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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:48:36 -0700 |
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| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:48:36 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Heizer + Ein Fragment + +Author: Franz Kafka + +Release Date: July 15, 2005 [EBook #16304] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HEIZER *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<p><a class="page" name="Page_2" id="Page_2" title="2"></a></p> +<div class="figcenter" style="width: 582px;"> +<img src="images/hafen.jpg" width="582" height="400" alt="Im Hafen von New York." title="Im Hafen von New York." /> +<span class="caption">Im Hafen von New York.</span> +</div> + +<hr style="width: 65%;" /> +<p><a class="page" name="Page_3" id="Page_3" title="3"></a></p> +<h2>Franz Kafka</h2> +<h1>Der Heizer</h1> + +<h3>Ein Fragment</h3> + +<div class="docImprint"> +<h5>1913<br /> +Kurt Wolff Verlag • Leipzig</h5> +</div> + +<hr style="width: 65%;" /> +<p><a class="page" name="Page_4" id="Page_4" title="4"></a></p> +<p class="seriesinfo">Dies Buch wurde<br /> +gedruckt im Mai 1913 als dritter<br /> +Band der Bücherei »Der jüngste Tag« bei<br /> +Poeschel & Trepte in Leipzig</p> + + +<p class="copyright">COPYRIGHT BY KURT WOLFF VERLAG, LEIPZIG 1913</p> + +<hr style="width: 65%;" /> +<p><a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a></p> +<p class="newsection">Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen +armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, +weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von +ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen +Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickte er +die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin +wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. +Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor +und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte.</p> + +<p>»So hoch!« sagte er sich und wurde, wie er so gar +nicht an das Weggehen dachte, von der immer mehr +anschwellenden Menge der Gepäckträger, die an ihm +vorüberzogen, allmählich bis an das Bordgeländer geschoben.</p> + +<p>Ein junger Mann, mit dem er während der Fahrt +flüchtig bekannt geworden war, sagte im Vorübergehen: +»Ja, haben Sie denn noch keine Lust, auszusteigen?« +»Ich bin doch fertig,« sagte Karl, ihn anlachend, und +hob aus Übermut, und weil er ein starker Junge war, +seinen Koffer auf die Achsel. Aber wie er über seinen +Bekannten hinsah, der ein wenig seinen Stock schwenkend +sich schon mit den andern entfernte, merkte er bestürzt, +daß er seinen eigenen Regenschirm unten im Schiff vergessen +hatte. Er bat schnell den Bekannten, der nicht sehr +beglückt schien, um die Freundlichkeit, bei seinem Koffer +einen Augenblick zu warten, überblickte noch die Situation,<a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a> +um sich bei der Rückkehr zurechtzufinden und eilte davon. +Unten fand er zu seinem Bedauern einen Gang, der +seinen Weg sehr verkürzt hätte, zum erstenmal versperrt, +was wahrscheinlich mit der Ausschiffung sämtlicher Passagiere +zusammenhing und mußte sich seinen Weg durch +eine Unzahl kleiner Räume, über kurze Treppen, die einander +immer wieder folgten, durch fortwährend abbiegende +Korridore, durch ein leeres Zimmer mit einem verlassenen +Schreibtisch mühselig suchen, bis er sich tatsächlich, da +er diesen Weg nur ein- oder zweimal und immer in +größerer Gesellschaft gegangen war, ganz und gar verirrt +hatte. In seiner Ratlosigkeit und da er keinen Menschen +traf und nur immerfort über sich das Scharren der +tausend Menschenfüße hörte und von der Ferne, wie +einen Hauch, das letzte Arbeiten der schon eingestellten +Maschinen merkte, fing er, ohne zu überlegen, an eine +beliebige kleine Tür zu schlagen an, bei der er in seinem +Herumirren stockte.</p> + +<p>»Es ist ja offen,« rief es von innen, und Karl öffnete +mit ehrlichem Aufatmen die Tür. »Warum schlagen Sie +so verrückt auf die Tür?« fragte ein riesiger Mann, kaum +daß er nach Karl hinsah. Durch irgendeine Oberlichtluke +fiel ein trübes, oben im Schiff längst abgebrauchtes +Licht in die klägliche Kabine, in welcher ein Bett, ein +Schrank, ein Sessel und der Mann knapp nebeneinander, +wie eingelagert, standen. »Ich habe mich verirrt,« sagte +Karl, »ich habe es während der Fahrt gar nicht so bemerkt, +aber es ist ein schrecklich großes Schiff.« »Ja, +da haben Sie recht,« sagte der Mann mit einigem Stolz<a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a> +und hörte nicht auf, an dem Schloß eines kleinen Koffers +zu hantieren, den er mit beiden Händen immer wieder +zudrückte, um das Einschnappen des Riegels zu behorchen. +»Aber kommen Sie doch herein!« sagte der Mann weiter, +»Sie werden doch nicht draußen stehn!« »Störe ich nicht?« +fragte Karl. »Ach, wie werden Sie denn stören!« »Sind +Sie ein Deutscher?« suchte sich Karl noch zu versichern, +da er viel von den Gefahren gehört hatte, welche besonders +von Irländern den Neuankömmlingen in Amerika +drohen. »Bin ich, bin ich,« sagte der Mann. Karl +zögerte noch. Da faßte unversehens der Mann die Türklinke +und schob mit der Türe, die er rasch schloß, Karl +zu sich herein. »Ich kann es nicht leiden, wenn man mir +vom Gang hereinschaut,« sagte der Mann, der wieder +an seinem Koffer arbeitete, »da läuft jeder vorbei und +schaut herein, das soll der Zehnte aushalten!« »Aber der +Gang ist doch ganz leer,« sagte Karl, der unbehaglich +an den Bettpfosten gequetscht dastand. »Ja, jetzt,« sagte +der Mann. »Es handelt sich doch um jetzt,« dachte Karl, +»mit dem Mann ist schwer zu reden.« »Legen Sie sich +doch aufs Bett, da haben Sie mehr Platz,« sagte der +Mann. Karl kroch, so gut es ging, hinein und lachte +dabei laut über den ersten vergeblichen Versuch, sich hinüberzuschwingen. +Kaum war er aber im Bett, rief er: +»Gottes Willen, ich habe ja ganz meinen Koffer vergessen!« +»Wo ist er denn?« »Oben auf dem Deck, ein +Bekannter gibt acht auf ihn. Wie heißt er nur?« Und +er zog aus einer Geheimtasche, die ihm seine Mutter für +<a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a>die Reise im Rockfutter angelegt hatte, eine Visitkarte. +»Butterbaum, Franz Butterbaum.« »Haben Sie den +Koffer sehr nötig?« »Natürlich.« »Ja, warum haben +Sie ihn dann einem fremden Menschen gegeben?« »Ich +hatte meinen Regenschirm unten vergessen und bin +gelaufen, ihn zu holen, wollte aber den Koffer nicht +mitschleppen. Dann habe ich mich auch noch verirrt.« +»Sie sind allein? Ohne Begleitung?« »Ja, +allein.« »Ich sollte mich vielleicht an diesen Mann +halten,« ging es Karl durch den Kopf, »wo finde +ich gleich einen besseren Freund.« »Und jetzt haben +Sie auch noch den Koffer verloren. Vom Regenschirm +rede ich gar nicht.« Und der Mann setzte sich +auf den Sessel, als habe Karls Sache jetzt einiges Interesse +für ihn gewonnen. »Ich glaube aber, der Koffer +ist noch nicht verloren.« »Glauben macht selig,« sagte +der Mann und kratzte sich kräftig in seinem dunklen, +kurzen, dichten Haar, »auf dem Schiff wechseln mit den +Hafenplätzen auch die Sitten. In Hamburg hätte Ihr +Butterbaum den Koffer vielleicht bewacht, hier ist höchstwahrscheinlich +von beiden keine Spur mehr.« »Da muß +ich aber doch gleich hinaufschaun,« sagte Karl und sah +sich um, wie er hinauskommen könnte. »Bleiben Sie +nur,« sagte der Mann und stieß ihn mit einer Hand +gegen die Brust, geradezu rauh, ins Bett zurück. »Warum +denn?« fragte Karl ärgerlich. »Weil es keinen Sinn +hat,« sagte der Mann »in einem kleinen Weilchen gehe +ich auch, dann gehen wir zusammen. Entweder ist der +Koffer gestohlen, dann ist keine Hilfe, oder der Mensch +<a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a>bewacht ihn noch immer, dann ist er ein Dummkopf und +soll weiter wachen, oder er ist bloß ein ehrlicher Mensch +und hat den Koffer stehen gelassen, dann werden wir +ihn, bis das Schiff ganz entleert ist, desto besser finden. +Ebenso auch Ihren Regenschirm.« »Kennen Sie sich auf +dem Schiff aus?« fragte Karl mißtrauisch und es schien +ihm, als hätte der sonst überzeugende Gedanke, daß auf +dem leeren Schiff seine Sachen am besten zu finden sein +würden, einen verborgenen Haken. »Ich bin doch Schiffsheizer,« +sagte der Mann. »Sie sind Schiffsheizer!« rief +Karl freudig, als überstiege das alle Erwartungen, und +sah, den Ellbogen aufgestützt, den Mann näher an. »Gerade +vor der Kammer, wo ich mit den Slowaken geschlafen +habe, war eine Luke angebracht, durch die man +in den Maschinenraum sehen konnte.« »Ja, dort habe +ich gearbeitet,« sagte der Heizer. »Ich habe mich immer +so für Technik interessiert,« sagte Karl, der in einem +bestimmten Gedankengang blieb, »und ich wäre sicher +später Ingenieur geworden, wenn ich nicht nach Amerika +hätte fahren müssen.« »Warum haben Sie denn fahren +müssen?« »Ach was!