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ERSTER BAND*** + + + + + + Nach Amerika! + Ein Volksbuch + + Erster Band + von + Friedrich Gerstäcker. +Illustrirt von Theodor Hosemann. +Leipzig, Hermann Costenoble, Verlagsbuchhandlung +Berlin, Rudolph Gaertner, Amelang’sche Sort-Buchhandlung + +1855 + + + + + + [image] + + + + + + + NACH AMERIKA! + + +Wie man ein Bild, aus einem Werk heraus, vorn auf den Umschlag bringt, den +Beschauer dadurch gewissermaßen in den Charakter des Ganzen einzuweihen, +so will auch ich hier den Anfang des einen Capitels, aus der Mitte des +Bandes heraus, zum Vorwort wählen, den Leser gleich von vorn herein mit +dem bekannt zu machen, was ich ihm biete. + +»Nach Amerika!« — Leser, erinnerst Du Dich noch der Märchen in »Tausend +und eine Nacht«, wo das kleine Wörtchen »Sesam« dem, der es weiß, die +Thore zu ungezählten Schätzen öffnet? hast Du von den Zaubersprüchen +gehört, die vor alten Zeiten weise Männer gekannt, Geister heraufzurufen +aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls sich dienstbar zu +machen? — Mit dem ersten Klang der einfachen Sylbe schlugen, wie sich die +Sage seit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner +zusammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkühne Menschenkind das sie +gesprochen, bebte zurück vor der furchtbaren Gewalt die es +heraufbeschworen. + +_Die_ Zeiten sind vorüber; die Geister, die damals dem Menschengeschlecht +gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das +rechte Wort vergeben sie zu rufen — aber ein anderes dafür gefunden das, +kaum minder stark, mit _einem_ Schlage das Kind aus den Armen der Eltern, +den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen seinen Verhältnissen und +Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reißt, in dem es bis dahin mit +seinen stärksten, innigsten Fasern treulich festgehalten. + +»Nach Amerika,« leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der ersten +schweren, traurigen Stunde entgegen, die seine Kraft prüfen sollte, seinen +Muth stählen — »nach Amerika,« flüstert der Verzweifelte der hier am Rand +des Verderbens dem Abgrund langsam aber sicher entgegen gerissen wurde — +»nach Amerika,« sagt still und entschlossen der Arme, der mit männlicher +Kraft, und doch immer und immer wieder vergebens gegen die Macht der +Verhältnisse angekämpft, der um sein »tägliches Brod« mit blutigem Schweiß +gebeten — und es nicht erhalten, der keine Hülfe für sich und die Seinen +hier im Vaterlande sieht, und doch nicht betteln _will_, nicht stehlen +_kann_ — »nach Amerika« lacht der Verbrecher nach glücklich verübtem Raub, +frohlockend der fernen Küste entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt +vor dem Arm des beleidigten Rechts — »nach Amerika,« jubelt der Idealist, +der wirklichen Welt zürnend, weil sie eben wirklich ist, und über dem +Ocean drüben ein Bild erhoffend, das dem in seinem eigenen tollen Hirn +erzeugten, gleicht — »nach Amerika« und mit dem einen Wort liegt hinter +ihnen, abgeschlossen, ihr ganzes früheres Leben, Wirken, Schaffen — liegen +die Bande die Blut oder Freundschaft hier geknüpft, liegen die Hoffnungen +die sie für hier gehegt, die Sorgen die sie gedrückt — _»nach Amerika!«_ + +So gährt und keimt der Saame um uns her — hier noch als leiser, kaum +verstandener Wunsch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft +und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht seiner gepackten Kisten und +Kasten. Der Bauer draußen hinter seinem Pflug, den der nahe Grenzrain, der +ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie so schwer +geärgert, und der im Geist schon die langen geraden Furchen zieht, weit +über dem Meer drüben, in dem fetten, herrlichen Land; — der Handwerker in +seiner Werkstatt, dem sich Meister nach Meister in die Nachbarschaft +setzt, mit Neuerungen und großen, marktschreierischen Firmen, die wenigen +Kunden die ihm bis dahin noch geblieben in _seine_ Thür zu locken; der +Künstler in seinem Atelier, oder seiner Studirstube, der über einer +freieren Entwickelung brütet, und von einem Lande schwärmt wo +Nahrungssorgen ihm nicht Geist und Hände binden; — der Kaufmann hinter +seinem Pult, der Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in seinen Büchern +zieht, und, das sorgenschwere Haupt in die Hand gestützt, von einem neuen, +andern Leben, von lustig bewimpelten Schiffen, von reich gefüllten +Waarenhäusern träumt; in Tausenden von ihnen drängt’s und treibt’s und +quält’s, und wenn sie auch noch vielleicht Jahre lang nach außen die alte +frühere Ruhe wahren, in ihren Herzen glüht und glimmt der Funke fort — ein +stiller aber ein gefährlicher Brand. Jeder Bericht über das ferne Land +wird gelesen und überdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend für den +Kranken. Vorsichtig und ängstlich, und wie weit herum um ihr Ziel, daß man +die Absicht nicht errathen soll, fragen sie versteckt nach dem und jenem +Ding — nach Leuten die vordem »hinüber« gezogen und denen es gut gegangen +— nach Land- und Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk — für Andere natürlich, +nicht für sich etwa — sie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen +will hinüber, ein entfernter Verwandter oder naher Freund, sie wünschen +daß es dem wohl geht, und häufen mehr und mehr Zunder für sich selber auf. + +So ringt und drängt und wühlt das um uns her; keiner ist unter uns, dem +nicht ein lieber Freund, ein naher Verwandter den _salto mortale_ gethan, +und Alles hinter sich gelassen, was ihm einst lieb und theuer war — aus +dem, aus jenem Grund — und täglich, stündlich noch hören wir von anderen, +von denen wir im Leben nie geglaubt daß _sie_ je an Amerika gedacht, wie +sie mit Weib und Kind und Hab und Gut hinüberziehn. + +Und dort? — + +— Die vorliegenden Blätter sollen dem Leser ein Bild geben von dem Leben +und Treiben solcher Leute. Hier aus unserer Mitte heraus, aus den +verschiedenartigsten Verhältnissen und Sphären, aus allen Schichten der +menschlichen Gesellschaft sehen wir sie ziehen — Gute und Böse, den +Leichtsinnigen und den Spekulanten, den Bauer und Handwerker, den +Gelehrten und den Arbeiter, den rechtschaffenen Bürger und den heimlichen +Verbrecher, Alle dem _einen_ Ziel entgegenstrebend. Und _Alle_ vereinigt +sie das Schiff; der eine kleine Bau, der hunderte von Menschen auf seinem +schwanken Kiel hinüberträgt, dem fernen Welttheil zu; oh was für +Hoffnungen, was für Pläne und Träume birgt er in seinem Schooß. Aber die +Auswanderer liegen die langen Wochen, ja Monate, verpuppten Raupen gleich, +im engen Haus, still und gedrängt beisammen; Jeder mit dem alten Leben +abgeschlossen hinter sich, mit dem neuen noch nicht begonnen, in einem +wunderlichen unnatürlichen Zustand, ungeduldiger Ruhe, bis der Anker in +die Tiefe rollt, und die ausgeschobene schmale Planke der bunten Schaar +von Tag- und Nachtfaltern den Weg in’s Freie öffnet. + +Hinaus flattern sie da nach allen Seiten, wie eine Hand voll Spreu, vom +Winde fort geführt; die Einen selbstbewußt und keck dem fremden, +unbekannten Leben in die Arme springend, die Anderen scheu und zaghaft bei +jedem Schritte fast moralische Selbstschüsse und Fußangeln fürchtend; Alle +aber entschlossen, die meisten sogar gezwungen, dem neuen Vaterlande die, +im alten aufgegebene Existenz abzuringen, Jeder in seiner Art, auf seine +Weise. + +Dort nun sehen wir sie schaffen und wirken in Gutem und Bösen, die Einen +mit ihren kühnsten Hoffnungen erfüllt, Andere, zerknirscht und zertreten, +die Stunde verwünschend, die den Gedanken an Auswanderung gebar — sehn wie +sich die Wildniß lichtet, wie Farmen und Städte entstehn, und sich das +deutsche Element ausbreitet nach allen Seiten, und folgen den einzelnen +Bekannten und Freunden, die wir zu Hause schon, oder auf der Fahrt erst +lieb gewonnen, oder für die wir uns interessiren, auf ihren verschiedenen, +oft wunderlichen Bahnen. + +Manchen alten Reisegefährten führ ich dabei dem Leser vor, und hoffe ihn +nicht zu langweilen, den weiten Weg; schlafen wir dann auch manchmal +draußen im Freien, oder in niederer Blockhütte auf dünnem »Quilt«, müssen +wir auch eine Zeit lang mit Maisbrod und Wildpret, oder gar mit Speck und +Syrup verlieb nehmen, wie es der Farmer am Ohio liebt, wir lernen doch das +Land kennen, mit seinen guten und schlechten Eigenschaften, seinen +Vortheilen und Mängeln, seinen Bürgern und Einwanderern, seinen inneren +Verhältnissen, seinem Leben und seiner Lebenskraft, und bin ich im Stande +ihn auch nur einen Blick in jene ferne, von Tausenden so heiß ersehnte +Welt, wie ich sie selbst gefunden, thun zu lassen, so hab ich meinen Zweck +mit diesem Buch erreicht. + +_Rosenau_ bei Coburg im September 1854. + + Friedrich Gerstäcker. + + + + + + INHALT DES ERSTEN BANDES. + + +Das Dollinger’sche Haus +Der rothe Drachen +Der Diebstahl +Franz Loßenwerder +Die Auswanderungs-Agentur +Die Weberfamilie +Nach Amerika +Der Tanz im rothen Drachen +Rüstungen +Die beiden Familien + + + + + + Capitel 1. + + + DAS DOLLINGER’SCHE HAUS. + + +Im Hause des reichen Kaufmanns Dollinger zu Heilingen — einer nicht +unbedeutenden Stadt Deutschlands — hatte am Sonntag Mittag, ein kleines +Familienfest die Glieder des Hauses um den Speisetisch versammelt, und +diesen heute in außergewöhnlicher Weise mit Blumen geschmückt, und +delicaten Speisen und Weinen gedeckt. Es war der Geburtstag der zweiten +Tochter des Hauses, der liebenswürdigen Clara und nur ihr erklärter +Bräutigam, ein junger deutscher, in New-Orleans ansässiger Kaufmann, als +Gast der Familie zugezogen worden. + +Am oberen Ende des Tisches, um dem Leser die Personen gleich in +Lebensgröße vorzuführen, saß Vater Dollinger, ein etwas wohlbeleibter aber +behäbiger, stattlicher Mann, mit klaren, blauen, unendlich gutmüthigen +Augen und schneeweißen Locken und Augenbrauen, die aber dem edel +geschnittenen Gesicht gar gut und ehrwürdig standen. Ihm zur Rechten saß +seine Frau, allem Anschein nach etwa funfzehn oder sechzehn Jahre jünger +wie er selber, und durch ihr volles, dunkelbraunes Haar vielleicht auch +noch sogar jünger aussehend, als sie wirklich war. Sie ebenfalls, mit +ihrer stattlichen Gestalt, hatte einen leichten Anflug zu Corpulenz, aber +das etwas ausgeschnittene Kleid, wie die schwere goldene Kette, Broche und +Ohrringe, die sie fast etwas zu reichlich schmückten, paßten nicht ganz zu +dem sonst so freundlichen, matronenhaften Aeußern. + +Clara neben ihr, war das veredelte Bild der Eltern; die lieben treublauen +Augen schauten gar so vertrauungs- und unschuldsvoll hinein in die Welt, +an deren Schwelle sie stand, und die ihr, wie ein eben geöffnetes, +prachtvoll gebundenes Buch auf den ersten, flüchtig durchblätterten +Seiten, nur freundliche Blumen und ihr zulächelnde Gestalten zeigte. Kein +Schmerz hatte diese engelsanften Züge noch je durchzuckt, keine Thräne +wirklichen Schmerzes den reinen Blick getrübt, und die ganze zarte, +sinnige Gestalt glich der eben entkeimenden Frühlingsblüthe im sonnigen +Wald, die dem jungen Frühlingstag in Glück und Unschuld die schwellenden +Lippen zum Kusse bietet, und in der blitzenden Thauperle ihres Kelchs, den +reinen Aether über sich, nur schöner, nur glühender zurückspiegelt. + +Ihre um nur wenige Jahre ältere Schwester, Sophie, die an des Vaters Seite +saß, ähnelte der Schwester in mancher Hinsicht an Gestalt, aber das +einfach kindliche, was Clärchen jenen unendlichen Reiz verlieh, fehlte +ihr. Ihre Gestalt war voller, majestätischer, aber auch ihr Blick mehr +kalt und stolz; »ich bin des reichen Dollingers Kind« lag klar und +deutlich in den scharf zusammengezogenen Mundwinkeln, in dem fest und +entschieden, blitzenden Auge, und auch ihre Kleidung, ihr Schmuck war, +wenn nicht reicher, doch jedenfalls mehr in’s Auge springend, Bewunderung +fordernd. + +Zwischen Beiden saß Clara’s Bräutigam, ein junger, bildhübscher Mann in +moderner, fast für einen Mann etwas zu gewählter und sorgfältig geordneter +Kleidung; er trug das Haar in natürlichen dunkelbraunen Locken und das +Gesicht glatt rasirt, bis auf einen kleinen, aufmerksam gekräußten, und +nur bis zur halben Backe reichenden Backenbart, an den Fingern aber mehre +sehr kostbare Diamant-Ringe, eine Brillant-Tuchnadel von prachtvollem +Feuer, und eine schwere goldene, ebenfalls mit kleinen Edelsteinen +besetzte Uhrkette. + +Die Bekanntschaft Clara’s und ihrer Eltern hatte er dabei auf eine etwas +romantische Weise, und zwar gleich als ihr Lebensretter oder doch Befreier +aus einer nicht unbedeutenden Gefahr gemacht. Herr und Frau Dollinger +waren nämlich mit ihren beiden Töchtern im vorigen Herbst auf einer +Rheinreise bei Rüdesheim aus- und zu dem kleinen Waldtempel oben über +Asmannshausen hinaufgestiegen, um sich von dort nach dem Rheinstein +übersetzen zu lassen; die Mutter hatte aber durch das nicht gewohnte +Bergsteigen heftige Kopfschmerzen bekommen oder, was wahrscheinlicher ist, +ennuyirte sich am Land und wünschte an Bord des Dampfers zurückzukehren, +und als sie gerade mit dem Kahn über den Rhein fuhren, kam ein Dampfboot +stromab, und hielt auf ihr Winken, sie an Bord zu nehmen. Herr und Frau +Dollinger, mit Sophie, von den Kahnführern unterstützt, hatten auch schon +glücklich die Treppe und das Deck erreicht, und dicht hinter ihnen folgte +Clara, als diese sich plötzlich erinnerte, ihre Geldtasche im Kahn +vergessen zu haben, und anstatt diese sich heraufreichen zu lassen, selber +wieder zurücksprang sie zu holen. Durch das Hineinspringen fing aber der +schmale Kahn an zu schwanken, während sie, die vergessene kleine Tasche +aufhebend, das Gleichgewicht verlor und, mit dem Kopf voran, in den Rhein +stürzte. Unglücklicher Weise waren gerade in dem nämlichen Augenblick die +Kahnleute an Deck des Dampfers gestiegen, den Koffer eines Passagiers, der +mit an Land fahren wollte, in ihren Kahn zu heben, und wenn sie jetzt +auch, auf das Geschrei an Bord, rasch in diesen zurücksprangen, trieb doch +Clara schon hinter dem Dampfboot aus, als der junge, eben von Amerika +zurückgekehrte Mann, der dem ganzen Vorfall vom Deck des Dampfers +zugesehn, mit keckem Muth ins Wasser sprang und die Jungfrau doch +wenigstens so lange an der Oberfläche unterstützte, bis das Boot herbeikam +sie beide aufzunehmen. + +Das Weitere nahm einen ziemlich einfachen Verlauf, Joseph Henkel, wie der +junge Mann hieß, gewann sich in den nächsten Wochen, die er in der +Gesellschaft der ihm zu großen Dank verpachteten Familie zubrachte, die +Achtung des Vaters und die Liebe von Mutter und Tochter, und als er zuerst +bei der Mutter um die Hand der Tochter anhielt, sagten Beide nicht nein. +Allerdings wollte der Vater erst, wenn auch nicht gerade Schwierigkeiten +machen, doch etwas Genaueres über die Existenzmittel eines Mannes +erfahren, dem er das Glück und Leben eines lieben Kindes anvertrauen +sollte. Henkel selber bot ihm dazu die Hand und gab ihm Adressen an +verschiedene Häuser in New-Orleans, die ihm über seine dortige Stellung +genaue Auskunft geben konnten. + +Nach seinem Vermögen mochte der alte Dollinger, wenn auch Kaufmann, nicht +so genau forschen; er war selber reich genug, einen _reichen_ +Schwiegersohn entbehren zu können, und etwas Vermögen mußte der junge Mann +haben, dafür bürgte sein ganzes Auftreten, bürgte besonders in den Augen +seiner Frau der reiche und wirklich kostbare Schmuck, den er trug. Joseph +Henkel war aber auch außerdem ein interessanter und sehr gescheidter Mann, +der Manches in der Welt schon gesehen und erlebt, und das Gesehene und +Erlebte mit lebendigen Farben und Worten zu schildern wußte. Er hatte die +ganzen Vereinigten Staaten von Nord nach Süd und von Ost nach West +durchstreift, und dort theils seinen Geschäften gelebt, theils gejagt, +sogar ein kleines Dampfschiff auf dem Arkansas laufen gehabt, mit den +Indianern Handel zu treiben, und ihnen die Produkte des Ostens gegen ihre +eigenen Fabrikate und den Gewinn ihrer Jagden einzutauschen. Er war auch +einmal von jenen wilden trotzigen Stämmen, die uns Cooper so herrlich und +unübertroffen beschrieben, gefangen genommen und zum Opfertod verdammt, +und damals wirklich nur durch ein halbes Wunder gerettet worden, und Clara +hatte eine ganze Nacht nicht schlafen können, nur in der Angst und Unruhe +um die entsetzliche Gefahr, der sich der tollkühne Mensch damals schon +ausgesetzt. + +Der junge Mann schien aber zwischen jenen wilden Stämmen den Umgang mit +civilisirten Menschen keineswegs verlernt zu haben, und besaß ganz +besonders ein fast wunderbares Geschick, sich seiner Umgebung +anzuschmiegen, und sich in ihre Charaktere ordentlich hineinzuleben. Als +ein tüchtiger und raffinirter Kaufmann, der vorzüglich eine vortreffliche +statistische Kenntniß der Union besaß, gewann er sich dabei, und gleich +von allem Anfang an, die Achtung des alten Dollinger. Der Frau aber hatte +er leicht ihre kleinen, oft liebenswürdigen Schwachheiten abgelauscht, und +wußte ihnen auf so geschickte Art zu begegnen, daß Frau Dollinger, mit der +Rettung des geliebten Kindes im Hintergrund, schon nach sehr kurzer Zeit +ganz entzückt von ihm war, und sein Lob dem Gatten unaufhörlich redete. +Auch mit der älteren Schwester, Sophie, wußte sich Henkel bald auf guten +Fuß zu stellen; er hatte bei ihr das leichteste Spiel, denn ihre Schwächen +lagen offen zu Tag, denen aber schmeichelte er mit solcher +Liebenswürdigkeit, daß ihm Clara, die es fühlte wie er dabei aus sich +herausging und etwas annahm was ihm nicht natürlich war, oder doch +jedenfalls dem Mann, den sie liebte, nicht natürlich sein _sollte_, +dennoch nicht böse darüber werden konnte. + +Desto freier, offener und natürlicher war er dafür gegen sie selber; er +las, sang und spielte Pianoforte mit ihr, lehrte sie eine Menge kleiner +reizender, schottischer und irischer Lieder, oder plauderte mit ihr leicht +und sorglos Stunden lang in den Tag hinein, und konnte oft so herzlich +dabei lachen, daß es Einem ordentlich gut that, ihm zuzuhören. Selbst +Sophie entsagte dann nicht selten ihrem sonst etwas mehr abgeschlossenen, +fast steifen Wesen und kam zu ihnen, Theil an ihrer Fröhlichkeit zu +nehmen. + +Nur in den letzten Tagen war der junge »Amerikaner« wie er im Hause +gewöhnlich scherzhaft hieß, oder der »Delaware« wie ihn Sophie, wenn sie +manchmal bei recht guter Laune war, nannte, auffällig niedergeschlagen +gewesen; er hatte Briefe von Amerika bekommen, wie er sagte, und ein sehr +lieber Freund von ihm war dort schwer erkrankt, auch ein Schiff das ihm +gehörte, und das nicht versichert worden, so lange ausgeblieben, daß sein +Compagnon fast den Untergang desselben befürchte. Der alte Herr Dollinger +tröstete ihn deshalb, und er schien sich auch darüber hinwegzusetzen, die +sonst so blühende Farbe seiner Wangen wollte aber doch nicht sogleich +wieder dorthin zurückkehren, und das Auge hatte etwas Unsicheres, +Unstätes, ihm sonst gar nicht Eigenes bekommen. + +Nur heute, zu dem Fest der holden Jungfrau, die er bald die seine zu +nennen hoffte, hatte er all die trüben Gedanken, welcher Art sie auch +gewesen, und woher sie stammten, von sich abgeschüttelt, und war ganz +wieder der frohe glückliche Mann, wie ihn Clara kennen — _lieben_ gelernt. +Auf seinen Wunsch nur, womit Frau Dollinger eigentlich nicht ganz +einverstanden gewesen, war auch heute keine größere Gesellschaft geladen +worden, sondern die kleine Familie speiste ganz »unter sich« in dem +festlich mit Blumen und Guirlanden geschmückten Zimmer des jungen +liebenswürdigen Geburtstagkindes. Frau Dollinger hatte sich eigentlich +schon länger auf eine zu diesem Zweck einzuladende, größere Gesellschaft +gefreut. Herr Dollinger selber hielt aber nicht viel von solchen Fêten; +dafür jedoch bedung sie sich aus, daß sie wenigstens den Nachmittag +spatzieren fahren wollten, wobei sie der junge Henkel gewöhnlich zu Pferde +begleitete. + +Etwas that aber der alte Herr Dollinger gern, und zwar ein Glas Champagner +trinken, und der zweite Stöpsel war eben lustig hinausgeknallt, der +Gesundheit des »jungen Brautpaares« zu Ehren, als die Thür aufging und +Loßenwerder, ein Comptoirdiener des Hauses, mit einem kleinen Paket in’s +Zimmer trat. + +Loßenwerder war schon seit elf oder zwölf Jahren im Haus, und seinem +Aeußern nach eben keine angenehme Persönlichkeit; er hinkte auf dem linken +Bein, das er als Kind einmal gebrochen, war überhaupt häßlicher und +magerer Natur, und schielte auf dem rechten Auge, wodurch sein sonst +gerade nicht unangenehmes Gesicht einen etwas falschen Ausdruck bekam. Das +Störendste aber an dem ganzen Menschen war sein Stottern, wegen dem man +sich auf ein längeres Gespräch gar nicht mit ihm einlassen konnte, und kam +er einmal in Affekt, konnte er kein Wort mehr herausbringen. Frau +Dollinger sowohl wie Sophie konnten ihn auch nicht leiden, ja die letztere +behauptete sogar er verstelle sich und sie habe ihn schon ganz ordentlich, +wenigstens zehntausend Mal besser sprechen hören, als er es jedesmal +affektire, wenn er zu ihnen in die Wohnung komme; Clara aber hatte Mitleid +mit dem armen Menschen, den sie seines Unglücks wegen innig bedauerte, +schenkte ihm oft eine Kleinigkeit und spottete nie über ihn, während Herr +Dollinger selber, ihn als einen brauchbaren und treuen Diener, der noch +außerdem eine vortreffliche Hand schrieb, kannte und sehr zufrieden mit +ihm war, ihm auch jedes nur mögliche Vertrauen bewieß. + +»Hallo, Loßenwerder, was bringst Du mir da in’s Haus?« rief ihm sein +Principal jetzt halb lachend, halb erstaunt entgegen, als der kleine Mann +das Zimmer betrat und schüchtern an der Thüre stehen blieb — »ist das für +mich oder meine Tochter?« + +»Gewiß für mich, Väterchen,« rief Clara, rasch von ihrem Sitze +aufspringend — »siehst Du, der Onkel hat mich doch nicht ganz vergessen +mit meinem Fest, und mir Gruß und Geschenk geschickt.« + +»Hehehe — mö — mö — möchten es sich wo — wo — wo — wo — wohl wü — n — +nschen Fräulein« lachte aber der Stotternde, indem er Herrn Dollinger +zuwinkte, daß das Paket für ihn sei — »ka — ka — ka — kann ich mir de — de +— de — de — denken — Go — go — gold und Ba — ba — ba — ba — bank — no — +noten.« Er zog dabei einen Brief aus der Tasche, den er dem Herrn übergab. + +»Hm, hm, hm« sagte aber dieser kopfschüttelnd, »und das bringst Du mir +jetzt in’s Haus — gerade wo ich ausfahren will — warum hast Du es denn +nicht dem Cassirer gegeben?« + +»Ni — ni — nirgends zu fi — fi — fi — finden« stotterte Loßenwerder. + +Herr Dollinger warf den Kopf, den Brief flüchtig durchfliegend, herüber +und hinüber, sagte dann aber, aufstehend und das Papier vor sich +hinlegend: + +»Ja, da läßt sich denn weiter Nichts ändern; gieb mir das Paket +Loßenwerder, und sieh dann zu, daß Du Herrn Reibich findest. Ich lasse ihn +bitten um sieben oder halb acht Uhr heute Abend auf einen Augenblick zu +mir zu kommen — verstanden?« + +»Ja — ja — jawohl He — he — he — herr Do — do — do — Do — « + +»Schon gut« lachte Herr Dollinger, ihm zuwinkend, »und hier, Loßenwerder, +magst Du auch einmal ein Glas auf das Wohl meiner Tochter trinken. +Fräulein Clara’s Geburtstag ist heute — hier Clara, reich es dem jungen +Herrn.« Er füllte dabei ein Wasserglas bis zum Rande voll von dem +funkelnden, schäumenden Naß, und während Clara mit freundlichem Lächeln +dem armen Teufel das Glas credenzte, nahm Herr Dollinger das Paket mit +Geld, ging zu dem nahen Secretair, in dem der Schlüssel stak, öffnete ihn, +legte das Geld hinein, zog dann den Schlüssel ab und sagte, diesen der +Tochter überreichend: + +»So Kinder, heute müßt Ihr einmal auf ein paar Stunden mein Cassirer sein, +bis der andere aufgefunden werden kann.« + +Clara nickte dem Vater freundlich zu, und Loßenwerder, der das volle Glas +in der Hand hielt und auf einmal ganz blutroth im Gesicht geworden war, +hob es empor und rief stotternd: + +»Fr — re, re, re, re, re, räu — le — le — lein Cla — ra — ra — ra — ra — +aus ga — ga — ganzem He — he — he — he — he — he — her — ze — ze — zen.« + +Als ob er aber mit den Worten in der Kehle Luft gemacht, setzte er das +Glas an, und der Wein verschwand wie durch Zauberei. + +»Alle Wetter« lachte Herr Dollinger, der sich gerade nach ihm umdrehte, +»Loßenwerder hat einen vortrefflichen Zug — nun? — hat’s geschmeckt?« + +»Gu — gut Herr Do — do — do — do — do.« + +»Genug, genug« winkte ihm der Principal wieder ab — »also bestell mir das +ordentlich.« + +Loßenwerder, der Art entlassen, und vielleicht froh aus einer Umgebung zu +kommen, in der er sich nicht heimisch fühlen konnte, setzte das Glas auf +einen Seitentisch ab, machte eine etwas linkische Verbeugung, und wohl +wissend daß er zu einem ordentlichen Danke doch keine Zeit mehr übrig +hatte, empfahl er sich ohne weiter auch nur einen Versuch zu mündlichem +Abschied zu machen. + +»Eine unangenehme Persönlichkeit« sagte Frau Dollinger zu ihrem +Schwiegersohn _in spe_, als der Mann noch die Thür nicht einmal ordentlich +hinter sich geschlossen hatte; »ich kann mir nicht helfen, auf mich macht +der Mensch immer einen fatalen Eindruck.« + +»Wie — wie befehlen Sie meine Gnädige?« sagte der junge Henkel etwas +zerstreut; Sophie bog sich in diesem Augenblick zu ihm nieder und +flüsterte ihm ein paar Worte zu — + +»Er kann ja doch Nichts für seine Gebrechen« nahm Clara aber die Antwort +auf, »und thut gewiß Alles in seinen Kräften sie eben durch gutes Betragen +vergessen zu machen.« + +»Papa, ich würde das Geld auch nicht so offen in dem Secretair da liegen +lassen« sagte Sophie. + +»Nicht so offen? — ich habe ja zugeschlossen — « + +»Nun, es ist immer nicht gerade gut, wenn die Dienstleute wissen wo man +Geld liegen hat« stimmte die Mutter bei. + +»Dienstleute?« meinte Herr Dollinger — es war ja Niemand von ihnen im +Zimmer — « + +»Doch Loßenwerder?« + +»Bah« lachte der Kaufmann, mit dem Kopf schüttelnd. + +»Ist es denn viel?« frug seine Frau. + +»Nun, der Mühe werth wär’s immer« sagte Herr Dollinger, »fünf Tausend +Thaler etwa — es soll aber auch nicht über Nacht da liegen bleiben, und +Loßenwerder hat mir auf heute Abend den Cassirer zu bestellen, das Geld an +sicheren Ort zu legen, bis ich morgen darüber verfügt habe.« + +»Der Loßenwerder verwandte keinen Blick von dem Geld, so lang er im Zimmer +war« sagte die Mutter, mit dem Finger vor sich hindrohend. + +»Lieber Gott, Mütterchen, Du weißt ja aber doch daß er schielt« +vertheidigte ihn lachend Clara — »eben so fest und unverwandt hat er mich +indessen mit dem andern Auge angesehen; seine Schuld ist’s nicht daß er +zwei Stellen auf einmal im Auge behalten muß.« + +»Laßt mir den armen Teufel zufrieden« sagte aber auch Herr Dollinger — +»der ist mir nützlicher wie zwei von meinen anderen Leuten; mehr zum +Nutzen wie Staat freilich, aber Staat will er auch nicht machen. Jetzt +übrigens Kinder wird es Zeit daß wir uns rüsten, und Henkel, Sie müssen +noch Ihr Pferd holen lassen.« + +»Ich habe es schon, in der Voraussetzung daß wir bei dem schönen Wetter +doch wohl eine kleine Parthie machen würden, hierher bestellt,« erwiederte +rasch der junge Mann — wünschen Sie den Wagen jetzt?« + +»Ich glaube ja, je eher, desto besser; die Tage sind kurz und wenn wir +noch eine Stunde oder zwei fahren wollen, dürfen wir nicht mehr viel +länger warten.« + +»Aber Ihr Mädchen möchtet Euch ein wenig warm einpacken« sagte jetzt die +Mutter, alles Andere in dem Gedanken an ihre Toilette vergessend — »zum +still im Wagen Sitzen paßt ein Sommerkleid noch nicht und heute Abend wird +es kühl werden.« + +»Und nicht so lange machen,« mahnte der Vater, der sich sein Glas noch +einmal voll schenkte und leerte; »der Wagen wird im Augenblick da sein.« + +Der Wagen fuhr auch wirklich kaum zehn Minuten später vor, Herr Dollinger, +der nun seinen Hut und Stock aufgenommen, ging, seine Handschuh anziehend, +im Hofe auf und nieder, und endlich erschienen, diesmal in wirklich sehr +kurzer Zeit, die Damen, ihre Sitze einzunehmen. + +»Nun, wo ist Henkel?« sagte Herr Dollinger, sich nach seinem zukünftigen +Schwiegersohne umschauend, »ich habe sein Pferd auch noch nicht gesehen; +jetzt wird uns der warten lassen.« + +Die Familie hatte indessen im Wagen Platz genommen, und der alte Herr +schaute etwas ungeduldig zum Schlag hinaus, als der junge Henkel zum Thor, +aber ohne Pferd, hereinkam. + +»Nun? und Sie sitzen noch nicht im Sattel?« rief er ihm schon von weitem +entgegen — »das ist eine schöne Geschichte; jetzt dürfen wir den Frauen +nie im Leben wieder vorwerfen, daß sie uns warten lassen.« + +»Ich muß tausend Mal um Entschuldigung bitten,« sagte der junge Mann, zum +Wagen hinantretend, »aber mein Stallmeister hat mich sitzen lassen. Wenn +Sie mir erlauben schicke ich einen der Leute danach, oder gehe selber, es +ist nicht weit von hier. Aber thun Sie mir die Liebe und fahren Sie +langsam voraus, ich hole Sie in Zeit von zehn Minuten ein.« + +»Wir können ja hier warten,« sagte die Mutter. + +»Ja, wenn die Pferde stehen wollten,« brummte Herr Dollinger — »zieh nicht +so fest in die Zügel Johann, das Handpferd kann das nicht vertragen und +wird nur noch immer unruhiger — wir wollen langsam vorausfahren — machen +Sie aber daß Sie nachkommen; auf dem Balkon vom rothen Drachen trinken wir +Kaffee, dort ist eine wundervolle Aussicht — der Stalljunge mag +hinüberlaufen und Ihnen das Pferd holen.« + +Die Pferde zogen in diesem Augenblick an, Henkel mußte aus dem Weg +springen und verbeugte sich leicht gegen die Damen, von denen ihm Clara +freundlich lächelnd zunickte. + +Eine starke Viertelstunde später sprengte der junge »Amerikaner,« seinem +Thiere die Sporen gebend, daß es Funken und Kies hintenaus stob, über das +Pflaster, zum Entsetzen der Fußgänger dahin, dem Wagen nach, den er nur +erst eine kurze Strecke vor dem bezeichneten Platz wieder einholte. Im +Stall wollte Niemand etwas davon gewußt haben, daß er sein Pferd bestellt +gehabt — Einer schob die Vergessenheit natürlich auf den Andern, und +Dollinger’s Stallknecht mußte die Leute sogar erst zusammensuchen, bis er +das Pferd bekam, deshalb hatte es so lange gedauert. Als er mit demselben +zurückkehrte, ging der junge Mann in dem kleinen, dicht am Haus liegenden +Garten auf und ab, sprang aber dann, dem Burschen ein Trinkgeld zuwerfend, +und dessen Entschuldigung nur halb hörend, rasch in den Sattel und flog, +wie vorher erwähnt, in vollem Carrière die Straße nieder. + +Er hatte den Hof kaum verlassen, als Loßenwerder, einen großen, +wunderschön blühenden Monatsrosenstock unter dem Arm, vorsichtig und wie +scheu, daß ihn Niemand gewahre, über den Hof und in die Hinterthür des +Hauses schlich, und sich leise und geräuschlos die Treppe damit +hinaufstahl. Er blieb etwa zehn Minuten im Haus und wollte dann aus +derselben Thür wieder über den Hof zurück, als der Stallknecht aus der +Futterkammer kam. Unschlüssig blieb der kleine Mann eine kurze Zeit hinter +der Thür stehen, und schlich sich dann, als der Bursche den Platz nicht +verlassen wollte, vorn zur Hausthür hinaus auf die Straße, den Weg nach +seiner Wohnung einschlagend. + + + + + + Capitel 2. + + + DER ROTHE DRACHEN. + + +Der »rothe Drachen«, ein Wirthshaus, das wegen seines vortrefflichen +Bieres, wie sonst mancher schätzenswerthen Eigenschaften einen sehr guten +Namen hatte, lag etwa eine halbe Stunde von Heilingen, an der großen +Landstraße, die gen Norden führte. Ein freundlicher Thalgrund umschloß +Haus und Garten und die dunklen, den Gipfel des nächsten Hanges krönenden +Nadelhölzer hoben nur noch mehr das freundliche Grün der jungen Birken und +Weißeichen hervor, die sich über die niedere Abdachung erstreckten, und +bis scharf hinan an den hocheingefriedigten und sorgfältig in Ordnung +gehaltenen Frucht-, Gemüse- und Blumengarten des Hauses selber lehnten. + +Es war ein warmer, sonniger Frühlingsnachmittag; der Bach, der am Hause +dicht vorbeirieselte, plätscherte und schäumte in frischem jugendlichen +Uebermuth, des Eises Hülle, die ihn so lange gefangen gehalten oder doch +fest und ängstlich eingeklemmt, nun endlich einmal enthoben zu sein, und +die Vögel zwitscherten so froh und munter in den Zweigen der alten +knorrigen Linde, die unfern der Thüre stand, und flatterten und suchten +herüber und hinüber, aus den blühenden Obstbäumen fort über den Hof und +von dem Hof wieder fort in dicht versteckten Ast und Zweig hinein, mit +einem gefundenen Strohhalm oder einer erbeuteten Feder im Schnabel, daß +Einem das Herz ordentlich aufging über das rege glückliche Leben. Und wie +blau spannte sich der Himmel über die blühende, knospende Welt, wie leicht +und licht zogen weiße duftige Wolken, Schwänen gleich, durch den Aether +hin, farbige, flüchtige Schatten werfend über Wiesen und Feld und die +weite Thalesflucht, die sich dem Auge in die Ferne öffnete und dem +leuchtenden Blick neue Schätze bot, wohin er fiel. + +Ein Frühling in Deutschland — ein Frühling im _Vaterland_; oh wie sich das +Herz da mit der wirbelnden, schmetternden Lerche hebt und jubelnd, +jauchzend gen Himmel steigt; zwinge die Thräne da nicht zurück, die sich +Dir, dem Glücklichen, in’s Auge drängt — in ihrem Blitzen preisest Du den +Vater droben, wie es die jubelnde Lerche dort thut, die mit zitterndem +Flügelschlag über den grünen Matten schwebt; — wie das raschelnde +flüsternde Blatt im Wald, wie der schwankende, thaugeschmückte Halm und +die knospende, duftende Blüthe im Thal. Ein Frühling im Vaterland — oh wie +schön, wie jung und frisch die Welt da um uns liegt in ihrem bräutlichen +Glanz, voll neuer Hoffnungen in jedem jungen Keim, und wie sich das Herz +der schönen Blume gleich zusammenzog, als der Herbststurm über die Haide +fuhr, mit rauher Hand den Blattschmuck von den Bäumen riß und zu Boden +warf und Schnee und Eis vor sich hin jagte über die erstarrende Flur, so +öffnet es sich jetzt mit vollem Athemzug wieder den balsamischen +Frühlingsgruß, und vorbei, vergessen liegt vergangenes Leid — wie der +verwehte Sturm selber keine Spur mehr hinterließ und die schönsten Blumen +jetzt gerade an den Stellen blühen, wo er am tollsten, rasendsten getobt. + +Ein warmer erquickender Regen war die letzten Tage gefallen, und so gut er +dem Land gethan, hatte er doch die Bewohner des nahen Städtchens in ihre +Häuser und Straßen gebannt gehalten, von wo aus sie sehnsüchtig die nahen +grünenden Berge theils, theils die dunklen Wolken betrachteten, die nicht +nachlassen wollten Segen auf die Fluren niederzuträufeln. Heute aber hatte +sich das geändert; voll und warm glühte die Sonne am Himmelszelt und +hinaus strömten sie in jubelnden Schaaren, hinaus in’s Freie. Der »rothe +Drachen« vor allen anderen Plätzen, der so reizend an der Oeffnung des +Thales lag und die Aussicht bot in das darunter liegende freie Land, hatte +dabei sein reichlich Theil erhalten der fröhlichen Schaar, daß die Wirthin +mit ihren Kellnern und Mägden nicht Hände genug hatte zu schaffen und +herzurichten, und die Tische und Bänke im Garten draußen fast alle besetzt +waren rund herum von Schmausenden. + +Der »rothe Drachen« sollte übrigens, wie die Sage ging, seinen Namen von +einem wirklichen Drachen bekommen haben, der einmal vor vielen hundert +Jahren in der Schlucht weiter oben, die auch noch ebenfalls nach ihm die +Drachenschlucht hieß, gehaust und viele Menschen und Rinder verschlungen +hatte. Der Wirth des »rothen Drachen« nun, Thuegut Lobsich, dessen +Voreltern schon diesen Platz gehalten, behauptete dabei, Einer seiner +»Ahnen« habe den Drachen im Einzelkampf erlegt — (die Gäste meinten, mit +schlechtem Bier vergiftet) und dafür von dem damals regierenden Fürsten +Platz und Wirtschaft als Gerechtsame, mit dem Schild als Wahrzeichen, +erhalten. + +Wie dem auch sei, Thuegut Lobsich that wirklich gut auf dem Platz, der ihm +vortreffliche Nahrung bot, und befand sich so wohl, wie sich nur ein Wirth +in einer gut gelegenen Wirthschaft befinden kann. Seine Frau war aber +dabei der Nerv des Ganzen, in Küche und Stall, in Keller und Haus, und +während sich Vater Lobsich, wie er sich gern nennen ließ, obgleich er noch +jung und rüstig war, am Liebsten zu seinen Gästen irgendwo an einen Tisch +drückte und »das Bier controllirte«, wie er sagte, daß ihm die Burschen +kein Saures brachten und die Gäste verjagten, arbeitete die Frau im +Schweiße ihres Angesichts vor dem Heerd, die bestellten Portionen +herzurichten und zu gleicher Zeit auch den Verkauf von Kaffee, Thee, Milch +und Kuchen zu überwachen. Dabei führte sie die Kasse und rechnete mit +Kellnern und Mädchen ab, und wehe denen, die eine halbe Portion Kaffee +oder Kuchen vergessen, ein nichtbezahltes Glas nicht aufnotirt oder einem +schlechten Kunden noch einmal gegen den direkt gegebenen Befehl geborgt +hatten. + +Böse Zungen meinten dabei nicht selten, Frau Lobsich sei der »einzige Mann +im Hause« und Thuegut dürfe nur tanzen, wenn sie nicht daheim wäre; böse +Zungen erwähnten dann aber nicht dabei, daß sie wirklich allein das +Hauswesen in Zucht und Ordnung hielt, und so scharf und heftig sie draußen +in Küche und Wirtschaft, wo sie fremde Leute doch auch eigentlich nur zu +sehen bekamen, sein konnte, und so große Ursache sie dabei oft hatte +ärgerlich zu sein, und die Ursache dann auch für vollkommen genügend +hielt, es wirklich zu werden, so still und freundlich konnte sie sich +betragen, wenn sie allein mit ihrem Manne war, und so gern gab sie ihm in +Allem nach, was nicht eben zu Ruin und Schaden trieb. Salome Lobsich war +das Muster einer Hausfrau, und was ebensoviel sagen will, eine gute Gattin +dabei — ob ihr Mann dasselbe auch von sich sagen konnte, stand auf einem +anderen Blatt. + +Heute hatte sich übrigens eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft in dem gar +so freundlich gelegenen Garten des rothen Drachen eingefunden, und dicht +vor der Thür desselben, unter der alten breitschattigen Linde, die ihre +Arme so weit nach rechts und links hinüberstreckte, daß man sie schon +hatte stützen müssen, nur den Weg zu ihr und den Platz darunter frei zu +behalten, saß Lobsich selber mit einem kleinen Kreis guter Bekannten, +d. h. alter Kunden und quasi Stammgäste von ihm, denn er selber kam selten +irgend wo anders hin, und wer also sein Bekannter _bleiben_ wollte, mußte +ihn eben besuchen. + +Zu diesen gehörte besonders Jacob Kellmann, ein Kürschner und Pelzhändler +aus Heilingen, dann der Aktuar Ledermann von dort, eine lange hagere, +etwas ungeschickte Gestalt, mit aber nicht unangenehmen, gutmüthigen +Gesichtszügen, und der Apotheker aus Heilingen, Schollfeld mit Namen, die +es gewöhnlich so einzurichten wußten, daß sie an einen Tisch mit einander +zu sitzen kamen. Lobsich nahm ebenfalls am Liebsten zwischen dieser +kleinen Gesellschaft Platz, und nur dann und wann, besonders wenn er die +Stimme seiner Frau irgendwo hörte, stand er auf und ging einmal durch den +Garten und die Reihen seiner Gäste, zu sehn ob Alle ordentlich bedient +würden, und keine Klagen einliefen gegen unaufmerksame Kellner, die er in +dem Fall auch wohl gleich an Ort und Stelle mit einem Knuff oder einer +Ohrfeige abstrafte, als warnendes Beispiel. Er mußte an irgend Jemand +seinen Aerger auslassen, daß er nicht bei seinem Biere konnte sitzen +bleiben. + +»Ist doch ein prachtvolles Wetter heute,« sagte Kellmann, der eben einen +tüchtigen Zug aus seinem Glase gethan, und nun mit vollem zufriedenen +Blick über das freundliche Bild hinaus schaute, das sich, von der warmen +Nachmittagssonne beschienen, in all seinem blitzenden Glanz und +Farbenschimmer vor ihnen aufrollte »und es wächst und gedeiht Alles +draußen so schön und steht so prächtig — merkwürdig dabei, daß Alles so +theuer bleibt, und die Preise, statt herunter zu gehen, immer nur steigen +und steigen.« + +»Ja das weiß Gott,« seufzte der Aktuar, dem der Gedanke selbst den +Geschmack am Bier wieder zu verderben schien, denn er setzte das schon zum +Mund gehobene Glas unberührt vor sich nieder — »und wenn das noch eine +Weile so fort geht, können wir alle mit einander verhungern oder +davonlaufen.« + +»Nun Ihr habt gut reden,« sagte Kellmann, »Ihr bekommt vom Staat Euer +Gewisses und könnt Euch genau danach einrichten — Euer Geld muß Euch +werden, wenn der erste jedes Monats kommt, unsereins hängt aber allein von +den Zeiten ab, und wenn die Lebensmittel knapp werden, kauft Niemand einen +Pelz. Holz will auch sein und daran kann sich nachher die ganze Familie +wärmen.« + +»Ihr redet wie Ihr’s versteht,« brummte der Aktuar, — »unser Gewisses +bekommen wir, das ist wahr, aber nur deshalb, damit wir gewisses Elend vor +den Augen haben. Ich habe fünfhundert Thaler Gehalt, und Frau und Kind und +Dienstmädchen zu ernähren, und soll anständig dabei gekleidet gehn, denn +vor zehn und zwanzig Jahren hatte ein Aktuar in meiner Stellung auch nicht +mehr, und machte das Alles möglich, ja befand sich wohl dabei. Jetzt aber +wird Brod, Butter, Fleisch, Holz, Wohnung, kurz Alles was wir nun einmal +zum Leben brauchen, gesteigert von Tag zu Tag, aber meine fünfhundert +Thaler _bleiben_; vor zehn Jahren kaufte ich zwanzig Pfund Brod für +dasselbe Geld, für das ich jetzt nicht zehn bekomme — aber _meine_ +fünfhundert Thaler _bleiben_. Auch mein Hausherr verlangt höheren Zins — +schon voriges Jahr bin ich höher gegangen, um nicht gesteigert zu werden, +d. h. für denselben Preis aus der zweiten in die dritte Etage gezogen, +aber dies Jahr muß ich ganz hinaus, denn er will wieder zehn Thaler mehr +haben und ich kann’s ihm nicht geben. Ihr Leute habt Euch gut in die +Zeiten schicken, denn wenn das Brod theuer wird, schlagt Ihr desto mehr +auf Euere Waare, der kleine Beamte aber, der Staatsdiener um geringen +Lohn, das ist das geplagte, gefährdete Geschöpf, und jede neue Taxe macht +ihm keine neue Berechnung, sondern schnallt ihm nur den Leibriemen um ein +Loch enger, daß er weniger ißt, bis er in’s _letzte_ Loch geworfen wird, +zum ersten Mal von seinen irdischen Strapatzen, ohne Furcht vor rasch +abgelaufenen Ferien, wirklich ungestört auszuruhen.« + +»Ach geht mit Eueren erbärmlichen Lamentationen an solch freundlichem +Tag,« fiel ihm der Wirth hier in die Rede, der sich erst vor ein paar +Augenblicken wieder mit zum Tisch gesetzt und schon eine ganze Weile +ungeduldig mit dem Kopf geschüttelt hatte. »Das Reden macht’s nicht besser +und Stöhnen und Seufzen hilft auch Nichts — Kopf oben, das ist die +Hauptsache; das andere macht sich von selber — aber hallo« — unterbrach er +sich plötzlich, von seinem Sitze aufstehend und die Straße +hinunterzeigend, die in das weite Thal führte — »was kommt dort für ein +Trupp den Weg entlang?« — und in der That wurde dort oben ein ganzer Zug +Männer, Frauen und Kinder mit kleinen Handkarren und ein paar einspännigen +Wägelchen sichtbar. + +»Das sind Auswanderer!« rief Jacob Kellmann, von seinem Stuhl aufspringend +und dem Zug entgegenschauend — »seht nur ein Mensch an, wieder ein ganzer +Schwarm aus dem Hessischen; Heiland der Welt, da muß doch endlich einmal +Platz werden.« + +»Na nu ist wieder der Frieden beim Henker,« rief aber der Apotheker +mürrisch — »hier Lobsich setzt Euch auf Eueren Stuhl und trinkt Euer Bier +aus, und Ihr Kellmann, laßt das Volk da draußen laufen, wohin sie wollen — +unzufriedene Bande, die es ist und die es nirgends gut genug kriegen kann, +wo ihr nicht das Confekt auf goldenen Tellern präsentirt wird. Na kommt +nur hinüber, wenn Euch hier der Hafer zu sehr sticht — Euch werden sie +schon noch das Fell über die Ohren ziehn, daß Ihr am hellen lichten Tag +die Sterne zu sehn bekommt.« + +»Nein was für ein Zug!« rief aber Kellmann, die langsam näher kommende +Schaar mit unverkennbarem Interesse betrachtend; »die armen Teufel.« + +»Hört Kellmann,« rief aber Schollfeld ärgerlich, »tretet mir da ein wenig +aus dem Weg, daß ich auch was sehen kann, und setzt Euch wieder, ich +dächte doch wahrhaftig, Auswanderer hier an der Straße wären nichts so +besonders Neues, daß Ihr Maul und Nase aufsperrt und thut, als ob Euch so +etwas noch nicht im ganzen Leben vorgekommen wäre.« + +Schollfeld war übrigens nicht umsonst so mürrisch; er hatte einen Zorn auf +Auswanderer, denn er betrachtete Auswanderung als eine indirekte +Beleidigung gegen den Staat, gewissermaßen als eine Grobheit, die man ihm +geradezu unter die Nase sage — : »ich mag nicht mehr in Dir leben und +weiß einen Platz, wo’s besser ist.« Das _dachten_ sich nämlich die +»Tölpel«, wie er sie nannte, aber Sie _wußten_ es nicht — gar Nichts +wußten sie und liefen blind und toll in die Welt hinein. Der Staat hätte +auch eigentlich den Skandal gar nicht dulden sollen; hunderte von +Menschen, reine Deserteure aus ihrem Vaterland, liefen da frank und frei +vorbei, Anderen noch obendrein ein böses Beispiel gebend, und er begriff +die Regierung nicht, wie sie dem Volke nur noch einen Paß gestatten +konnte. + +Der Zug war indessen näher gekommen und Lobsich rasch in das Haus gegangen +Bier herbeizuschaffen, da sich bei solchen Trupps gewöhnlich eine Menge +junge Burschen befanden, die noch Geld im Beutel und immer frischen Durst +hatten; um so mehr, da das Bergesteigen heute wirklich warm und den Hals +trocken machte. + + [Capitel 2] + +Die ersten Wägen passirten still vorbei; die Führer warfen einen langen, +vielleicht sehnsüchtigen Blick nach den behaglich hinter ihren Tischen +sitzenden Gästen und dem kühlen funkelnden Bier hinüber, aber hielten +nicht an, sich längere Rast dafür auf den Abend versprechend. Nur von den +Fußgängern blieben mehre Trupps unfern der Linde, unter der unsere kleine +Gesellschaft saß, und nicht weit von der Gartenthüre stehn, und während +ein paar der Männer dem Kellner winkten, ihnen Bier herauszubringen, als +ob sie sich scheuten in ihrer bestaubten schmuzigen Kleidung, mit der +schweißbedeckten Stirn, zwischen die geputzten und jetzt nach ihnen +herübersehenden Gruppen hineinzugehn, hielt ein Trupp Frauen ebenfalls +dort. Angezogen von der plötzlichen weiten und freien Aussicht, die ihnen +hier nach unten zu das Thal öffnete, durch das sie gekommen, blieben sie +erfreut und überrascht stehn und schauten dabei auf das reizende Bild hin, +das wie mit einem Schlage so vor ihnen in’s Leben sprang. + +»Heiland der Welt, Lisbeth,« rief ein junges, sechzehnjähriges Mädchen +der, vielleicht zwei Jahr älteren Schwester zu — »dort drüben liegt +Holstetten, und von da ist’s nur noch neun Stunden zu Haus — dahinter kann +ich den weißen Weg durch’s schwarze Nadelholz sehn, der hinüberführt nach +Krisheim.« + +»Ja Marie,« antwortete das Mädchen, und während sie sprach, liefen ihr die +großen hellen Zähren an den bleichen Wangen nieder, »gleich hinter dem +Berg dort muß die Windmühle liegen, und dann kommt Bachstetten und +nachher« — sie konnte nicht mehr sprechen, das Herz war ihr zu voll und +sie mochte doch nicht das der Schwester, wenn diese ihren Schmerz sah, +noch schwerer machen. Aber zurückdämmen ließ sich das auch nicht, die +Wunde war noch zu frisch und blutete zu stark, und beide Mädchen standen +wenige Minuten still und weinend da, die schönen thränenüberströmten Züge +den ihr nächsten Menschen ab- und der verlassenen Heimath, die sie wohl +nie im Leben wieder schauen sollten, zugekehrt. + +»Ob auch wohl Martha der Mutter Grab ordentlich hält und pflegt, wie sie +es versprochen,« brach die Jüngste endlich wieder mit leiser kaum hörbarer +Stimme das Schweigen. + +»Sie hat’s ja versprochen,« flüsterte fast eben so leise die Schwester +zurück, »aber — — — — so lieb wird sie’s doch nicht haben wie wir.