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+The Project Gutenberg EBook of Nach Amerika! Erster Band by Friedrich
+Gerstäcker
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Nach Amerika! Erster Band
+
+Author: Friedrich Gerstäcker
+
+Release Date: May 2006 [Ebook #18475]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! ERSTER BAND***
+
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+
+
+
+ Nach Amerika!
+ Ein Volksbuch
+
+ Erster Band
+ von
+ Friedrich Gerstäcker.
+Illustrirt von Theodor Hosemann.
+Leipzig, Hermann Costenoble, Verlagsbuchhandlung
+Berlin, Rudolph Gaertner, Amelang’sche Sort-Buchhandlung
+
+1855
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+ [image]
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+ NACH AMERIKA!
+
+
+Wie man ein Bild, aus einem Werk heraus, vorn auf den Umschlag bringt, den
+Beschauer dadurch gewissermaßen in den Charakter des Ganzen einzuweihen,
+so will auch ich hier den Anfang des einen Capitels, aus der Mitte des
+Bandes heraus, zum Vorwort wählen, den Leser gleich von vorn herein mit
+dem bekannt zu machen, was ich ihm biete.
+
+»Nach Amerika!« — Leser, erinnerst Du Dich noch der Märchen in »Tausend
+und eine Nacht«, wo das kleine Wörtchen »Sesam« dem, der es weiß, die
+Thore zu ungezählten Schätzen öffnet? hast Du von den Zaubersprüchen
+gehört, die vor alten Zeiten weise Männer gekannt, Geister heraufzurufen
+aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls sich dienstbar zu
+machen? — Mit dem ersten Klang der einfachen Sylbe schlugen, wie sich die
+Sage seit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner
+zusammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkühne Menschenkind das sie
+gesprochen, bebte zurück vor der furchtbaren Gewalt die es
+heraufbeschworen.
+
+_Die_ Zeiten sind vorüber; die Geister, die damals dem Menschengeschlecht
+gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das
+rechte Wort vergeben sie zu rufen — aber ein anderes dafür gefunden das,
+kaum minder stark, mit _einem_ Schlage das Kind aus den Armen der Eltern,
+den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen seinen Verhältnissen und
+Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reißt, in dem es bis dahin mit
+seinen stärksten, innigsten Fasern treulich festgehalten.
+
+»Nach Amerika,« leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der ersten
+schweren, traurigen Stunde entgegen, die seine Kraft prüfen sollte, seinen
+Muth stählen — »nach Amerika,« flüstert der Verzweifelte der hier am Rand
+des Verderbens dem Abgrund langsam aber sicher entgegen gerissen wurde —
+»nach Amerika,« sagt still und entschlossen der Arme, der mit männlicher
+Kraft, und doch immer und immer wieder vergebens gegen die Macht der
+Verhältnisse angekämpft, der um sein »tägliches Brod« mit blutigem Schweiß
+gebeten — und es nicht erhalten, der keine Hülfe für sich und die Seinen
+hier im Vaterlande sieht, und doch nicht betteln _will_, nicht stehlen
+_kann_ — »nach Amerika« lacht der Verbrecher nach glücklich verübtem Raub,
+frohlockend der fernen Küste entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt
+vor dem Arm des beleidigten Rechts — »nach Amerika,« jubelt der Idealist,
+der wirklichen Welt zürnend, weil sie eben wirklich ist, und über dem
+Ocean drüben ein Bild erhoffend, das dem in seinem eigenen tollen Hirn
+erzeugten, gleicht — »nach Amerika« und mit dem einen Wort liegt hinter
+ihnen, abgeschlossen, ihr ganzes früheres Leben, Wirken, Schaffen — liegen
+die Bande die Blut oder Freundschaft hier geknüpft, liegen die Hoffnungen
+die sie für hier gehegt, die Sorgen die sie gedrückt — _»nach Amerika!«_
+
+So gährt und keimt der Saame um uns her — hier noch als leiser, kaum
+verstandener Wunsch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft
+und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht seiner gepackten Kisten und
+Kasten. Der Bauer draußen hinter seinem Pflug, den der nahe Grenzrain, der
+ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie so schwer
+geärgert, und der im Geist schon die langen geraden Furchen zieht, weit
+über dem Meer drüben, in dem fetten, herrlichen Land; — der Handwerker in
+seiner Werkstatt, dem sich Meister nach Meister in die Nachbarschaft
+setzt, mit Neuerungen und großen, marktschreierischen Firmen, die wenigen
+Kunden die ihm bis dahin noch geblieben in _seine_ Thür zu locken; der
+Künstler in seinem Atelier, oder seiner Studirstube, der über einer
+freieren Entwickelung brütet, und von einem Lande schwärmt wo
+Nahrungssorgen ihm nicht Geist und Hände binden; — der Kaufmann hinter
+seinem Pult, der Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in seinen Büchern
+zieht, und, das sorgenschwere Haupt in die Hand gestützt, von einem neuen,
+andern Leben, von lustig bewimpelten Schiffen, von reich gefüllten
+Waarenhäusern träumt; in Tausenden von ihnen drängt’s und treibt’s und
+quält’s, und wenn sie auch noch vielleicht Jahre lang nach außen die alte
+frühere Ruhe wahren, in ihren Herzen glüht und glimmt der Funke fort — ein
+stiller aber ein gefährlicher Brand. Jeder Bericht über das ferne Land
+wird gelesen und überdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend für den
+Kranken. Vorsichtig und ängstlich, und wie weit herum um ihr Ziel, daß man
+die Absicht nicht errathen soll, fragen sie versteckt nach dem und jenem
+Ding — nach Leuten die vordem »hinüber« gezogen und denen es gut gegangen
+— nach Land- und Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk — für Andere natürlich,
+nicht für sich etwa — sie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen
+will hinüber, ein entfernter Verwandter oder naher Freund, sie wünschen
+daß es dem wohl geht, und häufen mehr und mehr Zunder für sich selber auf.
+
+So ringt und drängt und wühlt das um uns her; keiner ist unter uns, dem
+nicht ein lieber Freund, ein naher Verwandter den _salto mortale_ gethan,
+und Alles hinter sich gelassen, was ihm einst lieb und theuer war — aus
+dem, aus jenem Grund — und täglich, stündlich noch hören wir von anderen,
+von denen wir im Leben nie geglaubt daß _sie_ je an Amerika gedacht, wie
+sie mit Weib und Kind und Hab und Gut hinüberziehn.
+
+Und dort? —
+
+— Die vorliegenden Blätter sollen dem Leser ein Bild geben von dem Leben
+und Treiben solcher Leute. Hier aus unserer Mitte heraus, aus den
+verschiedenartigsten Verhältnissen und Sphären, aus allen Schichten der
+menschlichen Gesellschaft sehen wir sie ziehen — Gute und Böse, den
+Leichtsinnigen und den Spekulanten, den Bauer und Handwerker, den
+Gelehrten und den Arbeiter, den rechtschaffenen Bürger und den heimlichen
+Verbrecher, Alle dem _einen_ Ziel entgegenstrebend. Und _Alle_ vereinigt
+sie das Schiff; der eine kleine Bau, der hunderte von Menschen auf seinem
+schwanken Kiel hinüberträgt, dem fernen Welttheil zu; oh was für
+Hoffnungen, was für Pläne und Träume birgt er in seinem Schooß. Aber die
+Auswanderer liegen die langen Wochen, ja Monate, verpuppten Raupen gleich,
+im engen Haus, still und gedrängt beisammen; Jeder mit dem alten Leben
+abgeschlossen hinter sich, mit dem neuen noch nicht begonnen, in einem
+wunderlichen unnatürlichen Zustand, ungeduldiger Ruhe, bis der Anker in
+die Tiefe rollt, und die ausgeschobene schmale Planke der bunten Schaar
+von Tag- und Nachtfaltern den Weg in’s Freie öffnet.
+
+Hinaus flattern sie da nach allen Seiten, wie eine Hand voll Spreu, vom
+Winde fort geführt; die Einen selbstbewußt und keck dem fremden,
+unbekannten Leben in die Arme springend, die Anderen scheu und zaghaft bei
+jedem Schritte fast moralische Selbstschüsse und Fußangeln fürchtend; Alle
+aber entschlossen, die meisten sogar gezwungen, dem neuen Vaterlande die,
+im alten aufgegebene Existenz abzuringen, Jeder in seiner Art, auf seine
+Weise.
+
+Dort nun sehen wir sie schaffen und wirken in Gutem und Bösen, die Einen
+mit ihren kühnsten Hoffnungen erfüllt, Andere, zerknirscht und zertreten,
+die Stunde verwünschend, die den Gedanken an Auswanderung gebar — sehn wie
+sich die Wildniß lichtet, wie Farmen und Städte entstehn, und sich das
+deutsche Element ausbreitet nach allen Seiten, und folgen den einzelnen
+Bekannten und Freunden, die wir zu Hause schon, oder auf der Fahrt erst
+lieb gewonnen, oder für die wir uns interessiren, auf ihren verschiedenen,
+oft wunderlichen Bahnen.
+
+Manchen alten Reisegefährten führ ich dabei dem Leser vor, und hoffe ihn
+nicht zu langweilen, den weiten Weg; schlafen wir dann auch manchmal
+draußen im Freien, oder in niederer Blockhütte auf dünnem »Quilt«, müssen
+wir auch eine Zeit lang mit Maisbrod und Wildpret, oder gar mit Speck und
+Syrup verlieb nehmen, wie es der Farmer am Ohio liebt, wir lernen doch das
+Land kennen, mit seinen guten und schlechten Eigenschaften, seinen
+Vortheilen und Mängeln, seinen Bürgern und Einwanderern, seinen inneren
+Verhältnissen, seinem Leben und seiner Lebenskraft, und bin ich im Stande
+ihn auch nur einen Blick in jene ferne, von Tausenden so heiß ersehnte
+Welt, wie ich sie selbst gefunden, thun zu lassen, so hab ich meinen Zweck
+mit diesem Buch erreicht.
+
+_Rosenau_ bei Coburg im September 1854.
+
+ Friedrich Gerstäcker.
+
+
+
+
+
+ INHALT DES ERSTEN BANDES.
+
+
+Das Dollinger’sche Haus
+Der rothe Drachen
+Der Diebstahl
+Franz Loßenwerder
+Die Auswanderungs-Agentur
+Die Weberfamilie
+Nach Amerika
+Der Tanz im rothen Drachen
+Rüstungen
+Die beiden Familien
+
+
+
+
+
+ Capitel 1.
+
+
+ DAS DOLLINGER’SCHE HAUS.
+
+
+Im Hause des reichen Kaufmanns Dollinger zu Heilingen — einer nicht
+unbedeutenden Stadt Deutschlands — hatte am Sonntag Mittag, ein kleines
+Familienfest die Glieder des Hauses um den Speisetisch versammelt, und
+diesen heute in außergewöhnlicher Weise mit Blumen geschmückt, und
+delicaten Speisen und Weinen gedeckt. Es war der Geburtstag der zweiten
+Tochter des Hauses, der liebenswürdigen Clara und nur ihr erklärter
+Bräutigam, ein junger deutscher, in New-Orleans ansässiger Kaufmann, als
+Gast der Familie zugezogen worden.
+
+Am oberen Ende des Tisches, um dem Leser die Personen gleich in
+Lebensgröße vorzuführen, saß Vater Dollinger, ein etwas wohlbeleibter aber
+behäbiger, stattlicher Mann, mit klaren, blauen, unendlich gutmüthigen
+Augen und schneeweißen Locken und Augenbrauen, die aber dem edel
+geschnittenen Gesicht gar gut und ehrwürdig standen. Ihm zur Rechten saß
+seine Frau, allem Anschein nach etwa funfzehn oder sechzehn Jahre jünger
+wie er selber, und durch ihr volles, dunkelbraunes Haar vielleicht auch
+noch sogar jünger aussehend, als sie wirklich war. Sie ebenfalls, mit
+ihrer stattlichen Gestalt, hatte einen leichten Anflug zu Corpulenz, aber
+das etwas ausgeschnittene Kleid, wie die schwere goldene Kette, Broche und
+Ohrringe, die sie fast etwas zu reichlich schmückten, paßten nicht ganz zu
+dem sonst so freundlichen, matronenhaften Aeußern.
+
+Clara neben ihr, war das veredelte Bild der Eltern; die lieben treublauen
+Augen schauten gar so vertrauungs- und unschuldsvoll hinein in die Welt,
+an deren Schwelle sie stand, und die ihr, wie ein eben geöffnetes,
+prachtvoll gebundenes Buch auf den ersten, flüchtig durchblätterten
+Seiten, nur freundliche Blumen und ihr zulächelnde Gestalten zeigte. Kein
+Schmerz hatte diese engelsanften Züge noch je durchzuckt, keine Thräne
+wirklichen Schmerzes den reinen Blick getrübt, und die ganze zarte,
+sinnige Gestalt glich der eben entkeimenden Frühlingsblüthe im sonnigen
+Wald, die dem jungen Frühlingstag in Glück und Unschuld die schwellenden
+Lippen zum Kusse bietet, und in der blitzenden Thauperle ihres Kelchs, den
+reinen Aether über sich, nur schöner, nur glühender zurückspiegelt.
+
+Ihre um nur wenige Jahre ältere Schwester, Sophie, die an des Vaters Seite
+saß, ähnelte der Schwester in mancher Hinsicht an Gestalt, aber das
+einfach kindliche, was Clärchen jenen unendlichen Reiz verlieh, fehlte
+ihr. Ihre Gestalt war voller, majestätischer, aber auch ihr Blick mehr
+kalt und stolz; »ich bin des reichen Dollingers Kind« lag klar und
+deutlich in den scharf zusammengezogenen Mundwinkeln, in dem fest und
+entschieden, blitzenden Auge, und auch ihre Kleidung, ihr Schmuck war,
+wenn nicht reicher, doch jedenfalls mehr in’s Auge springend, Bewunderung
+fordernd.
+
+Zwischen Beiden saß Clara’s Bräutigam, ein junger, bildhübscher Mann in
+moderner, fast für einen Mann etwas zu gewählter und sorgfältig geordneter
+Kleidung; er trug das Haar in natürlichen dunkelbraunen Locken und das
+Gesicht glatt rasirt, bis auf einen kleinen, aufmerksam gekräußten, und
+nur bis zur halben Backe reichenden Backenbart, an den Fingern aber mehre
+sehr kostbare Diamant-Ringe, eine Brillant-Tuchnadel von prachtvollem
+Feuer, und eine schwere goldene, ebenfalls mit kleinen Edelsteinen
+besetzte Uhrkette.
+
+Die Bekanntschaft Clara’s und ihrer Eltern hatte er dabei auf eine etwas
+romantische Weise, und zwar gleich als ihr Lebensretter oder doch Befreier
+aus einer nicht unbedeutenden Gefahr gemacht. Herr und Frau Dollinger
+waren nämlich mit ihren beiden Töchtern im vorigen Herbst auf einer
+Rheinreise bei Rüdesheim aus- und zu dem kleinen Waldtempel oben über
+Asmannshausen hinaufgestiegen, um sich von dort nach dem Rheinstein
+übersetzen zu lassen; die Mutter hatte aber durch das nicht gewohnte
+Bergsteigen heftige Kopfschmerzen bekommen oder, was wahrscheinlicher ist,
+ennuyirte sich am Land und wünschte an Bord des Dampfers zurückzukehren,
+und als sie gerade mit dem Kahn über den Rhein fuhren, kam ein Dampfboot
+stromab, und hielt auf ihr Winken, sie an Bord zu nehmen. Herr und Frau
+Dollinger, mit Sophie, von den Kahnführern unterstützt, hatten auch schon
+glücklich die Treppe und das Deck erreicht, und dicht hinter ihnen folgte
+Clara, als diese sich plötzlich erinnerte, ihre Geldtasche im Kahn
+vergessen zu haben, und anstatt diese sich heraufreichen zu lassen, selber
+wieder zurücksprang sie zu holen. Durch das Hineinspringen fing aber der
+schmale Kahn an zu schwanken, während sie, die vergessene kleine Tasche
+aufhebend, das Gleichgewicht verlor und, mit dem Kopf voran, in den Rhein
+stürzte. Unglücklicher Weise waren gerade in dem nämlichen Augenblick die
+Kahnleute an Deck des Dampfers gestiegen, den Koffer eines Passagiers, der
+mit an Land fahren wollte, in ihren Kahn zu heben, und wenn sie jetzt
+auch, auf das Geschrei an Bord, rasch in diesen zurücksprangen, trieb doch
+Clara schon hinter dem Dampfboot aus, als der junge, eben von Amerika
+zurückgekehrte Mann, der dem ganzen Vorfall vom Deck des Dampfers
+zugesehn, mit keckem Muth ins Wasser sprang und die Jungfrau doch
+wenigstens so lange an der Oberfläche unterstützte, bis das Boot herbeikam
+sie beide aufzunehmen.
+
+Das Weitere nahm einen ziemlich einfachen Verlauf, Joseph Henkel, wie der
+junge Mann hieß, gewann sich in den nächsten Wochen, die er in der
+Gesellschaft der ihm zu großen Dank verpachteten Familie zubrachte, die
+Achtung des Vaters und die Liebe von Mutter und Tochter, und als er zuerst
+bei der Mutter um die Hand der Tochter anhielt, sagten Beide nicht nein.
+Allerdings wollte der Vater erst, wenn auch nicht gerade Schwierigkeiten
+machen, doch etwas Genaueres über die Existenzmittel eines Mannes
+erfahren, dem er das Glück und Leben eines lieben Kindes anvertrauen
+sollte. Henkel selber bot ihm dazu die Hand und gab ihm Adressen an
+verschiedene Häuser in New-Orleans, die ihm über seine dortige Stellung
+genaue Auskunft geben konnten.
+
+Nach seinem Vermögen mochte der alte Dollinger, wenn auch Kaufmann, nicht
+so genau forschen; er war selber reich genug, einen _reichen_
+Schwiegersohn entbehren zu können, und etwas Vermögen mußte der junge Mann
+haben, dafür bürgte sein ganzes Auftreten, bürgte besonders in den Augen
+seiner Frau der reiche und wirklich kostbare Schmuck, den er trug. Joseph
+Henkel war aber auch außerdem ein interessanter und sehr gescheidter Mann,
+der Manches in der Welt schon gesehen und erlebt, und das Gesehene und
+Erlebte mit lebendigen Farben und Worten zu schildern wußte. Er hatte die
+ganzen Vereinigten Staaten von Nord nach Süd und von Ost nach West
+durchstreift, und dort theils seinen Geschäften gelebt, theils gejagt,
+sogar ein kleines Dampfschiff auf dem Arkansas laufen gehabt, mit den
+Indianern Handel zu treiben, und ihnen die Produkte des Ostens gegen ihre
+eigenen Fabrikate und den Gewinn ihrer Jagden einzutauschen. Er war auch
+einmal von jenen wilden trotzigen Stämmen, die uns Cooper so herrlich und
+unübertroffen beschrieben, gefangen genommen und zum Opfertod verdammt,
+und damals wirklich nur durch ein halbes Wunder gerettet worden, und Clara
+hatte eine ganze Nacht nicht schlafen können, nur in der Angst und Unruhe
+um die entsetzliche Gefahr, der sich der tollkühne Mensch damals schon
+ausgesetzt.
+
+Der junge Mann schien aber zwischen jenen wilden Stämmen den Umgang mit
+civilisirten Menschen keineswegs verlernt zu haben, und besaß ganz
+besonders ein fast wunderbares Geschick, sich seiner Umgebung
+anzuschmiegen, und sich in ihre Charaktere ordentlich hineinzuleben. Als
+ein tüchtiger und raffinirter Kaufmann, der vorzüglich eine vortreffliche
+statistische Kenntniß der Union besaß, gewann er sich dabei, und gleich
+von allem Anfang an, die Achtung des alten Dollinger. Der Frau aber hatte
+er leicht ihre kleinen, oft liebenswürdigen Schwachheiten abgelauscht, und
+wußte ihnen auf so geschickte Art zu begegnen, daß Frau Dollinger, mit der
+Rettung des geliebten Kindes im Hintergrund, schon nach sehr kurzer Zeit
+ganz entzückt von ihm war, und sein Lob dem Gatten unaufhörlich redete.
+Auch mit der älteren Schwester, Sophie, wußte sich Henkel bald auf guten
+Fuß zu stellen; er hatte bei ihr das leichteste Spiel, denn ihre Schwächen
+lagen offen zu Tag, denen aber schmeichelte er mit solcher
+Liebenswürdigkeit, daß ihm Clara, die es fühlte wie er dabei aus sich
+herausging und etwas annahm was ihm nicht natürlich war, oder doch
+jedenfalls dem Mann, den sie liebte, nicht natürlich sein _sollte_,
+dennoch nicht böse darüber werden konnte.
+
+Desto freier, offener und natürlicher war er dafür gegen sie selber; er
+las, sang und spielte Pianoforte mit ihr, lehrte sie eine Menge kleiner
+reizender, schottischer und irischer Lieder, oder plauderte mit ihr leicht
+und sorglos Stunden lang in den Tag hinein, und konnte oft so herzlich
+dabei lachen, daß es Einem ordentlich gut that, ihm zuzuhören. Selbst
+Sophie entsagte dann nicht selten ihrem sonst etwas mehr abgeschlossenen,
+fast steifen Wesen und kam zu ihnen, Theil an ihrer Fröhlichkeit zu
+nehmen.
+
+Nur in den letzten Tagen war der junge »Amerikaner« wie er im Hause
+gewöhnlich scherzhaft hieß, oder der »Delaware« wie ihn Sophie, wenn sie
+manchmal bei recht guter Laune war, nannte, auffällig niedergeschlagen
+gewesen; er hatte Briefe von Amerika bekommen, wie er sagte, und ein sehr
+lieber Freund von ihm war dort schwer erkrankt, auch ein Schiff das ihm
+gehörte, und das nicht versichert worden, so lange ausgeblieben, daß sein
+Compagnon fast den Untergang desselben befürchte. Der alte Herr Dollinger
+tröstete ihn deshalb, und er schien sich auch darüber hinwegzusetzen, die
+sonst so blühende Farbe seiner Wangen wollte aber doch nicht sogleich
+wieder dorthin zurückkehren, und das Auge hatte etwas Unsicheres,
+Unstätes, ihm sonst gar nicht Eigenes bekommen.
+
+Nur heute, zu dem Fest der holden Jungfrau, die er bald die seine zu
+nennen hoffte, hatte er all die trüben Gedanken, welcher Art sie auch
+gewesen, und woher sie stammten, von sich abgeschüttelt, und war ganz
+wieder der frohe glückliche Mann, wie ihn Clara kennen — _lieben_ gelernt.
+Auf seinen Wunsch nur, womit Frau Dollinger eigentlich nicht ganz
+einverstanden gewesen, war auch heute keine größere Gesellschaft geladen
+worden, sondern die kleine Familie speiste ganz »unter sich« in dem
+festlich mit Blumen und Guirlanden geschmückten Zimmer des jungen
+liebenswürdigen Geburtstagkindes. Frau Dollinger hatte sich eigentlich
+schon länger auf eine zu diesem Zweck einzuladende, größere Gesellschaft
+gefreut. Herr Dollinger selber hielt aber nicht viel von solchen Fêten;
+dafür jedoch bedung sie sich aus, daß sie wenigstens den Nachmittag
+spatzieren fahren wollten, wobei sie der junge Henkel gewöhnlich zu Pferde
+begleitete.
+
+Etwas that aber der alte Herr Dollinger gern, und zwar ein Glas Champagner
+trinken, und der zweite Stöpsel war eben lustig hinausgeknallt, der
+Gesundheit des »jungen Brautpaares« zu Ehren, als die Thür aufging und
+Loßenwerder, ein Comptoirdiener des Hauses, mit einem kleinen Paket in’s
+Zimmer trat.
+
+Loßenwerder war schon seit elf oder zwölf Jahren im Haus, und seinem
+Aeußern nach eben keine angenehme Persönlichkeit; er hinkte auf dem linken
+Bein, das er als Kind einmal gebrochen, war überhaupt häßlicher und
+magerer Natur, und schielte auf dem rechten Auge, wodurch sein sonst
+gerade nicht unangenehmes Gesicht einen etwas falschen Ausdruck bekam. Das
+Störendste aber an dem ganzen Menschen war sein Stottern, wegen dem man
+sich auf ein längeres Gespräch gar nicht mit ihm einlassen konnte, und kam
+er einmal in Affekt, konnte er kein Wort mehr herausbringen. Frau
+Dollinger sowohl wie Sophie konnten ihn auch nicht leiden, ja die letztere
+behauptete sogar er verstelle sich und sie habe ihn schon ganz ordentlich,
+wenigstens zehntausend Mal besser sprechen hören, als er es jedesmal
+affektire, wenn er zu ihnen in die Wohnung komme; Clara aber hatte Mitleid
+mit dem armen Menschen, den sie seines Unglücks wegen innig bedauerte,
+schenkte ihm oft eine Kleinigkeit und spottete nie über ihn, während Herr
+Dollinger selber, ihn als einen brauchbaren und treuen Diener, der noch
+außerdem eine vortreffliche Hand schrieb, kannte und sehr zufrieden mit
+ihm war, ihm auch jedes nur mögliche Vertrauen bewieß.
+
+»Hallo, Loßenwerder, was bringst Du mir da in’s Haus?« rief ihm sein
+Principal jetzt halb lachend, halb erstaunt entgegen, als der kleine Mann
+das Zimmer betrat und schüchtern an der Thüre stehen blieb — »ist das für
+mich oder meine Tochter?«
+
+»Gewiß für mich, Väterchen,« rief Clara, rasch von ihrem Sitze
+aufspringend — »siehst Du, der Onkel hat mich doch nicht ganz vergessen
+mit meinem Fest, und mir Gruß und Geschenk geschickt.«
+
+»Hehehe — mö — mö — möchten es sich wo — wo — wo — wo — wohl wü — n —
+nschen Fräulein« lachte aber der Stotternde, indem er Herrn Dollinger
+zuwinkte, daß das Paket für ihn sei — »ka — ka — ka — kann ich mir de — de
+— de — de — denken — Go — go — gold und Ba — ba — ba — ba — bank — no —
+noten.« Er zog dabei einen Brief aus der Tasche, den er dem Herrn übergab.
+
+»Hm, hm, hm« sagte aber dieser kopfschüttelnd, »und das bringst Du mir
+jetzt in’s Haus — gerade wo ich ausfahren will — warum hast Du es denn
+nicht dem Cassirer gegeben?«
+
+»Ni — ni — nirgends zu fi — fi — fi — finden« stotterte Loßenwerder.
+
+Herr Dollinger warf den Kopf, den Brief flüchtig durchfliegend, herüber
+und hinüber, sagte dann aber, aufstehend und das Papier vor sich
+hinlegend:
+
+»Ja, da läßt sich denn weiter Nichts ändern; gieb mir das Paket
+Loßenwerder, und sieh dann zu, daß Du Herrn Reibich findest. Ich lasse ihn
+bitten um sieben oder halb acht Uhr heute Abend auf einen Augenblick zu
+mir zu kommen — verstanden?«
+
+»Ja — ja — jawohl He — he — he — herr Do — do — do — Do — «
+
+»Schon gut« lachte Herr Dollinger, ihm zuwinkend, »und hier, Loßenwerder,
+magst Du auch einmal ein Glas auf das Wohl meiner Tochter trinken.
+Fräulein Clara’s Geburtstag ist heute — hier Clara, reich es dem jungen
+Herrn.« Er füllte dabei ein Wasserglas bis zum Rande voll von dem
+funkelnden, schäumenden Naß, und während Clara mit freundlichem Lächeln
+dem armen Teufel das Glas credenzte, nahm Herr Dollinger das Paket mit
+Geld, ging zu dem nahen Secretair, in dem der Schlüssel stak, öffnete ihn,
+legte das Geld hinein, zog dann den Schlüssel ab und sagte, diesen der
+Tochter überreichend:
+
+»So Kinder, heute müßt Ihr einmal auf ein paar Stunden mein Cassirer sein,
+bis der andere aufgefunden werden kann.«
+
+Clara nickte dem Vater freundlich zu, und Loßenwerder, der das volle Glas
+in der Hand hielt und auf einmal ganz blutroth im Gesicht geworden war,
+hob es empor und rief stotternd:
+
+»Fr — re, re, re, re, re, räu — le — le — lein Cla — ra — ra — ra — ra —
+aus ga — ga — ganzem He — he — he — he — he — he — her — ze — ze — zen.«
+
+Als ob er aber mit den Worten in der Kehle Luft gemacht, setzte er das
+Glas an, und der Wein verschwand wie durch Zauberei.
+
+»Alle Wetter« lachte Herr Dollinger, der sich gerade nach ihm umdrehte,
+»Loßenwerder hat einen vortrefflichen Zug — nun? — hat’s geschmeckt?«
+
+»Gu — gut Herr Do — do — do — do — do.«
+
+»Genug, genug« winkte ihm der Principal wieder ab — »also bestell mir das
+ordentlich.«
+
+Loßenwerder, der Art entlassen, und vielleicht froh aus einer Umgebung zu
+kommen, in der er sich nicht heimisch fühlen konnte, setzte das Glas auf
+einen Seitentisch ab, machte eine etwas linkische Verbeugung, und wohl
+wissend daß er zu einem ordentlichen Danke doch keine Zeit mehr übrig
+hatte, empfahl er sich ohne weiter auch nur einen Versuch zu mündlichem
+Abschied zu machen.
+
+»Eine unangenehme Persönlichkeit« sagte Frau Dollinger zu ihrem
+Schwiegersohn _in spe_, als der Mann noch die Thür nicht einmal ordentlich
+hinter sich geschlossen hatte; »ich kann mir nicht helfen, auf mich macht
+der Mensch immer einen fatalen Eindruck.«
+
+»Wie — wie befehlen Sie meine Gnädige?« sagte der junge Henkel etwas
+zerstreut; Sophie bog sich in diesem Augenblick zu ihm nieder und
+flüsterte ihm ein paar Worte zu —
+
+»Er kann ja doch Nichts für seine Gebrechen« nahm Clara aber die Antwort
+auf, »und thut gewiß Alles in seinen Kräften sie eben durch gutes Betragen
+vergessen zu machen.«
+
+»Papa, ich würde das Geld auch nicht so offen in dem Secretair da liegen
+lassen« sagte Sophie.
+
+»Nicht so offen? — ich habe ja zugeschlossen — «
+
+»Nun, es ist immer nicht gerade gut, wenn die Dienstleute wissen wo man
+Geld liegen hat« stimmte die Mutter bei.
+
+»Dienstleute?« meinte Herr Dollinger — es war ja Niemand von ihnen im
+Zimmer — «
+
+»Doch Loßenwerder?«
+
+»Bah« lachte der Kaufmann, mit dem Kopf schüttelnd.
+
+»Ist es denn viel?« frug seine Frau.
+
+»Nun, der Mühe werth wär’s immer« sagte Herr Dollinger, »fünf Tausend
+Thaler etwa — es soll aber auch nicht über Nacht da liegen bleiben, und
+Loßenwerder hat mir auf heute Abend den Cassirer zu bestellen, das Geld an
+sicheren Ort zu legen, bis ich morgen darüber verfügt habe.«
+
+»Der Loßenwerder verwandte keinen Blick von dem Geld, so lang er im Zimmer
+war« sagte die Mutter, mit dem Finger vor sich hindrohend.
+
+»Lieber Gott, Mütterchen, Du weißt ja aber doch daß er schielt«
+vertheidigte ihn lachend Clara — »eben so fest und unverwandt hat er mich
+indessen mit dem andern Auge angesehen; seine Schuld ist’s nicht daß er
+zwei Stellen auf einmal im Auge behalten muß.«
+
+»Laßt mir den armen Teufel zufrieden« sagte aber auch Herr Dollinger —
+»der ist mir nützlicher wie zwei von meinen anderen Leuten; mehr zum
+Nutzen wie Staat freilich, aber Staat will er auch nicht machen. Jetzt
+übrigens Kinder wird es Zeit daß wir uns rüsten, und Henkel, Sie müssen
+noch Ihr Pferd holen lassen.«
+
+»Ich habe es schon, in der Voraussetzung daß wir bei dem schönen Wetter
+doch wohl eine kleine Parthie machen würden, hierher bestellt,« erwiederte
+rasch der junge Mann — wünschen Sie den Wagen jetzt?«
+
+»Ich glaube ja, je eher, desto besser; die Tage sind kurz und wenn wir
+noch eine Stunde oder zwei fahren wollen, dürfen wir nicht mehr viel
+länger warten.«
+
+»Aber Ihr Mädchen möchtet Euch ein wenig warm einpacken« sagte jetzt die
+Mutter, alles Andere in dem Gedanken an ihre Toilette vergessend — »zum
+still im Wagen Sitzen paßt ein Sommerkleid noch nicht und heute Abend wird
+es kühl werden.«
+
+»Und nicht so lange machen,« mahnte der Vater, der sich sein Glas noch
+einmal voll schenkte und leerte; »der Wagen wird im Augenblick da sein.«
+
+Der Wagen fuhr auch wirklich kaum zehn Minuten später vor, Herr Dollinger,
+der nun seinen Hut und Stock aufgenommen, ging, seine Handschuh anziehend,
+im Hofe auf und nieder, und endlich erschienen, diesmal in wirklich sehr
+kurzer Zeit, die Damen, ihre Sitze einzunehmen.
+
+»Nun, wo ist Henkel?« sagte Herr Dollinger, sich nach seinem zukünftigen
+Schwiegersohne umschauend, »ich habe sein Pferd auch noch nicht gesehen;
+jetzt wird uns der warten lassen.«
+
+Die Familie hatte indessen im Wagen Platz genommen, und der alte Herr
+schaute etwas ungeduldig zum Schlag hinaus, als der junge Henkel zum Thor,
+aber ohne Pferd, hereinkam.
+
+»Nun? und Sie sitzen noch nicht im Sattel?« rief er ihm schon von weitem
+entgegen — »das ist eine schöne Geschichte; jetzt dürfen wir den Frauen
+nie im Leben wieder vorwerfen, daß sie uns warten lassen.«
+
+»Ich muß tausend Mal um Entschuldigung bitten,« sagte der junge Mann, zum
+Wagen hinantretend, »aber mein Stallmeister hat mich sitzen lassen. Wenn
+Sie mir erlauben schicke ich einen der Leute danach, oder gehe selber, es
+ist nicht weit von hier. Aber thun Sie mir die Liebe und fahren Sie
+langsam voraus, ich hole Sie in Zeit von zehn Minuten ein.«
+
+»Wir können ja hier warten,« sagte die Mutter.
+
+»Ja, wenn die Pferde stehen wollten,« brummte Herr Dollinger — »zieh nicht
+so fest in die Zügel Johann, das Handpferd kann das nicht vertragen und
+wird nur noch immer unruhiger — wir wollen langsam vorausfahren — machen
+Sie aber daß Sie nachkommen; auf dem Balkon vom rothen Drachen trinken wir
+Kaffee, dort ist eine wundervolle Aussicht — der Stalljunge mag
+hinüberlaufen und Ihnen das Pferd holen.«
+
+Die Pferde zogen in diesem Augenblick an, Henkel mußte aus dem Weg
+springen und verbeugte sich leicht gegen die Damen, von denen ihm Clara
+freundlich lächelnd zunickte.
+
+Eine starke Viertelstunde später sprengte der junge »Amerikaner,« seinem
+Thiere die Sporen gebend, daß es Funken und Kies hintenaus stob, über das
+Pflaster, zum Entsetzen der Fußgänger dahin, dem Wagen nach, den er nur
+erst eine kurze Strecke vor dem bezeichneten Platz wieder einholte. Im
+Stall wollte Niemand etwas davon gewußt haben, daß er sein Pferd bestellt
+gehabt — Einer schob die Vergessenheit natürlich auf den Andern, und
+Dollinger’s Stallknecht mußte die Leute sogar erst zusammensuchen, bis er
+das Pferd bekam, deshalb hatte es so lange gedauert. Als er mit demselben
+zurückkehrte, ging der junge Mann in dem kleinen, dicht am Haus liegenden
+Garten auf und ab, sprang aber dann, dem Burschen ein Trinkgeld zuwerfend,
+und dessen Entschuldigung nur halb hörend, rasch in den Sattel und flog,
+wie vorher erwähnt, in vollem Carrière die Straße nieder.
+
+Er hatte den Hof kaum verlassen, als Loßenwerder, einen großen,
+wunderschön blühenden Monatsrosenstock unter dem Arm, vorsichtig und wie
+scheu, daß ihn Niemand gewahre, über den Hof und in die Hinterthür des
+Hauses schlich, und sich leise und geräuschlos die Treppe damit
+hinaufstahl. Er blieb etwa zehn Minuten im Haus und wollte dann aus
+derselben Thür wieder über den Hof zurück, als der Stallknecht aus der
+Futterkammer kam. Unschlüssig blieb der kleine Mann eine kurze Zeit hinter
+der Thür stehen, und schlich sich dann, als der Bursche den Platz nicht
+verlassen wollte, vorn zur Hausthür hinaus auf die Straße, den Weg nach
+seiner Wohnung einschlagend.
+
+
+
+
+
+ Capitel 2.
+
+
+ DER ROTHE DRACHEN.
+
+
+Der »rothe Drachen«, ein Wirthshaus, das wegen seines vortrefflichen
+Bieres, wie sonst mancher schätzenswerthen Eigenschaften einen sehr guten
+Namen hatte, lag etwa eine halbe Stunde von Heilingen, an der großen
+Landstraße, die gen Norden führte. Ein freundlicher Thalgrund umschloß
+Haus und Garten und die dunklen, den Gipfel des nächsten Hanges krönenden
+Nadelhölzer hoben nur noch mehr das freundliche Grün der jungen Birken und
+Weißeichen hervor, die sich über die niedere Abdachung erstreckten, und
+bis scharf hinan an den hocheingefriedigten und sorgfältig in Ordnung
+gehaltenen Frucht-, Gemüse- und Blumengarten des Hauses selber lehnten.
+
+Es war ein warmer, sonniger Frühlingsnachmittag; der Bach, der am Hause
+dicht vorbeirieselte, plätscherte und schäumte in frischem jugendlichen
+Uebermuth, des Eises Hülle, die ihn so lange gefangen gehalten oder doch
+fest und ängstlich eingeklemmt, nun endlich einmal enthoben zu sein, und
+die Vögel zwitscherten so froh und munter in den Zweigen der alten
+knorrigen Linde, die unfern der Thüre stand, und flatterten und suchten
+herüber und hinüber, aus den blühenden Obstbäumen fort über den Hof und
+von dem Hof wieder fort in dicht versteckten Ast und Zweig hinein, mit
+einem gefundenen Strohhalm oder einer erbeuteten Feder im Schnabel, daß
+Einem das Herz ordentlich aufging über das rege glückliche Leben. Und wie
+blau spannte sich der Himmel über die blühende, knospende Welt, wie leicht
+und licht zogen weiße duftige Wolken, Schwänen gleich, durch den Aether
+hin, farbige, flüchtige Schatten werfend über Wiesen und Feld und die
+weite Thalesflucht, die sich dem Auge in die Ferne öffnete und dem
+leuchtenden Blick neue Schätze bot, wohin er fiel.
+
+Ein Frühling in Deutschland — ein Frühling im _Vaterland_; oh wie sich das
+Herz da mit der wirbelnden, schmetternden Lerche hebt und jubelnd,
+jauchzend gen Himmel steigt; zwinge die Thräne da nicht zurück, die sich
+Dir, dem Glücklichen, in’s Auge drängt — in ihrem Blitzen preisest Du den
+Vater droben, wie es die jubelnde Lerche dort thut, die mit zitterndem
+Flügelschlag über den grünen Matten schwebt; — wie das raschelnde
+flüsternde Blatt im Wald, wie der schwankende, thaugeschmückte Halm und
+die knospende, duftende Blüthe im Thal. Ein Frühling im Vaterland — oh wie
+schön, wie jung und frisch die Welt da um uns liegt in ihrem bräutlichen
+Glanz, voll neuer Hoffnungen in jedem jungen Keim, und wie sich das Herz
+der schönen Blume gleich zusammenzog, als der Herbststurm über die Haide
+fuhr, mit rauher Hand den Blattschmuck von den Bäumen riß und zu Boden
+warf und Schnee und Eis vor sich hin jagte über die erstarrende Flur, so
+öffnet es sich jetzt mit vollem Athemzug wieder den balsamischen
+Frühlingsgruß, und vorbei, vergessen liegt vergangenes Leid — wie der
+verwehte Sturm selber keine Spur mehr hinterließ und die schönsten Blumen
+jetzt gerade an den Stellen blühen, wo er am tollsten, rasendsten getobt.