« sagte Karl und warf die ganze +Geschichte mit der Hand weg. Dabei sah er lächelnd +den Heizer an, als bitte er ihn selbst für das Nichteingestandene +um seine Nachsicht. »Es wird schon einen +Grund gehabt haben,« sagte der Heizer und man wußte +nicht recht, ob er damit die Erzählung dieses Grundes +fordern oder abwehren wollte. »Jetzt könnte ich auch +Heizer werden,« sagte Karl, »meinen Eltern ist es jetzt +ganz gleichgültig, was ich werde.« »Meine Stelle wird +<a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>frei,« sagte der Heizer, gab im Vollbewußtsein dessen +die Hände in die Hosentaschen und warf die Beine, die +in faltigen, lederartigen, eisengrauen Hosen steckten, aufs +Bett hin, um sie zu strecken. Karl mußte mehr an die +Wand rücken. »Sie verlassen das Schiff?« »Jawohl, wir +marschieren heute ab.« »Warum denn? Gefällt es Ihnen +nicht?« »Ja, das sind die Verhältnisse, es entscheidet nicht +immer, ob es einem gefällt oder nicht. Übrigens haben Sie +recht, es gefällt mir auch nicht. Sie denken wahrscheinlich +nicht ernstlich daran, Heizer zu werden, aber gerade +dann kann man es am leichtesten werden. Ich also +rate Ihnen entschieden ab. Wenn Sie in Europa studieren +wollten, warum wollen Sie es denn hier nicht? +Die amerikanischen Universitäten sind ja unvergleichlich +besser als die europäischen.« »Es ist ja möglich,« sagte +Karl, »aber ich habe ja fast kein Geld zum Studieren. +Ich habe zwar von irgendjemandem gelesen, der bei +Tag in einem Geschäft gearbeitet und in der Nacht +studiert hat, bis er Doktor und ich glaube Bürgermeister +wurde, aber dazu gehört doch eine große Ausdauer, +nicht? Ich fürchte, die fehlt mir. Außerdem war ich gar +kein besonders guter Schüler, der Abschied von der +Schule ist mir wirklich nicht schwer geworden. Und die +Schulen hier sind vielleicht noch strenger. Englisch kann +ich fast gar nicht. Überhaupt ist man hier gegen Fremde +so eingenommen, glaube ich.« »Haben Sie das auch +schon erfahren? Na, dann ist’s gut. Dann sind Sie mein +Mann. Sehen Sie, wir sind doch auf einem deutschen +Schiff, es gehört der Hamburg-Amerika-Linie, warum +<a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a>sind wir nicht lauter Deutsche hier? Warum ist der +Obermaschinist ein Rumäne? Er heißt Schubal. Das ist +doch nicht zu glauben. Und dieser Lumpenhund schindet +uns Deutsche auf einem deutschen Schiff. Glauben Sie +nicht« – ihm ging die Luft aus, er fackelte mit der +Hand – »daß ich klage, um zu klagen. Ich weiß, daß +Sie keinen Einfluß haben und selbst ein armes Bürschchen +sind. Aber es ist zu arg!« Und er schlug auf den +Tisch mehrmals mit der Faust und ließ kein Auge von +ihr, während er schlug. »Ich habe doch schon auf so +vielen Schiffen gedient« – und er nannte zwanzig +Namen hintereinander als sei es ein Wort, Karl wurde +ganz wirr – »und habe mich ausgezeichnet, bin belobt +worden, war ein Arbeiter nach dem Geschmack meiner +Kapitäne, sogar auf dem gleichen Handelssegler war ich +einige Jahre« – er erhob sich, als sei das der Höhepunkt +seines Lebens – »und hier auf diesem Kasten, +wo alles nach der Schnur eingerichtet ist, wo kein Witz +erfordert wird, hier taug’ ich nichts, hier stehe ich dem +Schubal immer im Wege, bin ein Faulpelz, verdiene +hinausgeworfen zu werden und bekomme meinen Lohn +aus Gnade. Verstehen Sie das? Ich nicht.« »Das dürfen +Sie sich nicht gefallen lassen,« sagte Karl aufgeregt. Er +hatte fast das Gefühl davon verloren, daß er auf dem +unsicheren Boden eines Schiffes, an der Küste eines unbekannten +Erdteils war, so heimisch war ihm hier auf +dem Bett des Heizers zumute. »Waren Sie schon beim +Kapitän? Haben Sie schon bei ihm Ihr Recht gesucht?« +»Ach gehen Sie, gehen Sie lieber weg. Ich will Sie +<a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>nicht hier haben. Sie hören nicht zu was ich sage und +geben mir Ratschläge. Wie soll ich denn zum Kapitän +gehen!« Und müde setzte sich der Heizer wieder und +legte das Gesicht in beide Hände.</p> + +<p>»Einen besseren Rat kann ich ihm nicht geben,« sagte +sich Karl. Und er fand überhaupt, daß er lieber seinen +Koffer hätte holen sollen, statt hier Ratschläge zu geben, +die doch nur für dumm gehalten wurden. Als ihm der +Vater den Koffer für immer übergeben hatte, hatte er +im Scherz gefragt: »Wielange wirst Du ihn haben?« +und jetzt war dieser teuere Koffer vielleicht schon im +Ernst verloren. Der einzige Trost war noch, daß der +Vater von seiner jetzigen Lage kaum erfahren konnte, +selbst wenn er nachforschen sollte. Nur daß er bis New +York mitgekommen war, konnte die Schiffsgesellschaft +gerade noch sagen. Leid tat es aber Karl, daß er die +Sachen im Koffer noch kaum verwendet hatte, trotzdem +er es beispielsweise längst nötig gehabt hätte, das Hemd +zu wechseln. Da hatte er also am unrichtigen Ort gespart; +jetzt, wo er es gerade am Beginn seiner Laufbahn +nötig haben würde, rein gekleidet aufzutreten, würde er +im schmutzigen Hemd erscheinen müssen. Sonst wäre der +Verlust des Koffers nicht gar so arg gewesen, denn der +Anzug, den er anhatte, war sogar besser, als jener im +Koffer, der eigentlich nur ein Notanzug war, den die +Mutter noch knapp vor der Abreise hatte flicken müssen. +Jetzt erinnerte er sich auch, daß im Koffer noch ein +Stück Veroneser Salami war, die ihm die Mutter als +Extragabe eingepackt hatte, von der er jedoch nur den +<a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a>kleinsten Teil hatte aufessen können, da er während der +Fahrt ganz ohne Appetit gewesen war und die Suppe, +die im Zwischendeck zur Verteilung kam, ihm reichlich +genügt hatte. Jetzt hätte er aber die Wurst gern bei +der Hand gehabt, um sie dem Heizer zu verehren. Denn +solche Leute sind leicht gewonnen, wenn man ihnen +irgendeine Kleinigkeit zusteckt, das wußte Karl noch +von seinem Vater her, welcher durch Zigarrenverteilung +alle die niedrigeren Angestellten gewann, mit denen er +geschäftlich zu tun hatte. Jetzt besaß Karl an Verschenkbarem +nur noch sein Geld, und das wollte er, wenn er +schon vielleicht den Koffer verloren haben sollte, vorläufig +nicht anrühren. Wieder kehrten seine Gedanken +zum Koffer zurück, und er konnte jetzt wirklich nicht einsehen, +warum er den Koffer während der Fahrt so +aufmerksam bewacht hatte, daß ihm die Wache fast den +Schlaf gekostet hatte, wenn er jetzt diesen gleichen Koffer +so leicht sich hatte wegnehmen lassen. Er erinnerte sich an +die fünf Nächte, während derer er einen kleinen Slowaken, +der zwei Schlafstellen links von ihm gelegen war, +unausgesetzt im Verdacht gehabt hatte, daß er es auf +seinen Koffer abgesehen habe. Dieser Slowake hatte nur +darauf gelauert, daß Karl endlich, von Schwäche befallen, +für einen Augenblick einnicke, damit er den +Koffer mit einer langen Stange, mit der er immer +während des Tages spielte oder übte, zu sich hinüberziehen +könne. Bei Tag sah dieser Slowake genug unschuldig +aus, aber kaum war die Nacht gekommen, erhob +er sich von Zeit zu Zeit von seinem Lager und sah +<a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>traurig zu Karls Koffer hinüber. Karl konnte dies ganz +deutlich erkennen, denn immer hatte hie und da jemand +mit der Unruhe des Auswanderers ein Lichtchen angezündet, +trotzdem dies nach der Schiffsordnung verboten +war, und versuchte, unverständliche Prospekte der Auswanderungsagenturen +zu entziffern. War ein solches Licht +in der Nähe, dann konnte Karl ein wenig eindämmern, +war es aber in der Ferne, oder war dunkel, dann +mußte er die Augen offenhalten. Diese Anstrengung hatte +ihn recht erschöpft, und nun war sie vielleicht ganz umsonst +gewesen. Dieser Butterbaum, wenn er ihn einmal +irgendwo treffen sollte!</p> + +<p>In diesem Augenblick ertönten draußen in weiter +Ferne in die bisherige vollkommene Ruhe hinein kleine +kurze Schläge, wie von Kinderfüßen, sie kamen näher +mit verstärktem Klang und nun war es ein ruhiger +Marsch von Männern. Sie gingen offenbar, wie es in +dem schmalen Gang natürlich war, in einer Reihe, man +hörte Klirren wie von Waffen. Karl, der schon nahe +daran gewesen war, sich im Bett zu einem von allen +Sorgen um Koffer und Slowaken befreiten Schlafe +auszustrecken, schreckte auf und stieß den Heizer an, um +ihn endlich aufmerksam zu machen, denn der Zug schien +mit seiner Spitze die Tür gerade erreicht zu haben. »Das +ist die Schiffskapelle,« sagte der Heizer, »die haben oben +gespielt und gehen jetzt einpacken. Jetzt ist alles fertig +und wir können gehen. Kommen Sie!« Er faßte Karl +bei der Hand, nahm noch im letzten Augenblick ein eingerahmtes +Muttergottesbild von der Wand über dem +<a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>Bett, stopfte es in seine Brusttasche, ergriff seinen Koffer +und verließ mit Karl eilig die Kabine.</p> + +<p>»Jetzt gehe ich ins Bureau und werde den Herren +meine Meinung sagen. Es ist kein Passagier mehr da, +man muß keine Rücksicht nehmen«. Dieses wiederholte +der Heizer verschiedenartig und wollte im Gehen mit +Seitwärtsstoßen des Fußes eine den Weg kreuzende +Ratte niedertreten, stieß sie aber bloß schneller in das +Loch hinein, das sie noch rechtzeitig erreicht hatte. Er +war überhaupt langsam in seinen Bewegungen, denn +wenn er auch lange Beine hatte, so waren sie doch zu +schwer.