Schwere ihrer Fragestellung.
+Mein Lehrer, der dem Mißtrauen meiner Mutter, als er sich weigerte, mir
+Religionsstunden zu geben, dadurch begegnet war, daß er versprochen
+hatte, keinerlei Glaubenszweifel in mir zu erwecken, beschränkte sich im
+wesentlichen auf die Darstellung historischer Ereignisse und wich meinen
+bohrenden Fragen so lange aus, bis ich es aufgab, sie zu stellen. In
+meinem Innern aber wurden sie zu Quadersteinen eines babylonischen
+Turms, von dem auch ich über die Wolken zu sehen hoffte. Da ich noch zu
+schwach und ungeschickt war, sie ohne Hilfe fest und sicher aufeinander
+zu schichten, brach mein Bau frühzeitig zusammen. Nicht zu neuen Wundern
+hatte er mich emporgeführt, doch meinen Kinderglauben begrub er unter
+seinen Trümmern.
+
+Im mystischen Dunkel der Tempel und Kirchen waltet die Phantasie
+ungestört, die große Bannerträgerin allen Glaubens, und flößt den
+Marmorsteinen der Götter und den Bildern der Heiligen rotes, warmes
+Leben ein. Dringt aber Licht und Lärm durch zerrissene Vorhänge und
+zerbrochene Scheiben, so wandeln sie sich wieder zu toten Gebilden von
+Menschenhand. Die Phantasie aber baut in stillen Winkeln neue Tempel für
+die glaubensdurstigen Kinderseelen, die Denker und Dichter noch nicht
+sind, oder niemals werden können.
+
+Einmal, nach der Rückkehr von einer längeren Sommerreise, führte mich
+mein Vater mit besondrer Feierlichkeit in unsre Wohnung. Hatte ich
+bisher ein Zimmer neben der Schlafstube der Eltern bewohnt, in dem sich
+tags über meist auch die Jungfer aufzuhalten pflegte, so öffnete er mir
+jetzt die Tür zu einem bis dahin unbenutzten Raum. »Das ist dein Reich,
+mein Kind,« sagte er. Ich konnte das Glück kaum fassen: ein eignes
+Zimmer! Dieser Traum jedes zu selbständigem Leben reifenden
+Menschenkindes sollte mir so wundersam in Erfüllung gehen! Keine
+rasselnde Nähmaschine durfte mich hier mehr stören, niemand konnte mir
+den Platz am eignen Schreibtisch streitig machen! Nur das alte braune
+Sofa erinnerte trotz seines neuen blau-weißen Kleides noch an die
+Kinderstube. Die erste Nacht unter dem schneeigen Betthimmel und der
+roten Ampel fand ich keinen Schlaf: mein Zimmer, und doch -- das
+allereigenste fehlte ihm noch, das geheimnisvolle, das niemand sehen
+durfte als ich allein. Ich richtete mich auf, zündete die Ampel an und
+schlüpfte aus dem Bett. Bunte Seidenreste und einen großen gelben Schal
+holte ich aus meinem Wäscheschränkchen und kauerte damit am Fenster
+nieder, wo zwischen dem Sofa und der Wand eine Ecke leer war. Mit Nadeln
+und Reißnägeln spannte ich den gelben Schal wie ein Zeltdach zwischen
+der hohen Seitenlehne des Sofas und der Fensterwand, fütterte die Wände
+innen mit rotem Atlas und breitete himmelblauen Sammet als Teppich auf
+dem Boden aus. Einen weißen, mit Blumen bemalten Kasten stellte ich wie
+einen Altar in die Mitte, bunte Kerzen von meinem Geburtstagskuchen
+befestigte ich ringsum, und eine kleine Schale von Malachit, mit
+Rosenblättern gefüllt, legte ich als Opferstein davor. Nur der Gott
+fehlte noch, dem der Weihrauch duften sollte. Leise, mit angehaltnem
+Atem, schlich ich zum Eßzimmer hinüber, holte vom Ofensims die kleine
+Statuette des Apoll vom Belvedere und erhob ihn zum Heiligen meines
+farbenglühenden Tempels. Tief mußt ich mich neigen, um hineinzusehen;
+aber daß ich fast die Erde mit den Lippen berührte, entsprach nur meiner
+feierlichen Andacht. »Baldur« nannte ich den Apollo, denn die Götterwelt
+der Germanen war mir vor allem vertraut geworden, und mit einer ersten
+instinktiven Auflehnung gegen die Schmerzensgestalt des Gekreuzigten
+betete ich den blühenden Gott des steigenden Lichtes an.
+
+Kindisch mags denen erscheinen, die nichts wissen von den Tiefen der
+Kindesseele, ich aber weiß, daß keines gläubigen Christen Frömmigkeit
+inniger sein konnte als die, die mich erfüllte, wenn ich vor dem
+selbstgeschaffnen Heiligtum in die Knie sank.
+
+Meiner Mutter erzählte ich herzklopfend, daß ich den Apollo »zerbrochen«
+hätte, und bat sie, wie alle Hausbewohner, die mit einem dunkeln Tuch
+sorgfältig verhüllte Ecke meines Zimmers nicht zu untersuchen, der
+»Weihnachtsüberraschungen« wegen, die ich dort verwahrt hätte. Als aber
+Weihnachten vorüber war, machte ich keinerlei Anstalten, meinen
+geheimnisvollen Bau dem Besen und dem Scheuertuch zu opfern. Heimlich
+kaufte ich mir Blumen, um ihn stets frisch zu schmücken, und eine kleine
+ewige Lampe, an deren Brennen und Erlöschen sich allmählich allerlei
+abergläubische Vorstellungen knüpften, und Räucherkerzchen, die
+allabendlich den Gott auf dem Altar in bläuliche Wolken hüllten. Schon
+oft hatte Mama mich gemahnt, das »unnütze Zeug« fort zu räumen;
+schließlich, als ich eines Morgens von der Klavierstunde kam, trat sie
+mir mit hochrotem Gesicht entgegen. »Wirst du dir denn nie das Lügen
+abgewöhnen?!« rief sie und zog mich in mein Zimmer. Mein Tempel war
+verschwunden, in wirrem Durcheinander lagen Stoffe und Blumen, Lichter
+und Räucherwerk auf dem Tisch, erloschen stand das Lämpchen neben
+Baldur-Apoll. »Weißt du, wie man das nennt, wenn man sich fremdes
+Eigentum aneignet?!« Vor diesen Worten wich die Erstarrung des ersten
+Entsetzens von mir. Aufschreiend warf ich mich vor meinem Bett in die
+Kniee; meine Glieder flogen, und mein Herz klopfte, als wollte es mir
+die Brust zersprengen. Meine Mutter hielt diesen Ausbruch der
+Verzweiflung offenbar für Reue. »Na, beruhige dich, Alixchen,« sagte
+sie, mir die Hand auf den Kopf legend, eine Berührung, die mich zwang,
+ihn nur noch tiefer in die Kissen zu vergraben, »ich will die ganze
+Geschichte noch einmal als bloße Kinderei betrachten. Belügst du mich
+aber noch ein einziges Mal, so muß ich andre Saiten aufziehen.«
+
+Ich baute von nun an keine Tempel mehr. Mein äußeres Leben war das einer
+korrekten Schülerin und wohlerzogenen Tochter. In der schwülen
+Treibhausluft meines Innern aber wucherten die Wunderblumen meiner
+Träume, und berauschend umwehte mich ihr Duft, wenn ich allein war und
+zu mir selber kam. Oft hielt ich mich krampfhaft wach, bis alle
+schliefen, um dann bei der trübe flackernden Kerze noch lange am
+Schreibtisch zu sitzen, wo ich mit glühendem Kopf und frostbebendem
+Körper Verse zu Papier brachte, die nach Freiheit schrieen und nach
+Liebe.
+
+Nur der Unterricht meines Lehrers wirkte noch beruhigend auf die Stürme
+meines Innern und lenkte mein Interesse in andere Bahnen. Die
+Literaturgeschichte besonders fesselte mich mehr und mehr. Sie bestand
+nicht nur aus den Namen der Dichter, den Titeln ihrer Werke und fix und
+fertigen Urteilen über sie, mit denen ausgerüstet unsere Jugend Bildung
+zu heucheln pflegt, sie vermittelte mir vielmehr, soweit es meiner
+geistigen Entwicklung entsprach, die Kenntnis der Werke selbst. In
+kleinen gelben Heftchen brachte sie mir mein Lehrer, der nicht die
+Mittel hatte, kostbarere Ausgaben anzuschaffen. Die nordische und die
+ältere deutsche Literatur, die griechischen und römischen Klassiker
+lernte ich auf diese Weise kennen; mit der Lektüre wuchs mein Verlangen
+nach immer neuen Büchern, und statt des Weihrauchs und der Blumen für
+meinen Tempel kaufte ich mir ein Reklamheft nach dem andern. Nachdem ich
+erst den Katalog in Händen hatte, ließ es mir keine Ruhe mehr: ich mußte
+lesen, lesen -- alles lesen. Was mir der Lehrer empfahl, genügte meinen
+von Neugierde und Wissensdurst aufgepeitschten Wünschen längst nicht
+mehr, noch weniger, was mir die Eltern gaben und erlaubten. In acht
+Tagen pflegte ich meine Weihnachts- und Geburtstagsbücher auszulesen,
+und wenn ich mich auch immer aufs neue in Grubes »Charakterbilder« --
+meine Fundgrube, wie Papa sagte -- und in Gustav Freytags »Bilder aus
+der deutschen Vergangenheit« vertiefte, so füllte das alles die freie
+Zeit doch nicht aus.
+
+Andere Kinder meines Alters spielten; meine Puppen und mein Kochherd
+wurden nur dann der Vergessenheit entrissen, wenn ich Besuch hatte, was
+ich darum zumeist nur als unangenehme Störung empfand. Was hatte ich
+gemeinsames mit den »dummen Schulgöhren«? Ihren Schulklatsch verstand
+ich nicht, und ließ ich mich hinreißen, ihnen meine Interessen zu
+verraten, so lachten sie mich aus. Mama hielt es für ihre Pflicht, mir
+Verkehr mit Altersgenossen zu verschaffen, auch ich empfand ihn nur als
+eine Pflicht, die nach meiner Erfahrung stets das Gegenteil des
+Vergnügens war. Mit in die Höhe gezogenen Beinen in der Sofaecke kauern,
+vertieft in ein Buch, vor dessen Zauber die ganze Welt um mich versank,
+-- diesem Genuß glich kein andrer! Nur die ständige Angst, entdeckt zu
+werden, beeinträchtigte ihn. Denn, was ich las, -- dessen war ich sicher
+--, gehörte nicht zu der erlaubten »Mädchenlektüre«, und doch fühlte ich
+instinktiv, daß es tausendmal wertvoller war als die zuckersüßen
+Backfischgeschichten von Clementine Helm, für die sich meine Freundinnen
+damals begeisterten.
+
+In dem neuen Bezug meines alten Sofas hatte ich eine Naht aufgetrennt;
+hörte ich Schritte draußen, so verschwand mein gelbes Heft in dies
+sichere Versteck, und ich beugte mich rasch andachtsvoll über Webers
+Weltgeschichte, die auf dem Tische bereit lag. Nach und nach wurde das
+gute verschwiegene Möbel meine Schatzkammer. Da lagen sie alle friedlich
+beisammen, deren Gestalten in meinem Hirn und Herzen in tollen Tänzen
+durcheinanderwirbelten: Die Arnim und Brentano, die Hauff und Zschokke,
+die Scott und Bulwer, die Gogol und Turgenjeff. Sie ließen mich nachts
+oft nicht zur Ruhe kommen, und wenn ich schlief, verfolgten sie mich bis
+in meine Träume.
+
+Eines Winterabends war mir der Lesestoff ausgegangen. Meine Eltern
+waren nicht zu Haus; ich konnte unbemerkt zum nächsten Buchhändler
+laufen, um zu holen, wonach ich Verlangen trug. Von E. T. A. Hoffmann
+hatte ich in der Literaturgeschichte gelesen -- »das ist noch nichts für
+dich« war mir geantwortet worden, als ich, in der Meinung, es handle
+sich um Kindermärchen, den Lehrer darum gebeten hatte. Und dies »das ist
+nichts für dich« war mir längst zum Empfehlungsbrief der Bücher
+geworden. Mit »Klein-Zaches« und dem »Goldnen Topf« in der Tasche kam
+ich zurück. Dann fing ich an zu lesen. Mein Abendbrot, das man mir
+brachte, blieb unberührt, die Mahnung der Jungfer, schlafen zu gehen,
+unbeachtet. -- Saß ich nicht selbst unter dem Holunderbusch und sah die
+grüne Schlange, und hörte die klingenden Glöcklein? Grinste mir nicht
+von der Tür her das Bronzegesicht der zauberhaften Äpfelfrau entgegen?
+-- Da öffnete sich die Tür. »Wie, du bist noch nicht im Bett?!« tönte
+mir die Stimme meines Vaters entgegen. »Ich muß wohl eingeschlafen
+sein,« stotterte ich und versteckte hastig mein Buch. »So zieh dich
+rasch aus -- ich werde Mama nichts sagen -- gute Nacht.« Damit schloß er
+die Türe wieder. Ich löschte die Lampe und kroch mit den Kleidern ins
+Bett; als Mama leise eintrat, glaubte sie mich schlafend. Und dann las
+ich weiter: von Klein-Zaches mit den drei goldnen Haaren, von der
+Nachtigall und der Purpurrose, von der Lotosblume und dem Goldkäfer. Es
+ließ mich nicht los, bis ich zu Ende war, und ich lebte von da an in der
+Welt Hoffmanns, so daß mir jede Berührung der Wirklichkeit weh tat, wie
+ein Nadelstich. Schwerer als je wurde mir jetzt der Unterricht, der mir
+schon immer qualvoll gewesen war: die Musikstunde. Ich liebte die Musik;
+durch Hoffmann erschien sie mir wie ein Himmelszauber; -- schon als
+kleines Kind konnte ich stundenlang still zuhören, wenn jemand sang oder
+spielte, -- meine eigne Klimperei, bei der ich nie über den Kampf mit
+der Technik hinauskam und vor Noten und Vorsatzzeichen von der Musik
+nichts hörte, wurde mir immer unerträglicher. Vergebens bat ich Mama,
+mich meiner offenbaren Talentlosigkeit wegen davon zu befreien --
+Klavierspielen gehörte zur guten Erziehung, also bliebs dabei. Ich
+suchte mir selbst einen Ausweg: statt zur Lehrerin, ging ich spazieren,
+oder ich entschuldigte mich mit »Kopfweh«. Um niemanden von den Meinen
+zu begegnen, mußt ich dann freilich abgelegene Wege suchen.
+
+In einem regenreichen Frühjahr des Jahres 1877 war der polnische
+Stadtteil Posens, wo die Ärmsten wohnten -- die Walischei -- durch die
+aus den Ufern tretende Warthe vollkommen unter Wasser gesetzt
+worden. Krankheit und Not nahmen überhand, so daß auch in den
+Gesellschaftskreisen meiner Eltern auf dem üblichen Wege der
+Wohltätigkeitsvorstellungen Hilfe geschaffen werden sollte. Ich wirkte
+nicht mit, wie früher in Karlsruhe, -- mit dem langen, dünnen, blassen
+Mädchen war wohl kein Staat zu machen --, aber den Proben und
+Aufführungen wohnte ich bei, weil meine Mutter zu den Hauptdarstellern
+gehörte. Da erfuhr ich denn mancherlei von den Unglücklichen, denen der
+Ertrag dieser Eitelkeitsparaden zugute kommen sollte. Armut -- was wußte
+ich von ihr? Sie hatte mich bis zu Tränen erschüttert, als sie mir in
+den hungernden Sklaven Roms zur Zeit Neros, in den um Brot schreienden
+Weibern von Paris zu Beginn der großen Revolution, in den
+Jammergestalten der schlesischen Weber in den Elendsjahren Preußens
+entgegengetreten war. Aber jetzt, in der Herrlichkeit des Deutschen
+Reichs, unter dem Zepter des guten alten Kaisers -- jetzt gab es doch
+keine Armut mehr! Daß uns gegenüber in der polnischen Kneipe Tag für Tag
+Betrunkene vor der Türe saßen, daß selbst Weiber im Rausch in den
+Rinnstein fielen, erregte nur meinen Ekel, nicht mein Mitleid. Ihr
+Laster wars ja und nicht ihr Elend, dem sie verfallen waren. Ich
+beschloß, die Armut, die ich nicht kannte, zu suchen; und die Angst, die
+mich angesichts des Abenteuers zittern ließ, erhöhte noch die Romantik
+meines Unternehmens. All die phantastischen Irrwege der Helden
+Hoffmannscher Erzählungen standen mir lockend vor Augen.
+
+Es war ein naßkalter Märzmorgen, als ich, mit der Musikmappe am Arm,
+über den Wilhelmsplatz zum Markt hinunterging. Ein bekanntes Gesicht
+trieb mich in den dunkeln Dom, wo mir eine schwere Wolke von
+verbrauchter Winterluft, von Menschendunst und Weihrauch entgegenschlug.
+Die Tapsen vieler schmutziger Füße hatten den Boden mit einer schwarzen
+klebrigen Schicht überzogen. Von ein paar dicken Altarkerzen flackerte
+das Licht bläulich in den Raum, und die Züge des Priesters, der mit
+heiserem Krächzen in der Stimme die Messe zelebrierte, erschienen fahl,
+wie die eines Toten. Von unbestimmten Grauen getrieben, lief ich der
+nächsten Türe zu; kurz vorher aber glitt ich aus und fiel auf die
+Fliesen. Der zähe Schmutz blieb an Händen und Knien kleben, mühsam nur,
+unter aufsteigender Übelkeit, rieb ich ihn ab. Ein böser Anfang! dachte
+ich, als ich durch immer engere und dunklere Straßen meinem Ziele
+zustrebte. Schon sah ich hie und da, wie das Wasser aus den Kellern
+gepumpt und mit Eimern heraufgetragen wurde; dann wurden die Häuser
+immer kleiner, so daß die Dächer fast mit den Händen zu fassen waren,
+und über immer breitere Wasserrinnen vermittelten primitive Brücken den
+Übergang. In den tiefer gelegenen Gassen stand das Wasser so hoch, daß
+Flöße aus Brettern die Passanten hin und her führten. Auf den
+schwarzgelben Fluten schwammen Küchenabfälle, zerbrochene Töpfe,
+übelriechende Kehrichthaufen, in denen dürftig gekleidete Kinder, oft
+bis zu den Knieen im Wasser watend, mit schmutzigen Fingern nach
+Spielzeug suchten. Mir wars, als stiege eine Kälte an mir empor, mich
+umwindend wie eine graue, feuchte Schlange. Der gellende Ton eines
+Glöckchens ließ mich zur Seite sehen: ein Chorknabe schwang es, dem der
+Geistliche folgte. Vor der Tür des grellgelben Häuschens, hinter der sie
+verschwanden, drängten sich Weiber und Kinder, barfüßig, schmutzig,
+zerlumpt; nur ein paar faltige rote Röcke und bunte Kopftücher zeugten
+von einstigen, besseren Zeiten. Ihr Schwatzen wurde allmählich zum
+Gekreisch, ihre Gebärden machten, je lebhafter sie wurden, den Eindruck
+konvulsivischer Zuckungen; aus allen Häusern der Straße strömten sie
+zusammen, -- wie war es nur möglich, daß ihrer so viele darinnen wohnen
+konnten?! Angstvoll hatte ich mich in einen Torweg verkrochen, als sich
+neben mir eine Tür knarrend öffnete: rückwärts torkelnd, fluchend und
+schimpfend kam ein Mann heraus, eine Flasche als Waffe gegen seine
+Verfolger schwingend. Da klang der gellende Ton des Glöckchens wieder,
+und jeder andere verstummte vor ihm; die schwatzenden Weiber, die
+betrunkenen Männer und die johlenden Kinder sanken in die Kniee, wo
+irgend ein Stein oder eine Stufe aus dem Wasser hervorsah. An ihnen
+vorüber schritt der Gebete murmelnde Priester; schwarz und schwer
+breitete sich sein Talar hinter ihm auf den Fluten aus.
+
+Ein Mann und ein Weib folgten ihm, hager und gebückt alle beide; in
+wirren Strähnen hingen strohgelbe Haare ihr in das von Weinen
+aufgedunsene Gesicht; ihre grauen knochigen Finger umklammerten den
+Griff des schmalen schwarzen Schreines, den sie gemeinsam trugen; ein
+Myrtenkränzlein aus Papier, mit dem Bilde der schwarzen Madonna war sein
+einziger Schmuck. Stumm, wie die beiden, folgte ihnen die Menge, -- ein
+langer Zug des Elends, den der Betrunkene, die leere Flasche zwischen
+den gefalteten Händen, schwankend beschloß. Kein Laut war mehr hörbar,
+als das Plätschern des Wassers zwischen den vielen, vielen Füßen der
+langsam Schreitenden.
+
+Wie aus bösem Traum erwachend, fuhr ich zusammen. An der weit offnen Tür
+des Hauses, aus dem der Sarg getragen worden war, mußt ich vorüber. Es
+war ganz dunkel darin, und doch sah ich, daß etwas am Boden hockte und
+mich anstarrte mit großen, leeren Augen, -- die Armut. -- So rasch meine
+zitternden Beine mich tragen konnten, entfloh ich. Frostgeschüttelt warf
+ich mich zu Hause auf mein Bett. Am nächsten Morgen erkannte ich
+niemanden mehr.
+
+Viele Wochen schwebte ich zwischen Tod und Leben. Noch Jahre darnach
+konnte ich mich nicht ohne Entsetzen der wilden Fieberträume erinnern,
+die mich damals gepeinigt hatten. Den Dom sah ich, und der Priester am
+Altar war ein Gerippe, und in den unergründlich tiefen schwarzen Schlamm
+des Bodens zogen mich lauter schmutzige Knochenhände; -- durch gelbe
+Fluten lief ich atemlos, hinter mir endlose Scharen von Männern und
+Weibern, denen Hunger, Betrunkenheit, Mordlust aus den rot unterlaufenen
+Augen glühte. Dazwischen tanzte Klein-Zaches auf der Bettdecke und
+bohrte mir seinen winzigen Degen ins Gehirn, und Serpentine mit den
+großen blauen Augen ringelte sich erstickend um meinen Hals.
+
+»Wie kommt sie nur zu solchen Phantasien?« hörte ich dazwischen meine
+Mutter sagen, die in aufopfernder Pflichterfüllung nicht von meinem
+Lager wich.
+
+»Wie ists nur möglich, daß die Malaria sie packen konnte?« sagte wohl
+auch der Arzt, der dem mörderischen Sumpffieber nur unten bei den
+Überschwemmten begegnet war.
+
+Ich schwieg, viel zu müde, viel zu apathisch zum Sprechen; denn einer
+großen Schwäche machte das Fieber Platz. Ich glaubte fest an meinen
+baldigen Tod, wunschlos, widerstandslos. Auch durch meiner Mutter
+gleichmäßig-freundliches Lächeln, das so beruhigend auf einen Kranken
+wirken konnte, wollte ich mich nicht täuschen lassen. Die Angst, die
+sich in meines Vaters Zügen malte, wenn er an mein Bett trat, schien mir
+mehr der Wahrheit zu entsprechen.
+
+Und doch erholte ich mich, und langsam, ganz langsam kam mit der
+wachsenden Kraft die Freude am Leben wieder. Als ob er mir Dank schuldig
+wäre, weil ich lebte, so überschüttete mich mein Vater nun mit
+Geschenken: erwartungsvoll sah ich schon nach der Tür, wenn ich mittags
+den Schritt des Heimkehrenden hörte; Bücher, Blumen, Obst, Bonbons, --
+irgend etwas brachte er mir täglich. Wie gut waren überhaupt die
+Menschen, sie kümmerten sich alle um mich: jeden Tag hatte mein Lehrer
+den Arzt vor dem Hause erwartet, um direkte Nachricht zu haben, und
+jetzt schickte er mir seine schönsten Bücher; kein Regiment in der Stadt
+gab es, dessen Musikkorps der Genesenden nicht ein Ständchen gebracht
+hätte, und der gute alte General Kirchbach kam selbst in mein
+Krankenzimmer, um mir eine -- Puppe auf die Kissen zu legen.
+
+»Mit der Puppe, Mama, soll mal mein Töchterchen spielen!« sagte ich
+lächelnd, als er weg war, -- denn mit dem Spielen war es für mich
+endgültig vorbei.
+
+Nach drei Monaten sollte ich aufstehen; als ich mich grade erheben
+wollte und, von heftigem Schwindel gepackt, nach dem Bettpfosten griff,
+sah ich Blut auf dem Laken. Ich erschrak, denn ich wollte gesund sein.
+Aber schon hatte der Arzt mich umfaßt und sanft in die Kissen
+zurückgedrückt. Er lachte: »Also so stehts mit dem kleinen Fräulein! Die
+Kinderschuhe hat es richtig ausgetreten.« Verständnislos sah ich die
+Mutter an, der das Blut in die Schläfen gestiegen war. »Alles Nötige
+werden Sie Ihrer Tochter erklären,« damit wandte er sich zum Gehen. »Sie
+ist erst zwölf Jahre, Herr Doktor --« entgegnete sie zögernd. »Tut
+nichts -- tut nichts -- so schwere Krankheiten bedeuten immer eine
+große Umwälzung«; er drückte mir nochmals die Hand: »Nun stehen wir
+hübsch ein paar Tage später auf.«
+
+»Du brauchst dich nicht zu ängstigen, Alixchen,« damit wandte Mama sich
+mir wieder zu, als er fort war, und erklärte mir mit wenig Worten meinen
+Zustand. Ein Gefühl des Stolzes erfüllte mich: nun war ich also wirklich
+kein Kind mehr, -- und meine Träume suchten die Zukunft: so kam denn
+endlich das Leben, das lockende, zauberreiche!
+
+Während meiner Krankheit hatte ich mich so sehr gestreckt, daß kein
+Kleid mir mehr paßte. In den Wochen, die ich noch zwischen Bett und Sofa
+verlebte, trug ich meiner Mutter schleppende Schlafröcke, was mir sehr
+gefiel. Mein Bild im Spiegel, das mir so lange gleichgültig gewesen war,
+suchte ich wieder; und so blaß und so schlank ich auch war, es gefiel
+mir nicht übel: die großen dunkeln Augen, die schwarzen Locken über der
+weißen Stirn, die schmalen Hände mit den rosigen Fingerspitzen, -- wer
+weiß, ob nicht doch noch etwas aus mir werden konnte!
+
+Als wir mit unsern Koffern zum Bahnhof fuhren, von wo der Zug uns wieder
+gen Süden tragen sollte, hatte ich kein einziges verbotenes Buch mit
+durchzuschmuggeln versucht; mich verlangte es nicht, zu lesen, denn
+leben -- leben und genießen -- wollte ich!
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Nach monatelangem Aufenthalt in den Bergen kehrten wir heim. Der Wind,
+der um den weißen Schaum der Gießbäche und über das blauschimmernde
+Firneis fegt, bringt soviel frische Kühle zu Tal, daß krankhafte
+Fieberhitze ihm nimmer stand hält; und der friedliche Klang der
+Herdenglocken und das nächtliche Zirpen der Grillen im Gras zaubert den
+ruhigen Schlaf zurück, auch wenn er noch so lange untreu war. Ein
+überraschtes »Aber, Alixchen!« von einem strahlenden Lächeln begleitet,
+war alles, was mein Vater zu sagen vermochte, als er uns in Posen wieder
+in Empfang nahm. Am nächsten Tage besuchten uns Verwandte, die dorthin
+versetzt worden waren; meine Kusine, die so alt war wie ich, ein kleines
+unansehnliches Geschöpfchen im kurzen Kinderkleid, sah staunend zu mir
+empor und sagte: »Du bist ja ein Fräulein!« Bald darauf kam mein Lehrer.
+Wortlos blieb er einen Augenblick an der Türe stehen. »Wie -- wie geht
+es -- Ihnen?« kam es dann zögernd über seine Lippen. Noch nie hatte er
+mich bis dahin »Sie« genannt! Der Sepp von Grainau fiel mir ein, den ich
+in diesem Sommer nur mit Mühe dazu gebracht hatte, bei dem gewohnten
+»Du« zu bleiben, und der Hans Guntersberg, der wieder in Garmisch
+gewesen war, und dessen huldigende Gedichte mir nur darum keinen
+Eindruck machten, weil ich die unreine Haut und die Schweißhände ihres
+Verfassers nicht vergessen konnte.
+
+Ich war wirklich kein Kind mehr! Stillschweigend packte ich all mein
+Spielzeug in einen großen Korb und ließ ihn auf den Boden schaffen.
+
+Die neugewonnene Lebenskraft war wie ein Motor, der das ganze Räderwerk
+der Maschine auf einmal in Bewegung setzt: mit Feuereifer stürzte ich
+mich über meine Studien; dabei galt mir jeder Tag für verloren, an dem
+ich nicht ein Gedicht gemacht oder an irgend einem meiner Dramenentwürfe
+gearbeitet hätte, zugleich aber schmückte ich mich mit Vergnügen für die
+Tanzstunde, und genoß die Erlaubnis, an der Geselligkeit im Hause der
+Eltern teilzunehmen, mit vollen Zügen...
+
+Da liegen sie vor mir mit vergilbtem Umschlag und verblaßter Schrift,
+die alten Aufsatzhefte jener Tage, in denen ich vom Lehrer gestellte
+oder selbstgewählte Themen behandelte: kindischer Unsinn und frühreife
+Weisheit in buntem Gemisch. Daß meine Ansichten denen des Lehrers oft
+widersprachen, beweisen seine kritischen Randbemerkungen; trotzdem
+findet sich meist ein »Gut« oder »Recht gut« darunter, -- als ein
+Zeugnis für seine Objektivität mehr als für die Richtigkeit meiner
+Auffassungen. Meine Frondeurnatur, die mich dazu trieb, allem, was ich
+hörte, zunächst einmal meinen Widerspruch entgegenzusetzen, zeigt sich
+fast in jeder dieser Arbeiten. Während mein Lehrer z. B. Schiller über
+alles liebte, pries ich Goethe; so heißt es in einem Aufsatz über die
+Balladen der beiden Dichter: »Goethe ist ein Naturdichter, das heißt
+ein Dichter von Gottes Gnaden. Daß das Werk, welches er schafft, ein
+Kunstwerk sein wird, ist ihm die Hauptsache. Schiller dagegen ist von
+andrer Art, denn ihm ist das Werk nur ein Mittel zum Moralpredigen,« --
+hier steh ein »Oh!!« des Lehrers daneben -- »das sieht man an allen
+seinen Balladen, denen alle möglichen Lehren zugrunde liegen: Der Gang
+nach dem Eisenhammer lehrt, daß Gott die Unschuld beschützt; der Kampf
+mit dem Drachen, daß der Sieg über sich selbst größer ist als der über
+das Ungeheuer; die Bürgschaft und Ritter Toggenburg zeigen den Wert der
+Treue, und die Glocke ist fast ganz ein Lehrgedicht. Vergleichen wir
+damit Goethes Erlkönig, der nicht einen reflektierenden Gedanken
+enthält, aber den Hergang so plastisch malt, daß wir ihn mit erleben,
+oder seine prachtvollste Ballade, Die Braut von Korinth, woraus uns der
+vernichtende Gegensatz des Heidentums gegenüber dem Christentum deutlich
+entgegentritt,« hier steht ein Fragezeichen, »so sehen wir ein, daß
+Goethe mehr ein Dichter und Schiller mehr ein Prediger ist.« -- An einer
+andren Stelle sage ich über den Meistersang, den mein Lehrer sehr
+schätzte: »Er war trocken und langweilig und zeigte deutlich den
+Gegensatz des braven, aber engherzigen Handwerkertums gegenüber der
+ritterlichen Bildung der Minnesänger«; und über Luther, für den mein
+Lehrer mich trotz aller Mühe nicht erwärmen konnte, heißt es: »Er hat
+das große Verdienst, die Macht des Papsttums gebrochen zu haben, aber
+seine Roheit, sein Unverständnis für die Kunst hat seiner Kirche den
+Charakter des Gewöhnlichen und Nüchtern-Häßlichen aufgeprägt«, --
+daneben steht: »Der Kölner Dom?« »Dürer?« »Bach?« -- In den zahlreichen
+historischen Aufsätzen schwelgte ich förmlich im »Tyrannenhaß«. In einer
+Arbeit von nicht weniger als vierundsechzig Seiten, die die politischen
+Umwälzungen in Europa vom Dreißigjährigen Krieg bis zur französischen
+Revolution zum Gegenstand hatte, suchte ich nachzuweisen, »wohin
+ungerechte Regierung, Volksbedrückung, Verachtung alles Göttlichen führt
+... Schlechte, nur auf ihr Vergnügen bedachte Fürsten, eine verdorbene
+Aristokratie, ein armes, durch übertriebene Aufklärungsschriften
+irregeleitetes Volk standen sich gegenüber. Alles bereitete eine Zeit
+vor, die schrecklich, aber notwendig war.« Unter den Fürsten der Neuzeit
+beehrte ich Friedrich Wilhelm III. mit meinem ganz besondern Zorn, den
+»die Taten seiner Untertanen berühmt gemacht haben, und der sich dadurch
+bei ihnen bedankte, daß er sein Versprechen brach ...« Stein feierte ich
+als den »Retter des Vaterlandes, der in Frieden erreichen wollte, was
+der Zweck der französischen Revolution gewesen war.«
+
+Häufig pflegte mein Vater meine Aufsätze einer Kritik zu unterwerfen,
+die fast immer dem Stil, sehr selten nur der Gesinnung galt. Nach
+rückwärts radikal zu sein, wie sein Töchterchen, sich für vergangene
+Völkerfreiheitskämpfe zu begeistern, sich über die Schandtaten der
+Fürsten, die lange schon moderten, zu entrüsten, widersprach im
+allgemeinen nicht den Ansichten der Offizierskreise, in denen wir
+lebten. Sie befanden sich damals, besonders in der Provinz, in einem
+scharfen Gegensatz zu den Ideen und Gewohnheiten, die an unsern
+Fürstenhöfen herrschten. Der Luxus galt als verächtlich, die Ehrbarkeit
+eines einfachen Familienlebens als größtes Gut. Das persönliche
+Verhältnis, in dem der unbemittelte Linienoffizier noch oft zum Soldaten
+stand, war die Brücke des Verständnisses für viele Wünsche und
+Bedürfnisse des Volks. Mit wieviel Heftigkeit hörte ich oft darüber
+reden, daß es »oben« an der nötigen Sorge für vorhandene Not fehle, daß
+das »Hofgeschmeiß« vor lauter Lustbarkeit die preußische Tradition der
+Pflichterfüllung immer mehr vergesse. Als mein Vater einmal von
+irgendeiner Meldung aus Berlin zurückkam, vermochte kein warnendes »Aber
+Hans!« meiner Mutter, keiner ihrer bedeutungsvollen Seitenblicke auf
+mich seine Empörung zu besänftigen, die sich in drastischen Erzählungen
+über das, was er gehört und gesehen hatte, Luft machte. Der zunehmende
+Einfluß der Finanzkreise, die Demoralisierung der Garde durch ihre
+Intimität mit »Theaterprinzessinnen« und ihre Verschwägerung mit
+»Börsenjobbern«, der unpreußische Prunk der Hoffeste, die
+Vetternwirtschaft, wo es sich um Avancements handelte, -- das alles
+wurde immer wieder besprochen, und ein »Da wird noch was Gutes dabei
+herauskommen« blieb der Refrain. Aber Hand in Hand mit dieser abfälligen
+Kritik derer »oben«, ging eine schroffe Verurteilung jeder
+Auflehnungsversuche derer, die »unten« sind. Das patriarchalische
+Verhältnis war das Ideal, was dagegen verstieß, ein Verbrechen. So war
+mein Vater ein grimmiger Feind des großindustriellen Unternehmertums, --
+Worte wie »Ausbeuter« und »Blutsauger« hörte ich oft von ihm --, mit
+derselben Heftigkeit aber verurteilte er die Ausgebeuteten und
+Ausgesogenen, die sich selbst Recht verschaffen wollten. Beide standen
+nach seiner Auffassung auf demselben Standpunkt materiellen
+Lebensgenusses; nur daß die einen ihn besaßen, ihn bis zum letzten
+Tropfen auskosten wollten, die andern mit allen Mitteln um seinen Besitz
+kämpften. Inhalt und Ziel des Lebens war für beide gleich; -- so schien
+es auch mir nach allem, was ich hörte und las, darum habe ich bei all
+meiner Begeisterung für die Freiheitshelden der Geschichte, die
+Sozialdemokraten nicht mit ihnen zu identifizieren vermocht, und meine
+Abneigung stieg zu fanatischem Abscheu, als Kaiser Wilhelm, der für uns
+alle das geweihte Symbol der Einheit und Größe Deutschlands war, von
+Hödel bedroht und von Nobiling verwundet wurde.
+
+Oben auf dem Fort Winiary, wo ein großer schattiger Kasinogarten die
+Posener Offizierskreise im Sommer zu vereinigen pflegte und ich, die
+verwöhnte Tochter des allmächtigen Korpschefs, mit den Erwachsenen
+Krocket und Boccia spielt, saßen wir gerade fröhlich um den Kaffeetisch,
+als ein blutjunger Leutnant atemlos auf uns zugestürzt kam. »Herr
+Oberst, Herr Oberst --« mehr brachte er nicht heraus, die dicken Tränen
+liefen ihm über die Wangen. »Zum Donnerwetter, was gibts denn?«
+herrschte mein Vater ihn an. »Seine Majestät unser allergnädigster
+Kaiser --« er versuchte stramm zu stehen wie zur Meldung, aber die Knien
+zitterten ihm -- »ist -- ist erschossen.« Mit einem wilden Aufschluchzen
+brach er ab. Mein Vater wurde aschfahl. »Das ist nicht wahr,« schrie er.
+Stumm reichte ihm der Unglücksbote ein halb zerknülltes Papier, -- das
+Extrablatt. Aus dem ganzen Garten waren inzwischen die Menschen
+zusammengelaufen, Soldaten und Offiziere, Männer und Frauen, jung und
+alt. Alle weinten. Mein Vater allein stand wie erstarrt zwischen ihnen,
+nur das stahlblaue Funkeln seiner Augen verriet, wie es in ihm aussah.
+Wortlos, von jener gemeinsamen Empfindung getrieben, die uns angesichts
+erschütternder Ereignisse stets beherrscht: daß etwas geschehen müsse --
+irgend etwas, das die gräßliche Spannung löst --, eilten wir alle dem
+Ausgang zu. Als wir uns der Stadt näherten, -- aus den Fenstern der
+ersten Häuser wehten vereinzelt schon schwarze Tücher, vom Turm der
+Garnisonkirche läuteten die Glocken --, und wir die weite Sandfläche des
+in der Sonne glühenden Kanonenplatzes betraten, kam uns ein Mann mit
+einem Stelzbein entgegen, auf dem abgetragnen Arbeitsrock ein sichtlich
+in aller Eile befestigtes eisernes Kreuz. »Der Kaiser lebt, der Kaiser
+lebt,« rief er, eine neue Depesche hochhaltend. Wir hatten das Neue,
+Überraschende noch kaum gefaßt, als er seinen schäbigen Hut zwischen die
+harten Fäuste preßte: »Lieber Vater im Himmel«, -- alle Mützen flogen
+von den Köpfen, alle Hände falteten sich --, »schütze unsern guten
+Kaiser!«
+
+Mein Vater war in jenen Tagen in unbeschreiblicher Aufregung; mitten im
+Gespräch oder bei der Lektüre konnte er auffahren und zähneknirschend
+murmeln: »Aufhängen soll man die Kerle -- einen neben den andern!« Ich
+aber verkroch mich in mein Zimmer und versuchte die große Erschütterung
+dadurch zu bemeistern, daß ich sie in Worte faßte. In Versen und in
+Prosa brachte ich meine Empfindungen zu Papier, und eines Morgens legte
+ich meinem Vater das Niedergeschriebene auf den Schreibtisch. Seine
+Freude war so groß, daß er es kopieren ließ und Bekannten und Freunden
+zeigte; auch mein Lehrer, der entzückt schien, verbreitete es. Wenn auf
+einen Punkt konzentrierte, fieberhaft gesteigerte Empfindungen die
+Massen beherrschen, so wird von ihnen stets begrüßt, was diesen Gefühlen
+Ausdruck verleiht. So kommts, daß oft künstlerisch Wertloses in
+aufgeregten Zeiten Bedeutung erlangt; so kam es wohl auch, daß meine
+Verse mich über den engern Kreis der Freunde hinaus bekannt machten.
+Begegnete man mir schon anders als sonst dreizehnjährigen Mädchen, weil
+ich erwachsen aussah und hübsch und meines Vaters Tochter war, so umgab
+man mich jetzt mit einer Treibhausluft, in der Eitelkeit und Hochmut wie
+Tropenpflanzen wuchern konnten. In der Tanzstunde, die ich besuchte,
+nahm ich die Huldigungen der Gymnasiasten entgegen, die nicht nur meiner
+frischen Jugend galten, sondern auch den literarischen Leistungen, die,
+wie ich erfuhr, in Gestalt meiner Aufsätze durch meinen Lehrer in der
+Klasse bekannt wurden. In den häuslichen Gesellschaften und auf dem Fort
+Winiary suchten die jungen Offiziere die Unterhaltung des
+»interessanten« Backfischs, und meine einzige Freundin Mathilde -- jenes
+blasse Kusinchen, das mich bei der Heimkehr begrüßt hatte, -- war eine
+Bewunderung für mich. Meine Mutter war die einzige, die ernüchternd
+wirken wollte. Da sie aber meine Interessen in Bausch und Bogen als
+»dummes Zeug« bezeichnete und die Methode hatte, jede, auch die reinste
+Flamme meiner Begeisterung mit dem kalten Wasser ihrer sarkastischen
+Kritik zu begießen, so erreichte sie das Gegenteil von dem, was sie
+bezweckte, und entfremdete mich ihr dadurch vollkommen. So allein wurde
+es möglich, daß sie ahnungslos neben mir hergehen konnte, als die
+schwersten körperlichen und geistigen Kämpfe mich zu vernichten
+drohten.
+
+Seit meiner Krankheit hatte ich allerlei Beschwerden, die sich von Jahr
+zu Jahr steigerten. Blutwallungen, die mir den Kopf zu sprengen drohten
+und den Herzschlag bis in die Kehle hinauf trieben, hatten mich schon in
+Grainau gequält. Instinktiv war ich dann auf die Berge gelaufen, oder
+war beim ersten Morgengrauen heimlich im eisigen Wasser des Rosensees
+untergetaucht. In Posen aber war ich fast immer zu Haus; die kleinen
+Spaziergänge, das in Rücksicht auf meinen stets empfindlichen Hals nur
+bei Sonnenschein und Windstille gestattete Schlittschuhlaufen halfen mir
+natürlich nichts; turnen durfte ich nicht, weil das -- wie Mama sagte --
+die Hände breit macht; und die Tanzstunde mit der guten Bowle, an der es
+nie fehlte, steigerte nur das Quälende meines Zustands. Etwas Heißes,
+Dunkles beherrschte mich mehr und mehr; abends, wenn ich schlafen
+wollte, flogen Glutwellen über meinen Körper. Meine tobenden
+Freiheitsgesänge machten Liebesliedern Platz, die ich aus Scham und
+Furcht zu tiefst in meinem Schreibtisch versteckte. Ihr Gegenstand war
+zuerst ein Phantasiegebilde, ein erlösender Lohengrin, wie in meiner
+frühen Kindheit, bald aber wurden es Menschen von Fleisch und Blut.
+Nicht aus der Schar meiner Tanzstundenfreunde wählte ich sie, sondern
+aus dem Bekanntenkreise meiner Eltern. Die Schönheit gab dabei allein
+den Ausschlag, mit allem übrigen -- dem Glanz der Geburt, dem
+überragenden Geist und der Güte des Herzens -- schmückte sie meine
+Phantasie verschwenderisch. Ganze Romane erlebte ich in wachen Träumen;
+alle Stadien der Leidenschaft empfand ich: Abschied und Wiedersehen,
+Eifersucht und Untreue, Besitz und Verlust; und mit fieberheißen Händen
+füllte ich Bücher um Bücher mit meinem erträumten Glück und Leid.
+
+Wie sie mich seltsam anmuten, die alten Poesiealbums mit ihren bunten
+geschmacklosen Einbänden: Asche, die von verpufftem Feuerwerk stammt.
+Der Schmerz bildet überall den Grundakkord, die Qual der Verlassenheit
+kommt immer wieder zum Ausdruck, und der Wunsch, zu sterben, steigert
+sich oft zu brennendem Verlangen nach dem Tod:
+
+ Einstmals blühtest du wunderbar,
+ Rose, du prächtige, süße,
+ Sandtest zum Himmel blau und klar
+ Duftend-berauschende Grüße.
+
+ Einstmals füllte der Liebe Macht
+ Mich mit Wonnen und Schmerzen,
+ Und es strahlte des Lenzes Pracht
+ Wider in meinem Herzen.
+
+ Jetzt ist die Rose verwelkt, verweht,
+ Herbstlich umbraust mich das Wetter;
+ Eines nur blieb, das den Sturm besteht:
+ Dornen und dürre Blätter.
+
+ * * * * *
+
+ Im dunklen Buchengang
+ Zur schönen Frühlingszeit
+ Hast du mich heiß geküßt
+ Voll Liebesseligkeit.
+
+ Im dunklen Buchengang
+ Fielen die Blätter ab,
+ Als ich zum Abschied dir
+ Weinend die Hände gab.
+
+ Im dunklen Buchengang
+ Liegt unter Eis und Schnee,
+ Begraben all mein Glück --
+ Wach blieb mein Weh.
+
+ * * * * *
+
+ Ich möchte zu Roß durch die Wälder jagen,
+ Ich möchte, der Meersturm umbrauste mich,
+ Ich möchte jauchzen und schluchzend klagen,
+ Zu deinen Füßen, ach, stürbe ich!
+
+ Ich möchte entfliehen und dich vergessen,
+ Den Lippen fluchen, die ich dir bot.
+ Ich möchte noch einmal ans Herz dich pressen,
+ Und dann umarmen den Bräut'gam Tod.
+
+ * * * * *
+
+In artigen Reimen mit wohlerzogenen Gefühlen stellte ich zu gleicher
+Zeit meine arme Muse zu allen Festtagen in den Dienst der Familie und
+nahm für mein »hübsches Talent« die allgemeine Anerkennung entgegen. Nur
+eine erfuhr zuweilen von den Geheimnissen meines Schreibtisches:
+Mathilde, das blasse Kusinchen, die allsonntäglich zu mir kam, und zu
+der ich lief, wenn das Herz mir gar zu voll war. Sie war, als ich sie
+kennen lernte, noch ein Kind ihrem Alter, ihrer geistigen und
+körperlichen Entwicklung nach, und ich hätte sie nicht beachtet, wenn
+sie mir nicht in einem Moment begegnet wäre, wo ich einen Menschen
+brauchte, wie der schmelzende Schnee auf den Bergen ein Bett, in das er
+sich ergießen kann. Ich hatte kein andres Interesse für sie als das, daß
+sie mich aufnahm. Abends in der Dämmerstunde, oder in den Zeiten, wo ich
+zu Bett lag, halb verhüllt von den weißen Vorhängen, während das rote
+Licht der Ampel über mir strahlte, mußte sie bei mir sitzen. Dann
+erzählte ich von meiner Liebe, meiner Sehnsucht. Was ich im Traum
+erlebte, gestaltete sich vor ihr wie Wirklichkeit. Sie glaubte mir
+alles, sie weinte und seufzte mit mir; und je mehr sie es tat, desto
+mehr verwischte sich vor mir selbst Phantasie und Leben, desto mehr
+verirrte ich mich in den Irrgängen meiner Einbildungen.
+
+Um jene Zeit war es, daß meine Mutter eine neue Kammerjungfer
+engagierte, die, im Gegensatz zu der entlassenen, auch mich anzuziehen
+und zu frisieren hatte. Sie war ein hübsches, blondes Ding mit einem
+unschuldigen Madonnengesichtchen, Tochter einer ehrbaren Beamtenwitwe,
+die durch Zimmervermieten ihre große Familie erhielt und ihre Kinder in
+strenger Zucht und Frömmigkeit erzog, weshalb sie meiner Mutter ganz
+besonders empfohlen worden war. Anna -- so hieß unsre neue Hausgenossin
+-- fand besonderes Gefallen an mir und wiederholte mir täglich, wie
+hübsch ich sei, wobei sie es nicht unterließ, jeden einzelnen meiner
+Vorzüge zu preisen und mir alle Mittel anzugeben, um sie ins rechte
+Licht zu setzen. Ich war eitel, aber es war mir von selbst nie
+eingefallen, auf gut sitzende Korsetts, enge Schuhe und feine Strümpfe
+irgend ein Gewicht zu legen. Jetzt wurde ich Annas gelehrige Schülerin,
+und freudeheiß stieg mir das Blut ins Gesicht, wenn sie nicht müde
+wurde, mir zu versichern, daß der und jener mich bewundernd ansähe, daß
+ich die Herzen einmal im Sturm erobern werde. Allmählich nahm sie die
+Gewohnheit an, bei mir zu bleiben, wenn ich nicht schlafen konnte und
+die Eltern nicht zu Hause waren. Flink, wie ihre geschickten Hände die
+Nadel führten, um aus einem scheinbaren Nichts immer noch ein hübsches,
+kokettes Etwas zu machen, war ihre Zunge im Erzählen. Aber sie kannte
+nur ein Thema: Liebesgeschichten, die sie gelesen oder erfahren hatte.
+Von der unnahbaren Höhe ihrer Tugend herab war ihre Entrüstung über das,
+was sie berichtete, eine ganz ehrliche, und doch schwelgte sie mit kaum
+versteckter Lüsternheit in ihren Schilderungen. Und so riß sie nach und
+nach einen Schleier nach dem andern von all den Dingen, die mir trotz
+meiner heimlichen Lektüre doch unbekannt geblieben waren. Schon als Kind
+hatte sie durchs Schlüsselloch die Zimmerherrn ihrer Mutter beobachtet,
+hatte Damen aller Art bei ihnen aus und ein gehen sehen. Sie selbst, --
+das erzählte sie voll Stolz --, war niemals den Verführungskünsten der
+Herren erlegen, wie die dummen, jungen Dinger, die sie mit aufs Zimmer
+nahmen. Aber all die guten Sachen, den Sekt und die Austern, hatte sie
+servieren helfen und neugierig beobachtet, wie die Mädels sich an Liebe
+und Alkohol berauschten. Freilich -- nachher mußten sie ihre Dummheit
+büßen; denn sobald das Kind da war, ließen die Herren sie laufen. -- Das
+Kind! -- Noch fühle ich, wie etwas Schreckhaft-Geheimnisvolles mir die
+Glieder lähmte, als mir, der Dreizehnjährigen, dies Wort aus Annas Mund
+feuerrot entgegensprang. -- Das Kind! -- An den Storch glaubte ich
+längst nicht mehr, aber wie die Liebe in meinen Augen immer von
+überirdischem Strahlenglanz umgeben erschien, so schwebte um das
+Geheimnis des der Liebe entspringenden Lebens ein mystischer
+Heiligenschein.
+
+Wie Anna mich auslachte, mit einem hellen quiekenden Lachen, als ich
+zögernd meine Unkenntnis gestand! Und wie das junge Ding mit den naiven
+blauen Frageaugen mich aufklärte! -- -- Sie war so vertieft in alle
+Details der Beschreibung, daß sie gar nicht bemerkte, wie das Entsetzen
+mich schüttelte und meine Brust vor verhaltenem Schluchzen flog; das
+fröhliche Kichern, mit dem sie ihre Rede begleitete, verriet ihre Freude
+an ihrem Gegenstand, so daß sie schließlich ratlos und kopfschüttelnd
+vor der Verzweiflung stand, die mich gepackt hatte. »Am Ende« -- so
+mochte sie denken -- »fürchtet sie jetzt schon den Moment des Gebärens,
+dessen Analen ich beschrieb?!« Und mit noch größrer Zungenfertigkeit
+erzählte sie von den Vorsichtigen und Klugen, die sich vor solchen
+Konsequenzen zu hüten verstehen, und von den Dirnen, die in die Gefahr
+gar nicht kommen und von den Männern darum am meisten begehrt werden.
+
+Ich hörte zu weinen auf und horchte hoch auf. O, die Kleine war gut
+orientiert! War sie doch oft genug zu Botengängen benutzt worden und zur
+intimsten Kenntnis des Lebens und Treibens der Halbwelt gelangt! Feine
+Damen gab es darunter, die in Samt und Seide gingen und sich teuer
+bezahlen ließen. »Bezahlen?!« -- ich kämpfte schon wieder mit den
+Tränen. »Liebe bezahlen?!« Anna kicherte: »Liebe! --« und sie verfiel
+wieder in Detailschilderungen. »Pfui! -- Pfui!« schrie ich auf und
+preßte die Hände um den Kopf; mir war, als brächen dröhnend die Mauern
+über mir zusammen. Halb von Sinnen richtete ich mich auf im Bett und
+stieß mit der Faust gegen das Mädchen, so daß es aufheulend vom Stuhle
+fiel.
+
+Mama erkundigte sich am nächsten Morgen teilnehmend um ihr
+geschwollenes Gesicht; sie sprach von »Zahnschmerzen«, ich schwieg.
+Nicht ein Wort von dem, was geschehen war, hätte ich zu sagen vermocht.
+Ich ging umher, und meine Scham war wie ein glühender Mantel, der meinen
+ganzen Körper dicht umschloß. Ich wurde die Bilder nicht los, während
+der Ekel mir die Kehle zukrampfte. Das -- das war Liebe -- Liebe, von
+der ich geträumt hatte, an der alle meine Gedanken sich entzündeten, die
+alle Dichter als das Schönste und Höchste priesen! -- Ich wollte nicht
+mehr daran denken, -- ich wollte nicht. Aber dann stiegen neue Fragen
+auf, und Zweifel, und an leise Hoffnungen klammerten sich die alten
+Ideale. An wen hätte ich mich wenden sollen, als an Anna, vor der die
+Scham am leichtesten überwunden war? »Nur die ganz schlechten, ganz
+gemeinen Männer, nur die Verbrecher sind -- so?« Welch eine Erlösung
+wäre ein Ja gewesen! Aber Anna unterstrich und erläuterte das »Nein«
+doppelt und dreifach. Und nur in ganz hellen, frohen Stunden, -- sie
+waren selten genug --, triumphierte mein Idealismus, und die alte
+Schöpferkraft meiner Phantasie schuf sich reine Lichtgestalten.
+
+Wenn aber nachts mein Herz und mein Blut mir keine Ruhe ließen, so
+verfolgten mich unablässig die gräßlichsten Träume. Verzweifelt kämpfte
+ich dagegen an, -- wie um meiner zu spotten, kamen sie mit doppelter
+Gewalt wieder. Am Tage war ich totmüde, dunkle Ringe umschatteten meine
+Augen, und die Überzeugung meiner abgrundtiefen Schlechtigkeit machte
+mich scheuer und verschlossener noch als vorher. Wenn meine Mutter
+abends an mein Bett trat und, dunkelrot im Gesicht, mit drohender Stimme
+sagte: »Hüte dich vor der geheimen Sünde!« so verstand ich sie zwar gar
+nicht, senkte aber doch schuldbewußt die Augen.
+
+Mehr als je war ich damals mir selbst überlassen, aber nur ein Zufall
+ließ mich erfahren, warum. Das Flüstern um mich her, das vielsagende
+Lächeln, all die weißen Linnenhaufen, die genäht und sorgfältig vor mir
+versteckt wurden, hatten mich schon neugierig gemacht. Daß Mama vielfach
+leidend war, jeder Frage danach aber auswich und tief errötete, wenn sie
+dennoch antworten mußte, erschien mir auch seltsam genug. Ein Satz in
+einem Brief der Großmutter, den man mir achtlos zu lesen gegeben hatte,
+klärte mich auf: Mama war guter Hoffnung. »Guter Hoffnung«, -- beinahe
+komisch kam mir der Ausdruck vor, wenn ich sie beobachtete: ihre
+zusammengezogenen Brauen, ihre aufeinandergepreßten Lippen, die sich
+kaum mehr zu einem Lächeln öffneten, ihr Klagen und Seufzen. Nein, die
+Hoffnung war für sie keine gute. Es schien fast, als schäme sie sich
+ihrer, da sie sie sorgfältig verbarg. Und in Gedanken an Annas
+Erzählungen errötete auch ich, wenn ich in Gegenwart der Eltern daran
+dachte. Sie sprachen niemals von dem, was sich vorbereitete; und erst
+als mein Schwesterchen geboren worden war, wurde mir das Ereignis vom
+Vater angekündigt. Seine rührende Freude wirkte ansteckend auf mich, und
+es gab Stunden, wo der Gedanke an das hülflose kleine Wesen in der Wiege
+wie eine Erlösung über mich kam: hier war eine Aufgabe für mich, die
+mich mir selbst entreißen konnte. Und hielt ich es in den Armen, das
+süße weiße Körperchen, so gingen mir die Augen über vor zärtlicher
+Liebe, und heimlich schwor ich mir zu: dich will ich behüten vor all der
+Qual, die ich erlitt. Aber die polnische Amme, ein leidenschaftliches
+Geschöpf, das mit der angstvollen eifersüchtigen Liebe wilder Tiere an
+dem Säugling hing, als wäre er ihr eignes Kind, tat, was sie konnte, um
+mich fernzuhalten; auch meine Mutter schien mich in der Kinderstube
+ungern zu sehen, und so ging ich bald wieder meine einsamen äußeren und
+inneren Wege.
+
+Eines Tages, als ich verspätet wie immer an den Frühstückstisch trat, --
+ich pflegte erst gegen Morgen tief und ruhig zu schlafen --, belehrte
+mich ein Blick auf die Eltern, daß sie eine heftige Auseinandersetzung
+gehabt hatten. Das war mir zwar nichts Neues, denn Mama sah neuerdings
+häufig verweint aus, und Papa wurde beim kleinsten Anlaß heftiger denn
+je, -- an der kurzen Begrüßung merkte ich aber, daß ich die Ursache
+ihres Streits gewesen sein mußte.
+
+»Da lies!« sagte mein Vater und reichte mir ein längeres Schreiben mit
+der Unterschrift unseres Garnisonpfarrers. Es lautete:
+
+ Posen, den 6. Januar 1879
+Hochverehrter Herr Oberst!
+
+Sie werden es mir nicht verübeln können, wenn ich als Seelsorger unsrer
+Gemeinde, dem das ewige Heil aller ihrer Glieder am Herzen liegt, im
+Interesse Ihrer Tochter diese Zeilen an Sie richte.
+
+Schon seit längerer Zeit habe ich beobachtet, und aus vielen mir
+zugegangenen Berichten wohlwollender Männer und Frauen schließen
+können, welch ernster Gefahr Alix entgegen geht. Das vielleicht durch
+eine größere geistige Begabung irre geleitete Kind hat viel von jener
+echten jungfräulichen Demut und Bescheidenheit, die der Schmuck jeder
+christlichen Familie ist, verloren, und ihre junge Seele dem Teufel des
+Hochmuts zu überliefern schon begonnen. Ich hätte mich aber trotzdem in
+Ihre Entschlüsse und die Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin noch nicht
+einzumischen gewagt, wenn mir nicht kürzlich eine Mitteilung gemacht
+worden wäre, deren Richtigkeit ich nicht anzweifeln kann. Darnach hat
+Ihre Tochter einem jungen, noch ganz unverdorbenem Mann gegenüber
+erklärt, daß der Opfertod unsers Herrn und Heilandes ihr nicht
+anbetungswürdig erscheine; jeder Mensch würde freudig zu sterben bereit
+sein, wenn er wüßte, daß er dadurch die Menschheit erlösen könne. Für
+einen Gottessohn, der seiner ewigen Seligkeit gewiß sei, wäre dies also
+keine bewundernswürdige Tat. Sie fügte noch hinzu, daß Unzählige aus
+weit geringeren Ursachen ruhig in den Tod gegangen wären.
+
+Es ist mir, Gott sei Lob und Dank, mit des Herrn gnädiger Hilfe
+gelungen, den jungen in seiner christlichen Überzeugung durch Ihre
+Tochter erschütterten Mann auf den Weg des Glaubens zurückzuführen;
+nunmehr aber habe ich die Pflicht, Sie, hochverehrter Herr Oberst,
+inständig zu bitten, Ihr irregeleitetes Kind dem Einfluß eines
+Seelsorgers anzuvertrauen, der diese Menschenblume in das Licht des
+Gotteswortes rückt, und sie von all dem bösen Ungeziefer befreit, das an
+ihr nagt.
+
+Ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich in persönlicher Unterredung
+meinen Rat zu einer Tat werden lassen könnte.
+
+Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Oberst, den Ausdruck meiner
+ausgezeichneten Hochachtung,
+
+ mit der ich verbleibe
+ Ihr ganz ergebener
+ Eberhard
+ Pfarrer
+
+»Nun, was sagst du dazu?« fragte mein Vater, der immer ungeduldiger mit
+den Fingern auf dem Tisch trommelte, so daß Gläser und Tassen klirrten.
+
+»Gemein!« war das einzige, was ich zunächst hervorbringen konnte.
+
+»Genau dasselbe habe ich gesagt!« polterte Papa. »Ein netter
+unverdorbener Jüngling, der mit frommen Augenverdrehen hingeht und meine
+Tochter beim Herrn Oberbonzen verpetzt. Ich hätte Lust, dem Kerl die
+Hosen stramm zu ziehen und dem Eberhard die blauen Flecke als einzige
+Antwort zu zeigen!«
+
+»Du solltest aber doch erst hören, lieber Hans, wie weit Alix schuldig
+ist,« warf Mama erregt ein.
+
+»Ich habe gesagt, was er schreibt, und bin bereit, es ihm ins Gesicht zu
+sagen!« rief ich und warf trotzig den Kopf zurück.
+
+Mama preßte die Lippen zusammen, was ihrem schönen Gesicht etwas
+Grausames gab. »Da hörst du es,« sagte sie; »das sind die Früchte der
+religionslosen Erziehung. Du hast es nicht anders gewollt, und ich habe
+um des lieben Friedens willen nachgegeben. Jetzt aber hab ich genug,
+übergenug davon! Pfarrer Eberhard werde ich antworten.«
+
+Damit ging sie hinaus. Mein Vater sprang wütend auf. Mich packte die
+Angst: nur keine neue Szene! Und all die Sünden fielen mir ein, deren
+ich mich tatsächlich schuldig fühlte. Ich trat Papa in den Weg. »Sei
+nicht böse, bitte, bitte nicht,« bat ich schmeichelnd, »es ist
+vielleicht wirklich das Beste, wenn ich Religionsstunden bekomme. Ich
+bin ja doch bald vierzehn Jahre alt. Und schaden werden sie mir gewiß
+nichts!« Mein Vater, der mit ein wenig Zärtlichkeit gelenkt werden
+konnte wie ein Kind, zog mich gerührt in die Arme, als ich, um meiner
+Bitte Nachdruck zu geben, meine Wange auf seine Hand preßte. »Und der
+Bengel, das schwatzhafte alte Weib?« brummte er noch. »Den strafe ich
+mit Verachtung,« lachte ich.
+
+Meine Mutter trat wieder ein. »Hier ist meine Antwort,« sagte sie: »Sehr
+geehrter Herr Pfarrer! Sie sind unsern Wünschen zuvorgekommen. Die
+rasche Entwicklung unsrer Tochter macht eine frühere Einsegnung nötig,
+als es sonst üblich ist. Wir haben sie daher auf das nächste
+Jahr festgesetzt und bitten Sie, uns mitzuteilen, wann der
+Vorbereitungsunterricht beginnt, zu dem wir Ihnen unsre Alix anvertrauen
+wollen. Auf die Klatscherei des jungen Mannes einzugehen, widerspricht
+unsern elterlichen Empfindungen ...
+
+»Ich habe damit nicht etwa dich, sondern unseren guten Ruf in Schutz
+genommen,« fügte sie rasch, zu mir gewendet hinzu.
+
+Bald darauf begann der Unterricht. Sehr befriedigt, von einer neuen
+frohen Hoffnung erfüllt, kam ich aus der ersten Stunde nach Hause.
+»Meine Türe und mein Herz stehen Euch jederzeit offen,« hatte der
+Pfarrer gesagt, »Ihr könnt mit allem, was Euch bedrückt, mit Euren
+Leiden und Zweifeln zu mir kommen. Ich werde mich immer bemühen, Euch zu
+verstehen und Euch zu helfen.« Die harmlosen Kindergesichter meiner
+Mitschülerinnen -- Offizierstöchter wie ich, die natürlich von den
+übrigen Gemeindekindern gesondert unterrichtet wurden -- legten mir
+unwillkürlich während unseres Zusammenseins bei ihm Schweigen auf. Um so
+häufiger wollte ich allein zu ihm gehen. Herzklopfend trat ich das erste
+Mal bei ihm ein. In vagen Andeutungen, die gewiß nur ein guter und
+gütiger Physiologe hätte verstehen können, sprach ich ihm von den bösen
+Gedanken und häßlichen Phantasien, die ich vergebens zu vertreiben
+versuchte. Ein »hm, hm,« und »so, so« und ein erstauntes Kopfschütteln
+war zunächst die einzige Antwort. In sichtlicher Verlegenheit, die
+Handflächen nervös aneinanderreibend ging er im Zimmer auf und ab, blieb
+abwechselnd vor dem Gummibaum am Fenster, dem Stahlstich des
+Gekreuzigten über seinem Schreibpult und der Sammlung von
+Familienphotographien auf dem Bücherbrett stehen, die er eingehend zu
+betrachten schien, um sich endlich, wie unter dem Einfluß eines raschen
+erleuchtenden Gedankens, mir wieder zuzuwenden. Über den Tisch hinweg
+streckte er mir beide Hände entgegen, fleischige, weiche Hände, die sich
+anfühlten, als hätten sie weder Knochen noch Muskeln. Eine physische
+Abneigung ließ mich zögern, die meinen hineinzulegen. »Nun, mein Kind,«
+sagte er und hob sie auffordernd, »habe Vertrauen zu Deinem Seelsorger!
+Wie ich jetzt Deine Hände fasse,« -- seine runden Finger legten sich um
+die meinen, als wären es lauter nackte, klebrige Schnecken, -- »so wird
+Gott die flehend zu ihm erhobenen Hände deiner Seele ergreifen und dich
+aufrichten vom Staube! Das sind Versuchungen des Bösen, denen du
+ausgesetzt bist. Je mehr dein Glaube lebendig werden wird, je inniger du
+zu beten lernst, desto sicherer wirst du ihn überwinden.« -- Ich zog
+leise meine Hände aus den seinen und rieb sie unter dem Tisch heimlich
+an meinem Kleide ab. Er fing an, mich zu examinieren, ob, wie
+oft und wann ich bete, ob ich zu unserm Herrn und Heiland in
+kindlich-vertrauendem Verhältnis stünde, ob ich fleißig die Bibel läse.
+Nach kurzem Kampfe gegen ein starkes inneres Widerstreben antwortete ich
+ihm, wie es der Wahrheit entsprach, war ich doch zu ihm gekommen,
+beseelt von dem aufrichtigen Wunsch, erlöst zu werden von meinen Qualen,
+getrieben von der Sehnsucht, mir einen neuen, dauernden Tempel bauen zu
+können, wo ich zu einem lebendigen Gott zu beten vermöchte! Er runzelte
+die Stirn, »das ist ja sehr, sehr traurig und unerhört für eine
+christliche Familie!« rief er aus. Ich beeilte mich, die Eltern zu
+verteidigen: »O wir beten immer bei Tisch, Mama liest jeden Morgen eine
+Andacht, und in die Kirche gehen wir auch jeden Sonntag!« -- »Um so
+unbegreiflicher, daß ein so junges Kind, wie du, der Verführung des
+Bösen erliegen konnte.« Ein neuer Gedanke schien ihm durch den Kopf zu
+gehen, scharf sah er zu mir hinüber; »Was liest du denn?« frug er. Ich
+erschrak; sollte ich ihm das Geheimnis meiner schönsten Stunden
+verraten?! Ein tiefes, schmerzliches Aufatmen -- es mußte sein -- mußte
+sein, um meines Heiles willen! Zu jener Zeit hatte ich angefangen, mir
+aus Papas Bücherschrank Goethes Werke zu holen, -- einen Band nach dem
+anderen. Wenn ich mich darin vertiefte, so war ich am sichersten vor mir
+selbst: wie hatte ich mich für Iphigenie begeistert, um Gretchen
+geweint, und Werthers Leiden hatte ich mir gekauft, um sie immer in der
+Tasche tragen zu können. Ich pflegte sie heraus zu ziehen, wie der
+katholische Priester sein Brevier, wenn er sich vor Anfechtungen
+schützen will.
+
+»Das ist ja unerhört, unerhört!« unterbrach der Pfarrer meine Beichte,
+und seine Stimme überschlug sich, wie in der Kirche, sobald er von der
+Fleischeslust sprach. »Da es dein ernster Wille zu sein scheint, dich zu
+bessern,« sagte er dann so laut, als hätte er die Rekruten der ganzen
+Garnison vor sich, »so wirst du tun, was ich von dir verlangen muß:
+du rührst diese verwerflichen Bücher während der Zeit des
+Konfirmandenunterrichts nicht mehr an. Du liest nur, was ich dir gebe.
+Du kommst jedesmal eine Viertelstunde früher zur Stunde zu mir als die
+andern Kinder, damit sie in ihrer Unschuld nicht gefährdet werden.
+Versprichst du mir das?« Ich senkte stumm den Kopf; noch einmal legten
+sich seine Finger um die meinen, dann war ich entlassen. Wie zerschlagen
+schlich ich nach Hause. Aber ich war fest entschlossen, zu tun, was er
+verlangt hatte.
+
+Am nächsten Morgen gab es zu Haus eine böse Szene: Pfarrer Eberhard
+hatte meinen Eltern über meinen Besuch Bericht erstattet und sie
+aufgefordert, sein »schweres Rettungswerk« zu unterstützen. Ich sah
+wohl, daß meines Vaters Zorn sich mehr gegen den Pfarrer, als gegen mich
+richtete, aber wie immer, wenn Mama mit ihrer ganzen Energie auftrat,
+überließ er ihr das Feld, mir nur unter heftigem Händedruck ein
+»verdammte Pfaffen« zuflüsternd. Alle meine Schubfächer wurden
+untersucht, alle Bücher konfisziert, die in die Rubrik: Lehrbücher und
+Backfischliteratur nicht hineinpaßten; der Schlüssel vom Bücherschrank
+wurde abgezogen, -- nur die verborgenen Schätze im Sofa blieben
+unentdeckt. Ich befand mich in einer unbeschreiblichen Aufregung: Der
+erste Mensch, an den ich mich hilfesuchend gewandt, vor dem ich mein
+Inneres enthüllt hatte, wie vor keinem bisher, vertraute mir so wenig,
+daß er mich überwachen ließ wie einen Verbrecher! Auch mit meinem Lehrer
+hatte Mama an demselben Tage eine längere Unterredung, von der er sehr
+rot und verschüchtert zu mir kam. Er umging von da an noch vorsichtiger
+als sonst jede Berührung religiöser Fragen. Er wurde überhaupt immer
+scheuer vor mir und war seltsam zerstreut.
+
+Eine unüberwindbare Bitterkeit ließ diese erste Erfahrung mit dem
+Pfarrer in mir zurück; das persönliche Vertrauen war ein für allemal
+vernichtet, aber ich hoffte trotzdem, daß das, was er lehrte, mir
+Befreiung bringen würde. Und ich klammerte mich an diese Hoffnung. Ich
+las in den Büchern, die er mir gab, und in der Bibel, ich klagte mich
+vor mir selber an, wenn ich eine rechte Andachtsstimmung nicht
+festhalten konnte und immer wieder an den Widersprüchen und
+Unwahrscheinlichkeiten, die mir aufstießen, Anstoß nahm.
+
+War die Bibel von Gott inspiriert, so mußte die Schöpfungsgeschichte
+wahr sein; und war sie es, warum lehrte man uns dann die
+naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse der Gelehrten kennen? Bei
+allen Wundern, an die ich glauben sollte, stießen mir dieselben
+Bedenken auf; und ebensowenig kam ich über die Lehre hinweg, daß der
+Gott der Liebe, der Vater im Himmel mit dem grausamen, rachsüchtigen
+Jehova des Alten Testaments identisch sein sollte. Furchtbarer aber als
+alles bedrückte mich der Zweifel an der Erlösung der Menschheit durch
+Christi Leiden und Sterben. Weder die Sünden noch die Sorgen der
+Menschheit waren seit seinem Tode aus der Welt verschwunden, und jeder
+büßte, -- wie schmerzvoll empfand ich es selbst --, nach wie vor seine
+eigene Schuld. Ich sprach meine Zweifel und Bedenken offen aus -- wir
+waren ja ausdrücklich dazu aufgefordert worden! -- und erwartete
+sehnsüchtig, widerlegt, in unanfechtbarer Weise eines Besseren belehrt
+zu werden. Pfarrer Eberhard wurde immer nervöser, sobald ich den Mund
+auftat, und die andern starrten mich an, und stießen sich kichernd mit
+den Ellbogen, wenn ich eine Frage stellte. Schließlich wurde mir ein für
+allemal verboten, in ihrer Gegenwart meine Gedanken laut werden zu
+lassen; ich benutzte zunächst die Viertelstunde des Alleinseins dazu,
+für die der Pfarrer immer seltener Zeit zu haben vorgab, und besuchte
+ihn schließlich außerhalb der Stunde, wenn meine Zweifel mir gar keine
+Ruhe mehr ließen. Er wurde von einem Mal zum anderen ungeduldiger, und
+warf mir meinen »geistigen Hochmut«, der mich verführe, mit den
+unzulänglichen Mitteln menschlichen Verstandes an göttliche Geheimnisse
+zu rühren, in immer heftigerer Weise vor. Auf all mein Warum? war seine
+Antwort: darüber darf man nicht nachdenken, denn der Glaube allein
+versetzt Berge, der Glaube allein macht selig, und so wir nicht werden
+wie die Kinder, werden wir das Reich Gottes nicht schauen. -- Danach muß
+geistiges Streben, Forschungstrieb, Wissenschaft ein Werk des Teufels
+sein, -- folgerte ich. Unsere Unterhaltungen -- das sah ich endlich ein
+-- waren zwecklos. Ich gab sie auf. In dem Bedürfnis, mich
+auszusprechen, machte ich meine Kusine, die ich schon mit meinen
+Herzensgeschichten aus allem Gleichgewicht gebracht haben mochte, zur
+Vertrauten meiner religiösen Kämpfe. Es waren Monologe, die ich vor ihr
+führte, und ich war so sehr mit mir selbst beschäftigt, daß ich gar
+nicht bemerkte, wie das arme Ding unter mir litt: wie eine Blume war
+sie, die in der Knospe welkt, wenn sie zu früh dem Schutz des Schattens
+und der Kühle entrissen wird.
+
+Zuweilen frug mein Vater mich nach meinen Stunden; er, der menschlicher,
+feiner dachte, und der mich so lieb hatte wie niemand sonst, hätte mir
+vielleicht helfen können, wenn nicht eine tiefe, innere Entfremdung
+zwischen uns eingetreten wäre. Hatte seine aufbrausende Heftigkeit, die
+zwar weniger im Verkehr mit mir, als der Dienerschaft und den
+Untergebenen gegenüber hervortrat, ein inniges Verhältnis zwischen uns
+schon nicht aufkommen lassen -- jedes laute Wort ließ mich erzittern --,
+so machte meine allmähliche Erkenntnis unserer pekuniären Lage, als
+deren Ursache ich ihn allein ansah, mich hart und unnahbar. Ich sah, wie
+oft meine Mutter weinte, wenn unerwartete Rechnungen kamen; ich las in
+den Briefen meiner Großmutter an Mama, die mir zuweilen gegeben wurden,
+zwischen den Zeilen, wie die Geldsorgen auf der ganzen Familie lasteten.
+Ich fing an zu begreifen, warum Mama sich über Geschenke ihres Mannes
+nicht freute, was mir früher so herzlos erschienen war. Es kam vor, daß
+ich ihr darin schon nachahmte, und erst ein Blick auf Papas trauriges
+Gesicht, auf seine vor Enttäuschung zuckenden Lippen, löste meine
+natürliche Freude über hübsche Dinge aus. Mitleid aber ist kein Mittel
+des Vertrauens, besonders nicht bei einem Kinde und einem Weibe; Mitleid
+erhebt über den Bemitleideten; das Kind, wie das Weib, muß emporsehen
+können zu dem Menschen, dem sein ganzes Vertrauen gehören soll. So blieb
+ich allein, auch in diesem, dem schwersten Kampf meiner Kindheit.
+Niemand half mir, selbst Gott nicht, so oft und so verzweifelt ich ihn
+auch anrief.
+
+Um diese Zeit war es, daß meine englische Lehrerin mir von Shelley
+erzählte, der mit sechzehn Jahren schon seiner antichristlichen
+Ansichten wegen von der Schule entfernt worden war, später aus denselben
+Gründen England verlassen mußte und, kaum dreißig Jahre alt, in den
+Wellen des Adriatischen Meeres seinen Tod fand. Sein Schicksal ergriff
+mich tief. Der Überzeugung Stellung, Wohlleben, Familie und Heimat
+opfern, -- das erschien mir stets als ruhmwürdigste Tat.
+
+Mit der Versicherung, daß ich sie doch nicht verstehen würde, gab mir
+die lange, blonde Miß, die für mich bis dahin nur die Verkörperung der
+Grammatik gewesen war, auf mein dringendes Bitten Shelleys Werke.
+
+»Queen Mab« war das erste, was ich aufschlug. In einer Nacht las ich es
+zweimal. Mir war, als wäre ich selbst Janthe, der Geist, dem die
+Feenkönigin des Weltalls wundervolle Pracht, die Schauer der
+Vergangenheit, das Elend der Gegenwart und das verklärte Bild der
+Erdenzukunft zeigte: Ich sah die Reichen schwelgen, die Armen hungern;
+die Toten sah ich auf den Schlachtfeldern, hingemordet um der Ländergier
+der Könige willen, und sah, wie die Menschen einander zerfleischten wie
+wilde Tiere, im Namen ihrer Götter! Und dann verklangen in weiter Ferne
+all die Laute der Qual, das Weinen der Verlassenen, das Stöhnen der
+Hungernden, Verzweiflungsschreie und Todesröcheln. »Die Wirklichkeit des
+Himmels, die selige Erde« zeigte sich, die Welt der Zukunft, wo niemand
+vergebens mehr nach Brot verlangen, niemand nach Erkenntnis verdursten,
+wo die Menschheit sich selbst erlöst haben wird aus der Hölle irdischer
+Verdammnis. »Spirit, behold thy glorious destiny!«, -- rief Mab, die
+Königin, es mir nicht zu? Galt nicht mir ihre Mahnung: Fürchte dich
+nicht! Führe den Krieg gegen Herrschsucht und Falschheit und Not, schlag
+durch die Wildnis den Pfad hinüber in die Welt, die da kommen soll!
+
+Ich empfand Shelleys Atheismus nicht, ich fühlte nur, daß er den Gott
+verleugnete, an den auch ich nicht zu glauben vermochte, und wie eine
+Offenbarung wirkte auf mich sein lebensstarker, hoffnungsreicher
+Idealismus, sein Vertrauen in der Menschen eigene Kraft, sein feuriger
+Appell an die Macht des Willens.
+
+In langen Nächten voll innerer Kämpfe suchte ich mir klar zu werden über
+den Weg, den ich zu gehen hatte, und baute mir langsam, Stein um Stein
+mühselig zusammentragend, die Kirche meiner Religion auf. Ein heißes
+Glücksgefühl erfüllte mich, als ich mein Werk vollendet sah und der
+Entschluß in mir fest stand, mich zu keinem andern Glaubensbekenntnis
+als zu meinem eigenen zwingen zu lassen, -- koste es, was es wolle.
+
+Um die Weihnachtszeit 1879 besuchte ich Pfarrer Eberhard und erklärte
+ihm, daß ich außerstande sei, das Apostolikum vor dem Altar zu
+beschwören, daß er mich daher von der Einsegnung dispensieren möge.
+Zugleich legte ich ihm eine schriftliche Zusammenfassung meiner
+religiösen Ansichten vor, -- ein persönliches Glaubensbekenntnis, das
+jeder der Konfirmanden niederzuschreiben verpflichtet war. Es lautet:
+
+ »'Ich glaube an Gott den Vater, allmächtigen Schöpfer Himmels und der
+ Erden.'
+
+Ich glaube nicht an diesen Gott. Ich glaube nicht, daß er in sechs Tagen
+die Welt geschaffen hat, daß er ihm zum Bilde den Menschen schuf. Ich
+glaube der Wissenschaft mehr als den unbekannten Fabelerzählern des
+Alten Testaments.
+
+ 'Ich glaube an Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn, unsern
+ Herrn, der empfangen ist von dem Heiligen Geiste, geboren von der
+ Jungfrau Maria, gelitten unter Pontio Pilato, gekreuziget, gestorben
+ und begraben, niedergefahren zur Hölle, am dritten Tage auferstanden
+ ist von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur Rechten
+ Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen er kommen wird, zu
+ richten die Lebendigen und die Toten.'
+
+Ich glaube nicht an diesen Christus, denn ich halte es für heidnisch, an
+eine Menschwerdung Gottes zu glauben. Ich glaube weder an seine
+wunderbare Geburt, noch an seine Höllen-, noch an seine Himmelfahrt,
+noch an seine Wunder.
+
+ 'Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige christliche Kirche,
+ die Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung des
+ Fleisches und ein ewiges Leben.'
+
+Ich glaube nicht an diesen Heiligen Geist, ich glaube nicht an eine
+heilige, christliche Kirche, die mordet, brennt, verfolgt, steinigt, die
+Seelen martert, die Wahrheit leugnet. Ich glaube nicht an Vergebung der
+Sünden, weil Sünde sich nur durch bessere Taten vergibt. Ich glaube
+nicht an Auferstehung des Fleisches, denn das ist wissenschaftlich
+unmöglich.
+
+Ich glaube an eine höhere Gewalt, die wir Gott nennen, die der Ursprung
+des ersten Lebens ist, die die Kraft des Werdens in das erste Atom
+gelegt hat. Mein Geist ist ein Teil dieses Gottesgeistes.
+
+Ich glaube an Jesus, als an einen edlen Menschen, der zuerst das Gebot
+der Menschenliebe predigte und danach lebte. Ich glaube, daß er in
+Niedrigkeit geboren wurde, damit wir daran erkennen sollen, daß die
+Geburt nicht den Menschen macht, sondern eigene Arbeit und eigenes
+Streben. Christi Gebot der Menschenliebe wird die nach ihm benannte
+Kirche richten.
+
+Ich glaube an den Geist Gottes, der sich in allem Schönen und Großen
+offenbart, der nach dem Tode des Körpers in andern fortlebt, sei es auf
+oder über der Erde. Die Kirche und ihre Dogmen halte ich für menschliche
+Einrichtungen, denen ein freier Geist sich nicht zu beugen braucht.
+
+Sollte dennoch die mir gelehrte christliche Religion die wahre sein, so
+hoffe ich das mit der Zeit zu erkennen. Wenn es ein Verbrechen ist, daß
+ich mich jetzt von ihr lossage, so scheint es mir ein noch größeres
+Verbrechen zu sein, mich zu ihr zu bekennen, wo mein Herz nichts davon
+weiß.«
+
+Pfarrer Eberhard war zuerst keines Wortes mächtig. Dann aber entlud sich
+sein Zorn schrankenlos über mir. Jede Selbstbeherrschung vergessend,
+schlug er mit Anklagen, Vorwürfen, Drohungen auf mich ein, -- es war wie
+eine Bastonnade! Aber ich ergab mich nicht. Durch Wochen und Monate
+setzte der Kampf zwischen uns sich fort, von dem niemand wußte als wir
+beide. War es Rücksicht, oder war es die Sorge, seine Niederlage
+einzugestehen, -- er weihte diesmal auch meine Eltern nicht ein.
+Zwischen jeder Zusammenkunft sammelte ich mein Rüstzeug aus meinem
+verborgenen Bücherschatz, der um vieles gewachsen war, und grübelte zu
+gleicher Zeit über die Ausführung abenteuerlicher Pläne. Gab der Pfarrer
+nicht nach, so war ich entschlossen, zu fliehen. Um mir das nötige Geld
+zu verschaffen, schickte ich Gedichte und Aufsätze an die
+verschiedensten Zeitschriften -- natürlich vergebens! -- und verkaufte
+in obskuren Läden ein Schmuckstück nach dem anderen. Als ich gerade im
+Begriffe stand, das Kostbarste, -- eine alte Brillantbrosche, die meine
+Großmutter mir einmal geschenkt hatte, -- fortzutragen, hörte ich im
+Vorübergehen einen heftigen Wortwechsel zwischen meinen Eltern.
+Aufhorchend blieb ich stehen: es handelte sich wieder einmal um eine
+unbezahlte Rechnung. Mama schluchzte; Papa rief aufgeregt: »Ich brauche
+mir deine Vorwürfe nicht gefallen zu lassen. Ich saufe nicht, ich rauche
+nicht, ich rühre keine Karte an, ich habe keine Weibergeschichten -- was
+willst du eigentlich von mir?!« -- »Du hast immer zwei Pferde zu viel
+im Stall --« antwortete Mama heftig, »und Alix Privaterziehung, die
+Tausende verschlingt, war auch überflüssig --.« »Laß mir das Kind in
+Frieden!« brauste Papa auf -- »die einzige Freude, die ich habe, laß ich
+mir nicht vergällen -- --.«
+
+Jedes Wort traf mich ins Herz; mir hatten sie so große Opfer gebracht --
+mir, die ich das Schwerste über sie heraufbeschwor; -- ich war meines
+Vaters einzige Freude -- ich, die ihm das Herz brechen wollte! -- Ich
+lief davon, verkaufte mein Schmuckstück und kam hochrot und atemlos nach
+Hause zurück, nur von dem Gedanken getrieben, den armen Eltern eine Last
+abzunehmen. Sie saßen versöhnt nebeneinander und sahen mich verwundert
+an, als ich Mama hastig ein paar Goldstücke in die Hand drückte. »Was
+soll denn das?« frug sie, und »Woher hast du das Geld?« mein Vater. Ich
+erschrak; ich hatte in meinem Eifer an die Möglichkeit dieser Frage
+nicht gedacht. Sollte ich die Wahrheit sagen? Das hieße auch meine
+übrigen Verkäufe verraten und meine Flucht von vornherein unmöglich
+machen. Mein Blick fiel auf das »Daheim« mit dem Anfang einer neuen
+Erzählung an der Spitze. »Es ist -- es ist -- das Honorar für -- diese
+Geschichte,« kam es mühsam und stockend von meinen Lippen. Nun war ich
+im Netz meiner eigenen Lüge gefangen, und die Furcht vor den Folgen
+hinderte mich, es zu zerreißen. Die Eltern glaubten mir; mein Vater
+umarmte mich voll Rührung, und wenn er auch meine flehentliche Bitte,
+das Geheimnis meiner Autorschaft zu wahren, zu erfüllen versprach, so
+war er doch viel zu stolz auf den Erfolg seiner Tochter, als daß er
+nicht wenigstens den nächsten Freunden und Verwandten davon Mitteilung
+gemacht hätte. Die Aufklärung ließ nicht lange auf sich warten. Eine
+Kusine meines Vaters war mit der Verfasserin des Romans, den ich vorgab,
+geschrieben zu haben, befreundet und frug ihn brieflich nicht wenig
+erstaunt nach dem Zusammenhang dieser seltsamen Historie. Es kam zu
+einem furchtbaren Auftritt. Mein Vater kannte sich selbst nicht mehr.
+»Mein guter Name! Mein guter Name!« stöhnte er immer wieder und lief wie
+wahnsinnig im Zimmer hin und her. »Ich muß mich erschießen! Ich überlebe
+die Schande nicht!« schrie er dazwischen, während Mama still vor sich
+hin weinte. Stumm und regungslos stand ich mitten im Zimmer und rührte
+mich auch dann nicht, als Papa mit funkelnden, rot unterlaufenen Augen
+vor mir stehen blieb und die hoch erhobene Faust klatschend auf meine
+Wange niedersausen ließ.
+
+Stumpfsinnig vor mich hinbrütend, lag ich ein paar Tage im Bett. Niemand
+kümmerte sich um mich als die Anna, die mir auch mitleidig in die
+Kleider half, als Pfarrer Eberhards Besuch mir gemeldet wurde. Mit
+gefalteten Händen und tief bekümmerter Miene trat er ein. Daß sie keinem
+echten Gefühle Ausdruck gab, sah ich an den Lichtern leisen Triumphs,
+die in seinen Augen glänzten: Endlich war der Sieg sein -- endlich! Er
+hielt mir eine wohlvorbereitete Rede, die ich mit keiner Silbe
+unterbrach. Das furchtbare Ereignis habe hoffentlich, so sagte er,
+meinen Hochmut gebrochen und mich belehrt, daß Gott seiner nicht spotten
+ließe. Noch sei es Zeit für mich, umzukehren vom Wege der Sünde, und
+demütig dem zu folgen, der allein Wahrheit, Licht und Leben wäre. »Nach
+all dem Kummer, den du deinen Eltern bereitet hast, wirst du ihnen die
+Schande nicht antun, vom Altar des Herrn fern bleiben zu wollen.« Ich
+schwieg auch jetzt, trotz der beziehungsreichen Pause, die er eintreten
+ließ. »Du wirst die Zeit bis dahin zur Einkehr, zur Buße, zum Gebet
+verwenden.« Wieder eine Pause. »Und wie Gott im Himmel seine Hand nicht
+von dir abziehen, und Jesu Christi Blut auch dich rein waschen wird von
+deinen Sünden, so werden deine lieben Eltern dir verzeihn. Ich werde mit
+Gottes Hilfe die Schwergeprüften aufrichten und dich ihnen wieder
+zuführen.« Ich schwieg noch immer. »Wirst du tun, was ich, der Diener
+deines Herrn und Heilandes, von dir fordere?« Ein mechanisches »Ja« war
+meine Antwort.
+
+Während der Wochen bis zu meiner Einsegnung lebte ich wie ein Automat;
+ich fühlte weder Reue noch Kummer, und die Gedanken waren wie
+ausgelöscht. Nur als ich zum erstenmal das lange weiße Konfirmandenkleid
+anprobierte, zuckte mir ein krampfhafter Schmerz durch den Körper. Den
+Mund kaum zu einem Lächeln verziehend, begrüßte ich die vielen
+Verwandten, die zu dem feierlichen Tage nach Posen kamen: Onkel Walter
+aus Pirgallen mit seiner jungen Frau, die eben auf der Hochzeitsreise
+waren, Onkel Kleve aus Bayern, Tante Klotilde aus Augsburg, die
+befriedigt die »würdige Stimmung« ihrer Nichte anerkannte. Als aber am
+Sonnabend vor Pfingsten, einem herrlichen lachenden Maientag, vor dem
+ich mich verschüchtert in mein dämmriges Zimmer verkrochen hatte, die
+Türe aufging und wie getragen von einem breiten Strom von Licht, meine
+Großmutter in ihrem Rahmen erschien, war mir plötzlich, als fiele ein
+schwerer, eiserner Panzer von mir ab, der mich eingezwängt und aufrecht
+erhalten hatte. »Großmama, liebe Großmama,« rief ich und brach
+aufschluchzend vor ihr zusammen. Ach, warum war ich nicht zu ihr
+geflüchtet, warum kam sie erst jetzt, -- jetzt, da es zu spät war?! Tief
+erschüttert schloß sie mich in ihre Arme, und ich weinte mich aus. Aber
+dann kam Mama, und der Abend im Kreise der Familie, und die Nacht ...
+
+Widerstandslos ließ ich mich am nächsten Morgen schmücken, nahm den
+Strauß weißer Rosen in die Hand und stieg mit den Eltern in den Wagen.
+Die ganze Straße stand voll Menschen, -- wie bei einem Begräbnis, dachte
+ich. Auch vor der Kirche sammelten sich die Neugierigen in ihren bunten
+fröhlichen Festtagskleidern. Durch die Fenster flutete die Sonne, so daß
+ich geblendet die vom Weinen heißen Augen schloß, als ich zwischen Vater
+und Mutter auf rotem Teppich durch die weite, weiße Säulenhalle schritt.
+Die Glocken läuteten, brausend setzte die Orgel ein, laut dröhnten über
+mir die kräftigen Stimmen des Soldatenchors. Jeder Ton schnitt mir
+messerscharf in die Seele. Es blitzte und funkelte ringsum von Uniformen
+und Orden und raschelte von seidenen Kleidern. Ich sah nicht auf. Da
+schlug ein ganz leiser, weher Laut, wie »Alix« an mein Ohr. Ich hob den
+Kopf. Es war mein Lehrer, der mich mit einem Blick ansah, -- einem
+Blick, der mir rätselhaft schien. Und dann standen wir vor dem Altar. Er
+war ringsum mit einem Wald von Palmen umgeben, ohne eine einzige Blume
+dazwischen. »Wie beim Begräbnis,« dachte ich noch einmal. Ich hörte
+nicht, was der Pfarrer sprach; mir war plötzlich, als stünde ich dicht
+vor dem Felsentor des Höllentals, und der brausende Bach drohte, mich zu
+verschlingen. Mein Strauß entfiel mir; der ihn aufhob, war mein Lehrer;
+ich begegnete seinen Augen dabei, -- seltsam, wie er mich ansah!
+Verwirrt blickte ich um mich; meine Mitschülerinnen sprachen schon das
+Apostolikum, und ein strenger Blick des Pfarrers mahnte mich an meine
+Pflicht. Einem aufgezogenen Uhrwerk gleich, sagte ich, ohne zu stocken,
+die drei Artikel auf. Und währenddessen fühlte ich die vielen hundert
+Augen auf mich gerichtet, -- gespannt, höhnend, triumphierend. Darnach
+war es einen Atemzug lang totenstill, ehe der Pfarrer von jeder
+einzelnen das persönliche Bekenntnis zu den gesprochenen Worten abnahm
+und den Segen erteilte. Ich war die letzte. Er erhob die Stimme
+bedeutungsvoll, als er sich mir zuwandte. Sage nein -- sage nein --
+klang es in mir. Angstvoll, hilfesuchend sah ich um mich: auf das
+gütige, verzeihende Lächeln meines Vaters fiel mein Blick, auf den
+leisen liebevollen Gruß meiner Mutter -- -- --
+
+»Bekennst du dich von ganzem Herzen zu unserm allerheiligsten Glauben,
+so antworte: Ja.« -- -- --
+
+Irgendwo fiel ein Schirm -- ein Säbel rasselte -- jemand schluchzte auf,
+-- und die vielen, vielen Augen durchstachen mich.
+
+»Ja!« klang es laut und rauh durch die Kirche. War das wirklich meine
+Stimme gewesen?! Mechanisch kniete ich nieder, wie die andern. Ob wohl
+die Schleppe richtig lag, dachte ich stumpfsinnig, und etwas wie
+Neugierde nach dem Spruch, den der Pfarrer mir geben würde, regte sich
+in mir.
+
+»Darinnen freuet euch nicht, daß euch die Geister untertan sind, sondern
+daß eure Namen geschrieben sind im Himmel.«
+
+Das fuhr wie ein Peitschenhieb auf mich nieder. Mein Name -- und im
+Himmel geschrieben!! Hatte ich nicht eben vor Gottes Altar einen Meineid
+geschworen?! -- --
+
+Unter Tränen und Glückwünschen und Schmeichelworten umdrängte mich
+alles. Zu Hause empfing mich ein Aufbau von kostbaren Geschenken, von
+duftenden Blumen; Militärmusik spielte unter den Fenstern, und um die
+geschmückte Tafel versammelte sich eine glänzende Gesellschaft. Mir
+galten die Reden und Toaste, und immer aufs neue perlte der Sekt in
+meinem Glase. In halber Betäubung kam ich abends in mein Zimmer; die
+rote Ampel brannte über dem Bett; seltsam bedrückend war nach all den
+wirren Geräuschen des Tages die Stille. Mein Blick fiel auf ein kleines
+Paket, durch dessen Schnüre ein paar gelbe Rosen gezogen waren.
+Verwundert öffnete ich das Geschenk, das nicht auf dem Tisch der
+allgemeinen Gaben gelegen hatte. Es enthielt ein schmales Buch in blauem
+Einband -- »Deutsche Liebe« von Max Müller, und einen Brief:
+
+»Gnädiges Fräulein!
+
+Da ich gezwungen bin, schon morgen Posen zu verlassen, und vor Ihrer
+Abreise nicht zurück sein kann, gestatten Sie mir, Ihnen schriftlich
+Lebewohl zu sagen und beifolgendes Buch als Andenken zu überreichen.
+Seien Sie recht, recht glücklich!
+
+ In aufrichtiger Freundschaft
+ Ihr
+ Hugo Meyer.«
+
+Ich strich mir über die Stirn, -- träumte ich denn? Aber nein, das Buch,
+das ich las, bestätigte mir, was mich plötzlich seinen Blick in der
+Kirche hatte verstehen lassen. Und ich -- ich war blind neben ihm
+hergegangen, hatte nicht nach seiner Hand gegriffen, die mir aus dem
+Abgrund herausgeholfen hätte, in den ich versank! Schwarz,
+unergründlich, unüberbrückbar sah ich ihn vor mir: Ich hatte heute einen
+Meineid geschworen, -- und mein Freund, mein einziger Freund hatte mich
+verlassen!
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+Wenn der Sommer im Samland Einzug hält, dann kommt er nicht als ein
+züchtig Werbender, der sich die Erde in zäher Treue allmählich erobert;
+er kommt vielmehr, ein stürmischer junger Held, der dem Freiwerber
+Frühling gar nicht Zeit läßt, ihm den Weg zu bereiten. Die Sonne, die
+eben noch umsonst mit den Winternebelwolken kämpfte, schießt, wenn er
+naht, plötzlich mit glühenden Pfeilen vom blauen Himmel herab, und auf
+einmal erwacht Wald und Feld und Wiese und gibt sich schrankenlos dem
+ungestümen Liebhaber hin. Die Blumen, die das Jahr, als ein karger
+Weiser, sonst über viele Monde verteilt, blühen hier zu gleicher Zeit in
+verschwenderischer Fülle; das Schneeglöckchen begrüßt noch das Veilchen
+und die gelbe Butterblume; üppig und grade im prangenden Schmuck ihrer
+leuchtenden Farben stehen Malven und Georginen im Garten, während weiße
+und gelbe und rote Rosen ihnen den Preis der Schönheit streitig machen.
+Mit dem herben Duft des Hollunders eint sich der süße, zarte der Linden,
+der schmeichelnde der blauen Fliederdolden und der berauschende,
+liebeskranke des Jasmins.
+
+Weit, weit hinab, bis zu den graublauen Fluten des Kurischen Haffs
+dehnen sich saftgrüne Wiesen und gelbe Kornfelder; wenn der Wind darüber
+streicht, ist es wie ein einziges wogendes Meer, aus dem nur hie und da
+die Strohdächer dürftiger Häuser hervorlugen. Aber auch ihr Elend hat
+der Sommer, als könnte er nichts Trauriges sehen, mit rasch wucherndem
+Schlingkraut verschleiert, so daß ihre trüben Scheiben wie verschlafene
+Augen verwundert darunter hervorsehen. Es ist so ruhig hier wie im
+Dornröschenzauber; nur hie und da unterbricht das klägliche Weinen eines
+verlassenen Säuglings die tiefe Stille. Was Füße und Arme regen kann,
+ist hinaus mit Harke oder Sense, Spaten oder Beil, Ruder oder Fischnetz.
+Der heiße Sommer weckte jung und alt aus dem langen, dumpfen
+Winterschlaf, und von früh bis spät gilt es schaffen, um seiner Gaben
+Reichtum rasch, wie er sie brachte, zu bergen. Wie sie alle lebendig
+geworden sind, diese schwerblütigen Menschen: sie gehen nicht -- sie
+springen --, sie lachen nicht -- sie kreischen, und der Haffwind, des
+Samlandsommers treuer Knecht, peitscht ihre strohgelben Haare, daß sie
+rings von den breiten Schädeln abstehen, wie Blätter der Sonnenblume um
+den Kelch, und bläht die roten Röcke der Weiber, daß die nackten Beine
+bei jeder Bewegung darunter hervorleuchten. Sie sind mit der Natur noch
+eins, diese Männer und Frauen: sie schlafen auch den Winterschlaf mit
+ihr; denn nach der langen Tagesarbeit klingts und singts noch durch die
+helle warme Sommernacht; es kichert und raschelt zwischen den Garben, es
+atmet heiß und schwer in den Geißblattlauben. Vom Dorfkrug aber lärmt
+und tobt es herüber: da sitzen sie hinter schwälender Lampe, vertrinken
+und verspielen ihre Habe, und wenn sie glühend vom Branntwein
+heimkehren, mischt sich wohl auch wilder Wehlaut aus Weiberkehlen in all
+die vielen wirren Töne der Nacht.
+
+In solch eines Sommers heißes Leben kam das blasse Stadtkind mit den
+trüben Augen und dem matten Lächeln. Das Turmzimmer von Pirgallen nahm
+es wieder auf, wo es zuerst das von der alten Linde vor dem Fenster grün
+verschleierte Licht des Tages erblickt hatte. »Hier soll mein Alixchen
+wieder rund und rosig werden,« sagte die Großmama bei der Begrüßung, das
+Enkelkind bekümmert musternd. »Und all die Gelehrsamkeit soll sie
+vergessen,« fügte Onkel Walter lachend hinzu. »Und trinken und tanzen
+soll sie, bis sie schwindlig wird,« rief Tante Emmy, seine Frau, während
+in ihren lustigen braunen Augen alle Kobolde des Frohsinns ein Feuerwerk
+entzündeten. Seit sie vor kaum einem halben Jahr hier Einzug gehalten
+hatte, mochte das alte Schloß sich selbst kaum wieder erkennen: Die
+Gäste kamen und gingen, helle Kleider raschelten durch die sonst so
+einsamen Gänge, die Mauern hallten wider von Lachen und Scherzen.
+
+Wenn morgens der Rasenteppich, der hinter dem Schloß bis zum Wasser
+herunterführt, unter Tauperlen und Sonnenstrahlen glänzte und glitzerte
+wie ein Riesensmaragd, dann gingen die Gäste von der breiten Terrasse
+die hohe Steintreppe hinab und verteilten sich in Park und Wald; die
+einen träumten still in der Hängematte, die andern lockte das Haff,
+dessen weiße Schaumköpfchen vom Horizont herüberglänzten, zum Bad und
+zur Segelfahrt; die Ruhigen liebten es, am Strande Muscheln zu suchen;
+die Waghalsigen wollten, mit Kutschern und Reitknechten um die Wette,
+junge Pferde hinter Zaum und Zügel zwingen. Freiheit der Bewegung war
+Gesetz für alle. Nur wenn laut der Gong durch Schloß und Hof und Garten
+gellte, fanden sie sich allmählich wieder zusammen.
+
+Allabendlich füllte sich der dunkle Speisesaal, in dem so lange nur
+Mutter und Sohn einander schweigsam gegenübergesessen hatten, mit
+lebenslustiger Jugend, und die kulinarischen Genüsse, die der
+französische Koch zu bereiten verstand, steigerten mit dem perlenden
+Sekt, den der alte Haushofmeister unermüdlich in die Gläser schenkte,
+die lebendige Stimmung. Wenn dann hinter den Flügeltüren die
+zärtlich-lockende Weise des Donauwalzers klang, gab es ein heftiges
+Stühlerücken, und gleich darauf flogen die Paare durch den hohen weißen
+Saal. Viele schmale Spiegel, von Goldleisten eingefaßt und von
+musizierenden Amoretten bekrönt, warfen das Bild immer wilder tobender
+Tänzer zurück, während so manche durch das Alter blind gewordene
+Scheiben heimlich die Erinnerung an graziös und feierlich im Menuett
+sich schlängelnde und wiegende Rokokopaare zu bewahren schienen. Mit
+leisem Klirren schlugen die Kristallprismen des Kronleuchters
+aneinander, und die Lichter flackerten im Takt, als hätte die Tanzweise
+auch ihnen Leben verliehen; sie bewegten sich noch lange hin und her,
+wenn die duftende Schwüle der Sommernacht die Tanzenden durch weit
+offene Türen in den dämmernden Park gelockt hatte. Da gab es
+verschnittene Laubengänge und weiße Bänke im Jasmingesträuch, und auf
+stillen Weihern kleine Kähne. Spät erst, wenn feuchte Nebel vom Haff
+herüber die nackten Schultern der Frauen unter den Spitzengeweben
+zittern ließen, gingen Pirgallens Bewohner zur Ruhe.
+
+Unaufhaltsam riß mich das Leben in seinen Strudel. Geistig müde und
+stumpf, getrieben von dem Wunsch, nur nicht zu mir selbst kommen zu
+können, war es mir zuerst der Rausch, der Vergessen bringt. Aber dann
+siegte Jugend und Lebenslust, und der Genuß wurde zum Selbstzweck.
+Niemand dachte angesichts des großen reifen Mädchens an ihre vierzehn
+Jahre; ich galt allen als erwachsene junge Dame, als Tochter des Hauses
+überdies, und was an männlicher Jugend ins Schloß kam, das teilte seine
+Huldigungen zwischen der lustigen Hausfrau und ihrer Nichte. Zuweilen,
+das merkte ich wohl, war ich der Tante, die gewohnt war, der Mittelpunkt
+der Gesellschaft zu sein, ein Dorn im Auge. Dann begann jener stille
+Frauenkampf um den ersten Platz, der, mit allen Waffen der Koketterie
+geführt, nicht minder aufregend ist als der der Männer im Fechtsaal oder
+beim Hasard. Triumphierte meine Jugend über ihre Grazie und ihren Witz,
+so behandelte sie mich plötzlich als das Kind, das zur Strafe nicht
+mitgenommen wird, wenn die Großen sich amüsieren; doch »das Kind«
+durchkreuzte nur zu rasch ihre pädagogischen Einfälle. So wurde ich
+einmal von einer Segelpartie ausgeschlossen -- aus Mangel an Platz,
+sagte sie --; im Augenblick aber, als die Jacht den Hafen
+verließ, erschien ich hoch zu Roß in Begleitung des feschesten
+Kürassierleutnants, den meine Tante -- ich wußte es genau! -- von allen
+Gästen am meisten entbehrte. Und ein andermal, als ihre neuste Pariser
+Toilette mich ausstechen sollte, zog ich durch einen rasch
+zusammengestellten phantastischen Schmuck von Vogelbeeren auf meinem
+weißen Kleid und in meinen schwarzen Haaren alle Blicke zuerst auf mich.
+Es war gerade von der großen Dampferfahrt die Rede, die der konservative
+Verein des Kreises mit seinen Damen durch den Friedrichskanal zum
+Moorbruch unternehmen wollte. Wir freuten uns alle darauf, ein Stück
+altlitauer Landes und Lebens kennen zu lernen.
+
+»Schade, daß Alix zu Hause bleiben muß,« hörte ich plötzlich die hohe
+scharfe Stimme der Tante sagen; »nur persönlich Geladene haben Zutritt.«
+Mir stiegen Tränen der Enttäuschung und des Zorns in die Augen. Onkel
+Walter, der den Zusammenhang nicht begriff, sah mich an und rief über
+den Tisch hinüber: »Beruhige dich, Alix, das ist eine bloße Formalität,
+die ich rasch erledigen werde.«
+
+Tante Emmys gereizte Stimmung verriet mir am nächsten Morgen, daß es
+zwischen dem Ehepaar noch eine Szene gegeben hatte und der Sieg nicht
+auf ihrer Seite gewesen war. Die offizielle Einladung wurde mir mit
+einer gewissen Absichtlichkeit überreicht, und ich konnte das leise
+Lächeln nicht unterdrücken, mit dem ich die Tante dabei ansah.
+
+Am frühen Morgen des großen Tages fuhren wir in zwei Vierspännern gen
+Labiau, die Kreisstadt. Als die Wagen über das holprige Pflaster
+rollten, flogen links und rechts die Fenster auf, und neugierige
+Gesichter starrten den berühmten Gespannen Pirgallens nach. Auf der
+Straße blieben die Leute stehen, zogen die Mützen oder knixten
+respektvoll; und am Anlegeplatz, wo der Dampfer schon fauchte und
+prustete, wartete die Menge der Geladenen auf den vornehmsten Mann, den
+größten Besitzer und den eben zum Reichstagskandidaten des Kreises
+aufgestellten Freiherrn. Er und seine Frau wurden umringt, ich stand
+abseits und musterte mit heimlichem Naserümpfen die Gesellschaft: Die
+Frauen, fast alle groß und hager, in seidene Staatskleider gezwängt,
+über den kantigen Gesichtern und den glatten Scheiteln kleine
+Kapotthütchen, mit allen Zeichen jener nicht zu überwindenden
+Verlegenheit, die ungewohnte, mit Wetter und Tagesstunde unvereinbare
+Kleidung hervorruft; die Mädchen, hochrot vor Erregung, in
+steifgestärkten Kattunfähnchen, Zwirnhandschuhe über den Händen,
+klirrende Armbänder über den breiten Gelenken, in einem dichten Haufen
+ängstlich zusammengeschart, als gelte es, sich gegenseitig vor den
+Angriffen der Männer zu schützen. Die hatten sich schwarz und dicht
+gegenüber postiert, nur hier und da von einer Reserveleutnantsuniform
+irgend eines hundertsten Infanterieregiments unterbrochen. Sonst lauter
+Bratenröcke und Zylinder. Mich grauste es; ganz anders hatte ich mir die
+Sache gedacht, und beinahe wäre ich rasch wieder in unseren Wagen
+gesprungen, als Onkel Walter sich nach mir umdrehte: »Erlaube, daß ich
+dir einige der Herren vorstelle: Herr v. Trebbin, v. Wanselow, v.
+Warren-Laukischken.« So alte Namen und solche Bauern! dachte ich,
+während mein Blick auf ihren roten Händen sekundenlang haften blieb.
+
+»Ah, da sind Sie ja auch, mein lieber Rapp,« hörte ich meinen Onkel
+lachend sagen, »trauen Sie sich wirklich einmal in Damengesellschaft?!«
+Ich wandte mich rasch nach dem Angeredeten um: das also war der
+Frauenfeind, von dem Tante Emmy im Wagen gesagt hatte, er sei der
+einzige, der sie interessiere. Sie hatte zweifellos vor, den
+wunderlichen Einsiedler zu bekehren und freund-nachbarliche Beziehungen
+anzuknüpfen. Ich dachte nicht mehr daran, davon zu fahren, sondern
+folgte dem Menschenstrom, der über den Schiffssteg zum Dampfer flutete.
+Die Labiauer Stadtkapelle konzertierte, als hätten alle verstimmten
+Flöten und Trompeten sich hier ein Stelldichein gegeben, und zwischen
+den Eichenlaubgewinden knisterten die grellbunten Papierblumen. Das
+kleine Schiff schien die Geladenen kaum fassen zu können. Nur die
+Honoratioren, darunter auch meine Verwandten, wurden an einen gedeckten
+Tisch genötigt, auf dem ein kreisrunder Strauß in weißer
+Papiermanschette prangte. Alle anderen suchten sich eilig einen Platz;
+wie aufgescheuchte Vögel liefen die Mädchen umher, bis sie glücklich
+wieder eng gedrängt in einer Ecke beieinander saßen. Ich blieb ruhig
+stehen; Laufen und Hasten war mir immer antipathisch, und aufs
+Geradewohl mich irgendwo einklemmen, vollends. Das Schiff setzte sich
+schon in Bewegung, als ich Herrn von Rapp in meiner Nähe sah, sichtlich
+unschlüssig, in welchen Winkel er sich mit seiner Menschenfeindschaft
+flüchten sollte. »Wir sind Leidensgefährten,« sprach ich ihn an, »ich
+glaube, in der Kajüte sind Sessel, wollen Sie so gut sein, mir einen
+bringen?« Mit zweien kam er zurück, -- ich wußte, als höflicher Mann
+konnte er mich nicht allein lassen. Wir unterhielten uns, zuerst gequält
+und konventionell, dann immer lebhafter. Der kleine Mann mit dem
+frühzeitig kahlen Schädel hatte seine Landeinsamkeit ausgenutzt: er war
+belesen, und -- was in dieser Umgebung noch erstaunlicher schien -- er
+hatte selbständig über Welt und Menschen nachgedacht. Was ich geplant
+hatte, um die Tante zu ärgern und mir die Zeit zu vertreiben, war rasch
+vergessen, -- so sehr fesselte mich unser Gespräch. Inzwischen fuhren
+wir im leuchtenden Sonnenschein den Friedrichskanal entlang, durch das
+dunkelgrüne Moosbruch, an niedrigen Häuschen vorbei, um die verkrüppelte
+Obstbäumchen blühten, vorüber an Agilla und Juwendt, uralten litauer
+Ansiedlungen, wo die Strohdächer fast zur Erde reichten und die kleinen
+struppigen Pferdchen, denen des Litauers zärtlichste Sorgfalt gilt,
+lustig zwischen den Scharen schmutziger Blondköpfchen umhersprangen.
+Mein Nachbar kannte Land und Leute gut; er wußte von den hartnäckigen
+Kämpfen gegen die Ordensritter zu erzählen, die mit einer -- was die
+Religion betrifft, freilich nur scheinbaren -- Unterwerfung der Litauer
+erst dann endeten, als die Zahl ihrer Männer auf das äußerste dezimiert
+war, und kannte all ihre seltsamen Gebräuche, die sich noch aus der Zeit
+des Heidentums erhalten hatten.
+
+Ein heftiger Stoß, der unseren Dampfer erzittern ließ, unterbrach seine
+Schilderungen: wir saßen fest, vergebens arbeitete die Maschine, der
+Kapitän, der gestand, hier noch nie gefahren zu sein, war ratlos, und
+alles Geschrei vermochte niemanden ans Ufer zu locken als die Kinder.
+
+»Setzen Sie ein Boot aus und fahren Sie hinüber,« damit wandte sich mein
+Onkel an den Kapitän. Unter dem Vorwand, sich mit den Litauern nicht
+verständigen zu können, lehnte er es ab. »Begleiten wir ihn!« sagte
+ich, entzückt von der Aussicht auf ein Abenteuer, leise zu Rapp, der
+mir eben klangvolle Strophen litauischer Dainos zitiert hatte. Rasch
+entschlossen verständigte er sich mit dem Kapitän, und ebenso
+rasch folgte ich den Männern in den Kahn, begleitet von dem
+erstaunt-unwilligen Gemurmel der Zurückbleibenden. Am Ufer angelangt,
+traten wir in eines der ersten Häuser und stießen die Türe auf, als uns
+auf unser Klopfen niemand antwortete.
+
+Der Raum war fast dunkel, und beißender Rauch hinderte uns überdies, die
+Augen zu öffnen; ein paar Hühner flogen vor uns auf, Schweinegrunzen
+tönte uns aus dem äußersten Winkel entgegen, auf dem Herd, dessen
+Glutaugen uns ansahen, wurde hastig ein Topf beiseite gerückt, dann
+näherten sich uns schlurfende Schritte. Ein Weib, dem weiße lange Haare
+wirr und tief über die Schultern fielen, trat uns entgegen, kreuzte die
+Arme über das grobe Hemd, das mit einem dicken gelben Wollrock ihre
+einzige Bekleidung bildete, und küßte mit einer Gebärde demütiger
+Unterwürfigkeit den Saum meines Kleides. Rapp erklärte ihr rasch die
+Situation. War sie es, oder war es der Klang der eigenen Sprache, der
+ihr ein Lächeln in das Antlitz trieb? Ablehnend zuckte sie die Schultern
+und wies auf die Bank in der Ecke, auf der ein Mann, in eine Pferdedecke
+gehüllt, schnarchend lag.
+
+»Wenn der Litauer nicht trinkt, dann stiehlt er, und wenn er nicht
+stiehlt, dann schläft er,« sagt das Sprichwort. Rapp wurde ungeduldig
+und sprach lauter. Inzwischen hatten sich die Kinder aus der Türe
+hereingeschlichen und umringten die Mutter; in all den vielen Augen --
+graublau wie das Haff -- spielten feindselige Lichter; und je heftiger
+Rapp wurde, desto straffer richtete sich das Weib aus ihrer gebeugten
+Stellung auf, bis ihre Stirn den niedrigen Balken der Hütte fast
+streifte. »Wie eine verwunschene Schicksalsgöttin,« dachte ich und wich
+scheu vor ihr zurück. Rapp aber war an ihr vorbei an den Herd getreten
+und hatte den Kessel aus Licht gerückt. »Rehbraten!« rief er. »Dacht'
+ichs mir doch! Also ein Wilddieb.« Schon lag die Frau ihm jammernd zu
+Füßen, und, sich die Augen reibend, war der Mann bei dem Lärm vom Lager
+gesprungen. Es bedurfte nur noch einer kurzen Unterhandlung, um sie
+gefügig zu machen. Kaum zum Dampfer zurückgekehrt, entwickelte sich ein
+merkwürdiges Schauspiel vor unsern Augen: lange schmale Kähne umringten
+ihn von allen Seiten, in jedem stand aufrecht, mit dem Ruder kräftig
+stoßend, ein Weib. Eine sah aus wie die andere: groß, schlank,
+helläugig, mit buntem Rock, einem Hemd, das oft reiche Stickerei
+aufwies, ein grelles Tuch um die weißblonden Haare geschlungen. Sie
+wußten so genau Bescheid in ihren heimatlichen Gewässern wie der beste
+Lotse, und bald waren wir wieder flott und fuhren in gutem Fahrwasser
+den voranrudernden Frauen nach. Allmählich wurde ihre Zahl immer
+kleiner, und nur die grauhaarige Schicksalsgöttin blieb übrig, um uns
+den Weg zu der Mittagsstation, wo das ersehnte Diner unsrer wartete, zu
+zeigen. Schließlich verschwand auch sie, nachdem der Weg, wie sie sagte,
+nicht mehr zu fehlen sei; irgendwo aus der Ferne hörten wir noch das
+Rufen und Lachen, mit dem die Heimkehrende von den Gefährtinnen
+empfangen wurde. Aber zu unserm Mittagessen gelangten wir nicht -- für
+die entdeckte Wilddieberei hatte die Alte sich gerächt! Unser Schiff
+enthielt Proviant; aber man hatte mehr an den Durst als an den Hunger
+der Passagiere gedacht; und da bei stundenlanger Fahrt auch so ergiebige
+Gesprächsstoffe wie Getreidepreise, Leutemangel, Erntesorgen und
+Viehzucht schließlich erschöpft waren, so blieb den biederen
+Vereinsgenossen nichts übrig, als zu trinken und Skat zu spielen. Um dem
+Sehbereich ihrer teuren Ehehälften zu entgehen, zogen sie sich, soweit
+es der Raum erlaubte, in die Kajüten zurück. Zigarrendampf, knallende
+Pfropfen, ein immer brüllenderes Gelächter, hier und da aus der Tiefe
+auftauchende blaurote Köpfe kündigten an, wie es dort unten aussah. Die
+Frauen, bei denen die drei berühmten Gesprächsthemen -- Klatsch, Küche
+und Kleider -- zwar etwas länger vorhielten, waren bald übel daran.
+Vorsorgliche Hausfrauen zogen resigniert eine Häkelarbeit aus der
+Tasche, die jungen Mädchen, zu denen ein paar unternehmende Jünglinge
+sich gesellt hatten, spielten kindliche Spiele, wobei ihr Kichern den
+Grad ihres Amüsements bezeichnen sollte; viele schliefen mit
+Mäntelpolstern unter den Köpfen.
+
+Indessen glitt unser Dampfer mit leisem Plätschern durch die traumhafte
+Stille endloser gleichmäßig grüner Einsamkeit.
+
+Seltsam, wie wenig Menschen schweigend genießen können, wie der Begriff
+der Unterhaltung sich bei den meisten mit Schwatzen deckt und ein
+Unbeschäftigtsein der Zunge oder der Hände ihnen gleichbedeutend ist mit
+Langerweile. Ich saß stundenlang still und sah in die Ferne, wo das Grün
+der Wiesen mit dem Blau des Himmels zusammenstieß und sich in
+schimmerndem Silberglanz aufzulösen schien. Ich träumte von andern
+Menschen als diesen hier: von Menschen, die die Kultur ihrer Zeit
+verkörpern, Menschen, denen Natur, Kunst und Wissenschaft unendlicher
+Gegenstand ihres Genießens, ihres Nachdenkens, ihrer Unterhaltung ist.
+Herrn von Rapps Stimme rief mich in die Wirklichkeit zurück. Ich
+lächelte: der kleine Mann mit dem glatten Schädel war gewiß unter diesen
+der beste, aber er sah aus wie ein Bauer, und zu meinem Begriff der
+Menschenkultur gehörte das Aussehen eines Märchenprinzen.
+
+Es fing an zu dämmern als der Nemonien uns aufnahm, ein breiter Strom,
+dessen Wellen so weich und melodisch fließen wie sein Name. Wir
+erreichten das Haff, von einem Lotsen geführt. Groß und rot versank der
+Sonnenball langsam hinter dem schmalen gelben Streifen der Nehrung, eine
+lange goldene Straße auf dem Wasser malend. »Der Weg zum Himmel!« sagte
+Herr von Rapp, von dem wundervollen Anblick ergriffen wie ich. »Zwei
+Fischerkinder von Nemonien sind einmal des Abends auf dieser Straße
+davongerudert. Sie bekamen daheim nur Schläge und böse Worte und wollten
+zum lieben Gott. Sie kamen niemals wieder -- ob sie ihn wohl gefunden
+haben?!« Wie er mich ins Herz traf mit dieser Zweifelfrage, wie er die
+alten Wunden aufriß! -- »Ich glaube es nicht,« antwortete ich mit
+zuckenden Lippen. Dann schwiegen wir wieder. Die Nacht brach an, die
+Sterne glänzten vom hellen Himmel und die Mondsichel warf lauter Perlen
+auf das Haff. Mich fror. Auf eine so lange Fahrt waren wir nicht
+vorbereitet gewesen. Herr von Rapp hüllte mich sorglich in seinen Mantel
+und brachte mir Tee und Wein. Eigentlich ist es doch seltsam, dachte
+ich, daß die Menschen uns so rücksichtsvoll allein lassen. Ich hatte
+mich ja freilich auch nicht um sie gekümmert.
+
+Um Mitternacht waren wir wieder im Hafen von Labiau. Ich war sehr müde
+und fühlte nur noch den Druck einer Hand, den ich herzhaft erwiderte.
+Schweigsam fuhren wir nach Hause.
+
+Am nächsten Morgen neckte mich Onkel Walter mit meiner »Eroberung«,
+während Tante Emmy behauptete, ich hätte mich kompromittiert.
+Nachmittags fuhr ein Wagen durchs Tor, dem Herr von Rapp, mit einem
+Rosenstrauß bewaffnet, entstieg. Er war noch verlegener als ich, und sah
+in diesem Kreise, wie ich fand, recht plebejisch aus. Während der ganzen
+folgenden Woche kam er täglich. Ich lief oft davon, aber auch auf
+einsamen Wegen, zu Pferd und zu Fuß, wußte er mich einzuholen, und
+schließlich ließ ich mir seine Nähe mit einer gewissen Herablassung
+gefallen. Als ich eines Morgens auf die Terrasse zum Frühstück kam, fand
+ich Onkel und Tante in ausgelassenster Heiterkeit: Herr von Rapp hatte
+um mich angehalten. Soll ich leugnen, daß meine erste Empfindung die
+geschmeichelter Eitelkeit gewesen ist?! Der erste Antrag -- und kaum
+fünfzehn Jahre alt! Dann aber dachte ich an den schwerblütigen Mann, der
+sich aus seiner menschenscheuen Einsamkeit herausgerissen hatte, um eine
+so bittere Erfahrung zu machen. Die Vorwürfe meiner Mutter verschärften
+meinen Kummer: meine Koketterie, sagte sie, sei schuld an der ganzen
+Sache. Ich war sehr unglücklich und malte mir des armen Abgewiesenen
+Zustand in so düsteren Farben aus, daß ich mich verpflichtet fühlte, ihn
+zu »retten«, -- ich wollte ihn um Verzeihung bitten, mich ihm heimlich
+verloben, ihm ewige Treue schwören.
+
+In aller Herrgottsfrühe ließ ich mir die »weiße Dame« satteln und ritt
+durch einen feuchtkalten Septembermorgen zu ihm hinüber. Vor der
+Stalltür sprang ich vom Pferde und warf dem ersten erstaunt
+herbeieilenden Knecht die Zügel zu. Mit wild klopfendem Herzen zog ich
+die Glocke an dem einstöckigen, einfachen Herrenhaus. Wie heldenhaft kam
+ich mir vor, wie ungeheuer das Opfer, das ich brachte! Eine dicke
+Wirtschafterin trat mir entgegen. Stotternd frug ich nach dem Herrn. Mit
+offnem Munde starrte sie mich an, um dann spornstreichs im Hintergrunde
+zu verschwinden. Gleich darauf stand Rapp vor mir. In äußerster
+Verlegenheit vermochte ich nur das eine Wort »Verzeihung« zu murmeln. »O
+gnädiges Fräulein hatten einen Ohnmachtsanfall!« rief er so laut, daß
+die Mamsell, die den Kopf neugierig durch die nächste Türe steckte, es
+hören konnte, »ich werde sofort für eine Erfrischung sorgen.« Er holte
+ein Glas Wein und flüsterte mir, während ich trank, mit scharfer Stimme
+zu: »Ich kann Ihnen nur raten, schleunigst in die Kinderstube
+zurückzukehren. Spielen Sie vorläufig mit Puppen, statt mit Menschen!«
+Langsam und müde ritt ich nach Pirgallen zurück.
+
+Mein heimlicher Spazierritt und sein Ziel blieben nicht unbekannt, sogar
+Papa erfuhr davon, als er auf Urlaub nach Pirgallen kam. »Hast du denn
+gar keine Scham im Leibe?« schrie er mich wütend an. Großmama suchte
+mich zu schützen, aber ihre dauernde stille Sorge um mich empfand ich so
+sehr als einen Vorwurf, fürchtete so sehr, daß sie, die fromme Christin,
+mich nach meinem Seelenzustand fragen und Schmerzen und Erinnerungen
+heraufbeschwören könnte, die ich so tief als möglich vergrub, daß ich
+jetzt auch jedem Alleinsein mit ihr aus dem Wege ging. Der traurige
+Blick, mit dem sie mir folgte, tat mir schon weh genug.
+
+Ich atmete auf, als wir Pirgallen verließen und der alte Turm, um den
+die gelben Blätter im Herbstwind tanzten, meinen Blicken entschwand. Und
+ohne ein anderes Gefühl als das der Erleichterung schied ich kurze Zeit
+darauf auch von meinen Eltern. Papas Schwester in Augsburg erwartete
+mich; sie hatte schon längst mit den Eltern abgemacht, daß ich ihr zum
+letzten »Erziehungsschliff« anvertraut werden sollte. Mir war es ganz
+gleichgültig, wohin ich ging.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+
+Ein Oktoberabend war es wieder, wie vor neun Jahren, als ich in Augsburg
+ankam. Aber diesmal empfing mich die Tante selbst am Bahnhof.
+Silbergraue Seide schmiegte sich eng um ihre hohe, volle Gestalt; unter
+dem großen gleichfarbigen Federhut quollen die roten Locken üppig
+hervor, stahlblau glänzten ihre Augen in dem weißen Gesicht. Noch nie
+war ich mir der Schönheit dieser reifen Frau so bewußt geworden. Als
+unser Wagen den Königsplatz erreichte, den ich einst als öde Sandwüste
+gesehen hatte, spielten die letzten Goldstrahlen der Herbstsonne mit dem
+bunten Laub seiner Bäume und den fallenden Tropfen seiner Springbrunnen.
+Und nicht in die enge Gasse, zu dem alten düsteren Hause ging es, -- vor
+einem Park, dessen Blumenpracht dem Herbst zu spotten schien, öffneten
+sich vielmehr die breiten Flügel des Torwegs, und zwischen den alten
+Linden lugten die hellen Mauern eines Gebäudes hervor, das in seiner
+lichten Vornehmheit an altitalienische Villen erinnerte. Ich hatte es
+noch nicht gesehen, aber genug davon gehört, denn mein Vater war gar
+nicht damit einverstanden gewesen, daß seine Schwester das alte
+Stadthaus verkauft und diesen Landsitz, der wie viele seiner Art vor den
+Stadttoren ein Sommeraufenthalt augsburger Patrizier gewesen war, mit
+großen Kosten ausgebaut hatte. Mich umfing die Atmosphäre von Schönheit
+und Reichtum gleich beim ersten Eintritt wie ein weicher, wohliger
+Mantel. Das strahlend erleuchtete Treppenhaus glich mit seiner Fülle von
+exotischen Pflanzen einem Palmengarten, und der süße Duft, der die
+vielen Räume durchzog, legte sich mir wie ein berauschender Traum auf
+die Stirne. Ich wurde in den zweiten Stock in meine Zimmer geführt: auch
+hier Blumen und viel Licht und fröhliche Farben. Viel weiter noch als
+von der Warthe bis zum Lech fühlte ich mich fern von all den Sorgen des
+Elternhauses und all den Herzens- und Gewissensschmerzen, die mich
+niedergedrückt hatten. Zufrieden und dankbar, in der Erwartung lauter
+schöner Dinge, schmiegte ich mich abends in die weichen Kissen meines
+Betts.
+
+Es dämmerte, als ich geweckt wurde. »Frau Baronin wünschen, daß das
+gnädige Fräulein früh aufsteht,« sagte die Jungfer. Nicht wenig
+erstaunt, erhob ich mich und fing an auszupacken. Der knurrende Magen
+trieb mich schließlich herunter; ich holte mir ein Brötchen aus der
+Küche, da ich noch eine Stunde bis zum Frühstück zu warten hatte.
+Endlich kam der Diener mit dem Teewasser, und das Klappern hoher Absätze
+und Rauschen seidener Röcke kündigte die Tante an. Statt eines
+Morgengrußes lachte sie mir hell ins Gesicht: »Ja wie schaust du denn
+aus?! So ein Fratz, und fagotiert sich wie eine junge Frau auf der
+Hochzeitsreise.« Tief gekränkt biß ich mir auf die Lippen; ich war so
+stolz auf den weichen schleppenden Morgenrock, den mir mein Vater
+geschenkt hatte! »Daß du mir diese Theatertoilette nicht mehr
+anziehst!« sagte die Tante stirnrunzelnd, während sie sich setzte und
+die Spitzenflut ihres Kleides sich um ihren Stuhl ausbreitete.
+
+»Hast du deine Zimmer gemacht?« mit dieser verblüffenden Frage begann
+sie aufs neue ein Gespräch, in das ich noch mit keinem Wort eingegriffen
+hatte. »Meine Zimmer?!« Ich glaubte mich verhört zu haben. In diesem
+eleganten Haushalt, angesichts einer zahlreichen Dienerschaft männlichen
+und weiblichen Geschlechts sollte ich die Zimmer machen?! »Es ist doch
+selbstverständlich, daß ich für dich keine Kammerjungfer halten werde.
+Außer der groben Arbeit hast du selbst Ordnung zu halten. Und zwar muß
+vor dem Frühstück alles fix und fertig sein.« Die Bissen blieben mir im
+Halse stecken, -- so etwas hätte ich mir niemals träumen lassen! Aber es
+kam noch besser: aus Schränken und Schubladen wurden meine Sachen
+herausgezogen; kaum ein Hut oder ein Kleid fand Gnade vor den Augen der
+Tante; und meine Art, die Dinge einzuräumen, erklärte sie für skandalös.
+Dann forderte sie den Schlüssel zum Schreibtisch -- »ein Kind hat nichts
+zu verschließen« -- und geriet in helle Empörung über meine poetischen
+Manuskripte, die sie durchstöberte, und meine Lieblingsbücher, von denen
+ich mich nicht hatte trennen wollen.
