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+The Project Gutenberg EBook of Memoiren einer Sozialistin, by Lily Braun
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Memoiren einer Sozialistin
+ Kampfjahre
+
+Author: Lily Braun
+
+Release Date: July 15, 2005 [EBook #16302]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN EINER SOZIALISTIN ***
+
+
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+
+Produced by richyfourtytwo and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+Memoiren einer Sozialistin
+
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+Kampfjahre
+
+
+Roman
+
+von
+
+Lily Braun
+
+Albert Langen, München
+
+1911
+
+
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+Erstes Kapitel
+
+
+Eine gewitterschwüle Juninacht. In der Kabine unten hatte ich es nicht
+ausgehalten. Die eingeschlossene Luft legte sich zentnerschwer auf Kopf
+und Brust, und das melancholisch eintönige Anschlagen der Wellen an die
+Fenster preßte mir das Herz zusammen, als ob das Unglück selbst es in
+seinen harten Händen hielte.
+
+»Ich bin seefest,« hatte ich der warnenden Stewardeß zugerufen, als ich
+die schwankende Treppe hinaufgestiegen war. Zwei-, dreimal atmete ich
+auf, tief und schwer, wie nach überstandener Anstrengung, ehe ich mich
+in den Korbstuhl fallen ließ. Am Himmel jagte, vom Wind gepeitscht, ein
+schwarzes Wolkenheer. Dunkel und drohend rollten die Wellen dem Schiff
+entgegen. Kein Mondstrahl spiegelte sich in ihnen, kein Stern
+erleuchtete das finstere Firmament. Langsam verschwanden am Horizont die
+Küste von Holland und mit ihr die letzten freundlichen Lichter.
+
+Ich war allein -- ganz allein. Ich sammelte meine Gedanken, die das
+Fieber der letzten Tage durcheinandergewirbelt hatte wie der Sturm die
+Schaumperlen auf dem Wasser. War das Gebäude meines neuen Lebens, das
+ich mir droben auf den Bergen mit eigenen Händen stolz und selbstsicher
+errichtet hatte, nichts als ein Kartenhaus gewesen, das ein Stoß mit der
+Hand umzuwerfen vermochte? Ich griff suchend in die Tasche meines
+Mantels, es war kein Traum, sondern grausame Wirklichkeit: meiner Mutter
+Brief knisterte noch darin. Ich konnte ihn auswendig. Schon auf der
+Fahrt von Grainau nach Berlin hatte ich ihn gewiß zehnmal gelesen.
+
+»Es ist mir, Gott sei Dank, möglich gewesen, Deinen Brief ohne Wissen
+Deines Vaters in die Hand zu bekommen,« hieß es darin, »und ich schreibe
+Dir in größter Hast, Gott anflehend, daß es meinen Worten gelingen
+möchte, das Schrecklichste von uns allen abzuwenden. Was ich immer schon
+fürchtete, als ich mit anhören mußte, wie Dein verstorbener Mann und Du
+unseren Herrn und Heiland verleugnetet, und in Euren 'Ethischen
+Blättern' las, wie Ihr immer wieder für die Umsturzpartei eintratet, das
+ist jetzt geschehen. Der Samen, den Georg in Deine Seele streute, ist
+aufgegangen: kühl und geschäftsmäßig, als handle es sich um den Plan
+eines Spaziergangs, teilst Du uns mit, daß Du Deine Redaktionsstellungen
+aufgegeben hast, um Dich ganz und gar der Sozialdemokratie in die Arme
+zu werfen. Deine große Verirrung, Dein Unglaube haben Dich, wie es
+scheint, für alles, was Pflicht, Gehorsam, Liebe und Rücksicht heißt,
+blind und taub gemacht, sonst müßtest Du wissen, daß Du mit einem
+solchen Schritt Deinem ganzen bisherigen Verhalten Deinen Eltern, Deiner
+Familie gegenüber die Krone aufsetzest. Dieser Partei, die alles
+besudelt und mit Füßen tritt, was uns heilig ist: Gott und Christentum,
+Familie, Ehe, Monarchie und Militär, sollen wir unser Kind überlassen?
+Es wäre in dem Augenblick für uns gestorben! Aber freilich, das ist Dir
+einerlei, Du wirfst leichten Herzens alles über Bord, was Deinem
+Eigensinn, Deinem Ehrgeiz, Deiner Eitelkeit hindernd in den Weg tritt.
+Wenn Du aber damit Deinen armen Vater mordest -- von mir will ich gar
+nicht reden, eine Mutter scheint dazu da zu sein, daß die Kinder sie mit
+Füßen treten --, wirst Du auch dann noch Deiner Selbstherrlichkeit froh
+werden können?! Du weißt, daß es ihm in letzter Zeit gar nicht gut geht.
+Vor ein paar Tagen fiel er vom Pferd; er sagt, er sei gestürzt, Bruder
+Walter aber, der dabei war, ist überzeugt, daß es ein leichter
+Schlaganfall gewesen ist. Die kleine Braune, deren Ruhe du kennst,
+machte keinerlei Bewegung, er glitt eben einfach aus dem Sattel. Seitdem
+leidet er an Schwindel und Kopfschmerz und ist schwerer zu behandeln
+denn je. Jede Aufregung kann einen neuen Anfall hervorrufen, der ihn
+tötet. Ich wollte nur, ich könnte dann mit ihm sterben, ehe ich so etwas
+mit Dir erleben müßte ...!«
+
+Als ich diesen Brief erhalten hatte, waren meine Austrittserklärungen
+aus den Redaktionen der »Ethischen Blätter« und der »Frauenfrage« schon
+versandt worden. Kaum in Berlin angekommen, fand ich die Mitteilung
+davon in der Presse und die nötigen Kommentare dazu: »Frau von
+Glyzcinski hat den längst erwarteten Schritt getan, und die
+Sozialdemokratie kann sich ob dieser ebenso interessanten wie pikanten
+Aquisition ins Fäustchen lachen« ... so und ähnlich lauteten sie.
+
+Am nächsten Morgen in aller Frühe war meine Schwester blaß und
+verängstigt zu mir gelaufen:
+
+»Wir sind mit dem Arzt im Komplott,« hatte sie mit stockender Stimme
+gesagt, während die Tränen ihr unaufhaltsam über die Wangen liefen, »er
+verbietet Papa, auszugehen. So liest er wenigstens im Kasino die
+Zeitungen nicht. Und die Post wird dem Briefboten an der Hintertreppe
+abgenommen ... Ach, Alix, -- du weißt nicht, wie gräßlich es zu Hause
+ist .. Ich muß Papa immer was vormachen, damit er nichts merkt und Mama
+nicht zu sehr quält .. Am liebsten liefe ich selber davon ...«
+
+Zu Tisch war ich dann mit ihr zu den Eltern gegangen.
+
+Meines Vaters Anblick hatte mich erschüttert.
+
+»Kommst du wirklich noch zu einer halben Leiche?!« hatte er bitter
+lachend gesagt. »Ihr könnt's ja wohl gar nicht erwarten, daß eine ganze
+draus wird. Herr Gott, -- wie hübsch könntet ihr dann eurem Vergnügen
+leben!«
+
+Mama begleitete mich nach Hause: »Habe den Mut, ihm deinen Entschluß ins
+Gesicht zu sagen! -- So einen Brief schreiben und alle Folgen auf Mutter
+und Schwester abwälzen, -- das ist freilich eine Heldentat, die dir
+ähnlich steht!«
+
+Abends war Frau Vanselow noch gekommen, -- tief bekümmert. »Ich verstehe
+Ihren Entschluß, -- wenn ich so jung wäre wie Sie, ich täte dasselbe --,
+aber das hindert mich nicht, ihn schmerzlich zu bedauern. Unsere
+'Frauenfrage' ist nichts ohne Sie. Und darum bitte ich Sie recht
+herzlich: wenn ich schon die Mitredakteurin verlieren soll, so doch
+wenigstens nicht die Mitarbeiterin. Mehr als je können Sie jetzt für
+die Einheit der ganzen Frauenbewegung wirken.« Und dann hatte sie mir
+die Einladung zum Internationalen Frauenkongreß nach London vorgelesen,
+die auf unser beider Namen lautete. »Wie viel könnten gerade Sie, meine
+liebe, junge Freundin, dort lernen und leisten -- England, das
+klassische Land der Frauenemanzipation ...!«
+
+In der Nacht kämpfte ich einen schweren Kampf. Meine Überzeugungen,
+meine Zukunftsträume, meine Hoffnungen standen alle bis an die Zähne
+gewappnet auf wider mich.
+
+Sehr langsam, sehr müde schlich ich am Tage darauf zu den Eltern. Noch
+nie war mir der Flur, in dem auch heute, an einem strahlenden
+Frühsommertage, das kleine Lämpchen brannte, so eng, so dunkel
+vorgekommen und die Zimmer mit ihren schweren Vorhängen so kalt.
+
+Rasch, wie ein Schulmädchen, das den eingelernten Vers herunterhaspelt,
+um nur nicht stecken zu bleiben, erzählte ich von der Einladung nach
+England.
+
+»Wenn ihr nichts dagegen habt, möchte ich mit Frau Vanselow
+hinüberreisen. Ich kann dabei viel gewinnen. Die englische
+Frauenbewegung ist uns weit voraus, die ganze soziale Hilfstätigkeit ist
+glänzend organisiert, -- ich werde mir für meine eigene Arbeit ein
+Muster nehmen können. In schlechte Gesellschaft komme ich auch nicht,«
+hatte ich mit erzwungenem Lächeln hinzugefügt, »denn Gräfinnen und
+Herzoginnen sind unsere Gastgeber ...«
+
+Mama verstand. Sie strahlte. Klein-Ilschen, die sich bei meiner Ankunft
+verschüchtert in eine Ecke geflüchtet hatte, sprang auf und wirbelte
+lustig im Zimmer umher, der Vater schien förmlich elektrisiert von all
+den Aussichten, die sich mir boten. Er studierte das Kursbuch, das
+Konversationslexikon und schickte die Minna zum nächsten Buchhändler, um
+den neuesten Bädecker von London zu holen.
+
+Immer wieder griff er verstohlen nach meinen Händen und streichelte sie
+so sanft, so leise, daß ich den Kampf der Nacht vergaß und nichts fühlte
+als seine Liebe.
+
+Die Reisevorbereitungen, der Abschied, -- der Vater hatte sich's nicht
+nehmen lassen, mich frühmorgens zur Bahn zu bringen und mir, wie ein
+feuriger Liebhaber, einen Strauß blühender Rosen in die Hand zu drücken,
+-- die Eisenbahnfahrt in Begleitung von Frau Vanselow und Frau
+Schwabach, die unaufhörlich von ihrer Vereinsarbeit sprachen, hatten
+mich bis zu diesem Augenblick nicht zu Atem kommen lassen.
+
+Ach, und warum schlief ich nicht jetzt, statt heraufzubeschwören, was
+vergangen war, und in schmerzhafter Sehnsucht an den zu denken, den ich
+nicht erwecken konnte? Ich sah die Nacht um mich her und die große
+Einsamkeit -- war Georg nicht erst jetzt für mich gestorben? Mich
+fröstelte; feucht und kalt klebten mir die Kleider am Leibe.
+
+»Ich will schlafen gehen,« murmelte ich ... und die Augen fielen mir
+zu .....
+
+ * * * * *
+
+Im Morgengrauen lag die Küste Englands vor mir, unfreundlich und
+nüchtern. Mit jener unwirschen Rücksichtslosigkeit aller
+Unausgeschlafenen hasteten und stießen sich die Schiffspassagiere. Ich
+ließ mich schieben, -- es war ja alles so schrecklich gleichgültig.
+
+»Frau von Glyzcinski?!« -- Überrascht sah ich auf. »Mister Stratford?«
+-- Der rotblonde Hüne, der mich eben begrüßt hatte, nickte erfreut. Wie
+einen Gruß von Georg, so empfand ich seinen Händedruck; er war sein
+bester Freund gewesen, seine Schriften, seine Briefe hatten ihn mir wie
+ein Echo Georgs erscheinen lassen. Und mit leisem Lächeln mußte ich der
+Stunde gedenken, in der mir der Verstorbene gestanden hatte, daß er
+zwischen uns den Heiratsvermittler habe spielen wollen, ehe er daran zu
+denken wagte, ich könne ihn -- den armen Gelähmten -- jedem anderen
+vorziehen.
+
+Stratford war überzeugter Sozialist, wie Georg, nur daß er noch mit
+aller Energie an dem Standpunkt der Ethischen Gesellschaft festhielt:
+sich offiziell keiner Partei anzuschließen. Wir gerieten während der
+Eisenbahnfahrt nach London in eine eifrige Debatte.
+
+»Grade Menschen wie wir können für die Verbreitung der Ideen des
+Sozialismus außerhalb der politischen Organisation weit mehr und
+nachhaltiger wirken, als wenn wir ihre eingetriebenen Mitglieder wären,«
+sagte er. »Wir verzetteln und verzehren unsere Kräfte nicht im Kleinkram
+des Parteilebens, wir finden Gehör, wo wir sonst von vornherein auf
+Mißtrauen stoßen würden.«
+
+»Und Sie als Ethiker können es verteidigen, daß wir mit geschlossenem
+Visier kämpfen und unsere Überzeugungen durch Hintertüren in die Häuser
+tragen?« rief ich. »Ich komme mir dabei vor wie ein Feigling und ein
+Betrüger!«
+
+Er lenkte ein: »Sie mögen in Deutschland, wo der ganze Sozialismus sich
+in der Partei konzentriert, zu dieser Empfindung ein Recht haben, bei
+uns gibt es nichts, das der deutschen Sozialdemokratie auch nur
+annähernd ähnlich wäre. Wir sind viel zu individualistisch, um uns
+herdenweise zusammenscharen zu lassen; Sie werden daher unseren
+Sozialismus und seine Ausbreitung nicht nach dem Dutzend kleiner Vereine
+beurteilen müssen, sondern nach den Scharen freier Sozialisten, die in
+allen Gesellschaftsschichten zu finden sind.«
+
+Meine Unwissenheit in bezug auf englische Verhältnisse fiel mir
+plötzlich schwer aufs Gewissen. Ich ließ meinen Begleiter erzählen, der
+sich, wie es schien, gern reden hörte, und warf nur hie und da eine
+Frage dazwischen, um seinen Redefluß auf die von mir gewünschten Bahnen
+zu lenken. Ein Kaleidoskop bunter Bilder reihte sich vor mir auf: von
+der Ethischen Gesellschaft an, deren Sprecher er war, bis zu den
+politischen Kämpfen zwischen der konservativ-unionistischen Koalition
+gegen das liberale Ministerium Rosebery-Harcourt. Ich war ganz benommen,
+als wir uns London näherten.
+
+Einzelne Häuser tauchten auf, grau, nüchtern, mit trüben Fensterscheiben
+und dünnen schwarzen Schornsteinen; sie schoben sich rechts und links
+zusammen, enger und enger, sie verdrängten schließlich das letzte
+Streifchen grünen Rasens; schmal, feuchtglänzend wie Riesenwürmer,
+wanden sich unten die Straßen zwischen den Mauern. Ein schmutzig-grauer
+Nebel umhüllte alles, nicht wie ein Schleier, der phantastische
+Vorstellungen von dahinter verborgener Schönheit zu wecken vermag, --
+wie ein nasses Tuch vielmehr, das die Häßlichkeit der Formen betont und
+jede Farbe verwischt, die sie mildern könnte. In der Bahnhofshalle
+brannten die Bogenlampen, sie wirkten wie flackernde Öllämpchen im
+Dunkel eines Kohlenbergwerks. Wir fuhren durch die Stadt: leichte Wagen
+und schwerfällige Omnibusse, Reiter und Radler schoben und drängten sich
+hin und her, kein Fußbreit Weges blieb frei zwischen ihnen. Auf den
+Bürgersteigen daneben hasteten die Fußgänger; gleichgültig, nur auf das
+eigene Vorwärtskommen bedacht, ohne einen Blick nach rechts und links.
+Selbst die Kinder liefen ernsthaft, gradausschauend weiter. Da war
+keiner, der Zeit hatte --, unsichtbar schienen in der Menge die
+Fronvögte der grausamen Herrin Arbeit ihre Geißeln zu schwingen.
+
+Hier sollte ich Frieden finden und eine sichere Richtschnur für das
+kommende Leben?!
+
+»Westminster! -- das Parlament,« hörte ich meinen Begleiter sagen. Ich
+blickte auf. An einem Palast mit gotischen Türmen und Fenstern fuhr der
+Wagen langsam vorbei. In vornehmer Abgeschlossenheit, hinter hohen
+Gittern lag er gestreckt am breit dahinflutenden Strom. Schüchterne
+Sonnenstrahlen brachen durch den Nebel, leuchteten durch das feine
+gotische Maßwerk, blitzten auf den Turmknäufen, sprangen hinüber zu der
+altehrwürdigen Kirche und ließen ihre bunten Fenster aufglühen, als
+stünde sie im Feuer.
+
+Ein schmaler Weg am Ufer der Themse, hinter dem Parlament, einfach und
+still wie eine Dorfstraße, nahm uns auf. Wir waren am Ziel.
+
+Meine Wirte, zwei alte Leute, hatten fast ihr ganzes Haus den Besuchern
+des Frauenkongresses zur Verfügung gestellt. Sie empfingen mich so
+herzlich, als wären wir alte Freunde. Man versammelte sich grade zum
+Frühstück. Warum waren die Leute nur alle so feierlich? Selbst Stratford
+legte das Gesicht in würdevolle Falten, -- fünf himmelblau gekleidete
+Dienstmädchen traten ein, -- ein Harmonium ertönte, -- helle Stimmen
+sangen einen Choral. Dann las der Hausherr mit dem Tonfall katholischer
+Priester einen Bibelabschnitt, -- ein Gebet folgte. Alles kniete nieder,
+den Kopf in den Händen vergraben, -- auch Stratford, Georgs Freund, der
+Atheist. Ich fühlte, wie ich rot wurde vor innerem Zorn; ich allein
+blieb stehen.
+
+»Wie können Sie nur?!« frug ich ihn empört, als er sich verabschiedete.
+
+»Es ist ja nur eine Form!«
+
+»Durch all unsere Rücksicht auf die Form helfen wir die Sache erhalten!«
+
+ * * * * *
+
+Am Abend wurde der Kongreß durch einen feierlichen Empfang der
+ausländischen Delegierten eröffnet. Eine Schar weißgekleideter Mädchen,
+mit breiten Schärpen in den Landesfarben über der Brust, bildete Spalier
+auf der Treppe von Queenshall; in ein Meer von Licht war der Riesenraum
+getaucht, und alle Blumen des Sommers leuchteten und dufteten rings
+umher. In großer Toilette erschienen die Delegiertinnen, bei jeder
+Eintretenden ging ihr Name flüsternd von Mund zu Mund. Und wie sie
+bekannt waren, so kannten sie sich untereinander und begrüßten sich wie
+alte Kriegskameraden. Ich kam allein in meinem schwarzen Trauerkleid,
+über das der Witwenschleier schwer herunterfiel. Es war ein leerer Raum
+um mich, als ob meine dunkle Erscheinung alles Bunte, Helle von sich
+stieße. Mich kannte niemand. Ein scheu-verwundertes »Wer ist das?«
+schlug an mein Ohr.
+
+Auf der Estrade versammelten sich die Delegiertinnen, und jede von ihnen
+begrüßte im Namen ihres Heimatlandes die wogende Menschenmasse unter
+uns. Da waren sie alle, die alten Vorkämpferinnen, die Frauen Amerikas
+und Australiens, die ihrem Geschlecht die Hörsäle der Universitäten und
+die Pforten zum Parlament eröffnet hatten. Ein neuer Weibestypus: statt
+der weichen Madonnengesichter, die die Stille und Enge häuslichen Lebens
+formt, schmale, scharf geschnittene Züge, wie sie die Welt ihren Bürgern
+meißelt; statt des treuen, warmen Blicks, der über Kinderstube und
+Küchengarten nicht hinauszuschauen braucht, die wissenden, ernsten,
+leidenschaftdurchfunkelten Augen jener, denen des Lebens dunkle Abgründe
+sich offenbaren. Neben ihnen, den Siegerinnen, standen die noch immer
+Besiegten: die dunkeläugige Türkin im schimmernden Märchengewande der
+Scheherezade, die Abgesandte Indiens, den schlanken braunen Leib in
+weiche Schleier gehüllt. Stolz erzählten die einen von ihren Triumphen,
+klagend die anderen von ihren Leiden, -- Triumphen auf dem Gebiete des
+wissenschaftlichen, des sozialen, des politischen Lebens, -- Leiden,
+hervorgerufen durch sexuelle, soziale und rechtliche Unterdrückung, als
+ob Befreiung und Not ihres Geschlechtes damit erschöpft wären. Immer
+heftiger schlug mir das Herz: ich sah wie im Traum vor den Türen dieses
+glänzenden Saales Scharen blasser Frauen im farblosen Kleide der Arbeit,
+wie Werkstätten und Fabriken sie allabendlich zu Tausenden in ihr
+elendes Heim entlassen. Und als mein Name gerufen wurde, und die weiße
+brillantengeschmückte Hand der Präsidentin sich mit einer leise
+bevormundenden Bewegung auf meine Schultern legte, während sie von
+Deutschlands rechtlosen Frauen, von meinem ersten Auftreten für ihre
+politische Gleichstellung sprach, da wußte ich, was ich zu sagen hatte.
+
+»Die Millionen Frauen, die unsere Hemden weben und unsere Kleider nähen,
+haben mich nicht delegiert, aber ich fühle mich als ihre Abgesandte und
+nur als die ihre.«
+
+Sekundenlanger Beifall unterbrach mich, -- galt er nicht mehr meinem
+gebrochenen Englisch und meiner Trauerkleidung als meinen Worten? Mit
+einem Blick voll Geringschätzung streifte ich die elegante
+Zuhörerschaft. Ich werde euch schon verstummen machen --, dachte ich.
+
+»Ihre Vorsitzende rühmte mich als die erste deutsche Frau, die
+in öffentlicher Versammlung das Stimmrecht für ihr Geschlecht
+gefordert habe. Ich muß dieses Lob ablehnen. Seit Jahren tragen
+deutsche Arbeiterinnen von Ort zu Ort die Fahne der politischen
+Gleichberechtigung, und an der Spitze der Arbeiterpartei, der
+Sozialdemokratie, steht ein Mann, dem die Frauen der ganzen Welt zu
+Dank verpflichtet sind: August Bebel.«
+
+Ich hielt unwillkürlich inne, ich erwartete einen Tumult, statt dessen
+erhoben sich alle Hände zu einmütigem Applaus, und selbst die Damen des
+Präsidiums, unter denen sich die vornehmsten Frauen Englands befanden,
+lächelten mir freundlich zu.
+
+Am Ausgang des Saals trat mir eine starkknochige ältere Frau entgegen.
+In dem Druck ihrer harten, unbehandschuhten Hand erkannte ich die
+Arbeiterin. »Ich bin Sozialdemokratin,« sagte sie, »und möchte Sie als
+Genossin begrüßen.« Auf dem Heimweg begleitete sie mich, und ich gab
+meiner Verwunderung und meiner Freude Ausdruck über das Erlebte. Sie
+lachte geringschätzig. »Was wollen Sie?! Wir sind in England! Wenn ein
+Prinz Anarchist und eine Aristokratin Sozialistin ist, so gilt das als
+ganz besonders interessant. Passen Sie auf: man wird sich um Sie reißen.
+Für unsere Sache aber hat das gar keine Bedeutung.« Sie nannte mir ihren
+Namen -- Amie Hicks -- und ihre Wohnung, fern im äußersten Norden
+Londons. »Besuchen Sie mich einmal; ich werde Sie in Arbeiterkreise
+führen.«
+
+Im Trubel der nächsten Zeit war daran nicht zu denken. Der Kongreß und
+seine Veranstaltungen nahmen mich ganz in Anspruch. Ich fehlte zwar oft;
+nicht nur, um den Morgen- und Abendandachten aus dem Wege zu gehen, mit
+denen die Sitzungen regelmäßig eingeleitet und geschlossen wurden,
+sondern auch, um Zeit zum Schreiben zu gewinnen.
+
+In Gedanken an meine zusammenschmelzende Barschaft stieg mir das Blut
+oft siedendheiß in die Schläfen. Das sogenannte Gnadenquartal war mir
+als Witwe eines Universitätsprofessors freilich bewilligt worden, aber
+schon vom nächsten Monat ab hatte ich nichts Sicheres zu erwarten als
+meine kleine Pension von hundert Mark monatlich. Ich hatte kaum an den
+pekuniären Ausfall gedacht, als ich meine Redaktionsstellungen aufgab.
+Nun hieß es: arbeiten, zusammenschreiben, was ich zum Leben nötig hatte.
+Ich wußte nicht einmal, wie viel das war. Ich hatte nie mit dem Pfennig
+gerechnet. Wie gut, daß mein Trauerkleid mir wenigstens ersparte, den
+Luxus der anderen mitzumachen.
+
+Mit Einladungen wurden wir überschüttet: vom Lord-Major an, der uns mit
+dem ganzen Pomp seiner unnachahmlich würdevollen Stellung empfing,
+wetteiferte alles in schier grenzenloser Gastfreundschaft. Hinaus aufs
+Land führten uns Extrazüge, -- jenes Land voll rührender, weicher
+Schönheit, mit seinen grünen, sanft geschwungenen Hügeln, seinen dunklen
+Buchengruppen und stillen, rosenumsponnenen Häusern. Fast unmerklich für
+Auge und Sinn geht die freie Natur in den Blumengarten, in den
+Schloßpark über, nicht wie bei uns, wo die ihr mit allen Mitteln mühsam
+aufgezwungene Kultur oft so verletzend wirkt wie protziger Reichtum
+neben dürrer Armut. Und in die Häuser Londons waren wir geladen, die,
+wie Menschen von alter Kultur, nach außen die gleichförmige, oft
+langweilig wirkende Maske guter Erziehung tragen und erst dem Gast, dem
+sich die Pforten öffnen, den ganzen inneren Reichtum individuellen
+Lebens zeigen. Berlin und die Berliner fielen mir dabei ein, wo Fassaden
+und Kleider, um Originalität vorzutäuschen, einander an Buntheit zu
+übertreffen suchen, während im Inneren Tapeziergeschmack und Konvention
+uneingeschränkt herrschen.
+
+In Wohltätigkeits- und Bildungsanstalten aller Art wurden wir
+eingeführt, und wie in der Frauenbewegung, so imponierte mir hier die
+Einheitlichkeit ihrer Organisation, deren gewaltige Räderwerke so
+selbstverständlich ineinander griffen wie die jener Dampfturbinen, bei
+deren Anblick wir nicht wissen, ob wir die praktische Kunst ihrer
+Schöpfer oder die fremdartig-neue Schönheit ihres Baus mehr bewundern
+sollen.
+
+Der Kongreß selbst war eine Parade, wie fast alle Kongresse. Die Reden,
+die gehalten, die Berichte, die gegeben wurden, waren den Eingeweihten
+ihrem Inhalt nach aus Büchern und Broschüren bekannt. Der Austausch von
+Meinungen, der das wichtigste gewesen wäre, wurde an zweite Stelle
+gerückt, er hätte die Ordnung und den Glanz der Heerschau am Ende trüben
+können. So wäre als Gewinn allein die Anknüpfung persönlicher
+Beziehungen übrig geblieben, aber auch er war bei näherem Zusehen für
+mich nur gering: diese Frauen hatten mir nichts Neues zu sagen. Ihr A
+und O, das Frauenstimmrecht, war für mich in dem Augenblick erledigt
+gewesen, als ich die Selbstverständlichkeit seiner Forderung erkannt
+hatte.
+
+Bei einer internen Sitzung der Delegationen wurde ich zur Präsidentin
+für Frauenstimmrecht in Deutschland gewählt. Meine ablehnende Haltung
+wurde unter allgemeinem Erstaunen als eine Aufgabe des Prinzips
+betrachtet.
+
+»Sie alle haben ihre ganze Kraft auf die Lösung dieser einen Frage
+konzentriert,« sagte ich in dem Versuch, mich verständlich zu machen,
+»ich bewundere Sie, aber ich kann Ihnen nicht folgen. Das
+Frauenstimmrecht ist heute für mich nicht mehr das Ziel, für das ich
+mein Leben einsetze, es ist nur ein Ziel, nur eine Etappe ...«
+
+Man verstand mich nicht, von irgend einer Seite fiel sogar das scharfe
+Wort: »... unbrauchbar für praktische Arbeit.«
+
+Gleich nach der Schlußsitzung des Kongresses wechselte ich mein Domizil.
+Freunde von Stratford -- ein liberaler Parlamentarier und seine schöne
+elegante Frau -- hatten mich in ihr Haus am Hydepark eingeladen. Alles
+trug dort den Anstrich ausgesuchtester Vornehmheit: vom Zeremoniell der
+Lebensweise, dem deutschen Hauslehrer und der französischen Gouvernante
+bis zu dem würdevollen, glattrasierten Bedienten und dem niedlichen
+Kammermädchen. Hausherr und Hausfrau verstießen mit keiner Miene und
+keiner Bewegung gegen die Regeln der guten Gesellschaft, und doch wurde
+ich den Eindruck nicht los, der uns gegenüber guten Kopien großer
+Meisterwerke oft befällt: wir erstaunen über die Technik und vermissen
+um so schmerzhafter den Geist. Daß Stratford sich hier heimisch fühlte,
+mit allen Fibern die parfümierte Luft dieser von tausend Nichtigkeiten
+überladenen Salons einatmete, machte ihn mir noch fremder. Und als ich
+ihn in der Ethischen Gesellschaft reden hörte inmitten einer Korona von
+lauter typischen Vertretern der Geldaristokratie, denen seine
+Sittenpredigten dieselbe angenehme Emotion boten wie die Moral der
+biblischen Geschichten den Frommen in der Kirche, da mußte ich mir seine
+Briefe, seine Schriften ins Gedächtnis rufen, um noch Georgs Freund in
+ihm zu erkennen.
+
+Er ging den Weg, den ich nach dem Wunsche meiner Familie gehen sollte,
+-- wie würde ich jemals imstande dazu sein?!
+
+»Sie sind sehr ungerecht,« sagte er eines Tages, als ich ihm in meiner
+heftigen Art, die der Unruhe meines eigenen Innern entsprang, über seine
+Tätigkeit als »Modeprediger« Vorwürfe machte. »Sie kennen mich nur von
+der einen Seite.« Noch am selben Abend sollte ich die andere kennen
+lernen.
+
+An der Ecke von zwei engen Straßen, beim Scheine einer trübe flackernden
+Laterne sprach er über die Ethik des Sozialismus. Zuerst blieben nur ein
+paar neugierige Bummler stehen, aber je stärker seine Stimme von den
+Mauern widerhallte, desto mehr Menschen sammelten sich um ihn. Müde,
+zerlumpte Gestalten krochen wie Nachtgespenster aus den Kellern hervor,
+Hoftüren öffneten sich, und umwogt von einer Wolke ekler Gerüche
+erschienen Frauen mit zerwühlten Zügen, halbwüchsige Mädchen, deren
+freches Grinsen allmählich zuckendem Schluchzen wich. Mit wüstem
+Geschrei stießen sich trunkene Burschen aus der nächsten Kneipe heraus,
+und nach und nach entzündeten sich Lichter des Verstehens in ihren eben
+noch blöd glotzenden Augen. Die Straße wurde schwarz vor Menschen.
+Stratford sprach mit steigender Begeisterung. Um seinen roten Bart
+tanzten die Lichter der Laternen, seine Augen strahlten vom eigenen
+Feuer. Ich hörte kaum, was er sagte, ich sah nur die Wirkung seiner
+Worte. Aus den vertiertesten Gesichtern brach ein Schein von
+Menschentum hervor, ein froher Zug von Hoffnung verwischte tiefe
+Kummerfalten.
+
+Wir gingen schweigsam durch die Nacht nach Hause. Vor der Türe reichte
+ich ihm die Hand.
+
+»Ich würde Sie nach dem, was ich eben erlebte, um Verzeihung bitten,
+meiner Vorwürfe wegen, wenn ich nicht grade dadurch wüßte, daß Sie
+doppelt schuldig sind. Ein Mann wie Sie gehört der Sache des
+Sozialismus, und keiner anderen ...«
+
+»Vielleicht haben Sie recht,« antwortete er leise, »wären nur nicht der
+Fesseln so viele, die uns an das andere Leben schmiedeten -- --«
+
+»Wir werden sie beide zerbrechen müssen --«
+
+ * * * * *
+
+Im Hause meiner Gastfreunde drehte sich das Interesse fast
+ausschließlich um Fragen der Politik. Was für andere Frauen der
+Gesellschaft der Flirt, die Kunst, die Toilette, das Theater war:
+Reizmittel für ihr Nervensystem, -- das war die Politik für Mrs. Dew.
+Fast täglich war ich mit ihr im Parlament; sei es, daß wir den
+Kommissionsberatungen des neuen Fabrikgesetzes beiwohnten -- das
+Publikum hatte ohne weiteres Zutritt -- oder in den Wandelgängen und auf
+der Themseterrasse zwischen Tee und Eis mit den Abgeordneten
+debattierten. Seltsam: man nahm uns ernst; vergebens erwartete ich auf
+den Zügen der Männer jenes gönnerhaft mitleidige Lächeln, mit dem meine
+Landsleute die politisierende Frau zu betrachten pflegten. Eine gewisse
+Zurückhaltung mir gegenüber entsprang weniger der Tatsache, daß ich ein
+Weib, als daß ich eine Deutsche war, die offenbar nur im Bilde der
+»guten Hausfrau« im Bewußtsein der Engländer lebte.
+
+Schon war es gewitterschwül in den feierlich-hohen Hallen des
+Parlaments, bei jeder Gelegenheit drohte ein Wetterstrahl die Regierung
+zu stürzen, und die von Elektrizität geladene Luft drang bis hinter die
+engen Gitterstäbe der Damengalerie. Unruhiger als sonst raschelten die
+seidenen Kleider, unterdrückte Erregung durchzitterte die
+Flüstergespräche. Man achtete kaum der Redner im Saal, man erwartete nur
+die Katastrophe. Da plötzlich klang eine Stimme von unten empor, rollend
+wie ferner Donner, -- dann wieder tief und schwer wie der Ton riesiger
+alter Kirchenglocken, -- die Damen verstummten, -- drängten sich enger
+an das Gitter, -- und aus ihrer bequemen Stellung auf den weichen
+Polstersitzen reckten sich die Abgeordneten auf. Ich hörte nur die
+Stimme, den Redner sah ich nicht, aber ich empfand ihn als einen, der
+zum Herrschen bestimmt war. »Wer ist das?« -- »John Burns!« -- John
+Burns -- der Verräter?! So war er in der deutschen sozialistischen
+Presse von dem Augenblick an bezeichnet worden, wo er sich grollend von
+der englischen Partei losgesagt hatte. Noch am selben Abend stellte Mr.
+Dew ihn mir vor. Ich war zuerst enttäuscht: Alles überragend hatte ich
+den Träger dieser Stimme mir gedacht, nun trug er auf dem untersetzten
+kräftigen Körper nur den Kopf eines Riesen: Dunkle Haare erhoben sich
+widerspenstig über der breiten, scharf durchfurchten Stirn; hinter
+buschigen Brauen glänzte ein Augenpaar, das in seiner mächtigen Färbung
+und fieberhaften Lebendigkeit der Herkunft aus diesem helläugigen Volke
+Hohn sprach.
+
+Er schüttelte mir kräftig die Hand. Die seinige war breit und schwer,
+sie zeugte von dem Hammer, den sie geführt hatte; -- wie war es möglich
+gewesen, daß ihr die rote Fahne entglitt, die sie einst an der Spitze
+des Heers der Arbeitslosen durch das entsetzte London getragen hatte?
+War dieser Mann nicht der geborene Schöpfer und Führer einer großen,
+einigen sozialistischen Partei Englands? Ich unterdrückte keine der
+Fragen, die sich mir aufdrängten.
+
+»Ich weiß, daß die Sozialdemokraten, besonders die deutschen, mich für
+einen Verräter halten,« sagte er, »aber sie verstehen die Situation
+nicht. In Deutschland würde ich nicht anders handeln als Bebel und
+Liebknecht, aber hier ...« mit einer raschen Bewegung schob er die
+Teetasse beiseite und zeichnete auf die weiße Marmorplatte des Tischs
+einen Punkt mit einem großen Kreis rings herum. »Sehen Sie,« fuhr er
+fort, »dieser Punkt ist der Sozialismus, um den Kreis herum steht die
+deutsche Regierung, Ihr Militär, Ihre Polizei, und diese treiben
+naturgemäß alle freidenkenden Elemente dem Mittelpunkt zu, mit dem sie
+sich, infolge des äußeren Drucks, fest vereinigen. Bei uns besteht der
+Mittelpunkt, aber der Kreis fehlt, und so strömen die Strahlen dieser
+sozialistischen Sonne ungehindert nach allen Richtungen aus.« Ich
+lächelte ein wenig ungläubig. »Ich werde Ihnen beweisen, was ich sage,«
+fügte er rasch hinzu. »Sie kommen morgen mit mir --,« er ließ mir gar
+keine Zeit zu Einwendungen, sondern bestimmte Ort und Stunde für unsere
+Zusammenkunft.
+
+Von da an trafen wir uns oft, im Parlament wie im Londoner
+Grafschaftsrat. Ich sah erstaunt, mit welchem Respekt Mitglieder aller
+Parteien diesem Manne begegneten, der noch vor wenigen Jahren im
+unterirdischen London Gasleitungen gelegt hatte; aber noch mehr
+erstaunte ich über den freudigen Stolz, mit dem er mir städtische
+Einrichtungen als »Strahlen der sozialistischen Sonne« erklärte, in
+denen ich nichts anderes sehen konnte als bürgerlich-soziale Reformen.
+
+»Der deutsche Marxismus hat Sie blind und taub gemacht,« sagte er eines
+Tages ungeduldig, als ich mich für die Kommunalisierung der
+Verkehrsmittel durchaus nicht begeistern konnte. »Lassen Sie sich von
+den Fabiern in die Schule nehmen.«
+
+»Den Fabiern?!«
+
+»Eine Gesellschaft von 'Salonsozialisten', würde man bei Ihnen in
+Deutschland sagen. Tüchtige Leute darunter ...«
+
+Mit einem ihrer Begründer und Leiter, Sydney Webb, machte er mich im
+Teezimmer des Grafschaftsrats bekannt. Ich wußte von seiner Frau, die
+als junges Ding ihr reiches Elternhaus verlassen hatte, um der Sache der
+Arbeiter zu dienen, und nun, gemeinsam mit ihrem Mann, durch Wort und
+Schrift für Genossenschaften und Gewerkschaften tätig war. Ich wußte
+auch, daß sie der Frauenbewegung fern, ja ihren Forderungen sogar
+vielfach feindlich gegenüberstand. Gelesen hatte ich keines ihrer
+Bücher, nur mit einer gewissen Scheu ging ich darum zu ihr. Eine blühend
+schöne Frau fand ich, mit dem ganzen Reiz starken geistigen Lebens in
+den Zügen und einer Güte und Anmut des Wesens, der meine Steifheit
+nicht lange standhielt. Durch sie erfuhr ich von der Macht und Größe der
+englischen Gewerkschaftsbewegung und fand den Weg in die Häuser jener
+Arbeiter, die sich durch die Kraft ihrer Organisation aus physischer und
+geistiger Versklavung befreit hatten. Wie ein Stück verwirklichter
+Zukunftsstaat kam es mir vor, wenn ich sie draußen, vor Londons Toren,
+in ihren Gärten traf oder vor dem Kamin ihres Wohnzimmers oder am gut
+besetzten Tisch. Wahrhaftig: hier hatten die Strahlen der
+sozialistischen Sonne aus ödem Land neues Leben hervorgerufen.
+
+In den Versammlungen der Fabier, die ich von da an regelmäßig besuchte,
+wurden theoretische und praktische Fragen des Sozialismus von allen
+Seiten beleuchtet und erörtert. Jene Scheu, zu sagen, was man denkt, die
+die Menschen überall schwach und klein macht, wo religiöser, sittlicher
+oder politischer Fanatismus die Wahrheit an sich zu besitzen vorgibt,
+schien hier verschwunden, und mir war, als fiele Licht auf den Weg, den
+ich zu gehen hatte.
+
+»Es ist nicht wahr, daß die Befreiung der Arbeiterklasse nur ein Werk
+der Arbeiterklasse selbst sein kann, -- es ist nicht wahr, daß der
+Klassenkampf das Grundelement der sozialistischen Bewegung ist, -- es
+ist nicht wahr, daß die Entwicklung des Sozialismus mit der Sicherheit
+eines Naturgesetzes notwendig zur Expropriation der Expropriateure
+führen wird ...« Eine überschlanke Gestalt stand auf der Rednertribüne,
+mit schmalem, gelblich blassem Gesicht, in das weiche blonde Haare wirr
+hineinfielen. »Es waren und sind die revoltierenden Söhne der
+Bourgeoisie selbst -- Lassalle, Marx, Liebknecht, Morris, Hyndman, Bax
+-- alle, wie ich, Bourgeois mit Mischung von Kavaliersblut, die die rote
+Fahne entfalteten. Der Hunger der Armen treibt zur Revolte, der Geist
+allein zur Revolution ...« Wie Hochverrat an den grundlegenden Dogmen
+des Sozialismus klang mir, was dieser Mann hart und scharf in den Saal
+hinausschleuderte. Aber ein Ton blieb mir hartnäckig im Ohr und weckte
+etwas in mir, das stark und stolz war. In selbstentsagender Askese hatte
+ich mich, ein schlichter Soldat, als mein Lebensglück zusammenbrach, in
+den Dienst der Partei stellen wollen. Kraft und Jugend kehrten mir
+wieder: sollte ich nicht fähig sein und berufen, dem Sozialismus den
+Urwald erobern zu helfen, den alle Giftpflanzen des Vorurteils und des
+Stumpfsinns noch üppig durchwucherten?
+
+Ich suchte des Redners Bekanntschaft. Es war Bernard Shaw, der
+Theaterkritiker der Saturday Review, der Entdecker Ibsens und Richard
+Wagners nicht nur für England, sondern für den Sozialismus, der bissige
+Spötter, von dessen Witzen die englische Gesellschaft nie recht wußte,
+ob sie über sie lachen, oder sich vor ihnen fürchten sollte. Mich
+verlangte nach einer Erklärung dessen, was er in lapidaren Sätzen eben
+vor mich hingestellt hatte.
+
+»Sie waren draußen in Letshfield?« frug er mich statt aller Antwort.
+»Und haben die Bewohner in ihren Heimen gesehen? ... Natürlich auch
+bewundert?!« Ich nickte. »Und nicht bemerkt, wie drastisch solch eine
+Miniatur-Zufriedenheitsexistenz lehrt, daß der Arbeiter in seiner Masse
+nichts mehr verlangt, als ein Bourgeois zu werden!«
+
+»Ist es nicht auch das wünschenswerteste Ziel, ihn zunächst wenigstens
+satt zu machen?« warf ich ein.
+
+»Sicherlich, denn Armut ist ein Laster --, wenn nur die satt gewordenen
+nicht am raschesten derer vergessen würden, die noch immer hungern. Im
+Grunde sind die Arbeiter das konservativste Element im Staat, und wir
+Freigelassenen der Bourgeoisie sind dazu da, sie aufzurütteln.«
+
+Der Kreis der Fabier war von nun an derjenige, der mich am meisten
+anzog, aber die politischen Ereignisse auf der einen, und jenes Gefühl
+der Unfreiheit auf der anderen Seite, das mit der Annahme auch der
+weitherzigen Gastfreundschaft untrennbar verbunden ist, rissen mich
+wieder nach anderen Richtungen fort. Die Abstimmung über eine an sich
+unbedeutende Militärfrage führte zu einer Niederlage der Regierung und
+damit zum Rücktritt des Ministeriums. Eine Erregung, die sich vom
+Parlament aus mit Windeseile auf alle Straßen fortpflanzte, die
+Gesichter der überall in Gruppen Zusammenstehenden höher färbte und alle
+Augen blitzen ließ, bemächtigte sich der Londoner. Sie steigerte sich
+zur Fieberhitze an jenem Abend in Albert-Hall, wo sich die
+Menschenmassen vom Parterre dieses Riesenzirkus bis hoch unter die
+Kuppel zusammendrängten und die gestürzten Minister Rosebery und
+Harcourt in die vom Atem Tausender und der zitternden Glut des Julitages
+lebendigen Luft gegen die neue Regierung leidenschaftliche Anklagen
+erhoben. Selbst die Nachmittagstees des londoner Westens gestalteten
+sich zu Agitationsversammlungen. Die Leidenschaft des Hasardspielers
+schien alle ergriffen zu haben, und gespannt, als gelte es dem Einsatz
+der ganzen Existenz, hingen die Blicke an der rollenden Roulettekugel
+des Wahlkampfes.
+
+Eines Morgens atmete ich wie erlöst aus einem Banne auf, als ich nicht
+mehr in dem eleganten Zimmer von Princes Gardens erwachte, wo dichte
+gelbseidene Vorhänge mir stets die Sonne vorgetäuscht hatten und das
+blitzende Messinggestell meines Betts mich oft selbst unter der
+Daunendecke frösteln machte. Hinter weißen Mullgardinen sah ich jetzt
+grüne Zweige schaukeln, und in einem Bett aus warm getönten hellem Holz
+hatte ich traumlos geschlafen. Es waren Deutsche von Geburt, Engländer
+aus freier Wahl, die mich für die letzte Zeit meines londoner
+Aufenthaltes zu sich in ihr Künstlerheim geladen hatten. Jedes
+Möbelstück, jeder Teppich und jede Vase standen in den schönen lichten
+Räumen des Hauses in feiner Harmonie zueinander, nur die Gemälde an den
+Wänden schienen sie mißtönig zu zerstören, und in dem großen Atelier
+schrieen sie förmlich. Bilder des Elends waren es, des Hungers und der
+Verzweiflung, Bilder des Krieges, auf denen von Wunden grauenvoll
+Zerrissene die Hände krampfhaft gespreizt oder wütend geballt gen Himmel
+streckten. Der Hausherr malte sie und nichts als sie, -- ein milder,
+gütiger Mann mit grauem Patriarchenbart und den Augen eines Jünglings.
+Wo immer das Leid der Kreatur zum Ausdruck kam, war sein Herz und sein
+Interesse, von der Friedensbewegung an bis zur Tierschutzbewegung. Er
+gehörte zu den Menschen, die überall im einzelnen helfen und wirken
+wollen, wie der ungelernte Gärtner, der da und dort einem armen
+Pflänzlein durch künstliche Nahrung oder durch den stützenden Stab
+aufhelfen will, aber bei all seinem aufreibenden Eifer nicht steht, daß
+der ganze Boden schlecht ist. Sein weißblondes zartes Frauchen lächelte
+oft ganz heimlich, wie eine kleine Mutter zu den Spielen ihres Kindes,
+die sie mit der Weisheit der Erwachsenen nicht stören will.
+
+Ihr Haus übte eine magnetische Anziehungskraft auf Alles aus, was
+abseits der großen Heerstraße ging. Shaw traf ich hier wieder als
+häufigen Gast; Peter Krapotkin gehörte zu den Intimen des Hauses, -- der
+große Revolutionär, der doch ein Kind war: gut und vertrauensselig und
+voll phantastischer Träume wie ein solches. William Stead, dessen
+rücksichtsloser Kampf gegen die sittliche Fäulnis der londoner
+Gesellschaft ihm einen europäischen Ruf verschafft hatte, begegnete mir
+hier zum erstenmal und zog mich in den Bannkreis seiner starken
+Persönlichkeit. Seine Augen, deren opalisierende Lichter wie durch
+geheimnisvoll darüber gebreitete Schleier schienen, übten eine
+faszinierende Wirkung aus, und wenn er von seinem Verkehr mit den
+Geistern Abgeschiedener erzählte, wenn er von den Kräften der Seele
+sprach, die unerweckt auch in mir schlummern müßten, so bedurfte ich der
+ganzen Nüchternheit meines Verstandes, der ganzen Stärke meiner
+fanatisch materialistischen Weltanschauung, um mich seinem Einfluß zu
+entziehen.
+
+»Ich will mich nicht mit Problemen beschäftigen, die mich von dem
+Problem ablenken könnten, dessen Lösung meine einzige Aufgabe ist: dem
+des Elends in der Welt ...« antwortete ich ihm eines Tages, als er mich
+mit Annie Besant bekannt machen wollte, die sich eben vom Sozialismus
+abgewandt hatte und zur begeisterten Verkünderin theosophischer Ideen
+geworden war. »Mögen andere heute, wo die Zeit drängt, es vor sich
+selbst verantworten, wenn sie ihren Träumen nachhängen...«
+
+»Sie werden nie mehr träumen?!« Mit einem Blick und einem Lächeln
+begleitete Stead seine Frage, die mir das Blut in die Wangen trieben. Er
+nahm meine beiden Hände zwischen die seinen -- Hände, die in ihrer Kraft
+und ihrer Weiche zum Schützen wie zum Streicheln gleich geschaffen
+waren --, und seine Augen bohrten sich in meine Züge.
+
+»Ich liebe Ihre Tapferkeit und Ihre Klugheit, aber was mich Ihre
+Freundschaft suchen ließ, das ist Ihr unbewußtes Ich, das sind Ihre
+Träume, die Sie vergessen, wenn Sie wachen, von denen mir aber noch Ihre
+Augen erzählen, -- das ist die tiefe Sehnsucht, die Ihr Wesen über sich
+selbst hinauszieht.«
+
+Ich fuhr an jenem Tage mit ihm hinaus nach Wimbledon, wo sich zwischen
+hohen Hecken und alten Bäumen sein kleines, stilles Haus versteckte. Und
+im verwilderten Garten unter dem schattenden Laubdach duftender Linden
+lag ich in der Hängematte und ließ mir von ihm die Kissen unter den Kopf
+schieben.
+
+»Sie sind müde?«
+
+»Sehr!«
+
+»Ihr Leben ist Seelen-Selbstmord.«
+
+Seine Hand glitt sanft über meine Stirn. Viele bunte Schmetterlinge
+gaukelten über ein Meer gelber Blumen, und zwei Libellen tanzten über
+dem kleinen stillen Teich zärtlich miteinander. Vom Herzen aus zuckte
+ein schneidendes Weh mir durch den Körper, die Augen füllten sich mit
+Tränen. Was war es nur, das mich überwältigte?!
+
+»Wie Ihre Jugend um ihr Leben weint!« sagte leise der Mann neben mir.
+Meine Jugend?! Kaum wußte ich noch, ob ich alt war oder jung. Ich stand
+wohl schon lange jenseits jeden Alters!
+
+Schweigsam fuhren wir beide nach London zurück. Ich fühlte die Hand
+meines Begleiters auf der meinen -- streichelnd, schützend. Nachts
+schluchzte ich verzweifelt in die Kissen, und morgens, als ich mich zur
+gewohnten Arbeit am Fenster niedersetzte, schweiften meine Gedanken weit
+hinaus über die Baumwipfel -- in den glühenden Sommertag -- in das
+Leben. Ich ging umher, mir selbst fremd geworden, mit anderen Augen. Ich
+entdeckte im Spiegel mein Gesicht wie das einer Fremden. Mechanisch
+löste ich die Witwenhaube aus den Haaren. »Georg -- Georg --« schrie es
+in mir, »nie bin ich deine Frau gewesen -- wie kann ich deine Witwe
+sein?!«
+
+Die Menschen um mich kamen mir verändert vor: ich fühlte Männerblicke,
+die das Weib in mir suchten und nicht die Gesinnungsgenossin, und
+Händedrücke, die andere Empfindungen verrieten als die bloßer
+Freundschaft. Und wenn ich auf den grünen Wiesen im Hydepark blonde
+rosige Kinder sah, kam ich mir vor wie eine Ausgestoßene. Drangen aber
+gar durch die Nacht aus den Gärten rings umher sehnsüchtig-süße Lieder
+an mein Ohr, so war mir, als hätte ich jetzt schon Georgs Vermächtnis
+die Treue gebrochen.
+
+ * * * * *
+
+Eines Nachmittags -- mein Aufenthalt neigte sich seinem Ende zu -- trat
+eine einfache, starkknochige Frau, die weißen Haare straff aus der Stirn
+gezogen, an unseren Teetisch und streckte mir eine harte,
+unbehandschuhte Hand entgegen: »Sie kennen mich wohl nicht mehr?« Ich
+sprang auf, fast hätte ich sie in die Arme gezogen: »Amie Hicks?! Sie
+haben mir Londons Elend zeigen wollen! Wollen Sie es noch tun, -- gleich
+jetzt?« Sie lachte verwundert über meinen plötzlichen Eifer, aber ich
+ließ sie nicht los und wir verabredeten zunächst einen gemeinsamen
+Besuch im Bureau des Zentralkomitees für Frauenarbeit.
+
+Was ich dort kennen lernte, erregte mein höchstes Interesse: Man
+hatte sich zur Aufgabe gestellt, die Lage der erwerbstätigen
+Frauen zu untersuchen und die Resultate zu veröffentlichen,
+gewerkschaftliche Organisationen zu schaffen und zu unterstützen, die
+Arbeiterinnenschutz-Gesetzgebung zu studieren und ihre Weiterentwicklung
+durch mündliche und schriftliche Propaganda zu fördern. »Wir sind
+gewissermaßen ein Arsenal und liefern der Arbeiterbewegung die Waffen,«
+sagte mir eine der Leiterinnen; »und wir schaffen zugleich die
+Möglichkeit, daß die Frau der begüterten Kreise die Lage der Arbeiterin
+kennen lernt, und die Arbeiterin andererseits sich der Kenntnisse der
+bürgerlichen Frau bedienen kann,« fügte eine andere hinzu. Der Plan,
+etwas Ähnliches in Berlin zu gründen, reifte in mir: der
+Arbeiterbewegung Waffen liefern, war mindestens so nützlich, als selbst
+die Waffen tragen. Es war praktisch im Grunde dasselbe, was die Fabier
+theoretisch leisteten, es würde wertvolle Kräfte in den Dienst des
+Sozialismus zwingen, -- ihrer selbst fast unbewußt. Es ermöglichte mir,
+außerhalb der Partei für die Partei zu wirken. Mit krampfhafter
+Anstrengung zuerst und dann mit wachsender Anteilnahme vertiefte ich
+mich in das Studium meiner Aufgabe. Ich flüchtete aus den blühenden
+Gärten in die engen Straßen zwischen die geschwärzten Mauern, wo kein
+Baum und kein Vogel den Sommer verrät und seine Glut, die draußen vor
+den Toren die Knospen wach küßt, nichts hervorruft, als ekle Dünste und
+giftige Miasmen. Je mehr ich ihm entfloh, desto grauer und stiller wurde
+es auch wieder in mir. Eilig, wie die andern, ohne rechts oder links zu
+sehen, lief ich durch die Stadt, über klebrige Höfe, steile Treppen
+hinauf in die Bureaus der Fabrikinspektionen und der Gewerkschaften, zu
+Besuchen, Sitzungen und Versammlungen. Zahlen, nichts als Zahlen hörte
+ich -- neben den Lohntabellen, die Arbeitsstunden und die Wochen der
+Arbeitslosigkeit --, sie verfolgten mich bis in meine Träume,
+verschwammen ineinander und schoben sich vor meinen Augen dichter und
+dichter zusammen, bis sie nichts waren als ein einziges schwarzes
+Trauergewand, das Himmel und Erde verhüllte.
+
+»Nun bleibt mir nur noch übrig, die Illustration zu Ihren Tabellen zu
+sehen,« sagte ich eines Abends zu Amie Hicks, die die Arbeiterinnen der
+Zündholzfabrikation -- ihre Kolleginnen -- organisiert hatte. Sie wandte
+sich an eine junge Soldatin der Heilsarmee, die bescheiden im
+Hintergrund stand. »Wollen Sie unsere deutsche Freundin heute nacht nach
+Whitechapel mitnehmen?«
+
+Das Mädchen sah mich zweifelnd an: »Wenn die Dame sich nicht fürchtet
+-- und sich entschließt, unsere Kleidung anzuziehen.« Ich war natürlich
+zu allem bereit. Ehe wir uns am späten Nachmittag auf den Weg machten,
+steckte ich mir die Taschen voll kleiner Kupfermünzen. »Das hat keinen
+Zweck,« lächelte meine Begleiterin, »es sind ihrer viel zu viele!«
+Unterwegs erzählte sie mir von ihrer Arbeit: einem unaufhörlichen Kampf
+mit Laster und Not, einer stündlichen Aufopferung der eigenen Person,
+und ihr schmales Gesichtchen strahlte dabei wie das ihrer
+Altersgenossinnen, wenn sie von Karnevalstriumphen zu berichten haben.
+»Was führte Sie zu Ihrem Beruf?« frug ich. »Jesus rief mich!« antwortete
+sie einfach.
+
+Es fing an zu dämmern. Die Straßen schrumpften zusammen, während die
+Menschenmassen unheimlich anschwollen. In ihrer Kleidung schienen die
+Farben mehr und mehr zu erlöschen, und die Unterschiede zwischen Alter
+und Jugend verwischte ein gleichmäßiger Ausdruck, zwischen Leid,
+Stumpfsinn und Gemeinheit schwankend. Kinder keuchten mit Säcken beladen
+über die Gassen -- »Heimarbeiter«, bemerkte meine Begleiterin
+lakonisch --, an den Rinnsteinen hockten andere in langen Reihen, und
+wühlten mit schmutzstarrenden, mageren Fingerchen im Straßenkehricht.
+Ein kleiner Bub mit krummen Beinen wollte sich eben heimlich mit dem
+gefundenen Rest einer Banane aus dem Kreis der Gefährten davon
+schleichen. Ein triumphierendes Grinsen verzerrte sein Gesichtchen. Aber
+schon fielen die anderen wutheulend über ihn her und rissen ihm die
+fadenscheinigen Lumpen von dem armen rhachitischen Körper. Er weinte
+nicht, er duckte sich nur ein wenig und versuchte die zertretene Banane
+vom Pflaster abzukratzen, aus seinen verschwollenen Augen traf mich
+dabei ein Blick voll grenzenloser Verzweiflung.
+
+Wir bogen in eine langgestreckte schmale Sackgasse ein. »Nehmen Sie sich
+in acht,« warnte meine Begleiterin, als wir in eines der offenen Häuser
+traten, »die Treppen haben keine Geländer.« Ich tastete mich hinter ihr
+vorwärts, während ein pestilenzialischer Geruch mir den Atem benahm. Wir
+stießen eine Türe auf, die weder Griff noch Schlüssel hatte. Ein
+schwerer grauer Dunst von Staub und Schweiß schlug uns entgegen,
+gespensterhaft bewegten sich die Gestalten der Bewohner dahinter,
+während das Rattern und Quietschen schlecht geölter Nähmaschinen jeden
+anderen Ton verschlang. Dicht aneinandergedrängt saßen Männer und Frauen
+um den Tisch, auf dem ein kleines Lämpchen vergebens versuchte,
+spärliches Licht zu verbreiten; an dem einzigen Fenster standen die
+Maschinen, von zwei Kindern in Bewegung gesetzt. Keines der dunkeln
+Köpfe hob sich bei unserem Eintritt. Nur als mein Kleid eine der Frauen
+streifte, sahen ein paar schwarze Augensterne mich prüfend an.
+»Russische Juden,« sagte meine Begleiterin und wandte sich dem
+finstersten Winkel des Zimmers zu. Eine durchsichtig weiße Hand streckte
+sich ihr entgegen. »Er ist schwindsüchtig,« flüsterte sie. Zögernd trat
+ich näher. In einem armseligen Bett, mit Haufen bunter Stoffreste statt
+mit Kissen gefüllt, lag ein Mann, das blasse durchgeistigte Antlitz von
+schwarzen, langen Haaren umrahmt; strahlend richteten sich seine
+fieberglänzenden Augen auf das junge Mädchen, aber die Milch, die sie
+aus ihrem Körbchen nahm, enttäuschte ihn; erst als sie ein kleines Buch
+in seine schlanken Finger legte, lächelte er sie dankbar an. »Ich habe
+auch wieder ein Gedicht geschrieben --,« sagte er und zog einen Fetzen
+Zeitungspapier aus den Lumpen hervor, am Rande dicht bekritzelt.
+
+»Nicht einmal Knöpfe kann er mehr annähen,« tönte eine rohe Stimme neben
+uns. »Wenn es doch bald zu Ende wäre, -- gestern spuckte er Blut auf ein
+fertiges Hemd --«
+
+Ich mußte mich einen Augenblick schwindelnd an den Pfosten des Torweges
+lehnen, als wir hinunterkamen. Es war inzwischen ganz dunkel geworden.
+Unter der nächsten Türe stand ein Mädchen mit entblößter Brust und
+sprühenden Augen. »Marianne!« -- Vorwurfsvoll tönte die Stimme meiner
+Begleiterin. Ein rauhes Lachen antwortete ihr. »Ich will leben!« stieß
+das Mädchen zwischen den Zähnen hervor. -- »Leben!« -- wiederholte sie
+noch einmal mit einem langgezogenen Nachtigallenton. Wir gingen an ihr
+vorbei in die niedrige Stube; eine verrostete Eisenbettstelle, ein paar
+Kisten bildeten die ganze Einrichtung. Am Herd in der Ecke stand ein
+altes Weib mit den gedunsenen Zügen der Trinkerin, auf dem
+feuchtglänzenden Lehmboden kroch eine Schar kleiner Kinder. Meine
+Begleiterin hatte gerade begonnen, einem der kleinsten die wunden
+Füßchen zu verbinden, da sprang unter wüstem Gekreisch die Türe auf: --
+das Mädchen von draußen stolperte, von ein paar braunen Fäusten
+gestoßen, ins Zimmer, zwei Schwerbetrunkene hinter ihr. Sie warf sich
+aufs Bett, -- ich floh, von Entsetzen gepackt, aus dem Hause.
+
+In den Straßen brütete gewitterschwangere Julinacht. Junge und alte
+Weiber, von Elend, Laster und Krankheit gräßlich gezeichnet, Männer,
+deren Kleidung einen Fuselgeruch ausströmte, Kinder, die eine Kindheit
+nie gekannt hatten, strichen an uns vorbei. »Gibt es in der Welt noch
+einmal solche Hölle,« stöhnte ich und wischte mir die Schweißtropfen von
+der Stirn. »O, -- in Glasgow, in Liverpool, in Manchester ist es
+ebenso --,« sagte meine Begleiterin ruhig.
+
+An der nächsten Straßenecke ballten sich die Menschen zu einem schwarzen
+Knäuel. Qualvolle Schmerzensrufe drangen daraus hervor. Wir liefen
+vorwärts, -- alles machte uns Platz, -- die Uniform der Heilsarmee war
+wie ein Freibrief, den selbst die Rohesten respektierten. Auf dem
+Pflaster lag ein Weib und wand sich in Mutterschmerzen. »Er hat sie
+hinausgeprügelt,« schrie ein Mädchen, das neben ihr kniete und ballte
+wütend die Fäuste. Meine Begleiterin war im Augenblick bei ihr. Es war
+keine Zeit mehr zu verlieren. In die Menschen um uns her kam ein
+seltsames Leben, sie liefen in die nächsten Häuser, atemlos, -- sie
+kehrten zurück, -- auch der Elendeste mit vollen Händen. Tücher, Kissen,
+Decken breiteten sich um die Kreißende aus; ein weißhaariges Mütterchen
+mit gekrümmtem Rücken schleppte stöhnend Eimer voll Wasser herbei, ein
+alter Mann humpelte hastig auf seiner Krücke näher und legte mit
+zitternden Händen seine zerschlissene Jacke über die Jammernde. Ein
+Sekunde lang war es ganz still, -- das Leben schien den Atem anzuhalten,
+da -- ein gellender Schrei, der die Nacht zerriß, -- das Kind war
+geboren, das unselige Kind der Straße. Zurückgelehnt in dem Schoß der
+Nächsten lag das Weib. Laternenlicht fiel grell auf ihre eingesunkenen
+Wangen, die weitaufgerissenen Augen drehten sich in den Höhlen, suchend
+griffen die Finger in die leere Luft, dann noch ein Zucken, ein rauhes
+Röcheln, -- es war vorüber. Und um die tote Mutter knieten ringsum im
+Schmutz der Straße die Genossen ihres Jammers ...
+
+ * * * * *
+
+Der Sonnenzauber hatte keine Macht mehr über mich.
+
+Ich hatte nur noch ein Achselzucken, wenn ich die Macht der
+Gewerkschaften preisen hörte -- »die Sattgewordenen vergaßen zuerst der
+Hungernden« --, und ein verächtliches Lächeln für die Größe und
+Einheitlichkeit sozialer Hilfsarbeit, die sich von Rechts wegen
+bankerott erklären müßte. Hier galt es nicht mehr, Einzelne vor dem
+Ertrinken zu retten, und Wunden zu verbinden, hier galt nur eins: die
+alte Welt, die ihre eigenen Kinder mordete, zu zerstören, um der neuen
+Platz zu schaffen.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+»Sie wollen wirklich alle Bücher verkaufen?!«
+
+Der junge Student, der vor mir stand, blickte mich vorwurfsvoll an. Er
+war gekommen, mir beim Ordnen der philosophischen Bibliothek meines
+verstorbenen Mannes behilflich zu sein.
+
+»Mit wenigen Ausnahmen, -- ja!« antwortete ich mit erzwungener Ruhe.
+»Sie sehen selbst: in der neuen Wohnung fehlt es an Platz für sie, --
+und außerdem werde ich sie kaum je benutzen. Ich werde mit Überlegung
+einseitig!« Dabei wies ich lächelnd auf die dickleibigen
+Fabrikinspektorenberichte, die vor mir lagen. Er begab sich stumm,
+gesenkten Kopfes an die Arbeit. Wie herzlos, daß ich Georgs geliebte
+Bücher verkaufte, dachte er jetzt gewiß. Durfte ich ihm sagen, daß ich
+sie verkaufen mußte? Daß ich gestern mit dem letzten, was ich besaß,
+Georgs Grabdenkmal bezahlt hatte, -- einen schönen hohen Marmorblock,
+auf dem in großen goldenen Lettern sein Wahlspruch stand, der nun auch
+der meine war: »Wir leben durch die Menschen, laßt uns für die Menschen
+leben.«
+
+Mama hatte mir eben aus Pirgallen entrüstet über meine Verschwendung
+geschrieben: »Ein schlichter Stein mit Georgs Namen wäre ausreichend
+gewesen.« Ich lächelte unwillkürlich. Arm sind doch nur die Menschen,
+die niemals verschwenden können! Ich war ja sonst so schrecklich
+vernünftig. Treppauf, treppab war ich seit meiner Rückkehr aus England
+gelaufen, um eine Wohnung zu finden, die meinen Mitteln entsprach. In
+einem Hof der Kleiststraße, drei Treppen hoch, hatte ich sie endlich
+gefunden: zwei Zimmer mit dem Blick auf eine Mauer, die eine riesige
+gemalte Schweizer Landschaft schmückte. Zu allerhand öder
+journalistischer Tagesarbeit hatte ich mich verpflichtet, um in der
+übrigbleibenden Zeit meiner Aufgabe leben zu können. In vier Wochen zog
+ich um, bis dahin mußte auch sie festere Gestalt gewinnen.
+
+Ich hatte mich zunächst schriftlich an eine Anzahl hervorragender
+Politiker und Sozialpolitiker gewandt, bei denen ich ein Interesse für
+die Sache voraussetzen konnte, und ihnen meinen Plan eines
+Zentralausschusses für Frauenarbeit auseinandergesetzt. Sehr höflich,
+sehr zuvorkommend hatten sie mir geantwortet. »Ihr Plan hat meine volle
+Sympathie,« schrieb mir eben Theodor Barth. »Ich habe nur Bedenken, ob
+er sich in seinem vollen Umfang in absehbarer Zeit durchführen läßt.
+Nach meinen Erfahrungen scheitern sehr viele an sich vortreffliche
+Reformbestrebungen gerade daran, daß das Ziel von vorn herein zu weit
+gesteckt ist. Meines Erachtens sollte man zunächst einmal an eine
+Sammlung und Sichtung von Material, die Bedingungen der Frauenarbeit
+betreffend, herangehen, wie das sub 1 Ihres Programms ja auch in
+Aussicht genommen ist. Unternehmer und Arbeiter müßten allerdings
+zusammenwirken und Vorurteile -- speziell auch gegen die
+Sozialdemokratie -- dürften keine Rolle spielen ... Leider ist meine
+Arbeitskraft schon anderweitig so stark in Anspruch genommen, daß ich
+wohl mitraten, aber nicht mittaten kann ...«
+
+Diesen Satz enthielt noch jeder Brief, den ich erhalten hatte. Warnungen
+vor der Gefahr sozialpolitischer Dilettantenarbeit, Besorgnisse, Wasser
+auf die Mühlen der Sozialdemokratie zu treiben, bedenkliche Fragen nach
+der finanziellen Fundierung des Unternehmens wiederholten sich oft. »Auf
+alle Fälle ist der Zeitpunkt schlecht gewählt,« hieß es in einem
+Schreiben, das Dr. Jacob, mein alter Gegner aus der Ethischen
+Gesellschaft, an mich richtete, »jetzt, im Jubiläumsjahr, wo das
+unverantwortliche, antipatriotische Verhalten der Sozialdemokratie
+selbst solche Kreise erbittern muß, die vielen ihrer Forderungen
+sympathisch gegenüberstanden, ist nicht der Augenblick, um zu
+gemeinsamer Arbeit aufzurufen. Ich bezweifle auch, daß Sie Kapitalien
+finden, die Ihnen zu solchem Zweck die immerhin recht erheblichen Mittel
+zur Verfügung stellen werden.« Und Frau Schwabach, die einzige unter den
+Frauenrechtlerinnen, der ich ein ernsteres Verständnis der Sache
+zutraute, war gleichfalls voller Bedenken gewesen. »Wir müssen zuerst
+die Peinlichkeiten ausbilden, die zu solcher Arbeit fähig sein sollen,«
+hatte sie gesagt. Das alte Lied, das die Gewissen einlullt, das
+Selbstvertrauen betäubt und die Schuld trägt, wenn vor lauter
+Vorbereitung zur Tat die Tat selbst von einem Tage zum andern verschoben
+wird.
+
+Heute nun erwartete ich Martha Bartels mit zwei ihrer Freundinnen --
+Arbeiterinnen wie sie --, um ihr Urteil zu hören und ihren Rat, der mir
+der weitaus wichtigste erschien, zu erbitten.
+
+»Sie müssen für heute aufhören, mein lieber Schmidt,« wandte ich mich an
+den Studenten, der vor den letztem Regalen des Bücherschranks hoch oben
+auf der Leiter stand, »es ist unverantwortlich von mir, daß ich Ihre
+Kraft und Zeit schon so lange in Anspruch nehme.«
+
+Er fuhr, wie aus einem Traum erwachend, zusammen und strich sich die
+dichten schwarzen Haare aus der heißen Stirn.
+
+»Muß ich wirklich schon fort?« Hastig wandte er sich um und rieb die
+roten, knochigen Hände wie fröstelnd aneinander. Ich nickte, denn schon
+hörte ich draußen die Klingel. Langsam stieg er die Leiter hinab.
+
+»Ach, -- wenn ich doch wirklich etwas für Sie tun könnte --,« damit
+senkte er den Kopf tief auf meine Hand.
+
+In dem Augenblick öffnete sich die Türe, und die drei Frauen traten ein.
+Sie sahen uns, wechselten sekundenlang einen vielsagenden Blick, ein
+leises spöttisches Lächeln kräuselte die Lippen der einen, der großen,
+hageren; -- ein Gefühl, als hätte mich jemand mit Schmutz beworfen,
+beschlich mich. Flüchtig erinnerte ich mich, daß meine Mutter die
+Anwesenheit eines jungen Herrn bei mir, der Witwe, für unpassend erklärt
+hatte, -- aber waren nicht diese Frauen Vorkämpferinnen einer freien
+Weltanschauung?! Ich richtete mich gerade auf, zog meine Hand aus der
+sie noch immer umklammernden; mit einer ungeschickt eckigen Verbeugung
+drückte sich der junge Student an den neuen Gästen vorbei zur Türe
+hinaus.
+
+Bei Kaffee und Kuchen überwanden meine Besucherinnen die erste
+Verlegenheit. Sie hatten sich in den besten Sonntagsstaat geworfen und
+saßen kerzengerade auf den weichen Lehnstühlen; bei jeder Bewegung
+krachten die engen Taillen ihrer schwarzen Kleider, und die vielen
+bunten Blumen auf ihren Hüten schwankten hin und her. Nur Martha
+Bartels, die nicht zum ersten Male hier war, gab sich ungezwungener.
+
+Irgend etwas in dem Gesicht der kleinen Näherin hatte sich seit unserem
+letzten Zusammensein verändert.
+
+»Nun, Genossin Glyzcinski, was haben Sie uns Gutes mitzuteilen,« sagte
+sie mit einem leisen gönnerischen Ton in der Stimme, den sie damals noch
+nicht gehabt hatte, als sie mich »Frau von Glyzcinski« nannte. Freilich,
+sie hatte ja im Grunde ein Recht dazu, ich war ja jetzt nur eine Novize
+in ihren Reihen --, dachte ich und bezwang die gereizte Stimmung, die
+sich meiner zu bemächtigen drohte.
+
+Mit steigendem Eifer, an der eigenen Sache mich erwärmend, setzte ich
+ihnen meine Pläne auseinander. »Ich brauche dabei Ihre Mitarbeit,«
+schloß ich; »wir können für die Arbeiterinnen nichts tun, was nicht mit
+ihnen geschieht --«
+
+Tiefe Stille. Die drei löffelten in ihren Kaffeetassen, stießen einander
+unter dem Tische an und wollten nicht mit der Sprache heraus. »Ja --,«
+meinte Martha Bartels schließlich gedehnt, »das ist ja alles ganz schön
+und gut, aber was uns das eigentlich angeht --! Wir wissen doch längst,
+wie's bei uns aussieht, und um die Neugierde der Bourgeoisdamen und
+-herren zu befriedigen, oder sie gar in unseren Organisationen
+herumstänkern zu lassen, -- dazu sind wir nicht da.«
+
+Frau Resch, die Hagere, nickte eifrig und warf mir einen giftigen Blick
+zu. Frau Wiemer, ein rundliches Frauchen mit gutmütigen braunen Augen,
+drehte sich hastig auf dem Stuhle um, so daß die Sprungfedern knackten.
+»Da bin ich nun ganz und gar anderer Meinung,« rief sie, »wir wären
+schön dumm, wenn wir so eine Unterstützung von der Hand weisen wollten.
+Wir haben, weiß Gott, keinen Überfluß an Kräften, und wenn wir sie noch
+dazu nach unserem Gutdünken benutzen können --«
+
+Martha Bartels trommelte mit den zerstochenen Fingern auf dem Tisch. »In
+meinem Kreis, Genossin Wiemer, kann ich dafür keine Stimmung machen,«
+sagte sie scharf.
+
+»Na, was das schon ist: Ihr Kreis. Ein halb Dutzend Frauen haben Sie
+neulich in der Versammlung zur Vertrauensperson gewählt, -- das macht
+den Kohl nicht fett!« spöttelte die Angeredete. »Die Männer haben,
+gottlob, auch noch ein Wörtchen mitzureden!«
+
+Frau Resch kicherte: »Sie freilich meinen immer, Sie haben die Männer am
+Bändel --!«
+
+Stumm, in wachsender Verblüffung hörte ich der Debatte zu, die sich mehr
+und mehr ins Persönliche verlor.
+
+»Im übrigen: was ereifern wir uns,« sagte Martha Bartels endlich,
+während sie sich mit hochrotem Gesicht in den Stuhl zurücklehnte. »Zu
+allererst werden wir doch Genossin Orbins Urteil hören müssen.«
+
+Die Frauen verstummten. Wanda Orbin: das war die anerkannte Führerin der
+Arbeiterinnen-Bewegung, eine Frau, die ich aus der Ferne schon längst zu
+bewundern gelernt hatte. Mit der aufreizenden Leidenschaftlichkeit ihrer
+Rednergabe vermochte sie alles mit sich fortzureißen.
+
+Meine Gäste verabschiedeten sich, kühl und verlegen. Nur Frau Wiemer
+schüttelte mir kräftig die Hand und zögerte beim Hinausgehen. »Wir reden
+noch mal miteinander -- unter vier Augen,« flüsterte sie.
+
+Enttäuscht -- mutlos blieb ich zurück. Tiefes Verständnis, freudige
+Zustimmung, warme Kameradschaftlichkeit hatte ich erwartet --!
+
+Am nächsten Morgen kam ein Brief von Martha Bartels: »Seit gestern weiß
+ich nicht, ob Sie wirklich unsere Genossin sind. Was Sie da vorschlagen,
+das kann jede Frauenrechtlerin auch. Es zeigt, daß Sie mit der
+bürgerlichen Gesellschaft noch nicht gebrochen haben, und deshalb können
+wir kein rechtes Vertrauen gewinnen. Ich sehe nun, daß man immer unrecht
+tut, wenn man den schönen Gefühlen der Bourgeoisdamen Glauben schenkt.«
+Hatte sie zu ihrer Enttäuschung nicht ein größeres Recht als ich zu der
+meinen? War mein ganzes Verhalten nicht wirklich ein Rückzug? Versuchte
+ich nicht, nach links und rechts Konzessionen zu machen, damit ich nur
+selbst fein säuberlich auf dem normalen Mittelweg mich erhalten konnte?
+
+In meinen Hoffnungen und Wünschen sehr herabgestimmt, machte ich mich in
+den nächsten Tagen auf den Weg, um die Führer der sozialdemokratischen
+Partei aufzusuchen, bei denen ich mich schon angekündigt hatte.
+
+Ich ging zuerst zu Liebknecht. Er wohnte draußen in der Kantstraße, wo
+inzwischen das neue Berlin aus der Erde schoß wie eine wildwuchernde
+Urwaldpflanze. In der Tauentzienstraße, die vor fünf Jahren nicht viel
+mehr als ein breiter Feldweg gewesen war, reihte sich ein Neubau an den
+andern, -- hohe vier- und fünfstöckige Häuser, mit lauter Wohnungen zu
+neun bis zwölf Zimmern. Wo kam der Reichtum nur her, der so üppig zu
+wohnen vermochte? dachte ich. Und weiter nach dem Westen zogen sich
+Straßen und Straßen hinaus, -- lange Spinnenarme, die über die Felder
+griffen bis fernhin, wo der Grunewald, eine schwarze schmale Linie, am
+Horizont auftauchte. Ratternd und fauchend bewegte sich die
+Dampfstraßenbahn den Kurfürstendamm hinauf ihm entgegen. Wie viel kleine
+gemütliche einstöckige Häuschen zwischen Birkenwäldchen und
+Kartoffelfeldern waren der Spitzhacke hier zum Opfer gefallen! Und der
+Riesenbaum, der an der Straßenkreuzung ein Wahrzeichen der Gegend
+gewesen war hatte einer Kirche weichen müssen. Gut, daß er fiel, dachte
+ich; wie hätten die Mauern den alten Recken beengt, wie hätte seine
+trotzige, rauhe Schönheit ihre Fassadenpracht Lügen gestraft. Die Kirche
+hatte sich noch immer ihrer Umgebung angepaßt, auch hier hatte sie sich
+zu ihr nicht in Widerspruch gesetzt.
+
+In die Kantstraße bog ich ein. Dicht an der Stadtbahnbrücke, im dritten
+Stock, wohnte Liebknecht. Er empfing mich vor einem alten Schreibpult in
+seinem winzigen Arbeitszimmer, das vollgestopft mit Papieren und
+Zeitungen war, so daß dazwischen kaum ein freier Raum zum Treten übrig
+blieb. Sein hartgeschnittenes Gesicht mit den tiefen Furchen, dem Blick,
+der unter buschigen Brauen wie abwesend über einen hinwegsah, den wirren
+dunkeln Haaren über der hohen geraden Stirn, dem grauen ungepflegten
+Bart um das breite Kinn und den seltsam schiefstehenden großen Mund,
+dazu der Rock, der an den Ellbogen und auf dem Rücken speckig glänzte,
+das Hemd darunter mit dem weichen halboffenen Umlegekragen, die
+ausgetretenen Pantoffeln an den graubestrumpften Füßen, -- das alles
+wirkte zunächst wenig anziehend. Dann gab er mir flüchtig die Hand, die
+weich und zart war, -- ich mußte ihn wirklich noch einmal betrachten, um
+zu glauben, daß sie diesem Manne gehörte. Sie gab mir Mut zu reden, ich
+wäre ohne sie am liebsten wieder umgedreht. Ich erzählte ihm auch von
+meinen Erfahrungen mit den Frauen. Er lächelte mit einem gutmütigen
+Spott in den Augen. »Soll ich Ihnen einen wirklich freundschaftlichen
+Rat geben?« sagte er. »Kümmern Sie sich nicht um sie, wenn Sie was
+erreichen wollen. Die sind noch rückständiger als die Männer, können gar
+nicht anders sein. Wo sollen sie auch die Erkenntnis hernehmen, die
+armen Weiber?! Schon alles mögliche, wenn sie rein aus ihrem
+proletarischen Instinkt heraus gute Parteigenossinnen sind.«
+
+Vergebens suchte ich ihn bei meinem Thema festzuhalten, es interessierte
+ihn offenbar nicht; dagegen rief der Name England eine Flut von
+Gedankenverbindungen in ihm wach. Er glaubte meinen rettungslos
+bourgeoisen Standpunkt daran zu erkennen, daß ich zwar mit Burns und den
+Fabiern, nicht aber mit Hyndman und der sozialdemokratischen Föderation,
+die allein den Marxismus in England repräsentierten, verkehrt habe. Mit
+den sprunghaften Übergängen eines glänzenden Geistes, der weder die
+Fähigkeit hat, auf die Interessen des anderen einzugehen, noch die
+Fähigkeit, sich in eine Frage zu vertiefen, kam er von da auf unsere
+auswärtige Politik zu sprechen, auf das berechtigte Mißtrauen Englands
+den offenbaren Weltmachtgelüsten unseres Kaisers gegenüber, auf Rußland,
+an das wir um so näher uns anschließen würden, je weiter wir von
+England abrückten, auf den künstlich ausgepeitschten Hurrapatriotismus
+der Kriegserinnerungsfeiern der Gegenwart, der letzten Endes nur dazu da
+sei, gegen die Sozialdemokratie mobil zu machen und die gescheiterte
+Umsturzvorlage in anderer Form wieder aufleben zu lassen.
+
+Mir war diese Gesprächswendung unbehaglich. Gut, daß ich, ohne
+aufzufallen, schweigen konnte. Hafteten die Eierschalen der
+Vergangenheit noch so fest an mir, daß die Artikel des »Vorwärts« über
+die Gedenkfeiern an den »brudermörderischen Krieg« mir das Blut in
+Wallung brachten? Sie vertraten doch zweifellos Menschlichkeit und
+Gerechtigkeit in weit höherem Maße, als all die mit Orden und Bändern
+behängten Kriegervereinler, die sich wie die Wilden an der blutigen
+Unterdrückung eines Nachbarvolkes noch in der Erinnerung berauschten.
+Liebknecht war in seiner Gegnerschaft gegen jede Art von Chauvinismus
+ein Fanatiker. »National gesinnt ist meines Erachtens nur, wer das Recht
+und das Wohl anderer Nationen ebenso zu achten weiß, wie das der
+eigenen,« sagte er. Und mir wurde bewußt: er fühlte international,
+während ich nur die Idee der Internationalität kühl verstandesmäßig
+anerkannte. Ich sprach das aus, und er nickte eifrig: »Natürlich, -- das
+ist der Unterschied, -- und der kommt zum großen Teil daher, daß das
+Jahr 48 und das Sozialistengesetz mir das Vaterland nahmen und die Welt
+zur Heimat machten. Auch der Proletarier, der nichts besitzt, und der
+Arbeit über alle Grenzen hinweg nachrennen muß, ist von Herzen
+international, und die Hammerstein und Konsorten,« -- er lachte
+boshaft --, »die sich vom Vaterland den Schmerbauch mästen lassen,
+predigen uns Verruchten Patriotismus!« Er unterbrach sich und stand auf.
+Ich wollte gehen »Daraus wird nichts, -- nun müssen Sie noch bei meiner
+Frau Kaffee trinken.«
+
+Ich wurde ins Wohnzimmer geführt. Bei Frau Major X. in Bromberg und bei
+Frau Hauptmann Z. in Brandenburg war es nicht viel anders gewesen --,
+nur daß hier statt der Familienbilder die von Marx, Engels und Lassalle
+an den Wänden prangten, statt des Stichs der Sixtina Walter Cranes
+Maifestzug, und ich damals noch nicht in die rechte Sofaecke genötigt
+wurde. Frau Liebknecht war die typische Gouvernante aus vornehmen
+Häusern, der Bildung und Lebensform nicht die Haut war, sondern das
+Kleid. Ihm war ich irgendwer gewesen, ihr: »Frau von Glyzcinski.«
+
+Es dämmerte schon, als ich mit ihm das Haus verließ. Er ging in seine
+Redaktion, ich in die Ansbacherstraße, wo ich die Eltern aus Pirgallen
+zurückerwarten sollte. »Und für meinen Plan kann ich auf Ihre
+Unterstützung nicht rechnen?« fragte ich nun doch noch einmal. Er blieb
+stehen. »Meine Unterstützung?! Das würde keinem von uns nützen.
+Überlegen Sie sich's selbst noch mal, ob er Ihrer eigenen Unterstützung
+wert ist!«
+
+ * * * * *
+
+Die Stimmung war keine rosige, in der ich Eltern und Schwester empfing,
+und auch sie schienen erregt und niedergeschlagen: Mama hatte die Lippen
+fest zusammengekniffen, so daß sie nur noch wie ein schmaler, blasser
+Strich erschienen, der Vater war feuerrot im Gesicht und räusperte sich
+ununterbrochen, Ilschen hatte verweinte Augen. »Alles ging so gut,«
+flüsterte sie mir hastig zu, als die Eltern ins Zimmer getreten waren,
+und hielt mich im Flur zurück, »da kam es gestern abend wegen der dummen
+Hammerstein-Geschichte zu einer Auseinandersetzung zwischen Onkel Walter
+und Papa. Das Vertuschungssystem sei unanständig, sagte er, während
+Onkel es für notwendig erklärte im Interesse der Partei. Schließlich
+schimpfte Papa -- du kannst dir denken, wie --, und Onkel sagte, Papa
+habe sich wohl bei seiner Tochter, der 'Genossin', angesteckt, -- ein
+Wort gab das andere, Onkel zeigte Papa schließlich die Kreuz-Zeitung mit
+der Notiz über dich -- --«
+
+»So, -- nun haben wir miteinander zu reden --,« unterbrach meines Vaters
+vor Erregung rauhe Stimme die Schwester. Es war ein förmliches
+Verhör ...
+
+»Mitglied der sozialdemokratischen Partei bin ich noch nicht --,« sagte
+ich. Er lehnte sich tief aufatmend mit geschlossenen Augen in den Stuhl
+zurück. Ich wollte fortfahren. Er wehrte mit beiden Händen ab: »Genug --
+genug! Mehr will ich nicht hören -- mehr nicht!« Dann erhob er sich
+schwerfällig, ging zum Schreibtisch und setzte ein Telegramm auf: »Baron
+Walter von Golzow, Pirgallen. Ich habe Alix' Wort. Verlange nunmehr von
+dir Ehrenerklärung. Hans.« Ich wollte widersprechen, -- des Vaters
+rotunterlaufene Augen blitzten mich herrisch an, Ilse faltete hinter ihm
+mit bittender Gebärde die Hände --, ich schwieg. War es Feigheit? War es
+Rücksicht? Oder nichts als schlaffe Ermüdung?
+
+Beim Abendessen wurde mir mitgeteilt, daß die Gartenwohnung auf
+derselben Etage frei geworden sei. »Wir hätten andernfalls umziehen
+müssen, nun ersparen wir das, und du ziehst einfach hierher,« sagte der
+Vater; »dann haben wir Alten wieder unsere beiden Töchter,« fügte er mit
+einem Anflug liebevoller Heiterkeit hinzu und streckte mir über den
+Tisch die Hand entgegen. Nur zögernd legte ich die meine hinein.
+
+»Sehr gütig, Papa, daß du an mich dachtest, aber ich habe schon eine
+Wohnung.« Er brauste wütend auf. Schweigend ließ ich den Wortschwall
+über mich ergehen.
+
+»Ich habe euch meine Überzeugung geopfert,« sagte ich dann fest, »meine
+Freiheit opfere ich euch nicht ...«
+
+Durch die sternenlose Augustnacht ging ich nach Hause. Über die
+menschenleere Straße schwankten ein paar Betrunkene. Wie fürchtete ich
+mich sonst vor ihnen, -- gleichgültig schritt ich heute vorbei, --
+meinetwegen hätten sie mit mir tun können, was sie wollten. Ich war ja
+gar nicht ich, nur ein Schatten dessen, das einst lebendig war. In
+meiner einsamen dunkeln Wohnung warf ich mich angekleidet aufs Bett und
+grübelte stumpfsinnig dem einen Gedanken nach: Warum ich eigentlich den
+Morgen erwarten müßte -- und den Tag -- und wieder einen Tag, und so in
+endloser Reihe die ganze Leere des Lebens?!
+
+ * * * * *
+
+In meinen stillen Zimmern lastete die Luft auf mir. Die Sonne strahlte
+durch die grünumsponnenen Fenster, über die lachenden Gärten, -- wäre
+ich nur erst in meinem neuen Heim, wo ich nichts sah, als eine gemalte
+Landschaft! Von innerer Unruhe getrieben, lief ich in der Stadt umher,
+blieb vor den Schaufenstern stehen und ertappte mich auf einem halb
+unbewußten Verlangen nach hellen Kleidern. Ich saß allein vor dem alten
+verräucherten Kaffee Josty und sah über den Potsdamer Platz hinweg den
+Menschen nach, die schwatzten und lachten und kokettierten, und unter
+die ich mich nicht mischen durfte. Ein Gefühl von wohliger Wärme überkam
+mich, wenn bewundernde Blicke mich trafen, -- ach, und Sehnsucht packte
+mich, unbändige Sehnsucht nach Lebensfreude.
+
+Damals begegnete mir Graf Oer, einer meiner alten Tänzer; er hatte den
+schlechtesten Ruf und war doch einer der verwöhntesten Männer der
+berliner Gesellschaft. Eine aufreizende, schwüle Atmosphäre verfeinerter
+Sinnenlust umgab ihn; schon sein forschender Blick aus halbgeschlossenen
+Augen, sein weicher, langsamer Händedruck ließ die Frauen erröten, denen
+er sich näherte. Mir gegenüber war er ganz teilnehmender Freund. »Ihre
+Blässe erhöht zwar nur Ihren Reiz, schönste Frau,« sagte er, »aber im
+Verein mit Ihrer sylphidenhaften Gestalt« -- seine Blicke wanderten
+förmlich über meinen Körper -- »finde ich sie beängstigend. Sie brauchen
+Sonnenweide wie ein Rassepferd. Was meinen Sie, wenn ich Ihnen täglich
+ein paar Stunden lang meinen Wagen schicke und Sie in den Grunewald
+fahre oder nach Wannsee?« Trotz meiner Ablehnung, die nicht sehr
+energisch gewesen sein mochte, hielt sein elegantes Juckergespann am
+nächsten Morgen vor meiner Türe. War das wonnig, so in den jungen Tag
+hineinzurollen; mit geschlossenen Augen vorbei an den öden Feldern des
+Kurfürstendamms, in den Grunewald hinein, dessen vereinzelte Villen sich
+rasch verloren, bis zu dem kleinen Försterhaus am stillen See, in dem
+die Sonne sich, ihrer Schönheit froh, eitel bespiegelte. »Wie Sie
+genießen können!« sagte Graf Oer, als wir beim Frühstück im Gärtchen
+saßen. »Und Sie wollen lebendigen Leibes ins Kloster gehen! Die Welt ist
+so schön und wartet nur darauf, Sie zu empfangen, -- lassen Sie mich Ihr
+Führer sein --« Ich fühlte seine feuchten, kühlen Lippen auf meiner
+Hand, sein Knie dicht an dem meinen, -- ein unbezwinglicher Ekel
+schnürte mir die Kehle zusammen. Ich sprang auf, raffte mein Kleid und
+verließ ohne ein Wort, ohne einen Blick den Garten. Waren Genuß und
+Gemeinheit Zwillingsgeschwister, so wollt' ich wahrlich ins Kloster
+gehen!
+
+ * * * * *
+
+Zu Hause erinnerte mich ein Brief an den letzten und wichtigsten Besuch,
+den ich im Interesse des Zentralausschusses machen wollte: bei Bebel. Er
+lud mich zum Mittagessen ein, »dabei läßt sich am besten besprechen, was
+Ihnen am Herzen liegt und mich lebhaft interessiert.«
+
+In der Großgörschenstraße wohnte er, einer jener neuen Straßen, die jede
+Fassadenpracht verschmähte und deren üppiger Blumenschmuck verriet, daß
+die vielen kleinen Balkons die Sommerfrische ihrer Bewohner waren.
+
+Ein lächelndes Dienstmädchen in blendend weißer Schürze öffnete mir auf
+mein Läuten an der blank geputzten Klingel. Ein leichter Geruch nach
+frischer Seife drang mir entgegen, und in dem hellen Zimmer, das ich
+betrat, blinkte die Politur der Möbel, daß sich die Bilder an den Wänden
+darin spiegelten. Die vollkommenste Einfachheit herrschte hier, jede
+Spur künstlerischer Kultur fehlte, aber es fehlte auch jeder Versuch,
+Nichtvorhandenes vortäuschen zu wollen. Die kleine, runde Frau, die mich
+herzlich willkommen hieß, mit der schwarzen Schürze über dem schlichten
+Kleid, den von Güte strahlenden Zügen unter den glatten Scheiteln, war
+wie ein Teil dieses Raumes. Sie nötigte mich in den Lehnstuhl neben dem
+Nähtischchen am Fenster, meine Hand fest in der ihren haltend.
+
+»So eine arme, junge Frau,« sagte sie mitleidig; »ich mußte oft an Sie
+denken und an Ihre Einsamkeit, -- ich wäre längst bei Ihnen gewesen,
+wenn ich nicht gefürchtet hätte, zudringlich zu erscheinen.« Mir wurden
+die Augen feucht, -- meiner Einsamkeit hatten sich auch die Nächsten
+nicht erinnert. Mit jener Kunst verständnisvollen Zuhörens, die selbst
+die beste Erziehung nicht zu geben vermag, wenn die Teilnahme des
+Herzens fehlt, ließ sie sich von meinen kleinen Wohnungs- und
+Wirtschaftskümmernissen erzählen. »Was, im Wirtshaus essen Sie --?!« Sie
+schlug die Hände erstaunt zusammen. -- »Kein Wunder, daß Sie so blaß und
+schmal werden; ordentlich herausfuttern müßte man Sie --«
+
+Bebel trat ein, mit einem raschen, elastischen Schritt, die glänzenden
+Augen gerade auf mich gerichtet, während ein Büschel Haare ihm keck, wie
+bei einem Knaben, in die Stirne fiel. Von einer breiten Hand -- zu
+schwer fast für den schmächtigen Körper -- fühlte ich meine Finger
+umschlossen. »Ich freue mich Ihres Besuchs --,« seine Stimme klang im
+Zimmer viel weicher und voller als auf der Rednertribüne, »-- nicht mehr
+allein, weil Sie Glyzcinskis Witwe sind. Nach dem Schriftstück hier --,«
+er hielt das Programm des Zentralausschusses in der Hand, »-- haben wir
+von Ihnen viel Gutes zu erwarten.«
+
+Er nötigte mich in sein Arbeitszimmer, einen kleinen Raum mit wenigen
+gestrichenen Holzmöbeln, blank gescheuerter Diele und musterhafter
+Ordnung. Wir erörterten alle Einzelheiten meines Plans.
+
+»Sie können mit Ihrer Arbeit da einspringen, wo die Regierung nicht
+eine, sondern hundert Lücken gelassen hat. Unsere Beteiligung freilich
+wird sich wohl nur auf Ratschläge beschränken.«
+
+»Damit ist mir nicht gedient!« rief ich. »Wie können wir in die Arbeits-
+und Lebensverhältnisse der Arbeiter Einblick gewinnen, wenn Sie uns
+nicht die verschlossenen Türen öffnen.«
+
+»Ja, glauben Sie, ich wäre der liebe Gott?!« lachte er. »Ich könnte etwa
+den Gewerkschaften befehlen, Ihren Bestrebungen Vertrauen
+entgegenzubringen, oder gar unseren Frauen!!«
+
+Wir wurden zu Tisch gerufen. Kein Diner hatte mir je so gut gemundet wie
+dieses einfache Mittagsmahl. Die besten Stücke wurden mir auf den Teller
+gehäuft.
+
+»Sehen Sie, wie's schmeckt, wenn man nicht trübselig allein an einer
+schmuddeligen Wirtstafel sitzt!« sagte Frau Bebel, befriedigt über
+meinen Appetit. Sie schwieg sonst meist. Nur wenn der lebhafte Gatte gar
+zu heftig irgendeinen Gegner angriff, warf sie ein paar besänftigende
+oder entschuldigende Worte ein, und als er gegen die Junker wetterte,
+sah sie zuerst ihn, dann mich vielsagend an.
+
+»Ach soo --,« er unterbrach sich ein wenig verlegen, »-- Sie gehören ja
+am Ende auch zu ihnen! -- Aber mein Schimpfen ist wahrscheinlich
+ein sanftes Flötenspiel gegen die Töne, die angesichts der
+Kreuzzeitungsaffäre in Ihren eigenen Kreisen angeschlagen werden. Der
+Fall Hammerstein, diese Dekouvrierung eines der Edelsten und Besten,
+kommt den privilegierten Beschützern von Religion und Sittlichkeit
+gerade jetzt gewaltig in die Quere. Und die Sache ist noch lange nicht
+zu Ende, -- die ganze Kreuzzeitungspartei, die den jungen Kaiser vor ein
+paar Jahren als Zugpferd vor ihren eignen Wagen spannen wollte, wird
+daran glauben müssen.« Er verbreitete sich, immer lebendiger werdend,
+über die politische Lage und die nächsten Zukunftsaussichten. Er sah
+überall Symptome für den Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft,
+und auf der anderen Seite Etappen zum Siege des Sozialismus. »Die
+Weltmachtpolitik, die, einmal begonnen, nicht mehr aufzuhalten sein
+wird, ist der Anfang vom Ende. Sie appelliert zwar an die stärksten, an
+die brutalen Instinkte, aber sie führt schließlich mit Notwendigkeit zur
+Auspowerung der Massen und treibt sie uns damit in die Arme, --
+gewisser, als alle Agitation von unserer Seite es vermöchte. Selbst ein
+möglicher Weltkrieg zwischen den Kolonialmächten wäre nur der Auftakt
+der Revolution.«
+
+Ich dachte an Shaw und seine unbedingte Gegnerschaft zu dieser ans
+Fatalistische streifenden Auffassung von der Entwicklung zum Sozialismus
+und warf in diesem Sinn eine bescheidene Frage in die Unterhaltung:
+»Stehen wir nicht in Gefahr, als bloße Zuschauer die Hände in den Schoß
+zu legen, wenn uns die Naturgesetzlichkeit des Sozialismus so zweifellos
+fest steht?«
+
+»Ein Einwurf, der nach dem Katheder schmeckt! Müssen wir nicht die
+Menschen für diese Entwicklung vorbereiten?«
+
+»Also ist alle Gegenwartspolitik der Partei nie Selbstzweck --?«
+
+»Sondern nur Mittel zum Ziel,« rief er lebhaft, »und ihr Wert ist nur
+von diesem Gesichtspunkt aus zu bemessen!«
+
+»Wie habe ich danach Ihr Interesse für meinen Plan einzuschätzen?« frug
+ich lächelnd. »Als bloße Höflichkeit etwa?!«
+
+»Treiben wir Sozialpolitik aus Höflichkeit?! Doch nur, weil eine
+gesunde, kräftige Arbeiterschaft, die Zeit hat zum Denken und zum
+Wirken, die Armee ist, die wir haben müssen.«
+
+Ich streifte mechanisch die Handschuhe über die Finger. Mein Herz schlug
+in dem raschen Takt der Melodie, die dieser Mann angeschlagen hatte. Der
+Glaube an die Sache --, das war das Unüberwindliche in ihr. An der Tür
+hielt mich Bebel noch einmal auf: »Ich rate Ihnen, wenn Sie irgend etwas
+im Kreise unserer Genossinnen erreichen wollen, -- setzen Sie sich mit
+Wanda Orbin in Verbindung. Am besten, fahren Sie zu ihr. Ist sie gegen
+Ihren Plan, so haben Sie alle miteinander gegen sich!«
+
+Noch am selben Abend schrieb ich an Frau Orbin, um ihr meinen Besuch
+anzukündigen; zugleich bat ich sie, in ihrer Zeitschrift, der
+»Freiheit«, meine Idee zur Diskussion stellen zu dürfen. Sie antwortete
+umgehend, aber was sie schrieb, klang wenig ermutigend: Wenn mein Weg
+mich über Stuttgart führe, so würde ihr mein Besuch willkommen sein; zu
+einer Reise, eigens ihretwegen, könne sie mir jedoch nicht raten, da sie
+zwecklos sein würde; von einer Veröffentlichung meines Plans in ihrer
+Zeitschrift könne auch keine Rede sein: »... die 'Freiheit' ist ein rein
+sozialdemokratisches Blatt, an dem ich grundsätzlich nur solche
+Mitarbeiter zulasse, die auf dem Boden des Klassenkampfes stehen.«
+Trotzdem beschloß ich, zu ihr zu fahren, und wäre es nur, um die
+Bekanntschaft dieser Frau zu machen, deren Leben und deren
+Persönlichkeit ein wahrhaft vorbildliches zu sein schien. Bebel, den ich
+in dieser Zeit öfter sah, erzählte mir viel von ihr: wie sie sich mit
+Peter Orbin, einem russischen Sozialisten, in freier Ehe verbunden habe,
+ihm nach Paris in Elend und Verbannung gefolgt sei und das schwere
+Siechtum, das über ihn hereinbrach, jahrelang vor ihren Freunden zu
+verstecken verstand, indem sie in seinem Namen korrespondierte, in
+seinem Namen Artikel schrieb und mit zwei kleinen Kindern und dem
+kranken, ständiger Pflege bedürftigen Mann nicht nur das tägliche Brot
+für alle schaffte, sondern auch imstande war, für die Partei
+unermüdlich zu agitieren. Mir schwindelte vor dieser Leistungskraft;
+meine Schmerzen, meine Kämpfe schrumpften davor kläglich zusammen.
+
+»Ihre Nerven freilich hat sie dabei ruiniert,« fügte Bebel schließlich
+hinzu.
+
+An einem Abend hatte ich Liebknechts und Bebels zu mir geladen. Längst
+erloschene Gesellschaftsvorfreuden empfand ich wieder in der Erwartung
+dieser Gäste. Zum erstenmal vermißte ich schmerzlich all die vielen
+graziösen Geräte, mit denen ich als Haustochter die Festtafel zu
+schmücken verstand, -- ich hatte nicht einmal genug Messer und Gabeln!
+Schweren Herzens entschloß ich mich, bei den Eltern zu borgen, was am
+notwendigen fehlte.
+
+»Du gibst Gesellschaften?« frug Mama erstaunt. »Kaum ein halbes Jahr
+nach dem Tode deines Mannes?!«
+
+»Nur ein paar Interessenten meines Zentralausschusses --,« antwortete
+ich ausweichend, während die Scham über diese verlogene
+Geheimniskrämerei mich erröten machte. War es Zufall oder Absicht, daß
+mein Vater, kurz ehe ich meine Gäste erwartete, zu mir kam und Anstalten
+machte zu bleiben? In quälender Angst saß ich vor ihm, alle erdenklichen
+Gründe ersinnend, um ihn, ohne ihn zu verletzen, zum Gehen zu nötigen.
+Endlich stand er auf. »Meine eigene Tochter wirft mich hinaus,« sagte er
+mit einem müden, wehen Ton in der Stimme. »Lieber -- lieber Papa! --«
+ich schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn. In diesem Augenblick
+kam ich mir vor wie ein Verräter. Der Abend, auf den ich mich so gefreut
+hatte, war für mich eine Qual.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Morgen fuhr ich nach Stuttgart. Ein unbestimmtes Hoffen, das
+wie durchleuchtet war von froher Ahnung, erfüllte mich: irgend etwas
+ganz Ungewöhnliches würde geschehen. Auf dem Bahnhof empfing mich Frau
+Orbin. Ihre Erscheinung war nicht die imponierende, die ich mir
+vorgestellt hatte. Ich sah zunächst nichts als eine breite untersetzte
+Gestalt und einen großen Hut mit zerzausten Federn, der windschief auf
+ihrem Kopfe saß und ihre Züge beschattete. Fast hätte ich sie nicht
+wiedererkannt, als sie ihn abgenommen hatte und sich im Speisezimmer des
+Hotels zu mir setzte. Rotblonde Haare bauschten sich wellig um Stirn und
+Schläfen, helle Augen, in allen Lichtern des Regenbogens spielend, sahen
+mir gerade ins Gesicht, auf der Stirn, um Nase und Mund gruben sich
+kleine senkrechte Falten, die zu der noch jugendlich-weichen Rundung
+der Wangen in peinlichem Mißverhältnis standen. Ohne alle
+Höflichkeitspräliminarien begann sie sofort meinen Plan rücksichtslos zu
+zerzausen. Sie sprach mit nervöser Überstürzung, die Worte jagten
+einander, als wollte eins das andere verschlucken. »An eine
+Zusammenarbeit von uns und Ihnen ist natürlich gar nicht zu denken.
+Sollte von anderer Seite etwas der Art für möglich erklärt worden
+sein --,« ein mißtrauisch-fragender Blick traf mich, -- »so würde
+ich jede solche Absicht auf das Schärfste bekämpfen. Der politische
+Kampf ist für uns das A und O. Darum ist jede Harmonieduselei mit
+bürgerlichen Elementen vom Übel und kann nur verwirrend wirken, den
+Klassenkampfcharakter unserer Bewegung verwischen. Nicht die Gegensätze
+überbrücken, wie bürgerliche Idealisten und Ethiker wünschen, sondern
+sie auf das Schärfste betonen, ist für uns die Hauptsache. Reinliche
+Scheidung, -- ohne Konzessionen.«
+
+Ich seufzte tief auf. Sie verstand mich falsch und ein feines ironisches
+Lächeln kräuselte flüchtig ihre Lippen. »Das ist freilich nicht immer
+ganz bequem, aber für Menschen wie Parteien die einzig mögliche
+Grundlage ihrer Existenz.«
+
+Sie lud mich für den folgenden Tag zu sich ein. Hätte mich die Frau
+nicht gereizt, der Sache wegen schien der Besuch keinen Zweck mehr zu
+haben.
+
+In einer Wohnung von puritanischer Schlichtheit empfing sie mich, aber
+ein unbestimmtes Etwas, sei es die Wahl der Bilder, der Fall der
+Vorhänge oder nur die ganze Farbenstimmung des Raumes, verriet das
+künstlerische Empfinden der Bewohnerin. Und als ihre beiden frischen
+Buben hereinstürmten, rotwangig und glänzenden Auges, sah ich hinter der
+Rüstung der Kämpferin den Menschen, die Mutter. Wie reich war sie! --
+Wir gingen nachmittags hinaus vor die Stadt, die bewaldeten Hügel hinan,
+die sie so zärtlich umschließen. Die Kinder und die Natur schienen Wanda
+Orbin zu verwandeln. Sie war viel milder heute. Sie sprach über Kunst
+und Literatur mit dem Verständnis eines selbständigen Geistes und der
+Wehmut unglücklich Liebender. »Das alles ist eingeschlafen, hat
+einschlafen müssen gegenüber der großen, umfassenden Aufgabe,« sagte sie
+schließlich, und ihre Augen bekamen wieder den fiebrigen Glanz des
+Fanatismus.
+
+Kaum waren wir in ihrer Wohnung, als ein Mann zu ihr hereinstürzte,
+atemlos eine Depesche hin- und herschwenkend, während ihm hinter den
+Augengläsern die dicken Tränen über die bärtigen Wangen liefen. »Engels
+-- Engels ist tot --,« stieß er mühsam hervor. Mit einer abwehrenden
+Bewegung der Hände -- breiter kurzfingeriger Hände, die aussahen, als
+hätte der Bildhauer Natur sie nur in rohen Umrissen skizziert und
+vergessen, sie auszuführen -- starrte Wanda Orbin dem Unglücksboten
+sekundenlang ins Gesicht. Dann warf sie die Arme empor und brach in ein
+konvulsivisches Schluchzen aus, unter dem ihr Körper immer heftiger zu
+zittern begann. Ihre Füße würden die Schwankende nicht mehr tragen,
+dachte ich, und schob ihr vorsichtig einen Sessel zu, in dem sie haltlos
+versank. Inzwischen hatte sich das Zimmer gefüllt: die Eintretenden
+tauschten miteinander warme Händedrücke. Alles sammelte sich um die
+weinende Frau, leise Flüstergespräche, als läge der Tote mitten unter
+ihnen, flogen nach langer beängstigender Stille hin und her. Eine
+Familie war dies, die Stärkeres zusammengeschweißt hatte als das Blut:
+aus gemeinsamen Empfindungen, Gedanken und Idealen entsprang die Tiefe
+gemeinsamer Trauer um den, der ihr Führer gewesen war. Auf Zehenspitzen
+schlich ich hinaus und fühlte doch mit überwältigender Gewißheit, daß
+ich dazu gehörte.
+
+Spät am Abend kam Wanda Orbin noch einmal zu mir, -- sehr weich, sehr
+liebevoll. »Sie hätten bleiben dürfen, Sie sind uns doch keine Fremde,«
+sagte sie. Da gewann ich Vertrauen und erzählte ihr von den Zweifeln und
+Kämpfen der letzten Wochen. Ich sah, wie sie lächelte, -- nachsichtig
+wie eine Mutter über Kinderleiden, aber es verletzte mich nicht. »Im
+Zwiespalt der Empfindungen kann niemand dem anderen helfen,« meinte sie
+dann. »Ich weiß nur eins gewiß: ist Ihre Überzeugung erst vollkommen
+klar und unerschütterlich, so verschwindet vor ihr das bloße Gefühl, wie
+Sommerschwüle vor dem Gewitter. Zu dieser Überzeugung zu gelangen, das
+ist freilich das schwerste. Die Logik der Tatsachen, die
+Lebensverhältnisse pauken dem Proletariat eine Auffassungsweise ein, die
+sich der bürgerliche Idealist mit großer Mühe aneignen muß, wenn es ihm
+überhaupt trotz aller Ehrlichkeit gelingt, den alten Adam der
+bürgerlichen Ideen abzulegen. Es ist so furchtbar schwer, aus seiner
+Haut zu fahren, sich von dem zu befreien, was Vererbung und Milieu aus
+uns gemacht haben.« Ihre Augen schauten wie nach innen.
+
+Wir sprachen noch lange miteinander. Sie riet mir jetzt zur Ausführung
+meines Planes; ich würde durch ihn vielleicht am besten zur Klarheit
+kommen, und an Rat und -- inoffizieller -- Hilfe von ihr sollte es nicht
+fehlen. »Setzen Sie sich in Berlin mit den Gewerkschaften in Verbindung,
+und zwar speziell mit den Konfektionsarbeitern, die infolge der
+Bewegung, in der sie augenblicklich stehen, Ihre Sache als eine
+Unterstützung betrachten dürften. Und dann, vor allen Dingen, suchen Sie
+unseren Genossen Dr. Heinrich Brandt für sich zu interessieren. Gewinnen
+Sie ihn, so ist Ihnen geholfen: er setzt alles durch, was er will.«
+
+Dr. Brandt! -- Ich schloß unwillkürlich die Lider, verloren in
+Erinnerung. »Alle Ströme fließen in unser Meer,« hörte ich eine dunkle
+klingende Stimme sagen, und flüchtig -- ein Traumbild -- tauchte ein
+Mann vor mir auf, blond und schlank, und tiefe graue Augen versanken
+sekundenlang in den meinen.
+
+ * * * * *
+
+Nach meiner Rückkehr schrieb ich sofort an Johannes Reinhard, den Führer
+der Konfektionsarbeiter-Bewegung, und an Heinrich Brandt. Reinhard
+kündigte mir umgehend seinen Besuch an; kurz darnach bestimmte Brandt
+dafür dieselbe Stunde. Im ersten Gefühl starker Freude, über deren
+Ursache ich mir nicht so recht klar war, wollte ich Reinhard
+abschreiben, um den anderen bald und zuerst zu sehen. Über mich selbst
+errötend, zerriß ich die Karte wieder, die ich zu schreiben begonnen
+hatte, und bat statt dessen Brandt, seinen Besuch zu verschieben.
+»Schade,« antwortete er mir, »ich wäre gern gleich gekommen. Vorgestern
+las ich in der wiener 'Zeit' einen Artikel von Ihnen, der mich so
+entzückte, daß der Wunsch, die Verfasserin kennen zu lernen, in mir rege
+wurde. Diesem Wunsch begegnete noch am selben Morgen Ihr Brief.«
+
+Und nun stand Reinhard vor mir, unter der linken Schulter die Krücke,
+das Gesicht noch gelber, als da ich ihn zum letztenmal in der
+Egidyversammlung gesehen hatte, die schwarzen, dünnen Haarsträhnen wie
+festgeklebt um den breiten Schädel und die tief eingefallenen Schläfen.
+
+»Hielte ich Ihren Plan nicht für gut, für notwendig sogar in diesem
+Augenblick, wo der Reichskanzler den Stillstand der Sozialreform nicht
+nur zugab, sondern verteidigte, ich würde nicht so rasch hier sein,«
+begann er die Unterhaltung, indem er sich mühsam, das linke Bein gerade
+ausgestreckt, auf dem Stuhl niederließ. »Wir stehen in der Konfektion
+seit Beginn des Jahres in einer Bewegung, die mir Tag und Nacht keine
+Ruhe läßt -- --«
+
+»Ich weiß: um die Durchsetzung von Betriebswerkstätten handelt es sich,«
+unterbrach ich ihn. »Der Zentralausschuß könnte nichts Besseres
+beginnen, als Sie darin unterstützen.«
+
+Er sah erfreut auf. »Ich sehe, Sie sind orientiert, und so brauche ich
+nur hinzuzufügen, daß Ihr Zentralausschuß auch nirgends reicheres
+Material zur Frage der Frauenarbeit finden könnte als bei uns. Ihren
+londoner Eindrücken, von denen ich in den Zeitungen gelesen habe, würden
+die berliner nicht nachstehen.«
+
+Ich zweifelte an der Möglichkeit ähnlichen Elends bei uns. Nicht einmal
+in der Nacht, wenn ich aus Versammlungen gekommen war, hatte ich so
+bittere Not gesehen, wie sie mir in London bei hellem Tage begegnet war.
+
+»Unsere Ärmsten schämen sich, -- das ist vielleicht der letzte Rest
+Menschlichkeit in ihnen,« meinte er; »seit Wochen mache ich fast nichts
+anderes als Besuche bei den Heimarbeitern. Eben erst war ich bei einem
+alten gelähmten Weibe, das hier im Westen, fünf Treppen hoch, ein
+einfenstriges Zimmer und eine fensterlose, winzige Küche mit ihrer
+Tochter und deren vier kleinen Kindern bewohnt. Von früh fünf bis nachts
+um elf trampelt die Tochter die Nähmaschine, um bestenfalls neun Mark in
+der Woche zu verdienen. Vor wenigen Tagen war ich in einem engen
+Kellerloch, wo eine Witwe mit zwei Kindern wohnt; auf den schimmeligen
+Möbeln, auf dem einzigen wackeligen Bett, liegen elegante Damenblusen,
+für die sie ganze fünf Mark wöchentlich einnimmt.« Reinhard erhob sich,
+rote Flecken brannten auf seinen Backenknochen, und während er
+weitersprach, humpelte er im Zimmer aufgeregt hin und her. »In einem
+anderen Keller, wo die Dielen faulen und die Fenster tief unter der Erde
+liegen, arbeiten zwei Schwestern, -- junge, bleichsüchtige Dinger, --
+für die, die oben in Luft und Sonne lachend vorübergehen. Ist die Ehre,
+die ihr bewahrt habt, das elende Leben wert, -- hätte ich ihnen am
+liebsten zugerufen. Dicht unter dem Dach, in zwei kleinen Löchern, sah
+ich ein Ehepaar mit fünf Kindern und einem Schlafmädchen; den Mann
+zerfrißt auf dem Lager voll Lumpen der Kehlkopfkrebs, die Frau näht
+Knopflöcher für ganze vier Mark in der Woche,« -- klipp -- klapp --
+klipp -- klapp, -- rascher und rascher schlug Reinhards Krücke den Takt
+zu der grausen Melodie --; »eine arme Mutter fand ich in einem
+sonnenlosen Winkel im Norden, sie nähte Hemden, halbfertig lagen sie auf
+dem Bett, wo zwei diphtheritiskranke Kinder mit dem Tode rangen. Und,
+denken Sie nur«, -- er blieb stehen und lachte grell auf, »-- einen
+schneeweißen Mantel, bestimmt für nackte Schultern schöner Frauen, sah
+ich einmal in den Händen einer Syphilitischen --«
+
+»Um Gottes willen -- hören Sie auf!« Auch ich erhob mich. »Warum
+schreien Sie diese Tatsachen nicht auf öffentlichem Markte aus? Warum
+kleben Sie Ihre Berichte nicht an alle Straßenecken? -- Kein
+Reichskanzler würde mehr wagen, den Stillstand der Sozialreform zu
+verteidigen.«
+
+»Wir sind dabei, es zu tun,« antwortete er, und seine Sprechweise nahm
+wieder den Ton der alten sachlichen Ruhe an. »Eine Broschüre, an der ich
+arbeite, wird allen maßgebenden Persönlichkeiten zugeschickt und unserem
+diesjährigen Parteitag vorgelegt werden; wir haben außerdem,
+wie Sie wissen, die Unternehmer vor die Alternative gestellt,
+Betriebswerkstätten einzurichten, oder einer allgemeinen
+Arbeitseinstellung gewärtig zu sein. Kommt es dazu, so wird die
+Öffentlichkeit sich mit uns beschäftigen müssen. Übrigens: --,« er
+dachte einen Augenblick nach, »wie wär's, wenn Sie die Tätigkeit Ihres
+Zentralausschusses auf eigene Faust beginnen und mich bei meinen
+Recherchen zuweilen begleiten würden?«
+
+Dankbar nahm ich sein Anerbieten an. In der nächsten Zeit brachte ich
+fast täglich ein paar Stunden mit ihm zu. Wir kamen in Stadtteile, die
+ich noch nie gesehen hatte, lange, nüchterne Straßenzeilen, die Häuser
+regelmäßig aufgereiht, gleichmäßig grau getüncht; die Öde des Anblickes
+nur noch erhöht durch die äußere Ordnung und Reinlichkeit. Wir schritten
+durch enge Höfe in dunkle Hinterhäuser, die das Licht der Straße nicht
+mehr fürchteten und ohne Scham die Blößen ihrer Not enthüllten. Nach
+Osten, nach Süden führte uns der Weg, wo mitten im kahlen, der Stadt
+schon preisgegebenen Boden hohe Mietskasernen an zerwühlten, werdenden
+Straßen standen. Hier, zwischen den feuchten Wänden, hauste das Elend
+und starrte uns an mit den glanzlosen Blicken erloschenen Lebens, die
+grausamer in die Seele schneiden als die wildesten Schreie der
+Verzweiflung.
+
+Oft, wenn wir aus dem Dunkel sparsam verteilter Laternen kamen und das
+Licht der Friedrichstadt uns blendend empfing, haftete mein Auge
+staunend an den glänzenden Spiegelscheiben der Läden und der
+Restaurants. Prahlend breiteten sich hinter den einen all die
+Herrlichkeiten aus, die den Gaumen laben, den Körper schmücken, das
+Leben bereichern; lachend, scherzend, mit vollen Taschen und glänzenden
+Augen saßen hinter den anderen die reizenden Frauen, deren einziger
+Daseinszweck ihre Schönheit zu sein schien, und die Männer, die ihnen
+huldigen. Wie war es nur möglich, daß die von draußen, aus den grauen
+Häuserzeilen und den werdenden Straßen, nicht dicht gedrängt, auf leisen
+Sohlen, wie Nachtgespenster, hierher sich schoben, um all die Pracht zu
+zertrümmern, das Lachen erstarren zu machen?!
+
+Und in meinem Herzen nistete der Haß sich ein für alle die, die nicht
+mehr hassen konnten.
+
+ * * * * *
+
+Am frühen Morgen des 18. August war es. Eine arme Frau hatte ich
+besucht, die ich auf einem unserer Wege gefunden hatte. Sie war
+sterbenskrank, -- ach, und wie gern wollte sie sterben, wenn nur die
+Kinder nicht gewesen wären, die sie fester als alle Arzeneien der Welt
+ans Leben ketteten. Die durchsichtigen Finger durften sich nicht zum
+Schlafen friedlich ineinanderfalten, sie hielten krampfhaft die weiße
+Leinwand fest, um zierliche Namenszüge, stolze Freiherrn- und
+Grafenkronen hineinzusticken. Ein wenig Hoffnung hatte ich ihr gebracht,
+-- Hoffnung, daß sie bald ruhig werde sterben dürfen. Nun ging ich nach
+Hause, den Kopf gesenkt; die Sonne tat mir weh. An der Königsstraße
+geriet ich in einen Menschenschwarm, der mich mit sich riß: geputzte
+Frauen mit jenem aus Neugierde, Aufregung und Nervenspannung gemischten
+Ausdruck in den Zügen, der gewöhnliche Menschen bei allen großen
+Ereignissen, -- seien es Feuersbrünste oder Hochzeitsfeiern, --
+charakterisiert, Männer im Sonntagsstaat, irgend eine Medaille oder ein
+Kreuz auf der Brust, das in diesen Tagen der Freibrief für alles war:
+Betrunkenheit -- man nannte sie Begeisterung --, Roheit gegen
+Nichtdekorierte, -- man nannte sie Vaterlandsliebe. Ich sah um mich:
+Fahnen flatterten von den Häusern, Straßenverkäufer boten mit krähender
+Stimme Kaisermedaillen aus, von ferne klang Trommelwirbel,
+Pferdegetrappel. Richtig: die Grundsteinlegung des Nationaldenkmals war
+heute.
+
+Mit liebevoller Wehmut, wie die Greisin vergilbte Liebesbriefe, hatte
+der Vater gestern die Generalsuniform aus ihren Seidenpapierhüllen
+herausgeholt, hatte die Stickerei, die Knöpfe und die vielen Orden
+selbst mit einem Lederläppchen abgestaubt und war gewiß heute früh, voll
+Erregung, zum Schloß gefahren.
+
+Jetzt waren wir selbst bis dicht hinter die Schutzmannsketten
+vorgedrungen. Ein Vorwärts gab's nicht mehr, ein Zurück noch weniger. Es
+galt, auszuhalten. Die Galawagen der deutschen Fürsten rollten vorüber
+in ihrer altertümlich schwerfälligen Pracht, dröhnenden Schrittes rückte
+die Garde auf den Schloßplatz, hinter ihr mit wehenden Fahnen Ulanen,
+Dragoner und im blitzenden Küraß die Gardedukorps.
+
+Von hinten hauchte mir ein heißer Atem in den Nacken, der nach
+klebrigem Biere roch; aus dem Halsausschnitt der dicken, kleinen Frau
+neben mir stieg ein süßlicher Schweißgeruch. Mich ekelte vor der
+Erregung der Menge; eindruckslos rauschte sogar die mich sonst
+elektrisierende Musik an meinem Ohre vorüber; wie ein schlechtes
+Ausstattungsstück empfand ich das bunte Schauspiel vor mir.
+Unwillkürlich fiel mir das Modell des Nationaldenkmals ein: wie gut
+paßte es hierher mit seinen unruhigen Tier- und Menschengestalten,
+seinen Fahnen, Kanonen, Gewehren und Säbeln und dem theatralisch
+daherschreitenden Engel, der des alten Kaisers vierschrötiges
+Schlachtroß führt. Von seinem künftigen Standort, dem Winkel vor dem
+Schloß, den man noch dazu dem Wasser hatte abringen müssen, tönten
+Hammerschläge, Kanonendonner fiel ein, die Luft erschütternd, von tiefen
+Glockenklängen untermischt.
+
+Glocken und Kanonen, -- die führenden Instrumente im Orchester der
+bürgerlichen Gesellschaft, mit denen sie das Weinen und Klagen der
+Millionen zu übertönen glaubt! Ich aber hörte es, und ich wußte: der Tag
+wird kommen, wo die Glocken vor ihm schweigen und die Kanonen vor ihm
+verstummen werden.
+
+ * * * * *
+
+Vor dem Spiegel stand ich in meinem Schlafzimmer. Wie lange war es her,
+daß ich nichts als flüchtige Blicke hineingeworfen hatte, die nur der
+Ordnung meiner Haare, meiner Kleidung galten. Heute sah ich mich wieder:
+schärfer waren meine Züge geworden und schmaler mein Gesicht, meine
+Gestalt aber war noch immer die eines jungen Mädchens. Ich lächelte:
+'Frau' von Glyzcinski -- und ein Mädchen, ein altes Mädchen sogar von
+dreißig Jahren! Aber ich wollte nicht alt sein, -- heute nicht. Ich
+fühlte wieder, wie ich rot wurde. Daß das Weib in mir sich nicht töten
+ließ! Wo doch so vieles schon gestorben war!
+
+Es klingelte. Kurz und scharf. Die Aufwärterin hatte ich früh schon nach
+Hause geschickt, sie war so alt und so häßlich. Dem Besuch, den ich
+erwartete, wollte ich selber öffnen.
+
+»Gnädige Frau?!« -- Eine überraschte, fragende Stimme. Ich unterschied
+im Dämmerlicht der Treppe und des Flurs die Silhouette eines Mannes, mit
+dem weiten Mantel über den Schultern, dem breiten Schlapphut auf dem
+Kopf. Ich selbst in meinem schwarzen Kleid mußte ihm nur wie ein
+Schatten erscheinen. Ich ging ihm voran ins Zimmer, das flutendes
+Sonnenlicht durchstrahlte, wie einst, da ich zum erstenmal über die
+Schwelle trat. Ich wendete mich um, -- meine Hand blieb vergessen in der
+Heinrich Brandts. »Wir sind uns -- keine Fremden --,« stotterte ich
+verlegen. »Nein, -- nein --,« antwortete er und sah mich noch immer an.
+Die Uhr auf dem Schreibtisch holte zum Schlagen aus. Ich zuckte
+zusammen, setzte mich hastig, und steif und förmlich lud ich auch ihn
+zum Sitzen ein.
+
+»Nein,« wiederholte er, und seine Augen ließen mich noch immer nicht
+los, während sein Gesicht heller zu werden schien, »-- Sie sind mir
+keine Fremde. Kennen Sie das?« Er zog das graue Heft der Wiener »Zeit«
+aus seiner Rocktasche. »Im Grunde ein ganz dummer, kleiner Artikel, den
+Sie da geschrieben haben, und doch so wundervoll! Ein ganzer Mensch
+steckt dahinter!«
+
+Mir wurde warm ums Herz. Seine Worte streichelten mir die Wangen, seine
+Stimme erfüllte die Luft um mich mit einem einzigen Wohllaut.
+
+»Und Ihr Plan interessiert mich sehr. Ich habe auch gar nicht
+abgewartet, bis Sie endlich die Gnade hatten, mich herzubefehlen«, -- er
+lächelte ein wenig malitiös, »Sie haben, wie ich höre, Freund Reinhard
+den Vortritt gelassen, -- ich habe indessen, ohne zu fragen, den Schritt
+getan, von dessen Erfolg Ihre ganze Sache abhängt.« Ich sah fast
+erschrocken auf. »Oder sollten Sie wirklich nicht daran gedacht haben,
+daß Geld, viel Geld dazu gehört?« Ich nickte lächelnd. »Ich schrieb an
+einen unserer ernsthaftesten und reichsten Sozialreformer und schickte
+ihm Ihr Programm. Ich zweifle nicht, daß er die Sache in angemessener
+Weise finanzieren wird.«
+
+Ich versuchte, ihm zu danken; es kam vor tiefer innerer Erregung
+ungeschickt und hölzern heraus.
+
+»Lassen Sie doch diese Formalitäten!« sagte er. »Wenn jemand Dank
+verdient, so sind Sie es, die den Gedanken hatten. Ich bin bestenfalls
+nichts als sein untergeordnetes Werkzeug.«
+
+Wir sprachen noch lange miteinander. Ich erzählte von allem, was mir
+seit den letzten Wochen das Herz bewegte, und Leidenschaft und Haß und
+Liebe brachen durch die Dämme, die Einsamkeit und Zurückhaltung um sie
+aufgeschichtet hatten.
+
+»Sie sind wie eine Flamme, die lodernd gen Himmel strebt,« flüsterte er
+wie zu sich selbst.
+
+Als er gegangen war, blieb ich regungslos, die Hände fest
+ineinandergekrampft, mitten im Zimmer stehen. War das ein Traum gewesen,
+oder hatte er wirklich hier vor mir gestanden?! In diesem selben Zimmer,
+wo ich Georg, meinen einzigen Freund, gefunden und verloren hatte?!
+
+Am nächsten Tag gegen Abend kam er wieder.
+
+»Ich bin zudringlich, nicht wahr?« lachte er mir entgegen. »Aber Sie
+kommen mir vor, wie ein verflogenes Vögelchen, das sich an Scheiben und
+Wänden den Kopf stößt und einer Hand bedarf, die es fängt und ins Freie
+läßt.«
+
+»Sie mögen recht haben. Ich bilde mir wohl nur ein, daß ich in Freiheit
+flöge, und die anderen Leute waren bisher kurzsichtig genug, mich darin
+zu bestärken, wohl gar zu bewundern --«
+
+Es dämmerte. »Entschuldigen Sie einen Augenblick,« sagte ich und ging
+hinaus, um die Lampe zu holen. Als ich wiederkam, fand ich ihn über das
+Manuskript eines Artikels gebeugt, den ich eben vollendet hatte.
+Ärgerlich wollte ich ihn vom Schreibtisch weg an mich reißen. »Verzeihen
+Sie --«, fest drückte er die Hand darauf, -- »das gehört zu meinem
+Vogelfang. Wie kommen Sie dazu, dergleichen zu schreiben?!« Ich erschrak
+vor dem finsteren Gesicht, das er mir plötzlich zuwandte. »'Londoner
+Gefälligkeit'! Haben Sie nichts Besseres zu tun?!« Sein Blick blieb an
+der Lampe haften, die ich zitternd auf den Tisch stellte. Seine Stirn
+glättete sich, forschend sahen die großen grauen Augen mir ins Gesicht.
+
+
+»Sie müssen sich selbst bedienen? -- Sie öffnen mir immer selbst?! --«
+
+Ich senkte einen Augenblick lang den Kopf.
+
+»Wie Sie sehen: ja!« Meine Stimme, die zuerst ein wenig verschleiert
+klang, wurde klar und fest. »Ich kann mir ein Dienstmädchen nicht
+halten, und ich muß solche Artikel schreiben, weil ich von meiner
+Pension nicht leben kann.«
+
+»Verzeihen Sie, -- aber wie konnte ich ahnen --« Er sah mir tief in die
+Augen.
+
+Wir waren von da an täglich zusammen, sei es, daß er mich zu einem
+Spaziergang abholte, sei es, daß wir uns in der Stadt trafen. Mit tiefer
+Beglückung empfand ich die zarte Sorgfalt, mit der er mich umgab. Wenn
+ich jetzt zu den Eltern kam und der Vater in heller Aufregung über die
+Sozialdemokraten schimpfte, -- »lauter Hochverräter, die man hängen
+sollte«, -- so hörte ich nur mit halbem Ohre hin, es verletzte mich
+nicht; um mich lag es wie ein warmer, kugelfester Mantel, den die
+Freundschaft um mich geschlungen hatte.
+
+Die Freundschaft! -- Ich glaubte an sie, -- ich wollte an sie glauben,
+auch wenn die heißen Wellen meines Herzens mich zu überfluten drohten.
+»Sie müssen bald einmal mit mir hinauskommen zu meiner Frau und meinen
+Buben. Sie ist anders wie Sie, -- ganz anders, aber klug und gut, -- Sie
+werden einander verstehen,« hatte er mir einmal gesagt. Es kam aber noch
+immer nicht dazu, und ich drängte nicht danach.
+
+Eines Nachmittags saßen wir zusammen auf dem schmalen Balkon des Kaffee
+Klose. In weichem, silbernen Sonnenlicht fluteten unter uns auf der
+Leipziger Straße die Menschen auf und nieder. Ein früher Herbstnebel,
+zart und duftig wie Feenschleier, spielte um die endlosen Häuserreihen,
+und es schien, als dämpfte er selbst das Rasseln der Wagen.
+
+»Sehen Sie nur, was ich heute bekam,« damit hielt ich ihm einen Brief
+entgegen. »Die Wiener Fabier fordern mich zu einem Vortrag auf« -- Er
+nickte erfreut, ich sah ihn von der Seite an. »Ich habe keine
+Beziehungen in Wien,« fuhr ich nachdenklich fort, »-- sollten Sie auch
+hier meine Vorsehung gewesen sein?!«
+
+»Und wenn dem so wäre?!«
+
+Ich reichte ihm still die Hand. Ganz sanft, als ob sie sehr zerbrechlich
+wäre, nahm er sie in die seine, -- eine zarte Hand mit dichtem Geäder
+und nervösen Fingern.
+
+»Glauben Sie,« fragte er langsam, nach einem Schweigen, das die Nähe
+zweier Menschen zueinander verrät, »glauben Sie, daß ein Tag kommen
+könnte, an dem unsere Freundschaft uns zwingt, einander 'du' zu sagen?«
+
+Ein Zittern durchlief meinen Körper. Ich antwortete nicht. Stumm standen
+wir auf, stumm fuhren wir zu mir nach Hause. Drinnen im Zimmer sahen wir
+uns an, das Herz schlug mir zum Zerspringen, die Finger erstarrten mir
+zu Eis.
+
+»Alix --,« wie ein Hauch kam mein Name über seine Lippen.
+
+»Du --,« mehr vermochte ich nicht zu sagen. Es dunkelte mir vor den
+Augen. Einen Herzschlag lang fühlte ich seinen Mund auf dem meinen, --
+dann schlug die Türe, -- ich war allein.
+
+Und die Wände schienen um mich zu kreisen, und der Glanz der Abendsonne
+wurde zu glühenden Flammen. Wie Gesang lag es in der Luft von lauter
+Harfen, -- meines Herzens Jubel hatte sie zum Klingen gebracht. In allen
+Weisen der Welt, im Ton süßer Wiegenlieder und stolzer Siegeshymnen sang
+und jauchzte es: ich liebe.
+
+ * * * * *
+
+Wir verkehrten wie früher miteinander. Nur die Augen wagten es hier und
+da, eine andere Sprache zu sprechen als der Mund. Ich war mitten im
+Packen; schon starrten die lieben Räume mich fremd und öde an, als sein
+Weib kam, mich zu besuchen. Entgeistert sah ich sie an, als sie vor mir
+stand: sie war hochschwanger.
+
+Rasch warf ich die Kleider vom Sofa und nötigte sie hinein, ihr
+vorsichtig die Kissen in den Rücken legend. Seine Frau! Sein Kind!! --
+Der Gedanke bohrte sich mir ins Gehirn, daß es mir den Kopf zu sprengen
+drohte. Nie, -- nie hatte er mir von Liebe gesprochen, dachte ich,
+während ich gleichgültig freundliche Phrasen mit ihr wechselte, nur
+immer von Freundschaft. Und dieser Frau vor mir mit den großen, breiten
+Händen und den stechenden dunklen Augen hatte ich nichts genommen --
+nichts, was ich nicht nehmen durfte. Denn daß ich ihn liebte, was
+schadete das ihr?! Und war nicht mein eigenes, großes, wundervolles
+Gefühl und seine Freundschaft Glückes genug für mich, die ich gelernt
+hatte, auf alles Glück zu verzichten?
+
+»Wir ziehen im Winter auch in die Stadt,« sagte sie ruhig, »sonst
+bekomme ich meinen Mann nicht mehr zu sehen --.« War das eine
+Anspielung? Ihr Gesicht blieb unbewegt. Ȇbrigens sah ich eben im Hause,
+wo Sie mieteten, eine Wohnung, die gut für uns passen würde. Das wäre
+für alle Teile das beste --, und ich hätte doch auch etwas von Ihnen.
+Könnte auch von Ihnen lernen, was mir leider noch an Verständnis für die
+Interessen meines Mannes fehlt.« Ich begriff sie nicht; war das echt,
+was sie sagte, oder lauerte Bosheit dahinter und Mißtrauen? Feuchtkalt
+lag ihre Hand beim Abschied in der meinen. Die Schleppe ihres seidenen
+Kleides raschelte hinter ihr her wie eine Schlange. Ich mußte mich ans
+Fenster in die Sonne stellen, um wieder warm zu werden, nachdem sie mich
+verlassen hatte.
+
+ * * * * *
+
+»Gute Botschaft bringe ich!« Am frühen Morgen, ich saß noch beim
+Frühstück, trat Heinrich Brandt in mein Zimmer, freudestrahlend. »Die
+Sache ist entschieden.« Ich griff hastig nach dem Brief, den er brachte
+und las. »Nach reiflicher Überlegung habe ich mich dahin entschieden,
+das mir vorgelegte Projekt eines Zentralausschusses für Frauenarbeit
+insoweit zu unterstützen, als ich zunächst eine Summe von achttausend
+Mark jährlich dafür aussetze, die, wenn der Umfang der Arbeiten es
+später notwendig macht, entsprechend gesteigert werden kann. Ich hoffe,
+Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor, der Sie ja ausdrücklich erklärten, nur
+die Rolle eines unbeteiligten Vermittlers zu spielen, nicht zu nahe zu
+treten, wenn ich Sie bitte, Frau von Glyzcinski mitzuteilen, daß die
+Voraussetzung meiner Unterstützung, von der ich unter keinen Umständen
+abweiche, die ist, daß die Leitung der Sache nicht in den Händen von
+Sozialdemokraten ruht. Diese meine Forderung entspringt keinerlei
+persönlicher Animosität, sondern nur der Erkenntnis, der sich
+gegenwärtig kaum jemand verschließen kann, daß die Sozialdemokratie zu
+ruhiger Reformarbeit unfähig ist und die maßgebenden Kreise einer von
+ihr ausgehenden Bewegung mit Recht ablehnend gegenüberstehen würden.«
+
+Ich hatte zuerst laut und freudig, dann immer langsamer und leiser
+gelesen. »Das nennen Sie eine gute Botschaft?« frug ich kopfschüttelnd.
+»Gerade heute sah ich in der Presse, wie alles von rechts und links nach
+einer neuen Auflage der Umsturzvorlage schreit. Und gestern erzählte
+mein Vater, daß man im Kasino schon die Maßregeln erörtert, durch die
+die Sozialdemokraten mundtot gemacht werden sollen --«
+
+Brandt unterbrach mich: »Nun -- und? Wird Ihre Aufgabe dadurch etwa
+überflüssig?«
+
+»Gewiß nicht. Aber für mein Gewissen kann es eine größere Aufgabe geben:
+mich in dem Augenblick der Verfolgung an die Seite derer zu stellen, die
+verfolgt werden. Die eigene Überzeugung in die Tasche zu stecken, läßt
+sich nur so lange entschuldigen, als es keine Feigheit ist.«
+
+»Sie haben recht -- wie immer, wenn Ihre erste Empfindung spricht,« er
+drückte mir die Hand, fest und kameradschaftlich, »und doch möchte ich
+Sie bitten: überlegen Sie ruhig, ehe Sie antworten. Die Ausnahmegesetze
+sind bisher nichts als Wünsche und Drohungen, und das klägliche Ende der
+Umsturzvorlage dürfte kaum zu einer Wiederholung reizen.« -- --
+
+»... Hängt am Tage von St. Sedan Trauerfahnen aus, erhebt feierlichen
+Protest gegen den Massenmord und ehrt diejenigen, die zum Kriege hetzen,
+wie es ihnen gebührt: steckt sie als Verbrecher ins Zuchthaus.« Mein
+Vater hatte mir einen Zeitungsausschnitt geschickt, der diesen Satz aus
+der sozialdemokratischen Breslauer 'Volkswacht' zitierte. Roh und
+häßlich, unwürdig vor allem war er. Die geistigen Waffen, die wir
+führen, sollten blanker und damit auch schärfer sein, dachte ich.
+
+Wenige Tage später veröffentlichten die bürgerlichen Zeitungen in
+Riesenlettern den Trinkspruch, den der Kaiser am Sedantag ausgebracht
+hatte:
+
+»... In die große hohe Festesfreude schlägt ein Ton hinein, der wahrlich
+nicht dazu gehört; eine Rotte von Menschen, nicht wert, den Namen
+Deutsche zu tragen, wagt es, das deutsche Volk zu schmähen; wagt es, die
+uns geheiligte Person des allverehrten verewigten Kaisers in den Staub
+zu ziehen. Möge das gesamte Volk in sich die Kraft finden, diese
+unerhörten Angriffe zurückzuweisen. Geschieht es nicht, nun, dann rufe
+ich Sie, um der hochverräterischen Schar zu wehren, um einen Kampf zu
+führen, der uns von solchen Elementen befreit.«
+
+Wortlos reichte ich Brandt das Blatt, als er kam. »Was haben Sie
+beschlossen?«
+
+»Die Rotte von Menschen sind meine Brüder und Schwestern. -- Ich lehne
+ab.«
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+Ich stand in Wien auf der Rednertribüne des Ronachersaals und verneigte
+mich noch einmal vor dem applaudierenden Publikum. Ich wußte: ich hatte
+nicht gesprochen wie sonst. Schon als der Vorsitzende mich an den
+dichtgedrängten Reihen vorbeigeführt hatte, an den eleganten, graziösen
+Frauen, deren Toiletten nicht wie die der Berlinerin dazu da zu sein
+schienen, die Trägerin unter der Last des Glanzes vergessen zu machen,
+sondern ihre Individualität betonten, ihre Reize unterstrichen, an den
+jungen und alten Herren im Frack und Smoking mit den geschmeidigen
+Gestalten und dem süffisanten Lächeln des Weltmanns, war mir der
+Kontrast zwischen dem kühlen Ernst meines Vortrags und dieser Umgebung
+zum Bewußtsein gekommen. Dann war ein Wogen von bunten Hüten, ein
+Knistern von seidenen Kleidern, ein Funkeln von Brillanten unter mir
+gewesen. Operngläser aus Silber und Perlmutter hatten sich auf mich
+gerichtet, und um das mattschimmernde Rokokoornament an den Decken und
+Wänden des reizenden Konzertsaales hatte ein feiner, zarter Nebel
+geschwebt, gewoben aus Zigarettenrauch und Parfüm.
+
+Ich stieg die Stufen hinab. Man klatschte noch immer. Ich mußte wohl so
+etwas wie eine neue Sensation gewesen sein, wie sie in Gestalt von
+Sängern, Taschenspielern und Diseusen auf dieser Tribüne gewöhnlich zu
+erscheinen pflegte.
+
+»Ich gratuliere Ihnen --,« sagte eine dunkle Stimme neben mir. Nur ein
+Mann in der Welt hatte solche Stimme! Es war Brandt. Und als meine Hand
+in der seinen lag, war mir, als stünde ich allein mit ihm hoch auf einer
+Felseninsel und in der Ferne nur brandete das Meer der Welt.
+
+»Sie in Wien, -- meinem geliebten Wien, und ich nicht neben Ihnen, -- es
+kam mir absurd vor,« hörte ich ihn leise sagen. Aber schon sah ich den
+Kreis, der sich um uns gebildet hatte: Menschen, die warteten, mich
+begrüßen zu können, mir vorgestellt zu werden, der Vorstand der Fabier,
+der mich zum Essen geladen hatte. Ich gewann meine Fassung wieder, und
+während mein Herz hoch aufschlug vor Freude, hatte ich das Bedürfnis,
+gegen alle, die sich mir näherten, doppelt und dreifach freundlich zu
+sein.
+
+In einem halbdunkeln verräucherten Kaffee spät am Abend trafen wir uns
+wieder. Brandt erwartete mich mit Dr. Geier, seinem Schwager, dem Führer
+der österreichischen Sozialdemokratie, und einem Kreis von
+Parteigenossen, die mitten in einer Debatte jäh verstummten, als ich
+eintrat. Sie hatten sich offenbar gezankt, was ich mit der ganzen
+Empfindlichkeit der Frohgelaunten sofort empfand. Man stand auf, man
+begrüßte mich, aber meine Anwesenheit wirkte sichtlich störend. Eine
+kleine brünette Frau mit glänzenden braunen Augen fühlte das Peinliche
+der Situation und zog mich auf einen Stuhl neben sich.
+
+»Ich bin Adelheid Popp,« sagte sie einfach, »ich habe mich so an Ihrem
+Vortrag gefreut und wünschte nur, unsere Arbeiterinnen hätten ihn hören
+können.« »Das hätte ich auch gewünscht, -- er wäre dann besser gewesen,«
+antwortete ich. Ihre Augen lachten mich an. »Wissen Sie was?!« rief sie
+lebhaft. »Wiederholen Sie ihn in einer Volksversammlung!« Mit freudiger
+Zustimmung schlug ich in die dargebotene kleine, warme Hand. »Aber
+garantieren kann ich nicht, daß es derselbe Vortrag wird!« Wir
+vertieften uns in ein Gespräch, und ich erfuhr, daß diese zierliche Frau
+eine arme Arbeiterin gewesen war, von dem Augenblick an aber, wo sie der
+Sozialismus gewonnen hatte, zu einer begeisterten Vorkämpferin der
+Arbeiterbewegung sich entwickelt habe. Ganz anders war sie wie unsere
+deutschen Frauen: heiter und gutmütig, ohne eine Spur jener steifen
+Zurückhaltung, die daheim all meinem Entgegenkommen zu spotten schien.
+»Sie sollen mal schauen, was in Wien eine Volksversammlung heißt!«
+
+Das Gespräch der anderen hatte indessen da wieder angeknüpft, wo ich den
+Faden zerrissen hatte. Ich hörte zu.
+
+»Ist es nicht unerhört für einen praktischen Politiker, sich auf Seite
+der breslauer Hundertachtundfünfzig zu stellen und einen blutleeren
+Theoretiker wie Kautsky zu verteidigen?!« rief Brandt, während die
+dunkeln Brauen sich ihm eng zusammenzogen und die Augen dem Gegner
+zornig entgegenblitzten.
+
+»Bist du vielleicht in deiner gegenteiligen Stellung zur Agrarfrage
+weniger Theoretiker als er?!« spöttelte Geier. »Die Güter, auf denen du
+dir die Sporen des Praktikus verdient hast, liegen doch auf dem Monde!«
+Mit einer entschuldigenden Gebärde wandte er sich mir zu. »Verzeihen
+Sie, wenn wir uns auch in Ihrer Gegenwart noch mit so uninteressanten
+Dingen beschäftigen --«
+
+»Sie brauchen sich vor mir nicht zu entschuldigen,« antwortete ich,
+»mich haben die Verhandlungen des breslauer Parteitags lebhaft
+interessiert, und da ich leider bis heute noch nicht weiß, auf welcher
+Seite ich stehe, so höre ich Debatten wie den Ihren besonders gerne zu.«
+
+Und nun wogte der Streit wieder hin und her. Brandt verteidigte die von
+der Mehrheit des breslauer Parteitages abgelehnten Vorschläge der
+Agrarkommission, als »notwendige Forderungen der Gegenwartspolitik«, als
+ein erfreuliches Zeichen für die wachsende Erkenntnis, daß eine Partei
+von der Größe der deutschen Sozialdemokratie die Interessen weiterer
+Volkskreise vertreten müsse, als nur die der Industriearbeiter.
+»Übrigens, was zanken wir uns, lieber Viktor?« meinte er schließlich und
+warf mit einer hochmütigen Geste den Kopf zurück. »Du wärst der Erste,
+die Vorschläge nicht nur zu akzeptieren, sondern selbst zu machen und
+gegen alle Welt zu verteidigen, oder -- wie Schönlank treffend sagte --
+eine Revision der Vorstellungsweise in der Partei herbeizuführen, wenn
+du in die Lage versetzt würdest, Landagitation treiben zu müssen.«
+
+Geier hieb wütend auf den Tisch, daß die Tassen klirrten und der
+Kellner, der verschlafen an einer Säule lehnte, erschrocken die Augen
+aufriß und dienstfertig die Serviette schwenkte. »Da liegt doch gerade
+der Hase im Pfeffer: ich bin eben nicht in der Lage und Ihr, trotz
+Eurer anderthalb Millionen Stimmen auch nicht! Konzentriert doch Eure
+Werbekraft auf die Millionen Lohnarbeiter, die Euch noch fehlen, und
+laßt Eure Enkel sich über die höhere Bauernfängerei den Kopf zerbrechen!
+Was du praktisch nennst, ist eben unpraktisch im höchsten Grade. Das
+Aufrollen dieser schwierigen und gänzlich unaufgeklärten Fragen, -- ob
+die Konzentration des Kapitals in der Landwirtschaft sich nach denselben
+Gesetzen vollzieht wie in Industrie und Handel oder nicht, ob wir daher
+mit der Proletarisierung der Bauern oder mit der Vermehrung der
+ländlichen Kleinbetriebe zu rechnen haben werden, -- all das noch dazu
+auf einem seiner ganzen Zusammensetzung nach inkompetenten Parteitag,
+ist nur geeignet, die Parteigenossen zu verwirren. Über theoretischem
+Gezänk, das Ihr Reichsdeutsche so liebt, wird ein gut Teil praktischer
+Arbeit zum Teufel gehen --«
+
+»Und glaubst du etwa, die Annahme der lendenlahmen Resolution Kautsky,
+die die Agrarfrage doch nicht aus der Welt schafft, sondern ihre Lösung
+nur auf die lange Bank schiebt, wird dies Gezänk verhindern? Im
+Gegenteil! Die Bebel und Schönlank und David werden sich nicht mundtot
+machen lassen,« entgegnete Brandt.