</p> + +<p>Sie kamen durch eine Abteilung der Küche, wo einige +Mädchen in schmutzigen Schürzen – sie begossen sie +absichtlich – Geschirr in großen Bottichen reinigten. +Der Heizer rief eine gewisse Line zu sich, legte den Arm +um ihre Hüfte und führte sie, die sich immerzu kokett +gegen seinen Arm drückte, ein Stückchen mit. »Es gibt +jetzt Auszahlung, willst du mitkommen?« fragte er. +»Warum soll ich mich bemühn, bring mir das Geld +lieber her,« antwortete sie, schlüpfte unter seinem Arm +durch und lief davon. »Wo hast du denn den schönen +Knaben aufgegabelt?« rief sie noch, wollte aber keine +Antwort mehr. Man hörte das Lachen aller Mädchen, +die ihre Arbeit unterbrochen hatten.</p> + +<p>Sie gingen aber weiter und kamen an eine Tür, die +oben einen kleinen Vorgiebel hatte, der von kleinen, +vergoldeten Karyatiden getragen war. Für eine Schiffseinrichtung +sah das recht verschwenderisch aus. Karl war, +<a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>wie er merkte, niemals in diese Gegend gekommen, die +wahrscheinlich während der Fahrt den Passagieren der +ersten und zweiten Klasse vorbehalten gewesen war, +während man jetzt vor der großen Schiffsreinigung die +Trennungstüren ausgehoben hatte. Sie waren auch tatsächlich +schon einigen Männern begegnet, die Besen an +der Schulter trugen und den Heizer gegrüßt hatten. +Karl staunte über den großen Betrieb, in seinem +Zwischendeck hatte er davon freilich wenig erfahren. +Entlang der Gänge zogen sich auch Drähte elektrischer +Leitungen und eine kleine Glocke hörte man immerfort.</p> + +<p>Der Heizer klopfte respektvoll an der Türe an und +forderte, als man »herein« rief, Karl mit einer Handbewegung +auf, ohne Furcht einzutreten. Er trat auch +ein, aber blieb an der Türe stehen. Vor den drei Fenstern +des Zimmers sah er die Wellen des Meeres und +bei Betrachtung ihrer fröhlichen Bewegung schlug ihm +das Herz, als hätte er nicht fünf lange Tage das Meer +ununterbrochen gesehen. Große Schiffe kreuzten gegenseitig +ihre Wege und gaben dem Wellenschlag nur soweit +nach als es ihre Schwere erlaubte. Wenn man die +Augen klein machte, schienen diese Schiffe vor lauter Schwere +zu schwanken. Auf ihren Masten trugen sie schmale, aber +lange Flaggen, die zwar durch die Fahrt gestrafft wurden, +trotzdem aber noch hin- und herzappelten. Wahrscheinlich +von Kriegsschiffen her erklangen Salutschüsse, die +Kanonenrohre eines solchen nicht allzuweit vorüberfahrenden +Schiffes, strahlend mit dem Reflex ihres +Stahlmantels, waren wie gehätschelt von der sicheren, +<a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>glatten und doch nicht wagrechten Fahrt. Die kleinen +Schiffchen und Boote konnte man, wenigstens von der +Tür aus, nur in der Ferne beobachten, wie sie in +Mengen in die Öffnungen zwischen den großen Schiffen +einliefen. Hinter alledem aber stand New York und sah +Karl mit den hunderttausend Fenstern seiner Wolkenkratzer +an. Ja, in diesem Zimmer wußte man, wo man war.</p> + +<p>An einem runden Tisch saßen drei Herren, der eine +ein Schiffsoffizier in blauer Schiffsuniform, die zwei +anderen, Beamte der Hafenbehörde, in schwarzen, amerikanischen +Uniformen. Auf dem Tisch lagen, hochaufgeschichtet, +verschiedene Dokumente, welche der Offizier +zuerst mit der Feder in der Hand überflog, um sie dann +den beiden anderen zu reichen, die bald lasen, bald exzerpierten, +bald in ihre Aktentaschen einlegten, wenn nicht +gerade der eine, der fast ununterbrochen ein kleines Geräusch +mit den Zähnen vollführte, seinem Kollegen etwas +in ein Protokoll diktierte.</p> + +<p>Am Fenster saß an einem Schreibtisch, den Rücken der +Türe zugewendet, ein kleinerer Herr, der mit großen +Folianten hantierte, die auf einem starken Bücherbrett +in Kopfhöhe vor ihm aneinander gereiht waren. Neben +ihm stand eine offene, wenigstens auf den ersten Blick +leere Kassa.</p> + +<p>Das zweite Fenster war leer und gab den besten Ausblick. +In der Nähe des dritten aber standen zwei Herren +in halblautem Gespräch. Der eine lehnte neben dem +Fenster, trug auch die Schiffsuniform und spielte mit +dem Griff des Degens. Derjenige, mit dem er sprach, +<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>war dem Fenster zugewendet und enthüllte hie und da +durch eine Bewegung einen Teil der Ordensreihe auf +der Brust des andern. Er war in Zivil und hatte ein +dünnes Bambusstöckchen, das, da er beide Hände an den +Hüften festhielt, auch wie ein Degen abstand.</p> + +<p>Karl hatte nicht viel Zeit, alles anzusehen, denn bald +trat ein Diener auf sie zu und fragte den Heizer mit +einem Blick, als gehöre er nicht hierher, was er denn +wolle. Der Heizer antwortete, so leise als er gefragt +wurde, er wolle mit dem Herrn Oberkassier reden. Der +Diener lehnte für seinen Teil mit einer Handbewegung +diese Bitte ab, ging aber dennoch auf den Fußspitzen, +dem runden Tisch in großem Bogen ausweichend, zu dem +Herrn mit den Folianten. Dieser Herr – das sah man +deutlich – erstarrte geradezu unter den Worten des +Dieners, kehrte sich aber endlich nach dem Manne um, +der ihn zu sprechen wünschte, und fuchtelte dann, streng +abwehrend, gegen den Heizer und der Sicherheit halber +auch gegen den Diener hin. Der Diener kehrte darauf +zum Heizer zurück und sagte in einem Tone, als vertraue +er ihm etwas an: »Scheren Sie sich sofort aus dem +Zimmer!«</p> + +<p>Der Heizer sah nach dieser Antwort zu Karl hinunter, +als sei dieser sein Herz, dem er stumm seinen Jammer +klage. Ohne weitere Besinnung machte sich Karl los, +lief quer durchs Zimmer, daß er sogar leicht an den +Sessel des Offiziers streifte, der Diener lief gebeugt mit +zum Umfangen bereiten Armen, als jage er ein Ungeziefer, +aber Karl war der erste beim Tisch des Ober<a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>kassiers, +wo er sich festhielt, für den Fall, daß der +Diener versuchen sollte, ihn fortzuziehen.</p> + +<p>Natürlich wurde gleich das ganze Zimmer lebendig. +Der Schiffsoffizier am Tisch war aufgesprungen, die +Herren von der Hafenbehörde sahen ruhig, aber aufmerksam +zu, die beiden Herren am Fenster waren nebeneinander +getreten, der Diener, welcher glaubte, er sei dort, +wo schon die hohen Herren Interesse zeigten, nicht mehr +am Platze, trat zurück. Der Heizer an der Tür wartete +angespannt auf den Augenblick, bis seine Hilfe nötig +würde. Der Oberkassier endlich machte in seinem Lehnsessel +eine große Rechtswendung.</p> + +<p>Karl kramte aus seiner Geheimtasche, die er den Blicken +dieser Leute zu zeigen keine Bedenken hatte, seinen Reisepaß +hervor, den er statt weiterer Vorstellung geöffnet +auf den Tisch legte. Der Oberkassier schien diesen Paß +für nebensächlich zu halten, denn er schnippte ihn mit +zwei Fingern beiseite, worauf Karl, als sei diese Formalität +zur Zufriedenheit erledigt, den Paß wieder einsteckte.</p> + +<p>»Ich erlaube mir zu sagen,« begann er dann, »daß +meiner Meinung nach dem Herrn Heizer Unrecht geschehen +ist. Es ist hier ein gewisser Schubal, der ihm aufsitzt. +Er selbst hat schon auf vielen Schiffen, die er Ihnen +alle nennen kann, zur vollständigen Zufriedenheit gedient, +ist fleißig, meint es mit seiner Arbeit gut, und es ist wirklich +nicht einzusehen, warum er gerade auf diesem Schiff, +wo doch der Dienst nicht so übermäßig schwer ist, wie zum +Beispiel auf Handelsseglern, schlecht entsprechen sollte. +<a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>Es kann daher nur Verleumdung sein, die ihn in seinem +Vorwärtskommen hindert und ihn um die Anerkennung +bringt, die ihm sonst ganz bestimmt nicht fehlen würde. +Ich habe nur das Allgemeine über diese Sache gesagt, +seine besonderen Beschwerden wird er Ihnen selbst vorbringen.« +Karl hatte sich mit dieser Rede an alle Herren +gewendet, weil ja tatsächlich auch alle zuhörten und es +viel wahrscheinlicher schien, daß sich unter allen zusammen +ein Gerechter vorfand, als daß dieser Gerechte gerade +der Oberkassier sein sollte. Aus Schlauheit hatte außerdem +Karl verschwiegen, daß er den Heizer erst so kurze +Zeit kannte. Im übrigen hätte er noch viel besser gesprochen, +wenn er nicht durch das rote Gesicht des Herrn +mit dem Bambusstöckchen beirrt worden wäre, das er +von seinem jetzigen Standort zum erstenmal sah.</p> + +<p>»Es ist alles Wort für Wort richtig,« sagte der Heizer, +ehe ihn noch jemand gefragt, ja ehe man noch überhaupt +auf ihn hingesehen hatte. Diese Übereiltheit des Heizers +wäre ein großer Fehler gewesen, wenn nicht der Herr +mit den Orden, der, wie es jetzt Karl aufleuchtete, jedenfalls +der Kapitän war, offenbar mit sich bereits übereingekommen +wäre, den Heizer anzuhören. Er streckte nämlich +die Hand aus und rief dem Heizer zu: »Kommen +Sie her!« mit einer Stimme, fest, um mit einem Hammer +darauf zu schlagen. Jetzt hing alles vom Benehmen des +Heizers ab, denn was die Gerechtigkeit seiner Sache anlangte, +an der zweifelte Karl nicht.