+
+Ein warmer erquickender Regen war die letzten Tage gefallen, und so gut er
+dem Land gethan, hatte er doch die Bewohner des nahen Städtchens in ihre
+Häuser und Straßen gebannt gehalten, von wo aus sie sehnsüchtig die nahen
+grünenden Berge theils, theils die dunklen Wolken betrachteten, die nicht
+nachlassen wollten Segen auf die Fluren niederzuträufeln. Heute aber hatte
+sich das geändert; voll und warm glühte die Sonne am Himmelszelt und
+hinaus strömten sie in jubelnden Schaaren, hinaus in’s Freie. Der »rothe
+Drachen« vor allen anderen Plätzen, der so reizend an der Oeffnung des
+Thales lag und die Aussicht bot in das darunter liegende freie Land, hatte
+dabei sein reichlich Theil erhalten der fröhlichen Schaar, daß die Wirthin
+mit ihren Kellnern und Mägden nicht Hände genug hatte zu schaffen und
+herzurichten, und die Tische und Bänke im Garten draußen fast alle besetzt
+waren rund herum von Schmausenden.
+
+Der »rothe Drachen« sollte übrigens, wie die Sage ging, seinen Namen von
+einem wirklichen Drachen bekommen haben, der einmal vor vielen hundert
+Jahren in der Schlucht weiter oben, die auch noch ebenfalls nach ihm die
+Drachenschlucht hieß, gehaust und viele Menschen und Rinder verschlungen
+hatte. Der Wirth des »rothen Drachen« nun, Thuegut Lobsich, dessen
+Voreltern schon diesen Platz gehalten, behauptete dabei, Einer seiner
+»Ahnen« habe den Drachen im Einzelkampf erlegt — (die Gäste meinten, mit
+schlechtem Bier vergiftet) und dafür von dem damals regierenden Fürsten
+Platz und Wirtschaft als Gerechtsame, mit dem Schild als Wahrzeichen,
+erhalten.
+
+Wie dem auch sei, Thuegut Lobsich that wirklich gut auf dem Platz, der ihm
+vortreffliche Nahrung bot, und befand sich so wohl, wie sich nur ein Wirth
+in einer gut gelegenen Wirthschaft befinden kann. Seine Frau war aber
+dabei der Nerv des Ganzen, in Küche und Stall, in Keller und Haus, und
+während sich Vater Lobsich, wie er sich gern nennen ließ, obgleich er noch
+jung und rüstig war, am Liebsten zu seinen Gästen irgendwo an einen Tisch
+drückte und »das Bier controllirte«, wie er sagte, daß ihm die Burschen
+kein Saures brachten und die Gäste verjagten, arbeitete die Frau im
+Schweiße ihres Angesichts vor dem Heerd, die bestellten Portionen
+herzurichten und zu gleicher Zeit auch den Verkauf von Kaffee, Thee, Milch
+und Kuchen zu überwachen. Dabei führte sie die Kasse und rechnete mit
+Kellnern und Mädchen ab, und wehe denen, die eine halbe Portion Kaffee
+oder Kuchen vergessen, ein nichtbezahltes Glas nicht aufnotirt oder einem
+schlechten Kunden noch einmal gegen den direkt gegebenen Befehl geborgt
+hatten.
+
+Böse Zungen meinten dabei nicht selten, Frau Lobsich sei der »einzige Mann
+im Hause« und Thuegut dürfe nur tanzen, wenn sie nicht daheim wäre; böse
+Zungen erwähnten dann aber nicht dabei, daß sie wirklich allein das
+Hauswesen in Zucht und Ordnung hielt, und so scharf und heftig sie draußen
+in Küche und Wirtschaft, wo sie fremde Leute doch auch eigentlich nur zu
+sehen bekamen, sein konnte, und so große Ursache sie dabei oft hatte
+ärgerlich zu sein, und die Ursache dann auch für vollkommen genügend
+hielt, es wirklich zu werden, so still und freundlich konnte sie sich
+betragen, wenn sie allein mit ihrem Manne war, und so gern gab sie ihm in
+Allem nach, was nicht eben zu Ruin und Schaden trieb. Salome Lobsich war
+das Muster einer Hausfrau, und was ebensoviel sagen will, eine gute Gattin
+dabei — ob ihr Mann dasselbe auch von sich sagen konnte, stand auf einem
+anderen Blatt.
+
+Heute hatte sich übrigens eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft in dem gar
+so freundlich gelegenen Garten des rothen Drachen eingefunden, und dicht
+vor der Thür desselben, unter der alten breitschattigen Linde, die ihre
+Arme so weit nach rechts und links hinüberstreckte, daß man sie schon
+hatte stützen müssen, nur den Weg zu ihr und den Platz darunter frei zu
+behalten, saß Lobsich selber mit einem kleinen Kreis guter Bekannten,
+d. h. alter Kunden und quasi Stammgäste von ihm, denn er selber kam selten
+irgend wo anders hin, und wer also sein Bekannter _bleiben_ wollte, mußte
+ihn eben besuchen.
+
+Zu diesen gehörte besonders Jacob Kellmann, ein Kürschner und Pelzhändler
+aus Heilingen, dann der Aktuar Ledermann von dort, eine lange hagere,
+etwas ungeschickte Gestalt, mit aber nicht unangenehmen, gutmüthigen
+Gesichtszügen, und der Apotheker aus Heilingen, Schollfeld mit Namen, die
+es gewöhnlich so einzurichten wußten, daß sie an einen Tisch mit einander
+zu sitzen kamen. Lobsich nahm ebenfalls am Liebsten zwischen dieser
+kleinen Gesellschaft Platz, und nur dann und wann, besonders wenn er die
+Stimme seiner Frau irgendwo hörte, stand er auf und ging einmal durch den
+Garten und die Reihen seiner Gäste, zu sehn ob Alle ordentlich bedient
+würden, und keine Klagen einliefen gegen unaufmerksame Kellner, die er in
+dem Fall auch wohl gleich an Ort und Stelle mit einem Knuff oder einer
+Ohrfeige abstrafte, als warnendes Beispiel. Er mußte an irgend Jemand
+seinen Aerger auslassen, daß er nicht bei seinem Biere konnte sitzen
+bleiben.
+
+»Ist doch ein prachtvolles Wetter heute,« sagte Kellmann, der eben einen
+tüchtigen Zug aus seinem Glase gethan, und nun mit vollem zufriedenen
+Blick über das freundliche Bild hinaus schaute, das sich, von der warmen
+Nachmittagssonne beschienen, in all seinem blitzenden Glanz und
+Farbenschimmer vor ihnen aufrollte »und es wächst und gedeiht Alles
+draußen so schön und steht so prächtig — merkwürdig dabei, daß Alles so
+theuer bleibt, und die Preise, statt herunter zu gehen, immer nur steigen
+und steigen.«
+
+»Ja das weiß Gott,« seufzte der Aktuar, dem der Gedanke selbst den
+Geschmack am Bier wieder zu verderben schien, denn er setzte das schon zum
+Mund gehobene Glas unberührt vor sich nieder — »und wenn das noch eine
+Weile so fort geht, können wir alle mit einander verhungern oder
+davonlaufen.«
+
+»Nun Ihr habt gut reden,« sagte Kellmann, »Ihr bekommt vom Staat Euer
+Gewisses und könnt Euch genau danach einrichten — Euer Geld muß Euch
+werden, wenn der erste jedes Monats kommt, unsereins hängt aber allein von
+den Zeiten ab, und wenn die Lebensmittel knapp werden, kauft Niemand einen
+Pelz. Holz will auch sein und daran kann sich nachher die ganze Familie
+wärmen.«
+
+»Ihr redet wie Ihr’s versteht,« brummte der Aktuar, — »unser Gewisses
+bekommen wir, das ist wahr, aber nur deshalb, damit wir gewisses Elend vor
+den Augen haben. Ich habe fünfhundert Thaler Gehalt, und Frau und Kind und
+Dienstmädchen zu ernähren, und soll anständig dabei gekleidet gehn, denn
+vor zehn und zwanzig Jahren hatte ein Aktuar in meiner Stellung auch nicht
+mehr, und machte das Alles möglich, ja befand sich wohl dabei. Jetzt aber
+wird Brod, Butter, Fleisch, Holz, Wohnung, kurz Alles was wir nun einmal
+zum Leben brauchen, gesteigert von Tag zu Tag, aber meine fünfhundert
+Thaler _bleiben_; vor zehn Jahren kaufte ich zwanzig Pfund Brod für
+dasselbe Geld, für das ich jetzt nicht zehn bekomme — aber _meine_
+fünfhundert Thaler _bleiben_. Auch mein Hausherr verlangt höheren Zins —
+schon voriges Jahr bin ich höher gegangen, um nicht gesteigert zu werden,
+d. h. für denselben Preis aus der zweiten in die dritte Etage gezogen,
+aber dies Jahr muß ich ganz hinaus, denn er will wieder zehn Thaler mehr
+haben und ich kann’s ihm nicht geben. Ihr Leute habt Euch gut in die
+Zeiten schicken, denn wenn das Brod theuer wird, schlagt Ihr desto mehr
+auf Euere Waare, der kleine Beamte aber, der Staatsdiener um geringen
+Lohn, das ist das geplagte, gefährdete Geschöpf, und jede neue Taxe macht
+ihm keine neue Berechnung, sondern schnallt ihm nur den Leibriemen um ein
+Loch enger, daß er weniger ißt, bis er in’s _letzte_ Loch geworfen wird,
+zum ersten Mal von seinen irdischen Strapatzen, ohne Furcht vor rasch
+abgelaufenen Ferien, wirklich ungestört auszuruhen.«
+
+»Ach geht mit Eueren erbärmlichen Lamentationen an solch freundlichem
+Tag,« fiel ihm der Wirth hier in die Rede, der sich erst vor ein paar
+Augenblicken wieder mit zum Tisch gesetzt und schon eine ganze Weile
+ungeduldig mit dem Kopf geschüttelt hatte. »Das Reden macht’s nicht besser
+und Stöhnen und Seufzen hilft auch Nichts — Kopf oben, das ist die
+Hauptsache; das andere macht sich von selber — aber hallo« — unterbrach er
+sich plötzlich, von seinem Sitze aufstehend und die Straße
+hinunterzeigend, die in das weite Thal führte — »was kommt dort für ein
+Trupp den Weg entlang?« — und in der That wurde dort oben ein ganzer Zug
+Männer, Frauen und Kinder mit kleinen Handkarren und ein paar einspännigen
+Wägelchen sichtbar.
+
+»Das sind Auswanderer!« rief Jacob Kellmann, von seinem Stuhl aufspringend
+und dem Zug entgegenschauend — »seht nur ein Mensch an, wieder ein ganzer
+Schwarm aus dem Hessischen; Heiland der Welt, da muß doch endlich einmal
+Platz werden.«
+
+»Na nu ist wieder der Frieden beim Henker,« rief aber der Apotheker
+mürrisch — »hier Lobsich setzt Euch auf Eueren Stuhl und trinkt Euer Bier
+aus, und Ihr Kellmann, laßt das Volk da draußen laufen, wohin sie wollen —
+unzufriedene Bande, die es ist und die es nirgends gut genug kriegen kann,
+wo ihr nicht das Confekt auf goldenen Tellern präsentirt wird. Na kommt
+nur hinüber, wenn Euch hier der Hafer zu sehr sticht — Euch werden sie
+schon noch das Fell über die Ohren ziehn, daß Ihr am hellen lichten Tag
+die Sterne zu sehn bekommt.«
+
+»Nein was für ein Zug!« rief aber Kellmann, die langsam näher kommende
+Schaar mit unverkennbarem Interesse betrachtend; »die armen Teufel.«
+
+»Hört Kellmann,« rief aber Schollfeld ärgerlich, »tretet mir da ein wenig
+aus dem Weg, daß ich auch was sehen kann, und setzt Euch wieder, ich
+dächte doch wahrhaftig, Auswanderer hier an der Straße wären nichts so
+besonders Neues, daß Ihr Maul und Nase aufsperrt und thut, als ob Euch so
+etwas noch nicht im ganzen Leben vorgekommen wäre.«
+
+Schollfeld war übrigens nicht umsonst so mürrisch; er hatte einen Zorn auf
+Auswanderer, denn er betrachtete Auswanderung als eine indirekte
+Beleidigung gegen den Staat, gewissermaßen als eine Grobheit, die man ihm
+geradezu unter die Nase sage — : »ich mag nicht mehr in Dir leben und
+weiß einen Platz, wo’s besser ist.« Das _dachten_ sich nämlich die
+»Tölpel«, wie er sie nannte, aber Sie _wußten_ es nicht — gar Nichts
+wußten sie und liefen blind und toll in die Welt hinein. Der Staat hätte
+auch eigentlich den Skandal gar nicht dulden sollen; hunderte von
+Menschen, reine Deserteure aus ihrem Vaterland, liefen da frank und frei
+vorbei, Anderen noch obendrein ein böses Beispiel gebend, und er begriff
+die Regierung nicht, wie sie dem Volke nur noch einen Paß gestatten
+konnte.
+
+Der Zug war indessen näher gekommen und Lobsich rasch in das Haus gegangen
+Bier herbeizuschaffen, da sich bei solchen Trupps gewöhnlich eine Menge
+junge Burschen befanden, die noch Geld im Beutel und immer frischen Durst
+hatten; um so mehr, da das Bergesteigen heute wirklich warm und den Hals
+trocken machte.
+
+ [Capitel 2]
+
+Die ersten Wägen passirten still vorbei; die Führer warfen einen langen,
+vielleicht sehnsüchtigen Blick nach den behaglich hinter ihren Tischen
+sitzenden Gästen und dem kühlen funkelnden Bier hinüber, aber hielten
+nicht an, sich längere Rast dafür auf den Abend versprechend. Nur von den
+Fußgängern blieben mehre Trupps unfern der Linde, unter der unsere kleine
+Gesellschaft saß, und nicht weit von der Gartenthüre stehn, und während
+ein paar der Männer dem Kellner winkten, ihnen Bier herauszubringen, als
+ob sie sich scheuten in ihrer bestaubten schmuzigen Kleidung, mit der
+schweißbedeckten Stirn, zwischen die geputzten und jetzt nach ihnen
+herübersehenden Gruppen hineinzugehn, hielt ein Trupp Frauen ebenfalls
+dort. Angezogen von der plötzlichen weiten und freien Aussicht, die ihnen
+hier nach unten zu das Thal öffnete, durch das sie gekommen, blieben sie
+erfreut und überrascht stehn und schauten dabei auf das reizende Bild hin,
+das wie mit einem Schlage so vor ihnen in’s Leben sprang.
+
+»Heiland der Welt, Lisbeth,« rief ein junges, sechzehnjähriges Mädchen
+der, vielleicht zwei Jahr älteren Schwester zu — »dort drüben liegt
+Holstetten, und von da ist’s nur noch neun Stunden zu Haus — dahinter kann
+ich den weißen Weg durch’s schwarze Nadelholz sehn, der hinüberführt nach
+Krisheim.«
+
+»Ja Marie,« antwortete das Mädchen, und während sie sprach, liefen ihr die
+großen hellen Zähren an den bleichen Wangen nieder, »gleich hinter dem
+Berg dort muß die Windmühle liegen, und dann kommt Bachstetten und
+nachher« — sie konnte nicht mehr sprechen, das Herz war ihr zu voll und
+sie mochte doch nicht das der Schwester, wenn diese ihren Schmerz sah,
+noch schwerer machen. Aber zurückdämmen ließ sich das auch nicht, die
+Wunde war noch zu frisch und blutete zu stark, und beide Mädchen standen
+wenige Minuten still und weinend da, die schönen thränenüberströmten Züge
+den ihr nächsten Menschen ab- und der verlassenen Heimath, die sie wohl
+nie im Leben wieder schauen sollten, zugekehrt.
+
+»Ob auch wohl Martha der Mutter Grab ordentlich hält und pflegt, wie sie
+es versprochen,« brach die Jüngste endlich wieder mit leiser kaum hörbarer
+Stimme das Schweigen.
+
+»Sie hat’s ja versprochen,« flüsterte fast eben so leise die Schwester
+zurück, »aber — — — — so lieb wird sie’s doch nicht haben wie wir.«
+
+»Komm Lisbeth,« sagte die Jüngere wieder und ergriff, ohne sie aber dabei
+anzusehn, der Schwester Hand — »wir wollen gehn — die Wagen sind schon ein
+Stück voraus.«
+
+Beide Mädchen nickten leise und kaum bemerkbar der verlassenen Heimath zu
+und schritten dann schweigend Hand in Hand den Weg entlang, der nach und
+durch Heilingen führte, ihre weite, unbekannte Bahn.
+
+»He Marie, Lisbeth!« rief sie der Vater an, der eben an der Thür des
+Gartens ein Glas Bier von einem der Kellner erhalten hatte — »wollt Ihr
+einmal trinken Kinder?«
+
+»Ich danke Vater,« sagte Marie zurück, ohne sich umzusehn oder stehn zu
+bleiben, »wir sind nicht durstig.«
+
+»Woher des Wegs Ihr Leute?« wandte sich jetzt Kellmann, der trotz
+Schollfeld’s ärgerlichen Worten zu dem Alten getreten war, an diesen.
+
+»Aus Hessen,« sagte der Mann ruhig und that einen langen durstigen Zug aus
+dem, mit dem trefflichen Bier gefüllten, schäumenden Glas.
+
+»Und wohin?«
+
+»Nach Amerika.«
+
+»Hm — ist ein weiter Weg — ist Euch wohl schlecht gegangen hier im Lande?«
+sagte Kellmann, die kräftige und doch gramgebeugte Gestalt des alten
+Landmanns teilnehmend betrachtend.
+
+Der Bauer, dessen Blick auch an dem fernen Punkt indeß gehangen, wo seine
+frühere Heimath lag, ließ das Auge einen Moment wie mißtrauisch über den
+Frager gleiten und erwiederte dann leise und kopfschüttelnd:
+
+»Schlecht? — lieber Gott wie man’s nimmt; man soll g’rad nicht klagen; der
+liebe Gott hat geholfen und wird weiter helfen.«
+
+»Ihr wollt Euch wohl ein paar von den gebratenen Tauben holen die in
+Amerika herumfliegen?« mischte sich hier der Apotheker in’s Gespräch, der
+nicht umhin konnte dem »Auswanderer«, wie er sich ausdrückte, »einen Hieb
+zu versetzen« — »habt Ihr auch Messer und Gabeln mit?«
+
+Der Bauer sah den kleinen, spöttisch lächelnden Mann einen Augenblick
+ruhig von der Seite an, zahlte dann dem neben ihm stehenden Kellner, dem
+er das Glas zurückgab, sein Bier, und ohne irgend etwas auf die Frage zu
+erwiedern, oder ärgerlich darüber zu scheinen, ja als ob er sie nicht
+gehört hätte, wandte er sich und folgte mit einem »grüß Euch Gott Ihr
+Herren«, seinen vorangegangenen Töchtern.
+
+»Holzkopf,« brummte der Apotheker, nur noch mehr gereizt über diese
+anscheinende Misachtung, hinter ihm drein — »dem Volk ist zu wohl hier,«
+setzte er dann, mit einem kräftigen Zug aus seinem Glase hinzu — »der Art
+Leute fühlen sich nicht behaglich, wenn sie nicht baumfest unter dem
+Daumen gehalten werden.«
+
+»Guten Abend miteinander,« sagte in diesem Augenblick ein Anderer der
+Auswanderer, der, mit einem kurzen Pfeifenstummel in der Hand zu dem Tisch
+trat, auf dem in einem schützenden Kelchglas ein Licht mit darum
+gesteckten Fidibus zum Anzünden der Cigarren stand — »wenn’s erlaubt ist,
+möchte ich mir wohl einmal eine Pfeife bei Euch anbrennen.«
+
+»Mit Vergnügen,« sagte Ledermann, ihm einen Fidibus anzündend und
+hinreichend.
+
+»Danke schön,« nickte der Mann, das Feuer benutzend und den blauen Qualm
+in schnellen kurzen Zügen ausblasend. —
+
+»Und wo geht die Reise hin?« frug Ledermann dem Rauchenden.
+
+»Da hinüber,« sagte dieser; immer noch scharf ziehend, indeß er mit dem
+linken, zurückgebogenen Daumen über die linke Achsel wieß — »übers große
+Wasser.« —
+
+»Habt Ihr dort schon einen Platz?« frug der Aktuar.
+
+»Ja,« sagte der Mann freundlich — »mein Bruder hat mir geschrieben aus dem
+Wiskonsin heraus; da soll’s gut sein.«
+
+»Und geht Ihr Alle dorthin?« frug ihn Kellmann.
+
+»Die meisten von uns, ja; eine Parthie will aber auch hinüber in’s
+Missuri; da ist’s wärmer.«
+
+»Es sind wohl lauter Landleute hier miteinander?«
+
+»Ja meistens — ein Schneider ist dabei, und der Schmied aus dem Dorfe und
+der Herr Pastor ist schon voraus.«
+
+»Der Pastor geht auch mit?« frug Kellmann schnell.
+
+»Ahem,« nickte der Mann, »der ist aber mit der Post gefahren, aber er hat
+gesagt er wollte sehn daß wir Alle auf ein Schiff kämen. Danke schön Ihr
+Herren, adje.«
+
+»Glückliche Reise,« rief ihm Kellmann nach.
+
+»Danke,« nickte der Mann noch einmal zurück, »könnens brauchen,« und
+schloß sich den übrigen wieder an, von denen die letzten gerade die Thür
+des Wirthshauses passirten.
+
+Es waren ärmliche, viele von ihnen kränklich oder wenigstens bleich
+aussehende Gestalten, in die Bauerntracht ihrer Gegend gekleidet; die
+meisten Frauen mit Kindern auf dem Arm, Manche sogar deren an der Brust,
+und ein Bündel dazu auf dem Rücken, die im Schweiß ihres Angesichts, wie
+sie bis jetzt gelebt, mühsam der fernen ersehnten Heimath
+entgegenstrebten. Hie und da waren auch ein paar kräftige junge Burschen
+von zwölf bis vierzehn Jahren vor ein kleines leichtes Handwägelchen
+gespannt, darauf gepackte Betten, Kleidungsstücke und Lebensmittel die
+weite Straße entlang zu ziehen. — Die Leute hatten kein Geld übrig, denn
+das wenige, was sie zur Reise aufgespart, mußten sie für das Schiff
+aufheben, und ein paar Thaler sollten doch auch noch wenigstens, wenn das
+irgend anging, übrig bleiben, damit sie nur die ersten Tage in Amerika,
+ehe sie Arbeit bekämen, vor Sorge geschützt wären. Den glänzenden
+Schilderungen die ihnen von dem neuen Lande ihrer Hoffnungen gemacht
+waren, trauten die armen Frauen am wenigsten in ihrem vollen Umfange; von
+Jugend auf, wie ihnen nur eben die Kräfte wurden ihre jüngeren Geschwister
+in der Welt herumzuschleppen, hatten sie arbeiten, hart arbeiten müssen,
+und viel anders würde es auch wohl nicht da drüben sein. Der Sorgen waren
+hier nur gar so viele angewachsen, mit jedem Jahre mehr, wie sie sich auch
+plagten und quälten, und schlechter _konnte_ es dort drüben nicht sein.
+Das war für jetzt der einzige Trost den sie mit sich trugen die lange,
+heiße Straße entlang mit einer kleinen Hoffnung möglicher Besserung
+vielleicht, und sie drückten dann die Kinder nur fester an ihr Herz und
+küßten sie, und flüsterten ihnen leise und heimlich zu daß sie nicht mehr
+schreien sollten, denn sie gingen nach _Amerika_, und da würde schon Alles
+gut werden, wie ihnen der Vater gesagt.
+
+Die Männer und Burschen zogen der fernen Welt aber schon mit mehr
+Vertrauen entgegen; das Bewußtsein der eigenen Fähigkeit und Kraft hob sie
+dabei auch über Manches hinweg das die abhängigen Frauen schwerer zu Boden
+drückte. Wer bei einer langen Wanderung voran geht, und für den Weg zu
+_denken_ hat, wird nie so müde als der, der ihm folgt, nur für sich denken
+läßt, und hinter drein zieht. Viele von den Männern trugen auch
+Jagdtaschen und Gewehre auf dem Rücken, Büchsen und Schrotflinten — was
+sollte es »da drüben« nicht Alles zu schießen geben; — Manche auch
+nachgemachte bunte Blumensträuße auf dem Hut. Einzelne, aus Baiern und
+Thüringen, die sich ihnen angeschlossen, hatten sogar ein paar kleine
+gefärbte Maraboutfedern mit ihren Landesfarben, blau und weiß, und grün
+und weiß in ihrem Hutband stecken; die Meisten aber schienen keine solche
+Erinnerung an die Heimath mitnehmen zu wollen, in das neue Vaterland.
+
+Die Leute gingen vorüber, und die Gäste hatten ihnen schweigend
+nachgeschaut, so lange fast, bis sie die nächste Biegung der Straße ihren
+Blicken entzog. Auch Lobsich war wieder vor die Thür seines Gartens
+getreten, und sich jetzt kopfschüttelnd zurück zu seinem Tische wendend,
+brummte er vor sich hin.
+
+»S’ist mir doch was Unbedeutendes« — es war dieses eine seiner stehenden
+Redensarten, die in der That unbegrenztes Erstaunen ausdrücken sollte —
+»was die Leute dieß Frühjahr wieder an zu ziehen fangen; Tag für Tag geht
+das so fort; Trupp nach Trupp kommt über die Berge herüber, mit Sack und
+Pack, mit Weib und Kind — und Alles fort, Alles fort, und man merkt nicht
+einmal von _wo_ sie fort sind.«
+
+»Doch, doch,« sagte Kellmann, die Augenbrauen in die Höhe ziehend und mit
+dem Kopf nickend, »doch, doch Lobsich; ob man’s wohl merkt? — geht einmal
+da über die Berge hinüber und seht Euch in den Dörfern um; da steht
+manches alte halbzerfallene _leere_ Haus, an das irgend eine Familie da
+drüben noch mit Schmerzen zurückdenkt, und in das Niemand anderes mehr
+Lust hat einzuziehen, weil er noch eine Menge _bessere_, ebenfalls leer,
+in demselben Dorfe findet. Es ist immer ein trauriger Anblick solch ein
+leeres Haus, und ich seh’s nicht gern.«
+
+»Und was für _Geld_ tragen sie außer Land,« fiel der Apotheker hier ein,
+der indeß, sich zu zerstreuen, im Heilinger Tageblatt gelesen hatte, jetzt
+aber nicht umhin konnte auch noch ein Wort mit drein zu werfen — »was sie
+nicht mit hinübernehmen können, lassen sie wenigstens in den Seestädten,
+und zu uns kommt Nichts mehr davon zurück. Wenn ich nur das erst einmal
+erlebe, daß die Leute zu ihrem Glück förmlich _gezwungen_, und nicht mehr
+aus dem Land hinausgelassen werden; geht das aber so fort, so werden sie
+so lange auswandern, bis uns hier weiter gar Nichts übrig bleibt als
+mitzugehen, wenn wir nicht eben allein sitzen wollen in dem verödeten
+Land, unseren Acker selber zu bauen. Hol sie der Teufel, wofür hat sie
+denn eigentlich der liebe Gott in die Welt gesetzt und ihnen den Holzkopf
+gegeben, der sie zu allem Anderen untauglich macht. Ackern und Düngen
+müssen sie drüben doch auch, und weshalb können sie das nicht eben so gut
+_hier_? — Nein Gott bewahre, die paar Thaler die sie sich _hier_ erspart
+haben, müssen erst wieder verschleppt und hinausgeworfen werden an
+Experimente und reinen Uebermuth, und nachher sitzen sie erst recht da;
+dort drüben _können_ sie Nichts mehr sparen, und _müssen_ schon drüben
+bleiben, wenn sie auch wieder herüber möchten. Die Paar die sich doch noch
+ein paar Thaler zusammenscharren, die kommen nachher schnell genug wieder
+zurück, aber es sind nur wenige, und die anderen armen Teufel haben die
+Brücke muthwillig hinter sich abgebrochen, und sitzen nun auf der
+wohlriechenden Haide ohne Unterfutter. Jesus Maria und Joseph, es muß ein
+ordentlicher Jammer drüben sein.«
+
+»Na, _so_ arg nun denn doch wohl noch nicht, Schollfeld,« sagte Kellmann
+kopfschüttelnd, »man hört doch nun auch so Manches von da drüben was nicht
+gar so schlecht klingt, und wo sich’s schon aushalten ließe, wenn man —
+wenn man eben einmal einen solchen verzweifelten Schritt absolut thun
+müßte oder wollte.«
+
+»Nicht so arg?« rief aber Schollfeld, der hier sein Steckenpferd ritt, und
+sich selten eine Gelegenheit entgehen ließ auf Amerika zu schimpfen —
+»nicht so arg? da, hier lesen Sie einmal das Tageblatt, was der wackere
+Dr. Hayde darüber schreibt; das ist ein Mann, der hat Haare auf den Zähnen
+und muß die Sache verstehn, denn er ist Einer von den Wenigen die drüben
+gewesen und glücklich wiedergekommen sind. Er bringt kaum eine Nummer in
+der er nicht ein oder den anderen Hieb auf die Verhältnisse Ihres
+»glücklichen Amerika« hat — das muß ja ein wahres Raubnest sein, lesen Sie
+nur einmal.«
+
+»Hören Sie lieber Schollfeld, ich will Ihnen einmal ’was sagen,«
+erwiederte ihm Kellmann ruhig, »dieser Dr. Hayde, der Ihnen die schönen
+Artikel schreibt ist, der Meinung aller ordentlichen Kerle in Heilingen
+nach, das wenigste zu sagen eine kleine geschwollene Giftkröte, ein
+weggelaufener Advokat, den die Verhältnisse aus Deutschland vertrieben,
+und den in Amerika Niemand mit seinen Talenten haben mochte. Zu faul zum
+arbeiten, und nicht im Stande etwas Anderes zu thun, wurde er dort
+wahrscheinlich vom Schicksal hin- und hergestoßen, und wie ein aus einer
+Thür geworfener Mops, stellt er sich jetzt draußen hin, wo sich Niemand
+die Mühe giebt ihn zu stören, und schimpft und klefft. Ich will Amerika
+eben nicht in allem vertheidigen, aber was _der_ gerade darüber sagt würde
+mich auch nicht bestimmen. Wie ein Dreckkäfer schleppt er sich nur mit
+größter Mühe kleine Stückchen Koth herbei, und rollt sie zusammen eine
+Kugel zu machen in die er sein Ei legt — pfui über den Burschen.«
+
+»Na jetzt freut mich aber mein Leben,« rief Herr Schollfeld erstaunt aus —
+»erst schimpfen Sie selber auf Amerika, und nun auf einmal soll der arme
+Doktor die ganze Schuld tragen.«
+
+»Ich _schimpfe_ nicht auf Amerika,« sagte Kellmann ruhig, »ich kann nur
+nicht leiden wenn man es auf Kosten unseres eigenen Vaterlandes
+herausstreicht, und gegen alle seine Nachtheile blind ist. Es wäre
+allerdings noch viel gefährlicher sich die Lichtseiten alle zu bunt
+auszumalen; die armen Leute die nachher hinübergehn und es anders finden,
+sind dann zu sehr enttäuscht, und fallen gewöhnlich, wie mir gesagt ist,
+aus einem Extrem in’s Andere — aber so taugt’s auch Nichts.«
+
+»Guten Abend selbander,« sagte in dem Augenblick eine andere Stimme dicht
+hinter ihnen, und als sie sich danach umschauten, stand ein alter
+Bekannter von ihnen, Mathes Vogel, ein reicher junger Bauer aus dem
+nächsten Dorf, an ihrem Tisch und streckte ihnen freundlich die Hand
+entgegen.
+
+»Hallo Mathes, wie geht’s?« rief Kellmann die gebotene herzlich schüttelnd
+— »Wetter noch einmal Mann, wo habt Ihr jetzt gerade in der Saatzeit
+gesteckt, daß Ihr in der Welt herumreist wie ein Baron, der seine Güter
+verpachtet hat? Ihr seid verreist gewesen.«
+
+»Ja Herr Kellmann, in Bremen.«
+
+»Wo seid Ihr gewesen?« frug Schollfeld erstaunt.
+
+»In Bremen, Herr Schollfeld!« rief der junge Bauer, gegen diesen gewandt,
+»oben in der Hafenstadt.«
+
+»Guten Abend Mathes,« kam hier der Wirth dazwischen, der den alten Kunden
+ebenfalls begrüßte — »lange nicht gesehn, recht groß geworden mein Junge;
+hast Du Durst?«
+
+»Merkwürdigen,« sagte der Bauer lächelnd.
+
+»Na warte, den wollen wir begießen,« schmunzelte aber Lobsich, rasch in
+den Garten zurückgehend, »der soll mir nicht umsonst in den rothen Drachen
+gefallen sein.«
+
+»Aber was hat Euch nach Bremen geführt?« wiederholte Kellmann, fast etwas
+mißtrauisch gemacht durch das wunderliche halb verlegene Benehmen des
+jungen Burschen.
+
+»Ja Herr Kellmann,« sagte der reiche Bauerssohn, wirklich jetzt verlegen
+seinen Hut um den Zeigefinger der linken Hand drehend — »das hat — das hat
+so seine eigene Bewandtniß — Ich bin — ich bin zu einem Entschluß
+gekommen — ich will — ich will auswandern.«
+
+»Was will er?« schrie Schollfeld, der die Worte nicht ganz verstanden, den
+ungefähren Sinn aber etwa errathen hatte. Jedenfalls schöpfte er Verdacht
+und ehe Kellmann nur im Stande war ein Wort darauf zu erwiedern rief er
+nochmals laut: »wo will er hin?«
+
+»Nach Amerika,« sagte aber der junge Mann entschlossen und wollte noch
+etwas hinzusetzen, aber der Apotheker schlug dermaßen auf den Tisch, und
+fing so an zu schimpfen und zu fluchen, Niemand wußte eigentlich auf was
+und gegen wen, daß Mathes gar nicht gleich wieder zu Worte kommen konnte,
+und vielleicht auch eben nicht böse darüber war.
+
+»Hallo, wer ist todt?« rief aber in dem Augenblick Lobsich, der mit dem
+bestellten Bier für einen seiner besten Kunden selber ankam — »daß Dich
+die Milz sticht, was ist denn dem Apotheker eigentlich in die Krone
+gefahren?«
+
+»Dem Apotheker Nichts,« nahm aber Kellmann kopfschüttelnd das Wort, »doch
+hier dem Dings da, dem Mathes — was meint Ihr, Lobsich was er vor hat?«
+
+»_Heirathen_?« sagte dieser, und ein breites vergnügtes Schmunzeln über
+den so richtig und schnell gerathenen Vorsatz zog sich über sein dickes
+gutmüthiges Gesicht.
+
+»Heirathen!« schrie aber der Apotheker dazwischen, indem er sich seinen
+Hut in die Stirn drückte und seinen Rock anfing zuzuknöpfen — »heirathen?
+— ja prost die Mahlzeit; _auswandern_ will der Kerl, wie ein blindes Pferd
+das durch die Stallwand bricht, in einen Teich zu fallen.«
+
+»_Auswandern_?« schrie aber auch jetzt Lobsich in unbegrenztestem
+Erstaunen — »na das ist mir aber doch wahrhaftig was Unbedeutendes.«
+
+»Oh hol Euch der Teufel mit Eurer albernen Redensart!« rief aber der nun
+einmal ärgerliche Apotheker, und nahm seinen Stock unter den Arm — sein
+stetes Zeichen daß er fertig zum Gehen sei — »was Unbedeutendes; ja wohl,
+wenn der Raptus erst einmal in _solche_ Köpfe und Geldbeutel fährt,
+nachher werden wir sehn was wir hier anrichten. Ich will mir aber mein
+Abendbrod nicht verderben — gute Nacht Ihr Herren.«
+
+»Halt Schollfeld!« rief aber Kellmann, ihn am Arm fassend und
+zurückhaltend — »brennt mir nicht durch, ich gehe auch gleich mit und
+wollte nur erst hören, was Mathes den Gedanken in den Kopf gesetzt hat.
+Hol’s der Henker, er macht sich entweder einen Spaß mit uns, oder es ist
+nur so eine Idee von ihm, die wir ihm wieder ausreden können.«
+
+»Wenn ich das wüßte blieb ich die ganze Nacht hier,« sagte Schollfeld,
+seinen Stock wieder auf den Tisch legend und zu dem verlassenen Stuhl
+zurückgehend. »Mensch, Mathes, seid Ihr denn rein vom Teufel besessen,
+oder habt Ihr nur heute, in irgend einer Kneipe, ein wenig des Guten zu
+viel gethan, daß Ihr so tolles Zeug zusammenfaselt.«
+
+Mathes blieb aber bei allen diesen Ausbrüchen des Erstaunens, die erste
+Erklärung nur einmal überstanden, vollkommen ruhig, und zog nur, statt
+jeder weiteren Antwort, einen Brief aus seiner Brusttasche, den er langsam
+auffaltete und vor sich legte, als ob er ihn vorlesen wollte.
+
+»Nun was soll’s mit dem Wisch?« rief aber der Apotheker ärgerlich, »Ihr
+habt Euere Seele doch noch nicht dem Gott sei bei uns verkauft?«
+
+»So schlimm noch nicht,« lachte der junge Bursch, »das hier ist nur ein
+Brief von Caspar Lauber, den Sie ja Alle kennen und der vor etwa sieben
+Jahren nach Wisconsin auswanderte.«
+
+»Der was that?« rief der Apotheker, die Augen zusammenkneifend und das
+linke Ohr zu ihm hindrehend — »nuschelt nicht so in den Bart, daß Euch ein
+Christenmensch noch verstehen kann ehe Ihr unter die Heiden geht.«
+
+»Der nach Wisconsin auswanderte,« sagte der junge Bauer lächelnd — »er
+hatte mir damals versprochen zu schreiben wie es ihm ginge, schlecht oder
+gut; — wenn schlecht, wollte ich ihm helfen, wenn gut, vielleicht
+nachkommen. Aber er schrieb nicht Jahr nach Jahr, und da er überhaupt
+Nichts von sich hören ließ, glaubte ich schon er sei da drüben gestorben
+oder untergegangen in dem weiten Reich, bis ich vor vier Wochen etwa einen
+Brief von ihm erhielt und seit der Zeit habe ich keine Ruhe gehabt bis zu
+dem heutigen Tag.«
+
+»Nun ja natürlich,« brummte der Apotheker.
+
+»Aber so laßt ihn doch nur reden,« rief jetzt auch ärgerlich der Actuar
+dazwischen, »Ihr raisonnirt nur in einem fort und glaubt nachher, wenn Ihr
+recht geschrieen habt, Ihr hättet recht.«
+
+»So lest den Brief einmal!« sagte Kellmann, die Arme auf den Tisch
+stützend, »nachher wissen wir ja gleich woran wir sind.«
+
+»Aber erst muß ich noch Bier haben,« rief Schollfeld dazwischen, »ich mag
+die Lügen wenigstens nicht trocken mit anhören.«
+
+Lobsich winkte einem der nächsten Kellner, die indeß leer gewordenen
+Gläser wieder zu füllen, denn der Brief interessirte ihn selber zu sehr,
+den Tisch jetzt zu verlassen, und Mathes sagte wie entschuldigend:
+
+»Der Brief ist sehr kurz, aber es steht Alles darin was ich zu wissen
+verlangte, und er lautet:
+
+»Lieber Mathes — ich habe bis jetzt mein Versprechen nicht gehalten, Dir
+zu schreiben, weil es mir sehr schlecht gegangen ist.«
+
+»Na ja,« fiel ihm hier der Apotheker in das Wort — »und nun müßt Ihr Hals
+über Kopf machen daß Ihr auch hinüber kommt.«
+
+Kellmann wollte dem ewigen Einredner etwas erwiedern, aber Mathes fuhr,
+lächelnd die Hand gegen ihn aufhebend, wieder laut fort:
+
+»Ich wollte aber nicht gern, daß mich Jemand Anders unterstützen sollte,
+weil das hier im Lande eine Schande ist; ich wollte mir selber helfen, und
+habe mir kümmerlich, aber ehrlich und fleißig durchgeholfen. Jetzt habe
+ich eine kleine Farm von achtzig Acker, und vier und zwanzig Stück
+Rindvieh, und dreißig Schweine und zwei Pferde und es geht mir gut. Ich
+habe hart arbeiten müssen, aber ich komme durch. Wenn Du mit Geld hier
+herüber kommst und willst mich aufsuchen, daß ich Dir mit Rath und That an
+die Hand gehen kann, dann brauchst Du keine Angst zu haben, daß Du nicht
+durchkommst. Wenn Du eine Frau hast, bringe sie mit; Kinder sind ein Segen
+hier, kein Fluch wie für manchen armen Mann in Deutschland. Wer arbeiten
+will kommt fort, wer faul ist geht zu Grunde. Es grüßt Dich zehntausend
+Mal Dein Caspar Lauber — Lauber’s Farm bei Milwaukie, Wisconsin.«
+
+»Und auf den Brief wollt Ihr auswandern?« rief aber auch Kellmann jetzt
+erstaunt — »Mathes, ist Euch denn das Auswanderungsfieber so plötzlich in
+die Glieder geschlagen, daß Ihr die Seekrankheit für das einzige Mittel
+haltet die es curiren könnte?«
+
+Mathes schüttelte aber gar ernsthaft mit dem Kopf, faltete den Brief
+zusammen, den er zurück in seine Tasche schob, und sagte mit fester und
+entschlossener Stimme:
+
+»Lange im Sinn hab’ ich’s schon gehabt, aber der Brief hat es zuletzt zum
+Ausbruch gebracht.«
+
+»Aber Mathes, Ihr vor allen Anderen habt doch Euer Auskommen hier im
+Land,« rief jetzt auch Lobsich, während der Apotheker das ihm eben
+gebrachte Glas auf einen Zug hinuntergoß, wie um seinen Ingrimm damit
+nieder zu spülen — »wenn Ihr nach Amerika auswandern wollt, wer soll denn
+noch da bleiben?«
+
+»Ich _bliebe_ auch,« sagte Mathes rasch und mit vor innerer Bewegung fast
+erstickter Stimme, »ich bliebe auch, wenn mich mein Vater ließe, aber —
+der will nicht in die Heirath willigen mit Roßner’s Käthchen, des Häuslers
+Tochter aus Rodnach; hier hält er mich dabei unter dem Daumen mit seinem
+Gut und Geld, und das Mädchen stirbt mir indessen in Arbeit und Gram; dort
+drüben aber ist ein Platz, wo fleißige Menschen auch durchkommen können
+mit Gottes Hülfe _ohne_ Geld, _ohne_ Ansehn. Der Lauber hatte gar Nichts
+wie er hinüberging; nicht das Hemd auf seinem Rücken war sein, und ich
+weiß daß er nicht einen rothen Pfennig mit in das fremde Land gebracht
+hat. Aus dem ist jetzt ein rechtschaffener Farmer geworden, mit eigenem
+Land, Haus und Vieh, und was der kann — schwere Noth noch einmal — das
+kann ich auch. Ich gehe hinüber, nehme das Käthchen mit — Geld zur
+Ueberfahrt krieg ich schon, und wenn ich meine beiden Schimmel um den
+halben Werth verkaufen sollte, und dort hilft der liebe Gott schon weiter.