+
+Geier schüttelte ärgerlich den großen Kopf mit den wirren blonden
+Haaren. »Bebel wird sich dem Beschluß des Parteitages fügen; -- die
+anderen freilich, geborene Krakehler, getrieben durch den eigentlichen
+geheimen Generalstabschef des ganzen Feldzuges, Vollmar, werden die
+Parteidisziplin ihrer Rechthaberei opfern.«
+
+Die Diskussion der leidenschaftlichen Männer fing an, mich zu
+beunruhigen, -- nicht ihrem Inhalt, wohl aber ihrer Form nach. Ich hatte
+Brandt noch nie so erregt gesehen, und etwas wie Furcht befiel mich.
+Kurz entschlossen erhob ich mich.
+
+»Verzeihen Sie, wenn mein Weggehen Sie stört wie mein Kommen, aber ich
+bin sehr müde.« Alles brach auf, sichtlich erleichtert. Kalter Regen,
+mit kleinen spitzen Schneeflocken gemischt, schlug uns ins Gesicht, als
+wir heraustraten. Menschenleer war's in den engen Gassen. Ist das
+wirklich Wien, die Kaiserstadt? dachte ich fröstelnd. Geier und Brandt
+begleiteten mich; wir verabredeten allerhand für den nächsten Tag. Ich
+erzählte von den verschiedenen Einladungen, die ich bekommen hatte.
+
+»Zu den Protzen werden Sie doch nicht gehen, die nur Staat mit Ihnen
+machen wollen?!« Brandts Stimme klang grollend, wie ferner Donner, und
+sein Blick ruhte beinahe drohend auf mir. Und doch erschrak ich nicht;
+es lag im Ton etwas, das mir das Blut in Wallung brachte, etwas, das
+klang, wie ein Besitzergreifen. »Bist du Frau von Glyzinskis Vormund?«
+brummte Geier.
+
+»Verzeihen Sie mir meine Heftigkeit --,« flüsterte Brandt, und im
+raschen Wechsel seines Mienenspiels hatte seine Stirn sich wieder
+geglättet, war sein Auge wieder klar geworden. Ich senkte stumm den
+Kopf.
+
+Zögernd, als fesselten sie magnetische Kräfte, glitten unsere Hände
+auseinander. Er betrat mit mir das Hotel. »Du -- wohnst auch hier?!«
+sagte Geier überrascht.
+
+Ich schlief nicht in dieser Nacht. Es lag schwer und dumpf auf mir, und
+ich wollte -- wollte nicht denken.
+
+Wir fuhren am nächsten Morgen zusammen nach Schönbrunn.
+
+Alle Einladungen hatte ich abgelehnt.
+
+Graue Spätherbststimmung beherrschte die Natur. Die letzten Blätter
+rieselten von den Bäumen, ohne daß ein Windhauch sich regte.
+
+Im freien Walde sind selbst die dunkeln Tage schön: des Laubes beraubt,
+reckt sich nackt und kraftvoll das starke schwarze Geäst gen Himmel, ein
+wundervoller Teppich vom hellsten Gelb bis zum tiefsten Rot in halb
+verblichenen weichen Farben spielend, breitet sich unter ihm aus. Aber
+die Gärten, die des Menschen Kunst gestaltet, starren uns an wie der
+Tod. Sie leben nur, wenn im Rasenteppich die bunten Beete blühen, wenn
+das Laub der geschnittenen Hecken und der Kugelbäume die armen krummen,
+um ihr natürliches Wachstum betrogenen Ästchen dicht umkleidet, wenn von
+den Terrassen herunter, aus den Tritonenbecken empor das Wasser rauscht
+und springt, und die Sonne sich lachend in den Scheiben der
+Schloßfenster spiegelt. Dann spielen, wie große Schmetterlinge, Kinder
+in hellen Kleidern auf den breiten gelben Kieswegen, sodaß der Garten
+voll Freude sogar der schönen Damen in Reifrock und Puderperücke
+vergißt, die einst mit dem graziösen Geschwätz ihrer roten Lippen und
+dem lustigen Klappern ihrer Stöckelschuhe seine Gänge belebten.
+
+Heute waren wir allein, zwei graue Gestalten, zwischen blätterlosen
+Laubengängen und schlafenden Fontänen.
+
+»Sie sind so blaß,« sagte Brandt, »der Heimweg gestern im Schnee hat
+Ihnen geschadet --.« Ich schüttelte den Kopf. »Meine Roheit hat Sie
+verletzt?« Ich sah zu ihm auf, aber das Lächeln, das ich ihm zeigen
+wollte, erstarb mir auf den Lippen. So müde, so traurig war sein Blick.
+In dem meinen blieb er hangen. Es war wie ein Abschiednehmen.
+
+»Ich habe es mir überlegt, stunden-, nächtelang,« kam es tonlos über
+seine Lippen, »ich muß fort von Berlin -- mit meiner Fr ... --,« er
+stockte, »mit Rosalie --,« verbesserte er sich hastig, »bis -- bis die
+Entbindung vorüber ist. Es ist besser, -- besser für uns alle.«
+
+»Ja,« sagte ich, die Kehle schnürte sich mir zusammen.
+
+Dann gingen wir. Wo waren wir doch nur noch an diesem Tage? Ich entsinne
+mich nicht. Meine Augen nahmen Bilder auf, von denen meine Seele nichts
+wußte.
+
+Später trafen wir wieder irgendwo in einem Kaffee mit Geier zusammen. Es
+kamen noch allerlei Menschen, die ich an meinem Vortragsabend gesehen
+hatte, sie gingen mit kühlem Gruß und vieldeutigem Lächeln an uns
+vorüber.
+
+»Du siehst,« hörte ich Geier leise sagen, während er mich in die Zeitung
+vertieft glaubte, »zum mindesten hättest du nicht im selben Hotel mit
+ihr wohnen dürfen.« Brandt fuhr auf. Flehend sah ich zu ihm hinüber. Er
+schwieg. Die Kellner brachten die Abendblätter. »Na, da haben wir's ja,«
+rief Geier, nachdem er sie rasch überflogen hatte, und stürzte mit einem
+kurzen Gruß davon in seine Redaktion.
+
+Ich las. »Aus Berlin wird uns soeben mitgeteilt: Nachdem seit einiger
+Zeit die politische Polizei eine fieberhafte Tätigkeit entwickelte und
+Haussuchungen umfassender Art bei fast allen bekannten Mitgliedern der
+sozialdemokratischen Partei stattfanden, bringt der Reichs- und
+Staatsanzeiger heute folgende Bekanntmachung: 'Es wird hiermit zur
+öffentlichen Kenntnis gebracht, daß nachstehende Vereine: die sechs
+sozialdemokratischen Wahlvereine, die Preßkommission, die
+Agitationskommission, die Lokalkommission, der Verein öffentlicher
+Vertrauensmänner, der Parteivorstand der sozialdemokratischen Partei
+Deutschlands auf Grund des §8 des Versammlungs- und Vereinsrechts
+vorläufig geschlossen sind.'«
+
+ * * * * *
+
+Kurz vor der Volksversammlung, in der ich sprechen sollte, besuchte ich
+Geier in seiner Redaktion, engen, halbdunklen Räumen im Souterrain eines
+alten Hauses. Von fast undurchdringlichem Tabaksqualm war sein Zimmer
+gefüllt, das den merkwürdigen Mann, der grundhäßlich war und hinreißend
+schön sein konnte, der stotterte und doch der glänzendste Redner war,
+phantastisch umwogte. »Ich habe nur eine kurze Frage an Sie,« sagte ich,
+-- nichts war ihm widerwärtiger, wie überflüssiges Weibergeschwätz, --
+»ich möchte in die Partei eintreten, -- was halten Sie davon?«
+
+Er sah mich prüfend an, von oben bis unten, strich sich mit der feinen
+Hand den wirren rotblonden Schnurrbart und zuckte die Achseln. »Bleiben
+Sie draußen,« antwortete er schroff, »eine Krokodilshaut gehört dazu, --
+ich zweifle, daß Sie die haben --«
+
+»Und wenn ich Sie hätte?!«
+
+»Dann, -- ja dann tragen Sie wie wir Ihre Knochen auf den Markt der
+Partei --.« Er reichte mir mit kurzem Kopfnicken die Hand, -- ich war
+entlassen.
+
+ * * * * *
+
+Und wieder stand ich auf der Rednertribüne, vor mir ein großer Saal,
+nüchtern wie eine Scheune, von flackernden Gasflammen erhellt. Von
+rechts und links strömten die Menschen herein: junge und alte Frauen in
+Kopftüchern und Schürzen, die verfrorenen roten Hände andächtig
+gefaltet, Männer in Arbeitsblusen, tiefen Ernst auf den durchfurchten
+Gesichtern. Sie richteten alle die Augen auf mich, staunend, fragend,
+erwartungsvoll. Kopf an Kopf drängten sie sich um die schmale, niedrige
+Stufe, die mich über sie emporhob. Sie kauerten zu meinen Füßen, eng
+aneinandergeschmiegt: ein kleines Fabrikmädchen mit zerzaustem
+Blondhaar, ein junger Mann mit den klassischen Römerzügen des
+Südtirolers, ein altes Mütterchen, die welke Hand horchend hinter das
+Ohr gelegt. Und mir war, als wölbe sich der niedrige Saal zum Dom; als
+träten die Abgesandten der Menschheit durch seine hohen weitgeöffneten
+Pforten. Tiefe, demütige Andacht erfüllte mich. Die Welt, die draußen
+war, versank. Denen, die mich umringten, gehörte von dieser Minute an
+meine Kraft und meine Hoffnung. Daß ich mich ihnen gab: meinen Arm den
+Schwachen, meine Beredsamkeit den Stummen, meinen an Gipfelwanderungen
+gewohnten Fuß den Lahmen, und den Blinden mein Auge, das die Befreiung
+sah, -- das war dieser Stunde stilles Gelöbnis.
+
+»Genossen und Genossinnen --« Hell und scharf, wie ein Schlachtruf,
+klang meine eigene Stimme mir ins Ohr. Der Jubel der Menge umbrauste
+mich, während ich weiter sprach. Das blasse Gesicht des kleinen
+Fabrikmädchens vor mir fing an zu glühen, dem alten Mütterchen rollten
+die Tränen über die welke Wange und die klassischen Römerzüge des
+Tirolers strafften sich in eiserner Energie.
+
+Als ich geendet hatte, war es sekundenlang still, -- dann eine
+Beifallssalve, zahllose Händedrücke von schwieligen Fäusten, und lauter
+und lauter anschwellend der Kriegsgesang der Arbeitermarseillaise. In
+ihrem Takt schob sich die Menge hinaus, auf der Straße klang sie fort,
+zog mit den Wandernden rechts und links in die nachtstillen Gassen, und
+auf dem ganzen Heimweg verfolgte mich ihre Melodie: aufreizend,
+siegesbewußt.
+
+ * * * * *
+
+Einen Tag später als Brandt kam ich nach Berlin zurück. Er empfing mich
+am Bahnhof, bleicher, übernächtiger als je. Wir fuhren zusammen nach der
+Kleiststraße, wo wir nun schon zwei Monate wohnten, er mit seiner
+Familie im Vorderhaus, ich im Gartenhaus, in den zwei kleinen Stübchen.
+Wir konnten einander an der Mauer mit der Schweizer Landschaft vorbei in
+die Fenster sehen. Oft, wenn er bei mir gewesen war, tauchte hinter den
+weißen Vorhängen drüben ein Schatten auf, der mit gespenstischer
+Schnelle sein Gesicht zu verdunkeln schien. Dann erhob er sich, sah mich
+kaum an und verließ das Zimmer.
+
+»Rosalie will nicht reisen, mit mir nicht,« erzählte er während der
+Fahrt. »Sie behauptet, meine Nähe steigere nur ihr Übelbefinden, deshalb
+habe sie sich entschlossen, allein zu gehen und zwar -- nach England.«
+
+»Nach England?« fragte ich erstaunt. »In dieser Jahreszeit?! Hat sie
+Freunde dort?«
+
+»Niemanden! -- Die fixe Idee einer Schwangeren, sagt der Arzt.«
+
+Ich schwieg, auf das tiefste betroffen. Mir, dem Weibe, schien
+sonnenklar, was ihre Beweggründe waren. Das Recht der Abwesenden wollte
+sie zur Geltung bringen, und ein instinktives Gefühl trieb sie nach
+England --, woher ich gekommen war, wo ich, wie sie meinte, mir an
+Kenntnissen und Interessen erworben hatte, was ihren Mann an mich
+fesselte.
+
+Der Wagen hielt. »Ich komme gegen Abend hinüber,« sagte ich und
+verabschiedete mich hastig vor der Haustür. Ich mußte allein sein. Meine
+Zimmer fand ich mit Blumen geschmückt, wie zu einem Fest. »Der Herr
+Doktor --,« sagte die Aufwärterin mit süßlichem Lächeln und einem
+vertraulichen Blick.
+
+»Schon gut --,« unterbrach ich sie hastig und warf die Türe hinter mir
+ins Schloß.
+
+Was nun?! Sie durfte nicht fort. Wirklich nicht?! Ein kalter Schauer
+lief mir über den Rücken. War es Furcht? Oder nicht vielmehr Freude --
+Freude, die wie ein orkangepeitschtes Meer alle Dämme überflutete, alles
+Denken begrub?! Allein -- allein mit ihm -- tage-, wochen-, monatelang!
+Ein ganzes Leben der Entsagung war kein zu teurer Preis dafür! Wenn sie
+wiederkam, würde ich gehen, -- aus seinem Gesichtskreis still
+verschwinden, -- und zu ihr würde er zurückkehren, -- zu ihr -- und dem
+Kinde ...
+
+Es klopfte. »Frau Dr. Brandt läßt gnädige Frau zum Abendbrot bitten --«
+»Ich komme --«
+
+Wir saßen um den gedeckten Tisch: Brandt schweigsam, mit gerunzelten
+Brauen, die beiden kleinen Knaben -- seine Söhne aus seiner ersten Ehe
+-- verschüchtert und ängstlich von einem zum anderen blickend, ich, eine
+Unterhaltung mühsam aufrecht erhaltend; sie allein schien lustig, fast
+übermütig, ihre Augen flimmerten, ihre großen weißen Hände, die mir
+immer vorkamen, als hätten sie ein eigenes Leben, als wären sie junge
+Raubtiere, -- bewegten sich ruhelos, streichend, klopfend, sich dehnend,
+um sich gleich wieder zur Faust zu ballen, auf dem Tisch. Das Mädchen
+kam und brachte einen Eiskübel mit einer Flasche Champagner. Brandt sah
+mißbilligend auf seine Frau. »Wie kannst du, Rosalie, -- in deinem
+Zustand!«
+
+Sie lachte.
+
+»Nur heute, -- wo wir ein Fest miteinander feiern und ihr dasitzt wie
+Ölgötzen und nicht lustig seid, -- lustig wie ich! -- Trinkt, Kinder,
+trinkt, so ein Abend kommt nicht so leicht wieder!« Sie stürzte das
+erste Glas in einem Zug hinunter. Und dann sprach sie unaufhörlich,
+fieberhaft. Von der Reise, die sie machen werde, von den Herrlichkeiten,
+die sie dafür schon eingekauft habe -- »drei seidene Kleider und Hüte
+dazu, und einen Rohrplattenkoffer für zweihundert Mark, -- mach' keine
+entsetzten Augen, Heinrich; ich weiß ja, du bezahlst es gern, -- so
+gern!« --, von ihren Träumen. »Ich sehe immer denselben Mann, der mir
+winkt, zu dem ich hin muß,« -- ihre Stimme sank und ihre Augen weiteten
+sich, daß das Weiße unheimlich groß um die dunklen Pupillen stand --
+»und der mir helfen wird.«
+
+»Trinken Sie nicht mehr --,« bat ich erschüttert und legte meine Hand
+auf die ihre, die eiskalt war. Sie schüttelte sie ab wie eine lästige
+Fliege.
+
+»Sie glauben, ich spräche im Rausch?!« sagte sie. »Sie irren. Ich bin
+nüchtern, ganz nüchtern, -- ich weiß nur mehr als Sie, viel mehr, und --
+und ich glaube an Träume!«
+
+»Bist du denn nicht eifersüchtig auf deinen Rivalen, zu dem ich reise?«
+Damit wandte sie sich mit einem lauernden Blick aus halb geschlossenen
+Augen an ihren Mann.
+
+»Rosalie!« stöhnte er gequält. Rasch stand ich auf. Ich konnte die
+Blicke der Kinder nicht mehr ertragen.
+
+»Es ist schon zu spät für euch,« redete ich sie an und griff nach ihren
+Händen, »kommt, -- ich bring' euch zu Bett.« Sie lachten dankbar.
+
+»Ach, Tante, bring uns doch immer zu Bett!« flüsterte der Älteste, als
+er in den Kissen lag, und seine melancholischen Zigeuneraugen sahen mich
+flehend an. »Und morgen, bitte, bitte, erzähl uns eine Geschichte,«
+fügte der Jüngste hinzu und richtete sich im Bett noch einmal auf.
+
+Indessen war es im Wohnzimmer zu einer heftigen Szene gekommen. Rosalie
+lag schluchzend auf dem Diwan. »Er will mich nicht reisen lassen, er
+will mich umbringen, -- mich und das Kind,« schrie sie. »So mäßige dich
+doch, um Gottes willen!« beschwor sie Brandt mit einem Blick auf die
+Glastür, hinter der sich der Schatten des Mädchens hin und her bewegte.
+Sie achtete nicht auf ihn, ihre Stimme wurde nur noch lauter und
+heftiger. »Ich halte es nicht mehr aus, -- ich mag deine Bevormundung
+nicht, und deine schlechte Laune. Ich laufe davon --« Und ihr Schluchzen
+wurde zum Weinkrampf.
+
+Der Arzt wurde geholt. »Sie müssen ihrem Willen nachgeben, wenn Sie
+nicht das schlimmste riskieren wollen,« entschied er schließlich.
+»Natürlich darf sie nicht ohne Pflegerin reisen, -- ich kann Ihnen eine
+empfehlen, auch eine gute deutsche Pension in London.«
+
+Schon am nächsten Morgen kam Rosalie zu mir, um Abschied zu nehmen. Sie
+war völlig verwandelt, weich, freundlich, ruhig. Es war fast ein
+strahlendes Lächeln, mit dem sie mir im Weggehen sagte: »Nun weiß ich
+gewiß: Alles -- Alles wird gut werden.«
+
+Wie unter dem Zwang einer stillschweigenden Verabredung sahen Brandt und
+ich uns in der nächsten Zeit selten und nie allein. Ich aß drüben bei
+ihm mit den Kindern, nahm sie mit bei meinen Ausgängen und sorgte für
+sie, soviel mir an Zeit dafür übrig blieb. Mit wehmütiger Freude sah
+ich, wie sie täglich mehr an mir hingen und mit all ihren kleinen
+Wünschen und Kümmernissen zu mir kamen. Weihnachten stand vor der Tür.
+»Einen richtigen Weihnachtsbaum machst du uns, Tante, nicht wahr?«
+bettelte Wölfchen, der Jüngste. »Im vorigen Jahr war er man soo klein.«
+»Ich möchte am liebsten zur Mutter fahren, -- wie ganz früher,« meinte
+Hans, der Älteste, und seine Augen schimmerten feucht. »Zur Mutter --?!«
+staunte ich.
+
+»Nun ja, du weißt doch, unsere richtige Mutter wohnt weit, weit weg in
+Wien,« plauderte Wolf; »sie ist immer krank. Aber im Sommer, da dürfen
+wir sie besuchen, wenn sie in Schruns ist oder in Klobenstein --« »Die
+Rosalie ist gar nicht mit uns verwandt, aber auch gar nicht,« unterbrach
+ihn Hans eifrig, und mit einem fragenden Blick auf mich fuhr er zögernd
+fort: »Unsere Marie sagt, sie kommt nicht wieder und -- und du bleibst
+bei uns?!«
+
+Ich blieb ihm die Antwort schuldig. Jäher Schreck lähmte mir die Zunge.
+Ich hatte Brandt nach seiner ersten Frau nie gefragt, hatte geglaubt,
+sie sei früh gestorben. Welche Schicksale lasteten auf dem Mann, den ich
+liebte -- täglich verzehrender, sehnsüchtiger --, und rissen die jungen
+Seelen dieser Kinder in ihren Wirbeltanz?!
+
+Zärtlich zog ich die Knaben in meine Arme: »Seid brav, recht brav, daß
+der Vater sich an euch freut, dann sollt ihr einen Weihnachtsbaum haben
+wie noch nie!«
+
+Mit glühendem Eifer, der mich alles andere vergeben ließ, bereitete ich
+das schönste Fest des Jahres vor. Freude wollte ich um mich verbreiten,
+lauter überschwengliche Freude. Mit dem Geld, das ich mir von Brandt für
+seine Kinder erbat, und das er mir verwundert gab -- er hatte an
+Weihnachten gar nicht gedacht --, und den Goldstücken, die mir ein paar
+Artikel eben eingetragen hatten, kaufte ich einen ganzen Jahrmarkt voll
+Spielzeug; und Pfefferkuchen und Marzipan und Schokolade, dazu Schürzen,
+Bänder, und ein himmelblaues Kleid für das Dienstmädchen, das mich mit
+ihren kleinen blanken Augen immer so lustig anlachte. Am Morgen des
+Weihnachtstages schloß ich mich im Eßzimmer ein und putzte die große
+duftende Edeltanne mit lauter blitzendem Kram, mit roten Rosen und
+bunten Lichtern. Leuchten sollte sie wie das lebendig gewordene Glück.
+Vielleicht wird sie ihm ein einziges frohes Lächeln entlocken! dachte
+ich.
+
+Nachmittags mußte ich zuerst zu den Eltern. Es wurde früh beschert, weil
+alle Familienmitglieder bei Onkel Walters geladen waren. Im Salon stand
+wie immer der Baum: farblos, schneeweiß, sehr kühl, sehr vornehm. Und
+davor unsere Tische, beladen mit Geschenken. Der Vater hatte sich einmal
+wieder nicht genug tun können. Er war in letzter Zeit für mich von einer
+Güte, die mir wehe tat, weil ich wußte, daß sie nur einer Täuschung ihr
+Dasein verdankte. Meine wiener Volksversammlungsrede hatte die deutsche
+Presse ignoriert, auch sonst mußte es ihm scheinen, als zöge ich mich
+mehr und mehr zurück. Was ich für die Tagespresse schrieb, -- ich fing
+damals an, auch am »Vorwärts« gelegentlich mitzuarbeiten --, erschien
+ohne meine Unterschrift; die wesentlich literarisch-kritischen Artikel
+in den Wochenblättern hatten meist seinen Beifall. »Ich wollte dir
+handgreiflich zeigen, wie zufrieden ich mit dir bin«, -- damit
+entschuldigte er gleichsam die Fülle der Gaben. Daß ich das weiße Kleid
+und den Spitzenschal und die seidenen Strümpfe und zierlichen Schuhe mit
+solcher Freude empfing, weil ich allein dessen gedachte, für den sie
+mich schmücken sollten, -- er ahnte es nicht! Nur die Mutter hatte schon
+hie und da mißtrauisch nach Brandts Gattin gefragt, wenn sie ihn allein
+bei mir traf, und zuweilen war uns die Schwester begegnet und hatte uns
+mit vielsagendem Lächeln begrüßt.
+
+Der Vater wollte mich durchaus nicht heimgehen lassen, wollte bei Onkel
+Walters absagen: »Wenn sie meine Tochter nicht haben wollen, so mögen
+sie auch auf mich verzichten.« Es kostete Mühe, ihn umzustimmen.
+
+»Ich bin ja nicht allein«, sagte ich schließlich -- sehnsüchtig dachte
+ich an die erwartungsvollen Knabengesichter, an den stillen Abend mit
+ihm --, »ich muß noch zur Bescherung im Kinderheim«, dabei wandte ich
+den Kopf dunkel erglühend zur Seite.
+
+Endlich konnt' ich gehen. Und mein bunter, lustiger Weihnachtsbaum
+funkelte und sprühte, ein Fanal der Freude, ein Sonnwendfeuer, ein Gruß
+an das steigende Licht. Der Jubel der Kinder klang durch die Räume. »Du
+-- du Zauberin,« flüsterte eine tiefe Stimme mir ins Ohr.
+
+Still und feierlich, in ihr weiches glitzerndes Schneekleid gehüllt,
+erwachte die Erde am nächsten Morgen. Der Arbeitslärm des Alltags war
+verstummt, und Räderrollen und Menschenschritte klangen gedämpft auf dem
+Winterteppich. Es war Feiertag.
+
+Und im Festgewand stand ich und wartete dessen, der kommen mußte.
+
+Mein Herzblut, das ich bereit war, restlos für ihn zu vergießen, hatte
+es mit roten Rubinen bestickt, Schnüre, an denen die Tränen meiner
+Sehnsucht schimmernd gereiht waren, schmückten mir den Nacken, mit
+Smaragden der Hoffnung waren die seidenen Schuhe besetzt an meinen
+Füßen, die ihm entgegengingen, und auf meinen Armen, die ihn umfassen
+wollten, funkelten, alle Farben und allen Glanz der Welt in sich
+vereinend, die Diamanten meiner Leidenschaft. Und er kam, er sah mich,
+-- und die armen kleinen Liebesworte schämten sich ihrer millionenfachen
+Entweihung und verstummten.
+
+Nicht wie die Tage, die wie Kugeln am Zählbrett gleichgültig rechnend
+weiter geschoben werden, waren die jenes sonnendurchleuchteten Winters.
+Die Nacht gebar einen jeden als Wesen göttlicher Art, ewigen Lebens
+voll. Hoch über die Erde trugen sie uns auf starken Flügeln, und mochte
+drunten riesenhaft die schwarze Gestalt der Schuld die Arme drohend
+gegen uns recken, -- wir sahen sie nicht. -- Bis einer kam, der häßlich
+war und neidisch, und mit Faustschlägen an der Türe uns weckte aus
+unserem erdenfernen Liebestraum.
+
+Wir kehrten vom Wannsee zurück, wo wir unter blauem Himmel auf
+spiegelglattem Eis gemeinsam unsere Kreise gezogen hatten. Mit
+ängstlichem Gesicht hielt die gute Marie uns einen Brief entgegen.
+»Rohrpost -- und Rosaliens Schrift --« Heinrichs Gesicht entfärbte sich.
+»Ich bin in Berlin und ersuche dich, mich vom Hotel aus abzuholen. Unser
+Kind soll im Vaterhause geboren werden,« schrieb sie. Noch am Abend traf
+sie ein. Ich sah ihren dunklen Schatten hinter den Vorhängen. Ich wußte,
+was er mir bedeutete: kein Verzichten nach kurzem gestohlenem Glück, wie
+ich es einst geglaubt hatte, sondern Kampf um den Einsatz des ganzen
+Lebens. Mit dem Recht der Liebe gehörte Heinrich mir. Alles andere
+»Recht« ist nur verschleiertes Unrecht.
+
+Sie verlangte meinen Besuch. Ich fand sie im Bett liegend, vollkommen
+ruhig, während die Pflegerin damit beschäftigt war, das Zimmer
+umzuräumen. »In vierzehn Tagen etwa erwarte ich,« sagte sie nach
+gemessener Begrüßung, »Heinrich ist natürlich sehr unglücklich, daß ich
+ihn jetzt schon ausquartiere,« mit spöttischem Lächeln sah sie zwischen
+uns hin und her. Ich verabschiedete mich so rasch als möglich und nahm
+mir vor, diese Komödie freundschaftlicher Besuche nicht weiter zu
+spielen.
+
+Daß es jetzt für mich an der Zeit gewesen wäre, zu gehen, fern von
+Berlin in aller Stille die Entwicklung der Dinge abzuwarten, -- das
+fühlte ich instinktiv. Aber die Leidenschaft, die mich beherrschte,
+machte mich taub für die leisen Stimmen meines Inneren. Ich konnte ja
+gar nicht fort, beruhigte ich mein Gewissen, ich hatte kaum die Mittel,
+um zu leben, wie viel weniger, um zu reisen, -- ich war gerade jetzt
+unentbehrlich in Berlin, wo der Konfektionsarbeiterstreik täglich
+ausbrechen konnte.
+
+Es kamen auch viele einsame Stunden, wo meine Phantasie böse Träume
+spann: Ich sah ein winziges Kinderhändchen von unheimlicher Kraft, das
+mir den Geliebten entreißen wollte. Nein: ich konnte nicht fort!
+
+Er besuchte mich seit Rosaliens Rückkehr nur selten. Sie hatte ihr Bett
+und ihren Stuhl am Fenster so gestellt, daß sie zu mir herübersehen
+konnte. Auch einen kleinen Spiegel hatte sie anbringen lassen, durch den
+ihr niemand entging, der den Hof betrat. Oft, wenn ich das Haus verließ,
+um ihn zu treffen, war mir, als verfolge mich dies glänzende runde Ding
+mit dem bohrenden Auge darin durch alle Straßen. Zuweilen bemerkte ich
+auch, wie die Pflegerin, eine Johanniterschwester mit einem
+ausgemergelten fanatischen Asketengesicht mir von ferne nachschlich. Im
+Traum sah ich sie dann auf meinem Bette sitzen und mit hungrigen Augen
+die Schrift glutheißer Liebe lesen, die mir im Herzen geschrieben stand.
+
+Wir wählten immer andere Orte für unsere Zusammenkunft: kleine
+Weinstuben, stille Konditoreien, wo es nach saurem Wein und altem Kuchen
+roch und die Kellner die Wissenden spielten. Es war so widerwärtig, daß
+wir es schließlich vorzogen, in Wind und Wetter draußen im Wald zu sein,
+wo reine Luft unsere Stirnen kühlte. Einmal führte uns der Weg durch den
+Wald nach Paulsborn. Dicht lag der Nebel über dem See, ein feiner Regen
+stäubte vom Himmel. Er hatte mit seinem Arm seinen Mantel auch um mich
+geschlungen.
+
+»Vergiß mich, Alix, wenn du kannst,« sagte er, »laß den armen Kerl
+laufen, der allen Unglück bringt, die ihm zu nahe kommen.«
+
+Ängstlich forschte ich in seinen verschlossenen Zügen. »Willst du, daß
+ich gehe?« frug ich mit Betonung.
+
+Er zog mich fester an sich. »Ich müßte es wollen, um deinetwillen! Und
+doch, wenn ich mir vorstelle, du tätest es -- lieber brächt' ich dich
+um!« Zärtlich drückte ich meine Wange an seine Schulter. »Wenn das der
+Tod ist, den ich allein zu fürchten habe, so werd' ich ewig leben.«
+
+»Weißt du denn auch, was dir bevorsteht --?« »Ja,« lächelte ich, »dein
+Weib werde ich sein, dein glückseliges Weib!«
+
+»Glaubst du so sicher, daß sie in die Scheidung willigt, daß sie nicht
+vielmehr alles tun wird, um dich, um uns zu verderben?«
+
+Ich dachte schaudernd ihrer lauernden Blicke und ihrer Raubtierhände.
+Aber ich verscheuchte das Angstgefühl, das mich zu unterjochen drohte.
+
+»Nur die Trennung von dir wäre mein Verderben, und die erzwingt sie
+nicht. Dir werd' ich gehören, auch wenn ich's vor der Welt nicht darf!«
+
+»Sie werden alle mit Steinen nach dir werfen --«
+
+»Hast du mich lieb, bin ich unverwundbar --«
+
+Stärker strömte der Regen, dicht über den schwarzen Kiefern schienen die
+Wolken zu lagern. Am warmen Ofen im Wirtshaus trockneten unsere Mäntel.
+An Heimkehr war zunächst nicht zu denken. O, daß eine Sintflut uns
+umschlösse wie eine Insel und kein Schiff den Weg zurückfände in die
+Welt!
+
+»Kaum ein Jahr ist es her, daß ich Rosalie heiratete,« begann er
+nachdenklich, »wie heller Wahnsinn erscheint mir heute, was ich tat. In
+zarter Rücksicht hast du, Gute, nie gefragt und hast doch ein Recht,
+mehr von mir zu wissen, als daß ich dich liebe. Nach sechsjähriger Ehe,
+-- Jahren steigender Qualen, in denen wir uns immer weiter voneinander
+entwickelten, -- verließ mich meine erste Frau. Ich hätte es ihr längst
+verziehen -- sie litt ja wie ich! --, aber daß sie die beiden kleinen
+Kinder im Stiche ließ, das begriff ich nicht, werde es nie begreifen. Im
+Scheidungsprozeß wurden sie mir zugesprochen. Und nun begann ein Leben
+dauernder Aufregung. Wohl zehnmal am Tage, wenn ich im Redaktionsbureau
+saß, packte mich die Angst um die Kleinen. Ich sah sie von den
+unzuverlässigen Wärterinnen unbeaufsichtigt gelassen, von der Mutter
+heimlich entführt, und fuhr gehetzt zwischen der Wohnung und dem Bureau
+hin und her. Ständig war ich auf der Suche nach jemandem, dem ich die
+Kinder anvertrauen konnte. Ich klagte meine Not einem Freunde. 'Ich
+wüßte eine Dame, mit der Sie das große Los ziehen würden,' sagte der,
+'aber sie wird eine Stellung kaum annehmen wollen. Sie ist reicher Leute
+einziges Kind, ist aus Liebe zur leidenden Menschheit Krankenpflegerin
+geworden, und dabei die schönste Frau der Welt.' Ich war wie
+elektrisiert. Er mußte mir Namen und Adresse nennen, und in der nächsten
+Stunde schon war ich bei ihr. Wie ein Geschenk des Himmels schien es
+mir, daß sie ohne viel Überlegung ja sagte. Sie war gut zu meinen
+Kindern. Ich konnte ruhig arbeiten. Ich fand ein behagliches Zuhause,
+wenn ich heimkam. Daß sie weder die schönste Frau der Welt, noch reicher
+Leute Kind war, sondern irgendwo im Osten in einer Tagelöhnerkate das
+Licht der Welt erblickt hatte, war mir eher willkommen, als daß es mich
+enttäuscht hätte. Ihre Vorliebe für seidene Kleider, auf die sie all
+ihren Verdienst verwandte, mochte das Märchen um sie gesponnen haben.
+Ich ließ es geschehen, daß -- daß sie mich liebte. Ich hatte Jahre und
+Jahre jede Liebe entbehrt und hielt nun meine Dankbarkeit für Liebe. Nur
+daran, mich zu fesseln, dachte ich nicht. Zu schwer lastete die
+Erinnerung an die Ehe auf mir. Da warf mich ein heftiges Nervenfieber
+aufs Krankenlager. Und während ich noch matt und elend zu Bette lag,
+erklärte mir Rosalie, mich noch am selben Tage verlassen zu wollen, wenn
+ich ihr nicht die Heirat verspräche. Ich war empört, aber viel zu
+schwach zu energischem Widerstand. Ich dachte an meine Kinder. Sie ging
+schon am nächsten Tage mit unseren Papieren aufs Standesamt, um das
+Aufgebot anzumelden. So wurden wir Mann und Frau --«. Er schwieg. »Und
+trotz alledem wirst du mich lieb behalten?« fragte er dann leise.
+
+»Wenn du mich lieb behältst nach meiner Beichte,« antwortete ich und
+erzählte ihm von meiner Jugendliebe. »Weißt du --« sagte ich zum Schluß
+träumerisch, während seine Hand leise die meine streichelte, »mein Herz
+ist wie die Erde: ohne den Frühling wäre der Sommer mit seiner glühenden
+Sonne und seinen voll erblühten Rosen nicht gekommen. Und darum werde
+ich noch im Winter an ihn denken müssen.«
+
+Spät kamen wir nach Hause. Vor dem Tore stand die Johanniterschwester.
+Wie Fledermäuse flatterten ihre schwarzen Haubentücher im Wind.
+
+An meiner Tür empfing mich die Aufwärterin mit grinsender
+Untertänigkeit. »Herr Reinhard ist da,« sagte sie, »ich wußte nicht, daß
+gnädige Frau so lange fort bleiben würden -- bei dem Wetter.« Ich hörte
+seine Krücke hart und heftig aufschlagen.
+
+»Fast wäre ich wieder gegangen,« grollte er, »ich --« er legte starken
+Nachdruck auf dies 'ich' -- »ich habe keine Zeit, um Ausflüge zu
+machen.«
+
+»Verzeihen Sie, daß Sie warten mußten. Hätten Sie mir Ihren Besuch mit
+einem Worte angekündigt --«
+
+Er lachte besänftigt. »Schon gut -- schon gut! Wir wollen uns bei
+Präliminarien nicht aufhalten. Die Entscheidung steht vor der Tür --, an
+eine friedliche denke ich, nach der allgemeinen Stimmung zu urteilen,
+nicht mehr. Werden wir auf Sie rechnen können?«
+
+»Selbstverständlich. Aber daß Sie gerade jetzt, wo die öffentliche
+Meinung sich mehr und mehr auf Seite der Arbeiter stellt, wo
+einflußreiche Kreise der Bourgeoisie öffentlich für sie eintreten, an
+einer befriedigenden Lösung verzweifeln, begreife ich nicht.«
+
+»Welch ein Neuling Sie doch sind!« Er schüttelte verwundert den breiten
+Kopf. »Weil einigen bürgerlichen Idealisten all das aufgedeckte Elend an
+die Tränendrüsen geht, darum, meinen Sie, werden die Unternehmer
+nachgeben?! Wo der eigene Geldbeutel in Frage kommt, hört die
+Sentimentalität auf. Immerhin: wir werden bis zum äußersten warten,
+und --« seine Lippen kräuselten sich höhnisch -- »hoffen. Bei der
+miserablen Organisation, trotz der Hundearbeit der ganzen letzten
+Monate, ist es kein Kinderspiel, die Verantwortung für den Streik auf
+sich zu nehmen.«
+
+Er erzählte mir noch von den intimen Verhandlungen mit den Meistern der
+Damenmäntelkonfektion, von der mühseligen Ausarbeitung eines
+detaillierten Lohntarifs, von den Plänen für die nächste Zukunft, und
+empfahl sich, nachdem ich ihm nochmals versprochen hatte, als Rednerin
+überall zur Stelle zu sein, wo er mich würde brauchen können. Mein
+Gewissen schlug. Über dem eigenen Schicksal war ich nahe daran gewesen,
+das Geschick der Hunderttausende zu vergessen. Schon waren Schriften
+aller Art erschienen, die das Leben der Konfektionsarbeiter malten, wie
+ich es oft genug gesehen hatte. Warum war keine von mir? Und in den
+Versammlungen der bürgerlichen Frauenvereine wurde plötzlich entdeckt,
+daß die Not der Arbeiterin größer war als die höherer Töchter, in der
+Ethischen Gesellschaft wurden die Mittel zu ihrer Abhilfe lebhaft
+debattiert. Und ich allein schwieg!
+
+Von nun an fehlte ich nirgends mehr. Und ich fühlte: je weiter ich mich
+von mir selbst entfernte, desto stärker wurde ich. In einer Reihe großer
+Versammlungen wurden die Forderungen der Konfektionsarbeiter noch einmal
+klargelegt, ihre Lage beleuchtet, der sie Abhilfe schaffen sollten. Ich
+war in den Feensaal gegangen, wo Martha Bartels sprach. Kaum, daß ich
+noch Einlaß fand, denn auf der Straße schon stauten sich die Menschen.
+So viel Armut war wohl noch nie aus ihren dunklen Höhlen
+hervorgekrochen. Und noch nie hatten sich so viel elegante Frauen in
+ihrer nächsten Nähe befunden.
+
+In dem tief eingewurzelten Gefühl, das noch immer hinter dem schönsten
+Kleid die größte Respektsperson vermutet, drängten sich die Armen
+schüchtern an den Wänden entlang. Alte Frauen mit müden, rot geränderten
+Augen standen auf, um seidenrauschenden Damen Platz zu machen. Keinen
+Blick des Neides sah ich, keinen des Hasses. Als Martha Bartels sprach,
+schlicht, fast nüchtern, und ihnen die Geschichte ihres eigenen Leides
+erzählte, da weinten viele. Aber es waren nicht die fruchtbaren Tränen
+der Erkenntnis, unter deren heißer Flut die Kraft des Widerstandes
+gedeiht, es waren die Tränen der Verzweiflung, die armseligen Tropfen,
+die in den Kirchen fließen, wenn der Pfarrer von der Kanzel die
+Ergebenheit in Gottes Willen predigt. Zorn und Leid stritten in mir:
+Zorn, -- daß Armut und Religion die Menschheit so um ihre Würde hatten
+betrügen können, Leid, -- daß von dieser Menschen Kampfeslust und
+Ausdauer Sieg oder Niederlage abhängen würde.
+
+Beim Ausgang traf ich meine Mutter. Mit einer Anzahl bekannter Damen
+hatte sie der Versammlung beigewohnt. Sie waren alle erfüllt von dem
+Gehörten. Die Ruhe der Rednerin und der Zuhörer hatte den Eindruck nur
+verstärkt.
+
+In weitesten Kreisen, von den Nationalsozialen bis in die Reihen der
+Konservativen hinein, schien das Interesse für die Heimarbeiter rege zu
+sein. Meine Mutter war voll Eifer; ich hatte sie um einer solchen Sache
+willen nie so erregt, so lebhaft gesehen. Sie zwang mich förmlich, an
+einer Zusammenkunft teilzunehmen, die am nächsten Tage bei einem
+bekannten berliner Geistlichen stattfinden sollte.
+
+Ich holte sie ab, um mit ihr hinzugehen, und fand selbst meinen Vater
+voller Teilnahme. »Da ist dein Platz, da kannst du was leisten,« sagte
+er, mir die Hand schüttelnd, »da findest du uns alle an deiner Seite,
+wenn es gilt, den jüdischen Konfektionären, diesen Menschenschindern und
+Ausbeutern, das Handwerk zu legen.« Eine ähnliche Stimmung beherrschte
+die Sitzung, wenn auch der Wunsch nach einer friedlichen Lösung des
+Konflikts und die bestimmte Hoffnung auf seine Erfüllung von dem
+Einberufer sehr betont wurde.
+
+Er berichtete von dem Komitee, das sich kürzlich auf Anregung der
+Ethischen Gesellschaft gebildet hatte, um zwischen den Arbeitern und den
+Unternehmern eine Verständigung anzubahnen. Männer und Frauen der
+verschiedensten Parteirichtungen, deren Namen in der Öffentlichkeit
+einen guten Klang hatten, gehörten ihm an. Man beschloß, sich ihm
+gleichfalls anzuschließen. »Kommt es trotz alledem zum Streik, so
+schaffen wir eine Hilfskasse,« rief eine lebhafte kleine Dame, deren
+Energie beim Durchsetzen ihrer Pläne sie bekannt gemacht hatte. Man
+stimmte ihr ohne weiteres zu. »Wir müssen alle Geschäfte boykottieren,
+die die Forderungen der Arbeiter nicht bewilligen,« erklärte eine
+andere, und man überbot sich in steigender Erhitzung in Vorschlägen
+zugunsten der Sache. Ich erinnerte mich im stillen des Streiks der
+westphälischen Bergarbeiter. Auch damals sprach sich die öffentliche
+Meinung, soweit sie mir zu Ohren kam, zugunsten der Kämpfenden aus, aber
+sie tatkräftig zu unterstützen, daran wagte noch niemand zu denken. Also
+doch ein Fortschritt?! Mein Optimismus regte sich wieder.
+
+Ich berichtete Reinhard von dem Erlebten. »Halten Sie die Leute vor
+allen Dingen bei ihrem Unterstützungsversprechen fest. Alles andere ist
+Mumpitz,« sagte er. Und ich lief von einem zum anderen, und ließ mir, wo
+es irgend anging, schriftliche Zusicherungen geben. Inzwischen
+arbeiteten im stillen auch die Vermittler, und zu gleicher Zeit sah ich
+Martha Bartels und ihre Gefährtinnen, wie sie unermüdlich nach ihrer
+eigenen Arbeit treppauf, treppab stiegen, um die Begeisterung für den
+Kampf anzufachen, der ihnen nicht nur unausbleiblich, sondern erwünscht
+war. Sie schimpften laut und leise über das Zögern und Warten der
+Fünferkommission: »Wir pfeifen auf alle Versöhnungsduselei, bei der wir
+doch nur den kürzeren ziehen. Wir wollen eine ehrliche Entscheidung auf
+dem Schlachtfeld.« Die Ereignisse schienen ihnen recht zu geben.
+
+Am Abend des Kaisergeburtstages kam ich durch die menschenwimmelnde
+Friedrichsstadt. Nüchtern wie immer glänzten die Tausende elektrischer
+Birnen an den Geschäftshäusern, verschlangen sich zur Kaiserkrone, zum
+W. II, und nirgends zeigten sich Spuren einer von Liebe befruchteten
+Phantasie, die neue persönlichere Huldigungen hätte schaffen können.
+Irrte ich mich, oder waren die Fassaden der großen Konfektionshäuser
+sogar um einen Schein dunkler als sonst? Das Kaisertelegramm an den
+Burenpräsidenten Krüger schien, so hieß es, den Absatz deutscher Waren
+nach England lahmzulegen. Und während Alldeutsche und Antisemiten
+jubelten, ballten die Unternehmer die Fäuste im Sack.
+
+Die Versammlung, in die ich kam, bot ein anderes Bild als die letzte: es
+war vor allem eine der Männer. Und die Arbeiterinnen, die erschienen
+waren, gehörten zu den besser Bezahlten, zu den Aufgeklärteren, den
+Selbstbewußten. Etwas wie Siegeszuversicht schien sie zu beherrschen.
+Sie wiesen mit Fingern auf die Herren im Gehrock und Zylinder, sie
+tuschelten einander die Namen der Chefs und Zwischenmeister zu, die der
+Einladung der Arbeiterkommission heute gefolgt waren, sie warfen
+hochmütig den Kopf zurück, wenn einer von ihnen eine vertrauliche
+Begrüßung zu wagen versuchte. Reinhard sprach. Er erläuterte die
+Forderungen der Arbeiter. Seinem Temperament tat er sichtlich Gewalt an.
+Eisige Ruhe begleitete während der ersten Viertelstunde seine Rede. Dann
+unterbrach ihn eine gröhlende Stimme: »Bezahlter Agitator --«, das war
+das Signal für die anderen. Kein Satz blieb ohne Zwischenruf. Je
+dunkler die Flecken auf Reinhards Backenknochen sich röteten, je mehr
+die straffen Haarsträhnen ihm an den feuchten Schläfen klebten, und je
+heftiger die knochigen Hände ihm zitterten, desto lauter, roher,
+unflätiger wurde das Gebrüll der Zuhörer. Er sprach ruhig weiter -- von
+den elenden Löhnen der Frauen, von ihrer sittlichen Gefährdung. »Sei man
+stille, Quasselkopp,« schrie dicht neben mir ein dicker Kerl, mit
+Brillantringen auf den roten Wurstfingern, »die Mächens wissen schon,
+wofür wir jut zahlen.« Alles lachte. »Frag mal, von wo die Kleene da
+ihren süßen, roten Lockenkopp hat,« rief ein anderer. »Von de sittliche
+Jefährdung,« brüllte aus dem Hintergrund eine ölige Stimme. Es war kein
+Halten mehr. Man überbot sich in zynischen Witzen. Und die Frauen, die
+vorhin so kampfbereit, so unnahbar schienen? Sie kicherten in ihre
+Taschentücher, einige lachten kokett die ärgsten Zotenreißer an.
+Reinhard schwieg erschöpft. Die Diskussion war von der allgemeinen
+Ulkstimmung beherrscht. Nur zuletzt, als es zur Abstimmung gehen sollte,
+erhob sich einer der Meister, um eine Programmrede zu halten. Er sprach
+vom Mittelstand, »dem sittlich gesunden Kern des Volkes, der wahre
+Religion und echtes deutsches Familienleben pflegt und hochhält,« und
+den »die Sozialdemokratie in ihrer Respektlosigkeit angesichts der
+heiligsten Güter der Nation« vernichten wolle. »Auch dieser uns
+angedrohte Kampf ist nichts anderes als ein Vorstoß der Umsturzpartei
+gegen die Staatsordnung, und zum Kanonenfutter lassen die Dummen unter
+den Arbeitern sich gebrauchen. Wir aber stehen wie ein Fels im Meer;« --
+unter dem Bravogeschrei der Zuhörer warf er sich stolz in die Brust und
+bewegte pathetisch die Arme. »Wir sagen nein und abermals nein und
+wissen, daß wir trotz dem Geschrei der Gegner, trotz Streikdrohung,
+immer noch so viel Arbeiter kriegen, als wir brauchen, -- und wenn wir
+sie von den Hottentotten nehmen sollten.«
+
+Am Ausgang erwartete ich Reinhard. Ich sah, wie Martha Bartels, von
+einer Schar lebhaft gestikulierender Frauen umgeben, erregt auf ihn
+einsprach. »Es ist kein Halten mehr,« sagte er im Nähertreten. »Nun
+ist's aber auch höchste Zeit,« rief ich, noch heiß vor Entrüstung. »Wir
+müssen das Eisen schmieden, solange es warm ist, -- in allen Kreisen
+findet der Streik Unterstützung.« »Sachte, sachte, liebe Genossin,«
+wehrte er ab. »Im Augenblick sind uns stärkere Knüppel zwischen die
+Beine geworfen worden, als Ihre hilfsbereiten Damen aufheben können.
+Wenn England die deutsche Konfektion boykottiert, so können wir
+einpacken.«
+
+Der Termin für die Antwort der Unternehmer wurde abermals
+herausgeschoben. In den Arbeiterkreisen begann es bedenklich zu gären;
+es gab Leute, die schon von Intrigen, Schmiergeldern und offenem Verrat
+munkelten. In Hamburg, in Erfurt, in Stettin, in Breslau brach der
+Streik aus, -- in Berlin zögerte man noch immer, scheinbar um dem
+Vermittelungskomitee Zeit für seine Verhandlungen zu gewähren, in
+Wirklichkeit aber, um die Entwickelung der Dinge in England abzuwarten.
+Man glaubte an einen Krieg, zum mindesten an einen wirtschaftlichen.
+Endlich liefen, so zahlreich wie sonst, bei den großen Konfektionären
+die Bestellungen ein; und in einer Versammlung der Ethischen
+Gesellschaft wurde, zugleich mit einer rückhaltlosen Sympathieerklärung
+an die kämpfende Arbeiterschaft, das völlige Scheitern der
+Einigungsversuche mitgeteilt.
+
+Im Bureau der Schneider-Gewerkschaft trat die Arbeiterkommission
+zusammen. Es war wie im Hauptquartier eines Krieges. Wir empfingen die
+Streikerklärung als unsere Parole und unseren Marschbefehl. In riesigen
+Plakaten wurde die Bevölkerung am nächsten Morgen zu den Versammlungen
+eingeladen, mein Name stand unter denen der vierzehn Referenten.
+
+Ich saß mit meiner Rede beschäftigt am Schreibtisch, als es draußen
+zweimal heftig klingelte. Der Vater! -- »Dein Name steht auf den
+Litfaßsäulen unter lauter Sozialdemokraten,« brauste er mich an.
+
+»Du bist auf der Seite der Streikenden, wie ich weiß, du selbst hast
+mich ermuntert.« Er ließ mich nicht ausreden. »Nicht um ein
+ungesetzliches Vorgehen zu unterstützen, -- du mußt deinen Namen
+augenblicklich zurückziehen --«. Er stierte mich an mit dem wilden
+Blick, den ich so fürchtete. Ich lehnte mich zitternd an den
+Schreibtisch. »Fahnenflüchtig?! Nein! Wär' ich's, du würdest dich bei
+ruhiger Überlegung meiner schämen müssen.« Er umklammerte mein
+Handgelenk. »Soll ich mein Kind verlieren?« stieß er hervor, sein Atem
+keuchte, die Augen traten aus den Höhlen.
+
+»Ich kann mein Wort nicht brechen, -- auch mir selbst gegenüber nicht,«
+flüsterte ich. Ein Ruck ging durch seinen Körper, meine Hand stieß er
+von sich, faßte sich ein paarmal mit den Fingern an den Kragen, als
+würde er ihm zu eng, und schritt festen Schrittes, wortlos, der Türe
+zu. Ich hörte sie zufallen, -- eine zweite knarrend sich öffnen, --
+heftig ins Schloß zurückschlagen; ich lief ans Fenster: ein alter Mann
+ging über den Hof, sehr langsam, tief gebückt, schwer auf den Stock sich
+stützend. O, daß er nur ein einziges Mal den Kopf noch wenden möchte, --
+aber der starre Nacken bewegte sich nicht. Schluchzend brach ich
+zusammen.
+
+»Alix!« Heinrichs entsetzter Ruf brachte mich wieder zu mir. Er hatte
+den Vater fortgehen sehen und war, alle Vorsicht vergessend, zu mir
+geeilt. »Wirst du heut abend sprechen können?!« »Gewiß, -- nun bin ich
+ja ganz -- ganz frei!« Die Tränen waren versiegt, mir war, als läge mein
+Herz zu Eis erstarrt in meiner Brust. Selbst der Geliebte kam mir
+plötzlich fern und fremd vor.
+
+ * * * * *
+
+Für die Kriegserklärung, die ich heute abzugeben hatte, war es die
+rechte Vorbereitung: kein weiches Gefühl konnte mich überwältigen,
+eiserne Entschlossenheit beherrschte mich. Zu _einer_ Riesenkraft wollte
+ich die schwarze Menschenmasse vor mir zusammenschweißen, von _einem_
+unbeugsamen Willen beseelt. Und ich richtete die Paläste der Unternehmer
+vor ihren Augen auf, die ihre Arbeit gebaut hatte, und wies auf ihre
+üppigen Tafeln, die ihr Hunger deckte. Ich zeigte ihnen die seidenen
+Kleider ihrer Frauen und ihrer Mätressen, an denen der Schweiß der
+Arbeiterinnen klebte, und ihre Edelsteine, in denen das Augenlicht derer
+gefangen war, die es in nächtlicher Arbeit verloren hatten. Ich fühlte:
+schon war die Luft erfüllt vor unsichtbarem Sprengstoff. Und nun sprach
+ich von der kommenden Schlacht, die nichts sei als ein Teil des großen
+Krieges zwischen unverschuldeter Armut und schuldbeladenem Reichtum;
+sprach von alledem, was der Preis ihres Mutes, ihrer Ausdauer sein
+würde, und doch nur darum von unschätzbarem Werte sei, weil es sie
+geistig und körperlich fähig mache, den Menschheitsfeldzug bis zu Ende
+zu führen. »Eure Sache ist die Sache der ganzen Arbeiterschaft. Jede
+Schwäche von euch ist ein Verrat an ihr ...«
+
+»Eine demagogische Hetzrede,« sagte jemand, als ich die Tribüne verließ.
+»Prachtvoll« -- versicherte mir ein sozialdemokratischer
+Reichstagsabgeordneter händeschüttelnd. Ich sah fragend um mich:
+erstaunte, bewundernde, auch tränenfeuchte Blicke begegneten den meinen,
+aber vom Fieberfanatismus der Kriegslust bemerkte ich nichts.
+Verständnislose Verlegenheit lag zum Teil auf den abgehärmten Zügen der
+Frauen. »Was hat sie gemeint?« hörte ich flüstern. »Was sollen wir tun?«
+»Und wie gerade die Damenmäntel dann bezahlt werden, sagte sie nicht« --
+»ob wir gleich in die Betriebswerkstätten kommen?« -- Mir sank der Mut.
+Heinrichs Lob -- er hatte sich's nicht nehmen lassen, mich zu begleiten
+-- schien mir von Mitleid diktiert.
+
+Zu Hause fiel ich sofort in den Schlaf der Erschöpfung. Mitten in der
+Nacht fuhr ich entsetzt aus dem Traum; irgendein langgezogener Ton
+weckte mich. Ich sprang aus dem Bett. Aus den Fenstern drüben drang
+helles Licht. Die Schatten vieler Menschen bewegten sich hastig hin und
+her. Gellende Schreie klangen über den Hof.
+
+Jetzt -- jetzt wand sich das unglückselige Weib, das ich betrogen
+hatte, in gräßlichen Schmerzen, -- und das Kind -- meines Geliebten
+Kind! -- kam zur Welt. Kalter Schweiß trat auf meine Stirne. Das
+flackernde Licht von drüben malte gespenstische Gestalten in mein
+Zimmer. Ein großes Ungeheures beugte sich über mich, die
+zusammengekauert, frostgeschüttelt am Fenster hockte. Es griff mir in
+den Nacken mit spitzen Krallen, es wuchs -- wuchs, erfüllte den ganzen
+Raum -- die Wohnung -- das Haus -- die Welt. »Ich bin die Schuld --
+deine Schuld!« gellte es in meinen Ohren mit dem letzten Schrei des
+Weibes drüben ...
+
+»Es steht gut -- Mutter und Kind sind wohl --« Heinrich stand vor mir,
+leichenblaß; »aber du --« er sah mich erschrocken an, wie eine schwere
+Krankheit lag die Nacht hinter mir, -- »wenn du jetzt schon
+zusammenbrichst, wo das Schwerste bevorsteht!«
+
+»Nachdem ich das überstanden, gibt es nichts Schwereres --«
+
+Ich war in der nächsten Zeit fast nie zu Hause. Wenn ich früh erwachte,
+müde, als hätte ich kein Auge zugetan, so schien mir's, als stünde jenes
+große Ungeheure hinter mir, vor dem ich unaufhörlich die Flucht
+ergreifen mußte. Nur wenn ich draußen war, fern dem Bannkreis dieses
+Hauses, wenn die Not der anderen, die der Streik aufdeckte und gebar,
+sich zwischen mich schob und meine Schuld, atmete ich freier.
+
+ * * * * *
+
+Ich saß auf der Reichstagstribüne, als die nationalliberale
+Interpellation, die Lage der Konfektionsarbeiterinnen betreffend, zur
+Verhandlung kam und alle bürgerlichen Parteien ihr arbeiterfreundliches
+Herz entdeckt zu haben schienen. Was noch kein preußischer Minister zu
+denken gewagt hatte -- daß eine Arbeitseinstellung berechtigt sein
+kann --, das erklärte Herr von Berlepsch vor der deutschen
+Volksvertretung angesichts dieses Streiks. Kein Zweifel: der
+Riesenkampf, den die Ärmsten der Armen kämpften, wird kein vergeblicher
+sein, eine neue Ära sozialer Reformen bricht an. Und dem Verdikt des
+Reichstags werden die Unternehmer sich beugen müssen. Ich verstand
+nicht, warum der Redner der sozialdemokratischen Fraktion sich
+angesichts dieser Kundgebungen so skeptisch äußern konnte. Im ganzen
+Reich wurde für die Streikenden gesammelt. Neben den Bureaus der
+Streikkommission, in denen Streikkarten ausgestellt und
+Unterstützungsgelder gezahlt wurden, richteten bürgerliche Vereine
+Hilfsstellen ein, wo Nahrungsmittel und Kleidungsstücke zur Verteilung
+kamen.
+
+Stolz, oft übermütig in ihrer Hoffnungsfreudigkeit stellten sich in den
+ersten Tagen die Streikenden ein. Von Unterstützung wollten sie nichts
+wissen, nur ihre Karten ließen sie sich geben.
+
+»Wir halten aus,« sagte ein junges, bleichsüchtiges Mädel, und ihre
+Augen blitzten dabei. »Die Unternehmer haben uns für sich hungern
+lassen, nun hungern wir mal für uns selber --« und, ein Liedchen
+trällernd, war sie wieder draußen. Selbst auf den Gesichtern alter
+müder Frauen lag ein stilles Leuchten. Ein halbwüchsiger Bengel, der in
+Begleitung seiner Mutter kam, verkündete triumphierend: »Wir arbeeten
+jetzt for drei, damit Muttern feiern kann,« und lächelnd streichelten
+ihre zerstochenen Finger seine Wange: »Nu kommen ooch janz andere
+Zeiten!«
+
+Oft standen die engen Bureauräume gedrängt voll Wartender. Dann flogen
+Witze hin und her; vom »Meester« erzählten sie einander, der mit der
+»Ollen« händeringend in der leeren Bude stand. »Noch janz anders soll
+die Gesellschaft winseln! Laßt man erst acht Tage ins Land jehen, denn
+werden sie zu uns bitten kommen,« rief ein krummbeiniges Schneiderlein.
+»Wir werden ihr Mores lehren, der Rasselbande!« fügte zähneknirschend
+ein anderer hinzu.
+
+Allmählich änderte sich das Bild: Blasse Frauen, die unsicher und
+ängstlich blickten, mit Kindern auf den Armen und an der Schürze,
+drängten sich um die Zahlstellen; das morgens angehäufte Geld, das mir
+unerschöpflich schien, war jeden Abend wieder ausgegeben. Auch Männer
+kamen, Familienväter, mit zusammengepreßten Lippen. Die Witze
+verstummten. Finstere Entschlossenheit lag in dem Schweigen der
+Wartenden. Aber immer noch traten welche an den Tisch, die nichts
+verlangten, als die Ausfüllung ihrer Streikkarten. Auch Frauen waren
+unter ihnen. Eingesunkene Wangen, trockene Lippen, fiebrige Augen
+sprachen vom Heldenmut der Hungernden. Verlegen schob sich wohl auch ein
+junges Mädel durch die Türe und streckte die Hand nach dem Gelde aus.
+»Schämst du dir nicht!« schrie einer einmal eine hübsche Brünette an,
+mit Rosen auf dem kecken Filzhut, und riß sie unsanft zurück, »hat noch
+so'n Deckel auf'n Kopp und Glacénene an die Finger und will den ollen
+Weibern das Brot nehmen?!« Kam aber gar ein kräftiger Mann, so hagelte
+es empörte Schimpfworte: ein Verräter, wer in seinem Opfermut nicht bis
+zum Äußersten ging.
+
+Und dann kamen die Tage, wo sie in dichtgedrängten Scharen bis auf die
+Straße hinunterstanden, und keiner mehr war, den der Hunger nicht
+bezwungen hätte. Viele schämten sich, daß sie unterlegen waren; sie
+wagten kaum den Kopf zu heben, wenn sie vor den Zahltisch traten.
+Zusammengesunken erschienen andere vor Mutlosigkeit. »Erreichen wir's?«
+flüsterte fragend der eine, »geben sie endlich nach?!« der andere.
+Tränenumflorte Augen richteten die Frauen auf uns, scheue Blicke voll
+Zweifel und Mißtrauen die Männer. Und nichts als Schweigen, als
+Achselzucken konnte die Antwort sein. Die Kassen füllten sich langsamer;
+der aus rührseliger Sentimentalität entstandene Enthusiasmus
+bürgerlicher Kreise verpuffte wie ein Feuerwerk. Die Unternehmer hielten
+aus; sie hatten noch immer genug zu essen. Und die Opferwilligkeit der
+deutschen Arbeiterschaft für die kämpfenden Brüder hatte ihre äußerste
+Grenze erreicht.
+
+Ich sah Reinhard nur flüchtig. Die hektische Röte wich nicht mehr von
+seinen Backenknochen. Er hatte keine ruhige Minute.
+
+»Wir sind am Ende,« sagte er mir mit rauher Stimme, als wir uns in einem
+der Streikbureaus wieder begegneten. Es traf mich wie ein
+Peitschenschlag. Was hatte ich damals denen, die ich zum Streik aufrief,
+als sicheren Lohn ihres Ausharrens in Aussicht gestellt! Würden sie mir
+jemals wieder vertrauen können?! »Die Forderung der Betriebswerkstätten
+werden wir fallen lassen müssen --.« »Gerade das?! Die Hauptsache!« rief
+ich. »Das einzige Mittel vielleicht, um dem Elend der Heimarbeit, um der
+Ausbeutung der Zwischenmeister ein Ende zu machen!« -- »Gerade das. Wir
+wollen froh sein, wenn sich der Lohntarif durchsetzen läßt und der
+Reichstag sein Versprechen einer durchgreifenden Gesetzgebung einlöst.«
+
+Schweren Herzens kam ich an jenem Tag in das Bureau. Es war überfüllt,
+und lautes Stimmengewirr drang mir entgegen. »Die Führer verraten uns!«
+rief einer. »Wir können hungern, und sie stopfen sich die Taschen --,«
+brüllte ein anderer. Ein paar keifende Weiber hieben mit Fäusten auf den
+Zahltisch: »Betrüger seid Ihr, -- Ausbeuter, -- schlimmer als die
+Meister,« schrien sie den Dahinterstehenden ins Gesicht, die das Geld
+abzählten. »Wir haben nichts mehr --,« flüsterte einer der
+Gewerkschaftsbeamten mir hastig zu, »-- es war ein Ansturm
+ohnegleichen.« Ich lief die Treppe wieder hinab, sprang in die nächste
+vorüberfahrende Droschke und fuhr zur Zentralstelle der Ethischen
+Gesellschaft. Heute, so hatte man mir mitgeteilt, sei eine beträchtliche
+Summe eingelaufen. Ich ließ mir geben, was zur Verfügung stand, -- es
+war auch nur ein Tautropfen, der im Augenblick in der durstenden Erde
+verschwinden würde, -- und fuhr zurück, so rasch der arme Schimmel
+laufen konnte. Vor dem Bureau stauten sich die Menschen. Ein paar
+Polizisten hielten mühsam die Straße frei. Ich sprang aus dem Wagen und
+versuchte mich vorzudrängen. »Wat, so eene biste, daß de erster Jüte
+fährst?« schrie mich eine rohe Stimme an, und eine Faust stieß mich in
+den Rücken. Ein paar Burschen, die nach Fusel rochen und mit den
+Konfektionsarbeitern sichtlich nicht das Geringste zu tun hatten,
+überschütteten mich mit unflätigen Redensarten. Ich versuchte, mir mit
+ein paar Ellbogenstößen freie Bahn zu schaffen, während meine Hände die
+Geldtasche angstvoll umklammerten. »So loof doch, loof -- wir werden dir
+Beene machen,« gröhlten sie und ich fühlte ihre Fäuste wieder auf meinem
+Rücken. Ich schrie laut auf. Im Augenblick war ich von bekannten
+Gesichtern umgeben, ich hörte noch ein paar Ohrfeigen rechts und links
+und war halb getragen, halb geschoben im Zimmer.
+
+Am Abend war auch das letzte Geld verteilt.
+
+In diesem Augenblick der Not kam es zu einer überraschenden Wendung: ein
+Teil der Zwischenmeister, empört darüber, daß die Unternehmer ihnen alle
+Schuld an den schlechten Löhnen zuzuschieben suchten, machten gemeinsame
+Sache mit den Arbeitern, und die Fabrikanten, die nunmehr ernstlich in
+Gefahr standen, die Einnahmen der Saison zu verlieren, die aber
+andererseits auch genug von der Lage der Dinge unterrichtet waren, um zu
+wissen, daß die Streikenden das Ende ihrer Widerstandskraft erreicht
+hatten, riefen offiziell die Vermittlung des Gewerbegerichts an. Die
+Fünferkommission der Arbeiter, davon in Kenntnis gesetzt, zögerte nicht,
+auch ihrerseits mit dem Einigungsamt in Verbindung zu treten. Im
+Bürgersaal des berliner Rathauses, vor einem vielhundertköpfigen
+Publikum, kam es zur Verhandlung und zur endlichen Unterzeichnung eines
+Vertrags, dessen wichtigste Bedingungen die Erhöhung der Löhne und die
+Gegenseitigkeitsverpflichtungen in bezug auf die Durchführung der
+Lohntarife waren. Von den Betriebswerkstätten war gar keine Rede mehr.
+
+Die Streikleitung berief die Referenten zu einer neuen Sitzung. In
+öffentlichen Versammlungen sollten wir das Ende des Streiks verkünden.
+Ich versuchte, mich frei zu machen. »Wir haben Ihr Wort, Genossin
+Glyzcinski,« sagte einer der Führer mit scharfer Betonung. »Wie kann ich
+diesen Ausgang als einen Sieg verteidigen,« wandte ich ein. »Darüber
+mögen Sie denken, was Sie wollen,« entgegnete Martha Bartels heftig,
+»hier haben Sie einfach Ihre Pflicht zu tun, wie wir alle.« Flüchtig
+fuhr mir durch den Kopf, daß ich aus meiner Welt dem Zwang der Pflicht
+entflohen war, um meiner Überzeugung zu folgen, aber ich fühlte mich
+viel zu müde, um jetzt darüber nachzudenken. Ich fügte mich
+stillschweigend. Als eine Wohltat sah ich es an, daß ich wenigstens
+nicht in demselben Saal, vor denselben Menschen sprechen mußte. Weit in
+den Osten, in die Andreasstraße, schickte man mich. »Sie werden keinen
+leichten Stand haben,« sagte Reinhard beim Weggehen, »es ist das
+Hauptquartier der Anarchisten.«
+
+Heinrich Brandt begleitete mich auf dem Wege zur Versammlung. Wir hatten
+uns in der Zwischenzeit nur immer auf Minuten gesehen. Erst jetzt, wo
+Rosalie schon seit einigen Tagen aufgestanden war, schwand unsere Angst
+um sie. Das Wochenbett war normal verlaufen; sie nährte den Kleinen und
+schien seelenruhig. Trotzdem war Heinrich heute wortkarg, und sein
+ausdrucksvolles Gesicht, das jede Stimmung verriet, erschreckte mich.
+Aber soviel ich auch in ihn drang, er meinte, es sei nichts, gar nichts
+geschehen, ich solle lieber an meinen Vortrag denken, als über die
+Ursache seiner schlechten Laune nachgrübeln.
+
+Der kleine Saal war schon voll, als ich kam. In allen Händen sah ich
+weiße Zettel, mein Auge fiel auf lauter erregt gerötete Gesichter. Bei
+der Wahl des Bureaus siegte der Führer der Anarchisten mit riesiger
+Mehrheit über unseren Kandidaten. Ich empfand es fast wie eine
+Erleichterung --, »nun werden sie mich gar nicht reden lassen,«
+flüsterte ich Heinrich zu. Aber schon stand der junge blonde Mann mit
+den zarten Mädchenzügen auf der Tribüne: »Ich erteile der Referentin
+Frau von Glyzcinski das Wort«, und mit einer höflichen Handbewegung
+machte er mir neben sich Platz.
+
+Ich sprach schlecht. Keinen Augenblick konnte ich meiner eigenen
+Empfindung, meinen innersten Gedanken folgen. Ich war nur ein
+Sprachrohr. Trotz der musterhaften Leitung des jungen Anarchisten, der
+die Ruhe immer wieder herzustellen suchte, unterbrachen mich Zurufe
+aller Art: sarkastische, gemeine, wütende. Dazu Heinrichs Gesicht, auf
+dem meine Blicke immer wieder haften blieben --, ich verlor den Faden,
+verwirrte mich, wurde ängstlich. Man rief höhnisch »Bravo«, als ich
+geendet hatte. Und dann sprach der Vorsitzende. Seine ganze Rede war ein
+feuriger Appell an das Proletariat, eine glühende Anklage der
+Streikleitung. Im Moment, wo aus England Millionen an Unterstützung zu
+erwarten seien, habe sie sich feige den Kapitalisten unterworfen und die
+Sache des Volks verraten. An ihm sei es nun, zu zeigen, daß es sich von
+keiner Seite knebeln lasse, daß es den Kampf nicht nur fortsetze,
+sondern ausdehne, bis ein Generalstreik dem Volk die Macht verleihe,
+dem Unternehmertum seine Gesetze zu diktieren. In jedem Wort, das er
+aussprach, brannte das Feuer seiner Überzeugung, und alles jauchzte ihm
+zu. Meine Resolution wurde abgelehnt, die seine, die die Fortsetzung des
+Streiks erklärte, angenommen. Durch einen Nebeneingang ließ man mich
+hinaus. Man hätte mich sonst vor den Insulten der fanatisierten Menge
+nicht schützen können.
+
+Der Streik war trotzdem zu Ende. Die englischen Millionen waren nichts
+als ein Märchen. Ein paar Tollkühne hungerten noch eine Woche länger --,
+das war alles.
+
+ * * * * *
+
+Wir gingen durch den Tiergarten heimwärts, Heinrich und ich. Die Kälte
+tat mir wohl. »Am liebsten zöge ich selbst solch Schneekleid an, um
+ganz, ganz kalt zu werden,« murmelte ich. Eine große Hoffnungslosigkeit
+hatte sich meiner bemächtigt.
+
+»Nun sollst du auch wissen, was mir fehlt,« sagte Heinrich, auf dessen
+Arm ich mich müde stützte. »Ich hatte heute eine böse Szene mit Rosalie.
+Sie will in den Süden -- auf Monate -- mit mir. Um unsere Ehe wieder
+herzustellen, wie sie sagt. Ich weigere mich, brauchte lahme Ausreden,
+die sie durchschaute. Sie bekam einen Weinkrampf, dann warf sie mir vor,
+daß ich das Kind töten wolle, indem ich sie, die nährende Mutter, nicht
+schone.«
+
+Er blieb aufatmend stehen.
+
+»Und du?!«
+
+»Ich versprach ihr jede Rücksicht, -- nur mit ihr reisen könne ich
+nicht. Jetzt fordert sie eine Auseinandersetzung, auch mit dir. Zwei
+Tage hat sie mir Zeit gegeben.«
+
+»Sie hat recht,« sagte ich, »auch sie zieht ein Ende mit Schrecken dem
+Schrecken ohne Ende vor.«
+
+Ich zwang mich zur Ruhe, -- seinetwegen.
+
+Die beiden Tage schleppten sich hin wie ebenso viele Jahre, jede Stunde
+beladen mit Qualen, mit Selbstvorwürfen, mit Zweifelfragen. Hatte ich
+nicht das Leben dieser Menschen zerstört, hatte den, der mir auf der
+Welt der liebste war, in einen Kampf gerissen, der für ihn vielleicht
+des Einsatzes nicht wert sein würde, hatte dem Kinde schon im
+Mutterleibe den Vater gestohlen!
+
+Und dann kam der Tag und die Stunde. Ich wartete von mittags bis abends.
+Jeder Schritt auf dem Hof ließ mich auffahren, vor jedem Laut, der von
+drüben klang, zitterte ich. Minuten gab es, in denen ich die Hände
+faltete, wie ein kleines Kind, wenn sinnlose Angst es den schützenden
+Vater im Himmel suchen ließ. Aber durfte ich beten -- ich! --, selbst
+wenn ich noch glauben könnte?! Die Bilder auf meinem Schreibtisch
+starrten mich an und sahen mir nach, wohin ich auch im ruhelosen Auf-
+und Abwandern mich wandte: der Vater, der einst einen braven Offizier
+seines Regiments für unwürdig erklärt hatte, weiter des Königs Rock zu
+tragen, weil er das Weib eines andern liebte; die Mutter, deren ganzes
+Leben unter dem einen Gesetz der Pflichterfüllung stand; -- aber lugte
+nicht neben ihr aus dem Rahmen ein stilles, edles Antlitz hervor mit
+gütigen dunkeln Augen? »Großmama,« schluchzte ich leise. O, daß ich den
+Kopf in ihrem Schoß vergraben, ihr beichten und aus ihrem Munde mein
+Absolve te hören dürfte!
+
+War das nicht sein Schritt? Ich riß das Fenster auf. Klang nicht ein Ruf
+zärtlich aus dem Dunkel? Mit angehaltenem Atem horchte ich. Klopfte es
+nicht an der Pforte? Oder war es mein eigenes Herz, das ich hörte? Ich
+blieb auf dem engen, kleinen Flur, an die Mauer gelehnt, mit krampfhaft
+aufgerissenen Augen und pochenden Schläfen. Die Treppe draußen knarrte,
+ich griff an die Klinke, die Türe sprang auf --
+
+»Alix!« Welch ein Ton war in seiner Stimme! Halb bewußtlos sank ich in
+seine weitgeöffneten Arme.
+
+»Sie willigt in die Scheidung.«
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+An einem jener norddeutschen Apriltage, wo Frühling und Winter einander
+wie Feinde vor dem Ausbruch des Kampfes lauernd umschleichen, die Sonne
+auf hellen Plätzen Sommergrüße vom Himmel sendet und daneben der
+feuchtkalte Wind triumphierend durch schattige Straßen fegt, ging ich
+zum Abschiednehmen zu den Eltern.
+
+Seit jenem Tage, wo mein Vater mich im Zorn verlassen hatte, war ich
+nicht mehr bei ihnen gewesen. Selbst die notwendigen geschäftlichen
+Auseinandersetzungen, die sich an den Tod einer Verwandten und der mir
+und meiner Schwester zugefallenen kleinen Erbschaft knüpften, hatte mein
+Vater schriftlich erledigt. Jetzt aber hatte er mich vor meiner Abreise
+noch einmal sehen wollen.
+
+Er empfing mich ernst und gemessen. »Du siehst schlecht aus,« sagte er
+dann und ein liebevoll besorgter Blick strafte seine äußere Strenge
+Lügen. Ich wußte es: die letzten Monate hatten meine Nervenkraft
+erschöpft; ich bedurfte der Erholung, aber mehr noch des Fernseins von
+Berlin während des bevorstehenden Scheidungsprozesses. »Die Erbschaft
+kommt dir wirklich zustatten,« fuhr er fort. Er ahnte nicht, in welchem
+Umfang er recht hatte!
+
+Eine konventionelle Unterhaltung entspann sich. Und doch war mir das
+Herz so voll: ich allein wußte von uns allen, wie weit ich mich
+mit diesem Abschied von ihnen entfernte, -- vielleicht auf
+Nimmerwiedersehen. Ein Wort der Dankbarkeit, der Liebe hätte ich gern
+gesagt; -- in der Temperatur, die zwischen uns herrschte, erfror es,
+noch ehe es über die Lippen kam.
+
+»Es ist mir nicht recht, daß du allein in die Welt hineinreist,« sagte
+mein Vater, als ich schon an der Türe stand, »Ihr Jungen denkt anders
+darüber, -- Einfluß habe ich keinen mehr, -- ich kann nur hoffen, daß du
+dich stets erinnerst, was du deinem Namen schuldig bist.« Seine Augen
+ruhten forschend auf mir. Ich reichte ihm stumm die Hand: »Lebewohl,
+Papa --« Ich zwang meine Stimme, nicht zu zittern. »Lebwohl,« antwortete
+er mit einem Seufzer. Einen Kuß gab er mir nicht mehr.
+
+Die Mutter begleitete mich auf den Flur.
+
+»Hast du etwas besonderes zu schreiben,« sagte sie mit Betonung, »so
+lege stets einen besonderen Zettel dem Brief an mich bei, damit ich ihn
+Hans ohne Schaden zeigen kann.« Ich hatte die Empfindung, daß mein
+Weggehen sie erleichtere. Ilse kam noch bis auf die Straße mit mir.
+
+»Du, Schwester, ist es wahr, daß Dr. Brandt sich deinetwegen scheiden
+läßt?!« flüsterte sie hastig mit glänzenden Augen. Aufs peinlichste
+überrascht starrte ich sie an. Sie preßte mir stürmisch die Hand: »Du,
+-- das ist furchtbar interessant! Freilich --« und nachdenklich kaute
+sie an der Unterlippe -- »mit Papa werden wir wieder aushalten müssen!«
+
+Ein Regenschauer trieb sie ins Haus zurück. Fröstelnd zog ich den
+Mantel fester, der Wind zerrte daran und warf mir eiskalte Tropfen ins
+Gesicht.
+
+Am Abend fuhr ich nach München, wo Heinrich den Zug bestieg. Er hatte
+seine Söhne in Pension, Rosalie und den Kleinen mit der Pflegerin aufs
+Land gebracht.
+
+»Es gab wieder eine Szene,« erzählte er, »ihre innere Stimme, an die sie
+nun einmal glaubt, hat ihr gesagt, daß du mich unglücklich machen
+würdest. Aus Mitleid wollte sie darum alles verzeihen und mich in Gnaden
+wieder aufnehmen. Als ich darauf verzichtete, prophezeite sie mir mit
+dem Pathos einer Kassandra, ich würde noch einmal kniefällig um ihre
+Liebe betteln. Und als auch das ohne Eindruck blieb, machte sie allerlei
+dunkle Andeutungen über Zeugenaussagen im Prozeß, und die Pflegerin
+lachte mich dabei so impertinent an, daß ich grob wurde.«
+
+»Nicht umsonst habe ich mich immer vor ihr gefürchtet,« sagte ich
+trübsinnig.
+
+»Mein armer, kleiner Angsthase!« lächelte er, halb ungeduldig, halb
+belustigt. Im Lexikon seiner Gefühle hatte das Wort »Furcht« keinen
+Platz gefunden. »Du bist so tapfer und kannst so feige sein! Haben wir
+nicht bisher schon über alles Erwarten Glück gehabt, und du willst
+verzagen -- gerade jetzt, wo wir dem Frühling entgegenfahren?«
+
+Voll tiefen Vertrauens lehnte ich mich in den Arm zurück, der mich
+umschlang, und sah still den weißen Flocken zu, die vor den Fenstern
+tanzten, und den in dunkeln Schleiern schwer herabhängenden Wolken, die
+der Zug durchschnitt. Es tat so gut, sich in der Obhut des Geliebten zu
+wissen, seinen starken Schultern aufzubürden, was ich allein nicht hätte
+tragen können.
+
+Auf dem Brenner glänzte die Sonne über frisch gefallenem Schnee, aber
+von den Bergen stürzten schon frühlingsfroh die entfesselten Wasser. In
+Gossensaß, wo die Bergwände sich noch einmal finster zusammenschoben,
+braute wieder der Nebel um dunkle Fichten und winterstarres Gebüsch,
+hinter Franzensfeste jedoch stand das breite Tal in blühendem Lenzkleid
+und öffnete die Arme weit, um all die frierenden Wanderer an seine warme
+Brust zu ziehen. Frohlockend wiesen von allen Höhen weiße Kirchlein mit
+spitzen Fingern hinauf zur Sonne, die behaglich lachend am blauen Himmel
+stand. Auf den knorrigen Ästen alter Obstbäume saßen junge lustige rote
+und weiße Blüten. Ohne Ehrfurcht vor dem grauen Alter der Ruinen, der
+nüchternen Heiligkeit der Klöster, fluteten in blauen Kaskaden die
+süß-sehnsüchtigen Blumendolden der Glyzinien über die Mauern, vom
+Liebesspiel buntschillernder Käfer umtanzt.
+
+Im brixener Gasthof zum Elefanten machten wir Rast. Nur das riesige Bild
+des Rüsseltiers, dem er seinen Namen verdankt, erinnerte noch an die
+Zeit, wo Kaiser und Könige auf der Romfahrt hier Einkehr hielten. Jetzt
+saßen nur wenige unscheinbare Leute in dem niedrigen, dunkel getäfelten
+Gastzimmer. Sicher: hier kannte uns niemand. Aber kaum saßen wir vor der
+Schüssel, die verheißungsvoll nach gut österreichischer Mahlzeit
+duftete, als ein Herr an unseren Tisch trat, Heinrich freudig begrüßend.
+Umsonst, daß dieser die abweisendste Miene machte, den Fremden weder
+nötigte, Platz zu nehmen, noch ihn mir vorstellte. In seiner Freude,
+einen Bekannten zu treffen, besorgte er das ohne weiteres selbst; er
+hielt mich für Heinrichs Frau und kündigte uns mit vielem Geräusch die
+Bekanntschaft seiner Familie an. »Wir werden nicht bleiben können,«
+sagte Heinrich langsam, als er sich endlich empfahl, »es sind Berliner.«
+Ich zuckte die Achseln. »Diesmal bin ich die Mutigere von uns beiden.
+Mir ist nichts so gleichgültig als der Klatsch.«
+
+»Aber ich dulde nicht, daß man dich verdächtigt,« brauste er auf.
+
+In aller Frühe am nächsten Morgen fuhren wir weiter bis nach Trient.
+»Hierher kommt keiner unsrer Landsleute,« hatte Heinrich gesagt. Und in
+der Tat: in den großen Palasträumen des Hotel Trento sprachen selbst die
+Kellner nur ein gebrochenes Deutsch. Ob wir uns hier ein paar Wochen
+würden ausruhen können? Wir hatten sehr das Bedürfnis danach.
+
+Vor dem Balkon meines Zimmers lag der weite Platz mit dem ehernen
+Denkmale Dantes. Mächtig zeichnete sich seine schwarze Silhouette gegen
+den blauen Himmel ab, zu beiden Seiten von den starren Felskulissen der
+Berge eingerahmt. Aber der Platz zu seinen Füßen mit ein wenig Rasen und
+ein paar kleinen immergrünen Büschen sah im gelben Licht der Sonne öde
+aus.
+
+Wir gingen durch die Straßen: lauter graue Häuser mit verwaschenen
+Farben und trüben Fenstern, Paläste dazwischen mit verblichenen Fresken,
+Höfe mit alten ausgetrockneten Brunnen und Säulengängen, unter denen
+zerlumpte Wäsche hing, stolze wappengekrönte Tore mit Firmenschildern
+aus Blech und Anzeigen aus Papier benagelt und beklebt; ein Dom,
+geschmückt mit den zierlichsten romanischen Galerien, die hohen Portale
+von säulentragenden Löwen bewacht, und darin auf dem ausgetretenen
+Estrich, zwischen den Grabmälern edler Geschlechter, ein paar alte
+Weiber, die kniend den Rosenkranz durch schmutzige Finger zogen und mit
+zahnlosem Munde Gebete plärrten. Und über der Stadt, sie beherrschend,
+der prächtige Renaissancebau des alten fürstbischöflichen Schlosses, ein
+unvergleichlicher Rahmen üppiger Hofhaltungen, -- eine Kaserne heute. In
+der dämmernden Loggia auf dem Brunnenhof, wo die Würdenträger des
+fürstbischöflichen Stuhls in roten und violetten Gewändern beim Gesang
+des leise plätschernden Wasserstrahls die kunstvollen Lettern
+pergamentgebundener Bücher zu lesen pflegten, saßen Soldaten und putzten
+Gewehre; in den hohen Sälen, von deren gemalten Decken die Götter des
+Olymps auf die tafelnden Priester des Gekreuzigten einst lächelnd
+herniedersahen, standen Eisenbetten mit rauher Leinwand gedeckt, an den
+Wänden, hinter deren kalkweißer Tünche prächtige Bilder schlummern,
+hingen in Reih und Glied Käppis und Tornister.
+
+Wir gingen schweigsam zurück. In den Gassen lärmten ein paar Kinder:
+Mädchen mit seidenen Schleifen im Haar und zerschlissenen Röckchen über
+den bloßen Beinen, Knaben, die gierig um ein paar Kreuzer rauften. Vor
+den Wirtshäusern auf dem schmalen Trottoir saßen in schäbiger Eleganz
+junge Leute, die lange Virginiazigarre zwischen den schwarzen Zähnen.
+Die Sonne schien, aber ihre Strahlen trafen auf keinen Lebenssamen, den
+sie hätten wecken können; die kahlen Mauern, die baumlosen Straßen
+warfen nur sengende Glut zurück. Fürsten erbauten diese Stadt, und
+Bettler haben sie daraus vertrieben.
+
+Wir aber suchten den Frühling. Ein Postwagen mit vier Pferden davor
+entführte uns aus Trient. Je weiter wir uns von der Stadt entfernten,
+die wie ein steinerner Sarkophag in der Tiefe schlief, desto lachender
+wurde die Natur. Auf den Wiesen blühten Lilien und Glockenblumen, um die
+elendesten Hütten leuchteten in rosiger Pracht die Mandelbäume. In
+Caldonazzo, einem stillen Nest am Ende des Sees, der den klaren Himmel
+auf die Erde zu zaubern schien, blieben wir. Unter der Laube im
+Obstgarten der Trattoria, die von gelben Rosen überwuchert war, wurde
+uns gedeckt. Vino santo funkelte goldfarbig in den Gläsern, ein kleines
+Mädchen mit großen runden Augen, wie geschliffene Kohlen, setzte noch
+eine blaue Vase mit weißen Lilien mitten auf den Tisch. Dann war es
+ganz, ganz still um uns, ein heiliges Abendschweigen, das wir mit keinem
+lauten Wort zu stören wagten. Unsere Hände schlangen sich ineinander,
+fester zog mich sein Arm an seine Brust, und sehnsüchtiger wurden unsere
+Küsse.
+
+Schlüsselklirrend ging der Wirt durch den Garten. Wir standen auf. Vor
+der Tür meines Zimmers blieben wir stehen, stumm, mit herabhängenden
+Armen, unsere Augen versanken ineinander, und die ganze verzehrende Qual
+unserer Liebe lag in unserem Blick. »Gute Nacht!« -- er berührte mit den
+heißen Lippen nur meine Fingerspitzen.
+
+Ich schlief nicht. Durch das offene Fenster strich die laue Luft und
+trug die süßen Gerüche der Wiesen auf ihren Flügeln. Ich preßte die
+Zähne zusammen, um nicht den zu rufen, nach dem mein Herz verbrannte,
+ich drückte die spitzen Nägel meiner Finger mir ins Fleisch, um mit dem
+Schmerz die Qual zu betäuben, die mein Blut durch die Adern peitschte.
+
+Draußen im Garten knirschte der Kies, -- das Weinlaub am Fenster bewegte
+sich, -- schlich nicht ein Schatten leise vorüber? -- O, warum kommst du
+nicht, -- sind meine Arme nicht weich, lockt nicht mein Busen wie
+Perlmutter glänzend in der Stille der hellen Mondnacht? Was geht mich
+die Welt an?! Die sanften Höhen dieses blühenden Tales umschließen die
+meine! Und die Menschen? Da doch niemand ist, als ich und du! Und die
+Vergangenheit? Sie gehört uns nicht mehr! Und die Zukunft? Nichts ist
+unser als dieser Frühlingsnacht zauberische Gegenwart! -- --
+
+Aus kurzem, schwerem Morgenschlaf erwachte ich müde und einsam. Wir
+trafen uns in der Rosenlaube, und die Spuren nächtlicher Kämpfe lagen
+auch auf seinen Zügen.
+
+Der Telegraphenbote riß uns aus der Versunkenheit unserer trüben
+Stimmung. Eine Depesche von Heinrichs Rechtsanwalt: »Frau Brandt
+verlangt Schlüssel Ihrer Wohnung, kehrt nach Berlin zurück. Stimmung
+nach Mitteilung ihres Anwalts wesentlich verändert.« Das Telegramm war
+uns von Bozen nachgesandt worden und trug das Datum von vorgestern. »Ich
+muß nach Berlin -- sofort --. Sie kann alles zerstören,« knirschte
+Heinrich, »und du -- du Arme?!« »Zunächst begleite ich dich, -- alles
+weitere besprechen wir unterwegs.«
+
+In sausender Fahrt ging es bergab. Die Peitsche des Kutschers pfiff über
+die schweißtriefenden Pferde. Wir mußten den Schnellzug erreichen.
+Unterwegs bekam ich einen Herzkrampf. Als ich wieder zu mir kam,
+ratterte der Wagen über das Pflaster Trients, und Heinrichs
+angstentstelltes Gesicht beugte sich über mich. »Wirst du weiter
+können?« Ich nickte. Man hob mich in den Zug. Ich erholte mich soweit,
+um ruhig denken zu können. Dicht bei Brixen lag unter großen Nußbäumen
+ein kleines Dorf, Vahrn genannt; dort wollte ich bleiben, bis --. »Bis
+alles gut ist, mein armer Liebling,« flüsterte er; »wenn ich nur sicher
+wäre, daß du deiner Angst, deiner Aufregung Herr wirst, -- für mich ist
+der Kampf ein Kinderspiel --« Der Triumph des Sieges blitzte schon aus
+seinen Augen. In Brixen blieben uns noch ein paar Stunden bis zum
+Abschied. Auf der Post fand sich ein Brief an mich von der Mutter mit
+einer Beilage in verstellter Schrift: »Diesen anonymen Wisch bekam ich
+soeben. Ich habe ihn, Gott Lob, vor Hans verstecken können. Da aber
+Wiederholungen, womöglich direkt an ihn gerichtete, wahrscheinlich sind,
+und ich von deinem Anstandsgefühl doch noch so viel erwarte, daß der
+Inhalt dieses Schriftstückes eine Verleumdung ist und Dr. Brandt nicht
+mit dir reist, so ersuche ich dich, zu veranlassen, daß er uns seine
+Anwesenheit in Berlin auf irgendeine Weise dokumentiert ...«
+
+»Bereits morgen wird das geschehen,« sagte Heinrich, »du stehst, wie
+notwendig es ist, daß wir das Opfer dieser Trennung bringen. Es wird die
+letzte sein!«
+
+Mit einem leisen Vorwurf sah ich ihn an: »Fast scheint's, als freutest
+du dich, daß du fort mußt!«
+
+»Ich freue mich der Hindernisse, die sich uns in den Weg legen. Mir wäre
+bange geworden vor der Größe meines Glückes, wenn sein Besitz keine
+Opfer kosten würde.« Ich schämte mich meiner Trauer, und wir nahmen
+Abschied voneinander, fast als wäre es ein Willkommen.
+
+ * * * * *
+
+Im Turmzimmer des Gasthofes zu Vahrn zog ich am selben Abend noch ein.
+Von meinem Fenster sah ich ins Schalderer Tal mit seinen dunkeln Fichten
+am klaren Bach. Stundenlang saß ich hier in wachen Träumen. Zuweilen
+folgte ich dem stillen Waldweg bis hinauf nach Schalders. Aber es mußte
+ein heller Tag sein, sonst fürchtete ich mich und sah, wie einst als
+Kind, hinter jedem Baum Gespenster lauern. Abends stieg ich nach Salern
+hinauf und saß zwischen dem alten Gemäuer der Ruine bis breite
+Bergschatten das Tal von Brixen verhüllten und die Spitzen der Dolomiten
+fern am Horizont aufglühten wie verlöschende Fackeln.
+
+Des Nachts aber kamen die finsteren Gedanken. Dann las ich wieder und
+wieder seine Briefe und suchte zwischen den Zeilen, was er aus Schonung
+verschweigen mochte: »Rosalie macht Besuche bei allen Bekannten, und ich
+sehe an den Mienen der Leute, was sie erzählt --«, sie suchte Zeugen
+gegen mich; der Preis der Scheidung würde die Verhinderung unserer
+Heirat sein! »Sie hat neuerdings Freunde im Egidyschen Kreis« --, sie
+suchte eine Verbindung mit den Eltern, sie wird zum Vater gehen, ihm
+erzählen, -- und er ertrüge es nicht, so nicht, -- er würde Heinrich vor
+die Pistole fordern!
+
+Noch geschah nichts dergleichen. Meines Vaters Briefe waren erregt,
+aber nur über die Ereignisse des Tages: die Verurteilung Hammersteins
+wegen Urkundenfälschung zum Zuchthaus, »ein Menetekel für den Adel,
+dessen junger Nachwuchs das goldene Kalb umtanzt und dabei unabweisbar
+dem Schwindel verfällt,« den Austritt Stöckers aus der konservativen
+Partei, »dieses tüchtigen Mannes, den die Sozialdemokraten mit ihrer
+verdammten Manier der Veröffentlichung von gestohlenen Privatbriefen auf
+dem Gewissen haben,« über die in seinen Jubiläumsreden stets deutlicher
+zutage tretenden Weltmachtgelüste des Kaisers, »die uns vom erprobten
+geraden Wege altpreußischer Sparsamkeit und dem bewußten Sichbescheiden
+auf den angestammten Boden und seine Bearbeitung in die Politik
+abenteuernder Seefahrer hineinreißt.« Ich mußte mein Erinnerungsvermögen
+immer erst mühsam auf die Welt außer mir einstellen, wenn seine Briefe
+Antwort heischten.
+
+Eines Morgens kam ein Expreßbrief von Heinrich, den ich in Erwartung
+erfüllter böser Träume zitternd öffnete. »Deine Liebe soll noch eine
+harte Probe bestehen,« schrieb er. »Rosalie will sich nur unter der
+Bedingung scheiden lassen, daß ich ihr mein ganzes Vermögen gebe. Es ist
+an sich nur klein, wie Du weißt, aber es ist alles. Wirst Du stark genug
+sein, einen Mann zu heiraten, der nichts besitzt? Der Dir nur seine
+Liebe in die Ehe mitbringt und seinen festen Willen, Dir trotz alledem
+ein glückliches Leben zu erkämpfen?... Antworte mir nach reiflicher
+Überlegung. Aus Deiner Hand würde ich jedes Geschick ohne Murren
+empfangen. Fürchte nichts von mir, wenn Du nein sagen mußt. Das Glück,
+das Deine Liebe mir schenkte, war schon so groß, daß ich Dir auch dann
+noch dankbar bleibe...« Ich lächelte, von einem Alpdruck befreit; so
+viele Worte um solch eine Kleinigkeit! Nicht einen Augenblick des
+Besinnens gab es für mich. »Gib, was sie fordert,« telegraphierte ich.
+Aber noch immer schien sie nicht genug zu haben. Ein paar Tage später
+verlangte sie eine Summe, die Heinrichs Vermögen übertraf. Und als der
+Anwalt ihr vorhielt, daß Heinrich Wucherschulden machen müsse, wenn er
+ihren Wunsch erfüllen solle, sagte sie ruhig: »Mag sein, -- aber sonst
+lasse ich die Scheidung nicht zu.« Sie war unersättlich. In meinen
+nächtlichen Träumen sah ich sie: groß, dunkel, mit der Schleppe, die wie
+eine Schlange hinter ihr her raschelte, und den weißen Raubtierhänden.
+
+ * * * * *
+
+Der Tag der Entscheidung nahte. Am Vorabend fuhr ich nach München. Die
+Stunden schlichen, die Zeiger an der Uhr wollten nicht von der Stelle
+rücken. Ich hörte, wie das Leben draußen verstummte, die letzten Pferde
+müde zum Stalle trotteten, das letzte Läuten der Straßenbahn verklang.
+Und ich hörte wieder, wie es erwachte, wie die ersten Marktwagen im
+Dämmerlicht grauenden Morgens über das Pflaster ratterten und die Tritte
+der Bäckerjungen straßenweit zu verfolgen waren; wie das Räderrollen
+allmählich anschwoll zu einem brausenden Ton, und kein einzelner Schritt
+unter den vielen mehr zu unterscheiden war. Dann kamen die Stunden, die
+über mein Schicksal entschieden. Sie waren wie lebendige Wesen, die mit
+meinem Herzen Fangball spielten.
+
+ * * * * *
+
+»Frei!« -- Ich hatte das Telegramm dem Boten aus der Hand gerissen, --
+ich starrte das Wort an, bis mir die Augen übergingen. Im Zimmer ertrug
+ich's nicht mehr. Zu groß war mein Glück. Und selbst als der Himmel sich
+über mich spannte, war mir's, als müßte es sein blaues Gewölbe
+zersprengen.
+
+Zwei Tage mußte ich des Geliebten warten. »Nachdem Dein heimlicher
+Wunsch, Du emanzipationslüsterne Frau, eine freie Ehe zu schließen, an
+meinem reaktionären Eigensinn endgültig zu Schanden wurde« schrieb er
+neckend, »muß ich unserer altmodisch ordentlichen Verbindung auch eine
+bürgerliche Grundlage schaffen.«
+
+Ich lief indessen in der Stadt umher und suchte, meinem übervollen
+Herzen Luft zu machen. Ein Bettler stand an der Ecke mit einem Plakat
+vor der Brust: »Ein armer Taubstummer bittet um eine milde Gabe,« ich
+drückte ihm ein Goldstück in die Hand, was ihn so verblüffte, daß er
+seiner Stummheit vergaß und ein Mal über das andere ein »Vergelt's Gott«
+stammelte. Vor allen Schaufenstern blieb ich stehen, in denen die
+Maisonne zärtlich über Spitzen und Schleier strich. Und das Schönste,
+was ich sah, war nur gerade schön genug, um mich für ihn zu schmücken.
+
+Meines Lebens hohe Zeit stand vor der Türe; königlich sollte sie
+empfangen werden. Niemand durfte ihr begegnen, der Trauergewänder trug.
+Keines Menschen Träne durfte den Willkommtrunk verbittern, mit dem ich
+sie begrüßen wollte. Und im geschliffenen Kristall des Pokals sollte
+sich nur die Sonne spiegeln.
+
+Der Gedanke an die Eltern krampfte mir das Herz zusammen. Ich sah sie
+in der dunkeln Wohnung hinter den schweren Vorhängen, die immer an den
+Winter glauben ließen. Würde mein Glück hell genug sein, um
+hindurchzudringen? Ich fühlte, wie dumpf die Luft bei ihnen war. Würde
+mein Glück stark genug sein, sie zu zerstreuen?
+
+An einem hellen Morgen, über den der Himmel leuchtete wie ein
+geheimnisvoll gleißender Opal, trug ich ein weißes Kleid und Rosen im
+Gürtel, die lauter Sonnenlicht getrunken hatten und die Blütenköpfe
+senkten, schwer von Schönheit. Ich wartete des Geliebten. Durch die
+vielen Scheiben der Bahnhofshalle funkelte und sprühte das Morgenlicht
+und malte tanzend helle Flecke auf den Asphalt. Wie blasse Mondscheiben,
+wenn der Tag noch herrscht, standen die großen, runden Bogenlampen über
+dem hastenden Leben. Hin und her strömten bunte Menschenschwärme.
+Reisefieber, das in blaue Fernen treibt, sorgender Ernst, der der
+Tagesarbeit entgegenstrebt, lachende Hoffnung, die in die Arme der Liebe
+verlangt, bange Angst, die vor der Fremde zittert, malten sich in den
+vielen Gesichtern. Die Züge brachten und empfingen sie in unaufhörlichem
+Wechsel. Ich allein stand in der Flut ganz still, die Augen auf das
+helle riesige Bogenrund gerichtet, in das die großen schwarzen Schlangen
+fauchend untertauchten, und aus dem sie, die welterobernden Ungeheuer,
+brausend hervorquollen. Endlich! Ein schriller Pfiff aus einer
+Lokomotive, die ihre mächtigen, blanken Glieder majestätisch
+hereinwälzte, zwei zischende Garben weißer Wasserdämpfe --, sie stand.
+Lauter Schatten liefen und drängten an mir vorüber, ich sah nur ihn, --
+und er zog mich in die Arme, ganz fest --, alle Rosen fielen mir aus
+dem Gürtel, und streuten ihre Blätter um uns, glutrote ...
+
+ * * * * *
+
+»Und unsere Hochzeit, mein Lieb, wo soll sie sein?« »Irgendwo zwischen
+hohen Bergen, im Walde, wo der Dompfaff uns traut --«
+
+»Und wann, -- wann?« heiß flüsterte seine Stimme an meinem Ohr.
+
+»Still muß es um uns sein, ganz still, dann wird die Stunde kommen, der
+wir gehorchen müssen ...«
+
+ * * * * *
+
+Wir fuhren nach Augsburg zu Tante Klotilde, meines Vaters Schwester.
+Vielleicht, daß sie sich für uns gewinnen ließ, daß ihr Einfluß den
+Vater beruhigen könnte. Am Bahnhof trennten wir uns, er ging ins Hotel,
+mich führte ihr Wagen durch das alte schmiedeeiserne Tor vor das schöne
+Haus mitten im blühenden Garten. Mit ungewohnter Zärtlichkeit empfing
+sie mich: »Du hast mir etwas zu sagen, Kind? Fürchte dich nicht --, du
+weißt, ich habe viel an dir gut zu machen.« Ich fürchtete mich doch, --
+aber nicht vor ihr. Wenn sie mich verdammte, so wußte ich: das Herz
+würde ihr darum nicht bluten. Um den Vater nur bangte mir, wenn sie die
+Verständigung nicht würde herbeiführen wollen. Ich erzählte, daß ich
+verlobt sei. Ich verschwieg nicht, daß er sich hatte scheiden lassen, --
+um meinetwillen. Aber von der ersten Ehe erzählte ich nichts, und nichts
+von dem Kinde, das vor wenigen Monden erst geboren worden war. Ich
+bekannte ehrlich, daß er, wie ich, Sozialdemokrat von Gesinnung sei,
+aber ich betonte, daß seine Tätigkeit allein auf neutralem
+wissenschaftlichem Gebiete liege. Und als sie die Frage stellte, die,
+wie ich wußte, für sie von ausschlaggebender Bedeutung war: »In welcher
+Lage ist er?« -- da log ich: »In der besten --« Was ging das alles die
+anderen an?! Mein Leben war es, für das ich allein die Verantwortung
+trug. Nur dem Vater wollte ich es leicht machen, und die Mutter sollte
+sich nicht grämen, und mein blondes Schwesterchen sollte nicht weinen!
+
+Heinrich wurde zum Essen geladen. Seine ruhige, fast hochmütige
+Zurückhaltung der »Frau Baronin« gegenüber imponierte ihr. Sie schrieb
+noch am Abend einen langen Brief an den Vater. Und am nächsten Mittag
+kam seine telegraphische Antwort: »Tief gerührt über die Liebe, mit der
+du Alix in deinen Schutz nimmst, versage ich ihr nicht den Segen ihrer
+schmerzbewegten Eltern.«
+
+Heinrich reiste nach München zurück, -- es wäre ja nicht passend
+gewesen, ein Brautpaar beieinander zu lassen! -- ich blieb noch, um in
+ein paar Tagen mit Freunden, -- wie ich vorgab, -- nach Tirol zu gehen.
+Inzwischen kamen die Briefe der Eltern. Von der Mutter zuerst. Sehr
+liebevoll, aber doch voller Sorge. »Ich danke Gott und der lieben
+Klotilde,« schrieb sie, »daß Dein Vater die große unerwartete Sache so
+aufnahm und ruhig ist, trotzdem ihm alles furchtbar schwer wird und er
+noch nicht imstande ist, an Dich zu schreiben. Wenn nur seine Gesundheit
+aushält, um die ich oft sehr besorgt bin, besonders bei so großen
+Erschütterungen ... Ilschen hat sich reizend benommen; ihre kindliche,
+zärtliche Art, ihrem Papa alles recht gut und schön darzustellen, ihre
+Bitten und Tränen haben ihn tief gerührt ... Um Deines Vaters willen
+bitte ich Dich, Deine Verlobung wenigstens solange geheimzuhalten, bis
+er bei Klotilde in Grainau ist, die ihn so freundlich einlud und ihn am
+leichtesten wird beruhigen können. Auf diese Weise entgeht er am besten
+dem Zeitungsklatsch, an dem es wohl leider nicht fehlen wird ... Mir ist
+das Herz so übervoll, daß ich keine Worte finde. Gott führe alles zum
+Besten ...« Und dann kam der erste Brief des Vaters, aus dem ich erfuhr,
+daß er wußte, was ich ihm schonend verschwiegen hatte. »Wenn Du älter
+geworden sein wirst,« hieß es darin, »so wirst Du verstehen, daß ich
+nicht Dein Glück stören will, sondern nur mit der Erfahrung eines
+Mannes, der am Ende seines Lebens steht, da kein Glück sehe, wo Du
+seinen Gipfel glaubst erstiegen zu haben ... Dr. Brandt mußte bei mir
+und Mama zuerst um die Erlaubnis zur Verbindung mit Dir nachsuchen, es
+mußten mir ganz klar die äußeren Verhältnisse dargetan werden, die zur
+Scheidung führten, und die Lebenslage, die Dr. Brandt Dir bietet. Von
+alledem ist nichts geschehen, und ich bin und bleibe der vor Gott und
+den Menschen für Dich verantwortliche Vater; auf mir, Mama, Ilse bleibt
+jeder öffentliche Skandal sitzen. Sage selber, wie soll ich Vertrauen zu
+einem Manne haben, der zweimal geschieden ist? Ich kenne die Gründe
+nicht, kann also nur bei meinem theoretischen Urteile bleiben, daß es
+ihm zweimal nicht gelungen ist, seine ihm 'bis der Tod uns trennt'
+angetraute Frau an sich zu fesseln. Es kommt hinzu, daß selbst roheste
+Naturen Pietät dafür haben, wenn dem Manne eben von seiner Frau ein
+Kind geschenkt worden ist. Diesen Augenblick zur Scheidung zu wählen,
+ist gewiß nicht feinfühlig. Meine Tochter ist mir zu schade, als daß ich
+ruhig zusehen könnte, wenn sie in solche Verhältnisse verwickelt
+wird ...«
+
+Es entspann sich eine erregte Korrespondenz. Ich war viel zu
+empfindlich, besonders gegenüber Angriffen auf den Geliebten, als daß
+ich mich wenigstens äußerlich hätte beherrschen können. Mein strahlendes
+Glück hatte mich blind gemacht für die Welt, in der meine Eltern lebten
+und dachten. Ich empfand als bittere Kränkungen, was von ihrem
+Standpunkt aus sorgende Liebe war. »Ich begreife nicht, daß Du scheinbar
+gar nicht ahnst, wie schwer uns Deine Heirat werden muß,« schrieb Mama
+in Beantwortung eines meiner Briefe, »willst Du denn durchaus nicht die
+Wirklichkeit sehen? Muß ich ganz deutlich werden und dir sagen, wie
+selbst Dir wohlwollende Menschen über Dich den Kopf schütteln? Du ahnst
+wohl gar nicht, was und wie man über Euch spricht! Und jetzt erwähnst Du
+wie etwas Selbstverständliches, daß Ihr Euch hier in Berlin wollt trauen
+lassen. Ich finde den Gedanken unglaublich. Denke doch nur an das
+Aufsehen, und was das für ein Licht auf uns alle werfen würde! Wir
+wollen der Welt gegenüber betonen, daß Du mit unserem Segen
+heiratest --, hier würde nicht einmal unser Pfarrer, der so streng über
+Scheidungen denkt, Euch trauen wollen ... Heiratet in irgend einem
+stillen Ort Süddeutschlands, wohin ich und Ilse zur Trauung kommen
+werden, und überlegt vor allem, ob es nicht besser wäre, wenn Ihr Euch
+dann fern von Berlin niederlaßt? Für alle Teile würde es besser sein,
+solange der gemeine Klatsch über Euch nicht verstummt ist. Ich habe auch
+an Deinen armen Vater zu denken, den Du ganz zu vergessen scheinst, und
+dem jede neue Aufregung erspart werden muß ...«
+
+Ich erwähnte in meiner Antwort der Schwierigkeiten, die eine Heirat an
+anderem Orte bereiten würde. Wir hatten längst beschlossen, uns ohne
+alles Aufsehen trauen zu lassen und gehofft, daß die Eltern angesichts
+der vollzogenen Tatsache sich um ihr Was und Wie nicht kümmern würden.
+Im nächsten Brief meiner Mutter schrieb sie: »Du erwähnst nur der
+standesamtlichen Schwierigkeiten, also wollt Ihr wohl die Kirche
+umgehen, -- wenn Du mir das noch antust, dann wäre es besser, wir sehen
+uns nie wieder, denn das kann ich nicht überwinden, das würde ich nie
+verzeihen, und Vater, Schwester und Tante auch nicht! Bedenket wohl, was
+Ihr damit tut: Ihr gebt unseren Beziehungen den Todesstoß ...«
+
+Ich war schon wieder abgereist, als mir in Innsbruck berliner Zeitungen
+in die Hände fielen. Sie brachten mit mehr oder weniger hämischen
+Randbemerkungen die Mitteilung von Heinrichs Scheidung und meiner
+Verlobung. Und gleich darauf kam ein Brief des Vaters: »Was zu erwarten
+war, ist geschehen: alle Zeitungen beschäftigen sich mit Dir und ziehen
+meinen guten Namen in die Skandalgeschichte meiner Tochter. Sie sagen,
+daß Du Dich nun ganz der Sozialdemokratie in die Arme geworfen hast ...
+Du nahmst die Gewohnheit an, bei Deinen Handlungen nie an Deine Eltern,
+nie an Deine Schwester zu denken. Trotzdem bleibst Du unser Kind, und
+wir tragen an Dir mit, gleichgültig welches die Bürde ist, die Du uns
+auferlegst. Wenn eine Tochter frank und frei erklärt, sie gehöre zur
+Sozialdemokratie, so bleibt an den Eltern etwas hängen. Ich bin alt und
+gebrechlich, meine Tage sind gezählt, aber ich bin notwendig für Deine
+Mutter und Deine Schwester. Unehre jedoch ertrage ich nicht; wenn man
+mich ehrengerichtlich belangt, wegen Deiner Beziehungen zu einer
+staatsvernichtenden Partei, so mag man mich begraben. Daß die
+Sozialdemokratie es jetzt freudig ausbeutet, wenn die adlige Tochter
+eines allgemein bekannten Generals sich zu ihr bekennt, das begreife
+ich, es ist ihr Vorteil. Wer ein einziges Mal diese gemein aussehenden
+Leute im Reichstage gesehen hat und sich vergegenwärtigt, daß diese
+Rotte unheimlicher Kreaturen von den Pfennigen der Arbeiter sich mästet,
+die um so reichlicher fließen, je mehr alles in den Schmutz getreten
+wird, was uns heilig ist, der muß am Rande der Verzweiflung stehen, wenn
+er die eigene Tochter unter ihnen weiß ...« Ich antwortete nicht. Wie
+viel besser wäre der offene Bruch gewesen, als daß ich, vom Verstande
+unkontrollierten Gefühlen hingegeben, eine Brücke über Unüberbrückbares
+zu schlagen versucht hatte. Ich hatte nicht wehe tun wollen --, litten
+die Eltern jetzt nicht mehr, wo sie mich von schleichender Vergiftung
+befallen glaubten, als wenn ich ihnen ganz gestorben wäre?
+
+Am Morgen meines Geburtstages erwartete ich den Geliebten. Stille Wehmut
+dämpfte die Freude, mit der ich Heinrich empfing. Vor lauter Glück
+bemerkte er meine Stimmung nicht. »Ich bringe dir ein schönes
+Geburtstagsgeschenk,« rief er, mich zärtlich umarmend. »Herr Charles
+Hall, der Deutschamerikaner, von dessen sozialpolitischen Interessen ich
+dir oft erzählte, hat sich bereit erklärt, meine Zeitschrift zu
+unterstützen. Siehst du, nun hab' ich auch das durchgesetzt: die
+bürgerliche Grundlage unserer gut bürgerlichen Ehe! -- Dürfen wir nun
+nicht Hochzeit feiern?!« fügte er leiser hinzu. Ich schüttelte den Kopf
+und hing mich fest an seinen Arm: »Laß mich erst wieder froh werden,
+mein Heinz!«
+
+ * * * * *
+
+An einem regenfeuchten Julitag kamen wir nach St. Jodok, einem kleinen
+Bergnest, das die Brennerbahn fauchend umkreist. »Morgen fruh scheint d'
+Sunn,« versicherte der Führer, mit dem wir über unsere Pläne
+verhandelten, und so beschlossen wir, noch am Nachmittag zur Geraerhütte
+zu gehen. Es war ein einförmig düsterer Weg durch die Wiesen des Valser
+Tales mit ihren zahllosen braunen Heuschobern, auf die der Nebel tief
+hinunterhing, und dann die Anhöhe hinan auf steinigem Pfad, von
+schwarzgrauen Bergen umgeben, deren Gipfel sich in den Wolken verloren.
+Und in der Nacht tobte der Wind um die Holzhütte, und der Regen
+klatschte an die kleinen Fenster, daß ich mich fröstelnd in die Decken
+hüllte und eine undurchdringliche Finsternis noch vor mir zu haben
+meinte, als der Führer morgens an die Türe pochte. »Schön wird's,« sagte
+er mit unerschütterlicher Sicherheit. Wir traten hinaus, dicht vermummt,
+wie zu einer Winterreise. Fast wäre ich schwindelnd zurückgewichen vor
+dem Bilde, das die flackernde Laterne unsicher beleuchtete: wie auf
+einer Insel im Wolkenmeer standen wir. Unten im Tal lagen die Nebel
+dicht geballt, nur hie und da streckte es sich aus ihnen hervor wie
+lange schwarze Arme, die, kaum daß sie unsere Höhe erreichten,
+verschwanden wie Gespenster beim Glockenschlag. Wir stiegen aufwärts,
+Schritt vor Schritt, lange Serpentinen bis zum Alpeiner Ferner.
+Frischgefallener Schnee deckte ihn wie ein Leichentuch, nur hie und da
+glänzte das Eis hervor in tiefen, dunkelgrünen Spalten, -- geheimnisvoll
+lockende Gräber. Kein Leben ringsum; selbst der Sturm war verstummt,
+unhörbar versanken unsere Füße im Schnee. Mich grauste. War es nicht das
+Reich des Todes, das wir betreten hatten?
+
+Da begann der Himmel über uns sich rosig zu färben; noch einmal sah ich
+hinab in das Nebelmeer der Tiefe, dann stieg ich, so rasch meine Füße
+mich tragen konnten, um die Höhe zu erreichen, wenn die Sonne kam.
+
+Und sie war da. Glühend in junger Liebe, als küsse sie die Erde zum
+erstenmal. In der heißen Umarmung ihrer Strahlen ward die keusche Braut
+zum Weibe, das sich dem Geliebten schrankenlos hingibt. Sie warf die
+dunkeln Schleier von sich, in die sie sich eben noch scheu gehüllt
+hatte, und auch die letzten weißen duftigen Hüllen zerriß sie. In ihrer
+prangenden Schöne stand sie vor ihm, die schimmernde weiße Stirn stolz
+gen Himmel gehoben, den schneeigen Busen rosig überhaucht von dem Gruß
+dessen, der sie erlöste.
+
+Wir standen ganz still und schauten uns an und lasen einander die
+Gedanken von den stummen Lippen. Auf dem Weg durch die Nacht und empor
+bis hierher, hatten wir die Vergangenheit noch einmal durchlebt,
+zusammengedrängt in wenige Stunden. Nun aber war es vorüber. Der Gipfel
+war unser. Und über das Schneefeld hinab, der Sonne zu, lag eingebettet
+in grüne Matten ein kleines, helles Haus. Mit dem Bergstock, dessen
+Spitze rote Alpenrosen schmückten und weiße Edelweißsterne, wies ich
+hinab. »Dort will ich Hochzeit halten,« flüstere ich. Da hob mich der
+Liebste jubelnd hoch empor, und miteinander sausten wir über den Schnee
+in die Tiefe.
+
+»Arg verliabt san's,« brummte der Führer gutmütig, als wir aufatmend
+unten standen.
+
+Zitherspiel und Gesang empfing uns in der Dominikushütte. Ein paar junge
+Männer, Studenten mit blondem Kraushaar und blitzenden Augen, saßen um
+den Tisch, und ihre Stimmen füllten den Raum mit lauter Frohsinn. Seil,
+Steigeisen und Eispickel lagen neben ihnen; die verstaubten Stiefel und
+die braunen Gesichter bewiesen: sie waren echte Höheneroberer. Solche
+Söhne will ich haben --, zog es mir durch den Sinn, als spräche es aus
+unbekannter Tiefe meines Wesens.
+
+Feierlich, mit Millionen goldenen Sternen am Himmel, senkte sich die
+Nacht in das Tal. Von Wiesen und Wäldern ein starker Duft füllte unsre
+braune Kammer. Und leise Winde, die von den Gipfeln kamen und noch
+keinen Staub getragen hatten, flüsterten in den Fichten vor dem Fenster.
+Da bin ich sein Weib geworden ...
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+Warme Augustsonne flutete durch alle Zimmer und brütete unten in
+gewitterschwangerer Hitze auf den jungen Anlagen des Lützowplatzes.
+Unruhig wanderte ich von einem Raum in den anderen, rückte auf dem
+mächtigen Doppelschreibtisch, den wir uns zu gemeinsamer Arbeit hatten
+machen lassen, die Bilder der beiden Buben, die nun meine Stiefsöhne
+waren, noch ein wenig in den Vordergrund, ging in ihr Zimmer mit dem
+blumengeschmückten Balkon, von dem aus der Blick geradeaus weit über die
+dichtbelaubten Bäume am Kanal schweifen konnte und rechts die Straße
+hinauf bis in die grüne Tiefe des Tiergartens, strich mechanisch die
+Bettdecken glatt und steckte den Kanarienvögeln, mit denen ich die
+Kinder überraschen wollte, ein paar Kuchenkrümel zu, die ich nebenan vom
+reichbesetzten Vespertisch geholt hatte. Immer wieder zog ich die Uhr:
+gleich mußten sie kommen, schon eine Stunde fast war Heinrich fort, um
+sie am Anhalter Bahnhof in Empfang zu nehmen. Ich lief durch unser
+Schlafzimmer mit seinen hellen Möbeln und meergrünen Vorhängen auf die
+breite Loggia hinaus: von hier würde ich sie zuerst entdecken, wenn sie
+vom Lützowufer auf den Platz einbiegen würden. Ich musterte
+erwartungsvoll alle Menschen. Von der luftigen Höhe meines vierten
+Stockes glichen sie aufgezogenen Puppen, wie sie die Händler um
+Weihnachten auf dem Asphalt laufen lassen. Und der Herkules auf der
+Kanalbrücke sah wie ein Knabe aus, der mit seinem Pudel spielt.
+
+Wehte dort nicht jemand grüßend mit einem weißen Tuch? Richtig: es war
+der kleine, schwarze Hans, der dem Vater und dem Bruder voranlief. Ich
+hatte doch rechtes Herzklopfen. »Du wirst sie lieb haben, meine Kinder,«
+hatte Heinrich gesagt, ehe er ging. Und mein »Ja« war aus vollem Herzen
+gekommen. Nun aber war mir bang. Sie waren bei ihrer Mutter gewesen --,
+würden sie der jungen Frau ihres Vaters nun nicht wie einer Feindin
+begegnen? Würde all meine Liebe, die ich ihnen entgegenbrachte, weil sie
+Heinrichs Söhne waren, ihr Mißtrauen besiegen können?
+
+Sie stürmten die Treppe hinauf. »Fein, daß du jetzt die Mama bist!« rief
+Wölfchen. Hans sah mich nur groß an und kramte in seinem Rucksack nach
+einem halbverwelkten Alpenrosensträußchen, das er mir mitgebracht hatte.
+»Ihr müßt recht brav sein, damit Ihr so eine gute Mama verdient,« sagte
+Heinrich. Ich warf ihm einen flehenden Blick zu. Er sollte mich nicht
+loben, -- jetzt, da sie von der eigenen Mutter kamen. Aber ich hatte
+ihnen wohl tiefere Empfindungen angedichtet, als sie besaßen. Sie waren
+vergnügt, selbst Hans wurde gesprächig; und als ich sie zu Bett brachte,
+waren sie ganz von selbst zärtlich zu mir geworden.
+
+»Ich danke dir, Alix,« sagte Heinrich mit warmer Betonung. »Noch hast du
+zum Dank keine Ursache,« antwortete ich. Mir war seltsam beklommen
+zumute.
+
+Als wir schlafen gingen, öffnete ich gedankenlos die Tür zum Zimmer der
+Kinder, -- es hatte mir in den acht Tagen seit unserem Einzug als
+Ankleideraum gedient --, erschrocken fuhr ich zurück: »Bist du's,
+Mutter?« rief eine schlaftrunkene Stimme. Ganz leise zog ich die Türe
+wieder ins Schloß; auf Zehenspitzen schlich ich ins Bett. »Liebste --
+Einzigste!« flüsterte Heinrich und zog mich in seine Arme. Noch waren
+wir in den Flitterwochen unserer jungen Ehe, und uns war, als ob jeder
+Tag und jede Nacht uns einander aufs neue schenkte. Heute aber wehrte
+ich dem Geliebten mit einem ängstlichen Blick auf die Tür, -- kaum daß
+ich seinen Kuß zu erwidern wagte. Wir waren nicht mehr allein.
+Zehnjährige Knaben sind hellhörig.
+
+Am nächsten Morgen ging ich mit ihnen in die Stadt. Ich hatte mich
+überzeugt, daß sie ganz neu eingekleidet werden mußten, auch die
+Schulbücher galt es anzuschaffen. In recht gedrückter Stimmung kam ich
+nach Hause; die Einkäufe hatten ein großes Loch in mein Portemonnaie
+gerissen. Siebenzig Mark, -- das war der ganze Rest meiner Erbschaft;
+auf unsere Reisen, auf die Wohnungseinrichtung war sie draufgegangen;
+Heinrich hatte schließlich auch noch den ganzen Haushalt der
+geschiedenen Frau mitgegeben, und es war nun nötig geworden, alles
+Fehlende zu ersetzen. Gewiß: ich hätte weniger ausgeben können --; ich
+hatte an nichts anderes gedacht, als unserer Liebe ein Heim zu schaffen,
+das ihrer würdig war. Glückselig hatten wir in den Tag hineingelebt; nun
+erst schien das Alltagsleben anzufangen, ganz nüchtern, ganz prosaisch,
+mit seinen täglichen kleinen Forderungen und seinen persönlichen Sorgen,
+in deren Schwüle der Altruismus so leicht verdorrt und der Egoismus
+üppig emporwuchert. Mir sank der Mut: wie würde Heinrich, der, wie es
+schien, an die Unerschöpflichkeit meiner Kasse ebenso fest geglaubt
+hatte wie ich, die unerwartete Nachricht aufnehmen? Ich war bei Tisch,
+-- dem ersten Mittag zu Hause, wir hatten bis dahin wie lustige
+Studenten stets irgendwo draußen gegessen, -- nicht gerade redselig.
+Gut, daß die Buben so viel zu erzählen wußten!
+
+Als wir uns am Schreibtisch allein gegenübersaßen, Korrekturen und
+Manuskripte vor uns, bekannte ich Heinrich meine Entdeckung. Er sah mich
+ganz entgeistert an. »Aber das ist doch nicht möglich!« sagte er
+schließlich und strich sich mit der Hand über die heiße Stirn. »Du hast
+dich bestehlen und betrügen lassen --«, fuhr er dann los mit einem
+Ausdruck und einer Stimme, die ihn mir vollkommen fremd erscheinen
+ließen. Entsetzt starrte ich ihn an: so hatte mein Vater ausgesehen,
+wenn ich vor dem Ausbruch seines Zorns verängstigt aus dem Zimmer
+entfloh. Mir stürzten die Tränen aus den Augen. »Und nun weinst du auch
+noch, -- als ob damit geholfen wäre --« rief Heinrich aufgeregt. Ich
+drückte mein Taschentuch vor die Augen, stand auf und riegelte
+geräuschvoll die Schlafzimmertür hinter mir zu. Ich hörte, wie er die
+Entreetür krachend ins Schloß warf. Es war die erste, ernste Differenz
+in unserer Ehe. Aber schon als ich ihn mit langen Schritten unten über
+den Lützowplatz gehen sah, war mein Kummer verflogen. Ich hätte ihn,
+ohne Rücksicht auf die Verwunderung der Menschen, zurückgerufen, wenn
+meine Stimme ihn erreicht haben würde. Nun stand ich weit hinausgelehnt
+auf der Loggia und winkte mit dem Tuch, das noch feucht von meinen
+Tränen war. Mitten auf dem Platz stand eine alte Frau mit einem Korb
+voll Rosen. Seine Schritte verlangsamten sich, als er in ihre Nähe kam.
+Zögernd ging er an ihr vorüber. Dann aber drehte er um, ganz rasch, als
+habe er etwas sehr Wichtiges vergessen; ich sah, wie er der alten Frau
+alle Rosen aus dem Korbe nahm, und den Weg hastig zurückging, den er
+gekommen war. In diesem Augenblick hob er den Kopf und sah mich. Er
+winkte mit der Hand voll Blumen. Ich lief die Treppe hinab, ihm
+entgegen. Wir sanken einander in die Arme. »Verzeih mir, Geliebte,
+verzeih!« flüsterte er. »Was sollte ich dir zu verzeihen haben ...!«
+
+Noch am Abend fuhr er nach Frankfurt, um Hall um einen Vorschuß zu
+bitten; vierundzwanzig Stunden später depeschierte er: »Anstandslos
+bewilligt. Sei ohne Sorgen.«
+
+ * * * * *
+
+»Nun müssen wir doch wohl ein paar Besuche machen,« meinte Heinrich
+seufzend, ein paar Tage später, »bei meinem Bruder, bei August, bei dem
+Alten --«
+
+Wir gingen zuerst zum »Vorwärts« in die Beuthstraße, in dessen Redaktion
+mein Schwager tätig war, Dunkle, schmierige Steintreppen führten hinauf.
+Nur spärlich drang das Tageslicht in die Redaktionsräume, vor deren
+Fenstern ein großes Fabrikgebäude mit dem Rattern seiner Maschinen und
+den grauen Gestalten, die sich eilig hin- und herbewegten, als ständiges
+Menetekel für die Vertreter der Arbeiterschaft drüben aufgerichtet
+schien. Zwischen Haufen von Büchern und Zeitungen saß mein Schwager,
+blaß und abgespannt.
+
+Er war immer überarbeitet, denn zu seiner redaktionellen Tätigkeit
+lastete er sich stets noch tausend andere Dinge auf.
+
+»Du interessierst dich ja für die Konfektionsarbeiter,« wandte er sich
+an mich, »Reinhard und ich bereiten eine Enquete vor. Man muß die
+Öffentlichkeit immer wieder mit der Nase auf die Dinge stoßen. Berlepsch
+ist abgesägt, die Konfektionäre haben ihr Wort gebrochen, ohne daß ein
+Hahn darnach krähte, jetzt gilt's wieder Spektakel machen, sonst ist's
+ganz und gar aus mit der Sozialreform.« Ich sicherte ihm freudig meine
+Hilfe zu. Und mit jener nervösen Unruhe, die stets das Zeichen geistiger
+Überreiztheit ist, schnitt er in der nächsten halben Stunde ein Dutzend
+anderer Gesprächsthemen an, um schließlich von seinem Bruder bei der
+Frage des Vorwärtskonflikts festgehalten zu werden, der gerade die
+Gemüter in der Partei erhitzte und die Gegner sehr beschäftigte, die
+überall hoffnungsvoll Unfrieden witterten.
+
+»Ihr habt unrecht von Anfang bis zu Ende,« erklärte Heinrich
+kategorisch. »Zuerst in der Ironisierung der Quarckschen Vorschläge und
+dann in der unwürdigen Behandlung des alten Liebknecht.« »Was verstehst
+du davon?« brummte Adolf.
+
+»Erlaube: von Sozialpolitik verstehe ich ebenso viel wie du. Und
+Quarcks Vorschläge liefen darauf hinaus, den Gewerkschaften eine
+intensivere Beschäftigung mit sozialpolitischen Fragen ans Herz zu
+legen. Darin hat er recht. Sie sind wichtiger, als leichtsinnig
+begonnene Streiks.«
+
+»Die Regierung würde auf unsere schönsten sozialpolitischen Kongresse
+pfeifen, und die Folge wäre nur eine Verwischung des Klassencharakters
+der Bewegung« -- Adolf redete sich in steigende Erregung hinein; jede
+Unterhaltung schien sich in der Familie Brandt zum Streit auszuwachsen;
+-- »selbst einen verlorenen Streik, der sie trotz alledem stärkt, weil
+er die Erbitterung steigert, ziehe ich einem Liebäugeln mit bürgerlicher
+Sozialreformerei vor. Und was den Alten betrifft --, ich möchte sehen,
+was du tätest, wenn du mit ihm in der Redaktion säßest!« -- »Mich zanken
+-- höchst wahrscheinlich! Aber nicht vor der Öffentlichkeit!« Ich hielt
+den Augenblick für kritisch und stand auf. »Übrigens habe ich noch was
+für dich, Schwägerin,« sagte Adolf und begann seine sämtlichen mit
+Papieren vollgestopften Taschen vor uns auszuleeren. Endlich fand sich
+der Zeitungsausschnitt, den er suchte.
+
+Ich las: »Zur Palastrevolution im Vorwärts -- cherchez la femme! Wir
+erhalten von authentischer Seite folgende interessante Aufklärung über
+die tieferen Beweggründe der Empörung der Vorwärtsredaktion gegen ihren
+Chef, Wilhelm Liebknecht. Frau von Glyzcinski, alias Fräulein Alix von
+Kleve, heiratete kürzlich Dr. Brandt, einen der Vorwärtsredakteure. Ihr
+brennender Ehrgeiz, der das Ziel verfolgt, das Zentralorgan der Partei
+in die Hand zu bekommen, ist es, der die Intrige anzettelte. Eine
+Dynastie Brandt dürfte die Dynastie Liebknecht nunmehr ablösen.«
+»Verlogenes Pack!« knirschte Heinrich. Adolf lachte. »Beruhige dich,«
+sagte er zu ihm, »wir bringen heute schon eine Berichtigung --« »Und wir
+gehen sofort zu Liebknechts, um der Geschichte die Spitze abzubrechen.«
+
+Adolf hielt uns noch einmal zurück: »Ich rate euch dringend, den Besuch
+zu unterlassen. Der Alte kümmert sich freilich um keinerlei Geklatsch,
+aber Frau Natalie erzählt in allen Parteikaffeekränzchen
+Räubergeschichten über euch, die sie von deiner geschiedenen Frau gehört
+haben will. Sie ist euch noch feindseliger gesinnt als Leo.« »Leo?!«
+wiederholte Heinrich überrascht. So hieß jener Freund, auf dessen
+enthusiastische Schilderung hin er die Bekanntschaft Rosaliens gesucht
+hatte. »Das weißt du nicht?!« staunte Adolf. »Jedem, der es hören oder
+nicht hören will, zählt er haarklein deine Sünden auf: daß du Rosalie
+gezwungen habest, nach England zu gehen, um hier -- na, sagen wir:
+ungestört zu sein, daß du sie selbst im Wochenbett nicht geschont,
+sondern ihr die Einwilligung zur Scheidung durch unaufhörliche Quälerei
+erpreßt hättest und sie, kaum daß sie aufstehen konnte, mit dem Säugling
+aus dem Hause getrieben hast.« Heinrich war außer sich. Einer seiner
+besten Freunde war Leo gewesen, und er verurteilte ihn, ohne ihn gehört
+zu haben!
+
+Wir gingen schweigsam nach Hause. Auf dem Lützowplatz sah ich Frau
+Vanselow uns entgegenkommen. Sie bemerkte uns, stutzte und bog hastig in
+einen Nebenweg ein. Heinrich sah mich forschend an und zog, wie zum
+Schutz, meinen Arm durch den seinen. »Mach dir nichts draus, Schatz. Es
+ist alles Gesindel! Du stehst zu hoch, als daß es dich verletzen
+könnte.« -- »Und dich?!« fragte ich und zwang mich zum Lächeln. Er biß
+sich die Lippen und schwieg.
+
+Fast immer, wenn ich ausging, hatte ich ähnliche Begegnungen: Kein
+Zweifel, meine alten Gefährtinnen aus der bürgerlichen Frauenbewegung
+wollten mich nicht mehr kennen. Frau Schwabach ging mit hoch erhobenem
+Kopf vorüber, wenn sie mich sah, und ich erfuhr aus den Zeitungen von
+den Vorbereitungen zum internationalen Frauenkongreß, den einzuberufen
+ich im Frühjahr noch mit beschlossen hatte. Man lud mich zu keiner
+Sitzung mehr ein, es fehlte nur noch, daß man mir das Referat über die
+Arbeiterinnenfrage fort genommen hätte, das mir seit Monaten übertragen
+worden war. Ich schrieb an Frau Morgenstern, um sie daran zu erinnern.
+Sie antwortete in sichtlicher Verlegenheit: »Wir glaubten nicht, daß Sie
+noch Wert darauf legten, geschieht es dennoch, so können wir Sie
+natürlich nicht hindern.«
+
+Nach all diesen Erfahrungen sah ich dem Besuch bei Bebels nicht ohne
+Herzklopfen entgegen, obwohl wir zu unserer Hochzeit ein
+Glückwunschschreiben erhalten hatten. Vielleicht war das nichts als eine
+Höflichkeit gewesen; ich fing an, mißtrauisch zu werden, und etwas wie
+Verbitterung bemächtigte sich meiner. Um so freudiger war ich
+überrascht, als die gute Frau Julie uns herzlich willkommen hieß. Vor
+Rührung und Dankbarkeit wäre ich ihr fast um den Hals gefallen. Und wenn
+ich in Bebel bisher den Vorkämpfer des Sozialismus bewundert hatte, --
+von dem Augenblick an, wo er mir mit einem freundlichen: »Nun sind Sie
+ganz die unsere« kräftig die Hand schüttelte, verehrte ich ihn um seiner
+Menschlichkeit willen.
+
+Ich beklagte mich über die Behandlung durch die vielen anderen, --
+selbst durch Parteigenossen. »Sie wundern sich noch, daß Ihre Geschichte
+so viel Staub aufgewirbelt hat?!« sagte Bebel. »Da kennen Sie unsere
+männlichen und weiblichen Philister schlecht! In der Theorie läßt man
+sich allerlei bieten, aber in der Praxis -- nein, das geht doch nicht!
+Wo bliebe da die Moral!! Meine Frau und ich haben schon schwer für Sie
+kämpfen müssen --«
+
+»So laß doch, August, -- das erzählt man doch nicht!« wehrte Frau Julie
+errötend ab, während ich ihr dankbar die mütterlich-weiche Hand drückte.
+
+»Warum denn nicht?« meinte er. »Es ist besser, Brandts sind orientiert,
+als daß sie täglich aufs neue unangenehm überrascht werden.«
+
+»Ich hörte, daß Leo sich sehr feindselig benimmt?« fragte Heinrich.
+
+»Und ob! Aber auch mit Singer habe ich mich schon herumgestritten, so
+daß er mich schließlich fragte, ob ich ihn für einen Philister hielte,
+was ich bejahte. Daß Frau Liebknecht gegen Sie beide Partei ergreift,
+war bei ihren Anschauungen gar nicht anders zu erwarten. Bei den Frauen
+müssen Sie sowieso darauf gefaßt sein, daß sie von einem wahren horror
+ergriffen sind. Im Mittelalter hätten sie Sie als Hexe verbrannt, heute
+werden Sie von hundert Mäulern begeifert und auf hundert Federn
+gespießt.«
+
+»Und da läßt sich gar nichts machen?« Meinem Mann schwollen die Adern
+an den Schläfen. »Warten Sie's ab, daß ist der einzige Rat, den ich
+geben kann. In vier Wochen stürzen sich die Raubtiere auf irgendeinen
+anderen armen Piepmatz, der so vermessen ist, fliegen zu wollen.«
+
+Frau Julie fragte nach meinen Eltern. Ich erzählte freimütig, was wir
+durchgemacht hatten. »Arme, junge Frau -- arme junge Frau,« wiederholte
+sie immer wieder und streichelte mir die Wange.
+
+»Mach unsere Genossin nicht noch weicher, als sie ist,« sagte er -- »Sie
+müßten statt dessen in Drachenblut baden! Aber eins wird Sie trösten:
+die Arbeit in der Partei. Damit werden Sie schließlich auch die bösesten
+Zungen zum Schweigen bringen.«
+
+Wir schieden wie Freunde. Ich fühlte mich neu gekräftigt und voll
+Hoffnung. Als wir ein paar Tage später zu Bebels geladen wurden, sah ich
+diesem Ereignis mit erwartungsvoller Freude entgegen. Eine Gesellschaft
+freier Geister, die die höchsten Ideale der Menschheit vertreten --
+meine Sehnsucht, seit ich denken konnte --, würde sich bei ihnen
+zusammenfinden: unsere Gefährten auf dem Weg in die Zukunft.
+
+Lautes Stimmengewirr schlug uns entgegen, als wir an jenem Abend über
+die gastliche Schwelle traten. Es verstummte jählings, sobald die Türe
+vor uns aufging. Sie haben eben von uns gesprochen, dachte ich
+unwillkürlich. Ich wurde vorgestellt und aufs Sofa gezogen. Auf dem
+Tisch davor stand eine blendende Petroleumlampe. Neben mir saß eine
+große, dicke Dame, die sich nicht anlehnen konnte, weil sie zu eng
+geschnürt war. Sie war selbstbewußt wie anerkannte Schönheiten, warf
+ihre braunen Augen siegessicher umher und behandelte mich sehr gnädig.
+Ein Herr mit einem schwarzen Vollbart, der wie gut gewichste Stiefel
+glänzte, rückte ihr mit seinem Stuhl immer näher und schlug sich bei
+jedem Witz, den er erzählte, schallend auf die Schenkel. Er versuchte,
+auch mich ins Gespräch zu ziehen. »Sie sind ja, Gott Lob, auch eine
+vorurteilslose Frau,« sagte er und zwinkerte vertraulich mit den Augen.
+Ich wandte mich ostentativ zur anderen Seite den Damen zu, die Frau
+Bebel an den Tisch führte. Aber die Unterhaltung blieb an den
+oberflächlichsten Phrasen kleben. Dazwischen hörte ich mit halbem Ohr
+das Gespräch der beiden neben mir. Seine Witze wurden immer eindeutiger,
+in irgend einer Friedrichsstraßen-Bar mochte er sie nicht anders
+erzählen. Endlich ging's zu Tisch; ich hatte den Ehrenplatz neben Bebel.
+Man sprach über die lieben Mitmenschen genau wie bei den »sauren Möpsen«
+schrecklichen Angedenkens, die ich in den verschiedenen Garnisonen
+meines Vaters hatte mitmachen müssen, und an Stelle von Regiments- und
+Manövergeschichten über interne Parteiaffären. Da ich nichts von ihnen
+verstand, konnte ich die Gesellschaft um so mehr beobachten; die Damen
+waren sehr erhitzt, und wenn der Nachbar eine Bemerkung machte,
+kicherten sie unaufhörlich. Die Hausfrau ging von einem zum anderen, um
+zum Essen zu nötigen. Ich fing an, mich zu amüsieren, -- nicht mit den
+Gästen, sondern über sie, -- und schämte mich doch wieder, daß meine
+Beobachtung so kleinlich an lauter Äußerlichkeiten kleben blieb. Ich
+wußte doch von vorn herein: hier waren keine Montmorencys. Aber so etwas
+wie eine Gesellschaft bei Madame Roland vor 89 hatte ich mir doch wohl
+vorgestellt.
+
+Zwischen Fisch und Braten benutzte ich die Gelegenheit, um meines
+Nachbarn Ansicht über den bevorstehenden Frauenkongreß einzuholen. Eine
+Notiz in Wanda Orbins Zeitschrift hatte mir zu denken gegeben. »Die
+Genossinnen haben beschlossen, die Einladung zum Kongreß abzulehnen,«
+hieß es darin.
+
+»Ich kann Ihnen nur raten, sie ruhig anzunehmen, ohne Rücksicht darauf,
+wie Frau Wanda sich stellt,« sagte Bebel und warf mit einer lebhaften
+Bewegung die widerspenstigen Haare aus der Stirn. »Ich befinde mich mit
+ihr stets in kleinen Konflikten wegen der ungeschickten Taktik und der
+oft recht gehässigen Art, mit der sie die bürgerliche Frauenbewegung
+bekämpft. Sie käme mit einer sachlichen, ruhigen Darstellung viel
+weiter. Haben Sie zum Beispiel gelesen, was sie über die Resolutionen
+schrieb, die hier in vier großen Versammlungen zwischen der zweiten und
+dritten Lesung des Bürgerlichen Gesetzbuchs zur Annahme gelangten?«
+
+Ich nickte: »Mich hat überhaupt gewundert, daß von seiten der
+sozialdemokratischen Frauen so wenig geschah. Das Bürgerliche Gesetzbuch
+hätte zu einer großen Protestbewegung Anlaß genug gegeben!«
+
+»Sicherlich!« bekräftigte er, »und statt den gegebenen Anlaß zu
+benutzen, lehnte Frau Wanda den Anschluß an den Protest der bürgerlichen
+Damen ab --, nicht etwa wegen dem, was darin steht, sondern wegen dem,
+was nicht darin steht! Mich amüsiert der Vorgang besonders deshalb, weil
+ich selbst den Resolutionen, die Frau Vanselow mir schickte, ihre letzte
+Form gegeben habe.«
+
+»Sie scheinen mir mehr von der bürgerlichen Frauenbewegung zu halten,
+als ich, die ich aus ihr hervorging,« meinte ich lächelnd.
+
+»Die Distanz verändert immer das Urteil,« antwortete er. »Ich mache mir
+aber keinerlei Illusionen, finde nur, daß es taktisch richtiger gewesen
+wäre, die Empörung der bürgerlichen Damen über die Haltung des
+Reichstags für uns auszunutzen, als sie so plump, wie Frau Wanda es tat,
+vor den Kopf zu stoßen. Die Frauen haben tatsächliche Fortschritte
+gemacht und sind mit ihren männlichen Parteigenossen, den Liberalen,
+nicht in einen Topf zu werfen.«
+
+Ich erinnerte ihn an das erwachende Interesse, das sie seit dem
+Konfektionsarbeiterstreik für die Arbeiterinnenfrage an den Tag legten.
+»Auch auf dem Kongreß wird sie im Verhältnis zu früheren Zeiten einen
+breiten Raum einnehmen.«
+
+»Ein Verdienst Glyzcinskis und Ihrer Zeitschrift --, das werden Sie sich
+hoffentlich nicht verhehlen,« warf er ein. »Im übrigen ist das natürlich
+die schwächste Seite der Damen und wird es bleiben. Sie können ihnen ja
+darüber tüchtig die Leviten lesen. Mit Ausnahme der christlich-sozialen
+Frauen jüngerer Richtung verstehen sie nicht einen Deut von ihr.«
+
+Christlich-sozial, -- das war das Stichwort zur Verallgemeinerung des
+Gesprächs. Göhre hatte eben sein Pfarramt niedergelegt, Naumann plante
+eine Tageszeitung; die offene Trennung der Gruppe, die sich um ihn
+gebildet hatte, von der Stöckerpartei, war eine schon fast vollendete
+Tatsache. Man stritt mit steigender Lebhaftigkeit über ihre Ansichten,
+über die Bedeutung, die sie für die Sozialdemokratie haben könne.
+
+»Nichts als ein Unterschlupf für die Möchtegern- und
+Kanndochnicht-Politiker; Offiziere ohne Armee, die mit den Jahren nach
+rechts abschwenken,« sagte der mit dem schwarzen Bart und zog ihn
+schmeichelnd durch kranke, blutleere Finger »Es wird unsere Sache sein,
+ihnen die Entwicklung zu uns zu ermöglichen,« hörte ich Heinrichs
+Stimme. »Sie sind immer ein Ideologe gewesen, lieber Brandt,« antwortete
+ihm eine andere, »sollten wir uns um eine Handvoll Intellektueller die
+Beine ablaufen, wo Millionen Arbeiter noch nicht die unseren sind?!«
+»Gerade um die Millionen zu gewinnen, brauchen wir eine solche
+Handvoll --,« entgegnete Heinrich.
+
+»Dafür lassen Sie nur ruhig die Verhältnisse sorgen,« sagte Bebel
+lebhaft, »sie werden uns schneller, als ihr alle glaubt, die Massen
+zutreiben. Noch ein paar Jahre Flottenrummel, einige Reden von S. M..«
+
+»Und wir werden glücklich ein Dutzend Mandate mehr haben --, oder meinst
+du wirklich, wir sprängen dann schon mit beiden Beinen in den
+Zukunftsstaat?!« Der mit gutmütigem Spott gesprochen und bisher fast
+immer geschwiegen hatte, war Ignaz Auer. Auf meine rasch entzündliche
+Begeisterung, die Bebels Worte ganz anders ergänzte, wirkten die seinen
+wie ein kalter Wasserstrahl. Anderen schien es ähnlich zu gehen, das
+Gespräch verlor seinen allgemeinen Charakter; man stand auf. Nach ein
+paar Höflichkeitsphrasen wurde der weibliche Teil der Gesellschaft in
+das Wohnzimmer genötigt; die Herren rückten mit ihren Zigarren um den
+Eßtisch zusammen, und durch die Tür klang ihre laute Unterhaltung. Bei
+uns drinnen sprach man von Fleischpreisen und Kochrezepten; keine der
+anwesenden Frauen schien in der Parteibewegung irgend eine aktive Rolle
+zu spielen. Fragen von allgemeinerem Interesse wurden nicht berührt. Nur
+die große, dicke Frau, deren Schönheit und Geist mir inzwischen
+irgendwer gepriesen hatte, stellte sich wie ein Inquisitor kerzengerade
+vor mich hin und fragte: »Wie denken Sie über Ibsen?« Die anderen
+richteten selten ein Wort an mich; im Hintergrund schienen sie über mich
+zu tuscheln, und ich fühlte ihre Blicke, die musternd auf mir ruhten.
+
+Auf dem Heimweg konnte ich mir endlich Luft machen. »Das sind ja alles
+Philister --,« brach ich los, »vom Herrn Amtsrichter in Neu-Ruppin hätte
+ich nichts anderes erwartet.« Heinrich lachte.
+
+»Glaubst du, die politischen Ideale könnten aus ihren Vertretern
+gewandte Salonhelden machen?«
+
+»Das nicht. Aber freiere Menschen.«
+
+»Darüber dürften Generationen vergehen. Die Gewohnheit ist wie eine Haut
+und läßt sich nicht auf einmal abziehen. Du mußt unsere Genossen bei der
+Arbeit kennen lernen, nicht beim Souper.«
+
+ * * * * *
+
+Die erste Gelegenheit dazu bot sich bald. Adolf lud uns ein, der Sitzung
+der Gewerkschaftskommission beizuwohnen, in der die Vorschläge Dr.
+Quarcks erörtert werden sollten. In einem Lokal der Kommandantenstraße
+fand sie statt. Durch die enge Kneipe, wo es nach schlechtem Fett und
+süßlichem Schnaps roch, und den regenfeuchten dunkeln Garten, wo ein
+paar verkümmerte Kastanien zwischen haushohen Mauern einen endlosen
+Todeskampf führten, ging es in die große, hölzerne Veranda, deren
+spärliche Gasflammen die dichtgedrängte Menge unruhig beleuchteten.
+Gegen hundert verschiedene Berufe waren durch ihre Delegierten
+vertreten, fast lauter ernste, ältere Männer im Sonntagsrock, die
+Zigarre zwischen den Lippen, den Bierkrug vor sich; nur zwei Frauen
+unter ihnen: Martha Bartels und Ida Wiemer. Sie sahen uns kommen. Aber
+während Martha Bartels den leeren Stuhl neben sich hastig aus der Reihe
+schob und meinen Gruß frostig und fremd erwiderte, kam uns Ida Wiemer
+freundlich entgegen und zog uns an ihren Tisch. »Haben Sie die Bartels
+gesehen?« flüsterte sie mir zu. »Sie hat den Moralkoller, wie alle alten
+Jungfern.« Mühsam drängte sich Reinhard mit seinem steifen Bein durch
+die Reihen, um uns die Hand zu schütteln. »So kann ich Ihnen noch
+persönlich gratulieren,« sagte er herzlich, »und uns dazu, weil Sie nun
+ganz Genossin sind.«
+
+Er war der Referent des Abends. Mit einer Schärfe, die mir die
+Wichtigkeit der Sache zu überschätzen schien, wandte er sich gegen die
+Vorschläge Quarcks. Erst allmählich hörte ich das Leitmotiv aus seiner
+Rede heraus: den Gewerkschaften die Beratung und Beschlußfassung
+sozialpolitischer Fragen überlassen, hieße den Frieden zwischen
+Gewerkschaft und Partei gefährden, hieße den Parteitagen, die sich
+bisher allein damit beschäftigt haben -- »den Bedürfnissen und
+Interessen der deutschen Arbeiterklasse vollständig entsprechend« --,
+Sonderorganisationen gegenüberstellen, in die der Einfluß bürgerlicher
+Sozialreformer einzudringen imstande sein würde. Die folgende
+Diskussion verschärfte noch den Eindruck, den ich gewonnen hatte.