« + +»Komm Lisbeth,« sagte die Jüngere wieder und ergriff, ohne sie aber dabei +anzusehn, der Schwester Hand — »wir wollen gehn — die Wagen sind schon ein +Stück voraus.« + +Beide Mädchen nickten leise und kaum bemerkbar der verlassenen Heimath zu +und schritten dann schweigend Hand in Hand den Weg entlang, der nach und +durch Heilingen führte, ihre weite, unbekannte Bahn. + +»He Marie, Lisbeth!« rief sie der Vater an, der eben an der Thür des +Gartens ein Glas Bier von einem der Kellner erhalten hatte — »wollt Ihr +einmal trinken Kinder?« + +»Ich danke Vater,« sagte Marie zurück, ohne sich umzusehn oder stehn zu +bleiben, »wir sind nicht durstig.« + +»Woher des Wegs Ihr Leute?« wandte sich jetzt Kellmann, der trotz +Schollfeld’s ärgerlichen Worten zu dem Alten getreten war, an diesen. + +»Aus Hessen,« sagte der Mann ruhig und that einen langen durstigen Zug aus +dem, mit dem trefflichen Bier gefüllten, schäumenden Glas. + +»Und wohin?« + +»Nach Amerika.« + +»Hm — ist ein weiter Weg — ist Euch wohl schlecht gegangen hier im Lande?« +sagte Kellmann, die kräftige und doch gramgebeugte Gestalt des alten +Landmanns teilnehmend betrachtend. + +Der Bauer, dessen Blick auch an dem fernen Punkt indeß gehangen, wo seine +frühere Heimath lag, ließ das Auge einen Moment wie mißtrauisch über den +Frager gleiten und erwiederte dann leise und kopfschüttelnd: + +»Schlecht? — lieber Gott wie man’s nimmt; man soll g’rad nicht klagen; der +liebe Gott hat geholfen und wird weiter helfen.« + +»Ihr wollt Euch wohl ein paar von den gebratenen Tauben holen die in +Amerika herumfliegen?« mischte sich hier der Apotheker in’s Gespräch, der +nicht umhin konnte dem »Auswanderer«, wie er sich ausdrückte, »einen Hieb +zu versetzen« — »habt Ihr auch Messer und Gabeln mit?« + +Der Bauer sah den kleinen, spöttisch lächelnden Mann einen Augenblick +ruhig von der Seite an, zahlte dann dem neben ihm stehenden Kellner, dem +er das Glas zurückgab, sein Bier, und ohne irgend etwas auf die Frage zu +erwiedern, oder ärgerlich darüber zu scheinen, ja als ob er sie nicht +gehört hätte, wandte er sich und folgte mit einem »grüß Euch Gott Ihr +Herren«, seinen vorangegangenen Töchtern. + +»Holzkopf,« brummte der Apotheker, nur noch mehr gereizt über diese +anscheinende Misachtung, hinter ihm drein — »dem Volk ist zu wohl hier,« +setzte er dann, mit einem kräftigen Zug aus seinem Glase hinzu — »der Art +Leute fühlen sich nicht behaglich, wenn sie nicht baumfest unter dem +Daumen gehalten werden.« + +»Guten Abend miteinander,« sagte in diesem Augenblick ein Anderer der +Auswanderer, der, mit einem kurzen Pfeifenstummel in der Hand zu dem Tisch +trat, auf dem in einem schützenden Kelchglas ein Licht mit darum +gesteckten Fidibus zum Anzünden der Cigarren stand — »wenn’s erlaubt ist, +möchte ich mir wohl einmal eine Pfeife bei Euch anbrennen.« + +»Mit Vergnügen,« sagte Ledermann, ihm einen Fidibus anzündend und +hinreichend. + +»Danke schön,« nickte der Mann, das Feuer benutzend und den blauen Qualm +in schnellen kurzen Zügen ausblasend. — + +»Und wo geht die Reise hin?« frug Ledermann dem Rauchenden. + +»Da hinüber,« sagte dieser; immer noch scharf ziehend, indeß er mit dem +linken, zurückgebogenen Daumen über die linke Achsel wieß — »übers große +Wasser.« — + +»Habt Ihr dort schon einen Platz?« frug der Aktuar. + +»Ja,« sagte der Mann freundlich — »mein Bruder hat mir geschrieben aus dem +Wiskonsin heraus; da soll’s gut sein.« + +»Und geht Ihr Alle dorthin?« frug ihn Kellmann. + +»Die meisten von uns, ja; eine Parthie will aber auch hinüber in’s +Missuri; da ist’s wärmer.« + +»Es sind wohl lauter Landleute hier miteinander?« + +»Ja meistens — ein Schneider ist dabei, und der Schmied aus dem Dorfe und +der Herr Pastor ist schon voraus.« + +»Der Pastor geht auch mit?« frug Kellmann schnell. + +»Ahem,« nickte der Mann, »der ist aber mit der Post gefahren, aber er hat +gesagt er wollte sehn daß wir Alle auf ein Schiff kämen. Danke schön Ihr +Herren, adje.« + +»Glückliche Reise,« rief ihm Kellmann nach. + +»Danke,« nickte der Mann noch einmal zurück, »könnens brauchen,« und +schloß sich den übrigen wieder an, von denen die letzten gerade die Thür +des Wirthshauses passirten. + +Es waren ärmliche, viele von ihnen kränklich oder wenigstens bleich +aussehende Gestalten, in die Bauerntracht ihrer Gegend gekleidet; die +meisten Frauen mit Kindern auf dem Arm, Manche sogar deren an der Brust, +und ein Bündel dazu auf dem Rücken, die im Schweiß ihres Angesichts, wie +sie bis jetzt gelebt, mühsam der fernen ersehnten Heimath +entgegenstrebten. Hie und da waren auch ein paar kräftige junge Burschen +von zwölf bis vierzehn Jahren vor ein kleines leichtes Handwägelchen +gespannt, darauf gepackte Betten, Kleidungsstücke und Lebensmittel die +weite Straße entlang zu ziehen. — Die Leute hatten kein Geld übrig, denn +das wenige, was sie zur Reise aufgespart, mußten sie für das Schiff +aufheben, und ein paar Thaler sollten doch auch noch wenigstens, wenn das +irgend anging, übrig bleiben, damit sie nur die ersten Tage in Amerika, +ehe sie Arbeit bekämen, vor Sorge geschützt wären. Den glänzenden +Schilderungen die ihnen von dem neuen Lande ihrer Hoffnungen gemacht +waren, trauten die armen Frauen am wenigsten in ihrem vollen Umfange; von +Jugend auf, wie ihnen nur eben die Kräfte wurden ihre jüngeren Geschwister +in der Welt herumzuschleppen, hatten sie arbeiten, hart arbeiten müssen, +und viel anders würde es auch wohl nicht da drüben sein. Der Sorgen waren +hier nur gar so viele angewachsen, mit jedem Jahre mehr, wie sie sich auch +plagten und quälten, und schlechter _konnte_ es dort drüben nicht sein. +Das war für jetzt der einzige Trost den sie mit sich trugen die lange, +heiße Straße entlang mit einer kleinen Hoffnung möglicher Besserung +vielleicht, und sie drückten dann die Kinder nur fester an ihr Herz und +küßten sie, und flüsterten ihnen leise und heimlich zu daß sie nicht mehr +schreien sollten, denn sie gingen nach _Amerika_, und da würde schon Alles +gut werden, wie ihnen der Vater gesagt. + +Die Männer und Burschen zogen der fernen Welt aber schon mit mehr +Vertrauen entgegen; das Bewußtsein der eigenen Fähigkeit und Kraft hob sie +dabei auch über Manches hinweg das die abhängigen Frauen schwerer zu Boden +drückte. Wer bei einer langen Wanderung voran geht, und für den Weg zu +_denken_ hat, wird nie so müde als der, der ihm folgt, nur für sich denken +läßt, und hinter drein zieht. Viele von den Männern trugen auch +Jagdtaschen und Gewehre auf dem Rücken, Büchsen und Schrotflinten — was +sollte es »da drüben« nicht Alles zu schießen geben; — Manche auch +nachgemachte bunte Blumensträuße auf dem Hut. Einzelne, aus Baiern und +Thüringen, die sich ihnen angeschlossen, hatten sogar ein paar kleine +gefärbte Maraboutfedern mit ihren Landesfarben, blau und weiß, und grün +und weiß in ihrem Hutband stecken; die Meisten aber schienen keine solche +Erinnerung an die Heimath mitnehmen zu wollen, in das neue Vaterland. + +Die Leute gingen vorüber, und die Gäste hatten ihnen schweigend +nachgeschaut, so lange fast, bis sie die nächste Biegung der Straße ihren +Blicken entzog. Auch Lobsich war wieder vor die Thür seines Gartens +getreten, und sich jetzt kopfschüttelnd zurück zu seinem Tische wendend, +brummte er vor sich hin. + +»S’ist mir doch was Unbedeutendes« — es war dieses eine seiner stehenden +Redensarten, die in der That unbegrenztes Erstaunen ausdrücken sollte — +»was die Leute dieß Frühjahr wieder an zu ziehen fangen; Tag für Tag geht +das so fort; Trupp nach Trupp kommt über die Berge herüber, mit Sack und +Pack, mit Weib und Kind — und Alles fort, Alles fort, und man merkt nicht +einmal von _wo_ sie fort sind.« + +»Doch, doch,« sagte Kellmann, die Augenbrauen in die Höhe ziehend und mit +dem Kopf nickend, »doch, doch Lobsich; ob man’s wohl merkt? — geht einmal +da über die Berge hinüber und seht Euch in den Dörfern um; da steht +manches alte halbzerfallene _leere_ Haus, an das irgend eine Familie da +drüben noch mit Schmerzen zurückdenkt, und in das Niemand anderes mehr +Lust hat einzuziehen, weil er noch eine Menge _bessere_, ebenfalls leer, +in demselben Dorfe findet. Es ist immer ein trauriger Anblick solch ein +leeres Haus, und ich seh’s nicht gern.« + +»Und was für _Geld_ tragen sie außer Land,« fiel der Apotheker hier ein, +der indeß, sich zu zerstreuen, im Heilinger Tageblatt gelesen hatte, jetzt +aber nicht umhin konnte auch noch ein Wort mit drein zu werfen — »was sie +nicht mit hinübernehmen können, lassen sie wenigstens in den Seestädten, +und zu uns kommt Nichts mehr davon zurück. Wenn ich nur das erst einmal +erlebe, daß die Leute zu ihrem Glück förmlich _gezwungen_, und nicht mehr +aus dem Land hinausgelassen werden; geht das aber so fort, so werden sie +so lange auswandern, bis uns hier weiter gar Nichts übrig bleibt als +mitzugehen, wenn wir nicht eben allein sitzen wollen in dem verödeten +Land, unseren Acker selber zu bauen. Hol sie der Teufel, wofür hat sie +denn eigentlich der liebe Gott in die Welt gesetzt und ihnen den Holzkopf +gegeben, der sie zu allem Anderen untauglich macht. Ackern und Düngen +müssen sie drüben doch auch, und weshalb können sie das nicht eben so gut +_hier_? — Nein Gott bewahre, die paar Thaler die sie sich _hier_ erspart +haben, müssen erst wieder verschleppt und hinausgeworfen werden an +Experimente und reinen Uebermuth, und nachher sitzen sie erst recht da; +dort drüben _können_ sie Nichts mehr sparen, und _müssen_ schon drüben +bleiben, wenn sie auch wieder herüber möchten. Die Paar die sich doch noch +ein paar Thaler zusammenscharren, die kommen nachher schnell genug wieder +zurück, aber es sind nur wenige, und die anderen armen Teufel haben die +Brücke muthwillig hinter sich abgebrochen, und sitzen nun auf der +wohlriechenden Haide ohne Unterfutter. Jesus Maria und Joseph, es muß ein +ordentlicher Jammer drüben sein.« + +»Na, _so_ arg nun denn doch wohl noch nicht, Schollfeld,« sagte Kellmann +kopfschüttelnd, »man hört doch nun auch so Manches von da drüben was nicht +gar so schlecht klingt, und wo sich’s schon aushalten ließe, wenn man — +wenn man eben einmal einen solchen verzweifelten Schritt absolut thun +müßte oder wollte.« + +»Nicht so arg?« rief aber Schollfeld, der hier sein Steckenpferd ritt, und +sich selten eine Gelegenheit entgehen ließ auf Amerika zu schimpfen — +»nicht so arg? da, hier lesen Sie einmal das Tageblatt, was der wackere +Dr. Hayde darüber schreibt; das ist ein Mann, der hat Haare auf den Zähnen +und muß die Sache verstehn, denn er ist Einer von den Wenigen die drüben +gewesen und glücklich wiedergekommen sind. Er bringt kaum eine Nummer in +der er nicht ein oder den anderen Hieb auf die Verhältnisse Ihres +»glücklichen Amerika« hat — das muß ja ein wahres Raubnest sein, lesen Sie +nur einmal.« + +»Hören Sie lieber Schollfeld, ich will Ihnen einmal ’was sagen,« +erwiederte ihm Kellmann ruhig, »dieser Dr. Hayde, der Ihnen die schönen +Artikel schreibt ist, der Meinung aller ordentlichen Kerle in Heilingen +nach, das wenigste zu sagen eine kleine geschwollene Giftkröte, ein +weggelaufener Advokat, den die Verhältnisse aus Deutschland vertrieben, +und den in Amerika Niemand mit seinen Talenten haben mochte. Zu faul zum +arbeiten, und nicht im Stande etwas Anderes zu thun, wurde er dort +wahrscheinlich vom Schicksal hin- und hergestoßen, und wie ein aus einer +Thür geworfener Mops, stellt er sich jetzt draußen hin, wo sich Niemand +die Mühe giebt ihn zu stören, und schimpft und klefft. Ich will Amerika +eben nicht in allem vertheidigen, aber was _der_ gerade darüber sagt würde +mich auch nicht bestimmen. Wie ein Dreckkäfer schleppt er sich nur mit +größter Mühe kleine Stückchen Koth herbei, und rollt sie zusammen eine +Kugel zu machen in die er sein Ei legt — pfui über den Burschen.« + +»Na jetzt freut mich aber mein Leben,« rief Herr Schollfeld erstaunt aus — +»erst schimpfen Sie selber auf Amerika, und nun auf einmal soll der arme +Doktor die ganze Schuld tragen.« + +»Ich _schimpfe_ nicht auf Amerika,« sagte Kellmann ruhig, »ich kann nur +nicht leiden wenn man es auf Kosten unseres eigenen Vaterlandes +herausstreicht, und gegen alle seine Nachtheile blind ist. Es wäre +allerdings noch viel gefährlicher sich die Lichtseiten alle zu bunt +auszumalen; die armen Leute die nachher hinübergehn und es anders finden, +sind dann zu sehr enttäuscht, und fallen gewöhnlich, wie mir gesagt ist, +aus einem Extrem in’s Andere — aber so taugt’s auch Nichts.« + +»Guten Abend selbander,« sagte in dem Augenblick eine andere Stimme dicht +hinter ihnen, und als sie sich danach umschauten, stand ein alter +Bekannter von ihnen, Mathes Vogel, ein reicher junger Bauer aus dem +nächsten Dorf, an ihrem Tisch und streckte ihnen freundlich die Hand +entgegen. + +»Hallo Mathes, wie geht’s?« rief Kellmann die gebotene herzlich schüttelnd +— »Wetter noch einmal Mann, wo habt Ihr jetzt gerade in der Saatzeit +gesteckt, daß Ihr in der Welt herumreist wie ein Baron, der seine Güter +verpachtet hat? Ihr seid verreist gewesen.« + +»Ja Herr Kellmann, in Bremen.« + +»Wo seid Ihr gewesen?« frug Schollfeld erstaunt. + +»In Bremen, Herr Schollfeld!« rief der junge Bauer, gegen diesen gewandt, +»oben in der Hafenstadt.« + +»Guten Abend Mathes,« kam hier der Wirth dazwischen, der den alten Kunden +ebenfalls begrüßte — »lange nicht gesehn, recht groß geworden mein Junge; +hast Du Durst?« + +»Merkwürdigen,« sagte der Bauer lächelnd. + +»Na warte, den wollen wir begießen,« schmunzelte aber Lobsich, rasch in +den Garten zurückgehend, »der soll mir nicht umsonst in den rothen Drachen +gefallen sein.« + +»Aber was hat Euch nach Bremen geführt?« wiederholte Kellmann, fast etwas +mißtrauisch gemacht durch das wunderliche halb verlegene Benehmen des +jungen Burschen. + +»Ja Herr Kellmann,« sagte der reiche Bauerssohn, wirklich jetzt verlegen +seinen Hut um den Zeigefinger der linken Hand drehend — »das hat — das hat +so seine eigene Bewandtniß — Ich bin — ich bin zu einem Entschluß +gekommen — ich will — ich will auswandern.« + +»Was will er?« schrie Schollfeld, der die Worte nicht ganz verstanden, den +ungefähren Sinn aber etwa errathen hatte. Jedenfalls schöpfte er Verdacht +und ehe Kellmann nur im Stande war ein Wort darauf zu erwiedern rief er +nochmals laut: »wo will er hin?« + +»Nach Amerika,« sagte aber der junge Mann entschlossen und wollte noch +etwas hinzusetzen, aber der Apotheker schlug dermaßen auf den Tisch, und +fing so an zu schimpfen und zu fluchen, Niemand wußte eigentlich auf was +und gegen wen, daß Mathes gar nicht gleich wieder zu Worte kommen konnte, +und vielleicht auch eben nicht böse darüber war. + +»Hallo, wer ist todt?« rief aber in dem Augenblick Lobsich, der mit dem +bestellten Bier für einen seiner besten Kunden selber ankam — »daß Dich +die Milz sticht, was ist denn dem Apotheker eigentlich in die Krone +gefahren?« + +»Dem Apotheker Nichts,« nahm aber Kellmann kopfschüttelnd das Wort, »doch +hier dem Dings da, dem Mathes — was meint Ihr, Lobsich was er vor hat?« + +»_Heirathen_?« sagte dieser, und ein breites vergnügtes Schmunzeln über +den so richtig und schnell gerathenen Vorsatz zog sich über sein dickes +gutmüthiges Gesicht. + +»Heirathen!« schrie aber der Apotheker dazwischen, indem er sich seinen +Hut in die Stirn drückte und seinen Rock anfing zuzuknöpfen — »heirathen? +— ja prost die Mahlzeit; _auswandern_ will der Kerl, wie ein blindes Pferd +das durch die Stallwand bricht, in einen Teich zu fallen.« + +»_Auswandern_?« schrie aber auch jetzt Lobsich in unbegrenztestem +Erstaunen — »na das ist mir aber doch wahrhaftig was Unbedeutendes.« + +»Oh hol Euch der Teufel mit Eurer albernen Redensart!« rief aber der nun +einmal ärgerliche Apotheker, und nahm seinen Stock unter den Arm — sein +stetes Zeichen daß er fertig zum Gehen sei — »was Unbedeutendes; ja wohl, +wenn der Raptus erst einmal in _solche_ Köpfe und Geldbeutel fährt, +nachher werden wir sehn was wir hier anrichten. Ich will mir aber mein +Abendbrod nicht verderben — gute Nacht Ihr Herren.« + +»Halt Schollfeld!« rief aber Kellmann, ihn am Arm fassend und +zurückhaltend — »brennt mir nicht durch, ich gehe auch gleich mit und +wollte nur erst hören, was Mathes den Gedanken in den Kopf gesetzt hat. +Hol’s der Henker, er macht sich entweder einen Spaß mit uns, oder es ist +nur so eine Idee von ihm, die wir ihm wieder ausreden können.« + +»Wenn ich das wüßte blieb ich die ganze Nacht hier,« sagte Schollfeld, +seinen Stock wieder auf den Tisch legend und zu dem verlassenen Stuhl +zurückgehend. »Mensch, Mathes, seid Ihr denn rein vom Teufel besessen, +oder habt Ihr nur heute, in irgend einer Kneipe, ein wenig des Guten zu +viel gethan, daß Ihr so tolles Zeug zusammenfaselt.« + +Mathes blieb aber bei allen diesen Ausbrüchen des Erstaunens, die erste +Erklärung nur einmal überstanden, vollkommen ruhig, und zog nur, statt +jeder weiteren Antwort, einen Brief aus seiner Brusttasche, den er langsam +auffaltete und vor sich legte, als ob er ihn vorlesen wollte. + +»Nun was soll’s mit dem Wisch?« rief aber der Apotheker ärgerlich, »Ihr +habt Euere Seele doch noch nicht dem Gott sei bei uns verkauft?« + +»So schlimm noch nicht,« lachte der junge Bursch, »das hier ist nur ein +Brief von Caspar Lauber, den Sie ja Alle kennen und der vor etwa sieben +Jahren nach Wisconsin auswanderte.« + +»Der was that?« rief der Apotheker, die Augen zusammenkneifend und das +linke Ohr zu ihm hindrehend — »nuschelt nicht so in den Bart, daß Euch ein +Christenmensch noch verstehen kann ehe Ihr unter die Heiden geht.« + +»Der nach Wisconsin auswanderte,« sagte der junge Bauer lächelnd — »er +hatte mir damals versprochen zu schreiben wie es ihm ginge, schlecht oder +gut; — wenn schlecht, wollte ich ihm helfen, wenn gut, vielleicht +nachkommen. Aber er schrieb nicht Jahr nach Jahr, und da er überhaupt +Nichts von sich hören ließ, glaubte ich schon er sei da drüben gestorben +oder untergegangen in dem weiten Reich, bis ich vor vier Wochen etwa einen +Brief von ihm erhielt und seit der Zeit habe ich keine Ruhe gehabt bis zu +dem heutigen Tag.« + +»Nun ja natürlich,« brummte der Apotheker. + +»Aber so laßt ihn doch nur reden,« rief jetzt auch ärgerlich der Actuar +dazwischen, »Ihr raisonnirt nur in einem fort und glaubt nachher, wenn Ihr +recht geschrieen habt, Ihr hättet recht.« + +»So lest den Brief einmal!« sagte Kellmann, die Arme auf den Tisch +stützend, »nachher wissen wir ja gleich woran wir sind.« + +»Aber erst muß ich noch Bier haben,« rief Schollfeld dazwischen, »ich mag +die Lügen wenigstens nicht trocken mit anhören.« + +Lobsich winkte einem der nächsten Kellner, die indeß leer gewordenen +Gläser wieder zu füllen, denn der Brief interessirte ihn selber zu sehr, +den Tisch jetzt zu verlassen, und Mathes sagte wie entschuldigend: + +»Der Brief ist sehr kurz, aber es steht Alles darin was ich zu wissen +verlangte, und er lautet: + +»Lieber Mathes — ich habe bis jetzt mein Versprechen nicht gehalten, Dir +zu schreiben, weil es mir sehr schlecht gegangen ist.« + +»Na ja,« fiel ihm hier der Apotheker in das Wort — »und nun müßt Ihr Hals +über Kopf machen daß Ihr auch hinüber kommt.« + +Kellmann wollte dem ewigen Einredner etwas erwiedern, aber Mathes fuhr, +lächelnd die Hand gegen ihn aufhebend, wieder laut fort: + +»Ich wollte aber nicht gern, daß mich Jemand Anders unterstützen sollte, +weil das hier im Lande eine Schande ist; ich wollte mir selber helfen, und +habe mir kümmerlich, aber ehrlich und fleißig durchgeholfen. Jetzt habe +ich eine kleine Farm von achtzig Acker, und vier und zwanzig Stück +Rindvieh, und dreißig Schweine und zwei Pferde und es geht mir gut. Ich +habe hart arbeiten müssen, aber ich komme durch. Wenn Du mit Geld hier +herüber kommst und willst mich aufsuchen, daß ich Dir mit Rath und That an +die Hand gehen kann, dann brauchst Du keine Angst zu haben, daß Du nicht +durchkommst. Wenn Du eine Frau hast, bringe sie mit; Kinder sind ein Segen +hier, kein Fluch wie für manchen armen Mann in Deutschland. Wer arbeiten +will kommt fort, wer faul ist geht zu Grunde. Es grüßt Dich zehntausend +Mal Dein Caspar Lauber — Lauber’s Farm bei Milwaukie, Wisconsin.« + +»Und auf den Brief wollt Ihr auswandern?« rief aber auch Kellmann jetzt +erstaunt — »Mathes, ist Euch denn das Auswanderungsfieber so plötzlich in +die Glieder geschlagen, daß Ihr die Seekrankheit für das einzige Mittel +haltet die es curiren könnte?« + +Mathes schüttelte aber gar ernsthaft mit dem Kopf, faltete den Brief +zusammen, den er zurück in seine Tasche schob, und sagte mit fester und +entschlossener Stimme: + +»Lange im Sinn hab’ ich’s schon gehabt, aber der Brief hat es zuletzt zum +Ausbruch gebracht.« + +»Aber Mathes, Ihr vor allen Anderen habt doch Euer Auskommen hier im +Land,« rief jetzt auch Lobsich, während der Apotheker das ihm eben +gebrachte Glas auf einen Zug hinuntergoß, wie um seinen Ingrimm damit +nieder zu spülen — »wenn Ihr nach Amerika auswandern wollt, wer soll denn +noch da bleiben?« + +»Ich _bliebe_ auch,« sagte Mathes rasch und mit vor innerer Bewegung fast +erstickter Stimme, »ich bliebe auch, wenn mich mein Vater ließe, aber — +der will nicht in die Heirath willigen mit Roßner’s Käthchen, des Häuslers +Tochter aus Rodnach; hier hält er mich dabei unter dem Daumen mit seinem +Gut und Geld, und das Mädchen stirbt mir indessen in Arbeit und Gram; dort +drüben aber ist ein Platz, wo fleißige Menschen auch durchkommen können +mit Gottes Hülfe _ohne_ Geld, _ohne_ Ansehn. Der Lauber hatte gar Nichts +wie er hinüberging; nicht das Hemd auf seinem Rücken war sein, und ich +weiß daß er nicht einen rothen Pfennig mit in das fremde Land gebracht +hat. Aus dem ist jetzt ein rechtschaffener Farmer geworden, mit eigenem +Land, Haus und Vieh, und was der kann — schwere Noth noch einmal — das +kann ich auch. Ich gehe hinüber, nehme das Käthchen mit — Geld zur +Ueberfahrt krieg ich schon, und wenn ich meine beiden Schimmel um den +halben Werth verkaufen sollte, und dort hilft der liebe Gott schon weiter. +Verhungern werden wir nicht, und ich brauche mir hier nicht mehr unter die +Nase reiben zu lassen, »das sollst Du thun und das nicht, und _die_ sollst +Du heirathen, die Du nicht magst und willst, und die Dich lieb hat und +Dich glücklich machen kann, der sollst Du das Herz brechen — weil ihr eben +nur der volle Geldsack fehlt.« + +»Unsinn!« sagte der Apotheker, jetzt wieder und zwar im Ernste aufstehend +— »wenn Jemand einmal rein verrückt geworden ist, läßt sich auch nicht +mehr mit ihm streiten. Gehn Sie mit Kellmann?« + +»Ja, gleich,« erwiederte der Gefragte — »weiß denn aber schon Euer Vater +um den Plan, Mathes?« + +»Heute hab’ ich’s ihm gesagt,« erwiederte der Gefragte leise — »aber er +glaubt es noch nicht.« + +»Und ist es denn schon wirklich so fest bestimmt?« sagte Kellmann +theilnehmend. + +»Meine Passage in Bremen für mich und — meine _Frau_ ist schon bezahlt,« +rief der junge Bursch da entschlossen — »den funfzehnten geht das Schiff +ab, und ich habe nur noch eben Zeit das Nothwendigste in Ordnung zu +bringen.« + +»Ja da kömmt freilich jeder gute Rath zu spät,« sagte Kellmann, jetzt +ebenfalls aufstehend und seinen Hut ergreifend, »wenn der Sprung erst +einmal geschehen ist, braucht man nicht mehr über das Springen zu streiten +und ich wünsche Euch das Beste in Euerer neuen Heimath.« + +»Ich weiß es, ich weiß es,« sagte Mathes gerührt — »aber vielleicht seh +ich Sie selber noch einmal auf freiem Boden drüben, mit Axt oder Pflug in +der Hand, wie ein wackerer, richtiger Farmer.« + +»Wen — mich?« rief aber Kellmann ordentlich erschreckt aus — »ich nach dem +vermaledeiten Lande, daß alle unsere besten Bürger frißt? Nein Mathes, für +dies Leben nicht — aber wann geht Ihr fort? vielleicht läßt Euer Vater +doch noch mit sich reden, und lenkt ein wenn er sieht daß es Euch wirklich +Ernst ist.« + +Mathes schüttelte mit dem Kopf und der Actuar rief: + +»Ein Bauer und einlenken, Kellmann? — da kennt Ihr unseren deutschen Bauer +nicht; worauf der einmal seinen Dickkopf gesetzt hat, da muß er durch, und +wenn’s nicht geht, so zerhaut er sich eben den Schädel, aber er läßt nicht +nach. Der alte Vogel und nachgeben; Du lieber Gott, wenn er den eigenen +Sohn mit einem einzigen Wort vom Verderben retten könnte — er spräch es +nicht.« + +»Na, da kann ich wohl auch meine Bude hier bald zuschließen und mitgehn,« +sagte Lobsich, sich den Kopf kratzend — »Schwerebrett das ist mir — hm — +hm — ist mir doch was Unbedeutendes, das — das Amerika.« + +»Und was sagt denn das Käthchen dazu?« frug Kellmann jetzt den Mathes, +während die Uebrigen schon aufgestanden waren und sich zum fortgehn +gerüstet hatten. + +»Die weint und will nicht mit,« sagte Mathes leise — »aber sie wird schon +gehen.« + +»Sie will nicht mit?« + +»Sie meint, es bräche meinem Vater das Herz.« + +»Das Herz brechen? — dem alten Vogel?« lachte aber dieser verächtlich — +»na Gott sei Dank, die hat einen guten Begriff von ihm — als ob dem etwas +das Herz brechen könnte.« + +»Nun, es frägt sich nur jetzt wem sie es lieber bricht,« meinte der +Actuar, »dem Alten, wenn sie geht, oder dem Jungen, wenn sie bleibt — die +Wahl wird ihr nicht schwer werden. Aber Schollfeld, Ihr seid ja auf einmal +so still geworden?« + +»Ach laßt mich zufrieden,« brummte dieser ärgerlich — »weiß es Gott, man +möchte am Ende selber mit hinüberlaufen, nur Nichts mehr von dem +verwünschten Auswandern reden zu hören.« + +»Hahahaha!« rief da Kellmann, »Schollfeld bekömmt auch überseeische +Ideen.« + +»Ueberseeische — hätte bald was gesagt,« knurrte dieser aber, auf der +Straße hingehend, ohne weder Mathes noch Lobsich gute Nacht zu sagen. + +Die Uebrigen wechselten noch kurzen Gruß mit ihren Bekannten dort, +zündeten sich frische Cigarren an, und schlenderten langsam, den +freundlichen Abend so viel als möglich zu genießen, die Straße hinab, der +eigenen Heimath zu. + + + + + + Capitel 3. + + + DER DIEBSTAHL. + + +Zehn Minuten mochten sie so etwa schweigend nebeneinander hergegangen +sein, als hinter ihnen auf der Straße eine Equipage und klappernde +Hufschläge gehört wurden, die sie rasch einholten und an ihnen +vorbeirauschten, eine dicke Staubwolke dabei über den Weg wälzend. Es war +die Familie Dollinger mit dem, neben dem Wagen hin galoppirenden Fremden, +dem Bräutigam der Tochter. + +»Die kommen schneller von der Stelle als die armen Auswanderer vorhin,« +sagte Kellmann, als sie vorbei waren — »Wetter noch einmal, es ist doch +ein anderes Ding so ein paar flüchtige Rappen vor sich zu haben, und wie +im Flug durch die Welt zu jagen, als mit einem schweren Packen auf dem +Rücken und wunden Füßen vielleicht, mühselig die staubige Straße entlang +zu keuchen.« + +»Ja, die Gaben sind ungleich vertheilt in der Welt,« seufzte der Actuar, +»was der Eine haben möchte, _hat_ der Andere schon, und das ist auch wohl +das ganze Geheimniß der socialen Frage, läßt sich aber nun einmal nicht +ändern, und wir dürfen vielleicht den Kopf darüber schütteln, und wünschen +daß es anders wäre, aber weiter eben Nichts.« + +»Der auf dem Pferd, war der Dings da von Amerika,« sagte der Apotheker +jetzt, »der das schmählige Geld hat und des reichen Dollingers Tochter +noch dazu heirathet. Soll mir noch einmal einer sagen daß Eisen der +stärkste Magnet sei; Gold ist’s, und wo das liegt zieht es anderes hin. + +»Und wie steht’s mit Actien?« lachte Kellmann. + +»Bah — bleibt immer dasselbe,« brummte der Apotheker, »das Gold steckt +darin, und kann durch einen sehr einfachen chemischen Proceß leicht +herausgezogen werden — wenn man sie hat.« + +»Es wundert mich übrigens daß der alte Dollinger sein Kind über das große +Wasser hinüberziehen läßt,« meinte der Actuar — »dem hätte es doch auch +hier im Lande nicht an einer eben so guten Parthie gefehlt.« + +»Liebe,« meinte Kellmann achselzuckend — »Liebe ist blind sagt ein altes +Sprichwort; dagegen lassen sich eben keine Gründe anbringen. Wär’s +übrigens auch nicht wegen dem großen Wasser, der Bursche gefällt mir +außerdem nicht, und ich möchte ihm meine Tochter nicht geben und wenn er +bis über die Ohren in Golde stäcke. Er hat ein verschlossenes, +hochfährtiges Wesen, behandelt den gemeinen Mann wie einen Hund, und +spricht von Allem was wir hier haben, unseren Einrichtungen, unseren +Gesetzen, unseren Vergnügungen selber, ja unserem Klima und Land, das doch +zum Henker auch _sein_ Vaterland ist, mit der größten Verachtung. Amerika, +und immer wieder Amerika, hinten und vorn; ei Blitz und Hagel, ich will +gar nicht leugnen daß es manche gute Seiten haben mag, das Amerika, wenn +ich sie auch gerade nicht einsehen kann, aber so viel besser wie unser +Deutschland ist es doch auch nicht drüben, und wenn’s so einem Burschen da +einmal zufällig geglückt ist, sollt’ er nicht als Lockvogel sich hier +mitten zwischen uns hineinsetzen, anderen vernünftigen Leuten +unglückselige Ideeen in den Kopf zu pflanzen. + +»Wenn sich andere vernünftige Leute solche Ideeen einpflanzen _lassen_, +geschieht’s ihnen ganz recht,« sagte der Apotheker — »man braucht nicht zu +glauben was jeder dahergelaufene Lump eben sagt.« + +»Nun _ganz_ ohne kann’s aber auch nicht sein,« meinte Kellmann +kopfschüttelnd, »und ich — ich halt’ es immer für gefährlich. S’ist +merkwürdig, wie rasch sich das mit der Hochzeit gemacht hat.« + +»Nun, wer sich die Braut gleich fix und fertig aus dem Wasser zieht hat +leicht freien,« sagte der Actuar — »Glück muß der Mensch haben, dann geht +Alles wie am Schnürchen; wer aber _das_ nicht hat, der mag sein Lebtag +fischen und fängt doch Nichts — am wenigsten aber solch einen Goldfisch. + +»Wo stammt er denn eigentlich her?« frug der Apotheker jetzt, wie sie +wieder eine Weile schweigend neben einander hingegangen waren, »man hört +doch sonst eigentlich gar Nichts von ihm, und er kommt auch mit keinem +Menschen weiter zusammen — stolzer aufgeblasener Bursche der.« + +»Gott weiß es,« sagte der Actuar; »er ist, glaub’ ich, mit einem +holländischen Schiff herübergekommen, und hatte einen Paß von Amsterdam.« + +»Und der Paß lautete nach Heilingen?« + +»Nun nicht gerade nach Heilingen, aber doch nach der Residenz, und wie +sich die Sache dann hier mit der Dollingerschen Familie gestaltete, nun +lieber Gott, da drückte der Stadtrath das eine, und die Stadtverordneten +drückten das andere Auge zu, und man sah nicht so genau nach den Papieren. +Ueberdieß verzehrte er ja hier viel Geld; wär’ es ein armer Teufel +gewesen, hätten wir ihn wahrscheinlich schon bald wieder über die Grenze +gehabt. + +»Hm, ja, glaub’s,« sagte Kellmann mit dem Kopfe nickend, »s’ist in +Heilingen eben nicht anders wie — wie anderswo — warum auch?« + +Das Gespräch drehte sich von da ab, auf die städtischen Einrichtungen, +deren wärmster Vertheidiger der Apotheker war, und über die sich der +Actuar natürlich nur sehr vorsichtig ausließ, während sie Kellmann um so +unnachsichtiger angriff; kam dann auf die Saat und die Preise, und wieder +mit einem Seitensprung auf die jetzige Politik unseres lieben deutschen +Reiches, bis sie das Thor und zwar gerade mit Sonnenuntergang erreichten, +wo Jeder seinen Weg ging, die eigene Heimath aufzusuchen. + +Der Actuar Ledermann besonders, der an dem entgegengesetzten Ende der +Stadt wohnte, beeilte seine Schritte, noch vor einbrechender Dunkelheit +seine Wohnung zu erreichen; das Gerücht ging nämlich in der Stadt, daß ihn +seine Ehehälfte bei solchen Gelegenheiten oft allerdings sehr unfreundlich +empfange, und ihm einmal sogar schon einige sonst sehr nützliche, bei +_der_ Gelegenheit aber nichts weniger als passende häusliche Geräthe +entgegen und vor die Füße geworfen habe. Thatsache war, daß »Madame« oder +Frau Actuar Ledermann, was auch ihres Gemahls Thätigkeit und Ansehn +außerhalb seiner eigenen vier Pfählen sein mochte, _innerhalb_ derselben +jedenfalls das Commando, und nicht immer mit Mäßigung führte, und der +Actuar suchte den Hausfrieden wenigstens soviel als möglich zu erhalten +und jeden Anlaß, zu irgend einer Störung desselben, zu vermeiden. + +Mit solchen Gedanken vielleicht im Kopf, wollte Ledermann eben vom +Marktplatz aus in die Straße einbiegen, an deren äußersten Ende seine +eigene, sehr bescheidene Wohnung stand, als er seinen Titel genannt und +sich selber gerufen hörte. + +»Herr Actuar — Herr Actuar Ledermann.« + +Er drehte sich rasch um und sah einen Gerichtsdiener eilig auf sich +zukommen, der, die Mütze abnehmend, vor ihm stehen blieb und ihm meldete, +daß er eben abgeschickt worden ihn zu holen oder aufzusuchen, da ein +Einbruch geschehen sei, über den an Ort und Stelle Protokoll aufgenommen +werden solle. + +»Protokoll aufnehmen?« sagte Actuar Ledermann, keineswegs angenehm +überrascht; »ja was hab ich denn heute damit zu thun, wo ist mein +_College_?« + +»Herr Actuar Beller sind unwohl geworden, heute Nachmittag,« berichtete +der Polizeidiener, »und mußten zu Hause gehn; ich bin eben abgeschickt zu +sehn, welchen von den andern Herren ich zuerst treffen könnte.« + +»Hm — ist sehr amüsant,« brummte Ledermann vor sich hin — »kommt mir +gerade apropos. Bei wem ist es denn?« + +»Bei Herrn Dollinger.« + +»Was? — bei Kaufmann Dollinger?« rief der Actuar rasch und erstaunt — »am +hellen Tag, während er ausgefahren war?« + +»Er ist, wenn ich nicht irre, eben zu Hause gekommen,« berichtete der +Mann, und hat glaub’ ich sein Pult geöffnet, und eine bedeutende Summe +Geldes entwendet gefunden.« + +»Hm, hm, hm,« sagte der Actuar kopfschüttelnd und seinen Rock dabei, den +er der Bequemlichkeit wegen aufgelassen hatte, zuknöpfend, »es wird immer +besser hier bei uns. Am hellen lichten Tage. Aber die ganze Stadt steckt +auch voll fremden Volkes, das sich natürlich keine Gelegenheit +entschlüpfen läßt Reisegeld zu bekommen.« + +»Es muß doch wohl Jemand gewesen sein der mit dem Hause genau bekannt +war,« sagte der Polizeidiener — »nach dem wenigstens, was ich bis jetzt +von den Dienstleuten darüber gehört habe, kann’s nicht gut anders sein.« + +»Nun wir werden ja sehn; da muß ich aber erst — « + +»Wenn sich der Herr Actuar nur eben an Ort und Stelle bemühen wollen,« +sagte jedoch der Diener des Gerichts, »alles Nöthige ist schon dorthin +geschafft und ich war eben nur fortgelaufen, einen der Herren zu suchen.« + +Der Actuar, dem Dienste natürlich Folge leistend, seufzte tief auf und +schritt, im Geist wahrscheinlich des Empfangs gedenkend, der seiner +harrte, wenn seine Frau auf ihn mit dem Abendessen warten mußte, rasch die +»Poststraße« hinaufbiegend, dem gar nicht weit entfernten Dollinger’schen +Hause zu, dort den Thatbestand in Augenschein und zu Protokoll zu nehmen, +etwaige Spuren des Uebelthäters zu entdecken und zu verfolgen, und die +Leute im Hause nach möglichem Verdachte zu inquiriren. + + * * * * * + +Im Hause des reichen Kaufmanns Dollinger, in dem Alles sonst so still und +ruhig und wie am Schnürchen zuging, wo Jeder seine angemessene und fest +bestimmte Beschäftigung hatte, genau wußte was ihm oblag, und das that, +ohne eben viel Lärm darum zu machen, lief und rannte und sprach heute +alles durcheinander, und sämmtliche Bande der Ordnung schienen gelöst. + +Frau Dollinger vor allen Dingen lag in Krämpfen in ihrem Boudoir, und +beanspruchte die Hülfe ihrer beiden Töchter und der weiblichen Dienstboten +im Haus, ihren Zustand zu bewachen; Herr Dollinger selber war in seinem +Zimmer des obern Stocks, und ging dort mit raschen Schritten und auf den +Rücken gekreuzten Armen auf und ab, während dem jungen Henkel indessen die +Bewachung des Platzes selber übertragen war, und die andern Dienstboten, +mit einem nicht unbedeutenden Theil der Nachbarschaft und deren +Verwandten, in den verschiedenen Winkeln und Ecken des Hauses herumstanden +und kopfschüttelnd, die Hände ein über das andere Mal in Verwunderung +zusammenschlugen. Die verschiedenartigsten Vermuthungen und Beweise wurden +da laut, und die Orte und Stellungen oder Beschäftigungen jedes Einzelnen +auf das Genaueste und Peinlichste angegeben, wo und wie sich Jeder gerade +in der Zeit etwa befunden haben mochte, als die entsetzliche, verruchte +That geschehen und vollbracht sein mußte. + +Dem Actuar, mit dem ihm folgenden Gerichtsdiener wurde übrigens willig und +dienstfertig Platz gemacht; Alle wollten aber hinter drein, und die Frauen +besonders gaben dabei durch die entschiedensten Ausrufe — »Ne Du meine +Güte« und »Ne so was« ihre vollkommenste Misbilligung des Geschehenen zu +erkennen. Nichts desto weniger wurde auch selbst ihnen die Thüre vor der +Nase zugemacht, und Einer der Bedienten bekam strenge Ordre die Hausflur +zu räumen, und Niemand mehr, so lange die Untersuchung dauere, die Treppe +hinaufzulassen, ausgenommen, es wisse Jemand noch um den Diebstahl, und +könne irgend einen Fingerzeig geben den Dieben auf die Spur zu kommen; +solche Zeugen sollten nachher vernommen werden. + +Oben an der Treppe empfing sie Herr Henkel, um sie gleich zu dem Ort, wo +der Diebstahl verübt worden, hinzuführen; einer der Leute war indessen +abgeschickt Hrn. Dollinger selber zu rufen, und dieser erschien jetzt, den +Actuar freundlich grüßend. + +Es war indessen schon ziemlich dunkel, und im Zimmer Licht angezündet +worden. + +»Ich bedaure sehr, Herr Dollinger,« sagte der Actuar, »daß, wie ich gehört +habe, eine so fatale Sache mich hier in Ihr Haus geführt haben muß.« + +»Ja allerdings,« erwiederte der alte Herr, »ist es sehr unangenehm; +weniger des Verlustes wegen, der sich allenfalls ertragen ließ, als wegen +dem Bewußtsein getäuschten Vertrauens, mit selbst keinem gewissen +Anhaltspunkt auf Verdacht. Ich wollte gern das Doppelte verloren haben, +wenn es hätte können auf andere Weise geschehn.« + +»Das Ganze ist übrigens mit einer raffinirten Geschicklichkeit +ausgeführt,« fiel Henkel hier ein, »und der Thäter, wer auch immer, +jedenfalls ein höchst gefährliches Subject, von dem ich nur hoffen will +daß wir ihm auf die Spur kommen.« + +»Dürfte ich Sie bitten mir den Platz zu zeigen?« + +»Treten Sie hier in das Zimmer meiner Töchter; dort der Secretair ist +erbrochen.« + +»Hm — mit einem breiten meißelartigen Instrument,« sagte der Actuar nach +kurzer Besichtigung der offenen, arg beschädigten Mahagoniplatte — »und +die Thür ebenfalls eingebrochen?« + +»Nein — die Thür ist unbeschädigt und muß jedenfalls mit einem +Nachschlüssel geöffnet sein.« + +»Und was vermissen Sie in dem Secretair?« + +»Eine Summe Geldes, die ich erst vor wenigen Stunden, und im Beisein +meiner Familie und eines zuverlässigen Comptoirdieners, im Paket wie ich +sie von der Post erhalten, hier eingeschlossen hatte, und von der der Dieb +auf eine mir unbegreifliche Weise muß Kenntniß bekommen haben.« + +»Wer ist dieser Comptoirdiener?« + +»Oh, Loßenwerder; Sie kennen ihn ja wohl?« + +»Loßenwerder,« sagte der Actuar nachdenkend — »ist wohl schon eine ganze +Weile in Ihrem Geschäft?« + +»Schon zwölf Jahr; mit keinem Schatten irgend eines Verdachts; ich nahm +ihn als einen ganz jungen Burschen in mein Haus; er muß aber gegen irgend +Jemand davon gesprochen haben.« + +»Hm, hm, wollen ihn uns doch einmal nachher besehn; also hier hinein +hatten Sie das Geld gelegt?« + +»Es ist ein Secretair, den meine Töchter gemeinschaftlich benutzen, und zu +dem jede von ihnen ihren Schlüssel hat. Bitte lieber Henkel, lassen Sie +doch einmal Sophie oder Clara einen Augenblick zu uns herüber rufen.« + +»Ich habe schon das Mädchen geschickt, eine der jungen Damen ersuchen zu +lassen,« entgegnete der junge Henkel, der indessen im Zimmer umhergegangen +war, und sich überall umgesehen hatte, ob nicht vielleicht doch der Dieb +irgend eine Spur, irgend ein Zeichen hinterlassen habe, an das man sich +später einmal halten könne. — + +»Und vermissen Sie weiter Nichts als das Geld?« frug der Actuar. + +»Auch ein Schmuck meiner ältesten Tochter scheint mit geraubt zu sein,« +sagte Herr Dollinger — »aber da kommt Clara, die Ihnen das Nähere davon +selber angeben wird.« + +Clara betrat in diesem Augenblick das Gemach; sie sah todtenbleich und +angegriffen aus, und Henkel eilte ihr entgegen sie zu unterstützen. + +»Clara, mein liebes armes Kind,« sagte Herr Dollinger, auf sie zugehend +und die Hand nach ihr ausstreckend, »fehlt Dir etwas? — Der Schreck hat +Dich wohl so angegriffen. Mach Dir doch nur keine Sorge, mein Herz; +vielleicht bekommen wir Alles wieder und wenn nicht — nun ein _Unglück_ +ist es dann auch nicht; wenn Ihr mir nur Alle gesund bleibt, können wir +die paar tausend Thaler schon verschmerzen.« + +»Es ist nicht der Verlust, lieber Vater,« sagte aber das junge Mädchen, +sich gewaltsam zusammennehmend, und des Vaters Hand ergreifend — »nur die +Ueberraschung, der Schreck wahrscheinlich, und das — das Unheimliche +dabei, als ich mein Zimmer vorhin betrat, und die Spuren des verübten +Verbrechens entdeckte. Ich fürchtete die entsetzlichen Menschen noch +irgend wo zu sehn, die vielleicht hinter einer Gardine stehen, unter einem +der Divans liegen, hinter einem Ofen lauern konnten und, wenn entdeckt, zu +verzweifelter Gegenwehr getrieben mich anfallen würden, und all solch +kindische Gedanken mehr. Dort der auf den Tisch geworfene Regenschirm +dabei, die hinuntergeworfene Stickerei von dem Secretair selber, am +meisten aber der Tabaksgeruch im Zimmer und die verlöschte, angerauchte +Cigarre dort auf dem Fensterbret, erfüllten mir das Herz mit einem +unbeschreiblichen Grausen.« + +»Eine Cigarre?« sagte Ledermann, sich vergebens nach dem bezeichneten +Gegenstand umschauend — »wo lag sie?« + +»Dort im Fenster, als ich zurückkam.« + +»Die alte angerauchte Cigarre?« sagte Henkel rasch — »die hab’ ich zum +Fenster hinausgeworfen; ich glaubte Einer der Dienerschaft hätte sie in +der Aufregung mit hereingebracht und dort abgelegt — sie muß unten auf der +Straße liegen.« + +»Bitte schicken Sie doch einmal einen Burschen danach, daß er sie +heraufholt,« sagte der Actuar; »man darf auch das Unbedeutendste nicht +unbeachtet lassen, und wir wollen indessen die vermißten Gegenstände +aufnehmen. Das Geld? — « + +»Davon giebt Ihnen dieser Brief das genaue Verzeichniß,« sagte Herr +Dollinger, »aber ich fürchte fast daß wir durch das Geld selber nicht auf +die Spur kommen werden, indem das Paket fast nur Gold und kleinere +Banknoten enthielt, die leicht umzusetzen und schwer zu controliren sind. +Eher hoffe ich durch den Schmuck den Dieb verrathen zu sehn, da einige +sehr auffällige Stücke, wie ich höre, dabei gewesen sind.« + +»Dürfte ich Sie um eine genaue Angabe derselben, heute Abend noch, wenn +irgend möglich _schriftlich_ bitten?« erwiderte, nach einigem Besinnen, +der Actuar, »diese Einzelheiten würden mich jetzt zu lange aufhalten.« + +»Kannst Du das geben, Clara? + +»Bis auf die kleinste Nadel hinunter,« sagte das junge Mädchen rasch, +»besonders auffällig war eine kleine, rundum mit Brillanten besetzte +Broche, ein Erbstück unserer Großmutter, und ausgezeichnet vor jedem +andern Schmuck, den ich noch in meinem ganzen Leben gesehen, durch einen, +in der Mitte gefaßten, genau dreieckigen, hellblauen und wundervollen +Turquis. Mein Schmuck lag gleich dicht dahinter, den aber muß der Dieb in +der Eile übersehen haben; er ist unangerührt geblieben.« + +»Das ist allerdings glücklich,« sagte der Actuar, »wäre wohl auch des +Mitnehmens werth gewesen. Lag gleich dabei?« + +»Hier in dem rothen Kästchen.« + +»Aber das ist auch geöffnet worden.« + +»Das? — nein, das hab ich wohl selbst geöffnet, nachzusehen, ob auch Alles +darin sei, und nicht wieder ordentlich geschlossen. Die Haken waren +allerdings auf, wenn ich mich nicht ganz irre, aber der Dieb hat +keinenfalls eine Ahnung gehabt, welchen Werth das kleine unscheinbare +Kästchen enthalte, oder es stände jetzt nicht mehr da.« + +»Sehr wahrscheinlich, hm — aber Sie vergeben wohl nicht, mein Fräulein, +alle diese Einzelheiten besonders zu notiren; wer weiß ob sie nicht noch +einmal wichtig werden. Ah, da kommt auch Herr Henkel wieder; haben Sie die +Cigarre gefunden?« + +»Gott weiß wo sie ist;« lachte dieser, »irgend Jemand muß es doch noch der +Mühe werth gehalten haben sie aufzuheben, und in einer Pfeife vielleicht +zu verrauchen — ich bin selber hinunter gegangen, kann sie aber nirgends +mehr entdecken. Uebrigens ist es auch fast dunkel geworden, und ich werde +morgen ganz früh nachsuchen lassen. Der Stummel wird Ihnen freilich nicht +viel helfen.« + +»Man weiß nicht,« sagte der Actuar kopfschüttelnd, »je nach der Güte des +Tabaks ließ sich vielleicht auf die Schicht der menschlichen Gesellschaft +schließen, in der sich unser heimlicher Besuch herumtriebe. Aber das ist +allerdings Nebensache; wo also ist der Dieb hereingekommen? — hier durch +diese Thür?« + +»Doch wohl vom Garten her durch das Fenster Euers Schlafzimmers,« sagte +Herr Dollinger, »denn durch das Haus würde er es sich am hellen Tage im +Leben nicht getraut haben.« + +»Aber ich möchte meine Seligkeit zum Pfande setzen daß ich den Schlüssel, +der nach unserer Schlafkammer führt, ehe wir fortgingen, herumgedreht und +stecken gelassen hätte, so daß von innen ein Oeffnen unmöglich war.« + +»Und war die Thür noch verschlossen wie wir zurückkamen?« + +»Nein, nur in’s Schloß gedrückt, aber der Schlüssel stak darin.« + +»Hm, hm, hm — dann ist der Bursche dort wahrscheinlich hinaus« — sagte der +Actuar — »zur Thür hier hereingekommen und dort zur Nothröhre hinaus — hm, +muß aber genau mit der Gelegenheit bekannt sein. Mein lieber Herr +Dollinger, wir werden Ihre Leute doch ein wenig scharf in’s Gebet nehmen +müssen, denn ein ganz Fremder, kann sich die Zeit nicht so abgepaßt +haben.« + +»Wo kommt der Blumenstock her?« sagte da plötzlich Clara rasch und +erstaunt, auf einen sehr schönen Rosenstock deutend, der in ihrem Fenster, +zunächst der Thüre stand — »wer hat den jetzt hier heraufgestellt?« + +»So lange wir hier sind Niemand« — rief Henkel — »war er vorher nicht da?« + +»Nicht heute Mittag, das weiß ich gewiß; aber vielleicht hat ihn eins der +Dienstleute mir heimlich hier hereingesetzt.« + +»Heimlich? — so?« sagte der Actuar, »den freundlichen Geber wollen wir +also vor allen Dingen einmal herauszubekommen suchen.« + +»Es ist heute mein Geburtstag,« sagte Clara leise und erröthend.« + +»Oh?« meinte Herr Ledermann mit einem freundlichen Lächeln, »da thut es +mir freilich leid, meine ganz ergebensten Gratulationen zu keiner +angenehmeren Zeit vorbringen zu können — will eben nicht passen bei einer +solchen Untersuchung, kann es aber doch auch nicht geradezu +hinunterschlucken — ich gratulire eben nicht zur Untersuchung.« + +»Es muß gewiß ein gesegnetes Land sein,« sagte Henkel mit einem leisen, +halb boshaften Lächeln, »wo die Polizei sogar witzig sein kann.« + +»Hm,« meinte der lange Aktuar, sich nach dem Sprecher umdrehend, »die +Polizei macht eben keinen Anspruch darauf, und ist das meistens +Privateigenthum. Aber wir wollen die Zeit nicht mit Allotrien vergeuden; +ist nicht herauszubekommen wer den Blumenstock hier, während Ihrer +Abwesenheit in das Zimmer gesetzt hat?« + +»Jedenfalls müssen die Dienstboten darum wissen,« sagte der junge Henkel, +»und es wird das Beste sein sie einzeln darum zu befragen.