</p> + +<p>Glücklicherweise zeigte sich bei dieser Gelegenheit, daß +der Heizer schon viel in der Welt herumgekommen war. +<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>Musterhaft ruhig nahm er aus seinem Köfferchen mit +dem ersten Griff ein Bündelchen Papiere, sowie ein Notizbuch, +ging damit, als verstünde sich das von selbst, unter +vollständiger Vernachlässigung des Oberkassiers, zum +Kapitän und breitete auf dem Fensterbrett seine Beweismittel +aus. Dem Oberkassier blieb nichts übrig, als sich +selbst hinzubemühn. »Der Mann ist ein bekannter Querulant,« +sagte er zur Erklärung, »er ist mehr in der +Kassa, als im Maschinenraum. Er hat Schubal, diesen +ruhigen Menschen, ganz zur Verzweiflung gebracht. Hören +Sie einmal!« wandte er sich an den Heizer, »Sie treiben +Ihre Zudringlichkeit doch schon wirklich zu weit. Wie +oft hat man Sie schon aus den Auszahlungsräumen hinausgeworfen, +wie Sie es mit Ihren ganz, vollständig +und ausnahmslos unberechtigten Forderungen verdienen! +Wie oft sind Sie von dort in die Hauptkassa gelaufen +gekommen! Wie oft hat man Ihnen im Guten gesagt, +daß Schubal Ihr unmittelbarer Vorgesetzter ist, mit dem +allein Sie sich als sein Untergebener abzufinden haben! +Und jetzt kommen Sie gar noch her, wenn der Herr +Kapitän da ist, schämen sich nicht, sogar ihn zu belästigen, +sondern entblöden sich nicht einmal, als eingelernten +Stimmführer Ihrer abgeschmackten Beschuldigungen diesen +Kleinen mitzubringen, den ich überhaupt zum erstenmal +auf dem Schiffe sehe!«</p> + +<p>Karl hielt sich mit Gewalt zurück, vorzuspringen. Aber +schon war auch der Kapitän da, welcher sagte: »Hören +wir den Mann doch einmal an. Der Schubal wird mir +sowieso mit der Zeit viel zu selbständig, womit ich aber +<a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>nichts zu Ihren Gunsten gesagt haben will.« Das letztere +galt dem Heizer, es war nur natürlich, daß er sich nicht +sofort für ihn einsetzen konnte, aber alles schien auf dem +richtigen Wege. Der Heizer begann seine Erklärungen +und überwand sich gleich am Anfang, indem er den +Schubal mit »Herr« titulierte. Wie freute sich Karl am +verlassenen Schreibtisch des Oberkassiers, wo er eine +Briefwage immer wieder niederdrückte vor lauter Vergnügen. +– Herr Schubal ist ungerecht! Herr Schubal +bevorzugt die Ausländer! Herr Schubal verwies den +Heizer aus dem Maschinenraum und ließ ihn Klosette +reinigen, was doch gewiß nicht des Heizers Sache war! – +Einmal wurde sogar die Tüchtigkeit des Herrn Schubal +angezweifelt, die eher scheinbar als wirklich vorhanden +sein sollte. Bei dieser Stelle starrte Karl mit aller Kraft +den Kapitän an, zutunlich, als sei er sein Kollege, nur +damit er sich durch die etwas ungeschickte Ausdrucksweise +des Heizers nicht zu dessen Ungunsten beeinflussen lasse. +Immerhin erfuhr man aus den vielen Reden nichts Eigentliches, +und wenn auch der Kapitän noch immer vor sich +hinsah, in den Augen die Entschlossenheit, den Heizer +diesmal bis zu Ende anzuhören, so wurden doch die +anderen Herren ungeduldig, und die Stimme des Heizers +regierte bald nicht mehr unumschränkt in dem Raume, +was manches befürchten ließ. Als erster setzte der Herr +in Zivil sein Bambusstöckchen in Tätigkeit und klopfte, +wenn auch nur leise, auf das Parkett. Die anderen +Herren sahen natürlich hie und da hin, die Herren von +der Hafenbehörde, die offenbar pressiert waren, griffen +<a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>wieder zu den Akten und begannen, wenn auch noch +etwas geistesabwesend, sie durchzusehen, der Schiffsoffizier +rückte seinem Tische wieder näher, und der Oberkassier, +der gewonnenes Spiel zu haben glaubte, seufzte aus +Ironie tief auf. Von der allgemein eintretenden Zerstreuung +schien nur der Diener bewahrt, der von den +Leiden des unter die Großen gestellten armen Mannes +einen Teil mitfühlte und Karl ernst zunickte, als wolle +er damit etwas erklären.</p> + +<p>Inzwischen ging vor den Fenstern das Hafenleben +weiter; ein flaches Lastschiff mit einem Berg von Fässern, +die wunderbar verstaut sein mußten, daß sie nicht ins +Rollen kamen, zog vorüber und erzeugte in dem Zimmer +fast Dunkelheit; kleine Motorboote, die Karl jetzt, wenn +er Zeit gehabt hätte, genau hätte ansehen können, rauschten +nach den Zuckungen der Hände eines am Steuer +aufrecht stehenden Mannes schnurgerade dahin; eigentümliche +Schwimmkörper tauchten hie und da selbständig aus +dem ruhelosen Wasser, wurden gleich wieder überschwemmt +und versanken vor dem erstaunten Blick; Boote der +Ozeandampfer wurden von heiß arbeitenden Matrosen +vorwärtsgerudert und waren voll von Passagieren, die +darin, so wie man sie hineingezwängt hatte, still und +erwartungsvoll saßen, wenn es auch manche nicht unterlassen +konnten, die Köpfe nach den wechselnden Szenerien +zu drehen. Eine Bewegung ohne Ende, eine Unruhe, +übertragen von dem unruhigen Element auf die hilflosen +Menschen und ihre Werke!</p> + +<p>Aber alles mahnte zur Eile, zur Deutlichkeit, zu ganz +<a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>genauer Darstellung, aber was tat der Heizer! Er redete +sich allerdings in Schweiß, die Papiere auf dem Fenster +konnte er längst mit seinen zitternden Händen nicht mehr +halten, aus allen Himmelsrichtungen strömten ihm Klagen +über Schubal zu, von denen seiner Meinung nach jede +einzelne genügt hätte, diesen Schubal vollständig zu begraben, +aber was er dem Kapitän vorzeigen konnte, war +nur ein trauriges Durcheinanderstrudeln aller insgesamt. +Längst schon pfiff der Herr mit dem Bambusstöckchen +schwach zur Decke hinauf, die Herren von der Hafenbehörde +hielten schon den Offizier an ihrem Tisch und +machten keine Miene, ihn je wieder loszulassen, der Oberkassier +wurde sichtlich nur durch die Ruhe des Kapitäns +vor dem Dreinfahren zurückgehalten, der Diener erwartete +in Habtachtstellung jeden Augenblick einen auf den Heizer +bezüglichen Befehl seines Kapitäns.</p> + +<p>Da konnte Karl nicht mehr untätig bleiben. Er ging +also langsam zu der Gruppe hin und überlegte im Gehen +nur desto schneller, wie er die Sache möglichst geschickt +angreifen könnte. Es war wirklich höchste Zeit, noch ein +kleines Weilchen nur, und sie konnten ganz gut beide aus +dem Bureau fliegen. Der Kapitän mochte ja ein guter +Mann sein und überdies gerade jetzt, wie es Karl schien, +irgend einen besonderen Grund haben, sich als gerechter +Vorgesetzter zu zeigen, aber schließlich war er kein Instrument, +das man in Grund und Boden spielen konnte – +und gerade so behandelte ihn der Heizer, allerdings aus +seinem grenzenlos empörten Innern heraus.</p> + +<p>Karl sagte also zum Heizer: »Sie müssen das einfacher +<a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a>erzählen, klarer, der Herr Kapitän kann es nicht würdigen, +so wie Sie es ihm erzählen. Kennt er denn alle +Maschinisten und Laufburschen beim Namen oder gar +beim Taufnamen, daß er, wenn Sie nur einen solchen +Namen aussprechen, gleich wissen kann, um wen es sich +handelt? Ordnen Sie doch Ihre Beschwerden, sagen Sie die +wichtigste zuerst und absteigend die anderen, vielleicht wird es +dann überhaupt nicht mehr nötig sein, die meisten auch nur +zu erwähnen. Mir haben Sie es doch immer so klar dargestellt!« +Wenn man in Amerika Koffer stehlen kann, kann +man auch hie und da lügen, dachte er zur Entschuldigung.</p> + +<p>Wenn es aber nur geholfen hätte! Ob es nicht auch +schon zu spät war? Der Heizer unterbrach sich zwar +sofort, als er die bekannte Stimme hörte, aber mit seinen +Augen, die ganz von Tränen der beleidigten Mannesehre, +der schrecklichen Erinnerungen, der äußersten gegenwärtigen +Not verdeckt waren, konnte er Karl schon nicht +einmal gut mehr erkennen. Wie sollte er auch jetzt – +Karl sah das schweigend vor dem jetzt Schweigenden +wohl ein – wie sollte er auch jetzt plötzlich seine Redeweise +ändern, da es ihm doch schien, als hätte er alles, +was zu sagen war, ohne die geringste Anerkennung schon +vorgebracht und als habe er andererseits noch gar nichts +gesagt und könne doch den Herren jetzt nicht zumuten, +noch alles anzuhören. Und in einem solchen Zeitpunkt +kommt noch Karl, sein einziger Anhänger, daher, will +ihm gute Lehren geben, zeigt ihm aber statt dessen, daß +alles, alles verloren ist.</p> + +<p>»Wäre ich früher gekommen, statt aus dem Fenster +<a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>zu schauen,« sagte sich Karl, senkte vor dem Heizer das +Gesicht und schlug die Hände an die Hosennaht, zum +Zeichen des Endes jeder Hoffnung.</p> + +<p>Aber der Heizer mißverstand das, witterte wohl in +Karl irgendwelche geheime Vorwürfe gegen sich, und in +der guten Absicht, sie ihm auszureden, fing er zur Krönung +seiner Taten mit Karl jetzt zu streiten an. Jetzt, wo doch +die Herren am runden Tisch längst empört über den +nutzlosen Lärm waren, der ihre wichtigen Arbeiten störte, +wo der Hauptkassier allmählich die Geduld des Kapitäns +unverständlich fand und zum sofortigen Ausbruch neigte, +wo der Diener, ganz wieder in der Sphäre seiner Herren, +den Heizer mit wildem Blicke maß, und wo endlich der +Herr mit dem Bambusstöckchen, zu welchem sogar der +Kapitän hie und da freundschaftlich hinübersah, schon +gänzlich abgestumpft gegen den Heizer, ja von ihm angewidert, +ein kleines Notizbuch hervorzog und, offenbar +mit ganz anderen Angelegenheiten beschäftigt, die Augen +zwischen dem Notizbuch und Karl hin- und herwandern ließ.