+
+»Eine nette Erziehung!« rief sie, »und ich kann meine Zeit und meine
+Kräfte opfern, um so ein von Grund aus verdorbenes Geschöpf wie dich zu
+einem anständigen Menschen zu machen!« Ich zitterte vor Aufregung, aber
+kein Wort kam über meine Lippen, -- das einzige, was ich durch die
+Erziehung meiner Mutter bis zur Vollendung gelernt hatte, war die
+Selbstbeherrschung. Erst abends im Bett, nach einem Tag, an dem ich
+nicht einen Augenblick mir selbst gehört hatte, kam die Verzweiflung
+über mich und fassungslos schluchzte ich in die Kissen. Aber auch die
+Möglichkeit, mich auszuweinen, sollte mir genommen werden. Sah ich
+morgens verweint aus, oder zeigten sich dunkle Ränder um meine Augen, so
+erregte das den heftigsten Zorn der Tante, -- »ein junges Ding hat
+frisch und rosig auszusehen«, erklärte sie; und da der bloße Befehl
+nichts helfen wollte, kam sie abends, wenn ich zu Bett war, wiederholt
+in mein Zimmer, um zu kontrollieren, ob ich schlief. So gewöhnte ich
+mich rasch an die große Kunst, nach innen zu weinen. Grund genug hatte
+ich dazu. Es verging kein Tag, ohne daß ich gescholten worden wäre: wenn
+an ihrem behandschuhten Finger, mit dem sie über jede Leiste in meinem
+Zimmer fuhr, Staub haften blieb; wenn meine Krawatte nicht richtig
+gebunden war, meine Handschuhe nicht sorgfältig ausgereckt in der
+Schublade lagen, wenn ihre scharfen Augen einen Fleck auf dem Kleide
+entdeckten, oder wenn ich gar zu einer Zeit las oder schrieb, wo ich
+Strümpfe stopfen sollte! Briefe, die nicht die Handschrift der Eltern
+aufwiesen, wurden von ihr zuerst geöffnet und gelesen. Dadurch erfuhr
+sie, daß ich meiner Kusine Mathilde mein Leid geklagt hatte. »Es ist
+sehr traurig, daß Deine geistigen Bedürfnisse so wenig berücksichtigt
+werden und Deine Begabung keine Anerkennung findet,« hatte sie mir
+daraufhin geschrieben; höhnend las die Tante mir die Stelle vor und
+erklärte dann: »Ich verbiete dir jede Korrespondenz, außer der mit
+deinen Angehörigen. Das fehlte mir noch, daß dein dummer Hochmut
+heimlich unterstützt wird, statt daß du endlich einsiehst, wie viel dir
+noch fehlt, um nur den guten Durchschnitt zu erreichen.« Sie unterließ
+nichts, um mir zu dieser Erkenntnis zu verhelfen, und beleuchtete
+möglichst grell alle schwachen Seiten meiner Ausbildung: die
+musikalische, die fremdsprachliche, die praktische. Stundenlang quälte
+ich mich täglich am Klavier; englische und französische
+Konversationsstunden wechselten daneben mit Koch- und Nähunterricht ab.
+Ein paar Musterexemplare vollendeter junger Damen wurden mir des guten
+Beispiels wegen zum Verkehr zugewiesen. Sie konnten alles in der
+Perfektion, was ich nicht konnte, sie sangen und spielten, stickten und
+schneiderten, und immer war ihre Toilette tadellos. Natürlich fand ich
+sie gräßlich und träumte mich immer mehr in die tragische Rolle einer
+verwunschenen Prinzessin.
+
+Ich war klug genug, um bald einzusehen, welches die Triebkraft der
+Handlungsweise meiner Tante mir gegenüber war: eine grenzenlose, von
+allen Menschen, die sich ihr näherten, sorgfältig genährte Eitelkeit.
+Wie ihr Haus und ihr Park die schönsten, ihre Equipage und ihre
+Toiletten die elegantesten Augsburgs waren, so sollte ihre Nichte -- am
+Maßstab Augsburgs gemessen -- die vollendetste junge Dame sein. Es
+gehörte eine intensive geistige und körperliche Umwandlung hierzu, um
+dieses Ziel zu erreichen.
+
+Wurde die gute Gesellschaft in Norddeutschland durch den
+alten ritterbürtigen Adel repräsentiert mit seiner Auffassung
+von Ebenbürtigkeit, mit seinen kirchlich-orthodoxen und
+politisch-konservativen Gesinnungen, seiner damals noch ausgesprochenen
+Geringschätzung jeden Berufs, der außerhalb der Laufbahn des
+Gutsbesitzers, des Offiziers oder des höheren Staats- und Hofbeamten
+lag, so setzte sie sich hier, getreu den Traditionen, aus dem alten und
+dem neuen Patriziertum zusammen, das mit wenigen Ausnahmen nach wie vor
+bürgerlichen Berufssphären angehörte. Zur Zeit, da die Ahnherren der
+preußischen Junker wider Heiden und Türken kämpften, handelte der
+Stammvater der Fugger mit Leinwand, segelten die Kauffahrteischiffe der
+Welfer nach Westindien, saßen die ersten Stettens in der
+Goldschmiedzunft. Ihre Nachkommen betrachteten die Fröhlich und Forster
+und Schätzler -- Industriebarone des neunzehnten Jahrhunderts -- als zu
+sich gehörig, während der Offizier als solcher ebensowenig eine
+gesellschaftliche Stellung besaß wie der Landsknecht des Mittelalters.
+
+So groß wie der Gegensatz der Herkunft war der der wirtschaftlichen
+Interessen, die in meinem bisherigen Lebenskreise wesentlich agrarische
+gewesen waren und hier ausschließlich großindustrielle. Die
+verschiedenartige politische Stellung folgte daraus: die gute
+Gesellschaft Augsburgs war nationalliberal, und lehnte mit der
+politischen auch die kirchliche Orthodoxie ab. Ein lebhafteres Interesse
+für Kunst und Wissenschaft ging damit Hand in Hand, und wurde von der
+Allgemeinen Zeitung und den Männern, die durch sie nach Augsburg kamen,
+stets rege erhalten. Unterhielt man sich in den Schlössern Ostpreußens
+von Literatur und Theater, so geschah es nur unter dem Gesichtswinkel
+des größeren oder geringeren Amüsements; in Augsburg gehörte es zum
+guten Ton, Neues zu kennen und vom künstlerischen Standpunkt aus
+darüber zu urteilen.
+
+Die breite Mittelstraße, auf der sich von rechts und links immer die
+Leute zusammenfinden, die den Mut nicht aufbringen, vom Wege ihrer alten
+Anschauung die entgegengesetzte Grenze zu überschreiten, und die zu
+ihrer eigenen Beruhigung jene Straße die »goldene« tauften, war das
+Symbol des ganzen geistigen Lebens. In Preußen vermied man es, über
+ernstere Fragen zu sprechen, weil dabei die Ansichten aufeinanderplatzen
+könnten und das nicht zum guten Ton gehört, hier war man soweit, alles
+zum Gegenstand bloßer Konversation zu machen.
+
+Wurde es mir sehr schwer, bürgerliche Hausfrauentugenden zu lernen, und
+noch schwerer, jenen tief gewurzelten Hochmut nieder zu drücken, der
+sich durchaus nicht dazu verstehen wollte, einen Fabrikanten oder einen
+Bankier als gleichgestellt anzusehen, so war die politische und
+religiöse Richtung der Umgebung im Einklang mit meiner Entwicklung. Und
+von dieser Seite aus eroberte mich Augsburg und machte mich schließlich
+zum gefügigen Zögling meiner Tante.
+
+Kaum hatte sie mich äußerlich ausreichend umgemodelt -- eine kunstvolle
+Frisur und ein Pariser Korsett waren ebenso das Attribut süddeutscher
+Vornehmheit, wie der glatte Scheitel und das deutsche Mieder das der
+norddeutschen waren --, als ich in den Kreis ihrer Verwandten und
+Freunde eingeführt wurde. Was mich zunächst in Erstaunen setzte, war,
+bei anerkanntem Reichtum, die große Einfachheit des äußeren Lebens. In
+dem alten hochgiebeligen Stettenhaus am Obstmarkt gab es noch
+gescheuerte Dielen und servierende Dienstmädchen. In der Zeit der
+Renaissancemöbel und verdunkelnden Gobelinvorhänge behauptete hier die
+weiße Mullgardine neben dem leichten Biedermeierstuhl ihren Platz. Im
+Hause der Schätzler, dessen herrlicher Rokokosaal jedem Königsschloß zur
+Ehre gereichen würde, buk die Hausfrau selbst den Weihnachtskuchen und
+machte das Obst ein. Ich verlernte allmählich, über dergleichen die Nase
+zu rümpfen; die Vereinigung von Fleiß, Einfachheit und Reichtum hatte
+etwas imponierendes, und die Erkenntnis, daß es außerhalb der Welt
+meiner bisherigen Umgebung noch Menschen gab, mit denen »man« verkehren
+konnte, war epochemachend für mich. Aber noch überraschender war der
+Eindruck, den das geistige Leben auf mich machte. Zu den Intimsten im
+Hause meiner Tante gehörte der Chefredakteur der Allgemeinen Zeitung,
+Dr. Otto Braun, der Oberbürgermeister von Augsburg, Ludwig Fischer, und
+der Pfarrer von St. Anna, Julius Haberland. Mit einem kleinen Kreis
+anderer Gäste -- aus dem die männliche Jugend streng ausgeschlossen war
+-- kamen sie regelmäßig einmal in der Woche bei uns zusammen. Der
+Musiksaal, der mit seinen Goldornamenten und rotseidenen Möbeln dem
+brutalen Prachtgeschmack des bayrischen Königs zu huldigen schien, war
+dem Wagner-Kultus geweiht. Im grünen Rokokoboudoir trafen sich die
+Plaudernden; in der ernsten dunkeln Bibliothek unter der zimmerhohen
+Fächerpalme pflegte Otto Braun vorzulesen.
+
+Er war ein außerordentlich lebhafter untersetzter, kleiner Mann, dessen
+Interessen wesentlich literarische waren, und dessen jugendliche
+Begeisterung für seine Lieblingsdichter ansteckend wirken mußte. Trotz
+des Gegengewichts der Tante, die meine Lektüre auf das notwendigste und
+kindlichste beschränken wollte, verstand er es, meine zerfahrenen
+Neigungen in feste Bahnen zu lenken, und erschloß mir Gebiete der
+Literatur, die mir, und damals wohl auch der Mehrzahl des lesenden
+Publikums, noch vollkommen fremd geblieben waren. Hatte ich bisher die
+Bücher der Modedichter, eines Heyse, Dahn oder Ebers, andächtig
+verschlungen, so wurden mir jetzt die von Gottfried Keller, von Conrad
+Ferdinand Meyer und Marie von Ebner-Eschenbach zu künstlerischen
+Offenbarungen. Daß Braun den Allerjüngsten verständnislos
+gegenüberstand, sich gegen radikale Ausländer, wie Zola, Ibsen und
+manche der großen Russen ablehnend verhielt, vermochte auf mich um so
+weniger nachteilig zu wirken, als der Eintritt in seine Interessensphäre
+schon einen großen Schritt vorwärts bedeutete.
+
+Für das Gebiet der Politik und der Religion galt dasselbe wie für das
+der Literatur. Wenn Ludwig Fischer, der als einflußreiches Mitglied der
+nationalliberalen Partei auf der Höhe seines parlamentarischen Ruhmes
+stand, seine Ansichten entwickelte, so erschienen sie mir, der die
+konservative Politik stets als die eines anständigen Menschen allein
+würdige dargestellt worden war, beinahe als revolutionär. Die Erinnerung
+an den revolutionären Liberalismus von 1848, der mich in der
+Geschichtsstunde einmal begeistert hatte, verstärkte diesen Eindruck;
+von Freihandel und Schutzzoll verstand ich nichts, hatte also von dem
+Umfall der Mehrzahl der Liberalen in jener Schutzzollperiode Bismarcks
+keinen Begriff, sondern empfand, was ich hörte, wie eine innere
+Befreiung: es gab Menschen, es gab eine große Partei, die die Ideale
+der Freiheit und der Menschenrechte hochhielten, ich konnte mich zu
+ihnen bekennen, ohne, wie sonst immer, bei den Meinigen auf heftigen
+Widerstand zu stoßen. »Konservativ kann ich nicht sein,« schrieb ich im
+Frühjahr 1881 an meine Kusine, mit der ich, seitdem die Tante befriedigt
+die guten Resultate ihrer Erziehung konstatierte, wieder korrespondieren
+durfte, »das wäre dasselbe, als wenn ich für die Prügelstrafe und die
+Unterdrückung jedes wissenschaftlichen Fortschritts eintreten wollte.
+Der Nationalliberalismus, der nicht eine Kaste und ihre veralteten
+Privilegien, sondern die Interessen des ganzen Volkes vertritt, der die
+wissenschaftliche Erkenntnis stets zu fördern bereit ist, und daher auch
+der religiösen Orthodoxie energisch gegenüber steht, entspricht meinen
+Ansichten.«
+
+Der kirchliche Liberalismus, den kennen zu lernen mir noch interessanter
+war, und der in Augsburg allgemein vorherrschte, wurde im Kreise meiner
+Tante durch den Pfarrer ihrer Gemeinde auf das eindrucksvollste
+vertreten. Der sonntägliche Kirchgang -- hier ebenso eine
+selbstverständliche Pflicht wie zu Hause -- hatte darum nichts
+abschreckendes mehr für mich. Wenn Julius Haberlands schöne
+Apostelgestalt auf der Kanzel erschien und seine sonore Stimme die
+Kirche mit Wohlklang erfüllte, war ich vom ersten Augenblick an
+gefesselt: hier fehlte jede dogmatische Schroffheit; Verständnis und
+Milde fand ich hier für menschliche Fehler und Irrtümer, wo mir in Posen
+nichts als Verurteilung und Härte begegnet war.
+
+Alle Wunden öffneten sich wieder, die die religiösen Kämpfe mir
+geschlagen hatten; sie waren nur mühselig überklebt, aber nicht geheilt
+worden, und ich sehnte mich mehr denn je nach der Heilung. Auf meinen
+dringenden Wunsch bat meine Tante den Pfarrer, mir privaten
+Religionsunterricht zu erteilen; er war bereit dazu, und so ging ich
+denn allwöchentlich ein paarmal in das stille Haus an der Fuggerstraße.
+In seiner sonnigen Studierstube saß ich dem gleichmäßig gütigen Mann mit
+den seinen, von blondem Vollbart umrahmten Zügen und den weißen,
+schmalen, gepflegten Händen viele Stunden gegenüber, und ganz, ganz
+langsam gelang es ihm, aus meinem ängstlich verschlossenen Inneren all
+meine Zweifel und Verzweiflungen herauszulocken. Sein Christentum, das
+den religiösen Glauben weit mehr im Sinne des Vertrauens, statt in dem
+des Für-wahr-haltens, auffaßte, wirkte zunächst auf mich, wie der
+Eintritt in die freie Natur auf einen Menschen wirkt, der zwischen den
+Mauern enger Gassen lange zu leben gewohnt war.
+
+Mein Glaubensbekenntnis konnte zu Recht bestehen, und ich war doch ein
+Christ. Ich brauchte nicht an die göttliche Inspiration der Bibel, an
+die Wunder des Alten Testaments, an die Jungfräulichkeit der Mutter des
+Heilands zu glauben und war doch keine aus der Kirche Ausgestoßene. Als
+heiliges Symbol konnte aufgefaßt werden, was ich wörtlich für wahr zu
+halten verpflichtet worden war, -- demnach hatte ich vor dem Altar
+keinen Meineid geschworen! Mein Verstand beruhigte sich dabei. Ich hatte
+auch hier die »goldene« Mittelstraße erreicht, auf der so viele, selbst
+alte Leute gehen, die keine Heuchler zu sein brauchen, die aber,
+beherrscht von jener gefährlichsten Eigenschaft unserer Denkkraft -- der
+Bequemlichkeit -- da einen Punkt machen, wo die eigentliche Arbeit erst
+anfangen sollte.
+
+Aber die Befriedigung des Verstandes konnte auf die Dauer über den
+Hunger des Gemüts nicht hinwegtäuschen. Es blieb leer in mir, viel
+leerer als zu der Zeit, wo der alte strenge Gott der orthodoxen Kirche
+sich noch nicht in einen so milden, hinter fernen Nebeln fast
+verschwindenden väterlichen Greis verwandelt hatte. In kalte Schauer des
+Entsetzens hüllte mich diese trostlose Öde, je länger ich in dem
+glänzenden Blumenhaus am Königsplatz wohnte, je mehr ich mich unter den
+rastlos formenden Händen der Tante der Idealgestalt, die ihr
+vorschwebte, näherte. Nie ließ sie mir Zeit für mich selbst; mein Tag
+war, was das Arbeitpensum und die Art der Erholung betrifft, so genau
+eingeteilt, daß für meine persönlichen Neigungen kein Platz übrig blieb.
+Wenn mich aber einmal in den langen Stunden, die ich bei irgend einer
+Handarbeit saß, die Gestalten meiner Träume überwältigten und ich mich
+ihrer nicht anders zu erwehren vermochte, als daß ich heimlich nachts
+darauf zu Feder und Tinte griff, um mit klopfenden Pulsen in Worte und
+Reime zu fassen, was mich erfüllte, so konnte ich sicher sein, daß die
+Tante oder die Jungfer mein streng verbotenes Tun entdeckten. »Unnütze
+Phantasien« hatte ich zu beherrschen; mußte durchaus gedichtet werden,
+so boten Familienfeste Gelegenheit genug dazu.
+
+Einmal, im Frühjahr wars, als die Tante zu einer ärztlichen Konsultation
+nach München hatte fahren müssen. Da benutzte ich die Erlaubnis eines
+Besuchs bei einer Freundin, um allein nach Herzenslust in der Stadt
+umherzustreifen. Einem tiefen inneren Bedürfnis folgend, das sich aus
+künstlerischen und religiösen Motiven merkwürdig zusammensetzte, war es
+mir schon zur Gewohnheit geworden, bei jedem Ausgang in irgend eine der
+alten Kirchen einzutreten, wo ich im weihrauchduftenden Dämmer
+wenigstens zu Augenblicken stiller Sammlung kam. Heute durfte ich mir
+ein paar Stunden gönnen, nachdem ich den Besuch möglichst abgekürzt
+hatte. Das Portal des Doms stand offen, als ich näher trat, und Scharen
+kleiner Kinder trugen lange Girlanden bunter Frühlingsblumen hinein, um
+die vielhundertjährigen Säulen und Altäre zu den Maiandachten der
+heiligen Jungfrau zu schmücken. Königlich und liebreich zugleich schien
+sie vom Pfeiler des großen Tores auf all die jungen Gläubigen
+herabzulächeln. Innen, in den weiten Hallen, die so wunderbar deutlich,
+und eindringlicher als irgend ein gelehrtes Buch, von der Entwicklung
+deutscher Kunst erzählen, verklangen die vielen trippelnden Füßchen, und
+es war ganz still. Die helle Nachmittagssonne glänzte durch die alten
+gemalten Fenster, so daß Daniel und Jonas, Moses und David von neuem
+Leben durchglüht erschienen. Im Gegensatz zu diesem Licht waren die
+schwarzen Schatten des dunkeln Querschiffs um so tiefer, und wie hinter
+grauen Florschleiern schimmerten die Grabsteine in den Seitenschiffen.
+Dumpfkalte Winterluft schwebte noch um die Mauern. Dem hellen Chorgang
+schritt ich daher zu, aus dem die Kinder mir gerade entgegenströmten;
+sie hatten ihm schon sein frisches Festkleid angetan, und es trieb mich,
+zu sehen, wie sie der Mutter Gottes als heidnischer Frühlingsgöttin die
+Erstlinge des Lenzes geopfert hatten. Da stockte mein Fuß vor einem
+steinernen Grabmal: ein Totenschädel mit breitem Mund und leeren Augen
+grinste mich an, lang gestreckt dehnte sich der ausgedörrte Leib auf dem
+Sarkophag, von Kröten und Schlangen ringsum gräßlich benagt. Entsetzt
+floh ich hinaus; aber in der Erinnerung verstärkte sich nur noch der
+Eindruck: die steinerne Maria am Portal, die blumentragenden Kinder aus
+Fleisch und Blut, und der tote Peter von Schaumburg, der lebenslustige
+Kardinal, der sich selbst, da er noch im Golde wühlte und Augsburgs
+schönsten Töchtern die Beichte abnahm, dieses furchtbare Denkmal gesetzt
+hatte, gingen neben mir her, traten mir in den Weg, oder folgten mit
+leisen Sohlen meinen Schritten. Oben in meinem Zimmer angekommen, warf
+ich hastig Hut und Mantel von mir, setzte mich an den Schreibtisch und
+schrieb -- schrieb -- schrieb, ohne die wiederholte Mahnung zum
+Abendessen zu berücksichtigen, eine phantastische Geschichte, in der der
+Kirchenfürst zu der holdseligsten Jungfrau der Stadt in sündiger Liebe
+entbrannte und die sittsame Maid auf ihr Gebet zum Steinbild auf dem
+Pfeiler verwandelt wurde, während er in ihrer Nähe sich bußfertig dieses
+dauernde memento mori schuf. Ich achtete nicht der Stunde, ich hörte
+nicht die Schritte der Tante hinter mir, erst als sie sich über mich
+beugte und ihr warmer Atem meine Stirne streifte, fuhr ich erschrocken
+aus meinem wachen Traum.
+
+»Also nur den Rücken zu kehren brauche ich, und die alte Geschichte
+fängt von neuem an,« rief sie empört und nahm die beschriebenen Blätter
+vom Schreibtisch. »Statt deinen englischen Aufsatz zu machen, treibst
+du Narrenspossen.« Damit zerriß sie meine Kardinalsnovelle in tausend
+Stücke. Ich fühlte, wie alles Blut mir aus den Wangen wich; mit der
+Selbstbeherrschung war es vorbei. »Du willst mich umbringen -- langsam
+zu Tode martern« -- stieß ich hervor; »tue ich nicht alles, was du
+willst, lasse mich sogar einsperren und kontrollieren, wie einen
+Verbrecher? Gönne mir doch mein bischen eigenes Leben -- schenk mir ein
+paar Stunden am Tag --. Gefällt Dir nicht, was ich schreibe, so laß es
+mir wenigstens. Ich werde ja niemanden damit quälen. --« »Das wäre auch
+noch schöner, wenn du mich mit dem eiteln Herumzeigen solchen
+Geschreibsels blamieren wolltest!« entgegnete sie. »Ich kann
+tintenklexende Frauenzimmer bei mir nicht dulden. Und du willst, ich
+soll dir noch extra Freistunden dafür ansetzen! Eine Frau hat überhaupt
+nicht für sich zu leben, sondern für andere.« Gequält lachte ich auf --
+ich dachte daran, wie die Tante »für andere« lebte! »Ich halte es aber
+nicht aus, ich muß los werden, was mich gepackt hat. Andere denken auch
+nicht wie du. Großmama ist immer dafür gewesen, daß ich dem inneren
+Zwang gehorche.«
+
+»Deine Großmama!« -- höhnisch schürzte die Tante die vollen Lippen; »ich
+will ja gewiß der alten Dame nicht zu nahe treten, aber du solltest doch
+besseres tun, als sie zum Kronzeugen anzurufen!«
+
+Empört fuhr ich auf: »Großmama ist die beste Frau, die ich kenne, der
+einzige Mensch, der mich lieb hat und mich versteht!«
+
+»Mag sein, daß sie dich versteht!« rief die Tante. »Sie ist gerade so
+überspannt wie du. Kein Wunder -- bei der problematischen Herkunft!«
+Ich ballte unwillkürlich die Fäuste, daß mir die Nägel ins Fleisch
+drangen und warf hochmütig den Kopf zurück: »Mit deinen Augsburgern
+Krämern kann sie sich freilich nicht messen!« Kochender Zorn verzerrte
+die Züge der Tante. »Wirst du sofort wegen dieser unerhörten Frechheit
+um Verzeihung bitten?!« schrie sie mich an. Mit einem kurzen »Nein«
+wandte ich mich ab und ging in mein Schlafzimmer.
+
+Ich warf mich aufs Bett und biß die Zähne zusammen, um nicht laut auf zu
+schreien: krampfhafte Schmerzen in der Seite ließen mich die seelischen
+Leiden momentan vergessen. Andeutungen davon hatte ich schon in
+Pirgallen beim Reiten gespürt; jetzt, in Augsburg waren sie immer
+stärker geworden, und steigerten sich nach jeder großen Erregung zu
+einem heftigen Anfall. Schließlich hatte ich mich entschlossen gehabt,
+der Tante davon zu sprechen; sie hatte es zum Anlaß genommen, mir zu
+erklären, daß ein gut erzogenes junges Mädchen nicht krank zu sein
+hätte, und ihr Hausarzt hatte mir dann, nach einem kurzen Blick auf mein
+blasses Gesicht »Beefsteak und Rotwein« empfohlen. Daraufhin sagte ich
+nichts mehr, auch wenn ich mich vor Schmerzen krümmte. So wie diese
+Nacht war es freilich noch nie gewesen. Ich tat kein Auge zu.
+
+Am nächsten Morgen wurde mir mitgeteilt, daß ich oben zu bleiben hätte.
+Auch vor den Dienstboten sollte ich gedemütigt und so zur Abbitte
+gezwungen werden. Als auch der zweite Tag verstrich, ohne daß ich dazu
+Miene machte, kam Pfarrer Haberland zu mir. Er sprach mir viel von
+Tantens Liebe zu mir, ihrer Sorge um mich, den Opfern an persönlichem
+Behagen, die sie mir ständig brächte, ihrem Alter und meiner zur
+Unterordnung verpflichteten Jugend. »Zeigen Sie, daß Sie jetzt wirklich
+eine Christin sind!« sagte er. »Demütigen Sie sich, auch wenn Ihnen
+wirklich Unrecht geschehen wäre! Bringen Sie freudig das Opfer Ihrer
+selbst -- Sie werden reichen Lohn davon haben!« »Vielleicht hat er
+wirklich recht«, dachte ich; und in dem stolzen Bewußtsein, einen Sieg
+über mein böses Ich errungen zu haben, ging ich mit ihm herunter, und es
+gab eine rührende Versöhnungsszene mit viel Tränen, Küssen und
+Segenswünschen. Ich hatte mich wieder einmal unterworfen. Als eine Art
+Selbstkasteiung sah ich es an, wenn ich nunmehr mit Feuereifer alle mir
+unangenehmen Arbeiten übernahm: ich stickte »altdeutsche« Deckchen, als
+ob ich es bezahlt bekäme, kämpfte stundenlang am Klavier mit meiner
+Talentlosigkeit, strickte unentwegt Strümpfe für die Negerkinder,
+während die Tante nach dem Abendbrot spielte und sang. Aber die Leere im
+Innern blieb, und wenn abends die Nachtigallen vor meinen Fenstern
+flöteten und der Duft der weißen Akaziendolden hereinströmte, dann
+erfaßte mich eine Sehnsucht, eine tiefe, heiße -- wonach, ach wonach?!
+
+Im Sommer fuhren wir nach Grainau. Ich freute mich kindisch darauf, aber
+durch die strenge Abgeschlossenheit des Lebens wurde mir der Aufenthalt
+sehr verbittert. Ich durfte nicht einmal mit dem Sepp auf die Hochalm,
+und als Hellmut Besuch machte, der inzwischen ein flotter Gardeleutnant
+geworden war, und seinen Urlaub in Partenkirchen bei der Mutter
+verlebte, nahm ihn die Tante allein an; sie mußte ihm wohl bedeutet
+haben, daß sie den Verkehr mit »dem Kinde« nicht wünsche, denn er kam
+nicht wieder.
+
+Wir fuhren täglich spazieren, -- wie ich von meinem Wagen aus die
+Touristen beneidete, die mit dem Rucksack auf dem Buckel frisch und
+fröhlich in die Welt hineinmarschierten!
+
+Nach Augsburg zurückgekehrt -- ich war inzwischen sechzehn Jahre alt
+geworden -- eröffnete mir die Tante, daß ich mich nunmehr, nachdem sie
+einen Rückfall nicht wieder beobachtet habe, freier bewegen dürfe. Da
+ich aber weder einen Schreibtisch-, noch einen Stubenschlüssel bekam,
+beschränkte sich die »Freiheit« nur auf ein geringeres Maß von
+Kontrolle, auf den Besuch von Gesellschaften, die nicht ausschließlich
+aus Damen und alten Herren bestanden, und auf den des Theaters, wo zwei
+Logenplätze uns jeden Abend zur Verfügung standen. Die Konferenz und
+Energie meiner Tante, ihre unablässigen, in den verschiedensten Formen
+sich wiederholenden, und neuerdings durchaus freundschaftlich gehaltenen
+Auseinandersetzungen über die Pflichten eines jungen Mädchens von
+vornehmer Geburt, hatten überdies allmählich auf mich gewirkt wie ein
+Opiat, das die Seele stumpf macht. Wachte irgend etwas wieder auf in
+mir, so hielt ich es selbst schon für ein Unrecht, und beeilte mich, es
+wieder einzuschläfern. An meine Kusine schrieb ich damals: »Du fragst,
+ob ich irgend etwas schreibe? Es lebt vieles in meinem Kopf und Herzen,
+aber ich finde keine Zeit dazu, es zu gestalten. Das ist ein wunder
+Punkt in meinem Leben. In mir kocht und glüht es, und ich glaube wohl,
+daß ich Talent habe, und daß es hinausstürmen will. Da muß ich denn
+doppelt hohe Barrieren bauen. Ich muß soviel Prosaisches tun, -- und
+wenn ich erst zu Hause bin, wo ich Mama viel abnehmen muß, wird meine
+Zeit vollends ganz ausgefüllt sein. Es mag Menschen geben, die für die
+Prosa des Lebens geboren sind; ihnen werden die gewöhnlichen Pflichten
+nicht schwer; mir werden sie schrecklich schwer ... Mein armer Pegasus
+hat zuerst daran glauben und am Altar der Pflicht verbluten müssen! ...
+Es ist am Ende das Beste so. Was soll ein armes Mädel mit ihm anfangen?
+Die Phantasie war das Unglück meines Lebens; sie aus mir
+herauszuschneiden war eine gräßlich schmerzhafte Operation. Nun, da sie
+gelungen ist, will ich das, was blieb, nur benutzen, um Haus und Leben
+damit zu schmücken, meinen Eltern und einmal meinem Mann zu dienen.«
+
+Ich war wirklich eine »junge Dame« geworden; ich fühlte nicht einmal
+mehr, daß die hoffnungsvollen Triebe meines Lebensbodens
+niedergetrampelt waren. »Man beurteilt ein junges Mädchen nach seinem
+Aussehen, weniger nach seinem Wissen«, schrieb ich, mir die Ansichten
+der Tante zu eigen machend, »sie wird mit Recht für arrogant gehalten,
+wenn sie schon eine eigne Meinung haben will«. Mein Tagebuch, das ich
+seit dem Augsburger Aufenthalt nicht berührt hatte, weil ich es nicht
+durfte, blieb auch jetzt unausgefüllt, obwohl mich niemand mehr daran
+hinderte. Großmama frug einmal brieflich danach, und ich antwortete mit
+schnippischem Selbstbewußtsein: »Ich schreibe keins, weil ich finde, daß
+man sich in meinem Alter darin Dinge vorlügt, die man nicht denkt, und
+aus Ereignissen wichtige macht, die man besser vergißt. Mein Leben
+brauche ich nicht aufzuschreiben, denn die Nachwelt wird es nicht
+kümmern. Auch Verse mache ich nicht mehr, denn mein Streben ist darauf
+gerichtet, mein eignes Ich und die Welt um mich so poetisch wie möglich
+zu gestalten« -- durch bemalte Teller und Schachteln, bestickte Deckchen
+und ein mißhandeltes Klavier! -- »damit ich einmal meinem Mann eine
+hübsche Häuslichkeit schaffen kann.«
+
+Mein Mann! -- Die Tante sorgte dafür, daß meine Träume sich mehr und
+mehr um ihn drehten und meine Phantasie, die wir so tief eingesargt
+wähnten, nach dieser Richtung üppigste Blüten trieb. War nicht das Ziel
+all ihrer Erziehungskünste der Mann? War es nicht wie ein glattes
+Rechenexempel, wenn sie mir auseinandersetzte, warum und wann und wen
+ich heiraten sollte? »Da ich kinderlos bin, wird für dich reichlich
+gesorgt sein,« sagte sie, als wir einmal im Siebentischwald spazieren
+gingen und ihr Arm schwer und schmerzhaft wie stets auf dem meinen
+ruhte, »aber natürlich erst nach meinem Tode. Jetzt bist du arm und bei
+der schlechten Wirtschaft deiner Eltern kannst du kaum auf eine Zulage
+rechnen. Mach also keine Dummheiten. Sorgen treiben gewöhnlich die Liebe
+zum Hause hinaus. Und wenn ich versucht habe, dich aus deinem
+Wolkenkuckucksheim in die nüchterne Alltäglichkeit zurückzuführen, so
+doch nur, damit du dich nicht mit irgend einer konfusen Leidenschaft
+verplemperst. Du kannst jetzt die größten Ansprüche machen -- verscherze
+dir das nicht!« Ich hörte ruhig zu, ich war so gut erzogen, daß mir das
+alles selbstverständlich klang.
+
+Nur einmal wars, als zerrisse ein dunkler Vorhang vor meinen Augen, und
+ich sah plötzlich, wie eine Vision, die tiefe, dunkle, kalte Leere
+meines Herzens. Ich suchte spät Abends im Park nach einem Tuch, das
+ich irgend wo liegen gelassen hatte, als ich vor mir, eng
+aneinandergeschmiegt, zwei Menschen gehen sah: unsre Lina, das
+Stubenmädchen, und Johann, den Kutscher. Von Zeit zu Zeit blieben sie
+stehen und küßten sich -- endlos verzehrend. »Maria und Josef«, schrie
+die Lina als sie mich sah, »das gnä Fräuln!« Mit Wangen, die glühten und
+Augen, die glänzten, mehr vor Glück als vor Scham, streckte sie die
+Hände nach mir aus: »Gnä Fräuln werdens nit der Frau Baronin sagen, gel
+ja?« bat sie schmeichelnd, »de Liab is ja koan Unrecht nöt. Wers freili
+so noblich haben kann wie das gnä Fräuln, der ka ruhig aufn Prinzen
+warten, der glei mitn Trauring kimmt und gradaus in die Kirch eini
+führt. Aber mir --« sie lächelte den verlegen daneben stehenden Johann
+zärtlich an, »mir haben nix als das bissel Liab -- und dös -- dös müssen
+wir haben ... So red doch auch was, Hannsl!« Sie stieß ihn aufmunternd
+in die Seite. »Recht hast!« stotterte er, »a Freud muß der Mensch haben,
+so a rechte herzklopfete Freud!« Es dunkelte mir vor den Augen, laut
+aufgeschluchzt hätte ich am liebsten. Wie arm, wie schrecklich arm war
+ich! Aber ich war ja so gut erzogen! So versicherte ich denn das Paar
+meiner Verschwiegenheit und kehrte in meine »nobliche« Gefangenschaft
+zurück.
+
+Während der folgenden Monate in Augsburg wurde meiner Erziehung durch
+die Einführung in die Wohltätigkeitsbestrebungen der guten Gesellschaft
+der letzte Schliff gegeben. Meine Tante war Vorstandsmitglied der
+verschiedensten Vereine und galt allgemein für äußerst hilfsbereit. Mir
+waren darüber schon oft Zweifel aufgestoßen, wenn arme Leute, deren
+Unglück sichtlich rasche Hilfe verlangte, von der Schwelle des
+glänzenden Hauses abgefertigt und ihre Angelegenheit dem Bureaukratismus
+irgend eines Vereins überwiesen wurde. Aber meine Tante wußte so viel
+von der Großartigkeit der augsburger Armenfürsorge -- sowohl der
+kommunalen, als der privaten -- zu erzählen, daß ich meine Bedenken
+zurückhielt und mir von dem, was geleistet wurde, die glänzendsten
+Vorstellungen machte. Schon meine erste Teilnahme an der Sitzung eines
+Krippenvereins ließ mir die Dinge in anderem Licht erscheinen. Da saßen
+lauter reiche Frauen in seidenrauschenden Kleidern um den Tisch; keine
+einzige unter ihnen hatte keine Loge im Theater, keine Equipage vor der
+Türe, -- und doch berieten sie stundenlang, auf welche Weise die zur
+Erweiterung der Anstalt notwendigen paar hundert Mark aufgebracht werden
+könnten. Ein Bazar wurde beschlossen. Schon auf der Heimfahrt jammerte
+meine Tante über all die damit verbundenen Mühen und Scherereien, über
+ein neues Kleid, das ich -- als Verkäuferin -- notwendig dafür haben
+müßte, über einen neuen Hut, den sie nur in München bekommen könnte, --
+kurz, ich konnte die Frage nicht unterdrücken, ob nicht die Kosten
+erheblich geringer sein würden, wenn jede der Damen durch Zahlung von
+fünfzig Mark die ganze Sache rasch und glatt erledigt hätte. Aber da kam
+ich schön an. »Du hast doch gar keinen Begriff von Geld und Geldeswert«
+sagte sie, »wenn du meinst, wir könnten alle Augenblicke solche Summen
+einfach hergeben. Was wir für uns tun und unsere Toilette, ist unsere
+Sache, für die Bedürftigen aber muß die ganze Bevölkerung herangezogen
+werden.«
+
+Auch zu Recherchen wurde ich mitgenommen oder durfte sie hie und da
+selbst machen. So kam ich einmal zu einer armen Witwe in die
+Wertach-Vorstadt, die sich und ihre vier Kinder mit Wäschenähen zu
+ernähren bemühte und um Unterstützung nachgesucht hatte. Durch einen
+engen, dunkeln Hof mußte ich gehen, in dessen dumpfer Kellerluft eine
+Schar blasser, kleiner Buben und Mädeln sich herumtrieb. Sie scharten
+sich alle mit offnen Mäulchen um mich, als ich nach Frau Hard frug.
+»Über drei Stiegen links wohnt Mutta,« sagte ein blasser Junge mit einem
+ernsthaften Altmännergesicht, und die Schwester, deren Züge auch vom
+Lachen so wenig zu wissen schienen wie dieser Hof vom Sonnenschein,
+führte mich hinauf.
+
+Mit jenem angstvoll nervösen Ausdruck gehetzter Tiere, der sich den
+Gesichtern all der Menschen einprägt, die den Kampf ums tägliche Brot
+jeden Morgen in gleicher Schärfe aufs neue beginnen müssen, sah die arme
+Frau mir entgegen. Während sie Heftfäden aus all den vielen weißen
+Wäschestücken zog, die fast das ganze winzige Zimmer füllten, und
+dazwischen hie und da aufsprang, um nach dem brodelnden Topf in der
+dunkeln Küche nebenan zu sehen, von dem ein widerlicher Geruch nach
+schlechtem Fett sich allmählich überallhin ausbreitete, erzählte sie mir
+ihre Leidensgeschichte. Der Mann, ein Maler, war vor drei Jahren an der
+Schwindsucht gestorben, -- »ka Wunder nöt bei dera Fabrik am Stadtbach
+draußen« --, die Direktion hatte ihr eine einmalige Unterstützung von
+hundert Mark zugewiesen. »Gott vergelts ihna viel tausendmal« fügte sie
+tief gerührt hinzu, als sie davon sprach; trotz allem Fleiß konnte sie
+aber doch nicht das Nötigste schaffen. Inzwischen kamen die Kinder
+herein und drängten sich halb neugierig halb eingeschüchtert in einer
+Zimmerecke zusammen. »Mit die Kinder is halt a Kreuz,« sagte die Mutter
+seufzend, »eins -- das ginge noch an, aber vier, da weiß man nicht aus
+noch ein vor Sorg und Kummer.« Der Kleinste stolperte in diesem
+Augenblick über seine eignen dünnen rachitischen Beinchen und fiel auf
+einen der Leinwandhaufen. Die Mutter patschte ihm erregt auf die
+Händchen, zankte gleich alle Vieren, daß sie »so arg im Wege« stünden
+und stieß sie unsanft in die Küche, mit der Mahnung, dort ganz still zu
+sitzen. Mir krampfte sich das Herz zusammen vor Mitleid mit diesen armen
+Geschöpfen, die der eignen Mutter nur eine Last waren und es mit
+brutaler Deutlichkeit von ihr selbst erfahren mußten. Fast war ich schon
+fertig mit meinem Urteil über die Hartherzigkeit der armen Näherin, als
+sie mir weinend erzählte, wie sie des besseren Verdienstes wegen ein
+Jahr lang in die Fabrik gegangen wäre, da sei aber ihr Jüngstes aus dem
+Fenster gestürzt, während sie abwesend war, und seitdem könne sie die
+Kinder nicht allein lassen. Aus lauter Angst um sie nähme sie alle Vier
+sogar mit, wenn sie liefern ginge. »Glei spräng i nach, wenn noch eins
+da nunter fiele!«
+
+Ich verlor alle Selbstbeherrschung, -- nie hatte ich auch nur im
+entferntesten von solch einem Elend gewußt --, die Tränen strömten mir
+aus den Augen. Ein schwaches Lächeln huschte über die verhärmten Züge
+der Frau; sie ließ die Arbeit sinken und streichelte mir tröstend die
+Hände: »So a guts Herzerl sans -- das hat mir gwiß der liebe Herrgott
+geschickt!« -- mich durchstach das Wort mit Messerschärfe: Ja, war es
+denn möglich, daß Gott solchen Jammer mit ansehen konnte?! Was hatte die
+Mutter, was hatten die kleinen Kinder getan, daß sie so leiden mußten?
+Warum lebten sie denn eigentlich, da doch ihr Leben gar keins war? Und
+wie kam ich dazu, nicht zu sein wie sie? Dunkel errötend sah ich an
+meinem eleganten Kleide hinab und blickte scheu zu den vielfach
+geflickten dürftigen Röckchen der Kinder hinüber, die sich wieder der
+Türe genähert hatten, um mich anzustaunen. Und ich fühlte plötzlich die
+Spitzen meines Hemdes auf meinem Körper brennen, -- hatten nicht am Ende
+ebenso arme durchstochene Finger sie genäht, wie die der Witwe vor mir?
+O, wie ich mich schämte! Wären die Kinder auf mich zugestürzt und hätten
+mir das weiche Tuch meines Kleides vom Leibe gerissen, hätte die Mutter
+sich mit meinem Mantel bekleidet, -- ich hätte es in diesem Augenblick
+ganz natürlich gefunden. Statt dessen ruhten die Augen der Kleinen mit
+keinem andern Ausdruck als dem der Bewunderung auf mir, und die Mutter
+pries überschwenglich mein »gutes Herz«.
+
+Ich zog den gedruckten Bogen aus der Tasche, um das Notwendigste
+einzutragen. Mechanisch stellte ich meine Fragen. »Wie alt sind Sie?« --
+»Sechsundzwanzig.« -- Erschrocken sah ich auf: dies gelbe, faltige
+Gesicht, der krumme Rücken, die dünnen Haare, der erloschene Blick, --
+und sechsundzwanzig Jahre! Ich sah plötzlich meine Tante vor mir, die
+vierzigjährige -- und ein dumpfer Zorn bemächtigte sich meiner. »Wie
+lange arbeiten Sie am Tage?« -- »I steh halt um fünfe auf und leg mich
+um zwölfen nieder!« -- Und das alles nur um das elende Leben am nächsten
+Tag weiter zu fristen!
+
+»Was verdienen Sie in der Woche?« -- »Sechs Mark, und wanns arg gut
+geht, achte. In der stillen Zeit gibts oft keine drei und vier. Und fünf
+-- sechs Wochen im Jahr is die Arbeit rar.« -- Also hatte sie für sich
+und die ihren weniger, als mein Taschengeld betrug, -- und ich
+gebrauchte für bloßen Toilettentand mehr als sie mit den Kindern zum
+Leben hatte!
+
+Ich ertrug es nicht länger. Das Weltbild verschob sich mir, und seine
+Farben flossen zusammen, so daß nichts als ein schmutziges Grau übrig
+blieb. Ich griff in die Tasche, und in der Empfindung etwas zu tun, was
+für mich weit beschämender war, als für die arme Frau, schüttete ich ihr
+den Inhalt meiner Börse in den Schoß und lief, so rasch ich konnte,
+davon. Als ich, trotz aller Mühe, mich zu beherrschen, atemlos und
+erregt von dem Erlebten berichtete, erklärte die Tante mich für
+»überspannt«. »Wie kannst du die Dinge nur von unsern Empfindungen aus
+bewerten. Die Leute sind das nicht anders gewöhnt, und wenn für das
+Notwendigste gesorgt wird, sind sie zufrieden. Sie übermäßig zu bedauern
+heißt, sie zu Sozialdemokraten machen.«
+
+Ein andermal kam ich zu einem alten Manne, dessen Tochter
+Fabrikarbeiterin war. Die Armenunterstützung, die er erhielt, reichte zu
+seiner Erhaltung nicht aus, und sie hatte erklärt, von ihrem Lohn nur
+wenig erübrigen zu können. Der Alte saß am Fenster eines reinlichen
+Zimmerchens, als ich eintrat; er hustete beinahe ununterbrochen,
+rauchte aber trotzdem die Pfeife, und fast undurchdringliche Wolken
+umgaben ihn. Meinem Wunsch, ein Fenster zu öffnen, widerstand er heftig.
+»I hobs auf der Brust und vertrag ka Zugluft nöt,« sagte er. Unter
+Räuspern und Husten begann ich mein Verhör. Er beklagte sich lebhaft
+über die Tochter, die »a schön's Stück Geld« verdiene, aber »alleweil
+mehr an Putz denkt als an den alten Vater,« und lieber auf »die
+Tanzböden umanand hupft« als bei ihm zu sein, der »dös ausgeschamte Ding
+doch nu amal in die Welt gesetzt hat.« Grade ging die Türe und »d' Resi«
+kam nach Haus, ein schmalbrüstiges junges Mädchen mit hektischem Rot auf
+den Wangen und fiebrig glänzenden Augen. Sie hustete. »Kannst nit a
+bissel s' Fenster auftun,« bat sie nach einer verlegnen Begrüßung, »wenn
+man eh' den ganzen Tag gar nix wie Staub schluckt.« Aber der Alte gab
+nicht nach, sondern eiferte bloß über die ungeratenen Kinder -- »zu
+meiner Zeit gab's koanen eignen Willen nöt bei die Madl. Heut zu Täg is
+aus mit'n schuldigen Respekt.« Die Resi bat mich, ihr mit meinem
+Fragebogen in die Küche zu folgen. Dort riß sie das Fenster auf, und ein
+Hustenanfall erschütterte ihre Brust, so daß ihr vor Anstrengung die
+Schweißtropfen auf der Stirne standen. Seit vier Jahren arbeitete sie,
+die eben erst achtzehn geworden war, in der großen Spinnerei, zu deren
+Aktionären auch meine Tante gehörte, wie ich aus ihrem eifrigen Studium
+der betreffenden Kurszettel erfahren hatte. Sie verdiente sieben Mark in
+der Woche, wovon sie dem Vater die Hälfte abgab. »Für mehr langt's gewiß
+nit, Fräulein,« fügte sie mit tränenden Augen hinzu, »i brauch a bissel
+was für's Gewand, und dann, -- schauen's, wie's mi grad gepackt hat --
+dös kommt alle Tag' a paar Mal -- der Herr Doktor hat gesagt, i soll
+viel Milli trinken, da hol' i mi heimli an halben Liter am Tag« -- aus
+dem Winkel des Schränkchens suchte sie ein Töpfchen hervor, dabei
+ängstlich nach der Türe schielend, ob auch der Vater nichts merken
+könne. »Recht a gute Luft, meint der Herr Doktor, wär' halt auch nötig«
+-- ein bittres Lächeln huschte um ihre Lippen -- »Sie merkend ja selber,
+wie's hier damit steht, und schlafen muß i a no bei ihm drinnen! Wie's
+aber in der Fabrik is, das wissen's gewiß nit, -- da schluckt einer
+weiter nix wie Baumwolle.«
+
+Zu Hause meinte ich, es wäre am besten, der Alte käme ins Spital. Die
+Tante war empört über meine Herzlosigkeit. »Ein Kind gehört zu seinen
+Eltern,« sagte sie, »und dann am sichersten, wenn sie alt und krank
+sind.« Nach einer neuen, »fachverständigeren« Untersuchung wurde
+festgestellt, daß die Resi am Sonnabend stets auf dem Tanzboden zu
+finden sei und für bunte Bänder immer Geld übrig zu haben scheine. Diese
+Entdeckung wurde mir mit allen Zeichen einer Entrüstung mitgeteilt, die
+ich beim besten Willen nicht zu teilen vermochte. »Wir gehen doch auch
+in Gesellschaften -- noch dazu ohne die ganze Woche gearbeitet zu
+haben,« sagte ich naiv, »und die Resi ist jung wie wir, dazu arm und
+krank -- laßt ihr doch das bißchen Lebensfreude.«
+
+Von da an wurden mir die Armenbesuche verboten. Nur zu Weihnachten
+durfte ich an der allgemeinen Bescherung des Krippenvereins teilnehmen.
+In einem langen niedrigen Saal standen hölzerne Tafeln mit
+geschmacklosen bunten Wollsachen, Schuhen, derben Wäschestücken, ein
+paar Pfefferkuchen und verschrumpelten Äpfeln bedeckt; ein dürftig
+geschmückter Baum streckte seine großen Zweige wie lauter wehklagend
+erhobene Arme nach der Zimmerdecke. Lieblos und nüchtern -- gar nicht
+nach Weihnachten -- sah es aus, und ich mußte der Großmutter denken, die
+selbst den Ärmsten immer irgend eine »Überraschung« bereitete, denn »les
+choses superflus sont des choses très nécessaires« Pflegte sie mit ihrem
+gütigsten Lächeln zu sagen. Auf der einen Seite drängten sich die Frauen
+und Kinder eng zusammen, auf der anderen saßen die Damen des Vorstands,
+und unter dem Baum stand Pfarrer Haberland, der die Festpredigt hielt.
+Er war mir völlig fremd diesen Abend, als er so viel vom »Vater im
+Himmel« sprach, »der die Armen nicht verläßt,« von »den wahrhaft
+christlichen Seelen der gütigen Geberinnen,« von der gebotenen
+»Dankbarkeit und Zufriedenheit der Empfangenden.« Dann wurde gesungen
+und dann beschert, wobei die Mütter ihre Kinder immer wieder ermahnten
+»vergelts Gott« zu sagen, obwohl die kleine Gesellschaft offenbar nicht
+recht wußte, warum. -- Über eine Gummipuppe und ein Holzpferdchen hätten
+sie sich tausendmal mehr gefreut, als über all die prosaischen
+Nützlichkeiten.
+
+Trotzdem von der Riesentanne in unserm Musiksaal wenige Stunden später
+hunderte von Kerzen ein warmes strahlendes Licht verbreiteten und alle
+Geschenke meiner Eitelkeit zu schmeicheln schienen, verlebte ich noch
+nie ein so trauriges Weihnachtsfest. Ich sei »schlechter Laune«, meinte
+die Tante ärgerlich, der mein Dank nicht stürmisch genug war. Nachts
+darauf hatte ich wieder einen heftigen Anfall von Seitenschmerzen und
+wußte bald nicht mehr, ob meine Tränen um das körperliche Leid oder um
+die Zerrissenheit meines Innern flossen.
+
+Ich mochte die Sitzungen der Vereine nicht mehr besuchen, trotzdem mir
+dringend empfohlen wurde, mir die gute Gelegenheit, so viel zu lernen,
+nicht entgehen zu lassen. Nur nichts hören und sehen von dieser Hölle,
+in die die Armen mir rettungslos verdammt erschienen!
+
+Ich ging aufs Eis, und in Gesellschaften und ins Theater, und je mehr
+die natürliche Lebenslust befriedigt und die Eitelkeit genährt wurde,
+desto leichter wurde mir ums Herz. Fuhren wir spazieren, die Tante und
+ich, und unser blauer Wagen rollte in der Vorstadt mitten durch den Zug
+der heimkehrenden Arbeiter, so schloß ich am liebsten die Augen, nachdem
+meine Bitte, diese Gegend zu meiden, als »sentimental« unerfüllt
+geblieben war. Aber grade wenn ich nicht hinsah und nur die müden
+Schritte hörte und das freudlose Gemurmel vieler Stimmen, war es mir,
+als ginge ich mitten unter ihnen und sähe meinen Doppelgänger bequem in
+die seidenen Kissen gelehnt an mir vorüber rollen. Und dann packte mich
+eine Wut -- eine Wut, daß ich am liebsten den nächsten Stein genommen
+und ihn den vornehmen Faullenzern ins Gesicht geschleudert hätte!
+
+Sah ich dann, wie aus wüstem Traum erwachend, um mich, so fiel mein
+Blick nur auf gleichgültige oder bewundernde Mienen -- es gab sogar
+Männer, die die Mütze zogen vor uns. Ich wandte jedesmal den Kopf ab.
+
+Im Mai kam mein Vater, um mich heimzuholen. Er war von überströmender
+Freude und Zärtlichkeit, die ich gerührt und dankbar empfand. Seine
+Schwester rühmte mich als das Produkt ihrer Erziehung, wobei sie ihrer
+Mühen und Opfer ausgiebig gedachte und es an Seitenhieben auf die Eltern
+nicht fehlen ließ, die mich in so »verwahrlostem« Zustand ihr übergeben
+hatten. Seltsam, wie mein sonst so heftiger Vater sich das alles
+gefallen ließ; zwar schwollen ihm oft die Adern auf der Stirn, aber er
+schwieg. Ich freute mich auf Zuhause, auf die Liebe, die mich umgeben,
+die Freiheit, die ich genießen sollte, auf die Pflichten, von deren
+Erfüllung ich mir Befriedigung versprach. Alles Böse wollte ich den
+Eltern vergessen machen, was sie durch mich erfahren hatten! Meine
+Gedanken und meine Empfindungen waren schon lange, lange vor mir daheim.
+
+Als ich zum stillen Abschied am letzten Abend im dämmernden Park auf und
+nieder ging, kam es über mich, wie eine Vision. Ein großes, dunkles Tor
+sah ich und eine endlose schwarze Schlange langsam gleichender Menschen,
+die daraus hervorkroch: Mädchen, wie die Rest, und Frauen, wie die arme
+Witwe, und viele, viele Kinder mit sonnenlosen Gesichtern. -- Ich warf
+mich ins Gras und weinte bitterlich. Als ich dann ins helle Licht der
+Lampen trat, schlang die Tante, beim Anblick meiner tränenfeuchten
+Augen, gerührt über so tiefen Abschiedsschmerz, die Arme um mich.
+
+»Bleibe mein gutes Kind,« sagte sie beim Abschied mit Betonung.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+Es war eine mondhelle Mainacht, als wir in Brandenburg ankamen, mein
+Vater und ich. Über das holprige Pflaster rasselte die große alte
+Mietkutsche durch die schlafende Stadt. Der steinerne Roland am Rathaus
+warf einen langen schwarzen Schatten auf die einsame Straße, und in dem
+grünen Dachlaubkrönchen auf seinem Haupte spielte leise der Wind. Unter
+der weiten Wasserfläche am Mühlendamm, der zur Dominsel hinüber führt,
+breitete der Nebel leichte duftige Schleier aus, die ein zitternder
+Streifen silbernen Mondlichts mitten durch gerissen hatte, so daß sie
+flatterten, wie grüßend von unsichtbaren Händen bewegt.
+
+Durch einen schmalen Torweg polterte der Wagen auf den Domhof. Dunkel
+und wuchtig wie eine Burg ragte das uralte Gotteshaus zum Himmel empor,
+das den engen Platz und die einstöckigen Häuschen ringsum, aus deren
+tiefen roten Dächern erstaunte Fensteraugen verschlafen blickten, mit
+seinem Schatten zu erdrücken schien. Nur das größte der Gebäude, das
+breit und massig an der andren Seite den Hof abschloß, war wach: helles
+Licht strömte daraus hervor und verscheuchte den Schatten; um das weit
+offene Tor über der grauen Steintreppe schlang sich ein Kranz bunter
+Frühlingsblumen, und auf der obersten Stufe erschien, als habe die
+größte davon sich losgelöst, und sei vom Mondzauber getroffen zu
+nächtlichem Elfenleben erwacht, ein kleines, schneeweißes Geschöpfchen,
+Stirn und Wangen von goldenen Locken umwallt. Erst als ihre Ärmchen warm
+meinen Nacken umschlangen, fühlte ich, daß es ein Menschlein war, das
+mich willkommen hieß: mein Schwesterchen. Mit ungewohnter Zärtlichkeit
+begrüßte mich die Mutter, mit einem: »Nun bist du endlich daheim,« aus
+dem die ganze vergangene Sehnsucht klang, küßte mir der Vater die Stirn,
+und die Freude hielt mich noch wach, als die Kissen meines Bettes mich
+schon lange weich und wohlig umfingen.
+
+Mit dem dämmernden jungen Tage trieb die Erregung mich zum Tore hinaus.
+Still und verträumt lag der Hof im Morgenglanze, und die stummen Steine
+der Mauern erzählten von der Vergangenheit. An unseres Hauses Platz
+mochte Pribislavs, des letzten Wendenherzogs, Fürstensitz sich erhoben
+haben, als er Albrecht, dem askanischen Bären, Krone und Land überließ
+und Triglaff, den dreiköpfigen Götzen, dem Christengott zu Ehren
+verbrannte. Sieben Jahrhunderte hatten zusammengewirkt, um des
+Gekreuzigten Haus zu errichten, und viele wilde Kämpfe um Glauben und
+Macht, die seiner Friedensbotschaft und Liebespredigt spotteten, hatten
+auf dem Raum zu seinen Füßen getobt. Jetzt nisteten die Schwalben an
+Giebel und Dachfirst, und auf dem Hof, der vor Zeiten von klirrenden
+Kettenpanzern und Sporen widerhallte, pickten weiße Tauben die Körnlein
+auf, die sich in dem wuchernden Unkraut zwischen den Pflastersteinen
+verloren hatten.
+
+In tausend und abertausend Lichtern tanzte die Morgensonne auf den
+blauen Wassern der Havel rings um die Dominsel und malte alle Farben des
+Regenbogens auf die Tautropfen der Wiesengräser. Der Garten hinter
+unserem Hause, wo die Obstbäume weiß und rosenrot blühten, reichte bis
+hinab an das Ufer. Ein Kahn lag im Schilf vor dem weißem Pförtchen, das
+die alte verwitterte Mauer hier unterbrach, und eine Bank lehnte sich
+außen an die epheuumsponnene Wand. Von den wuchernden Ranken fest
+umschlossen, lag ein kleiner, pausbäckiger Liebesgott aus grauem
+Sandstein daneben; wie lange schon mochte er vom Sockel gestürzt sein
+und die schelmischen Blicke grad auf das Himmelsgewölbe richten!
+Mitleidig stellte ich ihn auf die runden Beinchen und steckte ihm statt
+des verlorenen Pfeils einen Hollunderzweig in die winzige Faust. Mir
+wars, als lachte er -- ein helles, zwitscherndes Lachen --, vielleicht
+warens auch nur die lustigen Vogelstimmen im Gezweig. Ein feuchter Wind,
+der den Duft frischer, lebenschwangerer Erde mit sich trug, strich mir
+lind um die Stirne. Es war der Mai, der mich grüßte, der Mai, dem mein
+Herz stürmisch entgegenschlug!
+
+Zu sieben feierlichen Schlägen holte die Uhr im Domturm langsam aus. Und
+mit einemmal ward es lebendig: die späten Nachfolger der Mönche im
+Stiftshaus gegenüber, das sich im Lauf der Jahrhunderte in eine
+Ritterakademie verwandelt hatte, stürmten über den Hof, -- lauter kecke
+brandenburgische Junker, deren harte Schädel der Weisheit der Magister
+trotzten, wie die ihrer Vorfahren von je den friedsamen Bürgern Trotz
+geboten hatten. Sie stutzten, als sie mich sahen, -- die neue
+Nachbarin, -- und musterten mich halb neugierig, halb bewundernd; einer,
+ein langer, blonder, streckte mir die Hand entgegen und warf mir mit der
+anderen lachend einen ganzen Strauß von Vergißmeinnicht zu, so daß die
+blauen Sternchen mir in Haar und Kleid hängen blieben. Noch ehe ich eine
+Antwort fand, flog mir mein Schwesterchen in die Arme, und im Torweg
+tauchten blitzende Helme auf: das Musikkorps von meines Vaters Regiment.
+Mich zu empfangen, kamen sie, und all die Lieder von Glück und Liebe,
+die sie spielten, schmeichelten sich in mein Herz, und die
+Walzermelodien waren wie ein starker Duft von Jasmin, der mich in einen
+Rausch seliger Träume hüllte. Es war der Mai, der Mai, der mich grüßte!
+
+Hat sich die Natur seitdem so verändert, ist das Sonnenlicht trüber,
+sind die Farben der Blumen matter geworden, oder waren es meine siebzehn
+Jahre, die ihren Glanz der Sonne und den Blumen liehen?
+
+Morgens spielte ich mit dem Schwesterchen in Hof und Garten. Wie sie
+erstaunt und gläubig die blauen Augen aufriß, wenn ich ihr die
+schattigen Winkel zeigte, wo die Zwerglein hausen, und sie in jedem
+Blütenkelch nach den Elfen suchen ließ! Beladen mit allem, was strahlte
+und duftete im Garten und auf der Wiese, stiegen wir dann die weiße
+Treppe zur Diele hinauf, um dort alle Vasen und Gläser zu füllen, die
+die Zimmer schmücken sollten. Gegenüber, an den Fenstern der
+Ritterakademie, pflegten zu gleicher Zeit viele Knabenköpfe
+aufzutauchen, und es gab ein lustiges Lachen und Nicken hin und her.
+Bald kannte ich die, die zur Freistunde den Platz am Fenster dem Spiel
+im Schulgarten vorzogen. Unsere Sonntagsgäste waren die meisten von
+ihnen, und der lange blonde, der Fritz, der mir die Vergißmeinnicht
+zugeworfen hatte, war mein Vetter. Die Tertia ließ ihn noch immer nicht
+los, trotz seiner achtzehn Jahre; sein schmaler Schädel war offenbar
+nicht der Sitz seiner besten Kraft. Aber rudern und reiten, tanzen und
+Schlittschuh laufen konnt' er dafür, wie kein anderer; und zum Fenster
+hinaus und hinein konnt' er klettern, wenn es galt, zu verbotener
+Abendstunde unseren Garten zu erreichen, oder mir vor Tau und Tage
+Blumen von den Wiesen zu holen. Seit ich da war, lebte er mit den
+Wissenschaften auf noch feindseligerem Fuß als vorher. Die Junker von
+drüben waren alle meine Ritter, aber er allein war es mit der ganzen
+Hingabe seines treuen Herzens. All meinen Übermut ließ er über sich
+ergehen, um so dankbarer, je mehr ich von ihm forderte. Geduldig hütete
+er mein Schwesterchen, wenn ich zum Lesen Ruhe haben wollte; waghalsig
+kletterte er über die Mauer, um Rosen aus dem Nachbargarten zu holen,
+die mir duftiger schienen als die unseren; weit lief er in die Felder,
+um Kornblumen zu pflücken, die er, von seidenem Band umwunden,
+frühmorgens, ehe ich erwachte, in mein offenes Fenster warf; mit den
+Havelschwänen bestand er so manchen Kampf, weil ich mir die gelben
+Mummeln so gern in die Haare steckte. Den köstlichen Genuß heimlich
+gerauchter Zigaretten gab er auf, um mir statt dessen für sein
+Taschengeld allerlei Zuckerwerk zu kaufen, das ich liebte.
+
+Am Sonntag morgen pflegte mein Vater ihm eins seiner Pferde zur
+Verfügung zu stellen. Ehe ich noch die Treppe hinab kam, die lange
+Schleppe meines Reitkleides stolz hinter mir schleifend, stand er schon
+rot vor Erregung wartend im Hof, und seine Hände, die er mir unter den
+Fuß schob, um mir hilfreich in den Sattel zu helfen, zitterten jedesmal.
+Unterwegs strahlte er vor Freude, wenn er sich zum Blitzableiter irgend
+einer Heftigkeit meines Vaters machen konnte. Vermied ich sonst
+angstvoll jede Ungeschicklichkeit, weil sie unweigerlich einen Sturm
+heraufbeschwor, so ließ ich, wenn der Fritz dabei war, die Peitsche oft
+absichtlich fallen, um zu sehen, wie seine schlanke Jünglingsgestalt
+sich geschmeidig aus dem Sattel schwang, um mir das verlorene
+wiederzubringen. Vergrößerte sich unsere Kavalkade, so kam es wohl vor,
+daß seine Mundwinkel zuckten, wie die eines kleinen Kindes, das weinen
+will, und er wortlos kehrt machte, um in gestrecktem Galopp nach Hause
+zu reiten.
+
+Das alte Städtchen war erfüllt von Jugend. Es gab gar keine alten Leute,
+glaube ich; vielleicht daß sie sich wie die Maulwürfe vor dem lachenden
+Tag grämlich verkrochen. Auch nur wenig junge Mädchen gab es in unserem
+Kreise, dafür um so mehr junge Männer. In meines Vaters Regiment war ich
+die einzige meiner Art, und daß alle Leutnants dem Regimentstöchterlein
+huldigten, war eigentlich selbstverständlich. Sie waren zumeist berliner
+Kaufmannssöhne, die bei den 35ern eintraten, weil ihnen trotz
+reichlicher Zulage die Garde verschlossen blieb und sie sich doch nicht
+zu weit von der Vaterstadt entfernen wollten. Manch einer unter ihnen
+hielt sich eigene Pferde und suchte durch seinen Aufwand wie durch
+seinen Hochmut die feudalen Kameraden von der Kavallerie zu
+übertrumpfen. Das Offizierkorps der weiß-blauen Kürassiere dagegen
+setzte sich aus dem alten Adel Brandenburgs und Pommerns zusammen, und
+zwischen ihnen und den Füsilieren bestanden vor unserer Zeit so gut wie
+keine gesellschaftlichen Beziehungen. Die einen verkehrten auf den
+Rittergütern der Umgegend, mit deren Besitzern Familienbeziehungen sie
+verbanden, die andern zogen den gewohnten Gesellschaftskreis der
+Kaufleute und Fabrikanten vor. Das änderte sich bald, als meine Eltern
+nach Brandenburg kamen. War meines Vaters Adelsstolz durch das
+bürgerliche Regiment verletzt worden, so half ihm seine altpreußische
+Auffassung von der Vornehmheit des Offiziers als solchen darüber hinweg,
+und er setzte alles daran, diese Idee auch in den äußeren Fragen des
+Verkehrs zur Geltung zu bringen. Leicht war es nicht, denn Bürgerstolz
+ist oft so hartnäckig wie Adelsstolz, und manch einer der Besten mußte
+es als Kränkung empfinden, wenn gesellige Beziehungen als eines
+Offiziers unwürdig bezeichnet wurden, die doch seiner eigenen Herkunft
+entsprachen. Aber der daraus entstehende Widerstand gegen meines Vaters
+Wünsche wurde reichlich aufgewogen durch jene unausrottbare neidvolle
+Bewunderung des Bürgerlichen für den Aristokraten, die oft die Maske des
+Hochmuts trägt, meist aber kein andres Ziel kennt, als selbst unter
+demütigender Selbstverleugnung im Kreise der Bewunderten Aufnahme zu
+finden. Unsere eigenen vielfachen freundschaftlichen und
+verwandtschaftlichen Verbindungen mit dem Landadel und seinen Söhnen im
+Kürassierregiment unterstützten überdies die Durchsetzung der
+Erziehungsprinzipien meines Vaters.
+
+Das Unerhörte geschah: zu Pferd und zu Wagen, wenn es aufs Land hinaus
+ging zu den Rochows und Bredows und Itzenplitz, oder zu lustigem
+Picknick im Walde, tauchte der rote Kragen des Infanteristen immer
+häufiger neben dem hellen blauen des Kavalleristen auf, und nur der
+aufmerksame Beobachter bemerkte, daß sich hinter der tadellosen
+gesellschaftlichen Form eine tiefe innere Feindseligkeit verbarg. Grade
+die vollendete Höflichkeit, mit der der Kürassier den kleinen Leutnant
+von den Füsilieren behandelte, richtete die Schranke auf, die den
+Eintritt in das intime Leben unbedingt verwehrte, -- dieselbe
+Höflichkeit, die so aufreizend wirken kann, weil ihre kühle Glätte
+keinerlei Angriffsfläche gewährt.
+
+Mein Vater hatte mir zur Pflicht gemacht, seinen Offizieren ebenso
+freundlich entgegen zukommen, wie den andern: »Daß sie Müller und
+Schultze heißen, muß dich nicht stören; sie tragen alle denselben Rock,
+und heiraten brauchst du sie ja nicht!« Nein, gewiß nicht! Der bloße
+Gedanke kam mir komisch vor! Heiraten --! Der Vornehmste und Schönste
+war mir dafür in meinen Zukunftsträumen nur grade gut genug! Warum auch
+ans Heiraten denken, wo lachend und lockend ein ganzes freies
+Jugendleben vor mir lag! Glücklich und harmlos ließ ich mich von den
+schmeichelnden Wogen der Bewunderung tragen; bei manchem glühenden Blick
+und heißen Händedruck bebte mir wohlig das Herz. Ich sah den einen
+lieber als den andern, ich dachte nicht daran, meine Empfindungen zu
+verstecken, denn ich liebte dankbar strahlende Augen und zeichnete
+freudig den aus, der mir am meisten huldigte.
+
+Entzückend war's, wenn die halbwüchsigen Knaben der Ritterakademie sich
+im Garten um den Platz neben mir rauften; hoch auf klopfte mein Herz,
+wenn der blonde Vetter mich beim Greifspiel stürmisch an sich riß;
+weiche süße Gefühle beschlichen mich, saßen wir, lauter lebensprühende
+Jugend, im Kahn eng beieinander, und streifte meine Hand im Wasser die
+des schwarzäugigen Leutnants, meines getreuesten Kavaliers.
+Triumphierende Siegesfreude trieb mir das Blut wild durch die Adern,
+wenn meine braune Stute mich früh im Morgennebel über den Exerzierplatz
+trug, wo rote Sonnenstrahlen auf den Stahlhelmen der Kürassiere blitzten
+und Blicke mir folgten und Degen sich vor mir senkten, deren Gruß mehr
+bedeutete als bloße Höflichkeit.
+
+Und einmal kam ein Tag, heiß und gewitterschwül, der uns alle, eine
+große lustige Gesellschaft, in blumengeschmückten und buntbewimpelten
+Wagen hinausführte in den Wald, wohin unsere jungen Offiziere uns
+geladen hatten. Unter grünen Bäumen in hellen Zelten waren Tische
+gedeckt, Schieß- und Würfelbuden mit allerlei beziehungsvollen Gewinnen
+standen im Hintergrund, auf kurzgeschorenem Rasenplan war durch bunte
+Fahnenmasten der Tanzplatz abgesteckt. Mit einem Tusch empfing uns die
+Musik, und Fredy, mein treuster Kavalier und meines Vaters jüngster
+Leutnant, begrüßte mich mit einem Strauß dunkler, duftender Rosen. Er
+wich nicht mehr von meiner Seite. Ich suchte mich zu befreien, aber --
+war's Absicht oder Zufall -- man ließ uns immer wieder allein; niemand,
+so schien's, wollte dem jungen Mann den Platz neben mir streitig machen.
+Es wurde dämmernder Abend. Müde von Scherz und Spiel lagerten wir unter
+den Bäumen und schöpften aus großen Kupferkesseln kühle, duftende
+Erdbeerbowle, die den Durst nicht löschte und das Blut nicht kühlte, es
+vielmehr unruhig pochend gegen die Schläfen trieb. Eine halbwelke gelbe
+Rose löste sich mir vom Gürtel, -- der Mann zu meinen Füßen griff
+danach, und ich sah seine Hände zittern, als er sie an die Lippen
+drückte.
+
+Es wurde Nacht. Bunte Lichterketten zogen sich von Baum zu Baum, Raketen
+und Leuchtkugeln flogen zum Himmel empor, wie lebendig gewordene,
+zuckend heiße Empfindungen unserer Herzen. Immer weicher und
+sehnsüchtiger klang die Musik. Wir tanzten, eng aneinander geschmiegt;
+selig erschauernd fühlte ich das pochende Herz an dem meinen schlagen,
+den heißen Atem meine Stirne streifen. Tiefer in den Wald ließ ich mich
+in halbem Traume führen. Erst als es still, ganz still um mich wurde,
+sah ich auf -- in zwei Augen, die sich verzehrend auf mich richteten.
+Stumm lehnte ich mich in den Arm, der sich um mich schlang, und mir war,
+als versänke ich in ein Meer von rotem Feuer, als zwei Lippen sich
+glühend auf die meinen preßten. Die Betäubung schwand nur halb, als
+Geschwätz und Gelächter, Pferdestampfen und Peitschenknallen mir ans Ohr
+tönten und die Wagen durch die Nacht heimwärts fuhren. Es
+wetterleuchtete am Horizont.
+
+Gewitterregen klatschte gegen die Fensterscheiben und weckte mich am
+anderen Morgen. Trübselige Alltagsstimmung lagerte über Haus und Garten,
+und mich fröstelte, wie immer, wenn mir ein Traum verloren ging. Mittags
+kam der Vater aus dem Bureau herauf; sein erregtes Räuspern, sein
+schwerer Tritt kündigten nichts Gutes an.
+
+»Du bist ja eine nette Pflanze!« rief er, kaum daß er eingetreten war
+»hinter dem Rücken deiner Eltern bändelst du mit meinen Leutnants an und
+setzt ihnen Flausen in den Kopf. Hast du denn gar keine Ehre im Leibe?!«
+Verständnislos starrte ich ihn an. »Tu doch nicht so naiv,« schrie er
+wütend. »Du weißt ganz gut, was los ist, und meinst wohl, ich würde
+meine Tochter jedem hergelaufenen Ladenschwengel in die Arme werfen!«
+Ich erschrak -- war das möglich: der Fredy hatte um mich angehalten!
+»Aber ich will ja gar nicht!« stotterte ich. Ein halbes Lächeln huschte
+über das rote Gesicht meines Vaters: »Ja, zum Donnerwetter, was bildet
+sich denn dann der Kerl ein --, er versichert hoch und teuer, deiner
+Zustimmung gewiß zu sein!«
+
+Es half nichts -- nun mußt' ich beichten. Und als ich so im grauen
+Tageslicht den süßen, heißen Traum der Nacht mit kalten Worten wie mit
+Messern zerschneiden mußte, faßte mich ein tiefer Groll gegen den Mann,
+dessen rasches Vorgehen mich dazu zwang. Ein Kuß in der Julinacht, --
+und früh tritt er an mit Helm und Schärpe und begehrt mich zum Weibe für
+ein ganzes langes Leben!
+
+»Man küßt doch nicht, wenn man nicht heiraten will!« sagte meine Mutter
+kopfschüttelnd, als der Sturm des väterlichen Zorns sich etwas gelegt
+hatte.
+
+»Heiraten -- so einen fremden Mann!« kam es darauf zögernd über meine
+Lippen. Die Wirkung meiner Worte war verblüffend: mein Vater lachte --
+lachte, bis ihm die dicken Tränen über die Backen liefen. Und abends
+schenkte er mir einen goldgelben Sonnenschirm, den ich mir schon lange
+gewünscht hatte.
+
+Um jede Klatscherei im Keime zu ersticken, verlangte Papa von dem
+abgewiesenen Freier, daß er sich benehmen müsse, als sei nichts
+geschehen. Fredy folgte, aber er folgte in einer Weise, die das
+Gegenteil von dem erreichte, was beabsichtigt war: sein
+finster-verkniffenes Gesicht, das er zu Schau trug, sobald er sich neben
+uns zeigte, die offenbare Verachtung, mit der er mich strafte, fielen
+weit mehr auf, als seine Abwesenheit aufgefallen wäre. »Du hast dem
+Fredy einen Korb gegeben!« rief mir Vetter Fritz eines Tages strahlend
+vor Freude zu, und bald pfiffen es die Spatzen von den Dächern. Mit
+jenem Solidaritätsgefühl, das den preußischen Offizier charakterisiert
+und sich selbst stärker erweist als die Subordination gegenüber dem
+Vorgesetzten, wurden Fredys Kameraden nun zu seiner Partei: sie sprachen
+nur das Notwendigste mit der Tochter ihres Kommandeurs; und tanzten sie
+mit ihr, so waren es nur Pflichttänze. Selbst wenn ich gewollt hätte, --
+diese geschlossene Phalanx würde allen Eroberungsversuchen getrotzt
+haben. Aber ich wollte gar nicht; zähneknirschende Empörung erfüllte
+mich, nicht, weil die Kurmacher mir verloren gegangen waren, sondern
+weil ich zum erstenmal die Ungerechtigkeit empfand, mit der mein
+Geschlecht im Vergleich zum männlichen behandelt wurde.
+
+Als ich einmal wieder »pflichtschuldigst« von einem der Offiziere des
+väterlichen Regiments bei einem Diner zu Tisch geführt worden war und
+mich tödlich gelangweilt hatte, trat ein alter Major, der mir sein
+besonderes Wohlwollen zugewendet hatte, lächelnd auf mich zu.
+
+»Sie müssen sich darein finden, Kleine,« sagte er »das Kokettieren ist
+nun mal eine böse Sache und straft sich immer.«
+
+»Kokettieren?! Ich habe gar nicht kokettiert!« rief ich in dem
+Bedürfnis, einmal auszusprechen, wie ich empfand, »ich hab' ihn gern
+gehabt, sehr gern sogar, aber doch lange, lange nicht so, um seine Frau
+zu werden.«
+
+»Ein junges Mädchen darf es nicht so weit kommen lassen --«
+
+»Wenn sie nicht heiraten will!« unterbrach ich den braven Mann lachend,
+dessen spitze Schnurrbartenden zu zittern begannen. »O ich kenne die
+Weise, und weiß daher, daß die ganze Musik falsch ist, grundfalsch!
+Warum soll denn ein Mädchen sich gleich mit Leib und Seele verschreiben,
+wenn sie Einen freundlicher anlächelt als den andern? Warum soll der ein
+Recht haben auf ihre Hand, dem sie an einem schönen Julitag einmal von
+Herzen gut war? Verlangen Sie etwa dasselbe von Ihren Leutnants, die
+manch armes Ding durch ganz andere Liebesbeweise an die Echtheit ihrer
+Gefühle glauben lassen?!«
+
+»Aber -- mein gnädigstes Fräulein --« unterbrach der Major mit einer
+verzweifelnden Gebärde meinen Redefluß und richtete sich steif und
+gerade auf, so daß sein Kahlkopf mir bis an die Nasenspitze reichte.
+Seine kleinen wasserhellen Augen drückten dabei ein so komisches
+Entsetzen aus, daß meine Empörung verflog und ich das Lachen nicht
+unterdrücken konnte. »Beruhigen Sie sich nur, Papa Schrott« -- damit
+streckte ich ihm begütigend die Hand entgegen -- »wenn ich mal so alt
+bin, wie Sie, werd' ich gewiß gerad' so moralisch sein!« Aber er nahm
+meine Hand nicht --
+
+Was gings mich an?! Mochten sie alle die Gekränkten spielen! Mein Vater
+irrte sich offenbar: der gleiche Rock macht nicht zu Gleichen! Die
+Kürassiere tanzten und ritten nicht nur viel besser, sie waren auch
+fröhlichere Partner bei jenem Spiel mit dem Feuer, -- dem einzigen, das
+ich mit steigender Leidenschaft spielte, je mehr Gefahr es in sich
+schloß, und je höher der Einsatz war. Wie ein Raubvogel mit weit
+gestreckten schwarzen Schwingen schwebte die Phantasie über den grünen
+lachenden Blumenmatten meines Lebens. Stark genug wäre sie gewesen, mich
+empor zu tragen in ihr Höhenreich, wo ich zu ihrem Herrn geworden wäre;
+aber zur Furcht vor dieser Fahrt mit ihr hatte man mich dressiert, nun
+lauerte sie hungrig und rachgierig auf tägliche Beute, und ich mußte
+mich ihr unterwerfen.
+
+Das gleichmäßige Tiktak des Alltags vertrug ich nicht, beschleunigt
+mußte es werden bis zum Fiebertempo, oder übertönt von Fanfaren der
+Freude. Wenn ich den Pflichten des Hauses nachkam, so umwand ich ihre
+langweilige Dürre mit Blumen, wenn ich mit meinem Schwesterchen spielte,
+so spielte ich nicht mit ihr, mich ihrer Kindlichkeit unterwerfend,
+sondern führte vor ihr meine bunten Träume auf. Mir genügte nicht ein
+kurzes, harmlos improvisiertes Tänzchen, es mußte ein wogender,
+leidenschaftlicher Tanz bis zur Erschöpfung daraus werden. Und eine
+Stunde zu Pferde in der Morgenkühle stachelte nur mein Verlangen nach
+wilden Ritten über Stock und Stein.
+
+Ich glaube, mein Vater war auf nichts so stolz als auf meine Reitkunst,
+die das Ergebnis seiner eigensten Erziehung war, und nie so geneigt, mir
+nachzugeben, als wenn meine Wünsche dieses Gebiet berührten. Schon früh
+am Morgen begleitete ich ihn, aber am Nachmittag durfte ich mir die
+Stute wieder satteln lassen, oder den großen Braunen mit der
+sternzackigen weißen Blässe auf der Stirn, dessen spielende Ohren sich
+auf jeden leisen Zuruf verständnisvoll spitzten, der schon dem
+sanftesten Druck nachgab und wie ein vom Bogen geschnellter Pfeil über
+Hecken und Gräben flog. Fast immer hatte ich Schmerzen, wenn ich ritt,
+jene alten Schmerzen in der rechten Seite, die sich in Augsburg so
+gesteigert hatten, aber der Genuß ließ mich die Zähne zusammenbeißen. Im
+Sattel fühlte ich mich frei; und wie meine Füße nicht den Staub der
+Straße berührten, so war meine Seele fern von allem, was grau und
+schmutzig unten liegt. Ich habe mich nie in der Mark heimisch zu fühlen
+vermocht, aber wenn ihr weicher Sand den Hufen meines Pferdes nachgab,
+so daß das Reiten war wie ein sanftes Wiegen und ihre Wiesen und Wälder
+sich schier endlos vor mir dehnten, eine wundervolle Bahn für einen
+langen Galopp, -- dann liebte ich sie, dann ergriff ich Besitz von ihr
+und träumte mich als Herrin des Bodens, den mein Brauner trat.
+
+Freiheits- und Herrschaftsgefühl, -- das ists, was nur der Reiter kennt,
+darum war Reiten von je her Herrenrecht. Im Schweiße seines Angesichts,
+wie ein Sklave, schwer mit den Muskeln arbeitend, wie er, treibt der
+Radler sein Stahlroß vorwärts; nur auf gebahnten breiten Wegen vermag
+der Kraftwagen ratternd und pustend durch die Welt zu rasen, indes der
+Reiter sich leise durch tiefe Waldeinsamkeit tragen läßt und das edle
+Tier unter ihm den reinen ruhigen Genuß der Natur nicht stört. Lockt ihn
+die Ferne, begehrt er, seine Kräfte zu erproben, um seinem Mute vor sich
+selbst ein Zeugnis abzulegen, so genügt ein Druck der Sporen, und er
+spottet aller Hindernisse. Er ist der Künstler, der freie, starke, --
+arme Arbeiter aber sind jene anderen, abhängig von ihrer Maschine, ihr
+untergeben. Wir ritten oft weit: bis nach Rathenow hinüber, wo der tolle
+Rosenberg seine Husaren zu lauter Meistern der Reitkunst erzog und trotz
+Sekt und Morphium von keinem der Schüler je übertroffen wurde, oder
+westwärts zu den blauen Potsdamer Havelseen, wo die Berliner Touristen
+uns freilich oft genug die Laune verdarben. Ein Mensch, der sich auf
+Schusters Rappen vorwärts bewegt, ist der geborene Feind dessen, der
+vier Pferdebeine unter sich hat, und der strengste Vater steht ohne ein
+Scheltwort mit heimlicher Befriedigung seinem Sprößling zu, wenn er mit
+Steinchen nach den Reitern wirft oder durch lautes Indianergeheul die
+Pferde zum Scheuen bringt. Die einstige Identität von Reiter und Ritter
+ist unvergessen, und unter der Schwelle des Bewußtseins schlummert
+vielleicht irgend eine altmärkische Erinnerung an die Krachts und
+Quitzows, die den Haß steigern hilft.
+
+Im Spätherbst wars, an einem jener lichtfunkelnden Oktobertage, wo die
+Buchen im Schmuck ihres roten Goldlaubs glänzen und die dunkeln
+Silhouetten der Kiefern sich vom hellen Himmel phantastisch abheben. Ein
+paar Rathenower Husaren begleiteten uns, und die Eitelkeit reizte mich,
+vor ihnen zu zeigen, was ich konnte. Die Stoppelfelder boten freie Bahn,
+und kein Hindernis im Gelände war mir fremd. Bis zur alten Eiche im
+Plauer Wald, schlug ich vor, sollten wir reiten.
+
+»Der Schleier an Ihrem Hut sei der Preis!« rief lachend einer der
+Herren. »Sie vergessen, daß ich siegen werde!« antwortete ich, den Kopf
+in den Nacken werfend, und klopfte meinem Braunen aufmunternd auf den
+schlanken Hals. »Für den Fall wünschen Sie sich ruhig die Krone vom
+Kaiser von China!« spottete ein anderer, und fort gings in gestrecktem
+Galopp. Dicht nebeneinander nahmen wir den ersten Graben, -- aber schon
+flog ich voraus, eine halbe Pferdelänge hinter mir der Fuchs meines
+Vaters, der unter Vetter Fritzens leichtem Gewicht gewaltig ausgriff.
+Über die Mauer setzte ich und wieder über eine, die das Gehöft eines
+armen Käthners umschloß. Ich war allein. Jauchzen wollte ich im
+Vollgefühl nahen Sieges -- aber der Ton blieb mir in der Kehle stecken
+--, ein scharfer Schmerz zuckte durch meinen Körper. Unwillkürlich
+fuhren die Sporen meinem Gaul in die Flanke. Überrascht von der
+unverdient schlechten Behandlung, stieg er mit den Vorderbeinen hoch in
+die Luft, um im nächsten Moment in wahnsinniger Pace vorwärts zu jagen.
+Jeder Sprung steigerte meine Schmerzen, es dunkelte mir vor den Augen,
+-- ich hing nur noch im Sattel. Mit dämmerndem Bewußtsein sah ich eine
+große blaue Wasserfläche dicht vor mir: den Plauer See. Wie eine Bitte
+stieg es auf in mir: trag' mich hinein, mein treues Roß, trag' mich
+hinein -- daß die brennenden Schmerzen sich kühlen! Und mir war, als
+schlügen die Wellen über mir zusammen.
+
+Im grünen Rasen lang ausgestreckt, kam ich zu mir und sah in das guten
+Vetters verängstigtes Gesicht, das sich dicht über mich beugte. Tränen
+standen in seinen Augen, und unterdrücktes Schluchzen erschütterte seine
+Stimme, als er rief: »Du lebst! Gott Lob -- du lebst!« Als mein Vater
+kam, stand ich schon auf den Füßen und machte krampfhafte Anstrengungen,
+ihm möglichst sorglos entgegenzulächeln.
+
+Ein Wagen vom Planer Schloß brachte mich nach Hause, und der rasch
+geholte Arzt machte mit der Morphiumspritze meinen Qualen ein Ende.
+
+Zwischen Bett und Liegestuhl spielte sich von nun an mein Leben ab. Mein
+Lieblingsplatz war draußen vor der Mauer, wo der Hollunderbusch geblüht
+hatte, als ich im Mai gekommen war. Der kleine Liebesgott stand immer
+noch grade auf den dicken Beinchen, aber die Vöglein zwitscherten nicht
+mehr im Weinlaub. Dunkelrot hatte der Herbst es gefärbt. Darunter lag
+ich und sah in den Himmel und hörte die Blätter fallen. Vetter Fritz war
+fast immer neben mir, meiner Wünsche gewärtig, -- er hatte das Lernen
+nun wohl ganz aufgegeben.
+
+Mit dem berauschenden Gift, nach dem ich immer heftigeres Verlangen
+trug, kam der Arzt zweimal des Tages, und süße, traumhafte Stunden waren
+es, wenn der Körper schwer und schwerer und der Geist immer leichter
+wurde. Zu überirdischer Größe fühlte ich ihn wachsen, und Kräfte
+durchströmten mich, stark genug, mit einer ganzen Welt den Kampf zu
+bestehen. Panzerumgürtet sah ich mich wieder, wie einst, wenn ich zur
+Jungfrau von Orleans mich träumte, und ich schämte mich des tatenlosen,
+bunten Spiels, das ich getrieben hatte. Aber auch andere Träume kamen,
+die mich streichelten oder mir heiß das Blut in die Wangen trieben; dann
+ließ ichs geschehen, daß der Knabe neben mir meine Hände küßte und von
+der Glut seiner Liebe unsinnige Dinge sprach.
+
+»Erlaube nur, daß ich dich liebe und daß ichs dir sagen kann --« flehte
+er -- »bald werde ich dich nicht mehr sehen dürfen wie jetzt, ferner und
+ferner wirst du mir sein, -- eine Balldame, und ich -- ein Schuljunge!«
+Stöhnend vergrub er den Kopf in meine Kleiderfalten, um gleich darauf
+mit heißen Augen wieder zu mir aufzusehn: »Aber lieben -- lieben werd'
+ich dich immer!«
+
+»Immer?!« -- Wird nicht ein einziger Herbststurm den kleinen Liebesgott
+wieder vom Sockel werfen? -- Ich lächelte wehmütig. Kühl wehte der
+Abendwind vom Wasser, das die Nebel schon zu verhüllen begannen, und
+fröstelnd wickelte ich mich dichter in mein Tuch.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+
+»Nun wird sie schlafen -- --« hörte ich in halbem Traum den Arzt zu
+meiner Mutter sagen, während sich leise die Türe hinter ihnen schloß.
+Seit vier Tagen hatte ich mich in Schmerzen gewunden, die selbst der
+Morphiumspritze stand hielten. Heute war ich chloroformiert worden.
+Durstig hatte ich unter der Gazemaske den süßen Duft wachsender
+Betäubung eingesogen. Jetzt lag ich schwer, wie in Ketten gebunden, auf
+dem Bett, -- schmerzlos, schlaflos. Ein mattes, rosig flackerndes Licht
+ging von dem Nachtlämpchen neben mir aus. Die gelben Blätter auf der
+Tapete zuckten hin und her -- zuerst langsam, dann immer schneller,
+schneller --, mir wurde schwindlig dabei. Ich schloß die Augen. Gott,
+war ich müde! -- Plötzlich sprang die Türe auf, und es schwebte herein,
+groß, weiß und kalt; Augen sahen mich an, ohne Farbe, wie Mondlichter,
+-- und andere tauchten wie aus Nebelschleiern auf, blutunterlaufene, --
+in schmerzverzerrten Gesichtern, -- hungrige, die gierig nach Beute
+suchten, -- lüsterne, in denen kleine, rote Flammen tanzten. Dabei
+rauschte es wie von vielen Gewändern, und tappte und klapperte, wie von
+zahllosen Tritten ... Die Wände rückten auseinander vor der schiebenden
+drängenden Masse gräßlicher Gespenster ... Nun stand sie vor mir, ganz,
+ganz dicht, die Weiße mit den Mondaugen, und eine Hand, wie von Eis und
+zentnerschwer, legte sich auf mein Herz. »Queen Mab« schrie ich auf --
+jetzt saß sie schon auf meinem Bett, und ihre Finger bohrten sich in
+meine Seite ... Ich aber lag in Ketten gebunden und konnte sie nicht von
+mir stoßen.
+
+Wir kämpften miteinander -- Tage -- Wochen. Meine Jugend besiegte sie.
+Es kamen ganz stille Zeiten, wo die Schneeflocken leise vor meinen
+Fenstern niederfielen und nur hie und da von weitem ein lauter Ton an
+mein Ohr schlug: das Stampfen der Pferde im Stall, der Schlag der
+Domuhr, das lustige Lachen Klein-Ilschens.
+
+Nun wußten die Arzte endlich, woran ich litt: die Nierenentzündung, die
+mich so überwältigt hatte, ließ keinen Zweifel mehr daran. Ich mußte
+bewegungslos, grade gestreckt im Bette liegen, auch dann noch, als die
+Weiße mit den Mondaugen mich längst verlassen hatte. Statt ihrer spitzen
+Eisfinger in meinem Körper bohrten sich viele kalte Gedanken in mein
+Hirn.
+
+Wo war ich? Hatte nicht der Morphiumrausch des Leichtsinns alles Gute,
+Starke in mir eingeschläfert? War ich nicht meinen großen
+Kinderhoffnungen untreu geworden? Oder: sie mir?! Tanzen, reiten,
+lachen, mit Herzen spielen, wie mit Federbällen -- das Schwesterchen ein
+bißchen hätscheln, das Haus ein bißchen schmücken --, sollte das des
+Lebens einziger Inhalt sein? War ich mit sechs Jahren nicht reicher
+gewesen, wo ich mich als Jungfrau von Orleans träumte, als heute, nach
+einem Jahrzehnt? Und viel reicher damals, da ich mir den Baldurtempel
+baute? Ich grub -- grub rastlos im verschütteten Schacht meines Innern.
+Halb verhungert im dunkelsten Winkel, saß sie in sich versunken und
+grau, meine arme Seele. Wie arm, wie elend war ich! Wo war ein Ziel für
+mich, des Ringens wert? Wo eine große Flamme, um des Lebens dunkle Asche
+wieder anzufachen?!
+
+Ein schmales, blasses Antlitz, von schwarzen Spitzen umschlossen, beugte
+sich über mich. »Großmama,« flüsterte ich, und es war, als ob die
+Hoffnung eine Türe öffnete, die ins Helle führte. »Nur still, mein
+Liebling, ganz still --« sagte sie lächelnd, und eine Träne fiel mir auf
+die Stirn, eine Freudenträne.
+
+Mit einer Pflichttreue, die keine Schwäche aufkommen ließ, hatte meine
+Mutter mich Tag und Nacht gepflegt. Großmama war gekommen, sie
+abzulösen. Sie war es auch, die, wie immer, wenn es zum Wohle ihrer
+Kinder und Enkel notwendig war, die Mittel hergab, durch die ich gesund
+werden sollte. Als der Arzt mir eine karlsbader Kur verordnete, wußte
+ich wohl, warum Mama die Lippen zusammenpreßte und Papa sich unruhig
+räusperte: was sie hatten, verschlang des Lebens notwendiger Aufwand.
+
+So fuhr ich denn mit Großmama, sobald ich transportfähig war, nach
+Karlsbad, wo sie selbst so oft schon Heilung gefunden hatte. Ihr alter
+Arzt, zu dem sie mich brachte, schüttelte den Kopf über mich, einen
+dicken kahlen Mönchskopf, der auf einem dünnbeinigen Zwergenkörper saß.
+»Nur Seelenaufruhr, wo es nicht das Alter ist, führt zu solchen
+Körperkatastrophen« -- ein fragender Blick aus kleinen blitzenden
+Äuglein richtete sich auf mich. »Wie alt ist denn das Fräulein?«
+
+»Siebzehn Jahr!«
+
+»Siebzehn Jahr!« Er sprang auf vom Stuhl und durchmaß das Zimmer mit
+kleinen hastigen Schritten, wobei der runde Kopf sich immer von einer
+Schulter zur andern neigte.
+
+»Liebesschmerzen?!« -- Dabei bohrte sich sein Blick in den meinen. Ich
+lachte verneinend und schwieg. Hätte er andere Schmerzen verstanden,
+auch wenn ich sie ihm erklärt haben würde?
+
+Mit jener taktvollen Zurückhaltung, die jeden Zwang auf das Vertrauen
+eines Menschen, -- auch des Nächsten, -- sorgfältig vermeidet, forschte
+auch Großmama nicht weiter, und ich, so gar nicht gewöhnt, mich
+auszusprechen, fürchtete mich fast davor. Aber wenn wir im
+Morgensonnenschein unsre Spaziergänge machten, auf bequemen Wegen durch
+duftenden Tannenwald, der grade seine grünen Frühlingskerzchen
+aufgesteckt hatte, und die Gipfel der sanft geschwungenen Höhenzüge
+erreichten, die dem Kranken Kraftleistungen so freundlich vortäuschen,
+dann durchströmte mich linde, lösende Lenzluft, und schüchtern tastend
+wagten sich Fragen hervor und Geständnisse.
+
+»Ich kann nicht glauben, Großmama,« sagte ich einmal, als sie von dem
+inneren Frieden durch den Glauben gesprochen hatte. Wir saßen grade vor
+der großen, alten Fichte, mit dem verwitterten Muttergottesbild daran,
+die auf dem Wege zum Freundschaftstempel den ganzen Wald zu beherrschen
+scheint.
+
+»So laß alle Fragen des Glaubens dahingestellt, und handle nur im Geiste
+Christi, erfülle deine Pflichten, diene den Menschen, unterdrücke die
+bösen Triebe in dir und pflege die guten, dann wird der Glaube von
+selbst kommen, und es wird stille werden in dir.«
+
+Ich schwieg, mechanisch zeichnete mein Schirm Kreise in den Sand. War
+der Baum vor mir nicht auf Kosten derer, die er besiegte, denen er die
+Sonne nahm, so gewaltig emporgewachsen? Ein lebendiger Protest erschien
+er gegen das Madonnenbild mit den Schwertern im Herzen, das sich in
+seine Rinde grub. Etwas in mir empörte sich gegen die gütige alte Frau
+neben mir. Meine Kraft täglich in kleinen Opfern verbluten lassen, hieß
+das nicht schließlich mich selber morden? Und ich begehrte ja gar nicht
+des Ziels, ich wollte nicht stille werden, ich wollte den Kampf und das
+laute, sprühende Leben. Aber der Mut fehlte mir, zu sagen, was ich
+dachte. Darum frug ich nur leise: »Und das Glück, Großmama?«
+
+Sie lächelte, und eine ganz kleine, wehe Falte erschien zwischen ihren
+Brauen.
+
+»Das Glück! -- Wir sitzen, wenn wir jung sind, immer wie vor einem
+Vorhang und starren gebannt darauf hin und erwarten ein Zaubermärchen
+von dem Augenblick, wo er aufgeht. Indessen versäumen wir all die echten
+Gaben des Glücks, die es um uns ausstreut: die Liebe der Unseren, die
+Gaben des Geistes, die Frühlingsblumen und den Sommerhimmel. Mache nur
+die Augen auf und strecke die Hände aus, dann hast du sie.«
+
+»Ist das alles?!«
+
+»Nein, mein Kind,« entgegnete die Großmutter, und ein feierlicher Ernst
+legte sich über ihre Züge. »Du wirst Weib werden und Mutter, und Liebe
+empfangen und tausendfältige Sorgen. Und dann wirst du wissen, daß sie
+auf sich nehmen und Liebe geben, mehr als dir gegeben wurde, das Glück
+ist.«
+
+Wir gingen weiter; ich kämpfte mit den Tränen. Meine Mutter fiel mir
+ein: sie erfüllte bis zur Erschöpfung ihre Pflicht, aber ihre Lippen
+preßten sich immer enger aufeinander, als müßten sie krampfhaft die Qual
+zurückdrängen, die nach Ausdruck verlangte. Und an Onkel Walter dachte
+ich und an jenen unvergessenen Auftritt mit seiner Mutter in Berlin; und
+an all die leisen Zurücksetzungen und Kränkungen, die sie, die immer
+Gute, von ihren Kindern zu ertragen hatte. Ich wußte: auch sie hatte
+gelebt und geliebt und nach schwindelnden Höhen gestrebt, und dies war
+das Ende, das von ihr gepriesene, von all dem Sehnen, all den heißen
+Hoffnungen, die einzige Frucht, die aus dem blühenden Leben so vieler
+Talente, so vieler Kräfte hervorging? Mich überliefs, wenn ich mein
+Leben an diesem maß. Ich fühlte schmerzhaft die große Kluft zwischen
+ihrem abgeklärten Alter und meiner gährenden Jugend. Liebe und Verehrung
+kann bestehen zwischen beiden, auch wohlwollendes Verständnis, und
+starke Wirkungen können ausgehen von einem zum anderen, aber jene
+magnetischen Ströme fehlen, durch die das Feinste und Tiefste lebendig
+vom Menschen zum Menschen flutet. Auf dem Wege zu schwindelnden
+Bergeshöhen kann der Greis nicht mehr Schritt halten mit dem Jüngling,
+und grausam ist es, wenn er ihn an sich fesselt, aber noch viel
+grausamer gegen sich selbst, wenn Jugend, ihre Triebe hemmend, sich
+freiwillig dem Alter unterwirft. Trennung -- auch wenn sie Wunden reißt
+-- ist eine Bedingung des Lebens.
+
+Sich beherrschen, sich unterwerfen war die Quintessenz meiner -- und
+aller -- Erziehung gewesen. Darum schämte ich mich meines inneren
+Widerstandes, sprach nicht von ihm und versuchte, ihn unter der reifen
+Weisheit, die mir zufloß, zu ersticken. Großmama verlangte es freilich
+nicht von mir: sie gab nur, wie sie stets nichts als das eine Bedürfnis
+hatte, mit dem Besten, was sie besaß, andere zu überschütten. Aber ein
+junges Pflänzlein ertrinkt nur zu leicht unter der warmen Fülle des
+Frühlingsregens, die dem starken Baum zur Quelle üppigen Lebens wird.
+
+Mit meiner fortschreitenden Genesung flohen wir die Nähe der Menschen
+allmählich immer weniger, und ein großer Kreis von Bekannten und
+Verwandten fand sich allmählich zusammen, aber nur wenige wurden zu
+unserm ständigen Verkehr und zu Begleitern unsrer langen Spaziergänge.
+Einen von ihnen hatte ich in Augsburg kennen gelernt: es war Baron Franz
+Stauffenberg, der gerade damals wegen seiner scharfen oppositionellen
+Stellung gegen die Wirtschaftspolitik Bismarcks eine in unsern Kreisen
+berüchtigte und gemiedene Persönlichkeit war. Daß er, der
+Großgrundbesitzer, Freihändler war und blieb, daß er, der Aristokrat,
+sich der Fortschrittspartei näherte, machte ihn »unmöglich«.
+
+Großmama stand jenseits solcher Vorurteile. Geist und Bildung zog sie
+an, gleichgültig, wer ihr Träger auch sein mochte, und Stauffenberg
+gehörte zu jenen immer seltener werdenden Menschen, die sie an ihre
+Jugend in Weimar gemahnen konnten, wo der Beruf den Einzelnen noch nicht
+mit Haut und Haaren auffraß und die Vielseitigkeit lebendiger Interessen
+einen geselligen Verkehr höherer Art möglich machte. Stauffenberg
+vermied es sogar, über Politik zu sprechen, während er auf jedem
+anderen Gebiet, das berührt wurde, zu Hause zu sein schien. Noch nie
+war ich mir so klein und unwissend vorgekommen wie im Verkehr mit ihm.
+In seiner Vorliebe für englische Literatur traf er sich mit Großmama;
+dabei schlugen Namen an mein Ohr, und von geistigen Strömungen war die
+Rede, von denen ich noch nie gehört hatte: Robert Browning -- Ruskin --
+William Morris.
+
+Die bildende Kunst pflegte man in den achtziger Jahren außerhalb der
+Museen nicht zu suchen; die Beziehung zu ihr war für die meisten
+dieselbe, wie die zur Religion: sie hörte auf, sobald die Türen der
+Galerien und der Kirchen sich hinter ihnen schlossen. Daß Leben und
+Kunst eins sein können, fiel in unseren Kreisen niemandem ein. Eine
+gewisse Leichtigkeit der Existenz, ein durch Generationen sich
+fortpflanzender Wohlstand ermöglichen erst ihr Ineinanderfließen;
+Preußen hatte keine künstlerische Kultur. Was ich von Ruskin, und
+besonders von Morris, erfuhr, zauberte phantastische Bilder in mir
+hervor: ein perikleisches Zeitalter, ein Florenz der Mediceer. Die
+Wirklichkeit voll Not, voll Ungerechtigkeit und Häßlichkeit, die
+Großmama demgegenüber heraufbeschwor, weckte mich unsanft aus meinen
+Träumen. Es sei so viel, so schrecklich viel zu tun, um für die Masse
+der Menschen nur das nackte Leben möglich zu machen, sagte sie, daß es
+ihr vermessen erschiene, Bedürfnisse nach Schönheit zu wecken, wo die
+vorhandenen Bedürfnisse nach Nahrung und Obdach nicht im entferntesten
+gestillt wären. Und meine Phantasie zerflatterte vor den Empfindungen
+meines Herzens, die Großmama ohne weiteres recht gaben. Ich blieb auch
+dann auf ihrer Seite, wenn sie von diesem Standpunkt aus Bismarcks
+Sozialpolitik verteidigte, und ihre innere Erregung, Stauffenbergs
+Einwendungen gegenüber, sich in der leichten Röte kund gab, die das
+feine Elfenbeinweiß ihrer Wangen färbte. Warum, wie Stauffenberg sagte,
+die Schutzpolitik die möglichen Vorteile der Versicherungsgesetzgebung
+illusorisch machen würde, darüber grübelte ich um so vergeblicher nach,
+als national-ökonomische Terminologie für mich Hieroglyphen bedeutete.
+Zu fragen hatte ich nicht den Mut; es gehört echte Bildung dazu,
+Unwissenheit einzugestehen. Mein Bedürfnis nach Heldenverehrung war
+überdies zu groß, als daß ich Verlangen nach Mitteln getragen hätte, die
+Bismarck hätten entgöttern können. Von Politik wurde von jener
+Unterhaltung ab kaum mehr gesprochen.
+
+Irgend eine naturwissenschaftliche Broschüre, wie sie damals, wenige
+Monate nach Darwins Tod zahlreich erschienen, brachte die Rede auf den
+großen Forscher. Nichts hätte mich mehr verblüffen können, als daß ein
+ernster Mann wie Stauffenberg, dessen Wissen ich bewunderte, ihn nicht
+nur verteidigte, sondern die Ergebnisse seiner Untersuchungen ernst
+nahm. Bei Erwähnung seines Namens hatte man doch sonst immer nur
+spöttisch gelacht, und daß wir, nach ihm, vom Affen abstammen sollten,
+hatte zu nichts als zu zahllosen Witzen und Karikaturen den Anlaß
+gegeben. Für mich persönlich kam hinzu, daß meine naturwissenschaftliche
+Bildung gleich Null war, mir also zu selbständigem Nachdenken alles
+geistige Rüstzeug fehlte. Großmama ging es nicht viel besser: zu ihrer
+wie zu meiner Zeit war die Bildung der Frauen eine rein schöngeistige
+gewesen. Stauffenberg hielt uns daher förmliche kleine Vorträge zur
+Einführung in die Ideenwelt Darwins, -- im Ton des geistvollen
+Plauderers, wie immer, und doch so klar und durchdacht in der
+Gedankenfolge, daß kein Buch aufklärender hätte wirken können. Großmama
+war auffallend still und nachdenklich nach solchen Gesprächen und warf
+nur immer wieder die Frage auf, mit welchen Gründen die Gegner Darwins
+seinen Anschauungen entgegenzutreten pflegten. Erst allmählich hellten
+sich ihre Züge wieder auf, und einmal sagte sie mit dem ihr eignen, das
+ganze Antlitz durchleuchtenden Lächeln:
+
+»Sie haben mich alte Frau auf dem gewohnten Wege förmlich taumeln
+lassen, lieber Baron. Aber nun gehe ich dafür um so sichrer. Ich empfand
+in allem, was Sie sagten, das heraus, was Sie nicht sagten, und wohl
+auch gar nicht sagen wollten, was aber, meiner Ansicht nach, der
+Grundzug der Lehre Darwins ist: ihre Gegnerschaft zum Christentum. Daß
+Gott den Menschen schuf nach seinem Bilde, daß die Sünde die Ursache
+alles menschlichen Elends ist und es keine Erlösung daraus gibt, als
+durch die göttliche Gnade, -- daß es unsre höchste Aufgabe ist, zu leben
+wie Jesus, den Schwachen zu helfen, den Niedrigen und Verachteten
+beizustehen, und daß der rohe Kampf ums Dasein überwunden werden wird
+durch die Liebe, -- widerspricht das nicht bis ins Kleinste den Lehren
+Darwins? Der Glaube an das christliche Evangelium aber, die Befolgung
+dessen, was es verlangt, hat mich nach den Kämpfen meiner Jugend zu
+innerem Frieden geführt, und die Überzeugung lebt unerschüttert in mir,
+daß die tragischsten Probleme der Welt, Armut und Unglück, gelöst wären,
+wenn nur alle Menschen echte Christen wären. Soll ich mir am Ende
+meines Lebens diesen Glauben nehmen lassen? Eine Anerkennung Darwinscher
+Theorien bedeutet doch für uns, die wir Laien sind, auch nichts anderes
+als Glauben an ihn. Und Sie sagen selbst, daß Koryphäen der Wissenschaft
+ihn mit wissenschaftlichen Gründen bekämpfen. Wäre es nicht heller
+Wahnsinn, wenn ich, wie ein ungeübter Schwimmer, mich vom sicheren Port
+erprobten Glaubens in die brandenden Wogen fremder Ideen stürzen wollte,
+nur weil vielleicht -- vielleicht! -- irgendwo in weiter Ferne ein neues
+festes Land zu finden ist?! Ich bin zu alt dazu -- --«
+
+Statt aller Antwort küßte Stauffenberg Großmama stumm die Hand. Meine
+Erregung war aber so stark, daß sie nach Ausdruck verlangte.
+
+»Und wenn ich das neue feste Land nie erreichen sollte, -- ich würde
+lieber im Meere untergehen, als immer nur sehnsüchtig vom sicheren Port
+aus zusehen, wie es tobt und schäumt«, sagte ich, und meine Stimme
+zitterte dabei.
+
+Ein Schatten flog über Großmamas Züge. Sie legte ihre schmale kühle Hand
+auf meine heißen Finger. »Das Leben wird schon dafür sorgen, daß es beim
+bloßen Wünschen nicht bleibt, mein Kind«, dann sich wieder zu
+Stauffenberg wendend, fügte sie hinzu: »Sie sehen, wie wenig unsere
+Lebenserfahrungen unseren Enkeln nützen. Jeder fängt von vorn an, und
+wir können schließlich nur Tränen trocknen und Wunden verbinden.«
+
+Bald darauf reiste Stauffenberg ab, und ein andrer trat mehr und mehr an
+seine Stelle. Es war Karl von Gersdorff, ein Neffe meiner Großmutter,
+der auch zu jenen aus der Art geschlagenen Sonderlingen gehörte, die
+aristokratische Familien sich gern von den Rockschößen abschütteln. Wie
+oft hatte ich in Pirgallen über ihn spotten hören, der »wie ein
+Schulmeister« aussah, ein »Fräulein so und so« geheiratet hatte, und mit
+»Kreti und Pleti« befreundet war, wie geringschätzig zuckten sie die
+Achseln, wenn Großmama ihn verteidigte. Er war ein begeisterter Freund
+Friedrich Nietzsches, hatte ihm sogar einmal, zum Entsetzen der
+Verwandtschaft, sein Gut zum Asyl angeboten. Durch Nietzsches Abkehr von
+Richard Wagner war eine leise Entfremdung zwischen beiden eingetreten,
+denn Gersdorff wurde ein um so leidenschaftlicherer Wagnerianer, je mehr
+sich der Meister zu den Ideen seines Parsifal entwickelte. Als wir in
+Karlsbad zusammentrafen, war Wagner kaum ein Jahr tot, und sein Wesen,
+seine Werke, seine Weltanschauung bildeten den Inhalt fast aller
+Gespräche. Hatte seine Musik mich in jenen Zustand höchster Ekstase
+versetzt, der das ganze Ich in Andacht und Entzücken auflöst, so
+erschienen mir seine Gedanken überraschend und doch vertraut. Sein Groll
+gegen die bestehende Zivilisation mit ihrem Inhalt an materieller und
+geistiger Not, sein Glaube an die Möglichkeit einer künftigen
+Regeneration, seine Kritik des gegenwärtigen Christentums, mit dem
+wahren Geiste des Evangeliums verglichen, und seine Erhebung der Kunst
+zur Höhe lebendig dargestellter Religion, -- hatte nicht irgendwo, tief
+verborgen, all das auch in mir geschlummert? Ich begrüßte es jetzt mit
+der freudigen Überraschung, wie wir längst vergessene alte Freunde, die
+plötzlich aus dem Gewühl der Gleichgültigen vor uns auftauchen, zu
+begrüßen pflegen. Im stillen verurteilte ich Nietzsche, -- dessen Namen
+ich übrigens zum elften Male hörte, -- der dem großen Freunde hatte
+untreu werden können, und begriff nicht Gersdorffs Anhänglichkeit an
+ihn.
+
+Eines schönen Maienmorgens saßen wir in großer Gesellschaft eben
+eingetroffner Verwandter auf der »alten Wiese« vor dem »Elefanten«;
+Großmama war mit ihnen in die Besprechung alter und neuer
+Familiengeschichten vertieft, die mich immer sehr langweilten; Gersdorff
+las in einem der vielen Bücher, ohne die er das Haus nicht zu verlassen
+pflegte. Ich machte mich im stillen über die bademäßig herausgeputzte,
+mit rosa Brottüten bewaffnete, rührig, wie zum ernstesten Geschäft,
+ihrem Ziel, dem lockenden Frühstück, zustrebende Menge lustig, die an
+uns vorüberflutete. Mir war sehr wohl, sehr behaglich zumute, wie nur
+einem jungen Gesundgewordnen sein kann, der die gekräftigten Glieder in
+der warmen Frühlingssonne dehnt. Da fiel mein Blick auf die »Fröhliche
+Wissenschaft«, Nietzsches jüngstes Werk, das neben Gersdorffs Tasse lag.
+Er hatte Großmama zuweilen einzelne Abschnitte daraus vorgelesen, von
+denen mir die Empfindung des unheimlich Fremden zurückgeblieben war.
+Mechanisch fing ich an, darin zu blättern, bis ein Satz mir ins Auge
+sprang: »Das Leben sagt: Folge mir nicht nach; -- sondern dir! sondern
+dir! Leidenschaft ist besser als Stoizismus und Heuchelei, Ehrlichsein,
+selbst im Bösen, besser, als sich an die Sittlichkeit des Herkommens
+verlieren ...«
+
+Wenn ein eisiger Luftstrom durch plötzlich weit aufgerißne Fenster den
+im warmen Zimmer Sitzenden trifft, so schauert er zuerst frierend und
+angstvoll zusammen, um im nächsten Augenblick mit tiefen durstigen
+Zügen den reinen Quell einzusaugen, der ihm die dunstig-schwere Schwüle
+ringsum erst zum Bewußtsein bringt. Wie solch einem war mir zumute.
+Kämpfte ich nicht ständig, um mich dem Leben und dem Herkommen
+unterzuordnen? Versuchte ich nicht, mir einzureden, jeder Sieg über
+meine innersten Triebe sei ein Zeichen wachsender Tugend? Und hatte doch
+stets ein schlechtes Gewissen dabei!
+
+Lustige Stimmen schlugen an mein Ohr:
+
+»Auf Wiedersehen beim Konzert nachmittag ...«
+
+»Gehst du zur Reunion heut abend? ...«
+
+»Wir gehen ins Theater ...«
+
+Halb abwesend starrte ich von einem zum andern.
+
+»Alix hat Tagesträume,« hörte ich Großmama sagen; verwirrt schlug ich
+das Buch zu. Abends vor dem Schlafengehen trug ich den Satz aus dem
+Gedächtnis in mein Notizbuch ein -- zwischen lauter Adressen, Gedichten
+und Rezepten. Mit Großmama wechselte ich kein Wort darüber; ich
+fürchtete mich; wie ein Dieb kam ich mir vor, der ängstlich den
+gestohlenen Brillanten hütet, und instinktiv fühlte ich, daß es keinen
+größeren Gegensatz geben könne, als den zwischen diesen Worten und der
+Lehre von der Nachfolge Christi, zu der Großmama sich bekannte. Ein
+Schleier war zwischen uns niedergefallen, der nicht trennt, aber die
+Klarheit der Züge verwischt.
+
+Ende Mai machten wir unserem Arzt die Abschiedsvisite.
+
+»Na also!« sagte er zufrieden, »da wären die roten Backen wieder! Aber
+nun gilts brav sein und gehorchen und das Herzchen festhalten! ...«
+
+Nachdem er eine Reihe von Verordnungen gegeben hatte, hielt er zögernd
+inne. »Und nun das Schlimmste für so ein junges, hübsches Fräulein: für
+die nächsten sechs -- acht Monate ist jede Art starker Bewegung
+verboten. Also kein Reiten -- kein Tanzen --«
+
+Er erwartete offenbar meinen heftigsten Widerspruch und sah mich auf
+mein freimütiges »Gewiß, Herr Doktor« mit unverhohlenem Erstaunen an.
+
+»Du bist ein tapfres Kind!« sagte Großmama, als wir die Treppe
+hinuntergingen.
+
+»Gar nicht, Großmama!« erwiderte ich. »Denn nur eins wünsch ich mir,
+Ruhe zum Lernen, zum Lesen und Arbeiten.«
+
+Ein Besuch in Weimar, den wir vorhatten, und der dem langen Aufenthalt
+in Pirgallen vorausgehen sollte, erschien mir zunächst nur wie eine
+Störung. Aber je mehr wir uns der Stadt Goethes näherten, desto mehr
+freute ich mich darauf. Während Großmama versuchte, das Enkelkind mit
+dem, was ihrer an Menschen und Dingen dort wartete, vertraut zu machen,
+verlor sie sich in den Erinnerungen ihrer Jugend. Und ich sah sie vor
+mir, die Männer mit den feinen glatten Gesichtern über den hohen
+Vatermördern, die Frauen mit den kunstvoll frisierten Köpfchen und den
+schlichten Mullfähnchen, wie sie auf den Wiesen von Tiefurt Blindekuh
+spielten und zierlich-gravitätisch im Schloßsaal die Gavotte tanzten;
+ich hörte, wie sie mit Lamartine und mit Byron weinten und schwärmten,
+ich fühlte, wie ihre Gemüter sich tiefer Freundschaft erschlossen, wie
+ihre Herzen schlugen in Liebesglück und Leid. Zu Goethes Füßen sah ich
+die Großmutter sitzen, stumm, ehrfurchtsvoll -- ein Lauschen, ein
+Empfangen. Zur ärmsten Zeit Deutschlands, -- wie reich war sie gewesen!
+Und eine Heimat hatte sie gehabt, aus der die Wurzeln ihrer Seele noch
+heute Lebenskräfte sogen.
+
+Ich saß am Kupeefenster im Abenddämmerlicht; Großmama schlummerte mir
+gegenüber, noch ein Lächeln der Erinnerung auf den Zügen. Wälder und
+Felder, Häuser und Gärten flogen an mir vorbei. So ist mein Leben,
+dachte ich. Alles entschwindet mir, kaum daß ichs betrachten konnte;
+nirgends wurzle ich. Dabei fielen mir Verse ein, die ich hastig in mein
+Notizbuch kritzelte:
+
+ Ein Vagabund bin ich genannt,
+ Will niemand von mir wissen;
+ Die Sohlen hab ich durchgerannt,
+ Mein Wams ist längst zerschlissen.
+
+ Zur Arbeit ruft man mich umsunst,
+ Trag nicht danach Verlangen,
+ Steh bei der Lerche hoch in Gunst,
+ Die läßt sich auch nicht fangen;
+
+ Die singt ihr Lied auf freiem Feld
+ Mit freier, lustger Kehle,
+ Die schmettert hoch in alle Welt,
+ Und hörts auch seine Seele.
+
+ Doch eines ist, das wurmt mich schwer:
+ Sie hat ein Nest, ein kleines; --
+ Ich zog die Lande hin und her --
+ Wo aber, sagt, ist meines?!
+
+In Weimar wohnten wir bei Großmamas Bruder an der Ackerwand, dicht
+neben dem Hause der Frau von Stein, wo die Lorbeerbäume in ihren großen
+Kübeln noch ebenso auf dem Vorplatz standen, wie zu der klassischen
+Zeit, da die »liebe Lotte« unter ihnen zum Nachmittagtee ihre Freunde
+empfing. Aus unseren Fenstern sah man weit hinein in den Park.
+
+Am ersten Morgen, als die Sonnenstrahlen nur gerade die Wipfel der alten
+Bäume trafen, schlüpfte ich hinaus. Zauberhaft still und einsam war es;
+nur ein heimliches Vogelzwitschern, ein fernes Flüstern der Ilm verriet
+das Leben. Auf dem grünen Wiesenplan vor dem Hochmeisterhaus funkelten
+die Tautropfen an den Zittergräsern; die roten und weißen, die gelben
+und blauen Blüten an den Büschen strahlten im Glanze eben entfalteter
+Pracht. Weiter unten, wo im Felsen die steile Treppe abwärts führt zum
+Ilmtal, stieg feuchter würziger Erdgeruch zu mir empor. Die
+geschlossenen Fensteraugen der Einsiedelei sahen aus wie die eines
+Schlafenden, minutenlang stand ich davor, traumbefangen, und wartete auf
+den geheimnisvollen Bewohner, der sie öffnen sollte. Aber die Ilm
+plätscherte, als lachte sie mich aus.
+
+Über der Brücke, hinter den dunkeln Büschen und Bäumen, lag die Erde
+noch eingehüllt in ein durchsichtig-weißes Nebeltuch, das kecke
+Sonnenstrahlen zu zerreißen sich bemühten. Und ein helles Häuschen
+schimmerte lockend vom jenseitigen Hügel, das mir vertraut entgegensah,
+als wäre ich drüben daheim. War es nicht aus dem Rahmen getreten, der in
+Pirgallen in Großmamas Zimmer hing? Dort hatte ich es gesehen von klein
+auf, und wenn ich vom Zuckerhäuschen im Walde hatte erzählen hören,
+konnte ich mirs nie anders vorstellen. Ob ich mich wohl hinüber wagen
+könnte durch den Nebel? Erlkönigs Töchter tanzten hier, wie einst, da
+sie den hellsehenden Augen des Dichters erschienen.
+
+Und nun war ich drüben. Aber die weiße Tür zwischen den grünen Hecken
+verschloß das stille Reich hinter ihr. Scheu sah ich mich um; niemand
+weit und breit! Der niedrige Holzzaun hinter der zweiten breiteren
+Pforte war kein unüberwindliches Hindernis -- ein paar Risse im Rock,
+eine Schramme am Arm --, und in Goethes Garten stand ich. Der Ton
+knarrender Wagenräder trieb mich den langen, Unkraut bewachsenen Weg
+hinunter bis hinter das Haus. Grünes Dämmerlicht nahm mich auf, kein
+Blättchen rührte sich über mir; auf der Lehne der morschen Bank saß
+regungslos mit hochgestellten Flügeln ein großer blauschwarzer
+Schmetterling. Die Stille herrschte -- eine Stille, als wäre die Erde
+versunken --, und nur dieser Raum mit dem toten Hause davor schwebte in
+der ungeheueren Weite des Weltraums. Ich preßte meine Hände auf das
+wildklopfende Herz, und große Tränen tropften unaufhaltsam aus meinen
+Augen. Aber dann schämte ich mich: wie konnte ich -- ich! mit meinem
+unnennbaren Weh diesen heiligen Ort entweihen! Leise auf den
+Zehenspitzen, das Kleid gerafft, damit sein Rascheln nicht störe,
+schlich ich davon.
+
+Auf den mächtigen Würfel aus Granit mit der Kugel darauf lehnte ich mich
+und vergrub, bitterlich weinend, das Gesicht in den Händen. Da stimmte
+ein Vöglein über mir sein Morgenlied an, und aus dem nächsten Baum
+antwortete ihm ein anderes, bis es zwitschernd, tirlierend und flötend
+von allen Zweigen klang, -- ein jubelnder Gruß an die siegende Sonne.
+Tief aufatmend streckte ich die Arme und dehnte die Brust, und plötzlich
+freute ich mich, daß ich gar nichts war als ein junges Menschenkind mit
+dem ganzen reichen großen Leben vor mir. In schwärmerischer Verzückung
+sank ich vor dem Altar des guten Glücks in die Kniee und betete den
+Unsterblichen an, dessen Atem ich zu fühlen meinte.
+
+Noch am selben Tage ging ich mit Großmama nach dem Frauenplan, um in
+Goethes Stadthaus den letzten seines Namens zu besuchen, der ihr
+Jugendfreund war. Still und zurückgezogen, sich ängstlich vor der
+Berührung mit der Welt hütend, lebte Walter Goethe oben in den
+Giebelzimmern seiner verstorbenen Mutter. Ein großes Bild des Dichters
+hing im Empfangsraum; es erdrückte die kleine Stube und noch mehr den
+kleinen, armen Nachkömmling darin. Ich konnt es nicht fassen, daß dies
+ein Goethe war! Erst als die beiden Freunde miteinander sprachen, fühlte
+ich die andere Welt, aus der sie stammten. Wie warm und echt waren die
+Empfindungen, denen sie Worte liehen, wie lebendig die Interessen, an
+denen sie Anteil nahmen, -- so sprach man heute nicht mehr miteinander,
+wo Gefühl ein Spott und Blasiertheit Trumpf war.
+
+Je länger wir in Weimar blieben, desto mehr empfand ich seinen Geist.
+Freilich, die Menschen, mit denen Großmama verkehrte, waren alle alt,
+alles ihre Zeitgenossen, und doch, weil sie treu ihrer Jugend waren,
+seelenjung. Da war der Onkel, bei dem wir wohnten, ein Mann von jener
+schlichten Vornehmheit, die allein das Zeichen echter Kultur ist; da
+war der Großherzog mit seiner leidenschaftlichen Liebe für Weimars
+Tradition, der er bescheiden sich selbst unterordnete, überall nach
+geistigen Werten Umschau haltend und sich der Funde freuend, wie ein
+Sammler an seinen Schätzen; da waren Frauen, die begeistert und
+begeisternd nicht Namen und Titel und bunte Uniformen zu Gaste luden,
+sondern führende Geister, werdende und gewordene. Ich taute allmählich
+auf in dieser Umgebung und lernte, ohne Scheu vor dem Ausgelachtwerden
+oder dem erstaunten Verstummen der andern, von dem reden, was mich
+interessierte, und fragen nach dem, was ich zu wissen begehrte. Der
+Vorsatz befestigte sich in mir: ich wollte nicht mehr zurück in die Welt
+der Konvention und der kühlen Phrase, wo feste Schlösser vor Herz und
+Mund Bedingung guter Erziehung sind.
+
+Großmama sprach von einem künftigen Hofdamenposten für mich. So ganz
+nach meinem Geschmack war das allerdings nicht; von all den Tanten und
+Kusinen, die ihn inne hatten, wußte ich, wie viel drückende
+Dienstbarkeit er mit sich brachte. Aber viel besser erschien es mir
+immerhin, in Weimar abhängig zu sein, als von einer Garnison zur andern
+stets in derselben Leutnantsatmosphäre leben. Meine heimlich gehegten
+Dichterträume würden hier vielleicht reifen können, und ganz im
+Verborgenen tauchte dazu eine romantische Hoffnung auf: ihn hier zu
+finden, den märchenhaften Schwanenritter, dem mein Herz gehören sollte!
+
+Gegen Ende unseres Aufenthalts ging ich noch einmal mit Großmama zu
+Walter Goethe. Er war ungewöhnlich freundlich zu mir und erfüllte ohne
+weiteres meinen Wunsch, allein in Goethes Zimmer gehen zu dürfen. Ich
+schloß sie mir auf und öffnete die kleinen Läden und stand dann still
+und stumm mit gefalteten Händen vor dem Stuhl, in dem er gestorben war,
+an seinem Bett. Wie einem, der auszieht zum Kampf und Abschied nimmt,
+unsicher, ob er jemals wiederkehrt, war mir zumute. Goethes Gebet kam
+mir unwillkürlich auf die Lippen: Gib mir große Gedanken und ein reines
+Herz.
+
+Ich mochte blaß und verweint genug aussehen, als wir abreisten;
+sorgenvoll sah mich Großmama an: »Bist du nicht wohl, mein Kind?«
+
+Da kam mir zum Bewußtsein, was ich ihr alles verdankte: Zu dem heißen
+Wunderquell hatte sie mich geführt, der meinen Körper heilte, und
+erschlossen hatte sie die Quellen, die meine Seele nährten. Mit beiden
+Händen griff ich nach ihrer Hand und preßte die Lippen darauf: »Ich bin
+ganz, ganz gesund, Großmama!«
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+
+Auf dem Wege nach Pirgallen machten wir bei einer Reihe von Verwandten
+Station. Ich kam mir vor, als wäre ich von luftiger Bergeshöhe in
+schwüle Niederung geschleudert worden. »Wir haben eine Vetternreise
+hinter uns: in Sachsen, in der Mark, in Pommern -- überall derselbe
+Schlag Krautjunker, je nach der Größe der Geldbeutel echt oder unecht
+überfirnißt, bei allen dieselbe souveräne Verachtung geistiger Werte --«
+schrieb ich an meine Kusine Mathilde. »Meine Vettern in Ingershausen --
+übrigens ein pompöses Schloß, das August dem Starken, seinem Erbauer,
+alle Ehre macht --, die früher an beängstigender Wasserscheu litten,
+sind Gigerl par excellence geworden, gardereif. Ihre Schwester, eine
+Venus von Milo, hat schon mit siebzehn Jahren geheiratet, kriegt ein
+Kind nach dem andern und den fatalen Zug um den Mund, den ich noch bei
+jeder jungen Frau entdeckt habe: ich glaube, es ist der der
+Enttäuschung. Ein paar Kindheitsfreundinnen, die ich wiedersah, und die
+mir vor Jahr und Tag mit allen Zeichen des Triumphes -- sie hatten mich
+ja im Rennen um den Mann um ein paar Pferdelängen geschlagen! -- ihre
+Verlobung mitgeteilt hatten, traten mir jetzt als hochschwangere Frauen
+entgegen: blaß, mißmutig. Ich hätte nun gern meinerseits triumphiert,
+aber das Mitleid mit den armen Würmern, die sie mit solcher Giftlaune
+unter dem Herzen tragen, überwog. Ein Weib, das ein Kind erwartet,
+sollte sein wie eine Siegerin!«
+
+Ich atmete auf, als wir endlich in Pirgallen waren, wo ich hoffte, mich
+meinen Studien und Arbeiten ganz überlassen zu können. Dort hatte sich
+inzwischen mancherlei verändert. Mein Onkel hatte sich in den Reichstag
+wählen lassen, -- auf vieles Zureden seiner Parteigenossen, denn in ihm
+selbst regte sich zu stark das alte Herrengefühl des ostdeutschen
+Junkers, als daß es ihm nicht widerstrebt hätte, die durch das
+allgemeine Wahlrecht nun einmal festgesetzte Gleichheit zwischen Herr
+und Knecht auch nur äußerlich anzuerkennen. Daß er, dessen Verkehr mit
+den Untergebenen nur im Befehlen, Tadeln und Strafen bestand, von ihrer
+Gunst abhängig war, ja sogar um sie werben mußte, erschien ihm als eine
+Entwürdigung. Er war dabei ein so ehrlich überzeugter Konservativer, so
+durchdrungen davon, daß jede Erweiterung der Freiheit und der Rechte der
+unteren Volksklassen zu ihrem eigenen Verderben ausschlagen würde, daß
+er sich vollkommen berechtigt glaubte, auch durch ungesetzliche Mittel
+den Einfluß liberaler oder gar sozialdemokratischer Strömungen zu
+bekämpfen. Seinen ehemaligen Viehhirten, einen notorischen Säufer, der
+sozialdemokratisch gestimmt hatte, weil »der Herr Baron dem Krugwirt
+verboten hatte, ihm mehr als zwei Glas Schnaps zu geben,« pflegte er
+seiner Mutter gegenüber immer wieder zu zitieren, wenn sie das »Recht
+auf die persönliche Überzeugung« verteidigte. »Gar nichts wußte der
+Kerl sonst von der Sozialdemokratie,« sagte er, »er konnte weder lesen
+noch schreiben. Jeder, der ihm Fusel gibt, dessen 'Überzeugung' hat er.