+
+Es fielen harte Worte, vor denen ich erschrak, weil sie mir eine
+Vorahnung dessen gaben, was mir bevorstehen mochte. »Ein Mensch, der in
+seiner bürgerlichen Existenz Fiasko gemacht hat, will uns, -- lauter
+alte erprobte Gewerkschafter, -- auf neue Wege führen,« sagte der eine
+unter dem Applaus der Anwesenden. »Erst soll er, wie jeder Arbeiter
+auch, in die Schule gehen, ehe er das Maul aufreißt.« -- »Eine
+Sozialpolitik, wie Quarck sie empfiehlt, ohne Parteipolitik, ist nichts
+als jene Politik bürgerlicher Reformer, zu denen er im Grunde noch
+gehört,« rief ein anderer. »Wenn er mit seiner bescheidenen
+Parteistellung nicht zufrieden ist, dann hätte er lieber gleich sagen
+sollen: für einen so großen Mann wie mich muß eine Extrawurst
+gebraten werden, statt seine Wünsche hinter die Forderung eines
+Zentral-Gewerkschaftsbureaus zu verstecken,« meinte ein dritter Redner,
+dem die verbissene Wut aus dem roten Gesicht leuchtete. Erhob sich die
+Debatte über persönliche Gehässigkeiten hinaus, so stand auf der einen
+Seite die geschlossene Phalanx derer, die mit leidenschaftlichem Eifer
+den Nachdruck auf die Gewinnung der politischen Macht durch die
+Gesamtheit der Partei gelegt wissen wollten und den Gewerkschaften den
+internen Kampf um bessere Lohn- und Arbeitsverhältnisse als alleinige
+Aufgabe zuwiesen, auf der anderen Seite die sehr Wenigen, aus deren
+Worten die Unzufriedenheit mit der praktischen Gegenwartspolitik der
+Partei leise herausklang, und die vom Einfluß der Gewerkschaften auf
+die soziale Gesetzgebung ein Wiederaufleben der Sozialreform erhofften.
+Ganz nebenbei erwähnte auch jemand, daß unsere Vereinsgesetzgebung den
+Gewerkschaften aus der Beschäftigung mit Sozialpolitik einen Strick
+drehen und die Organisierung der Frauen unmöglich machen könnte. Keiner
+ging weiter auf diese Bemerkung ein, auch die Frauen schwiegen, ich war
+zu schüchtern, um in diesem Kreis für mein Geschlecht eine Lanze zu
+brechen. Mir schien dieser Grund ausschlaggebend, um die Vorschläge
+unausführbar zu finden.
+
+Ich fühlte mehr, als daß ich verstand: unter diesen Männern, die so
+eifrig debattierten, die alle so selbstverständlich nur ein Ziel im Auge
+hatten, das Wohl ihrer Klasse, schlummerten Gegensätze, die irgendwann
+und -wo an die Oberfläche würden treten müssen.
+
+Wir gingen noch zusammen ins Kaffee: Reinhard, der Schwager, die beiden
+Frauen und wir. Martha Bartels hatte sich erst durch Reinhards langes
+Zureden dazu bewegen lassen. »Wir müssen doch unsere Enquete
+besprechen,« hörte ich ihn noch sagen, als sie sich uns näherte. Ida
+Wiemer stieß mich mit dem Ellbogen an und schob dann vertraulich ihren
+Arm in den meinen: »Sie wissen doch: Genossin Bartels verbreitet, daß
+Sie nur, um einen Mann zu finden, in die Partei kamen.«
+
+Das gab meinem Herzen einen Stich: Martha Bartels war fast die einzige,
+die die Motive meines Schritts hätte richtig beurteilen müssen. Sie
+blieb steif und zurückhaltend und taute erst auf, als Adolf vorschlug,
+ein paar Frauenrechtlerinnen, die sich während des Streiks bewährt
+hatten, zur Arbeit heranzuziehen. »Niemals!« rief sie leidenschaftlich.
+»Wir werden ihnen doch nicht die Beziehungen zur Arbeiterschaft
+vermitteln, die sie nur für ihre Zwecke ausnutzen würden. Die
+Christlich-Sozialen vor allem gehen nur auf den Gimpelfang aus!« Es war,
+als ob ich Wanda Orbin sprechen hörte. Aber ich konnte nicht anders, als
+ihr recht geben. Halb mißbilligend, halb verwundert sah Frau Wiemer, die
+andrer Ansicht war, mich an, und beim Weggehen sagte sie mit einem
+gereizten Ton in der Stimme. »Sie stellen sich auf ihre Seite -- nach
+allem, was ich Ihnen von ihr erzählt habe?!« Die Reihe, zu staunen, war
+jetzt an mir: »Hier handelt es sich um die Sache, -- nicht um die
+Person!«
+
+Auf der Heimfahrt fühlte ich mich plötzlich sehr unwohl. War es der
+Tabaksqualm, den ich nicht vertragen konnte, war es die feuchte
+Nachtluft, -- ich kam nur schwer die steilen vier Treppen hinauf und
+warf mich angekleidet aufs Bett. Heinrich zündete das Nachtlämpchen an.
+Es glühte auf dem Tisch wie ein verirrter Stern, -- und die meergrünen
+Wände waren wie ein milder Sommerabendhimmel, auf den das rote Glas der
+Lampe rosige Wölkchen malte. Heinrich nahm mir die Schildpattkämme aus
+den Haaren --, mein Kopf wurde freier; er zog mir Schuhe und Strümpfe
+aus und rieb meine eiskalten Füße zwischen seinen Händen, von denen
+wohlige Wärme mir durch den ganzen Körper strömte. »Ist dir jetzt
+besser, mein Schatz?« fragte er besorgt mit dem weichsten Ton seiner
+Stimme. Ich sah ihn dankbar an --, dabei blieb mein Blick über seine
+Schulter hinweg an einem Bilde haften; ich hatte es selbst dorthin
+gehängt, ich wollte es immer vor Augen haben, ich hatte verlegen
+gelächelt, als Heinrich wissen wollte, warum. Und jetzt -- in
+glückseligem Erschrecken preßte ich beide Hände aufs Herz --: glänzte
+nicht in den tiefen Dichteraugen des lockigen Ganymed von Watts ein
+Funken lebendigen Lebens? Ich sank in die Kissen zurück, Tränen strömten
+mir aus den Augen, -- war's möglich, daß ich vor der Erfüllung meiner
+tiefsten Sehnsucht stand?!
+
+Am nächsten Morgen kam die Ärztin. Sie lachte über die Erregung, mit der
+ich sofort und ganz sichere Auskunft von ihr haben wollte, und sagte
+nichts anderes als: »Vielleicht!« Ich klammerte mich an dies Vielleicht,
+ich drehte es jeden Tag hundertmal hin und her, ob es sich nicht doch in
+ein Gewiß verwandeln könnte. Allerhand gespenstische Vorstellungen
+quälten mich: als hätte die Frau, die mir hatte Platz machen müssen,
+eine geheimnisvolle Macht über meinen Schoß, als könnten ihre
+Raubtierhände das Fünkchen Leben zerdrücken. Mein Mann wurde heftig und
+schalt meine Torheit, wenn ich von meinen Ängsten sprach. So war ich
+denn ganz allein mit ihnen. Hätte ich nur eine Freundin, -- oder eine
+Mutter --, dachte ich oft.
+
+Um die Zeit kamen Mutter und Schwester aus Pirgallen zurück. »Ich muß
+Euch, ehe Hans wieder in Berlin ist, allein sprechen,« schrieb sie und
+kündigte ihren Besuch für denselben Tag an. Ich war nicht ganz ohne
+Furcht: sie hatte es doch wohl übel genommen, daß wir ihr Anerbieten,
+bei unserer Hochzeit zugegen zu sein, immer wieder abgelehnt hatten.
+Zuerst würde sie darum ein bißchen steif sein, aber dann --, sie würde
+doch fühlen müssen, wie es um mich stand! Mit ausgestreckten Händen ging
+ich ihr entgegen, -- ich sehnte mich nach einer Mutter! Aber sie
+übersah sie, -- vielleicht weil der Flur dunkel war. Und sie atmete
+rasch und war sehr rot, -- vielleicht weil die Treppe sie überanstrengt
+hatte. Sie sah sich gar nicht um in unserem Zimmer, -- und ich hatte es
+ihr zum Empfang mit lauter leuchtenden Herbstblumen geschmückt.
+
+»Willst du nicht ablegen?« fragte ich zaghaft.
+
+»Nein,« antwortete sie schroff und setzte sich auf den äußersten Rand
+des großen Lehnstuhls, der sonst selbst den Fremdesten zwang, sich
+behaglich in seine Polster zu lehnen. »Ich komme nur, um eins zu
+erfahren, das über unsere künftigen Beziehungen entscheidet --« die
+ruhige kühle Frau sprach so rasch, wie ich sie nie hatte sprechen hören.
+»Meinen brieflichen Fragen seid Ihr ausgewichen, mir ins Gesicht hinein
+könnt Ihr nicht lügen: seid Ihr kirchlich getraut?« Noch härter als das
+ihre klang jetzt mein »Nein«. Aus der Tiefe meines verletzten Gefühles
+kam es. Die Mutter hatte ich erwartet!! Sie sprang vom Stuhl, blaurot im
+Gesicht, mit zitternden Händen ihren Schirm umklammernd. »So ist eure
+Ehe ein Konkubinat, und du bist seine Mätresse,« schrie sie mit
+gellender Stimme. Ich fühlte, wie das Zimmer sich um mich zu drehen
+begann und ein krampfhafter Schmerz meinen Leib zusammenzog.
+
+»So nehmen Sie doch Rücksicht auf Alix' Zustand --, schonen Sie ihr
+Kind!« rief Heinrich, mich fest umschlingend, da er sah, wie ich
+schwankte. Sie schien einen Augenblick Atem zu schöpfen, dann lachte sie
+schneidend: »Schonen?! Hat sie etwa ihre Eltern je geschont?!«
+
+Ich verlor die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam, lag ich zu Bett.
+»Ist sie fort?!« flüsterte ich und sah angstvoll fragend auf den
+Geliebten. Er nickte.
+
+»Für diesmal ist es nichts!« sagte die Ärztin ein paar Stunden später.
+In meinem Blick muß meine ganze Verzweiflung gelegen haben, denn sie
+streichelte mir die Wange wie einem kleinen Kinde und sagte tröstend:
+»Um so sicherer wird es das nächste Mal sein!«
+
+ * * * * *
+
+Ich erholte mich rasch. Mit der Arbeit versuchte ich gegen den Schmerz
+zu kämpfen. Es schien fast, als sollte die Waffe, die so oft
+unüberwindlich zu machen vermag, an seiner Riesenkraft zuschanden
+werden. Nicht einen Augenblick durfte ich sie aus den Händen lassen, er
+hätte mich sonst wieder in seine Gewalt bekommen. Ich bereitete meine
+Kongreßrede vor und studierte alles, was über die Lage der Arbeiterinnen
+irgend erreichbar war; ich arbeitete mit den Kindern und frischte
+heimlich längst vergessene Schulkenntnisse auf, um ihnen helfen zu
+können, ich versuchte, der Köchin die alten Kochkünste beizubringen, die
+ich einst zu Hause gelernt hatte.
+
+Wanda Orbin überraschte mich eines Morgens dabei. »Was, Sie können
+kochen?!« lachte sie. »Ich kann, -- ja,« antwortete ich, »aber ich sehe,
+daß die Ausführung meiner Kenntnisse teuer ist; ich werde meiner Köchin
+das Feld wieder räumen müssen --.« »Das wird für beide Teile das Beste
+sein. Ich hab's zwar auch jahrelang tun müssen, bin aber dafür nicht als
+Generalstochter aufgewachsen.« Ein leiser Spott lag in ihren Worten.
+»Sie werden überhaupt noch viel lernen müssen, Genossin Brandt!«
+
+»Ich bin davon überzeugt und immer bereit dazu,« antwortete ich kühl.
+
+»Dann wollen wir gleich damit anfangen. Ich fand ihren Namen auf dem
+Kongreßprogramm --, Sie müssen ihn zurückziehen!«
+
+Überrascht sah ich auf. Sie hatte mit dem Ton einer Vorgesetzten
+gesprochen. »Warum?! Bebel hatte gegen meine Teilnahme nichts
+einzuwenden!«
+
+»Bebel! Er sieht die Dinge aus der Vogelperspektive, vor allem die
+Frauenbewegung. Die Genossinnen haben beschlossen, die Aufforderung zu
+offizieller Beteiligung abzulehnen.«
+
+»Ich weiß,« entgegnete ich; »im Frühjahr aber, zur Zeit, als ich das
+Referat übernahm, bestand dieser Beschluß noch nicht. Ich würde meinen
+Rücktritt, so kurz vor dem Kongreß, für einen Wortbruch halten, der um
+so weniger zu entschuldigen wäre, als ich selbstverständlich mein Thema
+auf Grund meiner politischen Überzeugung behandeln werde und es für dies
+Publikum sehr nützlich ist, auch diese ihm ganz fremde Seite kennen zu
+lernen. Zahlreiche Elemente, die der bürgerlichen Frauenbewegung in die
+Arme liefen -- die Lehrerinnen, die Handelsangestellten, die
+Beamtinnen --, gehören ihrer ganzen Lage nach zu uns. Wir können sie nur
+gewinnen, wenn wir ihnen bis ins feindliche Lager nachgehen --«
+
+Frau Orbin unterbrach mich. »Sie irren. Diese Leute kommen für uns
+zunächst gar nicht in Betracht. Und wenn Sie wirklich durch Ihre
+Überredungskünste« -- sie schürzte wieder spöttisch die Lippen -- »zwei
+oder drei gewinnen würden, stünde der Nachteil, den Ihre Teilnahme an
+einer bürgerlichen Veranstaltung zur Folge hätte, gar nicht im
+Verhältnis zu diesem minimalen Gewinn.« Ich sah sie fragend an. Sie
+stand auf, ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder und blieb dann
+dicht vor mir stehen.
+
+»Sie sind eben erst die Unsere geworden,« sagte sie mit einer Art
+mütterlicher Freundlichkeit, »Sie sind Aristokratin, -- Gründe genug, um
+Ihnen mißtrauisch zu begegnen, um Ihnen die Tätigkeit in der Partei, von
+der ich so viel erwarte, sehr zu erschweren. Und nun wollen Sie noch als
+einzige, -- gegen unseren Beschluß, -- an diesem einseitig
+feministischen Kongreß teilnehmen! Das verstehen die Genossinnen nicht.
+Und wenn Sie dabei mit Engelszungen den Sozialismus verkündigen würden,
+sie hören Sie nicht, -- sie sehen darin doch nichts anderes, als daß Sie
+eben noch zu jenen gehören. Ich habe gestern Ihretwegen einen schweren
+Kampf gehabt: die Genossinnen weigern sich unbedingt, Sie zur internen
+Arbeit zuzuziehen, wenn Sie nicht durch Unterwerfung unter unseren
+Beschluß Ihre Zugehörigkeit zu uns dokumentieren.« Sie zögerte und sah
+mich erwartungsvoll an. Als ich noch immer schwieg, legte sie mir beide
+Hände auf die Schultern und fuhr mit eindringlicher Stimme fort: »Sie
+sind in die Partei eingetreten, um für sie zu wirken; wollen Sie sich
+aus Rücksicht auf die alten Kolleginnen Ihre künftige Stellung
+erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen? Haben die Damen das um Sie
+verdient ...?« Sie machte abermals eine Pause. Ich erinnerte mich, wie
+Frau Vanselow in einen Seitenweg eingebogen war, um mich nicht grüßen
+zu müssen, wie Frau Schwabach mit hochmütig erhobenem Kopf an mir
+vorüberging. Aber hatte ich durch meinen Brief an Frau Morgenstern das
+Referat nicht erzwungen, -- konnte ich unter diesen Umständen daran
+denken, zurückzutreten? Vor allem aber: entsprach es meiner Überzeugung?
+
+»Sie mögen in allem recht haben, -- nur in der Hauptsache nicht: in
+Ihrem Beschluß. Würde ich Ihnen nicht selbst als eine Heuchlerin, zum
+mindesten als ein Schwächling erscheinen, wenn ich mich ihm fügen wollte
+wider besseres Wissen und Gewissen?!« sagte ich. Auge in Auge standen
+wir uns gegenüber. Sie ballte die kleinen breiten Fäuste, aus ihrem
+Gesicht brannten hektische Flecke, ihre roten Haare umgaben es wie mit
+einem Feuerkranz. Ich dagegen erschien ganz ruhig, ganz kühl; ich wußte,
+daß kein Blutstropfen meine Wangen färbte; und wie um meine sie
+überragende Gestalt zu betonen, reckte ich mich gerade auf.
+
+»Noch nicht das Abc der Demokratie scheinen Sie gelernt zu haben!« rief
+sie aus. »Auers Worte kann ich Ihnen entgegenhalten, mit denen er in
+Frankfurt vor zwei Jahren seinen aufsässigen Landsleuten diente: 'Das
+gehört zum Demokraten und zum Sozialdemokraten, daß er sich sagt: Esel
+seid ihr zwar, aber ich muß mich fügen'. Mögen Sie uns meinetwegen für
+Esel halten -- der Reichtum Ihrer Erfahrung gibt Ihnen ja wohl ein Recht
+dazu! --, wenn Sie aber zu uns gehören wollen, so haben Sie Ihre Person
+der Allgemeinheit unterzuordnen.« Jetzt war die untersetzte, kleine Frau
+doch die Überlegene. Ich wandte mich ab und lehnte die heiße Stirn an
+die kühle Fensterscheibe; -- sie sollte nicht sehen, wie schwer es mir
+wurde, mich zu unterwerfen. Aber sie folgte mir.
+
+»Genossin Brandt --,« aus ihrer Stimme war der schrille Ton wieder
+verschwunden, der an den Kasernenhof erinnerte, -- »wir haben uns alle
+opfern müssen --« Ich sah ihr ins Gesicht. Die scharfen Züge waren weich
+geworden. »So will ich Ihnen nicht nachstehen,« antwortete ich. In ihren
+Augen leuchtete es auf wie Triumph. Mir war, als ob ihr Händedruck mich
+in neue unsichtbare Fesseln schlüge.
+
+»So, -- und nun soll Ihnen eine goldene Brücke gebaut werden,« damit zog
+sie mich neben sich aufs Sofa. »Wir erlassen Ihnen den offiziellen
+Rücktritt, aber Sie benutzen die kurze Zeit, die Ihnen sowieso nur zur
+Verfügung steht, zu einer Erklärung Ihres Standpunktes und überbringen
+dem Kongreß unsere Einladung zu den Volksversammlungen, in denen die
+Arbeiterinnenfrage in einem Umfang zur Erörterung kommen wird, der ihrer
+Bedeutung allein entspricht. Sie müssen es ja selbst schon als eine
+skandalöse Zumutung empfunden haben, daß man Ihnen dieselben fünfzehn
+Minuten zugestand, die man so welterschütternden Fragen wie den
+Volksküchen oder den Kleinkinderschulen auch gewährt hat --«. Ich
+bejahte, ohne recht hinzuhören, sie sprach weiter, wie ein unaufhörlich
+knarrendes Wasserrad, immer rascher, ohne Absatz. »Den ersten Vortrag in
+unseren Versammlungen übernehmen Sie,« -- damit war ihr Redestrom
+endlich versiegt. Wir verabschiedeten uns. An der Treppe blieb sie noch
+einmal stehen: »Ich hätte fast die Hauptsache vergessen: Wir haben
+morgen eine Sitzung. Holen Sie mich um acht Uhr ab; es wird für sie
+angenehmer sein, wenn ich Sie einführe.«
+
+So war ich also aufgenommen -- endgültig, aber zu einer rechten Freude
+darüber kam ich nicht. So sehr sich mein Nachgeben begreifen und
+entschuldigen ließ, so notwendig es vielleicht in der gegebenen
+Situation für mich war, ich wurde das peinliche Gefühl dabei nicht los,
+einen Wortbruch begangen zu haben. Was mir zuerst wie eine Erleichterung
+schien: die »goldene Brücke«, -- kam mir nun vollends wie eine Täuschung
+vor. Aber ein Zurück gab es nicht mehr.
+
+ * * * * *
+
+Die sozialdemokratische Frauenbewegung stand damals noch immer im
+Zeichen des Köller-Kurses. Ihre Bildungsvereine waren unter den
+nichtigsten Vorwänden aufgelöst worden; ihre Vorkämpferinnen mußten sich
+wiederholt polizeilichen Haussuchungen unterwerfen, jede Korrespondenz
+mit Gesinnungsgenossinnen, die man auffand, genügte, um sie als
+staatsgefährliche Verbrecher hinter Schloß und Riegel zu setzen. An der
+Frauenbewegung blieb daher der Charakter revolutionären
+Geheimbündlertums, den die Partei als solche mehr und mehr abstreifte,
+noch lange haften. Für die Zusammenkünfte, die notwendig waren, bedurfte
+es der größten Vorsichtsmaßregeln, und nur ein kleiner Kreis
+vertrauenswürdiger Frauen wurde dazu eingeladen. Die Sitzung, zu der wir
+gingen, Frau Orbin und ich, fand bei einem kleinen Parteibudiker in der
+Linienstraße statt. Wir vermieden es, durch das Lokal zu gehen -- »hier
+gibt's überall Spitzel,« meinte meine Gefährtin --, und bogen in den
+dunkeln Torweg ein, stiegen vorsichtig tastend eine stockfinstere Treppe
+hinauf und standen einen Augenblick zögernd vor einer Tür, durch deren
+Schlüsselloch ein schwacher Lichtschein drang. Ich bemühte mich,
+hindurch zu sehen. »Drinnen ist niemand,« sagte ich, »eine Photographie
+hängt an der Wand, -- ein Mann mit schwarzem Bart und weißen Locken.« --
+»Marx!« rief Wanda Orbin, »so sind wir richtig.« Wir durchquerten den
+fensterlosen Raum, dessen stickige Luft mir den Atem benahm, und traten
+in die niedrige Stube, die daneben lag. Eine Petroleumlampe hing von der
+geschwärzten Decke; mit einem Geruch von schlechtem Tabak schienen alle
+Gegenstände im Zimmer, -- die schmutzigen Vorhänge, die fettigen
+Zeitungen, die rotgewürfelte Tischdecke, das alte Klavier im Winkel --,
+förmlich imprägniert zu sein. Und dazu hatte der frische September
+draußen den Rest stickiger Sommergroßstadthitze hier hereingedrängt. Die
+Frauen, die um den langen Tisch in der Mitte saßen, schwitzten. Ich
+wurde vorgestellt. Mein verbindliches Lächeln begegnete
+unfreundlich-neugierigen Blicken. Erst als Wanda Orbin mit
+ungewöhnlicher Wärme von mir sprach, meinen Entschluß, dem Kongreß eine
+Erklärung abzugeben, statt den angekündigten Vortrag zu halten, mit
+großem Nachdruck herausstrich, klärten die Mienen sich auf. Eine kleine
+runde Frau, die neben mir saß, streckte mir die arbeitsharte Hand
+entgegen: »Na, sehen Se mal, det is scheen von Ihnen!« sagte sie laut
+mit feucht schimmernden Äuglein. »Ruhe, Genossin Wengs!« rief die
+Bartels vom Tischende hinunter und trommelte mit den Fingerknöcheln auf
+den Tisch. Man versuchte parlamentarisch zu verhandeln, aber es
+entspannen sich immer wieder Privatunterhaltungen. Endlich schien sich
+das Interesse auf einen Punkt zu konzentrieren: die Kassenverhältnisse
+eines der aufgelösten Vereine wurden erörtert. Da man Bücher und
+Protokolle aus Angst vor Polizei und Staatsanwalt nicht zu führen
+pflegte und das kleine Rechnungsbuch aus demselben Grunde eilig
+verbrannt worden war, so fehlte es an den nötigen Unterlagen, um zu
+einem tatsächlichen Ergebnis zu gelangen. Es kam zu einer heftigen
+Debatte. Die arme Frau, die Kassiererin gewesen war, wurde laut und
+leise der Unredlichkeit geziehen --, sie hätte unbedingt noch vier Mark
+haben müssen und behauptete schluchzend, nichts zu haben.
+
+»Zu all die Arbeet un Schreiberei, die ich vor nischt gemacht hab,«
+heulte sie, »soll ich nu noch als Diebin dastehn. In Zukunft macht Euren
+Dreck alleene!« Und hinaus war sie. Immer drückender wurde die Luft. Das
+Fenster durfte nicht geöffnet werden, man hätte uns vom Hof aus hören
+können. Ich erstickte fast in dieser Atmosphäre. Die anderen schienen an
+sie gewöhnt zu sein, niemand beklagte sich. »Wir müssen unbedingt die
+beiden Hauptpunkte unserer Tagesordnung heute noch erledigen,« erklärte
+schließlich Wanda Orbin, nachdem man sich schon zwei Stunden um lauter
+persönliche Dinge hin- und hergezankt hatte. »Ich bitte daher ums Wort
+zur Frage des bürgerlichen Frauenkongresses.« Man schwieg, und sie fuhr
+fort, indem sie nochmals den Standpunkt der Genossinnen begründete, --
+mit einer Stimme und einer Ausführlichkeit, als gelte es eine
+Volksversammlung zu überzeugen. Machte sie eine Pause, so gab Martha
+Bartels das Signal zu allgemeinem Applaus. »Wir sind in der vorigen
+Sitzung mit unserer Besprechung zu keinem Abschluß gekommen. Ich frage
+die Genossinnen, ob sie sich meinen Antrag, in die Diskussionen des
+Kongresses einzugreifen, überlegt haben, und wie sie sich dazu stellen?«
+Mit dieser mich nicht wenig überraschenden Frage, schloß sie ihre Rede.
+Alles blieb still. Martha Bartels sah erwartungsvoll von einer zur
+anderen. »Wir sind wohl alle einer Meinung,« meinte sie dann, »und
+können ohne weiteres zur Abstimmung schreiten.« Ich hatte bisher mit
+keinem Wort in die Debatte eingegriffen. Man sah mich mißbilligend an,
+als ich mich jetzt meldete. Wanda Orbin runzelte die Stirne. »Ich habe
+der Sitzung nicht beigewohnt, in der Sie, scheint's, die Angelegenheit
+schon hinreichend besprochen haben,« sagte ich, »mir fehlen daher, um zu
+einem sicheren Urteil zu kommen, Ihre Gründe. Ich möchte mir deshalb nur
+die Frage erlauben, ob es nicht eine Inkonsequenz ist, die Beteiligung
+am Kongreß abzulehnen und die Teilnahme an der Diskussion zu
+beschließen?« Allgemeines, stummes Erstaunen. Nur Ida Wiemer, die neben
+mir saß, stieß mich unter dem Tisch heimlich an und warf mir einen
+aufmunternden Blick zu. Mit endlosem Wortschwall suchte Wanda Orbin, vom
+Beifallsgemurmel der Anwesenden begleitet, die grundsätzliche
+Verschiedenheit beider Arten der Beteiligung auseinander zu setzen. »Es
+hieße das Prinzip des Klassenkampfes preisgeben,« sagte sie, »wenn wir
+mit bürgerlichen Elementen irgend etwas gemeinsam unternehmen wollten,
+aber es gehört zum Klassenkampf, daß wir in der Debatte ihnen
+geschlossen gegenüber treten.« »Niemand hinderte uns, in selbständiger
+Rede dasselbe zu tun --«, warf ich noch einmal ein. Meine Worte gingen
+im allgemeinen Geschwätz, das wieder entfesselt war, verloren. Wanda
+Orbin hatte alle Stimmen auf ihrer Seite, -- auch Ida Wiemer. »Wenn man
+nicht mittut, wird man gehenkt --,« flüsterte sie mir sich
+entschuldigend zu. Ich enthielt mich der Abstimmung. »Wir kommen zum
+nächsten Punkt der Tagesordnung: Parteitag,« sagte Martha Bartels, die
+den Vorsitz führte. »Genossin Orbin hat das Wort.« »Der Parteitag in
+Gotha ist für uns ganz besonders bedeutungsvoll,« begann sie; »die
+Frauenagitation steht auf der Tagesordnung. Es ist infolgedessen
+wünschenswert, daß viele der tätigen Genossinnen als Delegiertinnen
+anwesend sind, damit die praktische Erfahrung neben der theoretischen
+Schulung zu Worte kommt. Unsere Resolution ist Ihnen durch die
+'Freiheit' bekannt; es hat niemand an ihr etwas auszusetzen gehabt, sie
+wird ohne Zweifel zur Annahme gelangen, da sie nichts Neues bringt,
+sondern nur das bewährte Alte zusammenfaßt. Nach anderer Richtung jedoch
+drohen uns Kämpfe: es liegen Anträge vor, die die Schaffung einer
+besonderen Arbeiterinnnenzeitung bezwecken. Ihre Verfasser sind mit
+unserer 'Freiheit' unzufrieden. Es ist notwendig, daß die Berliner
+Genossinnen klipp und klar dazu Stellung nehmen.« Nun entwickelte sich
+etwas wie eine Diskussion. Ein paar Frauen, Martha Bartels voran, lobten
+die 'Freiheit' in allen Tönen, Frau Wiemer allein sprach mit dem Wunsch
+nach etwas populäreren Artikeln zugleich einen leisen Tadel aus, den
+Frau Orbin dadurch entkräftete, daß sie erklärte, die 'Freiheit' sei
+gar nicht für die Massen bestimmt, sondern nur für die Führerinnen. Man
+war darnach ausnahmslos entschlossen, jede Änderung ihres Inhalts und
+jeden Plan eines Konkurrenzunternehmens abzulehnen. Als ich bemerkte,
+man möge wenigstens dafür sorgen, daß, als wichtiges Mittel unserer
+Agitation, die allgemeine Parteipresse der Frauenfrage einen breiten
+Raum gewähre, lachte alles. »Da kennen Se unsere Männer schlecht,«
+meinte die dicke Frau Wengs neben mir, »die wollen von uns rein jar
+nischt wissen.« »Die mehrschten erlooben den Frauen nich, daß se in ne
+Versammlung jehn oder in 'nen Verein. Daheem sollen se sitzen un Strümpe
+stoppen,« rief eine andere und ein allgemeines Klagelied über die Männer
+hub an; erst die energische Stimme der Orbin stellte die Ruhe wieder
+her: »Es ist zwölf Uhr, -- wir müssen zu Ende kommen.« »Jotte doch,
+schon zwölwe, un ick habe soo'n weiten Weg,« jammerte Frau Wengs und
+erhob sich. Ein paar andere, die schon lange auf ihren Stühlen hin und
+hergerückt waren, sprangen auf. »So bleiben Sie doch fünf Minuten,
+Genossinnen,« kommandierte Martha Bartels, »wir müssen doch die
+Delegiertinnen zum Parteitag noch bestimmen.« Frau Wengs ging eilig zu
+ihrem Stuhl zurück, mit ihr die anderen; gespannte Neugierde drückte
+sich in den Mienen aller aus. Die Bartels fuhr mit erhobener Stimme
+fort: »Vorgeschlagen sind Genossinnen Stein, Wolf und meine Wenigkeit.«
+Ein eifriges Geraune und Getuschel setzte ein. »Hat jemand andere
+Vorschläge?!« Sie sah drohend umher. Ein Dutzend Frauen meldeten sich
+auf einmal. »Immer dieselben!« -- »Laßt doch ooch andere drankommen!«
+-- »Die gewerkschaftlich tätigen Genossinnen werden natürlich
+übergangen --!« schrie und lärmte es durcheinander. »Ick schlage die
+Jenossin Brandt vor --,« rief Frau Wengs. Es wurde still. Die Frauen
+sahen mich an, -- mißtrauisch, feindselig. Ich hatte die Situation rasch
+erfaßt. »Ich danke der Genossin Wengs für ihre Freundlichkeit,« sagte
+ich, »aber ich fühle mich noch viel zu jung in der Bewegung, als daß ich
+solch einen Ehrenposten annehmen könnte.« Wanda Orbin nickte mir,
+sichtlich erleichtert, zu: »Nun aber schnell zur Abstimmung, -- wir
+versäumen ja noch die Pferdebahn! -- Ich denke, wir bleiben bei unseren
+Vorschlägen --« Niemand widersprach, aber kaum war die Sitzung
+geschlossen, als die allgemeine Unzufriedenheit sich in lauter
+Unterhaltung wieder Luft machte. Man ging in kleinen Gruppen
+auseinander, -- lauter feindliche Lager, wie mir schien. Wanda Orbin
+legte ihren Arm in den meinen, die Bartels begleitete uns; ihre Stimmung
+gegen mich war wieder umgeschlagen. Sie drückte mir herzlich die Hand,
+als wir Abschied nahmen.
+
+Mein Mann erwartete mich im nächsten Kaffee. »Das hat aber lange
+gedauert,« meinte er. »Wenn die Bedeutung Eurer Beschlüsse der Länge der
+Zeit entspricht, die Ihr darauf verwandt habt --!« Ich lachte, aber es
+war nicht das Lachen glücklichen Humors, der den Ereignissen die
+komische Seite abgewinnt und sich dadurch über sie erhebt. Heute würde
+mich der Humor im Stich gelassen haben, auch wenn ich ihn je besessen
+hätte. Es war alles so eng gewesen, so drückend, -- wie die schmutzige
+Stube und die eingeschlossene Luft in ihr; kein großer Gesichtspunkt
+war zutage getreten. »Wir Genossinnen sind immer einig,« hatte Wanda
+Orbin mir gesagt. Konnte sie wirklich für Einigkeit halten, was nichts
+war als die Beherrschung armer Frauen kraft ihres Willens und ihrer
+Intelligenz? »So wird es also deine Aufgabe sein, diesen Absolutismus zu
+brechen,« sagte Heinrich. -- »Nachdem ich mich ihm selbst schon
+unterworfen habe?!«
+
+ * * * * *
+
+Ich schritt die breite Treppe des Berliner Rathauses hinauf. Seit vier
+Tagen verhandelte der Frauenkongreß in dem festlichen Bürgersaal vor
+einem Publikum, das immer weniger aus Neugierde, immer mehr aus
+Interesse kam. Es war zwar im Grunde nichts als eine Truppenschau, bei
+der jede Teilnehmerin ihr Schlachtroß in raschem Galopp vorzuführen
+hatte. Aber Berlin sah zum erstenmal: Die Frauen konnten reiten. Heute
+war der Tag der großen Sensation: Die Arbeiterinnenfrage stand auf der
+Tagesordnung; man erwartete eine Schlacht zwischen den bürgerlichen
+Frauen und den Proletarierinnen, und auch mir persönlich galt ein Teil
+der allgemeinen Spannung, -- der Frau, deren Roman von Mund zu Mund
+ging, der Renegatin. An der Türe stand Egidy, mein alter Freund. Er
+drückte mir die Hand: »Ich bin erst eben nach Berlin zurückgekehrt.
+Sonst wäre ich schon bei Ihnen gewesen. Zwischen uns bleibt alles beim
+alten.« Ich lächelte dankbar. Bei meinem Eintritt in den überfüllten
+Saal entstand eine bemerkbare Unruhe: Kleider raschelten, Stühle wurden
+gerückt, Köpfe wandten sich nach mir um, man flüsterte meinen Namen.
+Eine Gruppe russischer Studentinnen, an denen ich vorüber mußte,
+klatschte stürmisch. Vom Vorstandstisch mahnte eine scharfe Stimme zur
+Ruhe. Die Genossinnen begrüßten mich; die erwartungsvolle Erregung, in
+der sie sich befanden, steigerte ihre Freundlichkeit mir gegenüber.
+Wanda Orbin nötigte mich auf den Stuhl neben sich. Ich blieb trotzdem
+befangen und suchte mit den Augen meinen Mann, als müßte ich mich
+wenigstens mit den Blicken an ihn klammern.
+
+Eine Österreicherin sprach zuerst über die Ergebnisse der Wiener
+Arbeiterinnen-Enquete. Ich kannte sie. Sie war eine überzeugte
+Sozialdemokratin. Die fünfzehn Minuten reichten aus, um ein ergreifendes
+Bild schrecklichen Elends zu malen. So hatte ich zu sprechen gedacht!
+Eine Engländerin folgte ihr. Sie begründete die Notwendigkeit der
+gewerkschaftlichen Organisation der Frauen in wenigen scharf-umrissenen
+Sätzen; in langer Rede hätte sie kaum mehr sagen können.
+
+»Frau Alix Brandt hat das Wort«, -- tönte jetzt die heisere Stimme der
+Vorsitzenden durch den Saal. Ich stand auf und zwängte mich durch die
+Stuhlreihen, am dichtbesetzten Tisch der Presse vorbei. »Sie wissen« --
+»Scheidungsprozeß« -- »Verhältnis« -- »Unglaublich«, -- flüsterte es.
+Mein Blut begann zu sieden. Ich stand auf der Tribüne; -- am
+Vorstandstisch zischte jemand, aus einer Ecke des Saales klang
+Beifallsgeklatsch und Getrampel. Das Zischen wurde stärker. Sekundenlang
+kämpften beide Laute miteinander, -- die Vorsitzende rührte sich nicht.
+Helle Empörung bemächtigte sich meiner, -- jetzt war ich bereit, ihnen
+meine Verachtung ins Gesicht zu schleudern. Ich begann sehr ruhig,
+indem ich erklärte, warum die Vertreterinnen der deutschen
+Arbeiterinnenbewegung es abgelehnt hätten, sich an den Arbeiten des
+Kongresses durch Delegierte zu beteiligen. »Für sie, die auf dem Boden
+der Sozialdemokratie stehen, ist die Frauenfrage nur ein Teil der
+sozialen Frage, und als solche durch die mehr oder weniger gut gemeinten
+Bestrebungen bürgerlicher Sozialreformer nicht lösbar. Ich selbst teile
+diese Auffassung vollkommen.« Meine Stimme hob sich und wurde schärfer;
+zu schneidendem Schwert sollte jedes meiner Worte sie schleifen. »Wer
+vorurteilslos und logisch denkt und sich eingehend mit der Frauenfrage,
+-- wohl gemerkt, der ganzen Frauenfrage, nicht mit der Damenfrage, --
+beschäftigt, der muß notwendig zur Sozialdemokratie gelangen.«
+Stürmische Choruse unterbrachen mich, die der Beifall der Genossinnen
+vergebens zu ersticken suchte. »Mit anderen Worten: wer es nicht tut,
+ist ein Dummkopf oder ein Heuchler?!« schrie eine der Damen vom
+Pressetisch zitternd vor Aufregung. Ich neigte mit spöttischer
+Zustimmung den Kopf; sie sprach aus, was zwischen meinen Worten klingen
+sollte. Die Unruhe wuchs, ich mußte lauter sprechen, um durchzudringen.
+»Die Wertschätzung und das Verständnis der bürgerlichen Frauenbewegung
+für die Arbeiterinnenfrage wird durch nichts deutlicher charakterisiert,
+als durch die Tatsache, daß man mir zu einem Vortrag über sie, die die
+größte Masse des weiblichen Geschlechts umschließt, und die entrechtete
+und unglücklichste, dieselben fünfzehn Minuten gewährt hat, wie etwa der
+Damenfrage der Mädchengymnasien. Ich verzichte daher auf meinen
+Vortrag...«
+
+Die Zuhörer schrieen und tobten, ein paar Männer sprangen auf die
+Stühle und drohten mir mit erhobenen Armen, in größter Erregung schwang
+die Vorsitzende unaufhörlich die Glocke, deren wimmerndes Klagegeheul
+die Melodie zu der Begleitung brüllender Stimmen zu sein schien. Endlich
+verschaffte ich mir wieder Gehör:
+
+»In zwei Volksversammlungen, die von uns einberufen worden sind, soll
+den Teilnehmerinnen des Kongresses Gelegenheit geboten werden, die
+Arbeiterinnenbewegung kennen zu lernen. Nicht als ob wir des frommen
+Glaubens lebten, auch nur eine von Ihnen für uns gewinnen zu können. Zu
+tief eingewurzelt ist der jahrhundertelang genährte Klassenegoismus, zu
+einschneidend in das Leben und Denken gerade der abhängigen Frau sind
+die Interessen ihrer Klasse, als daß sie sich so leicht davon losreißen
+könnte. Aber vielleicht wird Ihnen eine Ahnung davon aufgehen, daß es
+ein größeres, ergreifenderes Elend gibt, als das der unbefriedigten,
+berufslosen Töchter Ihrer Stände; daß außerhalb Ihrer Kreise ein Kampf
+gekämpft wird, der ernster, heiliger ist als der um den Doktorhut; daß
+der Schwung der Begeisterung, der Heldenmut der Aufopferung nur dort zu
+finden ist, wo Männer und Frauen ihre vereinten Kräfte für das eine
+große Ziel einsetzen: Befreiung der Gesamtheit aus wirtschaftlicher und
+moralischer Knechtschaft ...«
+
+Ich stieg vom Podium. Es war ein Spießrutenlaufen. Die eleganten Frauen
+Berlins, die in ihren schönen Herbsttoiletten die ersten Reihen besetzt
+hielten, hatten ihre ganze gesellschaftliche Haltung verloren. Sie
+zischten, sie riefen mir Schimpfworte zu, weißbehandschuhte Fäuste
+erhoben sich in bedrohlicher Nähe. Aber schon war Heinrich neben mir und
+reichte mir den Arm. Ein paar Schritte weiter umringten mich die
+Genossinnen, Wanda Orbin schloß mich stürmisch in die Arme.
+
+Kurz vor dem Ausgang stand eine Gruppe von erhitzten Damen um den
+jüngsten Philosophen Berlins geschart; er war ein Freund meines Mannes.
+»Sie haben Gift gespritzt,« schrie er mir zu. Mit einem Blick voll Zorn
+und Verachtung maß ihn Heinrich. Den nächsten Augenblick trat mir Egidy
+entgegen. »Sie haben sich schwer versündigt,« sagte er, seine blauen
+Augen funkelten zornig.
+
+An der Türe zögerte ich. Mir war, als müßte ich noch einmal rückwärts
+sehen, über die Menge hinweg in den festlich glänzenden Saal: Von der
+Decke herab flutete das Licht in Strahlenbündeln; es schimmerte weich
+auf weißen Marmorfiguren, es zauberte lebendige blutdurchflossene Adern
+in die Säulen von rotem Granit, es funkelte prahlend auf goldenen
+Gesimsen, und dem grauen Herbstabend draußen wehrten die hohen farbigen
+Bogenfenster den Eintritt.
+
+Langsam gingen wir die breite Steintreppe hinab auf die schmutzige
+Straße.
+
+ * * * * *
+
+Am Südende der Friedrichstraße, wo das Licht spärlicher wird, lag der
+alte Tanzsaal, in dem ich am Abend sprechen sollte. Durch ein paar Höfe,
+die nur die glühenden Augen breiter Fabrikfenster erhellten, führte der
+Weg. Sie waren schwarz voll Menschen. Auf den ausgetretenen Stufen der
+Holztreppe bis zum Saal war ein Vorwärtskommen fast unmöglich. Ein paar
+stämmige Ordner bahnten uns mit Ellbogenstößen den Weg. »Die berliner
+Arbeiter wollen Sie alle sehen, Genossin Brandt,« sagte der eine. Ich
+senkte den Kopf. Wie ich mich freute! Über den Massen, die den Raum
+erfüllten, in den wir endlich gelangten, lagerte Tabaksqualm und
+Menschenschweiß in schweren, dunkeln Nebeln. Das Licht von den
+verstaubten Kronleuchtern drang nur trübe durch den grauen Dunst.
+Rußgeschwärzt war die niedrige Decke, von den Wänden bröckelte der Kalk,
+blinde Spiegelscheiben warfen gespensterhaft verzerrt das Bild der
+Menschen zurück, die sich vor ihnen sammelten. Ein paar steile Stufen zu
+einer kleinen Bühne ging es empor, auf der grell gemalte Kulissen einen
+Wald von Palmen darstellen sollten. Unter mir stand jetzt die Menge Kopf
+an Kopf. Siedende Hitze stieg von ihr auf, daß der Atem mir sekundenlang
+stockte.
+
+»So warten sie schon seit zwei Stunden wie eine Mauer,« sagte Ida
+Wiemer, die den Vorsitz führte. Der graubärtige Polizeileutnant
+schüttelte bedenklich den Kopf. »Ich kann nur einen kurzen Vortrag
+gestatten,« sagte er, »wenn ich nicht die Versammlung auflösen soll.«
+»Genossen,« rief Ida Wiemer so laut sie konnte in den Saal, »macht den
+fremden Kongreßdelegierten Platz, die heute unsere Gäste sind --.« Eine
+Anzahl Arbeiter versuchten, sich langsam hinauszuschieben. Aber die
+Scharen, die die Türen belagerten, versperrten den Weg. »Das ist
+lebensgefährlich,« wiederholte der Polizeileutnant und wischte sich den
+Schweiß von der Stirne. »Fangen Sie an und machen Sie's kurz, -- ein
+anderes Mittel gibt's hier nicht.«
+
+Ich trat vor. Kirchenstille umfing mich. Ich sprach gegen jene
+landläufigen Vorwürfe, durch die die Gegner der Sozialdemokratie sie
+tödlich zu treffen glauben: Die Zerstörung der Familie, die Propagierung
+der freien Liebe, die Vernichtung der Religion, den blutigen Umsturz.
+Und ich zeigte, wie die wirtschaftliche Not es ist, die das
+Familienleben zerstört, wie aus derselben Not die käufliche Liebe
+wächst, die nichts gemein hat mit jener Freiheit der Liebe, die wir als
+die einzige Grundlage echten Familienglückes den Menschen erobern
+wollen; wie es die Kirche ist und der Staat, die die Religion Christi
+vernichtet haben, wie die blutige Revolution nicht von uns, sondern von
+denen vorbereiten wird, die mit Flinten und Säbeln drohen, die der
+wehrhaften Jugend befehlen, auch auf Vater und Mutter zu schießen, die
+den Ruf hungernder Arbeiter um ein paar Pfennige mehr Lohn, um ein paar
+Stunden weniger Arbeitszeit mit Gewehrsalven beantworten. Ich sah nichts
+mehr; zwischen mir und den Menschen da unten hingen dichte Schleier.
+Aber ich fühlte ihren heißen Atem, ich hörte mit gesteigerten Sinnen ihr
+Stöhnen, wenn ich ihr Elend malte, ihren Beifall, wenn ich von ihren
+Kämpfen sprach, ihren hoffnungsstarken Jubel, wenn ich der Zukunft
+gedachte, die unser sein wird.
+
+Ich schwieg erschöpft, -- jetzt erst fühlte ich, wie der Kopf mir
+brannte und der Atem nach Luft rang. Hundert Hände streckten sich mir
+entgegen, als ich zitternd die Stufen hinabstieg. Die Masse umdrängte
+mich. Dank, -- Vertrauen, -- Liebe las ich in ihren Mienen. Ein paar
+Frauenrechtlerinnen gingen mit steif erhobenen Köpfen an mir vorbei. Ich
+lächelte. Wie hatte ich mich nur je über ihre Feindseligkeit grämen
+können?! Ich kam nur langsam vorwärts. Mit lauter Fragen und Bitten
+wurde ich aufgehalten: »Nicht wahr, Sie sprechen auch bei uns einmal?«
+-- »In unserem Kreis?« -- »In meiner Gewerkschaft?« Und immer wieder
+sagte ich freudig ja. Die hier glaubten an mich und erwarteten von mir,
+daß ich ihnen etwas sein könnte. Im dunkeln Saal war mein Herz wieder
+warm und hell geworden.
+
+Wir gingen den weiten Weg durch die Nacht nach Haus. Am Kanalufer
+raschelten die gelben Blätter uns zu Füßen und tanzten wie goldige
+Schmetterlinge in der feuchten Herbstluft.
+
+»Warum die Menschen trauern, wenn die Blätter fallen?« sagte ich. »Sie
+machen doch nur den jungen Trieben Platz!« Mein Liebster küßte mich.
+»Du, was denken die Leute?!« rief ich lachend und lief ihm davon. »Die
+Wahrheit!« sagte er, mich einholend, und preßte mir die Hände mit einem
+starken Griff zusammen. »Daß wir ein Liebespaar sind!«
+
+Im Schlafzimmer droben riß ich die Kleider vom Leibe, in denen der Dunst
+des Saales noch hing. Das rosige Licht der Lampe umflutete mich; meine
+Augen suchten den kleinen Ganymed. Unwillkürlich faltete ich die Hände.
+Auch an diesen Frühling glaubte ich wieder.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+
+Goldener Herbst! Ein königlicher Verschwender bist du. Deiner Geliebten,
+der Sonne, gibst du in brennenden Farben zurück, was sie an Sommerglut
+der Erde geschenkt hat. Nichts ist dir zu gering, um es mit dem Glanz
+deiner Liebe zu überschütten. Auf die ödesten Mauern zaubert dein Blick
+jauchzende Melodien von Gelb und Rot. Aus dem armen Sand märkischen
+Bodens lockst du der Sonnenblumen tropische Pracht hervor und lehrst
+sie, ihr Strahlenangesicht deiner Geliebten anbetend zuzukehren. Unter
+deinem Hauch reifen die Früchte, und schwer von Segen neigen sich die
+Äste vor dir. Von entblätterten Blüten trägt dein Atem zarte Samenfäden
+über die Wiesen und schüttelt von den alten Eichen die Hoffnung
+kommender Jahre.
+
+Tage, über die der Himmel leuchtet wie flüssiges Silber, läßt du in
+Nächten untergehen, die tief und dunkel sind, ein zukunftschwangeres
+Geheimnis.
+
+Nicht wie die jungen Mädchen den Lenz begrüßen -- schämig errötend und
+demutsvoll -- empfing ich dich. Ich forderte von dir, erhobenen Hauptes,
+meinen Anteil an deinem Reichtum, Fürst des Jahres. Und, siehe, aus
+meinem Herzen wuchsen glutrote Blumen, meine Seele wurde zu deinem
+Saitenspiel, mein Schoß zum Tempel des Lebens -- -- --
+
+Es kam über mich wie ein einziger großer Feiertag. Er duldete nichts
+Dunkles. Aus den Kammern vertrieb ich allen Staub der Vergangenheit, aus
+Kisten und Kasten alles, was moderte. Ich badete meine Augen, daß sie
+klar und hell wurden und die Welt ihnen in einem Glanz erschien, wie sie
+ihn nie vorher gesehen hatten. Wie der Herbstwind am Morgen die Nebel
+zerstreut, so flohen die Sorgen vor dem Sturm meiner Seligkeit. Ich ging
+der Sonne nach. Auch den verlorensten ihrer Strahlen fing ich auf und
+barg ihn in der Schatzkammer meiner Seele.
+
+Sonnengesegnet sollte es sein, mein Kind!
+
+Ich war nicht mehr Ich. Das geheimnisvoll neue Leben unter meinem Herzen
+hatte von mir Besitz ergriffen. Ich träumte nicht mehr meine engen
+Träume, die sich im Kreise um mich selbst bewegten, und lebte nicht mehr
+meiner kleinen Hoffnung, die ihren Bogen nur bis zum Friedhofstor des
+eigenen Daseins spannte. Wie Wandervögel flogen meine Träume weit über
+mein Gesichtsfeld hinaus, und die Brücke, die die Hoffnung baute,
+verband die Zeit mit der Ewigkeit.
+
+Ich ward mir selbst zum Heiligtum. Ich pflegte meinen Körper wie der
+Gläubige den Schrein, der das Allerheiligste birgt. Und meiner Seele
+Eingang hüteten goldgepanzerte Wächter; die Schärfe ihres Schwertes traf
+jeden bösen Gedanken, ihren Speeren entging kein niedriges Gefühl. Denn
+mein Körper und meine Seele nährten das neue Leben. Kein Tropfen Giftes
+durfte in ihnen sein.
+
+ * * * * *
+
+Ich wünschte mir einen Sohn. Einen, der ein Führer und Vorkämpfer werden
+könnte. Aber die Erfüllung dieses Wunsches schien mir fast zu viel des
+Glücks. Und so dachte ich auch der Tochter -- einer, die ein Vollmensch
+und darum ein echtes Weib sein sollte. Von nun an stand Watts Ganymed
+vor meinem Platz auf unserem großen Schreibtisch und neben ihm ein
+süßes, blondes Mädelchen nach einem Porträt von Gainsborough. Ich sah
+von einem zum anderen, und tief in mein Herz prägten sich die holden
+Kindergesichter. Mein Mann brachte mir täglich frische Blumen für sie.
+Einmal aber kam er nach Haus und stellte statt ihrer ein neues Bild
+mitten auf den Schreibtisch. Es war Meister Dürers furchtloser Ritter,
+der seelenruhig, im Schritt, den Kopf erhoben, das Auge gradaus
+gerichtet, an allen Schrecken des Daseins vorüberreitet.
+
+»Laß kommen die Höll, mit mir zu streiten, ich will durch Tod und Teufel
+reiten --,« ist sein Wahlspruch. »Wenn's ein Bub wird,« sagte der
+Liebste, »so soll's so einer sein.«
+
+»Du hast recht,« antwortete ich und drückte ihm zärtlich die Hand, »ich
+habe schon zu viel an das Kind und zu wenig an den Mann gedacht,« dabei
+wies ich lächelnd auf die Wolken weißen Linnens, die mich umgaben, und
+zeigte stolz die ersten winzigen Hemdchen, die daraus entstanden waren.
+Mein Mann hatte zuerst von dieser Arbeit nichts wissen wollen. »Du
+nimmst einer armen Näherin das Brot und hast selbst weit Besseres zu
+tun,« war seine Ansicht gewesen. Aber zum erstenmal hatte ich ihm
+widersprochen und meinen Willen durchgesetzt. Auf die Stoffe, die meines
+Kindes Körper berühren sollten, durften keine Kummertränen fallen;
+Mutterliebe mußte die Nadel führen, Mutterträume sich mit jedem Stich
+hinein verweben. Nun kam es freilich vor, daß ich im Übereifer
+stundenlang über der Arbeit saß und vernachlässigte, was ich sonst zu
+tun hatte. »Das muß anders werden, Heinz,« sagte ich laut und faltete
+die Leinwand zusammen. »Auch um des Kindes willen darf ich die Welt
+außerhalb unserer vier Wände nicht vergessen, die doch auch seine Welt
+sein wird. Schau, hier ist ein Brief von Wanda Orbin --,« ich reichte
+ihn meinem Mann hinüber, der sich an den Schreibtisch gesetzt hatte;
+»sie beklagt sich, weil ich zu wenig für die 'Freiheit' schreibe; hier
+sind eine Reihe Aufforderungen zu Vorträgen, -- ich war nahe daran, sie
+ablehnend zu beantworten --«
+
+»Und hier,« unterbrach er mich, »habe ich Bücher, die deiner Besprechung
+harren. An den Artikel, den du mir für mein Archiv versprochen hast,
+will ich schon gar nicht erinnern --«
+
+Ich stand auf und reckte mich mit einem Gefühl tiefen Wohlbefindens. »Du
+wirst ihn bekommen! Ich verstehe nicht recht, warum so viele Frauen
+jammern, wenn sie guter Hoffnung sind. Ich fühle Kraft für zwei!«
+
+Und mit Feuereifer stürzte ich mich in die Arbeit, die ich nur
+stundenweise unterbrach, um frische Luft zu schöpfen.
+
+ * * * * *
+
+Ich sollte mir täglich Bewegung machen und vermied den nahen Tiergarten,
+weil ich den Eltern zu begegnen fürchtete. Ich wußte: mein Herz würde
+sich schmerzhaft zusammenkrampfen, und ich wollte mich jetzt nicht
+grämen. So fuhren wir denn fast immer in den Grunewald und wanderten um
+die stillen Seen, die zwischen entlaubten Bäumen und schwarzen Kiefern
+dem Winter entgegenträumten, oder gingen auf den gepflegten Wegen der
+jungen Kolonie, all die vielen Villen betrachtend, die rascher als die
+Mietskasernen auf dem Kurfürstendamm aus der Erde wuchsen. Sie waren
+anders als die, die noch vor wenigen Jahren entstanden waren, -- heller,
+freundlicher. Die verlogenen Butzenscheibenerker und die altdeutschen
+Sprüche über den Türen verschwanden mehr und mehr. Die Zeit wurde
+selbstbewußter und schämte sich der erborgten Formen vergangener
+Jahrhunderte. Oft freilich sahen wir halb staunend, halb lachend Häuser,
+die aus lauter Originalitätssucht absurd geworden waren. Aber auch das
+war im Grunde nichts anderes, als der tolle Ausbruch überschäumender
+Jugendkraft, und wenn mein Mann spotten wollte, erinnerte ich an Goethes
+Wort: Es ist besser, daß ein junger Mensch auf eigenem Wege irre geht,
+als daß er auf fremdem recht wandelt.
+
+Heute blieben wir in Schauen versunken vor einem Häuschen stehen, das
+aus dem Märchenbuch ins Leben versetzt zu sein schien: ein tiefes Dach
+hing schützend über den von rotem Weinlaub dicht umsponnenen Wänden,
+hinter kleinen blitzenden Fenstern hingen weiße Vorhänge, auf den
+braunen Holzaltanen blühten noch rote Geranien, und davor auf dem
+glatten Rasenteppich warf ein kleiner Knabe jauchzend den bunten Ball in
+die helle Herbstluft. »Wenn doch mein Kind wie dieses in Wald und Garten
+wachsen könnte,« dachte ich. »Solch ein Haus möcht' ich euch bauen, dir
+und dem Kinde,« sagte Heinrich im gleichen Augenblick. Ich lachte ein
+wenig gezwungen. »Wie sollte das möglich sein, wo unsere Mietwohnung für
+uns schon zu teuer ist!« »Wenn wir Zinsen statt Miete zu zahlen
+hätten --,« meinte er nachdenklich; »Hall hat in dieser Weise schon
+mancher Familie die Möglichkeit verschafft, im eigenen Häuschen und im
+Freien zu wohnen!« Wir gingen schweigsam weiter, nur hier und da fiel
+eine Bemerkung, die mir zeigte, das er denselben Gedanken weiter spann.
+
+Am Wildgatter nach Hundekehle holte uns eine große Gesellschaft junger
+Radler ein; ihre blanken Räder blitzten, knapp und elegant schmiegten
+sich die Sportanzüge neuster Mode um die schlanken Gestalten. »Ist das
+nicht --,« rief ich unwillkürlich, und mein Herz klopfte rascher, aber
+schon wandte das reizende Mädchen, das dicht an mir vorbei geflogen kam,
+dunkelerrötend den Kopf zur Seite. »Ilse, -- kein Zweifel,« antwortete
+Heinrich. »Und sie grüßt mich nicht einmal!« Tränen verdunkelten mir den
+Blick. »Wollen wir umkehren?« frug mein Begleiter sanft und zog meinen
+Arm fest durch den seinen. »Nein,« entgegnete ich und versuchte zu
+lächeln; »sie kann ja nichts dafür, die Kleine! Sie darf mich nicht
+kennen.«
+
+Unten vor dem Wirtshaus standen die Räder. Wir wollten gerade links
+einbiegen, den Weg nach Paulsborn, der für uns so reich war an
+Erinnerungen, als Ilse, nach einem Augenblick des Zögerns, quer über die
+Straße zu uns herüberlief. Sie umarmte mich stürmisch.
+
+»Sei nicht böse, Schwester,« rief sie atemlos und zog mich tiefer in den
+Wald hinein. »Sie würden mich zu Hause verraten, wenn ich dich gegrüßt
+hätte.« Zärtlich streichelte ich ihr das erhitzte Gesicht und drückte
+ihr kleines Händchen, das immer noch so weich und zart war, so unfähig
+zuzupacken und festzuhalten.
+
+»Die Eltern wollen nichts von mir wissen?« fragte ich zaghaft.
+
+»Wir reden viel von dir, Mama und ich,« antwortete sie, »aber vor Papa
+dürfen wir deinen Namen nicht nennen. Trotzdem weiß ich, daß er sich
+bangt nach dir,« fügte sie rasch hinzu, als sie sah, wie ich erschüttert
+war. »Wir holen ihn manchmal vom Kasino ab; wenn wir über den
+Lützowplatz fahren, läßt er deine Fenster nicht aus den Augen.«
+
+»Und Mama, sagst du, spricht von mir?!«
+
+»Ja. Sie hatte zuerst des Morgens rote Augen, aber jetzt ist sie ruhig.
+Es quält sie nur, glaube ich, daß sie nicht weiß, ob -- ob --,« sie
+errötete, ein forschender Blick glitt über meine Gestalt.
+
+Heiß strömte es mir zum Herzen, mein ganzes, reiches Glück überkam mich,
+und alles Erinnerungsweh verschwand vor ihm. »Grüße Mama,« sagte ich
+weich, »und sage ihr, daß ich guter Hoffnung bin.« Ihre Hand löste sich
+aus der meinen, ein Schatten schien über ihre Züge zu huschen, etwas
+Fremdes stand auf einmal unsichtbar zwischen uns. »Ich muß fort, -- sie
+suchen mich sonst, -- lebwohl -- --!« und schon war sie wieder jenseits
+der Straße.
+
+»Verstehst du das?« fragte ich meinen Mann, der die ganze Zeit mit
+gerunzelter Stirn neben uns gestanden hatte, und sah ihr kopfschüttelnd
+nach. »Nein,« sagte er, »sie scheint mir aus Widersprüchen
+zusammengesetzt, deine Schwester.«
+
+Auf dem Rückweg ertappten wir uns gegenseitig bei einem verstohlenen,
+sehnsüchtigen Blick nach dem weinumsponnenen Häuschen mit dem tiefen
+Dach darüber. Der Rasenplatz war leer. Ob der Kleine da oben hinter den
+zugezogenen weißen Vorhängen schlummern mochte? Und ich träumte, während
+wir heimwärts fuhren, offenen Auges einen gar süßen Traum.
+
+Mein Herz war heut übervoll. Als ich abends bei den Knaben saß, um ihre
+Arbeiten zu beaufsichtigen, fühlte ich stärker als sonst, wie wenig ich
+sie eigentlich kannte. Sie waren nachmittags wie gewöhnlich im
+Zoologischen Garten gewesen. Es kam mir wie ein Unrecht vor, daß ich sie
+dort allein ließ; ich wußte nicht, was sie hörten und sahen, welchen
+Einflüssen sie inmitten der verdorbenen Großstadtjugend unterliegen
+mochten. Und doch, nicht möglich wäre es gewesen, so große Jungen auf
+Schritt und Tritt unter Aufsicht zu halten.
+
+Ihr Verhältnis zueinander war kein brüderliches, sie klagten sich häufig
+gegenseitig bei mir an, -- das einzige Mittel, wodurch ich etwas von
+ihnen zu erfahren bekam. Hätte ich doch ihr volles Vertrauen besessen!
+Aber freilich: ich hatte kein Recht darauf; für sie stand ich nicht
+einmal an Stelle der Mutter, denn sie lebte noch. Je erfolgloser mein
+Bemühen gewesen war, ihnen näher zu kommen, desto unbegreiflicher war es
+mir, daß die Mutter sich hatte von ihnen trennen können. Ein Kind bedarf
+der Mutter, die es besser versteht, als es sich selbst verstehen kann.
+Tiefes Mitleid ergriff mich mit den beiden Buben, aber ein noch tieferes
+fast mit ihrer Mutter. Welch Schicksal mußte sie getroffen haben, daß
+sich ihr Herz so hatte verhärten können? Heinrich sprach nicht gern von
+ihr; und meinen Gedanken, ihr zu schreiben, um wenigstens in bezug auf
+die Erziehung der Kinder im Einvernehmen mit ihr zu handeln, hatte er
+schroff und ärgerlich als einen ganz törichten und zwecklosen
+zurückgewiesen. Ich hatte ihn trotzdem ausgeführt -- heimlich, um ihn
+nicht zu ärgern. Da wir aber im Überschwang unseres jungen Eheglücks
+einander gestattet hatten, unsere Briefe gegenseitig zu öffnen, so las
+er ihre Antwort: ein paar kühle hochmütige Zeilen, im Tone der Herrin
+gegenüber der Gouvernante. Heinrich war damals ernstlich böse geworden,
+und -- was mir am tiefsten in die Seele schnitt -- traurig dazu. »Ich
+kann alles vertragen,« hatte er gesagt, »nur eins nicht: daß du
+unehrlich bist mir gegenüber. Ich muß dir unbedingt vertrauen können,
+sonst ist unsere Ehe keine mehr.« Seitdem hatte ich die kaum begonnene
+Korrespondenz wieder abgebrochen, und die Brücke zum Herzen der Kinder,
+auf die ich gehofft hatte, blieb ungebaut. Und nun kam es plötzlich wie
+eine Erleuchtung über mich: ich wußte, womit ich sie würde gewinnen
+können.
+
+»Erzähl uns was,« bettelte Wolfgang wie immer, wenn er aufatmend die
+Schulbücher zuschlug. »Gleich!« antwortete ich lächelnd, und ging
+hinaus, um mit dem Korb voll weißer Leinwand wiederzukommen.
+
+»Was meint ihr wohl, was das ist?« fragte ich und hielt ein kleines
+Hemdchen hoch, sodaß das Licht der Lampe rosig hindurchschimmerte. Sie
+rissen erstaunt die Augen auf. »Eurem Brüderchen oder eurem
+Schwesterchen gehört es, das ihr bekommen werdet. Habt ihr die Eicheln
+gesehen, die von den Bäumen fallen? Wenn die Erde sie aufnimmt, und
+weich und warm einhüllt, damit der Winter ihnen nichts Böses tun kann,
+so wachsen im Frühling junge Bäumchen daraus ... Und ein Vogelei kennt
+ihr doch auch? Da ist zuerst gar nichts drin, wie eine weißliche
+Flüssigkeit. Wenn's aber eingebettet im Nestchen liegt, und die Henne es
+mit ihrem Leib bedeckt, dann entwickelt sich zuerst die gelbe Dotter und
+aus ihr ein winziger lebendiger Vogel. Sobald er groß genug ist,
+zerbricht er das Ei und ist da! Wir sind so sehr daran gewöhnt, daß wir
+uns des großen Wunders gar nicht mehr bewußt werden, -- eines Wunders,
+das viel unfaßlicher ist, als wenn der Storch die kleinen Kinder
+brächte, wie man es früher zu erzählen pflegte.« Ich machte eine Pause;
+meine Zuhörer rührten sich nicht, und ich hatte nicht den Mut
+aufzusehen. Wußte ich doch nicht, was für Blicken ich begegnen würde.
+»Euch ist vielleicht auch einmal das Märchen vom Storch zu Ohren
+gekommen,« fuhr ich leiser fort, »es ist dumm und albern! Die Wahrheit
+ist tausendmal schöner: wie die Eichel im Schoß der Erde, ruht der
+Menschensamen im Mutterleib, und wie das Vögelchen sich entwickelt, so
+entwickelt sich das Kind, nur daß die Menschenmutter das Ei unter dem
+Herzen trägt, bis es zerspringt und das junge Leben geboren wird.« Ich
+schwieg wieder; es war so still, daß ich hätte meinen können, ich wäre
+allein im Zimmer. »Weil ich euch lieb habe, euch beide --,« flüsterte
+ich und senkte den Kopf tief auf die Arbeit, die meine zitternden Hände
+hielten, -- »darum mag ich euch nicht belügen, darum will ich euch
+anvertrauen, was mein glückseliges Geheimnis ist: ich werde auch ein
+Kind bekommen!«
+
+Eine beklemmende Stille; ich konnte die Nadel hören, wenn sie den Stoff
+durchstach. Endlich sah ich empor. Die Köpfe gesenkt, mit dunkelroten
+Wangen saßen die Knaben vor mir. Ein rascher scheuer Blick traf mich aus
+Wolfgangs hellen Augen, um seine Lippen zuckte es. Waren es verhaltene
+Tränen, oder war es am Ende gar -- Spott? Hans rutschte vom Stuhl auf
+die Erde und machte sich, abgewandt von mir, an seiner Dampfmaschine zu
+schaffen. Ich wußte nur zu gut, wie verdorbene Kinder das Geheimnis des
+Lebens ihren Schulkameraden zu erklären pflegen: mit lüsternen
+Augenzwinkern, mit der Freude am Schmutz. Hatten sie es so erfahren?!
+Mir stieg die Schamröte bis unter die Haarwurzeln. Oder hatten sie,
+während ich sprach, ihrer Mutter gedacht, hatten plötzlich empfunden,
+daß ich sie nicht so würde lieben können wie mein eigenes Kind? Ich
+seufzte tief auf. So war auch das vergebens gewesen; statt eine Schranke
+einzureißen, hatte ich eine neue errichtet. Ich begegnete ihnen von nun
+an mit doppelter Zärtlichkeit; ich suchte ihre Wünsche zu erfüllen, noch
+ehe sie laut wurden. Aber ihre Scheu überwand ich nicht.
+
+Vor Heinrich ließ ich mir nicht merken, was in mir vorging. Er hätte
+mich mißverstehen, hätte glauben können, daß ich seine Bitte, die Kinder
+lieb zu haben, nicht zu erfüllen vermöchte, -- dachte ich. Auch war er
+den Kindern gegenüber oft so reizbar, daß ich Mühe hatte, ihn zu
+besänftigen. Das Verlangen, mit mir allein zu sein, äußerte er zuweilen
+in einer, wie mir schien, für die unschuldigen Buben empfindlichen
+Weise. Ich lenkte ein, -- ich deckte zu, -- ich versteckte mein eigenes
+Empfinden, das in derselben Sehnsucht gipfelte wie das seine. Wie viele
+warme Worte und heiße Blicke und zarte kleine Aufmerksamkeiten, die wie
+ein holder Frühlingsflor den Garten junger Ehe schmücken, wagten sich
+vor den fremden Augen der Kinder nicht ans Tageslicht. Auch über das
+Glück meiner Mutterhoffnung mußt' ich vor ihnen einen Schleier ziehen.
+
+ * * * * *
+
+Wir lebten damals ganz still. Von geselligem Verkehr war selten die
+Rede. Wir scheuten noch immer unliebsame Begegnungen, und unsere
+Zurückhaltung, die mir als Hochmut ausgelegt wurde, steigerte nur unsere
+Isoliertheit. Es kam vor, daß wir im Theater zwischen lauter alten
+Bekannten saßen und uns doch wie auf einsamer Insel mitten im Meer
+befanden. Man musterte uns neugierig, man tuschelte über uns, man grüßte
+bestenfalls, und ich setzte dazu meine abweisendste Miene auf, um den
+Menschenhunger, der mich manchmal überfiel, nicht merken zu lassen.
+
+Zuweilen besuchten uns die Mitarbeiter an meines Mannes Zeitschrift:
+Nationalökonomen, Juristen und Politiker aus aller Herren Länder, die er
+mit dem ihm eigenen redaktionellen Geschick unter einen Hut zu bringen
+gewußt hatte, und die, -- mochten sie sonst in ihren Ansichten noch so
+weit auseinander gehen, -- unter seiner Führung gemeinsam am selben
+Strange zogen.
+
+»Ihr Mann ist ein wahres Redaktionsgenie!« sagte mir einmal einer von
+ihnen, nachdem er sich nach langer Debatte doch wieder unterworfen
+hatte, halb ärgerlich, halb bewundernd. »Meist erdrücken die Autoren den
+Redakteur, er nimmt dankbar, was 'bewährte Mitarbeiter' ihm bringen und
+ist eigentlich nur ihr Geschäftsführer. Ihr Mann aber zwingt uns in
+seinen Dienst wie ein Feldherr seine Soldaten. Wenn er will, so müssen
+wir alles andere stehen und liegen lassen, uns hinsetzen, die Feder
+ergreifen und den gewünschten Aufsatz schreiben.«
+
+Ich freute mich jedesmal dieser Gäste; denn mochten sie von Rußland oder
+Frankreich, von England oder Italien kommen, -- eins war ihnen
+gemeinsam: Tatkraft und Hoffnungsfreudigkeit. Ganz richtig äußerte sich
+einer über diese innere Einheit, wenn er sagte: »Wir sind Leute mit der
+Devise 'Ja, also!', im Gegensatz zu der älteren Generation der
+kathedersozialistischen Nationalökonomen, die die Männer des 'Ja, aber!'
+gewesen sind.« Sie zogen die Konsequenzen ihrer wissenschaftlichen
+Erkenntnis und traten rückhaltlos auf Seite der Arbeiter in Fragen des
+Arbeiterschutzes. In ihnen sah ich starke Verbündete der
+Sozialdemokratie, und es schien mir kein Zweifel, daß die Logik der
+inneren Entwicklung und der äußeren Geschehnisse sie schließlich zu
+ihren offenen Parteigängern würde machen müssen.
+
+Aber noch eine andere Tatsache unterstützte meinen Glauben an den
+Fortschritt sozialer Erkenntnis: die Gründung der nationalsozialen
+Partei.
+
+Sie war eben in Frankfurt zur Welt gekommen und getauft worden; sie
+hatte im Rausch der Festesfreude freilich den Mund sehr vollgenommen,
+wie das nun einmal in solcher Situation deutsche Art zu sein pflegt:
+»Wir stehen als Erben vor der Türe der Sozialdemokratie,« hatte Göhre
+erklärt. »Wir stellen uns an die Spitze der Arbeiterbewegung, denn die
+Zeit der Sozialdemokratie ist um,« hatte Sohm ihm sekundiert. Aber
+solche rednerischen Entgleisungen, die unsere Parteipresse mit einem
+übertriebenen Pathos rügte, statt über sie zu lächeln, wogen leicht
+gegenüber dem Handeln dieser Männer und Frauen: sie anerkannten die
+Gegenwartsforderungen der Sozialdemokratie, sie stellten sich, bei aller
+Betonung nationaler Gesinnung, in bewußtem Gegensatz zur Regierung, die
+die sozialen Pastoren maßregeln ließ, -- zum Kaiser, der ihre
+Bestrebungen für sträflichen Unsinn erklärte.
+
+Ein Ereignis trat ein, das vollends zwischen rechts und links wie
+Scheidewasser wirken sollte: der Hafenarbeiterstreik in Hamburg. Hatte
+wenige Jahre vorher die Cholera die Augen der ganzen Welt auf die
+gräßlichen Elendsquartiere der reichen Kaufmannsstadt gerichtet, so
+zeigte sich jetzt, daß selbst ihr Schrecken nicht imstande gewesen war,
+die Brutstätten des Todes aus der Welt zu schaffen. Noch hausten zwanzig
+Prozent ihrer Bewohner dicht zusammengedrängt in winzigen Räumen und
+engen Gassen, -- zu fünft in einem Zimmer, zu neun in zweien! Und zu
+diesen gehörten vor allem die Hafenarbeiter, die bei schwerer Arbeit,
+die sie oft Tag und Nacht nicht los ließ, nicht genug verdienten, um
+sich auch nur in Frieden ausruhen und frische Arbeitskräfte sammeln zu
+können. Der Eindruck der Tatsachen, die der Streik enthüllte, war ein
+ungeheurer, und die Haltung der Hamburger Reeder, die sich allen
+Einigungsversuchen der Arbeiterorganisationen widersetzten und einen
+Kampf um ein paar Groschen mehr Lohn zu einem Kampf um ihre Macht
+erweiterten, empörte jeden, der vorurteilslos zu denken vermochte. In
+höherem Maße als zur Zeit des Konfektionsarbeiterstreiks nahm die
+Öffentlichkeit Partei für die Arbeiter, geführt von den jungen
+sozialpolitischen Professoren und der nationalsozialen Partei. Das
+waren, so schien mir, Symptome für das Erwachen eines Geistes, der nicht
+mehr zu bannen sein würde. Und die Haltung der Gegner bekräftigte meine
+Auffassung: Kleine Nadelstiche, wie die Ausweisungen englischer
+Arbeiterführer, die, um Frieden zu stiften, nach Hamburg gekommen waren,
+-- schroffe Erklärungen der Reichsregierung gegen die Streikenden, --
+von ihr unwidersprochene Aussprüche, wie die des alten Reaktionärs
+Kardorff im Reichstag: »Ich freue mich, daß man von den bedenklichen
+Wegen des Erlasses von 1890 jetzt abgekommen ist,« -- Wünsche eines
+Stumm und seiner Gesinnungsgenossen, die zur Bekämpfung
+staatsgefährlicher Umtriebe eine Änderung der Vereinsgesetze forderten,
+-- waren das alles nicht Zeichen der Angst und der Schwäche? Und war
+nicht die Wandlung, die der Kaiser seit seinen sozialpolitischen
+Erlassen durchgemacht hatte, ein unbewußtes Eingeständnis schwindenden
+Einflusses? Erfüllt von seinem Gottesgnadentum, durchtränkt von der
+Vorstellung, die Tradition und Erziehung den Fürsten unauslöschlich
+einprägt: daß das Volk ihnen gegenüber im Verhältnis des Kindes zum
+Vater steht, hatte er ein sozialer Kaiser sein wollen, indem er der
+Arbeiterschaft als Geschenk brachte, was ihm gut schien für sie. Als sie
+es ihm nicht dankte, als sie Rechte forderte, statt Gnaden zu erbitten,
+sie sogar mit Gewalt ertrotzen wollte, -- da wurde der in seiner
+Autorität verletzte Fürst zum zürnenden, strafenden Vater. Und derselbe
+Kaiser, der 1890 für die Schaffung von Schiedsgerichten eintrat, stellte
+sich 1896 auf die Seite der Hamburger Reeder und forderte die
+Vereinigung aller Arbeitgeber gegen die Arbeiter.
+
+Um diese Zeit besuchte uns mein alter Freund Professor Tondern, der ein
+stiller Gelehrter irgendwo an einer Provinzuniversität geworden war, und
+den ich für unsere Sache fast schon aufgegeben hatte. Er war zur Zeit
+des Streiks in Hamburg gewesen, und mein Mann hatte ihn für das Archiv
+zu einer Arbeit darüber aufgefordert. Statt aller Antwort kam er selbst,
+ganz erfüllt von dem Erlebten.
+
+»Da bilden wir uns nun wer weiß wie viel auf unsere Bildung, unsere alte
+Kultur ein,« sagte er, »und müssen angesichts solcher Kämpfe beschämt
+eingestehen, daß wir mit all dem lumpigen Rüstzeug ihren Forderungen
+gegenüber jämmerlich Schiffbruch leiden würden, während die in Elend und
+Unwissenheit Aufgewachsenen sich wie Helden bewähren. Sie hätten nur
+sehen sollen, wie tapfer die Frauen, vom kleinen Mädchen bis zum
+steinalten Mütterchen, ihren Vätern und Söhnen zur Seite standen. Da
+steckt ungebrochene Jugendkraft --« Er brach seufzend ab.
+
+»Zeugt die arbeiterfreundliche Haltung gewisser bürgerlicher Kreise
+nicht auch dafür?« fragte ich.
+
+Er schüttelte heftig den Kopf, daß die dünn gewordenen roten
+Haarsträhnen flogen. »Immer noch die alte Optimistin!« murmelte er. »Zu
+einem guten Teil haben Sie freilich recht --« fügte er dann laut hinzu.
+»Der Streik hat die Verschlafenen aufgerüttelt, hat die
+sozialpolitischen Probleme wieder in den Fluß der Diskussion gebracht,
+hat die brennende Feindschaft, die der Generalstab des Kapitals, das
+heißt das Kapital in seiner bedrohten politischen Machtsphäre gegen die
+freie Wissenschaft empfindet, zu hellen Flammen werden lassen, -- und
+das kann dem echten, dem kritischen wissenschaftlichen Geist nur heilsam
+sein.«
+
+»Diese Feindschaft muß aber auch mehr und mehr zu uns herübertreiben,«
+entgegnete ich.
+
+»Zur Sozialdemokratie? Nein! Erinnern Sie sich unserer Haltung nach der
+frankfurter Tagung der Ethischen Gesellschaft? -- Seitdem hat sich für
+uns nichts verändert. Wir sind sogar nur noch fester an die
+Staatskrippe, und damit an den Dienst der kapitalistischen Gesellschaft
+geschmiedet, weil unsere Kinder inzwischen größer und anspruchsvoller
+wurden. Eine Ausnahme, wie Sie, bestätigt nur die Regel. Marx hat keine
+größere Wahrheit ausgesprochen als die, daß die gesellschaftliche
+Umwandlung nur das Werk der Arbeiterklasse sein kann.«
+
+Er stand auf. »Ich muß eilen, -- meine Frau wartet auf mich,« sagte er
+hastig, und strich sich gleich darauf mit einer verlegen ungeschickten
+Bewegung den roten Bart. Ich verstand. Es war gewissermaßen nur ein
+Geschäftsbesuch gewesen. Mit Damenbesuchen wurde ich nicht verwöhnt! Er
+schüttelte meinem Mann die Hand: »Sie bekommen den Aufsatz in spätestens
+vierzehn Tagen.« Dann wandte er sich abschiednehmend zu mir: »Sie dürfen
+mir auch die Hand geben. Meine Stellung zu Alix Brandt ist genau
+dieselbe geblieben wie zu Alix von Glyzcinski.«
+
+Kurze Zeit darauf meldete sich einer der geistvollsten
+Archiv-Mitarbeiter, Professor Romberg, bei uns an. Ich sah ihm mit
+gespannter Erwartung entgegen, denn ihm war ein Buch vorausgegangen, das
+ihn wie ein Herold mit Fanfarenstößen angekündigt hatte. Ein schmaler
+roter Band war es nur, aber das Wort »Sozialismus« prangte in goldenen
+Lettern darauf, und sein Inhalt war nichts anderes als eine Verteidigung
+der Lehren von Karl Marx, als eine Anerkennung der sozialdemokratischen
+Arbeiterbewegung. Das Katheder eines wohlbestallten ordentlichen
+preußischen Universitätsprofessors hatte sich der Verfasser wohl auf
+immer verscherzt, aber eine Zuhörerschaft hatte er sich erobert, aus der
+für die Sache des Sozialismus eine große Gefolgschaft werden mußte.
+
+Mein Mann lächelte über meinen Enthusiasmus, er spielte sogar ein wenig
+den Eifersüchtigen, als ich zum Empfang dieses Gastes ganz besondere
+Vorkehrungen traf, den Tisch mit buntem Herbstlaub schmückte und eine
+Flasche Wein besorgen ließ, -- zum erstenmal seit unserer
+Hochzeitsfeier.
+
+Als er eintrat, hatte ich jene seltsame Empfindung, die ich als Kind
+besonders häufig gehabt hatte: daß mir derselbe Mann in derselben
+Situation schon einmal begegnet war; selbst die gleichgültige
+Begrüßungsphrase und der Ton seiner Stimme dabei war mir bekannt, ehe er
+sie aussprach. Im ersten Augenblick war ich verwirrt und überließ
+Heinrich die Unterhaltung, dann musterte ich den Gast, und dabei
+verwischte sich das Gefühl langen Bekanntseins wieder, ähnlich wie ein
+Traum uns um so gewisser entgleitet, je mehr wir über ihn nachdenken.
+Diesen großen, tiefbrünetten Mann mit den lebhaften braunen Augen und
+der hochgewölbten Stirn hatte ich gewiß noch nie gesehen. War es
+Sympathie, die ich für ihn empfand? Der dunkle Bart beschattete dicke
+Lippen, die von stark entwickelter Sinnlichkeit zeugten, die großen
+Hände mit den breiten Fingerkuppen und den abgebrochenen Nägeln
+widersprachen der vornehmen Eleganz seiner schlanken Gestalt. Aber diese
+Mischung von Roheit und alter Kultur prädestinierte ihn vielleicht
+gerade für die Rolle eines Führers der öffentlichen Meinung, die er,
+unserer Ansicht nach, zu spielen bestimmt war.
+
+In einer Rede, die von Geist und Wissen sprühte, setzte er meinem Mann
+die Ideen auseinander, die er in einer Abhandlung für das Archiv
+zusammenfassen wollte. »Wir müssen der Sozialpolitik die Krücken nehmen,
+die Ethiker, Christlichsoziale und neuerdings Rassenhygieniker ihr
+glaubten geben zu müssen, um sie dem von ihnen willkürlich gesteckten
+Ziele entgegenhumpeln zu lassen. Sie kann und muß auf eigenen Füßen
+gehen, eigene Ziele verfolgen. Ich verlange die Autonomie des
+sozialpolitischen Ideals, das nicht nur nicht ethisch, nicht religiös,
+nicht rassenhygienisch, sondern diesen Idealen direkt entgegengesetzt
+sein kann.«
+
+»Das sei Ihnen in bezug auf das religiöse Ideal zugegeben,« warf mein
+Mann ein, »aber das ethische, das rassenhygienische?! Die 'Befreiung des
+gesamten Menschengeschlechts, das unter den heutigen Zuständen leidet',
+ist doch wohl ein ethisches Postulat!«
+
+Romberg bewegte lebhaft abwehrend die Hände: »Bleiben Sie mir mit der
+Zukunftsmusik des Erfurter Programms vom Leibe! Sie könnten ebenso gut
+die 'Versöhnung der Klassengegensätze', die die Ethiker unter den
+Nationalökonomen der Sozialpolitik als Aufgabe zuschieben, predigen.
+Nein: wir stehen im Klassenkampf, wir müssen in diesem Kampf Partei
+ergreifen, und zwar nicht für die Schwachen nach christlicher
+Auffassung, sondern für das höchst entwickelte Wirtschaftssystem, für
+die den wirtschaftlichen Fortschritt repräsentierende Klasse, das heißt
+auf Kosten der anderen.«
+
+»Mit anderen Worten: für das Proletariat?« fragte ich. Er wandte sich
+mir zu.
+
+»Gewiß: für das Proletariat, soweit seine Ideale sich mit dem Ideal der
+Sozialpolitik decken: der wirtschaftlichen Vollkommenheit, und,« -- er
+betonte scharf den letzten Satz, -- »soweit sie sich dauernd mit ihm
+decken werden. Denn es ist einerseits in dauerndem Fluß begriffen und
+ist andererseits kein absoluter Endzweck, sondern nur ein Mittel zur
+Verwirklichung höherer Zwecke. Das wirtschaftliche Leben ist die
+Schranke, in der unser ganzes Dasein, auch in seinen höchsten
+Äußerungen, eingeschlossen ist. Wir müssen sie erweitern, so rasch als
+möglich, ohne Rücksicht auf die Bedenken empfindsamer Seelen, um zu
+Licht und Luft zu gelangen.«
+
+»Und mit diesen Ansichten können Sie es verantworten, außerhalb unserer
+Partei zu stehen!« rief ich aus. Er schien erstaunt.
+
+»Alles, was ich sagte, was ich schrieb, beweist doch, daß ich es
+verantworten kann!« meinte er langsam. »Oder glauben Sie, ich würde mehr
+erreichen, wenn ich mich in Ihr Heer einreihen, Ihre Uniform anziehen
+würde, wenn ich jede meiner Ideen, ehe ich sie auszusprechen mich
+getraute, dem Votum Ihres Parteitages unterwerfe?!«
+
+»Ich verstehe Sie nicht!« antwortete ich. »Wie reimt sich Ihre Abneigung
+gegen die Partei mit diesem Buch zusammen,« -- ich hielt ihm den roten
+Band entgegen, -- »mit Ihrer Verteidigung des Klassenkampfes, mit Ihrer
+Prophezeiung der dauernden, der notwendigen Einheit der Bewegung?«
+
+»Ich muß Ihre Frage mit einer Frage beantworten: Ist die Zugehörigkeit
+zur Bewegung abhängig von der namentlichen Einschreibung in einen
+Wahlverein? Ist es für meine Stellung wichtiger, wie ich mich nenne, als
+was ich leiste?! Die Frage des Eintritts in die Partei kann für
+unsereinen nur individuell gelöst werden. Ich zum Beispiel würde in dem
+Augenblick flügellahm werden, wo ich in _der_ Gesellschaft aushalten
+müßte.«
+
+»Für einen Augenblick vielleicht, aber in dem Moment, wo Sie sich
+durchsetzen, wo Sie Einfluß gewinnen würden, hätten Sie die Kraft Ihrer
+Flügel in doppeltem Maße wieder --,« mischte sich mein Mann ins
+Gespräch.
+
+»Sie überschätzen mich, lieber Freund. Über gewisse Dinge komme ich
+nicht hinweg. Sie wissen, mein 'Sozialismus' hat einen ungeahnten
+Erfolg; ich brauche mich in meiner Schriftstellereitelkeit wahrhaftig
+nicht gekränkt zu fühlen. Aber die Behandlung, die mir -- mir, der ich
+den Sozialismus verteidige! -- von einem Teil Ihrer Presse zuteil
+geworden ist, hat mir die ganze Gesellschaft auf lange verekelt!«
+
+Der Gegensatz zwischen dem Enthusiasmus, der ihn wenige Minuten vorher
+erfüllt hatte, und der morosen Stimmung, die jetzt aus Wort und Ton und
+Haltung sprach, war so verblüffend, daß wir verstummten. Aber Romberg
+forderte uns zur Antwort heraus:
+
+»Sie mißbilligen meinen Standpunkt?« Fragend sah er von einem zum
+anderen.
+
+»Ganz und gar!« antwortete ich heftig. »Glauben Sie, daß wir um der
+schönen Augen der Parteigenossen willen Sozialdemokraten geworden sind,
+-- oder der Partei entrüstet den Rücken kehren würden, weil ein paar
+Nasen uns nicht gefallen?! Wir dienen der Sache, nicht den Personen.«
+
+»Eine so reinliche Scheidung zwischen der Sache und den Personen läßt
+sich in Wirklichkeit nicht durchführen,« sagte er, sichtlich verletzt.
+»Es kann sehr wohl der Fall eintreten, daß eine Sache durch eine
+bestimmte Personengruppierung rettungslos verloren geht, und ich bin der
+Meinung, daß in Ihrer Partei Leute den Ton angeben, die Ihre Sache
+diskreditieren.«
+
+»Wenn Sie dieser Ansicht sind, müßten Sie erst recht in die Partei
+eintreten, um die Sache, die doch auch die Ihre ist, vor solchen
+Einflüssen zu retten!«
+
+Er biß sich auf die Lippen und schwieg sekundenlang. Dann ließ er sich,
+wie ermüdet, in den Lehnstuhl fallen und sagte langsam: »Sie mögen recht
+haben, -- auf Grund Ihrer Individualität. Ich würde einfach zugrunde
+gehen, wenn ich mit dem Gesindel, das Ihre Partei groß gefuttert hat,
+auf gleich und gleich verkehren müßte. Übrigens,« er lächelte ein wenig,
+»Sie sind ja erst seit vorgestern 'Genossin', -- wir wollen unser
+Gespräch in zehn Jahren zu Ende führen! Und Sie, mein lieber Brandt,
+sind doch auch nur im Nebenberuf 'Genosse'. Wenn Sie Ihrer Frau
+beistimmen, warum treten Sie nicht in die politische Arena?«
+
+Mein Mann ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder, ehe er antwortete.
+»Ich habe nicht Ihre Begabung, die Sie zum Agitator stempelt. Und ich
+bin nicht unabhängig wie Sie, was, meiner Ansicht nach, eine wichtige
+Voraussetzung ist, wenn man in der Partei Wertvolles leisten will. Das
+Archiv ist mein Brotgeber. Es könnte seine wertvollsten Mitarbeiter
+verlieren, wenn sein Redakteur politisch hervorträte. Sonst, -- lieber
+heute als morgen würde ich ein tätiger Parteigenosse sein!«
+
+Ich hatte Heinrich noch nie so sprechen hören; eine tiefe Unbefriedigung
+enthüllte sich mir, eine Seite seines Wesens, die sich selbst dem
+durchdringenden Blick meiner Liebe bisher versteckt hatte. Ich konnte
+den Gedanken daran nicht los werden und vergaß fast unseres Besuchers
+darüber.
+
+Beim Abschied reichte ich ihm die Hand. Ein unbehagliches Gefühl überkam
+mich: die seine lag, so groß sie war, schwach und leblos in der meinen.
+Menschen ohne Händedruck waren mir immer unsympathisch gewesen. Und
+doch zog dieser Mann mich an.
+
+»Wollen wir nach all dem Ernst nun nicht Berlin ein wenig genießen?«
+fragte er. »Wir armen Provinzler müssen uns mit Großstadtluft auf Monate
+versorgen, wenn wir einmal von unserer Kette loskommen.« Wir
+verabredeten allerlei, und er ging.
+
+»Nun?!« fragte Heinrich, als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte.
+
+»Ein interessanter Mensch, ob ein Kämpfer?!« antwortete ich
+nachdenklich. »Aber was interessiert mich dies Problem, wo mein eigner
+Mann mir eins aufgegeben hat!«
+
+Er zuckte lachend die Achseln: »Kümmere dich nicht darum, Schatz, es ist
+doch zunächst unlösbar.« »Du würdest wirklich gern politisch tätig
+sein?« drängte ich unbeirrt. »Wäre es dir willkommen?« fragte er statt
+der Antwort. Mir stieg das Blut in die Wangen. Ich sah den Geliebten an
+der Stelle, die ich Romberg zugedacht hatte; ich sah uns beide Schulter
+an Schulter im Kampfe stehen. »O wie schön wäre das!« flüsterte ich.
+
+Die nächsten Tage nahm uns Romberg sehr in Anspruch. Er war von einer
+fast kindlichen Genußfähigkeit, dabei voller Interesse für Kunst und
+Literatur, in allem das Gegenspiel des typischen deutschen Professors.
+
+ * * * * *
+
+Berlin war damals reich an neuem Leben für den, der es zu finden
+verstand. Denn die Oberfläche trug noch immer das Stigma geschmackloser
+Alltäglichkeit. Mein Instinkt war doppelt wach; meine Sinne schienen
+geschärft für alles Werden, und meine Hoffnung umschlang mit üppigen
+Ranken jede neue Erscheinung.
+
+Wir sahen Gerhart Hauptmanns »Versunkene Glocke«, die zum erstenmal zur
+Aufführung kam. Alles stritt um des schönen Märchens eigentlichen Inhalt
+und riß ihm im Streit grausam die Schmetterlingsflügel aus. Den einen
+erschien es als das tragische Bekenntnis eigener Schwäche: denn die im
+Tal gegossene, für die Höhe bestimmte Glocke Meister Heinrichs stürzte
+vom Berge hinab in die Tiefe, und als er selbst emporstieg, um droben
+ein neues Wunderwerk zu schaffen, zog sie ihn nach sich ins Grab. Den
+anderen war es nichts als ein Zeichen geistiger Reaktion: der Dichter
+der 'Weber' floh vor dem wirklichen Leben. Ich aber hörte darin das
+immer wiederkehrende Leitmotiv der Sehnsucht, das den Glockengießer
+emporzog, auch als er an seiner Schwäche sterben mußte, ich sah die
+Sonnenpilger, die den Marmortempel suchten, dessen Baumeister zugrunde
+ging, dem aber Kräftigere als er Hammer und Kelle aus den toten Händen
+nahmen.
+
+Und dieselbe Sehnsucht, die der Hoffnung Schwester ist, die aus unserer
+nüchternen, auf praktisch-greifbare Ziele gerichteten Zeit
+hinwegverlangt in reichere, blühendere Gefilde, wo die arme gehetzte
+Seele nicht mehr zu dursten und zu frieren braucht, schien einer jungen
+noch unbekannten Künstlerschaft die Hand zu führen. Wir sahen Gläser,
+deren zart schimmernde Blumenkelche in Märchenfarben strahlten, und
+Teppiche, auf denen die ganze Fülle des Frühlings ausgestreut erschien.
+Wir kamen in eine Ausstellung, die eine Welt fremder Wunder enthielt,
+deren Schöpfer ein noch Unbekannter war. Staunend stand ich vor dem
+schönsten, das sie bot: einem Fenster voll leuchtender Glut, mit den
+Gestalten Tristans und Isoldens. In ihren Augen, in ihrer Gebärde
+steigerte sich die Sehnsucht zum Verlangen; die Farben waren eine Hymne
+des Lebens: das Rot jauchzte, das Blau verging in zärtlichen Melodien,
+wie ein mystischer Orgelton stand das Violett dazwischen.
+
+Achselzuckend ging die Masse an alledem vorüber. Auch die beiden Männer,
+die mich begleiteten, waren mehr erstaunt als betroffen. Ob wohl nur
+eine, die schwanger war, die verborgenen Lebenskeime dieser Zeit zu
+schauen vermochte? Ich sog mit allen Sinnen ein, was der Menschenknospe
+in meinem Schoß zur Nahrung dienen konnte.
+
+»Seit ich Sie kenne, begreife ich nicht, wie Sie Genossin werden
+konnten,« sagte Romberg beim Abschied, »mit Ihrem starken
+Kulturbedürfnis, ihrem Schönheitsdurst!«
+
+»Für mich war das nur ein Motiv mehr, um es zu werden,« antwortete ich.
+»Auch den Seelenhunger der Massen nach höheren Lebenswerten möchte ich
+stillen helfen.«
+
+»Sie haben kaum einen --,« meinte er wegwerfend.
+
+»Dann ist meine Aufgabe doppelt groß: ich muß sie hungrig machen -- --«
+
+ * * * * *
+
+Mein Zustand hinderte mich zunächst nicht an der Parteitätigkeit. Ich
+hielt Versammlungen ab, solang es ging, obwohl die schlechte Luft sich
+mir immer schwerer auf den Kopf legte; ich besuchte die Sitzungen der
+Frauenorganisation regelmäßig trotz der ekelerregenden Düfte der Lokale,
+in denen sie stattfanden. Wenn die Polizei, die uns ständig auf den
+Fersen war, gewußt hätte, wie wenig welterschütternd die Fragen waren,
+über die wir debattierten, sie würde uns ruhig unserem Schicksal
+überlassen haben. Seitdem Wanda Orbin nicht mehr in Berlin war, schien
+zwar auch den Nur-Ja-Sagerinnen der Mund geöffnet zu sein, aber was sie
+vorbrachten, das drehte sich meist um die kleinlichsten Dinge. Derselbe
+Zank, derselbe Neid, der mir die bürgerliche Frauenbewegung vergällt
+hatte, fand sich auch hier, nur daß er sich in gröberen Formen äußerte.
+Ich wäre bitter enttäuscht gewesen, wenn ich nicht allmählich Einblicke
+gewonnen hätte, die mir die Dinge in anderem Licht erscheinen ließen.
+
+Ich lernte das Leben dieser Frauen kennen. Da war eine, die tagaus,
+tagein in dieselbe elende Zwischenmeisterwerkstatt ging, um, wenn sie
+todmüde heimkam, von dem betrunkenen Mann mit Schlägen oder
+zudringlichen Zärtlichkeiten empfangen zu werden; -- sollte sie nicht
+verbittert sein? Da war eine andere, die, obwohl sie einen braven Gatten
+hatte, auf ihre alten Tage in die Fabrik zurückgekehrt war, weil sie nur
+auf diese Weise ihrem kranken Sohn den Besuch eines Sanatoriums
+ermöglichen konnte; -- sollte sie die glücklicheren Mütter nicht
+beneiden, die die Gesundheit ihrer Kinder nicht so schwer erkaufen
+mußten? Und ein verblühtes Mädchen war zwischen uns, die ihrer gelähmten
+Mutter ihre ganze Jugend hatte opfern müssen, -- war's nicht
+begreiflich, daß etwas wie Haß in ihren Augen aufblitzte, wenn ich
+sprach?
+
+Einmal besuchte ich die kleine dicke Frau Wengs; sie war vor drei Tagen
+ihres siebenten Kindes genesen, und ich fand sie schon wieder hinter dem
+Waschfaß. War es erstaunlich, daß sie reizbar war? All diese Frauen
+standen in harter Arbeitsfron; war es nicht viel merkwürdiger, daß sie
+sich dabei die Kraft, den Opfermut, die Begeisterungsfähigkeit erhalten
+hatten, die es ihnen möglich machte, ihre spärliche Freizeit, ihre ihnen
+so bitter nötige Nachtruhe dem Dienst der Partei zu widmen? Sie
+leisteten das äußerste, was sie leisten konnten; es war nicht ihre
+Schuld, daß es trotzdem so wenig war.
+
+Ich grübelte lange nach, wie hier zu helfen wäre. Mein alter Plan eines
+Zentralausschusses für Frauenarbeit tauchte wieder auf. Wenn man mit
+Hilfe der Partei solch einen Mittelpunkt schaffen, die begabtesten der
+Frauen dabei beschäftigen, von ihrer Erwerbsarbeit dadurch befreien
+könnte? Frau Wengs war nach dem Parteitag zur »Vertrauensperson für ganz
+Deutschland« gewählt worden. War es nicht wie ein Hohn auf die
+Frauenbewegung, daß sie, die kaum Zeit hatte, eine Zeitung zu lesen, für
+die das Schreiben eines Briefes eine fast unüberwindliche Aufgabe war,
+an ihrer Spitze stehen sollte? Man hatte mir freilich erzählt, Wanda
+Orbin habe ihre Wahl unterstützt, um die Leitung um so sicherer in der
+eigenen Hand zu behalten, Wanda Orbin, die uns so fern war, deren
+unzureichende Kenntnis der Verhältnisse schon daraus hervorging, daß
+sie ihre Zeitschrift in einem Tone schrieb, der einen hohen Grad von
+Wissen bei dem Leser voraussetzte. Ja, wenn sie in Berlin wäre, wenn sie
+offiziell die Führung in die Hände bekäme, wenn die Gestaltung der
+'Freiheit' dem Einfluß der Genossinnen zugänglich gemacht werden könnte!
+Schon damit, so schien mir, wäre viel geholfen. Ich schrieb ihr in
+diesem Sinne, ich fragte sie, ob sie kommen würde, wenn man die
+Anstellung einer weiblichen Parteisekretärin durchgesetzt hätte. Sie
+antwortete ausweichend: es fessele sie vieles, vor allem die Erziehung
+ihrer Söhne in Stuttgart. Ich gab die Sache noch nicht verloren. Ich
+legte meinen Plan der Schaffung eines Sekretariats für die
+Frauenbewegung den Genossinnen vor, ich entwickelte ihn in einem
+längeren Artikel in der 'Freiheit' und hütete mich zunächst, Wanda
+Orbins Namen zu nennen, da ich wußte, daß auch sie Gegnerinnen hatte.
+Die Wirkung war verblüffend: die Frauen gerieten in eine Aufregung, die
+in keinem Verhältnis zur Sache zu stehen schien. Man fand es
+ungeheuerlich, daß ich, die ich noch nichts, aber auch rein gar nichts
+geleistet hätte, mir herausgenommen habe, an der Arbeiterinnenbewegung
+Kritik zu üben; man bekämpfte meinen Plan durch Wort und Schrift, als
+bedeute er eine Gefahr für die Partei. Bei der Abstimmung erhob sich
+keine Hand für ihn. Ich erfuhr erst allmählich die wahre Ursache dieser
+wütenden Gegnerschaft: die Frauen hatten angenommen, daß ich für mich
+selbst eine einträgliche Stellung schaffen wolle. Und Wanda Orbin hatte
+sie offenbar in diesem Glauben gelassen. Es gab Momente, in denen diese
+Erfahrung mir wehe tat, -- trotz aller Mühe, überall nur das Gute zu
+sehen. Und die Entrüstung meines Mannes, der jeden Nadelstich, der mich
+traf, wie einen Dolchstoß empfand, trug nicht dazu bei, mich zu
+beruhigen.
+
+Aber die öffentlichen Ereignisse sorgten dafür, Gedanken und Interessen
+auf wichtigere Dinge zu lenken, und die Verstimmung zwischen mir und den
+Genossinnen in einmütige Kampflust gegen die Feinde, die unsere Sache
+von außen bedrohten, zu verwandeln.
+
+Hatten die Parlamentsreden der Herren der Rechten, vom Geiste Stumms
+beherrscht, schon kriegerisch genug geklungen, so kündigten die
+kaiserlichen Worte auf dem brandenburger Provinzial-Landtag Kampf bis
+aufs Messer an: »Die Aufgabe, die uns allen aufgebürdet ist, die wir
+verpflichtet sind zu übernehmen, ist der Kampf gegen den Umsturz mit
+allen Mitteln... Ich werde mich freuen, in diesem Gefecht jedes Mannes
+Hand in der meinen zu sehen, er sei edel oder unfrei,« hieß es darin,
+und zum Schluß: »Wir werden nicht nachlassen, um unser Land von dieser
+Pest zu befreien, die nicht nur unser Volk durchseucht, sondern auch das
+Heiligste, was wir Deutsche kennen, die Stellung der Frau, zu
+erschüttern trachtet.«
+
+Kein Zweifel: ein Gewitter stand bevor, das unsere Saaten bedrohte; dem
+Blitz, der die Situation grell beleuchtet hatte, folgte der Donner und
+der prasselnde Regen in Gestalt einer Vereinsgesetznovelle, die dem
+reaktionären preußischen Landtag zur Entscheidung vorlag und nichts
+anderes bedeutete, als eine Knebelung des Koalitionsrechts, eine
+Auslieferung unserer Organisationen an die Willkür der Polizei. Da war
+niemand unter uns, dem nicht das Herz stürmisch geschlagen hätte, --
+vor Empörung über das drohende Unrecht, vor Freude über den
+aufgezwungenen Kampf. Es gab keinen kleinlichen Zank mehr; man drängte
+sich zur Arbeit und übernahm auch die geringfügigste mit dem
+Pflichtbewußtsein des Soldaten, der seinen Posten bezieht. Ich konnte
+der vorgeschrittenen Schwangerschaft wegen nur mit der Feder tätig sein,
+und Zorn und Begeisterung führte sie. Ich sah eine Zeit nahe
+bevorstehen, wo die besten Elemente des Bürgertums, wo vor allem die
+Vertreter der freien Wissenschaft, vor die Wahl gestellt zwischen der
+Reaktion und dem Proletariat, sich auf die Seite der Arbeiter stellen
+müßten.
+
+»Du prophezeist trotz einem Bebel,« lachte mein Mann, wenn ich mich
+fortreißen ließ, alles zu sagen, was ich erträumte, und dann erinnerte
+er mich an jene anderen Kaiserreden, die den Dreizack des Meergottes für
+die deutsche Faust verlangten, und den Beifall derselben Männer fanden,
+auf die ich rechnete. Aber ich hörte nicht darauf, ich wollte nicht
+hören.
+
+ * * * * *
+
+Die Fähigkeit, Dunkles zu sehen, war meinem inneren Auge mehr und mehr
+abhanden gekommen. Wo immer ich den Blick hinwandte: überall war es
+hell, überall strahlte die Welt voll Frühlingsahnen. Und als es draußen
+in den Gärten und auf den Plätzen wirklich zu blühen begann, da schien
+mir's, als wäre dies der erste Lenz, den ich erlebte. Ich saß in der
+Sonne auf dem Balkon und sah staunend, wie aus den braunen saftig
+glänzenden Knospen auf den Kastanienbäumen kleine zartgrüne Blätter
+leise ans Licht strebten. Ich ging am Arm des Geliebten durch den
+Tiergarten, den ein starker würziger Erdgeruch erfüllte, und stand vor
+dem Wunder still, das in Hunderten bunter Frühlingsblumen aus dem
+Rasenteppich emporwuchs. Und die Sonne schien so mild und warm, -- wenn
+sie meine Wange traf, war mir, als streichle sie mich. In der Nacht lag
+ich oft stundenlang wach; ich war nicht müde. Regte sich dann in meinem
+Schoß das junge Leben, so strömte es mir durch die Glieder wie Feuer.
+
+Frühzeitig war alles zu seinem Empfang bereit. Oft, wenn niemand es
+merkte, schloß ich mich ein in dem hellen Zimmer, wo alles seiner
+wartete, und kniete vor dem kleinen Bettchen, und vergrub meine heißen
+Wangen in seinen kühlen Kissen.
+
+Einmal, als ich mit Heinrich am Ufer entlang heimwärts ging, an der
+Bucht vorbei, wo die Weiden ihre grünen Schleier tief bis zum Wasser
+hinuntergleiten lassen, kam uns ein alter grauhaariger Mann entgegen.
+Ich hörte zuerst nur seinen schleppenden Schritt, denn die Abendsonne,
+die im Westen verglühte, blendete mich. Aber ich wußte: das war mein
+Vater. Meine Knie zitterten. Und schon war er vorbei. Er schien in
+Gedanken verloren und hatte uns wohl nicht erkannt. Ich wandte den Kopf
+nach ihm, -- da stand er wie angewurzelt und starrte mich an, so voll
+Zärtlichkeit --! Ich wäre ihm fast zu Füßen gestürzt, aber er machte
+eine rasche, abwehrende Bewegung und ging weiter. An dem Abend weinte
+ich. Und ich hatte doch mein Kind vor allem Kummer schützen wollen!
+
+Wenige Tage später waren wir wieder zur gewöhnlichen Zeit fort gewesen.
+Mit geheimnisvollem Lächeln öffnete mir das Mädchen die Tür, als ich
+heimkam. Ins Kinderzimmer sollt' ich kommen, sagte sie. Da brannte die
+Lampe unter dem Rosenschleier und auf dem weißen Tisch lagen lauter
+spitzenbesetzte Hemdchen und Jäckchen, und kleine Schuhe und
+Steckkissen, und lange Tragekleidchen; durch die blauen Bänder, die sie
+zusammenhielten, waren Sträuße duftender Maiblumen gezogen. »Das gnädige
+Fräulein brachte alles selbst,« berichtete lächelnd das Mädchen und
+übergab mir einen Brief von Mama:
+
+»Mein liebes Kind! Das alles schickt Dir Dein Vater. Er hat mir und
+Deiner Schwester erlaubt, zu Dir zu gehen, und Dir seine Grüße zu
+bringen. Schreibe mir, wann wir Dich besuchen können,« schrieb sie. Bald
+darauf kam sie selbst. Ich hatte vor Erregung eine böse Nacht gehabt und
+empfing sie auf dem Diwan liegend. Sie aber war so ruhig, so
+teilnahmsvoll, als läge höchstens eine Reise zwischen ihrem ersten
+Besuch und heute. Drohte eine verlegene Pause, so half das Geplauder
+Ilschens darüber hinweg, die mir von ihren ersten Ballfreuden und ihren
+Triumphen nicht genug erzählen konnte.
+
+»Wie geht es dem Vater?« fragte ich schließlich zaghaft, da sie zu
+vermeiden schienen, seiner Erwähnung zu tun. »Er ist recht alt
+geworden,« antwortete Mama langsam. »Aber noch so rüstig,« fiel die
+Schwester ein, und berichtete zum Beweis dafür von den Diners und den
+Bällen, zu denen er sie begleitet hatte. Sie nannte Namen, die ich nicht
+kannte, und erwähnte Gesellschaftskreise, die er früher auf das
+peinlichste gemieden hatte: Tiergartensalons, in denen, wie er zu sagen
+pflegte, der jüngere Offizier nur als Mitgiftjäger, der alte nur als
+Tafeldekoration auftritt. Ich fühlte jetzt: er mußte sehr alt geworden
+sein.
+
+Ehe sie gingen, bat ich Ilschen, nun aber recht oft zu mir zu kommen.
+Sie sah, statt zu antworten, ängstlich fragend auf Mama. »Allein darf
+sie euch nicht besuchen,« sagte diese mit dem alten harten Ton in der
+Stimme, während sich tiefe Falten um ihre Mundwinkel gruben. Als sie
+fort waren, trat ich auf den Balkon. Ich hatte das Bedürfnis, frische
+Luft zu schöpfen. Da fiel mein Blick auf die Straße: mit kleinen,
+hastigen Schritten ging der Vater vor unserer Haustür auf und ab, und
+als Ilse ihm entgegentrat, wandte er sich ihr mit einer raschen Bewegung
+zu, und ich sah, wie sie sprach und sprach, und wie er horchte, den Kopf
+ihr zugeneigt, als fürchte er, auch nur ein einzig Wort zu verlieren. An
+diesem Abend mußt' ich wieder weinen.
+
+ * * * * *
+
+Der Sommer kam. Ich schleppte mich nur noch mühsam die hohen Treppen
+herauf und hinunter. Ich zählte nicht mehr nach Wochen, sondern nach
+Tagen. Meine Zimmer standen voll Junirosen.
+
+Ich war noch einmal mit den Kindern in die Stadt gegangen, um zu
+besorgen, was ihnen für die Ferienreise zu ihrer Mutter noch fehlte. Als
+ich daheim die Sachen in den Koffer legte, dunkelte es mir plötzlich vor
+den Augen. Ein jäher Schmerz zog mir den Leib zusammen. Ich schlich ins
+Wohnzimmer und fiel meinem Mann, der erschrocken vom Schreibtisch
+aufgesprungen war, in die Arme. »Nun ist's so weit,« flüsterte ich und
+sah ihn glückselig an. Er schickte zu meiner Ärztin. Ich aber saß still
+im Lehnstuhl und spottete seiner Ängstlichkeit. Wie hätte ich mich auch
+nur einen Augenblick lang fürchten können! Wenn ich die Augen schloß,
+sah ich Großmamas gütiges Antlitz vor mir und hörte sie tröstend
+wiederholen, was sie mir früher so oft versichert hatte: Ein Kind
+gebären ist das leichteste von der Welt. Aber der Abend kam und die
+Nacht, -- ich wartete noch immer. Und am folgenden Tag war ich zu
+schwach, um vom Bett aufzustehen, und in der Nacht standen zwei
+Ärztinnen um mein Bett, und Heinrich wich nicht von mir. Ich allein
+spürte nichts von Angst; wenn ich vor Schmerzen stöhnte, so war mir's,
+als wäre ich's nicht.
+
+Am Morgen des dritten Tages strahlte der Himmel in wolkenloser Pracht;
+von der Gedächtniskirche herüber klang tiefer Glockenton, und von allen
+Seiten antworteten ihm hellere Stimmen. »Es will ein Sonntagskind sein,«
+flüsterte ich lächelnd dem Liebsten zu, der neben mir saß, und an den
+ich mich klammerte, wenn es gar zu wehe tat.
+
+»Und in der Johannisnacht geboren werden,« hörte ich wie von ferne
+sagen. Müde sank ich in die Kissen. Mir träumte von den Bergen, die zum
+Himmelszelt stolz ihre weißen Häupter heben, und von grünen Matten, die
+sich zart und weich zu Füßen grauer Felsen schmiegen. Und ich sah, wie
+alle Spitzen zu glühen begannen, als hätten sich die Sterne auf sie
+herniedergesenkt, und von allen Hügeln die Flammen loderten. Plötzlich
+aber war mir, als stünde ich selbst auf dem Scheiterhaufen, -- schon
+züngelte das Feuer an meinem nackten Körper empor, -- ich schrie laut
+auf -- --
+
+War ich gestorben, -- und darum so seliger Ruhe voll?! Ich schlug die
+Augen auf. »Heinz!« kam es ganz, ganz leise von meinen Lippen. Ich
+tastete mit den Händen auf dem Bett, -- ich fühlte seinen Kopf, -- seine
+Schultern, -- warum bebten sie nur so?! Heiße Augen, die durch Tränen
+leuchteten, richteten sich auf mich. Von der anderen Seite öffnete sich
+die Türe, ein breiter Strom von Licht ergoß sich in das dunkel
+verhangene Zimmer, auf der Schwelle stand eine Frau, ein weißes
+Bündelchen auf den Armen. »Mein Kind --!« rief ich. »Unser Sohn!«
+antwortete Heinrich und legte ihn mir an die Brust. Ehrfürchtig
+berührten meine Lippen die von wirren Löckchen dunkel umrahmte Stirn.
+Und zwei große blaue Augen, in denen des Werdens tiefes Geheimnis noch
+zu schlafen schien, blickten mich an.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+Drei Monate später saß ich an unserem Schreibtisch, in einen Artikel
+vertieft, den ich Wanda Orbin versprochen hatte.
+
+»Fast schien es, als sollte der Züricher Arbeiterschutz-Kongreß den
+Beweis erbringen, daß die Anhänger der verschiedensten politischen und
+religiösen Weltanschauungen auf dem Gebiete praktischer Sozialreform zu
+gemeinsamen Resultaten gelangen könnten. Die Fragen der Kinder- und der
+Sonntagsarbeit riefen keinerlei tiefere Differenzen hervor. Nur hie und
+da fiel ein Wort, das wie Wetterleuchten die Abgründe erhellte, die
+tatsächlich zwischen den Rednern auseinanderklafften. Aber erst die
+Frage der Frauenarbeit vollzog schließlich die Trennung der Geister.
+Schon in der vorbereitenden Sektion kam es zu hitzigen Debatten: auf der
+einen Seite standen die katholischen Sozialreformer Belgiens und
+Österreichs, unter ihnen Männer in langem Priesterrock und brauner
+Mönchskutte, auf der anderen die Führer der internationalen
+Sozialdemokratie, die Bebel und Liebknecht, die Vandervelde und Geier an
+ihrer Spitze. Und als wir uns am nächsten Morgen in dem hohen Saal der
+Tonhalle wieder versammelten -- einem Saal, der nur für Festesfreude
+geschaffen schien, -- und der blaue See und die weißen Berge durch die
+breiten Fenster zu uns hereinstrahlten, ein Bild glücklichen Friedens,
+da wußten wir: heute kommt es zur Schlacht. Die Tribünen waren
+überfüllt: die ganze studierende Jugend Zürichs drängte sich dort oben
+zusammen. Erwartungsvolle Erregung brannte auf ihren Wangen. Und unten
+sammelten sich die Delegierten um ihre Tische: die Luft schien zu
+vibrieren unter dem Einfluß all der klopfenden Pulse, all der
+kampfheißen Blicke. Der katholische Demokrat Carton de Wiart trat hinter
+das Rednerpult zur Verteidigung seines Antrags: Verbot der
+großindustriellen Frauenarbeit. Mit tiefem Glockenklang erfüllte seine
+schöne Stimme den Riesenraum und steigerte sich zum tragischen Pathos,
+wenn sie die zerstörenden Folgen der Frauenarbeit schilderte: 'Der
+Säugling verkommt in Hunger und Schmutz, die heranwachsenden Kinder
+werden ein Opfer der Straße; vom erloschenen Herdfeuer flieht der Mann
+und sucht Trost und Wärme im Trunk ...' Er malte nicht zu schwarz, und
+auch aus den Reihen der Gegner hätte ihm niemand widersprechen
+können. Aber während die tatsächlichen Zustände ihm und seinen
+Gesinnungsgenossen als eine beklagenswerte Verirrung der Menschheit
+erschienen, die durch ein gebieterisches 'Zurück!' von dem alten
+kleinbürgerlichen Familienleben wieder abgelöst werden könnten, sahen
+die Sozialdemokraten in ihnen eine notwendige Begleiterscheinung der
+kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die nur durch ein 'Vorwärts!' zum
+Sozialismus zu überwinden ist. 'Auch wir sind für die Verkürzung der
+Arbeitszeit, für gesetzlichen Mutterschutz, für Verbot der Frauenarbeit
+in gesundheitsschädlichen Betrieben,' erwiderte Frau Alix Brandt dem
+Redner; 'aber für ein Verbot der Frauenarbeit überhaupt sind wir nicht.
+Denn nicht jenes idyllische Bild glücklichen Familienlebens, das Herr de
+Wiart in so leuchtenden Farben malte, würde seine Folge sein, sondern
+eine noch größere Zerstörung der Familie, eine noch gefährlichere
+Untergrabung weiblicher Kraft. Weder Laune noch Neigung treibt die
+Frauen in Scharen in die Fabriken, sondern Not. Schließt ihnen deren
+Tore, und dieselbe Not wird sie in das Elend der Heimarbeit treiben, wo
+schrankenlos die Ausbeutung herrscht, wird sie demjenigen Frauenberuf
+zuführen, vor dem weder die christliche Sittlichkeit des Staates, noch
+die Ritterlichkeit der Männer das weibliche Geschlecht jemals gehütet
+haben: der Prostitution.' Und in einer Rede voll hinreißender
+Leidenschaft verteidigte Frau Wanda Orbin die Berufsarbeit der Frau als
+die Grundlage ihrer sozialen Befreiung: 'Die Arbeit ist ihre
+Menschwerdung. Was sie auf der einen Seite zerstört, baut sie auf der
+anderen wieder auf für die sittliche und geistige Einheit von Mann und
+Frau. Aus den Konflikten zwischen Beruf und Haus erwachsen dem Weibe
+zwar die größten Schmerzen, aber auch die größte Kraft. Nicht nur, weil
+ein Verbot der Frauenarbeit heute die Not steigern würde, wie meine
+Vorrednerin Ihnen auseinandersetzte, stimmen wir geschlossen gegen den
+Antrag Wiart, sondern weil wir Frauen die Arbeit wollen um unserer
+Selbstbefreiung willen, um einer künftigen Neugestaltung der Ehe und der
+Familie willen, die die ökonomische Unabhängigkeit des Weibes zur
+Voraussetzung hat.' Minutenlang umbrauste der Jubel aus dem Saal
+hinauf, von den Tribünen herab die Rednerin. Und als die Baronin
+Vogelsang, eine zarte, schlichte Frauengestalt, sie ablöste, -- mit
+niedergeschlagenen Augen und leise zitternden Händen, ungewohnt des
+öffentlichen Auftretens, -- erschien sie wie die Personifizierung jener
+fernen versunkenen Welt, die sie mit leisen, weichen Worten, mit einem
+Appell an das Gefühl wieder glaubte heraufbeschwören zu können: 'Um der
+Kinder willen, denen die Industrie die Mütter raubt, nehmen Sie den
+Antrag an --;' ihre erhobenen Blicke flehten und rührten manch einem ans
+Herz, so daß die rauhe Wahrheit, die der Verstand erkennt, hinter den
+weichen Schleiern, die die Empfindung webt, zu verschwinden drohte ...«
+
+Ich legte die Feder aus der Hand und seufzte tief auf. Seit meines
+Kindes Geburt waren die Probleme der Frauenbefreiung für mich keine
+bloßen Theorien mehr. Sie schnitten in mein eigenes Fleisch, -- und ich
+war keine Industriearbeiterin, -- ich brauchte nicht von früh bis spät
+in der Fabrik zu schuften, fern meinem Liebling. Mir grauste, wenn ich
+daran dachte, daß so etwas möglich, ja notwendig sein konnte. Es gab
+Augenblicke, in denen meine Überzeugungen auf tönernen Füßen zu stehen
+schienen.
+
+Schon die Reise nach Zürich war mir schwer genug geworden, obwohl ich
+mein Kind in bester Obhut zurückgelassen hatte. Meine Phantasie malte
+sich täglich neue Schrecken aus, die ihm zustoßen konnten. Und wie viele
+Stunden des Tages mußte ich jetzt fern von ihm sein! Wie oft sprang ich
+vom Schreibtisch auf und sah sehnsüchtig auf den sonnigen Platz
+hinunter, wo es, in seinen weißen Wagen gebettet, auf- und
+niedergefahren wurde. Wie viele Blicke aus seinen blauen Augen, wieviel
+krähendes Babylachen von seinem roten Mündchen gingen mir verloren! Und
+abends, und nachts: wie oft mußte ich, statt an seinem Bettchen zu
+sitzen, in Versammlungen sprechen, an Partei-Zusammenkünften teilnehmen.
+
+Manche meiner Genossinnen kamen aus der Werkstatt und der Fabrik, auch
+sie hatten kleine Kinder zu Hause und kein Dienstmädchen, um sie zu
+hüten; -- meine Bewunderung für sie stieg und zugleich mein Verständnis
+für all die Bitterkeit, den Haß und das Mißtrauen, das sich in ihnen
+angesammelt hatte. Kann ein Weib der Welt, die den Kindern die Mutter
+entreißt, mit anderen Empfindungen gegenübertreten? Und doch hatte ich
+mich in Zürich mit aller Leidenschaft dafür eingesetzt, die weibliche
+Berufsarbeit -- auch die der Mütter -- zu erhalten? Ich zerriß den
+halbfertigen Artikel wieder und schrieb an Wanda Orbin ein paar
+entschuldigende Worte. Ich konnte nicht mehr über eine Frage sprechen,
+ich war außer stande, den Lesern fix und fertige Ansichten aufzutischen,
+seitdem sie mir zur persönlichen Angelegenheit geworden war, und ich ihr
+für mich selbst die Antwort noch schuldig bleiben mußte.
+
+Mein Mann kam nach Hause. »Bist du schon fertig?« fragte er mit einem
+verwunderten Blick auf den Schreibtisch, dessen Aussehen keine Arbeit
+mehr verriet. Ich erklärte ihm die Situation, obwohl ich von vorn herein
+wußte, daß ihm das volle Verständnis dafür fehlen würde. Er hatte schon
+oft nachsichtig, wie über eine kindliche Torheit gelächelt, wenn ich den
+Konflikt berührte, in dem ich mich befand; er war sogar hie und da
+heftig geworden, hatte mich für sentimental, für überängstlich erklärt,
+wenn ich die Trennung von meinem Kinde, die meine Berufs- und
+Parteipflichten mir auferlegte, so schwer nahm. Auch heute schüttelte er
+den Kopf und unterdrückte sichtlich eine Antwort, weil er mich nicht
+verletzen wollte. »Ich glaube, wir haben Grenzpfähle berührt, die das
+Reich des Weibes von dem des Mannes trennen,« sagte ich nachdenklich.
+»Wir sind nicht imstande, wie Ihr, alle Probleme in kühler Objektivität
+zu lösen, -- wie eine mathematische Aufgabe.«
+
+Gegen Abend besuchte uns Romberg. Wir waren rasch mitten in lebhaftester
+Debatte. Das Fernbleiben aller jungen sozialpolitischen Professoren vom
+Züricher Arbeiterschutz-Kongreß hatte wie eine gemeinsame Demonstration
+gewirkt und war mir um so peinlicher aufgefallen, als es im Gegensatz
+nicht nur zu meinen großen Hoffnungen, sondern auch im Gegensatz zu
+ihren eigenen Wünschen und Äußerungen gestanden hatte.
+
+»Waren Sie nicht derjenige, der es stets bedauerte, daß Gelehrte und
+Arbeiter nicht einmal auf dem Gebiet der Sozialpolitik sich begegnen und
+miteinander beraten könnten?« fragte mein Mann. »Und nun bot sich Ihnen
+endlich die Gelegenheit, und Sie ergriffen sie nicht!« Romberg biß sich
+in die Lippen, wie immer, wenn er um eine Antwort verlegen war.
+
+»Die Zeit war unglücklich gewählt,« meinte er schließlich zögernd.
+
+»Warum sagen Sie nicht lieber gleich, was die linksliberale Presse zu
+ihrer Rechtfertigung feierlich erklärte,« rief ich empört, »daß die
+starke Beteiligung unserer Partei den Kongreß von vorn herein zu einem
+sozialdemokratischen gestempelt habe und preußische Professoren daher
+nicht hingehörten!«
+
+Er unterbrach mich: »Sie wissen genau, daß der Vorwurf eines Mangels an
+Mut mich nicht treffen kann!« Ich dachte an das rote Buch und lenkte
+ein. Aber die gegenseitige Verstimmung wich erst allmählich dem
+Interesse am Gegenstand unseres Gesprächs.
+
+»Die blutige Wanda hat, wie ich gelesen habe, in Zürich auch die
+Frauenfrage gelöst,« sagte Romberg mit einem sarkastischen Lächeln.
+
+»Ich fürchte, jede 'Lösung' ist nur der Ausgangspunkt neuer Probleme,«
+erwiderte ich.
+
+Romberg warf mir einen überraschten Blick zu: »Wie, -- auch Sie
+beginnen, an der Unfehlbarkeit Ihrer Päpste zu zweifeln?! Das wird ja
+immer besser: Schönlank putzt den alten Liebknecht herunter wie einen
+Schulbuben und weist ihm nach, daß die Verelendungstheorie angesichts
+der gestiegenen Lebenshaltung der Arbeiter zum alten Eisen geworfen
+werden muß wie das eherne Lohngesetz seligen Angedenkens; Bebel tritt
+für die Beteiligung an den Landtagswahlen ein, was ein Preisgeben eines
+mit aller Lungenkraft verteidigten Prinzipes ist, und Alix Brandt wird
+zur Antifeministin -- --«
+
+»Wenn Ihre Zusammenstellung eine Berechtigung hat, so ist es die, daß
+meine Zweifel ebensowenig zum Antifeminismus führen, wie Schönlanks oder
+Bebels Negationen veralteter Anschauungen zum Antisozialismus.«
+
+»Also auch hier nur eine Revision des Programmes?«
+
+»Auf Grund der Revision der Erfahrungen, die wir durchgemacht haben, --
+gewiß! Übrigens fehlt es ja der Frauenbewegung noch an jedem Programm,
+weil es ihren Problemen an der wissenschaftlichen Formulierung fehlt.«
+
+»Das wäre eine Aufgabe, die Sie lösen müßten,« meinte Romberg lebhaft.
+
+»Damit würdest du dir und anderen zur Klarheit verhelfen --,« fügte
+Heinrich rasch hinzu, »ein Buch über die Frauenfrage, das von einer
+Darstellung der tatsächlichen Verhältnisse ausgehen müßte, das die
+wirtschaftliche, die soziale und die rechtliche Lage der Frauen zu
+behandeln hätte, ...«
+
+»In Ihnen regt sich doch sofort der Redakteur,« unterbrach ihn Romberg.
+»Die vage angedeutete Idee ist unter Ihren Händen zur Disposition eines
+ganzen Werkes geworden.«
+
+Das Herz klopfte mir vor Erregung. Der Gedanke an diese Arbeit packte
+mich gerade durch seine Selbstverständlichkeit. Ein zusammenfassendes,
+grundlegendes Werk der Art gab es noch nicht. Es fehlte nicht nur mir,
+es fehlte der ganzen Bewegung, die auch darum so unsicher hin- und
+hertastete.
+
+»Ich habe, fürchte ich, die nötigen Vorkenntnisse nicht,« meinte ich
+schließlich zaghaft.
+
+»Dafür haben Sie ja einen Nationalökonomen zum Mann,« antwortete
+Romberg.
+
+Während des Abends, den wir im Theater verbrachten, dachte ich nur an
+den Plan der Arbeit, die ich entschlossen war auszuführen. Erst auf
+Rombergs wiederholtes: »Sehen Sie nur!« sah ich mich um. In der Reihe
+vor uns erschienen zwei seidenrauschende Damen mit goldroten Haaren,
+feuchtschimmernden Augen und unnatürlich glühenden Lippen. »Wird für
+diese in Ihrem Zukunftsstaat kein Platz sein?« flüsterte Romberg. »Ich
+hoffe nicht!« sagte ich. »Schade!« antwortete er lächelnd. In der
+Bewunderung für derlei Erscheinungen ist er wie ein Onkel aus der
+Provinz, dachte ich ärgerlich. Als wir aber nachher, seiner Gewohnheit
+gemäß, die die Nacht gern zum Tage machte, noch lange bei uns
+zusammensaßen, kam er auf die Begegnung zurück: »Können Sie sich
+wirklich eine Welt als wünschenswert vorstellen, in der alle Frauen
+Berufsphilister werden, wie es heut schon alle Männer sind; in der sie
+keine Zeit mehr haben, ihre Schönheit zu pflegen, kurz, in der alle
+duftenden Luxusgärten in Kartoffelfelder verwandelt werden?« --
+
+»Ich würde solch eine Welt zerstören und nicht schaffen helfen! Aber
+Frauen, wie jene, auf die Sie anspielen, gehören nicht zu den duftenden
+Blumen, zu den an sich unnützen, aber unentbehrlichen Reizen des Lebens.
+Sie sind verdorbene Speisen für verdorbene Gaumen.«
+
+»Sie mögen in dem Einzelfall recht haben; unumstößlich aber bleibt für
+mich das Eine: nicht die Berufsarbeiterin, nicht die, nach Ihren
+Begriffen freie, emanzipierte Frau wird der Kultur höchste Blüte sein,
+sondern die femme amante.« Er sah mich kampflustig an, er liebte den
+Widerspruch und erwartete ihn; der Typus einer Frauenrechtlerin stand
+für ihn ein für allemal fest, und er glaubte immer wieder, ihn in mir
+vor sich zu haben.
+
+»Sie hoffen umsonst auf meine sittliche Empörung,« spottete ich, »meine
+Meinung stimmt fast überein mit der Ihren, nur daß ich die Existenz der
+femme amante leugne, solange nicht die wahrhaft freie Frau ihre
+Voraussetzung ist...«
+
+Als Romberg uns verlassen hatte, zog mein Liebster mich in seine Arme
+und flüsterte mir ins Ohr: »Hätte ich nicht meinem dummen Katzel
+widersprechen müssen, das die femme amante wegdisputieren will und
+selbst nichts anderes ist?« »Und nichts anderes sein will,« sagte ich
+leise und gab ihm seinen Kuß zurück.
+
+Ich lag noch lange wach und grübelte. Ob ich ihm anvertrauen könnte, was
+mich bewegte? Schon in der kurzen Zeit meiner Ehe war mir klar geworden,
+was ich vorher nicht verstanden und darum nur verurteilt hatte: warum
+Staat und Kirche nicht die Liebe, sondern die Pflicht zur Grundlage der
+Ehe gemacht haben, warum nach ihnen die Zeugung, Erhaltung und Erziehung
+der Nachkommenschaft ihre Hauptaufgabe ist. Die Ehe kam mir vor wie eine
+moralische alte Jungfer, die der jungen unbändigen Liebesleidenschaft
+durch ihre Predigten das Leben ständig vergällt. Die Liebe braucht
+Festtagsstimmung, die Ehe braucht den Alltag. Vor jedem rauhen Luftzug,
+den die Ehe erzeugt, läßt die zarte Blume der Liebe die Blätter hängen.
+Die Liebe ist ein Rausch, die Ehe ist nüchtern. Lodern auf dem Altar der
+Liebe die Flammen, so schämen sich die Opfernden wie arme Sünder, wenn
+die Ehe sie plötzlich ertappt. Eins aber vor allem wurde mir täglich
+gewisser: die Liebe fordert Freiheit, die Ehe Abhängigkeit. Einer muß
+sich dem anderen unterordnen, wenn der Frieden des Hauses gewahrt sein
+soll, wo aber in der Liebe Unterordnung anfängt, flieht sie selbst.
+
+So türmten sich die Probleme der Frauenfrage, -- meiner Frauenfrage.
+Wahrlich, es war eine große Aufgabe, sie zu lösen.
+
+ * * * * *
+
+Ich stürzte mich mit Feuereifer in die Vorstudien meiner Arbeit; daß sie
+mich ans Haus, an den Schreibtisch fesselte, war eine willkommene
+Begleiterscheinung.
+
+Als der Vortragsaufforderungen gar zu viele wurden, -- und es blieb
+nicht bei bloßen Aufforderungen, deren Annahme oder Ablehnung der
+Entscheidung des Einzelnen überlassen blieb, die Genossinnen verfügten
+vielmehr ohne viel zu fragen über meine Arbeitskraft --, erzählte ich
+von dem Buch, das ich vorbereitete, und das mir eine gewisse
+Beschränkung auferlege. Ich war nicht wenig erstaunt, daß dieselben
+Menschen, die der Wissenschaft eine fast unbegrenzte Bedeutung zumessen,
+über meine Mitteilung die Nase rümpften und sie nur als einen Vorwand
+ansahen, um mich von der Agitation zurückzuziehen. Je mehr ich sie zu
+überzeugen suchte, desto weniger verstanden sie mich. »Wer so 'ne
+Erziehung jehabt hat, wie die Jenossin Brandt, für den is das Schreiben
+doch keen Kunststück,« sagte eine von ihnen. »Un ieberhaupt: im Erfurter
+Programm steht haarkleen allens, wat wir wollen,« fügte eine andere
+hinzu. »Genosse Bebels 'Frau' und Genossin Orbins Artikel in der
+'Freiheit' sind als Grundlage für unsere Bewegung mehr als ausreichend,«
+sagte Martha Bartels mit einer Schärfe, die sich steigerte, je älter
+sie wurde. Ich sah ein, daß nichts zu machen war; im Grunde hatten die
+Frauen recht, wenn sie sich um ungelegte Eier nicht kümmern mochten.
+
+Nur eine Idee erwähnte ich noch, die ich kürzlich als den gesunden Kern
+aus der ungenießbaren Schale einer französischen Broschüre
+herausgeschält hatte: die einer staatlichen Mutterschafts-Versicherung.
+Ich wollte ihr eine fest umrissene Gestalt geben und sie in den
+Mittelpunkt meines Buches stellen. Die Mutter schützen, solange sie das
+Kind unter dem Herzen trägt, sie dem Kinde erhalten, solange es der
+Pflege und Ernährung durch sie bedürftig ist, -- das schien mir aber
+auch ein Ziel, würdig einer starken Bewegung, es zu erreichen. Ich
+schlug vor, in unseren Versammlungen die Frage zur Erörterung zu
+bringen. Aber seltsam: um unseren Sitzungstisch saßen die früh
+gealterten, abgehärmten Mütter, und kein Wort, keine Miene verriet, daß
+der Gedanke sie zu erwärmen vermöchte. Alles Neue galt ihnen zunächst
+als etwas Feindliches. Diese Revolutionärinnen hatten schon eine
+Tradition und waren darum vielfach reaktionär.
+
+Von dem Plan meines Werkes sprach ich mit ihnen nicht mehr. Aber ich
+beschloß, alle Zeit, die mir blieb, ihm zu widmen.
+
+Doch auf die Möglichkeit stetiger Arbeit hoffte ich vergebens.
+
+An unserem Schreibtisch saßen wir, mein Mann und ich. Wie schön hatten
+wir es uns gedacht, das gemeinsame Arbeiten! Aber dieses
+Einandergegenübersitzen von zwei Menschen, die sich lieben, die jeden
+Ausdruck im Gesicht des anderen sehen müssen und unwillkürlich zu deuten
+versuchen, diese Sorge, einander ja nicht zu stören, schufen eine
+Atmosphäre von Nervosität, die um so unerträglicher wurde, als keiner
+den Mut hatte, sie dem anderen zu gestehen. Es kam vor, daß ich
+aufatmete, wenn mein Mann das Zimmer verließ; und oft ging ich hinaus,
+weil ich fühlte, daß er allein sein mußte.
+
+Tausenderlei Dinge zerrissen die Tage und die Stimmung: Da gab's bei den
+Kindern Vokabeln zu überhören und Anzüge zu flicken, da waren die
+Haushaltssorgen, die mich um so stärker in Anspruch nahmen, je weniger
+ich von ihnen verstand, und die ständige angstvolle Frage: komme ich
+aus? Auf meinen Mann, der für mich die Güte und Rücksicht selber war,
+wirkte sie wie ein rotes Tuch. Ohne irgendeine Erklärung und
+Entschuldigung gelten zu lassen, hielt er mich stets für schuldig, wenn
+ich sie nicht bejahend beantworten konnte. »Du verschwendest, -- du läßt
+dich vom Mädchen betrügen --,« rief er, während die Zornadern ihm auf
+der Stirne schwollen. Und doch lebten wir nach meinen anerzogenen
+Begriffen über die Maßen einfach. Mich kränkte sein Zorn, den ich als
+Ungerechtigkeit empfand. Ich konnte keine gute Hausfrau sein, wenn ich
+zu gleicher Zeit meinen schriftstellerischen Beruf ausüben wollte. Das
+menschliche Gehirn ist auf das Nebeneinander von zwei Gedankenketten
+nicht eingerichtet. Und der Haushalt erfordert umsomehr die Gedankenwelt
+der Frau, je weniger ihr seine Pflichten zur mechanischen Gewohnheit
+geworden sind. Mir blieb kein Ausweg: ich verschwieg meine Sorgen, ich
+vermied es soviel als möglich, meinen Mann um Geld zu bitten, was ich
+immer als eine Erniedrigung meiner selbst empfand. Wanda Orbin hatte
+recht, tausendmal recht: die ökonomische Selbständigkeit des Weibes ist
+die Voraussetzung einer glücklichen Verbindung der Geschlechter, sie
+hilft so manche andere Klippen der Ehe umschiffen. Ich schrieb, neben
+der Vorarbeit für mein Buch, wieder Artikel für Zeitschriften und
+Tagesblätter, um Geld zu verdienen.
+
+Nur wenn ich bei meinem Kinde war, wenn seine Pflege meine Gedanken in
+Anspruch nahm, dann empfand ich das nicht wie eine Störung oder wie ein
+Ablenken von meiner eigentlichen Tätigkeit. Fühlte ich sein warmes
+rundes Körperchen in meinen Armen, so strömte wunschloser Friede mir
+tief ins Herz. Lachten mich seine blauen Augen an, so vergaß ich alles
+darüber, was es an Glück in der Welt noch geben mochte, und weinte er,
+und ich wußte nicht warum, so gab es kein Menschenleid, das mir hätte
+größer erscheinen können; klammerten sich seine rosigen, kleinen Finger
+fest um die meinen, so fühlte ich, daß er für immer von mir Besitz
+ergriffen hatte; daß mein Herz dazu da war, um ihn zu lieben, mein
+Geist, um ihn zu erziehen, meine Kraft, um ihm den Weg ins Leben bahnen
+zu helfen. Kam ich von ihm zu meinem Mann zurück, so war jeder Schatten
+von Kummer verschwunden, ich liebte ihn doppelt, weil er meines Kindes
+Vater war. Und sah ich meine Stiefsöhne dann, so tat mir das Herz weh:
+ich konnte sie nicht lieben wie mein eigenes Kind; sie mußten das
+fühlen, wenn ich mich auch noch so sehr bemühte, meine Zärtlichkeit für
+den Kleinen nur zu äußern, sobald sie fern waren.
+
+Zuweilen, wenn das Geld wieder einmal recht knapp war, dachte ich nicht
+ohne Bitterkeit an die reiche Mutter dieser Kinder. Aber meinem Mann
+sagte ich nichts davon. Die Erziehung, die ich zu Hause genossen hatte,
+und deren Folgen Georgs sanfte Hand von mir abzustreifen vermochte,
+bekam wieder Macht über mich: ich lernte schweigen, um nicht zu
+verletzen, und um Auseinandersetzungen aus dem Wege zu gehen.
+
+Meine Mutter kam um jene Zeit häufig zu mir. Seitdem wir unser Kind
+hatten taufen lassen, war sie viel milder und herzlicher geworden,
+obwohl ich sie über unsere Beweggründe nicht im Irrtum gelassen hatte.
+»Wir haben kein Recht, dies Kind von vornherein in eine Ausnahmestellung
+zu zwingen,« hatte ich ihr gesagt, als sie in unserer Handlungsweise
+einen Ausdruck unseres eigenen Gesinnungswechsels zu sehen glaubte;
+»ebensowenig wie wir es später, wenn es selbständig denken kann, hindern
+wollen, zu tun oder zu lassen, was seiner eigenen Überzeugung
+entspricht.«
+
+Aber nach anderen Richtungen hütete ich mich um so mehr, sie ins
+Vertrauen zu ziehen. Sie hatte mir häufig gesagt: »Wenn du einmal
+verheiratet bist, wirst du einsehen, daß das Leben der Frau aus lauter
+Opfern und im Kampf mit lauter Kleinkram besteht!« Sie durfte nicht
+glauben, daß ihre Prophezeiung in Erfüllung gegangen wäre. Und sie mußte
+in der Meinung erhalten werden, die sie schließlich allein über meine
+Heirat getröstet hatte: daß meine äußere Lage die behaglichste sei. An
+der Art, wie diese ruhige, anscheinend kühle Frau ihre Freude darüber
+äußerte, sah ich erst, wie sehr sie selbst unter den dauernden
+pekuniären Sorgen gelitten hatte. Wie oft hatte ich sie um ihrer Härte
+willen im stillen angeklagt. Jetzt bat ich ihr manches ab. Ich erinnerte
+mich, wie umsichtig sie den großen Haushalt geführt hatte, wie sie
+stunden- und tagelang Wäsche flickte und uns unsere Kleider nähen half,
+-- wie schwer mochte es auch ihr geworden sein, wie viel mochte sie
+entbehrt haben!
+
+ * * * * *
+
+Weihnachten 1897 war es. Zum erstenmal putzte ich für mein Kind den
+Weihnachtsbaum. Erstaunt riß es die Augen auf und streckte die Händchen
+verlangend aus, als es die vielen bunten Lichter sah! Unter der Tanne
+lag allerlei Spielzeug für ihn, darunter ein großer bunter Hampelmann,
+den mein Vater geschickt hatte. Mit dem Söhnchen auf dem Arm trat ich zu
+meinem Weihnachtstisch, auf dem ein geheimnisvoll versiegelter Brief
+lag. Ich öffnete ihn, während mein Junge fröhlich lallend den Hampelmann
+hin- und herschwenkte: »Ein Häuschen im Grunewald« stand darin. Vor
+Überraschung war ich sprachlos. Heinrich umarmte mich und das Kind,
+glückselig über die Freude, die er bereitet hatte. In aller Stille hatte
+er mit Hall verhandelt und ihn rasch bereit gefunden, unseren Wunsch
+durch die Beschaffung von Baugeld und Hypotheken erfüllen zu helfen.
+»Wie wird unser Kind gedeihen, wie ruhig und friedlich wird meine Alix
+dort arbeiten können!« sagte er.
+
+»Werden wir auch die Zinsen aufbringen können?« meinte ich schließlich,
+nachdem der erste Sturm der Freude sich gelegt hatte. Ein Schatten flog
+über seine Züge: »Mußt du dich immer gleich wieder fürchten, -- auch
+angesichts solch eines Glücksfalles?!« Beschämt senkte ich den Kopf. Die
+Lichter waren längst erloschen, und die Kinder schliefen, unser Liebling
+mit dem Hampelmann, fest an sich gedrückt; der süße Duft der
+Wachskerzen, vereint mit dem starken der Tanne, erfüllte das Zimmer; wir
+großen Kinder träumten darin unseren Weihnachtstraum: von dem stillen
+Häuschen im Wald, fern dem Lärm der Großstadt, von einer Heimat, die wir
+beide nie gekannt hatten, von unserem Kind, das wachsen sollte wie die
+Bäume: die Wurzeln im Boden der Mutter Erde, das Haupt erhoben, der
+Sonne zu und dem Sturme trotzend.
+
+Am nächsten Morgen, einem echten Weihnachtsfeiertag, über den der Himmel
+all seinen Glanz und seine Farben goß, zog ich meinem blonden Buben ein
+weißes Mäntelchen an, packte ihn sorgfältig in die weichen Kissen seines
+weißen Wagens und schickte ihn zu den Eltern. Meine Gedanken begleiteten
+ihn: wie ein helles Licht sah ich ihn auftauchen in dem dunklen Flur,
+sah, wie der Großvater ihn feuchten Auges in die Arme nahm, fühlte, wie
+der letzte eiserne Reifen um des alten Mannes Herz zersprang.
+
+»Das war ein lieber Gedanke von Dir,« schrieb die Mutter. »Ich habe
+Deinen Vater seit Jahren nicht so froh gesehen. Er strahlt noch jetzt
+und behauptet, es gäbe in der ganzen Welt kein zweites Kind wie seinen
+Enkel. Mich hat die Nachricht von Heinrichs Weihnachtsgeschenk noch
+besonders beglückt: so hat Gott meine Gebete doch erhört und alle Strafe
+von Dir abgewendet!«
+
+ * * * * *
+
+Unseren wundergläubigen Vorfahren galten die zwölf Nächte, die dem
+Weihnachtsabend folgen, für heilig: in dieser Zeit wurde die Arbeit auf
+das notwendigste beschränkt, nur in Feiertagsgewändern begegneten die
+Menschen einander, und die Träume, die geträumt wurden, gingen in
+Erfüllung. Unter der Schwelle unseres Bewußtseins lebt und wirkt auch
+heute noch dieser Glaube. In den Straßen und in den Herzen ist es
+stiller als sonst. Der fieberhafte Pulsschlag des öffentlichen Lebens
+stockt. Selbst der heimatloseste Weltenbummler sucht sich einen Winkel
+Familienleben, wo er unterkriechen kann. Und wem es recht wohl und warm
+ums Herz wird, der wünscht zuweilen, sich auf immer einspinnen zu können
+in diese Stille.
+
+Aber das junge Jahr wirft alle guten Gaben, die die Greisenhand des
+alten zum Abschied spendete, aus seinem Lebenspalast hinaus und ruft mit
+schmetternden Fanfaren zu neuen Kämpfen, richtet Ziele auf mit lockenden
+Preisen, so daß auch die süß Schlummernden sich dem Land ihrer Träume
+entreißen und im grellen Licht des Tages den alten Wettlauf wieder
+beginnen.
+
+So erging es auch uns. Sturmzeichen sahen die Wetterkundigen am Himmel
+seit jenen ersten Gewitterwolken kaiserlicher Reden im vergangenen Jahr.
+»Rücksichtslose Niederwerfung jeden Umsturzes« hatte die eine gefordert,
+als »Vaterlandslose« hatte die andere diejenigen gebrandmarkt, die den
+Flottenforderungen ablehnend gegenüberstanden. Inzwischen war die
+Flottenvorlage dem Reichstag zugegangen, die ihren Schatten monatelang
+vorausgeworfen hatte, und auf sieben Jahre hinaus Millionen und
+Abermillionen für neue Schiffsbauten forderte. Doch die stürmische
+Entrüstung, zu welcher der Philister sonst immer bereit ist, wenn seinem
+Geldsack Gefahr droht, war ausgeblieben. Denn in seiner psychologischer
+Kenntnis der Menschennatur, die um so überraschender war, als die
+Regierungen ihre Völker mit dergleichen nicht zu verwöhnen pflegen,
+waren Vorfälle, die früher spurlos vorübergingen, -- wie der Streit
+eines deutschen Kaufmanns mit den Polizeibehörden der Republik Haiti und
+die Ermordung zweier deutscher Missionare in China, -- zu so ernsten
+Konflikten mit fremden Mächten aufgebauscht worden, daß der furor
+teutonicus sich daran zu entzünden vermochte. Einmal gereizt, griff der
+gute deutsche Michel wutschnaubend nach dem Racheschwert, und in seinen
+Träumeraugen brannte plötzlich wieder die alte Sehnsucht nach fernen
+fremden Ländern und ihren Märchenschätzen. Was uns, die wir nüchtern
+geblieben waren, wie eine romantische Floskel klang, -- die pathetische
+Rede des Kaisers an seinen nach China ausziehenden Bruder von dem
+Dreinfahren der gepanzerten Faust und dessen Antwort von dem »Evangelium
+der geheiligten Person Seiner Majestät«, das er im Auslande verkünden
+wolle, -- das entsprach im Augenblick dem fanatisierten Empfinden des
+deutschen Bürgers. Er, dessen Leben so lange sang- und klanglos
+dahingeflossen war, der seit Bismarcks Abschied für seine
+Begeisterungsfähigkeit keinen Gegenstand mehr gehabt hatte, berauschte
+sich an der Idee der Weltmacht, und die ungeheure Flottenforderung
+schreckte ihn nun nicht mehr.