« + +»Allerdings; — Einzelverhör hat überhaupt viele Vortheile, bitte schicken +Sie einmal die Leute herauf, daß man vor allen Dingen ihre Gesichter zu +sehen bekommt.« + +»Aber nicht hier, Väterchen, nicht wahr nicht hier in meiner Stube?« bat +Clara — »ich würde den fatalen Gedanken im Leben nicht wieder los.« + +»Wir wollen hinuntergehn in das untere Zimmer,« sagte Herr Dollinger, +freundlich dem Wunsch der Tochter nachgebend, »es läßt sich das dort eben +so gut abmachen als hier.« + +»Manchmal ist der Platz des Verbrechens selber der geeignetste,« warf der +Actuar ein, »aber wie Sie wünschen — nur um eines möchte ich Sie noch +vorher bitten, daß ich mir einmal die Stelle oder das Fenster ansehn darf, +durch das sich Ihrer Vermuthung nach, der oder die Diebe entfernt haben +könnten.« + +»In unserem Schlafzimmer?« + +»Doch durch diese Thür?« + +»Lieber Henkel, Sie sind wohl indessen so freundlich, meine Leute unten +zusammenzurufen; wir kommen gleich hinunter. Sie werden heut viel +belästigt.« + +»Aber ich bitte Sie, bester Herr Dollinger,« sagte der junge Mann, rasch +seinen Hut aufgreifend, »wenn ich Ihnen nur darin von irgend einem +wirklichen Nutzen sein könnte. Lieber erlauben Sie mir vielleicht mit +Ihnen einer möglichen Spur zu folgen, denn meine Augen sind darin +vielleicht schärfer als manche andere.« + +»Es wird in der Dunkelheit nicht eben mehr viel zu spüren geben,« meinte +indeß der Actuar; »das werden wir uns müssen auf morgen früh aufsparen — +also jetzt noch das Fenster, wenn ich bitten darf — ich möchte mir nur die +Gelegenheit einmal von oben besehn.« + +Clara selber öffnete die Thür und führte dem Actuar mit ihrem Vater in das +kleine freundliche Gemach, dessen beide, schon von Blätter schießenden +Weinranken überzogene Fenster, auf den Garten hinaussahen. Das eine +Fenster war allerdings geöffnet gewesen, aber der Rankenwuchs so dicht +zusammengezogen, daß sich ein Körper kaum hätte hindurchzwingen können. +Die Höhe nach dem Garten hinunter, und gerade unter dem Fenster sollte ein +kleiner Rasenplatz sein, war eben nicht beträchtlich, vielleicht zehn oder +zwölf Fuß, und unten umgab niederer aber ziemlich dichter Hollunder den +Rasen. Im Zimmer selber ließ sich aber nicht das mindeste erkennen, das +einen solchen Verdacht unterstützt hätte; das Einzige was dafür sprach, +war die aufgeschlossene Thür. + +Zu der Unterstube des Hauses waren indessen die Dienstleute versammelt +worden, streng examinirt zu werden. Der Hausmagd vor allen andern lag die +Pflicht ob, die Etage, wenn sie nach unten in die Küche ging, in +Abwesenheit der Herrschaft verschlossen zu halten. Diese aber behauptete +steif und fest, und weinte dabei und rief Gott und alle Heiligen zu Zeugen +an, daß sie die Vorsaalthür auch ordentlich, »zweimal herum« abgeschlossen +und den Schlüssel zu sich gesteckt hätte, und Niemanden in der weiten +Gotteswelt gesehen habe, der das Haus in der Zeit betreten haben könne. +Trotzdem aber sei die Vorsaalthür, als sie wieder nach oben gekommen +offen, wenigstens aufgeschlossen, wenn auch zugeklinkt gewesen, und sie +hätte selber im Anfang nicht begreifen können wie das möglich wäre, aber +auch nicht weiter darüber nachgedacht, und es ihrer eigenen +Unaufmerksamkeit zugeschoben. Nach der Abfahrt der Herrschaft sei sie aber +nur eine ganz ganz kurze Zeit unten geblieben um — sie wollte erst nicht +mit der Sprache heraus, aber der Herr Actuar drängte gar so sehr — um den +jungen Herrn Henkel fortreiten zu sehn. Nachher mochte sie vielleicht noch +zehn Minuten der Köchin geholfen haben, und war dann nicht wieder von dem +Vorsaal oben fortgekommen, auf dessen Balkon sie gesessen und genäht +hatte. In der Zeit habe Niemand mehr den Vorsaal oder des Fräuleins Zimmer +betreten, darauf wolle sie das heilige Abendmahl nehmen, und der Diebstahl +müsse jedenfalls in den paar Minuten, die zwischen dem Fortreiten des +jungen Herrn und ihrem eigenen Wiederhinaufgehn nach oben gelegen hätten, +verübt sein — anders war es nicht möglich. + +»Wer aber hatte den Blumenstock in des Fräuleins Zimmer gestellt?« + +»Einen Blumenstock? — während die Herrschaft fort war?« + +»Allerdings, eine Monatsrose — in das Fenster nächst der Thür.« + +»Der das gethan hat, müsse damit zum Fenster, oder in derselben Zeit mit +einem Nachschlüssel zur Thür hereingekommen sein, als der Diebstahl verübt +worden, denn sie hätte keine Seele im Haus gesehn. + +Die Dienstboten hatten indessen mit einander geflüstert, als der Actuar +das Wort nahm und mit langsam bedächtiger, aber ziemlich ernster Stimme +sagte: + +»Hört einmal Leute, ich will Euch etwas sagen; Ihr habt Euch da gut +unschuldig stellen, als ob Ihr eben erst auf die Welt gekommen wärt, damit +dringt Ihr aber nicht durch. Das Geld ist fort — Ihr seid die Einzigen die +unter der Zeit im Haus waren, und Euere Pflicht wäre es gewesen — + +»Aber Herr Actuarius« — + +»Ruhe da, wenn ich Euch etwas mitzutheilen habe — und Euere Pflicht wäre +es gewesen, sag’ ich, aufzupassen, daß niemand Fremdes den Platz betrat, +der Euch anvertraut war, und für den Ihr also auch in der Zeit zu stehn +hattet. Jemand ist aber in der Zeit da gewesen, und hat etwas gebracht und +etwas geholt, und man wird sich jetzt an _Euch_ halten müssen, bis der +Jemand ausfindig gemacht ist. Was giebt’s da hinten — was ist gekommen?« + +»Dullmanns Rieke von über dem Weg drüben,« sagte die Köchin jetzt, gegen +den Actuar vortretend, »will den Loßenwerder haben heimlich aus dem Haus +schleichen sehn. Da _haben_ Sie einen; _uns_ brauchen Sie so etwas nicht +unter die Nase zu reiben, Herr Actuar — wir sind ehrliche Dienstboten die +sich ihr bischen Brot sauer genug im Schweiße ihres Angesichts — « + +»Ach halt’ sie das Maul,« fiel ihr aber der Actuar etwas unsanft in die +Rede — »_wer_ ist im Haus gewesen, Loßenwerder? — und heimlich +hinausgeschlichen? — wer hat ihn gesehn?« + +»Hier die Rieke von Dullmann’s — « + +»Wann war das?« fragte der Actuar das jetzt vorgeschobene Mädchen, das +feuerroth wurde und ihren einen Schürzenzipfel anfing wie einen Plumpsack +zusammenzudrehen. Erst ganz kurze Zeit vorher hatte sie einer ihrer +Freundinnen im Dollinger’schen Haus, und gewiß nicht in der Absicht die +Mittheilung gemacht, gleich damit, ohne weitere Warnung, vor die Polizei +gezogen zu werden. + +»Nun Mamsell — wie hieß sie? — Rieke? — Wann haben Sie Loßenwerder aus dem +Haus kommen sehn, und ist er ruhig hinausgegangen oder _geschlichen_?« + +»Wenn Loßenwerder im Haus war,« sagte Herr Dollinger ruhig, »so wird er +auch ordentlich hinaus_gegangen_ und nicht geschlichen sein; der wäre der +Letzte dem ich so etwas zutrauen möchte.« + +»Die Rieke behauptet,« fiel aber hier die Köchin in dem Bewußtsein +unrechtlich gekränkten Ehrgefühls rasch ein, »daß sie gar nicht auf ihn +geachtet haben würde, wenn er sich nicht so schnell und heimlich, und +dicht unter den Fenstern, am Hause hingedrückt hätte. Wer kein böses +Gewissen hat, kann gerade und offen gehen.« + +»Sie sind aber gar nicht gefragt, zum Henker noch einmal,« rief der Actuar +jetzt ungeduldig werdend — »wenn Sie jetzt nicht ruhig sind, lasse ich Sie +so lange hinausführen, bis wir Sie wieder brauchen. Hier Mamsell Rieke; +wenn Sie sich die Schürze abgedreht haben, dann sein Sie so gut und sagen +Sie uns einmal wo und wie Sie den Herrn Loßenwerder gesehen haben.« + +»Ich — ich weiß nicht gewiß« — stammelte das Mädchen verlegen — »aber — +aber Loßenwerder kam — bald nachher wie die Herrschaft fortgefahren war — +« + +»Wie lange nachher?« frug der Actuar. + +»Etwa eine halbe Stunde denk’ ich — vielleicht nicht so lange — kam er +viel rascher als es sonst seine Art ist, denn er geht gewöhnlich immer +sehr langsam — kam er — kam er aus der Thür heraus, die er geschwind +hinter sich zuzog — und dann — « + +»Und dann?« — + +Und dann hielt er den Kopf nieder, als ob er nicht wollte daß ihn Jemand, +der vielleicht von oben heruntersähe, erkennen möchte — hielt er den Kopf +nieder und drückte sich — drückte sich dicht am Haus hin, so schnell er +konnte die Straße hinunter, und um die Ecke.« + +»Und nachher?« frug der Actuar. + +»Nu, um die Ecke kann sie doch nicht sehn,« sagte die Köchin. + +»Ob Sie still sein wird,« sagte Herr Ledermann jetzt aber wirklich böse +gemacht — »Wenzel, wenn mir die Person da jetzt noch einmal das — noch +einmal den Mund aufthut, dann wissen Sie was Sie zu thun haben.« + +»Sehr wohl, Herr Actuar,« sagte der Gerichtsdiener — + +»Und sind Sie dann nachher nicht herübergekommen und haben das den Leuten +im Hause gesagt, was Sie gesehn?« frug der Actuar. + +»Ich habe ja aber Nichts gesehen,« sagte die Rieke. + +»Sie haben doch den Loßenwerder gesehn« — + +»Ja aber der geht doch so oft in das Haus hier herein, und kommt nachher +immer wieder heraus.« + +Der Actuar warf sich ungeduldig herüber und hinüber und sagte endlich +mürrisch: + +»Unsinn — baarer Unsinn — aber hatte er denn irgend etwas in der Hand? — +_trug_ er etwas?« + +»_Trug_? — ja — ja sehn Sie Herr Actuar — das kann ich Sie nicht sagen — +das weiß ich nicht — « + +»Nun Sie werden doch gesehen haben, ob er irgend ein schweres Paket in der +Hand hatte oder nicht.« + +»Ja sehn Sie, das weiß ich Sie wahrhaftig nicht, aber ich glaube es fast,« +sagte das Mädchen, »denn ich habe den Herrn Loßenwerder eigentlich noch +gar nicht anders gesehn, als daß er irgend ’was getragen hätte; und wenn’s +nur ein paar Briefe gewesen wären, oder ein Regenschirm.« + +»Lieber Herr Actuar, ich glaube Sie sind da auf einer falschen Fährte,« +sagte Herr Dollinger jetzt — »man kann einem Menschen allerdings nicht +in’s Herz sehen, aber für den Loßenwerder möchte ich fast selber +einstehen.« + +»Mein bester Herr Dollinger,« sagte aber der Actuar kopfschüttelnd, »es +ist das mit den Untersuchungen eine wunderliche Sache, und Leute auf die +man am allerwenigsten gedacht, von denen man nie das geringste Unrechte +vermuthet hatte, kommen da oft in den sonderbarsten Verwickelungen vor und +— sind schuldig. Ich selber kenne Loßenwerder als einen ordentlichen +braven Menschen, und will zu Gott hoffen, daß unser ganzer Verdacht +unbegründet ist; das heimliche Schleichen aus dem Haus aber, und daß ihn +Niemand sonst im Haus gesehen hat macht ihn verdächtig. Meine Pflicht ist +es wenigstens ihn selbst deshalb zu vernehmen und ich werde jedenfalls +noch heute Abend nach ihm schicken müssen — unsere Eisenbahnverbindungen +sind jetzt zu schnell, und man darf keiner Menschenseele mehr zwölf +Stunden Vorsprung lassen, wenn man nicht oft das leere Nachsehn haben +will.« + +»Passen Sie auf,« sagte Herr Dollinger, »der Loßenwerder wird den +Blumenstock zum Geburtstag Clara’s oben hinaufgetragen haben, und zum Dank +dafür kommt der arme Teufel jetzt noch in den Verdacht des fatalen +Diebstahls.« + +»Wie aber ist er ohne Nachschlüssel in die verschlossene Thür gekommen,« +warf der Actuar ein — + +»Hm — « sagte Herr Dollinger, »das weiß ich freilich nicht — nun fragen +Sie ihn selber, das wird jedenfalls der kürzeste Weg sein.« + +»Um das Verzeichniß der gestohlenen Gegenstände dürfte ich Sie dann +vielleicht nachher noch bitten.« + +»Meine Tochter wird es gerade jetzt eben schreiben,« sagte Herr Dollinger, +»wenn Sie nur noch kurze Zeit warten wollen.« + +»Dann dürfte ich Sie wohl bitten, es mir gleich in meine Wohnung zu +schicken,« meinte der Actuar nach kurzer Ueberlegung, »ich muß vor allen +Dingen erst in meine Wohnung und werde dann von da gleich noch einmal in’s +Bureau gehen. Wo ist denn der Loßenwerder wohl am leichtesten zu finden?« + +»Ich habe eben nach seinem Hause geschickt,« sagte Herr Dollinger, »aber +dort ist er nicht. Paul, der Bursche, behauptet, er ginge manchmal, aber +selten, in eine Bierstube an der Ecke der Rößnitzer und Hertzergasse, aber +dort war er auch nicht; es ist übrigens an beiden Orten bestellt, ihn +gleich, so wie Jemand seiner ansichtig wird, hierherzuschicken.« + +»Sehr wohl,« sagte der Actuar, seine Papiere zusammenpackend, und sie dem +Gerichtsdiener übergebend; nach kurzer Begrüßung wollte er sich dann eben +entfernen, als er noch einmal in der Thür stehen blieb und, sich scharf +auf dem Absatz herumdrehend, fragte: + +»A prospos — _raucht_ Loßenwerder?« + +»Soviel ich weiß _nicht_,« sagte Herr Dollinger. + +»Doch ja, manchmal,« sagte Einer der Leute — Sonntags nach Tisch z. B. +regelmäßig eine Cigarre.« + +»Hm, so?« sagte der Actuar und verließ dann rasch das Zimmer und Haus. + +Er hatte übrigens auch alle Ursache sich zu beeilen, denn daheim wartete +ein mit jeder Minute drohender aufsteigendes Unwetter auf ihn, das er mit +einer Art von verzweifelten Hoffnung immer noch mit den, dem +Gerichtsdiener wieder zu dem Zweck abgenommenen, und geschäftsmäßig unter +den Arm geklemmten Streifen Akten abzuleiten gedachte. Jedenfalls mußte +ihm der Vorfall im Dollinger’schen Haus, der so viel von seiner Zeit in +Anspruch genommen, entschuldigen. Frau Actuar Ledermann aber hatte sich +schon den ganzen Nachmittag über, mit immer wachsender Ungeduld, +vorgenommen gehabt mit ihrem Gatten gegen Abend einen der vor der Stadt +gelegenen Gärten, wo Concert sein sollte, zu besuchen und die Parthie war +ihr jetzt — was halfen alle Gründe dagegen — zu Wasser geworden; es +verstand sich von selbst daß Actuar Ledermann die Schuld, und deshalb auch +die Folgen trug. + +Frau Actuar Ledermann hatte sich übrigens vor einigen Tagen, wo sie trotz +dem nassen Wetter und allen Vorstellungen ihres Mannes spatzieren gegangen +war, furchtbar erkältet, und brachte keinen lauten Ton über die Lippen. +Das aber, und daß sie ihren gerechtfertigten Ingrimm nicht mit der vollen +Kraft ihrer Stimme hinaus_gießen_ konnte über den Gatten, wie sie es — und +er auch — gewohnt war, sondern alles das was sie ihm zu sagen hatte — und +sie hatte ihm viel zu sagen — heraus_flüstern_ mußte, reizte ihren Zorn +nur noch immer mehr. + +»Aber liebes Kind, ich versichere Dich,« sagte der Actuar in einem +vergeblichen Versuch den aufsteigenden Sturm zu beschwichtigen, »daß ich +mich über anderthalb Stunden bei dem verwünschten Diebstahl im +Dollinger’schen Hause aufgehalten habe und — « + +»Und ich versichere Dich,« zischte sie, mit einem Gesicht, dem die +Anstrengung die es sie kostete die Worte hörbar zu machen, einen noch viel +unfreundlicheren, ja sogar boshaften Ausdruck gab — »daß ich Dich vor +anderthalb Stunden schon gerade so erwartet habe wie jetzt, und seit drei +Stunden vollkommen angezogen dasitze und auf Dich passe.« + +»Aber Du _bist_ ja gar nicht angezogen, beste Therese.« + +»Weil ich mich wieder ausgezogen habe,« rief die Frau — »glaubst Du ich +soll mir ein Beispiel an einem liederlichen Menschen nehmen, und bei Nacht +und Nebel noch draußen herumstreichen, wie Leute die das Licht zu scheuen +haben? — Und dann mit meinem Katharr — daß ich mir den Tag über im warmen +Sonnenschein ein wenig Bewegung machte, das fällt Dir nicht ein; aber +Nachts, wenn der schädliche Thau niederfällt, der für mich gerade Gift +wäre, da möchtest Du mich jetzt wohl noch hinausschleppen nicht wahr? +damit ich nur recht schnell unter die Erde käme — o ich armes +unglückseliges Weib — « + +»Aber Therese Du bist unbillig, ich habe Dir doch angeboten heute +Nachmittag mit mir nach dem rothen Drachen hinauszugehn — « + +»Weil Du wußtest daß das nichtsnutzige Geschöpf von einer Wäscherin mir +mein Kleid nicht vor vier Uhr bringen würde,« zischte die Frau. + +»Aber Du hast ja noch andere — « + +»Am Sonntag zum Skandal der andern Menschen mit einer solchen _Fahne_ zu +einem anständigen Vergnügungsort hinausziehn, nicht wahr? — _Dir_ läge +natürlich Nichts daran was die Leute über Deine Frau sagten; aber Du bist +auch an anderen Orten lieber wie zu Hause, und statt Deiner Frau einmal +ein paar Stunden Gesellschaft zu leisten, und nachher mit ihr zusammen +auszugehen, mußt Du natürlich g’rad in’s Wirthshaus laufen, und ein +Bischen vor Mitternacht dann wieder zu Hause kommen.« + +»Liebes Kind, es ist halb neun Uhr jetzt« — sagte der Actuar ruhig, »dann +aber Therese,« fuhr er nach kleinem Zögern, mit einer fast gewaltsamen +Anstrengung etwas herauszubringen, das er auf dem Herzen hatte, fort — +»bist Du theilweise mit selbst Schuld daran, _daß_ ich mir eben außer dem +Hause mein Vergnügen suchen _muß_.« + +»Ich?« wollte die Frau erstaunt rufen, der etwas zu hoch eingesetzte Ton +blieb aber total aus, und Ledermann sah nur, mit der entsprechenden +Gesticulation, das zum Höchsten erstaunte Gesicht der Gattin. Dadurch aber +vielleicht, und durch die ungewöhnliche, freilich erzwungene Stille, etwas +muthiger gemacht, fuhr er entschlossen fort: + +»Ja liebes Kind, Du; denn anstatt Deinem Mann, wenn er von seinen +Berufsgeschäften ermüdet zu Hause kommt den Aufenthalt daheim zu einem +freundlichen zu machen, in dem er gerne bleibt, läßt Dich Dein +unglückseliges, heftiges Temperament nicht ruhen noch rasten, sondern Du +mußt irgend eine Gelegenheit vom Zaune brechen mit mir zu zanken. Gebricht +es Dir aber vollkommen an Stoff, was jedoch nur in höchst seltenen Fällen +zu sein scheint, so bist Du mürrisch und verschlossen, machst ihm ein +finsteres, verdrießliches Gesicht, und sprichst kein Wort.« + +Sprachlos nur vor Zorn und Staunen über die unerhörte, bodenlose +Frechheit, hatte die Frau indessen dem heute so redseligen Gatten (der +aber nicht dabei zu ihr aufzuschauen wagte, sondern bald die rechte, bald +die linke Ecke der Stube mit den Augen suchte) angesehn. Es war eine +allerdings noch jugendliche schlanke, aber eher magere als volle Gestalt, +die Frau Actuar Ledermann, mit etwas vorstehenden, wenigstens stark +markirten Backenknochen und durchdringend scharfen, wenn auch kleinen +lichtgrauen Augen, die Lippen schmal und um den Mund in vielen kleinen +Fältchen, zusammengezogen, das Kinn jedoch etwas zurückstehend, was ihr +ein besonderes, und nicht eben angenehmes Profil gab. Auch in ihrem Anzug +ließ sie sich zuviel gehn; der Zauber reinlicher Kleidung fehlte ihr, der +selbst der ärmlichsten Tracht etwas Nettes, Freundliches giebt; die Krause +die das oben am Hals dicht anschließende Kleid einfaßte, war schon mehrere +Tage getragen und verdrückt, ebenso zeigten die Manschetten Spuren +längeren Dienstes, und die Haube saß ihr verschoben und zu viel +zurückgedrängt auf dem, nicht überreich mit Haaren bedeckten Scheitel. +Frau Actuar Ledermann war nicht hübsch, und der Affect der ihre Züge in +diesem Augenblick mehr entstellte als belebte, nahm ihnen leider auch die +letzte Spur sanfter Weiblichkeit, die sonst doch wohl noch hie und da +darin verborgen lag. Der bis jetzt mehr durch Erstaunen als Mäßigung +niedergekämpfte Zorn gewann aber auch endlich die Oberhand, und während +die Anstrengung, sich bei ihrer Heiserkeit gehört zu machen, ihr Antlitz +fast dunkel färbte, keuchte sie, die Arme in die Seite gestemmt, den +Oberkörper gegen den überrascht einen Schritt zurückweichenden Gatten +vorgebeugt: + +»Spreche kein Wort, _heh_? sagt der Herr? — prahlt da, »wenn er von +Berufsgeschäften nach Hause kommt« — spreche kein Wort? — sitzt in der +Kneipe den ganzen gesegneten Nachmittag — im rothen Drachen und das nennt +er Berufsgeschäfte; vertrinkt das Geld das wir hier zum nothwendigsten +Leben brauchten, und wirft mir jetzt meine Heiserkeit vor, die mir der +Himmel geschickt hat, oder mein böses Glück, dem ich auch einen solchen +Mann verdanke — daß ich kein Wort spreche und verdrießlich bin. Ich soll +wohl _tanzen_? eh? — wenn mir das Herz zum Zerspringen voll ist vor Jammer +und Elend daheim, und wenn ich den ganzen Tag da sitze, und brüte und +denke wie wir auskommen wollen mit den paar Groschen, die zum Sterben und +Verhungern zu viel, zum Leben aber zu wenig sind. Dann soll ich nachher, +wenn der gestrenge Herr sein Gesicht zeigt, lachen und vergnügt und lustig +sein, nur damit der Haustyrann sich nicht unbehaglich fühlt in _seinen_ +vier Wänden.« + +Heftiger Husten unterbrach hier die Zornesrede der Frau, der die übermäßig +angestrengte Luftröhre den Dienst versagte, und der Actuar Ledermann nahm +still und schweigend, den Moment benutzend, ein Licht von dem kleinen +Seitenschrank, zündete es an der Lampe an, und verließ kopfschüttelnd und +seufzend das Gemach, sich auf sein eigenes kleines Stübchen zurückzuziehn. + + + + + + Capitel 4. + + + FRANZ LOSSENWERDER. + + +In Heilingen, in der Glockenstraße, stand ein vortreffliches Weinhaus, in +dem die wohlhabenderen Bürger Abends gewöhnlich zusammenkamen und ihr +Fläschchen, aus denen auch oft zwei und drei wurden, tranken. Das Lokal +war ziemlich gemütlich, und dem Zweck entsprechend, in eine Menge kleiner +Zimmerchen abgetheilt, die theils durch wirkliche Thüren und Verschläge, +theils durch Vorhänge von einander getrennt lagen, einzelnen +Gesellschaften zu gestatten eben einzeln zu bleiben, und ihr Glas, +ungestört von dem Nachbar, zu trinken. + +Das Haus hieß »der Pechkranz« nach einer alten Sage, die der Wirth sehr +gern mit der Heilinger Chronik belegte, und die noch in dem +dreißigjährigen Kriege spielte; ein, über der Eingangsthür in neuerer Zeit +erst aus Stein gehauener Bachus, hielt auch in der einen Hand einen +Tyrsusstab, und in der anderen einen Pechkranz, in höchst wunderlicher +Weise Sage und Geschäft mit einander vereinigend. Die Allegorie war aber +gar nicht so übel angebracht, und hätte sich auch schon ohne Tilly recht +leidlich und genügend erklären lassen, denn Bachus hatte hier schon in der +That in manchen Kopf seinen Pechkranz hineingeworfen, daß es lichterloh +zum Dache hinausbrannte, ohne weiter eben größeren Schaden anzurichten, +als der alte Pechkranz in damaliger Zeit angerichtet haben sollte. + +Der Wirth war übrigens nicht in Heilingen geboren und erzogen, sondern ein +Rheinländer, der sich hier erst vor einigen Jahren niedergelassen, und +durch gute Getränke auch bald gute und schlechte Kunden genug bekommen +hatte. Seine Preise waren allerdings ein wenig theuer, »aber,« sagten die +Heilinger, »wer einmal Wein trinkt, dem darf es auch nicht auf einen +Groschen dabei ankommen, wenn er nur ächt und rein ist,« und Wirth und +Gäste befanden sich wohl dabei. + +Es war am Abend des nämlichen Tages, an welchem ich meine Erzählung +begann, als die Gäste, die den Tag über meist auf Spaziergängen im Freien +gewesen waren, anfingen einzutreffen, und die Kellner geschäftig herüber +und hinüber sprangen, Wein und Speisen den Hungrigen und Durstigen zu +bringen. Die kleinen Räumlichkeiten füllten sich nach und nach, und selbst +in dem großen Mittelsaal, der ungefähr das Centrum des Ganzen bildete, +hatten sich schon hie und da einzelne Gruppen gebildet, oder auch einzelne +Gäste saßen in irgend einer Ecke, ihre Flasche Wein vor sich, und auf +eigene Hand, in ungeselliger Gemüthlosigkeit, langsam Glas nach Glas zu +leeren. Es ist das aber nicht die rechte Art; zu einer schönen Landschaft +und einer guten Flasche Wein gehören mindestens zwei Personen, um Beides +recht und ordentlich zu genießen, die eine sich _darüber_, die andere sich +_dabei_ auszusprechen; wenn man allein ist, geht mehr als der halbe Genuß +von Beiden verloren. Es giebt allerdings Menschen, die sich zufriedener +fühlen wenn sie Alles allein genießen können, aber denen geh’ aus dem Weg; +es sind Hypochonder oder Schlimmere, und der einzige Dank, den Du ihnen +schuldig bist ist dafür, daß sie sich eben auch von Dir zurückziehn. Nur +wer Niemanden hat an den er sich anschließen darf, wer allein und +freundlos in der Welt dasteht und das Leid das ihn drückt, allein tragen, +die wenigen frohen Momente seines Lebens allein genießen muß, den bedauere +und hilf ihm, wenn Du kannst, denn er ist der Unglücklichste von Allen. + +Es mochte neun Uhr Abends sein, als ein Bekannter von uns, der +Kürschnermeister Kellmann, die Weinstube betrat und, sich überall +umschauend, ob er nicht irgend einen Freund träfe zu dem er sich setzen +könnte, in einer der Ecken eine bekannte Gestalt entdeckte. Aber er sah +erst ein paar Secunden wirklich aufmerksam dorthin, ehe er seinen Augen +traute, und sagte dann, auf Jenen losgehend und neben dem Tisch stehen +bleibend: + +»Hallo, _Loßenwerder_? Ihr hier im Pechkranz? na da möchte man doch, wie +die Schwaben sagen, den Ofen einschlagen. Alle Wetter Mann und vor einer +Flasche Rüdesheimer; nun das laß ich gelten und es freut mich wahrhaftig, +daß Ihr endlich einmal aufthaut und unter Menschen kommt. Aber was ist +denn heute los bei Euch? denn einen ganz besonderen Grund muß doch die +Festlichkeit haben.« + +»Ha — ha — ha — hat sie auch He — he — he — he — herr Ke — ke — ke — +kellmann,« sagte der kleine Mann verlegen lächelnd und sich etwas +schüchtern dabei umschauend, denn es schien ihm nicht angenehm, die +Aufmerksamkeit der übrigen Gäste so direkt auf sich gelenkt zu sehn. + +»Jetzt kann ich aber auch den Leuten widersprechen,« sagte Kellmann, +seinen Hut und Stock an einen der nächsten Haken hängend und sich neben +ihn setzend, »wenn sie behaupten Ihr tränkt nur Wasser, und Sonntags +höchstens einmal ein Glas Dünnbier — ich kriege Leibschneiden, wenn ich +nur an das Zeug denke — und sonst lebtet, als ob Ihr die Woche mit einem +halben Thaler auskommen müßtet. Alle Wetter Mann, das ist recht, daß Ihr +Euch auch manchmal ein Glas Rheinwein gönnt; das hält Leib und Seele +zusammen, und stärkt die Nerven und Muskeln mehr wie Rindfleisch. Würde +mir schwer ankommen, wenn ich unseren vaterländischen Wein entbehren +müßte,« setzte er mit einem halbunterdrückten Seufzer hinzu. + +»Ha — ha — ha — haben Sie a — a — a — auch wohl ni — ni — nicht nö — nö — +nö — nö — nö — nöthig, be — be — be — bester He — he — he — he — he — he.« + +»Ih nun wer weiß was Einem noch Alles bevorsteht,« unterbrach ihn Kellmann +— »hier Kellner — mir auch eine Flasche von dem Rüdesheimer; der Duft hat +mir Appetit gemacht.« + +»Hallo Loßenwerder bei einer Flasche Rüdesheimer,« rief aber jetzt noch +eine andere Stimme aus dem nächsten Stübchen, wo ein paar junge Kaufleute +bei ihrem Glase zusammensaßen — »da müssen wir auch dabei sein; +Loßenwerder hat vielleicht heute seinen splendiden Tag und traktirt — +haben Sie was in der Lotterie gewonnen?« + +Die jungen Leute, die Kellmann und Loßenwerder begrüßten, kamen mit ihrer +Flasche heraus, und setzten sich an denselben Tisch, mit dem immer +verlegener werdenden kleinen Mann anstoßend und trinkend. Denen gesellten +sich aber noch bald darauf Andre zu; Loßenwerder war in der ganzen Stadt +bekannt und oft auch, seiner körperlichen Mängel wegen, zum Besten +gehalten. Vertheidigen konnte er sich aber schon seines Stotterns wegen +nicht, was den Gegnern gleich nur noch mehr Anlaß und Stoff gegeben hätte; +so wurde denn diese freilich gezwungene Zurückhaltung endlich für +Gutmütigkeit ausgelegt, mit der er sich Scherz und Stichelrede ruhig +gefallen ließ, und was die schärfste Erwiderung nicht vermocht, erreichte +er unfreiwillig dadurch, daß man es endlich müde wurde, den sich nicht +Verteidigenden zum Besten zu haben, und ihn eben zufrieden ließ. Aber in +des Verwachsenen Betragen änderte das Nichts; abgestoßen und verhöhnt — in +nur sehr wenigen Ausnahmen — von Allen, mit denen er in Berührung kam, zog +er sich mehr und mehr in sich selbst zurück, ging, außer den nöthigen +Geschäftswegen und außer der Geschäftszeit, fast nirgends hin, und lebte +so einfach, ja fast dürftig, wie nur ein Mensch leben kann, der eben _nur_ +Geld ausgiebt, um zu existiren. In einem Weinkeller hatte ihn aber noch +Niemand gesehn, und die Gäste dort, die überdies keinen weiteren Zweck da +hatten als sich zu amüsiren, glaubten das einmal einen Abend mit dem +kleinen »Stotterberg«, wie er spottweis, seines Stotterns und Höckers +wegen genannt wurde, am Besten thun zu können. + +Im Anfang wollte sich Loßenwerder aber auf Nichts einlassen, ja machte +sogar zwei oder drei, wenn gleich vergebliche Versuche, sich zu entfernen, +denn von allen Seiten wurde er gehalten, und Jeder wollte und mußte mit +ihm trinken. Nach und nach aber fing er an aufzuthauen; der ungewohnte +kräftige Wein mochte ihm das Blut leichter und rascher durch die Adern +jagen. Nun sollte er erzählen, aber das ging nicht, sein Stottern wurde, +mit der schwereren Zunge, kaum verständlich, bis Einer, im Spott eben, auf +den Gedanken kam, ihn zum Singen aufzufordern. Loßenwerder weigerte sich +erst ganz verschämt; das aber kam den Anderen zu komisch vor, und mit +Lachen und Toben, während ein paar schon Champagner bestellten, den Genuß +würdig zu feiern, räusperte sich Loßenwerder plötzlich und stieg, von dem +Wein erregt, und jetzt unter dem lauten Jubel der ihn umdrängenden Gäste, +auf einen Stuhl. + + [Capitel 4] + +Was aber, wie sich die Uebrigen gedacht, Spott und Scherz hatte werden +sollen, das erstarb in athemlosem Schweigen, nur von leisen Ausrufungen +des Staunens und der Bewunderung unterbrochen, als der kleine verkrüppelte +Mensch, mit einer hellen, glockenreinen Stimme, und Tönen, die zum +innersten Herzen drangen, erst noch scheu, dann aber immer +zuversichtlicher werdend, und wie von dem Inhalt des Liedes mit +fortgerissen, dieses also begann: + + »Ich habe schon zu oft geschaut + In Deiner Augen Glanz, Du Holde, + Auf meine Kraft zu fest vertraut, + Viel mehr, als ich vertrauen sollte. + + Doch nein, für Dich Geliebte sind + Des Lebens schönste, reinste Blüthen, + Von keinem Schmerz getrübt, bestimmt, + Und was könnt’ ich dafür Dir bieten? + + Nichts — gar Nichts, als ein treues Herz; + Doch nimmer sollst Du es erfahren — + Ich kann, wie früher, meinen Schmerz + In tiefer, innerer Brust bewahren. + + Sei glücklich! — wenn auch ohne mich, + Ich will Dich lieben, aber schweigen + Und mein Gebet nur soll für Dich + Empor, zum Thron des Höchsten steigen. + + Wenn dann mein Herz im Grabe liegt, + Und austräumt seine stillen Leiden, + Dann soll der Geist zum Himmel nicht + Entfliehn, und zu der Seel’gen Freuden. — + + Ein schön’res Loos werd’ ihm zu Theil, + Umschwebend Dich in trüben Tagen, + Soll er, zu Deinem Schutz und Heil, + Selbst seiner Seligkeit entsagen.« + +Loßenwerder war ganz gerührt geworden beim Schluß des Liedes, und die +Thränen standen ihm in den Augen; während sein wirklich häßliches Gesicht +durch den Schmerz aber eher einen komischen als ernsten Ausdruck bekam, +jubelte die Schaar jetzt um ihn her, die wirklich erst wieder Athem und +Laut gewann, als der wundersame Zauber dieser Stimme von ihnen genommen +war. + +»Bravo — bravo Loßenwerder — bravo dacapo! Donnerwetter Mann, Ihr habt ja +eine Stimme wie eine Nachtigall, und stottert nicht die Probe dabei — wie +am Schnürchen geht das!« + +»Es ist erstaunlich!« rief Kellmann, vor lauter Verwunderung über das eben +Gehörte wirklich fast sprachlos. + +»Nun aber auch trinken — hier Loßenwerder — hier,« riefen sie, ihm das +Glas bis zum Rand mit dem schäumenden Trank füllend, »und dann noch ein +Lied; bei Gott, das zuckt und prickelt Einem ordentlich durch die Adern, +und klingt wie Glockenton so rein und voll; Loßenwerder wo habt Ihr das +Singen gelernt?« + +»Vo — vo — vo — vo — vo — von mi — mi — mir se — se — se — se — selb — +bber,« stotterte der kleine Mann, kaum im Stande jetzt mit immer schwerer +werdender Zunge nur die paar Worte vorzubringen, während ihm im Gesang die +Strophen wie der Lerche das schmetternde Lied; aus der Kehle wirbelten. + +»Und da hat bis jetzt noch gar kein Mensch etwas davon erfahren,« rief +Kellmann wieder — »behält die liebe Gottesgabe da ebenfalls für sich +allein, kommt nirgends hin, spricht mit Niemand, trinkt und singt mit +Niemand, und hat eine Stimme in der Luftröhre sitzen, die Einer, wer es +darauf anzulegen verstände, in reines Gold verwandeln könnte.« + +Von allen Seiten tranken sie jetzt dem kleinen Mann zu, und überschütteten +ihn mit Lob und Jubel, und dieser schwamm wirklich in einem wahren Meer +von Wonne. So wohl war ihm auch noch nie geworden — Niemand hatte sich bis +jetzt um ihn bekümmert, Jeder ihn verspottet und verhöhnt, und zum ersten +Mal, vielleicht seit langen, langen Jahren, fühlte er sich unter Menschen +einem Menschen gleich, wußte sich nicht mehr verachtet und unter die Füße +getreten, und sah freundliche Augen um sich her, die ihn wie ihres +Gleichen anschauten. + +Dem löste sich auch endlich seine Zunge, oder wenigstens sein guter Wille +zu reden, so weit, daß er beginnen wollte Geschichten zu erzählen. Das +ging aber unter keiner Bedingung; beim Singen ja, aber beim Sprechen +brachte er kein Wort mehr über die Lippen, und selbst das Singen versagte +ihm zuletzt den Dienst; die Augenlider wurden ihm schwer, er fing an zu +lallen, und war eben zurück auf seinen Stuhl und dem Schlaf in die Arme +gesunken, als die Thür aufging und zwei Gerichtsdiener in’s Zimmer traten. +Es war etwa elf Uhr Abends und die meisten Gäste, mit Ausnahme des einen +Tisches, hatten das Haus schon verlassen. + +»Hallo was ist das?« sagte Herr Kellmann, der die beiden Leute zuerst +bemerkte, »das ist wunderlicher Besuch — es wird doch nicht etwa eine +Polizeistunde eingeführt in Heilingen?« + +Aber auch der Wirth war die »Diener der Gerechtigkeit«, wie sie meist +etwas poetisch genannt werden, gewahr geworden und ging auf sie zu, sich +zu erkundigen was sie hierher geführt. + +»Ein kleiner buckliger Mann soll hier heute Abend bei Ihnen sein,« sagte +der Erste — »er ist aus dem Dollingerschen Geschäft.« + +»Dort sitzt er in der Ecke,« sagte der Wirth vom Pechkranz nach +Loßenwerder hinüberzeigend, »hat er etwas verbrochen?« + +»Ich weiß nicht,« erwiederte der Zweite ziemlich kurz — »wir sollen ihn +abholen.« — + +»Wird schwer sein,« meinte der Wirth — »sie haben ihm heute Abend hier +ordentlich zugetrunken, und der Wein hat jetzt das Uebergewicht — wenn er +aufsteht kippt er wieder um.« + +»Hm — da wird wohl auch nicht viel mit Fragen aus ihm herauszubringen +sein, Meier; was meinst Du, nehmen wir ihn mit?« + +»Ich denke das Beste wird sein wir führen ihn zu Haus, und Einer bleibt +bei ihm bis er morgen früh wieder zu Verstande kommt; jetzt ist doch +Nichts mit ihm anzufangen.« + +»Aber um Gottes Willen was ist denn vorgefallen?« frug Kellmann bestürzt; +»der arme Teufel hat doch nicht etwa irgend ’was verbrochen?« + +»Noch ist nichts Gewisses bekannt,« erwiederte der erste Polizeidiener, +»nur bei Dollinger’s ist heute Nachmittag eingebrochen, und die +Untersuchung muß jetzt erst ergeben, wer schuldig sei.« + +»Bei Dollinger’s eingebrochen?« riefen Mehrere, »heute Abend?« + +»Nein heute am hellen Tag,« sagte der Mann. + +»Alle Wetter das muß dann gewesen sein während sie nach dem rothen Drachen +gefahren waren,« sagte Kellmann rasch — »sie kamen an uns vorbei mit dem +jungen Henkel.« + +»In der Zeit war’s,« bestätigte der Polizeidiener, »denn wie sie zu Hause +kamen, wurde es entdeckt — hier da Loßenwerder — Sie da — wachen Sie auf.« + +»Ja wenn Sie den stoßen wollen bis er munter wird,« lachte Einer der +jungen Leute, »da haben Sie Arbeit.« + +»Sie — Loßenwerder — hören Sie?« + +»Ja — ja« — stammelte der von dem ungewohnten Weine, von dem er eigentlich +gar nicht so sehr viel getrunken, Betäubte — »me — me — me — mehr We — we +— wein; ich za — za — za — zahle A — a — a — a — a — alles!« + +»So?« sagte der Polizeidiener ruhig — »nun für heute möcht’ es doch wohl +genug sein; komm, faß ihn da drüben unter den Arm, er wohnt ja auch nicht +so sehr weit von hier — wo ist sein Hut?« + +»Hier — armer Teufel, das wird ein böses Erwachen werden.« + +»Wie man sich bettet so schläft man,« sagte der zweite Polizeidiener, und +den Betrunkenen in die Höhe richtend, der dabei unverständliche Sachen +stammelte und sogar einen total misglückenden Versuch machte wieder zu +singen, führten sie ihn hinaus und seiner Wohnung zu, indeß die Gäste noch +das »für und wider« der Schuld des Mannes, von dem sie nie etwas Uebles +gehört bei einer anderen Flasche besprachen. + +Und es _war_ ein böses Erwachen für den Mann; von dem Weindunst betäubt +schlief er, wie ein Todter, bis zum lichten Tag, und als er die Augen +aufschlug und ihm der Kopf schmerzte zum Zerspringen, fiel sein erster +Blick auf den ungeduldig in seinem Zimmer auf und ab gehenden +Polizeidiener, den er einen Moment bestürzt anstarrte, und dann die Augen +wieder schloß, wie vor einem unangenehmen Traumbild. + +»Nun Loßenwerder, ausgeschlafen?« sagte der Mann aber, froh endlich einmal +zu einem Resultat zu kommen — »das hat lange gedauert — kommen Sie, stehn +Sie auf und ziehn Sie sich an.« + +Die Stimme war _kein_ Traum, und der kleine Mann richtete sich erschreckt +von seinem Bett, auf dem er noch mit den Kleidern vom vorigen Abend lag, +empor. Wo war er? — wie war er hierher gekommen? er drückte sich mit +beiden Händen die Stirn und der klare Angstschweiß brach ihm aus über den +ganzen Körper; er _wußte_ nicht mehr was gestern Alles geschehn, und die +unheimliche finstere Gestalt vor ihm füllte sein Herz mit einer wilden +Ahnung von Unheil, die alles Blut dorthin in jähem Strom zurücktrieb. + +Wie ein Schlag da hinein traf ihn die Nachricht von dem entdecktem +Diebstahl, das Gefühl, daß der Verdacht auf ihm laste, und die nächste +Stunde — während ein anderer Polizeibeamter bei ihm visitirte und man +nichts weiter, als in einem Winkel seines kleinen Schreibtisches, unter +dreifachem Schloß, ein Päckchen mit 200 Thalern in fünf und zwanzig Thaler +Cassenanweisungen, wie noch einige Goldstücke fand, wie seine Abführung +dann nach dem Dollingerschen Hause, da Herr Dollinger gebeten hatte den +Mann, an dessen Schuld er nicht glauben wollte, erst einmal an Ort und +Stelle selber zu befragen — lag wie ein Alp auf seiner Seele, unter dessen +Last er auch kein Wort zu seiner Verteidigung zu sagen, ja nicht einmal +eine an ihn gerichtete Frage zu beantworten vermochte. + +In dem Dollingerschen Hause angekommen, wurde er gleich in Herrn +Dollinger’s Zimmer hinaufgeführt, und der alte Herr ging, als Loßenwerder +die Stube betrat, mit auf dem Rücken gekreuzten Händen in seinem Zimmer +auf und ab. Der junge Henkel saß in der einen Ecke des Sophas, das rechte +Knie über das linke geschlagen, mit einem Buch in der Hand, über das hin +er aufmerksam den Gefangenen betrachtete. + +Loßenwerder war bleich wie ein Todter — jeder Blutstropfen hatte sein +Antlitz verlassen, und bei dem Versuch den er zum Reden machte, kam kein +Laut über seine Lippen. + +»Loßenwerder,« sagte Herr Dollinger endlich, nach einer kleinen Weile vor +ihm stehen bleibend und ihn ernst, ja traurig betrachtend — »ein böser +Mensch ist gestern, während unserer Abwesenheit, in unser Haus geschlichen +und hat, außer einigen Juwelen, auch noch das Geld entwendet, das Du mir +gestern Mittag gebracht und das ich, wie Du weißt, in den Secretair dort +schloß. Warst Du während unserer Abwesenheit wieder im Haus und in dem +Zimmer meiner Töchter?« + +»He — he — he — he — he — he — he — rr Do — Do — Do — Do.« + +»Schon gut Loßenwerder, Du bist jetzt aufgeregt und das Sprechen wird Dir +schwer; beschränke Dich auf ein einfaches ja und nein.« + +»Ja — a — !« + +»In dem Zimmer meiner Töchter?« + +»J — a — a — a aber — i — i — i — i — ich wo — wo — wollte« — + +»Sie haben einen Blumentopf dort hineingesetzt?« sagte Herr Henkel jetzt +ruhig. + +Das Blut stieg dem kleinen Mann rasch bis in die Schläfe hinauf, aber der +nächste Moment ließ sein Antlitz wieder so weiß als vorher; er nickte nur, +zur Betätigung des eben Gesagten, mit dem Kopf. + +»Loßenwerder,« sagte der Herr Dollinger mit leiser, bewegter Stimme und +dicht zu dem kleinen Mann hinantretend, wobei er die Hand auf dessen +Schulter legte, »Loßenwerder, noch gestern würde ich eben so leicht +geglaubt haben, daß eines von meinen eigenen Kindern eines schlechten, +unrechtlichen Streiches fähig wäre, bis mich leider die immer deutlicher +sprechenden Thatsachen in meinem Glauben an Dich _wankend_ gemacht haben.« + +»He — he — he — he — he — herr Do — Do — Do — Do — — Dollinger« — + +»Ich will Dir klar und einfach unseren ganzen Verdacht vorlegen,« sagte da +der alte Herr, dem Angeklagten jedes unnütze Wort zu ersparen — »gestern, +während unserer Abwesenheit, ist der Secretair meiner Töchter erbrochen +und das Dir bekannte Geld entwendet worden — drüben über der Straße hat +Dich ein Mädchen gesehn, wie Du heimlich aus dem Hause geschlichen bist. +Ebenso bestätigt Wilhelm, der Stalljunge, Dich gesehn zu haben, wie Du +hättest das Haus durch die nach dem Hofe zu führende Thür verlassen +wollen, bei seinem Anblick aber, was selbst dem Jungen aufgefallen ist, +zurückgefahren, und dann auch nicht über den Hof gekommen wärst. Das +Stubenmädchen, die keine Ahnung davon haben konnte daß Geld in dem +Secretair lag, ist bereit den schwersten Eid abzulegen, daß sie, wenige +Minuten später, nachdem man Dich hatte aus dem Hause schleichen sehen, die +Vorsaalthür nicht mehr aus den Augen gelassen, und gewiß wäre, daß Niemand +die Schwelle mehr überschritten habe, bis sie den zurückkehrenden Wagen in +den Hof einfahren gehört. Heimlich bist Du im Haus gerade in der Zeit, in +welcher das Geld entwendet wurde, gewesen, und die gestrige Ausschweifung, +die man an Dir nicht gewöhnt ist, wie die bei Dir gefundene Summe, lassen +allerdings das Schlimmste fürchten. Loßenwerder — ich brauche Dir nicht zu +sagen, wie weh — wie weh mir das gerade von _Dir_ thut, und ich wollte die +doppelte Summe, so bedeutend sie ist, gern verschmerzen, wenn es _nicht_ +geschehen wäre. Mache aber jetzt Deinen Fehler, wenigstens so weit das +noch in Deinen Kräften steht, wieder gut; gestehe was Du mit dem übrigen +Gelde gemacht, wo Du es verborgen hast, und ich selber will dann auch +Alles thun was in meinen Kräften steht, Deine Strafe zu erleichtern. Ein +anderer Welttheil mag Dir nachher in späterer Zeit Gelegenheit geben +Deinen Fehltritt zu bereuen, und das wieder zu werden, für was ich Dich, +selbst bis diesen Morgen noch, gehalten habe.« + +Loßenwerder hatte während dieser Auseinandersetzung wie aus Stein gehauen +vor seinem Prinzipale gestanden, nur das Zittern seiner Glieder verrieth +daß er lebe; jetzt aber brach er in die Knie, und zum ersten Mal +vielleicht mit dem vollen Bewußtsein der gegen ihn erhobenen Anklage — +oder auch von Schuld und Angst zu Boden gedrückt, denn wer konnte in den +stieren, überdies nicht geraden Augen und in den todtenbleichen, mit +großen Schweißperlen bedeckten Zügen das richtige lesen — umfaßte er die +Knie des alten Herrn und bat mit wild stotternder Stimme, aus der dieser +nur mit äußerster Anstrengung einen Sinn herausfinden mußte — ihn nicht +unglücklich zu machen — Nichts so Schreckliches von ihm zu denken. + +»Ein aufrichtiges Geständniß, Loßenwerder,« entgegnete darauf Herr +Dollinger, »ist das Einzige, was Deine Schuld jetzt noch in etwas +erleichtern kann. Das Gericht wird einen unbewachten Augenblick, dem die +Reue auf dem Fuße folgt, nicht so schwer strafen, wie den hartnäckigen +Uebelthäter. + +»A — a — a — a — a — aber ich bi — bi — bin ni — ni — ni — nicht schu — +schu — schu — schuldig,« — stotterte der Unglückliche — »ich we — we — we +— we — weiß vo — vo — vo — von Ni — ni — ni — nichts — « + +»Du weißt von Nichts, Loßenwerder?« sagte Herr Dollinger leise mit dem +Kopf schüttelnd — »und woher ist das Geld das man bei Dir gefunden, woher +die Fünfundzwanzig Thaler-Note, die Du locker in der Tasche getragen, und +die Dir der Polizeidiener gestern Abend noch herausgenommen hat?« + +»Ge — spa — pa — pa — pa — partes Geld — e — e — e — e — e — ehrlich ge — +ge — gespartes G — g — g — geld!« stammelte der arme Teufel. + +Herr Henkel stand jetzt auf und ging langsam auf Herr Dollinger zu, dem er +ein paar Worte in’s Ohr flüsterte und dann, während dieser leise und +traurig mit dem Kopf nickte, das Zimmer verließ. Loßenwerder aber, der ihm +ängstlich mit den Augen folgte und vielleicht in einer unbestimmten Ahnung +fühlte daß man ihn fortführen — in ein Gefängniß bringen werde, ergriff +wieder und jetzt aber wie in Todesangst des alten Mannes Hand, und bat ihn +um Gottes — um seiner Seligkeit willen, soweit es ihm die, jetzt in der +Aufregung nur noch mehr fehlende Sprache immer gestattete, daß er ihm nur +das nicht anthun — daß er ihn in kein Gefängniß möge führen lassen. Herr +Dollinger erklärte aber natürlich darin Nichts thun zu können, denn wenn +er Nichts gestehen wolle oder zu gestehen habe, so müsse allerdings das +Gericht, bei so stark vorliegendem Verdacht, die Untersuchung aufnehmen, +wonach sich bald seine Schuld oder Unschuld herausstellen würde. + +»Hab’ ich aber einmal erst auf solchen Verdacht gesessen,« stotterte der +Unglückliche, »so bin ich gebrandmarkt mein Lebelang« — + +Herr Dollinger zuckte die Achseln, und die Thür öffnete sich in diesem +Augenblick, den einen Polizeidiener zeigend, der Loßenwerder leise auf die +Achsel klopfte und freundlich sagte: + +»Wenn’s gefällig wäre.« + +Loßenwerder zuckte zusammen als ob er einen Schlag bekommen, und wandte +sich noch einmal, wie Hülfe suchend, an Herrn Dollinger, aber ein Blick +auf diesen überzeugte ihn, daß er schon nicht mehr helfen könne, wo das +Gericht die Sache in die Hand genommen, und sein Gesicht in den Händen +bergend, folgte er dem Gerichtsdiener fast willenlos hinaus. + +Gerade als er durch die Thür schritt begegnete ihm, noch auf der Schwelle, +Frau Dollinger, und rasch bei Seite tretend, als ob sie selbst durch seine +Berührung angesteckt zu werden fürchte, warf sie ihm einen zornigen, +verächtlichen Blick zu und ging an ihm vorüber. + +Loßenwerder seufzte tief auf, sagte aber kein Wort, denn wie er den Kopf +hob, sah er am andern Ende des Vorsaals Clara mit dem jungen Henkel in +eifrigem Gespräch, und auch dort mußte er vorbei. Das war zu viel und wie +unschlüssig blieb er stehn und sah sich um, als ob er einen Weg zur Flucht +suche. + +»Na kommen Sie, Loßenwerder, machen Sie keine Dummheiten,« sagte aber, ihm +ermunternd auf die Schulter klopfend, der Polizeidiener — »es ist Alles +ein Uebergang, wie der Fuchs sagte, als sie ihm das Fell über die Ohren +zogen.« + +Loßenwerder nahm sich zusammen und schritt festen Trittes an dem jungen +Mädchen vorüber, das ihn mitleidig betrachtete. + +»Etwas über zweihundert Thaler hat man schon bei ihm gefunden,« flüsterte +der junge Henkel ihr leise zu — »ich hoffe daß Vater Dollinger das andere +auch noch wieder bekommen soll.« + +»Ach Loßenwerder, warum habt Ihr das gethan?« sagte Clara, leise und +mitleidig den Gefangenen ansehend, als er an ihr vorüberging. + +»U — u — u — und Si — si — si — si — sie g — g — g — glau — ben d — d — +das a — a — a — a — auch?« rief Loßenwerder und die großen hellen Thränen +standen ihm dabei in den Augen, aber der Polizeidiener hatte sich schon +länger mit ihm aufgehalten, als er meinte verantworten zu dürfen, nahm ihn +leise an der Hand und führte ihn die Treppe hinunter. Loßenwerder folgte +ihm wie in einem Traum. + +Das Polizeigebäude war nur höchstens fünfhundert Schritt von dort +entfernt, und stand an der andern Seite einer kleinen steinernen Brücke +die über den, mitten durch die Stadt und häufig überbrückten kleinen Fluß +führte. Als sie hinunter auf die Straße kamen, ließ der Polizeidiener +seinen Gefangenen los, kein Aufsehn zu erregen, und flüsterte ihm zu nur +ruhig neben ihm hinzugehn. Loßenwerder verstand ihn wohl gar nicht, denn +er sah verstört zu ihm auf, und dann um sich her, und fand die Augen der +Vorübergehenden alle neugierig auf sich geheftet; sich aber doch, wenn +auch nur dunkel, des Zwanges bewußt der auf ihm lag, nahm er sein +Taschentuch heraus, trocknete sich die feuchte Stirn damit ab, und ging +mit krampfhaft zusammenengebissenen Zähnen neben seinem Wächter her. So +erreichten sie die Brücke, wo vier oder fünf Jungen standen, die neugierig +die Ankommenden betrachteten; Loßenwerder’s Blick schweifte über sie hin, +aber er sah sie nicht, bis er dicht bei ihnen war und einer derselben +spottend rief: + +»Hoho, hoho — Stotterberg hat gestohlen, Stotterberg hat gestohlen!