+Stellt Euch vor, alle Viehhirten und Konsorten stimmten wie er und kämen
+zur Macht, -- eine nette Wirtschaft würde das.« Und als Großmama
+einwarf: »So gebt dem Volk eine bessere Bildung,« antwortete er: »Damit
+jeder Instmannsjunge Professor werden und keiner mehr arbeiten will!
+Dann sollen wir wohl unsere Frauen vor den Melkeimer setzen und uns
+hinter den Pflug stellen?«
+
+»Vielleicht entspräche solch ein Wechsel der göttlichen Gerechtigkeit,«
+meinte Großmama lächelnd, »seit Jahrhunderten gingen sie hinter dem
+Pfluge -- am Ende ist jetzt die Reihe an Euch!« Mit hochgeschwollener
+Stirnader sprang der Onkel vom Stuhl und warf die Türe hinter sich zu.
+Er war reizbarer als sonst. Zu deutlich pochte die neue Zeit an das
+schwere Burgtor von Pirgallen, und er selbst hatte die Zugbrücke, die
+unliebsamen Gästen den Eingang wehrte, in eine feste, steinerne
+verwandelt. Er selbst hatte bei der Regierung all seinen Einfluß daran
+gesetzt, damit die Eisenbahn bei ihm vorbei gelegt, der Hafen am
+Kurischen Haff an seine Gutsgrenze gebaut werde. Nun konnten seine
+Steine zu fernen Bauten über die Ostsee entführt werden, und die
+Erträgnisse seines Gutes fanden in Berlin zahlungskräftige Käufer, --
+aber neue Gedanken waren mit den fremden Ingenieuren und Arbeitern
+eingeführt worden. Er selbst strebte danach, sein Besitztum, das seine
+Väter schlecht und recht ernährt hatte, in eine kapitalistische
+Unternehmung zu verwandeln, von der er Millionen erwartete. Aber mit den
+Maschinen, mit den Kanälen, den Wiesenmeliorationen, den neuen
+Bebauungsweisen, der ganzen intensiven Art der Bewirtschaftung kamen
+Scharen neuer Arbeitskräfte ins Land, von denen die Alteingesessenen
+Ansichten und Bedürfnisse rasch, Handfertigkeit und Verständnis aber um
+so langsamer lernten. Die Unzufriedenheit wucherte wie Unkraut, und am
+üppigsten in den kleinen strohgedeckten Katen, deren Bewohner seit
+Generationen im Dienste der Golzows standen.
+
+In einer der ältesten hauste die alte Maruschka mit Kindern und Enkeln,
+ein verhutzeltes, zitteriges Weiblein. Wie braune Fichtenrinden waren
+ihre Wangen und ihre Stirn, die Augen eingesunken, weiß und gelb wie
+versteckte Harzlöcher. Nur wenn sie Großmama sah, verzog sie die dünnen
+Lippen zu einem Grinsen. Vor Jahren hatte ich sie, die seit ihrer
+frühsten Mädchenzeit in der Burg diente, noch in einem der dunkelsten
+Räume, dicht über dem Wassergraben, von morgens bis abends vor dem alten
+mächtigen Webstuhl sitzen sehen. Alle Mägde trugen die Stoffe, die sie
+wob: feste harte, aus groben blauen und roten Fäden. Die »junge Frau
+Baronin« hatte sie aufs Altenteil gesetzt, -- sie brauchte das Zimmer,
+und die hübschen Dienstmädchen trugen das altmodische Zeug nicht mehr.
+Nun haßte die Alte die neue Zeit und alles, was sie mit sich führte. An
+ihrem schwälenden Herdfeuer in der engen Stube mit dem grauen
+schmierigen Lehmboden, wo Hühner, Gänse, Ferkel und Kinder durcheinander
+gackerten, quiekten und schrieen, war die Freistatt aller Murrenden. Sie
+hetzte die Schüchternen auf, die noch in blinder Unterwürfigkeit an der
+Herrschaft hingen, sie lobte die Unbotmäßigen und hatte trotz all ihrer
+Armseligkeit stets den Schnaps bereit für die, die im Krug mit den
+»Neuen«, den »Städtischen« nicht zusammen sitzen mochten.
+
+Ihr Jüngster, der Franz, war Stallknecht, dem mein Onkel seiner
+Gewandtheit wegen häufig die wertvollsten Pferde überließ. Eines abends
+sah er, daß die »Delilah«, die der Franz hatte bewegen sollen,
+schweißtriefend und ohne Decke in ihrer Box stand, während er auf seinem
+Bett daneben seinen Rausch ausschlief. Ehe ich, die ich dabei stand, es
+verhindern konnte, sauste meines Onkels Reitpeitsche ihm quer übers
+Gesicht. Taumelnd erhob er sich, sah meinen Onkel mit blöden Augen an
+und fiel ihm heulend zu Füßen. Ich wollte mich schon empört abwenden, --
+empörter noch über den Feigling, der vor mir winselte, als über den
+Onkel --, als mich aus dem Augenwinkel des auf dem Boden Kauernden ein
+Blick traf, wie der eines wilden Tieres. Am nächsten Morgen lag eine der
+Zuchtstuten verendet im Paddock. Keiner von uns zweifelte, daß Franz der
+Täter war, ich, die ich hartnäckig schwieg, am wenigsten. All seine
+Arbeitskollegen jedoch standen auf seiner Seite und lenkten den Verdacht
+auf die Kanalarbeiter. Zu beweisen aber war nichts. Onkel Walter entließ
+den Knecht und verbot ihm mit allem Nachdruck, den Boden Pirgallens
+wieder zu betreten. Wir saßen gerade in der Halle beim Frühstück, als
+die alte Maruschken unangemeldet auf der Freitreppe erschien, die
+verschrumpelten braunen Hände über ihrem Krückstock gefaltet, im
+selbstgewebten Sonntagsstaat, den eisgrauen Kopf von einem schwarzen
+Tuch umwunden, die kleinen Bernsteinaugen funkelnd auf uns gerichtet,
+wie die Waldhexe aus dem Märchen.
+
+»Verzeihen die gnädige Herrschaft«, hob sie mit stockender Stimme an --
+
+»Was willst du, Maruschken?« frug Großmama, ihr gütig die Hand
+entgegenstreckend, während Onkel sich ungeduldig räusperte.
+
+»O mai allerkutestes gnädiges Frauchen«, -- schluchzend stürzte die Alte
+vor ihrer einstigen Herrin nieder und zog demütig ihren Rock an die
+Lippen, »mai Jung hat das Perdchen, das liebe kute Perdchen, nich
+erstochen! Schickens ihn nich in die Fremde! Mai Vater, mai Großvater,
+mai Ahne -- alle, alle haben der gnädigen Herrschaft gedient mit Leib
+und Leben -- schickens uns nich fort!« Ihre Stimme wurde krächzend wie
+Rabenstimmen, wenn sie im Herbst auf den Stoppelfeldern sitzen.
+
+»Mein Sohn schickt euch ja nicht fort, Maruschken,« antwortete Großmama.
+»Nur den einen von deinen Kindern, und -- wenn er sich draußen gut führt
+--« bittend sah Großmama zu Onkel Walter herüber -- »darf er gewiß
+wieder nach Hause kommen.«
+
+Die Alte richtete sich auf. Stumm sah sie von einem zum anderen.
+
+»Nimmt der gnädige Herr Baron den Befehl zurück?« kam es leise und
+zischend über ihre halbgeöffneten Lippen.
+
+»Nein!« Ein Faustschlag auf den Tisch bekräftigte Onkel Walters heftige
+Antwort. »Und nun geht, Maruschken. Mein letztes Wort habt Ihr!«
+
+Fest auf den Stock gestützt, reckte die Alte den krummen Rücken und hob
+den Kopf, daß die Sehnen an ihrem Halse wie braunrote Stricke
+hervortraten.
+
+»Die alte Maruschken geht, mai kutestes Herrchen, -- geht weit -- weit
+weg und nimmt mehr mit, viel mehr, als bloß ein Perdchen! -- -- Auf
+diesen alten Armchen trug ich den jungen Herrn -- gab ihm die Brust,
+statt dem eignen Jungchen. Und gearbeitet hab ich an die vierzig Jahr
+auf Pirgallen -- und Söhne und Töchter hab ich geboren und aufgezogen in
+Gehorsam vor der Herrschaft und Gottesfurcht, und sie arbeiten auch auf
+Pirgallen, für die gnädige Herrschaft« -- --
+
+Ungeduldig unterbrach der Onkel ihren Redefluß. »Ich bin der letzte, der
+deine treue Arbeit nicht anerkannt und redlich belohnt hat. Aber einen
+widerhaarigen Trunkenbold -- und wenn er zehnmal dein Sohn ist -- kann
+ich nicht brauchen. Meine Geduld ist erschöpft -- hüte dich, Alte, mich
+noch zu reizen. Ich weiß recht gut, wo die Stänker und Hetzer zu Hause
+sind!«
+
+»Gar nichts weiß der Herr Baron, gar nichts« eiferte sie. »Im Krug, wo
+die Kanalarbeiter sitzen, beim neuen Inspektor, wo die fainen Herren aus
+der Stadt morgens und abends Wein trinken, in der Gesindestube, wo die
+vornehmen Diener mit die Stadtmächens schäkern, da sind die Stänker; --
+bei der alten Maruschken nich! Wir halten noch auf alte Art und Zucht,
+wir lieben das liebe Landchen, die Burg, und die Kirche und die Kate.
+Aber die anderen, das sind Ausländsche, die blos aufs Geld sind und
+keinen Glauben nich haben. Warum holt sie der Herr Baron und unsere
+Jungchens schickt er weg, daß sie auch so werden wie die Fremden? -- --
+Zu Haus wollen wir bleiben --« ihre Stimme kreischte -- »mit die
+Kindersch. Aber wo die rechte Liebe weg is, geht auch die Ehrfurcht und
+der Gehorsam ... Die Peitsche ins Gesicht, -- das haben der alten
+Maruschken ihre Jungchen nich verdient um die Herrschaft --«
+
+Wütend erhob sich der Onkel: »Nun hab ich die Komödie satt, scher dich
+zum Teufel.«
+
+Mit aufgerissenen Augen starrte die Alte ihn an und beachtete Großmama
+gar nicht, die begütigend ihre Hand auf ihre Schulter legte.
+
+»Ich scher mich, ich scher mich, aber zum Teufel nich!« schrie sie, »der
+Teufel is zu Haus jetzt auf Pirgallen, -- alle bösen Geister gehen um,
+-- im Turm krachts, wo die gnädige Herrschaft die faulen Insten in
+Ketten legte, und aus dem Haff steigen die toten Fischer auf -- die alte
+Maruschken geht -- das liebe Herrgottche suchen --«
+
+Wie unter einem Zwang waren wir alle verstummt. Die Steintreppe humpelte
+sie hinab -- sie wandte den Kopf nicht mehr -- sie war jetzt ganz klein
+und zusammengesunken. Am folgenden Tage stand ihre Kate leer, -- bei
+Nacht und Nebel war sie mit ihren Kindern und Enkeln davongegangen,
+ihren armseligen Hausrat auf zwei Karren mit sich schleppend. Die Leute
+flüsterten noch lange mit leisem Grauen davon, wie sie drohend den
+Krückstock erhoben habe, als sie an der Burg vorbeikam, und unaufhörlich
+vor sich hinmurmelnd dem Zuge der ihren voran geschritten sei, vor jeder
+Hütte am Wege inne haltend, um den aus dem Schlaf geschreckten Bewohnern
+zu erzählen, daß der Herr von Pirgallen sie von Haus und Hof vertrieb.
+
+Auch für mich war der Eindruck ein unverwischbarer. Ich ging oft ins
+Dorf hinab und in die Ortschaften am Strande, und lernte die harten,
+einsilbigen Menschen kennen, die für unaufhörliche Arbeit ein
+spärliches freudloses Leben gewannen. Die meisten nahmen es noch hin wie
+etwas Selbstverständliches, aber schon zuckte in ihren Augen hie und da
+dieselbe Flamme auf, die in dem Blick der alten Maruschken gebrannt
+hatte. Die Zeit, da sie sich vor dem Herren fühlten wie stumme Sklaven
+oder wie willenlose Kinder, war vorüber. Es gingen wirklich böse Geister
+um, auch in der alten Ordensburg.
+
+Mein Onkel war, so viel er sich auch zu bilden strebte, den
+Anforderungen moderner Landwirtschaft geistig nicht gewachsen. »Man
+müßte Chemiker, Ingenieur, Naturforscher sein, um nicht von jedem Hans
+Narren übersehen und betrogen zu werden; statt dessen hat unsereins nur
+Leutnant gelernt,« sagte er einmal bitter. Er entschloß sich sogar zum
+Verkehr mit einem alten Gegner aus der Nachbarschaft, einem
+Freisinnigen, der der beste Landwirt im Lande war. Ich begleitete die
+Herren zu Pferde bei ihren Inspektionsritten und hörte oft, wie der alte
+Mann das Neue, das der junge schuf und plante, rückhaltlos gut hieß.
+»Nur eins kann ich Ihnen nicht verhehlen, Herr Baron, mit der Angst
+würde ichs kriegen, wenn ich Sie nicht für einen bedachtsamen Mann
+hielte, der weiß, daß er Hunderttausende hier hineinstecken muß, ehe die
+Millionen herausspringen.« Ich sah, wie Onkel Walter um einen Schein
+blasser wurde, und erschrak mit ihm.
+
+Er war sehr ernst geworden in den letzten Jahren. Sein fröhlicher
+Leichtsinn brach nur dann immer wieder hervor, wenn seine Frau ihn
+umschmeichelte -- wegen neuer Toiletten, neuem Schmuck oder neuen Hunden
+-- und sein Söhnchen, das sie ihm vor drei Jahren geschenkt hatte, auf
+seinen Knieen ritt. Dieser Stammhalter war der Mittelpunkt des Lebens.
+Er besaß schon seinen eigenen kleinen Hofstaat, und zwei
+Miniaturpferdchen -- Shetland-Ponies, die der Vater direkt hatte kommen
+lassen -- spürten bereits, wenn er in seinem winzigen Wagen durch den
+Park fuhr, die Peitsche des kleinen Junkers. Alle tyrannisierte er; für
+mein Schwesterchen, das selbst gewöhnt war, daß die anderen sich ihr
+unterordneten, war er der gefürchtetste Quälgeist, und vor ihm
+flüchtend, klammerte sie sich leidenschaftlich an mich an. Mein
+liebebedürftiges Herz empfand das sehr wohltätig, und mein, eingedenk
+der eigenen Kinderqualen, leicht erregtes Mitleid kam ihren Wünschen
+rasch entgegen. Schon früh morgens pflegte ich mit ihr in den
+verstecktesten Teil des Parks zu fliehen; ich erfand die
+phantastischsten Spiele und die buntesten Märchen, und der halbe Tag
+ging vorüber, ehe ich zu mir selbst kam. Dann geschah es wohl, daß mich
+heftiger Groll gegen die kleine Tyrannin erfaßte, die mich so in
+Anspruch nahm; aber ein bittender Blick ihrer großen Blauaugen, ein
+zärtlicher Druck ihrer runden Ärmchen um meinen Hals machte mich wieder
+gefügig. Nein, sie sollte, sie durfte nicht erleben, was ich erlebt
+hatte! Allmählich lernte ich sogar, ihr dankbar sein: die anderen
+nannten mich einen »Blaustrumpf« -- »überspannt« -- »verdreht«, dem
+süßen sechsjährigen Blondkopf aber konnte ich gar nicht phantastisch
+genug sein. Sie wollte immer neue Märchen hören -- »ganz neue, die noch
+kein Kind gehört hat« --, und unsere ganze Umgebung wurde zum
+Ausgangspunkt meiner Geschichten, in die ich Götter- und Heldensagen
+verflocht. Sie glaubte an mich -- felsenfest: wenn wir auf dem Haff
+segelten, warf sie heimlich mitgebrachten Kuchen ins Wasser, -- für
+Neringa, die Hafffrau, die drunten hungert, -- zwischen die Steine der
+Parkmauer schob sie Töpfchen mit Milch, -- für die Wichtelmännchen, die
+dort ihr Wesen treiben.
+
+Ließ sie mich frei, so vergrub ich mich in die Bibliothek. Unter dem
+Vorwand, die Bücher ordnen zu wollen, hatte ich mir dieses Asyl, das nur
+selten jemand betrat, gesichert. Es war dunkel und roch nach moderndem
+Papier; aber was kümmerte das mich, die ich tief im Ledersessel kauerte
+und über dem Lesen alles vergaß! Eine kuriose Sammlung enthielten die
+Schränke: alte landwirtschaftliche Broschüren und Zeitschriften,
+Reichstagsprotokolle der jüngsten Zeit, Modeblätter, die sich seit
+Jahrzehnten angesammelt hatten, französische Romane verfänglicher Art,
+-- Zolas »Nana« und »Assommoir« mitten darunter, -- deutsche moderne
+Familienromane und schließlich in billigen, schlecht gebundenen Ausgaben
+die deutschen Klassiker. Mit der Hast einer Heißhungrigen verschlang ich
+alles: von den Memoiren der Cora Pearl bis zu Wieland und Herder. Ich
+muß aber wohl in jener Zeit weder für die Schlüpfrigkeit noch für den
+Realismus sehr empfänglich gewesen sein; was ich von dieser Art las,
+interessierte mich kaum, es rief höchstens ein Gefühl des Ekels in mir
+wach. Noch weniger fesselten mich die deutschen Romane. »Unsere
+Unterhaltungsliteratur ist flach, kraft- und saftlos,« schrieb ich an
+meine Kusine, »sentimental und nüchtern, weil die Schriftsteller sich
+nach ihrem fast nur aus Frauen bestehenden Publikum richten. Männer
+lesen keine Romane mehr, weil sie zu weibisch geschrieben sind, und
+Frauen werden immer weibischer, weil sie sich mit dem faden Zeug ihren
+geistigen Magen verderben. Am schlimmsten ists, wenn auch noch Frauen
+die Romane schreiben: mit der gestohlenen Gloriole der Poesie verklärte
+Klatschgeschichten. Ein neuer Grund für meine Antipathie gegen die
+Frauen. Ich frage mich nur: sind wir so klein, so leer, so unweiblich --
+oder hat man uns so gemacht?«
+
+Mit um so heißeren Wangen und klopfenderem Herzen vertiefte ich mich in
+Goethe. Auch das, was ich schon längst kannte, war voll neuer
+Offenbarungen für mich. In ein kleines Heft, das ich ständig bei mir
+trug -- sorgfältig in ein grünseidenes Tüchlein gewickelt --, schrieb
+ich ein, was mir am besten gefiel und schlug es in stillen Stunden auf,
+wie der Priester sein Brevier, um zu lesen und wieder zu lesen, bis ich
+Satz für Satz auswendig konnte. Zwei standen doppelt unterstrichen an
+der Spitze: »Er gehörte zu den vielen, denen das Leben keine Resultate
+gibt und die sich daher im Einzelnen vor wie nach abmühen;« -- -- und:
+»Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen,
+Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden.« Der eine
+sollte sein, wie ein drohend aufgerichtetes Zeichen, eine stete Warnung,
+das Leben nicht zu verzetteln, sondern ihm nach großen Zielen die feste
+Richtung zu geben, -- der andere ein Tröster in Zeiten der Mutlosigkeit,
+wenn ich zu mir selbst das Vertrauen verlor oder andere mich dessen zu
+berauben versuchten. Mit bewußter Auflehnung gegen die asketischen
+Erziehungsmaximen meiner Mutter schrieb ich mir vor allem solche
+Stellen ab, die das Recht auf Persönlichkeit und den Wert der Freude
+betonten; »Ein Kind, ein junger Mensch, die auf ihren eigenen Wegen irre
+gehen, sind mir lieber, als manche, die auf fremden Wegen recht
+wandeln;« -- »Fröhlichkeit ist die Mutter aller Tugenden;« -- »ein
+glücklicher Mensch, ein Wesen, das sich seines Daseins freut, ist das
+Endziel der Schöpfung.«
+
+Erfüllt von dem, was ich innerlich erfuhr, konnte es nicht ausbleiben,
+daß ich zuweilen auch davon sprach. Meine Begeisterung konnte nicht
+immer stumm bleiben; ich sehnte mich nach Menschen, um mich ihnen
+mitzuteilen, nach jungen vor allen Dingen, bei denen weder Spott noch
+die Weisheit des Alters mich hätte zurückstoßen können. »Ich suche
+Menschen, wie Diogenes,« schrieb ich an meine Kusine, mit der ich aus
+demselben inneren Bedürfnis heraus lebhaft korrespondierte, »und sehe
+dabei immer deutlicher, daß unsere miserable Erziehung uns um das Beste
+im Leben betrogen hat. Das bißchen Kunst und Wissenschaft hat man uns
+nur gelehrt, damit wir darüber schwatzen können. Es ist kein Teil
+unserer selbst geworden; es bleibt in Museen und Büchern wie die
+Religion in der Kirche. Hätten wir den rechten Ernst, das tiefe
+Verständnis für sie, -- Geist und Herz würden so sehr davon erfüllt
+sein, daß sie am Gemeinen oder Oberflächlichen gar keine Freude
+empfänden.«
+
+Kamen junge Leute nach Pirgallen, die, wie Onkel Walter spottend zu
+sagen pflegte, beim »Alix-Examen noch nicht durchgefallen waren,« so
+streckte ich vorsichtig die Fühlhörner meines Geistes aus. Meist
+begegnete ich einem verlegenen Lächeln, einem erstaunten Blick, und
+meine Mutter, die solch einem mißglückten Versuch zuweilen zuhörte,
+sagte mir einmal:
+
+»Daß du das Nüsseknacken gar nicht aufgeben magst! Du stehst doch, daß
+sie alle taub sind.«
+
+»Ich glaubs aber nicht -- ich will es nicht glauben,« antwortete ich,
+»mein eigene Existenz bürgt mir dafür, daß es noch andere meiner Art
+geben muß!« Mama kräuselte spöttisch die Lippen: »Die Mehrzahl ist
+gemein -- die Dummen sind noch die besten.« Aber je häufiger sie ihrer
+tiefen Menschenverachtung Ausdruck verlieh, desto empörter lehnte ich
+mich dagegen auf, desto übertriebener wurde mein Triumphgefühl, wenn
+irgend eine Wesenssaite des Anderen, die ich berührte, leise zu klingen
+begann.
+
+Da war besonders einer, ein junger Nachbar, der oft herübergeritten kam.
+Tiefere Bildung besaß er nicht, aber das einsame, durch keine
+Abwechselung unterbrochene Leben an den grauen Wassern des Haffs hatte
+ihn nachdenklich gemacht, so daß es uns nie an Gesprächsstoff fehlte.
+Unser Verkehr dauerte nicht lange. Onkel Walter nahm mich eines Tages
+beiseite und erklärte mir, daß der Brandenstein keine »Partie« für mich
+wäre.
+
+»Ich denke ja auch gar nicht daran, ihn zu heiraten,« rief ich.
+
+»So benimm dich nicht so dumm! Die ganze Gegend spricht schon davon, und
+er selbst muß sich Hoffnungen machen, wenn du dich stundenlang mit ihm
+allein abgibst,« entgegnete er. Ich war außer mir: ein junges Mädchen
+benimmt sich also unpassend, wenn es länger als fünf Minuten mit einem
+und demselben Herrn redet. -- »Die lieben Nächsten drücken nur dann ein
+Auge zu, wenn sie dabei eine Verlobung wittern,« heißt es in einem
+Brief an Mathilde. »Fühlst du, wie ekelhaft das ist? Welch eine
+faustdicke Beleidigung unseres ganzen Geschlechts darin liegt? Die
+Hündin wertet man nicht anders als uns. Pfui Teufel!«
+
+Ich zog mich nach jenem Erlebnis immer mehr zurück und unterdrückte
+meinen Menschenhunger, bis Onkel Walter seinem Unwillen über meine
+»Haberei« energischen Ausdruck gab. Ich kam grade dazu, als er mit Mama
+über mich sprach.
+
+»Sie wird sich die besten Aussichten verscherzen und eine verdrehte alte
+Schraube werden,« sagte er. »Oder willst du am Ende nicht heiraten?«
+Damit wandte er sich an mich.
+
+»Gewiß will ich -- sehr gern sogar, wenn der Mann danach ist!« lachte
+ich.
+
+Mama sah von ihrer Handarbeit auf: »Du weißt, daß ich dich nicht zwingen
+werde. Ein Mädchen, das wie du, eine gesicherte Zukunft hat, ist viel
+glücklicher, wenn sie nicht heiratet.«
+
+»Mit eurer Zuversicht auf Alixens Zukunft!« warf Onkel Walter ärgerlich
+dazwischen. »Die berühmte Tante Klotilde kann noch zehn Mal heiraten,
+oder hundert Jahre alt werden, oder ihr Geld den Hottentotten vermachen.
+Wir müssen sie unter die Haube bringen, solange sie hübsch ist, -- das
+allein ist eine Gewähr für die Zukunft. Sie darf sich freilich nicht mit
+Flausen den Kopf verdrehen und verzauberte Prinzessin spielen, sonst
+nimmt ein vernünftiger Kerl von vorn herein Reißaus.«
+
+Hochmütig warf ich den Kopf zurück und sagte spöttisch: »Beruhige dich,
+lieber Onkel, ich kriege noch zehn für einen. Ich werde dir den Kummer
+nicht antun, eine alte Jungfer zur Nichte zu haben.«
+
+Und nun nahm ich wieder an der Geselligkeit teil, -- nicht allein, weil
+ich ihm beweisen wollte, daß ich recht hatte, sondern auch, weil die
+Tante mich ärgerte, die -- wie ich herausfühlte -- aus reinem Egoismus
+das Einsamkeitsbedürfnis ihrer Rivalin zu fördern suchte. »Laß sie doch,
+wenn es ihr kein Vergnügen macht, -- wir werden auch ohne sie fertig!«
+hatte sie erst kürzlich ihrem Mann zugerufen, als er noch vom Wagen aus
+mich zur Teilnahme an einem Ausflug nötigen wollte. Außerdem -- wer
+weiß?! -- konnte der Gralsritter, von dem ich doch immer wieder heimlich
+träumte, nicht auch hier, am grauen Gestade der Ostsee landen?!
+
+Picknicks und ländliche Feste, wo schrecklich viel gegessen, noch mehr
+getrunken und wenig geredet wurde, Jagd- und Manöverdiners und
+häuslicher Trubel fingen an, mir sogar wieder Spaß zu machen. Wenn ein
+paar lustige Leutnants, um vom Manöver aus Pirgallen zu erreichen,
+meinetwegen ein paar Nächte um die Ohren schlugen; wenn abends am
+Strande von Kranz, dem nahen Seebad, wohin wir häufig fuhren,
+prasselndes Feuerwerk mir zu Ehren in die Luft stieg; wenn Blicke mir
+folgten, die mehr sagten als schmeichelnde Worte, -- dann schlürfte ich
+mit wonnigem Wohlgefühl den berauschenden Trank der Bewunderung, und die
+kleinen Teufel der Eitelkeit triumphierten über die guten Geister im
+Bücherschrank von Pirgallen. Aber »er« blieb unsichtbar, und so war
+meine Gesellschaftspassion immer nur ein Wechselfieber. »Die
+Gesellschaft ists gar nicht, die mich amüsiert, sondern die Rolle, die
+ich in ihr spiele,« schrieb ich an Mathilde, »denn an sich ist sie
+tödlich langweilig und leer -- leer -- leer wie ein ausgeblasenes Ei.
+Damit es was taugt, muß ich es erst mit meinen Farben bemalen.«
+
+Ein paar Wochen vor unserer Abreise kam ein Freund meines Onkels, Herr
+von Ollech, Rittmeister bei den Gardedragonern, nach Pirgallen. Schon
+auf den Königsberger Rennen hatte ich ihn kennen gelernt, und als wir
+abends zum Souper in großer Gesellschaft, die aus lauter Dohnas,
+Eulenburgs und Lehndorfs bestand, zusammen saßen, war er der
+Rettungsring gewesen, an den ich mich gehalten hatte, um nicht in dem
+unvermeidlichen Meer kindlicher Spiele unterzugehen. Er war eben in
+Bayreuth gewesen und hatte den Parsifal gehört. Das allein hätte genügt,
+um ihn mir interessant zu machen; sein ernstes musikalisches Verständnis
+war eine weitere starke Anziehungskraft. Ich freute mich, daß er mit uns
+heimwärts fuhr.
+
+Abend für Abend saß er dann im Halbdunkel des großen leeren Saals und
+entlockte dem alten Klavier klagende und jauchzende, zärtliche und
+sehnsüchtige Töne. Die kleinen Amoretten über den Türen, auf deren runde
+Körperchen das Licht weniger Kerzen einen rosigen Schein warf, schienen
+zu atmen, und die Blätter der Linden draußen bebten im Takt. Ich saß vor
+der offnen Türe, den mondhellen Garten vor mir, und das Zaubernetz
+wogender Rhythmen umspann mir dichter -- immer dichter Herz und Sinne.
+Dankbar hingerissen erwiderte ich den Druck der Hand des Spielers, wenn
+er schließlich zu mir heraustrat und mir Gute Nacht bot. Sah ich ihn
+morgens wieder, den überschlanken, großen Mann, mit den wässerigen
+Augen, der roten Nase und den ergrauenden Haaren, hörte ich seine rauhe
+Stimme, sein Lachen, das wie tonlos war, so war er mir ein Fremder, --
+eine Seele voll Wohlklang, die sich auf der Suche nach Menschwerdung in
+den Körper eines Dekadenten verirrt hatte.
+
+Angstvoll empfand ich, daß er mich liebte, und sah zugleich an der
+Selbstverständlichkeit, mit der man mich mit ihm allein ließ, was alle
+erwarteten. Ich fürchtete die Aussprache -- aber nicht weniger die
+Trennung. Ich kürzte den Augenblick des Gutenachtsagens mehr und mehr
+ab; ich wußte, daß ich in seiner Macht war, wenn der Zauber seiner Musik
+mich gefangen genommen hatte.
+
+Sein Urlaub ging zu Ende; ich fesselte mein Schwesterchen so sehr als
+möglich an mich, um ein Alleinsein zu verhindern. Aber eines schönen
+Morgens lief sie mir davon, als wir grade im Begriffe waren, in den Kahn
+zu steigen. Stumm ruderte er mich auf dem schmalen Kanal, der sich, von
+Bäumen und Büschen dicht umstanden, durch den Park zog. Schon tanzten
+gelbe Blätter auf seinen dunkelgrünen Spiegel nieder, während die Glut
+des Spätsommertages wie eingeschlossen unter dem Laubdach lag. Ich
+starrte ins Wasser und spielte mit der Hand darin. Ein »Fräulein von
+Kleve«, mit rauherer Stimme als sonst hervorgestoßen, ließ mich
+zusammenfahren. »Wollen Sie meine Frau werden?« -- -- Ich antwortete
+nicht. »Ich bin nicht jung, nicht schön,« fuhr er nach einer Pause leise
+fort. »Ich habe Ihnen nichts zu bieten, als --« er zögerte, und eine
+flüchtige Röte stieg ihm heiß in die Stirn -- »meinen Namen, mein
+Vermögen und -- meine Liebe.« Wieder eine lange Pause -- ich brachte
+keinen Ton über die Lippen. Mein Gegenüber seufzte tief auf. »Ich will
+keine rasche Antwort, wenn Ihr Herz Sie nicht dazu zwingt. Nur eins
+sagen Sie mir, bitte: lieben Sie einen andern?«
+
+»Nein!« entgegnete ich, ihm grade in die Augen sehend. Seine Züge
+leuchteten so hell auf, daß ich erschrak. Er griff nach meiner Hand.
+»Dann will ich warten, und -- hoffen. Es ist ja so wie so vermessen, daß
+ein alter Knabe wie ich so viel Jugend und Schönheit begehrt. Ich reise
+morgen früh -- in vier Wochen kommen Sie durch Berlin. Ihre verehrte
+Frau Mutter soll mich Ihre Ankunft wissen lassen, wenn -- wenn Sie für
+mich entschieden haben; -- ists recht so?«
+
+»Ja,« war alles, was ich hervorbringen konnte. Wir landeten. Als er mir
+beim Aussteigen die Hand reichte, traf mich ein Blick, -- ein Blick so
+voll Liebe, so voll Leid, daß ich ihm aus lauter Mitgefühl fast in die
+Arme gesunken wäre. Abends saß er zum letztenmal am Klavier und ließ
+seinen Phantasien freien Lauf; ich konnte der aufsteigenden Tränen nicht
+Herr werden, lief fort und verschloß mich in mein Zimmer, um es erst zu
+verlassen, als ich am nächsten Tag den Wagen über den Burghof rollen
+hörte.
+
+Es verletzte mich, daß jedermann um unsere Beziehungen zu wissen schien.
+Ich wurde rücksichtsvoll behandelt, wie eine Kranke, während
+widerstreitende Empfindungen mir alle Ruhe raubten. Mußte ich wirklich
+mit meinen achtzehn Jahren über solch eine Lebensfrage nachdenken wie
+über ein Rechenexempel? Wenn mein Verstand zehnmal ja gesagt hatte, so
+warf das Nein meiner Sinne all seine Weisheit über den Haufen. Meiner
+Sinne -- nicht meines Herzens. Allzu häufig floß es von Mitleid über,
+das der Liebe so ähnlich sieht; wenn ich mir dann aber vorstellte: der
+Mann soll dich küssen, soll von dir Besitz ergreifen -- körperlich! --,
+dann haßte ich ihn beinahe.
+
+Wir waren noch in Pirgallen, als ein Telegramm meines Vaters eintraf.
+»Brigade in Schwerin« -- nichts weiter stand darin. Die Freude war
+allgemein und bei mir am größten; meine Abneigung, nach Brandenburg
+zurückzukehren, beeinflußte im Stillen meine Entscheidung Ollech
+gegenüber. Die neue Garnison, der kleine Hof, die fremde, Neugier und
+Hoffnung in gleicher Weise wachrufende Umgebung gaukelten mir lauter
+lichte Zukunstsbilder vor. Als wir auf dem Wege nach Berlin im Zuge
+saßen und meine Mutter die Schicksalsfrage stellte: »Soll ich Ollech
+benachrichtigen?« bedurfte es keiner Überlegung mehr. Ordentlich komisch
+kam mirs vor, daß ich jemals zwischen »Ja« und »Nein« hatte schwanken
+können.
+
+Während der Übersiedelung der Möbel blieben wir in Berlin. Meine Mutter
+kannte keine größere Freude, als ohne Haushaltungs- und
+Gesellschaftszwang in der Hauptstadt zu sein. Während sie unermüdlich
+von einem Museum, einem Theater zum anderen ging, jede Ausstellung
+durchwanderte, die Läden von innen und außen betrachtete, verschwanden
+die scharfen Linien um ihren Mund und machten dem Ausdruck kindlichen
+Genießens Platz. Sie vergaß dabei sogar ihre Erziehungsgrundsätze und
+nahm mich in Possen und Operetten mit, die sich im Grunde gar nicht
+»schickten«.
+
+Im Oktober kamen wir nach Schwerin. Der erste Eindruck war ein
+deprimierender: ein Bahnhof wie in einem abgelegenen Provinznest, dicht
+daneben eine riesige Holzbaracke -- das Interims-Theater --, enge,
+holprige Straßen, kleine Häuser mit niedrigen Fenstern, Menschen, deren
+Aussehen einen um Jahre zurückversetzte. Aber schon unser neues Heim
+veränderte das Bild: eine kleine Villa, dicht am Park, die in fröhlichem
+Weiß zwischen Bäumen und Büschen einladend hervorlugte. Und ich hatte
+zwei Zimmer darin: das Schlafstübchen, weiß und blau wie einst, der
+kleine Salon in mattem Grün, -- eine Überraschung meines Vaters.
+Glückselig war ich: zur Arbeit und zum Träumen ein stiller,
+abgeschloßner Winkel für mich! Nicht rasch genug konnte ich meine Bücher
+in die zierlichen Etageren räumen, meinen Schreibtisch mit Bildern
+schmücken. Viele verborgene Schätze kamen ans Licht, die teils aus
+Mangel an Platz, teils aus Angst vor Mama in Koffern und Kisten
+verborgen gewesen waren. Da waren Makarts Fünf Sinne in großen
+Photographien, Böcklins Insel der Seligen. Ich hatte mich berauscht an
+der glänzenden Schönheit Makartscher Frauengestalten, ich hatte die
+Wirklichkeit vergessen gehabt vor dem dunkelblauen Wasser und der
+leuchtenden Ferne auf Böcklins vielgeschmähtem Bild. Mitten auf meinem
+Schreibtisch prangten sie nun. Eine bunte Gesellschaft, von denen jeder
+einzelne vom anderen weiter entfernt war als Böcklin von Makart,
+versammelte sich auf meinem Bücherregal: Goethe und Julius Wolff, dessen
+sentimentale Sinnlichkeit mich vorübergehend fesselte, Gottfried Keller
+und Felix Dahn, dessen germanische Götter- und Heldengeschichten meiner
+alten Neigung begegneten, Scherers Geschichte der Deutschen Literatur,
+die eben erschienen war, und die ich eifrig studierte, Webers Welt- und
+Lübkes Kunstgeschichte und daneben in wirrem Durcheinander griechische
+Klassiker, russische Novellisten, altdeutsche Heldenlieder in braunen
+Reclambänden, moderne Lyriker in goldüberladenem Prachtgewand.
+
+Noch spät am Abend kramte ich in meinem Zimmer, überzeugt, daß niemand
+mich stören würde, da sich die Schlafstuben der Eltern ein Stockwerk
+höher befanden, als meine Mutter eintrat. »Noch nicht zu Bett?!« rief
+sie und musterte ärgerlich meine Umgebung. Dabei fiel ihr Blick auf
+Bilder und Bücher. »Du bildest dir doch nicht ein, daß ich dergleichen
+dulden werde: diese schamlosen nackten Frauenzimmer und dies Bild eines
+Verrückten?«
+
+Mir stieg das Blut zu Kopf. »Das ist mein Zimmer, so viel ich weiß,«
+sprudelte ich hervor, meine Worte überstürzend, wie stets, wenn die
+Erregung mir den Mut zur Rede gegeben hatte, »und ich bin alt genug,
+meinem Geschmack zu folgen. Soll ich vielleicht Thumann aufbauen, der
+Germanen malt wie Salonhelden, und dessen Frauen aussehen wie lauter
+wohl erzogne und gut toilettierte Bazardamen? Solche Verlogenheit mag
+ich nicht, -- sie ist schamloser, als nackte Schönheit. Es ist mir auch
+ganz gleichgültig, ob die Leute Böcklin für verrückt halten. Ich finde,
+es wäre zum davonlaufen in der Welt, wenn nicht die paar Verrückten sie
+noch erträglich machten.«
+
+»Das magst du halten, wie du willst«, antwortete Mama, und nur ihre
+heißen Wangen verrieten ihren Zorn. »Solange du im Elternhause bist,
+hast du dich mir zu fügen, und zwar lediglich in deinem Interesse. Was
+meinst du wohl, was man von dir sagen würde, wenn man solche Dinge auf
+deinem Schreibtisch sähe?!« Damit ging sie hinaus, und ich nahm tief
+verletzt meine Bilder, um sie im Schlafzimmer aufzustellen, -- hier
+sollte sie mir niemand verekeln dürfen.
+
+Früh am Morgen weckte mich Papa:
+
+»Du, Alixchen -- wie wärs mit einem Ritt? Die kleine Braune wartet!« Mit
+einem Sprung war ich aus dem Bett und in wenigen Minuten in den
+Kleidern. Vergessen hatte ich den Ärger, noch mehr die Vorschrift des
+Arztes. Ein herrlicher Herbsttag war es, mit jenem geheimnisvoll blauen
+Dunst zwischen den Bäumen und jenem leisen Rieseln und Tanzen goldener
+Blätter darin. Durch eine grade Allee ritten wir an beschnittenen
+Laubengängen und verwitterten Götterbildern vorbei, vorüber an einem
+kleinen Gartenhäuschen, das zwischen welkenden Rosen träumte, und hinein
+in den Dom gewaltiger grauer Buchenstämme, durch deren hohe gelbgrüne
+Wölbung nur hie und da ein Sonnenstrahl bis zur Erde drang. Wir ritten
+langsam und sprachen kein Wort, selbst der Hufschlag der Pferde klang
+gedämpft, als ob sie auf tiefen Teppichen gingen. Plötzlich, wo der Weg
+sich jäh zur Seite wandte, empfing uns ein blendender Strom flimmernden
+Lichts: Vergißmeinnichtblau dehnte sich der See bis zum nebelgrauen
+Horizont, und aus ihm empor stieg mit Türmen und Zinnen, Erkern und
+Balkonen, funkelnd und blitzend im hellsten Morgenglanz, ein
+Märchenschloß.
+
+Uns heimwärts wendend, verfolgten wir die Uferstraße bis zur Stadt. Das
+Wasser, die feierlich breite Brücke darüber; ein öder, sandiger Platz
+trennte sie vom Palast des Herrschers. Demütig und zusammengeduckt, in
+nüchternem Werktagskleid, scheu und anbetend, aus kleinen Fenstern
+hinüberblinzelnd, lag sie zu seinen Füßen.
+
+»Das ist Mecklenburg!« sagte mein Vater.
+
+Die ersten Wochen in Schwerin waren ausgefüllt mit offiziellen Besuchen
+und Gegenbesuchen, die für mich lauter Enttäuschungen waren. Die
+Menschen entsprachen der Stadt, ob es nun Hofmarschälle, Minister oder
+Kammerherrn und Leutnants waren. Das Resultat »guter« Erziehung sprang
+in die Augen: vollkommene Gleichartigkeit des Wesens, der Ansichten, der
+Bildung; unerschütterlicher Gleichmut, selbstverständliche Kirchlichkeit
+-- eine Vornehmheit, die, in ihrem Abscheu vor jeder Extravaganz,
+äußerlich und innerlich vollkommen farblos machte. Und die Frauen! Glatt
+gescheitelt, streng und kühl die Verheirateten; eine Schar alternder
+Mädchen -- das Kennzeichen jeder kleinen Residenz -- mit dem bitteren
+Zug enttäuschter Erwartungen um blutleere Lippen; wenige junge, und auch
+die sich zu vorschriftsmäßigem Gleichmaß zwingend. Der Hoftrauer wegen
+-- im Frühjahr war der alte, sehr geliebte Großherzog gestorben, sein
+kränklicher Nachfolger war noch im Süden -- gab es keine großen
+Gesellschaften, dagegen zahllose Nachmittagstees von gähnender
+Langerweile und steife Abendgesellschaften, die ihnen nichts nachgaben.
+Kleine Diners bei der alten Großherzogin-Mutter, der Schwester Kaiser
+Wilhelms, bildeten eine wohltätige Ausnahme. Die originelle alte Dame
+liebte die Jugend und war, bei allem strengen Urteil über Manieren, die
+ihr nicht vollkommen schienen, ihr gegenüber nachsichtig und
+freundlich, dabei voll sarkastischen Witzes. In ihrem kleinen »Palais«,
+einem baufälligen Häuschen, das sie zu verlassen sich standhaft
+weigerte, klang an einem Nachmittag oft mehr frohes Lachen, als an zehn
+geselligen Abenden bei den übrigen Würdenträgern der Stadt. Was den
+Verkehr noch besonders erschwerte, war die Abneigung der eingesessenen
+Mecklenburger Familien gegen die Preußen und die strenge Scheidung der
+Gesellschaft nach der Herkunft. Nur der Adel war hoffähig; mühsam hatte
+Preußen es durchgesetzt, daß wenigstens der Offizier, auch wenn er
+unadlig war, empfangen wurde. Seine Frau jedoch empfing man nicht, die
+nicht adlig geborene Frau eines Adligen ebensowenig.
+
+Die Rolle der duldenden Teilnehmerin in der Öde dieser Gesellschaft
+hielt ich nicht lange aus. Mich ganz zurückziehen, was ich am liebsten
+getan hätte, war bei der Stellung meines Vaters, mit der die
+Verpflichtung, »ein Haus auszumachen«, unweigerlich verbunden war, nur
+soweit möglich, als die Rücksicht auf meine Gesundheit es verlangte.
+Getanzt aber wurde nicht, also blieb mir kein Vorwand; nur hie und da,
+wenn ich in ein Buch besonders vertieft war, oder eine Phantasie
+unbedingt zu Papier bringen mußte, schützte ich Schmerzen vor, legte
+mich zu Bett, und stand, im köstlichen Besitz ungestörter Freiheit,
+wieder auf, sobald die Eltern das Haus verlassen hatten.
+
+Dann kamen sie, die holden Gestalten meiner Träume, und viele blaue
+Hefte füllten sich allmählich mit Gedichten und Betrachtungen, Märchen
+und Geschichten.
+
+Ging ich aus, so setzte ich alle Hebel in Bewegung, um der Langenweile
+Herr zu werden. Zum Kampf gegen sie zettelte ich unter meinen wenigen
+Altersgenossinnen eine förmliche Verschwörung an: wir »schnitten« die
+Alten und Grämlichen, wir protestierten durch die Tat gegen die
+Gewohnheit der Trennung der Geschlechter, sobald das Essen vorüber war,
+wir spielten Theater und stellten lebende Bilder, wozu ich die
+verbindenden Texte zu dichten pflegte. Und unsere Jugend siegte
+allmählich; meine geselligen Künste fanden Anerkennung, und ich mußte
+sie überall glänzen lassen. Aber solche Erfolge genügten mir nicht. Ich
+»suchte Menschen« -- verlangender und sehnsüchtiger denn je --, und wenn
+ich mich scheinbar am besten amüsiert hatte, kam ich oft heim, um
+verzweifelt in mein Bett zu schluchzen.
+
+»Du hast das beste Leben von der Welt. Warum bist du nicht zufrieden?«
+schrieb mir meine Kusine, die kurze Zeit bei uns gewesen war und meine
+Zerfahrenheit nicht begriff.
+
+Ich antwortete ihr:
+
+»Du sagst, und zwar mit dem Ton moralischen Vorwurfs, daß ich nur darum
+die hiesige Gesellschaft so abfällig beurteile, weil ich noch niemanden
+fand, der mich persönlich interessiert. Das ist doch selbstverständlich!
+
+Oder gehst du der vielen Gleichgültigen wegen in Gesellschaft, die sich
+nach deinem Befinden erkundigen, obwohl es ihnen ganz einerlei ist, wie
+du dich befindest, die die kostbare Zeit mit Geschwätz totschlagen, von
+dem du absolut gar keine Anregung empfängst, die ein verbindliches 'Auf
+Wiedersehen' flöten und schon am nächsten Tag an deiner Leiche
+gleichgültig vorübergehen würden?! Aber du treibst deinen Vorwurf noch
+weiter und sagst entrüstet, ich wäre wieder einmal reif, mein Herz
+wegzuwerfen. Ich gebe das ohne weiteres zu: findet mein Geist kein
+Interesse, so muß das Herz daran glauben. Hier im heiligen Mecklenburg
+ist kein Mensch, den ich nicht schon ausgepreßt hätte wie eine Zitrone,
+und der nicht immer sauer geblieben wäre wie sie. Nun gilts, ihm das
+Zuckerwasser der Verliebtheit beizumengen, um ihn überhaupt genießbar zu
+machen. Deine Moralpauke schließt mit den Worten: nicht wieder
+'sträflich' mit dem Feuer zu spielen. Sei beruhigt: ich bin grade auf
+das intensivste mit dem Schüren der Flamme beschäftigt. Und _wie_ sie
+brennt!! 'Er' ist hübsch, elegant, leichtsinnig, oberflächlich, --
+kurz, ganz was ich brauche! 'Er' ist Löwe, Herzensbrecher, -- kurz, ein
+Holz, aus dem ich mit Vergnügen meine Ritter schnitze! Du hast natürlich
+wieder Mitleid mit ihm, wie mit Vetter Fritz, mit Fredy usw. _Warum hat
+denn niemand Mitleid mit mir_?! Oder ist es nicht vielleicht
+mitleidswürdig, daß ich mein heißes Herzblut tropfenweise mit dem
+Allerweltsleitungswasser des Flirts verdünne?! Ich lechze nach Licht,
+flammendem Geisteslicht, selbst wenn ich bei seinem Anblick erblinden
+sollte, und nach einer Leidenschaft, an der ich mich verzehren kann.«
+
+Es kamen Stunden, in denen mein pochendes Herzblut mich in wild
+aufwallende Gefühle verstrickte. Dann flatterte es mir vor den Augen in
+tausend Flämmchen, heiße Schauer liefen mir über den Rücken, und
+feuriger begegnete mein Blick dem des Mannes, der grade neben mir über
+die spiegelnde Eisfläche glitt oder beim Diner klingend sein Sektglas an
+das meine stieß. Ich galt für kokett; die jungen Mädchen zogen sich von
+mir zurück; ich hatte immer eine Korona von Kavalieren um mich.
+
+In grausamer Selbstzerfleischung schrieb ich in eines meiner blauen
+Hefte:
+
+»Irgendein unheimliches, wildes Tier haust in meinem Innern. Es zerreißt
+die festesten Eisenketten. Es treibt mich seit meiner Kindheit von
+Leidenschaft zu Leidenschaft. Wie erbärmlich, sich erheben zu wollen
+über die Mädchen der Straße. Wären wir nicht so gut erzogen, und wohl
+gehütet, wie viele von uns gingen denselben Weg wie sie!« Und an anderer
+Stelle heißt es: »O über das trostreiche Verweisen auf häusliche
+Pflichten! Als ob ich sie nicht alle erfüllte, ohne die geringste
+Befriedigung zu spüren! Staub wischen, Hüte garnieren, Deckchen sticken,
+Strümpfe stopfen, -- soll das das Herz beruhigen, den Geist ausfüllen?!
+Es ist nichts als eine tugendhafte Bemäntelung des Zeittotschlagens.
+Meine Lebenskräfte schreien nach Betätigung. Ich möchte etwas erleben,
+das keine Nervenfaser unberührt, kein Äderchen ohne Glut läßt, etwas
+leisten, das Wunden kostet ...«
+
+Einmal -- ich saß grade am Bett meines kranken Schwesterchens und baute
+ihr aus Goldpapier ein »Walhall« auf, dessen göttliche Bewohner aus
+Perlen und bunten Knöpfen bestanden -- ließ mich Papa zu sich herunter
+rufen. Herr von Landsberg, der Hoftheater-Intendant, war bei ihm.
+
+»Ich habe eine Bitte an Sie, mein gnädigstes Fräulein,« wandte er sich
+an mich. »Wir wollen nach beendeter Trauer den Geburtstag des
+Großherzogs durch eine Festvorstellung feiern. Uns fehlt ein
+einleitender Prolog. Dürfen wir dafür auf Ihre Mitarbeit rechnen?«
+
+Mir klopfte das Herz vor Freude: Ich sollte für die Bühne dichten!
+Sollte von einem großen Publikum gehört werden! Trotzdem kamen mir
+Bedenken:
+
+»Ich kenne den Großherzog nicht. Und ihn anhimmeln, bloß weil er der
+Großherzog ist, -- das widerstrebt mir.«
+
+»Niemand verlangt das von Ihnen. Das rein Menschliche, daß er krank,
+fern seinem Lande im Süden ist, daß seine Abwesenheit schwer auf Handel
+und Wandel, Leben und Geselligkeit drückt, daß wir ihm und uns seine
+Genesung wünschen, gibt, scheint mir, Anregung genug zu dichterischer
+Gestaltung!« Mir leuchtete ein, was er sagte; die Gelegenheit, zum
+erstenmal öffentlich hervorzutreten, war auch viel zu verlockend, als
+daß mein Widerstand sich hätte aufrecht erhalten lassen.
+
+Ich schrieb in schwungvollen Versen irgend etwas, das von den Seen und
+Wäldern Mecklenburgs, von den guten heimischen Göttern und dem
+trügerischen Zauber des Südens mehr enthielt als von dem Landesfürsten,
+den es feiern sollte. Da man ihn seiner, wie man glaubte, unnötig langen
+Abwesenheit wegen nicht allzu hoch schätzte, so entsprach meine Dichtung
+den Intentionen der Auftraggeber. Bei Landsbergs, in kleinem Kreise, las
+ich sie vor und erntete von den anwesenden Schauspielern einen
+geräuschvollen Beifall, der um so größeren Eindruck auf mich machte, als
+ich noch nicht wußte, daß es bei ihnen ebenso üblich ist, den Gefühlen
+übertrieben lauten Ausdruck zu geben, wie es bei uns guter Ton ist, sie
+bis auf ein Mindestmaß zu unterdrücken.
+
+Hier, -- das schien der eine Augenblick mir zu enthüllen --, fand ich
+die Menschen, die mich verstanden, denen die Kunst Lebensinhalt war.
+Ich nahm an den Proben teil und wurde allmählich ein immer häufigerer
+Gast im Hause des Intendanten. Seine geistvolle, liebend würdige Frau
+verhätschelte mich; er selber -- wie selten war mir das begegnet! --
+nahm mich ernst und gab mir derlei gute Ratschläge, um mein Talent zu
+fördern. Die Hauptanziehungskraft aber war mir Lisbeth Karstens, die
+junge, reizende Schauspielerin, die meinen Prolog sprechen sollte. Aus
+Begeisterung für die Kunst hatte sie das warme Nest ihres Elternhauses
+verlassen und war allein und mittellos in die Fremde gegangen. Not,
+Gemeinheit und Verkennung hatten sich ihr in den Weg gestellt, -- ihr
+Enthusiasmus war stärker gewesen als alles. Landsberg, der es wie wenige
+verstand, Begabungen zu entdecken und die häßliche Bretterbude am
+Bahnhof infolgedessen über viele kostbare Theater Deutschlands erhob,
+hatte sie erst kürzlich engagiert. Sie war ein ausgezeichnetes
+»Gretchen«, eine rührende »Ophelia«, ein hinreißendes »Käthchen von
+Heilbronn«, und selbst der blutleeren »Thekla« verhalf sie zu lieblichem
+Leben. Mein Prolog, von ihr gesprochen, erschien mir wirklich wie ein
+Kunstwerk. Aber, ach, wieviel Tränen vergoß ich seinetwegen!
+
+Mit aufrichtigem Beifall hatte mein Vater ihn beurteilt; es schmeichelte
+seiner Eitelkeit, seine Tochter anerkannt zu sehen, aber seine
+hochmütige Mißachtung des Publikums war zu groß, als daß er ihm ein
+Urteil über mich hätte gestatten können. Mein Name durfte nicht genannt
+werden. Ich suchte vergebens, ihn umzustimmen.
+
+»Damit unser guter Name durch die schmutzigen Mäuler aller Menschen
+gezogen wird?!« herrschte er mich an, »und jeder Federfuchser sich
+erlauben kann, dich herunterzureißen?!« Als der große Abend hereinbrach,
+flüsterte man sich meinen Namen nur unter dem Siegel der
+Verschwiegenheit zu. Der Beifall aber, der das Theater durchbrauste,
+klang wie eine Fanfare bis ins Innerste meiner Seele, und alte
+Kinderträume wachten auf, und junger Ehrgeiz breitete seine Flügel aus,
+um mich weit in die Zukunft zu tragen, -- dahin, wo der Ruhm auf ehernen
+Stühlen thront und immergrüner Lorbeer im Glanze der nie untergehenden
+Sonne eichenstark gen Himmel wächst.
+
+Seitdem hatte ich keine Ruhe mehr. Oft trieb michs des Nachts aus dem
+Bett an den Schreibtisch. Mit Lisbeth Karstens verband mich eine immer
+innigere Freundschaft. Sie war meine Vertraute, eine geduldige, leicht
+begeisterte, fast immer kritiklose Zuhörerin meiner Dichtungen. Im
+Theater, das ich fast täglich besuchte, denn in der Loge des Intendanten
+war Platz für mich, sobald meine Eltern mich nicht begleiteten, fand ich
+immer neue Anregung, der Künstlerkreis im Landsbergschen Haus, der für
+nichts Sinn hatte als für das Theater, fachte die Glut meines Innern zur
+Fieberhitze an. Noch waren es Nebelgestalten, die ich sah und nicht zu
+fassen vermochte. Sie nahmen festere Formen an, wenn der alte
+Wagnerfänger Hill am Flügel stand und seine machtvolle Stimme den Raum
+erfüllte; wenn Alois Schmitt -- einer der künstlerischsten Menschen, die
+ich kannte -- am Dirigentenpult saß und sein geschultes Orchester die
+Fidelio-Ouvertüre intonierte; und sie wurden mir sichtbar, wie
+Geistererscheinungen, wenn ich einsam durch den Wald ritt und droben auf
+dem Götterhügel fern der Stadt, wo vor Jahrhunderten Walvaters
+Opferstein rauchte, die rauschenden Buchen miteinander flüsterten.
+
+Es war Sigrun, König Högnis Tochter, die ich sah, -- Sigrun, die
+Schildjungfrau, die in heißem Freiheitsdrang und starker Liebe den
+Todfeind ihres Vaters, Helgi, den Hundingstöter, vor seinen Mördern
+schützte und sich ihm als Gattin verband, -- Sigrun, die Treueste der
+Treuen, und die geliebteste, um deretwillen Helgi Walhalls Wonnen
+verschmähte. Zu einem Drama wollt' ich ihre Geschichte gestalten; der
+Konflikt zwischen kindlichem Gehorsam und Mannesliebe war sein
+Mittelpunkt, seine Lösung der freiwillige Tod der Heldin.
+
+Meist schrieb ich des Nachts. Am Tage fürchtete ich zu sehr die Störung,
+die mich aus allen meinen Himmeln riß. Die Friseuse, die Schneiderin,
+die Wäsche, die Besuche, -- nichts durft ich versäumen. »Wäre ich ein
+Mann, es würde dir nicht einfallen, mich von der Arbeit abzurufen!« rief
+ich bei solcher Gelegenheit einmal verzweifelt Mama entgegen.
+
+»Gewiß nicht!« antwortete sie mit herbem Lächeln, »da du aber ein Weib
+bist, mußt du frühzeitig lernen, daß wir nie uns selbst gehören.«
+
+Tante Klotilde fiel mir ein, die mir vor Jahren etwas ähnliches gesagt
+hatte, und Groll gegen mein Schicksal erfüllte mich.
+
+Mit dem Fortschritt der Arbeit wurde meine Stimmung immer trüber. Ich
+fühlte, daß ich meinem Werk den ganzen Gluthauch des Lebens, den ich
+dunkel empfand, nicht einzuflößen vermochte. Der guten Lisbeth Beifall
+machte mich stutzig, nachdem ich erfuhr, wie wahllos sie für alles
+schwärmte; der laute Ton des Künstlervölkchens bei Landsbergs, der mir
+früher ersehnte Offenbarung natürlichen Fühlens gewesen war, tat mir
+weh, je mehr ich die falsche Note hörte. Das Tiefste versteckten
+schließlich alle: wir durch schweigende Zurückhaltung, sie durch
+lärmende Heiterkeit. Ich zeigte Landsberg einige Szenen meines Werks,
+die mir am besten gelungen schienen. »Bringen Sies mir, wenn es
+vollendet ist, vielleicht läßt es sich aufführen,« sagte er nach der
+Lektüre, -- nichts weiter. Wäre es das Außerordentliche gewesen, das ich
+hatte schaffen wollen, er hätte sicherlich anders gesprochen!
+
+Ich hielt mich streng an klassische Vorbilder und übertrug das
+ursprünglich in Prosa oder in freien Rhythmen Geschriebene in fünffüßige
+Jamben. Alle Wärme, alle Kraft ging dabei verloren. Je mehr ich
+umarbeitete, feilte, mit der Form und der Technik kämpfte, desto
+nüchterner und fremder sah mich meine eigene Arbeit an. Und schließlich
+kam ein Tag, an dem ich verzweifelt vor den vollgeschriebenen Blättern
+saß, und wußte, daß ich meiner Aufgabe nicht gewachsen war. Wie ein
+steuerloses Schiff auf brandendem Meere war ich wieder; eine Fata
+Morgana waren meine Hoffnungen gewesen; das Leben sah mich an, eine
+leere, dunkle, feuchtkalte Höhle, die von den Fackeln meiner Träume noch
+eben in magischem Zauber geleuchtet hatte.
+
+»Ganz oder gar nicht,« -- das war mir allmählich zum Wahlspruch
+geworden. So verurteilte ich denn fast alles, was ich seit meiner
+Kindheit geschrieben hatte, zum Feuertode, verschnürte und versiegelte
+das Übriggebliebene -- darunter auch mein verunglücktes jüngstes Werk
+-- und warf den Schlüssel der kleinen Truhe, in der ich es verwahrte,
+zum Fenster hinaus.
+
+Und nun überfiel mich ein Heimweh nach den Bergen, so stark, so
+unüberwindlich, als wäre ich dort zu Hause und überall sonst in der
+Fremde. Auf meine Bitte, zu ihr ins Rosenhaus kommen zu dürfen,
+antwortete Tante Klotilde umgehend, daß sie zwar noch nicht dort sei,
+die alte Kathrin aber alles zu ihrer Ankunft vorbereite und ich sie mit
+ihr dort erwarten möge. Ehe ich ging, zog ich meinem Schwesterchen noch
+zwei Puppen an, -- Helgi und Sigrun. Sie liebte sie zärtlich, und noch
+Jahre nachher lachten mir ihre starren Porzelangesichter entgegen, als
+höhnten sie meiner, die ich lebendige Menschen hatte schaffen wollen.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+
+Allein in Grainau! -- Noch lag der Schnee bis zum Tal hinunter, und die
+Sonne stand noch nicht hoch genug am Himmel, um mehr als ein paar
+Stunden am Tage das Dörflein wieder zu grüßen, vor dem sie sich im
+Winter monatelang hinter den steilen Wänden des Waxensteins versteckte.
+Nur im Rosensee spiegelte sie schon länger ihr strahlendes Antlitz, als
+wollte sie sich überzeugen, ob sie würdig des kommenden Frühlings wäre.
+Der riß hie und da keck an der grauen Wolkendecke und guckte mit seinem
+hellen blauen Himmelsauge neugierig auf die arme, kahle Erde herunter.
+Seltsam, wie wohl mir war, kaum daß die Loisach, voll und gelb von
+Schneewasser, mich lärmend, wie ein übermütiger Bub, willkommen hieß.
+Mich störten der Regen nicht und der Sturm, die mir kühlend um Stirn und
+Wangen strichen; in den Lodenmantel gewickelt, ging ich all die
+vertrauten Wege, und niemand zankte mich, wenn ich zerzaust und
+beschmutzt nach Hause kam, oder gar die Mahlzeit versäumte. Die gute
+Kathrin schüttelte nur nachsichtig lächelnd den Kopf, streichelte mir
+mit einem zärtlichen: »Ach die liebe Jugend« die heißen Wangen und ließ
+es sich nicht nehmen, mir die gewärmten Strümpfe und Schuhe selbst über
+die Füße zu ziehen.
+
+War das eine Wonne, allein zu sein! Über mein Tun und Lassen selbständig
+zu entscheiden! Ein Schmetterling, der aus dem Puppenpanzer kriecht,
+konnte nicht froher sein als ich! Plötzlich -- ich saß grade unter
+tropfenden Bäumen auf der nassen Bank, die der Sepp mir gezimmert hatte
+-- fielen mir meine achtzehn Jahre ein; -- Himmel, war ich jung! Ganz
+überwältigt von dieser Erkenntnis, lief ich in großen Sprüngen den Berg
+hinab und konnte mich vor Lachen nicht fassen, als ich der Länge nach im
+Moose lag.
+
+Tante Klotilde verschob ihre Ankunft von einer Woche zur andern. Wenn
+sie den Schnupfen hatte und das Wetter schlecht war, zitterte sie um
+ihre Stimme, und vor der Rücksicht auf deren Gefährdung mußte alles
+andere zurückstehen. Sie schickte mir ermahnende Briefe, in denen sie
+genau vorschrieb, wie weit ich allein gehen dürfe -- eine Viertelstunde
+im Umkreis wars höchstens --, und schärfte der Kathrin ein, gut auf mich
+aufzupassen.
+
+Indessen kam der Frühling, und die Bäume steckten ihm zu Ehren ihre
+ersten grünen Blätterfähnchen aus. Ich saß schon stundenlang auf der
+Veranda in Tantens Schaukelstuhl -- ohne Handarbeit, ohne Buch -- und
+sonnte mich. Außer mir und der Kathrin waren nur der alte Gärtner und
+sein uralter Pudel im Haus, der im Stoizismus seines Greisentums das
+Bellen sogar schon aufgegeben hatte. Es war daher mäuschenstill bei uns.
+Um so mehr erstaunte ich, als eine kräftige Männerstimme eines Morgens
+an mein Ohr schlug.
+
+»Machen Sie mir doch nichts weiß,« rief sie, »ich hab doch meine Augen
+im Kopf, -- und wette zehn gegen eins: das Rosenhaus ist bewohnt.«
+
+»Aber wahr und wahrhaftig, Durchlaucht, die Frau Baronin sind noch nicht
+hier!« greinte die Kathrin. Ein helles Gelächter war die Antwort.
+
+»Da könnten Sie am Ende recht haben -- aber in der ganzen Welt gibt es
+nur einen so schwarzen Lockenkopf, wie der Alix ihrer, und den sah ich
+vom Ufer drüben. Gespenster sind nicht so hübsch.«
+
+Hellmut wars! Ich lief hinaus und streckte ihm beide Hände entgegen. Die
+paar Jahre seit unserem letzten Zusammensein waren wie ausgewischt, und
+erst als ich sah, daß ein hochgewachsener Mann mit gebräuntem Gesicht
+und keckem Schnurrbärtchen über den vollen Lippen vor mir stand,
+errötete ich unwillkürlich.
+
+»Wollen -- Sie nicht näher treten!« sagte ich zögernd.
+
+»Aber Alix -- 'Sie!' Wir sind doch alte Freunde,« damit faßte er meine
+Hand mit kräftigem Druck und ging mit mir an den eben verlassenen
+Frühstückstisch, während Kathrin uns ganz blaß und geistesabwesend
+nachstarrte.
+
+Das Ungewöhnliche der Situation machte uns verlegen. Schweigend holte
+ich eine Tasse aus dem Schrank und goß ihm Tee ein, während ich fühlte,
+wie sein Blick auf mir ruhte.
+
+»Wie schön bist du geworden!« -- flüsterte er wie zu sich selbst. In dem
+Augenblick trat die Kathrin herein und rumorte mit eifriger
+Geschäftigkeit im Zimmer. Das zwang uns zur Konversation, die, zuerst
+steif und gezwungen, allmählich immer natürlicher wurde. Nach dem Wie
+und Warum unseres Hierseins frugen wir einander, und ich erfuhr, daß ihn
+auf dem Wege nach Oberitalien in München plötzlich die Lust gepackt
+habe, die Berge von Garmisch wieder zu sehen. »Unserem Verwalter in
+Partenkirchen kam ich nicht gerade gelegen,« lachte er, »der hatte
+Gesellschaft in Mamas Salon, als ich eintrat. Ich habe ihm unter der
+Bedingung gnädig verziehen, daß er über meine Anwesenheit gegen jeden
+den Mund halten soll.«
+
+»Dann sind wir beide inkognito,« rief ich fröhlich, »die Tante findet
+nämlich im Grunde mein Alleinsein so kompromittierend, daß ich
+versprechen mußte, mich in Garmisch nicht sehen zu lassen.«
+
+Bis gegen Mittag blieb er. Der guten Kathrin warnende Blicke, die ich
+zuweilen auffing, nahmen mir den Mut, ihn zu Tisch einzuladen. Am
+nächsten Morgen aber, vor seiner Weiterreise, versprach er, mir eine
+»feierliche Abschiedsvisite« zu machen.
+
+»Wenn das die Frau Baronin wüßte!« sagte die Kathrin seufzend, als er
+weg war.
+
+Es regnete in Strömen, als ich am folgenden Tage erwachte »Nun kommt er
+sicher nicht,« war mein erster Gedanke, und mißmutig zog ich die Decke
+wieder über die Schultern. Aber eine leise Hoffnung tauchte gleich
+darnach auf und zwang mich, statt des alltäglichen Lodenrocks ein
+hübsches, helles Hauskleid aus dem Schrank zu holen. Kaum saß ich am
+summenden Teekessel, als ich draußen sein fröhliches »Grüß Gott,
+Fräulein Kathrin« hörte. »Naß bin ich wie 'ne Katze, aber pudelwohl, --
+Sie sehen, die Viecher vertragen sich auch im Menschen,« fügte er hinzu,
+und selbst die wohlerzogene Dienerin erlaubte sich, zu lachen. Sie ließ
+uns sogar allein -- es war ja das letztemal, mochte sie sich zur eigenen
+Beruhigung sagen.
+
+Wie war es behaglich im Zimmer, während draußen der Regen an den
+Fenstern niedertroff! Wir frühstückten und plauderten miteinander, ganz
+wie alte Vertraute, und setzten uns schließlich vor den kleinen Kamin,
+der eine wohlige Wärme ausstrahlte. »Wie wärs mit einer Zigarette? frug
+er und hielt mir die gefüllte Dose hin.
+
+»In diesen heiligen Hallen?« antwortete ich, halb erschrocken.
+
+»Bis die Gestrenge kommt, ist der Duft verflogen. -- -- Ich muß dir was
+erzählen, Alix, und das geht nicht ohne den Glimmstengel. Der macht Mut,
+weißt du!« Wir rauchten eine Zeitlang schweigend.
+
+»Du mußt mich nicht so ansehen,« fing er schließlich wieder an, »sonst
+kommts mir gar zu komisch vor, daß ich dir Geständnisse mache, wie einem
+Kameraden.« Ich rückte lächelnd den Stuhl zur Seite und sah geradaus ins
+Feuer. »Ists recht so?«
+
+»Fein! -- Wenn du nur nicht ein so verdammt hübsches Profil hättest! --«
+Er schwieg aufs neue. Nach ein paar Minuten aber begann er: »Ich habe --
+Dummheiten gemacht in Berlin. Es hat der armen Mama, die so nicht auf
+Rosen gebettet ist, einen tüchtigen Happen Geld gekostet, die Sache in
+Ordnung zu bringen --.« Ein bißchen erschrocken wandte ich den Kopf nach
+ihm -- »es war nichts Gemeines, Alix -- Kind, gewiß nicht. Du kannst ja
+nicht wissen, wies unsereinem geht. Wir sind nicht von Stein -- die
+jungen Mädels der Gesellschaft sind steif und langweilig wie
+Holzpuppen, -- und wenn sies nicht sind, ists ihr Unglück.« Ich fuhr
+zusammen. -- »Kannst am Ende selbst ein Lied davon singen, was?! -- Kurz
+und gut, siehst du, ich verliebte mich eines Tages in eine Ballettratte
+-- einen süßen, kleinen Käfer, sag ich dir --«, zu dumm, daß ich mich in
+diesem Augenblick bis zu Tränen ärgerte -- »aber gräßlich ungebildet.
+Ich habe sie eigentlich nur zwei Tage gern gehabt, nachher wars
+Gewohnheit, Mitleid, -- was weiß ich« -- er war aufgestanden und ging
+unruhig im Zimmer hin und her, die Zigarette zwischen den Fingern
+zerdrückend. »Ich konnte schließlich nicht länger -- ich mußte frei
+sein! Ihr Vater lief spornstreichs zu Mama und heulte ihr was von
+zerstörtem Leben, geraubter Ehre usw. vor. Mir gegenüber hatte er bis
+dahin den untertänig-dankbarsten Diener gemimt. Das übrige kannst du dir
+am Ende vorstellen!«
+
+Ich zitterte vor Erregung. Mich hatte ein Gedanke gepackt, der mich
+nicht minder los ließ. »Hat sie -- ein -- Kind?« stieß ich mit aller
+Anstrengung hervor. Verblüfft blieb er vor mir stehen. »Du bist wirklich
+aus der Art geschlagen, Alix,« damit streckte er mir die Hand entgegen.
+»Meine Hand drauf: nein! Wäre das Unglück geschehen, ich hätte anders
+gesprochen! -- Aber wir sind noch nicht zu Ende. Man hat mich auf Urlaub
+geschickt -- nach Italien, wie du siehst! --, und wenn die Galgenfrist
+zu Ende ist, soll ich -- heiraten!« Mit komischem Entsetzen rang er die
+Hände.
+
+»Wen?« frug ich, während mir das Herz hörbar schlug.
+
+»Wen?! Ein kleines Prinzeßchen natürlich, semmelblond -- du weißt, wie
+ich so was liebe! --, bleichsüchtig, eine Figur wie ein wohlgehobeltes
+Brett.« Ich spürte mit heimlicher Freude den raschen Blick, der zu mir
+herüberzog. »Die Ebenbürtigen mit dem nötigen Mammon laufen nicht zu
+Dutzenden in der Welt herum. Und eine Ebenbürtige muß es sein, Mama
+träumt doch ständig, daß ihrem Einzigen Vetter Georgs Krone eines
+schönen Tages auf den Dickkopf fällt! Eine Reiche natürlich auch, -- du
+weißt ja, in wie schmerzlichen Widerspruch unser Portemonnaie zu dem
+Glanz unseres Namens steht!«
+
+»Und du?«
+
+»Ich wünsche ihm ein langes Leben, eine tüchtige Frau und ein Dutzend
+Jungens! Zum Regieren hab ich kein Talent, und zum Heiraten am
+allerwenigsten. Das weiß ich eigentlich erst seit gestern. In der
+Stickluft Berlins, angesichts des versammelten Familienrats war ich ganz
+klein. Aber wie ich gestern von dir ging, bin ich noch bis in die Nacht
+hinein in den Bergen herumgeklettert und habe mir einen ordentlichen
+Gletscherwind um die Nase pfeifen lassen. Heute weiß ich: es geht nicht
+-- mögen sie mich meinetwegen zu den Insterkosaken versetzen, ich kann
+die Ebenbürtige nicht heiraten.«
+
+Er wandte mir den Rücken und sah in den Regen hinaus.
+
+»Ich kann nicht« -- wiederholte er leise, »ich muß Eine haben, die ich
+liebe --«
+
+Es war ganz still zwischen uns. Nur die Uhr tickte laut und heftig.
+
+»Ich möchte hier bleiben, Alix,« sagte er nach einer Weile mit ruhigem
+Ernst. »Ich brauche die Einsamkeit und -- dich. Du mußt mir helfen
+überlegen, was aus mir werden soll!«
+
+»So bleibe, Hellmut,« antwortete ich rasch, aber im selben Augenblick
+fiel mir die Kathrin ein, und die Tante, und das Gerede der Leute; und
+schon kam sie selbst, meine getreue Wächterin, und sagte, nachdem sie
+das Geschirr möglichst langsam abgeräumt hatte:
+
+»Soll der Christoph für Durchlaucht einen Wagen bestellen? Er geht gerad
+ins Dorf hinunter.«
+
+Hellmut stieg das Blut in den Kopf. Er verstand. »Nein,« sagte er, »ich
+gehe zu Fuß. Es ist nicht nötig, daß noch mehr Leute von meinem Hiersein
+wissen.« Die Kathrin sah ihn zweifelnd an. »Fürchten Sie nichts für Ihr
+gnädiges Fräulein, Kathrin,« fuhr er fort, »ich bin ihr bester Freund
+und werde nicht dulden, daß ihr auch nur ein Härchen gekrümmt wird.« Als
+sie sich daraufhin stumm entfernt hatte, wandte er sich zu mir:
+
+»O über die verdammten Rücksichten auf die Gemeinheit der anderen! Ists
+nicht das natürlichste von der Welt, daß wir hier zusammen sitzen? Und
+nun --! Ich kann nicht wiederkommen, -- deinetwegen nicht!«
+
+Ich hatte einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Zugleich kam mirs
+feige und erbärmlich vor, ihn so gehen zu lassen.
+
+»Ich bin viel draußen,« sagte ich zögernd und verlegen, »wenn du mich
+brauchst, wie du sagst, dann -- dann könnten wir uns irgendwo treffen.«
+
+»Hab Dank, herzlichen Dank, Alix. Aber das macht die Sache nicht besser.
+-- Uns ein heimliches Rendezvous geben, wie -- wie ... nein, das kann
+ich dir nicht antun. Machen wirs kurz: Lebwohl.« Er zog meine Hand an
+die Lippen und wandte sich, ohne eine Antwort abzuwarten, rasch zur
+Türe.
+
+In mir kochte es. Ah, wer diesen Götzen der Konvention zerschmettern
+könnte, auf dessen Altar unsere besten Gefühle und schönsten Stunden
+verbluteten, dem zu Ehren wir unsere freien Glieder in Fesseln schlugen.
+Gegen Abend, als ich aus der Gartentür trat, sprang mir ein kleiner Bub
+in den Weg und hielt mir einen Strauß Schneeglöckchen entgegen. Schon
+zog ich die Börse, um sie zu kaufen, da drückte der Überbringer ihn mir
+schelmisch lachend in die Hand und rannte davon. Jetzt entdeckte ich
+erst den Brief, der um die Stiele gewickelt war.
+
+»Im Begriff, abzureisen,« schrieb Hellmut »sende ich meiner lieben
+Freundin diese Blümchen, die einzigen, die ich auftreiben konnte. Ich
+fahre direkt nach Berlin. So leid es mir Mamas wegen tut, -- mein
+Entschluß steht fest: ich will frei bleiben. Auch wenn ich den Adler auf
+dem Helm opfern muß. Ich werde mich zu den Ludwigsluster Dragonern
+versetzen lassen und scheide von Dir mit der Hoffnung auf ein frohes
+Wiedersehen in Schwerin und auf eine freundliche Fortsetzung unserer
+unterbrochenen Gespräche.
+
+ Dein alter Freund
+ Hellmut.«
+
+Meine Freude war so groß, daß ich sie allein gar nicht tragen konnte.
+Die alte Kathrin mußte, so sehr sie sich auch zierte, beim Abendessen
+neben mir sitzen und den Wein mit mir trinken, den ich mir selbst aus
+dem Keller geholt hatte. Schließlich rief ich den Pudel herein und
+trieb ihn im Zimmer so lange im Kreise umher, bis vergessene
+Jugenderinnerungen in ihm aufdämmerten und er, fröhlich mit dem Schwanze
+wedelnd, in ein heiseres Bellen ausbrach.
+
+ * * * * *
+
+Mitte Juni war ich wieder in Schwerin. In vier Wochen stand der Einzug
+des Großherzogs bevor, dem eine Reihe von Festlichkeiten aller Art
+folgen sollte. Unmöglich konnte ich meiner Mutter alle Toilettensorgen
+allein überlassen, und meine Tante, die kurz nach Hellmuts Abreise in
+Grainau eingetroffen war, schenkte mir aus lauter Rührung über meine
+Pflichttreue ein rosaseidenes Kleid, von weißem, goldgesticktem Tüll
+überrieselt. Nun saß ich zu Mamas hellem Erstaunen selbst in der
+Schneiderstube. »Das sind ja ganz neue Talente, die du entwickelst,«
+sagte sie, während ich unermüdlich anprobierte, steckte und heftete, nur
+die mechanische Vollendung der Arbeit der Näherin überlassend. Niemand
+sollt' es merken, daß unsere Kleider nicht bei Gerson gearbeitet worden
+waren. Es war mir beinahe störend, daß ein paar unentwegte Verehrer vom
+vorigen Winter zu meinem Geburtstag eine Landpartie arrangiert hatten,
+die mich einen ganzen Tag Arbeitsunterbrechung kosten würde. Schließlich
+aber amüsierte ich mich dabei köstlich und ließ mir vergnügter denn je
+den Hof machen. Wir lagerten gerade unter den Buchen und ließen die
+Sektpfropfen knallen, als mein Vater erschien, der am Vormittag nicht
+hatte abkommen können, und eine himmelblaue Uniform neben ihm
+auftauchte.
+
+»Ich bringe Se. Durchlaucht den Prinzen Hellmut gleich mit, der uns
+heute seinen Besuch hat machen wollen,« sagte Papa. Alle waren
+aufgesprungen und verstummt. Jeder Prinz, selbst der kleinste, ruft in
+jedem, selbst dem vornehmsten Kreis, eine Verlegenheitspause hervor.
+Hellmut verbeugte sich und trat dann rasch zu mir, die ich mich allein
+von meinem Rasenplatz nicht gerührt hatte. »Diesen Tag habe ich mir zu
+meiner Antrittsvisite ausgesucht, um Ihnen als alter Freund meine
+ergebensten Glückwünsche zu Füßen zu legen.« Bei der förmlichen Anrede
+sah ich erstaunt zu ihm auf.
+
+»Ich danke Ihnen, Durchlaucht, daß Sie sich meiner erinnern,« antwortete
+ich mit kaum verhülltem Spott.
+
+Als wir nachher ziemlich isoliert beieinander saßen, -- die anderen
+hielten sich trotz all ihrer Neugierde in respektvoller Entfernung --,
+erklärte er mir sein Verhalten. Mein Vater hatte ihn gebeten, von dem
+»Du« unserer Kindheit Abstand zu nehmen, »Sie kennen die Klatschmäuler
+kleiner Residenzen zu gut, um meinen Wunsch mißzuverstehen,« hatte er
+hinzugefügt. Er war ein schlechter Psychologe, der gute Papa! Er hätte
+wissen müssen, daß dieses Verbot unseren Beziehungen die Harmlosigkeit
+nahm und ihnen den Stempel der Heimlichkeit aufdrückte. Wir kehrten ohne
+Verabredung zum Du zurück, sobald wir allein waren, und redeten uns vor
+anderen, belustigt über die Komödie, die wir den Dummen vorspielten,
+»Durchlaucht« und »gnädigstes Fräulein« an.
+
+Strahlende Sommertage kamen. Die Jahreszeit, in der wir geboren wurden,
+hat eine geheimnisvolle Bedeutung für unser Leben. Nie fühle ich das
+Dasein mit seinen Schrecken und Schmerzen, seinen Wonnen und Seligkeiten
+so stark und tief, als wenn dem Himmel und der Erde Glutwellen
+entströmen. Wie die Rosenknospe sich öffnet und sich bis zur Tiefe ihres
+goldenen Kelchs der leuchtenden Sonne preisgibt, so öffnet sich dann
+mein Herz.
+
+An einem Julimorgen zogen unter klingendem Spiel und wehenden Fahnen
+Friedrich Franz II. und Anastasia, seine Gemahlin, durch die Straßen von
+Schwerin zum Schloß. Am Abend desselben Tages, während der Mond hoch am
+Himmel stand und das Märchenschloß in silberne Schleier hüllte, war der
+ganze See von großen und kleinen, mit tausenden bunter Lampen
+geschmückten Schiffen belebt. Bis hoch in die Masten schwangen sich die
+Lichterketten, und Blumengirlanden schleiften im schimmernden Wasser.
+
+Nur wenige Würdenträger waren an diesem Abend ins Schloß geladen, um von
+den Terrassen des Burggartens aus dem Schauspiel unten zuzusehen. Wir
+gehörten dazu, und Hellmut auch, der der Suite des vornehmsten Gastes,
+des Königs von Griechenland, attachiert worden war.
+
+Abseits stand ich unter den Taxushecken, als eine Stimme hinter mir
+flüsterte: »Komm mit.« Ich nahm den Arm, der sich mir bot, und fühlte
+bebend den Druck, mit der er den meinen an sich preßte.
+
+Versteckt zwischen den Rotdornbüschen lag drunten ein Boot. Es trug
+keine Lichter, nur Kissen und Decken und zu Füßen der Sitze in hellen
+Körben eine Fülle von Rosen. Wir fuhren dicht am umbuschten Ufer entlang
+und hinaus, wo der See immer dunkler und einsamer wurde. Wie ein Heer
+von Glühwürmchen erschienen von hier aus die Lichter der Schiffe,
+während der Mond groß und majestätisch zu uns hernieder sah.
+
+»Frierst du, Alix?« -- Er zog die Ruder ein und hüllte mich knieend
+fester in die Decken. Seine Hand, die meinen bloßen Arm berührte, war
+heiß und zitterte, und durch mein Herz zuckte ein schneidender Schmerz,
+der dabei doch so seltsam wohl tat ... Wir sahen einander an, -- tief
+und fest.
+
+Da tauchte ein anderes dunkles Boot neben uns auf.
+
+»Durchlaucht verzeihen -- die Herrschaften brechen auf --, darf ich
+meine Hilfe anbieten?« Graf Waldburg wars, ein Regimentskamerad des
+Prinzen, der rasch entschlossen in unser Boot sprang, mitten in die
+bunten Schiffe hineinruderte, wo wir -- zu dritt! -- von allen Seiten
+gesehen wurden und mit unseren Rosen in die Blumenschlacht eingriffen;
+zusammen erschienen wir im Burggarten in der Gesellschaft und erzählten
+so harmlos als möglich von unsrer lustigen gemeinsamen Fahrt.
+
+»Ich danke Ihnen, Waldburg,« flüsterte Hellmut. Noch ein
+Zusammenschlagen der Sporen, ein höflich-kühles Kopfneigen als Antwort
+von mir, und ich schritt hinter den Eltern dem Wagen zu, der uns heim
+brachte.
+
+Wie lauter Träume folgten einander die Sommertage. Krachende, kurze
+Gewitter schienen die sonst so schwere Luft Mecklenburgs immer wieder zu
+zerstreuen; die Jugend wagte es plötzlich, jung zu sein, und die Alten
+lächelten nachsichtig darüber.
+
+Der sonst so stille Park war voller Leben: wir tanzten auf glattem
+Rasen zwischen buntbewimpelten Masten; wir spielten alte traute
+Kinderspiele unter dem Schatten der Bäume; und, müde geworden, verloren
+wir uns in den geschnittenen Buchengängen, vorbei an springenden
+Wasserkünsten und verwitterten Götterbildern. Blind und taub für die
+Welt um uns her, und doch wie gefeit durch die Weihe der Hohenzeit des
+Jahres, bewegten wir uns unter den Menschen.
+
+Oft ging es in bekränzten Wagen weiter hinaus in die Wälder, oder an
+einen der ferneren Seen, von denen jeder uns schöner dünkte als der
+andere: der eine, weil er sich schmal und lang zum Horizont erstreckte,
+von freundlichen Dörfern rings umgeben, der andere, weil er einsam und
+dunkel zwischen bewaldeten Hügeln lag. Oder wir ritten am taufrischen
+Morgen mit verhängten Zügeln querfeldein, wo oft meilenweit kein Mensch
+uns begegnete, kein Haus zu sehen war, bis ein stattlicher Gutshof
+auftauchte, die ärmlichen Taglöhnerhäuser überragend, -- ein
+verkleinertes Abbild von Schwerin. Wenn ich sie sah, pflegte ich schon
+von weitem Kehrt zu machen.
+
+»Sie fürchten sich wohl vor den Dorfkötern?« meinte bei solcher
+Gelegenheit eine schnippische Freundin. »Das traut mir wohl keiner zu,«
+antwortete ich, »aber ich schäme mich vor den armen Leuten.« Alles
+lachte; nur Hellmut wandte sich mir zu und sagte: »Das würden die armen
+Leute am wenigsten verstehen. Ich glaube, daß sie für uns nichts
+empfinden als Neugierde und Bewunderung.«
+
+»Um so schlimmer! Ich verstehe sie nur, wenn sie mit Steinen nach uns
+werfen,« entgegnete ich laut und drückte meiner Stute die Peitsche in
+die Flanke, so daß sie gehorsam in langen Galopp verfiel. Hellmut aber
+blieb mir dicht zur Seite, griff mit der Rechten kräftig in meine Zügel
+und sagte, während seine hellen Augen mich übermütig anblitzten: »Wirst
+du mir nicht davongehen, du Süße, Wilde!« Mein Groll war verflogen, --
+daß ich mich ihm, dem Starken, unterwerfen durfte, -- welch tiefe
+Seligkeit war das!
+
+Einmal waren wir nach Rabensteinfeld hinüber gerudert, dem stillen
+Witwensitz der alten Großherzogin. Mit dem Dampfschiff war uns eine
+große Gesellschaft vorausgefahren, lauter ältere und gesetzte
+Angehörige, die zuweilen die Verpflichtung fühlten, uns Jugend zu
+beschützen. Ich hielt das nie lange aus und war stets die erste, die
+Mittel und Wege fand, aus ihrem Gesichtskreis zu verschwinden. Hellmut
+benahm sich korrekter und wollte die Form nicht verletzen. Auch jetzt
+stand ich mit einem lachenden: »Wer kein Philister ist, folgt mir,« vom
+Teetisch auf und ging hinunter an das Seeufer. Ein paar junge Herren
+kamen mir nach, und empört über Hellmuts Eigensinn, kokettierte ich mit
+ihnen in erzwungner Lustigkeit.
+
+Als wir in der Abenddämmerung zu Fuß heimkehrten, gesellte er sich
+endlich wieder zu mir. Eine tiefe Falte grub sich zwischen seine Brauen,
+die seinem sonst so guten Gesicht einen bösen Ausdruck verlieh. »Das
+darfst du mir nicht wieder antun -- hörst du,« zischte er mich an und
+eisern umklammerten seine Finger mein Handgelenk. »Verzeih mir --,«
+flüsterte ich, »aber warum hast du mich allein gelassen?« -- »Weißt du
+nicht, daß ich alles nur um deinetwillen tue?« -- Ganz weich war seine
+Stimme dabei, und schweigsam gingen wir nebeneinander, die Worte waren
+zu arm für die Fülle unseres Gefühls.
+
+An einem anderen glühheißen Sommertag gab das Grenadier-Regiment ein
+Fest im Jagdschloß von Friedrichstal. Heiß und ermattet vom Tanz und vom
+Spiel, gingen wir alle zum Neumühler See herunter, wo die Buchen und
+Birken über dem Uferweg dichte Lauben bilden. Allmählich zerstreute sich
+die Menge hier- und dorthin; wir blieben nur zu fünfen beieinander, --
+zwei Mädchen und drei Herren. An einer kleinen dichtumbuschten Bucht
+lagerten wir, und die Lust packte mich, die Füße im Wasser zu kühlen.
+Meine Gefährtin errötete dunkel bei meiner Aufforderung, es mir nach zu
+tun. »Du, das ist unpassend,« flüsterte sie mir leise zu. »Unpassend?«
+wiederholte ich laut, »zeigst du vielleicht nicht deine Hände, deine
+Arme, deinen Hals, -- warum nicht deine Füße?« -- »Bravo, bravo,«
+applaudierte einer der Herren. Das stachelte mich auf, und keck von
+einem zum anderen blickend, fuhr ich fort: »Soll ich euch sagen, was wir
+alle wissen und ihr nur nicht zu sagen euch getraut? -- Wir schämen uns
+nur unserer Häßlichkeit --« Damit hatte ich rasch Schuhe und Strümpfe
+abgestreift.
+
+Eine beklemmende Stille trat ein; ich wagte nicht, mich umzusehen, mein
+Blick haftete auf meinen nackten Füßen, als sähe ich sie zum erstenmal,
+-- sie waren so weiß, so schrecklich weiß! -- mir stieg das Blut bis in
+die Stirne. Ich berührte scheu das Wasser mit den Zehen. »Es -- es ist
+-- zu kalt,« brachte ich mühsam hervor und zog die Füße rasch unter die
+Kleider. Ein Geräusch verriet mir, daß die Herren sich entfernten; die
+Kleine neben mir, noch röter und verlegener als ich, half mir rasch beim
+Anziehen und lief dann auch davon. Langsam erhob ich mich, -- die
+Glieder waren mir schwer, -- da stand Hellmut vor mir -- ein paar
+Schweißtropfen auf der Stirn und doch ganz blaß.
+
+»Nun baue ich Tag um Tag eine Mauer um dich, damit nichts und niemand
+dir zu nahe treten kann, und du -- du gibst dich diesen -- diesen
+Schurken preis,« kam es stockend über seine Lippen. Mir stürzten die
+Tränen aus den Augen, -- doch schon hatten seine Arme mich umschlungen,
+und sein Mund preßte sich auf den meinen, und die heißen, lang
+zurückgedämmten Wogen der Leidenschaft schlugen über uns zusammen.
+
+Wie wir uns trennten, wie ich nach Hause kam, -- ich weiß nichts mehr
+davon. Ich weiß nur, daß ich am weit geöffneten Fenster saß und die
+linde Nachtluft tief und langsam einsog, als hätte ich nie vorher die
+Wonne des Atmens gekannt. Dann stockte mein Herzschlag, -- ein fester
+Tritt, ein schleppender Säbel unterbrachen die Stille, ein lichtes Blau
+schimmerte durch die Büsche des Gartens. »Alix --« klang es sehnsüchtig.
+-- Und ich nahm die Rose, die mir noch zerdrückt im Gürtel hing und warf
+sie in zwei geöffnete Hände.
+
+Alles Denken war ausgelöscht in meinem Hirn, ich fühlte nur mit
+gesteigerter Intensität. Morgens am Kaffeetisch umarmte ich zärtlich den
+Vater, -- es fiel mir plötzlich schwer aufs Herz, daß ich seiner
+rührenden Liebe stets so kühl begegnet war --. »Du hast ja schon in
+aller Frühe illuminiert,« sagte er und streichelte mir halb erstaunt,
+halb beglückt die Wangen. Schüchtern und schuldbewußt küßte ich der
+Mutter die Hände, -- wie schlecht hatte ich bisher ihre Treue gelohnt!
+-- ach, und wie ernst und verhärmt sah sie aus! Als aber das
+Schwesterchen hereinsprang, hob ich sie auf den Schoß und flüsterte in
+ihr rosiges, von lauter Goldlöckchen umspieltes Ohr: »Du -- ich weiß was
+ganz Heimliches: heut nacht tanzten die Nixen mit dem grauen
+Schloßzwerg, bis er vor lauter Atemnot auf den Rasen plumpste. Ich
+glaub' immer, da liegt er noch und schnarcht, und die Nixen haben vor
+Lachen den Heimweg ins Wasser vergessen. Komm schnell hinaus, -- am Ende
+sehn wir sie noch!« Sie jubelte hell auf vor Freude, und richtig, --
+zehn Minuten später waren wir unten am See.
+
+Klein-Ilschen suchte -- ich aber war still und ernst geworden und sah
+hinüber zum fernen jenseitigen Ufer: sollte das Glück, das mir dort
+begegnet war, auch nur ein nächtlicher Spuk gewesen sein? -- Wir fanden
+die Nixen nicht -- Klein-Ilschen war böse. Wie wir langsam heimwärts
+gingen, kam ein Reiter uns entgegen, -- ich wagte kaum aufzusehen. Doch
+schon war er neben mir und hielt den Fuchs am Zügel. »Willst du reiten,
+Kleine?« sagte er und hob das Schwesterchen, dessen Leidenschaft Pferde
+waren, in den Sattel. Still gingen wir weiter, unsere Augen aber
+versenkten sich ineinander, tief, immer tiefer, -- bis sie Gewißheit
+hatten und auch im fernsten Winkel der Seele nichts Lebendiges fanden
+als nur das eigene Bild.
+
+»Die Nixen waren weg,« sagte das Schwesterchen zu Hause zu Mama, »aber
+Prinz Hellmut ließ mich reiten!«
+
+»Prinz Hellmut?!« Ein rascher mißtrauischer Blick streifte mich. Ich
+wandte mich zu den Fenstern und ordnete eifrig die vielen kleinen
+Lichter zur abendlichen Illumination.
+
+Der Großherzogin Geburtstag war heute; mit dem prächtigsten und zugleich
+dem letzten Fest dieses Sommers sollte er gefeiert werden. Verwandte und
+Freunde des Hofes, Deputationen der Garde-Regimenter, der ganze Adel
+Mecklenburgs waren in Schwerin versammelt. Stundenlang rollten auch vor
+unserem Hause die Wagen, und die Besucher kamen und gingen;
+Staatsvisiten waren es zumeist, aber auch solche guter alter Bekannter.
+Im weißen Spitzenkleid, ein paar gelbe Rosen im Gürtel, stand ich im
+Salon, neigte mich vorschriftsmäßig über die Hände der Damen und senkte
+den Kopf vor den Herren. Was mich sonst ermüdete, machte mich heute
+froh, denn mit geschärften Augen sah ich die Menge der bewundernden
+Blicke. Wie ich mich dann am späten Nachmittag vor der Abfahrt zum
+Schloß im Spiegel sah, umrauscht von rosa Seide, deren starker Farbenton
+gedämpft durch goldgestickten Tüll schimmerte, -- Rosen auf der langen
+Schleppe verstreut und Rosen in den dunkeln Locken --, da war ich
+zufrieden.
+
+Dicht gedrängt standen die Menschen auf der Schloßbrücke, wo die Wagen
+nur Schritt vor Schritt vorwärts kamen. »Alix von Kleve« -- »Alix von
+Kleve« ging es flüsternd von Mund zu Mund. Dankbar lächelnd neigte ich
+mich rechts und links aus dem offenen Wagenfenster. Auf den schwarzen
+Marmorstufen der großen Treppe, in deren tiefem Dunkel das Gold des
+Geländers und der Säulen sich spiegelte, standen die Lakaien im roten
+Rock und die Läufer mit dem seltsamen gewaltigen Blumenstrauß über den
+Stirnen. Und droben in den Vorzimmern gleißte und glänzte es von
+goldgestickten Uniformen, hellen Schleppen und funkelnden Edelsteinen.
+Wir wurden zu unseren Plätzen gewiesen. In der Ahnengalerie stand die
+Jugend. Ich sah durch die Bogenfenster über den See hinaus und rührte
+mich nicht. Was gingen mich die andern Menschen an? Wozu war ich hier,
+als allein seinetwegen? Worauf wartete ich, als auf ihn? Die Musik im
+Thronsaal neben uns intonierte den »Einzug der Gäste« auf der Wartburg,
+drei schwere Schläge mit dem Hofmarschallstab kündigten das Nahen der
+Herrschaften an. Ich erwachte aus meinen Träumen. Ein Rauschen ab und
+auf: wir versanken in unseren Kleidern und tauchten wieder auf -- wie
+eine lange hellschimmernde Woge. Mein Blick haftete sekundenlang auf dem
+Herrscherpaar, das langsam durch unsere Reihen schritt: der schlanke
+Mann mit dem Kennzeichen seines Geschlechts, dem kahlen, glatten
+Schädel, darunter ein Antlitz von jener blaß-grauen Farbe, die das
+Morphium allmählich auf die Haut seiner Opfer malt, zwei fiebrig
+glänzende Augen darin und zwei Lippen, zu jenem wehmütig-freundlichem
+Lächeln verzogen, mit dem die früh vom Tode Gezeichneten die Jugend
+grüßen. Neben ihm das Weib: um den üppig-schlanken Leib schmiegte sich
+ihr Gewand schillernd wie Schlangenhaut, auf dem hoch erhobenen dunkeln
+Kopf trug sie stolz die Krone von Brillanten, dunkelrot wölbten sich die
+Lippen über den kleinen weißen Raubtierzähnen, und ein gieriges Leuchten
+wie von heißem Lebenshunger tauchte in ihren wunderschönen Augen auf.
+Über uns sah sie hinweg, sie brauchte uns nicht zu sehen, -- sie war
+mehr als die Jugend. In meinem Herzen aber wallte das Mitleid auf -- mit
+dem Mann und mit der Frau.
+
+Dann kam der König von Griechenland, -- wie die meisten Könige: kein
+König. Und dann die Königin, -- weich und licht und holdselig, wie die
+guten Feen aus den Märchen, und hinter ihnen der Schwarm der anderen. --
+Aber ich sah keinen mehr, denn aus dem Zuge heraus war Hellmut zu mir
+getreten.
+
+In einem runden Turmzimmer mit bunten Fenstern saßen wir zu vier um den
+rosengeschmückten Tisch: Hellmut und ich, Graf Waldburg und seine Braut,
+die kleine Komteß Lantheim. Wir aßen nicht viel, aber unsere Gläser
+klangen immer wieder aneinander, und prickelnd floß der eisige Sekt
+durch unsere Kehlen. Leise und schmeichelnd tönte von fern die Musik.
+
+Im goldenen Saal, durch dessen Fenster die Glut des Abendhimmels
+hineinströmte, während viele hunderte flammender Kerzen alle Wände und
+Pfeiler aufleuchten ließen wie gelbes Feuer, wurde getanzt. Es war noch
+fast leer, als wir eintraten. In wiegendem, lockendem Rhythmus klang die
+süße Walzerweise der »Schönen blauen Donau« von der Estrade.
+
+Ich lag in seinem Arm, und die Töne schienen uns zu tragen. »Alix -- ich
+liebe dich,« hauchte mir im weichen Takt der Bewegung seine Stimme ins
+Ohr -- »verzehrend lieb ich dich -- ich laß dich nicht los -- nie --
+nimmermehr --« Sein heißer Atem berührte mich wie ein zärtlich kosender
+Kuß, und meine Haare wehten um seine Wangen.
+
+»Durchlaucht -- Galopp -- wenn ich bitten darf!« hörten wir plötzlich
+neben uns sagen. Aufatmend standen wir still, -- wir hatten wirklich das
+strenge höfische Walzerverbot vergessen! Im gleichen Augenblicke trat
+der Kammerherr der Großherzogin auf uns zu: »Ihre Königliche Hoheit
+befehlen --«
+
+»Mich auch?« frug Hellmut. Er senkte bejahend den Kopf, während ein
+leises malitiöses Lächeln seine Lippen kräuselte. Sollte die schöne
+Fürstin so konventionell sein und unser Vergehen gar noch persönlich
+rügen wollen?
+
+»Sie tanzen bezaubernd, -- ich mache Ihnen mein Kompliment, Fräulein von
+Kleve!« sagte sie laut, als ich in tiefer Verbeugung ihre Hand an die
+Lippen zog. »Die mecklenburger Damen können sich ein Beispiel nehmen!«
+Die Umstehenden horchten hoch auf.
+
+»Tanzen Sie noch einmal denselben Walzer, lieber Prinz, den man offenbar
+nur verbietet, weil man ihn zu tanzen nicht versteht.«
+
+Wie auf Kommando bildete sich ein weiter Kreis um uns. Und wir tanzten.
+Aber ich fühlte die vielen musternden, neidischen, feindseligen Blicke,
+die mich betasteten, wie mit feuchtkalten Fingern, und durchbohrten, wie
+mit Nadelstichen. Ein Schwindel packte mich -- fester, immer fester
+lehnte ich mich in Hellmuts Arm -- er trug mich mehr, als daß ich
+tanzte.
+
+»Führen Sie Ihre Tänzerin auf die Terrasse, -- das wird ihr gut tun --«
+sagte die Großherzogin, als ich mich blaß und zitternd wieder verbeugte.
+Ein Ton war in ihrer Stimme, der mich auffahren ließ, -- hatte sie unser
+Geheimnis erraten?
+
+Wir gingen hinaus. Viele bunte Lampions erhellten die Terrasse und den
+Burggarten, plaudernde Gruppen standen ringsumher. Wir aber suchten die
+Nacht und die Stille. Tief unten schmiegte sich ein von weißen Blüten
+übersäter Strauch an die dunkle Mauer, und ein schwerer süßer Duft
+breitete sich rings um ihn. Jasmin -- meine Blume!
+
+Weißt du noch, Hellmut, wie du übermütig in die Zweige griffst und ein
+Regen schneeiger Blätter mir auf Schultern und Haare fiel? und wie sie
+matt zu Boden taumelten vor dem heißen Hauch deines Mundes? Du preßtest
+mich wild an dein Herz, daß der Atem mir stockte, -- du hättest mich
+morden können in jener Nacht, -- mit einem Liebesblick hätt ich es dir
+vergolten. »Warum sagst du mir nicht, daß du mich liebst -- warum bist
+du so still?« frugst du, und ich seufzte, den Arm fest um deinen Hals:
+»Ich kann dirs nicht sagen -- ich kann nicht -- ich liebe dich viel --
+viel zu sehr!«
+
+Droben tanzten sie wieder -- wir sahen die Paare hinter den hellen
+Fenstern vorüberschweben --, und eine Melodie verirrte sich zuweilen bis
+zu uns. Wie mit kosenden Stimmen antworteten ihr die Wellen, die
+plätschernd ans Ufer schlugen, und fern von den hohen Baumwipfeln des
+Parks klang hie und da ein verträumtes Vogelzwitschern. Immer
+verzehrender glühten unsere Augen ineinander, verlangender,
+sehnsüchtiger wurden unsere Küsse.
+
+Da verstummte die ferne Musik, ein heftiger Schreck machte dich zittern.
+»Wir müssen hinauf« -- sagtest du heiser und fuhrst dann hastig fort,
+während wir die Treppe zur Terrasse emporstiegen: »Wir müssen uns
+trennen -- mein Dienst ist morgen zu Ende --«
+
+»Und in der nächsten Woche reisen wir,« flüsterte ich mühsam, -- es
+würgte mir am Halse.
+
+»Im Herbst erst sehen wir uns wieder --«
+
+»Das ertrag ich nicht -- --«
+
+»Ich sterbe vor Sehnsucht --« Und noch einmal zogst du mich an dich, und
+aufschluchzend barg ich meinen Kopf an deiner Brust.
+
+»Weine nicht, Liebling, weine nicht, -- für ein ganzes Leben voll Liebe,
+das uns bevorsteht, ist das Opfer dieser nächsten Wochen am Ende nicht
+zu groß,« versuchtest du uns Beide zu trösten, dabei fielen heiße
+Tropfen aus deinen Augen mir auf die Stirn. --
+
+ * * * * *
+
+Wir fuhren nach Karlsbad, -- Mama, Klein-Ilschen und ich. Wir trafen mit
+einem großen Kreise alter und neuer Freunde zusammen. »Wir« sage ich, --
+aber im Grunde war ich gar nicht da, nur mein wandelndes Schattenbild.
+Automatisch geschah alles, was ich tat: mein Reden und noch mehr mein
+Lachen. Ich selbst saß still im dunkeln Chorgestühl eines hochragenden
+Doms, die Hände im Schoß gefaltet, die Augen emporgerichtet zu den in
+mystischen Farben glühenden Fenstern, unbeweglich horchend auf den
+Gesang süßer Engelsstimmen, die Stirn umweht von Wolken duftenden
+Weihrauchs ...
+
+Wenn ich neben dem Rollstuhl Stauffenbergs ging, sprach ich wohl mit ihm
+von alledem, was mein Interesse sonst erregt hatte; aber eine ganz
+andere, eine fremde Alix war es. Ich selbst, ich lachte über sie und
+ihren komischen Eifer. Was ging mich die hohe Politik, was gingen mich
+Darwin, Wagner und Nietzsche an? Neben dem Reichtum lebendigen Lebens,
+das mir begegnet war, verblaßte alles zu blutleeren Schemen.
+
+ * * * * *
+
+Am Abend unserer Rückkehr im Herbst saß ich im Dunkel der
+Intendantenloge im Theater. »Hoffmanns Erzählungen«, -- jenes geniale
+Werk Offenbachs, das er geschaffen haben muß, besessen vom Geiste des
+Zauberers, dem es galt, -- gelangte zum erstenmal, und ungekürzt, zur
+Aufführung. Meine Augen durchforschten noch die Logen und Ränge -- ich
+war ja nur gekommen, weil ich überzeugt war, ihn zu finden --, als die
+ersten Akkorde der Ouverture mich schon gefangen nahmen. Und dann die
+Oper selbst! Wie es ihr zukommt, war jede possenhafte Nuance vermieden
+worden; Spalanzani und Coppelius, der geheimnisvolle Brillenverkäufer im
+ersten Akt, wirkten gespensterhaft, und Olympia, die Puppe, war nicht
+nur ein Automat, der schließlich zur Erhöhung der Lachlust eines
+einfältigen Publikums zerbrochen auf die Bühne geschleift wird, -- ein
+Stück Leben schien vielmehr in sie hineingezaubert, das mit einem wehen
+Laut erstarb. Selbst die Menuetttänzer und Tänzerinnen bewegten sich wie
+nichts vollkommen Irdisches.
+
+Schon verdunkelte sich der Zuschauerraum am Ende der Pause, als der
+Bogenvorhang sich teilte, -- ein breiter Lichtstreifen fiel herein. Der
+erste Ton der Barkarole klang gedämpft aus dem Orchester -- ein Stuhl
+wurde zur Seite gerückt -- »Alix!« hörte ich Hellmuts Stimme hinter
+mir, und sein Mund brannte auf meinem Nacken.
+
+»Schöne Nacht -- o Liebesnacht -- o stille mein Verlangen!« tönte es von
+der Bühne dicht vor uns; ausgestreckt auf Decken und Fellen lag die
+schöne Guiletta vor ihren Anbetern; ihre nackten Arme und ihre bloßen
+Schultern leuchteten im Glanz der roten Ampeln. Das Blut strömte mir zum
+Herzen, meine Hand suchte die des Geliebten. Von einer Melodie
+durchwogt, wie sie aufreizender, sinnbetörender nicht zum zweitenmal
+vorkommt, wurde die Luft immer schwüler um uns. Kaum daß wir uns im
+hellen Licht des Zwischenaktes genug zu ermannen vermochten, um
+konventionelle Phrasen mit dem Intendanten zu wechseln. Hellmuts Uniform
+verriet seine Anwesenheit auch im Halbdunkel der Loge, Lorgnetten und
+Operngläser richteten sich auf uns, und tuschelnd neigten sich die Köpfe
+zueinander.
+
+Aber schon setzte das Orchester zum letzten Akte ein. »Sie entfloh --
+die Taube so minnig« sang der blassen Antonia weiche Stimme. Seltsam --
+kein Zweifel -- sie sah mir ähnlich: der gelbliche Ton der Haut, die
+dunkeln Locken. Mich fröstelte. O -- und als dann der gespenstische Arzt
+erschien mit der hageren Gestalt, dem glatten Totenschädel und den
+klirrenden Flaschen in den Händen -- -- »Mir ist nicht ganz wohl!«
+flüsterte ich und stand leise auf. Hellmut begleitete mich. Er hielt
+meinen vorzeitigen Aufbruch nur für einen Vorwand. Während er mir den
+Mantel um die Schultern legte, flüsterte er mir zu: »Ich war bei Mama --
+ein bißchen Tränen hats ihr gekostet --, aber schließlich fand sie sich
+ins Unabänderliche. Wir dürfen hoffen, Liebling! -- Hier alles Nähere,«
+er drückte mir ein Papier in die Hand und führte mich bis zum Wagen;
+schon zogen die Pferde an, als der Schlag sich von der anderen Seite
+noch einmal öffnete, -- mit einem raschen Sprung war er neben mir und
+ich in seinen Armen, -- einen Augenblick nur, einen kurzen,
+glückseligen. An der nächsten Straßenbiegung verschwand er ebenso, wie
+er gekommen war. Erst zu Hause, im verschlossenen Schlafzimmer, öffnete
+ich seinen Brief.
+
+»Mein süßer Liebling,« schrieb er, »die Wochen ohne Dich waren eine
+gräßliche Fastenzeit. Zum zweitenmal ertrage ich so etwas nicht. Das
+habe ich auch Mama gesagt, und da sie so wie so immer um mich zittert --
+begreifst Du solche Anhänglichkeit, Du Einzigste?! --, so hat sie meine
+Drohung toternst genommen. Sie wird in den nächsten Tagen Tante Brigitte
+Sonderburg, ihre verdrehte alte Schwester, besuchen und sehen, ob sie
+bei ihr das nötige Kleingeld zusammenscharren kann; bei Vetter Georg,
+dem Knauser, ist nichts zu holen, Mamas eigne Kasse ist völlig
+schwindsüchtig. Ich schäme mich, Dir so was schreiben zu müssen, meine
+holde, kleine Göttin Du, und doch mußt Du wissen, warum ich immer noch
+nicht in Helm und Schärpe antrete. Meine Zulage reicht kaum für mich,
+der ich das Unglück habe, ein Prinz zu sein, und diese Würde täglich mit
+barer Münze bezahlen muß. Aber trotz alledem muß es werden, und ich
+träume schon jede Nacht von dem weichen Nest, das ich für mein
+Prinzeßchen -- viel, viel mehr Prinzeßchen, als alle Ebenbürtigen
+zusammengenommen! -- erobern werde!
+
+Verlobte schicken einander immer briefliche Küsse. Das finde ich fad.
+Aber holen tu ich sie mir bei allernächster Gelegenheit für die langen
+sechs Wochen, die Du sie mir schuldig bliebst. Hüte Dich beizeiten, daß
+Du nicht daran erstickst ...«
+
+Ich konnte nicht schlafen. Es lag wie ein eiserner Reifen um meine
+Stirn. »Der Weg zur Ehe geht durch die Kirche« pflegte Mama zu sagen, --
+aber stand nicht ein goldener Götze am Altar, statt des Priesters?
+
+Wir sahen uns oft, aber niemals allein. Eine zehrende Sehnsucht
+durchwühlte mich wie eine Krankheit. Jeder Händedruck schien mir die
+Haut zu versengen. Wir konnten den Karneval nicht erwarten, der zu
+heimlichen Begegnungen tausend Gelegenheiten bot. Ein Ball bei der
+Großherzogin-Mutter eröffnete ihn endlich. Sie hatte es allen Warnungen
+zum Trotz durchgesetzt, daß er in ihrem Palais stattfand, dessen
+Tanzsaal erst vor jedem Fest von der Baupolizei untersucht werden mußte.
+Diesmal, so erzählte man sich, habe sie schon recht bedenklich den Kopf
+geschüttelt. Als wir kamen, fiel mein erster Blick auf Hellmut, der mit
+zusammengezognen Brauen, blaß und finster, allein in einer Fensternische
+stand. Ewig dauerte es, bis ich all die Verbeugungen und Begrüßungen und
+stereotypen Phrasen erledigt hatte und meine Hand in der seinen ruhte.
+
+»Ich habe Nachricht von Mama,« preßte er mühsam hervor, »Tante Brigitte
+hat rundweg abgelehnt. Für dumme Streiche hätte sie kein Geld!«
+
+Mir wankten die Kniee. Da ging das alte frohe Leuchten über seine Züge,
+gepaart mit einem neuen Ausdruck starker Energie: »Sei nicht furchtsam,
+Liebling; du weißt: und wenn ich mich dafür dem Teufel verschreiben
+sollte, -- du wirst mein!«
+
+Junge Liebe ist voller Zuversicht, sie glaubt noch an Wunder; und sie
+ist sich selbst genug und vergißt darüber die Welt. Es war eine
+stürmische Saison damals, -- kaum ein Tag verging ohne ein Diner, einen
+Ball, eine Schlittenpartie. Hellmut fehlte niemals. Wenn es nicht anders
+ging, ritt er noch in der Nacht nach Ludwigslust zurück. Er verlor
+allmählich die gesunde Farbe, aber wenn ich ihn angstvoll um sein
+Ergehen frug, lachte er. Wir wurden immer kühner und immer
+erfinderischer, um uns allein sehen zu können, und die fremdesten
+Menschen halfen uns dabei: sie zogen sich zurück, wenn wir ins Zimmer
+traten, sie vertieften sich in ein Gespräch, wenn wir am gleichen Tische
+saßen, sie mäßigten das Tempo ihres Laufs, wenn sie auf der weiten
+Eisfläche des Schweriner Sees in unsere Nähe kamen. Daß die Mädchen mich
+mieden, war mir nur eine Wohltat. Hie und da freilich fing ich ein
+hämisches Lächeln auf, ein vieldeutiges Augenzwinkern, oder hörte mit
+halbem Ohr, wie es um mich her raunte und flüsterte. Aber ich dachte
+darüber nicht nach. Ich vegetierte überhaupt nur noch, und lebte allein,
+wenn er um mich war.
+
+In diesem Winter wußte ich erst, was Tanzen ist: keine Bewegung, in der
+wir nach Vorschrift die Füße so oder so setzen, kein harmlos-kindliches
+Vergnügen aus reiner Freude am rhythmischen Regen der Glieder, -- Liebe
+ist es, Liebe in all ihren tausend Phasen, Liebe, die zwei Menschen zu
+Eins verschmilzt, die sie auseinanderzieht, um die Sehnsucht zu steigern
+und sie um so glühender wieder zu vereinen. Liebe, die lockt und
+kokettiert -- sich demütig neigt und siegesbewußt aufrichtet -- die mit
+den anderen lächelt, sich ihnen vorübergehend hingibt, nur um des einen,
+des Geliebten Glut zu loderndem Feuer zu entfachen.
+
+Die »Barkarole« beherrschte den Tanz in jenem Karneval. Ich hörte sie
+bis in meine Träume.
+
+Zu einem Hofball wurde ein Menuett einstudiert, -- der Tanz, in dem sich
+die ganze graziöse Sündhaftigkeit und künstlerisch verklärte Erotik
+seiner Zeit widerspiegelt. Wir trugen dazu keinen billigen Maskentand,
+sondern schwere Kleider von Damast, breit ausladend über den Hüften, zum
+Umspannen schmal in der Taille, mit langen höfischen Schleppen. Rosen
+und Lorbeer rankte sich auf dem meinen, die alten kostbaren Spitzen
+meiner Mutter garnierten den Rock, ihre Perlenschnüre schlangen sich mir
+um Hals und Nacken. Hoch gepudert die Haare, ein Schönpflästerchen am
+Mundwinkel und eins auf der Brust, -- so traf ich im Vorzimmer am Abend
+des Festes Hellmut, meinen Herrn. Wir staunten einander an, -- so hatte
+ich die ebenmäßige Schönheit seiner Gestalt noch nie empfunden wie
+jetzt, wo sie im Staatsgewand Ludwigs XV. vor mir stand. Aber sein
+Gesicht blieb ernst.
+
+»Mir paßt der Narrentrödel nicht!« sagte er, während wir uns nach
+Mozarts unvergänglichem Don Juan-Menuett neigten und drehten. »Ist nicht
+die gleißende Pracht ein Hohn auf unsere Armut?«
+
+»Ich fühle nur, daß wir reich sind, die Reichsten der Welt!« antwortete
+ich und lehnte den Kopf zurück, um über die Schulter hinweg ihn selig
+anzulächeln, wie die Figur des Tanzes es grade befahl.
+
+»Aber ich verkomme vor Qual, solang du nicht mein bist!« gab er zurück
+und beugte das Knie in bittender Gebärde zu dem lang gezognen
+Sehnsuchtston der Musik.
+
+Ein Walzer folgte dem Menuett. Hellmut lehnte mit verschränkten Armen an
+einem Pfeiler, und jedesmal, wenn ich vorüberkam, fühlte ich seinen
+Blick.
+
+»Du darfst heute mit keinem anderen tanzen,« redete er mich an, als mein
+Tänzer mich verlassen hatte, -- er vermochte seiner Erregung kaum Herr
+zu werden. Vergebens suchte ich ihm das Unmögliche seines Verlangens
+klar zu machen; »ich verlasse das Schloß, wenn du nicht tust, um was ich
+dich bitte, -- ich halts einfach nicht aus, daß jeder Schmutzfink dich
+im Arm hält und seine frechen Blicke sich an deiner Schönheit weiden.«
+Ich fügte mich beglückt von der Stärke seiner Leidenschaft, und um
+keinen anderen Verdacht aufkommen zu lassen, bat ich meine Mutter, mir
+in der Garderobe eine aus Taschentüchern improvisierte Bandage um den
+»verstauchten« Fuß zu legen, der mich am Tanzen hindern sollte.
+
+Hellmut und ich trennten uns an dem Abend nicht mehr. Im Ballsaal
+drängte sich die Jugend, in den Nebenzimmern saßen die Älteren an den
+Whisttischen. Wir gingen durch die langen Galerien mit ihrer bunten,
+phantastischen Dekoration, wo die Lampen immer spärlicher brannten. Wir
+standen eng aneinander geschmiegt vor Tristan und Isoldens Liebesmär,
+die hier im Schloß der sittenstrengen Obotriten in hellen Farben an den
+Wänden prangt, und wie Lebendige tauchten Hero und Leanders Marmorbilder
+im rosigen Schein gedämpften Lichtes vor uns auf; ihr Busen schien zu
+atmen, an den sein Haupt sich zärtlich lehnte.
+
+Von ferne folgten uns die Tanzmelodien ... »Schöne Nacht -- o
+Liebesnacht -- o stille das Verlangen --« klang es leise -- sehnsüchtig.
+
+Und Hellmut schlang den Arm um mich, und dicht, immer dichter aneinander
+geschmiegt, flogen wir durch den halbdunklen Raum. Mir war, als hörte
+ich ein unterdrücktes Gelächter, -- aber im nächsten Augenblick vergaß
+ich es wieder.
+
+Wir tanzten, -- waren wir nicht allein auf mondheller Wiese, von Palmen
+umrauscht und großen, weißen Blumen umgeben, aus deren Goldkelch
+betäubende Düfte strömten? Wir tanzten, -- wars nicht ein Schaukeln auf
+kristallhellen Fluten, -- sahen wir nicht bis zum Grund, wo die
+blendenden Leiber nackter Nixen zwischen Wasserrosen auf und nieder
+tauchten und Lieder, die noch kein Menschenohr gehört, ihren roten
+Lippen entströmten? -- Mein Herzschlag stockte -- auf den nächsten Stuhl
+sank ich schwindelnd zurück, zu meinen Füßen brach der Geliebte
+zusammen, den blonden Kopf vergraben in meinem Schoß ...
+
+ »Oh, la marquise Pompadour,
+ Elle connait l'amour
+ Et toutes ses tendresses,
+ La plus belle des maitresses« --
+
+sang plötzlich eine krähende Sopranstimme hinter uns. Hellmut sprang auf
+und griff instinktiv an den zierlichen Galanteriedegen, der ihm an der
+Seite hing.
+
+»Verdammt --« knirschte er, -- es war eine leere Scheide, die er in der
+Hand hielt. Wir hörten noch ein Rascheln und Raunen und das ferne
+Schlagen einer Tür, dann wars still.
+
+»Morgen noch fahr ich selbst zu Tante Brigitte und, wenns nicht anders
+ist, zu Georg. Ich muß ein Ende machen -- so oder so!« flüsterte er mir
+zu, ehe wir den Ballsaal wieder betraten. Ich suchte meine Eltern; --
+wir verabschiedeten uns. Am Ausgang, wo sich die meisten Menschen
+zusammendrängten, trat Hellmut an meinen Vater heran: »Darf ich mich
+gleich heute für die nächsten Wochen verabschieden, Herr General,« --
+sagte er sehr laut und förmlich -- »mein Vetter, Herzog Georg, wünscht
+meine Anwesenheit bei den Hofbällen.« -- »Reisen Sie glücklich,«
+antwortete mein Vater, und mir schien, als ob er erleichtert dabei
+aufatmete. »Amüsieren Sie sich gut« -- brachte ich mühsam hervor und
+legte meine kalten Finger flüchtig in die seinen.
+
+Nur die fieberhafte Erregung gab mir Kraft, mich in den nächsten Wochen
+aufrecht zu halten. Ich fehlte in keiner Gesellschaft, auf keinem Ball;
+keine tanzte so unermüdlich wie ich, an keinem andern Tisch wurde so
+viel Sekt getrunken wie an dem meinen.
+
+Eines Tages traf ich Graf Waldburg im Theater. Er machte in den Pausen
+mit großem Eifer Propaganda für eine Schlittenpartie, die mit einem
+Diner im Hotel enden sollte. »Seine Durchlaucht Prinz Hellmut bittet Sie
+um die Ehre, Sie fahren zu dürfen,« wandte er sich an mich. Als ich
+fragend zu ihm aufsah, zuckte er die Achseln und sagte, nur für mich
+hörbar: »Durchlaucht haben mir nichts weiter mitgeteilt, als daß ich
+rasch für eine Gelegenheit zu längerer Aussprache sorgen möchte.«
+
+Zweimal vierundzwanzig Stunden noch! Die Erregung steigerte sich bis
+zum Unerträglichen. Inzwischen fing es an zu tauen. Ein schmutziges Grau
+bedeckte die Straßen der Stadt, und dichte Nebel hingen über den Seen.
+Mit hellem Schellengeläut erschien trotzdem am festgesetzten Tage
+Hellmuts Schlitten vor unserer Tür, -- eine winzige mit Pelzen dicht
+ausgefütterte Muschel, vor der ein russischer Traber unruhig den Boden
+stampfte. Mein Vater führte mich hinunter. Hellmuts erster Blick sagte
+mir alles -- ich schwankte, als Papa mir in den Schlitten half. »Also um
+fünf Uhr pünktlich im Hotel!« rief er noch freundlich, dann flogen wir
+davon.
+
+»Georg hat mich ausgelacht -- Tante Brigitte war zynisch genug, mir zu
+versichern: für ein vernünftiges Verhältnis hätte sie Geld -- für eine
+dumme Ehe nicht!« Mit rauher Stimme hatte er gesprochen. »Was meinst du,
+wenn wir statt zum Rendezvous auf dem Schloßplatz direkt auf den See
+führen, -- der hält uns nicht lange!«
+
+Ich packte ihn entsetzt am Arm. »Nein, Hellmut, nein,« flehte ich, »wir
+haben ja noch gar nicht gelebt!« Der Fanatismus des Daseins durchglühte
+mich -- so sterben -- so -- nein! Und wie eine Erleuchtung kam es über
+mich: Tante Klotilde, -- sie mußte und konnte helfen. Mit schmetternden
+Fanfaren begrüßte die Musik die Ankommenden, als wir beide, die Herzen
+von neuer Hoffnung geschwellt, auf den Schloßplatz einbogen und uns
+fröhlich an die Spitze des langen Zuges setzten. War das eine Fahrt
+durch den Wald, wo der tauende Schnee eine glatte Bahn geschaffen hatte!
+Wie wir den Nebel nicht spürten, obwohl er unsere Pelze mit Millionen
+winziger Wasserperlen besetzte, so empfanden wir keinen Zweifel mehr an
+der wieder erwachten Sonne unseres Glücks.
+
+Die anderen kamen durchfroren von der stundenlangen Fahrt ins Hotel,
+uns, die wir ihnen weit voran gewesen waren und doch als letzte
+zurückkehrten, war glühheiß. Noch lange saßen wir zusammen; die vielen
+Gänge des Mahls, bei dem die meisten Paare immer einsilbiger wurden, das
+langsame Servieren, das jeden Nichtmecklenburger immer ungeduldiger
+machte, -- wir merkten es nicht. Für uns wars viel zu früh, als es galt,
+Abschied zu nehmen. Vor dem halbdunkeln Torweg, im rieselnden Regen,
+umschloß eine kräftige Hand noch einmal die meine, und spitze Nägel
+gruben sich mir ins Fleisch.
+
+Noch in der Nacht schrieb ich an Tante Klotilde. Mein ganzes Herz
+schüttete ich ihr aus; mit all meiner Hoffnung klammerte ich mich an
+sie; jede Seite ihres Wesens suchte ich zu rühren.
+
+Wenige Tage später wurde ich zu ungewohnter Stunde zu meinem Vater
+gerufen. Hochrot im Gesicht, mit meinem Brief in der Hand, trat er mir
+entgegen. Mama saß vor Schrecken totenblaß im Lehnstuhl. Es gab eine
+unbeschreibliche Szene. Demselben Manne, der mir seine Zärtlichkeit nie
+genug zeigen konnte, war jetzt kein Wort zu verletzend, um mich zu
+beschimpfen. Ich stand vor ihm, wie versteinert. Erst als er Hellmut
+einen Ehrlosen nannte und die wahnsinnigsten Drohungen gegen ihn
+ausstieß, kam ich zu mir. »Das duld' ich nicht, daß du seine Ehre
+angreifst,« rief ich und trat ihm dicht unter die Augen, »schlag doch
+mit Fäusten auf mich, wenn du willst, aber ihn -- ihn darfst du nicht
+anrühren.« Papa sah mich groß an, wandte sich ab und stöhnte qualvoll.
+Das ertrug ich nicht mehr. Weinend warf ich mich ihm zu Füßen. »Papachen
+-- hab' doch Mitleid mit mir -- mein Unglück ist doch schon groß genug«,
+schluchzte ich. Und dieselbe Hand, die mich fast geschlagen hätte, hob
+mich empor. »Mein armes, armes Kind,« sagte er, und mit dem Ausdruck
+eines zu Tode Verwundeten sah er mich an.
+
+Mama war still gewesen bis dahin. Jetzt hörte ich ihre ruhige kühle
+Stimme wie von weit, weit her. Sie las den Brief der Tante vor, ich
+verstand ihn kaum, nur die Worte »Pflicht«, »Opfer«, »Ehrgefühl«
+wiederholten sich, wie es schien, häufig. »Alix wird,« so schloß er
+ungefähr, »durch diese Erfahrung klug werden und ihre zügellosen
+Leidenschaften bändigen lernen. Unser ganzes Leben ist Entsagung und
+Pflichterfüllung ...« Ich lachte gellend auf bei dieser schönen Tirade,
+um gleich nachher in einen wilden Weinkrampf auszubrechen. Papa trug
+mich in mein Bett. Meine Mutter verließ mich von da an keine Minute.
+Gegen Abend ließ sie mich aufstehen. Kaum auf den Füßen konnt ich mich
+halten, und vor Schmerzen hätte ich am liebsten geschrien, aber meine
+Willenskraft war stärker als alles. Ich vermochte es sogar, meinen Vater
+dankbar anzulächeln, als er mir mitteilte, er habe »die schwere Aufgabe
+auf sich genommen, den Prinzen über den Ausgang der traurigen
+Angelegenheit in Kenntnis zu setzen.«
+
+Als ich dann, wie immer, im Nebenzimmer den Tee bereitete, hörte ich,
+mit meinen fieberhaft geschärften Sinnen, Mama zu ihm sagen: »Ich kenne
+Alix genug, um keine ernstliche Sorge zu haben. Wo wir bisher gewesen
+sind, -- es gab immer irgend eine mehr oder weniger fatale
+Liebesgeschichte. In diesem Fall, wo ihre Eitelkeit mitspricht, sieht
+die Sache erheblicher aus.« »Aber du sahst sie doch! -- Eine solche
+Verzweiflung läßt das Äußerste fürchten!« wandte mein Vater ein.
+»Vertraue mir, lieber Hans -- du siehst sie immer wie in einem goldnen
+Spiegel! Ich habe, gottlob, meine sehr nüchternen und klaren Augen
+behalten,« antwortete Mama, »wir haben jetzt nichts zu tun, als zu
+verhüten, daß sie sich und uns durch tragische Posen kompromittiert --
+alles andre überlasse ruhig der Zeit und --,« fügte sie mit einem halben
+Lachen hinzu -- »dem nächsten Mann!«
+
+Was sie sagte, war mir nur willkommen, und ich benahm mich, ihren Worten
+entsprechend, während ich zu gleicher Zeit mit vollkommener Ruhe an die
+Ausführung eines Planes ging, der vom ersten Augenblick an, da ich von
+der Ablehnung der Tante erfahren hatte, für mich fest stand. Ich ließ
+mir zur Gutenacht die Stirn küssen und legte mich ruhig nieder; daß Mama
+noch einmal kommen und nach mir sehen würde, wußte ich, und wartete, bis
+sie zurück in ihr Schlafzimmer ging und jeder Ton im Hause erstorben
+war. Dann stand ich auf, zog mich sorgfältig an, packte das Nötigste in
+eine bereit stehende Handtasche und schlich mit angehaltenem Atem die
+Treppe hinunter. Die Haustür knarrte nicht einmal, als ich sie
+aufschloß. Es regnete in Strömen, kein Mensch war zu hören, noch zu
+sehen. Ich wartete in meinen Mantel gewickelt, bis ein fester Schritt
+mir entgegen klang, ein schleppender Säbel auf das Pflaster taktmäßig
+aufschlug. So kam er jetzt jeden Abend, vom Fenster aus ein verabredetes
+Zeichen erwartend, in den dicht an unserem Hause liegenden Park. Er fuhr
+zurück, als er mich vor sich sah. Es bedurfte nicht vieler Worte
+zwischen uns. Aber was ich gleichgültig, mit einer ganz fremden ruhigen
+Stimme erzählte, das erschütterte ihn so, daß er sich schwer auf meine
+Schulter lehnen mußte. »Ich kann dich nicht lassen, Alix!« stöhnte er
+immer wieder. »Das sollst du auch nicht, Hellmut!« antwortete ich fest.
+»Da uns zum Ehebund der Goldsegen fehlt, schließen wir ihn unter dem
+Segen der Liebe.« Mit weit geöffneten Augen sah er mich an. »Du wolltest
+--?« klang es fragend, zögernd. »Deine Geliebte werden -- ja.