</p> + +<p>»Ich weiß ja, ich weiß ja,« sagte Karl, der Mühe +hatte, den jetzt gegen ihn gekehrten Schwall des Heizers +abzuwehren, trotzdem aber quer durch allen Streit noch +ein Freundeslächeln für ihn übrig hatte, »Sie haben +Recht, Recht, ich habe ja nie daran gezweifelt.« Er +hätte ihm gern aus Furcht vor Schlägen die herumfahrenden +Hände gehalten, noch lieber allerdings ihn in +einen Winkel gedrängt, um ihm ein paar leise beruhigende +Worte zuzuflüstern, die niemand sonst hätte hören +müssen. Aber der Heizer war außer Rand und Band. +<a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>Karl begann jetzt schon sogar aus dem Gedanken eine +Art Trost zu schöpfen, daß der Heizer im Notfall mit +der Kraft seiner Verzweiflung alle anwesenden sieben +Männer bezwingen könne. Allerdings lag auf dem +Schreibtisch, wie ein Blick dorthin lehrte, ein Aufsatz +mit viel zu vielen Druckknöpfen der elektrischen Leitung +und eine Hand, einfach auf sie niedergedrückt, konnte +das ganze Schiff mit allen seinen von feindlichen Menschen +gefüllten Gängen rebellisch machen.</p> + +<p>Da trat der doch so uninteressierte Herr mit dem +Bambusstöckchen auf Karl zu und fragte, nicht überlaut, +aber deutlich über allem Geschrei des Heizers: +»Wie heißen Sie denn eigentlich?« In diesem Augenblick, +als hätte jemand hinter der Tür auf diese Äußerung +des Herrn gewartet, klopfte es. Der Diener sah +zum Kapitän hinüber, dieser nickte. Daher ging der +Diener zur Tür und öffnete sie. Draußen stand in einem +alten Kaiserrock ein Mann von mittleren Proportionen, +seinem Aussehen nach nicht eigentlich zur Arbeit an den +Maschinen geeignet und war doch – Schubal. Wenn +es Karl nicht an aller Augen erkannt hätte, die eine +gewisse Befriedigung ausdrückten, von der nicht einmal +der Kapitän frei war, er hätte es zu seinem Schrecken +am Heizer sehen müssen, der die Fäuste an den gestrafften +Armen so ballte, als sei diese Ballung das +Wichtigste an ihm, dem er alles, was er an Leben habe, +zu opfern bereit sei. Da steckte jetzt alle seine Kraft, +auch die, welche ihn überhaupt aufrecht erhielt.</p> + +<p>Und da war also der Feind, frei und frisch im Fest<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>anzug, +unter dem Arm ein Geschäftsbuch, wahrscheinlich +die Lohnlisten und Arbeitsausweise des Heizers, +und sah mit dem ungescheuten Zugeständnis, daß er die +Stimmung jedes Einzelnen vor allem feststellen wolle, +in aller Augen der Reihe nach. Die sieben waren auch +schon alle seine Freunde, denn wenn auch der Kapitän +früher gewisse Einwände gegen ihn gehabt oder vielleicht +auch nur vorgeschützt hatte, nach dem Leid, das ihm +der Heizer angetan hatte, schien ihm wahrscheinlich an +Schubal auch das Geringste nicht mehr auszusetzen. +Gegen einen Mann, wie den Heizer, konnte man nicht +streng genug verfahren, und wenn dem Schubal etwas +vorzuwerfen war, so war es der Umstand, daß er die +Widerspenstigkeit des Heizers im Laufe der Zeit nicht +so weit hatte brechen können, daß es dieser heute noch +gewagt hatte, vor dem Kapitän zu erscheinen.</p> + +<p>Nun konnte man ja vielleicht noch annehmen, die +Gegenüberstellung des Heizers und Schubals werde die +ihr vor einem höheren Forum zukommende Wirkung +auch vor den Menschen nicht verfehlen, denn wenn sich +auch Schubal gut verstellen konnte, er mußte es doch +durchaus nicht bis zum Ende aushalten können. Ein +kurzes Aufblitzen seiner Schlechtigkeit sollte genügen, um +sie den Herren sichtbar zu machen, dafür wollte Karl +schon sorgen. Er kannte doch schon beiläufig den Scharfsinn, +die Schwächen, die Launen der einzelnen Herren +und unter diesem Gesichtspunkt war die bisher hier +verbrachte Zeit nicht verloren. Wenn nur der Heizer +besser auf dem Platz gewesen wäre, aber der schien voll<a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a>ständig +kampfunfähig. Wenn man ihm den Schubal +hingehalten hätte, hätte er wohl dessen gehaßten Schädel +mit den Fäusten aufklopfen können. Aber schon die paar +Schritte zu ihm hinzugehen, war er wohl kaum imstande. +Warum hatte denn Karl das so leicht Vorauszusehende +nicht vorausgesehen, daß Schubal endlich kommen müsse, +wenn nicht aus eigenem Antrieb, so vom Kapitän gerufen. +Warum hatte er auf dem Herweg mit dem Heizer +nicht einen genauen Kriegsplan besprochen, statt, wie +sie es in Wirklichkeit getan hatten, heillos unvorbereitet +einfach dort einzutreten, wo eine Tür war? Konnte der +Heizer überhaupt noch reden, ja und nein sagen, wie +es bei dem Kreuzverhör, das allerdings nur im günstigsten +Fall bevorstand, nötig sein würde? Er stand da, +die Beine auseinander gestellt, die Knie ein wenig gebogen, +den Kopf etwas gehoben und die Luft verkehrte +durch den offenen Mund, als gebe es innen keine Lungen +mehr, die sie verarbeiteten.</p> + +<p>Karl allerdings fühlte sich so kräftig und bei Verstand, +wie er es vielleicht zu Hause niemals gewesen war. +Wenn ihn doch seine Eltern sehen könnten, wie er in +fremdem Land, vor angesehenen Persönlichkeiten das +Gute verfocht und wenn er es auch noch nicht zum +Siege gebracht hatte, so doch zur letzten Eroberung sich +vollkommen bereit stellte! Würden sie ihre Meinung über +ihn revidieren? Ihn zwischen sich niedersetzen und loben? +Ihm einmal, einmal in die ihnen so ergebenen Augen +sehn? Unsichere Fragen und ungeeignetester Augenblick, +sie zu stellen!</p> + +<p><a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>»Ich komme, weil ich glaube, daß mich der Heizer +irgendwelcher Unredlichkeiten beschuldigt. Ein Mädchen +aus der Küche sagte mir, sie hätte ihn auf dem Wege +hierher gesehen. Herr Kapitän und Sie alle meine +Herren, ich bin bereit, jede Beschuldigung an der Hand +meiner Schriften, nötigenfalls durch Aussagen unvoreingenommener +und unbeeinflußter Zeugen, die vor der +Türe stehen, zu widerlegen.« So sprach Schubal. Das +war allerdings die klare Rede eines Mannes und nach +der Veränderung in den Mienen der Zuhörer hätte man +glauben können, sie hörten zum erstenmal nach langer +Zeit wieder menschliche Laute. Sie bemerkten freilich +nicht, daß selbst diese schöne Rede Löcher hatte. Warum +war das erste sachliche Wort, das ihm einfiel, »Unredlichkeiten«? +Hätte vielleicht die Beschuldigung hier +einsetzen müssen, statt bei seinen nationalen Voreingenommenheiten? +Ein Mädchen aus der Küche hatte den +Heizer auf dem Weg ins Bureau gesehen und Schubal +hatte sofort begriffen? War es nicht das Schuldbewußtsein, +das ihm den Verstand schärfte? Und Zeugen hatte +er gleich mitgebracht und nannte sie noch außerdem unvoreingenommen +und unbeeinflußt? Gaunerei, nichts als +Gaunerei! Und die Herren duldeten das und anerkannten +es noch als richtiges Benehmen? Warum hatte er +zweifellos sehr viel Zeit zwischen der Meldung des +Küchenmädchens und seiner Ankunft hier verstreichen +lassen, doch zu keinem anderen Zwecke, als damit der +Heizer die Herren so ermüde, daß sie allmählich ihre +klare Urteilskraft verloren, welche Schubal vor allem +<a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>zu fürchten hatte? Hatte er, der sicher schon lange hinter +der Tür gestanden war, nicht erst in dem Augenblick +geklopft, als er infolge der nebensächlichen Frage jenes +Herrn hoffen durfte, der Heizer sei erledigt?</p> + +<p>Alles war klar und wurde ja auch von Schubal wider +Willen so dargeboten, aber den Herren mußte man es +anders, noch handgreiflicher zeigen. Sie brauchten Aufrüttelung. +Also Karl, rasch, nütze jetzt wenigstens die Zeit +aus, ehe die Zeugen auftreten und alles überschwemmen!</p> + +<p>Eben aber winkte der Kapitän dem Schubal ab, der +daraufhin sofort – denn seine Angelegenheit schien für +ein Weilchen aufgeschoben zu sein – beiseite trat und +mit dem Diener, der sich ihm gleich angeschlossen hatte, +eine leise Unterhaltung begann, bei der es an Seitenblicken +nach dem Heizer und Karl sowie an den überzeugtesten +Handbewegungen nicht fehlte. Schubal schien +so seine nächste große Rede einzuüben.</p> + +<p>»Wollten Sie nicht den jungen Menschen etwas +fragen, Herr Jakob?« sagte der Kapitän unter allgemeiner +Stille zu dem Herrn mit dem Bambusstöckchen.</p> + +<p>»Allerdings,« sagte dieser, mit einer kleinen Neigung +für die Aufmerksamkeit dankend. Und fragte dann Karl +nochmals: »Wie heißen Sie eigentlich?«</p> + +<p>Karl, welcher glaubte, es sei im Interesse der großen +Hauptsache gelegen, wenn dieser Zwischenfall des hartnäckigen +Fragers bald erledigt würde, antwortete kurz, +ohne, wie es seine Gewohnheit war, durch Vorweisung +des Passes sich vorzustellen, den er erst hätte suchen +müssen: »Karl Roßmann«.