+Verhungern werden wir nicht, und ich brauche mir hier nicht mehr unter die
+Nase reiben zu lassen, »das sollst Du thun und das nicht, und _die_ sollst
+Du heirathen, die Du nicht magst und willst, und die Dich lieb hat und
+Dich glücklich machen kann, der sollst Du das Herz brechen — weil ihr eben
+nur der volle Geldsack fehlt.«
+
+»Unsinn!« sagte der Apotheker, jetzt wieder und zwar im Ernste aufstehend
+— »wenn Jemand einmal rein verrückt geworden ist, läßt sich auch nicht
+mehr mit ihm streiten. Gehn Sie mit Kellmann?«
+
+»Ja, gleich,« erwiederte der Gefragte — »weiß denn aber schon Euer Vater
+um den Plan, Mathes?«
+
+»Heute hab’ ich’s ihm gesagt,« erwiederte der Gefragte leise — »aber er
+glaubt es noch nicht.«
+
+»Und ist es denn schon wirklich so fest bestimmt?« sagte Kellmann
+theilnehmend.
+
+»Meine Passage in Bremen für mich und — meine _Frau_ ist schon bezahlt,«
+rief der junge Bursch da entschlossen — »den funfzehnten geht das Schiff
+ab, und ich habe nur noch eben Zeit das Nothwendigste in Ordnung zu
+bringen.«
+
+»Ja da kömmt freilich jeder gute Rath zu spät,« sagte Kellmann, jetzt
+ebenfalls aufstehend und seinen Hut ergreifend, »wenn der Sprung erst
+einmal geschehen ist, braucht man nicht mehr über das Springen zu streiten
+und ich wünsche Euch das Beste in Euerer neuen Heimath.«
+
+»Ich weiß es, ich weiß es,« sagte Mathes gerührt — »aber vielleicht seh
+ich Sie selber noch einmal auf freiem Boden drüben, mit Axt oder Pflug in
+der Hand, wie ein wackerer, richtiger Farmer.«
+
+»Wen — mich?« rief aber Kellmann ordentlich erschreckt aus — »ich nach dem
+vermaledeiten Lande, daß alle unsere besten Bürger frißt? Nein Mathes, für
+dies Leben nicht — aber wann geht Ihr fort? vielleicht läßt Euer Vater
+doch noch mit sich reden, und lenkt ein wenn er sieht daß es Euch wirklich
+Ernst ist.«
+
+Mathes schüttelte mit dem Kopf und der Actuar rief:
+
+»Ein Bauer und einlenken, Kellmann? — da kennt Ihr unseren deutschen Bauer
+nicht; worauf der einmal seinen Dickkopf gesetzt hat, da muß er durch, und
+wenn’s nicht geht, so zerhaut er sich eben den Schädel, aber er läßt nicht
+nach. Der alte Vogel und nachgeben; Du lieber Gott, wenn er den eigenen
+Sohn mit einem einzigen Wort vom Verderben retten könnte — er spräch es
+nicht.«
+
+»Na, da kann ich wohl auch meine Bude hier bald zuschließen und mitgehn,«
+sagte Lobsich, sich den Kopf kratzend — »Schwerebrett das ist mir — hm —
+hm — ist mir doch was Unbedeutendes, das — das Amerika.«
+
+»Und was sagt denn das Käthchen dazu?« frug Kellmann jetzt den Mathes,
+während die Uebrigen schon aufgestanden waren und sich zum fortgehn
+gerüstet hatten.
+
+»Die weint und will nicht mit,« sagte Mathes leise — »aber sie wird schon
+gehen.«
+
+»Sie will nicht mit?«
+
+»Sie meint, es bräche meinem Vater das Herz.«
+
+»Das Herz brechen? — dem alten Vogel?« lachte aber dieser verächtlich —
+»na Gott sei Dank, die hat einen guten Begriff von ihm — als ob dem etwas
+das Herz brechen könnte.«
+
+»Nun, es frägt sich nur jetzt wem sie es lieber bricht,« meinte der
+Actuar, »dem Alten, wenn sie geht, oder dem Jungen, wenn sie bleibt — die
+Wahl wird ihr nicht schwer werden. Aber Schollfeld, Ihr seid ja auf einmal
+so still geworden?«
+
+»Ach laßt mich zufrieden,« brummte dieser ärgerlich — »weiß es Gott, man
+möchte am Ende selber mit hinüberlaufen, nur Nichts mehr von dem
+verwünschten Auswandern reden zu hören.«
+
+»Hahahaha!« rief da Kellmann, »Schollfeld bekömmt auch überseeische
+Ideen.«
+
+»Ueberseeische — hätte bald was gesagt,« knurrte dieser aber, auf der
+Straße hingehend, ohne weder Mathes noch Lobsich gute Nacht zu sagen.
+
+Die Uebrigen wechselten noch kurzen Gruß mit ihren Bekannten dort,
+zündeten sich frische Cigarren an, und schlenderten langsam, den
+freundlichen Abend so viel als möglich zu genießen, die Straße hinab, der
+eigenen Heimath zu.
+
+
+
+
+
+ Capitel 3.
+
+
+ DER DIEBSTAHL.
+
+
+Zehn Minuten mochten sie so etwa schweigend nebeneinander hergegangen
+sein, als hinter ihnen auf der Straße eine Equipage und klappernde
+Hufschläge gehört wurden, die sie rasch einholten und an ihnen
+vorbeirauschten, eine dicke Staubwolke dabei über den Weg wälzend. Es war
+die Familie Dollinger mit dem, neben dem Wagen hin galoppirenden Fremden,
+dem Bräutigam der Tochter.
+
+»Die kommen schneller von der Stelle als die armen Auswanderer vorhin,«
+sagte Kellmann, als sie vorbei waren — »Wetter noch einmal, es ist doch
+ein anderes Ding so ein paar flüchtige Rappen vor sich zu haben, und wie
+im Flug durch die Welt zu jagen, als mit einem schweren Packen auf dem
+Rücken und wunden Füßen vielleicht, mühselig die staubige Straße entlang
+zu keuchen.«
+
+»Ja, die Gaben sind ungleich vertheilt in der Welt,« seufzte der Actuar,
+»was der Eine haben möchte, _hat_ der Andere schon, und das ist auch wohl
+das ganze Geheimniß der socialen Frage, läßt sich aber nun einmal nicht
+ändern, und wir dürfen vielleicht den Kopf darüber schütteln, und wünschen
+daß es anders wäre, aber weiter eben Nichts.«
+
+»Der auf dem Pferd, war der Dings da von Amerika,« sagte der Apotheker
+jetzt, »der das schmählige Geld hat und des reichen Dollingers Tochter
+noch dazu heirathet. Soll mir noch einmal einer sagen daß Eisen der
+stärkste Magnet sei; Gold ist’s, und wo das liegt zieht es anderes hin.
+
+»Und wie steht’s mit Actien?« lachte Kellmann.
+
+»Bah — bleibt immer dasselbe,« brummte der Apotheker, »das Gold steckt
+darin, und kann durch einen sehr einfachen chemischen Proceß leicht
+herausgezogen werden — wenn man sie hat.«
+
+»Es wundert mich übrigens daß der alte Dollinger sein Kind über das große
+Wasser hinüberziehen läßt,« meinte der Actuar — »dem hätte es doch auch
+hier im Lande nicht an einer eben so guten Parthie gefehlt.«
+
+»Liebe,« meinte Kellmann achselzuckend — »Liebe ist blind sagt ein altes
+Sprichwort; dagegen lassen sich eben keine Gründe anbringen. Wär’s
+übrigens auch nicht wegen dem großen Wasser, der Bursche gefällt mir
+außerdem nicht, und ich möchte ihm meine Tochter nicht geben und wenn er
+bis über die Ohren in Golde stäcke. Er hat ein verschlossenes,
+hochfährtiges Wesen, behandelt den gemeinen Mann wie einen Hund, und
+spricht von Allem was wir hier haben, unseren Einrichtungen, unseren
+Gesetzen, unseren Vergnügungen selber, ja unserem Klima und Land, das doch
+zum Henker auch _sein_ Vaterland ist, mit der größten Verachtung. Amerika,
+und immer wieder Amerika, hinten und vorn; ei Blitz und Hagel, ich will
+gar nicht leugnen daß es manche gute Seiten haben mag, das Amerika, wenn
+ich sie auch gerade nicht einsehen kann, aber so viel besser wie unser
+Deutschland ist es doch auch nicht drüben, und wenn’s so einem Burschen da
+einmal zufällig geglückt ist, sollt’ er nicht als Lockvogel sich hier
+mitten zwischen uns hineinsetzen, anderen vernünftigen Leuten
+unglückselige Ideeen in den Kopf zu pflanzen.
+
+»Wenn sich andere vernünftige Leute solche Ideeen einpflanzen _lassen_,
+geschieht’s ihnen ganz recht,« sagte der Apotheker — »man braucht nicht zu
+glauben was jeder dahergelaufene Lump eben sagt.«
+
+»Nun _ganz_ ohne kann’s aber auch nicht sein,« meinte Kellmann
+kopfschüttelnd, »und ich — ich halt’ es immer für gefährlich. S’ist
+merkwürdig, wie rasch sich das mit der Hochzeit gemacht hat.«
+
+»Nun, wer sich die Braut gleich fix und fertig aus dem Wasser zieht hat
+leicht freien,« sagte der Actuar — »Glück muß der Mensch haben, dann geht
+Alles wie am Schnürchen; wer aber _das_ nicht hat, der mag sein Lebtag
+fischen und fängt doch Nichts — am wenigsten aber solch einen Goldfisch.
+
+»Wo stammt er denn eigentlich her?« frug der Apotheker jetzt, wie sie
+wieder eine Weile schweigend neben einander hingegangen waren, »man hört
+doch sonst eigentlich gar Nichts von ihm, und er kommt auch mit keinem
+Menschen weiter zusammen — stolzer aufgeblasener Bursche der.«
+
+»Gott weiß es,« sagte der Actuar; »er ist, glaub’ ich, mit einem
+holländischen Schiff herübergekommen, und hatte einen Paß von Amsterdam.«
+
+»Und der Paß lautete nach Heilingen?«
+
+»Nun nicht gerade nach Heilingen, aber doch nach der Residenz, und wie
+sich die Sache dann hier mit der Dollingerschen Familie gestaltete, nun
+lieber Gott, da drückte der Stadtrath das eine, und die Stadtverordneten
+drückten das andere Auge zu, und man sah nicht so genau nach den Papieren.
+Ueberdieß verzehrte er ja hier viel Geld; wär’ es ein armer Teufel
+gewesen, hätten wir ihn wahrscheinlich schon bald wieder über die Grenze
+gehabt.
+
+»Hm, ja, glaub’s,« sagte Kellmann mit dem Kopfe nickend, »s’ist in
+Heilingen eben nicht anders wie — wie anderswo — warum auch?«
+
+Das Gespräch drehte sich von da ab, auf die städtischen Einrichtungen,
+deren wärmster Vertheidiger der Apotheker war, und über die sich der
+Actuar natürlich nur sehr vorsichtig ausließ, während sie Kellmann um so
+unnachsichtiger angriff; kam dann auf die Saat und die Preise, und wieder
+mit einem Seitensprung auf die jetzige Politik unseres lieben deutschen
+Reiches, bis sie das Thor und zwar gerade mit Sonnenuntergang erreichten,
+wo Jeder seinen Weg ging, die eigene Heimath aufzusuchen.
+
+Der Actuar Ledermann besonders, der an dem entgegengesetzten Ende der
+Stadt wohnte, beeilte seine Schritte, noch vor einbrechender Dunkelheit
+seine Wohnung zu erreichen; das Gerücht ging nämlich in der Stadt, daß ihn
+seine Ehehälfte bei solchen Gelegenheiten oft allerdings sehr unfreundlich
+empfange, und ihm einmal sogar schon einige sonst sehr nützliche, bei
+_der_ Gelegenheit aber nichts weniger als passende häusliche Geräthe
+entgegen und vor die Füße geworfen habe. Thatsache war, daß »Madame« oder
+Frau Actuar Ledermann, was auch ihres Gemahls Thätigkeit und Ansehn
+außerhalb seiner eigenen vier Pfählen sein mochte, _innerhalb_ derselben
+jedenfalls das Commando, und nicht immer mit Mäßigung führte, und der
+Actuar suchte den Hausfrieden wenigstens soviel als möglich zu erhalten
+und jeden Anlaß, zu irgend einer Störung desselben, zu vermeiden.
+
+Mit solchen Gedanken vielleicht im Kopf, wollte Ledermann eben vom
+Marktplatz aus in die Straße einbiegen, an deren äußersten Ende seine
+eigene, sehr bescheidene Wohnung stand, als er seinen Titel genannt und
+sich selber gerufen hörte.
+
+»Herr Actuar — Herr Actuar Ledermann.«
+
+Er drehte sich rasch um und sah einen Gerichtsdiener eilig auf sich
+zukommen, der, die Mütze abnehmend, vor ihm stehen blieb und ihm meldete,
+daß er eben abgeschickt worden ihn zu holen oder aufzusuchen, da ein
+Einbruch geschehen sei, über den an Ort und Stelle Protokoll aufgenommen
+werden solle.
+
+»Protokoll aufnehmen?« sagte Actuar Ledermann, keineswegs angenehm
+überrascht; »ja was hab ich denn heute damit zu thun, wo ist mein
+_College_?«
+
+»Herr Actuar Beller sind unwohl geworden, heute Nachmittag,« berichtete
+der Polizeidiener, »und mußten zu Hause gehn; ich bin eben abgeschickt zu
+sehn, welchen von den andern Herren ich zuerst treffen könnte.«
+
+»Hm — ist sehr amüsant,« brummte Ledermann vor sich hin — »kommt mir
+gerade apropos. Bei wem ist es denn?«
+
+»Bei Herrn Dollinger.«
+
+»Was? — bei Kaufmann Dollinger?« rief der Actuar rasch und erstaunt — »am
+hellen Tag, während er ausgefahren war?«
+
+»Er ist, wenn ich nicht irre, eben zu Hause gekommen,« berichtete der
+Mann, und hat glaub’ ich sein Pult geöffnet, und eine bedeutende Summe
+Geldes entwendet gefunden.«
+
+»Hm, hm, hm,« sagte der Actuar kopfschüttelnd und seinen Rock dabei, den
+er der Bequemlichkeit wegen aufgelassen hatte, zuknöpfend, »es wird immer
+besser hier bei uns. Am hellen lichten Tage. Aber die ganze Stadt steckt
+auch voll fremden Volkes, das sich natürlich keine Gelegenheit
+entschlüpfen läßt Reisegeld zu bekommen.«
+
+»Es muß doch wohl Jemand gewesen sein der mit dem Hause genau bekannt
+war,« sagte der Polizeidiener — »nach dem wenigstens, was ich bis jetzt
+von den Dienstleuten darüber gehört habe, kann’s nicht gut anders sein.«
+
+»Nun wir werden ja sehn; da muß ich aber erst — «
+
+»Wenn sich der Herr Actuar nur eben an Ort und Stelle bemühen wollen,«
+sagte jedoch der Diener des Gerichts, »alles Nöthige ist schon dorthin
+geschafft und ich war eben nur fortgelaufen, einen der Herren zu suchen.«
+
+Der Actuar, dem Dienste natürlich Folge leistend, seufzte tief auf und
+schritt, im Geist wahrscheinlich des Empfangs gedenkend, der seiner
+harrte, wenn seine Frau auf ihn mit dem Abendessen warten mußte, rasch die
+»Poststraße« hinaufbiegend, dem gar nicht weit entfernten Dollinger’schen
+Hause zu, dort den Thatbestand in Augenschein und zu Protokoll zu nehmen,
+etwaige Spuren des Uebelthäters zu entdecken und zu verfolgen, und die
+Leute im Hause nach möglichem Verdachte zu inquiriren.
+
+ * * * * *
+
+Im Hause des reichen Kaufmanns Dollinger, in dem Alles sonst so still und
+ruhig und wie am Schnürchen zuging, wo Jeder seine angemessene und fest
+bestimmte Beschäftigung hatte, genau wußte was ihm oblag, und das that,
+ohne eben viel Lärm darum zu machen, lief und rannte und sprach heute
+alles durcheinander, und sämmtliche Bande der Ordnung schienen gelöst.
+
+Frau Dollinger vor allen Dingen lag in Krämpfen in ihrem Boudoir, und
+beanspruchte die Hülfe ihrer beiden Töchter und der weiblichen Dienstboten
+im Haus, ihren Zustand zu bewachen; Herr Dollinger selber war in seinem
+Zimmer des obern Stocks, und ging dort mit raschen Schritten und auf den
+Rücken gekreuzten Armen auf und ab, während dem jungen Henkel indessen die
+Bewachung des Platzes selber übertragen war, und die andern Dienstboten,
+mit einem nicht unbedeutenden Theil der Nachbarschaft und deren
+Verwandten, in den verschiedenen Winkeln und Ecken des Hauses herumstanden
+und kopfschüttelnd, die Hände ein über das andere Mal in Verwunderung
+zusammenschlugen. Die verschiedenartigsten Vermuthungen und Beweise wurden
+da laut, und die Orte und Stellungen oder Beschäftigungen jedes Einzelnen
+auf das Genaueste und Peinlichste angegeben, wo und wie sich Jeder gerade
+in der Zeit etwa befunden haben mochte, als die entsetzliche, verruchte
+That geschehen und vollbracht sein mußte.
+
+Dem Actuar, mit dem ihm folgenden Gerichtsdiener wurde übrigens willig und
+dienstfertig Platz gemacht; Alle wollten aber hinter drein, und die Frauen
+besonders gaben dabei durch die entschiedensten Ausrufe — »Ne Du meine
+Güte« und »Ne so was« ihre vollkommenste Misbilligung des Geschehenen zu
+erkennen. Nichts desto weniger wurde auch selbst ihnen die Thüre vor der
+Nase zugemacht, und Einer der Bedienten bekam strenge Ordre die Hausflur
+zu räumen, und Niemand mehr, so lange die Untersuchung dauere, die Treppe
+hinaufzulassen, ausgenommen, es wisse Jemand noch um den Diebstahl, und
+könne irgend einen Fingerzeig geben den Dieben auf die Spur zu kommen;
+solche Zeugen sollten nachher vernommen werden.
+
+Oben an der Treppe empfing sie Herr Henkel, um sie gleich zu dem Ort, wo
+der Diebstahl verübt worden, hinzuführen; einer der Leute war indessen
+abgeschickt Hrn. Dollinger selber zu rufen, und dieser erschien jetzt, den
+Actuar freundlich grüßend.
+
+Es war indessen schon ziemlich dunkel, und im Zimmer Licht angezündet
+worden.
+
+»Ich bedaure sehr, Herr Dollinger,« sagte der Actuar, »daß, wie ich gehört
+habe, eine so fatale Sache mich hier in Ihr Haus geführt haben muß.«
+
+»Ja allerdings,« erwiederte der alte Herr, »ist es sehr unangenehm;
+weniger des Verlustes wegen, der sich allenfalls ertragen ließ, als wegen
+dem Bewußtsein getäuschten Vertrauens, mit selbst keinem gewissen
+Anhaltspunkt auf Verdacht. Ich wollte gern das Doppelte verloren haben,
+wenn es hätte können auf andere Weise geschehn.«
+
+»Das Ganze ist übrigens mit einer raffinirten Geschicklichkeit
+ausgeführt,« fiel Henkel hier ein, »und der Thäter, wer auch immer,
+jedenfalls ein höchst gefährliches Subject, von dem ich nur hoffen will
+daß wir ihm auf die Spur kommen.«
+
+»Dürfte ich Sie bitten mir den Platz zu zeigen?«
+
+»Treten Sie hier in das Zimmer meiner Töchter; dort der Secretair ist
+erbrochen.«
+
+»Hm — mit einem breiten meißelartigen Instrument,« sagte der Actuar nach
+kurzer Besichtigung der offenen, arg beschädigten Mahagoniplatte — »und
+die Thür ebenfalls eingebrochen?«
+
+»Nein — die Thür ist unbeschädigt und muß jedenfalls mit einem
+Nachschlüssel geöffnet sein.«
+
+»Und was vermissen Sie in dem Secretair?«
+
+»Eine Summe Geldes, die ich erst vor wenigen Stunden, und im Beisein
+meiner Familie und eines zuverlässigen Comptoirdieners, im Paket wie ich
+sie von der Post erhalten, hier eingeschlossen hatte, und von der der Dieb
+auf eine mir unbegreifliche Weise muß Kenntniß bekommen haben.«
+
+»Wer ist dieser Comptoirdiener?«
+
+»Oh, Loßenwerder; Sie kennen ihn ja wohl?«
+
+»Loßenwerder,« sagte der Actuar nachdenkend — »ist wohl schon eine ganze
+Weile in Ihrem Geschäft?«
+
+»Schon zwölf Jahr; mit keinem Schatten irgend eines Verdachts; ich nahm
+ihn als einen ganz jungen Burschen in mein Haus; er muß aber gegen irgend
+Jemand davon gesprochen haben.«
+
+»Hm, hm, wollen ihn uns doch einmal nachher besehn; also hier hinein
+hatten Sie das Geld gelegt?«
+
+»Es ist ein Secretair, den meine Töchter gemeinschaftlich benutzen, und zu
+dem jede von ihnen ihren Schlüssel hat. Bitte lieber Henkel, lassen Sie
+doch einmal Sophie oder Clara einen Augenblick zu uns herüber rufen.«
+
+»Ich habe schon das Mädchen geschickt, eine der jungen Damen ersuchen zu
+lassen,« entgegnete der junge Henkel, der indessen im Zimmer umhergegangen
+war, und sich überall umgesehen hatte, ob nicht vielleicht doch der Dieb
+irgend eine Spur, irgend ein Zeichen hinterlassen habe, an das man sich
+später einmal halten könne. —
+
+»Und vermissen Sie weiter Nichts als das Geld?« frug der Actuar.
+
+»Auch ein Schmuck meiner ältesten Tochter scheint mit geraubt zu sein,«
+sagte Herr Dollinger — »aber da kommt Clara, die Ihnen das Nähere davon
+selber angeben wird.«
+
+Clara betrat in diesem Augenblick das Gemach; sie sah todtenbleich und
+angegriffen aus, und Henkel eilte ihr entgegen sie zu unterstützen.
+
+»Clara, mein liebes armes Kind,« sagte Herr Dollinger, auf sie zugehend
+und die Hand nach ihr ausstreckend, »fehlt Dir etwas? — Der Schreck hat
+Dich wohl so angegriffen. Mach Dir doch nur keine Sorge, mein Herz;
+vielleicht bekommen wir Alles wieder und wenn nicht — nun ein _Unglück_
+ist es dann auch nicht; wenn Ihr mir nur Alle gesund bleibt, können wir
+die paar tausend Thaler schon verschmerzen.«
+
+»Es ist nicht der Verlust, lieber Vater,« sagte aber das junge Mädchen,
+sich gewaltsam zusammennehmend, und des Vaters Hand ergreifend — »nur die
+Ueberraschung, der Schreck wahrscheinlich, und das — das Unheimliche
+dabei, als ich mein Zimmer vorhin betrat, und die Spuren des verübten
+Verbrechens entdeckte. Ich fürchtete die entsetzlichen Menschen noch
+irgend wo zu sehn, die vielleicht hinter einer Gardine stehen, unter einem
+der Divans liegen, hinter einem Ofen lauern konnten und, wenn entdeckt, zu
+verzweifelter Gegenwehr getrieben mich anfallen würden, und all solch
+kindische Gedanken mehr. Dort der auf den Tisch geworfene Regenschirm
+dabei, die hinuntergeworfene Stickerei von dem Secretair selber, am
+meisten aber der Tabaksgeruch im Zimmer und die verlöschte, angerauchte
+Cigarre dort auf dem Fensterbret, erfüllten mir das Herz mit einem
+unbeschreiblichen Grausen.«
+
+»Eine Cigarre?« sagte Ledermann, sich vergebens nach dem bezeichneten
+Gegenstand umschauend — »wo lag sie?«
+
+»Dort im Fenster, als ich zurückkam.«
+
+»Die alte angerauchte Cigarre?« sagte Henkel rasch — »die hab’ ich zum
+Fenster hinausgeworfen; ich glaubte Einer der Dienerschaft hätte sie in
+der Aufregung mit hereingebracht und dort abgelegt — sie muß unten auf der
+Straße liegen.«
+
+»Bitte schicken Sie doch einmal einen Burschen danach, daß er sie
+heraufholt,« sagte der Actuar; »man darf auch das Unbedeutendste nicht
+unbeachtet lassen, und wir wollen indessen die vermißten Gegenstände
+aufnehmen. Das Geld? — «
+
+»Davon giebt Ihnen dieser Brief das genaue Verzeichniß,« sagte Herr
+Dollinger, »aber ich fürchte fast daß wir durch das Geld selber nicht auf
+die Spur kommen werden, indem das Paket fast nur Gold und kleinere
+Banknoten enthielt, die leicht umzusetzen und schwer zu controliren sind.
+Eher hoffe ich durch den Schmuck den Dieb verrathen zu sehn, da einige
+sehr auffällige Stücke, wie ich höre, dabei gewesen sind.«
+
+»Dürfte ich Sie um eine genaue Angabe derselben, heute Abend noch, wenn
+irgend möglich _schriftlich_ bitten?« erwiderte, nach einigem Besinnen,
+der Actuar, »diese Einzelheiten würden mich jetzt zu lange aufhalten.«
+
+»Kannst Du das geben, Clara?
+
+»Bis auf die kleinste Nadel hinunter,« sagte das junge Mädchen rasch,
+»besonders auffällig war eine kleine, rundum mit Brillanten besetzte
+Broche, ein Erbstück unserer Großmutter, und ausgezeichnet vor jedem
+andern Schmuck, den ich noch in meinem ganzen Leben gesehen, durch einen,
+in der Mitte gefaßten, genau dreieckigen, hellblauen und wundervollen
+Turquis. Mein Schmuck lag gleich dicht dahinter, den aber muß der Dieb in
+der Eile übersehen haben; er ist unangerührt geblieben.«
+
+»Das ist allerdings glücklich,« sagte der Actuar, »wäre wohl auch des
+Mitnehmens werth gewesen. Lag gleich dabei?«
+
+»Hier in dem rothen Kästchen.«
+
+»Aber das ist auch geöffnet worden.«
+
+»Das? — nein, das hab ich wohl selbst geöffnet, nachzusehen, ob auch Alles
+darin sei, und nicht wieder ordentlich geschlossen. Die Haken waren
+allerdings auf, wenn ich mich nicht ganz irre, aber der Dieb hat
+keinenfalls eine Ahnung gehabt, welchen Werth das kleine unscheinbare
+Kästchen enthalte, oder es stände jetzt nicht mehr da.«
+
+»Sehr wahrscheinlich, hm — aber Sie vergeben wohl nicht, mein Fräulein,
+alle diese Einzelheiten besonders zu notiren; wer weiß ob sie nicht noch
+einmal wichtig werden. Ah, da kommt auch Herr Henkel wieder; haben Sie die
+Cigarre gefunden?«
+
+»Gott weiß wo sie ist;« lachte dieser, »irgend Jemand muß es doch noch der
+Mühe werth gehalten haben sie aufzuheben, und in einer Pfeife vielleicht
+zu verrauchen — ich bin selber hinunter gegangen, kann sie aber nirgends
+mehr entdecken. Uebrigens ist es auch fast dunkel geworden, und ich werde
+morgen ganz früh nachsuchen lassen. Der Stummel wird Ihnen freilich nicht
+viel helfen.«
+
+»Man weiß nicht,« sagte der Actuar kopfschüttelnd, »je nach der Güte des
+Tabaks ließ sich vielleicht auf die Schicht der menschlichen Gesellschaft
+schließen, in der sich unser heimlicher Besuch herumtriebe. Aber das ist
+allerdings Nebensache; wo also ist der Dieb hereingekommen? — hier durch
+diese Thür?«
+
+»Doch wohl vom Garten her durch das Fenster Euers Schlafzimmers,« sagte
+Herr Dollinger, »denn durch das Haus würde er es sich am hellen Tage im
+Leben nicht getraut haben.«
+
+»Aber ich möchte meine Seligkeit zum Pfande setzen daß ich den Schlüssel,
+der nach unserer Schlafkammer führt, ehe wir fortgingen, herumgedreht und
+stecken gelassen hätte, so daß von innen ein Oeffnen unmöglich war.«
+
+»Und war die Thür noch verschlossen wie wir zurückkamen?«
+
+»Nein, nur in’s Schloß gedrückt, aber der Schlüssel stak darin.«
+
+»Hm, hm, hm — dann ist der Bursche dort wahrscheinlich hinaus« — sagte der
+Actuar — »zur Thür hier hereingekommen und dort zur Nothröhre hinaus — hm,
+muß aber genau mit der Gelegenheit bekannt sein. Mein lieber Herr
+Dollinger, wir werden Ihre Leute doch ein wenig scharf in’s Gebet nehmen
+müssen, denn ein ganz Fremder, kann sich die Zeit nicht so abgepaßt
+haben.«
+
+»Wo kommt der Blumenstock her?« sagte da plötzlich Clara rasch und
+erstaunt, auf einen sehr schönen Rosenstock deutend, der in ihrem Fenster,
+zunächst der Thüre stand — »wer hat den jetzt hier heraufgestellt?«
+
+»So lange wir hier sind Niemand« — rief Henkel — »war er vorher nicht da?«
+
+»Nicht heute Mittag, das weiß ich gewiß; aber vielleicht hat ihn eins der
+Dienstleute mir heimlich hier hereingesetzt.«
+
+»Heimlich? — so?« sagte der Actuar, »den freundlichen Geber wollen wir
+also vor allen Dingen einmal herauszubekommen suchen.«
+
+»Es ist heute mein Geburtstag,« sagte Clara leise und erröthend.«
+
+»Oh?« meinte Herr Ledermann mit einem freundlichen Lächeln, »da thut es
+mir freilich leid, meine ganz ergebensten Gratulationen zu keiner
+angenehmeren Zeit vorbringen zu können — will eben nicht passen bei einer
+solchen Untersuchung, kann es aber doch auch nicht geradezu
+hinunterschlucken — ich gratulire eben nicht zur Untersuchung.«
+
+»Es muß gewiß ein gesegnetes Land sein,« sagte Henkel mit einem leisen,
+halb boshaften Lächeln, »wo die Polizei sogar witzig sein kann.«
+
+»Hm,« meinte der lange Aktuar, sich nach dem Sprecher umdrehend, »die
+Polizei macht eben keinen Anspruch darauf, und ist das meistens
+Privateigenthum. Aber wir wollen die Zeit nicht mit Allotrien vergeuden;
+ist nicht herauszubekommen wer den Blumenstock hier, während Ihrer
+Abwesenheit in das Zimmer gesetzt hat?«
+
+»Jedenfalls müssen die Dienstboten darum wissen,« sagte der junge Henkel,
+»und es wird das Beste sein sie einzeln darum zu befragen.«
+
+»Allerdings; — Einzelverhör hat überhaupt viele Vortheile, bitte schicken
+Sie einmal die Leute herauf, daß man vor allen Dingen ihre Gesichter zu
+sehen bekommt.«
+
+»Aber nicht hier, Väterchen, nicht wahr nicht hier in meiner Stube?« bat
+Clara — »ich würde den fatalen Gedanken im Leben nicht wieder los.«
+
+»Wir wollen hinuntergehn in das untere Zimmer,« sagte Herr Dollinger,
+freundlich dem Wunsch der Tochter nachgebend, »es läßt sich das dort eben
+so gut abmachen als hier.«
+
+»Manchmal ist der Platz des Verbrechens selber der geeignetste,« warf der
+Actuar ein, »aber wie Sie wünschen — nur um eines möchte ich Sie noch
+vorher bitten, daß ich mir einmal die Stelle oder das Fenster ansehn darf,
+durch das sich Ihrer Vermuthung nach, der oder die Diebe entfernt haben
+könnten.«
+
+»In unserem Schlafzimmer?«
+
+»Doch durch diese Thür?«
+
+»Lieber Henkel, Sie sind wohl indessen so freundlich, meine Leute unten
+zusammenzurufen; wir kommen gleich hinunter. Sie werden heut viel
+belästigt.«
+
+»Aber ich bitte Sie, bester Herr Dollinger,« sagte der junge Mann, rasch
+seinen Hut aufgreifend, »wenn ich Ihnen nur darin von irgend einem
+wirklichen Nutzen sein könnte. Lieber erlauben Sie mir vielleicht mit
+Ihnen einer möglichen Spur zu folgen, denn meine Augen sind darin
+vielleicht schärfer als manche andere.«
+
+»Es wird in der Dunkelheit nicht eben mehr viel zu spüren geben,« meinte
+indeß der Actuar; »das werden wir uns müssen auf morgen früh aufsparen —
+also jetzt noch das Fenster, wenn ich bitten darf — ich möchte mir nur die
+Gelegenheit einmal von oben besehn.«
+
+Clara selber öffnete die Thür und führte dem Actuar mit ihrem Vater in das
+kleine freundliche Gemach, dessen beide, schon von Blätter schießenden
+Weinranken überzogene Fenster, auf den Garten hinaussahen. Das eine
+Fenster war allerdings geöffnet gewesen, aber der Rankenwuchs so dicht
+zusammengezogen, daß sich ein Körper kaum hätte hindurchzwingen können.
+Die Höhe nach dem Garten hinunter, und gerade unter dem Fenster sollte ein
+kleiner Rasenplatz sein, war eben nicht beträchtlich, vielleicht zehn oder
+zwölf Fuß, und unten umgab niederer aber ziemlich dichter Hollunder den
+Rasen. Im Zimmer selber ließ sich aber nicht das mindeste erkennen, das
+einen solchen Verdacht unterstützt hätte; das Einzige was dafür sprach,
+war die aufgeschlossene Thür.
+
+Zu der Unterstube des Hauses waren indessen die Dienstleute versammelt
+worden, streng examinirt zu werden. Der Hausmagd vor allen andern lag die
+Pflicht ob, die Etage, wenn sie nach unten in die Küche ging, in
+Abwesenheit der Herrschaft verschlossen zu halten. Diese aber behauptete
+steif und fest, und weinte dabei und rief Gott und alle Heiligen zu Zeugen
+an, daß sie die Vorsaalthür auch ordentlich, »zweimal herum« abgeschlossen
+und den Schlüssel zu sich gesteckt hätte, und Niemanden in der weiten
+Gotteswelt gesehen habe, der das Haus in der Zeit betreten haben könne.
+Trotzdem aber sei die Vorsaalthür, als sie wieder nach oben gekommen
+offen, wenigstens aufgeschlossen, wenn auch zugeklinkt gewesen, und sie
+hätte selber im Anfang nicht begreifen können wie das möglich wäre, aber
+auch nicht weiter darüber nachgedacht, und es ihrer eigenen
+Unaufmerksamkeit zugeschoben. Nach der Abfahrt der Herrschaft sei sie aber
+nur eine ganz ganz kurze Zeit unten geblieben um — sie wollte erst nicht
+mit der Sprache heraus, aber der Herr Actuar drängte gar so sehr — um den
+jungen Herrn Henkel fortreiten zu sehn. Nachher mochte sie vielleicht noch
+zehn Minuten der Köchin geholfen haben, und war dann nicht wieder von dem
+Vorsaal oben fortgekommen, auf dessen Balkon sie gesessen und genäht
+hatte. In der Zeit habe Niemand mehr den Vorsaal oder des Fräuleins Zimmer
+betreten, darauf wolle sie das heilige Abendmahl nehmen, und der Diebstahl
+müsse jedenfalls in den paar Minuten, die zwischen dem Fortreiten des
+jungen Herrn und ihrem eigenen Wiederhinaufgehn nach oben gelegen hätten,
+verübt sein — anders war es nicht möglich.
+
+»Wer aber hatte den Blumenstock in des Fräuleins Zimmer gestellt?«
+
+»Einen Blumenstock? — während die Herrschaft fort war?«
+
+»Allerdings, eine Monatsrose — in das Fenster nächst der Thür.«
+
+»Der das gethan hat, müsse damit zum Fenster, oder in derselben Zeit mit
+einem Nachschlüssel zur Thür hereingekommen sein, als der Diebstahl verübt
+worden, denn sie hätte keine Seele im Haus gesehn.
+
+Die Dienstboten hatten indessen mit einander geflüstert, als der Actuar
+das Wort nahm und mit langsam bedächtiger, aber ziemlich ernster Stimme
+sagte:
+
+»Hört einmal Leute, ich will Euch etwas sagen; Ihr habt Euch da gut
+unschuldig stellen, als ob Ihr eben erst auf die Welt gekommen wärt, damit
+dringt Ihr aber nicht durch. Das Geld ist fort — Ihr seid die Einzigen die
+unter der Zeit im Haus waren, und Euere Pflicht wäre es gewesen —
+
+»Aber Herr Actuarius« —
+
+»Ruhe da, wenn ich Euch etwas mitzutheilen habe — und Euere Pflicht wäre
+es gewesen, sag’ ich, aufzupassen, daß niemand Fremdes den Platz betrat,
+der Euch anvertraut war, und für den Ihr also auch in der Zeit zu stehn
+hattet. Jemand ist aber in der Zeit da gewesen, und hat etwas gebracht und
+etwas geholt, und man wird sich jetzt an _Euch_ halten müssen, bis der
+Jemand ausfindig gemacht ist. Was giebt’s da hinten — was ist gekommen?«
+
+»Dullmanns Rieke von über dem Weg drüben,« sagte die Köchin jetzt, gegen
+den Actuar vortretend, »will den Loßenwerder haben heimlich aus dem Haus
+schleichen sehn. Da _haben_ Sie einen; _uns_ brauchen Sie so etwas nicht
+unter die Nase zu reiben, Herr Actuar — wir sind ehrliche Dienstboten die
+sich ihr bischen Brot sauer genug im Schweiße ihres Angesichts — «
+
+»Ach halt’ sie das Maul,« fiel ihr aber der Actuar etwas unsanft in die
+Rede — »_wer_ ist im Haus gewesen, Loßenwerder? — und heimlich
+hinausgeschlichen? — wer hat ihn gesehn?«
+
+»Hier die Rieke von Dullmann’s — «
+
+»Wann war das?« fragte der Actuar das jetzt vorgeschobene Mädchen, das
+feuerroth wurde und ihren einen Schürzenzipfel anfing wie einen Plumpsack
+zusammenzudrehen. Erst ganz kurze Zeit vorher hatte sie einer ihrer
+Freundinnen im Dollinger’schen Haus, und gewiß nicht in der Absicht die
+Mittheilung gemacht, gleich damit, ohne weitere Warnung, vor die Polizei
+gezogen zu werden.