+
+Aber die Regierung erreichte durch ihre Politik noch mehr als das:
+hatte das Interesse eines großen Teiles der Bourgeoisie sich in einer
+für sie bedenklichen Weise in den letzten Jahren der sozialen Frage
+zugewandt, so war nunmehr ein Mittel gefunden, es von ihr abzulenken.
+Mit schmerzlichem Erstaunen sah ich, wie Männer, auf die ich noch vor
+wenigen Monden für unsere Sache gerechnet hatte, den Nationalismus über
+den Sozialismus siegen ließen, wie selbst ein Romberg und seine Freunde
+die Weltmachtpolitik verteidigten. Daß es zwischen ihr und der
+Arbeiterpolitik nichts anderes geben könne als unversöhnlichen
+Gegensatz, schien mir über allem Zweifel zu stehen. Für Rombergs
+Argumente, der in der Erschließung neuer Absatzgebiete auch einen
+Vorteil für die deutsche Arbeiterschaft sah, war ich vollkommen
+unzugänglich.
+
+Die große Flutwelle patriotischer Begeisterung trieb nicht nur alte
+Freunde von unserer Sache ab, sie trug uns auch neue Feinde zu. Vielen,
+die sich um Politik bisher kaum gekümmert hatten, galten wir jetzt als
+Feinde des Vaterlandes, die mit allen Mitteln bekämpft werden müßten.
+Der Weizen Herrn von Stumms, unseres grimmigen alten Gegners, blühte; er
+drohte mit der Revolution von oben, wenn die Flottenvorlage im Reichstag
+zu Falle käme. Und tatsächlich schien ein neues Ausnahmegesetz in
+Vorbereitung. Der »Vorwärts« veröffentlichte ein Geheimschreiben des
+Staatssekretärs des Innern an die verbündeten Regierungen, worin er ein
+Gesetz zum Schutz der Arbeitswilligen in Aussicht stellte, das, nach den
+Absichten unserer Gegner, die Koalitionsfreiheit der Arbeiter notwendig
+beeinträchtigen, wenn nicht vernichten würde.
+
+Was die Regierung gewollt hatte, wurde erreicht: eine Mehrheit für die
+Flottenvorlage, eine scharfe Trennung zwischen den bürgerlichen Parteien
+und der Sozialdemokratie für die Wahlen zum neuen Reichstag.
+
+Aber auch für uns schien die Lage günstig: auf der einen Seite die
+Weltmachtpolitik mit ihrer möglichen Folge kostspieliger Kriegsabenteuer
+und drückender Steuerlasten, auf der anderen die Bedrohung des
+Koalitionsrechtes, -- war das nicht genug, um die proletarischen Massen
+zu einem gewaltigen Protest aufzupeitschen?! Warum war die Stimmung in
+unseren Versammlungen so flau, warum fehlte auch mir, wenn ich sprach,
+jene anfeuernde Kraft der Rede, die früher an ihren Wirkungen zutage
+getreten war? Die starke, hoffnungsvolle Freudigkeit war verloren
+gegangen, als ob sich zwischen uns und das Ziel, dem wir so
+leidenschaftlich zustrebten, ein dunkler Schleier gesenkt hätte. Durch
+die Einheit, die unsere Kraft gewesen war, ging ein blutender Riß. Das
+Instrument der Partei klang verstimmt, als wäre eine Saite gerissen.
+
+Langsam und allmählich, für die meisten unmerklich, hatte es sich
+vorbereitet: mit der Entwickelung der Sozialdemokratie von der Sekte zur
+Partei hatte sich zuerst die Taktik ihres Vorgehens leise verändert. Von
+der Ablehnung jeder Beteiligung an einem Parlament des kapitalistischen
+Staates als eines unmöglichen Paktierens mit der Bourgeoisie bis jetzt,
+wo sogar von alten bewährten Führern die Teilnahme an den Landtagswahlen
+unter dem Dreiklassenwahlsystem empfohlen wurde, war ein weiter Weg. Und
+er war gegangen worden. Was einer der wenigen Staatsmänner der Partei,
+Georg von Vollmar, nach dem Fall des Sozialistengesetzes unter dem
+empörten Widerspruch der radikalen Elemente in der Partei erklärt hatte:
+daß in dem Maße, in welchem wir einen unmittelbaren Einfluß auf den Gang
+der öffentlichen Angelegenheiten gewinnen, wir unsere Kraft auf die
+nächsten und dringenden Dinge konzentrieren müßten und »dem guten Willen
+die offene Hand, dem schlechten die Faust« zu zeigen sei, -- das hatte
+sich von Jahr zu Jahr als immer notwendiger erwiesen, und vor der Logik
+der Tatsachen wich die radikale Phrase bloßer Verneinung Schritt vor
+Schritt zurück.
+
+Jetzt aber begann sogar die alt-ehrwürdige Theorie vor dem Ansturm der
+jungen Praxis in ihren Grundfesten zu zittern. Im Lichte der
+fortschreitenden Zeit erwiesen sich manche Fundamentalsätze, wie sie das
+Erfurter Programm formuliert hatte, als überholt. Schon die
+Beschäftigung mit der Agrarfrage hatte gezeigt, daß die wirtschaftliche
+Entwickelung sich nicht überall mit den von Marx aufgestellten Gesetzen
+in Einklang bringen ließ, daß die Konzentrierung des Kapitals sich nicht
+so rasch und nicht so schematisch vollzieht, wie er auf Grund damaliger
+Erfahrungen angenommen hatte. Und auch das vom kommunistischen Manifest
+mit apodiktischer Sicherheit in Aussicht gestellte allgemeine
+Herabsinken der Arbeiter in den Pauperismus war nicht eingetreten; die
+Lebenslage des Proletariats hatte sich vielmehr im Laufe des letzten
+halben Jahrhunderts gehoben. Und nun trat einer der bewährtesten
+Vorkämpfer des Sozialismus, einer ihrer Märtyrer, der noch im Exil in
+England lebte -- Eduard Bernstein --, auf und erörterte in breiter
+Öffentlichkeit die neuen Probleme des Sozialismus. Er rüttelte weder an
+seiner Voraussetzung noch an seinem Ziel, aber er zeigte an der Hand der
+Tatsachen, daß der Weg zwischen beiden länger ist und anders geartet,
+als Marx und seine Schüler ihn dargestellt hatten, daß wir ihn daher
+mehr berücksichtigen, unsere Handlungen mehr auf seine Etappen, als auf
+das schließliche Ende einstellen müßten.
+
+Auf uns, die wir durch die Erkenntnis des Elends in der Welt zum
+Sozialismus geführt worden waren, die wir von ihm in einem in seiner
+Wurzel religiösen Glaubensüberschwang die Erlösung von allem Übel
+erwartet hatten, wirkte die kühle Klarheit der Bernsteinschen
+Beweisführungen niederschmetternd. Meinem Verstande waren die Grundsätze
+des Sozialismus so ohne weiteres einleuchtend gewesen, weil mein Gefühl
+mit seinem Wollen von vornherein übereinstimmte. Sie kritisch und
+wissenschaftlich zu prüfen, war mir, wie Tausenden meiner
+Gesinnungsgenossen, nie eingefallen. Jetzt war es ein Gebot der höchsten
+Tugend, -- der intellektuellen Redlichkeit, -- es nachzuholen.
+
+Die Zeiten meiner religiösen Kinderkämpfe schienen wiedergekehrt zu
+sein. Nur daß ich jetzt mit allen Fasern meines Innern in dem Glauben
+wurzelte, dem ich meinen ganzen Lebensbesitz geopfert hatte, aus dem ich
+alle meine Kräfte sog. Was stand noch fest, dachte ich verzweifelt, wenn
+so vieles schwankte? Ernüchtert, -- bar jener stürmischen Begeisterung,
+die mich ausziehen ließ, der Menschheit eine neue Welt zu erkämpfen, sah
+ich den langen, öden Weg vor mir mit all seinen kleinen Hindernissen,
+die im Schweiße unseres Angesichts überwunden werden sollten, und mit
+dem Ziel, das im Nebel der Ferne fast verschwand. Die Naivetät jungen
+Glaubens, die noch keine Probleme kennt, ist für die Masse der Menschen
+die Voraussetzung ihres Enthusiasmus und damit ihrer Stärke. Ich hatte
+sie verloren wie viele meiner Genossen; das lähmte uns. Oft kamen
+Augenblicke, wo ich die anderen beneidete, die, sei es aus unbewußter
+Furcht vor einem inneren Zusammenbruch, sei es aus einer gewissen
+Beschränktheit ihres Denkens, den alten Glauben gegenüber der neuen
+Erkenntnis aufrecht erhielten und leidenschaftlich verteidigten. Mein
+Gefühl war auf ihrer Seite, und nur zu häufig riß es mich wieder mit
+sich fort. Vielleicht wäre es sogar auf lange Zeit hinaus das
+herrschende geblieben, wenn nicht mein Mann immer wieder meinen Verstand
+gegen mein Herz zu Hilfe gerufen hätte. Und die Tatsachen und die Zahlen
+waren unerbittlich: Die Konzentration des Kapitals und die Eroberung der
+politischen Macht durch das Proletariat waren die beiden anerkannten
+Bedingungen der Verwirklichung des Sozialismus. Aber der Schneckengang
+der Entwickelung zum Großbetrieb, der zuweilen sogar ein Krebsgang zu
+sein schien, und die Tatsache, daß von hundert Wahlberechtigten nur
+achtzehn sozialdemokratische Stimmzettel abgaben und mehr als die Hälfte
+der erwachsenen männlichen Arbeiterschaft der Sozialdemokratie noch
+gleichgültig, wenn nicht feindlich gegenüberstand, bewiesen, wie weit
+wir noch vom Ziel entfernt waren. Eine Selbsttäuschung hierüber wäre ein
+Verbrechen an unserer Sache gewesen, -- das sah ich ein. Es galt, den
+Kinderglauben ruhig und mutig aufzugeben.
+
+Mit jener rücksichtslosen Leidenschaft, die stets das Produkt der Angst
+um die Gefährdung der Grundlagen des Lebens und Wirkens ist, bekämpfte
+die Masse der Arbeiterschaft, an ihrer Spitze all die Führer, deren
+heißblütiges Temperament über alle Zweifel siegte, und all die klugen
+Demagogen, die auf der Seite der Mehrheit blieben, weil ihre Macht von
+dieser Mehrheit abhing, die neuen Ideen und ihre Vertreter. Und dieser
+ganze Kampf fiel in die Vorbereitung der Reichstagswahlen; er lähmte die
+Agitationskraft der einen, die wie ich noch mit sich selbst zerfallen
+waren, er lenkte die Interessen der anderen ab, die die Partei vor dem
+unheilvollen Einfluß der Ketzer glaubten schützen zu müssen.
+
+Wenn ich in Versammlungen sprach, fühlte ich: meine Worte zündeten
+nicht. Einmal traf ich bei solcher Gelegenheit Reinhard wieder. Er
+schien mir sehr gealtert. Wir sprachen über unsere Aussichten. »Wir
+hätten zwanzig bis dreißig Mandate erobern können,« sagte er, »wäre das
+ganze Getratsch von Endziel und Bewegung uns nicht in die Parade
+gefahren.«
+
+»Hat Bernstein etwa nicht recht?!« fragte ich.
+
+»Recht! -- Recht!« antwortete er heftig. »Natürlich hat er recht in dem,
+was er sagt, aber daß er es sagte, in diesem Augenblick sagte, war ein
+Fehler, ein schwerer Fehler. Wir alten Gewerkschafter, die wir mitten im
+Leben stehen, sind schon lange seiner Meinung, aber wir machen die
+Genossen nicht kopfscheu mit theoretischem Kram, wir handeln einfach,
+wie die Verhältnisse es fordern.«
+
+»So hätte er schweigen sollen?«
+
+»Keineswegs! Er hätte nach den Wahlen fünf Jahre zum Reden Zeit genug
+gehabt. Aber daß er uns jetzt diesen Knüppel zwischen die Beine
+schmeißt --«
+
+Ich dachte an Reinhards Worte, als mir ein andermal in der Diskussion
+ein rabiater Genosse vorwarf, auch ich hätte »das Endziel in die Tasche
+gesteckt«, und verteidigte mich nicht. Solange wir im Kampf gegen den
+gemeinsamen Gegner standen, mußte die Streitaxt begraben werden. Aber
+die Radikalen dachten anders. Es kam vor, daß Reichstagskandidaten von
+den eigenen Genossen wie Parteiverräter behandelt wurden. Wanda Orbin
+vor allem, die immer wieder erklärte, daß die Reinheit der Partei ihr
+höher stünde als ihre numerische Stärke, wurde zur fanatischen Gegnerin
+aller derer, die sich nicht unverbrüchlich auf die alten Dogmen
+einschwuren. Und mehr als je hatte sie die Frauen auf ihrer Seite, --
+die Frauen, die nicht auf dem Wege wissenschaftlicher Erkenntnis,
+sondern einzig und allein durch ihr Gefühl geleitet zu Sozialistinnen
+geworden waren. Mit jener naiven Kraft der ersten Christen, die ihr
+ganzes Tun und Denken auf die unmittelbare Wiederkehr des Gekreuzigten
+eingerichtet hatten, hofften sie auf die baldige Erfüllung ihres
+Zukunftstraums.
+
+Als das Resultat der Wahlen bekannt wurde, -- es war in bezug auf die
+Zunahme der Mandate, aber noch mehr im Hinblick auf das
+Stimmenverhältnis weit hinter unseren Erwartungen zurückgeblieben, --
+stieg die Erbitterung gegen die »Bernsteinianer«, denen man die Schuld
+an diesem Ergebnis zuschob, noch mehr.
+
+Ein Symptom für die allgemeine Stimmung war der Beschluß, der nach
+einer stürmischen Versammlung im Feenpalast von den Berlinern gefaßt
+wurde. Seinem Wortlaut nach richtete er sich zwar nur gegen eine
+Beteiligung an den Landtagswahlen in Berlin selbst, sein Tenor aber war
+eine Verurteilung der Beteiligung überhaupt. Sie erschien den Radikalen
+als ein bedenkliches Hinneigen zu revisionistischen Ideen.
+
+ * * * * *
+
+In dem Kreise der Genossinnen äußerte sich das gegenseitige Mißtrauen
+weniger im Streit um Meinungen, als in persönlichen Reibereien. War ich
+schon während meiner Tätigkeit in der bürgerlichen Frauenbewegung zu der
+Überzeugung gelangt, daß diese spezifisch weibliche Art nur durch eine
+Zusammenarbeit mit dem Mann sich beseitigen lassen würde, so war ich
+jetzt entschlossen, den Einfluß, den ich noch besaß, nach dieser
+Richtung geltend zu machen.
+
+»Wir haben die Gleichberechtigung der Geschlechter auf das Programm
+geschrieben, wir müssen sie also zu allererst in der eigenen Partei
+durchführen,« erklärte ich, und selbst die Feindseligsten waren in
+diesem Gedanken mit mir einig. »Bei den Genossen aber werden Sie damit
+schön abblitzen!« meinte Martha Bartels. »Bei denen heißt's noch immer,
+wenn unsereins den Mund auftut: Kusch dich! zu Hause -- wie in der
+Bewegung,« sagte eine andere langjährige Parteigenossin. »Sie wissen,
+wie wir voriges Jahr behandelt worden sind, --« fügte die dicke Frau
+Wengs hinzu, »als wir auch nur eine Einzigste von uns in den
+allgemeinen Versammlungen als Delegiertin zum Parteitag wollten
+aufgestellt haben. 'Wascht man eure dreckige Wäsche alleene --,' sagten
+uns die Vertrauensleute.« »So müssen wir eben immer wiederkommen,«
+entgegnete ich, »Na -- für die schönen Augen von Genossin Brandt tun
+sie's am Ende,« höhnte Martha Bartels. Schließlich beschloß man,
+noch einen Versuch zu machen, und es gelang auf einer der
+Parteiversammlungen, zunächst meine Delegation zum Parteitag der Provinz
+Brandenburg durchzusetzen. Die Freude der Genossinnen über diesen Erfolg
+war die der Kinder, wenn sie ein neues Spiel beginnen: auf eine Zeitlang
+war jeder Streit vergessen.
+
+ * * * * *
+
+Am Vorabend der Provinzialkonferenz veröffentlichte die Presse eine neue
+Rede des Kaisers, die er im Kurhause von Öynhausen gehalten hatte: »Das
+Gesetz naht sich seiner Vollendung und wird den Volksvertretern noch in
+diesem Jahre zugehen, worin jeder, der einen deutschen Arbeiter, der
+willig ist, seine Arbeit zu vollführen, daran zu verhindern sucht, oder
+gar zu einem Streik anreizt, mit Zuchthaus bestraft werden soll ...«
+
+Das bedeutete nichts weniger und nichts mehr, als eine Vernichtung des
+Koalitionsrechts, das war eine Kriegserklärung an das Proletariat, für
+die es nur eine Antwort gab: einmütiges Zusammenhalten. In der Sitzung
+am nächsten Morgen brachte ich eine Protestresolution ein, die zur
+einstimmigen Annahme gelangte, und unter dem Eindruck der kaiserlichen
+Drohung verlief die Tagung ohne einen Mißklang. Martha Bartels
+schüttelte mir herzlich die Hand, wie seit Monaten nicht, die gute Frau
+Wengs lachte über das ganze runde Gesicht, klopfte mir wohlwollend auf
+die Schulter und versicherte: »Nun haben Sie uns aber alle miteinander
+auf Ihrer Seite.«
+
+Zwei Tage später erfuhr ich, daß einer der berliner Wahlkreise bereit
+sei, mich zum nächsten Parteitag zu delegieren.
+
+»Du bist leicht zu befriedigen!« sagte mein Mann mit einem leise
+spöttischen Ton in der Stimme, als er meine Freude sah.
+
+»Es ist doch ein Anfang,« antwortete ich. »Oder meinst du, ich wäre in
+die Partei gekommen, um ewig Rekrut zu bleiben?«
+
+»Gewiß nicht,« lachte er, »ich kenne doch meinen ehrgeizigen Schatz!«
+
+Mir stieg das Blut in die Schläfen. War es Ehrgeiz, der mich
+beherrschte, oder nicht vielmehr der berechtigte Wunsch nach einem
+Wirkungskreis für meine Leistungskraft? Zu tief empfand ich das Opfer,
+das ich brachte, wenn ich mein Haus und mein Kind verließ, als daß ich
+es dauernd für überflüssige Nichtigkeiten hätte bringen können. Jetzt
+war ich im Aufstieg, und weil ich es war, hatte ich die Sympathie der
+anderen für mich; es galt nunmehr, beides festzuhalten.
+
+ * * * * *
+
+In der Versammlung, die über die Parteitagsdelegationen endgültig zu
+entscheiden hatte, herrschte von Anfang an Gewitterschwüle. Die
+schroffsten Gegner saßen einander gegenüber, und bei jedem Punkt der
+Tagesordnung kam es zu hitzigen Wortgefechten. Eines schien von
+vornherein klar: die Masse der radikalen Berliner erwartete vom nächsten
+Parteitag eine Abrechnung mit den revisionistischen Elementen in der
+Partei, ja sie scheuten sich nicht, selbst gegen Bebel Stellung zu
+nehmen, weil er in der Landtagswahlfrage nicht auf ihrer Seite stand.
+Man forderte schließlich, daß sämtliche Delegierte sich auf die
+Feenpalastresolution verpflichten sollten. Während ringsumher alles
+durcheinander schrie und tobte, wurden die zur Delegation
+Vorgeschlagenen aufgerufen.
+
+»Genossin Brandt, stehen Sie auf dem Boden unseres Beschlusses?«
+Überrascht fuhr ich auf, -- ich hatte nicht erwartet, als Erste gefragt
+zu werden, -- ich versuchte mir im Moment die Situation zu
+vergegenwärtigen. »So antworten Sie doch!« rief ungeduldig die Stimme
+des Vorsitzenden.
+
+Die Genossinnen umringten mich: »Sie werden uns doch nicht im Stiche
+lassen,« flüsterte Frau Wiemer von der einen Seite, -- »wir haben ja nur
+für Berlin die Beteiligung abgelehnt,« zischte mir Martha Bartels von
+der anderen ins Ohr. Und ein leises »Ja« kam zögernd von meinen Lippen.
+
+Gleich darauf hörte ich Reinhards Namen nennen, und im selben Augenblick
+seine Antwort: ein scharfes »Nein«. Ich wurde gewählt -- er nicht.
+
+Glückwünschend umringten mich die Genossinnen. Aber jedes Wort, das sie
+sagten, ließ mich dunkler erröten. Am Ausgang traf ich Reinhard. »Das
+hätte ich von Ihnen nicht erwartet,« sagte er. »Sie kannten doch den
+tieferen Sinn der Resolution.«
+
+Ich schlich nach Hause, müde, schuldbewußt. Noch in der Nacht schrieb
+ich eine Erklärung für den »Vorwärts«, und legte mein Mandat in die
+Hände meiner Wähler zurück ...
+
+Die Frauen hätten mich am liebsten gesteinigt, die Männer lachten mich
+aus. Ich schwieg. Womit hätte ich mich verteidigen können?
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+
+»Ottoo -- addaa,« rief das helle Stimmchen meines Sohnes. Er saß auf
+meinen Knieen im Wagen und winkte unermüdlich nach rechts und links, als
+ob er in seiner Freude alles grüßen müßte, was er sah. Wir fuhren hinaus
+in den Grunewald. Es war ein strahlender Sommertag; Scharen von Radlern
+flogen an uns vorüber; selbst die Dampfstraßenbahn fauchte heut wie ein
+vergnügter Alter, weil sie so viel Jugend in hellen Kleidern ins Grüne
+fuhr.
+
+Vor einem umzäunten Waldwinkel hielten wir. Ich setzte den Kleinen ins
+Moos, und verwundert tippte er mit den runden rosigen Fingern jeden
+Grashalm an und kroch den schillernden Käfern nach und sah mit einem
+jauchzenden »Da -- da!« den Vögeln zu, die von Zweig zu Zweig hüpften.
+Die alten dunkeln Kiefern wiegten ihre Häupter im Winde, die Sonne malte
+runde goldene Flecke auf ihre braunen Stämme, ein paar kleine blaue
+Blümchen reckten neugierig die Köpfe, und ein gelber Schmetterling
+tanzte über ihnen, -- es war eine große Sommer-Festvorstellung für mein
+Kind.
+
+Wir erwachsenen Leute gingen indessen ernsthaft umher und betrachteten
+das grüne Erdenfleckchen, auf dem unser Haus stehen sollte. Der
+Baumeister war mit uns gekommen. Er war noch jung und ein echter
+Künstler; von allen, bei denen wir gewesen waren, hatte er uns am besten
+verstanden. Ich hielt das Bild des Häuschens in der Hand, das seinen
+Namen trug -- Alfred Messel --, und sah es schon lebendig vor mir, mit
+seinen blumenbesetzten Fensterbrettern und seinem lachenden roten Dach.
+»Ein rotes Dach?« sagte der Baumeister. »Nein! Unter die schwarzen
+Kiefern paßt nur ein graues.« Schwarz und grau? Wie trübe klang das! Ich
+sah ihn erschrocken an, -- mir war auf einmal die Freude vergangen.
+
+»Schwester Alix!« rief es über den Zaun. Ilse stand an der Türe, die
+Hand auf der blitzenden Lenkstange ihres Rades, und neben ihr ein
+großer, überschlanker Mann. Errötend stellte sie ihn vor: »Professor
+Erdmann!« Sie hatte mir schon von ihm erzählt, dem aufgehenden Stern am
+Himmel des Kunstgewerbes, der in den Salons des Tiergartenviertels eine
+Rolle zu spielen begann, und Messel begrüßte ihn wie einen lieben
+Kollegen. Nach ein paar raschen Worten drängte Ilse zum Aufbruch: »Wir
+dürfen die anderen nicht verlieren,« sagte sie. »Ich find' es viel
+hübscher zu zweien,« meinte ihr Begleiter und sah sie mit einem Lächeln
+an, das auf ein tieferes Einverständnis der beiden schließen ließ. Sie
+fuhren davon. Das helle Köpfchen meiner Schwester hob sich empor zu ihm,
+seine lange Gestalt neigte sich zu ihr, -- so flogen sie nebeneinander
+die sonnige Straße hinauf, bis der dunkle Wald sie verschlang.
+
+ * * * * *
+
+»Ottoo -- addaa,« klang es wieder aus dem Wagen heraus, als wir
+heimwärts fuhren. Aber die Händchen grüßten nicht mehr nach rechts und
+links; krampfhaft umspannten sie einen Büschel grünes Gras, und
+unverwandt hafteten die Augen meines Kindes auf dem bunten Käfer, der
+sich gemächlich darin niedergelassen hatte. Auf einmal breitete er seine
+schillernden Flügel aus und flog mit surrendem Geräusch davon; entsetzt
+starrte mein Kind ihm nach, das Gras entfiel den Fäustchen -- ein
+sehnsüchtig-schluchzendes »adda -- adda« kam von dem zuckenden Mündchen,
+und verzweifelt weinte es vor sich hin. Mein Mann lächelte über den
+wilden Schmerz um den entflogenen Käfer. Tut er dem kleinen Seelchen
+nicht ebenso weh, wie wenn die großen Leute um den Verlust ihrer
+Eroberungen trauern? dachte ich und zog meinen Liebling mitleidig in die
+Arme.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Morgen in aller Frühe kam meine Schwester. Sie wollte mich
+allein sprechen. Ihr heißes Gesichtchen, ihr rascher Atem, drei mühsam
+hervorgestoßene Worte: »ich liebe ihn,« sagten mir genug. »Und die
+Eltern?« fragte ich. »Sie wissen von nichts,« stotterte sie und sah ganz
+verängstigt drein.
+
+Ich dachte an meinen Vater: mit welch verächtlichem Naserümpfen hatte er
+früher über Künstlerehen gesprochen. Sollten für seine Töchter keine
+seiner heißen Wünsche in Erfüllung gehen?
+
+»Du wirst dich auf harte Kämpfe gefaßt machen müssen, --« sagte ich, und
+mein Blick haftete auf ihren kleinen, kraftlosen Händen. »Ich laufe
+davon, wenn Papa es nicht zugibt,« rief sie.
+
+Noch am selben Tage besuchte ich Erdmann. Mein Schwesterchen war einmal
+mein Kind gewesen, sie war es mir von dem Augenblick an wieder, wo sie
+schutzbedürftig vor mir stand.
+
+Als der Mann, den sie liebte, mir in seinem Atelier entgegentrat, war
+mein erstes Gefühl das des Schreckens: wie bleich war er, wie groß und
+schmal, wie seltsam durchsichtig waren seine schlanken, langfingrigen
+Hände. Aber die Art, wie er mit mir sprach, ließ mich über den Menschen
+seine Erscheinung vergessen.
+
+»Ich liebe Ihre Schwester und werde sie heiraten,« antwortete er auf
+meine Frage. »Freilich: Ilse stellte mir eine Bedingung, --« fügte er
+lächelnd hinzu, »du mußt Alix gefallen, sagte sie.«
+
+»Das dürfte weniger schwer sein, als daß Sie ihren Eltern, vor allem dem
+Vater, gefallen müssen,« meinte ich.
+
+»Gegen den härtesten Schädel hat sich noch immer der meine als der
+härtere erwiesen,« entgegnete er.
+
+»Aber Ilse ist weich; ob sie schweren Kämpfen gewachsen sein würde?!«
+
+»Gerade weil sie so zart ist, liebe ich sie, und nehme alle Kämpfe auf
+mich, -- nur ihrer Treue muß ich sicher sein.« Dabei funkelten seine
+Augen. Ein starkes Temperament schien sich hinter den leichten Formen zu
+verstecken; würde die kleine Ilse es ertragen können?
+
+»Sie ist noch sehr jung,« warf ich noch einmal ein. »Um so besser,« --
+ein warmer Glanz echter Freude verschönte seine Züge, -- »wir Künstler
+brauchen leere Leinwand und unbehauenen Stein.«
+
+Vor dem Abschied versprach er mir, sich meiner Mutter zu erklären, damit
+sie imstande sei, den Vater vorzubereiten. Ich ging nachdenklich heim.
+Ilse war ein leicht zu leitendes Kind gewesen, -- fast zu leicht, denn
+mit dem Zuckerbrot der Liebe ließ sie sich willenlos hin- und herführen;
+aber hörte sie auch nur eine Peitsche knallen, so erwachte ein
+unbändiger Trotz in ihr, und in ihren Augen glühte der Haß gegen den,
+der sie meistern wollte. Würde die Liebe dieses Mannes, der nur aus von
+Energie gespannten Nerven und Sehnen zu bestehen schien, die richtige
+Grenze zu finden wissen?
+
+Meine Mutter war zuerst außer sich, als Erdmann sich ihr eröffnet hatte.
+Sie kam zu mir und kämpfte mit den Tränen: »Nun bin ich es wieder, die
+Eurem Vater standhalten muß! Und ich habe es doch so satt!« »Dafür wirst
+du nachher um so mehr Ruhe haben,« suchte ich sie zu beruhigen. Ihre
+schmalen Lippen kräuselten sich, sie hatte wohl ein bitteres Wort auf
+der Zunge, aber sie sprach es nicht aus.
+
+Erdmann verkehrte von nun an bei den Eltern. »Denk' nur, er gefällt
+Papa!« erzählte mir Ilse ganz glücklich, und die Mutter lebte wieder
+auf. Daß der Bewerber ihrer Tochter in guten Verhältnissen war,
+beruhigte sie vor allem. Und auch ich freute mich dessen; meine
+Schwester war ein verwöhntes Prinzeßchen; wie oft hatte nicht die Mutter
+vor ihr gekniet, um ihr die Stiefel zuzuschnüren, damit ihr nur ja der
+Rücken nicht schmerzte! Zu keinerlei Arbeit war sie jemals genötigt
+worden, -- ich selbst hatte ihr nur zu häufig die Schularbeiten gemacht,
+damit das Köpfchen unter den schweren goldenen Flechten nicht gar zu
+müde wurde!
+
+Eines Morgens kam die Nachricht: »Papa hat eingewilligt!« und daneben
+von der Mutter Hand: »Hans war ganz ruhig. Nur als Erdmann fort war, hat
+er sich stundenlang in sein Zimmer eingeschlossen.« Er mußte doppelt
+gelitten haben, da er sich durch keinen Ausbruch seiner Leidenschaft
+mehr zu erleichtern vermochte. Ich konnte mich noch nicht freuen, weil
+ich nur seiner gedachte. Ob ich ihm schreiben dürfte, -- ob ein
+verständnisvolles Wort von mir ihm zu helfen vermöchte?
+
+Im Zoologischen Garten erwartete er täglich mein Kind. Er hatte immer
+die Taschen voll für den Kleinen; war das Wetter schlecht, so ließ er
+ihn zu sich kommen, setzte sich zu ihm auf den Teppich und baute dem
+Enkel Bleisoldaten in Schlachtordnung auf. Und stets ließ er mich
+grüßen, sagte das Mädchen. Er würde einen Brief von mir nicht
+zurückweisen! An einem blauen Bändchen knüpfte ich ihn meinem Jungen um
+den Hals, als er das nächste Mal zu »Apapa« fuhr. Auf dieselbe Weise
+brachte er die Antwort mit zurück:
+
+ »... Hast es richtig getroffen, mein Kind: ein Auge weint, und das
+ andere lacht nicht. Ich muß mich selbst überwinden. Wenn man das
+ Fahrwasser kennt, dann hat die Hoffnung ihr Recht; aber das
+ unbekannte Fahrwasser, in das man sein Letztes lassen muß, das gibt
+ an keiner Stelle Ruhe. Daß Du mich verstanden hast, erfreut mich und
+ macht mich dankbar.
+
+ Dein alter Vater.«
+
+Meine Schwester strahlte vor Glück. Mit jener geistigen Beweglichkeit,
+die ihr von jeher eigen gewesen war, ging sie vollkommen auf im
+Künstlertum ihres Verlobten. Sie schien wirklich die leere Leinwand, der
+unbehauene Stein, aus dem erst unter seinen Händen ein lebendiges Werk
+werden sollte. Selbst ihre Kleidung richtete sie nach seinem Geschmack;
+sie war eine der ersten, die jene malerischen Gewänder trug, wie sie aus
+den Köpfen der jungen Vorkämpfer des aufblühenden Kunstgewerbes
+hervorgingen und von den Frauenrechtlerinnen aus hygienischen, von den
+Malern aus künstlerischen Gründen geschaffen wurden. Jedes Stück ihrer
+künftigen Einrichtung wurde nach den Zeichnungen Erdmanns angefertigt.
+»Oskars Stil entspricht so vollkommen meinem ästhetischen Empfinden,«
+sagte sie, und ihr Blick flog ein wenig hochmütig über unsere Möbel
+hinweg, »daß ich in einer anderen Umgebung nicht leben könnte.« Sie
+hatten nahe dem Kurfürstendamm eine Wohnung gemietet, die nach Erdmanns
+Angaben umgestaltet wurde. Kam das junge Paar mit der Mutter zu uns, so
+drehte sich das Gespräch um die Zukunftspläne mit all ihren reizvollen
+Details. Meine eigenen, die mich so glücklich gemacht, so ganz gefangen
+hatten, traten dabei zurück. »Du willst uns wohl mit eurem Haus
+überraschen, daß du so wenig davon erzählst,« meinte die Mutter einmal
+und ich nickte dazu.
+
+Die Gründe, warum ich schwieg, waren freilich anderer Art. Das Haus, das
+inzwischen immer stattlicher aus der Erde herauswuchs, war zur Quelle
+neuer drückender Sorgen geworden. Wir hatten in unserer naiven
+Unkenntnis aller realen Forderungen des Lebens vorher nicht berechnet,
+daß doch auch während des Baues Zinsen zu zahlen waren, die unser Budget
+auf das Schwerste belasten mußten. Ich wußte oft nicht ein noch aus;
+dabei sah ich, wie mein Mann unter den Verhältnissen litt, und zwar um
+so mehr, je mehr er empfand, daß ich von ihnen betroffen wurde. Machte
+ich einmal irgend eine von der Angst diktierte Bemerkung, so fuhr er
+sich mit der Hand nervös durch das weiche, wellige Haar und sagte mit
+einem gequälten Ausdruck in den Zügen: »Kümmere dich doch nicht darum!
+Überlasse mir all diese Lappalien. Ich werde dir alles aus dem Wege
+räumen.«
+
+ * * * * *
+
+Um jene Zeit kamen die Kinder aus den Ferien zurück. Ich fürchtete mich
+schon davor, denn noch Wochen nachher pflegten sie mir in naivem
+Egoismus zu erzählen, was alles bei ihrer Mutter besser und schöner
+gewesen war. Hörte es Heinrich, so schalt er sie, weil er sah, daß es
+mich kränkte, und eine bleischwere Stimmung herrschte um unseren Tisch.
+Diesmal stürmten sie besonders eilig die Treppe hinauf; -- so freuen sie
+sich doch, nach Hause zu kommen, dachte ich. Wolfgang, der
+Leichtfüßigere, kam zuerst. Kaum ließ er sich Zeit, mich zu begrüßen.
+»Die Mutter läßt dir sagen,« rief er atemlos, »sowas dürfte nicht mehr
+vorkommen. Mützen hatten wir, wie sie in Österreich nur Portiers tragen,
+und Anzüge, über die die Bauernjungens lachten.« Ich fühlte, wie blaß
+ich wurde. Ich hatte sie wie immer für die Reise neu eingekleidet, um ja
+keinerlei Vorwurf auf mich zu laden. Und diesmal war es mir noch
+schwerer geworden als sonst. Bei Tisch fing auch Hans, der stets
+zurückhaltender war, zu erzählen an. »Warmes Abendessen ist viel
+gesünder, meint die Mutter,« sagte er, »und es schmeckt auch besser als
+immer bloß Wurst.«
+
+Ich war so überreizt, daß ich mit den Tränen kämpfte, und als am
+nächsten Morgen auch noch ein Brief aus Wien kam, in dem mir die Mutter
+der Kinder über meine unzureichende Erziehung allerlei Vorhaltungen
+machte, war es zu Ende mit meiner Selbstbeherrschung. Konnte ich die
+Kinder denn überhaupt erziehen, wo ich ständig fürchtete, von ihnen als
+die böse Stiefmutter angesehen zu werden und damit jeden Einfluß zu
+verlieren?! Konnte ich sie strafen, wo ich wußte, daß sie sich bei der
+eigenen Mutter darüber beklagen würden?! Ich zeigte Heinrich den Brief
+und schüttete ihm, nicht ohne mich selbst all meiner versäumten
+Pflichten anzuklagen, mein Herz aus.
+
+»Und das alles sagst du mir erst jetzt?« rief er. »All den Kummer
+schleppst du mit dir herum und sprichst dich nicht aus?« Er schlang den
+Arm um mich und küßte mir die Tränen aus den Augen. »Hier muß gründlich
+Wandel geschaffen werden, um deinetwillen ...« »Vor allem um der Kinder
+willen, Heinz,« unterbrach ich ihn; »so gut geartet, wie sie sind, --
+schließlich müssen sie Schaden leiden.« Wir berieten, was zu tun sei.
+
+In früheren Jahren hatte die Mutter wiederholt versucht, ihre Söhne bei
+sich zu behalten, aber immer wieder hatte Heinrich sie zurückgefordert.
+»Wie konntest du?!« sagte ich leisem Vorwurf. »Kinder gehören zur
+Mutter!« »Ich war sehr einsam, sehr liebebedürftig; ich hatte im
+Scheidungsprozeß mit Nägeln und Zähnen um die Kinder gekämpft,«
+antwortete er. »Jetzt aber ist die arme Frau viel einsamer als du, --«
+»-- sie zu bemitleiden, habe ich keinen Grund,« entgegnete er hart, »sie
+war es, die zuerst ihre Kinder im Stiche ließ! Jetzt darf nur die
+Rücksicht auf dich und auf das Wohl der beiden Buben den Ausschlag
+geben.«
+
+In der Nacht nach unserem Gespräch warf sich Heinrich im Bett schlaflos
+hin und her; im ersten Morgengrauen stand er leise auf, und ich hörte,
+wie er im Zimmer nebenan auf und nieder ging. Ich hätte doch nichts
+sagen sollen, dachte ich angstvoll. Er sah müde und vergrämt aus, als er
+wieder zu mir hereinkam.
+
+»Ich habe mich entschlossen, ihr die Kinder anzubieten,« sagte er.
+
+»Wollen wir nicht doch lieber alles beim alten lassen, -- ich sehe
+vielleicht nur zu schwarz,« warf ich ein.
+
+Ich dachte an die Stunde, da er mir mit der Bitte, sie recht lieb zu
+haben, seine Söhne anvertraut hatte. Er sah so finster drein! Jähe
+Furcht beschlich mich um meinen kostbaren Besitz: seine Liebe. Aber er
+blieb bei dem einmal gefaßten Beschluß.
+
+Sein Anwalt schrieb in seinem Auftrag nach Wien. Die Antwort war keine
+rückhaltlos zustimmende: jede Verbindung, so wünschte die Mutter, sollte
+zwischen den Söhnen und dem Vater abgebrochen werden, sobald sie ihr
+Haus betreten würden. Wochenlang zogen sich die Verhandlungen hin, und
+die Korrespondenz nahm eine immer erbittertere Form an. Ich konnte nicht
+mehr mit ansehen, wie Heinrich litt, und all die Selbstvorwürfe, die
+mich quälten, nicht mehr ertragen.
+
+Eines Abends benutzte ich meines Mannes Abwesenheit und fuhr mit dem
+Nachtzug nach Wien. Vom Hotel aus meldete ich mich bei der Mutter der
+Kinder an. Herzklopfend stieg ich die steinernen Stufen hinauf. In einem
+Salon mit schweren Renaissancemöbeln empfing sie mich, eine schlanke,
+dunkle Frau mit scharf geschnittenen, fast männlichen Zügen. Sie gab mir
+nicht die Hand, sie zögerte offenbar, mir auch nur einen Stuhl
+anzubieten.
+
+»Ich komme, weil ich hoffe, daß eine mündliche Besprechung leichter zum
+Ziele führen wird,« begann ich.
+
+»Er schickt Sie?« Ihre Stimme hatte einen merkwürdig leblosen, kalten
+Ton, als käme sie weit her aus dunkler Tiefe.
+
+»Nein! Ich reiste ohne sein Wissen. Wir Frauen, meine ich, werden uns
+verständigen, -- mit einigem guten Willen natürlich, -- denn zwischen
+uns steht nichts --«
+
+»Meinen Sie wirklich, daß zwischen uns nichts steht?!« Ein Blick voll
+Haß streifte mich. »Meine Kinder stehlen Sie mir!«
+
+»Ich?! --« Aufs Äußerste erstaunt sah ich sie an. »Ich, die ich sie
+Ihnen wiederbringe?!« Aber sie hörte nicht auf mich. In
+leidenschaftlicher Erregung kamen die Worte, sich überstürzend, von
+ihren Lippen: »Habe ich nicht in diesem letzten Sommer tagtäglich hören
+müssen: 'Die Mama erlaubt das alles, -- die Mama straft uns nicht, --
+die Mama schenkt uns dies und jenes'?! Und jetzt soll ich vielleicht
+erleben müssen, daß meine eigenen Kinder sich fort wünschen von mir?
+Oder jedesmal unzufrieden heimkehren, wenn sie, wie ihr Vater es
+wünscht, zu den Ferien in Berlin gewesen sind?!«
+
+Ich verstand sie, -- so hatte ich auch ihr unbewußt Böses getan! »Sie
+wissen, mein Mann hat für das erste Jahr schon auf ein Wiedersehen
+verzichtet,« antwortete ich.
+
+»Das ist aber auch das Allermindeste, was ich verlange! Im übrigen --,«
+sie nahm wieder den alten eisigen Ton an und zwang sich zur Ruhe, »muß
+ich umziehen, ehe die Kinder kommen. Sie sehen hier meine Wohnung --,«
+sie wies nach dem Eßzimmer nebenan, »ich habe keinen Platz für sie.«
+
+Keinen Platz für die eigenen Kinder?! Sie schien zu fühlen, was ich
+empfand, denn rasch fuhr sie fort: »Ich wünsche, daß die durch Unordnung
+sowieso schon genug geschädigten Buben gleich in ein regelmäßiges Leben,
+eine zu ernster Arbeit gestimmte Häuslichkeit kommen.«
+
+»Und wann, meinen Sie, dürfte das sein?« Drängte ich. »Die Situation ist
+für alle Teile unerträglich!«
+
+Sie lächelte: »Finden Sie? Ich habe Schlimmeres ausgehalten!« Tiefe
+Falten gruben sich auf ihre Stirn, um ihre Mundwinkel. Wieder streifte
+mich ein Blick, -- zum Fürchten. »Warten Sie nur, bis Sie fünf, sechs
+Jahre mit ihm gelebt haben werden!«
+
+Ich erhob mich, -- fast wäre der geschnitzte Stuhl bei meiner raschen
+Bewegung zu Boden geglitten. Hier hatte ich nichts mehr zu tun. Sie
+geleitete mich hinaus. Und als müßte sie mir zuletzt noch ihren Haß
+fühlen lassen, sagte sie: »Ich werde schwere Mühe haben, -- die Kinder
+sind zu schlecht erzogen.«
+
+Ich dachte an die Buben, -- an ihre lustigen Knabenstreiche, an die
+ungebundene Freiheit, die sie genossen. Noch ein gutes Wort wollte ich
+bei der strengen Frau für sie einlegen und sagte bittend: »Sie werden
+ihnen nicht zu plötzlich die Wandlung fühlen lassen?«
+
+»Wie können Sie sich erlauben --?!« rief sie fassungslos. »Wer ist hier
+die Mutter: Sie oder ich?!«
+
+Krachend fiel die Flurtüre hinter mir zu. In der nächsten Nacht fuhr ich
+nach Berlin zurück. Nicht das mindeste glaubte ich erreicht zu haben.
+Ein Brief des wiener Anwalts folgte mir auf dem Fuße. Er enthielt den
+unterschriebenen Vertrag und übermittelte den Wunsch, den Kindern möchte
+die Reise nach Wien nur als ein Besuch dargestellt werden, »damit sie
+gerne kommen.«
+
+Das war ein Jubel: Der Schule entrinnen, -- und eine Reise nach Wien!
+Wir brachten sie zur Bahn und sahen den strahlenden Gesichtern nach, die
+grüßend aus dem Kupeefenster nickten, bis der Zug unseren Blicken
+entschwand.
+
+ * * * * *
+
+Kaum drei Wochen später kehrten sie zurück, -- still und blaß. Wolfgangs
+rundes Kindergesicht war schmal geworden, in Hans' dunkeln Augen hatte
+sich der Ausdruck von Melancholie noch vertieft. Ihr Aufenthalt in Wien
+war wirklich nur ein Besuch gewesen. Ob die einsame Frau das Glück nicht
+ertragen hatte? Ob die Forderungen eines Lebens für andere sie erdrückt
+haben mochten? In die größte, die letzte Einsamkeit hatte sie plötzlich
+der Tod entführt.
+
+Aber noch darüber hinaus wirkte ihr Haß: das Testament bedrohte die
+Kinder mit Enterbung, wenn sie im Hause des Vaters bleiben würden. Und
+so mußten sie wieder fort, da sie der Wärme, der Liebe am meisten
+bedurften.
+
+Von einer neuen Schule im Harz hatten wir erfahren, wo die Jugend in
+schöner Abwechselung von Spiel und Arbeit, von der Übung körperlicher
+und geistiger Kräfte sich frei und fröhlich zu entwickeln vermag, einer
+Schule, deren Leiter den Mut hatte, dem Geist engherzigen Preußentums
+den Eintritt bei sich zu verwehren. Dorthin brachten wir sie. Es war das
+beste, das wir hatten finden können, und doch so schrecklich wenig für
+die, denen die Mutter gestorben war.
+
+ * * * * *
+
+Nun war es still bei uns im Hause. Ottochen, der sich inzwischen auf
+seinen eigenen Füßchen zu bewegen gelernt hatte, lief im Zimmer der
+Brüder von Stuhl zu Stuhl, guckte in die Schränke und unter die Betten
+und rief vergebens »Wof« und »Ans«. Zuerst weinte er, weil sie nicht
+kamen, um mit ihm zu »pielen«, dann erinnerte er sich ihrer nur noch,
+wenn er auf meinem Schoß am Schreibtisch saß und ich ihm ihre Bilder
+zeigte. Er war ein unbändiger kleiner Kerl, der nie lange an einem Platz
+aushielt. Ein Sonnenstrahl im Zimmer, eine Fliege am Fenster,
+Hundegebell und Pferdegetrappel auf der Straße, -- alles erregte seine
+brennende Neugierde; wenn aber gar Soldaten vorübermarschierten, so
+zappelte er mit Händen und Füßen vor Freuden, und rief, so laut er
+konnte: »Daten! daten!«
+
+Seitdem der Großvater sich dem Enkel zu Liebe einmal in die alte
+Generalsuniform gezwängt hatte, ging er noch einmal so gern in die
+Ansbacherstraße. »Apapa Dat, Apapa Dat,« hatte er mir mit erstaunten
+Augen und einem Ausdruck von Ehrfurcht in dem Gesichtchen damals
+erzählt. Und »Apapa dehn!« schrie er mit Stentorstimme, wenn wir nicht
+ruhig genug mit ihm spielten.
+
+Eines Abends im Herbst kam meine Mutter und erzählte mir, der Vater habe
+heute, ohne sie zu fragen, die Wohnung gekündigt. »Er will im Grunewald
+mieten,« fügte sie hinzu, »um Ottochen nahe zu sein.« Mir wurden die
+Augen feucht: so ersetzte ihm der Enkel die Tochter, die er verloren
+hatte.
+
+Kurze Zeit darauf bekam ich einen Brief von ihm:
+
+ »Liebes Kind! denke doch nicht, daß es mir genügt, Deinen Jungen bei
+ mir zu sehen. Alte Leute brauchen viel Wärme, darum sagte ich
+ Ottochen heute, daß er Papa und Mama das nächste Mal mitbringen soll.
+ Er sah mich so ernsthaft an, daß ich glaube, er hat mich verstanden.
+
+ Dein treuer Vater.«
+
+Und so trat ich mit meinem Kind auf dem Arm in die alte Wohnung. Die
+Schwester kam mir entgegen: »Nun wird meine Hochzeit erst ein richtiges
+Fest für mich sein,« sagte sie und küßte mich stürmisch. Sie öffnete die
+Tür zum Zimmer des Vaters. »Er kommt gleich,« flüsterte sie und lief
+davon. Ich mußte mich setzen; die Kniee zitterten mir. Alles hatte ein
+Gesicht, ein liebes, vertrautes: die verblichenen Sessel, die so
+einladend die Armlehnen nach mir ausstreckten, der alte, grüne Teppich,
+der sich warm und weich unter meine Füße schmiegte, die dunkeln Bilder
+an der Wand, die zu lächeln schienen. Auf dem Schreibtisch lagen wie
+einst in Reih und Glied die sorgfältig gespitzten Bleistifte und die
+Gänsefedern, die der Vater sich selbst zu schneiden pflegte, und der
+»Soldatenhort«, für den er schrieb. Und in der Ecke -- die alte
+Reiterpistole! Aus dem Zimmer war ich einmal geflohen vor ihr. -- Der
+sie auf mich gerichtet hatte, rief mich heut zurück! Nein, -- mich
+nicht! Nur dieses süßen blonden Kindes Mutter!
+
+Die Türe ging auf. »Apapa!« rief der Kleine und streckte ihm die Ärmchen
+entgegen. Im nächsten Augenblick fühlte ich uns beide umfaßt: Die Lippen
+zitterten, die meine Stirn berührten. »Wir wollen einander nicht weich
+machen, Alix,« sagte er leise. »Wir wollen so tun, als wärst du gar nie
+weg gewesen.«
+
+Von nun an sahen wir uns oft. Mühsam, mit schwerem Atem, auf jedem
+Treppenabsatz minutenlang innehaltend, kam er immer häufiger zu uns
+herauf, und meist um die Stunde, die er früher im Kasino zuzubringen
+pflegte. Er hatte stillschweigend auch diese alte Gewohnheit aufgegeben,
+und als die Mutter ihn darnach fragte, sagte er: »Was soll ich mich
+jetzt noch über Menschen und Zeitungen ärgern?!«
+
+Mein Mann, der sich nie als »Schwiegersohn« fühlte, sondern stets sehr
+zurückhaltend, sehr förmlich blieb, gefiel ihm. »Du ahnst ja kaum, wie
+der Frieden auf mich wirkt,« schrieb er mir einmal. »Ich bin Dir die
+Erklärung schuldig, daß dein Mann, dessen vollendeter Takt mir so
+wohltuend ist, ganz auf mich zählen kann.«
+
+Zuweilen fuhr er mit uns in den Grunewald, wo er zum Frühjahr in unserer
+Nähe eine Wohnung gemietet hatte. Er strahlte vor Freude, wenn er unser
+Häuschen wachsen und werden sah.
+
+»Wie mich das glücklich macht, dich so ohne Sorgen zu wissen,« sagte er
+zu mir, während er unermüdlich über die Balken kletterte und jeden Raum
+in Augenschein nahm. Dann drückte er Heinrich die Hand: »Daß du meiner
+Alix solch eine Heimat schaffst!«
+
+Draußen im Garten freute ihn jeder Strauch, der gepflanzt wurde. »Hier
+muß Ottochen einen großen Sandhaufen haben,« -- meinte er, »und eine
+Schaukel und eine Kletterstange, damit seine Muskeln straff werden.
+Daneben aber baut mir eine Laube, in der ich im Sommer, ohne euch zu
+stören, sitzen und mit meinem Jungen spielen kann.«
+
+ * * * * *
+
+An einem dunkeln Spätherbsttag, kurz vor der Hochzeit meiner Schwester,
+kam ich nach Hause. »Exzellenz ist beim Kleinen,« sagte das Mädchen. Ich
+nickte lächelnd. Ottochen war nicht ganz wohl und durfte des schlechten
+Wetters wegen nicht ausgehen. Nun kam der Großvater zu ihm. Ich trat in
+sein Zimmer. Auf dem Teppich saß mein Kind, vertieft in die neuen
+Soldaten, die ihm »Apapa« mitgebracht haben mochte; im Lehnstuhl lag der
+Vater tief zurückgelehnt und schlief. Der sonst so lebhafte Junge
+bewegte sich leise zwischen dem Spielzeug und sah erschrocken auf, als
+ich näher trat. »Pst, pst!« machte er und legte ein Fingerchen auf die
+Lippen. »Apapa baba!«
+
+Der graue Schatten des frühen Abends kroch durch die Fenster. Schwer lag
+er über den Zügen des Schlafenden, verwischte jede Lebensfarbe, ließ
+jede Falte tiefer erscheinen. Ich faltete unwillkürlich die Hände: Wie
+alt, wie blaß, wie müde sah er aus! Und war doch ein so starker Mann
+gewesen und den Jahren nach kein Greis! Ich sank in die Kniee und küßte
+die herabhängende Hand. Der Kummer um mich war es gewesen, der ihm ein
+Stück seines Lebens gekostet hatte.
+
+ * * * * *
+
+Ende November wurde Ilse im Elternhaus mit Oskar Erdmann getraut. Nur
+die nächsten Verwandten waren geladen worden, und auch von ihnen hatten
+manche abgesagt, als sie erfuhren, daß wir zugegen sein würden. Meine
+Schwester sah aus wie eine Frühlingselfe. Alles Licht im Raum ging von
+ihren goldenen Haaren aus, deren Glanz selbst der keusche Brautschleier
+nicht zu dämpfen vermochte. Erdmann schien mir noch schmaler als sonst.
+Ein unbestimmtes Angstgefühl beschlich mich. Meiner Schwester »Ja!«
+klang so froh, so hell an mein Ohr, daß es die Sorge verscheuchte. Als
+aber der Geistliche sich fragend an ihn wandte, verschlang ein rauher
+Husten, unter dem ich seinen Rücken beben sah, seine Antwort. Mir war,
+als wechselten seine Geschwister, die neben uns standen, einen
+erschrockenen, vielsagenden Blick. Doch wie das junge Paar sich uns
+zuwandte, überstrahlte ihr Glück auch diesen Eindruck.
+
+Vor der Hochzeitstafel überkamen mich alte Träume. Sie stiegen aus den
+schlanken Kelchen, die einst aneinanderklangen, während Walzermelodien
+mich umrauschten, sie schimmerten in den silbernen Jardinieren, in denen
+so viel Rosen, -- duftende Zeugen meiner Balltriumphe --, verblüht
+waren.
+
+Jemand schlug ans Glas. Nun, wußte ich, wird meines Vaters klare Stimme
+die Luft in rasche Schwingung versetzen, sein Geist und sein Witz wird
+alle bezaubern, und alle verdunkeln, die nach ihm reden werden.
+Erwartungsvoll sah ich ihn an.
+
+Seine Finger zerdrückten unruhig die Serviette, seine Lippen öffneten
+sich einmal -- zweimal, bis daß ein Ton sich ihnen entrang, der rauh und
+heiser war. Und dann sprach er, -- langsam, schwerfällig, wie
+eingelernt. Meine Erwartung verwandelte sich in Staunen, mein Staunen in
+Angst. Seine Hand hob sich wie zu einer jener alten Gesten, die so
+wirksam zu unterstreichen pflegten, was er sagte, -- gleich darauf sank
+sie schlaff herab, die Lippen zuckten, -- der begonnene Satz zerriß; --
+eine qualvolle Pause; -- dann griff er hastig nach dem Kelchglas, hob es
+empor, wobei die Tropfen zitternd über den Rand spritzten: »Die Familie
+Erdmann lebe hoch -- hoch -- hoch!« -- In den Stuhl sank er zurück;
+seine Augen wanderten wie um Verzeihung bittend von einem zum anderen,
+und als sein Blick den meinen traf, sah ich die Träne, die ihm in den
+Wimpern hing.
+
+ * * * * *
+
+Im Winter ging es meinem Vater Woche um Woche schlechter. Es duldete ihn
+nicht im Hause; schon früh trieb ihn eine unerklärliche Unruhe fort;
+versuchte die Mutter, ihn zurückzuhalten, so setzte er ihren Bitten
+einen so heftigem Widerstand entgegen, daß sie ihn gehen lassen mußte.
+Er besuchte meine Schwester und schleppte sich bis zu uns herauf, obwohl
+es ihm täglich schwerer wurde. Es war, als ob er das Alleinsein mit der
+Mutter nicht ertrüge. Nur wenn sein Enkel bei ihm war, wich seine innere
+Unruhe einem Ausdruck stillen Friedens. Zuweilen verließ ihn das
+Gedächtnis, dann nannte er den Kleinen »Alix« und war noch zärtlicher zu
+ihm als sonst. Einmal kaufte er eine Puppe, um sie »Alix« zu schenken;
+als ihn die Mutter auf den Irrtum aufmerksam machte, geriet er in helle
+Wut. »Alle Freude willst du mir verderben,« schrie er und sprach
+stundenlang nicht mit ihr. Irgendeine Pflege duldete er nicht; er schloß
+sich im Schlafzimmer ein, wenn der Arzt kommen sollte.
+
+Ich sah, wie meine Mutter sich mühte, ihm alles recht zu machen. Aber
+die Sorgfalt, mit der sie ihn umgab, hatte etwas Kühles, Fremdes, -- als
+ob das Herz nicht dabei wäre. Sie litt unter seiner Heftigkeit; es kam
+vor, daß ihre starre Selbstbeherrschung zusammenbrach; dann weinte sie
+bitterlich, aber es waren Tränen des Zornes, nicht des Leides. »Er ist
+so böse zu mir, so böse!« kam es krampfhaft zwischen ihren fest
+geschlossenen Zähnen hervor. Hilflos stand ich vor der Offenbarung der
+Ehetragödie meiner Eltern. Manches Erlebnis, das meine Jugend verbittert
+hatte, tauchte in der Erinnerung wieder auf, und ich fand jetzt den
+Schlüssel dazu.
+
+»Die Ehe hat sie zerstört,« sagte ich zu meiner Schwester, als wir
+darüber berieten, wie ihnen vielleicht noch zu helfen sei.
+
+»Ja, -- das glaube ich gern,« antwortete sie mit einem grüblerischen
+Ausdruck, der ihrem weichen Gesichtchen sonst fremd war.
+
+Ich horchte auf; -- kaum zwei Monate war sie verheiratet! Von da an
+führte mein Weg, wenn ich zu den Eltern ging, regelmäßig bei ihr
+vorüber. Ich hatte sie in ihrem jungen Glück nicht stören wollen, jetzt
+trieb mich die Sorge, zu sehen, ob es nicht schon gestört war. Aber ich
+fand sie stets heiter inmitten ihrer schönen Häuslichkeit, die in Formen
+und Farben so harmonisch zusammenstimmte, daß eine Vase, ein
+Blumenstrauß schon störend zu wirken vermochte, wenn sie nicht in
+bewußtem Einklang damit gewählt worden waren. Und ich fand ihren Mann
+zärtlich um sie besorgt, -- in einer Art freilich, die ich nicht
+vertragen hätte, die der Natur Ilsens aber zu entsprechen schien. Er
+bestimmte ihre Kleidung, er beaufsichtigte die Hauswirtschaft, er
+ordnete den Tisch, wenn Besuch erwartet wurde. Und alles nahm unter
+seiner Hand den Charakter seines Künstlertums an: der Vornehmheit, die
+jedes äußeren Schmuckes entbehren konnte, weil sie das Wesen des
+Materials zu reinstem Ausdruck brachte; der jedem lauten Ton abholden
+Ruhe, die wie Sonnenuntergang am Tage durch die orangeseidenen Vorhänge
+klang und am Abend in den Falten der grünen, die sich darüber breiteten,
+träumte; und der Liebe zur Natur, die sich in allem, was ihn umgab,
+widerspiegelte, -- in den dunkelroten Kastanienblättern der Tapete, den
+zarten Pflanzen- und Vögelstudien japanischer Stiche, dem Wandteppich
+mit dem stillen Waldbach, auf dem die Schwäne ziehen. Es war gut sein
+bei ihnen, und wer davon ging, dem kam die Welt draußen doppelt häßlich,
+unharmonisch, laut und herzlos vor. Aber es ging auch etwas wie eine
+Lähmung von dieser Umgebung aus, etwas, das vom wirklichen Leben
+gewaltsam abzog.
+
+Die Gäste des Hauses entsprachen dieser Stimmung; keine der Fragen, die
+uns bewegten, traten mit ihnen über seine Schwelle. Die Kunst stand im
+Mittelpunkt all ihres Denkens und Fühlens; nicht jene nebenabsichtslose,
+die wächst wie ein Baum, gleichgültig, ob nur einsame Wanderer ihn
+finden, oder ob Scharen unter seinem Schatten ruhen, sondern jene
+märchenhafte Treibhausblume, die nur für die Auserwählten gezogen wird.
+Sie vertraten alle den Individualismus, aber hinter ihrer Forderung der
+höchsten Kultur des Individuums verbarg sich nur sein Kultus. Man sprach
+mit halber Stimme, man las Bücher, die in numerierten Exemplaren nur für
+einen kleinen Kreis von Freunden gedruckt wurden; am Flügel saß häufig
+ein katholischer Priester, der in dem milden Wachskerzenlicht des
+zartgetönten Salons Palestrinas feierliche Weisen ertönen ließ.
+
+Dieselbe Atmosphäre, die sich weich um die Stirne legt, herrschte hier,
+wie im Theater, wo Hofmannsthals Hochzeit der Sobëide jenen
+Haschichrausch hervorrief, der der Welt entrückt. Und am Ende des
+Jahrhunderts jauchzte die Jugend den neuen Göttern ebenso stürmisch zu,
+wie wir die Ibsen und Gerhart Hauptmann empfangen hatten. Flüchteten die
+Menschen nur im Gefühl ihrer Schwäche aus der Wirklichkeit, oder waren
+nicht unter denen, die sich abseits des rauhen Lebens in einem weißen
+Tempel versteckten, auch solche, die als geweihte Priester der
+Menschheit wieder aus ihm hervorgehen werden?
+
+Ich hätte die Frage nicht entscheiden können, aber mein Optimismus
+glaubte gern an Keime neuen Werdens, wo andere Fäulniserscheinungen
+sehen. Auch Erdmanns Persönlichkeit berechtigte dazu. Er selbst wurzelte
+zu bewußt im Boden der Erde, als daß er seine Kunst ihr hätte entreißen
+können. Er behandelte die jungen Männer, die seine genial geknoteten
+Krawatten nachahmten, von seinem tiefsten Wesen aber wenig wußten, mit
+leiser Ironie. Die l'art pour l'art-Devise war für ihn nicht das Letzte.
+
+»Wir müssen den Snob benutzen,« sagte er, als wir einmal unter uns
+waren, »um allmählich zum Volk zu kommen. Es ist mit dem Kunstgewerbe
+wie mit der Mode: Das Neueste ist zuerst ein Vorrecht der Wenigen und
+nach einem Jahr die Gewohnheit der Massen.« Lebhaft hin- und hergehend
+setzte er uns dann seine Zukunftspläne auseinander: Handwerkerschulen
+wollte er schaffen, in denen nicht alte Klischees immer wieder benutzt
+werden, sondern die neuesten und schönsten Errungenschaften der Kunst zu
+Mustern dienen.
+
+»Es ist bewundernswert, wie verständnisvoll all die kleinen Handwerker,
+die ich jetzt schon zusammengesucht habe, meinen Ideen entgegenkommen.
+Sie sind in ihrem Geschmack weniger verdorben, sie haben vor allem weit
+mehr Gefühl für das Material, das sie bearbeiten, als die meisten
+unserer Kunstgewerbetreibenden, die vor lauter theoretischem Wissenskram
+jede persönliche Stellung zu den Dingen verloren haben --.« Ein heftiger
+Hustenanfall unterbrach ihn, rote Flecken zirkelten sich auf seinen
+eingefallenen Wangen ab. Meine Schwester erblaßte, lief hinaus und
+brachte ihm eine Tasse Tee, die er entgegennahm, wie etwas längst
+Gewohntes. »Der berliner Winter, -- dies ekelhafte Regenwetter --,«
+sagte er dann und lehnte sich müde in den Stuhl zurück, während seine
+Brust sich noch krampfhaft hob und senkte. »Ich war um diese Zeit immer
+im Süden --,« fügte er halblaut wie zu sich selbst hinzu.
+
+Wir gingen. Meine Schwester begleitete uns bis zur Tür. Ich sah sie
+fragend an. Sie nickte, um ihren Mund zuckte es verräterisch: »Ich weiß,
+-- wir sollten fort, aber er will nicht. Er kann seine Arbeiten nicht im
+Stiche lassen, sagte er. Aber später, in Jahr und Tag, wenn er sehr viel
+verdient haben wird, --« dabei lächelte sie wieder hoffnungsvoll, --
+»dann wollen wir reisen --« »Ilse!« klang es ungeduldig von innen. Sie
+fuhr erschrocken zusammen: »Nun wird er wieder böse sein!« und lief,
+sich hastig verabschiedend, hinein.
+
+Wochenlang war er an das Zimmer gefesselt. Nun ging meine Mutter
+zwischen dem Mann und dem Schwiegersohn unermüdlich hin und her.
+»Ilschen ist viel zu zart für solch eine Pflege,« meinte sie, während
+sie selbst dabei immer magerer wurde. Bat ich sie, sich zu schonen, so
+hatte sie nur die eine Antwort: »Solange mir Gott Pflichten auferlegt,
+habe ich sie zu erfüllen.« Dabei rückte der Umzugstermin näher; er mußte
+pünktlich inne gehalten werden, denn die Wohnung der Eltern war
+vermietet. In der Nacht, wenn der Vater schlief, kramte und packte die
+Mutter, um ihn nur ja bei Tage damit nicht zu stören.
+
+Bei uns sah es ähnlich aus, denn unser Häuschen war inzwischen fertig
+geworden, und der Tag des Einzugs war festgesetzt. Aber die Freude
+fehlte, mit der ich ihm vor Monaten entgegengesehen hatte.
+
+»Sind wir erst draußen, so wird alles gut werden,« versicherte mir
+Heinrich immer wieder, wenn meine sorgenvollen Mienen ihm meine Stimmung
+verrieten. »Glaubst du, daß wir Taler von den Kiefern schütteln können,
+wie das Kind im Märchen?« antwortete ich. »Wertvollere jedenfalls,«
+meinte er gereizt. »Deines Kindes und deine Gesundheit, deine
+Arbeitskraft sind doch wohl wichtiger, als die paar blauen Lappen, die
+du momentan vermißt.« Ich zuckte die Achseln. Die Sorgen waren ja meine
+Krankheit, und sie gedeihen auch in der besten Luft.
+
+ * * * * *
+
+Hans geht es schlecht, kommt bitte gleich --« Meine Mutter schickte
+diese Zeilen. Wir fuhren in die Ansbacherstraße. Auf seinem Lehnstuhl
+saß der Vater, halb angezogen, mit blaurotem Gesicht und
+blutunterlaufenen Augen. Gepackte Kisten standen umher, öde starrten uns
+die vorhanglosen Fenster entgegen, grauer Staub lag auf den abgeräumten
+Tischen.
+
+»Ich will nicht zu Bett, -- ich will nicht,« stöhnte der Kranke. Der
+Mutter liefen die Tränen über die abgehärmten Wangen.
+
+»Er stößt mich zurück, wenn ich ihm helfen will,« flüsterte sie. Der
+Arzt trat ein. Mit gewaltsamer Anstrengung erhob sich der Vater, stützte
+sich mit beiden Händen auf den Tisch vor ihm und schrie, während die
+Augen ihm aus den Höhlen zu treten schienen: »Hinaus -- hinaus! Ich mag
+keinen Quacksalber!« --
+
+Dann brach er zusammen, krallte die Hand in die linke Seite, -- langsam
+wich die Farbe aus seinen Zügen; willenlos ließ er sich ins Schlafzimmer
+führen, den Kopf tief gesenkt, schwankend, mit kleinen, unsicheren
+Schritten. Im Bett lag er ganz still. Nur die Augen, die merkwürdig groß
+und klar geworden waren, sprachen, was die Lippen nicht sagen konnten.
+
+Während Heinrich und Erdmann von den neuen Mietern der Wohnung, die sich
+zu einem Aufschub des Einzugs nicht verstehen wollten, zum nächsten
+Krankenhaus fuhren, um die Übersiedlung dorthin vorzubereiten, und die
+Mutter mit Ilsens Hilfe draußen das Notwendigste zusammenpackte, war ich
+allein bei dem Kranken.
+
+Wir redeten miteinander. Seine Augen bohrten sich forschend in meine
+Züge. »Du kannst ruhig, -- ganz ruhig sein, lieber Papa. Ich bin
+vollkommen glücklich --,« versicherte ich. Sie leuchteten auf, um sich
+gleich darauf in jäher Angst, halb geschlossen, wieder auf mich zu
+richten. »Ich liebe dich, Papa, ich habe nie aufgehört, dich zu lieben,«
+antwortete ich mit tränenerstickter Stimme. Um seine blassen Lippen
+zuckte ein leises Lächeln, seine schwache Hand versuchte, die meine zu
+umschließen, die Lider deckten sekundenlang die stahlblauen Pupillen, --
+dann zuckten sie schreckhaft wieder empor. Eine einzige, ungeheure,
+verzweifelte Frage starrte aus diesen Augen, in die das ganze Leben sich
+zu einer letzten Zuflucht zusammendrängte. Ich verstand. Vorsichtig
+löste ich meine Hand aus der seinen und ging hinaus -- »Mama!« rief ich
+leise. Sie kam. Ich sah noch zwei Hände, die sich zitternd ihr
+entgegenstreckten, -- dann zog ich die Türe hinter mir ins Schloß ...
+
+Als der Krankenwagen vorfuhr, trat sie aus dem Zimmer, bleich,
+regungslos, wie versteinert. »Er schläft,« sagte sie. Ich beugte mich
+über ihn: wie ein Hauch schwebte der Atem nur noch von seinen Lippen.
+Die Augen waren geschlossen, das Gesicht weiß und still, beherrscht von
+einem Ausdruck feierlichen Ernstes.
+
+ * * * * *
+
+Zu Hause lief mir mein Kind entgegen. »Apapa dehn!« schrie es
+ungeduldig. Es war die Stunde seiner täglichen Ausfahrt. Ich schüttelte
+traurig den Kopf. Da fing es an herzbrechend zu schluchzen.
+
+ * * * * *
+
+Noch zwei Tage atmete der Sterbende. Mit einer Ruhe, von der ich nicht
+wußte, ob ich sie bewundern oder mich vor ihr entsetzen sollte, ordnete
+die Mutter alles an, als wäre er schon gestorben.
+
+Angstvoll sah ich hinüber zu dem starren Gesicht in den weißen Kissen.
+»Er ist ohne Bewußtsein,« hatte der Arzt versichert. Zuweilen aber
+schien mir, als hörte er noch, als sähe er mit geschlossenen Augen, als
+ginge ein Beben durch seinen Körper.
+
+In der dritten Nacht starb er.
+
+ * * * * *
+
+Droben an der Hasenhaide, wo der Riesenleib der Stadt sich gigantisch
+den Hügeln zu Füßen hinstreckt und der Sturm ungehindert durch die alten
+Bäume pfeift, ist die letzte Garnison der Soldaten. Von den
+Schießständen grüßen die Flintenschüsse herüber, von den Kasernenhöfen
+die Trompetensignale, und vom Tempelhofer Feld klingen zuweilen die
+Kriegsmärsche in den Frieden des Kirchhofs.
+
+Dorthin trugen alte Regimentskameraden den Sarg, in dem der Tote
+schlief, gehüllt in den Mantel, der in allen Feldzügen sein
+unzertrennlicher Begleiter gewesen war. Es war ein stilles Begräbnis.
+Für die alten Freunde war er gestorben, als er sich mit mir, der
+Abtrünnigen, versöhnte.
+
+Auch der Kaiser hatte des Mannes vergessen, der seinem Ahnherrn in
+Frankreichs blutgetränkter Erde die Krone des deutschen Reiches erobern
+half.
+
+ * * * * *
+
+Acht Tage später verließen wir die Wohnung, in der die Sonne durch alle
+Fenster hatte fluten können, in der mein Sohn geboren worden war. »Ottoo
+-- addaa --« jauchzte er wieder, als wir davonfuhren; aber die Fenster
+des Wagens waren geschlossen, und der Frühlingsregen peitschte an das
+Glas. Im Walde draußen empfing uns die neue Heimat: Unter dem tiefen
+grauen Dach unseres Hauses schauten die kleinen Fenster wie Augen unter
+schattenden Wimpern hervor, geheimnisvoll lockend und feindselig
+abwehrend zurück. Darüber wiegten die Kiefern ihre schwarzen Kronen. Es
+war wie ein Stück der stillen, ernsten Natur, die es umgab. Und still
+und ernst trat ich über seine Schwelle.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+
+Der Winter des Jahres 1899 wollte kein Ende nehmen. Die Stadt Berlin,
+die durch Reinlichkeit zu ersetzen pflegte, was ihr an Schönheit
+gebrach, war dem Schnee, der sich auf den Straßen bis in den April
+hinein in schmutzig-grauen Schlamm verwandelte, nicht gewachsen.
+Heerscharen, mit Spaten und Hacke bewaffnet, schickte sie aus, um den
+hartnäckigen Feind aus den Toren zu treiben, und um die Massen der
+Arbeitslosen, die unter seinem Regiment immer stärker angeschwollen
+waren, zu verringern. Vergebens. Der Schnee ballte sich zu Haufen; vor
+den Asylen der Obdachlosen staute sich die Menge. Mehr als je waren
+kräftige Männer darunter. Selbst um die am schlechtesten bezahlte
+Heimarbeit rissen sich die Frauen; wovon sollten sie die Kinder
+ernähren, da die Väter feiern mußten und das Fleisch immer teurer wurde?
+
+»Der Winter ist mit den Ausbeutern im Bunde,« sagte eine blasse, kleine
+Parteigenossin, die jedesmal mit entzündeteren Augen in die Sitzungen
+kam. »Die Agrarier, die Konfektionäre und die Kohlenfritzen werden dick
+und fett, und wir kriegen die Schwindsucht.« Sie stickte Hemden, --
+»ganz feine aus Battist, mit 'ner Fürstenkrone. Ich wünschte man bloß,
+jeder Stich wäre 'ne Nadelspitze, wenn sie den durchlauchtigsten Körper
+berühren,« fügte sie hinzu. Die Bitterkeit, mit der sie sprach, erfüllte
+mehr denn je ihre Klassengenossen.
+
+Sie froren und hungerten. Im Reichstag aber bewilligte die Mehrheit der
+bürgerlichen Parteien eine Militärvorlage, die Millionen und
+Abermillionen kostete. Sie suchten vergeblich nach Arbeit, und im
+Abgeordnetenhaus brachten die Junker den Plan des Mittellandkanals zu
+Fall, der zahllose neue Arbeitsmöglichkeiten eröffnet hätte. Überall
+siegten die Interessen der Besitzenden gegen die der Arbeiter,
+und nun drohte die Zuchthausvorlage, ihnen im Kampf um bessere
+Arbeitsbedingungen die letzte Waffe zu nehmen: Das Koalitionsrecht.
+
+Noch zögerte die Regierung mit der Veröffentlichung des Wortlautes der
+Vorlage, aber sie warf ihre Schatten voraus, so daß an ihrem Inhalt
+niemand mehr zweifeln konnte.
+
+ * * * * *
+
+Um diese Zeit erschien Eduard Bernsteins längst erwartete Broschüre:
+»Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der
+Sozialdemokratie.« Sie faßte zusammen und führte aus, was er ein Jahr
+vorher in seiner Artikelserie über die Probleme des Sozialismus gesagt
+hatte. Jetzt, wo die erste Erregung hinter mir lag und ich mit ruhigem
+Verstand zu lesen vermochte, spürte ich den Einfluß der englischen
+Fabier, der Webb, der Shaw, der Burns, in deren geistiger Atmosphäre
+dies Buch entstanden war. Ich spürte aber auch den deutschen Gelehrten,
+der der rauhen Luft Preußens seit Jahrzehnten entwöhnt war und es in
+seiner stillen londoner Studierstube, fern der Heimat, verfaßt hatte. Er
+konnte drüben nicht wissen, wie der deutschen Partei im Augenblick jede
+Aufnahmefähigkeit für theoretische Erörterungen gebrach, und wie der
+Masse der Parteigenossen, die sich von allen Seiten in ihrer physischen
+und rechtlichen Existenz bedroht sahen, seine Mahnung, den Liberalismus
+nicht zurückzustoßen, zu handeln wie eine demokratisch-sozialistische
+Reformpartei, als blutiger Hohn erscheinen mußte. Wo waren denn die
+freigesinnten Elemente der Bourgeoise, auf die es sich verlohnte,
+Rücksicht zu nehmen, um mit ihnen gemeinsam demokratische Forderungen
+durchzusetzen? Sie entflammten in schöner Begeisterung für
+Völkerfreiheit, -- wenn es sich um den Kampf der Buren gegen die
+Engländer handelte. Sie empörten sich wider Unrecht und Vergewaltigung,
+-- wenn von Dreyfus und dem französischen Generalstab die Rede war. Es
+kam sogar etwas wie ein Entrüstungssturm zustande, als das Zentrum die
+Kunst in die Ketten kirchlicher Moral zu legen drohte, -- aber dem
+Urteil von Löbtau, das neun Maurer, die sich mit ihren über die schwer
+errungene zehnstündige Arbeitszeit hinaus arbeitenden Kollegen in eine
+Schlägerei verwickelten, mit Zuchthaus bestrafte, standen sie stumm und
+kalt gegenüber.
+
+So sehr ich mich genötigt sah, der theoretischen Kritik Bernsteins
+zuzustimmen, so wenig seiner Auffassung von der Notwendigkeit eines
+Paktierens mit dem Liberalismus. »Wer nicht mit uns ist, der ist wider
+uns --.« Getäuschte Liebe trägt die Maske brennenden Hasses; darum
+urteilt der Renegat über die Klasse, die er verließ, am schärfsten. Wo
+waren all die, auf die ich gerechnet hatte? Ein einziger hatte seitdem
+den Weg zu uns gefunden: Göhre. Alle anderen starrten geblendet in die
+Fata Morgana deutscher Zukunftsweltmacht.
+
+ * * * * *
+
+»Ich habe den Genossinnen einen Vorschlag zu unterbreiten,« begann
+Martha Bartels in einer unserer Frauensitzungen. »Unter uns ist kaum
+eine, die nicht wenigstens die Bernsteindebatten im Vorwärts verfolgt
+hätte. In engeren Parteikreisen haben wir wohl auch Gelegenheit gehabt,
+uns darüber auszusprechen und Belehrung durch andere zu empfangen. An
+einer großen öffentlichen Auseinandersetzung fehlt es leider noch. Ich
+beantrage, Genossin Orbin zu bitten, in öffentlicher Volksversammlung
+einen Vortrag über den Streit, der uns so nahe angeht, halten zu
+wollen.«
+
+Mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit stimmte man ihr zu. Ich wußte, daß es
+Wanda Orbin selbst gewesen war, die ihr diesen Gedanken souffliert
+hatte. Sie wütete in der »Freiheit« gegen Bernstein. »Soweit es sich um
+die Erörterung der praktischen Vorschläge Bernsteins handelt, scheint
+auch mir der Antrag annehmbar,« sagte ich. »Seine Theorien aber sind
+doch wohl kein Thema für eine öffentliche Volksversammlung.«
+
+»Genossin Brandt hält uns mal wieder für zu dumm,« hörte ich die
+schrille Stimme der rotäugigen Stickerin sagen. »Bernstein meent ja
+ooch, daß wir noch nich reif sind,« meinte eine andere mit einem
+giftigen Blick auf mich, »er is nischt als so'n verkappter Bourgeois,
+der uns zum St. Nimmerleinstag vertrösten will, damit's ihm nich an den
+Schlafrock jeht.«
+
+Ich hielt diesem Ausbruch proletarischer Eitelkeit, die die Partei groß
+gezogen hatte, ruhig stand. Die apodiktische Sicherheit, mit der die
+Partei in ihrer Presse ihre Ansichten vertrat; die verflachende
+Popularisierung der Lehren ihrer Vorkämpfer, durch die sie sie den
+Massen mundgerecht machte; der Hohn, mit dem sie die Äußerungen
+»bürgerlicher Wissenschaft« überschüttete, konnten keine andere Wirkung
+haben.
+
+»Wie wär's, wenn Genossin Brandt das Korreferat übernähme?« fragte Ida
+Wiemer, die vor allem gewerkschaftlich tätig war und infolgedessen zu
+einer weniger radikalen Auffassung neigte.
+
+»Selbst wenn Sie das wünschen, müßte ich nein sagen,« antwortete ich
+rasch; »ich bin außer stande, theoretische Fragen zu beurteilen, die
+einen Mann wie Bernstein jahrelang beschäftigt haben, ehe er eine
+Antwort fand.« Rings um mich sah ich spöttisches Lächeln in den Mienen,
+Ida Wiemer senkte errötend den Kopf, als schäme sie sich für mich.
+
+Tatsächlich hätte ich nicht törichter vorgehen können: Nur wer keck
+alles zu wissen und zu können behauptet, verschafft sich Ansehen in der
+Öffentlichkeit. Ich hatte mir eine Blöße gegeben, die mir nicht
+vergessen werden würde.
+
+Luise Zehringer sprach nach mir, eine Genossin aus Hamburg, eine
+Zigarrenarbeiterin mit harten vermännlichten Zügen. Es fehlte ihr, auch
+in dem Klang der Sprache, jede Spur von Weiblichkeit. Ein ernstes
+Arbeitsleben von Kindheit an hatte der ganzen Erscheinung jede
+Weichheit genommen.
+
+»Ich gehöre zu denen, die eine energische Zurückweisung der
+Bernsteinschen Angriffe auf unsere Grundanschauungen nicht nur für
+notwendig, sondern für jede von uns, die im Besitze proletarischen
+Klassenbewußtseins ist, für möglich hält,« sagte sie. »Ich habe keine
+vornehme Erziehung genossen, wie die Genossin Brandt, aber meine fünf
+Sinne habe ich beieinander. Ich weiß darum, ohne jahrelanges Studium,
+daß Bernstein Marx und Engels Unterstellungen macht, die sie niemals
+vertreten haben, daß er gegen eine Verelendungstheorie kämpft, die
+niemals von uns propagiert worden ist. Wir verstehen unter Proletariat
+nicht diejenigen, die mit zerlumptem Rock und knurrendem Magen
+umherlaufen, sondern jeden, der abhängig ist vom Kapital. Und diese
+Abhängigkeit wächst von Tag zu Tag und damit die Masse des Elends. Und
+ist die Zunahme der Erwerbsarbeit proletarischer Hausfrauen und Mütter
+nicht ein weiterer, schlagender Beweis für die Zunahme des Elends?
+Glauben Sie vielleicht, Genossinnen, sie verließen aus Vergnügungssucht,
+wie die Damen der Bourgeoisie, ihr Zuhause und ihre Kinder?!«
+
+Aller Augen hingen an der Sprecherin, die ihre leidenschaftlich
+vorgestoßenen Worte mit lebhaften eckigen Gestikulationen begleitete.
+»Ich weiß aber noch mehr: ich weiß, daß die Empörung gegen das Elend mit
+ihm wächst, daß die Gleichgültigsten, wenn sie hungernd über den
+Jungfernstieg gehen, während hinter den Spiegelscheiben der feinen
+Restaurants die Protzen schmatzen und saufen, die Fäuste ballen lernen
+und weniger denn je von einem Techtelmechtel mit den schlauen
+Verführern der Bourgeoisie, den Liberalen, wissen wollen. Zwischen uns
+und ihnen gibt es nur Kampf, -- Kampf bis aufs Messer, -- bis zur
+Diktatur des Proletariats, vor dem der behäbige, gut genährte Herr
+Bernstein und seinesgleichen solch ein Grausen hat ...« Sie schwieg
+erschöpft; ihre Züge waren noch um einen Schein blasser geworden. Wanda
+Orbins Referat war gesichert.
+
+ * * * * *
+
+»Wie stellen sich die Parteigenossen Berlins zu Bernsteins Schrift?« Auf
+leuchtend gelben Zetteln prangte diese Frage an den Litfaßsäulen. Im
+Westen gingen die Spaziergänger achtlos daran vorbei. In der
+Friedrichstadt blieben Studenten mit unverkennbar russischem Typus
+nachdenklich davor stehen, während ihre deutschen Kollegen der Anzeige
+der Amorsäle ihre Aufmerksamkeit zuwandten. Im Norden und im Osten
+dagegen sammelten sich Gruppen von Arbeitern vor ihr, und in die
+Kneipen, in die Arbeitssäle und in die Wohnungen wurde die Frage weiter
+getragen. Als Wanda Orbin die Tribüne betrat, erwarteten nur wenige
+ihrer Zuhörer von ihr etwas anderes, als die Bestätigung der Antwort,
+die für sie selber schon feststand.
+
+Sie verkündete mit priesterlichem Fanatismus den beseligenden Glauben an
+die Herrlichkeit des nahe bevorstehenden Zukunftsstaates gegenüber der
+kühlen Beweisführung seiner langsamen Entwicklung; sie schürte den Haß
+wider die bürgerliche Gesellschaft, sie mahnte zum Vertrauen allein auf
+die eigene Kraft des Proletariats. Zwischen ihr und der Zuhörerschaft
+entstand jene hypnotische Verbindung, durch die der Redner nur als
+Sprachrohr der Massen erscheint und die Massen wieder unter der
+Suggestion des Redners stehen. Sie war die Stimme des Volkes, das die
+Ketzer verdammte, die ihm nehmen wollten, was ihres Lebens einziger
+Reichtum, ihres Willens einzige Triebkraft war: den religiösen Glauben
+des Sozialismus. In ihr lebte die Urkraft der Bewegung, die nur Freunde
+und Feinde kannte, die kämpfen wollte, aber nicht paktieren, die im
+Eroberungskrieg das Leben jedes einzelnen zu opfern bereit war, nicht
+aber die Hoffnung auf raschen Sieg.
+
+Ein alter Mann saß neben mir. Er war müde gekommen; jetzt glänzten seine
+Augen, seine Wangen glühten, sein gebeugter Rücken richtete sich auf. An
+einem Tische nicht weit davon sah ich eine Gruppe junger Arbeiter; sie
+trommelten mit den breiten Fäusten auf den Tisch, und Haß und Lust und
+barbarische Kampfbegier leuchtete aus ihren Zügen. Unter dem Spiegel an
+der Wand lehnten umschlungen ein paar schwarzhaarige Studentinnen; aus
+ihren Blicken sprach jene Schwärmerei, die Hirtenmädchen zu Heldinnen
+macht. Auch ich war erschüttert; was mein Verstand, mir selbst zum
+Trotz, Stein um Stein aufgerichtet hatte, das drohten die Pfeile von der
+Rednertribüne zu zerstören. Aber dann vernahm ich schrille, falsche
+Töne, für die nur mein Gehör fein genug schien: die Rednerin verhöhnte
+die Kraft ethischer Motive als einen in Rechnung zu stellenden Motor in
+der revolutionären Bewegung. Sie überschüttete mit Spott jene
+»bürgerliche Intelligenzen«, die mit der »Gerechtigkeitsidee« ins weite
+Meer gesteuert und mit gebrochenen Masten in den Hafen der Entsagung
+zurückgekehrt sind. »Nur der aus seinen Klasseninteressen entstehende
+Klassenkampf des Proletariats wird dem Sozialismus die Welt erobern.«
+Welche Motive hatten denn die Marx und Engels, die Lassalle, die
+Liebknecht auf die Seite der Enterbten getrieben? Waren sie nicht
+»bürgerliche Intelligenzen« gewesen, wie Wanda Orbin selbst? Mit
+frenetischem Beifall nahm das Volk ihren Kniefall vor seiner Majestät
+entgegen, während mir die Schamröte in die Schläfen stieg. Als sie dann
+mit einer Stimme, die nur noch ein Kreischen war, weil nicht mehr das
+Feuer der Begeisterung, sondern weibische Rachsucht sie belebte, in den
+Saal hinausschrie: »Wenn die Gegensätze so schroff zutage treten, wie
+zwischen der Masse der Genossen und den Bernstein, den Heine, den David,
+den Schippel, so ist eine reinliche Scheidung besser als ein fauler
+Friede,« und die Zuhörer trampelnd und johlend Beifall klatschten, da
+wußte ich, daß die Partei der Freiheit Scheiterhaufen zu schichten
+imstande sein würde.
+
+Still davon zu gehen, nachdem die Versammlung geschlossen worden war,
+wäre gewiß am klügsten gewesen. Der Wirbelsturm meiner Gefühle, der sich
+aus Bewunderung und Empörung, aus Schüchternheit und Angst
+zusammensetzte, hatte mich gehindert, in der Diskussion zu sprechen,
+jetzt aber kochte mir das Blut; ich wollte nicht feige erscheinen, ich
+mußte mit Wanda Orbin sprechen, die mich noch immer für ein Glied ihrer
+Gefolgschaft hielt. Sie kam meinem Wunsch entgegen.
+
+Wir gingen noch in ein Kaffee, und schon auf dem Wege dahin sprach sie
+mich an: »Sie waren gegen mein Referat, hörte ich?« »Ja, und ich bin es
+nachträglich noch mehr, als vorher,« antwortete ich. »Das ist ja sehr
+interessant,« meinte sie spitz und wandte sich von mir ab. Ich war den
+Rest des Abends Luft für sie.
+
+Wir verabschiedeten uns mit einer kühlen Verbeugung, und während sie,
+umringt von den Genossinnen, ihrem Absteigequartier entgegenging, fuhr
+ich allein nach Hause. Ich kämpfte mit den Tränen. In dem engen Kreise
+der Arbeiterinnenbewegung Wanda Orbin als Gegnerin gegenüberzustehen,
+das bedeutete entweder mein Ausscheiden aus ihm oder einen endlosen
+aufreibenden Kampf.
+
+ * * * * *
+
+Spät in der Nacht kam ich nach Hause. Hier draußen im Grunewald bedeckte
+eine feste Schneedecke Straßen und Gärten, tiefschwarz stiegen die
+Kiefern aus ihrer hellen Weiße empor; ihre dünnen, dürftigen Wipfel
+verloren sich im Nebel. Ich fürchtete mich. Nacht und Dunkelheit waren
+meine schlimmsten Feinde. Dann sah ich, wie in meiner Kindheit, drohende
+Gestalten hinter Baum und Busch, und hörte die Tritte Unsichtbarer
+hinter mir. Ich lief. Auf dem kleinen Platz wenige Schritte vor unserem
+Garten blieb ich stehen. Der Atem wollte versagen. Ich sah hinüber:
+Grau, düster, als wäre es selbst nur ein Gebilde des Nebels, schlief
+unser Haus zwischen den schwarzen Stämmen, die es umstanden wie lauernde
+Wächter.
+
+Ein kalter Schauer rann mir über den Rücken: wir hatten hier noch keinen
+frohen Tag gehabt. Der Kleine schlief schlecht, -- der Kiefernduft rege
+ihn auf, meinte der Arzt, -- er war oft krank gewesen. Und zwischen mir
+und meinem Mann richteten die Sorgen sich auf, immer höher und höher,
+wie eine trennende Mauer, in die die Kraft unserer Liebe nur hie und da
+Bresche schlug. Wir trugen unsere Qualen allein, -- aus Rücksicht; wir
+hüllten unsere Seelen in den dunkeln Mantel des Schweigens, damit der
+Anblick ihrer Not nicht den anderen verletze. Daß einer den anderen
+überhaupt nicht mehr sehen konnte, blieb uns verborgen. Unausgesprochene
+Vorwürfe wirkten auf unsere Gefühle wie früher Frost auf entfaltete
+Rosen. Uralte Vorurteile, Traditionen, deren triebkräftige Wurzeln den
+Boden umklammern, wenn auch der Baum gefällt ist, nährten sie.
+
+Unter der Schwelle des Bewußtseins lebte in mir, der Emanzipatorin ihres
+Geschlechts, die Vorstellung: daß der Mann, dem das Weib sich
+anvertraute, wie ein Schutzengel über ihrem Leben stehen müsse, daß er
+verpflichtet sei, sie vor Sorgen zu hüten. Statt dessen hatte der meine
+-- der Vorwurf wühlte in mir -- sie über mich heraufbeschworen! Und in
+dem Grunde der Seele des Mannes, der aus eigener Überzeugung meine
+Berufsarbeit förderte, lebte der Gedanke: daß die Frau das Reich des
+Hauses zu regieren habe, daß ihr die Pflicht obliege, durch ihr Wirken
+die Not von seiner Schwelle zu bannen. Statt dessen verstand die seine
+nichts von alledem, und nur zu oft las ich in seinen sprechenden Zügen
+den Vorwurf: Du -- du bist schuld.
+
+Ein Licht, das im Erdgeschoß, wo die Köchin schlief, aufflammte, riß
+mich aus meinem Sinnen. Ich eilte der Gartenpforte zu. Da öffnete sich
+die Türe zum Kücheneingang, -- »auf morgen!« hörte ich flüstern, ein
+Mann trat heraus, kletterte gewandt über den Zaun und ging, vor sich
+hinträllernd, die Straße hinab. Das Licht im Mädchenzimmer erlosch.
+
+Ich schlich hinauf. Mein Mann schlief fest. Wie ich ihn schon um diesen
+Schlaf beneidet hatte! Ihn suchte er auf, ich mußte ihn mir erst
+erzwingen! Heute wollte er sich überhaupt nicht festhalten lassen. Der
+Gedanke, daß ich morgen die Minna schelten mußte, peinigte mich:
+dadurch, daß ich ihre Arbeitskraft in Anspruch nahm, hatte ich doch noch
+kein Recht über ihre Person. Wie durfte ich verlangen, daß sie mir ihre
+Liebe opfern sollte? Und doch würde vermutlich die Konsequenz meiner
+Nachsicht nichts anderes sein, als daß sie ihren Liebhaber mit ernährte.
+Eine gute Hausfrau nimmt alle Schlüssel an sich, -- die des Hauses wie
+die der Speisekammer. Ich vermochte es nicht: Konnte ich einen fremden
+Menschen einsperren, wie einen Sklaven? Vor einer Hausgenossin alles
+verschließen, als hielte ich sie von vornherein für eine Diebin? Wieder
+rollte sich durch einen geringfügigen Anlaß ein ganzes Problem vor mir
+auf. Ich grübelte ihm nach, über die kleinen Nöte meiner eigenen vier
+Wände hinaus, und fand keine andere Lösung als die radikalste:
+Vernichtung des patriarchalischen Haushalts, Entwicklung des
+Dienstmädchens, das unter ständiger Kontrolle steht, das Tag und Nacht
+dienstbereit sein soll, zur freien Arbeiterin, die stundenweise
+beschäftigt und entlohnt wird.
+
+Mit dem grauenden Tage kehrte ich wieder zu mir selbst zurück. Die
+nächste Zeit stellte starke Anforderungen an mich: der Feldzug gegen den
+Zuchthauskurs sollte auf der ganzen Linie eröffnet werden, -- ich würde
+häufig abends fort sein müssen. Wenn ich doch irgend jemand hätte, der
+mich im Hause vertreten könnte. Aber die guten Hausgeister der
+Vergangenheit, -- all die unbeschäftigten Tanten und Cousinen waren
+ausgestorben, hatten sich in selbständige Berufsarbeiterinnen
+verwandelt. Und meine Mutter?!
+
+ * * * * *
+
+Gleich nach des Vaters Tod hatte sie ihren Haushalt aufgelöst und war zu
+Erdmanns gezogen. Eine Lungenentzündung hatte Ilse aufs Krankenlager
+geworfen, die Mutter war Pflegerin und Haushälterin zugleich gewesen.
+Durfte ich sie jetzt, wo sie selbst der Erholung bedürftig war, für mich
+in Anspruch nehmen?
+
+Sie besuchte uns am nächsten Tag. Ottochen lief ihr entgegen. Er suchte
+immer noch den »Apapa« und weinte, wenn er nicht mitkam.
+
+Wie leicht, wie elastisch der Gang der Mutter ist, dachte ich erstaunt,
+als ich sie näher kommen sah. Mir war, als wäre sie sonst schwer und
+hart aufgetreten. Ihre Wangen waren gerötet, der bittere Zug um ihren
+Mund wie weggewischt, die schmalen, blassen, zusammengepreßten Lippen
+wölbten sich plötzlich, wie von jungem Blut durchglüht.
+
+»Nun kann ich reisen!« sagte sie mit einem Aufleuchten in den Augen.
+»Meine Pflicht Erdmanns gegenüber ist erfüllt, -- sie wollen selbst so
+rasch als möglich auf See, um ihre Lungen auszuheilen; da bin ich
+frei --,« sie dehnte dies letzte Wort, als müßte sie es ganz auskosten.
+
+Nach Italien wollte sie zuerst. Sie erzählte von einem ganzen Stoß
+kunsthistorischer Bücher, die sie mitnehmen wollte. »Ich bin nie zum
+Lesen gekommen,« meinte sie; »wie viel hab' ich versäumt, wie viel kann
+ich nachholen!«
+
+Ich sah sie verwundert an, wie eine Fremde: hatte sie mich nicht so und
+so oft aus der Lektüre herausgerissen, als ich noch daheim war, und mich
+neben sich an den Flickkorb gezwungen? Hatte sie jemals etwas anderes
+gelesen als die Zeitung und hie und da einen Roman?
+
+»Du bist erstaunt?« lächelte sie. »Du wirst es noch selbst erfahren, wie
+die Pflicht für andere zu leben uns Frauen fast bis zur
+Selbstvernichtung treiben kann.« Ich fand keine Antwort. Wie unglücklich
+mußte sie gewesen sein, -- und wie unglücklich gemacht haben, da sie
+fünfunddreißig Jahre lang nur aus Pflichtgefühl die Ketten der Ehe
+getragen hatte!
+
+»Im nächsten Winter werde ich mich hier in einer Pension etablieren,«
+fuhr sie fort, »du glaubst nicht, wie allein der Gedanke mich beruhigt,
+alle Haushaltsquälerei los zu sein!« Und sie war scheinbar in ihrem
+Haushalt aufgegangen!
+
+»Was geschieht aber dann mit den Möbeln?« fragte ich, um nur irgend
+etwas zu sagen.
+
+»Ich habe heute das letzte verkauft -- --«
+
+»Verkauft?!« Ich starrte sie entgeistert an. Wie?! Ohne uns, ihren
+Kindern, auch nur eine Mitteilung davon zu machen, hatte sie all die
+hundert lieben Dinge, die ein Stück Heimat für mich gewesen waren,
+achtlos in alle Winde verstreut?! Des Vaters Schreibtisch mit den
+geschnitzten Eulen, -- den alten Stuhl davor, -- die Reiterpistole! Ich
+strich mir mechanisch mit der Hand über die heiße Stirn, um den bösen
+Traum zu verscheuchen, -- denn es war doch nur ein Traum!
+
+»Auch die grünen Lehnsessel -- und das alte Sofa, das in meinem Zimmer
+stand?« murmelte ich.
+
+»Gewiß!« antwortete sie mit heller Stimme, aus der der scharfe
+ostpreußische Akzent mehr als sonst hervortrat. »Ihr alle habt, was ihr
+braucht, -- das Gerümpel hätte kaum noch einen Umzug ausgehalten; -- nur
+Silber, Glas und Porzellan ließ ich bei Ilse auf den Boden stellen. Ich
+habe lang genug all dies Schwergewicht mit mir gezogen.«
+
+Mir schoß das Blut in die Schläfen: So strich sie Jahrzehnte ihres
+Lebens aus und mit ihnen die Erinnerung! Schon hatte ich bittere Worte
+auf der Zunge. Ich hob den Blick: Der Ausdruck ihrer Züge entwaffnete
+mich. Mir war, als sähe ich plötzlich bis zum Grunde ihres Herzens. Dem
+Götzen der Pflicht hatte sie ihr Leben geopfert und wußte nun nicht
+einmal, wie groß ihre Sünde gewesen war. Jetzt erst trat sie aus dem
+Dämmerdunkel seines Tempels ans Tageslicht und grüßte es, als sähe sie
+es zum erstenmal. Arme Mutter! Keinen Strahl deiner schon leise
+sinkenden Sonne will ich dir verdunkeln, dachte ich, und bat ihr im
+stillen ab, was ich an heimlichem Groll gegen sie im Herzen getragen
+hatte. Als ich sie zum Abschied küßte, liebte ich sie, -- mit jener
+mitleidigen Liebe, die eine einzige Trennung ist.
+
+Es war gut, daß sie ging, -- für sie und für mich. Der Glaube, daß ihre
+Kinder keine materiellen Sorgen hatten, gehörte zu dem Glücksgefühl, mit
+dem sie die späte Freiheit genoß. Hätte ich sie zurückgehalten, ihr in
+meine Häuslichkeit Einblick gewährt, er wäre doch erschüttert worden.
+Ich mußte selbst mit mir und den Verhältnissen fertig werden.
+
+ * * * * *
+
+»Eine Villa im Grunewald, --« wie oft hörte ich in den Kreisen der
+Parteigenossen mit einem mißtrauisch-hohnvollen Blick auf mich diese
+vier Worte flüstern. Sie wußten nicht, daß uns kein Stein von ihr
+gehörte, daß sie aber mit dem Gewicht aller ihrer Steine auf uns
+lastete. Die Zinsen, die wir zu zahlen hatten, waren schließlich doch
+höher, als die Miete gewesen; Haus und Garten erforderten mehr
+Arbeitskräfte, als die kleine Etagenwohnung, und das Leben hier draußen
+war auf Rentiers und Millionäre zugeschnitten, die den Grunewald
+allmählich bevölkert hatten. Noch mehr als früher war jeder Erste des
+Monats ein Schreckenstag für mich. Und wenn ich am Schreibtisch saß und
+meine Gedanken auf das Buch, an dem ich arbeitete, konzentrieren wollte,
+kamen die Sorgen grinsend aus allen Winkeln gekrochen und bohrten ihre
+Knochenfinger in mein Gehirn und zerdrückten meine Gedanken zwischen
+ihnen. Dann lief ich zu meinem Sohn hinauf oder spielte im Garten mit
+ihm, -- denn über seinen Zauberkreis wagten sich die grauen Gespenster
+nicht.
+
+Wie hatte die Mutter gesagt, als sie mit jungen Augen von ihrer
+Freiheit sprach? »Lang genug hab' ich dieses Schwergewicht mit mir
+gezogen -- --« Ein Schwergewicht, -- eine Kette am Fuß, -- so empfand
+ich auf einmal das Haus, in dem ich wohnte. Flügellos machte es mich und
+-- alt, alt!
+
+Du hast Falten um Mund und Nase, sagte mein Spiegel, Falten, und trübe
+Schleier über den Pupillen wie all jene Frauen, denen der jämmerliche
+Kleinkram des Lebens die Seele zertritt. Ich aber will nicht alt sein,
+schrie es in mir; noch braust und schäumt der Strom der Jugend in meinem
+Innern, der starke Strom, der Felsen höhlt und Riesen des Waldes
+entwurzelt, und den die Ehe in ihre gemauerten Kanäle zwang.
+
+»Heinz, hab' einmal Zeit für mich,« sagte ich eines Abends. Wir saßen
+fast immer bis zum Schlafengehen arbeitend an unserem Schreibtisch.
+Gemeinsame Abende gab's für uns nicht. Ich hatte unter diesem Mangel im
+Beginn unserer Ehe schwer genug gelitten. Er sah von seiner Lektüre auf;
+ein helles Licht huschte über seine Züge. »Immer, mein Schatz -- nur
+leider verlangst du nie danach.«
+
+»Ich weiß, du hast es sehr gut gemeint,« begann ich stockend, »du hast
+nur meinen Wunsch erfüllen wollen, als du dieses Haus für uns bautest.
+Keiner von uns hat vorher gewußt, daß -- daß es eine unerträgliche Last
+für uns sein würde -- --«
+
+»Aber, Alix, du kommst auf diesen vernünftigen Gedanken, du?!«
+unterbrach er mich. »Du könntest -- du wolltest --?!«
+
+»Das Haus verkaufen, -- ja! Tausendmal lieber, als in dieser Angst
+weiterleben --« Mir stürzten die Tränen aus den Augen, trotz aller
+Selbstbeherrschung.
+
+Heinrich gehörte zu den wenigen Männern, die durch Frauentränen nicht
+weicher, sondern härter werden. »Wozu die Tragik,« sagte er ärgerlich.
+»Wenn du einsiehst, was mir längst klar ist: daß wir über unsere
+Verhältnisse leben, so sind wir einig, und die Konsequenzen sind
+selbstverständlich.«
+
+Meine Tränen flossen nur noch stärker; ich hatte unwillkürlich so etwas
+wie ein Lob für meinen Opfermut erwartet. Erst allmählich kam ich zur
+Ruhe.
+
+Wir saßen aneinandergeschmiegt wie in den ersten Zeiten unserer Ehe auf
+dem pfauenblauen Sofa und spannen neue Zukunftsträume, als wäre durch
+unseren bloßen Entschluß schon die Bahn für sie frei.
+
+ * * * * *
+
+Wochen und Monde vergingen. Niemand fragte nach unserem Haus. Indessen
+zog mit blauem Himmel und heißer Sonne der Sommer ein, und auch unter
+den Kiefern lachten und dufteten Rosen, Nelken und Lilien. Grüne Ranken
+kletterten übermütig an den grauen Wänden empor, vor allen Fenstern
+nickten rote Geranien. Und mitten in all der Pracht blühte mein Kind. Es
+spielte den ganzen Tag im Grünen, jeder Busch wurde ihm ein lebendiger
+Gefährte. Und wenn es droben im Giebelstübchen hinter den Blumenbrettern
+schlief, dann saßen wir noch lange auf der Altane und atmeten den
+würzigen Duft der Nacht und genossen der zauberischen Ruhe des Waldes.
+Ich fing an, dies Stückchen Erde zu lieben: es hatte meinem Sohn eine
+Heimat werden sollen. Ich trennte mich immer schwerer von dem stillen
+Winkel.
+
+Nichts ist gefährlicher für den Altruismus, als die mit Egoismusbazillen
+gefüllte Luft häuslicher Gemütlichkeit. Nur die ganz Starken,
+Widerstandsfähigen entziehen sich der Ansteckung.
+
+Die Vorkämpfer der Menschheit waren fast immer die Heimatlosen.
+
+Aber auch meine Körperkräfte hinderten mich oft an der agitatorischen
+Tätigkeit. War ich genötigt, ein paar Abende hintereinander zu sprechen,
+so versagte meine Stimme. »Sie dürfen sich niemals in Rauch und Staub
+aufhalten,« sagte dann der Arzt und verordnete mir Schweigen und frische
+Luft. Meine robusten Genossinnen, für die die Atmosphäre der
+Versammlungssäle nicht schlechter war als die ihrer engen Stuben, ihrer
+überfüllten Werkstätten und Fabrikräume, hielten mich für schulkrank und
+mißtrauten mir mehr noch als früher.
+
+ * * * * *
+
+Wir hatten im Winter einen Arbeiterinnenbildungsverein gegründet, --
+einen Notbehelf, da das Gesetz den Frauen die Teilnahme an politischen
+Organisationen untersagte und seine Handhabung den Arbeiterinnen
+gegenüber besonders streng war. Er wurde aber rasch zum Selbstzweck; die
+Frauen hatten ein lebhaftes Bedürfnis nach geistiger Aufklärung aller
+Art, und es war für mich eine Erfrischung, seinen Zusammenkünften
+beizuwohnen. Zwei Abende war schon über Erziehung gesprochen worden,
+und die Debatte bewies, mit wie viel Ernst, mit wie viel Eifer diese
+armen Arbeiterfrauen ihre Aufgabe als Mütter erfaßten.
+
+Diesmal hatte ich Romberg genötigt, mitzukommen. Er war in bezug auf die
+geistige Entwickelungsmöglichkeit der Frauen sehr skeptisch, und so sehr
+er aus rein ökonomischen Gründen die Frauenbewegung für notwendig
+anerkannte, so war sie ihm doch nur eine traurige Notwendigkeit; was sie
+erstrebte, erschien ihm nicht als Fortschritt, sondern nur als eine
+unausbleibliche beklagenswerte Wandelung. Den Bildungshunger der
+»Waschfrauen und Näherinnen« hielt er nun gar für eine meiner
+unverzeihlichen Illusionen. Ich wollte ihm einmal statt Gründe Beweise
+liefern. Und allmählich schien er wirklich erstaunt. Eine kleine, adrett
+gekleidete Frau stand jetzt auf dem Podium. »Mein Mann ist
+Maschinenschlosser,« sagte sie, »wir haben nur zwei Kinder und soweit
+unser Auskommen, so daß ich nicht mit zu verdienen brauchte. Aber unser
+Junge ist ein heller Kopf. Da hab' ich mir gesagt: Der soll was Besseres
+werden als seine Eltern, der soll auch mal wissen, wie schön und wie
+reich die Welt ist, und nicht, wie wir, bloß durch so'n schmales
+Guckloch ein Endchen von ihr zu sehen kriegen. Und nun gehe ich wieder
+in die Fabrik, und der Fritze geht dafür aufs Gymnasium. Ich will mich
+nicht rühmen, daß ich's tu', ich möcht' nur jeder raten, es ebenso zu
+machen.«
+
+In jener Impulsivität, die ich so sehr an meinem Mann liebte, stand er
+auf, um der tapferen kleinen Frau, die wieder ihrem Platz zuschritt,
+die Hand zu drücken. Romberg dagegen sagte: »Meinen Sie, daß der
+'Fritze' als Geistesproletarier glücklicher sein wird!?« »Auf das Glück
+kommt es nicht an, sondern auf den Grad der sozialen Leistung, und die
+wird größer sein, wenn seine Begabung zu ihrem Rechte kommt,« antwortete
+ich rasch.
+
+Ein junges Mädchen trat an unseren Tisch. »Genossin Brandt?« forschend
+sah sie mich an. -- »Die bin ich.« -- »Ich wollte Sie nur mal was
+fragen. Ich bin nämlich Dienstmädchen gewesen und habe eine Freundin,
+die noch Köchin is, und die hat mich neulich in den Dienerverein
+mitgenommen, wo sie jetzt wollen auch die Mädchens aufnehmen. Sie
+schimpfen aber dort alle gegen die Sozialen, und da wollt ich gern mal
+wissen, ob Sie nich mal könnten hinkommen --«
+
+»Sie werden doch nicht!« flüsterte mir Romberg zu. »Verpflichte dich zu
+nichts,« sagte mein Mann leise.
+
+»Selbstverständlich komme ich,« entgegnete ich der zaghaft vor mir
+Stehenden; ihr Gesicht erhellte sich; wir verabredeten alles weitere.
+
+Beim Heimweg schalt mein Mann: »Du läßt dich von jeder beschwatzen, und
+alle spekulieren schließlich auf deine Gutmütigkeit.«
+
+»Wenn diese kleine Begegnung zu einer Dienstbotenbewegung den Anlaß
+gibt, so wirst du anders denken.«
+
+»Mir tut es in der Seele weh, wenn ich Sie in der Gesellschaft seh,«
+meinte Romberg. Er sah mich mit einem Blick an, der mich erröten machte.
+Wie töricht, -- dachte ich gleich darauf, zornig über die eigene
+Schwäche, und doch blieb ich den ganzen Abend über im Bann jener
+Frauenfreude, die belebend wirkt wie prickelnder Champagner: der Freude
+an der Bewunderung. Alix von Kleve stieg aus der Versenkung ernster
+Jahre empor und sonnte sich an altvertrauten Triumphen. In meinen
+Verkehr mit Romberg trat ein neuer Reiz: er ließ es mich fühlen, daß das
+Weib in mir ihn anzog und nicht nur die neutral-interessante
+Persönlichkeit. Es gibt Frauen, die angesichts solcher Erfahrung die
+Beleidigten spielen. Sie lügen.
+
+»Ich drehe dir den Hals um, wenn du dir von Romberg die Kur machen
+läßt,« grollte Heinrich, als wir zu Hause waren, zwischen Scherz und
+Ernst. Ich flog ihm in die Arme. »Hast du mich wirklich so lieb?« lachte
+ich. Er zog mich stürmisch an sich: »Dich, dich hab' ich lieb,«
+flüsterte er leidenschaftlich, »das süße Katzel, -- meinen Schatz; --
+die berühmte Frau kann mir gestohlen werden ...«
+
+ * * * * *
+
+In der ersten Morgenfrühe weckte mich ein wilder Schrei. »Aus Minnas
+Stube,« -- sagte ich mir und stürzte hinunter. Sie lag in ihrem Blut,
+und als der Arzt kam, schwand mein letzter Zweifel: sie hatte gewaltsam
+die Folgen ihres Liebesverhältnisses beseitigen wollen.
+
+An ihrem Krankenbett studierte ich die Dienstbotenfrage. Sie faßte
+Vertrauen zu mir. Ich erfuhr von diesem armen Leben, das von Kindheit an
+unter fremden Leuten in ständiger Unfreiheit, in ununterbrochener
+Dienstbarkeit verflossen war. »Was muß unsereiner doch auch haben, --
+was fürs Herz. Und wenn ich nicht getan hätte, was er wollte, -- dann
+wär' er fortgegangen, -- dann hätte er zehn für eine gefunden,«
+schluchzte sie.
+
+»Warum heirateten Sie nicht?« wagte ich einmal einzuwenden. »Heiraten?!
+Womit denn?! -- Arbeit hat mein Franz keine, -- meine paar Spargroschen
+gab ich ihm, -- und vor so einer Jammerwirtschaft in einem Loch auf'n
+Hof mit'n halb Dutzend Göhren graut's mich ...« Sie wurde von Tag zu Tag
+elender. Ihr Franz fragte nur einmal nach ihr. Als er hörte, daß sie
+krank sei, kam er nicht wieder. Ich mußte sie schließlich der schweren
+Pflege wegen, die ihr Zustand nötig machte, ins Krankenhaus bringen.
+Dort starb sie.
+
+ * * * * *
+
+»Wir wollen die Harmonie zwischen Dienstboten und Herrschaften wieder
+herstellen ...« -- »die Dienstboten allein können nichts erreichen, es
+gehören auch die Herrschaften dazu ...« -- »den Arbeitern fehlt es heute
+an tüchtigen Hausfrauen, weil die Mädchen lieber in die Fabrik als in
+Stellung gehen, wo sie sich dazu vorbereiten könnten ...« Das waren die
+Leitmotive, unter denen die Versammlungen tagten, die der Dienerverein
+veranstaltete. Die wenigen weiblichen Dienstboten, die ihm schon
+angehörten, schlugen zwar zuweilen eine schärfere Tonart an, wenn die
+Erinnerung an all die erlittene Unbill sie überwältige, aber sie trugen
+schwarzweiße Kokarden und verwahrten sich nachdrücklich dagegen, mit der
+Arbeiterbewegung irgend etwas gemeinsam zu haben.
+
+Ich verhielt mich während der ersten Versammlungen nur als Zuhörerin
+und erkannte bald, daß es dem Verein an Mitteln und Mitgliedern fehlte
+und er offenbar nichts wollte, als durch Hinzuziehung weiblicher
+Dienstboten diesem Übel abzuhelfen. Im Grunde fürchtete er schon, die
+Geister, die er gerufen, nicht los zu werden, denn sobald ein Mädchen
+ihre Erfahrungen gar zu rückhaltlos zum besten gab, trat irgendein
+Beschwichtigungsapostel ihr entgegen.
+
+»Ich stelle den Antrag, daß wir uns der entstehenden Dienstbotenbewegung
+mit allem Nachdruck annehmen,« sagte ich, als ich wieder einmal mit den
+Genossinnen zusammenkam; »in jeder Versammlung müssen einige von uns
+anwesend sein. Wir dürfen die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, um
+diese rechtlosesten unter den Arbeiterinnen zum Bewußtsein ihrer Klasse
+zu erziehen. Wir müssen so bald als möglich eine selbständige
+Organisation gründen, damit sie dadurch dem Einfluß dieses
+grundsatzlosen Vereins nicht unterworfen bleiben.«
+
+Aber je lebhafter ich sprach, desto kühler und zurückhaltender waren die
+anderen. »Genossin Brandt scheint nicht zu wissen, daß die Dienstboten
+kein Koalitionsrecht besitzen --,« meinte Martha Bartels naserümpfend.
+
+»Gerade weil ich das weiß, empfinde ich um so mehr unsere Verpflichtung,
+ihnen zu helfen, ihnen das Rückgrat zu stärken,« entgegnete ich heftig.
+
+»Die Dienstmädchen sind noch längst nicht reif für unsere Bewegung, --
+überlassen wir sie ruhig sich selbst,« sagte eine andere.
+
+»Damit sie den Nationalsozialen in die Hände fallen, die ihre Netze
+auslegen, wo immer sie einen Proletariermassenfang erwarten dürfen,«
+antwortete ich, und unterdrückte noch rasch eine Bemerkung über die
+Schädlichkeit dieses fatalistischen Glaubens an die Alleinseligmachung
+der ökonomischen Entwicklung, der uns in geeigneten Momenten die Hände
+in den Schoß legen läßt.
+
+»So werde ich denn allein mein Heil versuchen,« erklärte ich
+schließlich, als mein Antrag abgelehnt wurde, und verließ die Sitzung.
+
+Von nun an fehlte ich in keiner Dienstbotenversammlung. Mit bunten
+Sommerhüten und hellen Blusen füllten die während der Reisezeit der
+»Herrschaften« dienstfreien Mädchen die glutheißen Säle. Zuerst kamen
+nur die Gutgestellten, die Jungen, die Handschuhe trugen und zuweilen
+vornehmer aussahen wie ihre »Gnädigen«. Sie betrachteten die Sache fast
+wie eine Ferienlustbarkeit und kokettierten mit den Männern, die hier
+auf Abenteuer ausgingen. Aber allmählich überwogen die älteren, die von
+zehn und zwanzig und dreißig Dienstjahren erzählen konnten, und die
+Armen, die Mädchen für Alles waren, auf deren schmale Schultern die gut
+bürgerliche Hausfrau die Lasten des Lebens abzuwälzen sucht. Und ihre
+Klagen wurden lauter, ihre Worte deutlicher; das Kichern und Lachen
+verstummte vor den Bildern des Grams, die sich enthüllten.
+
+Es gab welche, die ihre Kolleginnen um den dunkeln Hängeboden über der
+Küche beneideten, weil sie nichts hatten als ein Schrankbett auf dem
+offenen Flur oder eine Matratze im Baderaum: »Dabei wird unsere gute
+Stube nur zweimal im Jahre für die große Gesellschaft geöffnet ...«
+
+Ach, und die schmale Kost bei der harten Arbeit: »Eine Stulle mit
+Schweineschmalz am Abend, -- während der Herr drinnen Rotwein trinkt zu
+fünf Mark die Flasche ...«
+
+Vor allem aber: »Nie ein Stündchen freie Zeit ... Wir schrubbern und
+kochen, während die Herrschaft spazieren geht, ... wir hüten die Kinder,
+während sie tanzen ...«
+
+Dazwischen schüchterne Bitten der Ängstlichen und Gutmütigen: »Nur ein
+wenig geregelte Arbeitszeit, -- und freundliche Worte statt des ewigen
+Zanks, -- dann wollen wir gern dienen, wollen treu und fleißig sein.«
+
+Sie waren wie aufgescheuchte Vögel, die ohne Richtung hin- und
+herflattern. Als ich zum erstenmal vor ihnen zu reden begann, hielten
+sie mich für eine »Gnädige«. »Nu aber jeht's los!« rief kampflustig eine
+rundliche Köchin. Alles lachte. Ich sprach von den Gesindeordnungen, den
+Ausnahmegesetzen für die Dienstboten, die sie den Dienstgebern fast
+rechtlos in die Hände liefern, von der erlaubten »leichten« körperlichen
+Züchtigung, von den vielen Gründen zur Entlassung ohne Kündigung und
+schließlich von einer jener Schöpfungen der preußischen Reaktion, die
+den Streik der Dienstboten mit Gefängnis bestraft. Noch hörte man mir
+ruhig zu, unsicher, was ich aus den Tatsachen folgern würde. Nur der
+Vorsitzende, der stets aus eigener Machtvollkommenheit »das Hausrecht
+übernahm«, sah beunruhigt zu mir auf.
+
+»Für Sie ist demnach die Zuchthausvorlage, die Deutschlands gesamte
+Arbeiterschaft knebeln will, immer Gesetz gewesen,« rief ich laut.
+
+»Eine Sozialdemokratin!« kreischte neben mir eine Frau in hellem
+Entsetzen. Ein unbeschreiblicher Lärm erhob sich; auf die Tische
+sprangen die Mädchen in hysterischer Erregung, schrieen und winkten mit
+den Taschentüchern; eine von ihnen drängte sich neben mich, ballte die
+Fäuste und rief schluchzend: »Wir sind königstreu! Wir sind
+gottesfürchtig!« Hilflos, mit angstgerötetem Gesicht schwang der
+Vorsitzende unaufhörlich die Glocke. Aber in der nächsten Versammlung
+erwarteten mich schon ein paar Mädchen an der Türe: »Sie werden
+sprechen, nicht wahr? -- Wir werden Ihnen Ruhe verschaffen!«
+
+Und im überfüllten Saal waren außer den Dienstboten: Neugierige,
+Hausfrauen, bürgerliche Frauenrechtlerinnen, Journalisten mit der frohen
+Erwartung einer in möglichst vielen Zeilen zu beschreibenden Sensation.
+Auch ein paar Genossinnen entdeckte ich: Ida Wiemer und Marie Wengs.
+»Wir greifen ein, wenn's not tut,« sagten sie, »nur tapfer!« Bis um
+Mitternacht ließ mich der Vorsitzende nicht zu Worte kommen. Ich ging im
+Saal umher, von Tisch zu Tisch. »Das ist Recht und Freiheit im
+Dienerverein,« sagte ich. Jemand rief: »Alix Brandt soll reden!« und der
+Ruf pflanzte sich fort und dröhnte schließlich durch den Saal. Als ich
+aber auf dem Podium stand, erstickte ihn ein zorniges Zischen; die Kraft
+meiner Stimme kämpfte dagegen an, und wie ein Unwetter in der Ferne
+verklang es.
+
+»Sie wollen eine Verbesserung der Gesindeordnung, als ob auf
+verunkrautetes Feld frischer Samen gesät werden sollte. Es gibt nur eine
+Forderung, die Sie stellen dürfen: ihre Abschaffung, damit Sie den
+Arbeitern gleichgestellt werden --«
+
+»Wir sind keine Arbeiterinnen, -- wollen keine sein!« rief ein
+zierliches Zöfchen mit gebrannten Stirnlocken entrüstet.
+
+»Sie predigen Harmonie zwischen Herrschaft und Dienstboten, und doch
+gibt es zwischen ihnen ebensowenig eine Interessengemeinschaft wie
+zwischen dem Arbeiter und dem Unternehmer --«
+
+»Unerhört!« -- Ein paar Damen mit hochrotem Gesicht drängten sich zur
+Türe. Die Mädchen lachten hinter ihnen: »Sie können die Wahrheit nicht
+vertragen!«
+
+»Je mehr Sie Maschinen sind, desto weniger Menschen sind Sie und desto
+bessere Dienstboten im Sinne der Hausfrauen ... Sie wollen statt der
+endlosen eine beschränkte Arbeitszeit, Sie tun recht daran. Aber die
+Masse der Hausfrauen ist nicht in der Lage, statt eines, zwei und drei
+Mädchen für dieselbe Arbeit anzustellen. Sie wollen statt einer
+Schlafstelle ein Zimmer, das ihnen etwas wie ein Zuhause sein kann. Sie
+tun recht daran. Aber bei der heutigen Einteilungsart der Wohnungen und
+ihren hohen Preisen sind die meisten Frauen nicht imstande, sie Ihnen zu
+geben. Sie wollen -- lassen Sie mich aussprechen, was Sie selbst noch
+nicht ausgesprochen haben -- Sie wollen mit Ihren Freundinnen verkehren
+können, Ihren Bräutigam sehen, ohne auf die Straße, auf die Tanzböden
+gehen zu müssen --«
+
+»Unglaublich!« -- Und wieder leerte sich der Saal um zahlreiche elegante
+Zuhörer.
+
+»Das ist Ihr gutes Recht. Und wer sich hier entrüstet gebärdet, den
+frage ich: was empört sich in Ihnen? Ihre Sittlichkeit?! Ist es
+sittlich, junge, lebensvolle Mädchen, die auf Freude dasselbe Recht
+haben wie die höheren Töchter, denen die Natur dasselbe Verlangen nach
+der Erfüllung ihrer Geschlechtsbestimmung verlieh wie diesen, auf
+Hintertreppen, auf Schleichwege und zweifelhafte Balllokale anzuweisen,
+statt ihnen den Schutz des Hauses zu verleihen ..?«
+
+Minutenlanger Beifall unterbrach mich. Dicht um das Podium scharten sich
+junge Gestalten und leuchtende Augen hingen an meinen Lippen.
+
+»Es ist vielmehr der natürliche Egoismus, der Interessengegensatz der
+Hausfrauen zu den Dienenden, der auch die Wohlwollenden unter ihnen
+zwingt, fremden Gästen ihr Haus zu schließen ... Wir werden für die
+Gegenwart eine Reihe von Forderungen an die Gesetzgebung im Interesse
+der Dienenden zu stellen haben, deren Erfüllung viele Mißstände
+beseitigen wird. Aber der Dienst des Hauses wird nur dann den Charakter
+des Sklavendienstes verlieren und zur Würde selbständiger Arbeit sich
+entwickeln, wenn das abhängige Dienstmädchen sich in die freie
+Arbeiterin verwandelt hat, die ihre Arbeitskraft nur stundenweise
+verkauft, die imstande ist, in Reih und Glied mit dem in der
+Sozialdemokratie organisierten Proletariat für ihre letzten Ziele zu
+kämpfen ..«
+
+Ich stieg in den Saal hinunter, umbraust von Beifallsrufen und
+Schimpfworten.
+
+Von nun an hatte ich die Mehrheit auf meiner Seite. Die Versammlungen
+wurden ruhiger, sachliche Beratungen der aufzustellenden Forderungen
+wurden ermöglicht.
+
+Der Lärm tobte statt dessen außerhalb der Säle weiter. Die Presse schrie
+nach der Polizei; Hausfrauenversammlungen nahmen geharnischte
+Resolutionen an, durch die sich die Anwesenden verpflichteten, ihren
+Dienstboten den Besuch unserer Zusammenkünfte zu verbieten. Alles war
+von der Angst ergriffen, daß mit der Dienstbotenbewegung die Intimität
+des Familienlebens der Sozialdemokratie ausgeliefert sei. Auf mich, die
+ich diese Gefahr über die ruhigen Bürger heraufbeschworen hatte,
+konzentrierte sich der persönliche Haß. In allen Tonarten wurde ich
+beschimpft und verleumdet. Und selbst nahe Freunde, aufgeklärte,
+freidenkende Menschen, sprachen mir mündlich und schriftlich ihre
+Mißbilligung aus. Die ruhigsten Frauen gerieten dabei in
+leidenschaftliche Erregung.
+
+»Der Kanal, in den Sie den Strom der Dienstbotenbewegung geleitet haben,
+wird das 'traute Familienleben' überfluten. Was dann?!« schrieb mir
+Romberg.
+
+Meine Mutter erfuhr durch die Zeitungen von den Vorgängen in Berlin.
+»Immer wieder zerstörst Du durch die Maßlosigkeit Deiner Forderungen
+ihren nützlichen Kern und machst Dir und Deiner Sache die
+wohlwollendsten Menschen zu Feinden,« hieß es in einem Brief von ihr.
+Tags darauf folgte ihm ein zweiter, dem ein Schreiben meiner augsburger
+Tante beigelegt war. »Nach den unerhörten Vorgängen in Berlin bin ich
+außerstande, an Alix persönlich zu schreiben. Ich habe sie bisher immer
+verteidigt, habe ein Auge zugedrückt, wo ich konnte, aber ihre
+unverantwortliche Aufhetzung der Dienstboten, -- denen es im Grunde nur
+zu gut geht, -- werde ich weder verstehen, noch verzeihen können. Teile
+ihr das in meinem Namen mit und sage ihr, was vielleicht nicht ohne
+Eindruck auf sie bleiben wird, daß auch ihre alten Freunde, die
+Grainauer Bauern, empört über sie sind ...« Ich lächelte unwillkürlich:
+wenn ich von der Unfreiheit des Gesindes sprach, mußten sie sich
+getroffen fühlen.
+
+Aber dann machte ich mir den Ernst der Sache klar: Ich hatte in Gedanken
+an das reiche Erbe der Tante nie auch nur einen Bruchteil meiner
+Überzeugungen preisgegeben, die Selbständigkeit meiner Entschließungen
+war nie durch sie beeinflußt worden. Jetzt aber besaß ich einen Sohn,
+dessen einzige Zukunftsaussicht vielleicht in Frage stand, -- seine
+Eltern hatten nicht das Zeug dazu, Kapitalisten zu werden! -- und ich
+wußte nur zu gut, was es heißt, unter dem Druck ständiger Sorgen zu
+leben, ich ahnte, wie frei sich ein Mensch entfalten, wie ungehindert er
+seine Kräfte in den Dienst der Allgemeinheit stellen kann, der an das
+Dach über dem Kopf, an den Rock auf dem Leib und das tägliche Brot
+keinen seiner Gedanken zu verschwenden braucht. Ich schrieb an Tante
+Klotilde und versuchte, ihr meine Stellung zur Dienstbotenfrage
+auseinanderzusetzen. Ich bekam meinen Brief uneröffnet zurück. Meiner
+Mutter teilte sie mit, daß sie das Geschehene vergessen wolle, wenn ich
+nach dieser Richtung auf meine agitatorische Tätigkeit verzichten würde.
+
+In jenen Tagen erklärte Wanda Orbin in der 'Freiheit', daß die
+Genossinnen verpflichtet seien, sich der Dienstbotenbewegung anzunehmen.
+Wenn sie schon ohne besonderen Beschluß immer häufiger in den
+Versammlungen erschienen, so war dies das Signal zur Änderung ihrer
+Stellung der ganzen Sache gegenüber. Die Veranstaltung selbständiger
+Versammlungen wurde beschlossen, und zur Rednerin wurde ich bestimmt.
+Ich zögerte: verletzte ich nicht ein höheres Interesse, das meines
+Sohnes, wenn ich zusagte?
+
+»Lege ihm die Frage vor, wenn er reif genug ist, sie zu verstehen,«
+sagte mein Mann. »Wie er sie beantworten wird, kann ich dir jetzt schon
+sagen: Meine Mutter darf niemandem, auch mir nicht, ihre Überzeugung
+opfern.«
+
+Und ich sprach. Die Empörung in der Öffentlichkeit wuchs mit jeder
+Versammlung. Mit einer gewissen Ostentation zogen sich die Menschen von
+mir zurück. Aber die Bewegung war im Fluß und durch nichts mehr
+aufzuhalten. Wäre ich weise genug gewesen, der fachliche Erfolg allein
+hätte mich befriedigt. Aber noch war ich zu jung, war zu sehr Weib, um
+den Menschen und den Ereignissen mit der kühlen Objektivität reifer
+Politiker gegenüberstehen zu können. Im Grunde sehnte ich mich nach
+einem warmen, aufmunternden Wort seitens meiner Kampfgefährten, nach ein
+wenig freundlicher Anerkennung. Statt dessen begegneten sie mir stets
+mit gleicher Kühle, mit gleicher Zurückhaltung. Zu keiner einzigen
+entstand ein persönliches Verhältnis; je länger ich mit ihnen arbeitete,
+desto fremder schien ich ihnen zu werden.
+
+»Ich bin aus Liebe zu euch gekommen, mit vollem Herzen und ganzer
+Kraft,« hätte ich sagen mögen, »warum stoßt ihr mich zurück?«
+
+Ich kämpfte oft mit den Tränen, wenn ihr Mißtrauen mir immer wieder
+begegnete. Und nachher hörte ich, daß man über meinen Hochmut, meine
+Unnahbarkeit schalt. Im stillen hoffte ich, man würde mich diesmal zum
+Parteitag delegieren, aber ich wurde nicht einmal dazu vorgeschlagen.
+Martha Bartels sagte nicht ohne Betonung: »Wir bleiben natürlich dem
+Grundsatz treu, nur bewährte Genossinnen mit einer Delegation zu
+betrauen.« Darauf wurde die große, hagere Frau Resch gewählt; sie trug
+schon seit Jahren unermüdlich Flugblätter aus, und ihr Mann war eine
+Größe in der inneren Bewegung.
+
+»Was kümmerst du dich um die Weiber!« meinte mein Mann ärgerlich, als
+ich ihm klagte. Und Ignaz Auer, der uns an einem schönen
+Septembersonntag besuchte, wiederholte dasselbe.
+
+»Glauben Sie mir altem Knaster,« meinte er, und sein schönes blasses
+Gesicht nahm jenen rätselhaften Ausdruck an, der aus Sarkasmus und
+Melancholie zusammengesetzt war, »glauben Sie mir: solange ich denken
+kann, war bei den Frauen stets derselbe Krakehl, und wenn ich schon
+lange modere, wird's ebenso sein. Sie haben alle Untugenden der
+Unterdrückten in konzentriertester Form, und schwingt man nicht, wie die
+Wanda, ständig die Knute, so hat man verspielt. Seien Sie versichert:
+schon Ihr Aussehen vergeben Ihnen die Weiber nie.«
+
+»Und doch sind Sie als Sozialdemokrat für die Gleichberechtigung der
+Geschlechter?« wandte ich ein. Er wehrte ab, mit einer vollendet
+geformten starken Männerhand, die aber durch ihre Blutleere an die eines
+Toten gemahnte. »Ich werd's ja, gottlob, nicht erleben!« sagte er. »Nach
+der Richtung hat die Wanda recht, wenn sie den Auer mit dem Bernstein,
+den Schippel und den Heine in einen Topf wirft: ich bin mehr für die
+Bewegung als für das Endziel.« So waren wir wieder bei dem Thema
+angelangt, in das jede Unterhaltung zwischen Parteigenossen zu münden
+pflegte.
+
+»Der Parteitag in Hannover wird eine Klärung bringen,« meinte ich im
+Laufe der Unterhaltung.
+
+»Eine Klärung?!« Er lachte kurz auf. »Ich muß Genossin Bartels wirklich
+recht geben: Sie sind noch nicht mandatsfähig! Glauben Sie wirklich, so
+tiefgehende Meinungsverschiedenheiten, die auf Unterschieden des
+Temperamentes, der Urteilskraft, der Bildung und der Lebenslage beruhen,
+ließen sich durch bloßes Handaufheben entscheiden?! Wir werden sie auch
+mit zehn Parteitagen nicht aus der Welt schaffen. Und wieder füge ich
+hinzu: Gottlob nicht! Es wäre nur ein Zeichen von Altersschwäche, wenn
+wir alle ja schrien. Die Hauptsache bleibt die Einigkeit im Handeln. Und
+um die ist mir nicht bange, -- die zwingen uns unsere Gegner auf.«
+
+»Die Meinungsverschiedenheiten wären gewiß kein Unglück, wenn nicht die
+Unduldsamkeit hinzukäme,« sagte mein Mann.
+
+»Auch die ist noch nicht das Schlimmste. Wenn wir die eigene Ansicht für
+die richtige halten, so müssen wir doch konsequenterweise die falsche
+des Gegners bekämpfen,« entgegnete Auer. »Nur daß der Andersdenkende
+immer gleich als ein hundsgemeiner Kerl gebrandmarkt wird, -- das ist
+bitter.« Er verabschiedete sich. Er fürchtete sichtlich, sich zu Klagen
+und Anklagen hinreißen zu lassen. An der Gartentür blieb er stehen, ein
+spöttisches Lächeln kräuselte seine Lippen: »Wenn Sie übrigens ein
+Mandat haben wollen, Genossin Brandt, -- ich verschaff' es Ihnen. Die
+liebe Wanda und ihre Leibgarde ein wenig zu ärgern, macht mir Spaß. Sie
+müssen sich nur nachher zur Agitation in dem betreffenden Kreis
+verpflichten.« Ich schüttelte den Kopf. Mir widerstrebte die Sache.
+
+»Nimm's an, Alix,« mahnte mein Mann, »so zeigst du am besten, daß du von
+der Gnade der berliner Frauen nicht abhängig bist.«
+
+»Sie können's tun, -- ganz ohne Gewissensbisse. Sowas haben auch die
+obersten Halbgötter nicht verschmäht.« Zögernd sagte ich zu. Es war mir
+nicht wohl dabei, so sehr ich auch gewünscht hatte, einem Parteitag, und
+vor allem diesem, beizuwohnen.
+
+Kurz ehe wir abreisten, kam meine Mutter zurück. Sie schien um ein
+Jahrzehnt verjüngt. »Ich bleibe bei dem Kleinen, während ihr fort seid,«
+sagte sie; »das wird mein bedrücktes Gewissen etwas erleichtern, -- nach
+diesen selbstsüchtigen Monaten!«
+
+Wir mußten ihr nun auch von unserer Absicht, das Haus zu verkaufen,
+erzählen. »Das ständige Hin- und Herfahren zerrüttet unsere Nerven,«
+sagte ich leichthin, »ich müßte auf die öffentliche Tätigkeit
+verzichten, wenn wir draußen bleiben wollten.«
+
+Sie sah von einem zum anderen in stummer sorgenvoller Frage. »Es ist
+wirklich so, Mamachen --,« versicherte ich lächelnd. Sie schüttelte
+fast unmerklich den Kopf und fragte nichts mehr.
+
+ * * * * *
+
+Zwischen schmalen Gassen und engen Höfen, fern jenem modernen Teil der
+Städte, der auch in Hannover ebenso elegant wie charakterlos ist, liegt
+eine große dunkle Halle, der Ballhof genannt. Vor Zeiten warfen hier
+Kurfürsten, Prinzessinnen und Könige einander im graziösen Spiel ihre
+Bälle zu, bis mit schwerem Schritt und ernstem Gesicht einer kam, dem
+Spielen fremd war: der Proletarier. Hellere Räume suchten die Fürsten
+für ihre Freuden; er nahm für seine Arbeit, was sie übrig ließen: die
+dunkle Halle. Mit frischem Grün waren ihre Pfeiler umwunden, hinter
+purpurroten Fahnen verschwanden die alten schmucklosen Wände. Das
+Parlament der Arbeiter tagte hier. Draußen lachte die Oktobersonne,
+drinnen brannte über den langen Tafeln künstliches Licht, das auf alle
+Gesichter scharfe Schatten zeichnete, sodaß sie finster und feindselig
+erschienen. Dumpf hing die Luft im Raum; der Atem der Jahrhunderte war
+hinter den winzigen Fenstern gefangen geblieben. Er beengte die Brust.
+
+Lange vor dem Beginn der Verhandlungen war der Saal schon gefüllt.
+Anschwellendes Stimmengewirr, Stühlerücken, Rascheln von Papier, --
+jenem Papier, daß alle Süßigkeiten und alle Gifte der Welt auszuströmen
+vermag, -- bildete die in ihren ungelösten Disharmonien aufreizende
+Ouvertüre. Zeitungsblätter wurden hin- und hergezeigt: »Bernstein
+Apostata« stand über dem einen Artikel, »Reinliche Scheidung« über
+einem zweiten; »wir werden mit dem Revisionismus fertig werden, oder
+wir sind fertig,« hieß es an einer rot angestrichenen Stelle, »die
+Genossen im Reich erwarten eine klare Entscheidung,« an einer anderen.
+Von der unausbleiblichen Spaltung der Partei sprachen frohlockend
+bürgerliche Zeitungen; in linksliberalen Blättern begrüßten
+Kathedersozialisten die Anhänger Bernsteins als die ihren.
+
+Bureauwahl. Es hörte kaum jemand zu. Paul Singer war anwesend, das
+Präsidium also von vornherein in guten Händen. Die Begrüßungsreden der
+Ausländer dämpften das Stimmengewirr im Saal. Frankreich, wo der
+Dreyfus-Skandal noch im Mittelpunkt des Interesses stand, wo Millerand,
+der Sozialdemokrat, mit Jaurès', des Sozialdemokraten, ausdrücklicher
+Zustimmung das in den Augen der deutschen Radikalen unverzeihliche
+Verbrechen begangen hatte, in das Ministerium einzutreten, -- Seite an
+Seite mit Gallifet, dem Mörder der Kommune, -- war nicht vertreten. Des
+alten Liebknecht heftige Angriffe auf die Genossen jenseits der Vogesen
+mochte an dieser Zurückhaltung nicht ohne Schuld sein.
+
+Die Verhandlungen begannen. Mit ungeduldiger Hast wurde ein Punkt der
+Tagesordnung nach dem anderen erledigt. Alles drängte dem Hauptthema des
+Parteitages zu. Und selbst mitten in die nebensächlichsten Debatten
+hinein blitzte schon das Wetter der kommenden Tage.
+
+»Sie stehen bereits mit der Brandfackel an unserem Scheiterhaufen --,«
+sagte einer der Revisionisten neben uns.
+
+Am Abend, als wir Frauen zu einer internen Besprechung zusammenkamen,
+fühlte ich: in Gedanken war die »reinliche Scheidung« schon vollzogen.
+Wir berieten einen Antrag für den Arbeiterinnenschutz, der unserer
+nächsten agitatorischen Tätigkeit Inhalt und Richtung geben, und dessen
+Forderungen durch den Parteitag sanktioniert werden sollten. Im Grunde
+waren es lauter Selbstverständlichkeiten. Nur der Schutz der Schwangeren
+war neu. Ich hatte dafür gekämpft, obwohl ich wie vor einer Mauer redete
+und sie hatten ihn nicht ablehnen können, ohne sich selbst ins Gesicht
+zu schlagen. Dafür waren sie um so hartnäckiger, als ich die
+Unterstellung der Dienstboten unter die Gewerbeordnung in den Antrag
+aufzunehmen empfahl. Das steht bereits in unserem Programm, hieß es.
+Aber viele unserer anderen Forderungen standen auch darin. Und gerade
+jetzt wäre es wichtig gewesen, uns offiziell mit der Dienstbotenbewegung
+solidarisch zu erklären. »Wir dürfen unsere Kräfte nicht verzetteln.« --
+Damit war die Sache abgetan.
+
+Die Frauen rückten nach der Besprechung freundschaftlich zueinander,
+unterhielten sich mit wohltuender Herzlichkeit mit all den Genossinnen,
+die aus Ost und West hierher gekommen waren; mich streifte zuweilen ein
+scheuer Gruß, ein fremder Blick; -- ich ging hinaus.
+
+In unserem Gasthof fand ich die Führer in erregte Unterhaltung vertieft.
+Ihre Augen glühten in jugendlichem Feuer, selbst die Ausbrüche ihrer
+Leidenschaft bändigte der heilige Ernst, mit dem sie alle für ihre Sache
+kämpften. Bebel war am stillsten; immer wieder strich er sich nervös die
+widerspenstige Locke aus der Stirn; auf ihm lastete die Verantwortung
+der kommenden Tage.
+
+ * * * * *
+
+Kalt und grau brach der nächste Morgen an. Im Ballhof kämpften die
+elektrischen Lampen umsonst gegen das Dunkel; es hockte um so deutlicher
+hinter den Pfeilern und zwischen den Tischen, je heller in ihrem
+direkten Strahlenkreis das Licht erschien. Nur langsam füllte sich heute
+der Saal, und nur wenige Stimmen wurden laut. Ein gemessener Ernst lag
+auf allen Gesichtern und eine zweifelvolle Erwartung. Singer betrat das
+Podium:
+
+»... zur Verhandlung steht Punkt 4 der Tagesordnung: 'Die Angriffe auf
+die Grundanschauungen der Partei'. Das Wort hat der Berichterstatter
+Genosse Bebel.« Noch ein heftiges Stühlerücken, dann tiefe Stille.
+
+Bebels Stimme allein beherrschte den Raum.
+
+Im Gesprächston begann er, ruhig, fast gemütlich. Jeder Zuhörer fühlte
+sich unwillkürlich persönlich angeredet. Selbst als er die unbeschränkte
+Freiheit der Kritik an den eigenen Grundanschauungen als die Lebenslust
+der Partei bezeichnete, warf er den Satz nicht wie einen Fehdehandschuh
+in die Menge, sondern sprach im Tonfall der Konstatierung einer
+Selbstverständlichkeit. Die Fragen der materialistischen
+Geschichtsauffassung, der Dialektik, der Werttheorie schaltete er von
+vornherein aus, -- »der Kongreß ist kein wissenschaftliches Konzil,«
+sagte er, -- um zum Problem des Entwickelungsprozesses der
+kapitalistischen Gesellschaft überzugehen, das Bernstein anders
+darstellte als Marx und Engels. Eine Fülle statistischer Berechnungen
+schüttete er vor uns aus, um Bernsteins Ansichten zu entkräften, um
+festzustellen, daß das marxistische Dogma von der Zuspitzung der
+wirtschaftlichen Gegensätze, von der relativen Verelendung des
+Proletariats noch unerschüttert ist.
+
+Und angesichts der verwirrenden Masse des Materials, an der die große
+Menge den Grad der Wissenschaftlichkeit mißt, wie sie an der Häufigkeit
+der Zitate den Grad der Bildung zu messen pflegt, ging ein Flüstern
+staunender Bewunderung durch die Reihen, das sich in einem »sehr
+richtig«, einem »hört, hört« wieder und wieder Luft machte.
+
+Bebels Stimme schwoll an, seine Bewegungen wurden lebhafter, seine
+kleine Gestalt reckte sich. Er malte die Not des Proletariats. Die
+grollende Leidenschaft dessen, dem das Elend Auge in Auge
+gegenübertritt, zitterte in seinen Worten, und klein und jämmerlich
+erschien dagegen, was Bernsteins nüchterne Schreibstubenweisheit von der
+gebesserten Lage des Arbeiters zu berichten gewußt hatte.
+
+Wie der peitschende Ostwind über die Baumwipfel, so wehte seine Rede
+über die Köpfe. Und sie neigten sich gedankenschwer, sie wandten sich
+einander zu; sie hoben sich wieder, von einem Wort, das sie traf,
+emporgerissen. Da und dort stand einer auf, wie magnetisch angezogen von
+dem, der sprach. Eine dunkle Gruppe Menschen umringte die Rednertribüne.
+
+Auf einmal aber war es der Wind nicht mehr, der in den Ästen rauscht, --
+es war der Sturm. Die jugendstarke Kraft des Revolutionärs, die
+begeisterte Schwärmerei des Glaubenshelden donnerte und brauste in den
+Worten des Agitators. All der zaghafte Pessimismus, all der unschlüssige
+Zweifel, all die resignierte Bedenklichkeit, mit denen Bernstein die
+Seelen belastet hatte, flog vor ihnen davon wie Spreu und Staub. Und wie
+der Geisterbeschwörer aus dem Nebel Gestalten entstehen läßt, so
+entwickelte sich unter dem Zauberstab des Redners die Erscheinung des
+alten Marx. War er es wirklich? Seltsam, -- uns allen, die wir
+aufmerksam zusahen, kam es vor, als habe Bernstein manche Farben zu
+diesem Bilde gemischt. Was Bernstein wider ihn gesagt hatte, das nahm
+Bebel für ihn in Anspruch: Die Elendstheorie hat an den Tatsachen
+Schiffbruch gelitten, sagte Bernstein, -- nie hat Marx sie im Sinne des
+absoluten Niederganges aufgefaßt, erklärte Bebel; der Hinweis auf die
+Erlöserkraft der Revolution ist vom Übel, sagte Bernstein, -- auf die
+Evolution hat Marx schon das größte Gewicht gelegt und niemals das Heil
+im Straßenkampf gesehen, erklärte Bebel. Und während er sein
+Feuerschwert gegen all die zückte, die vor lauter Wenn und Aber den
+rücksichtslosen Kampfmut einzubüßen im Begriffe standen, traf es auch
+die Inquisitoren, die ihn besaßen, aber auf die Ketzer im eigenen Lager
+zielten.
+
+Die Menge, die sich zuerst auseinandergerissen wie Steine von einem
+Felssturz vor ihm ausgebreitet hatte, -- jeder die scharfe Kante
+feindselig wider den anderen gekehrt, -- schien wieder ein Marmorbruch,
+aus dem er planvoll gewaltige Quadern schlug, die sich zu Grundmauern
+zusammenschließen ließen.
+
+Fünf Stunden sprach er schon. Nun wich der Sturm seiner Rede wieder dem
+ruhigen Gesprächston; sich selbst zurückgegeben, atmete die Menge tief
+und gesättigt auf. Noch einmal, wie der letzte ferne Donner des
+Gewitters, hob sich seine Stimme in ungeschwächter Kraft: »Unsere
+Grundanschauungen sind nicht erschüttert, -- wir bleiben, was wir
+waren --.« Tobender Beifall verschlang den Schluß.
+
+Minutenlang stand der nächste Redner, Eduard David, an Bebels Stelle,
+ehe seine Stimme den Lärm durchdrang. »Ich habe den Mut, auch nach
+Bebels Referat, Bernstein in seinen Anschauungen zuzustimmen,« sagte er.
+Irgendwo zischte jemand, aber der Respekt vor dem ehrlichen Bekenntnis
+unterdrückte rasch jeden Laut des Mißfallens. Kühl, fast nüchtern sprach
+er; wer ihn auch nicht kannte, empfand: er kam mitten aus der Praxis des
+politischen Gegenwartslebens, er stand nicht mehr im Bann der Tradition
+der Sekte mit ihrer Geheimbündelei, ihrem Märtyrertum, ihrer
+Glaubensseligkeit. Er ließ das grelle Licht des Tages auf die durch
+Bebel beschworene Geistererscheinung von Marx fallen, und hinter ihr
+stand der lebendige Bernstein. Wo Bebels Leidenschaft Gegensätze
+verwischt oder sein Zorn die Ansichten des Gegners niedergetrampelt
+hatte, da malte er sie groß und deutlich, wie der Lehrer die
+Rechenaufgaben vor der Klasse auf die schwarze Tafel. Keiner, der nicht
+blind war, konnte sich ihnen verschließen. Und er rief in die
+Wirklichkeit zurück, wo Bebel uns auf den Flügeln seiner Phantasie in
+die Zukunft getragen hatte. »Die höhere prinzipielle Bewertung der
+Gegenwartsarbeit, -- das ist es, was Bernstein uns gibt, und das ist
+mehr wert, als was er uns genommen hat,« erklärte er und verkündete
+gegenüber der einseitigen Betonung des Kampfs um die politische Macht --
+als des einzigen Mittels, den Sozialismus zum Siege zu führen -- die
+Dreieinigkeit der gewerkschaftlichen, der genossenschaftlichen, der
+politischen Bewegung, die durch tägliche Arbeit dem Sozialismus einen
+Fußbreit Erde nach dem anderen erobern.