+Selbstverständlich muß ich Schwerin sofort verlassen -- -- --«
+
+»Alix, du fieberst -- du weißt ja gar nicht, was du sagst, -- das ist ja
+heller Wahnsinn!« rief er. Ich fühlte plötzlich, wie die feuchte Kälte
+der Nacht von den Fußsohlen an langsam an mir emporkroch. »Ich bin nicht
+wahnsinnig, Liebster --« sagte ich weich und drückte seine Hand zärtlich
+an meine Wange, »ganz im Gegenteil: ich will die wahnsinnige Weltordnung
+für mein Teil vernünftig machen! -- Nun laß uns nicht länger hier
+stehen, Hellmut, wo jede Minute kostbar ist. Irgend eine kleine Station
+wird sich mit deinem Wagen doch noch erreichen lassen, wo ich den ersten
+Morgenzug erwarten kann --.« Er trat einen Schritt zurück, -- »Mach mich
+doch nicht zum Schurken -- Alix« -- er packte mich am Arm und schüttelte
+mich, als wolle er mich aus einem Traum erwecken. Und wirklich --
+während der Regen mir ins Antlitz peitschte -- und die letzten Laternen
+erloschen, kam es mit grausamer Klarheit über mich. »Hellmut!« rief ich
+noch einmal und breitete die Arme aus. Er stürzte auf mich zu, bedeckte
+mir Mund und Augen und Wangen und Hände mit wilden Küssen -- und
+verschwand, wie von Furien gepeitscht, in der dunkeln Allee.
+
+Minutenlang blieb ich wie angewurzelt stehen, dann strich ich mechanisch
+mit den Händen über den nassen Mantel. Ich mußte mich vergewissern, wer
+das eigentlich war, der hier draußen im Regen stand. Auch an die Stelle
+griff ich, wo mir das Herz noch eben wild geschlagen hatte. Es war wohl
+nicht mehr da -- es war wohl tot -- oder am Ende in den Schmutz
+gefallen. Ganz ängstlich sah ich in die schwarzen Pfützen zu meinen
+Füßen. Jetzt müßt ich eigentlich schlafen gehn -- fuhr es mir durch den
+Kopf. -- Gott, war das Täschchen schwer und der nasse Mantel. -- Ob ich
+mich lieber auf die Bank dort setzen sollte?! -- Nach ein paar Schritten
+stockte mein Fuß: nein, das ging nicht, ringsumher standen schrecklich
+viele Menschen und starrten mich an. Und dann rissen sie alle den Mund
+weit auf, und von allen Ecken dröhnte und kreischte es --
+
+ Oh, la marquise Pompadour --
+ Elle connait l'amour --
+ Et toutes ces tendresses --
+ La plus belle des maîtresses -- --
+
+Ich floh die Stufen empor, -- riß die Türe auf und setzte mich erschöpft
+auf die Treppe. Aber sie krochen mir nach -- auf Händen und Füßen -- wie
+Würmer. Mit den letzten Kräften schlich ich in mein Zimmer. Und
+plötzlich kam mir zum Bewußtsein, daß ich -- Alix Kleve -- hier in
+triefenden Kleidern auf dem Bette saß. Ein Grauen überfiel mich, als
+wäre ich mein eigenes Gespenst und schwebte im schwarzen grenzenlosen
+Weltraum. Die Sinne vergingen mir.
+
+Acht Tage fast lag ich in völliger Apathie. Dann ging ich aus, und bald
+darauf ins Theater. Man gab »Hoffmanns Erzählungen« -- selbst bei der
+Barkarole klopfte mein Herz nicht. Es war mir offenbar abhanden
+gekommen. Nach weiteren acht Tagen tanzte ich wieder. Mama triumphierte.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel
+
+
+»Wissen Sie das Neuste!« rief mir eine meiner Konkurrentinnen auf dem
+Kampfplatz weiblicher Eitelkeit zu, als wir gerade in der Quadrille
+einander gegenüber standen; »Prinz Hellmut ist -- krank und hat sich auf
+ein Jahr beurlauben lassen,« -- dabei lächelte sie, halb triumphierend,
+halb schadenfroh, wie eben nur eine Frau lächeln kann.
+
+»Ich weiß, er trug sich schon lange mit diesem Plan,« antwortete ich mit
+vollkommener Ruhe.
+
+An dem Abend tanzte ich bis zur Erschöpfung und hatte für alle ein
+liebenswürdiges Wort, einen koketten Blick, so daß die Kotillonsträuße
+auf meinem Schoß sich häuften wie noch nie. Als ich aber zu Hause am
+offenen Fenster stand und die würzige Märzluft das schwüle Zimmer mit
+einer Ahnung neuen Frühlings füllte, warf ich mit einem Gefühl des Ekels
+das glitzernde Ballkleid, die künstlichen Rosen, die seidenen Schuhe von
+mir.
+
+»Ich kann nicht mehr,« sagte ich zu mir selbst; alles erinnerte mich
+hier an die Vergangenheit, jeden Blick, jedes Lächeln empfand ich, als
+ob schmutzige Hände mich betasteten. Ich mußte fort, weit fort!
+
+Es kostete mich nur geringe Mühe, meine Eltern zu bewegen, mich
+verreisen zu lassen. Die gesellschaftlichen Pflichten waren für diesen
+Winter erledigt, meine Gesundheit bot stets willkommenen Vorwand zu
+frühen Landaufenthalten; es bedurfte nur einer Ansage, und ich konnte
+schon in den nächsten Tagen in Pirgallen eintreffen. Unter dem Schutz
+einer Bekannten, deren Anwesenheit mich zur Selbstbeherrschung zwang,
+fuhr ich nach Berlin, wo Onkel Walter, der zum Reichstag dort war, mich
+in Empfang nahm.
+
+»Na, du machst ja nette Streiche,« war sein erstes Wort. Peinlich
+überrascht sah ich auf. »Wir hatten dich eigentlich ein paar Wochen hier
+behalten wollen,« fuhr er fort, »aber deine Affäre ist so sehr in aller
+Munde, daß es besser ist, wir lassen Gras darüber wachsen, ehe du dich
+zeigst.« Seine Frau benützte die Gelegenheit, um über meine »mißglückten
+Pläne«, meinen »bestraften Ehrgeiz« kleine bissige Bemerkungen zu
+machen, so daß ich erleichtert aufatmete, als ich im Zuge nach
+Königsberg saß.
+
+Mit einer Zärtlichkeit, die mir noch inniger schien als früher, und die
+das einzige war, wodurch Großmama mir ihr Wissen verriet, schloß sie
+mich in die Arme. Es war so still, so friedlich in ihren grünen Zimmern,
+hinter den dicken Mauern, als ob es in der ganzen Welt gar keine Stürme
+gäbe. Aber schon nach wenigen Tagen sollte ich an sie erinnert werden.
+Gleichzeitig kamen von meinen Eltern zwei Briefe an. Ich öffnete den von
+Mama zuerst -- ich fürchtete mich instinktiv vor dem anderen.
+
+»Dein Vater«, schrieb sie, »ist in einer solchen Aufregung, daß ich es
+für nötig halte, seinen Brief nicht ohne den meinen abgehen zu lassen.
+Die Versetzung nach Bromberg traf ihn wie der Blitz aus heiterem
+Himmel. Wenn sie auch gewiß keine direkte Zurücksetzung bedeutet, so
+hängt sie sicherlich mit Deiner traurigen Angelegenheit zusammen, die
+höhern Orts nicht unbemerkt und nicht ungerügt bleiben konnte. Möchtest
+Du daraus endlich die Lehre ziehen, daß Du Deine Launen und
+Leidenschaften im Zaum halten mußt, wenn Du nicht Dich und Deine Eltern
+zugrunde richten willst ...«
+
+Mit zitternden Händen riß ich Papas Brief auf. Er lautete:
+
+»Mein liebes Kind! In der Bibel steht, daß die Sünden der Väter an den
+Kindern heimgesucht werden, aber die andere bittere Wahrheit, die ich am
+eignen Leibe erfahren muß, steht nicht darin: daß die Väter für die
+Sünden der Kinder büßen müssen. Ich bin zum Chef der Landwehr-Inspektion
+in Bromberg ernannt worden, -- das ist nichts anderes als eine
+ehrenrührige Strafversetzung, die ich mit meinem Abschiedsgesuch
+beantworten würde, wenn ich nicht genötigt wäre, weiter zu dienen, um
+meine Familie zu erhalten ...«
+
+Ich konnte der Tränen nicht Herr werden, als ich Großmama die Briefe zu
+lesen gab. Mit ihrer schmalen kühlen Hand strich sie mir über die heiße
+Stirn und sagte begütigend: »Dein Vater übertreibt in der Erregung gern
+ein bißchen, mein Alixchen; es ist gewiß nicht so schlimm, wie es ihm
+erscheint, und du wirst es ihm nun auch tapfer und liebevoll tragen
+helfen.« Aber ich ließ mich nicht so leicht beruhigen. Ich schwelgte
+förmlich im selbstquälerischen Bewußtsein einer Schuld, die mir doch
+nicht als bewußte Verschuldung erscheinen konnte.
+
+»Es ist mein Schicksal, allen, die mich lieben, Unglück zu bringen --«
+so formulierte ich eines Tages Großmama gegenüber das Resultat meiner
+Grübeleien. »Das ist eine kindliche und -- was schlimmer ist -- alle
+Kräfte lähmende Auffassung,« antwortete sie: »tragische Heldinnen
+solcher Art gibt es nur in Schicksalstragödien, die auch als Kunstwerke
+nichts taugen.«
+
+Mit einem unmerklichen Zwang, dessen Konsequenz mir erst viel später
+klar wurde, lenkte sie mich von der Beschäftigung mit mir selber ab.
+
+Sie hatte einen Kinderhort ins Leben gerufen, wo die noch nicht
+schulpflichtigen Kleinen unter Aufsicht einer alten Frau aus dem Dorfe
+spielten und in die ersten Begriffe der Reinlichkeit eingeweiht wurden.
+Großmama brachte täglich ein paar Stunden unter ihnen zu und saß, wie
+eine Erscheinung aus anderer Welt in ihrem schwarzen Sammtkleid auf
+erhöhtem Sitz, mit den feinen Fingern Papierpuppen ausschneidend,
+während sie den Flachsköpfen, die sie dicht umdrängten, Märchen
+erzählte. Dazwischen flocht sie manchem Ruschelkopf die Zöpfe, oder
+putzte ein triefendes Näslein, oder wusch ein paar gar zu schmutzige
+Pfötchen. Was sie mit freundlichem Gleichmut tat, das kostete mir viel
+Selbstüberwindung. Diese Kinder straften die beruhigend-sentimentale
+Auffassung von der blühenden ländlichen Jugend Lügen. Nur wenige waren
+rund und pausbäckig und körperlich fehlerlos. Die meisten wackelten
+mühsam auf krummen Beinchen daher, an Ausschlägen an Kopf und Körper, an
+triefenden Augen litten viele, selbst Krüppel fehlten nicht, und mit
+Schmutz und Ungeziefer waren fast alle behaftet. Manche unter ihnen
+stierten mit verblödeten Blicken ins Leere, oder saßen stundenlang auf
+demselben Fleck, wie lebensmüde Greise. Andere, laute und lärmende,
+führten Worte im Munde, deren Sinn, den ich erst allmählich erriet, mir
+die Schamröte in die Wangen trieb. Ob es ihnen wirklich irgend etwas
+nutzen konnte, daß sie hier während ein paar Kinderjahren vom inneren
+und äußeren Schmutz ein wenig gereinigt wurden?! dachte ich bei mir und
+wurde in meiner Vermutung bestärkt, wenn sich ihre eigenen Mütter immer
+wieder über die gesundheitsschädliche Anwendung zu vielen Wassers
+beklagen kamen.
+
+»Und wenn wir nichts weiter erreichten, als ihnen ein paar fröhliche
+Stunden schaffen und für ihr ganzes späteres Leben die wohlige
+Erinnerung an etwas Sonnenschein -- so ist das genug,« sagte Großmama.
+
+Wir gingen auch ins Dorf und besuchten die Insten. Mit unheimlicher
+Regelmäßigkeit wiederholte sich dabei stets dasselbe: Frauen empfangen
+uns, oft kaum dreißigjährig und schon mit grauen Haaren, schlaffen
+Brüsten und runden Rücken, Greisinnen unter ihnen, zahnlose, mit tausend
+Falten in der Pergamenthaut, aber nur hie und da blühende junge Mädchen.
+Die gingen alle in die Stadt, in den Dienst oder in die Fabrik, und
+brachten, wenn sie heimkamen, vaterlose Würmchen mit, die die alten
+Eltern schlecht und recht aufziehen mußten. Immer warens dieselben
+Klagen, die uns entgegenschollen: der Vater, der Gatte, der Sohn
+vertrank die paar Groschen Verdienst und lohnte Weiber und Töchter
+obendrein mit Schlägen, wenn Schmalhans zuhause Küchenmeister war.
+
+Nicht weniger als drei Schankwirte machten sich in Pirgallen die Gäste
+streitig. Der scharfe Geruch von Fusel, schlechtem Tabak und
+Menschenschweiß, der in ihren Räumen klebte, ließ mir vor Ekel den Atem
+stocken, und doch war der Aufenthalt dort noch besser, als in der
+Stickluft der Häuser, zwischen lärmenden Kindern und keifenden Frauen.
+Mich grauste vor jedem Trunkenbold, -- jetzt fing ich an, ihn zu
+verstehen. Vergebens hatte Großmama bei ihrem Sohn die Einrichtung von
+Leseabenden, die Einführung guter Bücher für Pirgallens Bewohner zu
+erreichen gesucht, damit sie den Weg ins Wirtshaus seltener fänden. »Das
+hieße Bedürfnisse wecken, die schließlich zur Landflucht treiben,« war
+seine Antwort gewesen.
+
+Nur weiter draußen, wo die Häuser der Fischer einsam am Haffstrand lagen
+und die grauen Wellen jetzt im März noch Eisschollen auf ihrem Rücken
+trugen, lebten die Familien nach uraltem Brauch friedlich zusammen. Die
+kurze Pfeife in Mund, flickte der Hausvater die Netze, und die Hausfrau
+saß am Webstuhl, schweigsam wie er. Kam der Feierabend, so las der Alte
+aus der vergriffenen Bibel mit schwerer, eintöniger Stimme, und ein
+Gebet schloß den Tageslauf. Und doch kam mirs hier unheimlicher vor als
+im Dorf. Hier herrschte noch mit eiserner Strenge das Gesetz der
+Unterordnung der Kinder unter den Willen der Väter. Jeder Wunsch in die
+Ferne wurde erstickt, zerprügelt, jede lebenswarme Freude starb, wenn
+sie hier in die Türe trat.
+
+Wir kamen nie mit leeren Händen, der Dank war immer ein
+überschwenglicher, der nicht im Verhältnis zur Gabe stand. Mochte er nun
+von Herzen kommen oder verlogen sein, mir war er gleich unerträglich.
+Großmama meinte, daß ich durch sein Abwehren beleidigend wirkte.
+
+»Ich kann nicht anders, Großmama,« sagte ich, »wenn ich der armen Lene
+eine Suppe bringe, so schäme ich mich, daß ich mich am liebsten vor ihr
+verstecken möchte. Warum in aller Welt bin ich nicht die Lene?!«
+
+»Daß du es besser hast, mußt du mit besser sein vergelten,« entgegnete
+sie ernst. Meine Empfindung aber steigerte sich nur. Das Rätsel des
+Elends in der Welt und seine Unlösbarkeit richtete sich riesengroß vor
+mir auf, ein Felsentor mit schwarzer Eisenpforte. Rostflecke bedeckten
+sie und Blut klebte an ihr, -- Zeichen der vielen, die an ihr rüttelnd
+vergebens Eingang verlangt hatten. Niemand besaß den Schlüssel, und der
+Glaube, der über sie hinwegträgt zu sonnigen Welten jenseitiger
+Vergeltung, war mir verloren gegangen.
+
+Abends lasen wir miteinander, Großmama und ich. Die stenographischen
+Berichte der Reichstagsverhandlungen, die sie durch ihren Sohn
+regelmäßig erhielt, bildeten damals ihre Lieblingslektüre. Mich
+langweilten sie zunächst schrecklich, ich verstand ja nicht einmal das
+ABC der Sache. Daß Bismarck, den wir alle wie einen Halbgott verehrten,
+sich mit der ganzen Leidenschaft seiner Sprache, dem ganzen Gewicht
+seiner Persönlichkeit für etwas, meiner Empfindung nach so
+Untergeordnetes, wie das Branntweinmonopol ins Zeug legte, kam mir
+komisch, ja fast verächtlich vor. Erst als Ende März die Frage der
+Verlängerung des Sozialistengesetzes auf der Tagesordnung stand, wuchs
+mein Interesse mit der dramatischen Bewegtheit der Verhandlungen.
+
+Meine Großmutter war von je her eine Gegnerin aller Ausnahmegesetze
+gewesen, mochten sie sich nun gegen Polen oder gegen Sozialdemokraten
+richten. »Sie schaffen nur Märtyrer, und Märtyrer werben Scharen von
+Proselyten,« pflegte sie zu sagen; aber sich mit Söhnen oder
+Schwiegersohn, denen keine Maßregel gegen die Umstürzler energisch genug
+war, darüber auseinander zu setzen, hatte sie längst aufgegeben. Mir
+selbst ging es in bezug auf die Sozialdemokratie, wie den meisten
+Menschen in bezug auf die Religion: ich hatte noch nie über sie
+nachgedacht, ich vermochte es kaum, weil gewisse dogmatische
+Anschauungen sich mir von klein auf als etwas Selbstverständliches
+eingeprägt hatten, ohne daß mein Glaube daran ein irgendwie lebendiger
+gewesen wäre. Sozialdemokraten sind Verbrecher, auf deren
+ungeschriebenen Tafeln der Königsmord zum Gesetz erhoben wird; sie sind
+gemeine Lüstlinge, die ein Leben niedrigster Genüsse zum Ziel alles
+Strebens machen; sie sind Volksverführer und Betrüger, die, wo es ihren
+Vorteil gilt, die Ideale der Freiheit und Brüderlichkeit im Munde
+führen, -- nie hatte ich etwas anderes gehört, noch nie war mir ein
+Zweifel an diesen traditionellen Auffassungen in den Sinn gekommen. Die
+kalte Atmosphäre der Ideallosigkeit, in der auch die Religion zu Eis
+erstarrte, und die die Lebensluft der Kreise war, in denen ich lebte,
+ließ mich immer stärker frösteln, je älter ich wurde, und steigerte
+meine Sehnsucht nach einem heißen Sonnenland des inneren Lebens, wo
+Hoffnungsblumen noch wachsen können. Die Sozialdemokratie, die auf
+unseren alten Kaiser die Mordwaffe gerichtet hatte, die das Vaterland
+ständig beschimpfte, die Familie zerstören, die Frauen zum Gemeingut
+machen wollte, erschien mir wie die letzte Entwicklungsphase der
+Vereisung. Es gab daher Augenblicke, wo ich meinem Vater und meinem
+Onkel mehr beipflichtete als meiner Großmutter und deren Wunsch, »die
+infamen Kerls an den Laternenpfählen aufzuknüpfen«, mich nicht empörte.
+
+Mit steigendem Staunen las ich jetzt die Debatten. Als der Minister von
+Puttkamer, -- der mir als kirchlicher Reaktionär schon unangenehm genug
+war, -- die gegen die Übermacht reicher Fabrikanten um ihr Brot
+kämpfenden belgischen Kohlenarbeiter, von denen damals die Presse voll
+war, als Beispiel jener »sozialrevolutionären Bewegung« hinstellte, der
+die deutsche Regierung »mit niederschmetterndem Widerstand begegnen«
+würde, frappierte mich diese Identifizierung armer darbender Arbeiter
+mit den deutschen Sozialdemokraten außerordentlich, und als Bebel
+antwortete, vergaß ich über alledem, was er sagte, die Person des
+Redners. Daß der Übermut der durch die Arbeit der Armen reich gewordenen
+belgischen Fabrikanten und die Unterstützung, die die Regierung ihnen
+angedeihen ließ, indem sie mit militärischer Gewalt wie gegen
+Vaterlandsfeinde gegen die Bergarbeiter vorging, die revolutionäre
+Bewegung hervorgerufen hätte, -- hervorrufen mußte, weil Menschen auf
+die Dauer keine stumpfsinnigen Sklaven sind, ebenso wie die Herrschaft
+der Knute in Rußland notwendig den Meuchelmord zeugte, -- das alles
+wirkte auf mich mit der Selbstverständlichkeit eigenster Gedankengänge,
+und mich empörte die versteckte Absichtlichkeit, mit der dem Redner die
+Worte im Munde verdreht wurden und seine politischen Gegner ihm immer
+wieder unterstellten, er habe den Mord verherrlicht. Ich fiel erst
+wieder -- und recht empfindlich -- aus den Himmeln meiner Begeisterung,
+als Stöcker von den elenden Löhnen Berliner Mäntelnäherinnen sprach, und
+Singer, der Parteigänger Bebels, der sich mir eben als Vertreter aller
+Unterdrückten offenbart hatte, dem persönlichen Vorwurf, daß er selbst
+durch solche Löhne reich geworden sei, nur mit lahmen Ausreden
+begegnete.
+
+»Es ist wie bei den Predigern des Christentums,« sagte ich, wie immer
+rasch verbittert durch eine Enttäuschung, zu Großmama, »richtet euch
+nach meinen Worten, aber nicht nach meinen Taten.« Und erheblich
+ernüchtert las ich weiter. Aber schon wenige Seiten später schlug meine
+Empfindung abermals um, -- es war eben nur Empfindung, die sich wie
+Sommerfäden vom Winde hin und her treiben ließ, weil sie nicht zwischen
+die festen Pfeiler der Erkenntnis gesponnen war. Ein konservativer
+Redner verlas ein Zitat aus dem Kommunistischen Manifest, wonach die
+Weibergemeinschaft eines der Postulate der Sozialdemokratie wäre. Aus
+Liebknechts Erwiderung ergab sich, daß es sich auch diesmal um eine
+gegnerische Fälschung handelte. Seinem ganzen Inhalt nach gab er das
+Manifest wieder. Ich faßte nur auf, was mich am tiefsten traf: die
+Forderung einer von ökonomischen Rücksichten vollkommen losgelösten Ehe.
+Wurde nicht hier die Standarte eines Ideals aufgerichtet, das die ganze
+christliche Zivilisation nicht nur nicht verwirklicht, sondern mehr und
+mehr in den Staub getreten hatte?!
+
+Ich sprach mit Großmama darüber.
+
+»Das ist das Verdienst der Sozialdemokratie,« sagte sie, »über das man
+manche ihrer Sünden vergessen könnte, daß sie alte wahrhaft christliche
+Ideale in ein neues Kleid gesteckt hat und die Menge glauben läßt, es
+handle sich auch um neue Körper. Aber eine Verwirklichung kann sie
+trotzdem nicht dekretieren. Jahrhunderte einer christlichen Erziehung
+und Gesetzgebung gehören dazu. Sieh dir doch hier einmal die Menschen
+an. Schon die Verwirklichung einer uns so geläufigen Forderung, wie die
+des allgemeinen Stimmrechts, erscheint angesichts ihrer verfrüht. Oder
+meinst du, daß es zum Besten der Menschheit ist, wenn die Mehrheit, d. h.
+heute noch die Schlechten, die Dummen und Rohen, an ihrer Spitze
+stehen?« Ich verstummte vor diesem Argument: unsere betrunkenen
+Instleute -- entscheidende Faktoren in Fragen der Kulturentwicklung, das
+war zweifellos absurd.
+
+Von Disraelis »Sybil« und Zolas »Germinal« hatte Liebknecht in derselben
+Rede gesprochen. Wir lasen daraufhin beides: das schwächliche Werk des
+Engländers, das nur darum erstaunlich war, weil ein Premierminister sich
+so offen auf die Seite der »schwarzen Arbeiter« hatte stellen können,
+und den Roman des Franzosen, der mir täglich neue Schauer des Entsetzens
+über den Rücken jagte, dessen fürchterliche Bilder mich bis in meine
+Träume verfolgten. Ich sah die Maheude auf dem Schlachtplatz vor dem
+Schacht neben dem toten Mann im schwarzen Schlamme sitzen und Katherine
+und Etienne tief in der dunkeln Grube, wo gurgelnd das Wasser höher und
+höher an ihnen emporstieg, und der Hunger mit kalten Knochenfingern
+ihren Leib zusammen schnürte, während der gedunsene Leichnam des
+gemordeten Rivalen wieder und wieder von den Wellen zu ihnen empor
+getragen wurde; -- aber fürchterlicher, als all diese Bilder, haftete
+ein anderes unauslöschlich in meinem Gedächtnis: jener grauende Morgen,
+an dem sich vor dem wieder geöffneten Schacht scheu und gebückt, still
+und demütig all die zusammen fanden, die eben noch für ihre Freiheit
+Leib und Leben eingesetzt hatten. »Was willst du -- ich hab ein Weib!«
+sagten sie müde, »ich habe Kinder -- eine Mutter -- mich hungert;« und
+die Maheude, die Furie des Aufstands, zählte schon die Jahre ihrer
+Jüngsten, bis auch sie reif wären zur Einfahrt, -- »sie tragen alle ihre
+Haut zu Markte, die Reihe kommt auch an sie!« -- Daß es Hunger und Not
+und Elend gab, -- entsetzlich war es; entsetzlicher noch, daß die
+Menschen es ertrugen.
+
+Inzwischen war über Nacht mit all seiner Herrlichkeit der Mai ins Land
+gezogen, und vorbei wars mit der Stille in Großmamas grünem Zimmer. Ihr
+Sohn und die Seinen kehrten heim, und ein Taubenschlag war aufs neue das
+alte Schloß von Pirgallen. Ich wars zufrieden; ein Netz von Schwermut
+schnürte mir den Atem ein, leer, zweck- und ziellos erschien mir das
+Leben, und alle Mittel versagten, um mir selbst zu entfliehen.
+
+»Ich habe in letzter Zeit wieder so unter den einsamen Grübelstunden
+gelitten und war so am Ende alles Denkens angelangt,« schrieb ich an
+meine Kusine, »daß der Trubel der Gefälligkeit gerade zur rechten Zeit
+kam; ich muß in diesem betäubenden Meer des Vergebens wieder
+untertauchen, um nicht zu sterben vor Melancholie.« Und ein paar Wochen
+später: »Wenn man mit sich und der Welt so zerfallen ist wie ich, so ist
+es das Beste, nicht zur Besinnung zu kommen. Ich genieße das Leben, so
+lange ich jung bin und man mir huldigt, und betäube die warnenden
+Stimmen im Innern. Ich reite, ich rauche, ich bin kokett, ich mache
+extravagante Toiletten und erlaube mir Dinge, die man zu verdammen
+pflegt, -- aber ich würde mir auch nichts daraus machen, wenn ein Sturz
+vom Pferde, ein Umschlagen des Kahns dem dummen Spaß ein Ende machen
+würde.«
+
+Mit einer gewissen kalten Neugier beobachtete ich meine steigende
+Anziehungskraft auf die Männer. Ihre Huldigungen wurden mir mehr und
+mehr zum Bedürfnis; von ihrer Glut sprangen warme Wellen zu mir hinüber,
+die mir zuweilen die Wohltat eigenen Feuers vortäuschten.
+
+An meinem Geburtstagsabend, nach einem durchtanzten und durchspielten
+Tag, an dem ich mir aus lauter Angst, an die Vergangenheit denken zu
+müssen, keinen Augenblick Ruhe gegönnt hatte, schrieb ich an Mathilde,
+die sich gerade im Harz befand und mich dringend in die »Stille der
+Bergwelt« eingeladen hatte: »Die Stille mag gut sein für den, der sich
+gern erinnert, unsereins braucht die ewig knarrende Tretmühle des
+Amüsements. Aber grüß mir immerhin den Harz; seine Berge sind freilich
+Kinderspielzeug, seine Felsen eines nichtsnutzigen Engels schlechte
+Kopien von Gottvaters Wunderwerken, aber er hat einen Vorzug: die nahe
+Beziehung zur Hölle, nach der ich ein unbändiges Verlangen trage. Wenn
+der Teufel auf dem Brocken seinen Repräsentationsball gibt, sag ihm, er
+soll mich nicht vergessen. Er wird dir dankbar sein für deine
+Kupplerdienste, -- ich bin momentan geradezu eine Delikatesse für ihn.«
+
+Wir siedelten bald darauf nach Kranz über, wo mein Onkel eine geräumige
+Villa dicht am Strand gemietet hatte. Das reizende Seebad
+war überschwemmt mit dem Adel Ostpreußens, und mit jener
+Selbstverständlichkeit aller Bevorrechteten, die sich unbewußt immer als
+Mittelpunkt des Weltganzen fühlen und die übrige Menschheit nicht anders
+ansehen als ihre Kammerdiener, vor denen man sich auch ungeniert gehen
+lassen kann, dominierte unser großer lustiger Kreis überall: wir nahmen
+die besten Plätze ein, die besten Schiffe beanspruchten wir, und wir
+dachten nicht im entferntesten an die Ruhebedürftigkeit anderer
+Badegäste, wenn wir bis tief in die Nacht hinein im Kursaal tanzten und
+vom Strand aus prasselnde Feuerwerke gen Himmel steigen ließen. Unsere
+alten Herren saßen bei Regen und Sonnenschein beim Skat und kümmerten
+sich wenig um uns, so daß die Jugend sich doppelt des Lebens freute. Ein
+kleiner Graf, den wir, wegen seiner frappanten Ähnlichkeit mit den
+dünnen Spieläffchen aus Seide, den Chenille-Grafen getauft hatten, gab
+den Ton an. Er war häßlich, aber ungemein gewandt und graziös, seine
+Schlagfertigkeit, sein beißender Witz, der nicht frei von Zynismus war,
+seine chevalreske Art Damen gegenüber, die einen Stich von Impertinenz
+besaß, seine vielseitige künstlerische Begabung, die überall im
+leichtfertigen Dilettantismus stecken geblieben war, machten ihn in
+diesem Kreis zu einer nicht alltäglichen Erscheinung. Eine »Partie« war
+er nicht; er konnte sich daher onkelhafte Freiheiten gestatten, und für
+mich, die ich, wie er, nichts suchte als Amüsement, war er der gegebene
+Kavalier.
+
+Eines abends -- wir saßen wie gewöhnlich im Sande und spielten
+Pfänderspiele -- mischte sich ein neuer Gefährte in unseren Kreis: Graf
+Göhren. Er erschien mir sofort als des lustigen Chenille-Grafen direktes
+Widerspiel, gemessen in den Bewegungen, etwas ungeschickt sogar,
+ernsthaft, ein wenig verlegen. Wie ein guter, treuer Pinscher sah er
+aus, mit runden erstaunten Augen. Mich genierte seine Anwesenheit, ich
+wußte nicht recht, warum. Es fügte sich in den folgenden Tagen, daß wir
+uns näher kennen lernten, und als wir einmal auf einem Spaziergang in
+den Dünen vor einem Gewitter die Flucht ergriffen und, von der übrigen
+Gesellschaft getrennt, in einem verlassenen Pavillon Schutz suchten,
+legte er mit ungewöhnlich sorglicher Gebärde seinen Mantel um meine
+Schultern. Ich wurde bis ins Innerste warm dabei, -- es tat so wohl,
+sich unter gutem Schutz zu wissen! Abends am Strande war ich nicht recht
+bei der Sache und horchte erst auf, als der Chenille-Graf mit einer
+Gitarre unter dem Arm auf mich zu trat. »Nun hab ich für Ihr Lied die
+Melodie gefunden, Gnädigste,« sagte er, »wenn wir das anstimmen, kriegen
+die Kranzer eine Gänsehaut vor Entsetzen.« Mein Lied?! Ach so! -- vor
+ein paar Tagen hatte er mein Notizbuch gefunden, und keck, wie er war,
+zum Lohn ein Gedicht begehrt, daß er darin entdeckt hatte. »Darf ich es
+sehen?« frug Graf Göhren. Seine Stirn runzelte sich, als er es las. »Sie
+werden es nicht singen lassen« -- sagte er darnach mit scharfer Betonung
+zu mir gewandt. »Erlauben Sie, lieber Graf,« warf der andere lächelnd
+ein: »Fräulein von Kleve hat sich des Rechts darüber schon begeben.« --
+»Es bleibt trotzdem ihr Eigentum, und ich versichere Sie, daß es
+niemand anders hören wird --«. Graf Göhrens Stimme nahm einen drohenden
+Klang an, die Situation wurde kritisch. Mir stieg das Blut zu Kopf, --
+mit welchem Recht verfügte dieser Mann über mich?! Da sah der
+Chenille-Graf mich mit seinem bezauberndsten Lächeln und einem kecken
+Blinzeln seiner kleinen stechenden Augen an: »Ich beuge mich
+selbstverständlich, wie immer, dem Willen der Dame«, -- und
+herausfordernd griffen seine schmalen gebräunten Finger in die Seiten
+der Gitarre. »Sie brauchen wirklich nicht um mein Seelenheil besorgt zu
+sein; Graf Göhren,« spottete ich, »wenn mein Lied Sie chokiert, steht es
+Ihnen frei, nicht zuzuhören!« Mit kurzer Verbeugung reichte er mir das
+Papier. Es hatte zu dämmern angefangen, und unsere Gefährten strömten
+von allen Seiten zum gewohnten Platz. Eine Bowle, ein paar Torten, das
+Ergebnis einer verlorenen Wette, wurden von der Strandkonditorei
+herunter getragen, -- »und nun kommt das Beste!« rief der Chenille-Graf,
+»unser künftiges Bundeslied:«
+
+ »Stoßt an mit mir! Füllt wieder die Pokale,
+ Es schäumt der Wein, schäumt wie des Lebens Lust;
+ Ein heitrer Sinn ziemt diesem Göttermahle.
+ Im Fieber schlägt das Herz uns in der Brust,
+ Laßt uns, damit die Sorgen uns versinken,
+ Trinken!«
+
+Die Herren im Kreise wiederholten den Refrain, die Damen schwiegen.
+
+ »Lind ist die Nacht, es duften süß die Rosen,
+ Heiß ist der Mund, der sich auf deinen preßt;
+ Noch ist es Zeit, zu lieben und zu kosen,
+ Noch sei ein jeder Augenblick ein Fest.
+ Laßt uns, so lang die Sommerblumen sprießen
+ Genießen!«
+
+Auf der Strandpromenade hinter uns sammelte sich das Publikum. Von einer
+flackernden Laterne matt erhellt, sah ich Göhrens Gesicht mitten
+darunter, und ihm zum Trotz stimmte ich als einzige unter den jungen
+Mädchen, deren Wangen sich vor Verlegenheit mehr und mehr röteten, in
+den Refrain ein.
+
+ »Es braust das Meer, das Schiff schwankt auf und nieder,
+ Helljubelnd grüßen wir den Wellenschaum,
+ Der Sturm singt uns das schönste aller Lieder
+ Und wiegt uns ein zu wild-bewegtem Traum --
+ Was ist das Ende, wenn die Wellen branden? --
+ Stranden!«
+
+Mit einem Akkord fanatischer Lebensfreude, der mir in seiner grellen
+Dissonanz zu den Worten schmerzhaft ins Herz schnitt, schloß der Sänger.
+Man drängte sich um uns, die Gläser klirrten aneinander, ich hob das
+meine noch einmal hoch empor wie zum Gruß an den mißgünstigen Zuschauer,
+der unter der Menge verschwand.
+
+»Du hast dir wiedermal eine der besten Partien verscherzt,« sagte Onkel
+Walter am Morgen ärgerlich zu mir; »Graf Göhren ist abgereist.« Ich
+zuckte gleichgültig die Achseln. »Du solltest zufrieden sein, wenn
+überhaupt noch irgendwer ernsthafte Absichten hat, nach dem Skandal mit
+--.«
+
+»Ich bitte dich, dies Thema ein für allemal unberührt zu lassen,«
+unterbrach ich ihn heftig, »im übrigen erkläre ich dir: lieber gehe ich
+betteln, als daß ich mich verkaufe.«
+
+Onkel Walter wurde dunkelrot. »Mäßige dich, ja?« herrschte er mich an,
+dann zuckte ein bitteres Lächeln über seine sonst so gemessen
+beherrschten Züge: »Glaubst du, daß irgend einer von uns seinem Herzen
+hat folgen können?!« Überrascht sah ich auf -- welch Licht fiel
+plötzlich auf das Glück von Pirgallen?!
+
+Im Spätherbst besuchte ich Großmama noch ein paar Tage, um dann zu
+meinen Eltern nach Bromberg überzusiedeln. Die letzten Monate
+krampfhaften Lebens waren wie der Sturm gewesen, der dem noch immer vom
+Sommer sehnsüchtig träumenden Baum die letzten Blätter entreißt. Sonst,
+wenn michs fröstelte vor dem nahenden Winter, gaukelte meine treue
+Gefährtin Phantasie mir immer neue lachende Frühlingsbilder vor, und
+meine junge, starke Hoffnung hielt sie gläubig fest. Jetzt sah ich mich
+vergebens um nach den beiden. In jener Nacht, da mein Herz gestorben
+war, hatten sie mich wohl verlassen. Sie bleiben nur Lebendigen treu.
+
+»Ist es nicht merkwürdig, daß Ihr alle meinen Leichnam für mich selbst
+halten könnt?!« schrieb ich an meine Kusine, »oder meinst Du, ich lebte,
+nachdem ich mit vollen Segeln ins Leben hinaus fuhr, um eine neue Welt
+zu entdecken, und nun mitten auf dem Ozean treibe und nichts gefunden
+habe als das ewige Einerlei der Wogen! -- -- -- Nur um eine Einsicht bin
+ich inzwischen reicher geworden: daß das Glück, nach dem wir ein so
+unbändiges Verlangen tragen, nichts ist als Betäubung. Betäube durch
+Arbeit, Vergnügen, Liebe, durch Religion und Kunst Deine Überlegung,
+betäube den Gedanken an all das Elend in der Welt, geistiges und
+leibliches, betäube die Erinnerung an selbstverschuldete Schmerzen, an
+gescheiterte Hoffnungen mit einem dieser Narkotika, und Du wirst
+'glücklich' sein. Je jünger man ist, desto leichter gehts; es ist aber
+leider wie mit dem Morphium: je mehr man seiner bedarf, desto weniger
+wirkt es ...«
+
+ * * * * *
+
+Ich ging sehr ungern nach Bromberg. Ich fürchtete mich. Vor Papas übler
+Laune, vor der Öde der Kleinstadt. Nach einer Richtung wurde ich
+angenehm enttäuscht: mein Vater war bei bestem Humor und erzählte mir
+schon in den ersten zehn Minuten des Zusammenseins, daß seine Stellung
+nicht nur eine sehr angenehme und selbständige, sondern infolge der
+anzeigenden Kriegswolken an der russischen Grenze eine höchst
+interessante wäre. Aber in bezug auf die Kleinstadt wurden meine
+schlimmsten Erwartungen übertroffen. Es gibt welche, die erfüllt sind
+von Tradition; die Giebelhäuser, die Türme, die Kirchen, die Stadtmauern
+erzählen unablässig ihre alten Geschichten, und wir träumen und
+phantasieren schließlich so gern mit ihnen, daß wir die Welt draußen
+beinah vergessen; und andere gibt es, die liegen warm und wohlig an
+breiter schützender Bergbrust, ein Flüßlein rauscht und plätschert ihnen
+zu Füßen, und ringsum breitet Mutter Natur ihr wunderlieblichstes
+Spielzeug aus, -- auch da ist gut sein für arme heimatlose Wanderer;
+aber wo Pest und polnische Wirtschaft die Häuser und Mauern zerfallen,
+die Wälder rasieren ließen und die moderne Industrie lieblos und
+gleichgültig an schnurgeraden Straßen Kasernen und Fabriken baute, da
+ist recht eigentlich die Fremde, die nie und nimmer zur Heimat wird. Daß
+der alte Fritz hier den Kanal gebaut hatte, der die Weichsel mit der
+Oder verband, daß er die Schleusen mit vielen schönen Bäumen umpflanzen
+ließ, dankte ihm jeder, der nach Bromberg verschlagen wurde, -- diese
+einzige Schönheit des Orts machte es allein möglich, hier und da frei
+aufzuatmen.
+
+Wie die Tiere sich in Form und Färbung ihrer Umgebung anpassen, so
+nehmen die Menschen allmählich die Stimmung ihres Wohnorts an. Ein
+schweres Grau lagerte daher über der bromberger Geselligkeit, selbst die
+Ballgeigen litten unter einer gewissen Apathie. Dabei tanzte man
+unermüdlich mit einem erwartungsvollen Eifer, als gelte es, das
+Vergnügen schließlich doch einzuholen. Aber es lief immer wieder davon.
+Der Flirt stand in schönster Blüte, und der Klatsch noch mehr, -- womit
+hätten sich die Leute auch sonst beschäftigen sollen?! Es wimmelte von
+Uniformen aller Art; aber selbst die schönste kavalleristische
+Farbenpracht vermochte nicht über den Talmiglanz des Lebens hinweg zu
+täuschen. Ich verkehrte viel mit jungen Frauen; zwischen mir und den
+jungen Mädchen bestand nun einmal ein gespanntes Verhältnis. »Ihr Leben
+allein widert mich an«, schrieb ich an Mathilde, »ein bißchen Musik, ein
+bißchen Malerei, ein bißchen Wohltätigkeit und unter dieser Maske der
+guten Gesellschaft entweder nichts, oder ein unklares Durcheinander von
+Romantik und unterdrückten kleinen Passionen. Nie ein starkes Gefühl,
+nie ein brennendes Interesse. O, daß ihr kalt oder warm wäret!« Die
+Frauen hatten doch einen Lebensinhalt: ihre Kinder, ihren Mann, ihre
+Häuslichkeit; freilich: Zeit, an ihre Bildung zu denken, hatten sie
+nicht. Wie viele, die abends in eleganter Toilette, Lebenslust
+heuchelnd, den Ballsaal betraten, standen vom frühen Morgen an am
+Kochherd, nur mit dem Burschen, dem gutmütigen »Mädchen für Alles« als
+Hülfe, und wuschen abends heimlich bei verhängten Fenstern die
+Kinderwäsche selbst. Zu standesgemäßer Geselligkeit verpflichtet, gaben
+sie zwei langweilig-feierliche Soupers jährlich, fasteten vor- und
+nachher, um sie möglich zu machen, und bezahlten eine große Wohnung aus
+demselben Grunde. Wenn sie aber dann, schlank und vornehm im glatten
+Schneiderkleid an der Seite ihrer eleganten, säbelrasselnden Männer über
+die Straßen gingen, folgten ihnen neidische Blicke, denn das Volk hat
+die Naivität der Kinder, die sich den König nur in Purpur und Krone, den
+Bettler nur im durchlöcherten Kleide denken können.
+
+Der aus diesem Neide geborene Groll gegen den Offizier -- einem
+männlichen Seitenstück zu dem neidischen Haß, mit dem die meisten Frauen
+jede schön Gekleidete betrachten -- war wohl noch nie so stark zutage
+getreten als damals, wo selbst der Kleinstädter, den sonst die Wellen
+geistiger Bewegungen kaum erreichten, an den parlamentarischen Kämpfen
+um das Septennat lebhaften Anteil nahm.
+
+Bromberg ist eine Industriestadt mit einer zum Teil polnischen
+Arbeiterbevölkerung. Was Uniform trug, vermied die Nähe der Fabriken.
+Als ich einmal mit meinem Vater spazieren ritt, flog über eine Mauer weg
+ein Hagel von kleinen Steinen unseren Pferden zwischen die Beine. Sie
+stiegen erschrocken und sausten dann in Karriere über die Landstraße, so
+daß mir Hut und Schleier davonflog und es ein Stück Arbeit kostete, sich
+im Sattel zu halten. Papa, der seinen Fuchs besser im Zügel hielt, war
+indessen vergebens den heimtückischen Angreifern auf der Spur gewesen;
+er konnte sich nicht fassen vor Wut, und ich hörte tagelang nichts
+anderes als sein maßloses Schimpfen auf diese »Satansbrut von
+Sozialdemokraten.« Niemand als sie waren die Attentäter gewesen, sie,
+die sich im Reichstag durch ihre Haltung gegenüber der Militärvorlage
+als Vaterlandsverräter dokumentiert hatten, -- sie, die nichts anders
+verdienten, als samt und sonders nach den Kolonien deportiert zu werden.
+
+Die Kriegswolken ballten sich gewitterdrohend zusammen. Daß sie nur in
+der Phantasie Bismarks lebten, als willkommenes Mittel, seine
+Forderungen durchzusetzen, -- das glaubten wir hier, dicht an der
+russischen Grenze, nicht. Eine Tag um Tag steigende Erregung bemächtigte
+sich unser: die jungen Offiziere strahlten in der Erwartung, daß ihr
+Leben endlich zum Ereignis werden könnte; mein Vater, der die Schrecken
+des Krieges kannte, war bei allem Ernst, mit dem er die Situation
+betrachtete, doch in gehobener Stimmung. »Soldat sein und nur Krieg
+spielen und Rekruten drillen, ist dasselbe wie Künstler sein und nichts
+als Malstunden geben,« pflegte er zu sagen. In unserer nächsten Nähe an
+der Grenze standen die Kosaken, und Woche um Woche wurden die russischen
+Garnisonen verstärkt. Mein Vater reiste nach Berlin. Wenige Tage nach
+seiner Rückkehr wurden die Weisungen von dort unheildrohender. In aller
+Stille wurden die Offiziere benachrichtigt, beizeiten für rasche
+Entfernung ihrer Familien zu sorgen; kam es zur Kriegserklärung, so
+konnten die russischen Reiter in wenigen Stunden mitten in Bromberg
+sein. Mein Vater, der im Kriegsfall zum Kommandanten der wichtigsten,
+weil der feindlichen Grenze am nächsten liegenden Festung Thorn bestimmt
+war, bereitete seine Equipierung bis in alle Einzelheiten vor, wir
+verpackten Silber und Schmuck, stellten die Koffer bereit; denn
+möglicherweise galt es, binnen wenigen Stunden die Stadt zu verlassen.
+
+Da der Kriegslärm auch an der Westgrenze des Reichs immer lauter wurde,
+konnte darüber kein Zweifel sein: kam es zur Explosion dieses massenhaft
+angesammelten Zündstoffs, so war es ein Weltkrieg, an dessen Schwelle
+wir standen.
+
+Bismarcks fulminante Rede, sein Appell an die Deutschen, die Gott
+fürchteten und sonst nichts in der Welt, -- die Ablehnung des Septennats
+und die Auflösung des Reichstags steigerten die fieberhafte Erregung, in
+der wir alle lebten. Zum erstenmal verfolgte ich mit brennendem
+Interesse die Wahlkämpfe und begrüßte freudig den Sieg der
+Vaterlandsfreunde über die Sozialdemokraten, die uns wehrlos den Feinden
+hatten überliefern wollen.
+
+Als aber dann der Kriegslärm so merkwürdig plötzlich verstummte und all
+das glühende Feuer patriotischer Begeisterung nur da zu sein schien, um
+die Gerichte gar zu kochen, die Bismarck dem Reichstag vorsetzte, war
+ich rasch ernüchtert.
+
+»Droben auf der kurischen Nehrung gibt es unheimliche Berge von Sand.
+Sie wandern. Und immer wieder pflanzen die Menschen junge Bäumchen in
+den Boden, und so oft auch der gelbe Mörder über Nacht wieder kommt und
+das grünende Leben verschlingt, -- sie hoffen stets aufs neue, daß die
+Wurzeln ihrer Pflänzlein die Erde umklammern und festigen werden. --
+Unser Zeitalter ist wie die Dünen auf der Nehrung: es duldet nichts
+Grünes. Vernünftige Leute werden darum meine Dummheit verlachen, die
+mich zwingt, Hoffnungsbäume hineinzusetzen und sie noch dazu mit der
+Treibhausluft meiner Begeisterung zu umgeben ... Man will nivellieren,
+und es ist, als ob man nach dem Maßstab des kleinsten Baumes einen
+ganzen Wald zurechtstutzen wollte. Die alten Ideale hat man zerstört --
+schon das Wort 'ideal' entlockt den meisten ein mitleidiges Lächeln --
+und hüllt sich nur hinein, wie Schauspieler in die Toga der Gracchen, um
+dem Pöbel weiß zu machen, man wäre ein echter Volkstribun.
+
+Man jagt nach Bildung im Theater, in Ausstellungen, auf Reisen, in der
+Lektüre, nicht um Kopf, Herz und Seele zu weiten, sondern um seinen
+kritischen Witz vor den Leuten leuchten zu lassen. Man nahm uns
+Genußfähigkeit und gab uns Spottsucht dafür, wie man den Kindern aus
+'Anstandsgefühl' Götterbilder verhüllt und ihnen die Trikotnacktheit des
+Ballets statt dessen zeigt. Und dabei verhungern wir im stillen nach
+dem, was die notwendigste Speise unseres inneren Menschen ist: nach
+geistigem Genuß, nach dem Glauben an ideale Güter. Noch schämen wir uns
+dieses Gefühls, noch haben wir nicht den Mut zu uns selbst, aber wenn
+ich auch in einem Käfig lebe, so spüre ich doch die Luft, die draußen
+weht, und mir ahnt in jenen lichtesten Momenten des Lebens, die die
+vernünftigen Leute phantastische Nachtstunden nennen, daß junge kräftige
+Bäume den Flugsand doch noch fesseln und ihre toten Brüder an ihm
+rächen werden.«
+
+Dieser Brief trug mir eine lange Moralpredigt von der Empfängerin,
+meiner Kusine, ein; sie gehörte auch zu den 'vernünftigen' Leuten, und
+schon längst hatte unsere Korrespondenz den Charakter des
+Gedankenaustausches vollkommen eingebüßt. Daß ich jemanden hatte, dem
+gegenüber ich mich rückhaltlos aussprechen konnte, war aber für mich
+Grund genug, sie aufrecht zu erhalten. Auf meiner Reise nach
+Süddeutschland, die ich, der Einladung von Tante Klotilde folgend, schon
+im Mai des Jahres 1887 antrat, hielt ich mich in Magdeburg eine Woche
+bei Mathilde auf. Ich wäre am liebsten schon nach dem ersten Tage
+abgereist: eine Häuslichkeit, wo die Armut in jedem Winkel zu hocken
+schien und einen stillen siegreichen Kampf mit der Vornehmheit kämpfte,
+die verschüchtert durch die Räume schlich; ein von des Lebens Not
+gezeichneter, in der muffigen Luft der Bureaus ständig mit seiner
+Sehnsucht nach der freien Natur ringender Vater, der mit verbissenem Haß
+alles verfolgte, was reich, was glücklich war; die Mutter, die trotz
+ihrer drei Kinder alle bösen Zeichen vergrämter Altjungfernschaft an
+sich trug; die Söhne, geistig verkümmert, durch die Schultyrannei um
+jeden Rest von Jugendfrohsinn gebracht; die Tochter, meine Freundin,
+blaß, müde, mit Mädchenfreundschaften, Gesangvereinen, und
+Sonntagsschularbeit mühselig ihren Lebenshunger stillend, -- daß es
+dergleichen gab, daß sich solch ein Dasein ertragen ließ!
+
+In München traf ich meinen Vater. Wir reisten zusammen nach Augsburg,
+einem schweren Augenblick entgegen. Sein Bruder Arthur, mit dem er sich
+seit vielen Jahren, wegen seiner Heirat mit einer Tänzerin, überworfen
+hatte, war seit kurzem, nach dem Tode seiner Frau, zu seiner Schwester
+gezogen, und diese wünschte eine Versöhnung der Brüder. Mit jener
+Bereitwilligkeit, die mein sonst so starrköpfiger Vater seiner Schwester
+gegenüber stets an den Tag legte, hatte er sich ihrem Willen gefügt. Wie
+schwer es ihm wurde, merkte ich an seiner Aufregung. Es kam auch nur zu
+einer konventionellen Verkleisterung des Bruchs, einem höflichen
+Händedruck, einem taktvollen Nebeneinanderhergehen. Ich wäre über diesen
+von mir nicht erwarteten friedlichen Ausgang der Dinge sehr erfreut
+gewesen, wenn der Zorn über die Art, wie meine Tante meinen Vater
+behandelte, und wie er sich von ihr behandeln ließ, mich nicht immer
+wieder übermannt hätte. Wie an einem Schulbuben nörgelte sie den ganzen
+Tag an ihm herum, und schmeichelte in einem Atem dem anderen Bruder. Das
+Zivil meines Vaters mißfiel ihr -- man sah ihm immer an, wie unbehaglich
+ihm darin zumute war --, wie bewundernswert war dagegen Arthurs Eleganz!
+Sie spottete über seine zunehmende Körperfülle, -- welch jugendliche
+Schlankheit hatte Arthur behalten! Sie verfügte rücksichtslos über seine
+Zeit, ordnete sich selbst dagegen immer den Wünschen Arthurs unter. Sie
+hatte ihr Haus seinetwegen auf den Kopf gestellt, ihre Möbel ausgeräumt,
+um den seinen Platz zu machen, und mit einem liebenswürdigen Egoismus,
+der ihren brutalen übertrumpfte, spielte er den Herrn im Hause. Hatte
+sich mein Vater den ganzen Tag ihren Launen gefügt, so hörte ich durch
+die Tür, wie er sich nachts stöhnend im Bett hin und her warf. Eines
+Morgens saß ich im Gartenpavillon, als er, anscheinend in heftigem
+Wortwechsel, mit der Tante draußen vorüber ging. »Ich bin nicht dazu da,
+euren Aufwand zu bestreiten,« sagte sie, »es sollte dir wahrhaftig
+ausreichend sein, daß ich dich in deiner Tochter so bevorzuge.« -- »Wenn
+ich mich nur darauf verlassen könnte,« stieß er hervor. »Ich breche mein
+Versprechen nicht -- Gott soll mich vor der Sünde bewahren,« antwortete
+sie laut und fest. Sie gingen weiter. Nach geraumer Weile kehrten sie
+denselben Weg zurück. Die Tante hatte den Arm in den ihres Bruders
+gelegt. Sie sprachen friedlich, fast zärtlich miteinander. »So werd' ich
+einmal ruhig sterben können,« sagte mein Vater mit weicher Stimme, »bis
+übers Grab hinaus will ich dir dankbar sein, Klotilde!«
+
+Milder und gefügiger als je war er in den folgenden letzten Tagen seines
+Augsburger Aufenthalts, er schien kaum zu merken, mit welch satanischer
+Freude sie die Situation ausnützte. Ich aber suchte ihm mit allen
+Mitteln der Liebe und Zärtlichkeit das Leben zu erleichtern, so daß er
+mich oft verwundert ansah und lächelnd sagte: »Ja, was ist denn das mit
+dir? So was hat dein alter Vater an seinem Töchterlein ja noch gar nicht
+erlebt?!« Meinem Onkel ging ich aus dem Wege, die Tante haßte ich fast.
+
+Nach meines Vaters Heimkehr reiste ich mit ihnen nach Tegernsee, wo die
+Tante auf Wunsch Onkel Arthurs, dem die Einsamkeit von Grainau
+unsympathisch war, eine Villa gemietet hatte. An meinem Geburtstag, der
+in die erste Woche unseres Aufenthalts fiel, nahm mich der Onkel
+beiseite und drückte mir heimlich ein Kuvert in die Hand. »Ich weiß,
+Hans braucht Geld,« sagte er beinahe schüchtern, »von mir nimmt ers
+nicht. Schick ihm das -- zur Verwahrung -- als mein Geburtstagsgeschenk
+an dich.« Er wartete meinen Dank nicht ab; ich schickte noch in
+derselben Stunde die braunen Scheine nach Bromberg; das Eis zwischen mir
+und Onkel Arthur war gebrochen.
+
+Wir wurden gute Kameraden. Die strenge Tante verwandelte sich unter
+seinem Einfluß zu einer mehr als nachsichtigen. Er erreichte alles, was
+mir Vergnügen machte, vorausgesetzt, daß es auch seinen Wünschen
+entsprach! Endlich durfte ich hoch in die Berge hinauf, -- zu dem
+jahrelangen Ziel meiner Sehnsucht! Er war ein ebenso leidenschaftlicher
+wie tollkühner Bergsteiger, der Führer und gebahnte Wege verschmähte.
+Auf dem Leonhardsstein, hinter Dorf Kreuth, der spitz und gerade wie ein
+Kirchtum gen Himmel steigt, mußte ich erst Probe klettern, ehe er mich
+überall hin mitnahm -- auf die Berge der Gegend zuerst und dann weiter,
+immer weiter. Eine Sportausrüstung eigener Erfindung ließ er mir machen:
+kurze Hosen und Gamaschen -- etwas Unerhörtes zu damaliger Zeit. Aber
+auch das ließ die Tante geschehen, sie sträubte sich nur im Namen des
+Anstands ein bißchen, als er den »Panzer« verbot. »Ich faß dich jedesmal
+um die Taille und laß dich unweigerlich sitzen, wenn du das
+Marterinstrument trägst,« sagte er, und ich fühlte mit Wonne die
+Freiheit starker Atemzüge.
+
+Auf den Wallberg kletterten wir zuerst. Es gab damals nur einen
+Hirtensteg hinauf und droben nur eine kleine Hütte mit einfachem
+Heulager. Wir zündeten zum Zeichen unserer Ankunft auf der Spitze ein
+mächtiges Feuer an und sahen schweigsam zu, bis es verglühte und das Tal
+schwarz und dunkel unter uns lag. Um so leuchtender strahlten jetzt die
+Sterne, und weiß und gespenstisch glänzten von fern im Mondlicht die
+Schneegipfel zu uns herüber. Mit einem tiefen, erlösenden Aufatmen
+breitete mein Begleiter die Arme aus. »Ich lebe!« flüsterte er. Wie weh
+mir der Jubel tat, der in seiner Stimme lag! -- Ich vergaß seine Nähe,
+lehnte den Kopf an den Felsen und weinte -- seit langer, langer Zeit zum
+erstenmal! Unten in der Hütte, in dem starken Heuduft fand ich keine
+Ruhe und saß die ganze Nacht auf der Altane, während die Geister der
+Vergangenheit aus der Tiefe zu mir aufstiegen, wie Nebel aus
+Fiebersümpfen. Die Felsengesichter schnitten mir höhnische Fratzen, und
+still und hoheitsvoll sahen weiße Riesenhäupter auf mich herab.
+
+Mein Onkel war ein guter Reisekamerad, dessen Lebensfreudigkeit seine
+grauen Haare vergessen ließ, dabei voll rührender Sorgfalt für mich.
+Einmal saßen wir im Sonnenschein vor der Sennhütte zur schwarzen Tenne.
+Über dem offnen Feuer an einem primitiven Spieß briet er uns ein
+Hühnchen; »Frauenzimmer sind zu dumm dazu,« sagte er, und ich überließ
+ihm nur zu gern die Arbeit, um, an die braunen Balken der Hütte gelehnt,
+durch dunkelgrüne Tannenwipfel in die Sonne zu blinzeln. Nach dem Mahl,
+das die nie vergessene Flasche Moselwein würzte, streckte er sich mir zu
+Füßen ins Gras und pfiff eine Tanzweise träumerisch vor sich hin.
+»Komisch,« sagte ich halb zu mir selber, »du bist im Grunde ein Primaner
+oder bestenfalls ein Sekondeleutnant.« Er lachte. »Das bin ich auch;
+die Jahre, die zwischen damals und heute liegen, lebte ich nicht.«
+
+»Aber ...« ich stockte.
+
+»Sprichs ruhig aus: du hast mit dem Weib deiner Wahl gelebt! Niemand
+weiß bis heute, daß diese zwei Jahrzehnte die Hölle waren. Mein Stolz
+hieß mich schweigen. Ich wollte nicht, daß Mutter und Geschwister Recht
+behielten. Endlich kam die Erlösung: sie starb -- seit vielen Monden
+eine arme Irre, die nichts dafür konnte, daß sie mich quälte,« -- ganz
+alt sah der Onkel plötzlich aus, -- dann sprang er auf, schüttelte sich
+wie ein nasser Jagdhund und fügte lächelnd hinzu: »die Liebe ist Humbug,
+weißt du, echt ist allein die Natur, die Kunst, die Wissenschaft. Ich
+freue mich auf das Leben wie ein Student!«
+
+Unsere Ruhetage in Tegernsee waren beinahe anstrengender als unsere
+Wanderungen. Von früh bis spät wimmelte es von Gästen; wenn der Onkel
+irgendwo jemanden traf, der ihm interessant zu sein schien, so lud er
+ihn ein, ohne nach Nam' und Art viel zu fragen. Es war eine bunte
+Gesellschaft, die sich auf die Weise bei uns zusammenfand, denn
+Tegernsee selbst schien eine Art neutraler Boden zu sein, wo die
+heterogensten Elemente ihre Neugier nacheinander befriedigen konnten. Da
+gab es Prinzen echter einheimischer und zweifelhafter exotischer Art;
+Finanzgrößen dunkelster Herkunft; alte Diplomaten, die bei irgend einem
+Hofskandal Schiffbruch gelitten hatten; französische Marquisen, deren
+Emailleur alle vier Wochen aus Paris kam, um ihrem Antlitz die
+bezaubernde Frische zu verleihen, mit der sie so siegessicher auf
+Eroberungen ausgingen; deutsche Gräfinnen, deren graziöse Pirouetten
+noch vor kurzem die Balletthabitués der Großstädte entzückt hatten; und
+um die Galerie moderner Typen der 'guten' Gesellschaft voll zu machen,
+fehlte es nicht an österreichischen Erzherzogen, sogar nicht an einem
+König, -- wenn es auch nur einer a. D. war, der von Neapel, -- einem
+alten Roué, und seiner wunderschönen extravaganten Königin. Dazwischen
+bewegte sich das Künstlervolk -- ein wenig geniert die einen, ängstlich
+bestrebt, es den Vornehmen möglichst gleich zu tun, die anderen,
+Menschen von genialer Ungebundenheit unter ihnen, und ein paar
+Auserwählte mit jener seltenen angeborenen Größe, die sich überall mit
+gleicher Selbstverständlichkeit zu bewegen vermag. Von mancher schönen
+österreichischen Komteß flüsterte man sich zu, daß sie an der Entstehung
+Makartscher Frauengestalten nicht unbeteiligt gewesen war, und noch heut
+ließ sie es gern geschehen, wenn die Maler sich an ihr begeisterten; ein
+Hauch von Romantik, der die Dichter unweigerlich anzog, umschwebte den
+rotblonden Kopf einer graziösen Baronin, von deren Beziehungen zum
+Kronprinzen von Österreich Frau Fama vernehmlich flüsterte. All das
+flirtete und rauschte in knisternder Seide und weichem Spitzengeriesel
+am hellen Strand des blauen Tegernsees, wo vor Jahrhunderten in
+klösterlicher Einsamkeit der fromme Mönch Werinher der allerseligsten
+Jungfrau süße Weisen gesungen hatte, oder stieg in kokettem Jagdkostüm
+auf bequemen Wegen zu den Sennhütten hinauf, deren Gäste noch vor kurzem
+nur Dirndeln, Jäger und Wilddiebe gewesen waren. Am späten Nachmittag
+rollten die Equipagen ins kreuther Tal, wo hoch oben, von Bergen eng
+umschlossen, auf grünem Plateau die Kurmusik des Bades so komisch
+quiekte und wimmerte. Man stieg dort aus, ließ seine Toiletten
+bewundern, trank seinen Kaffee mit österreichischer Betonung und von
+österreichischer Güte und ging an dem Springbrunnen vorbei hinunter zu
+den sieben Hütten, wo die Burschen in Kniehosen und Wadenstrümpfen, die
+Madeln im Silbergeschnür und weitbauschendem kurzem Gewand sich im Tanze
+drehten. Wenn die Dämmerung kam und lustige bunte Lampions sich wie
+leuchtende Girlanden von Hütte zu Hütte zogen, dann änderte sich das
+Bild: weiße Schleppen wirbelten zwischen den bunten Röcken, und
+Lackschuhe glitten zwischen den Nagelstiefeln. Droben auf der
+Hohensteinalp die blonde Sennerin und in der Langenau die schwarze Liese
+wußten zu sagen, warum manch vornehmer Herr den Weg nicht nach Hause
+fand -- ach, und kleinwinzige Buberln gabs im Tal und Mäderln,
+vaterlose, mit feinen Fingern und schlanken Gliedern, gar wunderseltsam
+anzuschaun!
+
+Wo sich im kreuther Tal die Wege kreuzen, der eine zum Bad, der andere
+nach dem Achensee führt, lag in einem weiten schattigen Park ein Haus,
+nicht viel anders als das eines reichen Bauern, mit Galerien ringsum und
+buntbemalten Läden. Auf den grünen Rasenflächen davor, auf den
+Spielplätzen zu beiden Seiten herrschte alltäglich ein frohes Leben und
+Treiben. Der Gastfreundschaft schienen keine Grenzen gesteckt, zu jeder
+Tageszeit ward man freudig begrüßt und reichlich bewirtet. Mich lockte
+dies Haus schon lange; die ersten Künstler, das wußte ich, gingen dort
+aus und ein. Aber meine Tante rümpfte die Nase, wenn ich seiner
+Erwähnung tat, und mit tadelndem Kopfschütteln wurden diejenigen aus
+unsern Kreisen betrachtet, die den Bann gebrochen hatten und sichs wohl
+sein ließen in Schwarzeck. Ein Baron Goldberger, ein Wiener Bankier, war
+der Besitzer, und sein Aussehen verriet seine Rasse noch mehr als sein
+Name, so daß sich ihm gegenüber jener ästhetische Antisemitismus geltend
+machte, den auch Vorurteilslose oft nicht abstreifen können. Der Magnet
+des Hauses waren seine vier Töchter, von denen eine immer hübscher war
+als die andre. Nachdem uns zu Ohren kam, daß selbst der Herzog Karl
+Theodor bei ihnen verkehrte, überwand Onkel Arthur den Widerstand der
+Tante, und eines Nachmittags fuhren wir hin, um unsere Antrittsvisitte
+zu machen. Schon diese ersten Stunden inmitten eines Kreises von
+münchner Künstlern und Schriftstellern öffneten mir Ausblicke in eine
+neue Welt: Fragen des Lebens und der Kunst wurden mit so rückhaltloser
+Offenheit besprochen, daß ich es zunächst fast peinlich empfand und,
+ungewohnt, mich unter Fremden auszusprechen, außerstande war, mich daran
+zu beteiligen. Um so aufmerksamer hörte ich zu: war dies ein Abglanz der
+Welt, die ich suchte, ein Teil jener Menschheit, die, von neuen Idealen
+erfüllt, auszog, um sie zu erobern?!
+
+Ich wurde einer der häufigsten Gäste in Schwarzeck. Ich trotzte selbst
+dem Befehl der Tante, die mich glaubte zurückhalten zu können, wenn sie
+für mich nicht anspannen ließ, und fuhr mit der Post, oder ging zu Fuß.
+
+Eines Nachmittags fand ich die Tee-Gesellschaft in heftigster Debatte
+begriffen. Irgend ein Artikel aus M. G. Conrads »Gesellschaft« schien der
+Anlaß gewesen zu sein. Ich erinnerte mich dunkel, von dieser
+»sittenlosen,« »die Sicherheit von Staat und Kirche untergrabenden«
+Zeitschrift in unserer konservativen, norddeutschen Presse -- der
+einzigen, die ich zu Gesicht bekam -- zuweilen gelesen zu haben.
+
+»Und ich sage Ihnen, daß er recht hat -- tausendmal recht,« rief ein
+junger blonder Dichter, das gelbe Heft wie eine Fahne schwingend,
+»Wahrheit, hüllenlose Wahrheit ist die Muse der kommenden Dichtung. Nur
+indem wir sie ohne Rücksicht auf hyperästhetische Altjungfernnerven,
+auch in ihrer Häßlichkeit, auch mit ihren Schwären und Wunden vor die
+Menschheit hinstellen, schaffen wir Kunstwerke, Kulturwerte.«
+
+»Ernst ist das Leben, heiter sei die Kunst,« warf ein Maler Pilotyscher
+Richtung ein, »sie soll uns erheben, uns auf Momente wenigstens über das
+Elend des Daseins hinweghelfen --«
+
+»Hinwegtäuschen, sagen Sie lieber,« mischte sich die junge Frau eines
+münchener Redakteurs ins Gespräch, die, wie man munkelte, unter anderem
+Namen Geschichten schrieb, die junge Mädchen nicht lesen durften, »sie
+soll den großen Kindern Märchen erzählen, statt sie zu lehren, mit der
+brutalen Wahrheit des Lebens fertig zu werden.«
+
+»Wenn das ihre Aufgabe sein soll,« entgegnete der Maler, »dann werden
+wir glücklich dahin gelangen, Operationssäle und Wochenstuben auf der
+Bühne zu sehen. Mit dem Irrenhaus hat ja Ibsen schon den Anfang
+gemacht.«
+
+Der Name wirkte vollends wie Sprengstoff. Seit dem letzten Winter, wo
+der Herzog von Meiningen den unerhörten Schritt gewagt hatte, die
+»Gespenster« auf seine Bühne zu bringen, wo Berlin dem Beispiel gefolgt
+war und ein Kreis junger Heißsporne den Dichter auf den Schild erhob,
+las und hörte ich oft von ihm, als von einem halb Verrückten, einem, der
+mit Wollust im Schmutze wühle. Ihn kennen zu lernen, hatte ich gar kein
+Verlangen getragen, denn auf der Suche nach neuen Idealen konnte er
+unmöglich ein Wegweiser sein.
+
+»Ibsen ist größer als Zola,« übertönte eine rauhe Männerstimme wie ein
+ferner Lawinensturz die Durcheinanderredenden, »Zola ist der
+Zustandsschilderer par excellence, Ibsen aber legt die kritische Sonde
+an die tiefsten Übel der Gesellschaft. Wenn Sie sich hier so aufregen,
+meine Herrschaften, so zeigt das nur, daß es irgendwo einen Punkt gibt,
+wo auch Sie unter seiner Berührung schmerzhaft zusammenzucken. Daß wir
+vor lauter Moral, vor lauter Pflichten, kurz vor all den großen und
+kleinen Stricken und Ketten, die uns formen und einschnüren, unser Ich
+verloren haben und als Phantome toter Traditionen herumlaufen, statt als
+lebendige Menschen, -- das ist es, was jeden trifft, und was Ibsen
+zeigt. Neugierig bin ich nur, ob diese Erkenntnis uns schließlich zu
+Kettenbrechern machen wird, oder ob irgend welche vorsorglichen
+Menschheitswärter nicht schon mit neuen Zwangsjacken bereit stehen --«
+
+Das allgemeine Gespräch verlief sich allmählich in die Rinnsale der
+Einzelunterhaltung und versickerte schließlich im Sande der
+Alltagsfragen. Während die anderen sich im Park zerstreuten, sprach ich
+den mit der rauhen Stimme an, einen echten vierschrötigen Bajuvaren.
+»Können Sie mir die Werke Ibsens nennen, die bisher in deutscher Sprache
+erschienen sind?« Er musterte mich augenblinzelnd.
+
+»Hm« -- machte er -- »obs der gnädigen Frau Tante auch recht sein
+wird?!«
+
+»Darauf dürfte es kaum ankommen, da ich sie lesen will,« entgegnete ich
+scharf, geärgert über die spöttische Art seiner Antwort. Er lachte
+dröhnend.
+
+»Wir haben ja, scheints, auch so'n Tropfen Rebellenblut in den Adern!«
+Mit großen, ungefügen Buchstaben schrieb er mir die Titel der Bücher auf
+eine Ecke Zeitungspapier, zerdrückte mir mit seiner Riesenfaust fast die
+Hand, die ich ihm dankbar gereicht hatte, und stapfte zum Parktor
+hinaus.
+
+»Wer war das?« frug ich eine der Töchter.
+
+»Ach -- der! Den hat der Doktor neulich mal mitgebracht. Wie er heißt,
+habe ich nicht verstanden. Ein ungehobelter Gesell, nicht wahr?«
+
+Ich nickte zerstreut. Noch auf dem Rückweg gab ich eine Karte an eine
+münchener Buchhandlung auf und sah von nun an jedem Postboten
+erwartungsvoll entgegen, heftige Kopfschmerzen als Vorwand meines
+ungewohnten häuslichen Lebens vorschützend.
+
+Und endlich kamen die Bücher! Ich las sie nicht, -- ich trank sie, wie
+ein Durstender in der Wüste das frische Wasser. Nicht das Kunstwerk
+genoß ich in ihnen, und nichts sah ich von den handelnden Menschen; mir
+war vielmehr, als hätte ich lange im Dunkeln erwartungsvoll vor einem
+dichten Vorhang gestanden, den plötzlich ein Sturmwind auseinanderriß,
+um mir den blendenden, kristallhellen Spiegel dahinter zu enthüllen, der
+scharf und klar mein eigenes Bild zurückwarf, und das der Vielen um mich
+her.
+
+Worte las ich, die mich trafen wie Offenbarungen: von den wenigen
+Menschen, die auf Vorposten stehen und für die Wahrheiten kämpfen, die
+noch zu neugeboren sind, als daß sie die Mehrheit für sich haben
+könnten. Und Tradition und Konvention sah ich ihrer bunten Gewänder
+entkleidet als nackte Lügen vor mir, und mit einem einzigen Blick
+erkannte ich des Weibes Puppendasein. Lebte ich nicht auch davon, daß
+ich den anderen Kunststücke vormachte?! »Ich habe Pflichten, die ebenso
+heilig sind -- Pflichten gegen mich selbst --;« »ich muß nachdenken, ob
+das, was mir gelehrt wurde, richtig ist, oder vielmehr, ob es für mich
+richtig ist --« sagte Nora, und verließ das Puppenheim, um sich selbst
+zu finden. »Irgend wie und wann werde ich handeln müssen, wie Nora,«
+heißt es in meinem Tagebuch von Sommer 1887, »viele Fesseln, -- feine,
+die ich kaum fühlte, und grobe, die sich mir ins Fleisch schnitten, --
+umschnüren mich von klein an. Aber ich erkenne jetzt, daß ich jedes Jahr
+einige davon abstreifte. Sollte ich nicht auch mit den letzten fertig
+werden?« Und an meine Kusine, die mir über meine Ibsenbegeisterung
+erschrockene Vorhaltungen machte, schrieb ich: »Wer, wie Ibsen, den Mut
+hat, das Schwache, das Schlechte, das geistig Tote niederzureißen, der
+ist kein Pessimist, wie die Leute ihn schelten, die zu feige und zu
+bequem sind, um die Augen zu öffnen. Nur der lebensstarke Glaube an eine
+Zukunft, für deren helle Tempel Platz geschaffen werden muß, gibt die
+Riesenkraft zu solchem Werk der Zerstörung ... Du warnst mich vor
+'unüberlegten Handlungen'; daraus sehe ich, wie wenig du mich verstehst.
+Denn gerade damit hat es ein Ende. Das Spiel ist aus. Auch ich muß die
+Aufgabe lösen, mich selbst zu erziehen, ehe ich irgendwo Hand anlegen
+kann, wo es für mich etwas zu tun gibt.«
+
+Der Schnee lag schon bis zum Tal hinunter, als ich mich zur Heimkehr
+rüstete. Beim Abschied hielt der Onkel meine Hand lange in der seinen.
+»Schade, daß du den Bergen untreu wurdest,« sagte er.
+
+Langsam kroch der Zug von Gmund aus den Abhang in die Höhe. Tief unten
+lächelte der See mit seinem großen Vergißmeinnichtauge; freundliche rote
+Dächer und spitze Kirchtürme grüßten von seinen Ufern, und hinter ihm
+bauten sich Ketten um Ketten weißglänzender Firnen auf. Nein, ich war
+den Bergen nicht untreu geworden, und Höhenluft wars, die ich mit mir
+nahm.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel
+
+
+Ein Aufenthalt in Berlin galt mir immer als ein Gipfel des Vergnügens,
+besonders wenn Onkel Walter der Führer war. Niemand wußte wie er, in
+welchen Theatern man am meisten lacht, in welchem Zirkus am
+schneidigsten geritten wird, und wo man am besten ißt und trinkt. Die
+acht Tage, die ich diesmal auf der Durchreise nach Bromberg bei ihm
+verbrachte, waren aber mehr eine Qual als ein Genuß für mich, obwohl wir
+vor lauter »Amüsement« gar nicht zu Atem kamen und meine lustige Tante
+sich über meine »blasierte Miene«, mit der ich wohl »die neueste Mode
+mitmachte«, nicht genug moquieren konnte. Wir waren bei Kroll im
+»Mikado«, in der Friedrich-Wilhelmstadt und bei Renz, wir saßen auf der
+Estrade im Wintergarten, soupierten bei Hiller und im Kaiserhof, immer
+in derselben Gesellschaft von Gardeleutnants und konservativen
+Parlamentariern, aber von dem modernen künstlerischen und literarischen
+Leben, dem mein ganzes Interesse galt, war nur insofern etwas zu spüren,
+als die einen es verhöhnten, die anderen nach dem Staatsanwalt schrieen
+und der Rest heimlich und voll zynischer Lüsternheit mit ihm
+liebäugelte, wie ein alter Roué mit der Straßendirne. Familien-, Hof-
+und politischer Klatsch stand im übrigen im Mittelpunkt der
+Unterhaltung, und dem Ärger und der Verstimmung gab man, wie gewöhnlich,
+wenn man unter sich war, den kräftigsten Ausdruck. Des armen kranken
+Kronprinzen wurde kaum mit einem Wort des Mitleids gedacht, die Empörung
+über den Einfluß der Kronprinzessin, über die von ihr eingefädelte
+Battenberg-Affäre, deren Schlußeffekt der Sturz Bismarcks hätte sein
+sollen, über die ganze allmählich zu Macht und Ansehen gelangende
+Kronprinzenpartei, die aus Juden und Judengenossen zusammen gesetzt sei,
+war viel zu groß.
+
+Die von Bismarck kopulierte unnatürliche Ehe zwischen dem
+Nationalliberalismus und den Konservativen wurde hier, wo man sich
+keinerlei Zwang aufzuerlegen brauchte, drastisch genug beleuchtet.
+
+»Hab ichs nicht immer gesagt,« rief bei einer solchen Unterhaltung eines
+der ältesten Mitglieder des Herrenhauses, der Typus eines echten
+Feudalherrn vom guten Schlag, »daß wir uns nicht stärker blamieren
+konnten, als durch diese Liierung mit den Industrierittern. Nichts, gar
+nichts Gemeinsames haben wir mit den Kerlen. Und 'ne Ehe gibts, wie die
+der Bienenkönigin, die ihre werten Gatten töten läßt, wenn sie ihre
+Schuldigkeit getan haben. Ist irgend einer unter uns so dämlich, uns für
+-- die Königin zu halten?!«
+
+»Na, hören Sie mal, lieber Graf, Sie werden doch nicht behaupten wollen
+--« unterbrach ihn mein Onkel.
+
+»Gewiß behaupte ich --,« polterte der alte Herr »laßt mal erst das
+Gesindel hoffähig werden -- ein 'von' und ein 'Baron' ist heut schon
+eine Spielerei für den, ders Geld hat --, dann wirds bei uns wie in
+England und in Frankreich: unsere Jungens reißen sich um ihre Mädels,
+und von dem ganzen guten preußischen Adel bleibt nichts übrig als der
+Name.«
+
+»Nur daß die Voraussetzung für Ihre Folgerungen fehlen wird: der
+Kronprinz wird kaum zur Regierung kommen, und mit seinem Tod haben die
+Ambitionen der Herren Liberalen ihr Ende erreicht.«
+
+Der Graf lachte und klopfte Onkel Walter freundschaftlich auf die
+Schulter: »Sie sind ein guter Kerl, Golzow, aber das Pulvererfinden ist
+ihre Sache nicht! Oder glauben Sie vielleicht, unter dem jungen Herrn
+würde die Geschichte erheblich anders werden?! Der ist heute konservativ
+-- aus Opposition, natürlich! Er bleibts vielleicht auch -- dem Namen
+nach. Aber ist er erst mal am Ruder, wird er auch mit gegebenen Größen
+rechnen müssen. Ich werds ja, Gott Lob, nicht erleben, aber Sie, meine
+Herren, werden in zwanzig Jahren mal dem alten Lehnsburg recht geben,
+wenn er ihnen heute sagt: bis dahin sind wir amerikanisiert, und nicht
+die Ehre, nicht der reinliche Stammbaum bestimmen mehr den Wert des
+Mannes, sondern das gute Geschäft.«
+
+»Es würde uns heute schon nichts schaden, wenn wir geschäftskundiger
+wären,« mischte sich Baron Minckwitz ins Gespräch, der wegen seiner
+Teilnahme an allerlei industriellen Unternehmungen schon etwas anrüchig
+war, »man muß mit den Wölfen heulen, will man nicht zugrunde gehen.«
+
+Graf Lehnsburg hieb mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser
+klirrten. »Ich gehe lieber zugrunde!« brüllte er. Ein peinliches
+Schweigen entstand. Mir gefiel die unverfälschte Echtheit des Alten. Er
+schien mirs an den Augen abzusehn, und reichte mir über den Tisch hinweg
+die Hand.
+
+»Verzeihung, mein gnädigstes Fräulein,« sagte er lächelnd, »ich bin
+wirklich ein alter Mummelgreis, daß ich in Anwesenheit junger Damen so
+ein Zeug schwätze! Übrigens -- ich wills gleich wieder gut machen --
+richten Sie Ihrem Herrn Vater mein Kompliment aus. Ich traf ihn vor vier
+Wochen in Stettin bei Ihrer Majestät, er lief mir aber davon, ehe ich
+ihm selber sagen konnte, wie glänzend seine Führung im Manöver war. In
+der Umgebung Seiner Majestät herrschte nur eine Stimme darüber.«
+
+Ich hatte bis dahin vom pommerschen Kaisermanöver, bei dem mein Vater
+das Ostkorps, den »markierten Feind«, zu kommandieren gehabt hatte, nur
+wenig gehört. »Der Kaiser war außerordentlich gnädig,« hatte er mir
+geschrieben, »die Ernennung zum Divisionskommandeur kann jeden Tag
+erfolgen,« hatte Mama hinzugefügt. Ich freute mich nun doppelt, Näheres
+zu erfahren. »Sie wünschen am Ende eine Kriegsberichterstattung mit
+allen Schikanen?« frug Graf Lehnsburg und baute aus Brotkrümeln und
+Papierschnitzeln ein ganzes Schlachtfeld auf, ohne erst meine Antwort
+abzuwarten.
+
+»Sehen Sie hier der Teller, das ist Stettin; die Papierschnitzel davor,
+das ist das Dorf Brunn, und hier die Semmeln, das sind die Höhen, die
+der General von Kleve bereits im ersten Morgengrauen des 14. September
+besetzt hielt. Er gehört noch zu der alten Sorte, wissen Sie, die von
+Anno 70 her weiß, daß der, der am frühsten aufsteht, dem Siege am
+nächsten ist. Dort drüben von der Ostsee her -- der Rotweinklexs reicht
+gerade für den Tümpel -- kommt das feindliche Korps auf Stettin zu
+marschiert, das es, nach dem Ratschluß der obersten Götter, erobern
+soll. Der Kleve war ja eigentlich nur dazu da, um totgeschossen zu
+werden und den Ruhm des Gegners zu erhöhen. Natürlich war dieser Gegner
+-- wie das die Götter mit ihren Lieblingen so zu machen pflegen -- noch
+mal so stark als er und hatte überdies in seiner Mitte so was wie einen
+Schutzheiligen, der, wenn alle Stricke reißen, immer noch seine
+Gläubigen heraushaut.« Er legte dabei ein dickes Stück Schwarzbrot in
+die Mitte der feindlichen Papierschnitzel. Die Anwesenden horchten auf,
+lachten und rückten näher zusammen. »Nun war aber ein Hundewetter an dem
+Tag, es regnete Bauernjungens, darum entdeckte das Westkorps den
+General, der schon eine ganze Weile mit allem nötigen Klimbim auf seinen
+sieben Hügeln thronte, erst nach einigem unruhigen Hin- und Herfackeln.
+Nachdem es die Situation glücklich erfaßt hatte, ging es marsch, marsch
+im Sturm voran. Prinz Wilhelm -- der Schutzheilige, wissen Sie! --
+führte dabei das Pommersche Grenadierregiment, und ich glaube, jeder
+einzelne Kerl darin hatte schon nach dem Kopf gegriffen, der bekanntlich
+den Lorbeer zu tragen bestimmt ist, als er morgens in die Stiebeln
+kroch. Aber Ihr Herr Vater hält offenbar nichts von Heiligen, -- er ist
+ein ausgemachter Ketzer, für den schon irgendwo die Dienstbeflissenen
+den Scheiterhaufen zusammentragen, -- er empfing den Feind mit einem
+mörderischen Feuer, und was von ihm nicht am Platze blieb, das hätte
+er, weiß Gott, noch gefangen genommen, wenn nicht ein weiser
+Hoherpriester ihn beizeiten davon abgeraten hätte. Der hat freilich zum
+Dank dafür ein paar faustdicke Grobheiten einstecken müssen! Es gab dann
+noch eine formidable Reiterattacke -- ein théâtre paré für die Fremden!
+--, wobei ein paar tausend arme Gäule sich einbilden sollten, das
+Vaterland retten zu müssen; aber auch die Vierfüßler im Ostkorps zeigen
+sich als die stärkeren. Ein schauerliches Abschlachten wärs im Ernstfall
+gewesen. Sie sehen, Stettin konnte ruhig sein, -- und der alte Herr hat
+in der Kritik den General von Kleve über den grünen Klee gelobt.
+Trotzdem wars eine hanebüchene Dummheit, wie sie den Tapfersten immer
+zustößt, daß er -- hm! -- daß er den -- den Schutzheiligen nicht besser
+respektierte.«
+
+Mein Onkel, der schon die ganze Zeit ungeduldig mit den Fingern auf der
+Stuhllehne getrommelt hatte, schien für den Humor der Sache keinen Sinn
+zu haben. »Schon Wochen vorher habe ich meinen Schwager gewarnt,« sagte
+er, »wer den Prinzen kennt, weiß, daß er alles kann, nur nicht
+vergessen.«
+
+Angriffe auf meinen Vater konnte ich nie vertragen. Mir stieg auch jetzt
+das Blut zu Kopf, und meine Verteidigung fiel heftiger aus, als es nötig
+gewesen wäre.
+
+»Ich finde, eine Rücksicht, wie du sie verlangtest, wäre eine
+Pflichtverletzung gewesen. Wenn der Prinz, der noch nie eine Kugel hat
+pfeifen hören, mit lauter servilen Leuten zu tun bekäme, so würde es
+Deutschland mal büßen müssen.«
+
+»Bravo!« sagte Graf Lehnsburg. »Großspuriges Geschwätz!« brummte der
+Onkel.
+
+Am frühen Morgen des nächsten Tages kam ein Telegramm: »Division in
+Münster.« Mit beiden Füßen zugleich sprang ich aus dem Bett. Westfalen:
+Das nordische Rom -- die Wiedertäufer -- Annette Droste -- der
+Westfälische Friede -- die Hermannsschlacht, -- es war eine verwirrende
+Vielheit bunter Bilder, die bei diesem Namen vor mir aufstiegen. Ich
+fuhr noch am Nachmittag nach Bromberg. Merkwürdig ernst empfing mich
+mein Vater. Kaum daß ich eine Frage an ihn zu richten wagte. Und auch zu
+Hause blieb er still, während mein Schwesterchen voll Freude über den
+Wechsel im Zimmer umhersprang und Mama die nächsten Pläne erwog. Erst
+spät am Abend, als er seine gewohnte Patience gelegt hatte und sich
+befriedigt, weil sie mit Mamas Hilfe richtig aufgegangen war, in den
+Stuhl zurücklehnte, fing er an, sich über die Zukunft auszusprechen. Wir
+orientierten uns mit Hilfe der Rangliste über die Verhältnisse seiner
+Division; bis nach Aachen und Paderborn dehnte sie sich aus; lauter
+Städte voll historischer Bedeutung gehörten zu ihren Garnisonen. In
+Münster erwartete uns eine geräumige Dienstwohnung, eine glänzende
+Geselligkeit; der Kommandierende war meinem Vater als liebenswürdiger
+Vorgesetzter bekannt.
+
+»Und trotzdem --?« Ich stockte vor dem finsteren Blick, der mich traf.
+Gleich darauf lächelte er ein wenig gezwungen und strich sich halb
+nachdenklich, halb verlegen den Bart. »Ihr merkt eben nichts, gar
+nichts,« sagte er, »mit der Nase muß man euch darauf stoßen;« damit wies
+er mit dem Finger in die Rangliste: »Die 13. Division« stand dort, fett
+gedruckt. Die 13 aber war rot unterstrichen.
+
+Mein Vater verließ die Gesellschaft, wenn dreizehn bei Tische waren, er
+drehte um, wenn eine Katze ihm über den Weg lief, und machte drei
+Kreuze, wenn ihm beim Morgenritt als Erste ein altes Weib begegnete. Ich
+lächelte leise und drückte schmeichelnd meine Wange an die seine. »Den
+Spuk werden wir bannen, Papachen -- auf immer.«
+
+»Glaubst du?!« meinte er zweifelnd und starrte mit großen Augen an mir
+vorbei ins Leere.
+
+Wir blieben nur noch wenige Tage. Der alte Packer aus Berlin, der jedes
+Stück unserer Einrichtung kannte und seine Kisten stets so wiederfand,
+wie er sie beim letzten Umzug verlassen hatte, pflegte uns, wenn er kam,
+ebenso entschieden wie freundlich hinaus zu komplimentieren. »For ne
+Exzellenz is der Dreck nu jar nischt,« sagte er diesmal, als er mit
+seinem Zeitungspaket unter dem Arme eintrat. In Berlin hielten wir uns
+noch auf der Durchreise auf. Während Papa sich meldete, machten wir
+Besorgungen. Die Größe der künftigen Wohnung hatte eine erhebliche
+Vermehrung unserer Einrichtung notwendig erscheinen lassen, und die
+alten Möbel waren schon lange eines neuen Gewandes bedürftig. Auch an
+Toiletten für den nächsten Karneval fehlte es uns. Unter dem Eindruck,
+nun nicht mehr mit jedem Groschen rechnen, nicht mehr an allen
+verlockenden Auslagen als bloße Zuschauerin vorbeigehen zu müssen,
+verjüngte sich meine Mutter förmlich; ich entdeckte zum erstenmal und
+nicht ohne Beschämung, daß sie mit ihren dreiundvierzig Jahren noch
+immer eine schöne Frau war, und eine Ahnung davon durchzuckte mich, daß
+sie im Grunde ein ärmliches Leben geführt hatte und noch Ansprüche daran
+zu stellen berechtigt war.
+
+ * * * * *
+
+Es war ein Spätherbstabend, als wir uns Münster näherten; ein Wald von
+Türmen stand schwarz am dunkelvioletten Himmel. Durch dämmernde Straßen,
+über die nur hie und da graue Gestalten huschten, erreichten wir
+den Gasthof mit seiner gewölbten Eingangshalle und den von
+jahrhundertelangen Tritten ausgehöhlten Steinstufen der Treppe.
+
+Früh am Morgen weckte mich ein tiefer Ton, wie fernes Donnerrollen;
+allmählich schwoll er stärker und stärker an, und ein Chor heller
+Stimmen mischte sich hinein: die Glocken Münsters, die zur Frühmesse
+riefen. Noch lange, nachdem sie verhallt waren, schien die ganze Luft in
+geheimnisvoll klingende Schwingung versetzt.
+
+Ich lugte neugierig zum schmalen Erkerfenster hinaus. Eine breite Straße
+sah ich, eingefaßt von hochgegiebelten Häusern mit reichen Zieraten,
+Erkern, Blätterwerk und Zinkenkronen; jedes in sich abgeschlossen, die
+Trennung vom Nachbarn durch die ragende Spitze betonend; unten aber
+verbanden gewölbte Arkaden, deren breite Bogen auf trutzig-kräftigen
+Pfeilern ruhten, alle Gebäude miteinander. Mir war, als sei mir durch
+einen Blick der tiefe Sinn alten deutschen Bürgertums aufgegangen: wie
+es auf breitem Boden der Gemeinsamkeit und des gegenseitigen Schutzes
+festbegründet ruhte und die Einheit und Selbständigkeit der Familie klar
+und scharf sich daraus emporhob. Wie reich war doch jenes viel
+gelästerte »finstere« Mittelalter gewesen, das für Inhalt und Bedeutung
+des Lebens so wundervoll-harmonische Ausdrucksformen fand!
+
+Eine Kirche, über die der ganze glaubensselige Reichtum der Gotik
+ausgegossen schien, schloß mit schlankem Turm, durch dessen Maßwerk hoch
+oben des Himmels lichte Bläue strahlte, und kraftvoll aufwärts
+wachsenden Strebepfeilern die Straße gen Norden ab. Mußten sich nun
+nicht rings die Tore öffnen, um fromme Beter zur Frühmesse zu entlassen,
+-- Frauen in langen, reichen Gewändern, mit perlengestickten Gürteln,
+das Haupt züchtig umhüllt, das Gebetbuch mit kunstvoll-geschmiedeter
+Silberschließe in den Händen, -- Männer mit bunten geschlitzten Wämsen
+und der nickenden Feder auf dem Barett? Ich wartete vergebens. Nur ein
+paar Weiber in jenen tonlosen Kleidern, die das Ende des neunzehnten
+Jahrhunderts, passend zum monotonen Stil seiner Kasernenstädte, erfunden
+hat, verschwanden hinter den Kirchentüren. Schon wollte ich mich,
+unmutig über den zerstörten Zauber zurück ins Zimmer wenden, als mein
+Blick noch einmal gefesselt ward: aus der engen Gasse gegenüber wand
+sich lautlos ein Zug grauer Nonnen; die Zipfel ihrer Hauben wehten im
+Morgenwind, eng aneinander gedrückt, bewegten sie sich unhörbaren
+Schrittes vorwärts, -- eine Kette verflogener Nachtvögel, die lichtscheu
+über den Boden strich, bis sie das dunkle Kirchentor jenseits
+verschlang. Und einsam wie vorher lag nun die Straße.
+
+Unser erster Gang an demselben Morgen galt unserem künftigen Heim: dem
+ehemaligen Kloster der Augustinerinnen, das fast vierhundert Jahre lang
+dem strengen Orden der büßenden Nonnen gehört hatte, ehe es der
+pietätlosen, säbelrasselnden Preußenpolitik zum Opfer fiel. Vor dem
+langgestreckten grauen Haus mit seinen dicken Mauern und kleinen
+Fenstern stand hinter ein paar mächtigen Linden halb versteckt die
+uralte dunkle Servatiikirche; die hohen Gartenmauern des Erbdrostenhofes
+-- eines jener zahlreichen prunkvollen Stadtschlösser westfälischer
+Adelsgeschlechter -- umschlossen hinter ihr den engen Platz. Nur zögernd
+betrat ich den breiten, fliesengedeckten Flur unseres Hauses; die laute
+erklärende Stimme des Intendanturbeamten, der uns führte, machte mir
+denselben schmerzhaften Eindruck wie die Stimmen all jener Kirchen-,
+Gallerie- und Schloßdiener, die eigens dazu berufen zu sein scheinen,
+den Besucher vor der Tiefe irgend eines Eindrucks zu bewahren. Ich ließ
+ihn vorangehen und blieb allein. Es war ein heller Herbsttag draußen,
+die Sonne überflutete das große Treppenhaus, aber in die Zimmer hinein
+drang sie nicht; hier wehte jene schwere kühle Luft der Grüfte, die nie
+ein Sonnenstrahl berührt. Alle Wohnräume lagen nach Norden, -- kein
+warmer Gruß lockenden Lebens durfte die Nonnen berühren, deren Zellen
+hier gewesen waren. Eine davon mochte wohl den frömmsten zur Wohnung
+gedient haben: auf einen winzigen Hof sah sie hinaus; gerade gegenüber,
+zum Greifen nah, fiel der Blick auf das hohe gotische Fenster der
+Klosterkapelle, aus dessen zerbrochenem Glasgemälde die
+schmerzverzerrten Züge eines heiligen Märtyrers noch zu erkennen waren.
+»Hier ist der Zugang zur Kapelle vermauert,« hatte ich von ferne den
+Beamten sagen hören; »die Leute erzählen sich noch immer, daß die Nonnen
+nächtlicherweile hier umgehen und klagend an den Wänden kratzen, weil
+ihnen der Weg versperrt wurde.«
+
+Unten im Garten trafen wir uns wieder. Das Wahrzeichen Münsters -- die
+Linde -- schmückte auch ihn, aber jetzt, da sie kahl war, verstärkte sie
+nur den Eindruck lebloser Stille, den die Mauern ringsum hervorriefen:
+die der Kürassierkaserne auf der einen, die des Proviantmagazins, in das
+ein Flügel des Klosters umgewandelt worden war, auf der anderen Seite.
+
+»Hier war der Kirchhof des Klosters,« sagte unser Führer. »Als vor ein
+paar Jahren Exzellenz Melchior durch das Tor dort hereinfuhr, senkte
+sich der Boden, und die Räder wühlten vermorschte Särge auf.« -- »Eine
+gemütliche Dienstwohnung, -- das muß ich sagen,« versuchte mein Vater zu
+scherzen. Ich fühlte, daß es auch ihm schwer wie ein Alb auf der Seele
+lag. »Mir gefällt sie ausnehmend,« sagte meine Mutter lächelnd, »die
+armen Toten schrecken mich nicht, und die Wohnung ist prachtvoll.«
+
+Die Handwerker brachten von nun an Lärm und Leben hinein. Wir blieben
+noch ein paar Wochen im Hotel, und ich benutzte die Zeit, um in allen
+Gassen und Kirchen umherzustreichen. Nie hatte ich solch eine Stadt
+gesehen: in Augsburg, in Nürnberg hatte die neue Zeit unter der Führung
+der rücksichtslosen Eroberer Industrie und Technik die alte mehr und
+mehr zurückgedrängt, überflutet, vernichtet, -- hier stand das Leben
+still, kein Fabrikschlot erhob sich mit all seiner barbarischen
+Protzenhaftigkeit neben den Kirchentürmen; hinter hohen Eisengittern,
+in vornehmer Zurückgezogenheit prangten die Renaissance- und
+Rokokoschlösser der Ketteler, der Heereman, der Droste-Vischering, der
+Romberg, der Zwickel der Bevernförde, der Schmising, der Galen, der
+Fürstenberg; zwischen hundertjährigen Linden standen Kirchen und
+Kapellen, erfüllt von der Pracht und Schönheit romanischer und gotischer
+Kunst; in abgelegenen Winkeln tauchten alte Klöster auf, deren
+grasüberwucherte Höfe von Kreuzgängen wie von schützenden Armen umgeben
+waren; manch alte Festungsmauer lugte draußen vor der Stadt zwischen
+dickem Efeu und dichtem Gebüsch hervor, und heimlich verträumte
+Plätzchen gab es neben plätschernden Brunnen, unter Weinlaub umsponnenen
+Bogen, wohin kein anderer Laut des Lebens drang.
+
+Daß die blaue Blume der Romantik hier Wurzel gefaßt hatte, als draußen
+in der Welt die Aufklärung umging und sie mit Stumpf und Stiel
+auszurotten trachtete, daß Freiheitsschwärmer, wie die Brüder Stolberg,
+sich hier zu Füßen der Fürstin Galitzin in die Fesseln der katholischen
+Kirche schlagen ließen und Hamann, der Magus des Nordens, hier seinen
+frommen Phantasien lebte, -- wer verstünde es nicht, dem Münster seinen
+Zauber enthüllte?
+
+Mit der Fertigstellung unserer Wohnung hatte die genußvolle Zeit
+täglicher Entdeckungsreisen ein Ende. Die häuslichen und außerhäuslichen
+Pflichten nahmen mich wieder in Anspruch. »Wir feierten den gestrigen
+Einzug in unser Kloster mit dem ersten Besuch der Garnisonkirche und
+hörten in einem kahlen, kalten, nüchternen Raum eine ebensolche
+Predigt,« schrieb ich an meine Kusine. »Dann kamen Besuche über Besuche,
+-- leider nur solche, bei denen es einem geht, wie dem erwachsenen
+Menschen vor dem Marionettentheater: alles Interesse hört auf, sobald
+der Unternehmer die Puppen wieder in den Kasten legt. Am liebsten möchte
+ich jetzt still in der Fensternische meiner Zelle sitzen und lesen,
+lesen, lesen. Ich habe eine Bibliothek entdeckt -- im Verein für
+Wissenschaft und Kunst --, die mir um so mehr zur Verfügung steht, als
+sie niemand sonst zu benutzen scheint. Ein junger Beamter mit einem
+strengen Asketengesicht, der mich zuerst sehr abweisend behandelte, ist
+jetzt mein bester Berater. Du hättest sehen sollen, wie seine sonst halb
+geschlossenen Augen aufleuchteten, als ich die Schönheit Münsters pries!
+'Wenn Sie erst ganz Westfalen kennen würden!' meinte er, und dabei
+huschte ein heller Schein kindlicher Schwärmerei ihm über die Züge. Er
+gab mir Stöße von Büchern mit, aus denen ich Natur und Kunst seiner
+geliebten roten Erde kennen lernen soll. Was mich aber noch weit mehr
+anzieht, sind die zahlreichen Werke allgemeinen kulturgeschichtlichen
+Inhalts, die der Katalog der Bibliothek aufweist. Mein Berater erklärte
+freilich mit aller Bestimmtheit, das wäre nichts für mich, es seien
+Bücher darunter, die die Ruhe der Seele gefährdeten; er wurde blaß und
+rot, als ich ihm versicherte, daß mir nichts wünschenswerter sei; und
+als ich von dem alten Bibliotheksdiener Leckys Geschichte der Aufklärung
+und Tylors Anfänge der Kultur verlangte, starrte er mich an wie eine
+Erscheinung und stotterte schließlich: »Aber -- aber es sind nicht
+einmal Bilder drin!« Nächtlicherweile habe ich sie verschlungen, mein
+Verstand hat zu ihnen ja und zehnmal ja gesagt; -- meine Sinne aber
+schwelgten im weihrauchgeschwängerten Dämmerdunkel des Doms. Unter
+diesem scheinbaren Widerspruch habe ich gelitten, bis mir klar wurde,
+daß es gar keiner ist: alle Seiten unserer Natur bedürfen der Nahrung,
+und die Kunst ist die Nahrung der Sinne. Religion aber ist im Grunde
+nichts als Kunst und gestaltende Phantasie. Mir war der Protestantismus
+nie sympatisch; daß er im Grunde nicht nur eine Vergewaltigung deutschen
+Geistes und Wesens, sondern ausgesprochen areligiös ist, wurde mir von
+diesem Standpunkt aus erst völlig klar.
+
+Leider muß ich mir zum Denken und Lernen jede Stunde erkämpfen. Vor
+Räumen, Toilettenkrimskrams, Leute einarbeiten, Besuche machen und
+empfangen komme ich am Tage kaum zu mir selbst. Dabei haben sich wieder
+ein paar landläufige Weisheitssprüche als fadenscheiniger Plunder
+erwiesen: 'Nach getaner Arbeit ist gut ruhn,' -- 'Gut Gewissen, sanftes
+Ruhekissen' -- 'Pflichterfüllung beglückt', -- lauter faustdicke Lügen,
+die man uns wie Binden um die Augen legt, damit wir die Wahrheit nicht
+mehr sehen können, -- die Wahrheit, die uns zeigt: Tue Deine Arbeit,
+dann erst findest Du Befriedigung, -- erfülle Deine Bestimmung, dann
+erst wirst Du glücklich sein.«
+
+Mit steigender Virtuosität führte ich ein Doppelleben: ich vergrub mich
+stundenweise in meine Bücher, ich lebte mit meinen Gedanken in ihnen,
+während ich Hüte garnierte, schneiderte, oder mit den Vorbereitungen zu
+den immer zahlreicheren Gesellschaften, Diners und Bällen beschäftigt
+war. Aber mit dem Augenblick, wo ich im Festkleid in den Wagen stieg
+oder die ersten Gäste bei uns erschienen, zog ich den Schlüssel zu dem
+Geheimfach meines Innern ab, und nichts blieb von mir übrig als die
+Salondame.
+
+Pünktlich mit dem Dreikönigstag öffneten sich die Adelshöfe Münsters.
+Der Karneval zog ein. Keiner von denen, die weise Maß halten und Hygiene
+und Moral zu Hofmarschällen ernennen, damit die braven Menschenkinder
+sich auch den Magen nicht verderben -- sondern ein ungestümer, ein
+wilder, zügelloser, der jung und alt in seine Dienste zwingt, der uns
+überkommt wie ein Rausch und uns selig-müde zurück läßt.
+
+Eine alte Legende, die im Volke Westfalens noch immer lebendig ist,
+erzählt, daß der Teufel einmal die Junker der ganzen Welt in seinen Sack
+gesteckt habe, um sie der Hölle zu überliefern. Als er just über
+Westfalen flog, zerriß der Sack, und es regnete Ritter. Darum gibt es
+noch heut auf der roten Erde eine so große Menge von ihnen, und kein
+Königshof könnte eine vornehmere Gesellschaft um sich versammeln als
+Münster zur Karnevalszeit. Was aber ihrem alten Adel, dessen Ursprung
+sich oft bis in die dunkeln Zeiten Wittekinds des Sachsenherzogs
+verliert, den Glanz verleiht, ist der gesicherte Reichtum vieler
+Generationen. Der preußische, der schlesische, der märkische Edelmann
+mit seinen großen Händen, seiner breiten Statur, seinem dicken Schädel
+verrät noch oft, daß sein Vorfahr wie ein Bauer arbeiten und leben
+mußte, und sein derber Witz, seine Verständnislosigkeit für die feineren
+künstlerischen Reize des Lebens lassen nicht vergessen, daß neben Axt
+und Pflug sein einziges Handwerkszeug das Schwert gewesen ist. Seines
+westfälischen Standesgenossen rassige Schlankheit, seine der harten
+Arbeit seit Jahrhunderten entwöhnten Hände verdankt er dagegen der
+Freigebigkeit des üppigen Bodens, den Scharen der Hörigen, die ihn
+bebauen mußten; und die Grazie seiner gesellschaftlichen Formen, die
+Schönheit seiner Umgebung erinnert an die prunkvollen Höfe der
+Kirchenfürsten von Köln, von Paderborn, von Münster, wo seine Ahnen
+erzogen wurden, und an die künstlerische Kultur, die die katholische
+Kirche um sich verbreitete. Mit einem angeborenen Sinn für Stoffe und
+Farben kleiden sich seine schön gewachsenen, ein wenig steifen Frauen
+und Töchter mit den feinen, regelmäßigen, ein wenig leeren Gesichtern;
+Perlen und Edelsteine in herrlicher alter Fassung schmücken ihre vollen
+blonden Haare, ihre schneeweißen Nacken und Arme. Die Möbel, die
+Schaustücke, das reiche Silbergerät in ihren Häusern ist ererbter
+Familienbesitz aus den Glanzzeiten der Gotik, der Renaissance, des
+Rokoko; von den farbensatten Gobelins, die die Wände der Säle decken,
+sieht die ganze Vergangenheit herab auf das junge Geschlecht, das ihr
+auch geistig nicht untreu geworden ist.
+
+Sie sind alle gläubige Katholiken; sie versäumen die Messe nicht, auch
+wenn sie die Nächte durchtanzen; barhäuptig, Gebetbuch und Rosenkranz in
+den Händen, schreiten die vornehmsten mit in der großen Prozession am
+Montag nach dem Reliquienfeste und am Tage Mariä Heimsuchung; die Kirche
+ist ihr eigentliches Vaterland; in den Jahren des Kulturkampfes
+behandelte der westfälische Adel die preußischen Beamten und Offiziere
+wie Feinde, und eine gewisse mißtrauische Zurückhaltung zeigte sich hier
+und da auch jetzt. Aber sie galt weniger dem preußischen Protestanten im
+allgemeinen, als dem einzelnen, der mit taktloser Großspurigkeit
+auftrat, oder -- dessen Adelsdiplom nicht ganz reinlich erschien. Hier
+herrschte noch vollkommenste Exklusivität, -- ein Bürgerlicher, ein
+Neugeadelter war nicht gesellschaftsfähig, und dies ungeschriebene
+Gesetz wurde den Einheimischen gegenüber am strengsten gehandhabt. Eine
+Organisation westfälischer Damen, die angesichts des Gleichheitstaumels
+der französischen Revolutionsepoche gegründet worden war, konnte über
+Sein und Nichtsein entscheiden. Ihre Feste waren unter dem Namen der
+Bälle des Damenklubs weit und breit berühmt und -- gefürchtet. Wer dazu
+nicht geladen wurde, war einfür allemal boykottiert; rückhaltlos
+gesellschaftlich anerkannt war nur, wer auch bei den intimen
+Veranstaltungen nicht fehlte. Der Klub hatte die Macht, Mitglieder des
+westfälischen Adels, die sich irgend etwas hatten zuschulden kommen
+lassen, durch geheime Abstimmung auf Monate oder Jahre von allem Verkehr
+mit seinen Standesgenossen auszuschließen.
+
+Die Rücksicht auf diese tiefwurzelnden Auffassungen -- spukte nicht hier
+sogar die Erinnerung an die Vehme? -- führte zu merkwürdigen
+Konsequenzen: man hatte zwar durchgesetzt, daß auch die nicht adeligen
+Offiziere nicht völlig von der Geselligkeit ausgeschlossen wurden, aber
+sie wurden nur zu großen Bällen gebeten und hätten es auch dort kaum
+wagen dürfen, eine westfälische Dame zum Tanz zu führen. Die vierten
+Kürassiere und die sogenannten Papst-Husaren aus Paderborn, --
+Regimenter, so vornehm wie nur irgend eins der Garde, in die nicht
+einmal ein unadliger Einjähriger Aufnahme fand, -- waren die allein
+'hoffähigen'. Und so war es denn auch nicht die Stellung meines Vaters,
+sondern sein Name und der Stammbaum meiner Mutter, die uns rasch alle
+Türen öffneten. Geistige Ansprüche an unsere Gesellschaft zu stellen,
+hatte ich aufgegeben; die Alix Kleve, die mit heißen Wangen und
+brennender Lebenslust zum Klang süßer Walzerweisen von einem Arm in den
+anderen flog, war nicht dieselbe, die daheim mit klopfendem Herzen und
+unstillbarem Geistesdurst über den Büchern saß.
+
+Die Atmosphäre der Vornehmheit und des Reichtums, die Eleganz der
+Tänzer, die Schönheit der Menschen und der Räume befriedigte meine
+Sinne; es gab Tage und Stunden, wo die prickelnde, fiebernde Lust des
+Karnevals mich ganz und gar gefangen nahm, wo eine Tanzmelodie mich wie
+ein elektrischer Schlag bis in die Fußspitzen durchzuckte und alle
+übrigen Lebenstöne erschlug. Wir tanzten täglich; in den Fastnachtstagen
+fielen sogar die Schranken zwischen den Gesellschaftsklassen und unter
+Papierschlangengeschossen und Konfettiregen wagten wir uns unter die
+maskierte Menge der Straße. Alle Höfe und Häuser standen offen; überall
+konnten die Masken sich selbst zu Gaste laden, und doch artete die
+sprudelnde Lustigkeit nie in rohe Späße aus.
+
+Am Fastnachtsdienstag gab es ein Frühstück im Kürassierkasino, wo die
+Sektpfropfen knatterten wie Salven, und darauf einen ausgelassenen Tanz
+im Sande der Reitbahn, wo die Herren um die Wette über Hürden und Gräben
+sprangen. Abends war der letzte Ball des Damenklubs; noch einmal wurde
+getanzt wie rasend, alte Graubärte machten den Jüngsten den Rang dabei
+streitig, und die Fülle der Blumen, die uns gespendet wurden, ließ sich
+kaum fassen. Mir stoben Funken vor den Augen, und ich fühlte nichts
+mehr als die wiegende, schleifende Bewegung und den heißen, keuchenden
+Atem meiner Tänzer. Plötzlich, mitten im wilden Abschiedsgalopp, stand
+alles still, wie von einem Zauber gebannt, die Musik brach ab, mit
+kurzem Gruß huschten die Damen hinaus, rasch warfen die Herren den
+Mantel über die Schultern -- zwölf schlug die tiefe Glocke vom Domturm,
+Aschermittwoch klingelte das schrille Glöcklein von der
+Liebfrauenkirche.
+
+Mit einem Schlag schien das Leben erloschen. Still, mit verhängten
+Fenstern lagen von nun an wieder die Adelshöfe. Nur drüben im
+Erbdrostenhof regte sichs noch: gestern hatte die schlanke Tochter des
+Hauses mit uns getanzt, heute nahm sie im Kloster der Ursulinerinnen den
+Schleier. Wie eine glückliche Braut ward sie von all den Ihren geleitet,
+und sie selbst lächelte wie eine solche. Mit einem Glanz verklärter
+Freude auf den Zügen leisteten ihre Brüder -- die übermütigsten Tänzer
+sonst -- die Ministrantendienste bei der heiligen Handlung. Und doch
+wußten alle, daß es ein Abschied für immer war, denn in strenger Klausur
+verbringen die Ursulinerinnen ihr nur dem Gebet und der Buße geweihtes
+Leben.
+
+Während der Fastenzeit kamen Kapuzinermönche nach Münster, die besten
+Kirchenredner ihres Ordens. Sie Sprachen von vier Kanzeln dreimal des
+Tags, und Kopf an Kopf drängte sich jedesmal die Menge und hielt
+geduldig stundenlang stehend aus. Ich ging wiederholt in den Dom; die
+fanatische Beredsamkeit dieser blassen Männer in ihren braunen Kutten
+war überwältigend. Sie sprachen rücksichtslos und griffen mitten ins
+Leben, und eine Wirkung ging von ihnen aus, die nicht nur in dem
+wachsenden Andrang zu ihren Beichtstühlen zum Ausdruck kam, sondern auch
+in den Handlungen der Einwohner Münsters. Wir hörten häufig, daß
+gestohlenes Gut zurückgegeben wurde, Verleumder den Verleumdeten um
+Verzeihung baten, Treulose zu den verführten Mädchen zurückkehrten. »Es
+geht ein Zug nach Wahrheit und Befreiung durch die Welt, dem, ihrer
+selbst nicht bewußt, auch die asketischen Diener der Kirche folgen
+müssen. Zuweilen, wenn sie mit überwältigender Kraft das Elend armer
+Arbeiter schilderten, und den Reihen, die nicht sehen und hören wollen,
+mit den Schrecken auch der irdischen Sorgen drohten, schien es wirklich
+Christi lebendiger Atem zu sein, der sie beseelte. Mir träumte dabei von
+einer fernen Zukunft, wo in heiligen Hallen, wie diese, Missionsprediger
+der Freiheit zu den Tausenden sprechen werden.« So schrieb ich an
+Mathilde. In Münster aber verstand man meine häufigen Kirchenbesuche
+anders. Zufall -- Absicht? -- führten mich mit katholischen Priestern
+zusammen, und ich merkte bald, welch lebhaftes Interesse sie an mir
+nahmen. Sie boten sich mir zu Führern in Kirchen und Kapellen an und
+verwickelten mich, wenn ich kam, in religiöse Gespräche. Aus meiner
+Stellung zum Protestantismus machte ich kein Hehl, und als ich einmal
+freimütig erklärte, daß der Katholizismus mir weit anziehender sei,
+meinte mein Begleiter vorsichtig: »Sie sollten sich mit unserer Kirche
+näher vertraut machen, wenn sie Ihnen, wie es den Anschein hat, die Idee
+des Christentums deutlicher repräsentiert.« -- »Die Idee des
+Christentums?!« erwiderte ich lächelnd. »Nein, Hochwürden, mit ihr hat
+die katholische Kirche nichts zu tun! Und gerade das ist es, was ich an
+ihr liebe und bewundere.« Sprachlos starrte der Priester mich an. »Ich
+begreife nicht --« brachte er schließlich hervor. »Darf ich es Ihnen
+erklären?« Er nickte zustimmend.
+
+»Meiner Ansicht nach ist die ursprüngliche Lehre Christi mit ihrem
+Asketismus, ihrer Verachtung des Lebens, der Freude, der Schönheit,
+ihrer Menschenfeindschaft, -- bei aller Betonung der Menschenliebe, --
+der Natur der abendländischen Völker so widersprechend, daß sie sich in
+ihrer Reinheit gar nicht durchsetzen konnte. Wir sind Heiden, sind
+Sonnenanbeter; mit den Geschöpfen unserer Träume beleben wir Feld und
+Wald, Berg und Tal. Karl der Große hat das rasch begriffen, und seine
+Missionare mit ihm. Sie hatten häufig genug selbst Sachsenblut in den
+Adern. Darum bauten sie an Stelle der Heiligtümer Wotans, Donars,
+Baldurs und Freyas die Tempel Ihrer vielen Heiligen; darum erhoben sie
+nicht den Gekreuzigten, sondern die Mutter Gottes, das Symbol
+schaffenden Lebens, auf den Thron des Himmels. Darum schmücken die
+Diener des Mannes, der nicht hatte, da er sein Haupt hätte hinlegen
+können, ihre Gewänder, ihre Altäre und ihre Kirchen mit Gold und
+Edelsteinen und zogen die Kunst in ihren Dienst. Vom Standpunkt Christi
+aus hatten Ihre Wiedertäufer Recht, die die Bilder zerstörten, aber die
+lebensstarke Natur ihrer Volksgenossen hat sie ins Unrecht gesetzt. Und
+wissen Sie, was mich in meiner Auffassung vom heidnischen Charakter des
+Katholizismus und seiner Lebensfähigkeit infolgedessen bestärkte: der
+eben verflossene Karneval! In keinem protestantischen Lande ist
+dergleichen möglich, auch wenn es auf denselben Breitengraden liegt, wie
+Münster, wie Köln, wie Düsseldorf, wie München. Vor lauter
+Verständigkeit und Nüchternheit haben wir die Freude verlernt, die ein
+Bestandteil heidnischer Religiösität ist.«
+
+Jetzt war die Reihe an meinem Begleiter, überlegen zu lächeln.
+
+»Ob Sie, infolge irgend welcher verwirrender Lehren sogenannter
+wissenschaftlicher Aufklärung, Heidentum nennen, was christ-katholisch
+ist, das dürfte zunächst von geringem Belang sein, sofern Sie nur an die
+Lehren der Kirche glauben. Wir verlangen von den Novizen nicht die
+Gedanken- und Gefühlstiefe des erprobten Bekenners.«
+
+»Aber ich glaube ja an Ihre Heiligen nicht, wenn ich ihre Existenz auch
+verstehe!« Der Priester schüttelte den grauen Kopf. »Wir werden einander
+nie näher kommen, Hochwürden. Wo Sie Religion sehen, sehe ich Kunst, und
+Ihr Gott und Ihre Heiligen sind für mich nicht überirdische Wesen, die
+ich anbeten muß, sondern Gebilde, die unsere Phantasie erschuf, wie die
+Hand des Malers die heilige Jungfrau drüben. Daß Ihre Kirche diese
+Schöpferkraft nicht unterband, sondern schützte, nährte, anfeuerte, ist
+ein Verdienst, das sie mir ehrwürdig macht. Sie werden aber nun selbst
+einsehen, daß sich aus solchem Material keine Proselyten machen lassen.«
+
+Man schien mich trotz alledem nicht aufzugeben. Ich wurde in der
+Gesellschaft Westfalens mit mehr Interesse und Aufmerksamkeit behandelt
+als sonst ein junges Mädchen und war viel zu eitel, um die Vorteile
+dieser Ausnahmestellung nicht angenehm zu empfinden. Daß ich mich im
+stillen immer weiter aus dem geistigen Bannkreis meiner Umgebung
+entfernte, bemerkte niemand. Mit wem hätte ich mich auch ehrlich
+aussprechen können? Mein Vater war in seinen kirchlich und politisch
+konservativen Anschauungen immer schroffer geworden, und je höher die
+Stellung war, die er einnahm, je mehr er nichts anderes um sich hatte
+als Untergebene, desto selbstherrlicher wurde er, desto weniger duldete
+er Widerspruch. Meine Mutter wurde von steigender Antipathie gegen meine
+Studien beherrscht, jeden Büchertitel musterte sie mit größtem
+Mißtrauen, und ich konnte sicher sein, mit irgend einer »wichtigen«
+häuslichen Aufgabe, wie Wäsche flicken, Staub wischen oder dergleichen,
+immer dann betraut zu werden, wenn ich am meisten gefesselt war. Unter
+unseren vielen Bekannten war niemand, den ich für würdig und fähig
+gehalten hätte, an meinen Interessen teil zu nehmen. Es gab schon
+verblüffte Gesichter genug um mich her, wenn ich etwa über politische
+Tagesereignisse mitzureden den Mut faßte.
+
+So wurde ich denn immer launischer, reizbarer und hochmütiger. Nichts
+als meine pessimistischen Ansichten über die Menschen hatte ich
+ausgesprochen, wenn ich auf einem Maskenfest des letzten Winters an die
+Rosen, die ich verteilte, statt der Dornen Verse wie diese geheftet
+hatte:
+
+ Die Menschen tragen im Leben
+ Eine Maske vor dem Gesicht;
+ Wünsch' nicht, sie zu demaskieren,
+ Denn, wisse, es lohnt sich nicht!
+
+ * * * * *
+
+ Und fürchtest du die Rose,
+ Weil stets ihr Dorn dich sticht, --
+ So pflücke dir Gänseblümchen,
+ Die, Teuerster, stechen nicht!
+
+ * * * * *
+
+ Du träumst vom Feuer der Liebe,
+ Das hoch ein jeder preist?
+ Wisse, in unserm Jahrhundert
+ Ist es ein Irrlicht meist.
+
+ * * * * *
+
+ Traue keinem hier von allen,
+ Dann erst recht nicht, wenn die Maske fiel;
+ Niemals wird die zweite Maske fallen,
+ Und was Wahrheit scheint, ist Narrenspiel.
+
+ * * * * *
+
+ »Im Münster ist's finster,«
+ Wer wüßte das nicht?
+ Doch sag mir, wo in der Welt
+ Ist es licht?
+
+Licht war für mich nur die Welt der Bücher; Erkenntnisse, die ich
+gewann, erfüllten mich mit tiefer heißer Freude, und die Sehnsucht wuchs
+hinaus aus der Enge des Lebens; von der Phantasie nahm sie die
+leuchtendsten Farben, um Menschen zu malen, die von Idealen erfüllt, mit
+den reichsten Waffen des Geistes ausgestattet, eine dunkel geahnte
+andere Welt zu erobern ausgingen. Mein Tagebuch und die Briefe an
+Mathilde waren die Vertrauten meines eigentlichen, verborgenen Lebens.
+
+»Ich bin in meinem Studium der Kulturgeschichte beim fünften großen
+Werke angelangt,« schrieb ich damals, »mein Interesse dafür ist immer
+im Wachsen, und immer wieder finde ich, was mich fast von Kindheit an --
+damals noch wie eine Ahnung -- erfüllte: daß wir uns trotz allem, was
+den Blick momentan verdunkeln mag, unaufhaltsam vorwärts bewegen. Wehe
+denen, die hemmen wollen, sei es in der Kunst, der Wissenschaft, der
+Religion, oder der Politik! -- Nur eins schmerzt mich oft bis zur
+Verzweiflung: daß ich nur Zuschauer bin und weder beim Niederreißen des
+Alten, noch beim Aufbauen des Neuen tatkräftig eingreifen kann.«
+
+An anderer Stelle heißt es: »Auf dem Wege meiner stillen Studien bin ich
+zu der Erkenntnis gelangt, daß unsere Entwicklung wie auf einer
+Wendeltreppe vorwärts schreitet. Zuerst lernt man mechanisch, ohne zu
+verstehen, dann lernt man verstehen; aus beiden folgt das eigene Denken,
+und erst auf diesen drei Stufen erhebt sich der persönliche Mensch und
+fängt nun scheinbar von vorn an: er lernt, er versteht, er denkt -- oder
+er entzündet das trocken aufgehäufte Pulver des Verstandes mit dem
+elektrischen Funken seines eigenen Geistes und sprengt damit die starren
+Formelmauern, um nun selbst Licht und Wärme zu verbreiten. Auf jeder
+Stufe bleiben viele Menschen stehen; darum wird man mit dem
+Vorwärtsschreiten immer einsamer und läßt viele hinter sich zurück, die
+nicht gleichen Schritt mit uns hielten.«
+
+Soweit meine Kusine sich auf Diskussionen einließ, trat sie mir
+entgegen. Sie verteidigte z. B. die Heroengeschichte gegenüber der
+Kulturgeschichte; sie suchte mir zu beweisen, daß die Könige,
+Staatsmänner und Feldherrn die Geschichte »machen,« während ich
+erklärte, »daß der einzige dauernde gesunde Fortschritt aus dem Volk
+herauswächst und die Großen der Erde oft nichts sind als Marionetten in
+der Hand der ungeheuern namenlosen Masse.« Ich hatte viel zu sehr das
+Bedürfnis, mich irgend jemandem gegenüber auszusprechen, und ihr Urteil
+war mir überdies viel zu wenig maßgebend, als daß ich mich von ihren
+Gegengründen hätte abschrecken lassen. »Meine letzte Entdeckung muß ich
+Dir mitteilen, obwohl ich von vornherein weiß, daß Du über meine
+'umstürzlerischen' Ansichten wieder empört sein wirst. Je mehr ich die
+Geschichte der Völker studiere, desto klarer wird mir, daß der große,
+viel zu wenig anerkannte Fortschritt unserer Zeit in der völlig
+veränderten Wertung der Arbeit besteht. Kein Volk der Vergangenheit hat
+die Arbeit an sich als etwas Ehrenvolles betrachtet. Im Gegenteil: nur
+der Sklave, der Kriegsgefangene, kurz, der Entrechtete, Ehrlose
+arbeitete. Die Arbeit war eines freien Mannes unwürdig. Das war die
+durchgängige Ansicht der antiken Völker, das war auch die der Germanen.
+Und zu jenen Ehrlosen, die zur Arbeit gewissermaßen verdammt waren,
+gehörten charakteristischerweise nicht nur die Unfreien unter den
+Frauen, sondern ihr ganzes Geschlecht. Die Arbeit eine Ehre -- das
+Nichtstun ein Laster, -- dahin fangen wir erst an, uns zu entwickeln,
+und zu ihrer vollen Bedeutung wird diese Erkenntnis erst in später
+Zukunft gelangen. -- Für mich persönlich ist sie nicht eine bloße
+verstandsmäßige Einsicht, sondern ein Ereignis, das mich erschütterte.
+Wird der Wert des Menschen an seiner Leistung gemessen, -- wie bestehe
+ich vor dieser Prüfung?! Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt, gesund an
+Geist und Körper, leistungsfähiger vielleicht als viele, und ich arbeite
+nicht nur nichts, ich lebe nicht einmal, sondern werde gelebt!«
+
+Wie sich der Heißhungrige über jeden Bissen stürzt, so warf ich mich
+über jede Möglichkeit des Erlebens und der Arbeit.
+
+Zu jener Zeit starb der alte Kaiser, und im Märtyrerschicksal seines
+Nachfolgers begann der Tragödie letzter Akt. Mit jener steigenden
+Erregbarkeit meiner Nerven, die auch die Ereignisse außerhalb des
+eigenen Schicksals zum persönlichen Erlebnis werden ließ, verfolgte ich
+die Berichte der Presse, dachte des »neuen Herrn,« der nun kam, dessen
+verkümmerter Arm mich vor Jahrzehnten schreckte, und der, seit jenem
+Gespräch mit Graf Lehnsburg, seltsam drohend sich meinem Vater
+entgegenzustrecken schien. Die alte Welt versank, -- der Todeskampf
+Friedrichs III. war auch der ihre. Und mit wilder Zerstörungslust
+schienen die Elemente ihn zu begleiten. Unaufhörlich strömte der Regen,
+aus ihren Ufern traten die Flüsse, die Dämme brachen -- tausende stiller
+Heimstätten wurden vernichtet, hunderttausenden armer Menschen drohte
+Hunger und Elend. Und ich saß hier im gesicherten Schutz unseres Hauses
+mit gebundenen Händen! -- In fieberhaftem Eifer schrieb ich die Märchen
+nieder, die ich meinem Schwesterchen im Laufe der Jahre erzählt hatte.
+Ich schickte sie aufs geratewohl einem Königsberger Verleger, mit der
+Bestimmung, den etwaigen Erlös den Überschwemmten zuzuführen.
+»Veröffentlichungen dieser Art liegen außerhalb unseres Gebiets,«
+schrieb er, und rasch entmutigt warf ich sie ins Feuer. Kurz darauf
+wurde ein Dilettantenkonzert zum Besten der Notleidenden arrangiert,
+und ich, deren Karnevalsverse in Erinnerung geblieben waren, sollte
+einen Prolog dazu verfassen und vortragen. Es wurde mir nicht schwer,
+ich brauchte nur auszusprechen, was ich empfand, und als ich am Tage der
+Aufführung im schwarzem Trauerkleid auf hohem Podium stand, eine stumme
+dunkle Menge vor mir, und fühlte, wie meine Stimme den Saal erfüllte, --
+da war mirs, als sprengte mein eigenes klopfendes Herz die Eisenreifen,
+die es umschnürt hatten. Von der tiefen Glocke in meiner Brust sprach
+man mir, nachdem die einen mir stumm die Hand geschüttelt, die anderen,
+voll Enthusiasmus, mir gedankt hatten. Besaß ich die Macht, die Menschen
+zu erschüttern, sie zum Großen und Guten aus ihrer Stumpfheit
+aufzurütteln? Eröffnete sich hier irgend ein Weg für mich, auf dem ich
+endlich, endlich dem nutzlosen Leben entfliehen konnte? »O daß ich die
+Kräfte, die ich besitze, in einer jener Pionierarbeiten einsetzen
+dürfte, die durch die Wüste der Welt neue Wege bahnen!« schrieb ich noch
+in der Nacht darnach an meine Kusine.
+
+Mein Prolog wurde gedruckt und in ein paar tausend Exemplaren verkauft.
+Aber dem Hochgefühl folgte bald die Ernüchterung. Ein Tropfen auf den
+heißen Stein war, was ich für die Überschwemmten erreicht hatte; in die
+Alltagsstimmung fielen die Begeisterten rasch zurück; in das
+Alltagsleben mußte ich aufs neue. Ich befand mich in einer förmlichen
+Krisis, die mich schüttelte wie ein Fieber, mir allen Schlaf und alle
+Selbstbeherrschung raubte. Als mein Vater mich daher eines Abends frug,
+warum ich so stumm und stocksteif dasäße, antwortete ich mit einer
+Leidenschaft, die sich nicht mehr zurückdämmen ließ: »Weil das Leben
+mir zum Ekel wurde -- weil ich mich selbst nicht länger ertragen kann.
+--«
+
+»Ja um Himmels willen, was ist denn geschehen? Wieder so 'ne verdammte
+Liebesgeschichte?« Papa schwollen vor Schreck die Adern auf der Stirn.
+Mama dagegen sah mich flüchtig forschend an und lächelte dann ihr feines
+malitiöses Lächeln.
+
+»Das Gegenteil dürfte richtig sein, -- ihr fehlt momentan die
+Liebesgeschichte,« sagte sie, und sekundenlang fuhr es mir blitzartig
+durchs Gehirn, ob sie am Ende recht haben könnte. Dann aber antwortete
+ich rasch, um den Gedanken in mir selbst zu erlöschen:
+
+»Arbeiten möcht ich, -- irgend etwas leisten, das mich ganz und gar in
+Anspruch nimmt. Ich beneide den Steinklopfer an der Straße, der abends
+wenigstens arbeitgesättigt totmüde auf seinen Strohsack sinkt.«
+
+»Du hast doch genug zu tun, wie ich bemerke,« meinte Papa nach einem
+kleinen zögernden Nachdenken, »du liest, du malst, du schneiderst, du
+beschäftigst dich mit deiner Schwester, du bist der unersetzliche
+Arrangeur unserer Feste --«
+
+Mama unterbrach ihn: »Das genügt natürlich Alix' Ehrgeiz nicht.