« + +Die Anderen stimmten lachend mit in den Ruf ein, und der Polizeidiener +drehte sich ärgerlich und drohend gegen die Buben um, die scheu +auseinander stoben; Loßenwerder aber fuhr sich mit beiden Händen +krampfhaft gegen die Stirn — »hat gestohlen!« schrie er dabei, ohne zu +stottern, mit gellendem wilden Schrei, und ehe sein Wächter es verhindern +konnte, ja nur eine Ahnung davon hatte, warf er sich mit einem +verzweifelten Sprung, über die niedere Ballustrade hin in den unten +vorbeilaufenden Strom. Noch über dem Geländer erfaßte ihn der +Polizeidiener an einem Rockzipfel, das Gewicht des niederfallenden Körpers +war aber zu groß, als daß er es mit einer Hand hätte aufhalten können, ja +er mußte sogar loslassen, nicht selber das Gleichgewicht zu verlieren, und +der Unglückliche schlug gleich darauf auf das Wasser, unter dessen +Oberfläche er im nächsten Augenblick verschwand. + +Der Fluß war indeß hier weder breit noch tief, und auf der ziemlich +belebten Straße fanden sich gleich mehre Leute, die unterhalb der Brücke +in’s Wasser sprangen, das ihnen etwa bis unter die Arme reichte, den +niedertreibenden Körper aufzufangen. Sie hatten ihn auch bald erreicht und +gefaßt, und von kräftigen Armen wurde derselbe an die Oberfläche gehoben +und zum Ufer gezogen. Wenn ihm jedoch auch das Wasser selber noch nichts +geschadet hatte, war der Unglückliche doch durch den Sturz, in dem er +wahrscheinlich durch das Zurückhalten seines Rockes gegen einen der +Brückenpfeiler geworfen worden, schwer am Kopf verletzt — die Wunde +blutete stark, und die Männer trugen den Bewußtlosen zuerst auf die +Polizei, und von dort, auf den Ausspruch eines rasch herbeigerufenen +Arztes, in die Charité. + + + + + + Capitel 5. + + + DIE AUSWANDERUNGS-AGENTUR. + + +Am Marktplatz zu Heilingen, und an der Ecke eines kleinen, auf diesen +auslaufenden Gäßchens, stand ein ziemlich großes, grün gemaltes und gewiß +sehr altes Erkerhaus, dessen Giebel und Stützbalken geschnitzt, und mit +wunderlichen Köpfen und Gesichtern verziert, und braun angestrichen waren, +und sich so weit dabei nach vorn überneigten, daß es ordentlich aussah, +als ob der ganze Bau mit dem spitzen, wettergrauen Dach nächstens einmal +ohne weitere Meldung nach vorn über, und gerade mitten zwischen die Töpfer +und Fleischer hineinspringen würde, die an Markttagen dort unten ihre +Waare feil hielten. + +Nichtsdestoweniger wurde es noch immer, bis fast unter das Dach hinauf +bewohnt, und der untere Theil desselben ganz besonders zu kleinen +Waarenständen und Läden benutzt. Die Ecke desselben nun, hatte seit langen +Jahren ein Kaufmann oder Krämer in Besitz, der sich zu seinen +Materialwaaren, Kaffee, Zucker, Tabak, Lichten, Grütze &c. auch noch in +der letzten Zeit die Agentur mehrer Bremer und Hamburger Schiffsmakler zu +verschaffen gewußt, und damit bald in einer Zeit, wo die Auswanderungslust +so überhand nahm, solch brillante Geschäfte machte, daß er die +Materialwaarenhandlung seiner Frau, wie seinem ältesten Sohn übertrug, und +für sich selber nur ein kleines Stübchen, ebenfalls nach dem Markt hinaus, +behielt, über dessen Thüre ein riesiges, sehr buntgemaltes Schild jetzt +prangte. Dies Schild verdient übrigens mit einigen Worten beschrieben zu +werden, da die Heilinger in den ersten Tagen — als es eben erst +aufgehangen worden — in wirklichen Schaaren davor stehen blieben und es +anstaunten. + +Es war ein breites, länglich viereckiges Gemälde, ein großes, dreimastiges +Schiff vorstellend, wie es sich unter vollen Segeln der fremden, ersehnten +Küste näherte. Die See selber war hellgrün gemalt, mit einer Unmasse von +sichtbar darin herumschwimmenden Fischen, die den Beschauer wirklich etwas +besorgt um die Sicherheit des Fahrzeugs selber machen konnten. Dessen +wackerer Kiel schäumte aber mitten hindurch, und der, dem Anschein nach +vollkommen runde, nur nach hinten zu etwas länglich auslaufende Rumpf, +preßte eine große grün und weiß gestreifte Welle vorne auf, die sich wie +eine breite Falte quer vor seinen Bug legte. Die Segel standen dazu fast +ein wenig zu sackartig, und nur an den vier Zipfeln festgehalten, stramm +und steif von den Raaen ab, und die langen blutrothen Wimpel mit roth und +weißer Bremer Flagge hinten an der Gaffel, strömten und flatterten lustig +nach hinten aus, wahrscheinlich den raschen Durchgang des Schiffes durch +das Wasser anzuzeigen, das derart, durch den Wind getrieben, selbst diesen +überflügelte. Ueber Deck war aber auch die Mannschaft, und Kopf an Kopf +eine volle Reihe bunter Passagiere sichtbar, mit sehr dicken rothen +Gesichtern, die Gesundheit an Bord des Schiffes bestätigend, und mit sehr +hellgelben und sehr breiträndigen, rothbebänderten Strohhüten auf, während +hinten auf Deck der Capitain des Schiffes mit einem dreieckigen Hut, wie +einem Fernglas in der einen und einem Dreizack in der andern Hand stand. +Was der Maler mit dem Dreizack andeuten wollte weiß nur er und Gott; er +müßte denn gemeint haben daß der Capitain, wie früher Neptun, das Meer +beherrsche. Uebrigens war es auch möglich daß er fischen wolle, und sich +mit dem Fernrohr nur eben den stärksten und fettesten der ihn reichlich +umschwimmenden Fische ausgesucht habe. + +Den Hintergrund dieses prachtvollen Seestücks bildete ein schmaler +Streifen mit einzelnen Palmen bedeckter Küste, an der eine Anzahl +pechschwarzer, nackter Männer standen, die nur einen gelb und blauen +Schurz um die Hüfte und einen grünen Busch in der Hand trugen. — Diese +sahen übrigens gerade so aus, als ob sie die Ankunft des Schiffes schon +sehnsüchtig und vielleicht sehr lange Zeit erhofft hätten, und nun die +Zeit nicht erwarten könnten daß die Fremden an Land stiegen, damit sie +geschwind für sie arbeiten, und ihnen den Boden urbar machen dürften. + +Neben dem Bild, und zu beiden Seiten der Thür, wie sogar noch an dem +innern Theile des Fensterschalters, hingen lange Listen der verschiedenen +anzupreisenden Plätze für Auswanderung. Obenan New-York, Philadelphia und +Boston, dann Quebeck und New-Orleans, Galveston; in Brasilien, Rio de +Janeiro und Rio Grande; in Australien Adelaide, dann Chile, Valdivia und +Valparaiso, und Buenos Ayres mit einer Menge neu entdeckter verschiedener +Kolonien und Ansiedlungen, wohin überall die besten kupferfesten Schiffe +A¹, in unglaublich kurzer Zeit und mit Allem versehen ausliefen, was dem +glücklichen Passagier das Leben an Bord eines solchen Schiffes nur in der +That zu einer Vergnügungsfahrt machen müsse und würde. + +Weigel, wie der Eigentümer dieser »ausländischen Versorgungsanstalt« (ein +Spottname den die Heilinger der Weigelschen Agentur gaben) hieß, war ein +dicker, vollgenährt und blühend aussehender Mann, ungefähr sechs bis +achtunddreißig Jahr alt, mit ein wenig fest umgeschnürter Cravatte, was +seinen Augen etwas Stieres gab, und sonst einem leisen Anflug von Grau in +den sonst braunen, widerspenstigen Haaren. Die Augen waren groß, blau und +ziemlich ausdruckslos; ein fast mitleidiges Lächeln aber, das oft, und +besonders dann wenn er irgend Jemandes Meinung bestritt, um seine +Mundwinkel spielte, gab dem Ausdruck seiner Züge jene scheinbare +Ueberlegenheit, die sich zuversichtliche Menschen oft über Andere, wenn +mann es ihnen gestattet, anzumaßen wissen. Ganz vorzüglich wußte er diese +Miene anzunehmen, wenn er über Amerika, oder irgend einen überseeischen +Fleck Landes sprach, über dem für ihn ein gewisser heiliger und +unantastbarer Zauber schwamm, und Jemand dann irgend einen Zweifel gegen +das Gesagte zu hegen wagte. Er schwärmte besonders für Amerika, und es gab +deshalb auch, seiner Aussage nach, keinen größeren Lügner in der Stadt, +als den Redacteur des Tageblatts, den Advokaten und Doctor Hayde in +Heilingen. Dieser und er waren denn auch, wie das sich leicht denken läßt, +grimme und erbitterte Feinde und Gegner, woselbst sich nur irgend eine +Gelegenheit dazu fand. + +Weigel bekam, wie das gewöhnlich bei den Agenturen der Schiffsbeförderung +üblich und der Fall ist, für jede Person die er einem Bremer oder +Hamburger Rheder sicher an Bord lieferte, einen Thaler, kurzweg genannt +»für den Kopf« und er theilte deshalb die Leute — seine Mitbürger sowohl +wie sämmtliche übrige Bewohner Deutschland’s, in solche ein »die Energie +hatten,« d. h. zu ihm kamen und sich bei ihm einen »Platz nach Amerika« +besorgen ließen, wo sie nachher drüben selber sehn konnten wie sie fertig +wurden, und in solche, die »im alten Schlendrian hinkrochen, und hier +lieber verfaulten, ehe sie einen männlichen entscheidenden Schritt thaten, +ihrer Existenz auf die Beine zu helfen.« Jeder der hier blieb betrog ihn +aber wissentlich und mit kaltem Blut um seinen, ihm in ehrlichem Verdienst +zustehenden Thaler, und es verstand sich von selbst, daß er vor einem +solchen Menschen keine Achtung haben konnte. + +Er selber kannte die Verhältnisse Amerika’s nur aus Büchern die das Land +lobten, denn andere las er gar nicht, und bekam er sie einmal zufällig in +die Hand, so warf er sie auch gewiß mit einem Kernfluch über den +»nichtswürdigen Literaten, der wieder einmal einen ganzen Band voll Lügen +zusammengeschmiert« in die Ecke. Sein größter Aerger war aber jedenfalls — +und so regelmäßig wie die Uhr Morgens acht schlug — das Tageblatt, das er +der häufigen Annoncen wegen halten _mußte_, und das ebenso regelmäßig +kleine gehässige und schmutzige Artikel gegen Amerika wie überhaupt gegen +Alles brachte, was sich frei und selbstständig bewegte. + +Zehnmal hatte er sich schon vorgenommen den »kleinen erbärmlichen Doctor« +zu prügeln, und sehr vielen Leuten würde er dadurch ein großes Vergnügen +bereitet haben; aber er unterließ es doch jedesmal auch wieder, wenn sich +ihm gleich oft genug die Gelegenheit dazu bot; Beide mußten jedenfalls +schon einmal früher etwas mit einander gehabt haben, vielleicht mehr von +einander wissen als Beiden zuträglich war, und ein solcher Bruch wäre da +nicht räthlich gewesen. + +Sonst lebte Weigel still, und anscheinend als ein vollkommen guter und +achtbarer Bürger, vor sich hin, aber im Stillen wirkte und wühlte er +seinem Ziel entgegen, und richtete in der That viel Unheil an. Seine +Beschreibungen Amerika’s, die er sich selber in kleinen Brochüren aus +anderen Büchern zusammentrug, und um ein Billiges verkaufte, waren ein +langsames Gift, das er in manche friedliche und glückliche Familie warf, +ein Saatkorn das dort wucherte und Wurzel schlug, und während es die Leser +anreizte nur gleich ohne weiteres ihr Bündel zu schnüren und jenen +herrlichen Länderstrichen zuzueilen, wo von da an ihr Leben nur einem +murmelnden Bache gleichen würde, der zwischen Blumen dahin fließt, füllte +er ihre Köpfe mit falschen Ideen und Begriffen von dem Land, das ihre neue +Heimath werden sollte, und machte viele, viele Menschen unglücklich. In +der neuen Heimath dann angekommen, die ihnen, mit mäßigen Ansprüchen, +wirklich Manches geboten haben würde was ihre Lage, im Vergleich mit dem +alten Vaterland gebessert haben könnte, fanden sie sich jetzt plötzlich in +all den wilden extravaganten Ideen, die sie durch solche Lectüre +eingesogen, enttäuscht, fanden die Hoffnungen nicht realisirt, die man +ihnen gemacht, hielten sich für schlecht behandelt und unglücklich, und +verfielen nun oft in das Extrem trostloser und eben so unbegründeter +Verzweiflung, wobei sie den Mann verwünschten, der sie hierverlockt, und +sie verleitet hatte, Heimath und eigenen Heerd zu verlassen, einem Phantom +zu folgen. Weigel aber hatte seinen Thaler für den richtig abgelieferten +»Kopf« bekommen, und dachte schon gar nicht mehr an die früher +Beförderten, die seiner Meinung nach jetzt in einem Meer von Behagen +schwammen und »unter Palmen wandelten.« + +Herr Weigel war allein in seinem kleinen Bureau, einem niederen, etwas +dumpfen und nicht überhellen Stübchen, dessen eines breites Fenster mit +durch Zeit und Rauch arg mitgenommenen Gardinen verziert war, während die +Wände durch Karten und statistische Tabellen-Anzeigen von Schiffen und +Gasthäusern, Plänen von neuangelegten Städten oder zu verkaufenden Farmen +fast völlig bedeckt hingen. Er saß an einem hohen, ziemlich breiten Pult, +das einen mächtigen Kamm von Gefachen und Schiebladen trug und las, mit +einer Tasse Kaffee neben sich, eben seinen täglichen Aerger, das +Tageblatt, als es an die Thür klopfte, und auf sein lautes »Herein« ein +junger, sehr anständig, aber trotzdem etwas ärmlich gekleideter Mann das +Zimmer betrat. + +»Herr Weigel?« sagte der Fremde mit einer leichten Verbeugung. + +»Bitte — ja wohl,« sagte Herr Weigel, seine Brille rasch in die Höhe +schiebend und auf seinem Drehstuhl herumfahrend, seinen Besuch besser in’s +Auge zu fassen — »womit kann ich Ihnen dienen?« + +»Sie befördern Passagiere nach Amerika?« + +»Nach Amerika? — denke so, hehehe,« lachte Herr Weigel, sich vergnügt die +Händ reibend, »habe schon ganze Colonien hinüber geschafft, Männer und +Frauen, Weiber und Kinder; sitzen jetzt drüben in der Wolle und schreiben +einen Brief über den andern an mich, wie gut es ihnen geht — da nur den +einen hier, den ich vor ein paar Tagen bekommen habe — der Mann ist blos +mit zwei tausend Dollarn hinübergegangen und hat schon eine eigene Farm, +achtzig Acker Land, vierundzwanzig Stück Rindvieh, einige sechzig +Schweine, fünf Pferde und will jetzt eine Schäferei anlegen — schreibt an +mich ich soll ihm einen Schäfer hinüber schicken, aber einen der die Sache +aus dem Grund versteht, kommt ihm auf ein paar Dollar Lohn nicht dabei an +— bitte lesen Sie einmal den Brief.« + +»Sie sind sehr freundlich Herr Weigel,« sagte der junge Fremde mit einem +verlegenen wie schmerzhaften Zug um den Mund — »aber der Brief würde +gerade nicht maßgebend für mich sein, da ich mich gegenwärtig nicht in den +Verhältnissen befinde, gleich einen Platz zu _kaufen_. Sind die +Passagierpreise jetzt theuer?« + +»Theuer? spottbillig,« lachte Herr Weigel, den Brief offen wieder zurück +auf sein Pult, und seine Brille darauf legend, ihn zu weiterem Gebrauch +bereit zu haben; »spottbillig sag’ ich Ihnen, man könnte wahrhaftig auf +dem festen Land nicht einmal dafür leben — _so_ nicht; und unter uns — ich +weiß wahrhaftig nicht wie die Leute dabei auskommen, aber es muß eben die +rasende _Menge_ von Passagieren machen, die sie jetzt wöchentlich, ja fast +täglich hinüber spediren. Es ist fabelhaft was jetzt für Menschen +auswandern; auf einmal werden sie Alle gescheidt, und merken endlich was +sie hier haben, und was sie dort erwartet — ist doch ein famoses Land, das +Amerika.« + +Und wie viel beträgt die Passage nach dem _nächsten_ Hafen der Vereinigten +Staaten, wenn ich fragen darf, für — für eine erwachsene Person und ein +Kind?« + +»_Nächsten_ Hafen? — hehehe, fürchten sich wohl vor der Seekrankheit? +lieber Gott, daran gewöhnt man sich bald; ist auch gar nicht so arg wie’s +eigentlich gemacht wird. Der Mensch, der Doctor Hayde hier im Tageblatt, +hat neulich einen Artikel über die Seekrankheit gebracht den er +wahrscheinlich auch selber geschrieben, und wonach Einem gleich ach und +weh zu Muthe werden müßte; der ist aber nur dazu bezweckt den Leuten das +Auswandern zu verleiden. Sie möchten sie gern hier behalten, damit sie sie +nur recht ordentlich plagen und schinden können, weiter Nichts; davor +braucht sich kein Mensch zu fürchten.« + +»Sie wollten mir aber den _Preis_ der Passage nennen.« + +»Den Preis? — ja so — warten Sie einmal« — sein Blick fiel auf die +Glacéhandschuhe und die schneeweiße Wäsche des Fremden, dessen etwas +abgetragene Kleider er in dem halbdunklen Raum nicht so leicht erkennen +konnte, oder auch übersah — »der Preis — Dampfschiff oder Segelschiff?« + +»Segelschiff.« + +»Segelschiff — wird — sein — Preis in erster Cajüte vier und achtzig +Thaler Gold.« + +»Und die — die billigeren Plätze?« + +»Billigeren Plätze — zweite Cajüte oder Steerage fünfundsechzig Thaler +Gold — « + +»Und Zwischendeck?« sagte der Fremde leise und verlegen. + +»Zwischendeck würde ich Ihnen nicht rathen,« meinte Herr Weigel, seine +Brille jetzt abwischend und wieder aufsetzend; »besonders wenn man eine +Frau und ein Kind bei sich hat und es nur irgend ermachen kann, sollte man +nie Zwischendeck gehn, man ruinirt sich’s und den Seinigen an der +Gesundheit herunter, was die paar Thaler mehr kosten.« + +»Aber Sie können mir wohl den Preis des Zwischendecks sagen?« + +»Ja wohl, mit dem größten Vergnügen — Zwischendeck nach New-York kostet — +warten Sie einmal, ich habe ja hier die letzten Briefe von meinen Häusern. +Zwischendeck nach New-York kostet vierundvierzig Thaler Gold.« + +»Vierundvierzig Thaler?« + +»Ja es ist seit ein paar Tagen erst wieder um vier Thaler aufgeschlagen, +weil die Leute eben nicht Schiffe genug anschaffen können für die +Auswanderer. Ist fabelhaft was besonders dieses Jahr für Leute +übersiedeln. Soll ich Sie vielleicht einschreiben? es trifft sich jetzt +gerade glücklich, denn am 15ten geht ein ganz vortreffliches Schiff ab, +die _Diana_, Dreimaster, gut gekupfert, mit allen nur möglichen +Bequemlichkeiten versehn und einem Capitain, ich sage Ihnen ein wahrer +Schentelmann, wie er sich gerade nicht immer auf den Schiffen findet.« + +»Ich danke Ihnen für jetzt noch bestens, lieber Herr Weigel,« sagte der +junge Mann — »ich muß doch nun erst mit meiner Frau Rücksprache über dieß +nehmen, denn erst seit gestern ist mir die Idee überhaupt gekommen +auszuwandern; aber — noch eine Bitte hätte ich an Sie,« und er drehte +dabei den Hut den er in der Hand hielt, fast wie verlegen zwischen den +Fingern — « + +»Ja? womit könnte ich Ihnen dienen?« frug Herr Weigel. + +»Könnten Sie mir wohl sagen, ob die Capitaine der Segelschiffe — ich habe +einmal irgendwo gelesen daß das manchmal geschähe — auch Leute — +Passagiere mitnähmen, die unterwegs ihre Passage — abarbeiten dürften und +also — auch keine Ueberfahrt zu bezahlen brauchten?« + +»Keine Passage zahlen?« sagte Herr Weigel, die Lippen vordrückend und die +Augenbrauen in die Höhe ziehend, während er langsam und halb lächelnd mit +dem Kopfe schüttelte — »keine Passage bezahlen? — ne lieber Herr — ja so +wie heißen Sie denn gleich — « + +»Eltrich,« sagte der junge Mann etwas zögernd — + +»So? — ne mein lieber Herr Eltrich, davon steht Nichts in unseren +Verzeichnissen und Contracten; im Gegentheil, _da_ kommen wir zusammen; +das ist der Hauptpunkt, der Nervum Rehrum, der die ganze Geschichte +eigentlich zusammenhält, Amerika und Europa und die umliegenden +Dorfschaften, heh, heh, heh.« + +»Aber wenn nun irgend ein armer Teufel,« fuhr der Fremde etwas lauter, +fast wie ängstlich fort — »irgend ein armer Teufel sein ganzes Hoffen eben +auf eine Reise nach Amerika gesetzt hätte, und bestimmt wüßte daß er dort, +wenn auch nicht gerade sein Glück machen, doch sein Auskommen finden +würde? — « + +»Nun dann soll er gehn — um Gottes Willen gehn, und am 15ten dieses wird +wieder das neue, kupferfeste — ja so, aber er muß bezahlen,« unterbrach er +sich rasch als ihm einfiel von was sie vor erst wenigen Secunden +gesprochen, »er muß bezahlen, sonst nimmt ihn kein Capitain der Welt mit +über See.« + +»Und Sie glauben nicht daß da jemals eine Ausnahme stattfinden dürfte?« +sagte Herr Eltrich — »es werden doch Leute auf See gebraucht zu den +nothwendigsten sowohl, wie den geringeren Arbeiten, und die Capitaine +müssen gewiß dafür _bezahlen_. Wenn sich also nun Jemand erböte alle diese +Verrichtungen ganz _umsonst_, nur um Passage und die einfachste +Matrosenkost zu machen, sollte das nicht möglich sein zu erlangen?« + +»Lieber Herr,« sagte der Herr Weigel, dem es jetzt so vorkommen mochte als +ob er mit dem Fremden da kein besonders großes Geschäft machen würde, und +der anfing ungeduldig zu werden, »zu den Arbeiten an Bord eines Schiffes +werden _Matrosen_ gebraucht, und wer kein Matrose ist, kann die auch nicht +verrichten. Das ist keine kleine Kunst, lieber Herr Schelbig, in den Tauen +den ganzen Tag herumzuklettern und zwischen den Segeln, wenn das Schiff +bald so herüberschlenkert und bald so« — und er begleitete dabei seine +Erklärung mit einer entsprechenden Bewegung der vor sich gerade +aufgehaltenen Hand — »da müssen die Leute fest stehen können wie die +Mauern, sonst kann man sie nicht gebrauchen.« + +»Aber glauben Sie nicht, wenn man einmal an einen Capitain schriebe, ob er +sich doch nicht am Ende bewegen ließ; oder« — setzte er rasch hinzu, wie +von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, »wenn man sich nun verbindlich +machte die Passage nach einer bestimmten Zeit in Amerika nachzuzahlen — +sie dort abzuverdienen?« + +»Ja da könnte Jeder kommen,« sagte Herr Weigel kopfschüttelnd, »wenn die +Leute erst einmal drüben sind, thun sie was sie wollen. Das ist ein freies +Land da drüben, Herr Wellrich, und da könnte man nachher jedem Einzelnen +nachlaufen, und sehen daß man sein Geld wieder kriegte. Ne, damit ist’s +faul, und ich nun einmal vor allen Dingen, möchte mich nicht auf solch +eine Quängelei einlassen; daran hat man keine Freude, und das ist auch +kein rundes Geschäft.« + +»Es ist nur ein armer Verwandter, der sich auf solche Weise gern +forthelfen würde,« sagte Herr Eltrich erröthend — »er ist sehr fleißig und +würde arbeiten wie ein Sclave, die Zeit über.« + +»Ja das glaub’ ich,« meinte Herr Weigel gleichgültig — »versprechen thun +die Art Herren gewöhnlich Alles was man von ihnen haben will.« + +»Könnten Sie mir denn vielleicht die Adresse irgend eines Schiffes oder +Rheders geben, der bald ein Schiff hinüberschickt,« sagte der junge +Fremde, sich schon wieder zum Gehen rüstend — »wenn ich vielleicht selber +einmal dorthin schriebe, um Sie nicht weiter mit der Sache zu belästigen.« + +»Ja, schreiben können Sie,« sagte Herr Weigel, »hehehe; aber Sie werden +keine Antwort bekommen; darauf können Sie sich verlassen. Die Leute da +haben mehr zu thun, als sich eines Passagiers wegen, für den sie noch +umsonst die Kost hergeben müßten, in eine Correspondenz einzulassen; kann +ich ihnen auch gar nicht so sehr verdenken.« + +»Und die Adresse?« + +»Die Adresse? — da, hier liegt die neueste Auswanderer-Zeitung; wenn Sie +wollen, können Sie sich da ein oder zwei Adressen herausschreiben. Da +hinten, auf der letzten Seite stehen sie.« + +Herr Weigel sah nach der Uhr, drehte sich wieder auf seinem Drehstuhl, der +beim Aufschrauben etwas quietschte, herum, schob das Tageblatt zur Seite +und rückte sich einen Bogen Papier zurecht, als ob er irgend einen +nothwendigen Brief zu schreiben hätte. + +Wieder klopfte es da an die Thür, und dießmal, ohne ein ermunterndes +»Herein« zu erwarten, öffnete sie sich, und drei Bauern, denen die großen +silbernen Knöpfe auf Weste und Rock und das feine Tuch der letzteren, die +jedoch ganz nach ihrem alten bäurischen Schnitt gemacht waren, etwas +ungemein solides gaben, traten, die Hüte erst unter der Thür und schon im +Zimmer abziehend, herein, und grüßten die beiden Leute die sie hier +beisammen fanden, mit einem herzlichen »Guten Morgen miteinander.« + +Das waren die Leute die Herr Weigel gern kommen sah, die wußten weßhalb +sie die eine Hand immer in der Tasche trugen, denn sie hatten dort etwas +zu verlieren, und waren nicht selten dabei die Vorboten eines größern +Trupps, oft einer ganzen »Schiffsladung voll« die aus ein und derselben +Gegend auswandern wollte, und ein paar der Angesehensten indeß +vorausgeschickt hatte, Platz für sie zu bestellen. Wie der Blitz war er +denn auch von seinem Stuhle herunter, schüttelte ihnen nacheinander die +Hand, und frug sie wie es ihnen ginge und was sie hier zu ihm geführt. + +»Seid Ihr der Mensch der die Leute nach Amerika schickt?« sagte da der +Eine von ihnen, eine breitkräftige, sonngebräunte Gestalt mit vollkommen +lichtblonden Haaren und Augenbrauen, aber dabei gutmüthigen vollen und +frischen Zügen, dem das Ganze übrigens etwas fremd und unheimlich +vorkommen mochte, denn er warf den Blick während er sprach wie scheu von +einer der Schiffszeichnungen zur anderen, und schien sich ordentlich dazu +zwingen zu müssen das zu sagen, was er eben hier zu sagen hatte. + +»Nun nach Amerika _schicken_ thu’ ich sie gerade nicht,« lächelte Herr +Weigel, die Anderen dabei ansehend, und etwas verlegen über die vielleicht +ein wenig plumpe Anrede. + +»Nicht?« sagte der Bauer rasch und erstaunt — »aber hier hängen doch all +die vielen Schiffe.« + +»Nun ja, ich besorge den Leuten Schiffsgelegenheit die hinüber _wollen_,« +sagte Herr Weigel, jetzt geradezu herauslachend, weil er glaubte daß sich +der Mann mit ihm einen Scherz gemacht, auf den er natürlich einzugehen +wünschte.« + +»Ja aber wir _wollen_ eigentlich noch nicht hinüber,« sagte der zweite von +den Bauern, seinen Hut auf seinen langen Stock stellend, und sich dabei +verlegen hinter den Ohren kratzend — »wir wollten uns nur erst einmal hier +erkundigen ob denn das auch wirklich da drüben so ist, wie es jetzt immer +in den Auswanderungszeitungen steht, und ob man blos hinüberzugehn und +zuzulangen braucht, wenn man eine gut eingerichtete Farm mit ein paar +hundert Morgen Land haben will.« + +»Ja wenn man Geld hat,« lachte Herr Weigel. + +»I nu — Geld hätten wir,« sagte der Bauer, und sah seine Nachbarn an. + +»Ich bin Ihnen sehr dankbar,« unterbrach den Sprecher hier der junge Mann, +der indessen die Zeitung nachgesehn, und sich Einzelnes daraus notirt +hatte. »Bitte,« sagte Herr Weigel, und nahm ihm das Blatt, ohne sich +weiter um ihn zu bekümmern, aus der Hand, und wandte sich wieder zu den +Bauern, als der junge Fremde sich mit einem artigen: + +»Guten Morgen meine Herren« empfahl. + +»Adje Herr — Herr Schnellig,« rief der Agent ziemlich laut hinter ihm her, +ohne sich weiter nach ihm umzudrehen, während die Bauern freundlich den +Gruß in ihrer Art erwiederten. + +»Wer war der junge Herr?« frug der erste Sprecher aber, als er die Thür +rasch hinter sich in’s Schloß gedrückt. + +»Ach, ein armer Teufel, der gern mit umsonst nach Amerika hinüber möchte,« +sagte Herr Weigel — »er thut zwar als wär’ es nur für einen armen +Verwandten, aber, hehehe, derlei Ausreden kennen wir schon — kommen alle +Wochen vor.« + +»Umsonst mit nach Amerika?« sagte der erste Sprecher verwundert, »_der_ +sieht doch nicht aus als ob er etwas umsonst haben wollte, der ging ja +_so_ fein gekleidet; Donnerwetter — mit Handschuhen und allem — « + +»Ja auswendig sind die Leute in der Stadt meist alle schwarz und sauber +angestrichen,« lachte Herr Weigel, »aber inwendig, in den Taschen, da +hapert’s nachher. Wer aber ein Bischen Uebung darin hat, kann auch schon +oben auf erkennen, ob der Lack ächt, oder blos nachgemacht ist, hehehe.« + +»Bei dem war er wohl nachgemacht?« sagte der zweite Bauer, dem Anschein +nach gerade nicht unzufrieden damit, daß der »glatte Stadtmensch« nicht so +viel galt wie sie, und daß der Auswanderungsmann das sogleich durchschaut +hatte. Herr Weigel nickte, seine Zeit war ihm aber kostbarer, als sie noch +länger an Jemanden zu verschwenden, bei dem er doch voraussah, daß er von +ihm keinen Nutzen haben würde, und er suchte das Gespräch wieder dem mehr +praktischen Anliegen der drei Bauern zuzulenken. + +»Also Sie wollten mitsammen nach Amerika gehn und sich eine ordentliche +Farm, gleich mit Land, Vieh, Häusern und was dazu gehört, ankaufen heh? — +’wär keine so schlechte Idee.« + +»Ja erst möchten wir aber einmal wissen wie die Sache steht;« sagte der +Erste wieder, der Menzel hieß, »wenn man über einen Zaun springen will, +ist es viel vernünftiger daß man erst einmal hinüber guckt was drüben ist, +und wenn man das nicht kann, daß man Jemanden fragt der es genau weiß. +Sind denn die Farmen da drüben wirklich so billig? — ist das wahr, daß man +dort noch gutes frisches Land für ein und einen Viertel Thaler kaufen +kann?« + +»Thaler? — nein,« sagte Herr Weigel, »_Dollar_.« »Ja nun, das ist aber +auch nicht viel mehr,« meinte der Zweite, Müller. + +»Nun ein Dollar ist ungefähr ein Speciesthaler,« sagte Herr Weigel — +»lassen Sie mich einmal sehn — die stehn jetzt — stehn jetzt 1 Thlr. 12½ +Silber- oder Neugroschen.« + +»Nu ja,« sagte Menzel wieder, »das ist aber immer kein Geld — und für +tausend Dollar kauft man da eine fix und fertig eingerichtete Farm, wie +sie’s glaub’ ich nennen? mit Allem was dazu gehört?« + +»Ich habe hier gerade,« sagte Herr Weigel in seinen Papieren suchend, »ein +paar Anerbietungen von höchst achtbaren Leuten — wirklichen Amerikanern — +die mir Farmen zu höchst mäßigen Bedingungen offeriren. — Die Leute wissen +da drüben daß hier Viele zu mir kommen und sich nach solchen Plätzen +erkundigen, und wenn sie dann ’was Gutes haben, schicken sie’s mir. — Wo +hab’ ich denn die verwünschten Pläne jetzt hingelegt — ah, hier ist der +eine — sehn Sie, Gebäude und Alles sind darauf angegeben — und der andere +kann nun auch nicht weit sein; ich habe sie erst vorgestern meinem Bruder +gezeigt, der gar nicht übel Lust hatte eine davon für sich zu kaufen — da +ist er.« + +Die drei Bauern drängten sich um den kleinen Tisch herum auf dem Herr +Weigel die Pläne jetzt ausbreitete, und suchten sich in den kreuz und quer +laufenden Strichen zu orientiren, wie der Platz eigentlich liege, und was +darauf stände. + +»Ja aber wo ist denn das nun eigentlich, und wie sieht’s dort aus?« sagte +Menzel endlich, nach einigen vergeblichen Versuchen deshalb — »aus der +Geschichte hier wird man nicht klug.« + +»Ja sehn Sie,« sagte Weigel, mit seinem Finger den Plan erklärend, und den +angegebenen Zahlen folgend, »das hier, Nr. 1 ist das Wohnhaus, ein +Doppelgebäude, der Zeichnung nach mit einer offenen Veranda dazwischen, +des warmen Klima’s wegen, denn drum herum stehen »Baumwollenbäume« +angegeben; Nr. 2 da ist ein anderes Gebäude, bis jetzt zu Negerwohnungen +benutzt, denn der bisherige Besitzer scheint Sclaven gehalten zu haben; +Nr. 3 ist eine Scheune; Nr. 4 ist ein Rauchhaus, die Leute verschicken von +dort aus viel getrocknetes Fleisch; Nr. 5 ist, wie es scheint, ein +Waschhaus, und Nr. 6 ein anderes Wohnhaus, was dem ersten gegenübersteht, +und wahrscheinlich den ganzen Hofraum, da die Front nach dem Flusse zu +liegt, abschließt. + +»Und welcher Fluß ist das?« + +»Der Missouri, einer der größten Ströme Amerika’s, über eine englische +Meile breit, und viel hundert Meilen hinauf schiffbar; alle Wetter meine +Herren, von den dortigen Strömen können wir uns hier gar keinen Begriff +machen.« + +»Hm — und wieviel Land gehört dazu?« + +»Dazu gehört ein »Died« von 40 Acker, was früher als Congreßland gekauft +und schon bezahlt ist, und natürlich mit übernommen wird, und um den Platz +herum kann noch so viel Congreßland dazu genommen werden, wie man haben +will — nur die vierzig Acker, von denen aber ein Theil schon urbar gemacht +ist, müssen natürlich höher bezahlt werden.« + +»Und was soll die ganze Geschichte kosten?« frug Müller. — Der dritte, +dessen Name Brauhede war, hatte noch kein einziges Wort zu der ganzen +Verhandlung gesagt. + +»Die ganze Geschichte,« erwiederte Weigel, sich das Kinn streichend, »wie +ich sie Ihnen hier gleich an Ort und Stelle überlassen kann, mit Häusern +und Grundstück und dazu noch einem kleinen Viehstand von vielleicht +einigen achtzig Stück Rindvieh, und fünfundfunfzig oder sechzig Schweinen, +würde — etwa — ein tausend und einige sechzig spanische Dollar betragen — +« + +»Und das wäre nach unserem Geld?« sagte Menzel, Müller dabei heimlich +unter dem Tisch anstoßend — « + +»Nach unserem Geld?« wiederholte Herr Weigel, mit einem Stück dort +liegender Kreide die Summen rasch auf dem Tisch selber aufaddirend — +»würde es in einer runden Zahl etwa 1000 — 400 — eine Kleinigkeit über +1400 Thlr. Preuß. Courant betragen.« + +»Wieviel Stück Rindvieh?« sagte Müller. + +»Einige achtzig Stück sind angegeben,« sagte Weigel, »und müssen auch +überliefert werden; aber gewöhnlich sind es noch mehr, denn das Vieh läuft +draußen im Freien herum und bekommt Kälber und man weiß es oft nicht +einmal — die Kälber werden überhaupt nie mitgezählt.« + +»Und die Passage hinüber kostet?« frug Menzel — + +»Zwischendeck oder Cajüte?« + +»Zwischendeck — immer wo’s am Billigten ist,« lachte Menzel, und strich +sich wohlgefällig über die silbernen Knöpfe. + +»Ja, kann mir’s denken,« rief Herr Weigel, auf den Scherz eingehend, und +ihn leise gegen den Arm von sich stoßend — »Sie sehn mir auch gerade aus, +als ob’s Ihnen auf ein paar Thaler ankäme.« + +»Ja, wo man’s kann muß man’s zusammennehmen,« betheuerte aber auch Müller +— »also wieviel kostet’s im Zwischendeck à Person?« + +»Vierundvierzig Thaler für die Person — Kinder zahlen die Hälfte.« + +»Aber ganz kleine Kinder?« sagte Müller. + +»Nun Säuglinge gehen ein,« lachte Herr Weigel, »das ist die Beilage, die +doch auch nur vom Schiff aus indirecte Nahrung bekommen.« + +»Leichten Zwieback?« frug Menzel. + +»Ja wohl,« sagte Herr Weigel, etwas verlegen lächelnd, da er nicht wußte +ob der Bauer das im Spaß oder Ernst gemeint — »wie viel Personen sind Sie +denn aber wohl etwa?« + +»Nu, so eine sechzig möchten wir immer zusammen herausbekommen,« meinte +Müller — + +»Aber Alle auf ein Schiff müßtet Ihr uns bringen,« sagte Menzel. + +»Nun das versteht sich von selbst,« rief Herr Weigel, und ein famoses +Schiff geht gerade den funfzehnten ab — ich glaube das beste, das von +Bremen und Hamburg überhaupt läuft — die Diana.« + +»Ne das wär’ uns noch zu früh — « + +»Am ersten nächsten Monats geht ein noch besseres,« sagte Herr Weigel — +»wenigstens geräumiger und ein besserer Segler.« + +»Ne das wär’ uns auch noch zu früh,« sagte Menzel. + +»Gut, dann träfen Sie es gerade ausgezeichnet mit dem Meteor,« versicherte +Herr Weigel, keineswegs außer Fassung gebracht; »ich wollte Ihnen den im +Anfang nicht anbieten, weil ich fürchtete daß Sie früher zu reisen +wünschten, wenn Sie aber _so_ lange Zeit haben, dann kann ich Ihnen +allerdings die vorzüglichste Reisegelegenheit bieten, die sich nur +überhaupt denken läßt.« + +»So — na das paßte schon besser — « sagte Müller — »wie hieß das Schiff +gleich?« + +»Meteor.« + +»Hm — werd’ es mir merken — aber nicht wahr, beim _Dutzend_ kriegen wir +die Passage doch auch was billiger.« + +»Ne, das geht nicht,« lachte aber Herr Weigel da gerade heraus; »es ist ja +nicht so, daß ein Schiff nur eben so viel Menschen an Bord nehmen kann wie +darauf Platz haben, sondern es muß auch genug Raum, und über und über +genug Essen und Trinken für sie dabei sein, wenn einmal die Reise, in +einem unglücklichen Fall länger dauerte als gewöhnlich. So ein Schiff hat +deshalb auch nur eine bestimmte Zahl von Auswanderern, die es an Bord +nehmen kann, und nach Amerikanischen Gesetzen nehmen _darf_, und auf die +ist Alles mit Kosten und Preis ausgerechnet, auf’s tz. Die kleinen Kinder +werden eingegeben, aber die großen müßen bezahlen. Und wie war’s mit der +Farm?« + +»Wo ist denn der andere Platz — zu dem da der lange Zettel gehört?« sagte +Menzel, der sich diesen indessen genau betrachtet, und nach allen Ecken +herum und herumgedreht hatte, ohne, wie er meinte, einen Handgriff dran +bekommen zu können. + +»Der hier? der ist in Wisconsin; auch ein guter Platz, aber kein so großer +Strom dabei,« sagte Herr Weigel — »ist aber auch billiger. Dort kann ich +Ihnen eine Farm, allerdings nur mit einigen vierzig Kühen, für etwa +siebenhundertundfunfzehn Dollar überlassen, und dann habe ich noch fünf +andere von sechs, acht, elf, neun und ich glaube zwölfhundert Dollar — die +letztere ist aber eine wirkliche Musterwirthschaft mit importirtem +Schweizervieh, und Backsteingebäuden, und einer prachtvollen Lage Milch +und Butter in die nicht zu entfernte Stadt zu bringen; wird Ihnen aber +auch freilich wohl zu theuer sein?« + +»Zu theuer? — warum?« sagte Menzel — »wenn man sich einmal etwas kauft, +soll man sich auch gleich ’was ordentliches anschaffen. Ich habe mir +übrigens die Sache immer viel schwieriger vorgestellt mit dem Ankaufen, +und gedacht, daß man da erst lange in der Welt umher fahren und sein Geld +verreisen müßte. Wenn man das gleich hier an Ort und Stelle abmachen kann, +ist das ja weit bequemer.« + +»Auf eins möchte ich Sie übrigens noch aufmerksam machen, meine Herren, +was Sie ja nicht versäumen dürfen,« sagte Herr Weigel — »nämlich sich hier +gleich Ihre Billets zur Weiterfahrt in’s Innere, wohin Sie auch immer +wollen, zu lösen. + +»Von Neu-York aus?« sagte Menzel verwundert. + +»Ja wohl von Neu-York oder Philadelphia oder wohin Ihr Reiseziel liegt.« + +»Ja aber kann man denn die _hier_ bekommen?« frug Müller. + +»Gewiß kann man das,« lächelte Herr Weigel, »und das ist gerade der +ungeheure Vortheil unserer jetzigen Verbindung, die den Auswanderer von +der Thür seiner alten Heimath fort, vor die seiner neuen setzt, ohne daß +er ein einziges Mal in die Tasche zu greifen und mehr zu bezahlen braucht, +als was er gleich von allem Anfang entrichtet hat. Das eben macht auch das +Reisen jetzt so billig, daß man mit _einem_ Blick im Stande ist sämmtliche +Kosten zu übersehn; die Extra-Ausgaben fallen ganz weg.« + +»Das wäre freilich ein Glück,« sagte Müller, von dem erst vor einigen +Monaten ein Bruder »hinüber« gegangen war — »die Extra-Ausgaben fressen +sonst das meiste Geld.« + +»Ob sie’s fressen, bester Herr, ob sie’s fressen,« sagte Herr Weigel, sich +wieder vergnügt die Hände reibend. + +»Und wo kann man die Billete also bekommen?« frug Menzel. + +»Bei mir hier, versteht sich,« sagte Herr Weigel — »alle bei mir.« + +»Und die gelten dann drüben?« + +»Nun versteht sich doch von selbst,« lachte der freundliche Agent, »ich +würde sie ja Ihnen doch sonst nicht verkaufen. Sehn Sie, wenn die +Deutschen hinüber kommen, dann sprechen sie gewöhnlich noch kein Englisch +— oder haben Sie das etwa schon gelernt?« + +»Ne — « + +»Nun sehn Sie, und dann werden sie dort von ihren Landsleuten — denn der +Amerikaner ist nicht halb so schlimm — die sich das richtig zu Nutze zu +machen wissen, tüchtig über’s Ohr gehauen, und müssen gewöhnlich gerade +noch einmal so viel bezahlen, als die Sachen eigentlich kosten. + +»Aber es soll doch eine »Deutsche Gesellschaft« drüben in Neu-York sein,« +sagte jetzt Brauhede, der zum ersten Mal bei der ganzen Verhandlung den +Mund aufthat — »die sich eben der Deutschen annimmt und Nichts dafür +verlangt.« + +»Leben wollen wir _Alle_,« sagte Herr Weigel achselzuckend — »umsonst ist +der Tod, und daß die Leute, wenn sie ihre Zeit darauf verwenden für die +Deutschen zu sorgen, auch etwas dafür nehmen werden, läßt sich wohl an den +fünf Fingern abzählen. Neu-York ist aber ein theures Pflaster, die Leute +_brauchen_ dort mehr wie wir hier, und wer es daher _billiger_ thun kann +ist auch wieder leicht einzusehn. Ich will mich auch keineswegs empfehlen; +lieber Gott es giebt noch eine Menge Leute in Deutschland, die sich +demselben schwierigen und undankbaren Geschäft unterzogen haben wie ich, +und die es sich vielleicht eben so sauer werden lassen gerade und ehrlich +durch die Welt zu kommen; aber Einen der es besser _meint_ dabei, werden +Sie wohl schwerlich finden, und ich überrede gewiß Niemanden nach Amerika +auszuwandern. Jeder Mensch muß seinen freien Willen haben, und auch am +Besten selber wissen was ihm gut ist.« + +»Ne gewiß,« sagte Menzel — »da habt Ihr ganz recht, das ist auch mein +Grundsatz; aber das mit dem Amerika leuchtet mir auch ein, und umsonst +thut da gewiß Niemand etwas — das sind verflixte Kerle da, hab’ ich mir +sagen lassen, besonders die Deutschen, und wo die nicht wollen gucken sie +nicht ’raus.« + +»Also die Billete kann man hier bei Euch kriegen?« sagte Müller. + +»Wohin Sie wollen, und ich stehe Ihnen dafür daß sie nicht allein ächt +sind, sondern daß die hier in Deutschland gelösten Plätze auch noch den +Vorrang haben vor allen in Amerika genommenen, wenn einmal Eisenbahn oder +Dampfboote zu sehr besetzt sein sollten. Es ist ja hier gerade so mit der +Post, wo Die, die sich zuerst, und auf der längsten Station haben +einschreiben lassen, den Vorrang behalten müssen vor denen die nachher +kommen. + +»Ahem, das ist klar,« sagte Menzel; »na also da dächt’ ich ließen wir uns +gleich einmal Plätze belegen und gäben das D’raufgeld, damit wir die Sache +richtig hätten, und nachher können wir ja einmal über die Farmen sprechen; +ich habe verwünschte Lust.« + +»Du, das hat noch Zeit,« sagte aber jetzt Brauhede wieder, Menzel am Rocke +zupfend; »erst müssen wir es uns doch einmal mit den Anderen zu Hause +überlegen.« + +»Wenn aber nachher die Plätze auf dem ganz guten Schiffe fort sind,« sagte +Müller mit einem sehr bedenklichen Gesicht. + +»Ja, _stehen_ kann ich Ihnen _nicht_ dafür,« versicherte Herr Weigel die +Achseln zuckend, daß sie beinah seine Ohrläppchen berührten. + +»Na mein’twegen,« sagte Brauhede, der allerdings auch in der Absicht +hierher gekommen war, ihre Passage fest zu accordiren, jetzt aber, da es +dazu kam Geld zu zahlen, nur ungern damit herausrückte — »aber von wegen +der Farm müssen wir noch erst mit den Anderen sprechen, und eine Farm +kriegen wir auch noch immer.« + +»Ja aber was für eine,« sagte Herr Weigel. + +Brauhede blieb übrigens bei seiner Meinung, und Menzel bestand jetzt nur +wenigstens darauf die beiden Pläne einmal mitzunehmen, damit sie sich zu +Hause ordentlich hinein denken könnten. Wenn auch Herr Weigel sie im +Anfang nicht außer Händen geben mochte, ja sogar versicherte er habe nicht +übel Lust die eine Farm für sich selber auf Spekulation zu kaufen, ließ er +sich doch zuletzt überreden ihnen, aber allerdings nur auf zwei Tage, die +Pläne zu überlassen, und dann das Weitere über den Ankauf mit einer +zweiten Deputation der Gesellschaft zu besprechen. + +Menzel bezahlte dann das Aufgeld auf ihre Passage im _Meteor_ für +siebenundfunfzig Personen und dreizehn Kinder, die sämmtlich aus _einer_ +Ortschaft auswandern wollten, und nahm dann auch noch, nach einer kurzen +Berathung mit den beiden anderen, die nöthigen Billete auf der Eisenbahn +von Neu-York aus, oder machte wenigstens eine Anzahlung darauf, daß sie +ihnen der Agent aufbewahrte, da dieser sie versicherte er sei nur noch im +Besitz einer sehr kleinen Anzahl, und wisse nicht, wann er gleich wieder +andere bekommen würde, während die Anfrage darnach sehr stark wäre. + +Außerdem kauften sie sich auch noch ein halbes Dutzend kleine Brochüren, +die Herr Weigel, wie er sagte, gerade frisch aus der Druckerei als etwas +_ganz Neues_ bekommen hatte — ein Datum stand nicht darauf — und die drei +Männer verließen dann wieder, von dem schmunzelnden Agenten bis an die auf +den Markt führende Thür begleitet, das Haus. + +»Höre Du,« sagte aber Brauhede als sie wieder vor dem Haus und auf der +Straße waren, und langsam über den Markt weggingen, »mit dem Landkaufen +wollen wir uns doch lieber hier noch nicht einlassen, das ist eine +wunderliche Geschichte und will mir nicht recht in den Kopf.« + +»Nicht in den Kopf?« rief aber Menzel — »und warum nicht? — der Mann +bekommt alle Tage Briefe aus Amerika, warum soll der nicht wissen was dort +zu verkaufen ist?« + +»Wenn’s aber so gut und billig wäre, brauchten sie’s doch nicht hier +herüberzuschicken,« meinte Brauhede kopfschüttelnd. + +»Das ist Alles was Du davon verstehst,« sagte Müller, »Amerikaner könnten +sie gewiß genug zu Käufern kriegen, aber deutsche Bauern wollen sie, die +ihnen zeigen wie man das Land behandeln muß, und darum schicken sie +herüber — die sind froh drüben, wenn unsereins hinüber kommt. + +»Nun, mag sein,« brummte Brauhede — »aber sicher ist doch sicher, und wenn +ich mein Geld hier weggegeben habe, und kann das Land was mein sein soll +nachher nicht finden, wie’s dem Niklas seinem Bruder gegangen ist, nachher +wäre die Geschichte aber faul.« + +»Dem Niklas sein Bruder war aber auch ein Esel,« sagte der Andere, »der +sich hier Land von einem herumziehenden Vagabunden gekauft; da sollt’ er +nachher wohl suchen. Aber _der_ Mann hier ist in der Stadt ansässig und +hat ein Geschäft; was der verkauft das muß gut sein, sonst wär’ er ja gar +nicht sicher daß man ihn einmal deshalb beim Kragen kriegte.« + +»Ja krieg’ ihn einmal wenn Du drüben in Amerika bist,« sagte Brauhede +ruhig — »das ist ein verwünscht weiter und umständlicher Weg und — wenn +man sich einmal hat anführen lassen, will man auch nicht gern noch dazu +ausgelacht werden.« + +»Papperlapapp!« sagte Menzel — »dafür hat Jeder seine Augen daß er sie +offen hält, und ehe ich ihm mein gutes Geld gebe, werd’ ich mich schon +sicher stellen daß er mir Nichts aufbindet.« + +Und die Männer schritten, Jeder von jetzt an mit seinen eigenen Gedanken +über die nahe Auswanderung beschäftigt, langsam die Straße hinunter, +während in seinem kleinen Bureau, vergnügt die Hände zusammenreibend, Herr +Weigel auf und ab spazieren ging, und sich im Geist die nächst zu +ziehenden Summen zusammenaddirte, die er in kurzer Zeit, nach eifriger +Aussaat, einzuerndten hoffte. Die Geschäfte gingen vortrefflich; Lust zur +Auswanderung hatte in der That ein Drittel der sämmtlichen Bevölkerung, +und es bedurfte nur manchmal wirklich einer leisen Anregung, die Leute zu +etwas zu bewegen, zu dem sie schon halb und halb selber entschlossen +gewesen waren. + +Herr Weigel war sehr guter Laune; er legte jetzt die Hände auf den Rücken +und summte ein leises Lied vor sich hin, seinen Marsch dabei fortsetzend. +Aber er sang falsch; er hatte keine Idee von irgend einer Melodie; doch +das schadete nichts, er _meinte_ wenigstens eine, und da er selber nicht +hörte was er sang, genügte es ihm vollkommen. + +Die Thür ging jetzt auf und der Tischler oder Schreiner kam herein, irgend +etwas an dem Pult auszubessern — er hatte zweimal angeklopft ohne daß der +vergnügte Agent darauf geantwortet hätte. + +»Guten Morgen Herr Weigel.« + +»Ah guten Morgen Meister — nun kommen Sie endlich? ich hatte schon ein +paar Mal nach Ihnen hinübergeschickt — « + +»Ja lieber Gott Herr Weigel, ich war gerade drüben beim Herrn Geheimen +Rath Bärlich beschäftigt — die Leute sind so eigen wenn man von der Arbeit +fort geht — « + +»Sehn Sie, hier das Bein möcht’ ich gemacht haben; der Tisch wackelt da +immer, und wenn man etwas darunter legt, verschiebt sich das doch jedesmal +wieder. Können Sie es mir wohl bis heute Nachmittag in Ordnung bringen?« + +»Ja gewiß,« sagte der Mann, »das ist ja nur eine Kleinigkeit.« + +»Und wie ist es mit den Auswandererkisten die ich bestellt habe? — werden +die bis heute Abend fertig? + +»Ja wohl Herr Weigel; sechs habe ich schon in das Gasthaus »Stadt +Breslau,« wie Sie mir sagten, abgeliefert.« + +»Nun das ist gut, denn der ganze Zug wird noch heute Vormittag ankommen, +und will morgen früh wieder fort — es sind doch noch keine Auswanderer +heute Morgen hier eingetroffen? — « + +»Nicht daß ich gesehen hätte — aber gestern Abend zogen Viele durch.