+
+»Nun Mamsell — wie hieß sie? — Rieke? — Wann haben Sie Loßenwerder aus dem
+Haus kommen sehn, und ist er ruhig hinausgegangen oder _geschlichen_?«
+
+»Wenn Loßenwerder im Haus war,« sagte Herr Dollinger ruhig, »so wird er
+auch ordentlich hinaus_gegangen_ und nicht geschlichen sein; der wäre der
+Letzte dem ich so etwas zutrauen möchte.«
+
+»Die Rieke behauptet,« fiel aber hier die Köchin in dem Bewußtsein
+unrechtlich gekränkten Ehrgefühls rasch ein, »daß sie gar nicht auf ihn
+geachtet haben würde, wenn er sich nicht so schnell und heimlich, und
+dicht unter den Fenstern, am Hause hingedrückt hätte. Wer kein böses
+Gewissen hat, kann gerade und offen gehen.«
+
+»Sie sind aber gar nicht gefragt, zum Henker noch einmal,« rief der Actuar
+jetzt ungeduldig werdend — »wenn Sie jetzt nicht ruhig sind, lasse ich Sie
+so lange hinausführen, bis wir Sie wieder brauchen. Hier Mamsell Rieke;
+wenn Sie sich die Schürze abgedreht haben, dann sein Sie so gut und sagen
+Sie uns einmal wo und wie Sie den Herrn Loßenwerder gesehen haben.«
+
+»Ich — ich weiß nicht gewiß« — stammelte das Mädchen verlegen — »aber —
+aber Loßenwerder kam — bald nachher wie die Herrschaft fortgefahren war —
+
+»Wie lange nachher?« frug der Actuar.
+
+»Etwa eine halbe Stunde denk’ ich — vielleicht nicht so lange — kam er
+viel rascher als es sonst seine Art ist, denn er geht gewöhnlich immer
+sehr langsam — kam er — kam er aus der Thür heraus, die er geschwind
+hinter sich zuzog — und dann — «
+
+»Und dann?« —
+
+Und dann hielt er den Kopf nieder, als ob er nicht wollte daß ihn Jemand,
+der vielleicht von oben heruntersähe, erkennen möchte — hielt er den Kopf
+nieder und drückte sich — drückte sich dicht am Haus hin, so schnell er
+konnte die Straße hinunter, und um die Ecke.«
+
+»Und nachher?« frug der Actuar.
+
+»Nu, um die Ecke kann sie doch nicht sehn,« sagte die Köchin.
+
+»Ob Sie still sein wird,« sagte Herr Ledermann jetzt aber wirklich böse
+gemacht — »Wenzel, wenn mir die Person da jetzt noch einmal das — noch
+einmal den Mund aufthut, dann wissen Sie was Sie zu thun haben.«
+
+»Sehr wohl, Herr Actuar,« sagte der Gerichtsdiener —
+
+»Und sind Sie dann nachher nicht herübergekommen und haben das den Leuten
+im Hause gesagt, was Sie gesehn?« frug der Actuar.
+
+»Ich habe ja aber Nichts gesehen,« sagte die Rieke.
+
+»Sie haben doch den Loßenwerder gesehn« —
+
+»Ja aber der geht doch so oft in das Haus hier herein, und kommt nachher
+immer wieder heraus.«
+
+Der Actuar warf sich ungeduldig herüber und hinüber und sagte endlich
+mürrisch:
+
+»Unsinn — baarer Unsinn — aber hatte er denn irgend etwas in der Hand? —
+_trug_ er etwas?«
+
+»_Trug_? — ja — ja sehn Sie Herr Actuar — das kann ich Sie nicht sagen —
+das weiß ich nicht — «
+
+»Nun Sie werden doch gesehen haben, ob er irgend ein schweres Paket in der
+Hand hatte oder nicht.«
+
+»Ja sehn Sie, das weiß ich Sie wahrhaftig nicht, aber ich glaube es fast,«
+sagte das Mädchen, »denn ich habe den Herrn Loßenwerder eigentlich noch
+gar nicht anders gesehn, als daß er irgend ’was getragen hätte; und wenn’s
+nur ein paar Briefe gewesen wären, oder ein Regenschirm.«
+
+»Lieber Herr Actuar, ich glaube Sie sind da auf einer falschen Fährte,«
+sagte Herr Dollinger jetzt — »man kann einem Menschen allerdings nicht
+in’s Herz sehen, aber für den Loßenwerder möchte ich fast selber
+einstehen.«
+
+»Mein bester Herr Dollinger,« sagte aber der Actuar kopfschüttelnd, »es
+ist das mit den Untersuchungen eine wunderliche Sache, und Leute auf die
+man am allerwenigsten gedacht, von denen man nie das geringste Unrechte
+vermuthet hatte, kommen da oft in den sonderbarsten Verwickelungen vor und
+— sind schuldig. Ich selber kenne Loßenwerder als einen ordentlichen
+braven Menschen, und will zu Gott hoffen, daß unser ganzer Verdacht
+unbegründet ist; das heimliche Schleichen aus dem Haus aber, und daß ihn
+Niemand sonst im Haus gesehen hat macht ihn verdächtig. Meine Pflicht ist
+es wenigstens ihn selbst deshalb zu vernehmen und ich werde jedenfalls
+noch heute Abend nach ihm schicken müssen — unsere Eisenbahnverbindungen
+sind jetzt zu schnell, und man darf keiner Menschenseele mehr zwölf
+Stunden Vorsprung lassen, wenn man nicht oft das leere Nachsehn haben
+will.«
+
+»Passen Sie auf,« sagte Herr Dollinger, »der Loßenwerder wird den
+Blumenstock zum Geburtstag Clara’s oben hinaufgetragen haben, und zum Dank
+dafür kommt der arme Teufel jetzt noch in den Verdacht des fatalen
+Diebstahls.«
+
+»Wie aber ist er ohne Nachschlüssel in die verschlossene Thür gekommen,«
+warf der Actuar ein —
+
+»Hm — « sagte Herr Dollinger, »das weiß ich freilich nicht — nun fragen
+Sie ihn selber, das wird jedenfalls der kürzeste Weg sein.«
+
+»Um das Verzeichniß der gestohlenen Gegenstände dürfte ich Sie dann
+vielleicht nachher noch bitten.«
+
+»Meine Tochter wird es gerade jetzt eben schreiben,« sagte Herr Dollinger,
+»wenn Sie nur noch kurze Zeit warten wollen.«
+
+»Dann dürfte ich Sie wohl bitten, es mir gleich in meine Wohnung zu
+schicken,« meinte der Actuar nach kurzer Ueberlegung, »ich muß vor allen
+Dingen erst in meine Wohnung und werde dann von da gleich noch einmal in’s
+Bureau gehen. Wo ist denn der Loßenwerder wohl am leichtesten zu finden?«
+
+»Ich habe eben nach seinem Hause geschickt,« sagte Herr Dollinger, »aber
+dort ist er nicht. Paul, der Bursche, behauptet, er ginge manchmal, aber
+selten, in eine Bierstube an der Ecke der Rößnitzer und Hertzergasse, aber
+dort war er auch nicht; es ist übrigens an beiden Orten bestellt, ihn
+gleich, so wie Jemand seiner ansichtig wird, hierherzuschicken.«
+
+»Sehr wohl,« sagte der Actuar, seine Papiere zusammenpackend, und sie dem
+Gerichtsdiener übergebend; nach kurzer Begrüßung wollte er sich dann eben
+entfernen, als er noch einmal in der Thür stehen blieb und, sich scharf
+auf dem Absatz herumdrehend, fragte:
+
+»A prospos — _raucht_ Loßenwerder?«
+
+»Soviel ich weiß _nicht_,« sagte Herr Dollinger.
+
+»Doch ja, manchmal,« sagte Einer der Leute — Sonntags nach Tisch z. B.
+regelmäßig eine Cigarre.«
+
+»Hm, so?« sagte der Actuar und verließ dann rasch das Zimmer und Haus.
+
+Er hatte übrigens auch alle Ursache sich zu beeilen, denn daheim wartete
+ein mit jeder Minute drohender aufsteigendes Unwetter auf ihn, das er mit
+einer Art von verzweifelten Hoffnung immer noch mit den, dem
+Gerichtsdiener wieder zu dem Zweck abgenommenen, und geschäftsmäßig unter
+den Arm geklemmten Streifen Akten abzuleiten gedachte. Jedenfalls mußte
+ihm der Vorfall im Dollinger’schen Haus, der so viel von seiner Zeit in
+Anspruch genommen, entschuldigen. Frau Actuar Ledermann aber hatte sich
+schon den ganzen Nachmittag über, mit immer wachsender Ungeduld,
+vorgenommen gehabt mit ihrem Gatten gegen Abend einen der vor der Stadt
+gelegenen Gärten, wo Concert sein sollte, zu besuchen und die Parthie war
+ihr jetzt — was halfen alle Gründe dagegen — zu Wasser geworden; es
+verstand sich von selbst daß Actuar Ledermann die Schuld, und deshalb auch
+die Folgen trug.
+
+Frau Actuar Ledermann hatte sich übrigens vor einigen Tagen, wo sie trotz
+dem nassen Wetter und allen Vorstellungen ihres Mannes spatzieren gegangen
+war, furchtbar erkältet, und brachte keinen lauten Ton über die Lippen.
+Das aber, und daß sie ihren gerechtfertigten Ingrimm nicht mit der vollen
+Kraft ihrer Stimme hinaus_gießen_ konnte über den Gatten, wie sie es — und
+er auch — gewohnt war, sondern alles das was sie ihm zu sagen hatte — und
+sie hatte ihm viel zu sagen — heraus_flüstern_ mußte, reizte ihren Zorn
+nur noch immer mehr.
+
+»Aber liebes Kind, ich versichere Dich,« sagte der Actuar in einem
+vergeblichen Versuch den aufsteigenden Sturm zu beschwichtigen, »daß ich
+mich über anderthalb Stunden bei dem verwünschten Diebstahl im
+Dollinger’schen Hause aufgehalten habe und — «
+
+»Und ich versichere Dich,« zischte sie, mit einem Gesicht, dem die
+Anstrengung die es sie kostete die Worte hörbar zu machen, einen noch viel
+unfreundlicheren, ja sogar boshaften Ausdruck gab — »daß ich Dich vor
+anderthalb Stunden schon gerade so erwartet habe wie jetzt, und seit drei
+Stunden vollkommen angezogen dasitze und auf Dich passe.«
+
+»Aber Du _bist_ ja gar nicht angezogen, beste Therese.«
+
+»Weil ich mich wieder ausgezogen habe,« rief die Frau — »glaubst Du ich
+soll mir ein Beispiel an einem liederlichen Menschen nehmen, und bei Nacht
+und Nebel noch draußen herumstreichen, wie Leute die das Licht zu scheuen
+haben? — Und dann mit meinem Katharr — daß ich mir den Tag über im warmen
+Sonnenschein ein wenig Bewegung machte, das fällt Dir nicht ein; aber
+Nachts, wenn der schädliche Thau niederfällt, der für mich gerade Gift
+wäre, da möchtest Du mich jetzt wohl noch hinausschleppen nicht wahr?
+damit ich nur recht schnell unter die Erde käme — o ich armes
+unglückseliges Weib — «
+
+»Aber Therese Du bist unbillig, ich habe Dir doch angeboten heute
+Nachmittag mit mir nach dem rothen Drachen hinauszugehn — «
+
+»Weil Du wußtest daß das nichtsnutzige Geschöpf von einer Wäscherin mir
+mein Kleid nicht vor vier Uhr bringen würde,« zischte die Frau.
+
+»Aber Du hast ja noch andere — «
+
+»Am Sonntag zum Skandal der andern Menschen mit einer solchen _Fahne_ zu
+einem anständigen Vergnügungsort hinausziehn, nicht wahr? — _Dir_ läge
+natürlich Nichts daran was die Leute über Deine Frau sagten; aber Du bist
+auch an anderen Orten lieber wie zu Hause, und statt Deiner Frau einmal
+ein paar Stunden Gesellschaft zu leisten, und nachher mit ihr zusammen
+auszugehen, mußt Du natürlich g’rad in’s Wirthshaus laufen, und ein
+Bischen vor Mitternacht dann wieder zu Hause kommen.«
+
+»Liebes Kind, es ist halb neun Uhr jetzt« — sagte der Actuar ruhig, »dann
+aber Therese,« fuhr er nach kleinem Zögern, mit einer fast gewaltsamen
+Anstrengung etwas herauszubringen, das er auf dem Herzen hatte, fort —
+»bist Du theilweise mit selbst Schuld daran, _daß_ ich mir eben außer dem
+Hause mein Vergnügen suchen _muß_.«
+
+»Ich?« wollte die Frau erstaunt rufen, der etwas zu hoch eingesetzte Ton
+blieb aber total aus, und Ledermann sah nur, mit der entsprechenden
+Gesticulation, das zum Höchsten erstaunte Gesicht der Gattin. Dadurch aber
+vielleicht, und durch die ungewöhnliche, freilich erzwungene Stille, etwas
+muthiger gemacht, fuhr er entschlossen fort:
+
+»Ja liebes Kind, Du; denn anstatt Deinem Mann, wenn er von seinen
+Berufsgeschäften ermüdet zu Hause kommt den Aufenthalt daheim zu einem
+freundlichen zu machen, in dem er gerne bleibt, läßt Dich Dein
+unglückseliges, heftiges Temperament nicht ruhen noch rasten, sondern Du
+mußt irgend eine Gelegenheit vom Zaune brechen mit mir zu zanken. Gebricht
+es Dir aber vollkommen an Stoff, was jedoch nur in höchst seltenen Fällen
+zu sein scheint, so bist Du mürrisch und verschlossen, machst ihm ein
+finsteres, verdrießliches Gesicht, und sprichst kein Wort.«
+
+Sprachlos nur vor Zorn und Staunen über die unerhörte, bodenlose
+Frechheit, hatte die Frau indessen dem heute so redseligen Gatten (der
+aber nicht dabei zu ihr aufzuschauen wagte, sondern bald die rechte, bald
+die linke Ecke der Stube mit den Augen suchte) angesehn. Es war eine
+allerdings noch jugendliche schlanke, aber eher magere als volle Gestalt,
+die Frau Actuar Ledermann, mit etwas vorstehenden, wenigstens stark
+markirten Backenknochen und durchdringend scharfen, wenn auch kleinen
+lichtgrauen Augen, die Lippen schmal und um den Mund in vielen kleinen
+Fältchen, zusammengezogen, das Kinn jedoch etwas zurückstehend, was ihr
+ein besonderes, und nicht eben angenehmes Profil gab. Auch in ihrem Anzug
+ließ sie sich zuviel gehn; der Zauber reinlicher Kleidung fehlte ihr, der
+selbst der ärmlichsten Tracht etwas Nettes, Freundliches giebt; die Krause
+die das oben am Hals dicht anschließende Kleid einfaßte, war schon mehrere
+Tage getragen und verdrückt, ebenso zeigten die Manschetten Spuren
+längeren Dienstes, und die Haube saß ihr verschoben und zu viel
+zurückgedrängt auf dem, nicht überreich mit Haaren bedeckten Scheitel.
+Frau Actuar Ledermann war nicht hübsch, und der Affect der ihre Züge in
+diesem Augenblick mehr entstellte als belebte, nahm ihnen leider auch die
+letzte Spur sanfter Weiblichkeit, die sonst doch wohl noch hie und da
+darin verborgen lag. Der bis jetzt mehr durch Erstaunen als Mäßigung
+niedergekämpfte Zorn gewann aber auch endlich die Oberhand, und während
+die Anstrengung, sich bei ihrer Heiserkeit gehört zu machen, ihr Antlitz
+fast dunkel färbte, keuchte sie, die Arme in die Seite gestemmt, den
+Oberkörper gegen den überrascht einen Schritt zurückweichenden Gatten
+vorgebeugt:
+
+»Spreche kein Wort, _heh_? sagt der Herr? — prahlt da, »wenn er von
+Berufsgeschäften nach Hause kommt« — spreche kein Wort? — sitzt in der
+Kneipe den ganzen gesegneten Nachmittag — im rothen Drachen und das nennt
+er Berufsgeschäfte; vertrinkt das Geld das wir hier zum nothwendigsten
+Leben brauchten, und wirft mir jetzt meine Heiserkeit vor, die mir der
+Himmel geschickt hat, oder mein böses Glück, dem ich auch einen solchen
+Mann verdanke — daß ich kein Wort spreche und verdrießlich bin. Ich soll
+wohl _tanzen_? eh? — wenn mir das Herz zum Zerspringen voll ist vor Jammer
+und Elend daheim, und wenn ich den ganzen Tag da sitze, und brüte und
+denke wie wir auskommen wollen mit den paar Groschen, die zum Sterben und
+Verhungern zu viel, zum Leben aber zu wenig sind. Dann soll ich nachher,
+wenn der gestrenge Herr sein Gesicht zeigt, lachen und vergnügt und lustig
+sein, nur damit der Haustyrann sich nicht unbehaglich fühlt in _seinen_
+vier Wänden.«
+
+Heftiger Husten unterbrach hier die Zornesrede der Frau, der die übermäßig
+angestrengte Luftröhre den Dienst versagte, und der Actuar Ledermann nahm
+still und schweigend, den Moment benutzend, ein Licht von dem kleinen
+Seitenschrank, zündete es an der Lampe an, und verließ kopfschüttelnd und
+seufzend das Gemach, sich auf sein eigenes kleines Stübchen zurückzuziehn.
+
+
+
+
+
+ Capitel 4.
+
+
+ FRANZ LOSSENWERDER.
+
+
+In Heilingen, in der Glockenstraße, stand ein vortreffliches Weinhaus, in
+dem die wohlhabenderen Bürger Abends gewöhnlich zusammenkamen und ihr
+Fläschchen, aus denen auch oft zwei und drei wurden, tranken. Das Lokal
+war ziemlich gemütlich, und dem Zweck entsprechend, in eine Menge kleiner
+Zimmerchen abgetheilt, die theils durch wirkliche Thüren und Verschläge,
+theils durch Vorhänge von einander getrennt lagen, einzelnen
+Gesellschaften zu gestatten eben einzeln zu bleiben, und ihr Glas,
+ungestört von dem Nachbar, zu trinken.
+
+Das Haus hieß »der Pechkranz« nach einer alten Sage, die der Wirth sehr
+gern mit der Heilinger Chronik belegte, und die noch in dem
+dreißigjährigen Kriege spielte; ein, über der Eingangsthür in neuerer Zeit
+erst aus Stein gehauener Bachus, hielt auch in der einen Hand einen
+Tyrsusstab, und in der anderen einen Pechkranz, in höchst wunderlicher
+Weise Sage und Geschäft mit einander vereinigend. Die Allegorie war aber
+gar nicht so übel angebracht, und hätte sich auch schon ohne Tilly recht
+leidlich und genügend erklären lassen, denn Bachus hatte hier schon in der
+That in manchen Kopf seinen Pechkranz hineingeworfen, daß es lichterloh
+zum Dache hinausbrannte, ohne weiter eben größeren Schaden anzurichten,
+als der alte Pechkranz in damaliger Zeit angerichtet haben sollte.
+
+Der Wirth war übrigens nicht in Heilingen geboren und erzogen, sondern ein
+Rheinländer, der sich hier erst vor einigen Jahren niedergelassen, und
+durch gute Getränke auch bald gute und schlechte Kunden genug bekommen
+hatte. Seine Preise waren allerdings ein wenig theuer, »aber,« sagten die
+Heilinger, »wer einmal Wein trinkt, dem darf es auch nicht auf einen
+Groschen dabei ankommen, wenn er nur ächt und rein ist,« und Wirth und
+Gäste befanden sich wohl dabei.
+
+Es war am Abend des nämlichen Tages, an welchem ich meine Erzählung
+begann, als die Gäste, die den Tag über meist auf Spaziergängen im Freien
+gewesen waren, anfingen einzutreffen, und die Kellner geschäftig herüber
+und hinüber sprangen, Wein und Speisen den Hungrigen und Durstigen zu
+bringen. Die kleinen Räumlichkeiten füllten sich nach und nach, und selbst
+in dem großen Mittelsaal, der ungefähr das Centrum des Ganzen bildete,
+hatten sich schon hie und da einzelne Gruppen gebildet, oder auch einzelne
+Gäste saßen in irgend einer Ecke, ihre Flasche Wein vor sich, und auf
+eigene Hand, in ungeselliger Gemüthlosigkeit, langsam Glas nach Glas zu
+leeren. Es ist das aber nicht die rechte Art; zu einer schönen Landschaft
+und einer guten Flasche Wein gehören mindestens zwei Personen, um Beides
+recht und ordentlich zu genießen, die eine sich _darüber_, die andere sich
+_dabei_ auszusprechen; wenn man allein ist, geht mehr als der halbe Genuß
+von Beiden verloren. Es giebt allerdings Menschen, die sich zufriedener
+fühlen wenn sie Alles allein genießen können, aber denen geh’ aus dem Weg;
+es sind Hypochonder oder Schlimmere, und der einzige Dank, den Du ihnen
+schuldig bist ist dafür, daß sie sich eben auch von Dir zurückziehn. Nur
+wer Niemanden hat an den er sich anschließen darf, wer allein und
+freundlos in der Welt dasteht und das Leid das ihn drückt, allein tragen,
+die wenigen frohen Momente seines Lebens allein genießen muß, den bedauere
+und hilf ihm, wenn Du kannst, denn er ist der Unglücklichste von Allen.
+
+Es mochte neun Uhr Abends sein, als ein Bekannter von uns, der
+Kürschnermeister Kellmann, die Weinstube betrat und, sich überall
+umschauend, ob er nicht irgend einen Freund träfe zu dem er sich setzen
+könnte, in einer der Ecken eine bekannte Gestalt entdeckte. Aber er sah
+erst ein paar Secunden wirklich aufmerksam dorthin, ehe er seinen Augen
+traute, und sagte dann, auf Jenen losgehend und neben dem Tisch stehen
+bleibend:
+
+»Hallo, _Loßenwerder_? Ihr hier im Pechkranz? na da möchte man doch, wie
+die Schwaben sagen, den Ofen einschlagen. Alle Wetter Mann und vor einer
+Flasche Rüdesheimer; nun das laß ich gelten und es freut mich wahrhaftig,
+daß Ihr endlich einmal aufthaut und unter Menschen kommt. Aber was ist
+denn heute los bei Euch? denn einen ganz besonderen Grund muß doch die
+Festlichkeit haben.«
+
+»Ha — ha — ha — hat sie auch He — he — he — he — herr Ke — ke — ke —
+kellmann,« sagte der kleine Mann verlegen lächelnd und sich etwas
+schüchtern dabei umschauend, denn es schien ihm nicht angenehm, die
+Aufmerksamkeit der übrigen Gäste so direkt auf sich gelenkt zu sehn.
+
+»Jetzt kann ich aber auch den Leuten widersprechen,« sagte Kellmann,
+seinen Hut und Stock an einen der nächsten Haken hängend und sich neben
+ihn setzend, »wenn sie behaupten Ihr tränkt nur Wasser, und Sonntags
+höchstens einmal ein Glas Dünnbier — ich kriege Leibschneiden, wenn ich
+nur an das Zeug denke — und sonst lebtet, als ob Ihr die Woche mit einem
+halben Thaler auskommen müßtet. Alle Wetter Mann, das ist recht, daß Ihr
+Euch auch manchmal ein Glas Rheinwein gönnt; das hält Leib und Seele
+zusammen, und stärkt die Nerven und Muskeln mehr wie Rindfleisch. Würde
+mir schwer ankommen, wenn ich unseren vaterländischen Wein entbehren
+müßte,« setzte er mit einem halbunterdrückten Seufzer hinzu.
+
+»Ha — ha — ha — haben Sie a — a — a — auch wohl ni — ni — nicht nö — nö —
+nö — nö — nö — nöthig, be — be — be — bester He — he — he — he — he — he.«
+
+»Ih nun wer weiß was Einem noch Alles bevorsteht,« unterbrach ihn Kellmann
+— »hier Kellner — mir auch eine Flasche von dem Rüdesheimer; der Duft hat
+mir Appetit gemacht.«
+
+»Hallo Loßenwerder bei einer Flasche Rüdesheimer,« rief aber jetzt noch
+eine andere Stimme aus dem nächsten Stübchen, wo ein paar junge Kaufleute
+bei ihrem Glase zusammensaßen — »da müssen wir auch dabei sein;
+Loßenwerder hat vielleicht heute seinen splendiden Tag und traktirt —
+haben Sie was in der Lotterie gewonnen?«
+
+Die jungen Leute, die Kellmann und Loßenwerder begrüßten, kamen mit ihrer
+Flasche heraus, und setzten sich an denselben Tisch, mit dem immer
+verlegener werdenden kleinen Mann anstoßend und trinkend. Denen gesellten
+sich aber noch bald darauf Andre zu; Loßenwerder war in der ganzen Stadt
+bekannt und oft auch, seiner körperlichen Mängel wegen, zum Besten
+gehalten. Vertheidigen konnte er sich aber schon seines Stotterns wegen
+nicht, was den Gegnern gleich nur noch mehr Anlaß und Stoff gegeben hätte;
+so wurde denn diese freilich gezwungene Zurückhaltung endlich für
+Gutmütigkeit ausgelegt, mit der er sich Scherz und Stichelrede ruhig
+gefallen ließ, und was die schärfste Erwiderung nicht vermocht, erreichte
+er unfreiwillig dadurch, daß man es endlich müde wurde, den sich nicht
+Verteidigenden zum Besten zu haben, und ihn eben zufrieden ließ. Aber in
+des Verwachsenen Betragen änderte das Nichts; abgestoßen und verhöhnt — in
+nur sehr wenigen Ausnahmen — von Allen, mit denen er in Berührung kam, zog
+er sich mehr und mehr in sich selbst zurück, ging, außer den nöthigen
+Geschäftswegen und außer der Geschäftszeit, fast nirgends hin, und lebte
+so einfach, ja fast dürftig, wie nur ein Mensch leben kann, der eben _nur_
+Geld ausgiebt, um zu existiren. In einem Weinkeller hatte ihn aber noch
+Niemand gesehn, und die Gäste dort, die überdies keinen weiteren Zweck da
+hatten als sich zu amüsiren, glaubten das einmal einen Abend mit dem
+kleinen »Stotterberg«, wie er spottweis, seines Stotterns und Höckers
+wegen genannt wurde, am Besten thun zu können.
+
+Im Anfang wollte sich Loßenwerder aber auf Nichts einlassen, ja machte
+sogar zwei oder drei, wenn gleich vergebliche Versuche, sich zu entfernen,
+denn von allen Seiten wurde er gehalten, und Jeder wollte und mußte mit
+ihm trinken. Nach und nach aber fing er an aufzuthauen; der ungewohnte
+kräftige Wein mochte ihm das Blut leichter und rascher durch die Adern
+jagen. Nun sollte er erzählen, aber das ging nicht, sein Stottern wurde,
+mit der schwereren Zunge, kaum verständlich, bis Einer, im Spott eben, auf
+den Gedanken kam, ihn zum Singen aufzufordern. Loßenwerder weigerte sich
+erst ganz verschämt; das aber kam den Anderen zu komisch vor, und mit
+Lachen und Toben, während ein paar schon Champagner bestellten, den Genuß
+würdig zu feiern, räusperte sich Loßenwerder plötzlich und stieg, von dem
+Wein erregt, und jetzt unter dem lauten Jubel der ihn umdrängenden Gäste,
+auf einen Stuhl.
+
+ [Capitel 4]
+
+Was aber, wie sich die Uebrigen gedacht, Spott und Scherz hatte werden
+sollen, das erstarb in athemlosem Schweigen, nur von leisen Ausrufungen
+des Staunens und der Bewunderung unterbrochen, als der kleine verkrüppelte
+Mensch, mit einer hellen, glockenreinen Stimme, und Tönen, die zum
+innersten Herzen drangen, erst noch scheu, dann aber immer
+zuversichtlicher werdend, und wie von dem Inhalt des Liedes mit
+fortgerissen, dieses also begann:
+
+ »Ich habe schon zu oft geschaut
+ In Deiner Augen Glanz, Du Holde,
+ Auf meine Kraft zu fest vertraut,
+ Viel mehr, als ich vertrauen sollte.
+
+ Doch nein, für Dich Geliebte sind
+ Des Lebens schönste, reinste Blüthen,
+ Von keinem Schmerz getrübt, bestimmt,
+ Und was könnt’ ich dafür Dir bieten?
+
+ Nichts — gar Nichts, als ein treues Herz;
+ Doch nimmer sollst Du es erfahren —
+ Ich kann, wie früher, meinen Schmerz
+ In tiefer, innerer Brust bewahren.
+
+ Sei glücklich! — wenn auch ohne mich,
+ Ich will Dich lieben, aber schweigen
+ Und mein Gebet nur soll für Dich
+ Empor, zum Thron des Höchsten steigen.
+
+ Wenn dann mein Herz im Grabe liegt,
+ Und austräumt seine stillen Leiden,
+ Dann soll der Geist zum Himmel nicht
+ Entfliehn, und zu der Seel’gen Freuden. —
+
+ Ein schön’res Loos werd’ ihm zu Theil,
+ Umschwebend Dich in trüben Tagen,
+ Soll er, zu Deinem Schutz und Heil,
+ Selbst seiner Seligkeit entsagen.«
+
+Loßenwerder war ganz gerührt geworden beim Schluß des Liedes, und die
+Thränen standen ihm in den Augen; während sein wirklich häßliches Gesicht
+durch den Schmerz aber eher einen komischen als ernsten Ausdruck bekam,
+jubelte die Schaar jetzt um ihn her, die wirklich erst wieder Athem und
+Laut gewann, als der wundersame Zauber dieser Stimme von ihnen genommen
+war.
+
+»Bravo — bravo Loßenwerder — bravo dacapo! Donnerwetter Mann, Ihr habt ja
+eine Stimme wie eine Nachtigall, und stottert nicht die Probe dabei — wie
+am Schnürchen geht das!«
+
+»Es ist erstaunlich!« rief Kellmann, vor lauter Verwunderung über das eben
+Gehörte wirklich fast sprachlos.
+
+»Nun aber auch trinken — hier Loßenwerder — hier,« riefen sie, ihm das
+Glas bis zum Rand mit dem schäumenden Trank füllend, »und dann noch ein
+Lied; bei Gott, das zuckt und prickelt Einem ordentlich durch die Adern,
+und klingt wie Glockenton so rein und voll; Loßenwerder wo habt Ihr das
+Singen gelernt?«
+
+»Vo — vo — vo — vo — vo — von mi — mi — mir se — se — se — se — selb —
+bber,« stotterte der kleine Mann, kaum im Stande jetzt mit immer schwerer
+werdender Zunge nur die paar Worte vorzubringen, während ihm im Gesang die
+Strophen wie der Lerche das schmetternde Lied; aus der Kehle wirbelten.
+
+»Und da hat bis jetzt noch gar kein Mensch etwas davon erfahren,« rief
+Kellmann wieder — »behält die liebe Gottesgabe da ebenfalls für sich
+allein, kommt nirgends hin, spricht mit Niemand, trinkt und singt mit
+Niemand, und hat eine Stimme in der Luftröhre sitzen, die Einer, wer es
+darauf anzulegen verstände, in reines Gold verwandeln könnte.«
+
+Von allen Seiten tranken sie jetzt dem kleinen Mann zu, und überschütteten
+ihn mit Lob und Jubel, und dieser schwamm wirklich in einem wahren Meer
+von Wonne. So wohl war ihm auch noch nie geworden — Niemand hatte sich bis
+jetzt um ihn bekümmert, Jeder ihn verspottet und verhöhnt, und zum ersten
+Mal, vielleicht seit langen, langen Jahren, fühlte er sich unter Menschen
+einem Menschen gleich, wußte sich nicht mehr verachtet und unter die Füße
+getreten, und sah freundliche Augen um sich her, die ihn wie ihres
+Gleichen anschauten.
+
+Dem löste sich auch endlich seine Zunge, oder wenigstens sein guter Wille
+zu reden, so weit, daß er beginnen wollte Geschichten zu erzählen. Das
+ging aber unter keiner Bedingung; beim Singen ja, aber beim Sprechen
+brachte er kein Wort mehr über die Lippen, und selbst das Singen versagte
+ihm zuletzt den Dienst; die Augenlider wurden ihm schwer, er fing an zu
+lallen, und war eben zurück auf seinen Stuhl und dem Schlaf in die Arme
+gesunken, als die Thür aufging und zwei Gerichtsdiener in’s Zimmer traten.
+Es war etwa elf Uhr Abends und die meisten Gäste, mit Ausnahme des einen
+Tisches, hatten das Haus schon verlassen.
+
+»Hallo was ist das?« sagte Herr Kellmann, der die beiden Leute zuerst
+bemerkte, »das ist wunderlicher Besuch — es wird doch nicht etwa eine
+Polizeistunde eingeführt in Heilingen?«
+
+Aber auch der Wirth war die »Diener der Gerechtigkeit«, wie sie meist
+etwas poetisch genannt werden, gewahr geworden und ging auf sie zu, sich
+zu erkundigen was sie hierher geführt.
+
+»Ein kleiner buckliger Mann soll hier heute Abend bei Ihnen sein,« sagte
+der Erste — »er ist aus dem Dollingerschen Geschäft.«
+
+»Dort sitzt er in der Ecke,« sagte der Wirth vom Pechkranz nach
+Loßenwerder hinüberzeigend, »hat er etwas verbrochen?«
+
+»Ich weiß nicht,« erwiederte der Zweite ziemlich kurz — »wir sollen ihn
+abholen.« —
+
+»Wird schwer sein,« meinte der Wirth — »sie haben ihm heute Abend hier
+ordentlich zugetrunken, und der Wein hat jetzt das Uebergewicht — wenn er
+aufsteht kippt er wieder um.«
+
+»Hm — da wird wohl auch nicht viel mit Fragen aus ihm herauszubringen
+sein, Meier; was meinst Du, nehmen wir ihn mit?«
+
+»Ich denke das Beste wird sein wir führen ihn zu Haus, und Einer bleibt
+bei ihm bis er morgen früh wieder zu Verstande kommt; jetzt ist doch
+Nichts mit ihm anzufangen.«
+
+»Aber um Gottes Willen was ist denn vorgefallen?« frug Kellmann bestürzt;
+»der arme Teufel hat doch nicht etwa irgend ’was verbrochen?«
+
+»Noch ist nichts Gewisses bekannt,« erwiederte der erste Polizeidiener,
+»nur bei Dollinger’s ist heute Nachmittag eingebrochen, und die
+Untersuchung muß jetzt erst ergeben, wer schuldig sei.«
+
+»Bei Dollinger’s eingebrochen?« riefen Mehrere, »heute Abend?«
+
+»Nein heute am hellen Tag,« sagte der Mann.
+
+»Alle Wetter das muß dann gewesen sein während sie nach dem rothen Drachen
+gefahren waren,« sagte Kellmann rasch — »sie kamen an uns vorbei mit dem
+jungen Henkel.«
+
+»In der Zeit war’s,« bestätigte der Polizeidiener, »denn wie sie zu Hause
+kamen, wurde es entdeckt — hier da Loßenwerder — Sie da — wachen Sie auf.«
+
+»Ja wenn Sie den stoßen wollen bis er munter wird,« lachte Einer der
+jungen Leute, »da haben Sie Arbeit.«
+
+»Sie — Loßenwerder — hören Sie?«
+
+»Ja — ja« — stammelte der von dem ungewohnten Weine, von dem er eigentlich
+gar nicht so sehr viel getrunken, Betäubte — »me — me — me — mehr We — we
+— wein; ich za — za — za — zahle A — a — a — a — a — alles!«
+
+»So?« sagte der Polizeidiener ruhig — »nun für heute möcht’ es doch wohl
+genug sein; komm, faß ihn da drüben unter den Arm, er wohnt ja auch nicht
+so sehr weit von hier — wo ist sein Hut?«
+
+»Hier — armer Teufel, das wird ein böses Erwachen werden.«
+
+»Wie man sich bettet so schläft man,« sagte der zweite Polizeidiener, und
+den Betrunkenen in die Höhe richtend, der dabei unverständliche Sachen
+stammelte und sogar einen total misglückenden Versuch machte wieder zu
+singen, führten sie ihn hinaus und seiner Wohnung zu, indeß die Gäste noch
+das »für und wider« der Schuld des Mannes, von dem sie nie etwas Uebles
+gehört bei einer anderen Flasche besprachen.
+
+Und es _war_ ein böses Erwachen für den Mann; von dem Weindunst betäubt
+schlief er, wie ein Todter, bis zum lichten Tag, und als er die Augen
+aufschlug und ihm der Kopf schmerzte zum Zerspringen, fiel sein erster
+Blick auf den ungeduldig in seinem Zimmer auf und ab gehenden
+Polizeidiener, den er einen Moment bestürzt anstarrte, und dann die Augen
+wieder schloß, wie vor einem unangenehmen Traumbild.
+
+»Nun Loßenwerder, ausgeschlafen?« sagte der Mann aber, froh endlich einmal
+zu einem Resultat zu kommen — »das hat lange gedauert — kommen Sie, stehn
+Sie auf und ziehn Sie sich an.«
+
+Die Stimme war _kein_ Traum, und der kleine Mann richtete sich erschreckt
+von seinem Bett, auf dem er noch mit den Kleidern vom vorigen Abend lag,
+empor. Wo war er? — wie war er hierher gekommen? er drückte sich mit
+beiden Händen die Stirn und der klare Angstschweiß brach ihm aus über den
+ganzen Körper; er _wußte_ nicht mehr was gestern Alles geschehn, und die
+unheimliche finstere Gestalt vor ihm füllte sein Herz mit einer wilden
+Ahnung von Unheil, die alles Blut dorthin in jähem Strom zurücktrieb.
+
+Wie ein Schlag da hinein traf ihn die Nachricht von dem entdecktem
+Diebstahl, das Gefühl, daß der Verdacht auf ihm laste, und die nächste
+Stunde — während ein anderer Polizeibeamter bei ihm visitirte und man
+nichts weiter, als in einem Winkel seines kleinen Schreibtisches, unter
+dreifachem Schloß, ein Päckchen mit 200 Thalern in fünf und zwanzig Thaler
+Cassenanweisungen, wie noch einige Goldstücke fand, wie seine Abführung
+dann nach dem Dollingerschen Hause, da Herr Dollinger gebeten hatte den
+Mann, an dessen Schuld er nicht glauben wollte, erst einmal an Ort und
+Stelle selber zu befragen — lag wie ein Alp auf seiner Seele, unter dessen
+Last er auch kein Wort zu seiner Verteidigung zu sagen, ja nicht einmal
+eine an ihn gerichtete Frage zu beantworten vermochte.
+
+In dem Dollingerschen Hause angekommen, wurde er gleich in Herrn
+Dollinger’s Zimmer hinaufgeführt, und der alte Herr ging, als Loßenwerder
+die Stube betrat, mit auf dem Rücken gekreuzten Händen in seinem Zimmer
+auf und ab. Der junge Henkel saß in der einen Ecke des Sophas, das rechte
+Knie über das linke geschlagen, mit einem Buch in der Hand, über das hin
+er aufmerksam den Gefangenen betrachtete.
+
+Loßenwerder war bleich wie ein Todter — jeder Blutstropfen hatte sein
+Antlitz verlassen, und bei dem Versuch den er zum Reden machte, kam kein
+Laut über seine Lippen.
+
+»Loßenwerder,« sagte Herr Dollinger endlich, nach einer kleinen Weile vor
+ihm stehen bleibend und ihn ernst, ja traurig betrachtend — »ein böser
+Mensch ist gestern, während unserer Abwesenheit, in unser Haus geschlichen
+und hat, außer einigen Juwelen, auch noch das Geld entwendet, das Du mir
+gestern Mittag gebracht und das ich, wie Du weißt, in den Secretair dort
+schloß. Warst Du während unserer Abwesenheit wieder im Haus und in dem
+Zimmer meiner Töchter?«
+
+»He — he — he — he — he — he — he — rr Do — Do — Do — Do.«
+
+»Schon gut Loßenwerder, Du bist jetzt aufgeregt und das Sprechen wird Dir
+schwer; beschränke Dich auf ein einfaches ja und nein.«
+
+»Ja — a — !«
+
+»In dem Zimmer meiner Töchter?«
+
+»J — a — a — a aber — i — i — i — i — ich wo — wo — wollte« —
+
+»Sie haben einen Blumentopf dort hineingesetzt?« sagte Herr Henkel jetzt
+ruhig.
+
+Das Blut stieg dem kleinen Mann rasch bis in die Schläfe hinauf, aber der
+nächste Moment ließ sein Antlitz wieder so weiß als vorher; er nickte nur,
+zur Betätigung des eben Gesagten, mit dem Kopf.