+Häusliche Pflichten sind ein überwundner Standpunkt. Aber du hast ja
+Auswahl genug, wenn du ihrer überdrüssig wurdest,« damit wandte sie sich
+an mich; ihr ganzes Gesicht war rot, und ihre schmalen Lippen bebten,
+»du kannst Gesellschafterin -- Gouvernante -- Hofdame werden. Sieh dann
+selber zu, wie das harte Brod der Fremde schmeckt!«
+
+Mir stürzten die Tränen aus den Augen. Mir ahnte längst, daß mir kein
+Ausweg blieb, und doch erschütterte mich die trockne Aufzählung dieser
+einzigen Möglichkeiten, die für mich Unmöglichkeiten waren. Mein Vater
+konnte niemanden weinen sehen, am wenigsten seine Töchter. Er sprang auf
+und zog mich in die Arme, mir mit einem leisen: »Armes Kind, armes
+Kind!« die Wangen streichelnd. Es blieb dann eine Weile ganz still
+zwischen uns. Und dann sprach er mit derselben weichen Stimme auf mich
+ein, wie auf eine Kranke, -- mit langen Pausen dazwischen, als wollte er
+mir zum Antworten Zeit lassen. »Sei still, mein Kind -- bitte weine
+nicht mehr. -- Wie ein Vorwurf ist das für mich -- daß ich nicht besser
+für dich sorgte! Wärst du ein Mann, so hätte ich dich schon auf Wege
+geführt, die einen Lebensinhalt gewährleisten, aber so -- -- du bist nur
+ein Mädchen -- nur für einen einzigen Beruf bestimmt, -- alle anderen
+wären doch nichts als traurige Lückenbüßer. Du sollst diesem einzigen
+nicht so krampfhaft -- oder leichtsinnig -- aus dem Wege gehen! Ich bin
+ein alter Mann und werde nicht ruhig sterben können, wenn ich dich nicht
+im Hafen weiß!«
+
+»Papa -- lieber Papa!« schluchzte ich auf; dann lief ich hinaus und
+schloß mein Schlafzimmer hinter mir zu und saß auf dem Bett stundenlang
+mit brennenden Augen und wundem Herzen. Nun hatte ich ein Buch nach dem
+anderen heißhungrig verschlungen, und dunkel und leer gähnte mein
+Inneres mich trotzdem an, -- hatte Erkenntnisse gewonnen, die mich
+berauschten, und wenn ich zum nüchternen Tageslicht erwachte, war ich
+elender als zuvor. So ist das Glück geistigen Werdens und Wachsens denn
+auch nichts weiter als Betäubung? Ist wirklich das Schicksal des Weibes
+nur der Mann? Und hat es kein Recht auf ein eigenes Leben? -- Der Mann!
+Ich dachte derer, die mir im letzten Winter gehuldigt hatten, -- gute
+Tänzer, lustige Kurmacher, zu einem flüchtigen Flirt wie geschaffen --
+aber an sie gekettet, ihnen unterworfen sein -- ein ganzes Leben lang --
+entsetzlich! Plötzlich aber fühlte ich mich wie eingehüllt von einem
+Feuerstrom, so daß im ersten Schreck das Herz mir stockte: ein Kind! ein
+Kind! -- das war des Lebens Zweck und Inhalt. Ein Kind wollt ich haben,
+gleichgültig von wem, ein lebendiges Teil meiner Selbst, einen Sohn, --
+das Geschöpf meines Körpers und meines Geistes --, der meine Träume
+erfüllen, der werden sollte, was ich zu werden vergebens hoffte! Was
+galt mir der Mann: mochte er sein, was er wollte, -- nur den Vater
+meines Sohnes brauchte ich!
+
+Und als wir am nächsten Abend wieder um den runden Tisch zusammen saßen,
+sagte ich: »Du sollst dich nicht weiter um mich grämen, Papachen, -- paß
+auf, über kurz oder lang hast du einen Schwiegersohn und bist die böse
+Tochter los!« Worauf ich lachend einen zärtlichen Kuß bekam. Mama nahm
+keine Notiz von meiner Bemerkung; erst am folgenden Tag kam sie darauf
+zurück. »Ich habe dir niemals zur Ehe zugeredet,« sagte sie, »und hüte
+mich auch jetzt davor. Das Glück, das ein Mädchen von ihr erwartet,
+findet sie nie.« -- »Ich will auch kein Glück -- eine Lebensaufgabe will
+ich -- ein Kind,« stieß ich widerwillig hervor, denn mich meiner Mutter
+anzuvertrauen, kostete mir die größte Überwindung. »Ein Kind?!«
+wiederholte sie, »um dich vollends mit Sorgen zu beladen?!«
+
+Sie hatte mich offenbar nie so wenig verstanden wie heute.
+
+Mein Vater dagegen war noch nie so liebevoll zu mir gewesen. Was er mir
+an den Augen absehen konnte, das tat er. Lange Morgenritte machten wir
+wieder zusammen, hinaus in die weite Heide, vorbei an all den stolz in
+sich abgeschlossenen einsamen Bauernhöfen und an manch uraltem Schloß
+mit festen Türmen und tiefen Gräben ringsum. Und wenn er weiter ins Land
+Inspektionsreisen machte -- nach Minden, nach Soest, nach Paderborn --,
+nahm er mich mit; während er seinen Dienst erledigte, lernte ich all die
+Schätze alter Kunst, all die Wahrzeichen alter Geschichte kennen, an
+denen Westfalen so reich ist.
+
+In der ersten Hälfte des Monats Juni fuhren wir nach Aachen, der
+Garnison des 53. Infanterieregiments, dessen Chef Kaiser Friedrich war.
+Das Wetter war so schön, die Stadt und ihre Umgebung so unerschöpflich,
+daß wir länger blieben, als es der Dienst meines Vaters erfordert hätte.
+
+Am Mittag des 15. Juni 1888 -- wir kehrten gerade von einem Spaziergang
+in unser Hotel zurück -- kam ein junger Leutnant atemlos von der Kaserne
+und bat uns, ihm so rasch wie möglich dorthin zu folgen. Was er
+erzählte, war so seltsam, daß wir, wäre es nicht heller Tag gewesen, an
+seiner Nüchternheit hätten zweifeln dürfen. Ein Zug Soldaten habe, so
+berichtete er, auf dem Kasernenhof exerziert; kaum sei er abgetreten,
+als einem der Offiziere von seinem Fenster aus große lateinische
+Schriftzeichen im Sande aufgefallen seien, die offenbar von den
+regelmäßig sich wiederholenden Fußtritten herrühren mußten. Man habe
+inzwischen rasch zu einem Photographen geschickt, um das merkwürdige
+Phänomen auf der Platte festzuhalten, und »Exzellenz müssen es
+unbedingt auch in Augenschein nehmen --« fügte er eifrig hinzu. »Zum
+Donnerwetter, was ist es denn?« sauste mein Vater ihn an. »Es heißt für
+jeden deutlich --.«
+
+»Extrablatt! Extrablatt!« unterbrachen den ängstlich stotternden
+Leutnant in diesem Augenblick viele Stimmen. »Heute Morgen elf Uhr ist
+Kaiser Friedrich gestorben!«
+
+Der junge Offizier wurde leichenblaß. »Elf Uhr?!« wiederholte er
+langsam. »Um diese Stunde entstand die Schrift!«
+
+Wir traten in den Kasernenhof. Das ganze Regiment schien versammelt und
+starrte wie gebannt auf den regenfeuchten Platz. Mitten darauf stand in
+riesigen Lettern:
+
+ W W II.
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel
+
+
+ Münster, 29. Dez. 1888
+Liebe Mathilde!
+
+Das Dreibretzeljahr, von dem ich mir so viel versprochen hatte, geht zu
+Ende. Es ist nicht süß, ja nicht einmal schmackhaft gewesen, und sein
+einziges greifbares Resultat ist, daß ich meine hochfliegenden Wünsche
+und Hoffnungen sauber verpackt zu anderem Urväterhausrat in die alte
+Truhe legte, wo ich sie vielleicht an Sonn- und Feiertagen des Lebens
+hie und da herausnehmen und mit wehmütiger Resignation betrachten werde,
+wie die Großmütter die Liebesbriefe ihrer sechzehn Jahre. Du brauchst
+mir zum neuen Jahr kein Glück zu wünschen; ich weiß von vorn herein, was
+es bringt: das landläufige Mädchenschicksal einer Vernunftheirat. Ich
+kenne den Glücklichen noch nicht, der sich an den Resten meines Ich
+entflammen wird -- aber ich werde ihn finden, und trainiere mich jetzt
+schon zur Kühle und Ruhe, damit mir nicht am unrechten Ort das Herz
+durchgeht.
+
+Heut nacht hab ich beim müden Schimmer meiner Rosa-Ampel lange wach
+gesessen und geträumt, -- gegrübelt wohl eher, denn träumen tut man kaum
+mehr, wenn das erste Vierteljahrhundert des Lebens sich seinem Ende zu
+neigt; und tut mans trotzdem, so sind es eben -- schlechte Träume. Im
+Kamin prasselte das Feuer, und wenn ich aufsah, blickte mir aus dem
+Spiegel ein Gesicht entgegen, das das einer Toten hätte sein können,
+wenn nicht die Augen von verhaltenen Tränen geschimmert und die Lippen
+wie eine klaffende Wunde blutrot geleuchtet hätten. Ein Kindergesicht
+wars nie, -- bin ich denn überhaupt ein Kind gewesen? Ein glückliches
+Kind? Es muß sehr lange her sein, denn ich besinne mich nicht darauf.
+Ich mag auch nicht die Tafeln der Erinnerung aufdecken. Häßliche Bilder
+zeigen sie. Freilich meist golden umrahmt, auf Elfenbein gemalt in
+schillernden Farben, aber sieh dir den Höllenspuk nur genauer an: war
+nicht das Schicksal ein wahnwitziger Maler, daß es so kostbares Material
+an solchen Schund verwandte?
+
+Was hat denn gehalten von alledem? Die Liebe etwa? Armes Menschenkind!
+Sie ging an dir vorüber und du sahst nur so viel von ihr, um die
+Sehnsucht darnach, die fiebernde, heiße, ewig zu spüren! Und der Glanz?
+Wie schnell sah das allzu scharfe Auge, daß er nichts war als
+Flittergold, -- Raketen, die prasseln und strahlen; wenn sie verglimmt
+sind, ist es viel dunkler noch als zuvor! --
+
+Ich habe die Wissenschaft gepflegt, wie eine verbotene Liebschaft, --
+die bleibt mir. Ich habe die Kunst geliebt, schüchtern nur und von
+ferne, um die Hehre nicht mit meiner Pfuscherei zu besudeln, -- die
+bleibt mir. Das mag jenen Luxustieren unter den Menschen genügen, die
+vom Leben nichts wollen als Genuß, -- jenen, die so hohl sind, daß sie
+immer empfangen können. Ich aber wollte schaffen!! -- Wozu lebe ich denn
+überhaupt? Würde mich jemand vermissen, würde eine Lücke bleiben, wenn
+ich nicht wäre? Meine Eltern, meine Schwester, meine Freunde würden
+trauern. Wie lange? Ich bin ihnen doch allen fremd geblieben! Wer wird
+denn nur wahrhaft vermißt? Ein guter Vater, -- eine treue, sorgende
+Mutter! --
+
+Pfui, du hast geweint, -- schnell, lache, setze die Maske auf, -- wer
+zeigt denn heutzutage sein Gesicht? Es wären der Falten, der Tränen zu
+viele!
+
+Verzeih -- ich schrieb in Gedanken ein Romankapitel. Im nächsten Brief
+sollst Du hören, wie herrlich ich mich amüsiere!
+
+Prost Neujahr! -- Übrigens eine prachtvolle Phrase, mit der man sich um
+das 'Glück' wünschen herumdrücken kann.
+
+ Deine Alix.
+
+
+ Münster, 30. 1. 89
+Liebe Mathilde!
+
+Ein Karneval, der mich kaum zu Atem kommen läßt, ist die Ursache meines
+langen Schweigens. Ich will ihn durchtollen, bis zum bitteren Bodensatz
+genießen, weil es unweigerlich der letzte für mich ist. So oder so: ich
+verlasse den Schauplatz nicht, es sei denn auf der Höhe des Triumphs.
+Alle bösen Geister haben wieder von mir Besitz ergriffen und peitschen
+mich vorwärts auf der Rennbahn der Eitelkeit, angesichts heftiger
+Konkurrenz. Mit dem neuen Kommandierenden -- dem einst allmächtigen und
+gefürchteten Chef des Militärkabinetts, der die Vorsehung seiner
+Vettern bis ins zwanzigste Glied gewesen ist -- scheinen die Löwinnen
+des alten berliner Hofs den Schauplatz ihrer Tätigkeit hierher verlegt
+zu haben. Eine komische Gesellschaft: vornehm, blasiert, elegant,
+hochnasig, mit einem starken Stich ins Burschikose, nicht ohne
+'Vergangenheit'. Diese beiden letztgenannten Eigenschaften sind die
+Ursache ihrer nicht ganz freiwilligen Entfernung aus Berlin, wo man im
+Zeichen der Tugend und Gottesfurcht steht. Nun ist Münster aber auch
+nicht der Ort, wo Leutnants den jungen Damen kameradschaftlich auf die
+Schultern klopfen und mit frischem Stallgeruch und schmutzigen Stiefeln
+zum Damenfrühstück erscheinen können. Kurz -- wir werden die fremden
+Vögel schon ausräuchern, und ich tue dazu, was ich an Koketterie, an
+Geist und Toiletten aufbringen kann. Mit dem glänzendsten Kavalier
+dieses Karnevals, Herrn von Hessenstein, der kürzlich hier
+Schwadronschef geworden ist, schloß ich ein Schutz- und Trutzbündnis zu
+diesem Zweck. Du brauchst keine Kassandrarufe auszustoßen -- wir
+gefallen einander -- nichts weiter!
+
+Es gibt eine Anziehungskraft zwischen Mann und Weib, die mit Geist und
+Herz gar nichts zu tun hat; ich möchte sie körperlichen Magnetismus
+nennen. Man ist nicht gemein, wenn man sie empfindet, weil der Instinkt
+der Natur nicht gemein sein kann. Zum Unglück wird sie nur, weil das
+sentimentale Liebesgewinsel unserer Goldschnitt-Lyriker und unsere
+verlogene Erziehung uns dazu gebracht haben, sie vor uns selbst mit
+falschen Empfindungen zu umkleiden. Meine fiebernden Sinne werden oft
+von Menschen angezogen, von denen Geist und Herz sich abgestoßen
+fühlen. Und umgekehrt sind diese gefangen, wo jene beinahe Ekel
+empfinden. Würde ich mich des Instinktes schämen und ihn infolgedessen
+mit dem Feigenblatt verlogener Schwärmerei bedecken, -- in welch
+unselige Ehen hätte ich mich schon fesseln lassen! Vielleicht ist die
+wahre, dauernde Liebe erst möglich unter den Gatten, die sich ganz
+kennen, sich ganz besitzen, und die noch dazu ein gewisser äußerer Zwang
+zusammenhält. Alles übrige ist Flirt -- Sport, oder sonst ein Fremdwort
+... Wenn ich nur nicht die fatale Eigenschaft hätte, gegen alle Art
+bürgerlich ehrbarer, staatlich sanktionierter, zu lebenslänglichem
+Gebrauch auf Flaschen gezogener Gefühle einen unüberwindlichen Abscheu
+zu haben ...«
+
+Gegen Ende des Karnevals gab Herr von Hagen, unser Oberpräsident, -- ein
+gescheiter, feiner, alter Herr, der einzige fast, mit dem ich eine
+ernstere Unterhaltung führen mochte, -- ein Diner, zu dem er mich,
+entgegen der sonstigen Gewohnheit, mit einlud. Junge Mädchen waren ja
+nur zum Tanzen da; man schloß sie daher überall von den Gelegenheiten
+aus, wo Ansprüche an den Geist, statt an die Füße gemacht werden
+konnten.
+
+»Sie sollen heute diesen Böotier bekehren,« sagte mir unser Gastgeber
+lächelnd, indem er mir Herrn von Syburg, den neuen Hammer Landrat
+vorstellte, »er hat Ansichten über die Frauen, -- na, Sie werden ja
+sehen!«
+
+Ein großer schmächtiger Mann machte mir eine steife Verbeugung, und ein
+paar helle, weit vorstehende Augen musterten mich ernsthaft. Der erste
+Eindruck, den ich empfing, war fast ein feindseliger. Als wir dann aber
+ins Gespräch kamen, gefiel er mir. Seine Ruhe, seine Kenntnisse, seine
+vielseitigen Interessen erhoben ihn über den Durchschnitt. Er war
+konservativ bis in die Fingerspitzen, und unsere Ansichten platzten
+ständig aufeinander. Aber hinter den seinen stand eine so gefestigte
+Überzeugung, so daß mir meine eigene Unklarheit peinlich zum Bewußtsein
+kam. Im Grunde war ich nur sicher in der Negation; diese Schwäche meines
+Standpunkts schien Herr von Syburg rasch zu entdecken, sie verlieh ihm
+ein Übergewicht, das mir in unserem ferneren Verkehr stets peinlich
+fühlbar blieb.
+
+Er besuchte uns am nächsten Tage und fehlte dann in keiner Gesellschaft.
+Er machte mir auf seine Art den Hof, tanzte fast jeden Kotillon mit mir
+und war stets mein Tischherr.
+
+»Nun hast du glücklich wieder eine neue 'Briefmarke',« meinte mein
+Vater; aber während er sonst an dieselbe Bemerkung ärgerliche Vorwürfe
+knüpfte, lächelte er diesmal dazu. Er neckte mich, weil ich
+fahnenflüchtig zum Zivil überginge, und erzählte wohl auch gelegentlich
+von dem großen Besitz der Syburgs in Schleswig, oder von dem
+Ministerportefeuille, das der Landrat schon heimlich in der Tasche
+trüge. Seine Stimmung machte mich weich, -- der Gedanke, daß es
+vielleicht in meiner Hand liegen sollte, ihn glücklich zu machen, lähmte
+meine Widerstandskraft. Dabei wurde ich Syburg gegenüber immer scheuer
+und büßte immer mehr von meiner Lustigkeit ein, weil ich mich ständig
+von ihm beobachtet wußte.
+
+»Sie kommen mir vor wie ein Abiturient im Examen,« sagte Hessenstein
+eines Tages zu mir, der der einzige war, dem die Entwicklung der Dinge
+mißfiel, und der kein Hehl daraus machte. Im stillen gab ich ihm recht.
+Er unterwirft mich wirklich einer förmlichen Prüfung, dachte ich bitter.
+Häufig nahm er einen dozierenden Ton an, der mich wild machen konnte.
+Und doch wuchs seine Macht über mich. Es imponierte mir, daß er nie den
+girrenden Seladon spielte, sich niemals meinen Wünschen fügte, ja, sich
+manchen leisen Tadel gestattete, dessen Berechtigung ich anerkennen
+mußte. Schon vor Jahr und Tag hatte ich meiner Kusine geschrieben: »Ich
+bedarf der Bewunderung, sagst du, -- gewiß! Und doch sehne ich mich nach
+einem Menschen, den nicht ich unterwerfe, sondern der mich unterwirft,
+der mir nicht demütig die Hände küßt, sondern mich sanft und mitleidig
+an sein Herz zieht und spricht: Nun ruh dich aus, du armes, müdes Kind!«
+
+Nur die Halbgeschlechtlichen, die der Natur Entfremdeten konstruieren
+künstlich eine Weibesliebe, die den Gleichen begehrt. Den Höherstehenden
+will sie; denn blindes Vertrauen und kindliche Schutzbedürftigkeit ist
+ihres Wesens Inhalt. Mir half die Phantasie, meiner Sehnsucht Erfüllung
+vorzutäuschen, und wenn ich auch oft entsetzt gewahr wurde, daß der
+Instinkt der Natur mich nicht zu Syburg zwang, sondern es zwischen uns
+lag wie eiskaltes Gletscherwasser, so schlugen meine Wünsche immer
+wieder die Brücken hinüber. Nur des Nachts rächte sich die unterjochte
+Natur an mir. Stundenlang lag ich wach und kämpfte mit den warnenden
+Stimmen meines Innern; erst wenn der Tag dämmerte, fiel ich in unruhigen
+Schlaf. Von der Servatiikirche hörte ich die Stunden schlagen; die
+gleichmäßigen Schritte zählte ich, mit denen der Posten vor dem Hause
+unaufhörlich auf und nieder ging, und verkroch mich zitternd unter die
+Decke, wenn die Mäuse, die unvertilgbar schienen, piepsend über die
+Diele raschelten. Von Kindheit an brach mir der Angstschweiß aus, sobald
+eins der zierlichen grauen Geschöpfchen in meine Nähe geriet.
+
+Ich wurde immer schmaler und blasser, und müde -- immer müder. Die
+weiche Frühlingsluft, die merkwürdig früh in diesem Jahr Blätter und
+Blüten hervorlockte, erschlaffte mich vollends.
+
+Syburg schien meine krankhafte Mattigkeit für weibliche Sanftmut zu
+halten; das verstärkte in seinen Augen meine Anziehungskraft. Ich ließ
+es geschehen, daß er mich fast schon wie sein Eigentum behandelte.
+Hessenstein versuchte vergeblich, meine Widerstandskraft wach zu rufen.
+»Sie rennen sehenden Auges in Ihr Unglück,« sagte er einmal, »niemals
+passen Feuer und Wasser zusammen.« »Aber das Wasser löscht das Feuer
+aus,« antwortete ich mit trübem Lächeln, »und gerade das ists, was ich
+brauche.«
+
+Es war schon Ende März, als Prinz Sayn, der Kommandeur der Kürassiere
+und unermüdliche liebenswürdige Arrangeur aller Feste, zum Polterabend
+einer bevorstehenden Hochzeit eine Quadrille zu tanzen in Vorschlag
+brachte. Die Paare wurden bestimmt; Syburg war selbstverständlich mein
+Partner. Bei einer der vorbereitenden Zusammenkünfte wurde die
+Kostümfrage besprochen, und wir hatten uns beinahe schon geeinigt, der
+Aufführung den Charakter eines Schäferspiels zu geben, als meine Mutter
+das Hofkostüm der Rokokozeit für angemessener hielt. Der Prinz und seine
+Frau, die mittanzen wollten und an den jugendlichen Gewändern schon
+Anstoß genommen hatten, stimmten ihr zu; da niemand einen Einwand erhob,
+schien die Angelegenheit erledigt. Beim Nachhausewege erfuhr ich erst
+den Grund, der meine Mutter zu ihrer Anregung bestimmt hatte. »Dein
+schweriner Pompadourkostüm hast du nur das eine Mal angehabt,« sagte
+sie, sichtlich befriedigt, »wir sparen nun, Gott Lob, jede
+Neuanschaffung.«
+
+»Mein Pompadourkostüm!« Ich erschrak und rief heftig: »Lieber verbrenn'
+ichs!«
+
+»Du bist wohl nicht ganz bei Trost!« antwortete Mama ärgerlich. Meine
+Blässe erst machte sie aufmerksam. »Ach -- darum!« sagte sie gedehnt,
+»solch eine Sentimentalität hätte ich dir nicht zugetraut.« Ich schwieg.
+
+Bei der ersten Tanzprobe jedoch brachte ich im stillen mit Hessensteins
+Hilfe die Jugend auf meine Seite. Die Herren erklärten, daß die
+Hofkostüme ihnen zu kostspielig seien, die jungen Mädchen, daß sie die
+langen Schleppen nicht leiden könnten. Es war eine förmliche Revolte.
+Syburg allein war auf Seite der älteren Mitwirkenden und der Mütter.
+»Ich kenne die Gründe Ihrer Frau Mutter,« sagte er mir leise, »und ich
+begreife nicht, wie eine so kluge junge Dame wie Sie an diesem
+kindischen Tumult teilnehmen kann.« Ich ärgerte mich über die
+Bevormundung und mehr noch über das gute Einvernehmen zwischen Syburg
+und meiner Mutter, aber die Heftigkeit meines Widerstands war gebrochen;
+wir wurden überstimmt.
+
+Und der Abend kam, wo das alte Kleid vor mir lag. Ein leiser Duft von
+Jasmin stieg aus den Falten, und seine Bänder und Schleifen, seine
+grünen Blätter und roten Rosen sahen mich an, wie lauter lebendig
+gewordene Erinnerungen. In leisen Melodien raschelte die Seide: »O la
+marquise Pompadour -- Elle connait l'amour --«. Durch das Mieder, das
+sich eng um meinen Körper schmiegte, spürte ich den Arm, der mich einst
+so zärtlich an sich gezogen hatte.
+
+»Hellmut!« stöhnte ich leise und brach in Tränen aus. Der Felsen, den
+ich vor die Grabkammer meines Innern gewälzt hatte, war zersprengt; und
+wo ich nur Totes wähnte, stürzte wild wie ein Gießbach das Leben hervor.
+
+»Du weinst?!« Mein Vater stand vor mir. »Es ist nichts -- Papachen --
+nichts!« versuchte ich ihn zu beruhigen und trocknete hastig Augen und
+Wangen. Er lächelte liebevoll: »Sei nur ganz ruhig, mein Alixchen --
+alles -- alles wird gut werden!« Und als ich, meiner selbst nicht
+mächtig, noch einmal krampfhaft aufschluchzte, zog er mir die Hände vom
+Gesicht und sagte leise: »Syburg war längst bei mir und hat -- als ein
+ehrenwerter Mann durch und durch -- zuerst deine Eltern gefragt, ob er
+um dich werben dürfe ...« Ich fuhr auf und starrte ihm entsetzt ins
+Gesicht. »Das darf dich nicht kränken, mein Kind, -- du solltest
+selbstverständlich nichts davon wissen -- die Freiheit der Entschließung
+sollte dir allein vorbehalten bleiben --« Er schloß mich gerührt in die
+Arme, -- er war überzeugt, mich ganz getröstet zu haben -- der gute
+Vater!
+
+Er führte mich zum Wagen hinunter -- meine Schleppe raschelte über die
+breiten Stufen -- draußen, rechts und links, standen die Menschen, um
+mich anzustaunen; -- hatte ich diesen Augenblick nicht schon einmal
+erlebt? Damals -- im weißen Kleide wars gewesen, als ich zur Kirche
+fuhr, um ein Gelübde abzulegen, von dem mein Herz nichts wußte!
+
+Auf der Treppe des Hotels ergriff mich ein Schwindel. Hessenstein sprang
+zu und stützte mich. In demselben Augenblick war Syburg neben mir. »Ihre
+Dame erwartet Sie,« sagte er scharf und kühl zu meinem Begleiter, und
+gehorsam legte ich meine Hand in seinen dargebotenen Arm.
+
+Und dann tanzten wir. War ich ein Automat, daß meine Füße sich im Takt
+bewegten, während meine Seele weit, weit fort war -- oder war ich die
+kleine Seejungfrau, die ihre Menschwerdung bei jedem Schritt, den sie
+tat, mit schneidenden Schmerzen bezahlen mußte?! -- Wie fest schlossen
+sich heute die Finger meines Tänzers um meine Hand -- wie
+Teufelskrallen, die mich nicht mehr los lassen wollten --; und so
+sengend heiß wehte sein Atem mir in den Nacken! Ängstlich vermied ich
+es, ihn anzusehen, ich sah ihn niemals gern, wenn er tanzte, wie auf
+Draht gezogen bewegte er sich, -- ach, und heute -- heute tanzte
+spukhaft eine andere Gestalt neben mir --
+
+Die Musik intonierte die letzte Tour. Ich mußte ihn ansehen, über die
+Schulter hinweg, fächerschlagend, mit einem koketten Lächeln. Und da
+traf mich sein Auge, und blieb auf dem tiefen Ausschnitt meines Kleides
+haften -- mit schwüler, begehrlicher Lüsternheit --
+
+Noch eine Verbeugung, und wiegenden Schrittes, sich an den Fingerspitzen
+haltend, verließen die Paare den Saal. Meine Kraft war zu Ende. Ich bat
+Syburg, meine Mutter zu rufen, da ich mich leidend fühlte und nach Haus
+fahren müßte. Ohne Rücksicht auf all die erstaunten Blicke, die mich
+trafen, nahm ich den Mantel um und stand schon auf der Treppe, als meine
+Eltern mich einholten. Angekleidet, wie ich war, warf ich mich zu Hause
+aufs Bett. Mama fühlte mir den Puls und schickte nach dem Arzt. »Die
+übliche Frühlingskrankheit junger Damen,« sagte er, »schicken Sie ihr
+Fräulein Tochter aufs Land.« Mit einem Gefühl der Befreiung ergriff ich
+den guten Rat und stellte mich kränker, als ich war, nur um ihm folgen
+zu dürfen.
+
+Es war Ende April damals. Die kleine Fürstin Limburg fiel mir ein, die
+mich wiederholt nach Hohenlimburg eingeladen hatte. Sie war ein
+reizendes Frauchen, das jedoch seiner nicht ganz ebenbürtigen Herkunft
+wegen von der Gesellschaft Münsters schlecht behandelt worden war.
+Zuerst aus bloßem Widerspruchsgeist, dann aus Sympathie hatte ich mich
+ihrer eifrig angenommen und mir ihre Freundschaft erworben. »Kommen Sie
+sofort, freue mich riesig« war ihre telegraphische Antwort auf meine
+Anfrage, ob mein Besuch ihr recht wäre.
+
+ * * * * *
+
+Der Frühling des Jahres 89 schien allen Dichterphantasien gerecht werden
+zu wollen. In reinem Blau spannte sich der Himmel Tag um Tag über die
+Erde, und es sproßte und blühte überall; keinen kahlen Winkel duldete
+der Lenz in seiner verschwenderischen Laune. Am ersten Mai fuhr ich über
+die Haar hinunter ins Lennetal; leuchtend wie flüssiges Silber,
+schlängelte sich der Fluß zwischen den Bergen, die ihn links und rechts,
+von grüngoldigem Glanz übergossen, in weichen Linien begrenzten. So weit
+das Auge blickte: Wald und Berg, und hoch oben die Burg mit Türmen und
+Zinnen, wie ein starker, trutzig gewappneter Schützer dieses stillen
+Friedens. Aber je näher ich kam, desto mehr verschob sich das Bild:
+breit und massig dehnte sich die Stadt unten am Ufer aus, als hätte sie
+sich mit Ellbogen und Fäusten Platz geschaffen; und verletzt von der
+Roheit des Eindringlings, der mit seinen schwarzen Fabrikschloten zu ihr
+hinauf drohte, zog sich die Burg hinter ihren dunklen Bäumen zurück.
+
+Anna Limburg empfing mich am Bahnhof. Und ihr helles Lachen und
+Schwatzen begleitete unsere ganze Fahrt hinauf, so daß ich Muße hatte,
+die Augen wandern zu lassen. Die Stadt verschwand wieder in der Tiefe;
+je höher wir kamen, desto mehr wuchsen die Berge empor: dort der Kegel
+des Raffenbergs, der Weißenstein mit seinen zackigen Spitzen, das
+Felsentor der Hünenpforte, und fern am Horizont die blauen Höhen der
+Ruhr. O, wer doch immer hoch oben bleiben könnte, wohin kein Lärm und
+kein Ruß zu dringen vermag!
+
+Durch den langen gewölbten Torweg ratterte der Wagen in den Burghof, den
+hohe Mauern, Türme und Wehrgänge umschlossen. »Ists nicht schön hier?«
+lächelte Anna. »Aber mit meinem Fritz würd' ich auch in einer
+Rumpelkammer glücklich sein,« fügte sie rasch hinzu und flog ihrem Mann
+um den Hals, der eben auf uns zu trat.
+
+Stille Tage folgten. Von der Galerie der Schloßmauer träumte ich
+stundenlang ins Land hinaus; auf der Terrasse unter den hohen,
+knospenden Linden saß ich, wo vier alte Geschütze an die Zeit
+erinnerten, da die Grafen von Limburg noch selbständig Kriege führen und
+Münzen prägen konnten; und zu Fuß, zu Wagen und zu Pferde besuchten wir
+die Gegend ringsum. Noch gab es hier weltabgeschiedene Täler, mit
+lindenumgrünten Bauernhöfen, und steile Höhen, mit Burgen gekrönt, von
+den Sprossen alter Geschlechter bewohnt; fast überall aber dröhnten die
+Eisenhämmer, kreischten die Sägen und klapperten die Mühlen; und wer die
+Geister der Vergangenheit suchen wollte, der mochte sie wohl nur noch
+tief in den Felsenhöhlen der Berge finden. Viele Stätten erinnerten
+durch Namen und Sage an die Götter der Alten, an Wodan und Donar, an die
+Kämpfe der Römer gegen das mächtige Volk der Sachsen, an Wittekinds
+vergebliches Ringen mit dem gewaltigen Karl und seine Unterwerfung unter
+Kreuz und Krone, -- aber schon lauerte das gefräßige Ungeheuer, die neue
+Zeit, um sie alle zu verschlingen. Sieghaft stieg der Fabrikschornstein
+empor, wo der Burgturm langsam zusammenstürzte. Ich floh seinen Anblick
+und wäre so gern auf den ausgebreiteten schillernden Flügeln der
+Phantasie vor mir selbst entflohen ins sonnendurchglühte Märchenreich,
+aber die Wirklichkeit fing mich immer wieder mit ihren grauen, dichten
+Spinnenfäden.
+
+Mein Vater schrieb mir fast täglich, und selten nur blieb Syburgs Name
+unerwähnt in seinen Briefen. »Ich sah ihn auf dem letzten Rennen in
+Hamm,« hieß es zuletzt, »er frug voll aufrichtiger Teilnahme nach Deinem
+Befinden und freute sich Deines Wohlergehens. Er hofft Dich in Brake bei
+Bodenbergs zu sehen; Limburgs werden des alten Herrn siebenzigjährigen
+Geburtstag doch sicher mitfeiern helfen.«
+
+Daß er sich so gewaltsam in mein Leben hineindrängte und die Erwägungen
+der Vernunft, die Gefühle der Kindespflicht, die Sehnsucht nach Inhalt
+und Zweck des Daseins seine Wünsche unterstützten! Jene geheimnisvolle
+Gewalt des Instinkts, die mich in Münster von seiner Seite gerissen
+hatte, schien mich auch jetzt unter ihren Willen zwingen zu wollen. »Geh
+ihm aus dem Wege --« flüsterte sie mir zu. Aber von jeher hielt ich sie
+für meinen bösen Engel, mit dem ich glaubte ringen zu müssen. Zu tief
+hatte sich mir der Mutter einziges Erziehungsprinzip eingeprägt, das
+Selbstbeherrschung mit Selbstentäußerung gleich setzte.
+
+So saß ich denn am nächsten Morgen zur Abfahrt gerüstet am
+Frühstückstisch -- »ohne Mailaune,« wie Anna neckend bemerkte, -- als
+der Diener die Post brachte: »Revolution im Kohlenrevier« stand in
+fetten Lettern an der Spitze des Kreisblatts, und mein Vater schrieb:
+»In Gelsenkirchen haben sich ein paar dumme Bengels mausig gemacht, und
+die Kohlenfritzen flehen nun mit schlotternden Knien um militärischen
+Schutz. Obwohl etwas Angst und eine kleine Tracht Prügel den Protzen,
+die die armen Leute zum Besten ihres Geldsacks in die Gruben schicken,
+ganz gesund wäre, mußte ich heute schon eine Kompagnie Dreizehner nach
+Gelsenkirchen schicken, denen die Kürassiere morgen folgen werden. Ich
+finde solche Aktionen eines Soldaten unwürdig ...«
+
+»Zu dumm!« rief Anna ärgerlich. »Nun ists mit der ganzen Stimmung
+vorbei. Statt lustig zu sein, werden uns die Herren mit Politik anöden!«
+
+»Am besten wärs, wir blieben zu Hause,« meinte ihr Mann. Davon aber
+wollte sie nichts wissen. Sie weinte fast vor Erregung.
+
+»Angsthase, der du bist! Wenns in Münster brennt, wirst du in Limburg
+noch nach der Feuerspritze laufen!« Der Fürst lachte und streichelte der
+kleinen Frau begütigend die Wangen.
+
+»Sei ruhig, Kindchen -- natürlich fahren wir! Brake ist, Gottlob, weit
+vom Schuß, und im dortmunder Kreis scheint alles ruhig zu sein.«
+
+Aber je mehr wir uns auf der Fahrt aus den grünen Bergtälern entfernten,
+und je zahlreicher die zum Himmel starrenden Essen wurden, desto stärker
+sprach ihr Anblick für ungewöhnliche Vorgänge: das Leben, das ihnen
+sonst in grauen Wölkchen, in schwarzen Schwaden, in tollem Funkensprühen
+vielgestaltig entquoll, war erloschen. Ungehindert strahlte die
+Maiensonne vom wolkenlosen Himmel; wie ein Feiertag wars.
+
+Im grauen Herrenhaus zu Brake, das, von einem Wassergraben umgeben, mit
+seinen dicken Mauern und kleinen Fenstern düster ins weite ebene Land
+hinaussah, wurden wir freudig empfangen. Viele hatten im letzten
+Augenblick abtelegraphiert, vor allem fehlte es an jungen Herren für die
+tanzlustigen Mädchen, sie waren entweder mit ihrer Truppe im
+Streikgebiet um Gelsenkirchen oder mußten in ihren Garnisonen aller
+Befehle gewärtig sein. Nur Syburg trat mir entgegen -- mit einem so
+freudigen Aufleuchten in den sonst so unbeweglichen Zügen, daß es mir
+unwillkürlich warm ums Herz ward -- und Hessenstein, der mit seiner
+Schwadron in Dortmund in Quartier lag und herübergeritten war. »Am
+liebsten hätte ich alle meine Kerls mitgenommen,« sagte er. »Man schämt
+sich förmlich seines Säbelrasselns inmitten völliger Kirchenruhe.«
+
+»Wenn Sie nur nicht doch noch recht blutige Arbeit bekommen!« meinte
+Syburg. »Eine Rotte Betrunkener, -- und das Unglück ist geschehen.«
+
+Anna sollte Recht behalten: trotz der blumengeschmückten Tafel, der
+feurigen Weine und der launigen Toaste auf den Hausherrn und das
+Geburtstagskind wollte die echte Feststimmung nicht aufkommen. Alles war
+voll von den Ereignissen, und jeder wußte andere Details zu erzählen.
+Der Ortspfarrer war eben von Castrop zurückgekehrt. Er hatte die
+Streikenden der Zechen Erin und Schwerin gesehen und gesprochen. »Ihr
+Verhalten ist ein so würdiges,« sagte er, »daß die Aufregung der
+Zechenbeamten dem gegenüber einen peinlichen Eindruck macht.«
+
+»Dasselbe habe ich eben vom Oberpräsidenten gehört, den ich in Witten
+traf,« meinte Graf Recke. »Er kam aus Gelsenkirchen, wo er mit den
+Arbeitern der Hibernia verhandelt hat. Ihre Forderungen halten sich
+zunächst in durchaus diskutabeln Grenzen, und wenn die Presse wegen der
+Achtstundenschicht Zetermordio schreit, so weiß sie eben nicht, was uns
+alten Westfalen von Jugend an bekannt ist: daß nach unseren
+Bergordnungen vom 17. Jahrhundert an die Schicht schlechthin achtstündig
+war und erst das gesegnete 19. Jahrhundert, wie mit so vielen guten
+alten Bestimmungen, auch damit aufräumte. Die Knappschaften verlangen
+nichts anderes als das Recht ihrer Väter.«
+
+Baron Bodenberg bestätigte Reckes Behauptung.
+
+»Und mit ihren übrigen Wünschen steht es im Grunde nicht anders,« fügte
+er hinzu, »in meiner Jugend hatten die Grubenbesitzer den Knappen
+gegenüber keine freie Hand. Über Annahme und Entlassung der Arbeiter,
+Feststellung der Löhne, Regelung des Betriebs usw. usw. stand die
+Entscheidung damals ausschließlich der königlichen Bergbehörde zu.
+Jetzt, im Zeitalter der famosen freien Konkurrenz kann jeder Jude, der
+sich eine Grube kauft, aber nie in seinem Leben selbst die Nase
+hineinsteckt, machen, was er will. Opponieren ihm mal die alten Leute,
+so holt er sich polnisches Gesindel und ruiniert uns durch das
+hergelaufene Volk den guten Stamm und seine gute Gesinnung. Ich sprach
+erst gestern einen Häuer von der Zeche Schleswig, der hier vom Gutshofe
+stammt, ein Spielkamerad meiner Söhne war und ein Knappe vom guten alten
+Schlage ist. 'Wir wollen gar nicht randalieren,' meinte der, 'und hauen
+unseren grünen Jungens selbst eine runter, wenn sie spektakeln. Auch um
+den Lohn ists uns nicht so sehr zu tun, nur kürzere Schicht müssen wir
+haben und anständige Behandlung.' Und solche Leute werden wie Aufrührer
+mit Pulver und Blei bedroht!«
+
+»Ich glaube, die Herren sehen die Dinge zu sehr durch die Brille der
+Tradition,« mischte sich Fürst Limburg ins Gespräch. »Alte Bestimmungen
+und altes Recht entsprechen doch kaum mehr der ganz veränderten
+Betriebsweise. Und das wissen die einsichtsvolleren unter den Knappen
+sicher ganz genau. Mir scheint daher, daß die eigentliche Triebkraft der
+ganzen Bewegung nicht in der Sehnsucht nach der 'guten alten Zeit' zu
+suchen ist.«
+
+»Und worin sonst, wenn ich fragen darf?« warf der alte Bodenberg, der so
+sehr das Orakel der Gegend war, daß er Widerspruch selten erfuhr,
+gereizt ein.
+
+»In demselben Gegensatz, der auch die Sozialdemokratie groß zieht: dem
+zwischen den ungeheueren Reichtümern auf der Seite der Unternehmer und
+der Besitzlosigkeit, um nicht zu sagen der Armut, auf der Seite der
+Arbeiter --«
+
+»Armut! Darin steht man wieder Ihre jugendliche Neigung zu starken
+Worten!« polterte Bodenberg; »als ob unsere Bergleute von Armut auch nur
+'ne Ahnung hätten! Haben alle ihr Häuschen, ihren Gemüsegarten und
+mästen sich ein Schwein --«
+
+»Und doch, Herr Baron, haben wir unten im Dorf manche Ehefrau, die schon
+mitverdienen muß, und die Kinder schicken sie gewiß auch nicht aus
+Vergnügen so früh als möglich -- mit gefälschten Geburtsscheinen, wenns
+nicht anders geht -- in die Grube,« ließ sich der Pfarrer vernehmen.
+
+»Von der verdammten Genußsucht kommt das, und von nichts anderem!«
+unterbrach ihn der alte Baron, »zu meiner Zeit gingen die Knappenfrauen
+noch in Kopftüchern und Schürzen in die Kirche -- heute muß jede einen
+Federhut tragen und die Röcke auf dem Tanzboden schwenken --«
+
+»Wenn die Leute sehen, daß die Herren Direktoren mit vierzig- und
+fünfzigtausend Mark Gehalt auf Gummirädern fahren und Sektgelage geben
+und die Aktionäre schmunzelnd enorme Dividenden schlucken, so ists doch
+kein Wunder, daß sies ihnen auf der einen Seite nachmachen möchten und
+auf der anderen vor Neid immer rabiater werden. Die ganze Bewegung ist
+dadurch entstanden -- ich komme damit auf meinen Ausgangspunkt zurück
+--, daß die glänzende Konjunktur der letzten Jahre ausschließlich den
+Besitzern und Aktionären, nicht aber den Bergleuten zugute kam. Hier
+hakt notwendigerweise die sozialdemokratische Agitation ein.«
+
+»Sie sehen, was das betrifft, sicher zu schwarz, lieber Limburg,« sagte
+Graf Recke, »jedenfalls, soweit unser hörder Kreis in Frage kommt.
+Unsere frommen, königstreuen Bergleute -- und Sozialdemokraten! Selbst
+ihre Versammlungen schließen sie mit einem Hoch auf den Kaiser!«
+
+Hessenstein räusperte sich vernehmlich: »Und doch haben mir heute morgen
+ein paar Kameraden von den Dreizehnern erzählt, daß die Direktoren der
+Zeche Schleswig gleichfalls um militärischen Schutz gebeten haben. Man
+fürchte Ausschreitungen gegen Streikbrecher, hieß es.«
+
+Bodelschwing lachte, daß ihm die Tränen in den weißen Bart liefen: »Das
+ist wirklich kostbar! -- Die Furcht ist schon die ansteckendste
+Krankheit! -- Viel eher möcht' ich glauben, daß unsere Dorfschönen sich
+auf diese ungewöhnliche Weise für den morgigen Feiertag die Tänzer
+bestellten, die ihnen wahrscheinlich ebenso fehlen wie uns!«
+
+Schweigsam hatte Syburg bis dahin zugehört. Sein kühler,
+hochmütig-wissender Ausdruck -- der typische des altpreußischen Beamten
+-- reizte mich.
+
+»Ihre landrätliche Würde verbietet Ihnen wohl, sich auszusprechen?«
+wandte ich mich spottend an ihn, und als er, unangenehm überrascht,
+aufsah, fügte ich rasch hinzu: »Oder sollten Sie ketzerische Gedanken zu
+verbergen haben?«
+
+»Ketzerische Gedanken?!« -- er warf mir einen tadelnden Blick zu --
+»vielleicht! Aber andere, als Sie anzunehmen scheinen! So milde, wie die
+Herren hier, vermag ich die Dinge nicht zu beurteilen. Nach meiner
+Ansicht hat eine gewissenlose sozialdemokratische Agitation die gut
+bezahlten Bergarbeiter zum Kontraktbruch verführt, und es ist unsere
+Pflicht, sie, wenn es sein muß, mit Gewalt auf den Weg des Rechts
+zurückzuführen. Wortbruch und Pflichtvergessenheit sind überall der
+Anfang vom Ende.«
+
+»Ganz Ihrer Meinung, Herr von Syburg!« antwortete ich, während mir das
+Blut heiß in die Schläfen stieg. »Es kommt nur darauf an, auf welcher
+Seite Wortbruch und Pflichtvergessenheit zu finden ist! Wenn die
+Grubenbesitzer, die in der glücklichen Lage sind, eine Havanna rauchend
+vor dem Tischlein-deck-dich zu sitzen, den Arbeitern nicht so viel
+geben, daß sie anständig leben können, so ist das Pflichtvergessenheit;
+und wenn sie, die zu allen Vergnügungen der Welt Zeit haben, ihnen das
+althergebrachte Recht auf eine geregelte Arbeitszeit vorenthalten, so
+ist das Wortbruch!«
+
+Syburg preßte die Lippen zusammen, -- er zwang sich offenbar zu einer
+ruhigen Antwort.
+
+»Sie sprechen aus der Gefühlsperspektive der Frau. Das ist
+verzeihlich. Sie kennen, Gott sei Dank, diese aufrührerische, mit
+sozialdemokratischen Phrasen vollgefütterte Bande nicht, die jetzt auf
+den Gruben und in den Fabriken das große Wort führt und an allem
+rüttelt, was uns heilig ist.«
+
+Wie eine Vision sah ich plötzlich all die Gestalten des Elends wieder,
+die mir im Leben begegnet waren: aus den Vorstädten Posens und
+Augsburgs, aus den Dörfern des Samlands.
+
+»Sie mögen recht haben,« sagte ich nachdenklich, »die kenn' ich nicht --
+aber andere kenn' ich. Und das Eine weiß ich gewiß --« meine Stimme
+zitterte vor Erregung -- »wäre ich eine von denen, meine Geduld wäre
+erschöpft, und ich würde mich um Treue und Pflicht nicht kümmern.«
+
+Syburgs blasses Gesicht hatte sich mit tiefer Röte überzogen; doch die
+Herrin des Hauses hob die Tafel auf, und er unterdrückte noch rasch eine
+scharfe Antwort, die ihm offenbar auf den Lippen schwebte. Während des
+ganzen warmen Frühlingsabends, der uns alle in den Park hinauslockte,
+mied er mich. Nur beim Abschied hielt er meine Hand fest in der seinen
+und flüsterte: »Ich möchte, daß wir uns versöhnen -- ganz und auf immer
+--, darf ich darauf hoffen, wenn ich nach Hohenlimburg komme?« Ich
+nickte nur.
+
+Wir blieben über Nacht in Brake, um den bequemen Frühzug benutzen zu
+können. Aber als wir am nächsten Morgen herunterkamen, trat uns der alte
+Bodenberg mit ernstem Gesicht entgegen. »In Witten und Annen hat das
+Militär scharf geschossen,« sagte er, »in Dortmund soll die Haltung der
+Arbeiter eine drohende sein -- nach Hörde sind, wie mein Verwalter eben
+berichtet, die Kürassiere unterwegs. Wenn auch die Stimmung der Leute in
+unserer nächsten Nachbarschaft vollkommen friedlich ist, so möchte ich
+Sie doch bitten, diesen Tag noch abzuwarten -- oder wenigstens Ihre
+Damen hier zu lassen --« So sehr wir uns sträubten -- Anna, weil die
+Gesellschaft des alten Ehepaars sie langweilte, ich, weil mir nichts
+erwünschter gewesen wäre, als den Aufstand der Arbeiter in der Nähe zu
+sehen, -- wir mußten uns fügen.
+
+Ich lief in den Park, -- vielleicht, daß sich von hier aus irgend etwas
+erspähen ließ. Das Abenteuerfieber der Jugend packte mich, dasselbe
+Fieber, durch das Schulbuben auf Auswandererschiffe getrieben und
+schwärmerische Byron-Seelen in phantastische Freiheitskämpfe gerissen
+werden, das Fieber, das überall ausbricht, wo ein Gluthauch plötzlich
+die Normaltemperatur des Alltags vertreibt. Hohe Mauern wehrten mir den
+Ausblick. Sollten sie mich immer wieder von der lebendigen Welt da
+draußen trennen?
+
+Ich trat auf den Gutshof. Feiertägige Stille herrschte auch hier. Aber
+drüben, wo zwei mächtige Linden am Ausgang zur Straße Wache standen, sah
+ich einen Haufen lebhaft gestikulierender Menschen. Ein grauer Kopf mit
+der Bergmannsmütze auf den kurzgeschorenen Haaren ragte aus ihrer Mitte
+hervor. »Ich, ich bin dabei gewesen!« hörte ich ihn schreien, als ich
+näher hinzutrat, -- »ein Wunder, daß ich mit heilen Gliedern davon kam!
+Sie haben geschossen, wie verrückt.«
+
+»So erzählt doch, Mann, erzählt!« -- »Wo -- wo ists denn gewesen?«
+bestürmten ihn die Umstehenden. »In Bochum -- gestern abend. Ein
+blutjunger Leutnant kommandierte Feuer -- grad, als die Menschen aus dem
+Bahnhof strömten. Wie die Hunde die Hammelherde, so umschlossen die
+Soldaten die Leute -- lauter harmloses Volk -- kaum einer von uns
+darunter, -- und dann lag der Platz voller Toten --«
+
+Irgend woher klang eine Kirchenglocke. Der Bergmann schwieg, riß die
+Mütze vom Kopf und schlug mit der harten rissigen Hand das Kreuz über
+Stirn und Brust. Erst jetzt sah ich ihn genauer. Der Kohlenstaub schien
+sich in die Falten unter den Augen eingebrannt zu haben, so daß sie
+aussahen wie die großen runden Augenhöhlen der Totenschädel. Farblos
+fahl waren die Züge; eine breite, gelbe Narbe, die das Gesicht in zwei
+Hälften teilte, entstellte sie zur Fratze. Er wandte sich zum Gehen, und
+die Menge drängte ihm nach. Die gerade schwarze Straße, mit den kahlen
+Pappeln zu jeder Seite und dem schweren Grau trübdunstigen
+Frühlingshimmels ringsum, verschlang sie rasch. Drohend wie ein Galgen
+ragten in der Ferne die Glockenstühle in die Luft, und die
+Sonnenstrahlen scheuten sich vor der Berührung dieser Öde ...
+
+Langsam, schweren Herzens, wandte ich mich wieder dem Schlosse zu. Die
+Hausbewohner waren zur Sonntagsandacht in der Halle versammelt. Auf
+hohem Stuhl saß der Hausherr und las aus der alten Bibel: »Kommet her zu
+mir alle, die ihr mühselig und beladen seid ...«
+
+Und die Vertreter christlicher Ordnung schossen auf die Mühseligen und
+Beladenen! dachte ich bitter.
+
+»Es läßt mir keine Ruhe,« sagte der alte Bodenberg, nachdem der letzte
+Ton auf dem Harmonium verklungen war und die Dienerschaft sich entfernt
+hatte. »Kommen Sie, Limburg, wir gehen ein Stück Weges zur Zeche
+hinunter --«
+
+Entsetzt schrie Anna auf: »Das darfst du mir nicht antun, Fritz!« Aber
+begütigend legte die alte Baronin ihre feine Greisenhand auf den Arm der
+Erregten: »Fürchten Sie nichts, kleine Frau, -- die Leute hier krümmen
+unseren Männern kein Härchen.« Wir blieben trotzdem in kaum zu
+bemeisternder Unruhe zurück. Wir horchten auf jeden Ton, während einer
+den anderen durch eine möglichst harmlos-heitere Unterhaltung über die
+Erregung hinwegzutäuschen suchte, und sprangen gleichzeitig erleichtert
+auf, als nach einer Stunde Bodenbergs kräftige Stimme vom Hof herauf
+durch das Fenster klang.
+
+»Hab' ichs euch nicht gesagt?« lachte er uns entgegen. »Sie freuen sich
+drunten ihres Feiertags, wie nur je. Die Kinder spielen auf den Straßen,
+die Frauen stehen im Sonntagsputz vor den Türen und schwatzen mit den
+Nachbarn.«
+
+»Und doch heißt es, daß Soldaten kommen,« unterbrach ihn Limburg mit
+einem Ausdruck schwerer Besorgnis in den Zügen.
+
+»Mögen sie doch! Gegen die Kinder, die jetzt schon in der Vorfreude
+hurraschreiend ihre Fähnchen schwingen, werden sie kaum zu Felde ziehen.
+Sahen Sie nicht den krummbeinigen Schlingel, dem seine Gefährtin, ein
+süßes Mädelchen mit Haaren wie rote Flammen, den Platz an der Spitze der
+kleinen Gesellschaft streitig machte? Gefährliche Aufrührer sind das,
+nicht wahr?!«
+
+»Gewiß sah ich sie -- aber ich sah auch die Gesichter der Männer hinter
+den Fenstern der Kneipe ...«
+
+Ein Geräusch -- wie ein fernes Prasseln von Hagelkörnern auf
+Glasscheiben -- unterbrach das Gespräch. Bodenberg wurde aschfahl --
+»Gewehrsalven« -- murmelte Limburg. Wir standen, wie an den Boden
+gebannt, -- in atemloser Erwartung. Unten auf dem Hof liefen die Leute
+zusammen. »Sie schießen,« schrie einer. Wir stürzten hinunter bis ans
+Tor, keiner sprach mehr ein Wort, aber von einer Angst erfüllt starrten
+wir alle die lange, öde, schwarze Straße hinab. Die Zeit schien still zu
+stehen, Ewigkeiten dünkten uns die Minuten. Endlich erhob sich in der
+Ferne eine Wolke Staubs vom Boden: Menschen, die liefen, als wäre der
+Teufel ihnen auf den Fersen. Näher und näher kamen sie: Weiber mit
+wehenden Haaren und verzerrten Zügen -- schreiende Kinder mit rot
+verquollenen Augen -- ihre Sonntagskleider bedeckt mit dem schwarzen Ruß
+der Straße. »Sie morden uns --« stöhnte eine weißhaarige Alte, warf die
+hageren Arme verzweifelt um den Kopf und brach vor uns zusammen ...
+
+Tröstend und helfend gingen Brakes Bewohner von einem zu anderen, und
+endlich gelang es, aus dem wirren Durcheinander des allgemeinen
+Erzählens ein Bild dessen zu gewinnen, was geschehen war.
+
+Der Ton der Pfeifen und Trommeln hatte alles auf die Dorfstraße gelockt.
+Den Großen voran waren die Kinder jubelnd den einziehenden Soldaten
+entgegengelaufen, als ein barsches »Platz da« ihres Führers, eines
+jungen Leutnants, die Freude in Furcht verwandelt hatte. Die Kinder
+hatten sich hinter den Großen verkrochen, die Männer eine drohende
+Haltung angenommen.
+
+»Nur das rothaarige Lieserl stellte sich keck mitten auf die Straße,«
+sagte die Alte, die noch auf dem Boden hockte.
+
+»Und den Franz sah ich, wie er einen Stecken aus unserem Zaun riß und
+damit wild herumfuchtelte,« berichtete zungenfertig eine andere. »'Platz
+da' -- rief der Leutnant dann noch einmal, und die Soldaten trieben uns
+alle gegen die Häuser. Da drängte sich die Mutter vom Franz mit dem
+Kleinsten an der Brust durch die Reihen -- der Junge ist ihr Ältester,
+ihren Mann brachten sie ihr voriges Jahr tot aus der Grube --; sie hatte
+ihn grade erwischt, als der Herr Offizier noch mal losschrie --«
+
+»'Immer die Augen auf den Feind halten,' sagte er. Ich hab' es ganz
+genau gehört,« ergänzte ein blasses Ding mit fanatisch funkelnden Augen
+die Worte der Erzählerin.
+
+»Den Feind, -- damit meinte er uns!« riefen sie alle durcheinander und
+selbst auf den Wangen der Müdesten und Stillsten erschienen rote
+Flecken.
+
+»Da wars aus mit der Ruhe bei den Knappen -- sie drohten mit den
+Fäusten, sie schimpften, auch ein paar Steine flogen ...« Die Erzählerin
+schluchzte auf.
+
+»Dann schossen sie auf uns --« sagte mit tonloser Stimme die Alte. Und
+nun schwiegen sie alle -- nur verhaltenes Weinen unterbrach die Stille.
+
+Ich griff mir an den Kopf, -- es war doch wohl nur ein böser Traum, der
+mich narrte?! Es brauste mir in den Ohren, das Entsetzen schnürte mir
+die Kehle zusammen.
+
+»Dem Franz seine Mutter war die erste, die fiel --« wie aus weiter Ferne
+schlugen die Worte wieder an mein Ohr. »Ich sah sie dicht vor mir -- die
+Haare ganz voll Blut, -- das Jüngste an die Brust gepreßt -- und den
+Stock noch in der Hand, den sie dem Franz entrissen hatte ...«
+
+War ich es, die qualvoll aufstöhnte -- oder war es _ein_ Ton, der sich
+uns allen entriß?!
+
+»... Ja, und die rote Liefe lag auch mitten auf der Straße -- sie guckte
+grade in den Himmel mit den toten Augen ...«
+
+»Das süße Mädelchen mit den Flammenhaaren ...« flüsterte der alte
+Bodenberg mit erstickter Stimme.
+
+ * * * * *
+
+Wir fuhren noch an demselben Tage auf einem großen Umweg zurück. Dicht
+hinter Unna wies der Fürst aus dem Fenster. »Wir passieren hier den
+historischen Boden der Zukunft,« sagte er, »dort drüben auf der Heide
+stand noch zu meines Vaters Lebzeiten jener uralte sagenumwobene
+Birkenbaum, und jenseits, von den Schlückinger Höhen, sahen die Bauern,
+wie die blutige Schlacht um ihn tobte.«
+
+»Vielleicht ist sie heute schon keine Sage mehr,« antwortete ich.
+
+Mit steigender Erregung verfolgte ich in den nächsten Tagen die
+Ereignisse. Noch mehr als durch die Zeitungen erfuhren wir durch Briefe
+und durch die Erzählungen der Augenzeugen.
+
+Kaum eine Stimme war, die für die Zechendirektoren Partei ergriffen
+hätte, und die Empörung war allgemein, je häufiger sie den Bergleuten,
+die im Vertrauen auf ihre Versprechungen die Arbeit wieder aufgenommen
+hatten, ihr Wort brachen.
+
+»Habt ihr endlich Hunger genug?!« Damit empfingen die Zechenbeamten von
+Gelsenkirchen die wieder einfahrenden Knappen, und in Hörde trieben sie
+kranke Weiber und Kinder aus den Zechenhäusern, wenn die Männer im
+Ausstand beharrten.
+
+»Ich glaube, daß wir vor einer großen Umwälzung stehen,« schrieb ich an
+meine Kusine, »die Macht des Kapitals muß gebrochen werden. Vor hundert
+Jahren hat die Revolution den Absolutismus und den Feudalismus gestürzt,
+-- sie waren dessen wert! --, eine künftige Revolution wird den
+Kapitalismus vernichten, und wir werden das wunderbare Schauspiel
+erleben, daß der Adel und die Arbeiter zusammen gehen.«
+
+Die Deputation der Bergleute zum Kaiser schien mir der Auftakt des
+großen Schauspiels, das ich erwartete. Und die ersten Nachrichten von
+ihrem Empfang, von der Anerkennung ihrer Wünsche durch den Monarchen
+bestätigten meine Hoffnungen. Dann aber sickerten allerlei andere
+Gerüchte durch: die drei Deputierten waren keineswegs befriedigt
+zurückgekommen; kaum zehn Minuten hatte er Zeit gehabt, sie anzuhören,
+mit einer Drohung gegen alle, die sich den Anordnungen der Behörden
+widersetzen würden, hatte er seine Antwort geschlossen. Und was folgte,
+schien die Wahrheit der Gerüchte zu bestätigen: das ganze Streikkomitee
+wurde verhaftet, der Oberpräsident, der stets zu vermitteln gesucht
+hatte, mußte einem Nachfolger weichen, dem der Ruf eines Scharfmachers
+voran ging. »Studt ist ein glatter Höfling,« schrieb mir mein Vater,
+»der mir neulich mit dem verbindlichsten Lächeln erklärte, daß meine
+offenbare Verkennung so trefflicher Leute, wie der Grubenmagnaten,
+höheren Orts unliebsam empfunden würde. Mich solls nicht wundern, wenn
+wir in Preußen noch mal so weit kommen, vor jedem Geldsack auf dem
+Bauche zu rutschen.«
+
+Unter den Enttäuschungen litt ich, als beträfen sie mich selbst. Mit der
+Märtyrergloriole hatte ich das Haupt der erschossenen Bergmannsfrau und
+das rote Köpfchen des Proletarierkindes umwoben und den gräßlichen
+Eindruck in der eigenen Erinnerung verklärt; nun waren sie umsonst
+gestorben, und nichts als der schwarze Straßenruß umgab sie.
+
+Ich war in wehmütig weicher Stimmung, als Syburg kam. Am Morgen
+desselben Tages hatte mir Anna mit einem selig-verschämten Lächeln von
+ihrer Mutterhoffnung erzählt, hatte mich in das weiße Zimmer geführt,
+das den jungen Erdenbürger erwartete, und all die weichen, duftigen
+Dinge aus Spitzen und Battist waren mir durch die Finger geglitten.
+Meine Hände waren heiß geworden dabei, und die Tränen waren mir in die
+Augen gestiegen. Und die kleine Anna hatte sich emporgereckt, um mich
+mit einem altklug wissenden Ausdruck auf den Mund zu küssen.
+
+Nun ließ sie all die Kupplerkünste spielen, in denen junge, glückliche
+Frauen Meisterinnen sind. Sie pries neckend meine Schönheit und meine
+Tugenden, erzählte allerlei Abenteuerliches von meinen vielen Verehrern
+und ließ uns schließlich, Müdigkeit vorschützend, im Park allein. Syburg
+schien nur darauf gewartet zu haben.
+
+»Ich möchte Klarheit haben zwischen uns, volle Klarheit, Fräulein Alix,«
+begann er, zum erstenmal vertraulich meinen Namen nennend. Ich fuhr
+unwillkürlich erschrocken zusammen. Aber die Frage, die er stellte, war
+nicht die erwartete -- gefürchtete. »Man hat mir erzählt, Sie hätten
+sich neulich nach dem Aufstand auf der Zeche Schleswig mit größter
+Schärfe für die Streikenden ausgesprochen.«
+
+Ich bezwang meinen Zorn über diese Art, mich auf Herz und Nieren zu
+prüfen.
+
+»Und wenn ich es getan hätte,« sagte ich rasch und abwehrend, »ist es
+nicht eine der ersten Forderungen Ihres Christentums, den Unschuldigen
+beizustehen? -- Gebietet es nicht Ihre Religion, sich opfermütig
+zwischen die Kinder und ihre Mörder zu werfen?«
+
+»Mein Christentum?! Meine Religion?!« Er sah mich groß an. »Sie haben
+sich falsch ausgedrückt, wie ich hoffe! Unser Glaube ist der gleiche --
+nicht wahr, Fräulein Alix?«
+
+»Sie spielen ein männliches Gretchen, Herr von Syburg!« fuhr ich auf,
+»mit welchem Recht behandeln Sie mich wie ihr Beichtkind?!«
+
+»Mit dem Recht des Mannes, der das Jawort ihrer Eltern erhielt!« Er
+griff nach meiner Hand, die ich ihm heftig entriß.
+
+»So erfahren Sie denn, daß ich dies Recht nicht anerkenne! Niemand hat
+über mich zu verfügen -- niemand -- als ich, ich ganz allein. Und ich --
+ich werfe Ihnen ihr Jawort vor die Füße!«
+
+Ich wandte ihm den Rücken, schritt ruhig durch die Lindenallee, über den
+Burghof, die Treppen hinauf in mein Zimmer -- warf die Tür ins Schloß,
+riegelte zu -- reckte die Arme weit aus: nun war ich frei!
+
+Anna ließ ich vergebens klopfen -- fragen -- bitten. Ich wäre
+außerstande gewesen, irgend jemandem Rede und Antwort zu stehen. Ich
+mußte allein sein.
+
+Noch stand ich mit einem Gefühl des Schreckens vor dem Abgrund, der
+zwischen mir und meiner Welt auseinanderklaffte. Unter den Speerwürfen
+blendenden Sonnenlichts war der Nebel zerrissen, den ich, mich selbst
+belügend, so lange für eine Brücke gehalten hatte. Ich stand auf
+fremdem Boden, -- zurecht finden mußt ich mich, meine Gedanken sammeln,
+über meine Zukunft entscheiden.
+
+Am nächsten Morgen, in aller Frühe schrieb ich an meine Eltern und trug
+den Brief selbst zur Stadt hinunter. Schneidend pfiff der Wind über die
+Höhen, als ich abwärts schritt. In grauen Wolken verschwanden die Türme
+der Burg, und aus der Tiefe grüßten mich sieghaft die schwarzen Schlote.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel
+
+
+Und nun kamen stille Wochen auf Hohenlimburg. Die Mutterhoffnung hatte
+Anna völlig verändert. Sie lernte die Einsamkeit lieben und überließ
+mich stundenlang mir selbst. In den ersten Tagen fürchtete ich mich vor
+jedem Postwagen, der ankam. Die Briefe, die er brachte, waren fast noch
+schlimmer, als die Ankunft des Vaters gewesen wäre, die ich erwartet
+hatte. Die Gründe, die mich bewogen hatten, Syburgs Werbung abzulehnen,
+hatte dieser natürlich in einer Weise dargestellt, die mich
+kompromittieren sollte. Über meine Sympathie mit den Bergarbeitern
+wurden, wie es schien, nicht ohne Syburgs Hilfe, wahre Räubergeschichten
+verbreitet, denen mein Vater zunächst Glauben schenkte. Und derselbe
+Mann, der eben erst gegen die Unternehmer gewettert hatte, gefiel sich
+jetzt in wilden Übertreibungen und beschuldigte mich, sein Unglück zu
+sein. »Daß ich, ein königstreuer Edelmann und Offizier, es erleben
+mußte, daß meine Tochter mit diesen wortbrüchigen Hallunken
+sympathisiert!« schrieb er. Aber die Anschuldigungen, mit denen er mich
+in der ersten Aufregung überhäufte, trafen mich weit weniger als der
+tiefe Schmerz über mein Schicksal, der in seinen späteren, ruhigeren
+Briefen zum Ausdruck kam. »Wie hatte ich mich gefreut, dich versorgt zu
+sehen, ehe ich sterbe --« dies Wort tat mir bitter weh. Meiner Mutter
+Briefe dagegen mit ihrem: »ich habe es vorausgesehen«, -- »ich wußte,
+daß du dich nie in geregelten Bahnen bewegen würdest« -- »deine Romane
+sind nur um ein Kapitel reicher geworden« empörten mich.
+
+Auch meine Tante schrieb mir. »Deine Ablehnung einer, wie mir Hans
+mitteilte, so ungewöhnlich guten Partie ist ein Schaden, den du dir
+selbst zugefügt hast, und dessen Folgen du ebenso zu tragen haben wirst
+wie die sonstigen Folgen deines Eigensinns ...«
+
+Schweigend ließ ich alle Vorwürfe über mich ergehen. Ich machte weite
+Spaziergänge, auf denen mir der schwarze Cäsar, der treue Hofhund, nicht
+von der Seite wich. Dem Zusammenhang meines Lebens suchte ich
+nachzuspüren: Was war es gewesen -- was wollte es von mir? Und wenn es
+Abend wurde, schrieb ich nieder, was mir durch den Kopf gegangen war,
+und meine Feder brachte Ordnung in das Chaos meiner Gedanken.
+
+»Der Bildhauer bildet sein Werk aus einem rohen Marmorblock, er behaut
+es, er glättet es, er sucht die weichen Formen einer Venus aus dem
+harten Material herauszuarbeiten. Es dauert lange, ehe er sich selbst
+genügt; nicht das lebende Modell will er kopieren, er will ein
+Schönheitsideal, das ihm beständig vorschwebt, verwirklichen. Anders der
+Handwerker, der rasch ein effektvolles Dekorationsstück schaffen will:
+er fertigt ein Holzgerüst, drapiert es mit Sackleinwand, wirft Gyps
+darüber und setzt eine fertig gekaufte Allerweltsgipsbüste darauf. Aus
+einiger Entfernung wirkt seine Arbeit nicht übel, dem Rohen täuscht sie
+dauernd ein Kunstwerk vor, -- nur in der Nähe schau sie nicht an und
+hüte sie wohl vor Regen und Sturm, das Holzgerüst möchte sonst allzu
+schnell zum Vorschein kommen! -- Hat ein Künstler oder ein Handwerker
+mich geschaffen? Habe ich die Nähe zu fürchten und das Wetter? Oder
+stürzt mich kein Sturm? Bin ich, oder scheine ich nur?« -- --
+
+Bald ließ es mir keine Ruhe mehr, -- kaum daß ich den nötigsten Schlaf
+mir gönnte --, ich schrieb und nannte das kleine schwarze Buch, über
+dessen Seiten meine Feder fiebernd flog: Wider die Lüge. Seine ersten
+Seiten lauteten:
+
+»Die Lüge ist der Anfang alles Verderbens, ist das Verderben selbst.
+Alle Schäden, an denen unsere Zeit, an denen wir selber kranken,
+entspringen aus diesem Grundübel. Wir sprechen in volltönenden Phrasen
+von Wahrheit, und doch trennen uns von ihr tote Jahrhunderte. Denn die
+Wahrheit der Vergangenheit wird zur Lüge der Gegenwart. Wie ein
+Verbrechen verstecken wir, was in die alten Formen und Formeln nicht
+passen will, und sehen nicht, daß es vielmehr Verbrechen ist, diese
+Formen und Formeln aufrecht zu erhalten. Wir beugen uns unter Gesetze,
+gegen die wir uns innerlich empören, und triumphieren, wenn wir
+schließlich selbst das Gefühl der Empörung unterdrückt haben. Und die
+Diener der Kirche und des Staates lehren uns, daß wir damit den Himmel
+erwerben.
+
+»Was ist Wahrheit? -- Zweifelnd und verzweifelnd, schüchtern und wild
+flog diese Frage durch die Jahrtausende. Oft glich die Antwort einem
+Achselzucken, noch öfter dem Befehl eines Tyrannen, der jeden
+Widerspruch mit dem Beil des Henkers lohnt. Der Muhamedaner schwört auf
+den Koran, der Jude auf den Talmud, der Christ auf die Bibel. Und jeder,
+der ein neues Gedankengebäude gen Himmel türmt, sagt: das ist Wahrheit.
+
+»Gibt es eine Wahrheit? Eine unumstößliche, an der kein Steinchen sich
+lockert? Eine unbedingt gültige für alle Zeiten, alle Kreaturen, alle
+Welten?
+
+»Wie ein fernes Licht hinter einem dunkeln Vorhang leuchtet sie, und
+langsam, Schritt für Schritt, dringt die Erkenntnis erobernd vor und
+raubt dem Glauben einen Fußbreit Boden nach dem anderen. Der Weg wird
+heller, aber fern bleibt das Licht. Das Ende aller Dinge fällt zusammen
+mit seiner Enthüllung. Wir aber leben, und darum haben wir die reine
+Wahrheit nicht.
+
+»Wir müssen wählen zwischen fremder Wahrheit und unserer Wahrheit. Wir
+werden zu Lügnern, wenn wir bequem und gedankenlos nach den fertigen
+Wahrheiten der anderen greifen.
+
+»Wer wahr sein will, muß frei sein. Frei von den Ketten, in die
+Erziehung, Bildung, Tradition uns geschmiedet haben, frei von den
+Zauberbrillen, mit denen die Priester unser Augenlicht verdunkelten,
+frei von der Tracht der Lakaien, in die die Machthaber der Erde die
+Abhängigen zwingen. Was du nicht selbst erwarbst, nicht selbst bist, das
+ist Lüge und Sklaverei.
+
+»Die Erziehung ist wie eine eiserne Form, in die die weichen
+Kinderseelen hineingepreßt werden. Und sollte doch nur ein Stab sein,
+zum Halt für das junge wachsende Bäumchen. Im Leben des Kindes bedeutet
+das 'Warum?' die Geburt des Menschen. Die Erziehung schlägt es tot, kaum
+daß es die Glieder regt. Das Schulzuchthaus spannt in dasselbe Joch den
+Begabten und den Unbegabten, den Phantasiereichen und den Nüchternen. Es
+stopft die Gehirne voll mit Namen, Zahlen und Regeln, und der beste
+Schüler ist, der rasch aufnimmt, der schlechteste, der sich grübelnd das
+Gehörte zu eigen machen will. Darüber stirbt das 'Warum', das Gehirn
+trocknet ein, das Herz verschrumpft, und an Stelle selbständigen
+Denkens, lebendiger Begeisterung für das Gute, Wahre und Schöne treten
+Geschichtstabellen, Bibelsprüche, Urteile über Welt und Menschen.
+
+»Wehe, wer dem Lehrenden widerspricht: Denken führt auf Abwege, Zweifeln
+schafft Ketzer und Aufrührer.
+
+»Verschling ihn getrost, den weichen süßen Brei, den man dir mundgerecht
+vorsetzt, du Päppelkind, du verlernst dabei selbst den Gebrauch deiner
+Zähne!
+
+»Nicht als mythendurchwebte Geschichte der Juden werden dem Kinde uralte
+Urkunden der Menschheit vorgetragen, als Wahrheit vielmehr, daran zu
+zweifeln Sünde ist. Rauben und Morden, Verfolgen und Betrügen, -- das
+Volk Gottes tat es auf Jehovas Befehl, unter seinem Schutz, und
+demselben Kinde, das diesen Gott anbeten, seine Auserwählten verehren
+soll, wird die Religion der Liebe gepredigt.
+
+»Nimm auch das hin, du arme kleine Menschenmaschine: Rüttelst du nur mit
+einem eigenen Gedanken daran, so fällt das ganze Haus in Trümmer. Bringe
+deinen Verstand hübsch zum Schweigen, werde wie alle, die es in der
+Welt zu Geld und Ansehen bringen: eine lebendige Lüge.
+
+»Ein gebildeter Mensch ist das Ziel der Erziehung. Herrlich! Wenn es
+wahr wäre. Bilden heißt den gegebenen Stoff zur höchsten
+Vollkommenheit entwickeln, -- nicht aus Gips Marmorsäulen, aus Holz
+Eisenkonstruktionen, aus Glas Diamanten machen. Aber an Stelle des Seins
+die Täuschung setzen, ist das Zeichen unserer Bildung. Wer über alles
+mitredet, stets mit einem fertigen Urteil bei der Hand ist, selten
+bewundert, gilt als gebildet. Urteilsfähigkeit ist Kriterium der
+Bildung, aber doch nur dann, wenn das Urteil ein eigenes ist. Zu dieser
+Bildung aber ist der Weg lang und steil, und mißtrauisch sollte stets
+fertiges Urteil machen.
+
+»Der Gebildete unserer Tage scheint, was er nicht ist; er belügt andere,
+oft auch sich selbst; er begeht geistigen Diebstahl, indem er fremde
+Weisheit als eigene ausgibt; er beraubt sich der wundervollsten
+Lebensfreude, indem er zwar lernte, sich durch stete Verneinung
+hochmütig über alle zu erheben, nicht aber offnen Sinnes zu genießen,
+was Natur und Kunst geschaffen haben. Vergiftet ward uns der frische
+sprudelnde Quell der Bildung, ertötend rinnt er nun durch die Adern des
+Volks und trübt seinen Blick, so daß es den Vieles-Wissenden an Stelle
+des Selbst-Seienden zum Götzen erhebt.
+
+»Wer wider die Lüge streiten will, muß die neue Wahrheit verkünden.
+Welches ist sie?
+
+»Die Wahrheit von den Kindern zunächst:
+
+»Das Ziel der Erziehung sei kein Lexikon, sondern ein freier Mensch.
+Wissen sei nicht Selbstzweck, sondern Mittel zu dem Zweck, das Leben
+reich, den Menschen stark zu machen. Töte kein 'Warum', locke es
+vielmehr hervor, wie der Gärtner durch sorgsame Pflege die jungen Triebe
+hervorlockt. Leite, -- meistere nicht. Wisse, daß deine Wahrheit nicht
+die des Kindes ist, daß du es lügen lehrst, wenn du sie ihm aufzwingst.
+Märchenglaube ist Kindeswahrheit. Laß sie ihm. Erzähle ihm darum die
+Mythen der Völker wie Märchen: von Isis und Osiris zu Odin und Baldur,
+von Jehova zu Jupiter bis zum himmlischen Vater der Christen. Zeig ihm,
+wie die Menschen unter tausend Namen und Formen vor dem heiligen
+Geheimnis schaffenden Lebens anbetend knieten. Lehre es ihn schauen und
+bewundern in jeder duftenden Blume, jeder Wolke, jedem Stern, jedem
+Gesetz der Natur.
+
+»Und dann führe es ein in die Geschichte der Menschen. Schaffe keine
+Engel und Teufel aus deiner Machtvollkommenheit -- aber störe das Kind
+nicht, wenn es sich eigene Helden bildet. Tritt bescheiden zurück mit
+deinem eigenen Ich hinter dem werdenden Ich des anderen. Was er nicht
+selbst beurteilen kann, lehre ihn nicht beurteilen. Es ist
+Sentimentalität, durch unsere Erfahrungen dem Kinde die eigenen ersparen
+zu wollen. Denn eigene Erfahrung ist die allein sichere Stufenleiter der
+Entwicklung. Führt sie das Kind fort von dir, so jammere nicht, denn
+nicht dein Eigentum ist es, sondern sein eigenes und das der Menschheit.
+Präge ihm nicht Lebensregeln ein, weise ihm vielmehr den Weg, um seines
+Lebens eigene Regeln zu finden.
+
+»Und seines Herzens eigene Religion.
+
+»Welches ist die Wahrheit von ihr? Der Entwickelungsgang der Menschheit
+ist vom ersten Ursprung an ein stetig fortschreitender. Kindlicher
+Märchenglaube ist der vom verlorenen Paradiese; der Mann glaubt an das
+zu erobernde.
+
+»In der Natur gibt es keinen Stillstand: der Fluß strebt dem Meere zu,
+der Baum wächst empor, zum Menschen wird das Kind. Dies 'Vorwärts' ist
+ein Gesetz, das sich nie verleugnet; so oft seine Kraft zu schwinden
+drohte, so oft brach es auch machtvoll durch alle Schranken, die
+menschliche Torheit mühsam aufrichtete. Die Überzeugung von der
+Unumstößlichkeit dieses Gesetzes weitet unser Herz und unseren Geist.
+Wir werden es aus allen Verdunkelungen, aus allen Leiden, von denen die
+Geschichte der Völker und der Menschen erzählt, heraus erkennen, wenn es
+unser eigenes Lebensprinzip geworden ist. Wir werden es auch dann
+bejahen, wenn es tötet, weil wir wissen, daß welke Blätter fallen
+müssen, um jungen Trieben Platz zu machen, daß die Blüte sterben muß,
+wenn die Frucht reifen soll.
+
+»Der Pessimismus sagt: Es gibt kein Glück; der Pietismus versichert: Die
+Erde ist ein Jammertal. Aber die neue Wahrheit lehrt: Es gibt ein Glück,
+das über alles Leid hinweghilft; jede Blume auf dem Felde, jede Eichel
+am Baum, jeder Säugling am Mutterherzen zeugt davon. Sein Gesetz ist:
+Wachse! Werde! Soll es allein für die Religion nicht gelten?
+
+»Was ist Religion? Der Zug nach oben, die Ehrfurcht vor dem Unerkannten,
+Nichtzuerkennenden. Sollte sie unwandelbar feststehen, weil sie sonst
+kein Halt, keine Stütze wäre für so viele? Was ist denn das Feststehende
+an ihr? Etwa der Glaube, daß Gott Eins und doch Drei, oder daß Christus
+einer Jungfrau Sohn ist? Oder der Glaube an die Speisung der Tausende,
+an die feurigen Zünglein des heiligen Geistes? Selbst der strengste
+Christ wird darin nicht den Urquell seiner Herzensreligion finden. Was
+ihn zu dem macht, was er ist, ihm die Kraft gibt zum Handeln und zum
+Ertragen, das ist nichts anderes als die Überzeugung von der
+Unendlichkeit des Werdens, -- theologisch ausgedrückt: der
+Unsterblichkeitsglaube. Für ihn mag er in der Form des persönlichen
+Fortlebens, der Auferstehung des Fleisches, Wahrheit sein. Uns ward er
+zur Wahrheit im Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Wie ein Stoß
+fortwirkt ohne Aufhören, wirkt die Tat fort und der Gedanke ohne Ende.
+
+»Staat und Kirche lehren die Religion Christi wie vor achtzehnhundert
+Jahren. Was die Apostel, einfache Männer des Volks, in orientalischer
+Phantasie und kindlichem Glauben von ihres Herren und Meisters Geburt
+und Leben erzählten, soll uns noch Wahrheit sein. Was aber bleibt für
+uns, wenn wir hinter den Mythen die Wahrheit suchen? Die göttliche
+Geburt Christi? Des Menschen Geist ist göttlichen Ursprungs, und wer
+seiner Bestimmung folgt bis zum Tode, -- der ist Gottes Sohn. Wir aber,
+die wir uns nennen nach dem Namen des Nazareners, der, wie wenige vor
+und nach ihm, der alten Lüge die neue Wahrheit entgegensetzte und sich
+ans Kreuz schlagen ließ von den Frommen seiner Zeit, -- wir verleugnen
+das größte, was uns ward: den Geist. Wir stempeln seine göttliche Kraft
+zur Sünde und lehren im Namen des Gekreuzigten, daß wir nicht zweifeln,
+das heißt: nicht denken dürfen. Aber die neue Wahrheit von der Religion
+predigt die Pflicht des Zweifelns, weil der Zweifel die neue Wahrheit
+gebiert und die Wurzeln des Werdens in ihm ruhen.
+
+»Denke bis zu den letzten Konsequenzen, reiße nieder, was deinem Denken
+im Wege steht; selbst das Heiligste, das Unantastbare ist unheilig und
+ein Frevel, wenn es dem Gedanken zur Schranke ward. Denke, -- und du
+wirst reich, denke, -- und du wirst stark und froh. Wer, und ob er
+gleich hundert Jahre lebte, wird solchen Werdens ein Ende finden? Darum,
+statt Christi wundersame Geburt zu verkünden, verkündet die Heiligkeit
+unseres Lebens! -- Und sein Opfertod? Wer an ewige Höllenstrafen glaubt,
+den lehrt die Angst, daß die eigene Schuld von einem anderen gesühnt
+werden könnte. Jesus aber starb nicht für andere, sondern für seine
+Überzeugung, -- er lehrte die Tat, nicht die Reue. Und seine
+Auferstehung? Wer vermöchte an ihr zu zweifeln? Lebt nicht sein Geist --
+und wird er nicht ewig leben, auch wenn seine Lehre nicht die Wahrheit
+an sich ist, sondern nur eine Stufe zu ihr? --
+
+»Nun aber bleibt mir noch die Rätselfrage nach der neuen Wahrheit vom
+Leben! Warum all die Qual und Not, all das Elend und die Verzweiflung?
+Im Kampf ums Dasein sind Milliarden Lebewesen untergegangen, um höheren
+Formen, reiferen Gehirnen Platz zu machen.
+
+Ȇber Tote geht alle Entwicklung.
+
+»Die rohe Kraft wich den feineren Kräften des Geistes, und die Kräfte
+des Geistes warten ihrer Ergänzung durch die der Seele. Ohne Qualen gäbe
+es keine Kraft, die an ihnen wächst und sich bewährt.
+
+»Wer am Leiden zugrunde geht, ist des Lebens nicht wert gewesen.
+
+»Wächst nicht selbst aus dem Hunger der Massen der Riese, der ihn
+überwinden wird? Schafft die Not nicht die Einigkeit und den Kampf,
+grünt nicht heimlich unter Blutlachen und Tränen die junge Saat der
+kommenden Menschen?
+
+»Nur Eins ist not: daß wir in dem ungeheuern Triebrade der Entwicklung
+kein Staubkorn sind, das hindert, bis es zermalmt wird, kein Rostfleck,
+der den Mechanismus anfrißt, bis er verrieben ist. Wenn wir kein Teil
+der motorischen Kraft sein können, seien wir wenigstens ein Tröpflein
+Öls, ein winziges Zähnchen.
+
+»Das ist die neue Wahrheit vom Leben.«
+
+ * * * * *
+
+Mir war, als hätte ich mir ein Rüstzeug geschmiedet, das mich
+unüberwindlich machte. Glückselig sah ich jedem jungen Tage entgegen und
+wanderte mit frischen Kräften tief in den Wald, die Lenzluft einatmend,
+die starke, würzige, -- den echten Jugendborn für Geist und Körper.
+
+Es war hoher Sommer, als ich mich entschloß, meines Vaters Wunsch Folge
+zu leisten und zum Kaisermanöver nach Münster zurückkehren.
+
+Am Tage meiner Ankunft prangte die Stadt schon in vollem Schmuck: Fahnen
+und Wimpel in bunter Farbenpracht flatterten im Winde, aus den Fenstern
+hingen Teppiche, über die Straßen zogen sich grüne Girlanden, mit roten
+und blauen Sommerblumen besteckt. Eine bunte Volksmenge füllte die
+Straßen. Alte Trachten tauchten auf: Frauen mit schweren,
+goldgestickten Hauben, Männer mit weißen Strümpfen und roten Westen, auf
+denen dicke Silberknöpfe glänzten. Als am nächsten Morgen in glühendem
+Sommersonnenschein das Kaiserpaar einzog, schien die ganze Luft erfüllt
+von dem gewaltigen Konzert der Glocken, und der Donner der Geschütze
+klang nur wie der tiefe Akkord der Begleitung. Alle Pracht und allen
+Reichtum hatte der Adel Westfalens aufgeboten; in altertümlichen
+Kaleschen, gemalt und goldverziert, gepuderte Kutscher und Lakaien in
+roten, blauen, gelben und weißen Röcken auf Bock und Trittbrett, fuhren
+seine Vertreter mittags zum Empfang ins Schloß.
+
+Kein Prunkzelt der Medizeer konnte üppiger sein als das auf dem
+Ludgeriplatz, wo die Mitglieder des Landtags den Landesherrn zum
+Mittagsmahl empfingen. Und kein florentinischer Palast konnte größeren
+Glanz entfalten als das Haus des Damenklubs, das am Abend die
+kaiserlichen Gäste erwartete. Auf den Treppenstufen standen die Jäger
+der Herzoge von Croy, von Ratibor, von Rheina-Wolbeck, der Fürsten
+Bentheim und Salm; mit kostbaren Gobelins, alten Venetianer Spiegeln,
+Waffen aller Länder und Zeiten, goldenen und silbernen Schaugefäßen
+waren die Säle geschmückt, aber die Fülle der Edelsteine auf den Köpfen,
+den Schultern, und den Armen all der schönen, rassigen Frauen
+überstrahlte alles. Mit schimmernden Seidenkleidern und bunten Uniformen
+füllten sich die Räume; eine Fanfare, -- und unter dem Bogen der Türe
+erschien das Kaiserpaar: in Husarenuniform, den Dolman über dem kurzen,
+linken Arm der Kaiser, in weißem Brokat die Kaiserin. Zum erstenmal sah
+ich ihn wieder seit meiner Kinderzeit: das gebräunte Gesicht war noch
+finsterer geworden, der emporgewirbelte Bart konnte über die
+herabgezogenen Mundwinkel nicht täuschen, und das gleichmäßig
+verbindliche Lächeln der blonden Frau neben ihm war zu konventionell,
+ihr helles Antlitz zu ausdruckslos, als daß es den Blick von ihm hätte
+ablenken, die Empfindung von Eiseskälte, die uns alle überkam, hätte
+vertreiben können.
+
+Der Ball begann. Ich fühlte, wie die jungen Damen mehr als sonst von mir
+abrückten, wie man, trotz der Erregung des Augenblicks, Zeit fand, über
+mich zu tuscheln und zu raunen. Hessenstein stand wie ein riesiger
+Wächter neben mir. Er war es auch, der mir zuflüsterte, noch ehe eine
+»gute Freundin« mich schadenfroh davon unterrichten konnte, daß Syburg
+sich verlobt habe. Und an seinem Arm flog ich durch den Saal, als der
+erste Walzer seine Schmeichelweise ertönen ließ. Unten, dicht vor der
+Estrade, wo die Kaiserin Cercle hielt, stand der Kaiser. Im Rausch des
+Tanzes bemerkte ich ihn erst, als die Schleppe meines Kleides ihn
+streifte. Einen Augenblick lang sah er mir nach und lächelte, während
+mir mit einem Gefühl des Triumphes durch den Sinn schoß, daß kein Tänzer
+im Saal so schön war wie der meine und keine Dame so gut tanzte wie ich.
+So sollte es sein: nicht allmählich, wie die alternden Mauerblümchen,
+wollte ich mich losreißen vom Jugendleben, -- auf der Höhe vielmehr
+wollte ich Abschied feiern! In den Pausen drängten sich die jungen
+Mädchen in die Nähe der Kaiserin und kehrten mit verklärten Gesichtern
+zurück, wenn es ihnen gelungen war, vorgestellt zu werden. »Wollen Sie
+nicht auch --?« meinte Hessenstein bedenklich. »Wozu?« antwortete ich
+lachend »um eines Handkusses und einer Phrase willen meine Spitzen in
+Gefahr bringen!«
+
+Im Speisesaal war auf erhöhtem Platz die Kaisertafel gedeckt; aus Gold
+waren Bestecke, Schüsseln und Schalen, phantastische Orchideen nickten
+aus hohen Kristallkelchen, Kränze von gelben Rosen hoben sich leuchtend
+von der mattvioletten Seide der Wände. Tisch an Tisch reihte sich in dem
+weiten Raum darunter, und den Dreihundert, die sich hier zusammenfanden,
+wurde von silbernen Schüsseln auf silbernen Tellern serviert. Ich saß in
+einem fröhlichen kleinen Kreis abseits unter dem Schatten
+großblätteriger Palmen; zwischen ihren Stämmen hindurch konnte ich
+hinauf zur Kaisertafel blicken. Das Profil Wilhelms II. stand scharf
+gegen den hellen Hintergrund. Ich sah, wie er das Sektglas wieder und
+wieder zum Munde hob und wie er lachte, -- der kleine dicke Herzog von
+Croy, der ihm gegenüber saß, liebte derbe Späße, -- aber es war das
+Lachen eines Ausgelassenen, das mit Heiterkeit nichts zu tun hat. Die
+starke rechte Hand gestikulierte lebhaft und benutzte nur hie und da das
+Doppelbesteck, um ein paar Bissen zu schneiden und zum Munde zu führen.
+Kraftlos, bewegungslos wie ein fremdes Glied hing die behandschuhte
+Linke an dem kurzen Kinderarm.
+
+Sommerschwüle brütete in den Straßen, als wir heimwärts fuhren, und ein
+Sommernachtsmärchentraum hielt die alte Stadt umfangen. Exotische
+Glühwürmchen schienen um die Pfeiler der Laubengänge zu tanzen, sich,
+allen Linien des Maßwerks folgend, bis hoch in die Spitzen der
+Kirchtürme zu schwingen. Die grauen Steine verschwanden; aus Licht und
+Farben waren die spitzen Giebel, die schlanken Säulen, die hohen
+Fensterbogen gebaut. Hinter dem dunkeln Laubdach der alten Linden
+schimmerte der Dom wie ein gewaltiger Tempel des Lichtgotts.
+
+Wir fuhren langsam in unseren hellen Kleidern, Ballblumen im Haar, und
+die Menge jubelte uns zu, wo wir vorüberkamen. Aus den offenen Fenstern
+und den Gärten tönte Gesang und Musik.
+
+Lebensfreudiges Heidentum lachte und leuchtete um uns, jenes Heidentum,
+das die katholische Kirche klug zu erhalten verstand. Wo der
+Protestantismus mit seiner kunstfeindlichen Nüchternheit einzog, entfloh
+es; wo der Bischof im goldgestickten Ornat dem Prediger im schwarzen
+Trauerkleid Platz machen mußte, wo die lustigen rotröckigen Chorknaben
+verschwanden und in das mystische, weihrauchgeschwängerte Dunkel der
+Kirchen grelles Tageslicht eindrang und duftloser Alltag, da verlor das
+Volk allmählich den Kindersinn, der sich in phantastischem Prunk und
+bunten Spielen äußert.
+
+Zu Füßen der Porta Westfalica waren vierzehn Tage später die
+Kaisermanöver. Mit einer Parade vor den Toren von Minden wurden sie
+eröffnet. Es war dasselbe Bild wie immer bei solchen Gelegenheiten:
+schwarze Menschenmassen, graue Staubwolken, geschmacklos dekorierte
+Tribünen, von Fremden und Einheimischen dicht besetzt; auf dem Felde
+davor, wohin das Auge reichte, blitzende Uniformen, wehende Helmbüsche,
+stampfende Pferde. In der Ferne die blauen Höhenzüge des Wesergebirges,
+-- ein ruhig-ernster Abschluß des lebendigen Bildes.
+
+Wenn ein altes Roß, das schon lang vor dem Lastwagen keucht, die
+Trompete hört, so spitzt es die Ohren, hebt den müden Kopf und versucht
+mit den lahmen Beinen graziös zu tänzeln; und wenn der Mensch, der die
+Soldatenspielerei der Völker schon längst für frevelhaft hält, die alten
+Kriegsmärsche hört, so muß er an sich halten, um nicht mit zu
+marschieren; tauchen aber die Truppen selbst vor seinen Augen auf, --
+all die Tausende junger, lebensstarker Menschen zu Fuß und zu Pferde, im
+silber- und goldverschnürten Rock, im glänzenden Küraß und die Sonne
+spiegelnden Stahlhelm, mit schwarzweißen wehenden Fähnchen, den
+rasselnden Säbel zur Seite, oder mit dem dröhnenden Gleichmaß des Tritts
+zahlloser Bataillone, -- so pocht das Herz ihm höher, so fest ers auch
+halten möchte.
+
+Ich stand in der Mittelloge der Tribüne. Dicht vor mir die Suite des
+Kaisers, die fremdländischen Fürsten, er selbst, und an ihnen vorüber
+ein glänzender Strom von Soldaten, den die Tonwellen schmetternder
+Fanfaren zu tragen und zu treiben schienen. Ich wollte nicht staunen,
+nicht bewundern, aber die Worte des Spottes erstarben mir auf den
+Lippen. Wecken jene Klänge verlorene Erinnerungen aus barbarischer
+Vorzeit? Peitscht der Anblick kriegerischer Wehr jenen Tropfen Blutes
+auf, der von unseren Vorfahren, denen Kampf Lust und Leben war, noch in
+unseren Adern rollt? Oder ist es nicht bloß die Suggestion der Masse,
+der Musik, der Farben, die unsere Sinne berauscht? Würde es uns nicht in
+dieselbe Erregung versetzen, wenn diese Soldaten Männer der Arbeit
+wären, ihre Waffen blanke Werkzeuge, ihre Uniformen Festgewänder, das
+ganze strahlendbunte Bild eine gewaltige Revue der Arbeit?
+
+Ich grübelte noch darüber nach, als ein brausendes »Hurrah« mich
+aufsehen ließ. Der Kaiser hatte sich an die Spitze der 53er gesetzt und
+führte das Regiment seines Vaters an den Tribünen vorüber. Als spontane
+Gefühlsäußerung wurde jubelnd begrüßt, was nur eine Ausübung
+höfisch-militärischer Sitte war.
+
+»Wird ihm diesmal schwer geworden sein,« meinte Fürst Limburg leise, der
+neben mir stand. »Warum?« frug ich verwundert. »Der Spuk im aachener
+Kasernenhof soll ihn nicht wenig erregt haben!«
+
+Am nächsten Morgen ritt ich mit Limburgs unter Führung eines
+Korps-Gendarmen ins Manövergelände. Mit trüben Gedanken, die der
+regnerische Tag nicht heller machte, war ich zu Pferde gestiegen. Meinen
+Vater hatte ich seit meiner Rückkehr so wortkarg und finster gefunden,
+wie nie vorher; in diesen Tagen aber war er von haltloser Heftigkeit, so
+daß alles vor ihm zitterte. Ob er wohl auch an das pommersche
+Kaisermanöver vom Jahre 87 dachte?! -- In einem Gehöft fanden wir Verdy,
+den Kriegsminister, dessen sarkastischer Witz mich immer ebenso anzog,
+wie sein vernachlässigtes Äußere mich abstieß. »Sauwetter!« brummte er,
+mir die Hand schüttelnd »Sie hätten sich auch was Besseres aussuchen
+können, als diesem Manöver beizuwohnen.«
+
+»Was bedeutet die seltsame Betonung, Exzellenz?« frug ich unruhig.
+
+»Na, Sie sehen doch, -- es regnet,« wich er aus, »und dann -- all das
+Hofgeschmeiß, über das man stolpert! Wissen Sie übrigens, -- Majestät
+hat Herrn von Wittich in letzter Stunde die Führung des markierten
+Feindes übertragen.« Ich erschrak. Wittich, der Generaladjutant und
+Günstling des Kaisers, ein Mann, dessen militärische Leistungen mein
+Vater zu verhöhnen pflegte, -- stand ihm heute als Gegner gegenüber!
+
+Wir ritten weiter. Unterwegs begegnete uns ein Ordonanzoffizier vom
+Stabe meines Vaters. Er strahlte.
+
+»Das war ein Bravourstück,« rief er mir schon von weitem entgegen. »Die
+dreizehnte Division hat einen Marsch hinter sich, der alles in Erstaunen
+setzte. Natürlich kam die feindliche Kavallerie zu spät und wurde
+glänzend abgewiesen.«
+
+Ich atmete auf. Vor der Mühle Habichtshorst wehte die Kaiserstandarte.
+Wir ritten so nah heran wie möglich.
+
+Im nächsten Augenblick brauste und dröhnte es dicht vor uns: unter
+tausenden von Pferdehufen bebte die Erde, die ganze Kavallerie-Division
+stürmte zum Angriff, -- ein Anblick, der den Herzschlag stocken ließ und
+jenes Fieber gespannter Erregung auslöste, das den Hazardspieler packt,
+wenn er die Elfenbeinkugel rollen sieht. Ich vergaß meine Unruhe -- den
+Vater -- den peitschenden Regen --, meine Hand, die den Feldstecher vor
+die Augen hielt, zitterte. Einen Moment trat das Antlitz des Kaisers in
+mein Gesichtsfeld: seine Augen glühten, und seine Lippen zuckten. Ich
+begriff plötzlich seine Leidenschaft für solch ein Schauspiel.
+
+Gleich darauf hörte ich Trommeln und Pfeifen: im Sturmschritt rückte die
+Infanterie von der anderen Seite vor, -- sie kam in unzählbaren Massen,
+wie aus der Erde gestampft, mit Hurra und knatterndem Gewehrfeuer. Ich
+sah den Fuchs meines Vaters, -- da plötzlich ein Signal: Das Ganze
+Halt!, und still stand der Kampf.
+
+Merkwürdig scheu wichen mir auf dem Heimweg unsere Offiziere aus. Kurz
+vor Minden traf ich Hessenstein, den ich anrief. »Was ist geschehen?«
+frug ich verängstigt.
+
+»Es soll einen bösen Auftritt gegeben haben,« antwortete er. »Auf die
+Mitteilung, daß er geschlagen sei, ist Ihr Herr Vater in helle Wut
+geraten. 'Sie sind wohl des Teufels', soll er geschrien haben, 'ihre
+ganze Kavallerie ist ja vernichtet'. Alle, die ich sprach, geben ihm
+übrigens Recht. Der Sturm auf Nordhemmern und Holzhausen hätte
+zweifellos seinen Sieg gesichert, wenn er nicht abgebrochen worden
+wäre.«
+
+Wir reisten noch an demselben Tage nach Münster zurück und erwarteten
+dort meinen Vater. Er war ruhiger, als ich gefürchtet hatte, und erwog
+mit solcher Sicherheit die Aussichten auf ein Armeekorps, daß wir selbst
+kaum mehr daran zu zweifeln vermochten.
+
+Als der nahende Karneval uns grade wieder an die geselligen »Pflichten«
+zu erinnern begann, starb die alte Kaiserin Augusta, und es war für
+diesen Winter mit Spiel und Tanz vorbei. Nichts hätte mich mehr
+befriedigen können. Nun konnte ich mich ungestört der Aufgabe widmen,
+deren Erfüllung ein neues Leben einleiten sollte.
+
+Das kleine Buch, das ich in Hohenlimburg zu schreiben begonnen hatte,
+enthielt die Skizzen, aus denen ich ein Gemälde schaffen wollte, so
+stark an Farben, so lebendig an Gestalten, daß in Zukunft niemand daran
+würde vorübergehen können. Aber so rasch jener erste Entwurf entstanden
+war, so langsam gings mit der neuen Arbeit. Ich entdeckte Lücken in
+meiner Bildung, die durch die mir zu Gebote stehenden Mittel
+unausfüllbar blieben. Meine Unwissenheit auf den Gebieten der
+Philosophie und der Naturwissenschaften stürzte mich oft in die tiefste
+Verzweiflung. Mein ganzes bisheriges Leben erschien mir dann wertlos,
+die Zukunft, wie ich sie erträumte, auf immer gefährdet. Oft saß ich bis
+in die Nacht hinein grübelnd am Schreibtisch, und erst, wenn das letzte
+Scheit Holz im Kamin erlosch und die Finger in der Winterkälte
+erstarrten, huschte ich fröstelnd in mein Schlafzimmer.
+
+Ich war in dieser Zeit so mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt, daß
+ich mich automatenhaft in meiner Umgebung bewegte, bis mir eines Tages
+meines Vaters klanglose Stimme auffiel. »Bist du krank, Papachen?« frug
+ich besorgt. Er lachte gequält: »Ich sollte es sein!« Als ich am
+nächsten Morgen zum Frühstück in sein Zimmer trat, lag er im Lehnstuhl,
+leichenblaß, mit weit aufgerissenen Augen. Ich stürzte neben ihm in die
+Kniee und griff nach seiner schlaff herabhängenden Hand. In dem
+Augenblick kam er zur Besinnung; ein Ton, der nichts menschliches an
+sich hatte, drang aus seiner Kehle, -- er sprang auf, schlug wild
+aufschluchzend die Hände vors Gesicht, um in der nächsten Minute wieder
+zurückzusinken. Da fiel mein Blick auf einen weißen Bogen, aus einem
+blauen Umschlag halb herausgerissen, -- ich griff danach und las mit
+verdunkeltem Blick nur die drei Worte: »... der Abschied bewilligt ...«
+
+»Die dreizehnte Division!« murmelte mein Vater.
+
+Nicht rasch genug konnten wir unseren Haushalt auflösen. Mein Vater
+vertauschte noch an demselben Tage die geliebte Uniform mit dem
+schwarzen Rock. Aber er wagte sich damit bei Tage nicht auf die Straße;
+sein Gesicht färbte sich dunkelrot bei jedem Soldaten, der ohne Gruß an
+ihm vorüberging. Ich folgte ihm wie sein Schatten; er sah aus wie einer,
+dem der Tod nachschleicht. Ohne Anteilnahme hörte er zu, wenn meine
+Mutter Zukunftspläne schmiedete; wenn sie aber in der Aussicht auf ein
+ruhiges Leben förmlich froh zu werden vermochte, erhob er sich
+schwerfällig und ging hinaus. Er kümmerte sich um nichts, äußerte keinen
+Wunsch, ließ alles geschehen.
+
+Meine Mutter verkaufte ein gut Teil der Möbel -- er merkte es nicht;
+sein Adjutant verhandelte mit Hilfe des Reitknechts mit den
+Pferdehändlern, -- er betrat den Stall nicht mehr. Als dann aber der
+Morgen kam, wo die Pferde fortgeführt werden sollten und wir alle
+versuchten, ihn in seinem Zimmer festzuhalten, lief er plötzlich auf den
+Flur hinaus, -- hell hatte der Fuchs, sein Lieblingspferd, gewiehert,
+auf dem Hofe unten stand er, sein goldiges Seidenhaar glänzte im
+Sonnenlicht und lustig bellend, wie sonst vor dem Morgenritt, sprang ihm
+Percy, der weiße Terrier, an die Nase. Gegen die Scheibe preßte mein
+Vater die Stirn, ein Beben erschütterte seinen starken Körper, und
+schwere Tränen rollten ihm über die Wangen. Der Fuchs verschwand im
+Torweg; nur der Hund blieb noch unschlüssig stehen, kniff den Schwanz,
+sah fragend zu uns hinauf und trottete dann erst nach -- langsam, ganz
+langsam.
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel
+
+
+Märzsturm im Harz. Er schüttelte auf den Höhen die schweren Schneemassen
+von den Bäumen und peitschte durch die Täler feuchtkalten, rieselnden
+Regen. Hochauf geschwellt wie ein Gießbach rauschte die sonst so
+bescheiden flüsternde Radau durch das Städtchen. Unter den kahlen,
+schwarzbraunen Eichen stand in grauschillernden Lachen das Wasser; es
+hing in hellen Tropfen in den Spinngeweben zwischen den Balken des
+Musikpavillons und im dürren Weinlaubgerank um die muffig riechenden
+Wandelhallen. Mit geschlossenen Fensterläden schliefen Häuser und
+Gasthöfe noch den Winterschlaf, und auf den Wegen in die Wälder hatten
+Regen und Schnee all die vielen Fußspuren des vergangenen Sommers
+verwischt.
+
+Jeden Morgen, wenn die blecherne Uhr von Juliushall -- das einzig
+Lebendige zu dieser Stunde -- sieben schlug, trat aus dem kleinen
+Häuschen gegenüber ein Mann heraus: mit zwei müden, blauen Augen unter
+finster gefalteter Stirn sah er kühl und gleichgültig zum ewig grauen
+Himmel auf; die vollen Lippen, die ein dichter blonder Bart beschattete,
+preßten sich fest aufeinander, und die eine Faust auf dem Rücken, die
+andere um den Krückstock gespannt, ging er rasch die Chaussee hinauf.
+Er lief immer mehr, je weiter er kam; tauchte irgendwo ein Mensch auf,
+so bog er seitwärts in die Wälder. Zuweilen folgte ihm vorsichtig
+spähend ein junges blasses Mädchen, dem die schwarzen Locken im Wind
+wild um die Stirne tanzten. Aber sie kam nicht weit, -- sie hätte
+schließlich laufen müssen, um ihn im Auge zu behalten, und das Herz
+klopfte ihr zu stark. So ging sie denn aufseufzend, mit einem
+sorgenvollen Zug um den Mund, die schmale Treppe wieder hinauf, in die
+Puppenwohnung mit den verschossenen Puppenmöbeln, den bunten Öldrucken
+an der großblumigen Tapete, dem unbehaglich dürftigen Pensionsfrühstück
+auf dem runden Tisch. Sie schluckte den dünnen Kaffee, aß widerwillig
+ein winziges Brötchen und sprang mit nervöser Hast auf, als nebenan
+Stimmen laut wurden. »Schwester!« rief die eine halb verschlafen --
+»Alix!« klang eine andere, scharfe, spitze durch die zweite Tür. Vor dem
+kleinen Mädchen knieend, das sich die goldenen Löckchen wohlgefällig
+über die rosigen Fingerchen wickelte, zog sie ihm Strümpfe und Schuhe
+an, um gleich darnach zur Mutter zu gehen, die vor dem Spiegel der
+geschickten Hände ihrer Ältesten wartete.
+
+»Papa war heute wieder sehr böse über den schlechten Kaffee,« sagte sie,
+während sie mit dem Kamm durch die noch immer vollen blonden Haare ihrer
+Mutter fuhr, »und der Ofen will auch nicht brennen, -- wir sollten doch
+lieber umziehen!«
+
+»Du weißt, daß alle anderen Pensionen erheblich teurer sind,« antwortete
+die Mutter gereizt, »Hans muß sich eben an Einschränkung gewöhnen.«
+
+Kam der Vater gegen Mittag zurück, mißmutig und müde, so saß seine
+Älteste schon seit ein paar Stunden neben dem Schwesterchen und spielte
+Lehrerin. Des Nachmittags gingen sie zu viert spazieren; aber angesichts
+der gramvollen Verschlossenheit des Vaters, der unnahbaren Kühle der
+Mutter und einer Natur, die von der weißglänzenden Winterpracht und der
+grünschimmernden Frühlingshoffnung gleich weit entfernt war, verstummte
+selbst Klein-Ilschens Lachen und leichtsinniges Geplauder. Im stillen
+atmete jeder auf, wenn der Familienausflug ein Ende nahm, und doch
+versicherte einer dem anderen, daß er »herrlich« gewesen wäre.
+
+Große Schmerzen bedürfen der Einsamkeit. Schwül und schwer lasten sie
+wie Gewitterluft, wenn sie sich nicht entladen können; und die Qualen
+des anderen mit ansehen, heißt die eigenen verdoppeln. Aber Tradition
+und Sitte predigen in verlogener Sentimentalität, daß sie gemeinsam
+getragen werden müssen; und ihnen beugten sich die drei Menschen, so
+sehr sie auch auseinander verlangten.
+
+Wenn alle schliefen, brannte bei der Schwarzen, Blassen noch lange die
+Lampe. Aus den Schulbüchern der Schwester bereitete sie sich auf das
+Pensum des nächsten Tages vor, -- sie hatte ja nie gelernt, zu lehren,
+und mühsam wars, das Notwendige nachzuholen. Dabei war auch noch stets
+der Arbeitskorb voll, geflickt mußte werden und genäht, -- niemand
+durfte merken, daß die Verhältnisse der Familie ihrem Rang nicht mehr
+entsprachen. Sehnsüchtig schweiften die dunkeln Augen der Arbeitenden
+oft genug zu den Büchern, die erwartungsvoll mit blanken Goldlettern auf
+dem Rücken von dem kleinen Regal zu ihr herübersahen. Stahlen sich dann
+aber gar Tränen zwischen den Wimpern hervor, so zog sie einen
+zerknitterten Brief aus der Tasche, mit feinen Schriftzügen dicht
+bedeckt, und las ihn, den sie schon fast auswendig wußte, wieder und
+wieder. Er lautete:
+
+ Pirgallen, 10. März 1890
+»Mein geliebtes Enkelkind!
+
+Deine Mutter schreibt mir, mit welch ruhigem Ernst Du Dich in die neue
+Lage gefunden hast, und wie treulich Du all die Pflichten, die sie Dir
+auferlegt, erfüllst, so daß ich Dich nun ganz besonders meiner
+zärtlichen Liebe und freudigen Anerkennung versichern möchte. Ich habe
+oft gefürchtet, die kleinen Teufel der Eitelkeit möchten von meiner Alix
+reinem Herzen schließlich Besitz ergreifen; vielleicht hat die Führung
+Gottes, die uns kurzsichtigen Menschen oft grausam erscheint, auch für
+Dich den rechten Weg gefunden, auf dem Dein besseres Selbst sich voll
+entfalten kann. Ich habe, wie Du weißt, von Anfang an den Abschied
+Deines Vaters nicht so tragisch genommen als alle anderen, als vor allem
+er selbst. Je älter wir werden, desto gleichgültiger erscheinen uns
+solch äußerliche Begebenheiten. Daß es freilich eine harte Schule gerade
+für Hans ist, der an seiner empfindlichsten Stelle, -- seinem
+Selbstbewußtsein, seinem Ehrgeiz, -- getroffen wurde, weiß ich nur zu
+wohl. Aber er ist stark und gut genug, um sie schließlich bestehen zu
+können, wenn Ihr alle, Du besonders, mein Kind, an der er mit all seiner
+Zärtlichkeit hängt, ihm in geduldiger Liebe beizustehen nie unterlassen
+werdet und er für seine ungebrochene Kraft eine Tätigkeit findet, die
+ihr entspricht.
+
+Aber noch eine andere, und für Dich vielleicht schwerer zu erfüllende
+Aufgabe muß ich Dir, meine Alix, übertragen. Ich hoffe, Du wirst daran
+den Grad meines Vertrauens zu Dir ermessen können und es nicht als
+Grausamkeit empfinden, wenn ich gerade Deinen jungen Schultern diese
+Last auferlege. Ich bin 78 Jahre alt und kann jeden Tag abberufen
+werden. Es ist mir möglich gewesen, meine einzige Tochter, Deine Mutter,
+durch regelmäßige pekuniäre Zuwendungen, durch Geschenke, Badereisen und
+dergleichen, vor quälenden Sorgen zu bewahren. Nichts konnte mich mehr
+freuen, als daß ich dazu imstande war, denn seine Lieben mit dem zu
+unterstützen, was man entbehren kann, ist niemals ein Opfer. Deine
+Mutter hat es um so selbstverständlicher angenommen, als sie stets zu
+dem Glauben berechtigt war, daß ihr künftiges Erbteil noch unangetastet
+in meinem Besitz sich befinde. Um den Frieden ihrer Ehe nicht zu stören,
+habe ich ihr die Wahrheit verschwiegen. Sterbe ich, so wird sie
+erfahren, daß Hans auf Grund dieser Erbschaft von meinem Sohn Walter im
+Laufe der Jahre Darlehen empfing, die sie sogar um ein beträchtliches
+übersteigen. Das wird für Deine Mutter nicht nur eine große Enttäuschung
+sein, es wird auch Einschränkungen aller Art nach sich ziehen, und auch
+an bitteren Empfindungen zwischen Deinen Eltern wird es nicht fehlen.
+Dir, meine Alix, teile ich das schon heute mit, damit Du bereits jetzt
+Deinen Einfluß dahin geltend machst, daß Euer neues Leben sich möglichst
+einfach gestalte, und Du fortfährst, ein fleißiges Hausmütterchen zu
+sein. Deine Eltern glauben Deiner Jugend, Deiner Zukunft, einer
+möglichen Heirat alle Rücksicht schuldig zu sein, sie werden sich gewiß
+einen Aufenthaltsort aussuchen, wo Du die gewohnte Geselligkeit finden
+und eine gesellschaftliche Rolle spielen kannst. Ich denke zu hoch von
+meiner Enkelin, als daß ich nicht wüßte, daß Du höhere Werte zu schätzen
+und höheren Zielen zu folgen weißt. Eine Ehe ist nur selten ein Glück,
+am wenigsten eine solche, die im Ballsaal geschlossen wird, und Dich hat
+Gott mit so vielen guten Gaben bedacht, daß Du auch außerhalb der
+natürlichen weiblichen Lebenssphäre einen Dich und Andere befriedigenden
+Lebensinhalt finden wirst. Suche Dir diesen Inhalt, nicht nur um Deiner
+selbst willen, sondern auch, um Deinen Eltern die Sorge um Dich von der
+Seele zu nehmen. Dein Vater freilich, immer ein Optimist in diesen
+Dingen, rechnet für seine Töchter mit den Millionen der augsburger
+Tante. Deine alte Großmutter, mein Kind, die stets in dem Rufe stand,
+schwarz zu sehen, weiß aber aus Erfahrung, daß es mehr als töricht ist,
+auf den wankelmütigen Sinn reicher Frauen Zukunftsburgen zu bauen.
+Klotilde ist ebenso egoistisch wie launisch, und ihrer Eitelkeit zu
+schmeicheln hast Du, Gott Lob!, noch nicht verstanden. Darum ist der
+Rat, der letzte vielleicht, den ich Dir geben kann, der: stelle Dich auf
+Deine eigenen Füße. Über das »Wie« zu entscheiden, wird freilich Deine
+Sache sein. Nur an ein paar Beispiele möchte ich Dich erinnern: an Frau
+v. W., die ein schönes, gefeiertes Mädchen, eine verwöhnte Frau gewesen
+ist. Ihr Mann verjubelte, was sie besaß, und mußte, als unheilbar
+Gelähmter, den Abschied nehmen, so daß ihr allein die Erhaltung der
+ganzen Familie zufiel. Sie setzte sich an den Schreibtisch, schrieb
+Romane und erwarb, was nötig war, um zu leben und ihre Kinder zu
+erziehen. Oder denke an die kleine Gräfin B., deren Eltern starben, als
+ihre fünf Geschwister noch unmündige Kinder waren. Mit den Künsten,
+durch die sie bisher nur die Verwandten erfreut hatte, erhielt sie von
+da an die Ihren. Ihre gemalten Teller, ihre gebrannten Wappen und
+gepunzten Ledereinbände findest Du jetzt in den Auslagen großer Berliner
+Geschäfte.
+
+Und nun lebwohl, mein Herzensenkelkind; ich fühle, daß Du mich recht
+verstehst, und weiß zuversichtlich, daß ich im Vertrauen auf Dich ruhig
+meine Augen werde schließen können. Ich drücke Dich an mein Herz, als
+
+ Deine treue, sehr alte
+ Großmama.«
+
+Viele schlaflose Nächte hatte mich dieser Brief gekostet, und noch war
+keine Stunde am Tage vergangen, die mich nicht an ihn erinnert hätte. Im
+ersten Überschwang des Gefühls hatte ich Großmama alles versprochen, was
+sie von mir erwartete, und freudigen Herzens hatte ich mich in meine
+Aufgabe gestürzt. Aber der Eifer erlahmte bald, und es blieb nichts
+übrig als nüchterne, eiskalte Pflichterfüllung. Ich mußte Großmamas
+Wünschen folgen, weil die Verhältnisse mir unweigerlich ihre Erfüllung
+aufzwangen, und ich konnte es, soweit die häuslichen Pflichten in
+Betracht kamen. Aber wie sollte ich es fertig bringen, mich »auf eigene
+Füße zu stellen«?! Nach Selbständigkeit hatte ich mich gesehnt mein
+Leben lang, -- nach Selbständigkeit und nach Freiheit --, aber das wars
+ja gar nicht, was Großmama unter ihren eigenen Worten verstand, und was
+ich zu erreichen genötigt werden würde. Nicht meiner Überzeugung leben,
+mein geistiges Ich befreien sollte ich, sondern im Dienst der Familie
+meine Begabungen in blanke Münze umsetzen.
+
+Aus bunten Lappen, Blumen und Bildern hatte ich mir einst im
+Zimmerwinkel einen heimlichen Tempel erbaut, der wertlos für mich wurde
+und entweiht durch den ersten fremden Blick, der hineinfiel, -- und nun
+sollte ich meine Gedanken, den ganzen Inhalt meines Seelenheiligtums
+preisgeben, sollte für den Verkauf denken und träumen, wie man Spitzen
+klöppelt, um sie nach dem Meter an den Mann zu bringen?! Ich hatte
+gehofft, mit jenem kleinen schwarzen Büchlein einmal öffentlich wider
+die Lüge zu kämpfen, -- aber nur um des Kampfes willen! In den Schmutz
+ziehen hieß es die ganze große Sache, wenn auch nur ein Gedanke an
+»Verdienen« sich mit ihr verband. Nein -- tief in den Koffer und noch
+tiefer in den Hintergrund meines Herzens mußte ich das schwarze Büchlein
+bannen, solange ich an »Verdienen« denken mußte. Ob ich wohl auch, wie
+Frau v. W., Romane schreiben könnte? -- Eine tiefe Ehrfurcht vor dem
+Schaffen der Dichter erfüllte mich von je her. Als höhere Wesen
+erschienen sie mir, Gott ähnlich, da sie Menschen schufen, wie er. Sie
+wurden geboren durch ein höheres Naturgesetz und nur durch ein solches
+zum Schaffen gezwungen. Ein Frevler am Heiligtum, wer sich zu ihnen
+erhob, um mit Phantasien und Versen zu schachern, -- lieber Hemden
+nähen, oder Strümpfe stricken!
+
+Flüchtig fiel mir meine Geschicklichkeit ein, Kleider zu machen und Hüte
+zu garnieren, -- doch: ein Fräulein von Kleve eine Schneiderin, eine
+Putzmacherin -- unmöglich! Aber wie viel Tischkarten hatte ich nicht
+schon gemalt, wie viel Stühle und Tische und Kasten und Rahmen gebrannt,
+-- hier war vielleicht ein Weg, der sich betreten ließ. Von nun an
+benutzte ich jede freie Stunde, um mit dem Pinsel oder dem Brennstift
+Seide und Sammet, Papier, Holz und Leder zu bearbeiten.
+
+»Komisch,« meinte Papa eines Abends, »daß du plötzlich mit solchem Eifer
+Dilettantenkünste treibst. Es ist doch noch lange Zeit bis Weihnachten.«
+-- »An Alix' Geistessprünge solltest du eigentlich schon gewohnt sein,«
+spottete Mama. Heiß stieg mir das Blut in die Schläfen; eine heftige
+Antwort schwebte mir schon auf der Zunge, als ein für Hamburgs Stille
+ungewohnter Lärm auf der Straße uns alle ans Fenster trieb.
+
+»Extrablatt -- Extrablatt!« Mein Schwesterchen stürmte die Treppe hinab,
+-- endlich ein Ereignis in diesem einförmigen Leben! --, und mein Vater
+ihr nach, der immer irgend etwas Ungeheures erwartete und sich seit
+seinem Abschied mehr denn je in Prophezeiungen gefiel.
+
+»Bismarck ist entlassen --« atemlos rief er es uns von der Straße herauf
+zu und stieg mit jugendlicher Elastizität die hohen Stufen wieder
+hinauf. Hochrot war er im Gesicht, die Schweißtropfen standen ihm auf
+der Stirn, und ein triumphierendes Leuchten war in seinen Augen.
+Erstaunt sah ich zu ihm auf.
+
+»Er auch!« sagte er wie zu sich selbst und lächelte. Nun verstand ich
+ihn: ein Größerer war gefallen, von demselben Schützen getroffen, --
+nicht mehr als der Gedemütigte stand er da, sondern als der Gefährte
+dessen, der das Reich gegründet hatte und von des Reiches drittem
+Kaiser aus dem Wege geräumt worden war. Von dem Tage an lebte er auf,
+wurde gesprächig wie früher, verfolgte mit steigendem Interesse die
+politischen Ereignisse, und seine oppositionelle Stellung zum »neuen
+Kurs« wurde eine immer schroffere.
+
+»Wir werden nach Berlin übersiedeln,« sagte er mit einer Bestimmtheit,
+die jeden Widerspruch ausschloß. »Dort eröffnen sich mir alle
+Möglichkeiten zu literarischer und politischer Tätigkeit.« Er begann für
+die konservative Presse schärfster Observanz zu schreiben, die damals
+der Ära Caprivi all ihren Widerstand entgegensetzte.
+
+Die Aussicht auf Berlin elektrisierte selbst die Mutter: auf Theater,
+Konzerte, Ausstellungen freute sie sich wie ein Kind. Ein unterdrückter,
+ungestillter Hunger schien plötzlich bei ihr zum Ausbruch zu kommen.
+Auch ich war mit der Wahl von Berlin zufrieden; dort würde es mir
+leichter werden als anderswo, meine Arbeiten anzubringen, und die trübe
+Nebelstimmung meines von der Pflicht und dem Erwerb ausgefüllten Daseins
+würde doch vielleicht hier und da von einem Sonnenstrahl aus der Welt
+geistigen Lebens -- der für mich unerreichbar fernen! -- durchbrochen
+werden. Daß meine Freude eine so gedämpfte war, begriffen die Eltern
+nicht. Mein Vater bemühte sich immer wieder, der Ursache nachzuspüren.
+
+»Du wirst mit Mama die Hofbälle besuchen -- auch wenn ich nicht mittun
+kann,« sagte er eines Tages mit gütigem Lächeln. »Nein, Papachen!«
+antwortete ich, ihm dankbar die Wange küssend. »Ich bin lange genug
+ausgegangen -- ich mache mir nicht das mindeste daraus.«
+
+Er schüttelte bekümmert den Kopf, -- nun war er vollends ratlos. Wie
+gut, dachte ich, daß seine Jüngste, Tischen mit dem Goldhaar, die
+allzeit Fröhliche, ihm immer wieder die Sorgenfalten von der Stirne
+lachte und schmeichelte. Oft schickte ich sie hinein, wenn ich ihn in
+trüben Gedanken wußte. Sie verstand es, wie Sonnenschein, alle
+Regentropfen glitzern zu machen. Und jeden Abend trieb sie die bösen
+Geister, die sich am Tage heimlich eingeschlichen hatten, mit ihren
+Wirbeltänzen zu Türen und Fenstern hinaus. Sie hatte Musik in den
+Gliedern; jede Melodie wurde ihr zur rhythmischen Bewegung. Unermüdlich
+pfiff der Vater, und auf und nieder, hin und her flog sie, ein
+flatternder Irrwisch -- mit Feuerfunken in den Augen und glühenden Rosen
+auf den Wangen. Ganz verängstigt flackerte die kleine Petroleumlampe, --
+aufgestört aus ihrer würdevollen Ruhe, mit der sie sonst nur fleißige
+Hände und stille Menschen zu bescheinen gewohnt war. Ich saß indessen am
+Tisch und beugte den Kopf immer tiefer auf die Arbeit; oft schlich ich
+still hinaus, -- ich wußte nur zu gut, daß mich niemand vermissen würde.
+
+Ich wurde blaß und schmal, und blaue Ringe umschatteten meine Augen.
+
+Da kam eines Tages ein Telegramm aus Pirgallen: »Mama im Sterben.
+Walter«. Mir lähmte der Schreck die Glieder; stumpfsinnig sah ich zu,
+wie meine Mutter in Tränen ausbrach. Ich kannte den Tod ja nur vom
+Hörensagen; noch war mir niemand von denen gestorben, die mir die
+liebsten waren. Erst als ich sah, wie meine Mutter hastig den Koffer
+packte, kam ich zu mir.
+
+»Ich komme mit«, sagte ich rasch und riß ein paar Sachen aus dem Schrank
+und aus der Kommode. »Du?!« Mama sah erstaunt von ihrer Arbeit auf.
+»Davon kann selbstverständlich keine Rede sein. Entweder wir reisen alle
+-- und das ist zu kostspielig --, oder du mußt bei Haus und Ilse
+bleiben. Die Kleine kann nicht allein sein.« Ich zitterte vor Aufregung:
+Plötzlich ward mir klar, daß der einzige Mensch, der mich verstand, der
+mich liebte -- mich selbst, so wie ich wirklich war --, mit dem Tode
+rang; daß ich ihn verlieren sollte, ohne daß ich ihn je ganz besaß, ohne
+in das kostbare offene Gefäß seines großen Herzens all mein Leid, all
+meine Zweifel ausgegossen zu haben und Kraft und Klarheit und
+Verständnis von ihm zu empfangen.
+
+»Ilse ist groß genug -- und Papa sorgt für sie -- besser als ich. Ich
+bitte dich -- laß mich mit! --« rief ich verzweifelt.
+
+»Du weißt, daß es unmöglich ist --« Mamas Stimme wurde scharf, »oder
+hast du vielleicht das Geld für die Reise?«
+
+Tränen des Zorns, der Empörung, der Scham stürzten mir aus den Augen:
+Großmama starb, -- und von Geld konnte gesprochen werden! --
+
+Meine Mutter fuhr allein, aber auch sie kam zu spät: in der Nacht vor
+ihrer Ankunft hatte die Greisin ausgeatmet.
+
+Jetzt erst dachte ich all dessen, was bevorstand, und der Schmerz wich
+mehr und mehr der Angst. Ich beobachtete Papa: er vermochte seiner
+Aufregung kaum Herr zu werden. Wenige Tage nach der Beerdigung kam ein
+Brief von Mama. Er öffnete ihn nicht, sondern ging damit aus dem Zimmer
+und schloß sich in seiner Schlafstube ein. Ich horchte an der dünnen
+Wand: ein Stuhl fiel zu Boden -- ein unterdrücktes Stöhnen -- ein
+bitter-grelles Auflachen klang an mein Ohr. Mein ganzes Herz trieb mich
+zu ihm, aber ich hatte den Mut nicht, meinem Gefühl zu folgen. Als Papa
+nach ein paar Stunden zu Tisch erschien, sah er so müde, so zerfallen
+und verzweifelt aus wie damals, als ihm der Abschied ins Haus geschickt
+worden war.
+
+Eine Woche später kehrte Mama zurück. Ihre Schläfen waren grau geworden,
+und noch fester als sonst preßten sich die schmalen Lippen aufeinander.
+Mit einem kühlen Blick streifte sie den Vater und mich, reichte uns
+flüchtig die Hand und hatte nur für Ilschen einen zärtlichen Kuß. Zu
+Hause übergab sie mir ein großes Packet. »Ihren schriftlichen Nachlaß
+hat Mamachen dir hinterlassen,« sagte sie, »du kannst damit machen, was
+du willst.« Mir traten die Tränen in die Augen. Die liebe, gute
+Großmama! Nun würde sie doch für mich eine Lebendige bleiben! So rasch
+wie möglich zog ich mich mit meinem Schatz in mein Zimmer zurück. Aber
+ich hatte kaum die Siegel gelöst, die vielen Bänder geöffnet, als ein
+heftiger Wortwechsel zu mir herübertönte. »Hinter meinem Rücken hast du
+mein Erbteil verbraucht,« sagte Mama, »und daß auch meine Mutter mir
+verschwieg, was mich doch wohl am nächsten anging, -- das verbittert mir
+noch die Erinnerung an die Tote ...«
+
+»Habe ichs etwa für mich gebraucht?!« brauste Papa auf, »oder nicht
+vielmehr für dich, deinen Haushalt, deine Toiletten, und für die Kinder
+--«
+
+»Und für deine Pferde, und die überflüssigen Geschenke, und dein ganzes
+großspuriges Auftreten!« setzte sie heftig hinzu. »Warum hast du mich
+behandelt wie ein unmündiges Kind, und mir nicht gesagt, daß wir von
+deinem Gehalt nicht auskommen?! Ich hätte mich, weiß Gott, auch an
+größere Einschränkung gewöhnt -- wie an so vieles andere!«
+
+»Weil ich dich schonen, dir ein angenehmes Leben schaffen wollte! --
+Aber beruhige dich, liebe Ilse -- beruhige dich. Ich hatte zwar gerade
+gehofft, daß wir nun endlich ein gemeinsames, ein menschliches Leben
+miteinander führen würden, -- aber du erinnerst mich beizeiten daran,
+daß ich auch jetzt nichts weiter bin, als dein Portemonnaie....«
+
+»Mit solchen Phrasen verschone mich bitte, -- sie täuschen mich über die
+Tatsache nicht hinweg, daß es doch nur mein Geldbeutel war, den du --
+angeblich in meinem Interesse! -- geleert hast.«
+
+Ich erwartete zitternd eine wütende Antwort, -- statt dessen hörte ich,
+wie des Vaters Stimme umschlug und weich und flehend wurde.
+
+»Ilschen -- sei doch nicht so grausam -- siehst du denn nicht, wie mich
+die Selbstvorwürfe schon gemartert haben? -- Im Grunde hast du ja recht
+-- ganz recht -- aber es war doch nur meine große Liebe zu dir -- die
+stete Angst, die deine zu verlieren, die mich dir all das verschweigen
+ließ, die immer wieder -- in jeder Form -- um deine Gunst werben mußte,
+-- ich würde auch Millionen für dich ausgegeben haben, wenn ich sie
+gehabt hätte...«
+
+Das konnt ich nicht mehr mit anhören, -- wie gejagt lief ich in den
+Garten hinunter.