</p> + +<p><a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a>»Aber,« sagte der mit Jakob Angesprochene und trat +zuerst fast ungläubig lächelnd zurück. Auch der Kapitän, +der Oberkassier, der Schiffsoffizier, ja sogar der Diener +zeigten deutlich ein übermäßiges Erstaunen wegen Karls +Namen. Nur die Herren von der Hafenbehörde und +Schubal verhielten sich gleichgültig.</p> + +<p>»Aber,« wiederholte Herr Jakob und trat mit etwas +steifen Schritten auf Karl zu, »dann bin ich ja dein +Onkel Jakob und du bist mein lieber Neffe. Ahnte ich +es doch die ganze Zeit über!« sagte er zum Kapitän hin, +ehe er Karl umarmte und küßte, der alles stumm geschehen +ließ.</p> + +<p>»Wie heißen Sie?« fragte Karl, nachdem er sich losgelassen +fühlte, zwar sehr höflich, aber gänzlich ungerührt, +und strengte sich an, die Folgen abzusehen, +welche dieses neue Ereignis für den Heizer haben dürfte. +Vorläufig deutete nichts darauf hin, daß Schubal aus +dieser Sache Nutzen ziehen könnte.</p> + +<p>»Begreifen Sie doch, junger Mann, Ihr Glück,« sagte +der Kapitän, der durch Karls Frage die Würde der +Person des Herrn Jakob verletzt glaubte, der sich zum +Fenster gestellt hatte, offenbar, um sein aufgeregtes Gesicht, +das er überdies mit einem Taschentuch betupfte, den +andern nicht zeigen zu müssen. »Es ist der Senator +Edward Jakob, der sich Ihnen als Ihr Onkel zu erkennen +gegeben hat. Es erwartet Sie nunmehr, doch wohl +ganz gegen Ihre bisherigen Erwartungen, eine glänzende +Laufbahn. Versuchen Sie das einzusehen, so gut +es im ersten Augenblick geht, und fassen Sie sich!«</p> + +<p><a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>»Ich habe allerdings einen Onkel Jakob in Amerika,« +sagte Karl zum Kapitän gewendet, »aber wenn ich recht +verstanden habe, ist Jakob bloß der Zuname des Herrn +Senators.«</p> + +<p>»So ist es,« sagte der Kapitän erwartungsvoll.</p> + +<p>»Nun, mein Onkel Jakob, welcher der Bruder meiner +Mutter ist, heißt aber mit dem Taufnamen Jakob, während +sein Zuname natürlich gleich jenem meiner Mutter +lauten müßte, welche eine geborene Bendelmayer ist.«</p> + +<p>»Meine Herren!« rief der Senator, der von seinem +Erholungsposten beim Fenster munter zurückkehrte, mit +Bezug auf Karls Erklärung aus. Alle, mit Ausnahme +der Hafenbeamten, brachen in Lachen aus, manche wie +in Rührung, manche undurchdringlich.</p> + +<p>»So lächerlich war das, was ich gesagt habe, doch +keineswegs,« dachte Karl.</p> + +<p>»Meine Herren,« wiederholte der Senator, »Sie +nehmen gegen meinen und gegen Ihren Willen an einer +kleinen Familienszene teil und ich kann deshalb nicht +umhin, Ihnen eine Erläuterung zu geben, da, wie ich +glaube, nur der Herr Kapitän« – diese Erwähnung +hatte eine gegenseitige Verbeugung zur Folge – »vollständig +unterrichtet ist.«</p> + +<p>»Jetzt muß ich aber wirklich auf jedes Wort achtgeben,« +sagte sich Karl und freute sich, als er bei einem +Seitwärtsschauen bemerkte, daß in die Figur des Heizers +das Leben zurückzukehren begann.</p> + +<p>»Ich lebe seit allen den langen Jahren meines amerikanischen +Aufenthaltes – das Wort Aufenthalt paßt +<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>hier allerdings schlecht für den amerikanischen Bürger, +der ich mit ganzer Seele bin – seit allen den langen +Jahren lebe ich also von meinen europäischen Verwandten +vollständig abgetrennt, aus Gründen, die erstens +nicht hierher gehören, und die zweitens zu erzählen, mich +wirklich zu sehr hernehmen würde. Ich fürchte mich sogar +vor dem Augenblick, wo ich vielleicht gezwungen sein +werde, sie meinem lieben Neffen zu erzählen, wobei sich +leider ein offenes Wort über seine Eltern und ihren +Anhang nicht vermeiden lassen wird.«</p> + +<p>»Es ist mein Onkel, kein Zweifel,« sagte sich Karl +und lauschte, »wahrscheinlich hat er seinen Namen ändern +lassen.«</p> + +<p>»Mein lieber Neffe ist nun von seinen Eltern – +sagen wir nur das Wort, das die Sache auch wirklich +bezeichnet – einfach beiseitegeschafft worden, wie man +eine Katze vor die Tür wirft, wenn sie ärgert. Ich will +durchaus nicht beschönigen, was mein Neffe gemacht hat, +daß er so gestraft wurde, aber sein Verschulden ist ein +solches, daß sein einfaches Nennen schon genug Entschuldigung +enthält.«</p> + +<p>»Das läßt sich hören,« dachte Karl, »aber ich will +nicht, daß er es allen erzählt. Übrigens kann er es ja +auch nicht wissen. Woher denn?«</p> + +<p>»Er wurde nämlich,« fuhr der Onkel fort und stützte +sich mit kleinen Neigungen auf das vor ihm eingestemmte +Bambusstöckchen, wodurch es ihm tatsächlich gelang, der +Sache die unnötige Feierlichkeit zu nehmen, die sie sonst +unbedingt gehabt hätte, »er wurde nämlich von einem +<a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>Dienstmädchen, Johanna Brummer, einer etwa 35jährigen +Person, verführt. Ich will mit dem Worte »verführt« +meinen Neffen durchaus nicht kränken, aber es ist doch +schwer, ein anderes, gleich passendes Wort zu finden.«</p> + +<p>Karl, der schon ziemlich nahe zum Onkel getreten war, +drehte sich hier um, um den Eindruck der Erzählung +von den Gesichtern der Anwesenden abzulesen. Keiner +lachte, alle hörten geduldig und ernsthaft zu. Schließlich +lacht man auch nicht über den Neffen eines Senators +bei der ersten Gelegenheit, die sich darbietet. Eher hätte +man schon sagen können, daß der Heizer, wenn auch +nur ganz wenig, Karl anlächelte, was aber erstens als +neues Lebenszeichen erfreulich und zweitens entschuldbar +war, da ja Karl in der Kabine aus dieser Sache, die +jetzt so publik wurde, ein besonderes Geheimnis hatte +machen wollen.</p> + +<p>»Nun hat diese Brummer,« setzte der Onkel fort, +»von meinem Neffen ein Kind bekommen, einen gesunden +Jungen, welcher in der Taufe den Namen Jakob +erhielt, zweifellos in Gedanken an meine Wenigkeit, +welche, selbst in den sicher nur ganz nebensächlichen Erwähnungen +meines Neffen, auf das Mädchen einen +großen Eindruck gemacht haben muß. Glücklicherweise, +sage ich. Denn da die Eltern zur Vermeidung der Alimentenzahlung +oder sonstigen bis an sie selbst heranreichenden +Skandales – ich kenne, wie ich betonen +muß, weder die dortigen Gesetze noch die sonstigen Verhältnisse +der Eltern – da sie also zur Vermeidung der +Alimentenzahlung und des Skandales ihren Sohn, meinen +<a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>lieben Neffen, nach Amerika haben transportieren lassen, +mit unverantwortlich ungenügender Ausrüstung, wie man +sieht, so wäre der Junge, ohne die gerade noch in +Amerika lebendigen Zeichen und Wunder, auf sich allein +angewiesen, wohl schon gleich in einem Gäßchen im +Hafen von New York verkommen, wenn nicht jenes +Dienstmädchen in einem an mich gerichteten Brief, der +nach langen Irrfahrten vorgestern in meinen Besitz kam, +mir die ganze Geschichte samt Personenbeschreibung +meines Neffen und vernünftigerweise auch Namensnennung +des Schiffes mitgeteilt hätte. Wenn ich es darauf +angelegt hätte, Sie, meine Herren, zu unterhalten, könnte +ich wohl einige Stellen jenes Briefes« – er zog zwei +riesige, engbeschriebene Briefbogen aus der Tasche und +schwenkte sie – »hier vorlesen. Er würde sicher Wirkung +machen, da er mit einer etwas einfachen, wenn +auch immer gutgemeinten Schlauheit und mit viel Liebe +zu dem Vater des Kindes geschrieben ist. Aber ich will +weder Sie mehr unterhalten, als es zur Aufklärung +nötig ist, noch vielleicht gar zum Empfang möglicherweise +noch bestehende Gefühle meines Neffen verletzen, +der den Brief, wenn er mag, in der Stille seines +ihn schon erwartenden Zimmers zur Belehrung lesen kann.«</p> + +<p>Karl hatte aber keine Gefühle für jenes Mädchen. +Im Gedränge einer immer mehr zurücktretenden Vergangenheit +saß sie in ihrer Küche neben dem Küchenschrank, +auf dessen Platte sie ihren Ellbogen stützte. Sie +sah ihn an, wenn er hin und wieder in die Küche kam, +um ein Glas zum Wassertrinken für seinen Vater zu +<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>holen oder einen Auftrag seiner Mutter auszurichten. +Manchmal schrieb sie in der vertrackten Stellung seitlich +vom Küchenschrank einen Brief und holte sich die Eingebungen +von Karls Gesicht. Manchmal hielt sie die +Augen mit der Hand verdeckt, dann drang keine Anrede +zu ihr. Manchmal kniete sie in ihrem engen Zimmerchen +neben der Küche und betete zu einem hölzernen +Kreuz; Karl beobachtete sie dann nur mit Scheu im +Vorübergehen durch die Spalte der ein wenig geöffneten +Tür. Manchmal jagte sie in der Küche herum und +fuhr wie eine Hexe lachend zurück, wenn Karl ihr in +den Weg kam. Manchmal schloß sie die Küchentüre, wenn +Karl eingetreten war und behielt die Klinke solange +in der Hand, bis er wegzugehn verlangte. Manchmal +holte sie Sachen, die er gar nicht haben wollte, und +drückte sie ihm schweigend in die Hände. Einmal aber +sagte sie »Karl« und führte ihn, der noch über die unerwartete +Ansprache staunte, unter Grimassen seufzend +in ihr Zimmerchen, das sie zusperrte. Würgend umarmte +sie seinen Hals und während sie ihn bat, sie zu entkleiden, +entkleidete sie in Wirklichkeit ihn und legte ihn +in ihr Bett, als wolle sie ihn von jetzt niemandem mehr +lassen und ihn streicheln und pflegen bis zum Ende der +Welt. »Karl, o du mein Karl!