+
+»Loßenwerder,« sagte der Herr Dollinger mit leiser, bewegter Stimme und
+dicht zu dem kleinen Mann hinantretend, wobei er die Hand auf dessen
+Schulter legte, »Loßenwerder, noch gestern würde ich eben so leicht
+geglaubt haben, daß eines von meinen eigenen Kindern eines schlechten,
+unrechtlichen Streiches fähig wäre, bis mich leider die immer deutlicher
+sprechenden Thatsachen in meinem Glauben an Dich _wankend_ gemacht haben.«
+
+»He — he — he — he — he — herr Do — Do — Do — Do — — Dollinger« —
+
+»Ich will Dir klar und einfach unseren ganzen Verdacht vorlegen,« sagte da
+der alte Herr, dem Angeklagten jedes unnütze Wort zu ersparen — »gestern,
+während unserer Abwesenheit, ist der Secretair meiner Töchter erbrochen
+und das Dir bekannte Geld entwendet worden — drüben über der Straße hat
+Dich ein Mädchen gesehn, wie Du heimlich aus dem Hause geschlichen bist.
+Ebenso bestätigt Wilhelm, der Stalljunge, Dich gesehn zu haben, wie Du
+hättest das Haus durch die nach dem Hofe zu führende Thür verlassen
+wollen, bei seinem Anblick aber, was selbst dem Jungen aufgefallen ist,
+zurückgefahren, und dann auch nicht über den Hof gekommen wärst. Das
+Stubenmädchen, die keine Ahnung davon haben konnte daß Geld in dem
+Secretair lag, ist bereit den schwersten Eid abzulegen, daß sie, wenige
+Minuten später, nachdem man Dich hatte aus dem Hause schleichen sehen, die
+Vorsaalthür nicht mehr aus den Augen gelassen, und gewiß wäre, daß Niemand
+die Schwelle mehr überschritten habe, bis sie den zurückkehrenden Wagen in
+den Hof einfahren gehört. Heimlich bist Du im Haus gerade in der Zeit, in
+welcher das Geld entwendet wurde, gewesen, und die gestrige Ausschweifung,
+die man an Dir nicht gewöhnt ist, wie die bei Dir gefundene Summe, lassen
+allerdings das Schlimmste fürchten. Loßenwerder — ich brauche Dir nicht zu
+sagen, wie weh — wie weh mir das gerade von _Dir_ thut, und ich wollte die
+doppelte Summe, so bedeutend sie ist, gern verschmerzen, wenn es _nicht_
+geschehen wäre. Mache aber jetzt Deinen Fehler, wenigstens so weit das
+noch in Deinen Kräften steht, wieder gut; gestehe was Du mit dem übrigen
+Gelde gemacht, wo Du es verborgen hast, und ich selber will dann auch
+Alles thun was in meinen Kräften steht, Deine Strafe zu erleichtern. Ein
+anderer Welttheil mag Dir nachher in späterer Zeit Gelegenheit geben
+Deinen Fehltritt zu bereuen, und das wieder zu werden, für was ich Dich,
+selbst bis diesen Morgen noch, gehalten habe.«
+
+Loßenwerder hatte während dieser Auseinandersetzung wie aus Stein gehauen
+vor seinem Prinzipale gestanden, nur das Zittern seiner Glieder verrieth
+daß er lebe; jetzt aber brach er in die Knie, und zum ersten Mal
+vielleicht mit dem vollen Bewußtsein der gegen ihn erhobenen Anklage —
+oder auch von Schuld und Angst zu Boden gedrückt, denn wer konnte in den
+stieren, überdies nicht geraden Augen und in den todtenbleichen, mit
+großen Schweißperlen bedeckten Zügen das richtige lesen — umfaßte er die
+Knie des alten Herrn und bat mit wild stotternder Stimme, aus der dieser
+nur mit äußerster Anstrengung einen Sinn herausfinden mußte — ihn nicht
+unglücklich zu machen — Nichts so Schreckliches von ihm zu denken.
+
+»Ein aufrichtiges Geständniß, Loßenwerder,« entgegnete darauf Herr
+Dollinger, »ist das Einzige, was Deine Schuld jetzt noch in etwas
+erleichtern kann. Das Gericht wird einen unbewachten Augenblick, dem die
+Reue auf dem Fuße folgt, nicht so schwer strafen, wie den hartnäckigen
+Uebelthäter.
+
+»A — a — a — a — a — aber ich bi — bi — bin ni — ni — ni — nicht schu —
+schu — schu — schuldig,« — stotterte der Unglückliche — »ich we — we — we
+— we — weiß vo — vo — vo — von Ni — ni — ni — nichts — «
+
+»Du weißt von Nichts, Loßenwerder?« sagte Herr Dollinger leise mit dem
+Kopf schüttelnd — »und woher ist das Geld das man bei Dir gefunden, woher
+die Fünfundzwanzig Thaler-Note, die Du locker in der Tasche getragen, und
+die Dir der Polizeidiener gestern Abend noch herausgenommen hat?«
+
+»Ge — spa — pa — pa — pa — partes Geld — e — e — e — e — e — ehrlich ge —
+ge — gespartes G — g — g — geld!« stammelte der arme Teufel.
+
+Herr Henkel stand jetzt auf und ging langsam auf Herr Dollinger zu, dem er
+ein paar Worte in’s Ohr flüsterte und dann, während dieser leise und
+traurig mit dem Kopf nickte, das Zimmer verließ. Loßenwerder aber, der ihm
+ängstlich mit den Augen folgte und vielleicht in einer unbestimmten Ahnung
+fühlte daß man ihn fortführen — in ein Gefängniß bringen werde, ergriff
+wieder und jetzt aber wie in Todesangst des alten Mannes Hand, und bat ihn
+um Gottes — um seiner Seligkeit willen, soweit es ihm die, jetzt in der
+Aufregung nur noch mehr fehlende Sprache immer gestattete, daß er ihm nur
+das nicht anthun — daß er ihn in kein Gefängniß möge führen lassen. Herr
+Dollinger erklärte aber natürlich darin Nichts thun zu können, denn wenn
+er Nichts gestehen wolle oder zu gestehen habe, so müsse allerdings das
+Gericht, bei so stark vorliegendem Verdacht, die Untersuchung aufnehmen,
+wonach sich bald seine Schuld oder Unschuld herausstellen würde.
+
+»Hab’ ich aber einmal erst auf solchen Verdacht gesessen,« stotterte der
+Unglückliche, »so bin ich gebrandmarkt mein Lebelang« —
+
+Herr Dollinger zuckte die Achseln, und die Thür öffnete sich in diesem
+Augenblick, den einen Polizeidiener zeigend, der Loßenwerder leise auf die
+Achsel klopfte und freundlich sagte:
+
+»Wenn’s gefällig wäre.«
+
+Loßenwerder zuckte zusammen als ob er einen Schlag bekommen, und wandte
+sich noch einmal, wie Hülfe suchend, an Herrn Dollinger, aber ein Blick
+auf diesen überzeugte ihn, daß er schon nicht mehr helfen könne, wo das
+Gericht die Sache in die Hand genommen, und sein Gesicht in den Händen
+bergend, folgte er dem Gerichtsdiener fast willenlos hinaus.
+
+Gerade als er durch die Thür schritt begegnete ihm, noch auf der Schwelle,
+Frau Dollinger, und rasch bei Seite tretend, als ob sie selbst durch seine
+Berührung angesteckt zu werden fürchte, warf sie ihm einen zornigen,
+verächtlichen Blick zu und ging an ihm vorüber.
+
+Loßenwerder seufzte tief auf, sagte aber kein Wort, denn wie er den Kopf
+hob, sah er am andern Ende des Vorsaals Clara mit dem jungen Henkel in
+eifrigem Gespräch, und auch dort mußte er vorbei. Das war zu viel und wie
+unschlüssig blieb er stehn und sah sich um, als ob er einen Weg zur Flucht
+suche.
+
+»Na kommen Sie, Loßenwerder, machen Sie keine Dummheiten,« sagte aber, ihm
+ermunternd auf die Schulter klopfend, der Polizeidiener — »es ist Alles
+ein Uebergang, wie der Fuchs sagte, als sie ihm das Fell über die Ohren
+zogen.«
+
+Loßenwerder nahm sich zusammen und schritt festen Trittes an dem jungen
+Mädchen vorüber, das ihn mitleidig betrachtete.
+
+»Etwas über zweihundert Thaler hat man schon bei ihm gefunden,« flüsterte
+der junge Henkel ihr leise zu — »ich hoffe daß Vater Dollinger das andere
+auch noch wieder bekommen soll.«
+
+»Ach Loßenwerder, warum habt Ihr das gethan?« sagte Clara, leise und
+mitleidig den Gefangenen ansehend, als er an ihr vorüberging.
+
+»U — u — u — und Si — si — si — si — sie g — g — g — glau — ben d — d —
+das a — a — a — a — auch?« rief Loßenwerder und die großen hellen Thränen
+standen ihm dabei in den Augen, aber der Polizeidiener hatte sich schon
+länger mit ihm aufgehalten, als er meinte verantworten zu dürfen, nahm ihn
+leise an der Hand und führte ihn die Treppe hinunter. Loßenwerder folgte
+ihm wie in einem Traum.
+
+Das Polizeigebäude war nur höchstens fünfhundert Schritt von dort
+entfernt, und stand an der andern Seite einer kleinen steinernen Brücke
+die über den, mitten durch die Stadt und häufig überbrückten kleinen Fluß
+führte. Als sie hinunter auf die Straße kamen, ließ der Polizeidiener
+seinen Gefangenen los, kein Aufsehn zu erregen, und flüsterte ihm zu nur
+ruhig neben ihm hinzugehn. Loßenwerder verstand ihn wohl gar nicht, denn
+er sah verstört zu ihm auf, und dann um sich her, und fand die Augen der
+Vorübergehenden alle neugierig auf sich geheftet; sich aber doch, wenn
+auch nur dunkel, des Zwanges bewußt der auf ihm lag, nahm er sein
+Taschentuch heraus, trocknete sich die feuchte Stirn damit ab, und ging
+mit krampfhaft zusammenengebissenen Zähnen neben seinem Wächter her. So
+erreichten sie die Brücke, wo vier oder fünf Jungen standen, die neugierig
+die Ankommenden betrachteten; Loßenwerder’s Blick schweifte über sie hin,
+aber er sah sie nicht, bis er dicht bei ihnen war und einer derselben
+spottend rief:
+
+»Hoho, hoho — Stotterberg hat gestohlen, Stotterberg hat gestohlen!«
+
+Die Anderen stimmten lachend mit in den Ruf ein, und der Polizeidiener
+drehte sich ärgerlich und drohend gegen die Buben um, die scheu
+auseinander stoben; Loßenwerder aber fuhr sich mit beiden Händen
+krampfhaft gegen die Stirn — »hat gestohlen!« schrie er dabei, ohne zu
+stottern, mit gellendem wilden Schrei, und ehe sein Wächter es verhindern
+konnte, ja nur eine Ahnung davon hatte, warf er sich mit einem
+verzweifelten Sprung, über die niedere Ballustrade hin in den unten
+vorbeilaufenden Strom. Noch über dem Geländer erfaßte ihn der
+Polizeidiener an einem Rockzipfel, das Gewicht des niederfallenden Körpers
+war aber zu groß, als daß er es mit einer Hand hätte aufhalten können, ja
+er mußte sogar loslassen, nicht selber das Gleichgewicht zu verlieren, und
+der Unglückliche schlug gleich darauf auf das Wasser, unter dessen
+Oberfläche er im nächsten Augenblick verschwand.
+
+Der Fluß war indeß hier weder breit noch tief, und auf der ziemlich
+belebten Straße fanden sich gleich mehre Leute, die unterhalb der Brücke
+in’s Wasser sprangen, das ihnen etwa bis unter die Arme reichte, den
+niedertreibenden Körper aufzufangen. Sie hatten ihn auch bald erreicht und
+gefaßt, und von kräftigen Armen wurde derselbe an die Oberfläche gehoben
+und zum Ufer gezogen. Wenn ihm jedoch auch das Wasser selber noch nichts
+geschadet hatte, war der Unglückliche doch durch den Sturz, in dem er
+wahrscheinlich durch das Zurückhalten seines Rockes gegen einen der
+Brückenpfeiler geworfen worden, schwer am Kopf verletzt — die Wunde
+blutete stark, und die Männer trugen den Bewußtlosen zuerst auf die
+Polizei, und von dort, auf den Ausspruch eines rasch herbeigerufenen
+Arztes, in die Charité.
+
+
+
+
+
+ Capitel 5.
+
+
+ DIE AUSWANDERUNGS-AGENTUR.
+
+
+Am Marktplatz zu Heilingen, und an der Ecke eines kleinen, auf diesen
+auslaufenden Gäßchens, stand ein ziemlich großes, grün gemaltes und gewiß
+sehr altes Erkerhaus, dessen Giebel und Stützbalken geschnitzt, und mit
+wunderlichen Köpfen und Gesichtern verziert, und braun angestrichen waren,
+und sich so weit dabei nach vorn überneigten, daß es ordentlich aussah,
+als ob der ganze Bau mit dem spitzen, wettergrauen Dach nächstens einmal
+ohne weitere Meldung nach vorn über, und gerade mitten zwischen die Töpfer
+und Fleischer hineinspringen würde, die an Markttagen dort unten ihre
+Waare feil hielten.
+
+Nichtsdestoweniger wurde es noch immer, bis fast unter das Dach hinauf
+bewohnt, und der untere Theil desselben ganz besonders zu kleinen
+Waarenständen und Läden benutzt. Die Ecke desselben nun, hatte seit langen
+Jahren ein Kaufmann oder Krämer in Besitz, der sich zu seinen
+Materialwaaren, Kaffee, Zucker, Tabak, Lichten, Grütze &c. auch noch in
+der letzten Zeit die Agentur mehrer Bremer und Hamburger Schiffsmakler zu
+verschaffen gewußt, und damit bald in einer Zeit, wo die Auswanderungslust
+so überhand nahm, solch brillante Geschäfte machte, daß er die
+Materialwaarenhandlung seiner Frau, wie seinem ältesten Sohn übertrug, und
+für sich selber nur ein kleines Stübchen, ebenfalls nach dem Markt hinaus,
+behielt, über dessen Thüre ein riesiges, sehr buntgemaltes Schild jetzt
+prangte. Dies Schild verdient übrigens mit einigen Worten beschrieben zu
+werden, da die Heilinger in den ersten Tagen — als es eben erst
+aufgehangen worden — in wirklichen Schaaren davor stehen blieben und es
+anstaunten.
+
+Es war ein breites, länglich viereckiges Gemälde, ein großes, dreimastiges
+Schiff vorstellend, wie es sich unter vollen Segeln der fremden, ersehnten
+Küste näherte. Die See selber war hellgrün gemalt, mit einer Unmasse von
+sichtbar darin herumschwimmenden Fischen, die den Beschauer wirklich etwas
+besorgt um die Sicherheit des Fahrzeugs selber machen konnten. Dessen
+wackerer Kiel schäumte aber mitten hindurch, und der, dem Anschein nach
+vollkommen runde, nur nach hinten zu etwas länglich auslaufende Rumpf,
+preßte eine große grün und weiß gestreifte Welle vorne auf, die sich wie
+eine breite Falte quer vor seinen Bug legte. Die Segel standen dazu fast
+ein wenig zu sackartig, und nur an den vier Zipfeln festgehalten, stramm
+und steif von den Raaen ab, und die langen blutrothen Wimpel mit roth und
+weißer Bremer Flagge hinten an der Gaffel, strömten und flatterten lustig
+nach hinten aus, wahrscheinlich den raschen Durchgang des Schiffes durch
+das Wasser anzuzeigen, das derart, durch den Wind getrieben, selbst diesen
+überflügelte. Ueber Deck war aber auch die Mannschaft, und Kopf an Kopf
+eine volle Reihe bunter Passagiere sichtbar, mit sehr dicken rothen
+Gesichtern, die Gesundheit an Bord des Schiffes bestätigend, und mit sehr
+hellgelben und sehr breiträndigen, rothbebänderten Strohhüten auf, während
+hinten auf Deck der Capitain des Schiffes mit einem dreieckigen Hut, wie
+einem Fernglas in der einen und einem Dreizack in der andern Hand stand.
+Was der Maler mit dem Dreizack andeuten wollte weiß nur er und Gott; er
+müßte denn gemeint haben daß der Capitain, wie früher Neptun, das Meer
+beherrsche. Uebrigens war es auch möglich daß er fischen wolle, und sich
+mit dem Fernrohr nur eben den stärksten und fettesten der ihn reichlich
+umschwimmenden Fische ausgesucht habe.
+
+Den Hintergrund dieses prachtvollen Seestücks bildete ein schmaler
+Streifen mit einzelnen Palmen bedeckter Küste, an der eine Anzahl
+pechschwarzer, nackter Männer standen, die nur einen gelb und blauen
+Schurz um die Hüfte und einen grünen Busch in der Hand trugen. — Diese
+sahen übrigens gerade so aus, als ob sie die Ankunft des Schiffes schon
+sehnsüchtig und vielleicht sehr lange Zeit erhofft hätten, und nun die
+Zeit nicht erwarten könnten daß die Fremden an Land stiegen, damit sie
+geschwind für sie arbeiten, und ihnen den Boden urbar machen dürften.
+
+Neben dem Bild, und zu beiden Seiten der Thür, wie sogar noch an dem
+innern Theile des Fensterschalters, hingen lange Listen der verschiedenen
+anzupreisenden Plätze für Auswanderung. Obenan New-York, Philadelphia und
+Boston, dann Quebeck und New-Orleans, Galveston; in Brasilien, Rio de
+Janeiro und Rio Grande; in Australien Adelaide, dann Chile, Valdivia und
+Valparaiso, und Buenos Ayres mit einer Menge neu entdeckter verschiedener
+Kolonien und Ansiedlungen, wohin überall die besten kupferfesten Schiffe
+A¹, in unglaublich kurzer Zeit und mit Allem versehen ausliefen, was dem
+glücklichen Passagier das Leben an Bord eines solchen Schiffes nur in der
+That zu einer Vergnügungsfahrt machen müsse und würde.
+
+Weigel, wie der Eigentümer dieser »ausländischen Versorgungsanstalt« (ein
+Spottname den die Heilinger der Weigelschen Agentur gaben) hieß, war ein
+dicker, vollgenährt und blühend aussehender Mann, ungefähr sechs bis
+achtunddreißig Jahr alt, mit ein wenig fest umgeschnürter Cravatte, was
+seinen Augen etwas Stieres gab, und sonst einem leisen Anflug von Grau in
+den sonst braunen, widerspenstigen Haaren. Die Augen waren groß, blau und
+ziemlich ausdruckslos; ein fast mitleidiges Lächeln aber, das oft, und
+besonders dann wenn er irgend Jemandes Meinung bestritt, um seine
+Mundwinkel spielte, gab dem Ausdruck seiner Züge jene scheinbare
+Ueberlegenheit, die sich zuversichtliche Menschen oft über Andere, wenn
+mann es ihnen gestattet, anzumaßen wissen. Ganz vorzüglich wußte er diese
+Miene anzunehmen, wenn er über Amerika, oder irgend einen überseeischen
+Fleck Landes sprach, über dem für ihn ein gewisser heiliger und
+unantastbarer Zauber schwamm, und Jemand dann irgend einen Zweifel gegen
+das Gesagte zu hegen wagte. Er schwärmte besonders für Amerika, und es gab
+deshalb auch, seiner Aussage nach, keinen größeren Lügner in der Stadt,
+als den Redacteur des Tageblatts, den Advokaten und Doctor Hayde in
+Heilingen. Dieser und er waren denn auch, wie das sich leicht denken läßt,
+grimme und erbitterte Feinde und Gegner, woselbst sich nur irgend eine
+Gelegenheit dazu fand.
+
+Weigel bekam, wie das gewöhnlich bei den Agenturen der Schiffsbeförderung
+üblich und der Fall ist, für jede Person die er einem Bremer oder
+Hamburger Rheder sicher an Bord lieferte, einen Thaler, kurzweg genannt
+»für den Kopf« und er theilte deshalb die Leute — seine Mitbürger sowohl
+wie sämmtliche übrige Bewohner Deutschland’s, in solche ein »die Energie
+hatten,« d. h. zu ihm kamen und sich bei ihm einen »Platz nach Amerika«
+besorgen ließen, wo sie nachher drüben selber sehn konnten wie sie fertig
+wurden, und in solche, die »im alten Schlendrian hinkrochen, und hier
+lieber verfaulten, ehe sie einen männlichen entscheidenden Schritt thaten,
+ihrer Existenz auf die Beine zu helfen.« Jeder der hier blieb betrog ihn
+aber wissentlich und mit kaltem Blut um seinen, ihm in ehrlichem Verdienst
+zustehenden Thaler, und es verstand sich von selbst, daß er vor einem
+solchen Menschen keine Achtung haben konnte.
+
+Er selber kannte die Verhältnisse Amerika’s nur aus Büchern die das Land
+lobten, denn andere las er gar nicht, und bekam er sie einmal zufällig in
+die Hand, so warf er sie auch gewiß mit einem Kernfluch über den
+»nichtswürdigen Literaten, der wieder einmal einen ganzen Band voll Lügen
+zusammengeschmiert« in die Ecke. Sein größter Aerger war aber jedenfalls —
+und so regelmäßig wie die Uhr Morgens acht schlug — das Tageblatt, das er
+der häufigen Annoncen wegen halten _mußte_, und das ebenso regelmäßig
+kleine gehässige und schmutzige Artikel gegen Amerika wie überhaupt gegen
+Alles brachte, was sich frei und selbstständig bewegte.
+
+Zehnmal hatte er sich schon vorgenommen den »kleinen erbärmlichen Doctor«
+zu prügeln, und sehr vielen Leuten würde er dadurch ein großes Vergnügen
+bereitet haben; aber er unterließ es doch jedesmal auch wieder, wenn sich
+ihm gleich oft genug die Gelegenheit dazu bot; Beide mußten jedenfalls
+schon einmal früher etwas mit einander gehabt haben, vielleicht mehr von
+einander wissen als Beiden zuträglich war, und ein solcher Bruch wäre da
+nicht räthlich gewesen.
+
+Sonst lebte Weigel still, und anscheinend als ein vollkommen guter und
+achtbarer Bürger, vor sich hin, aber im Stillen wirkte und wühlte er
+seinem Ziel entgegen, und richtete in der That viel Unheil an. Seine
+Beschreibungen Amerika’s, die er sich selber in kleinen Brochüren aus
+anderen Büchern zusammentrug, und um ein Billiges verkaufte, waren ein
+langsames Gift, das er in manche friedliche und glückliche Familie warf,
+ein Saatkorn das dort wucherte und Wurzel schlug, und während es die Leser
+anreizte nur gleich ohne weiteres ihr Bündel zu schnüren und jenen
+herrlichen Länderstrichen zuzueilen, wo von da an ihr Leben nur einem
+murmelnden Bache gleichen würde, der zwischen Blumen dahin fließt, füllte
+er ihre Köpfe mit falschen Ideen und Begriffen von dem Land, das ihre neue
+Heimath werden sollte, und machte viele, viele Menschen unglücklich. In
+der neuen Heimath dann angekommen, die ihnen, mit mäßigen Ansprüchen,
+wirklich Manches geboten haben würde was ihre Lage, im Vergleich mit dem
+alten Vaterland gebessert haben könnte, fanden sie sich jetzt plötzlich in
+all den wilden extravaganten Ideen, die sie durch solche Lectüre
+eingesogen, enttäuscht, fanden die Hoffnungen nicht realisirt, die man
+ihnen gemacht, hielten sich für schlecht behandelt und unglücklich, und
+verfielen nun oft in das Extrem trostloser und eben so unbegründeter
+Verzweiflung, wobei sie den Mann verwünschten, der sie hierverlockt, und
+sie verleitet hatte, Heimath und eigenen Heerd zu verlassen, einem Phantom
+zu folgen. Weigel aber hatte seinen Thaler für den richtig abgelieferten
+»Kopf« bekommen, und dachte schon gar nicht mehr an die früher
+Beförderten, die seiner Meinung nach jetzt in einem Meer von Behagen
+schwammen und »unter Palmen wandelten.«
+
+Herr Weigel war allein in seinem kleinen Bureau, einem niederen, etwas
+dumpfen und nicht überhellen Stübchen, dessen eines breites Fenster mit
+durch Zeit und Rauch arg mitgenommenen Gardinen verziert war, während die
+Wände durch Karten und statistische Tabellen-Anzeigen von Schiffen und
+Gasthäusern, Plänen von neuangelegten Städten oder zu verkaufenden Farmen
+fast völlig bedeckt hingen. Er saß an einem hohen, ziemlich breiten Pult,
+das einen mächtigen Kamm von Gefachen und Schiebladen trug und las, mit
+einer Tasse Kaffee neben sich, eben seinen täglichen Aerger, das
+Tageblatt, als es an die Thür klopfte, und auf sein lautes »Herein« ein
+junger, sehr anständig, aber trotzdem etwas ärmlich gekleideter Mann das
+Zimmer betrat.
+
+»Herr Weigel?« sagte der Fremde mit einer leichten Verbeugung.
+
+»Bitte — ja wohl,« sagte Herr Weigel, seine Brille rasch in die Höhe
+schiebend und auf seinem Drehstuhl herumfahrend, seinen Besuch besser in’s
+Auge zu fassen — »womit kann ich Ihnen dienen?«
+
+»Sie befördern Passagiere nach Amerika?«
+
+»Nach Amerika? — denke so, hehehe,« lachte Herr Weigel, sich vergnügt die
+Händ reibend, »habe schon ganze Colonien hinüber geschafft, Männer und
+Frauen, Weiber und Kinder; sitzen jetzt drüben in der Wolle und schreiben
+einen Brief über den andern an mich, wie gut es ihnen geht — da nur den
+einen hier, den ich vor ein paar Tagen bekommen habe — der Mann ist blos
+mit zwei tausend Dollarn hinübergegangen und hat schon eine eigene Farm,
+achtzig Acker Land, vierundzwanzig Stück Rindvieh, einige sechzig
+Schweine, fünf Pferde und will jetzt eine Schäferei anlegen — schreibt an
+mich ich soll ihm einen Schäfer hinüber schicken, aber einen der die Sache
+aus dem Grund versteht, kommt ihm auf ein paar Dollar Lohn nicht dabei an
+— bitte lesen Sie einmal den Brief.«
+
+»Sie sind sehr freundlich Herr Weigel,« sagte der junge Fremde mit einem
+verlegenen wie schmerzhaften Zug um den Mund — »aber der Brief würde
+gerade nicht maßgebend für mich sein, da ich mich gegenwärtig nicht in den
+Verhältnissen befinde, gleich einen Platz zu _kaufen_. Sind die
+Passagierpreise jetzt theuer?«
+
+»Theuer? spottbillig,« lachte Herr Weigel, den Brief offen wieder zurück
+auf sein Pult, und seine Brille darauf legend, ihn zu weiterem Gebrauch
+bereit zu haben; »spottbillig sag’ ich Ihnen, man könnte wahrhaftig auf
+dem festen Land nicht einmal dafür leben — _so_ nicht; und unter uns — ich
+weiß wahrhaftig nicht wie die Leute dabei auskommen, aber es muß eben die
+rasende _Menge_ von Passagieren machen, die sie jetzt wöchentlich, ja fast
+täglich hinüber spediren. Es ist fabelhaft was jetzt für Menschen
+auswandern; auf einmal werden sie Alle gescheidt, und merken endlich was
+sie hier haben, und was sie dort erwartet — ist doch ein famoses Land, das
+Amerika.«
+
+Und wie viel beträgt die Passage nach dem _nächsten_ Hafen der Vereinigten
+Staaten, wenn ich fragen darf, für — für eine erwachsene Person und ein
+Kind?«
+
+»_Nächsten_ Hafen? — hehehe, fürchten sich wohl vor der Seekrankheit?
+lieber Gott, daran gewöhnt man sich bald; ist auch gar nicht so arg wie’s
+eigentlich gemacht wird. Der Mensch, der Doctor Hayde hier im Tageblatt,
+hat neulich einen Artikel über die Seekrankheit gebracht den er
+wahrscheinlich auch selber geschrieben, und wonach Einem gleich ach und
+weh zu Muthe werden müßte; der ist aber nur dazu bezweckt den Leuten das
+Auswandern zu verleiden. Sie möchten sie gern hier behalten, damit sie sie
+nur recht ordentlich plagen und schinden können, weiter Nichts; davor
+braucht sich kein Mensch zu fürchten.«
+
+»Sie wollten mir aber den _Preis_ der Passage nennen.«
+
+»Den Preis? — ja so — warten Sie einmal« — sein Blick fiel auf die
+Glacéhandschuhe und die schneeweiße Wäsche des Fremden, dessen etwas
+abgetragene Kleider er in dem halbdunklen Raum nicht so leicht erkennen
+konnte, oder auch übersah — »der Preis — Dampfschiff oder Segelschiff?«
+
+»Segelschiff.«
+
+»Segelschiff — wird — sein — Preis in erster Cajüte vier und achtzig
+Thaler Gold.«
+
+»Und die — die billigeren Plätze?«
+
+»Billigeren Plätze — zweite Cajüte oder Steerage fünfundsechzig Thaler
+Gold — «
+
+»Und Zwischendeck?« sagte der Fremde leise und verlegen.
+
+»Zwischendeck würde ich Ihnen nicht rathen,« meinte Herr Weigel, seine
+Brille jetzt abwischend und wieder aufsetzend; »besonders wenn man eine
+Frau und ein Kind bei sich hat und es nur irgend ermachen kann, sollte man
+nie Zwischendeck gehn, man ruinirt sich’s und den Seinigen an der
+Gesundheit herunter, was die paar Thaler mehr kosten.«
+
+»Aber Sie können mir wohl den Preis des Zwischendecks sagen?«
+
+»Ja wohl, mit dem größten Vergnügen — Zwischendeck nach New-York kostet —
+warten Sie einmal, ich habe ja hier die letzten Briefe von meinen Häusern.
+Zwischendeck nach New-York kostet vierundvierzig Thaler Gold.«
+
+»Vierundvierzig Thaler?«
+
+»Ja es ist seit ein paar Tagen erst wieder um vier Thaler aufgeschlagen,
+weil die Leute eben nicht Schiffe genug anschaffen können für die
+Auswanderer. Ist fabelhaft was besonders dieses Jahr für Leute
+übersiedeln. Soll ich Sie vielleicht einschreiben? es trifft sich jetzt
+gerade glücklich, denn am 15ten geht ein ganz vortreffliches Schiff ab,
+die _Diana_, Dreimaster, gut gekupfert, mit allen nur möglichen
+Bequemlichkeiten versehn und einem Capitain, ich sage Ihnen ein wahrer
+Schentelmann, wie er sich gerade nicht immer auf den Schiffen findet.«
+
+»Ich danke Ihnen für jetzt noch bestens, lieber Herr Weigel,« sagte der
+junge Mann — »ich muß doch nun erst mit meiner Frau Rücksprache über dieß
+nehmen, denn erst seit gestern ist mir die Idee überhaupt gekommen
+auszuwandern; aber — noch eine Bitte hätte ich an Sie,« und er drehte
+dabei den Hut den er in der Hand hielt, fast wie verlegen zwischen den
+Fingern — «
+
+»Ja? womit könnte ich Ihnen dienen?« frug Herr Weigel.
+
+»Könnten Sie mir wohl sagen, ob die Capitaine der Segelschiffe — ich habe
+einmal irgendwo gelesen daß das manchmal geschähe — auch Leute —
+Passagiere mitnähmen, die unterwegs ihre Passage — abarbeiten dürften und
+also — auch keine Ueberfahrt zu bezahlen brauchten?«
+
+»Keine Passage zahlen?« sagte Herr Weigel, die Lippen vordrückend und die
+Augenbrauen in die Höhe ziehend, während er langsam und halb lächelnd mit
+dem Kopfe schüttelte — »keine Passage bezahlen? — ne lieber Herr — ja so
+wie heißen Sie denn gleich — «
+
+»Eltrich,« sagte der junge Mann etwas zögernd —
+
+»So? — ne mein lieber Herr Eltrich, davon steht Nichts in unseren
+Verzeichnissen und Contracten; im Gegentheil, _da_ kommen wir zusammen;
+das ist der Hauptpunkt, der Nervum Rehrum, der die ganze Geschichte
+eigentlich zusammenhält, Amerika und Europa und die umliegenden
+Dorfschaften, heh, heh, heh.«
+
+»Aber wenn nun irgend ein armer Teufel,« fuhr der Fremde etwas lauter,
+fast wie ängstlich fort — »irgend ein armer Teufel sein ganzes Hoffen eben
+auf eine Reise nach Amerika gesetzt hätte, und bestimmt wüßte daß er dort,
+wenn auch nicht gerade sein Glück machen, doch sein Auskommen finden
+würde? — «
+
+»Nun dann soll er gehn — um Gottes Willen gehn, und am 15ten dieses wird
+wieder das neue, kupferfeste — ja so, aber er muß bezahlen,« unterbrach er
+sich rasch als ihm einfiel von was sie vor erst wenigen Secunden
+gesprochen, »er muß bezahlen, sonst nimmt ihn kein Capitain der Welt mit
+über See.«
+
+»Und Sie glauben nicht daß da jemals eine Ausnahme stattfinden dürfte?«
+sagte Herr Eltrich — »es werden doch Leute auf See gebraucht zu den
+nothwendigsten sowohl, wie den geringeren Arbeiten, und die Capitaine
+müssen gewiß dafür _bezahlen_. Wenn sich also nun Jemand erböte alle diese
+Verrichtungen ganz _umsonst_, nur um Passage und die einfachste
+Matrosenkost zu machen, sollte das nicht möglich sein zu erlangen?«
+
+»Lieber Herr,« sagte der Herr Weigel, dem es jetzt so vorkommen mochte als
+ob er mit dem Fremden da kein besonders großes Geschäft machen würde, und
+der anfing ungeduldig zu werden, »zu den Arbeiten an Bord eines Schiffes
+werden _Matrosen_ gebraucht, und wer kein Matrose ist, kann die auch nicht
+verrichten. Das ist keine kleine Kunst, lieber Herr Schelbig, in den Tauen
+den ganzen Tag herumzuklettern und zwischen den Segeln, wenn das Schiff
+bald so herüberschlenkert und bald so« — und er begleitete dabei seine
+Erklärung mit einer entsprechenden Bewegung der vor sich gerade
+aufgehaltenen Hand — »da müssen die Leute fest stehen können wie die
+Mauern, sonst kann man sie nicht gebrauchen.«
+
+»Aber glauben Sie nicht, wenn man einmal an einen Capitain schriebe, ob er
+sich doch nicht am Ende bewegen ließ; oder« — setzte er rasch hinzu, wie
+von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, »wenn man sich nun verbindlich
+machte die Passage nach einer bestimmten Zeit in Amerika nachzuzahlen —
+sie dort abzuverdienen?«
+
+»Ja da könnte Jeder kommen,« sagte Herr Weigel kopfschüttelnd, »wenn die
+Leute erst einmal drüben sind, thun sie was sie wollen. Das ist ein freies
+Land da drüben, Herr Wellrich, und da könnte man nachher jedem Einzelnen
+nachlaufen, und sehen daß man sein Geld wieder kriegte. Ne, damit ist’s
+faul, und ich nun einmal vor allen Dingen, möchte mich nicht auf solch
+eine Quängelei einlassen; daran hat man keine Freude, und das ist auch
+kein rundes Geschäft.«
+
+»Es ist nur ein armer Verwandter, der sich auf solche Weise gern
+forthelfen würde,« sagte Herr Eltrich erröthend — »er ist sehr fleißig und
+würde arbeiten wie ein Sclave, die Zeit über.«
+
+»Ja das glaub’ ich,« meinte Herr Weigel gleichgültig — »versprechen thun
+die Art Herren gewöhnlich Alles was man von ihnen haben will.«
+
+»Könnten Sie mir denn vielleicht die Adresse irgend eines Schiffes oder
+Rheders geben, der bald ein Schiff hinüberschickt,« sagte der junge
+Fremde, sich schon wieder zum Gehen rüstend — »wenn ich vielleicht selber
+einmal dorthin schriebe, um Sie nicht weiter mit der Sache zu belästigen.«
+
+»Ja, schreiben können Sie,« sagte Herr Weigel, »hehehe; aber Sie werden
+keine Antwort bekommen; darauf können Sie sich verlassen. Die Leute da
+haben mehr zu thun, als sich eines Passagiers wegen, für den sie noch
+umsonst die Kost hergeben müßten, in eine Correspondenz einzulassen; kann
+ich ihnen auch gar nicht so sehr verdenken.«
+
+»Und die Adresse?«
+
+»Die Adresse? — da, hier liegt die neueste Auswanderer-Zeitung; wenn Sie
+wollen, können Sie sich da ein oder zwei Adressen herausschreiben. Da
+hinten, auf der letzten Seite stehen sie.«
+
+Herr Weigel sah nach der Uhr, drehte sich wieder auf seinem Drehstuhl, der
+beim Aufschrauben etwas quietschte, herum, schob das Tageblatt zur Seite
+und rückte sich einen Bogen Papier zurecht, als ob er irgend einen
+nothwendigen Brief zu schreiben hätte.
+
+Wieder klopfte es da an die Thür, und dießmal, ohne ein ermunterndes
+»Herein« zu erwarten, öffnete sie sich, und drei Bauern, denen die großen
+silbernen Knöpfe auf Weste und Rock und das feine Tuch der letzteren, die
+jedoch ganz nach ihrem alten bäurischen Schnitt gemacht waren, etwas
+ungemein solides gaben, traten, die Hüte erst unter der Thür und schon im
+Zimmer abziehend, herein, und grüßten die beiden Leute die sie hier
+beisammen fanden, mit einem herzlichen »Guten Morgen miteinander.«
+
+Das waren die Leute die Herr Weigel gern kommen sah, die wußten weßhalb
+sie die eine Hand immer in der Tasche trugen, denn sie hatten dort etwas
+zu verlieren, und waren nicht selten dabei die Vorboten eines größern
+Trupps, oft einer ganzen »Schiffsladung voll« die aus ein und derselben
+Gegend auswandern wollte, und ein paar der Angesehensten indeß
+vorausgeschickt hatte, Platz für sie zu bestellen. Wie der Blitz war er
+denn auch von seinem Stuhle herunter, schüttelte ihnen nacheinander die
+Hand, und frug sie wie es ihnen ginge und was sie hier zu ihm geführt.
+
+»Seid Ihr der Mensch der die Leute nach Amerika schickt?« sagte da der
+Eine von ihnen, eine breitkräftige, sonngebräunte Gestalt mit vollkommen
+lichtblonden Haaren und Augenbrauen, aber dabei gutmüthigen vollen und
+frischen Zügen, dem das Ganze übrigens etwas fremd und unheimlich
+vorkommen mochte, denn er warf den Blick während er sprach wie scheu von
+einer der Schiffszeichnungen zur anderen, und schien sich ordentlich dazu
+zwingen zu müssen das zu sagen, was er eben hier zu sagen hatte.
+
+»Nun nach Amerika _schicken_ thu’ ich sie gerade nicht,« lächelte Herr
+Weigel, die Anderen dabei ansehend, und etwas verlegen über die vielleicht
+ein wenig plumpe Anrede.
+
+»Nicht?« sagte der Bauer rasch und erstaunt — »aber hier hängen doch all
+die vielen Schiffe.«
+
+»Nun ja, ich besorge den Leuten Schiffsgelegenheit die hinüber _wollen_,«
+sagte Herr Weigel, jetzt geradezu herauslachend, weil er glaubte daß sich
+der Mann mit ihm einen Scherz gemacht, auf den er natürlich einzugehen
+wünschte.«
+
+»Ja aber wir _wollen_ eigentlich noch nicht hinüber,« sagte der zweite von
+den Bauern, seinen Hut auf seinen langen Stock stellend, und sich dabei
+verlegen hinter den Ohren kratzend — »wir wollten uns nur erst einmal hier
+erkundigen ob denn das auch wirklich da drüben so ist, wie es jetzt immer
+in den Auswanderungszeitungen steht, und ob man blos hinüberzugehn und
+zuzulangen braucht, wenn man eine gut eingerichtete Farm mit ein paar
+hundert Morgen Land haben will.«
+
+»Ja wenn man Geld hat,« lachte Herr Weigel.
+
+»I nu — Geld hätten wir,« sagte der Bauer, und sah seine Nachbarn an.
+
+»Ich bin Ihnen sehr dankbar,« unterbrach den Sprecher hier der junge Mann,
+der indessen die Zeitung nachgesehn, und sich Einzelnes daraus notirt
+hatte. »Bitte,« sagte Herr Weigel, und nahm ihm das Blatt, ohne sich
+weiter um ihn zu bekümmern, aus der Hand, und wandte sich wieder zu den
+Bauern, als der junge Fremde sich mit einem artigen:
+
+»Guten Morgen meine Herren« empfahl.
+
+»Adje Herr — Herr Schnellig,« rief der Agent ziemlich laut hinter ihm her,
+ohne sich weiter nach ihm umzudrehen, während die Bauern freundlich den
+Gruß in ihrer Art erwiederten.