+
+Nun erst war der Kampfplatz abgesteckt. Der Alltagsausdruck trat an
+Stelle der Begeisterungsglut, die Bebels Rede angefacht hatte, auf die
+Gesichter, und über die Geister herrschten wieder, an Stelle des großen
+einigenden Gedankens, all die Streitpunkte der praktischen Politik.
+
+Durfte ich mich deshalb dem Gefühl des Bedauerns überlassen, das mich
+momentan überwältigt hatte? Entsprang nicht jenes instinktive Festhalten
+an den überkommenen Anschauungen jener Schwerkraft des menschlichen
+Geistes, die sich von je im Dogmatismus, im Konservativismus, wie in
+Denkfaulheit und Bequemlichkeit geäußert hat? Wir, die wir Vorkämpfer
+sein wollten, waren verpflichtet, sie zu überwinden.
+
+Bewegte Tage kamen, ein Kampf, der nicht immer ein Kampf der Meinungen
+blieb. Und das »Kreuzige!« tönte am lautesten vom Munde der Frauen.
+Wanda Orbin kreischte es in den Saal hinein; Luise Zehringer, die
+Hamburger Zigarrenarbeiterin, wiederholte es; eine kleine polnische
+Jüdin, die eben erst in die deutsche Partei eingetreten war, kritisierte
+mit der Sicherheit einer Parteiautorität die Ansichten und Handlungen
+bewährter Führer. Und die Masse klatschte ihr Beifall. »Sehen Sie, --
+das ist eine Politikerin,« sagte ein Journalist, »je respektloser sie
+die Auer und Vollmar und Bernstein abkanzelt, desto sicherer ist ihr
+Erfolg.«
+
+Immer deutlicher sonderten die Parteien in der Partei sich voneinander
+ab; über dem tiefer und tiefer wühlenden Streit vergaßen auch die
+Leichtsinnigsten die Vergnügungen des Abends; Sitzungen wurden statt
+ihrer abgehalten. Es gab dabei Augenblicke, in denen es schien, als
+würden die Radikalen vor dem äußersten nicht zurückschrecken. Die
+uneingeschränkte Anerkennung des Parteiprogramms wollten sie fordern,
+wie der orthodoxe Priester den Schwur auf das Apostolikum. Und jeder
+begann im stillen die große Abrechnung mit sich selbst.
+
+Zum ersten Mal kam mir zum Bewußtsein, was all die Jahre hindurch die
+unbekannte Quelle meiner Kämpfe und Schmerzen gewesen war: die Sache
+forderte den ganzen Menschen restlos, ich aber wollte im Kampfe für sie
+ich selber bleiben. Und zu gleicher Zeit schien mir, als ob zuletzt kein
+anderes als dies Problem all den Kämpfen, die wir führten, zugrunde lag.
+
+»Warum bist du so stumm?« fragte mein Mann, als wir in der Mittagspause
+zusammensaßen.
+
+»Weil ich anfange zu fürchten, daß ich kein Recht habe, Genosse zu sein.
+Ich bin ja auch kein Christ --.« Verständnislos, ein wenig erschrocken,
+als zweifle er einen Augenblick an meinen gesunden Sinnen, sah Heinrich
+mich an. Ich legte meinen Arm in den seinen. »Hab keine Angst, Liebster,
+-- ich dachte niemals klarer als jetzt! Hingabe an den Willen Gottes bis
+zur Selbstentäußerung fordert das Christentum, Hingabe an den Willen
+der Massen der Sozialismus. Ob es zwischen dieser Forderung und dem
+Persönlichkeitsrecht eine Brücke gibt, das weiß ich im Augenblick
+ebensowenig, als wir es in der Partei wissen.«
+
+»Deine Formulierung ist falsch, ganz und gar falsch,« entgegnete
+Heinrich erregt, »nicht an den Willen, sondern an das Wohl der Massen
+wird die Hingabe verlangt.«
+
+»Und doch verlangt Ihr als etwas Selbstverständliches das Opfer der
+Überzeugung,« unterbrach ich ihn.
+
+Wir traten in den Saal. Mit einer fiebrigen Nervosität, die alle
+ergriffen hatte und manche jener robusten sehnigen Arbeitergestalten
+tragikomisch erscheinen ließ, rissen die Delegierten den austeilenden
+Ordnern die neuen Drucksachen aus der Hand. Es war Bebels Resolution in
+neuer Fassung. Wir verglichen.
+
+»... Nach alle diesem liegt für die Partei kein Grund vor, ihr
+Programm ...« las ich. »Jetzt heißt es: 'ihre Grundsätze und
+Grundforderungen' zu ändern« las Heinrich, »damit können wir uns ohne
+weiteres einverstanden erklären,« fügte er hinzu, und mit einem
+lächelnden Blick auf mich: »Du siehst, die Klippe tragischer Konflikte
+ist glücklich umschifft.«
+
+Auer kam an uns vorüber. In seinem Gesicht wetterleuchtete es. »Jetzt
+werde ich ihnen einmal zum Tanz aufspielen,« sagte er in grimmigem
+Scherz. Dabei sah ich, wie seine Finger sich zur Faust zusammenzogen.
+Von allen Seiten, schriftlich und mündlich, direkt und indirekt war er
+angegriffen worden. Er, der sich zur Bernsteinfrage in der
+Öffentlichkeit überhaupt nicht geäußert hatte, galt als der eigentliche
+und der gefährlichste Führer der Revisionisten, als der Abtrünnige.
+
+Die Luft im Saal war immer schwerer geworden. Oder war es nur die
+gesteigerte Reizbarkeit der Nerven, die sie so empfand? Irgendeine
+Entladung mußte kommen. Mit Naturnotwendigkeit schien jeder Redner die
+Gegensätze ins Absurde steigern, den Gegner bis zur Lächerlichkeit
+herabsetzen zu müssen. Die Zuhörer wurden unruhiger. Man ging ab und zu,
+man unterhielt sich.
+
+Da betrat Auer die Tribüne. Mit dem leisen Spott der Überlegenheit um
+die Lippen sah er über die Menge hinweg. Dann kam die Abrechnung.
+Unwillkürlich senkten sich alle Köpfe vor diesem gewaltigen Ausbruch
+eines feuerbergenden Kraters. Eine öffentliche Anklage war es, und am
+Pranger standen alle, die den befreienden Streik der Gedanken in ein
+lähmendes Gezänk um Personen verwandelt hatten. Und eine Verteidigung
+war es, -- eine Verteidigung des Mannes, den dieselbe Partei, um
+deretwillen er aus dem Vaterland verbannt worden war, des Verrats
+bezichtigte; -- aber auch eine Verteidigung seiner selbst, des in der
+jahrzehntelangen Parteiarbeit aufgeriebenen Kämpfers. Seine breiten
+Hände, -- bestimmt, einen Hammer zu führen oder ein Schwert, --
+umklammerten, zuweilen krampfhaft zuckend, den Rand des Rednerpults. Sie
+waren am Schreibtisch, in der eingeschlossenen Bureauluft weiß geworden.
+Das stolze Germanenhaupt, dem ein Ritterhelm gebührte, sank leise nach
+vorn. Die Sorgen der Partei lasteten schwer auf ihm. Das Antlitz, das
+auf den Bergen seiner Heimat, der Sonne am nächsten, braun und rot sich
+hätte färben müssen, war grau und fahl. Durchwachte Nächte sprachen aus
+seinen Augen.
+
+Gereizte Zurufe unterbrachen ihn, -- zu wuchtig fielen seine Schläge.
+Und seine Stimme, durch hunderte von Reden, hunderte von
+Agitationsreisen abgenutzt, drohte zu versagen. Noch eine die Luft
+durchschneidende Bewegung mit der Hand, als wolle er ausstreichen, was
+sich doch unauslöschlich seiner Erinnerung eingeprägt hatte, noch ein
+Witz, den er in die Masse warf, wie der Tierbändiger einen Knochen
+zwischen die Tiger, und der Strom seiner Rede erreichte in ruhigem Fluß
+sein Ziel.
+
+Die Resolution Bebel wurde angenommen, nur ein kleines Häuflein
+Unentwegter, die noch immer ihr »Kreuzige!« schrieen, stimmte dagegen.
+
+»... Auch auf diesem Parteitag hat es sich gezeigt, daß die Partei über
+ihre Grundsätze und ihre Taktik einheitlich denkt und auch fernerhin in
+voller Einmütigkeit handeln wird ...,« sagte Singer zum Schluß. Die
+Arbeitermarseillaise brauste durch den Ballhof. Hörte niemand die
+Dissonanz? Es waren nicht die Geister der Vergangenheit, die
+Prinzessinnen, die Kurfürsten und die Könige, die sie hervorriefen. Es
+war der Geist der Zukunft.
+
+ * * * * *
+
+Müde und erschöpft reisten wir heimwärts. Es dämmerte, als wir vom
+Bahnhof zum Grunewald fuhren. Wie herrlich die Stille war in den breiten
+Alleen! Wie erfrischend der Duft der Kiefern den heißen Kopf umstrich!
+Statt der vielen Menschenstimmen nur ein abendlich-süßes
+Vogelgezwitscher! Wer doch im Walde bleiben könnte! --
+
+Mit jenem feinen Taktgefühl, das auf dem Baume alter Kultur eine der
+köstlichsten Früchte ist, hatte meine Mutter, kurz ehe wir ankamen, das
+Haus verlassen. So konnten wir uns ungeteilt am Wiedersehen mit unserem
+Jungen freuen. Mir schien, als wären wir Wochen statt Tage weg gewesen:
+war er nicht viel größer und viel klüger geworden? Und wie entzückend
+ringelten sich die blonden Löckchen um den breiten Schädel! In
+übersprudelndem Eifer mußte er alles erzählen, alles zeigen. Seinen
+Bauernhof packte er vor mir aus, nahm die Bäume und rief: »Nu laufen sie
+zu dem lieben, duten Mamachen!« »Aber Bäume laufen doch nicht!« meinte
+ich. Darauf nickte er altklug mit dem Köpfchen und sagte: »Doch, Mama;
+in der Elektrischen, da laufen die Bäume.« Und als er zur Feier des
+Tages mit uns zu Abend gegessen hatte, rutschte er geschickt von seinem
+hohen Stühlchen, stellte sich breitbeinig vor uns hin und rief: »Ich bin
+satt!« Das erste »Ich«! -- Lachend schloß ich ihn in die Arme: Nun war
+mein Kind ein Mensch geworden. Alle Probleme der Welt verschwanden mir
+wieder angesichts dieses Wunders.
+
+Am nächsten Morgen saß ich am Schreibtisch und rechnete. Die Angst
+trieb mir Schweißtropfen auf die Stirn: schon das nächste Vierteljahr
+würden wir die Zinsen nicht zahlen können. Wie hatte ich als Mädchen
+gezittert, wenn die Rechnungen kamen, die der Mutter Tränen erpreßten!
+Es war das reine Kinderspiel gewesen im Vergleich mit meiner Situation.
+»Mach dir doch keine Sorgen, ehe das Unglück da ist,« sagte mein Mann
+ärgerlich, als er sah, wie verstört ich war.
+
+Ich wurde krank. Die alten unausbleiblichen Schmerzen, die jede Erregung
+zur Folge hatte, stellten sich mit erschreckender Heftigkeit wieder ein.
+Und abends, wenn ich todmüde in die Kissen sank, klopfte mir das Herz
+bis zum Halse herauf. Ich war genötigt, ein paar Versammlungen
+abzusagen. Ich war froh darüber: in einem Zustand geistiger und
+körperlicher Erschlaffung verbrachte ich meine Tage.
+
+»Wir haben einen Käufer!« mit der Botschaft überraschte mich mein Mann
+eines Morgens. Ich zweifelte noch. Aber bald darauf kam er selbst, und
+in wenigen Tagen war der Kauf abgeschlossen.
+
+»Siehst du nun ein, wie töricht es war, sich zu fürchten?« sagte
+Heinrich. Beschämt senkte ich den Kopf. »Ich will in Zukunft mutiger
+sein,« versicherte ich.
+
+Schon im Januar sollten wir das Haus verlassen. Dann wollen wir von
+vorne anfangen, dachte ich, und begann eifrig nach einer bescheidenen
+Wohnung zu suchen.
+
+Bin ich erst in Ruhe, so werde ich auch gesund werden, sagte ich zu mir
+selbst, wenn die Schmerzen nicht weichen wollten und das Herz mich nicht
+schlafen ließ.
+
+ * * * * *
+
+Eines Abends nahm ich wieder an einer Sitzung der Genossinnen teil. Wie
+die Befreiung von den persönlichen Sorgen mich aus der Erstarrung
+aufgerüttelt hatte, so elektrisierten mich jetzt die politischen
+Vorgänge wieder. Das Zuchthausgesetz war endgültig begraben worden, aber
+trotz aller gegenteiligen Versicherungen drohte eine neue gewaltige
+Flottenvermehrung.
+
+»Unter den Waffen schweigen die Musen,« erklärte ich, als wir die
+Aufgaben besprachen, die der kommende Winter uns stellte, und einige der
+Frauen den Arbeiterinnen-Bildungsverein und seine Veranstaltungen in den
+Vordergrund schieben wollten. »Wir müssen unsere Kräfte konzentrieren:
+auf die beschlossene Agitation für den Arbeiterinnen-Schutz und auf den
+Kampf gegen die neue Volksausbeutung.«
+
+»Wenn wir so sicher wie stets auf Genossin Brandts wertvolle
+Unterstützung rechnen können, wird der Sieg uns nicht fehlen,« spottete
+Martha Bartels und berichtete dann, wie ich durch die kürzlich
+»angeblich« wegen Krankheit erfolgten Absagen die Sache geschädigt
+hätte.
+
+»Unsichere Kantonisten können wir nicht brauchen,« sagte Frau Resch, die
+seit ihrer Delegation nach Hannover sehr selbstbewußt geworden war.
+
+Während ich antwortete, drückte ich die Hand krampfhaft in die Seite, wo
+die Schmerzen wühlten, und suchte, tiefatmend, die wilden Schläge
+meines Herzens zu beruhigen. Aber trotz meiner Verteidigung, setzte der
+Zank sich fort. Und plötzlich war mir, als drehe sich das Zimmer um
+mich --, ohnmächtig brach ich zusammen. Als ich zu mir kam, übersah ich
+mit einem einzigen Blick die Situation: Ida Wiemer hielt mich
+umschlungen, auf ihren Zügen lag ein Schimmer aufrichtiger Teilnahme;
+aber steif und unbeweglich saßen alle anderen um den Tisch, die Augen
+auf mich gerichtet, voll Hohn und Spott, voll Kälte und Mißtrauen. Ein
+eisiger Schauer lief mir über den Rücken. Ich preßte die Zähne zusammen
+und erhob mich. In dem Augenblick kam mein Mann. Der Kellner hatte mich
+fallen sehen und ihn, der im Restaurant auf mich wartete,
+benachrichtigt. Auf seinen Arm gestützt, verließ ich das Zimmer. Niemand
+erhob sich. Niemand sagte mir Lebewohl.
+
+Wir fuhren noch in der Nacht zum Arzt. Er machte ein bedenkliches
+Gesicht. »Ein paar Monate im Süden, und Sie können genesen,« sagte er.
+Ich empfand seinen Bescheid wie eine Erlösung. Fort, -- weit fort, wo
+ich Ruhe finden, wo ich wieder zu mir selber kommen würde!
+
+Wir entschieden uns für Meran. Der Überschuß, der uns vom Kaufpreis des
+Hauses bleiben würde, ermöglichte die Reise. Mein Kind nahm ich mit. Und
+eine große Kiste mit Büchern und Manuskripten. »Nun werde ich ungestört
+meine 'Frauenfrage' vollenden können,« sagte ich hoffnungsvoll.
+
+»Wenn der Arzt dir das Arbeiten erlaubt,« meinte mein Mann und sah dabei
+traurig drein. »Ich werde ihn nicht erst fragen,« lachte ich; »Arbeit
+ist für mich die beste Medizin.«
+
+ * * * * *
+
+Silvester 1899 kamen Erdmanns mit der Mutter zu uns. Als es Mitternacht
+schlug, rissen wir alle die Fenster auf und riefen ein schallendes
+»Prost Jahrhundert!« in die sternhelle Nacht hinaus. Da war keiner, dem
+das Vergangene nicht wie ein Alp von der Seele gefallen wäre. Und unsere
+Hoffnungen waren riesenstark. Nur die Mutter sah sorgenvoll von einem
+zum anderen: zu Erdmann, dessen eingesunkene Brust nach jedem lauten
+Wort trockener Husten erschütterte, zu Ilse, deren Blicke halb
+ängstlich, halb verschüchtert an ihrem Gatten hingen, zu uns, von deren
+Kämpfen sie manches ahnen mochte.
+
+Schatten gingen um. Ich mußte sie bannen. Aus dem Bettchen droben, wo es
+mit heißen Wangen schlief, nahm ich mein Kind und trug es hinunter. Im
+Licht der Lampen schlug es die strahlenden Augen auf. Ich hatte es
+jubelnd emporheben wollen, nun aber drückte ich es zärtlich ans Herz und
+flüsterte leise, ganz leise, damit die anderen nichts hörten: »Dein ist
+das Jahrhundert.«
+
+Wenige Tage später schloß sich die Pforte des grauen Hauses hinter uns.
+Die Wipfel der Kiefern bewegten sich leise über dem Dach. Schwarz
+standen ihre Stämme vor den blumenlosen Fenstern. In jubelnder Vorfreude
+auf die Reise warf mein Junge keinen einzigen Blick zurück. So wollte
+auch ich nur vorwärts sehen.
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+
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+Zehntes Kapitel
+
+
+Ein eisiger Wind pfiff aus dem Passeier Tal über Meran; die
+Schneeflocken fielen so dicht, daß es aussah wie lauter weiße Schleier,
+die der Winter, mißgünstig, einen nach dem anderen der Natur vor das
+schöne Antlitz zog. Und ich war mit der ganzen Sonnensehnsucht des
+Deutschen, der jenseits des Brenners zu jeder Jahreszeit blauen Himmel
+und blühende Bäume erwartet, gen Süden gefahren!
+
+»Du hast mir das Sommerland versprochen, -- ich will ins Sommerland --,«
+weinte mein Bübchen, als es am ersten Morgen aus dem Fenster unseres
+kleinen Zimmers in die weiße Welt hinaussah. Während ich ihn durch
+lauter Hoffnungen zu beruhigen suchte, fröstelte auch mich.
+
+Das Sanatorium »Iduna«, das westlich von Meran einsam zwischen Wiesen
+und Obstbäumen lag, war uns empfohlen worden. »Es nimmt nur eine
+beschränkte Anzahl von Patienten auf, bewahrt daher den Charakter eines
+behaglichen Privathauses,« hieß es im Prospekt. In Wirklichkeit war's
+ein altes Landhaus, das, wie so viele seinesgleichen im Süden, mit
+dünnen Wänden und zugigen Fenstern den Winter zu ignorieren schien. Ein
+paar eiserne Ofen strahlten stundenweise rotglühende Hitze aus, um dann
+wieder kalt, schwarz und feindselig dazustehen, als freuten sie sich des
+grausamen Spiels mit den armen Bewohnern.
+
+Ich hatte nicht schlafen können: der Wind rüttelte an den Fenstern, mein
+Sohn warf sich unruhig in dem ungewohnten großen Bett hin und her, und
+ein hohler Husten, nur von stöhnenden Seufzern unterbrochen, klang aus
+dem Zimmer unter uns unaufhörlich zu mir empor. Müde und abgespannt ging
+ich zum Frühstück in den Eßsaal, -- einer verglasten Veranda, durch
+deren breite Fenster der Winter von allen Seiten hereinsah. In der Mitte
+stand der lange schmale weißgedeckte Tisch, darauf in nüchterner
+Regelmäßigkeit Reihen weißer Teller und Tassen. Eine Frau saß daran in
+schwarzem Kleid mit vergrämten Zügen, neben ihr im Rollstuhl ihr blasser
+Mann, finstere, gerade Falten auf der Stirne, -- einer jener Kranken,
+die hoffnungsloses Leiden böse gemacht hat, -- ihm gegenüber am
+äußersten Ende der Tafel ein schmalbrüstiger Jüngling, dessen Antlitz
+nur noch mit der Haut bespannt schien, -- einer fahlen, graugelben --.
+Ich zögerte an der Schwelle, mir grauste vor dem Bilde, in dem alle
+Farben des Lebens erloschen waren.
+
+Da sprang mein Kind an mir vorbei, im feuerroten Kleidchen, mit frischen
+Wangen und glänzenden Augen. Und der ganze Raum war erhellt. Ein
+freundliches Lächeln spielte um die blutleeren Lippen des Jünglings; die
+Falten auf der Stirn des Gelähmten glätteten sich, nur die Frau im
+schwarzen Kleid wandte wie verletzt den Kopf zur Seite.
+
+Ich wäre am liebsten wieder fortgezogen. Aber ich war viel zu müde,
+viel zu apathisch dazu. Der Arzt, ein gütiger alter Mann mit weichen
+Frauenhänden, versprach mir ein anderes Zimmer mit einem Balkon nach
+Süden. »Das unter Ihnen,« sagte er, »der Herr reist ab --,« dabei
+verschleierten sich seine hellen Augen. Dann gab er mir
+Verhaltungsmaßregeln. »Meine wichtigste Verordnung ist: ein
+Kindermädchen. Sie müssen Ruhe haben, -- Tag und Nacht, der Bub dagegen
+soll sich tüchtig Bewegung machen,« begann er.
+
+Ruhe, -- schon das Wort war wie einlullendes Streicheln. Am nächsten
+Tage brachte er mir ein hübsches, brünettes Landmädchen, das mir gefiel;
+sie zog mit dem Kleinen, der sich an die lustige Gefährtin rasch
+gewöhnte, in das Zimmer nebenan. Nun erst fühlte ich, wie krank ich war:
+den ganzen Tag lag ich still, und bewegungslos wie mein Körper waren
+Gedanke und Gefühl. Auch meine Umgebung störte mich nicht mehr; -- wenn
+ich nur mein Bett hatte und meinen Liegestuhl.
+
+»Nun wird er bald abreisen,« sagte der Arzt eines Tages und drückte mit
+der Spitze des Zeigefingers in den Augenwinkel, als sei ihm ein
+Staubkörnchen hineingeflogen.
+
+»Dann soll ich hinunter?« fragte ich und dachte entsetzt an die Mühe des
+Umräumens. »Ja,« meinte er, »denn nun es täglich wärmer wird, müssen Sie
+in der Sonne liegen.« »In der Sonne?!« Ich lächelte ungläubig. Seit
+einer Woche hatte der Schnee sich in Regen verwandelt.
+
+Die Nacht darauf kam ich nicht zur Ruhe. Ich warf mich im Bett hin und
+her, und plötzlich wußte ich, was mir fehlte: der regelmäßige Husten
+unter mir war verstummt; die Stille lastete auf mir, die unheimliche
+Stille. Bald danach war mir, als gingen Gespenster um: das huschte im
+Haus auf leichten Sohlen, das wisperte und flüsterte, -- knarrend
+öffnete sich unten eine Tür. Ich erhob mich und trat ans Fenster: ein
+Leiterwagen stand im Garten; Männer waren darin, die sich durch Gebärden
+mit denen im Hause zu verständigen schienen; und auf einmal schwebte
+etwas in der Luft dicht unter mir, etwas Schwarzes, Großes, -- der Regen
+klatschte darauf, -- eintönig. Schon wollt' ich schreien, -- da geriet
+das Schwarze in den Lichtkreis der nächsten Laterne: es war ein Sarg.
+
+Ich schwankte ins Bett zurück und verkroch mich zitternd unter der
+Decke. So war er »abgereist«! --
+
+Ich sah wieder die Glasveranda vor mir im Schneelicht, mit den Menschen,
+deren Körper im Sterben lagen, oder deren Seelen schon gestorben waren.
+Und das Badhaus fiel mir ein mit den dunkeln Holzwannen, in denen das
+Wasser aussah, als wäre es Schlamm. Willenlos war ich hineingestiegen,
+hatte mir Gesundheit holen wollen, wo Krankheit in allen Ritzen und
+Fugen lauernd saß. Und mein Kind hatte ich die Pestluft atmen lassen!
+
+Noch in der Nacht fing ich an zu packen. Früh fuhr ich nach Meran und
+drüber hinaus nach Obermais, so hoch und so weit als möglich. Dort fand
+ich neben alten efeuumsponnenen Schlössern ein freundliches Haus
+zwischen Nußbäumen und Weinreben.
+
+Am selben Abend zogen wir ein.
+
+Es war, als ob der Winter uns nicht hätte folgen können. Die Berge
+entschleierten sich. Der Schnee, der eben erst wie ein Leichentuch die
+Erde verhüllt hatte, blitzte jetzt im Sonnenlicht wie eine
+Hochzeitskrone auf ihren Häuptern. Errötend entfalteten sich an den
+Mandelbäumchen die ersten Blüten. Ich lag auf der Veranda und ließ mich
+wie sie von der Sonne durchglühen und fühlte, daß auch mir die
+Lebensfarbe in die Wangen stieg. Täglich brachte mir mein Söhnchen
+frische Wiesenblumen.
+
+»Ich werde dich führen, Mamachen, wenn du nicht mehr Auau hast,«
+schwatzte er, »zu den so vielen Vergißmeinnicht, und zu den Musikmännern
+auch, wo die Damen und Herren sind.« Ich lachte ihn an: wirklich, die
+Sehnsucht nach dem Leben regte sich wieder in mir. Liegen sollt' ich,
+immer liegen, sagte der Arzt, weil mein Herz noch nicht ruhig genug war.
+»Dann müßt' ich liegen bis ich neunzig Jahr alt bin,« antwortete ich
+ihm, »denn daß mein Herz so gegen alle Vorsicht klopft, ist nur ein
+Beweis, daß ich lebe.«
+
+Einmal wachte ich auf nach erquickendem Schlaf, streckte und reckte mich
+und blinzelte in die Sonne. Mir war so wohl, -- so wohl! Warum nur?! Und
+in mir antwortete es ganz deutlich: weil du frei bist. Ich sah mich
+erschrocken um, als könnte irgend jemand dies tiefe Geheimnis, daß ich
+kaum mir selbst gestand, erkundet haben. Ich war frei -- wirklich frei;
+ich konnte tun, was ich wollte, ohne vorher all jene bohrenden Fragen
+erst beantworten zu müssen: stört es den Anderen? Verletzt es ihn?
+Beeinträchtigt es seine Ruhe, seine Wünsche, seine Liebe? Jetzt, zum
+Beispiel, konnte ich aus dem Bette steigen und lustig einen Walzer
+trällern, -- läge Heinrich neben mir, ich würde mich aus Rücksicht auf
+seinen Schlaf ganz, ganz still verhalten. Und dann konnt' ich gemächlich
+im Wasser planschen, mich ankleiden, mir die Haare ordnen, ohne jene
+quälende Scham des Häßlichen, des Unästethischen, -- die einzig
+berechtigte zwischen zwei Menschen, die einander lieb haben, und die
+einzig notwendige, wenn sie ihrer Liebe den Zauber des ersten Rausches
+erhalten wollen. Die Ehe der meisten ist ein Erwachen aus ihm, mit einem
+bitteren Geschmack auf der Zunge. Sie wissen nicht, daß die Liebe eine
+zarte, kostbare Blume ist, die sorgsamer Pflege bedarf. Sie pflanzen sie
+in den Küchengarten und wundern sich dann, wenn sie eingeht.
+
+Ich war frei -- wirklich frei. Und ich konnte hingehen, wohin ich
+wollte! Ganz erstaunlich kam mir das vor, -- gerade, als ob die Welt mir
+auf einmal ihre Tore aufschlösse. In den ersten Jahren meiner Ehe hatte
+Heinrich mich auf jedem Weg begleitet, -- aus zärtlichster Liebe, nicht
+etwa aus Mißtrauen oder aus Eifersucht. Und ich hatte keinen anderen Weg
+machen können, als der ihm recht war. Zuweilen war ich heimlich die
+Hintertreppe hinuntergestiegen, nicht, weil ich ein Geheimnis vor ihm
+gehabt hätte, sondern nur um einmal ohne innere Hemmung in den Straßen
+herumlaufen zu können. Allmählich hatte unsere verschiedenartige
+Tätigkeit dem steten Zusammensein ein Ende gemacht; aber
+selbstverständlich blieb, daß ich ihm erzählte, wo ich gewesen war, was
+ich getan hatte. Und da ich ihn nicht unzufrieden machen, nicht ärgern
+wollte, so stand ich doch stets in seinem Bann. Wenn ich einmal seiner
+Empfindung zuwider gehandelt hatte, so kam es vor, daß ich -- log.
+
+Kaum, daß der Gedanke daran in mein Bewußtsein trat, als ich ihn auch
+schon, dunkel errötend, zurückweisen wollte. Aber je mehr ich mich
+mühte, desto klarer stand er vor mir. Ich mußte ihm Auge in Auge sehn:
+»Es kam vor, daß ich meinen Mann belog.« Nicht, weil ich ihn
+hintergehen, sondern weil ich ihn nicht ärgern, nicht erregen wollte.
+Aus Liebe also! Oder aus Furcht?! So lernen die Frauen lügen, weil sie
+des Mannes Besitztum sind, weil die Ehe ihre Persönlichkeit auslöscht
+wie ihren Namen. Wie vielen, die gerade gewachsen waren, hat sie das
+Rückgrat zerbrochen! Und sie verlieren nach ein paar Jahren der Ehe ihre
+Physiognomie, -- sind farblos, zermürbt.
+
+Ein brennendes Verlangen nach Menschen überkam mich. Wie war ich doch
+mein Leben lang an den bunten Schwarm um mich gewöhnt gewesen! In den
+letzten Jahren hatte er sich mehr und mehr verflüchtigt. Den alten
+Freunden war ich gestorben, seit ich Sozialdemokratin geworden war; neue
+hatte ich unter den Genossen nicht gefunden, und von den Künstlern, von
+den Gelehrten, die unsere Räume einmal betraten, kamen nur wenige
+wieder. Romberg war im Grunde unser einziger Verkehr gewesen. Und der
+wohnte nicht in Berlin.
+
+Woher kam das alles? War ich weniger anziehend als die Frauen, die »ein
+Haus ausmachten«? Waren sie geistreicher als ich? Ich schürzte spöttisch
+die Lippen. Stießen sich die Sittenstrengen noch immer an der Geschichte
+meiner Eheschließung? Sie machten sich doch sonst nichts daraus, mit
+Frauen zu verkehren, die »eine Vergangenheit« hatten, die Gegenwart
+geblieben war! Nein, in alledem lag die Ursache nicht. Bei meinem
+Manne, schien mir, war sie zu suchen. Er war ein Menschenschwärmer
+gewesen, leicht geneigt, zu bewundern und zu verehren und sich den
+anderen gegenüber gering zu achten. Um so schmerzhafter hatte jede, auch
+die leiseste Enttäuschung ihn getroffen, und je häufiger sie sich
+wiederholte, desto scheuer zog er sich zurück, desto mißtrauischer wurde
+er. Und für jenen leichten Verkehr, der wie mit Libellenflügeln nur die
+Oberfläche des Lebensstromes streift, war er zu schwerblütig. Er hatte
+nie getanzt; -- seltsam, daß mir das erst heute einfiel. Er hatte nie
+gelernt, eine Gesellschaftsmaske zu tragen. Darum fühlten sich immer nur
+die Menschen, die er aufrichtig gern hatte, wohl bei uns. Die anderen
+stieß er ab.
+
+Draußen lachte der Frühlingstag. Zwischen blühenden Bäumen und Beeten
+von Hyazinthen spielte die Musik fröhliche Weisen, die Passer sprang
+dazu in entfesselter Wildheit über Stock und Stein. Ich ging mit meinem
+Buben an der Hand zwischen der Menschenmenge hin und her. Ich freute
+mich, als wäre ich zwanzig Jahr, über die bewundernden Blicke, die uns
+folgten. Täglich wollt' ich von nun an hinuntergehen, Sonnenschein
+trinken und Lebenslust. Ich traf Bekannte und geriet durch sie in einen
+Kreis fröhlicher Weltbummler. Wie gut das tat, einmal wieder
+unterzutauchen in Glanz und Freude! Einmal wieder lachen zu können aus
+Herzensgrund! Bewundernde Blicke zu fühlen! Man brachte mir täglich
+Blumen, -- jene großen glühenden Rosen von Meran, deren Duft nicht an
+Gärten erinnert, sondern an berauschende Essenzen des Morgenlandes. Ich
+ließ mir gefallen, daß man mir huldigte; ich spielte mit heißen
+Gedanken, wie ein Kind mit rotleuchtenden Giftblumen. Eines Abends,
+während bunte Lichterkränze sich an den alten Bäumen vor dem Kurhaus von
+Ast zu Ast schwangen und die Geigen der Zigeunerkapelle in die laue
+Nacht hinein seufzten und lockten, ließ ich mich in den Kursaal führen,
+um den Tanzenden zuzuschauen. Süße Walzermelodien umschmeichelten meine
+Sinne. Der Rausch des Tanzes ergriff mich. Willenlos überließ ich mich
+ihm. Erst als der letzte Ton verklagen war, kam ich zu mir und erschrak.
+Leichtsinn und Genuß, die Zaubergeister, drohten mich in ihre Gewalt zu
+bekommen. Das durfte nicht sein!
+
+»Meran fängt an, schwül zu werden,« schrieb ich am nächsten Morgen an
+meinen Mann; »so sehr die weiche Luft meiner Gesundheit nützte, so sehr
+schädigt sie meine Arbeitskraft. Und ich wünsche jetzt nichts mehr, als
+mich Hals über Kopf in meine Arbeit zu stürzen. Darum möchte ich fort.
+Der Arzt verordnet mir Höhenluft; ich selbst fühle, daß ich etwas
+Starkes, Herbes atmen müßte. Wollen wir nicht miteinander irgend ein
+stilles Plätzchen suchen? Wir waren lange genug getrennt..«
+
+Statt aller Antwort kam er selbst. »Ich habe gewartet, bis du mich rufen
+würdest --, es ist mir schwer genug geworden,« flüsterte er zärtlich,
+»nun aber wirst du mich nicht mehr los.« Dunkel errötend barg ich den
+Kopf an seiner Brust.
+
+ * * * * *
+
+An der Ampezzostraße, südlich von Cortina, liegt ein kleines Dorf,
+Pezzié genannt. Zwischen seinen braunen, ärmlichen Hütten ragte ein
+einzelnes Bauernhaus mit weißgetünchten Mauern und großen Altanen
+stattlich hervor. Über ein Vierteljahr wohnten wir dort in tiefster
+Stille und Zurückgezogenheit. Im Lärchenwald hinter dem Hause spielte
+mein Junge mit den braunen Bauernkindern, auf der Altane, angesichts des
+weiten blühenden Tals und des gewaltigen schneebedeckten Felsenmassives
+der Tofana, fing ich wieder an zu arbeiten. Wenn mir in den vergangenen
+Wochen die Aufgabe eingefallen war, die ich mir mit meinem Buch gestellt
+hatte, so war sie mir wie ein unübersteigbarer Berg erschienen. Jetzt,
+da ich sie aufs neue in Angriff nahm, war mir's, als habe all die Zeit
+hindurch eine fremde Kraft unter der Schwelle meines Bewußtseins weiter
+an ihr gearbeitet.
+
+Oder sollten Gedanken wie Samen sein, die einmal in den Boden des
+Geistes gestreut, sich aus eigener Macht weiter entwickeln? Die vielen
+Zahlen, die ich in meinen Büchern vor mir hatte -- Ergebnisse der Volks-
+und Berufszählungen europäischer und außereuropäischer Länder, Lohn- und
+Arbeitsstatistiken --, wurden merkwürdig lebendig, als zuckten in ihnen
+die Leiden der Millionen. Immer deutlicher sah ich das Bild, das ich zu
+malen hatte: den Zug der Frauen, wie er durch glutheiße Wüsten und rauhe
+Steppen dahinschleicht, jede einzelne in ihm gebeugt unter den Lasten,
+die sie zu tragen hat: der Hacke und dem Spaten, der Sichel und der
+Spindel, dem einen Kinde auf dem Rücken, dem anderen unter dem qualvoll
+klopfenden Herzen. Was mich zuerst nur wie ein Instinkt in die Reihen
+der kämpfenden Arbeiterschaft geführt hatte, das wurde mir jetzt zur
+bewußten Erkenntnis: die Berufsarbeit der Frau, die ihre Entstehung der
+Umwandlung der Produktionsweise durch die Maschine zu verdanken hat, ist
+immer mehr zu einem notwendigen Bestandteil dieser Produktionsweise
+geworden. Aber indem sie sich ausdehnt, untergräbt sie zu gleicher Zeit
+die alte Form der Familie, erschüttert die Begriffe der Sittlichkeit,
+auf denen der Moralkodex der bürgerlichen Gesellschaft beruht, und
+gefährdet die Existenz des Menschengeschlechtes, deren Bedingung gesunde
+Mütter sind. Es bleibt der Menschheit schließlich nur die Wahl: entweder
+sich selbst oder die kapitalistische Wirtschaftsordnung aufzugeben.
+Diese Konsequenz zu scharfumrissenen Ausdruck zu bringen, sodaß niemand
+ihr aus dem Wege zu gehen vermöchte, -- das war mein Wunsch.
+
+Das Fieber der Arbeit, das alle Pulse schneller schlagen läßt, das über
+jede Müdigkeit hinwegtäuscht, das die Gedanken des Tages in den Traum
+der Nacht verflicht, hatte mich ergriffen. Und zugleich jener gesunde
+Egoismus des Schaffenden, der ihn für seine Umgebung blind und taub
+macht, nur damit das Werk wachsen kann. Dankbar überließ ich der Berta,
+dem meraner Kindermädchen, die sich mit solcher Klugheit in jede Lage zu
+schicken schien, die Sorge um unseren kleinen Haushalt. Daß sie für uns
+kochte und wusch und nähte und eifersüchtig jede andere Hilfe abwehrte,
+war mir nur ein Beweis für ihre Tüchtigkeit; und daß der Kleine mit
+solcher Liebe an ihr hing, machte sie mir vollends unentbehrlich.
+
+Wenn ich mit meinem Mann spazieren ging, so sprach ich von nichts
+anderem als von meiner Arbeit, von all den Ideen, all den Plänen, die
+sie in mir auslöste. Und er hörte mir nicht nur ruhig zu, er ging voller
+Anteilnahme auf meine Interessen ein und half mir durch seine
+Fachkenntnisse.
+
+Daß auch er ein selbständiges Leben hatte, daß auch in ihm vieles bohrte
+und gärte, das nach Ausdruck verlangte, daß er um so einsamer wurde, je
+mehr ich mich in die Arbeit verlor, -- von alledem wußte ich nichts.
+
+Zuweilen stiegen am Horizont drohend die Sorgenwolken empor: was das
+Grunewaldhaus uns übrig gelassen hatte, war bald verzehrt, die Einnahmen
+aus dem Archiv blieben unzulänglich, mein Buch, auf dessen Erfolg ich
+rechnete, war noch lange nicht vollendet; wie würden wir auskommen?! Mit
+aller Anstrengung vertrieb ich die bösen Gedanken, ich arbeitete noch
+ununterbrochener, um mir selbst keine Zeit zu lassen, ihnen
+nachzuhängen.
+
+ * * * * *
+
+Eines Morgens bekam Heinrich einen Brief, den er mir stumm
+herüberreichte: Ob er während der nächsten Monate für ein uns
+nahestehendes Blatt die Pariser Korrespondenz übernehmen könne? Ihr
+bisheriger Leiter sei erkrankt und habe einen längeren Urlaub
+angetreten.
+
+Es überlief mich heiß und kalt. Wie der Name Rom auf die Deutschen des
+Mittelalters, so wirkt der Name Paris auf die Menschen des zwanzigsten
+Jahrhunderts. Aus ihren dunklen Wäldern, ihren finsteren Burgen und
+engen Städten sehnten sich unsere Vorfahren nach dem lachenden Himmel
+Italiens; und aus dem Ernst unseres strengen Alltagslebens verlangt
+alles, was jung ist in uns, nach dem Glanz, nach dem Leichtsinn von
+Paris. Aber ich bemühte mich, ruhig zu scheinen und meiner stürmisch
+aufwogenden Freude Herr zu werden.
+
+»Was sagst du dazu?« fragte mein Mann. »Wir würden uns rasch
+entschließen müssen. Mit dem internationalen Sozialistenkongreß, der in
+zehn Tagen zusammentritt, müßte meine Tätigkeit anfangen.«
+
+»Und dein Archiv?!« warf ich ein. »Du kannst es doch nicht monatelang
+von Frankreich aus redigieren!«
+
+»Ach, -- das Archiv..!« meinte er mit einem halb wegwerfenden, halb
+ärgerlichen Ton, der mich erstaunt aufsehen ließ. Das Archiv war seine
+Schöpfung, sein liebstes Geisteskind.
+
+»Das Archiv könnte ich von überall her leiten! In Paris aber scheint mir
+jetzt der rechte Ort, um den Sozialismus in seiner neusten Phase zu
+studieren, in Paris, wo ein Millerand Minister ist, wo die
+Intellektuellen, -- unter ihnen ein Zola, ein France, ein Steinlen, --
+mit Jaurès Arm in Arm gehen!.. Wenn du also nichts dagegen hast, so
+nehme ich den Antrag an.«
+
+ * * * * *
+
+Paris! Die untergehende Septembersonne umgab die schwarz hingestreckte
+Stadt mit rotglühender Glorie. Mir war, als klänge im Räderrollen
+unseres Zugs ein rhythmisches Jauchzen, als könne die fauchende
+Riesenschlange es nicht erwarten, sich in die lodernde Glut zu stürzen.
+
+Am Morgen nach unserer Ankunft wanderten wir durch die Straßen. Es war
+die vollkommenste Überraschung, die mich mehr und mehr verstummen ließ.
+Ich hatte etwas Lautes, Buntes erwartet, etwas, das übereinstimmt mit
+dem Begriff »Paris«, den wir uns draußen gebildet haben. Und nun sah ich
+Häuserzeilen in gleichmäßig feiner zurückhaltender Architektur, hohe
+Fenster mit schmalen Gittern davor, sah Mauern, über die der Efeu kroch,
+und Baumriesen, die aus alten verschwiegenen Höfen geheimnisvoll
+herüberrauschten.
+
+Ich sah, wie sich die vielen Alleen plötzlich in weite, weite Gärten
+verloren, unter deren Büschen graue Statuen träumten, und unter runden
+Lorbeerbäumen stille Bassins goldig glitzernd von den vielen kleinen
+Fischen darin. An altertümlichen Kirchen kamen wir vorbei mit runden und
+viereckigen dicken Türmen, oder dem mystischen Maßwerk keuscher Gotik
+über alten Portalen.
+
+Zur Madeleine schritten wir die breite Steintreppe empor und traten aus
+der heidnischen Pracht ihrer Säulenhalle in das Dämmerdunkel ihres
+Inneren. Eine wunderschöne Nonne kniete regungslos am Eingang, die
+Sammelbüchse vorgestreckt in schmalen weißen Händen. Und als wir uns
+wieder zum Gehen wandten, schweifte der Blick über die zu unseren Füßen
+sich dehnende Straße und die majestätische Größe der Place de la
+Concorde, wo Menschen und Wagen sich verloren wie Spielzeug, bis weithin
+zur Kuppel des Invalidendoms. Er hütete, was sterblich war an dem
+korsischen Riesen, der die Welt formte nach seinem Willen, und der, ein
+Lebender, noch heute die Stadt Paris erfüllt.
+
+Durch Alleen breiter Kastanienbäume, deren dunkle große Blätter schwarze
+Schatten auf die hellen Wege warfen, gingen wir langsam hinauf, wo der
+Triumphbogen des Etoile sich, von weichen Morgennebeln umspielt, mit den
+Wolken zu verschmelzen schien. Und in den Gärten der Tuilerien verloren
+wir uns. Zarte Kinder mit künstlich geringelten Locken spielten auf
+feinen Plätzen, alte Herren, mit dem roten Bändchen im Knopfloch,
+fütterten die Vögel, von einer Schar Zuschauer umgeben, deren Interesse
+fast wie Andacht war. Von den Bäumen tanzten leise die gelben Blätter;
+eine träumerisch süße Luft, die Geräusche und Farben dämpfte, spielte
+zärtlich um den grauen Königspalast des Louvre und streichelte sanft die
+Gesichter der Vorübergehenden, als wollte sie sie trösten, weil es schon
+Herbst geworden war. Und selbst die Bettler auf der Brücke, und die
+schmutzigen Savoyardenknaben, die ihre Ware feil boten, und die alten
+Buchhändler, die ihre stockfleckigen Schartäken auf den Quaimauern
+aufbauten, lächelten leise. Der Fluß aber wälzte sich lautlos vorüber;
+seine Wasser schimmerten in gebrochenen Farben wie müde Opale.
+
+»Eine vornehme Frau ist Paris,« sagte ich nachdenklich, als wir von
+unserem ersten Ausgang zurückgekehrt waren, »eine vornehme Frau, deren
+schöne Züge die Wehmut des Alterns umflort ...«
+
+Am Abend verließen wir wieder das Hotel. Jetzt brauste die Weltstadt:
+rauschende Kleider, rollende Wagen, girrendes Lachen, wüstes
+Geschrei --, zu einem einzigen Ton verschmolz das alles. Zwischen den
+Bäumen der Boulevards strahlten die Laternen wie endlose Lichterketten,
+breit quoll das Licht aus den Cafés über wippende Federhüte und
+spiegelnde Zylinder. Nur auf dem riesigen Concordienplatz wirkten die
+Bogenlampen wie Brillanten auf dem dunkelgrauen Samt der Nacht.
+
+Da plötzlich leuchtete jenseits zwischen den Bäumen ein Wunder auf: ein
+schimmerndes Tor aus Juwelen erbaut, eine Märchenstadt dahinter, deren
+Mauern Kristall, deren Türme Feuerbrände waren; die Weltausstellung. Wir
+folgten dem wimmelnden Menschenstrom, dessen Rauschen sich aus allen
+Sprachen der Welt zusammensetzte. Es war ein einziger Traum aus
+Tausendundeine Nacht. Ein Turm, aus strahlenden Goldfäden gewoben, trug
+auf seiner diamantenen Spitze die schwarze Kuppel des Himmels. In
+tiefdunkle Teiche ergossen sich Kaskaden von Licht. Der stille Fluß
+spiegelte Paläste wieder, die allen Glanz der Welt an seinen Ufern
+vereinigt hatten. Die Brücken spannten sich über ihn wie lauter
+glückverheißende Regenbogen. Und wer sie überschritt, den empfing
+jenseits ein Lachen, ein Singen, ein Jubeln, -- als gäbe es nirgends
+Tränen mehr. Ein Taumel erfaßte die Menschen: von den Terrassen
+herunter, -- aus den weit geöffneten Türen bunter Häuser lockte die
+Freude in sehnsüchtigen Geigentönen, in wilden Trompetenstößen. Dort
+tanzte Loie Fuller, die lebendig gewordene Flamme: wenn sie sich
+aufwärts schwang, züngelten die Schleier über ihrem Haupte, wenn sie
+sich neigte, leuchtete sekundenlang ihr schneeweißer Busen. Drüben
+trippelte auf Stöckelschuhen Sada Yacco, die Japanerin; aus ihren
+geschlitzten Augen sprühten Blitze fanatisierter Kunst, auf ihren
+Gewändern leuchteten Blumen der Hölle und Vögel des Paradieses. Und
+unter dem bunten Zeltdach ringelten sich Schlangen um den halbnackten
+Leib der Indierin, züngelten zärtlich um ihre braune Haut, während ihre
+kleinen Füße, von goldenen Ringen umklirrt, sich im Takte bewegten und
+ihre Arme sich ausstreckten -- eine einzige Gebärde verlangender
+Lust ...
+
+ * * * * *
+
+Mitten im Gewühl trafen wir Geier, der zum Sozialistenkongreß nach Paris
+gekommen war. »Ein Riesenvarieté, -- nichts weiter,« brummte er, »im
+Grunde widerwärtig.« Ich erwachte wie aus einem Traum: die Gesichter der
+Tänzerinnen erschienen mir plötzlich fratzenhaft; wo die Schminke sich
+verwischte, grinste hinter dem Lächeln der Freude die rohe Sucht nach
+Gewinn. Und der lichtgewobene Turm, der den Himmel trug, war aus Eisen;
+Menschlein kletterten selbstbewußt bis in seine Spitze, und hoheitsvoll
+wich die Sternenkuppel weit, weit zurück vor ihnen. Kulissen aus Gips
+und Leinwand waren die Paläste, Glas die Juwelen im Portal.
+
+»Man soll einen Mondsüchtigen nicht anreden,« sagte ich. »Schon glaubt
+ich mich wirklich auf dem Wege zur Erfüllung einer Sehnsucht, die mit
+mir geboren zu sein scheint --«
+
+»Und die wäre?« fragte Heinrich. Ich zögerte; ich wußte, wie falsch ich
+verstanden werden könnte.
+
+»Bacchantische Lust zu sehen, überströmende, jauchzende Lebenswonne, --
+die dabei eines Gottes würdig wäre. Immer ist Freude so etwas
+Armseliges, -- Mutloses.«
+
+»Dann sind Sie jedenfalls in Paris am rechten Ort. Übrigens hätte ich
+Ihrer norddeutschen Prinzessinnenwürde nicht so exotische Phantasien
+zugetraut,« spottete Geier. »Aber immerhin, -- ich, als alter Pariser,
+kann Ihnen vielleicht heute noch dienen.«
+
+Wir verließen die Ausstellung, überquerten den Platz bis zur Rue Royal.
+
+»Maxim« stand in großen Buchstaben über der Tür des Restaurants, in das
+wir eintraten. Auf den hohen Stühlen vor dem Schenktisch der Bar saßen
+elegante Männer mit müden, gelangweilten Gesichtern. Aus dem Saal
+dahinter klang gedämpfte Musik. Die Frauen unter seinen Spiegelwänden an
+den kleinen, blumengeschmückten Tischen flüsterten nur hie und da
+miteinander. Sie waren alle schön und jung. Hellblond und üppig die eine
+im weißen Seidenkleid, Perlen in den rosigen Ohren, rieselnde Perlen um
+den runden Hals und einen matten Perlenglanz in den großen hellen Augen.
+Statuenhaft die andere neben ihr, die prachtvolle Gestalt eng in roten
+Samt gehüllt, die schmalen Finger von Brillantringen bedeckt, die
+nachtschwarzen Haare in glatten Scheiteln um die Schläfen. Und
+rothaarige, hinter deren durchsichtiger Haut blaue Adern klopften,
+brünette, mit dem bräunlich warmen Ton der Südländerin, reihten sich
+ihnen an, eine schneeweiße dazwischen, mit rosigem Antlitz, als wäre die
+Pompadour aus dem langweiligen Jenseits in ihr geliebtes Paris
+zurückgekehrt. Zuweilen standen sie auf und schritten langsam auf und
+nieder; ihre Kleider raschelten, als ob schillernde Salamander durch
+dichtes Blattwerk schlüpften, das aufreizende gleichmäßige Klipp-klapp
+der hohen Absätze ihrer Seidenschuhe tönte dazwischen, in ihren Juwelen
+brachen sich hundertfarbig die Lichter, Wolken betäubenden Duftes zogen
+hinter ihnen her. Sie waren wie exotische Blumen aus fremden Urwäldern.
+
+Die Musik ging in Walzermelodien über. Und durch die offenen Türen kamen
+allmählich die Herren aus der Bar, -- alte und junge Greise. Nüchtern,
+lustlos, wie der Trainer ein Rennpferd, musterten sie die Frauen. Sie
+erwachten erst zum Leben, als der Sekt in den Gläsern vor ihnen perlte.
+Ihre Blicke wurden zu lüsternem Greifen, ihr Lachen wurde gemein. Sie
+erschienen wie rohe Barbaren gefangenen Königinnen gegenüber. Und jetzt
+begannen die Geigen zu jauchzen, rascher und rascher füllten sich die
+Gläser und leerten sich wieder, die Paare schwangen sich in rasendem
+Tanz; -- dort senkte ein Graubart die zittrigen Kniee vor einer jungen
+Schönen und trank aus ihrem weißseidenen Schuh.
+
+»Nun?!« fragend wandte sich Geier mir zu. Ich zuckte die Achseln:
+»Nennen Sie das bacchantische Lust?! Wenn Männer sich erst betrinken
+müssen, um für Frauenschönheit zu entflammen, und Frauen nur durch den
+Rausch, der ihre Augen und ihre Sinne umnebelt, den Ekel vor diesen
+Männern zu überwinden vermögen?!«
+
+Wir gingen. Über die Boulevards schob und drängte sich die Menge:
+Fremde, mit gespannten Zügen, überall ungeheuerliche Enthüllungen der
+Sünde erwartend, kleine bescheidene Provinzfrauen mit einem dirnenhaften
+Funkeln in den Augen, Kinder, blaß und übernächtig, immer noch Blumen
+verkaufend, den alten wissenden Blick halb neidisch auf die geschminkten
+Kokotten gerichtet, die wie Götzenbilder sich durch die dunkeln Massen
+bewegten.
+
+War Paris nicht doch ihresgleichen?
+
+ * * * * *
+
+Als wir am nächsten Morgen den Sitzungssaal des Internationalen
+Kongresses betraten, blieb ich schon an der Tür erschrocken stehen: das
+tobte und schrie, pfiff und trampelte, als sollte ein Sensationsstück zu
+Fall gebracht werden. Vandervelde, der belgische Volksführer, stand auf
+der Rednertribüne, aber weder seine Autorität, noch der sonore Klang
+seiner schönen Stimme, noch die beschwörenden Gesten seiner
+aristokratischen Hände wurden Herr über die entfesselte Leidenschaft der
+Menge. Drohende Fäuste reckten sich zu ihm empor: »À bas les
+ministériels!« tönte es im Takt von der einen Seite, wo sich um Jules
+Guesde, den französischen Liebknecht, die Anhänger scharten. Wer es
+nicht vorher wußte, erfuhr es angesichts dieser Versammlung: nur um eine
+Kardinalfrage des Sozialismus konnte ein so wüster Kampf entbrennen. Die
+Vertreter des alten revolutionären Gedankens behaupteten standhaft ihre
+Intransigenz: »Die Befreiung der Arbeiter kann _nur_ ein Werk der
+Arbeiterklasse selbst sein, jedes Paktieren mit der bürgerlichen
+Gesellschaft ist ein Verrat an der Sache des Proletariats.« Von diesen
+lapidaren, jedem Arbeitergehirn leicht einzuprägenden Sätzen aus,
+verurteilten sie notwendigerweise den Eintritt des Sozialisten Millerand
+in das Ministerium und forderten vom Kongreß eine offizielle Anerkennung
+ihres Standpunktes. Wider Vandervelde, der die Vermittlungsresolution
+der Deutschen verteidigt hatte, erhob sich der Italiener Ferri; die
+schönheitstrunkenen Romanen jubelten schon seiner bloßen Erscheinung zu,
+und als er mit all den klassischen Worten der Revolution jonglierte, wie
+ein geschickter Taschenspieler mit glänzenden Kristallkugeln, und den
+Revisionismus von der Landtagswahlbeteiligung der Deutschen bis zum
+Ministerialismus der Franzosen als einen Abfall brandmarkte, dankte
+ihm brausender Beifall. Die graziösen Französinnen auf den
+Zuschauertribünen, denen der Kongreß dieselben Nervenreize bot wie eine
+Première, schlugen begeistert die weißbehandschuhten Händchen
+aneinander, und des Redners dunkler Blick grüßte dankend die
+seidenrauschenden Vertreterinnen des Kapitalismus, gegen den er eben zum
+Kampf gerufen hatte.
+
+Dann kam Jaurès, der das moderne republikanische Frankreich in der
+Dreyfusaffäre gegen Klerikalismus und Militarismus verteidigt hatte, --
+eine untersetzte Gestalt, mit dem breiten blonden Kopf eines Germanen.
+Er wird es schwer haben, dachte ich angesichts dieser Versammlung, die
+ihre Redner ästethisch zu werten scheint. Aber schon der erste Laut
+seiner Stimme zog die Menge in seinen Bann: sie war wie das Meer;
+selbst wenn sie ruhig schien, war Sturm in ihr, und wenn sie anschwoll,
+schlug sie donnernd gegen die Mauern, wie die Wogen gegen den Fels. Ich
+war nicht imstande auf die Worte zu achten, ich hörte nur den Klang,
+jenen musikalischen Tonfall der Sprache, der die Wesensart des ganzen
+Volkes enthüllt, eines Volkes, das durch logische Schlüsse
+wissenschaftlicher Deduktionen niemals überzeugt zu werden vermag, wenn
+nicht der Künstler in ihm durch die Schönheit der Form, durch das Pathos
+des Ausdrucks gepackt wird, eines Volkes, von dem ich plötzlich begriff,
+daß es die Bastille stürmen und Napoleon Bonaparte zu seinem Kaiser
+krönen konnte.
+
+Ich war noch wie benommen, als wir abends den Saal verließen. An der Tür
+begrüßten uns unsere Landsleute. »Eine unglaubliche Gesellschaft!«
+schimpfte der eine. »Für nichts ist gesorgt: nicht mal Bleistift und
+Papier gibt's auf den Tischen.« -- »Und keine Möglichkeit, die Anträge
+rechtzeitig drucken zu lassen,« fügte ein zweiter hinzu, -- »man weiß
+nich mal, wo man essen jehn soll,« brummte ein dritter.
+
+Jetzt fühlte ich mich wieder in Deutschland.
+
+Wir unterhielten uns, als wir zusammensaßen, über die deutsche
+Resolution. »Sie ist aus Wenn und Aber zusammengesetzt, und einem Fall
+Millerand ist zwar die Tür geschlossen, aber das Fenster geöffnet,« --
+räsonierten die Vertreter des sechsten berliner Wahlkreises, für die der
+Eintritt eines Sozialisten in ein bürgerliches Ministerium keine
+taktische, sondern eine prinzipielle Frage war. »'Die Eroberung der
+Regierungsgewalt kann nicht stückweise erfolgen,'« las stirnrunzelnd
+einer der Wortführer des Revisionismus; »das ist ein Satz, den wir
+unmöglich unterschreiben können, denn in parlamentarisch regierten
+Staaten kann und wird sie nicht anders als allmählich vor sich gehen.«
+
+Am Morgen darauf stimmten die Deutschen trotzdem geschlossen für die
+Resolution, um die Einigkeit der Partei zu dokumentieren, und sicherten
+ihr dadurch ihre Annahme. Ich war froh, daß ich kein Mandat besaß, denn
+die vielgerühmte Disziplin unserer Genossen mißfiel mir, die die
+persönliche Ansicht dem Willen der Mehrheit unterwarf; die
+individualistische Haltung der Franzosen schien mir ein Beweis größerer
+innerer Stärke zu sein. Ich äußerte meine Ansicht, als wir mit unseren
+näheren Bekannten nachts vor einem Boulevardcafé zusammensaßen, und
+stieß auf heftigen Widerspruch. »Unsere Disziplin hat uns groß gemacht,«
+hieß es von allen Seiten. »Numerisch groß, -- gewiß,« antwortete ich,
+»ob aber entsprechend einflußreich?! In England, wo die Partei so
+zerrissen ist wie hier, durchdringt die sozialistische Idee alle Kreise,
+gehören Sozialisten allen öffentlichen Körperschaften an, in Frankreich
+stützt sich die Republik auf Sozialisten, und ein einziger
+sozialistischer Minister ist imstande, in Monaten mehr Reformen auf dem
+Gebiete des Arbeiterschutzes durchzuführen, als seine Vorgänger während
+Jahrzehnten --«
+
+»Und in Deutschland übernahm unsere Reichstagsfraktion im Kampf gegen
+die Lex Heinze die Führung und rettete Wissenschaft und Kunst vor
+unerhörter Knebelung,« unterbrach mich einer der Anwesenden lebhaft; »es
+geht langsam bei uns, aber es geht, und selbst die Resolution, deren
+Annahme durch uns Sie so verurteilen, ist ein Zeichen des
+Fortschrittes. Sie hat dem falschen Radikalismus eine seiner Spitzen
+abgebrochen indem sie der politischen Taktik freie Hand ließ.«
+
+»Dazu, scheint mir, werden die Verhältnisse Radikale und Revisionisten
+stets ohne weiteres zwingen. Die Preisgabe persönlicher Überzeugung war
+überflüssig,« antwortete ich.
+
+»So halten Sie es für besser, wenn man um verschiedener Ansichten willen
+wie verzankte Kinder nach rechts und links auseinander läuft?!«
+
+»Es scheint mir jedenfalls richtiger, als klaffende Gegensätze mit den
+morschen Brettern gegenseitiger Konzessionen überbrücken zu wollen.«
+
+Eine augenblickliche Stille trat ein; man sah erwartungsvoll auf Geier,
+der eben hinzugetreten war.
+
+»Politik besteht aus Konzessionen,« erklärte er und strich gleichmütig
+die Asche von seiner Zigarre; »aber davon versteht ihr Weiber nichts.
+Für das Geschäft seid ihr entweder zu gut oder zu schlecht, darum laßt
+die Finger davon. Übrigens: -- Ich habe eine Nachricht in der Tasche,
+die den Wünschen der Genossin Brandt entgegenkommt: Euer neuer Prophet,
+Bernstein, wird Deutschland in persona beglücken dürfen.«
+
+Von allen Seiten mit Fragen nach dem Wie und Warum bestürmt, fuhr Geier
+mit einem spöttischen Blick auf mich in seinem Berichte fort: »Die
+deutsche Regierung hofft auf eine Spaltung der Partei. Es ist Bülows,
+des neuen Reichskanzlers, erste Heldentat, wenn er das Ausweisungsdekret
+gegen Bernstein nicht mehr wiederholt. Viel Glück zu diesem Zuwachs, Ihr
+lieben Reichsdeutschen!« Damit erhob er sich, flüchtig grüßend.
+
+Wir gingen schweigsam nach Haus, mein Mann und ich, in unsere kleine
+möblierte Wohnung, die wir nach langem Suchen endlich gefunden hatten.
+Ich fühlte auf diesem Heimweg deutlicher als je, daß wir allmählich auch
+innerlich nebeneinander und nicht miteinander gingen. In der Nacht hörte
+ich, wie unruhig er sich hin und her warf, und sah im Laternenlicht, das
+matt durch die Fensterscheiben drang, wie zerquält seine Züge waren. Er
+litt, -- und ich wußte nicht warum; ich, die ich ihm am nächsten stand,
+hatte ihn allein gelassen! Das Herz krampfte sich mir zusammen. Waren
+nicht jene Frauen wirklich die besseren gewesen, die nichts hatten sein
+wollen, als ein allzeit offenes Gefäß für die Schmerzen und die Kämpfe
+des Gatten? Vielleicht waren sie die tiefste Bedingung seiner Kraft.
+
+»Heinz,« flüsterte ich zaghaft und griff nach seiner Hand, »warum
+sprichst du nicht mit mir? -- Irgend etwas lastet auf dir --.«
+
+Er lächelte mich an. »Gutes Kind, -- beunruhige dich doch nicht! Du hast
+mit dir selbst genug zu tun und mit deiner Arbeit.«
+
+»Du aber nimmst teil daran, -- du hilfst mir, und ich sollte dir nicht
+helfen dürfen?! -- Hängt es am Ende damit zusammen, daß du dem Archiv
+innerlich untreu geworden bist?« drängte ich.
+
+»Woher weißt du das?« fuhr er auf.
+
+»Ich habe doch Augen im Kopf, -- ich sehe, wie oft du die Korrekturen
+ungeduldig zur Seite wirfst --«
+
+»Du hast recht,« antwortete er, »ich hätte dich nur gern mit meinen
+Angelegenheiten verschont, so lange sie mir selbst so unklar sind. Als
+ich das Archiv ins Leben rief, war die Sozialpolitik ein unbebautes
+Ackerland. Jetzt, wo der Samen aufging, kann jeder Garben schneiden --«
+
+»Ich verstehe,« unterbrach ich ihn lebhaft, »wir beide gehören zu denen,
+die Wege anlegen, aber nicht die Steine dafür karren können.«
+
+»Wege anlegen --,« wiederholte er, »ganz richtig! Und dafür ist in der
+Partei jetzt die Zeit gekommen. Gräßlich, angesichts dieser Aufgabe die
+Hände gebunden zu haben! Dem Revisionismus fehlt es an einem geistigen
+Mittelpunkt, einem unabhängigen Organ, das an Stelle bloßer Verneinung
+die Ideen praktischer Politik in die Köpfe der Massen hämmert, das die
+geistigen Kräfte der Intellektuellen in den Dienst unserer Sache zieht.
+Die Lex Heinze hat sie aus dem Schlaf geweckt, -- auch hier müßte das
+Eisen geschmiedet werden, solange es warm ist.«
+
+»Und wieso sind dir dafür die Hände gebunden?!« rief ich aus, von den
+Gedanken, die er aussprach, gepackt. »Der Plan muß ausgeführt werden!«
+
+»Bei all deiner Klugheit bist du doch ein ganz dummes Katzel!« sagte er.
+»Oder wächst dir ein Kornfeld auf der flachen Hand?! Kein bürgerlicher
+Verleger würde ihn verwirklichen helfen, ein Parteiverlag erst recht
+nicht ...«
+
+Ich dachte an den Amerikaner Garrison, der seine der Idee der
+Sklavenbefreiung gewidmete Zeitschrift selbst schrieb und druckte. Ob
+wir nicht diesem Beispiel folgen könnten? Mein Mann lachte mich aus.
+»Selbst wenn wir unsere ganze Arbeitskraft der Sache opfern würden, ohne
+pekuniäre Mittel hülfe das nichts. Ich sehe nur eine Möglichkeit, um
+zum Ziel zu gelangen --,« er brach ab, als habe er schon zuviel gesagt.
+
+»Die wäre?«
+
+»Der Verkauf des Archivs. Mit dem Erlös könnte man die Zeitung ins Leben
+rufen --«
+
+»Warum versuchst du das nicht?!« Ich ärgerte mich, daß er nur einen
+Moment hatte zögern können. Er sah mich forschend an.
+
+»Ist das Tapferkeit oder Leichtsinn, was aus dir spricht? -- Mit dem
+Verkauf des Archivs ist die Sicherheit unserer Existenz preisgegeben.
+Wir können bei dem neuen Unternehmen alles verlieren --«
+
+»Darüber bin ich keinen Augenblick im Zweifel,« antwortete ich ernst.
+»Aber mir scheint, gegenüber der Größe der Aufgabe fallen persönliche
+Bedenken nicht ins Gewicht.«
+
+Wir waren einig. Von nun an widmete mein Mann all seine freie Zeit der
+Verwirklichung seines Gedankens. Er trat mit deutschen Verlegern in
+Verkaufsverhandlungen, und wenn ich angesichts ihrer wiederholten
+Resultatlosigkeit oft nahe daran war, den Mut zu verlieren, so schien
+der seine mit jedem Mißlingen neu zu wachsen. Er wandte sich an die
+bekannteren Revisionisten, und wenn ihre zögernden Antworten mich
+deprimierten, so steigerten sie nur seine Energie. Und meine Liebe, die
+unter der grauen Asche der Alltäglichkeit nur noch leise geglimmt hatte,
+glühte auf, wie Waldfeuer im Sturm. Je stärker ich die Überlegenheit
+seines Willens empfand, desto mehr liebte ich ihn. Und gewohnt, mein
+eigenes Erleben zu betrachten wie der Forscher ein wissenschaftliches
+Experiment, aus dem er bestimmte allgemeine Schlüsse zieht, sah ich,
+daß eine der Theorien der modernen Frauenbewegung sich angesichts der
+Erfahrung wieder einmal als leere Konstruktion erwies.
+
+»Das geistig entwickelte, seelisch differenzierte Weib ist die
+Voraussetzung und Bedingung tieferer und dauernder Beziehungen zwischen
+den Geschlechtern,« hatte meine alte Gegnerin, Helma Kurz, noch kürzlich
+in dem ihr eigenen geschwollenen Stil den Lesern ihrer Zeitschrift
+verkündet. Sie identifizierte Liebe und Freundschaft, weil sie -- das
+einsame alte Mädchen -- wie der Blinde von der Farbe sprach. Weibesliebe
+ist Hingabe an den Höherstehenden, gleichgültig ob das Herz, das sie
+empfindet, unter dem groben Hemd der Dienstmagd oder dem Talar der
+Doktorin beider Rechte schlägt. Darum wird die erotische Treue um so
+seltener sein, je stärker das Weib sich geistig und seelisch
+individualisiert.
+
+ * * * * *
+
+Mit noch größerem Eifer als früher stürzte ich mich in meine Arbeit;
+nicht nur, weil der Augenblick schreckhaft näher rückte, in dem ich das
+Honorar dafür nicht mehr würde entbehren können, sondern mehr noch, weil
+das Buch vollendet sein mußte, ehe die neue Aufgabe -- die Zeitschrift
+meines Mannes -- an mich herantrat.
+
+Archive, Arbeitsämter und Bibliotheken öffneten sich mir ohne
+Schwierigkeit. Vom Minister bis zum Portier verleugnet der Franzose die
+Kultur des achtzehnten Jahrhunderts nicht, auch wenn die Dame, die ihm
+begegnet, keine Marquise ist; jeder beeilt sich, ihr behilflich zu
+sein, ihr entgegenzukommen, kein spöttisches Lächeln, keine
+herunterhängenden Mundwinkel verraten der arbeitenden Frau, wie der Mann
+sie im Grunde wertet.
+
+Je mehr ich mich aber in die Arbeit versenkte, desto höher türmten sich
+die Probleme der Frauenfrage um mich auf, -- die sozialen, die
+ethischen, die sexuellen entwickelten sich eines aus dem anderen, als
+kröche ein Drache aus dunkler Höhle hervor, ein Glied um das andere
+vorschiebend, langsam, endlos. Wenn ich mich morgens zum Fortgehen
+rüstete und mein Kind die runden Ärmchen um meinen Hals schlang und bat
+und schmeichelte: »Mamachen, bleib doch mal bei mir, -- Mamachen, bitte,
+bitte, erzähl' mir nur eine einzigste schöne Geschichte --,« dann
+erschien mir mein eigenes Leben wie jene unheimliche Höhle, und in mein
+eigenes Herz bohrte der Drache seinen Giftzahn. Wie gläubig hatte ich
+früher den alten Vorkämpferinnen der Frauenbewegung gelauscht, wenn sie
+von jenen Amerikanerinnen erzählten, die ihre Pflichten als Mütter,
+Hausfrauen und Berufsarbeiterinnen in so unvergleichliche Harmonie
+zueinander zu setzen vermochten. Ich erinnerte mich vor allem jener
+Advokatin, die neben ihrer großen Praxis sechs Kinder erzogen und einen
+großen Haushalt allein geleitet haben sollte.
+
+»Infame Lügen alter Jungfern!« dachte ich grimmig. Und doch war ich
+selbst noch eine Bevorzugte. Kam ich nach Haus, so fand ich mein Kind in
+guter Obhut und unseren Tisch gedeckt.
+
+Der Berta, die mit so viel Tränen durchgesetzt hatte, bei mir zu
+bleiben, verdankte ich die äußere Arbeitsmöglichkeit. Ich konnte ihr
+nicht dankbar genug sein.
+
+Aber Millionen armer Frauen arbeiten in der Werkstatt und in der
+Fabrik, während die Straße ihrer Kinder Hüterin ist und sie gezwungen
+sind, nach der Hast der Arbeit noch die unzureichende Ernährung für sich
+und die Ihren selbst zu bereiten. So unschätzbar die wirtschaftliche
+Selbständigkeit des Weibes sein mag, sind die Opfer des Mutterherzens
+und des Kinderglücks nicht ein zu hoher Preis für sie? Ich fand aus der
+Wirrnis nicht heraus: auf der einen Seite diese Not, auf der anderen
+Seite die liebezerstörende pekuniäre Abhängigkeit des Weibes vom Mann.
+
+Die deutschen Gewerbeaufsichtsbeamten hatten um jene Zeit eine
+Untersuchung über die Arbeit verheirateter Frauen in der Industrie
+angestellt. Die Ergebnisse lagen mir vor: überall war es die bittere
+Notwendigkeit, die ihnen zwischen dem natürlichen Weibesberuf und dem
+Erwerb außerhalb des Hauses keine Wahl ließ. Und alles deutete darauf
+hin, daß ihre Zahl ständig zunehmen würde. Nichts schien mir im
+Augenblick so wichtig, als die Lösung dieser brennenden Frage. Es galt
+auf der einen Seite, dem Säugling die Mutter zurückzugeben, und auf der
+anderen, das Weib von der Last doppelter Pflichten zu befreien. Ich
+baute meinen alten Plan der Mutterschaftsversicherung aus, -- fest
+überzeugt, daß über kurz oder lang die Regierungen gezwungen sein
+würden, ihm näher zu treten. Aber selbst seine Verwirklichung würde die
+notwendige Arbeitsteilung zwischen Hausfrau und Berufsarbeiterin nicht
+herbeiführen.
+
+»Laß einmal heut deine Nachmittagsarbeit,« sagte Heinrich eines Tages,
+als ich in meine Grübeleien versunken nach Hause kam. »Wir sind zur
+Einweihung eines Arbeiter-Restaurants geladen, -- France und Jaurès
+werden dort sein --«
+
+»Du weißt, ich darf mich nicht ablenken lassen,« antwortete ich
+mißmutig.
+
+»Diesmal ist aber die Sache interessant genug, um eine Ausnahme von der
+Regel zu entschuldigen,« meinte er. »Eine genossenschaftliche Gründung
+der Art liegt auf dem Wege zu unseren Zielen.« Ich horchte auf: irgend
+etwas, halb Unbewußtes, packte mich.
+
+In einer engen Seitenstraße des Boulevard Montparnasse lag ein altes
+kleines Haus geduckt zwischen hohen Mietskasernen. In seinem neuen
+Anstrich, mit den Girlanden um die Türe und den Fähnchen an den Fenstern
+sah es lustig aus wie ein altes Männlein, das goldene Hochzeit feiert.
+Drinnen um die festlich gedeckten Tafeln herrschte eitel Fröhlichkeit.
+
+»Daß wir es erreicht haben, -- endlich!« sagte glückstrahlend einer der
+Leiter. »Seit Jahren sammeln wir Sou um Sou, um die armen Arbeiter
+dieser Gegend von der Ausbeutung der Kneipenwirte zu befreien, und um
+den zahllosen arbeitenden Familienmüttern ein gutes und billiges
+Mittagsmahl zu verschaffen.«
+
+Ich reichte dem Manne die Hand und drückte sie herzhaft; er sah mich
+verwundert an: er konnte nicht wissen, welch ein Geschenk er mir eben
+gegeben hatte.
+
+Die breite Gestalt von Jaurès erschien in der Türe, hinter ihm die
+elegante eines vornehmen Graubarts, dessen geistfunkelnde Augen über die
+große schiefe Nase unter ihnen zu spotten schienen. »Anatole France,«
+stellte Jaurès ihn uns vor. Wir waren sofort in lebhaftem Gespräch.
+
+»Ich mag nicht fehlen, wenn die sozialistische Arbeiterschaft irgendwo
+einen Fuß breit Boden gewinnt,« sagte er; »je mehr die Bourgeoisie an
+Idealismus verloren hat, desto unfruchtbarer ist sie für uns
+Intellektuelle. Wir müssen uns stets zu den Hoffenden und Werdenden
+halten, wenn wir nicht selbst absterben wollen.«
+
+»Unsere deutschen Intellektuellen halten sich lieber zu denen, die zwar
+an Hoffnungen arm, aber an Gold und Juwelen um so reicher sind --,«
+antwortete ich.
+
+Er lächelte ungläubig: »Wirklich?! In einem Lande, das sprichwörtlich
+reich an hungernden Dichtern und arm an Männern ist?!«
+
+Dann wurde er zerstreut, zog ein Blatt Papier aus der Tasche, überflog
+es wieder und wieder und reichte es Jaurès: »Ich bin kein Redner und
+soll durchaus sprechen. Was meinen Sie, wenn ich das hier sage?« Dabei
+stieg die Röte der Verlegenheit in das gebräunte Gesicht des berühmten
+Mannes.
+
+Wir setzten uns zu Tisch. Ich konnte nicht glauben, daß die vielen
+Menschen um uns herum mit den selbstverständlich guten Manieren, dem
+freimütigen Ton, der ohne weiteres jeden Abstand der Bildung und des
+Milieus ausglich, die Ärmsten der Armen waren. Ich sah es erst
+allmählich an den hohlen Wangen und sorgfältig vernähten Flicken auf den
+Kleidern. Und doch aßen und tranken sie, als ob sie alle Tage satt
+würden.
+
+France sprach; stockend, schüchtern, aber mit einem so warmen Ton in der
+Stimme, daß er alle gefangen nahm. Und dann wußten sie auch von ihm:
+»Unser großer France,« flüsterte stolz einer dem anderen zu, und ein
+paar kleine Nähmädchen mit harten zerstochenen Fingern brachten ihm die
+Veilchensträußchen, die sie im Gürtel trugen.
+
+Als ich am nächsten Tage wieder bei der Arbeit saß, war mein neuer Plan
+fix und fertig: »Haushaltungsgenossenschaften« nannte ich ihn. In den
+Arbeitervierteln der großen Städte sollte jede Mietskaserne mit einer
+Zentralküche versehen sein, die den Bewohnern ihre Mahlzeiten liefert.
+In den Häusern der Arbeiter-Baugenossenschaften müßte der Anfang damit
+gemacht werden; Kinderkrippen und Kinderhorte zum Tagesaufenthalt der
+Mutterlosen sollten sich anschließen; die genossenschaftliche
+Wirtschaft, der Einkauf im Großen müßte, so berechnete ich, die Kosten
+für die anzustellenden Arbeitskräfte aufbringen. Einsichtige Kommunen
+würden sich allmählich bereit finden, solche, für die physische und
+moralische Gesundheit der Bevölkerung überaus wichtige Häuser selbst zu
+bauen. Mit der Befreiung von der doppelten Arbeitslast der
+Hauswirtschaft und der außerhäuslichen Erwerbsarbeit würde einer der
+wichtigsten Teile der Frauenfrage ihrer Lösung entgegengeführt werden.
+Und was für die Arbeiterin galt, das galt ebenso für die geistig tätige
+Frau. Ich war so erfüllt von meiner Idee, daß ich vor freudigem
+Herzklopfen nächtelang schlaflos blieb. Mit dieser Sache konnte ich bis
+zum Erscheinen meines Buches nicht warten. Gerade jetzt, wo das Problem
+der Erwerbsarbeit verheirateter Frauen auf der Tagesordnung stand, mußte
+ich damit hervortreten.
+
+Ich schrieb an Wanda Orbin und teilte ihr mit, daß ich an der Hand der
+neuesten Fabrikinspektorenberichte eine kurze Broschüre über die für die
+Arbeiterinnenbewegung so wichtige Frage der Beschäftigung verheirateter
+Frauen in der Industrie schreiben wolle und von ihr nur erfahren möchte,
+ob nicht etwa von anderer Seite ähnliches geplant würde. Irgendwelche
+Details gab ich ihr nicht.
+
+Sie antwortete mir umgehend, daß sie selbst seit längerer Zeit mit der
+Bearbeitung der Frage beschäftigt sei. »Ich habe mich nunmehr
+entschlossen,« fuhr sie fort, »die einzelnen Teile meiner Arbeit als
+selbständige Broschüren erscheinen zu lassen, um sie weiteren Kreisen
+leichter zugänglich zu machen. Die erste enthält die grundsätzliche
+Auseinandersetzung der Frage der Fabrikarbeit verheirateter Frauen und
+des gesetzlichen Arbeitterinnenschutzes, das Manuskript liegt im
+wesentlichen bereits fertig vor... Sie werden mir kaum zumuten, auf die
+Veröffentlichung zu verzichten, weil an anderer Stelle die Behandlung
+derselben Frage beabsichtigt wird...«
+
+Nein: ich dachte nicht daran, um so weniger, als es mir nichts genutzt
+haben würde. Ich wollte auch nicht mit Wanda Orbin in einen lächerlichen
+Konkurrenzkampf eintreten. Mochte ihre Schrift zuerst erscheinen, -- mir
+würde nachher genug zu sagen übrig bleiben.
+
+Während der Monate, die wir noch in Paris verlebten, erschien sie jedoch
+nicht, und die verschiedenen Parteibuchhandlungen wußten nichts von ihr.
+
+ * * * * *
+
+Schwer und grau hing der Winterhimmel über Paris. Zuweilen tanzten weiße
+Flocken in der Luft, und dann schien's, als ob es hell werden wollte;
+aber die schmutzige Straße verschlang sie. Die Obst- und Gemüseauslagen,
+die im Sonnenschein sonst so bunt und lockend den Vorübergehenden
+angelacht hatten, sahen welk und unappetitlich aus. Die kleinen Mädchen
+mit den schönfrisierten Köpfchen, die vor kurzem noch lachend und
+kokettierend mit spitzen Hacken klappernd über das Pflaster getrippelt
+waren, liefen jetzt fröstelnd ihres Wegs mit verfrorenen, mißmutigen
+Gesichtern.
+
+Wer jetzt dicht am Kaminfeuer sitzen und träumen könnte! Aber nach wie
+vor ging ich dieselben Wege durch alte enge Gassen und saß mit eisigen
+Füßen in dunkeln Bureaus. Wußte ich noch, daß es Paris war, in dem ich
+lebte? Lebte?!! War das wirklich Leben?! Hatte nicht am Ende auch mich
+die schmutzige Taglöhnerstraße verschlungen? Mich, die ich licht und
+frei sein wollte? Wenn wir abends zuweilen aus unserem stillen
+Stadtwinkel zum rechten Seineufer hinübergingen, wo die Bogenlampen
+festlich zu strahlen beginnen, wo hinter glänzenden Spiegelscheiben
+Juwelen und Spitzen und märchenhaft schimmernde Gewänder prahlend ihre
+Schönheit entfalten und Equipagen und Automobile hin und wieder rollen,
+aus denen schöne Frauenköpfe nicken und lächeln wie seltene
+Treibhausblumen hinter ihrem Glashaus, -- nur zum Schmuck einer Nacht
+gezüchtet, -- dann fühlte ich im verborgensten Winkel meines Herzens
+einen stechenden Schmerz.
+
+Am Eingang zum Opernhaus standen dicht gedrängt arme junge Mädels; sie
+warteten auf die eleganten Damen, die mit seidenbeschuhten Füßchen und
+langen Schleppen den Wagen entstiegen. Sie ließen sich von den Rädern
+mit Kot bespritzen, um vom Glanze des Lebens nur einen Schein zu
+erhaschen.
+
+Wir hatten bei einigen Parteigenossen Besuch gemacht, -- auch bei
+Millerand, -- und waren mit einer Liebenswürdigkeit empfangen worden,
+als wären wir längst erwartete alte Freunde. Aber es blieb bei ein paar
+förmlichen Einladungen mit oberflächlichen allgemeinen Gesprächen.
+Während mein Mann einen unvereinbaren Gegensatz in dem Benehmen unserer
+Gastgeber empfand, fühlte ich mich plötzlich in die Umgebung meiner
+Jugend zurückversetzt und verstand sie.
+
+Der Franzose ist ein geborener Aristokrat, er hat jene Kultur des
+Benehmens, jene Liebenswürdigkeit der Form, die zugleich eine
+unübersteigliche Mauer ist, hinter der sich das persönlich Menschliche
+verbirgt.
+
+Wir gerieten auch in einen literarischen Salon, dessen Herrin tout Paris
+um sich zu versammeln verstand. Sie war von unverwüstlicher Schönheit,
+und ihre Küche war berühmt. Als wir nach Hause gingen, war mein Mann
+befriedigt und angeregt und ich schlechter Laune. »Hast du dich denn
+nicht amüsiert?« fragte er mich schließlich.
+
+»Ganz und gar nicht,« antwortete ich, »und wenn ich nicht fürchten
+müßte, daß meine Ehrlichkeit mich in deinen Augen herabsetzt, --«
+
+»Aber Alix,« lachte er und zog meinen Arm fester durch den seinen, »du
+weißt, daß du mich immer entzückst, wenn du du selber bist.«
+
+»So will ich's drauf ankommen lassen und dir gestehen, daß ich die Rolle
+des unbeteiligten Zuschauers in jeder Gesellschaft, -- und wäre es die
+interessanteste, -- unerträglich finde. Es ist ja sicher lehrreich, zu
+erfahren, daß der Wert der Frau in Paris mit dem Wert ihrer Kosmetik und
+ihrer Toilette steigt und fällt, aber da ich auf dem Gebiet nicht
+konkurrieren kann --«
+
+Heinrich lachte noch lauter. »Du liebe Eitelkeit, du,« war alles, was er
+sagte, während die Röte der Beschämung mir noch auf den Wangen brannte.
+
+Ein andermal folgte ich der Einladung einer der führenden
+Frauenrechtlerinnen in die Redaktion ihrer Zeitung. Ich bewunderte schon
+lange die Energie, mit der sie die Frauen -- französische Frauen! --
+zwang, die politischen Tagesereignisse zu verfolgen, und an der Seite
+der Zola und Jaurès an dem Kampf für Dreyfus teilgenommen hatte. Ich
+erwartete unwillkürlich eine typische Feministin: harte Züge, eckige
+Bewegungen, männliche Kleidung. Schon die Räume, die ich betrat,
+überraschten mich; sie hatten alle das Aussehen und das Parfüm eines
+eleganten Boudoirs. Ein paar Damen gingen vorüber, -- sie hätten ebenso
+beim five o'clock im Grand Hotel erscheinen können. Dann kam die
+Leiterin selbst. Wenn sie mir bei Maxim begegnet wäre, ich hätte mich
+nicht gewundert. Ihre Schönheit hatte trotz aller statuenhaften Kühle,
+-- oder vielleicht gerade deshalb, -- etwas Sieghaftes.
+
+»Je radikalere Feministen wir sind, desto stärker müssen wir unser
+Weibsein betonen,« sagte sie im Lauf des Gesprächs. Ich stimmte ihr
+lebhaft zu und dachte an ihre deutschen Gesinnungsgenossinnen, die den
+Gegensatz zwischen der Weltdame und der Frauenrechtlerin nicht genug
+glaubten zeigen zu müssen.
+
+»Sie vergessen nur eins,« fuhr ich fort. »Die Pflege der Schönheit
+kostet Zeit und Geld. Und die eigentlichen Trägerinnen der
+Frauenbewegung, die Frauen, die heute im Kampf ums Dasein stehen, haben
+keins von beiden.«
+
+»Darum müssen wir es ihnen schaffen,« warf sie lebhaft ein und führte
+mich, um ihre eigene Tätigkeit nach dieser Richtung zu illustrieren, in
+den Setzersaal, wo lauter junge Mädchen beschäftigt waren. Unter den
+großen Schürzen lugten zierliche Kleider hervor, die hübschen
+Lockenköpfchen hätten höheren Töchtern gehören können. Ihre Augen
+folgten mit schwärmerischer Bewunderung der stolzen Gestalt ihres
+weiblichen Chefs, die sich, umgeben von Veilchenduft, mit einem leisen
+Wiegen in den Hüften durch ihre Reihen bewegte. Ich hörte später, sie
+sei eine grande amoureuse, eine von jenen, deren Herzen kalt bleiben,
+wenn ihre Sinne glühen. »Ihre Mittel sind unerschöpflich,« sagte man mir
+mit einem vielsagenden Lächeln. Mich interessierte dieser Typus, der mir
+in Deutschland nicht würde begegnen können. Ich versuchte, ihr näher zu
+treten. Doch auch sie blieb stets dieselbe: geistvoll, liebenswürdig, --
+aber unnahbar.
+
+ * * * * *
+
+Unser Pariser Aufenthalt neigte sich seinem Ende zu. Mein Buch war fast
+fertig. Es fing schon an, sich von mir loszulösen und vor mir zu stehen
+wie etwas Fremdes, nicht mehr zu mir Gehöriges, mit dem ich auch
+innerlich abgeschlossen hatte. Es war wie eine erstiegene Höhe, von der
+aus ich nun weiter gehen mußte. Meine Gedanken kreisten immer enger um
+die neue Aufgabe, die wir uns gestellt hatten. Meine Hoffnungen, genährt
+von der Liebe zu meinem Mann, der seine Lebensbestimmung glaubte
+gefunden zu haben, übertönten die leise warnenden Stimmen meines
+Inneren.
+
+»Du kannst nur schaffen, wenn du dich selbst behauptest,« sagten sie.
+
+»Du wirst die Sache zum Siege führen, wenn du dich selbst hingibst,«
+frohlockte die Hoffnung.
+
+Ich glaubte ihr.
+
+Heinrich fuhr voraus nach Berlin. Ich erinnerte mich während der letzten
+acht Tage, daß ich in Paris war. Mein Junge jubelte, weil er nun jeden
+Morgen mit »Mamachen« gehen durfte. Die Berta hatte auf ihren
+Spaziergängen mit ihm viel mehr gesehen als ich; der kleine Bub wurde
+mir zum Führer. Er kam sich dabei sehr wichtig vor. Zuerst zog er mich
+in atemloser Eile durch die Tuilerien hindurch zu »der Frau, die ein
+Soldat war«. Ich lächelte: war es doch meiner frühsten Kindheit Traum
+gewesen, das Vaterland zu befreien wie sie! Stolz und siegessicher,
+Frankreichs Fahne fest in der Hand, erhob sich ihr Standbild vor mir;
+sie war den Stimmen in ihrer Brust gefolgt, -- unbeirrt; aus dem
+Scheiterhaufen, der ihren Leib verzehrte, erhob sie sich nur noch
+größer.
+
+»Die Jungfrau von Orleans, -- ist das ein Märchen?« fragte der Kleine,
+als ich ihm die Geschichte erzählt hatte, und sah mit nassen Augen zu
+der Reiterin empor.
+
+»Nein, es ist Wahrheit,« antwortete ich.
+
+»Warum verbrannten sie denn die bösen Menschen?« Auf seine glatte
+Kinderstirn gruben sich tiefe Falten des Zornes.
+
+»Sie vertragen nur, was ihresgleichen ist,« sagte ich leise, wie zu mir
+selbst.
+
+Unter der hohen Kuppel des Invalidendomes standen wir miteinander. Ein
+breiter Strom bläulichen Lichtes entsprang ihr und wogte tief unten um
+den roten Porphyr, der des großen Korsen Gebeine umschließt. Der Gang
+ringsum, die Kapellen zur Seite schienen im Dämmer zurückzutreten. Mit
+leiser Stimme erzählte ich von dem armen Knaben aus Ajaccio, der, seinem
+Sterne getreu, die Welt eroberte, der das Testament der Revolution
+vollzog, und der auf der Felseninsel im Weltmeer starb -- in Ketten.
+
+»Auch weil -- weil --« das Kind neben mir suchte nach den Worten, deren
+Sinn er nicht verstanden hatte; »weil er zu groß war für die anderen,«
+ergänzte ich.
+
+Am letzten Tage vor unserer Abreise kämpfte der erste
+Frühlingssonnenschein mit den schwarzgrauen Regenwolken; grüne Spitzchen
+lugten neugierig an Büschen und Bäumen aus braunen Hüllen hervor; die
+Kinder mit den langen gedrehten Locken bevölkerten wieder die Gärten.
+
+Ich war stundenlang im Louvre gewesen. Ich hatte die Menschen, die
+Welt, die Jahrhunderte durch die Augen der Größten aller Zeiten gesehen
+und fühlte meinen Geist heller, mein Herz wärmer werden. In der Kunst
+kommt es nicht darauf an, wie die Welt ist, sondern wie die Augen sind,
+die sie betrachten. Nur der Künstler hat recht, dem sie immer Objekt
+bleibt, der im Häßlichen noch das Schöne, im Bösen das Menschliche
+findet.
+
+Und nun, zum Abschied, nahm ich noch einmal den Kleinen mit mir.
+
+»Zur Göttin der Griechen wollen wir,« sagte ich ihm, »die Odysseus und
+Achilles anbeteten.«
+
+Die Leute drehten sich um, lächelnd, spottend, entrüstet, als sie mich
+mit dem Kind an der Hand durch die Säle gehen sahen, bis dahin, von wo
+der Venus von Milo weiße Gestalt uns entgegenleuchtete.
+
+»Warum beten die Menschen nicht?« flüsterte mein Sohn, der die Mütze vom
+Köpfchen gezogen hatte.
+
+In einsamer Herrlichkeit stand sie vor uns, im Bewußtsein ihrer Macht
+und Schöne, zeitlos, beziehungslos. Ihr Blick schweifte hinweg über die
+Menge, gleichgültig, ob sie ihr Opfer zündete oder die Linien ihres
+Körpers mit dem Zirkel maß. Sie herrschte, sie begeisterte und belebte,
+nicht weil sie vom Sockel stieg in den Dienst der Massen, sondern weil
+sie vollendet war in sich.
+
+Droben in den Sälen hingen die Bilder aller derer, die die Menschen,
+denen sie dienten, gekreuzigt hatten: die Heiligen, die Madonnen, die
+Christuskinder. Sollte der Zweck des Daseins nicht doch der Olymp der
+Griechen und nicht der Himmel der Christen sein?
+
+Ich strich mit der Hand über die Stirn. Es war etwas wach geworden in
+mir, das schlafen mußte.
+
+Ein weiches Händchen nestelte sich in das meine: »Warum hat die Göttin
+keine Arme, Mamachen?«
+
+»Zur Strafe, weil sie die Menschen nicht festhielt, die ihrem Tempel
+entliefen.«
+
+
+
+
+Elftes Kapitel
+
+
+Es war ein Sonntag, als wir Berlin wiedersahen. Mir schien, als wären
+wir Fremde. Wie klein, wie armselig war das alles: die Linden mit ihren
+kraftlosen Bäumen und stillosen Häusern, der Pariser Platz mit seiner
+bedrückenden Engigkeit. Und die neuen Stadtteile: eine gute Bürgersfrau,
+die sich herausgeputzt hat, und das bißchen echte Kultur, das sie besaß,
+darüber vollends verlor. Dazwischen die Feiertagsbummler: Der Kontrast
+zwischen ihrer kreischenden Lautheit in Tönen und Farben und dem matten
+Grau des Märztages tat Augen und Ohren weh.
+
+»Ich möchte wissen, wo ich zu Hause bin,« seufzte ich und legte mich
+abends mit jenem Gefühl innerer Leerheit schlafen, das uns zuweilen
+überkommt, wenn wir eine Staatssoirée hinter uns haben. Mir träumte von
+einem riesigen Wasserfall. Noch im Halbschlaf am Morgen hörte ich sein
+Rollen und Rauschen, und je wacher ich wurde, desto stärker schwoll es
+an. Vom Potsdamer Platz herauf klang es; Straßenbahnen, Omnibusse,
+Lastwagen, eilende Menschenfüße waren die Instrumente dieses Konzertes;
+Berlin ging auf Arbeit. Da war kein Winkel ohne Leben.
+
+Drüben in der Leipzigerstraße waren unter der Spitzhacke alte
+Mauern zusammengebrochen, und sieghaft erhob sich jetzt, von
+Riesengranitpfeilern getragen, ein mächtiges Warenhaus, wie selbst Paris
+es nicht kannte, aus dem märkischen Sand. Kein Basar, dessen Bau Gotik,
+Barock und Renaissance durcheinanderwirft, wie seine reklameschreienden
+Schaufenster die Waren, -- ein Stück neuer Kultur vielmehr, die die
+Schönheit der Zweckmäßigkeit erkannte und doch allen Zauber der Kunst
+über sie ausgoß. Die Menschen strömten aus und ein. Sie trugen von all
+jenen glänzenden Goldblumen und köstlichen Steinreliefs, die seine
+inneren Räume schmückten, von den farbenleuchtenden Onyxplatten und
+gemalten Holzdecken, von den Feuertropfen und Lichtgirlanden einen
+Schimmer von Schönheit mit sich nach Haus.
+
+Jenseits des Platzes waren Baumriesen gestürzt, denn dem Verkehr mußte
+die Straße sich weiten, und an der Peripherie der Stadt standen
+reihenweise die Holzgerüste, wie gewaltige Pallisaden, -- Zeichen dafür,
+daß das alte Kleid ihrem Riesenleibe zu eng wurde.
+
+Ein Emporkömmling ist sie, -- gewiß! Aber keiner, den das Glück aufwärts
+trug. Vielmehr einer, der sich durch die Kraft seiner Fäuste den Weg
+bahnte.
+
+Wie die Menschen liefen und hasteten! Sie kannten jenes gemächliche
+Schlendern nicht, mit dem Lächeln der Behaglichkeit auf den Lippen und
+kokettierenden Blicken hin und her. Aller Züge schienen gespannt von
+nervöser Eile, von sorgender Angst, von lastenden Gedanken.
+
+Klingendes Spiel, feste Schritte im Takt kündeten das Nahen von
+Soldaten. Der Verkehr stockte. Wo in Preußen die bewaffnete Macht
+erscheint, gehört ihr die Straße. Und hypnotisiert durch den Marsch,
+durch die Masse, durch wehende Federbüsche und blinkende Uniformen,
+drängte jung und alt ihr nach, ihr voran.
+
+Die Alexander-Grenadiere bezogen heute ihre neue Kaserne: in nächster
+Nähe des Schlosses war sie errichtet worden, eine Zwingburg mit Mauern
+und Schießscharten; und vom Lustgarten aus führte der Kaiser selbst
+seine Garde dem neuen Heime zu, während die Polizei in weitem Bogen das
+gaffende Volk beiseitedrängte, damit der Herrscher allein blieb mit
+seinen Truppen. »Ihr seid die Leibwache eures Königs,« sagte er, »und
+wenn diese Stadt noch einmal wie Anno 48 sich wider ihn erheben wird, so
+seid ihr berufen, die Frechen und Unbotmäßigen mit der Spitze eurer
+Bajonette zu Paaren zu treiben.«
+
+Fürwahr, wenn ich mich bis jetzt wie in einem Traum befunden hatte, nun
+wußte ich: wir waren in Berlin.
+
+ * * * * *
+
+Wir gingen mittags zu Erdmanns. Sie waren erst kürzlich von einer langen
+Seereise zurückgekehrt, die der Arzt ihnen verordnet hatte, und
+schienen, nach den Briefen meiner Schwester zu schließen, befriedigt von
+ihrem Erfolg. Und nun standen sie mir gegenüber, so anders als ich sie
+verlassen hatte. Scharf und eckig traten die Backenknochen aus meines
+Schwagers Gesicht hervor, sein Anzug hing um ihn, als wäre sein Körper
+nichts als ein Knochengerüst. Nur sein Geist schien lebensvoller als je
+und sprühte Funken. Das Schwesterchen dagegen war ebenso still, wie sie
+blaß und schmal war. Wo war das runde Kindergesicht und die glänzenden
+Augen? Seltsam: auch aus ihren Haaren war der Goldschimmer
+verschwunden; es lag wie Asche auf ihnen. Die einstmals lauter Wärme
+ausströmte, hatte eine Atmosphäre abweisender Kühle um sich. Ihre Lippen
+glichen jetzt denen meiner Mutter: scharf, schmal, blutlos. Ich sah, daß
+sie sich mir nicht öffnen würden, und forschte in ihren Zügen; aber auch
+sie blieben verschlossen. Ob sie unglücklich war, weil sie kein Kind
+hatte? Erdmann spielte stundenlang mit meinem Buben, während sie ihn
+kaum mit einem Blick streifte. Wir sprachen von der Mutter, die den
+Winter in Italien verlebt hatte und Briefe schrieb wie ein junges
+Mädchen, das zum erstenmal in die Welt sieht.
+
+»Sie ist glücklich, seitdem sie allein ist,« sagte Ilse. Ein flehender,
+gequälter Blick ihres Mannes traf sie.
+
+»Was spielst du jetzt?« fragte ich, zum Flügel deutend, um das Gespräch
+abzulenken.
+
+»Ich habe die Musik aufgegeben, sie macht mich nervös,« antwortete sie.
+
+»Auch die Oper??«
+
+»Die erst recht! Die offenen Mäuler und gespreizten Arme all der dicken
+Tenöre und Primadonnen zerstören jeden Rest von Illusion. Man kann sie
+bestenfalls ertragen, wenn man geschlossenen Auges zuhört. Aber da man
+immer den übrigen Pöbel um sich hat -- --«
+
+Sie unterbrach sich und schürzte ein wenig spöttisch die Lippen: »Ach
+so, -- entschuldige! Ich vergaß, daß ich euer proletarisches Empfinden
+kränken könnte.«
+
+Erdmann lachte. »Nun -- nun,« meinte er begütigend, »der Pöbel des
+Parketts dürfte doch auch in euren Augen mit dem Proletariat nicht
+identisch sein. Übrigens bin ich mit Ilse einer Meinung: der Zirkus und
+das Überbrettl sind für unsereins allein noch erträglich. Hohe Kunst auf
+der Bühne ist verletzend für Menschen von Kultur. Man sollte dafür
+Marionettentheater schaffen, oder sechsfache Schleier vor die Darsteller
+hängen, damit sie wie Schatten wirken.«
+
+»Unvergleichliche Wirkungen müßten sich dadurch erzielen lassen,« sagte
+Ilse, etwas lebhafter werdend, »zum Beispiel mit herrlichen Sachen, wie
+diesen hier.« Sie wies auf das neuste Heft der Blätter für die Kunst,
+das dramatische Gedichte von Schülern Stefan Georges enthielt.
+
+»Ich lese sie noch immer nicht,« entgegnete ich lächelnd; »weniger denn
+je kann ich heute die hochmütige Abkehr vom Leben vertragen, die das
+Kennzeichen all dieser Menschen ist. Sie berauschen sich am Klang der
+Sprache und bekommen, wenn es zu handeln gilt, zittrige Hände wie
+Absinthtrinker.«
+
+Wir gerieten in eine Debatte, die sich immer schärfer zuspitzte. Ilse
+bekam heiße Wangen und mitten im Gespräch einen heftigen Hustenanfall,
+der mich angstvoll aufhorchen ließ. Erdmann sah in diesem Augenblick wie
+verstört drein. Und wie um gewaltsam den Eindruck abzuschütteln,
+beschloß er, uns durch den Tiergarten zum Hotel zurückzubegleiten.
+
+»Ich bin zu müde --,« sagte Ilse.
+
+»In der frischen Luft wirst du schon munter werden,« damit drängte er
+sie hinaus.
+
+Wir begegneten vielen Menschen, die Erdmanns grüßten. Das stimmte ihn
+fröhlich. »Lauter Leute, die ich einrichte,« sagte er. »Wenn ich erst
+all den Berlin-W.-Protzen zu anständigem Wohnen verholfen haben werde,
+kann ich den ganzen Kram an den Nagel hängen und Pinsel und Palette
+wieder vorholen. Was, mein kleines Ilschen?!« Und zärtlich schob er
+seinen Arm in den ihren. Aber sie senkte den Kopf nur noch tiefer.
+
+ * * * * *
+
+Als die Mutter zurückkehrte, äußerlich und innerlich verwandelt, frisch
+und strahlend, dabei mit gesteigertem Lebensdurst, der sich auf alles
+stürzte, was sich ihr bot, lag Erdmann fiebernd zu Bett.
+
+»Er wird sich erholen, sobald es warm wird,« sagte sie zuerst, und
+erzählte voll freudigem Eifer von ihren schweizer Sommerplänen. Ein paar
+Tage später sah ich sie wieder: gerade, steif, mit zusammengekniffenen
+Lippen, wie damals, als der Vater noch lebte. Die Ärzte hatten sie
+aufgeklärt. Erdmann hatte die Schwindsucht, Ilse schien angesteckt.
+
+Wir nahmen Abschied von Erdmanns. Sie sollten in ein heidelberger
+Sanatorium übersiedeln. Die seidene Decke, unter der er lag, bauschte
+sich kaum sichtbar über dem Körper; die mageren Finger führten eifrig
+den langen Bleistift über das Papier auf seinem Schoß. »Ich muß doch für
+Prinzessin Ilse Geld verdienen,« und ein leidenschaftlicher Blick traf
+die schöne junge Frau, die ihm mit gesenkten Lidern, ruhig und
+pflichttreu, die Arznei zum Munde führte.
+
+Ich kämpfte mit den Tränen, als ich nach Hause kam. Nicht nur, weil
+meine Schwester in einem Augenblick, wo ich sie unglücklich wußte, mir
+fremd, fast feindselig gegenüberstand, sondern weil sie das Opfer einer
+Ehe war, von der ich sie vielleicht hätte zurückhalten können. Ich
+empfand ihre Kühle wie einen Vorwurf.
+
+»Vor Kinderschmerzen hast du mich einst gehütet,« schienen ihre Augen zu
+klagen, »warum hast du mich vor dem schlimmsten nicht bewahrt?« Und wenn
+sie meinen Buben geflissentlich übersah, so wußte ich, was sie damit
+sagen wollte: »Du hast mich über ihm vergessen.«
+
+ * * * * *
+
+Unser Einzug in die neue Wohnung, -- einem Gartenhaus der Uhlandstraße,
+-- war kein fröhlicher. All die tausenderlei Dinge, die mit ihm
+zusammenhingen, vom Auslösen der Möbel auf dem Speicher bis zu den
+Löhnen der Handwerker, hatte unser letztes Geld verschlungen.
+
+»So mach dir doch nichts draus, -- quäle nicht dich und mich mit
+unnützen Sorgen,« rief Heinrich heftig, als ich ihm unsere Lage
+auseinandersetzte. Ich schwieg verletzt. Er war wie ein geistig
+Weitsichtiger, der das Nächste nicht sieht, dem immer nur das Ferne
+gegenwärtig ist. Der Plan seiner Zeitschrift beherrschte ihn völlig. So
+mußte ich mir selber helfen. Ich bat den Verleger meines Buches um mein
+Honorar. Er erfüllte meinen Wunsch ohne weiteres. Heinrich aber wunderte
+sich nicht einmal, wieso ich plötzlich Geld hatte. Für ihn schienen die
+pekuniären Seiten des Lebenskampfes nicht zu existieren, mir dagegen
+nahmen sie alle Schwungkraft und machten mich bis zur Grausamkeit bitter
+gegen ihn. Bat ihn jemand um ein Almosen oder um ein Darlehn, so gab er,
+was er in der Tasche hatte. Wagte ich einen leisen Vorwurf, so gruben
+sich seine Stirnfalten noch tiefer, und es kam immer häufiger vor, daß
+er mir mit einem: »Sieh lieber, daß deine Berta dich nicht betrügt!«
+antwortete. Dann erst war die Entzweiung eine vollkommene. Nichts schien
+mir ungerechter, als dieses Mädchen zu verdächtigen, das sich für uns
+aufopferte und nicht einmal eine Aufwärterin zu ihrer Hilfe zuließ. Daß
+sie allmählich in ihrem Aussehen und Benehmen zu einem »Fräulein«
+geworden war, schien mir im Interesse meines Jungen nur vorteilhaft,
+während Heinrich es als Folge meiner Verwöhnung ansah und behauptete,
+ich verdürbe nur das einst so schlichte Bauernmädchen.
+
+Lange freilich währten unsere gegenseitigen Verstimmungen nie. Vor den
+klaren Augen unseres Kindes, denen nichts entging, schämten wir uns
+ihrer. Seine Jugend sollte nicht durch den Unfrieden seiner Eltern
+vergiftet werden, wie die meine.
+
+»Nu lach doch wieder ein ganz kleines bißchen!« Damit kletterte er
+schmeichelnd auf seines Vaters Knie. »Nich wahr, Mamachen, du gibst dem
+Heinzpapa gleich einen dicken, runden Kuß!« Damit lief er zu mir und
+legte das weiche Bäckchen zärtlich an meine Wange.
+
+Waren wir so versöhnt, so fühlten wir den Stachel nicht, der sich
+trotzdem immer tiefer in unsere Herzen bohrte.
+
+ * * * * *
+
+Gleich nach unserer Ankunft hatte ich den Genossinnen meine Rückkehr
+mitgeteilt. Auch das war der Anlaß zu einer kleinen Auseinandersetzung
+zwischen uns gewesen.
+
+»Willst du dich wirklich wieder in die unfruchtbare Arbeit stürzen?!«
+sagte mein Mann ärgerlich.
+
+»Gewiß,« entgegnete ich mit jener Gereiztheit, die mich immer überkam,
+wenn ich meine persönliche Freiheit durch ihn gefährdet glaubte. »Ich
+sehe die Frauenbewegung mehr denn je als das Gebiet an, auf dem ich
+wirken muß.«
+
+»Du wirst in unserer Zeitschrift genug für sie tun können, -- mehr als
+in eurem Kaffeekränzchen!«
+
+Ich zuckte spöttisch die Achseln und meinte gedehnt: »Wenn ich darauf
+warten soll!« Im selben Moment aber bereute ich schon, ihn an seiner
+empfindlichsten Stelle verletzt zu haben. Es lag wahrhaftig nicht an
+ihm, wenn seine Idee noch nicht verwirklicht war.
+
+Unsere Gesinnungsgenossen, mit Einschluß von Bernstein, der sie noch von
+London aus in Briefen an meinen Mann lebhaft begrüßt hatte, stimmten ihr
+rückhaltlos zu, aber es fand sich niemand, der auch nur einen Pfennig
+für sie gegeben oder sich sonst um ihre Ausführung bemüht hätte. Daß
+auch dies nur ein Symptom für die Uneinigkeit und Unklarheit des
+Revisionismus war, empfand jeder von uns. Eine Bewegung war vorhanden,
+aber es fehlte ihr die starke Hand eines Führers, der sie
+zusammenzufassen und ihr Richtung zu geben vermag. Wir erwarteten für
+die Sache wie für unseren Plan, der ja nur in ihren Diensten stehen
+sollte, von dem persönlichen Eingreifen Bernsteins nicht wenig.
+
+An einem Maienabend des Jahres 1901, dessen Luft vom Brodem
+lebensschwangerer Erde so gesättigt war, daß er selbst mitten in der
+steinernen Öde der Stadt fühlbar wurde, drängten sich die Menschenmassen
+in einem engen Saal dicht zusammen; sie trugen in ihren Haaren und
+Kleidern den Duft des Frühlings mit herein, und der ganze Raum schien
+erfüllt von seinem Fieber. Es waren keine Arbeiter. Aber die
+intellektuelle Jugend war es. Besann sie sich endlich auf sich selbst?
+War sie im Begriff, Ideale aufzurichten, die einer großen Kraft und
+eines großen Kampfes würdig waren? Die sozialwissenschaftliche
+Studentenvereinigung Berlins hatte diese Versammlung einberufen und
+Eduard Bernstein zum Redner gewählt. Ihre berühmtesten Lehrer saßen
+unter ihnen, dazwischen die politischen Führer jener Linken, -- die
+Barth, die Naumann, die Gerlach, -- die, abgestoßen von allen anderen
+bürgerlichen Parteien, zwischen ihnen und der Sozialdemokratie die
+unfruchtbare Rolle des Puffers spielte. Sie alle hofften, -- bewußt oder
+unbewußt, -- daß dieser Abend irgendeine Quelle erschließen würde, an
+der sie nicht nur ihren Durst stillen könnten, sondern deren Wasser sich
+zum Strome weiten und alle ihre irrenden Schiffe zu tragen vermöchten.
+
+»Wie ist wissenschaftlicher Sozialismus möglich?« lautete die Frage, auf
+die Bernstein die Antwort geben wollte. Er trat an das Rednerpult.
+Hinter den Brillengläsern sahen seine kurzsichtigen Augen mit einem
+verlegen-erstaunten Blick auf die Menge der Zuhörer. Dann sprach er.
+Mit einer Stimme, die brüchig klang. In abgehackten Sätzen. Ein Mann,
+der an die Enge der Studierstube gewohnt war, nicht an die
+Volksversammlung. Schon zog der Schatten der Enttäuschung über den
+hoffnungsfrohen Glanz auf den Gesichtern. Schüchtern und leise tauchte
+hie und da schon die Frage auf: »Was hat er eigentlich? -- Was will er?«
+
+Daß der Sozialismus von spekulativem Idealismus erfüllt und darum nicht
+Wissenschaft sei, die im voraussetzungslosen Streben nach Erkenntnis
+bestehe; daß die Arbeiterbewegung vom Wollen eines bestimmten Zieles,
+vom Glauben an ein bestimmtes Zukunftsbild getragen sei und nicht vom
+Wissen, -- es war kaum möglich, aus der langen Rede etwas anderes
+herauszuhören, als diese wenigen, für den Ausgangspunkt einer neuen
+Bewegung viel zu negativen Gedanken.
+
+Zuweilen schien es, als ob der Vortrag nichts wäre als das laut
+gewordene Grübeln eines Menschen über Dinge, die ihn selbst noch als
+Probleme quälen. Er war so mit sich beschäftigt, daß er nicht fühlte,
+jener elektrische Strom, der ihn zuerst mit den Zuhörern verband, sich
+mehr und mehr verflüchtigte, statt daß er ihn benutzt hätte, um die
+unerschütterten, befreienden Gedanken des Sozialismus diesen offenen
+Seelen einzuprägen, ihnen den Willen zur Tat zu vermitteln, nach dem
+ihre junge Kraft sich sehnte.
+
+Wir hatten einen Künder neuer Wahrheit erwartet, und ein Zweifler war
+gekommen, dem des Pontius Pilatus Frage Geist und Gewissen bewegte.
+
+Ein feiner durchdringender Regen rieselte hernieder, als wir den Saal
+verließen. Mich fröstelte. Ich wäre am liebsten still nach Hause
+gegangen.
+
+»Nun?! In diesem zweieinhalbstündigen Redefluß sind Ihnen wohl alle
+Felle weggeschwommen?« sagte eine sarkastische Stimme neben mir. Ich sah
+in Rombergs lächelndes Gesicht und machte eine abwehrende Bewegung; mir
+war nicht zum Scherzen zumute. »Und nun rasch, kommen Sie beide mit, in
+irgend einen gemütlichen Winkel. Wir haben uns eine Welt zu erzählen;«
+damit versuchte er, einen Weg durch die Menge zu bahnen. Seine
+aufrichtige Freude über unser Wiedersehen tat mir in diesem Augenblick,
+in dem ich so viel verloren zu haben glaubte, doppelt wohl.
+
+»Lassen wir's heute,« meinte mein Mann mißmutig, »wir würden nur Ihre
+gute Laune verderben.«
+
+»Oder ich Ihre schlechte, da meine die dauerhaftere ist,« lachte
+Romberg.
+
+Wir gingen zusammen in eins der zunächst gelegenen Restaurants, aber der
+»gemütliche Winkel«, den wir uns aussuchten, wurde rasch zum
+Kriegsschauplatz, denn eine ganze Gesellschaft Versammlungsbesucher fand
+sich allmählich ein, und jeder hatte das Bedürfnis seinem Herzen Luft zu
+machen. Es zeigte sich nun erst recht, wie unklar Bernstein gesprochen
+hatte: je nach der politischen oder philosophischen Richtung, der der
+einzelne zugehörte, gab er seinen Worten eine andere Deutung.
+
+»Das Todesurteil des Marxismus!« triumphierte der Nationalsoziale.
+
+»Nein,« antwortete scharf einer unserer radikalen Parteigenossen, »ein
+Todesurteil seiner selbst! Er hat als wissenschaftlicher Sozialist
+abgedankt.«
+
+Und nun wurden aus seiner Rede einzelne Sätze herausgerissen, die der
+und jener sich notiert hatte, und betrachtet und zerpflückt. Als eine
+Rückkehr zum Utopismus wurde bezeichnet, daß er die »Wünschbarkeit einer
+sozialistischen Gesellschaftsordnung« für den Hebel der Agitation und
+die werbende Kraft der Partei erklärt hatte.
+
+»Nur alte wundergläubige Weiber lockt man damit hinter dem Ofen hervor,«
+spottete einer; »auch das himmlische Jerusalem war 'wünschbar', und doch
+haben wir die Fahrt dahin aufgegeben, weil seine Existenz unbeweisbar
+blieb.«
+
+»Vollends lächerlich,« fügte ein anderer hinzu, »ist die Behauptung, daß
+die Einsicht in die größere Gerechtigkeit sozialistischer Einrichtungen
+uns zu Sozialisten gemacht hat. Mag sein, daß Mitleid mit den Armen,
+Empörung gegen die Ungerechtigkeit manch einen zuerst in unsere Reihen
+trieb. Aber bloße Empfindungen verflüchtigen sich, wenn die Erkenntnis
+sie nicht auf realen Boden zwingt. Würde Bernstein wirklich die Frage
+nach der Wissenschaftlichkeit des Sozialismus verneinen können, so wäre
+er so viel wert, als das Christentum bisher gewesen ist.«
+
+Romberg hatte zuerst ruhig zugehört.
+
+»Jetzt zerzausen sie den armen Bernstein, weil er ihnen nicht die letzte
+Wahrheit gab!« sagte er nun, während aller Augen sich auf ihn richteten.
+»Die Wissenschaft ist doch nichts Fertiges, sondern ein ewiges Suchen!
+Er sucht, und beweist dadurch, daß er denkt. Wissenschaftlich abgedankt
+hat nicht er, sondern haben diejenigen seiner Gegner, die jeden Satz im
+Lehrgebäude des Sozialismus für ein unersetzliches Glied in der Kette
+der sozialistischen Beweisführung halten. Dieser Dogmatismus könnte die
+Bewegung töten, nicht aber der Revisionismus, auch wenn er sich noch so
+täppisch gebärdet.«
+
+»Bernsteins Kritik vernichtet doch aber geradezu grundlegende Ideen des
+Marxismus?« wandte der Nationalsoziale ein.
+
+»Und wenn schon?!« antwortete Romberg. »Der Bau des marxistischen
+Systems ist so genial, daß sich Mauern herausbrechen lassen, ohne ihn zu
+gefährden. Die Tatsache des Klassenkampfes schaffen Sie nicht aus der
+Welt, sie allein genügt, um die Naturnotwendigkeit des Sozialismus zu
+beweisen.« Er trank sein Glas leer und erhob sich mit einem hochmütigen
+Blick auf die verdutzten Gesichter der Tischgenossen. »Unser Schicksal
+ist unentrinnbar, -- damit muß man sich abfinden,« sagte er, »aber
+wünschbar -- weiß Gott! -- ist's für unsereinen nicht. Ich bin bloß
+froh, daß die berühmte 'lutte finale' sich erst auf meinem Grabe
+abspielen wird.«
+
+Wir gingen zusammen.
+
+»Ich danke Ihnen,« sagte ich, als wir draußen waren; der niederdrückende
+Eindruck der Rede Bernsteins war verwischt.
+
+»Im Grunde habe ich ja auch nur für Sie gesprochen --,« es war der
+teilnehmende Blick eines Freundes, mit dem er mir bei den Worten in die
+Augen sah, -- »ich bin so gewohnt, Sie stark zu sehen, daß mir Ihr
+Kummer förmlich weh tat.«
+
+Er begleitete uns bis nach Haus. Mein Mann weihte ihn in unsere Pläne
+ein.
+
+»Und Sie sind einverstanden? Sie wollen am Ende gar mittun?!« wandte er
+sich an mich.
+
+»Mit allen Kräften, -- gewiß!« antwortete ich. »Was können Sie dagegen
+haben, nach all den Gedanken, die Sie heute über den Sozialismus
+entwickelten.«
+
+»Ich mag Sie mir nicht vorstellen, -- auf dem Drehschemel vor dem
+Redaktionspult, -- die Schmierereien anderer Leute korrigierend. Sie
+gehören ins achtzehnte Jahrhundert --«
+
+»Gewiß! An die Seite der Madame Roland --!« unterbrach ich ihn rasch.
+
+Nach und nach erwärmte er sich für unseren Gedanken. »Mit all dem
+Kleinbürgerlichen, Philiströsen in Ihrer Partei werden Sie gründlich
+abrechnen müssen,« meinte er im Laufe des Gesprächs, »weite Horizonte
+geben, die über den Misthaufen des Nachbarn hinausgehen.« Und er
+verbreitete sich über die Stellung der Partei zur auswärtigen Politik.
+
+»Hier trennen sich unsere Wege, lieber Professor,« sagte mein Mann. »Sie
+werden kaum erwarten, daß ich als Sozialdemokrat auf diesem Gebiet Ihre
+Wandlungen mitmache.«
+
+»Wandlungen?! Wieso?!« ereiferte sich Romberg. »Es entspricht der
+Konsequenz meiner Entwicklung, daß ich für den Kolonialbesitz
+Deutschlands eintrete und demzufolge für die Flottenvorlage agitiert
+habe. Traurig genug, daß ihr Sozialisten euch, scheint es, erst belehren
+lassen werdet, wenn ihr die Macht im Staate habt! Das ist, -- verzeihen
+Sie, liebe Freundin! -- der unglückselige feministisch-sentimentale
+Einschlag in der Sozialdemokratie, der sie für die notwendigen, großen,
+-- wenn Sie wollen -- grausamen Forderungen der Kultur blind und taub
+macht. Der Kampf um die Macht ist die Bedingung unserer Entwicklung.
+Die Frage, die uns die Weltgeschichte stellt, ist einfach die: soll uns
+die Erde gehören oder den Negern und den Chinesen? Die Antwort scheint
+mir nicht zweifelhaft.«
+
+Ich sah empört zu ihm auf: »So sind Sie für das Chinaabenteuer mit all
+seinem Gefolge von Hunnentum und für die Kolonialkriege mit all ihrer
+Unmenschlichkeit?! Das heißt doch nicht, Forderungen der Kultur
+erfüllen, sondern die Kultur preisgeben, die wir haben!«
+
+»Ich bin für die Erschließung Chinas, die für unseren Handel eine
+Notwendigkeit ist; ich bin für die Kolonialkriege, die den Boden
+gewinnen für unsere Volksvermehrung, aber daraus folgt doch nicht, daß
+ich die Greuel des Krieges verteidige. Ich nehme sie nur um der größeren
+Werte willen in den Kauf, wenn sie unvermeidlich sind ... Wir würden
+heute noch in Urwäldern wohnen, wenn wir mit den wilden Tieren Mitleid
+gehabt hätten.«
+
+Eine lebhafte Debatte über die volkswirtschaftliche Bedeutung der
+Kolonien und der »offenen Tür« Chinas entspann sich zwischen meinem Mann
+und Romberg. Ich hörte kaum zu; der Gedanke an die Urwälder und die
+wilden Tiere ließ mich nicht los und spann sich wie von selber weiter.
+Ich horchte erst auf, als Romberg sagte: »Wenn die Sozialdemokratie sich
+nicht entschließt, die Sache der Starken zu führen, so wird ihr Sieg
+eine Niederlage der Menschheit sein.«
+
+Vor unserer Haustür nahmen wir Abschied voneinander.
+
+»Was wird denn aber mit dem Archiv?« wandte sich Romberg noch einmal an
+Heinrich; »es wäre ein Jammer, wenn es zugrunde ginge!«
+
+Mein Mann zuckte die Achseln. »Wissen Sie einen Käufer dafür?« fragte
+er statt einer Antwort.
+
+»Einen Käufer? -- Vielleicht!« meinte Romberg nachdenklich.
+
+Eine leise Hoffnung stieg in uns auf.
+
+ * * * * *
+
+An einem der folgenden Tage kam ich zum erstenmal seit meiner Rückkehr
+mit den Genossinnen zusammen. Man empfing mich kühl, -- fast als bedaure
+man, mich überhaupt wieder zu sehen. Ich unterdrückte den aufsteigenden
+Ärger. Bald würden sie mir ganz anders begegnen. Lag erst mein Buch in
+ihren Händen, -- das Buch, das eine wissenschaftliche Leistung und ein
+Bekenntnis war, -- so würden sie mich alle freudig willkommen heißen.
+
+In dem Jahr meiner Abwesenheit waren die Fortschritte der
+Arbeiterinnenbewegung nicht erheblich gewesen. Man hatte versucht, durch
+Einrichtung von Beschwerde- und Auskunftsstellen einen persönlichen
+Zusammenhang mit den der Bewegung noch fremd gegenüberstehenden
+Arbeiterinnen zu schaffen. Ich lächelte unwillkürlich, als ich davon
+hörte. Vorschläge der Art hatte mein so leidenschaftlich bekämpfter Plan
+eines Zentralausschusses für Frauenarbeit enthalten.
+
+Für den Arbeiterinnenschutz und gegen die Beschränkung der Fabrikarbeit
+verheirateter Frauen war auf Grund eines Parteitagsbeschlusses eine
+größere Agitation entfaltet worden. Die Erfolge waren minimal.
+
+»Es fehlt uns immer noch an packenden Schriften, die wir verbreiten
+könnten,« meinte eine der Frauen.
+
+»Ist denn Genossin Orbins Broschüre noch nicht erschienen?« fragte ich
+und begegnete erstaunten Gesichtern.
+
+»Genossin Orbins Broschüre?!« wiederholte Ida Wiemer. »Von der wissen
+wir nichts!«
+
+»Ich habe doch darauf hin meine eigene Absicht, eine solche zu
+schreiben, aufgegeben!« rief ich aus, -- noch immer wollte ich nicht
+glauben, woran doch nicht mehr zu zweifeln war: sie hatte mich nur an
+der Arbeit hindern wollen! Martha Bartels lächelte ironisch. Ich hörte,
+wie sie ihrer Nachbarin zuflüsterte: »Sie will sich nur aufspielen, --
+uns glauben machen, daß sie auch mal was zu arbeiten die fromme Absicht
+hatte --,« und ich sah wie ihre Worte von Mund zu Mund gingen und die
+Mienen sich klärten.
+
+»Wenn Sie sich mit der Frage beschäftigt haben,« sagte sie dann laut und
+hochmütig, »so können Sie ja ein paar Referate übernehmen.«
+
+Ich war bereit dazu.
+
+»Vielleicht sprechen Sie auch bei uns?« fragte die Vorsitzende des
+Arbeiterinnenbildungsvereins; »es müßte freilich ein anderes Thema
+sein.«
+
+»Gern!« antwortete ich und war entschlossen, die Frage der
+Haushaltungsgenossenschaft bei der Gelegenheit zur Erörterung zu
+bringen.
+
+»Frauenarbeit und Hauswirtschaft« nannte ich meinen Vortrag, der schon
+eine Woche später stattfand. Der niedrige, enge Raum der Arminhallen war
+überfüllt, als ich eintrat. Eine Anzahl bürgerlicher Frauenrechtlerinnen
+suchten sich in den Winkeln des Saales zu verbergen. Sie hatten mein
+Auftreten bei Gelegenheit des internationalen Frauenkongresses nicht
+vergessen und zeigten nicht gern ihr Interesse für mich.
+
+Ich stellte in großen Zügen die Entwicklung der Frauenarbeit dar, von
+ihrer ersten Beschränkung auf das Haus bis zu ihrer heutigen Ausdehnung
+auf alle Berufe, und die parallel laufende Evolution der Hauswirtschaft
+von jenen Zeiten an, wo innerhalb ihres Kreises alle Bedürfnisse der
+Familie hergestellt wurden, bis zur Gegenwart, wo nichts von ihr übrig
+geblieben war als der Herd. Ich schilderte die Lage der erwerbstätigen
+Familienmütter, die physischen und seelischen Gefahren, denen ihre
+Kinder ausgesetzt sind, und ich erörterte die Zunahme der Berufsarbeit
+verheirateter Frauen nicht nur auf dem Gebiet der manuellen, sondern
+auch auf dem der geistigen Arbeit. »Die unausbleiblichen Folgen dieser
+Tatsachen liegen auf der Hand: entweder bricht der weibliche Körper
+unter der doppelten Arbeitslast des Hauses und des Berufs vorzeitig
+zusammen und der Geist büßt seine Leitungskraft ein, oder die
+Häuslichkeit wird vernachlässigt, und die junge Generation wird durch
+Mangel an Pflege und hygienisch einwandfreier Ernährung aufs äußerste
+geschädigt ... Die Gefahr ist zu groß, zu dringend, als daß wir uns mit
+dem Appell an die Hilfe des Staats genügen lassen dürften, wir müssen zu
+gleicher Zeit zur Selbsthilfe greifen.« Und nun entwarf ich
+meinen Plan. »Hungernde englische Weber waren die Schöpfer der
+Konsumgenossenschaften, deren Kauffahrteischiffe heute die Meere
+durchziehen; der Wohnungsnot armer Arbeiter entsprang die Idee
+der Baugenossenschaften, deren Häuser überall aus der Erde
+wachsen, -- sollte der Jammer der Frauen und der Kinder nicht die
+Haushaltungsgenossenschaft ins Leben rufen können?«
+
+Ich fühlte die wachsende Erregung, die sich der Zuhörerschaft
+bemächtigte. Es war das Zentrum der Interessensphäre der meisten, in das
+ich getroffen hatte. Aber auf den Sturm, der sich erhob, war ich doch
+nicht gefaßt gewesen. Alle jene Gründe, mit denen die Sozialdemokratie
+vor Jahrzehnten der Selbsthilfe der Gewerkschaften entgegengetreten war,
+mit denen sie heute noch vielfach den Genossenschaften entgegentritt, --
+als Ablenkungen vom Hauptziel, der Verwirklichung des Sozialismus, und
+vom allein wichtigen Kampf: dem politischen; als Versöhnungen des
+Proletariers mit dem Gegenwartsstaat, -- wurden mir wie ein Hagel von
+Pfeilen entgegengeschleudert. Es fehlte nicht an scharfen Seitenhieben
+auf meinen Revisionismus, der sich darin dokumentiere, daß ich innerhalb
+der kapitalistischen Gesellschaftsordnung sozialistische Ideen
+verwirklichen wolle, wie die alten, überwundenen Utopisten.
+
+Nur wenige unterstützten mich. Die Frauenrechtlerinnen schwiegen.
+
+Bereits am nächsten Morgen ging mein Vortrag durch die Presse,
+entstellt, verspottet, beschimpft.
+
+»Der Zukunfts-Karnickelstall, wo sich das Familienleben auf das
+Schlafzimmer beschränkt«, hieß es in der konservativen Presse; von der
+»Kaserne als Idealzustand« sprach die liberale. Als die Spottlust
+befriedigt war, kamen die pathetischen Artikel, die angesichts der
+drohenden Zerstörung der Familie ihre Kassandrastimme erhoben. Und in
+den »Sprechsälen« und »Frauenecken« zeterten die guten Hausfrauen, deren
+einziges Zepter der Kochlöffel war. Hatte ich sie schon durch die
+Dienstbotenbewegung gegen mich aufgebracht, -- jetzt standen sie mir als
+ein Heer gerüsteter Feinde gegenüber. Der Kochherd war wirklich nicht
+nur der Inhalt, sondern die Grundlage ihres Familienlebens.
+
+»Die Männer werden überhaupt nicht mehr heiraten, wenn sie keine
+Hausfrau brauchen,« jammerte eine ehrliche Naive.
+
+Ich wartete vergebens auf die Unterstützung der Frauen, die mir ihre Not
+oft selbst geklagt hatten: der Schriftstellerinnen, Ärztinnen,
+Künstlerinnen.
+
+»Nur ein Jahr lang sollten unsere männlichen Kollegen Suppe kochen und
+Strümpfe stopfen,« hatte einmal eine von ihnen ausgerufen, »und wir
+würden an dem Fehlen großer Leistungen ihre geistige Minderwertigkeit
+beweisen können!«
+
+In den Blättern der Frauenbewegung fand mein Plan keinen Widerhall.
+Helma Kurz rief Ach und Wehe über mich, die ich »alle Frauen aus der
+trauten Häuslichkeit in die Kaserne« treiben wolle. Keine der
+Führerinnen der Frauenbewegung begriff, daß die Befreiung der
+erwerbstätigen Frau von der Sklaverei der Küche eine ihrer
+Programmforderungen sein müßte. Nur eine kleine Gruppe Menschen, die in
+der Öffentlichkeit unbekannt waren, schloß sich mir allmählich an, und
+ein paar Baumeister meldeten sich, die den Mut gehabt hätten, ein Haus
+nach meinem Plan aufzuführen, -- mit abgeschlossenen kleinen Wohnungen
+und Speiseaufzügen aus der Zentralküche. Wir waren überzeugt, nur ein
+lebendiges Beispiel würde genügt haben, um die Bewegung in Fluß zu
+bringen. Aber wir waren zu wenige, um das Bestehen des Hauses zu
+sichern, und mein Name, -- der der Sozialdemokratin, -- schreckte viele
+ab. Sie fürchteten den kommunistischen Zukunftsstaat im Kleinen.
+
+Inzwischen kam Wanda Orbin nach Berlin und bat mich, da sie krank sei,
+»in wichtiger Angelegenheit« um meinen Besuch. Sie reichte mir nur die
+Fingerspitzen, als ich eintrat.
+
+»Sie haben die Interessen der Partei auf das schwerste verletzt,« begann
+sie im Ton eines Inquisitors, »und da es nicht das erste Mal geschieht,
+so bin ich verpflichtet, Sie zu warnen.«
+
+Ich griff mir an die Stirn: was war es nur, was ich verbrochen hatte?!
+
+»Ihre Agitation für die Haushaltungsgenossenschaft --« ich lachte ihr
+ins Gesicht; sollte sie mit so strenger Miene scherzen?! Aber sie
+runzelte die Stirn, -- es war ihr Ernst, blutiger Ernst! -- »hat weitere
+Kreise gezogen, als gut ist. Dergleichen verwirrt die Köpfe, stört die
+Einheitlichkeit des Vorgehens --«
+
+Ich stand auf. »Möchten Sie mir wohl noch mitteilen, worin meine erste
+Verletzung der Parteiinternen bestand?« fragte ich ruhig.
+
+»Sollten Sie Ihren Plan eines Zentralausschusses für Frauenarbeit schon
+vergeben haben?« rief sie aus.
+
+»Und durch ihn habe ich die Partei geschädigt?! -- Sie sind ja jetzt
+schon im Begriff, teilweise auszuführen, was ich wollte --!«
+
+Wanda Orbins Augen funkelten mich zornig an: »Wenn Sie die Unterschiede
+nicht verstehen, so beweist das nur wieder Ihren Mangel an
+proletarischem Bewußtsein --;« dabei kreischte ihre Stimme wie auf der
+Rednertribüne.
+
+»Mag sein!« entgegnete ich scharf. »Mir fehlt das Demagogentalent, um
+mich zur Proletarierin aufzuspielen.« Damit wandte ich mich zum Gehen,
+auf das tiefste verwundet.
+
+Mein Vortrag erschien im Verlag des »Vorwärts« als Broschüre. Wanda
+Orbin »vernichtete« ihn in vier Leitartikeln, und ihre Autorität war
+viel zu gewichtig, als daß sich innerhalb der Partei irgendeine Stimme
+für ihn erhoben hätte. Wie die Schnecke, wenn ihre Fühlhörner unsanft
+berührt werden, sich in ihr Haus zurückzieht, so hatte ich das
+Bedürfnis, mich zu verkriechen.
+
+»Laß deine Ideen erst Wurzel fassen, Liebste,« tröstete mich mein Mann;
+»sind sie lebenskräftig, so fällt dir die Frucht von selbst in den
+Schoß.«
+
+Ich lächelte wehmütig über den Irrtum, in dem er sich befand. Was mich
+schmerzte, war nicht das momentane Scheitern eines Planes, sondern daß
+ich Wanda Orbin so klein gesehen hatte, die mir, auch mit ihren Fehlern,
+so groß erschienen war. Und daß sie die anderen beherrschte, zum Teil
+mit Mitteln, gegen die ich mich waffenlos fühlte!
+
+Nun galt es, statt alle Kräfte auf den Kampf für die gemeinsame Sache zu
+konzentrieren, sich für den eklen Streit im eigenen Lager stets
+gewappnet zu halten.
+
+Wenn ich mich abseits stellen, einer jener Eigenbrödler werden könnte,
+mit Scheuklappen vor den Augen, immer nur ein Teilchen des allgemeinen
+Zieles verfolgend?! Daß ich unfähig dafür war, bewies mir die Erfahrung
+mit meinem eigenen Plan. Hätte ich das Talent und die Zähigkeit des
+Organisators gehabt, ich würde ihn in jahrelanger steter Arbeit,
+unbekümmert um die Spötter, haben durchsetzen können. Und nun stand ich
+da und sah erschrocken auf meine Hände, die so leer geworden waren und
+so kraftlos.
+
+ * * * * *
+
+Die Sonne brannte auf dem Asphalt, braun und verdorrt hingen die Blätter
+an den armen Bäumen, zu ihren steingepanzerten Wurzeln drang keine Luft
+und kein Tau. Grauer Staub deckte die Büsche wie mit Trauerschleiern.
+Wer draußen im Wald den Sommer suchen ging, den empfingen die Kiefern
+schwarz und ernst und die blumenlosen Felder. O, daß ich empor auf einen
+Berg steigen könnte zu reiner Luft und klaren Quellen! Heimweh packte
+mich, -- Heimweh nach den schmalen Pfaden zwischen duftenden,
+buntblühenden Wiesen, nach dem stillen See im Buchenwald, wo zwischen
+Moos und Gestein Märchenblumen ihre Kelche öffnen. Heimweh nach der
+großen Einsamkeit!
+
+Ob nicht der Geist der Frauen verkümmert und ihr Gemüt verdorrt, weil
+sie nicht einsam sein dürfen?
+
+»Geh, -- erhole dich, -- ruh' dich aus, und wenn es nur ein paar Tage
+sind, -- es wird dir gut tun,« sagte mein Mann, dem meine
+Schlaflosigkeit, meine Blässe anfiel; »ich und die Berta hüten den
+Jungen.«
+
+Es bedurfte keiner Überredungskünste, meine Sehnsucht, allein zu sein,
+ganz allein, war zu groß. Ich fuhr nach dem Harz. Aber schon unterwegs
+packte mich die Unruhe: was konnte dem Kleinen inzwischen nicht alles
+geschehen! Tausend Fragen und Sorgen schreckten mich am Tage, ängstliche
+Träume verfolgten mich bei Nacht. Und die Berge hier, die mir fremd
+waren, blieben mir stumm, und die rauschenden Quellen sprachen eine
+fremde Sprache.
+
+Da erreichte mich ein Brief meiner Mutter aus Heidelberg. »Erdmann ist
+aufgegeben,« hieß es darin, »und Ilse hat Lungenentzündung, deren
+Ausgang unabsehbar ist. Sie spricht oft von Dir ...«
+
+Am selben Abend schrieb ich an meinen Mann: »Liebster! Ich halte es
+nicht aus ohne Dich, ohne Otto. Aber ehe ich zurückkehre, muß ich Ilse
+wiedersehen. Nach den Andeutungen meiner Mutter ist alles zu fürchten.
+Du hast mich ausgelacht, als ich Dir einmal sagte, daß ich mich ihr
+gegenüber schuldig fühle. Es kommt ja aber auch nicht darauf an, ob eine
+Schuld im Sinne landläufiger Moral besteht, sondern darauf, ob ich sie
+empfinde. Ich muß das gut machen, -- damit ich mich nicht quäle, wenn
+das arme Kind sterben sollte, und damit sie mir wieder vertraut, wenn
+sie lebt und meiner bedarf ...«
+
+Ich reiste am selben Abend noch ab. Meine Mutter empfing mich am
+Bahnhof.
+
+»Es geht zu Ende,« sagte sie auf meinen fragenden Blick. »Und Ilse?«
+»Sie fiebert noch immer! Meine Ahnung betrog mich nicht. Diese
+unglückselige Ehe!«
+
+Die letzten drei Worte stieß sie zwischen den Zähnen hervor. Es war kein
+zärtliches Mitleid, das sie empfand, sondern Empörung gegen das
+Geschick.
+
+»Das ist lieb, daß du kommst, gute Schwester,« rief mir Ilse entgegen,
+als ich an ihr Bett trat. Seit langem hörte ich wieder den alten warmen
+Ton in ihrer Stimme, und ihr Gesichtchen hob sich rund und rosig von den
+weißen Kissen ab, als wäre es wieder das des süßen kleinen Mädchens von
+einst. Wußte sie nicht, daß ein paar Türen weiter ihr Mann im Sterben
+lag? Der Arzt trat ins Zimmer mit den Tropfen und dem Fieberthermometer.
+Ich sah, wie ihre Augen jeder seiner Bewegungen folgten, wie sie ihn
+anlächelte, voll dankbaren Vertrauens. Und in der Sorgfalt, mit der er
+ihr die Kissen rückte und den Vorhang am Fenster weit zurückschlug,
+damit die Sonnenstrahlen ihre Haare umspielen konnten, lag tiefere
+Empfindung, als die des Arztes. Blühte dem armen Kinde eine Herbstrose
+auf dem Totenacker?
+
+»Du gehst zu ihm?« fragte sie und lehnte sich mit geschlossenen Augen
+müde zurück.
+
+»Ja,« antwortete ich leise. Das Lächeln aus ihrem Antlitz verschwand,
+die Lippen preßten sich zusammen.
+
+In Decken gehüllt, am weit offenen Fenster lag er. Die weißen Wände des
+Zimmers, die Betten, das weiße Geschirr, von blinkenden Metall
+unterbrochen, die weiße Schürze der Pflegerin strahlten über sein
+eingefallenes gelbes Gesicht eine grausame Helle aus. Er war so
+geistvoll, so lebendig wie je; das hätte täuschen können, wenn mein Auge
+nicht eben auf die Morphiumspritze in der Hand der Diakonissin gefallen
+wäre.
+
+»Sieh nur, wie wunderschön das ist!« sagte er und sein Blick umfaßte in
+leidenschaftlicher Liebe das bunte Herbstlaub der Bäume draußen. Er
+hatte den Schoß voll kleiner Skizzen und ließ den Pinsel nur aus der
+Hand, wenn die Schwäche ihn übermannte.
+
+»Hast du Ilse gesehen?« fragte er schließlich.
+
+Ich nickte.
+
+»Sie ist noch viel, viel schöner als die Berge und der Wald,« flüsterte
+er sehnsüchtig.
+
+Am nächsten Tage verließ ich Heidelberg wieder. Eine bleierne Müdigkeit
+bemächtigte sich meiner. Ich hätte immerfort schlafen mögen. Dabei fand
+ich lauter dringende Briefe vor: der Verleger wünschte eine raschere
+Erledigung der Korrekturen, der Verein für Haushaltungsgenossenschaften
+lud mich zur nächsten Sitzung, ein paar Parteigenossen erinnerten an die
+ihnen bereits zugesagten Vorträge.
+
+Eine mir selbst Fremde stand ich auf der Rednertribüne. Jene Glut der
+Leidenschaft, die allein fähig ist, den Eisenmantel zu schmelzen, den
+Kummer und Not um die Herzen der Ärmsten schmiedete, jene Klarheit der
+Überzeugung, die allein das Dunkel des Vorurteils und der Unwissenheit
+zu durchleuchten vermag, fehlten mir und ließen sich nicht erzwingen.
+
+»Ich bin unfähig, zu sprechen, -- erlassen Sie es mir diesmal,« bat ich
+einen der Genossen; »die Menschen kehren heim, ohne einen Gran Kraft und
+Klugheit gewonnen zu haben.«
+
+Aber er bestand auf seinem Schein: »Ihr Name zieht, und wir brauchen
+einen vollen Saal.«
+
+Eines Abends sollte ich bei den Textilarbeitern referieren. Als ich kam,
+war der Saal leer, und der Wirt erzählte mir, daß die Versammlung schon
+vor zwei Tagen stattgefunden und man mich vergebens erwartet habe. Ich
+zog die Einladungskarte aus der Tasche: nur das Datum war angegeben,
+nicht der Tag, und dieses stimmte. Der Vertrauensmann der Gewerkschaft,
+zu dem ich ging, mußte mir bestätigen, daß der Irrtum nicht auf meiner
+Seite lag. Wenige Tage später hörte ich, eine der Genossinnen habe
+behauptet, ich hätte das Datum gefälscht, um mich der Aufgabe zu
+entziehen, und habe hinzugefügt, sowas sei bei mir schon öfter
+vorgekommen. Auf das äußerste empört, verlangte ich eine Untersuchung
+der Angelegenheit. Ein Schiedsgericht trat zusammen. In endlosen
+Sitzungen wurden Zeugen vernommen, die Einladungskarte geprüft,
+verglichen. Ich ballte die Fäuste unter dem Tisch vor Erregung und
+konnte mich doch dem Eindruck nicht entziehen, den die ruhige
+Gründlichkeit all dieser Arbeiter auf mich machte. An Ernst und
+Objektivität, an Takt und Würde standen sie turmhoch über ihren
+weiblichen Klassengenossen, mit denen ich bisher zusammengekommen war.
+Eine formelle Ehrenerklärung, die mir schriftlich zuging, war das
+Resultat der Verhandlungen. Aber die Empfindung, besudelt zu sein, wurde
+ich lange Zeit nicht los.
+
+Ich vertiefte mich in die Korrekturen meiner »Frauenfrage«. Und die
+Genugtuung über meine Arbeit wirkte wie ein stärkendes und reinigendes
+Bad.
+
+Mitten in der Arbeit an den letzten Druckbogen besuchte mich die
+weibliche Vertrauensperson meines Wahlkreises. Für eine große
+Volksversammlung, die in den allernächsten Tagen stattfinden und sich
+mit den von der Regierung angekündigten Zollerhöhungen beschäftigen
+sollte, hatte man mir den Vortrag zugedacht. Ich lehnte ab. Meine
+Besucherin wurde immer dringender.
+
+»Sie müssen kommen,« erklärte sie schließlich.
+
+»Ich muß?! Warum?!« fragte ich verwundert.
+
+»Wir haben Ihren Namen schon auf die Plakate gedruckt!«
+
+»Das ist Ihre Schuld, -- nicht die meine,« entgegnete ich; »selbst wenn
+ich Zeit hätte, mich binnen zwei Tagen auf ein schwieriges Thema, wie
+den drohenden Zolltarif, vorzubereiten, würde ich bei meiner Ablehnung
+bleiben und Sie die Folgen eines so unverantwortlichen Vorgehens tragen
+lassen.«
+
+Sie warf mir noch einen rachsüchtigen Blick zu und ging.
+
+ * * * * *
+
+Mein Buch erschien. Die Aufnahme, die ihm zuteil wurde, entschädigte
+mich für viele Schmerzen und gab mir das Vertrauen in die eigene Kraft
+zurück.
+
+»Sie haben mehr geleistet, als ich erwartet hatte, und das will viel
+sagen,« schrieb mir Romberg. »Ihr Werk ist eine wissenschaftliche
+Leistung, dem keine Kritik und keine Zeit den Charakter eines standard
+work nehmen wird, und -- was für mich seinen größten Wert ausmacht --
+der Ausdruck einer starken Persönlichkeit. Die objektive Wissenschaft
+ist zweifellos etwas sehr Großes, aber der Mensch bleibt immer das
+Allergrößte ...«
+
+Nur zwei Zeitschriften rissen meine Arbeit herunter: die Monatsblätter
+von Helma Kurz und -- die »Freiheit« von Wanda Orbin.
+
+»Alix Brandts Buch ist jeder Mütterlichkeit und jeder
+Wissenschaftlichkeit bar,« hieß es in dem einen Blatt; »die Genossin
+Brandt hätte in der Kleinarbeit der Agitation erst lernen und sich
+bewähren müssen, ehe sie etwas für die Arbeiterinnenbewegung wirklich
+Nützliches hätte schaffen können,« lautete das Endurteil in dem
+anderen.
+
+Ich lachte zuerst und dachte daran, wie ich von einer meiner
+bürgerlichen Gegnerinnen einmal pathetisch als ein »Tribünenweib«
+bezeichnet worden war, »deren Lenden nie ein Kind getragen haben«, und
+eine Genossin mir als schwere Unterlassungssünde die Tatsache
+vorgehalten hatte, daß ich eine wichtige Parteipflicht -- die,
+Flugblätter auszutragen -- noch nicht erfüllt hätte.
+
+Aber dann verging mir das Lachen. Mein ganzes Ich lag in dem Buch, all
+mein Wissen, mein Glauben, mein Hoffen. »Meinem Mann und meinem Sohn«
+stand als Widmung vor dem Titel. Das war keine bloße Form, es war ein
+Bekenntnis: ich hätte es nicht schreiben können ohne das Doppelerlebnis
+der Liebe und der Mutterschaft, das aus dem Kinde erst den Menschen
+macht, das Schleier von den Augen reißt und eiserne Klammern von den
+Herzen. Es sind Männer gewesen, die die Madonna zur Mutter Gottes
+erhoben, denn nur der lebendig befruchtete Schoß vermag Lebendiges zu
+gebären. Und arme Irre waren es, die die Jungfrauschaft mit dem
+Heiligenschein krönten. Denn die Voranleuchtenden sind nur, die des
+Lebens Tiefen erschöpften.
+
+An die Mütterlichkeit hatte ich appelliert mit jedem Satz, den ich
+niederschrieb. Aus einem primitiven Empfinden, das über die Wiege des
+eigenen Kindes kaum hinausging, sollte sie zu weltumspannender Kraft
+sich entfalten. All die Tausende und Abertausende Hilfloser und
+Entrechteter hatte ich aufgeboten, daß sie die Mütter suchen sollten.
+Einst pochte ihr Murmelgebet: »Heilige Maria, bitte für uns!« umsonst an
+das Tor des Himmels, -- sollte ihre stumme Not auf der Erde keine
+Antwort finden?
+
+Waffen hatte ich geschmiedet für die Proletarierinnen, Waffen, -- ich
+wußte es, -- die unzerbrechlich waren. Ich erwartete keinen Dank dafür,
+denn daß ich sie schaffen konnte, war Dank genug. Nur nehmen, nur
+gebrauchen sollten sie meine Klingen und Pfeile.
+
+»Warte die Zeit ab,« sagte mein Mann. Aber ich fieberte nach Tat, nach
+Wirken, -- ich konnte nicht warten.