« rief sie, als sähe sie +ihn und bestätige sich seinen Besitz, während er nicht +das Geringste sah und sich unbehaglich in dem vielen +warmen Bettzeug fühlte, das sie eigens für ihn aufgehäuft +zu haben schien. Dann legte sie sich auch zu ihm +und wollte irgendwelche Geheimnisse von ihm erfahren, +<a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>aber er konnte ihr keine sagen und sie ärgerte sich im +Scherz oder Ernst, schüttelte ihn, horchte sein Herz ab, +bot ihre Brust zum gleichen Abhorchen hin, wozu sie Karl +aber nicht bringen konnte, drückte ihren nackten Bauch +an seinen Leib, suchte mit der Hand, so widerlich, daß +Karl Kopf und Hals aus den Kissen heraus schüttelte, +zwischen seinen Beinen, stieß dann den Bauch einige +Male gegen ihn, ihm war, als sei sie ein Teil seiner +selbst und vielleicht aus diesem Grunde hatte ihn eine +entsetzliche Hilfsbedürftigkeit ergriffen. Weinend kam er +endlich nach vielen Wiedersehenswünschen ihrerseits in +sein Bett. Das war alles gewesen und doch verstand es +der Onkel, daraus eine große Geschichte zu machen. +Und die Köchin hatte also auch an ihn gedacht und den +Onkel von seiner Ankunft verständigt. Das war schön +von ihr gehandelt und er würde es ihr wohl noch einmal +vergelten.</p> + +<p>»Und jetzt,« rief der Senator, »will ich von dir offen +hören, ob ich dein Onkel bin oder nicht.«</p> + +<p>»Du bist mein Onkel,« sagte Karl und küßte ihm die +Hand und wurde dafür auf die Stirne geküßt. »Ich +bin sehr froh, daß ich dich getroffen habe, aber du irrst, +wenn du glaubst, daß meine Eltern nur Schlechtes von +dir reden. Aber auch abgesehen davon, sind in deiner +Rede einige Fehler enthalten gewesen, das heißt, ich +meine, es hat sich in Wirklichkeit nicht alles so zugetragen. +Du kannst aber auch wirklich von hier aus die +Dinge nicht so gut beurteilen, und ich glaube außerdem, +daß es keinen besonderen Schaden bringen wird, wenn +<a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>die Herren in Einzelheiten einer Sache, an der ihnen +doch wirklich nicht viel liegen kann, ein wenig unrichtig +informiert worden sind.«</p> + +<p>»Wohl gesprochen,« sagte der Senator, führte Karl +vor den sichtlich teilnehmenden Kapitän und fragte: +»Habe ich nicht einen prächtigen Neffen?«</p> + +<p>»Ich bin glücklich,« sagte der Kapitän mit einer Verbeugung, +wie sie nur militärisch geschulte Leute zustandebringen, +»Ihren Neffen, Herr Senator, kennen gelernt +zu haben. Es ist eine besondere Ehre für mein Schiff, +daß es den Ort eines solchen Zusammentreffens abgeben +konnte. Aber die Fahrt im Zwischendeck war wohl +sehr arg, ja, wer kann denn wissen, wer da mitgeführt +wird. Nun, wir tun alles Mögliche, den Leuten im +Zwischendeck die Fahrt möglichst zu erleichtern, viel +mehr zum Beispiel, als die amerikanischen Linien, aber +eine solche Fahrt zu einem Vergnügen zu machen, ist +uns allerdings noch immer nicht gelungen.«</p> + +<p>»Es hat mir nicht geschadet,« sagte Karl.</p> + +<p>»Es hat ihm nicht geschadet!« wiederholte laut lachend +der Senator.</p> + +<p>»Nur meinen Koffer fürchte ich verloren zu –« und +damit erinnerte er sich an alles, was geschehen war und +was noch zu tun übrigblieb, sah sich um und erblickte +alle Anwesenden stumm vor Achtung und Staunen auf +ihren früheren Plätzen, die Augen auf ihn gerichtet. +Nur den Hafenbeamten sah man, soweit ihre strengen, +selbstzufriedenen Gesichter einen Einblick gestatteten, das +Bedauern an, zu so ungelegener Zeit gekommen zu sein +<a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>und die Taschenuhr, die sie jetzt vor sich liegen hatten, +war ihnen wahrscheinlich wichtiger, als alles, was im +Zimmer vorging und vielleicht noch geschehen konnte.</p> + +<p>Der erste, welcher nach dem Kapitän seine Anteilnahme +ausdrückte, war merkwürdigerweise der Heizer. +»Ich gratuliere Ihnen herzlich,« sagte er und schüttelte +Karl die Hand, womit er auch etwas wie Anerkennung +ausdrücken wollte. Als er sich dann mit der gleichen +Ansprache auch an den Senator wenden wollte, trat +dieser zurück, als überschreite der Heizer damit seine +Rechte; der Heizer ließ auch sofort ab.</p> + +<p>Die übrigen aber sahen jetzt ein, was zu tun war, +und bildeten gleich um Karl und den Senator einen +Wirrwarr. So geschah es, daß Karl sogar eine Gratulation +Schubals erhielt, annahm und für sie dankte. +Als letzte traten in der wieder entstandenen Ruhe die +Hafenbeamten hinzu und sagten zwei englische Worte, +was einen lächerlichen Eindruck machte.</p> + +<p>Der Senator war ganz in der Laune, um das Vergnügen +vollständig auszukosten, nebensächlichere Momente +sich und den anderen in Erinnerung zu bringen, was +natürlich von allen nicht nur geduldet, sondern mit Interesse +hingenommen wurde. So machte er darauf aufmerksam, +daß er sich die in dem Brief der Köchin erwähnten +hervorstechendsten Erkennungszeichen Karls in +sein Notizbuch zu möglicherweise notwendigem augenblicklichen +Gebrauch eingetragen hatte. Nun hatte er +während des unerträglichen Geschwätzes des Heizers zu +keinem anderen Zweck, als um sich abzulenken, das Notiz<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>buch +herausgezogen und die natürlich nicht gerade detektivisch +richtigen Beobachtungen der Köchin mit Karls +Aussehen zum Spiel in Verbindung zu bringen gesucht. +»Und so findet man seinen Neffen!« schloß er in einem +Ton, als wolle er noch einmal Gratulationen bekommen.</p> + +<p>»Was wird jetzt dem Heizer geschehen?« fragte Karl, +vorbei an der letzten Erzählung des Onkels. Er glaubte +in seiner neuen Stellung alles, was er dachte, auch aussprechen +zu können.</p> + +<p>»Dem Heizer wird geschehen, was er verdient,« sagte +der Senator, »und was der Herr Kapitän für gut erachtet. +Ich glaube, wir haben von dem Heizer genug +und übergenug, wozu mir jeder der anwesenden Herren +sicher zustimmen wird.«</p> + +<p>»Darauf kommt es doch nicht an, bei einer Sache +der Gerechtigkeit,« sagte Karl. Er stand zwischen dem +Onkel und dem Kapitän, und glaubte, vielleicht durch +diese Stellung beeinflußt, die Entscheidung in der Hand +zu haben.</p> + +<p>Und trotzdem schien der Heizer nichts mehr für sich +zu hoffen. Die Hände hielt er halb in dem Hosengürtel, +der durch seine aufgeregten Bewegungen mit dem Streifen +eines gemusterten Hemdes zum Vorschein gekommen war. +Das kümmerte ihn nicht im geringsten, er hatte sein +ganzes Leid geklagt, nun sollte man auch noch die paar +Fetzen sehen, die er am Leibe hatte, und dann sollte +man ihn forttragen. Er dachte sich aus, der Diener und +Schubal, als die zwei hier im Range Tiefsten, sollten +ihm diese letzte Güte erweisen. Schubal würde dann +<a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a>Ruhe haben und nicht mehr in Verzweiflung kommen, +wie sich der Oberkassier ausgedrückt hatte. Der Kapitän +würde lauter Rumänen anstellen können, es würde überall +rumänisch gesprochen werden, und vielleicht würde dann +wirklich alles besser gehen. Kein Heizer würde mehr in +der Hauptkassa schwätzen, nur sein letztes Geschwätz +würde man in ziemlich freundlicher Erinnerung behalten, +da es, wie der Senator ausdrücklich erklärt hatte, die +mittelbare Veranlassung zur Erkennung des Neffen gegeben +hatte. Dieser Neffe hatte ihm übrigens vorher +öfters zu nützen gesucht und daher für seinen Dienst bei +der Wiedererkennung längst vorher einen mehr als genügenden +Dank abgestattet; dem Heizer fiel gar nicht +ein, jetzt noch etwas von ihm zu verlangen. Im übrigen, +mochte er auch der Neffe des Senators sein, ein Kapitän +war er noch lange nicht, aber aus dem Munde des +Kapitäns würde schließlich das böse Wort fallen. – +So wie es seiner Meinung entsprach, versuchte auch der +Heizer nicht zu Karl hinzusehen, aber leider blieb in +diesem Zimmer der Feinde kein anderer Ruheort für +seine Augen.</p> + +<p>»Mißverstehe die Sachlage nicht,« sagte der Senator +zu Karl, »es handelt sich vielleicht um eine Sache der +Gerechtigkeit, aber gleichzeitig um eine Sache der Disziplin. +Beides und ganz besonders das letztere unterliegt +hier der Beurteilung des Herrn Kapitäns.«</p> + +<p>»So ist es,« murmelte der Heizer. Wer es merkte +und verstand, lächelte befremdet.</p> + +<p>»Wir aber haben überdies den Herrn Kapitän in +<a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>seinen Amtsgeschäften, die sich sicher gerade bei der Ankunft +in New York unglaublich häufen, so sehr schon +behindert, daß es höchste Zeit für uns ist, das Schiff +zu verlassen, um nicht zum Überfluß auch noch durch +irgendwelche höchst unnötige Einmischung diese geringfügige +Zänkerei zweier Maschinisten zu einem Ereignis +zu machen. Ich begreife deine Handlungsweise, lieber +Neffe, übrigens vollkommen, aber gerade das gibt mir +das Recht, dich eilends von hier fortzuführen.