+
+»Wer war der junge Herr?« frug der erste Sprecher aber, als er die Thür
+rasch hinter sich in’s Schloß gedrückt.
+
+»Ach, ein armer Teufel, der gern mit umsonst nach Amerika hinüber möchte,«
+sagte Herr Weigel — »er thut zwar als wär’ es nur für einen armen
+Verwandten, aber, hehehe, derlei Ausreden kennen wir schon — kommen alle
+Wochen vor.«
+
+»Umsonst mit nach Amerika?« sagte der erste Sprecher verwundert, »_der_
+sieht doch nicht aus als ob er etwas umsonst haben wollte, der ging ja
+_so_ fein gekleidet; Donnerwetter — mit Handschuhen und allem — «
+
+»Ja auswendig sind die Leute in der Stadt meist alle schwarz und sauber
+angestrichen,« lachte Herr Weigel, »aber inwendig, in den Taschen, da
+hapert’s nachher. Wer aber ein Bischen Uebung darin hat, kann auch schon
+oben auf erkennen, ob der Lack ächt, oder blos nachgemacht ist, hehehe.«
+
+»Bei dem war er wohl nachgemacht?« sagte der zweite Bauer, dem Anschein
+nach gerade nicht unzufrieden damit, daß der »glatte Stadtmensch« nicht so
+viel galt wie sie, und daß der Auswanderungsmann das sogleich durchschaut
+hatte. Herr Weigel nickte, seine Zeit war ihm aber kostbarer, als sie noch
+länger an Jemanden zu verschwenden, bei dem er doch voraussah, daß er von
+ihm keinen Nutzen haben würde, und er suchte das Gespräch wieder dem mehr
+praktischen Anliegen der drei Bauern zuzulenken.
+
+»Also Sie wollten mitsammen nach Amerika gehn und sich eine ordentliche
+Farm, gleich mit Land, Vieh, Häusern und was dazu gehört, ankaufen heh? —
+’wär keine so schlechte Idee.«
+
+»Ja erst möchten wir aber einmal wissen wie die Sache steht;« sagte der
+Erste wieder, der Menzel hieß, »wenn man über einen Zaun springen will,
+ist es viel vernünftiger daß man erst einmal hinüber guckt was drüben ist,
+und wenn man das nicht kann, daß man Jemanden fragt der es genau weiß.
+Sind denn die Farmen da drüben wirklich so billig? — ist das wahr, daß man
+dort noch gutes frisches Land für ein und einen Viertel Thaler kaufen
+kann?«
+
+»Thaler? — nein,« sagte Herr Weigel, »_Dollar_.« »Ja nun, das ist aber
+auch nicht viel mehr,« meinte der Zweite, Müller.
+
+»Nun ein Dollar ist ungefähr ein Speciesthaler,« sagte Herr Weigel —
+»lassen Sie mich einmal sehn — die stehn jetzt — stehn jetzt 1 Thlr. 12½
+Silber- oder Neugroschen.«
+
+»Nu ja,« sagte Menzel wieder, »das ist aber immer kein Geld — und für
+tausend Dollar kauft man da eine fix und fertig eingerichtete Farm, wie
+sie’s glaub’ ich nennen? mit Allem was dazu gehört?«
+
+»Ich habe hier gerade,« sagte Herr Weigel in seinen Papieren suchend, »ein
+paar Anerbietungen von höchst achtbaren Leuten — wirklichen Amerikanern —
+die mir Farmen zu höchst mäßigen Bedingungen offeriren. — Die Leute wissen
+da drüben daß hier Viele zu mir kommen und sich nach solchen Plätzen
+erkundigen, und wenn sie dann ’was Gutes haben, schicken sie’s mir. — Wo
+hab’ ich denn die verwünschten Pläne jetzt hingelegt — ah, hier ist der
+eine — sehn Sie, Gebäude und Alles sind darauf angegeben — und der andere
+kann nun auch nicht weit sein; ich habe sie erst vorgestern meinem Bruder
+gezeigt, der gar nicht übel Lust hatte eine davon für sich zu kaufen — da
+ist er.«
+
+Die drei Bauern drängten sich um den kleinen Tisch herum auf dem Herr
+Weigel die Pläne jetzt ausbreitete, und suchten sich in den kreuz und quer
+laufenden Strichen zu orientiren, wie der Platz eigentlich liege, und was
+darauf stände.
+
+»Ja aber wo ist denn das nun eigentlich, und wie sieht’s dort aus?« sagte
+Menzel endlich, nach einigen vergeblichen Versuchen deshalb — »aus der
+Geschichte hier wird man nicht klug.«
+
+»Ja sehn Sie,« sagte Weigel, mit seinem Finger den Plan erklärend, und den
+angegebenen Zahlen folgend, »das hier, Nr. 1 ist das Wohnhaus, ein
+Doppelgebäude, der Zeichnung nach mit einer offenen Veranda dazwischen,
+des warmen Klima’s wegen, denn drum herum stehen »Baumwollenbäume«
+angegeben; Nr. 2 da ist ein anderes Gebäude, bis jetzt zu Negerwohnungen
+benutzt, denn der bisherige Besitzer scheint Sclaven gehalten zu haben;
+Nr. 3 ist eine Scheune; Nr. 4 ist ein Rauchhaus, die Leute verschicken von
+dort aus viel getrocknetes Fleisch; Nr. 5 ist, wie es scheint, ein
+Waschhaus, und Nr. 6 ein anderes Wohnhaus, was dem ersten gegenübersteht,
+und wahrscheinlich den ganzen Hofraum, da die Front nach dem Flusse zu
+liegt, abschließt.
+
+»Und welcher Fluß ist das?«
+
+»Der Missouri, einer der größten Ströme Amerika’s, über eine englische
+Meile breit, und viel hundert Meilen hinauf schiffbar; alle Wetter meine
+Herren, von den dortigen Strömen können wir uns hier gar keinen Begriff
+machen.«
+
+»Hm — und wieviel Land gehört dazu?«
+
+»Dazu gehört ein »Died« von 40 Acker, was früher als Congreßland gekauft
+und schon bezahlt ist, und natürlich mit übernommen wird, und um den Platz
+herum kann noch so viel Congreßland dazu genommen werden, wie man haben
+will — nur die vierzig Acker, von denen aber ein Theil schon urbar gemacht
+ist, müssen natürlich höher bezahlt werden.«
+
+»Und was soll die ganze Geschichte kosten?« frug Müller. — Der dritte,
+dessen Name Brauhede war, hatte noch kein einziges Wort zu der ganzen
+Verhandlung gesagt.
+
+»Die ganze Geschichte,« erwiederte Weigel, sich das Kinn streichend, »wie
+ich sie Ihnen hier gleich an Ort und Stelle überlassen kann, mit Häusern
+und Grundstück und dazu noch einem kleinen Viehstand von vielleicht
+einigen achtzig Stück Rindvieh, und fünfundfunfzig oder sechzig Schweinen,
+würde — etwa — ein tausend und einige sechzig spanische Dollar betragen —
+
+»Und das wäre nach unserem Geld?« sagte Menzel, Müller dabei heimlich
+unter dem Tisch anstoßend — «
+
+»Nach unserem Geld?« wiederholte Herr Weigel, mit einem Stück dort
+liegender Kreide die Summen rasch auf dem Tisch selber aufaddirend —
+»würde es in einer runden Zahl etwa 1000 — 400 — eine Kleinigkeit über
+1400 Thlr. Preuß. Courant betragen.«
+
+»Wieviel Stück Rindvieh?« sagte Müller.
+
+»Einige achtzig Stück sind angegeben,« sagte Weigel, »und müssen auch
+überliefert werden; aber gewöhnlich sind es noch mehr, denn das Vieh läuft
+draußen im Freien herum und bekommt Kälber und man weiß es oft nicht
+einmal — die Kälber werden überhaupt nie mitgezählt.«
+
+»Und die Passage hinüber kostet?« frug Menzel —
+
+»Zwischendeck oder Cajüte?«
+
+»Zwischendeck — immer wo’s am Billigten ist,« lachte Menzel, und strich
+sich wohlgefällig über die silbernen Knöpfe.
+
+»Ja, kann mir’s denken,« rief Herr Weigel, auf den Scherz eingehend, und
+ihn leise gegen den Arm von sich stoßend — »Sie sehn mir auch gerade aus,
+als ob’s Ihnen auf ein paar Thaler ankäme.«
+
+»Ja, wo man’s kann muß man’s zusammennehmen,« betheuerte aber auch Müller
+— »also wieviel kostet’s im Zwischendeck à Person?«
+
+»Vierundvierzig Thaler für die Person — Kinder zahlen die Hälfte.«
+
+»Aber ganz kleine Kinder?« sagte Müller.
+
+»Nun Säuglinge gehen ein,« lachte Herr Weigel, »das ist die Beilage, die
+doch auch nur vom Schiff aus indirecte Nahrung bekommen.«
+
+»Leichten Zwieback?« frug Menzel.
+
+»Ja wohl,« sagte Herr Weigel, etwas verlegen lächelnd, da er nicht wußte
+ob der Bauer das im Spaß oder Ernst gemeint — »wie viel Personen sind Sie
+denn aber wohl etwa?«
+
+»Nu, so eine sechzig möchten wir immer zusammen herausbekommen,« meinte
+Müller —
+
+»Aber Alle auf ein Schiff müßtet Ihr uns bringen,« sagte Menzel.
+
+»Nun das versteht sich von selbst,« rief Herr Weigel, und ein famoses
+Schiff geht gerade den funfzehnten ab — ich glaube das beste, das von
+Bremen und Hamburg überhaupt läuft — die Diana.«
+
+»Ne das wär’ uns noch zu früh — «
+
+»Am ersten nächsten Monats geht ein noch besseres,« sagte Herr Weigel —
+»wenigstens geräumiger und ein besserer Segler.«
+
+»Ne das wär’ uns auch noch zu früh,« sagte Menzel.
+
+»Gut, dann träfen Sie es gerade ausgezeichnet mit dem Meteor,« versicherte
+Herr Weigel, keineswegs außer Fassung gebracht; »ich wollte Ihnen den im
+Anfang nicht anbieten, weil ich fürchtete daß Sie früher zu reisen
+wünschten, wenn Sie aber _so_ lange Zeit haben, dann kann ich Ihnen
+allerdings die vorzüglichste Reisegelegenheit bieten, die sich nur
+überhaupt denken läßt.«
+
+»So — na das paßte schon besser — « sagte Müller — »wie hieß das Schiff
+gleich?«
+
+»Meteor.«
+
+»Hm — werd’ es mir merken — aber nicht wahr, beim _Dutzend_ kriegen wir
+die Passage doch auch was billiger.«
+
+»Ne, das geht nicht,« lachte aber Herr Weigel da gerade heraus; »es ist ja
+nicht so, daß ein Schiff nur eben so viel Menschen an Bord nehmen kann wie
+darauf Platz haben, sondern es muß auch genug Raum, und über und über
+genug Essen und Trinken für sie dabei sein, wenn einmal die Reise, in
+einem unglücklichen Fall länger dauerte als gewöhnlich. So ein Schiff hat
+deshalb auch nur eine bestimmte Zahl von Auswanderern, die es an Bord
+nehmen kann, und nach Amerikanischen Gesetzen nehmen _darf_, und auf die
+ist Alles mit Kosten und Preis ausgerechnet, auf’s tz. Die kleinen Kinder
+werden eingegeben, aber die großen müßen bezahlen. Und wie war’s mit der
+Farm?«
+
+»Wo ist denn der andere Platz — zu dem da der lange Zettel gehört?« sagte
+Menzel, der sich diesen indessen genau betrachtet, und nach allen Ecken
+herum und herumgedreht hatte, ohne, wie er meinte, einen Handgriff dran
+bekommen zu können.
+
+»Der hier? der ist in Wisconsin; auch ein guter Platz, aber kein so großer
+Strom dabei,« sagte Herr Weigel — »ist aber auch billiger. Dort kann ich
+Ihnen eine Farm, allerdings nur mit einigen vierzig Kühen, für etwa
+siebenhundertundfunfzehn Dollar überlassen, und dann habe ich noch fünf
+andere von sechs, acht, elf, neun und ich glaube zwölfhundert Dollar — die
+letztere ist aber eine wirkliche Musterwirthschaft mit importirtem
+Schweizervieh, und Backsteingebäuden, und einer prachtvollen Lage Milch
+und Butter in die nicht zu entfernte Stadt zu bringen; wird Ihnen aber
+auch freilich wohl zu theuer sein?«
+
+»Zu theuer? — warum?« sagte Menzel — »wenn man sich einmal etwas kauft,
+soll man sich auch gleich ’was ordentliches anschaffen. Ich habe mir
+übrigens die Sache immer viel schwieriger vorgestellt mit dem Ankaufen,
+und gedacht, daß man da erst lange in der Welt umher fahren und sein Geld
+verreisen müßte. Wenn man das gleich hier an Ort und Stelle abmachen kann,
+ist das ja weit bequemer.«
+
+»Auf eins möchte ich Sie übrigens noch aufmerksam machen, meine Herren,
+was Sie ja nicht versäumen dürfen,« sagte Herr Weigel — »nämlich sich hier
+gleich Ihre Billets zur Weiterfahrt in’s Innere, wohin Sie auch immer
+wollen, zu lösen.
+
+»Von Neu-York aus?« sagte Menzel verwundert.
+
+»Ja wohl von Neu-York oder Philadelphia oder wohin Ihr Reiseziel liegt.«
+
+»Ja aber kann man denn die _hier_ bekommen?« frug Müller.
+
+»Gewiß kann man das,« lächelte Herr Weigel, »und das ist gerade der
+ungeheure Vortheil unserer jetzigen Verbindung, die den Auswanderer von
+der Thür seiner alten Heimath fort, vor die seiner neuen setzt, ohne daß
+er ein einziges Mal in die Tasche zu greifen und mehr zu bezahlen braucht,
+als was er gleich von allem Anfang entrichtet hat. Das eben macht auch das
+Reisen jetzt so billig, daß man mit _einem_ Blick im Stande ist sämmtliche
+Kosten zu übersehn; die Extra-Ausgaben fallen ganz weg.«
+
+»Das wäre freilich ein Glück,« sagte Müller, von dem erst vor einigen
+Monaten ein Bruder »hinüber« gegangen war — »die Extra-Ausgaben fressen
+sonst das meiste Geld.«
+
+»Ob sie’s fressen, bester Herr, ob sie’s fressen,« sagte Herr Weigel, sich
+wieder vergnügt die Hände reibend.
+
+»Und wo kann man die Billete also bekommen?« frug Menzel.
+
+»Bei mir hier, versteht sich,« sagte Herr Weigel — »alle bei mir.«
+
+»Und die gelten dann drüben?«
+
+»Nun versteht sich doch von selbst,« lachte der freundliche Agent, »ich
+würde sie ja Ihnen doch sonst nicht verkaufen. Sehn Sie, wenn die
+Deutschen hinüber kommen, dann sprechen sie gewöhnlich noch kein Englisch
+— oder haben Sie das etwa schon gelernt?«
+
+»Ne — «
+
+»Nun sehn Sie, und dann werden sie dort von ihren Landsleuten — denn der
+Amerikaner ist nicht halb so schlimm — die sich das richtig zu Nutze zu
+machen wissen, tüchtig über’s Ohr gehauen, und müssen gewöhnlich gerade
+noch einmal so viel bezahlen, als die Sachen eigentlich kosten.
+
+»Aber es soll doch eine »Deutsche Gesellschaft« drüben in Neu-York sein,«
+sagte jetzt Brauhede, der zum ersten Mal bei der ganzen Verhandlung den
+Mund aufthat — »die sich eben der Deutschen annimmt und Nichts dafür
+verlangt.«
+
+»Leben wollen wir _Alle_,« sagte Herr Weigel achselzuckend — »umsonst ist
+der Tod, und daß die Leute, wenn sie ihre Zeit darauf verwenden für die
+Deutschen zu sorgen, auch etwas dafür nehmen werden, läßt sich wohl an den
+fünf Fingern abzählen. Neu-York ist aber ein theures Pflaster, die Leute
+_brauchen_ dort mehr wie wir hier, und wer es daher _billiger_ thun kann
+ist auch wieder leicht einzusehn. Ich will mich auch keineswegs empfehlen;
+lieber Gott es giebt noch eine Menge Leute in Deutschland, die sich
+demselben schwierigen und undankbaren Geschäft unterzogen haben wie ich,
+und die es sich vielleicht eben so sauer werden lassen gerade und ehrlich
+durch die Welt zu kommen; aber Einen der es besser _meint_ dabei, werden
+Sie wohl schwerlich finden, und ich überrede gewiß Niemanden nach Amerika
+auszuwandern. Jeder Mensch muß seinen freien Willen haben, und auch am
+Besten selber wissen was ihm gut ist.«
+
+»Ne gewiß,« sagte Menzel — »da habt Ihr ganz recht, das ist auch mein
+Grundsatz; aber das mit dem Amerika leuchtet mir auch ein, und umsonst
+thut da gewiß Niemand etwas — das sind verflixte Kerle da, hab’ ich mir
+sagen lassen, besonders die Deutschen, und wo die nicht wollen gucken sie
+nicht ’raus.«
+
+»Also die Billete kann man hier bei Euch kriegen?« sagte Müller.
+
+»Wohin Sie wollen, und ich stehe Ihnen dafür daß sie nicht allein ächt
+sind, sondern daß die hier in Deutschland gelösten Plätze auch noch den
+Vorrang haben vor allen in Amerika genommenen, wenn einmal Eisenbahn oder
+Dampfboote zu sehr besetzt sein sollten. Es ist ja hier gerade so mit der
+Post, wo Die, die sich zuerst, und auf der längsten Station haben
+einschreiben lassen, den Vorrang behalten müssen vor denen die nachher
+kommen.
+
+»Ahem, das ist klar,« sagte Menzel; »na also da dächt’ ich ließen wir uns
+gleich einmal Plätze belegen und gäben das D’raufgeld, damit wir die Sache
+richtig hätten, und nachher können wir ja einmal über die Farmen sprechen;
+ich habe verwünschte Lust.«
+
+»Du, das hat noch Zeit,« sagte aber jetzt Brauhede wieder, Menzel am Rocke
+zupfend; »erst müssen wir es uns doch einmal mit den Anderen zu Hause
+überlegen.«
+
+»Wenn aber nachher die Plätze auf dem ganz guten Schiffe fort sind,« sagte
+Müller mit einem sehr bedenklichen Gesicht.
+
+»Ja, _stehen_ kann ich Ihnen _nicht_ dafür,« versicherte Herr Weigel die
+Achseln zuckend, daß sie beinah seine Ohrläppchen berührten.
+
+»Na mein’twegen,« sagte Brauhede, der allerdings auch in der Absicht
+hierher gekommen war, ihre Passage fest zu accordiren, jetzt aber, da es
+dazu kam Geld zu zahlen, nur ungern damit herausrückte — »aber von wegen
+der Farm müssen wir noch erst mit den Anderen sprechen, und eine Farm
+kriegen wir auch noch immer.«
+
+»Ja aber was für eine,« sagte Herr Weigel.
+
+Brauhede blieb übrigens bei seiner Meinung, und Menzel bestand jetzt nur
+wenigstens darauf die beiden Pläne einmal mitzunehmen, damit sie sich zu
+Hause ordentlich hinein denken könnten. Wenn auch Herr Weigel sie im
+Anfang nicht außer Händen geben mochte, ja sogar versicherte er habe nicht
+übel Lust die eine Farm für sich selber auf Spekulation zu kaufen, ließ er
+sich doch zuletzt überreden ihnen, aber allerdings nur auf zwei Tage, die
+Pläne zu überlassen, und dann das Weitere über den Ankauf mit einer
+zweiten Deputation der Gesellschaft zu besprechen.
+
+Menzel bezahlte dann das Aufgeld auf ihre Passage im _Meteor_ für
+siebenundfunfzig Personen und dreizehn Kinder, die sämmtlich aus _einer_
+Ortschaft auswandern wollten, und nahm dann auch noch, nach einer kurzen
+Berathung mit den beiden anderen, die nöthigen Billete auf der Eisenbahn
+von Neu-York aus, oder machte wenigstens eine Anzahlung darauf, daß sie
+ihnen der Agent aufbewahrte, da dieser sie versicherte er sei nur noch im
+Besitz einer sehr kleinen Anzahl, und wisse nicht, wann er gleich wieder
+andere bekommen würde, während die Anfrage darnach sehr stark wäre.
+
+Außerdem kauften sie sich auch noch ein halbes Dutzend kleine Brochüren,
+die Herr Weigel, wie er sagte, gerade frisch aus der Druckerei als etwas
+_ganz Neues_ bekommen hatte — ein Datum stand nicht darauf — und die drei
+Männer verließen dann wieder, von dem schmunzelnden Agenten bis an die auf
+den Markt führende Thür begleitet, das Haus.
+
+»Höre Du,« sagte aber Brauhede als sie wieder vor dem Haus und auf der
+Straße waren, und langsam über den Markt weggingen, »mit dem Landkaufen
+wollen wir uns doch lieber hier noch nicht einlassen, das ist eine
+wunderliche Geschichte und will mir nicht recht in den Kopf.«
+
+»Nicht in den Kopf?« rief aber Menzel — »und warum nicht? — der Mann
+bekommt alle Tage Briefe aus Amerika, warum soll der nicht wissen was dort
+zu verkaufen ist?«
+
+»Wenn’s aber so gut und billig wäre, brauchten sie’s doch nicht hier
+herüberzuschicken,« meinte Brauhede kopfschüttelnd.
+
+»Das ist Alles was Du davon verstehst,« sagte Müller, »Amerikaner könnten
+sie gewiß genug zu Käufern kriegen, aber deutsche Bauern wollen sie, die
+ihnen zeigen wie man das Land behandeln muß, und darum schicken sie
+herüber — die sind froh drüben, wenn unsereins hinüber kommt.
+
+»Nun, mag sein,« brummte Brauhede — »aber sicher ist doch sicher, und wenn
+ich mein Geld hier weggegeben habe, und kann das Land was mein sein soll
+nachher nicht finden, wie’s dem Niklas seinem Bruder gegangen ist, nachher
+wäre die Geschichte aber faul.«
+
+»Dem Niklas sein Bruder war aber auch ein Esel,« sagte der Andere, »der
+sich hier Land von einem herumziehenden Vagabunden gekauft; da sollt’ er
+nachher wohl suchen. Aber _der_ Mann hier ist in der Stadt ansässig und
+hat ein Geschäft; was der verkauft das muß gut sein, sonst wär’ er ja gar
+nicht sicher daß man ihn einmal deshalb beim Kragen kriegte.«
+
+»Ja krieg’ ihn einmal wenn Du drüben in Amerika bist,« sagte Brauhede
+ruhig — »das ist ein verwünscht weiter und umständlicher Weg und — wenn
+man sich einmal hat anführen lassen, will man auch nicht gern noch dazu
+ausgelacht werden.«
+
+»Papperlapapp!« sagte Menzel — »dafür hat Jeder seine Augen daß er sie
+offen hält, und ehe ich ihm mein gutes Geld gebe, werd’ ich mich schon
+sicher stellen daß er mir Nichts aufbindet.«
+
+Und die Männer schritten, Jeder von jetzt an mit seinen eigenen Gedanken
+über die nahe Auswanderung beschäftigt, langsam die Straße hinunter,
+während in seinem kleinen Bureau, vergnügt die Hände zusammenreibend, Herr
+Weigel auf und ab spazieren ging, und sich im Geist die nächst zu
+ziehenden Summen zusammenaddirte, die er in kurzer Zeit, nach eifriger
+Aussaat, einzuerndten hoffte. Die Geschäfte gingen vortrefflich; Lust zur
+Auswanderung hatte in der That ein Drittel der sämmtlichen Bevölkerung,
+und es bedurfte nur manchmal wirklich einer leisen Anregung, die Leute zu
+etwas zu bewegen, zu dem sie schon halb und halb selber entschlossen
+gewesen waren.
+
+Herr Weigel war sehr guter Laune; er legte jetzt die Hände auf den Rücken
+und summte ein leises Lied vor sich hin, seinen Marsch dabei fortsetzend.
+Aber er sang falsch; er hatte keine Idee von irgend einer Melodie; doch
+das schadete nichts, er _meinte_ wenigstens eine, und da er selber nicht
+hörte was er sang, genügte es ihm vollkommen.
+
+Die Thür ging jetzt auf und der Tischler oder Schreiner kam herein, irgend
+etwas an dem Pult auszubessern — er hatte zweimal angeklopft ohne daß der
+vergnügte Agent darauf geantwortet hätte.
+
+»Guten Morgen Herr Weigel.«
+
+»Ah guten Morgen Meister — nun kommen Sie endlich? ich hatte schon ein
+paar Mal nach Ihnen hinübergeschickt — «
+
+»Ja lieber Gott Herr Weigel, ich war gerade drüben beim Herrn Geheimen
+Rath Bärlich beschäftigt — die Leute sind so eigen wenn man von der Arbeit
+fort geht — «
+
+»Sehn Sie, hier das Bein möcht’ ich gemacht haben; der Tisch wackelt da
+immer, und wenn man etwas darunter legt, verschiebt sich das doch jedesmal
+wieder. Können Sie es mir wohl bis heute Nachmittag in Ordnung bringen?«
+
+»Ja gewiß,« sagte der Mann, »das ist ja nur eine Kleinigkeit.«
+
+»Und wie ist es mit den Auswandererkisten die ich bestellt habe? — werden
+die bis heute Abend fertig?
+
+»Ja wohl Herr Weigel; sechs habe ich schon in das Gasthaus »Stadt
+Breslau,« wie Sie mir sagten, abgeliefert.«
+
+»Nun das ist gut, denn der ganze Zug wird noch heute Vormittag ankommen,
+und will morgen früh wieder fort — es sind doch noch keine Auswanderer
+heute Morgen hier eingetroffen? — «
+
+»Nicht daß ich gesehen hätte — aber gestern Abend zogen Viele durch.«
+
+»Ja ich weiß — von Hessen herüber — die armen Teufel; denen wird’s einmal
+wohl drüben werden. Nun wie gehn denn bei Ihnen die Geschäfte jetzt?«
+
+»Ih nu gut, Herr Weigel, ich kann gerade nicht klagen; das Brod wird
+freilich immer theuerer, aber man schlägt sich so durch — Kinder haben wir
+nicht, und was verdient wird reicht eben ordentlich aus.«
+
+»Ich begreife nicht,« sagte Herr Weigel da kopfschüttelnd vor dem Mann,
+der seine Mütze eben wieder aufgegriffen hatte und sich zum Fortgehen
+anschickte, stehen bleibend — »wie Ihr Leute Euch hier vom Morgen bis
+Abend plagt und schindet, eben nur das liebe Brod zu verdienen, wo Ihr in
+ein paar Wochen drüben sein könntet und so viel Dollare für Euere Arbeit
+bekämt, wie hier Groschen.
+
+»Drüben, wo?«
+
+»Nun in Amerika — «
+
+»Hm, ja,« sagte der Mann, sich nachdenkend das Kinn streichend, und einen
+leichten Seufzer unterdrückend — »gedacht hab’ ich auch schon ein paar Mal
+daran, aber — das geht nicht gut und — es ist auch so eine unsichere Sache
+mit da drüben. Hier weiß ich einmal was ich habe und daß ich auskomme, und
+wie mir’s da drüben geht weiß ich _nicht_.«
+
+»Aber Freund,« rief Herr Weigel verwundert — »ein Mann der fleißig
+arbeitet bringt es dort immer zu was. Wetter noch einmal, Meister, Amerika
+ist gerade der Platz für Euch, wo Ihr Euch rühren und ausbreiten könntet —
+wenn Ihr dort wäret, ein geschickter Arbeiter wie Ihr! in fünf Jahren
+hättet Ihr zwanzig Gesellen.«
+
+»Meister Leupold nickte langsam mit dem Kopf, und sah ein paar Secunden
+still vor sich nieder, als ob das Bild mit der großen Werkstätte und dem
+regen Treiben sich vor seinem inneren Geist eben auszubreiten beginne,
+dann aber sagte er, jetzt herzhaft aufseufzend — «
+
+»Und es geht doch nicht, Herr Weigel — ich habe die alte Mutter zu Hause,
+die ich unmöglich hier allein zurück lassen könnte — «
+
+»Hierlassen? das fehlte auch noch,« rief der Agent — »die nehmt Ihr mit,
+Mann — könnt Ihr der denn eine größere Freude machen, als wenn sie noch
+vor ihrem Ende sähe wie wohl es Euch geht auf der Welt, und wie sich Euer
+Zustand mit jeder Woche, mit jedem Tage fast bessert? — Muß sie hier nicht
+in Sorge und Kummer leben daß Ihr einmal krank werdet und Nichts verdienen
+könnt, und wie sieht’s dann aus?«
+
+»Wenn ich aber nun dort drüben krank werde?« sagte der Meister leise.
+
+»Wenn das nur nicht gleich die ersten Monate geschieht und für ein Unglück
+kann Niemand« — warf dagegen Herr Weigel ein, »so könnt Ihr Euch auch
+schon so viel gespart haben, das eine Weile mit ruhig anzusehn; und wenn
+Ihr nicht krank werdet, seid Ihr in ein paar Jahren ein wohlhabender
+Mann.«
+
+»Es ist eine verwünschte Geschichte mit dem Amerika,« seufzte der Mann
+wieder, sich hinter dem Ohr kratzend — »man hört so viel davon, und sieht
+eine solche Masse Menschen hinüberziehen, die alle voller Hoffnung sind
+daß es ihnen gut geht — und möchte am Ende ebenfalls gern mit — wenn man
+nur erst so einmal hinübergucken könnte wie es eigentlich aussieht.«
+
+»Dazu ist es ein Bischen zu weit,« meinte Herr Weigel.
+
+»Ja nun eben,« sagte der Tischler — »und so auf’s gerathewohl — «
+
+»Das könnt Ihr aber nicht auf’s gerathewohl nennen, wo wir alle Tage
+Briefe von drüben herüber bekommen, von denen einer immer besser lautet
+als der andere. Da — hier liegt gleich einer, der letzte den ich bekommen
+habe, wo ein Deutscher, den ich selber hinüberbefördert, und dem es jetzt
+ausgezeichnet gut geht, an mich schreibt, und ein oder zwei gute gelernte
+Schaafknechte haben will; lesen Sie einmal den Brief.«
+
+Leupold legte seine Mütze wieder hin, nahm den Brief und las ihn
+aufmerksam durch; er nickte dabei mehrmals mit dem Kopf, und sah dann
+wieder zu dem Agenten auf, der ihn indessen mit einem triumphirenden
+Lächeln betrachtet hatte.
+
+»Nun?« frug der Letztere, als Jener das Schreiben beendet und wieder
+zusammenfaltete — »wie klingt das?«
+
+»_Sehr_ gut« sagte Leupold leise, »aber — es hilft mir doch Nichts. Wenn
+ich jetzt mein kleines Häuschen, das ich mir mit Mühe und Noth
+zusammengespart und aufgebaut, auch verkaufen wollte; fände ich erstlich
+keinen Käufer, und dann bekäm ich auch das nicht dafür wieder, was es mich
+selber gekostet; wie gesagt, der Sperling in der Hand ist doch wohl besser
+wie die Taube auf dem Dache.«
+
+»Bah, Taube,« sagte Herr Weigel mürrisch — »wenn die Taube auf dem Dach
+eben so fest und sicher sitzen bleibt bis man sie holen kann, wie Amerika
+ruhig liegt, und auf die wartet die hinüber kommen, so ist sie mir lieber
+wie ein erbärmlicher Sperling, zum Sterben zu viel, und zum Leben zu
+wenig; aber — überlegt’s Euch — ah da kommt der Briefträger — ’was für
+mich?«
+
+»Nun guten Morgen Herr Weigel,« sagte der Tischler und wollte sich eben
+entfernen, während der Briefträger dem Agenten mehrere für ihn gekommene
+Briefe überreichte.
+
+»Siebzehn Silbergroschen drei Pfennige« sagte er dabei.
+
+»_Siebzehn_ Silbergroschen?« rief Herr Weigel verwundert — »aha da ist ein
+Amerikaner dabei — halt, wartet noch einmal einen Augenblick Leupold« — da
+ist vielleicht gleich noch was für uns, und was ganz Neues — wollen gleich
+einmal sehn was die Leute schreiben. Wahrscheinlich wieder von Jemand den
+ich hinüber befördert habe, und der sich jetzt bedankt — das kostet aber
+viel Geld — «
+
+»Apropos Neues,« sagte Leupold, während der Agent den Briefträger bezahlt
+hatte und seine Papierscheere vom Tisch nahm, den Amerikanischen Brief
+aufzuschneiden — »haben Sie schon gehört daß gestern Nachmittag bei Herrn
+Dollinger eingebrochen und für sieben tausend Thaler Gold und Juwelen
+gestohlen sind?«
+
+»Alle Wetter,« rief Herr Weigel, mit der zum Schnitt ausgehaltenen Scheere
+in der Hand — »gestern Nachmittag?«
+
+»Am hellen Tage,« bestätigte Leupold.
+
+»Und weiß man nicht wer der Thäter ist?«
+
+»Sie haben den einen Comptoirdiener in Verdacht und auch schon
+eingezogen,« sagte der Tischler.
+
+»Gewiß den Loßenwerder,« rief Weigel.
+
+»Ich glaube so heißt er — er ist ein wenig verwachsen — «
+
+»Und schielt — derselbe, ich habe den Burschen von jeher nicht leiden
+können; hat mir auch schon ein paar Mal Kunden abspenstig gemacht, aus
+reinem Brodneid; ich wüßte wenigstens sonst nicht weshalb, und habe ihn
+dabei stark in Verdacht, daß er selber damit umgeht eine Agentur für
+Auswanderer zu errichten. Da könnte Jeder hergelaufen kommen, ohne Briefe,
+ohne Connexionen und ohne Kenntniß vom Land — schickte nachher die Leute
+in’s Blaue hinein, daß sie dort säßen und nicht wüßten wo aus noch ein. Na
+nun, wird ihm das Handwerk wohl gelegt werden; ich gönne nicht gern einem
+Menschen etwas Uebles, aber bei dem freut mich’s daß sie’s wenigstens
+herausbekommen haben, und er seine Schurkerei nicht mehr heimlich
+forttreiben darf. Ist denn das Geld schon wieder gefunden?«
+
+»So viel ich weiß nicht, einige hundert Thaler ausgenommen, von denen aber
+der Mann betheuert daß er sie sich gespart hätte; es ist übrigens Manches
+dabei zusammengekommen was ihn verdächtig macht; das Nähere weiß ich
+freilich nicht.«
+
+»Hm, hm, hm,« sagte Herr Weigel, kopfschüttelnd den Brief, den er noch
+immer in der Hand hielt, anschneidend — »böse Geschichten — böse
+Geschichten, was man nicht Alles hört auf der Welt. — Nun wollen wir also
+einmal sehen was der Herr da aus Amerika schreibt — hm — Washington
+County, Tennessee den siebenten Januar 18 — alle Wetter der Brief ist
+lange unterwegs gewesen — Herrn F. G. Weigel in Heilingen, Hauptagent der
+Central-Auswanderungs- und Colonisations-Gesellschaft in Deutschland —
+ahem — Sie nichtsw — hm — Sie haben — hm — vor allen Dingen — hm — hm —
+hm — hm« — Herrn Weigels Gesicht verlängerte sich immer mehr, je weiter er
+in seiner, wie es schien nicht eben angenehmen Lectüre vorrückte, aber er
+brach mit dem Lautlesen des Inhalts, dessen Einleitung unerwarteter Weise
+höchst derber Art war, schon gleich nach den ersten Sylben ab, und
+murmelte, das Ganze nur flüchtig überfliegend, blos einzelne
+unzusammenhängende Worte, aus denen Leupold Nichts herausfinden konnte,
+vor sich hin.
+
+»Nun, was schreiben sie?« sagte dieser endlich lächelnd; er wäre schon
+lange gegangen, wenn ihn Weigel nicht eben zurückgehalten hätte — »gute
+Neuigkeiten?«
+
+»Bah!« sagte Herr Weigel, den Brief zurück auf seinen Schreibtisch werfend
+— »Jemand der seine Geschwister will hinübergeschickt haben und mich
+ersucht das Geld für ihn auszulegen. Da müßt’ ich schöne Capitale
+herumstehn haben, wenn ich allen Leuten umsonst wollte die Familie
+nachschicken. Nachher sitzt der mitten im Land drin, und ich kann ihn dann
+suchen.«
+
+»Ne, das ist ein Bischen viel verlangt,« sagte der Meister, wieder nach
+der Klinke greifend — und dießmal hielt ihn Herr Weigel nicht zurück —
+»aber nun leben Sie auch recht wohl, und verlaßen Sie sich darauf ich
+besorge Ihnen das heute noch.«
+
+»Sein Sie so gut,« sagte der Agent — er war auf einmal ganz einsylbig
+geworden, und Meister Leupold verließ mit nochmaligem Gruß das Zimmer, in
+dem jetzt Herr Weigel mit in die Tasche geschobenen Händen, aber
+keineswegs mehr so guter Laune als vorher, raschen, heftigen Schrittes auf
+und ab ging.
+
+»Und vierzehn Groschen bezahlt für den Wisch — es ist eine Frechheit
+wahrhaftig, die in’s Bodenlose geht. Lumpengesindel! glaubt die gebratenen
+Tauben sollen ihm da in’s Maul fliegen, so bald sie’s nur aufsperren.« Und
+wieder riß er den Brief vom Pult, rückte sich die Brille zurecht, und las
+mit halblauter, aber heftiger Stimme den Inhalt noch einmal, und zwar
+aufmerksamer durch als vorher.
+
+»Sie nichtswürdiger Hallunke« — wenn ich Dich nur hier hätte mein Bursche,
+dafür solltest Du mir brummen — »schändlich betrogen und angeführt« — wozu
+hat Dir denn der liebe Gott die großen Glotzaugen gegeben, wenn Du sie
+nicht aufsperren willst — »Land eine Wüste« — na versteht sich, ein
+Gewächshaus hab’ ich ihm nicht verkauft — »Hälfte gar nicht zu bekommen« —
+Holzkopf — »kein Mensch wollte die Billete nehmen« — bah, geschieht Dir
+recht — »Wohngebäude zu schlecht für einen Hund« — für Dich noch immer
+viel zu gut, mein Schatz — »wenn Sie nur einmal herüber kämen, Sie
+miserabeler« — bah« — unterbrach sich Herr Weigel in dieser nichts weniger
+als schmeichelhaften Lectüre, indem er den Brief in zwei Hälften riß, und
+sich dann ein Streichhölzchen mit einem Gewaltstrich an der Thür
+entzündete »so viel für den Wisch!« und das Papier anbrennend, warf er das
+auflodernde in den Ofen, und schloß die Klappe so heftig er konnte.
+
+Allerdings wollte er sich nun über den Brief hinwegsetzen, aber geärgert
+hatte er sich doch, und Rock und Stiefeln anziehend drückte er sich seinen
+Hut in die Stirn, griff seinen Stock aus der Ecke, und verließ sein
+Bureau, das er sorgfältig hinter sich abschloß, und eine kleine Pappe
+mitten an die Thür hing, auf der die Worte standen.
+
+»Kommt um elf Uhr wieder.«
+
+
+
+
+
+ Capitel 6.
+
+
+ DIE WEBERFAMILIE.
+
+
+Nicht weit von Heilingen, und in Hörweite der Domglocke selbst, in
+ziemlich bergigem, aber unendlich malerischem Land, lag ein kleines armes
+Dorf, dessen Bewohner, da ihre Felder gerade nicht zu den besten gehörten,
+sich kümmerlich, aber meist ehrlich, mit verschiedenen Handwerken und
+Gewerben, mit Holzschnitzen wie auch hie und da mit dem Webstuhl,
+ernährten. Das Dorf hieß eigentlich »Zur Stelle«, welchen Namen aber die
+Bewohner im Laufe der Zeit, und mit Hülfe ihres Dialekts, zu dem von
+_Zurschtel_ umgearbeitet hatten, und mochte etwa dreißig Häuser und
+Hütten, mit der doppelten Anzahl von Familien, wie der sechsfachen von
+Kindern zählen. Es ist eine wunderliche Thatsache, daß man in den
+ärmlichsten Distrikten stets die meisten Kinder findet.
+
+Mitten im Dorf lag eins der besseren Häuser; es war weiß getüncht, und
+hinter den sauber gehaltenen Fenstern hingen weiße, reinliche Gardinen.
+Vor dem Hause, über dessen Thüre ein frommer Spruch mit rothen und grünen
+Buchstaben angeschrieben war, stand ein Brunnen- und Röhrtrog, und ein
+kleiner Koven an der Seite desselben, zeigte in der nach außen befestigten
+Klappe des Futterkastens dann und wann den schmuzigen Rüssel eines seine
+Kartoffelschalen kauenden Schweines. Auch ein ordentlich gehaltenes Staket
+umgab das Haus wie den kleinen Hofraum, und die Wohnung stach sehr zu
+ihrem Vortheil gegen manche der Nachbarhäuser ab.