« + +»Ja ich weiß — von Hessen herüber — die armen Teufel; denen wird’s einmal +wohl drüben werden. Nun wie gehn denn bei Ihnen die Geschäfte jetzt?« + +»Ih nu gut, Herr Weigel, ich kann gerade nicht klagen; das Brod wird +freilich immer theuerer, aber man schlägt sich so durch — Kinder haben wir +nicht, und was verdient wird reicht eben ordentlich aus.« + +»Ich begreife nicht,« sagte Herr Weigel da kopfschüttelnd vor dem Mann, +der seine Mütze eben wieder aufgegriffen hatte und sich zum Fortgehen +anschickte, stehen bleibend — »wie Ihr Leute Euch hier vom Morgen bis +Abend plagt und schindet, eben nur das liebe Brod zu verdienen, wo Ihr in +ein paar Wochen drüben sein könntet und so viel Dollare für Euere Arbeit +bekämt, wie hier Groschen. + +»Drüben, wo?« + +»Nun in Amerika — « + +»Hm, ja,« sagte der Mann, sich nachdenkend das Kinn streichend, und einen +leichten Seufzer unterdrückend — »gedacht hab’ ich auch schon ein paar Mal +daran, aber — das geht nicht gut und — es ist auch so eine unsichere Sache +mit da drüben. Hier weiß ich einmal was ich habe und daß ich auskomme, und +wie mir’s da drüben geht weiß ich _nicht_.« + +»Aber Freund,« rief Herr Weigel verwundert — »ein Mann der fleißig +arbeitet bringt es dort immer zu was. Wetter noch einmal, Meister, Amerika +ist gerade der Platz für Euch, wo Ihr Euch rühren und ausbreiten könntet — +wenn Ihr dort wäret, ein geschickter Arbeiter wie Ihr! in fünf Jahren +hättet Ihr zwanzig Gesellen.« + +»Meister Leupold nickte langsam mit dem Kopf, und sah ein paar Secunden +still vor sich nieder, als ob das Bild mit der großen Werkstätte und dem +regen Treiben sich vor seinem inneren Geist eben auszubreiten beginne, +dann aber sagte er, jetzt herzhaft aufseufzend — « + +»Und es geht doch nicht, Herr Weigel — ich habe die alte Mutter zu Hause, +die ich unmöglich hier allein zurück lassen könnte — « + +»Hierlassen? das fehlte auch noch,« rief der Agent — »die nehmt Ihr mit, +Mann — könnt Ihr der denn eine größere Freude machen, als wenn sie noch +vor ihrem Ende sähe wie wohl es Euch geht auf der Welt, und wie sich Euer +Zustand mit jeder Woche, mit jedem Tage fast bessert? — Muß sie hier nicht +in Sorge und Kummer leben daß Ihr einmal krank werdet und Nichts verdienen +könnt, und wie sieht’s dann aus?« + +»Wenn ich aber nun dort drüben krank werde?« sagte der Meister leise. + +»Wenn das nur nicht gleich die ersten Monate geschieht und für ein Unglück +kann Niemand« — warf dagegen Herr Weigel ein, »so könnt Ihr Euch auch +schon so viel gespart haben, das eine Weile mit ruhig anzusehn; und wenn +Ihr nicht krank werdet, seid Ihr in ein paar Jahren ein wohlhabender +Mann.« + +»Es ist eine verwünschte Geschichte mit dem Amerika,« seufzte der Mann +wieder, sich hinter dem Ohr kratzend — »man hört so viel davon, und sieht +eine solche Masse Menschen hinüberziehen, die alle voller Hoffnung sind +daß es ihnen gut geht — und möchte am Ende ebenfalls gern mit — wenn man +nur erst so einmal hinübergucken könnte wie es eigentlich aussieht.« + +»Dazu ist es ein Bischen zu weit,« meinte Herr Weigel. + +»Ja nun eben,« sagte der Tischler — »und so auf’s gerathewohl — « + +»Das könnt Ihr aber nicht auf’s gerathewohl nennen, wo wir alle Tage +Briefe von drüben herüber bekommen, von denen einer immer besser lautet +als der andere. Da — hier liegt gleich einer, der letzte den ich bekommen +habe, wo ein Deutscher, den ich selber hinüberbefördert, und dem es jetzt +ausgezeichnet gut geht, an mich schreibt, und ein oder zwei gute gelernte +Schaafknechte haben will; lesen Sie einmal den Brief.« + +Leupold legte seine Mütze wieder hin, nahm den Brief und las ihn +aufmerksam durch; er nickte dabei mehrmals mit dem Kopf, und sah dann +wieder zu dem Agenten auf, der ihn indessen mit einem triumphirenden +Lächeln betrachtet hatte. + +»Nun?« frug der Letztere, als Jener das Schreiben beendet und wieder +zusammenfaltete — »wie klingt das?« + +»_Sehr_ gut« sagte Leupold leise, »aber — es hilft mir doch Nichts. Wenn +ich jetzt mein kleines Häuschen, das ich mir mit Mühe und Noth +zusammengespart und aufgebaut, auch verkaufen wollte; fände ich erstlich +keinen Käufer, und dann bekäm ich auch das nicht dafür wieder, was es mich +selber gekostet; wie gesagt, der Sperling in der Hand ist doch wohl besser +wie die Taube auf dem Dache.« + +»Bah, Taube,« sagte Herr Weigel mürrisch — »wenn die Taube auf dem Dach +eben so fest und sicher sitzen bleibt bis man sie holen kann, wie Amerika +ruhig liegt, und auf die wartet die hinüber kommen, so ist sie mir lieber +wie ein erbärmlicher Sperling, zum Sterben zu viel, und zum Leben zu +wenig; aber — überlegt’s Euch — ah da kommt der Briefträger — ’was für +mich?« + +»Nun guten Morgen Herr Weigel,« sagte der Tischler und wollte sich eben +entfernen, während der Briefträger dem Agenten mehrere für ihn gekommene +Briefe überreichte. + +»Siebzehn Silbergroschen drei Pfennige« sagte er dabei. + +»_Siebzehn_ Silbergroschen?« rief Herr Weigel verwundert — »aha da ist ein +Amerikaner dabei — halt, wartet noch einmal einen Augenblick Leupold« — da +ist vielleicht gleich noch was für uns, und was ganz Neues — wollen gleich +einmal sehn was die Leute schreiben. Wahrscheinlich wieder von Jemand den +ich hinüber befördert habe, und der sich jetzt bedankt — das kostet aber +viel Geld — « + +»Apropos Neues,« sagte Leupold, während der Agent den Briefträger bezahlt +hatte und seine Papierscheere vom Tisch nahm, den Amerikanischen Brief +aufzuschneiden — »haben Sie schon gehört daß gestern Nachmittag bei Herrn +Dollinger eingebrochen und für sieben tausend Thaler Gold und Juwelen +gestohlen sind?« + +»Alle Wetter,« rief Herr Weigel, mit der zum Schnitt ausgehaltenen Scheere +in der Hand — »gestern Nachmittag?« + +»Am hellen Tage,« bestätigte Leupold. + +»Und weiß man nicht wer der Thäter ist?« + +»Sie haben den einen Comptoirdiener in Verdacht und auch schon +eingezogen,« sagte der Tischler. + +»Gewiß den Loßenwerder,« rief Weigel. + +»Ich glaube so heißt er — er ist ein wenig verwachsen — « + +»Und schielt — derselbe, ich habe den Burschen von jeher nicht leiden +können; hat mir auch schon ein paar Mal Kunden abspenstig gemacht, aus +reinem Brodneid; ich wüßte wenigstens sonst nicht weshalb, und habe ihn +dabei stark in Verdacht, daß er selber damit umgeht eine Agentur für +Auswanderer zu errichten. Da könnte Jeder hergelaufen kommen, ohne Briefe, +ohne Connexionen und ohne Kenntniß vom Land — schickte nachher die Leute +in’s Blaue hinein, daß sie dort säßen und nicht wüßten wo aus noch ein. Na +nun, wird ihm das Handwerk wohl gelegt werden; ich gönne nicht gern einem +Menschen etwas Uebles, aber bei dem freut mich’s daß sie’s wenigstens +herausbekommen haben, und er seine Schurkerei nicht mehr heimlich +forttreiben darf. Ist denn das Geld schon wieder gefunden?« + +»So viel ich weiß nicht, einige hundert Thaler ausgenommen, von denen aber +der Mann betheuert daß er sie sich gespart hätte; es ist übrigens Manches +dabei zusammengekommen was ihn verdächtig macht; das Nähere weiß ich +freilich nicht.« + +»Hm, hm, hm,« sagte Herr Weigel, kopfschüttelnd den Brief, den er noch +immer in der Hand hielt, anschneidend — »böse Geschichten — böse +Geschichten, was man nicht Alles hört auf der Welt. — Nun wollen wir also +einmal sehen was der Herr da aus Amerika schreibt — hm — Washington +County, Tennessee den siebenten Januar 18 — alle Wetter der Brief ist +lange unterwegs gewesen — Herrn F. G. Weigel in Heilingen, Hauptagent der +Central-Auswanderungs- und Colonisations-Gesellschaft in Deutschland — +ahem — Sie nichtsw — hm — Sie haben — hm — vor allen Dingen — hm — hm — +hm — hm« — Herrn Weigels Gesicht verlängerte sich immer mehr, je weiter er +in seiner, wie es schien nicht eben angenehmen Lectüre vorrückte, aber er +brach mit dem Lautlesen des Inhalts, dessen Einleitung unerwarteter Weise +höchst derber Art war, schon gleich nach den ersten Sylben ab, und +murmelte, das Ganze nur flüchtig überfliegend, blos einzelne +unzusammenhängende Worte, aus denen Leupold Nichts herausfinden konnte, +vor sich hin. + +»Nun, was schreiben sie?« sagte dieser endlich lächelnd; er wäre schon +lange gegangen, wenn ihn Weigel nicht eben zurückgehalten hätte — »gute +Neuigkeiten?« + +»Bah!« sagte Herr Weigel, den Brief zurück auf seinen Schreibtisch werfend +— »Jemand der seine Geschwister will hinübergeschickt haben und mich +ersucht das Geld für ihn auszulegen. Da müßt’ ich schöne Capitale +herumstehn haben, wenn ich allen Leuten umsonst wollte die Familie +nachschicken. Nachher sitzt der mitten im Land drin, und ich kann ihn dann +suchen.« + +»Ne, das ist ein Bischen viel verlangt,« sagte der Meister, wieder nach +der Klinke greifend — und dießmal hielt ihn Herr Weigel nicht zurück — +»aber nun leben Sie auch recht wohl, und verlaßen Sie sich darauf ich +besorge Ihnen das heute noch.« + +»Sein Sie so gut,« sagte der Agent — er war auf einmal ganz einsylbig +geworden, und Meister Leupold verließ mit nochmaligem Gruß das Zimmer, in +dem jetzt Herr Weigel mit in die Tasche geschobenen Händen, aber +keineswegs mehr so guter Laune als vorher, raschen, heftigen Schrittes auf +und ab ging. + +»Und vierzehn Groschen bezahlt für den Wisch — es ist eine Frechheit +wahrhaftig, die in’s Bodenlose geht. Lumpengesindel! glaubt die gebratenen +Tauben sollen ihm da in’s Maul fliegen, so bald sie’s nur aufsperren.« Und +wieder riß er den Brief vom Pult, rückte sich die Brille zurecht, und las +mit halblauter, aber heftiger Stimme den Inhalt noch einmal, und zwar +aufmerksamer durch als vorher. + +»Sie nichtswürdiger Hallunke« — wenn ich Dich nur hier hätte mein Bursche, +dafür solltest Du mir brummen — »schändlich betrogen und angeführt« — wozu +hat Dir denn der liebe Gott die großen Glotzaugen gegeben, wenn Du sie +nicht aufsperren willst — »Land eine Wüste« — na versteht sich, ein +Gewächshaus hab’ ich ihm nicht verkauft — »Hälfte gar nicht zu bekommen« — +Holzkopf — »kein Mensch wollte die Billete nehmen« — bah, geschieht Dir +recht — »Wohngebäude zu schlecht für einen Hund« — für Dich noch immer +viel zu gut, mein Schatz — »wenn Sie nur einmal herüber kämen, Sie +miserabeler« — bah« — unterbrach sich Herr Weigel in dieser nichts weniger +als schmeichelhaften Lectüre, indem er den Brief in zwei Hälften riß, und +sich dann ein Streichhölzchen mit einem Gewaltstrich an der Thür +entzündete »so viel für den Wisch!« und das Papier anbrennend, warf er das +auflodernde in den Ofen, und schloß die Klappe so heftig er konnte. + +Allerdings wollte er sich nun über den Brief hinwegsetzen, aber geärgert +hatte er sich doch, und Rock und Stiefeln anziehend drückte er sich seinen +Hut in die Stirn, griff seinen Stock aus der Ecke, und verließ sein +Bureau, das er sorgfältig hinter sich abschloß, und eine kleine Pappe +mitten an die Thür hing, auf der die Worte standen. + +»Kommt um elf Uhr wieder.« + + + + + + Capitel 6. + + + DIE WEBERFAMILIE. + + +Nicht weit von Heilingen, und in Hörweite der Domglocke selbst, in +ziemlich bergigem, aber unendlich malerischem Land, lag ein kleines armes +Dorf, dessen Bewohner, da ihre Felder gerade nicht zu den besten gehörten, +sich kümmerlich, aber meist ehrlich, mit verschiedenen Handwerken und +Gewerben, mit Holzschnitzen wie auch hie und da mit dem Webstuhl, +ernährten. Das Dorf hieß eigentlich »Zur Stelle«, welchen Namen aber die +Bewohner im Laufe der Zeit, und mit Hülfe ihres Dialekts, zu dem von +_Zurschtel_ umgearbeitet hatten, und mochte etwa dreißig Häuser und +Hütten, mit der doppelten Anzahl von Familien, wie der sechsfachen von +Kindern zählen. Es ist eine wunderliche Thatsache, daß man in den +ärmlichsten Distrikten stets die meisten Kinder findet. + +Mitten im Dorf lag eins der besseren Häuser; es war weiß getüncht, und +hinter den sauber gehaltenen Fenstern hingen weiße, reinliche Gardinen. +Vor dem Hause, über dessen Thüre ein frommer Spruch mit rothen und grünen +Buchstaben angeschrieben war, stand ein Brunnen- und Röhrtrog, und ein +kleiner Koven an der Seite desselben, zeigte in der nach außen befestigten +Klappe des Futterkastens dann und wann den schmuzigen Rüssel eines seine +Kartoffelschalen kauenden Schweines. Auch ein ordentlich gehaltenes Staket +umgab das Haus wie den kleinen Hofraum, und die Wohnung stach sehr zu +ihrem Vortheil gegen manche der Nachbarhäuser ab. + +Im Inneren selber sah es ebenfalls sehr reinlich, aber nichtsdestoweniger +sehr ärmlich aus. In der einen Ecke stand ein großer, viereckiger, sauber +gescheuerter Tisch aus Tannenholz, an zweien der Wände waren Bänke aus dem +nämlichen Material befestigt, und um den großen viereckigen Kachelofen, +der fast den achten Theil der Stube einnahm, hingen verschiedene +Kochgeräthschaften, während auf darüber angebrachten Regalen die braunen +Kaffeekannen und geblümten Tassen gewissermaßen mit als Zierrath zur Schau +ausstanden. Die dritte Ecke füllte der Webstuhl des Mannes aus, und dem +gegenüber stand eine riesengroße, braunangestrichene Kommode, mit +Messinghenkeln und Griffen und fünf Schiebladen, die, mit wirklich +rührender Eitelkeit als eine Art von Nipptisch benutzt, zwei mit bunten +Blumen bemalte Henkelgläser, eine vergoldete Tasse mit der Aufschrift »der +guten Mutter« — ein Geschenk aus früherer Zeit — und ein gelb irdenes aber +allerdings sehr wenig benutztes Dintenfaß trug, während dahinter, in zwei +ordinairen Stangengläsern, in dem einen Schilfblüthenbüschel, und in dem +anderen große stattliche Aehren von Roggen, Waizen, Gerste und Hafer +standen, zur Erinnerung an eine frühere segensreiche Erndte. + +Die Bewohner der kleinen Stube paßten genau in ihre Umgebung; es war eine, +nicht mehr ganz junge aber doch rüstige Frau, in die nicht unschöne +Bauertracht der dortigen Gegend gekleidet, die an ihrem Spinnrad saß und +eifrig das Rädchen schnurren ließ, während die rechte Hand manchmal eine +neben ihr stehende Wiege berührte, den darin ruhenden kleinen Säugling, +der immer wieder die großen dunklen Augen zu ihr aufschlug, endlich in +Schlaf zu bringen. Sie war reinlich, aber in die gröbsten Stoffe +gekleidet, ebenso der Bube von etwa vier Jahren, der ihr zu Füßen mit +einer kleinen Mulde auf dem über die Diele gestreuten Sand »Schiff« +spielte. + +Außerdem war noch eine vierte Person im Zimmer, die alte Mutter der Frau, +eine Greisin von nahe an siebzig Jahren, die auch noch ihr Spinnrad +drehte, sich aber mit dem hinter den noch warmen Ofen gesetzt hatte, weil +ihr das heutige naßkalte, unfreundliche Wetter fröstelnd durch die alten +Glieder zog. Es war eine gutmüthige, aber mürrische alte Frau, selten +zufrieden mit dem was sich ihr gerade bot, und unermüdlich darin, sich und +ihren Kindern die Last vorzuwerfen die sie ihnen mache, und den lieben +Gott täglich zu bitten daß er sie doch bald zu sich nähme. Nur eine +kleine, ganz kurze Frist erbat sie sich immer noch — dann wollte sie gerne +sterben. Erst; wie das Aelteste geboren war, wollte sie das noch gerne +laufen sehn; dann hätte sie gern erlebt wie es zum ersten Mal in die +Schule ging; dann war es Frühjahr geworden und sie hoffte nur noch einmal +neue Kartoffeln zu essen, zu Jacobi aber wollte sie noch einmal von dem +Pflaumenbaum die Früchte kosten, den ihr »Seliger« noch gepflanzt. Wie der +Herbst kam wünschte sie im Frühjahr begraben zu werden, und die knospenden +Maiblumen weckten den Wunsch nach den Astern, ihrer Lieblingsblume, von +denen sie sich eigenhändig ein schmales Beet in den kleinen Garten dicht +am Hause gepflanzt. So lebt und webt die Hoffnung in unseren Herzen mit +immer neuer, nie sterbender Kraft, und je älter wir werden, desto mehr +lernen wir die schöne Erde lieb gewinnen, desto mehr klammern wir uns an +sie, und wollen uns gar nicht mehr von ihr trennen. + +Der Tag neigte sich dem Abend zu; der Mann war in die Stadt gegangen seine +Steuern zu zahlen, und Manches einzukaufen was sie nothwendig im Hause +brauchten — zum Ersatz dafür hatte er das zweite Schwein, das sie bis +dahin gehalten, hineingetrieben, und der Erlös sollte seine Ausgaben +bestreiten. + +Der Regen wurde jetzt wieder heftiger, die großen schweren Tropfen +schlugen gegen das Fenster, und das Kind wurde vollständig munter und fing +an zu schreien. Die Mutter schob ihr Spinnrad zurück, nahm das Kleine aus +der Wiege, und ging damit trällernd im Zimmer auf und ab. Die Alte spann +indeß ruhig weiter, und suchte mit zitternder leiser Stimme ein +geistliches Lied zu singen, und mit dem Rad trat sie den Takt dazu. Sonst +sprach keine ein Wort. + +Endlich wurde die Hausthür geöffnet, Jemand kam von draußen herein, und +strich sich die Füße auf den Steinen und der Strohdecke ab, und sie hörten +gleich darauf wie der zurückkehrende Vater und Gatte seinen großen +rothblauwollenen Schirm auf die Steine stieß, das Wasser so viel wie +möglich davon abzuschütteln, und den Mantel auszog und über den großen +Schleifstein hing der draußen im Flur stand, wie er das gewöhnlich that. +Die Frau öffnete rasch die Thür den Mann zu begrüßen, der den Hut abnahm, +sich die nassen Haare aus der Stirn strich, und das Kind küßte, das sie +ihm entgegenhielt. + +»Jesus ist das ein Wetter, Gottlieb,« sagte sie dabei, als sie ihm den Hut +aus der Hand nahm und neben den Ofen an den Nagel hing, »komm nur herein, +daß Du ’was Trockenes auf den Leib bekommst; wo hast Du denn den Jungen? — +ist er nicht bei Dir?« setzte sie, fast ängstlich, hinzu. + +»Er ist draußen bei Lehmann’s hineingegangen, denen wir ein paar Sachen +aus der Stadt mitgebracht,« sagte der Mann — »wird wohl gleich kommen — +wie geht’s Frau? — wie geht’s Mutter? — ha, das regnet einmal heute was +vom Himmel herunter will; was nur d’raus werden soll wenn das Wetter so +fort bleibt. Ein paar gute trockene Tage haben wir gehabt, und jetzt +wieder Guß auf Guß — Guß auf Guß, als ob sie uns unsere paar Stücken Feld +noch hinunter in die Wiesen waschen wollten. Von dem einen Acker ist die +Saat schon halb fortgespült — wenn dasmal das Korn misräth, weiß ich nicht +wo der arme Mann das Brod hernehmen soll.« + +»Klag nicht, Gottlieb,« sagte aber die Frau freundlich — »es geht noch +Vielen schlechter wie uns, und was sollen da die _ganz_ armen Leute sagen. +Lieber Gott, es ist viel Noth in der Welt, und wer heut zu Tage eben sein +Auskommen und ein Dach über dem Kopf hat und gesund ist, sollte sich nicht +versündigen.« + +Sie hatte dabei das Kind auf die Erde gesetzt, holte den Topf aus der +Röhre, in der, trotz der vorgerückten Jahreszeit, noch ein Feuer brannte, +der alten, fröstelnden Mutter wegen, und goß den darin heiß gehaltenen +Kaffee — sie nannten das braune Getränk von gebrannten gelben Rüben und +Gerste wenigstens so — in die eine braune Kanne, damit sich der Mann, der +den ganzen Tag draußen im Regen herumgezogen war, daran erquicken könne. +Zugleich auch deckte sie ein weißes Tuch über den Tisch, auf den sie noch +Butter und Brod stellte, die versäumte Mittagsmahlzeit wenigstens in etwas +nachzuholen. Der Mann setzte sich an den Tisch, schenkte sich eine Tasse +Kaffee ein, in den ihm die Frau die Milch goß, und schnitt sich ein großes +Stück Brod ab, das er mit Butter bestrich und verzehrte. Er sprach kein +Wort dabei, und beendete still seine Mahlzeit, schob dann die Tasse und +den Butterteller zurück, nahm das Kleinste, das die Mutter zu ihm auf die +Erde gesetzt hatte, herauf auf sein linkes Knie, blieb, den rechten +Ellbogen auf den Tisch gestützt, den Kopf gegen die Wand gelehnt, +regungslos sitzen, und schaute still und schweigend nach dem Fenster +hinüber, an das die Regentropfen immer noch, vom Wind draußen gepeitscht, +hohl und heftig anschlugen. + +Die Frau hatte ihn eine ganze Zeit lang mit scheuem Blick betrachtet; es +war irgend etwas vorgefallen, aber sie wagte nicht zu fragen, denn +Gottlieb, so seelensgut er auch sonst sein mochte, hatte doch auch seine +»verdrießlichen Stunden« und war dann, wenn gestört, oft rauh und +unfreundlich; aber eine eigene Angst überkam sie plötzlich. Ihr ältester +Sohn — der Hans — war nicht mit zu Hause gekommen — konnte dem — heiliger +Gott, wie ein Stich traf es sie in’s Herz und sie sprang erschreckt von +ihrem Stuhl auf und auf den Mann zu. + +»Gottlieb — um aller Heiligen Willen wo ist der Hans? — es ist — es ist +ihm doch nicht etwa ein Unglück geschehn?« + +»Der Hans?« sagte der Mann aber ruhig und sah erstaunt zu ihr auf, »was +fällt Dir denn ein? was soll denn dem Hans zugestoßen sein? ich habe Dir +ja gesagt daß er bei Lehmann’s etwas abgegeben hat, und dort +wahrscheinlich das Wetter abwarten wird.« + +»Ich weiß nicht,« sagte die Frau, der dadurch allerdings eine Centnerlast +von der Seele gewälzt wurde — »aber Du bist so sonderbar heut Abend, so +still und ernst, und da schlugs mir wie ein Schreck in die Glieder, über +den Hans. Ist etwas vorgefallen Gottlieb? — « + +Gottlieb schüttelte den Kopf langsam und sagte. — »Nicht daß ich wüßte — +nichts Besonderes wenigstens, oder nichts Anderes, als was jetzt alle Tage +vorfällt — Geld zahlen.« + +»War es denn so viel?« sagte die Frau leise und schüchtern. + +Der Mann schwieg einen Augenblick und sah still vor sich nieder; endlich +erwiederte er seufzend: + +»Das Schwein ist d’rauf gegangen, und vier Thaler Siebzehn Groschen sind +immer noch mit Gerichtskosten und der alten Proceßgeschichte mit der +Brückenplanke, mit der ich eigentlich gar Nichts mehr zu thun hatte, +stehen geblieben, und ich muß sie bis zum ersten Juli nachzahlen, unter +Androhung von Pfändung.« + +»Nun lieber Gott,« sagte die Frau tröstend — »wenn das das Schlimmste ist, +läßt sich’s noch ertragen; da verkaufen wir eben das andere Schwein und +behelfen uns so. Wie wenig Leute im Dorf haben überhaupt eins zu +schlachten, und leben doch; warum sollen wir nicht eben so gut ohne eins +leben können als die.« + +»Ja,« sagte der Mann leise und still vor sich hin brütend — »verkaufen und +immer nur verkaufen, ein Stück nach dem anderen, und während wo anders die +Leute mit jedem Jahr ihr kleines Besitzthum vergrößern, und für ihre +Kinder etwas zurücklegen können, sieht man es hier mehr und mehr +zusammenschmelzen, unter Müh und Plack das ganze Jahr lang.« + +»Aber kannst Du’s ändern?« sagte die Frau leise und fuhr, wie der Mann +schwieg und mit der Faust die Stirn stützend vor sich nieder starrte, +schüchtern fort — »arbeitest Du nicht von früh bis spät fleißig und +unverdrossen? gönnst Du Dir eine Zeit der Ruhe, wo Dich irgend eine +nöthige Beschäftigung ruft, und haben wir uns etwa das Geringste +vorzuwerfen?« + +»Nein,« sagte der Mann, während er die Hand auf den Tisch sinken ließ und +die Frau voll und fest ansah — »nein, aber das ist es ja eben, was mir am +Leben frißt. Wir können nicht mehr arbeiten, nicht mehr verdienen wie wir +jetzt thun, und jetzt sind wir noch jung und kräftig, unsere Kinder noch +klein und gesund, und dennoch geht es mit jedem Jahr zurück, wird es mit +jedem Jahr schlechter und schlimmer. Wie nun soll das werden, wenn uns +erst einmal Krankheit heimsuchte, wenn die Kinder heranwachsen und mehr +brauchen, wenn wir selber älter werden und nicht mehr so zugreifen können +wie jetzt? — Schon jetzt können wir uns nicht mehr in der theueren Zeit +oben halten — das eine Schwein ist verkauft, das andere wird noch fort +müssen; unser Acker ist kleiner geworden in den letzten zehn Jahren, +unsere Bedürfnisse aber sind gewachsen — wie soll das enden?« + +»Aber Gottlieb,« sagte die Frau freundlich — »wie kommen Dir jetzt doch +nur solche Grillen? haben Dir die paar Thaler Steuern den Kopf verdreht? +Mann, Mann, Du bist doch sonst so ruhig, und hast immer vertrauungsvoll in +die Zukunft gesehn, wie sind Dir auf einmal solche schwarze Gedanken durch +den Sinn gefahren?« + +Die alte Mutter hatte, schon so lange wie die Beiden mit einander +gesprochen, ihr Spinnrad ruhen lassen, und dem Gespräch aufmerksam +zugehört; dabei schüttelte sie fortwährend mit dem Kopf, und sagte endlich +mit ihrer schrillen, scharf klingenden Stimme: + +»Ja wohl, ja wohl — das Geld wird rar und das Brod theuer, und mehr Mäuler +kommen — mehr Mäuler sind da zum Verzehren, wie zum Verdienen. Schlagt +mich todt; schlagt mich todt daß ich weg komme aus dem Weg und Euch Platz +mache — schlagt mich todt.« + +»Mutter,« bat die Frau, in Todesangst daß sie dem Manne mit solcher Rede +wehe thun würde, denn _er_ gerade hatte sie immer auf das Freundlichste +behandelt, und Alles gethan was in seinen Kräften stand, ihr jede +Erleichterung, die ihr Alter bedurfte, zu verschaffen — »wie dürft Ihr nur +so etwas reden; versündigt Ihr Euch denn nicht?« + +»Wir haben noch genug für uns Alle Mutter,« sagte aber der Mann +freundlich, der ihre Launen kannte und der alten Frau nicht wehe thun +mochte — »nur für spätere Zeit ist mir bange; Sie aber wären die Letzte +die darunter leiden sollte. Wir werden Alle alt, und wenn wir unsere +Schuldigkeit in unserer Jugend gethan, wie Sie, dann ist es nicht mehr wie +Pflicht und Schuldigkeit der Jüngeren für ihre Eltern zu sorgen — wenn sie +nicht auch einmal wieder von ihren Kindern wollen verlassen werden.« + +Die Alte war wieder still geworden, sah noch eine Zeit lang vor sich +nieder, und begann dann auf’s Neue ihre Arbeit, aber die Frau fuhr fort +und sagte, fast mit einem leisen Vorwurf im Ton zu ihrem Mann. + +»Siehst Du Gottlieb, das hast Du nun davon mit Deinen trüben und traurigen +Ideen; Du machst Dir und mir und der Mutter nur das Herz schwer, und +nützest und hilfst doch Nichts. Der liebe Herr Gott da oben wird’s schon +machen und lenken; Er hat die Welt so viele Jahrhunderte hindurch in ihrer +Bahn gehalten, und die Menschen darauf geschirmt und gepflegt, wie unser +Herr Pastor sagt, Er wird’s auch schon weiter thun, und wir dürfen uns +eigentlich gar nicht sorgen und kümmern um den »nächsten Tag.« + +»Doch, doch Frau,« sagte aber der Mann, aufstehend und jetzt, die Hände in +den Hosentaschen, in der Stube auf und ab gehend — »doch Frau, der Mann +_muß_, denn wenn er’s _nicht_ thäte, wär er ein schlechter Hausvater, und +ihm allein fielen dann all die schweren Folgen zur Last, die daraus +entständen. Ich kann Dir das nicht so mit Worten deutlich machen, wie +mir’s neulich der Schulmeister, mit dem ich darüber sprach, erklärte, aber +der meinte es wäre etwa so wie wenn Einer im Wasser wäre. Da sei es auch +nicht genug daß man sich oben hielte an der Luft, und im Kreis herum +schwämme eben nur nicht zu ertrinken, das thäte nicht einmal ein +unvernünftiges Stück Vieh; nein des Menschen, des verständigen Menschen +Pflicht sei es sich schon im Wasser nach dem festen Lande umzusehn, ob man +das nirgends erreichen könne, denn zuletzt würde man da im Wasser, man +möchte noch so tapfer schwimmen, doch müde, und ließen erst einmal die +Kräfte nach, dann hülfe auch zuletzt das Schwimmen Nichts mehr, und man +sänke eben langsam zu Boden.« + +»Ich verstehe nicht recht was Du damit meinst,« sagte die Frau, »aber Du +siehst mich so sonderbar dabei an — hast Du noch ’was anderes dahinter?« + +»Nein und Ja,« sagte der Mann nach kleiner Pause, indem er sich mit dem +Rücken an den Ofen lehnte, und langsam dazu mit dem Kopfe nickte, +»eigentlich nicht, denn Gott da oben weiß daß es wahr ist, und weiß wie, +und ob’s einmal enden kann; aber dann — dann hab’ ich allerdings noch was +dahinter, denn ich meine — ich meine — « er schwieg und es war +augenscheinlich, er hatte etwas auf dem Herzen, das er sich scheue so mit +blanken klaren Worten heraus zu sagen, die Frau aber, die eben damit +beschäftigt war das Geschirr hinaus zu räumen, setzte die Kanne wieder auf +den Tisch, sah den Mann erstaunt an, ging dann langsam zu ihm an den Ofen +und sagte leise, vor ihm stehen bleibend: + +»Geh her, Gottlieb — Du hast ’was, was Dich drückt und willst nicht mit +der Sprache heraus — es ist irgend noch etwas vorgefallen in der Stadt, +was Du nicht sagen magst. Du darfst doch nicht _sitzen_?« + +»_Sitzen_? — weshalb?« lächelte der Mann kopfschüttelnd — »ich habe nie +etwas Böses gethan.« + +»Nun was ist’s denn, so sprich doch nur, denn Du ängstigst mich ja mehr +mit Deinem Schweigen, als wenn Du mir das Schlimmste gleich vornheraus +erzählst — dem Hans fehlt doch Nichts?« + +»Was soll dem Hans fehlen, närrische Frau — wenn’s aufhört zu gießen wird +er schon kommen.« + +»Und was ist’s denn? — gelt, Du sagst mir’s?« + +»Ich muß Dir’s wohl sagen;« seufzte der Mann, »nun sieh Hanne, ich meine — +ich habe so darüber nachgedacht, daß es jetzt hier in Deutschland immer +schlechter wird mit uns — und daß wir’s zu Nichts mehr bringen können, +trotz aller Arbeit, trotz allem Fleiß, und daß jetzt — daß jetzt doch so +viele Menschen hinüber ziehen — « + +»Hinüber ziehen?« frug die Frau erstaunt, fast erschreckt, und legte die +Hand fest auf’s Herz, als ob sie die aufsteigende Angst und Ahnung über +etwas Großes, Schreckliches da hinunter und zurückdrücken wolle, eh sie zu +Tage käme — »wo hinüber Gottlieb?« + +»Nach Amerika;« sagte der Mann leise — so leise daß sie das Wort wohl +nicht einmal verstand, und nur an der Bewegung der Lippen es sah und +errieth. Wie ein Schlag aber traf sie die Wirklichkeit ihres Verdachts, +und ohne ein Wort zu erwiedern, ohne eine Sylbe weiter zu sagen, setzte +sie sich auf den, dicht am Ofen stehenden Stuhl, deckte ihr Gesicht mit +der Schürze zu und saß eine lange, lange Weile still und regungslos. Auch +der Mann wagte nicht zu sprechen — er hatte den Gedanken wohl schon eine +Zeit lang mit sich herumgetragen, aber sich immer davor gefürchtet ihm +Worte zu geben, sogar gegen sich selbst, wie viel weniger denn gegen die +Frau. Jetzt war es heraus, und er betrachtete nur scheu die Wirkung die er +hervorgebracht. + +Auch die alte Mutter saß, mit der Hand auf dem Rad das sie im Drehen +aufgehalten, und horchte nach den Beiden hinüber, was sie mitsammen +hatten, und wie die so still waren und kein Wort mehr sprachen, mochte es +ihr auch unheimlich vorkommen und sie sagte laut und mürrisch: + +»Nun Gottlieb was giebt’s — was hast wieder Du mit der Hanne — was habt +Ihr denn daß Ihr so still und heimlich thut — macht Einem nicht auch noch +Angst unnützer Weise — was ist nun wieder los?« + +»Ja Mutter,« sagte der Mann jetzt, der sich gewaltsam Muth faßte über das, +was nun doch nicht länger mehr verschwiegen bleiben konnte und besprochen +werden _mußte_, auch laut zu reden, daß er’s vom Herzen herunter bekam — +»es geht mit uns hier den Krebsgang, und ich habe eben zu Hannen gesagt +daß uns zuletzt nichts anderes übrig bleiben würde als — als es eben auch +wie andere zu machen, und — « + +»Und? — und was zu machen?« frug die alte Frau gespannt — + +»Als _auszuwandern_,« sagte der Mann mit einem plötzlichen Ruck und +seufzte dann tief auf, als ob er selber froh wäre es los zu sein. + +»Herr Du meine Güte!« rief die alte Frau, ließ die Hände erschreckt in den +Schooß sinken und lehnte sich in ihren Stuhl zurück, während ihr alle +Glieder am Leibe flogen — »Herr Du meine Güte!« wiederholte sie noch +einmal, und die Finger falteten sich unwillkürlich zusammen, so hatte sie +der Schreck getroffen. + +»Auswandern,« sagte aber auch jetzt Gottliebs Frau mit tonloser Stimme, +und ließ die Schürze vom Gesicht herunterfallen — »auswandern, das ist ein +schweres — schweres Wort Gottlieb — hast Du Dir das auch recht — recht +reiflich überlegt?« + +»Tag und Nacht die ganze letzte Woche hindurch,« rief aber der Mann, der +jetzt, da das Eis einmal gebrochen war, wieder Leben und Wärme gewann. +»Wie ein Mühlstein hat’s mir auf der Seele gelegen, und ich habe lange und +tapfer dagegen angekämpft, aber es wäre das Beste für uns, was wir auf der +weiten Gotteswelt thun könnten; und wenn auch nicht einmal für uns, wenn +wir selber auch schwere und bittere Zeiten durchzumachen hätten, doch für +die Kinder, die einmal den Segen erndten, den wir mit unserem Schweiß, +unseren Thränen gesäet.« + +»Auswandern? ja,« sagte aber jetzt die Großmutter, mit dem Kopfe nickend +und schüttelnd, als ob sie den schrecklichen Gedanken wieder von sich +abwerfen wollte — »ja wohin es euch lüstet, aber erst wenn ich todt bin. +Die paar Tage müßt Ihr noch hier bleiben die ich noch zu leben habe, oder +sonst schlagt mich todt, werft mich in’s Wasser, oder schlagt mich mit dem +Beil auf den Kopf daß ich fortkomme, und hier auf dem Kirchhof unter der +alten Linde liegen kann, wo der Leberecht liegt. In der Welt könnt Ihr +mich doch nicht mehr umherschleppen, und nutz bin ich auch Nichts mehr, +wie das mit zu verzehren was andere verdienen. Wenn Ihr jetzt fort wollt +schlagt mich vorher todt.« + +»Ach Mutter wenn Sie nur nicht gar so häßlich reden wollten,« sagte die +Frau traurig, während der Mann wieder zum Tisch ging, sich dort auf den +Stuhl setzte, und den Kopf in die Hand stützte — »Sie sind noch wohl und +rüstig und werden, will’s Gott, noch manches Jahr leben und sich Ihrer +Kinder freuen. Wo die dann hin ziehen und sich ihr Brod suchen müssen, da +gehören Sie auch hin, und was die verdienen, das haben Sie auch verdient +mit Mühe und Noth und banger Sorge schon vor langen Jahren, wie wir noch +klein und unbehülflich waren, wie unsere Kinder jetzt.« + +»Wozu mich mitnehmen,« sagte aber die Frau, störrisch dabei mit dem +Oberkörper herüber und hinüber schwankend, »unterwegs müßtet Ihr mich doch +aus dem großen Schiff hinaus in’s Wasser werfen, die Fische zu füttern. +Bleibe im Lande und nähre Dich redlich, das ist _mein_ Spruch und meines +Leberecht Spruch von alter Zeit her gewesen, und wir haben uns wohl dabei +befunden, aber das junge Volk jetzt will immer alles anders haben, will +oben zur Decke ’naus und fliegen und schwimmen, anstatt hübsch auf der +Erde und im alten Gleis zu bleiben. Warum ist’s denn früher gegangen? — +nein Gott bewahre, jetzt soll Alles mit Eisenbahnen und Dampf gehen und +keine Geduld, keine Ausdauer mehr; nur fort, immer gleich fort, in die +Welt hinein und mit dem Kopf gegen die Wand — schlagt mich todt, dann seid +Ihr mich los und könnt hingehn wohin Ihr wollt.« + +Und die alte Mutter stand auf, rückte ihr Spinnrad bei Seite, und +humpelte, noch immer vor sich hin murmelnd und grollend, aus der Stube +hinaus. + +»Sie meint es nicht so bös, Gottlieb,« sagte die Frau zu dem Mann tretend +und ihre Hand auf seine Schulter legend, »es ist eine alte Frau die an +ihrer Heimath mit ganzem Herzen hängt und sich vor der Reise fürchtet.« + +»Und Du nicht, Hanne?« rief der Mann sich rasch nach ihr umdrehend, und +ihre Hand ergreifend — »Du nicht? Du würdest Dich dazu entschließen können +unsere Heimath hier, unser Häuschen, unser Feld zu verlassen, und mit mir +und den Kindern über das weite Meer zu fahren, in eine fremde Welt?« + +Die Frau schwieg und ihre Hand zitterte in der des Mannes — endlich sagte +sie leise — »So weit fort? — und muß es denn sein, ist es denn gar nicht +möglich mehr, daß wir hier gut und ehrlich durchkommen durch die Welt, +wenn wir uns auch ein Bischen knapper einrichten wie bisher? Ach Gottlieb, +es ist gar hart so von zu Hause fortzugehn, die Thür zuzuschließen und zu +denken daß man nun nie und nimmer wieder dahin zurückkommt — « + +Der Mann nickte traurig mit dem Kopf und sagte endlich: + +»Du hast recht Hanne; es ist ein schwerer, recht schwerer Schritt, und man +sollte ihn sich wohl vorher überlegen ehe man ihn thut, denn zurück kann +man nicht wieder, wenn man nicht wenigstens Alles opfern will, was Einem +bis dahin noch zu eigen gehört hat. Thun wir aber recht nur allein an uns +zu denken? — Sieh, wir schleppen uns vielleicht noch wenn auch kümmerlich, +doch ehrlich, durch, bis wir einmal sterben, und wenn es auch hart ist, +daß es Einem nachher im Alter schlechter gehn soll wie in der Jugend, +brauchten wir doch gerade keine Furcht zu haben daß wir verhungerten; aber +die Kinder — die Kinder — was wird aus denen? Unser kleines Grundstück ist +die Jahre über kleiner und kleiner geworden; mit dem Geschäft geht’s auch +kümmerlicher wie bisher — neue, geschicktere Arbeiter, junge Burschen die +noch keine Familie haben und weniger brauchen, sitzen in den Dörfern +herum, und die Fabriken und Maschinen geben uns ohnedies den Todesstoß. +Stahl und Holz braucht Nichts zu essen und arbeitet unermüdet Tag und +Nacht durch, und die Räder und Walzen und Hämmer klopfen und drehen und +schwingen ununterbrochen fort gegen den Schweiß des armen Arbeiters der +darüber zu Grunde geht. Ich murre auch nicht darüber, es muß wohl schon so +recht sein, denn Gott hat’s den Menschen selber gelehrt und die Welt muß +vorwärts gehn — wir älteren Leute können uns aber eben nicht mehr darein +schicken, können nichts Anderes mehr ergreifen, und wieder von vorne +anfangen, wenigstens hier im Lande nicht wo Einem die Hände nach allen +Seiten hin gebunden sind, und darum ist mir der Gedanke gekommen +auszuwandern. Da drüben über dem Weltmeere hat der liebe Herr Gott noch +einen großen gewaltigen Fleck Erde liegen, für uns arme Leute bestimmt, +den Maschinen und Räderwerken zu entgehn; dort haben wir Platz uns zu +bewegen, und wer nur da ordentlich arbeiten will hat nicht allein zu +leben, sondern kann auch vielleicht für sich und die Kinder was vorwärts +bringen und braucht sich nicht mehr vor der Zukunft zu fürchten und vor +Hunger und Noth. Wenn wir nicht auswandern, was bleibt unsern Kindern da +einmal anders übrig, als in Dienst zu gehn und sich bei fremden Leuten +doch herumzuschlagen ihr Lebelang.« + +»Und die Mutter?« sagte die Frau, sich ängstlich nach der Thüre umsehend — +»was würde aus der alten Frau auf dem Meere?« + +»Was aus so vielen alten Frauen da wird, liebes Herz,« sagte aber der +Mann, augenscheinlich mit froherem, freudigeren Herzen, als er bei dem +eigenen Weib nicht den Widerstand fand, den er vielleicht gefürchtet — +»sie gewöhnen sich an das neue Leben, sobald sie das alte nicht mehr um +sich sehen, und die Seeluft soll kräftigen und stärken.« + +»Aber sie wird nicht mit uns wollen.« + +»Sie wird ihre Kinder nicht verlassen,« tröstete sie der Mann, »und ohne +sie dürften wir ja auch gar nicht fort.« + +Die Frau reichte ihm schweigend die Hand, die er herzlich drückte, und +wandte sich dann, und wollte eben das Zimmer verlassen, als draußen Jemand +die Thür aufriß und in das Haus trat. Das Unwetter hatte jetzt seinen +höchsten Grad erreicht, und der Regen schlug in ordentlichen Güssen gegen +die Fenster an, während der Wind die Wipfel der Bäume herüber und hinüber +schüttelte und die Blüthen von den Zweigen riß mit rauher Hand. + + [Capitel 6] + +»Schönen Gruß mit einander,« sagte dabei eine rauhe Stimme, während die +Stubenthür halb geöffnet wurde — »darf man hinein kommen?« + +»Gott grüß Euch,« sagte die Frau — »kommt nur herein, bei dem Wetter ist’s +bös draußen sein — es tobt ja, als ob der letzte Tag hereinbrechen +sollte.« + +Der Fremde hing seinen Hut und Mantel draußen ab und trat mit nochmaligem +Gruß in die Stube. + +»Gott grüß Euch,« sagte auch Gottlieb — »da, nehmt Euch einen Stuhl und +setzt Euch zum Ofen; es ist heut unfreundlich draußen, und man kann ein +Bischen Feuer brauchen.« + +»Sauwetter verdammtes,« fluchte der Mann, als er der Einladung Folge +geleitet und sich die nassen Haare aus der Stirne strich — »ich wollte +erst sehen daß ich die Schenke erreichte; hier um die Ecke herum kam der +Wind aber so gepfiffen daß er mich bald von den Füßen hob, und es war +gerade als ob sie Einem von da oben einen Eimer voll Wasser nach dem +andern entgegen gossen. Schönes Wetter für Enten, aber für keine +Menschen.« + +Es war eine rauhe, kräftige Gestalt, der Mann, mit krausem dicken +schwarzen Bart und ein paar tiefliegenden unstäten Augen, in einen groben +braunen Tuchrock gekleidet, wie ihn die Fleischer nicht selten auf dem +Lande tragen. Die ebenfalls braunen Hosen hatte er dabei heraufgekrempelt, +bis fast unter das Knie, mit seinen derben Wasserstiefeln besser durch +alle Pfützen und Schlammwege hindurch zu können; die aus ungeborenem +Kalbfell gemachte Weste war ihm bis an den Hals hinauf zugeknöpft, und +eine lange silberne Kette, an der die in der Westentasche steckende Uhr +befindlich war, hing ihm darüber hin. + +»Ihr seid wohl weit von hier zu Haus?« frug Gottlieb nach einer längeren +Pause, in der er den Mann und dessen Aeußeres flüchtig nur betrachtet +hatte — »hab’ Euch wenigstens noch nicht hier bei uns gesehen.« + +»Zehn Stunden etwa,« sagte der Fremde, seine Pfeife jetzt aus der +Brusttasche seines Rockes nehmend und mit Stahl und Schwamm, den er bei +sich führte, entzündend — »wie weit ist’s noch bis Heilingen.« + +»Eine tüchtige Stunde — wenn der Weg jetzt nicht so schrecklich wäre, +könnte man’s recht bequem in kürzerer Zeit gehn.« + +»Hm — ist noch verdammt weit, puh wie das draußen stürmt; und die +Pflaumenblüthen pflückt’s beim Armvoll herunter — Pflaumenmuß wird theuer +werden nächsten Herbst.« + +»Das weiß Gott,« sagte Gottlieb — »es wird Alles theuer, immer mehr jedes +Jahr, langsam aber Sicher.« + +»Bah, es geschieht denen recht die hier bleiben, wenn sie nicht hier +bleiben müssen; ’s giebt Plätze die besser sind.« + +»Wollt Ihr auch auswandern?« sagte Gottlieb rasch. + +»Auswandern? — nach Amerika? — hm — ich weiß noch nicht,« brummte der +Fremde, sich den Bart streichend — »es wäre aber möglich daß sie Einen +noch dazu trieben. Sind das Euere Kinder?« + +»Ja. — « + +»Habt Ihr noch mehr?« + +»Noch einen Jungen von elf und ein halb Jahr.« + +»Und Ihr seid ein Weber?« sagte der Fremde mit einem Blick auf den +Webstuhl — »auch schwere Zeiten für derlei Arbeit, mit einer Familie +durchzukommen.« + +»Ja wohl, schwere Zeiten,« seufzte Gottlieb, als in diesem Augenblick die +Thür draußen wieder aufging und die Mutter laut ausrief: — + +»Der Hans, lieber Himmel kommt der in dem Wetter.« + +Es war Hans, der älteste Sohn des Webers, durch und durch naß, aber mit +frischem gesunden Gesicht und rothen Backen, auf denen das Regenwasser in +großen Perlen stand. + +»Guten Tag mit einander,« sagte er, als er in’s Zimmer trat und die +triefende Mütze vom Kopf riß — »guten Tag Mutter.« + +»Guten Tag Hans, aber wo um Gottes Willen kommst Du in dem Regen her; +warum hast Du das Wetter nicht bei Lehmann’s abgewartet?« + +»Es wurde mir zu spät Mutter und ich war hungrig geworden; habe auch noch +heute Abend dem Vater etwas zu helfen.« + +»Ein derber Junge,« sagte der Fremde, der sich den Knaben indeß mit +finsterem Blick betrachtet hatte — »kann wohl schon ordentlich mit +arbeiten.« + +»Ach ja, er packt tüchtig mit zu,« sagte der Vater — »lieber Gott in +jetziger Zeit muß Alles mit Brod verdienen helfen.« + +»Die Kinder fressen Einen arm,« sagte der Fremde. + +»Habt Ihr Kinder?« frug Gottlieb. + +»Ich? — hm, ja,« sagte der Fremde nach einer Pause — »könnte noch Jemandem +abgeben davon.« + +»Ich möchte keins hergeben,« sagte die Frau rasch, und küßte das Jüngste, +das sie eben wieder aufgenommen hatte um es zu füttern, »Kinder sind ein +Segen Gottes.« + +»Ja — so sprechen die Leute wenigstens,« sagte der Fremde trocken, »aber +ich glaube es läßt nach mit Regnen; ich werde die Schenke wohl jetzt +erreichen können.« + +»Wollt Ihr nicht vielleicht erst eine heiße Tasse Kaffee trinken?« frug +die Frau, das Kind auf dem linken Arm, zum Ofen gehend, die dort +warmgestellte Kanne wieder vorzuholen. + +»Danke, danke,« sagte aber der Fremde abwehrend — »kann das warme Zeug +nicht vertragen; ein Glas Branntwein ist mir lieber.« + +»Das thut mir leid,« sagte der Mann, »den kann ich Euch nicht anbieten; +ich habe keinen im Hause.« + +»Thut auch Nichts,« lachte der Fremde; »so lange halt ich’s schon noch +aus. Sind doch hülflose Dinger so junge Menschen, ehe sie die Kinderschuh +ausgetreten haben,« setzte er dann hinzu, als das Jüngste das Mäulchen +nach dem schon einmal gereichten Löffel vorstreckte — »was machte nun so +ein jung Ding, wenn man es hinsetzte und sich selber überließe.« + +»Ach Du lieber Gott,« sagte die Frau bedauernd — »so ein armer Wurm müßte +ja elendiglich umkommen.« + +»Bis den Nachbarn das Geschrei zu arg würde und sie kämen und es +fütterten,« lachte der Andere. + +»Dafür haben die Kinder Eltern,« sagte die Frau, das kleine, die Aermchen +zu ihr ausstreckende Mädchen liebkosend und küssend, »die sorgen schon +dafür daß kein Nachbar danach zu sehen braucht.« + +»Wenn die aber einmal plötzlich stürben, wie dann?« frug der Fremde, mit +einem Seitenblick auf die Frau, indem er seinen Rock wieder zuknöpfte und +sich zum Gehen rüstete. + +»Dann ist Gott im Himmel,« sagte Hanne, mit einem frommen +vertrauungsvollen Blick nach oben. + +»Ja, das ist wahr;« sagte der Fremde mit einem leichtfertigen Lächeln, +»der hat allerdings die große Kinderbewahranstalt. Aber es hat wirklich +aufgehört mit Gießen,« unterbrach er sich rasch, »den Augenblick will ich +doch lieber benutzen. So schön Dank für gegebenes Quartier Ihr Leute, und +gut Glück.« + +»Bitte, Ihr habt für Nichts zu danken, behüt’ Euch Gott,« sagte Gottlieb +freundlich. + +»Behüt’ Euch Gott;« sagte auch die Frau, und der Mann, ihnen noch einmal +zunickend, nahm draußen wieder den nassen Mantel um, drückte sich den +breiträndigen Hut in die Stirn, griff einen derben Knotenstock, der +daneben in der Ecke lehnte, auf, und verließ rasch das Haus, die Richtung +nach der Schenke einschlagend. + +»Mich freut’s daß er fort ist,« sagte die Frau, die dem Knaben gerade das +Essen auf den Tisch setzte und den Kaffee einschenkte — »bewahr uns Gott, +was hatte der Mann für ein finstres Gesicht und ein barsches Wesen; nicht +schlafen könnt’ ich die Nacht, wenn ich den unter einem Dach mit mir +wüßte. In dem Gesicht liegt auch nichts Gutes — und wie er fluchte und +über die Kinder sprach — ob er nur wirklich selber welche hat.« + +»Er sagt’s ja,« bestätigte Gottlieb — »aber mir schien’s ein Fleischer zu +sein, seinem Gewerbe nach, und die sind immer rauh und derb, meinen’s aber +nicht immer so bös.« + +»So bess’re ihn Gott,« sagte die Frau mit einem Seufzer, »und je seltener +er unseren Weg kreuzt, desto besser.« + + + + + + Capitel 7. + + + NACH AMERIKA. + + +»Nach Amerika!« — Leser, erinnerst Du Dich noch der Märchen in »Tausend +und eine Nacht«, wo das kleine Wörtchen »Sesam« dem, der es weiß, die +Thore zu ungezählten Schätzen öffnet? hast Du von den Zaubersprüchen +gehört, die vor alten Zeiten weise Männer gekannt, Geister heraufzurufen +aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls sich dienstbar zu +machen? — Mit dem ersten Klang der einfachen Sylbe schlugen, wie sich die +Sage seit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner +zusammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkühne Menschenkind das sie +gesprochen, bebte zurück vor der furchtbaren Gewalt die es +heraufbeschworen. + +Die Zeiten sind vorüber; die Geister, die damals dem Menschengeschlecht +gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das +rechte Wort vergessen sie zu rufen — aber ein anderes dafür gefunden, das +kaum minder stark mit _einem_ Schlage das Kind aus den Armen der Eltern, +den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen seinen Verhältnissen und +Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reißt, in dem es bis dahin mit +seinen stärksten, innigsten Fasern treulich festgehalten. + +»Nach Amerika,« leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der ersten +schweren, traurigen Stunde entgegen, die seine Kraft prüfen sollte, seinen +Muth stählen — »nach Amerika,« flüstert der Verzweifelte der hier am Rand +des Verderbens dem Abgrund langsam aber sicher entgegen gerissen wurde — +»nach Amerika,« sagt still und entschlossen der Arme, der mit männlicher +Kraft und doch immer und immer wieder vergebens, gegen die Macht der +Verhältnisse angekämpft, der um sein »tägliches Brod« mit blutigem Schweiß +gebeten — und es nicht erhalten, der keine Hülfe für sich und die Seinen +hier im Vaterlande sieht, und doch nicht betteln _will_, nicht stehlen +_kann_ — »nach Amerika« lacht der Verbrecher nach glücklich verübtem Raub, +frohlockend der fernen Küste entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt +vor dem Arm des beleidigten Rechts — »nach Amerika,« jubelt der Idealist, +der wirklichen Welt zürnend, weil sie eben wirklich ist, und über den +Ocean drüben ein Bild erhoffend, das dem, in seinem eigenen tollen Hirn +erzeugten, gleicht — »nach Amerika« und mit dem einen Wort liegt hinter +ihnen, abgeschlossen, ihr ganzes früheres Leben, Wirken, Schaffen — liegen +die Bande die Blut oder Freundschaft hier geknüpft, liegen die Hoffnungen +die sie für hier gehegt, die Sorgen die sie gedrückt — _»nach Amerika!