+
+ * * * * *
+
+Dem Arbeiterinnen-Bildungsverein und einzelnen der führenden Genossinnen
+hatte ich mein Buch zur Verfügung gestellt. Eines Morgens bekam ich
+einen Brief von Martha Bartels. Schon freute ich mich, -- ich werde sie
+wiedergewonnen haben, dachte ich, und erinnerte mich, wie sie mir, der
+Fremden, einst entgegengekommen war, als ich noch Alix von Glyzcinski
+hieß.
+
+Ich ließ ihren Brief in den Schoß fallen, als ich seine wenigen Zeilen
+durchflogen hatte, und lehnte mich mit einem Gefühl von Schwindel in den
+Stuhl zurück.
+
+»Nachdem Ihre Unzuverlässigkeit in der Ausführung übernommener
+Parteipflichten wieder offenbar wurde,« schrieb sie, »haben die
+Genossinnen einstimmig beschlossen, Sie zu unseren Sitzungen nicht mehr
+einzuladen.«
+
+Ein formeller Ausschluß also, -- ohne Gründe anzugeben, -- ohne mich zu
+hören! Und das in einer Partei, die die Ideale der Demokratie vertritt!
+Ich verlangte, mir zu gewähren, was die Gesetzgeber des kapitalistischen
+Staates den Mördern und Dieben zugestehen: mich vor meinen Richtern
+verteidigen zu können. Man antwortete mir nicht. Ich erfuhr schließlich,
+daß jene Genossin, die mich vergebens zu einem Vortrag hatte pressen
+wollen, die Sache so dargestellt hatte, als ob ich mein gegebenes Wort
+gebrochen hätte. Und ich hörte weiter, daß meine »Fälschung« jener
+Einladungskarte zum Referat bei den Textilarbeitern noch immer in aller
+Munde sei. Ich sandte die Ehrenerklärung der Gewerkschaft ein, ich zwang
+die Lügnerin, ihre Behauptung zu widerrufen. Es nützte nichts.
+
+»Wir erkennen an, daß in diesen beiden Fällen ein Irrtum vorlag,«
+schrieb Martha Bartels, »aber es stehen noch so viele andere fest, wo
+Sie sich als unzuverlässig erwiesen haben, daß die Genossinnen an ihrem
+einstimmigen Beschluß, Ihre Mitarbeit abzulehnen, festhalten.«
+
+Ich ging zum Parteivorstand, um die Einsetzung eines Schiedsgerichts zu
+fordern. »Liebe Genossin,« sagte Auer, mir gutmütig die breite Hand auf
+die Schulter legend, »tun Sie das nicht! Lehren Sie mich unsere Weiber
+kennen! Jedes Schiedsgericht wird Ihnen recht geben, -- natürlich! Aber,
+glauben Sie, daß damit geholfen ist?! Schon am nächsten Tag werden die
+Klatschmäuler, denen Sie nun einmal ein Dorn im Auge sind, neue, noch
+schlimmere Sünden über Sie zu verbreiten wissen, und das modernisierte
+Gerichtsverfahren der heiligen Fehme wird alle demokratischen
+Schiedssprüche umstoßen. Überlassen Sie der Wanda die Weiber! Für Ihren
+Tätigkeitsdrang ist in der Partei noch Raum genug.«
+
+Ich fügte mich seiner Ansicht. Ob aus Einsicht, aus Müdigkeit, aus
+Ekel? Ich weiß es nicht mehr. Auers Hand umspannte die meine schmerzhaft
+fest.
+
+»Wollen Sie von mir alten Kerl noch einen Rat auf den Weg nehmen?«
+fragte er. »Wer auf hoher Warte steht, dem sollten die leid tun, die
+sich von unten im Schweiße ihres Angesichts abmühen, mit Steinen zu
+werfen. Er sollte immer über sie hinwegsehen. Dann hören sie von selber
+auf und besinnen sich, daß ein Weg da ist, auf dem auch sie
+aufwärtssteigen könnten ... Wer die Distanz nicht wahren kann, ist kein
+Politiker.«
+
+»Die Distanz, -- das bedeutet Fernsein, Kühle,« antwortete ich mit einem
+leisen Seufzer, »-- ich liebe die Menschen; ich möchte von ihnen geliebt
+sein.«
+
+»Sie lieben die Menschen, -- diese Menschen?! Sie scherzen!« Er reckte
+sich zu seiner ganzen Größe. »Wir würden sie erhalten, wenn wir sie
+lieben würden. Aber wir wollen sie überwinden -- mit dem gewaltigen
+Erziehungsmittel einer neuen Gesellschaftsordnung --, also hassen wir
+sie.«
+
+Ich schüttelte den Kopf. War das eine hohe Warte? Würde ich sie je
+erreichen, -- erreichen wollen?!
+
+
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+Zwölftes Kapitel
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+Probleme werden nicht durch Resolutionen aus der Welt geschafft. Auch
+der beste Wille der Streitenden, -- und es gab Augenblicke, wo selbst
+Eduard Bernstein die Schwäche dieses »guten Willens« hatte und
+Hervorragende unter seinen Anhängern den »Revisionismus« als eine neue
+Richtung innerhalb der Partei abschworen, -- vermag das Streitobjekt
+nicht aus der Welt zu schaffen. Einmal ausgesprochene Gedanken lösen
+sich gleichsam von dem, der sie dachte, ab und haben ein selbständiges
+Leben.
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+Die Beschlüsse des Parteitags von Hannover hatten nichts zur Folge, als
+einen Waffenstillstand. Bernsteins Rede im sozialwissenschaftlichen
+Studentenverein eröffnete den Kampf von neuem. In Artikeln, Reden und
+Broschüren wurde er mit steigender Erbitterung geführt. Und die
+aufreizenden Zurufe der Zuschauer, die vom nächsten Tage die Spaltung
+der Sozialdemokratie erwarteten und erhofften, erhitzte die Kämpfenden
+noch mehr. Die wachsende Leidenschaft tötete jede Objektivität. Keiner
+gestand dem anderen die Ehrlichkeit der Gesinnung zu. Hinter jeder
+Äußerung eines Revisionisten entdeckte der orthodoxe Marxist
+Parteiverrat, in jeder Verteidigung des radikalen Standpunktes sah der
+Revisionist dogmatische Verbohrtheit und bewußtes Demagogentum. Er
+überhörte geflissentlich die Lehren der Psychologie und der Geschichte,
+aus denen er hätte folgern können, daß die Verteidigung der Tradition,
+der grundlegenden Dogmen des Sozialismus notwendig zu demselben Haß,
+derselben Verfolgung der Angreifer führen muß, wie einst die des
+Heidentums gegen die Christen, der römischen Kirche gegen die
+Reformation.
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+Aber ein noch merkwürdigeres Zeichen dafür, wie wenig bloße Erkenntnisse
+des Verstandes die ursprüngliche, nur auf die Einflüsse des Gefühls
+reagierende Natur des Menschen zu ändern vermögen, war die Haltung der
+Radikalen. Sie verleugneten in ihrem Zorn eine der Grundlagen ihrer
+eigenen Anschauung: die materialistische Geschichtsauffassung. Es war
+die befreiendste Lehre, die Marx hinterließ, zu der sich allmählich,
+bewußt oder unbewußt, auch Nichtsozialisten bekannten: daß, da »alles
+fließt«, auch die Theorien sich entwickeln müssen, entsprechend den
+Wandlungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens. In diesem Sinne war
+der Revisionismus marxistisch und der Radikalismus reaktionär.
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+Die ernsten Kämpfe zwischen den beiden Richtungen spielten sich zwischen
+den geistigen Führern ab, von denen die einen die Masse der
+Arbeiterschaft hinter sich hatten, die anderen noch Offiziere waren ohne
+Armee. In dem harten Schädel der Proletarier saß jeder Buchstabe des
+sozialistischen Apostolikums noch fest; wurde der Kampf daher in die
+Volksversammlungen getragen, so äußerte er sich in wüstem Geschimpfe
+gegen die Neuerer, die dem Armen das Beste zu erschüttern drohten, was
+ihnen der Sozialismus gegeben hatte: ihren Glauben. Es kam aber noch ein
+anderes hinzu: der Respekt vor der Wissenschaft, zu dem der Sozialismus
+sie verpflichtete, ging Hand in Hand mit einem glühenden Verlangen nach
+Wissen. Bildungsschulen, wissenschaftliche Vorträge und Kurse kamen
+diesem Verlangen entgegen und pfropften auf den lebensschwachen Baum der
+Volksschule ein Reis, unter dessen Früchten Dilettantismus und
+Bildungsdünkel am besten gediehen. Wozu ernste Denker Jahrzehnte
+brauchen, das glaubte der Proletarier in ein paar Abendstunden erreichen
+zu können. Daß er es glaubte, war nicht seine Schuld: die Naivität
+seiner Jugend unterstützte die Partei, die ihm in Wort und Schrift
+nichts mehr einprägte als die Überzeugung von der Dummheit seiner
+Gegner. Als Gegner aber erschienen ihm auch die Revisionisten. Zu seinem
+gefühlsmäßigen Haß gegen die Unruhstifter trat die hochmütige Verachtung
+der Akademiker hinzu.
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+ * * * * *
+
+Einmal, -- ich war gerade von einer Agitationsreise zurückgekehrt, --
+beklagte ich mich darüber, als Reinhard gerade bei uns war.
+
+»Ich habe Sie sonst für so verständig gehalten,« sagte er; »daß Sie nun
+auch so nervös, so empfindlich geworden sind! -- Ich kann Ihnen
+versichern: mir selbst kommt der Krakehl zum Halse heraus! Er macht
+unsere Leute kopfscheu; von jedem Gegner wird er uns aufs Butterbrot
+geschmiert. Außerdem haben wir doch jetzt, ein Jahr vor den
+Reichstagswahlen und angesichts der Zolltarif-Vorlage Besseres zu tun,
+als uns über die Verelendungstheorie die Köpfe blutig zu schlagen.«
+
+»Sind wir etwa daran schuld?!« fuhr Heinrich auf. »Oder nicht viel mehr
+die Großinquisitoren der 'Neuen Zeit', die seit Jahr und Tag ihre
+Spürhunde auf uns hetzen?! Die jungen Leute, die noch nichts geleistet
+haben, als ihnen nachzubeten, gestatten, gegen alte verdiente Genossen,
+-- einen Jaurès, einen Auer, einen Vollmar, -- wie gegen Schwachköpfe
+oder Verräter vom Leder zu ziehen?!«
+
+»Die Propheten aus dem Osten nicht zu vergessen, die desgleichen
+tun --,« unterbrach ihn Reinhard mit einem sarkastischen Lächeln.
+
+»Die gehören in dieselbe Kategorie, nur daß ihre, -- na, sagen wir
+parlamentarisch: Unbescheidenheit noch größer ist. Vom Kothurn ihrer
+Unentwegtheit herab führen sie das große Wort, und ihr Ziel ist
+offensichtlich der Bannfluch, d. h. der Ausschluß aller derer aus der
+Partei, die eine selbständige Meinung haben.«
+
+»Wenn man Sie so schimpfen hört, lieber Brandt, könnte man die
+Schicksalsfügung segnen, die Sie bisher verhinderte, Ihre Zeitschrift
+ins Leben zu rufen,« sagte Reinhard. »Wenn Sie all Ihre Wut noch in
+Druckerschwärze verwandeln würden!!«
+
+»Sie irren sehr, wenn Sie glauben, ich werde mein Blatt zum Kampfplatz
+für Theoretiker machen,« entgegnete Heinrich ruhig. »Mir würde es in
+erster Linie darauf ankommen, praktische Politik zu treiben. Daß das auf
+allen Gebieten des öffentlichen Lebens notwendig ist, daß es endlich an
+der Zeit wird, den ruhenden Koloß der Partei in Bewegung zu setzen und
+Tagesarbeit verrichten zu lassen, -- das scheint mir das wichtigste
+Ergebnis der gegenwärtigen Bewegung.«
+
+Reinhard stand auf, stampfte ärgerlich mit der Krücke auf den Boden und
+sagte: »Als ob das alles eine blitzblanke neue Erfindung wäre! Was war
+es denn, was wir lange vor Bernstein in den Parlamenten, in den
+Kommunen, in den Gewerkschaften und Genossenschaften getrieben haben?!
+Der ganze Unterschied zwischen den Revisionisten und den Radikalen ist,
+daß die einen in der Arbeiterschutzgesetzgebung, in der Gewerkschafts-
+und Genossenschaftsbewegung, in der allmählichen Demokratisierung des
+Staats nichts als Erziehungsmittel für das Proletariat erblicken, und
+die anderen Sozialisierungen der Gesellschaft, Voraussetzungen des
+Sozialismus. Dem Arbeiter aber ist's wirklich einerlei, wie die Dinge
+heißen, die er bekommt, wenn er sie nur überhaupt kriegen kann. Und
+darum --« er ging erregt im Zimmer auf und nieder -- »begreife ich die
+ganzen Skandale nicht und fühle es meinen Genossen nach, wenn sie euch
+Akademiker mißtrauisch betrachten. Wir sind ja auf dem besten Wege, --
+was werft ihr Steine in unseren Teich?! Sehen Sie sich z. B. mal die
+Tagesordnung unseres Stuttgarter Gewerkschaftskongresses an! Sie waren
+ja dabei, als man sich wütend an die Gurgeln fuhr, weil der eine die
+sozialpolitische Tätigkeit der Gewerkschaften forderte, der andere sie
+für schädlich hielt. Und ich selbst, -- Sie besinnen sich! -- war der
+radikalsten einer. An meiner eigenen Entwicklung mögen Sie die
+Entwicklung der ganzen Bewegung messen. In aller Stille ist viel Wasser
+die Spree hinuntergelaufen, und jetzt sind wir mitten drin in der
+Sozialpolitik. Oder betrachten Sie unsere Haltung in der inneren
+Politik: denken Sie an die Budgetbewilligung der Badener im vorigen
+Jahr, -- Bebel hat sie freilich hinterher heruntergeputzt, -- oder an
+die Zustimmung unserer bayrischen Landtagsfraktion zur Wahlreform, --
+Bebel wird sie natürlich darum auch noch unter die Lupe des Prinzips
+nehmen --. Und, vor allem!, erinnern Sie sich, wie selbst die ärgsten
+berliner Revolutionäre mit dem dreifachen R jetzt stramm und einig zur
+Landtagswahl aufmarschieren. Von dem Augenblick an, wo der
+Parlamentarismus den Charakter des Kräutchens Rührmichnichtan für uns
+verloren hatte, sind wir folgerichtig weitergegangen.«
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+Ich hatte ihm mit wachsendem Interesse zugehört. »Und was wollen Sie mit
+alledem beweisen?« fragte ich.
+
+»Daß der ganze Stank und Zank überflüssig ist. -- Sowohl vom Standpunkt
+eurer Angst um Versumpfung und Verknöcherung der Partei, wie vom
+Standpunkt all der radikalen Kassandras männlichen und weiblichen
+Geschlechts, die um unser sozialistisches Seelenheil zittern.
+Wahrhaftig: wenn wir mit der Bourgeoisie paktieren, so doch nur, um für
+uns das Schäfchen ins Trockne zu bringen!«
+
+»Ich folgere aus Ihren Beweisführungen etwas ganz anderes,« rief ich
+aus. »Da die Praxis wieder einmal der Theorie vorausgeeilt ist, so muß
+die Theorie sich ihr anpassen, sonst kommt der Moment, wo das Band
+zwischen beiden zerreißt. Die Lehre von der planmäßigen Demokratisierung
+und Sozialisierung der kapitalistischen Gesellschaft muß an Stelle des
+Dogmas von der alleinseligmachenden Revolution treten --«
+
+»Aber das ist doch genau dasselbe!« polterte Reinhard. »Selbst der
+dümmste Radikale denkt doch nicht im Schlaf daran, daß er die Hände nur
+in den Schoß zu legen und auf die gebratene Taube der politischen Macht
+zu warten braucht, die ihm ins Maul fliegen wird! Jeder Rekrut in
+unserer Armee sieht alle Tage, wie sie sich jede Handbreit politischer
+Macht schrittweise erobern muß. Ebenso wächst ihr Einfluß nur nach und
+nach, und das berühmte Endziel kann nichts anderes sein als die letzte
+Krönung des Gebäudes.«
+
+Mein Mann lächelte: »Ich sage ja: Sie sind Revisionist.«
+
+»Zum Donnerwetter, nein! -- Ich bin Sozialdemokrat!« -- Reinhards Augen
+glänzten -- »Und ihr seid Rabulisten.«
+
+Beim Abschied nahm sein Gesicht wieder den alten, gutmütig-freundlichen
+Ausdruck an.
+
+»Nichts für ungut, Genossen!« brummte er mit einem leichten Anflug von
+Verlegenheit; dann reichte er meinem Mann die Hand. »Sie können auf mich
+rechnen. Wenn Ihr Blatt praktische Politik treiben wird, -- in bewußtem
+Gegensatz zu unseren Zeitschriften von rechts und links, die sich um des
+Kaisers Bart raufen, -- so wird es befreiend wirken und seines Erfolges
+bei unseren Genossen sicher sein.«
+
+Als er gegangen war, reichte mir mein Mann einen Brief von Romberg.
+
+»... Ihre Pläne sind mir immer wieder durch den Kopf gegangen,« schrieb
+er, »und der Gedanke, das 'Archiv' selbst zu erwerben, ließ mich nicht
+los. Trotzdem bin ich zu dem Entschluß gelangt, meine persönlichen
+Wünsche nicht nur zu unterdrücken, sondern Ihnen überdies den dringenden
+Rat zu geben, die Verkaufsidee überhaupt fallen zu lassen. Sie wissen
+selbst, daß das neue Unternehmen, dem Sie Ihren Brotgeber, das Archiv,
+opfern wollen, in bezug auf seinen materiellen Erfolg ein ganz
+unsicheres ist. Stünden Sie allein, so könnten Sie meinetwegen den
+Husarenritt unternehmen, aber Sie haben Familie, -- verübeln Sie es
+meiner aufrichtigen Freundschaft nicht, wenn mich die Sorge um sie in
+diesem Zusammenhang von ihr sprechen läßt. Ich weiß: Frau Alix zieht in
+diesem Augenblick zürnend die Brauen zusammen; sie ist ja noch
+fanatischer, noch leichtsinniger wie Sie. Seien Sie darum doppelt klug
+für beide und erhalten Sie sich das Archiv. Es kann einmal die Rolle der
+Planke spielen, die Sie vor dem Ertrinken rettet ...«
+
+Ich warf den Brief heftig auf den Tisch. »Daß Romberg solch bourgeoise
+Anschauungen hat!« rief ich aus. »Als ob wir beide nicht im Notfall
+schwimmen könnten!« Heinrich zog mich zärtlich in die Arme.
+
+»Daß du so denkst, weiß ich,« sagte er, »trotzdem werde ich handeln wie
+ein Bourgeois!« Ich wollte auffahren. »So höre doch erst zu, ehe du
+schimpfst!« meinte er lächelnd. »Besinnst du dich auf Lindner, den
+jungen Dichter, den wir auf dem Pariser Kongreß getroffen haben?« Ich
+nickte. »Er tauchte vor kurzem hier auf und besuchte mich, während du
+weg warst: ein sympathischer Mensch, dessen Schüchternheit alle seine
+guten Absichten im Keime erstickt. Er möchte in der Partei wirken; aber
+auf der einen Seite fürchtet er als Akademiker das Mißtrauen der
+Genossen, auf der an deren Seite stößt ihn die Pöbelgesinnung zurück,
+die ihm vielfach schon begegnete. Er schüttete mir sein Herz aus; dabei
+erfuhr ich, daß er der einzige Sohn reicher Leute ist. Ich sprach ihm
+von unserem Plan, er war sofort Feuer und Flamme dafür.«
+
+»Und gibt die Mittel?!« unterbrach ich Heinrich erregt.
+
+»Wenn die Eltern, von denen er noch abhängig ist, sie ihm
+bewilligen ...«
+
+Endlich dem Ziele nah! war der einzige Gedanke, der mich beherrschte;
+winzig erschienen ihm gegenüber die noch vorhandenen Hindernisse.
+
+Einige Tage später kam Lindner zu uns: ein lang aufgeschossener blonder
+Mensch, mit kurzsichtig zwinkernden blaßblauen Äuglein und schlaffen,
+feuchten Händen. Er gefiel mir nicht. Aber ich unterdrückte rasch diese
+erste instinktmäßige Empfindung.
+
+»Ich möchte den Arbeitern die Kunst nahe bringen,« sagte er im Verlauf
+unseres schwerfällig sich hinschleppenden Gesprächs.
+
+»Die Freien Volksbühnen erfüllen, wie mir scheint, Ihren Wunsch. Sie
+haben Tausende von Mitgliedern aus Arbeiterkreisen und leisten
+Vorzügliches,« antwortete ich.
+
+»So meinte ich es nicht, nein --,« und die Stimme unseres Gastes, die
+noch den Timbre der Knabenstimme hatte, obwohl er längst über die
+Entwicklungsjahre hinaus war, wurde lebhafter; »ich dachte, es müßte
+möglich sein, das Künstlertum im Proletariat zu erwecken, eine neue
+Kunst -- die Kunst der Zukunft -- entstehen zu lassen. Ich würde das als
+meine Aufgabe ansehen.«
+
+Ich musterte ihn genauer: er war gar nicht dumm, er hatte sogar einen
+originellen Zug.
+
+»Ich glaube nicht recht daran,« sagte ich dann langsam. »Daß die Talente
+sich durchsetzen, gehört zu den Fabeln der Menschheit. Der harte Kampf
+ums Dasein erstickt die meisten ihrer Keime. Und die davon doch zur
+Blüte gelangen, verkümmern schließlich im Dilettantismus. Vielleicht
+würden die von Ihnen erhofften Talente statt freier Künstler Hörige des
+Proletariats, wie die Talente, auf die wir vor zehn Jahren hofften,
+Hörige des Kapitalismus geworden sind..«
+
+Mein Junge kam herein und erfüllte das Zimmer im Augenblick mit seiner
+strahlenden Frische. Wie eine Pflanze, die im Dunkel gestanden hat mit
+blassen saftlosen Trieben, wirkte Lindner jetzt auf mich. Er tat mir
+leid, und ich wurde darum weicher. Er erzählte von seinen Eltern. Sie
+hatten große Hoffnungen auf ihn gesetzt, und daß er sie immer wieder
+enttäuschte, machte ihn selbst mutlos. Aber jetzt, -- jetzt würde er um
+seine Überzeugung, -- um seine Zukunft mit ihnen kämpfen!
+
+Er gewann Vertrauen zu mir. Und wenn er meine instinktive Abneigung
+immer wieder hervorrief, so überwand das Mitleid mit dieser armen
+Greisenseele eines Jünglings sie eben so oft. Seine Besuche waren oft
+recht unbequem. Wie die meisten Menschen, für die die Arbeit nur eine
+Nebenbeschäftigung ist, hatte er keinen Respekt vor der Zeit. Er fühlte
+nicht, daß er störte, und wenn man es ihm andeutete, so war er gekränkt.
+Nur wenn er mit Ottochen spielen konnte, merkte er nicht, daß ich ihn
+hatte los werden wollen. Er liebte die kleinen Kinder und ließ sich von
+meinem fünfjährigen Wildfang mit einer Gutmütigkeit tyrannisieren, die
+rührend war. Oft hörte ich durch die Türe die hellen Kommandotöne meines
+Jungen.
+
+Mein Bub'! Daß ich nur heimlich, wie aus dem Hinterhalt, sein Geplauder
+belauschen durfte! Daß ich mir die Stunden für ihn stehlen mußte! Ich
+war abermals einem falschen feministischen Lehrsatz auf der Spur. Nicht
+der Säugling bedarf der Mutter am meisten. All die vielen, mechanischen
+Dienste, die der kleine Körper fordert, versteht eine geschulte
+Pflegerin besser als sie. Erst der erwachende Geist braucht die Augen
+der Mutter, die jede seiner Regungen sieht, und ihre Sorgfalt, die
+allein weiß, welche seiner vielen Triebe beschnitten, welche gestützt,
+welche der Sonne und dem Wetter ausgesetzt werden können. Und Millionen
+Frauen dürfen es nicht! Nie erschien mir unsere Gesellschaftsordnung
+widersinniger: sie zwingt den Staat, Gefängnisse zu bauen für die
+Verbrecher und Fürsorgeerziehungsanstalten für die verwahrloste Jugend,
+der sie die Mütter genommen hat.
+
+Sollten wir wirklich darauf warten müssen, bis sich in hundert und
+aberhundert Jahren der Prozeß der Sozialisierung der Gesellschaft
+abgespielt hat? War unsere wirtschaftliche und technische Entwicklung
+nicht heute schon so weit vorgeschritten, um durch eine sozialistische
+Organisation in Verbindung mit der allgemeinen Arbeitspflicht, die
+Herabsetzung der Arbeitszeit auf das geringste Tagesmaß zu ermöglichen
+und den Kindern nicht nur die Mutter, sondern auch den Vater
+zurückzugeben? In dem leidenschaftlichen Zorn, der mich gegen die Hüter
+der bestehenden Ordnung erfüllte, konnte ich nicht anders, als sie für
+Heuchler oder für Dummköpfe zu erklären. Die Frauen galt es, wider sie
+zu empören! Mutterliebe ist das stärkste Gefühl in der Welt, stärker als
+die Leidenschaft der Geschlechter, stärker als der Hunger. Einmal von
+den Fesseln befreit, in die die Tradition sie zwängte, muß sie zum Motor
+werden, der die Gesellschaft aus den Angeln hebt.
+
+Ich wandte mich in meinen Reden immer mehr an die Frauen. Ich peitschte
+ihre Empfindung auf; ich erklärte sie für die Schuldigen, wenn ihre
+Kinder hungerten an Leib und Geist, wenn sie verkamen, wenn die Maschine
+ihre Jugend zerfraß, wenn sie im Zuchthaus endeten. Der Zolltarif mit
+seiner Verteuerung aller Lebensmittel, der zu gleicher Zeit die
+Reichstagsdebatten beherrschte, die Fleischteuerung, die eine Folge der
+Schließung der Grenzen war, -- kurz, die ganze agrarische Reichspolitik,
+in die die Regierung eingeschwenkt war, boten mir die Handhabe, um an
+die nächsten Interessen der Frauen anzuknüpfen, an jene Frage, die je
+nach der Bedeutung, die sie für die Glieder des Volkes hat, ein
+Gradmesser der Menscheitskultur sein kann: wie sättige ich meine Kinder?
+
+Von einer meiner Versammlungen war ich fast stimmlos zurückgekehrt.
+
+»Sie dürfen weder in Rauch noch in Staub sprechen,« sagte der Arzt wie
+schon einmal vor Jahren.
+
+Ich lachte ihm ins Gesicht, ließ mir den Hals ein paarmal einpinseln und
+fuhr nach Schlesien. Mit äußerster Anstrengung gelang es mir, noch zwei
+Reden zu halten. Dann versagte die Stimme ganz.
+
+Jetzt erklärte der Arzt, daß ich sobald als möglich fort müsse: »In
+gute reine Luft, am besten ins Gebirge.« Ich schüttelte den Kopf. Wie
+konnte ich an eine Sommerreise denken?!
+
+»Die Gesundheit geht allem anderen voraus,« sagte mein Mann, »heute noch
+kannst du packen und morgen in den Alpen sein.«
+
+Die Frage, ob solch eine Reise möglich wäre, schien ihn keinen
+Augenblick zu beunruhigen.
+
+»Ich kann den Kleinen nicht wochenlang allein lassen --,« wandte ich
+ein.
+
+»Natürlich: Ottochen nimmst du mit,« antwortete Heinrich ohne Besinnen,
+»auch diesem Stadtpflänzchen wird das Landleben gut tun.«
+
+ * * * * *
+
+Um jene Zeit war mein Schwager Erdmann gestorben. Meine Mutter kam mit
+Ilse nach Berlin zurück. Ich erschrak, als ich sie sah. Jetzt erst war
+sie wirklich alt geworden, unauslöschlich hatten sich die Falten der
+Verbitterung um ihre Mundwinkel eingegraben. Zwischen ihre fest
+aufeinandergepreßten Lippen kam kein Laut der Klage. Aber wenn Ilse
+neben ihr stand in all ihrer strahlenden Jugend, mit den Augen, die
+sehnsüchtig die Sonne suchten nach all dem monatelangen Leid, dann
+fühlte ich die ganze Qual dieses Zusammenlebens.
+
+Sie kamen häufig allein zu mir, und ich mußte immer wieder zwischen
+ihnen vermitteln. Endlich faßte ich den Mut, der Mutter ehrlich meine
+Meinung zu sagen:
+
+»Warum läßt du sie nicht frei? -- Viele in ihrem Alter stehen allein in
+der Welt. Wozu quälst du dich selbst und sie?«
+
+Die Mutter wurde hochrot im Gesicht. »Da sieht man, wohin eure
+religionslose Moral euch führt!« rief sie. »Nicht genug, daß du im Lande
+umherziehst und die Frauen gegen Kirche und Staat aufhetzst, wie mir
+mein Bruder erzählt, du respektierst nicht einmal mehr die
+selbstverständlichsten Gebote der Mutter- und der Kindespflicht.«
+
+»Nein,« antwortete ich erregt. »Eine Pflicht, die kein Gebot des Herzens
+ist, eine Pflicht, die sich wie ein antiker Schicksalsspruch durchsetzen
+will, auch wenn die Menschen dabei zugrunde gehen, erkenne ich nie und
+nimmer an. -- Was Onkel Walter erzählt, sollte dir übrigens nichts Neues
+sein: du weißt, daß ich Sozialdemokratin bin. Daß meine Agitation ihm
+jetzt, wo sie sich gegen seine speziellen agrarischen Interessen
+richtet, besonders antipathisch ist, scheint mir auch nur
+selbstverständlich.«
+
+»Und ich hatte gehofft, daß die Mutter in dir dich allmählich von diesen
+Abwegen zurückführen würde --«
+
+»Die Mutter in mir treibt mich vorwärts!« unterbrach ich sie.
+
+»Lehrt sie dich auch jede Familienrücksicht über Bord werfen? Nicht
+daran denken, wie du alle kompromittierst, die unseren Namen tragen? Wie
+mein Bruder sich sogar gezwungen sieht, ein Mandat für den nächsten
+Reichstag nicht mehr anzunehmen?!« Ihr Zorn fing an, mich zu entwaffnen.
+
+»Liebe Mutter, das alles wollen wir, denke ich, nicht wieder aufrühren,«
+sagte ich ruhig. »Die Verwandten haben sich längst in aller Form von
+mir losgesagt, und wenn es für mich Familienrücksicht gibt, so ist es
+allein die auf mein Kind.«
+
+»Gerade an diesem Kind wirst du für all das Unglück, das du über uns
+gebracht hast, büßen müssen!« rief die Mutter mit funkelnden Augen.
+
+Ich war von dem drohenden Ton ihrer Stimme betroffen. »Was meinst du
+damit?!« frug ich.
+
+»Solltest du für Otto etwa nicht auf Klotildens Erbe hoffen?« entgegnete
+sie. »Hat sie dich seit deiner Heirat jemals eingeladen?!«
+
+»Ich stehe dauernd in brieflichem Verkehr mit ihr. Sie hat mir erst
+kürzlich über meine 'Frauenfrage' Worte wärmster Anerkennung
+geschrieben. Und daß sie mich nicht bei sich sehen kann, begreife ich
+vollkommen. Ich würde ihre Freunde vertreiben, an denen sie hängt,«
+antwortete ich ausweichend.
+
+»Nun so laß dir von mir gesagt sein, daß die Berichte über deine
+agitatorische Tätigkeit sie aufs äußerste empörten. Jenny Kleve kam eben
+aus Augsburg zurück --«
+
+Ich biß mir heftig auf die Unterlippe. »Jenny Kleve! Allerdings eine
+gute Quelle! Und eine geeignete Vertreterin meiner Interessen!« spottete
+ich. »Bist du es nicht gewesen, die alles daran setzte, um zwischen ihr
+und ihren Geschwistern und Tante Klotilde nähere Beziehungen
+herzustellen?! Dein eigener Bruder warnte dich damals, dir kein
+Kuckucksei ins Nest zu legen!«
+
+»Ich habe nur meine Pflicht getan,« erklärte die Mutter.
+
+ * * * * *
+
+Tante Klotildens Erbschaft! Der Gedanke bohrte sich mir in Hirn und
+Herz. Mit einer Sicherheit, die nie auch nur den geringsten Zweifel
+aufkommen ließ, hatte ich stets auf sie gerechnet. Ich wußte: ihrem
+geliebten ältesten Bruder, meinem Vater, hatte sie versprochen, für mich
+sorgen zu wollen; er hatte mir noch kurz vor seinem Tode den Inhalt
+ihres Testamentes vorgelesen, und hinzugefügt: »Daß ich Deine und Deines
+Jungen Zukunft gesichert weiß, wird mir das Sterben erleichtern. Habe
+ich doch selbst gar nicht für Euch sorgen können!« Über manche schwere
+Stunde hatte die Erinnerung daran mir hinweggeholfen: Mag kommen, was
+will, mein Kind wird einmal nicht darben! Sollte sie ihr Wort brechen
+können?! Ein kalter Schauer erschütterte meinen Körper. Ich wußte, wie
+es tat, an die jämmerliche Notdurft des Lebens ständig denken zu müssen.
+Wie viele junge Menschen hatte ich aus der Flut des Lebens auftauchen
+sehen, von einem starken Talent emporgetragen, und nach ein paar Jahren
+hatte das Bleigewicht der Not sie niedergezwungen!
+
+Mein Sohn sollte sich frei entwickeln können. Ich mußte mich selbst
+überzeugen, ob die Warnung meiner Mutter berechtigt war.
+
+Mein Mann war böse, als ich davon sprach. »Du wirst dich doch nicht mit
+den Kleves auf eine Stufe stellen?!« rief er aus. »Unser Junge hat es
+nicht nötig, daß seine Mutter sich erniedrigt. Er wird stark genug sein,
+sich selbst durchzukämpfen.«
+
+Ich war so erregt, daß all die verschwiegenen Qualen hervorstürzten wie
+ein entfesselter Wildbach: »Du freilich wirst nichts davon merken, wenn
+er sich grämt, gerade so, wie du nicht merkst, nicht merken willst, wie
+mich die Sorgen niederdrücken. Du schiltst, wenn ich nach deiner Ansicht
+nicht genau genug auf jeden Wurstzipfel achte, der in die Küche kommt,
+aber du fragst nicht danach, woher ich das Geld nehme, wenn du keins
+mehr hast und wir leben wollen!«
+
+Und ich erzählte ihm, wie ich im vorigen Jahr den Verleger um Vorschuß
+hatte bitten müssen, wie ich mein bißchen Schmuck heimlich aufs
+Versatzamt getragen hatte. Er wurde ganz blaß, und sein Gesicht nahm
+jenen harten, kalten Ausdruck an, vor dem ich mich immer fürchtete.
+Tagelang gingen wir stumm nebeneinander her, während das gezwungene
+Zusammensein uns stets aufs neue reizte.
+
+»Die Ehe ist doch eine gräßliche Einrichtung,« sagte Heinrich
+schließlich und reichte mir in versöhnlicher Stimmung die Hand.
+
+Ich nickte eifrig und meinte lächelnd: »Wie stark muß die Liebe sein, um
+sie auszuhalten!«
+
+»Die besten Freunde müssen einander unerträglich werden, wenn sie Tag
+und Nacht in denselben Käfig gesperrt sind,« ergänzte er.
+
+»Ich glaube, es ist Zeit, daß wir für ein paar Wochen in Freiheit
+gesetzt werden,« wagte ich zögernd auszusprechen; -- ich erwartete jeden
+Tag die Antwort von Tante Klotilde auf meinen Brief, in dem ich sie
+gefragt hatte, ob es ihr recht wäre, wenn ich mit dem Kleinen nach
+Grainau käme. Ich würde mir eine eigene Wohnung nehmen, -- natürlich, --
+und sie nur besuchen, wenn sie uns sehen wollte. Mein Mann runzelte zwar
+noch die Stirn, aber er meinte dann doch lachend: »Mach, daß du
+wegkommst, damit ich die Gattin los werde und die Geliebte wiederfinde.«
+
+Die Antwort kam, -- eine kühle, glatte Ablehnung. »Die Welt ist groß,«
+schrieb sie, »Du brauchst Deine Sommerferien nicht gerade in Grainau zu
+verleben, wo die Situation für dich, -- ganz abgesehen von der meinen,
+auf die Du ja keine Rücksicht zu nehmen scheinst --, eine wenig
+gemütliche wäre. Die Bauern würden Dir fremd, wenn nicht feindlich
+gegenüberstehen. Seit der Dienstbotenbewegung, die Du mit soviel Lärm in
+Szene setztest, hast Du ihre Sympathie verloren. Deine ständigen
+Angriffe auf unseren allverehrten Kaiser« -- hier hörte ich die Stimme
+der Kleves, die nur in der Potsdamer Hofluft zu atmen vermochten --
+»haben den vielleicht noch vorhandenen Rest vollends zerstört ... Ich
+bin eine alte, kranke Frau und brauche innere und äußere Ruhe. Im
+übrigen wird meine Liebe zu Dir durch die räumliche Entfernung eher
+erhalten, als beeinträchtigt werden ...«
+
+Was nun? Gab es nichts mehr, das mir den Weg zu ihr bahnen könnte?
+»Gehen Sie ins Gebirge,« hatte der Arzt gesagt. Wenn ich nun doch reisen
+würde, -- mit dem Kleinen, -- irgend wohin nicht allzuweit von Grainau,
+wo der glückliche Zufall eine Begegnung ermöglichen könnte! Ich war
+überzeugt: sah sie mein Kind, ihr ganzes Herz würde gewonnen werden!
+
+ * * * * *
+
+In Mittenwald, dicht unterm Berg, fand ich bei einem Bauern ein
+Giebelzimmerchen und die große, bunte Wiese, die ich meinem Liebling
+versprochen hatte. Den ganzen Tag spielte er dort mit dem kleinen Sohn
+des Hauses, dem Hansei, und seine weiße Stadthaut bräunte sich, und
+seine Muskeln wurden straff. Ich saß indessen auf der Altane und schrieb
+alle möglichen Artikel und freute mich, wenn das Honorar immer wieder
+eine Woche längeren Aufenthalt möglich machte. Von fernher glänzte und
+lockte die Zugspitze bis zu mir herüber. Ich sah sie bei Nacht im
+Mondschein, wenn die Sterne am dunkeln Himmel sich bewundernd um sie
+scharten. Ich sah sie bei Tage, wenn die Sonne sie inbrünstig küßte und
+ihr doch nichts zu rauben vermochte von ihrer jungfräulichen Reinheit.
+Ihr zu Füßen war das Stückchen Erde, das ich liebte, wie keins in der
+Welt. Wo ich mein Jugendglück fand und -- begrub. Ich verstand, daß es
+Menschen gibt, die vor Heimweh krank werden.
+
+Auf unseren Spaziergängen suchte ich immer die Wege, auf denen ich dem
+weißen Berge näher kam, und erzählte dem aufhorchenden Kleinen von ihm
+als der verzauberten Prinzessin und ihrem grauen finsteren Wächter, dem
+Waxenstein. Dabei wurden mir wohl auch die Augen feucht. »Sei nich
+traurig, Mamachen,« tröstete mich mein Kind. »Ein großer Held wird
+kommen und die Prinzessin befreien!«
+
+Einmal, als wir wieder zu dem stillen See aufwärts gingen, plauderte er
+lustig von den Kühen und den Blumen. Dann wurde er plötzlich still, ein
+grübelnder Zug trat in sein rundes Kindergesichtchen, und seine Wangen
+färbten sich dunkler.
+
+»Der Hansei will Kutscher auf'n Stellwagen werden,« begann er
+unvermittelt; »ist das nicht dumm?!«
+
+Ich nickte zerstreut. Er schwieg wieder.
+
+Als wir uns aber im Walde lagerten, zog er meinen Kopf dicht an den
+seinen und flüsterte aufgeregt: »Ich muß dir ein großes Geheimnis sagen,
+-- dir ganz allein. Ich will ein Held werden und alle schlechten Leute
+totschlagen!«
+
+Ich streichelte seinen Lockenkopf. »Das ist nicht leicht, mein Kind,«
+sagte ich ernst.
+
+»Oh, ich weiß! Aber was man will, das kann man auch!« rief er mit einem
+hellen Jauchzen in der Stimme. Ich zog ihn zärtlich an mich. Hatte ich
+es nötig, um ihn zu bangen? Brauchte ich zu fürchten, daß seine Zukunft
+von der Gunst der harten Frau dort drüben abhängig werden könnte? Ich
+vergaß allmählich, weshalb ich hierher gekommen war. Ich sah nicht mehr
+erwartungsvoll die weiße Straße hinauf, wo ich vor Zeiten so oft mit der
+Tante gefahren war.
+
+Es fiel von meiner Seele wie lauter dunkle Schleier. Die Sonne und die
+freie Bergluft berührten sie wieder. Zuweilen kam ich mir selbst wie
+verzaubert vor: als sei all mein Träumen, mein Hoffen und Sehnen aus mir
+herausgetreten und lebendig geworden in der Gestalt dieses Kindes.
+
+An den Wiesenwegen standen überall Kruzifixe, Wahrzeichen jener
+Verneinung des Lebens, die uns gelehrt hat, Armut und Unglück nicht als
+unsre ärgsten Feinde, sondern als gottgewollt anzusehen.
+
+»Ich kann einen angenagelten Gott nicht anbeten,« sagte mein Sohn.
+
+Unser Aufenthalt ging zu Ende. Ich mußte zum Parteitag nach München.
+Aber ich konnte nicht fort, ohne drüben gewesen zu sein, wo auf dem
+Hügel die kleine weiße Kirche steht und der grüne Badersee im Walde
+träumt, mit dem Bilde der Zugspitze im Herzen. Wir fuhren nach Garmisch
+und wanderten über die Wiesen, an den braunen Heuschobern vorbei,
+dorthin, wo sich in leisen Wellenlinien das Tal erhebt, Hügel an Hügel
+von alten Baumriesen bekrönt und blühenden Büschen. Glänzend wie ein
+Silberstreifen schlängelt sich der Weg durch die Gründe, -- braune und
+rote Dächer tauchen auf, -- schon plätschert der Bergbach, der ganz,
+ganz oben in den Furchen und Spalten dem Felsen entspringt und vom
+Schnee sich nährt und vom Eis: Das war Grainau --. »Und nun, Bubi, paß
+auf: nun kommen die blauen und goldgelben Häuser mit den lustigen
+Heiligenbildern daran und den vielen, vielen Nelken auf den Altanen.«
+
+»Wo denn, Mamachen?!«
+
+Ich sah mit großen Augen um mich. Wo waren sie nur? Die Erinnerung malte
+mir wohl ihr Bild, aber die Zeit hatte ihre Farben verlöscht, und
+überall standen neue Häuser mit kalkweißen Wänden, -- ohne den heiligen
+Florian in den Nischen, -- blumenlos. Wie verschüchterte Bauernkinder
+vor den Städtern verkrochen sich die alten scheu in den Winkeln. Ich
+beschleunigte meine Schritte. Der Wald war derselbe geblieben, und
+zwischen den Buchenstämmen leuchtete schon der See. Dort wollt' ich
+stille Andacht halten! -- Mein Fuß stockte: ein großes Hotel erhob sich
+an seinem Ufer. In seine kristallklare Flut hatte man eine Nixe aus
+Bronze versenkt; auf den Kähnen drängten sich die Menschen um sie und
+starrten hinunter. Aber den Badersee sahen sie nicht. Der lag ganz still
+und sah zum Himmel empor in großer, großer Einsamkeit. Und hinter
+dunkeln Wolken versteckten sich die Berge, als schämten sie sich der
+Welt unter ihnen.
+
+Ich kämpfte mit den Tränen. Meine Jugend hatte ich gesucht, -- war ich
+nicht statt dessen plötzlich uralt geworden? Ich mochte nichts mehr
+sehen, auch das Rosenhaus nicht. Aber mein Junge gab nicht nach.
+
+Lange lagen wir auf dem Moose im Wald, den kleinen Rosensee uns zu
+Füßen, am jenseitigen Ufer das traute grünumrankte Haus. Hier hatte sich
+nichts verändert. Und all die Bilder von Glück und Leid, die dieser
+Rahmen einst umschloß, zogen an mir vorüber. Die Jahre zwischen damals
+und heut wären mir wie ein Traum erschienen, wenn nicht das Kind neben
+mir mich an die lebendige Gegenwart erinnert hätte. Ich stand auf und
+reckte den Körper. Der Abschied von diesem Haus, diesem See, diesem Wald
+war der erste Schritt in das neue Leben gewesen. Ich bereute ihn nicht.
+Dankbar sah ich noch einmal hinüber. Trotz alledem: dieser Erdenwinkel
+blieb mein.
+
+Eine weißhaarige Frau, die den schweren Körper nur mühsam am Stock
+vorwärts bewegte, trat aus der Tür in den Garten. Uns entgegen auf dem
+schmalen Steg kam hastig ein hellgekleidetes Mädchen. Dicht vor mir
+blieb sie sekundenlang mit weit aufgerissenen Augen stehen. Es war Jenny
+Kleve. Dann sah ich noch, wie sie hinüberlief, mit erregten Gesten auf
+die alte Frau einsprach, und wie diese dem herbeigerufenen Diener eine
+Weisung erteilte. Ich lachte auf: jetzt hat sie Befehl gegeben, mich
+nicht vorzulassen, dachte ich; -- Jenny Kleve, auf diesen Triumph freust
+du dich umsonst!
+
+ * * * * *
+
+In München erwartete uns Berta, mit der der Kleine nach Berlin
+zurückreisen sollte.
+
+Hätte ich nur mit ihnen heimreisen können! All der Staub der Stadt, der
+meine Lunge erfüllt, der grau und schwer die Glut meines Herzens fast
+erstickt hatte, war vom Bergwind weggeweht worden. Mein Kind, -- mein
+Geliebter, -- waren sie nicht der Inhalt meines Lebens? Mein Geliebter,
+-- nicht mein Gatte, an dessen Seite nichts mich zwang als ein Stück
+Papier. »Die geläuterte Moral der Zukunft wird die Roheit unserer
+Gesittung nicht verstehen,« schrieb ich an Heinrich, »die die
+Beziehungen der Geschlechter, wie die zwischen Unternehmer und Arbeiter,
+zwischen Herrn und Diener, mittelst eines formulierten Vertrages regeln
+wollte, die die Frau nötigte, als Symbol des Auslöschens ihrer
+Persönlichkeit, den eigenen Namen mit dem des Mannes zu vertauschen.
+Liebe sollte immer ein Geheimnis sein, eins, um das nur die
+Allernächsten wissen. Die Ehe schreit es in alle Welt hinaus und erzählt
+zynisch jedem Gassenbuben: sieh, dieses Weib gehört jenem Mann!.. Ich
+sehne mich nach Dir. Mit tieferer, heißerer Sehnsucht, als da die Liebe
+mir nur ein Traum war. Ich möchte untertauchen bis auf den Grund ihres
+Ozeans, denn mir ist, ich wäre bisher nur auf der Oberfläche gefahren,
+und in der Tiefe warteten Schätze auf mich von unermeßbarem Wert. Aber
+wenn ich an unsere laute Straße denke, an die engen Zimmer, in die
+unsere große Liebe sich sperren ließ, um Magddienste zu tun, -- dann
+sinkt meine Sehnsucht in sich zurück, wie ein Springbrunnen, der eben in
+Milliarden Wassertropfen der Sonne entgegenflog und nun, da der Gärtner
+den Hahn abdreht, plötzlich verschwindet ...« --
+
+»Du hast recht,« antwortete er, »tausendmal recht! Aber glauben kann ich
+Dir erst, wenn Du Deine Empfindung nicht nur aussprichst, sondern ihr
+folgst ... Komm, und wir wollen in irgend einem stillen Winkel, wo uns
+niemand kennt, Hochzeit feiern, wie einst ... Der Parteitag braucht Dich
+nicht. Dieser Augenblick jedoch ist vielleicht der einzige, der in uns
+beiden die Erinnerung an die Ehe auslöscht ...«
+
+Aber ich ging nicht. Ich war unfrei. Nie hätte ich es mir eingestanden,
+und doch war es so: ich stand, wie die Mutter, noch unter dem kalten
+Gesetz der Pflicht. Ich durfte die Aufgabe nicht im Stiche lassen um
+meiner Wünsche willen! Am wenigsten jetzt, wo ihre Erfüllung mir
+widerstrebte.
+
+ * * * * *
+
+Wie schön hatte ich es mir einst gedacht, wenn zu den Kongressen der
+Partei die Gesinnungsgenossen von Ost und West, von Nord und Süd
+zusammenkommen würden, ungleich nach Beruf und Alter und Geschlecht, und
+doch ein einiges Heer, von derselben Kraft durchdrungen, von demselben
+Willen beseelt, neue Kreuzfahrer, die auszogen, der Menschheit heiliges
+Land zu suchen. Und jetzt?
+
+Schon im Hotel, wo die meisten Delegierten untergekommen waren, musterte
+man sich mißtrauisch, begrüßte sich kühl. Und Gruppen bildeten sich, die
+berieten, ob und wie man die Ansichten der anderen Gruppen überstimmen
+könne.
+
+Dem Parteitag ging eine Frauenkonferenz voraus. Als ich in den Kreis der
+fünfundzwanzig Genossinnen trat, fühlte ich die abweisende Kälte, die
+mir entgegenströmte. Nur Ida Wiemer schüttelte mir herzhaft die Hand.
+»Was sagen Sie nur zu dieser Tagesordnung?!« flüsterte sie erregt.
+
+Ich lachte spöttisch: »Sie wollen offenbar in anderthalb Tagen die ganze
+Frauenfrage lösen. Arbeiterinnenschutz, Kinderschutz, gesetzliche
+Regelung der Heimarbeit, politische Gleichberechtigung, -- ein
+imponierendes Programm! Es ist ja aber auch eine hübsche Zahl von
+Jasagern beisammen. Die schlucken die Resolutionen unbesehen.«
+
+»Aber Krach gibt's auch,« antwortete Frau Wiemer. »Ihnen müßten die
+Ohren geklungen haben, so giftig ist die Bartels auf Sie.«
+
+»Auf mich?! Ich habe ja gar nichts getan!« meinte ich verwundert.
+
+»Aber die düsseldorfer Genossinnen haben einen Antrag auf Anstellung
+einer Parteisekretärin eingebracht. Man meint, Sie müßten
+dahinterstecken --«
+
+Darum also die bösen Gesichter!
+
+»Und dann: daß Sie als Einzige von uns morgen im Kindlkeller sprechen!«
+
+Darum also die gekränkten Mienen!
+
+Die arme Düsseldorferin wußte offenbar nicht, in was für ein Wespennest
+sie mit ihrem Antrag gestochen hatte, und konnte die Erregung, die er
+hervorrief, nicht begreifen. Ich kam ihr zu Hilfe und goß nur Öl ins
+Feuer. Alles fiel über uns her. Martha Bartels sah in dem Antrag ein
+Mißtrauensvotum gegen ihre Tätigkeit als Zentralvertrauensperson und
+spielte die persönlich Gekränkte, Luise Zehringer gab der offenbar
+allgemeinen Meinung, wonach ich mir auf diese hinterlistige Weise eine
+fette Pfründe schaffen wollte, drastischen Ausdruck, indem sie mit einem
+wütenden Blick auf mich erklärte:
+
+»Die Genossinnen, die nur ab und zu von sich hören lassen, sonst aber
+praktisch gar nicht arbeiten, können wir für solche Stelle nicht
+brauchen. Die haben unser Vertrauen nicht.«
+
+Dabei begann sie krampfhaft zu schluchzen und kreischte, wie ich es von
+ihr noch nie gehört hatte. Aller Klang und alle Weichheit waren aus
+ihrer Stimme verschwunden. Ob das das unausbleibliche Schicksal aller
+Agitatorinnen war?!
+
+Die Bartels sekundierte ihr: »Uns können nur Frauen nützen, die Fleisch
+von unserem Fleische sind ... Keine akademisch gebildeten Damen, die nur
+mal, um sich zu zeigen, ab und zu in einer großen Versammlung einen
+Vortrag halten --.« Ich stand dicht vor ihr und sah ihr gerade ins
+Gesicht. »Solche Paradepferde können wir nicht brauchen,« schrie sie.
+
+Mein Nachbar, ein belgischer Genosse, schüttelte verwundert den Kopf:
+»Es scheint, die ganze Konferenz richtet sich gegen Sie. Was haben Sie
+nur getan?!« fragte er.
+
+»Ist's nicht Verbrechen genug, daß ich überhaupt da bin?!« antwortete
+ich bitter.
+
+Als im weiteren Verlauf der Debatte die Frage des Arbeiterinnenschutzes
+besprochen wurde, nahm ich die Gelegenheit wahr, abermals die
+Forderungen einer umfassenden Mutterschaftsversicherung zu verteidigen.
+Ein paar Beifallsrufe wurden laut, die meisten der Frauen jedoch, ihr
+Leben lang gewohnt, sich unterjochen zu lassen, waren durch die
+Anwesenheit so anerkannter Parteiautoritäten, wie Wanda Orbin und Martha
+Bartels, viel zu verschüchtert, als daß sie ihnen hätten opponieren
+können. Kaum hatte ich geendet, als Wanda Orbin sich zum Worte meldete.
+
+Sie sprach mit einer Leidenschaft, als gelte es, die höchsten Prinzipien
+des Sozialismus zu verteidigen, und mit einer Stimme, als hätte sie eine
+Riesenvolksversammlung vor sich: »Der Gedanke, welcher der
+Mutterschaftsversicherung zugrunde liegt,« sagte sie, »ist der Gedanke
+der menschlichen Solidarität in seiner weitesten Form. Die
+Verwirklichung dieses Prinzips aber steht in so schreiendem Gegensatz zu
+dem Wesen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, daß wir sie auf
+ihrem Boden nicht erreichen werden ... Sie kann erst zur Verwirklichung
+gelangen, wenn das Recht des lebenden Menschen über den toten Besitz zur
+Geltung gebracht sein wird, -- in einer sozialistischen
+Gesellschaft ...« Ihre Stimme überschlug sich, Schweißtropfen standen
+auf ihrer Stirn. Von allen Seiten klatschte man enthusiastisch.
+
+»Bisher hat es nur als ein Kennzeichen der bürgerlichen Frauenbewegung
+gegolten, aus Opportunitätsgründen möglichst wenig zu fordern, um
+überhaupt etwas zu erreichen,« antwortete ich in ruhigem Gesprächston.
+»Wir verlangen im Gegenteil Alles, und nehmen nur als Abschlagszahlung,
+was davon stückweise errungen wird. Haben wir etwa jemals aufgehört, für
+den Achtstundentag zu agitieren, weil der Gegenwartsstaat ihn nicht
+gewähren wird? Mit noch größerem Recht können wir von ihm die
+Mutterschaftsversicherung fordern, denn ein gut Teil ihrer Ziele muß er
+im eigensten Interesse verwirklichen. Er braucht gesunde Mütter,
+arbeitsstarke Männer, kriegstüchtige Rekruten.«
+
+Wanda Orbin erhob sich noch einmal. »Die Forderung der
+Mutterschaftsversicherung ist durchaus nicht so radikal sozialistisch,
+wie Frau Brandt meint ...,« rief sie. Ringsum klatschte man wieder.
+Weder sie noch ihre Zuhörerinnen hatten bemerkt, daß sie, um mir zu
+widersprechen, sich innerhalb weniger Minuten selbst widersprochen
+hatte.
+
+Als ich ins Hotel zurückkam, müde und verärgert, trat mir überraschend
+mein Mann entgegen. Ich errötete dunkel. Er küßte mir nur die Hand.
+
+»Ich wußte, daß du Kämpfe haben wirst,« sagte er, »und daß ein Freund
+dir fehlen könnte.« Mit tiefer Dankbarkeit sah ich ihm in die Augen.
+
+Der Geist, der in der Frauenkonferenz umgegangen war, herrschte auf dem
+Parteitag.
+
+»Wir brauchen die Akademiker nicht!« war die Parole, unter der er stand.
+»Wenigstens die nicht, die sich erlauben, eine andere Meinung zu haben
+als wir.«
+
+Ein Antrag besonders war von symptomatischer Bedeutung; er verlangte
+nichts weniger, als daß die Mitglieder der Partei verpflichtet werden
+sollten, Kritiken über schriftliche oder mündliche Äußerungen von
+Parteigenossen nur in Parteiblättern, das heißt solchen Zeitungen und
+Zeitschriften, die der Parteikontrolle unterstehen, zu veröffentlichen.
+War es nicht ein grotesker Widerspruch zu den grundlegenden Prinzipien
+der Partei, daß solch ein Antrag auch nur ernsthaft diskutiert werden
+konnte? Daß es Sozialdemokraten gab, die die »Einheitlichkeit der
+Partei« dazu mißbrauchten, um die Meinungsfreiheit niederzuknütteln?
+
+»Ich habe geglaubt, die Leute hätten sich in der Adresse geirrt,« sagte
+Vollmar und reckte sich zu seiner ganzen Riesengröße auf, sodaß er
+turmhoch und turmsicher über der brandenden Woge der Menge stand. »Das
+ist ein Antrag für die Zentrumspartei, für die Kirchenorgane mit dem
+Zensor obenan, wo nur eine Meinung gilt. Es genügt nicht, ihn zu
+bekämpfen, ihn niederzustimmen. Bis auf seine Wurzeln, gilt es, ihn zu
+verfolgen, sonst kehrt er in der und jener Form alljährlich wieder und
+überwuchert unser Erdreich. Es ist der ewige Geist der Kontrolle, der
+Geist der Kasernenhofdisziplin, dem er entspringt. Und gegen ihn müssen
+wir uns wenden. Nicht die freie Meinung unterdrücken, was eine Schwäche
+verraten würde, die nur dem Tode, das heißt der Versteinerung einer
+Bewegung vorangehen kann, sondern sie fördern, ist unsere Aufgabe.
+Sollte der Versuch unternommen werden, selbständige Menschen mundtot zu
+machen, so wäre der kein echter Sozialdemokrat, der es fertig bekäme,
+sich solcher Zensur zu unterwerfen. Es wäre wahrhaftig nicht der Mühe
+wert, die Fesseln der bürgerlichen Gesellschaft von sich zu werfen, um
+sie nur mit neuen zu vertauschen!«
+
+Ich sah mich um im Saal. Es waren nur bestimmte Gruppen, die Beifall
+klatschten. Reihenweise saßen die Genossen an den langen Tafeln mit
+verschlossenen oder gleichgültigen Mienen. Unwillkürlich lief mir ein
+Schauer über den Rücken. Die »Diktatur des Proletariats«, -- wird sie
+die Freiheit sein?
+
+»Sie würde ein rasches Ende nehmen, wenn sie etwas anderes wäre,« sagte
+einer unserer Genossen, als wir am Abend zusammen waren und ich die
+Frage ausgesprochen hatte.
+
+Während der letzten Tage des Kongresses, deren Verhandlungen sich um die
+praktischen Fragen der Arbeiterversicherung und der Kommunalpolitik
+drehten, legten sich die Wogen der Erregung wieder. Und als August Bebel
+von den kommenden Reichstagswahlen sprach und seine braunen
+Jünglingsaugen unter dem grauen Haarschopf immer feuriger glänzten, je
+drastischer seine Darstellung der inneren und äußeren politischen Lage
+wurde, je weitgehendere Hoffnungen er für den Wahlkampf daran knüpfte,
+da jubelte alles ihm einmütig zu; jener zündende Funke der Begeisterung
+sprang von einem zum anderen, derselbe Funke, den eine Kriegserklärung
+für alle waffenfähigen Männer bedeuten mag. Sie werfen ihr Werkzeug
+beiseite, sie treten in Reih und Glied, und zum guten Kameraden wird der
+Nachbar, mit dem sie eben noch in kleinlichem Hader lebten.
+
+Noch erging sich die bürgerliche Presse in langatmigen Betrachtungen
+über den »Bruderzwist« in der Partei, um Hoffnungen für ihre Sache
+daraus zu schöpfen, und schon standen wir in Reih und Glied dem
+gemeinsamen Feind gegenüber.
+
+ * * * * *
+
+Am Tage unserer Rückkehr nach Berlin ging ich zur Mutter. Drei Monate
+hatte ich sie nicht gesehen. Ihre Briefe, die kurz und freudlos waren,
+ließen mich nichts Gutes ahnen. Sie wohnte mit Ilse in einer Pension am
+Lützow-Ufer. Als ich aus dem hellen Tageslicht in das dunkle Zimmer
+trat, -- die Häuser hier traf nie ein Sonnenstrahl, -- löste sie sich
+langsam, wie ein Schatten, aus dem tiefen Stuhl, in dem sie gesessen
+hatte. Ihre Hände nur leuchteten weiß und überschlank aus dem schwarzen
+Ärmel des Kleides. Sie war sehr verändert.
+
+Streifen weißen Haares zogen sich durch ihre blonden Scheitel. Auf ihrem
+schmalen Gesicht wechselte fahle Blässe mit fliegender Röte. Die
+Pupillen in ihren Augen standen keinen Augenblick still. Ein Gefühl von
+Zärtlichkeit überkam mich. Ich küßte ihre beiden Hände.
+
+»Es ist nicht leicht --,« sagte sie.
+
+»Was denn, Mamachen?« fragte ich so sanft, als hätte ich eine Kranke vor
+mir.
+
+»Weißt du noch, wie ich Ilse die Stiefel zuschnürte, als sie ein Kind
+war? Vor ihr auf den Knieen, -- nur damit sie sich nicht bücken sollte?«
+begann sie langsam, traumverloren. »Dann pflegte ich ihren Mann zu Tode,
+-- und nun läßt mir die Angst keine Ruhe, daß sie wieder in ihr Unglück
+rennt --« Sie ließ sich nicht beruhigen. Es war, als ob eine fixe Idee
+sie beherrschte.
+
+Eines Abends schickte Ilse nach mir.
+
+»Um Gottes willen -- rasch --,« rief sie mir schon vor der Haustür
+entgegen, »ich fürchte mich so!« Oben fand ich die Mutter im Bett
+zusammengekauert, die Augen starr ins Wesenlose gerichtet. »Hans -- Hans
+-- tu mir nichts!« wimmerte sie. »Du hast ja mein Versprechen --« Und
+dann streckte sie wie lauschend den Kopf vor. »Hier meine Hand
+darauf --« flüsterte sie ruhiger werdend, und ihre weißen Finger griffen
+in die leere Luft, um etwas zu umschließen, das niemand sah als sie.
+
+Der Arzt erklärte ihren Zustand für Nervenüberreizung und verlangte die
+Trennung von Mutter und Tochter. Aber erst nach Wochen voller innerer
+und äußerer Qualen ließ sie sich überreden, ohne Ilse nach Montreux zu
+gehen. Ich hatte ihr versprechen müssen, die Schwester zu mir zu nehmen,
+und sie selbst überwachte noch ihre Übersiedlung in eine zufällig leere
+Wohnung neben uns.
+
+ * * * * *
+
+Es war um die Weihnachtszeit; jene Zeit voller Geheimnisse und voller
+Freuden; jene Zeit, die ein Gott der Liebe wirklich geweiht zu haben
+scheint. Ich hatte dann immer alle Hände voll zu tun. In den Laden gehen
+und kaufen, das kann jeder, der einen vollen Beutel hat, auch im Alltag
+des Jahres. Aber den Wünschen derer, die man liebt, nachspüren, und sie
+mit eignen Händen zu erfüllen suchen, das kann nur, wer Festtagsstimmung
+hat.
+
+Eine Götterburg baut' ich meinem Buben auf mit Wodan und Baldur, mit
+Loki im roten Feuerkleid und den Walküren in Schwanengewändern. Stets
+fehlte noch irgend was: ich mußte weit umherlaufen, um die Silberflügel
+für die Helme der Schlachtjungfrauen oder den goldenen Eber für Freyrs
+Wagen zu finden. Und ich war so müde, so schrecklich müde! Es war, als
+ob mein Körper täglich schwerer auf den Füßen lastete. Endlich war alles
+fertig. Ich lag erschöpft auf dem Sofa.
+
+Wie schwach mir war und wie glühend heiß dabei! Mit einer letzten
+Kraftanstrengung schlich ich ins Schlafzimmer und legte mir den
+Fieberthermometer unter den Arm: 39½ -- Ich rief nach Berta und schickte
+zum Arzt. Dann wußte ich nichts mehr von mir.
+
+Erst allmählich sah ich schattenhaft Gestalten um mein Bett -- Heinrich
+-- den Arzt -- die Pflegerin in der weißen Haube und -- die Mutter! Wie
+hatte man sie nur rufen können, die arme, kranke Frau?! Oder, -- eiskalt
+packte mich die Angst, -- sollte ich sterben müssen?! Ich durfte doch
+gar nicht! Ich mußte den Weihnachtsbaum putzen für mein Kind!
+Unaufhaltsam liefen mir die Tränen über die Wangen.
+
+Ich genas. Auf dem Sofa lag ich jetzt wieder, und über meine Decke ließ
+Ottochen alle Götter und alle Walküren reiten.
+
+»Wie kam es nur,« wandte ich mich zur Mutter, die, noch schmaler
+geworden, im Stuhl neben mir lehnte, »wie kam es nur, daß du so
+plötzlich hier warst? Heinrich gab mir sein Wort, daß er dir nichts von
+meiner Erkrankung geschrieben hat, -- und Ilse auch.«
+
+Ein stilles Lächeln glitt über ihre Züge.
+
+»Nein, niemand schrieb mir, -- aber ich sah, daß der Tod neben dir
+stand. Ihr mögt noch so sehr zerren wie an einer Kette, das Band
+zwischen Mutter und Kind ist stärker als Ihr.«
+
+Am nächsten Tage reiste sie ab. Sie hatte den alten schwarzen Mantel an,
+den ich seit Jahren an ihr kannte, und auf ihrem dunkelgrauen Hut saß
+ein kleiner grünschillernder Käfer, -- ich weiß noch alles ganz genau.
+An der Tür zögerte sie und sah mich an, -- mit einem langen, langen
+Blick. Ich wollte mich aufrichten und sie noch einmal umarmen. Aber ich
+war viel zu schwach dazu.
+
+Acht Tage später war sie tot.
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel
+
+
+»Genosse Weber aus Frankfurt a. O. -- meine Frau.« Ich war gerade zur
+Türe eingetreten, als Heinrich mir seinen Gast vorstellte, einen kleinen
+lebhaften Menschen mit blanken, braunen Augen und kahlem Schädel.
+Verwundert sah ich von einem zum anderen: sie waren beide heiß und rot
+vor Erregung.
+
+»Helfen Sie mir, Genossin Brandt,« sagte der Fremde und trommelte mit
+den Fingern auf der Tischplatte. Komisch, was für einen breiten, nach
+außen gebogenen Daumen er hat, wie bei der Spinnerin im Märchen, dachte
+ich zerstreut, während meine Augen gewohnheitsmäßig an seinen Händen
+hängen blieben.
+
+»Weber bietet mir die Kandidatur seines Wahlkreises an,« erklärte
+Heinrich. Nun erst horchte ich auf.
+
+»Und er zögert, sie anzunehmen. Bringt lauter Wenn und Aber vor. Und
+will Bedenkzeit. Als ob es jetzt noch was zu bedenken gäbe! Jeder von
+uns muß ins Geschirr, -- so oder so,« rief unser Gast, und seine Worte
+überstürzten sich vor Eifer. »Machen Sie kurzen Prozeß, -- schlagen Sie
+ein!«
+
+»Schade, daß Sie mich nicht brauchen können, -- ich täte es
+besinnungslos,« antwortete ich und legte meine Hand in die seine, die
+er noch vergeblich meinem Mann entgegenstreckte. Weber hielt sie fest.
+
+»Ein Weib -- ein Wort,« lachte er. »Sie sollen sehen, wie wir Sie
+brauchen können, -- zuerst müssen Sie uns den Kandidaten und dann den
+Wahlkreis erobern helfen!«
+
+Aber mein Mann blieb fest, trotz allen Zuredens.
+
+»In vierundzwanzig Stunden werden Sie meine Antwort haben...« sagte er.
+
+Als Weber gegangen war, schalt er mich: »Du bist unüberlegt wie ein
+Kind! Glaubst du, daß das Archiv nicht sehr geschädigt wird,
+wenn ich für die Partei kandidiere, oder gar als Mitglied der
+sozialdemokratischen Fraktion in den Reichstag komme?!«
+
+Ich machte eine wegwerfende Bewegung: »Ach, -- das Archiv und immer das
+Archiv! Lindner wird sich über kurz oder lang entscheiden müssen, und
+wenn du erst eine ausgesprochen sozialistische Zeitschrift leitest, so
+wird das auf das Archiv nicht anders wirken, als wenn du Abgeordneter
+bist...«
+
+Einen Augenblick lang schwieg ich und sah ihn erwartungsvoll an, aber er
+blieb am Schreibtisch sitzen mit gesenkten Augen und zusammengekniffenen
+Lippen, während seine Hand unruhig mit dem Bleistift spielte.
+
+»Heinz --,« fuhr ich mit weicherer Stimme fort, »Heinz, das bist nicht
+du, den ich unschlüssig vor mir sehe! Alle Wetterzeichen deuten auf
+einen großen Kampf, und du könntest abseits bleiben, wenn man dich zu
+den Waffen ruft?! Du, den ich liebe um seiner Kühnheit willen, der all
+die tausend jämmerlichen Rücksichten des Alltagsmenschen nicht kennt --«
+
+
+»Ich sage dir, wie schon einmal, daß ich an euch zu denken habe, an dich
+und das Kind,« unterbrach er mich, aber seine Stimme hatte keinen Ton
+dabei.
+
+»Hat Romberg, der den Freien spielt und im Grunde nichts ist als ein
+Philister, so viel Macht über dich?!« antwortete ich heftig. »Soll auch
+für uns die Familie der Götze sein, dessen Unersättlichkeit wir das
+Beste opfern: unsere Freiheit, unsere Überzeugung, unser Menschentum?!
+Sie wäre wert, daß wir sie zerstörten, wie unsere Gegner es von uns
+behaupten, wenn dem so wäre!«
+
+Heinrich erhob sich und reichte mir die Hand. Seine Augen glänzten
+wieder. »Du bist mein tapferer Kamerad,« sagte er, -- nichts weiter. Und
+ich stellte keine Frage mehr an ihn.
+
+Am nächsten Morgen gingen wir in den Reichstag. Seit Wochen tobte hier
+der Kampf um den Zolltarif. Mit eiserner Konferenz hatte die
+sozialdemokratische Fraktion es bisher durchgesetzt, daß über jeden
+einzelnen Zollsatz beraten und namentlich abgestimmt wurde. Wenn sie die
+schließliche Annahme der Vorlage auch nicht verhindern konnte, -- sie
+hatte eine geschlossene Mehrheit gegen sich; von den bürgerlichen
+Parteien wagte es nur die kleine freisinnige Vereinigung unter Führung
+von Theodor Barth mit ihr zusammen gegen die drohende Verteuerung aller
+Lebensmittel Front zu machen --, so wollte sie wenigstens nichts
+versäumen, um ihre Folgen abzuschwächen, oder, -- das war die Hoffnung
+der Optimisten in ihrer Mitte, -- die Entscheidung so lange
+hinauszuschieben, bis die neu gewählten Volksvertreter sie zu fällen
+haben würden. Sie wußten genau: wenn sie mit dem Zolltarif als
+Agitationsmittel vor die Wählermassen treten könnten, so würde eine
+verstärkte Opposition in den Reichstag zurückkehren. Aber ihre
+politischen Gegner fürchteten diese Entwicklung der Dinge ebenso sehr,
+als die Sozialdemokraten sie wünschten. Schon hatten sie versucht, durch
+eine Umänderung der Geschäftsordnung die Verhandlungen zu beschleunigen,
+-- umsonst. Die Sozialdemokraten begegneten ihnen mit vier- und
+fünfstündigen Dauerreden, mit immer neuen Anträgen. Die Empörung stieg
+bis zur Siedehitze. Und jetzt, -- darüber war kein Zweifel, -- hatten
+die Vertreter der Rechten und des Zentrums nach langwierigen Beratungen
+ein Mittel gefunden, das den Einfluß der Opposition endgültig lahmlegen
+sollte.
+
+In der langen grauen Wandelhalle, die der dunkle Novembertag noch öder,
+noch farbloser erscheinen ließ, warteten wir auf unsere Tribünenkarten.
+Abgeordnete eilten an uns vorüber, in schwarzen Röcken oder in Soutanen,
+schwere Mappen unter den Armen, mit müden, überwachten Gesichtern, oder
+sie gingen flüsternd zu zweien und blieben in den Ecken stehen, die
+Köpfe zueinandergeneigt, wie Verschwörer. Erhob sich ihre Stimme im
+Eifer des Gesprächs, so hallten abgerissene Worte durch den hohen Raum
+und schwebten wie verirrt in der Luft. Ein langsamer fester Schritt
+näherte sich uns: Ignaz Auer.
+
+»Sie haben eine gute Nase, Genossin Brandt,« lachte er, indem er uns
+kräftig die Hände schüttelte; »heute platzt hier irgend eine Bombe. Und
+da müssen Sie dabei sein, was?!« Er führte uns in den Wandelgang, der
+den Sitzungssaal umschließt, und mit seinem weichen Teppich und seiner
+braunen Täfelung behaglich gewirkt hätte, wenn nicht ein unaufhörliches
+hastiges Hin und Her die Luft in ständiger nervöser Schwingung erhalten
+hätte. Wir setzten uns.
+
+»Mir ist die Kandidatur für Frankfurt-Lebus angeboten worden. Was halten
+Sie davon?« wandte sich mein Mann an Auer. Der strich sich nachdenklich
+mit der breiten Hand den Bart, während ein leiser Spott seine Lippen
+kräuselte.
+
+»Also wieder ein Akademiker! Was werden unsere Berliner sagen?! --
+Übrigens,« fügte er lauter hinzu, »ich kenne den Wahlkreis: Äcker,
+nichts als Äcker, und Bauern- und Rittergüter, wenig Industrie, -- kurz,
+ein böser Winkel.«
+
+»Aussichtslos?« fragte Heinrich.
+
+»Aussichtslos? Nein!« antwortete Auer. »Nur erleben wir beide seine
+Eroberung nicht.« Ich biß mir ärgerlich die Lippen, -- ich hatte
+erwartet, daß er zureden würde.
+
+Ein heller Glockenton klang durch das Haus. Die Sitzung war eröffnet.
+Wir stiegen zur Tribüne hinauf. Jeder Platz war besetzt. Gespannte
+Erwartung lag auf allen Zügen. Man zeigte einander flüsternd die
+Hauptführer im Kampf. Allmählich füllte sich unten der Saal. Das
+gelbgraue Licht, das von den farblosen Wänden und der tiefen Glasdecke
+ausstrahlte, ließ alle Gesichter gleichmäßig fahl erscheinen.
+
+»Ein vornehmer Raum!« sagte eine Dame neben mir. Daß man so oft für
+vornehm hält, was nur kühl, nur leblos ist! Die Architekten öffentlicher
+Gebäude sollten den psychologischen Einfluß der Farben auf die Menschen
+studieren. Vielleicht würden dann manche Parlamentsverhandlungen und
+Gerichtsbeschlüsse anders ausfallen.
+
+Hinter dem Rednerpult stand ein Abgeordneter, der mit einförmiger
+Langsamkeit über die Petitionen zu den Vieh- und Fleischzöllen
+berichtete. Niemand hörte auf ihn. In Gruppen standen die Mitglieder der
+Rechten und des Zentrums beieinander. Hier und da eilte einer von ihnen
+zur Tür, um bald darauf achselzuckend wiederzukommen. Irgend etwas
+sehnlich Erwartetes fehlte. Die Linke nur saß scheinbar ruhig auf ihren
+Plätzen, und auf dem Präsidentenstuhl lehnte Graf Ballestrem in
+erzwungener Gelassenheit den weißen Kopf an die hohe Lehne. Der
+Berichterstatter schloß. Graf Ballestrem erhob sich: »Wir treten nunmehr
+in die Beratung des Zolltarifs ein ...«
+
+In diesem Augenblick stieg Herr von Kardorff, der greise Führer der
+Rechten, mit jugendlicher Elastizität die Stufen zur Estrade empor. Ein
+weißes Papier zitterte in seinen Händen. Die Stimme, mit der er scharf
+und hell seine Worte in den Saal hinausstieß, vibrierte:
+
+»In wenigen Minuten wird dem Hause ein Antrag vorliegen, der dahin geht,
+in Paragraph 1 der Gesetzesvorlage die Enbloc-Annahme des Zolltarifs
+auszusprechen ...«
+
+Ein Hohngelächter übertönte jedes weitere Wort. Die Linke sprang auf und
+umdrängte die Estrade.
+
+»Eine Guillotinierung!« klang es aus dem schwarzen Menschenknäuel.
+
+»Sie haben uns selbst auf diesen Weg gedrängt ...,« rief Kardorff. Er
+ballte die Faust um das weiße Papier, reckte die überschlanke Gestalt
+hoch auf und maß mit einem hochmütigen Blick die Gegner unter ihm.
+
+Man wartete auf die Verteilung des Antrages. Eine lange, atemlose Pause.
+Endlich traten die Diener ein. Man riß ihnen die bedruckten Blätter aus
+der Hand. Dicht unter der Rednertribüne, auf der Kardorff noch immer
+aushielt -- gerade, starr, scheinbar gleichgültig --, warf einer der
+Sozialdemokraten in fanatischem Zorn das zusammengeballte Blatt zu
+Boden. Um den heftig gestikulierenden Bebel sammelte sich die Linke.
+
+»Zur Geschäftsordnung!« rief Singers tiefe Stimme immer wieder dem
+Präsidenten zu.
+
+Und dann sprach er. Aber durch den frenetischen Beifall der Linken und
+die empörten Zwischenrufe der Rechten und des Zentrums klangen nur
+abgerissene Sätze zu den Tribünen empor.
+
+»... Dieser Antrag ist der Ausfluß des persönlichen Interesses, welches
+die Herren Gesetzgeber an der Zolltarifvorlage haben ... Sie fördern den
+Umsturz, Sie propagieren die Revolution, indem Sie die Interessen des
+Volkes mit Füßen treten... Neunhundert Positionen, von denen jede
+einzelne die wirtschaftliche Existenz Tausender bedroht, wollen Sie in
+einer Abstimmung zur Entscheidung bringen ... Sie fürchten sich, die
+Beute könnte Ihnen entgehen ... Sie sind die Schleppenträger der
+Agrarier und die Regierung ist ...«
+
+»Ihr Zuhälter!« kreischte eine Stimme dazwischen.
+
+Der Präsident erhob sich und schwang die Glocke. Aber das Wort saß fest;
+flüsternd ging es schon durch die Menschenreihen auf den Tribünen.
+
+Noch einmal übertönte Singers Rede den Sturm im Saal: »Mehr denn je
+wird das Recht der Minorität, sich gegen Vergewaltigungen zu wehren, zur
+heiligen Pflicht, wo es sich darum handelt, dem Volke ein Gesetz zu
+ersparen, das es der Not ausliefert, während es Ihre Taschen füllt ...«
+
+Seine Fraktionskollegen umringten den Redner; einen Augenblick lang lag
+die Hand Theodor Barths in der seinen.
+
+»Das Wort zur Geschäftsordnung hat der Herr Abgeordnete von Kardorff.«
+
+Schon hatte sich Singer seinem Platz wieder zugewandt. Wie er den Namen
+hörte, drehte er sich um und blieb zwischen den Seinen stehen, groß,
+schwer, breitschultrig. Über ihm auf einer der Stufen, die zur Estrade
+führten, stand Bebel, die dunkelglühenden Augen fest auf den Redner
+gerichtet, während seine Finger sich nervös bewegten, sich spreizten und
+wieder zusammenzogen, als prüften sie ihre Kraft.
+
+Ruhig, mit der ganzen Selbstbeherrschung des alten Aristokraten, begann
+Kardorff zu sprechen: »Wir sind der Überzeugung, daß der vorliegende
+Antrag das einzige Mittel ist, um die Tarifvorlage, deren Erledigung wir
+für ein großes vaterländisches Interesse halten ...«
+
+»Vaterländisch?!« fragte jemand ironisch; ein schallendes Gelächter
+antwortete.
+
+Der Redner gab sich nicht die Mühe, den Lärm zu überschreien.
+Gleichgültig sah er über die Menge hinweg und wartete, bis der Präsident
+die Ruhe wieder hergestellt hatte. Dann sprach er weiter, ohne die
+Stimme zu erheben, ohne Pathos. Er gab sich nicht die Mühe, überzeugen
+zu wollen; in seiner ganzen Art lag eine souveräne Verachtung des
+Gegners.
+
+»...Daß die Mehrheit wichtige Gesetzesvorlagen auch gegen den Willen der
+Minorität durchsetzt, ist eine grundlegende Forderung unseres
+konstitutionellen Lebens...«
+
+Tosender Lärm unterbrach ihn. Aus dem dichtgedrängten Haufen, der sich
+allmählich immer näher zur Rednertribüne emporschob, erhoben sich
+geballte Fäuste. »Räuber!« -- »Taschendieb!« -- »Volksverräter! --«, wie
+Peitschenhiebe pfiff und sauste es durch die Luft. Die Mitglieder der
+Rechten erhoben sich und besetzten wie zum Schutz die andere Seite der
+Treppe. Kardorff sprach weiter. Sein Gesicht war um einen Schein blasser
+geworden, und seine schmalen Hände umklammerten krampfhaft das Pult.
+Hier stand nicht mehr der einzelne, der um einen momentanen Vorteil
+kämpft, -- in diesem Mann erhob sich vielmehr die alte Welt wider die
+neue und umgab seinen scharf geschnittenen Aristokratenkopf mit dem
+dunklen Glanz tragischer Größe.
+
+Als wir gingen, stritt man sich noch immer in endlosen Reden über die
+Zulässigkeit des Antrags.
+
+»Acht Tage läßt sich die Sache wohl noch hinziehen,« meinte einer
+unserer Reichstagsabgeordneten, den wir in der Wandelhalle trafen, »dann
+ist der Zolltarif angenommen. Ein Pyrrhussieg für die Rechte, -- der
+Nagel zum Sarg für die Nationalliberalen!«
+
+»Und hundert Mandate für uns!« fügte ein anderer frohlockend hinzu; »das
+wird ein Wahlkampf werden, der seinesgleichen nicht hatte!«
+
+In einem Kaffee der Potsdamerstraße erwartete uns Weber. Fragend sah er
+von einem zum anderen. Mein Mann reichte ihm die Hand.
+
+»Hier haben Sie mich, wenn Sie noch mögen. Auer sagt, wir würden die
+Eroberung von Frankfurt-Lebus nicht erleben, -- das gab den Ausschlag.
+Die gebratenen Tauben, die in den Mund fliegen, schmecken mir nicht. Wir
+wollen uns zusammen ein Wild erjagen.«
+
+Wir blieben noch lange beieinander. Weber erzählte von seinem eigenen
+Leben: wie er als armer Schustergeselle in die Welt hinausgewandert war,
+sich schließlich seßhaft gemacht hatte und anfing, sich emporzuarbeiten.
+
+»Eine verbissene Zähigkeit gehört dazu, wenn's gelingen soll,« meinte
+er, »dieselbe Zähigkeit, die wir haben müssen, soll die Partei vom
+Flecke kommen. Nur ein paar solcher Genossen haben wir in Frankfurt, die
+seit Jahren den steinigen Boden beackern, unermüdlich, in täglicher
+Kleinarbeit, gegen den Haß und die Verfolgungssucht des ganzen
+bourgeoisen Klüngels, -- und doch sind wir ein gut Stück weitergekommen.
+Seit zwanzig Jahren schau ich mir die alte rote Fahne an, die seit dem
+ersten Lassalleschen Arbeiterverein eingerollt im Winkel steht. Der
+schönste Tag meines Lebens wär's, wenn ich sie einmal flattern sehen
+könnte!« Und mit dem breiten Schusterdaumen wischte er sich einen
+feuchten Tropfen aus dem Augenwinkel.
+
+ * * * * *
+
+Mit jedem neuen Tage wurde der Kampf im Reichstage brutaler; selbst die
+politisch Gleichgültigen wurden aufgerüttelt und verfolgten ihn mit
+gespannter Aufmerksamkeit. Durch Nachtsitzungen versuchte die Mehrheit
+die Kraft der Minderheit zu erschöpfen, aber mit trotziger Ausdauer
+hielt sie stand, und schob die Entscheidung durch endlose Reden immer
+wieder auf Tage und Stunden hinaus. Der gegenseitige Haß zerriß in
+zügelloser Leidenschaft alle Bande äußerer Gesittung. Konservative
+Abgeordnete bezeichneten die Arbeiter Berlins, die in riesigen
+Versammlungen gegen den Umsturz der Geschäftsordnung durch den Antrag
+Kardorff protestierten, als »skrophulöses Gesindel«, und ihre Presse
+forderte von der Regierung: »der Bestie den Zaum anzulegen«. Die
+»Bestie« blieb ihre Antwort nicht schuldig. Die größten Säle der
+Millionenstadt konnten die Menge nicht fassen, die nichts mehr war, als
+ein Wille: nieder mit der Reaktion! und eine Hoffnung: der Rachefeldzug
+der nächsten Wahlen. Und mehr und mehr tauchten Menschen in den
+Versammlungen auf, die nicht zum Proletariat gehörten. Bewunderung für
+die wilde Energie der kleinen Schar Belagerter riß so manchen aus dem
+politischen Schlummer, und der Groll führte andere hierher; sie fühlten
+ihre liberalen Interessen durch ihre eigenen Vertreter im Reichstag --
+die Bassermann, die Richter -- schmählich verraten. Zu früh vernarbte
+Wunden brachen auf: die Erinnerung an die Lex Heinze erwachte, durch die
+Kunst und Wissenschaft tödlich getroffen worden wären, wenn die Roten im
+Reichstag sie nicht so wütend verteidigt hätten; und die Rede des
+Kaisers klang lauter, als da sie gehalten wurde, in die Ohren derer, die
+sich bisher vom Getümmel der Schlacht scheu vor ihre Staffelei und ihren
+Schreibtisch zurückgezogen hatten. »Eine Kunst, die sich über die von
+mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst
+mehr,« hatte er angesichts der vollendeten Standbilder in der
+Siegesallee erklärt, und die großen Eroberungen neuer künstlerischer
+Möglichkeiten, wie sie denen um Manet und van Gogh, um Liebermann und
+Klinger gelungen waren, als ein Niedersteigen in den Rinnstein
+bezeichnet. Jetzt rötete das Schamgefühl manchem die Wangen, der den
+Streich ruhig empfangen hatte. »Wahrlich, es gilt mehr als den
+Zolltarif,« sagte mir einer aus dem Kreise der Sezession, »es gilt die
+Verteidigung der ganzen modernen Entwicklung. Wenn es zu diesem Ende
+nichts anderes gibt, als den Stimmzettel, so werden auch wir uns seiner
+zu bedienen wissen.« Eine Revolte der Intellektuellen stand bevor, und
+im stillen hoffte ich wieder, daß sie zu einer Revolutionierung der
+Geister führen würde.
+
+Aber auch die Gegner außerhalb des Reichstages rüsteten sich schon für
+die kommenden Wahlen. Was der Adel Preußens vor zwanzig Jahren noch für
+unmöglich gehalten hatte, das geschah. Junker und Fabrikant vereinigten
+sich, da der gemeinsame Feind drohte: die Sozialdemokratie. Und der
+Kaiser selbst wurde in diesem Kampf der erste Agitator: »Zerreißt das
+Tischtuch zwischen Euch und diesen Leuten, die Euch aufhetzen gegen
+Thron und Altar, um Euch zugleich auf das rücksichtsloseste auszubeuten
+und zu knechten --;« wie auf Windesflügeln durcheilten diese seine
+Worte, die er an eine Deputation von Arbeitern gerichtet hatte, das
+Reich, denn jeder Sozialdemokrat trug sie weiter. Und lauter, immer
+lauter wurde der Groll: »Wer anders beutet uns aus als die Zollwucherer,
+die uns das Fleisch vom Tisch nehmen und das Brot verteuern? Wer anders
+knechtet uns als die Stützen von Thron und Altar, die das Joch der
+Fronarbeit auf unsere Schultern laden?«
+
+Während die Folgen der schweren Krankheit mir die agitatorische
+Tätigkeit noch unmöglich machten, stand mein Mann schon mitten im
+Wahlkampf. Er kam jedesmal hoffnungsvoller wieder, denn an der neuen
+Aufgabe wuchs seine Energie. Ich benutzte die Stunden der
+Alleinherrschaft über unseren Schreibtisch zur Abfassung einer
+Agitationsbroschüre, in der ich die politische Situation vom Standpunkt
+der Frau aus beleuchtete. Für den kommenden Wahlkampf sollte sie die
+Arbeiterinnen aufklären, anfeuern, mit Waffen versehen. Das Häuflein
+ihrer offiziellen Vertreterinnen hatte mich zwar hinausgeworfen, aber
+Hunderttausende gab es, zu denen ich sprechen konnte.
+
+»Jetzt mache ich auch mit Lindner kurzen Prozeß,« sagte Heinrich eines
+Abends, als er eben von Frankfurt zurückkehrte. »Gehen wir aus dem
+Wahlkampf in der Stärke hervor, wie wir es hoffen dürfen, so treten die
+Aufgaben praktischer Politik mit zwingender Notwendigkeit an uns heran,
+und meine Zeitschrift hat einen Wirkungskreis ohnegleichen ...«
+
+Lindner kam. Mit Wünschen und Hoffnungen und ohne Entschlossenheit, wie
+immer.
+
+»Sie haben mich lange genug genarrt,« fuhr ihn Heinrich an; »im
+Vertrauen auf Sie habe ich gewartet und immer wieder gewartet. Nun aber
+verlange ich ein Ja oder Nein.«
+
+Lindners schmale Gestalt sank förmlich in sich selbst zusammen. Halb
+verlegen, halb gekränkt versprach er eine rasche Entscheidung.
+
+»Wie kannst du nur!« rief ich, als die Türe sich hinter ihm schloß. »Nun
+wird er ganz gewiß zurücktreten!«
+
+»Und wenn schon!« lachte Heinrich fröhlich, »glaubst du, die Zeitschrift
+hinge von ihm allein ab?«
+
+Drei Tage später war der Vertrag abgeschlossen, die Zeitschrift
+gesichert. Lindner schien umgewandelt; die Aufgabe, die er vor sich sah,
+wirkte auf ihn wie Morphium auf Hysterische: sie gab ihm Kraft,
+Tatendurst, Selbstbewußtsein.
+
+»Nun fehlt nur noch die notarielle Beglaubigung,« sagte er, nachdem er
+seinen Namen unter das Schriftstück gesetzt hatte, »und morgen kann die
+Arbeit losgehen!«
+
+Mein Mann legte ihm die Hand mit einer bevormundenden Bewegung auf den
+Arm: »Arbeiten müssen wir tüchtig, alle drei, aber über den geeigneten
+Zeitpunkt des Erscheinens wollen wir noch andere hören. Und eine
+notarielle Beglaubigung?« -- Er lachte -- »Ich denke, solche Scherze
+schenken wir uns. Unser Wort genügt, auch wenn wir es nicht schriftlich
+gegeben hätten.«
+
+An einem der nächsten Abende folgten die Führer der Revisionisten
+unserer Einladung. Wie zu einem Feste hatte ich unser Zimmer geschmückt
+und unsere Tafel bereitet. Und festlich war mir zumute, -- wie den
+Soldaten nach der Kriegserklärung. Die frankfurter Fahne fiel mir ein,
+die eingerollt im Winkel stand, -- eine im Sturme immer voran flatternde
+sollte unsere Zeitschrift werden!
+
+Unsere Gäste gratulierten uns, -- aber sie hatten doch viel Bedenken, ob
+unser Plan durchführbar sei. Sie anerkannten die Wichtigkeit der
+Aufgabe, die wir uns gestellt hatten, -- aber an der Stärke der Wirkung
+zweifelten sie. Ihre rege Mitarbeit versprachen alle, -- aber ohne den
+Enthusiasmus für die Sache, den ich erwartet hatte. Der Name der
+Zeitschrift wurde bestimmt: Die Neue Gesellschaft; die Zeit ihres
+Erscheinens wurde festgesetzt: nach den Wahlen, nach dem Parteitag. --
+Es war eine nützliche und verständige Besprechung, die wir hatten, aber
+wir feierten kein Fest. Die vielen Blumen auf meinem Tisch taten mir
+leid.
+
+Was ich schon oft empfunden hatte, das verstärkte sich jetzt: der
+Revisionismus besaß den Verstand und die Einsicht des Alters, das Feuer
+der Jugend war ihm jedoch darüber verloren gegangen. Wer aber die
+Zukunft erobern will, der muß es erhalten, muß es mit seiner Liebe,
+seinem Haß, seiner Hoffnung nähren, damit es weithin leuchtet und wärmt,
+und die Fackeln derer, die ihm folgen, sich daran entzünden können.
+
+ * * * * *
+
+An einem frühen Märzmorgen des Jahres 1903 war ich zu meiner ersten
+Wahlagitation von Berlin weggefahren, das grau und grämlich, jenseits
+aller Jahreszeit, den Schlaf noch in den Augen hatte. In Gusow verließ
+ich den Zug. Auf dem Bahnsteig stand ein Mann, die Schirmmütze keck auf
+ein Ohr gezogen, eine Nummer unserer märkischen Parteizeitung in der
+Hand -- unser Erkennungszeichen. Er lachte mich fröhlich an.
+
+»Ich bin der Jenosse Merten,« sagte er. »So was war noch nich da in
+Jusow und Platkow. Alles, aber auch alles lauert auf Ihnen --«
+
+Wir stiegen in ein klappriges Wägelchen und fuhren zwischen Weiden und
+Erlen die Straße hinauf. Überrascht sah ich um mich. Ich hatte es gar
+nicht gewußt, daß es schon Frühling geworden war!
+
+»Welch eine Luft!« sagte ich mit tiefen Atemzügen.
+
+»Nich war, jut ist sie!« antwortete mein Begleiter mit einem Stolz, als
+wäre sie sein eigenstes Werk. »Wenn die nich wäre, wir gingen längst auf
+und davon. Aber wenn wir -- meine Kollegen und ich -- Sonnabends von der
+Arbeet aus Berlin nach Hause fahren und unsere Kinder kommen uns
+entgegen, nich so blaß und dünn wie die berliner Jöhren, und wir können
+im Jarten in der Laube sitzen, an unserem eigenen Jemüse rumpusseln und
+an unseren Obstbäumen, -- dann vergessen wir gern die Plackerei der
+ganzen Woche.« Wir begegneten vielen Fußgängern. Er grüßte nach rechts
+und links. »Kommst du ooch nach Platkow?« redete er sie an.
+
+»Jawoll --« »Natierlich,« riefen sie.
+
+»Sind das alles Maurer? fragte ich.
+
+»Wo denken Sie hin,« antwortete er, »da sind Landarbeeter mang, sogar
+Bauern. Heute kommt alles zu uns. Die haben ja nie in ihrem Leben 'ne
+Frau reden jehört.«
+
+Mitten auf der Straße, wo die Aussicht am freiesten war, ließ er den
+kräftigen Braunen halten.
+
+»Das ist das Oderbruch,« erklärte er und wies nach links, wo sich das
+Land weit, endlos weit in der Ferne verlor, und darauf verstreut, wie
+Spielzeug, zwischen knorrigen Bäumen, rotbedachte Häuschen und Kirchen
+mit breiten Türmen hervorsahen. Blaßblau, wie von durchsichtigem
+Kristall, wölbte sich die Himmelsglocke über der Ebene. Aus den dunkeln
+Ackerfurchen stieg lebenverkündend ein würziger Geruch. Vergessene
+Geschichten fielen mir ein: vom alten Fritz, der dies fruchtbare Land
+dem Wasser abgetrotzt hatte, von all den märkischen Junkern, den
+Itzenplitz, den Marwitz, den Finkenstein, die hier ringsum seit
+Generationen die Herren waren. Mein Begleiter zeigte nach rechts, wo der
+Boden sich hob und Wälder den Horizont begrenzten.
+
+»Hier oben sind die Rittergüter, da sitzen lauter Agrarier, -- unsere
+ärgsten Feinde,« erzählte er. »Die sind schlau gewesen, von Anfang an.
+Haben sich die guten Stellen gesichert, wo das Wasser sie nicht
+erreichen konnte; während die Bauern unten alljährlich drauf gefaßt sein
+mußten, daß es ihre arme Kate davontrug. Sie kennen doch die Jeschichte,
+die unsere Kinder in der Schule lernen müssen: 'Hier habe ich in Frieden
+eine Provinz erobert,' soll König Friedrich gesagt haben, als er mal
+hier in die Jegend kam. So'n Mumpitz! Als ob es nich arme Luders wie wir
+gewesen wären, die die Kanäle gruben und die Dämme aufwarfen!«
+
+»Aber den Gedanken hat doch der König gehabt,« meinte ich.
+
+Ein mißtrauischer Blick streifte mich. »Für'n König mag das freilich
+ooch schon 'ne Anstrengung gewesen sein!« spottete er.
+
+Eine breite Kastanienallee führte in das Dorf Gusow. Einstöckige
+Häuser, mit weißen Vorhängen an blanken Fenstern, umgaben in weitem
+Bogen den Dorfteich, seitwärts öffnete sich der kiesbestreute Weg zum
+Schloß, dem einstigen Besitztum des alten Derfflinger, und zur Kirche,
+unter deren Altar seine Gebeine ruhten. Mein Begleiter sah nach der Uhr.
+
+»Was meinen Sie, wenn wir zu Fuß durch den Park gingen? Sie glauben
+nich, wie schön der ist!« Dabei bekam sein breites Gesicht einen fast
+schwärmerischen Ausdruck.
+
+An dem stillen Schloß vorbei betraten wir den Park. Weite Rasenflächen
+dehnten sich vor der Terrasse, mit einem lichten Schimmer jungen Grüns
+überzogen. Zu Füßen uralter Eichen, die schwarz gegen den hellen Himmel
+standen, guckten Schneeglöckchen neugierig aus der Erde hervor und
+Krokusblüten schlugen verwundert ihre blauen Augen auf. Ein schmaler
+Pfad wand sich zwischen hohem Gebüsch, das plötzlich zur Seite wich, um
+dem Wunder fremdartig märchenhafter Bäume Platz zu machen; grau
+schimmerten ihre Stämme wie Granit, und graue Wurzeln krochen knorrig
+über das dunkle Moos des Bodens.
+
+»Zedern sind es,« sagte mein Begleiter, »Zedern vom Libanon;« und
+blickte bewundernd auf den Traum des Südens. Über uns in den Kronen der
+Bäume brauste der Frühlingssturm. Nach seiner Melodie wiegten sich
+schlanke Birken, und krachend splitterten von Eichen und Linden die
+dürren Äste.
+
+Mein Begleiter kannte jeden Platz im Park und jede Pflanze, -- mit
+scheuer Zärtlichkeit strichen seine rissigen Hände über die ersten
+kleinen Knöspchen an den Sträuchern.
+
+»Daß Sie in der Stadt arbeiten, wo Sie das Land so lieben!« staunte ich.
+
+Er schüttelte sich: »Landarbeeter?! Nee! Das is nischt for unsereens!«
+
+Wir näherten uns Platkow, dem nahen Ziel unserer Fahrt.
+
+»Sehen Se mal hier die wackeligen Buden an,« sagte Merten, »Strohdächer,
+-- Fenster, wie Mauselöcher, Türen, daß sich ein ordentlicher Mann
+bücken muß, -- wahrscheinlich, damit man's nich verlernt! Nischt als
+Leisetreter gab's hier, die die Mütze bis auf die Erde zogen, wenn die
+herrschaftliche Kutsche sie mit Dreck bespritzte! Aber nu wird's anders,
+sage ich Ihnen, janz anders --« dabei strahlte er förmlich -- »sehen Sie
+dort, das Weiße, das ist unser Gewerkschaftshaus!«
+
+Mitten in diesem agrarischen Winkel, der der Agitation der Partei so gut
+wie unzugänglich gewesen war, weil kein Lokal ihren Versammlungen zur
+Verfügung stand, hatten die Bauarbeiter sich ihr eigenes Haus errichtet.
+Die Ortspolizei verweigerte ihnen zwar die Schankkonzession, aber sie
+hatten ein Dach über dem Kopf, einen freien Raum zu freier Rede.
+
+»Sie hätten die Bauern sehen sollen, wie unser Haus eins -- zwei --
+drei, haste nich jesehn! aus der Sandkule herauswuchs!« erzählte Merten.
+»Wir hatten ja nur Sonntags Zeit zur Arbeet, aber die Steene flogen man
+so. An eenem Sonntag in aller Frühe, als sie nach Jusow zur Kirche
+fuhren, fingen wir zu buddeln an, und als sie nach dem letzten Amen
+wieder vorbeikamen, sahen die Mauern schon aus der Erde!«
+
+Der Wagen hielt. Der ganze Platz stand voll Menschen. Sie schoben sich
+hinter mir in den kleinen Saal; auf den Bänken an den Wänden saßen schon
+die Frauen mit heißen Gesichtern.
+
+Ich sprach vom Sturm, der draußen den Staub von den Dächern fegte und
+alles Morsche zu Boden riß. Und von dem Sturm des Sozialismus. Ich
+schilderte die politische Lage Deutschlands und zählte die Sünden der
+Regierung und der Reichstagsmehrheit auf vom Zuchthauskurs bis zum
+Zollraub, ich erzählte von den Milliarden, die dem armen Mann in Gestalt
+von indirekten Steuern, Zöllen und Liebesgaben aus dem schmalen Beutel
+gezogen werden, während sein Weib daheim im kleinen Haushalt seufzend
+mit jedem Pfennig rechnen muß. An der Hand der Untersuchungen
+bürgerlicher Gelehrter wies ich nach, wie die Verteuerung der
+Lebensmittel auf die Steigerung des Alkoholismus, der Kriminalität, der
+Lungentuberkulose wirkt. Ich zog die ärztlichen Forschungen heran, um zu
+zeigen, wie ganze Volkskreise entarten, wenn die Ernährung eine
+unzureichende ist: »Schwächerer Wille, schneller versagende
+Aufmerksamkeit, raschere Erschöpfung sind die Folgen einer Politik, die
+das Wohl des Volks, die Liebe zum Vaterland ständig im Munde führt, in
+der Tat aber die Leistungsfähigkeit der Arbeiter untergräbt, und unsere
+Stellung auf dem Weltmarkt erschüttert. Die wirtschaftliche Krise, unter
+der wir alle leiden, die Zunahme der Arbeitslosigkeit mit ihrem Gefolge
+von Kinderjammer und Frauenausbeutung sind ein Beweis dafür. Keine
+'gepanzerte Faust' kann uns davor retten ... Einmal im Laufe von fünf
+Jahren ist es jedem Deutschen vergönnt, Urteil zu sprechen über die, die
+sein Schicksal sind. Des Volkes Not und Unterdrückung liegt auf der
+einen Schale der Wage, des Volkes Glück und Freiheit auf der anderen.
+Wir, die 'Vaterlandslosen', wir, die 'Elenden', wir, die 'Rotte von
+Menschen, nicht wert, den Namen Deutsche zu tragen', machen unser Urteil
+davon abhängig, welche Seite der Wage schwerer wiegt ...«
+
+Man hatte mir bewegungslos zugehört, die Frauen, mit den Händen gefaltet
+im Schoß, die Männer, ohne den Blick von mir zu wenden. Nur hie und da
+sah ich ein zustimmendes Nicken. Das Volk dieser kargen Erde trug sein
+Herz nicht auf den Lippen und wußte nichts von der Reaktion
+empfindlicher Nerven, worin oft der ganze Beifall des Städters besteht.
+Aber nachher, als ich nicht mehr über ihnen stand, ging ein Fragen und
+Erzählen an, das mehr als jedes Händeklatschen bewies, wie jedes Wort
+vom durstenden Boden ihres Innern aufgenommen worden war. Freilich: im
+engsten Kreise eigenen Lebens drehten sich ihre Interessen, aber ein
+jeder umschloß das große Leid der Welt.
+
+Ich wurde in Arbeiterhäuser geführt: so klein, so arm, so eng. »Und hier
+is doch so ville Sand, auf dem jut noch zehn Häuser stehen könnten!«
+
+Sie zeigten mir das Armenhaus: in einem winzigen Raum hauste ein uraltes
+Paar mit vier kleinen Enkelkindern. Das einzige Bett nahm fast die
+Hälfte der Stube ein.
+
+»Immer, von kleen auf, haben wir hier uf'n Jut jearbeetet,« sagte der
+Mann, eine zusammengeschrumpfte Gestalt mit einem kleinen braunen
+Gesicht wie eine Wurzelknolle, »nu essen wir's Jnadenbrot --,« dabei
+kicherte er halb verlegen, halb höhnisch. »Det Schloß aber, det hat woll
+an die fufzich leere Zimmer ...«
+
+Wir gingen durch das nachtdunkle Dorf zum Bahnhof. Einer, der jüngste
+der Schar, begann mit heller Stimme zu singen. Allmählich fielen die
+anderen ein. Die Türen der Häuser, an denen wir vorüberkamen, öffneten
+sich. Einige der Bewohner traten neugierig bis zur Schwelle. Andere
+lockte das Lied und die feuchtwarme Märznacht, -- sie folgten uns. Und
+so ging es im Takt auf die Straße hinaus und immer, immer länger wurde
+der Zug singender Menschen.
+
+ »Wir hämmern jung das alte morsche Ding, den Staat,
+ Die wir von Gottes Zorne sind, -- das Proletariat -- das Proletariat --«
+
+klang es schmetternd hin über das schlafende Bruch.
+
+Allmählich, je mehr ich dem Land und seinen Bewohnern nähertrat, gewann
+ich es lieb, und die weite Ebene enthüllte mir all ihre verborgene
+Schönheit, und die Menschen ihr weiches, trotziges Herz. Sie fühlten
+noch nicht die Distanz zwischen sich und mir, darum begegnete mir
+nirgends Neid oder Mißtrauen. Fingen sie doch kaum an, das
+Allerhandgreiflichste zu empfinden: wie etwa den Gegensatz ihrer Hütte
+zum Herrschaftsschloß. Und gerade an diesem Punkt ihres Wesens sah ich,
+wo ich eingreifen mußte.
+
+»Wer andere Zustände schaffen soll, muß doch erst den Druck der eigenen
+empfinden lernen,« sagte ich zu Romberg, der mir meine agitatorische
+Tätigkeit durchaus verleiden wollte.
+
+»Ich kann Sie mir nun einmal nicht vorstellen, in einer Dorfkneipe
+Unzufriedenheit predigend,« antwortete er ärgerlich.
+
+»So überzeugen Sie sich durch eignen Augenschein, daß ich es kann,«
+meinte ich. Auf meiner nächsten Fahrt kam er mit. Diesmal war es ein
+Leiterwagen, der uns in strömendem Regen über aufgeweichte Landwege nach
+einem kleinen Dörfchen fuhr, Lehmannshöfel mit Namen.
+
+»Wie wird's mit unserer Versammlung bei dem Wetter?« fragte ich den
+alten Genossen, der uns an der Bahn empfangen hatte.
+
+»Jut, -- sehr jut,« entgegnete er. »Was unser oller Pfarrer is, der hat
+vorichte Woche die Weiber ufjehetzt. Sie sollten man bloß nich in die
+Versammlung jehn, hat er jesagt, so wat jinge sie jar nischt an, am
+wenichsten, wenn 'ne Frau reden tut, die lieber zu Haus det Mittagbrot
+kochen und mit die Kinder beten sollte. Nu können Se sich denken, daß se
+justament in die Versammlung jehn. Proppenvoll war's schonst heut
+morjen.«
+
+Radfahrer begegneten uns, von oben bis unten bespritzt, Fußgänger mit
+aufgeweichten Sohlen, denen das Wasser von der Mütze tropfte. Wir luden
+auf, so viel der Wagen fassen konnte. Seit dem Morgengrauen hatten sie
+Flugblätter ausgetragen. Voll guten Humors erzählten sie ihre Abenteuer.
+Auf manchem Hof hatten sie über Zäune klettern müssen, weil das Tor vor
+ihnen verschlossen wurde; der eine war als reisender Handwerksbursche
+bis in die Gesindestuben der Rittergüter vorgedrungen, der andere hatte
+mit demütigem Gesicht, als wär's ein Traktätchen, den Kirchgängern die
+Zettel in die Hand gedrückt; im Vorübersausen hatte der Radler sie
+geschickt durch offene Türen und Fenster geworfen.
+
+In der Wirtsstube von Lehmannshöfel glühte der eiserne Ofen. Nasse
+Mäntel und Stiefel trockneten daran. Tabaksqualm zog in schweren
+Schwaden an der niedrigen Decke. Mein Platz war mit Kiefernzweigen
+umwunden. Vor mir auf dem Tisch standen rechts und links zwei
+Blumensträuße in flachen weißen Papiermanschetten.
+
+»Von den Tagelöhnerinnen aufs Jut --,« erklärte dunkel errötend ein
+junges Mädchen, das als letzten Rest der alten Tracht die strohblonden
+Flechten unter dem schwarzseidenen Kopftuch verborgen hatte. Wie in der
+Kirche saßen die Leute vor mir: rechts die Männer, links die Frauen, --
+lauter Gesichter, in die kein anderer Gedanke als der an die nächste Not
+des Daseins seine Zeichen gegraben hatte. Noch nie war eine Versammlung
+hier gewesen. Ob ich den Ton finden würde, der zu ihnen drang? Ich
+erzählte von ihrem eigenen Dasein, wie es in ewigem Gleichmaß
+dahinfließt, nach der alten eintönigen Melodie: Leben, um zu arbeiten,
+arbeiten, um wieder leben zu können. Wie Freude für sie nur ein kurzer
+Rausch ist mit bösem Erwachen -- ein Alkoholrausch, ein Liebesrausch --
+und die Sorgen allein sie nie verlassen. Wie die Welt voll Glanz und
+Schönheit ist; wie das größte und schönste, was die Menschheit in
+Jahrhunderten gedacht und empfunden, in Tausenden von Büchern und
+Statuen und Bildern aufbewahrt wurde für ihre Nachkommen. »Aber eine
+Mauer baute man ringsum, und nur wer den goldenen Zauberstab besitzt,
+dem öffnet sich die Pforte ...«
+
+Ein junger Mann, der ein bißchen stumpfsinnig vor mir gesessen hatte,
+sah plötzlich auf -- mit ein paar Augen, in deren Tiefe die Sehnsucht
+flammte.
+
+»Das Kind der armen Tagelöhnerin hat vielleicht die Seele eines
+Dichters, -- mit vierzehn Jahren schon muß es Kartoffeln buddeln und
+Rüben ziehen, und die Arbeit tritt mit ihren eisenbeschlagenen Füßen
+seine Seele tot ...«
+
+An der Tür drüben sah ich ein altes Mütterchen, das den weißen Kopf
+schluchzend in den knochigen Händen vergrub.
+
+»Für diese Welt ist Armut ein Verbrechen, das mit lebenslänglicher
+Zwangsarbeit bestraft wird ... Tränen darüber sind genug vergossen
+worden. Vor lauter Jammern haben wir das Handeln vergessen. Von der
+Kanzel herab haben sie gepredigt, daß die Ergebung in das Geschick eine
+Tugend ist. Ich sage Euch, sie ist ein Laster. Denn an all dem Elend in
+der Welt sind wir schuld, -- wir mit unserer Demut, unserer
+Unterwürfigkeit, unserer Trägheit ... Jeder Blick in das bleiche
+Gesichtchen ihres Lieblings, jede jammernde Bitte um Nahrung sollte der
+Frau nicht Tränen fruchtlosen Leids erpressen, sondern sie anspornen,
+ihrem Kind die Zukunft erobern zu helfen ... Wo die Mutter unfrei und
+furchtsam ist, wächst ein Geschlecht von Knechten mit knechtischer
+Gesinnung empor, und der Wert einer Mutter wird in Zukunft nicht blos
+daran gemessen werden, ob sie ihre Kinder gewaschen, gekleidet und
+genährt hat, sondern ob sie sie zu Kämpfern erzog und ihnen mit dem
+Vorbild tatkräftiger Begeisterung voranging.«
+
+An Beispielen des täglichen Lebens suchte ich ihnen klar zu machen, wie
+jeder Einzelne, auch der Bescheidenste, an dem großen Befreiungsfeldzug
+des Sozialismus teilnehmen kann, wie er nie zum Ziele führen würde ohne
+die Arbeit des einzelnen. Mir war, als hörte ich die Atemzüge der
+Menschen vor mir und ihre Seufzer. O, daß ich sie doch ins Herz
+getroffen hätte!
+
+Feuchte Nebel hingen wie lange Trauerschleier über den Feldern. Wir
+fuhren stumm zurück. Frostgeschüttelt lehnte ich mich in die Kissen, als
+wir endlich den Zug nach Berlin bestiegen hatten.
+
+»Wie Sie das verantworten können!« brach Romberg los, der bis dahin kein
+Wort gesprochen und den armen Leuten, zwischen denen er gesessen hatte,
+sein Unbehagen so deutlich fühlen ließ, daß ich schon bedauerte, ihn
+mitgenommen zu haben. Jetzt fuhr ich aus dem Halbschlaf auf.
+
+»Ich verstehe Sie nicht!« sagte ich.
+
+»Um so schlimmer!« rief er. »Sie nehmen diesen Menschen das einzige, was
+sie besitzen, was ihnen das Leben erträglich machte: ihre Unwissenheit,
+ihren Stumpfsinn, -- ohne ihnen irgend etwas dafür geben zu können.«
+
+»Wie, das Erwachen aus der Lethargie wäre nichts?!« entgegnete ich
+heftig. »Sich durch die Teilnahme an dem Befreiungswerk der
+Klassengenossen über sich selbst und sein kleines Schicksal
+hinauszuheben, -- das wäre nichts?! Von Ihnen hörte ich zuerst das Wort
+von der Politik der Starken. Das ist mein Leitmotiv. Ohne die
+Disharmonien des aufwühlenden Schmerzes, ohne die Grausamkeit der
+Erkenntnis gibt es nicht den starken Akkord ihrer Lösung.«
+
+»Und wie steht's mit denen, die daran zugrunde gehen?!«
+
+»Sie wären auch am Leben zugrunde gegangen!«
+
+Mit einem fremden Blick, der mir zu meinem eigenen Erstaunen wehe tat,
+streifte er mich.
+
+»Ist Weichheit und Schwäche auch für Sie noch ein Attribut der
+Weiblichkeit?« fragte ich, und das Herz klopfte mir, als fürchtete ich
+die Antwort.
+
+»Ich weiß selbst nicht recht --,« meinte er zögernd. »Aber daran soll
+unsere Freundschaft nicht Schiffbruch leiden.«
+
+»Haben Sie gar keine Zeit mehr für mich?« fing er nach einer Pause
+wieder zu sprechen an, als der Zug sich Berlin schon näherte. Ich sah
+auf. »Ich möchte, daß Sie wenigstens zwischendurch wieder ein
+Kulturmensch werden!«
+
+Ohne rechte Lust, nur um ihn nicht wieder zu verletzen, versprach ich
+ihm, mich am nächsten Tag seiner Führung zur »Kultur« anzuvertrauen. Am
+Bahnhof empfing uns Heinrich, der eine Stunde früher aus einer anderen
+Gegend seines Wahlkreises zurückgekehrt war. Wir waren beide so erfüllt
+von unseren Erlebnissen, daß wir im Eifer des Erzählens Romberg fast
+vergaßen. Er verabschiedete sich steif und verstimmt.
+
+»Bildung und Politik sind für mich schwer vereinbare Begriffe --,« sagte
+er am nächsten Morgen, als wir zusammen in die Stadt gingen.
+
+»Sie scheinen einem Wechsel der Stimmungen unterworfen, der bisher nur
+einer Frau gestattet war,« entgegnete ich ärgerlich. »Es ist noch nicht
+lange her, daß Sie mit einer Begeisterung, die ich nicht vergessen
+habe, die Sozialdemokratie als die bedeutsamste Erscheinung der Zeit
+feierten.«
+
+Er lächelte. »Frauenlogik! Es tut mir ordentlich wohl, diesen weiblichen
+Zug bei Ihnen zu finden! Was hat mein Urteil über den Klassenkampf des
+Proletariats mit meiner Meinung über die Beteiligung des Gebildeten an
+der Politik zu tun?! Wir sollten um höhere Werte ringen --«
+
+»Gibt es höhere, als die Befreiung der Menschheit von all den Fesseln,
+die sie an die Erde schmieden und ihren Höhenflug hemmen?!« unterbrach
+ich ihn erregt.
+
+»Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, -- die alte Parole, unter der
+schon die Bastille gestürmt wurde,« entgegnete er mit spöttischem
+Lächeln; »fügen Sie noch das Ideal des Christentums, -- die
+selbstentsagende Nächstenliebe hinzu, so beweist das alles, wie
+unsäglich arm eine Zeit sein muß, die selbst einer so gewaltigen
+Bewegung wie der des Proletariats keine neuen Ideale hat schaffen
+können.«
+
+Seine Worte begegneten einem noch unklaren Empfinden, das ich um so
+energischer zu unterdrücken gesucht hatte, als mir die Wege dunkel
+erschienen waren, zu denen es hätte führen können.
+
+Wir traten in den modernsten Kunstsalon Berlins. Der Holzbogen der
+Eingangshalle, der in seinen geschwungenen Linien alle Sprödigkeit des
+Materials siegreich überwunden hatte, empfing mit weit ausgebreiteten
+Armen die Besucher. In hellen Vitrinen, durch unsichtbare Lichtspender
+von innen strahlend, lagen auf grauem Samt Gürtel, Schnallen, Armreifen
+und Diademe; Vogelgefieder und Schmetterlingsflügel aus durchsichtigem
+Email vereinten sich mit dunklem Gold, mattem Silber; Perlen in
+phantastischen Formen standen neben Edelsteinen von unerhörter
+Farbenpracht --
+
+»Ein Schmuck für Märchenprinzessinnen, von einem Dichter geschaffen,«
+sagte Romberg bewundernd und versenkte sich in den Anblick. Er mochte
+weißer Arme gedenken und schimmernder Nacken und holder Frauenköpfe mit
+lachenden Lippen und duftenden Locken. In meinen Augen aber hafteten
+andere Bilder: rissige Hände, gebeugte Rücken, sorgendurchfurchte
+Gesichter --, ich wandte mich ab, im Innersten verletzt.
+
+Der nächste Raum war voll sanften Lichtes und tiefer, weicher Sessel.
+
+»Wie wohltuend, wie ruhig!« meinte jemand. »Eine schöne alte Frau mit
+sehr weißen stillen Händen müßte ihren Lebensabend hier verträumen.«
+Aber die Armenstube von Platkow sah ich vor mir.
+
+Vor ein großes Bild traten wir dann: auf weichem, blumendurchwirktem
+Rasenteppich, der sich im stillen Wald verlor und zärtlich eine Quelle
+umgab, die diesen Frieden mit keinem Plätscherlaut stören mochte, kniete
+ein Jüngling, den dunkeln Dantekopf andachtsvoll zu der Jungfrau
+erhoben. Aus der Säulenhalle des Tempels tretend, krönte sie ihn; lange,
+schmale, durchsichtig bleiche Finger hielten den Kranz. Mädchen, so
+schlank und hoheitsvoll wie sie, standen zur Seite. Und das alles
+leuchtete in mystischem Blau, in trunkenem Purpur, in sattem Grün, --
+weitab allen grauen Tönen der Wirklichkeit. Fast nahm die fremde
+Wunderwelt mich schon gefangen. Da tauchte der sturmdurchpeitschte Park
+vor mir auf und der rauhe Mann, der mit harten Arbeitshänden zärtlich
+die kleinen Knospen streichelte. Ich war sehr einsilbig.
+
+Wir beschlossen den Tag im Theater, wo Maeterlincks Pelleas und
+Melisande unter der Direktion eines jungen Revolutionärs der Bühne zur
+Aufführung kam. Böcklins Landschaften schienen lebendig geworden:
+
+Der Zauberwald und die Felsen, die finsteren Schloßtürme und der weiße
+Marmorbrunnen verschmolzen mit den schwebenden Gestalten, dem
+Sonnenglanz und dem Mondlicht zum reinen Rhythmus bewegter Kunst.
+
+Die lärmende Straße draußen zerstörte den Traum. Mit schmerzhafter
+Klarheit empfand ich die gähnende Kluft zwischen all der ästhetischen
+Kultur, die um uns her zu blühen begann, und dem Leben, dem Denken und
+Wünschen der Millionen, die erst anfingen, um die Befriedigung
+ursprünglichster Triebe zu kämpfen. Rombergs Gedanken begegneten den
+meinen.
+
+»Fühlen Sie nicht selbst, wie weltenfern Sie denen stehen, deren ganzes
+Bedürfen in etwas mehr Zeit, etwas mehr Brot gipfelt?« sagte er. »Sie
+müssen Ihre Sinne, Ihre Nerven, an deren subtiler Verfeinerung
+Generationen arbeiteten, gewaltsam abstumpfen, um ihr Sprachrohr werden
+zu können.«
+
+Meine ganze Freudigkeit kehrte mir wieder.
+
+»Wie eng Sie denken!« lachte ich. »Nicht abstumpfen, steigern muß ich
+meine Empfänglichkeit, damit ich immer weiß, wie groß das Entbehren ist
+und wie ungeheuer der Gewinn unseres Kampfes.«
+
+»Machen Sie sich denn gar nicht klar, daß, wenn die Masse erreichen
+sollte, was Sie heute haben, Sie und Ihresgleichen ihr wieder um
+tausend Jahre voran sind?!« sagte Romberg. »So wird die Kluft bleiben,
+-- immer bleiben, und die Gleichheit ist eine Chimäre.«
+
+»Ich fordere auch nur die Gleichheit der Lebensbedingungen; wie der Baum
+aus diesem Boden wächst, darüber entscheidet seine eigene Kraft,«
+antwortete ich.
+
+Wir brachen ein Gespräch ab, das uns nur voneinander entfernen mußte.
+Aber einen Gedanken hatte es wachgerufen, der sich von nun an nicht mehr
+einschläfern ließ. Wenn er mich quälte und ich ihn abschütteln wollte,
+so bohrte er sich nur noch tiefer in Hirn und Herz. Hörbarer, als da die
+Völker wanderten, um sich neuen Heimatboden zu erobern, dröhnte die Erde
+unter den Tritten der Millionen, die sich in Bewegung gesetzt hatten, um
+dem Elend zu entfliehen. Aber ihrem Wollen fehlte die einheitliche
+Formel. Im Dreigestirn der Revolutionsideale lag sie nicht. Und was Marx
+ihnen gegeben hatte, das waren wissenschaftliche Erklärungen über die
+Art, das Tempo und das Ziel der Bewegung gewesen, die nur so lange über
+den Mangel hinwegtäuschen konnten, als sie unerschüttert waren.
+
+Ein Ereignis bestärkte mich in meiner Idee. Mitten im Wahlkampf, der all
+unsere Kräfte auf ein Ziel, -- die Niederwerfung des Gegners, -- hätte
+konzentrieren müssen, entspann sich ein wüster Krieg zwischen den
+Parteigenossen selbst. Er wäre unmöglich gewesen, wenn nicht jenes
+Fehlen der inneren Einheit gegenseitiges Mißtrauen zur Folge haben
+mußte. Was der eine ruhigen Gewissens tat oder ließ, das erschien dem
+anderen als ein Verstoß gegen die Partei.
+
+Ein halbes Dutzend Parteigenossen, -- ich gehörte zu ihnen, -- hatten
+seit Jahr und Tag an einer bürgerlichen Wochenschrift mitgearbeitet, die
+eine Tribüne war, auf der alle Richtungen ungehindert zu Worte kamen.
+Die literarischen und künstlerischen Kritiken, die ich darin
+veröffentlicht hatte, -- Augenblicksarbeiten, denen ich gar kein
+längeres als ein Augenblicksinteresse beimaß, -- hatten oft weniger dem
+Bedürfnis nach Aussprache, als dem Erwerbszwang ihr Entstehen zu
+verdanken. Die Parteipresse stand mir nur selten zur Verfügung, und um
+so seltener, je mehr ich des Revisionismus verdächtig war. In ähnlicher
+Lage wie ich waren die meisten derer, die mit mir 'gesündigt' hatten.
+Zwei von ihnen standen als Reichstagskandidaten im heftigsten Feuer der
+Wahlkampagne. Aber das hinderte einige radikale Wortführer nicht, uns in
+breitester Öffentlichkeit als Schleppenträger der gegnerischen Presse zu
+verdächtigen.
+
+Kaum hatte ich den betreffenden Artikel gelesen, als ich schon am
+Schreibtisch saß, um uns dagegen zu verteidigen. Die Ansicht, daß wir
+jede Tribüne benützen müssen, von der aus wir gehört werden können,
+hatte sich in mir seit der Zeit, wo ich sie, von Wanda Orbin beeinflußt,
+angesichts des Frauenkongresses verleugnet hatte, nur befestigt. Unsere
+Presse, unsere Versammlungsreden erreichten immer nur dieselben Kreise,
+und abseits standen Hunderttausende, die uns nur aus den Darstellungen
+der Gegner kennen lernten. Ich legte meine Erklärung den Mitbetroffenen
+vor. Sie sollte in derselben Zeitung erscheinen, die uns angegriffen
+hatte. Ich wurde daran verhindert; man wünschte die Ausdehnung des
+Zwists zu vermeiden, indem man die öffentliche Antwort, wie ich sie
+beabsichtigt hatte, in eine Zuschrift an den Parteivorstand verwandelte.
+Dieser aber sah sich nicht mehr imstande, auf eine interne
+Auseinandersetzung einzugehen, -- die ganze Presse hatte sich schon der
+Sache bemächtigt, unsere politischen Gegner schlachteten sie gegen uns
+aus --, er veröffentlichte seine Entscheidung: kein Parteigenosse darf
+an einer Zeitschrift mitarbeiten, die die Sozialdemokratie in hämischer
+oder gehässiger Weise kritisiert. Die ganze Provinzpresse druckte
+natürlich die lapidaren Sätze des Vorstands ab. Wir waren gebrandmarkt
+vor den Genossen, in deren Mitte wir wirken sollten; den Gegnern waren
+die Waffen in die Hand geliefert, um uns vor ihnen zu diskreditieren.
+Darüber verging uns das Lachen, das im Grunde die richtigste Antwort
+gewesen wäre. Wir sahen in der Entscheidung, die es jedem Parteiführer
+an die Hand gab, mißliebige Blätter auf den Index zu setzen, einen
+weiteren Schritt zum Papismus, wir empörten uns, daß gerade diejenigen,
+die in der Partei in Amt und Brot waren, den freien Schriftstellern, die
+dem Verdienst nachgehen mußten, die Zugehörigkeit zur Partei unmöglich
+zu machen suchten, und eine ihrer Grundlagen schien uns in dem Angriff
+auf die Freiheit der Meinungsäußerung verletzt. Wir Überläufer aus der
+Bourgeoisie, die im Kampf gegen alle Autoritäten, -- die der Familie,
+der Bildung, der Religion, des Staats --, den Weg zur Sozialdemokratie
+gefunden hatten, wären die letzten gewesen, eine neue Autorität, -- die
+des Parteivorstands, -- anzuerkennen. Und mein Mann, der seine
+Frondeurnatur am wenigsten verleugnen konnte, wurde unser Wortführer
+gegen ihn: in einem geharnischten Artikel verteidigte er die Freiheit
+der Meinungsäußerung. Nun erst entbrannte der Kampf, der seit dem
+Münchener Parteitag schon im stillen die Geister erhitzt hatte, auf der
+ganzen Linie, -- mit all jener Bitterkeit, die entsteht, wenn Freunde zu
+Feinden werden.
+
+Im stillen fürchteten wir, was unsere politischen Gegner hofften: daß
+die Wahlen dadurch zu unserem Nachteil beeinflußt werden könnten.
+
+ * * * * *
+
+Am ersten Mai, dem Weltfeiertag der Arbeit, sollte ich in Frankfurt
+a. O. die Festrede halten. Mir war im Augenblick wenig festlich zumute:
+mit so viel Hoffnungsfreudigkeit hatte ich die Agitation begonnen, --
+sollte sie vergebens gewesen sein?! Sollte ich am Ende an ihrer
+Erfolglosigkeit mitschuldig sein, weil ich -- es klang wie der dumme
+Witz eines Possenreißers -- in einer bürgerliche Zeitschrift über Halbes
+Theaterstücke und Laura Marholms Frauenbücher geschrieben hatte?! Aber
+schon als der Zug die letzte berliner Bahnhofshalle verließ und statt
+der hohen grauen Häuser sich draußen Laube an Laube reihte, von dem
+ersten jungen Grün überhaucht, mit bunten Fähnchen lustig bewimpelt, und
+Menschen in Festtagskleidern auf der Chaussee zwischen den jungen
+Birken, die grüßend die grünen Schleier ihrer Äste bewegten, den
+Versammlungen entgegeneilten, in denen ihres Frühlingsglaubens
+Auferstehungsbotschaft gepredigt werden sollte, verschwanden all meine
+törichten kleinlichen Ängste. Was hatten die dogmatischen Zänkereien
+der Priester mit der Religion der Massen zu tun?
+
+Zwei kleine Mädchen empfingen mich am Bahnhof, mit blauen Bändern in den
+Zöpfchen und frisch gewaschenen weißen Kleidern, die sich um sie
+bauschten, so daß sie aussahen wie Riesenglockenblumen. Sie führten mich
+hinunter in die Stadt über den Platz mit seinen geharkten Wegen, seinen
+artigen Rasenfleckchen und den kleinen dürftigen Beeten darauf, an
+Häusern vorüber mit nüchternen Fassaden und ablehnend verhangenen
+Fensterscheiben. Die Glocke der Elektrischen wirkte hier wie
+erschreckender Lärm. Als wir aber um die Ecke bogen, wo die Kastanien
+über das holprige Pflaster schon breite Schatten warfen, da schien das
+Leben der träumenden Stadt erwacht: in Trupps zu vieren und fünfen, mit
+weißen und braunen und gelben Kinderwägelchen dazwischen, die Männer im
+Sonntagsrock, die Frauen mit nickenden Blumen auf hellen Hüten, so zogen
+sie durch die Straße. Und an jeder Gassenmündung gesellten sich andere
+hinzu, und wo die Gärten größer und die Häuser kleiner wurden, kamen
+Landleute mit Stulpenstiefeln, Mädchen mit Kopftüchern über die
+Feldwege. Alles grüßte einander mit dem Blick frohen Erkennens. Weit
+hinunter bis zu dem silbernen Band der Oder dehnten sich, von alten
+Weiden umrahmt, üppige Wiesen; in goldgelben Flecken, wie auf die Erde
+gebanntes Sonnenlicht, glänzten Butterblumen daraus hervor. Von der
+anderen Seite des Wegs, wo der Boden sich hob, nickten über
+Weißdornhecken rosig blühende Bäume; darüber klang der langgezogene
+Sehnsuchtston der Stare, das Kwiwitt der Rotkehlchen, das vielstimmige
+Zwitschern buntgefiederter Meisen.
+
+Nun hatten sich die Wandernden zu einem Zuge zusammengeschoben, und eins
+war ich mit ihnen. Aus dem Garten, durch dessen laubumwundene Pforte wir
+zogen, tönte Musik. Auf der Bühne der Festhalle, die wir betraten,
+warteten schon die Sänger. Ich stieg die Stufen hinauf. »... Ein Sohn
+des Volkes will ich sein und bleiben...« sang der Chor. Durch die hohen
+weit geöffneten Fenster strömte die Sonne in breiten Wogen; ihre
+Strahlen trugen den Duft des Frühlings mit herein und berührten all die
+braunen und blonden Scheitel der andächtig lauschenden Menge.
+
+Dicht unter der Bühne hatten sich die Kinder zusammengeschart, die
+kleinsten in ihren bunten Kleidchen, wie ein Beet farbenfroher
+Sommerblumen, am weitesten nach vorn. Ein kecker kleiner Kerl war bis
+auf die Rampe geklettert, ein strohblondes Mädchen schmiegte sich
+schüchtern an sein Knie, und die beiden Augenpaare -- ein schwarzes und
+ein blaues -- hingen an mir wie eine große verwunderte Frage.
+
+Sehr feierlich war mir zumute, als stünde ich, ein geweihter Priester,
+zum erstenmal auf der Kanzel. Aber es war nicht die Religion der Liebe,
+die ich predigte, -- jener Liebe, die den Haß der Welt in sich trägt, es
+war nicht die ewige Seligkeit, die ich verkündigte, -- jene Seligkeit,
+in die nur Eingang findet, wer zu kriechen und den Kopf zu bücken
+gelernt hat. Was als unklare Empfindung in den Herzen unserer Väter
+lebte, die die Sonne anbeteten, deren Feste Sonnwendfeiern waren, die
+dem steigenden Licht im Lenz die Neugeborenen weihten, -- das ist die
+Grundlage unserer Religion. Nicht wer am nachhaltigsten seine Sinne
+abtötet, sondern wessen Augen am klarsten sind, wessen Ohr am
+feinhörigsten ist, um alle Schönheit der Welt in sich aufzunehmen, der
+ist der Heiligste unter uns. Und ein Anrecht auf unser Himmelreich
+gewinnt nicht, wer leidet und duldet, sondern wer handelt und genießt.
+Dulden und leiden kann jeder, aber nur der Sohn einer reifen Kultur
+vermag zu genießen, nur der Wissende handelt.
+
+»Wenn sich die Arbeiter der ganzen Welt Jahr um Jahr in der Forderung
+des Achtstundentages zu diesem Frühlingsfest vereinigen, so tun sie es,
+weil sie wissen, daß sie damit ihre Menschwerdung fordern. Zeit ist die
+Voraussetzung für Wissen und Genuß ...«
+
+Halb enttäuscht, halb erwartungsvoll sahen die Frageaugen der Kinder
+noch immer zu mir empor. Mit demselben Ausdruck bettelte mein eigen Kind
+um eine Geschichte, wenn wir im Walde gingen, wo die Bäume und die
+Blumen ihm noch stumm waren. Auch diese Kleinen hier sollten nicht
+vergebens warten: von den Bettelkindern erzählt' ich ihnen, die
+auszogen, ihre verlorenen Königskronen wiederzufinden ...
+
+Draußen im Garten kamen sie dann alle und dankten mir. Die Kinder hatten
+die Fäustchen voll Wiesenblumen und legten sie mir in den Schoß. Die
+Alten luden mich an ihren Tisch. Sie wußten nicht, daß ich ihnen zu
+danken hatte. Ich war wieder stark und froh, ich hatte in ihnen die Erde
+berührt, die kraftspendende.
+
+ * * * * *
+
+Der Tag der Entscheidung rückte näher. Immer leidenschaftlicher wurden
+die Angriffe unserer Gegner in ihrer Presse, in ihren Flugblättern. Mit
+dem alten Märchen vom gewaltsamen Teilen suchten sie den Bauern, der an
+seiner Scholle hängt, den kleinen Handwerker, der sich an den kläglichen
+Rest seiner Selbständigkeit klammert, in ihre Gefolgschaft zu fesseln.
+Mit der Autorität des Kaisers stützten sie ihre Angriffe auf die
+sozialistischen Agitatoren.
+
+»Zerreißt das Tischtuch zwischen Euch und jenen Leuten,« -- dieses
+kaiserliche Wort machten sie zu ihrem Schlachtruf. Weite Kreise des
+Volkes, denen der Thron noch so heilig war wie der Altar, scharte er
+unter ihre Fahnen, aber größere noch, empört über die Stellungnahme des
+Staatsoberhaupts im Kampf der Parteien, trieb er zu uns herüber. Hochauf
+loderte der Zorn in unseren Reihen. Was sich in Jahren angesammelt hatte
+an bitterer Enttäuschung und stillem Groll, das brach flammend hervor.
+Zu Regimentern, die wider den Gegner aufmarschierten, wurden die
+vielstelligen Zahlen, die Milliarden, die Armee und Flotte, China und
+Afrika verschlungen hatten; als Raubritter und Ausbeuter wurde
+gestempelt, wer je dazu ja gesagt hatte. Malten sie drüben mit blutigen
+Farben das Bild der Revolution und rissen dadurch den Gleichgültigen aus
+dem verschlafenen Winkel seines Daseins, so beschworen sie hüben alle
+Gespenster der Not und des Hungers herauf und schreckten mit ihnen die
+Stumpfen aus ihrem Arbeitsleben. Der ehrliche Kampf mit offenem Visier
+auf freiem Felde wurde zum Guerillakrieg mit heimtückischen Listen und
+nächtlichen Überfällen. Und durch die feindlichen Lager hin und her auf
+leisen Sohlen schlich die Verleumdung; wen das Schwert nicht
+niederstreckte, den vergiftete sie.
+
+Ich hatte dem Gegner gegenüber gerecht bleiben, mich als einzelne
+behaupten wollen, gegenüber der Suggestion der Masse. Aber je länger ich
+im Kampfe stand, desto schwerer wurde es, ihrer Gewalt zu widerstehen.
+War ich nicht auch nur ein Soldat im Heere, dessen Füße von selbst im
+Takt der anderen marschieren, der die gleichen Waffen trägt, und, vom
+Rausch des Krieges überwältigt, einen persönlichen Feind in jedem Glied
+des gegnerischen Heerbannes sieht?
+
+ * * * * *
+
+Der Gegenkandidat meines Mannes war ein alter Reaktionär, den der Bund
+der Landwirte auf seinen Schild erhoben hatte. Der Zolltarif galt ihm
+als ein »gigantisches Werk«; die Arbeitslosenversicherung, die in diesem
+Jahre wirtschaftlicher Depression für uns eine immer dringendere
+Forderung geworden war, erklärte er für »unmoralisch«; dem gesetzlichen
+Arbeiterschutz, dessen Ausbau auf dem Wege zu unseren Zielen lag, müsse,
+so sagte er, ein »Stopp« entgegengerufen werden, und wider den
+Großkapitalismus, dessen Entwicklung eine Voraussetzung des Sozialismus
+war, galt es, den Mittelstand mobil zu machen. Als der typische
+Konservative war er der willkommenste Gegner, weil sich hier, klar
+voneinander geschieden, zwei Weltanschauungen gegenüberstanden. Zwischen
+ihnen schwankten, als das Zünglein an der Wage, die Liberalen des
+Kreises hin und her. Sie wollten nicht glauben, daß wir ein gut Stück
+Weges zusammengehen konnten und es einer Verleugnung aller liberalen
+Grundsätze gleichkam, wenn sie den Konservativen Gefolgschaft leisten
+wollten.
+
+Meinen Mann sah ich immer seltener. Trafen wir uns zu Hause, so
+schrieben wir zusammen Flugblätter und Artikel, wobei er mit der ruhigen
+Sachlichkeit seiner Beweisführung die Gegner zu entwaffnen und ich mit
+dem Feuer, das mich durchglühte, Anhänger zu werben versuchte. Hie und
+da trafen wir uns in Versammlungen, dann hörte ich, daß er sprach, wie
+er schrieb: er wandte sich an den Verstand, er suchte zu überzeugen, wo
+ich an das Gefühl appellierte. Er hatte die Sprache des Dozenten, nicht
+die des Agitators. Wen er dem Sozialismus gewann, der wurde zum
+Bekenner. Was ich entzündete, mochte nur zu oft nichts als ein Feuerwerk
+sein.
+
+In den letzten Tagen fuhren wir von Ort zu Ort. Schon blühten
+Pfingstrosen in den Gärten, und von Flieder und Hollunder dufteten die
+Lauben. Über den staubigen Chausseen brütete die Sommersonne. Die
+Menschen in den engen Sälen atmeten rasch und schwer wie im Fieber. In
+den Dörfern gab's Schlägereien. War einer als Genosse bekannt, so spieen
+die Bauern vor ihm aus, und seinem Weibe gingen die Nachbarinnen aus dem
+Wege. Die Kinder aber in der Schule ließ der Lehrer mit besonderer
+Vorliebe patriotische Lieder singen. Säle, die uns zur Verfügung
+gestanden hatten, wurden uns genommen; breitspurig, ein Herr der
+Situation, stand der Gendarm vor der Türe, wenn wir den Eingang
+erzwingen wollten. Kamen wir auf freiem Felde zusammen, der Sonne und
+dem Regen trotzend, so löste er die Versammlung auf, hatten wir irgendwo
+einen Raum für sie gefunden, so erklärte er ihn für feuergefährlich, kam
+ich als Rednerin in irgend ein abgelegenes Nest, so hieß es:
+»Frauenspersonen dürfen nicht sprechen.« Aber die Genossen waren immer
+wieder erfinderischer als er. So fuhren wir einmal in ein kleines Dorf,
+das weltverlassen zwischen zwei blauen Seen in der Niederung liegt. Nur
+arme Schiffer wohnten hier und kleine Bauern, die elender lebten als der
+Fabrikarbeiter in der Stadt. Einer von ihnen hatte seine ganze arme Kate
+ausgeräumt, um die Versammlung zu ermöglichen. Das Hausgerät stand auf
+dem Hof, die Sonne enthüllte unbarmherzig all seine Armseligkeit. Die
+leeren Stuben faßten trotzdem die Menge nicht, das Gärtchen stand noch
+voll von ihnen. Selbst auf den Gemüsebeeten trampelten schwere Stiefel,
+aber als ich ein Wort des Bedauerns äußerte, sagte des Schiffers Frau
+mit glänzenden Augen: »Wenn's auch mit Erbsen nischt is dies Jahr,
+wenn's man mit die Stimmen für den Sozi wat sein wird!«
+
+ * * * * *
+
+Am Vorabend der Entscheidung kamen wir in Frankfurt an. Im Hauptquartier
+der Partei herrschte fieberhaftes Leben: hier meldeten sich Radfahrer,
+um zum morgigen Dienst ihre Marschorder in Empfang zu nehmen, blutjunge
+Leute unter ihnen, die sich mit um so größerem Enthusiasmus in den
+Dienst der Sache gestellt hatten, als sie selbst noch nicht wählen
+durften; dort stellten sich Frauen zur Verfügung, um die Säumigen an
+die Urnen zu holen, und in später Nachtstunde kamen andere hungrig, heiß
+und verstaubt von der letzten Verteilung der Wahlflugblätter zurück. Als
+die Stadt schlief, huschten die Unermüdlichen noch durch die Straßen,
+und am Morgen leuchtete in weißen und roten Lettern ein »Wählt Brandt!«
+an den Zäunen und auf dem Trottoir.
+
+Wir gingen durch die Wahllokale. Vormittags stellten sich allmählich die
+Bürger ein, ruhigen Schrittes, ohne sonderliche Erregung; mit dem
+Zwölfuhrglockenschlag wurde es auf den Straßen lebendig, und durch die
+Türen schoben sich die Arbeiter, beschmutzt, verstaubt, wie die Fabrik
+und der Bau sie entlassen hatte. Die Bezirksleiter notierten jeden, der
+sich meldete, strichen an, wer noch fehlte, gaben Weisung an die ihrer
+Aufgabe wartenden Frauen. Und die suchten dann die Säumigen in den
+Wohnungen, auf den Arbeitsstätten. Nachmittags lag wieder sommerliche
+Stille über der Stadt. Dann aber, als der Himmel sich schon mit rosigen
+Wolken überzog, hallte das Pflaster wider von raschen Tritten. Sie kamen
+in Scharen: die jungen, rüstigen voran, und zuletzt, von Frauen, von
+Kindern geführt, Alte, Kranke und Krüppel. Der Zettel in ihrer Hand, das
+war ihr einziges, freies Mannesrecht, damit waren sie an diesem einen
+Tage die Gestalter ihres Geschicks.
+
+Es dämmerte. In den Wahllokalen saßen unter spärlichen Gasflammen, vor
+rauchenden Petroleumlampen die Zähler. Wenn wir eintraten, bedurfte es
+keiner erklärenden Worte, die leersten Gesichter waren sprechend
+geworden: Furcht und Hoffnung, Zorn und Siegeszuversicht drückte sich
+in ihnen aus.
+
+Schon brannten die Laternen in den Straßen. Im Hause, wo die Partei ihr
+Bureau aufgeschlagen hatte, waren alle Fenster erleuchtet. Im Saal oben
+war es noch leer; nur der Vorstand des Wahlvereins harrte vor dem Tisch
+mit dem großen Tintenfaß und den unbeschriebenen weißen Blättern der
+kommenden Dinge. Sie grüßten uns kopfnickend, sie waren blaß und
+schweigsam vor Erregung. Über Webers Stirn standen helle Schweißtropfen,
+seine blanken Augen waren verschleiert. Wir setzten uns. Nach und nach
+füllte sich der Raum. Lauter Schweigende. Die Minuten schlichen wie
+ebenso viele Stunden. Endlich der erste Radler! Gleich darauf der
+zweite, der dritte, der vierte -- die Wahlbezirke der Stadt.
+
+»Schlecht steht's!« knirschte der eine und warf den Zettel auf den
+Tisch.
+
+»Der Westen Frankfurts --,« sagte Weber, »immerhin: zum erstenmal
+Stimmen für den Sozi! -- Das Zentrum, -- na, besser hätt's sein dürfen!
+-- Und die Vorstadt, pfui Teufel, das sind die Eisenbahner, die auf
+Kommando wählten! -- Aber hier --,« sein Gesicht strahlte -- »das reißt
+die ganze Stadt heraus!«
+
+»Hurra!« rief einer und schwenkte die alte Soldatenmütze zum offenen
+Fenster hinaus.
+
+»Bravo!« antwortete es vielstimmig von unten.
+
+Wieder verrannen Viertelstunden. Schon waren alle Plätze an den langen
+Tischen besetzt.
+
+»Warum dauert das nur so lang --,« seufzte ich.
+
+»Die Radler aus dem Oderbruch können noch nicht hier sein --,« sagte
+Weber, der wieder und wieder nach der Uhr sah.
+
+»Telegramme!« schrie jemand. Der Postbote drängte sich durch die Reihen.
+
+Mit bebenden Fingern riß Weber sie auf: »Berlin erobert! -- Ganz Sachsen
+unser --!«
+
+Ein Jubelruf, der sich wieder bis auf die Straße weiterpflanzte, aber
+rasch verklang. Das Schweigen war eine einzige Frage. »Und wir?!« --
+Jetzt aber tönte von unten ein donnerndes »Hoch!« Wir stürzten zum
+Fenster: über das Pflaster sprangen Lichter in langer Kette, Räder
+blitzten auf --, die Treppen stürmte es empor: atemlos, blaurot, mit
+zitternden Knien standen sie vor uns, die Männer aus dem Oderbruch. Sie
+waren keines Wortes mächtig, aber die Tränen, die hellen Freudentränen
+tropften ihnen über die Wangen. Mit einer fast feierlichen Gebärde
+breitete Weber die Botschaften vor uns aus. Hunderte von Stimmen hatten
+wir gewonnen. Dicht unter den Augen der Gegner, auf Gutshöfen, in
+Dörfern hatten die Landleute für uns gestimmt. Stumm streckte ich dem
+Maurer Merten die Hand entgegen. Er hielt sie lange zwischen seinen
+harten Fingern.
+
+Jetzt standen die Menschen schon Kopf an Kopf. Noch fehlten die
+entferntesten Bezirke, -- Buckow, Fürstenwalde. »Entschieden ist noch
+nichts,« murmelte Weber angstvoll.
+
+Wieder ein Lärm auf der Straße. »Die Oderzeitung bringt ein Extrablatt!«
+schrieen sie zu uns empor. In weitem Bogen flog es von der Tür über die
+Köpfe hinweg auf unseren Tisch: »Depeschen aus Süddeutschland --
+München, Nürnberg, Bayreuth, Stuttgart, Darmstadt -- alles unser!«
+
+Und nun löste ein Depeschenbote den anderen ab; jede Siegesnachricht
+steigerte die elektrische Spannung, selbst die Nachtluft draußen schien
+erfüllt von ihr.
+
+Zu elf dumpfen Schlägen holte die Uhr auf der Marienkirche aus.
+
+»Im Haus der Oderzeitung löschen sie die Lampen,« -- rief ein junger
+Bursche, und brach sich mit Ellbogenstößen freie Bahn in den Saal. Die
+Gesichter ringsum erhellten sich.
+
+Eine Gärtnersfrau, der ausdauerndsten eine im Heranholen säumiger
+Wähler, nahm aus ihrem bis dahin sorgfältig gehüteten Korb einen großen
+Strauß roter Nelken und stellte ihn vor uns auf den Tisch. -- »Ist's
+nicht zu früh?!« -- Ein Brausen lag in der Luft, -- war's nicht das
+pochende Blut in meinen Schläfen? Oder waren's die vielen Stimmen vor
+dem Haus?
+
+»Die ganze Straße steht schwarz voll Menschen,« flüsterte ein baumlanger
+Arbeiter neben mir in scheuer Angst. Es war heiß, -- glühend heiß im
+Saal, und doch schien mir, als müßten alle frieren wie ich.
+
+Da -- »Fürstenwalde!« und wie ein Echo: »Buckow!« Weber war weiß im
+Gesicht, -- sekundenlang bohrten sich seine Augen in das Papier. Wir
+hielten den Atem an, -- dann stieß er mit rauher Stimme ein einziges
+Wort hervor: »Gesiegt!«
+
+Einen Augenblick war es noch still. Einem alten Mann, den ich nicht
+kannte, und der bis zu mir vorgedrängt worden war, drückte ich
+krampfhaft die Hand. Dann brach es los wie Gewittersturm. Das schrie,
+das jauchzte, das schluchzte --, alte Männer fielen einander um den
+Hals, Frauen verbargen die Gesichter an den Schultern der Nächsten. Und
+draußen zerriß ein einziger Jubelruf die Stille der Nacht. Sie riefen
+nach ihrem Gewählten.
+
+Auf die Fensterbrüstung trat er. »Nicht mir dieses Hoch,
+Parteigenossen --,« und seine tiefe Stimme klang voll und warm und die
+Luft selbst schien sie weiter und weiter zu tragen, »-- Euch vielmehr,
+die ihr den Sieg erkämpftet, und unserer großen Sache vor allem, die die
+Siegesgewißheit in sich trägt! Ein Hoch der Sozialdemokratie, ein
+dreifaches Hoch!« Und wieder brauste es, als schlügen orkangepeitschte
+Wellen an Felsenriffe.
+
+Inzwischen war Weber still beiseite gegangen. Nun kam er zurück. Er trug
+die alte Fahne, von grauen Tüchern umwunden. Dicht vor dem Fenster nahm
+er langsam die Hülle ab, hob die schwere Stange hinaus, und das rote
+Tuch rollte auseinander und wehte, aufglühend, wo das Licht es traf, wie
+entfachte Flammen über die stumme Menge.