+
+Im Inneren selber sah es ebenfalls sehr reinlich, aber nichtsdestoweniger
+sehr ärmlich aus. In der einen Ecke stand ein großer, viereckiger, sauber
+gescheuerter Tisch aus Tannenholz, an zweien der Wände waren Bänke aus dem
+nämlichen Material befestigt, und um den großen viereckigen Kachelofen,
+der fast den achten Theil der Stube einnahm, hingen verschiedene
+Kochgeräthschaften, während auf darüber angebrachten Regalen die braunen
+Kaffeekannen und geblümten Tassen gewissermaßen mit als Zierrath zur Schau
+ausstanden. Die dritte Ecke füllte der Webstuhl des Mannes aus, und dem
+gegenüber stand eine riesengroße, braunangestrichene Kommode, mit
+Messinghenkeln und Griffen und fünf Schiebladen, die, mit wirklich
+rührender Eitelkeit als eine Art von Nipptisch benutzt, zwei mit bunten
+Blumen bemalte Henkelgläser, eine vergoldete Tasse mit der Aufschrift »der
+guten Mutter« — ein Geschenk aus früherer Zeit — und ein gelb irdenes aber
+allerdings sehr wenig benutztes Dintenfaß trug, während dahinter, in zwei
+ordinairen Stangengläsern, in dem einen Schilfblüthenbüschel, und in dem
+anderen große stattliche Aehren von Roggen, Waizen, Gerste und Hafer
+standen, zur Erinnerung an eine frühere segensreiche Erndte.
+
+Die Bewohner der kleinen Stube paßten genau in ihre Umgebung; es war eine,
+nicht mehr ganz junge aber doch rüstige Frau, in die nicht unschöne
+Bauertracht der dortigen Gegend gekleidet, die an ihrem Spinnrad saß und
+eifrig das Rädchen schnurren ließ, während die rechte Hand manchmal eine
+neben ihr stehende Wiege berührte, den darin ruhenden kleinen Säugling,
+der immer wieder die großen dunklen Augen zu ihr aufschlug, endlich in
+Schlaf zu bringen. Sie war reinlich, aber in die gröbsten Stoffe
+gekleidet, ebenso der Bube von etwa vier Jahren, der ihr zu Füßen mit
+einer kleinen Mulde auf dem über die Diele gestreuten Sand »Schiff«
+spielte.
+
+Außerdem war noch eine vierte Person im Zimmer, die alte Mutter der Frau,
+eine Greisin von nahe an siebzig Jahren, die auch noch ihr Spinnrad
+drehte, sich aber mit dem hinter den noch warmen Ofen gesetzt hatte, weil
+ihr das heutige naßkalte, unfreundliche Wetter fröstelnd durch die alten
+Glieder zog. Es war eine gutmüthige, aber mürrische alte Frau, selten
+zufrieden mit dem was sich ihr gerade bot, und unermüdlich darin, sich und
+ihren Kindern die Last vorzuwerfen die sie ihnen mache, und den lieben
+Gott täglich zu bitten daß er sie doch bald zu sich nähme. Nur eine
+kleine, ganz kurze Frist erbat sie sich immer noch — dann wollte sie gerne
+sterben. Erst; wie das Aelteste geboren war, wollte sie das noch gerne
+laufen sehn; dann hätte sie gern erlebt wie es zum ersten Mal in die
+Schule ging; dann war es Frühjahr geworden und sie hoffte nur noch einmal
+neue Kartoffeln zu essen, zu Jacobi aber wollte sie noch einmal von dem
+Pflaumenbaum die Früchte kosten, den ihr »Seliger« noch gepflanzt. Wie der
+Herbst kam wünschte sie im Frühjahr begraben zu werden, und die knospenden
+Maiblumen weckten den Wunsch nach den Astern, ihrer Lieblingsblume, von
+denen sie sich eigenhändig ein schmales Beet in den kleinen Garten dicht
+am Hause gepflanzt. So lebt und webt die Hoffnung in unseren Herzen mit
+immer neuer, nie sterbender Kraft, und je älter wir werden, desto mehr
+lernen wir die schöne Erde lieb gewinnen, desto mehr klammern wir uns an
+sie, und wollen uns gar nicht mehr von ihr trennen.
+
+Der Tag neigte sich dem Abend zu; der Mann war in die Stadt gegangen seine
+Steuern zu zahlen, und Manches einzukaufen was sie nothwendig im Hause
+brauchten — zum Ersatz dafür hatte er das zweite Schwein, das sie bis
+dahin gehalten, hineingetrieben, und der Erlös sollte seine Ausgaben
+bestreiten.
+
+Der Regen wurde jetzt wieder heftiger, die großen schweren Tropfen
+schlugen gegen das Fenster, und das Kind wurde vollständig munter und fing
+an zu schreien. Die Mutter schob ihr Spinnrad zurück, nahm das Kleine aus
+der Wiege, und ging damit trällernd im Zimmer auf und ab. Die Alte spann
+indeß ruhig weiter, und suchte mit zitternder leiser Stimme ein
+geistliches Lied zu singen, und mit dem Rad trat sie den Takt dazu. Sonst
+sprach keine ein Wort.
+
+Endlich wurde die Hausthür geöffnet, Jemand kam von draußen herein, und
+strich sich die Füße auf den Steinen und der Strohdecke ab, und sie hörten
+gleich darauf wie der zurückkehrende Vater und Gatte seinen großen
+rothblauwollenen Schirm auf die Steine stieß, das Wasser so viel wie
+möglich davon abzuschütteln, und den Mantel auszog und über den großen
+Schleifstein hing der draußen im Flur stand, wie er das gewöhnlich that.
+Die Frau öffnete rasch die Thür den Mann zu begrüßen, der den Hut abnahm,
+sich die nassen Haare aus der Stirn strich, und das Kind küßte, das sie
+ihm entgegenhielt.
+
+»Jesus ist das ein Wetter, Gottlieb,« sagte sie dabei, als sie ihm den Hut
+aus der Hand nahm und neben den Ofen an den Nagel hing, »komm nur herein,
+daß Du ’was Trockenes auf den Leib bekommst; wo hast Du denn den Jungen? —
+ist er nicht bei Dir?« setzte sie, fast ängstlich, hinzu.
+
+»Er ist draußen bei Lehmann’s hineingegangen, denen wir ein paar Sachen
+aus der Stadt mitgebracht,« sagte der Mann — »wird wohl gleich kommen —
+wie geht’s Frau? — wie geht’s Mutter? — ha, das regnet einmal heute was
+vom Himmel herunter will; was nur d’raus werden soll wenn das Wetter so
+fort bleibt. Ein paar gute trockene Tage haben wir gehabt, und jetzt
+wieder Guß auf Guß — Guß auf Guß, als ob sie uns unsere paar Stücken Feld
+noch hinunter in die Wiesen waschen wollten. Von dem einen Acker ist die
+Saat schon halb fortgespült — wenn dasmal das Korn misräth, weiß ich nicht
+wo der arme Mann das Brod hernehmen soll.«
+
+»Klag nicht, Gottlieb,« sagte aber die Frau freundlich — »es geht noch
+Vielen schlechter wie uns, und was sollen da die _ganz_ armen Leute sagen.
+Lieber Gott, es ist viel Noth in der Welt, und wer heut zu Tage eben sein
+Auskommen und ein Dach über dem Kopf hat und gesund ist, sollte sich nicht
+versündigen.«
+
+Sie hatte dabei das Kind auf die Erde gesetzt, holte den Topf aus der
+Röhre, in der, trotz der vorgerückten Jahreszeit, noch ein Feuer brannte,
+der alten, fröstelnden Mutter wegen, und goß den darin heiß gehaltenen
+Kaffee — sie nannten das braune Getränk von gebrannten gelben Rüben und
+Gerste wenigstens so — in die eine braune Kanne, damit sich der Mann, der
+den ganzen Tag draußen im Regen herumgezogen war, daran erquicken könne.
+Zugleich auch deckte sie ein weißes Tuch über den Tisch, auf den sie noch
+Butter und Brod stellte, die versäumte Mittagsmahlzeit wenigstens in etwas
+nachzuholen. Der Mann setzte sich an den Tisch, schenkte sich eine Tasse
+Kaffee ein, in den ihm die Frau die Milch goß, und schnitt sich ein großes
+Stück Brod ab, das er mit Butter bestrich und verzehrte. Er sprach kein
+Wort dabei, und beendete still seine Mahlzeit, schob dann die Tasse und
+den Butterteller zurück, nahm das Kleinste, das die Mutter zu ihm auf die
+Erde gesetzt hatte, herauf auf sein linkes Knie, blieb, den rechten
+Ellbogen auf den Tisch gestützt, den Kopf gegen die Wand gelehnt,
+regungslos sitzen, und schaute still und schweigend nach dem Fenster
+hinüber, an das die Regentropfen immer noch, vom Wind draußen gepeitscht,
+hohl und heftig anschlugen.
+
+Die Frau hatte ihn eine ganze Zeit lang mit scheuem Blick betrachtet; es
+war irgend etwas vorgefallen, aber sie wagte nicht zu fragen, denn
+Gottlieb, so seelensgut er auch sonst sein mochte, hatte doch auch seine
+»verdrießlichen Stunden« und war dann, wenn gestört, oft rauh und
+unfreundlich; aber eine eigene Angst überkam sie plötzlich. Ihr ältester
+Sohn — der Hans — war nicht mit zu Hause gekommen — konnte dem — heiliger
+Gott, wie ein Stich traf es sie in’s Herz und sie sprang erschreckt von
+ihrem Stuhl auf und auf den Mann zu.
+
+»Gottlieb — um aller Heiligen Willen wo ist der Hans? — es ist — es ist
+ihm doch nicht etwa ein Unglück geschehn?«
+
+»Der Hans?« sagte der Mann aber ruhig und sah erstaunt zu ihr auf, »was
+fällt Dir denn ein? was soll denn dem Hans zugestoßen sein? ich habe Dir
+ja gesagt daß er bei Lehmann’s etwas abgegeben hat, und dort
+wahrscheinlich das Wetter abwarten wird.«
+
+»Ich weiß nicht,« sagte die Frau, der dadurch allerdings eine Centnerlast
+von der Seele gewälzt wurde — »aber Du bist so sonderbar heut Abend, so
+still und ernst, und da schlugs mir wie ein Schreck in die Glieder, über
+den Hans. Ist etwas vorgefallen Gottlieb? — «
+
+Gottlieb schüttelte den Kopf langsam und sagte. — »Nicht daß ich wüßte —
+nichts Besonderes wenigstens, oder nichts Anderes, als was jetzt alle Tage
+vorfällt — Geld zahlen.«
+
+»War es denn so viel?« sagte die Frau leise und schüchtern.
+
+Der Mann schwieg einen Augenblick und sah still vor sich nieder; endlich
+erwiederte er seufzend:
+
+»Das Schwein ist d’rauf gegangen, und vier Thaler Siebzehn Groschen sind
+immer noch mit Gerichtskosten und der alten Proceßgeschichte mit der
+Brückenplanke, mit der ich eigentlich gar Nichts mehr zu thun hatte,
+stehen geblieben, und ich muß sie bis zum ersten Juli nachzahlen, unter
+Androhung von Pfändung.«
+
+»Nun lieber Gott,« sagte die Frau tröstend — »wenn das das Schlimmste ist,
+läßt sich’s noch ertragen; da verkaufen wir eben das andere Schwein und
+behelfen uns so. Wie wenig Leute im Dorf haben überhaupt eins zu
+schlachten, und leben doch; warum sollen wir nicht eben so gut ohne eins
+leben können als die.«
+
+»Ja,« sagte der Mann leise und still vor sich hin brütend — »verkaufen und
+immer nur verkaufen, ein Stück nach dem anderen, und während wo anders die
+Leute mit jedem Jahr ihr kleines Besitzthum vergrößern, und für ihre
+Kinder etwas zurücklegen können, sieht man es hier mehr und mehr
+zusammenschmelzen, unter Müh und Plack das ganze Jahr lang.«
+
+»Aber kannst Du’s ändern?« sagte die Frau leise und fuhr, wie der Mann
+schwieg und mit der Faust die Stirn stützend vor sich nieder starrte,
+schüchtern fort — »arbeitest Du nicht von früh bis spät fleißig und
+unverdrossen? gönnst Du Dir eine Zeit der Ruhe, wo Dich irgend eine
+nöthige Beschäftigung ruft, und haben wir uns etwa das Geringste
+vorzuwerfen?«
+
+»Nein,« sagte der Mann, während er die Hand auf den Tisch sinken ließ und
+die Frau voll und fest ansah — »nein, aber das ist es ja eben, was mir am
+Leben frißt. Wir können nicht mehr arbeiten, nicht mehr verdienen wie wir
+jetzt thun, und jetzt sind wir noch jung und kräftig, unsere Kinder noch
+klein und gesund, und dennoch geht es mit jedem Jahr zurück, wird es mit
+jedem Jahr schlechter und schlimmer. Wie nun soll das werden, wenn uns
+erst einmal Krankheit heimsuchte, wenn die Kinder heranwachsen und mehr
+brauchen, wenn wir selber älter werden und nicht mehr so zugreifen können
+wie jetzt? — Schon jetzt können wir uns nicht mehr in der theueren Zeit
+oben halten — das eine Schwein ist verkauft, das andere wird noch fort
+müssen; unser Acker ist kleiner geworden in den letzten zehn Jahren,
+unsere Bedürfnisse aber sind gewachsen — wie soll das enden?«
+
+»Aber Gottlieb,« sagte die Frau freundlich — »wie kommen Dir jetzt doch
+nur solche Grillen? haben Dir die paar Thaler Steuern den Kopf verdreht?
+Mann, Mann, Du bist doch sonst so ruhig, und hast immer vertrauungsvoll in
+die Zukunft gesehn, wie sind Dir auf einmal solche schwarze Gedanken durch
+den Sinn gefahren?«
+
+Die alte Mutter hatte, schon so lange wie die Beiden mit einander
+gesprochen, ihr Spinnrad ruhen lassen, und dem Gespräch aufmerksam
+zugehört; dabei schüttelte sie fortwährend mit dem Kopf, und sagte endlich
+mit ihrer schrillen, scharf klingenden Stimme:
+
+»Ja wohl, ja wohl — das Geld wird rar und das Brod theuer, und mehr Mäuler
+kommen — mehr Mäuler sind da zum Verzehren, wie zum Verdienen. Schlagt
+mich todt; schlagt mich todt daß ich weg komme aus dem Weg und Euch Platz
+mache — schlagt mich todt.«
+
+»Mutter,« bat die Frau, in Todesangst daß sie dem Manne mit solcher Rede
+wehe thun würde, denn _er_ gerade hatte sie immer auf das Freundlichste
+behandelt, und Alles gethan was in seinen Kräften stand, ihr jede
+Erleichterung, die ihr Alter bedurfte, zu verschaffen — »wie dürft Ihr nur
+so etwas reden; versündigt Ihr Euch denn nicht?«
+
+»Wir haben noch genug für uns Alle Mutter,« sagte aber der Mann
+freundlich, der ihre Launen kannte und der alten Frau nicht wehe thun
+mochte — »nur für spätere Zeit ist mir bange; Sie aber wären die Letzte
+die darunter leiden sollte. Wir werden Alle alt, und wenn wir unsere
+Schuldigkeit in unserer Jugend gethan, wie Sie, dann ist es nicht mehr wie
+Pflicht und Schuldigkeit der Jüngeren für ihre Eltern zu sorgen — wenn sie
+nicht auch einmal wieder von ihren Kindern wollen verlassen werden.«
+
+Die Alte war wieder still geworden, sah noch eine Zeit lang vor sich
+nieder, und begann dann auf’s Neue ihre Arbeit, aber die Frau fuhr fort
+und sagte, fast mit einem leisen Vorwurf im Ton zu ihrem Mann.
+
+»Siehst Du Gottlieb, das hast Du nun davon mit Deinen trüben und traurigen
+Ideen; Du machst Dir und mir und der Mutter nur das Herz schwer, und
+nützest und hilfst doch Nichts. Der liebe Herr Gott da oben wird’s schon
+machen und lenken; Er hat die Welt so viele Jahrhunderte hindurch in ihrer
+Bahn gehalten, und die Menschen darauf geschirmt und gepflegt, wie unser
+Herr Pastor sagt, Er wird’s auch schon weiter thun, und wir dürfen uns
+eigentlich gar nicht sorgen und kümmern um den »nächsten Tag.«
+
+»Doch, doch Frau,« sagte aber der Mann, aufstehend und jetzt, die Hände in
+den Hosentaschen, in der Stube auf und ab gehend — »doch Frau, der Mann
+_muß_, denn wenn er’s _nicht_ thäte, wär er ein schlechter Hausvater, und
+ihm allein fielen dann all die schweren Folgen zur Last, die daraus
+entständen. Ich kann Dir das nicht so mit Worten deutlich machen, wie
+mir’s neulich der Schulmeister, mit dem ich darüber sprach, erklärte, aber
+der meinte es wäre etwa so wie wenn Einer im Wasser wäre. Da sei es auch
+nicht genug daß man sich oben hielte an der Luft, und im Kreis herum
+schwämme eben nur nicht zu ertrinken, das thäte nicht einmal ein
+unvernünftiges Stück Vieh; nein des Menschen, des verständigen Menschen
+Pflicht sei es sich schon im Wasser nach dem festen Lande umzusehn, ob man
+das nirgends erreichen könne, denn zuletzt würde man da im Wasser, man
+möchte noch so tapfer schwimmen, doch müde, und ließen erst einmal die
+Kräfte nach, dann hülfe auch zuletzt das Schwimmen Nichts mehr, und man
+sänke eben langsam zu Boden.«
+
+»Ich verstehe nicht recht was Du damit meinst,« sagte die Frau, »aber Du
+siehst mich so sonderbar dabei an — hast Du noch ’was anderes dahinter?«
+
+»Nein und Ja,« sagte der Mann nach kleiner Pause, indem er sich mit dem
+Rücken an den Ofen lehnte, und langsam dazu mit dem Kopfe nickte,
+»eigentlich nicht, denn Gott da oben weiß daß es wahr ist, und weiß wie,
+und ob’s einmal enden kann; aber dann — dann hab’ ich allerdings noch was
+dahinter, denn ich meine — ich meine — « er schwieg und es war
+augenscheinlich, er hatte etwas auf dem Herzen, das er sich scheue so mit
+blanken klaren Worten heraus zu sagen, die Frau aber, die eben damit
+beschäftigt war das Geschirr hinaus zu räumen, setzte die Kanne wieder auf
+den Tisch, sah den Mann erstaunt an, ging dann langsam zu ihm an den Ofen
+und sagte leise, vor ihm stehen bleibend:
+
+»Geh her, Gottlieb — Du hast ’was, was Dich drückt und willst nicht mit
+der Sprache heraus — es ist irgend noch etwas vorgefallen in der Stadt,
+was Du nicht sagen magst. Du darfst doch nicht _sitzen_?«
+
+»_Sitzen_? — weshalb?« lächelte der Mann kopfschüttelnd — »ich habe nie
+etwas Böses gethan.«
+
+»Nun was ist’s denn, so sprich doch nur, denn Du ängstigst mich ja mehr
+mit Deinem Schweigen, als wenn Du mir das Schlimmste gleich vornheraus
+erzählst — dem Hans fehlt doch Nichts?«
+
+»Was soll dem Hans fehlen, närrische Frau — wenn’s aufhört zu gießen wird
+er schon kommen.«
+
+»Und was ist’s denn? — gelt, Du sagst mir’s?«
+
+»Ich muß Dir’s wohl sagen;« seufzte der Mann, »nun sieh Hanne, ich meine —
+ich habe so darüber nachgedacht, daß es jetzt hier in Deutschland immer
+schlechter wird mit uns — und daß wir’s zu Nichts mehr bringen können,
+trotz aller Arbeit, trotz allem Fleiß, und daß jetzt — daß jetzt doch so
+viele Menschen hinüber ziehen — «
+
+»Hinüber ziehen?« frug die Frau erstaunt, fast erschreckt, und legte die
+Hand fest auf’s Herz, als ob sie die aufsteigende Angst und Ahnung über
+etwas Großes, Schreckliches da hinunter und zurückdrücken wolle, eh sie zu
+Tage käme — »wo hinüber Gottlieb?«
+
+»Nach Amerika;« sagte der Mann leise — so leise daß sie das Wort wohl
+nicht einmal verstand, und nur an der Bewegung der Lippen es sah und
+errieth. Wie ein Schlag aber traf sie die Wirklichkeit ihres Verdachts,
+und ohne ein Wort zu erwiedern, ohne eine Sylbe weiter zu sagen, setzte
+sie sich auf den, dicht am Ofen stehenden Stuhl, deckte ihr Gesicht mit
+der Schürze zu und saß eine lange, lange Weile still und regungslos. Auch
+der Mann wagte nicht zu sprechen — er hatte den Gedanken wohl schon eine
+Zeit lang mit sich herumgetragen, aber sich immer davor gefürchtet ihm
+Worte zu geben, sogar gegen sich selbst, wie viel weniger denn gegen die
+Frau. Jetzt war es heraus, und er betrachtete nur scheu die Wirkung die er
+hervorgebracht.
+
+Auch die alte Mutter saß, mit der Hand auf dem Rad das sie im Drehen
+aufgehalten, und horchte nach den Beiden hinüber, was sie mitsammen
+hatten, und wie die so still waren und kein Wort mehr sprachen, mochte es
+ihr auch unheimlich vorkommen und sie sagte laut und mürrisch:
+
+»Nun Gottlieb was giebt’s — was hast wieder Du mit der Hanne — was habt
+Ihr denn daß Ihr so still und heimlich thut — macht Einem nicht auch noch
+Angst unnützer Weise — was ist nun wieder los?«
+
+»Ja Mutter,« sagte der Mann jetzt, der sich gewaltsam Muth faßte über das,
+was nun doch nicht länger mehr verschwiegen bleiben konnte und besprochen
+werden _mußte_, auch laut zu reden, daß er’s vom Herzen herunter bekam —
+»es geht mit uns hier den Krebsgang, und ich habe eben zu Hannen gesagt
+daß uns zuletzt nichts anderes übrig bleiben würde als — als es eben auch
+wie andere zu machen, und — «
+
+»Und? — und was zu machen?« frug die alte Frau gespannt —
+
+»Als _auszuwandern_,« sagte der Mann mit einem plötzlichen Ruck und
+seufzte dann tief auf, als ob er selber froh wäre es los zu sein.
+
+»Herr Du meine Güte!« rief die alte Frau, ließ die Hände erschreckt in den
+Schooß sinken und lehnte sich in ihren Stuhl zurück, während ihr alle
+Glieder am Leibe flogen — »Herr Du meine Güte!« wiederholte sie noch
+einmal, und die Finger falteten sich unwillkürlich zusammen, so hatte sie
+der Schreck getroffen.
+
+»Auswandern,« sagte aber auch jetzt Gottliebs Frau mit tonloser Stimme,
+und ließ die Schürze vom Gesicht herunterfallen — »auswandern, das ist ein
+schweres — schweres Wort Gottlieb — hast Du Dir das auch recht — recht
+reiflich überlegt?«
+
+»Tag und Nacht die ganze letzte Woche hindurch,« rief aber der Mann, der
+jetzt, da das Eis einmal gebrochen war, wieder Leben und Wärme gewann.
+»Wie ein Mühlstein hat’s mir auf der Seele gelegen, und ich habe lange und
+tapfer dagegen angekämpft, aber es wäre das Beste für uns, was wir auf der
+weiten Gotteswelt thun könnten; und wenn auch nicht einmal für uns, wenn
+wir selber auch schwere und bittere Zeiten durchzumachen hätten, doch für
+die Kinder, die einmal den Segen erndten, den wir mit unserem Schweiß,
+unseren Thränen gesäet.«
+
+»Auswandern? ja,« sagte aber jetzt die Großmutter, mit dem Kopfe nickend
+und schüttelnd, als ob sie den schrecklichen Gedanken wieder von sich
+abwerfen wollte — »ja wohin es euch lüstet, aber erst wenn ich todt bin.
+Die paar Tage müßt Ihr noch hier bleiben die ich noch zu leben habe, oder
+sonst schlagt mich todt, werft mich in’s Wasser, oder schlagt mich mit dem
+Beil auf den Kopf daß ich fortkomme, und hier auf dem Kirchhof unter der
+alten Linde liegen kann, wo der Leberecht liegt. In der Welt könnt Ihr
+mich doch nicht mehr umherschleppen, und nutz bin ich auch Nichts mehr,
+wie das mit zu verzehren was andere verdienen. Wenn Ihr jetzt fort wollt
+schlagt mich vorher todt.«
+
+»Ach Mutter wenn Sie nur nicht gar so häßlich reden wollten,« sagte die
+Frau traurig, während der Mann wieder zum Tisch ging, sich dort auf den
+Stuhl setzte, und den Kopf in die Hand stützte — »Sie sind noch wohl und
+rüstig und werden, will’s Gott, noch manches Jahr leben und sich Ihrer
+Kinder freuen. Wo die dann hin ziehen und sich ihr Brod suchen müssen, da
+gehören Sie auch hin, und was die verdienen, das haben Sie auch verdient
+mit Mühe und Noth und banger Sorge schon vor langen Jahren, wie wir noch
+klein und unbehülflich waren, wie unsere Kinder jetzt.«
+
+»Wozu mich mitnehmen,« sagte aber die Frau, störrisch dabei mit dem
+Oberkörper herüber und hinüber schwankend, »unterwegs müßtet Ihr mich doch
+aus dem großen Schiff hinaus in’s Wasser werfen, die Fische zu füttern.
+Bleibe im Lande und nähre Dich redlich, das ist _mein_ Spruch und meines
+Leberecht Spruch von alter Zeit her gewesen, und wir haben uns wohl dabei
+befunden, aber das junge Volk jetzt will immer alles anders haben, will
+oben zur Decke ’naus und fliegen und schwimmen, anstatt hübsch auf der
+Erde und im alten Gleis zu bleiben. Warum ist’s denn früher gegangen? —
+nein Gott bewahre, jetzt soll Alles mit Eisenbahnen und Dampf gehen und
+keine Geduld, keine Ausdauer mehr; nur fort, immer gleich fort, in die
+Welt hinein und mit dem Kopf gegen die Wand — schlagt mich todt, dann seid
+Ihr mich los und könnt hingehn wohin Ihr wollt.«
+
+Und die alte Mutter stand auf, rückte ihr Spinnrad bei Seite, und
+humpelte, noch immer vor sich hin murmelnd und grollend, aus der Stube
+hinaus.
+
+»Sie meint es nicht so bös, Gottlieb,« sagte die Frau zu dem Mann tretend
+und ihre Hand auf seine Schulter legend, »es ist eine alte Frau die an
+ihrer Heimath mit ganzem Herzen hängt und sich vor der Reise fürchtet.«
+
+»Und Du nicht, Hanne?« rief der Mann sich rasch nach ihr umdrehend, und
+ihre Hand ergreifend — »Du nicht? Du würdest Dich dazu entschließen können
+unsere Heimath hier, unser Häuschen, unser Feld zu verlassen, und mit mir
+und den Kindern über das weite Meer zu fahren, in eine fremde Welt?«
+
+Die Frau schwieg und ihre Hand zitterte in der des Mannes — endlich sagte
+sie leise — »So weit fort? — und muß es denn sein, ist es denn gar nicht
+möglich mehr, daß wir hier gut und ehrlich durchkommen durch die Welt,
+wenn wir uns auch ein Bischen knapper einrichten wie bisher? Ach Gottlieb,
+es ist gar hart so von zu Hause fortzugehn, die Thür zuzuschließen und zu
+denken daß man nun nie und nimmer wieder dahin zurückkommt — «
+
+Der Mann nickte traurig mit dem Kopf und sagte endlich:
+
+»Du hast recht Hanne; es ist ein schwerer, recht schwerer Schritt, und man
+sollte ihn sich wohl vorher überlegen ehe man ihn thut, denn zurück kann
+man nicht wieder, wenn man nicht wenigstens Alles opfern will, was Einem
+bis dahin noch zu eigen gehört hat. Thun wir aber recht nur allein an uns
+zu denken? — Sieh, wir schleppen uns vielleicht noch wenn auch kümmerlich,
+doch ehrlich, durch, bis wir einmal sterben, und wenn es auch hart ist,
+daß es Einem nachher im Alter schlechter gehn soll wie in der Jugend,
+brauchten wir doch gerade keine Furcht zu haben daß wir verhungerten; aber
+die Kinder — die Kinder — was wird aus denen? Unser kleines Grundstück ist
+die Jahre über kleiner und kleiner geworden; mit dem Geschäft geht’s auch
+kümmerlicher wie bisher — neue, geschicktere Arbeiter, junge Burschen die
+noch keine Familie haben und weniger brauchen, sitzen in den Dörfern
+herum, und die Fabriken und Maschinen geben uns ohnedies den Todesstoß.
+Stahl und Holz braucht Nichts zu essen und arbeitet unermüdet Tag und
+Nacht durch, und die Räder und Walzen und Hämmer klopfen und drehen und
+schwingen ununterbrochen fort gegen den Schweiß des armen Arbeiters der
+darüber zu Grunde geht. Ich murre auch nicht darüber, es muß wohl schon so
+recht sein, denn Gott hat’s den Menschen selber gelehrt und die Welt muß
+vorwärts gehn — wir älteren Leute können uns aber eben nicht mehr darein
+schicken, können nichts Anderes mehr ergreifen, und wieder von vorne
+anfangen, wenigstens hier im Lande nicht wo Einem die Hände nach allen
+Seiten hin gebunden sind, und darum ist mir der Gedanke gekommen
+auszuwandern. Da drüben über dem Weltmeere hat der liebe Herr Gott noch
+einen großen gewaltigen Fleck Erde liegen, für uns arme Leute bestimmt,
+den Maschinen und Räderwerken zu entgehn; dort haben wir Platz uns zu
+bewegen, und wer nur da ordentlich arbeiten will hat nicht allein zu
+leben, sondern kann auch vielleicht für sich und die Kinder was vorwärts
+bringen und braucht sich nicht mehr vor der Zukunft zu fürchten und vor
+Hunger und Noth. Wenn wir nicht auswandern, was bleibt unsern Kindern da
+einmal anders übrig, als in Dienst zu gehn und sich bei fremden Leuten
+doch herumzuschlagen ihr Lebelang.«
+
+»Und die Mutter?« sagte die Frau, sich ängstlich nach der Thüre umsehend —
+»was würde aus der alten Frau auf dem Meere?«
+
+»Was aus so vielen alten Frauen da wird, liebes Herz,« sagte aber der
+Mann, augenscheinlich mit froherem, freudigeren Herzen, als er bei dem
+eigenen Weib nicht den Widerstand fand, den er vielleicht gefürchtet —
+»sie gewöhnen sich an das neue Leben, sobald sie das alte nicht mehr um
+sich sehen, und die Seeluft soll kräftigen und stärken.«
+
+»Aber sie wird nicht mit uns wollen.«
+
+»Sie wird ihre Kinder nicht verlassen,« tröstete sie der Mann, »und ohne
+sie dürften wir ja auch gar nicht fort.«
+
+Die Frau reichte ihm schweigend die Hand, die er herzlich drückte, und
+wandte sich dann, und wollte eben das Zimmer verlassen, als draußen Jemand
+die Thür aufriß und in das Haus trat. Das Unwetter hatte jetzt seinen
+höchsten Grad erreicht, und der Regen schlug in ordentlichen Güssen gegen
+die Fenster an, während der Wind die Wipfel der Bäume herüber und hinüber
+schüttelte und die Blüthen von den Zweigen riß mit rauher Hand.
+
+ [Capitel 6]
+
+»Schönen Gruß mit einander,« sagte dabei eine rauhe Stimme, während die
+Stubenthür halb geöffnet wurde — »darf man hinein kommen?«
+
+»Gott grüß Euch,« sagte die Frau — »kommt nur herein, bei dem Wetter ist’s
+bös draußen sein — es tobt ja, als ob der letzte Tag hereinbrechen
+sollte.«
+
+Der Fremde hing seinen Hut und Mantel draußen ab und trat mit nochmaligem
+Gruß in die Stube.
+
+»Gott grüß Euch,« sagte auch Gottlieb — »da, nehmt Euch einen Stuhl und
+setzt Euch zum Ofen; es ist heut unfreundlich draußen, und man kann ein
+Bischen Feuer brauchen.«
+
+»Sauwetter verdammtes,« fluchte der Mann, als er der Einladung Folge
+geleitet und sich die nassen Haare aus der Stirne strich — »ich wollte
+erst sehen daß ich die Schenke erreichte; hier um die Ecke herum kam der
+Wind aber so gepfiffen daß er mich bald von den Füßen hob, und es war
+gerade als ob sie Einem von da oben einen Eimer voll Wasser nach dem
+andern entgegen gossen. Schönes Wetter für Enten, aber für keine
+Menschen.«
+
+Es war eine rauhe, kräftige Gestalt, der Mann, mit krausem dicken
+schwarzen Bart und ein paar tiefliegenden unstäten Augen, in einen groben
+braunen Tuchrock gekleidet, wie ihn die Fleischer nicht selten auf dem
+Lande tragen. Die ebenfalls braunen Hosen hatte er dabei heraufgekrempelt,
+bis fast unter das Knie, mit seinen derben Wasserstiefeln besser durch
+alle Pfützen und Schlammwege hindurch zu können; die aus ungeborenem
+Kalbfell gemachte Weste war ihm bis an den Hals hinauf zugeknöpft, und
+eine lange silberne Kette, an der die in der Westentasche steckende Uhr
+befindlich war, hing ihm darüber hin.
+
+»Ihr seid wohl weit von hier zu Haus?« frug Gottlieb nach einer längeren
+Pause, in der er den Mann und dessen Aeußeres flüchtig nur betrachtet
+hatte — »hab’ Euch wenigstens noch nicht hier bei uns gesehen.«
+
+»Zehn Stunden etwa,« sagte der Fremde, seine Pfeife jetzt aus der
+Brusttasche seines Rockes nehmend und mit Stahl und Schwamm, den er bei
+sich führte, entzündend — »wie weit ist’s noch bis Heilingen.«
+
+»Eine tüchtige Stunde — wenn der Weg jetzt nicht so schrecklich wäre,
+könnte man’s recht bequem in kürzerer Zeit gehn.«
+
+»Hm — ist noch verdammt weit, puh wie das draußen stürmt; und die
+Pflaumenblüthen pflückt’s beim Armvoll herunter — Pflaumenmuß wird theuer
+werden nächsten Herbst.«
+
+»Das weiß Gott,« sagte Gottlieb — »es wird Alles theuer, immer mehr jedes
+Jahr, langsam aber Sicher.«
+
+»Bah, es geschieht denen recht die hier bleiben, wenn sie nicht hier
+bleiben müssen; ’s giebt Plätze die besser sind.«
+
+»Wollt Ihr auch auswandern?« sagte Gottlieb rasch.
+
+»Auswandern? — nach Amerika? — hm — ich weiß noch nicht,« brummte der
+Fremde, sich den Bart streichend — »es wäre aber möglich daß sie Einen
+noch dazu trieben. Sind das Euere Kinder?«
+
+»Ja. — «
+
+»Habt Ihr noch mehr?«
+
+»Noch einen Jungen von elf und ein halb Jahr.«
+
+»Und Ihr seid ein Weber?« sagte der Fremde mit einem Blick auf den
+Webstuhl — »auch schwere Zeiten für derlei Arbeit, mit einer Familie
+durchzukommen.«
+
+»Ja wohl, schwere Zeiten,« seufzte Gottlieb, als in diesem Augenblick die
+Thür draußen wieder aufging und die Mutter laut ausrief: —
+
+»Der Hans, lieber Himmel kommt der in dem Wetter.«
+
+Es war Hans, der älteste Sohn des Webers, durch und durch naß, aber mit
+frischem gesunden Gesicht und rothen Backen, auf denen das Regenwasser in
+großen Perlen stand.
+
+»Guten Tag mit einander,« sagte er, als er in’s Zimmer trat und die
+triefende Mütze vom Kopf riß — »guten Tag Mutter.«
+
+»Guten Tag Hans, aber wo um Gottes Willen kommst Du in dem Regen her;
+warum hast Du das Wetter nicht bei Lehmann’s abgewartet?«
+
+»Es wurde mir zu spät Mutter und ich war hungrig geworden; habe auch noch
+heute Abend dem Vater etwas zu helfen.«
+
+»Ein derber Junge,« sagte der Fremde, der sich den Knaben indeß mit
+finsterem Blick betrachtet hatte — »kann wohl schon ordentlich mit
+arbeiten.«
+
+»Ach ja, er packt tüchtig mit zu,« sagte der Vater — »lieber Gott in
+jetziger Zeit muß Alles mit Brod verdienen helfen.«
+
+»Die Kinder fressen Einen arm,« sagte der Fremde.
+
+»Habt Ihr Kinder?« frug Gottlieb.
+
+»Ich? — hm, ja,« sagte der Fremde nach einer Pause — »könnte noch Jemandem
+abgeben davon.«
+
+»Ich möchte keins hergeben,« sagte die Frau rasch, und küßte das Jüngste,
+das sie eben wieder aufgenommen hatte um es zu füttern, »Kinder sind ein
+Segen Gottes.«
+
+»Ja — so sprechen die Leute wenigstens,« sagte der Fremde trocken, »aber
+ich glaube es läßt nach mit Regnen; ich werde die Schenke wohl jetzt
+erreichen können.«
+
+»Wollt Ihr nicht vielleicht erst eine heiße Tasse Kaffee trinken?« frug
+die Frau, das Kind auf dem linken Arm, zum Ofen gehend, die dort
+warmgestellte Kanne wieder vorzuholen.
+
+»Danke, danke,« sagte aber der Fremde abwehrend — »kann das warme Zeug
+nicht vertragen; ein Glas Branntwein ist mir lieber.«
+
+»Das thut mir leid,« sagte der Mann, »den kann ich Euch nicht anbieten;
+ich habe keinen im Hause.«
+
+»Thut auch Nichts,« lachte der Fremde; »so lange halt ich’s schon noch
+aus. Sind doch hülflose Dinger so junge Menschen, ehe sie die Kinderschuh
+ausgetreten haben,« setzte er dann hinzu, als das Jüngste das Mäulchen
+nach dem schon einmal gereichten Löffel vorstreckte — »was machte nun so
+ein jung Ding, wenn man es hinsetzte und sich selber überließe.«
+
+»Ach Du lieber Gott,« sagte die Frau bedauernd — »so ein armer Wurm müßte
+ja elendiglich umkommen.«
+
+»Bis den Nachbarn das Geschrei zu arg würde und sie kämen und es
+fütterten,« lachte der Andere.
+
+»Dafür haben die Kinder Eltern,« sagte die Frau, das kleine, die Aermchen
+zu ihr ausstreckende Mädchen liebkosend und küssend, »die sorgen schon
+dafür daß kein Nachbar danach zu sehen braucht.«
+
+»Wenn die aber einmal plötzlich stürben, wie dann?« frug der Fremde, mit
+einem Seitenblick auf die Frau, indem er seinen Rock wieder zuknöpfte und
+sich zum Gehen rüstete.
+
+»Dann ist Gott im Himmel,« sagte Hanne, mit einem frommen
+vertrauungsvollen Blick nach oben.
+
+»Ja, das ist wahr;« sagte der Fremde mit einem leichtfertigen Lächeln,
+»der hat allerdings die große Kinderbewahranstalt. Aber es hat wirklich
+aufgehört mit Gießen,« unterbrach er sich rasch, »den Augenblick will ich
+doch lieber benutzen. So schön Dank für gegebenes Quartier Ihr Leute, und
+gut Glück.«
+
+»Bitte, Ihr habt für Nichts zu danken, behüt’ Euch Gott,« sagte Gottlieb
+freundlich.
+
+»Behüt’ Euch Gott;« sagte auch die Frau, und der Mann, ihnen noch einmal
+zunickend, nahm draußen wieder den nassen Mantel um, drückte sich den
+breiträndigen Hut in die Stirn, griff einen derben Knotenstock, der
+daneben in der Ecke lehnte, auf, und verließ rasch das Haus, die Richtung
+nach der Schenke einschlagend.
+
+»Mich freut’s daß er fort ist,« sagte die Frau, die dem Knaben gerade das
+Essen auf den Tisch setzte und den Kaffee einschenkte — »bewahr uns Gott,
+was hatte der Mann für ein finstres Gesicht und ein barsches Wesen; nicht
+schlafen könnt’ ich die Nacht, wenn ich den unter einem Dach mit mir
+wüßte. In dem Gesicht liegt auch nichts Gutes — und wie er fluchte und
+über die Kinder sprach — ob er nur wirklich selber welche hat.«
+
+»Er sagt’s ja,« bestätigte Gottlieb — »aber mir schien’s ein Fleischer zu
+sein, seinem Gewerbe nach, und die sind immer rauh und derb, meinen’s aber
+nicht immer so bös.«
+
+»So bess’re ihn Gott,« sagte die Frau mit einem Seufzer, »und je seltener
+er unseren Weg kreuzt, desto besser.«
+
+
+
+
+
+ Capitel 7.