«</p> + +<p>»Ich werde sofort ein Boot für Sie flottmachen +lassen,« sagte der Kapitän, ohne zum Erstaunen Karls +auch nur den kleinsten Einwand gegen die Worte des +Onkels vorzubringen, die doch zweifellos als eine Selbstdemütigung +des Onkels angesehen werden konnten. Der +Oberkassier eilte überstürzt zum Schreibtisch und telephonierte +den Befehl des Kapitäns an den Bootsmeister.</p> + +<p>»Die Zeit drängt schon,« sagte sich Karl, »aber ohne +alle zu beleidigen, kann ich nichts tun. Ich kann doch +jetzt den Onkel nicht verlassen, nachdem er mich kaum +wiedergefunden hat. Der Kapitän ist zwar höflich, aber +das ist auch alles. Bei der Disziplin hört seine Höflichkeit +auf, und der Onkel hat ihm sicher aus der Seele +gesprochen. Mit Schubal will ich nicht reden, es tut mir +sogar leid, daß ich ihm die Hand gereicht habe. Und +alle anderen Leute hier sind Spreu.«</p> + +<p>Und er ging langsam in solchen Gedanken zum Heizer, +zog dessen rechte Hand aus dem Gürtel und hielt sie +spielend in der seinen. »Warum sagst du denn nichts?« +fragte er. »Warum läßt du dir alles gefallen?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>Der Heizer legte nur die Stirn in Falten, als suche +er den Ausdruck für das, was er zu sagen habe. Im +übrigen sah er auf Karls und seine Hand hinab.</p> + +<p>»Dir ist ja unrecht geschehen, wie keinem auf dem +Schiff, das weiß ich ganz genau.« Und Karl zog seine +Finger hin und her zwischen den Fingern des Heizers, +der mit glänzenden Augen ringsumher schaute, als widerfahre +ihm eine Wonne, die ihm aber niemand verübeln +möge.</p> + +<p>»Du mußt dich aber zur Wehr setzen, ja und nein sagen, +sonst haben doch die Leute keine Ahnung von der Wahrheit. +Du mußt mir versprechen, daß du mir folgen wirst, +denn ich selbst, das fürchte ich mit vielem Grund, werde +dir gar nicht mehr helfen können.« Und nun weinte Karl, +während er die Hand des Heizers küßte und nahm die +rissige, fast leblose Hand und drückte sie an seine Wangen, +wie einen Schatz, auf den man verzichten muß. – Da +war aber auch schon der Onkel Senator an seiner Seite +und zog ihn, wenn auch nur mit dem leichtesten Zwange, +fort.</p> + +<p>»Der Heizer scheint dich bezaubert zu haben,« sagte er +und sah verständnisinnig über Karls Kopf zum Kapitän +hin. »Du hast dich verlassen gefühlt, da hast du den +Heizer gefunden und bist ihm jetzt dankbar, das ist ja +ganz löblich. Treibe das aber, schon mir zuliebe, nicht +zu weit und lerne deine Stellung begreifen.«</p> + +<p>Vor der Türe entstand ein Lärmen, man hörte Rufe +und es war sogar, als werde jemand brutal gegen die +Türe gestoßen. Ein Matrose trat ein, etwas verwildert, +<a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a>und hatte eine Mädchenschürze umgebunden. »Es sind Leute +draußen,« rief er und stieß einmal mit dem Ellbogen +herum, als sei er noch im Gedränge. Endlich fand er +seine Besinnung und wollte vor dem Kapitän salutieren, +da bemerkte er die Mädchenschürze, riß sie herunter, warf +sie zu Boden und rief: »Das ist ja ekelhaft, da haben +sie mir eine Mädchenschürze umgebunden.« Dann aber +klappte er die Hacken zusammen und salutierte. Jemand +versuchte zu lachen, aber der Kapitän sagte streng: »Das +nenne ich eine gute Laune. Wer ist denn draußen?«</p> + +<p>»Es sind meine Zeugen,« sagte Schubal vortretend, +»ich bitte ergebenst um Entschuldigung für ihr unpassendes +Benehmen. Wenn die Leute die Seefahrt hinter sich +haben, sind sie manchmal wie toll.«</p> + +<p>»Rufen Sie sie sofort herein!« befahl der Kapitän +und gleich sich zum Senator umwendend sagte er verbindlich, +aber rasch: »Haben Sie jetzt die Güte, verehrter +Herr Senator, mit Ihrem Herrn Neffen diesem +Matrosen zu folgen, der Sie ins Boot bringen wird. +Ich muß wohl nicht erst sagen, welches Vergnügen und +welche Ehre mir das persönliche Bekanntwerden mit +Ihnen, Herr Senator, bereitet hat. Ich wünsche mir nur, +bald Gelegenheit zu haben, mit Ihnen, Herr Senator, +unser unterbrochenes Gespräch über die amerikanischen +Flottenverhältnisse wieder einmal aufnehmen zu können +und dann vielleicht neuerdings auf so angenehme Weise, +wie heute, unterbrochen zu werden.«</p> + +<p>»Vorläufig genügt mir dieser eine Neffe,« sagte der +Onkel lachend. »Und nun nehmen Sie meinen besten +<a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>Dank für Ihre Liebenswürdigkeit und leben Sie wohl. +Es wäre übrigens gar nicht so unmöglich, daß wir« – +er drückte Karl herzlich an sich – »bei unserer nächsten +Europareise vielleicht für längere Zeit mit Ihnen zusammenkommen +könnten.«</p> + +<p>»Es würde mich herzlich freuen,« sagte der Kapitän. +Die beiden Herren schüttelten einander die Hände, Karl +konnte nur noch stumm und flüchtig seine Hand dem +Kapitän reichen, denn dieser war bereits von den vielleicht +fünfzehn Leuten in Anspruch genommen, welche +unter Führung Schubals zwar etwas betroffen, aber doch +sehr laut einzogen. Der Matrose bat den Senator, vorausgehen +zu dürfen und teilte dann die Menge für ihn +und Karl, die leicht zwischen den sich verbeugenden Leuten +durchkamen. Es schien, daß diese im übrigen gutmütigen +Leute den Streit Schubals mit dem Heizer als einen +Spaß auffaßten, dessen Lächerlichkeit nicht einmal vor +dem Kapitän aufhöre. Karl bemerkte unter ihnen auch +das Küchenmädchen Line, welche, ihm lustig zuzwinkernd, +die vom Matrosen hingeworfene Schürze umband, denn +es war die ihrige.</p> + +<p>Weiter dem Matrosen folgend verließen sie das Bureau +und bogen in einen kleinen Gang ein, der sie nach ein paar +Schritten zu einem Türchen brachte, von dem aus eine +kurze Treppe in das Boot hinabführte, welches für sie +vorbereitet war. Die Matrosen im Boot, in das ihr +Führer gleich mit einem einzigen Satz hinuntersprang, +erhoben sich und salutierten. Der Senator gab Karl +gerade eine Ermahnung zu vorsichtigem Hinuntersteigen, +<a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a>als Karl noch auf der obersten Stufe in heftiges Weinen +ausbrach. Der Senator legte die rechte Hand unter Karls +Kinn, hielt ihn fest an sich gepreßt und streichelte ihn +mit der linken Hand. So gingen sie langsam Stufe für +Stufe hinab und traten engverbunden ins Boot, wo der +Senator für Karl gerade sich gegenüber einen guten +Platz aussuchte. Auf ein Zeichen des Senators stießen +die Matrosen vom Schiffe ab und waren gleich in voller +Arbeit. Kaum waren sie ein paar Meter vom Schiff +entfernt, machte Karl die unerwartete Entdeckung, daß +sie sich gerade auf jener Seite des Schiffes befanden, +wohin die Fenster der Hauptkassa gingen. Alle drei +Fenster waren mit Zeugen Schubals besetzt, welche freundschaftlichst +grüßten und winkten, sogar der Onkel dankte, +und ein Matrose machte das Kunststück, ohne eigentlich +das gleichmäßige Rudern zu unterbrechen, eine Kußhand +hinaufzuschicken. Es war wirklich, als gebe es keinen +Heizer mehr. Karl faßte den Onkel, mit dessen Knien +sich die seinen fast berührten, genauer ins Auge, und es +kamen ihm Zweifel, ob dieser Mann ihm jemals den +Heizer werde ersetzen können. Auch wich der Onkel seinem +Blicke aus und sah auf die Wellen hin, von denen ihr +Boot umschwankt wurde.</p> + + + +<div class="note"> +<p>Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der Erstausgabe erstellt.</p> + +<p>Nach dem Korrekturlesen auf PGDP wurde der Text mit der eigens für +diesen Zweck eingescannten Fassung aus »Franz Kafka: Die Erzählungen – +Originalfassung, Fischer Taschenbuchverlag, 8. Auflage: August 2003« +verglichen. Jene Fassung basiert auf der Kritischen Kafka-Ausgabe. +Entsprechend dieser Textvergleiche wurden folgende Korrekturen +vorgenommen:</p> + +<p> +p 05: sechszehnjährige -> sechzehnjährige<br /> +p 08: »Ja, warum haben sie -> Sie<br /> +p 21: Kofferchen -> Köfferchen<br /> +p 34: beseitegeschafft -> beiseitegeschafft<br /> +p 42: in Verzweiflung kommen wie -> kommen, wie</p> +</div> + + + +<div class="note"> +<p>Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from scans of a first +edition copy.</p> + +<p>After proofreading on PGDP had been completed, the text was +compared with another version scanned from a recent printing of »Franz +Kafka: Die Erzählungen – Originalfassung, Fischer Taschenbuchverlag, +8. Auflage: August 2003«; which follows the critical edition of Kafka’s +works. While I kept most of the peculiarities of the first edition, I +corrected the following list of words and punctuation which I believe to +be misprints:</p> + +<p> +p 05: sechszehnjährige -> sechzehnjährige<br /> +p 08: »Ja, warum haben sie -> Sie<br /> +p 21: Kofferchen -> Köfferchen<br /> +p 34: beseitegeschafft -> beiseitegeschafft<br /> +p 42: in Verzweiflung kommen wie -> kommen, wie</p> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Heizer, by Franz Kafka + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HEIZER *** + +***** This file should be named 16304-h.htm or 16304-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/6/3/0/16304/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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