«_ + +So gährt und keimt der Saame um uns her — hier noch als leiser, kaum +verstandener Wunsch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft +und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht seiner gepackten Kisten und +Kasten. Der Bauer draußen hinter seinem Pflug, den der nahe Grenzrain der +ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie so schwer +geärgert, und der im Geist schon die langen geraden Furchen zieht, weit +über dem Meer drüben, in dem fetten, herrlichen Land; — der Handwerker in +seiner Werkstatt, dem sich Meister nach Meister in die Nachbarschaft setzt +mit Neuerungen und großen, marktschreierischen Firmen, die wenigen Kunden +die ihm bis dahin noch geblieben in _seine_ Thür zu locken; der Künstler +in seinem Atelier, oder seiner Studirstube, der über einer freieren +Entwickelung brütet, und von einem Lande schwärmt wo Nahrungssorgen ihm +nicht Geist und Hände binden; — der Kaufmann hinter seinem Pult, der +Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in seinen Büchern zieht und, das +sorgenschwere Haupt in die Hand gestützt, von einem neuen, andern Leben, +von lustig bewimpelten Schiffen, von reich gefüllten Waarenhäusern träumt; +in Tausenden von ihnen drängt’s und treibt’s und quält’s, und wenn sie +auch noch vielleicht Jahre lang nach außen die alte frühere Ruhe wahren, +in ihren Herzen glüht und glimmt der Funke schon — ein stiller aber ein +gefährlicher Brand. Jeder Bericht über das ferne Land wird gelesen und +überdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend für den Kranken. Vorsichtig +und ängstlich, und weit herum um ihr Ziel, daß man die Absicht nicht +errathen soll, fragen sie versteckt nach dem und jenem Ding — nach Leuten +die vordem »hinüber« gezogen und denen es gut gegangen — nach Land- und +Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk — für Andere natürlich, nicht für sich +etwa — sie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen will hinüber, ein +entfernter Verwandter oder naher Freund, sie wünschen daß es dem wohl +geht, und häufen mehr und mehr Zunder für sich selber auf. + +So ringt und drängt und wühlt das um uns her; keiner ist unter uns, dem +nicht ein lieber Freund, ein naher Verwandter den _salto mortale_ gethan, +und Alles hinter sich gelassen, was ihm einst lieb und theuer war — aus +dem, aus jenem Grund — und täglich, stündlich noch hören wir von anderen, +von denen wir im Leben nie geglaubt daß _sie_ je an Amerika gedacht, wie +sie mit Weib und Kind, mit Hab’ und Gut hinüberziehn. Und _dort_? — noch +liegt ein dichter Schleier über ihrem Schicksal dort, doch Gottes Sonne +scheint ja überall — Dir aber lieber Leser, greif ich aus dem Leben noch +hie und da ein paar Freunde heraus, die wir begleiten wollen auf dem +weiten Weg. + + * * * * * + +Oben in der Brandstraße — nicht weit vom Brandthor entfernt, und dem +Gasthaus zum Löwen schräg gegenüber, wohnte Professor Lobenstein mit +seiner Familie, in der ersten Etage eines, zwar sehr alten, aber auch sehr +wohnlich eingerichteten Hauses, das ihm eigen gehörte. + +Der Professor war ein Mann, gerade an der anderen Seite der »besseren +Jahre«, etwa einundfünfzig alt, aber rüstig und gesund, nur erst mit +einzelnen grauen Haaren zwischen den rabenschwarzen Locken, die ihm über +die bleiche, aber hohe und geistvolle Stirn fielen, wie mit fast +jugendlichem, elastischem Gang und Wesen. Ein tüchtiger Kopf dabei, hatte +er _jura_ und _cameralia_ studirt, und einen großen Schatz von Kenntnissen +aufgehäuft; auch in manchem, mit schweren mühsamen Nachtwachen erkauften +Werk der Welt, der undankbaren Welt das Resultat seiner Studien und +Forschungen gebracht und dargelegt. Unzufrieden aber mit dem Erfolg, und +der kalten Aufnahme die es gefunden, wandte er sich später wieder von den +bis dahin bevorzugten juristischen Wissenschaften ganz ab und allein +seinem Lieblingsstudium den Cameralien zu, in denen er besonders der +Gewerbskunde seine Thätigkeit widmete, auch mit einem Buchhändler in +Heilingen eine Gewerbszeitung gründete und herausgab. + +Hierin hatte er Unglück; der Buchhändler machte bankerott und er übernahm +die Zeitung, mit ziemlich großen Verlusten schon, allein. + +So vortrefflich aber Professor Lobenstein in der Theorie seiner +Wissenschaft bewandert sein mochte, so wenig sattelfest war er es in der +Praxis, und seine Zeitung wollte und wollte keinen Boden gewinnen. Mit +fabelhaftem Fleiß suchte er dem zu begegnen, umsonst — umsonst auch daß er +Capital nach Capital in das, zuletzt nur noch zur Ehrensache gewordene +Unternehmen steckte. Sein Haus bekam Hypothek auf Hypothek und mit einer +höchst ungünstigen politischen Periode, in der ihm eine große Anzahl +Abonnenten absprang, trafen ihn auch so bedeutende pecuniäre Verluste, daß +er sich endlich genöthigt sah sein Blatt vollständig aufzugeben. Es war +das das schwerste Opfer, das er bis dahin gebracht. + +Professor Lobenstein hatte eine ziemlich starke Familie, eine Frau, zwei +erwachsene Töchter von siebzehn und zwanzig Jahren, einen Sohn von +achtzehn, und zwei kleinere Kinder, einen Knaben von acht und ein Mädchen +von sieben Jahren. Wenn auch nicht in Reichthum doch in einem gewissen +Wohlstand erzogen, war aber der Familie bis jetzt das schwere Wort +»_Nahrungssorgen_« fremd geblieben; der Professor hatte immer, was man so +nennt, ein Haus gemacht, und sich in einem Umgangskreis bewegt, der ihnen +schon an und für sich eine gewisse Verpflichtung auferlegte Manches +mitzumachen, was seinen, sonst mehr einfachen Neigungen eben nicht +Bedürfniß schien. Das Alles sollte, ja _mußte_ sich jetzt ändern, denn +wenn er auch aus den Trümmern seines Vermögens, nach allen erlittenen +Verlusten, einen kleinen Theil zu retten vermochte, genügte der nicht, das +bisherige Leben fortzuführen. Die Wahl blieb ihm jetzt allein, von Neuem +eine Laufbahn mit geringeren Mitteln anzufangen, und sich und den Seinen +schwere und ungewohnte Entbehrungen an einem Orte aufzuerlegen, wo ihn +Alles und Jedes an frühere und bessere Zeiten erinnerte oder — es war eine +schwere Stunde in der ihm das Bild zum ersten Mal vor die Seele stieg — in +einem anderen Welttheil, ungekannt, aber auch nicht bemitleidet oder +verspottet, ein vollkommen neues _Leben_ zu beginnen. + +Aber die Frauen? — würden sie den Mühseligkeiten einer so langen Reise, +einer Ansiedlung drüben in einem noch wilden Lande gewachsen sein? — Daß +er selber die Beschwerden eines solchen Lebens leicht ertragen würde, +daran zweifelte er keinen Augenblick; er hatte so viel über Amerika +gelesen, sich mit den dortigen Verhältnissen aus allen erschienenen +Schriften so vertraut gemacht, daß er Alles kannte was ihn dort erwartete, +und einem derartigen Wirken eher mit Freude und Lust, als Bangen +entgegenging; aber durfte er seine Frau all den sie erwartenden +Unbequemlichkeiten und Strapatzen aussetzen? durfte er seine Töchter aus +ihrem geselligen glücklichen Leben reißen, und ihnen mit einem Schlage +alle jene Vergnügungen entziehen, die ihnen hier schon mehr als Erholung, +die ihnen fast Bedürfniß geworden? + +Einen langen und schweren Kampf kämpfte er mit sich selber, Monate lang, +und er wurde alt in der Zeit; die Augen lagen tief in ihren Höhlen und +seine Züge bekamen etwas Mattes und Abgespanntes, das sie sonst, in seiner +schwersten Arbeitszeit noch nie gehabt. Wenn auch die Kinder dabei sich +leicht mit einem vorgeschützten Unwohlsein beruhigen ließen, dem scharfen +Blick der Gattin entging die Sorge nicht, die an seinem Herzen heimlich, +aber desto gewaltiger nagte, und ihren dringenden, ängstlichen Bitten +konnte er zuletzt nicht länger widerstehen. Was sie doch zuletzt hätte +erfahren _müssen_, vertraute er ihr an und wenn es die arme Frau auch wie +ein Schlag aus heiterem Himmel traf, nahm sie das Ganze doch viel ruhiger +auf als er erwartet, gefürchtet, und damit eine schwere Last von _seinem_ +Herzen — auf das ihre. Aber leichter trägt sich die getheilte, und bereden +konnten sie jetzt zusammen was zu thun, welchen Weg zu gehen, die +Möglichkeit besprechen die sich hier ihrem Leben bot, die Möglichkeit +errwägen, die ihnen dort eine andere freiere Zukunft öffnete. Und die +Kinder? wohin Mütter und Vater gingen folgten die ja gern; nur die Scene +wechselte für sie, anderen, vielleicht selbst bunteren Bildern Raum zu +geben, und Kummer und Sorge kannten die ja nicht. + +An demselben Abend waren die beiden ältesten Töchter zu einem kleinen +Fest, dem Geburtstag einer Freundin, eingeladen und hatten schon den +ganzen Tag mit rastlosen Fingern an dem bunten blitzenden Ballstaat +genäht. Der Vater begleitete sie dorthin, nur die Mutter blieb daheim, +Kopfschmerz vorschützend, und die Sorge um das jüngste Kind, das mit einem +leichten Unwohlsein in seinem Bettchen lag. Aber gegen zehn Uhr +schlummerte es sanft und ruhig auf dem weichen Lager ein, und daneben, das +sorgenschwere Haupt in die Hand gestützt, saß die Mutter und weinte — +weinte als ob sie mit dieser Thränenfluth all den Gram und Kummer +fortwaschen wollte, der jetzt, ein dunkler Wolkensaum, am Horizonte ihres +Glücks erschien, und wild und drohend höher und höher stieg. + +Lachend und plaudernd kehrten die Töchter, mit dem Vater spät in der Nacht +zurück; den leichten, sorglosen Herzen lag die Welt noch, ein weiter +Garten offen da, und was etwa an wuchernden Giftpflanzen dazwischen stand, +mischte noch sein fastgrünes Laub, dem jungen Auge nicht erkennbar, mit +Blum’ und Blüthenpracht. + +Aber der Moment näherte sich auch, wo mit der vorgerückten Jahreszeit all’ +die nöthigen und mannichfaltigen Vorbereitungen zu einer so langen Reise, +zu einer gänzlichen Umgestaltung aller ihrer Verhältnisse, getroffen +werden _mußten_; auch schien die Zeit eine passende für den Sohn, der, von +der Schule gerade abgegangen, eben sein Abiturienten-Examen glücklich +bestanden hatte. Der Vater wünschte allerdings daß er hier erst studiren, +und ihnen dann später, wenn er etwas Tüchtiges gelernt, vielleicht folgen +sollte, dachte ihm aber doch die freie Wahl zu lassen, und seinem Herzen +keinen Zwang aufzuerlegen. + +Am nächsten Morgen nach dem Balle nun — es war spät mit Aufstehn geworden +nach der durchschwärmten Nacht und die zweite Tochter Marie eben erst zum +Kaffee herübergekommen, während der Sohn das Haus schon, irgend eines +notwendigen Ganges wegen verlassen hatte — saß der Vater, ungewohnter +Weise nicht in seiner Studirstube an der Arbeit, sondern im Sopha, aus der +langen Pfeife den Dampf in weißen Kräußelwolken von sich blasend, und die +Mutter am Nähtisch, Kleider ausbessernd für das Jüngste, das in seinem +herübergeschafften Bettchen wieder mit klaren Augen seine Puppe +schaukelte. + +»Schon ausgeschlafen, Väterchen?« sagte Marie als sie, etwas beschämt, die +Letzte am Kaffeetische Platz genommen, »ich habe wohl recht lange heut +geschlafen, aber — was ist Dir denn? — und der Mutter auch?« — rief sie +vom Stuhl wieder aufspringend, als sie das ungewohnte ernste Wesen der +Eltern gewahrte — »bist Du böse auf mich, Mütterchen?« + +»Nein mein Kind,« sagte diese und zwang ein Lächeln auf die Lippen, »aber +der Vater hat Euch etwas recht Ernstes heute zu sagen, etwas von dem wir +noch nicht wissen, ob es Euch betrüben wird oder nicht.« + +»Der Vater?« rief Marie erschreckt, und auch Anna, die älteste Tochter, +sah ängstlich zu ihm auf; Professor Lobenstein aber, so in die Enge und +zum Aeußersten getrieben, hustete, paffte den Dampf ein paar Mal scharf +vor sich hin, die Pfeife ordentlich in Gluth zu bringen, und sagte: + +»Ja Kinder, Ihr wißt — wir — wir haben doch in den letzten Tagen viel über +Nord-Amerika gesprochen, und auch Manches gelesen — « + +»Ja, die herrlichen Romane von Cooper,« rief Marie rasch. + +»Und die schrecklichen Berichte im Tageblatt,« lächelte Anna. + +»Der Doctor Haide ist ein Esel,« sagte der Professor, den Rauch wieder ein +paar Mal rasch ausstoßend — »wenn der hätte in Amerika ordentlich arbeiten +wollen, brauchte er sich jetzt nicht von einer Winkeladvocatur und vom +Schimpfen auf freisinnige Leute zu ernähren; über dessen Berichte wollen +wir uns keine Sorgen machen, aber — « er schwieg wieder einen Augenblick +und sah, wie furchtsam, nach der Frau hinüber. Die jedoch arbeitete um so +emsiger weiter, und selber mit dem Bedürfniß dem, was ihn schon so lange +gedrückt, endlich einmal Worte zu geben, fuhr er rasch fort — »ich habe +eine Frage an Euch zu thun, Kinder — Hättet Ihr — hättet Ihr wohl selber +Lust hinüber nach — nach Amerika zu gehn?« + +»Nach Amerika?« rief Anna rasch und auch wohl erschreckt. Marie aber +sprang auf, schlug in die Hände und rief jubelnd: + +»Nach Amerika? oh das wäre ja prächtig — das wäre herrlich — nicht wahr da +sind auch Bälle, Väterchen?« + +Die Mutter seufzte tief auf und der Vater zog wieder, etwas verlegen an +der Bernsteinspitze. + +»Hm — ich weiß nicht,« sagte er langsam mit dem Kopf schüttelnd — »wo wir +im Anfang hinwollten, werden wohl keine sein. Hängst Du so an Bällen, +Marie?« + +»Ich tanze gern,« lächelte das junge fröhliche Mädchen etwas verlegen und +schüchtern. + +»Nun tanzen wirst Du dort hoffentlich auch können, mein Kind,« sagte der +Vater freundlich — »wenn auch nicht gerade gleich auf solchen Bällen wie +wir sie hier gewohnt sind — das Leben ist dort einfacher.« + +»Oh, und bis zum nächsten Fasching sind wir gewiß auch wieder zurück,« +rief Marie. + +Der Vater schwieg erst eine kleine Weile, und sagte dann leise aber +entschlossen. + +»Wir wollen _ganz_ hinüberziehn, mein Kind.« + +»Auswandern?« rief die ältere Schwester fast erschreckt — das Wort, dessen +Bedeutung sie noch gar nicht vollkommen verstand, traf sie mit einem +unbekannten ahnenden Gefühl von Schmerz und Leid — »und die Mutter?« + +»Ihr werdet mich doch nicht wollen allein zurücklassen?« lächelte die +Frau, sich gewaltsam zwingend über den Schmerz dieser Stunde. + +»Mutter!« sagte Anna, warf die Arme um ihren Nacken und küßte sie. + +»Und Eduard?« frug Marie. + +»Bleibt, wenn er meinem Rathe folgt, noch hier bis er ausstudirt und etwas +ordentliches gelernt hat,« sagte der Vater — »wo nicht, hat er seinen +freien Willen und mag uns begleiten; sowie er zu Hause kommt werde ich mit +ihm sprechen.« + +»Aber — « rief Marie — »wer verwaltet unterdessen unser Haus?« + +»Wenn wir einmal fort sind von hier,« sagte der Professor ausweichend, +»kann uns auch das Haus nichts mehr nützen, und ich werde es verkaufen.« + +»_Verkaufen_? — unser Haus und den Garten?« riefen Maria und Anna fast wie +aus einem Munde erschreckt und rasch — + +»Unser freundliches Stübchen, wo wir als Kinder gespielt,« setzte Marie +traurig hinzu. + +»Und die Bäume die Vater alle gepflanzt — die Laube, die wir uns selbst +gebaut, und die so schön geworden ist in diesem Jahr,« sagte Anna leise — +»verlassen wollt’ ich es ja gern, wenn wir Alle gehn, aber daß fremde +Menschen jetzt darin hausen sollen, die vielleicht gar nicht wissen wie +wir das Alles gehegt und gepflegt und — « ihr Blick fiel in diesem +Augenblick auf der Mutter, halb von ihr abgewandte bleiche Züge, und faßte +das Blitzen einer heimlich fallenden Thräne. Anna erschrak und wurde +todtenbleich — hier lag mehr verborgen als man ihnen gesagt, und +heimlicher Gram, heimliche Sorge nagte an der Eltern Herzen, durfte sie +die vermehren? Sie schwieg einen Augenblick und sah sinnend vor sich +nieder, dann aber Mariens Hand ergreifend sagte sie mit leichterem +vielleicht gezwungen fröhlicherem Ton: + +»Aber wir wollen nicht klagen; Vater und Mutter wissen am Besten was sie +zu thun haben, und was uns gut ist, und dort baut uns Vater dann ein +anderes Haus, und wir selber pflanzen uns ein neues Gärtchen, schöner als +das unsere hier.« + +»Aber ich bliebe hier, wenn ich an Vaters Stelle wäre,« schmollte Marie, +»und was wird Herr Kellmann dazu sagen, wenn er es erfährt? der ist so +immer gegen Amerika, und hat sich schon oft mit Vater darüber gezankt.« + +»Ach der macht mir die geringste Sorge,« sagte Anna in ihrem Schmerz +lächelnd — »wenn man _für_ Amerika spricht, schimpft er aus Leibeskräften, +und citirt Gott weiß was für Stellen aus Briefen und Zeitungen, alles +Günstige zu widerlegen, oder wenigstens stark zu bezweifeln, und kommt +Jemand der das Land ordentlich angreift, dann hab’ ich auch schon gesehn, +daß er den Handschuh wacker dafür aufnimmt, und man wirklich glauben +sollte er bekäme so und so viel für den Kopf, Leute zu bereden +hinüberzuziehn. Das ist ein wunderlicher Kauz, der die meiste Zeit selber +nicht weiß was er will, und ich glaube, wenn es Jemand recht ordentlich +bei ihm darauf anlegte, könnte man ihn selber, nur durch Widersprechen, +dahin bringen, daß er in eigener Person hinüberginge.« + +»Herr Kellmann?« lachte Marie — »nun _den_ möcht’ ich in Amerika sehn.« + +»Und wer weiß, ob Dir das nicht noch passirt,« bestätigte der Vater, mit +dem Kopfe nickend. + +»Und darf ich mein neues seidenes Kleid mitnehmen, Mama?« frug das junge +lebenslustige Mädchen jetzt die Mutter — »hier lassen möcht’ ich es doch +nicht gern, und drüben im Wald — « + +»Liebes Kind, wir werden auch nicht mitten in den Wald gehn,« sagte die +Mutter, die indessen heimlich die verrätherische Thräne aus dem Auge +geschüttelt, freundlich dabei der zu ihr getretenen Tochter die Stirn +streichend und küssend, »denkt es Euch nicht so schlimm. Der Vater wird +uns schon einen Platz aussuchen, wo wir wenigstens unter Menschen und der +Cultur nicht ganz verschlossen sind — er hielte es ja dort sonst selber +nicht aus.« + +»Aber warum gehst Du nur, Väterchen?« bat Marie — »es ist doch hier so +wunderhübsch in Heilingen, und was wir da drüben haben, wissen wir noch +nicht.« + +Der Professor, zu dem Anna ängstlich aufsah, hatte seinen Sitz verlassen +und ging, langsam dabei mit dem Kopf nickend, im Zimmer auf und ab; er +fühlte daß er, auch den Töchtern gegenüber, diesen eine Erklärung seines +Handelns schuldig sei, denn er riß sie aus einem liebgewonnenen Leben +heraus, und führte sie vielen, vielen Entbehrungen — er durfte sich das +nicht leugnen — entgegen. Von ihrer späteren Haltung dabei hing auch viel +ihrer Aller Glück, ihrer Aller Zufriedenheit ab, und sie waren alt genug +ihrem Urtheil zu vertrauen. Aber es kostete ihm der Entschluß einen +schweren Kampf, und wo ihm die Frau war auf halbem Weg entgegen gekommen, +fürchtete er hier gerade, nicht Widerstand zu finden, denn dafür hatten +sie ihn zu lieb, aber Schmerz und Sorge zu wecken in den jungen Herzen, +denen er die ungebetenen Gäste gern noch fern gehalten hätte so lang als +möglich. Sie standen jedoch an einem wichtigen, bedeutungsvollen Abschnitt +ihres Lebens, und mußten _sehen_, wohin der Weg sie führte. + +In kurzen, einfachen Worten, frei vom Herzen weg, und zu den Herzen +sprechend, weil sie aus dem Herzen kamen, schilderte er ihnen jetzt die +veränderte Lage in die er, durch das gezwungene Aufgeben seiner +Zeitschrift sowohl, wie durch manche schwere, ihn betroffene Verluste +gekommen. Er verheimlichte ihnen nicht länger daß er einen Theil — einen +großen Theil seines Vermögens eingebüßt, und das ihm selber liebe Haus +nicht verkaufen würde, wenn ihn eben nicht — die Verhältnisse dazu +_zwängen_. Aber noch blieb ihnen genug nach einem fernen Welttheil +überzusiedeln und dort, mit bescheideneren Bedürfnissen, von Neuem zu +beginnen; Amerika mit seiner ungeheuren Lebenskraft bot ihnen nach allen +Seiten hin die Möglichkeit der Existenz, und das gut und zweckmäßig +angelegte kleine Capital konnte dort gute Zinsen tragen für spätere Zeit. +Hatten sie sich dann etwas verdient, waren die Hoffnungen, mit denen sie +hinüber gingen, Wahrheit geworden, und sehnte sich ihr Herz noch nach dem +Vaterland, wer hinderte sie dann zurückzukehren zu den theueren Plätzen, +die ihnen ewig lieb bleiben würden in der Erinnerung? + +Dem Professor war es leichter um die Brust geworden, wie er das Eis nur +erst gebrochen. Selbst überzeugt von dem was er sprach, wurde er warm, +indem er den Gedanken weiter dachte, und seine Phantasie verlor sich +zuletzt sogar, Luftschlösser aufbauend, zauberschnell in weiter Ferne. Der +Professor ging mit dem Menschen durch, und die leicht gerötheten Wangen +belebte ein eigenes, inneres Feuer. Und die Mutter saß dabei, still und +schweigend, und ängstlich bemüht, in der wiederaufgenommenen Arbeit die +eigene Bewegung zu verbergen. Marie und Anna aber, die des Vaters Hände +erfaßt und in den ihren hielten, schmiegten ihre Häupter an seine +Schultern und flüsterten; die großen, zu ihm aufgeschlagenen Augen voll +von Thränen. + +»Genug, genug, Väterchen; mal’ uns das Alles nicht so prächtig aus — wohin +Du und Mutter gehn, gehn auch wir, und wär’ es mitten hinein in den +wildesten Wald. Kein unzufriedenes Wort sollst Du dabei von uns hören, +keine Klage, kein böses Gesicht weiter — keine Thräne — nur die hier sind +uns so ganz von selber über die Backen gelaufen, weil wir die Mutter +weinen sahen. Mit Lieb und Lust wollen wir das Leben dort beginnen — « + +»Und Kühe und Hühner schaffen wir uns an!« rief Marie, »und die Kühe +melken wir selber und machen Butter und Käse.« + +»Wie gut,« sagte Anna, daß wir im vorigen Jahr auf dem Land bei der Tante +waren, und dort das Alles zum Spaß gelernt haben; jetzt wird es uns +nützen.« + +»Aber nicht wahr, Mütterchen, nun weinst Du auch nicht mehr,« rief Marie, +zur Mutter hinübergleitend, ihren Arm um deren Nacken legend und sie +küssend — »drüben wird schon Alles hübsch werden. Und ein paar von den +großen Holzschuhen nehm’ ich mir mit, wie sie die Bauern tragen, für +draußen bei nassem Wetter; hei wie wir da herumpatschen wollen und +schaffen und arbeiten; und plätten thun wir auch selbst, dafür nimmst Du +kein Mädchen mehr.« + +Den frohen, leichten Herzen schwammen schon die gewaltigen Umrisse ihrer +ganzen fernen, so ungewissen Zukunft, in den einzelnen bunten +Kleinigkeiten zusammen, die ihrem Geist, von dem Reiz der Neuheit mit +frischem Duft überhaucht, entstiegen. Nur die Lichtpunkte erspähte der, in +die Ferne arglos hinausschauende Blick, und die goß er sich lustig +zusammen zu einem Ganzen: was dahinter lag, der düstere Hintergrund, den +das erfahrenere Mutterauge wohl erkannt, diente ihnen nur dazu die +einzelnen Lichter stärker hervorzuheben, deutlicher erkennen zu können, +und der Himmel spannte sich blau und rein über ihren glücklichen Häuptern. + + + + + + Capitel 8. + + + DER TANZ IM ROTHEN DRACHEN. + + +Drei volle Monat waren nach den, in den vorigen Capiteln betriebenen +Scenen verflossen, und der Diebstahl im Dollingerschen Hause zu Heilingen, +der eine ganze Woche lang fast das alleinige Stadtgespräch gebildet, wurde +kaum noch erwähnt. Der vermuthete Dieb (gegen den aber allerdings +nachträglich keine weiteren Beweise aufgefunden worden), war zwei Tage +nach dem Sturz von der Brücke an seiner Kopfwunde gestorben; er hatte die +beiden Tage vollkommen bewußtlos gelegen, und kein Wort mehr gesprochen. +Das übrige Geld aber — außer den zweihundert und einigen Thalern — wie die +vermißten Pretiosen, konnten, trotz den genausten Nachforschungen nirgends +aufgefunden werden, und hatte er es wirklich gestohlen, so ließ sich jetzt +gar nichts Anderes vermuthen, als daß er es irgendwo an einer heimlichen +Stelle vergraben, und außer Sicht gebracht habe. + +Actuar Ledermann hatte dabei ganze Actenstöße über den Fall geschrieben — +man wußte wirklich nicht wo er nur den Stoff dazu herbekommen; aber mit +dem üblichen Canzleistyl wurde die Sache, der jede gründliche Vorlage +mangelte, nach Möglichkeit gereckt und ausgedehnt und dann, als sich +Nichts weiter darüber ergab, mit starkem Bindfaden umschnürt und +etiquettirt, um später vielleicht, mit Jahreszahl und Nummer versehn, in +irgend ein staubiges Gefach geschoben zu werden, dort ein Jahrhundert +fortzuträumen, — wie der Verstorbene unter dem Rasen, dicht an der +Kirchhofsmauer, an die er, ohne Sang und Klang damals, noch vor Tag, still +und heimlich hinausgeschafft worden. + +Die Geistlichkeit von Heilingen hatte dem Unglücklichen allerdings sogar +dies »ehrliche Begräbniß« versagen und den Körper der Anatomie +überantworten wollen, da er unter dem Verdacht eines schweren Diebstahls +und gewissermaßen als Selbstmörder seinen Tod gefunden — was kümmerte die +stolzen Geistlichen die duldende Liebe die Christus gelehrt, wo _ihre_ +Autorität Gefahr leiden konnte gekränkt zu werden, und sie hatten einmal +verordnet, daß solchen Sündern ein »christliches Begräbniß« versagt werden +solle; aber die Polizei war milder und verständiger als die »Diener des +Höchsten« und erklärte den Tod des Armen für keinen Selbstmord, indem er +nur »auf der Flucht« umgekommen, während wahrscheinlich der ihm +beigegebene Wächter die allerdings unschuldige, und nicht zur +Verantwortung zu ziehende direkte Ursache, seines Todes gewesen sei. + +Aber fort — fort mit den traurigen Bildern; das menschliche Leben hat der +dunklen Seiten so viele, und sie drängen sich uns doch auf, wohin wir +gehen — nur der Augenblick gehöret uns, und nicht muthwillig wollen wir +den Schmerz suchen. So mag mir der Leser denn noch einmal zum rothen +Drachen hinaus folgen — es dauert vielleicht lange, ehe wir den Platz +wieder zu sehn bekommen — und dort tönt heut fröhliche Musik aus dem +hellerleuchteten Saal des großen Hauses, der mit Guirlanden und Blumen und +jungen Birkenreisern festlich geschmückt ist, indeß ihn eine muntere, laut +und lustig durcheinander wogende Schaar belebt. + +Kaum eine Viertelstunde — oder eine »halbe Pfeife Tabak«, wie die Bauern +sagten — vom rothen Drachen entfernt, lag Schloß Hohleck an der anderen +Seite des nämlichen Hügelrückens, das gegenüber liegende Thal +überschauend, und der Besitzer desselben, Graf von Hohleck, feierte heute +die Vermählung seines ältesten Sohnes, der dabei das Gut selber übernahm, +und nun seinen Leuten dem Tag zu Ehren ein Fest »in der Schenke« gab. Bier +und Branntwein waren dabei zu freier Verfügung gestellt, und ein starkes +Musikchor aus der Stadt engagirt worden, den Leuten die ganze Nacht +hindurch zum Tanze aufzuspielen — und sie machten Gebrauch davon. + +Aber auch aus Heilingen selber hatten sich eine Menge Gäste eingefunden, +dem muntern Leben und Treiben der fröhlichen Menschen zuzuschauen, und +während der untere Gartensaal einzig und allein den Dienstleuten des +Rittergutes eingeräumt war, zu dem den Stadtleuten jedoch gastlich der +Zutritt gestattet wurde, hatten sich die letzteren noch besonders in einem +paar der kleineren Stuben festgesetzt, wo sie ihren Wein oder ihr Bier +tranken oder auch eine Parthie spielten, die Zeit auszufüllen. + +Zu den Gästen aus der Stadt gehörten auch mehre unserer alten Bekannten, +unter ihnen Kellmann und Schollfeld, zwei Stammgäste des rothen Drachen. +Ledermann war ebenfalls, wenn auch später, herausgekommen und ihnen hatte +sich noch der Auswanderungsagent Weigel — sehr zum Aerger Schollfeld’s, +der ihn nicht ausstehen konnte — zugesellt. Weigel blieb aber nicht ruhig +an ihrem Tisch sitzen, sondern ging ab und zu, und hatte sein Glas nur mit +bei ihnen stehn, gewissermaßen seinen Platz zu belegen. + +Ledermann war übrigens heute sehr still und niedergeschlagen, er hatte +sein einziges Kind vor etwa vierzehn Tagen verloren, und schien sich das +sehr zu Herzen zu nehmen, erklärte auch nur herausgekommen zu sein, sich +ein wenig zu zerstreuen und die Gedanken los zu werden, die ihn in der +Stadt drin peinigten. + +Uebrigens war ihm in den letzten Tagen höchst unerwarteter Weise eine +kleine Erbschaft von 600 Thalern zugefallen und Schollfeld, der heute +Abend außergewöhnlich gut aufgeräumt schien, versuchte jetzt sein Bestes +des Freundes Grillen oder trübe Gedanken ebenfalls zu verscheuchen. + +»Hören Sie einmal Ledermann,« begann er, mit dem Deckel seines Kruges +klappend und mehr Bier verlangend — »wie ist denn die Geschichte nun mit +den 600 Thalern? — beiläufig gesagt schneiden Sie ein Gesicht dabei, als +ob Sie Schwefelsäure verschluckt hätten.« + +»Er hört nicht einmal,« sagte Kellmann, als der Actuar kein Wort darauf +erwiederte, und die Anrede in der That gar nicht verstanden zu haben +schien — »Ledermann, Mensch, wo sind Sie jetzt mit Ihren Gedanken, im +rothen Drachen bei Heilingen, im Monde, oder in Amerika?« + +»Wo?« sagte der Actuar, rasch und fast verstört aufschauend, als aber die +Anderen laut lachten, schüttelte er mit dem Kopf und seinen Krug nehmend +und trinkend sagte er ruhig und ernst: + +»Ach laßt mich zufrieden Kinder — ich habe den Kopf voll, und bin +wahrhaftig heute Abend nicht zum Spaßen aufgelegt.« + +»Nicht zum Spaßen aufgelegt?« rief aber Schollfeld, Kellmann unter dem +Tisch anstoßend — »ist auch gar nicht nöthig mein lieber Actuar — wir +spaßen auch hier gar nicht; Jemand aber, der eine Erbschaft macht und +irgendwo Stammgast ist, überkommt dabei die moralische Verpflichtung +irgend etwas zum Besten zu geben, und es bleibt ein Skandal, daß man einen +solchen Glückspilz auch nur noch daran erinnern muß. Hat der Henker da +wieder den Schleicher, den Weigel,« unterbrach er sich aber plötzlich mit +etwas leiserer Stimme, als er sah wie dieser das Zimmer wieder betrat, und +sich ihrem Tische zuwandte — »ich hatte schon gehofft wir würden ihn heute +Abend los sein; jetzt ist _mein_ Vergnügen beim Teufel.« + +»Nun meine Herren, noch so fröhlich beisammen?« sagte Weigel jetzt, indem +er zum Tisch trat — »ah, da sind ja der Herr Actuar auch noch dazu +gekommen — bitte behalten Sie ja Platz, ich rücke ein klein wenig hier +herüber — so — das geht vortrefflich. Nun, der Herr Actuar haben in diesen +Tagen ein großes Glück gehabt — da darf man ja wohl gratuliren.« + +»Danke herzlich,« sagte Ledermann ruhig; »es wird übrigens so viel von den +paar hundert Thalern gesprochen, als ob’s eben so viel Tausende wären.« + +»Ih nun, das lassen Sie gut sein,« sagte aber Weigel, mit dem Kopf +schüttelnd — »sechshundert Thaler richtig angewandt könnten in der That in +kurzer Zeit zu so viel Tausenden werden.« + +»Wenn man sich Sächsische Löbau-Zittauer Eisenbahnactien dafür kaufte, +nicht wahr?« sagte Schollfeld, das Gesicht halb in den ebengebrachten Krug +versteckt, und einen grimmigen Blick über den Rand desselben hin, nach dem +Auswanderungsagenten schießend. + +»Nun das gerade nicht,« schmunzelte Herr Weigel, sein Glas ein wenig +weiter auf den Tisch schiebend, und sich die Hände reibend, »da wüßte ich +doch noch eine bessere Speculation.« + +»Und die wäre,« sagte der Actuar, seitwärts zu ihm aufschauend. + +»Wenn Sie sich eine kleine Farm in Amerika kauften.« + +»Puh!« rief Schollfeld, verächtlich den Kopf abwendend, »jetzt sein Sie so +gut, kommen Sie uns hier nicht mit Ihrer alten Leier von dem verdammten +Amerika, und verderben Sie uns das Bier nicht — hier ist auch Nichts zu +verdienen, denn von uns geht doch keiner hinüber.« + +»Lieber Herr Schollfeld,« sagte aber Weigel mit großer Ruhe, »von _uns_ +weiß noch Niemand was er nächstes Jahr thun wird, und verschwören läßt +sich so eine Sache nun einmal gar nicht — Amerika ist immer noch ein +Zufluchtsort.« + +»Ja für die Spitzbuben und Hallunken, _da_ haben Sie recht!« rief der +Apotheker. + +»Ne lieber Herr Weigel!« rief aber auch Kellmann jetzt — »mit sechshundert +Thalern kann ich da drüben auch Nichts anfangen, und bin dann noch +obendrein bei jedem Schritt und Tritt der Gefahr ausgesetzt, daß ich +betrogen und hintergangen werde. Man kann dort ja nicht einmal seinem +eigenen Bruder trauen.« + +»Aber mein bester Herr Kellmann, das sind die unglückseligen Ideen, die +von — na, ich will keinen Namen nennen — ausgesprengt werden, um die Leute +blind zu machen, rein blind. Sie sollen eben nicht sehen was für +Vortheile, für fabelhafte Vortheile dort gerade für sie zu Tage liegen, +und die Gerüchte von dort verübten Betrügereien hängen eben als +Vogelscheuche über den Erbsen. Wir haben _hier_ eben so viele schlechte +Charaktere wie in Amerika.« + +»Ob eben so _viel_, will ich dahingestellt sein lassen,« sagte Schollfeld +mit einem nichts weniger als freundlichen Seitenblick auf den Agenten — +»aber eben so schlechte gewiß.« + +»Nun also,« erwiederte Weigel freundlich, ohne auf den Hieb einzugehn, ja +im Gegentheil die Waffe lächelnd umdrehend — »sehn Sie, selber Herr +Schollfeld stimmt mir darin bei.« + +»Ja aber nicht wie _Sie_ es meinen!« rief da Schollfeld entrüstet, +keineswegs gesonnen sich die Worte so im Munde verdrehen zu lassen. + +»Von den Betrügereien will ich noch gar Nichts sagen,« unterbrach ihn aber +Kellmann, ziemlich in Eifer — »was ich dagegen sehr guten Grund habe zu +bezweifeln, sind die billigen Landkäufe, sind dabei die Erleichterungen, +welche diese republikanische Regierung allen möglichen Gewerken und +Unternehmungen bietet, die geringen Taxen, der freie Verkehr und Umsatz im +Innern. Das wird Alles ausgemalt mit Gold und Silber und Himmelblau, und +kommt man am Ende hinüber, so hat man die ganze nämliche Geschichte wie +bei uns. Daß all das nichtsnutzige Gesindel dort ohne _Paß_ herumlaufen +darf, mag wahr sein, das halte _ich_ aber eben für keinen Fortschritt.« + +»Verehrtester Herr Kellmann!« rief aber Weigel in Eifer — »gegen +_Thatsachen_ können wir doch nicht anstreiten; wir wollen doch nicht blind +und taub mit dem Kopf gegen die nächste, und womöglich härteste Wand +rennen? wir sind doch vernünftige Menschen, aber haben Sie nicht alle die +neueren Schriften jetzt gelesen, die — « + +»Ach gehn Sie mit Ihren Schmierereien,« rief aber Schollfeld, dem das +Gespräch jetzt zur Last wurde, »für einen Thaler den Bogen malen ihnen die +lumpigen Literaten selbst die Hölle himmelblau an, und kleben von oben bis +unten Sterne drüber. Laßt mir jetzt Euer Geschwätz von Amerika hier, oder +ich stehe, Gott straf mich, auf, und setze mich wo anders hin.« + +»Nun, jeder darf sich hinsetzen wo es ihn gerade freut,« sagte Weigel, +wirklich etwas beleidigt, obgleich er sonst einen ziemlichen Theil +vertragen konnte. + +»Ja leider,« sagte aber Schollfeld, mit wieder einem Seitenblick auf den +Agenten, der diesen doch jetzt vermochte aufzustehn und sein Bier +auszutrinken. + +»Herr Schollfeld,« sagte er dabei, »Sie sind in der Stadt als ein +Antiamerikaner bekannt, und ich glaube Sie würden den Leuten eher zu einer +Auswanderung nach Sibirien wie nach Nordamerika rathen.« + +»Würde ich auch,« sagte Herr Schollfeld trotzig, sich den Hut noch fester +in die Stirn drückend. + +»Nun ja, der Geschmack ist verschieden — Jeder weiß am Besten wohin er +gehört, und dahin treibt ihn der Instinkt,« sagte Herr Weigel +achselzuckend, indem er den Tisch verließ, und Kellmann erwischte eben +noch zur rechten Zeit Schollfeld hinten am Frackzipfel, der aufspringen +und dem sich rasch entfernenden Weigel nach wollte. + +»Aber so fangen Sie hier doch um Gottes Willen keinen Skandal mit dem +Menschen an!« rief Kellmann leise und bittend. + +»Instinkt treibt?« rief aber Schollfeld jetzt, da er sich hinten, +vielleicht gern, gehalten fühlte — laut hinter dem Davoneilenden her — +»Sie wird bald ’was anders treiben Sie — Sie _Seelenverkäufer_ Sie!« + +»Pst!« rief aber auch der Actuar jetzt, ihn rasch zu sich niederziehend — +»Sind Sie denn ganz vom Bösen besessen Apotheker? auf das Wort könnte er +Ihnen, wenn er’s noch gehört hätte, die schönste Injurienklage an den Hals +hängen.« + +»S’ist aber wahr — der Lump!« rief Schollfeld ärgerlich, den leeren Krug +zum hastigen Trunk aufhebend, und denselben dann laut auf den Tisch +aufstoßend — »es ist ein Seelenverkäufer, der Kerl, und um einen Thaler +beschwatzt er das Kind, daß es die Eltern, den Mann, daß er die Frau +verläßt — hier Kellner, noch ein Glas Bier. — Sprecht mir von Raubmördern +und Straßenräubern, gegen die das Gericht einschreitet und ihnen das +Handwerk legt — allen Respect vor einem Mann, der es den Leuten geradezu +in’s Gesicht wirft, »ich _bin_ ein schlechter Kerl — ich stehle wo ich’s +bekommen kann, und wo ich’s nicht gutwillig kriege mord’ ich auch; aber +solche heimliche Hallunken sind die Upasbäume der menschlichen +Gesellschaft — sie vergiften was sie erreichen können, und von außen geben +sie sich das Ansehen eines ehrlichen Baumes und haben grüne Blätter und +glatte Rinde. Gegen _die_ Schufte sollte eingeschritten werden, nicht mit +Geldstrafen oder Gefängniß, nein mit Knute und Strang — +Himmeldonnerwetter, wenn ich da ’was in der Regierung zu befehlen hätte.« + +»Sie würden schöne Geschichten anrichten, kann ich mir etwa denken,« sagte +der Actuar trocken, »s’ist so schon manchmal wie’s ist. Lassen Sie doch +jeden seinen Weg gehn in der Welt; der liebe Gott weiß wohl wozu’s gut +ist. Blutigel sind auch unangenehme Geschöpfe in der Naturgeschichte, und +doch verwendet sie die Natur wieder zu höchst nützlichen und nothwendigen +Zwecken; denken Sie sich so ein Individuum wäre ein menschlicher +Blutigel.« + +»Dann trink’ ich aber nicht mein Bier an einem Tisch mit ihm,« rief der +Apotheker. + +»Bah, das ist wieder zu weit gegangen,« sagte Kellmann, »viel zu weit +gegangen. ’Was Schlechtes können Sie dem Mann überhaupt nicht nachsagen, +denn daß er für Amerika wirbt, ist einesteils sein Geschäft, anderntheils +seine Ansicht, und er könnte Ihnen von _seinem_ Standpunkt aus dann +ebensogut wieder vorwerfen, daß Sie eine Menge Menschen absichtlich +unglücklich machten, die sie von einer Auswanderung nach jenem Lande +abhielten.« + +»Unsinn — baarer Unsinn!« rief aber Schollfeld, unwillig den Kopf herüber +und hinüber werfend — »Jemand unglücklich machen, daß man ihm von einer +Auswanderung nach Amerika abräth, wäre gerade so, als ob ich als eines +Menschen Mörder betrachtet würde, den ich abhalte aus dem dritten Stock +auf die Straße zu springen. Aber hol den Lump der Henker,« brach er kurz +und ärgerlich ab, »ich war so guter Laune und jetzt hat er mir den ganzen +Abend verdorben. — Nach Sibirien auswandern — « brummte er dabei, +während er eine neue Cigarre aus der Tasche nahm und sie an dem, auf dem +Tisch stehenden Licht entzündete — »Holzkopf der — nach Sibirien +auswandern — ich will nur einmal in den Saal gehn und sehn wie sie’s da +treiben, daß man auf andere Gedanken kömmt — ich bin bald wieder da.« Und +von seinem Stuhl aufstehend verließ er langsam, und immer noch vor sich +hin murmelnd, das Zimmer. + +Der Actuar stand ebenfalls auf und nahm seinen Hut. + +»Na nu?« sagte aber Kellmann erstaunt — »was ist das für eine Wirthschaft +heut Abend? Schollfeld läuft fort, Lobsich hat sich gar nicht sehen +lassen, und Sie wollen jetzt auch Fersengeld geben? wo bleibt denn da +heute Abend unser Solo? — wir können doch nicht wie die Pferde zu Bette +gehn, ohne unsere Parthie gespielt zu haben?« + +»Mir ist heute nicht wie spielen,« sagte der Actuar, langsam mit dem Kopfe +schüttelnd, »ich habe auch Kopfschmerzen, und an der frischen Luft wird +mir wohl besser werden.« + +»Fort dürfen Sie aber noch nicht,« sagte Kellmann, indem er sein Bier +austrank, und ebenfalls aufstand, »da wollen wir lieber einmal unten im +Garten auf und ab gehn.« + +Der Actuar zögerte einen Augenblick, dann aber legte er schweigend seinen +Arm in den Kellmann’s und beide Freunde gingen mitsammen die Treppe +hinunter. + +Es war indessen vollkommen dunkel geworden, und die Leute hatten sich, des +feuchten Abends, wie des im Saal wogenden Tanzes wegen, meist alle aus dem +Garten hinaus, und in die mehr geschützten Räume der Gebäude gezogen. Nur +hie und da saß noch irgend ein kosendes Pärchen in einer Laube, oder +schwärmte auch wohl auf dem Vorbau des Gartens nach dem, gerade über dem +nebelgefüllten Thal jetzt aufzeigenden Vollmond hinüber, dessen große +rothe Scheibe sich glühend aus den Bergen hob, und das weite, +thaublitzende Thal überschaute. + +Kellmann ging ruhig neben dem still vor sich nieder schauenden Freund her, +bis sie den breiten Fußweg der schönen ebenen Chaussee erreichten, und +eine kleine Strecke derselben hinauf gewandert waren; dann aber blieb er, +diesen zurück haltend, plötzlich stehen, und sagte mit freundlichem, +herzlichen Ton: + +»Aber lieber Ledermann, Sie dürfen sich Ihrem Schmerz um das Kind nicht so +ganz und rücksichtslos hingeben; lieber Gott ich begreife daß es ein +schwerer, recht schwerer Verlust ist, aber Gott hat’s gegeben und Gott +hat’s genommen, und wer weiß ob dem kleinen lieben Wesen dadurch nicht +vielleicht ein recht trübes und schmerzliches Dasein erspart wurde.« + +»Es ist nicht das Kind, Kellmann,« sagte aber der Actuar, leise mit dem +Kopf schüttelnd, »nicht der Tod meiner kleinen Adele nagt mir jetzt am +Herzen, obgleich der da oben weiß wie weh er mir gethan — nein, ich halte +ihn sogar unter den jetzigen Verhältnissen, in denen ich lebe, für ein +_Glück_, und es ist _furchtbar_, daß ich gezwungen bin so etwas von dem +Tod meines eigenen, einzigen Kindes zu sagen.« + +»Aber was, um Gottes Willen, haben Sie _denn_?« rief Kellmann, verwundert +vor ihm stehen bleibend und ihn anschauend. »Irgend etwas _ist_ +vorgefallen, aber was? — etwa wieder zu Hause der alte wunde Fleck?« + +Ledermann nickte finster und schweigend mit dem Kopf. + +»Aber was _will_ sie denn eigentlich,« rief Kellmann finster die Brauen +zusammen und seinen Arm aus dem des Freundes ziehend, um besser +gesticuliren zu können — »Wetter noch einmal, Ledermann, Sie hätten da +schon lange ernst und entschieden auftreten sollen, die Sache ist jetzt +schon viel zu weit eingerissen, und die Frau bringt sie, wenn das so fort +geht, wahrhaftig noch unter die Erde.« + +»Ernst und entschieden auftreten? — lieber Gott,« stöhnte der Actuar +kopfschüttelnd — »soll ich mir denn die letzte leiseste Hoffnung auf +einen, nur möglichen Hausfrieden selber muthwillig vernichten? — _Sie_ +haben gut reden; _Ihr_ Geschäft ist in Ihrer eignen Wohnung, und Ihre +Erholung gestattet Ihnen, _die_ außerhalb desselben zu suchen, ich aber +sitze und schwitze den ganzen lieben ausgeschlagenen Tag auf dem +verwünschten Bureau, und komme ich dann Abends zu Hause, und sehne mich +nach einer halbstündigen gemüthlichen Ruhe, so beginnt die Frau, und wenn +sie eine Ursache aus der Luft greifen sollte, mir das Leben zu einer Hölle +zu machen. Lieber Gott, es fiele mir ja gar nicht ein Abends in ein +Wirthshaus zu gehn, wenn ich Frieden daheim hätte; es giebt vielleicht +wenig Menschen in der Welt, die sich so nach einem stillen, häuslichen +Leben sehnen, wie gerade ich, und keinen, Kellmann, keinen weiter, dem es +_so_ verbittert, so gänzlich aus dem Fenster geworfen wird, jeden Abend +wieder von Frischem, wie gerade mir.« + +»Aber was ist denn nur vorgefallen?« + +»Das Ganze ist mit wenig Worten erzählt,« sagte der Actuar nach kurzer +Ueberlegung entschlossen, »und Sie sollen mir rathen, wie ich im Stande +bin mich einem Zustand zu entziehn, der mir unerträglich wird. Sie haben +gehört daß ich von einem entfernten Verwandten sechshundert Thaler geerbt, +die ich in den nächsten Wochen ausgezahlt bekomme. Das Vernünftigste nun +wäre das Geld in irgend einem _sichern_ Staatspapier, oder in guten Actien +anzulegen, und mit den wenigen, aber gewissen Zinsen meinen, überdies +ärmlichen Gehalt zu erhöhen — ich habe fünfhundert Thaler jährlich und +weiß bei Gott oft nicht wie ich auskommen soll.« + +»Nun gut, das ist ja Alles so schön und glatt wie es nur sein kann.« + +»Jawohl, aber meine Frau besteht darauf das Capital ihrem Bruder geben zu +wollen, der ein Geschäft hat und mir _fünf_ Procent verspricht.« + +»Ih nun, wenn es da sicher angelegt ist — fünf Procent wäre aller Ehren +werth.« + +»Aber es _ist_ nicht sicher angelegt; der Bursche ist ein liederlicher +leichtsinniger Mensch, der schon einmal Bankerott gemacht hat und — wie +ich ziemlich guten Grund habe zu vermuthen — an der Grenze eines zweiten +steht.« + +»Ahem,« sagte Kellmann nachdenkend. + +»Geb ich _ihm_ das Geld,« fuhr der Actuar fort, »so ist es über Jahr und +Tag, so sicher wie dort drüben der Mond aufgeht, verloren, und geb’ ich es +ihm _nicht_, so weiß ich daß mir die Frau zu Hause den eignen Heerd zur +Hölle macht.« + +»Aber Donnerwetter, Ledermann, nehmen Sie mir das nicht übel,« sagte +Kellmann stehen bleibend, »da würde ich denn doch einmal einen Trumpf +darauf setzen und mein Recht als Mann und Herr im Hause wahren; nur durch +Ihr ewiges Nachgeben haben Sie die Geschichte schon so, in Grund hinein +verdorben.« + +»Aber was _soll_ ich thun?« rief der Actuar verzweifelnd — »mit Worten +_kann_ ich nicht gegen sie anstreiten, nicht sechs Männer könnten das; in +Ruhe und Güte ist Nichts anzufangen mit ihr, und schlagen darf und will +ich sie ebenfalls nicht.« + +»So lassen Sie sich scheiden, zum Wetter noch einmal;« rief Kellmann, +»lieber doch eine trockne Brodrinde kauen, als mit solchem Drachen das +ganze Leben, eine ganze Existenz, mühselig und qualvoll hinzuschleppen.« + +»Heute Abend zum ersten Mal,« sagte der Actuar seufzend, »habe ich ihr +selber damit gedroht; ich habe ihr vorgehalten, daß sie sich mit mir nicht +glücklich fühlen _könne_, weil sie fortwährend, und ohne auch nur einen +einzigen Tag Frieden zu gestatten, zanke, und das Beste sein würde, wir +ließen uns, einem Leben zu entgehen das auf die Länge der Zeit doch nicht +durchgeführt werden könne, gerichtlich scheiden.« + +»Nun? — und was hat sie darauf erwiedert?« + +»Ich bin fortgelaufen,« sagte der Actuar, seufzend den Kopf von dem Freund +abwendend, »denn sie wurde — sie wurde so heftig, und betrug sich — betrug +sich so unvernünftig, daß ich mich vor den Nachbarn schämte, und lieber +Hut und Stock nahm, den Frieden wieder, wie schon so oft, auswärts zu +suchen.« + +»Also sie weigert eine Scheidung?« + +»Sie schwur sie wolle mir die Augen auskratzen, wenn ich noch einmal ein +derartiges Wort erwähne, zerbrach dann in ihrer Wuth Gott weiß was Alles, +und — ich glaube sie bekam nachher Krämpfe — ihr altes Leiden. Erst hatte +ich gehofft der Tod des Kindes würde sie milder stimmen, aber nein, und +wenn mich etwas über den Verlust des kleinen lieben Wesens trösten könnte, +so ist es gerade der Gedanke, es dem bösen Beispiel, das ihm die eigene +Mutter täglich gab, entrissen zu sehn — was hätte zuletzt aus ihr werden +sollen, als eben eine solche Frau.