+
+»Genossin Brandt! -- -- Alix Brandt!« -- Riefen sie mich?! -- Man schob
+mich zum Fenster, -- man hob mich empor, -- ich sah keine Menschen, ich
+sah nur ein wogendes Meer, -- ohne Anfang, ohne Ende. Und ich streckte
+die Arme weit aus --
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel
+
+
+Alle Vorbereitungen für das Erscheinen der Gesellschaft waren getroffen.
+Es sollte eine Zeitschrift großen Stiles werden. Hervorragende
+Parteigenossen des In- und Auslandes hatten uns ihre Mitarbeit zugesagt.
+Eine junge Künstlerin, von der Idee, die uns leitete, gepackt, hatte den
+Umschlag gezeichnet: schwarze Fabriken, aus deren Essen die Feuerflammen
+der kommenden Zeit emporschlagen. Es gab Leute, die angesichts der
+schönen Ausstattung, des niedrigen Preises und der hohen Honorare, die
+wir festgesetzt hatten, bedenklich die Köpfe schüttelten. Aber der
+Dreimillionen-Sieg der Partei hatte den Glauben an unsere Sache, den wir
+von jeher besessen hatten, nur noch gestärkt. Jetzt war wirklich die
+Zeit gekommen, wo die Sozialdemokratie eine Macht im Staate zu werden
+begann, wo sie vor der Aufgabe stand, selbständig praktische Politik zu
+treiben. Breite Schichten der Arbeiterschaft, die erstarkten
+Gewerkschaften an der Spitze, verlangten danach, und die Masse der
+Mitläufer, die unseren Sieg hatte vergrößern helfen, war zweifellos
+nicht durch die ferne Aussicht auf den Zukunftsstaat zu uns gekommen,
+sondern durch die Hoffnung auf Reformen der Gegenwart.
+
+Eines Morgens kam Heinrich verärgert aus dem Bureau: »Der Lindner läuft
+umher wie die Jungfrau von Orleans: 'und mich, die all dies Herrliche
+vollendet, mich freut es nicht, das allgemeine Glück'. Sollten die
+Schwarzseher ihn schon beeinflußt haben?! Das könnte mir passen!«
+
+Wir hörten eine Woche lang nichts von ihm. Dann kam ein Brief; --
+während mein Mann ihn überflog, veränderten sich seine Züge: »Hier hast
+du den Wisch,« rief er wütend und warf die Türe hinter sich ins Schloß.
+
+»Da ich mich überzeugt habe, daß ein gedeihliches Zusammenarbeiten
+zwischen uns nicht erreichbar sein wird, trete ich von unserem Vertrag
+zurück --,« las ich.
+
+Das ist doch nicht möglich, -- das kann doch nicht sein, fuhr es mir
+durch den Kopf; wie kann er sein Wort brechen, jetzt, in diesem
+Augenblick, wo er weiß, das damit alles steht und fällt!
+
+Heinrich war beim Rechtsanwalt gewesen. »Nichts zu machen,« knirschte
+er, als er nach Hause kam, »mein Anstand, oder sagen wir lieber meine
+Dummheit, die mich hinderten, den Vertrag notariell zu machen,
+ermöglichen diesen erbärmlichen Rückzug.«
+
+Was nun?! Heinrichs trotzige Energie hatte auf diese Frage nur eine
+Antwort: »Erst recht!«
+
+Ich fühlte mich im ersten Augenblick wie gelähmt und war geneigt, im
+Rücktritt Lindners etwas zu sehen, das einem Wink des Schicksals oder
+einem Gottesurteil gleichkam. Aber die Ereignisse innerhalb der Partei
+zerstreuten den Nebel, der meinen Blick vorübergehend verdunkeln wollte.
+
+Überall hatten nach den Wahlen Siegesfeiern stattgefunden. Hunderte von
+Rednern hatten das »Unser die Welt!« in die überfüllten Säle
+hinausgeschmettert und ein vieltausendstimmiges Echo gefunden. Dann aber
+war der Rausch verflogen, und jenes erwartungsvolle Schweigen war
+eingetreten, das jedem großen Ereignis zu folgen pflegt. Man konnte sich
+nicht vorstellen, daß nun der Alltag wieder da ist, -- genau so wie
+vorher; es mußte irgend etwas folgen, das dem Ungeheueren entsprach, das
+wir erlebt hatten! Doch es geschah nichts. Nur der Sommer war gekommen
+mit seiner Blumenpracht, -- wie immer. Ein unbestimmtes Gefühl der
+Enttäuschung erkältete die eben noch glühenden Herzen. Die durch den
+Kampf aufgepeitschten Nerven erschlafften plötzlich; eine nörgelnde
+Empfindung der Unzufriedenheit entstand; kaum einer war, der sich ihr
+entziehen konnte, und wer am leidenschaftlichsten um den Sieg gerungen
+hatte, den packte sie mit doppelter Gewalt.
+
+Einige der führenden Geister in der Partei waren sich bewußt, daß die
+nervöse ungeduldige Frage der Massen nach dem Preise des siegreichen
+Kampfes Antwort heischte. Aber sie empfanden nicht, daß die Antworten,
+die sie gaben, angesichts der Größe der Erwartungen wie eine Verhöhnung
+wirken mußten. Kautsky, der Theoretiker des Radikalismus, versuchte ihr
+als der Vorsichtigere aus dem Wege zu gehen, indem er sich nur mit den
+Wahrscheinlichkeiten der künftigen Haltung unserer Gegner beschäftigte,
+und im übrigen die Gemüter durch den Hinweis auf »die alte, bewährte
+Taktik der Partei« zu beruhigen suchte. Eduard Bernstein dagegen, der
+Revisionist, hatte in dem Bestreben, zu momentanen praktischen
+Resultaten zu gelangen, acht Tage nach dem Siege auf die Frage: was
+folgt aus dem Ergebnis der Reichstagswahlen? keine andere Antwort als
+die: ein sozialdemokratischer Vizepräsident im Reichstag! Was in ruhigen
+Zeiten vielleicht zu einer Erörterung innerhalb der Fraktion geführt
+hätte, das wurde jetzt das Signal zum Aufruhr.
+
+Wie, darum haben wir monatelang unsere Haut zu Markte getragen, darum
+haben drei Millionen Deutsche einundachtzig Sozialdemokraten in den
+Reichstag geschickt, damit einem von ihnen die Gelegenheit geboten wird,
+vor dem Kaiser zu katzbuckeln, -- dem Kaiser, dessen Faust wir von Essen
+und Breslau her noch auf unserer Wange brennen fühlen?! So tönte es von
+allen Seiten.
+
+Vergebens, daß Vollmar von München aus versuchte, der kühlen Vernunft zu
+ihrem Rechte zu verhelfen, indem er die tatsächlichen Vorteile der
+Vertretung der Partei im Präsidium hervorhob und die Haltlosigkeit der
+prinzipiellen Gegnerschaft zu dem »Hofgang« dadurch illustrierte, daß
+die Parteigenossen in den Einzelstaaten es mit ihrer republikanischen
+Gesinnung vereinigen müssen, dem jeweiligen Landesherrn Treue zu
+schwören, der Eid aber doch bedeutungsvoller sei, als ein offizieller
+Besuch im Kaiserschloß, -- bis nach Norddeutschland drang seine Stimme
+nicht. Zu tief empfanden Alle die unbewußte Verhöhnung ihrer Hoffnungen
+und ihres Glaubens in Bernsteins Antwort auf die Frage, die sie bewegte.
+Und auch ich konnte mich dem niederdrückenden Eindruck nicht entziehen.
+
+Die Empörung über Bernstein verdichtete sich zur allgemeinen Wut auf die
+Revisionisten, die sie ihrerseits mit einem Ungeschick, das sich nur
+aus ihrer Temperamentlosigkeit erklären ließ, schüren halfen.
+
+»Wir müssen die liberalen Parteien ersetzen --,« erklärte der eine; die
+aufgeregten Massen lasen daraus: wir müssen unsere sozialdemokratischen
+Grundsätze in die Tasche stecken.
+
+»Ein proletarischer Klassenkämpfer sein, das heißt nicht auf die
+bürgerliche Gesellschaft unterschiedslos drauflos prügeln --,« sagte ein
+anderer; die Arbeiter ergänzten: wir sollen mit ihr liebäugeln.
+
+Sie hatten unrecht -- zweifellos --, wie jeder unrecht hat, den die
+Leidenschaft nicht nur dem Ziel entgegen vorwärts reißt, sondern blind
+und taub macht für alles, was rechts und links geschieht. Aber weit
+größer war das Unrecht derer, die imstande gewesen waren, an dem
+Siegesfeuer, dessen himmelauflodernde Flammen die Begeisterung der
+Kämpfer entfacht hatten, ihr armseliges Süppchen zu kochen und es den
+Andächtigen, deren Glauben noch glühender brannte als das Feuer, als
+sättigende Speise darzureichen.
+
+Ein mächtiger Helfer erwuchs ihrem Zorn, einer, der noch immer
+wundergläubig gewesen war, wie sie; einer, den, wie sie, der Sieg
+trunken gemacht hatte: August Bebel. In einer Erklärung, die dem
+Pronunziamento des Nachfolgers Christi auf dem apostolischen Stuhle
+gleichkam, verurteilte er Bernstein und die Seinen und drohte überdies
+mit der Entscheidung des nächsten Parteitages. Nun erst, nachdem der
+Führer gesprochen, entbrannte der Bruderkrieg in vollem Umfang. Was
+Bebel nur hatte ahnen lassen, das sprachen andere aus: fort aus der
+Partei, wer uns den Sieg verekelt.
+
+Ich fürchtete das Schlimmste. Meine persönlichen Besorgnisse
+verschwanden wie Tautropfen im Meer. Jetzt galt es, den Bedrohten einen
+Mittelpunkt schaffen, der zum Ausgang einer starken, jungen Bewegung
+werden könnte. Aus tiefster Überzeugung wiederholte ich Heinrichs: »Erst
+recht!«
+
+ * * * * *
+
+Der Verkauf des Archivs war der erste Schritt zu unserem Ziel. Heinrich
+wandte sich an einen der größten Verleger, der seine Bereitwilligkeit
+aussprach, das Archiv zu übernehmen, wenn der alte Herausgeber ihm
+erhalten bliebe. Er bot ein Redaktionshonorar dafür, das uns zeitlebens
+der Sorgen enthoben hätte. Wir besannen uns keinen Augenblick, seine
+Vorschläge zurückzuweisen.
+
+»Nun bliebe noch Romberg,« sagte ich zögernd; ich wußte, seit jener
+ersten Anfrage war eine leise Entfremdung zwischen den beiden Männern
+eingetreten.
+
+»Damit er mich wieder behandelt, wie der hochmögende Vormund,« brauste
+Heinrich auf.
+
+Noch am selben Abend schrieb ich an Romberg. Wenige Tage später war er
+in Berlin. Ich setzte ihm die Lage auseinander.
+
+»Ich appelliere lediglich an Ihr Interesse für die Zeitschrift,« sagte
+ich, »die heute eine der angesehendsten ihrer Art ist. Es lag Ihnen
+daran, sie in die Hand zu bekommen; -- Sie sprachen seinerzeit davon,
+als von einem Ersatz der ordentlichen Professur.«
+
+Er machte eine abwehrende Handbewegung. »Wenn ich nun aber statt meines
+persönlichen Interesses, das sich nicht verändert hat, meine
+Freundschaft entscheiden ließe?!« rief er aus. »Mir scheint, ich müßte
+Sie vor einem Unglück bewahren!«
+
+»Das lassen Sie meine Sorge sein,« antwortete ich herb. Er schwieg
+verletzt, und als gleich darauf mein Mann eintrat, stellte er sich auf
+einen ausschließlich geschäftlichen Standpunkt und verhandelte nur mit
+ihm.
+
+Kurze Zeit darnach war die Angelegenheit entschieden: Mit zwei anderen
+Herren übernahm Romberg das Archiv.
+
+Ich hatte im Augenblick meine ganze Zuversicht wiedergewonnen und lud
+ihn ein, den Abschluß fröhlich mit uns zu feiern. Aber er war schon
+abgereist.
+
+»Dann geben wir uns allein ein Fest,« meinte mein Mann; »wir haben
+Ursache genug dazu als selbständige Inhaber der Neuen Gesellschaft!«
+Doch es schien, als sollte es nicht sein. Zuerst verschlang die Arbeit
+unsere Zeit, und dann kam die Stimmung nicht wieder.
+
+ * * * * *
+
+Der Hader in der Partei nahm immer bösartigere Dimensionen an. Was Bebel
+an Erklärungen und Artikeln veröffentlichte, das klang so maßlos, daß
+die Vizepräsidentenfrage und die Mitarbeit der Parteigenossen an
+bürgerlichen Blättern unmöglich die einzige Ursache seines Vorgehens
+sein konnte. Er mußte irgendwo Parteiverrat wittern, wenn er alle
+politische Klugheit so völlig zu vergessen vermochte und den Gegnern die
+bittere Pille der Wahlniederlage durch den Kampf in den eigenen Reihen
+versüßte.
+
+»Die Zeit des Vertuschens und Komödienspiels ist vorbei --,« rief er;
+»jetzt heißt es Farbe bekennen, jetzt gibt's kein Ausweichen mehr --,«
+was hieß das anders, als daß Elemente in der Partei vorhanden waren, die
+nicht hinein gehörten, die entfernt werden mußten?
+
+»Die Masse der Parteigenossen halte die Augen auf!« mahnte er; was
+bedeutete das anders, als daß sich Verräter in ihrer Mitte befanden?
+Aber während Bebels Zorn vom Feuer der Leidenschaft noch immer verklärt
+erschien, sekundierten ihm die Zionswächter des Radikalismus mit der
+Kälte systematischer Verfolgungssucht. Und nun erwachte im Proletariat,
+auf dessen rohe Instinkte sie spekulierten, der Pöbel. Er warf sich
+keifend auf alles, was nicht mit ihm lärmte.
+
+Wir, die wir dem Revisionismus eine selbständige Zeitschrift schaffen
+wollten, standen, das zeigte sich bald, mit auf der ersten Seite der
+Liste der Konskribierten. Noch ehe die erste Nummer unseres Blattes
+erschienen war, wurde es als ein kapitalistisches Unternehmen
+gebrandmarkt; von Mund zu Mund ging der Klatsch, daß wir einen reichen
+Gönner gefunden hätten, der es wie einen Sprengstoff in die Partei
+werfen wollte, und in einer der wild erregten Versammlungen, die dem
+Parteitag vorangingen, fiel zum erstenmal das verächtliche Wort, das
+wohlgefällig weitergetragen wurde: »Geschäftssozialisten.«
+
+Es traf mich wie ein Keulenschlag. Eben erst hatten wir eine gesicherte
+Existenz von uns gewiesen, -- und nun dies Wort!!
+
+Ich brütete stumm vor mich hin. Ich ging nicht auf die Straße, denn ich
+fühlte mich wie beschmutzt.
+
+Was ich erlebte, war nur ein Teil dessen, was allen begegnete, die unter
+dem Namen Revisionisten zusammengefaßt wurden. Das zahnlose alte Weib,
+der Klatsch, ging um mit den ewig beweglichen Lippen und den dürren
+Fingern, die in jeder Gosse gierig wühlen. Als Mandatsjäger wurde der
+eine verdächtigt, als lügnerischer Verleumder Bebels der andere. Und
+wessen wir bisher fälschlich beschuldigt worden waren, -- eine
+geschlossene Gruppe zu sein, -- das machte die Verfolgung aus uns. Den
+Kopf umnebelt von den giftigen Dünsten, die rings um uns aufstiegen,
+erschien uns der Haß der Personen, die uns bekämpften, als das Primäre;
+kaum einer war, der noch wußte, daß es der Gegensatz der Anschauungen
+war, der ihn zeugte, und niemand gab zu, daß Bebel recht hatte, wenn er
+an kleinen Symptomen die ganze Richtung erkannte, -- die Richtung, die
+seinen tiefgewurzelten Prophetenglauben, aus dem er die ganze
+Schwungkraft seiner Lebensarbeit sog, erschüttern mußte, wenn sie zur
+allgemeinen Anerkennung kam.
+
+Wie sich sein Zorn und derer um ihn auf die Einzelnen entlud, die im
+Augenblick als die Sünder erschienen, so entlud sich der unsere auf
+einen Mann, der seit Jahren das Feuer schürte, das uns verbrennen
+sollte, der, ohne sich jemals in das Gewühl der Volksversammlung zu
+wagen, von der Abgeschiedenheit seiner Studierstube aus Jeden verfolgte,
+der kein Buchstabengläubiger des Marxismus war. Seine glänzende
+journalistische Fähigkeit hatte ihm seine Stellung geschaffen; die
+fanatische Rücksichtslosigkeit, mit der er seine Gegner verfolgte, hatte
+sie erhalten helfen. Niemand wagte, sich ihm entgegenzustellen. Selbst
+seine Gesinnungsfreunde fürchteten ihn, denn er haßte heute, was er
+gestern noch liebte.
+
+»Er ist das böse Prinzip der Partei,« hieß es in unserem Kreise, während
+tatsächlich nur der konservative Radikalismus mit all seiner
+Unduldsamkeit, all seinem Dogmenglauben in ihm Fleisch geworden war.
+
+»Wenn wir die Partei von ihm befreien können, so haben wir sie
+gerettet,« erklärten unsere Freunde.
+
+Meinen Mann packte der Gedanke wie keinen. Noch immer hatte seine
+überschäumende Willenskraft sich an Aufgaben erproben wollen, die
+niemand sonst übernahm. Er hörte um so weniger auf die warnenden
+Stimmen, die sich erhoben, als ich ihn in seinem Vorhaben nur bestärkte.
+Die Partei aus der inneren Zerrüttung erretten, in der sie sich befand,
+sie einer neuen gesicherten Einheit entgegenführen, -- keine Aufgabe
+wäre mir im Augenblick größer erschienen.
+
+ * * * * *
+
+Es war am Abend vor unserer Abreise nach Dresden, wo der Parteitag
+stattfand.
+
+»Es wird ein Kampf bis aufs Messer,« sagte Heinrich; »aber was auch
+kommen mag, mich soll's nicht kränken, wenn ich nur deiner sicher bin!«
+
+Ich legte beide Arme um seinen Hals: »Du kannst es, Heinz! Noch niemals
+liebte ich dich so wie heut!« Und zärtlich schmiegte ich meinen Kopf an
+seine Schulter, während mein Auge in demütiger Liebe an dem seinen hing.
+
+»Ihr törichten Frauen wollt in den Männern immer nur Helden sehen,«
+meinte er. Seine Lippen brannten auf meinem Mund. Wir vergaßen der Ehe,
+wie in allen glücklichen Stunden unseres Lebens; -- der Ehe, die alle
+Geheimnisse schamlos ihrer Schleier beraubt, so daß die Liebe, die nur
+von Sehnsucht lebt, sterben muß.
+
+Gegen Morgen weckte mich ein Schrei. Ich fuhr entsetzt aus dem Schlaf.
+
+»So bleib doch, Liebste,« flüsterte Heinrich traumbefangen. Aber schon
+war ich im Nebenzimmer am Bett meines Kindes. Seine Wangen glühten,
+verständnislos irrten seine Augen an mir vorbei. Und wieder löste sich
+ein Schmerzensruf von seinen trockenen Lippen. Ich wickelte den
+zuckenden Körper in nasse Tücher und schickte die Berta zum Arzt. Jetzt
+erst erwachte mein Mann und erschien an der Türe.
+
+»Papachen,« sagte der Kleine und verzog den Mund mühsam zu einem
+Lächeln.
+
+»Was ist denn nur?!« rief Heinrich mit gerunzelter Stirn und
+ungeduldiger Stimme; »komm doch ins Bett, -- du erkältest dich ja!«
+
+Ich lief ins Schlafzimmer zurück, um mir einen Mantel zu holen.
+
+»Du siehst doch, -- Ottochen ist krank,« flüsterte ich ihm im
+Vorübergehen zu.
+
+»Krank!« wiederholte er laut und trat näher. »Nicht wahr, mein Junge,
+dir fehlt nichts, -- du träumtest nur schlecht, -- du siehst ja rund und
+rosig aus, wie's liebe Leben!«
+
+Mit einem ängstlich fragenden Blick sah der Kleine von einem zum
+anderen.
+
+»Gewiß, Papa, gewiß,« sagte er dann mit stockender Stimme, »jetzt ist
+schon alles wieder gut.« Aber seine tränenumflorten Augen, die flehend
+zu mir aufsahen, sein heißes Händchen, das krampfhaft meine Finger
+umschloß, strafte seine Worte Lügen. Ich drängte Heinrich hinaus. Wo
+nur die Berta blieb? Warum der Arzt nicht kam? -- Im Wohnzimmer schlug
+die Uhr sieben.
+
+»Es ist die höchste Zeit, daß du dich anziehst, Alix,« rief Heinrich.
+Wir hatten uns mit unseren Freunden für den Achtuhrzug verabredet. Ich
+wechselte rasch die Kompresse auf der brennenden Stirn meines Kindes und
+ging ins Schlafzimmer.
+
+»Selbstverständlich bleibe ich hier,« sagte ich, die Stimme dämpfend.
+
+»Das wäre noch schöner!« antwortete er heftig. »Wegen eines Schnupfens,
+den der Junge im schlimmsten Fall kriegen wird, willst du in diesem
+Augenblick mich und die Sache im Stiche lassen!«
+
+Ich fühlte, wie das Blut mir siedendheiß in das Antlitz schoß: »So
+sprich doch wenigstens leise --«
+
+Aber Heinrich wollte nicht hören: »Du weißt, was auf dem Spiele steht,
+-- du kommst mit,« schrie er mich an, und seine Hand umkrallte meinen
+Arm.
+
+»Und wenn die ganze Partei darüber zugrunde ginge, -- ich bleibe hier,«
+zischte ich, außer mir vor Empörung.
+
+»Mama, -- Mama!« rief eine süße weinende Stimme. Der Kleine stand auf
+der Schwelle, mit angstvoll aufgerissenen Augen, wie im Schwindel auf
+den bloßen Füßchen hin und her schwankend. Auf meinen Armen trug ich ihn
+ins Bett zurück und riegelte die Tür hinter uns zu. Nach kurzer Zeit
+hörte ich Heinrich das Haus verlassen. Ich fühlte keinen Schmerz, -- nur
+eine ungeheure Leere in meinem Herzen. Darüber nachzugrübeln, war ich
+nicht imstande: in wilden Fieberphantasien wälzte sich mein Kind auf
+seinem Lager.
+
+Kaum in Dresden angekommen, telegraphierte mir mein Mann: »Verzeih. Wie
+geht es?« Mußte ich ihm nicht jetzt, wo er so schweren Stunden
+entgegenging, die Wahrheit schonend verschweigen?! Aber warum diese
+Rücksicht?! War er doch mehr als schonungslos, war grausam gewesen! Nie
+würde ich ihm das verzeihen können!
+
+»Otto schwere Blinddarmentzündung,« antwortete ich kurz, dem Ergebnis
+der ärztlichen Untersuchung entsprechend.
+
+Zwei Tage vergingen und zwei Nächte. Noch immer stieg das Fieber; der
+kleine Körper krümmte sich vor Schmerzen. Die Schreie der Angst wurden
+schwächer; an ihre Stelle trat ein Wimmern -- jammervoll,
+ununterbrochen. Ich wich nicht von dem kleinen Bett. Wenn ich die Hand
+auf das heiße Köpfchen des Kranken legte, schien er für Augenblicke
+ruhiger, wenn ich mich ganz dicht an ihn schmiegte, verlor sein Blick
+den Ausdruck tiefen Entsetzens. Einmal glaubte ich schon beglückt, er
+schliefe. Da riß er sich ungestüm aus meinen Armen, richtete sich hoch
+auf, starrte mich verständnislos an und schrie: »Mama, -- Mama, -- warum
+bist du so weit, -- so weit weg, -- ich sehe dich gar nicht mehr --« und
+in verzweifeltem Schluchzen bebten seine Schultern. Das Herz krampfte
+sich mir zusammen, -- und doch hatte ich noch Kraft genug ihm beruhigend
+zuzulächeln, während ich den kleinen Körper wieder in nasse Tücher
+hüllte. Er wurde still, er schloß die Augen, er atmete regelmäßiger.
+Aber in meinen Ohren dröhnten seine Worte: warum bist du so weit weg! Er
+hatte mich angeklagt, -- und ich sprach mich schuldig: War ich nicht
+Tage, Wochen, Monde lang von meinem Sohn »weit weg« gewesen?! War nicht
+auf seinen Gedankenwegen mit ihm gegangen, -- hatte nicht mit seinem
+Herzen gefühlt, -- mit seinen Augen gesehen? Wenn er nun mich verlassen
+wollte?! Ich dachte den Gedanken nicht zu Ende. An seinem Bette sank ich
+in die Kniee; ich faltete die Hände auf seinen Kissen; -- ich betete.
+Nicht zu den Schutzengeln, die mir ein Märchen waren, nicht zu dem
+Christengott, den ich nicht kannte. Mein Gebet war voll Frömmigkeit, ob
+es auch keine Worte hatte, mein Gebet war voll Glauben, ob es auch
+glaubenslos war, mein Gebet war voll Kraft, denn es richtete sich nicht
+gen Himmel, -- es brachte dem Heiligtum des Lebens mich selbst zum Opfer
+dar ...
+
+Der grauende Tag kroch durch die Fenster. Mein Kind schlief mit einem
+Lächeln um die blassen Lippen. Ich küßte es leise. Mir war, als wäre ich
+erst in der letzten Nacht seine Mutter geworden.
+
+Draußen läutete es. Es war der Telegraphenbote: »Wie geht es? Rege dich
+über Zeitungen nicht auf.« Ich mußte den zweiten Satz noch einmal lesen;
+gab es noch irgend etwas in der Welt, über das ich mich nach dieser
+Nacht hätte aufregen können?! Ja so! Der Parteitag, -- ich hatte nichts
+gelesen. »Otto besser. Bin ruhig. Wünsche dir das Beste,« antwortete
+ich.
+
+Während Berta mich bei dem Kranken vertrat, las ich die Berichte. Ich
+erschrak, als ich sah, daß Heinrich entgegen seiner Absicht, durch den
+Artikel eines sächsischen Parteiblattes herausgefordert, in der
+Diskussion über die Mitarbeit von Genossen an der bürgerlichen Presse
+als Erster gesprochen hatte. Die ganze Erregung über unser
+Auseinandergehen, die wachsende Sorge um das kranke Kind mußte ihn
+beherrscht, seine Stimmung beeinträchtigt haben. Und ich fühlte zwischen
+jeder Zeile der Rede die Bitterkeit seines Herzens, die quälende Angst.
+Über jenen Mann hatte er gesprochen, der sich herausnahm im Kampf gegen
+uns den Ton anzugeben, der uns um einiger Artikel in einer bürgerlichen
+Zeitschrift willen wie Verräter verfolgte; und er hatte ihn
+gekennzeichnet, als das, was er war: ein doppelter Renegat, in der
+Jugend Sozialdemokrat, gleich darauf der Verfasser einer der giftigsten
+Schmähschriften gegen die Sozialdemokratie, nach wenigen Jahren wieder
+Mitglied der Partei, und jetzt: ihr unfehlbarer Sittenrichter. Keiner,
+so schien mir, würde sich dem Eindruck der Rede meines Mannes entzogen
+haben, wenn nicht in jedem Ton die Aufregung gezittert hätte, deren
+Ursache niemand kannte als ich. Immer wieder hatte ihn Bebel
+unterbrochen, mit stets gesteigerter Heftigkeit, und jeder Zuruf mußte
+meinen Mann, dessen ganze Seele wund war, doppelt schmerzhaft treffen.
+Und dann waren sie alle über ihn und uns hergefallen, und am tollsten
+hatten uns, die freien Schriftsteller -- »frei« wie der Lohnarbeiter,
+der seinem Verdienst nachgehen muß --, die Genossen geschmäht, die in
+sicheren Parteipfründen saßen. Ein Gefühl von Ekel stieg mir bis zum
+Hals. Wie hatte doch Romberg einmal gesagt? »Durch eine bestimmte
+Personengruppierung kann eine Sache rettungslos verloren gehen.« War
+diese Gesellschaft wütender Proleten wirklich noch der würdige Träger
+der menschheitbefreienden Gedanken des Sozialismus?
+
+In einem kurzen Brief, den ich von Heinrich erhielt, hieß es: »... Die
+Lage der Dinge ist unbeschreiblich. Die eingeschlossene Luft in diesem
+engen halbdunkeln Saal scheint gefüllt mit Sprengstoff. Das gezwungene
+dicht Nebeneinandersitzen erhöht die Reizbarkeit ... Bebel ist selbst
+für Freunde, die ihn beruhigen wollen, unnahbar. Er hat sich stundenlang
+in sein Hotel zurückgezogen und hat den Ausdruck eines Rachegottes, wenn
+er wieder erscheint. Warum? Niemand weiß es. Er soll sich während der
+Wahlkämpfe überanstrengt haben, sagen die einen; die Erbschaft, die ein
+bayerischer Offizier ihm hinterließ, und das, was an Prozessen mit den
+Verwandten dieses Offiziers darum und daran hängt, soll ihn aufregen,
+meinen die anderen. Jedenfalls kommt mehr denn je alles auf seine
+Haltung an; und sein Benehmen mir gegenüber läßt wenig Gutes hoffen.
+Übrigens scheint er auf uns beide ganz besonders wütend zu sein. Als
+Wanda Orbin die Mitarbeit an bürgerlichen Blättern als todeswürdiges
+Verbrechen kennzeichnete und dabei von den sündigen 'Genossen' sprach,
+rief er wiederholt mit starker Betonung dazwischen: 'Und Genossinnen!'
+Damit bist Du in erster Linie gemeint ... Man spricht von einer
+Resolution, durch deren Unannehmbarkeit die Revisionisten hinausgedrängt
+werden sollen ...«
+
+Seltsam, wie kühl, fast gleichgültig ich dieser Möglichkeit gegenüber
+blieb.
+
+Gegen Abend fieberte mein Kind wieder. Es phantasierte von Riesen, die
+das Zimmer füllten, und am Morgen war mir, als ob ich die ganze Nacht
+mit ihnen hätte ringen müssen, um sie vom Bett meines Lieblings
+fernzuhalten. Ich fühlte mich zu Tode erschöpft.
+
+»Wir sind noch nicht über den Berg,« sagte der Arzt mit einem ernsten
+Gesicht, »aber Sie sollten sich trotzdem schonen --.«
+
+»Ich bin die Mutter,« unterbrach ich ihn.
+
+»Gerade darum,« antwortete er.
+
+Aber wie konnte ich von meinem Sohne weichen, solange seine Augen sich
+trübten, wenn ich den Platz an seinem Bett verließ!
+
+Während er ein paar Bleisoldaten auf den weißen Berg seiner Kissen
+klettern ließ, überflog ich zerstreut den neuen Parteitagsbericht. Erst
+Bebels Rede fing an, mich zu fesseln. Er zählte die Sünden jener
+Wochenschrift auf, für die wir fünf Angeklagten geschrieben hatten: Vor
+genau zehn Jahren hatte deren Herausgeber ihn als »rote Primadonna«
+verulkt. Ich staunte: sollte Bebel, der große Bebel, von so kleinlicher
+Empfindlichkeit sein, daß er dergleichen Nebensächlichkeiten als
+unauslöschliche Kränkungen empfand?! Und im vorigen Jahre während des
+Zollkampfes hatte derselbe Redakteur sich gegen die Obstruktionspolitik
+der Sozialdemokraten ausgesprochen. War das nicht sein gutes Recht?
+Sollte er selbst mit seiner Überzeugung hinter dem Berge halten, wenn er
+allen seinen Mitarbeitern die vollste Meinungsfreiheit gewährte?
+
+Ich las weiter. Ich rieb mir die Augen, -- vielleicht war ich es jetzt,
+die fieberte, -- der Kopf fing an, mir zu brennen. Ich las noch einmal.
+Aber ich irrte mich nicht. Hier stand es, ganz deutlich, und noch
+unterstrichen durch den »stürmischen Beifall«, mit dem es begrüßt worden
+war: »Es gibt unter uns Marodeure, die ein solches Blatt
+unterstützen --«, »Elemente, die moralisch tief gesunken sind --«,
+»ihnen gebührt nichts anderes, als ein kräftiges Pfui!«
+
+Griff mir nicht eine rohe Faust an die Kehle --, traten die Augen nicht
+schon aus ihren Höhlen? Und der Boden unter mir, auf dem ich stand,
+schwankte er nicht? -- -- Meine Familie, meine Freunde, meine Existenz,
+-- alles hatte ich der Partei geopfert, -- und jetzt kam dieser Mann und
+beschimpfte mich, weil ich ein paar literarische Kritiken in ein Blatt
+geschrieben hatte, das ihm nicht paßte?! Er, dieser Ritter der Frauen,
+hatte den traurigen Mut, mich vor der ganzen Welt für ehrlos zu
+erklären?! Ich sprang vom Stuhl, -- vergaß mein krankes Kind, -- und
+lief ins Nebenzimmer. Dort in der alten Truhe lag sie noch, -- meines
+Vaters Pistole! Wenn ich ein Mann wäre --! Meine Hand krampfte sich um
+ihren Griff, mein Finger suchte den Hahn. Wenn mein Vater noch lebte!
+Vor ihre Mündung würde er den Räuber meiner Ehre fordern!
+
+»Mama!« rief es von nebenan. Ich strich mit der Hand über meine heiße
+Stirn und warf mit einem spöttischen Achselzucken über die romantische
+Anwandlung, die ich eben gehabt hatte, die alte Pistole in die Truhe
+zurück. Ich stehe ja nicht allein, dachte ich; mein Mann, der auf die
+kleinste Kränkung, die mir angetan wird, mit hellem Zorn reagiert, hat
+mich in diesem Augenblick schon verteidigt, und die anderen alle, die
+getroffen wurden, genau wie ich, werden zu flammendem Protest einmütig
+zusammenstehen.
+
+Aber schon, daß die Diskussion ohne Unterbrechung ihren Fortgang
+genommen hatte, machte mich stutzig. Freilich, der eine der
+Angegriffenen, der eben einen Wahlkreis erobert hatte wie wir,
+verteidigte sich in aufflammender Empörung.
+
+»Auch dem Parteiführer, der die Ehre eines Menschen beschmutzt, gebührt
+ein Pfui,« rief er aus. Aber mitten in seiner Rede war er imstande
+gewesen, mit sentimentaler Rührung von der Verehrung zu erzählen, die er
+für den Beleidiger empfunden hatte! Ich schämte mich, auch nur mir
+selbst solch ein Gefühl zuzugeben. Und als Bebel nachher ein paar
+väterliche Worte der Anerkennung für ihn aussprach, bedankte er sich
+dafür!
+
+Der andere stimmte seine Rede auf denselben Ton und sprach von der ganz
+besonderen Verehrung, die er für den Veteranen der Partei stets
+empfunden habe. Der Dritte endlich brauste zwar in jugendlichem Eifer
+auf, hatte aber schon vorher reumütig abgebeten. Ich schüttelte mich.
+Wer sich so behandeln ließ, war wert, daß er so behandelt wurde. Mein
+Mann, dachte ich triumphierend, wird anders zu sprechen wissen!
+
+Jetzt endlich fand ich seinen Namen unter den Rednern. Unwillkürlich
+suchte ich zuerst nach den Zwischenrufen, nach den wilderregten Szenen,
+die sein Zorn hervorrufen mußte; -- und da stand es ja schon:
+»stürmische Unterbrechungen« -- »große Unruhe« -- »Skandal«. Aber das
+bezog sich gar nicht auf eine Zurückweisung der Beleidigungen Bebels.
+Meine Hände, die das Blatt hielten, begannen zu zittern.
+
+Wie?! Auch was er sagte, klang wie eine halbe Entschuldigung?!
+
+»Wir sind entschlossen, an der fraglichen Wochenschrift nicht mehr
+mitzuarbeiten, da das Interesse der Partei es fordert ...« Und dann:
+»Ich erwarte von Bebel, daß er das schwere und bittere Unrecht, das er
+begangen hat, einsieht und durch eine Erklärung gut zu machen sucht.«
+War das alles? Wirklich alles?! Ich ballte die Hände und drückte die
+Nägel ins Fleisch, ich preßte die Zähne aufeinander, daß sie knirschten.
+Nur nicht weinen, nur jetzt nicht weinen, -- wiederholte ich immer
+wieder. Die große Uhr über dem Schreibtisch tickte laut und vernehmlich,
+-- meines Vaters Uhr, die ich vor fremden Händen gerade noch gerettet
+hatte.
+
+»Er hat dich nicht verteidigt, -- nicht verteidigt --,« sagte sie
+unaufhörlich; oder war es des Vaters Stimme? -- »Nicht verteidigt --«
+
+Ich schrieb an den Vorsitzenden des Parteitags und forderte ihn auf,
+Bebel zu einer Rücknahme seiner Beleidigung zu veranlassen. Mein Wunsch
+wurde abgelehnt. Ich verlangte ein Schiedsgericht, das über meine Ehre
+entscheiden sollte. »Wegen der Meinungsäußerung eines Genossen über den
+anderen kann ein solches nicht angerufen werden,« lautete die Antwort.
+Jetzt also war ich vogelfrei; ausgestoßen aus meiner alten Welt, als
+Ehrlose gebrandmarkt in der neuen!
+
+Ich wurde merkwürdig ruhig. Ich spielte lächelnd mit meinem Sohn, der
+sich langsam erholte. Es gab Stunden, in denen ich dem Schicksal dankbar
+war, das mich an diese Stelle zwang, das es mir deutlicher sagte, als
+Worte es je vermocht hätten: dein Kind allein ist deine Welt.
+
+Fast mechanisch, interesselos, fing ich wieder an, die Berichte zu
+lesen.
+
+Inzwischen war die Abstimmung über die Erklärung des Parteivorstandes
+zur Frage der Mitarbeit von Genossen an bürgerlichen Preßunternehmungen
+vor sich gegangen. Mit überwältigender Mehrheit war sie zur Annahme
+gelangt. Ich lachte unwillkürlich laut auf. So orthodox war bisher nicht
+einmal die Kirche gewesen! Sie war viel zu klug dazu; sie benutzte jede
+Tribüne, wenn es galt, auch nur eine Seele zu gewinnen.
+
+»Nicht darauf kommt es an, _wo_ Parteigenossen schreiben, sondern _was_
+sie schreiben. Je mehr sie mit ihrer Überzeugung und ihrer Person in die
+Reihen der uns noch feindlich Gesinnten eindringen, desto besser ist es
+für unsere Sache, denn wir sind keine Sekte, die sich zu ihrem
+Gottesdienst in ihrer Kapelle verschließt, sondern eine Bewegung, die
+der ganzen Menschheit dienen und die Welt erobern will ...«
+
+Das wäre eine unserer sozialistischen Grundsätze würdige Erklärung
+gewesen. Niemand beantragte sie. Nur vierundzwanzig -- unter ihnen mein
+Mann, Göhre, Vollmar -- hatten den Vorstandsbeschluß abgelehnt.
+
+Und nun stand der zweite Streitpunkt: die Taktik der Partei, die
+Vizepräsidenten-Frage, auf der Tagesordnung.
+
+Bebel referierte. Nach allem Vorhergegangenen erwartete ich eine wütende
+Philippika. Aber das, was er sagte, übertraf jede Erwartung. War das
+derselbe Bebel, der in Hannover so klug und so einsichtig gewesen war?
+
+»Nie und zu keiner Zeit waren wir in der Partei uneiniger als jetzt --;«
+das erklärte er, nachdem wir eben einmütig den größten politischen Sieg
+erfochten hatten! »So geht's nicht weiter, -- jetzt müssen wir endlich
+reinen Tisch machen,« und: »Wer nicht pariert, der fliegt hinaus!« War
+das noch die Sprache des Führers einer demokratischen Partei, oder nicht
+vielmehr die eines Diktators? Er sprach von den Revisionisten als von
+den Leuten, die mit der Bourgeoisie liebäugeln, und verlangte, daß man
+sie öffentlich denunzieren müsse, damit die Genossen sich vor ihnen
+hüten könnten. Er erklärte auf der einen Seite, um einen
+Gewerkschaftsantrag zu Falle zu bringen, daß es für die Fraktion viel zu
+schwierig sei, ganze Gesetzesvorlagen auszuarbeiten, und versicherte auf
+der anderen, daß, wenn die Partei heute zur Herrschaft im Staate käme,
+sie schon morgen wissen würde, was sie zu tun habe. Der heimliche Haß
+gegen die Akademiker, durch den er die Masse des Proletariats
+unzerreißbar mit sich verband, ohne zu fühlen, daß er dem ersten
+Grundsatz des Sozialismus dadurch ins Gesicht schlug, durchglühte seine
+Rede.
+
+»Seht Euch die Akademiker dreimal an, ehe Ihr ihnen Vertrauen schenkt!«
+»Stürmischer Beifall« stand daneben. Und doch waren es Akademiker
+gewesen, die dem Proletariat die Organisation, seiner Bewegung die
+Grundlage und das Ziel gegeben hatten. Schließlich warnte er noch vor
+»dem anderen Teil der Revisionisten, den Proletariern in gehobenen
+Lebensstellungen«. Und niemand lachte ihm ins Gesicht, -- und niemand
+wies mit Fingern auf die, die Beifall jauchzten: Gastwirte, Redakteure,
+Parteibeamte, lauter ehemalige Proletarier in gehobenen
+Lebensstellungen, -- und ihn selbst, der ein wohlhabender Mann geworden
+war. Fielen denn heute lauter Schleier von meinen Augen, oder war ich
+nur vorher blind gewesen?
+
+Nach ihm sprach Vollmar. Er zeigte, wie die Partei seit Jahren
+angesichts der praktischen Forderungen des Tages ein Vorurteil nach dem
+anderen habe fallen lassen, wie zum eisernen Bestand ihrer Taktik
+geworden sei, was kurz vorher als hochverräterische Forderung
+gebrandmarkt worden war. Dann aber wandte er sich persönlich gegen
+Bebel, -- der erste und der einzige, der es mit der Autorität seines
+Namens zu tun vermochte.
+
+»Ein ungezügeltes Temperament schadet nicht nur auf Fürstenthronen,
+sondern auch auf denen der Partei,« rief er aus. »... In welchem Ton hat
+Bebel sich an die ganze Partei gewandt? 'Ich werde nicht dulden ...',
+'Ich werde den Kopf waschen ...', 'Ich werde Abrechnung halten'. Ich,
+ich, ich -- so hat der Lordprotektor Cromwell zum langen Parlament
+gesprochen ...«
+
+Ich atmete tief auf. Auch eine Verteidigung meiner Ehre war diese
+Anklage gewesen. Nur eins verstand ich nicht: er betonte die innere
+Einheit der Partei mit derselben Schärfe, wie Bebel sie geleugnet hatte.
+Wie konnte er nur?! Wären all die Wutausbrüche dieses Parteitages
+möglich gewesen, wenn eine innere Einheit bestanden hätte? Sie waren
+doch nichts anderes als Symptome der Zerrissenheit. Aber die
+Revisionisten schienen sich das Wort gegeben zu haben, Vollmars Ansicht
+nicht nur zu teilen, sondern zu unterstreichen. Dieselben Männer,
+die ständig und, wie mir schien, mit Recht diese und jene
+Programmforderungen der Sozialdemokratie kritisierten und einer
+Umänderung für bedürftig hielten, erklärten plötzlich, daß prinzipielle
+Gegensätze nicht vorhanden seien. War das Feigheit oder nur Schwäche? --
+Schwäche, die in ihren Folgen viel gefährlicher ist als sie? Und ich
+befand mich plötzlich in Übereinstimmung mit einem der schroffsten
+Radikalen in der Partei: »Das ist ja der Jammer des deutschen
+Revisionismus, daß er nie mit einem bestimmten Programm hervorkommt,«
+sagte Kautsky, nachdem er versucht hatte, den auch seiner Ansicht nach
+vorhandenen Gegensatz als den zwischen der Zusammenbruchs- und der
+Evolutionstheorie zu kennzeichnen; »die einen erwarten die Befreiung von
+der sozialen Revolution, die anderen von der allmählichen Entwicklung.«
+
+Mein Mann schrieb mir noch einmal: »Für die Partei wird diese traurige
+Tagung mit ihren zahllosen Hintergründen von Gemeinheit, Klatsch und
+Verhetzung schließlich noch zum guten Ende führen. Der Resolution des
+Parteivorstandes zur Frage der Taktik sind ihre schärfsten Spitzen, auf
+denen wir gespießt werden sollten, genommen worden, und ihre einmütige
+Annahme scheint danach gesichert, was den Frieden in der Partei wieder
+herstellen wird.«
+
+Ich antwortete umgehend: »Ich verstehe Dich und die anderen nicht.
+Selbst wenn die Resolution ihrem Wortlaut nach annehmbar wäre, so ist
+sie es ihrem Sinn nach nicht, und Euer Ja bedeutet keinen Frieden,
+sondern Unterwerfung. Ich bedaure, bei der Abstimmung nicht zugegen zu
+sein. Ich würde, -- und wenn ich die einzige bliebe, -- laut und
+deutlich Nein sagen.«
+
+Als ich den Wortlaut der Resolution zu Gesicht bekam, wurde mir die
+Haltung der Revisionisten vollends unverständlich. Wie viele unter ihnen
+hatten dem Eintritt des Sozialdemokraten Millerand in das französische
+Ministerium zugestimmt, hatten eine allmähliche Eroberung der
+Regierungsgewalt überall für möglich, ja für wahrscheinlich erklärt,
+und jetzt beugten sie sich einer Resolution, in der es hieß: Die
+Sozialdemokratie kann einen Anteil an der Regierungsgewalt innerhalb der
+bürgerlichen Gesellschaft nicht erstreben. Wie viele verurteilten laut
+und leise die lediglich negierende Haltung der Partei gegenüber der
+Kolonialpolitik, und jetzt verpflichteten sie sich selbst zum
+»energischen Kampf« gegen sie. Aber daß dreihundert ja sagten, traf mich
+immer noch nicht so tief, als daß Heinrich unter ihnen war.
+
+ * * * * *
+
+Mein Kind lag noch immer. Den Genesenden zu beschäftigen, kostete fast
+noch mehr Zeit als den Kranken zu pflegen. Herrisch verlangte der kleine
+Tyrann immer wieder nach Mama, wenn Berta mich ablösen wollte. Aber
+meine Gedanken waren doch wieder frei, und wenn er zur Ruhe gebracht
+worden war, konnte ich, wenn auch mit mattem Blick und müden Händen, in
+den Trümmern meines Lebens suchen, was zu neuem Aufbau noch stark genug
+war. Und ich fand eine unerschütterte Grundmauer: meine politische
+Überzeugung. Vor der Partei konnte ein Bebel mich diskreditieren, konnte
+mir die Arbeit in ihren Reihen kraft seines Bannfluchs unmöglich machen.
+Aber erschöpfte sich denn der Sozialismus in der Partei?
+
+Mein Verstand war befriedigt, und doch blieb es so kalt, so leer in mir.
+Ich sah mich suchend um, -- war die Wärme und die Farbe aus meinem Leben
+gewichen? Ach, im Garten meiner Liebe waren alle Blumen geknickt! Hatte
+der eine rohe Griff meines Gatten so viel vernichten können? Oder war es
+nur ein letzter Herbststurm gewesen, der die schon lange heimlich
+welken endgültig von den Stielen riß?
+
+Eines Abends, ganz plötzlich, öffnete sich die Türe, und Heinrich stand
+vor mir. Wie sah er aus! Aschfahl, die Augen tief in den Höhlen, dunkel
+umschattet, die ganze Gestalt gebeugt.
+
+»Heinz!« schrie ich auf und schlang die Arme um ihn.
+
+»Wenn du mich nur noch liebst -- du,« flüsterte er und bedeckte mein
+Antlitz mit Küssen. »Ich fürchtete mich vor der Heimkehr, weil ich
+dachte, ich könnte auch dich verloren haben, -- aber nun ist alles gut,
+-- nun mögen sie mich steinigen. Ich fühle nichts, nichts als Seligkeit,
+weil deine Liebe mich unverwundbar macht!«
+
+Mir stürzten die Tränen aus den Augen, -- Tränen der Reue, des
+Schmerzes. Er sollte nicht umsonst an meine Liebe geglaubt haben. War es
+nicht Liebe, die wieder erwachte, da er so zerschlagen vor mir stand?
+
+Ich erfuhr allmählich, was geschehen war. Artikel, Erklärungen, Briefe
+legte er mir vor, voll wütender Angriffe auf ihn, den »Urheber des
+Dresdener Parteitages«, den »geistigen Vater eines nie dagewesenen
+Parteiskandals«, voll niedriger persönlicher Verleumdungen. Selbst in
+unserem Leben wühlten fremde Hände, und unter ihrem Griff wurde auch das
+Reinste schmutzig.
+
+Es war ein grauer Herbstabend mit tiefhängenden Wolken und langen
+Schatten in den Zimmern. Ich kauerte in der Ecke des Sofas, unfähig,
+mich zu rühren, wie zerprügelt. Heinrich ging auf und nieder, rastlos,
+-- hie und da griff er mit der Hand nach seinem Kopf, als ob er sich
+vergewissern müsse, daß er noch lebe.
+
+»Nach meiner ersten Rede schon sagte mir Victor Geier: 'Das ist
+politischer Selbstmord'. Als ich dann Bebel antworten wollte, wie es
+nach seinem Angriff allein richtig gewesen wäre,« -- so hatte mich
+Heinrich doch verteidigen wollen! -- »da haben sie mich alle bearbeitet,
+haben im Namen des Parteiinteresses an mich appelliert, und ich war so
+töricht, durch all die widerwärtigen Szenen so erschöpft, daß ich mich
+wirklich unterwarf. Was nützte es?! Nichts! Der Skandal nahm seinen
+Fortgang. Und auf der Strecke bleibe schließlich ich allein!«
+
+Einige Tage später kam Geier zu uns. Die erste Nummer der Neuen
+Gesellschaft war eben in hunderttausend Exemplaren verbreitet worden.
+
+»Ich muß mit Ihnen reden, Genossin Brandt,« sagte er nach einer raschen
+Begrüßung. »Sie haben sich, fern von Dresden, hoffentlich so viel kühle
+Überlegung bewahrt, um eher Vernunft anzunehmen als Ihr Mann.«
+
+Und dann setzte er mir auseinander, was seiner Meinung nach geschehen
+müsse. Zunächst habe sich Heinrich dem Schiedsspruch eines
+Parteigerichts zu unterwerfen.
+
+»Vielleicht einem so objektiven Richter wie Bebel --,« warf ich bitter
+ein.
+
+»Stehen Sie erst einmal am Ende der Laufbahn und müssen zusehen, wie
+andere den ganzen Gewinn Ihrer Lebensarbeit in Frage ziehen!« rief Geier
+heftig, um sich gleich darauf wieder zur Ruhe zu zwingen. »Ohne eine
+Rüge wegen seiner Dresdener Rede wird es natürlich nicht abgehen,« fuhr
+er fort, »im übrigen aber, dafür lege ich jetzt schon meine Hand ins
+Feuer, werden sich alle Verleumdungen als solche erweisen, und Heinrich
+wird nachher eine gesichertere Stellung haben als zuvor.«
+
+»Du weißt, daß ich die Einsetzung eines Schiedsgerichts in meinem
+Wahlkreis bereits selbst veranlaßt habe,« unterbrach ihn mein Mann,
+»wozu also das Gerede?! Komm lieber gleich zur Sache!«
+
+»Wie du willst,« antwortete Geier ruhig und wandte sich wieder mir zu.
+»Er hat Sie, wie es scheint, von meiner anderen Forderung noch nicht
+unterrichtet: das Erscheinen der Neuen Gesellschaft einzustellen.«
+
+Ich fuhr auf: »In diesem Augenblick sollen wir unsere einzige Waffe von
+uns werfen?!«
+
+»Eine nette Waffe!« höhnte Geier. »Solange das Dresdener Spektakelstück
+noch in aller Munde ist, werden vielleicht ein paar Dutzend Leute euer
+Blatt kaufen. Aber über kurz oder lang bleibt euch von der Waffe nichts
+mehr als eine zerbrochene Klinge.«
+
+»Wir haben schon ein kleines Vermögen in die Sache hineingesteckt --,«
+murmelte ich mit gepreßter Stimme.
+
+»Kann mir's denken,« meinte Geier und kräuselte spöttisch die Lippen;
+»vorsichtige Geschäftsleute seid Ihr offenbar nicht. Aber so rettet
+wenigstens, was zu retten ist!«
+
+Heinrichs Gesicht hatte sich mehr und mehr gerötet. Jetzt blieb er dicht
+vor Geier stehen.
+
+»Du benutzt unsere Notlage, um die Partei von einem revisionistischen
+Blatt zu befreien,« zischte er ihn an.
+
+Mit einer heftigen Bewegung sprang Geier vom Stuhl und hieb mit der
+Faust auf den Tisch: »Ich komme nach Berlin gereist, um euch einen
+Freundschaftsdienst zu erweisen, und du begegnest mir so --. Stürze
+dich denn meinetwegen kopfüber in dein Verderben --« Und hinaus war er.
+
+Wir gingen tagelang schweigsam nebeneinander her. Inzwischen fanden
+überall Parteiversammlungen statt, die sich mit den Dresdener
+Ereignissen und ihren Folgen beschäftigten. In den Angriffen auf die
+Revisionisten, ganz besonders auf meinen Mann, übertrafen sie noch den
+Parteitag. Und stets wurde vor der Zeitschrift gewarnt, mit der wir uns
+»auf Kosten der Partei« bereichern wollten. Es gab keinen Ausweg mehr,
+als sie zunächst aufzugeben. Wir hatten die Mittel nicht, um sie gegen
+die herrschende Stimmung in der Partei durchzusetzen.
+
+»Alle freiheitlichen Elemente hatten sich am 16. Juni um Ihre Fahnen
+geschart,« schrieb mir Romberg, »weil sie, von den bürgerlichen Parteien
+im Stiche gelassen, bei der Sozialdemokratie den Schutz der
+Geistesfreiheit, den Hort des Kulturfortschritts zu finden glaubten.
+Dresden hat diesen Wahn zerstört, hat gezeigt, daß der Dogmatismus, die
+Verfolgungssucht Andersdenkender, kurz die ganze Seelenverfassung der
+Inquisitoren, nirgends in so krasser Form zu finden ist, als bei den
+privilegierten Menschheitsbefreiern. Wir sind nun wieder vogelfrei. Und
+Sie?!«
+
+ * * * * *
+
+In der Nacht, nachdem unsere zweite und letzte Nummer erschienen war und
+wir wieder schlaflos den huschenden Wolken draußen und der wachsenden
+Mondsichel zusahen, sagte Heinrich zu mir: »Was meinst du, wenn ich
+ginge?«
+
+Zuerst verstand ich ihn nicht, -- dann aber packte ich mit aller Kraft
+seine beiden Hände und sah ihm mit stummem Entsetzen in das blasse
+Gesicht.
+
+»Ich warnte dich schon einmal, -- vor Jahren,« fuhr er leise und langsam
+fort. »Ich bringe Allen Unglück, -- dir, -- der Partei. Mir scheint, ich
+habe hier nichts mehr zu tun.«
+
+Ich stammelte in heller Angst tausend Liebesworte, ich schmiegte mich an
+ihn, als ob ihm aus meiner Lebenswärme Lebensmut zuströmen könnte. Aber
+er blieb ernst und fest und wußte immer neue Gründe nicht nur für die
+Berechtigung, sondern für die Notwendigkeit seiner Absicht vorzubringen.
+
+Nach alter Gewohnheit pochte morgens unser Bub an die Türe und sprang
+herein, ohne unsere Aufforderung abzuwarten. Es war das erstemal nach
+seiner Krankheit, daß er so früh schon aufstehen durfte. Er kletterte
+eilig auf Heinrichs Bett und sah ihn an, halb überrascht, halb
+erschrocken. Mit jenem rätselvollen Scharfblick des Kindes schien er das
+Fremde, Dunkle erkannt zu haben, das von der Seele seines Vaters Besitz
+ergriffen hatte. Er legte ihm das Händchen auf den Kopf; »so hat Mama
+auch gemacht, wie ich krank war,« erzählte er wichtig, und dann küßte
+und streichelte er »den lieben, guten Papa«, bis sich doch noch ein
+Lächeln um dessen festgeschlossene Lippen stahl.
+
+»Hast du wirklich hier nichts mehr zu tun?!« fragte ich leise, als der
+Kleine wieder davongelaufen war. »Soll dein Sohn einmal von dir glauben
+müssen, daß du dich feige davonstahlst?!«
+
+Er drückte mir die Hand, fest und lang. Ich wußte: wenn die Gespenster
+der Nacht auch nicht auf immer gebannt waren, so würden sie doch keine
+Macht mehr gewinnen über ihn.
+
+ * * * * *
+
+Die Schiedsgerichts-Verhandlungen zogen sich wochenlang hin. Es war eine
+seelische Folter für meinen Mann, und wenn er nach Hause kam, gab ich
+mir alle Mühe, ihn nicht merken zu lassen, wie ich selber litt.
+
+Draußen entwickelte sich wieder in der alten Weise der politische Kampf:
+Radikale und Revisionisten arbeiteten scheinbar einmütig zusammen. Es
+galt diesmal den Landtagswahlen. Mich rief niemand zu Hilfe. Zu keiner
+der zahllosen Versammlungen forderte man mich auf. Ich war die
+Gezeichnete. Und nirgends schien eine Lücke entstanden, weil ich fehlte.
+Ich war wie die Welle, die im Meere aufsteigt und zurücksinkt, ohne eine
+Spur zu hinterlassen.
+
+Zuweilen trafen wir mit unseren politischen Freunden zusammen, --
+zufällig nur, denn die Revisionisten schienen sich nach Dresden noch
+mehr aus dem Wege zu gehen, als vorher. Einmal kamen wir in eine
+ernstere Unterhaltung, und ich verurteilte unumwunden ihre Annahme der
+Dresdener Resolution.
+
+»Mir ist es sogar fraglich,« sagte ich, »ob ihre Ablehnung nicht von
+einem gemeinsamen Austritt aus der Partei hätte begleitet werden
+müssen.« Aber ich stieß auf allgemeinen Widerspruch.
+
+»Damit hätten die Radikalen erreicht, was sie wollten,« rief der eine.
+
+»Wegen einiger Gegensätze in taktischen Fragen werden wir doch die
+Partei nicht im Stiche lassen,« sagte der andere.
+
+»Es wäre nichts als Fahnenflucht,« erklärte einer der Gewerkschafter.
+
+»Und wir würden zurückbleiben, als Offiziere ohne Armee,« meinte mein
+Mann. Ich ließ mich nicht überzeugen.
+
+»Sie haben trotz allem Bekenntnis zum historischen Materialismus aus der
+Geschichte nicht allzu viel gelernt,« entgegnete ich. »Noch immer ist
+die Entwicklung die gewesen, daß eine große Bewegung aus sich heraus
+neue Bewegungen zeugt, deren Träger zunächst nichts sind als ein paar
+Vorläufer, als Offiziere ohne Armee. Und was nun gar die Gegensätze
+betrifft, so glauben Sie doch nicht ernsthaft an ihre Geringfügigkeit.«
+
+»Nein,« antwortete einer der anderen, »aber ich glaube, und habe nach
+unserer bisherigen Entwicklung ein Recht dazu, daß unsere Ideen sich im
+Proletariat von unten herauf durchsetzen. Wir schließen
+Lohntarif-Verträge mit den Unternehmern, und niemand zeiht uns deshalb
+eines Vertuschens der Klassengegensätze; wir arbeiten in den Gemeinden,
+in den Landtagen, und keiner wagt uns deshalb wegen des Paktierens mit
+der bürgerlichen Gesellschaft anzuklagen. Unsere Genossenschaften fangen
+an, wie unsere Gewerkschaften zu einer wirtschaftlichen Macht zu werden,
+und kein Radikalinski hat uns noch vorgehalten, daß das gegen die
+Zusammenbruchstheorie verstößt und wir damit bis zum großen
+Kladderadatsch warten müßten.«
+
+Ich schwieg. Der Mann der praktischen Arbeit mochte gegenüber meinen
+unklaren Theorien doch wohl recht haben.
+
+ * * * * *
+
+Kurz vor Weihnachten legte das Schiedsgericht von Frankfurt-Lebus dem
+Parteitag des Kreises die Resultate seiner Untersuchungen vor, und die
+Genossen erteilten ihren Abgeordneten daraufhin einstimmig das
+Vertrauensvotum.
+
+»Und du freust dich gar nicht?!« sagte mein Mann, als er nachts aus
+Platkow zurückkam, wo die Versammlung stattgefunden hatte.
+
+»Gewiß freue ich mich, -- aber im Grunde ist doch das alles
+selbstverständlich und macht das Geschehene nicht ungeschehen,«
+antwortete ich und dachte an die Zeitschrift, mit der wir unsere
+Aufgabe, wie mir schien, geopfert hatten, an die ungesühnte Kränkung,
+die noch immer wie eine schwärende Wunde an mir fraß, an das
+verstümmelte, beschmutzte Bild der Partei, das einst in so leuchtenden
+reinen Farben vor mir gestanden hatte, an die große Flamme meiner
+Liebesleidenschaft, die über dem Aschenhaufen nur noch leise glimmte.
+
+Aus meines Mannes Wahlkreis wurde ich wieder zu Vorträgen aufgefordert.
+Seltsam genug: es gab noch Genossen, die mir vertrauten, obwohl der
+erste unter ihnen mich für ehrlos erklärt hatte! In diesen Kreisen
+schien das Verständnis für eine Empfindung zu fehlen, die eine
+Reminiszenz an meine aristokratische Herkunft sein mochte, und offenbar
+zu jenen »Eierschalen der Vergangenheit« gehörte, über die in der Partei
+so oft gespottet wurde. Aber wenn auch die anderen alle darüber
+hinwegsehen konnten, ich konnte es nicht. Ich lehnte ab. Meine
+Zurückhaltung wurde falsch gedeutet. Meine Bemerkung über den Austritt
+aus der Partei mochte irgendwie durchgeackert sein. Ich sah, daß ich die
+Stellung meines Mannes, die trotz des Vertrauensvotums eine schwierige
+geblieben war, noch mehr erschwerte. Und ich hatte mir vorgenommen, ihm
+nach wie vor ein treuer Kamerad zu bleiben.
+
+»Sie können wieder über mich verfügen,« schrieb ich nach Frankfurt und
+stürzte mich in die Arbeit, von der ich hoffte, daß sie sich als
+Morphium für die Schmerzen meiner Seele erweisen würde. Und so lange ich
+am Schreibtisch über den Zeitungen und Broschüren saß, hielt sie, was
+ich von ihr erwartet hatte.
+
+ * * * * *
+
+Die Ereignisse schienen mit besonderem Eifer dafür zu sorgen, daß wir
+nicht im Bruderzwist aufgehen konnten. Der Riesenstreik der
+Textilarbeiter von Crimmitschau, die nun schon seit Wochen mit einer
+Ausdauer ohnegleichen um den Zehnstundentag kämpften und dem lockenden
+Gold der Unternehmer ebenso standhielten wie den Verfolgungen der
+Polizei, ließ uns fühlen, daß wir gegen den Feind so einig waren wie
+immer. Und die russische Revolution, die wie ein vom Sturm gepeitschter
+Brand von einem Ende des Riesenreichs zum anderen übersprang, entzündete
+in uns allen eine Hoffnung, als ginge der Stern der Menschheitserlösung
+nun wirklich im Osten auf. Daß Preußen-Deutschland sich zum
+Schleppenträger des Zarismus erniedrigte, daß russische Polizisten im
+Verein mit den unseren die russischen Gäste der Hauptstadt verfolgen
+konnten, daß ein Minister die Reichstagstribüne benutzte, um die
+russischen Studenten der Berliner Universität samt und sonders als
+Anarchisten zu verdächtigen und ihre weiblichen Kollegen der
+Unsittlichkeit zu zeihen, daß der Reichskanzler von ihnen als von
+»Schnorrern und Verschwörern« sprach, -- das löste einen Schrei der
+Entrüstung aus. Die Partei stand wieder auf dem Posten als die einzige,
+die leidenschaftlichen Protest erhob. Und wenn die politischen
+Ereignisse nicht auszureichen schienen, um das Bewußtsein ihrer
+Zusammengehörigkeit in den Genossen aufs neue zu festigen, so sorgten
+unsere Gegner dafür. Sie schufen den Reichsverband zur Bekämpfung der
+Sozialdemokratie, aber die Kette, die sie schmiedeten, um uns damit zu
+fesseln, verband uns nur.
+
+Ich sah das alles. Ich schöpfte Hoffnung daraus nicht nur für den Kampf
+nach außen, sondern auch für die innere Entwicklung, die um so kräftiger
+zu sein pflegt, je unbeachteter sie ist.
+
+Aber als ich zum erstenmal wieder in Frankfurt auf die Rednertribüne
+trat und all die vielen Augen sich auf mich richteten, da versagte meine
+Kraft. Das Blut brannte mir in den Wangen; -- sahen die Menschen mir
+den Schlag nicht an, den ich empfangen hatte?! Und ich fühlte
+feindselige Blicke, spöttisches Lächeln, ich sprach wie gegen ein Tor
+von Erz. Meine Zuhörer blieben kalt.
+
+»Was fehlte dir nur?« fragte Heinrich mich kopfschüttelnd. Ich gab eine
+ausweichende Antwort.
+
+Noch ein paarmal machte ich ähnliche Versuche. Von nervöser Aufregung
+geschüttelt, die mir sonst fremd gewesen war, trat ich schon vor die
+Versammlung. Und dann sprach ich, daß ich mich selbst nicht wieder
+erkannte.
+
+ * * * * *
+
+»Laß mich eine Zeitlang irgendwo zur Ruhe kommen,« bat ich eines Tages,
+mit den Tränen kämpfend, meinen Mann, der in mich drang, ihm die Ursache
+meiner tiefen Verstimmung anzuvertrauen. »Das alles war ein wenig viel
+für mich ...«
+
+Er stimmte mir ohne Besinnen zu. »Wenn es nichts weiter ist, als daß du
+Ruhe brauchst!« sagte er aufatmend und entwarf mir die schönsten
+Reisepläne. »Ich würde dir den Weg auf den Mond bahnen wollen, wenn ich
+sicher wäre, daß meine Alix wieder gesund und froh würde.« Und in alter
+Zärtlichkeit zog er mich an sich.
+
+Doch ich wollte weder auf den Mond, noch nach Italien, noch an die See.
+
+»Ich möchte nach Grainau --,« bat ich zaghaft, denn ich wußte, es regte
+sich immer eine leise Eifersucht in ihm, wenn die Sehnsucht mich dorthin
+trieb, wo so viele Erinnerungen geweckt wurden. »Ilse weiß von Tante
+Klotilde, daß sie diesen Sommer in Augsburg bleibt, -- die Bahn ist also
+frei, und ein Zimmer find' ich schon irgendwo für mich und den Kleinen.«
+
+»Der Bub soll mit?« fragte er mißbilligend. »Dann hast du ja keine
+Stunde Ruhe!«
+
+»-- Ich hätte keine, wenn er nicht bei mir wäre,« antwortete ich.
+
+Eine Woche später fuhren wir den Bergen entgegen. Ich biß mir die Lippen
+wund, um die Tränen zu unterdrücken, als ich im blauen Dunst der Ferne
+die ersten weißen Spitzen aufsteigen sah. Wie hatte ich so lange leben
+können ohne sie!
+
+Es war früh im Jahr. In Garmisch fingen sie gerade an, die Betten zu
+lüften und die Fenster weit aufzureißen. Vier Wochen noch, dann kamen
+erst die Fremden. Jetzt war's so still! Kein Radler, kein Wanderer
+begegnete uns auf dem Wege nach Grainau. Die Wiesen standen voll bunter
+Frühlingsblumen, voll goldgrüner Spitzen die Bäume, und aus dem Walde
+kam der erste süße Maiblumenduft.
+
+Im Dorf, hinter dem Kirchlein, wo der Weg empor zum Eibsee führt, stand
+ein neues blitzblankes Haus mit einer großen himmelblauen Madonna in der
+Mauernische. Der Hof vom Bärenbauern sah daneben ganz alt und
+griesgrämig aus.
+
+»Bä-cke-rei,« buchstabierte mein Junge, der auf seine Lesekünste sehr
+stolz war; »hurra! -- da gibt's immerzu weiße Brötchen,« rief er und
+machte einen Luftsprung -- Semmeln waren sein Leibgericht, »-- dahin
+ziehen wir!«
+
+Und schon lief er am Gartenzaun entlang, mit dem großen schwarzen Hund
+dahinter um die Wette. In der Tür erschien der Meister, dicht hinter
+seinem breiten Rücken lugte neugierig der kleine Lehrling hervor, beide
+mehlbestaubt, und an ihnen vorbei trat grüßend, den gewichtigen
+Schlüsselbund über der weißen Schürze, die blonde Hausfrau. Eben erst
+hatten sie das Haus gebaut, erzählte sie lebhaft, als wir die
+blankgescheuerte Treppe hinaufstiegen, und schon hätten sie die
+Kundschaft der ganzen Gegend. An der »feinen« Wohnung im ersten Stock
+gingen wir vorüber, trotz der neuen städtischen Möbel, die sie uns
+anpries.
+
+»Hier droben in den Stuben steht halt nur der alte Bauernkram,« meinte
+sie entschuldigend und stieß die Türe auf. Ein blauer Schrank mit roten
+Herzen darauf, eine alte Pendeluhr mit blumenbestreutem Zifferblatt und
+einem kreuztragenden Christus darüber, eine breite gewichtige Truhe voll
+bunter Heiligenbilder lachten uns an, wie die Wiesen draußen, so
+farbenfroh. Einem Vogelnest ähnlich hing ein kleiner Balkon vor der
+Glastür, und durch die Fenster guckte der Waxenstein mit seinem faltigen
+Felsengesicht.
+
+»Da bleiben wir,« sagte ich, und mein Junge lief durchs Haus in den
+Garten, und den Hügel hinauf zum Wald und wieder hinunter auf die Wiese,
+als müsse er von allem ringsum Besitz ergreifen.
+
+Wie gut es war, wieder schlafen zu können und die müden Augen in lauter
+Grün und Blau gesund zu baden! Von den Bauern im Dorf erkannte mich
+keiner. Nur der Sepp, mein alter Spielkamerad, rückte mit einem
+flüchtigen Aufblitzen des Erkennens in den Augen an seinem verblichenen
+grünen Hut. Morgens, während mein Junge sich unten am See aus Moos und
+Steinen einen kunstvollen Hafen baute, saß ich auf der alten Bank, dem
+Rosenhaus gegenüber, das sich mit seinen geschlossenen Läden und
+blumenlosen Altanen still und verzaubert im grünen Wasser spiegelte.
+Alle Rosenbüsche vor der Terrasse waren fort.
+
+»Letzten Herbst hat die alte Frau Baronin sie ausgraben lassen,«
+erzählte meine Hausfrau. »Sie wird wohl nimmer wiederkommen,« fügte sie
+hinzu.
+
+»Warum nicht?!« fragte ich erstaunt.
+
+»Schon wie sie wegfuhr, war sie nicht zum Erkennen. Auch so arg brummig
+und bös. Der alte Doktor von Garmisch meint, sie macht's nimmer lang.«
+
+Ich erschrak. Von ihrer Krankheit wußte ich, aber nicht, daß es so
+schlimm um sie stand.
+
+»Das Fräulein von Kleve ist allweil um sie, Tag und Nacht,« berichtete
+die kleine blonde Frau weiter, die froh war, wenn sie schwatzen konnte,
+»aber die Theres', die alte Köchin, hat mir kurz vor der Abreis' noch
+erzählt, daß die Frau Baronin Herzweh hat nach einer anderen,« -- dabei
+traf mich ein neugierig-forschender Blick -- »einer, die sich grad so
+schreibt, wie Sie --«
+
+Ich antwortete nicht ... Mit meiner Ruhe war es wieder vorbei. Alles
+wurde lebendig, was unter diesen Buchen, an diesem See, angesichts
+dieser Berge an Haß und Liebe, an Sehnsucht und Verzweiflung, an
+Trennungsweh und Zukunftshoffnung geweint und gejauchzt, geseufzt und
+gelächelt hatte. Ich war nie mehr allein, und es war nie mehr still um
+mich. Wo ich ging und stand, -- meine ganze Vergangenheit umringte mich,
+und wenn ich schlafen wollte, flüsterte es mir ins Ohr: anklagend,
+höhnend, drohend.
+
+Eines Vormittags, -- ich saß wieder am alten Platz, mit dem Buch im
+Schoß und sah zu dem toten Haus hinüber, -- kam der Bub vom Bärenbauern
+mir nachgelaufen:
+
+»A Depeschen wär da für Sie --« Ich riß sie ihm aus der Hand, sie
+bestätigte nur, was ich erwartet hatte: »Baronin Artern heute morgen
+verschieden. Ihr sofortiges Kommen erwünscht.«
+
+Wir reisten noch am selben Tage nach Augsburg. Mich erfüllte nur ein
+Gefühl: daß ich ihr viel zu verdanken hatte und sie im Kummer um mich
+gestorben war.
+
+In voller Sommerpracht blühte der Garten um das schöne Haus. Weinend
+empfing mich die Theres'.
+
+»Warum sind's bloß nit a Wochen früher gekommen --,« sagte sie immer
+wieder. Ich vertraute meinen Sohn ihrem Schutz. »Du herzig's Buberl,«
+schluchzte sie, »wenn die Frau Baronin nur dich gekannt hätt'!« Ich fing
+an zu begreifen, und jetzt erst fiel mir ein, daß der Tod dieser Frau
+meines Sohnes ganze Zukunft sichern sollte.
+
+Einen Augenblick lang fröstelte mich. Aber nein: wie konnt' ich nur
+zweifeln, -- auch die alte Theres' sah in ihrer Liebe zu mir nur
+Gespenster. Meinem Vater hatte die Tote ihr Wort verpfändet. Ich wandte
+mich zur Treppe.
+
+»Gnä' Frau wollen doch nicht --,« rief die Theres' und griff nach meinem
+Arm.
+
+»Selbstverständlich,« antwortete ich und nahm den Strauß frischer
+Maiglöckchen vom Grainauer Wald aus ihrer Hülle.
+
+»Sie sind alle oben, -- die Herren Leutnants und das Fräulein,«
+flüsterte sie ängstlich.
+
+Ich warf den Kopf zurück und richtete mich gerade auf. »Hier bin ich zu
+Hause gewesen, nicht sie,« sagte ich laut und schritt die Stufen empor.
+Hinter der Türe des Eßzimmers hörte ich Stimmengewirr.
+
+»Sie wird nicht kommen --,« sagte einer. Ich trat ein. Wie vor einer
+Geistererscheinung sprangen sie von den Stühlen, meine Vettern und
+Basen, die sich hier häuslich niedergelassen hatten. Ich ging ohne Gruß
+an ihnen vorüber, durch die Flucht der Zimmer mit ihren kostbaren
+Teppichen und seidenen Möbeln, die mir alle so lebendig schienen, so
+vollgesogen von Vergangenheit. Im Musiksaal, vor der letzten Türe
+zögerte ich. Mir klang in den Ohren, was die Tote vor Jahrzehnten aus
+diesem Flügel hervorgezaubert hatte. Ich war ein Kind gewesen damals;
+die Töne waren an mir vorbeigerauscht; jetzt erst verstand ich sie:
+wieviel Leidenschaft, wieviel ungestillte Sehnsucht hatte das Herz der
+Frau bewegt, die nun auf immer verstummt war.
+
+Sie lag aufgebahrt, vom betäubenden Duft unzähliger Blumen umgeben, auf
+ihrem Lager. Ich stand wie erstarrt. Ich konnte nicht in die Kniee
+sinken und nicht den Blick losreißen von ihr: das war sie doch gar
+nicht, -- das war eine Fremde! Nie hatte ich um ihren Mund diesen
+grausamen Zug gesehen und auf ihrer Stirn diese vielen finsteren Falten.
+Die ich gekannt hatte, die mich liebte, war eine andere gewesen. Ich
+hielt den Strauß Maiglöckchen noch in der Hand, als ich das Haus
+verließ.
+
+Wir geleiteten sie zu Grabe. All jene alten augsburger Familien mit den
+berühmten Namen und unberühmten Nachkommen folgten ihrem Sarge. Aber vor
+der dunkeln Pforte des Erbbegräbnisses der Artern weinten von allen, die
+es umgaben, nur zwei: die alte Theres' und ich. Und von denen, die mir
+einst nahe gestanden hatten, grüßte mich nur einer: mein alter Lehrer,
+der Pfarrer.
+
+Er besuchte mich am Nachmittag im Hotel, und erzählte mir von seinem
+letzten Zusammensein mit der Verstorbenen. Vor kaum zwei Monaten war es
+gewesen; sie hatte ihn zu sich bitten lassen, um von mir zu sprechen.
+
+»Sie hat Ihretwegen mehr gelitten, als sie sich merken ließ,« sagte er.
+
+»Meinen Sie?!« fragte ich zweifelnd und dachte an das fremde Gesicht,
+das ich auf dem Totenbett gesehen hatte.
+
+»Ich bin dessen sicher,« antwortete er; »sie wird es Ihnen auch noch
+beweisen,« fügte er bedeutungsvoll hinzu.
+
+Dann kam ihr Bankier, um mir über den Zeitpunkt der Testamentseröffnung
+Mitteilung zu machen. »Frau Baronin hat mich ausdrücklich beauftragt,
+Sie, als ihre Haupterbin, um Ihre Anwesenheit zu ersuchen,« erklärte er.
+
+Etwas wie Freude begann heimlich von meinem Herzen Besitz zu ergreifen,
+und Dankbarkeit löschte alle Erinnerung an die grausamen Züge der Toten
+aus. Sie hatte mir, da sie lebte, oft bitter weh getan, und nun nahm sie
+die schwere Sorgenlast des Lebens auf einmal von mir!
+
+Es kränkte mich, daß die Theres' mich so mitleidig ansah.
+
+»Ich weiß, was ich weiß --,« sagte sie, »die da oben --« und sie ballte
+die Faust nach dem Zimmer, wo die Kleves mit dem Testamentsvollstrecker
+verhandelten, »-- waren immer bei ihr, -- ich hab' oft genug gehört,
+wie sie von Alix Brandt erzählten --.«
+
+Acht Tage später versammelten sich die Erben zur Testamentseröffnung im
+Gerichtsgebäude. Ein nüchterner Raum mit kahlen Wänden. Kastanienbäume
+vor den Fenstern, durch die kein Sonnenstrahl drang. An den Pulten der
+grauköpfige Richter, der krumme Schreiber. Auf den steifen Stühlen wir
+alle in schwarzen Kleidern. Zwei Schriftstücke aus verschiedenen Zeiten
+wurden verlesen. Das erste entsprach der Mitteilung ihres Bankiers. Das
+zweite, -- sie hatte es sechs Wochen vor ihrem Tode auf dem Krankenbett
+geschrieben, -- enthielt nur ein paar Zeilen: »Hiermit enterbe ich meine
+Nichte, Frau Alix Brandt, geborene von Kleve, weil sie in Wort und
+Schrift der Umsturzpartei dient.«
+
+Es wurde ganz still im Zimmer. Die Köpfe all derer, die neben mir saßen,
+senkten sich; mich aber überkam ein Gefühl des Triumphes. Mit fester
+Hand setzte ich als Erste meinen Namen unter das Protokoll und verließ
+das Zimmer, an den anderen vorbeigehend, die scheu zur Seite wichen,
+erhobenen Hauptes.
+
+Jetzt war meiner Überzeugung auch das letzte zum Opfer gefallen. Die
+Schmach von Dresden war ausgewischt. Das Schicksal selbst zwang mich auf
+meine eigenen Füße. Nun war ich stark genug, allein zu gehen.
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel
+
+
+Draußen auf dem Asphalt brannte die Sommersonne. Ein Geruch von Pech und
+Staub erfüllte die gewitterschwere Luft. In dem dunkelsten Winkel einer
+jener öden Straßen Berlins, die keine anderen Farben haben als die
+grellbunten der Firmenschilder, die kein neugierig flanierendes Publikum
+kennen, weil ihnen die Anziehungskraft glänzender Schaufenster fehlt,
+hatte der Sommer sein ganzes Füllhorn ausgeschüttet: Ein enger Hof war
+zum Blumenteppich geworden, eine graue Eingangshalle zum Laubengang. Und
+öffnete sich die Doppeltür des hohen Gebäudes dahinter, so schlug
+Sommerblumenduft dem Eintretenden entgegen. War er von der nüchternen
+Straße in einen Palast geraten? Zwischen blühenden Büschen standen weiße
+Bänke, auf den Tischchen davor rote Rosen in Gläsern von geschliffenem
+Kristall. Eine Flucht fürstlicher Räume schloß sich daran, mit weichen
+Teppichen auf dem Estrich und Gobelins an den Wänden und tiefen Sesseln
+vor den Kaminen. Frauenbildnisse hingen in den langen Galerien daneben;
+ein Rascheln und Knistern von Frauenkleidern, ein Wispern und Flüstern
+von Frauenlippen war darin. In den großen Sälen saßen dicht gedrängt von
+früh bis spät lauter Frauen und lauschten mit sehnsüchtigen Augen und
+heißen Wangen den Rednerinnen, die ihnen vom Kampf und Sieg, vom
+Wünschen und Hoffen ihres Geschlechts erzählten.
+
+Das Weltparlament der Frauen tagte hier. Während acht Tagen wurde in
+vier Sektionen zugleich verhandelt. Kunst und Wissenschaft, Erziehung
+und Unterricht, Recht und Sitte -- nicht ein Gebiet, das das Leben des
+Weibes berührt, blieb unerörtert. Die Großen sprachen und die Kleinen,
+die Vorsichtigen und die Draufgänger, die Weiten und die Engen. Es war
+eine Revue der Frauenbestrebungen, ein neutraler Boden für alle
+Richtungen, eine freie Bahn, um einander kennen zu lernen. Nur die
+Sozialdemokratie Deutschlands hatte sich selbst ausgeschlossen, obwohl
+die Leitung des Kongresses ihr alle Referate über die Arbeiterinnenfrage
+hatte überlassen wollen und ihr damit die Gelegenheit geboten worden
+wäre, das Elend der Massen zu schildern, das sonst in diese Säle keinen
+Eingang fand, und die Lehren des Sozialismus zu verkünden, die die
+Hunderte und Tausende, die hierher kamen, nur in den Zerrbildern seiner
+Gegner gesehen hatten.
+
+Vor acht Jahren hatte ich mich diesem Beschluß gefügt: die christliche
+Idee der notwendigen Einheit von Glaubensdienst und Selbstaufopferung,
+die ich durch ein Leben der Selbstbehauptung glaubte überwunden zu
+haben, hatte in dem Augenblick wieder von mir Besitz ergriffen, wo ich
+mich der Sozialdemokratie anschloß. Die »Sache« war die mystische Macht
+gewesen, die über mir gestanden hatte. Sie war bei mir, wie bei
+Hunderttausenden meiner Genossen, -- als wolle Gott, der von uns
+verlassene, sich an uns rächen, -- an seine Stelle getreten. Nun aber
+war der Bann gebrochen. Daß ich den zur Hochburg der Frauen verwandelten
+Musikpalast Berlins betrat, war ein erstes Zeichen innerer Befreiung.
+
+Ich sprach überall, wo die Interessen der Arbeiterinnen zur Debatte
+standen. Und allmählich strömten die Frauen mir nach, wenn ich von einem
+Saal zum anderen ging, und manche Diskussion, manche persönliche
+Unterhaltung bewies mir besser als Beifallssalven, die oft nur der
+Freude an der Sensation gelten mochten, daß der Samen des Sozialismus
+auf guten Boden gefallen war. Gewiß, solche Wirkungen lassen sich nicht
+messen, sie kommen nicht in den Zahlen der Partei- oder
+Gewerkschaftsmitglieder zu sichtbarem Ausdruck, aber auch sie rufen in
+Haus und Schule, in Gesellschaft und Staat jene Kräfte hervor, die von
+innen heraus an der allmählichen Umwandlung der Geistesrichtung der
+Menschen tätig sind. Während ich hin und herging und diese und jene
+hörte, sah ich wie groß die Wandlung schon war, die die Frauenbewegung
+im Laufe des letzten Jahrzehnts durchgemacht hatte.
+
+Damals hatten sie sich vor mir gefürchtet, als ich in ihrem Kreise der
+Sozialdemokratie Erwähnung tat, heute stimmten die meisten von ihnen in
+ihren wesentlichen Gegenwartsforderungen mit denen der Partei überein.
+Damals war es innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung eine vereinzelte
+Tat gewesen, als ich das Frauenstimmrecht in öffentlicher Versammlung
+forderte, heute wurde in den Mauern Berlins der Bund für
+Frauenstimmrecht gegründet So ging es doch vorwärts, auch da, wo meine
+Parteigenossen nichts als Stillstand sahen, nichts anderes bemerken
+wollten, weil sie meinten, den dunkeln Hintergrund einer einheitlichen
+Reaktion nötig zu haben, um sich selbst in um so hellerem Licht zu
+sehen, statt auch aus leisen Tönen den Siegesmarsch des Sozialismus
+herauszuhören. Mein Mann hatte ein wenig spöttisch den Mund verzogen, --
+zu einem wirklichen Lächeln kam es bei ihm kaum mehr, -- als ich an dem
+Kongreß teilnahm.
+
+»Du bist ein Trotzkopf,« hatte er gesagt; »du übersiehst in dem Eifer,
+mit dem du dich dem Beschluß der Genossinnen entgegenstemmst, die
+Folgen, die solch eine Handlungsweise für dich haben kann. Man wird dich
+vollends boykottieren.«
+
+Ich zuckte die Achseln.
+
+»Solltest du wirklich schon so weit über den Dingen stehen?!« fragte er
+zweifelnd. Ich wandte mich ab. Er sollte nicht sehen, daß ich schwächer
+war, als ich mich zeigte.
+
+Als ich sichtlich erfrischt aus den Verhandlungen nach Hause kam, meinte
+er unmutig: »Vor acht Jahren gefielst du mir besser als jetzt, wo du
+dich freust, weil dieselben Leute dir Beifall klatschen, die damals
+sittlich entrüstet waren --«
+
+Ich unterbrach ihn heftig: »Wie kannst du mich so mißverstehen! --
+Gewiß, ich bin nicht von Stein, ich freue mich, wenn ich höre, wie die
+Ideen meiner 'Frauenfrage' Verbreitung gefunden haben, ich
+freue mich, daß die Mutterschaftsversicherung, daß selbst die
+Haushaltungs-Genossenschaft aus dem Stadium des Bewitzelns in das
+ernster Erörterung getreten ist, und ich leugne auch gar nicht, daß
+Anerkennung mir wohl tut, als tröpfle mir jemand ein schmerzstillendes
+Mittel in eine unheilbare Wunde, -- aber das Alles ist doch nicht die
+Ursache meiner Befriedigung. Mein Glaube an die Entwicklung im Sinne des
+Sozialismus ist das einzig Feste, was mir noch nach all dem
+Zusammenbruch geblieben ist. Wenn ich nur das Geringste entdecke, was
+ihn zu stützen, zu kräftigen vermag, so macht mich das stärker.«
+
+»Du bist doch noch sehr jung und sehr bescheiden!« warf Heinrich ein.
+Ich unterdrückte einen Seufzer. Seine morose Stimmung war imstande, jede
+Spur erwachter Freudigkeit wieder zu zerstören, wie der Fluß, wenn er im
+Frühjahr aus seinen Ufern tritt, mit öder weiter Wasserfläche die
+blühenden Wiesen bedeckt. Ich fühlte, wie auch meine Arbeitskraft
+darunter litt, wie Gedanke und Gefühl erstarrten, sobald sie in die
+eisige Atmosphäre seiner Deprimiertheit gerieten.
+
+Leise, unmerklich zunächst und doch von Tag zu Tag mehr, löste ich mich
+von ihm. Das Problem der Ehe wuchs, eine üppige Schlingpflanze, und
+drohte zu überwuchern, was noch an Liebe zu blühen verlangte.
+
+ * * * * *
+
+Für die Frauenbewegung war der Kongreß neuer Wind in die Segel gewesen.
+Alle Fragen, die sie umfaßte, standen wieder im Mittelpunkt der
+öffentlichen Diskussion. Das Für und Wider wurde leidenschaftlich
+erörtert, und in der konservativen kirchlichen Presse erhoben sich
+lauter als früher die Stimmen derer, die mit dem Feldgeschrei: Erhaltung
+der Ehe und der Familie! den Emanzipationsbewegungen des weiblichen
+Geschlechts gegenübertraten. In einer Versammlung, die von einem der
+bürgerlichen Frauenvereine einberufen worden war, sollte diesen
+Angriffen begegnet werden. Ich ging hin. Mehr aus Neugierde, und weil es
+mich belustigte, daß lauter ehelose alte Mädchen sich für berufen
+hielten, über diese Probleme zu urteilen, als in der Absicht selbst zu
+sprechen.
+
+Die Referentin verteidigte zuerst die Frauenbewegung als die Begründerin
+eines neuen, schöneren, festeren Ehe- und Familienlebens:
+
+»Gerade der Bund zwischen zwei gleichen, geistig und sittlich gereiften
+Menschen ist der glücklichste, dauerndste,« sagte sie. »Der Mann wird in
+der Frau nicht mehr nur die Geliebte, die Mutter seiner Kinder sehen,
+sondern eine Kameradin, die seine Interessen teilt und fördert. Das
+Familienleben wird sich dadurch erneuern, denn der Mann braucht nicht
+mehr außerhalb seines Hauses geistiger Anregung, geistigem Austausch
+nachzugehen...«
+
+Mich reizte der salbungsvolle Ton, mit dem sie sprach, und die Art, wie
+sie die Wogen der Frauenbewegung durch das Öl unbeweisbarer
+Prophezeiungen zu besänftigen suchte. Ich meldete mich zum Wort.
+
+»All Ihre schönen Argumente,« rief ich aus, »beruhen auf einem
+Trugschluß: der Instinkt der Sinne ist doch nicht identisch mit dem
+geistigen Verständnis! Nichts gibt die Gewähr dafür, daß zwei geistig
+reiche Individualitäten, die einander in heißer Liebe begehren, nun auch
+mit all den feinen Regungen ihres Seelen- und Geisteslebens
+zusammenstimmen, Regungen, die um so differenzierter sind, je höher
+entwickelt der Einzelne ist. Und wer vermag zu sagen, ob nicht trotz
+geistiger Übereinstimmung die Liebe erkaltet oder sich auf einen anderen
+Gegenstand richtet? Denn auch die Liebesgefühle und das Liebesbegehren
+ist vielgestaltiger, differenzierter geworden und nicht mehr so leicht
+und so unbedingt zu befriedigen ... Nein, meine Damen, lassen Sie sich
+nicht einlullen durch falsche Prophezeiungen, sammeln Sie vielmehr Ihre
+Kräfte durch die klare Erkenntnis neuer Probleme. Mit dem durch die
+Angst um die Gefährdung alten geliebten Besitztums geschärften Spürsinn
+des Feindes haben die Gegner bald empfunden, was ihnen droht: Je mehr
+sich das Weib zur selbständigen Persönlichkeit entwickelt, mit eigenen
+Ansichten, Urteilen und Lebenszielen, desto mehr ist die alte Form der
+Ehe bedroht. Ihr Glück beruhte nicht auf Gleichheit, sondern auf
+Unterordnung, nicht auf Arbeitsgemeinschaft, sondern auf Arbeitsteilung.
+Für den Mann war die Ehe von einst, an der Seite einer von den Kämpfen
+der Zeit unberührten, nur der Sorge des Hauses lebenden Gattin, der
+Hafen der Ruhe. Heute findet er daheim neben der ihm geistig
+ebenbürtigen Frau dieselbe Nervosität, dasselbe geistig angespannte
+Leben wie draußen. Für die Frau war er das einzige Symbol alles äußeren
+Lebens, allein von ihm empfing sie gläubig die Botschaften der Welt, die
+Ansichten und Urteile über sie. Jetzt kennt sie das Leben aus eigener
+Anschauung, sie denkt selbständig, sie übersteht ihn vielfach; sie
+findet in ihm so wenig den Schöpfer ihres inneren Lebens, als er in ihr
+die Quelle der Ruhe und des Behagens findet. Was früher einte: das
+Zusammenleben, kann heute schärfer trennen, als jede äußere Trennung es
+vermag ... Es kommt aber auch gar nicht darauf an, daß wir mit heißem
+Bemühen die Ehe retten; mag sie an der Entwicklung zerschellen, wie
+manche andere Lebensform, wenn nur der Kern erhalten bleibt: die Liebe.«
+
+Man hatte mir mit steigender Erregung zugehört. Ich sah, wie eine Frau
+nach der anderen sich mit hochrotem Gesicht zum Worte meldete. Sie
+überfielen mich förmlich. Als eine Vertreterin der freien Liebe, eine
+mit deren Ideen ihre Begebungen nicht das mindeste zu tun hätten,
+griffen sie mich an.
+
+»Ihre Verteidigung nützt Ihnen nichts,« antwortete ich nochmals. »Die
+ersten Träger einer Entwicklung sind nur in seltenen Fällen zugleich die
+Propheten ihrer letzten Konsequenzen gewesen. Als Luther seine 93 Thesen
+an die Schloßkirche zu Wittenberg schlug, glaubte er, die Zyklopenmauer
+der katholischen Kirche, die hier und da abzubröckeln begann, fester
+aufzubauen. Als Montesquieu seinen 'Esprit des lois' und Rousseau seinen
+'Emile' schrieb, glaubten sie einige dunkle Gebiete des Staats und der
+Gesellschaft aufzuhellen. Keiner von ihnen wußte, daß sie die
+Brandfackel in das ganze Gebäude warfen. Auch Sie propagieren Reformen
+und werden zu Trägern der Revolution...«
+
+Als ich geendet hatte, kämpfte lautes Zischen mit vereinzeltem Beifall;
+als ich aber den Saal verließ, leuchteten mir aus jungen Gesichtern
+dankerfüllte Blicke entgegen; es war nicht nur mein eigenes Erleben
+gewesen, das ich in Worte gefaßt hatte.
+
+An der Türe traf ich meinen Mann, der mir, ohne daß ich es wußte,
+gefolgt war. Ich errötete unwillkürlich.
+
+»War das ein Bekenntnis?« fragte er. Ich nickte. »Wollen wir nicht auch
+unsere Liebe retten?« fuhr er leise fort und zog meinen Arm durch den
+seinen. Mir wurde warm ums Herz: wie gut er war! Ein tiefes
+Schuldbewußtsein bemächtigte sich meiner: Waren es nicht im Grunde
+lächerliche Kleinigkeiten, die uns voneinander entfernten, war es nicht
+frevelhaft, aus selbstischen Motiven den großen Schatz der Liebe aufs
+Spiel zu setzen? Ein böser Zauber hatte ihn in die Tiefe versenkt, war
+er es nicht wert, daß ich ihn durch meine Hingabe erlöste?
+
+Ich wußte, was meinen Mann bedrückte, aber ich hatte es bisher nicht
+sehen wollen. Je mehr er litt, desto schweigsamer wurde er; nur an den
+gefurchten Zügen, an den finsteren Blicken, und hie und da an einem
+hingeworfenen Wort erkannte ich, daß er sich in selbstquälerischen
+Vorwürfen verzehrte. Die Schatten des Dresdener Kongresses fielen noch
+breit über den Weg der Partei, -- er fühlte sich mitschuldig daran. Und
+er hatte in einem Moment fortgeworfen, wodurch er der Partei wieder
+hätte helfen können, die Schatten zu bannen: die Neue Gesellschaft.
+
+»Das Aufgeben der Zeitschrift war heller Wahnsinn,« sagte er zuweilen.
+Aber war nicht der Verkauf des Archivs schon Wahnsinn gewesen? Und ich
+hatte ihn darin bestärkt, ich war mitschuldig, wenn er Schiffbruch litt!
+Und in diesem Augenblick hatte ich ihn im Stiche lassen wollen! Hatte
+mich bitter gekränkt gefühlt, weil er seine Stimmung nicht beherrschte,
+weil er es an Liebesbeweisen fehlen ließ!
+
+Ich wußte auch, was ihm helfen würde. Oft genug sprach er davon: die
+Neue Gesellschaft wollte er wieder erscheinen lassen. Aber wenn er mich
+dabei fragend ansah, so schwieg ich, und ein heftiges Wort schwebte mir
+jedesmal auf der Zunge. Richtete er eine direkte Frage an mich, so
+äußerte ich rücksichtslos meinen Widerspruch.
+
+»Nicht drei Monate würden wir mit dem bißchen, was wir aus dem
+Zusammenbruch gerettet haben, die Zeitschrift halten können,« sagte ich,
+»und ich habe schon zu viel an Sorgen ertragen, um sehenden Auges dem
+vollständigen Ruin entgegenzugehen.«
+
+ * * * * *
+
+Wenn Graf Bülow im Reichstag über den Dresdener »Jungbrunnen« höhnte,
+wenn jedes ernste Wort unserer Fraktionsredner im Gelächter der
+bürgerlichen Parteien erstickte und die Kraft unserer 81 Abgeordneten
+lahmgelegt blieb seit Dresden, so waren das nicht vereinzelte
+Erscheinungen, sondern Symptome der allgemeinen Stimmung der Partei
+gegenüber. Und ein Wochenblatt sollte imstande sein, sie zu zerstreuen?
+Immer deutlicher rückte alles ab von uns, was uns nahegestanden hatte.
+Noch kam ich zuweilen in Künstler- und Literatenkreise, aber ich fühlte
+sogar ein persönliches Sichzurückziehen. Das Interesse wandte sich
+augenscheinlich ganz anderen Gebieten zu. Die l'art pour l'art-Stimmung
+breitete sich aus. Mit dem Verschwinden der Arme-Leute-Bilder und Dramen
+verschwand die oppositionelle Gesinnung. Dichter und Maler, die noch vor
+kurzem wenigstens durch lange Haare, Samtjacken und fliegende Krawatten
+den Bohemien markiert hatten, exzellierten jetzt in tadellos
+weltmännischen Allüren und beurteilten den lieben Nächsten nach seinem
+Schneider. Wie vor wenigen Jahren noch der Weg ins Volk die Parole der
+künstlerisch-literarischen Jugend gewesen war, so wurde jetzt die
+Vornehmheit Trumpf. Nicht jene echte der Bewegung und Gesinnung, die der
+Gefahr des Kopiertwerdens nicht ausgesetzt ist, sondern die müde der
+Dekadenz, die sich jeder aneignen kann, dessen Finger genügend lang,
+dessen Gestalt genügend schmal und dessen Charakter genügend biegsam
+ist.
+
+»Und von diesem dürren Boden glaubst du ernten zu können?!« fragte ich
+meinen Mann.
+
+»Nein,« entgegnete er, »aber ich bin optimistisch genug, um auch ihn für
+bearbeitungsfähig zu halten.«
+
+Wir widersprachen einander immer. Nur wenn die Ereignisse in der
+Sozialdemokratie die feindliche Haltung gegen die Revisionisten gar zu
+deutlich hervortreten ließen, kam es vor, daß er selber sagte:
+
+»Es ist doch vielleicht noch zu früh!«
+
+Jeder geringfügige Anlaß genügte, um in der Partei den heftigsten Streit
+hervorzurufen. So war einem der in die Dresdener Skandale verwickelten
+Revisionisten die Kandidatur eines sächsischen Wahlkreises angeboten
+worden. Alle höheren Parteiinstanzen erklärten sich dagegen; die
+Vernichtung der bisher geltenden Autonomie der Wahlkreise war die Folge,
+und nun entspann sich eine leidenschaftlich erregte Diskussion in der
+Presse, die auch in Volksversammlungen ihr Echo fand.
+
+»Die Minderheit hat sich der Mehrheit zu fügen,« hieß es kategorisch auf
+Seite der Radikalen.
+
+»Die Sozialdemokratie hat jede Art von Machtentfaltung, die die
+Minderheit in ihrer Existenz bedroht, zu bekämpfen, also zu allererst
+die in den eigenen Reihen. Es ist Despotie und nicht Demokratie, wenn
+die Rechte der Minderheit schutzlos sind,« lautete die Antwort auf Seite
+der Revisionisten.
+
+In einem anderen Fall vertrat ein Parteigenosse in bezug auf die
+Zollfragen theoretisch von den Ansichten der Partei abweichende
+Meinungen. Er wurde einem hochnotpeinlichen Verhör unterzogen, und sein
+Ausschluß aus der Partei war die Forderung vieler. Wortglaube,
+nicht Geistesglaube war für die Dogmatiker Voraussetzung der
+Parteizugehörigkeit.
+
+Ich hörte überall dieselbe Dissonanz heraus, die in mir tönte:
+Selbstbehauptung gegen Selbsthingabe, -- Individualismus gegen
+Sozialismus, -- dieselbe Dissonanz, die dem Dresdener Konzert
+zugrundegelegen und keine Auflösung gefunden hatte. Ob mein Mann und mit
+ihm seine politischen Freunde wohl im Rechte waren, wenn sie
+behaupteten, daß die Einheit in der praktischen Tagespolitik über diese
+inneren Gegensätze hinweghelfen würde?
+
+Wenn ich meine Zweifel äußerte, so war es Reinhard vor allem, der sie
+auf Grund seiner Erfahrungen zu entkräften suchte.
+
+»Sie sollten bei uns in den Gewerkschaften lernen,« sagte er; »da
+besteht diese Einheit tatsächlich und ist die Grundlage unseres
+wachsenden Einflusses geworden.«
+
+Ich erinnerte mich dann der Zeiten, wo er unter den Politikern der
+radikalsten einer gewesen war, und ich konnte mich der Empfindung des
+Bedauerns nicht erwehren: damals durchglühten die Ideale des
+Sozialismus seine Reden, heute schien nicht nur sein Handeln, sondern
+auch sein Denken den Horizont des Auges nicht mehr zu überschreiten.
+Arbeiterrechte und Freiheiten rang er mit eiserner Energie dem
+Unternehmertum ab und richtete den Blick bei jedem Schritt vorwärts
+konsequent nur auf den nächsten Schritt. Darin lag vielleicht seine
+Kraft. Aber die Stimmung praktischer Nüchternheit, die ihn beherrschte,
+war nicht die Atmosphäre, in der die umfassenden Ideen der
+Menschheitsbefreiung sich entfalten.
+
+Mein Mann, der gerade in dieser Richtung auf die Forderungen des Tages
+das Heilmittel für die inneren Schäden der Partei zu finden glaubte,
+beschäftigte sich viel mit den Gewerkschaften.
+
+»Das sind die Kerntruppen,« meinte er, »ihre Wünsche und Bedürfnisse
+müssen wir kennen, wenn wir einmal mit unserer Zeitschrift wirken
+wollen.«
+
+Wir besuchten ihre Versammlungen. Ruhige Arbeit herrschte hier. Mit
+tiefgründiger Kenntnis wurden sozialpolitische Fragen behandelt,
+besonders die des Heimarbeiterschutzes, die damals im Mittelpunkt des
+Interesses standen. Es war bezeichnend für den Geist der
+Gewerkschaftsbewegung gewesen, daß fast zu gleicher Zeit, wo die
+Einladung zum Frauenkongreß von den Sozialdemokratinnen abgelehnt
+worden war, die Generalkommission der Gewerkschaften den
+Heimarbeiterschutz-Kongreß einberufen und die Interessenten aus
+bürgerlichen Kreisen zur Teilnahme aufgefordert hatte.
+
+Aber wenn die bewußte Beschränkung der Bewegung auf der einen Seite
+einen erstaunlichen Grad von Wissen, von Energie, von Zielsicherheit
+zeitigte, so entwickelte sich auf der anderen Seite eine gewisse
+Engigkeit, ein Organisationsegoismus, der vom Standesdünkel alter Zeiten
+nicht zu weit entfernt war. Ich agitierte selbst für die Gewerkschaften;
+ich verfocht in Versammlungen die Forderungen zum Heimarbeiterschutz,
+die wir im Kongreß aufgestellt hatten, ich wußte, wie notwendig das
+alles war, aber ich hätte darin nicht aufzugehen vermocht, und es schien
+mir nicht unbedenklich, daß so viele tüchtige Kräfte, von der
+politischen Bewegung angewidert, mehr und mehr darin aufgingen. Tönte
+nicht der starke Pulsschlag der Zeit nur gedämpft hierher, wo sich
+Kräfte und Gedanken im engen Kreis der Organisationsarbeit, der
+Sozialreform bewegten? Lagen hier nicht die Keime einer gefährlichen
+Entwicklung von Egoismus gegen Sozialismus?
+
+Allmählich war's, als öffneten sich mir immer neue Tore mit weiten
+Ausblicken auf unbekannte Gebiete der Arbeiterbewegung. Eine
+Schulvorlage, die von der preußischen Regierung schon lange in Aussicht
+gestellt war und auf Einführung konfessioneller Schulen hinauslief, rief
+in der Presse und in Versammlungen eine lebhafte Kontroverse über
+Erziehungsfragen hervor. Der bloße selbstverständliche Protest dagegen,
+die bloße Forderung der Trennung von Schule und Kirche genügte nicht
+mehr. Wer sich aus Arbeiterkreisen an den Debatten beteiligte, der hatte
+sich auch mit den Details der Frage beschäftigt, und ein Verlangen nach
+weiterer Aufklärung wurde laut. In einer kleinen Versammlung vor den
+Toren Berlins hörte ich einen alten Arbeiter von Pestalozzi sprechen. Er
+hatte ihn nicht nur gelesen, sondern in sich aufgenommen und schilderte
+die Arbeitsschule der Zukunft, die an Stelle der »Paukschule« der
+Gegenwart treten würde, mit demselben Enthusiasmus, wie ein anderer sich
+über den Zukunftsstaat verbreitet haben würde. Auf solche und ähnliche
+Erfahrungen hin wagte ich es, die »pädagogische Provinz«, Goethes
+Erziehungsutopie, zum Gegenstand eines Vortrags zu machen. Ein
+Riesenauditorium, das nur aus Arbeitern bestand, folgte mit gespannter
+Aufmerksamkeit allem, was ich sagte, und in der Diskussion zeigte sich
+nicht nur, daß ich verstanden worden war, sondern auch wie viele ihren
+Goethe gelesen hatten. Jetzt fing ich an, mit erwachtem Interesse den
+nicht politischen Versammlungen nachzugehen, und ich entdeckte mit
+wachsendem Staunen suchende Menschen, nicht nur fordernde. Wo religiöse,
+wo philosophische Fragen angeschnitten wurden, war das Interesse am
+stärksten. Jener brutale philosophische Materialismus, der alles
+leugnete, was sich nicht mit Händen greifen ließ, und für die Masse der
+Sozialdemokraten um so mehr an die Stelle kirchlich-dogmatischen
+Glaubens getreten war, als sie ihn in naheliegender Begriffsverwirrung
+mit dem Grundprinzip des Marxismus, dem historischen Materialismus,
+zusammengeworfen hatten, beherrschte nicht mehr so uneingeschränkt wie
+früher die Gemüter. Der Unglaube, der geblieben war und neben alles
+Unabweisbare sein Fragezeichen aufrichtete, schien erfüllt von Sehnsucht
+und Heimweh.
+
+Junge und alte Männer begegneten mir, die in ihrer freien Zeit
+verschlangen, was ihnen an philosophischen Schriften erreichbar war:
+neben Kant und Schopenhauer das seichteste Gewäsch sogenannter
+Popularphilosophie, neben Dietzgen, dem Parteiphilosophen, allerhand
+theosophische, selbst spiritistische Schriften. In der Qual, mit der sie
+immer wieder versuchten, die geistige Vernachlässigung ihrer Jugendjahre
+zu überwinden, die Grundlagen des Denkens und Wissens, die ihnen
+fehlten, nachzuholen, lag eine größere Tragik als in der leiblichen Not.
+
+»Wir sind alle gute Sozialdemokraten,« sagte mir einmal ein
+älterer Mann, der es vom einfachen Arbeiter zum einflußreichen
+Gewerkschaftsbeamten gebracht hatte, »und der Sozialismus ist das, was
+uns zusammengeschweißt hat, uns im Kampf gegen die Feinde unüberwindbar
+macht; aber nun will doch jeder auch etwas für sich sein.«
+
+Das war der Wunsch nach Persönlichkeit, der sich regte, die Reaktion
+gegen die geistige Nivellierung, die die Stärke und die Schwäche des
+Sozialismus war.
+
+Und alles Wünschen und Suchen ging in die Irre. Niemand antwortete
+darauf, niemand sprang hinzu, um Taumelnde zu halten, Blinde zu führen.
+Eintönig, wie die Zukunftsprophezeiungen der ersten Christen, klang
+ihnen aus dem Munde ihrer Führer immer dieselbe Formel entgegen:
+
+»Die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung durch den
+Klassenkampf bringt allen Erlösung.«
+
+Sie fühlten mehr, als daß es ihnen deutlich zum Bewußtsein kam: Über die
+Befreiung von Not und Elend hinaus muß es ein persönliches Ziel geben,
+für das die Erreichung dieses ersten, rohesten nichts als der
+Ausgangspunkt ist. Würden sie im Suchen danach nicht auf Abwege geraten,
+sich nicht entfernen vom Wege, der notwendig zuerst zu jener ersten
+Etappe führen mußte?
+
+ * * * * *
+
+In Rußland warf die Revolution ihre Brandfackel in Städte und Dörfer.
+Die Blüte der Jugend, die geistige Elite des Landes trugen die Fahne
+voraus, und die schwerfällige Masse des Riesenvolkes geriet in eine
+ungeheure Bewegung. Selbst die Bauern in ihren einsamen Steppen grüßten
+das Licht, das sie flammen sahen, als ihren Befreier. Hunderte fielen,
+Hunderte verschwanden im grausigen Dunkel russischer Zitadellen,
+Hunderte wurden in Ketten in die Bergwerke Sibiriens verschleppt, aber
+Tausende füllten die Lücken wieder aus, die ihr Verschwinden gerissen
+hatte. Die Zeit forderte Helden, und sie wuchsen empor; das Leben galt
+ihnen nichts mehr, wo der Tod die Saat der Freiheit war. Das große
+Reich, der Hort der europäischen Reaktion, schien in seinen Grundvesten
+erschüttert. Vor Arbeitern und Bauern, vor Studenten und Frauen streckte
+der Absolutismus die Waffen. Wir sahen, wie der Himmel über der Grenze
+sich rötete. Und vielen, auf deren Seelen der häßliche Parteizank
+lastete, die sich ernüchtert fühlten durch den langen staubigen Weg, den
+sie an Stelle des Schlachtfeldes gefunden hatten, wurde der Glanz zu
+einem Hoffnungsschimmer.
+
+Von der Weltenwende der russischen Revolution, von dem Zusammenbruch des
+Zarismus sprachen prophetisch die Redner in unseren politischen
+Versammlungen.
+
+»Wir leben in den Tagen der glorreichen russischen Revolution --,«
+damit wurden die Nörgler und Zweifler niedergeschlagen.
+
+»Sehen Sie nicht, daß die Zeit gekommen ist, die Marx voraussah, wo die
+Evolution in die Revolution umschlägt --?«
+
+Daran entflammte sich die Begeisterung der Massen. Meine Empfindung,
+meine Phantasie war auf ihrer Seite, meine Hoffnung entzündete sich
+daran.
+
+ * * * * *
+
+Oft, wenn ich als Kind am Weihnachtsabend erwartungsvoll im dunkeln
+Zimmer saß, hatte der Lichtstrahl, der aus dem Raum daneben, wo die
+Mutter den Baum putzte, durch das Schlüsselloch drang, mir die ganze
+Seele erhellt und alle Angst vor der Finsternis um mich vertrieben. So
+war mir jetzt zumut: es drang ein Lichtstrahl in das Dunkel. Noch kannte
+ich seine Quelle nicht; nur daß er da war, bannte die Furcht.
+
+Heinrich hatte recht: es gab für uns nur eine Aufgabe: die Neue
+Gesellschaft wieder ins Leben zu rufen, durch sie zusammenzufassen, was
+in der Arbeiterbewegung nach allen Richtungen auseinanderzufließen
+drohte: den geistigen Hunger der Massen, die praktische Arbeit der
+Gewerkschaften und Genossenschaften, die Schwungkraft der kämpfenden
+Partei. Und wie sie auf dem Wege zu einer neuen tieferen Einheit
+Richtung geben sollte, so sollte sie im Kreise der intellektuellen
+Jugend dem Sozialismus Anhänger werben. Wir bedurften dieser Jugend, das
+lehrte uns Rußland, das predigten uns die stummen Lippen all der
+Suchenden, die der geistigen Führer entbehrten. »Die Wissenschaft und
+die Arbeiter«, -- ein Kind dieses Bundes war der Sozialismus gewesen,
+ihn zu zerstören und zu verleugnen war der eigentliche Parteiverrat.
+
+Nun war es nicht mein Mann, nun war ich es, die zuerst wieder von
+unserer Zeitschrift sprach. Und was ich so lange entbehrt hatte,
+geschah: Heinrichs verdüsterte Züge erleuchteten sich wie von innen
+heraus. Jetzt endlich kamen die Stunden innerer Gemeinschaft zurück, und
+im Überschwang der Freude glaubte ich das Mittel wieder gefunden, das
+auch die klaffenden Wunden unserer Ehe schließen würde. In gemeinsamer
+Arbeit, mit demselben großen Ziel vor Augen würden wir enger,
+unauflöslicher zusammenwachsen.
+
+Ein Umstand half uns, mit etwas größerer Zuversicht an die Arbeit zu
+gehen. Meine Schwester, eine der sechs Erben der verstorbenen Tante,
+hatte, empört über die mir widerfahrene Ungerechtigkeit, versucht, die
+Annullierung des letzten Testaments, das meine Enterbung aussprach,
+durchzusetzen. Und als die Verwandten einmütig erklärt hatten, den
+letzten Willen der Toten respektieren zu müssen, tat sie allein, was sie
+von den anderen verlangt hatte, und verzichtete in Anerkennung meines
+Anspruchs auf den sechsten Teil ihres Erbes zu meinen Gunsten. Es war
+zunächst nur wenig, was ich bekam, -- der größte Teil des Vermögens lag
+in Grundstücken fest, -- aber für uns, die wir von Anfang an mit einer
+so geringen Summe rechnen mußten, daß kaum ein anderer daraufhin den Mut
+gehabt hätte, eine Zeitschrift zu gründen, war es eine willkommene
+Hilfe. Nur ganz flüchtig dachte ich daran, die paar tausend Mark für
+meinen Jungen festlegen zu wollen, -- ich errötete dabei über mich
+selbst. Drüben, im Osten, opferten sie ihr Leben ihrer Sache, und ich
+könnte mit dem lumpigen Gelde knausern!
+
+ * * * * *
+
+Es war ein frohes Arbeiten damals. Wir fanden Mitarbeiter im eigenen
+Lager, die unsere Ideen teilten, wir fanden aber auch Künstler und
+Schriftsteller, die nicht abgestempelte Genossen waren und mit Freuden
+die Gelegenheit ergriffen, einmal zum Volk zu sprechen. Und zuerst
+leuchteten uns überall die aus den schwarzen Schornsteinen glutrot
+aufsteigenden Flammen der Neuen Gesellschaft entgegen.
+
+Daß innerhalb der Parteiorganisationen schon gegen uns gehetzt, vor
+einem Abonnement unserer Zeitschrift gewarnt wurde, daß uns die Genossen
+wieder als »Geschäftssozialisten« öffentlich an den Pranger stellten, --
+dafür hatten wir nur ein Achselzucken. Sie glaubten, wir wollten wühlen,
+kritisieren; sie würden sich bald eines Besseren belehren lassen, denn
+wir dachten nur daran, aufzubauen. Am Himmel der Zeit stiegen
+Sturmwolken auf, und wer wetterkundig war, der sah dahinter erfrischte
+Luft, zu neuem Segen durchtränkte Erde.
+
+Der Strom der russischen Revolution, der drüben alles mit sich riß,
+schien zuerst an Deutschland vorüberzubrausen, als wäre die Grenze ein
+Felsengebirge. Allmählich aber begannen seine Fluten Tunnel zu bohren,
+und die deutsche Reaktion warf angstvoll Wälle auf. In den Einzelstaaten
+kam es zu Wahlrechtsverschlechterungen, und die Angriffe auf das
+allgemeine Reichstagswahlrecht wurden lauter. Unter dem Deckmantel der
+scheinbar harmlosen Schulvorlage ging der preußische Landtag darauf aus,
+mit den Seelen der Kinder die Zukunft dem Fortschritt zu entwinden. Doch
+das Proletariat lernte von den russischen Freiheitskämpfern. Zum
+erstenmal in Deutschland eroberten sich die Arbeiter die Straße zu
+gewaltigen Massendemonstrationen. In Leipzig, in Dresden, in Chemnitz
+durchzogen Tausende und Abertausende, dem Polizeiaufgebot trotzend, die
+Stadt. Und wenn sie auch der Hartnäckigkeit der Regierung nichts
+abzutrotzen vermochten, sie fühlten sich nicht geschlagen, denn die
+Siege jenseits der Grenzen stärkten immer wieder ihren Mut: in dunkeln
+Massen, dicht gedrängt, mit einem Schweigen, das mehr als drohende Rufe
+von finsterer Entschlossenheit zeugte, war die wiener Partei vor dem
+Parlament aufmarschiert, während in ganz Österreich die Arbeit ruhte,
+und eroberte im gleichen Augenblick eine Wahlreform, die vor wenigen
+Wochen noch von der Regierung abgelehnt worden war. Und angesichts der
+blutgetränkten Straßen Petersburgs, der rauchenden Trümmer baltischer
+Schlösser versprach der russische Zar dem Volke die Verfassung.
+
+Jetzt galt es auch in Preußen, gegen die Hochburg der Reaktion Sturm zu
+laufen: gegen den Landtag. Wir schürten in unserer Zeitschrift mit allen
+Mitteln den Brand.
+
+»Trotz aller Anerkennung des stark pulsierenden Lebens, das in den
+Spalten der Neuen Gesellschaft herrscht,« schrieb mir Romberg damals,
+»bleibt Ihre Schornsteinzeitung mir unsympathisch, -- jetzt vollends, wo
+ich mit aufrichtiger Trauer sehe, daß Sie jene Vornehmheit preisgeben,
+deren Aufrechterhaltung durch alle Fährnisse proletarischer Versuchung
+mir bisher so bewundernswert erschien. Den ganzen giftigen Zorn der
+Renegaten schütten Sie über Ihre eigenen Klassengenossen, die Junker,
+aus.«
+
+»Über Ihren Geschmack streite ich nicht mit Ihnen,« antwortete ich, »er
+führt uns, fürchte ich, weit voneinander. Aber mir die Preisgabe der
+Vornehmheit vorzuwerfen, dazu haben Sie kein Recht. Gerade weil ich
+Aristokratin war und blieb, weiß ich zu scheiden zwischen dem Adligen
+und dem Junker. Die Hutten und Berlichingen, die Mirabeau und Lafayette,
+die Struve und Krapotkin, -- das waren Aristokraten, das heißt freie
+Herren, keine Fürstenknechte, keine Sklaven des Herkommens. Ich bin
+stolz, zu ihnen zu gehören und werde, wie sie, bis zum letzten Atemzug
+gegen die Junker, das heißt die Dienstmannen, kämpfen.«
+
+Im Abgeordnetenhause erklärte Graf Roon: »Wenn jemals die Regierung
+daran denken sollte, uns in Preußen die geheime Wahl zuzumuten, so
+würden wir zur schärfsten Opposition übergehen.«
+
+»Auf das nachdrücklichste lege ich dagegen Verwahrung ein, daß das
+allgemeine geheime Wahlrecht als Wahlrecht der Zukunft hingestellt
+wird,« sekundierte ihm Herr von Manteuffel. Hüben und drüben schlossen
+sich die Reihen der Kämpfer. Sollte die Schlacht schon bevorstehen?
+
+In den Köpfen der Parteigenossen spukte diese Frage, der die andere auf
+dem Fuße folgte: wie bereiten wir uns vor? Das Mittel immer wiederholter
+Arbeitseinstellungen hatte sich in Rußland als das eindrucksvollste
+erwiesen. Es wurde nun auch in der deutschen Partei erörtert. Es trennte
+die Geister nach einem Schema, auf das die Bezeichnung Revisionisten und
+Radikale nicht mehr passen wollte. Mein Temperament riß mich rückhaltlos
+auf die Seite derer, die den Massenstreik verteidigten; mein Mann stand
+im entgegengesetzten Lager, wo die Gewerkschafter sich vereinigt hatten.
+Auch die Ansichten unserer Mitarbeiter gingen auseinander.
+
+»Glauben Sie, es läßt sich beschließen, übermorgen nachmittag um vier in
+den Massenstreik einzutreten?« höhnte Reinhard. »Revolutionen sind keine
+Paraden, die vorher einexerziert werden.«
+
+»Aber die Truppen müssen dafür vorbereitet sein wie für die Kriege,«
+entgegnete einer unserer Mitarbeiter; »wir müssen den Gedanken in die
+Köpfe hämmern, damit er zur rechten Zeit zur Tat reift.«
+
+»Von unseren drei Millionen Wählern sind nur viermalhunderttausend
+politisch organisiert, und von zwölf Millionen Arbeitern nur anderthalb
+Millionen gewerkschaftlich!« rief Reinhard aus. »Mir scheint, wir müssen
+zuerst die Köpfe _haben_, ehe wir daran denken können, eine Idee in sie
+hineinzuhämmern.«
+
+Das Feuer meiner Begeisterung verflog angesichts des neu entfachten
+theoretischen Streites, der bei uns Deutschen so oft an Stelle des
+Handelns tritt. Die Demonstrationen gegen den preußischen Landtag
+beschränkten sich auf ein paar große Versammlungen, denen erst das
+Aufgebot von Polizei und Militär Bedeutung verlieh. Die Schulvorlage
+wurde angenommen. Graf Bülows Politik der Ablenkung des Volksinteresses
+bewährte sich wieder einmal: die Blicke aller derer, die nicht zu
+unseren Kerntruppen gehörten, richteten sich wie hypnotisiert auf die
+internationalen Verwickelungen. Von der feindseligen Verstimmung sprach
+der Reichskanzler, als die neue Flottenvorlage dem Reichstag zuging:
+»Deutschland muß stark genug sein, sich im Notfall allein behaupten zu
+können!«
+
+Von dem Ernst der Zeit, von der Notwendigkeit, eine stets schlagbereite
+Armee zu haben, sprach der Kaiser. So wurde gegen die revolutionäre die
+patriotische Stimmung ausgespielt.
+
+ * * * * *
+
+Wir hatten gearbeitet, den Blick krampfhaft vorwärts gerichtet,
+besinnungslos. Wir hatten unser Programm erfüllt, waren jeder tieferen
+Volksregung nachgegangen; es hatte an aufrichtiger Anerkennung nicht
+gefehlt, und trotz allen lauten und leisen Wühlens gegen uns war in
+kurzer Zeit ein Stamm von Lesern gewonnen worden. Aber die Kosten der
+Zeitschrift überstiegen bei weitem die Einnahmen. Wir konnten nicht
+länger die Augen davor verschließen, daß unsere Mittel auf einen
+winzigen Rest zusammengeschmolzen waren.
+
+»Drei Jahre müssen Sie aushalten können, dann haben Sie sich
+durchgesetzt,« sagte uns ein treuer Genosse, der zugleich ein guter
+Geschäftsmann war.
+
+»Drei Jahre!« wiederholte ich in Gedanken. »Wo wir kein Vierteljahr mehr
+gesichert sind!«
+
+»Wir dürfen die Flinte nicht ins Korn werfen, heute weniger als je,«
+erklärte mein Mann; »denn jetzt schädigen wir dadurch die Sache.«
+
+Die Furcht flüsterte mir zu: »Gib auf, solang es noch Zeit ist.«
+
+»Heinrich ertrüge es nicht,« antwortete die Stimme meines Herzens.
+
+ * * * * *
+
+Um jene Zeit kam meine Schwester nach Berlin zurück. Sie war in einem
+Sanatorium gewesen und hatte dann eine lange Seereise gemacht.
+
+»Nun bin ich heil und gesund,« damit trat sie wieder vor mich hin, »und
+jetzt komme ich zu dir und will arbeiten.« Mit ungläubigem Lächeln sah
+ich sie an. »Meinst du etwa, ich hielte auf die Dauer solch zweckloses
+Leben aus?« schmollte sie, weil ich sie nicht ernst nehmen wollte.
+
+»Im Sanatorium war einer mein Tischnachbar, der ein heimlicher Genosse
+ist,« fuhr sie zu plaudern fort. »Er holte nach, was du zu tun
+versäumtest; gab mir Bücher und Zeitungen und klärte mich auf. Ich bin
+überzeugte Sozialdemokratin.«
+
+»Aber Ilse!« lachte ich. »Du?! Die Ästhetin?! Du mit deinem Grauen vor
+dem Pöbel?!«
+
+Nun wurde sie wirklich böse. »Ist es so unwahrscheinlich, daß man sich
+entwickelt? -- Bist du vielleicht als Genossin auf die Welt gekommen?!
+-- Ich bildete mir ein, dir mit dieser Nachricht eine besondere Freude
+zu machen, und nun glaubst du mir nicht! Aber ich werde dir beweisen,
+wie ernst ich es meine: noch heute will ich mich dem Vertrauensmann
+meines Wahlkreises vorstellen, ich werde sogar Flugblätter austragen,
+wenn er mich brauchen kann.«
+
+Ich war noch ganz benommen von der erstaunlichen Wandlung meiner
+Schwester, als Heinrich sie begrüßte. Er fand sich rascher in die
+veränderte Situation.
+
+»Da hätten wir ja eine neue Mitarbeiterin,« sagte er lebhaft.
+
+»Ja, -- ob ich aber schreiben kann?!« meinte sie zögernd.
+
+»Sind nicht alle ihre Briefe druckreifes Manuskript?« wandte er sich an
+mich. »Und prädestiniert sie nicht ihre ganze Vergangenheit, gerade das
+wichtige, noch so sehr vernachlässigte Gebiet der künstlerischen
+Volkserziehung zu dem ihren zu machen?«
+
+Alles Fremde, das seit Jahren zwischen uns gestanden hatte, war jetzt
+vergessen. Die kleine Ilse war wieder mein Kind, wie einst, da sie
+nichts so gerne hörte wie meine Geschichten, mit nichts spielen mochte
+als mit den Spielen, die ich erfand. Ich streckte ihr beide Hände
+entgegen:
+
+»Du brauchst keine Flugblätter auszutragen, um zu beweisen, daß du zu
+uns gehörst. In der Partei ist viel Raum für Kräfte wie die deinen.«
+
+Am Abend sah ich an Heinrichs grüblerischem Gesichtsausdruck, daß
+irgendein Gedanke ihn beschäftigte. Er ging schweigsam im Zimmer auf und
+nieder. Endlich blieb er vor mir stehen: »Was meinst du, wenn wir Ilse
+aufforderten, sich an der Neuen Gesellschaft mit einem Kapital zu
+beteiligen?«
+
+Ich hob die Hände, als gelte es einer Gefahr zu begegnen.
+
+»Um Gottes willen nicht!« rief ich aus.
+
+»Du scheinst deiner Schwester wenig zuzutrauen,« entgegnete er
+stirnrunzelnd. »Daß wir alles aufs Spiel setzen, ist dir
+selbstverständlich; daß Ilse einen Bruchteil ihres Vermögens opfern
+soll, kommt dir unmöglich vor. Und doch könnte das ihr geben, was ihr
+fehlt: einen ernsten Lebensinhalt, einen Antrieb zur Arbeit, die mehr
+ist als Laune und Spielerei.«
+
+Ich widersprach auf das heftigste: »Was wir tun und lassen, ist unsere
+Sache, aber die Verantwortung für Ilse dürfen wir nicht auf uns nehmen.
+Niemals ertrüg' ich's, sie in unseren Ruin hineinzuziehen!«
+
+Heinrich brauste auf. »Wie kannst du von Ruin sprechen, wo uns nichts
+fehlt als die Mittel, noch einige Zeit auszuhalten, -- wo wir in zwei,
+drei Jahren über das schlimmste hinaus sein werden! Hast du so gar
+keinen Glauben an die eigene Sache?«
+
+»Ich habe ihn, Heinz, ich hab ihn gewiß --,« meine Hände preßten sich
+flehend ineinander, »-- aber lieber will ich mir die Finger blutig
+schreiben, lieber will ich von Ort zu Ort gehen, um die Mittel für die
+Neue Gesellschaft zusammenzubringen, als daß ich mich an Ilse wende.«
+
+Mit gerunzelten Brauen sah Heinrich mich an. »Ich finde deinen
+Standpunkt kleinlich, -- deiner und deiner Schwester unwürdig. Sie wird
+sich freuen, mit einem Teil ihres Überflusses etwas Nützliches leisten
+zu können.«
+
+Aber ich ließ mich nicht überzeugen. »Laß uns wenigstens noch versuchen,
+ob sich nicht auf anderem Wege Hilfe schaffen läßt,« bat ich. Heinrich
+schwieg, sichtlich verletzt.
+
+Alle Schritte, die er in den nächsten Wochen unternahm, waren umsonst.
+Immer näher rückte die Zeit, die uns vor die letzte Entscheidung
+stellte. Mich schauderte im Gedanken daran.
+
+Als ich ihn eines Abends wieder von einer vergeblichen Reise
+zurückkehren sah, -- so müde, so gebrochen, da hielt es mich nicht
+länger: »Geh zu Ilse,« sagte ich.
+
+ * * * * *
+
+War es der Leichtsinn der Jugend, war es die Überzeugungskraft der
+Reife, die Ilse ohne einen Augenblick des Überlegens dem Vorschlag
+Heinrichs entsprechend handeln ließ? Wie kam es nur, daß in dem
+Augenblick, wo sie sich nicht nur im Denken, sondern auch im Handeln mit
+mir vereinte, ein kalter Reif auf die kaum wieder entfaltete Blume
+meiner Schwesterliebe fiel? Irgendeine Fessel, die die freie Bewegung
+meiner Glieder hemmte, wurde schmerzhaft angezogen.
+
+Eine Unrast der Arbeit packte mich, die mich jede ruhige Stunde als
+Unterlassungssünde empfanden ließ. Selbst in den Augenblicken, wo die
+Sache, der ich diente, mich ganz zu packen schien, fiel mir ein, daß ich
+arbeiten mußte, um das Geld meiner Schwester nicht zu verlieren. Daß die
+Arbeitsgemeinschaft mit meinem Mann unsere Liebe zueinander festigen
+sollte, -- daran dachte ich kaum mehr. Kam mir in heißen Nächten nach
+gehetzten Tagen die Erinnerung daran, so grauste mich's. Ich saß meinem
+Mann gegenüber, tagaus, tagein, über Manuskripte und Korrekturen
+gebeugt. Ich hatte keine Gedanken mehr, mich für den Geliebten zu
+schmücken, keine Zeit mehr für das süße Spiel der Liebe, für Suchen und
+Finden, Zurückstoßen und Wiedererobern. Nur für mein Kind stahl ich mir
+morgens und abends noch eine Stunde; aus der Frische seines Denkens und
+Fühlens floß mir der Tropfen Lebensfreude, den ich brauchte, um weiter
+schaffen zu können.
+
+Meinen kleinen Haushalt überließ ich nun schon lange der Berta. Zuweilen
+wunderte ich mich wohl, daß er bei seiner Einfachheit so kostspielig
+war. Aber jede Spur von Mißtrauen lag mir fern. Opferte die Berta uns
+nicht ihre ganze Arbeitskraft? War sie es nicht, die unter Hinweis auf
+die entstehenden Kosten jede fremde Hilfe ablehnte und alles allein
+besorgte?
+
+Eines Tages sah ich ein goldenes Armband auf ihrem Nähtisch liegen.
+»Mein Onkel hat es mir zum Geburtstag geschenkt,« sagte sie.
+
+Bald darauf brachte die Portierfrau, als sie abwesend war, ein Paket für
+»Fräulein Berta«, die Uhrkette sei darin, die sie sich durch sie habe
+besorgen lassen, fügte sie erklärend hinzu. Ich wurde stutzig und ließ
+mich in ein Gespräch mit ihr ein.
+
+»Auch das Armband hat mein Mann besorgt,« schwatzte sie, »es kostete nur
+sechzig Mark. Und Fräulein Berta kann sich wohl mal was selber gönnen,
+nachdem sie immer das viele Geld nach Hause schickt.«
+
+Nach Hause?! dachte ich verblüfft, ihr Vater war doch, wie sie oft
+genug erzählt hatte, in behäbiger Lage. Nun verfolgte ich erst
+aufmerksam ihr Tun und Lassen. Im Lauf einer Woche hatte ich alle
+Beweise in der Hand: seit Jahren war ich von ihr betrogen worden. Im
+ersten Gefühl der Empörung wollte ich ihre Unterschlagungen zur Anzeige
+bringen. Aber dann schämte ich mich. War ich nicht die Schuldige
+gewesen? Ich, die ich dem einfachen Bauernmädchen eine Freiheit
+gelassen, eine Selbständigkeit aufgebürdet hatte, der sie geistig und
+moralisch nicht gewachsen war; ich, die ich sie aus Dankbarkeit mit
+Geschenken überhäuft hatte, die ihre Eitelkeit, ihre Habsucht erwecken
+mußten? Sie war für die Lebenssphäre, in die sie zurücktreten mußte, bei
+mir und durch mich verdorben worden.
+
+Ich entließ sie; ich bekannte meinem Mann meine Schuld. Von nun an mußte
+ich mich um die täglichen Sorgen des Haushalts kümmern, mußte vor allem
+die Zeit erübrigen, um mit meinem Buben ins Freie zu gehen. Ich war viel
+zu ängstlich, um ihn sich selbst zu überlassen. Wie müde fühlte ich
+mich, wenn ich abends schlafen ging! Wie zerschlagen, wenn ich morgens
+erwachte! Wie lange noch würde ich aushalten können?!
+
+Und mehr denn je verlangte unsere Arbeit die ganze Nervenkraft, die
+volle Anspannung des Willens. Ein neuer Parteiskandal forderte
+gebieterisch unsere Stellungnahme. Die Auseinandersetzungen über den
+Massenstreik hatten in einem Teil unserer Tagespresse wieder die Formen
+persönlichen Gezänks, gegenseitiger Verdächtigungen angenommen. Zur
+Empörung der radikalen Berliner vertrat das Zentralorgan der Partei den
+Standpunkt der Gewerkschaften, und obwohl der Jenaer Parteitag eine
+wenigstens äußere Verständigung zwischen beiden Richtungen herbeiführte
+und auch die Preßfehde zu schlichten schien, ließ sich Groll und
+Mißtrauen nicht durch Resolutionen beseitigen. Trotz aller gegenseitigen
+Versicherungen blieb die Mehrheit der Vorwärts-Redaktion, die ihre
+Ansichten weder dem Votum der Masse unterwerfen, noch sich zu einem
+Inquisitions-Tribunal hergeben wollte, des Revisionismus verdächtig.
+Kaum war der Parteitag vorüber, als der Parteivorstand mit den Berlinern
+in Verhandlungen eintrat, deren Resultat die Entlassung und der Ersatz
+eines oder mehrerer Redakteure und die Neugestaltung der
+Mitarbeiterschaft über den Kopf der Redaktion hinweg sein sollte. Hinter
+verschlossenen Türen, mit strengstem Schweigegebot für die Teilnehmer
+und -- unter Ausschluß der Angeklagten ging das alles vor sich. Ein
+Fehmgericht nach demselben Prinzip wie das, dem ich einmal seitens der
+Frauen unterworfen worden war. Wo war hier die Gleichheit, wo die
+Brüderlichkeit?! Als die Redaktion trotz aller Vorsichtsmaßregeln von
+den Vorgängen erfuhr und der Parteivorstand ihren Protest gegen ein
+allen Grundsätzen der Demokratie hohnsprechendes Verhalten schroff
+zurückwies, handelte sie, wie organisierte Arbeiter handeln, wenn der
+Unternehmer ihre Kameraden ohne sie zu hören mit Aussperrung bedroht:
+sie erklärte sich in ihrer Mehrheit solidarisch, reichte ihre Entlassung
+ein und begründete ihre Handlungsweise vor der Öffentlichkeit. Mit
+gezückten Schwertern standen einander nun wieder zwei Richtungen in der
+Partei gegenüber. Aber die Masse vertrat nicht die Prinzipien der
+Demokratie, sondern die der Despotie.
+
+»Wie können wir noch mit freier Stirn unsere Ideale gegenüber der
+Willkürherrschaft monarchischen Absolutismus verteidigen,« schrieben wir
+in der Neuen Gesellschaft, »wie können wir die Selbstherrlichkeit des
+Unternehmertums, seinen rücksichtslosen Herrenstandpunkt gegenüber dem
+Arbeiter angreifen, wenn der Gegner uns mit den eigenen Waffen zu
+schlagen vermag? Wie können wir an den endlichen Sieg unserer Sache
+glauben und uns unterfangen, andere davon überzeugen zu wollen, wenn die
+Ansichten einzelner, -- hier des Parteivorstands, ganz besonders die
+Bebels, -- zum Kredo erhoben werden und jeder Andersgläubige der
+Ketzerei beschuldigt wird, -- ungehört, wie bei den Hexenprozessen? ...
+Die Redakteure haben ihre Schuldigkeit getan, tun wir die unsere! ...«
+
+Wie der Stein, der in den Teich geworfen wird, nicht nur weite und immer
+weitere Kreise zieht, sondern auch den Grund aufwühlt, sodaß dieser
+plötzlich in das klare Wasser schwarz und schlammig emporsteigt, so war
+es hier. Man hatte vergessen, den Grund zu säubern und auszumauern, ehe
+der frische Quell des Sozialismus hineingeleitet wurde. Die Moral der
+bürgerlichen Gesellschaft, die ihr das Christentum mit Feuer und Schwert
+und Verfolgung eingeimpft hatte, beherrschte alles menschliche Denken
+und Fühlen.
+
+»Besser unrecht leiden, als unrecht tun,« predigten salbungsvoll unsere
+Parteiblätter; also sich beugen, sich der Macht unterwerfen, Demut und
+Unterwürfigkeit für der Tugenden größte erklären, -- konnte, durfte das
+die Ethik des Sozialismus bleiben?
+
+Ich empfand das alles nur dumpf, wie einen Traum; ich hatte keine Zeit,
+Gedanken zu formen; ich hatte auch keine Kraft.
+
+Sonderbar, wie elend ich mich fühlte. Als stünde mir eine große
+Krankheit bevor. Ich ballte die Hände, sodaß die Nägel mich in der
+Handfläche schmerzten: ich durfte nicht krank werden. Oft wenn ich mit
+meinem Sohn durch die Straßen ging, überfiel mich ein Schwindel. Dann
+lehnte ich mich an irgend eine Mauer, und er blieb vor mir stehen, die
+großen ernsten Augen ängstlich auf mich gerichtet. Und wenn ich abends
+mit irgend einer notwendigen Näharbeit bei ihm war, und er mir mit all
+dem überzeugten Pathos des Kindes vorlas, -- Märchen und Gedichte, die
+feierlichsten am liebsten, -- dann brauste es mir vor den Ohren, sodaß
+ich kaum seine Stimme noch hörte. Was war das nur?
+
+Meinem Mann verschwieg ich meinen Zustand. Mein Junge war mein
+Vertrauter und mein Verbündeter zugleich. Er hatte mir versprechen
+müssen, dem Vater nichts zu sagen.
+
+»Papachen hat soviel Ärger, er soll sich nicht auch noch um mich Sorge
+machen!« -- Und dies erste Zeichen eines freundschaftlichen Vertrauens
+seiner Mutter hatte ihn sichtlich reifer gemacht.
+
+Aber dann kam ein grauer Tag; der Regen klatschte unaufhörlich an die
+Scheiben; um meinen Kopf lag es wie ein Band von Eisen. Plötzlich aber
+mußte ich vom Stuhle springen, auf dem ich zusammengekauert gesessen
+hatte; ein Gedanke traf mich, blendend wie ein Blitz. Wie hatte ich nur
+so lange fragen können, was mir fehlte: ich war guter Hoffnung. »Guter«
+Hoffnung?! Sehnsüchtig hatte ich mir oft noch ein Kind gewünscht, hatte,
+wenn ich meinen Buben ansah, es fast als ein Naturgebot empfunden, mehr
+seinesgleichen zu gebären. Und jetzt? Wie anders fühlte ich mich, als da
+ich ihn unter dem Herzen trug: schwach, schwermütig, arbeitsunfähig. Und
+ich mußte doch arbeiten!
+
+Seit wir in dem letzten Parteikampf so energisch die Rechte der
+Minderheit vertreten hatten, regnete es Angriffe auf das
+»parteischädigende Treiben der Neuen Gesellschaft«. Auf wessen Tisch die
+rotleuchtende Flammenschrift unseres Blattes entdeckt wurde, der
+erschien schon verdächtig.
+
+Wenn meine Schwester kam, wurde mir heiß und kalt. Etwas wie
+Schuldbewußtsein machte mich ihr gegenüber immer scheuer. Wir mußten uns
+durchsetzen, -- um jeden Preis! -- Und ich biß die Zähne zusammen und
+trug schweigend meine Qual, bis ich nicht mehr konnte.
+
+Meine Ärztin machte ein ernstes Gesicht: »Sie müssen sich vollkommen
+ruhig halten, sich vor jeder Aufregung hüten,« sagte sie mit scharfer
+Betonung.
+
+Ich verzog den Mund zu einem Lächeln und ging heim, als schleppte ich
+eine Zentnerlast mit mir. Und wenn ich mich in irgend einen Erdenwinkel
+hätte verkriechen können, sie würde weiter drückend auf mir liegen. Wen
+einmal die Sorge umstrickt, den hält sie fest.
+
+Eine krankhafte Angst bemächtigte sich meiner. Ich fürchtete mich vor
+dem keimenden Leben in mir wie vor einem Mörder. Ich malte mir in
+dunkeln Nachtstunden den Augenblick schreckhaft aus, wo der Ruin vor der
+Türe stand.
+
+Und dann brach ich zusammen. Ehe das Kind in meinem Schoß Leben gewesen
+war, starb es. Während der langen dunkeln Stunden, die ich nun
+regungslos auf dem Rücken lag, richtete das Ungeborene zwei starre Augen
+auf mich, anklagend, richtend. Und ich beweinte es, als hätte es schon
+in meinen Armen gelegen.
+
+Als ich wieder aufstehen durfte, nahm ich aus meiner Großmutter
+Zeichenmappe ein kleines, in zarten Farben gemaltes Bild: ein Köpfchen
+mit weißen Rosen bekränzt, -- ihr jüngstes Kind, das gestorben war, ehe
+seine Lippen das erste »Mutter« zu lallen vermochten. Ich stellte es auf
+den Schreibtisch vor mich hin. Es sollte mich zu jeder Stunde daran
+erinnern, daß mein Kind zum Opfer gefallen war.
+
+Ich erholte mich schwer. Mir fehlte der Wille zur Kraft.
+
+Eines Abends saß ich mit meinem Sohne zusammen unter der grünumschirmten
+Lampe. Er war in das Buch vertieft, das aufgeschlagen vor ihm auf dem
+Tische lag.
+
+»Das mußt du hören, Mama,« rief er aus; seine Augen glänzten vor
+Entzücken.
+
+ »Nun geht in grauer Frühe
+ Der scharfe Märzenwind,
+ Und meiner Qual und Mühe
+ Ein neuer Tag beginnt ...«
+
+las er. In den Stuhl zurückgelehnt, hörte ich ihm zu.
+
+ »Kein Dräuen soll mir beugen
+ Den Hochgemuten Sinn;
+ Ausduldend will ich zeugen,
+ Von welchem Stamm ich bin..«
+
+Ich richtete mich auf. »Ausduldend will ich zeugen, von welchem Stamm
+ich bin,« wiederholte ich leise, nahm meines Kindes Kopf zwischen beide
+Hände und küßte ihn auf die Stirn. Es war ein Gelöbnis.
+
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel
+
+
+»Wie die Hasen auf der Treibjagd werden die Revolutionäre von den
+Soldaten zusammengeschossen,« -- »fünfzehntausend Gefallene bedecken
+Straßen und Barrikaden --,« so meldete der Telegraph aus Moskau; »die
+Regierung hat uns betrogen! Der Zar hat sein Versprechen gebrochen! Die
+Knute der Kosaken herrscht wieder über uns,« -- so klangen die
+Verzweiflungsschreie der Freiheitskämpfer über die Grenze. Und schwer
+und dumpf grüßten die Glocken das Jahr 1906.
+
+Auf den eroberten Gebieten des Absolutismus halten unsere russischen
+Brüder ihre Siegeszeichen aufgepflanzt, und an ihnen waren die üppigen
+Ranken unserer Hoffnung wuchernd emporgewachsen. Jetzt lagen sie am
+Boden. Die Soldaten der Reaktion traten darauf.
+
+ * * * * *
+
+Und doch bedurften wir in dem Kampf, den wir führten, der
+Siegeszuversicht. Ein rocher de bronce war Preußen noch immer, dem er
+galt, denn als die Frage der Abänderung des Dreiklassenwahlrechts im
+Landtag endlich zur Besprechung kam, da erklärte die Regierung: das
+Reichstagswahlrecht ist unannehmbar, und fügte der Absage durch den
+Mund des Ministers von Bethmann Hollweg die versteckte Drohung hinzu:
+»das Gefühl der Unlust besteht ja auch im Reiche, wo wir noch dieses
+angeblich ideale Wahlrecht besitzen.« Noch! -- Wir hatten achtzig
+Abgeordnete im Parlament, und doch würde Preußens Reaktion sie mit einer
+Handbewegung beiseite schieben. Es klang wie ein Hohn unserer Ohnmacht,
+wenn der Kanzler die Machtmittel des Staats für ausreichend erklärte, um
+»Pöbelexzesse zu verhindern.« Er hatte recht. Es kam zu keinen Exzessen.
+
+ * * * * *
+
+Die Einführung des Zolltarifs stand vor der Türe. Mit neuen Steuern und
+Abgaben drohte eine Reichsfinanzreform. Im Hintergrund lauerte das
+Raubtier des Kriegs, und die Diplomaten, die mondelang in Algeciras
+beisammensaßen, um es in Ketten zu legen, schienen es statt dessen groß
+zu füttern. Für neue Kriegsschiffe agitierten die Regierungsparteien und
+malten den Weltbrand glutrot auf die leere Leinwand der Zukunft. Aber
+das Volk hörte gleichgültig zu, als ginge es das alles nichts an. Wo es
+im Laufe der letzten Jahre bei Nachwahlen zum Reichstag um sein Verdikt
+gefragt worden war, hatte es Junkern und Junkergenossen das Feld
+überlassen.
+
+»Mir ist eine kleine Schar überzeugter Genossen lieber, als eine große
+Menge unsicherer Mitläufer,« hatte Bebel wiederholt gesagt. Das sollte
+ein Trost sein und war bei Licht besehen nur die Konstatierung einer
+Tatsache, denn der Zuzug aus bürgerlichen Kreisen hatte sich verlaufen.
+Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, -- das war der Trunk gewesen, an
+dem sich deutsche Träumer von jeher berauscht hatten. Diesmal war er von
+der Sozialdemokratie kredenzt worden. Als sie aber erwachten und die
+Welt noch immer nicht ihren Dichteridealen entsprach, und die Genossen
+die Ritter vom heiligen Gral nicht waren, die sie in ihnen gesehen
+hatten, da versanken sie wieder in politische Gleichgültigkeit.
+
+In die Maienpracht junger Hoffnungen war der Reif der Enttäuschung
+gefallen. Es schien fast, als ob alle Knospen daran sterben sollten.
+
+An jenem »roten Sonntag«, der in ganz Preußen der Demonstration gegen
+das Dreiklassenwahlrecht gewidmet war, sprach ich in einem kleinen
+Fabrikort Brandenburgs. Es war ein trüber Abend; der Saal lag abseits
+zwischen hohen Mauern in einem feuchten Grunde. Mein Appell an die
+Begeisterung, an die Widerstandskraft verhallte wirkungslos. Und es war
+nicht nur meine Schuld, daß das Feuer nicht brennen wollte. Regenschauer
+hatten das Holz naß gemacht, so daß es nur knisterte. Wir protestierten
+gemeinsam gegen die preußische und gegen die russische Reaktion, aber
+mir schien, als stünde hinter diesem Protest nicht der Wille zur Tat,
+sondern ein resigniertes Gefühl der Ohnmacht.
+
+ * * * * *
+
+Die Neue Gesellschaft führte die Sprache der Kraft. War sie nicht mehr
+die der Massen, daß sie sie nicht hören wollten?
+
+Frühling und Sommer zogen an unseren Fenstern vorbei. Wir saßen gebückt
+am Schreibtisch und wagten nicht, einander in das Antlitz zu schauen.
+Zuweilen war mir wie einem, der in eine Hütte mit blinden Scheiben
+gesperrt ist und nichts sieht als den Staub und die Dürftigkeit der
+nächsten Nähe. Dann durstete ich so sehr nach Luft und Sonne, daß ich
+jeden Hauch, der durch die Türe drang, jeden Strahl, der sich hinein
+verirrte, wie einen Boten der Erlösung begrüßte.
+
+Meine Schwester hatte sich verlobt.
+
+»Jetzt erst weiß ich, was Liebe ist,« hatte sie mir mit glühenden Wangen
+und heißen Augen zugeflüstert. Das Leben war ihr viel schuldig
+geblieben, darum glaubte ich freudig daran, und ihr Glück ließ mich ihr
+gegenüber freier atmen, darum unterdrückte ich jeden Zweifel. Sie führte
+uns ihren Verlobten zu, einen jungen Arzt, hinter dessen auffallender
+Schweigsamkeit ich den Menschen zu sehen mich zwang, den sie lieben
+konnte. Sie heirateten bald. Auf den Höhen der Schwäbischen Alb übernahm
+er die Leitung eines Sanatoriums. Sie schrieb Briefe, die ein einziger
+Jubel waren, und sandte Bilder mit Bergen und Wäldern und weiten Blicken
+über friedliche Täler. Aber es fiel auf meine Seele nur wie ein
+Sonnenstrahl aus dem Gewölk, das sich danach nur noch dichter und
+dunkler zusammenzog.