+
+Und böse war die Zeit, die folgte: der Vater in der gedrücktesten
+Stimmung, jeder Blick, den er auf seine Frau warf, ein Betteln um Liebe,
+während sie kaum die notwendigsten Worte mit ihm wechselte und mit
+peinigender Betonung bei jeder Gelegenheit Sparsamkeit predigte, -- das
+Schwesterchen dazwischen, das sich um so leidenschaftlicher an mich
+anklammerte, je unheimlicher es ihm bei den Eltern zumute wurde, -- und
+schließlich ich selbst, müde und herzenswund, und dabei krampfhaft
+bemüht, der Kleinen Lehrerin und Spielkamerad zugleich zu sein und dem
+Vater Frohsinn vorzutäuschen, um ihn zu erheitern.
+
+Draußen glühte und glänzte der Sommer. Ein einziger grüner Dom war der
+Wald, die grauen Stämme der Buchen seine gewaltigen Säulen, der Duft der
+Tannen sein würziger Weihrauch. Und doch floh ich vergebens hinaus, um
+hier zu finden, was ich einst im Hochgebirge gefunden hatte: Kraft und
+Weihe. Menschenmassen überfluteten jetzt Berge und Täler; ihre niedrigen
+Eitelkeiten, ihre verstaubten Interessen trieben den Frieden und die
+Andacht aus den Wäldern. Und die Natur hatte sich ihnen allmählich
+angepaßt: mit ihren geebneten Parkwegen, ihren umzäunten Rasenflächen
+und gepflegten Blumenbeeten war sie nichts, als ein Salon im Freien.
+
+Alte Freunde aus Münster, die zur Reitschule nach Hannover kommandiert
+worden waren, besuchten uns um diese Zeit, und ihr Entsetzen über mein
+Aussehen machte meine Eltern erst darauf aufmerksam.
+
+»Was fehlt dir bloß?« rief mein Vater besorgt.
+
+»Ein bißchen Leben, Exzellenz,« schnitt Rittmeister von Behr mir die
+Antwort ab. »Bäume, Berge und Wasserfälle sind keine rechte Gesellschaft
+für Ihr Fräulein Tochter. Geben Sie sie uns mit nach Hannover; hat sie
+mit uns erst ein paar Pullen Sekt geleert und ein paar Gäule kaput
+geritten, dann wird das Blut ihr schon wieder in die Wangen schießen.«
+
+Ich lehnte die Einladung ab: »Wir sind in tiefer Trauer, Herr von Behr,
+und mein schwarzes Kleid paßt kaum in Ihre Gesellschaft.« Als wir allein
+waren, sagte meine Mutter mit einem kaum merklichen Zögern: »Wenn das
+schwarze Kleid allein dich zurückhält, so kannst du es ruhig mit einem
+weißen vertauschen. Hier ist Mamachens letzter Brief an mich, worin sie
+den Wunsch ausspricht, daß ihre Enkel keine Trauer anlegen sollen.« --
+»Und das sagst du mir jetzt erst?!« entfuhr es mir, -- hatte ich es doch
+die ganze Zeit über wie eine Beleidigung der Toten empfunden, die Trauer
+um sie den neugierig-mitleidigen Blicken aller Welt preiszugeben. Meine
+Mutter verstand mich falsch.
+
+»Ich hätte nicht geglaubt, daß du so wenig Herz hast,« meinte sie
+gekränkt, »dann wirf nur den Krepp beiseite und geh deinem Vergnügen
+nach.«
+
+In der nächsten Viertelstunde war ich bereits umgezogen, aber bei meiner
+Weigerung Herrn von Behrs Einladung gegenüber blieb ich. Erst Papas
+Bitten, seinen Vorwürfen und seinen sorgenvollen Blicken, die ich stets
+auf mir ruhen fühlte, gab ich schließlich nach.
+
+Der schneidigste Kavallerist der Armee war zu jener Zeit Leiter der
+Reitschule, und der Kursus der Stabsoffiziere hatte gerade eine große
+Zahl der besten Reiter nach Hannover geführt. Kraft und Kühnheit,
+Lebenslust und Leichtsinn gaben sich ein Stelldichein; der Tretmühle des
+Kasernenhofdienstes entronnen, von der Familie entfernt, die mehr als
+alles andere an die schmerzvolle Würde des Alterns erinnerte, feierten
+all diese reifen Männer ein stürmisches Wiedersehen mit der Jugend. Sie
+tranken und spielten die Nächte durch und saßen beim Morgengrauen wieder
+im Sattel; sie fanden sich strahlend und heiter, ihrer eigenen grauen
+Haare spottend, zur üppigen Mittagstafel ein und tanzten abends
+ausdauernder als die jüngsten Leutnants. Ich war das einzige junge
+Mädchen in diesem Kreis, und der Verkehr inmitten dieser bunten
+Gesellschaft, die die Kavallerie ganz Deutschlands vertrat, war um so
+ungezwungener, als der Gedanke, der sich sonst störend und trennend
+zwischen die männliche und die weibliche Jugend schiebt, -- »Kann er
+mich heiraten?« -- »Ist sie eine Partie?« -- hier nicht aufkam, wo jeder
+Mann -- wenigstens solange er in unserer Gesellschaft war -- den
+Trauring am Finger trug.
+
+Ah, wie gut tat es doch, wieder fröhlich zu sein! Zu vergessen -- im
+Lebensrausch der Stunde!
+
+Einmal war ein kleiner sächsischer Husar mein Tischnachbar -- »Herr von
+Egidy«, hatte man ihn mir vorgestellt, -- und ich hatte die gedrungene
+Gestalt mit dem runden Schädel kaum im Gedächtnis behalten. Jetzt fielen
+mir plötzlich ein paar große blaue Augen auf, die mich mit einem so
+reinen Ausdruck anstrahlten, wie er mir bei einem Manne selten begegnet
+war. Wir kamen in ein Gespräch, das mich, je überraschender sein Inhalt
+wurde, desto mehr fesselte. Dieser Husarenmajor hatte andere Gedanken
+hinter seiner breiten Stirn als die über Schwadronsexerzieren und
+Jagdreiten. Man hatte sich gerade über die jüngsten Verordnungen des
+Kaisers gegen den Luxus unterhalten, und bei aller Wahrung der Form war
+doch der Ausdruck des Unmuts ein allgemeiner.
+
+»Mich haben die Worte Sr. Majestät geradezu beglückt,« sagte Egidy. »Wir
+nennen uns Christen, und verleugnen die Lehre Christi fast täglich.«
+
+Erstaunt sah ich auf. Noch nie hatte jemand zwischen Austern und
+Mocturtle-Suppe über die Lehre Christi mit mir gesprochen. War das ein
+schlechter Witz? Ich begegnete einem ernsten Blick, der meine Vermutung
+Lügen strafte.
+
+»Wir sollen doch Christen sein, nicht heißen!« fuhr er fort »und der
+Heiland saß mit den Zöllnern bei Tisch. -- Verzeihen Sie, gnädiges
+Fräulein -- ich vergaß -- das ist kaum ein Dinergespräch mit einer
+jungen Dame -- aber meine Gedanken kreisen immer mehr um denselben Punkt
+--«
+
+»Sie deuten meine Verwunderung falsch, Herr von Egidy,« antwortete ich,
+»Sie warfen meine ganze gesellschaftliche Erfahrung über den Haufen, --
+und das verblüffte mich. Wir alle pflegen doch sonst unsere Gedanken,
+besonders wenn sie so ketzerischer Natur sind, für uns zu behalten. Ich
+wenigstens --«
+
+»So haben Sie welche und verschweigen sie nur?!« Er lächelte -- sein
+ganzes Gesicht leuchtete auf dabei, »Meinen Sie denn nicht auch, daß
+nur einer öffentlich auszusprechen braucht, was alle an -- wie Sie sagen
+-- ketzerischen Gedanken in sich tragen, um jedem die Zunge zu lösen?!
+Wie ein großes befreiendes Aufatmen würde es durch die Menschheit gehen
+--«
+
+In diesem Augenblick schlug einer ans Glas: »Das höchste Glück der Erde
+liegt auf dem Rücken der Pferde, und am Herzen des Weibes -- --« Es gab
+ein allgemeines Stühlerücken -- Anstoßen -- Gelächter. Alles umringte
+mich und forderte von mir eine Antwort. Ohne viel Überlegung brachte ich
+auf die lustigen Majore, die am Jungbrunnen von Hannover wieder zu
+Leutnants geworden wären, einen Trinkspruch aus. Und wieder klangen die
+gefüllten Gläser aneinander, und alle Rosen, die die Tafel geschmückt
+hatten, häuften sich vor mir. Aber ich lächelte nur mechanisch über die
+Huldigung. »Wie ein großes befreiendes Aufatmen wird es durch die
+Menschheit gehen, wenn nur einer auszusprechen wagt, was alle an
+ketzerischen Gedanken in sich tragen,« -- das ließ mich nicht los. In
+meinem Koffer zu Haus lag ein schwarzes Buch, -- war es wirklich meine
+höhere Pflicht, das Schwesterchen zu unterrichten, der Mutter die Haare
+zu kämmen und mit schlechter Dilettantenarbeit ein paar Taler zu
+verdienen -- statt das erlösende Wort in die Welt zu rufen? Denn
+felsenfest glaubte ich daran, daß es ein erlösendes Wort sein würde.
+
+Am nächsten Vormittag besuchte mich Egidy. Er hatte ein Manuskript bei
+sich, mit den klaren, großen Schriftzügen des Soldaten bedeckt, wie ich
+sie bei meinem Vater gewohnt war. »Ernste Gedanken« nannte er es. Wir
+waren ungestört, und er begann mir daraus vorzulesen, -- eine Kritik
+der Kirchenlehren war es, ein Bekenntnis zu einem Christentum Christi
+ohne Dogmen, ohne Wunder, in einfachen lapidaren Sätzen geschrieben,
+durchglüht von einem kindlich-naiven Glauben an die eigene Sache, an
+ihren sicheren Sieg, an die Menschheit. Mir war das alles vertraut, und
+ich konnte mich einer leisen Enttäuschung, daß es nicht mehr war, nicht
+erwehren. Er schien meine Gedanken zu erraten.
+
+»Ihnen ist das nichts Neues,« sagte er, »das freut mich. Neu daran ist
+doch nur, daß es jemand ausspricht.«
+
+»Aber das haben schon viele vor Ihnen getan,« wandte ich ein, »Strauß,
+Renan, die Protestantenvereinler --«
+
+»Ich kenne die Leute nicht,« antwortet er brüsk, »und das beweist, das
+sie nichts taugten, -- sonst hätten ihre Schriften wirken _müssen_ --«
+
+»Sie denken an eine Veröffentlichung?!«
+
+»An was sonst? Jedes Wort wendet sich doch an die Masse! Ich muß
+handeln, weil kein anderer es getan hat!« Seine blauen Augen funkelten
+dabei.
+
+»Und -- die Folgen?! Bangt Ihnen davor nicht?« Mit aufrichtiger
+Bewunderung sah ich zu dem Mann in dem bunten Husarenrock auf, der jetzt
+erregt, straff aufgerichtet, vor mir hin und her ging. Er lächelte
+wieder sein vertrauendes Kinderlächeln.
+
+»Ich kann mich doch nur freuen! Ein paar Unverständige werden
+räsonnieren, die wenigen, wirklich noch vorhandenen Altgläubigen werden
+Zeter-Mordio schreien, aber die Masse des Volkes -- wir alle sind
+'Volk', wissen Sie -- wird in Bewegung gesetzt werden. Und der Kaiser
+--«
+
+»Der Kaiser?!« rief ich, auf das äußerste überrascht.
+
+»Ja der Kaiser!« wiederholte er mit fester Stimme. »Ihm vertraue ich vor
+allem. All dein Tun ist von wahrhaft christlichem Geiste erfüllt: seine
+Erlasse, seine Arbeiterpolitik -- denken Sie nur an die
+Arbeiterschutz-Konferenz!«
+
+»Ich bin ganz und gar anderer Meinung, Herr von Egidy, und Ihr Vertrauen
+ist mir viel zu wertvoll, als daß ich Ihnen nicht die Wahrheit schuldig
+wäre,« antwortete ich in tiefer Bewegung. »Sie sollen Ihre Schrift
+erscheinen lassen -- gewiß --, aber die Bewegung, die Sie erwarten, wird
+ausbleiben. Denn was heute not tut, ist nicht eine Erneuerung, sondern
+eine Überwindung des Christentums, dazu werden Sie beitragen, weil auch
+Ihr Werk Steine abbröckelt vom Bau der Kirche. -- Sie lächeln?! Nun --
+ich gebe zu, daß in meinem Mund vermessen klingen mag, was ich sage, --
+vielleicht irre ich mich, vielleicht haben Sie recht, aber eins weiß ich
+ganz gewiß: der Kaiser wird Sie nicht unterstützen -- doch den schönen
+bunten Rock ausziehen, -- das wird er Ihnen!«
+
+Ungläubig erstaunt sah mich Egidy an: »So jung und so pessimistisch!
+Dieser Rock und dies Buch sind einander doch nicht unwürdig. Und wenn
+ich als Soldat und als Christ meine Pflicht erfülle, -- wie könnte mein
+Kaiser mich dieses Rocks entkleiden?!«
+
+Ich schwieg. Wie eine Entweihung wäre mirs vorgekommen, dieses Mannes
+rührenden Kinderglauben noch einmal anzutasten.
+
+Der nächste Tag war der letzte meines Aufenthalts in Hannover, und mit
+einer Schleppjagd sollte an demselben Morgen der Kursus der
+Stabsoffiziere abgeschlossen werden. Schon früh um fünf Uhr fuhren wir,
+Frau von Behr und ich, im leichten Jagdwagen hinaus zum Rendezvous.
+Taufrisch lag die weite Heide vor uns, von Gräben und Hecken und von dem
+im Sonnenlicht glitzernden blauen Band der kleinen Witze durchschnitten.
+Zwischen Weidenstämmen und gelbem Ginster hatte sich eine große
+Gesellschaft zusammengefunden: junge Offiziere der Reitschule, Mädchen
+und Frauen der Gesellschaft in hellen Sommerkleidern, Burschen und
+Ordonnanzen mit Decken und Mänteln und der Koch des Kasinos mit seinem
+weißbeschürzten Stab vor dem mit Kisten und Fässern hochgetürmten
+Kremperwagen. Mit Feldstechern und Opernguckern bewaffnet, warteten wir
+alle der Reiter. Und plötzlich brauste es heran, wie ein
+farbensprühendes Märchen aus Tausend und einer Nacht: blau, grün, gelb,
+rot, weiß, -- hatte ein Regenbogen sich dicht über die Erde gespannt?!
+Näher kam es und näher -- das Schnauben der Rosse, das Sausen der
+Gerten, der vielstimmig-aufmunternde Zuruf der Reiter vereinten sich zu
+einem einzigen fiebrisch-wirbelnden, wild aufreizenden Ton. Da flog ein
+Brauner, den schlanken Leib lang gestreckt dicht vor mir über das
+Flüßchen, hinter ihm ein Fuchs -- ein Schimmel mit wehendem Schweif kaum
+eine Nasenlänge weiter, und nun -- zehn, zwanzig, hundert rassige Tiere,
+Schaum vor dem Maul, mit bebenden Nüstern, -- mir klopfte das
+Herz, und noch minutenlang nachher fühlte ich nichts als die
+wundervoll-leidenschaftliche Erregung dieses Augenblicks. Dann lagerten
+wir auf dem grünen Rasen, duftige Erdbeerbowle kredenzten die
+Ordonnanzen, und mitten in der Schar dieser durch die eigene Leistung
+froh bewegten Männer kam ich mir einmal wieder wie zu Hause vor. Da fiel
+mein Blick auf einen, der mit verschränkten Armen und gefurchter Stirne
+abseits stand: Egidy, -- und ich erwachte aus der Betäubung. Nein --
+hier war meinesgleichen nicht mehr, -- ich erhob mich hastig aus dem
+lustigen Kreise und trat auf ihn zu.
+
+»Ihre Worte kommen mir nicht aus dem Sinn« -- sagte er, »ich ging nach
+Hannover in der Meinung, noch einmal fröhlich sein zu können, und
+überzeugte mich für immer, daß der Frohsinn gebannt ist und, -- bleiben
+die ernsten Gedanken in meinem Schreibtisch --, nimmer wiederkehren
+würde. Und nun empfind' ich, daß die Veröffentlichung dem Frohsinn erst
+recht den Weg sperren wird.« Seine Stimme sank. Mit einer raschen
+Bewegung legte er die Hand vor die Augen: »Und es ist doch so schön
+gewesen!«
+
+Ein Blick voll tiefem Abschiedsweh flog über die Haide, den schimmernden
+Fluß, die lachenden Kameraden. Mir wurden die Augen feucht. Ich griff
+nach seiner Hand. »Gehen wir,« sagte ich leise, »losreißen müssen wir
+uns doch -- ehe die anderen uns verleugnen.« Und stumm, schweren
+Herzens, zögernd, als schleppten wir eine unsichtbare Kette nach,
+schritten wir durch den Wald zur nächsten Station.
+
+Abends war ich wieder in Harzburg. Noch in der Nacht nahm ich mein
+schwarzes Büchlein aus dem Koffer, schrieb ein paar Zeilen dazu und
+sandte es frühmorgens an Egidy. Eine unbestimmte Hoffnung, daß er doch
+vielleicht der Befreier -- auch mein Befreier -- werden könnte, ließ mir
+das Herz dabei höher schlagen. Wenige Tage später bekam ich seine
+Antwort. »Wir sind Bundesgenossen,« schrieb er, »denn nicht darauf kommt
+es an, was wir glauben, sondern was wir sind; nicht darauf, wie wir uns
+nennen, sondern ob wir wollen, daß etwas werde. Ich rechne auf Sie. Zu
+wirken gilt es, solange es Tag ist, mein ganzes Dasein gehört diesem
+Wirken.
+
+ In wahrster respektvoller Ergebenheit
+ M. von Egidy.«
+
+Nun verflossen meine Tage wieder in alter Einförmigkeit; aber ihr trübes
+Grau war wie Frühlingsnebel, der die Sonne ahnen läßt, und meine träge
+gewordene Phantasie griff wieder nach der Palette, um Zukunftsbilder zu
+malen. Ich konnte unsere Abreise kaum mehr erwarten. In Berlin würde der
+große Strom des Weltgeschehens die Rinnsale des Eigenlebens aufnehmen,
+das enge Beieinandersein innerlich entzweiter Menschen würde aufhören,
+und »das Wunderbare« würde vielleicht doch noch erlösend in mein Dasein
+treten.
+
+Meine Mutter war, um Wohnung zu suchen, schon vorausgereist, als ich von
+Professor Fiedler, dem Herausgeber der Goethe-Zeitschrift, einen Brief
+erhielt. Er hatte sich nach Großmamas Tod zuerst an Onkel Walter
+gewandt, um zu erfahren, welche Erinnerungen ihr Nachlaß an den großen
+Freund ihrer Jugend enthielte, und dieser hatte ihn an mich verwiesen.
+Ob ich für seine Zeitschrift einen Artikel schreiben wolle, frug er, --
+ich staunte: wie kam es nur, daß ich bisher so blind gewesen war?! Die
+Lebende hatte mich ernst und eindringlich auf den Weg des Erwerbs
+gewiesen, und die Tote gab mir die Mittel an die Hand, durch die es mir
+möglich sein sollte, ihn zu betreten!
+
+Gewiß, mit Freuden würd' ich den Aufsatz schreiben, antwortete ich;
+viele wertvolle Erinnerungsblätter von der Hand der Verstorbenen seien
+in meinem Besitz, die ich zu veröffentlichen die Absicht hätte, und
+überaus dankbar würde ich ihm sein, wenn ich dabei auf seine Hilfe
+rechnen könne. Umgehend erhielt ich noch einen Brief, worin mir der
+Gelehrte seinen Beistand zusicherte. Ich strahlte: das war ein Anfang,
+-- der erste Schritt zur Unabhängigkeit, und vielleicht -- zum Ruhm!
+
+An einem jener leuchtenden Herbstabende, wie sie nur im Norden
+Deutschlands vorkommen, näherten wir uns Berlin. In hellem Violett, das
+hie und da ins Rosenrote überging, lag der Dunst der Großstadt über den
+Häusern, verwischte ihre Häßlichkeit und verlieh ihnen einen Schimmer
+phantastischen Lebens. Feuchtglänzende Schienenstränge liefen vor uns
+her und dehnten sich nach allen Seiten, -- zahllose Polypenarme, die
+sich verlangend dem gewaltigen Ungeheuer der Stadt entgegenstreckten,
+das mit roten, grünen und weißen grell-glotzenden Augen gierig Ausschau
+hielt nach neuer Beute. Ein schwarzer Rachen, öffnete sich die Halle des
+Bahnhofs. Mit Gezisch und Geratter brauste der Zug hinein --
+Rauchschwaden stiegen auf -- ein letztes Ausatmen seiner Maschine -- ein
+kurzer, harter Stoß noch -- und Berlin hatte ihn verschlungen.
+Aufgeregt, rücksichtslos, erwartungsvoll schoben und drängten sich die
+Menschen. Mir aber war, als müßten meine Füße den grauschwarzen Asphalt
+sanft und schmeichelnd berühren: Neuland war es, das ich betreten hatte.
+
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel
+
+
+ Berlin, 28. 12. 90
+Liebe Mathilde!
+
+Du beklagst Dich über mein monatelanges Schweigen, und solltest doch
+froh sein, daß ich Dich während einer Zeit innerer und äußerer
+Zerrissenheit mit Briefen verschonte. Womit ich nicht behaupten will,
+daß ich Dir jetzt das Bild abgeklärter Weisheit geben könnte. Aber ich
+habe zum mindesten den Taumel überwunden und sehe das Verwirrende,
+Vielgestaltige des neuen Lebens. -- Doch Du willst zunächst seinen
+Rahmen kennen lernen. Er ist -- um ihn mit zwei Worten zu kennzeichnen
+-- bronzierter Gips, den der Fremde für vergoldete Holzschnitzerei zu
+halten verpflichtet ist. Wir wohnen -- natürlich! -- im 'vornehmen'
+Westen, aber an jener Grenzscheide, wo die neuesten Mietskasernen mit
+ihren dunkeln Höfen und protzigen Fassaden sich mit den Kartoffelfeldern
+begegnen. Unsere Wohnung hat einen Aufgang 'nur für Herrschaften' und
+ist selbstverständlich 'hochherrschaftlich': über den Türen tanzen
+Stuckamoretten mit verrenkten Armen und Beinen, die Öfen sind
+Prachtgebäude aus den buntesten Kacheln, das Eßzimmer -- ein wahrer
+Tanzsaal -- hat Holzpaneele und eine Holzdecke aus Papier, der Salon
+weist gar eine imitierte Seidentapete auf, die der Wirt uns als ganz
+besonders 'vornehm' anpries, und das Herrenzimmer prunkt im papierenem
+Leder! Dazu hat der Tapezier die Gardinen von acht Zimmern an die
+Fenster und Türen dieser drei Räume gehängt, so daß die Üppigkeit eine
+geradezu überwältigende ist und unsere verschossenen Möbel und
+zertretenen Teppiche in einem vorteilhaften Zwielicht Glanz und Reichtum
+vortäuschen. Die nüchterne Wahrheit beginnt erst mit dem langen dunkeln
+Korridor, an den sich drei Kammern -- Schlafzimmer genannt -- anlehnen.
+Eine davon bewohne ich. Es ist mir gelungen, sie mittelst
+Kretonnevorhängen in zwei Räume zu verwandeln, die sich freilich beide
+mit einem Fenster begnügen müssen und von der Existenz des Himmels keine
+Ahnung haben, geschweige denn von der der Sonne.
+
+Und doch muß zwischen meiner Seele und der Sonne irgendein
+geheimnisvoller Zusammenhang bestehen: mein Denken und Fühlen friert ein
+ohne sie. Wenn ich arbeiten will, muß ich darum immer zuerst über Felder
+und Sturzäcker laufen, wo kein Haus und kein Baum Schatten werfen.
+Trotzdem will meine Arbeit nicht so recht hell und warm werden ...
+
+Bald nach unserer Ankunft besuchte uns Professor Fiedler. Mein Artikel
+über Großmamas Goethe-Erinnerungen gefiel ihm -- unter uns gesagt: mir
+gar nicht! --, und für alles, was ich sonst noch von ihr habe, war er
+aufs höchste interessiert. Er empfahl mich an Rodenberg, an Lindau, an
+Westermanns Monatshefte, und ich habe auf Monate, vielleicht auf Jahre
+hinaus zu tun, ohne daß der Eintritt in die Literatur mir irgendwelche
+Schwierigkeiten gekostet hätte. Auch sonst bin ich vom 'Glück'
+begünstigt: Meine Brennarbeiten hat der Offizierverein zum Verkauf
+angenommen, und meine Erfindung -- die Vereinigung von Brennen und Malen
+auf Sammet und Tuch -- hat eine Frauenzeitung geschildert und mich dabei
+als Verfertigerin empfohlen. Ich habe meinen Eltern infolgedessen das
+Taschengeld schon 'kündigen' können, und dieser erste Schritt zur
+Selbständigkeit ersetzt mir etwas den Mangel an seelischer und geistiger
+Befriedigung. Da ich den Eltern überdies durch Schneidern, Putzmachen
+und Gouvernantenspielen bei Ilse ein Mädchen für alles und ein Fräulein
+erspare, so kann ich mir einbilden, mich bereits selbst zu erhalten. Nur
+daß dies bloße Erhalten des Lebens vom Leben selbst weit entfernt ist.
+
+Ich sehe dich heimlich lächeln. 'Ihr fehlt einmal wieder der Mann,'
+sagst Du. Du irrst: ich komme mir mit meinen 25 Jahren so alt vor, daß
+ich bereits großmütterlich mitleidig lächle, wenn andere von Liebe
+reden. Besinnst Du Dich auf Vetter Fritz in Brandenburg? Du warst damals
+sittlich entrüstet, daß ich dem guten Jungen den Kopf verdrehte. Nachdem
+er in den letzten acht Jahren meinen Geburtstag nicht einmal vergessen
+hatte, stellte er sich hier wieder bei uns ein, -- noch immer derselbe
+kindliche Mensch, trotz seiner Gardeulanenuniform. Mit Blumen und
+Blicken wirbt er um mich, und seine Treue rührt mich oft so, daß ich
+mich frage, ob es nicht das Beste wäre, seine Frau zu werden. Dann hätte
+die liebe Seele Ruhe, und allen Ambitionen und Befreiungsgelüsten wäre
+ein für allemal ein Riegel vorgeschoben. Die gesamte Familie -- die
+durch Onkel Walters und Maxens, durch Tante Jettchen und ihre Kinder und
+Enkel erschreckende Dimensionen angenommen hat -- unterstützt natürlich
+im stillen die Sache, und das reizt mich zum Widerspruch.
+
+Na, überhaupt die Familie! Die Familiensonntage vor allem, wo man sich
+mittags und abends genießt, meist fünfzehn bis zwanzig Mann hoch! Nur
+eins ist für mich dabei wohltuend: daß ich mich wieder einmal so recht
+intensiv als das einzige schwarze Schaf empfinde.
+
+Seit Stöckers Abschied ist der Antisemitismus geradezu epidemisch
+geworden, gerade so, wie der Kultus Bismarcks -- wenigstens in den
+Kreisen meiner lieben Verwandtschaft -- erst nach seinem Sturz ins Kraut
+schoß. Und ein Staatsanwalt würde Karriere machen, wenn er das
+Geschimpfe auf S. M. mit anhören könnte, -- vorausgesetzt, daß die
+Delinquenten nicht preußische Edelleute, sondern internationale Sozis
+wären! Der adlige Klub am Pariser Platz, wo nur die Alleredelsten der
+Nation aufgenommen werden und Papa und die Enkels täglich verkehren, ist
+der Mittelpunkt der Fronde; Ströme von Skandalosa fließen aus seinen
+Türen in die Welt, und ich könnte aus lauter Widerspruchsgeist -- der
+zuweilen zur Objektivität erzieht -- fast zur Verteidigerin des 'neuen
+Herrn' werden, wenn er nicht selbst der sich kaum schüchtern
+entwickelnden Anerkennung immer wieder einen Fußtritt gäbe, so daß sie
+zusammenknickt wie ein Veilchen unter dem Nagelschuh. Du kannst Dir
+denken, wie es mich z. B. begeisterte, als er in der Schulreform die
+Initiative ergriff, und welche Hoffnungen ich an die Konferenz knüpfte.
+Und dann stellte ihr S. M. keine andere Aufgabe, als die Schule in ein
+Kampfmittel gegen die Sozialdemokraten zu verwandeln und blindwütigen
+Hurrapatriotismus noch mehr als bisher zu verbreiten. Natürlich bestand
+die Antwort der zusammengerufenen 'Führer der Jugend' in devotester
+Verbeugung vor dem allerhöchsten Willen, und befriedigt von dem 'Erfolg'
+des 'offenen' Gedankenaustausches schloß S. M. die Versammlung mit einer
+Verbeugung seinerseits vor der Kirche.
+
+Für Egidy war dies Ereignis, seit er den Abschied bekam, wohl der größte
+Schmerz. Ich stehe mit ihm in Briefwechsel, und so sehr ich mich im
+Gegensatz zu vielen seiner Grundanschauungen befinde, genieße ich diese
+lebens- und glaubensstarke Individualität, wie ein Durstiger frisches
+Quellwasser. 'So schwer auch die Gegenwart mich belastet,' schrieb er
+mir kürzlich, 'so kraftvoll ich auch ringen muß, um die Erinnerung
+niederzukämpfen, die gerade in diesen Tagen furchtbar an mir zehrt, da
+das Regiment, das acht Wochen nach dem Erscheinen der Ernsten Gedanken
+das meine werden sollte, sein Jubiläum feiert, -- so beseelt mich doch
+die Hoffnung, daß ich dem Vaterlande, der Welt noch dienen kann, und daß
+das, was ich tat, nicht fruchtlos war. Auch auf den Kaiser ist meine
+Hoffnung unzerstörbar, -- es gilt nur sein Ohr zu erreichen....'
+
+Doch ich sehe, daß mein Brief sich zu einem Buch auszuwachsen beginnt,
+-- hoffentlich ein Beweis für die künftige Regsamkeit unseres
+Briefwechsels.
+
+Was soll ich Dir nun ohne Phrase und ohne Komödie zum neuen Jahre
+wünschen? Glück? Wer glaubt daran? Befriedigung? Wer findet sie, solange
+das Blut noch heiß durch die Adern rollt! Soll ich auf ewige Seligkeit
+vertrösten? Ein schwacher Trost für den, der die irdische noch nicht
+durchkostet hat. Lerne dich bescheiden, werde so rasch wie möglich alt
+und kühl, -- ist das nicht am Ende der beste Wunsch?!
+
+ In treuer Freundschaft
+ Deine Alix.«
+
+
+ Berlin, 20. 2. 91
+Liebe Mathilde!
+
+Seit meinem letzten Brief und Deiner Antwort -- die meiner Erwartung
+vollkommen entsprach, alldieweil Du meine Arbeitswut nur als Intermezzo
+zwischen zwei Romankapiteln betrachtest -- sind wieder einige
+inhaltreiche Wochen vergangen. Ich fange allmählich an, den Pulsschlag
+des Weltlebens zu empfinden und den meinen auf denselben Takt
+einzustellen, wobei ich allerdings immer deutlicher den Gegensatz
+zwischen mir und der lieben Verwandtschaft empfinde, deren Blut so träge
+fließt, daß es eigentlich Anno 70 noch kaum überwunden hat. Der jüngste
+Familienzuwachs ist nach der Richtung besonders charakteristisch. Du
+entsinnst Dich, daß Papa einen jüngeren Bruder hatte, der Geistlicher
+war und im Irrenhaus starb. Er hinterließ eine Wittwe mit fünf Kindern
+in bedrängtester Lage, und Tante Klotilde mußte sich wohl oder übel
+entschließen, das Ihre zur Erhaltung der Familie beizutragen, was sie
+natürlich von vornherein gegen sie einnahm. Die mütterlichen Verwandten
+taten desgleichen; Papa verschaffte den Söhnen ein Unterkommen im
+Kadettenkorps, Mama erreichte, daß eine der Töchter die mir zugedachte
+Freistelle im Augustastift bekam, so daß Tante Marie schließlich nur
+für ein Kind zu sorgen hatte. Jetzt wills das Unglück, daß die Mädchen
+erwachsen sind und die Söhne in die Armee eintreten, und was das Malheur
+voll macht: die ganze Gesellschaft ist aus der Art der Kleves
+geschlagen. Tante Klotilde entrüstet sich darüber, und Papa schimpft wie
+ein Rohrspatz, daß die mütterliche Verwandtschaft das Blut verdorben hat
+und er nun genötigt ist, die Jungens weiter zu bringen. Er war ja von je
+der hilfreiche Geist, wenn irgendein Vetter durch das Einjährige
+bugsiert werden oder in ein anständiges Regiment Aufnahme finden sollte.
+So hat er denn für Erich, den ältesten dieser mißratenen Kleves, sein
+altes Regiment gefügig gemacht und ihm -- in der goldenen Zeit der
+eigenen Korpshoffnungen! -- die nötige Zulage versprochen. Das Einlösen
+dieses Versprechens wird ihm jetzt gewaltig sauer, und es macht mir eine
+Riesenfreude, daß ich bald imstande sein werde, einen Teil davon auf
+mich zu nehmen.
+
+Tante Marie lebt mit ihren Töchtern in Potsdam, die Söhne sind in
+Lichterfelde und Frankfurt, und diese Nähe verschafft uns das Glück
+ihrer Sonntagsbesuche. Ich sitze dabei immer wie auf Nadeln in Erwartung
+von Papas sarkastischen Bemerkungen und überbiete mich in
+Liebenswürdigkeit, wenn mir auch gar nicht darnach zumute ist. Alle
+miteinander sind kaiserlich bis in die Knochen, ist doch Tante Marie mit
+der neuen Hofclique verschwägert, mit den Eulenburgs vor allem, die nahe
+daran sind, das Hausmeiertum an sich zu reißen. Infolgedessen sind sie
+natürlich auch kirchlich-orthodox; -- darnach kannst Du Dir die
+Harmonie unserer Beziehungen ungefähr vorstellen! Mama, mit ihrem oft
+ganz fanatischen Gerechtigkeitsgefühl ist die einzige, die sie aus
+Überzeugung verteidigt und es sogar unternahm, Tante Klotilde, die jede
+persönliche Zusammenkunft mit ihren Neffen und Nichten bisher vermieden
+hat, freundlicher zu stimmen. Sie wirft mir Herzlosigkeit vor, weil ich
+sie darin nicht unterstützen mag, und zankt sogar mit ihrem
+Lieblingsbruder, der sie warnte, sich 'kein Kuckucksei ins Nest zu
+legen'. Die Gefahr ist, scheint mir, sehr gering, denn um bei Tante
+Klotilde etwas zu erreichen, müßte Mama ungefähr das Gegenteil von dem
+verlangen, was sie erreichen will. Außerdem würde ich den armen Würmern
+einen tüchtigen Anteil an Tante Klotildes Reichtümern von Herzen gönnen.
+
+In schroffem Gegensatz zu diesem Zwangsverkehr steht ein anderer, den
+ich mir erkämpft habe, -- obwohl Du mich bereits vorher vor meinen
+'jüdischen Beziehungen' warntest: der im Hause Fiedlers und Rodenbergs.
+Papa war zuerst entrüstet, als ich ihn um die Erlaubnis bat, den
+freundlichen Einladungen der beiden, meine literarische Tätigkeit so
+lebhaft unterstützenden, folgen zu dürfen. Nach einigem Brummen,
+Räuspern und Toben -- wobei ich verängstigt wie immer aus dem Zimmer
+floh, während Ilschen lachte und den Papa zu meinen Gunsten
+umschmeichelte -- entschloß er sich freiwillig zu offiziellen
+Familienvisiten und gestattete mir dann, die Gesellschaften allein zu
+besuchen. Nun genieße ich den geistig anregenden Verkehr ungeheuer und
+fange an, meine Schüchternheit angesichts dieser mir doch sehr neuen
+Menschen und fremden Verkehrsformen zu überwinden. Ich bin seit langem
+daran gewöhnt, meine Ansichten nur im höchsten Affekt auszusprechen, so
+daß ich erst eine gewisse Schwerfälligkeit niederkämpfen, ja sogar mit
+dem Ausdruck ringen muß. Das steigert sich, wenn Namen genannt und
+Ereignisse lebhaft erörtert werden, von denen ich keine Ahnung habe.
+
+Im Mittelpunkt des Interesses steht auf der einen Seite die neue
+literarische Bewegung, die sich in der Freien Bühne ein eigenes Theater
+schuf, und deren Vertreter stark realistische und sozialistische
+Tendenzen haben, und auf der anderen der neu aufsteigende Stern am
+Dichterhimmel -- Sudermann --, dessen Dramen, wie Du sicher aus den
+Zeitungen weißt, wahre Stürme für und wider hervorrufen. Ich kenne von
+alledem noch nichts. Onkel Walter erklärt, daß 'ein junges Mädchen'
+Sudermanns Werke unmöglich sehen könne, -- aber ins Residenztheater und
+in den Wintergarten werde ich ohne Bedenken mitgenommen! --, und im
+Kreise meiner literarischen Bekannten sieht man den Jungen von
+Friedrichshagen -- einem Vorort von Berlin, wo sie, wie man munkelt, ein
+gemeinsames Leben führen, das das kommunistische Prinzip sogar auf --
+die Frauen ausdehnt! -- skeptisch gegenüber. Ich bin zwar sehr geneigt,
+mich, wenn auch nicht der Autorität Onkel Walters, so doch dem reifen
+Urteil meiner neuen Freunde von vornherein anzuschließen, um so mehr,
+als Dr. Friedrich, der hervorragendste Kritiker Berlins und ein tiefer
+Goethe-Kenner, an ihrer Spitze steht, aber mich interessiert jede
+moderne Erscheinung viel zu sehr, als daß ich sie nicht aus eigner
+Anschauung kennen lernen wollte.
+
+Wegen Vetter Fritz sei ganz ruhig. Ich habe besseres zu tun, als zu
+kokettieren. Meine Haltung ihm gegenüber ist eine ganz passive: ich
+empfinde mit wohligem Behagen die Atmosphäre seiner Zuneigung, und
+vielleicht ist solch ein sich lieben lassen für mich ein
+Lebensbedürfnis, ebenso wie das sich bescheinen lassen von der Sonne.
+
+ Von Herzen
+ Deine Alix.«
+
+ * * * * *
+
+Meine Mutter pflegte sich Onkel Walters Ansichten fast immer zu
+unterwerfen, weil es im Grunde stets die ihren waren. Aber in Bezug auf
+meine Theaterbesuche geriet sie in einen Zwiespalt mit ihrer eigenen
+Neigung und mit ihrem Pflichtgefühl. Das Theater wurde mehr und mehr
+ihre Leidenschaft, -- es war, als suche diese kühle, harte Frau das
+Leben, weil sie selbst nicht gelebt hatte --, aber für sich allein und
+ihr persönliches Vergnügen Geld auszugeben, wäre ihr nie in den Sinn
+gekommen. Also nahm sie mich mit, beruhigte ihr Gewissen damit, daß »uns
+doch niemand sehen wird«, und schärfte mir ein, nicht darüber zu
+sprechen. So sahen wir »Die Ehre« und »Sodoms Ende«, dessen
+ursprüngliches Verbot auf des Kaisers direkten Eingriff zurückgeführt
+wurde und den Erfolg des Werks von vornherein gesichert hatte. Der tiefe
+Eindruck, den wir empfingen, setzte sich aus Verblüffung, Entsetzen und
+Ergriffenheit zusammen. Aber während er sich bei meiner Mutter durch den
+befreienden Gedanken auslöste, daß hier der verdorbenen Bourgeoisie und
+den verhaßten Parvenüs ein gräßliches Spiegelbild vorgehalten werde,
+das sie im Grunde nichts anging, wirkte er in mir schmerzhaft nach. Ich
+sah in meinen Träumen Alma, das verdorbene Mädchen aus dem Hinterhaus,
+und Frau Adah, die arme Reiche, die nach Glück und Liebe lechzte,
+während ihr Mann sich mit Straßendirnen umhertrieb. Sie waren nichts als
+Typen der modernen Gesellschaft, und ihre Wahrhaftigkeit erschütterte
+mich.
+
+Und dann las ich mit demselben Feuereifer, mit dem ich einst in Posen
+meine heimlich erworbenen Reklambändchen verschlang, die Werke der
+»Jungen«. Jedes Buch riß mir einen neuen Schleier von den Augen.
+Kretzers »Meister Timpe«, Holz-Schlafs »Familie Selicke«, Gerhart
+Hauptmanns »Vor Sonnenaufgang«, -- mit welcher Grausamkeit enthüllten
+sie ungeahnte Tiefen des Elends! Dazwischen fielen mir in bunter Reihe
+Bücher in die Hände -- von Strindberg, von Garborg, von Przybyszewski
+--, die mit demselben brutalen Wahrheitsfanatismus blutende Herzen und
+zuckende Sinne bloßlegten. Und in diesem grellen Licht, das nur tiefe
+Schatten und blendende Helle schuf und milde, zart verschwimmende
+Dämmerung nicht duldete, enthüllte sich nun auch die Welt in mir. Hatte
+ich die zehrende Glut meines Innern, all die Qualen meiner jungen Sinne
+doch nur vergebens mit den Feuerlöscheimern des Verstandes und der
+Pflichterfüllung zu ersticken gesucht.
+
+Das Leben hatte in tausend und abertausend bunten Farbenflecken unruhig,
+blendend, vor meinen Augen geflirrt; jetzt erst entdeckte ich, daß sie
+alle notwendig zueinander gehörten und zu einem einzigen, riesigen
+Gemälde zusammenschossen. Es galt nur, die Blicke fest und mutig darauf
+zu richten, nicht zu schaudern vor der Wahrheit, die im zerschlissenen,
+blutbefleckten Gewande der Not der schier endlosen Schar der Hungernden
+und Blinden, der Lahmen und Verkrüppelten, der Irren und der
+Kettenträger voranschritt. Wer sehend war, erkannte unter ihrem
+Bettlermantel das Königskleid, und ihm wandelte sich die Geißel, die sie
+trug, zur Fahne des Sieges.
+
+Das Grauen verschwand, ein Gefühl unbezwinglicher Kraft überkam mich. O,
+ich war stark genug, um, Seite an Seite mit den anderen, Ruinen
+einzureißen und Felsen aufeinander zu türmen!
+
+War ich es wirklich?! Beugte ich mich nicht ängstlich jenem pedantischen
+Schulmeister, dem Alltag, der mich jeden Morgen aus meinen Träumen
+weckte, mich zwang, zwanzig alte, muffig riechende Bücher zu
+durchstöbern, um über irgend einen vergessenen Zeitgenossen Goethes
+einen kleinen Artikel zu schreiben, oder meinem Schwesterchen beim
+Rechnen beizustehen, oder Mamas Winterhut neu zu garnieren, oder für ein
+Dutzend überraschender Abendgäste den Tisch zu decken?!
+
+In der Goethe-Zeitschrift waren inzwischen meine Aufsätze erschienen,
+und von den weimarer Freunden und Verwandten meiner Großmutter wurde mir
+eitel Anerkennung zu Teil. Auch der Großherzog ließ mir sagen, wie sehr
+ihn interessiere, was ich schreibe, und legte mir nahe, nach Weimar zu
+kommen, wo ich zu neuen Studien und Arbeiten alle Türen offen und alle
+Menschen hilfsbereit finden würde. Mein Vater strahlte über diesen
+Erfolg und begriff nicht, wie ich auch nur einen Moment zögern könne,
+der Anregung Folge zu leisten.
+
+»Du bist doch nun einmal dem Tintenteufel verfallen,« meinte er, »nun
+kannst du es wenigstens auf eine standesgemäße Weise sein.«
+
+Ich schwieg. Sollte ich ihm den Schmerz bereiten und ihm sagen, daß die
+Fesseln des »Standesgemäßen« mir schon jetzt schmerzhaft genug ins
+Fleisch schnitten?
+
+Auch im Kreise der Goethe-Zeitschrift verstand man mich nicht.
+
+»Der Großherzog selbst fordert Sie auf und bietet Ihnen seine Hilfe an,
+und Sie haben noch Bedenken, nach Weimar zu gehen?!« sagte Professor
+Fiedler, als ich einmal wieder zu einer größeren Abendgesellschaft bei
+ihm war. »Nur Ihre schriftstellerische Jugend bietet mir eine Erklärung
+dafür! Was viele Gelehrte vergebens wünschten -- Zugang zu den
+verschlossenen Schätzen Weimars --, wird Ihnen hier entgegen getragen,
+und Sie greifen nicht mit beiden Händen zu! Das bedeutet doch nichts
+anderes, als eine Sicherstellung Ihrer literarischen Zukunft, als den
+Beginn einer großen Karriere.« Ich hatte ihm und seiner Unterstützung
+schon zu viel zu verdanken, als daß sein Zureden ohne Eindruck hätte
+bleiben können.
+
+»Sie haben persönliche Beziehungen zum Großherzog von Sachsen-Weimar?«
+mischte sich ein anderer Gast ins Gespräch, der mich bisher von der Höhe
+seiner Berühmtheit und seiner vielbewunderten Ähnlichkeit mit Goethe
+kaum eines flüchtigen Grußes gewürdigt hatte. Ich erzählte von Großmamas
+Freundschaft mit Karl Alexander. Der Kreis um mich vergrößerte sich. Man
+erging sich in Lobeserhebungen des Fürsten, über den ich in meinen
+Kreisen immer nur hatte lachen und spotten hören.
+
+»Wenn Sie sich seiner Gunst weiter erfreuen, -- welche Dienste können
+Sie dann der Wissenschaft leisten!« sagte der Mann mit dem Goethe-Kopf.
+Seltsam, wie er plötzlich von meiner Leistungskraft überzeugt schien,
+obwohl er alle Zusendungen meiner Artikel mit Stillschweigen übergangen
+hatte! Er führte mich zu Tisch, und ich, die ich bis jetzt eine
+bescheiden abseits Stehende gewesen war, sah mich auf einmal im
+Mittelpunkt der Gesellschaft. Das verletzte mich aufs tiefste: waren das
+die freien, geistig hoch stehenden Menschen, zu denen ich bewundernd
+aufgesehen hatte, deren Verkehr mich in den Strom geistigen Fortschritts
+reißen sollte?
+
+Auf das angenehmste überrascht wandte ich mich daher meinem Nachbarn zur
+Rechten zu, der meinen Aufsatz in der Goethe-Zeitschrift gelesen zu
+haben schien und ein paar kritische Bemerkungen darüber machte. Er war
+ein bekannter österreichischer Dichter, dessen tapfere Bücher, aus denen
+das ganze Leid des jahrhundertelang verfolgten und unterdrückten
+Judentums herausschrie, mich ihn schon lange bewundern ließen.
+
+»Wie stolz müssen Sie sein, so wertvolle Andenken an Goethe Ihr eigen zu
+nennen, wie die Gedichte an Ihre Frau Großmutter, wie den Ring aus der
+Hand des Olympiers,« meinte er.
+
+Ich zog den schmalen Goldreif vom Finger. Er machte die Runde um den
+Tisch. Alles schien entzückt, dankbar, voll Bewunderung.
+
+»Muß man das dem Fräulein glauben?!« rief plötzlich eine helle Stimme
+von der anderen Seite der Tafel. Halb verletzt, halb erstaunt, suchte
+ich mit den Augen die Sprecherin, -- sie hatte offenbar nicht den
+mindesten Respekt vor meinen fürstlichen Beziehungen.
+
+»Juliane Déry« -- flüsterte mir mein Tischherr zu, »ein überspanntes,
+hypermodernes Frauenzimmer. Sie kennen doch ihre Novellen?«
+
+Ich kannte nicht einmal ihren Namen. Aber ihre Unart gefiel mir. Nach
+dem Souper sprach ich sie an.
+
+Sie saß hingekauert zu Füßen des österreichischen Dichters und maß mich
+mit einem feindseligen Blick, während sie ungeduldig den tief
+herabgesunkenen Ärmel ihres ausgeschnittenen nilgrünen Kleides auf die
+Schulter zurückschob.
+
+»Ich habe kein Interesse für Goethe und nicht das mindeste für die
+Goethe-Philologie,« sagte sie gereizt.
+
+»Fräulein von Kleve sieht mir aber auch nicht aus, als ob sie mit Haut
+und Haaren der Philologie verfallen wäre,« lachte der Dichter, ein wenig
+verlegen ob der Ungezogenheit seiner Gefährtin.
+
+»Ich danke Ihnen für die gute Meinung,« antwortete ich und setzte mich
+auf einen geraden Holzstuhl, der mit ein paar anderen seinesgleichen,
+einigen von Zeitschriften beladenen Tischen und schlichten Bücherregalen
+die Einrichtung des Raumes bildete. Es schien als sei diese Einfachheit
+wohlerwogene Absicht, denn um so gewaltiger und beherrschender traten
+die Goethe-Bilder hervor, die die Wände schmückten. »Tatsächlich habe
+ich gar keine Neigung zur Philologie, -- sehen Sie nur, wie all der
+aufgehäufte papierne Wissenskram schon vor dem bloßen Abbild des
+lebendigen Goethe zusammenschrumpft! Es widerstrebt mir geradezu, ihn zu
+vermehren.«
+
+»Warum tun Sie's denn?!« rief die junge Schriftstellerin, spöttisch
+lachend. Ich schwieg. Ich hatte die Empfindung, schon viel zu viel von
+mir selbst verraten zu haben. Der Dichter, bemüht, zwischen mir und dem
+Mädchen zu seinen Füßen eine Brücke zu bauen, lenkte ein: »Seien Sie ihr
+nicht böse. Sie ist viel besser, als sie sich gibt, und mit der
+borstigen Außenseite will sie nur das allzu Weiche ihres Inneren
+verstecken.«
+
+»Sie will?!« Juliane Déry sprang auf und wühlte mit nervösen schmalen
+Fingern, die merkwürdig wenig zu der kurzen breiten Hand und dem
+vulgären Handgelenk paßten, in ihrem wirren Haarschopf. »Sie will gar
+nicht. Aber zuweilen muß sie. Und das Müssen widert sie an. Nicht
+verbergen, bloßlegen, was ihr im Innern lebt -- ganz nackt und bloß --,
+daß Ihr guten anständigen Leute eine Gänsehaut kriegt, das will sie, --
+das wollen wir alle, die wir jung sind, und dem Leben dienen, -- und
+keinem toten Götzen.« Mir stieg das Blut in die Schläfen. Das Zimmer
+hatte sich gefüllt. Wie konnte man vor all diesen fremden Menschen die
+Pforten seiner Seele aufreißen, dachte ich, und doch beneidete ich sie,
+weil sie es konnte.
+
+Sie hatte einen Funken ins Pulverfaß geschleudert. Eine allgemeine
+Unterhaltung über das Wollen und Können der Jungen entspann sich, bei
+der die scheinbar ruhigsten Menschen in leidenschaftliche Erregung
+gerieten, -- jene Erregung, die immer verrät, daß der Kampf aufhört,
+objektiv geführt zu werden. Ich hörte mit steigendem Erstaunen zu.
+Verteidigten sie nicht im Grunde ihre persönliche Ruhe, wenn sie mit
+Keulen auf alle diejenigen losschlugen, die die Wahrheit vom Leben
+verkündigten?
+
+»Der Pöbelruhm Zolas und Ibsens ist den Leuten zu Kopfe gestiegen,«
+eiferte Dr. Friedrich, der von vielen als zweiter Lessing gepriesen
+wurde, und sein schmales bartloses Gesicht rötete sich. »Man spekuliert
+auf die ganz gemeine Freude am Schmutz, und hat damit natürlich die
+Masse auf seiner Seite. Was würde der Große hier sagen« -- er wies mit
+einer theatralischen Gebärde auf die Bilder an den Wänden -- »wenn er
+diese Entartung der deutschen Literatur hätte erleben müssen!«
+
+Eine Pause trat ein. Juliane Déry stampfte mit dem Fuß und biß sich die
+vollen Lippen wund, aber auch sie schwieg. Die Autorität des
+gefürchteten Mannes wirkte lähmend auf alle. Ich allein war noch viel zu
+naiv, um von seiner Macht eine Ahnung zu haben.
+
+»Ich glaube, niemand würde die Jungen besser verstehen und würdigen als
+er,« begann ich leise und stockend, während ängstliche, warnende und
+spöttische Blicke sich auf mich richteten. »Sein Werther, sein Meister,
+sein Faust und sein Gretchen vor allem mögen die meisten seiner
+Zeitgenossen durch ihre Wahrhaftigkeit nicht minder verletzt haben als
+die Enthüllungen des äußeren und inneren Elends der Gegenwart Sie heute
+verletzen. Mir scheint, Dichter und Künstler müssen uns die Wahrheit
+zeigen, wie sie ist, weil wir selber nicht den Mut haben, sie aus
+eigener Kraft zu sehen.«
+
+Man unterbrach mich; Rufe der Entrüstung wurden laut, ich wollte schon
+verschüchtert schweigen, als ein kühler, herausfordernder Blick Dr.
+Friedrichs mich traf, der jetzt dicht vor mir stand.
+
+»Reden Sie nur weiter, gnädiges Fräulein, reden Sie! Es ist
+psychologisch interessant, einmal zu sehen, wie die Dinge auf Menschen
+wirken, die, wie Sie, dem Leben so fern stehen.«
+
+»Ich stehe ihm näher, viel näher, als Sie glauben --« nun flossen mir
+die Worte rasch und klar von den Lippen -- »und ich weiß, daß wir nicht
+weiter kommen -- der Einzelne nicht und die Gesamtheit nicht --, solange
+wir uns scheuen, das Böse und Widerwärtige, das Häßliche und
+Schmerzhafte zu sehen, wie es ist. Erst daran erprobt sich die
+Lebenskraft. Kein größeres Zeichen der Dekadenz gibt es als die Furcht
+vor dem Schmerz. Sie ist unsere Krankheit, und an ihr geht unsere Welt
+zugrunde, wenn sie sich von den Ibsen und Zola und Nietzsche und denen,
+die ihresgleichen sind, nicht heilen läßt.« Ich atmete tief auf. Jetzt
+erst sah ich wieder, wer um mich war: man lächelte, halb verlegen, halb
+mitleidig, man zuckte die Achseln.
+
+»Wenn nichts anderes, so haben Sie doch eins bewiesen, meine Gnädigste,«
+spöttelte Dr. Friedrich, »Sie haben Ihren Beruf verfehlt: eine Rednerin
+ist an Ihnen verloren gegangen.«
+
+Ich fühlte mich gedrückt und verlegen und mochte den Mund nicht mehr
+auftun.
+
+Auf dem Nachhausewege schloß sich mir plötzlich Juliane Déry an und
+schob ihren Arm in den meinen.
+
+»Sie sind eine tapfere kleine Person,« sagte sie, »aber furchtbar dumm
+sind Sie auch! -- Das vergißt Ihnen der Friedrich nie!«
+
+»Wenn meine ganze Dummheit darin besteht, -- die Folgen will ich auf
+mich nehmen.«
+
+»Na -- allerhand Achtung vor Ihrer Kurage! -- Aber -- da wir zwei die
+Wahrheit zu vertragen scheinen, so sag ichs frei heraus: Ihre Dummheit
+ist noch nicht erschöpft. Sie haben Ihr Gewissen sogar mit einem
+Verbrechen beladen. Sie haben der Kunst ethische Motive angedichtet. Die
+Kunst ist Kunst, -- nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sie hat eine
+neue Schönheit entdeckt, die der Wahrheit -- der Häßlichkeit meinetwegen
+--, die muß sie darstellen. Im Wort, im Bild, im Ton. Aber nützen und
+bessern will sie nicht, soll sie nicht.«
+
+»Mag sein, daß das nicht ihre Absicht ist. Auch die Blume blüht und
+duftet und ist schön und vollendet, selbst wenn sie nicht zur Frucht
+werden wollte. Aber die Frucht kommt ohne ihre Absicht.«
+
+Es zuckte ironisch um die Mundwinkel meiner Begleiterin. »Ihr Vergleich
+hinkt. Die Blume muß sterben, soll die Frucht ihre Folge sein. Die Kunst
+aber blüht und ist immer Frucht und Blume zugleich.«
+
+Wir waren über kaum angelegte Straßen, an Kartoffelfeldern vorbei bis zu
+der alten Linde gelangt, die mitten in der Straßenkreuzung des
+Kurfürstendamms und der Tauenzienstraße stand, ein letzter Zeuge jener
+Vergangenheit, wo die lauernde Schlange der Großstadt die Natur noch
+nicht bis zum letzten Rest in ihrer Umarmung erdrosselt hatte.
+
+Wir trennten uns mit einem Händedruck und doch eben so fremd wie vorher.
+Nicht zu jenen gehörte ich, deren Gast ich eben gewesen war, und nicht
+zu ihr. Wohin denn?...
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Morgen schrieb ich an meine Verwandten nach Weimar und
+kündigte meinen Besuch an. In die Arbeit wolle ich mich stürzen, das
+würde wieder das Beste sein.
+
+Vor meiner Abreise kam die Familie noch einmal vollzählig bei uns
+zusammen: Onkel Walter mit seiner Frau, die Potsdamer Kleves, Vetter
+Fritz und Vetter Hermann Wolkenstein, der als Offizier auf keine
+Karriere zu rechnen hatte und daher zur Diplomatie übergegangen war.
+Auch Tante Jettchen, das Familienorakel, war gekommen, sehr alt, sehr
+gebrechlich, aber mit ihren scharfen klugen Augen doch noch alles
+sehend, alles beobachtend, und in ihrem Urteil härter denn je. Ihr Kopf
+schien nichts als ein Lexikon der Familie zu sein. Sie kannte die
+Schicksale der entferntesten Verwandten. Mich mochte sie nicht: daß ich
+als Kind auch nur wochenlang eine jüdische Schulfreundin gehabt hatte,
+war ein unauslöschlicher Makel in meiner Erziehung. Heute jedoch ließ
+sie sich meinen Handkuß auf das gnädigste gefallen.
+
+»Es freut mich, freut mich sehr, daß du nach Weimar gehst,« sagte sie,
+»für verschrobene Köpfe wie deinen ist das gut -- sehr gut. Literarisch
+angehauchte Frauenzimmer haben dort Aussicht auf Hofkarriere.« Ich
+lächelte unwillkürlich: Professor Fiedler hatte auch von der »Karriere«
+gesprochen!
+
+Die Unterhaltung drehte sich zunächst um Familienereignisse. Von den
+Vettern, die um die Ecke gegangen waren, und die, statt wie früher nach
+Amerika, jetzt nach den Kolonien abgeschoben wurden, um als
+Kulturträger aufzutreten; von den sitzengebliebenen Kusinen, die
+Krankenpflegerinnen wurden, weil andere Berufe sich doch nicht
+schickten, war die Rede. »Besser sich die Finger mit Blut als mit Tinte
+beschmutzen,« krähte die hohe Greisenstimme Tante Jettchens. Und dann
+wurde das unerhörte Ereignis kräftig glossiert, daß ein Golzow die
+Tochter eines Großindustriellen geheiratet hatte. Die erste Unadelige in
+der Familie, und noch dazu der Sprößling eines »Kohlenfritzen!«
+
+»Und der Kerl, der Ernst, hat noch die Frechheit gehabt, mir seine
+Verlobungsanzeige zu schicken.« Auf Tante Jettchens runzligen Wangen
+brannten rote Flecke. »Aber freilich, wenn von oben das Beispiel gegeben
+wird! -- Wenn Se. Majestät selbst mit dem Kanonen-Krupp und den
+Hamburger Kaffeesäcken fraternisiert! -- Und amerikanische
+Milliardärstöchter, deren Väter noch mit dem Bündel auf dem Rücken
+durchs Land zogen, hoffähig werden!« -- Ihre Stimme überschlug sich, der
+stockende Atem zwang sie zum Schweigen. Und nun erst griff die rechte
+Stimmung Platz, ohne die eine Gesellschaft unserer Kreise kaum noch
+möglich schien: Jeder wußte einen neuen Hofklatsch, eine neue Variation
+einer der vielen Kaiserreden oder flüsterte dem Zunächstsitzenden -- aus
+Rücksicht auf die anwesenden jungen Mädchen -- einen neuen derben Spaß
+zu, durch den irgendein Eulenburg oder Kessel die Lachlust Sr. Majestät
+gereizt und sich eine neue Gunstbezeugung errungen hatte.
+
+»Für das Modell des Doms, mit seiner überladenen Pracht, hat er selbst
+die Zeichnungen entworfen,« sagte der eine, »dem Darsteller des großen
+Kurfürsten in Wildenbruchs neuem Spektakelstück, dem 'neuen Herrn' --
+das übrigens ein unglaublich taktloser Angriff auf Bismarck ist -- hat
+er persönlich gezeigt, wie ein Hohenzoller sich bewegen und benehmen
+muß,« -- fügte ein anderer hinzu, »kurz, der liebe Gott kann alles, aber
+der Kaiser kann alles besser,« lachte Onkel Walter. Und die alte Tante
+schüttelte sich vor Vergnügen: »Als roi soleil hat er sich ja auch schon
+malen lassen!«
+
+Nur die Kleves waren verlegen und still, und Papa hatte sich mit
+bezeichnenden Blicken auf die jungen Offiziere schon oft vernehmbar
+geräuspert.
+
+»Nun aber genug des grausamen Spiels,« unterbrach er schließlich den
+allgemeinen Redefluß. »Ich komme gewiß nicht in den Verdacht, ein
+Sachwalter des neuen Kurses zu sein, wenn ich daran erinnere, daß wir
+doch auch Ursache haben, dem jungen Herrn zuzustimmen. Schien er im
+Überschwang jugendlicher Gefühle den Herren Sozialdemokraten
+Konzessionen zu machen und den Arbeitern die Backen zu streicheln, so
+hat er doch beizeiten gestoppt und andere Saiten aufgezogen -- --«
+
+Doch die Verteidigung steigerte nur die Heftigkeit des Angriffs.
+Merkwürdig, welche Reizbarkeit alle Menschen befallen hatte, wie es fast
+unmöglich schien, eine ruhige Unterhaltung zu führen.
+
+»Du siehst die Dinge wirklich nur von außen, lieber Hans,« rief Onkel
+Walter, der sich als Reichstagsmitglied fühlte und sich gern das Ansehen
+gab, als wäre er in alle politischen Kulissengeheimnisse eingeweiht;
+»tatsächlich steuert man direkt in den Sozialismus hinein, und das um so
+rascher, je mehr man uns, die einzigen Stützen der Monarchie, vor den
+Kopf stößt. Ist es erhört, daß von einem preußischen Könige Ausdrücke
+wie der von der Rebellion der Junker kolportiert werden können, daß
+Reden gehalten werden, wie auf dem brandenburgischen Provinziallandtag,
+die nichts anderes sind, als ein Kriegsruf gegen uns?!«
+
+Meine Mutter stimmte eifrig zu. »Der Geist der Unzufriedenheit, von dem
+der Kaiser sprach, und der die Seelen vergiftet, ist wahrhaftig anderswo
+zu suchen!« sagte sie und lenkte die Unterhaltung auf die moderne
+Literatur. Seitdem sie »Die Ehre« und »Sodoms Ende« gesehen hatte,
+schien sie von dem Eindruck ganz beherrscht zu sein und schwankte
+zwischen der Empörung, die die traditionelle Auffassung von dem, was
+sich schickt, ihr auspreßte, und zwischen der Anerkennung, zu der ihr
+Gerechtigkeitsgefühl sie zwang. Sie wünschte sichtlich ihre Empörung zu
+stärken, aber unsere Gäste hielten dies Thema nicht für der Mühe wert,
+um sich deswegen zu erhitzen. »Wie kannst du dergleichen ernsthaft
+nehmen,« meinte Onkel Walter achselzuckend; »eine neue Form amüsanter
+Schweinereien -- nichts weiter.« Nur Tante Jettchen ereiferte sich:
+»Anständige Leute gehen in solche Stücke nicht.« Und erleichtert über
+die Wendung des Gesprächs, sekundierte ihr die fromme Tante aus Potsdam.
+
+Am Tisch der Jugend, wo man indessen Schreibspiele gespielt hatte, saß
+ich in steigender Erregung. Plötzlich trafen mich die scharfen Augen des
+Familienorakels. »Ich glaube gar, das Küken möchte mitreden, wo sie
+nicht einmal hinhören sollte.« Ich wurde rot. Auf der faltigen Stirn der
+alten Frau erschienen hundert neue Runzeln. »Du erlaubst dir am Ende,
+eine andere Meinung zu haben?!« forderte sie mich heraus. Verlegenheit
+vor all den Blicken, die sich auf mich richteten, Angst vor dem Skandal,
+den ich erregen würde, ließen mich schweigen. Aber als wir Jugend beim
+Abendessen, getrennt von den anderen, zusammensaßen und Hermann
+Wolkenstein eine wegwerfende Bemerkung machte, die mir in seinem Munde
+doppelt lächerlich vorkam, verteidigte ich die moderne Richtung in Kunst
+und Literatur, und zwar um so schärfer, je mehr mich die Beschränktheit
+und der dumme Hochmut der anderen empörte.
+
+»Weiß Tante Klotilde um deine Ansichten?« frug unvermittelt eine der
+Potsdamer Kleves und streifte mich mit einem schiefen, lauernden Blick.
+
+»Ich würde vor ihr am wenigsten Anstoß nehmen, sie zu entwickeln,«
+antwortete ich und warf den Kopf zurück.
+
+»Von dir wundert mich schon gar nichts mehr,« meinte Hermann
+naserümpfend. »Wer sich mit jüdischen Literaten intimiert ...«
+
+»Beleidige doch deine Vorfahren nicht noch im Grabe --« spottete ich.
+
+Er warf mir einen bösen Blick zu. Die anderen, ihrer tadellosen
+Ahnenreihe bewußt, lächelten leise. Das reizte ihn noch mehr. Er hieb
+mit der riesigen, weißen, gepflegten Hand auf den Tisch, daß sein
+Kettenarmband klirrend unter der Manschette hervorsprang.
+
+»Und du spiel' dich nicht auf,« zischte er zwischen den Zähnen hervor;
+»mit deiner Vergangenheit hast du am wenigsten Grund dazu.« Ein
+unartikulierter Laut ließ mich den Kopf rasch zur anderen Seite wenden,
+Fritz hatte ihn ausgestoßen. Er saß da, kreideweiß im Gesicht, mit
+zuckenden Lippen.
+
+»Sie werden meine Kusine um Verzeihung bitten, Baron Wolkenstein,«
+herrschte er Hermann an. »Habe gar keine Ursache, Herr von
+Langenscheid,« antwortete dieser, lehnte sich breit in den Stuhl zurück
+und steckte die Hände in die Hosentaschen. Ich umklammerte hastig die
+heißen Finger meines Verteidigers. »Mach doch keine Geschichten, Fritz
+--, Hermann ist taktlos wie immer -- bitte, mir zuliebe, beruhige dich!
+-- das ist ja gräßlich -- hier, im Hause meiner Eltern!«
+
+In diesem Augenblick fingen die Verwandten im Nebenzimmer an, sich zu
+verabschieden. Fritz zog mich beiseite. Er zitterte vor Erregung.
+
+»Und du verteidigst dich nicht einmal gegen solche Gemeinheit,«
+flüsterte er mit erstickter Stimme.
+
+»Verteidigen?! Vor solch einem Menschen?!! Soll ich ihm vielleicht
+eingestehen, daß ich einmal im Leben liebte, -- mit ganzer Seele und mit
+vollem Herzen?! Soll vor den Leuten, die gar keiner starken Empfindung
+fähig sind, mein Inneres entblößen, was ich vor mir selbst zu tun kaum
+den Mut habe?«
+
+»Alix!« von weit her schien jemand meinen Namen zu rufen, mit einem
+Ausdruck, der mir in die Seele schnitt.
+
+Im nächsten Moment beugte ich mich zum Abschied über die welke Hand
+Tante Jettchens, hörte mit halbem Ohr ein allgemeines Stimmengewirr und
+fühlte schließlich noch Papas Lippen auf meiner Stirn.
+
+»Gott Lob,« murmelte er, »den Abend hätten wir hinter uns!«
+
+Verträumt und erstaunt sah ich um mich, als ich acht Tage später in
+Weimar ankam. Stand die Zeit hier seit zehn Jahren still?! Derselbe
+helle Maienabend wie damals empfing mich. Und in dasselbe alte Haus an
+der Ackerwand führte mich die Hofequipage, wie einst, als die Großmutter
+ihr Enkelkind zum erstenmal hergeleitete. Sie freilich war nicht mehr
+da, und doch war mirs, als ob ihr Kleid neben mir die Treppe hinauf
+rauschte. Auch ihr Bruder war lange tot, und doch schien's, als wäre der
+schöne, tief brünette Mann mit den schmalen Händen und dem leicht
+gebeugten Nacken, der mich empfing, kein anderer als er.
+
+Im Rokokosalon mit den vielen Miniaturen über dem graziösen Sofa und den
+verblaßten Pastellbildern an der mattblauen Seidentapete erhob sich aus
+dem goldgeschnitzten Lehnstuhl am Fenster ein schlankes Frauenbild und
+streckte mir mit einem süß-zärtlichen Lächeln ein weißes Händchen
+entgegen. War das wirklich die Gräfin Wendland -- meine Tante --, oder
+war es nicht Frau von Stein, deren Schatten sich aus dem Nebenhaus
+hierher verirrt hatte?! Dann kamen die Kinder und begrüßten mich, --
+lauter kleine Elfen mit allzu schweren Haaren auf den feinen Köpfchen
+und allzu großen Blauaugen über den schmalen Wangen.
+
+Draußen vor meinem Zimmer plätscherte der Brunnen, wie vor uralten
+Zeiten, und die Bäume rauschten feierlich, als träfe ihre Kronen niemals
+ein Wirbelsturm.
+
+Am nächsten Morgen besuchte mich der Großherzog. Er kam zu Fuß und
+unangemeldet, mit den raschen elastischen Schritten eines jungen
+Mannes; ich hatte kaum Zeit, ihm bis zum Treppenaufgang entgegenzugehen.
+Und dann saß er mir im Rokokosalon gegenüber, und je länger er sprach --
+mit heller Stimme und in dem eleganten Französisch des ancien régime --,
+desto tiefer versank die Gegenwart, und in mystischem Halbdunkel stieg
+die Vergangenheit empor. Von der Großmutter erzählte er mir zuerst, wie
+schön und wie gut und wie klug sie gewesen wäre, wie sie Weimars Geist
+in sich verkörpert habe, wie er nie habe verstehen können, daß sie
+anderswo als in ihrer Seelenheimat zu leben imstande gewesen war.
+Zuweilen legte er die Hand über die Augen, eine gelbliche, blutleere
+muskellose Hand, die gewiß niemals fest zuzupacken vermocht hatte, und
+lehnte sich, als käme plötzlich die Erinnerung an das eigene Alter über
+ihn, tief in den Stuhl zurück. Aber gleich darauf reckte sich sein
+schmaler Oberkörper krampfhaft auf, die Hände umschlossen die
+Seitenlehnen, die Augen weiteten sich, und mit dem stereotypen
+angelernten Fürstenlächeln, das über jede Empfindung hinweg täuschen
+soll, begann er wieder zu reden. Nun war ich nicht mehr das Enkelkind
+der Freundin seiner Jugend, sondern die Schriftstellerin, von der er die
+Erfüllung eines langgehegten Wunsches erwartete. Die Geschichte der
+Gesellschaft Weimars sollte ich schreiben, jener Gesellschaft, die seit
+Goethes Ankunft in der Residenz Karl Augusts »getreu ihrer Tradition,
+Künstler und Dichter als gleichberechtigte aufgenommen und ihnen den Weg
+zum Ruhm gebahnt hat.« Und von den Vielen erzählte er, denen Weimar ein
+Sprungbrett ins Leben gewesen war, die hier zuerst die Anerkennung
+fanden, die die Welt draußen ihnen versagte. Er begeisterte sich an
+seinem eigenen Gedankengang, sein farbloses Gesicht überzog sich mit
+einer ganz feinen bläulichen Röte, und in seinen verschleierten Augen
+entzündete sich ein stilles Licht.
+
+»Sie sind prädestiniert, dies Werk zu schaffen: Getränkt mit Weimars
+Erinnerungen, erzogen in Weimars Geist, geleitet von dem unfehlbaren
+Takt der Aristokratin,« sagte er, indem er sich erhob und mir die Hand
+reichte. »Von Ihnen brauche ich keine jener widerwärtigen Enthüllungen
+zu fürchten, die die Kunst beschmutzen, das Leben vergiften. Meine
+Archive stehen Ihnen offen; dasselbe glaube ich auch im Namen der
+Großherzogin versprechen zu dürfen. Ich hoffe, Sie oft zu sehen -- --«
+
+Zu einer Antwort ließ er mir keine Zeit mehr, -- daß ich nicht nein
+sagen könnte und dürfte, war ihm selbstverständlich. Ich hatte mich nur
+noch tief und dankbar zu verneigen.
+
+Und immer enger spann sich Weimars Zaubernetz mir um Geist und Sinne.
+Mit offenen Armen, wie eine Heimkehrende, ward ich überall aufgenommen.
+Während langer Audienzen besprach die Großherzogin meine Arbeit im
+Goethe-Archiv mit mir. Sie blieb stets in jedem Wort und jeder Bewegung
+die unnahbare Fürstin, und doch lag ein mütterlicher Ausdruck auf ihren
+Zügen, wenn ich eintrat. Der kleine, derbe Erbgroßherzog, in allen
+Stücken das Gegenteil seines Vaters, glich ihm mir gegenüber in der
+Freundlichkeit, die durch seinen breiten Weimarer Dialekt und seine mit
+einer gewissen Absichtlichkeit übertriebene Verachtung aller Form noch
+um einen Schein herzlicher war, und seine gute, dicke Frau, die gewiß
+eine prächtige Landpastorin abgegeben hätte, unterstützte ihn darin.
+Mit der halben Hofgesellschaft verbanden mich verwandtschaftliche
+Beziehungen; Vettern und Kusinen sechsten und achten Grades behandelten
+einander hier in dem festgeschlossenen Kreise wie nahe Blutsverwandte.
+Wir waren in großer Gesellschaft, wenn kaum einer unter uns nicht »Du«
+zu dem anderen sagte.
+
+Wie ein süßer Duft verlöschter Wachskerzen schwebte die Erinnerung an
+das achtzehnte Jahrhundert über all diesen Menschen und ihrer Umgebung.
+Alles war verblaßt, was damals in Farben und Gefühlen gejauchzt und
+geschwelgt hatte: die Rosenteppiche, -- die gemalten Wangen, -- die
+Liebe. Und die raschelnden bauschenden Gewänder, die Schönpflästerchen,
+die bunten Westen, die weißen Perücken und Galanteriedegen hatten die
+Damen und Herren abgelegt. Sie sahen darum oft recht dürftig und
+ungeschickt aus. Nur wenn im Schloß die Lüster brannten und das blanke
+Parkett und die hohen Spiegel ihr Licht tausendfältig wiedergaben,
+schienen sie sich des alten Lebens bewußt zu werden. Sie tanzten und
+lachten und neigten sich und nippten vom süßen Weine, und ich selbst
+mitten darin kam mir vor wie ihresgleichen: ein Schatten der
+Vergangenheit.
+
+Auch in die Bürgerhäuser kam ich, wo Erinnerungen alter Zeiten in
+vergilbten Briefen, zärtlich-himmelblauen Stammbüchern, Ringen aus den
+Haaren der Liebsten, Prunktassen mit den Bildern der Unsterblichen
+verwahrt wurden. Der freundliche, ein wenig sentimentale, ein wenig enge
+Geist der dreißiger Jahre herrschte hier. Keine moderne Renaissance
+hatte die gradlinigen Biedermeiermöbel und die hellen Mullgardinen
+verdrängt, und trotzdem der Rausch der Farben und der Töne eines
+Böcklin, eines Liszt und Wagner ihr Auge und ihr Ohr getroffen hatte,
+standen sie inmitten der weichen Märchenträume Schwindscher Wälder, und
+in ihrem Inneren klangen die Volksweisen Felix Mendelsohns.
+
+Ich arbeitete jeden Vormittag in den Räumen des Goethe-Archivs, hoch
+oben im linken Schloßflügel, durch dessen Fenster der Blick weit über
+den Park hinweg schweifen konnte und das Ohr nichts vernahm als das
+leise Geschwätz zwischen der plätschernden Ilm und den grünen
+Baumblättern über ihr. Die gelehrten Herren, die mit mir arbeiteten,
+behandelten mich mit jener ausgesuchten Höflichkeit, die Mauern
+aufrichtet zwischen den Menschen. Sie beantworteten meine Fragen, sie
+brachten mir, was ich brauchte, sie verbeugten sich tiefer vor mir, als
+es nötig gewesen wäre, aber ich fühlte trotzdem die Geringschätzung des
+deutschen Gelehrten vor dem Weibe, das in seine Kreise dringt. Doch je
+länger ich in Weimar war, desto dichter umhüllte mich eine Atmosphäre
+des Weihrauchs, die mich nicht nur unempfindlich, sondern auch unnahbar
+hochmütig machte. Nur einer, der Direktor, ein geistvoller Sonderling,
+begegnete mir wie ein Mensch dem Menschen. Zuweilen aber kam es vor, daß
+ich seine väterlichen Ermahnungen, seine klugen Ratschläge, seine
+sarkastischen Kritiken nicht mehr vertrug. Nicht nur die Eitelkeit, die
+in der Treibhausluft der Salons so üppig gedieh, auch die Ungeduld, die
+mich oft mitten in der Arbeit packte, trug daran die Schuld.
+
+»Man degradiert sich zum Lumpensammler bei dieser ewigen
+Papierkorbarbeit,« rief ich einmal empört, als ich eine Notiz, die mir
+fehlte, durchaus nicht finden konnte.
+
+Der Direktor, der mir während der letzten Stunden geholfen hatte, sah
+mich stirnrunzelnd an.
+
+»Sie sind sehr jung und sehr voreilig, gnädiges Fräulein,« sagte er
+scharf. »Wer zur Vollendung eines Mosaikbildes ein einziges Steinchen
+braucht und Kisten und Kasten, selbst Bergwerke darnach durchforscht,
+der leistet eine wertvollere Arbeit, als mancher, der ein ganzes Gemälde
+in zwei Stunden hinpatzt. 'Beschränkung ist überall unser Loos,' sagt
+unser Meister, und mit vollem Bewußtsein einseitig werden, ist der
+Ausgangspunkt tüchtiger Leistung.«
+
+»Beschränkung ist überall unser Loos«, -- das bohrte sich in mein Gehirn
+-- ich suchte von da an meine Steinchen und unterdrückte mein Murren.
+
+An einem Lenztag, der so reich war, als hätten alle Lieder der Sänger
+Weimars sich in Duft und Glanz und Farben verwandelt, fuhren wir hinauf
+nach Belvedere. Der Großherzog hatte uns zum Frühlingsfest in sein
+Schlößchen geladen. In eine Laube von Maiglöckchen und Rosen war der
+runde Gartensaal verwandelt; durch die weit geöffneten Türbogen lachte
+der blaue Himmel, auf dem blinkenden Silber und den geschliffenen
+Kristallen der Tafel glänzte die Sonne, die Zahl der Tischgäste
+überstieg nicht die der Musen, und ein heiteres Gespräch, das wie der
+Wiesenbach alle Ecken und Kanten meidet und selbst die Steine
+streichelt, die ihm im Wege liegen, flutete hin und her. Warum nur meine
+Gedanken zuweilen den Faden verloren, und der Märchenwald am grünen
+Badersee mir wie eine Fatamorgana erschien und kühler Bergwind mir die
+Stirn umstrich? -- der Duft der Maiglöckchen war es wohl, der den Zauber
+hervorrief.
+
+In den Park geleitete uns unser Gastgeber nach dem Diner. Er zeigte mir
+das Labyrinth und die Naturbühne und wies mit liebevoller Bewunderung
+auf die sanften waldigen Hügelketten, die sich weit bis in die Ferne
+dehnten. »Das ist Schönheit,« sagte er, »ruhig-vornehme Schönheit, ein
+reiner Rahmen für echte Kunst, wie wir sie in Weimar gepflegt haben und
+pflegen werden. Ich freue mich, daß Sie uns helfen wollen. -- Sie werden
+in Weimar bleiben, nicht wahr?« Ich antwortete ausweichend. Er verstand
+mich falsch: »Eine Stellung zu finden, die Ihnen entspricht, dürfen Sie
+mir überlassen,« und mit einem freundlichen Händedruck wandte er sich
+anderen zu. Auf dem Heimweg gratulierten mir meine Verwandten. Graf
+Wendland, der hinter den Allüren eines tadellosen Hofmannes einen
+klugen, merkwürdig freien Menschen verbarg, meinte mit einem feinen
+Lächeln: »Der weiße Falke wird der Hofhistoriographin nicht fehlen. Ein
+Ziel, aufs innigste zu wünschen, nicht wahr?!«
+
+An demselben Abend war ich bei einer meiner vielen Tanten zum Souper.
+Aber es war eine, die nicht wie die vielen war, -- ein Original, über
+das die Familie die Achseln zuckte und die Köpfe schüttelte. Sie hatte
+sich schon in ihrer frühen Mädchenzeit Weimar zum Trotz ihr eigenes
+Leben geschaffen. Sie suchte sich ihre Hausfreunde unter den Künstlern
+und Dichtern, die sonst in Goethes Stadt doch nur zu wirksamen
+Dekorationsstücken der Hofgesellschaften verwendet wurden. So war sie
+allmählich zur mütterlichen Freundin all der jungen Menschen geworden,
+die hier auf der steilen Leiter zum Ruhm die ersten Schritte taten oder
+künstlerische Offenbarungen suchten. Und wem der Zwang des Hofes lästig
+wurde, wer frischere Luft brauchte, wem ein freies Wort auf der Zunge
+brannte, der kam zu ihr.
+
+Heute waren sie alle um ihren Teetisch versammelt, die Alten und Jungen:
+Lassens jovialer Künstlerkopf tauchte neben dem schönen Schillerprofil
+Alexander von Gleichens auf; ein paar auswärtige Freunde, Schriftsteller
+und Theaterdirektoren, die zum bevorstehenden Goethe-Gesellschaftstag
+schon angekommen waren, fanden sich ein; Richard Strauß stand schüchtern
+in einer Ecke, der blasse junge Kapellmeister, den die meisten
+verlachten, und der hier bei der gütigen Frau, die ihn eben in schwerer
+Krankheit gepflegt hatte, wie Kind im Hause war. Und schmal und blaß wie
+er, in altmodischem Sammetkleid und glattgescheiteltem Haar tauchte ein
+Mädchen -- nicht jung, nicht alt -- in der Türe auf, das mir die Tante
+schon oft als großes dichterisches Talent gepriesen hatte: Gabriele
+Reuter. Und eine junge Sängerin kam, eine bayerische Oberstentochter,
+die trotz ihrer schönen Stimme auf der Bühne nicht heimisch werden
+konnte und ängstlich, wie ein verirrter Vogel, nach Menschen suchte, die
+sich ihrer annahmen. Die Hausfrau dirigierte wie ein Feldherr die bunte
+Gesellschaft und das Gespräch, -- und warf ein geistvolles Wort hinein,
+wenn es auf die Landstraße allgemeinen Klatsches zu geraten drohte.
+Schließlich stritt man sich hitzig über Weimars Bedeutung für das
+geistige Leben der Gegenwart.
+
+»Künstler bedürfen der Ruhe,« sagte Gleichen, »aber sie verkommen und
+versauern, wenn sie nicht immer wieder mit einer Ladung von Ideen aus
+der Welt draußen hierher zurückkehren.«
+
+Lebhaft widersprach Werner von Eberstein, ein junger Historiker, der im
+großherzoglichen Hausarchiv tätig war. »Für den Mann der Wissenschaft
+gibt es nichts Besseres, als in diesen sicheren Port einzulaufen, wo
+nichts ihn von seinen Studien ablenkt.«
+
+Die Tante ergriff lebhaft Gleichens Partei. »Alten Leuten mag das
+entsprechen. Euch Jungen aber muß der Sturm erst tüchtig um die Nase
+blasen,« sagte sie. »Ausgegangen sind viele von hier, mit Schaffenskraft
+gesättigt, aber etwas geworden sind sie erst außerhalb unserer milden
+Luft. So gern ich Euch habe, Kinder, -- hinaustreiben möcht ich Euch
+alle miteinander,« und damit nickte sie dem schmalbrüstigen Musiker und
+der schüchternen kleinen Schriftstellerin zu, um sich gleich darauf an
+mich und an Eberstein zu wenden, der neben mir saß und ihr Neffe war:
+
+»Ihr seid beide schon in Vorschußlorbeeren eingewickelt bis an den Hals,
+aber trotzdem gebe ich euch noch nicht auf. Habt die Selbstverleugnung,
+sie abzureißen! Hoflust erstickt Talente, genau so wie die der
+Hinterhausstuben.«
+
+»Sie sind ganz blaß und still geworden, liebes Fräulein,« sagte
+Gleichen, als er mich spät in der Nacht nach Hause begleitete. »Glauben
+Sie, ich hätte meine verrückten Krautgärten malen können, wenn ich die
+Blumen und die Sonne nicht anderswo gesehen hätte als hier?!«
+
+Er kam mir vor wie ein alter Freund, obwohl ich ihm zum erstenmal
+begegnet war.
+
+»Aber vielleicht bedeutet Weimar für mich, was für Sie die übrige Welt
+bedeutet: Leben -- Befreiung?!« antwortete ich.
+
+»Nein,« sagte er energisch und drückte mir die Hand. »Nein -- Sie
+brauchen größeren Spielraum für Ihre Freiheit.«
+
+Ich wurde müder von Tag zu Tag. War es die tägliche stundenlange
+Morgenarbeit in den Archiven, war es die ununterbrochene Geselligkeit am
+Mittag und am Abend, die mich allmählich erschlafften? Ich wurde mir
+nicht klar darüber. Aber ich sehnte mich in die Stille der Berge, wo ich
+mit Hilfe der aufgehäuften Materialien mein Buch zu beginnen die Absicht
+hatte. Nur die Goethe-Tage wollte ich noch abwarten. Sie fielen in
+diesem Jahre mit dem Jubiläum des alten Theaters zusammen und zogen
+Berühmtheiten aus aller Herren Ländern nach Weimar. Auch meine Berliner
+Freunde fehlten nicht.
+
+»Habe ich ihnen nicht gut geraten?« meinte Professor Fiedler mit
+ehrlicher Freude, als er mich im Mittelpunkt der Gesellschaft, von
+Anerkennung und Schmeichelei umgeben, wiedersah.
+
+»Welch eine Ehre für mich, mein gnädiges Fräulein,« sagte der Mann mit
+dem Goethekopf, als er bei einem Diner neben mir saß.
+
+Und ich sah mit wachsendem Mißvergnügen, wie tief all die Männer der
+Kunst und Wissenschaft die grauen Köpfe vor den Fürsten neigten, wie sie
+erwartungsvoll, stumm und aufgeregt in Reih und Glied standen und ein
+Ausdruck von Beglückung das Gesicht jedes Einzelnen belebte, wenn der
+Großherzog ein paar nichtssagende Worte an ihn richtete. Ich wurde
+mißtrauisch gegen jeden, der mich zuvorkommend behandelte. Selbst die
+Freude an den Versen, die der greise Bodenstedt an mich richtete,
+verbitterte mir der Gedanke, daß nur der Glanz der Krone, in deren
+hellem Umkreis ich stand, mich dem Dichter als das erscheinen ließ, was
+er besang.
+
+Mit mir selbst zerfallen, saß ich am Vorabend meiner Abreise im dunklen
+Hintergrund der kleinen Hofloge des Theaters und sah den Faust. Wie
+seltsam geschah mir: Acht Wochen hatte ich in Goethes Stadt gelebt,
+hatte täglich die Luft geatmet, die droben im Archiv sein Lebenswerk in
+seinen Schriften umgab, und nun plötzlich sprach er selbst, und -- ich
+kannte ihn nicht! Als hätte ich sie niemals gelesen, niemals auswendig
+gewußt, trafen seine Worte mein Ohr; lauter grelle Blitze, die das
+Dunkel erhellten, lauter Donnerschläge, die mich erbeben ließen.
+
+Das war des Menschen Schicksal, das an mir vorüber rollte; mein eigen
+kleines Leben sah ich darin verflochten mit seinen Kämpfen und
+Niederlagen. Und vor einer Niederlage stand ich wieder. »Nur der
+verdient sich Freiheit, wie das Leben, der täglich sie erobern muß«
+dröhnte es mir in den Ohren.
+
+Am Ausgang des Theaters traf ich Gleichen. Ich drückte ihm die Hand.
+»Leben Sie wohl«, sagte ich. »Sie reisen?« Er sah mich forschend an.
+»Ja, -- und ich werde nicht wiederkommen.«
+
+Auf dem Frühstückstisch fand ich am nächsten Morgen zwei Briefe: vom
+Großherzog, der mich aufforderte, den Hof nach Wilhelmstal zu begleiten,
+von Tante Klotilde, die mir mitteilte, daß sie mich in diesem Sommer in
+Grainau nicht erwarten könne, weil sie, dem Rate meiner Mutter folgend,
+eine der Potsdamer Nichten zu sich gebeten habe. Ich zuckte
+unwillkürlich zusammen, als habe mir jemand hinterrücks einen Schlag ins
+Genick versetzt. »Also werd' ich nach Pirgallen gehen,« sagte ich laut,
+wie zu mir selbst.
+
+»Nach Pirgallen?!« frug die kleine Rokokogräfin erstaunt. »Man rechnet
+doch auf dich für Wilhelmstal!« »Ich werde ablehnen müssen, -- mein Buch
+soll zum Herbst fertig werden, -- ich brauche den Sommer zur Arbeit,«
+antwortete ich ein wenig zögernd. Es war ein paar Augenblicke still in
+dem weißen, von der Morgensonne hell durchfluteten Speisesaal. Nur der
+Teekessel sang, und draußen über das holprige Pflaster rasselte eine
+Hofequipage.
+
+»Überlege es dir reiflich,« begann Graf Wendland langsam und sah mit
+gerunzelter Stirn auf seine blanken Fingernägel. »Es ist vielleicht eine
+Lebensentscheidung, die du triffst«, -- ein langer prüfender Blick traf
+mich, -- »du weißt wohl noch nicht -- Prinz Hellmut hat am Mariental das
+Schloß seiner eben verstorbenen Tante übernommen ...«
+
+Wieder war es still. Ich hörte das Summen einer Biene am Fenster und
+sah, wie schwarz und schwer das alte eichene Buffet sich von der weißen
+Wand abhob. Mein Herzschlag setzte aus, um im nächsten Moment atemlos zu
+toben, wie eine rasende Maschine. Hellmut -- --! Er hatte mich gehen
+heißen, als ich mich ihm geben wollte -- --! Aber hatte er nicht, wie
+ich, unter dem Zwang großer, selbstverleugnender Liebe gehandelt -- --?
+Doch warum kam er nicht wieder -- jetzt, da er ein freier Mann war? --
+Ich strich mir mit eiskalten, zitternden Fingern die Locken aus der
+Stirn:
+
+»Mein Entschluß steht fest, -- ich gehe nach Pirgallen!«
+
+Und nun saß ich in Großmamas stillem, grünem Zimmer unter dem weißen
+Marmorbild ihres Vaters, und aus dem Garten grüßten die Jasminsträucher
+mit großen, süß duftenden Blüten. Niemand störte mich in dieser
+Einsamkeit. Onkel Walter fürchtete die Räume der Toten, als ginge ihr
+Geist darin um. Mama glaubte mich bei der Arbeit, der Vater ritt mit dem
+Schwesterchen durch die Wälder, wie einst mit mir. Ich hatte arbeiten
+wollen. Bücher und Notizen lagen in großen Stößen auf dem Tisch der
+Altane. Aber sobald ich sie aufschlug, schrumpften mir alle Gedanken
+ein. Tot und leer waren all die vielen Papiere, -- wie sollte je etwas
+Lebendiges aus ihnen hervorgehen. Und was gingen mich im Grunde die
+fremden Dinge und Menschen an? Was würde die Welt davon haben, wenn ich
+des langen und breiten von denen erzählte, die im Dunkel geblieben
+wären, wenn nicht ein ganz Großer sie in seine Nähe gezogen hätte?
+
+In Großmamas Bücherschrank standen Goethes Werke in langer Reihe mit
+grünen Einbänden und weißen runden Schildern auf dem Rücken. Ich begann
+zu lesen -- stundenlang, tagelang, wochenlang --. Und je mehr ich las,
+desto mehr zog ich mich in die Räume zurück, die eine stille Insel waren
+mitten im Weltgetriebe. Täglich schmückte ich sie mit frischen Blumen,
+wie Großmama es getan hatte, und zog des Nachts die dunkeln
+Sammetportieren vor Türen und Fenster und steckte die Ampel an mit der
+großen Flamme unter dem sonnengoldnen Seidenschirm. Wenn ich dann halb
+die Augen schloß, sah ich das Zimmer erfüllt wie von einem flimmernden
+Nebel, aus dem die Statue Goethes immer größer und lebendiger
+hervorwuchs.
+
+»Rede zu mir, Meister!« flehte meine Seele. Und er redete.
+
+»Dein Leben sieht einer Vorbereitung, nicht einem Werke gleich,« zürnte
+er.
+
+»Ach, welch ein Werk bleibt mir zu tun?!« schrie meine Seele.
+
+»Bleibe nicht am Boden haften -- frisch gewagt und frisch hinaus,« hörte
+ich die Stimme des Mahners, »dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm,
+-- tätig zu sein, ist seine Bestimmung!«
+
+»So zeige meiner Kraft eine Tat --«, und sehnsüchtig streckte meine
+Seele die gefalteten Hände empor zu ihm.
+
+»Ein edler Held ists, der fürs Vaterland, ein edlerer, der für des
+Landes Wohl, der edelste, der für die Menschheit kämpft....«
+
+Zu einem Tempel weitete sich das Zimmer, und von den Marmorwänden
+klangen dröhnend die Worte seines Hohenpriesters wider.
+
+Der Boden leuchtete wie ein einziger Rubin, -- tränkte ihn der
+Menschheit ganzes, blutrotes Leiden?
+
+Hingestreckt lag meine Seele vor dem Altar.
+
+»Nenne mir Ziel und Maßstab meines Strebens!« flüsterte sie.
+
+»... Solch ein Gewimmel möcht ich sehn -- auf freiem Grund mit freiem
+Volke stehn....«
+
+Nicht mehr der eine war es, der also sprach, es war ein Chor von
+Millionen Stimmen, und alle Hoffnung der Verlassenen, alle Sehnsucht
+deren, die zu leben begehren, tönte darin.
+
+Ein Brief von Egidy, erfüllt von den Ereignissen der Gegenwart und
+seinen Plänen für die Zukunft, gab mich der Wirklichkeit zurück, und in
+unsicheren Umrissen sah auch ich ein Feld der Betätigung vor mir. »Ihre
+Übersiedelung nach Berlin freut mich außerordentlich,« antwortete ich
+ihm, »und wenn ich Ihnen heute auch noch mit keinem Ja auf die Frage, ob
+ich Ihre Mitkämpferin werden kann, zu antworten vermag, so steht das
+Eine für mich fest: ich werde meine Kraft nicht im Durchstöbern alter
+Folianten verzehren und die Luft nicht durch Aufwirbeln ruhenden Staubes
+verdunkeln. Ich weiß, daß dem Christentum des Wortes das der Gesinnung
+und der Tat folgen muß, -- nur zweifle ich noch, ob wir dann auf den
+Namen Christentum noch ein Recht haben.
+
+Mein Entschluß, Weimar endgültig aufzugeben, hat in meiner Familie viel
+Entrüstung hervorgerufen. Meine Mutter sieht darin einen neuen Beweis
+für meine Charakterschwäche. 'Alix ist noch niemals konsequent bei der
+Sache geblieben, -- sie wechselt ihre Neigungen für Menschen und Dinge
+wie alte Handschuhe,' meinte sie. Ich selbst aber fange an zu glauben,
+daß in dieser Inkonsequenz die einzige Konsequenz meines Lebens liegt.
+Alles und Alle sind Stufen, und ich bin noch keine rückwärts gegangen.
+Papa war traurig --, was mir immer am meisten weh tut. Mein Onkel
+dagegen hat mir eine Rede gehalten, deren Quintessenz war, daß ich
+lieber heiraten solle, statt modernen Schwarmgeistern zu verfallen.
+
+Wir reisen nächste Woche nach Haus.
+
+Ich gehe noch einmal alle alten Wege, und oft steigen mir plötzlich die
+Tränen in die Augen, wenn ich den breiten efeuumsponnenen Turm von
+Pirgallen vor mir sehe. Er war etwas Lebendiges für mich; ein treuer,
+starker Freund, ein Wahrzeichen vieler Kinderjahre, die zu seinen Füßen
+wuchsen und in seinem Schutz. Nun hat er die Seele verloren, seit
+Großmama ihn verließ. Es ist auch für mich Zeit, zu gehen. Aber soviel
+Stärke auch die Erkenntnis verleiht und der Entschluß, -- der Abschied
+von den Toten tut weh. Und mir ist, als sähe ich sie nie wieder ....«
+
+
+
+
+Siebzehntes Kapitel
+
+
+Septembersonne! In mattem Blaugrün spannt sich der Himmel über Berlin;
+alles Licht ist gedämpft, und die Schatten haben einen silbernen Ton.
+Auf den Anlagen der großen Plätze und in den Vorgärten der Häuser, die
+die Kultur mühsam dem spröden Sandboden abgerungen hat, feiert sie jetzt
+ihre größten Triumphe: vom hellen Gelb der Linden bis zum dunkeln Rot
+der Blutbuchen leuchten alle Farben des Herbstes; aus dem grünen
+Rasenteppich glänzen Astern in sanftem Violett und müdem Blau, während
+sich in wehmütigem Sterben blasse Rosen an die weißen Steinstufen der
+Estraden schmiegen. Goldene Blätter tanzen in lind bewegter Luft, und
+unter den Bäumen sitzen auf weißen Bänken jene modernen Frauen der
+Großstadt, die starke Farben scheuen wie starke Gefühle und Kleider
+tragen, die aussehen, als wären sie in der Sommersonne verblichen.
+
+Täglich, am frühen Nachmittag, gingen wir vier in den nahen Zoologischen
+Garten, wo sich die Bewohner des Westens am Neptunteich unter den
+Musikkapellen ein Stelldichein gaben. Hier traf sich der behäbige
+Spießbürger mit Freunden und Verwandten, im stillen beglückt, nach der
+vorschriftsmäßigen Sommerreise wieder ruhig am rotgedeckten Tisch zu
+sitzen, statt schwitzend und prustend Ausflüge abzuklappern. Hier
+erschien in schäbiger Eleganz die Offiziers- und Beamtenwitwe, um ihre
+schon stark angejahrten, interessant verschleierten Töchter vor
+Männeraugen spazieren zu führen. Hier ließen sich mit der Stickerei und
+dem mitgebrachten Kuchen zu stundenlangem Klatsch all die Überflüssigen
+nieder, an denen das weibliche Geschlecht so reich ist. Droben aber vor
+dem Restaurant, wo die weißen Tischtücher weithin sichtbar die Klassen
+schieden, tauchten elegante Toiletten und bunte Gardeuniformen auf, und
+Rücken an Rücken mit der vornehmen Frau der Hofgesellschaft saß im Glanz
+ihrer Brillanten und schwarzen Augen die schöne Otero und ihresgleichen.
+Jenseits jedoch, auf dem Hügel hinter dem Neptun, fanden die Stillen
+sich ein, die Musik- und die Naturschwärmer, die Nebenabsichtslosen mit
+ihren Büchern und ihren Zeitungen. Sie alle sahen unten auf der
+Lästerallee den bunten Strom kokettierender Jugend an sich
+vorüberfluten: bartlose Knaben mit erzwungener Blasiertheit, kurzröckige
+Mädchen mit heißen Augen; greisenhafte Jünglinge, lüstern nach Beute um
+sich schauend; korrekte junge Damen, glatt gescheitelt, mit kühlen,
+bleichen Wangen.
+
+Nachdem die erste Neugierde gestillt war, ging ich nicht gern hierher;
+es kam mir wie Zeitverschwendung vor, und überdies sah ich mit leiser
+Angst mein reizendes Schwesterchen im Kreise flirtender Backfische und
+Gymnasiasten. Aber mein Vater liebte den Verkehr mit alten Freunden, die
+hier immer zu finden waren, und meine Mutter amüsierte der
+großstädtische Trubel. Bald hatten auch wir unseren Stammtisch unter
+der großen Kastanie bei der Musikkapelle, und Menschen verschiedenster
+Art gesellten sich zu uns, die nur ein gemeinsames Gefühl aneinander zu
+fesseln schien: die Unzufriedenheit. Das Leben hatte ihnen allen nicht
+gehalten, was sie sich von ihm versprochen hatten, und sie gaben nicht
+sich die Schuld, und nicht den Verhältnissen, -- wodurch Unzufriedenheit
+zum Hebel der Tatkraft werden kann, -- sondern den heimlichen Feinden im
+Militär- und Zivilkabinett und den Intriganten am neuen Kaiserhof.
+
+Es waren Männer darunter, die, um die magere Pension zu erhöhen und
+ihren Frauen und Töchtern standesgemäße Toiletten, ihren Söhnen die
+Leutnantszulage zu sichern, halbe Tage als Agenten der verschiedensten
+Versicherungsgesellschaften Trepp auf, Trepp ab liefen, und nachmittags
+im Zoologischen den Junker spielten, der von seinen Renten lebt. Andere,
+die für ihre ungebrochene Kraft eine Beschäftigung, für ihre leere Zeit
+eine Ausfüllung brauchten, griffen zu den seltsamsten Hilfsmitteln. Der
+eine vergrub sich in heraldische Studien, ein zweiter sammelte
+Briefmarken, ein dritter widmete jede Stunde und jeden Gedanken dem
+Studium Dantes, ein vierter ging im Spiritismus auf und hatte täglich
+andere Geistererscheinungen. Aus Langerweile ließ ich mich mit diesem
+seltsamen Kauz, einem Obersten von Glyzcinski, dessen robuste
+Erscheinung mit dem breiten roten Gesicht wenig an einen Geisterseher
+erinnerte, oftmals in Gespräche ein und amüsierte mich im stillen
+darüber, auf welch vertrautem Fuß er mit dem lieben Gott stand, und wie
+glühend er zu gleicher Zeit die Kirche und ihre Diener haßte. Dankbar
+für mein vermeintliches Interesse brachte er mir täglich andere Bücher
+und Broschüren und lief geduldig die Lästerallee mit mir auf und ab,
+wenn ich es in der von Ärger und Mißgunst geschwängerten Atmosphäre
+unserer Tafelrunde gar nicht mehr aushalten konnte.
+
+So gingen wir gerade einmal wieder von einer Musikkapelle zur anderen,
+als der Oberst plötzlich stehen blieb.
+
+»Wie gehts dir, Vetter?« hörte ich ihn sagen; mein Blick fiel durch den
+Schwarm Vorübergehender hindurch auf ein schmales Gesicht, von dichtem
+braunem Bart umrahmt, aus dem zwei tiefe, strahlende Kinderaugen
+herausleuchteten, wie von großer innerer Freude erhellt. »Gut -- sehr
+gut,« antwortete eine Stimme, die wie ein voller Geigenton klang. Welch
+glücklicher Mensch muß das sein, dachte ich mit stillem Neid. In dem
+Augenblick schoben sich die Menschen zwischen uns auseinander, -- ich
+sah einen Rollstuhl, -- eine dunkle Pelzdecke, -- zwei ganz schmale,
+weiße Hände, deren blaues Geäder wie mit einem feinen Pinsel gezogen
+war, -- einen schmächtigen Oberkörper -- -- unmöglich! -- das konnte
+doch der Mann nicht sein mit den strahlenden Kinderaugen! Aber schon
+richteten sie sich auf mich -- verwirrt sah ich zu Boden. »Entschuldigen
+Sie ...« sagte mein Begleiter im Weitergehen. »Wer war das?« frug ich
+hastig, noch im Bann tiefen Erstaunens.
+
+»Professor von Glyzcinski -- mein Vetter,« lautete die lakonische
+Antwort.
+
+»Können Sie mich mit ihm bekannt machen?« Mein rasch entstandener Wunsch
+formte sich ebenso rasch zur Bitte. Der Oberst runzelte die Brauen.
+
+»Er ist Atheist und Sozialist,« kam es mit harter Betonung über seine
+Lippen.
+
+Ich zuckte zusammen und konnte dem Schauder nicht wehren, der mir
+zitternd über den Rücken lief. Aber mein Wunsch wurde nur noch stärker.
+
+»Stellen Sie mich vor,« bat ich dringend. Er sah mich von der Seite an:
+»Aber die Verantwortung tragen Sie allein!«
+
+Wir drehten um. Ein kurzes Zeremoniell: »Fräulein von Kleve möchte dich
+kennen lernen, Georg, -- sie ist Schriftstellerin.«
+
+Des Professors Gesicht schien sich noch mehr zu erhellen. »Dann freue
+ich mich doppelt Ihrer Bekanntschaft,« sagte er, und seine Hand umfaßte
+die meine mit einer kräftigen Herzlichkeit, die ich ihr nicht zugetraut
+hätte. »Jede arbeitende Frau ist ein Gewinn für unsere Gesellschaft.«
+
+»Auch ein Gewinn für die Kunst und die Wissenschaft?« meinte ich
+zweifelnd.
+
+»Gewiß! Sobald alle Universitäten und Akademien ihnen offen stehen, wie
+den Männern!« Ich sah ihn verwundert an. Nur aus Witzblättern hatte ich
+bisher vom Frauenstudium erfahren, und hie und da war mir eine russische
+Studentin mit ausgetretenen Stiefeln, zerfranstem Rock und kurz
+geschorenen Haaren begegnet, die meine tiefe Abneigung gegen die
+Verleugnung der Weiblichkeit nur steigerte. Zögernd äußerte ich meine
+Ansicht. Der Professor lächelte. Die Witwe mit den angejahrten Töchtern
+ging gerade vorüber.
+
+»Sind diese armen alten Mädchen, die nun schon seit Jahren hier auf den
+Heiratsmarkt geführt werden, vielleicht würdigere Vertreter der
+Weiblichkeit?« sagte er, »die russische Studentin ziehe ich ihnen
+jedenfalls vor; und so arm sie sein mag, -- sie selbst würde keinenfalls
+mit ihnen tauschen mögen. Denn sie hat ihre Freiheit, ihre Arbeit und
+ist tausendmal reicher als jene.« Er schwieg, aber da ich nicht
+antwortete -- das was er sagte war mir in seiner einfachen
+Selbstverständlichkeit doppelt überraschend --, fuhr er nach einer Pause
+fort: »Stellen Sie sich eine Frau in meiner Lage vor, -- wie unglücklich
+müßte sie sich fühlen, weil sie nicht nur von vielen Freuden des Lebens
+ausgeschlossen, sondern vor allem, weil sie nutzlos, weil sie
+überflüssig ist. Ich aber bin vollkommen glücklich!«
+
+Der Professor lehnte sich tief in den Rollstuhl zurück, legte die Hände
+übereinander auf die schwarze Pelzdecke und sah mit einem Ausdruck der
+Verklärung über die Menschen hinweg in die gelben tanzenden Blätter, in
+die rosigen Abendwolken hinein. Mein Herz klopfte zum Zerspringen. Ich
+war keines Wortes mächtig und dankbar, daß die Eltern, die mich suchten,
+mich jeder Antwort überhoben.
+
+Von nun an war ich es, die die Nachmittage nicht erwarten konnte, die,
+als es immer herbstlicher wurde, und kälter und trüber, oft allein den
+gewohnten Weg ging, um in dem stiller und stiller werdenden Garten den
+Mann zu suchen, dessen durchsichtige Krankenhand mich auf steile Höhen
+mit endlosen Fernsichten und in dunkle Tiefen voll überquellender
+Schätze führte. Ohne daß er eine Frage stellte, lockte der warme Strahl
+seiner Augen meine verborgensten Gedanken ans Tageslicht, und wo sie
+wirr auseinanderfielen, wie vom Sturm zerrissene Telegraphendrähte,
+knüpfte er sie wieder vorsichtig zusammen. Er brachte mir Bücher,
+Zeitungen und Zeitschriften mit und wenn ich damit beladen nach Hause
+kam, wurde es mir schwer, mich von ihnen zu trennen und zu meiner Arbeit
+zurückzukehren. Ich hatte mancherlei Versprochenes und Begonnenes zu
+vollenden und tat es widerwillig, nur von dem Gedanken erfüllt, mich auf
+eigene Füße zu stellen.
+
+Aber der Professor verstand es, mir selbst diese Arbeit wieder wertvoll
+zu machen. »Wie viele große, gute und gefährlich umstürzlerische Ideen
+können Sie einschmuggeln, wenn Sie nur Ihren Goethe tüchtig ausnutzen,«
+meinte er, »und die vielen kleinen Flämmchen, die Sie entzünden,
+schlagen schließlich zu einer großen Flamme zusammen.«
+
+Daß diese Arbeit nicht die meine bleiben dürfe, -- davon war er freilich
+auch überzeugt, doch er lachte mich aus, -- mit einem hellen frohen
+Gelächter, das von Spott nichts weiß --, als ich sagte, für mich gebe es
+nichts zu tun. »Die Fülle der Aufgaben müßte Sie vielmehr erdrücken,
+wenn Sie nicht so stark wären, alle auf sich zu nehmen,« versicherte er
+mir.
+
+Ich vertiefte mich auf seinen Rat in die Literatur der amerikanischen
+und englischen Frauenbewegung. Ihre Ideen erschienen mir nur als die
+notwendige Konferenz meiner eigenen. Unter der Unfreiheit hatte ich
+gelitten, die Unmöglichkeit, meine geistigen Fähigkeiten auszubilden und
+zu betätigen, hatte mich fast erdrückt. Ich las Condorcet und John
+Stuart Mill und lernte die Heldenkämpfe der Amerikanerinnen um die
+Befreiung der Sklaven kennen. »Sie alle haben ein Recht, sich den
+Männern gleich zu stellen,« sagte ich zum Professor, »denn wie sie
+opferten diese Frauen Gut und Blut für die Freiheit. Aber wir?!«
+
+»Die Verleihung politischer Rechte ist doch auch beim Mann nicht die
+Konsequenz heroischer Taten!« antwortete er. »Und wenn sie überhaupt an
+irgend eine Bedingung geknüpft wäre, so würde mir nur eine gerecht
+erscheinen: das Maß des Leidens. Wer am meisten leidet, sollte die
+weitestgehenden Rechte haben, um die Ursachen seiner Leiden zu
+beseitigen. Meinen Sie nicht, daß die Frauen in diesem Fall in erster
+Linie stünden?!«
+
+Ich dachte an die Arbeiterinnen Augsburgs und konnte ihm nur zustimmen.
+Am nächsten Tage brachte er mir ein Paket Zeitungen mit. Rote und blaue
+Striche an den Rändern zeugten von der sorgfältigen Lektüre. Aber als
+ich sie auseinanderfaltete, erschrak ich: »Die Volkstribüne,
+Sozialistische Wochenschrift« stand als Titel groß darüber. Jetzt zuckte
+es doch wie ein ganz leiser Spott um die Lippen des Professors:
+
+»Also auch Sie fürchten sich vor den Sozis!« meinte er lächelnd. »Lesen
+Sie nur dies Blatt, -- ich habe mehr daraus gelernt, als aus manch
+dickleibigem Buch gelehrter Kollegen!«
+
+Und ich nahm mir die Blätter mit und las sie und war so vertieft, daß
+ich erst merkte, wie spät es war, als mein Vater draußen die Entreetür
+aufschloß. Er kam aus Brandenburg zurück, wo er an dem Jubiläumsfest
+seines alten Regiments teilgenommen hatte.
+
+»Wie, du bist noch auf?« rief er. »Da kann ich dir ja noch Egidys Grüße
+bestellen!« Damit trat er ein. »Ich wußte gar nicht, daß er
+Fünfunddreißiger gewesen ist, ehe er zur Kavallerie ging. Übrigens ein
+famoser Kerl, tapfer und ehrlich. Und, -- stell dir vor! -- die
+Rasselbande hat ihn geschnitten! Kannst dir denken, daß ich ihm um so
+deutlicher meine Anerkennung für seine Überzeugungstreue aussprach. Er
+wäre mir beinahe um den Hals gefallen vor Dankbarkeit.«
+
+In diesem Augenblick entdeckte mein Vater die »Volkstribüne«, die offen
+vor mir lag. Die Ader schwoll ihm auf der Stirn, und blaurot färbten
+sich seine Züge. »Was für ein Schuft hat dir diese Zeitung in die Hände
+geschmuggelt?« schrie er, »vor meine Pistole mit dem infamen Patron!«
+
+»Ich habe sie mir gekauft,« log ich, »man muß auch seine Gegner aus
+ihren eigenen Schriften kennen lernen.«
+
+Mein Vater nahm wütend die Blätter vom Tisch und zerriß sie. »Bring mir
+solche Schweinereien nicht wieder ins Haus!« drohte er mit erhobener
+Faust. »Von Leuten, die das Vaterland verraten, den Meineid predigen und
+den Fürstenmord, darf meine Tochter nicht einmal einen Fetzen Papier in
+Händen haben!« Und wütend warf er die Tür ins Schloß.
+
+Am nächsten Vormittag besuchte uns Egidy. Den Zylinder in der Hand, in
+militärisch strammer Haltung wie zu einer dienstlichen Meldung stand er
+vor meinem Vater.
+
+»Die Wohltat, die Eure Exzellenz mir in Brandenburg erwiesen, rechne ich
+zu den höchsten Empfindungen inneren Glücks, die mich bisher in meinem
+Leben beseelten. Euer Exzellenz Worte sind -- ich sage nichts, als was
+ich fühle, -- die größten, die an mich heranklangen, seit ich tat, was
+mir Pflicht schien.« Scharf und bestimmt sprach er, und dann erst wandte
+er sich zu meiner Mutter und mir.
+
+»Darf ich Ihnen meine Töchter bringen?« frug er mich. »Es sind brave
+Kinder, die alles tapfer mit mir getragen haben und doch wehmütig
+empfinden, wie sie aus ihrer Bahn gerissen wurden.« Ich reichte ihm die
+Hand.
+
+»Selbstverständlich, Herr von Egidy! Was ich den Ihren sein kann, will
+ich mit Freuden sein,« antwortete ich.
+
+»Und darf ich nicht nur auf Ihre Freundschaft, sondern auch auf Ihre
+Mitarbeit rechnen?« Er streckte mir noch einmal die Hand entgegen.
+
+Ich legte die meine zögernd hinein: »Auf meine Freundschaft, ja! Meine
+Mitarbeit aber kann ich Ihnen noch nicht versprechen!«
+
+Sein Blick verfinsterte sich. »Ihr Herr Vater ehrt die
+Überzeugungstreue ...« sagte er mit Betonung.
+
+»Und ich werde meiner Überzeugung zu folgen wissen!« entgegnete ich
+gereizt.
+
+Am Nachmittag erzählte ich dem Professor von Egidy und meinen
+Beziehungen zu ihm. Ich war noch verärgert, und mein Urteil über die
+Halbheit, die ihn zwang, an dem Namen »Christentum« festzuhalten, mochte
+nicht gerade milde klingen. Der Professor schüttelte den Kopf, -- ein
+deutliches Zeichen seines Mißfallens. »Sie verlangen wirklich ein
+bißchen viel, gnädiges Fräulein! Ist es nicht schon einzig und unerhört
+und höchst erfreulich, daß ein Mann, wie er, in dieser Weise den Kampf
+gegen das traditionelle Christentum aufnimmt? -- Zahllose Menschen, die
+für die Worte ausgesprochener Freidenker nur taube Ohren haben, werden
+ihn hören, und ihr erster Schritt auf der schiefen Ebene wird dann nicht
+ihr letzter sein!«
+
+Ich dachte meiner eigenen Erfahrungen und gab ihm Recht. Hatte unser
+Gespräch sich bisher wesentlich um die Frauenfrage gedreht, so kamen wir
+heute zum erstenmal auf religiöse Fragen zu sprechen. Ich erzählte ihm
+von meiner Entwicklung. Er hörte mit sichtlichem Interesse zu und sprach
+mir dann von der seinen.
+
+»Religiöse Gewissenskämpfe sind mir fremd geblieben,« begann er. »Bis
+ich in die Schule kam, wußte ich nichts von Religion. Als meine Mutter
+mich zu meinem Klassenlehrer brachte und er mich frug, was ich vom
+lieben Heiland wüßte, gab ich erstaunt zur Antwort, daß ich von dem Land
+noch nie etwas gehört hätte. Der Schulreligionsunterricht bestand dann
+eigentlich nur im mechanischen Auswendiglernen, was ich ebenso
+gedankenlos absolvierte, wie irgend welche Tabellen oder grammatische
+Regeln. Was dem Gemüt vieler Kinder die Religion bieten mag, das bot mir
+die Natur; und da ich von klein an schwächlich war und meinen
+Altersgenossen und ihren Spielen infolgedessen ziemlich fern blieb,
+unterstützten meine Eltern meine Passionen. Mein Zimmer war immer ein
+wahres Aquarium, und das Leben der Tiere und der Pflanzen mit all seinen
+Wundern lernte ich mit steigendem Entzücken zuerst aus eigenen
+Beobachtungen kennen. Jetzt habe ich nur noch ein paar Vögel und ein
+Blumenfenster,« -- er lächelte wehmütig, »seit meine Mutter im vorigen
+Jahre starb und ich bewegungslos bin, würde doch keiner für meinen
+Privat-Zoo sorgen können!« Mit der ihm charakteristischen Gebärde reckte
+er den Oberkörper, als wollte er eine peinliche Erinnerung energisch
+abstoßen -- »und allmählich sind mir denn doch die Menschen
+interessanter geworden als die Tiere. Ich studierte Philosophie, weil es
+das einzige ist, was ein Mann wie ich zu seinem Lebensberuf machen kann.
+Aber meine unglückliche Liebe zu den Naturwissenschaften ist doch gleich
+in meiner Doktordissertation zum Ausdruck gekommen, in der ich die
+philosophischen Konsequenzen der Darwinschen Evolutionstheorie
+behandelte. -- Sie müssens mal lesen, gnädiges Fräulein, -- ich habe
+noch heute meine Freude dran, obwohl der liebe Gott noch bedenklich
+zwischen den Zeilen spukt! Dann hab ich mich hier habilitiert. -- Ich
+wohnte bei meiner guten Mutter, einer blitzgescheiten Frau -- schade,
+daß Sie sie nicht mehr kannten! --, die mit dem lieben Gott auf
+besonders gespanntem Fuße stand, weil er ihren Jungen zum Krüppel hatte
+werden lassen. Und ein bißchen mag das auch bei mir dazu beigetragen
+haben, an seiner Existenz allmählich zu zweifeln. Bei näherem Nachdenken
+konnte ich die geistigen Kapriolen der frommen Leute nicht mitmachen,
+die nötig sind, wenn man das unverschuldete Elend in der Welt, wenn man
+Unrecht und Verbrechen mit dem allgütigen und allmächtigen Himmelsvater
+in Einklang bringen will. Wäre er, so müßte er entweder ein herzloses
+Scheusal oder das unglückseligste aller Wesen sein, das gezwungen ist,
+untätig zuzusehen, wie seine Geschöpfe sich zerfleischen!« Die Stimme
+des Professors hatte sich gehoben, seine Augen funkelten, sein ganzer
+zarter Körper schien von starker Energie gespannt.
+
+»Und doch sind Sie ein glücklicher Mensch geworden!« sagte ich mehr zu
+mir selbst als zu ihm.
+
+»Das habe ich wieder den Naturwissenschaften und meinen vielen lieben
+Freunden zu verdanken.«
+
+»Ihren Freunden?!«
+
+»Denen, die immer um mich sind und nur reden, wenn ich sie brauche: den
+Büchern. Darwins Entwicklungsgesetz war es, das mich zuerst mit einem
+unbeschreiblichen, unzerstörbaren Glücksgefühl erfüllte, denn es
+festigte meinen Glauben an die unendliche sittliche und intellektuelle
+Vervollkommnungsfähigkeit der Menschennatur, und er trat an die Stelle
+des Glaubens an einen unbeweisbaren Gott.«
+
+Das Herz klopfte mir vor Freude; ich umfaßte unwillkürlich mit meiner
+heißen Hand seine kühlen Finger: »Ich danke Ihnen -- danke Ihnen
+tausendmal,« kam es vor Erregung bebend über meine Lippen, »so bin ich
+doch nicht mehr allein mit dem, was ich dachte und fühlte, und was mir
+fast schon zu entschwinden drohte. Einmal, in einer glücklichen Stunde,
+schrieb ichs auf, -- darf ich es Ihnen bringen?«
+
+»Ich bitte Sie darum!« Ein warmer Blick traf mich, -- er schien mich
+ganz und gar zu umfassen. »Sollte ich doch am Ende wieder an den lieben
+Gott glauben müssen -- der mir eine Frau wie Sie in den Weg geschickt
+hat?!«
+
+Die Eltern kamen und holten mich ab. Mein Vater war merkmürdig kurz
+angebunden. »Du wirst deinen Verkehr mit dem Professor beschränken
+müssen,« sagte er auf dem Nachhausewege, »Walter sagte mir, daß er im
+Rufe steht, einer der gefährlichen Kathedersozialisten zu sein.« --
+»Daß er Gott verleugnet, hat er neulich mit zynischer Frivolität selbst
+zugestanden,« fügte Mama mit hochrotem Gesicht hinzu.
+
+»Wenn er es tat, so ist es weder zynisch noch frivol, sondern ein Beweis
+derselben tapferen Überzeugungstreue, die Ihr an Egidy zu rühmen
+pflegt,« antwortete ich.
+
+»Ein Atheist ist ein Verbrecher,« stieß Mama aufgeregt hervor; dann
+schwiegen wir alle, in dem gemeinsamen Gefühl, auf der Straße keine
+Szene provozieren zu wollen.
+
+Als am nächsten Tage der Herbst mit Sturm und Regen durch die Straßen
+fegte und die Bäume arm und kahl zurückließ, die eben noch im Glanz
+ihres bunten Kleides geprangt hatten, atmete Mama förmlich erleichtert
+auf: »Nun haben die Zoo-Nachmittage ein Ende!«
+
+Ich aber nahm mein altes Glaubensbekenntnis und mein kleines schwarzes
+Buch und verließ das Haus zur gewöhnlichen Stunde.
+
+Über den öden Wittenbergplatz führte mein Weg an einer Reihe von
+Neubauten vorbei, aus denen ein feuchter Kellergeruch mir
+entgegenströmte, der mich frösteln machte. Die Kleiststraße ging ich
+entlang, deren neue Häuser, wie lauter Parvenüs, sich durch überladenen
+Schmuck gegenseitig zu überbieten suchten, und bog dann in die stille
+dunkle Nettelbeckstraße ein. Schüchterne Sonnenstrahlen, die gerade die
+Wolken durchbrachen, trafen nur noch die Dächer der Häuser. In eins
+davon trat ich.
+
+»Professor von Glyzcinski?« Die Portierfrau musterte mich von oben bis
+unten. »Gartenhaus -- parterre!« Der Hof war noch enger und lichtloser
+als bei uns, und die Treppe war vollkommen finster. Auf mein Klingeln
+öffnete der Diener. Im Flur konnte ich die Hand nicht vor Augen sehen.
+Im nächsten Moment aber schloß ich sie geblendet. Aus der Tür, durch die
+ich ins Zimmer trat, strömte ein Meer von rotgoldenem Licht.
+
+»Willkommen, mein liebes, gnädiges Fräulein!« hörte ich des Professors
+weiche Stimme sagen.
+
+Und nun erst sah ich ihn: am Fenster saß er, das dicht von wildem Wein
+umsponnen, den Blick in lauter Gärten schweifen ließ. Auf die Bücher und
+Papiere, die den Schreibtisch vor ihm bedeckten, malte die Sonne lauter
+runde blinkende Silberflecken und streichelte an der Wand gegenüber die
+vielen, schön aneinander gereihten Bücher. Zwei Vögel mit
+buntschillernden Flügeln flatterten, durch meinen Eintritt
+aufgescheucht, durch den Raum und ließen langgezogene Flötentöne hören.
+
+Auf den breiten Lehnstuhl neben dem Schreibtisch deutete einladend die
+weiße Hand Glyzcinskis, der mir mit seinen Kinderaugen und dem
+wesenlosen, unter Decken verborgenen Körper wie ein Zauberer inmitten
+seines Märchenreichs erschien. Flüchtig tauchte mein dunkles Zimmer vor
+meinem inneren Auge auf, -- hatte meine Sehnsucht nicht dieses
+Märchenreich längst gesucht?
+
+»Wissen Sie, daß ich Sie mit Bestimmtheit erwartet habe?!« sagte er,
+»darum gibt es auch heute Kuchen zum Kaffee, wie an einem Festtag!« Er
+versuchte von dem Tischchen aus, das der Diener hereingetragen hatte
+mich zu bedienen. »Das ist Frauensache!« lachte ich und nahm ihm die
+Kaffeekanne ab. Wie alte Freunde saßen wir beieinander.
+
+Und dann las ich ihm »Wider die Lüge« vor.
+
+»Daß Sie mir nichts Gewöhnliches bringen würden, wußte ich,« bemerkte er
+langsam nach einer kurzen Pause, die mich schon ganz ängstlich gemacht
+hatte. »Von keinem meiner Studenten dürfte ich so viel Geist und Kraft
+und Selbständigkeit erwarten ... Ich habe lange über Sie nachgedacht,
+aber das Resultat dieses Nachdenkens hätte ich noch für mich behalten,
+wenn Sie mir nicht diesen Einblick in Ihr Geistesleben gewährt haben
+würden. Nun möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen, dessen
+selbstsüchtige Beweggründe mein Gewissen freilich arg belasten: Sie
+haben keinen Bruder, ich keine Schwester, -- lassen Sie mich Ihren
+Bruder sein, und gestatten Sie mir dann als solchem, mich Ihrer
+anzunehmen. All die guten Freunde drüben --« er zeigte auf den
+Bücherschrank -- »will ich Ihnen vorstellen; Sie werden rasch nachholen,
+was Ihnen an philosophischen Kenntnissen fehlt, -- und dann -- --,« er
+stockte.
+
+»Dann?!« frug ich gespannt.
+
+»Dann werden Sie tun, was mir versagt ist: unsere Ideen unter die Massen
+tragen.«
+
+»Werde ich es können -- -- dürfen?! Meine Eltern sind schon jetzt....«
+
+Er unterbrach mich. Ein harter Zug grub sich um seine Mundwinkel. »Wer
+den Pflug anfaßt und siehet zurück, der ist unserer Sache nicht
+wert ...«
+
+»So lehren Sie mich Ihre Sache kennen, -- ich glaube freilich schon von
+vorn herein, daß es auch die meine sein wird!«
+
+»Sie sollen nichts glauben, woran Sie zu glauben noch gar kein Recht
+haben! Das ist die Lehre der neuen Tugend, der intellektuellen
+Redlichkeit! -- nehmen Sie die Bücher dort mit dem dunkelblauen Rücken,
+-- lesen Sie sie in aller Ruhe, und dann sagen Sie mir, was Sie darüber
+und was Sie über meinen Vorschlag denken.«
+
+Ich erhob mich. Es wurde mir sehr schwer, diesen stillen Raum zu
+verlassen, der von dem hellen Geist starker Freudigkeit erfüllt schien,
+wie von der glänzenden Oktobersonne.
+
+»Haben Sie Dank, vielen Dank,« sagte ich noch und wandte mich zum Gehen.
+Ich stand schon an der Tür, als ich noch einmal seine Stimme hörte:
+
+»Nicht wahr -- Sie kommen bald, recht bald -- -- morgen schon?« Ich
+nickte. Und dann verschlang mich der dunkle Flur, der finstere Hof, die
+kühle Straße.
+
+»Woher kommst du?« Mit dieser von einem mißtrauischen Blick begleiteten
+Frage, empfing mich zu Hause mein Vater. Sie saßen alle drei beim
+Abendessen. Ich hatte schon irgend eine billige Ausrede auf der Zunge --
+aber plötzlich wurde mir klar, daß jede verlogene Heimlichkeit mein
+Erlebnis beschmutzen würde.
+
+»Von Herrn Professor von Glyzcinski ...« Mein Vater hieb mit der Faust
+auf den Tisch, daß die Gläser klirrten.
+
+»Unerhört!« rief er »und das wagst du mir ins Gesicht zu sagen, nachdem
+du meine Meinung über diesen Verkehr erst gestern deutlich genug gehört
+hast?! -- Und rennst wie ein Frauenzimmer einem unverheirateten Mann in
+die Wohnung?! -- Willst du mich denn durchaus ins Grab bringen, mit all
+der Schande, die du mir machst?« Er lief aufgeregt im Zimmer umher,
+während helle Schweißtropfen auf seiner Stirne standen.
+
+Ich zwang mich zur Ruhe: »Du weißt wohl nicht, was du sagst, Papa! Herr
+von Glyzcinski ist ein Schwerkranker, meinen Besuch kann niemand
+mißdeuten!«
+
+Aber die Wut, in die er sich hineingeredet hatte, steigerte sich nur
+noch mehr. Ich versuchte das Zimmer zu verlassen, während Mama und
+Klein-Ilschen, vor Schrecken stumm, sich nicht zu rühren wagten.
+
+»Du bleibst!« schrie mein Vater und packte mein Handgelenk. »Versprich
+mir, daß dieser Besuch der erste und der letzte war, und ich will ihn
+vergessen!« Und gleich darauf ruhten seine Blicke mit einem Ausdruck
+liebevoll besorgter Bitte auf mir. Mein Herz krampfte sich zusammen:
+Sinnlosem Zorn konnte ich die Stirne bieten, -- aber der Liebe?! Ich
+schloß eine Sekunde lang die Augen: Wer den Pflug anfaßt ...!
+
+»Ich kann dir diesen Wunsch nicht erfüllen, Papa!« Mit weit
+aufgerissenen Augen starrte er mich an. Dann brach der Sturm von neuem
+los. Auch meine Mutter mischte sich hinein, -- von den teuflischen
+Verführungskünsten des Gottesleugners hörte ich sie etwas sagen, auch
+von Weimar sprach sie und versuchte, mich zu bestimmen, meinen für das
+nächste Frühjahr beabsichtigten Besuch auf die allernächsten Tage
+festzusetzen. An meinen Ehrgeiz, an meine Eitelkeit appellierte sie,
+während meines Vaters Stimmung, wie stets nach einem solchen Ausbruch
+der Leidenschaft, immer weicher wurde. »Wir sind an allem Schuld, wir
+allein,« sagte er, »wir haben dir keinen Verkehr verschafft, wie du ihn
+zu fordern ein Recht hast. Aber das soll anders -- ganz anders werden.
+Wir werden an den Hof gehen, wo wir hingehören. Und du wirst nun auch
+mein gutes Kind sein und gehorchen!«
+
+»Nein, Papa! -- Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt. Wäre ich Euer Sohn,
+statt Eure Tochter, ihr würdet es selbstverständlich finden, wenn ich
+meine eigenen Wege ginge. Ich kann nicht denken wie ihr, und ich bin
+außerstande, nichts als eine Haustochter zu sein. Paßt Euch der Verkehr
+nicht, der mir notwendig ist, wollt Ihr Euch nicht mit mir
+identifizieren, -- so laßt mich in Frieden meiner Wege gehen, -- gebt
+mir freiwillig die Freiheit!«
+
+Meine Worte wirkten verblüffend. Die Eltern waren plötzlich ganz ruhig
+geworden. Sie schienen auf das tiefste verletzt. »Daß wir über solchen
+Wahnwitz mit dir verhandeln, wirst du selbst nicht erwarten können,«
+sagte Papa kalt. »Geh in dein Zimmer. Bis morgen früh dürftest du wohl
+zur Vernunft gekommen sein.«
+
+Aber der Morgen kam und fand mich entschlossen, eher das Haus zu
+verlassen, als auf meine Besuche bei Herrn von Glyzcinski zu verzichten.