« + +»Und so ist gar keine Hoffnung, mit Güte durchzukommen? — « + +Der Actuar schüttelte schweigend mit dem Kopf. + +»Hm, das ist eine verfluchte Geschichte,« sagte Kellmann, »da — da weiß +ich wahrhaftig auch nicht was ich rathen soll. Das Geld vertraute ich aber +— wenn die Sache _so_ steht — meinem Schwager auch nicht an, soviel ist +sicher — Sie sind das sich selber und Ihrer eigenen Existenz schuldig.« + +Der Actuar seufzte tief auf und die beiden Männer gingen wieder eine +Zeitlang, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, nebeneinander +hin. Sie waren indeß die Straße ein Stück hinauf- und wieder +zurückgegangen, und blieben jetzt mehre Minuten nicht weit von dem Eingang +des Gartens stehn, den Rücken diesem, und ihr Gesicht dem sich gerade über +die Berge hebenden Monde zugewandt, als ein junges Mädchen, noch ein Kind +fast und augenscheinlich auf der Wanderung, ganz allein mit einem kleinen +Bündel in der linken Hand, und einem großen dunklen Tuch über dem rechten +Arm, die Straße herunter kam und ziemlich dicht an ihnen vorüberging. So +viel sie im Mondenlicht erkennen konnten, war sie nur ärmlich gekleidet, +und auch wohl ermüdet von einem vielleicht langen Marsch, denn sie blieb +zweimal stehen und trocknete sich dabei den Schweiß von der Stirn. + +Das zweite Mal als sie Halt machte geschah das fast dicht vor den beiden, +hier im Schatten eines Hollunderbusches stehenden Männern, die sie im +Anfang gar nicht bemerkte, und sie schien den Tönen zu lauschen die aus +dem etwa zweihundert Schritt davon gelegenen hellerleuchteten Gartenhaus +wild und lustig heraustönten. + +»Fröhliche Menschen,« flüsterte sie dabei — »_Glückliche_;« wie sie aber +den Kopf dem Lichte zuwandte, fiel ihr Blick auch auf die beiden dunklen +Schatten unter der Mauer, und wie unwillkürlich fuhr sie zurück; dabei +glitt ihr das Bündel aus der Hand und fiel zu Boden. + +»Wir thun Dir Nichts, Kind,« sagte Kellmann, der die Bewegung gesehen +hatte, gutmüthig; »wo willst Du denn noch so spät hin?« + +»Nach Heilingen,« antwortete das fremde Mädchen, ihr Bündel wieder +aufnehmend — »ist es noch weit bis dorthin?« + +»Eine halbe Stunde etwa, wenn Du rüstig zugingst; aber Du scheinst müde zu +sein und wirst wohl länger brauchen.« + +»Ich komme weit her,« sagte die Fremde, aber sie zögerte dabei und es war +als ob sie noch nach irgend etwas fragen oder um etwas bitten wolle, und +sich auch wieder scheue es zu thun. + +»Du bist wohl hungrig, Kind?« frug sie da Kellmann, dessen gutes Herz ihn +zu helfen drängte, wo das in seinen Kräften stand — »sag’s gerad’ heraus; +und wenn Du kein Geld hast macht das nichts, ich schaffe Dir was.« + +Das Mädchen schwieg und drehte seufzend den Kopf ab und Kellmann, dem +richtigen Princip der Gastlichkeit und Menschenliebe treu, nicht viel zu +fragen erst, wo man gern giebt, sagte ihr sich einen Augenblick auf die +kleine Bank am Thor zu setzen, und er werde ihr einen Imbiß holen — sie +könne dann Heilingen bald erreichen. Ohne erst eine Antwort abzuwarten +ging er darauf rasch in’s Haus, und das Mädchen zögerte noch einen +Augenblick und folgte dann, augenscheinlich zum Tod ermüdet, der +freundlichen Einladung. + +»Du kommst weit her?« sagte der Actuar endlich, der neben ihr stehn +geblieben, im Anfang aber noch zu sehr mit seinen eigenen Gedanken +beschäftigt war, viel auf die Fremde zu achten. + +»Von Erfurt.« + +»Von Erfurt? hm — das ist eine lange Strecke; zu Fuß den ganzen Weg?« + +»Ja.« + +»Und willst in Heilingen bleiben?« + +»Ich weiß es noch nicht.« + +»Hast Du Verwandte dort?« + +»Einen Bruder.« + +»Hast Du denn einen Paß bei Dir?« + +»Ja,« sagte das Mädchen und holte, mit einem scheuen Blick auf den Frager, +ihr kleines Bündel vor, das sie Miene machte aufzuknüpfen, der Actuar +aber, der die Bewegung verstehen mochte, sagte rasch: + +»Nein nein — laß nur sein — ich will ihn nicht sehen — ich frug nur +Deinethalben, damit Du hier in der Stadt in keine Verlegenheit kämest. Da +ist auch Freund Kellmann schon mit dem Essen — nun laß Dir’s schmecken.« + +»Da,« sagte der kleine Kürschner, der schnellen Schrittes mit einem großen +gestrichenen Weißbrod und einem hohen Glas Milch herankam und es der +Fremden reichte — »das wird Dir gut thun.« + +Das junge Mädchen nahm das Glas mit schüchternem Danke an und trank — erst +ein wenig, dann aber herzhafter — sie mochte wohl recht durstig gewesen +sein. Wie sie fertig war setzte sie das Glas auf die Bank zurück und nahm +ihr Bündel wieder auf. + +»Ich danke Ihnen auch noch viel tausend Mal,« sagte sie dabei mit weicher, +ergriffener Stimme — »ich hatte seit heute Morgen Nichts gegessen und war +recht matt geworden.« + +»Armes Kind,« sagte Kellmann mitleidig — »aber hast Du denn schon einen +Platz in der Stadt wo Du übernachtest?« + +»Ja,« sagte die Kleine — »ich denke so — können Sie mir aber wohl noch +sagen ob das Haus des reichen Herrn Dollinger nahe am Thore ist, oder weit +in der Stadt drin?« + +»Dollinger’s Haus? oh nicht so weit in der Stadt drin — aber was willst +Du dort?« + +»Mein Bruder ist in Herrn Dollinger’s Geschäft — wohnen auch die Leute bei +ihm im Hause?« + +»Nicht daß ich wüßte,« sagte Kellmann. + +»Aber man kann es doch dort erfahren wo sie wohnen?« + +»Gewiß — gleich unten im Haus bei dem Hausmann; frage nur nach der +Poststraße, wenn Du in’s Thor kommst.« + +»Gute Nacht Ihr Herren, und nochmals schönsten Dank — Gott mag es Ihnen +vergelten.« + +»Gute Nacht Kind, guten Weg,« sagte Kellmann, »aber — wie heißt denn Dein +Bruder?« + +»Franz Loßenwerder,« sagte das Mädchen und ging langsam die Straße hinab. + +»Oh Du mein Gott,« rief der Actuar leise und erschreckt vor sich hin, wie +er den Namen hörte — »das ist ja schrecklich.« + +»Du lieber Gott, das arme Ding muß von dem Schicksal des Bruders gar +Nichts wissen,« seufzte auch Kellmann — »und wenn sie das jetzt heute +Abend erfährt — o wo wird sie nur die Nacht bleiben?« + +»Armes, armes Kind,« sagte der Actuar, »und selbst ohne Geld in der +fremden Stadt.« + +»Ich geb’ ihr etwas,« rief Kellmann, rasch entschlossen, und eilte »heh! — +pst!« rufend die Straße hinab dem Mädchen nach, das stehen blieb und nach +Bündel und Tuch fühlte als sie den Ruf hörte, weil sie glaubte daß sie +vielleicht etwas vergessen hätte. + +»Liebes Kind,« stotterte aber Kellmann verlegen, als er sie eingeholt, +denn er konnte es nicht über’s Herz bringen ihr die Wahrheit zu sagen — +»ich — ich kenne Deinen Bruder, aber — er ist jetzt nicht in Heilingen — +Du — Du wirst es morgen schon hören, und im Dollingerschen Hause können +sie Dir auch heute nichts weiter sagen, es ist sogar sehr die Frage ob der +Mann unten im Haus noch auf ist. Gleich wenn Du in’s Thor hineinkommst, +das dritte Haus an der rechten Seite, vor dem die beiden Laternen stecken, +ist ein Gasthaus — ein gutes anständiges Haus, wo sie Dir Quartier geben +werden — da gieb ihnen diese Karte, der Wirth kennt mich, und sage ihm nur +ich hätte Dich hingeschickt.« + +»Aber bester Herr,« sagte das Mädchen bestürzt, als ihr der gutmüthige +Kürschnermeister mit der Karte zwei große Stücken Geld — es waren zwei +Thaler — in die Hand drückte — »ich weiß gar nicht — « + +Kellmann ließ sie aber gar nicht zu Worte kommen. + +»Schon gut — schon gut,« rief er, drehte sich um, und kehrte, das Mädchen +allein auf der Straße zurücklassend, eben so rasch nach dem Platz zurück, +wo der Actuar noch seiner harrend stand. + +»Haben Sie es ihr gesagt?« frug dieser ihn. + +»Nein — um Gottes Willen nein; das mögen Andere thun, _ich_ könnte es +nicht.« + +»Aber was soll jetzt aus ihr werden?« + +»Ich werde mich im Löwen schon nach ihr erkundigen,« sagte Kellmann nach +kurzer Ueberlegung — »und wenn es ein ordentliches Mädchen ist, hab ich +Bekannte genug hier in der Stadt, ihr einen Dienst zu verschaffen. Aber +wie ist es denn mit der Loßenwerderschen oder Dollingerschen Geschichte +geworden? ist denn noch etwas von dem gestohlenen Gut zu Tage gekommen? — +man hört ja keine Sterbenssylbe mehr darüber.« + +»Nichts — gar nichts weiter,« sagte der Actuar; »im Gegentheil hat der +arme Teufel von Loßenwerder ein kleines Tagebuch geführt gehabt, was sich +unter den confiscirten oder mit Beschlag belegten Sachen fand, und worin +er jeden bis dahin eingenommenen Groschen sorgfältig und ordentlich, mit +seinen höchst bescheidenen Ausgaben, aufnotirt. Das aber als gültig +angenommen — und wir haben nicht die mindeste Ursache es zu bezweifeln da +es fast zwölf Jahre zurückführt — wäre im Gegentheil der Beweis geliefert +daß die aufgefundenen zweihundert Thaler mühsam und redlich gespartes Geld +gewesen wären.« + +»Und _kein_ anderer Beweis hat sich gegen ihn herausgestellt?« + +»Keiner, als daß er im Hause war und sich auffällig heimlich daraus +entfernt hat; aber auch selbst das findet nach den Acten eine +wahrscheinliche, wenn auch etwas wunderliche Erklärung. Nach einer Zahl +vieler höchst mittelmäßiger, oft aber auch ziemlich guter Gedichte, in +denen sich besonders viel Gemüth ausspricht, scheint der arme verwachsene +und hülflose Mensch eine Art von — Liebe — ich kann es nicht anders +nennen, gegen Dollinger’s jüngste Tochter und Henkel’s Braut in seinem +unschönen Körper mit herumgetragen, und nur, seinen Standpunkt gar wohl +erkennend, den einzelnen, in seinem Pult verschlossenen Blättern +anvertraut zu haben — doch das unter uns. Diese unglückselige und +hoffnungslose Neigung _kann_ ihn möglicher Weise dazu getrieben haben, dem +jungen Mädchen zu ihrem Geburtstag einen Blumenstock zu schenken — er hat +sogar ein Gedicht geschrieben was den Punkt berührt, und worin er sich +glücklich fühlt daß sie eine Blume pflegen könnte die er gezogen, wenn sie +auch nicht wüßte von wem sie käme. Daß er unter solchen Umständen nicht +wollte im Hause gesehen sein läßt sich denken, und ein Diebstahl in ihrem +eigenen Zimmer verliert, diesen Thatsachen gegenüber, an +Wahrscheinlichkeit, wenn er auch nicht eben zu einer Unmöglichkeit +gehörte. Das Menschenherz ist schwach, und Mancher schon ist geringerer +Verführung erlegen.« + +»Hm, hm, hm,« sagte Kellmann vor sich hin — »das ist ja eine rechte, +rechte böse Geschichte, und der arme Teufel da am Ende ganz und gar +unschuldig in sein Verderben gesprungen.« + +»Ja, und eine Sache die mir selber schon manche schlaflose Nacht gemacht +hat,« sagte der Actuar, »denn ich _kann_ den Gedanken nicht los werden, +welchen Antheil ich selber daran gehabt, den Unglücklichen dahin zu +treiben — obgleich ich eben nicht mehr als meine Pflicht gethan, und an +einen solchen verzweifelten Schritt nicht denken konnte; war er +unschuldig, hätte sich das ja bald in der Untersuchung herausgestellt.« + +»Ja, und die Untersuchung rechnet Ihr Herrn vom Gericht eben für Nichts,« +sagte Kellmann finster — »aber wenn das sein erspartes, und Gott weiß dann +_wie_ mühsam erspartes Geld war, wird es doch auch seinen Erben nicht +können vorenthalten werden.« + +»Die Untersuchung ist noch nicht ganz geschlossen,« sagte der Actuar, +»aber ich glaube auch nicht daß irgend Jemand anders einen Anspruch darauf +wird geltend machen können. Diese Schwester erwähnte er überhaupt mehrmals +in seinen Notizen, und hat sie auch dann und wann unterstützt, das Geld +wird ihr später allerdings zugesprochen werden.« + +»Und keine Spur ist sonst aufgefunden von dem möglichen, von dem +wirklichen Dieb?« + +»Keine — die Dienstboten sind Alle mehrmals scharf inquirirt und auf das +Genauste die ganze Zeit beobachtet, zu sehen ob eins von ihnen vielleicht +größere Ausgaben als gewöhnlich mache, oder sich durch irgend etwas +anderes verrathen würde; ja die Leute haben untereinander fast eben so +scharfe Wacht gehalten, den Verdacht von sich abzuwälzen und den +Schuldigen aufzufinden, aber es hat sich bis jetzt nicht das Mindeste +herausstellen wollen. Mit Geld ist das eine böse Sache, und wenn der Dieb +die Juwelen nur vorsichtig ein paar Jahr an sich hält, und dann vielleicht +noch gar außer Landes schafft, wer soll ihn da aufspüren? allwissend sind +wir auch nicht.« + +»Das weiß Gott,« sagte Kellmann — »wie damals mit der Pelzdecke, die mir +Jemand von der Ladenthür weggestohlen, und die ich zwei Jahr später ganz +gemüthlich im Polizeibureau, beim Polizeidirector selber in der Stube +wiederfand; da hört denn doch Alles auf. Aber mir ist wahrhaftig jetzt +nicht wie spaßen zu Muth; der Anblick des armen Mädchens hat einen +wehmüthigen Eindruck auf mich gemacht; lieber Himmel, was es doch für +Elend auf der Welt giebt, und still und bewußtlos gehen wir meist daran +vorüber.« + +»Und die Musik da drinnen, während das arme Kind dort allein und freundlos +seine Straße geht, und trotzdem jetzt noch glücklich ist gegen den +Augenblick, wo es das Furchtbare doch erfahren _muß_. Mich leidet’s heute +nicht länger hier draußen, Kellmann,« brach er kurz ab — »ich mag die +Tanzmusik nicht hören — wollen wir zurück in die Stadt gehn? es ist +überdies schon spät.« + +»Ich habe Nichts dagegen,« sagte Kellmann, tief aufseufzend — »mir ist +der Abend heute auch verdorben, aber wir wollen Schollfeld erst abrufen.« + +»Da drin ist wohl Prügelei?« sagte da Ledermann, als aus dem Hause wilder +Lärm zu ihnen heraus tönte. + +»Das wäre früh,« meinte Kellmann — »die kommt gewöhnlich sonst erst +später, oder ganz zum Schluß. Es ist doch sonderbar, daß ein deutscher +»Tanz« nie ohne eine Schlägerei enden kann; es scheint auch ungefähr +dasselbe, wie der Cotillon bei einem Ball, nur daß sich die jungen Mädchen +nicht dabei betheiligen — höchstens verheirathete Frauen, ihre Eheherren +zu schützen, und die Verwirrung womöglich noch größer zu machen — hallo +aber das kommt hier heraus.« + +»Sie werden Jemanden hinauswerfen,« sagte der Actuar ruhig — »lassen Sie +uns an die Seite treten daß wir nicht in das Gewirr gerathen.« + +Der Actuar hatte allerdings recht, denn unter dem Lachen, Schreien und +Jubeln der Menge, durch das einzelne wilde Flüche einer, ihnen keineswegs +unbekannten Stimme tönten, wälzte sich ein Haufen Menschen aus dem Saal +heraus, in der Mitte einen Mann schleppend, der sich mit Händen und Füßen, +wenn auch umsonst, gegen solche unwürdige Behandlung sträubte, und in dem +die beiden Freunde sehr zu ihrem Erstaunen den Auswanderungsagenten Weigel +erkannten. + +»Laßt mich los!« schrie dieser dabei, mit den wildesten, ungemessensten +Flüchen und Schimpfreden — »laßt mich los oder ich rufe die Polizei — +Hülfe! — Mörder! Feuer!« + +»Brüll nur mein Herzchen!« sagte aber der Verwalter von Hohleck, eine +riesige breitschultrige Gestalt, der den machtlos dagegen Ankämpfenden wie +in einer eisernen Klammer am Kragen gepackt hielt — »Dich könnten wir hier +brauchen, die Leute heimlich beschwatzen daß sie Hof und Dienst verlassen +und nach Amerika liefen — ei Du Hallunke, Du kommst mir einmal wieder vor +die Fäuste.« + +»Halt da — Hohmeier! laßt ihn los!« rief aber in diesem Augenblick eine +andere, etwas schwer klingende Stimme, die dem also Gefährdeten zu Hülfe +zu eilen schien — »der hier — Homeier — der hier ist mein Freund — mein +ganz intimer Freund und den laß ich mir — Homeier, den laß ich mir nicht +aus dem Hause werfen.« + +Es war Niemand anderes als der Wirth, Lobsich, selber, aber, wie es die +Seeleute nennen, »halb im Wind«, mit schwerer Zunge und schon etwas +taumelndem Gang, daß sich der Zustand in dem er sich befand, nicht gut +verkennen ließ. Er versuchte dabei den Agenten zu halten und aus den +Händen derer die ihn gefaßt hatten fortzuziehn; Hohmeier, der Verwalter +schob ihn aber mit seinem linken Arm bei Seite, als ob es ein Kind gewesen +wäre, und sagte ruhig: + +»Geht zu Bett Lobsich, das wär’ Euch viel besser heut Abend, aber mischt +Euch nicht in Sachen die Euch Nichts kümmern.« + +»Nichts kümmern?« rief aber der Wirth gereizt, indem er den Verwalter mit +großen stieren Augen ansah — »nichts kümmern _Hoh_meier? — oh _Hoh_meier +wem gehört denn dies Haus, heh? — nichts _kümmern_? wem gehört denn der +rothe Drache, heh, _Hoh_meier.« + +Die Schaar war indessen bis grade dorthin gekommen, wo Kellmann und der +Actuar standen, und wo sie den Agenten zwischen zwei ziemlich nah zusammen +wachsenden Akazienbäumen durchtragen wollten als dieser, solche letzte +Gelegenheit vielleicht, benutzend, Arm und Beine auseinanderspreitzte, daß +sie ihn nicht hindurchbringen konnten, während er von Neuem sein »Hülfe! +Mörder! Feuer!« aus voller Kehle schrie. + +»Wenn ihm nur Jemand die Beine ausheben wollte!« sagte Herr Schollfeld, +der ein höchst vergnügter Zeuge der Scene war, ohne jedoch seines +schwächlichen Körpers wegen selber Theil daran zu nehmen, jetzt +wohlmeinend. Ein paar Knechte vom Hof, die ihren Verwalter in seinem +Richteramt unterstützten, ließen sich das auch nicht zweimal sagen, und +der wüthend, aber vergebens dagegen Antretende fand sich bald in der +vollkommnen Gewalt der Leute, ohne im Stande zu sein auch nur den +geringsten erfolgreichen Widerstand zu leisten. + +»Heh _Hoh_meier!« schrie aber Lobsich, der sich indeß durch die im Garten +stehenden Stühle und Tische wieder nach vorn gedrängt hatte den Mann frei +zu machen, von dem er sich plötzlich einbildete daß er sein Freund sei, +»laßt mir den Menschen los, sag ich Euch _Hoh_meier — Donnerwetter ich +will doch einmal sehn wer hier in meinem eigenen Hause zu befehlen hat. +Ihr oder ich — _Hoh_meier. Es ist mir doch was Unbedeutendes!« Er schien +sich auch in der That den Leuten entgegenwerfen zu wollen; im Vorspringen, +und das viele Getränk im Kopf, blieb er aber mit dem einen Fuß in einer +dort stehenden Fußbank hängen, und schlug der Länge lang in den Garten, +während die Knechte den jetzt wüthend um sich schlagenden Agenten rasch +aufgriffen und, lachend über des Wirthes Unfall, aus der Gartenthür auf +die Straße warfen. + +Ein furchtbarer Lärm entstand jetzt, die Leute jubelten und lachten, und +erzählten sich untereinander wie der »Auswanderungsmann« einen +Schaafknecht vom Gut hätte bereden wollen als »Schaafmeister« nach Amerika +auszuwandern, und vom Verwalter dabei erwischt wäre, und der +»Auswanderungsmann« stand vor dem Gartenthor und schimpfte und wüthete, +bis einer der Knechte das Schloß wieder aufdrückte und hinaus und ihm nach +wollte, und dann auf der Chaussee stehen blieb und hinter dem davon +Laufenden herfluchte, und Steine hinter ihm drein warf. + +Drinnen im Saal tönte die Musik aber wieder rauschender als vorher, und +die jungen Burschen durften die Zeit hier nicht länger im Garten +versäumen. Während die aber wieder in den Saal drängten, Tänzerinnen zu +bekommen, und Schollfeld von Kellmann angerufen war, mit ihnen zurück nach +der Stadt zu gehn, blieb Lobsich noch im Garten, an dessen Thüre er trat, +und nach der Straße hinaus mit lauter und immer ärgerlicher werdender +Stimme Weigel’s Namen schrie. Lobsich war jedenfalls stark angetrunken und +wollte sehr wahrscheinlich den Mann zurück holen, um ihm jetzt ernstlich +beizustehn und den Skandal noch einmal von Neuem zu beginnen. + +Die drei Freunde hielten sich dabei im Schatten eines dichten +Fliederbusches, von dem aufgeregten und jetzt doch nicht +zurechnungsfähigen Menschen nicht bemerkt zu werden, und dann unbelästigt +den Garten zu verlassen, als Lobsich’s Frau, die das Toben ihres Mannes +wohl im Haus gehört, von dort her und den Mittelweg herunter eilte. Ohne +daß er sie bemerkte kam sie auch bis dicht an ihn hinan, und hier seinen +Arm ergreifend sagte sie mit leiser, bittender Stimme. + +»Lobsich — Vater — komm sei vernünftig, laß das Schreien und Toben hier +auf der Landstraße und geh zu Bette — thu _mir’s_ zu Liebe Lobsich, wenn +ich Dich darum bitte.« + +»Laßmchfrieden,« stammelte aber der Betrunkene mit schwerer Zunge und +suchte sie von sich abzuschütteln — »laß mchfrieden sag ich — Dnrrwttrrr — +ich weiß — ich weiß was ich ss — se thun habe — « + +»Aber Lobsich, ich bitte Dich um Gottes Willen,« flüsterte die Frau in +Todesangst — »Du machst Dich und mich unglücklich wenn Du Dich nicht +änderst — was soll daraus werden?« — + +»Laßmch — frieden,« stammelte aber der Mann, sie unwillig von sich +abschüttelnd, aber er verließ den Thorweg wenigstens und taumelte durch +den Garten fort, seitwärts vom Hause ab — »Weibervolk,« murmelte und +fluchte er dabei — Himmelsakkrments Weibervolk — Unsinn — violettblaues — +ist mir doch — ist mir doch was Unbe — Unbedeutendes — « und er +verschwand damit hinter den Büschen. Die Frau aber blieb, den Ellbogen auf +das Thürschloß gestützt und das Gesicht in den Händen bergend, allein +zurück, richtete sich aber rasch wieder auf, als sie Schritte auf sich +zukommen hörte, und wollte nach dem Haus zurück. + +»Frau Lobsich,« sagte Kellmann, der es war, gutmüthig, ja fast herzlich — +»macht denn das Lobsich jetzt öfter daß er so über die Schnur haut?« + +»Ach Sie sind es Herr Kellmann,« sagte die arme Frau beruhigt. »Lieber +Gott, ich weiß meinem Herzen keinen Rath mehr, wenn er’s so fort treibt; +wie soll das enden?« + +»Aber ich habe Ihren Mann so doch noch in meinem Leben nicht gesehn,« +sagte Kellmann verwundert. + +»Ach ja,« seufzte die Frau — »es ist nicht das erste Mal, aber ich habe +immer gesucht es so viel als möglich zu verheimlichen, es giebt gar solch +ein böses Beispiel für die Leute. Es sind auch eigentlich nur einige +Wochen erst daß er so scharf zu trinken anfängt. Lieber Gott, im Kopf hat +er früher schon manchmal eins gehabt, aber er artete doch nie aus, jetzt +jedoch geht der Spiritus mit ihm durch, und er wird zum Thier. Ach guter +Herr Kellmann, wenn Sie einmal ein recht ernstes aber doch freundliches +Wort mit ihm sprechen wollten; auf Sie hält er etwas. Mir verspricht er’s +wohl auch,« setzte sie leiser hinzu, »aber — er vergißt es immer nur zu +rasch wieder.« + +»Ich will mein Möglichstes mit ihm versuchen, Frau Lobsich,« sagte +Kellmann freundlich — »aber,« setzte er rascher und leiser hinzu — »dort +glaub’ ich kommt er schon wieder zurück, es wird besser sein wenn Sie +versuchen ihn heute Abend zu Bett zu bringen; mit einem betrunkenen +Menschen läßt sich Nichts anfangen.« + +»Na? — Donnrrwttrrr,« stammelte aber in diesem Augenblick der Wirth, der +auf seinem Zickzack Cours wieder nach der Thür zurückkam, und die Arme +einstemmend einen, wenn auch vergebenen Versuch machte, mit gespreitzten +Beinen vor seiner Frau stehen zu bleiben — »Dnnrrrwttrrr,« wiederholte er, +herüber und hinüber schwankend — »was’s das vor Wirthschaft heh? wo gehört +die — gehört die Frau hin, heh? — in die Hofthür mit fremden Kerlen +schwatzen heh? — ist mir doch — ist mir doch was Unbe — Unbedeutendes.« + +»Aber lieber Lobsich,« nahm hier der jetzt auch hinzugetretene Schollfeld +das Wort, »sein Sie doch vernünftig und gehn Sie — « + +»Hallo?« rief aber der Wirth, sich halb nach dem Redner herumdrehend, in +dessen hell vom Mond beschienenen Zügen er den Apotheker erkannte — »sin’ +wir auch hier? heh? — haben auch mit g’holfen mein’ besten Freund — mein’ +besten Freund mit hinaus zu werfen — heh? Sie — Sie Giftmischer Sie — Sie +— « + +»Herr Lobsich!« rief Schollfeld ärgerlich, »Sie sind heute nicht +zurechnungsfähig, sonst — « + +»Was? — Pillendreher will noch — will noch raiss — raiss’niren — heh?« +rief aber der gereizte Wirth und that einen Schritt gegen den Mann an. + +»Aber Lobsich so bedenke doch um Gottes Willen was Du sprichst,« bat ihn +die Frau, seinen Arm ergreifend — »komm mit mir in’s Haus — wir haben +noch so viel zu thun.« + +»Viel zu thun? — heh? — habe keine Zeit mehr heut Abend — hickup« — +stammelte aber der Mann gegen den Schlucken ankämpfend — »muß noch — muß +noch — hickup — muß noch Wein abziehn und — und Bier trinken — hickup — +und — und hahahahaha — da ist — da ist ja die ganze Gesellschaft — ja wohl +— hickup — ja wohl, komme schon — komme schon meine Herrn — Lobsich ist +immer da — ein verfluchter Kerl, der — der — hickup — der Lobsich — ist +mir doch — ist mir doch was Unbedeutendes;« — und in einer unbestimmten +Idee daß ihn vom Haus aus Jemand gerufen hätte, wobei er seine Umgebung +ganz vergaß, taumelte er dem Saal wieder zu, wohin ihm die Frau ängstlich +folgte. Sie mußte ihn ja zurückhalten, daß er so seinen Gästen und Leuten +nicht wieder unter die Augen kam. + + + + + + Capitel 9. + + + RÜSTUNGEN. + + +»Nach New-Orleans!« + +»Das ausgezeichnet schöne, 360 Last große, schnellsegelnde, kupferfeste +und gekupferte dreimastige Bremer Schiff erster Klasse: + +_Die Haidschnucke_, Capitain _E. Siebelt_, mit vorzüglicher Gelegenheit +für Cajüts- und Zwischendecks-Passagiere — wird am 30. August expedirt. + +Agent dafür, I. G. Weigel, + +Hauptagent des Central-Bureau’s für Norddeutsche Auswanderung in +Heilingen, am Markt Nr. 17.« + +Diese Anzeige stand am Morgen nach den, im letzten Capitel beschriebenen +Vorfällen im Heilinger Tageblatt, und Dr. Haide, der Redacteur desselben, +hatte die Gelegenheit nicht unbenutzt wollen vorübergehen lassen, einige +entsetzliche Mordgeschichten und falsche Bankerotte aus den Vereinigten +Staaten, wie zur Entmuthigung aller Auswanderungslustigen, in der +nämlichen Nummer seines Blattes abzudrucken. + +Weigel war wüthend darüber, und schrieb augenblicklich einen anderen +Artikel dagegen; den nahm Doctor Haide aber nicht auf, weil er, wie er +ganz naiv erklärte, »sich dadurch selber blamiren würde.« Uebrigens sei +die Sache auch schon erledigt, indem die Schiffsanzeige _für_, sein +Artikel aber _gegen_ Amerika und die Auswanderung wäre, und er es sich zum +Grundsatz gemacht hätte, jeden Artikel nach beiden Seiten hin zu +beleuchten — wenn Herr Weigel etwas gegen ihn wolle einrücken lassen, sei +er keineswegs verpflichtet es aufzunehmen, und er möge ihn deshalb, wenn +er damit durchzukommen glaube, nur ganz einfach darauf verklagen. + +Die Abfahrt dieses Schiffes war aber für Heilingen in so fern von nicht +unbedeutender Wichtigkeit, als sich mehre Familien dieser Stadt ernstlich +dahin entschlossen hatten, mit demselben nach Amerika auszuwandern. So +unter Anderen Professor Lobenstein, der sein Haus jetzt verkauft, und der +Stadt überhaupt durch seine beabsichtigte Auswanderung höchst willkommenen +Stoff zu den mannichfaltigsten Vermuthungen und Erörterungen geliefert +hatte. Ja mehrere Kaffeegesellschaften der näheren Bekannten Lobenstein’s +waren wirklich nur einzig und allein zu dem Zweck gegeben worden, sich +einmal ordentlich über die Sache »aussprechen« zu können. + +Auch in dem Dollinger’schen Haus hatten die letzten Wochen bedeutende +Veränderungen hervorgebracht, indem der junge Henkel Briefe von Amerika +erhielt, nach denen seine Anwesenheit dort, dringend nothwendig geworden. +Zwei Wechsel trafen zugleich für ihn ein, wie ziemlich starke Aufträge zu +Ankäufen in Tuchen und Seidenwaaren von seinem Haus, welches Geschäft er +mit Herrn Dollinger in Gemeinschaft auszuführen gedachte. + +Der alte Herr Dollinger, so schwer es ihm auch wurde, und so lange er sich +dagegen gesträubt, mußte da wohl endlich seine Einwilligung zu der +Verbindung Clara’s mit dem jungen Amerikanischen Kaufmann, über dessen +Familie und Geschäft in New-Orleans er von einem dortigen Geschäftsfreund +das Beste erfahren hatte, geben. Nur wunderte man sich dort, daß der junge +Henkel in Nord-Deutschland sei, während man ihn auf einer größern Tour +durch Italien und Griechenland vermuthet. Die Leute dort konnten nicht +wissen daß der junge Mann auf dem Rhein andere Pläne für seine Zukunft +geschaffen, als er sie früher vielleicht ausgesonnen. + +Am letzten Sonntag war also, ganz in der Stille, die Trauung vollzogen und +Clara, das liebe holde Mädchen, die Frau des jungen reichen Amerikaners — +wie man ihn überall in der Stadt nannte, geworden. Jetzt galt es nun +freilich noch, in der kurzen Zeit all die nöthigen und so mannichfachen +Vorbereitungen zu einer Reise nach Amerika für die junge Frau zu treffen. +Es sollte aber wirklich auch nicht viel mehr als eine Reise werden, denn +Henkel hatte sich schon selber fest erklärt, seinen künftigen Wohnsitz +keineswegs in Amerika, sondern in Havre nehmen zu wollen, wo überdies, der +bedeutenden Geschäftsverbindung wegen mit diesem Hafen, ein Associé des +Hauses sich aufhalten mußte. Ein oder zwei Monate gedachten die jungen +Eheleute dann jedes Jahr in dem reizend gelegenen Heilingen zuzubringen, +was ihnen, wie den Eltern, die jetzige Trennung sehr erleichterte, und +spätestens im März oder April schon wieder nach Europa zurückkehren zu +können. Die ganze Reise war dadurch wirklich fast nur zu einer etwas +längeren Vergnügungsfahrt geworden. + +Auch für Clara’s Mutter war das Bewußtsein, ihr Kind nicht für immer zu +verlieren und bald wieder in die Arme schließen zu können, eine unendliche +Beruhigung, und selbst hierzu hatte es ihr einen großen Kampf gekostet, +ihre Einwilligung zu geben. Clara selbst aber hing mit ganzem Herzen an +dem theuren Mann, und fühlte sich vollkommen glücklich in einer +Verbindung, die seit sie den Fremden kennen und lieben gelernt, ihr das +Ziel ihrer irdischen Wünsche geschienen. + +Was war ihr die Reise, was die Gefahr und Mühseligkeit derselben? sie wäre +ihm in eine Wildniß gefolgt, und hätte sich doch glücklich an seiner Seite +gefühlt. + +Der junge Henkel wünschte nun die Ueberfahrt in einem Englischen Dampfer +nach New-York, und von da mit einem Amerikanischen Dampfschiff nach +New-Orleans zu bewerkstelligen, Clara fürchtete sich aber an Bord eines +Dampfers zu gehn, theils der doppelten Gefahr, theils der unangenehmen +Bewegung derselben in schwerem Wetter wegen, von der sie viel gehört, und +da es sich jetzt gerade so traf daß eine ihr befreundete Familie, +Professor Lobenstein’s, ebenfalls nach New-Orleans, und in einem +Segelschiff von Bremen ab auswanderte, bat sie mit diesen reisen zu +dürfen. Henkel selber schien nicht recht damit einverstanden, fügte sich +aber doch endlich den Bitten seiner jungen Frau. + +Wenn aber bei Dollinger’s im Haus wenig mehr als Wäsche und Kleider +herzurichten waren, nur zu einer Reise nicht zu einer Uebersiedlung nach +Amerika, und man diese schon großenteils gepackt und vorausgeschickt +hatte, die letzten Stunden in der Heimath durch kein Aussuchen und Packen +gestört zu haben, so schien dagegen bei Professor Lobenstein das ganze +Haus von innen nach außen gekehrt zu sein. + +Der Professor nämlich hatte auf keinerlei Weise bewogen werden können mit +seinen Sachen eine Auction anzustellen, und nur das Nothwendigste +mitzunehmen, da Fracht und Spesen unterwegs ein wirkliches Capital +auffressen würden, für das er sich Alles was er dort brauchte auch an Ort +und Stelle neu anschaffen könnte. Allen die ihm dies riethen zeigte er aus +verschiedenen Schriften die statistisch aufgestellten Arbeitslöhne der +verschiedenen Handwerker, wie die Preise der Provisionen, und bewieß ihnen +auf das Klarste und Unumstößlichste was jedes einzelne Stück Meublen und +Hausgeräth in notwendiger Folgerung in Amerika kosten müsse. Eben so hatte +er sich mit unendlicher Ausdauer einen Ueberschlag der verschiedenen +Frachtpreise nach New-Orleans, und von da in’s Innere gemacht, bis er +endlich zu dem obigen Resultat gekommen, und nun auch augenblicklich eine +Anzahl Tischler in Arbeit setzte, lauter neue Kisten für seine Sachen +anzufertigen. + +Eine große Anzahl von diesen war nun schon, gepackt und mit eisernen +Reifen beschlagen, als Fracht vorausgeschickt, eine andere Sendung sollte +heute abgehn, und die letzten dann in den nächsten Tagen befördert werden, +noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu sein. Kellmann selbst, dem +Hause eng befreundet, hatte dahin mehrere Aufträge übernommen, und kam +heute Morgen, Bericht über die Ausführung derselben abzustatten. + +Er selber war natürlich mit der ganzen Uebersiedlung gar nicht +einverstanden, hatte aber doch, als er alle Gründe des Professors dafür +gehört, weit weniger dagegen gesagt, als die Familie im Anfang vermuthet +und auch wohl gefürchtet haben mochte. Der Professor sei eben ein +Professor, meinte er nur, und wo der einmal seinen Kopf aufgesetzt habe, +ließ sich auch Nichts mehr abstreiten oder gar dagegen beweisen, man müsse +ihn eben sich selber überlassen, und — es thue ihm nur um die Familie +leid. Nichtsdestoweniger gab er sich jede erdenkliche Mühe ihnen, wo er es +nur irgend vermochte, beizustehn, wobei er den Professor doch von manchem +unüberlegten oder unpraktischen Schritt zurückhielt. So kämpfte er, und +zwar glücklicher Weise mit Erfolg, gegen die unglückselige Idee des +Professors an, sich hier, trotz Allem was er darüber schon gelesen, von +dem Auswanderungsagenten Land und eine Farm zu kaufen. Er wollte drüben +nicht »in Gefahr kommen« von Amerikanischen und betrügerischen +Landspeculanten hintergangen zu werden, und seine Berechnung sämmtlicher +Kosten gleich hier an Ort und Stelle machen können, was ihm nicht möglich +sei, wenn er die Contracte nicht in der Tasche habe. + +Kellmann, auf dessen praktisches und gesundes Urtheil er sonst überhaupt +viel gab, machte ihn mit seinen ernstlichen Vorstellungen aber doch +stutzig, und noch eine authentische Person über die dortigen Verhältnis zu +hören, wandte er sich zuletzt an den jungen Henkel, und bat diesen um +Meinung und Rath über die, ihm allerdings sehr am Herzen liegende Sache. +Dieser rieth ihm aber ebenfalls auf das Entschiedenste ab, sein Geld hier +an eine solche Speculation wegzuwerfen, denn dieser Weigel scheine ihm, +was er bis jetzt von ihm gesehn, eine keineswegs volles Vertrauen +verdienende Persönlichkeit. Er solle warten bis sie drüben wären, dort +habe er Zeit genug (Kellmann hatte ihm dasselbe gesagt), und finde er in +New-Orleans oder Missouri nichts Besseres, so sei er selber vielleicht im +Stande ihm ein kleines reizendes Gut abzutreten, das er einmal auf einem +Jagdzug in’s innere Land gekauft, und jetzt noch verpachtet hätte. + +»Und der Preis?« + +»Er würde zufrieden sein.« Damit war die Sache für jetzt abgemacht; +freilich zu Weigels Verdruß, der die Farm, wie er sich ausdrückte, nun +noch »zur Verfügung« behielt. + +Es mochte etwa Morgens um elf sein, als Kellmann Professor Lobensteins +besuchte. Das Haus war am vorigen Tag öffentlich verauctionirt und von +einem reichen Weinhändler in Heilingen erstanden worden, die Familie aber +jetzt in angestrengter Arbeit eifrig bemüht das unangenehme Gefühl nicht +allein zu verscheuchen, sondern auch eines vor dem anderen zu verbergen, +»zum _ersten_ Male in der _eigenen_ Heimath _fremd_ zu sein;« zum ersten +Mal fremd in den Räumen, die ihrer Kindheit Spiele gesehn, und Zeuge +gewesen waren ihrer keimenden Hoffnungen und Träume. + +Der erste schwere Schritt zu einem neuen Leben und Wirken war aber damit +geschehn; freilich auch zu gleicher Zeit die Brücke abgebrochen, die noch +zurück hätte führen können in das Vaterland. Das Band war damit zerrissen, +das sie noch an dieses knüpfte, und wunderbarer Weise hatte sich jetzt, +wie sie sich gestern noch fast Alle gefürchtet vor dem Gedanken die lieben +theueren Räume zu verlassen, ein fremdes unheimliches Gefühl zwischen sie +und das Haus geworfen, und sie _ersehnten_ den Augenblick wo sie hinaus +konnten, fort, nur fort von hier — aus den Erinnerungen fort. Und doch +sprachen sie das nicht aus gegen einander; Jedes hielt sich nur allein für +so thöricht und kindisch, mit den quälenden Gedanken; keines wußte daß das +Gefühl in ihrer Aller inneres Leben verwoben sei, und in des Herzens +feinsten Fasern Wurzel schlug. + +Die Stimmung Aller, so sehr sie sich auch hüteten dem was sie dachten +Worte zu geben, war denn auch an dem ganzen Morgen schon eine stille, +gedrückte gewesen, und Kellmann’s Erscheinen befreite Alle wie von einer +Last. Unten auf der Treppe wurde der aber schon laut. + +»Na, ist das ein Vergnügen zu so einer Auswanderungsfamilie in’s Haus zu +kommen,« rief er, als er sich mit zusammengehaltenen Schößen zwischen +einer Reihe Kistendeckel hindurchdrückte, die, mit den Nägeln nach außen, +an der Wand lehnten, und dabei noch über eine Unzahl Körbe und Schachteln +wegsteigen mußte, nur in die Stube zu kommen. + +»Nehmen Sie sich in Acht, lieber Kellmann,« rief ihm der Professor, der +seine Stimme gehört hatte, aus der halbgeöffneten Thüre entgegen (er +konnte diese nicht ganz aufmachen da ebenfalls eine Kiste dahinter stand). +»Sie möchten sich da draußen die Kleider zerreißen.« + +»Ist schon bereits geschehen,« brummte Kellmann, indem er versuchte einen +Blick nach seinem, allerdings beschädigten Rücktheil zu gewinnen, »meine +Güte, wie sieht das bei Ihnen aus — ah guten Morgen meine Damen — und +schon so fleißig? — was um Gottes Willen nähen Sie denn da? — +Getraidesäcke für die nächste Erndte?« + +»Fehlgeschossen Herr Kellmann,« rief ihm aber Marie, die sich gern mit dem +freundlichen Mann neckte, entgegen — »Jacken sind das für uns, in den +Busch, zwischen den Dornen und Schlingpflanzen, die uns sonst das leichte +Zeug von den Schultern rissen. Warten Sie einen Augenblick, da können Sie +uns gleich Ihre Meinung sagen; die meinige ist gerade fertig, und ich will +sie eben anprobiren. Lassen Sie nur, ich werde schon allein fertig, dort +drüben müssen wir überdies Alles allein machen — So — nun, wie gefalle ich +Ihnen darin?« + +»Gar nicht,« sagte Kellmann mürrisch, »ich sähe Sie weit lieber in einem +leichten Ballkleid und mit Ihrem gewöhnlichen heiteren Gesicht, als in der +Sackleinwand und — hm — das verdammte Amerika. Geht denn Eduard jetzt +noch mit, oder bleibt er da? wo steckt er denn wieder? — der ist immer +fort wenn ich komme.« + +»Der geht mit, lieber Kellmann,« rief der Professor, »er konnte sich nicht +dazu entschließen, seine Eltern und Geschwister allein in die Welt ziehn +zu lassen, wo er ihnen vielleicht, zum ersten Mal in seinem Leben, +nützlich sein würde, und ist jetzt noch in der Geschwindigkeit zu einem +Tischler gegangen, die paar Wochen wenigstens zu benutzen, und doch eine +Idee von dem Handwerk zu gewinnen; wer weiß was wir da Alles zu thun +bekommen.« + +»Wird auch was recht’s davon in den paar Tagen profitiren,« brummte +Kellmann — »bei wem ist er denn, bei Leupold?« + +»Leupold?« rief der Professor, »der geht ja mit unserem Schiff nach +New-Orleans.« + +»Der Tischlermeister Leupold wandert auch aus?« rief Kellmann laut und +verwundert. + +»Hat sein Häuschen und seine Werkstätte verkauft, und ist jetzt +wahrscheinlich schon unterwegs nach Bremen,« betätigte ihm der Professor. + +»Na nu ist mir’s aber doch über den Spaß,« rief Kellmann — »da läuft ja +halb Heilingen fort; jetzt freut mich mein Leben; nächstens werden wir uns +unsere Schränke und Schuhe und Röcke selber machen können wenn wir ’was +haben wollen; ich darf nur gleich den meinigen zum Schneider schicken daß +er ihn mir noch ausbessert, ehe er auch durchbrennt. S’ist wirklich zum +Verzweifeln.« + +»Lieber Gott,« sagte der Professor — »die Leute verlangen nur Ellbogenraum +sich zu rühren; sie wollen einen Platz haben, der ihren Bedürfnissen +Befriedigung verspricht.« + +»Da haben Sie gleich den faulen Fleck,« rief Kellmann, »_Bedürfnisse +befriedigen_, wenn die Leute lebten wie ihre Voreltern gelebt haben, und +nicht mit jedem Jahre auch neue Bedürfnisse kennen lernten und befriedigt +haben wollten, so hätten wir alle Platz, und das verwünschte Amerika +könnte sehen wo es Hände und Fäuste bekäm zuzupacken und ihm den Boden zu +bestellen. Aber ich will mich nicht länger ärgern — laßt sie laufen, +nachher wird’s hier erst recht gemüthlich — apropos — Ihren Freund Weigel +haben sie gestern Abend im rothen Drachen hinausgeworfen — er wollte +Dienstleute, ich glaube einen Schäfer, verlocken nach seinem gerühmten +Amerika auszuwandern.« + +»Meinen _Freund_?« sagte der Professor achselzuckend, »ich habe mit Herrn +Weigel nie in einer solchen Beziehung gestanden, aber ich achte ihn als +einen Mann der ein gutes Herz mit einer tüchtigen Portion gesundem +Menschenverstand verbindet, und besonders schätzenswerthe statistische +Kenntnisse Amerika’s besitzt.« + +»Bah!« sagte Kellmann, den Kopf auf die Seite werfend, und mit den Fingern +schnalzend, »so viel für seine statistischen Kenntnisse; _unverschämt_ ist +er, das halt’ ich für seine Hauptforce, und er wirft Ihnen da mit der +größten Kaltblütigkeit eine Masse Zahlen in den Bart, denen man nicht +gleich widersprechen kann, weil sich der Gegenbeweis eben nicht führen +läßt. Wenn das Alles wahr ist was er über Amerika sagt, wäre _er_ der +größte Esel wenn er nicht selber hinüberginge.« + +»Seine Verhältnisse gestatten es ihm nicht, wie er mich oft versichert +hat,« vertheidigte ihn aber der Professor. + +»Ja, das kennen wir schon,« sagte Kellmann, »und wenn mich irgend etwas +glauben machen könnte daß _er_ wirklich Amerika kennt, so wäre es der +Umstand daß er selber nicht hinübergeht.« + +»Im rothen Drachen war ja wohl gestern ein kleines Fest?« frug die Frau +Professorin dazwischen, die das unerquickliche Gespräch abzubrechen +wünschte. + +»Ja, für die Dienstleute von Hohleck,« sagte Kellmann, »und Schollfeld und +ich waren ebenfalls hinausgegangen um den Spaß mit anzusehn.« + +»Und ihr Freund, der lange Actuar war nicht dabei?« lachte Marie. + +»Er kam später nach,« sagte Kellmann — »der arme Teufel ist jetzt auch +immer verdrießlich und niederschlagen.« + +»Er hat sein Kind verloren,« sagte Anna mitleidig. + +»Ja, und zu Hause fühlt er sich auch wohl nicht so recht wohl und +behaglich.« + +»Wir haben davon gehört,« sagte die Professorin — »seine Frau soll +eigenwillig und heftig sein, und ihm oft gar unangenehme Scenen bereiten.« + +»Seine Frau ist — « fuhr Kellmann auf, aber er unterbrach sich selber +wieder, und trommelte eine Weile mit den Fingern auf dem vor ihm stehenden +Tisch. + +»Was ist Ihnen denn nur heute, Herr Kellmann?« sagte aber Marie, jetzt zu +ihm tretend und seinen Arm berührend — »Sie schneiden ja heut Morgen ein +so bitterböses Gesicht, wie ich noch fast in meinem Leben nicht an Ihnen +gesehn. Ist Ihnen irgend etwas Aergerliches begegnet? — oder — Sie sind +doch nicht böse mit uns?« + +»Böse mit Ihnen? lieber Gott Mariechen,« sagte Kellmann herzlich ihre Hand +ergreifend — »ich müßte böse mit Ihnen sein daß Sie fortgehn und mich hier +allein zurücklassen; sonst wüßt’ ich wahrhaftig nicht weshalb.« + +»So kommen Sie mit,« lachte Marie, indem sie neckisch zu ihm aufsah. + +Kellmann seufzte tief auf, sagte dann aber kopfschüttelnd, und mit der +Hand über seine Stirn streichend, als ob er sich daraus all’ die trüben +Gedanken verscheuchen wollte — + +»Nach Amerika? — ja, weiter fehlte mir gar Nichts; aber heute sind es +wirklich andere Sachen die mir im Kopf herumgehn.« + +»Ist etwas vorgefallen, und können wir Ihnen helfen, lieber Herr +Kellmann?« sagte Anna freundlich. + +»Ach Gott nein,« sagte der kleine Mann seufzend — »es ist ein Stück von +dem allgemeinen Elend, das über den ganzen Erdball hinspielt, und das uns +gewöhnlich mit einem unheimlichen Gefühl, auch nicht außer dem Bereich +desselben zu liegen, durchschauert, wenn wir ihm einmal auf unserem +Lebenspfad begegnen. Sie sahen mich als ich vor dritthalb Stunden etwa +drüben aus dem Löwen kam?« + +»Ja, Sie grüßten ja herauf,« sagte die Professorin — + +»Nun gut; ich war dort, einem armen Mädchen nachzufragen, das wir gestern +Abend spät auf der Straße trafen, und das ich dorthin schickte +Nachtquartier zu suchen« — Und nun erzählte ihnen Kellmann mit kurzen +Worten das gestrige Zusammentreffen mit des unglücklichen Loßenwerder +Schwester, und ebenfalls daß sich schon jetzt herauszustellen scheine, wie +der arme Teufel von Loßenwerder unschuldig in Verdacht gerathen sei. Nur +in reiner Verzweiflung mochte er sich den Tod gegeben haben, als man ihm +das letzte, einzige das er auf der Welt hatte — seinen ehrlichen Namen — +nehmen wollte — oder eigentlich schon von Gerichts wegen genommen hatte. +Unsere wackeren Polizeigesetze halten ja nun einmal jeden Menschen für +einen Spitzbuben, bis er nicht durch Atteste genügend dargethan hat daß — +»gegen ihn noch nichts Gravirendes bekannt geworden.« + +»Und was geschieht jetzt mit dem armen, armen Mädchen?« frugen fast +gleichzeitig Marie und Anna — »lieber Gott, hier in der fremden Stadt, +allein, ohne Mittel, ohne Freunde, wie entsetzlich müßte es da sein, wenn +sie vielleicht aus rohem Munde zuerst die furchtbare Nachricht vernähme.« + +»Gestern Abend,« sagte Herr Kellmann etwas verlegen, »kam uns das Ganze +wirklich so schnell und überraschend, daß wir nicht die geringste Zeit zum +Ueberlegen behielten; wir — wir gaben ihr nur ein paar Groschen und +schickten sie in den Löwen, hier gegenüber, um da zu übernachten, damit +sie nicht in der Stadt nach ihrem Bruder früge, und die entsetzliche +Geschichte gleich in der ersten Viertelstunde erführe; heute Morgen wollte +ich dann selber herkommen und sehn was sich thun ließ — « + +»Und jetzt? — weiß sie was geschehen ist? frug die Professorin mitleidig +die Hände faltend — Herr Kellmann zuckte mit den Achseln und sagte: + +»Sie ist fort — « + +»Fort? — wohin?« riefen die Frauen. + +»Kein Mensch konnte mir darüber Auskunft geben, gestern Abend war sie +richtig dort angekommen, und ihres dürftigen Aussehns wegen in die +Gesindestube gewiesen, und dort muß sie unglückseliger Weise ihren Namen +genannt, vielleicht nach ihrem Bruder gefragt und das Schrecklichste +gleich erfahren haben, denn sie war, selbst ihr Bündel im Stich lassend, +hinausgelaufen in Nacht und Nebel und — und nicht wieder zurückgekehrt.« + +»Du lieber Gott,« sagte Anna, »wenn sie sich nur kein Leides gethan.« + +»Ich bin gleich zu Ledermann und dann auf die Polizei gegangen, diese +aufmerksam zu machen,« sagte Kellmann etwas kleinlaut, »werde auch selber +noch mein möglichstes thun das arme Ding wieder aufzufinden, aber — ich +weiß wahrhaftig nicht wo man die eigentlich suchen soll, denn sie kennt ja +keinen einzigen Menschen in der Stadt.« + +»Und in ihres Bruders früherem Logis? — « + +»Hat sie Niemand gesehn — ich war dort.« + +»Waren Sie auch schon — auf dem Kirchhof?« frug ihn Marie jetzt leise und +schüchtern.« + +»Wahrhaftig, daran hatte ich gar nicht gedacht,« sagte Kellmann rasch +seinen Stuhl zurückschiebend, »die Möglichkeit ist da, und ich will keinen +Augenblick mehr versäumen — vielleicht ist es jetzt noch nicht zu spät.« + +»Und Sie sagen uns Antwort?« + +»Sowie ich etwas Bestimmtes über sie weiß — aber — aber was dann mit ihr +anfangen? — hier in der Stadt _kann_ sie nicht bleiben,« sagte Kellmann, +die Thürklinke schon in der Hand, »und überhaupt scheint mir ihr +schwächlicher Körper zu grober Handarbeit gar nicht geeignet.« + +»Vielleicht bietet sich da für die Schwester in demselben Haus ein +Ausweg,« rief Anna plötzlich, »das für den Bruder ja so viel gut zu +machen, wenn er wirklich unschuldig gelitten. Gestern Nachmittag noch +klagte mir Clara ihr Leid, daß ihre Kammerjungfer, mit der sie sehr +zufrieden ist, und die ihr bis dahin fest versprochen mitzugehn, plötzlich +anderes Sinnes geworden wäre, und sich jetzt weigerte Heilingen zu +verlassen. Clara ist so seelensgut, sie würde gewiß Alles thun was nur in +ihren Kräften steht, das arme Kind den herben Verlust vergessen zu machen. + +»Aber wird sich das Mädchen selber dazu eignen?