+
+ * * * * *
+
+Um jene Zeit erging von einem aus den Anhängern der verschiedensten
+Parteien bestehenden englischen Komitee, dem unter anderen auch eine
+große Zahl englischer Parlamentsmitglieder angehörte, an die Zeitungen
+aller deutschen Parteien die Einladung zu einem Besuch nach England.
+Angesichts der gewissenlosen Hetze und der Kriegstreiberei
+höfisch-militärischer Kreise und ihrer Werkzeuge in der Presse sollte
+diese Veranstaltung dazu dienen, die wahre Gesinnung des englischen
+Volkes kennen zu lernen und die freundschaftlichen Beziehungen der
+beiden Länder wieder fördern zu helfen. Keir Hardie, der Führer der
+englischen Arbeiterpartei, hatte die Einladung mit unterzeichnet. Auch
+bei der Redaktion der Neuen Gesellschaft lief sie ein, von einem Brief
+meines alten Freundes Stead begleitet, der die Hoffnung aussprach, wir
+würden ihr Folge leisten.
+
+England! Wieviel Erinnerungen wurden in mir wach! Es war mir das
+Sprungbrett des neuen Lebens gewesen. Vielleicht, daß es mich nun aus
+seinem Labyrinth wieder ins Freie zu führen vermöchte! Meine Hoffnung
+sah einen Weg aus der Not und der Enge heraus, -- und wenn's nur ein
+flüchtiges Aufatmen wäre in freier Luft! Mein Mann legte die Einladung
+beiseite wie etwas selbstverständlich Abgetanes.
+
+»Meinst du nicht, daß ich sie annehmen könnte, -- in unserem Namen,«
+fragte ich zögernd. »Ich möchte fort, -- hinaus, ein einziges Mal nur!«
+--
+
+Er sah verwundert von der Arbeit auf. »Wenn dir soviel daran liegt,
+bedarf es gar nicht der tragischen Gebärde!« antwortete er ruhig.
+
+Nun erschien mir mein Wunsch doch im Lichte sträflicher
+Vergnügungssucht. Ich mußte mich und ihn beruhigen, der nicht anders
+denken mochte: »Ich werde Berichte schreiben, -- neue Beziehungen
+anknüpfen. Vielleicht verschaffe ich mir sogar bei der Gelegenheit die
+Korrespondenz für ein englisches Blatt.«
+
+Der Gedanke besonders elektristerte mich: das wäre doch eine Sicherheit,
+wenn die Neue Gesellschaft zusammenbräche.
+
+Kurz vor meiner Abreise besuchte uns Reinhard. »Ich lese Ihren Namen
+unter denen der Journalisten, die nach England fahren,« begann er
+erregt.
+
+»Gewiß,« entgegnete ich, »und was haben Sie dagegen? Keine der berühmten
+bindenden Parteitagsresolutionen hindert mich daran!«
+
+»Aber Ihr Gefühl müßte es tun,« brach er los; wollen Sie sich denn
+gewaltsam jeden Vertrauens berauben?! Kein Genosse wird es begreifen,
+daß Sie mit einer Reihe unserer ärgsten Gegner gemeinsame Sache machen!«
+
+»Schlimm genug, wenn dem wirklich so sein sollte!« rief ich aus. »Haben
+wir nicht auf dem Heimarbeiterschutzkongreß mit Gegnern zusammen
+gearbeitet, tun wir es nicht dauernd im Parlament? Und mir sollte es
+verdacht werden, wenn ich mich an einer Reise beteilige, deren Zweck
+durchaus im Interesse der Partei liegt? Wir Mitreisenden sollen uns doch
+nicht untereinander verbrüdern; uns wird nichts als die Gelegenheit
+geboten, es mit aufrichtigen Friedensfreunden in England zu tun.«
+
+»Das mag alles so sein, wie Sie sagen,« antwortete er, »trotzdem dürfen
+Sie -- gerade Sie, deren Stellung doch schon schwierig genug ist --
+nicht als einzelne der Empfindung der Massen entgegenhandeln.«
+
+Ich warf den Kopf zurück. Jetzt erst wußte ich, daß diese Reise nicht
+nur meine persönliche Angelegenheit war. »Ich verstehe Ihre gute
+Absicht,« sagte ich, »aber wenn etwas mich in meinem Vorhaben noch
+bestärken könnte, so sind es die Gründe, durch die Sie mich davon
+abbringen wollen. Nichts ist mir von jeher so verächtlich gewesen wie
+Lakaiengesinnung, gleichgültig ob sie vor dem einzelnen oder vor der
+Masse zum Ausdruck kommt --«.
+
+»Ich mute Ihnen doch nicht Lakaiengesinnung zu!« unterbrach er mich
+heftig.
+
+»Was ist es anderes, wenn Sie verlangen, ich sollte mich der Empfindung
+der Masse beugen, nicht weil sie die rechte, sondern weil sie die
+herrschende ist?! Wir kommen nie vom Fleck, wenn wir unsere bessere
+Einsicht nicht zur Geltung bringen; wir erziehen dadurch im Volk nur
+einen noch beschränkteren, noch despotischeren Herrscher, als unsere
+Fürsten es sind.«
+
+»Im Grunde bin ich ja Ihrer Meinung,« lenkte er ein; »es handelt sich
+doch in diesem Fall nur um eine kleine Konzession, für die Sie größere
+Werte eintauschen werden.«
+
+Ich lachte spöttisch auf: »Meinen Sie?! Man wird mir nicht mehr
+vertrauen und mich nicht weniger verleumden, wenn ich auf die Reise
+verzichte. Aber man wird wissen, daß ich kein Zeug zum Demagogen habe,
+wenn ich auf meinen Entschluß beharre, -- auch jetzt, wo mir die Folgen
+klar sind.«
+
+Reinhard verabschiedete sich kühl und fremd. Er war einer der Besten
+und Selbständigsten unter den Genossen. »Ich fürchte, wir haben ihn
+verloren,« sagte mein Mann. Ich unterdrückte einen schweren Seufzer.
+
+ * * * * *
+
+Mitte Juni reisten wir ab. Schon im Zuge, der uns nach Bremerhaven
+führte, freute ich mich der Gegenwart Theodor Barths; -- ein freier
+Mensch und ein Gentleman, also einer der Seltenen, mit denen sich über
+alle trennenden Schranken der Politik verkehren läßt. Auf dem Schiff
+fanden sich die übrigen Reisegefährten ein: neunundvierzig Journalisten,
+unter denen ich die einzige Frau war. Ich empfand, wie meine Anwesenheit
+sie beunruhigte. Sollten sie mich als Dame oder als Sozialdemokratin
+behandeln? Sie entschlossen sich in der Mehrzahl, ihrer politischen
+Gesinnung auch auf dem neutralen Boden unseres Dampfers unverfälschten
+Ausdruck zu geben. Offenbar störte es sie nur, daß ich ihnen durch mein
+Benehmen keinen besseren Anlaß dazu bot.
+
+Ich kümmerte mich wenig um sie; mit durstigen Zügen atmete ich die
+frische Salzluft ein, und mit jeder Meile, die wir uns von der Küste
+entfernten, fiel mehr und mehr von mir ab, was lastend und quälend mein
+Herz bedrückte. Ich stand lange am Zwischendeck, wo sie beieinander
+hockten, all die Männer, Frauen und Kinder, die das Vaterland
+ausgestoßen hatte. In dem Antlitz der meisten blitzte etwas wie
+Zukunsfshoffnung auf. Fast dünkte es mich beneidenswert: das alte Leben
+hinter sich zu lassen und nur mit dem leichten Bündel unter dem Arm
+einem neuen entgegen zu gehen.
+
+In London hatte Beerbohm Tree in seinem Theater für die deutschen Gäste
+den ersten Empfang bereitet. Ich ging nicht hin; unsere heimische
+Bühnenkunst hat uns den Geschmack für ein Komödiantentum verdorben, das
+vielleicht vor fünfzig Jahren auch bei uns noch das herrschende war. Ich
+erwartete statt dessen Stratfords Besuch.
+
+»Wissen Sie noch, wie wir damals voneinander gingen?« fragte er nach der
+ersten Begrüßung.
+
+Ich nickte lächelnd: »Ein Mann, wie Sie, gehört der Sache des
+Sozialismus, sagte ich Ihnen.«
+
+»Wären nur nicht der Fesseln so viele, antwortete ich, und Sie riefen
+mir zu: 'wir werden sie beide zerbrechen müssen' -- nun haben wir sie
+zerbrochen!«
+
+Überrascht sah ich ihn an.
+
+»Ich kandidiere als Vertreter der Arbeiterpartei für das Parlament,«
+fügte er mit einem Aufleuchten in den hellen Augen hinzu.
+
+Ich drückte ihm die Hand.
+
+Er schien einen Ausdruck größerer Freude erwartet zu haben. »Haben Sie
+das Kettenbrechen bereut?!« fragte er zweifelnd.
+
+»Nein, lieber Freund,« antwortete ich mit starker Betonung, »nein! Ich
+erinnerte mich nur der wunden Hände, die es kostet.«
+
+Am nächsten Morgen sprach ich John Burns auf der Themseterrasse des
+Parlaments. Mir schien, als sei es gestern gewesen, daß er mir auf den
+Marmortisch die Situation der deutschen Sozialdemokratie aufgezeichnet
+hatte.
+
+»Habe ich nicht recht behalten?« fragte er im Laufe des Gesprächs.
+
+»Nicht ganz,« entgegnete ich; »der Druck von außen preßt uns zwar
+zusammen, aber er hindert nicht nur die Wirkung über seinen Ring hinaus,
+er trägt auch dazu bei, daß wir unsere Kräfte im gegenseitigen
+Kleinkrieg verzetteln.«
+
+»Sie übertreiben,« meinte er leichthin. »Jeder Kampf ist Leben und weckt
+Leben! Sie sind wie der Akteur auf der Bühne, der das Ganze nicht
+übersehen kann, während wir, die Zuschauer, von fern mit unserem
+Opernglas Handlung und Szenerien begreifen. Der deutsche Revisionismus
+siegt nicht nur, -- er hat schon gesiegt.«
+
+Ich lächelte ein wenig von oben herab zu seinen apodiktischen Sätzen und
+lenkte die Unterhaltung auf sein eigenes Wirken.
+
+»Ich bin nach wie vor Sozialist, gerade weil mich keine Arbeit schreckt,
+wenn es gilt, meiner Überzeugung auch nur einen Fuß breit Boden zu
+gewinnen,« sagte er, »ich scheue nichts, wenn der Preis dafür mehr Macht
+ist. Wer immer nur zuschaut und schimpft und kritisiert und dazwischen
+moralische Bomben wirft, ist in meinen Augen Anarchist.«
+
+Einer der deutschen Englandfahrer näherte sich in respektvoller Haltung.
+Unser langes Gespräch setzte ihn offenbar in Erstaunen. Er wartete
+darauf, vorgestellt zu werden. Und erst jetzt fiel mir ein: der John
+Burns von heute war ja Minister!
+
+Der Gastfreundschaft, mit der uns die Engländer empfingen, entzog ich
+mich von da an nur selten. Ich hatte meine leise Freude an den
+verblüfften Gesichtern meiner Reisegefährten, die allmählich einsahen,
+daß im Lande alter Kultur nur die Erziehung, nicht aber die politische
+Stellung des Einzelnen gesellschaftliche Unterschiede herbeiführt, und
+ich merkte erst jetzt, wo ich einmal wieder als Gleiche von Gleichen
+behandelt wurde, wieviel ich entbehrt hatte.
+
+Eines Vormittags besichtigten wir den Tower. Schon als ich aus dem Hotel
+trat, war mir aufgefallen, daß die photographischen Kameras der
+englischen Reporter sich plötzlich auf mich richteten.
+
+Auf dem Wege kam Bernard Shaw mir entgegen und reichte mir mit einem
+sarkastischen: »Da haben Sie wieder einmal ein unverfälschtes Zeugnis
+der deutschen Sozialdemokratie,« ein englisches Morgenblatt.
+
+Es enthielt ein Telegramm aus Berlin: »Der 'Vorwärts' beschuldigt Frau
+Alix Brandt, die einzige Vertreterin der sozialdemokratischen Presse bei
+der Englandreise deutscher Journalisten, des Parteiverrats und kündigt
+ihr an, daß sie ihres unbotmäßigen Verhaltens wegen zur Rechenschaft
+gezogen werden würde.«
+
+Ich ballte das Blatt Papier heftig zusammen und schleuderte es zu Boden.
+»Das glaube ich nicht,« stieß ich zornig hervor.
+
+Shaw lachte: »Und doch ist nichts gewisser, weil nichts folgerichtiger
+ist! Die deutsche Partei ist von nichts freier als von -- Freiheit. Sie
+ist die konservativste, die respektabelste, die moralischste und die
+bürgerlichste Partei Europas. Sie ist keine rohe Partei der Tat, sondern
+eine Kanzel, von der herab Männer mit alten Ideen eindrucksvolle
+Moralpredigten halten. Mit Millionen von Stimmen zu ihrer Verfügung,
+widersteht sie den Lockungen des Ehrgeizes und denen realer Vorteile,
+die ein öffentliches Amt mit sich bringt, und bezeichnet denjenigen, der
+sich von den Freuden tugendhafter Entrüstung zu den Arbeiten praktischer
+Verwaltung wendet oder auch nur an einer allgemeinen Veranstaltung in
+öffentlichem Interesse teilnimmt, als einen Abtrünnigen und Verräter.
+Freiheit vom Dogmenglauben ist eines der Grundprinzipien des echten
+Sozialismus, -- die Deutschen sind dogmatischer als die Kirchenväter.
+Der Wille zur Macht ist ein anderes, -- die Deutschen machen den Willen
+zur Phrase daraus. Die Herrschaft des Geistes ist ein letztes, im
+Gegensatz zur Herrschaft des Kapitals, -- die Deutschen stellen das auf
+den Kopf und verlangen die Unterwerfung unter die Herrschaft der Masse.«
+
+Ich hatte seinen raschen Redefluß, den der Zorn diktierte, nicht
+unterbrochen. Ich hörte den gleichen Ton heraus wie bei den Worten von
+Burns, und in mir begann eine Saite, die schon lange leise tönte,
+lebhaft mitzuschwingen.
+
+Noch am selben Abend bekam ich einen Brief von Keir Hardie.
+
+»... Ich bin ganz außerstande, zu begreifen, welches der Grund sein
+konnte, Ihre Teilnahme an der Englandreise zu verurteilen,« hieß es
+darin. »Es ist für uns Sozialisten in England eine selbstverständliche
+Gewohnheit, gelegentlich mit Nichtsozialisten zusammenzugehen, wenn es
+im Interesse der Förderung einer großen und guten Sache gelegen ist.
+Unsere Erfahrung hat uns bewiesen, daß der Sozialismus dadurch nur
+gestärkt werden kann. Ich will damit nicht behaupten, daß unsere
+deutschen Genossen unserem Beispiel unbedingt folgen müßten, aber im
+vorliegenden Fall bleibt ihre Haltung Ihnen gegenüber mir vollständig
+unverständlich ...«
+
+Ich stand nun plötzlich im Mittelpunkt des Interesses und wurde von
+Interviewern belagert, die von der ganzen Sache keine andere Auffassung
+hatten, als daß die große deutsche Arbeiterpartei sich dadurch dem
+Gelächter der Welt ausgesetzt habe. Und ich gab ihnen stets die gleiche
+Antwort: »Die Sozialdemokratie, der ich stolz bin anzugehören, hat mit
+den Quertreibereien einzelner von preußischem Polizeigeist durchseuchter
+Genossen nichts zu tun.« Als aber mein Mann mir die Zeitungen schickte,
+-- nicht nur den 'Vorwärts', sondern eine ganze Anzahl anderer
+Parteiblätter, -- da schämte ich mich und ging den Interviewern so weit
+als möglich aus dem Wege, um nicht reden zu müssen. Und doch war es
+weniger die beleidigende Form der Angriffe, die mich verletzte, als die
+Gehässigkeit, die dabei zum Ausdruck kam. Wie stark mußte sie sein, um
+alle Klugheit, alle Rücksicht auf das Ansehen der Partei beiseite zu
+schieben? Oder gab es etwas Lächerlicheres, als meine Reise, --
+gleichgültig, ob man sie verurteilte oder nicht, -- zu einem
+Parteiskandal aufzubauschen? Nur eine tiefe, innere Krankheit konnte
+solche Symptome zeitigen. Ich kämpfte noch mit mir, ob es nicht meiner
+unwürdig wäre, mich gegen Ausbrüche der Pöbelgesinnung zu verteidigen,
+als ich die Antwort erhielt, die mein Mann der Parteipresse hatte
+zugehen lassen. Das waren Rutenstreiche, -- es blieb mir nichts zu
+sagen übrig. Seltsam nur, daß die Ritterlichkeit, mit der er für mich
+eintrat, eine alte Wunde aufs neue bluten machte, statt sie zu
+schließen.
+
+Der Schatten, der sich mir über Englands schöne Sommertage breitete,
+wich nicht mehr.
+
+ * * * * *
+
+Ich hatte immer gegen Massen-Museumsführungen, gegen Gesellschaftsreisen
+und dergleichen eine ausgesprochene Abneigung gehabt. Wem Kunst und
+Natur mehr sein soll als ein Gesprächsthema, der muß ihnen Auge in Auge
+still und allein gegenüberstehen. Und wer vor den Heiligtümern der
+Menschheit seine Andacht verrichten will, der kann es nur in Gegenwart
+derer, die seine Nächsten sind.
+
+Wir traten zusammen an Shakespeares Grab, -- es war wie ein Sakrileg.
+Wir kamen in sein Geburtshaus und in die blumenumrankte, strohgedeckte
+Hütte seiner Liebsten, -- aber Shakespeares Geist floh vor uns.
+
+Wir kamen nach Cambridge, jener alten Universität, die sich den Typus
+der mittelalterlichen Klosterstadt noch erhalten hat. Wer ihre
+Säulenhallen um alte Gärten allein betreten könnte, dem müßten die Bäume
+in den Weisen derer rauschen und flüstern, die hier dichteten: eines
+Marlowe, Milton, Byron. Und wer sich still an einen alten Pfeiler lehnen
+und in die dämmernden Bogengänge blicken dürfte, dem würde aus dunkel
+geschnitzten Pforten Erasmus von Rotterdam entgegentreten, und Cromwell,
+und Newton.
+
+Wir sahen nur freundliche Professoren und Photographen und hörten Reden
+und Tellergeklapper.
+
+ * * * * *
+
+Als die Mehrzahl der Geladenen England wieder verlassen hatte, sprach
+ich meinen Freund Stead, der als Reisemarschall der Gäste unaufhörlich
+in Anspruch genommen gewesen war, zum erstenmal allein.
+
+»Ihnen geht es gut,« sagte er, als wir einander in seinem Heim gegenüber
+saßen.
+
+»Woher wissen Sie das?« fragte ich mit einem bitteren Gefühl im Herzen.
+
+»Sollten Sie etwa noch den alten Glücksbegriffen huldigen?« fragte er
+dagegen.
+
+»Jeder hat seine persönlichen,« antwortete ich ausweichend.
+
+»Und sollte nur einen haben, aus dem sich alle anderen entwickeln:
+leistungsfähig zu sein,« ergänzte er. War ich schon so alt, daß er mir
+solch einen Glücksbegriff zumutete, der mir nur mit äußerster
+Selbstverleugnung Hand in Hand zu gehen schien?
+
+»Sie mißverstehen mich,« meinte er. »Ich begreife darunter die stärkste
+Selbstbehauptung: die Entwicklung aller Fähigkeiten zum äußersten Maß
+ihrer Leistungskraft ...« Wir wurden unterbrochen; es war gut so, denn
+um so stärker prägten sich mir seine Worte ein.
+
+Nun blieb mir noch übrig, ehe ich heimfuhr, zu erreichen, was ich mir
+vorgenommen hatte. Ich verhandelte mit verschiedenen Redaktionen wegen
+der Übernahme einer deutschen Korrespondenz. In den Briefen meines
+Mannes spürte ich immer deutlicher den schweren Atem der Sorgen. Um
+irgend eine ihrer Lasten erleichtert, mußte ich nach Hause kommen. Aber
+so oft ich auch durch die glutheißen Straßen Londons von einem Bureau
+zum anderen ging, meine Abreise immer wieder aufschiebend, weil eine
+neue leise Hoffnung mich festhielt, das Ergebnis blieb ein negatives.
+Inzwischen war auch die bürgerliche Presse Deutschlands meiner Reise
+wegen über mich hergefallen, -- die vereinzelten Stimmen der
+Verteidigung waren im Chor der Schreier verhallt, -- das mochte die
+höflich ablehnende Haltung mit verursachen. Ich mußte mich entschließen,
+mit leeren Händen zurückzukehren. Nur einer Einladung wollte ich noch
+Folge leisten.
+
+In Warwick, einem Städtchen am Avon, das von den dicken Türmen einer
+uralten Burg überragt wird, fand eines jener historischen Festspiele
+statt, an denen sich alljährlich in den verschiedenen Gegenden Englands
+die ganze Bevölkerung beteiligt. Ich fuhr hin und sah im Park des
+Schlosses die Darstellung jenes glanzumflossenen Teiles der englischen
+Geschichte, von der seine Mauern noch erzählen. Auf der weiten, von
+mächtigen Bäumen zu beiden Seiten abgeschlossenen Rasenfläche, mit dem
+Fluß in der Mitte, der zwischen blühenden Rosenbüschen und hängenden
+Weiden lautlos vorüberzieht, und dem Hintergrund einer sanft
+verschwimmenden Hügellandschaft zogen Jahrhunderte vorüber. Und zuletzt
+vereinigten sich noch einmal zweitausend Menschen zu Fuß und zu Pferde
+in den Rüstungen und Gewändern aller Zeiten. Nun kommt die
+Schlußapotheose, dachte ich, mit der Büste des Königs und einem »Rule
+Britannia« aus allen Kehlen. Ich erhob mich, um zu gehen.
+
+Aber da sah ich, wie die Ritter und Edeldamen, die Fürsten und Könige
+langsam und leise hinter Bäumen und Büschen verschwanden. Nur einer
+blieb zurück, allein, weltbeherrschend, als wäre die jahrhundertelange
+Entwicklung nur notwendig gewesen, um diesen einen hervorzubringen, der
+größer ist als alle: William Shakespeare.
+
+ * * * * *
+
+Der Wille zur Macht, -- die höchstmögliche Entwicklung der
+Persönlichkeit als Ziel des einzelnen, -- der Übermensch als Ziel der
+Menschheit --: zu einem einzigen vollen Akkord vereinigten sich
+plötzlich die Klänge, die mir diesmal in England entgegengetönt hatten.
+Mein Herz schlug zum Zerspringen wie das eines Gefangenen, dem die
+Ketten vom Fuße gelöst werden und die Pforten sich öffnen zur freien
+Wanderschaft. Er sieht nichts wieder als die alte vertraute Welt seiner
+Jugend, und doch erscheint sie ihm wie ein Wunder so neu. Ein halbes
+Kind war ich gewesen, als ich aus Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft den
+ersten Ruf persönlicher Befreiung vernahm: »Das Leben sagt: Folge mir
+nicht nach; sondern dir! sondern dir!« -- Galt nicht derselbe Ruf heute
+der Menschheit?
+
+ * * * * *
+
+Am letzten Tage meines londoner Aufenthalts traf ich auf der Straße eine
+Kapitänin der Heilsarmee, die mich herzlich begrüßte.
+
+»Sie kennen mich wohl nicht mehr?« fragte sie lächelnd; »aber der Nacht
+in Whitechapel vor elf Jahren erinnern Sie sich gewiß.«
+
+Im Augenblick sah ich das Weib wieder vor mir, die, von den Gefährten
+ihres Jammers umringt, im Schmutz der Gasse geboren hatte. Ich streckte
+meiner einstigen Führerin erschüttert die Hand entgegen.
+
+»Sie würden mir heute, nach all den Reformen des Grafschaftsrats, nichts
+Ähnliches zeigen können,« sagte ich.
+
+»Man hat aufgeräumt, -- gewiß,« antwortete sie ruhig, »und an Stelle
+mancher elenden Häuser neue gebaut, aber das Elend ist immer dasselbe.
+Die einen sterben, andere wandern zu ...«
+
+»Entsetzlich!« rief ich aus. »Wie können Sie das nur ertragen?!
+Erscheint Ihnen nicht Ihre ganze Arbeit hoffnungslos?!«
+
+Sie lächelte freundlich: »Ich habe viele Seelen gewonnen, denen für
+allen Erdenjammer der Himmel offen steht.«
+
+Noch nie war mir der Christenglaube so grausam erschienen als in diesem
+Augenblick. Wie eine Zyklopenmauer richtete er sich auf zwischen den
+Menschen und ihrer Erlösung. Ich verabschiedete mich rasch. Den vollen
+Akkord, den ich eben noch vernommen hatte, durchtönte eine schrille
+Dissonanz. Ich war der schaffende Künstler nicht, der die einheitliche
+Lösung hätte finden können. Als ich aber dann heimwärts fuhr,
+beherrschte mich nicht mehr jene niederdrückende Empfindung, mit leeren
+Händen zu kommen.
+
+ * * * * *
+
+Mein Mann empfing mich mit wehmütiger Zärtlichkeit, sodaß ich ihm
+angstvoll forschend ins Auge sah. »Es ist nichts, Kind, nichts!« wehrte
+er in nervöser Erregung ab. »Ich bin nur abgespannt, -- nur müde.« Aber
+allmählich erfuhr ich doch, was geschehen war: eine Gruppe von
+Parteigenossen seines Wahlkreises forderte von ihm die Niederlegung
+seines Mandats, weil -- ich mich an der Englandreise beteiligt hatte,
+und ein außerordentlicher Kreistag sollte darüber entscheiden.
+
+Glühende Sommerhitze brütete über der Mark; an den Bäumen in den Straßen
+hingen die Blätter schon gelb und tot; kein Lüftchen rührte sich, und
+doch umgaben dichte Staubwolken den Wagen, der uns von Gusow nach
+Platkow führte. In dem kleinen Saal herrschte unerträgliche Schwüle. Er
+war schon gefüllt, als wir kamen: von lauter schweigenden Menschen mit
+harten Zügen und finsteren Blicken. Unsere alten Kampfgefährten rührten
+kaum an die Mütze bei unserem Eintritt. Einen Augenblick lang
+umklammerte ich den Arm meines Mannes, -- außer ihm hatte ich hier
+keinen Freund mehr. Die Anklage wurde verlesen. Es war die Sprache des
+»Vorwärts«, den sie führte. »Das hat Berlin diktiert!« rief Heinrich.
+Die Falten auf der Stirn unserer Richter vertieften sich.
+
+Mein Mann antwortete zuerst. Er erinnerte daran, wie häufig schon
+hervorragende Parteigenossen sich mit politischen Gegnern zu gemeinsamer
+Arbeit vereinigt hätten, wie es auch an Beispielen für das harmlosere
+Zusammensein zu geselligen Zwecken nicht gefehlt habe. Und als einer
+wütend dazwischen schrie: »Die Monarchentoaste!« erklärte er, daß die
+Teilnahme an dieser Form internationaler Höflichkeit um so weniger als
+eine Verleugnung der republikanischen Gesinnung angesehen werden könne,
+nachdem wir uns den viel ernsteren Treueiden der Landtagsabgeordneten
+unterwerfen müßten. Als er geendet hatte, hoben sich ein paar Hände zu
+schüchternem Applaus; die Mehrzahl der Genossen aber verharrte weiter in
+finsterem Schweigen. Die nach ihm sprachen, hatten ihre Reden alle auf
+einen Ton gestimmt: daß die Partei durch uns geschädigt worden sei.
+
+»Für uns jibt's nur ein rechts und links,« rief der Maurer Merten; »die
+Akademiker, die nich Fleisch sind von unserem Fleisch, die zieht's eben
+immer wieder zu den Bourgeois. Ich aber sage Euch, Jenossen« -- dabei
+hieb er mit der breiten Faust auf den Tisch -- »sowas dürfen wir uns
+nich länger gefallen lassen, am wenigsten von unserem Abgeordneten. Was
+wäre verloren, wenn die Jenossin Brandt nich nach England jefahren
+wäre?! Es wäre ooch noch so! Nu aber, wo sie hinfuhr, sehen wir, daß sie
+kein proletarisches Bewußtsein hat; daß sie den Klassenkampf in
+Harmonieduselei verwandeln möchte und statt gegen die Gegner neben uns
+zu stehen mit ihnen bei Schampagner un Braten techtelmechtelt ...«
+
+»Bravo, Bravo« -- klang es von allen Seiten, während mein Mann wütend
+vom Stuhl sprang und ein »Unverschämt!« zwischen den Zähnen hervorstieß.
+Mich packte ein jäher Schreck, als habe sich plötzlich vor mir die Erde
+gespalten: standen wir allein auf der einen Seite und jenseits die
+selbsterwählten Gefährten?!
+
+»Die Genossin Brandt hat das Wort,« hörte ich wie von weit her sagen.
+Ich sammelte mich rasch. Aller Augen sah ich auf mich gerichtet.
+
+»Mein Vorredner,« begann ich, »hat einen konsequenten Standpunkt
+vertreten, er hätte nur hinzufügen müssen, warum bei uns zum Verbrechen
+gestempelt wird, was anderen kein Härchen krümmte: wir sind des
+Revisionismus verdächtig. Das Schauspiel, das Sie hier aufführen, wäre
+noch kläglicher, als es so wie so schon ist, wenn nicht im Hintergrund
+tiefere Differenzen schliefen. Sie stehen auf dem Boden des
+Klassenkampfes, -- wir auch; Sie hassen die kapitalistische
+Wirtschaftsordnung, -- wir auch. Aber ihrer selbst unbewußt, führen Sie
+den Klassenkampf im Sinne des Krieges; Sie wollen den Gegner
+niederzwingen, Sie wollen sein Land erobern. Sie, die Sie seit
+Jahrtausenden die Lastträger der Menschheit sind, würden es schon als
+gerecht empfinden, wenn nur die Rollen der Unterdrücker und
+Unterdrückten vertauscht würden. Sie sehen in jedem Vertreter der
+herrschenden Gesellschaft einen Feind, weil Sie ihm als die Abhängigen,
+Unfreien gegenüberstehen, weil Sie ihm schon das bloße Sattsein neiden
+müssen. Wir können Ihren von der Bitterkeit des eigenen Herzens
+genährten Haß nicht mitfühlen, denn nicht persönliches Leiden machte uns
+zu Ihren Genossen. Uns ist das Ziel des Kampfes nicht die veränderte
+Herrschaft von Menschen über Menschen, sondern die uneingeschränkte
+Herrschaft der Menschheit über die Natur. Die Erde wollen wir erobern,
+um gleiche Entwicklungsbedingungen für alle zu schaffen, nicht
+Feindesland, das Unterworfene beackern sollen ...«
+
+Ein unwilliges Gemurmel erhob sich. Im Saal fing es an zu dämmern. Ich
+unterschied nur noch die Zunächstsitzenden. Sonst war alles eine
+schwarze Masse, aus der nur hie und da ein kahler, breiter Schädel, ein
+weißer Bart, der glühende Punkt einer Zigarre herausleuchtete.
+
+»Die Diktatur des Proletariats!« klang es mit tiefer Stimme drohend aus
+dem dunkelsten Winkel.
+
+Die Jakobiner! antwortete es in meinem Innern. Ich fühlte, die Luft war
+geladen mit Sprengstoff gegen mich.
+
+Den Faden meiner Rede hatte ich verloren, und unsicher und leise fuhr
+ich fort: »Ich habe Schulter an Schulter mit Ihnen gekämpft, -- was
+bedeutet das gegenüber der Tatsache, daß ich mit politischen Gegnern auf
+demselben Schiff nach England fuhr! Wir haben zusammen diesen Wahlkreis
+erobert, und in jener Nacht, da die alte rote Fahne als Zeichen des
+Sieges über uns flatterte, hat uns ein starkes Gefühl, wie ich glaubte,
+auf immer verbunden, -- aber was bedeutet das gegenüber dem Verbrechen
+der Kaisertoaste! Der Zweck der Reise war nichts anderes, als was im
+Interesse des Sozialismus gelegen ist, -- was bedeutet das gegenüber der
+Sünde, mit Nichtsozialisten an einem Tische gesessen zu haben! Dafür
+ist's nicht genug, daß unsere Presse mich beschimpfte, wie kein
+bürgerliches Blatt jemals zuvor, -- nein, es muß auch noch ein Exempel
+statuiert werden: der Genosse Brandt muß fallen! ... Nicht um
+unsertwillen, denn nicht wir sind die Unterlegenen, wenn Sie den
+vorliegenden Antrag annehmen, sondern im Interesse der Partei erwarte
+ich von Ihnen seine Ablehnung. Leisten Sie ihm Folge, so enthüllen Sie
+eine schwärende Wunde, und das in einem Augenblick, wo die bürgerliche
+Welt gierig darauf wartet, uns bei einer Schwäche ertappen zu
+können ...«
+
+Keine Hand rührte sich. Die Petroleumlampe, die von einem roten
+Papierschirm umgeben, von der Decke herabhing, flammte auf und warf ein
+unsicher flackerndes Licht über heiße Gesichter.
+
+Mein Mann sprach noch einmal, -- kalt, zornig. »Ich verlange nicht nur,
+daß Sie den Antrag ablehnen, sondern daß Sie ihn zurückziehen,« sagte
+er.
+
+Der Geruch der qualmenden Lampe machte mich schwindeln. Während der
+Pause, die die Genossen zur internen Beratung anberaumt hatten,
+verließen wir den Saal. Draußen empfing uns die stille, mondhelle Nacht.
+Das Armenhaus gegenüber warf einen breiten, schwarzen Schatten auf den
+Sand.
+
+»Der Antrag, den Genossen Brandt zur Niederlegung seines Mandats zu
+veranlassen, ist zurückgezogen,« erklärte der Vorsitzende, als wir
+wieder eintraten.
+
+Die Versammlung ging ruhig auseinander. Wir verabschiedeten uns mit
+einem förmlichen Gruß. Auf unserem Wege nach der Station geleitete uns
+niemand.
+
+Kaum waren wir ein paar Tage lang in unsere Arbeit wieder vertieft, als
+ich erfuhr, daß die Berliner Parteileitung mich aus der offiziellen
+Rednerliste der Partei gestrichen habe. Ich legte Protest ein und
+verlangte, gehört zu werden.
+
+Man lud mich vor. Rings um den Saal saßen die Männer, in der Mitte an
+einer langen Tafel die Frauen, Wanda Orbin an ihrer Spitze. Sie waren
+meine Ankläger gewesen. Martha Bartels war der Staatsanwalt. Sie zählte
+alle meine Sünden auf, von einer Agitationsreise an, die ich vor vier
+Jahren hatte absagen müssen, bis zur Englandfahrt. Aber auch meine
+Verteidigung war eine Anklage: ich verschwieg nichts. Mitten in meiner
+Rede erhob sich Wanda Orbin ungestüm von ihrem Platz; ich sah, wie ein
+Zittern ihren Körper durchlief, wie der Zorn ihre Züge verzerrte. Im
+nächsten Augenblick stand sie vor mir und erhob die Faust, -- einer der
+zunächst sitzenden Genossen sprang dazwischen.
+
+»So diskutieren wir nicht!« rief er empört.
+
+Der Beschluß, meinen Namen von der Rednerliste zu entfernen, wurde
+aufgehoben. Das Verhalten Wanda Orbins mochte die Genossen stutzig
+gemacht haben. Trotzdem war mein Sieg nur ein scheinbarer; in seinen
+Folgen blieb der Beschluß bestehen.
+
+Eine tiefe Niedergeschlagenheit bemächtigte sich meiner. Jeder Kampf um
+Ideen wirkt erfrischend, selbst wenn er mit den schärfsten Waffen
+geführt wird. Aber was ich erlebte, war so eng, so klein, hinterließ
+einen so arm, mit einem so bitteren Geschmack auf der Zunge. Nicht
+Gewitterschwüle war's, die lastend auf mir ruhte und die Hoffnung auf
+Blitz und Wolkenbruch weckt, sondern feuchtwarmer Nebel, ganz dichter,
+undurchdringlicher. Und er umschlang mit seinen langen Armen, die sich
+nicht greifen, noch weniger zurückstoßen lassen, die ganze Partei.
+
+ * * * * *
+
+Unter dem Zeichen der siegreichen russischen Revolution hatte der Jenaer
+Parteitag gestanden, eine tiefe Erregung, die nach Taten schrie, hatte
+sich aller bemächtigt; die Resolution zum Massenstreik hatte angesichts
+dieser Stimmung, so vorsichtig sie gefaßt war, wie eine Fanfare
+geklungen. Und nun war der Rausch vorüber; die Ernüchterung allein
+blieb. In kleinlichem Hader, in gegenseitigen Vorwürfen machte sie sich
+Luft.
+
+Mit steigendem Mißbehagen empfanden die Nur-Politiker den leisen Hohn,
+mit dem die Gewerkschafter ihnen begegneten. Sie hatten von jeher dem
+Theoretisieren über den Massenstreik skeptisch gegenübergestanden, und
+auf ihrem Kongreß in Köln sprachen sie sich rückhaltlos aus; von der
+Unfruchtbarkeit der Partei, von dem stagnierenden Sumpf der
+gegenwärtigen Situation, von der kläglichen Lage, in die wir durch die
+wirkungslos verpuffte Landtagswahldemonstration gekommen seien, von dem
+Mißverhältnis zwischen Worten und Taten war viel die Rede. Nicht ohne
+berechtigten Stolz wiesen sie darauf hin, daß die anderthalb Millionen
+gewerkschaftlich Organisierter eine stärkere Macht repräsentierten als
+die viermalhunderttausend Mitglieder der sozialdemokratischen
+Wahlvereine.
+
+»Ich habe die Möglichkeit einer Spaltung der Partei immer weit von mir
+gewiesen,« sagte einer der gewerkschaftlichen Führer; »aber wenn die
+Dinge sich weiter entwickeln wie jetzt, dann reißt uns, weiß Gott, die
+Geduld! Die Radikalen, die, wenn man den Firnis abkratzt, nichts sind
+als gewöhnliche Spießer, bilden sich ein, wir tanzen nach ihrer Pfeife,
+bloß weil sie so laut ist. Sie sollen sich wundern!«
+
+Auf dem Parteitag zu Mannheim kam es zu einem Duell zwischen Bebel und
+Legien. Keiner war unbestrittener Sieger, Wunden trugen beide davon, die
+sogenannte Einigungsresolution war nichts als ein Pflaster. Und die
+schweren Nebelschwaden senkten sich tiefer.
+
+Plötzlich aber erhob sich ein Sturm, den kein Wetterkundiger
+vorausgesehen hatte: die Regierung forderte einen Nachtragsetat für den
+Krieg gegen die Hereros, der im Verhältnis zu den Millionen, die die
+Reichstagsmehrheit bisher für die Kolonien bewilligt hatte, eine
+Lappalie war. Von den Rednern des Zentrums und der Sozialdemokratie
+wurde dabei die ganze Kolonialpolitik mit ihren Gewaltmaßregeln, ihren
+Grausamkeiten aufgerollt, und zu allgemeiner Überraschung wurde der
+Kredit für Südwest-Afrika abgelehnt. Das erschien der Regierung als der
+geeignete Moment, dem Volke durch die Tat zu beweisen, daß der
+Konstitutionalismus in Deutschland nur auf dem Papiere steht: nicht der
+Kanzler und die Minister danken ab, wenn die Volksvertreter sie
+desavouieren, sondern die Volksvertreter werden mit einem Fußtritt
+hinausgeworfen, wenn sie das persönliche Regiment nicht jasagend
+anerkennen.
+
+Wir erfuhren die Nachricht der Reichstagsauflösung, als wir mit Romberg
+im Kaffee des Kaiserhofs saßen. Und hier, wo eine Anzahl der politischen
+Berichterstatter größerer Zeitungen zu verkehren pflegten, rief sie
+einen Aufruhr hervor, wie ihn Berlin sonst nicht kannte.
+
+»Eine unglaubliche Dummheit der Regierung!« rief der eine stirnrunzelnd,
+der andere frohlockend.
+
+»Nun geht's in den Kampf --« Ich mußte an mich halten, um es nicht
+jubelnd herauszustoßen. Ich sah wieder entwölkten Himmel, weiten
+Horizont.
+
+»Wenn die Partei sich selbst zerfleischt, so ist noch immer die
+Regierung zugesprungen, um die Wunden zu heilen,« sagte mein Mann.
+Romberg zuckte die Achseln:
+
+»Die Kolonialfrage als Wahlparole?! Ich fürchte, Sie täuschen sich über
+ihre Bedeutung.«
+
+ * * * * *
+
+Der Winter war ungewöhnlich hart damals. Gerade die Not, die ihn zum
+Gefolge hat, macht ihn zu unserem Agitator, dachte ich. Alle unsere
+Gegner, an ihrer Spitze der Reichsverband gegen die Sozialdemokratie und
+der Flottenverein, rüsteten sich bis an die Zähne wider uns. Ich war
+überzeugt: das steigere nur unsere Kampflust und festige unsere
+Einigkeit wieder. Fürst Bülow selbst trat auf das Schlachtfeld und rief
+die staatserhaltenden Kräfte gegen die Sozialdemokratie auf. Dieses
+Eingreifen des höchsten Staatsbeamten wird selbst unsere lauen Anhänger
+zu hellem Zorn entflammen, -- dessen war ich gewiß.
+
+Und der Kampf begann. Über knirschenden Schnee flog der Schlitten, der
+mich von einem Dorf zum anderen trug. Oft bestieg ich ihn, glühheiß von
+der eben gehaltenen Rede, und die Luft, die mir den Atem am Munde
+gefrieren ließ, schien mir eine Wohltat. In den niedrigen Sälen fanden
+sich die Menschen ein wie sonst, aber der Sturm, der in den
+Schornsteinen heulte, der Schnee, der in dichten Flocken gegen die
+Fenster flog, trieb ihnen kühle Schauer über den Rücken.
+
+Je näher der Tag der Entscheidung rückte, desto fieberhafter arbeiteten
+wir. Den Husten, der mir des Nachts den Körper erschütterte, suchte ich
+zu ersticken, meine Stimme, die versagen wollte, zwang ich unter meinen
+Willen. Wir glaubten an den Sieg. Und in Augenblicken selbstvergessener
+Hoffnung, wo die bösen Geister der Sorge vor unserer Zuversicht die
+Flucht ergriffen, wo alle Furcht sich verkroch wie Schakale vor der
+aufgehenden Sonne, da fühlte ich, wie mein Herz heiß wurde und der
+Aberglaube Gewalt über mich bekam: von der Entscheidung hängt auch
+unsere Zukunft ab.
+
+ * * * * *
+
+Wieder, wie vor vier Jahren, saßen wir am Abend der Wahl im
+Gewerkschaftshaus zu Frankfurt. Und wieder hatte die Gärtnersfrau den
+Korb voll roter Nelken neben sich, und die Fahne lehnte eingerollt an
+der Wand. Aber die Genossen, die sich allmählich hereindrängten, machten
+ernste Gesichter, und die Boten, die kamen, brachten lauter Hiobsposten.
+Kein Ort, ohne einen Rückgang unserer Stimmen! Dazwischen die Depeschen
+aus anderen Kreisen: Verlust um Verlust. Noch ehe die letzten
+Nachrichten gekommen waren, leerte sich die Straße unter unseren
+Fenstern, und aus dem Saal schlich sich leise einer nach dem anderen. Es
+schlug Mitternacht, -- die Nelken welkten schon im Korbe. Wir waren nur
+noch ein Häuflein in dem großen öden Raum, -- wir wollten uns nichts
+ersparen: die Schlacht war endgültig verloren.
+
+Wenige Tage später -- in der Nacht nach den Stichwahlen -- gingen wir
+durch die Straßen Berlins: da kamen sie in langen Zügen, unsere
+Überwinder -- kein Polizeisäbel, kein Schutzmannskordon hielt sie auf.
+Vor dem Königsschloß sammelten sie sich in schwarzen Massen. »Heil dir
+im Siegerkranz --« brausend stiegen die Töne durch die klare Winterluft
+zu dem hellen Fenster empor, an dem der sich zeigte, der heute in
+Wahrheit der Sieger war: der Kaiser.
+
+
+
+
+Siebzehntes Kapitel
+
+
+Vor einem halben Menschenalter war's. Ich stand allein auf Bergesspitze
+im Gewittersturm. Dicht über mir hingen die Wolken, aus denen das Wasser
+brausend in die Tiefe schoß, unter mir ballten sie sich zusammen und
+verdeckten jeden Ausblick auf stille Dörfer und freundliche Heimstätten.
+Der Donner rollte; die Berge antworteten ihm, -- ein Gelächter der
+Riesen über das kleine Menschengeschlecht. Jeder Blitz öffnete die
+Wolkenwand; das Himmelsgewölbe dahinter stand in Flammen.
+
+Ich aber konnte nicht vor, -- nicht zurück. Ich mußte mich dem Wetter
+preisgeben, -- und ich fürchtete mich -- --
+
+ * * * * *
+
+Wir lagen nächtelang wach. Jeder tat, als schliefe er, aus Schonung für
+den anderen. Unsere Arbeit lähmte Hoffnungslosigkeit. Wir lächelten, als
+wären wir froh, um dem anderen nicht wehe zu tun.
+
+»Ilse meldet sich an --,« sagte Heinrich, als er eines Morgens die Post
+durchsah.
+
+»Jetzt?!« rief ich erschrocken. Sie kam schon am nächsten Tage, hatte
+einen seltsam verängstigten Zug im Gesicht und ein erzwungen
+leichtsinniges Lächeln um die Lippen.
+
+»Ich muß einmal wieder Großstadtluft atmen,« meinte sie; »die Stille bei
+uns ist oft schaurig.«
+
+Mir schien, als zittere sie dabei. Von nun an war der Telegraphenbote
+unser häufigster Gast. Zuerst glaubte ich, ihres Mannes besorgte,
+sehnsüchtige Liebe käme in diesem Depeschenwechsel zum Ausdruck. Warum
+hatte sie denn nur jedesmal rote Augen, wenn ein Telegramm gekommen war?
+
+Da, eines Morgens, stürmte einer in unser Zimmer, die Haare zerzaust,
+die Augen rot unterlaufen, -- der Gatte meiner Schwester. Vor seinen
+Verfolgern sollten wir ihn schützen, schrie er verzweifelt und barg den
+dunkeln Kopf in Ilsens Schoß, die mit erloschenem Blick auf ihn
+niedersah, die kleinen schwachen Hände auf seinem Haar. Noch am selben
+Tage kam er ins Irrenhaus. Er war tobsüchtig. Dann brach auch Ilse
+zusammen; aber sie weinte nicht, sie sprach nicht über ihr Schicksal,
+sie war nur wie erstarrt. Auch als sich herausstellte, daß ein großer
+Teil ihres Vermögens am Sanatorium ihres Mannes verloren gegangen war,
+zuckte sie nur die Achseln.
+
+Um so furchtbarer traf es uns. Bisher wäre der Verlust des Geldes, mit
+dem sie sich an der Neuen Gesellschaft beteiligt hatte, keine ernste
+Frage für sie gewesen. Jetzt war sie es. Hatte ich vor ihrem Kommen
+geglaubt, zusammenzubrechen, jetzt kam mir die Kraft zurück, eine des
+Fiebers.
+
+»Wir müssen aushalten, Heinz, wir müssen!« sagte ich, und wenn eine
+seiner vielen Bemühungen, Hilfe zu schaffen, wieder vergeblich gewesen
+war, so trieb ich ihn zu immer neuen Versuchen an. Und hie und da
+glückten sie. Für ein paar Monate konnten wir weiter schaffen, konnten
+leben. Aber jedesmal, wenn wir Hoffnung schöpften, erschien sicherlich
+irgendein Hetzartikel in der Parteipresse gegen uns, oder in den
+Wahlvereinen wurden wir von radikalen Genossen einer neuen Ketzerei
+beschuldigt, oder der alte Vorwurf des Geschäftssozialismus wurde laut.
+Wir spürten das alles an der Abnahme der Abonnenten.
+
+Wie kann ich Geld schaffen, -- wie?! Die Frage beherrschte meine
+Gedanken immer mehr. Ein »freier« Schriftsteller war ich, -- einer von
+den Tausenden, die ausziehen, ihre Feder zu führen wie ein Schwert. Aber
+die Not heftet sich an ihre Füße, zuerst ein Zwerg, und dann ein Riese,
+der sie in seine Dienste zwingt.
+
+»Lieber sterben!« stöhnte ich.
+
+Doch dann sah ich mein Kind, -- wie es blaß war, welch forschende Augen
+es auf mich richtete! Ich riß es in meine Arme:
+
+»Unter jedes Joch beuge ich meinen Nacken für dich,« dachte ich
+verzweifelt.
+
+Ich beschloß, Vorträge zu halten gegen Entree. Das war nichts
+Erniedrigendes. Jeder Dozent an der Universität bekommt ein Honorar für
+die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die er den Hörern vermittelt.
+Trotzdem widerstrebte es mir. Ein Gefühl grenzenloser Scham trieb mir
+den Angstschweiß jedesmal auf die Stirn, wenn ich die Rednertribüne
+betrat. Ich hatte immer einen vollen Saal. Ich »zog«, -- ich war eine
+Sensation. Wie ein gezähmter Löwe im Zirkus. Gegen ein paar Mark
+Eintritt konnte sich nun die beste Gesellschaft, ohne sich etwas zu
+vergeben, die berüchtigte Sozialdemokratin ansehen, -- mit dem Opernglas
+sogar. Meine Zuhörer trugen rauschende Kleider und viele Brillanten an
+den weißen Händen, mit denen sie Beifall klatschten, um zu erzwingen,
+daß ich mich vor ihnen verbeugte.
+
+»Unglaublich von einer Genossin, in diesem goldstrotzenden Saal zu reden
+und sich von diesem Publikum bezahlen zu lassen --,« sagte eine
+Besucherin, als ich gerade an ihr vorüber ins Freie trat. Ich preßte die
+Lippen zusammen, um nicht heftig aufzufahren --.
+
+Sobald ich sprach, erschrak ich vor der Stimme, die nicht mehr die meine
+war. Im letzten Wahlkampf hatte sie ihren Klang verloren, war heiser und
+rauh geworden. Und ich hatte sie geliebt, weil sie meine Worte so leicht
+und willig bis in jeden Winkel trug. Doch: -- was bedeutete das jetzt?!
+Es war mehr verloren gegangen als der helle Ton meiner Stimme.
+
+Ich fing an zu reisen; von einer Stadt in die andere. Zuweilen auf die
+Einladung irgendeines literarischen Vereines hin. In Hannover sagte mir
+der Vorsitzende:
+
+»Nicht wahr, Sie richten sich darauf ein, daß Offiziere unter unseren
+Mitgliedern sind.«
+
+In Köln hieß es: »Wir rechnen darauf, daß Sie auf unsere jungen Mädchen
+Rücksicht nehmen.«
+
+Hätte ich ihnen doch den Rücken kehren können!
+
+Wenn ich nach Hause kam, umklammerte mich mein Sohn mit überströmender
+Zärtlichkeit. Wie ich ihm fehlte! Niemand hatte Zeit für ihn! Und doch
+bedurfte er immer mehr der Freundschaft der Eltern! Über hundert
+Rätselfragen des Daseins begann er in seinen vielen einsamen Stunden
+nachzugrübeln. Und seine Phantasie, deren üppige Ranken ohne Stütze
+blieben, ohne die Hand des Gärtners, der sie zur rechten Zeit zu
+beschneiden versteht, überwucherten sein Gefühl. Er fürchtete sich oft
+vor seinen eigenen Träumen, so daß ich ihn des Nachts zu mir betten
+mußte.
+
+»Du verzärtelst den Jungen --,« sagte Heinrich dann ärgerlich. Und für
+übertriebene Sentimentalität hielt er es, wenn ich von der Atmosphäre
+des Unglücks sprach, die sichtlich auf des Kindes Seele lastete. So
+lernte ich schweigen, auch über das, was mir am tiefsten das Herz
+bewegte. Und in sehr dunkeln Stunden bemächtigte sich meiner ein
+fremdes, böses Gefühl. Dann häufte ich auf meinen Mann alle Schuld.
+
+In solch einer Stimmung traf mich Romberg. Er war voll aufrichtiger
+Teilnahme.
+
+»Lange halte ich es nicht mehr aus,« sagte ich, den Kopf in den Händen
+vergraben. Er sollte nicht sehen, daß meine Kraft nicht einmal mehr
+ausreichte, um die Tränen zurückzuhalten.
+
+»Ich wüßte eine Hilfe,« begann er dann langsam, »eine, durch die Sie
+frei würden und sorgenlos.«
+
+Ich hob den Kopf; alles Blut strömte mir zum Herzen. Eine Hilfe! Er
+zögerte. Dann sah er mich an mit einem festen warmen Blick, der die
+Freundschaft langer Jahre in sich schloß und sagte, jedes Wort betonend:
+
+»Trennen Sie sich von Ihrem Mann.«
+
+Als Minuten vergingen, ohne daß ich antwortete, erhob er sich.
+
+»Zürnen Sie mir?« fragte er.
+
+»Nein,« antwortete ich, ihm die Hand entgegenstreckend. Dann überliefs
+mich kalt. Auch jetzt lag die seine schlaff und kraftlos zwischen meinen
+Fingern.
+
+Ich überlegte seinen Rat und erschrak nicht einmal vor der kühlen Ruhe,
+mit der ich es zu tun vermochte. Er hatte recht: allein mit meinem Sohn,
+der Last der Zeitschrift ledig, die das meiste verschlang, was ich
+verdiente, würde ich, wenn auch noch so bescheiden, von meiner Arbeit
+leben können. Und ich wäre frei, -- frei! Unwillkürlich streckte ich die
+Arme weit aus, als gelte es, die Welt zu umfassen. Aber dann sah ich
+ihn: meinen Mann, meinen Kampfgefährten, meinen Leidensgenossen, -- den
+Vater meines Kindes! Ich fing an, ihn zu beobachten. Wie er leiden
+mußte. Und wie er mich liebte!
+
+Er brachte mir täglich ein paar Blumen mit, und wenn es nur wenige
+Veilchen waren. Das schlimmste suchte er mir aus dem Wege zu räumen, so
+lange es ging. Er hatte eine ritterliche, zurückhaltende Zärtlichkeit
+für mich. Und mein Junge hing an dem Vater.
+
+»Ich kann nicht, lieber Freund,« sagte ich mit einem wehen Lächeln, als
+Romberg wiederkam. Er runzelte die Stirn und wandte sich ab. Ich legte
+ihm die Hand auf den Arm.
+
+»Sie müssen versuchen, mich zu verstehen, Sie vor allem!« bat ich.
+»Haben Sie mich nicht selbst verspottet, als ich einmal die freie Liebe
+predigte, weil ich überzeugt war, das Eheproblem dadurch lösen zu
+können? Heute weiß ich, daß der Zettel auf dem Standesamt nicht die
+stärkste Fessel ist, die sie unfrei macht. Ich habe Frauen gesehen, die
+sich voll Idealismus dem Mann ihrer Wahl vermählten, ohne ihren Bund
+nach außen sanktionieren zu lassen. Nach kurzer Zeit sind sie
+bedauernswertere Sklavinnen geworden als die staatlich abgestempelten
+Ehefrauen. Ihre und ihres Kindes Existenz war von ihrem Manne abhängig,
+und jeden Tag konnte er sie verlassen. Darum klammerten sie sich an ihn,
+unterwarfen sich ihm, ertrugen seine Brutalität, seine Launen, seine
+Treulosigkeiten. Ich erkannte, daß die wirtschaftliche Selbständigkeit
+der Frau die Voraussetzung des freien Liebesbundes sein muß..«
+
+»Nun -- und sind Sie etwa wirtschaftlich abhängig?! Sie, mit Ihrer
+Begabung, Ihrer Arbeitskraft?« unterbrach er mich heftig.
+
+»Nein, gewiß nicht,« entgegnete ich; »diese Fessel trag' ich nicht mehr,
+und keine Frau brauchte ihre Menschenwürde von ihr erdrosseln zu lassen,
+wenn sie arbeiten gelernt hat. Aber es gibt andere Fesseln, -- zart und
+weich wie Seide, -- die unzerreißbar sind. Mein Sohn liebt seinen Vater.
+Wie kann ich sein Kinderherz verwunden, solch einen Zwiespalt in seine
+Seele tragen?«
+
+»Ein Kind überwindet rasch,« antwortete Romberg mit einer wegwerfenden
+Handbewegung.
+
+Ich verstummte. Er, der mir so nahe gewesen war, rückte plötzlich weit,
+weit von mir ab. Ihm von Heinrichs Liebe, von seinem Unglück und den
+anderen für mich unzerreißbaren Fesseln zu reden, wäre mir wie eine
+Preisgabe vorgekommen.
+
+Und doch: irgend etwas mußte geschehen.
+
+»Bald, -- bald reise ich nicht mehr fort ohne dich,« hatte ich immer
+wieder beim Abschiednehmen mein Kind getröstet.
+
+»Wann bleibst du wieder bei mir, Mamachen?« fragte es, und jedesmal
+wurde der Ausdruck seines Gesichtchens quälender.
+
+ * * * * *
+
+Meine nächste Vortragsreise führte mich nach Leipzig. Dort wohnte einer
+jener stillen Genossen, der für den Revisionismus eine offene Hand zu
+haben pflegte. Als mein Mann sich im Interesse der Neuen Gesellschaft
+einmal schriftlich an ihn gewandt hatte, war seine Antwort ein
+unfreundliches glattes Nein gewesen. Trotzdem hoffte ich noch auf die
+Wirkung einer persönlichen Unterredung. Es galt einen letzten
+verzweifelten Versuch.
+
+Ich werde die Reise nie vergessen, nie den Augenblick, wo ich, zitternd
+vor Scham und Angst, in des reichen Mannes Zimmer trat. Er mochte ahnen,
+daß ich als Bittende kam. Es dauerte Sekunden, ehe er mich zum Sitzen
+nötigte. Vielleicht würde er es gar nicht getan haben, wenn er nicht
+gesehen hätte, daß mir die Kniee bebten. Ich hatte einen Mantel an.
+Während der Zeit, die ich bei ihm war, nahm er ihn mir nicht ab. Er ließ
+mich reden, ohne eine Miene zu verziehen. Und dann sprach er -- langsam,
+jedes Wort betonend, sodaß es mir weh tat, wie lauter Schläge: »Ihr
+Mann ist ein guter Redakteur; das hat er am Archiv bewiesen. Aber er ist
+ein schlechter Geschäftsmann, sonst hätte er das prosperierende Archiv,
+das ihm eine sichere und angesehene Stellung bot, nicht hingegeben, um
+ein aussichtsloses Unternehmen zu beginnen. Ich mag nicht Wasser in ein
+hohles Faß schöpfen.«
+
+»Und doch erkannten Sie, wie ich hörte, selber an, daß die neue Aufgabe,
+die er sich stellte, wichtig, ja notwendig war,« wandte ich ein.
+
+»Ja. Für einen Mann, der ausreichende Mittel hat, um die Sache
+durchzuführen.« Damit erhob er sich.
+
+Ich war entlassen. Mir klebte die Zunge am Gaumen. Nun war der Moment,
+der einzige, der mir noch blieb. Ich war ja nicht gekommen, um einen
+Rechtsanspruch durchzusetzen, -- ich mußte bitten -- bitten. Ich fühlte
+die Tränen der Aufregung mir heiß die Augen füllen. Nur nicht weinen, --
+jetzt nicht weinen, dachte ich und biß die Zähne aufeinander. Da aber
+sah ich plötzlich mein Kind vor mir -- ganz deutlich: mit dem ernsten
+Blick und der sehnsüchtigen Frage auf den Lippen. Mein Kind! Glühende
+Schweißtropfen bedeckten meine Stirn, der Atem stockte. Mit einer
+raschen Bewegung warf ich den schweren Mantel von mir und riß das
+Fenster rücksichtslos weit auf. Ein konvulsivisches Schluchzen, dessen
+ich nicht Herr werden konnte, erschütterte meinen Körper. Dann wandte
+ich mich um und hob den Mantel von der Erde auf.
+
+»So will ich gehen --,« kam es tonlos über meine Lippen, -- ich konnte
+nicht bitten, ich konnte nicht!
+
+»Setzen Sie sich!« -- Es war wie ein Kommando. Die Erschöpfung, nicht
+der Gehorsam zwang mich, ihm zu folgen.
+
+»Ich werde Ihnen helfen, -- Ihnen persönlich, -- dieses eine Mal --«
+
+Ich kehrte zum Hotel zurück. Plötzlich fiel mir ein, daß ich die kühle
+Hand mit meinen Fingern dankend umschlossen hatte. Die Hand des Mannes,
+vor dem ich mich so erniedrigt hatte!
+
+ * * * * *
+
+Und nun ging es zu Ende. Unweigerlich. Trotzdem ich noch hergab, was ich
+eben empfangen hatte. Ein einziges Mal noch stieg unsere Hoffnung hoch
+auf, wie eine Leuchtkugel. Heinrich erhielt von einem, der helfen
+konnte, ein festes Versprechen. Er schloß darauf hin aufs neue mit dem
+Drucker ab und mit dem Papierlieferanten. -- Aber die Leuchtkugel
+zerplatzte, und es wurde ganz, ganz dunkel.
+
+Ich verlangte Klarheit von meinem Mann, -- rückhaltlose. Er gab sie mir
+mit einer Ruhe, von der ich glaubte, daß sie eine erzwungene sei: Alles
+war verloren. Da wir den Konkurs vermeiden wollten, blieb uns eine
+Schuldenlast, an der wir Jahre zu tragen haben würden. Um die
+allernächsten Zahlungen leisten und selbst leben zu können, gab es nur
+einen Ausweg.
+
+»Wir verpfänden unsere Möbel --,« sagte Heinrich, mit einem Ton, als
+spräche er von dem Gleichgültigsten von der Welt.
+
+Bisher hatte ich zusammengekauert auf dem großen Stuhl gesessen, der mir
+immer wie etwas Lebendiges gewesen war, weil seine Lehne den müden Kopf
+stützte, seine Arme sich schützend an mich schmiegten.
+
+Jetzt fuhr ich auf. »Das Letzte soll ich hergeben?! Und du meinst, ich
+täte das so kaltblütig wie du es aussprichst?!« rief ich, vor Entrüstung
+am ganzen Körper zitternd. »Das hier ist der Rest Heimat, den ich habe.
+Fast jedes Stück erinnert mich an den Vater, -- die Großmutter, -- an
+Georg, an meine Jugend --« Tränen erstickten meine Stimme.
+
+Mein Mann maß mich mit einem kühl-erstaunten Blick. »Stellung, Vermögen,
+Familie, -- alles hast du geopfert ohne ein Wort der Klage, und nun
+jammerst du um diesen Trödel,« sagte er kopfschüttelnd. Mein Verstand
+gab ihm recht, aber mein Herz blutete, als wäre ihm die schwerste Wunde
+geschlagen worden.
+
+In der Nacht darauf öffnete sich die Tür zu meines Sohnes Zimmer, er
+stürzte auf mich zu, umschlang meinen Hals und schluchzte verzweifelt:
+»Warum weinst du nur so? Warum weinst du nur so?!«
+
+In diesem Augenblick wußte ich, daß ich ein Opfer bringen mußte wie
+keines zuvor. Ich weinte nicht mehr. Ich war ganz still und ganz
+entschlossen. »Otto darf den Zusammenbruch nicht mit erleben,« sagte ich
+zu meinem Mann. »Schon jetzt ist er wie vergiftet, -- gar kein Kind
+mehr --«
+
+Ich erwartete eine heftige Szene.
+
+Statt dessen erhellten sich Heinrichs Züge. »Nun bist du wieder meine
+tapfere Alix« -- damit drückte er mir die Hand, so herzlich wie seit
+Monden nicht -- »natürlich ist das für alle Teile das Beste. Wir beide
+bauen ungehindert ein neues Leben auf, und er wird irgendwo auf dem Land
+wieder ein starker, froher Junge ...«
+
+Ich hörte seine Stimme nur noch wie ein fernes Brausen. So nahm er auf,
+wovon ich nie gesunden würde: -- fast froh! Ich starrte ihn an; die
+schreckliche Erregung verzerrte mir sein Bild, als hätte ich ihn noch
+nie gesehen. Mit diesem Mann hatte ich mein Leben verknüpft, -- und eben
+noch den Gedanken an eine Trennung weit, weit von mir gewiesen?! Mir
+schien, als wäre die Trennung vollzogen, lange schon, sonst hätte er in
+dieser Stunde, da mein ganzes Leben zusammenbrach, so nicht zu mir
+sprechen können, -- so nicht!
+
+ * * * * *
+
+Ich schrieb an einen Freund Egidys, den ich seit der Zeit, da ich ihn in
+dessen Hause traf, hie und da wiedergesehen hatte. So selten das gewesen
+war, mit einem Gefühl warmer gegenseitiger Anteilnahme waren wir uns
+immer begegnet. Jetzt leitete er eine Schule hoch oben im Thüringer
+Wald. Ich sprach ihm rückhaltlos von der Lage, in der wir uns befanden.
+»Mein Sohn leidet darunter, halb unbewußt, und ich will ihm das
+Schlimmste ersparen, will seine Jugend nicht hineinreißen in den Strudel
+unseres künftigen Lebens. Sie sehen, es ist ein Freundschaftsopfer das
+ich von Ihnen erwarte --,« hier zitterte mir die Hand und versagte den
+Dienst.
+
+Er antwortete umgehend, mit einem zarten Takt, der mir wohltat: »Ihr
+Sohn soll uns von Herzen willkommen sein. Und kein drückendes Gefühl
+darf Ihnen daraus entspringen. Überlassen Sie ruhig der Zukunft die
+materielle Seite der Sache. Da er Ihr Kind ist, wird er unserer Schule
+mehr geben, als er erhält und sich durch Gold aufwiegen läßt..«
+
+Zu Ostern wollte ich ihn hinbringen, aber ich verschob es von Tag zu
+Tag, mit ihm davon zu sprechen; er war so glücklich, daß ich auf einmal
+immer bei ihm war, mit ihm spielte, mit ihm spazieren ging, ihm
+Geschichten erzählte wie in der schönen alten Zeit.
+
+ * * * * *
+
+Indessen erschien die letzte Nummer der Neuen Gesellschaft, mit einem
+kurzen Abschiedswort an die Leser. Keiner von unseren Gesinnungsgenossen
+hatte ein Wort des Bedauerns dafür, niemand von denen, für deren
+Überzeugung sie gekämpft hatte, ohne sich durch gehässige Angriffe und
+gemeine Verleumdungen vom Wege ablenken zu lassen, der ihr als der
+rechte erschien, kümmerte sich um uns. Keinem konnte es ein Geheimnis
+sein, daß wir alles verloren hatten, aber kaum ein einziger hatte auch
+nur eine teilnehmende Frage danach. Wir waren abgetan, -- fertig. Die
+Genossen gingen über uns hinweg wie die Soldaten im Krieg über die
+gefallenen Kameraden auf dem Schlachtfeld.
+
+Damals hatte ich dafür nur eine verächtliche Gebärde. Große Schmerzen
+sind ein Palliativmittel gegen die kleinen.
+
+Nur eins erfüllte mich mit tiefer Bitterkeit: daß auch Romberg nicht
+wiederkam. Er hatte eine Auseinandersetzung mit meinem Mann gehabt, bei
+der seine lange im stillen herrschende Feindschaft gegen ihn zu offenem
+Ausbruch gekommen war. Ich erfuhr nicht viel davon. Aber um mich mochte
+sich's gehandelt haben und darum, daß Romberg meinem Mann vorwarf, unser
+Unglück verschuldet zu haben, und dieser sich jede Einmischung in unser
+Tun und Lassen verbat. War das Grund genug, um mich gerade jetzt im
+Stich zu lassen? Und an seine aufrichtige Freundschaft hatte ich
+geglaubt!
+
+ * * * * *
+
+Ein Ostermorgen war es, hell und leuchtend. Ein Auferstehungsfest, das
+die geflügelten Musikanten der Natur mit hundertstimmigem Gesang
+begrüßten. Mit lauter lustigen goldgelben Flecken bedeckte die Sonne den
+Erdboden unter den Kieferstämmen. Wir gingen durch den Grunewald nach
+Schildhorn, mein Sohn und ich. Wie er sich freute! Jedes armselige
+Blümlein, das der karge Sand hervorsprießen ließ, bewunderte er. Und die
+Luft, die ein Odem erwachenden Lebens war, sog er ein mit tiefen
+durstigen Zügen.
+
+»Ich hasse die Stadt,« sagte er mit der ganzen Energie seiner zehn
+Jahre. »Warum können wir nicht auf dem Lande leben?«
+
+Das war der rechte Augenblick, um ihm von Waltershof zu sprechen, der
+Schule im Thüringer Wald. Mit stockender Stimme begann ich, und erzählte
+von dem freien Leben dort und den vielen Kindern.
+
+Seine Augen glänzten. »Das denke ich mir riesig fein!« rief er.
+
+»Möchtest du am Ende gar selber hingehen?« fragte ich zögernd.
+
+Er machte einen Luftsprung. »Natürlich! Aus der scheußlichen Stadt
+heraus auf die Berge, -- was gibt es Schöneres!«
+
+Ich hätte mich freuen müssen, -- aber die Tränen traten mir in die
+Augen. So würde ihm der Abschied nicht allzu schwer werden!
+
+ * * * * *
+
+Ein paar Tage später reisten wir ab. Er war wie umgewandelt; in
+leuchtenden Farben malte er sich das Leben aus, das seiner wartete.
+Zuweilen schien er zu stutzen, wenn er mich ansah.
+
+»Und du besuchst mich oft, sehr oft, nicht wahr, Mamachen? Und zu den
+Ferien komme ich immer nach Haus?« sagte er dann, im Gefühl, mich
+trösten zu müssen.
+
+Von der Station fuhren wir mit dem Wagen bergauf durch dichte
+Tannenwälder. Mein Sohn verstummte und schmiegte sich an mich. Ob ihn
+nun der Abschiedsschmerz packen würde? Das Herz klopfte mir
+erwartungsvoll. »Ein bißchen geniere ich mich doch vor den fremden
+Jungens,« meinte er.
+
+Oben auf der Hochebene, wo der Wind über freie Felder strich und mit den
+kleinen runden Frühlingswölkchen spielte wie ein Kind mit dem Fangball,
+verlor er seine scheue Stimmung wieder.
+
+»Wie wunder -- wunderschön das ist,« sagte er mit einem Blick in die
+Ferne.
+
+In stiller großer Einsamkeit reihte sich Berg an Berg; die kleinen
+grauen Menschenwohnungen verschwanden in den tiefen Tälern.
+
+Der Direktor begrüßte uns wie vertraute Freunde. Die Schüler
+betrachteten aus gemessener Entfernung den Ankömmling. Er umfaßte wie
+schutzsuchend meine Hand. Jetzt, -- jetzt wird er bei mir zu bleiben
+verlangen! -- Da trat ein brauner Bursche aus der Schar.
+
+»Sieh mal die Wiese dort,« sagte er zu meinem Jungen und wies auf den
+gelbblühenden Abhang, der sich hinter dem Hause in die Tiefe senkte;
+»willst du da hinunter mit mir um die Wette laufen?«
+
+Und im selben Augenblick, -- kaum daß er Zeit gefunden hatte, mir Mantel
+und Mütze zuzuwerfen, -- flog er mit ihm davon. Wie heller Sonnenschein
+tanzten ihm die blonden Locken um den Kopf. Ich starrte ihnen nach. Mir
+gingen dabei die Augen über. Hinter den Fichtenstämmen, -- weit, weit im
+Tal, erloschen sie.
+
+»Er wird sich rasch zu Hause fühlen,« sagte der Direktor.
+
+Er wird sich rasch zu Hause fühlen --!
+
+Ich verließ Waltershof schon am nächsten Morgen. Jede Stunde, die ich
+blieb, kam wie ein verschlagener Räuber und stahl mir stückweise mein
+Liebstes.
+
+Ehe ich in den Wagen stieg, umarmte mich mein Sohn mit stürmischer
+Heftigkeit. Nun endlich wird es ihn übermannen --! Ich preßte ihn an
+mich, ich hielt ihn fest. Dieser Schoß hat dich geboren, an diesem
+Herzen wuchsest du empor, -- schrie es in mir, -- nur ein Wort der Liebe
+sag mir, ein Wort der Sehnsucht, und ich verteidige deinen Besitz gegen
+Hölle und Himmel! Aber er schwieg. Seine Augen blieben hell. Ringsum
+standen die Lehrer und die Schüler --. Ich nahm seinen Kopf zwischen
+meine Hände und küßte ihn. Ich grüßte noch einmal lächelnd nach rechts
+und links. Dann zogen die Pferde an --
+
+ * * * * *
+
+Damals, vor einem halben Menschenalter, als ich im Gewittersturm auf dem
+Berge stand, dem Wetter preisgegeben, fürchtete ich den Tod. Was hätte
+ich jetzt noch fürchten können?
+
+
+
+
+Achtzehntes Kapitel
+
+
+In Schleier aus durchsichtigem Silber gewoben hüllte sich der blaue
+Frühlingshimmel. Milde lächelnd glänzte sein großes Sonnenauge. Und die
+kleinen weißen Wolken standen ganz still wie erwartungsvoll staunende
+Kinder, ehe der Vorhang vor dem Märchenspiel aufgeht. Die Luft
+streichelte mit weichen Händen die Erde, als wäre sie sehr, sehr krank.
+
+Jetzt trugen sie den letzten Hausrat aus der alten Wohnung. Der große
+gelbe Wagen vor der Tür wartete darauf, ihn in die neue hinüberzufahren.
+
+Ich sah mich um in den leeren Räumen: auf dem Boden lag Papier und Stroh
+und Scherben, in den Winkeln Staub in großen grauen Flocken. Zögernd,
+als hielte eine unsichtbare Hand mich zurück, öffnete ich die Tür zu
+meines Sohnes Zimmer. Von seinen unruhigen Füßchen war die Diele
+zertreten. Dunkel zeichnete sich der Platz am Boden ab, wo sein Bett
+gestanden hatte; -- wie oft, seitdem er fort war, hatte ich den Kopf in
+die leeren Kissen vergraben --
+
+Eine Hand berührte meine Schulter.
+
+»Komm, Alix,« sagte Heinrichs weiche, tiefe Stimme hinter mir. Auf
+seinen Arm gestützt, mit tief gebeugtem Nacken ging ich die Treppen
+hinab. Auf der Straße versagte mir der Atem; mein Begleiter hatte einen
+so raschen, elastischen Schritt, daß ich ihm nicht zu folgen vermochte.
+Er trug auch den Kopf ganz hoch, wie einer, der noch als Eroberer ins
+Leben tritt. Und waren wir nicht Geschlagene?! Ich hatte meinen Gedanken
+laut werden lassen. Heinrich blieb stehen.
+
+»Hast du die Waffen gestreckt?!« fragte er stirnrunzelnd mit scharfer
+Betonung. »Ich nicht! Was uns nicht umbringt, das macht uns stärker.«
+
+Ich senkte den Kopf noch tiefer; eine jähe Röte schoß mir in die
+Schläfen.
+
+Er hatte die Türe zu unserer neuen Wohnung mit Blumen bekränzen lassen.
+Daß ich sie nicht abriß, geschah nur, um ihm nicht wehe zu tun. Drinnen
+empfingen uns schon die stummen vertrauten Gefährten unseres Lebens.
+Aber an dem großen Schreibtisch stand jetzt nur noch ein Stuhl. Ich
+hatte ein eigenes kleines Zimmer.
+
+»Das ist der erste Schritt zur Ehetrennung,« lächelte mein Mann, mit
+einem Blick auf mich, in dem eine ernste Frage lag. Ich blieb ihm die
+Antwort schuldig.
+
+»Freust du dich denn gar nicht, daß all der Kram dir nun doch erhalten
+blieb?!« sagte er nach einer Pause in einem erzwungen leichten Ton. »Wie
+hast du darum gezittert, du armer Angsthase du!« Und wieder stieg mir
+das Blut ins Gesicht. Ich schämte mich, daß ich so hatte empfinden
+können.
+
+»Dem, der mir dazu verhalf, werde ich immer dankbar sein,« sagte ich
+leise, -- es war keiner der alten Freunde, keiner der offiziellen
+Vertreter der »Brüderlichkeit« gewesen! -- »Aber mehr darum, weil ich
+doch noch einen Menschen mit warmem Herzen gefunden habe, als um der
+Stühle und Schränke und Kisten und Kasten willen ...«
+
+Heinrich drückte mir die Hand. Dann nahm er eine der letzten Nummern der
+Neuen Gesellschaft aus dem Bücherschrank.
+
+»'Solchen Menschen, welche mich etwas angehen, wünsche ich Leiden,
+Verlassenheit, Mißhandlung, Entwürdigung, -- ich wünsche, daß ihnen das
+Elend der Überwundenen nicht unbekannt bleibt: ich habe kein Mitleid mit
+ihnen, weil ich ihnen das einzige wünsche, was heute beweisen kann, ob
+Einer Wert hat, oder nicht, -- daß er standhält ...'« las er. »Diese
+Worte Nietzsches habe ich abgedruckt, weil sie meine eigene tiefe
+Überzeugung aussprechen.«
+
+Seine Kraft verletzte mich fast. Ich wollte nicht überwinden. Es kam mir
+wie ein Verrat an meinem Kinde vor, wenn auch mich ein Gefühl ergriff,
+als ginge ich gestärkt einem neuen Leben entgegen. Ich pflegte mein Leid
+mit selbstquälerischer Wollust. Ich liebte es.
+
+Aber -- seltsam --: Je länger es neben mir herging, desto mehr wandelte
+sich sein gräßliches Medusenhaupt in das stille, ernste Antlitz eines
+Freundes. Es nahm mich bei der Hand und führte mich langsam, Schritt vor
+Schritt, -- mein Herz ertrug es nicht anders, -- einen hohen Berg
+hinauf. Und von da oben sah ich in das Tal meines Lebens. Ich erkannte
+seine großen Umrisse und geraden Linien, aber all die Hindernisse auf
+den Wegen -- den Unrat auf den Straßen -- sah ich nicht mehr.
+
+ * * * * *
+
+Eines Tages trat mein Mann mit einem großen Strauß duftender Rosen in
+mein Zimmer.
+
+»Zum Zeichen, daß ich dir wieder Blumen bringen kann,« sagte er
+lächelnd. Nun erfuhr ich erst von seiner Arbeit, von den Plänen, die
+ihrer Verwirklichung entgegengingen, -- rein geschäftlichen
+Unternehmungen, denen er neben seiner literarischen Tätigkeit all seine
+Kräfte widmete, ohne sich eine Stunde der Ruhe, eine Pause der Erholung
+zu gönnen, -- nur das eine Ziel im Auge: die drückenden Schulden zu
+zahlen, uns eine Existenz zu gründen und -- er sprach es so leise aus,
+als ob er sich scheue, daran zu rühren -- »dir dein Kind zurückzugeben.«
+
+»Heinz!« rief ich, -- die Tränen stürzten mir aus den Augen, -- ich
+griff nach seinen beiden Händen und drückte sie zwischen den meinen.
+
+»Was meinst du, wenn du den Buben holen gingst?!« Und vorsichtig, als
+wäre ich etwas sehr Zerbrechliches, zog sein Arm mich an sich.
+
+Ich fuhr schon am nächsten Morgen nach Waltershof. Wie langsam schlich
+der Zug durch die blühende Sommerpracht, wie endlos hielt er sich an all
+den vielen Stationen auf! Endlich, endlich kam ich an. Droben auf der
+Höhe, wo jetzt das Korn in hohen Garben stand und alle Ähren grüßten und
+nickten, als wüßten sie um mein Glück, kam mir mein Junge
+entgegengelaufen -- --
+
+Wie groß und wie braun, und wie stark und wie froh er war! Sonderbar,
+daß irgend etwas dabei mich schmerzte. Er küßte und herzte mich immer
+wieder, -- aber nicht mit dem Bedürfnis nach Schutz, nach Anlehnung,
+wie die kleinen Kinder, wenn sie sich an die Mutter schmiegen. Ich sah
+ihn dann im Kreise der Kameraden auf der grünen Wiese, im Tannenwald:
+wie er seine Kräfte an den ihren maß. Ich dachte an unsere Straße,
+unsere enge Wohnung; -- ich wagte noch nicht, ihm zu sagen, warum ich
+gekommen war. Und als ich am nächsten Vormittag dem Unterricht
+beiwohnte, in Klassen, wo kaum mehr als zehn Kinder beieinandersaßen und
+der Lehrer imstande war, sich mit jedem einzelnen zu beschäftigen, auf
+seine Interessen und Fähigkeiten einzugehen, -- da dachte ich an die
+überfüllten städtischen Gymnasien mit all ihrem Gefolge von Krankheit
+und Laster und Stumpfsinn; ihre unglückseligen Opfer fielen mir ein, die
+den Martern des Geistes und Körpers den Tod vorzogen. Mich schauderte:
+hatte ich ein Recht, über mein Kind zu verfügen nach meinem Gefallen?
+Kein Zweifel: sein Instinkt hatte für Freiheit und Natur entschieden.
+
+»Ich komme morgen nach Haus, und komme -- allein,« schrieb ich an meinen
+Mann. »Otto ist ein selbständiger Mensch geworden, und ich habe hier
+gelernt, was keine pädagogische Buchweisheit mir hätte beibringen
+können: daß auch die Kinder sich selbst gehören, nicht uns; daß die
+Kindheit einen Wert an sich hat. Es mußte so sein, wie es ist. Wenn
+unser Sohn stark genug ist, um auch neben uns ein Eigener zu bleiben,
+wird er vielleicht freiwillig zurückkehren ... Ich schreibe das Alles so
+hin, und die Worte sehen aus, als kosteten sie mich nichts. Ich glaube,
+ich brauche Dir nicht erst zu sagen, was ich überwinden mußte. Es wird
+noch lange dauern, bis ich von meiner Mutterliebe abgestreift haben
+werde, was jeder Liebe eigentümlich ist: den Willen zum Besitz. Seitdem
+Du mich fühlen ließest, daß auch Du unser Kind entbehrst, weiß ich: Du
+wirst Geduld mit mir haben.«
+
+Jetzt erst wurde ich mir der ganzen Leere meines Lebens bewußt: war ich
+schon so alt, um nur noch in philosophischer Ruhe seine Resultate zu
+ziehen? Um abseits zu stehen wie Zuschauer am Schlachtfeld?
+
+ * * * * *
+
+Als mir von seiten der Gewerkschaften die Aufforderung zuging, einige
+ausschließlich Bildungszwecken dienende Vorträge im internen Kreise
+organisierter Arbeiter zu übernehmen, ergriff ich die Gelegenheit, von
+der ich glaubte, daß sie mir wenigstens eine befriedigende Tätigkeit
+eröffnen würde. Seit dem Jahre 1906 hatten die Partei und die
+Gewerkschaften, einem Beschluß des Mannheimer Parteitags folgend, den
+Bildungsbestrebungen tatkräftigeres Interesse zugewandt. Außer der
+Partei- und Gewerkschaftsschule in Berlin und ähnlichen Einrichtungen in
+den größeren Provinzstädten, wo eine beschränkte Zahl ausgewählter
+Schüler systematischen historischen und nationalökonomischen Kursen
+regelmäßig folgte, wurden Referate gehalten, die Allen zugänglich waren,
+die ihre Mitgliedschaft zu einer Arbeiterorganisation nachweisen
+konnten. Die Lehrer der Parteischule waren Radikale strengster
+Observanz. Sie sprachen von »bürgerlicher« Wissenschaft, »bürgerlicher«
+Kunst, zu der die vom Zukunftsstaat zu erwartende in scharfem Gegensatz
+stünden. Sie waren Geist vom Geist des preußischen Kultusministers, der
+einen Privatdozenten abgesetzt hatte, weil er Sozialdemokrat war. In
+ihrem Kreise waren die kühnen Sätze gefallen, daß die Philosophie eine
+ideologische Begleiterscheinung der Klassenkämpfe und ihre Geschichte
+eine Geschichte bürgerlichen Denkens sei.
+
+Die Gewerkschaften standen zu ihnen in einem leisen aber darum nicht
+weniger starken Gegensatz, der auch in der Wahl ihrer Referenten zum
+Ausdruck kam. Schon als ich zum erstenmal sprach, -- vor einer
+Zuhörerschaft von ein paar hundert Arbeiterinnen, -- wurde mir erzählt,
+wie empört die führenden Genossinnen seien, daß man mich dazu
+aufgefordert habe.
+
+Durch Fragen, durch Bitten um Ratschläge für ihre selbständige
+Fortbildung, durch Bücher, die ich auslieh, und die mir persönlich
+zurückgebracht wurden, kam ich in Berührung mit Männern und Frauen, die
+noch nicht zu den »gehobenen Existenzen« gehörten. In der Nüchternheit
+des Alltagslebens, fern der Begeisterung, die Feste und Kämpfe
+entzünden, lernte ich ihr Leben, ihr Denken und Fühlen kennen. Es stand
+fast ausnahmslos unter dem Zeichen der Unzufriedenheit, des Mangels an
+einem Inhalt, der über die Misere des Daseins hinaus stark und
+hoffnungsfroh macht. Eine gewisse seelische Leere kam vielen zum
+Bewußtsein, etwa wie ein Gefühl dauernden Frierens. Die Ideale des
+Sozialismus hatten, da ihre Verwirklichung so fern gerückt war, für das
+persönliche Leben viel von ihrem Feuer verloren.
+
+Aber gerade in der zum Ausdruck kommenden Unzufriedenheit mit den
+äußeren Erfolgen und den inneren Werten der Partei lag eine starke
+latente Kraft, die bereit war, jeden Augenblick alles Lastende,
+Hindernde fortzuschieben, wenn nur irgendwo der Weg ins Freie sich
+zeigte.
+
+Nach einer meiner Versammlungen begrüßte mich Reinhard. Er war zuerst
+ein wenig verlegen, als ich aber harmlos und freundlich blieb, taute er
+auf. Ich erzählte ihm von meinen Beobachtungen. »Ich bilde mir natürlich
+nicht ein, daß sie maßgebend sind, aber ich halte sie doch für
+Symptome.«
+
+Er gab mir recht. »Wir befinden uns zweifellos in einer inneren Krisis,«
+sagte er, »die sich immer wieder nach außen bemerkbar macht. Jetzt
+beginnt der Zank schon wieder. Diesmal um die Frage der
+Budgetbewilligung. Sobald wir versuchen durch eine Politik, die immer
+mehr oder weniger auf Konzessionen beruht, Schritte nach vorwärts zu
+tun, Vorteile oder Einfluß zu gewinnen, kommen die anderen und schwenken
+mit Geschrei die angeblich von uns verratene Fahne des Prinzips. Ich
+möchte wissen, was geschehen soll, wenn wir einmal in den Parlamenten
+eine Vertretung haben, mit der gerechnet werden muß? Ob wir dann das
+prinzipienfeste Neinsagen unseren Wählern gegenüber verantworten können?
+-- Ich sehe schwarz in die Zukunft, Genossin Brandt, sehr schwarz! Ich
+fürchte, wenn erst einmal unsere Alten tot sind, dann fällt die Partei
+auseinander.«
+
+»Und wäre das wirklich so fürchterlich?« wandte ich ein. Er fuhr auf.
+Seine Augen blitzten mich an wie früher.
+
+»Genossin Brandt!« rief er entrüstet. »Sollten die Leute recht haben,
+die von Ihnen behaupten, daß Sie nicht mehr die unsere sind?!«
+
+»So --,« sagte ich gedehnt, »das also erzählt man von mir?! Und Ihnen
+erscheint es möglich, weil ich eine Spaltung der Partei nicht für den
+schrecklichsten der Schrecken halte?! Es zeugt für ein sehr geringes
+Vertrauen in die Notwendigkeit der Entwicklung zum Sozialismus, wenn wir
+annehmen wollten, daß solch ein Ereignis einen mehr als vorübergehenden
+Nachteil nach sich zöge. Unser Ziel bleibt doch unverändert dasselbe, in
+wie viel Heerscharen wir ihm auch entgegenmarschieren!«
+
+Reinhards Gesicht färbte sich dunkelrot. »Sie scheinen ja ein solches
+Unglück fast zu wünschen!« sagte er mit verbissenem Grimm.
+
+»Davon bin ich ebensoweit entfernt wie Sie,« antwortete ich. »Ich suche
+nur, Sie und mich von der Angst davor zu befreien. Dabei frage ich mich,
+ob es nicht viel korrumpierender für den einzelnen und lähmender für die
+Aktion der Masse ist, wenn immer wieder um der äußeren Einheit willen
+Resolutionen angenommen werden, die für sehr viele nur auf dem Papiere
+stehen, und das Erfurter Programm krampfhaft aufrecht erhalten wird,
+obwohl immer weitere Kreise von Genossen ganze Sätze daraus für
+unrichtig halten. Die Radikalen, die in der Form des Ausschlusses aus
+der Partei eigentlich nichts anderes wollen als eine Spaltung, gehen
+dabei von einer ganz richtigen Empfindung aus: daß die innere Einheit
+die Voraussetzung der äußeren sein muß. Nur daß sie wie Kurpfuscher an
+den Symptomen herumkurieren.«
+
+»Und Sie wüßten ein Mittel, die Krankheit zu heilen?« Dabei sah Reinhard
+mich an, als erwartete er eine Offenbarung von mir.
+
+Ich lachte. »Wenn ich ein Mittel wüßte, glauben Sie, ich hätte es nicht
+schon längst auf allen Gassen ausgeschrien?! Nur einen Weg dahin glaube
+ich zu wissen. Die Übel, unter denen wir leiden, lassen sich alle auf
+eine Ursache zurückführen: die fehlende richtige Grundlage unserer
+Bewegung. Was bisher als solche galt, hat sich zu einem Teil als falsch
+oder nicht ausreichend erwiesen.«
+
+Er machte ein enttäuschtes Gesicht: »Also ein neues Programm! Wenn es
+weiter nichts ist!«
+
+»Ich las gestern in einem Brief von Hegel einen Satz, der sich mir ins
+Gedächtnis geprägt hat,« fuhr ich fort, »'die theoretische Arbeit bringt
+mehr in der Welt zustande als die praktische; ist das Reich der
+Vorstellung revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht stand'.
+Gerade wir Revisionisten haben diese tiefe Wahrheit fast vergessen. Sie
+auch, wie ich sehe. Und doch glaube ich, hätten wir ein Programm, das
+alle inzwischen zweifelhaft gewordenen Theorien beiseite ließe, alle
+praktischen Forderungen den Entscheidungen des Tages anheimgäbe und nur
+den Ausgangspunkt feststellte, -- den Klassenkampf, -- und das Ziel, --
+die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln; wir würden
+weniger zerrüttende Kämpfe in unseren Reihen haben, und Millionen
+Außenstehender würden nicht Mitläufer, sondern Parteigenossen werden.«
+
+»Ich wundere mich, daß Sie bei Ihrem gründlichen Aufräumen den
+Klassenkampf nicht auch zum Fenster hinauswerfen,« spottete Reinhard mit
+einem Anflug von Ärger.
+
+»Sie sind hellsehend, lieber Genosse,« entgegnete ich, »denn die Form,
+in die er vor einem halben Jahrhundert gezwängt wurde, ist freilich
+unbrauchbar geworden. Leute wie ich zum Beispiel haben keinen Platz in
+ihr. Man redet uns ein, und wir glaubten es, daß wir aus reinem
+selbstlosen Edelmut in die Partei eintraten; wir blieben infolgedessen,
+als nicht recht dazu gehörig, unsichere Kantonisten in den Augen der
+geborenen Klassenkämpfer. Ich bin inzwischen schon für mich allein von
+dem Kothurn dieses Edelmuts herabgestiegen und habe gefunden, daß ich
+mit demselben Recht wie der Arbeiter im Klassenkampf stehe. War ich
+nicht, mittellos, auf meine Arbeit angewiesen? War ich nicht abhängig
+von meiner Familie, also unfrei? Der hungernde Arbeiter sucht freilich
+in erster Linie Brot; aber das könnte ihm auch eine vernünftige
+bürgerliche Sozialreform sicherstellen. Er ist Sozialdemokrat, weil er
+mehr will: Freiheit. Genau dasselbe, wonach ich verlangte, als es mich
+in die Partei trieb; genau dasselbe, wonach Hunderttausende sich sehnen,
+-- lauter Abhängige, -- lauter geborene Klassenkämpfer, die die Partei
+mit ihrem engen: 'die Befreiung der Arbeiter kann nur das Werk der
+Arbeiter selbst sein', mit der 'Diktatur des Proletariats' als
+notwendiges Befreiungsmittel zurückstößt, im besten Falle nur
+duldet ...«
+
+Wir waren vor der Tür meiner Wohnung angekommen.
+
+»Selbst wenn Sie recht hätten, -- was ich nicht weiß --,« sagte
+Reinhard; »die radikale Tradition ist viel zu stark innerhalb der
+Arbeiterschaft, als daß solch eine Programmänderung möglich wäre. Mir
+scheint auch, es würde immer noch etwas fehlen --«
+
+Ich nickte. »Es fehlt noch immer etwas, -- ja --,« meinte ich
+nachdenklich. Dann trennten wir uns.
+
+ * * * * *
+
+Als mein Vortragskursus zu Ende war, bekam ich keine Aufforderungen
+mehr. An meinen Zuhörern lag das nicht; ihr regelmäßiges Erscheinen, ihr
+wachsendes Interesse zeugte dafür. Aber der Einfluß der Zionswächter des
+Radikalismus war stärker als sie.
+
+»Nun haben sie dich wieder an der Arbeit verhindert,« sagte mein Mann
+ärgerlich.
+
+»Es ist vielleicht für mich das beste,« meinte ich. »Zuviel
+Zweifelfragen sind in mir wach geworden. Jahrelang hat das Fieber der
+Tagesforderungen sie immer wieder unterdrückt. Jeder denkende Mensch
+sollte eigentlich die Möglichkeit haben, sich hie und da von der Welt
+zurückziehen zu können, um zu sich selbst zu kommen. Trappistenklöster
+für Ungläubige, -- das wäre eine erlösende Einrichtung.«
+
+»Möchtest du den Schleier nehmen?!« fragte er, -- etwas wie Besorgnis
+sprach sich in seiner Frage aus.
+
+»Für ein paar Monate, ja!« entgegnete ich. »Um als ein starkes und
+frohes Weltkind zurückzukehren.«
+
+Aber wenn ich ihn ansah, schämte ich mich, solche Wünsche zu haben. Er
+war abgespannt und müde. Er bedurfte mehr als ich einer Zeit der Ruhe.
+So wenig er von sich selber sprach, ich erfuhr doch, daß das Mißlingen
+sich mit grausamer Hartnäckigkeit an seine Fersen heftete.
+
+Die Sorgen, die er hatte von unserer Türe fernhalten wollen, krochen
+durch die Fenster herein; aber wenn ich sah, wie er ruhig blieb, wie
+neue Hindernisse nur immer neue Widerstände in ihm entwickelten, dann
+überkam mich das Bedürfnis, mich an ihn zu schmiegen, ganz dicht,
+geschlossenen Auges, voll tiefen Vertrauens ...
+
+Im Herbst begann ich meine Vortragsreisen wieder. Ich mußte Geld
+verdienen. Und was dies Publikum verlangte: ein wenig Anregung, ein
+wenig Sensation, war ich fähig zu geben. Es wurde mir diesmal leichter
+als sonst. Viele Menschen kreuzten meinen Weg, und was mir bei den
+Proletariern begegnet war, das fand ich in anderer Form wieder: wer
+nicht im Genußleben ertrank oder im Kampf ums Dasein zerrieben wurde,
+den beherrschte ein Gefühl brennender Unzufriedenheit, ein unbestimmtes
+Suchen.
+
+Es war die Zeit, wo Fürst Bülow, in der Hoffnung auf diese Weise die
+Steuerforderungen der Regierung durchzusetzen, die unnatürliche
+Verbindung zwischen Liberalen und Konservativen herbeigeführt hatte. Wer
+noch vom echten Liberalismus einen Blutstropfen in sich fühlte, mußte
+sich dieser Paarung schämen.
+
+Die besten Elemente des Bürgertums waren politisch obdachlos. Ihr
+steuerloses Schiff näherte sich unwillkürlich wieder der Flut des
+Sozialismus.
+
+»Den Kulturwert der Arbeiterbewegung erkennt wohl jeder von uns an,«
+sagte mir ein junger Gelehrter in einer kleinen Universitätsstadt. »Und
+daß ihr ökonomisches Streben zugleich ein sittliches ist, wird kein
+objektiv Denkender bestreiten. Sie ist im Kampf gegen die Reaktion auch
+die Hoffnung derer, die nur zusehen müssen.«
+
+Der Kreis der modernen Snobisten, die aus der Erkenntnis der
+Notwendigkeit sauberer Wäsche und reiner Nägel eine Weltanschauung
+konstruiert und Rombergs Ausspruch, daß Bildung und Politik unvereinbare
+Begriffe wären, zu dem ihren gemacht hatten, schrumpfte sichtlich
+zusammen.
+
+Und auch auf anderen Gebieten geistiger Interessen wuchs die
+Innerlichkeit, der Ernst. Aus einer Spielerei müßiger Stunden wurde die
+Kunst zu einer Angelegenheit persönlichen Lebens, -- eine Kunst, die von
+den Göttern und Madonnen zur Erde herabgestiegen war, die den
+charakteristischen Stempel innerer Notwendigkeit allem aufprägte, -- vom
+geringfügigen Gebrauchsgegenstand bis zum hamburger Bismarckdenkmal. Aus
+einer Tradition, der man sich nur an jedem Feiertag erinnerte, wurde die
+Religion zu einer die Gemüter erregenden Bewegung; daneben drängten
+pädagogische und sexuelle Probleme sich mehr und mehr in den
+Vordergrund, und neben den alten Werten der Schule, der Ehe, der
+Familie, erschienen wie aus Flammen gebildet riesengroße Fragezeichen.
+
+Als eine reaktionäre Masse wurde die Bourgeoisie nach altem Rezept von
+der Partei bezeichnet. Die Wirklichkeit strafte sie Lügen. Was ich sah,
+war wie ein Strom, dessen Wassermassen der alten Dämme zu spotten
+schienen und sich nun wahllos, ziellos ausbreiteten. Es fehlte nur das
+neue Bett, um ihre große Kraft zu vereinen und nutzbar zu machen.
+
+Ich fühlte, wie ich froh wurde angesichts der neuen Erkenntnis, wie
+meine Hoffnung ihre Flügel regte und Überzeugungen, die im Sturm der
+Zweifel geschwankt hatten, nur noch tiefere Wurzeln schlugen.
+
+Aber es war, als stünde unser Leben unter einem bösen Zauber: Sahen
+junge Triebe der Freude mit einem hellen Frühlingslächeln aus dem
+Erdboden hervor, so prasselten Hagelkörner vom Himmel und schlugen sie
+grausam nieder.
+
+Mitten in einer Vortragsreise versagte meine Stimme völlig. Was die
+Ärzte schon lange vorausgesagt hatten, geschah: von einer Tätigkeit wie
+der bisherigen konnte keine Rede sein.
+
+ * * * * *
+
+Was nun? Ich saß vor meinem Schreibtisch, -- einem ganz alten aus hellem
+Birnbaumholz mit schwarzen Säulchen, der früher irgendwo in einem Winkel
+gestanden hatte, -- und lehnte mich müde in den tiefen Stuhl zurück.
+Großmutters Stuhl! Mir war, als sähe ich sie vor mir: das schmale,
+dunkle Gesicht mit den großen Augen, und einem Lächeln um die feinen
+Lippen, das über alles Erdenleid zu triumphieren schien. Viel, viel zu
+früh hatte ich sie verloren! Plötzlich fielen mir die Papiere ein, die
+ich von ihr besaß: Briefe, Tagebuchnotizen, Stammbücher. Sie hatte sie
+mir hinterlassen, mir allein. Als ob sie mir sich selbst habe schenken
+wollen. Ich suchte sie hervor und las und las. Aus den vergilbten
+Blättern duftete der Frühling berauschend, und die Sonne schien bis tief
+hinein in das winterstarre Herz, und aus schweren dunkeln Wolken strömte
+warmer Regen, segenspendender. Und eine weiche Hand streichelte mich,
+als wäre auch ich krank, sehr krank.
+
+Ihr Leben war voll stiller Kämpfe gewesen, und aus einem jeden war sie
+stärker hervorgegangen. Es hatte ihr den Geliebten ihrer Jugend, hatte
+ihr Freunde und Kinder geraubt, und ihr Herz war bei jedem Verlust nur
+reicher geworden an Kraft und Liebe. Dann war sie einsam
+zurückgeblieben, zwischen lauter Fremden, und war doch nicht bitter
+geworden, und verstand auch den Fernsten und den Ärmsten. Nur eins
+überwand sie nie: das unverschuldete Elend in der Welt --.
+
+Ich ging jeder Regung ihrer Seele, jeder Spur ihres Daseins nach. Dabei
+entdeckte ich ein Gewebe feiner Fäden, das sich von ihr bis zu mir
+herüberspann, eine ununterbrochene Folge von Ursache und Wirkung, eine
+eherne Gesetzmäßigkeit.
+
+Nun schrieb ich das Buch von ihr, weil ich es schreiben mußte. Von früh
+bis spät arbeitete ich. Es war dabei sehr still um mich und in mir. Nur
+wenn ein Brief von meinem Kinde kam, -- einer jener kurzen, frohen,
+lebensprühenden Zeichen seiner Jugendkraft, -- nahmen meine Gedanken
+eine andere Richtung an. Aber sie trieben mir nicht mehr die Tränen in
+die Augen: denn mein Sohn lebte, mein Sohn blieb mir nah, auch wenn er
+fern war. Meiner Großmutter Kinder waren ihr fern gewesen, wenn sie sie
+mit Händen hatte greifen, mit Augen hatte sehen können. Und auch daran
+war sie nicht zugrunde gegangen. Sie hatte standgehalten.
+
+Ich schrieb wie im Fieber. Die Arbeit war wie eine Wünschelrute. Sie
+schloß in meinem Innern lauter verschüttete Quellen auf.
+
+Von dem glühenden Abendhimmel der klassischen Periode Weimars war der
+Großmutter Jugend umstrahlt gewesen; die geistigen Heroen des
+neunzehnten Jahrhunderts hatten auf ihren Lebensweg breite Schatten
+geworfen. Je deutlicher mir der geistige Werdegang der Vergangenheit
+entgegentrat, zu desto klareren Bildern schoben sich die scheinbar wirr
+durcheinanderlaufenden Zeichen der Gegenwart zusammen. Unter dem Gesetz
+dieses großen Entwicklungsprozesses stand auch ihr Leben; das gab ihm
+seine Bedeutung, so eng, so still es an sich auch gewesen war.
+
+Mein Buch erschien. Und plötzlich schien die Großmutter nicht nur für
+mich lebendig geworden. Sie stand da, mitten in der Welt und redete mit
+den Menschen. Selbst aus den verstimmten Instrumenten der Seelen lockte
+sie wie einst Melodien hervor. Viele kamen und dankten mir, als ob ich
+sie geschaffen hätte!
+
+Nur in der Parteipresse gab es Leute, die mich beschimpften; es war in
+dem Buch auch von Fürsten und Aristokraten die Rede, die keine Schufte
+waren. Als ich es las und mein Herz dabei nicht einmal schneller
+klopfte, erschrak ich: Sollte ich so stumpf geworden sein? Oder stand
+ich den alten Genossen so fern? Erst allmählich fing ich an, mich selbst
+zu verstehen.
+
+»Geht es dir so nahe, daß du nicht darüber zu sprechen vermagst?« fragte
+mich mein Mann.
+
+»Es ärgert mich nicht einmal,« antwortete ich.
+
+Sein Gesicht leuchtete auf: »So stehst du endlich über den Dingen und
+wertest die Menschen, wie sie es verdienen.«
+
+»Du verstehst mich nicht ganz,« wandte ich ein. »Nicht nur weil ich
+weiß, daß sie mir in Wahrheit nichts anhaben können, gräme ich mich
+nicht mehr über Urteile wie diese, sondern weil ich sie verstehe --«
+
+Er sah mich ungläubig lächelnd an.
+
+»Ja, ich verstehe sie,« wiederholte ich. »Uns trennt ein
+unüberbrückbarer Abgrund: der der inneren Kultur. Wie die Genossinnen
+sich ständig über mein Äußeres ärgerten, -- weil ich eben anders war als
+sie, -- so muß der Durchschnitt der Genossen an meinem Wesen Anstoß
+nehmen.«
+
+»Hm --,« machte mein Mann, »das klingt --«
+
+»Sehr hochmütig,« vollendete ich. »Ganz gewiß! Und doch ist es weit von
+jedem Hochmut entfernt. Was ich wurde, bin ich anderen schuldig: Nicht
+nur meinen Vorfahren, sondern auch den vielen Tausenden, die deren
+gesicherte Existenz, deren geistige Entwicklung durch ihr sklavisches
+Arbeitsleben erst möglich machten.«
+
+»Folgerst du nun aus deiner Behauptung, daß Menschen wie du sich von der
+Partei fern halten müßten? Daß also der Satz: 'Die Befreiung der
+Arbeiterklasse kann nur ein Werk der Arbeiterklasse selbst sein' im
+Sinne der radikalen Genossen, die heute jeden Überläufer zurückweisen
+möchten, aufgefaßt werden darf?« fragte Heinrich interessiert.
+
+»Damit würde ich mich selbst negieren,« rief ich lebhaft. »Ich folgere
+zunächst etwas rein Persönliches: daß ich den Genossen unrecht tat, wenn
+ich ihnen ihre Feindseligkeit zum Vorwurf machte; daß es himmelblauer,
+allen realen Erfahrungen spottender Idealismus war, wenn ich von ihnen
+Anerkennung, Verständnis, Anteilnahme erwartete. Sind sie uns denn in
+ihrer Masse persönlich anziehend? Stören uns nicht schon eine Menge
+bloßer Äußerlichkeiten? Verstehen wir sie denn so gut?«
+
+»Du vergißt, wie mir scheint,« warf Heinrich ein, »daß eine Reihe
+Akademiker ganz im Proletariat aufging --«
+
+»Ich glaube es nicht, so demagogisch sie sich auch gebärden mögen, um
+den Anschein zu erwecken, es wäre so,« entgegnete ich. »Wenn ihre Kultur
+nicht nur Tünche ist, so rächt sich ihre Heuchelei in stillen Stunden
+bitter an ihnen. Weißt du --,« fügte ich langsam hinzu, »sobald ich mir
+Wanda Orbins früh gealterte, durchfurchte Züge vergegenwärtige, bin ich
+gewiß, daß sie empfindlich darunter leidet --«
+
+Heinrich runzelte die Stirn: »Du gehst denn doch ein wenig weit in
+deinem Mitgefühl. Willst du vielleicht auch ihr Verhalten gegen dich
+beschönigen?«
+
+»Beschönigen -- nein; erklären -- ja! Sie muß herrschen, um die
+Preisgabe der inneren Freiheit ertragen zu können. Infolgedessen
+beseitigt sie jeden, der ihr im Wege steht, -- ganz abgesehen davon, daß
+ich ihrem fanatischen Radikalismus als Schädling erscheinen mußte!«
+
+»Das Endresultat deiner Erwägungen,« sagte mein Mann mit einem leisen
+Spott im Ton der Stimme, »ist demnach ein erhaben christliches: Liebet
+eure Feinde, segnet, die euch fluchen --«
+
+Ich hob abwehrend beide Hände. »Nein, nein, nein!« rief ich aus und
+stand auf, um mit raschen Schritten im Takt meines Herzschlages auf und
+ab zu gehen. »Vom Christentum bin ich weiter entfernt denn je. Die tief
+eingewurzelte christliche Auffassungsweise ist es ja, die uns zu so
+falscher Stellungnahme getrieben hat. Da ist zunächst die christliche
+Idee der Selbstaufopferung. Keiner von uns Überläufern, mich selbst
+eingeschlossen, hat sich nicht zuweilen mit einer Art pfäffischer
+Selbstzufriedenheit an seinem eigenen Opfermut berauscht, hat sich nicht
+innerlich vorgerechnet, was er alles um der Sache willen aufgab, hat
+sich nicht das Leben in dem Gefühl verbittert, daß die Genossen dieses
+Opfer nicht zu würdigen verstehn. Wenn ich schon als Kind außerstande
+war, den Opfertod Christi als solchen zu empfinden, -- nicht nur, weil
+er als Gottessohn die Gewißheit ewigen Lebens besaß, sondern weil es mir
+nicht so heldenhaft erschien, in der Ekstase des Glaubens für die
+Erlösung der ganzen Menschheit zu sterben, -- so weiß ich jetzt, daß
+unser Opfer gar kein Opfer ist, sondern im Gegenteil Selbstbehauptung.
+Es wäre ein Opfer gewesen, -- und eine Sünde wider den Geist wie jedes
+'Opfer', -- wenn ich mich nicht zum Sozialismus bekannt hätte. Seiner
+Überzeugung nicht folgen, die Stimmen seines Innern nicht hören wollen,
+-- das allein sind Opferungen; die sie bringen, sind arme
+Lebensschwache. Auch ich habe mich solcher Sünden schuldig gemacht: als
+ich mich einmal Wanda Orbin unterwarf, als ich Forderungen meines
+Geistes und Herzens zum Schweigen brachte.«
+
+»Auch des Herzens?« unterbrach mich mein Mann.
+
+»Weißt du nicht mehr, -- damals, -- als meine Sehnsucht nach dir rief --
+und ich sie unterdrückte!«
+
+Er nickte mit gesenktem Kopf. »Ich habe mir schweren Schaden getan,«
+bekannte ich, als spräche ich jetzt nur mit mir selber, »die Liebe ist
+eine Quelle der Kraft. Daß so viele Frauen so klein sind und so
+armselig, liegt wohl nur daran, daß sie sich selbst verurteilen, daneben
+zu stehn, während die anderen die freien Glieder in ihrem brausenden
+Strome baden.«
+
+Heinrich sah auf. Sein Blick forschte in meinen Zügen. »Hast du -- noch
+andere Opfer gebracht? Herzensopfer -- meine ich,« fragte er langsam.
+Ich preßte die Handflächen krampfhaft aneinander.
+
+»Mein Kind --,« kam es mühsam über meine Lippen.
+
+Wir schwiegen beide. Ich mußte mir ein paarmal mit der Hand über die
+Stirne streichen; mit schweren, grauen Schwingen strichen die Vögel
+meiner Schmerzen mir um das Haupt.
+
+»Ich habe dich aus deinem Gedankengang gerissen, -- verzeih!« knüpfte
+Heinrich das Gespräch nach einer langen Pause wieder an. »Von der
+christlichen Idee der Selbstaufopferung gingst du aus --«
+
+»Mit ihr haben wir nur immer uns selbst irre geführt,« fuhr ich fort,
+»aber mit den anderen führen wir die Massen irre: mit der Gleichheit
+aller im Sinne gleichen Wertes und gleicher Entwicklungsfähigkeit, mit
+der Brüderlichkeit im Sinne gegenseitigen Verständnisses. Als ob die
+Natur, die jeden Grashalm vom anderen unterschied, den Menschen nicht
+eine noch reichere Mannigfaltigkeit ermöglichen sollte; -- als ob wahre
+Brüderlichkeit nicht immer seltener, dafür aber immer tiefer würde, je
+mehr wir uns entwickeln! Natürliche Schranken respektieren, statt sie
+niederzureißen, -- Distanzen anerkennen, statt sie mit Phrasen zu
+überbrücken, -- kurz, im Sinne der Entwicklung handeln, die stets vom
+Einförmigen zum Vielfachen schreitet, -- das wäre unsere Aufgabe! Statt
+dessen ziehen wir unter der Maske der Brüderlichkeit den Dünkel groß,
+rotten die Ehrfurcht vor den Heroen des Geistes aus, so daß schließlich
+jeder Hans Narr einen Goethe Bruder nennt. Von dem Dreigestirn der
+Forderungen, das die Revolution vom Christentum übernahm und der
+Sozialismus von beiden, wird nur eins übrig bleiben: die Freiheit!«
+
+Es wurde wieder sekundenlang still zwischen uns. »Vielleicht begegnen
+wir einander allmählich in unseren Gedankengängen und könnten dann
+wenigstens noch zu jener seltenen Brüderlichkeit gelangen --,« sagte
+Heinrich schließlich.
+
+Mit einer raschen Bewegung näherte ich mich ihm und legte den Arm um
+seinen Hals. Der Klang seiner Stimme tat mir zu weh. Er löste sich sanft
+aus der Umschlingung. »Nicht so, Alix --,« sagte er leise; »weißt du
+noch, wie du einmal zu mir sagtest: der Stunde sollten wir warten, der
+wir gehorchen müssen?! -- Ich fürchte, sie ist noch fern --!« Und in
+ruhigem Gesprächston fuhr er fort: »Du wirst dich darüber in keiner
+Täuschung befinden: Alles, was du sagtest, ist für die heutige
+Sozialdemokratie Ketzerei.« Ich nickte.
+
+»Noch kennt sie niemand als du. Aber sollten die losen Gedanken sich zur
+Kette zusammenschieben, so werde ich den Schatz nicht in meine Truhe
+legen.«
+
+»Auch wenn sie dich bezichtigen, falsches Gold zu fabrizieren?!«
+
+Ich warf den Kopf zurück. Ein heißes Gefühl der Kampflust strömte mir
+durch die Adern und bewies mir, daß ich lebte. »Auch dann!«
+
+ * * * * *
+
+Das Erbe meiner Großmutter befreite mich von einem gut Teil äußerer
+Sorgen. Und jetzt erst, da die Not, dieser Sklavenhalter, nicht mehr
+hinter mir stand, fühlte ich alle Striemen, mit denen ihre
+Peitschenschläge meinen Körper gezeichnet hatten. Ich sah die Blässe
+meiner Wangen, die Falten um meinen Mund, die müden Augen. Und doch
+wollte ich nicht alt sein, denn noch lag ein Leben vor mir, und ich
+wollte nicht häßlich sein, denn eine tiefe, tiefe Sehnsucht trieb mir
+heißes Blut durch die Adern.
+
+Ich ging in ein Sanatorium in die Nähe von Dresden, um gesund zu werden.
+Unter dem Menschenschwarm aus der alten und neuen Welt, der sich dort
+ein Stelldichein zu geben schien, traf ich auch einen Bekannten:
+Hessenstein. Meinen alten Tänzer, einen der glänzendsten Kavaliere der
+Westfälischen Gesellschaft, hätte ich in dem grauhaarigen Mann mit dem
+gebeugten Rücken kaum wiedererkannt.
+
+»Merkwürdig,« sagte er nach der ersten Begrüßung, »Sie sind immer noch
+Alix von Kleve! -- Eben las ich Ihr Buch. Daraus erfuhr ich, daß Sie
+auch innerlich noch Alix von Kleve sind, oder -- besser gesagt -- daß
+Sie heimkehrten.«
+
+»Wie meinen Sie das?« fragte ich lächelnd. »Ich brauchte nicht
+heimzukehren, denn ich war immer bei mir!«
+
+»Auch als Sie noch zu den Singer, Stadthagen, Luxemburg, und wie die
+Zierden der Partei alle heißen mögen, gehörten?!«
+
+»Ich war und bin Sozialdemokratin, -- damit gehöre ich meiner
+Überzeugung, nicht den Menschen,« antwortete ich merklich kühler
+werdend.
+
+»Wie, Sie sind nicht aus der Partei ausgetreten und konnten dies
+schreiben --,« er zog das Buch von der Großmutter aus der Tasche,
+»-- das Werk eines vollendeten Aristokraten --«
+
+»Sie haben einmal andere Ansichten gehabt, Herr von Hessenstein,«
+unterbrach ich ihn.
+
+»Wer von uns hätte nicht törichten Träumen nachgehangen?!« meinte er.
+
+Wir sahen einander oft, und es tat mir wohl, einem teilnehmenden
+Menschen von meinem Leben zu erzählen.
+
+An einem kühlen Herbsttag, -- dem letzten vor meiner Abreise, wanderten
+wir auf die Heide hinaus. »Ich liebe sie,« sagte Hessenstein, »sie geht
+mit so stiller Würde dem Winter entgegen, ohne sich durch überflüssige
+Stürme über die Hoffnungslosigkeit der Situation aufzuregen.«
+
+»Nun weiß ich endlich, warum ich sie nicht liebe,« antwortete ich;
+»diese Ergebung in das Schicksal wird mir immer fremd sein. Ich würde
+mich an den Sommer klammern, wenn es Winter werden wollte.«
+
+Er sah mich kopfschüttelnd an: »Nach all Ihren Erfahrungen diese
+Lebenskraft?! Nachdem all Ihre Opfer nutzlos waren?!«
+
+Ich schwieg betroffen still. Die Frage, ob ich genutzt hatte oder nicht,
+hatte ich mir selbst nie gestellt. Ich überlegte: all die Reformen, für
+die ich in hartem Kampf gegen die Genossen eingetreten war, kamen mir
+jetzt, aus der Vogelperspektive, nicht mehr so welterschütternd vor.
+Aber immerhin; sie hatten sich durchgesetzt. Die Dienstbotenbewegung
+war im Gang, die Mutterschaftsversicherung war zur Forderung der Partei
+geworden; die Haushaltungsgenossenschaft stand wenigstens
+auf dem Diskussionsprogramm; selbst jene Zentralstelle der
+Arbeiterinnenbewegung, deren Forderung mir fast den Hals gekostet hatte,
+war vor ein paar Jahren geschaffen worden und funktionierte
+vortrefflich. Und wie viele mochte ich dem Sozialismus gewonnen haben?
+Ich sah wieder glänzende Augen auf mich gerichtet, fühlte den Druck
+schwieliger Hände, hörte den Siegesjubel mich umbrausen --.
+
+»Nein,« sagte ich hell und laut, »meine Arbeit ist nicht nutzlos
+gewesen! Es gibt kein Wort, das nicht die Luft in Schwingung versetzt,
+keinen Gedanken, der sich nicht weiterpflanzt! -- Und daß ich in der
+Partei aushalte?! Meinen Sie denn, es würde an meiner Überzeugung irgend
+etwas geändert werden, wenn ich ihr nicht offiziell angehörte, oder wenn
+sie, -- was ich nicht für unmöglich halte, -- mich noch einmal gehen
+heißt? Gewiß, ich zweifle an der Richtigkeit mancher ihrer
+Programmforderungen, ich halte ihre Taktik sehr oft für falsch, ich
+sehe, daß sie von hundert Schönheitsfehlern behaftet ist, -- aber all
+das vermag die Hauptsache nicht zu erschüttern. Der Sozialismus ist das
+einzige Mittel, um die Menschheit aus dem Zustand der Barbarei auf die
+erste Stufe der Kultur zu erheben --«
+
+Er legte beschwichtigend seine schmale, blaugeäderte Hand auf die meine.
+»Sie sind in keiner Volksversammlung,« sagte er; »sie brauchen nicht so
+starke Farben aufzutragen --«
+
+»Ich trage sie nicht auf. Ich spreche in ruhigster Überlegung,« fuhr ich
+fort. »Oder ist es etwa keine Barbarei, daß die überwiegende Masse der
+Menschheit, daß Millionen, viele Millionen, von Kindheit an bis zum
+Greisenalter zu härtestem Frondienst verurteilt sind, daß sie von dem
+einzigen Sinn des Lebens, der Entfaltung der Persönlichkeit zur höchsten
+Potenz ihrer Leistungs- und Genußkraft, durch den Zufall der Geburt und
+des Besitzes ausgeschlossen sind?! Die Befreiung des Menschen von den
+blinden Gesetzen des Schicksals, die vollkommene Unterjochung der
+Materie unter den Geist, -- das ist uns das Ziel; einer fernen Zukunft
+aber wird es zweifellos erst als der Anfang der Menschheitsentwicklung
+erscheinen.«
+
+Mein Begleiter blieb stumm. Erst als wir droben von der Heide in den
+herbstbunten Wald schritten, sprach er wieder. »Ich bewundere Ihren
+Glauben. Sollte wirklich die Vergesellschaftung der Produktionsmittel
+solchem Ziel entgegenführen?! Dann wäre es allerdings sträflich, sich
+ihrer Durchsetzung entgegenzustemmen!«
+
+»Ich sehe zunächst kein anderes,« antwortete ich. »Freilich: ein
+aktuelles Problem ist sie nicht. Aber so etwas wie eine regulative Idee.
+Im übrigen: ich schwöre ja nicht darauf. Ich kann mir vorstellen, daß
+sie einmal durch andere Forderungen ergänzt werden müßte. Aber das Ziel
+ist für mich unverrückbar.«
+
+Wir näherten uns wieder dem Sanatorium. »Sie gehen nach Java zurück?«
+fragte ich, ehe wir uns trennten. »Nein,« entgegnete er. »Dreizehn Jahre
+habe ich da unten gelebt, -- eine böse Zahl! -- Ich bin dabei ein
+reicher Mann geworden. Aber kein glücklicher. Jetzt will ich --,« er
+schürzte in bitterer Selbstverhöhnung die Lippen, »-- mein Leben als
+Europäer genießen. Sie sehen: Ihre ersehnte Beherrschung der Materie ist
+keine zuverlässige Grundlage des Glücks.«
+
+»Glücklichsein -- im Sinne der Befriedigung unserer Triebe ist doch auch
+nur ein Herdenideal. Wessen Leben es ausfüllt, der ist entweder ein
+Schwächling oder ein Greis --«
+
+Er drückte mir die Hand. »Sie sind eine merkwürdige Frau. Vielleicht
+komme ich nach Berlin und lerne auf meine alten Tage noch leben. Nur
+eins geben Sie mir bitte jetzt schon auf den Weg: Sind Sie so kalt, daß
+Sie das Glück ganz auszuschalten vermögen, und -- wenn nicht -- was
+verstehen Sie darunter?«
+
+Ich atmete tief auf. Ich sah mich an einem Tage wie diesem mit dem
+Geliebten im Wald, -- die Sehnsucht packte mich, so heiß, so stark, daß
+ich erschauerte. Aber dem fremden Mann, der erwartungsvoll vor mir
+stand, hätte ich nicht sagen können, was mich bewegte. »Kampf, --
+Kraftentfaltung, -- Widerstände beseitigen, -- sie aufsuchen, wenn sie
+sich nicht von selbst ergeben, -- darin kulminiert das Lebensgefühl der
+Starken,« sagte ich.
+
+Er verabschiedete sich. Ich sah ihn im Hause verschwinden, mit gebeugtem
+Rücken, sehr müde.
+
+ * * * * *
+
+Auf der Heimfahrt klopfte mir das Herz unruhiger als sonst. Ich dachte
+an Heinrich. Seine Lebensauffassung war's, der ich Worte geliehen, an
+der ich mich selbst zuerst aufgerichtet hatte, und die nun wie
+ein Fluidum in meine Seele geströmt war. Ein Gefühl tiefer
+Zusammengehörigkeit überkam mich, das ich noch nie empfunden hatte, --
+am wenigsten dann, als wir, an den gleichen Pflug gespannt,
+unzertrennlich waren. Vielleicht, daß Freunde so miteinander leben und
+arbeiten können; -- Liebende nicht, sicher nicht! Aber sind es nicht die
+besten Ehen, die zur Freundschaft werden? Oder ist das nicht auch eine
+jener alle Natürlichkeit knechtenden Anschauungen, die wir armen
+Menschen uns von der Moral des Christentums einpauken ließen, einer
+Moral, für die die Sinne und die Sünde identisch waren, der ihre
+Überwindung als der Tugend Krone erschien?! Ehe ist der Bund zweier
+Liebenden; wo sie zur bloßen Freundschaft wurde, sind die Sinne tot oder
+äugen sehnsüchtig nach anderer Befriedigung.
+
+Die Ehe von einst beruhte auf der Autorität des Mannes gegenüber der
+Frau, der Autorität der Eltern gegenüber den Kindern, -- ein Staat im
+kleinen mit Herren und Knechten. Jetzt aber stehen Individualitäten
+einander gegenüber. Das Leben von einst läßt sich ihnen wohl noch
+aufzwingen, aber sie zerbrechen daran. Zur Herdflamme wird die Liebe
+nicht mehr. Aber zum lodernden Opferbrand an den hohen Festen des
+Lebens!
+
+Für die Liebe ist der sicherste Tod die Unfreiheit. Sie wächst mit dem
+Pathos der Distanz.
+
+Wie ein kleines Mädchen, das zum ersten Male liebt, wagte ich kaum mir
+selbst zu gestehen, was ich fühlte. Als mein Mann mich am Bahnhofe
+empfing und mir die Hand küßte, errötete ich. Und abends ertappte ich
+mich dabei, wie ich im Spiegel forschend meine Züge musterte und die
+Haare anders zu stecken versuchte. -- Er war jetzt immer so förmlich,
+so ritterlich zu mir! Ob ich am Ende zu alt war: -- Zweiundvierzig
+Jahre! In Paris hatte ich Frauen gesehen, die älter waren als ich und
+doch noch schön. Freilich: das Leben hatte mich gezeichnet! -- Ganz
+heimlich -- ich hätte mich sonst vor ihm zu sehr geschämt! -- fing ich
+an, mich mehr zu pflegen als sonst, die Farbe meiner Kleider, die Form
+meiner Hüte sorgfältiger auszuwählen. Ich verschwendete fast. Ganz, ganz
+in der Ferne sah ich einen neuen Sommer voll Glanz und Glut. Noch lag er
+im Zauberschlaf, tief unten in der winterstarren Erde. Aber meine
+Sehnsucht trog mich nicht: er mußte kommen.
+
+
+
+
+Neunzehntes Kapitel
+
+
+In Eis gepanzert, einen langen Mantel von Schnee um die Schultern, trat
+das neue Jahr seine Herrschaft an. Gleichgültig sahen seine kalten Augen
+über die Menge hinweg, die jammernd die Arme zu seinem Thron erhob.
+
+Die Not war groß. Brot und Fleisch waren teuer, und für die
+Menschenkraft, die sich billig anbot, gab es keine Arbeit. Der Winter
+trieb die Arbeitslosen in Scharen in die Wärmehallen; vom frühen
+Nachmittag an drängten sich die Obdachsuchenden vor den Asylen. Wer in
+ihre Nähe kam, den trafen Blicke, in denen der Haß gegen die
+Herrschenden, der Groll mit dem Schicksal flammte. Das waren keine
+Almosen heischenden Bettler mehr, keine in ein gottgewolltes Geschick
+Ergebenen.
+
+Das Proletariat füllte den ganzen Winter über die Säle, um gegen eine
+Politik zu protestieren, die zwar mit den Insignien des
+Konstitutionalismus prunkte, aber nur ein Werkzeug des Absolutismus war.
+Es wußte von den Millionen neuer Steuern, die drohten, es hatte
+erfahren, daß es gegen die geeinte Reaktion machtlos war, daß die
+eiserne Hand Preußens auf ihm ruhte, wenn es sich aufrichten wollte. Es
+erkannte, daß es Mauern und Gräben zu bewältigen galt, ehe die feste
+Burg, der Staat, ihm zufiele. Junker und Pfaffen hielten sie besetzt,
+bereit, nur über ihre Leichen den Weg frei zu geben.
+
+Der erste Akt des Dramas begann.
+
+ * * * * *
+
+Vor dem Abgeordnetenhaus in Berlin eine dichtgedrängte Menschenmasse.
+Polizisten zu Fuß und zu Pferd, den Revolver im gelben Gürtel, halten
+die Zufahrt frei. Und hinter ihnen stehen Tausende, Männer, Frauen,
+Kinder. Sie warten. Sie besetzen die Auffahrt des gegenüberliegenden
+Kunstgewerbemuseums. Sie halten Umschau von oben. Und plötzlich biegt in
+scharfem Trabe eine Karosse um die Ecke der Prinz Albrechtstraße. »Der
+Reichskanzler!« gellt es laut. Die Menge flutet ihm entgegen, ihm nach,
+eine einzige dunkle Welle. Und brausend tönt es um ihn: »Hoch das freie
+Wahlrecht!« Dann wieder Stille. Sie wartet weiter.
+
+Und auf der Rednertribüne des Abgeordnetenhauses erscheint Fürst Bülow
+zur Beantwortung des freisinnigen Antrags: Einführung des allgemeinen,
+gleichen und direkten Wahlrechts mit geheimer Stimmabgabe für den
+preußischen Landtag. Mit unterschlagenen Armen, ruhig und selbstbewußt,
+den harten Ausdruck geborener Herrscher auf den Zügen, sitzt die
+Mehrheit vor ihm. Sie weiß, was sie zu erwarten hat; dieser Mann ist ein
+Erwählter des Kaisers, nicht des Volkes, und der Kaiser ist der Ihre.
+
+»... Für die Königliche Staatsregierung steht es nach wie vor fest, daß
+die Übertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen dem Staatswohl
+nicht entspricht und daher abzulehnen ist. Auch kann die Königliche
+Staatsregierung die Ersetzung der öffentlichen Stimmabgabe durch die
+geheime nicht in Ansicht stellen.«
+
+Scharf, ohne die liebenswürdigen Floskeln des Weltmannes, ohne das
+verbindliche Lächeln des Diplomaten, klingt die Erklärung durch den
+Saal.
+
+Das Volk draußen wartet. Da nahen neue Schutzmannspatrouillen; hart
+schlägt ihr Tritt auf den Asphaltboden auf, Pferdehufe klappern
+dazwischen, -- die Begleitung zum Text des Kanzlerliedes.
+
+Das Volk zieht sich zurück.
+
+ * * * * *
+
+Zwei Tage später. Ein heller Wintersonntag. Mittags Unter den Linden das
+gleiche Bild wie immer: flanierende Damen und Herren, Offiziere und
+Studenten, hinter den Spiegelscheiben der Kaffees neugierige
+Sonntagsbummler.
+
+Wir gehen langsam dem Schloßplatz entgegen. Schutzleute erscheinen. Aus
+allen Nebenstraßen blitzen ihre Helmspitzen auf. Im Zeughaus, vor dem
+Museum, am Dom und rings um das Schloß -- lauter Pickelhauben. Mit
+klingendem Spiel zieht die Wache auf, bunt und glänzend, eine Augenweide
+für alle Farbenfrohen. An der Kreuzung der Friedrichstraße stockt der
+Zug der Soldaten, ein anderer überschreitet seinen Weg, ein einförmig
+dunkler: Arbeiter, die aus dem Innern der Stadt kommen, wo heute die
+Wahlrechtsversammlungen tagen. Schweigend zieht er vorüber. Es ist, als
+ob er auf alle Gesichter seinen Schatten geworfen habe.
+
+Da -- Signaltöne aus der Hupe. Die Spaziergänger stutzen; drei gelbe
+Automobile rasen vorbei, dem Schlosse zu. Der Kaiser. Kein Hurra, kein
+Gruß, alles bleibt still, -- wie benommen.
+
+Und plötzlich, als hätte die Erde sie ausgespieen, wimmelt es auf der
+breiten Straße von Menschen; im selben Augenblick bildet sich vor dem
+Schloß eine Mauer von Polizistenleibern. Die Menge mißt ihre Gegner mit
+dem spöttischen Blick der Überlegenheit: Wenn wir wollten --! Aber sie
+wollen nicht. Sie haben stärkere Mauern zu stürmen.
+
+Aus der Ferne klingen Töne, wie Donnerrollen. Sie schwellen an. Sie
+begleiten den gleichmäßigen Tritt Tausender: -- soweit das Auge die
+Friedrichstraße hinunter gen Süden reicht -- ein Meer von Menschen. Es
+überflutet die Linden. Rechts und links weichen die Spaziergänger
+zurück. Noch nie hat die Allee der Fürstentriumphe solch einen Aufzug
+gesehen! Eine Schwadron Berittener sprengt den Demonstranten entgegen,
+mitten in ihren Zug hinein. Ein Aufkreischen ängstlicher Weiberstimmen,
+-- dann gewitterschwangere Stille.
+
+Einsam liegt das Königsschloß. Leer gefegt ist der weite Raum ringsum.
+Schwer hängt die Kaiserstandarte in der unbewegten Luft. Hier hält das
+Leben seinen Atem an.
+
+Aber ringsum, von Norden und Osten, von Süden und Westen, strömen sie
+jetzt herbei in hellen Scharen. Sie singen. Niemand hat den Taktstock
+geschwungen, sie sehen einander nicht einmal, und doch ist es dasselbe
+Lied, das aus den Kehlen aller dringt, das die Bastille gestürmt hat und
+die Barrikaden: die Marseillaise. Es schlägt gegen die Mauern der
+Kirchen und der Paläste, -- und ihr Echo muß es wiedergeben. Es braust
+sieghaft hinweg über die Ketten der Hüter der Ordnung. Hoch über dem
+Königsschloß fluten seine Töne zusammen, -- es klingt wie das Klirren
+scharfer Klingen, -- wie Wotans gespenstisches Heer.
+
+Und nun hüllt der Abend die Stadt in seinen dunkeln Mantel. Der Gesang
+verstummt. Das Pferdegetrappel der Polizisten, das Geschrei der
+Verfolgten tönt nur noch von weit her.
+
+Mir aber ist, als sähe ich in einen unermeßlichen Saal. An seinen Wänden
+prangen die Bilder verflossener Jahrhunderte: die Geschichten von den
+Königen und den Kriegen; Marmorstatuen stehen ringsum: Feldherrn und
+Fürsten, Priester und Propheten. In der Mitte aber auf goldenem Stuhl
+thront Er. Um das Haupt den Krönungsreif wie einen Heiligenschein; die
+Finger der Linken um den Reichsapfel gespannt, -- die Weltenkugel; in
+der rechten das Zepter, -- eine Peitsche, um Nacken zu beugen,
+Widerspenstige zu zähmen; auf der Brust ein großes leuchtendes Kreuz.
+Ich staune ihn an: Alles Vergangene lebt in ihm. Alles, was uns tot ist,
+umgibt ihn. Gegen die Nacht, die nur sein Glanz erhellt, erscheint das
+Licht des Tages grau und kalt.
+
+Er ist kein einzelner. Er ist die Welt, die wir überwinden müssen.
+
+ * * * * *
+
+Eine kleine Gruppe von Parteigenossen fand sich in einem Restaurant der
+Friedrichstadt in der Nacht nach den Wahldemonstrationen zufällig
+zusammen. Die Erregung, die in allen noch nachzitterte, verscheuchte
+jede Müdigkeit. Große Ereignisse lösen die Lippen. Auch die Kühlen waren
+warm geworden. Man diskutierte lebhaft: über die heutige Eroberung der
+Straße, über die künftige Entwickelung der Bewegung, über die
+Möglichkeit, in diesem Augenblick, wo es sich nicht um die Aufrichtung
+des Zukunftsstaates, sondern um die Niederwerfung der Junkerherrschaft
+handelte, das liberale Bürgertum und alle Schmollenden, die unsicher
+abseits standen, mobil zu machen. »Ein Riesenkampf gegen die Reaktion,
+-- das ist's, was die stagnierenden Gewässer in Fluß bringen würde!«
+sagte einer.
+
+»Er würde die Geister scheiden, wie nichts zuvor --,« ergänzte
+enthusiastisch ein anderer.
+
+»Sie glauben wirklich, daß das Ziel des allgemeinen Wahlrechts für den
+preußischen Landtag solch weltbewegende Kräfte entfesseln könnte?«
+fragte ich. Mein Spott rötete die Gesichter der Begeisterten noch mehr.
+
+»Und gerade Sie waren vor einer Stunde bis zur Stummheit ergriffen!«
+meinte vorwurfsvoll mein Nachbar.
+
+»Ich bin es noch,« antwortete ich; »mir war, als hätte ich wirklich den
+Flügelschlag der neuen Zeit gefühlt. Ich fürchte nur, sie rauscht an uns
+vorüber.«
+
+»Das aber liegt doch an uns!« rief über den Tisch herüber ein jungem
+Literat, der darauf brannte, sich die politischen Sporen zu verdienen.
+»Wir müssen sie festhalten, wir müssen das Eisen schmieden, solange es
+warm ist.«
+
+»Womit, wenn ich fragen darf?« --
+
+Die Antworten schwirrten von allen Seiten durcheinander: »Durch die
+Aussicht auf eine wahrhaft liberaldemokratische Ära,« -- »auf
+wirtschaftliche Reformen großen Stils,« -- »Verminderung der Steuern,«
+-- »der Militärlasten,« -- »Trennung von Kirche und Staat --«
+
+»Lauter Einzelforderungen, die große, heute noch indifferente Massen
+kaum begeistern, die heterogene Elemente nicht zusammenschweißen werden,
+die, vor allen Dingen, kein sicher wirkendes Scheidewasser sind,« sagte
+ich ruhig.
+
+»So nennen Sie es, wenn Sie es wissen!«
+
+Ich sah mich scheu im Kreise um. Sobald ein Gespräch Fragen berührte,
+die mir sehr nahe gingen, überkam mich oft eine gewisse verlegene
+Unbeholfenheit. »Stünde ich vor einer Volksversammlung, so würde es mir
+leichter werden als vor all Ihren forschenden, erwartungsvollen und --
+lächelnden Mienen,« meinte ich.
+
+»So wollen wir streng parlamentarisch verfahren,« sagte mein Nachbar
+sichtlich belustigt; »wir sind die letzten Gäste, beherrschen also im
+Moment die Situation. Silentium, meine Herren! Frau Alix Brandt hat das
+Wort.«
+
+Ich sah zu meinem Mann hinüber. Er nickte mir zu. Ich klammerte meinen
+Blick an den seinen und erhob mich. Was mir diese Nacht zum erstenmal
+klar vor Augen gestanden hatte, das sollte ich in Worte fassen. -- Mir
+war die Kehle wie zugeschnürt. Und doch fühlte ich, es mußte sein.
+Nicht um dieser Tafelrunde willen, -- sondern meinetwegen. Der Gedanke
+zerflattert, wenn er nicht in die Form der Sprache gepreßt wird.
+
+»Mir scheint,« begann ich zögernd, »daß es nicht so sehr darauf ankommt,
+einzelne praktische Ziele zu setzen. Das haben die Parteien schon längst
+getan und sind über die Verschiedenheit ihrer Einzelforderungen in
+Gruppen und Grüppchen auseinander gefallen. Alle großen entscheidenden
+Weltbewegungen sind von _einem_ Geist getragen worden --« »Und die
+materialistische Geschichtsauffassung?!« unterbrach mich ein Genosse.
+
+»Von _einem_ Geist --,« fuhr ich unbeirrt fort, »der sich
+selbstverständlich erst aus den allgemeinen wirtschaftlichen und
+sozialen Verhältnissen heraus entwickeln konnte und immer erst dann
+entstand, wenn der Widerspruch der Gegenwart zur Vergangenheit überall
+schmerzhaft fühlbar geworden war. Das gilt für das Christentum, -- den
+Muhamedanismus --« »die Revolution,« rief einer dazwischen.
+
+»Nein,« antwortete ich. »Es gibt Zeiten, in denen der Geist der
+Verneinung, wie ich ihn einmal nennen will, nicht zu reinem, vollem
+Ausdruck kommt, wo er nur beschränkte Schichten des Volkes ergreift, --
+wie zur Zeit der Renaissance, der Revolution, -- und wo er darum
+schließlich gezwungen wird, mit dem Geist der Vergangenheit zu
+paktieren. So baute die Renaissance christliche Kirchen, und die
+Revolution übernahm die Phraseologie des Christentums. Auch wir
+versuchen mit jener Geistesfaulheit, die sich scheut, zu Ende zu denken,
+neuen Wein in alte Schläuche zu gießen. Ich erinnere an die Bemühungen,
+die Kirche zu modernisieren, an das Bestreben, in der Partei die Ethik
+Kants für den Sozialismus in Anspruch zu nehmen.«
+
+Hier unterbrach mich mein Nachbar, ein begeisterter Kantianer, und
+vergaß im Eifer des Widerspruches die von ihm selbst gewollte
+parlamentarische Ordnung.
+
+»Der kategorische Imperativ, von seiner transzendentalen Herkunft
+losgelöst, ist tatsächlich der dirigierende Geist, auf den Sie offenbar
+hinauswollen,« rief er.
+
+»Das bestreite ich. Schon weil er sich von dieser transzendentalen
+Herkunft nicht loslösen läßt, weil er Geist vom Geist des Christentums
+ist, weil wir auf Grund unserer Kenntnis der historischen Entwicklung
+und Umwandlung sittlicher Ideale wissen, daß es ein allgemein gleiches,
+verpflichtendes Sittengesetz nicht gibt, weil nicht einmal zwischen
+Einzelindividualitäten eine Äquivalenz der Handlungen besteht --«
+
+»Ich höre Alix Brandt, und es ist Friedrich Nietzsche!« spottete jemand.
+Die anderen lächelten vielsagend.
+
+»Sie haben mir vorgegriffen,« entgegnete ich ruhig. »Ich hätte den Namen
+des Mannes genannt, der zwar nicht der Erlöser, wohl aber sein Prophet
+sein kann.«
+
+»Aber, Genossin Brandt, Sie verirren sich,« hörte ich entrüstet rufen;
+»wie vermögen Sie Ihre sozialdemokratische Gesinnung mit dem Nachbeten
+Nietzschescher Lehren zu vereinigen?! Denken Sie doch an seine
+Vergötterung der 'Herrenmenschen', an seine Verhöhnung jedes
+'Sklavenaufstands'!«
+
+»Diesen Einwand mußte ich erwarten. Ich erinnere Sie demgegenüber
+zunächst nur daran, daß es derselbe Nietzsche war, der anerkannte, daß
+die einzelne starke Individualität am leichtesten in einer
+demokratischen Gesellschaft sich erhalten und entwickeln könne. Aber
+diese Idee ist zwischen uns, wie ich glaube, schon so sehr zum
+unbestreitbaren Gemeinplatz geworden, daß ich nicht weiter darauf
+einzugehen brauche. Natürlich gebe ich _den_ Nietzsche preis, der unsere
+große soziale Bewegung weder kannte, noch kennen wollte. Und ich kann
+das um so leichter, weil er unbewußt selbst im Flusse dieser Bewegung
+schwamm, weil er dem Sozialismus das gab, was wir brauchen: eine
+ethische Grundlage.«
+
+Von allen Seiten wurde mir heftig widersprochen, aber jetzt, da ich mir
+selbst immer klarer wurde, störte mich das nicht mehr.
+
+»Alle seine großen Ideen leben in uns: der Trieb zur Persönlichkeit, die
+Umwertung aller Werte, das Jasagen zum Leben, der Wille zur Macht. Wir
+brauchen die blitzenden Waffen aus seiner Rüstkammer nur zu nehmen, --
+und wir sollten es tun. Mit dem Ziel des größten Glücks der größten
+Anzahl, -- an das ich glaubte, wie Sie alle, -- schaffen wir eine
+Gesellschaft behäbiger Kleinbürger.... Und spüren Sie den Geist der
+Verneinung nicht in allem, was heute lebenskräftig ist und vorwärts
+will? Kunst und Literatur, Wissenschaft und Politik setzen ihr Nein der
+Vergangenheit entgegen, die noch Gegenwart sein will. Was ihr Tugend
+war, -- Unterwürfigkeit, Demut, Ergebung in das Schicksal, Ungehorsam
+gegen sich selbst, wenn der Gehorsam gegen Obere es fordert, --
+erscheint uns mindestens als Schwäche, wenn nicht als Unrecht. Der
+Glaube an die gottgewollten Zustände von Armut und Reichtum, von
+Herrschaft und Dienstbarkeit ist weit über die Kreise der Partei hinaus
+zerstört. Und mit alledem, das wir unbewußt und bewußt von uns geworfen
+haben, panzert sich der Riese der Reaktion. Vor neunzehnhundert Jahren
+unterwarf die Moral des Christentums die heidnische Welt. Vergebens hat
+die Renaissance und die Revolution sich gegen sie empört, -- die Zeit
+war noch nicht reif. Heute aber ist sie es; der Sozialismus hat ihr den
+Boden bereitet. Wäre ihre Fahne voll entfaltet, so würden sich vor ihr
+die Feigen von den Mutigen, die Schwachen von den Starken sondern, und
+alles würde ihr zuströmen, was jungen Geistes ist, was Zukunft in sich
+hat. Den Weg zu unserem Ziel finden wir nur, wenn die Idee der ethischen
+Revolution der Idee der ökonomischen Umwälzung Flügel verleiht....«
+
+Die Türe ging auf. Ein verschlafener Kellner musterte mißmutig die
+seßhaften Gäste. Ich erwachte wie aus einem Traum. Die anderen blieben
+stumm. Ob aus Überraschung, aus Empörung, aus Müdigkeit? »Ich möchte
+heim,« sagte ich leise zu meinem Mann. Wir gingen allein und schweigsam
+nach Hause.
+
+Ich hörte danach, daß man mich verspottete: Die Sozialdemokratin und
+Verkünderin der »Herrenmoral«! Mir schien, als gingen mir die Genossen
+noch mehr als sonst aus dem Wege. Aber es kränkte mich nicht.
+
+ * * * * *
+
+Ein feuchter Märzwind strich durch die Straßen. Die Bäume und Büsche
+zitterten in seiner Umarmung, denn er flüsterte ihnen vom Frühling die
+frohe Botschaft zu. Auch um meine Stirne wehte sein weicher Atem. Hatte
+ich nicht geglaubt, daß ich den Lenz wie alte Leute grüßen würde:
+versunken in Erinnerungen? --
+
+Ich saß am Fenster und las meines Sohnes Briefe. Seit einiger Zeit
+schrieb er mir oft: Seiten und Seiten voller Fragen und erregter
+Geständnisse. Zum erstenmal stand sein junger Geist in offenem Kampf mit
+der Wahrheit und den Autoritäten. Und er unterwarf sich nicht. Er war
+mein Kind.
+
+Noch immer hatte ich mich gescheut, Heinrich zu zeigen, was er schrieb.
+Wir waren früher heftig aneinander geraten, weil ich schon des kleinen
+Kindes Selbständigkeit respektierte. Und jetzt hatte ich mehr zu
+fürchten als nur den väterlichen Zorn. Ein Prüfstein würde es sein auch
+für unsere Beziehungen. Ich liebte meinen Mann. Viel mehr, viel tiefer
+als zu jener Zeit, da ich mich ihm zuerst verband. Denn damals kannte
+ich ihn nicht. Aber meine Liebe war zu groß, um Unterwerfung ertragen zu
+können. Wenn er das Kind nicht verstand, so würde er auch mich nicht
+verstehen. Wieder aneinander gebunden sein, so daß jeder selbständige
+Schritt des einen den anderen ins Fleisch schneiden muß; die Blume der
+Liebe, die nichts als der Persönlichkeit reichste Entfaltung ist,
+abpflücken, nur damit sie die Brust des anderen schmückt, zu frühem
+Welken verurteilt, -- das vermochte ich nicht mehr --
+
+Es läutete draußen, lang und heftig. Ich sprang auf, beide Hände auf das
+wild klopfende Herz gepreßt. Wer lärmte zu früher Morgenstunde so
+ungeduldig an der Türe? Wer?! Schon sprang sie auf, und ins Zimmer flog
+es herein wie ein Wirbelwind, und zwei Arme umschlangen mich, und ein
+glühendes Gesicht mit zwei glänzenden Augen hob sich zu mir empor. »Mein
+Kind! Mein Kind!« --
+
+Der Rucksack flog im Bogen von den Schultern. »Davongelaufen bin ich --
+bei Nacht und Nebel, -- ich hielt's nicht länger aus,« sprudelte es
+hervor, atemlos, triumphierend.
+
+Ich hörte kaum, was er sprach, ich sah nur, daß er da war, wirklich da
+war!
+
+Ein fester Tritt auf dem Flur weckte mich aus meiner Versunkenheit. »Der
+Vater!« rief ich angstvoll und legte wie schützend den Arm um meinen
+Sohn. Der aber riß sich los, lachte mich an und lief mit einem: »Ich
+fürchte mich nicht!« dem Kommenden entgegen.
+
+Ich stand wie angewurzelt. Ich hörte einen Wortwechsel, dann ein langes,
+ernstes Gespräch. Frage und Antwort. Hand in Hand kamen sie zu mir ins
+Zimmer. »Nun werden wir den Schlingel doch wohl behalten müssen,«
+lächelte mein Mann, »und heute soll für uns drei ein Feiertag sein.«
+
+Wir gingen durch den Wald nach Paulsborn. Die Kiefern standen schwarz
+gegen den hellen Himmel, und lichtgrün schmiegten sich die Büsche ihnen
+zu Füßen. Auf dem See tanzten die Sonnenstrahlen. Und weit voraus sprang
+unser Sohn.
+
+»Weißt du noch?!« sagte Heinrich.
+
+»Ich weiß! Damals schüttelte der Sturm die Bäume. Mich fror, und du
+schlugst deinen Mantel um mich --«
+
+»Und habe dich doch nicht schützen können --«
+
+»Ich danke es dir, denn dadurch wurde ich stark.«
+
+»So stark, daß du allein zu gehen vermagst --,« seine Stimme schwankte
+dabei. Mich traf's wie blendendes Licht, -- ich sah auf dem Wasser
+nichts mehr als die goldene, schimmernde Sonnenstraße.
+
+»Damals warnte ich dich vor mir,« fuhr er fort.
+
+»Ich aber ließ dich nicht --«
+
+»Und heute?! --«
+
+»Du siehst: ich gehe auf eigenen Füßen, aber neben dir --«
+
+Wo die dunkle Allee sich der weiten, sonnenbeglänzten Wiese öffnet,
+tauchte die schlanke Gestalt unseres Sohnes auf. Er hielt einen Zweig
+jungen Grüns in der hochgehobenen Hand. Der wehte über ihm wie eine
+Fahne.
+
+ * * * * *
+
+Und dann kam das Leben wieder und der Alltag, und sein Pfad blieb rauh.
+Aber ich hatte ihn freiwillig gewählt, und meines Herzens Glut schützte
+mich vor dem Frost. Er blieb einsam. Aber ich wußte vorher: wer eigene
+Wege sucht, findet wenig Gefährten. Und über das Donnern der Sturzbäche
+hinweg flog siegreich hin und her der Gruß der Liebe.
+
+Einmal, als der Föhn mich umheulte und die Steine meine Füße
+verwundeten, sah ich forschend zurück. Und ich erkannte, daß ich nicht
+irre gegangen war.
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Memoiren einer Sozialistin, by Lily Braun
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN EINER SOZIALISTIN ***
+
+***** This file should be named 16302-8.txt or 16302-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/6/3/0/16302/
+
+Produced by richyfourtytwo and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
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+
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
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+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
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+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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+your written explanation. The person or entity that provided you with
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+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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