+Und die Eltern, die zwischen dem Skandal einer davonlaufenden Tochter
+und dem Eingehen auf ihre Wünsche zu wählen hatten, gaben mir nach. Eine
+drückende Stimmung, wie geladen von Mißtrauen und Feindseligkeit, blieb
+zurück. Nur Papa gab sich alle Mühe, meine Interessen auf andere Wege zu
+leiten. Meine Teilnahme an den Bestrebungen Egidys schien ihm sogar
+erwünscht, um die Einflüsse von der anderen Seite zu paralysieren. Er
+selbst hielt sich davon zurück. »Es widerstrebt mir, mich als
+preußischer General in irgendeine öffentliche Bewegung zu mischen. Ich
+bin Soldat, -- nichts weiter,« sagte er zu Egidy bei unserem
+Gegenbesuch, der der erste und letzte war, den er bei ihm machte. Um so
+häufiger geleitete mich meine Mutter in die Spenerstraße, zuerst mit
+mißmutig aufeinander gepreßten Lippen, nur aus Pflichtgefühl, -- den
+Standesgenossen gegenüber mußte doch die Form gewahrt werden, die einem
+jungen Mädchen nicht gestattete, allein in Gesellschaft zu gehen! --
+Dann mit steigender persönlicher Neigung. Diese bunte Welt, die sich
+jeden Dienstag Abend in dem gastfreien Hause zusammenfand, war eine
+völlig neue für sie, und mit einer fast kindlichen Neugierde
+beschäftigte sie sich mit jedem Besucher, während bei mir das Interesse
+an dem bloß Neuen und Fremdartigen um so mehr erlahmte, je
+leidenschaftlicher ich nach Gesinnungsgenossen suchte.
+
+Eigenbrödler aller Art füllten die Salons der Familie Egidy, bis zu
+solchen herab, deren armer enger Geist durch die unablässige
+Beschäftigung mit einem einzigen Gedanken mehr und mehr in Verwirrung
+geraten war. Da gab es Menschen, die von der Rückkehr zur Natur das Heil
+der Welt erwarteten, barfuß gingen im Gewande des Nazareners, von
+Körnern lebten, die sie in der Tasche trugen; andere mit fahlen,
+asketischen Zügen, die mit der ganzen mühselig zurückgedämmten
+Leidenschaftlichkeit ihres Inneren die Selbstvernichtung der Menschheit
+predigten, und, als ihr Gegensatz, fanatische Anarchisten, die die
+Freiheit ihrer eigenen kleinen Gelüste mit dem Schlagwort vom
+schrankenlosen Ausleben der Persönlichkeit zu rechtfertigen suchten.
+Studenten und Studentinnen aller Nationen fanden sich ein, deren
+jugendlicher Überschwang in Egidy einen neuen Heiland verehrte, und
+eine Menge ältliche Damen, die aus dem stillen Winkel ihres leeren
+Lebens hervorgekrochen schienen wie Maulwürfe, die die Sonne suchen, und
+mit dem Rest ihrer unterdrückten Gefühle verschwärmt zu Egidys Füßen
+saßen; verschämte Arme, die hier nichts wollten als den reich gedeckten
+Tisch, an dem sie einmal in der Woche satt werden konnten; mitten darin
+Abenteurer aller Art, die den reichen, nur allzu vertrauensseligen Mann
+für ihre Zwecke zu gewinnen suchten, und dazwischen -- vereinzelt --
+ernste aufrichtige Anhänger, junge Literaten und Theologen zumeist, die
+sich vergebens bemühten, Egidy vor sich selbst zu schützen. Er hatte für
+Alle Zeit, für jeden Herzenskummer, der ihm anvertraut wurde, ein
+freundliches Interesse; und warnte man ihn vor diesem und jenem seiner
+Gäste, der ein notorischer Hochstapler war, so sagte er mit fester
+Überzeugung: »Wer zu mir kommt, der beweist dadurch, daß er gewillt ist,
+ein Anderer zu werden. Und ich sollte ihm mein Haus verschließen?«
+
+Aber auch ernste, reife Menschen erschienen, Männer und Frauen mit
+berühmten Namen, die auf irgend einem reformbedürftigen Gebiet des
+öffentlichen Lebens tätig waren und alle versuchten, Egidy auf ihre
+Seite zu ziehen: Abstinenzler, Friedensfreunde und Bodenreformer,
+moderne Pädagogen und Frauenrechtlerinnen. Warteten sie nicht alle, die
+ihre Kräfte in dramatischen Gesten oder in der Kleinarbeit winziger
+Reförmchen erschöpften, ihrer selbst unbewußt, auf irgend ein
+Zauberwort, das ihre eigenen Fesseln sprengen und sie zu gemeinsamer
+großer Leistung vereinigen würde? War Egidy der Mann, der es
+aussprechen sollte?
+
+Ich hatte inzwischen die Bücher Glyzcinskis gelesen: seine eigene
+Moralphilosophie und die Schriften der Gründer und Leiter der Ethischen
+Gesellschaften Amerikas und Englands. Sie vertraten die Einheit der
+Moral gegenüber der Vielheit der Religionen, sie waren überzeugt, daß
+alle Menschen, die ernstlich das Gute wollen, sich, unabhängig von ihren
+verschiedenartigen transzendenten Anschauungen, auf dem Boden allgemein
+gültiger Ethik zu dem großen Werk sittlicher und sozialer Reform
+vereinigen könnten. Über Gott und den Göttern stand für sie das
+Absolute, die Moral; denn nicht darum ist das Gute gut, sagten sie, weil
+Gott es seinen Gläubigen zu tun befiehlt, er befiehlt es vielmehr, weil
+es gut ist, also muß auch für die Gottgläubigen das Gute das
+Allumfassende sein. Sie selbst stellten für das sittliche Handeln keine
+Einzelvorschriften auf, sie erkannten vielmehr als dessen Richtschnur
+und Prüfstein das größtmögliche Glück der größten Mehrzahl.
+
+Auf mich wirkten diese Werke wie eine Offenbarung: hier war das
+erlösende Wort, das nicht nur all die auf Seitenwegen Umherirrenden
+zusammen rufen und dem gemeinsamen Ziel entgegenführen würde, hier war
+der Zauberstab, der aus den Felsenherzen der Menschen lebendige Brunnen
+tatkräftigen Wirkens hervorlocken könnte; hier breitete sich vor meinen
+inneren Augen jungfräulicher Boden aus, den ich mit zu roden und zu
+bebauen bestimmt schien. Eine Ethische Gesellschaft in Deutschland zu
+gründen, die das öffentliche Gewissen der Nation werden sollte, --
+darauf richteten sich alle meine Gedanken.
+
+Ich ging täglich zum Professor. Schon lange hegte er denselben Wunsch
+wie ich, ohne, seiner eigenen Gebrechlichkeit wegen, an die Möglichkeit
+naher Erfüllung zu glauben.
+
+»Hatte ich nicht recht,« sagte er einmal, »wenn ich meinte, ich müsse
+eigentlich dem lieben Gott dankbar sein für die merkwürdige Begegnung
+mit Ihnen? Durch Sie wird der Lieblingstraum meines Lebens in Erfüllung
+gehen!«
+
+Wir arbeiteten unseren Plan in allen Einzelheiten aus: Mitglieder der
+verschiedensten religiösen und politischen Richtungen sollten den ersten
+Aufruf zur Gründung der Ethischen Gesellschaft unterzeichnen. Ihr Zweck
+sollte sein, einen neutralen Boden zu schaffen, auf dem alle Menschen
+ihre Gedanken freimütig über alle brennenden Fragen der Gegenwart
+auszutauschen vermöchten, von dem aus gemeinsam geschaffene
+Gesetzesvorschläge den Regierungen unterbreitet und zu den Ereignissen
+des öffentlichen Lebens Stellung genommen werden sollte. Niemand dürfe
+um seines Glaubens oder seinen politischen Anschauungen wegen bekämpft
+oder ausgeschlossen werden, es sei denn, daß er dadurch gegen das
+Grundprinzip der Gesellschaft verstoße: das größte Glück der größten
+Anzahl zu fördern.
+
+Mein Gedankengang geriet bei diesem Punkt ins Stocken. »Wenn ichs mir
+recht überlege,« sagte ich nachdenklich, »kann ein echter Christ sich
+unserem Bunde nicht anschließen. Toleranz gegen Andersgläubige kann bei
+denjenigen kaum erwartet werden, die überzeugt sind, daß ihr Glaube der
+allein selig machende sei; und das größte Glück als Ziel unseres
+Strebens aufstellen, ist vollends ganz und gar unchristlich.«
+
+Glyzcinski lachte: »Sie haben einen hellen Kopf, liebe Freundin, darum
+lassen Sie mich ihnen noch eins verraten. Niemand, der von Herzen an
+einen lebendigen Gott glaubt, kann auf unsere Seite treten; oder dürfte
+er zugeben, daß Gott selbst sich der Moral unterordnet?! Die Religion
+als vager metaphysischer Glaube, als flüchtig berauschendes Genußmittel
+schwacher Seelen kann innerhalb unserer Reihen Anhänger haben, nicht
+aber die Religion als Grundlage der Sittlichkeit, -- und damit wird ihr
+Halt und Inhalt zugleich entzogen. Der Kaiser und die Junker haben von
+ihrem Standpunkt aus vollkommen recht, wenn sie dem Volke die Religion
+erhalten und die Schule der Kirche mit Haut und Haar ausliefern möchten:
+nichts hindert die Verbreitung wahrer ethischer Kultur mehr als die
+Religion. Die Dankbarkeit für alles, was wir haben und sind, körperlich
+und geistig, wird in sentimentalen Gefühlen auf Gott gelenkt, statt daß
+sie sich in Taten auslöst für die Menschheit, der wir in Wirklichkeit
+alles verdanken. Aller Widerstand gegen das Böse, alle Kampfeslust gegen
+das Unglück wird dadurch gelähmt, daß man den Menschen lehrt, sich
+demütig vor Gottes Willen zu neigen, und ihnen den Glauben an die ewige
+Seligkeit einflößt. Und alle Tapferkeit, alle Menschenliebe, alle Kraft
+zur Selbstbefreiung und zur Befreiung der Menschheit aus Elend und
+Knechtschaft wird im Keime erstickt, wenn die Verantwortlichkeit für das
+Leiden auf die Gottheit abgewälzt werden kann.«
+
+»Ich verstehe Sie nicht, -- Sie scheinen gegen den eigenen Plan zu
+sprechen, -- nach Ihnen müßte keine ethische, sondern eine atheistische
+Gemeinschaft gegründet werden,« wandte ich ein.
+
+»Sie irren, -- atheistische Pfaffen, die wir in diesem Fall züchten
+würden, schaden unserer Sache mindestens ebenso viel wie kirchliche.
+Ethik wollen wir verbreiten, und in dieser Ethik ruht die Kraft der
+Wahrhaftigkeit, die allmählich alle alten Gespenster austreiben wird.
+Für mich -- wir beide sprechen offen miteinander! -- ist die
+Hauptaufgabe der Ethischen Gesellschaft nicht die, für Gerade und Krumme
+ein gleichmäßig passendes moralisches Mäntelchen zuzuschneiden, sondern
+im Dienst der sittlichen und sozialen Entwicklung dem Antichristentum
+und dem Sozialismus die Wege zu bereiten!«
+
+Ich schwieg; ein tiefer Schrecken vor unbekannten Gefahren hatte mich
+erfaßt. Der Sozialismus! -- Männer mit niedrigen Stirnen und
+schwieligen Fäusten sah ich, schwindsüchtige Frauen und Kinder mit
+Greisengesichtern, ein Zug von Gestalten, haßerfüllt die Züge, die
+Fäuste drohend erhoben wider alles, was unser Leben schön und reich
+machte, eingehüllt in einen Geruch von Schweiß und Blut. Helfen wollte
+ich ihnen, -- einen Weg wollte ich hauen durch die Wildnis ihres Elends,
+ich fürchtete nicht die Dornen, die mir die Hände zerreißen, die
+fallenden Äste, die mich verwunden würden, -- aber mich ihrem Zuge
+einreihen --, mich schauderte.
+
+»Wie sind Sie blaß und still geworden!« hörte ich Glyzcinskis warme
+Stimme. »Verzeihen Sie mir -- ich habe mich schon so daran gewöhnt, vor
+Ihnen laut zu denken, daß mir nicht einfiel, wie sehr ich Sie dadurch
+erschrecken könnte!«
+
+»Sie haben nur, wie immer, zu gut von mir gedacht, und ich bedarf ihrer
+Verzeihung, -- nicht umgekehrt,« antwortete ich. »Sie müssen Geduld mit
+mir haben, -- ich muß mich erst an die Neuheit des Gedankens gewöhnen.
+Ich weiß ja auch im Grunde gar nichts vom Wesen des Sozialismus. Vieles,
+was ich hörte, stimmte wohl mit meinen eigenen Ansichten überein, vieles
+aber hat mich immer abgestoßen --.«
+
+»Ich werde wieder meine stummen Freunde für mich sprechen lassen!« Und
+Glyzcinski bezeichnete mir die Bücher und Broschüren, die ich aus seinem
+Bücherschrank nehmen sollte. »Nur eins möchte ich Ihnen gleich heute
+sagen: Auf dem Wege wissenschaftlichen Studiums bin ich zu meinen
+ethischen Überzeugungen gelangt, auf demselben Wege habe ich erkannt,
+daß die Entwicklung zum Sozialismus eine gesetzmäßige, unabänderliche
+ist, gleichgültig, ob unser Gefühl sich dagegen sträubt oder nicht.
+Nachdem ich das aber einmal erkannt habe, kann es für mich von meinem
+ethischen Standpunkt aus keine andere Wahl geben, als die, mich in den
+Dienst der Entwicklung zu stellen und mit allen Kräften dahin zu wirken,
+daß sie eine möglichst friedliche, das Glück der Menschen möglichst
+wenig gefährdende sei. Andere denselben Weg der Erkenntnis zu führen,
+den ich gegangen bin, -- das ist daher meine Aufgabe --, das ist die
+Aufgabe, die die Ethischen Gesellschaften haben sollten.«
+
+»Und Sie glauben, daß die Menschen sich dahin führen lassen werden?!«
+
+Des Professors Gesicht nahm jenen kindlich-strahlenden Ausdruck an, der
+mich immer an gotische Heiligenbilder erinnerte.
+
+»Ich glaube daran! Sonst müßte ich mich selbst für eine Ausnahme aller
+Regel halten!«
+
+Auch Egidy, dachte ich auf dem Heimweg, ist solch ein Gläubiger; bei ihm
+soll das Einige Christentum vollenden, was der Professor von der
+Ethischen Kultur erwartet.
+
+Und wieder las ich manche Nacht hindurch. Bei jedem Umschlagen einer
+Seite erwartete ich das Gräßliche zu finden, das so vielen Menschen das
+Recht gab, den Sozialismus zu verabscheuen und mit allen Mitteln zu
+bekämpfen. Aber ich fand es nicht. Nichts entsetzte mich, und wenn ich
+überrascht war, so nur über die Selbstverständlichkeit jeder Kritik am
+Bestehenden und jeder Forderung an die Zukunft. Oft lachte ich im
+stillen vor Freude, wenn ich eigene, längst vertraute Ideen wiederfand;
+und wo meine Gedanken nicht Schritt halten konnten, sagte mein Gefühl ja
+und tausendmal ja. Gleiche Rechte für alle: Männer und Frauen; Freiheit
+der Überzeugung; Sicherung der Existenz; Frieden der Völker; Kunst,
+Wissenschaft, Natur ein Gemeingut Aller; Arbeit eine Pflicht für Alle;
+freie Entwicklung der Persönlichkeit, ungehemmt durch Fesseln der Kaste,
+der Rasse, des Geschlechts, des Vermögens --: wie konnte irgend jemand,
+der auch nur über seine nächsten vier Wände hinausdachte, sich der
+Richtigkeit und Notwendigkeit dieser Forderungen verschließen?!
+
+Eugen Richters famose Broschüre, die ich im Sommer gelesen hatte, und
+die Onkel Walter in Pirgallen gratis unter die Arbeiter verteilte, fiel
+mir ein. Sollte der Verfasser wissentlich gelogen haben? Und war es
+Lüge, nichts als Lüge, was die Gegner vom Sozialismus verbreiteten? Daß
+der Professor mir irgend etwas vorenthalten haben konnte, war doch
+unmöglich!
+
+Ich besprach alles mit ihm: meine freudige Zustimmung und meine Zweifel
+und Bedenken. Der erfurter Parteitag war eben geschlossen worden, das
+neue Programm lag vor, und Glyzcinski erklärte es mir in allen seinen
+Einzelheiten. Ich sah, daß die vielverlästerte und mir immer lächerlich
+erschienene Forderung nach der Verteilung allen Besitzes in Wirklichkeit
+nicht vorhanden war, daß nur der Grund und Boden, der seine privaten
+Besitzer reich machte, ohne daß sie arbeiteten, und die
+Produktionsmittel der Industrie, durch die ihre Eigentümer zu
+Millionären wurden und ihre Arbeiter zu abhängigen Sklaven, in den
+Besitz der Allgemeinheit übergehen sollten. Dabei konnten wir alle nur
+gewinnen, -- wir vielen, die wir doch auch nichts als Besitzlose waren!
+-- Warum sträubten wir uns dann?
+
+»Sie sehen selbst: Unwissenheit und Selbstsucht sind die Gegner der
+Sozialdemokratie, die Lüge ihre Waffe,« sagte der Professor, »und wir
+sollten sie zu besiegen nicht imstande sein?!«
+
+Die Zeit damals war geladen mit Elektrizität. Überall schien die alte
+Erde von unterirdischen Donnern erschüttert, und hie und da klaffte ein
+dunkelgähnender Abgrund, wo noch eben grüne Wiesen gelacht hatten.
+Schmutzige Geldgeschichten in preußischen Ministerhotels,
+Betrugsanklagen gegen Vertreter der deutschen Regierung im Ausland;
+Unterschlagungen von Kirchengeldern und wohltätigen Stiftungen durch
+christliche, vom Hof protegierte Bankhäuser erschütterten das noch
+vorhandene Vertrauen in die Unantastbarkeit preußischen Beamtentums und
+christlicher Tugenden. Und wer, wie ich, von den Tiefen menschlichen
+Elends und menschlicher Verworfenheit noch wenig wußte, dem riß der
+Prozeß Heintze die letzten Schleier von den Augen. Diese gewaltsame
+Enthüllung der Wahrheit, die selbst die, die nicht sehen wollten, zum
+Sehen zwang, wirkte wie Wetterleuchten, das großen Umwälzungen
+vorhergeht.
+
+Im Egidyschen Kreise, den ich jetzt um so seltener fern blieb, als ich
+gerade hier die erfolgreichste Propaganda für die Ideen der Ethischen
+Kultur glaubte machen zu können, trat die durch die öffentlichen
+Ereignisse hervorgerufene Erregung deutlich zutage. Egidy pflegte kurze
+Vorträge zu halten, in denen Tagesfragen stets berührt wurden; selten
+nur begegnete ihm ein Widerspruch, fast immer konnte er der jubelnden
+Zustimmung seiner Gäste sicher sein, wenn er in seiner halb kindlichen,
+halb herrischen Weise alle Fragen spielend löste. »Wir brauchen nur
+Christen zu sein, ganz und gar Christen, und wir haben keine Rasse-,
+keine Geschlechts- und keine sozialen Probleme mehr,« erklärte er, und
+mit unerschütterlichem Optimismus hoffte er auf den Kaiser: »Nach einem
+Führer unserer Bewegung, die das ganze Volk ohne Ausnahme umfassen wird,
+braucht ein Land nicht zu suchen, dem Fürsten _geboren_ werden.« Ich war
+fast die einzige, die nicht nur skeptisch blieb, sondern alles daran
+setzte, die große Persönlichkeit dieses Mannes, die mir wie geschaffen
+zu sein schien, Hunderttausende mit sich zu reißen, den Ideen der
+Ethischen Bewegung zu gewinnen. Wir debattierten oft stundenlang und
+setzten dann noch brieflich unsere Diskussionen fort.
+
+»Wir wollen beide dasselbe,« sagte er einmal, »und auf diesen ernsten
+Willen kommt es an.«
+
+»Ist unser Wille der gleiche, und sind unsere Gedanken dieselben, so
+haben Sie so wenig das Recht wie ich, sich für neuen Wein alter
+Schläuche zu bedienen!« antwortete ich.
+
+»Das Christentum -- mein Christentum Jesu ist aber nicht der alte
+Schlauch, den die Kirche gemacht hat, mit der ich ganz und gar nichts zu
+tun habe,« beharrte er.
+
+»Ich will überhaupt nur, daß etwas wird,« schrieb er bald darauf: »Wir
+wollen die Religion _leben_; setzen Sie für das Wort: Religion -- Ethik,
+so ist's mir recht, aber für das Wort: leben sollen Sie mir kein anderes
+setzen. -- Wir müssen das Christentum ernst nehmen; setzen Sie für
+Christentum -- Ethik, so ist's mir recht, das Ernstnehmen aber lasse ich
+mir nicht fortstreichen. Wir haben lange genug entwickelt, -- ich will
+nun Entfaltung sehen. Wieder bloß reden, bloß predigen, bloß erziehen,
+derweilen die Menschen weiter hungern und die Welt aus Laune einzelner
+in Waffen starrt, -- nein! Mein Streben geht darauf hin, Zustände zu
+schaffen, die _verwirklichen_, was Sie predigen. Der Staat soll eine
+große ethische Gesellschaft sein, jede Schule eine in Ihrem Sinne
+ethische, in meinem Sinne religiöse Gemeinschaft erziehen. Glauben Sie
+mir: ich marschiere ganz auf realem Boden. Daß auch Fräulein von Kleve
+-- traurig oder lächelnd? -- den Kopf schüttelt, tut mir furchtbar weh.
+Entmutigen aber darf es mich nicht. Sie waren ja vor mir auf dem
+Schlachtfelde, -- ich weiß das recht gut. Die Frage wird schließlich
+einfach die sein: wer der Menschheit zumeist genützt haben wird, --
+Ethische Gesellschaft oder Angewandtes Christentum. Sie beantwortet sich
+allenfalls heute schon daraus: womit begründet jemand seine Ansprüche an
+die Gemeinsamkeit wirksamer: indem er auf Grund ethischer Prinzipien --
+'neuer Werte' -- fordert, oder indem er auf Grund des 'gerade von euch,
+ihr Herren' gepredigten Christentums, im Namen des Jesus von Nazareth
+verlangt? ...«
+
+»Auch ich will, daß etwas wird,« antwortete ich ihm, »aber ich sehe
+nicht, daß wir, die wir jede gewaltsame Durchsetzung neuer Zustände
+ablehnen, dieses Werden anders fördern können, als durch 'reden',
+'erziehen', 'predigen', das heißt durch Verbreitung neuer Ideen. Sie tun
+doch auch nichts anderes! Und Sie werden mir gewiß zugeben, daß Reden --
+'bloß reden' (!) -- eine mutigere und an Folgen reichere Tat sein kann,
+als Schlachten schlagen. Auf diese Folgen kommt es an, sagen Sie, und
+wieder finden Sie mich auf Ihrer Seite. Wenn ich aber wirklich zuweilen
+traurig -- niemals lächelnd! -- den Kopf schüttele, so nur deshalb, weil
+ich überzeugt bin, daß die Folgen der von Ihnen ins Leben gerufenen
+Bewegung größere sein würden, wenn Sie sich anderer Mittel bedienten.
+Die ursprüngliche Lehre Jesu mag mit Ihren Ansichten übereinstimmen --
+das zu entscheiden wäre Sache gelehrter theologischer Forschung --, aber
+das, was heute die ganze Welt unter Christentum versteht, ist etwas im
+Laufe der Jahrhunderte historisch Gewordenes, das umzustoßen viel mehr
+Zeit, viel mehr Kraft erfordern würde, -- falls es überhaupt möglich
+ist! --, als neue Werte unter neuem Namen in die Köpfe und Herzen zu
+pflanzen ...«
+
+Aber all unsere Auseinandersetzungen, in denen wir im Grunde mit
+größerer Leidenschaft um einander, als um Ideen kämpften, blieben
+fruchtlos. »Also -- ich reite allein!« schrieb mir Egidy in einem
+Augenblick, wo wir, wie erschöpft vom Kampf, mit gesenktem Degen stumm
+voneinander gegangen waren, »aber -- den Glauben dürfen, richtiger:
+können Sie mir nicht rauben, daß Sie und ich im kleinsten Finger
+dasselbe meinen; ich habe Sie erfaßt, nur Sie mich nicht! Warum? ich
+werde es Ihnen einmal sagen, -- nicht schreiben; ich habe ein ganz
+klares Bewußtsein davon ...«
+
+Glyzcinski gegenüber gab ich meinem Unmut über das Vergebliche meines
+Bemühens lebhaften Ausdruck. Er selbst hatte ursprünglich auf Egidy, als
+einen unserer künftigen Mitkämpfer, außerordentlichen Wert gelegt.
+Allmählich grub sich eine kleine Falte zwischen seine Brauen, wenn ich
+von ihm erzählte. »Sie sollten Ihre Kräfte nicht länger an eine
+verlorene Sache verschwenden,« meinte er dann. Aber ich konnte mich um
+so weniger beruhigen, als mir ein Zusammenstoß zwischen den beiden
+Bewegungen unvermeidlich schien, je mehr sie an Bedeutung gewannen.
+
+Einer der Leiter der Ethischen Gesellschaften Amerikas war auf
+Glyzcinskis Veranlagung nach Berlin gekommen, seine Vorträge hatten
+große Aufmerksamkeit erregt und im Kreise der Intellektuellen lebhafte
+Debatten hervorgerufen. Ich sah, wie schmerzlich Egidy und seine
+Anhänger das Auftreten des Ethikers empfanden. An den folgenden
+Dienstagabenden drängten sich die Menschen mehr als sonst in den Salons
+der Spenerstraße; die hektisch geröteten Wangen vieler Besucher
+verrieten ihre krankhaft gesteigerte Aufregung; und welcher Gruppe ich
+mich auch näherte: die Plaudernden verstummten oder stoben scheu
+auseinander.
+
+»Man hat Sie als Spitzel der Ethischen Bewegung verdächtigt,« sagte
+lachend Wilhelm von Polenz, ein treuer Freund und ständiger Gast des
+Egidyschen Hauses, den ich um Aufklärung bat. »Bande!« -- stieß ich
+zwischen den Zähnen hervor. »Sie haben mit Ihrer Bezeichnung, fürcht'
+ich, mehr recht, als Sie ahnen,« -- des jungen Dichters Züge waren
+ernst, fast traurig geworden -- »es ist ein Jammer, daß unser Freund
+diese Umgebung hat und duldet. Aber es muß anders werden!« fügte er nach
+einer Pause hinzu. »Ich denke an solche, die fähig und würdig sind,
+Träger seiner Ideen zu sein, und die -- vielleicht unbewußt -- nach
+Vertiefung und Bereicherung ihres Innenlebens lechzen: an unsere jungen
+Künstler und Literaten.« Egidy begann zu reden und unterbrach unser
+Gespräch. Meine Gedanken waren aber noch dabei; Polenz hatte recht, ganz
+recht: die Dichter der »Ehre«, der »Familie Selicke«, des »Vor
+Sonnenaufgang« waren unsere geborenen Mitkämpfer. Unsere?! -- die der
+Ethischen Bewegung natürlich!
+
+»... Jetzt haben die Ethiker den Triumph, daß Orthodoxe und Liberale
+ihnen Beifall rauschen,« hörte ich Egidys klare, scharfe Kommandostimme,
+»weil sie erklären, die allgemein menschliche Moral zu vertreten und den
+religiösen Glauben des einzelnen nicht tasten. Ich aber muß es über mich
+ergehen lassen, daß man sich schaudernd von mir wendet, weil ich dem
+dogmatischen Christentum zu Leibe gehe. Ich sage Ihnen, daß ich jedem
+Dogma zu Leibe gehe, -- aber mit offenem Visire, nicht so, daß man erst
+gar nichts Böses hinter mir ahnt und ich mich dann erst als Erzketzer
+entpuppe, sondern: erst Ketzer -- dann ganzer und wahrer und Nur-Mensch,
+-- -- so sind noch nicht viele in die Schranken des öffentlichen Lebens
+eingeritten ...« Ein langer Blick traf mich, und irgend etwas
+Unbestimmtes -- wars Ärger, wars Beschämung? -- ließ mich erröten ...
+»Doch im Namen wahrer Religion tue ich es. Die Ethiker haben keinen
+Namen, der so alles in sich schließt, wie Religion. Hat man den Namen
+bisher mißbraucht, so soll man ihn jetzt zu Ehren bringen: Religion
+nicht mehr neben unserem Leben, unser Leben selbst Religion! Und diese
+Religion bezeichne ich mit dem Worte Christentum. Mögen die Ethiker es
+doch versuchen, mit einem anderen Wort etwas zu erreichen! Aufs
+Erreichen kommt es an, nicht auf den Widerwillen, den man gegen Begriffe
+und Worte hat, die achtzehnhundert Jahre lang der Deckmantel schnödester
+Frevel waren. Jetzt aber soll es anders werden. Wille wird! aber nicht,
+indem man das Banner fortwirft, und es der Menge überläßt, kopfscheu
+auseinander zu rennen, sondern indem man es höher denn je erhebt und
+mutig ausruft: Alle hierher! Eben entdecken wir erst, daß es noch nie
+richtig entrollt war -- in den Falten, die man unseren Blicken entzog,
+steht ja ganz was anderes --, die ganze Menschheit soll dies Banner
+stützen, und nicht die Kirche!«
+
+Es war sekundenlang still. Egidy hatte sich ein für allemal jede
+Beifallsäußerung streng verboten. Die Zunächststehenden sahen mich
+erwartungsvoll an. Das Herz klopfte mir bis zum Halse herauf -- mir
+wurde heiß und kalt --, ich fühlte, ich mußte sprechen. Es dunkelte mir
+vor den Augen, die Angst schnürte mir fast die Kehle zu, -- wie sollt'
+ich die Worte finden, wie reden, wenn all die vielen feindseligen Blicke
+mir entgegenblitzten?! Und doch: durft' ich zum erstenmal, wo die
+Gelegenheit sich bot, die große Sache zu verteidigen, -- meine Sache!
+--, durfte ich feige schweigen?!
+
+»Herr von Egidy stellte die Lage so dar, als ob es hieße: Hie
+Christentum -- hie Ethik,« begann ich, die zitternden Hände krampfhaft
+auf die Stuhllehne vor mir stützend, »während wir alle, deren gleiches
+Ziel die Wohlfahrt der Menschheit ist, nicht die Verschiedenheiten
+unserer Anschauungsweisen hervorsuchen, sondern die Einheit unserer
+Aufgaben betonen sollten ...«
+
+»Die Zerstörung der Kirche ist unsere Aufgabe!« rief eine krächzende
+Stimme dazwischen. Ich suchte einen Augenblick verwirrt nach dem
+zerrissenen Faden meiner Rede und fuhr dann fort. »Wir Vertreter der
+Ethischen Bewegung legen auf das gemeinsame Handeln den größten Wert und
+meinen, daß es weit richtiger ist, gegen Hunger und Not zu kämpfen, als
+gegen die Kirche ...«
+
+Eine lebhaft gestikulierende Dame, der das Haar in stumpfblonden
+Strähnen über die Stirne hing, reckte die dürren Hände plötzlich hoch
+empor und schrie gellend: »Sie verleumdet Egidy, -- duldet das nicht,
+duldet das nicht!« Egidy machte eine kurze, beruhigende Bewegung und
+stand dann wieder mit verschränkten Armen, die Blicke starr auf mich
+gerichtet, unter dem Türrahmen. Ich weiß, daß ich in diesem Moment, wo
+die Aufregung um mich stieg, wie um Hilfe flehend zu ihm hinübersah.
+
+»Wir sind der Überzeugung, daß das Gemeinsame der Menschen --« fast
+mechanisch sprach ich jetzt und ausdruckslos -- »nicht die Religion, die
+im Gegenteil die Welt in feindselige Lager teilt, wohl aber eine
+allgemeine Moral sein kann, auf Grund deren wir handeln.« Mir wurde,
+angesichts der größeren Ruhe um mich her, freier ums Herz. »Das größte
+Glück der größten Anzahl -- diese sittliche Richtschnur kann von allen
+anerkannt werden, ohne daß der Glaube des einzelnen verletzt zu werden
+braucht.«
+
+»Dazu sind Sie ja viel zu feige!« -- wie ein gut gezielter Pfeilschoß
+flogen mir die Worte zu.
+
+Ich sah auf Egidy -- noch rührte er sich nicht -- das Herz tat mir weh,
+und zugleich kam mir blitzartig die Erkenntnis, daß er im Grunde in
+seiner Rede dasselbe gemeint hatte. Ich zwang mich zur Ruhe und würdigte
+den Zwischenrufer keiner Antwort. »Herr von Egidy rühmte sich mit Recht,
+daß er mit offenem Visir kämpfe, -- und wir und meine Freunde sind die
+letzten, die seinen Mut bezweifeln. Wir ehren jede Überzeugung, indem
+wir sie nicht antasten und über ihre Schranken hinweg den anderen die
+Hände reichen ...«
+
+Ein spöttisches Gelächter neben mir reizte meinen kaum unterdrückten
+Zorn, und alle Selbstbeherrschung verlierend, stürzten mir die Worte
+über die Lippen: »Sie sind feige, die Sie mich hinterrücks angreifen, --
+nicht ich! Viel rücksichtsloser als bei irgend einem unter Ihnen ist
+meine Gegnerschaft zur Kirche, zu den Dogmen, ja, zum Christentum
+selbst, dessen Inhalt, dessen Tendenz volks- und kulturfeindlich ist.«
+
+»Alix!« -- meiner Mutter Stimme war's, -- in ein fassungsloses
+Schluchzen brach sie aus. Meine harte Mutter, die Empfindungen kaum zu
+kennen schien, sie zum mindesten immer in eisernen Fesseln hielt, --
+meine Mutter weinte! Wir führten sie hinaus, Egidy und ich. Er sprach
+ihr beruhigend zu, und ihre Augen wurden trocken, ihre Lippen bewegten
+sich zu mühsamem Lächeln. An der Tür streckte er mir die Hand entgegen,
+-- ich übersah sie. Wir fuhren wortlos nach Haus. Erst als ich vor
+meinem Schlafzimmer ein leises »Gute Nacht« flüsterte, schien sie sich
+des Geschehenen wieder zu erinnern.
+
+»Du -- du wagst es, mir eine gute Nacht zu wünschen?!« kam es stoßweise
+über ihre Lippen. »Hast du mir nicht schon genug Kummer gemacht, und nun
+muß ich noch das Fürchterliche erleben, daß du in aller Öffentlichkeit
+unseren Herren und Heiland verleugnest?! ... Dazu also hast du die
+Freiheit benutzt, die wir törichte, mehr als rücksichtsvolle Eltern dir
+gewährten, hast dir von dem Professor, der uns gegenüber die Maske des
+duldsamen Ethikers trägt, den Kopf verdrehen lassen! Ein schöner Dank
+für all unsere Liebe -- -- Aber das schwör' ich dir zu: keinen Fuß setzt
+du mehr über die Schwelle dieses Elenden!« Ich wollte heftig erwidern,
+aber schon war sie fort und schob geräuschvoll den Riegel vor ihre Türe.
+
+Noch in der Nacht schrieb ich zwei Briefe, den einen an Egidy, worin ich
+mich bitter beklagte, daß er mich in seinem eigenen Hause den Angriffen
+seiner Anhänger schutzlos preisgegeben habe, und daß ich dafür nur eine
+Antwort hätte: ihm von nun an fern zu bleiben, und einen anderen an
+meine Kusine Mathilde, durch den ich sie bat, mich so rasch wie möglich
+zu sich einzuladen, da ich Berlin auf einige Zeit verlassen müsse. In
+aller Frühe steckte ich beide in den Kasten und ging zu Glyzcinski. Als
+ich bei ihm eintrat, in dies stille, vertraute Zimmer voll Licht und
+Frieden und Vogelgezwitscher, überfiel mich ein Schwindel, --
+sekundenlang lehnte ich mit fest auf das Herz gepreßten Händen an der
+Türe. Er hatte sich krampfhaft aufgerichtet und starrte mich an, die
+Augen angstvoll aufgerissen, die Züge leichenfahl. Und dann hielt er
+meine Hand in der seinen und ließ sie nicht los, so lange ich erzählte.
+
+»Meine liebes, armes Schwesterchen!« sagte er immer wieder. »Aber es
+mußte einmal so kommen, -- Sie werden sich mit dem Gedanken vertraut
+machen müssen, daß schließlich ein Bruch zwischen Ihnen und den Ihren
+unvermeidlich ist.« Ich ließ mutlos den Kopf sinken. »Dann erst werden
+Sie leisten können, was Sie zu leisten berufen sind.«
+
+Ich sprach von meiner Absicht, abzureisen. Es legte sich wie ein
+Schleier über seine Augen, und ein fast unmerkliches Zucken ging durch
+seinen Körper. »Aber ich bleibe ohne Besinnen, wenn es Ihnen lieber
+ist,« fügte ich rasch hinzu. Er lächelte gezwungen: »Mir scheint es
+freilich fast unmöglich, Sie zu missen, -- aber gehen Sie -- gehen Sie
+nur! Wie könnt' ich verlangen, daß Sie mir ein Opfer bringen?!« ...
+
+Ein Opfer?! schoß es mir durch den Kopf, -- ist nicht der Gedanke für
+mich selbst beinahe unerträglich, ihn zu verlassen?! -- --
+
+Noch am Nachmittag kam ein Brief von Egidy. »Der Vorwurf, den Sie mir
+machen, bekümmert mich sehr,« hieß es darin. »Ich habe nicht den
+Eindruck gehabt, daß mein Schutz Ihnen nötig war. Ich fand, daß Sie sich
+selbst an besten verteidigen konnten. Am tiefsten aber betrübt es mir,
+daß Sie jetzt von einem Wegbleiben reden. Der Gedanke, Sie missen zu
+müssen, ist mir schmerzlich. Ich habe Herz und Kopf noch so voll für
+Sie, -- ich habe sie richtig lieb. Am schmerzlichsten aber ist der
+Stachel, den Ihre Worte mir ins Herz gesenkt: daß Ihnen dies Wegbleiben
+gar etwa so schwer nicht würde! Ich meine: andernfalls dürften Ihnen
+Vorkommnisse solcher Art einen solchen Gedanken nicht eingeben, vielmehr
+müßten Sie eine Befriedigung im Überwinden derartiger Dinge finden; dies
+um so mehr, als Sie meiner ritterlichen Verteidigung wohl überzeugt sein
+dürfen, sofern ich sehe, daß Sie derselben irgend benötigen. So
+wenigstens denke ich von der Aufrechterhaltung eines Bandes, das zu
+keinem anderen Zwecke besteht als zu dem: den Menschen zu dienen; -- --
+ganz abgesehen von einem Gefühl wohltuender Freundschaft: 'oh reiß den
+Faden nicht der Freundschaft kurz entzwei -- wird sie auch wieder fest
+-- ein Knoten bleibt dabei --' Wir werden uns aussprechen, -- ich bin in
+wenigen Stunden bei Ihnen ...«
+
+Und er kam. Ich wollte ihn nicht sehen, meine Mutter empfing ihn; er
+blieb lange bei ihr, und als er gegangen war, trat sie mir mit ganz
+verändertem Ausdruck entgegen. »Egidy läßt dich grüßen,« sagte sie,
+»danke es diesem prachtvollen Menschen, daß ich dir noch einmal
+verzeihe und deine Freiheit nicht antasten will.«
+
+Noch am Abend brachte der Diener Glyzcinskis mir ein paar Zeilen von
+ihm: »Eben verläßt mich Egidy. Sein Besuch war mir eine doppelte Freude:
+Ich erfuhr, daß er Ihre Mutter beruhigen konnte, und lernte einen Mann
+kennen, wie es -- trotz all seiner Schrullen und Eigenheiten -- wenige
+geben mag. Nicht wahr, nun darf ich auch hoffen, daß Sie bleiben werden
+und bei mir wieder jeden Nachmittag Sonntag ist?!«
+
+Egidy selbst schrieb mir nur vier Worte: »Hab ichs recht gemacht?!«
+
+ * * * * *
+
+Ein politisches Ereignis von weittragender Bedeutung sollte dem Einigen
+Christentum Egidys und der Ethischen Bewegung, die bisher beide einen
+verhältnismäßig kleinen Kreis Getreuer umfaßten, gewaltigen Vorschub
+leisten: der Zedlitzsche Volksschulgesetzentwurf. Wer die Wissenschaft
+vertrat, oder einen auch nur gemäßigten Fortschritt, fühlte sich in
+seinen Idealen persönlich verletzt und suchte nach Gleichgesinnten, um
+den Mut zu gemeinsamen Protesten zu finden, den er für sich allein nicht
+aufbrachte. Die sich Christen nannten, strömten Egidy zu, die Juden und
+die Freidenker zeigten ein täglich wachsendes Interesse an der Ethischen
+Bewegung. Egidy selbst war zuerst so gedrückt durch die Täuschung, die
+sein Vertrauen auf den Kaiser gefunden hatte, -- denn daß der Entwurf
+dessen persönlichstes Werk war, daran zweifelte kaum einer --, daß die
+neue Anhängerschaft ihn dafür nicht zu entschädigen vermochte. Vor der
+Menge zeigte er sich stark und hoffnungsfroh; sprach ich ihn allein, so
+schien mirs, als sänke dieser stramm aufgerichtete Soldat zum erstenmal
+müde zusammen. Kam ich dagegen zu Glyzcinski, so fand ich den Gelähmten
+in einer Stimmung, die strahlend aus seinem Antlitz sprach und täglich
+zuversichtlicher wurde. »Denen, die das Gute wollen, müssen alle Dinge
+zum Besten dienen,« rief er mir zu, kaum daß ich eintrat. »Sehen Sie
+hier: --« und er schwenkte ein paar Briefbogen wie eine Fahne, »nichts
+als Beitritts- und Zustimmungserklärungen. Mein alter Traum geht
+wirklich in Erfüllung: wir werden in Deutschland eine Ethische
+Gesellschaft haben!«
+
+Ich erzählte es Egidy, -- seit jenem bösen Dienstagabend war die
+Ethische Bewegung zwischen uns nicht mehr erwähnt worden --, er
+schüttelte langsam den Kopf: »Wenn es doch bei der bloßen Bewegung
+geblieben wäre!« sagte er, »wie ganz anders flössen unsere Bestrebungen
+nicht nur neben- sondern ineinander, wenn Sie die Ihrigen nicht durch
+Satzungen zu einem künstlich gemauerten Kanal formen würden. Gedanken
+verbreiten, -- das ist das einzig Not tuende! -- Sie werden vor lauter
+Statutenberatungen und Vorstandssitzungen für diese Hauptsache gar keine
+Kraft und Zeit mehr übrig haben. Ein Verein -- nun ja, -- das ist ja
+ganz nett, aber -- und nun glauben Sie mir einmal! -- über kurz oder
+lang arten sie alle in Sport aus. Der Starke ist am mächtigsten allein!«
+
+»Das sagen Sie!« antwortete ich, ein wenig ärgerlich, »und doch tun Sie
+nichts anderes als Anhänger werben, die sich zwar nicht auf Statuten,
+wohl aber auf Ihren Namen verpflichten müssen. Sogar an Bebel hat sich
+Ihr Freund, der asketische Kandidat der Theologie, neulich
+gewandt -- --«
+
+»Gewiß -- und mit meiner Zustimmung,« unterbrach mich Egidy, »das
+Christentum schließt, wie alles andere Entwicklungsfähige, so auch den
+Sozialismus in seinen lebensfähigen und würdigen Forderungen in sich.
+Und einem Führer, wie Bebel, hätte ich eine richtigere Einsicht
+zugetraut. Wollen Sie seine Antwort lesen?«
+
+Ich bejahte lebhaft und las den Brief nicht nur, sondern schrieb ihn
+auch ab, um ihn Glyzcinski zeigen zu können. Es hieß darin: » ... Das
+Bürgertum sieht die Religion heute als eins der wirksamsten Kampfmittel
+gegen die Sozialdemokratie an. Daher die Macht, die seit zwölf bis
+fünfzehn Jahren das Pfaffentum erlangte, und die Erscheinungen, die
+Herrn von Egidy zu seinem Kampfe gegen die herrschende Strömung
+aufreizten. Die Bürgerklasse, obwohl meist freigeistig, wird sich daher
+in ihrer Masse den Bestrebungen des Herrn von Egidy fernhalten,
+andererseits kann sich auch die Sozialdemokratie nicht für diesen Kampf
+begeistern, weil seine Ziele ihrer Natur nach nur eine Halbheit sein
+können und an dem sozialen und politischen Zustande, der hauptsächlich
+auf den Massen lastet, und dessen Beseitigung ihre Hauptaufgabe ist,
+nichts ändert. Sich für die Bestrebungen des Herrn von Egidy
+unsererseits zu engagieren, hieße unsere Kräfte zersplittern, aber auch
+zugleich seine Bestrebungen als sozialdemokratische stigmatisteren und
+ihm die Mehrzahl seiner Anhänger vertreiben ... Voller Sympathie also
+für die Sache an sich, insofern uns jeder Kampf gegen bestehende Übel
+willkommen ist und den bestehenden Bau erschüttern hilft, können wir
+doch nicht gemeinsam wirken, weil unser Ziel weit über das von Herrn von
+Egidy gesteckte hinausführt ... Da also der Berg nicht zu Mohammed
+kommen kann, muß Mohammed eben zum Berge kommen! ...«
+
+Hier war kein Satz, dem ich hätte widersprechen können: gewiß, seine
+Partei konnte sicher und ruhig ihren Zielen entgegen gehen; sie bedurfte
+unser nicht. Aber eines, so schien mir, vergaß Bebel: daß es neben dem
+Proletariat Millionen Menschen gibt, die nicht nur der endlichen
+Erlösung ebenso würdig und bedürftig sind, die sich vielmehr auch im
+Augenblick, wo die Arbeiterklasse schon die Fahne des Sieges
+aufzupflanzen imstande wäre, ihr wie eine Barriere in den Weg stellen
+würden. Mich und meinen Glauben an unsere Sache entmutigte weder Egidy
+noch Bebel. Und der Professor -- dessen war ich gewiß -- würde nicht
+anders denken als ich.
+
+Mit Bebels Brief in der Hand, überschritt ich wieder einmal den engen
+Hof, die dunkle Treppe, den lichtlosen Flur, und stand schon vor seiner
+Türe, als eine Stimme von innen meinen Fuß stocken ließ. Sie klang tief
+und warm und hatte jenen österreichischen Akzent, der uns Norddeutsche,
+wie alles, was vom Süden kommt, so seltsam anheimelt.
+
+»Alle Ströme fließen in unser Meer ...« sagte sie.
+
+»Ich bin ganz Ihrer Meinung und wünschte, daß Ihre Partei uns ebenso
+einschätzt: als einen Nebenfluß, der ihr reiche Schätze zuzutragen
+vermag,« antwortete der Professor. Noch ein Stühlerücken, ein paar
+Höflichkeitsphrasen, ein fester Tritt, -- ich öffnete rasch die Türe, um
+nicht als Horcherin ertappt zu werden. Ein großer, blonder Mann stand
+mir gegenüber, wir sahen einander einen Augenblick lang ins Gesicht, und
+mit einer stummen Verbeugung ging er an mir vorbei zum Zimmer hinaus.
+
+»Wer war das?« frug ich erstaunt und strich mir mechanisch mit der Hand
+über die Stirne, -- ich mußte diesen Menschen schon irgendwo gesehen
+haben.
+
+»Dr. Brandt, -- der bekannte sozialdemokratische Schriftsteller,« sagte
+Glyzcinski, er strahlte noch vor Freude über den Besuch. »Was meinen
+Sie, sollen seine Worte der geheime Wahlspruch werden, den wir Beide an
+die Spitze unserer Satzungen stellen?«
+
+»Alle Ströme fließen in unser Meer,« wiederholte ich und drückte fest
+die Hand, die er mir entgegenstreckte -- »hier haben Sie mich zum
+Bundesgenossen!«
+
+
+
+
+Achtzehntes Kapitel
+
+
+ Kranz, 15. 6. 92
+Verehrter Herr Professor!
+
+Wir sind wohlbehalten hier angekommen und ich benutze den herrlichen
+Morgen, um Ihnen gleich die erste Nachricht zu geben. Seit gestern
+Abend, wo Onkel Walter, kaum daß ich den Reisestaub abgeschüttelt hatte,
+mich bereits ganz gegen seine Gewohnheit in ein politisches Gespräch
+verwickelte, zweifle ich nicht mehr daran, daß nicht meiner Schwester
+Bleichsucht, sondern mein 'gefährlicher' Geisteszustand die Eltern
+veranlaßte, uns Beide so unerwartet rasch auf Reisen zu schicken. Der
+Onkel erzählte mir, daß die Regierung, d. h. heute kaum etwas anderes als
+S. M., Egidy, diesem 'kompletten Narren', nur aus Rücksicht auf seine
+Familienbeziehungen noch 'keinen Maulkorb' vorgebunden habe, man werde
+dafür bei Zeiten seinen Parteigängern an den Kragen gehen, die im
+Polizeipräsidium als Anarchisten wohl bekannt seien. 'Aber Dein
+Professor ist viel gefährlicher', fügte er dann hinzu, 'und er wäre
+längst beseitigt worden, wenn er nicht ein kranker Mann wäre.' Da mir
+die schlechte Gewohnheit des Schweigens inzwischen glücklich abhanden
+gekommen ist, gab es eine erregte Aussprache. 'Das kommt davon, wenn
+Frauen sich in Dinge mischen, die sie nichts angehen,' sagte der Onkel,
+als ich Ihre Stellung zum seligen Volksschulgesetzentwurf und zur
+Arbeitslosenbewegung verteidigt und als die meinige bezeichnet hatte.
+Wir seien nichts anderes als Helfershelfer der Sozialdemokratie,
+erklärte er mit der Hellsichtigkeit des Hasses. Und nun war es mir nicht
+nur höchst interessant, ihn seinen eigenen Standpunkt auseinandersetzen
+zu hören, sondern -- lachen Sie mich bitte nicht aus! -- zum erstenmal,
+seit ich ihn kenne, fing ich an, ihn ernst zu nehmen und zu begreifen.
+Wer, auch ohne den Dogmenglauben zu besitzen, gesättigt von dem ganzen
+Pessimismus des Christentums, alle Menschen für Sünder und die Welt für
+ein Jammertal, bestenfalls für eine fegefeuerähnliche Durchgangsstation
+hält, daneben aber sich der ungeheuern Vorteile alter Kultur und
+angestammter Herrenrechte voll bewußt ist, der kann den Sozialismus und
+alle seine Begleiterscheinungen nur für das Ende aller Dinge halten,
+gegen das er sich naturgemäß wehren muß. Offen gestanden, sind mir solch
+ehrliche Junker hundertmal lieber als die Richter und Konsorten, die wir
+ja eben zur Genüge kennen gelernt haben. Übrigens nahm ich die
+Gelegenheit wahr, um Onkel auf seinen Monarchismus hin festzunageln,
+'der mir angesichts der Haltung seiner Partei gegenüber den
+Handelsverträgen einigermaßen fadenscheinig vorkäme.' -- 'Unser
+Monarchismus besteht nicht in hündischer Treue gegenüber dem einzelnen
+Monarchen,' antwortete er 'sondern in der Hochhaltung und Verteidigung
+alles dessen, was die Monarchie stützt und kräftigt, -- auch gegen den
+Monarchen, wenn es sein muß!' Mich würde diese geistreiche Definition
+in seinem Munde verblüfft haben, wenn mir nicht rechtzeitig eingefallen
+wäre, daß in letzter Zeit seine ganze geistige Nahrung in den
+Apostata-Artikeln der 'Gegenwart' bestanden hat.
+
+Hoffentlich höre ich bald von Ihnen, von Ihrem persönlichen Ergehen, von
+der Entwicklung der Beratungen. Soll ich Ihnen gestehen, daß ich ohne
+Bedenken auf die Teilnahme an ihnen verzichtet hätte, wenn meine Eltern
+mir dafür erlaubt haben würden jeden Nachmittag bei Ihnen allein meine
+Tasse Kaffee zu trinken?!
+
+Mit herzlichen Grüßen
+
+ Ihre dankbar ergebene
+ Alix von Kleve.«
+
+
+ »Berlin, 18. 6. 92
+Gnädigstes Fräulein!
+
+So rasch eine Nachricht von Ihnen zu bekommen, war eine aufrichtige
+Freude, und Ihre Schilderung Ihres Gesprächs mit Ihrem Herrn Onkel
+interessierte mich natürlich lebhaft. Daß man die Ethische Bewegung
+'oben' nicht ohne Besorgnis betrachtet, weiß ich. Geheimrat Althoff ließ
+sich dieser Tage von mir alles auf sie bezügliche Material kommen, und
+in der Universität, wo der Gestrenge mich, wenn wir uns begegneten,
+höchst liebenswürdig zu begrüßen pflegte, ging er heute stirnrunzelnd an
+mir vorüber.
+
+Ihr Urteil über die Junker teile ich nicht. Nur der krasseste Egoismus
+ist es, der sie, die Jahrhunderte lang alle Vorzüge des Besitzes und der
+Kultur genossen haben, den Forderungen der neuen Zeit verschließt. Mit
+vollem Recht kann von ihnen verlangt werden, daß sie auf dem Wege
+wissenschaftlicher -- das heißt in diesem Fall ethischer und sozialer --
+Einsicht zu denselben Überzeugungen kommen, die sich die Armen und
+Entrechteten nur durch die Erkenntnis ihrer ökonomischen Lage zu
+erwerben vermögen. Adel verpflichtet! Und sind wir nicht auch 'Junker'?!
+
+Die letzte Sitzung unserer Kommission verlief ziemlich stürmisch, und
+mir kamen wieder arge Bedenken über deren Zusammensetzung. Die einen
+forderten in erregtester Weise, daß die Religion innerhalb der Ethischen
+Gesellschaft überhaupt nicht berührt werden dürfte, die anderen,
+Professor Seefried an der Spitze, erklärten das Hineinziehen der
+sozialen Frage für außerordentlich bedenklich, worauf ich mich zu der
+Erklärung gezwungen sah, daß eine Ethische Gesellschaft, die ihr aus dem
+Wege ginge, nicht wert sei, zu existieren. Die milde, versöhnliche Art
+unseres Vorsitzenden goß Öl auf die Wogen unserer Erregung, aber was er
+zu berichten hatte, wirkte wieder wie ein Sturm. Eine hiesige Zeitung
+wollte aus 'bester Quelle' erfahren haben, die Haupttendenz unserer
+Gesellschaft sei eine antisozialistische; im Anschluß daran hielt
+Geheimrat Frommann eine höchst charakteristische kleine Rede, deren
+Hauptpunkte ich Ihnen nicht vorenthalten will. 'Ich kann nur insoweit
+mit der Sozialdemokratie mitgehen, als ich die Verstaatlichung des Grund
+und Bodens für notwendig und durchführbar halte,' sagte er, wobei ich
+ihn mit dem Zitat 'du wirst dich weiter noch entschließen müssen,'
+unterbrach. Die 'irdische Zukunftspoesie' der Sozialdemokratie erklärte
+er für utopischer als den Himmel der Frommen, und den Glauben an die
+Verwirklichung solcher Träume für eine gefährliche Ablenkung von ernster
+Arbeit. Ich ließ es bei meiner Erwiderung natürlich wieder an dem
+nötigen ethischen Maß fehlen. Was ich sagte, war etwa dies: daß ich das
+Emporkommen der Arbeiterklasse und einen sozialistischen Staat im
+Gegensatz zu dem so vielfach herrschenden anarchischen Individualismus
+für das erstrebenswerteste Ziel ansähe, das sich auch ohne Zweifel
+verwirklichen werde, -- in vernünftiger Weise, wenn die leitenden Kreise
+vernünftig, in unvernünftiger, wenn sie einsichtslos bleiben; und ich
+habe hinzugefügt, daß ich mich sofort von einer Bewegung lossagen würde,
+welche dem Sozialismus direkt oder indirekt entgegenwirken wolle. Damit
+war der Anstoß zu einer erregten Sozialistendebatte gegeben, und Helma
+Kurz, deren Wirken in der Frauenbewegung sie mir so ungemein sympatisch
+machte, enttäuschte mich bitter, indem sie all ihre Waffen gegen die
+Sozis aus Eugen Richters Rüstkammer holte: 'Auflösung der Familie', --
+als ob es nicht der Kapitalismus wäre, der Väter, Mütter und Kinder in
+die Fabriken hetzt! -- 'Weibergemeinschaft', -- als ob nicht die heutige
+Gesellschaftsordnung die armen Frauen zur käuflichen Waare machte!
+
+Da ich mich etwas beschämt als den eigentlichen Ruhestörer empfand, bin
+ich nachher still gewesen, und das endliche praktische Resultat unserer
+Sitzung waren der beifolgende Aufruf und Statutenentwurf. Sie werden
+selbst empfinden, wie wenig mir deren Farblosigkeit gefallen kann. Daß
+unsere Aufgabe sein soll, 'der Feindseligkeit und dem Unmaß in der
+Menschenwelt Schranken zu ziehen und eine entsprechende Gestaltung der
+Erziehung und der Lebensführung zu fördern', heißt, fürchte ich, Egidys
+Versöhnung noch übertrumpfen, und daß aus dem § 2 der Statuten die Worte
+'Besitzlose' und 'Schutz vor Ausbeutung' gestrichen wurden, gab mir
+ordentlich einen Stich ins Herz. Für die Zukunft brauche ich dringend
+Ihre Unterstützung, wenn anders unsere Idee sich nicht allmählich in ihr
+Gegenteil verwandeln soll. Ich habe Sie darum als Kommissions-Mitglied
+vorgeschlagen und bin beauftragt, Sie um Annahme der erfolgten Wahl zu
+bitten. Ich hoffe bestimmt, daß Sie sich nicht auch jetzt noch durch
+falsche Bescheidenheit und ebenso falsche Rücksicht auf Ihre Eltern
+abhalten lassen, in den Dienst unserer Sache zu treten.
+
+Übrigens hatte ich gestern die Ehre des Besuchs Ihrer Frau Mutter. Sie
+suchte mich zu bestimmen, meinen 'großen Einfluß' auf Sie geltend zu
+machen, um Sie wieder in den Schoß Weimars und unter den Schutz des
+weißen Falken zurückzuführen. Ich lehnte entschieden ab und betonte, daß
+Sie zu Größerem berufen seien, und daß es Pflicht der Eltern wäre, Ihnen
+vollkommen freie Bahn zu lassen. Daraufhin empfahl sich Ihre Exzellenz
+recht kühl und, wie es schien, verletzt.
+
+Auch Egidy war vor ein paar Tagen bei mir. Ich fürchte, daß er mehr und
+mehr alle Distanz zu sich selbst und der Welt verliert. So sieht er uns
+-- ernstlich! -- als ein Konkurrenzunternehmen an und vermag in seiner
+ungeheuern Selbstüberschätzung nicht einzusehen, daß er doch nur, wie
+wir, einer der vielen Arbeiter ist, die von den Ruinen der Vergangenheit
+Stein um Stein abtragen, um dem Bau der Zukunft Platz zu machen.
+
+Ich habe meine einsamen Zoo-Fahrten wieder aufgekommen. Auch zu
+Pfingsten war ich dort und ließ die Menschen an mir vorüberfluten. Diese
+Physiognomien könnten selbst mich beinahe glauben machen, daß wir vom
+Zukunftsstaat noch grenzenlos weit entfernt sind! -- Alle alten
+Bekannten fanden sich um den Stammtisch ein, -- wie schrecklich
+gleichgültig und langweilig sie mir doch inzwischen geworden sind! Wie
+gern ich auf sie und den ganzen Zoo verzichtete, wenn Sie auch nur einen
+einzigen Nachmittag wieder neben mir säßen!
+
+Sie herzlichst grüßend, verbleibe ich
+
+ Ihr treuergebenster
+ Georg von Glyzcinski.
+
+Allerlei Lektüre, auch der 'Vorwärts', folgt anbei!«
+
+
+ »Kranz, 29. 6. 92
+Verehrter Herr Professor!
+
+Haben Sie vielen Dank für Ihren Brief, den ich erst heute beantworte,
+weil wir inzwischen von einem sogenannten Vergnügen zum anderen hetzten
+und Ilschen den Rest meiner Zeit mit ihrer Kur in Anspruch nahm. Die
+Gesellschaft, in der ich mich ständig befunden habe und die doch
+eigentlich die meine ist, wird mir bis zur Verständnislosigkeit fremd.
+Ihre Atmosphäre legt sich mir beklemmend aufs Herz, wie die eines
+überfüllten Saales; und wenn ich versuche ein Fenster zu öffnen, so
+schreit alles, aus Angst vor Erkältung.
+
+Nach Ihrem letzten Bericht über die Kommissionsverhandlungen und nach
+dem Empfang des Programms und der Statuten ist das glühende Feuer meiner
+Hoffnung freilich durch einen recht abkühlenden Wasserstrahl getroffen
+worden. Ich finde -- verzeihen Sie mir meine Ehrlichkeit! --, daß beide
+stark nach Phrase schmecken. Der Ausdruck 'Unmaß in der Menschenwelt'
+stört mich besonders. Zu sehr Maß halten, zu ängstlich darauf sehen, es
+mit keinem zu verderben, mag an sich ethisch sein, kann aber zu sehr
+unethischen Konsequenzen führen. Und zu der Stellung von Professor
+Seefried und Helma Kurz kann ich nur sagen: wer nicht für uns ist, der
+ist wider uns.
+
+Nach alledem ist es für mich selbstverständlich, daß ich die Wahl in die
+Kommission annehmen muß. Wenn ich nur nicht auch zu einer Enttäuschung
+für Sie werde! Es muß wohl doch nicht allein ein Ergebnis meiner
+Erziehung, sondern ein Teil meines Wesens sein, daß es mir so
+schrecklich schwer wird, vor Fremden meine innersten Gedanken zu
+entwickeln, -- als ob ich mich vor allem Volk nackt zeigen müßte! Da ich
+aber einsehe, daß die geistige Nacktheit das große Opfer ist, das die
+Menschheit von denen verlangt, die sich in ihre Dienste stellen, so will
+ich versuchen, mich dazu zu erziehen.
+
+Bei den Ausflügen, die wir in die Umgegend gemacht haben, bin ich durch
+das, was ich sah, in meinem Vorsatz bestärkt worden: wie viel Jammer und
+Elend auf dem Hintergrund des blauen Himmelsgewölbes und des unendlichen
+brandenden Meeres! Fast möchte man, wie die Menschen bisher, verzweifelt
+darüber die Hände untätig in den Schoß legen, oder, wie die Anarchisten,
+Vernichtung predigen, weil anders eine Rettung nicht möglich erscheint.
+Je mehr ich offenen Auges um mich sehe, desto mehr entwickelt sich bei
+mir ein Zug zum Fanatismus, und ich muß mir immerfort das Gebot der
+Toleranz und die Pflicht, leidenschaftslos zu urteilen, vorhalten. Von
+dem Augenblick an, daß man sich klar wird, -- es mag vielleicht paradox
+klingen, aber die meisten werden sich wirklich niemals klar darüber! --,
+daß jenes in Schmutz, Hunger und Stumpfheit aufgewachsene Fischerkind
+auch ein Mensch ist, genau wie man selber, kein fremdartiges Geschöpf,
+-- von dem Augenblick an beginnt man überhaupt erst zu sehen. Und wenn
+mir jetzt vorgehalten wird: die Leute empfinden ihr Elend nicht, -- so
+kann ich mich nicht mehr dabei beruhigen. Ich fühle vielmehr, -- und
+fühls mit allen Schmerzen peinigenden Selbstvorwurfs, -- daß gerade
+dies, was ein Trost sein soll, das größte Unglück ist und jeder einzelne
+von uns die Verantwortung dafür trägt.
+
+Das Erwecken der Menschen zu dem Bewußtsein ihres Elends ist sicher der
+erste Schritt zu ihrer Erhebung, und wenn ich jetzt den 'Vorwärts', dank
+Ihrer Güte, regelmäßig lese, so scheint mir das Hauptverdienst der
+Sozialdemokratie darin zu bestehen, daß sie überall die Sturmglocke
+läutet. Womit ich mich aber nicht befreunden kann, -- das ist die
+unterschiedslose Verdammung aller Bestrebungen, die nicht von vornherein
+rot abgestempelt sind. Warum entdeckt der Vorwärts nicht, wie Dr.
+Brandt, die 'Ströme, die in sein Meer fließen'? So ist sein Angriff auf
+die Ethische Bewegung ebenso töricht wie ungerecht. Er müßte uns
+wahrhaftig von Bildungsanstalten Richterscher und Stöckerscher Art
+unterscheiden können! Und warum Haß und hämischen Neid gegen die
+einzelnen Mitglieder anderer Klassen groß ziehen, -- der nichts zur
+Folge hat, als lähmende Bitterkeit --, statt nur den Haß gegen die
+Zustände, der Mut und Kampflust auslöst? Gerade der Sozialismus lehrt
+doch, daß die Menschen Ergebnisse der sozialen und wirtschaftlichen
+Verhältnisse sind; man setzt sich also in Widerspruch zu den eigenen
+Grundprinzipien, wenn man den Haß gegen Personen verbreitet, die doch so
+werden mußten, wie sie wurden.
+
+Damit komme ich noch mit einem Wort auf unseren alten Streitpunkt, die
+Junker betreffend, zurück. Sie erinnern mich daran und werden es
+vielleicht jetzt wieder tun, daß wir beide doch auch Junker wären und
+uns trotzdem, lediglich auf Grund unserer ethischen Einsicht, zum
+Sozialismus bekennen. Nun denn -- lachen Sie mich nur ruhig aus, ich
+höre Sie so gerne lachen! --, ich bestreite Ihre Behauptung! Sind wir
+nicht von Jugend an Abhängige gewesen, -- wir und unsere Eltern, -- von
+unserem Brotgeber, dem Staat? Hätten meine Eltern sich frei bewegen
+können, ohne sich den Kopf an der Mauer einzurennen, die der Staat um
+sie gezogen hat? Können Sie es? Und diese Abhängigkeit -- macht sie
+nicht den Proletarier? Ich aber, die ich ein Weib bin, gehöre von Rechts
+wegen noch tausendmal mehr als Sie zu der großen, dunkeln, darbenden
+Masse der Enterbten!
+
+Mich hat diese Erkenntnis mit neuer Freudigkeit erfüllt und mit neuer
+Hoffnung; gilt doch dann dasselbe für unseresgleichen wie für das arme
+Fischerkind: es bedarf nur der Erweckung, und Tausende neuer Kämpfer
+gesellen sich brüderlich zu denen, die vorangingen! Wie viele gibt es,
+deren ganzes Wesen nach Befreiung und Betätigung verlangt, deren
+geistige Kräfte, ihnen selbst vielleicht oft kaum bewußt, schon im
+Dienst der großen Menschheitssache stehen, -- denken Sie nur an all
+unsere jungen Künstler und Schriftsteller!
+
+Wenn der Kaiser jetzt gegen die moderne Kunst redet, Burgen mit
+Schießscharten baut und Wildenbruch und Lauff zu Hofpoeten macht, so
+spricht das nicht nur für seinen Scharfsinn, der die Revolution wittert,
+wo andere nur die blaue Blume neuer Dichtung sehen, sondern er zeigt
+sich abermals als unser bester Agitator, der nun auch die geistigen
+Arbeiter in die Schranken ruft. Wir sollten jetzt zur Stelle sein und
+das Eisen ihrer Entrüstung schmieden, solange es warm ist.
+
+Vielleicht, daß ich demnächst nach dieser Richtung einen ersten Versuch
+machen kann. Eine alte Freundin von mir, einstiges Mitglied des
+Schweriner Hoftheaters, die mit einem Königsberger Professor verheiratet
+ist, lud mich ein. Zuerst zögerte ich, hinzugehen: sie konnte, solange
+sie Schauspielerin war, das gutbürgerliche Milieu, aus dem sie stammte,
+nicht vergessen; und nun, da sie dorthin zurückkehrte, klebt ihrem Wesen
+die Erinnerung an die Bühne an. Aber die Aussicht, Sindermann, einen
+jungen Schriftsteller, bei ihr kennen zu lernen, war entscheidend, und
+ich warte nur noch auf die Bestimmung des Tages, um hinzufahren. Ein
+Mann, der durch seine Werke der bürgerlichen Welt das Verdammungsurteil
+ins Gesicht schleudern konnte, gehört von vornherein zu uns und müßte
+der Bannerträger des Emanzipationskampfs der geistigen Arbeiter werden.
+
+Verzeihen Sie den langen Brief. Ich habe hier niemanden, mit dem ich
+mich auszusprechen vermöchte, und Sie haben mich so sehr verwöhnt!
+
+Meine Eltern sind seit gestern hier; vergebens bat ich sie, nach Berlin
+zurückkehren zu dürfen. Allein in unserer Wohnung zu sein, halten sie
+für unpassend, und zu Egidys zu gehen, die mich in freundlichster Weise
+einluden, ist ihnen auch bedenklich! Bin ich notwendig, so komme ich
+ohne ihre Erlaubnis.
+
+ Mit herzlichsten Grüßen
+ Ihre dankbar ergebene
+ Alix von Kleve.«
+
+
+ »Berlin, den 1. Juli 1892
+Mein liebes gnädiges Fräulein!
+
+Wundern Sie sich nicht über meine rasche Antwort: jeden Tag häuft sich
+so viel an, was ich Ihnen sagen möchte, und Ihr Brief weckt überdies
+solch eine Menge Empfindungen und Gedanken, daß ich nicht anders kann,
+als schreiben, sobald ich Ihre Schrift vor mir sehe. Entschuldigen Sie
+nur meine häßlichen zitternden Krakelfüße, -- ich bin nicht ganz auf dem
+Posten und muß ausgestreckt liegen.
+
+Für die Annahme Ihrer Wahl danke ich Ihnen ganz persönlich: Sie werden
+unserer Sache von größtem Nutzen sein und -- was mich besonders
+befriedigt! -- das weibliche Geschlecht allein zu vertreten haben. Helma
+Kurz und Frau Schaper haben -- infolge 'starker Arbeitslast'! -- ihre
+Ämter niedergelegt. Ich habe nun die Wahl von zwei Sozialdemokraten
+vorgeschlagen, so daß wir uns möglicherweise sehr verbessern werden. Sie
+werden dann auch Gelegenheit haben, sich mit diesen über Ihre
+Erweiterung des Begriffs Proletarier auseinandersetzen, der, wie ich
+glaube, durchaus im Rahmen marxistischer Entwicklungslehre liegt: der
+Arbeiter, der 'mit dem Hirne pflügt' wird als Gleichberechtigter und
+Gleichentrechteter neben den Handarbeiter gestellt.
+
+Mit Ihrer Kritik des Vorwärts freilich würden Sie sich weniger in
+Übereinstimmung mit den 'Genossen' befinden, -- auch mit Ihrem getreuen
+'Genossen' Glyzcinski nicht! Ich kann seine Haltung uns gegenüber nicht
+verurteilen: ohne Zweifel werden in der Ethischen Gesellschaft alsbald
+viele sein, welche von dessen Urteil getroffen werden und nichts als
+'Harmonieduselei' treiben wollen. Wer aber bürgt dafür, daß sie nicht
+schließlich herrschen und 'gefährliche' Elemente hinausdrängen?!
+
+Suchen Sie Sindermann für uns zu gewinnen. Mein Vetter Paul, den Sie
+einmal bei mir sahen, und der dem Friedrichshagener Kreis angehört, hält
+zwar nichts von ihm und meint, Eitelkeit und Ehrgeiz würden ihn eher
+immer weiter von uns entfernen, als ihn uns näher bringen. Er rühmte mir
+dagegen den jungen Dichter des Dramas 'Vor Sonnenaufgang', den er für
+den 'Kommenden' hält; aber bei der Manier dieser Art junger Leute, aus
+jedem bunten Kälbchen einen Götzen zu machen, vor dem sie anbetend auf
+dem Bauche liegen, bin ich vorläufig noch sehr skeptisch.
+
+Unsere Kommissionssitzungen sind einstweilen eingestellt worden. Alles
+denkt ans Reisen, und es wird im Zoo immer stiller. Wie schön und
+ungestört ließe sichs jetzt dort plaudern! Nicht wahr, Sie gönnen mir
+die Vorfreude und teilen mir zeitlich mit, wann ich Sie erwarten darf?
+
+Mit herzlichsten Grüßen
+
+ Ihr treuergebener
+ Georg von Glyzcinski.«
+
+Ich vermochte den Brief kaum zu Ende zu lesen, nichts als leere Worte
+tanzten mir vor den Augen; denn nur ein Satz hatte sich mir schreckhaft
+eingeprägt: »ich bin nicht auf dem Posten -- muß ausgestreckt liegen.«
+Und ich sah ihn deutlich vor mir, den kranken Mann mit dem Apostelkopf
+und dem wesenlosen Körper, wie er allein, von einem ungeschickten Diener
+kaum bedient, geschweige denn gepflegt, in seinem stillen Zimmer lag,
+die weißen schmalen Hände auf der schwarzen Pelzdecke, die Kinderaugen
+sehnsüchtig ins Weite gerichtet. Mein Herz klopfte zum Zerspringen, und
+ich wußte auf einmal, wohin ich gehörte.
+
+Mechanisch faltete ich einen zweiten Brief auseinander: von Lisbeth; --
+noch heute sollte ich zu ihr kommen, Sindermann habe sich zum Abend
+angesagt, schrieb sie. Ich ging in mein Zimmer, raffte das Notwendigste
+eilig zusammen und hinterließ meiner Mutter, die mit allen anderen auf
+ein Nachbargut gefahren war, zwei Zeilen: »Frau Professor Landmann lädt
+mich soeben ein, noch heute nach Königsberg zu kommen. Da ich Eurer
+Erlaubnis sicher zu sein glaube, fahre ich mit dem nächsten Zug.«
+
+Unterwegs erst wurde ich Herr einer Erregung, die mich den fernen Freund
+schon mit geschlossenen Augen und erblaßten Lippen auf dem Totenbette
+sehen ließ. Ich hatte beschlossen, den Nachtzug nach Berlin zu
+benutzen, -- aber konnte -- durfte ich den Kranken durch meine
+überraschende Ankunft erschrecken? Sah das nicht doch vielleicht nach
+einem unwürdigen Sichaufdrängen aus? Ich errötete unwillkürlich. Auf dem
+Bahnhof bat ich ihn telegraphisch um Nachricht über sein Befinden und
+kündigte meine Rückkehr an. Dann erst fuhr ich hinauf in die stille
+Tragheimer Kirchenstraße mit ihrem ausgefahrenen Pflaster und ihren
+altersgrauen Häusern. Welch eine strenge, ernste Stadt ist doch dies
+Königsberg, dachte ich; eine Stadt, die in jedem Winkel an den Ernst des
+Lebens erinnert und ihre Bürger zwingt, still in sich selbst Einkehr zu
+halten. Wäre ich hier aufgewachsen, vielleicht hätte meine Sehnsucht nie
+über ihre Wälle und Gräben hinaus verlangt!
+
+Im phantastischen Kostüm einer Zarewna, Augen und Wangen glühend vor
+Eifer, empfing mich Lisbeth. So -- gerade so hatte ich sie einmal in
+Schwerin auf der Bühne gesehen. Was sie spielte, vergaß ich oder wußte
+es nie. »Wie schön sie ist!« hatte ich damals bewundernd geflüstert »Du
+-- du bist viel tausendmal schöner --« war mir aus dem Dunkel der Loge
+heiß ins Ohr geklungen ...
+
+Ein Wortschwall zärtlicher Begrüßung entriß mich dem Taumel der
+Erinnerung. Still -- ein bißchen verlegen, die Augen in offenbarer
+Bewunderung auf seine Frau gerichtet, stand ihr Mann daneben, der
+typische deutsche Professor, mit kurzsichtig zwinkernden Äuglein und
+linkischen Bewegungen. Ich wurde hineingezogen. In eine Laube von
+blühenden Sommerblumen war das Wohnzimmer verwandelt, grüne Girlanden
+hingen von der Decke herab, bunte Lampions schaukelten dazwischen. Und
+plötzlich trat hinter dem Epheugerank am Fenster ein weißes,
+goldhaariges Geschöpfchen lächelnd auf mich zu. Lisbeths sprudelndes
+Plaudern brach ab, ihr erhitztes Gesicht nahm einen Ausdruck
+still-seliger Verklärung an; -- »mein Kind!« sagte sie leise und legte
+die Hand auf das schimmernde Haar des Kleinen. Mir stiegen Tränen,
+brennendheiße, in die Augen: Ihr Kind! -- Wie reich mußte sie sein!
+
+Wir brachten ihn gemeinsam zu Bett, den herzigen Buben; seine rosigen
+Füßchen, seine runden Ärmchen, die Grübchen in den Händen und in den
+Knieen mußte ich bewundern. Dann trat ich still beiseite: Mutter und
+Kind, die einander Gute Nacht sagen, sind wie inbrünstig-fromme Beter,
+die selbst der Ungläubigste nicht zu stören wagt. In diesem Augenblick
+lag es um mich wie ungeheure Einsamkeit.
+
+Noch war ich zerstreut und bedrückt, als Sindermann kam.
+
+Wir ertragen angesichts eines tiefen inneren Erlebens nur die
+Allernächsten, und seine Erscheinung wirkte völlig fremd. Ein »bel
+homme« -- es gibt keinen deutschen Ausdruck, der denselben Sinn hätte --
+mit liebevoll gepflegtem schwarzem Vollbart, erzwungen aristokratischen
+Allüren, großen breiten Händen und runden fleischigen Fingern daran.
+
+Es herrschte jene spezifisch norddeutsche Stimmung reservierter
+Verschlossenheit, die zu der phantastischen Umgebung und dem
+romantischen Kostüm der Hausfrau in demselben peinlich-komischen
+Gegensatz stand wie die Nüchternheit aller Ostelbier zum
+Karnevalstrubel. Nur einem Gegner pflegt sie allmählich zu weichen: dem
+Wein. Als in Lisbeths von dem gedämpften Kerzenlicht bunter Lampions
+erhellten künstlichen Garten die Erdbeerbowle auf dem Tische stand und
+die Ketten und die Rheinkiesel auf Kopf und Hals und Armen der falschen
+Zarewna leuchteten und glänzten wie Perlen und Brillanten, verschwand
+nach und nach jener erste Eindruck der Fremdheit.
+
+Wir sprachen von allem, was die Zeit bewegte: von der Kunst der Moderne,
+von der Frauenfrage, von der Sozialdemokratie. »Ich bin Sozialist,«
+sagte Sindermann, »weil ein denkender Mensch heute nichts andres sein
+kann, --« schon klopfte mir das Herz höher vor Freude -- »aber ich
+glaube nicht, daß die Ideen des Sozialismus sich in absehbarer Zeit
+erfüllen werden.« Und nun entwickelte ich die Prinzipien und die
+Zukunftshoffnungen der Ethischen Bewegung und führte all meine Gründe
+ins Feuer, um ihn zu einem der unseren zu machen. Er lächelte; in dem
+rötlichen Dämmer des Raums vermochte ich nicht zu unterscheiden, ob es
+das Lächeln des Spötters oder das tragisch-resignierte des Pessimisten
+war. »Wir Deutschen sind vorläufig unfähig, uns zu würdigeren inneren
+und äußeren Zuständen aufzuschwingen,« meinte er dann, »und so sehr ich
+alle Ihre Ideen anerkenne, so wenig glaube ich, daß Sie unter den
+Künstlern Proselyten machen werden. Nicht viele fassen ihre Aufgabe auf
+wie ich --« er schwieg und betrachtete nachdenklich seine Fingerspitzen.
+Dann warf er einen kurzen, erwartungsvollen Blick auf mich.
+
+»Und Ihre Auffassung wäre?!« frug ich gespannt.
+
+»Der Dichter muß das Leben wiedergeben, wie es sich ihm darstellt; das
+vermag er nur dann, wenn sein Herz weit genug ist, um das ganze Leid
+der Gegenwart mit zu fühlen. Während die Dichter der Vergangenheit
+Tugend und Laster auf die Bühne brachten und den Zuschauer dadurch
+befriedigten, daß eine vergeltende Gerechtigkeit den Schluß
+herbeiführte, zeichnet der moderne Dichter das wahre Bild des Lebens und
+ruft den Zuschauern zu: so ist es, geht hin und helft! Ich will mein
+Publikum nicht amüsieren, ich will ihm nicht die Zeit tot schlagen
+helfen, ich will es aufrütteln, will es zur Erkenntnis von Wahrheiten
+führen, denen es im Leben aus dem Wege geht. Heißt das nicht auch
+ethisch handeln?«
+
+Ich war entzückt. So hatte ich mir das Wirken des Künstlers vorgestellt!
+Er wurde wärmer und lebhafter.
+
+»Glauben Sie mir,« sagte er mit einer großen Geste, »wenn ich könnte,
+würde ich nur vor Arbeitern meine Stücke aufführen lassen, -- die
+verstehen, die würdigen mich!« Und dann erzählte er von der berliner
+Gesellschaft der Kunstkenner, Ästheten und Mäcene, die wahl- und
+kritiklos jeder neu auftauchenden Größe nachliefen. »Bewundert haben
+mich alle als den berühmten Mann,« und wieder zeigte sich jenes
+unbestimmte tragisch-resignierte Lächeln, -- ich erinnerte mich flüchtig
+eines Schauspielers, dem meine Altersgenossinnen in Posen um solch eines
+Lächelns willen zu Füßen lagen -- »aber die meisten wußten nicht, ob
+dieses notwendige Salonrequisit ein Bildhauer oder sonst was wäre.«
+
+Es mochte Mitternacht geworden sein, als auf sein neuestes Werk die Rede
+kam, das im nächsten Winter das Licht der Rampen erblicken sollte. Ich
+horchte um so gespannter auf, je mehr ich von seinem Inhalt erfuhr. Ein
+Weib sollte die Heldin sein, deren Künstlernatur sie aus dem engen
+Zuhause einer Offiziersfamilie hinaustrieb in die Welt.
+
+Und meine Phantasie arbeitete noch rascher, als der Dichter zu erzählen
+vermochte: Ich selbst war dies Weib, das sich endlich losriß, um die
+Heimat seines Wesens zu finden, -- war nicht am Ende auch der alte
+Oberst, der in der Verzweiflung zur Pistole griff, -- mein Vater?! Die
+Heimat, -- das ist das Schicksal, es vernichtet uns, wenn wir die
+Schwächeren sind, und es ist wie die antike Tragödie, die immer Tote auf
+der Wahlstatt läßt.
+
+Ich war ganz still geworden, versunken in die Gedanken, die des Gastes
+Werk in mir ausgelöst hatte.
+
+Draußen dämmerte der Tag. Die Blumen im Zimmer hingen erschlafft die
+Köpfchen; ein feiner Zigarettenrauch zog seine Kreise um die
+verglimmenden Kerzen. Und plötzlich übermannte uns bleierne Müdigkeit.
+Sindermann erhob sich. Verwirrt sah ich auf: da war er ja wieder, vom
+ersten Frühlicht beleuchtet, der »bel homme«, der Mann mit dem liebevoll
+gepflegten Bart, den großen Händen und den runden fleischigen Fingern
+daran. Seltsam, wie fremd, wie störend er wirkte. War er es wirklich
+gewesen, der mir eben mein Schicksal gedeutet hatte?
+
+Zwei Stunden schlief ich den unruhigen Schlaf der Erschöpfung. Das
+rasche Klingeln des Telegraphenboten weckte mich: »Befinden wechselnd.
+Freue mich unbeschreiblich auf Ihre Rückkehr. Glyzcinski.« Ich hatte
+noch gerade Zeit, die Eltern schriftlich meines raschen Entschlusses
+wegen um Entschuldigung zu bitten. »Der Professor ist krank; Ihr wißt,
+sein Leben hängt nur an einem Faden; ich würde es mir nie verzeihen,
+wenn er einsam und ohne Pflege leiden und sterben müßte,« schrieb ich.
+
+Am Abend war ich bei ihm. Er saß vor dem Schreibtisch am Fenster wie
+immer, und schon wollt' ich freudig überrascht auf ihn zueilen, als
+seine Augen mir entgegensahen: flackernde Fieberlichter brannten darin;
+auf seinen schmalen Wangen glühten rote Flecken, und die Hand bebte, die
+er mir bot. »Sie haben sich meinetwegen aus dem Bett gewagt!« rief ich
+erschrocken.
+
+»Darf ich denn dies glückliche Ereignis nicht auf meine Art feiern?!« --
+sein ganzes Antlitz strahlte -- »es geht mir ja besser, viel besser --
+und ich glaubte schon« -- seine Stimme senkte sich -- »ich glaubte, ich
+würde Sie niemals wiedersehen!«
+
+Minutenlang blieb es still zwischen uns. Er lehnte den Kopf zurück, mit
+halb geschlossenen Augen, ich sah nichts als sein Gesicht, das ein
+Ausdruck seligen Friedens verklärte. Und dann hatten wir einander so
+viel zu sagen, daß selbst die schlagende Uhr uns an die vorrückende
+Stunde nicht zu erinnern vermochte.
+
+Der Diener trat ein. »Es ist zehn Uhr, Herr Professor,« sagte er und sah
+mich halb verwundert, halb mißbilligend an. Erschrocken sprang ich auf.
+»Wie komm' ich nun ins Haus -- und wie in die Wohnung!« Ich hatte
+vergessen, mich dem Mädchen anzukündigen.
+
+»So bleiben Sie eben hier,« entschied Glyzcinski, »nebenan auf dem Sofa
+hat mein Bruder oft geschlafen, -- Friedrich braucht Ihnen nur die
+Betten aus dem Schrank zu geben.«
+
+War das eine stille Nacht! Nur aus der Ferne drang das Geräusch der
+Großstadt durch die offenen Fenster. Wie geborgen kam ich mir vor! Am
+nächsten Morgen beeilte ich mich, auf dem grünumbuschten Balkon den
+Frühstückstisch zu decken und achtete wenig auf das mürrische Gebahren
+des Dieners. Erst als er seinen Herrn im Rollstuhl hinausfuhr, traf mich
+aus zwinkerndem Augenwinkel ein hämisch-vielsagender Blick, vor dem mir
+fast der Morgengruß im Munde erstickte. Gott Lob -- Glyzcinski bemerkte
+nichts. Seine Augen hatten den alten, klaren Schein, seine Wangen die
+gleichmäßige Färbung.
+
+»So gut habe ich es in meinem Leben nicht gehabt!« sagte er und behielt
+meine Hand in der seinen.
+
+Zu Hause fand ich ein Telegramm von der Mutter: »Papa über deine Abreise
+äußerst empört, verlangt sofortige Rückkehr oder Übersiedlung zu
+Egidys.« Noch am gleichen Tage zog ich auf Glyzcinskis Rat in die
+Spenerstraße. Egidy selbst war verreist, und so konnte ich, ohne zu
+verletzen, den Tag über abwesend sein. Fast immer war ich bei
+Glyzcinski. Wenn er es auch niemals zuließ, daß ich ihn pflegte, so
+konnte ich doch überwachen, ob die Vorschriften des Arztes befolgt, die
+verschiedenen Umschläge und Kompressen zur rechten Zeit gewechselt
+wurden. Meiner alten Kochkünste erinnerte ich mich wieder und freute
+mich wie ein Kind, wenn ich zusah, mit welch wachsendem Behagen der
+liebe Kranke meine Suppen aß. Einmal gelang es mir, den Arzt allein zu
+sprechen: »Nur der Geist hält diesen Körper aufrecht,« sagte er ernst.
+»Leidet er?« frug ich und lehnte mich, um meine Angst zu verbergen, tief
+in den dunkelsten Schatten der Treppe.
+
+»Ein gewöhnlicher Mensch würde dies Dasein kaum ertragen, aber er, --
+wir Gesunden könnten ihn fast um das Glücksgefühl beneiden, das ihm
+unveränderlich aus den Augen strahlt.«
+
+»Wird er genesen und -- leben?« brachte ich mühsam hervor.
+
+Mit einem prüfenden, langen Blick sah mir der Arzt ins Auge und reichte
+mir die Hand zum Abschied:
+
+»Genesen, -- niemals! Leben?! Glück und Liebe sind Elixire, die schon
+Sterbende ins Dasein zurückriefen. Verordnen können wir sie leider
+nicht!«
+
+Glyzcinski wurde von Tag zu Tag frischer und froher. Morgens, wenn ich
+kam, begrüßte er mich, als wäre ich Jahre fort gewesen, und des Abends,
+wenn ich ging, zuckten seine Lippen, wie die kleiner Kinder, die weinen
+wollen. Unsere Tage verliefen in ruhigem Gleichmaß. Der Philosophie war
+der Vormittag gewidmet -- »in einem Jahr müssen Sie Ihr Doktorexamen
+machen können,« hatte Glyzcinski mir versichert, und es war ein
+förmlicher systematischer Unterricht, den er mir erteilte. Er wollte
+dabei niemals zugeben, was ich immer deutlicher empfand: daß mir für
+große Gebiete des Wissens die sprachlichen und -- noch mehr -- die
+mathematischen und naturwissenschaftlichen Vorkenntnisse fehlten. Oft
+wünschte ich, mich noch auf irgendeine gymnasiale Schulbank setzen zu
+können, aber dann lachte er mich aus: »Sie kennen das Leben, -- das ist
+mehr wert, als aller Wissenskram; und Sie sollen handeln, -- das ist
+besser, als mathematische Aufgaben lösen und den Plato im Urtext
+verstehen können.«
+
+Während der Nachmittagstunden beschäftigten wir uns mit der
+Tagespolitik und der modernen Literatur. Die Militärvorlage warf damals
+ihre Schatten voraus; die sozialdemokratische Presse entfaltete eine
+lebhafte Agitation dagegen und kritisierte auf das schärfste das
+Verhalten der Regierung, die, statt alte feierliche Versprechungen auf
+dem Gebiet der Sozialpolitik einzulösen, die Lebenshaltung des Volkes
+nur durch neue, ungeheure Lasten herabdrücke. Ich lernte durch dürre
+Zahlen belegte Tatsachen über Löhne, Lebensmittelpreise, Arbeits- und
+Existenzbedingungen kennen, durch die die graue Nebelwelt des Elends,
+wie ich sie hie und da vor mir hatte aufsteigen sehen, eine immer
+deutlichere, fest umrissenere Gestalt annahm. Meine philosophischen
+Interessen traten mehr und mehr zurück: hier war ein Gebiet, das empfand
+ich instinktiv, das zu erschöpfen die ganze Kraft erforderte. Und die
+Zeit, die mich trug, kam mir auch darin entgegen: von allen Seiten
+strömten mir in Form von Büchern, Broschüren und Zeitungsartikeln
+Aufklärungen aller Art zu. Wir vertieften uns mit brennendem Eifer in
+den ersten Band von Marx Kapital und in die Schriften von Friedrich
+Engels, wir lasen Paul Göhres »Drei Monate Fabrikarbeiter,« dessen
+ungewollte agitatorische Kraft uns mit sich fortriß; und als Dr. Brandt
+dem Professor eines Tages die Probenummer einer von ihm ins Leben
+gerufenen Zeitschrift zuschickte, die ausschließlich Fragen der
+Sozialpolitik behandeln sollte, las ich sie mit brennendem Eifer und sah
+von da an jeder Nummer mit einer Spannung entgegen, wie der Backfisch
+einer Romanfortsetzung. Auch Egidy, der inzwischen heimgekehrt war,
+erblickte nicht mehr in der Überwindung der Dogmen den Ausgangspunkt
+allen Heils, sondern im Kampf gegen Not und Unterdrückung.
+
+»Es ist eine Lust, zu leben, wo alles sich rührt, und alles wächst, --
+dem gleichen Himmel zu, ob auch die Wurzeln im verschiedensten Erdboden
+stehen,« pflegte Glyzcinski zu sagen. Und wenn ich ungeduldig seufzte:
+»Könnten wir nur den Anfang der künftigen Ordnung der Dinge noch
+erleben,« so antwortete er: »Aber wir sind ja schon mitten darin!«
+
+Tatsächlich schien diese eine Bewegung mit einer ungeheuern magnetischen
+Kraft alles an sich zu ziehen. Die Wissenschaft trat in ihre Dienste,
+die Kunst schmiedete Waffen für sie. Was waren Hauptmanns »Weber«
+andres, als ihr dröhnender Schlachtgesang?! Jener Fanatismus, der nichts
+sieht als sein Ziel, der ihm entgegenstürmt mit blutenden Füßen und
+keuchendem Atem, die stillen Stege nicht kennt, die abseits von seinem
+Wege auf duftende Blumenwiesen, in dämmernde Wälder und hoch auf die
+Berge der weiten Ausblicke führen, den kein Ausruhen lockt im Schatten
+der Dorflinde und der Kirchenpforten, -- derselbe Fanatismus, der die
+ersten Christen zwang, die weißen Marmorleiber heidnischer Götter in die
+pontinischen Sümpfe zu werfen, hatte von mir Besitz ergriffen.
+
+Und meine Seele schloß leise, daß keiner es merkte, die Pforte der
+Kammer zu, hinter der lebte, was zu tiefst mein Eigen war.
+
+Fast wie eine Störung empfand ichs, als Sindermann mich zur Vorlesung
+seines nunmehr vollendeten Dramas einlud. Aber war er nicht auch einer,
+der mit uns kämpfte?
+
+Wir fuhren miteinander hinaus nach Chorin, einem jener stillen
+melancholischen Waldwinkel der Mark, wo schwarze Kiefern sich in kleinen
+tiefen Seeen spiegeln und in zerbröckelnde Klosterruinen der mattblaue
+Himmel hineinscheint. Freunde des Dichters erwarteten ihn hier, und ein
+fremder »Kollege«, wie er sich mit einem seltsam feinen Lächeln nannte,
+war dabei: Detlev von Liliencron.
+
+Niemand ist in seiner Wahrhaftigkeit so unbarmherzig wie die Natur. Sie
+scheidet grausam Echtes vom Unechten, ihr Licht, das durch keine
+Schleier und keine Papierlaternen gedämpft wird, beleuchtet grell, was
+am Menschen ihr entspricht, und was ihn von ihr trennt. Frauen mit
+kunstvollen Lockengebänden auf zarten Köpfchen, in modischen Kleidern
+und zierlichen Hackenschuhen, die in der Stadt schön sind und im Salon
+blenden, wirken, wo die Natur herrscht, plötzlich halb lächerlich, halb
+gespensterhaft. Und moderne Männer mit lüstern-blasiertem Lächeln und
+der »interessanten« Blässe endloser Kaffeehausnächte auf den Zügen,
+richtet sie ohne Nachsicht, als das, was sie sind. Werfen sich diese
+Damen und Herren in dem instinktiven, unbehaglichen Gefühl, zu sein, wo
+sie nicht hingehören, aber gar in Dirndlkostüme und Lodenjoppen und
+setzen naiv grüne Hütchen auf ihre gebrannten Haare und müden Glatzen,
+so tritt ihre gräßliche Disharmonie zur Natur in tragischer Deutlichkeit
+hervor, und von den geistreichen Helden und Heldinnen großstädtischen
+Lebens bleibt nichts übrig als die armselige Maske kleiner
+Vorstadtkomödianten.
+
+Aber auch große Menschen vermögen der Natur nicht immer Stand zu
+halten. Wer zu sehen gelernt hat, dem enthüllen sie ihre Blößen, daß es
+einem beinahe wehe tut.
+
+Wir gingen vom Bahnhof durch den Wald bis zu dem kleinen Wirtshaus am
+See. Warum hatte nur unser Dichter solch glänzend-schwarzen Bart und so
+geistreiche Augen -- so fleischige Finger und eine so starke Männerhand?
+Auch hier war eine Disharmonie, die schmerzte. Wie ein Stück dieser
+märkischen Natur selbst schritt dagegen der andere, mir noch völlig
+fremde, neben uns, ein Mann aus einem Guß, bei dem alles zueinander
+paßte.
+
+Ein Gewitter stand drohend am Himmel, als Sindermann zu lesen begann,
+und Blitz und Donner begleiteten die sich entwickelnde Katastrophe.
+Rasch war ich wieder im Bann des Werkes. Das war ja alles mein eigenes
+Erleben: wie dieser Maria die Heimat zur Fremde wurde, in der die
+Menschen eine unverständliche Sprache sprechen, wie sie sich selbst
+retten muß vor den Schlingen, die die Heimat wieder nach ihrer Freiheit
+auswirft. Und ich war es selbst, die sprach: »Es muß klar werden
+zwischen der Heimat und mir!«
+
+Der Beifall in dem kleinen Kreis der Zuhörer war groß. Daß man jede
+Szene stundenlang unter dem Gesichtspunkt der Bühnenwirksamkeit
+besprach, verletzte mich freilich. Erst auf dem Rückweg zur Bahn fing
+man an, die Tendenz des Stückes zu erörtern.
+
+»Daß das individualistische Prinzip darin zu so starkem Ausdruck kommt,
+befriedigt mich ganz besonders,« sagte einer.
+
+»Diese Maria ist die Personifizierung der Idee Nietzsches!« fügte
+enthusiastisch ein anderer hinzu, »sie hat die Umwertung aller Werte für
+sich vollzogen, sie steht jenseits von gut und böse, sie ist der
+Übermensch, obwohl sie ein Weib ist!«
+
+Der Übermensch, -- diese Maria, die sich von einem Elenden hatte
+verführen lassen?! dachte ich. Und die Umwertung aller Werte sollte sie
+vollzogen haben, weil sie die Heimat überwand?! Wäre es möglich, daß ich
+meinen Nietzsche so gar nicht verstanden hatte? -- Die Unterhaltung
+wurde lebhafter. Man sprach über die Notwendigkeit, den Sozialismus
+durch den Individualismus zu überwinden, die Sklavenmoral durch die
+Herrenmoral.
+
+»Wir Künstler haben inmitten der gefährlichen Nivellierungsbestrebungen
+unserer Zeit die Aufgabe, das Recht der Adelsmenschen zu vertreten,«
+rief ein kleiner Mann mit einem Spitzbauch, während ihm die hellen
+Schweißtropfen über das runde Gesicht liefen.
+
+»Und worin besteht dieses Recht?« frug ich neugierig, das Lachen mühsam
+verbeißend.
+
+Verblüfft sah er mich an. »In dem Recht, sich zu behaupten, seine
+Persönlichkeit auszuleben,« sagte er schließlich und hieb sich mit der
+flachen Hand auf den breiten Sportgürtel, daß die dicke Goldkette
+klirrte, die weithin leuchtend darüber hing.
+
+»Sofern man eine hat,« meinte Liliencron lakonisch, der bisher fast
+immer geschwiegen hatte.
+
+»Gewiß -- gewiß,« echote der erhitzte Individualist, sichtlich froh, daß
+der einfahrende Zug ihn einer weiteren Erörterung überhob.
+
+Am nächsten Tag fiel mein philosophischer Unterricht aus: wir stritten
+uns über Nietzsche, und zum erstenmal seit unserer Bekanntschaft
+verteidigte Glyzcinski seine Ansichten mit offenbarer Heftigkeit. »Wie
+im Anarchismus die große Gefahr für die Verbreitung des Sozialismus in
+der Arbeiterklasse zu suchen ist,« sagte er, »so kann die Ausbreitung
+der Ideen Nietzsches die Wirksamkeit der Ethischen Bewegung in den
+oberen Klassen völlig untergraben. Die Ausbildung der Persönlichkeit als
+Selbstzweck steht zu unserem Ziel -- dem größten Glück der größten
+Mehrheit -- in direktem Gegensatz.«
+
+»Verzeihen Sie mir, wenn ich das bestreite,« antwortete ich schüchtern,
+aber doch im Augenblick meiner gegenteiligen Ansicht sehr sicher. »Mir
+scheint nämlich, als ob gerade sie unser Ziel wäre. Höchstes Glück der
+Erdenkinder ist nur die Persönlichkeit, -- so ähnlich heißt es schon bei
+Goethe. Und der Sozialismus soll eben die Möglichkeit für alle schaffen,
+ein Glück sich zu erringen, das heute nur wenige genießen können.«
+
+»Wenn der arme Nietzsche geistig nicht tot wäre,« lachte Glyzcinski, »so
+würde ihn diese Ihre Auslegung daran mahnen, zum Weibe nicht ohne
+Peitsche zu kommen! -- Sehen Sie doch um sich: sind seine lautesten
+Anhänger nicht unsere ärgsten Feinde?«
+
+»Weil sie es sind, die ihn mißverstehen, nicht ich! Sich ausleben,
+bedeutet doch nichts anderes, als alle Fesseln zerreißen und
+zersprengen, die uns hindern können, die Glieder im Dienst der
+Menschheit zu regen!«
+
+»Das, mein liebes Schwesterchen, ist aber kein Originalgedanke
+Nietzsches, sondern eine Forderung, die schon Fichte und Kant und viele
+andere mehr ausgesprochen haben,« antwortete der Professor. »Ich
+fürchtete schon, wir beide könnten uneins werden, und nun sehe ich, daß
+selbst Ihre Verteidigung Nietzsches nur ein neuer Beweis unserer
+Einigkeit ist.«
+
+Ein unbestimmter Widerspruch, über dessen Inhalt ich mir nicht klar zu
+werden vermochte, regte sich zwar noch in mir, aber ich war viel zu
+glücklich über die Brücke des Verständnisses, die wir betreten hatten,
+als daß ich weiter darüber hätte nachdenken mögen.
+
+ * * * * *
+
+Die Eltern kehrten zurück. Die Stimmung des Vaters mir gegenüber
+wechselte täglich: er konnte zärtlich sein und voller Interesse für
+mich, meine Studien, meinen Verkehr; und in der nächsten Stunde schon
+wandelte sich seine Liebe in rauhen Zorn, seine Teilnahme in ungerechte
+Verdammungsurteile, wenn irgendein politisches Ereignis, eine
+sozialdemokratische Demonstration, eine Darstellung der Ethischen
+Bewegung in der konservativen Presse, den Aristokraten, den General, den
+Monarchisten in ihm über den Vater siegen ließen. Die Mutter dagegen
+blieb fast immer kühl, zurückhaltend, beobachtend. Klein-Ilschen ging
+mir scheu aus dem Wege. Und als ich sie nach der Ursache frug, gestand
+sie, daß der Konfirmandenunterricht ihr eine nähere Beziehung zu mir
+unmöglich mache.
+
+Bisher hatte ich es stumm ertragen, die Rolle der ungern Geduldeten zu
+spielen, -- an dem Tage aber, wo dies blonde Kind sich von mir wandte,
+weinte ich.
+
+Die konstituierende Versammlung der Ethischen Gesellschaft stand vor
+der Tür. Aus allen Teilen Deutschlands strömten uns Begrüßungsschreiben,
+Beitrittserklärungen, Zustimmungskundgebungen zu, -- es schien wirklich,
+als hätten sich viele im stillen nach einer geistigen Vereinigung auf
+dieser Basis gesehnt. Selten nur traf ich Glyzcinski nachmittags allein:
+Gelehrte und Ungelehrte, Leute mit berühmten Namen und mit Würden
+beladen erschienen neben armen Handwerkern, und Frauen aus allen Kreisen
+fanden sich ein. Es war ein anderes Publikum, als das bei Egidy gewesen
+war: entschiedener in seiner antireligiösen Gesinnung, von sozialem
+Pflichtbewußtsein stärker durchdrungen. Und die nahende Vollendung
+des lange vorbereiteten Werks gestaltete auch die letzten
+Kommissionssitzungen harmonischer. Wir waren alle voll Zuversicht und
+voll guten Willens, uns auf dem Boden »allgemein menschlicher Ethik«
+zusammenzufinden.
+
+Von jener Begeisterung getragen, die die Geburtsstunde jeder neuen
+humanitären Schöpfung begleitet und die Teilnehmer glauben läßt, der
+Beginn sei schon die Vollendung, verliefen die offiziellen Gründungstage
+unserer Gesellschaft. Es tat förmlich weh, zu der Nüchternheit der
+Alltagsaufgaben zurückzukehren, und die meisten Menschen, die uns eben
+noch zugejubelt hatten, ergriffen vor ihnen die Flucht. Mir, die ich von
+der Welterlösung geträumt hatte, wurde es besonders schwer, an all den
+internen Beratungen und Zusammenkünften teil zu nehmen, wo über Fragen,
+wie die der Versammlungslokale, der Einkassierung der Beiträge, und
+dergleichen mehr oft stundenlang verhandelt wurde. Ich ging regelmäßig
+hin, um Glyzcinski darüber zu berichten, der nur ausnahmsweise an den
+Sitzungen teilnehmen konnte, und daher auch oft den Grad meiner
+Ernüchterung nicht verstand. In Rücksicht auf ihn, dessen Freundschaft
+mit mir kein Geheimnis war, mehr als in Anerkennung meiner sehr geringen
+Verdienste um die Gesellschaft, wurde mir, statt seiner -- der jede Wahl
+von vornherein abgelehnt hatte -- der Schriftführerposten im
+Hauptvorstand angeboten. Ich zögerte keinen Augenblick, ihn anzunehmen,
+da ich mir wohl bewußt war, gerade durch ihn den größten Einfluß
+gewinnen zu können. Zu Hause erzählte ich nicht ohne Stolz von der mir
+widerfahrenen Ehre. Der Vater kam gerade aus seinem Klub, und ich hatte
+in meiner Freude auf seine Mienen nicht geachtet und Mamas heimliche
+Zeichen nicht bemerkt.
+
+»Wie --«, fuhr er los, »ein Mensch, der meinen ehrlichen Namen trägt,
+offizieller Vertreter dieser Gesellschaft internationaler Schwindler?!«
+Ich wollte ihn unterbrechen, aber er ließ mich nicht zu Worte kommen.
+»Habt ihr vielleicht nicht soeben, wie ich natürlich von Fremden
+erfahren mußte, für die wahnwitzige Utopie ewigen Friedens demonstriert,
+was nichts anderes bedeutet, als diesen Schuften, den Sozialdemokraten,
+Wasser auf ihre Mühle treiben!« Seine Stimme schwoll an, als stünde er
+auf dem Kasernenhof, »und die Religion wollt ihr schon den Kindern durch
+euren sogenannten Moralunterricht austreiben. Eine nette Moral das --
+wahrhaftig!« Er trat auf mich zu: »Ich verbiete dir ein- für allemal,
+mit diesen Gottesleugnern und Vaterlandsverrätern gemeinsame Sache zu
+machen -- sonst --«
+
+»Du erlaubst, daß ich mich entferne --« unterbrach ich den Tobenden und
+ging hinaus.
+
+Am nächsten Morgen kam er mir entgegen: ganz blaß, mit überwachten,
+müden Augen. »Höre auf deinen alten Vater, mein Kind, der es gut mit dir
+meint, -- du bist auf falschem Wege, -- schneide dir nicht die Rückkehr
+ab, indem du dich öffentlich engagierst!«
+
+»Laß mir Zeit zum Überlegen, lieber Vater,« bat ich stockend, innerlich
+fast schon überwunden; nur bei Glyzcinski wollte ich mir noch Rats
+erholen.
+
+»Geben Sie nach, -- für diesmal noch!« sagte er, »das geringste Maß von
+Schmerz sollen wir anderen zufügen. Und am schönsten ists, wenn der
+Gegner sich uns aus Überzeugung schließlich selbst ergibt.«
+
+Meinen Vater überwältigte fast die Rührung, als ich ihm sagte, daß ich
+mich seinem Wunsche fügen wolle. Er ging selbst zum Professor und
+unterhielt sich ruhig und eingehend mit ihm, »wie ein vollendeter
+Ethiker.« Dann mußt ich mit ihm in die Stadt, um mir ein Kleid
+auszusuchen: »Ich will nicht, daß du durch die ewige Näherei in der
+Arbeit gestört wirst, die dir am Herzen liegt!«
+
+Es dauerte jedoch nicht lange, und ich fühlte, daß es nur
+eines geringfügigen Anlasses bedurfte, um einen neuen Sturm
+heraufzubeschwören.
+
+Ich schwebte in ständiger Angst. Schon der Tritt meines Vaters auf der
+Treppe machte mich zittern, und möglichst leise verließ ich nachmittags
+das Haus, um erst dann erleichtert aufzuatmen, wenn die Tür von
+Glyzcinskis Studierstube sich hinter mir schloß.
+
+»Jetzt müßt' ich Sie pflegen können, wie Sie mich,« sagte er dann wohl,
+und sein warmer Blick voll Liebe und Mitleid ruhte auf mir.
+
+Eines Novemberabends -- ich hatte infolge eines heftigen
+Erkältungsfiebers ein paar Tage das Bett hüten müssen -- kam ein Brief
+vom Professor:
+
+»Mein gnädigstes Fräulein!
+
+Wir haben schon oft miteinander besprochen, daß die Schaffung eines
+Ethischen Journals sich angesichts der Entwicklung der Gesellschaft als
+eine immer stärkere Notwendigkeit erweist. Dieser Tage habe ich
+innerhalb unserer literarischen Gruppe die Frage erörtert, und der
+Verleger unserer Flugblätter hat sich bereit erklärt, eine Zeitschrift,
+wie wir sie brauchen, in Gemeinschaft mit mir ins Leben zu rufen; da ich
+jedoch außerstande bin, sie allein zu leiten, -- der Redakteur eines
+solchen Blattes muß persönlich bei wichtigen Vorkommnissen zugegen sein
+können --, liegt die letzte Entscheidung der Sache in Ihrer Hand. Die
+Stellung als mein Mitredakteur wird Ihre Arbeitskraft stark in Anspruch
+nehmen, und im Anfang ist der Verlag leider außerstande, Ihnen ein
+höheres Honorar, als etwa fünfzehnhundert bis zweitausend Mark jährlich
+zu bieten. Aber ich hoffe und glaube, daß Ihre Liebe zur Sache groß
+genug ist, um über diese Schwierigkeiten hinwegzusehen.
+
+Mit verbindlichen Empfehlungen den Exzellenzen und herzlichen Grüßen an
+Sie
+
+ Ihr treuergebenster
+ Georg von Glyzcinski.«
+
+Das ist die Befreiung! jubelte ich -- und zitterte doch vor Angst, als
+ich den Brief meinen Eltern gab. Die Szene, die folgte, war schlimmer
+als je vorher. »Solange du meinen Namen trägst, niemals -- niemals!«
+Dabei blieb der Vater. Ich lief in die Nettelbeckstraße und brach,
+aufschluchzend, neben dem Stuhl des Freundes zusammen. Minutenlang
+vermochte ich nicht zu sprechen und fühlte nur, wie der schmalen Hand,
+die mir leise über die Stirne strich, wohltätige Ruhe entströmte. Und
+dann erzählte ich --
+
+»'Solange du meinen Namen trägst' -- das sagte Ihr Vater?« Glyzcinski
+wandte den Kopf und sah zum Fenster hinaus, wo die roten und gelben
+Blätter im Herbststurm tanzten. Es dunkelte schon, -- eine Mahnung zum
+Aufbruch.
+
+»Ich fürchte mich so --« murmelte ich mit neu hervorstürzenden Tränen.
+Und aus dem Zwielicht und der Stille hörte ich seine leise Stimme sagen:
+»Möchtest du bei mir bleiben, mein Schwesterchen?« -- »Immer -- immer
+--« stöhnte ich und preßte meine Lippen, ehe ers hindern konnte, auf die
+Hand, die weiß und unirdisch im Dämmer leuchtete.
+
+Am frühen Morgen des nächsten Tages erhielt ich diesen Brief:
+
+»Mein liebes, gnädiges Fräulein!
+
+Schon vor Monaten habe ich mir oft gedacht: wenn Sie eine Anzahl Jahre
+älter geworden wären, ohne das Glück gefunden zu haben, das Sie in so
+reichem Maße verdienen, -- wenn Sie sich mit dem Gedanken, auf Liebe und
+Glück verzichten zu müssen, vertraut gemacht hätten, dann wollte ich
+fragen: Liebe Freundin, wollen wir zueinander ziehen, Mann und Frau
+werden, dabei aber -- wie es mir beschieden wäre -- als Bruder und
+Schwester weiterleben?!
+
+Der Umstand nun, daß sich jetzt ein Arbeitsplan für uns meldet, dessen
+Verwirklichung, nach dem Standpunkt, den Ihr Herr Vater einnimmt, zu
+schließen, durch jene Lebensvereinigung sehr erleichtert werden würde,
+ist der Grund, daß ich schon heut mit dieser Frage an Sie herantrete.
+
+Wir würden keine Liebes-, sondern eine Freundschafts- und Arbeitsehe
+führen; sie würde für Sie alles andere eher als eine 'Versorgung' sein;
+wir würden wie die Zukunftsmenschen leben, wo auch die Frau sich durch
+eigene Arbeit erhält. Ich bin ohne Vermögen und habe nur ein geringes
+Einkommen. Im übrigen wissen Sie, daß mein Leben jeden Tag zu Ende sein
+kann.
+
+Und nun dürfen Sie rasch 'nein' sagen. Meine Freundschaft zu Ihnen würde
+auch dann immer dieselbe bleiben. Das 'ja' würde jedenfalls eine lange
+Überlegung notwendig machen. Handelt es sich doch um etwas Ähnliches,
+als wenn ein Mädchen den Nonnenschleier nimmt. Sollten Sie trotz alledem
+einmal 'ja' sagen, so könnte es doch eine in ihrer Art schöne Ehe
+werden.
+
+ Ewig
+ Ihr treuer Freund
+ Georg von Glyzcinski.«
+
+Ich hatte kaum zu Ende gelesen -- mit klopfendem Herzen und tiefen
+Atemzügen --, als ich schon am Schreibtisch saß und meine Feder über das
+Papier flog:
+
+»Mein lieber Freund!
+
+Es bedarf für mich keiner Überlegung, um meine Hand mit einem
+freudig-dankbaren Ja in die Ihre zu legen. Und es geschieht nicht im
+Gefühl, auf Glück und Liebe verzichten zu müssen: für mich gibt es nur
+ein Glück, und das ist bei Ihnen; und alles was an Liebe in mir ist,
+gehört Ihnen. Auch ich habe, wie die Kinder, einmal von einem Paradies
+geträumt, das dem Himmel der Frommen ähnlich sah. Jetzt könnte es mir
+fast wie die Hölle erscheinen, -- während Sie mir bieten, was die
+Erfüllung meiner heißesten Wünsche in sich schließt.
+
+Ich sehe einen Urwald, bewohnt von allerhand Raubzeug, oft
+undurchdringlich dicht, daß die Sonne nicht bis auf den Boden dringen
+kann. Und mitten darin wir beide, eng verbunden, mit den Beilen
+bewaffnet, die Du uns schmiedetest. Und aus der Nähe und aus der Ferne
+tönen die Axtschläge vieler anderer Arbeiter zu uns herüber. Das ist
+Musik für unser Ohr. Freilich fehlt es nicht an niederfallenden Ästen,
+die uns verwunden, an giftigen Schlangen, die uns umdrohen. Aber solange
+wir uns selber haben, solange uns das Werkzeug nicht entfällt, solange
+wir offnen Auges das Licht immer mächtiger in die Tiefen des Waldes
+fluten sehen, -- solange ist er uns das Paradies unseres Lebens ...«
+
+Ich schickte meine Antwort voran und folgte ihr auf dem Fuße. Leise trat
+ich ins Zimmer -- Georg bemerkte mich nicht. Auf dem Schreibtisch vor
+ihm lag mein Brief, die Hände hatte er darüber gefaltet und die Stirn
+wie versunken darauf gepreßt.
+
+»Georg --«
+
+»Alix --«, er fuhr zusammen, ein Antlitz wandte sich mir zu, überströmt
+von Tränen. Und er nahm meine Hände und küßte sie und zog meinen Kopf zu
+sich hernieder, und ich fühlte, wie sein Mund sanft meine Augen
+berührte.
+
+Mit ruhiger Fassung sah ich den Ereignissen entgegen, die nun folgen
+mußten, -- daß meine Eltern gegen meine Heirat wesentliche Einwände
+erheben würden, nahm ich nicht an: Georg war von gutem, alten Adel --
+und im übrigen konnte es von ihnen nur als Erleichterung empfunden
+werden, mich endlich aus dem Hause zu haben. Ich war wie versteinert vor
+Schreck, als Georgs offizieller Brief an meinen Vater gekommen war und
+ich in seinem Zimmer vor ihm stand. Schwer atmend, mit dunkel gefärbtem
+Gesicht, die Augen rot unterlaufen, saß er auf seinem Stuhl, den Rock
+geöffnet, mit den Fingern ungeduldig an seinem Kragen zerrend, als
+fürchte er, zu ersticken. Heiser, ruckweise, mit einer Stimme, die die
+seine nicht war, begann er zu reden, während die Mutter, im Sofa
+zusammengekauert, leise vor sich hin weinte.
+
+»Das mir -- das mir! -- hat Gott mich nicht schon genug gestraft?! --
+Dich -- dich -- auf die ich so stolz gewesen bin! -- Die du mein -- mein
+Kind warst vor allem! -- Dich, um die ein König noch hätte betteln
+müssen! -- Dich will dieser -- dieser -- den Gott selbst als einen
+Ausgestoßenen brandmarkte --«
+
+»Papa --!« schrie ich und taumelte bis an die Tür zurück.
+
+Er sprang auf, um sich im nächsten Augenblick, wie von einem Schwindel
+erfaßt, mit beiden Fäusten schwer auf den Tisch zu stützen. Den Kopf
+weit vorgestreckt, die Augen stier auf mich gerichtet, fuhr er mich an:
+
+»Du läufst mir nicht wieder davon, -- und wenn ich dich mit Gewalt
+festhalten müßte! Und deinen sauberen Galan --« er lachte grell auf --
+»ein Kerl, der nicht einmal ein Mann ist, -- niederschießen tu ich ihn,
+wie einen tollen Hund -- --.« Mit einem unartikulierten Laut fiel er in
+den Stuhl zurück. Ich lief nach Wasser, -- benetzte ihm die Lippen, --
+rieb ihm die Stirn, -- es war ja ein Kranker, den ich vor mir hatte!
+Aber kaum war er zu sich gekommen, stieß er mich auch schon von sich.
+
+Mama, Ilse und der Diener brachten ihn zu Bett. Fast die ganze Nacht saß
+ich horchend vor seiner Schlafzimmertür. Wie eine Mörderin kam ich mir
+vor. Als der Morgen graute, schrieb ich ein paar Zeilen an Glyzcinski,
+und kaum daß der graue Novembertag mit schwerfällig-langsamen Schritten
+durch die Straßen geschlichen kam, hörte ich den Vater schon wieder in
+seinem Zimmer auf und nieder gehen. Er rief nach mir, -- die Angst
+schnürte mir die Kehle zu, aber ich folgte. Wie entsetzlich sah er aus!
+In einer einzigen Nacht, -- wie furchtbar gealtert!
+
+»Fürchte dich nicht, -- ich tue dir nichts --« sagte er und verzog den
+Mund mit den gesprungenen Lippen zu einer Grimasse, die ein Lächeln sein
+sollte. »Ich will nur mit dir reden, will dir klar machen, -- was du
+nicht weißt -- nicht wissen kannst, und was der Professor --« es war ihm
+offenbar unmöglich, den verhaßten Namen zu nennen -- »vielleicht auch
+nicht weiß. Die einzige Entschuldigung, die ich ihm zubilligen kann!«
+Ich mußte mich neben ihn setzen, wie in früheren Jahren, und er behielt,
+während er sprach, meine Hand in der seinen.
+
+»Ich sagte dir schon, -- du bist mein Kind! Du hast meine
+Leidenschaften, mein heißes Herz, mein wildes Blut. Bist du die -- die
+Frau dieses Mannes, so wird -- ich weiß es genau, ganz genau! -- eine
+Zeit kommen, früher oder später, wo dein Herz sich vor Qualen
+zusammenkrampft, wo dein Blut nach Liebe schreit -- schreit!! -- hörst
+du? -- Nach einer Liebe, die dieser Mann dir nie wird geben können! --
+Dann wirst du unglücklich werden, totunglücklich -- oder --,« er brachte
+nur mit äußerster Anstrengung die letzten Worte hervor -- »eine Ehrlose,
+-- eine -- eine Dirne!«
+
+»Papa, lieber Papa!« ich streichelte ihm die Hände, »du könntest so
+nicht sprechen, wenn du mich besser kennen würdest! -- Ich bin kein Kind
+mehr -- ich habe viel erlebt, -- sehr, sehr viel gelitten, mein Blut hat
+endgültig ausgetobt, mein Herz weiß von keiner anderen Liebe als von
+der, die Georg mir bietet!«
+
+»Du irrst, -- und dieser Irrtum wird dein Unglück werden. Ich kenne dich
+besser, als du dich in diesem Augenblick kennst --.« Seine überwachten
+Augen sahen ins Weite, er schien immer mehr zu vergessen, daß ich neben
+ihm saß. »Auch ich liebte -- und verzehrte mich nach Liebe! Und warb ein
+viertel Jahrhundert lang um sie, die mein Weib war. Ich wollte nicht
+begreifen, daß all meine Leidenschaft sie nicht erwärmen konnte --! Bis
+ich ein alter Mann geworden bin, bis ich einsehen lernte, daß nichts --
+nichts im Leben mir Wort hielt, -- auch meine Liebeshoffnung nicht! --«
+Er schwieg, überwältigt von der Erinnerung.
+
+»Verstehst du nun, daß ich den Gedanken nicht ertragen kann, dich ebenso
+-- nein -- noch viel unglücklicher werden zu sehen als mich? -- Du wirst
+ja nicht einmal Kinder haben!«
+
+Ich zuckte zusammen, -- aber rasch und gewaltsam hatte ich die
+Empfindung auch schon niedergekämpft, die ihm Recht hätte geben können.
+
+»Alle armen, alle verlassenen Kinder in der Welt werden meine Kinder
+sein --« antwortete ich, »für sie werde ich denken und arbeiten!«
+
+Papa stand auf: »So habe ich dir nichts mehr zu sagen. Du bist majorenn,
+du bedarfst meiner Erlaubnis nicht. Nur um eins bitte ich dich, und
+deine Mutter wird dieselbe Bitte dem -- dem Professor vortragen -- ich
+selbst fühle mich nicht stark genug, ihn zu sehen --: Warte nur noch ein
+halbes Jahr, -- prüfe dich währenddessen. Du kannst, ungehindert durch
+mich, deinen Verkehr in derselben Weise fortsetzen wie bisher, -- bist
+du dann noch entschlossen, -- so strecke ich die Waffen.«
+
+Ich wollte danken, -- war doch dies Zugeständnis weit mehr, als ich nach
+dem gestrigen Auftritt noch glaubte erwarten zu dürfen, -- aber er
+entzog mir seine Hand und verließ hastig das Zimmer.
+
+Noch am Abend schrieb mir Georg, den meine Mutter inzwischen aufgesucht
+hatte:
+
+»... Wir hatten eine lange ernste Unterredung miteinander, die mir um so
+größeren Eindruck machte, als kurz vorher der Oberst Glyzcinski hier
+gewesen war, dem ich mich in meiner Aufregung verriet, und der mir aus
+meinem Vorgehen die heftigsten Vorwürfe machte. 'Geschieht, was du in
+deiner Unkenntnis der Welt und der Menschen als dein Glück ansiehst, so
+geht Ihr zugrunde,' sagte er. Meine geliebte Alix, -- sind wir nicht in
+einer Hinsicht wirklich unwissende Kinder? Es sollte doch keiner von uns
+zugrunde gehen! Wir haben doch beide eine Mission! Es gibt so gar
+wenige, die unseren Enthusiasmus für unsere Sache haben! Sollten wir uns
+beide nicht dieser Sache erhalten? Vielleicht ist es ein Verhängnis, das
+der schönen Tochter der Exzellenz den alten Professor zurseite schob und
+in ein stilles, beschauliches, von allen irdischen Freuden
+abgeschlossenes Gelehrtenleben plötzlich eine Fee hineinversetzte.
+Sollten wir dies Verhängnis nicht in ein segensreiches Schicksal
+verwandeln können, wenn wir, wenn vor allem ich mich selbst
+bezwinge? ...
+
+Drei Stunden täglich Liebe und Sonnenschein? Ist das nicht viel? Die
+armen Millionen, denen sie nimmer scheint, die liebe Sonne! Ich freilich
+dürste nach mehr, aber dann geht einer von uns zugrunde!! -- Und lieber
+lebe ich dauernd in tiefster Nacht, als daß ich über das Haupt des
+liebsten Menschen solch Schicksal heraufbeschwöre!
+
+Machen wir also den ernsten Versuch, geliebte Freundin, uns mit ein
+wenig Glück -- für mich ist das schon überschwenglich viel! -- und viel
+Arbeit zu begnügen, und bitte Deine Eltern, daß sie es Dir leicht machen
+sollen ...«
+
+Aber seine Blicke straften die scheinbare Ruhe dieser Verzichtleistung
+Lügen. Das strahlende Licht war aus seinen Augen verschwunden, wie das
+sonnige Lächeln um seine Lippen. Und verließ ich ihn des Abends, so
+hielt er mich oft mit einem Ausdruck fest, als litte er alle Qualen
+eines Abschieds auf immer. Wir sahen uns täglich. Bald aber merkte ich,
+wie mein Vater durch Einladungen und Verabredungen aller Art meine
+Besuche bei Georg zu hindern suchte. Erinnerte ich ihn an sein
+Versprechen, so wurde er heftig, setzte ich seinen Wünschen Widerstand
+entgegen, so konnte ich sicher sein, bei der Heimkehr die Mutter
+verweint, die Schwester verschüchtert, den Vater stumm und finster
+wieder zu finden. Blieb ich des Abends fort -- Versammlungen und
+Kommissionssitzungen, über die ich in unserer Zeitschrift berichten
+mußte, machten es häufig genug notwendig --, so schlich ich mich in
+zitternder Furcht nach Hause, weil der Vater mich schon oft mit den
+ungerechtfertigsten Vorwürfen empfangen hatte. Jeder Artikel, den ich in
+unserem Blatt unter meinem Namen schrieb -- die Anonymität war mir als
+eine Feigheit verhaßt --, gab Anlaß zu den peinlichsten
+Auseinandersetzungen, und die politischen Ereignisse der Zeit benutzte
+er, um das, was mir heilig war, maßlos zu verunglimpfen. Ich wurde
+schließlich von einem so dauernden, Angstgefühl gefoltert, daß ich oft
+meinte, vom Verfolgungswahn gepackt zu sein. Der täglich wiederholte
+Versuch, vor Georg heiter zu sein, mißlang immer vollständiger, und
+eines Tages gestanden wir einander das Unerträgliche unseres Zustands.
+
+»So willst du wirklich -- wirklich diesen Krüppel heiraten, den man im
+Mittelalter der Zauberei angeklagt, und ganz gewiß verbrannt haben
+würde?« sagte er mit ungläubigem Lächeln.
+
+»Ich will!« antwortete ich fest »und wenn es sein muß, ohne den Segen
+der Eltern.« Da ich wußte, daß meines Vaters Heftigkeit mich nicht würde
+zu Worte kommen lassen, so schrieb ich ihm einen langen, liebevollen
+Brief, in dem ich ihm klar zu machen versuchte, daß ich alt genug sei,
+um nach eigener Überzeugung mein Leben zu gestalten, daß es im höheren
+Sinne gewissenlos und pflichtwidrig wäre, statt der eigenen Einsicht und
+dem eigenen Gefühl sklavisch dem Machtgebot anderer zu gehorchen, daß es
+schlimmer sei als töten, wenn ein Mensch den anderen zeitlebens zur
+Unmündigkeit und Unfreiheit verdamme.
+
+Einen ganzen Vormittag lang schien mein Vater meinen Brief zu
+ignorieren, erst als ich das Haus verlassen wollte, trat er mir im Flur
+entgegen.
+
+»Du bleibst!« rief er und umklammerte mein Handgelenk. »Die sechs Monate
+Frist, die ich dir gestellt habe, sind noch nicht um, -- aber du zwingst
+mich, meine Bedingungen zu ändern. Du wirst von heute ab deine Besuche
+einstellen. Dieser sittenstrenge Ethiker soll mir nicht ganz und gar
+deine Seele vergiften.«
+
+»Du brichst dein Versprechen, Papa --« stieß ich hervor und riß mich
+gewaltsam los. In demselben Augenblick griff er nach der alten
+Reiterpistole auf seinem Schreibtisch --.
+
+»Ein Schritt noch und ich schieße --.« Aber schon lief ich die Treppe
+hinunter -- über die Straße -- über den Platz, -- Menschen und Wagen und
+Häuser sah ich wie Schatten an mir vorüberfliegen.
+
+Wie ich zu Georg kam, -- ich weiß es nicht, -- der gelle Angstschrei,
+den er ausstieß, als ich mitten in seinem Zimmer niederfiel, brachte
+mich zur Besinnung. Noch an demselben Abend fuhr ich zu Freunden von
+ihm, die mir auf alle Fälle ihr Haus schon zur Verfügung gestellt
+hatten. Ohne Angabe meiner Adresse teilte ich den Eltern mit, daß ich
+nicht mehr zu ihnen zurückkehren werde. Aber noch ehe mein Brief sie
+erreicht haben konnte, benachrichtigte mich Georg, daß Onkel Walter mich
+zu sprechen wünsche. Er erwarte mich im Reichstag. Ich ging hin. Und
+während im Plenarsaal die Redeschlacht um die Militärvorlage tobte,
+gingen wir ruhig und gemessen in der Wandelhalle auf und ab, und niemand
+konnte ahnen, daß sich hier ein Schicksal entschied.
+
+»Hans war bei mir, -- gleich nach jener Szene. Er sprach, dramatisch wie
+immer, von Verstoßen, Verfluchen und dergleichen,« begann Onkel Walter
+in geschäftsmäßigem Ton. »Ich habe ihm erklärt, daß es unser aller
+Pflicht sei, einen Familienskandal zu vermeiden, und daß ich -- wenn er
+auf seinem Standpunkt beharren wolle -- meine Nichte, die Tochter meiner
+Schwester, in mein Haus nehmen, und daß sie dort unter meinem Schutz
+heiraten würde. Ilse ist, Gott Lob, ganz meiner Meinung. Ein Zustand,
+wie der bisherige, ist für alle Teile auf die Dauer unhaltbar. Von mir
+aus ist Hans bei Geheimrat Frommann gewesen, der ihm zugeredet hat,
+nachzugeben, und dich und deinen Verlobten in den höchsten Tönen pries.
+Infolgedessen hat dein Vater sich wesentlich beruhigt. Er wird morgen
+meine Frau nach Pirgallen begleiten und erlaubte deiner Mutter, alle
+Vorbereitungen zu deiner Hochzeit zu treffen, an der er natürlich selbst
+nicht teilnehmen wird.«
+
+Mir traten die Tränen in die Augen, -- die Erschütterung dieses neuen
+plötzlichen Umschwungs war zu groß für mich!
+
+»Du hast keine Ursache, mir zu danken,« schnitt Onkel Walter schroff
+jede Antwort ab, »ich tat nur meine Pflicht im Interesse der Ehre
+unserer Familie. Im übrigen ist es hohe Zeit, daß wir Ruhe vor dir
+haben.« Damit war ich entlassen.
+
+Ich kehrte nach Hause zurück, nachdem mein Vater abgereist war.
+
+Mit ihrem kühlsten Gesichtsausdruck empfing mich die Mutter. »Deiner
+Heirat steht nichts mehr im Wege,« sagte sie, »außer einer Kleinigkeit,
+die du natürlich vergessen hast: der Ausstattung. Wir sind, wie du
+weißt, nicht in der Lage, sie dir zu beschaffen, du wirst dich also mit
+der kleinen Summe aus der Kleveschen Familienstiftung begnügen müssen.
+Und was die Wohnung betrifft, so -- --«
+
+Ich mußte wider Willen lachen: »Das sind aber doch wirklich nichts als
+Kleinigkeiten, Mama!« unterbrach ich sie. »Wir haben, was wir brauchen,
+-- und Georgs Wohnung ist viel zu hübsch, als daß ich sie aufgeben
+möchte!«
+
+»Eine Hofwohnung -- und nur drei Zimmer!« Mama kräuselte verächtlich die
+Lippen.
+
+»Übergenug für uns! -- du siehst: wenn das Aufgebot morgen erfolgt,
+können wir in vierzehn Tagen getraut werden -- --«
+
+»Selbstverständlich! -- Ich werde heute noch mit Euren Papieren auf das
+Standesamt und womöglich auch gleich zum Geistlichen gehen.«
+
+»Zum -- Geistlichen?!« Ich starrte sie verständnislos an. Wir
+»dezidierten Nichtchristen« sollten uns geistlich trauen lassen?!