« sagte Kellmann. + +»Weshalb nicht,« rief aber auch jetzt Marie — »bringen Sie die Arme nur +hierher, sobald Sie sie finden, und nehmen sie Henkel’s nicht mit, findet +Papa gewiß einen Ausweg.« + +»Ja, Papa einen Ausweg,« sagte aber der Professor — »ich kann _Niemanden_ +mehr mitnehmen Kinder, so viel solltet Ihr eigentlich jetzt schon wissen, +denn wir sind Leute genug.« + +»Ach wenn sie überhaupt gehen will,« rief Kellmann, »die Passage bringen +wir hier schon zusammen, und wenn sich Fräulein Anna bei Frau Henkel für +sie verwenden will, wär’ es ein Glück für das arme Mädchen, den hiesigen +für sie so trüben Verhältnissen so rasch wieder entrissen zu werden. Doch +jetzt leben Sie wohl — ich habe da nicht lange Zeit mehr zu verlieren, und +hoffe Ihnen bald günstige Nachrichten bringen zu können.« + + * * * * * + +Actuar Ledermann hatte die Nacht einen heftigen Fieberanfall bekommen, und +sich am anderen Morgen auf seinem Bureau entschuldigen lassen. Erst um +zehn Uhr etwa fühlte er sich etwas besser, und beschloß ein wenig an die +frische Luft zu gehn, in dem sonnigen Morgen draußen die trüben quälenden +Gedanken zu verscheuchen. + +Er ging auf den Kirchhof, das Grab seines kleinen Lieblings zu besuchen, +und nahm einen Monatsrosenstock mit hinaus, ihn darauf zu pflanzen. + +Der Weg der zu dem Grab, zwischen den andern Hügeln hin, führte, lief eine +kurze Strecke die Mauer entlang, die bis jetzt leer gelassen und von +Unkraut überwuchert lag. Nur ein einziger, unter Gras und Unkraut fast +versteckter flacher Hügel war dort aufgeworfen, über dem kein Kreuz den +Namen des Hingeschiedenen kündete, keine Blume ein sorgendes Herz +verrieth, das dem Entschlafenen die stille Thräne nachgeweint. Und dort? — +in das hohe, feuchte Gras geschmiegt, lag eine schlanke Mädchengestalt, +Stirn und Antlitz in dem wuchernden Unkraut verborgen, auf dem die vollen +aufgelösten Locken ruhten. + +»Lieber Gott,« sagte der Actuar, mit dem Blumenstock im Arm neben ihr +stehen bleibend, leise vor sich hin — »es ist doch noch viel, viel Elend +in der Welt, und wenn Einem recht traurig und weh um’s Herz ist, sollte +man eigentlich immer hinaus auf den Kirchhof gehn. Da haben die Leute +nicht ihre glatten unbewegten Alltagsgesichter vor, sondern geben sich wie +sie sind, und wenn es auch eben kein Trost sein sollte andere Menschen +unglücklich zu sehn, ist es doch jedenfalls einer, zu wissen daß man es +nicht allein ist.« Und sich langsam abwendend schritt er dem Grabe seines +Kindes zu, setzte den Blumentopf auf den kleinen Hügel, und sich selber +dann auf eine dicht daneben liegende Marmorplatte, die das Grab eines +anderen Menschen deckte. + +Dort blieb er lange, das Gesicht mit den Händen bedeckt, und regungslos in +seiner Stellung verharrend, seinen schmerzlichen Gedanken überlassen, bis +die Sonne höher und höher stieg, und ein stechender Kopfschmerz ihn mahnte +den, den heißen Strahlen vollkommen ausgesetzten Platz zu verlassen, wenn +er sich nicht noch kränker machen wollte als er schon war. Er stand auf, +und sah sich nach dem Todtengräber um, diesen zu bitten den Blumenstock +für ihn einzusetzen, und fand ihn auch, nicht weit von dort entfernt, mit +einem neuen Grabe beschäftigt. Langsam seinen Spaten schulternd ging er +mit ihm zu dem verlangten Platz, und dort sein Handwerksgeräth neben sich +in den Boden stoßend und sich den Schweiß von der glühenden Stirne +trocknend, sagte er freundlich: + +»Warmer Tag heute, Herr Actuar — sehn Sie einmal was für ein schönes +Stöckchen; das müssen wir aber ordentlich angießen, sonst vertrocknet es +gleich in der lockeren Erde — werde Ihnen das schon besorgen.« + +»Bitte sein Sie so gut,« sagte Ledermann, und der Mann nahm den Stock auf, +drehte ihn um und schlug mit der flachen Hand unter den Topf, diesen +locker und los zu bekommen. + +»Kennen Sie das junge Mädchen was da auf dem Grabe an der Mauer liegt?« +frug der Actuar jetzt, als sein Blick wieder zufällig dort hinüber +streifte — »dort drüben meine ich.« + +»Ja ich weiß schon,« sagte der Mann, ohne den Kopf zu wenden und mit +seiner Arbeit beschäftigt — »nein — sie saß vor dem Kirchhofsgitter schon +heut’ Morgen wie ich öffnete, um drei Uhr früh, und muß die ganze Nacht da +zugebracht haben. Wie ich das Thor aufmachte frug sie mich nur nach dem +Grabe eines armen Teufels, den wir hier vor kurzer Zeit zu Ruh gebracht, +und ist seit der Zeit nicht von dort weggegangen. Das kommt manchmal vor.« + +»Und wer liegt da begraben?« frug Ledermann schnell, dem ein plötzlicher +Gedanke an das Mädchen von gestern Abend aufstieg. + + [Capitel 9] + +»Dort an der Mauer?« sagte der Todtengräber, »ih Sie wissen ja, der kleine +bucklige Bursche, der von der Brücke gesprungen war, und sich den Kopf +aufgeschlagen hatte.« + +Dem Actuar fuhr es mit einem eisigen Stich durchs Herz, aber er erwiederte +Nichts, gab dem Mann eine Kleinigkeit für seine Dienstleistung, und ging +dann langsam, als ihn dieser wieder verlassen und seine frühere Arbeit +aufgenommen hatte, zu Loßenwerder’s Grab, wo die Trauernde noch still und +regungslos in ihrem Jammer lag. Nur das krampfhafte Zittern des Körpers +verrieth das darin wohnende Leben. + +»Liebes Kind,« sagte Ledermann leise — das Mädchen bewegte sich nicht — +»mein liebes Kind,« sagte er lauter, und berührte ihre Schulter mit seinem +Finger. Langsam hob sie das bleiche, Thränen überströmte Gesicht zu ihm +empor, und als sie den fremden Mann neben sich sah, richtete sie sich +verwirrt, beschämt aus ihrer Stellung auf. + +»Aber wie können Sie sich hier so Stunden lang in das feuchte Gras +werfen,« sagte der Actuar mit freundlichem Vorwurf — »Sie _müssen_ ja +krank werden — nicht wahr, Sie kennen mich nicht mehr?« + +Das Mädchen sah ihn groß und verwundert an, und schüttelte dann langsam +mit dem Kopf. + +»Ich sprach gestern Abend mit Ihnen, draußen vor dem Thor, wo die Musik in +dem Hause war,« sagte Ledermann — »hatten Sie gar keine Ahnung von dem +Schicksal des Bruders?« + +»Keine,« sagte die Arme leise, das Köpfchen wieder senkend. + +»Und wo erfuhren Sie seinen Tod?« + +Das Mädchen schauderte zusammen als sie des Augenblicks gedachte, und +sagte endlich, wie mit angstgepreßter Stimme: + +»Gestern Abend in dem Haus — die Leute in der Gesindestube frugen mich wo +ich herkäme und um meinen Namen, und dann — + +»Und dann?« frug der Actuar mitleidig, als das Mädchen schwieg und ihr +Antlitz wieder zitternd in den Händen barg — + +»Dann sagten sie« — setzte das Mädchen, am ganzen Körper bebend hinzu — +»daß Einer der so hieß — und sie spotteten dabei über sein Gebrechen — daß +Einer — hier — « sie vermochte nicht auszureden und warf sich, +rücksichtslos um den neben ihr stehenden Fremden, und in krampfhafter +Verzweiflung, wieder auf das Grab nieder, das sie laut schluchzend mit +ihren Armen umschlang, und den Bruder rief, sie zu sich zu nehmen in sein +stilles, kühles Bett. + +Nur mit Mühe, und herzlichen tröstenden Worten die er zu ihr sprach, +brachte sie Ledermann, als sich ihr Schmerz in etwas ausgetobt, endlich +dahin sich etwas zu fassen und zu beruhigen, und ihm mehr über ihr +Schicksal und sich selber zu sagen. Sie hieß Hedwig, war funfzehn Jahr alt +und hatte bis zu ihrem elften Jahr bei einer entfernten armen Verwandten +zugebracht, nach deren Tode sie, ein Kind noch, bei fremden Leuten in +Dienst gehen mußte. Ihre Elteren schienen in besseren Verhältnissen gelebt +zu haben, waren aber früh gestorben, und die Waisen sich selber überlassen +gewesen. Ihr um zehn Jahr älterer Bruder Franz hatte sie dabei noch immer +dann und wann von dem Wenigen was er selber verdiente, unterstützt, auch +ihr vor einigen Monaten — und das mußte etwa grade vor seinem Tode gewesen +sein, geschrieben, daß er recht sparsam lebe, und bald so viel zusammen zu +haben hoffe mit ihr, der Schwester, nach Amerika auszuwandern, dort +vielleicht ein kleines Geschäft oder irgend etwas Anderes anzufangen, +ehrlich durch die Welt zu kommen. Hedwigs Aussage nach mußte er ihr auch +die genaue Summe geschrieben haben, die er besaß, und als sie der Actuar +dringend bat ihm den Brief zu verschaffen, wenn es irgend möglich sei, da +der vielleicht vollständig des Bruders Unschuld beweisen konnte, zog sie +aus ihrer Brust das zusammengefaltete und dort bis jetzt sorgfältig +bewahrte Papier. Es war das letzte was sie von ihm bekommen, und als Monat +nach Monat verstrich und keine neue Nachricht kam, wurde sie zuletzt +unruhig und schrieb nach Heilingen. Aber auch hierauf erhielt sie keine +Antwort und nicht mehr im Stande die Ungewißheit zu ertragen, verließ sie +ihren Dienst und machte sich, mit wenigen Groschen in der Tasche auf, den +weiten Weg zu Fuß zurückzulegen. Und ihr Empfang? großer Gott mit Spott +und Hohn wurde ihr Bruder — das einzige noch auf der Welt ihr gehörende +Wesen, das sie mehr als sich selber liebte — eines furchtbaren Verbrechens +beschuldigt, in Folge dessen er sich selber das Leben genommen, und +schlimmer, gewaltiger noch als die Nachricht seines Todes, erschütterte +das reine, vertrauensvolle Herz des armen Kindes der erste _Zweifel_ an +den Hingeschiedenen, der doch heimlich und quälend in ihr aufsteigen +wollte, wie sie sich auch dagegen sträubte; und doch _wußte_ sie daß er +keiner schlechten Handlung fähig gewesen sei. + +Während dieser Erzählung flossen ihre Thränen stärker; wenn aber der +Schmerz auch nur mehr aufgerüttelt wurde durch das Wiederdurchleben +vergangener Scenen, fand sie doch auch einen Trost in dem Aussprechen über +ihren Verlust. Der Actuar überlas indeß flüchtig den Brief, und den Datum +mit dem verübten Raub vergleichend sah er, ob Loßenwerder nun schuldig +oder unschuldig sei, daß jenes, bei ihm gefundene Geld sein Eigenthum +gewesen sein müsse, schon vor dem Tag, und nicht mehr als Beweis gegen ihn +gelten konnte. + +So traf sie Kellmann, der von Lobensteins direct auf den Gottesacker +gegangen war, das arme Mädchen aufzusuchen. Mit wenigen Worten sagte ihm +der Actuar was er von ihr erfahren, und der gutmüthige kleine Kürschner +setzte sich neben sie auf das Grab des Bruders, nahm ihre Hand in die +seine, und diese streichelnd sprach er ihr Muth und Hoffnung in das arme +gequälte Herz. Sie sollte nicht mehr allein stehn auf der Welt; er wollte +Freunde für sie finden, die sich ihrer annähmen, und sie Beide, Ledermann +und er, wollten nicht ruhen noch rasten bis ihres Bruders Name wieder +ehrlich gemacht sei vor der ganzen Stadt; lieber Gott, sie konnten ja +nichts mehr für den Armen thun. + +Hedwig weinte, während er sprach; aber die Thränen lösten ihren Schmerz — +die freundlichen Worte; oh die ersten wieder seit so langer, langer Zeit +die sie gehört, thaten ihr wohl und bannten die Verzweiflung aus ihrem +Herzen, der sie ja sonst wohl rettungslos verfallen wäre. Wieviel Segen +hat schon ein herzliches Wort gebracht, dem Unglücklichen gespendet — wie +viele Thränen getrocknet, wie manches Weh, wenn es nicht heilen konnte, +doch gelindert. + +Kellmann erbot sich dann auch, sie zu seiner Mutter zu führen, wo sie +wenigstens bleiben konnte bis sich etwas Weiteres entschieden. Von Amerika +sagte er ihr noch Nichts, die nächsten Tage mochten sie erst mit dem +Gedanken vertrauter machen, wenn sie hörte wie viel Leute die auch ihren +Bruder gekannt und liebe Freunde von ihm selber seien, gerade jetzt nach +dort hinübergingen. + +Hedwig zögerte noch schüchtern das gütige Erbieten anzunehmen, aber die +Worte klangen so herzlich, so gut gemeint, sie stand so hülflos, so allein +in der weiten Welt, der fremde Mann erschien ihr wie ein Engel des Himmels +in ihrem Schmerz, und unter Thränen nahm sie seine Hand und dankte ihm, +und sagte daß sie ihm folgen würde, wohin er sie führe. + + + + + + Capitel 10. + + + DIE BEIDEN FAMILIEN. + + +Der Leser muß mir noch, ehe wir unsere weitere Wanderung zusammen +antreten, zu zwei Stellen folgen, in Lage und Art freilich gar sehr +verschieden. Den Characteren, die wir dort finden, begegnen wir später +wieder, theils auf der Reise, theils in ihrem neugewählten Vaterland. + +An der Hannöverschen Grenze lag ein kleines Dorf, Waldenhayn mit Namen, +und fast versteckt zwischen mächtigen Linden und Fruchtbäumen, die es von +allen Seiten dicht umgaben. + +Mitten im Dorf auf einem flachen, aber die ganze Ortschaft überschauenden +Hügel stand die Kirche, und daneben das kleine freundliche Pfarrhaus, das +sein Dach über gute und glückliche Menschen gespannt hatte, Jahrzehnte +lang — und heute? — Guter Gott welche Veränderung in dem Haus — der Vater, +Pastor Donner, still und ernst in seinem Sorgenstuhl, und, ganz gegen +seine sonstige Gewohnheit, ordentlich eingehüllt in eine dichte +Tabakswolke, die Mutter mit verweinten Augen, und doch immer geschäftig +herüber- und hinübergehend, bald aus der in jene Stube, Kleinigkeiten zu +besorgen die sie immer wieder vergaß, ehe sie nur das andere Zimmer +betreten. + +Der älteste Sohn Georg ging zu Schiff — ging nach Amerika über das weite, +wilde Weltmeer nach einem anderen Vaterland, dort für den unruhigen Geist +das Glück zu suchen, das er hier nicht fand, und »wann würden sie ihn — ja +würden sie ihn je wieder sehen?« Oh es ist ein großer Schmerz für ein +Elternherz ein Kind in der Blüthe der Jahre zu verlieren — wie viel Sorge, +wie viel schlaflose Nächte hat es gemacht, bis es wuchs und gedieh; welche +Hoffnungen knüpften sich an das junge Wesen, und blühten und reisten mit +ihm; wie treulich wurde da nicht jeder Schritt bewacht, den noch +unsicheren Fuß vor Stoß und Fall zu schützen, wie ängstlich jedem bösen +Eindruck gewehrt, der Herz oder Geist hätte vergiften können. Und nun das +Alles preiszugeben der Welt, ihren Verführungen, ihren Gefahren für Geist +und Körper, das Alles preiszugeben und hinausgeworfen zu sehn auf die +stürmischen Wogen des Lebens — sich selbst überlassen, und der eigenen, +vielleicht doch noch zu schwachen Kraft. Wie viele heimliche Thränen +werden da geweint, wie trüb und traurig liegt da oft des Kindes Zukunft +vor dem ahnenden Blick des Vaters und der Mutter — Krankheit wird es +erfassen und halten, und keine liebende Hand in der Nähe sein, es zu +pflegen und ihm den Schweiß von der heißen, glühenden Stirn zu trocknen, +die Verführung ihre falschen, goldblinkenden Netze nach ihm auswerfen, und +keine treu warnende Stimme ihm zur Seite stehn — Noth und Mangel +vielleicht in bitterem Weh auf ihm lasten, und Niemand da sein, der ihm +Hülfe bringt, und den Unglücklichen tröstet und unterstützt — Mutter und +Vater sind fern, fern von dem Geliebten, seine Klage dringt nicht herüber +zu ihnen — ihr Trost und Hülfswort nicht zurück zu ihm. + +Und ein solcher Abschied dann — der Tod pocht nicht viel härter an des +Glückes Thor, und das Bewußtsein den Geschiedenen still und geschützt in +kühler Erde zu wissen, auf der die treu gepflegten Blumen keimen, ist oft +noch weniger bitter als dieser _freiwillige_ Tod — der Fortgang über’s +Meer, in eine fremde, ungekannte Welt — vielleicht so ohne Wiederkehr wie +jener, und ohne jedes beruhigende Gefühl der Sicherheit. Der Scheidende +ist da noch immer besser, weit besser daran als die Zurückbleibenden; ihm +liegt die Welt jetzt frei und offen da, jede Stunde draußen, jede Meile +Wegs bringt ihm Neues, Unbekanntes, und wehrt dem Blick nur an dem einen +Schmerz zu haften. Er hat auch zu sorgen, für sich und sein Gepäck, seine +ganze Zukunft ist ihm in der einen Stunde in die eigene Hand gegeben — ein +ungewohnt Geschäft bis jetzt — und fremde Landschaft, fremde Scenen +wechseln so rasch an ihm vorüber, daß jedes Bild einen Theil des alten +Schmerzes fortführt mit sich. Selbst der Gedanke an die Verlassenen hat +nicht das Herbe, Bittere für ihn, als es für diese hat, wenn sie sein +gedenken, und sich mit Vermuthungen quälen müssen wie es jetzt ihm geht, +was er thut, was er treibt, wo er jetzt gerade weilt. _Er weiß_ in welchem +Kreis die Seinen sich bewegen, kennt in jeder Tageszeit ihre kleinen, +häuslichen Beschäftigungen, ihr gleichmäßiges Wirken und Schaffen, und +sein Herz, das immer noch daheim bei ihnen weilt, wahrt seinen festen +Anhaltspunkt an sie sich unverkümmert fort, bis das Bild, von anderen +dicht umdrängt in weiter immer weiterer Ferne langsam erbleicht, und nur +noch auf dem Hintergrund des Herzens wie schlummernd liegt, in seinen +Träumen ihn zu segnen, oder dereinst, wenn die Welt ihn kalt und rauh von +sich stößt, und er allein und freundlos sich da fühlt, wieder aufzuglühen +in aller Frische und Wärme, ein Trost und Hoffnungsziel, dem armen, +einsamen Wanderer. + +Georg war ein junger lebenskräftiger Mann von dreiundzwanzig Jahren, mit +dunkelbraunen, vollen, ihm frei und ungescheitelt über die offene +sonngebräunte Stirn fallenden Locken, schwarzen klaren Augen und freien, +gutmüthigen Zügen, die selbst eine breite dunkle Narbe über den rechten +Backen, der Autograph eines Commilitonen, nicht entstellen konnte. Er +hatte Medicin studirt, und sich das Doctordiplom mit eifrigem Fleiß +verdient, aber die Aussichten für einen jungen Arzt waren trüb und +unversprechend in seiner Heimath, und jene fremde Welt, von der er schon +so viel gelesen und gehört, zog ihn mächtig an. Sein Vater konnte und +wollte dieses Streben nicht bei ihm unterdrücken; auch er erkannte die +Banden, die hier einen kräftigen Geist so leicht in Fesseln legen, und +ehrte den Wunsch und Drang der jungen, nach Thaten dürstenden Brust, einen +Schauplatz zu finden für ihr Sehnen und Wirken, wenn er sich auch wohl +selber dann wieder mit einem schweren Seufzer gestehen mußte, wie manche +Hoffnung der Sohn zertrümmert, wie manche Erwartung er getäuscht sehn +würde in dem neuen Leben, das jetzt ihm freilich im vollen Glanz einer +aufsteigenden Sonne, von warmem Lichte übergossen winkte. Und wie würde +sich sein Herz dann bewähren, das jetzt jubelnd zu den blinkenden, +Flaggen- und Blumengeschmückten Wällen seiner eigenen Luftschlösser +aufschaute, wenn es an deren Trümmern stand? oh daß er dann hätte an +seiner Seite stehen und ihn leiten dürfen den dunklen, schmalen Pfad zum +wahren Glück — retten ihn dann vor sich selbst und seinem bittern Weh. + +Aber die Zeit lag noch fern, und weshalb sich selbst den Augenblick +vergiften, wo sich der Himmel noch blau und rein über seiner Zukunft +spannte. Georg selbst sah auch Nichts von solchen trüben Bildern, die das +Herz des Vaters oft mit banger Trauer füllten; ihm war das Thor jetzt weit +und frei geöffnet, das hinaus in’s Leben führte und an dessen Schwelle er +stand, und nur die Trennung noch vom Vaterhaus lag schwer auf seiner +Seele. + +Am schwersten freilich trug gerade diese Stunde, weil ganz und ungetheilt, +das Mutterherz. Nicht dachte _sie_ in diesem Augenblick an die Hoffnungen +die dem Sohne in der Welt draußen blühen, an die Gefahren die ihm drohen +könnten; sie sah und fühlte Nichts, als die Trennung von dem _Kind_, den +Abschied von dem Heißgeliebten, und wie im Traum hatte sie schon den +ganzen Tag ihren gewöhnlichen Beschäftigungen obgelegen, wie im Traum noch +einmal seine Lieblingsgerichte bereitet für den Abend, den letzten Abend, +den er im Vaterhause zubringen würde. + +Lieber Gott, die Speisen kamen Abends auf den Tisch und wurden gegessen, +aber Keiner von allen, die jüngsten Geschwister ausgenommen, schmeckten +was sie aßen; man sprach dabei über das an dem Nachmittag fortgesandte +Gepäck, über das Wetter, über die Uhr die zehn Minuten vorging — Georg +trug Grüße auf an alle seine Bekannte, die sich noch seiner erinnerten. Er +hatte an dem Tag noch selber ein paar Briefe schreiben wollen, war aber +nicht dazu gekommen — Vieles Andere war ihm ebenfalls entfallen; so wollte +er einen Absenker von dem Rosenstock mitnehmen der vor der Mutter Fenster +blühte, und jetzt blieb ihm doch keine Zeit mehr; aber während dem Essen +stand die Schwester — unvermißt — vom Tische auf, ging hinaus, grub einen +Absenker aus, und brachte ihn in einem kleinen Topf dem Bruder, dem sich +die Thränen in die Augen zwangen — er mochte kämpfen dagegen wie er wollte +als er die Gabe sah. Die Mutter stand vom Tisch auf und ging hinaus — +nicht ein Wort wurde gesprochen so lange sie fort war. Die Speisen +verschwanden dabei von den Tellern und der Wein wurde getrunken, und die +Mutter kam zurück und nahm ihren Platz wieder ein, lautlos wie vorher; man +konnte den langsamen Gang der Uhr hören, an der Wand. + +Da endlich füllte der Vater sein Glas bis zum Rand, hob es mit der Linken +und ergriff mit der anderen Georgs Hand. Er hatte etwas zum Herzen des +Sohnes, zum Trost vielleicht der Mutter sprechen wollen, aber die Worte +schwollen ihm im Mund — er brachte eine volle Minute keine Sylbe über die +Lippen, und sich gewaltsam fassend und zusammennehmend sagte er endlich. + +»Auf ein frohes Wiedersehn Georg!« + +Georg preßte des Vaters Hand und trank ihm und der Mutter und den +Geschwistern zu — und die Mutter hob ihr Glas und stieß mit dem Sohne an, +aber mehr vermochte das Mutterherz nicht — zu lange hatte sie jetzt +gewaltsam gegen ihr eigenes Gefühl an- und den Schmerz niedergekämpft, den +Anderen zu Liebe; länger war sie es nicht im Stande, und das Glas mit +zitternder Hand niedersetzend, daß der Wein über und auf das Tischtuch +floß, stand sie auf, warf die Arme krampfhaft um den Hals des Sohnes und +schluchzte laut. + +»Mutter, liebe — liebe Mutter — « + +»Mein Kind — mein Kind,« jammerte die Frau und der Schmerz wuchs an +Heftigkeit, wie der mächtig aber still dahinwälzende Strom schäumend +hinausdonnert in’s Freie, wo er sich erst einmal Bahn gebrochen aus seinem +Bett — »mein liebes — liebes Kind.« + +»Aber Mutter,« bat der Pastor, »fasse Dich; es ist ja doch nur vielleicht +auf kurze Zeit, bis sich der Junge draußen die Hörner abgelaufen, und ihm +die Heimath anders aussieht wie jetzt; dann kommt er wieder.« + +»Liebe — liebe Mutter,« flüsterte Georg, sie innig an sich schließend, und +auch ihm erstickten unaufhaltsam fließende Thränen die Stimme. + +Die Geschwister weinten auch, und der Vater war aufgestanden und ein paar +Mal mit raschen Schritten, wie um den Anderen Zeit zu geben, eigentlich +aber nur seine eigene Fassung wiederzugewinnen, im Zimmer auf- und +abgegangen. Jetzt blieb er neben der Gattin und dem Sohne stehn, und sie +langsam trennend sagte er mit sanfter, bittender Stimme: + +»Kommt Kinder, kommt — macht Euch selber nicht das Herz zum Brechen +schwer; das ist unrecht. Ueberdies quält Ihr Euch zweimal, und habt morgen +früh noch dasselbe Leid. Es ist eine lange Trennung, aber keine Trennung +für’s Leben — wir sind Alle noch rüstig und gesund, und werden uns, will +es Gott, hoffentlich Alle einmal froh und freudig in die Arme schließen +können.« + +»Aber Du schreibst bald, Georg,« flüsterte die Mutter sich mit aller Kraft +zusammennehmend — »Du läßt uns nie lange ohne Nachricht, nicht wahr Du +versprichst mir das?« + +»Gewiß Mutter, gewiß — so oft ich kann — aber ängstigt Euch nur auch +nicht, wenn einmal ein Brief länger ausbleibt als gewöhnlich; der Weg ist +weit, und ein Brief kann leicht verloren gehn.« + +»So, und jetzt zu Bett Kinder,« mahnte der Vater — »es ist spät geworden, +sehr spät, und Du mußt früh wieder heraus Georg, die Post nicht zu +versäumen; sind Deine Koffer hinübergeschafft?« + +»Es ist Alles drüben,« sagte die Mutter, sich aus den Armen des Sohnes +windend und ihre Thränen trocknend, »nur sein Ueberrock ist noch hier, den +er anzieht, und die kleine Tasche in die er morgen früh sein Nacht- und +Waschzeug steckt — doch das besorg’ ich schon selber und werd’ es nicht +vergessen. Ich bin früh auf, Georg, Du mußt ja doch auch noch Deinen +Kaffee haben bevor Du gehst.« + +»Gute Nacht Mutter!« rief Georg, umschlang sie noch einmal und küßte ihr +Lippen, Augen und Stirn, »gute Nacht meine gute, gute Mutter — gute +Nacht!« + +»Gute Nacht mein Georg, mein Kind,« sagte die arme Frau unter Thränen — +»schlaf nur jetzt recht aus — zum letzten Mal unter unserem Dach — für die +nächste Zeit wenigstens,« setzte sie rasch hinzu — »denn mit Gottes +Beistand hoff’ ich soll es nicht das letzte Mal gewesen sein — und — und +meinen Segen nimm mit Dir, wohin Du gehst — wo Du weilst — was Du thust — +— er ruhe auf Dir, mein gutes, gutes Kind!« + +Georg beugte sich unwillkürlich dem ernsten heiligen Wort — seine ganze +Gestalt zitterte dabei, und die Mutter mußte sich endlich mit freundlicher +Gewalt aus seinen Armen winden; dann aber floh sie auch hastigen Schrittes +aus dem Zimmer, sich in dem eigenen Kämmerlein recht, recht herzlich +auszuweinen. + +Die Geschwister sagten dem Bruder jetzt gute Nacht — die älteste Schwester +Louise hing lange an seinem Hals, aber riß sich los, den Schmerz der +Eltern nicht zu vermehren. Die Jüngeren küßten ihn auf die Wangen und +sagten. »Gute Nacht Georg — weck’ uns nicht zu spät morgen früh, daß wir +Dir auch noch können glückliche Reise wünschen.« + +Georg küßte sie herzlich und bat sie brav und gut zu sein, und Vater und +Mutter Freude — viel Freude zu machen, denn er selber ginge nun fort, und +die Eltern würden deshalb recht traurig sein. + +»Gute Nacht Georg,« sagte der Vater, als die Kinder zu Bett gegangen +waren, und Alle, außer ihm, das Zimmer verlassen hatten, »habe keine Angst +daß Du die Post morgen verschläfst, ich wache schon auf zur rechten Zeit — +gute Nacht mein Sohn. Komm komm, fange nicht selber wieder an, und mach’ +mir das Herz nicht schwer vor der Zeit — aber Georg, um Gottes Willen was +ist Dir? — sei ein Mann — Nun ja — so lange die Frauen da waren hat es mir +auch das Herz fast abgedrückt — man darf es sie ja nicht so merken lassen, +sonst zerfließen sie ganz — « + +»Mein lieber — lieber Vater,« schluchzte Georg an seinem Halse.« + +»Mein guter, guter Sohn!« flüsterte der Pastor, des Kindes Stirne küssend, +und jetzt selber im Innersten ergriffen und bewegt — »bleibe brav — bleibe +so brav wie Du bist — ich kann Dir nichts Besseres wünschen — trage Gott +im Herzen und Dich selbst, und — Deiner alten Eltern Bild, deren Segen Dir +folgt auf allen Deinen Wegen.« + +»Mein Vater!« + +»So mein Sohn — jetzt gute Nacht und bete zu Deinem Schöpfer daß er uns +morgen in der schweren Abschiedsstunde stärkt — gute Nacht mein Georg — +gute Nacht.« + +Leise machte er sich los aus des Sohnes Arm, küßte ihn noch einmal, und +verließ dann rasch das Zimmer. Georg aber blieb lange, lange Minuten auf +dem Stuhle sitzen wo ihn der Vater verlassen, das Gesicht in seinen Händen +bergend. + +»Gute Nacht,« flüsterte er endlich leise und kaum hörbar, als Alles schon +im Hause still war, und zu Ruhe gegangen — »gute Nacht Ihr Lieben und Gott +schütze Euch und mich; aber nicht möglich wäre es mir, die furchtbare +Trennungsstunde noch einmal durchzuleben, nicht möcht’ ich Dir Vater, Dir +Mutter den Schmerz, das bittere Weh zum zweiten Mal bereiten. Es ist +vorbei — Alles vorbei, und wenig Stunden noch und die Heimath selber +liegt, ein schöner Traum nur, in der Erinnerung Tiefe. So denn an’s Werk« +setzte er fest und entschlossen hinzu, »und ob das Herz darüber brechen +will, »durch« ist mein Wahlspruch jetzt, durch Nacht zum Licht — _durch_.« + +Und mit den, fest zwischen den zusammengebissenen Zähnen gemurmelten +Worten stand er auf, und sein Schlafzimmer öffnend warf er den Rock ab, +und badete Gesicht und Nacken in kühlem Wasser. Dann, als er die Glut die +ihn durchtobte, in etwas gelöscht, packte er den kleinen Nachtsack mit +den, sorglich für ihn auf dem Waschtisch ausgebreiteten Gegenständen, zog +sich wieder an, knöpfte den Ueberrock bis an den Hals zu, denn die Nacht +war kalt, und nach der gehabten Aufregung fröstelten ihn die Glieder, und +im Zimmer umherschauend fiel sein Blick auf den, unter dem Spiegel +stehenden, für ihn eingeschlagenen Rosenstock. Rasch barg er ihn in der +weiten Tasche seines Ueberrocks, öffnete dann das Fenster, das in den +Garten hinaus und von da über den Kirchhof führte, der Landstraße zu, und +schwang sich auf das Fensterbret. + +»Ade!« flüsterte er, »ade Du trautes, liebes Haus, ade — Gott halte seine +Hand über Dir, und schütze die lieben Menschen — ade, ade.« Und von dem +Bret hinunterspringend in den Garten, durcheilte er diesen, schwang sich +leicht über die Kirchhofmauer, die er als Kind unzählige Male +überklettert, und schritt dann langsam und traurig seinen einsam dunklen +Weg entlang. + + * * * * * + +Noch hob sich die Sonne nicht über den östlichen Fichtenhang, und der +dämmernde Tag grüßte eben die schlummernde Erde, als sich die Mutter von +ihrem Lager hob, das Mädchen weckte daß es Feuer in der Küche mache, den +Kaffee bereit zu halten, und dann den Mann rief, dem Sohn ade zu sagen. +Pastor Donner hatte aber auch nur in unruhigem Schlaf gelegen — die +Gedanken und Sorgen ließen ihn nicht ruhen, und wie aus bösem Traum fuhr +er oft empor, mit einem wehen Stich durch’s Herz zurückzusinken, _daß_ es +eben kein Traum sei, der ihn bedrücke und quäle. + +Er stand auf, zog sich an, und während die Mutter draußen in der Küche +sorgte, dem Sohn ein rasches Frühstück zu bereiten, ging der Vater hin ihn +zu wecken. + +»Georg!« sagte er, als er die Thür öffnete, die in des Sohnes Kammer +führte — »Georg — es wird Zeit — heiliger Gott!« unterbrach er sich aber +rasch und erschreckt als er das Gemach leer, das Bett unberührt und keine +Spur mehr von dem Kinde fand — »heiliger, erbarmender Gott — er ist fort.« +Und wie er sich auch vorgenommen sich zu fassen, und der Frau, dem Kind, +die letzten Augenblicke nicht mehr zu erschweren, durch seine eigene +Schwäche, traf ihn _der_ Schlag doch zu hart — zu unerwartet. In diesem +Augenblick betrat die Mutter das Zimmer, und sah wie der Vater sich +erschüttert von der Thür abwandte und das Antlitz in den Händen barg. + +»Mein Sohn — mein Kind!« stammelte sie, in der sie durchzuckenden Ahnung +des Geschehenen, der sie wie ein jäher Schlag in’s Herz traf — »wo ist — +wo ist Georg?« Aber der Vater zog sie an die Brust, und ihre Stirn, auf +die seine heißen Thränen fielen, küssend, flüsterte er leise: + +»Er hat uns den Schmerz des Abschiedes sparen wollen, Louise — er ist +fort.« + +»_Fort!_« hauchte die Frau — kaum noch den Sinn der Worte fassend, und +brach bewußtlos in den Armen des Gatten zusammen. + + * * * * * + +Außerhalb Waldenhayn, wenn auch noch zu demselben Kirchspiel gehörend, und +dicht an der Grenze des bis hier herniederlaufenden Holzes, stand ein +kleines, schon halb verfallenes Haus, das früher einmal von einem +Forstgehülfen des herrschaftlichen Waldes bewohnt, dann aber nicht mehr +benutzt, und um ein Billiges, eigentlich auf Abbruch, verkauft worden war. +Der Mann der es kaufte aber, hatte früher ebenfalls in herrschaftlichen +Diensten gestanden, und dann das Metzger-Handwerk getrieben; sein wildes, +liederliches Leben jedoch ließ sein Geschäft nicht fördern, noch vorwärts +gehn. Er schien auch keine rechte Lust an einer regelmäßigen Arbeit zu +haben, heirathete dann, als er Alles was er sein nannte, durchgebracht, +ein Mädchen vom herrschaftlichen Gut, das den Dienst dort verlassen mußte +und von dem Herrn selber eine Abstandssumme bekam, und kaufte mit dem +Gelde eben das kleine unwohnliche Gebäude, das er nichtsdestoweniger +bezog, und sich jetzt angeblich vom Viehhandel ernährte. Er zog im Lande +herüber und hinüber, und kaufte und verkaufte Vieh, mehr aber noch trieb +er sich in den Wirthshäusern herum, wo er trank und spielte, und den +schlimmsten Ruf im Lande hatte, den ein Mensch haben kann, ohne daß jedoch +die Polizei den mindesten Halt an ihn bekommen konnte. Aber die +ordentlichen Leute zogen sich von ihm zurück; Niemand mochte Umgang mit +ihm oder seinem Weibe haben, und auf dem Weg zu seinem Hause wuchs Gras; +wen dort nicht ein besonderes Geschäft hinführte, betrat ihn nimmer. + +So hatte der »schwarze Steffen,« wie er im Lande seines dunklen Haares und +Aussehns wegen hieß, sechs Jahre in dem kleinen Haus gewohnt, und sein +Weib ihm, außer dem Kind das sie in die Ehe gebracht, noch drei andere +geboren. In der letzten Zeit tauchte dabei ein anderer Verdacht gegen ihn +auf, daß er sich nämlich unter der Hand mit Wilddieben einlasse, und — +wenn auch vielleicht nicht selber wildere, doch das Gestohlene kaufe und +unterbringe. + +Sicher ist, daß nicht alles Fleisch was er zu Markte führte, im Stall +gemästet worden, und als nun auch gar einmal, und vor nicht so sehr langer +Zeit, ein Forstgehülfe, in Ausübung seiner Pflicht, erschossen worden, +wurde die Aufsicht über den schwarzen Steffen, dem man aber doch nicht zu +Kragen konnte, so scharf geführt, und diesem zuletzt so unerträglich, daß +er schon ein paar Mal mit den Forstbeamten im Wirthshaus Streit gesucht +und gefunden, und ihm zuletzt von der Herrschaft, nach lange geübter +Nachsicht, der Befehl zugestellt wurde, das auf den Abbruch damals +erstandene Haus, von dem übrigens kein Ziegel mehr sein gehörte, zu räumen +und abzutragen oder stehen zu lassen, wie es ihm gefalle, seinen Wohnsitz +aber, wider ihn eingelaufener Klagen wegen, wo anders zu nehmen, vom +ersten des nächsten Monats an. + +Steffen war heute einmal ausnahmsweise den ganzen Tag zu Haus geblieben, +und hatte manche von seinen Sachen, wobei ihm die Frau half, +zusammengetragen und in einen Ranzen gepackt. Die Kinder aber achteten +wenig darauf; sie waren gewohnt daß der Vater oft fortging, und dann immer +mehre, manchmal sogar acht Tage fortblieb, ehe sie ihn wieder zu sehen +bekamen, oder auch nur von ihm hörten. Fragen, wohin er ging, durften sie +nie. + +Der Vater war übrigens mürrischer heute als je — er sprach fast kein Wort, +trank aber oft aus der Flasche, die zum ersten Mal offen in der Stube +stand, und woraus sich auch die Mutter zweimal einschenkte, und sich dann +zu dem jüngsten Kinde setzte, und es auf den Schoos nahm und küßte. + +»Weshalb weinst Du, Mama?« sagte das zweite Kind, ein Junge von etwas über +fünf Jahren — »hat Dir Jemand ’was zu Leid gethan?« + +»Weil sie eine Närrin ist,« brummte der Vater, der die Frage gehört hatte, +und jetzt einen ärgerlichen Blick nach der Frau schoß — »ich dächte wir +hätten nun genug darüber geschwatzt und die Sache wär’ abgemacht.« + +»Nun ja — ich sage ja auch kein Wort mehr dagegen,« erwiederte die Frau — +»es — es überkommt Einen nur noch manchmal so — nachher wird’s besser und +— es geht ja doch nun einmal nicht anders,« setzte sie still und schwer +vor sich hinseufzend, hinzu. + +Steffen entgegnete nichts weiter darauf, schickte aber bald darauf, unter +irgend einem Vorwand, die Kinder mitsammen hinaus in den Garten, und sagte +dann, als er sich mit der Frau allein sah, mürrisch und finster. + +»Du flennst und flennst, und wirst die Bälge noch zuletzt aufmerksam und +ängstlich machen mit Deiner Heulerei — kannst Du sie hier ernähren, so +bleib da, ich habe Nichts dagegen; kannst Du’s aber nicht, dann sei auch +vernünftig und mach’ jetzt keine dummen Streiche — es wär’ ein Spaß, wenn +sie uns abfaßten, und Du weißt am Besten was uns nachher bevorstünde.« + +Die Frau war schlank und voll gewachsen, mit besonders kleinen Händen und +Füßen, mußte auch einmal in früheren Jahren wirklich schön gewesen sein, +und mehr noch als nur die Spuren war ihr davon geblieben, hätte sie eben +etwas gethan sich das zu erhalten. Aber in ihrem ganzen Aeußeren ging sie, +wenn nicht geradezu unreinlich, doch vernachlässigt; die ungeordneten +Haare wurden durch einen zerbrochenen, ächten Schildpatkamm, und durch ein +schwarzes abgescheuertes Sammetband, in dem vorn eine große bronzene +Broche mit einem unächten Turquis saß, gehalten; in den Ohren hingen ihr +ebenfalls lange emaillirte unächte Ohrringe, die mit dazu beigetragen +hatten ihr bei ihren bescheidenen und einfachen Nachbarn den Namen der +»stolzen Jule« zu geben, und das Kleid von gutem Stoff und nach neuem +Schnitt gemacht, zeigte unausgebesserte Risse, und Spuren von Fett, in +Streifen und Flecken, die schlecht zu dem blitzenden falschen Schmucke +paßten. + +Auch in den Augen selber lag etwas Keckes, Unweibliches, das aber doch +jetzt einem mächtigeren Gefühl gewichen war, denn nur manchmal, bei den +rauhen Worten, blitzte es an gegen den Mann, und um die Lippen zog sich +dann ein eigener fester Zug von Trotz und Zorn. + +»Ich hab’ Dir genug zu Willen gethan, daß ich mit Dir gehe und die Kinder +zurücklasse,« sagte sie dann nach kleiner Weile — »wenn’s mir das Herz +dabei zusammenzieht, wärst Du schlimmer wie ein Thier, wolltest Du’s mir +wehren. Der Wolf läßt seine Brut nicht im Stich, und wir wollen fort — « + +»Der Wolf hat auch draußen zu leben, und für die Jungen Milch — wer +giebt’s uns?« zischte der Mann zwischen den zusammgebissenen Zähnen durch +— »wir könnten krepiren hier im Nest, keine Katze miaute deshalb im ganzen +Kreis.« + +»Ich weiß es, ich weiß es,« sagte die Frau, »und das ist das Einzige was +mich freut, daß wir ihnen jetzt einen Streich spielen — den Lumpen. Und +wie sie schreien und schimpfen werden — aber ernähren müßen sie sie doch, +davon hilft ihnen kein Gott. Leid thut’s Einem freilich immer, die armen +Dinger, die noch Nichts von der Welt wissen und begreifen, so allein +zurückzulassen — wenn ich das Jüngste nur mitnehmen dürfte — « setzte sie +leise hinzu. + +»Komm mir nur jetzt nicht wieder mit dem alten Gewäsch,« rief aber der +Mann finster und ärgerlich — »ich dächte das hätten wir über und genug +besprochen und überlegt, und wären einig darüber.« + +»Ueberlegt gar nicht,« sagte aber die Frau, die Brauen fest +zusammenziehend — »wenn ich davon anfing hast Du mich immer grob +angefahren und ausgezankt, und Deinen Willen gehabt dabei, wie bei allem +Anderen. Ich weiß daß ich nicht zu den Weichen gehöre, aber — Mutter +bleibt doch Mutter, und — ’s ist immer ein häßlich unnatürlich Ding.« + +»Papperlapapp!« sagte der Mann den Kopf herüber und hinüber werfend — +»unnatürlich — natürlich ist’s allerdings nicht daß die Scheunen +ringsherum voll liegen, und das reiche Lumpenpack das Geld mit vollen +Fausten zum Fenster hinauswirft, während wir hier trocken Brod nagen +sollen, und das nicht einmal immer kriegen — schöne Natürlichkeit das.« + +»Wenn Du nur nicht den dummen Streich mit dem — « + +»Halt’s Maul!« brummte aber der Mann mürrisch — »ich sollte mich wohl +erwischen und anzeigen lassen, daß ich jetzt im Zuchthaus säß und spänn — +Gott verdamm mich, ich schösse eher die ganze Bande über den Haufen, einen +nach dem anderen — bist Du nun fertig mit Deinen Sachen?« + +»Ja!« sagte die Frau leise und unwillkürlich zusammenschaudernd — »es kann +fort gehn.« + +»Wir wollen aber doch warten bis es dunkel ist,« sagte Steffen nach +kleiner Pause; »besser ist besser, und der Märtens unten an der Straße +braucht nicht gleich zu wissen daß wir fortgefahren sind, beide zusammen, +seine Nase hineinzustecken vor der Zeit; er ist mir so schon ein paar Mal +hier oben herumgekrochen, wo er Nichts zu suchen hatte.« + +»Aber wenn sie uns nun doch vor der Zeit vermissen?« sagte die Frau, »und +unserer Spur nachgehn; wenn’s jetzt schlimm ist, nachher wird’s erst bös, +und wir dürften dann nur gleich mit Sack und Pack abziehn.« + +»In’s Arbeitshaus, eh? — nein, eine Weile halt’ ich sie uns schon von den +Hacken, und Gefahr daß sie uns finden, hat es auch nicht. Wo wir zur +Eisenbahn kommen bin ich bekannt, und habe schon manchmal Vieh da gekauft, +wenn sie auch eben meinen Namen nicht wissen, und wenn wir fortgehn, lasse +ich einen alten Hut von mir und das gelbe Tuch von Dir unten an dem tiefen +Wasserloch unter den Erlen. Sobald Jemand hier in der Gegend vermißt wird, +suchen sie dort immer zuerst, und der Schulze im Dorf hat das Pulver nicht +erfunden, dem ist leicht was aufgehängt. Bis sie eine Weile stromab +geangelt haben, sind wir hoffentlich unterwegs, und wenn nicht unter, doch +über dem Wasser. Aber ich will jetzt noch einmal hinunter zum Märtens gehn +und Mehl holen; es ist auch heute der gewöhnliche Tag, und hierher kommt +nachher keiner so leicht, nimm Du indeß die Kinder vor, und instruire sie +wie sie sich zu verhalten haben.« + +Und seine Mütze aufgreifend steckte Steffen die Hände in die Taschen, und +schlenderte langsam den Hang hinunter dem nächsten, eine gute +Viertelstunde entfernten Hause zu, während die Frau die Kinder zu sich +hereinrief, das Jüngste, ein kleines liebes Mädchen von anderthalb Jahren, +auf den Schoos nahm, und sich damit still und lautlos in die Ecke setzte. + +Die Sonne neigte sich indessen ihrem Untergang, und der Vater kam nach +etwa einer Stunde, als es schon völlig dunkel geworden war zurück — die +Mutter saß noch immer mit dem Kind auf dem Schoos, das bei ihr +eingeschlafen war, und hielt es fest an sich gedrückt. + +»So Jule, es ist Zeit,« sagte der Mann, seine Arbeitsjacke abwerfend und +den Rock anziehend, »weiß die Albertine was sie zu thun hat?« + +Die Frau zitterte am ganzen Leib, aber sie erwiederte kein Wort, stand +auf, küßte das Kind das sie auf dem Arm trug, und legte es in sein +Bettchen — einen Kasten, der in der Ecke der Stube stand. + +»Albertine,« sagte sie dann zu der Aeltesten, und wandte sich von der +düster brennenden Oellampe, die Steffen auf den Ofen gestellt hatte, ab, +daß die Tochter ihr nicht in die jetzt wirklich todtenbleichen Züge +schauen sollte — »ich gehe mit dem Vater heute Abend eine Weile fort — den +Karl bring ich erst noch zu Bett — sollten wir morgen früh nicht bei +Zeiten da sein, so — so zieh die Kinder an und gieb ihnen zu essen — der +Brodschrank ist offen, und Milch steht unter der Diele in der Schüssel — +Du paßt mir auf daß den Kleinen Nichts passirt — Du — Du bist ja schon ein +großes Mädchen.« + +»Und geht mir nicht vor die Thür morgen, bis wir nicht wieder da sind,« +sagte Steffen, »wie ich heut Abend drunten gehört habe, ist hier ein +toller Hund herumgelaufen. Das Beste wird sein Ihr haltet die Hausthür zu, +daß er nicht etwa gar herein kommt.« + +Die Frau hatte dabei das etwa dreijährige Mädchen das indeß gar schläfrig +geworden war, ausgezogen und in sein Bettchen gelegt — und der Junge, +Carl, saß auf der Bank am Fenster, noch auf sein Abendbrod wartend. Aber +er sah auch erstaunt dabei die Eltern an, die noch nie so spät Abends +fortgegangen waren, und auch wohl noch nie, oder doch nur selten gar so +freundlich mit ihnen gesprochen hatten. + +»Was für ein Hund ist es, Vater?« frug er jetzt, da der Gedanke an den +tollgewordenen Hund ihn besonders interessiren mochte — »Märtens’ Bello? +der kennt mich, und beißt mich nicht.« + +»Nein, der große Türk aus dem Dorfe unten,« sagte Steffen — »der den +Müller auch schon einmal gebissen hat.« + +»Oh der ist schlimm!« rief der Knabe erschreckt — »da geh’ ich gewiß nicht +hinaus.« + +»Geh’ nun zu Bett Carl, es ist spät,« sagte der Vater. + +»Ich habe mein Abendbrod noch nicht,« brummte der arme kleine Bursch. + +»So? — dann wird Dir’s Albertine geben — und — seid brav und folgt ihr — +« + +Er gab dem Knaben und ältesten Mädchen die Hand, und ging zu den Bettchen +der Kleinen die er küßte; dann aber als ob er sich einer solchen Regung +schäme, richtete er sich rasch wieder auf, drückte den Hut in die Stirn, +und sagte, das Zimmer verlassend, und noch in der Thür sich umdrehend: + +»Ich warte auf Dich unten am Wasser — mach schnell!« + +»Sei ein gut Kind Albertine, und hab mir gut auf die Kleinen Acht,« +flüsterte die Frau jetzt dem Mädchen zu, das eben dem Bruder ein Stück +Brod und Salz gegeben hatte, an dem der aß und verwundert dabei hinter den +Vater her aus der Thür, und nach der Mutter schaute, die lange — o lange +Zeit nicht so freundlich mit ihnen gesprochen hatte. + +»Aber Mutter wo geht Ihr nur hin?« — frug das Mädchen, der das Benehmen +der Eltern ebenfalls auffiel, verwundert. + +»Auf’s Amt,« sagte die Frau, auf die Frage schon vorbereitet — »wir müssen +morgen früh mit Tagesanbruch in der Stadt sein, und wollen gehn so lang’s +kühl ist.« + +»Und wann kommst Du wieder?« + +»Hoffentlich morgen gegen Abend — wenn wir fertig werden; auf dem Amt sind +sie aber gar weitläufig — manchmal dauert’s länger als man denkt. Geht mir +aber nicht vor die Thür, Ihr habt zu essen genug — jedenfalls sind wir +morgen Abend um die Zeit wieder da — und acht’ mir auf die Kleinen, Tine — +sei ein vernünftig gutes Mädchen — Du bist groß genug. Und — wenn Jemand +nach uns fragen sollte, so sag nur wir wären in den Wald gegangen, und +kämen gleich wieder — es wird aber wohl Niemand fragen,« — setzte sie +leise, und wie zu ihrer eigenen Beruhigung hinzu. + +Sie sah sich im Zimmer um, ob sie Nichts vergessen habe — ihr Bündel lag +aber versteckt draußen vor der Thür, wie der Mann seine gepackte +Jagdtasche ebenfalls draußen verborgen gehabt und jetzt mitgenommen hatte. +Ihr Blick überflog auch nur flüchtig den kleinen Raum, und haftete dann +auf dem Bettchen des jüngsten Kindes — sie konnte nicht widerstehn, und +trat noch einmal zu dem schlummernden Kind. + +»Geh doch hinaus Tine, und hole ein paar Stücken Holz herein, so lang ich +noch hier bin, daß Du morgen früh Kaffee kochen kannst — ich bleibe so +lang bei den Kindern,« setzte sie langsam und ohne das älteste Mädchen +dabei anzusehn, hinzu. Dieses ging, und in wilder, fast ängstlicher Hast +küßte die Frau jetzt die kleine, schon sanft schlummernde Line, und hob +dann das Jüngste aus seinem Kasten, auf dessen rosige Lippen sie den +eigenen Mund in wilder Heftigkeit preßte, bis es schrie. Die Thränen — die +Mutter _konnte_ sich nicht ganz verleugnen in dem Augenblick — liefen ihr +dabei voll und schwer die Wangen hinunter, und erst als sie das Aelteste +mit dem Holz zurückkehren hörte, legte sie das leicht beruhigte Kind +wieder auf sein Lager, und küßte den Jungen, dem die Thränen auch anfingen +in die Augen zu steigen. Er wußte freilich nicht recht weshalb, und nur +vielleicht weil er die Mutter weinen sah, wurd’ es ihm auch so weh und +weich um’s Herz. + +»Aber Mutter, was ist Dir nur heute Abend?« sagte das Mädchen, dem die +außergewöhnliche Bewegung derselben unmöglich entgehen konnte — »was habt +Ihr nur, Du und der Vater?« + +»Bah — der Vater war garstig mit mir, und wir haben uns gezankt,« sagte +die Mutter, das Gesicht abwendend von dem Kind. + +Ein scharfer Pfiff von draußen her schlug an ihr Ohr, und sie fuhr +erschreckt in die Höhe. + +»Ja — ich komme schon!« murmelte sie, kaum hörbar, vor sich hin, »so adieu +Albertine — hab auf die Kinder Acht, und — _behüt Euch Gott_!« und mit +dem, wie scheu geflüsterten und vielleicht seit langer, langer Zeit nicht +ausgesprochenen Segen, verließ sie rasch das Zimmer und das Haus. + +»Was zum Teufel trödelst Du denn da drin, und läßt mich eine Stunde hier +warten?« rief der Mann mürrisch, als sie ihn endlich an der verabredeten +Stelle traf — aber die Frau erwiederte kein Wort, und die fieberheiße +Stirn in die Hand pressend, folgte sie dem, jetzt ebenfalls finster und +schweigend Voranschreitenden, durch die Nacht. + + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! ERSTER BAND*** + + + +CREDITS + + +May 2006 + + Project Gutenberg Edition + richyfortytwo + Joshua Hutchinson + Online Distributed Proofreading Team + + + +A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 18475-0.txt or 18475-0.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/1/8/4/7/18475/ + + +Updated editions will replace the previous one — the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project +Gutenberg™ concept and trademark. 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