+
+»Georg ist Atheist --«
+
+»Schlimm genug!« rief die Mutter, »aber du heiratest unter dem Schutz
+deiner gläubigen Eltern und wirst es nach unserem Glauben tun -- oder
+gar nicht.«
+
+All meine Erklärungen und Bitten prallten an ihrem unbeugsamen Willen
+ab. Ich sah aufs neue die schwer erkämpfte Zukunft gefährdet. Aber als
+ich Georg mit vor Aufregung zitternder Stimme von der mütterlichen
+Entscheidung erzählte, zog nur ein leichter Schatten über seine Züge.
+
+»Wenn deiner Mutter Herz an dieser Zeremonie hängt, so lassen wir ihr
+die Freude,« meinte er nach kurzem Überlegen. »Dürfen wir unser Leben
+und seine Aufgabe von einer bloßen Formel abhängig machen?!« Ich senkte
+stumm den Kopf, so recht aufrichtig hätte ich seiner Ansicht doch nicht
+zustimmen können.
+
+Den nächsten Verwandten war meine bevorstehende Heirat mitgeteilt
+worden. Mit einer gewissen Genugtuung zeigte mir die Mutter, um deren
+Mundwinkel sich die Falten der Bitterkeit täglich tiefer gruben, ihre
+teils entsetzten, teils mitleidigen Briefe. An Tante Klotilde hatte ich
+selbst geschrieben; ein paar Tage vor der Hochzeit antwortete sie mir:
+»Was du tust, ist Wahnsinn, ja, schlimmer noch: ein widernatürliches
+Verbrechen. Auf welch traurigen Abwegen du dich befindest, habe ich
+schon durch deine potsdamer Kusinen erfahren. Daß es aber soweit mit dir
+kommen würde, hätte ich nimmer gedacht. Wolle Gott, daß meine
+schlimmsten Befürchtungen für die Zukunft nicht in Erfüllung gehen! Das
+ist der einzige Wunsch, mit dem ich deine Heirat begleite...«
+
+Aber je näher ich meinem Ziele war, desto gleichgültiger ließen mich all
+die Nadelstiche des täglichen Lebens.
+
+Als ich jedoch am Abend vor der Trauung zum letztenmal in die elterliche
+Wohnung zurückkehrte, stockte mir schon vor der Türe der Atem, und in
+den dunkeln Räumen legte sich mir die Luft zentnerschwer auf das Herz.
+In dem verlassenen Zimmer des Vaters war es totenstill, selbst die Uhr
+tickte nicht mehr; -- hatte ich -- ich, die Tochter, die er am meisten
+liebte, ihn nicht hinaus getrieben?! Stumm und in sich gekehrt saßen
+Mutter und Schwester und ich um den gedeckten Tisch und zerbröckelten
+das Brot zwischen den Fingern. Die Lampe wollte heute nicht leuchten,
+und der Teekessel summte schwermütig, -- groß und vorwurfsvoll sah mir
+zuweilen das blaue Augenpaar der Schwester entgegen, -- die Mutter
+vermied meinen Blick; und was sie sagte, kam ihr rauh und hart aus der
+Kehle. In mein Zimmer trieb es mich früher als sonst. Ich legte
+mechanisch meine letzten zurückgebliebenen Sachen in den Koffer. Da
+klopfte es leise -- und in den unruhigen Schein der Kerze trat
+Klein-Ilse mit heiß-geweinten Wangen, einen Kranz von Orangenblüten in
+der Hand und einen weißen Schleier. Sie wollte sprechen, -- sie konnte
+es nicht, -- unaufhaltsam flossen ihr die Tränen aus den Augen; -- mit
+einer Bewegung, die Schmerz, Haß und Liebe zugleich zu diktieren
+schienen, warf sie ihre Gabe auf den Tisch und war im nächsten
+Augenblick wieder verschwunden. Ich lächelte müde, -- einen anderen
+Kranz hatte ich mir wohl vor langen Jahren erträumt; -- fort mit allem
+blassen Erinnern, -- draußen stand die Arbeit, stand das Leben und
+begehrte meiner!
+
+Noch einmal klopfte es: ein Brief von Georg:
+
+»Mein Liebling! Zum letztenmal sag ich Dir aus der Ferne Gute Nacht. Von
+morgen ab wirst Du bei mir sein und bleiben. Eine heilige Lebensaufgabe
+liegt vor uns, die wir zum Wohle der Menschheit erfüllen wollen, und
+eine, die unsere bräutliche Ehe uns persönlich auferlegt.
+
+Nach meinem Tode kannst Du -- aber ganz aufrichtig, meine tapfere Alix!
+-- der Welt erzählen, wie ihre Lösung gelang, -- anderen zur Warnung,
+oder zur Nachahmung. Nur ein Versprechen verlange ich heute von Dir:
+sollte jene Liebe Dich jemals gefangen nehmen, vor der die Menschen uns
+warnen, und die sich auf mich, Deinen Gatten, nicht richten kann, -- so
+denke, ich sei Dein Vater, und schenke mir Dein Vertrauen. Ich werde
+mich seiner würdig erweisen, und nie soll ein Stück Papier für Dich eine
+Fessel werden. In keiner Lebenslage würdest Du mich verlieren.
+
+ Dein in Zeit und Ewigkeit!
+ Georg.«
+
+Und die Schatten der Vergangenheit zerstoben; ruhig und glücklich
+schlief ich dem Morgen entgegen.
+
+Meine Kusine Mathilde war gekommen, -- auch sie mit einem Gesicht, als
+sollte sie an einer Beerdigung und nicht an einer Hochzeit teilnehmen.
+Zu Fuß gingen wir vier in die Nettelbeckstraße. Wir gingen rascher --
+immer rascher, als wollte einer dem anderen entlaufen. Kein Wort der
+Liebe war meiner Mutter bisher über die Lippen gekommen. Vor der Haustür
+blieb sie aufatmend stehen. »Nun hast du deinen Willen durchgesetzt,«
+stieß sie zwischen den Zähnen hervor.
+
+In meinem künftigen Schlafzimmer, einem großen Raum, dessen einziges
+Fenster auf den dunklen Hof hinaussah, zog ich mein Brautkleid an. Kranz
+und Schleier lagen bereit; niemand kam, mir zu helfen. Sie waren alle
+vorn und schmückten den Altar! Da hört' ich eine zaghafte Stimme an der
+Tür: »Darf ich?«, und eine kleine Frau schlüpfte herein, verlegen und
+lächelnd an der großen weißen Schürze zupfend, in den roten Händen einen
+bunten Nelkenstrauß. Ich kannte sie flüchtig: die Frau vom Tischler
+nebenan war's, dem Georg aus dem Elend geholfen hatte, und der jetzt
+täglich kam, um sich den »Vorwärts« zu holen. »Ich konnt' doch heut
+nicht fehlen,« stotterte sie, »ich mußt' doch dem gnädigen Fräulein
+zeigen, wie mächtig wir uns freuen, mein Karl und ich! So schön ist's,
+daß der gute Herr Professor nu nich mehr so alleinich is, -- so heilig
+schön, daß Sie seine Frau werden!« Dabei faltete sie die Hände und sah
+mich aus ihren hellen runden Augen an, wie der gute Katholik ein
+wundertätiges Heiligenbild. Und dann nahm sie vorsichtig den Schleier
+und steckte ihn mir auf die Locken und legte mit ihren groben
+Arbeitshänden ganz leicht und zart den Kranz darauf: »Der liebe Gott
+segne Sie! --«
+
+War es, weil ich aus dem Dunkel kam, oder weil helle Freudentränen mir
+in den Augen standen, -- ich sah, als ich in Georgs Zimmer trat, nichts
+als Wogen goldschimmernden Glanzes. Wie Schattenbilder, die uns nichts
+angingen, bewegten sich die Menschen darin. Ich hörte Worte, mit denen
+sich mir kein Sinn verband, und leises Schluchzen, das von weit her kam.
+Um den Tisch hinter der schwarzen Gestalt des Pfarrers schwebte eine
+Woge weichen Blumendufts zu mir herüber, ein weißes Kreuz leuchtete auf
+grünem Grund, -- es hatte einst auf Großmamas Schreibtisch gestanden --
+und die schwarze Schrift darauf war die Traupredigt, die ich allein
+vernahm: »Die Liebe höret nimmer auf.« Ein paar Händedrücke fühlt' ich
+noch, eine paar zeremonielle Küsse auf der Stirn -- Kleiderrauschen --
+halblautes Schwatzen -- Türen schlagen -- und noch einmal den grellen
+Ton der Glocke: Ein Telegramm. »In zärtlichster Liebe bin ich bei dir
+und Georg. Dein Vater.«
+
+Dann ward es still, ganz still bei uns. Wir waren allein.
+
+
+
+
+Neunzehntes Kapitel
+
+
+In einem Tal des Friedens lebte ich. Sanfte Höhenzüge hüteten es vor der
+Welt, wie freundliche Wächter. Meine Wege kannten keine jähen Abhänge
+mehr, an denen der Fuß ängstlich strauchelt, nirgends drohte ein Fels,
+kein Habicht lauerte auf meine singenden Vögel. Die Bäche dämpften ihr
+Geschwätz, der Wind streichelte leise Blätter und Blumen, der Sonne
+Licht war wie ein mütterliches Lächeln.
+
+Wie kam es nur, daß die Tage vorüberflossen ohne Angst -- ohne Streit,
+daß die Stunden nicht mehr erfüllt waren von der lastenden Luft
+heimlichen Zornes? Und daß ich sagen durfte, was ich dachte?! Wie war es
+möglich, daß ich kein Kettenklirren hörte, wenn mein Fuß neue Pfade
+betrat, daß ich nicht allein war und mich doch niemand scheltend
+zurückriß, wenn ich vom Berge weit -- weit in die Ferne sah? Einer war
+neben mir und hütete jeden meiner Schritte und ging mir zugleich voran,
+ein Pfadfinder.
+
+Der Pöbel strömte herzu mit seiner Neugierde und seiner Niedrigkeit,
+aber unsichtbare Kräfte verschlossen ihm unser Tal des Friedens. Wir
+allein gingen ungehindert ein und aus. Aber ob wir gleich in der Welt
+wandelten und unsere Schwerter kreuzten mit Krämern und Philistern, so
+war doch unsere Seele immer in ihm. Und seine Quellen heilten alle
+unsere Wunden ...
+
+Fieberhaft rasch klopfte damals das Herz der Zeit. Sie war, wie ein
+geniales Kind, das über dem Reichtum seines Innern unruhig von einem der
+goldenen Schätze zum anderen springt.
+
+Der Kaiser hatte den Reichstag aufgelöst. Wieder einmal war der Monarch,
+der unter dem nivellierenden Rock des Europäers stets den
+mystisch-schimmernden Herrschermantel des Gottesgnadentums trug, mit dem
+Volk aufeinandergestoßen. Daß er es nicht begriff, nicht begreifen
+konnte, war weniger seine Schuld als die des unlösbar-tragischen
+Widerspruchs zwischen der uralten Tradition der Könige und der zum
+Bewußtsein ihrer selbst erwachten Menschheit. Väter pflegen selten zu
+begreifen, daß ihre Kinder Menschen werden. Für ihn blieb das Volk --
+»mein« Volk!, -- das Kind, das willenlose, und immer nur waren es
+»Hetzer« und »Unberufene«, die sich als seine Wortführer aufspielten.
+Darum galt ihm das Heer, -- ein durch die Macht der Disziplin in das
+Stadium der Kindheit zurückgedrängtes Volk --, stets als »die einzige
+Säule, auf der unser Reich besteht,« und ein Volksverräter war, wer
+seine Entwicklung hemmte. Im festen Glauben an die ihm von Gott selbst
+gegebene Macht, -- »suprema lex regis voluntas,« hatte er ein Jahr
+vorher in das goldene Buch Münchens geschrieben --, verkündete er seinen
+Willen allen hörbar, und nahm die stummen Verbeugungen deren, die um ihn
+standen, als Zeichen für die allgemeine Ergebenheit.
+
+Um die Militärvorlage tobte der Wahlkampf, der alte Parteien
+auseinanderriß und wie Scheidewasser die Geister voneinander trennte. In
+atemloser Spannung sah ich zu. Auch Egidy, der tapfere Träumer, der
+»Edel-Anarchist«, der keine Partei anerkannte und doch, getrieben von
+der unbestechlichen Wahrhaftigkeit seines Wesens, die Wahlparole der
+Sozialdemokratie nur in seine Sprache übersetzte, stand auf der
+Wahlstatt.
+
+»Was sagen Sie dazu, daß unser gemeinsamer Freund sich zum Reichstag
+aufgestellt hat?« schrieb mir Wilhelm von Polenz. »Überrascht er nicht
+immer wieder durch seinen Mut und die Konsequenz seiner Entwicklung? Ich
+komme dieser Tage nach Berlin und möchte Sie gern in eine seiner
+Wahlversammlungen begleiten.«
+
+Wenigen Ereignissen stand ich erwartungsvoller gegenüber als diesem
+ersten Besuch einer Volksversammlung!
+
+Es war ein halbdunkler Raum, niedrig und verräuchert, in den wir
+eintraten. Er füllte sich nur langsam. Zuerst kam der Kreis der engeren
+Gemeinde Egidys, die seit seinem entschiedenen Eintritt in das
+praktisch-politische Leben sehr zusammengeschmolzen war; dann erschienen
+die vielen, die überall dabei sein müssen: sensationslüsterne Weiber,
+kühl-neugierige Skribenten; ganz nach vorn drängten sich die russischen
+Studenten und Studentinnen, die stets mit sicherem Instinkt die Luft
+geistiger Revolutionen wittern, und schließlich strömte es herein von
+Männern und Frauen, von denen ich nicht recht wußte, wohin sie gehörten.
+»Arbeiter!« sagte Polenz. Arbeiter?! Diese ernsten, ruhigen Menschen,
+deren bürgerliche Kleidung in nichts an den Kittel und das Schurzfell
+erinnerte?! Sie waren die stillsten, als Egidy sprach. Nur zuweilen
+warf einer eine ironische Bemerkung, einen derben Witz dazwischen, und
+die feinen Damen vorn entrüsteten sich und klatschten barbarischen
+Beifall, den der Redner vergebens zu beschwichtigen suchte.
+
+»Kurage hat er!« flüsterte ein blasses Mädchen mit wund gestichelten
+Fingern am Tisch neben mir. »Wat ick mir dafor koofe!« brummte ihr
+Begleiter. »Jetzt red' er uns zum Mund, weil er in 'n Reichstag will --
+un nachher is er doch man bloß ein Junker mehr!«
+
+»Bahn frei! Den neuen Männern und den neuen Zeiten!« -- tönte es von der
+Rednertribüne, »aus dem Wege räumen, was eine kulturentsprechende, Gott
+gewollte Entwicklung hemmt« -- irgendwo pfiff einer durch die Finger --,
+»wir Deutschen wollen das Christentum verwirklichen« -- »Quatsch!«
+schrie jemand -- »Sst -- sst!« antwortete einmütig die Menge, -- »ein
+Reich des Friedens gründen, wo jeder -- Männer und Frauen -- ein Recht
+an das Leben hat, wo niemand hungernd daneben steht, wenn die andern
+schwelgen.« -- Die Studenten schrieen, und ihre Gefährtinnen winkten mit
+Hüten und Taschentüchern. -- »Wir sind ein mündiges Volk und werden uns
+aus eigener Kraft andere Zustände schaffen. Die nächsten Wochen sollen
+uns einen tüchtigen Schritt vorwärts bringen. Das Alte stürzt, und neues
+Leben blüht aus den Ruinen, -- damit an die Arbeit!« Ein kurzer Beifall,
+wie ein plötzlich ausbrechendes Gewitter, dann Stille, -- die Damen
+rückten an den Stühlen, die kleine Gemeinde bildete erwartungsvoll an
+der Türe Spalier. Da plötzlich stand das blasse Mädchen mit den
+zerstochenen Fingern auf der Tribüne; sie war sehr klein, ein echtes
+Proletarierkind, dem die Not von je her die schwere Hand auf den Kopf
+gedrückt hatte, so daß es nicht wachsen konnte, und die Züge formte, so
+daß sie zeitlos blieben. Sie wechselte ein paar Worte mit Egidy, strich
+sich über den glatten, stumpfblonden Scheitel und begann mit einer
+Stimme zu reden, deren Ton etwas rauhes, knarrendes an sich hatte.
+
+»Der Herr Referent sagte mir, daß es in seinen Versammlungen nicht
+üblich ist, sich zur Diskussion zu melden. Er hat mir aber erlaubt, ihm
+eine Frage zu stellen, die mir und manchen meiner Parteigenossen« -- ein
+paar Journalisten riefen höhnend »Aha«, reckten die Köpfe, und klemmten
+sich den Zwicker auf die Nase, um die Rednerin genauer ins Auge fassen
+zu können -- »während seiner Ausführungen auf den Lippen schwebte. Was
+er sagte, ist für uns nichts Neues gewesen. Es gehört seit Jahrzehnten
+zum eisernen Bestand der Sozialdemokratie, die dafür von seiten der
+herrschenden Klassen unterdrückt, verfolgt und mißachtet wird,« -- ein
+paar Damen steckten tuschelnd die Köpfe zusammen --, »die Gleichheit vor
+dem Gesetz, die allgemeine Einheitsschule, die Abschaffung der stehenden
+Heere, -- das alles sind Forderungen des Erfurter Programms. Und für die
+Befreiung des weiblichen Geschlechts aus politischer und sozialer
+Versklavung kämpft eine Partei von anderthalb Millionen
+deutschen Arbeitern, während die bürgerlichen Damen in ihren
+Wohltätigkeitskränzchen so was nicht einmal unter vier Augen zu flüstern
+wagen.« -- »Aber -- aber!« rief eine Frauenrechtlerin kopfschüttelnd und
+hob die schweren Lider wie eine gut geschulte Tragödin. Ich jedoch
+zuckte zusammen, als müßt' ich mich persönlich getroffen fühlen. -- »Und
+wenn der Herr Referent mit so viel dankenswertem Eifer für den
+gesetzlichen Arbeiterschutz eintritt, so hätte er -- zur Aufklärung für
+all die Herrschaften, die in unsere Versammlungen doch nicht kommen --
+wohl ein Wörtchen darüber sagen können, daß wir es waren und sind, deren
+rastloser Arbeit, nach Fürst Bismarcks eigenem Ausspruch, das bißchen
+Arbeiterschutz zu verdanken ist, das wir haben. Den Herren da oben ist
+das schon zu viel, sie schreien nach Flinten und Kanonen gegen den
+inneren Feind und winseln nach Liebesgaben für ihre Taschen ...« Sie
+brach ab, ihre Stimme war kreischend geworden. Egidy stand ruhig mit
+verschränkten Armen und einer tiefen Falte auf der Stirn neben ihr.
+
+»Und Ihre Frage, mein Fräulein?« frug er.
+
+»Ach so -- meine Frage --« ein verlegenes Lächeln ließ sie plötzlich
+ganz jung erscheinen, dann reckte sie sich, stemmte die Arme fest auf
+das Pult vor ihr, sah Egidy gerade ins Gesicht und sagte. »Wenn Sie
+dasselbe wollen, wie wir, -- warum sind Sie nicht Sozialdemokrat?«
+
+Ein spannender Moment: tausend Augenpaare bohrten sich in das blasse,
+erregte Gesicht Egidys. »Das hab' ich gefürchtet --« flüsterte Polenz
+neben mir.
+
+»Ich habe den Soldatenrock ausgezogen um meiner Überzeugung willen, --
+darnach gibt es für mich kein Opfer mehr, das ich ihr nicht leichten
+Herzens bringen könnte. Ich bin nicht Sozialdemokrat, weil Ihre Partei
+das tiefste Bedürfnis der Menschenseele, das religiöse, niederhöhnt und
+niedertrampelt -- --«
+
+»Das ist gelogen!« schrie eine Stimme ihm entgegen; er wurde noch um
+einen Schein blasser.
+
+»Ich lüge nie,« dröhnte es in den Saal. »Und ich bin nicht
+Sozialdemokrat, weil Ihre Partei für eine gute Sache mit schlechten
+Waffen kämpft --«
+
+Ein allgemeiner Tumult verschlang, was er noch sagte. »Bravo« -- »sehr
+richtig« klangs von der einen Seite -- »Pfui« -- dröhnte es langgedehnt
+aus dem Hintergrunde. Der Polizeileutnant griff nach dem Helm, Egidy
+stand regungslos wie eine Mauer und starrte auf die sich erschrocken
+hinausdrängende Menge, die kleine Näherin suchte sich vergebens Gehör zu
+schaffen.
+
+Ein Mann, auf eine Krücke gestützt, wirre schwarze Haarsträhnen um
+gelbe, eingefallene Züge, brach sich in diesem Augenblick Bahn bis zur
+Tribüne. »Genosse Reinhard, -- Gott Lob«, die kleine Näherin streckte
+ihm von oben die Hand entgegen, ein paar andere sprangen helfend herzu,
+und neben ihr stand er.
+
+»Genossen --« wie unter einen Zauberschlag schwieg alles, -- der
+Polizeileutnant legte den Helm auf den Tisch, die sich ins Freie
+Schiebenden wandten sich um, und blieben stehen, in Egidys steinerne
+Ruhe kehrte das Leben zurück; -- »es ist unser unwürdig, eine
+Versammlung durch Lärm zu stören, in der wir nichts als Gäste sind. Noch
+weniger haben wir einen Grund, uns darüber aufzuregen, daß Herr von
+Egidy die Frage der Genossin Bartels ehrlich beantwortet hat. Mir war
+seine Antwort vielmehr höchst interessant. Alle jene bürgerlichen
+Ideologen, von den Ethikern an, die die Welt durch die Moral erobern
+wollen, bis zu den Christlichsozialen um Naumann würden uns eine
+ähnliche haben geben können. Und weil Sie so ehrlich sind, Herr von
+Egidy, --« er wandte sich mit einer kleinen Kopfneigung zu dem neben ihm
+stehenden, »darum lassen Sie sich auch unsere ehrliche Antwort gefallen:
+rechnen Sie nicht auf unsere Stimmen. Sie sind ein braver Mann -- Sie
+mögen allerlei brave Leute hinter sich haben, -- aber unsere Sache
+bedarf solcher Kerle, wie wir sind -- die den Dreschflegel und den
+Hammer -- 'die schlechten Waffen!' -- zu führen gelernt haben, denen die
+Maschine die Glieder zerriß, --« er hob die Krücke wie ein Trophäe --
+»an deren Leibern die Tuberkelbazillen fressen« -- er reckte den mageren
+Arm in die Höhe. »Neunzehnhundert Jahre haben wir gewartet, daß Eure
+christlichen Liebes- und Barmherzigkeitspredigten uns helfen möchten, --
+jetzt ist unsere Geduld erschöpft. Und wenn Euch unsere Waffen nicht
+ritterlich genug sind, -- Ihr selbst seid daran schuld, daß wir sie
+brauchen müssen!« --
+
+Die Augen des Redners weiteten sich, sie sahen ekstatisch in die Ferne,
+hinweg über die Menschen unter ihm, die Krücke fiel krachend zu Boden,
+und die Arme streckten sich aus. Still war's sekundenlang, man hörte nur
+die eigenen Atemzüge, -- dann brach es los: »Hoch Genosse Reinhard« --,
+»Hoch die Sozialdemokratie« -- »Nieder der Militarismus«, -- und
+plötzlich vereinigten sich die durcheinanderschreienden Stimmen zu einem
+einzigen vollen Gesang: der Schritt heranrückender Massen, die
+überwältigende Einheit eines beherrschenden Gefühls, die rücksichtslose
+Kraft der Jugend lag darin.
+
+»Kommen Sie --« sagte Polenz leise. Wie aus einem Traume sah ich auf.
+Der Saal war schon halb leer. Nur droben auf der Tribüne stand Egidy
+noch mit der kleinen Näherin.
+
+»Lassen Sie mich --« antwortete ich hastig und trat rasch auf die beiden
+zu. »Darf ich einmal zu Ihnen kommen?« -- ganz zaghaft nur sprach ich
+dem jungen Mädchen meine Bitte aus. Sie sah mich an, noch mit dem Glanz
+strahlender Freude auf den Zügen: »Sicherlich!« -- Und ich notierte ihre
+Adresse.
+
+Nicht schnell genug konnte ich zu Hause sein und ließ mir nicht die
+Zeit, Hut und Mantel abzulegen, um Georg zu erzählen, was ich erlebt
+hatte. Er hörte mich lächelnd an. »Was ist mein Liebling für ein
+feuriger Redner,« sagte er, als ich endlich schwieg.
+
+»Ich wollte, ich wäre es! Auf alle Tribünen der Welt würde ich steigen
+und die steinernen Herzen warm machen und die Schlafenden
+aufrütteln ...« Mit einem tiefen Seufzer warf ich mich in den Stuhl.
+
+»So versuch es doch einmal ...«
+
+Ich sprang auf: »Meinst du?!«
+
+Schon am nächsten Morgen ging ich zu Martha Bartels. Weit draußen im
+Osten wohnte sie. Durch zwei schmutzige Fabrikhöfe mußte ich hindurch
+bis zu dem niedrigen Häuschen mit der wackligen Holztreppe, die an einem
+Stall vorbei hinauf in ihre Wohnung führte. Das Rattern der Nähmaschine
+wies mir den Weg; eine laute gleichmäßig lesende Männerstimme begleitete
+es. »... die Befreiung der Arbeiterklasse kann also nur ein Werk der
+Arbeiterklasse selbst sein,« hörte ich durch die Türe. Ein graubärtiger
+Alter öffnete mir. »Laß die Dame nur herein, Vater,« rief Martha Bartels
+aus dem Zimmer, »das ist sicher die Frau Professor --« Mit
+ausgestreckter Hand kam sie mir entgegen.
+
+Ein freundlicher Raum wars, in den ich eintrat: auf den beiden Betten
+lagen rotgewürfelt und glattgestrichen die Kissen, vor dem alten braunen
+Sofa mit dem sorgfältig geflickten Bezug stand auf drei geschwungenen
+Beinen ein runder Tisch, auf dem nicht ein Stäubchen sich zeigte. Nur um
+die Maschine am Fenster bauschte sich weiße Leinwand, sonst herrschte
+peinlichste Ordnung überall. Als einziger Schmuck prangten die Bilder
+von Marx und Lassalle an den Wänden.
+
+Mit Fragen begann ich das Gespräch; Vater und Tochter ergänzten einander
+im Erzählen: wie er einst, als kleiner Schuhmachermeister, lange und
+hartnäckig den Kampf gegen die übermächtige Fabrik geführt habe, wie sie
+-- früh mutterlos -- schon als Schulkind mit verdienen mußte und der
+kleine Haushalt überdies auf sie allein angewiesen war.
+
+»Damals haderte ich mit dem Geschick,« sagte der Alte, »an den lieben
+Gott zu glauben hatte ich längst aufgehört, und oft wußt ich nicht,
+sollt ich den Fabrikanten erschlagen, oder lieber mit dem Kinde zusammen
+dem elenden Leben ein Ende machen.«
+
+»In der Werkstatt, wo ich mit immer müden Augen und einem Stumpfsinn,
+der mir bald alles gleichgültig machte, Knopflöcher nähte, -- Tag aus,
+Tag ein, vom grauen Morgen bis tief in die Nacht immer bloß Knopflöcher!
+--« fuhr die Tochter fort »lernte ich einen Bügler kennen, der nahm mich
+zuerst in Versammlungen mit und steckte mir heimlich Zeitungen und
+Flugblätter zu. Wie mir da die Augen aufgingen!«
+
+Der Alte streichelte mit der runzligen Hand die Wange der Tochter.
+»Sehen Sie, und damit hat mir die Kleine das Leben gerettet! Wir waren
+auf einmal nicht mehr allein, und der Mühe wert wars auch für uns arme
+Leute, zu leben! Hier in diesem Zimmer sind wir während des
+Sozialistengesetzes oft genug mit den Genossen zusammen gekommen, und
+draußen in der Fabrik, wo ich arbeitete -- der Meisterhochmut war mir
+glücklich vergangen! --, und in der Werkstatt, wohin die Martha ging,
+haben wir ganz im stillen immer neue Freunde geworben.«
+
+Die Tochter lachte: »Jetzt gehts dem Vater eigentlich viel zu friedlich
+zu! Sie hätten ihn sehen sollen, wie er mit seinem ehrlichen Gesicht den
+Spitzeln eine Nase drehte und unsere Zeitungen überall einzuschmuggeln
+verstand! -- Na, lange dauerts nicht mehr, und er wird sich seiner alten
+Künste erinnern müssen!«
+
+Und dann erfuhr ich von ihrer jetzigen Tätigkeit: wie sie für ihre
+Gewerkschaft auf Agitationsreisen ging, wie sie in täglicher Kleinarbeit
+für die Partei die Kollegen und Kolleginnen zu gewinnen suchte, wie sie
+im Arbeiterinnenverein die Proletarierfrauen durch Vorlesen aus Büchern
+und Zeitschriften zu geistigen Interessen erzog.
+
+»Wo aber nehmen Sie bloß die Zeit und die Kenntnisse her?« frug ich mit
+steigendem Erstaunen. »Sie müssen doch wohl verdienen, wie ich sehe!«
+
+»Gewiß muß sie das und für Zwei sogar!« antwortete der Vater, »mich will
+sie durchaus nicht mehr in die Fabrik gehen lassen.«
+
+»Er ist mir zu nötig!« unterbrach sie ihn. »Er liest mir vor, wenn ich
+nähe, und wenn wir Feierabend machen, brauch' ich ihn wieder. Er hat
+eine bessere Schulbildung als ich und erklärt mir, was ich in unseren
+Büchern nicht verstehe.« Sie sah nach der Uhr: »Seien Sie nicht böse --
+aber jetzt muß ich fort, -- wir tragen heut in unserem Bezirk
+Wahlflugblätter aus --«
+
+Wir gingen zusammen. Unterwegs erzählte sie mir von ihrem Frauenverein,
+von den polizeilichen Verfolgungen, denen er ausgesetzt wäre. »Sie
+sollten mal hinkommen, Frau Professor!«
+
+»Mit Freuden, wenn ich darf! Aber -- bitte -- nennen Sie mich nicht
+'Frau Professor', Frauentitel sind mir zuwider, wenn sie nicht selbst
+erworben sind.«
+
+Sie blinzelte mich von der Seite an: »Ja -- wie soll ich Sie sonst
+anreden -- ich verschnappe mich am Ende noch mal und sage: Genossin!«
+
+Sie hatte ihr Ziel erreicht. Vor einer kleinen Kneipe strömten die
+Menschen zusammen, Frauen und Männer, junge und alte Leute. Sie grüßten
+einander, wie lauter Freunde. Still trat ich beiseite. Wie sie alle
+fröhlich waren und siegesbewußt! Ein paar mißtrauische Blicke streiften
+mich, mit spöttischem Augenzwinkern gingen Arm in Arm ein paar Mädchen
+an mir vorüber. Und mit jähem Schmerzgefühl empfand ich: daß ich hier
+eine Fremde war.
+
+Acht Tage später begleitete ich Georg zum Wahllokal. Während er im
+Rollstuhl vor der Tür stand, streckten sich ihm von allen Seiten die
+Hände mit den Wahlzetteln entgegen. »Wir wählen den Sozi,« sagte er laut
+und lustig, »meine Frau und ich!«
+
+Aber der Rollstuhl ging nicht über die Stufen. Der Diener, der ihn
+schob, mußte den Gelähmten hineintragen. Ein Auflauf Neugieriger
+entstand. Ich deckte rasch die schwarze Pelzdecke über den armen,
+schmalen Körper -- »Frauen raus!« sauste mich eine rauhe Stimme an, kaum
+daß ich den Fuß auf die Schwelle setzte. Ich ballte unwillkürlich die
+Fäuste und schritt mit zurückgeworfenem Kopf an dem Schreier vorbei in
+den Saal, wo ich vor dem Tisch des Bureaus stehen blieb, bis Georg
+seinen Zettel in die Urne geworfen hatte.
+
+Daß wir uns innerlich mit wachsender Sicherheit zum Sozialismus
+bekannten, spiegelte sich in jeder Nummer unserer Zeitschrift wieder.
+Wir hatten des alten Bartels Selbstbiographie veröffentlicht und,
+dadurch angeregt, durch die sozialdemokratische Presse Aufforderungen
+zur Einsendung solcher Lebensbilder verbreiten lassen. Von allen Seiten
+kamen sie uns zu, und wir erwarteten Wunder von den Folgen der in ihrer
+Einfachheit doppelt erschütternden Bekenntnisse. Aber statt dessen
+liefen aus den Mitgliederkreisen der Ethischen Gesellschaft Klagen um
+Klagen ein über den »aufreizenden, unethischen Ton«, den wir anschlügen,
+und Professor Seefried, Georgs alter Gegner, erschien in Berlin, um
+durch einen öffentlichen Vortrag die politische Neutralität der
+Gesellschaft aufs neue scharf zu betonen und sich in ihrem Namen gegen
+die »einer höheren ethischen Welt- und Lebensauffassung widerstreitenden
+Ideen des Kollektivismus« zu erklären. Eine heftige Debatte in unserer
+Zeitschrift schloß sich daran; und in den Sitzungen und Versammlungen
+der Gesellschaft traten die tiefen geistigen Gegensätze zwischen
+Sozialisten und Antisozialisten trotz aller Aufrechterhaltung ethischer
+Formen immer deutlicher hervor. Ich beteiligte mich bald genug nur aus
+Rücksicht auf Georgs Wünsche an den Vereinsversammlungen.
+
+»Wir müssen uns vor dem zweisamen Egoismus hüten, Kindchen,« mahnte er
+oft; »das hieße den Frieden und die geistige Eintracht unseres
+persönlichen Lebens höher stellen, als unsere Sache.«
+
+Und so mußt ich denn so manchen Abend opfern und kam doch fast immer mit
+einem Gefühl peinlicher Leere nach Hause. Gearbeitet wurde, --
+zweifellos. Da war eine kluge, warmherzige Frau, die eine
+Auskunftsstelle für Bedürftige und Verlassene gegründet hatte und der
+Sorge für die vielen Fragenden all ihre Zeit opferte; da war eine
+andere, die voll tiefen Erbarmens Tag aus, Tag ein denen nachging, die
+eigene Leidenschaft und männliche Lüsternheit in des Lebens tiefste
+Abgründe riß; eine Gruppe gab es, die zu einer künftigen Volksbibliothek
+die Bücher Stück für Stück mühselig zusammentrug. Und Reden wurden
+gehalten, zu Tagesfragen Stellung genommen, und manch ein Schwankender
+sicherlich auf neue Wege geführt.
+
+Aber was galt das alles mir? Entsprach dieser Verein mit seinen paar
+hundert Mitgliedern jener großen Bewegung, wie ich sie erwartet hatte?
+Vergebens erinnerte mich Georg daran, daß wir im ersten Anfang unserer
+Entwickelung stünden. Mir kam es vor, als ob die mit vielem Eifer
+ergriffene praktische Arbeit innerhalb der Gesellschaft den großen
+starken Strom der Idee in hundert klägliche Wasserleitungen teile, deren
+jede grade nur ausreichte, ein paar dünne Süppchen zu kochen.
+
+Oder fehlte es unserer Sache nur an den richtigen Menschen? Unsere
+Zeitschrift und unser Haus wurden allmählich der Mittelpunkt, um den
+sich scharte, was unseres Geistes war. »Eine gefährliche
+Nebenregierung!« hatte Dr. Jacob mir einmal mit sauersüßem Lächeln
+gesagt, -- derselbe Dr. Jacob, der, wie mir dienstfertige Freunde
+berichteten, jedem anvertraute, daß Fräulein von Kleve den Professor von
+Glyzcinski nur geheiratet hätte, um eine Rolle zu spielen.
+
+Selten nur waren wir nachmittags an unserem Teetisch allein. Georgs
+Beziehungen zu den Gelehrten des Auslands zogen uns Gäste aus aller
+Herren Ländern zu; Amerikaner und Engländer fehlten nie; aber auch
+Russen, Rumänen und Japaner fanden sich ein: Studenten und Studentinnen,
+die heißhungrig in wenigen Monden Deutschlands ganze Kultur in sich
+aufzunehmen verlangten, Professoren, die dem alten Witzblattypus in
+nichts mehr glichen, für die das Leben Wissenschaft und die Wissenschaft
+Leben war.
+
+Ein geistvoller Kopf, mit den Spuren mancher Säbelmensur auf den Zügen,
+tauchte häufig zwischen ihnen auf: der des Sozialdemokraten Schönlank.
+Niemand verstand wie er, die Ideen der Partei darzustellen und zu
+verteidigen, und stets umgab ihn eine aufmerksame Zuhörerschaft. Auch
+Egidy kam, und Martha Bartels und ihr Vater. Eines Tages brachte sie
+sogar den lahmen Reinhard mit, den Professor Tondern, unser
+sozialpolitisch am meisten links stehendes Vorstandsmitglied, sofort mit
+Beschlag belegte, um mit der Gewerkschaftsbewegung Fühlung zu gewinnen.
+Auch der Leiter der Neuen Freien Volksbühne war ein häufiger Gast, und
+manch ein junger Theologe, voll ehrlicher Begeisterung für die neuen
+Aufgaben, die der christlich-soziale Kongreß den Vertretern der Kirche
+stellte, fand den Weg zu uns. Bertha von Suttner erschien, sobald sie in
+Berlin war, beseelt von jenem strahlenden Glauben an die Sache, der das
+Kennzeichen geborener Reformatoren ist, und über den nur engherzige
+Alltagsleute lächeln. Denselben heiteren Optimismus, der die ganze
+Atmosphäre in starke Schwingungen zu versetzen scheint, brachte Frances
+Willard in unseren Kreis, die tapfere Amerikanerin, die auf dem Feldzug
+gegen Laster und Not entdeckt hatte, daß ihrem Geschlecht zu seiner
+Durchführung die Waffen fehlten, und die nun mit einer Energie ohne
+Gleichen den Gedanken des Frauenstimmrechts von einem Ende der Welt zum
+anderen trug.
+
+So verschiedenartig die Menschen waren, die über den dunkeln Hof und die
+finstere Treppe den Weg in unsere hellen Zimmer fanden, -- zweierlei war
+ihnen allen gemeinsam: die Überzeugung, daß unsere Welt sich das
+Lebensrecht verscherzt habe, und die Kraft, die Welt der Zukunft mit der
+Hingabe des ganzen Lebens aufzubauen.
+
+»Ist das nicht recht eigentlich unsere Ethische Gesellschaft?« sagte
+Georg eines Tages, als unsere Gäste all ihre Reformpläne und
+Umsturzideen miteinander ausgetauscht hatten und im Rausch der eigenen
+Begeisterung bis zum späten Abend bei uns geblieben waren. »Von allen
+Seiten bohren sie schon den Felsen an, der unser Nordland vom
+Zukunftssüden trennt!« Er strahlte wieder wie ein Kind.
+
+»Ich möchte auch bohren, Georg!« meinte ich -- eine tiefe
+Unzufriedenheit mit mir selbst hatte mich innerhalb dieses Kreises
+selbständig schaffender Menschen ergriffen --, »nicht immer bloß
+nachschleichen, wo die anderen schon den ersten Schritt getan haben.«
+Schon längst beschäftigte mich der Gedanke, daß die Frauen vor allem
+berufen seien, Trägerinnen der sozialen Bewegung zu werden, die
+notwendig zum Sozialismus führen müsse.
+
+»Unsere politische Rechtlosigkeit, unsere wirtschaftliche Abhängigkeit,
+unsere soziale Unterdrückung stellt uns auch ohne unser Wissen und
+Wollen auf die Seite aller Entrechteten. Unsere mütterlichen
+Empfindungen machen uns überdies hellsichtiger für Not und Elend. Hätten
+wir die Frauen, -- wir hätten die Welt!« Ich lief aufgeregt im Zimmer
+umher -- »das ist eine Aufgabe, die sich der Mühe lohnt -- --«
+
+»Und die meine Alix erfüllen kann,« unterbrach mich Georg, mir beide
+Hände entgegenstreckend.
+
+Gleich am nächsten Tage ließ ich mich in die Vortragsliste der Ethischen
+Gesellschaft einzeichnen. Da es immer an Rednern fehlte, wurde meine
+Anmeldung mit Freuden begrüßt. Und nun ging ich an die Vorbereitung.
+Durch amerikanische und englische Frauenzeitschriften war ich über den
+Stand der Bewegung im Ausland vollkommen orientiert; der »Vorwärts,« die
+Arbeiterinnenzeitung, die Versammlungen des Arbeiterinnenvereins, die
+ich mit Martha Bartels besuchte, hatten mir ein Bild von der Lage der
+Proletarierinnen, ihren Wünschen und ihren Bestrebungen gegeben; nur von
+der deutschen Frauenbewegung wußte ich noch nicht viel.
+
+Seit einem halben Jahrhundert kämpfte sie um die Eröffnung bürgerlicher
+Berufe, um höhere Bildung. Sie kämpfte?! Ach nein; sie hatte in Vereinen
+und Vereinchen Resolutionen und Petitionen verfaßt, -- aber die Welt
+außerhalb ihrer Kreise wußte nichts von ihr. Ich las die Broschüren von
+Helma Kurz; ich besuchte Frau Vanselow, die ich bei Egidy kennen gelernt
+hatte, und deren Ruf, von allen Frauenrechtlerinnen die radikalste zu
+sein, sie mir sympathisch machte. Aber die Tendenzen ihres Vereins und
+seines kleinen Organs waren keine anderen als die der Kurz.
+
+»Ich begreife nicht, wie Sie bei solchen Forderungen stehen bleiben
+können!« rief ich, als Frau Vanselow mir ihre Prinzipien
+auseinandersetzte. »Und wenn wir schon Pastoren, Professoren und
+Advokaten werden können, was haben wir dann besonderes, als einige
+Berufsphilister und Bildungsproleten mehr! Damit ist die Frauenfrage
+ebenso wenig gelöst, wie sie etwa bei den Arbeiterinnen gelöst ist, die
+längst das Recht haben, zu schuften wie die Männer.«
+
+»Ich bin ganz Ihrer Meinung -- ganz und gar --« nickte Frau Vanselow
+eifrig und hob die schweren Lider von den berühmt schönen Augen -- »aber
+wir müssen vorsichtig -- sehr vorsichtig sein, um zunächst nur einzelne
+Konzessionen zu erringen. Sie sind jung, -- kämpfen Sie erst so lange
+Jahre wie ich, meine liebe Freundin, und Sie werden einsehen, daß wir
+Frauen nur Schritt für Schritt vorgehen dürfen. Ich besonders habe
+schwer zu ringen -- niemand versteht mich -- meine Vereinsdamen sind die
+Ängstlichkeit selbst --«, sie griff nach meiner Hand und behielt sie in
+der ihren -- »wie froh wäre ich, in Ihnen eine frische Hilfskraft
+gewinnen zu können!« Ich errötete erfreut; hier bot sich mir eine neue
+Gelegenheit, um zu wirken. »Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen,«
+antwortete ich, »aber ehe ich mich Ihnen verpflichte, sollten Sie erst
+abwarten, was ich leisten kann.«
+
+Mit steigendem Eifer arbeitete ich an meinem Vortrag. Ich lernte ihn
+Satz für Satz auswendig. Am Abend vor der Versammlung war »Generalprobe«
+vor Georg als meinem einzigen Zuhörer. »Wenn ich mich schon vor dir so
+fürchte, wie soll das bloß morgen werden!« sagte ich, und das Papier
+zitterte in meinen Händen. Da klingelte es, -- ich hörte eine Stimme,
+die mir in diesem Augenblick gespannter Erregung die Tränen in die Augen
+trieb: mein Vater! Ich hatte seine Rückkehr noch nicht erwartet und nun
+stand er vor mir -- sehr gealtert, ganz blaß, die Hände schwer auf den
+Stock stützend --, wie an den Boden gewurzelt.
+
+»Papa!«
+
+»Mein liebes Herzenskind!« Ich lag in seinen Armen. Und dann nahm er
+meinen Kopf zwischen seine Hände und sah mich an. »Wie rosig du
+aussiehst -- und wie -- wie glücklich!« Mit einer raschen Bewegung
+näherte er sich Georg und reichte ihm die Hand. »Verzeiht mir, Kinder,
+verzeiht! -- Und du, hab Dank, tausend Dank, daß ich meine Alix so
+wiederfinde!« Er konnte sich nicht trennen; jedes Bild an der Wand,
+jeder Zimmerwinkel mußte einmal und noch einmal besichtigt werden. »Wie
+hübsch und friedlich es bei Euch ist!« Er legte mit einem Seufzer die
+Hand über die Augen. »Da werdet Ihr mich so leicht nicht mehr los
+werden!«
+
+Von allem erzählte er, was ihn in den Monaten seit unserer Trennung
+beschäftigt hatte, und vergaß in der Lebhaftigkeit rasch, wen er vor
+sich sah: »Diese Rasselbande, die die Militärvorlage ablehnte, -- und
+dann diese infamen Wahlen -- --.«
+
+Wir schwiegen, aber ein harter Zug trat auf Georgs Gesicht. Er räusperte
+sich vernehmbar. Der Vater stockte. »Ach soo --« sagte er gedehnt, biß
+sich heftig auf die Lippen und stand auf. Ich begleitete ihn hinaus. An
+der Türe hielt er meine Hand noch einmal fest: »Auf allen Litfaßsäulen
+steht dein Name -- mich hat das nicht wenig entsetzt -- du wirst kaum
+auf mich rechnen in der Versammlung -- Mama wird mir berichten. -- Gute
+Nacht, mein Kind.«
+
+ * * * * *
+
+Am Abend darauf trat ich in den hellen, dicht gefüllten Saal des
+Langenbeck-Hauses. Einen Augenblick lang schien die Erde zu schwanken,
+die Lichter tanzten einen wahnsinnigen Ringelreihen, und mir war, als
+müßten die vielen Menschen auf den amphitheatralisch hoch aufsteigenden
+Bänken wie eine Lawine auf mich niederstürzen. Da fiel mein Blick auf
+Georg: seine strahlenden Augen ruhten fest auf mir, und ein Gefühl
+sicherer Ruhe überkam mich. Ich sprach zuerst nur für ihn. Allmählich
+aber strömte etwas mir entgegen wie ein lebendig gewordenes Verstehen,
+-- ich fühlte die Menschen, die unter meinen Worten _ein_ Mensch
+geworden waren, -- mit _einem_ klopfenden Herzen, _einem_ horchenden
+Verstand.
+
+»Jedes Stück unserer Kleidung, von der Leinwand an bis zu dem
+Seidenkleid, von den Nägeln unserer Stiefel bis zu dem feinen Leder
+unserer Handschuhe könnte von hohläugigen, müden Frauen, von blassen um
+ihre Jugend betrogenen Mädchen qualvolle Leidensgeschichten erzählen.
+Der hohe Spiegel, der das Bild der schönen, glücklichen Frau
+wiederstrahlt, hat vielleicht ein keimendes Leben vernichtet ... Und der
+Damast, der unsere Tafeln deckt, -- Leopold Jakoby singt von ihm:
+'Daraus hervor grauenhaft -- das Gespenst des Hungers grinst mich an --
+über den Tisch ...«
+
+Ein Aufseufzen ging durch den Saal wie eine schwere Woge, die mich trug
+-- mich empor hob -- hoch -- immer höher, so daß meine Stimme über alle
+hinweg in die Ferne drang.
+
+»... die Prostitution ist das einzige Privilegium der Frau ... Ein
+Mädchen darf, solange es minorenn ist, ohne die Einwilligung ihres
+Vaters nicht heiraten, aber es darf sich preisgeben, ohne daß sein Vater
+es daran hindern kann. Die Frau darf -- bei uns in Deutschland! -- nicht
+Medizin studieren, weil man für ihre Weiblichkeit so zärtlich besorgt
+ist und ihre Sittlichkeit hüten will, aber sie darf sich einen
+Gewerbeschein verschaffen, der sie berechtigt, sich und andere physisch
+und moralisch zugrunde zu richten. Sie darf -- bei uns in Deutschland!
+-- an keiner öffentlichen Wahl sich beteiligen, aber sie darf von ihrem
+durch den Verkauf ihres Körpers schmählich erworbenen Geld dem Staate
+Abgaben zahlen ...«
+
+Jetzt war es der Sturm, der von drüben mir entgegenschlug, -- der Sturm
+der Empörung, und mein war die Macht, ihn zu lenken, wo es Ruinen
+einzureißen, dürre Bäume zu stürzen galt!
+
+»... Was tun? fragen wir mit dem großen russischen Dichter, dessen Werk
+nur ein Ausdruck des Gefühls von Hunderttausenden ist. Wir werden nicht
+mehr petitionieren, sondern fordern, uns nicht mehr hinter den
+verschlossenen Türen unserer Vereine über unsere frommen Wünsche
+unterhalten, sondern auf den offenen Markt hinaustreten und für ihre
+Erfüllung kämpfen, gleichgültig, ob man mit Steinen nach uns wirft ...«
+
+Brausender Beifall unterbrach mich, -- ich sah nur Georg, der weit
+vorgebeugt in seinem Rollstuhl saß und die Augen nicht von mir ließ.
+
+»... Aber was wir auch fordern mögen zugunsten unseres Geschlechts, das
+die wirtschaftliche Entwicklung aus dem Frieden des Hauses hinaus in den
+Kampf ums Dasein trieb, -- man wird uns mit Phrasen und kläglichen
+Pflastern für unsere Wunden abspeisen, solange die politische Macht uns
+fehlt ...«
+
+Erneuter, dröhnender Beifall, -- aber von irgendwo her mischte sich ein
+giftiger, zischender Laut hinein.
+
+»... Von der geistigen Inferiorität der Frau höre ich große und kleine
+Leute sprechen, die, darauf gestützt, unsere Forderung der politischen
+Gleichberechtigung glauben ablehnen zu dürfen. Aber erst wenn die Frauen
+ebenso viele Jahrhunderte lang wie die Männer die Hilfe der
+Wissenschaften, die Schulung des Lebens und den Sporn des Ruhmes
+genossen haben werden, wird es an der Zeit sein, zu fragen, wie es mit
+ihrem Verstande steht. Das weibliche Geschlecht -- so wirft man weiter
+ein -- habe noch kein Genie hervorgebracht. Hat man bei den Negern
+Amerikas auf das Genie gewartet, ehe man ihnen politische Rechte gab?
+Hat man ihre Gewährung beim Mann von einer Prüfung seiner Geisteskräfte
+abhängig gemacht?... Sie können der Wehrpflicht nicht genügen, darum
+kommt den Frauen das Stimmrecht nicht zu, lautet das letzte Argument der
+in die Enge getriebenen Gegner. Ich aber frage: der Mann, der sein Leben
+vor dem Feinde in die Schanze schlägt, und die Frau, die mit Gefahr
+ihres Lebens dem Staate die Bürger gebiert -- haben sie nicht die
+gleiche Berechtigung über das Wohl und Wehe des Vaterlands zu
+entscheiden? Jede dreißigste Frau stirbt an diesem ihrem natürlichen
+Beruf, und sie wird trotz aller Fortschritte der Wissenschaft auch dann
+noch in Lebensgefahr schweben, wenn der Völkermord längst der Erinnerung
+angehören wird ...«
+
+Ich hatte geendet -- mir war, als versänke ich in einem vom Orkan
+gepeitschten Ozean. Es dunkelte mir vor den Augen -- ich fühlte
+Händedrücke -- sah in hundert unbekannte Gesichter, -- -- vor all diesen
+fremden Menschen hatte ich eben gesprochen?! Wie war das nur möglich
+gewesen?! -- Meine Mutter stand auf einmal vor mir, mit heißem, erregten
+Gesicht -- meine Schwester umarmte mich stürmisch. -- An der Tür drängte
+sich Martha Bartels durch die Menge, -- ich fühlte nur, wie sich ihre
+heißen Finger schmerzhaft fest um die meinen preßten. Endlich -- endlich
+sah ich Georg! Was galten mir die anderen alle, -- von ihm allein
+erwartete ich die Wahrheit: seine Augen waren feucht, -- er beugte den
+Kopf über meine Hand und küßte sie.
+
+Die Menschen hatten sich verlaufen. Fast unbemerkt traten wir in die
+stille, dunkle Ziegelstraße, und leise rollten die Räder des Fahrstuhls
+über das Pflaster. An einer Straßenecke legte sich mir eine Hand auf
+die Schulter. Erschrocken wandte ich den Kopf: Mein Vater stand vor
+uns. »Ich habs zu Hause nicht ausgehalten, -- und nun ließ ich all deine
+Zuhörer Revue passieren. Wie stolz bin ich auf deinen Erfolg!« Und er
+ging den ganzen langen Weg durch die Karlstraße und den nachtdunkeln
+Tiergarten mit uns.
+
+Diese Nacht schlief ich nicht: die alten wachen Kinderträume umgaukelten
+mich. Strahlte nicht auf meiner Fahne, wie auf der Johannas von Orleans,
+das Bild der Mutter des Menschen? Heute hatte ich sie entfaltet, -- im
+Sturme würde ich sie zum Siege führen!
+
+Als mir Professor Tondern am nächsten Tage spöttisch von der
+»Premieren-Publikums-Begeisterung« sprach, »an deren Feuer sich kaum ein
+Nachtlicht anzünden läßt«, empfand ich seine Bemerkung nur als Ausfluß
+seiner pessimistischen Weltanschauung. Georg bestärkte mich darin.
+
+»Ihr Unglauben an die Menschennatur lähmt Ihre Tatkraft,« sagte er ihm.
+
+»Und Ihr weltfremder Idealismus wird zwar nicht Sie, wohl aber Ihre Frau
+in einem Meer von Enttäuschung untergehen lassen,« antwortete er
+ärgerlich und fuhr sich nervös mit allen zehn Fingern durch die langen,
+roten Haare.
+
+»Warum halten Sie mich allein für gefeit?« frug Georg lächelnd.
+
+»Weil Sie vom Frieden Ihres Zimmers aus die Welt betrachten -- und Ihre
+Frau mit beiden Füßen zugleich mitten in den Strudel springt --«,
+Professor Tondern ging aufgeregt im Zimmer auf und ab. »Weil Ihnen
+gegenüber alle bösen Triebe der lieben Nächsten sich in den dunkelsten
+Winkel verkriechen -- Verleumdungssucht, Ehrgeiz, Neid -- und sie Ihrer
+Frau um so zähnefletschender an die Gurgel springen ...«
+
+Ich sah ihm fest in die Augen: »Sie würden so nicht sprechen, wenn Sie
+nicht gewichtige Gründe hätten. -- Trotzdem: ich will -- ich darf nicht
+Ihrer Ansicht sein! Auf meinem Glauben an die Menschen beruht meine
+Kraft.«
+
+Er nagte nervös an der Unterlippe. »Glauben Sie an die Sache, -- das
+wäre besser für Sie und uns!«
+
+Frau Vanselows Besuch unterbrach unser Gespräch. Sie hatte nicht Worte
+genug, um die Größe meines Erfolgs zu schildern. »Und nun dürfen Sie
+sich uns nicht mehr entziehen,« sie richtete ihre feucht gewordenen
+Augen mit einem Ausdruck zärtlichen Flehens auf mich, »sie müssen ihren
+Vortrag in unserem Verein wiederholen!«
+
+»Nein, verehrte Frau!« Meine Energie ließ mich fast erschrecken.
+»Ich wiederhole weder diesen Vortrag, noch spreche ich vor
+Vereinsmitgliedern. Veranstalten Sie eine Volksversammlung! Wir müssen
+die gewinnen, die noch nicht die unseren sind, -- wir müssen vor der
+breitesten Öffentlichkeit die Forderung des Frauenstimmrechts erheben!«
+
+Sie starrte mich entgeistert an: »Eine Volksversammlung?! Aber das ist
+ja -- das ist ja -- sozialdemokratisch!« Es bedurfte jedoch nur eines
+kurzen Zuredens, an dem Georg sich lebhaft beteiligte, um sie zu
+gewinnen.
+
+»Sie haben ganz und gar meine Ansicht ausgesprochen, mein teuerster Herr
+Professor, und der Verein Frauenrecht wird es sich nicht entgehen
+lassen, auch in diesem Fall an der Spitze zu schreiten! -- Aber nicht
+wahr -- meine liebe junge Freundin --, Sie werden ihre Wünsche vor
+unserem Vorstand selbst vertreten?«
+
+Ich versprach ihr, was sie wollte, und wandte mich, als sie fort war,
+mit einem triumphierenden »Nun?!« an Tondern. Er fuhr, wie erschrocken,
+aus seiner Schweigsamkeit auf: »Erlassen Sie mir die Antwort! Sonst
+entdecken Sie am Ende noch Ihre Seelenverwandtschaft mit S. M., und
+verlangen von dem Nörgler, daß er den Staub von seinen Pantoffeln
+schüttele!« Und mit überstürzter Hast empfahl er sich.
+
+Frau Vanselow führte mich im Vorstand des Vereins Frauenrecht ein: »Sie
+werden sich mit mir freuen, meine Damen, daß es mir gelungen ist, diese
+junge vielversprechende Kraft gerade unserem Verein gewonnen zu haben.«
+Die Damen begrüßten mich mit neugierig-kühler Reserviertheit. Ich war
+doch wieder in recht beklommener Stimmung. All diese Frauen, die seit
+Jahrzehnten in der Bewegung standen, die an Wissen, an Erfahrungen, an
+Verdiensten reich waren, sollte ich -- ein Neuling auf allen Gebieten --
+meinem Willen gefügig machen!
+
+Aber je öfter ich mit ihnen zusammenkam -- und es bedurfte zahlreicher
+Sitzungen, um nur um kleine Schritte vorwärts zu kommen --, desto mehr
+erstaunte ich. Es war, als ob der Verein um ihr Denken und Streben eine
+Mauer gezogen hätte. Von dem, was jenseits lag, wußten sie nichts, und
+nur widerstrebend ließen sie sich von mir an einen Ausguck ziehen, von
+wo aus sie den Feminismus im Ausland, seine großen Kämpfe und Siege und
+den Stand der Stimmrechtsbewegung überschauen konnten.
+
+»Das ist alles ganz schön und gut, aber nichts für uns deutsche Frauen,«
+meinte kopfschüttelnd ein rundliches, bebrilltes Persönchen, dessen
+Doktortitel sie mir äußerst interessant erscheinen ließ; »wir würden das
+Wichtigste gefährden: die endliche Zulassung der deutschen Frauen zum
+Medizinstudium, wenn wir so bedenkliche Fragen wie die politischer
+Rechte berühren wollten!«
+
+»Und unser Verein, der sowieso schwer genug kämpfen muß, würde
+zweifellos seine einflußreichen und opferwilligsten Mitglieder
+verlieren,« jammerte ein dürre alte Jungfer.
+
+»An das Gefährlichste denken Sie natürlich zuletzt, meine Damen,« fügte
+eine Dritte hinzu und setzte eine geheimnisvoll-wissende Miene auf.
+»Angesichts der jetzigen Strömung innerhalb der Regierungskreise würde
+es unseren Verein politisch anrüchig machen und der Gefahr der Auflösung
+aussetzen, wenn wir öffentlich eine sozialdemokratische Forderung
+aufstellen würden.«
+
+»So lassen Sie doch den Verein zugrunde gehen; sein Märtyrertum wird nur
+der großen Sache nützen!« rief ich ungeduldig. Mitleidiges Lächeln,
+mißbilligendes Kopfschütteln waren die Antwort. Es blieb bei der
+Ablehnung, das letzte Argument war ausschlaggebend gewesen.
+
+»So werde ich versuchen, Helma Kurz und ihren Verein zu gewinnen.« Ohne
+jeden Nebengedanken hatte ich ausgesprochen, was mir eben durch den Kopf
+gegangen war.
+
+Frau Vanselow, die mir bisher nur vielsagend-melancholische Blicke
+zugeworfen hatte, war aufgesprungen. »Helma Kurz?! -- Niemals!« rief
+sie. »Das, meine Damen, werden Sie nicht zugeben!« Eine erregte, von
+allen zugleich geführte Debatte entspann sich. Ihr Resultat war, daß der
+Verein als solcher sich statutengemäß für die Stimmrechtsfrage nicht
+engagieren könne, daß er jedoch unter der Hand das Arrangement und die
+Kosten einer öffentlichen Versammlung und seine Vorsitzende ihre Leitung
+übernehmen wolle.
+
+Ich mußte mich nur noch verpflichten, meinen Vortrag vorher in extenso
+der Zensur des Vorstandes zu unterwerfen.
+
+Nicht wie eine Siegerin kam ich nach Hause. Vergebens suchte Georg mich
+zu trösten: »Das Wichtigste ist doch, daß du die Sache durchgesetzt
+hast!«
+
+»Meinst du? -- Wenn aber der Sache die Träger, die Menschen, fehlen?!«
+
+»Bist du nicht da? -- Und bin ich nicht bei dir?« Er streichelte mir
+leise den herabhängenden Arm, eine Bewegung, bei der mich immer ein
+Gefühl tiefer Ruhe überkam.
+
+Dankbar küßte ich seine Stirn, -- unter meinen Lippen stieg es auf wie
+eine Flamme.
+
+»Sag, Georg -- lieber Georg -- sag es mir ganz ehrlich --« flüsterte ich
+und trat beschämt von ihm zurück, »hast dus nicht gern, wenn ich dich
+küsse?«
+
+Mit einem langen, tiefen Blick aus dunkel erweiterten Pupillen sah er zu
+mir auf. Und ich sank vor ihm in die Kniee, preßte das erglühende
+Gesicht in die schwarze Pelzdecke und fühlte, wie seine zitternden
+Finger mir zärtlich die Locken von den Schläfen strichen ...
+
+Meinen neuen Vortrag schrieb ich wie im Fluge, kaum daß die Feder den
+einstürmenden Gedanken zu folgen vermochte. Und die Stimme zitterte mir
+vor Erregung, als ich ihn das erste Mal vorlas. Meine gestrengen
+Zuhörerinnen aber blieben merkwürdig kühl. Nur Frau Vanselow nahm meine
+beiden Hände mit einem verständnisinnigen Druck zwischen die ihren.
+
+»Ich habe mir die Punkte notiert, die Sie ändern, respektive fortlassen
+müssen,« sagte das rundliche Fräulein Doktor und rückte die Brille
+fester auf ihr viel zu kurz geratenes Näschen. »Zunächst dürfen Sie
+nicht sagen, daß die Existenz von Wohltätigkeitsvereinen ein
+Armutszeugnis für den Staat sei und die Gebenden sich ihrer
+Wohltätigkeitsakte ebenso schämen müßten, wie die Empfangenden. Sie
+schlagen damit die Besten vor den Kopf --.«
+
+Ich verteidigte meine Anschauung, aber die Abstimmung entschied gegen
+mich.
+
+»Auch Ihre Elendsschilderungen sind viel zu übertrieben und wirken in
+höchstem Maße aufreizend,« meinte die Hagere.
+
+»So sollen sie wirken!« entgegnete ich, »und überdies stammen all meine
+Angaben aus amtlichen Quellen.« Nach einer kurzen, scharfen
+Auseinandersetzung gab meine Kritikerin seufzend nach.
+
+»Unbedingt notwendig aber ist es, daß Sie den Satz über die
+Sozialdemokratie streichen,« erklärte eine andere Vorstandsdame, deren
+verwandtschaftliche Beziehung zu einem freisinnigen Abgeordneten ihr
+eine Art Respektstellung geschaffen hatte.
+
+»Das ist im Rahmen meines Vortrags einfach unmöglich;« widersprach ich.
+»Die Sozialdemokratie ist die einzige Partei, die für die
+Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts eintritt.«
+
+»Schlimm genug! Wir werden darum immer verdächtig erscheinen, wenn wir
+ihre Wünsche zu den unseren machen, -- das habe ich ja schon oft betont,
+ohne Gehör zu finden.«
+
+Ich hielt hartnäckig an dem beanstandeten Satze fest und war nahe daran,
+den ganzen Vortrag zurückzuziehen. Aber mußte ich nicht Konzessionen
+machen, um nur überhaupt etwas durchzusetzen?! Ich wurde wieder
+überstimmt, -- Frau Vanselow allein enthielt sich mit einem bedauernden
+Achselzucken der Abstimmung.
+
+In dem großen Saal des Konzerthauses in der Leipzigerstraße fand an
+einem Sonntag Vormittag die Versammlung statt. Bis in die Gallerien
+hinauf drängten sich die Menschen. An langen Tischen unter der
+Rednertribüne saßen mit blasierten Gesichtern und gespitzten Bleistiften
+die Journalisten. Mit triumphierendem Lächeln, den Kopf von einem
+Spitzenschleier malerisch bedeckt, die ebenmäßige Gestalt eng von
+schwarzer Seide umschlossen, stand Frau Vanselow neben mir. »Helma Kurz,
+-- sehen Sie nur! Ganz grün ist sie vor Ärger --« hatte sie mir noch
+hastig zugezischelt. Ein Polizeileutnant saß an meiner anderen Seite,
+ein weißes Papier breit vor sich auf dem Tisch, an dessen Kopf zunächst
+nichts weiter als mein Name stand.
+
+Und dann sprach ich, und wieder trug mich die Woge, und ich empfand die
+dunkle Menge vor mir wie Ton, der sich nach meinem Willen formte.
+Achtlos zerknitterte ich mein Manuskript zwischen den Händen. Ich
+bedurfte seiner nicht. Vor dem Rednerpult fielen mir kräftigere Worte
+und stärkere Beweisführungen ein als am Schreibtisch. Gestern erst hatte
+Martha Bartels mir von der polizeilichen Auflösung eines
+Arbeiterinnenvereins berichtet. Gab es ein besseres Beispiel als dies,
+um die Rechtlosigkeit der Frauen zu beleuchten? »Die Rücksicht auf die
+Weiblichkeit gebietet solch ein Vorgehen, sagen die Männer,« rief ich
+aus, »aber die Rücksicht auf dieselbe Weiblichkeit hat noch keinen Mann
+verhindert, Frauen in die Steinbrüche und Bergwerke zu schicken, und
+werdende Mütter in die Giftluft der Fabrik!« Frenetischer Beifall von
+den Galerien herunter ließ mich minutenlang nicht zu Worte kommen. Der
+Polizeileutnant stenographierte, -- entgeistert sah Frau Vanselow mich
+an: »Das ist gegen die Abmachung!« flüsterte sie erregt. Ich lächelte.
+
+»Und nun frage ich euch, meine Schwestern, habt ihr wirklich nichts zu
+tun für euer Geschlecht? -- Denkt an die jüngste Vergangenheit, wo der
+Vertreter Sr. Majestät des Kaisers, der Kanzler Leist, Frauen schändete,
+aber dessen ungeachtet für einen 'tüchtigen und pflichttreuen Beamten'
+erklärt wurde, -- und dann wagt es noch, zu sagen: wir haben keine
+Bürgerpflicht!... Von Ort zu Ort will ich wandern und jene heilsame
+Unzufriedenheit, die die Mutter aller Reformen ist, in die Herzen der
+Frauen pflanzen!...« Der Polizeileutnant wurde rot vor Eifer, ich hörte
+das Kritzeln seines Stifts durch alles Klatschen hindurch. Und ich
+vergaß mein Versprechen und sprach von der Sozialdemokratie, von »den
+Rittern der Arbeit, die heute die einzigen Ritter der Frauen sind.«
+
+Jetzt brauste der Beifall wie der Frühlingssturm, der die dürren Blätter
+jauchzend niederschüttelt, um den jungen Knospen Licht und Luft zu
+schaffen ...
+
+Die folgenden Tage waren ein einziger Ikarussturz, -- nur daß die Arme
+der Liebe mich auffingen, ehe ich den harten Boden berührte. Im Verein
+Frauenrecht kam es fast zu einem Staatsstreich, um den Vorstand aus dem
+Sattel zu heben; mit Vorwürfen wurde ich überschüttet. Die Zeitungen
+berichteten halb höhnisch, halb wegwerfend über die »verkappte
+Genossin«, konservative Blätter unterließen nicht, den »unerhörten
+Seitensprung der Frau eines preußischen Universitätsprofessors« an die
+große Glocke zu hängen, und Georg kam eines Morgens ernst und versonnen
+aus seiner Vorlesung zurück: »Althoff hat mir einen wohlmeinenden Wink
+gegeben!« sagte er. Auch mein Vater erschien und machte mir eine Szene,
+als wäre ich noch zu Haus.
+
+»... Mit Fingern weisen die Leute auf mich ... Im Reichstag -- im Klub
+kann ich mich nicht mehr sehen lassen ...« schrie er. Georg hatte sich,
+auf beide Hände gestützt, hoch aufgerichtet.
+
+»Exzellenz vergessen,« sagte er kalt und scharf, »daß Sie sich bei mir
+befinden!« Einen Moment lang maßen sich die beiden Männer mit einem
+Blick angriffsbereiter Feindschaft, dann verließ mein Vater wortlos das
+Zimmer, und erschöpft sank Georg in den Stuhl zurück.
+
+Von Mama erhielt ich einen langen Brief: »Ich bin viel zu erregt, um
+Dich sehen zu können. Wie könnt Ihr Ethiker es vor Eurem Gewissen
+verantworten, dem eigenen Vater die Türe zu weisen! In welche Abgründe
+die Gottlosigkeit Euch treibt, das hast Du freilich durch Deinen Vortrag
+schon bewiesen: Was ist es anders als eine teuflische Eingebung, in
+einer Zeit, wo dem Volke nichts so nottut als christliche Ergebenheit
+und Demut, die Unzufriedenheit zu predigen!...«
+
+So schwer es mir wurde, Georg allein zu lassen, dessen fahle Blässe mich
+jetzt oft entsetzte, so empfand ichs persönlich doch wie eine
+Erleichterung, daß meine Delegation zur Generalversammlung der Ethischen
+Gesellschaft mich für einige Tage von Berlin fortführte. Wir fuhren
+zusammen: Geheimrat Frommann, Frau Schwabach, die Leiterin der
+Auskunftsstelle, Professor Tondern und ich. Schon unsere
+Eisenbahnunterhaltungen gaben einen Vorgeschmack der kommenden
+Diskussionen. Mit einer Schärfe, die von der milden, versöhnlichen Form
+kaum abgeschwächt wurde, gab unser Vorsitzender mir zu verstehen, wie
+wenig unsere Zeitschrift der Aufgabe, allgemein menschliche Ethik zu
+verbreiten, entspräche, und Frau Schwabach hielt mir ernstlich vor, wie
+unethisch meine Angriffe auf die bürgerliche Gesellschaft in meiner
+letzten Rede und in jedem meiner Artikel wären.
+
+»Sie würden unendlich viel stärker wirken, wenn Sie alle Negation
+beiseite ließen --« sagte sie.
+
+»Und die guten Leute streichelten, damit sie im besten Fall schnurren
+wie die Katzen,« fügte Tondern höhnisch hinzu. »Wer keine Kritik
+verträgt und dem Spiegel nicht dankbar ist, der alle Flecken und Falten
+wiedergibt, -- der soll sich nur gleich begraben lassen!«
+
+Noch am Abend in Leipzig zeigte er mir den Antrag, den er stellen
+wollte: »Die Ethische Gesellschaft nimmt mit Genugtuung davon Kenntnis,
+daß der Kongreß für Hygiene sich für den Achtstundentag ausgesprochen
+hat, und erklärt, von ethischen Gesichtspunkten ausgehend, sich dieser
+Forderung anzuschließen.«
+
+»Das wird uns vorwärts bringen!« sagte ich und gab ihm freudig meine
+Unterschrift.
+
+Er verzog die Mundwinkel zu einem spöttischen Lächeln: »Vorwärts
+bringen?! Gewiß, die reinliche Scheidung der Geister ist allemal ein
+Fortschritt!«
+
+Zwei Tage später saßen wir einander an demselben Tisch gegenüber: seine
+Augenwinkel zuckten nervös, unruhig trommelten seine Finger auf der
+Tischplatte, während ich, totmüde von den langen Verhandlungen,
+gedankenlos in einer Zeitung blätterte.
+
+»Was sagen Sie nun?!« unterbrach er unser langes Schweigen. »Ich -- ich
+bin noch ein Optimist gewesen! Eine Ethische Gesellschaft, die
+geschlossen gegen uns beide den Achtstundentag ablehnt! -- Weil er ein
+'Schlagwort' ist! -- Weil seine Annahme den Verein sprengen würde! --
+Weil es 'unethisch' ist, andere zu 'verletzen'! -- Was meinen Sie: ist
+es vom Standpunkt unserer Privatethik aus zu rechtfertigen, wenn wir
+immer noch nichts als heimliche Sozis sind?!«
+
+Ich senkte den Kopf tiefer. Ich dachte an Georg, an seine strahlenden,
+hoffnungsvollen Kinderaugen, an seine zarten, schmalen Hände, seinen
+armen gelähmten Körper. »Nur eine Aufgabe kann ich erfüllen,« hatte er
+einmal gesagt, »von meinem Katheder aus die Jugend 'vergiften'!« Und
+dann fiel mein Blick auf den breiten Trauring an der Hand meines
+Gefährten, -- er hatte ein Weib daheim und vier kleine Kinder.
+
+»Sind wir so frei, um tun zu können, was wir wollen?« kam es mir leise,
+wie im Selbstgespräch über die Lippen.
+
+»Sie haben recht -- wir müssen uns abfinden -- so oder so!« ...
+
+Früher, als Georg mich erwartet hatte, kam ich nach Haus. Ganz leise
+schloß ich die Wohnungstür auf, -- um die Zeit war er immer in seine
+Studien vertieft, dann hörte und sah er nichts. Aber kaum hatte ich den
+Fuß über die Schwelle gesetzt, klang mir schon seine Stimme entgegen --
+
+»Alix!!« -- Ein einziger Laut, -- und der Jubel, die Sehnsucht, die
+Liebe eines ganzen Herzens darin! Ach, und wie seine Lippen bebten und
+brannten, -- zum erstenmal hatte er mich auf den Mund geküßt.
+
+»Das Leben ist kurz, Alix, viel -- viel zu kurz! Du mußt mich nie mehr
+verlassen!«
+
+»Nie mehr, Georg -- nie mehr!« -- Angstvoll forschte ich in seinen
+Zügen. -- »Hast du gelitten, -- mehr als sonst?«
+
+»Sprechen wir nicht davon, -- jetzt ist es ja gut -- alles gut!« Und er
+lächelte mit seinem strahlendsten Lächeln.
+
+
+
+
+Zwanzigstes Kapitel
+
+
+An einem schönen Sommersonntag besuchten uns die Eltern wieder. Sie
+berührten das Vergangene nicht mehr. Und von da an kamen sie oft, aber
+meist jeder allein. »Bei Euch ist's so schön ruhig!« pflegte Mama zu
+sagen, wenn sie sich tief in den Lehnstuhl gleiten ließ. »So viel Sonne
+habt Ihr!« bemerkte der Vater und stellte sich mit dem Rücken ans
+Fenster in die hellsten Strahlen, als fröstle ihn. Auch das
+Schwesterchen lief oft herüber. Sie war ein bildhübscher Backfisch
+geworden, mit einem suchenden Glanz in den Augen. »Papa brummt immer, --
+wir gehen ihm so viel als möglich aus dem Wege!« erzählte sie.
+
+Sonntags mußte ich zu Tisch zu den Eltern kommen, oder zu Onkel Walters.
+Es war jedes Mal eine Quälerei, denn um zwecklosen Auseinandersetzungen
+aus dem Wege zu gehen, blieb mir nichts übrig, als zu schweigen, während
+mir das Blut oft vor Zorn in den Schläfen klopfte. Man vermied zwar von
+der Ethischen Bewegung zu sprechen, schimpfte aber um so mehr auf Juden,
+Kathedersozialisten und Egidyaner, als den »Hilfstruppen« der
+Sozialdemokratie, und die Tante besonders fand ein Vergnügen darin, mich
+durch ihre schwärmerische Kaiser-Verehrung zu reizen.
+
+Einmal nahm mich der Onkel beiseite, und ich erwartete schon eine
+wohlgemeinte politische Belehrung, als er von Egidy zu sprechen begann.
+»Er ist ein Phantast, aber trotz alledem ein Edelmann und dein Freund,«
+sagte er, »da gehört sich's, daß du ihn vor Schaden bewahrst. Er hat
+sich droben bei uns mit einem meiner Nachbarn, einem notorischen
+Schwindler -- Wohlfahrt heißt der Kerl zum Überfluß! --, wie ich höre,
+das Näheren eingelassen. Warne ihn, ehe es zu spät ist.« Ich ließ mir
+die nötigen Details geben und bat Egidy um seinen Besuch.
+
+Wir hatten einander ein paar Monate lang nicht gesehen. Er aber sah um
+Jahre gealtert aus. Kaum hatte ich den Mut, diesem müden Gesicht
+gegenüber zu sagen, was ich wußte. Er starrte mich an, die Finger
+ineinandergekrampft, die Augen weit aufgerissen. Und plötzlich sank sein
+Kopf auf die gefalteten Hände, und seine breiten Schultern bebten, von
+lautlosem Schluchzen erschüttert. Fassungslos stand ich vor ihm: er, der
+dem Spott und Haß einer ganzen Welt getrotzt hatte, dessen sieghafter
+Glaube an die Menschen ihn unüberwindlich zu machen schien, -- er saß
+hier vor mir, zusammengebrochen, als wäre ein Fels ihm auf den starken
+Nacken gestürzt, -- und weinte!
+
+»Meine Kinder -- meine armen Kinder!« stieß er abgebrochen hervor --
+»alles habe ich diesem Menschen geopfert, -- mein Letztes!«
+
+Georg kam nach Hause. Egidy raffte sich auf, um ihn zu begrüßen, aber
+die Kniee wankten ihm. Und dann war's, als müßte er sein Herz
+ausschütten, aussprechen, was er vielleicht vor sich selbst noch
+verhehlt hatte: Wie seine Hoffnungen ihn betrogen, die Scharen seiner
+Gefolgschaft ihn verlassen hatten, sein Haus leer geworden war, seitdem
+er nicht mehr Wein und Braten aufzutischen vermochte.
+
+»Jetzt erst, wo die Menschen Sie nicht mehr als einen Märtyrer
+bewundern, werden Sie zeigen können, daß Sie ein Mann sind!« sagte
+Georg, als er schwieg.
+
+Mit einer raschen Bewegung, als wolle er jeden Rest von Schwäche
+verscheuchen, strich sich Egidy über die Stirn und reichte Georg die
+Hand: »Weiß Gott, -- ich werde es beweisen!« Und sich zu mir sich
+wendend, fuhr er fort: »Erinnern Sie sich, was ich Ihnen in Hannover
+sagte: 'Im schlimmsten Fall reite ich allein -- langsamen Schritt
+vorwärts -- nach Zählen -- im Kugelregen.' -- Leben Sie wohl.«
+
+Mich ließ er schweren Herzens zurück. »Allein -- im Kugelregen!«
+wiederholte ich leise und kreuzte fröstelnd die Arme unter der Brust.
+
+»Meine Alix fürchtet sich?! -- Vergiß niemals, was der große
+Sklavenbefreier William Lloyd Garrison sagte: Einer mit der Wahrheit im
+Bunde ist mächtiger als alle. In diesem Glauben siegte er!« Georgs
+blasse Haut leuchtete im Abenddämmer.
+
+War ich so schwach, daß ich immer Menschen suchte -- Gleichgesinnte? --
+und mich freute wie ein Kind, das hinter den Felsen hundert Gespielen
+wähnt, wenn irgendwo ein Echo meiner Stimme mir entgegenklang?...
+
+Der Verein Frauenrecht hatte mich trotz meiner Sünden in seinen
+Vorstand gewählt: Ich war ein »Name«, -- damit hatte Frau Vanselow die
+Mitglieder für ihren Plan gewonnen. Und ich hatte trotz meiner inneren
+Abneigung die Wahl angenommen: der Verein war am Ende doch ein wirksames
+Mittel zum Zweck. Vor allem galt es eins durchzusetzen: die deutsche
+Frauenbewegung aus ihrem Veilchen-Dasein zu befreien. Fünfundzwanzig
+Jahre hatte ich selbst gelebt, ehe ich von ihrer Existenz etwas erfuhr.
+Die deutsche Presse nahm noch jetzt kaum je irgendwelche Notiz von ihr.
+
+Es gelang mir zunächst -- nachdem ich von vornherein die Arbeit dafür
+auf mich genommen hatte --, eine Zeitungs-Korrespondenz durchzusetzen,
+und ich hatte die Genugtuung, daß meine Notizen in zahlreichen Blättern
+Aufnahme fanden. Nun mußte ein Organ geschaffen werden, -- eine weithin
+sichtbare Fahne für unsere Sache. Ich gewann den Verleger der Ethischen
+Blätter für die Idee und kam strahlend über diesen Erfolg in die
+Vorstandssitzung des Vereins. Aber statt allgemeiner Freude begegnete
+ich allgemeinem Widerstand. Über die Verantwortung, die wir damit auf
+uns nehmen müßten, jammerte die eine, über die »seit Jahren
+liebgewordenen« Vereinsmitteilungen, an deren Stelle die Zeitschrift
+treten sollte, die andere.
+
+»Und die Frage der Redaktion ist doch vor allem eine schwer zu
+entscheidende,« meinte mit bedenklich hoch gezogenen Augenbrauen Frau
+Vanselow und sah mich prüfend an. Ich begriff.
+
+»Selbstverständlich wird sie unserer verehrten Vorsitzenden anvertraut
+werden,« sagte ich rasch. »Und meine liebe Frau von Glyzcinski wird mir
+hilfreich wie immer zur Seite stehen,« ergänzte Frau Vanselow und
+streckte mir über den Tisch hinweg die Hand entgegen.
+
+»Ich halte dies Vorgehen für unethisch,« tönte Frau Schwabachs scharfe
+Stimme dazwischen. Erstaunt sah ich auf: »Das begreife, wer kann!«
+
+»Unser liebes, heute leider fehlendes Fräulein Georgi hat die
+Mitteilungen bisher als Schriftführerin zu unser aller Zufriedenheit und
+-- unentgeltlich --« ein vielsagender Blick traf mich -- »in selbstloser
+Hingabe an die Sache geleitet. Ich gebe meine Zustimmung nicht, wenn man
+sie beiseite schiebt!«
+
+Empört fuhr ich auf: »Es handelt sich hier um die Sache und nicht um die
+Personen, um ein öffentliches Unternehmen und nicht um ein
+Vereinsblättchen! Jeder Fortschritt verletzt irgendwen, -- und wenn Ihre
+Ethik im Gegensatz zum Fortschritt steht, so gebe ich sie preis und
+wähle diesen!«
+
+Ich erhob mich rasch und überließ den Vorstand sich selber.
+
+Vier Wochen später erschien die erste Nummer der »Frauenfrage« unter
+Frau Vanselows und meiner Redaktion. Georg eröffnete sie mit einem
+Artikel für das Frauenstimmrecht. Etwa zu gleicher Zeit versandte Helma
+Kurz ein Zirkular an die deutschen Frauenvereine, durch das sie zur
+Gründung eines nationalen Frauenbundes aufforderte, der sich dem bereits
+bestehenden in Amerika ins Leben gerufenen internationalen Verbande
+anschließen sollte.
+
+Mit einem harten »Niemals« begegnete Frau Vanselow meiner Begeisterung
+für diesen Zusammenschluß. »Aufspielen will sich die Kurz, von sich
+reden machen, nachdem ihr angesichts unserer Erfolge längst schon die
+Galle überläuft ...« Nur schwer gelang es mir, sie zu beruhigen und zur
+Teilnahme an den vorbereitenden Sitzungen zu bewegen. Ein Heer von
+Frauen, in der ganzen Welt zu einer Organisation zusammengeschlossen, --
+war das nicht die welterobernde Macht der Zukunft?! Hier würde die
+Arbeiterin neben der Bourgeoisdame, die Sozialdemokratin neben der Frau
+des Ostelbiers zu Worte kommen; im friedlichen Austausch der Ideen würde
+schließlich die lebenskräftigste siegen, -- durch die Mütter der
+kommenden Generation würde leise und natürlich die Quelle in die
+Menschheit gelenkt werden, die bestimmt war, als Strom die Schiffe der
+Zukunft zu tragen!
+
+»Also eine Ethische Gesellschaft der Frauen, -- nach unserem Plan!«
+meinte Georg. Ich benutzte den nächsten freien Augenblick, um mit Martha
+Bartels die Sache zu besprechen. Seltsam: sie wußte von nichts, das
+Zirkular war ihr nicht zugegangen. »Und wenn ich es schon erhalten
+hätte,« sagte sie, »es ist mir zweifelhaft, ob meine Genossinnen eine
+Beteiligung für nützlich gehalten haben würden.«
+
+»Aber bedenken Sie doch, welch ein Agitationsgebiet sich Ihnen eröffnen
+würde« -- eiferte ich, auf das schmerzlichste überrascht durch ihre
+ablehnende Haltung, -- denn daß die Aufforderung sie nur durch irgend
+einen Zufall nicht erreicht hatte, davon war ich überzeugt, -- es war ja
+im Zirkular die Rede von »allen Frauen«.
+
+»Unser Agitationsgebiet ist das gesamte Proletariat, -- groß genug für
+die gewaltigsten Arbeitskräfte! Eine Vereinigung mit der bürgerlichen
+Frauenbewegung würde zersplitternd und verwirrend wirken. Die große
+Masse unserer Arbeiterinnen ist noch nicht so selbstbewußt, um sich den
+Damen gegenüber als Gleichberechtigte zu fühlen.«
+
+Mir schien, als ob aus ihren Worten mehr Gekränktheit über die
+Zurücksetzung als Überzeugung sprach.
+
+»Wir reden noch darüber,« sagte ich, innerlich ordentlich froh über die
+Aufgabe, die sich mir eröffnete: Ich sah sie schon erfüllt, sah in
+Gedanken Martha Bartels auf der Tribüne stehen und durch ihre schlichte
+Wahrhaftigkeit die Frauen gewinnen. Ich schrieb an Helma Kurz, um sie
+auf das Versäumte aufmerksam zu machen, -- ich erhielt keine Antwort.
+Bei dem Begrüßungsabend der deutschen Delegierten erwartete ich mit
+Ungeduld das Ende des Diners, um sie persönlich zu sprechen. Ich fand es
+zum mindesten geschmacklos, solch ein Werk bei Wein und Rehbraten in
+großer Toilette zu beginnen und einander durch Toaste anzuhimmeln, noch
+ehe irgend etwas geschehen war. Endlich erreichte ich Helma Kurz; sie
+wurde dunkelrot, als sie mich sah. »Hier ist nicht der Ort, prinzipielle
+Fragen zu erörtern,« sagte sie heftig und drehte mir den breiten Rücken
+zu.
+
+Am nächsten Morgen in der Sitzung meldete ich mich als eine der ersten
+zur Debatte. Es wurden endlose Reden gehalten: über die Einigkeit aller
+Frauen, über die gemeinsamen großen Ziele, -- vergebens wartete ich
+Stunde um Stunde, daß mir das Wort erteilt werden würde. Ich meldete
+mich noch einmal. »Sie müssen Ihren Antrag schriftlich formulieren!«
+schrie Helma Kurz mich bitterböse an. Ich tat es. Ein erregtes Tuscheln
+um den Vorstandstisch -- »Ihr Antrag steht außerhalb der Tagesordnung«
+-- verkündete die Vorsitzende. Ich versuchte mir gewaltsam Gehör zu
+verschaffen. Um mich kreischten erregte Stimmen: »Schweigen Sie!« --
+»Hinaus!« -- »Wie unethisch!«
+
+Majestätisch richtete sich die schwere Gestalt der Kurz hinter dem
+Vorstandstisch auf: »An dieser Störung unserer schönen Harmonie sehen
+Sie, meine Damen, wes Geistes Kind diejenige sein muß, die sie
+hervorrief!« erklärte sie mit feierlicher Würde, jedes Wort betonend.
+»Ich werde trotzdem, nicht aus Rücksicht auf die Delegierte des Vereins
+Frauenrecht« -- sie lächelte spöttisch -- »sondern auf unsere hier
+anwesenden bewährten Mitkämpferinnen die Erklärung abgeben, die in einer
+Weise gefordert wird, wie sie bis dato nur in sozialdemokratischen
+Radauversammlungen üblich war. Sämtliche deutsche Frauenvereine
+sind zu dieser Zusammenkunft aufgefordert worden, mit Ausnahme
+derjenigen natürlich, die nicht auf dem Boden unserer Staats- und
+Gesellschaftsordnung stehen.« -- Ein langanhaltendes Bravo-Rufen
+unterbrach sie -- »Ihre Teilnahme würde die Auflösung des Verbandes zur
+notwendigen Folge gehabt haben ...« Ich sprang auf und warf noch einmal
+meine Karte auf den Vorstandstisch. »Im Interesse der ruhigen
+Fortführung unserer Verhandlungen haben wir beschlossen, Frau von
+Glyzcinski das Wort zu verweigern.« Erneuter allgemeiner Beifall --
+
+Ich hatte rasch einen Protest gegen den Ausschluß der
+Arbeiterinnenvereine zu Papier gebracht und benutzte die Pause zum
+Sammeln von Unterschriften. Aber wem ich auch in die Nähe trat, --
+schon vor meiner Person zog man sich scheu zurück. Entrüstet blitzte
+mich Frau Schwabach mit ihren klugen dunkeln Augen an: »Und Sie sind
+eine Ethikerin, die das allen Gemeinsame pflegen und betonen soll!« Ich
+fand in der großen Versammlung nur zwei Stimmen, die sich mir
+anschlossen, unter ihnen die Frau Vanselows. »Sie schicken das an die
+Presse? -- Famos! Ein empfindlicher Schlag für Helma Kurz!« sagte sie.
+
+»Rom ist nicht an einem Tage gebaut worden,« tröstete mich Georg, als
+ich verstimmt und enttäuscht nach Hause kam. Es dauerte lange, ehe der
+heilende Trank seines Menschenglaubens mir die tiefe Verbitterung aus
+dem Herzen trieb. Aber den letzten Keim der Krankheit tötete er nicht.
+Was ich in unserer Zeitschrift und in der »Frauenfrage« veröffentlichte,
+wurde immer schärfer im Ton. Die Menschen, denen ich begegnete, die
+Bücher, die ich las, die dramatischen Werke, die ich sah, -- ich
+beurteilte sie alle nur von dem einen Gesichtspunkt aus: ihrer Stellung
+zur sozialen Frage, zum Sozialismus.
+
+ * * * * *
+
+Aus der Dichtung und aus der bildenden Kunst verschwand damals
+allmählich die Elendsschilderung, die in Hauptmanns Webern noch die
+Peitsche gewesen war, die rücksichtslos blutige Striemen zog, und in
+seinem »Hannele« das Bettlerkind schon in Märchenkleidern zeigte.
+Künstlerische Begeisterung entzündet sich an jungen Ideen, solange sie
+flackernde Flammen sind und die Gefahr des Erlöschens ihnen
+phantastisch-spannenden Reiz verleiht. Mit ihrer Reife erstarren sie zu
+Schwertern, die der Kämpferarme bedürfen, während das Seherauge des
+Künstlers schon sehnsüchtig nach neu auftauchenden Lichtern im fernen
+Dunkel Ausschau hält. Aber was Notwendigkeit ist, erschien mir wie
+Treulosigkeit und Schwäche, und der Ich-Kultus, der an Stelle des Kultus
+der Menschheit trat, wie ein frevelhafter Rückschritt.
+
+Gegen eine Welt von Widersachern hatten die Ibsen und Nietzsche die
+Freiheit der Persönlichkeit verkündet, in jahrelangem, schmerzvollem
+Ringen hatten wir sie erobert; ein Heiligtum war sie uns, dessen ewige
+Lampe sich von unserem Herzblut tränkte. Und nun kamen die vielen
+lärmenden Leute und griffen nach ihr ohne Ehrfurcht, und nichts als ein
+neues Spielzeug war sie ihnen. Dem gebildeten Pöbel galt jeder als ein
+Freier, der schrankenlos seinen Begierden folgte. Die entgötterte
+Menschheit suchte nach Götzen, und jeder fand eine anbetende Gemeinde,
+der alte Werte mit Füßen trat.
+
+»Die sexuelle Freiheit ist doch nicht die Freiheit an sich!« sagte ich
+einmal voller Empörung zu Polenz, der mir Hartlebens »Hanna Jagert«
+gebracht hatte. »Gewiß gibt es Frauen mit denselben sinnlichen
+Leidenschaften, wie Männer sie haben, aber in ihnen den 'großen freien
+Weibtypus der Zukunft' zu suchen, ist ebenso frevelhaft, als wenn man
+den modernen Lebemann für das Ideal der Männlichkeit erklären würde.«
+
+»Sie kennen eben unsere jungen Dichter nicht, die zumeist aus dem
+engsten Kleinbürgertum stammen und von da aus direkt der Großstadtbohême
+in die Arme laufen. Eine andere Welt ist ihnen fast allen fremd und
+bleibt ihnen fast immer verschlossen. Gerade Sie sollten es wagen, in
+die Höhle der Löwen zu kommen,« antwortete Polenz.
+
+Ich zögerte noch, aber Georg, dem jedes Mittel willkommen war, das ihm
+geeignet schien, mich heiterer zu stimmen, redete zu, und so folgte ich
+eines Abends Polenz' Einladung. Er hatte eine heterogene Gesellschaft
+zusammen gebeten: alte Regimentskameraden und anarchistelnde
+Schriftsteller, sächsische Gesandschaftsattachés und die Blüte der
+berliner Kaffeehaus-Literaten. Eine unbehagliche Stimmung herrschte; die
+Herren von der Feder fühlten sich sichtlich nicht wohl in ihren Fräcken,
+und die Damen, die sich von ihnen etwas ungeheuer Interessantes erwartet
+hatten, vermochten trotz aller Mühe die genierte Steifheit der fremden
+Gäste nicht zu überwinden. Erst bei Tisch und beim Wein wurde es ein
+wenig lebendiger. Einer der modernsten und beliebtesten Schriftsteller,
+der mit einer gewissen Grazie die gewagtesten Dinge zu schildern
+pflegte, saß neben mir, ein anderer, der die Hoffnung der Moderne war,
+mit dunkler Brille über den lebhaften Augen, mir gegenüber. Ich ließ
+alle meine oft erprobten, geselligen Künste spielen, schlug alle Saiten
+an, von denen ich einen Ton erwarten konnte, -- vergebens. Wie
+Backfische, die zuerst in Gesellschaft kommen, antworteten sie mit einem
+Ja, einem Nein und einem verlegenen Lächeln, wenn ich glaubte, gerade
+ihre Interessen berührt zu haben. Ich sah forschend die lange Tafel
+herauf und herunter: überall dasselbe Bild, -- und langsam legte sich
+eine bleierne Langeweile über die zu krampfhaftem Höflichkeitsgrinsen
+verzerrten Züge. Man atmete schließlich erleichtert auf, als das Essen
+zu Ende war; und so rasch sie konnten, verschwanden die Herren im
+Nebenzimmer, von wo bei Kognak und Zigarrren bald dröhnendes Lachen
+herrüberscholl.
+
+Als ich, die Elektrische erwartend, auf der Straße stand, trat eine
+kleine Frau mit blitzenden Saphiraugen, ein Spitzentuch lässig über den
+dicken, blonden Schopf geworfen, auf mich zu. »Er ist wohl noch immer da
+drin, der Franzl,« sagte sie und wies mit dem Daumen zu der erleuchteten
+Etage herauf, die ich eben verlassen hatte. Überrascht sah ich sie an --
+»Juliane Déry! Was machen Sie denn hier?« -- »Ich warte! -- mit dem
+letzten Bissen im Munde wollte er diesem Menschenragout entlaufen. Aber
+es muß doch pikanter ausgefallen sein, als ich prophezeite ...« Ich
+lachte hellauf und gab ihr eine Schilderung der letzten drei Stunden.
+»Und Sie dachten wirklich an gedeckten Tischen, zwischen Grafen und
+Baroninnen, unsere jungen Genies kennen zu lernen?!« Sie konnte sich vor
+Vergnügen nicht lassen, amüsiert blieben die Vorübergehenden bereits
+neben uns stehen. »Kommen Sie!« mahnte ich leise und schob meinen Arm in
+den ihren.
+
+»Richtig! -- Wir haben ja schon einmal eine nächtliche Promenade
+gemacht! Seitdem sind Sie ethisch geworden und haben --« sie stockte ein
+wenig -- »geheiratet!«
+
+»Und Sie?« Ich frug ohne Interesse, im Grunde nur, um irgend etwas zu
+sagen.
+
+»Ich? -- Gott -- Sie sehen: ich lebe! Was sollte unsereins auch sonst
+noch tun!« Ein düsterer Schatten verdunkelte einen Augenblick lang ihre
+Augen, dann lächelte sie wieder: »Wissen Sie was? Kommen Sie heute mit
+mir, -- ich bin ein besserer Cicerone der Bohème als Ihre Gastgeber
+eben! Überdies --« sie musterte mich unter der nächsten Laterne von
+oben bis unten -- »werde ich mit Ihnen Furore machen.«
+
+Bis zu unserem Ziel, einer kleinen Weinstube in der Friedrichstadt,
+erzählte sie mir mit der ihr eigenen sprühenden Lebhaftigkeit von all
+den freien Geistern, die ich finden würde. »Der große...«, »der
+geniale...«, »der einzige...«, -- mit diesen Adjektiven begleitete sie
+Namen, die mir kaum bekannt waren.
+
+Als wir eintraten, schlug ein Wolke dicken Rauches uns entgegen; ein
+paar Lampen, ein paar Lichtpünktchen brennender Zigaretten leuchteten
+hindurch. Ein Chor schwatzender Stimmen machte jedes Wort
+unverständlich. Erst als wir im Lichtkreis der Gasflammen standen,
+verstummte die Gesellschaft. Die Herren erhoben sich und umringten uns.
+Sie rochen nach Kognak, -- unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück.
+Man hörte meinen Namen. »Bist wohl verrückt geworden, Juliane!« brummte
+eine Männerstimme, und ein Arm legte sich um ihre Taille. Ich setzte
+mich abseits in eine Ecke. Nach einer Weile schien ich vergessen und
+fühlte mich wie eine Zuschauerin vor der Bühne. Es war zweifellos ein
+interessantes Spektakelstück, das ich sah, und Menschen eigener Art, die
+darin spielten.
+
+Zu Füßen eines großen, tiefbrünetten Mannes, um den sich allmählich die
+leeren Flaschen häuften, saß eine blasse Frau mit blonder Haarkrone auf
+dem vornehmen Köpfchen. Das mußte die dänische Gräfin sein, die der
+»satanische« Dichter, wie die Déry ihn nannte, entführt hatte. Wenn er
+redete, sah sie andächtig zu ihm auf, und die Nächststehenden schwiegen.
+
+»Ja -- was ich sagen wollte -- --« er sprach mit einem scharfen
+slawischen Akzent -- »was -- was war es doch?« Er goß sich roten Wein in
+das Glas, -- ein paar Tropfen spritzten der Frau zu seinen Füßen auf die
+weiße Stirn, -- er vergaß zu trinken und starrte sie an: »wie schön das
+ist: die Dornen deines unsichtbaren Kranzes haben dich verwundet, -- wie
+ein Rubin leuchtet dein königliches Blut ...«
+
+»Zum Donnerwetter, was schweigt ihr,« brüllte er im nächsten Augenblick
+und stürzte den Wein hinunter, »was geht das Euch Kanaillen an?!« Die
+anderen lachten.
+
+»Du hast uns deinen Helden schildern wollen!« sagte jemand.
+
+»Meinen Helden!« begann er wieder, »das wird ein Kerl sein! Kein
+waschlappiger Schmachtfetzen, der die Weiber anhimmelt, sondern einer,
+der zupackt, wie ich!« -- seine Riesenfaust umklammerte den Arm der
+blonden Frau, die schmerzhaft zusammenfuhr, -- »keiner, der den Lahmen
+Krücken schenkt und den Blinden Brillen, sondern einer, der beiseite
+stößt, was ihm im Wege steht. Oder meint ihr, das Gesindel um uns sei
+was besseres wert?! Glaubt mir, wenn wir nicht empor kommen, die
+Starken, die Hartherzigen, dann wird das Gewürm, das Junge wirft wie die
+Kaninchen, uns auffressen. Den Schwachen helfen, winselt ihr mit dem
+verwässerten Christenblut in den Adern? Nein, sage ich: den Schwachen
+den Gnadenstoß geben, damit die Starken Platz haben!«
+
+Ich hielt mich nicht länger. »Es muß sich aber erst erweisen, wer die
+Starken sind,« rief ich.
+
+»Erweisen? Nein, schönste Frau, -- wenn wirs nur von uns selber wissen,«
+antwortete er, stand auf und trat auf mich zu, -- er schwankte ein
+wenig -- »Sie sind ja so Eine, die sich opfert -- der Menschheit -- der
+Ethik -- pfui Teufel! Mit so einem Gesicht und solcher Gestalt --« seine
+große Hand streckte sich, ich wich ihr erschrocken aus -- »sich
+behaupten sollten Sie, -- Glück schenken und Liebe, -- das ist mehr als
+Traktätchen -- und -- und -- Kinder kriegen --«
+
+Er fiel wie ein gefällter Baum der Länge nach zu Boden. Ich strebte
+hastig der Türe zu. Juliane Déry kam mir nach und drängte ihr glühendes
+Gesicht dicht an das meine.
+
+»So bleiben Sie doch -- Schönste -- Beste,« schmeichelte sie -- ich
+fühlte ihre Hand auf meiner Hüfte. »Ist er nicht groß? -- herrlich? Und
+jetzt wird es erst schön -- komm! komm! -- laß uns Freundinnen sein --«
+Sie versuchte mich zu küssen. Ich schüttelte sie ab. »Hochmütige Närrin
+--« knirschte sie.
+
+»Sie -- sie hat kein Herz -- kein Herz -- wie all die -- die
+Tribünenweiber!« lallte der Betrunkene, der sich halb aufgerichtet
+hatte.
+
+Ich lief hinaus wie gejagt und sprang in den nächsten Wagen. Warum nur
+brach ich schluchzend in den Kissen zusammen, -- warum?!
+
+Leise schlich ich in die Wohnung, in mein Zimmer. Zum erstenmal
+verschwieg ich Georg, was ich erlebt hatte; nur von dem Abend bei Polenz
+erzählte ich und von den Menschen dort, die »auch nicht die unseren
+sind«.
+
+Er hörte kaum zu, seine Gedanken waren bei dem Brief, den er zwischen
+den Fingern rollte und mir lächelnd reichte.
+
+»Hier werden wir die unseren finden!« sagte er.
+
+Es war eine Einladung zu einem Festkommers »unserem verehrten Genossen
+Friedrich Engels zu Ehren«, von den Mitgliedern des Parteivorstands
+unterschrieben. »Du willst hingehen?« frug ich erstaunt, »als
+preußischer Universitätsprofessor?!«
+
+»Die Freude will ich mir nicht entgehen lassen, einmal im Leben dazu zu
+gehören! -- und den Kragen wird es nicht kosten!«
+
+ * * * * *
+
+Ein großer Saal. Grüne Girlanden, mit roten Blumen besteckt, schwebten
+in runden Bogen um die Galerien, von einer Säule zur anderen.
+»Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« leuchtete es in riesigen
+Goldbuchstaben auf rotem Grund von der Tribünenwand herab den
+Eintretenden entgegen. Unter Lorbeerbüschen glänzten die weißen Büsten
+von Marx und Lassalle. Als wir kamen, war der Riesenraum schon dicht
+gefüllt: Männer im Festtagsrock, Frauen und Mädchen in bunten Blusen und
+hellen Kleidern, die Gesichter verklärt, wie die der Kinder von
+Weihnachtsvorfreude. Ein Glanz der Jugend strahlte aus allen Augen und
+verwischte die Furchen, die Leidenszüge, die Kummerfalten, und gab den
+früh gebleichten Wangen die Röte der Kinder des Glücks.
+
+Neugierig richteten sich alle Blicke auf uns: den bleichen Mann im
+Rollstuhl und die junge Frau ihm zur Seite. Der alte Bartels führte uns
+bis nach vorn, wo an gedeckten Tischen die Plätze für die Gäste
+reserviert waren.
+
+»Daß ich das noch erlebe -- Herr Professor -- das noch erlebe,«
+wiederholte er immer wieder, mit dicken Freudentränen in den kleinen,
+zwinkernden Äuglein.
+
+Brausende Hochrufe erschütterten die Luft. -- Alles erhob sich --
+schwenkte die Hüte und wehte mit den Taschentüchern -- auf die Tische
+und auf die Schultern wurden die Kinder gehoben, so daß ihre Köpfchen
+wie Blumen aus dichtem Wiesengrund über die Massen emporragten. Und
+durch den breiten Mittelgang, an dem sich rechts und links, eine
+undurchdringliche Mauer, die Menge staute, kamen sie alle, die alten
+Kämpfer, deren Namen ein blutiger Schrecken für die einen, ein Symbol
+künftiger Glückseligkeit für die anderen war.
+
+Mein Blick blieb nur auf den vier Voranschreitenden haften, die ich um
+mich herum immer wieder flüsternd nennen hörte: Liebknecht -- Bebel --
+Auer -- Engels. Groß war der eine, mit grauem Vollbart, hoher Stirn,
+geistvoll sprühenden Augen, einen feinen Zug von Sarkasmus um den Mund,
+klein der andere, mit widerspenstiger voller Haarsträhne, die ihm immer
+wieder nach vorne fiel, so daß sein Blick sich noch mehr verschleierte,
+-- jener merkwürdige Blick, wie ihn nur Dichter und Träumer haben. Einen
+breiten, hellen Germanenkopf trug der Dritte stolz auf den starken
+Schultern, ein paar Augen, die gewiß kampflustig zu blitzen verstanden
+wie die alter Häuptlinge, sahen über die Menge hinweg. Vorne aber ging
+der alte gefeierte Gast mit einem Lächeln so voll gerührter Güte und
+freudiger Menschenliebe, als wären das alles seine Kinder, die ihm
+entgegenjauchzten.
+
+Gesang, Musik, Begrüßungsreden wechselten miteinander ab, wie bei einem
+großen Familienfest. Nichts Pathetisches, aber auch nichts, das an
+Aufruhr und revolutionäre Schrecken erinnerte, störte die Stimmung. Das
+Rot der vielen Schleifen und Fahnen im Saal schien heute nur die Farbe
+der Freude zu sein, nicht die des Bluts. Auch die 'Freiheit', die
+auftrat, mit der phrygischen Mütze auf dem schwarzen Krauskopf, ihre
+Verse skandierend wie ein Schulkind, glich mehr einem Boten des
+Frühlings als der Revolution.
+
+Drunten im Saal, wie oben auf der Tribüne herrschte eitel Fröhlichkeit.
+
+Von einem Tisch zum anderen begrüßten sich die Bekannten, und er, der
+Held des Tages, drängte sich mit den Freunden immer wieder durch die
+Reihen und schüttelte die Hände alter Kampfgenossen aus den schweren
+Zeiten der Verfolgung. Sie kamen auch zu uns und setzten sich um Georgs
+Rollstuhl, und seine Lippen zuckten, und seine Augen wurden feucht vor
+Bewegung. Mit einer altväterisch-chevaleresken Verbeugung schenkte mir
+Engels ein paar Blumen aus der Fülle, die ihm gegeben worden war. »Ein
+gefährliches Zeichen,« lachte Liebknecht und wies auf die rote Nelke
+darunter. »Eins des Sieges, wie ich hoffe,« antwortete ich.
+
+Wir gingen still nach Haus. Eine große Freudigkeit erfüllte uns.
+
+ * * * * *
+
+An einem grauen, naßkalten Dezembertag war es. Das Reichshaus sollte
+eingeweiht werden. Am Brandenburger Tor stand ich, Eindrücke zu sammeln
+für das, was ich schreiben wollte. Man lachte -- schwatzte -- höhnte
+rings um mich her: vom »Gipfel der Geschmacklosigkeit« sprach der Eine,
+-- so hatte S. M. jüngst in Italien den Bau Wallots bezeichnet --, von
+der leeren Tafel über den Toren erzählte der andere, die auf die
+Inschrift »Dem deutschen Volke« vermutlich vergebens warten würde; --
+»den Junkern und Pfaffen, -- wirds statt dessen heißen,« fügte bissig
+ein Dritter hinzu. »Wenn man die Umsturzvorlage det janze Dings nich
+umstürzen wird,« zischelte es dicht neben mir. Der stramme
+Polizeileutnant, der hier Wache hielt, wandte stirnrunzelnd den Kopf. In
+offenem Wagen fuhren die Abgeordneten vorüber: Zivilisten mit glänzenden
+Zylindern auf dem Kopf und bunten Bändchen im Knopfloch, auf den Zügen
+den Ausdruck ernsthafter Wichtigkeit, Geistliche in der schwarzen
+Soutane mit runden glänzenden Gesichtern; Reserveoffiziere, denen der
+enge Kragen das Blut blaurot in die Stirne trieb, und deren bunter Rock
+sich in Falten über Brust und Leib spannte. »Drum müssen sie doch alle
+stramm stehen vor dem obersten Kriegsherrn, -- die M. d. R.s --«
+zischelte dieselbe Stimme wie vorhin.
+
+Aufgeregt sprengten die Polizisten noch einmal hin und her, -- ihre
+Pferde drängten die angstvoll aufkreischenden Zuschauer zur Seite.
+
+Vom Schloß die Linden hinunter trabte eine Schwadron Garde du Korps in
+glänzender Uniform mit wehenden Fähnlein. Da plötzlich ein klirrender
+Stoß -- ein Schrei, -- und zwei Reiter wälzten sich unter ihren Pferden.
+
+Im gleichen Augenblick nahte ein Wagen: der Kaiser! Schweigend --
+erwartungsvoll -- kaum, daß ein paar Hüte von den Köpfen flogen --
+harrte die Menge, -- schwankend, mit totblassem Gesicht richtete der
+eine der gefallenen Soldaten sich auf die Kniee, -- dicht vor ihm
+schlugen die Hufe des Viergespanns schon auf das Pflaster.
+
+Das Bronzegesicht des Monarchen tauchte sekundenlang auf -- ein einziger
+kalter Blick streifte den Garde du Korps -- die feindselig-stumme Menge
+hinter ihm, -- und vorüber raste der Wagen.
+
+Erregt, mit verbissenem Grimm stoben die Menschen auseinander. Das war,
+so schien mir, der rechte Auftakt für das kommende Schauspiel: den Kampf
+um die Umsturzvorlage, die als erster Gesetzentwurf den Volksvertretern
+im neuen Hause zur Entscheidung vorlag.
+
+Unter kriegerischem Gepränge war es heute geweiht worden, --
+Kriegszeiten standen bevor.
+
+Auf dem Wege durch den feuchtdunstigen Tiergarten war mein Plan gefaßt,
+und noch ehe Georg aus der Universität zurückkam, lag meine »Erklärung«
+schon auf dem Schreibtisch. »Im Namen des weiblichen Geschlechts
+protestieren wir unterzeichneten Frauen gegen die Umsturzvorlage,«
+begann sie, und weiter hieß es darin: »'Beschimpfende Äußerungen gegen
+Ehe und Familie' gefährden das sittliche Leben des Volkes nicht so sehr
+wie die gesetzliche Sanktionierung der Unsittlichkeit; und nicht durch
+'Kundgebungen' werden 'weite Bevölkerungkreise' zu dem Glauben verführt,
+daß die Grundlagen unseres Lebens auf 'Unwahrheit und Ungerechtigkeit'
+beruhen, sondern durch eine Gesetzgebung, die die Hälfte des
+Menschengeschlechts, die Mütter der Staatsbürger, mit Unmündigen,
+Wahnsinnigen und Verbrechern auf eine Stufe stellt und durch
+wirtschaftliche Zustände, die Millionen von Frauen in den Kampf ums
+Dasein treiben, das Familienleben zerstören, die Ehe erschüttern ...«
+
+Ich versandte noch an demselben Abend meine Erklärung mit der Bitte um
+Unterschriften an die Presse. Kaum war sie veröffentlicht, als Onkel
+Walter mich mit seinem Besuch überraschte. »Ich komme, dich zu warnen,«
+sagte er, »man hat ein Auge auf dich, man kennt im Polizeipräsidium
+deine geheimen Beziehungen zur sozialdemokratischen Partei, und heute im
+Reichstag hat der Minister des Innern mir im Vertrauen gesagt, daß, wenn
+die Umsturzvorlage oder ein dem Sinne nach ihr ähnliches Gesetz in Kraft
+treten sollte, du zu den Ersten gehören wirst, die davon getroffen
+werden; -- vorausgesetzt natürlich --,« er sprach langsam und betonte
+jede Silbe -- »daß du nicht klug genug bist, vorher andere Wege
+einzuschlagen.«
+
+»Ich danke dir für deine Freundschaft, lieber Onkel, -- aber daß ich
+deinem Rat folgen werde, wirst du von mir kaum erwarten.«
+
+»So sind wir geschiedene Leute!« rief er, und krachend fiel hinter ihm
+die Tür ins Schloß.
+
+Seltsam, -- er hatte mir niemals nahe gestanden, und doch: in diesem
+Augenblick krampfte sich mir das Herz zusammen, -- ein Stück der
+Kindheitsheimat nahm er mit sich fort. Was wird der Vater sagen, dachte
+ich furchtsam. Aber er kam nicht, er schrieb mir nur zwei Zeilen ohne
+Anrede und Unterschrift: »Nach Deinem letzten Benehmen wirst Du Dich
+nicht wundern, wenn wir Dir eine Zeitlang fern bleiben. Wir hoffen zu
+Gott, daß er Dich wieder auf den rechten Weg leiten möge! ...«
+
+ * * * * *
+
+Eisig fegte der Ostwind durch die Straßen, feine, schimmernde
+Eiskristalle tanzten in der Luft, und der Rauhreif wandelte den
+Tiergarten in ein Wintermärchen. Jeden Morgen begleitete ich jetzt Georg
+in die Universität. Seine Vorlesungen über soziale Ethik füllten das
+Auditorium bis in den fernsten Winkel und leidenschaftlich erregte
+Menschen -- alte und junge -- Männer und Frauen -- begrüßten ihn mit
+heftigem Beifallsgetrampel. Hinter dem Pult war nichts von ihm zu sehen
+als der bleiche, dunkel umrahmte Kopf mit den strahlenden Kinderaugen.
+Er sprach, wie er noch nie gesprochen hatte, er geißelte die Sünden des
+Kapitalismus mit einer Schärfe, wie sie in diesen Räumen noch nie gehört
+worden war, und verteidigte die Rechte der Frauen und die der Arbeiter
+mit einer Begeisterung, die alles mit sich fort riß.
+
+»Der Glaube, daß wir jetzt vor tief gehenden Wandlungen, vor einer
+Weltwende stehen, wie die Menschheit noch keine erlebt hat, ist eine
+Überzeugung, die immer weitere Kreise ergreift ... Jetzt ist keine Zeit
+mehr zu beschaulichem Träumen ...« -- Seine Stimme hob sich in
+ungewohnter Kraft und bekam einen Klang wie eine tiefe Glocke. »... Wir
+müssen uns klar werden über die Lage der Dinge und wach sein für die
+Nöte des Tages ... Wir müssen uns bewußt werden, wohin wir gehören ...«
+
+»Er spricht sein Todesurteil ...« hörte ich leise flüstern. Kirchenstill
+war es. Er wurde vom Katheder heruntergehoben, sein Rollstuhl setzte
+sich in Bewegung, mit scheuer Ehrfurcht grüßten ihn die Studenten.
+
+Fauchend schlug ihm der Wind in das heiße Gesicht, als wir ins Freie
+traten, und fröstelnd zog er sich den Pelzkragen höher. Vergebens bat
+ich ihn, sich aus seinem offenen Rollstuhl in einen geschlossenen Wagen
+heben zu lassen. Den ganzen langen Weg über die Linden, durch den
+Tiergarten, über den Lützowplatz kämpften wir mühsam wider den
+Schneesturm.
+
+Vor unserem Hause ging ein Herr auf und ab: groß und schlank, den
+feingeschnittenen Kopf zurückgeworfen, den Bart keck in die Höhe
+gewirbelt, -- »Hessenstein!« rief ich überrascht.
+
+»Kein anderer, gnädige Frau!« sagte er und küßte mir die Hand -- »ich
+warte auf Sie -- ich konnte Europa nicht verlassen, ohne von Ihnen
+Abschied zu nehmen --«
+
+Wir begaben uns zusammen in unsere Wohnung. Seltsam fragend betrachtete
+Georg den Gast, den ich so freudig willkommen hieß.
+
+»Sie verlassen Europa?« frug ich, »und warum?«
+
+»Seit meinen kriegerischen Erfahrungen im Bergwerksbezirk war mir nicht
+mehr wohl im bunten Rock --« antwortete er, während sein Blick
+sekundenlang peinlich überrascht zwischen Georg und mir hin und her flog
+-- »und die neu eröffnete Aussicht, gelegentlich einmal auf Eltern und
+Geschwister schießen lassen zu müssen, hat meinen militärischen Ehrgeiz
+auch nicht wesentlich steigern können. -- -- Ich habe einen Bruder in
+Java, -- dorthin will ich. Eigentlich auch kein erstrebenswertes Ziel!
+Aber -- was soll man tun --, wenn man den Mut nicht aufbringt, unter die
+Roten zu gehen!«
+
+»Dann ist Ihre Wahl sicherlich die beste,« sagte Georg mit feindseliger
+Schärfe. Rote Flecken brannten ihm über den Backenknochen.
+
+Sichtlich verletzt, erhob sich Hessenstein. In dem Wunsch, gut machen zu
+wollen, was Georg verfehlt hatte, war ich doppelt herzlich.
+
+»Vielleicht treffen sich unsere Wege doch einmal wieder! Möchten Sie
+recht, recht glücklich werden« -- damit reichte ich ihm beide Hände. Er
+senkte tief den Kopf darauf. »Ich danke Ihnen!« flüsterte er bewegt.
+
+Kaum war er fort, als Georg mich zu sich rief. Sein Kopf glühte -- seine
+Hände waren heiß.
+
+»Du fieberst!« rief ich erschrocken.
+
+»Mir war schon diese Nacht nicht recht wohl, -- ich wollte nur heute die
+Universität nicht versäumen --« ein harter Husten ließ ihn verstummen.
+»Aber es ist nichts, Kindchen, nichts, -- ein Katarrh vielleicht!«
+Wieder eine Pause. -- »Komm einmal her zu mir, Liebling, -- ganz nah --«
+ich kniete neben ihm -- sein rascher, heißer Atem berührte mein Gesicht
+-- »du -- du -- liebtest wohl jenen Hessenstein?«
+
+»Georg!!« Mir stieg das Blut in die Schläfen. »Wie kommst du darauf?«
+
+»Ihr -- ihr saht euch an -- wie -- wie Menschen, die zusammen gehören!«
+
+Lächelnd drückte ich meine Wange an seine schmalen Hände. »Nie -- Georg,
+-- nie -- gehörten wir zusammen!« meine Augen richteten sich klar auf
+ihn. »Und wenn es gewesen wäre, -- bin ich heute nicht dein -- nur
+dein?!«
+
+»O du -- du!« stöhnte er; seine Arme preßten sich sich um meine
+Schultern, -- in meinen Haaren vergrub er sein Gesicht, -- gegen meine
+Brust pochte sein Herz in wilden Schlägen.
+
+Er hatte keine Ruhe mehr vor dem Schreibtisch, ich mußte ihn auf und ab
+fahren; der Husten nahm zu, und jedesmal, wenn er den armen Körper
+schüttelte, verzogen sich schmerzhaft die Züge. Ich schickte zum Arzt.
+Er untersuchte ihn und lächelte beruhigend, als Georgs Blick in
+angstvoller Frage den seinen suchte.
+
+»Eine Erkältung. Halten Sie sich hübsch ruhig, -- dann ists bald
+vorbei.«
+
+In der Nacht stieg das Fieber. Er ließ meine Hand nicht los. Von Zeit zu
+Zeit sah er mich flehend an, und flüsterte kaum hörbar: »Küsse mich!«
+
+Ich wich nicht von seiner Seite, drei Tage und drei Nächte lang.
+
+»Sie müssen Hilfe haben,« -- sagte schließlich der Arzt. Ich schüttelte
+nur den Kopf. Am Nachmittag des vierten Tages schien das Fieber zu
+sinken. Die Augen wurden wieder klar.
+
+»Ich habe mit dir zu sprechen, meine Alix,« begann der Kranke mit
+ruhiger, fester Stimme. »Es geht zu Ende mit mir, -- weine nicht,
+Kindchen, -- bitte, weine nicht! -- Ich habe, glaube ich, meine
+Schuldigkeit getan --; was ich ungetan ließ, -- du, du wirst es
+vollenden! -- -- Du wirst mir treu sein, -- im höchsten Sinne treu --«
+fassungslos brach ich neben ihm zusammen -- seine Hände lagen auf meinem
+Kopf -- »über alles in der Welt habe ich dich geliebt --.« Nur wie ein
+Hauch kamen die Worte über seine Lippen -- »zum Paradiese hast du mir
+das Leben gemacht, -- hab Dank, -- Dank --.« Ich verlor die Besinnung --
+
+Auf meinem Bett fand ich mich wieder; es war tief in der Nacht, nur ein
+Licht brannte im Zimmer, die Mutter war neben mir, -- so sanft und gut
+und leise, wie immer, wenn sie Kranke pflegte.
+
+»Alix --« klang es tonlos aus dem Nebenzimmer. Ich stürzte hinein.
+Aufrecht auf seinem Stuhl saß Georg. Ich schlang den Arm um seine
+Schulter.
+
+»Warum -- warum läßt du mich sterben?!« flüsterte es vor meinem Ohr.
+Sein Kopf sank an meine Schläfe. Tiefe, röchelnde Atemzüge kamen aus
+seiner Brust.
+
+Wie lange ich regungslos saß, -- ich weiß es nicht. -- Fahl dämmerte der
+Tag durch die Scheiben. Der Arzt trat ein und umfaßte die wachsbleiche
+Hand --
+
+»Es ist vorüber --«
+
+
+
+
+Einundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Ein heißer Sommertag. Auf den Wiesen Grainaus brannte die Sonne. In
+üppiger Farbenpracht glänzten die bunten Blumen, ein sprühender
+Perlenregen war der Bach. Die Zugspitze spiegelte ihre leuchtenden
+Schneefelder im Rosensee. Schwül duftete um das Haus der Jasmin.
+
+Ich lag in Decken gehüllt auf der Altane, -- ich sah das alles, und doch
+sah ichs nicht. Tante Klotilde ging ab und zu. Sie war in Berlin eines
+Tages in mein Zimmer getreten, hatte mich tränenüberströmt in die Arme
+geschlossen und immer wieder die zwei Worte wiederholt: verzeih mir! Ich
+hatte ihr versprechen müssen, im Sommer zu ihr zu kommen.
+
+Und nun war ich hier, -- zu einer letzten, stillen Rast. Ich wußte, was
+ich zu tun hatte, wenn ich ihm, der unter grünem Epheu und roten Rosen
+lag, treu sein wollte. Mein Entschluß war gefaßt. In meinem Schreibtisch
+lag mein Abschiedswort an die Leser der Zeitschrift, die wir miteinander
+geleitet hatten, -- und der Brief an meine Eltern, von dem ich wußte,
+daß er sie schmerzen würde, wie nichts vorher. »Sie werden es überwinden
+--« dachte ich in meinen schlaflosen Nächten, -- »ich werde ihnen von
+da an eine Gestorbene sein!«
+
+All das war mir nicht einmal schwer geworden, solange ich zu Hause in
+meinen einsamen Räumen war. Losgelöst fühlte ich mich schon von aller
+Vergangenheit: Zu den Eltern zurückkehren sollte ich, hatten Vater und
+Mutter in sorgender Liebe gemeint, -- so wenig wußten sie von mir!
+Großmamas Heim im Schloß von Pirgallen hatte mir Onkel Walter als
+Ruhesitz angeboten, -- so wenig ahnten sie, daß ich nicht ruhen durfte!
+
+Nur Martha Bartels hatte mich verstehen gelernt, während sie mir in den
+schwersten Tagen der ersten Einsamkeit viele Arbeitsstunden opferte.
+
+»Sie werden uns eine liebe Genossin sein --« hatte sie gesagt.
+
+Eine Genossin! -- Keines Menschen Geliebte, keines Kindes Mutter, --
+eine Gefährtin nur der Elenden und der Verfolgten. Es war fast ein
+Gefühl von Freude gewesen, mit dem ich Abschied genommen hatte.
+
+Und nun wurde es mir auf einmal so bitter schwer!
+
+O du Sommertag über den Bergen, wie wunderschön bist du!
+
+Es liegt in der Luft wie eine große Sehnsucht, -- und jubelnde Erfüllung
+zwitschern die Vögel und duften die Blumen. In den Sonnenstrahlen glüht
+jedes Blatt wie Gold, blutrot färben sich zur Abendstunde die grauen
+Felsen. Und ein ganzer, großer Korb blühender Alpenrosen steht vor mir.
+-- Ich will die Augen schließen, will das prangende Leben nicht sehen,
+-- aber dann schleicht auf unhörbar linden Sohlen die Erinnerung in
+meine Träume ... Hier begegnete mir vor Zeiten das Glück ...
+
+In der Morgenfrühe gleitet mein Kahn über den Badersee. Tief, tief bis
+zum Grund kann ich sehen, wo um samaragdne Moose glitzernd die Forellen
+streichen und versteinerte Baumriesen schlafen. Langsam schlepp ich
+meine müden Füße heimwärts durch den Wald, wo die Orchideen blühen.
+
+Drüben beim Bärenbauern herrscht jetzt der Sepp als Hausherr. Sein
+junges blondes Weib trägt den ersten Buben an der Brust. Verlegen, die
+Mütze zwischen den Händen drehend, hatte er die alte Spielgefährtin
+begrüßt. Sie wußten im Dorf von mir: daß ich die »heilige Kirche«
+bekämpfte und es mit den Freidenkern hielt! Warum schmerzt mich das
+alles so sehr? Was konnten die Wenigen mir sein, da ich den Vielen
+gehörte?
+
+ * * * * *
+
+»Übermorgen muß ich fort,« sagte ich entschlossen zu meiner Tante, --
+»du weißt, die Arbeit wartet nicht, und ich bedarf ihrer --«
+
+»Bleib noch, mein Kind, bleib noch, -- du bist noch so schwach --« bat
+sie.
+
+»Ich werde dir morgen beweisen, daß ich stark bin --« lächelte ich ...
+
+ * * * * *
+
+Es läutete gerade zur Frühmesse, als ich aus dem Gartentor trat. Einen
+Atemzug lang stand ich still, die Hände auf dem pochenden Herzen. Mir
+war, als hätte ich drüben, zwischen den Bäumen einen Menschen gesehen,
+-- eine Erscheinung aus ferner, ferner Vergangenheit.
+
+Dann ging ich festen Schrittes weiter und warf ohne Besinnen meine
+Briefe in den blauen Kasten an der Post. Hörte ich nicht einen Schritt?
+-- Es war wohl nur das Klopfen und Rauschen meines eigenen Blutes in den
+Ohren.
+
+Auf den Stock gestützt, schritt ich langsam bergauf. Wie doch die Bäume
+gewachsen waren auf der Schonung! Früher reiften hier in der Sonne die
+süßesten roten Beeren. Und weiter droben war ein neuer Schlag, --
+kleinwinzige Tannenpflänzchen guckten schon neugierig zwischen
+Grasbüscheln und alten Wurzeln hervor.
+
+Über die Steinhalde lief ich sonst, -- heute wurde mir das Atmen recht
+schwer!
+
+Nun gings durch den Wald über Sturzbäche, höher und höher, bis der Weg
+nur als schmales Band an der schroffen Felsenwand des Waxensteins
+entlang führt. Tief unten braust und schäumt der Höllentalbach.
+
+O, ich kenne noch keinen Schwindel, -- findet meine Sohle nur einen Fuß
+breit Erde, so stehe ich sicher!
+
+Wie frei weht die Luft hier oben, -- wie leicht läßt es sich atmen! Über
+himmelhohem Abgrund schwingt sich die eiserne Brücke von Berg zu Berg,
+und jenseits führen Leitern wieder empor. Auf weichem Moos unter einer
+Tanne, die ihre Wurzeln keck um einen Felsvorsprung klammert, halte ich
+Rast. Im Halbkreis schieben sich hier die Berge aneinander, ein Zirkus,
+von Riesen gebaut, bestimmt für die Spiele unsterblicher Götter.
+
+Da hör' ich Schritte, -- Nagelschuhe auf Felsstufen, -- ein Wilddieb
+vielleicht, oder ein Bergführer, der über die Knappenhäuser zur Hochalm
+will. Ich stehe auf -- die Hand fest um den Stock --, hier gibt es kein
+Ausweichen. Und schon sehe ich ihn vor mir, den einsamen Wanderer, die
+Spielhahnfeder am grünen Hut, ein gebräuntes Antlitz darunter, mit Augen
+-- --! Ein Zittern durchläuft meinen Körper --
+
+»Warum erschrickst du vor mir, Alix, -- ich bin ja nur ein Gespenst
+unserer Jugend --«
+
+Ich raffe mich zusammen und seh ihm gerad' ins Gesicht. Wie hart sind
+die weichen Züge geworden, denke ich. Das Blut strömt mir wieder zum
+Herzen.
+
+»Laß mich vorüber, -- ich glaube nicht an Gespenster,« sag' ich, den Ton
+meiner Stimme zur Kälte zwingend.
+
+»Du gingst denselben Weg, wie ich: hinauf!« gibt er leise zurück und
+rührt sich nicht von der Stelle.
+
+»Denselben Weg?! Nein, -- unsere Wege sind längst auseinandergegangen,
+-- und daß der deine emporführt, -- daran erlaubst du mir wohl, zu
+zweifeln!« antworte ich höhnisch, -- meine eigenen Worte stechen mich
+wie lauter Nadeln.
+
+»Ich suchte dich, Alix, -- seit Wochen, -- kein Zufall ists, daß ich
+hier bin --;« aus seinen Augen dringt ein blaues Blitzen --
+
+»Du -- mich?!« Ich lache, daß es vom Felsen wiederklingt, -- aber in
+meinem Herzen weint es.
+
+»Ich liebe dich,« flüstert er -- »ich habe geglaubt, ich könnte dich
+vergessen, -- aber meine Sehnsucht bliebst du, -- mein ganzes Leben war
+ein einziges Warten auf dich. Endlich hab' ich dich gefunden! Alix, mein
+Lieb, -- verlaß mich nicht wieder!« Und flehend, wie ein Hungernder,
+streckt er die geöffneten Hände mir entgegen.
+
+»An eine Nacht denke ich, Hellmut, in der ich vor dir stand und dir
+schenken wollte, was du heut' begehrst; -- jetzt hab' ich nichts mehr,
+bin bettelarm! -- Ich liebe nur noch die Erinnerung, -- nicht dich; --
+du bist ein fremder Mann für mich, -- an dem ich vorüber muß --«
+
+In meinem Herzen zuckt es, wie ein verborgenes Leben, das mit dem Tode
+ringt --
+
+»Ich will um dich werben, Alix, -- demütig -- geduldig, -- an meiner
+Liebe wirst du Kalte wieder warm werden --«
+
+Ich schüttle den Kopf. »Nein!« sagt eine harte Stimme. War das die
+meine?!
+
+Er richtet sich auf, sein Blick erstarrt, -- er tritt zurück, und ohne
+aufzusehen, schreite ich an ihm vorbei, -- sehr langsam, schwer atmend,
+auf den Stock gestützt.
+
+Hoch oben, wo auf grüner Halde um die Ruinen der Knappenhäuser in
+dichten Büschen dunkelblaue Vergißmeinnicht blühen, sah ich noch einmal
+hinab: auf dem Wege zu Tal steht eine graue Gestalt, vom Dunst der Tiefe
+halb verwischt: meine Jugend.
+
+Und der steile Steg, den ich gehen will, wohin führt er?
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Memoiren einer Sozialistin, by Lily Braun
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN EINER SOZIALISTIN ***
+
+***** This file should be named 16301-8.txt or 16301-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/6/3/0/16301/
+
+Produced by richyfourtytwo and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.