+
+
+ NACH AMERIKA.
+
+
+»Nach Amerika!« — Leser, erinnerst Du Dich noch der Märchen in »Tausend
+und eine Nacht«, wo das kleine Wörtchen »Sesam« dem, der es weiß, die
+Thore zu ungezählten Schätzen öffnet? hast Du von den Zaubersprüchen
+gehört, die vor alten Zeiten weise Männer gekannt, Geister heraufzurufen
+aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls sich dienstbar zu
+machen? — Mit dem ersten Klang der einfachen Sylbe schlugen, wie sich die
+Sage seit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner
+zusammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkühne Menschenkind das sie
+gesprochen, bebte zurück vor der furchtbaren Gewalt die es
+heraufbeschworen.
+
+Die Zeiten sind vorüber; die Geister, die damals dem Menschengeschlecht
+gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das
+rechte Wort vergessen sie zu rufen — aber ein anderes dafür gefunden, das
+kaum minder stark mit _einem_ Schlage das Kind aus den Armen der Eltern,
+den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen seinen Verhältnissen und
+Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reißt, in dem es bis dahin mit
+seinen stärksten, innigsten Fasern treulich festgehalten.
+
+»Nach Amerika,« leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der ersten
+schweren, traurigen Stunde entgegen, die seine Kraft prüfen sollte, seinen
+Muth stählen — »nach Amerika,« flüstert der Verzweifelte der hier am Rand
+des Verderbens dem Abgrund langsam aber sicher entgegen gerissen wurde —
+»nach Amerika,« sagt still und entschlossen der Arme, der mit männlicher
+Kraft und doch immer und immer wieder vergebens, gegen die Macht der
+Verhältnisse angekämpft, der um sein »tägliches Brod« mit blutigem Schweiß
+gebeten — und es nicht erhalten, der keine Hülfe für sich und die Seinen
+hier im Vaterlande sieht, und doch nicht betteln _will_, nicht stehlen
+_kann_ — »nach Amerika« lacht der Verbrecher nach glücklich verübtem Raub,
+frohlockend der fernen Küste entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt
+vor dem Arm des beleidigten Rechts — »nach Amerika,« jubelt der Idealist,
+der wirklichen Welt zürnend, weil sie eben wirklich ist, und über den
+Ocean drüben ein Bild erhoffend, das dem, in seinem eigenen tollen Hirn
+erzeugten, gleicht — »nach Amerika« und mit dem einen Wort liegt hinter
+ihnen, abgeschlossen, ihr ganzes früheres Leben, Wirken, Schaffen — liegen
+die Bande die Blut oder Freundschaft hier geknüpft, liegen die Hoffnungen
+die sie für hier gehegt, die Sorgen die sie gedrückt — _»nach Amerika!«_
+
+So gährt und keimt der Saame um uns her — hier noch als leiser, kaum
+verstandener Wunsch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft
+und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht seiner gepackten Kisten und
+Kasten. Der Bauer draußen hinter seinem Pflug, den der nahe Grenzrain der
+ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie so schwer
+geärgert, und der im Geist schon die langen geraden Furchen zieht, weit
+über dem Meer drüben, in dem fetten, herrlichen Land; — der Handwerker in
+seiner Werkstatt, dem sich Meister nach Meister in die Nachbarschaft setzt
+mit Neuerungen und großen, marktschreierischen Firmen, die wenigen Kunden
+die ihm bis dahin noch geblieben in _seine_ Thür zu locken; der Künstler
+in seinem Atelier, oder seiner Studirstube, der über einer freieren
+Entwickelung brütet, und von einem Lande schwärmt wo Nahrungssorgen ihm
+nicht Geist und Hände binden; — der Kaufmann hinter seinem Pult, der
+Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in seinen Büchern zieht und, das
+sorgenschwere Haupt in die Hand gestützt, von einem neuen, andern Leben,
+von lustig bewimpelten Schiffen, von reich gefüllten Waarenhäusern träumt;
+in Tausenden von ihnen drängt’s und treibt’s und quält’s, und wenn sie
+auch noch vielleicht Jahre lang nach außen die alte frühere Ruhe wahren,
+in ihren Herzen glüht und glimmt der Funke schon — ein stiller aber ein
+gefährlicher Brand. Jeder Bericht über das ferne Land wird gelesen und
+überdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend für den Kranken. Vorsichtig
+und ängstlich, und weit herum um ihr Ziel, daß man die Absicht nicht
+errathen soll, fragen sie versteckt nach dem und jenem Ding — nach Leuten
+die vordem »hinüber« gezogen und denen es gut gegangen — nach Land- und
+Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk — für Andere natürlich, nicht für sich
+etwa — sie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen will hinüber, ein
+entfernter Verwandter oder naher Freund, sie wünschen daß es dem wohl
+geht, und häufen mehr und mehr Zunder für sich selber auf.
+
+So ringt und drängt und wühlt das um uns her; keiner ist unter uns, dem
+nicht ein lieber Freund, ein naher Verwandter den _salto mortale_ gethan,
+und Alles hinter sich gelassen, was ihm einst lieb und theuer war — aus
+dem, aus jenem Grund — und täglich, stündlich noch hören wir von anderen,
+von denen wir im Leben nie geglaubt daß _sie_ je an Amerika gedacht, wie
+sie mit Weib und Kind, mit Hab’ und Gut hinüberziehn. Und _dort_? — noch
+liegt ein dichter Schleier über ihrem Schicksal dort, doch Gottes Sonne
+scheint ja überall — Dir aber lieber Leser, greif ich aus dem Leben noch
+hie und da ein paar Freunde heraus, die wir begleiten wollen auf dem
+weiten Weg.
+
+ * * * * *
+
+Oben in der Brandstraße — nicht weit vom Brandthor entfernt, und dem
+Gasthaus zum Löwen schräg gegenüber, wohnte Professor Lobenstein mit
+seiner Familie, in der ersten Etage eines, zwar sehr alten, aber auch sehr
+wohnlich eingerichteten Hauses, das ihm eigen gehörte.
+
+Der Professor war ein Mann, gerade an der anderen Seite der »besseren
+Jahre«, etwa einundfünfzig alt, aber rüstig und gesund, nur erst mit
+einzelnen grauen Haaren zwischen den rabenschwarzen Locken, die ihm über
+die bleiche, aber hohe und geistvolle Stirn fielen, wie mit fast
+jugendlichem, elastischem Gang und Wesen. Ein tüchtiger Kopf dabei, hatte
+er _jura_ und _cameralia_ studirt, und einen großen Schatz von Kenntnissen
+aufgehäuft; auch in manchem, mit schweren mühsamen Nachtwachen erkauften
+Werk der Welt, der undankbaren Welt das Resultat seiner Studien und
+Forschungen gebracht und dargelegt. Unzufrieden aber mit dem Erfolg, und
+der kalten Aufnahme die es gefunden, wandte er sich später wieder von den
+bis dahin bevorzugten juristischen Wissenschaften ganz ab und allein
+seinem Lieblingsstudium den Cameralien zu, in denen er besonders der
+Gewerbskunde seine Thätigkeit widmete, auch mit einem Buchhändler in
+Heilingen eine Gewerbszeitung gründete und herausgab.
+
+Hierin hatte er Unglück; der Buchhändler machte bankerott und er übernahm
+die Zeitung, mit ziemlich großen Verlusten schon, allein.
+
+So vortrefflich aber Professor Lobenstein in der Theorie seiner
+Wissenschaft bewandert sein mochte, so wenig sattelfest war er es in der
+Praxis, und seine Zeitung wollte und wollte keinen Boden gewinnen. Mit
+fabelhaftem Fleiß suchte er dem zu begegnen, umsonst — umsonst auch daß er
+Capital nach Capital in das, zuletzt nur noch zur Ehrensache gewordene
+Unternehmen steckte. Sein Haus bekam Hypothek auf Hypothek und mit einer
+höchst ungünstigen politischen Periode, in der ihm eine große Anzahl
+Abonnenten absprang, trafen ihn auch so bedeutende pecuniäre Verluste, daß
+er sich endlich genöthigt sah sein Blatt vollständig aufzugeben. Es war
+das das schwerste Opfer, das er bis dahin gebracht.
+
+Professor Lobenstein hatte eine ziemlich starke Familie, eine Frau, zwei
+erwachsene Töchter von siebzehn und zwanzig Jahren, einen Sohn von
+achtzehn, und zwei kleinere Kinder, einen Knaben von acht und ein Mädchen
+von sieben Jahren. Wenn auch nicht in Reichthum doch in einem gewissen
+Wohlstand erzogen, war aber der Familie bis jetzt das schwere Wort
+»_Nahrungssorgen_« fremd geblieben; der Professor hatte immer, was man so
+nennt, ein Haus gemacht, und sich in einem Umgangskreis bewegt, der ihnen
+schon an und für sich eine gewisse Verpflichtung auferlegte Manches
+mitzumachen, was seinen, sonst mehr einfachen Neigungen eben nicht
+Bedürfniß schien. Das Alles sollte, ja _mußte_ sich jetzt ändern, denn
+wenn er auch aus den Trümmern seines Vermögens, nach allen erlittenen
+Verlusten, einen kleinen Theil zu retten vermochte, genügte der nicht, das
+bisherige Leben fortzuführen. Die Wahl blieb ihm jetzt allein, von Neuem
+eine Laufbahn mit geringeren Mitteln anzufangen, und sich und den Seinen
+schwere und ungewohnte Entbehrungen an einem Orte aufzuerlegen, wo ihn
+Alles und Jedes an frühere und bessere Zeiten erinnerte oder — es war eine
+schwere Stunde in der ihm das Bild zum ersten Mal vor die Seele stieg — in
+einem anderen Welttheil, ungekannt, aber auch nicht bemitleidet oder
+verspottet, ein vollkommen neues _Leben_ zu beginnen.
+
+Aber die Frauen? — würden sie den Mühseligkeiten einer so langen Reise,
+einer Ansiedlung drüben in einem noch wilden Lande gewachsen sein? — Daß
+er selber die Beschwerden eines solchen Lebens leicht ertragen würde,
+daran zweifelte er keinen Augenblick; er hatte so viel über Amerika
+gelesen, sich mit den dortigen Verhältnissen aus allen erschienenen
+Schriften so vertraut gemacht, daß er Alles kannte was ihn dort erwartete,
+und einem derartigen Wirken eher mit Freude und Lust, als Bangen
+entgegenging; aber durfte er seine Frau all den sie erwartenden
+Unbequemlichkeiten und Strapatzen aussetzen? durfte er seine Töchter aus
+ihrem geselligen glücklichen Leben reißen, und ihnen mit einem Schlage
+alle jene Vergnügungen entziehen, die ihnen hier schon mehr als Erholung,
+die ihnen fast Bedürfniß geworden?
+
+Einen langen und schweren Kampf kämpfte er mit sich selber, Monate lang,
+und er wurde alt in der Zeit; die Augen lagen tief in ihren Höhlen und
+seine Züge bekamen etwas Mattes und Abgespanntes, das sie sonst, in seiner
+schwersten Arbeitszeit noch nie gehabt. Wenn auch die Kinder dabei sich
+leicht mit einem vorgeschützten Unwohlsein beruhigen ließen, dem scharfen
+Blick der Gattin entging die Sorge nicht, die an seinem Herzen heimlich,
+aber desto gewaltiger nagte, und ihren dringenden, ängstlichen Bitten
+konnte er zuletzt nicht länger widerstehen. Was sie doch zuletzt hätte
+erfahren _müssen_, vertraute er ihr an und wenn es die arme Frau auch wie
+ein Schlag aus heiterem Himmel traf, nahm sie das Ganze doch viel ruhiger
+auf als er erwartet, gefürchtet, und damit eine schwere Last von _seinem_
+Herzen — auf das ihre. Aber leichter trägt sich die getheilte, und bereden
+konnten sie jetzt zusammen was zu thun, welchen Weg zu gehen, die
+Möglichkeit besprechen die sich hier ihrem Leben bot, die Möglichkeit
+errwägen, die ihnen dort eine andere freiere Zukunft öffnete. Und die
+Kinder? wohin Mütter und Vater gingen folgten die ja gern; nur die Scene
+wechselte für sie, anderen, vielleicht selbst bunteren Bildern Raum zu
+geben, und Kummer und Sorge kannten die ja nicht.
+
+An demselben Abend waren die beiden ältesten Töchter zu einem kleinen
+Fest, dem Geburtstag einer Freundin, eingeladen und hatten schon den
+ganzen Tag mit rastlosen Fingern an dem bunten blitzenden Ballstaat
+genäht. Der Vater begleitete sie dorthin, nur die Mutter blieb daheim,
+Kopfschmerz vorschützend, und die Sorge um das jüngste Kind, das mit einem
+leichten Unwohlsein in seinem Bettchen lag. Aber gegen zehn Uhr
+schlummerte es sanft und ruhig auf dem weichen Lager ein, und daneben, das
+sorgenschwere Haupt in die Hand gestützt, saß die Mutter und weinte —
+weinte als ob sie mit dieser Thränenfluth all den Gram und Kummer
+fortwaschen wollte, der jetzt, ein dunkler Wolkensaum, am Horizonte ihres
+Glücks erschien, und wild und drohend höher und höher stieg.
+
+Lachend und plaudernd kehrten die Töchter, mit dem Vater spät in der Nacht
+zurück; den leichten, sorglosen Herzen lag die Welt noch, ein weiter
+Garten offen da, und was etwa an wuchernden Giftpflanzen dazwischen stand,
+mischte noch sein fastgrünes Laub, dem jungen Auge nicht erkennbar, mit
+Blum’ und Blüthenpracht.
+
+Aber der Moment näherte sich auch, wo mit der vorgerückten Jahreszeit all’
+die nöthigen und mannichfaltigen Vorbereitungen zu einer so langen Reise,
+zu einer gänzlichen Umgestaltung aller ihrer Verhältnisse, getroffen
+werden _mußten_; auch schien die Zeit eine passende für den Sohn, der, von
+der Schule gerade abgegangen, eben sein Abiturienten-Examen glücklich
+bestanden hatte. Der Vater wünschte allerdings daß er hier erst studiren,
+und ihnen dann später, wenn er etwas Tüchtiges gelernt, vielleicht folgen
+sollte, dachte ihm aber doch die freie Wahl zu lassen, und seinem Herzen
+keinen Zwang aufzuerlegen.
+
+Am nächsten Morgen nach dem Balle nun — es war spät mit Aufstehn geworden
+nach der durchschwärmten Nacht und die zweite Tochter Marie eben erst zum
+Kaffee herübergekommen, während der Sohn das Haus schon, irgend eines
+notwendigen Ganges wegen verlassen hatte — saß der Vater, ungewohnter
+Weise nicht in seiner Studirstube an der Arbeit, sondern im Sopha, aus der
+langen Pfeife den Dampf in weißen Kräußelwolken von sich blasend, und die
+Mutter am Nähtisch, Kleider ausbessernd für das Jüngste, das in seinem
+herübergeschafften Bettchen wieder mit klaren Augen seine Puppe
+schaukelte.
+
+»Schon ausgeschlafen, Väterchen?« sagte Marie als sie, etwas beschämt, die
+Letzte am Kaffeetische Platz genommen, »ich habe wohl recht lange heut
+geschlafen, aber — was ist Dir denn? — und der Mutter auch?« — rief sie
+vom Stuhl wieder aufspringend, als sie das ungewohnte ernste Wesen der
+Eltern gewahrte — »bist Du böse auf mich, Mütterchen?«
+
+»Nein mein Kind,« sagte diese und zwang ein Lächeln auf die Lippen, »aber
+der Vater hat Euch etwas recht Ernstes heute zu sagen, etwas von dem wir
+noch nicht wissen, ob es Euch betrüben wird oder nicht.«
+
+»Der Vater?« rief Marie erschreckt, und auch Anna, die älteste Tochter,
+sah ängstlich zu ihm auf; Professor Lobenstein aber, so in die Enge und
+zum Aeußersten getrieben, hustete, paffte den Dampf ein paar Mal scharf
+vor sich hin, die Pfeife ordentlich in Gluth zu bringen, und sagte:
+
+»Ja Kinder, Ihr wißt — wir — wir haben doch in den letzten Tagen viel über
+Nord-Amerika gesprochen, und auch Manches gelesen — «
+
+»Ja, die herrlichen Romane von Cooper,« rief Marie rasch.
+
+»Und die schrecklichen Berichte im Tageblatt,« lächelte Anna.
+
+»Der Doctor Haide ist ein Esel,« sagte der Professor, den Rauch wieder ein
+paar Mal rasch ausstoßend — »wenn der hätte in Amerika ordentlich arbeiten
+wollen, brauchte er sich jetzt nicht von einer Winkeladvocatur und vom
+Schimpfen auf freisinnige Leute zu ernähren; über dessen Berichte wollen
+wir uns keine Sorgen machen, aber — « er schwieg wieder einen Augenblick
+und sah, wie furchtsam, nach der Frau hinüber. Die jedoch arbeitete um so
+emsiger weiter, und selber mit dem Bedürfniß dem, was ihn schon so lange
+gedrückt, endlich einmal Worte zu geben, fuhr er rasch fort — »ich habe
+eine Frage an Euch zu thun, Kinder — Hättet Ihr — hättet Ihr wohl selber
+Lust hinüber nach — nach Amerika zu gehn?«
+
+»Nach Amerika?« rief Anna rasch und auch wohl erschreckt. Marie aber
+sprang auf, schlug in die Hände und rief jubelnd:
+
+»Nach Amerika? oh das wäre ja prächtig — das wäre herrlich — nicht wahr da
+sind auch Bälle, Väterchen?«
+
+Die Mutter seufzte tief auf und der Vater zog wieder, etwas verlegen an
+der Bernsteinspitze.
+
+»Hm — ich weiß nicht,« sagte er langsam mit dem Kopf schüttelnd — »wo wir
+im Anfang hinwollten, werden wohl keine sein. Hängst Du so an Bällen,
+Marie?«
+
+»Ich tanze gern,« lächelte das junge fröhliche Mädchen etwas verlegen und
+schüchtern.
+
+»Nun tanzen wirst Du dort hoffentlich auch können, mein Kind,« sagte der
+Vater freundlich — »wenn auch nicht gerade gleich auf solchen Bällen wie
+wir sie hier gewohnt sind — das Leben ist dort einfacher.«
+
+»Oh, und bis zum nächsten Fasching sind wir gewiß auch wieder zurück,«
+rief Marie.
+
+Der Vater schwieg erst eine kleine Weile, und sagte dann leise aber
+entschlossen.
+
+»Wir wollen _ganz_ hinüberziehn, mein Kind.«
+
+»Auswandern?« rief die ältere Schwester fast erschreckt — das Wort, dessen
+Bedeutung sie noch gar nicht vollkommen verstand, traf sie mit einem
+unbekannten ahnenden Gefühl von Schmerz und Leid — »und die Mutter?«
+
+»Ihr werdet mich doch nicht wollen allein zurücklassen?« lächelte die
+Frau, sich gewaltsam zwingend über den Schmerz dieser Stunde.
+
+»Mutter!« sagte Anna, warf die Arme um ihren Nacken und küßte sie.
+
+»Und Eduard?« frug Marie.
+
+»Bleibt, wenn er meinem Rathe folgt, noch hier bis er ausstudirt und etwas
+ordentliches gelernt hat,« sagte der Vater — »wo nicht, hat er seinen
+freien Willen und mag uns begleiten; sowie er zu Hause kommt werde ich mit
+ihm sprechen.«
+
+»Aber — « rief Marie — »wer verwaltet unterdessen unser Haus?«
+
+»Wenn wir einmal fort sind von hier,« sagte der Professor ausweichend,
+»kann uns auch das Haus nichts mehr nützen, und ich werde es verkaufen.«
+
+»_Verkaufen_? — unser Haus und den Garten?« riefen Maria und Anna fast wie
+aus einem Munde erschreckt und rasch —
+
+»Unser freundliches Stübchen, wo wir als Kinder gespielt,« setzte Marie
+traurig hinzu.
+
+»Und die Bäume die Vater alle gepflanzt — die Laube, die wir uns selbst
+gebaut, und die so schön geworden ist in diesem Jahr,« sagte Anna leise —
+»verlassen wollt’ ich es ja gern, wenn wir Alle gehn, aber daß fremde
+Menschen jetzt darin hausen sollen, die vielleicht gar nicht wissen wie
+wir das Alles gehegt und gepflegt und — « ihr Blick fiel in diesem
+Augenblick auf der Mutter, halb von ihr abgewandte bleiche Züge, und faßte
+das Blitzen einer heimlich fallenden Thräne. Anna erschrak und wurde
+todtenbleich — hier lag mehr verborgen als man ihnen gesagt, und
+heimlicher Gram, heimliche Sorge nagte an der Eltern Herzen, durfte sie
+die vermehren? Sie schwieg einen Augenblick und sah sinnend vor sich
+nieder, dann aber Mariens Hand ergreifend sagte sie mit leichterem
+vielleicht gezwungen fröhlicherem Ton:
+
+»Aber wir wollen nicht klagen; Vater und Mutter wissen am Besten was sie
+zu thun haben, und was uns gut ist, und dort baut uns Vater dann ein
+anderes Haus, und wir selber pflanzen uns ein neues Gärtchen, schöner als
+das unsere hier.«
+
+»Aber ich bliebe hier, wenn ich an Vaters Stelle wäre,« schmollte Marie,
+»und was wird Herr Kellmann dazu sagen, wenn er es erfährt? der ist so
+immer gegen Amerika, und hat sich schon oft mit Vater darüber gezankt.«
+
+»Ach der macht mir die geringste Sorge,« sagte Anna in ihrem Schmerz
+lächelnd — »wenn man _für_ Amerika spricht, schimpft er aus Leibeskräften,
+und citirt Gott weiß was für Stellen aus Briefen und Zeitungen, alles
+Günstige zu widerlegen, oder wenigstens stark zu bezweifeln, und kommt
+Jemand der das Land ordentlich angreift, dann hab’ ich auch schon gesehn,
+daß er den Handschuh wacker dafür aufnimmt, und man wirklich glauben
+sollte er bekäme so und so viel für den Kopf, Leute zu bereden
+hinüberzuziehn. Das ist ein wunderlicher Kauz, der die meiste Zeit selber
+nicht weiß was er will, und ich glaube, wenn es Jemand recht ordentlich
+bei ihm darauf anlegte, könnte man ihn selber, nur durch Widersprechen,
+dahin bringen, daß er in eigener Person hinüberginge.«
+
+»Herr Kellmann?« lachte Marie — »nun _den_ möcht’ ich in Amerika sehn.«
+
+»Und wer weiß, ob Dir das nicht noch passirt,« bestätigte der Vater, mit
+dem Kopfe nickend.
+
+»Und darf ich mein neues seidenes Kleid mitnehmen, Mama?« frug das junge
+lebenslustige Mädchen jetzt die Mutter — »hier lassen möcht’ ich es doch
+nicht gern, und drüben im Wald — «
+
+»Liebes Kind, wir werden auch nicht mitten in den Wald gehn,« sagte die
+Mutter, die indessen heimlich die verrätherische Thräne aus dem Auge
+geschüttelt, freundlich dabei der zu ihr getretenen Tochter die Stirn
+streichend und küssend, »denkt es Euch nicht so schlimm. Der Vater wird
+uns schon einen Platz aussuchen, wo wir wenigstens unter Menschen und der
+Cultur nicht ganz verschlossen sind — er hielte es ja dort sonst selber
+nicht aus.«
+
+»Aber warum gehst Du nur, Väterchen?« bat Marie — »es ist doch hier so
+wunderhübsch in Heilingen, und was wir da drüben haben, wissen wir noch
+nicht.«
+
+Der Professor, zu dem Anna ängstlich aufsah, hatte seinen Sitz verlassen
+und ging, langsam dabei mit dem Kopf nickend, im Zimmer auf und ab; er
+fühlte daß er, auch den Töchtern gegenüber, diesen eine Erklärung seines
+Handelns schuldig sei, denn er riß sie aus einem liebgewonnenen Leben
+heraus, und führte sie vielen, vielen Entbehrungen — er durfte sich das
+nicht leugnen — entgegen. Von ihrer späteren Haltung dabei hing auch viel
+ihrer Aller Glück, ihrer Aller Zufriedenheit ab, und sie waren alt genug
+ihrem Urtheil zu vertrauen. Aber es kostete ihm der Entschluß einen
+schweren Kampf, und wo ihm die Frau war auf halbem Weg entgegen gekommen,
+fürchtete er hier gerade, nicht Widerstand zu finden, denn dafür hatten
+sie ihn zu lieb, aber Schmerz und Sorge zu wecken in den jungen Herzen,
+denen er die ungebetenen Gäste gern noch fern gehalten hätte so lang als
+möglich. Sie standen jedoch an einem wichtigen, bedeutungsvollen Abschnitt
+ihres Lebens, und mußten _sehen_, wohin der Weg sie führte.
+
+In kurzen, einfachen Worten, frei vom Herzen weg, und zu den Herzen
+sprechend, weil sie aus dem Herzen kamen, schilderte er ihnen jetzt die
+veränderte Lage in die er, durch das gezwungene Aufgeben seiner
+Zeitschrift sowohl, wie durch manche schwere, ihn betroffene Verluste
+gekommen. Er verheimlichte ihnen nicht länger daß er einen Theil — einen
+großen Theil seines Vermögens eingebüßt, und das ihm selber liebe Haus
+nicht verkaufen würde, wenn ihn eben nicht — die Verhältnisse dazu
+_zwängen_. Aber noch blieb ihnen genug nach einem fernen Welttheil
+überzusiedeln und dort, mit bescheideneren Bedürfnissen, von Neuem zu
+beginnen; Amerika mit seiner ungeheuren Lebenskraft bot ihnen nach allen
+Seiten hin die Möglichkeit der Existenz, und das gut und zweckmäßig
+angelegte kleine Capital konnte dort gute Zinsen tragen für spätere Zeit.
+Hatten sie sich dann etwas verdient, waren die Hoffnungen, mit denen sie
+hinüber gingen, Wahrheit geworden, und sehnte sich ihr Herz noch nach dem
+Vaterland, wer hinderte sie dann zurückzukehren zu den theueren Plätzen,
+die ihnen ewig lieb bleiben würden in der Erinnerung?
+
+Dem Professor war es leichter um die Brust geworden, wie er das Eis nur
+erst gebrochen. Selbst überzeugt von dem was er sprach, wurde er warm,
+indem er den Gedanken weiter dachte, und seine Phantasie verlor sich
+zuletzt sogar, Luftschlösser aufbauend, zauberschnell in weiter Ferne. Der
+Professor ging mit dem Menschen durch, und die leicht gerötheten Wangen
+belebte ein eigenes, inneres Feuer. Und die Mutter saß dabei, still und
+schweigend, und ängstlich bemüht, in der wiederaufgenommenen Arbeit die
+eigene Bewegung zu verbergen. Marie und Anna aber, die des Vaters Hände
+erfaßt und in den ihren hielten, schmiegten ihre Häupter an seine
+Schultern und flüsterten; die großen, zu ihm aufgeschlagenen Augen voll
+von Thränen.
+
+»Genug, genug, Väterchen; mal’ uns das Alles nicht so prächtig aus — wohin
+Du und Mutter gehn, gehn auch wir, und wär’ es mitten hinein in den
+wildesten Wald. Kein unzufriedenes Wort sollst Du dabei von uns hören,
+keine Klage, kein böses Gesicht weiter — keine Thräne — nur die hier sind
+uns so ganz von selber über die Backen gelaufen, weil wir die Mutter
+weinen sahen. Mit Lieb und Lust wollen wir das Leben dort beginnen — «
+
+»Und Kühe und Hühner schaffen wir uns an!« rief Marie, »und die Kühe
+melken wir selber und machen Butter und Käse.«
+
+»Wie gut,« sagte Anna, daß wir im vorigen Jahr auf dem Land bei der Tante
+waren, und dort das Alles zum Spaß gelernt haben; jetzt wird es uns
+nützen.«
+
+»Aber nicht wahr, Mütterchen, nun weinst Du auch nicht mehr,« rief Marie,
+zur Mutter hinübergleitend, ihren Arm um deren Nacken legend und sie
+küssend — »drüben wird schon Alles hübsch werden. Und ein paar von den
+großen Holzschuhen nehm’ ich mir mit, wie sie die Bauern tragen, für
+draußen bei nassem Wetter; hei wie wir da herumpatschen wollen und
+schaffen und arbeiten; und plätten thun wir auch selbst, dafür nimmst Du
+kein Mädchen mehr.«
+
+Den frohen, leichten Herzen schwammen schon die gewaltigen Umrisse ihrer
+ganzen fernen, so ungewissen Zukunft, in den einzelnen bunten
+Kleinigkeiten zusammen, die ihrem Geist, von dem Reiz der Neuheit mit
+frischem Duft überhaucht, entstiegen. Nur die Lichtpunkte erspähte der, in
+die Ferne arglos hinausschauende Blick, und die goß er sich lustig
+zusammen zu einem Ganzen: was dahinter lag, der düstere Hintergrund, den
+das erfahrenere Mutterauge wohl erkannt, diente ihnen nur dazu die
+einzelnen Lichter stärker hervorzuheben, deutlicher erkennen zu können,
+und der Himmel spannte sich blau und rein über ihren glücklichen Häuptern.
+
+
+
+
+
+ Capitel 8.
+
+
+ DER TANZ IM ROTHEN DRACHEN.
+
+
+Drei volle Monat waren nach den, in den vorigen Capiteln betriebenen
+Scenen verflossen, und der Diebstahl im Dollingerschen Hause zu Heilingen,
+der eine ganze Woche lang fast das alleinige Stadtgespräch gebildet, wurde
+kaum noch erwähnt. Der vermuthete Dieb (gegen den aber allerdings
+nachträglich keine weiteren Beweise aufgefunden worden), war zwei Tage
+nach dem Sturz von der Brücke an seiner Kopfwunde gestorben; er hatte die
+beiden Tage vollkommen bewußtlos gelegen, und kein Wort mehr gesprochen.
+Das übrige Geld aber — außer den zweihundert und einigen Thalern — wie die
+vermißten Pretiosen, konnten, trotz den genausten Nachforschungen nirgends
+aufgefunden werden, und hatte er es wirklich gestohlen, so ließ sich jetzt
+gar nichts Anderes vermuthen, als daß er es irgendwo an einer heimlichen
+Stelle vergraben, und außer Sicht gebracht habe.
+
+Actuar Ledermann hatte dabei ganze Actenstöße über den Fall geschrieben —
+man wußte wirklich nicht wo er nur den Stoff dazu herbekommen; aber mit
+dem üblichen Canzleistyl wurde die Sache, der jede gründliche Vorlage
+mangelte, nach Möglichkeit gereckt und ausgedehnt und dann, als sich
+Nichts weiter darüber ergab, mit starkem Bindfaden umschnürt und
+etiquettirt, um später vielleicht, mit Jahreszahl und Nummer versehn, in
+irgend ein staubiges Gefach geschoben zu werden, dort ein Jahrhundert
+fortzuträumen, — wie der Verstorbene unter dem Rasen, dicht an der
+Kirchhofsmauer, an die er, ohne Sang und Klang damals, noch vor Tag, still
+und heimlich hinausgeschafft worden.
+
+Die Geistlichkeit von Heilingen hatte dem Unglücklichen allerdings sogar
+dies »ehrliche Begräbniß« versagen und den Körper der Anatomie
+überantworten wollen, da er unter dem Verdacht eines schweren Diebstahls
+und gewissermaßen als Selbstmörder seinen Tod gefunden — was kümmerte die
+stolzen Geistlichen die duldende Liebe die Christus gelehrt, wo _ihre_
+Autorität Gefahr leiden konnte gekränkt zu werden, und sie hatten einmal
+verordnet, daß solchen Sündern ein »christliches Begräbniß« versagt werden
+solle; aber die Polizei war milder und verständiger als die »Diener des
+Höchsten« und erklärte den Tod des Armen für keinen Selbstmord, indem er
+nur »auf der Flucht« umgekommen, während wahrscheinlich der ihm
+beigegebene Wächter die allerdings unschuldige, und nicht zur
+Verantwortung zu ziehende direkte Ursache, seines Todes gewesen sei.
+
+Aber fort — fort mit den traurigen Bildern; das menschliche Leben hat der
+dunklen Seiten so viele, und sie drängen sich uns doch auf, wohin wir
+gehen — nur der Augenblick gehöret uns, und nicht muthwillig wollen wir
+den Schmerz suchen. So mag mir der Leser denn noch einmal zum rothen
+Drachen hinaus folgen — es dauert vielleicht lange, ehe wir den Platz
+wieder zu sehn bekommen — und dort tönt heut fröhliche Musik aus dem
+hellerleuchteten Saal des großen Hauses, der mit Guirlanden und Blumen und
+jungen Birkenreisern festlich geschmückt ist, indeß ihn eine muntere, laut
+und lustig durcheinander wogende Schaar belebt.
+
+Kaum eine Viertelstunde — oder eine »halbe Pfeife Tabak«, wie die Bauern
+sagten — vom rothen Drachen entfernt, lag Schloß Hohleck an der anderen
+Seite des nämlichen Hügelrückens, das gegenüber liegende Thal
+überschauend, und der Besitzer desselben, Graf von Hohleck, feierte heute
+die Vermählung seines ältesten Sohnes, der dabei das Gut selber übernahm,
+und nun seinen Leuten dem Tag zu Ehren ein Fest »in der Schenke« gab. Bier
+und Branntwein waren dabei zu freier Verfügung gestellt, und ein starkes
+Musikchor aus der Stadt engagirt worden, den Leuten die ganze Nacht
+hindurch zum Tanze aufzuspielen — und sie machten Gebrauch davon.
+
+Aber auch aus Heilingen selber hatten sich eine Menge Gäste eingefunden,
+dem muntern Leben und Treiben der fröhlichen Menschen zuzuschauen, und
+während der untere Gartensaal einzig und allein den Dienstleuten des
+Rittergutes eingeräumt war, zu dem den Stadtleuten jedoch gastlich der
+Zutritt gestattet wurde, hatten sich die letzteren noch besonders in einem
+paar der kleineren Stuben festgesetzt, wo sie ihren Wein oder ihr Bier
+tranken oder auch eine Parthie spielten, die Zeit auszufüllen.
+
+Zu den Gästen aus der Stadt gehörten auch mehre unserer alten Bekannten,
+unter ihnen Kellmann und Schollfeld, zwei Stammgäste des rothen Drachen.
+Ledermann war ebenfalls, wenn auch später, herausgekommen und ihnen hatte
+sich noch der Auswanderungsagent Weigel — sehr zum Aerger Schollfeld’s,
+der ihn nicht ausstehen konnte — zugesellt. Weigel blieb aber nicht ruhig
+an ihrem Tisch sitzen, sondern ging ab und zu, und hatte sein Glas nur mit
+bei ihnen stehn, gewissermaßen seinen Platz zu belegen.
+
+Ledermann war übrigens heute sehr still und niedergeschlagen, er hatte
+sein einziges Kind vor etwa vierzehn Tagen verloren, und schien sich das
+sehr zu Herzen zu nehmen, erklärte auch nur herausgekommen zu sein, sich
+ein wenig zu zerstreuen und die Gedanken los zu werden, die ihn in der
+Stadt drin peinigten.
+
+Uebrigens war ihm in den letzten Tagen höchst unerwarteter Weise eine
+kleine Erbschaft von 600 Thalern zugefallen und Schollfeld, der heute
+Abend außergewöhnlich gut aufgeräumt schien, versuchte jetzt sein Bestes
+des Freundes Grillen oder trübe Gedanken ebenfalls zu verscheuchen.
+
+»Hören Sie einmal Ledermann,« begann er, mit dem Deckel seines Kruges
+klappend und mehr Bier verlangend — »wie ist denn die Geschichte nun mit
+den 600 Thalern? — beiläufig gesagt schneiden Sie ein Gesicht dabei, als
+ob Sie Schwefelsäure verschluckt hätten.«
+
+»Er hört nicht einmal,« sagte Kellmann, als der Actuar kein Wort darauf
+erwiederte, und die Anrede in der That gar nicht verstanden zu haben
+schien — »Ledermann, Mensch, wo sind Sie jetzt mit Ihren Gedanken, im
+rothen Drachen bei Heilingen, im Monde, oder in Amerika?«
+
+»Wo?« sagte der Actuar, rasch und fast verstört aufschauend, als aber die
+Anderen laut lachten, schüttelte er mit dem Kopf und seinen Krug nehmend
+und trinkend sagte er ruhig und ernst:
+
+»Ach laßt mich zufrieden Kinder — ich habe den Kopf voll, und bin
+wahrhaftig heute Abend nicht zum Spaßen aufgelegt.«
+
+»Nicht zum Spaßen aufgelegt?« rief aber Schollfeld, Kellmann unter dem
+Tisch anstoßend — »ist auch gar nicht nöthig mein lieber Actuar — wir
+spaßen auch hier gar nicht; Jemand aber, der eine Erbschaft macht und
+irgendwo Stammgast ist, überkommt dabei die moralische Verpflichtung
+irgend etwas zum Besten zu geben, und es bleibt ein Skandal, daß man einen
+solchen Glückspilz auch nur noch daran erinnern muß. Hat der Henker da
+wieder den Schleicher, den Weigel,« unterbrach er sich aber plötzlich mit
+etwas leiserer Stimme, als er sah wie dieser das Zimmer wieder betrat, und
+sich ihrem Tische zuwandte — »ich hatte schon gehofft wir würden ihn heute
+Abend los sein; jetzt ist _mein_ Vergnügen beim Teufel.«
+
+»Nun meine Herren, noch so fröhlich beisammen?« sagte Weigel jetzt, indem
+er zum Tisch trat — »ah, da sind ja der Herr Actuar auch noch dazu
+gekommen — bitte behalten Sie ja Platz, ich rücke ein klein wenig hier
+herüber — so — das geht vortrefflich. Nun, der Herr Actuar haben in diesen
+Tagen ein großes Glück gehabt — da darf man ja wohl gratuliren.«
+
+»Danke herzlich,« sagte Ledermann ruhig; »es wird übrigens so viel von den
+paar hundert Thalern gesprochen, als ob’s eben so viel Tausende wären.«
+
+»Ih nun, das lassen Sie gut sein,« sagte aber Weigel, mit dem Kopf
+schüttelnd — »sechshundert Thaler richtig angewandt könnten in der That in
+kurzer Zeit zu so viel Tausenden werden.«
+
+»Wenn man sich Sächsische Löbau-Zittauer Eisenbahnactien dafür kaufte,
+nicht wahr?« sagte Schollfeld, das Gesicht halb in den ebengebrachten Krug
+versteckt, und einen grimmigen Blick über den Rand desselben hin, nach dem
+Auswanderungsagenten schießend.
+
+»Nun das gerade nicht,« schmunzelte Herr Weigel, sein Glas ein wenig
+weiter auf den Tisch schiebend, und sich die Hände reibend, »da wüßte ich
+doch noch eine bessere Speculation.«
+
+»Und die wäre,« sagte der Actuar, seitwärts zu ihm aufschauend.
+
+»Wenn Sie sich eine kleine Farm in Amerika kauften.«
+
+»Puh!« rief Schollfeld, verächtlich den Kopf abwendend, »jetzt sein Sie so
+gut, kommen Sie uns hier nicht mit Ihrer alten Leier von dem verdammten
+Amerika, und verderben Sie uns das Bier nicht — hier ist auch Nichts zu
+verdienen, denn von uns geht doch keiner hinüber.«
+
+»Lieber Herr Schollfeld,« sagte aber Weigel mit großer Ruhe, »von _uns_
+weiß noch Niemand was er nächstes Jahr thun wird, und verschwören läßt
+sich so eine Sache nun einmal gar nicht — Amerika ist immer noch ein
+Zufluchtsort.«
+
+»Ja für die Spitzbuben und Hallunken, _da_ haben Sie recht!« rief der
+Apotheker.
+
+»Ne lieber Herr Weigel!« rief aber auch Kellmann jetzt — »mit sechshundert
+Thalern kann ich da drüben auch Nichts anfangen, und bin dann noch
+obendrein bei jedem Schritt und Tritt der Gefahr ausgesetzt, daß ich
+betrogen und hintergangen werde. Man kann dort ja nicht einmal seinem
+eigenen Bruder trauen.«
+
+»Aber mein bester Herr Kellmann, das sind die unglückseligen Ideen, die
+von — na, ich will keinen Namen nennen — ausgesprengt werden, um die Leute
+blind zu machen, rein blind. Sie sollen eben nicht sehen was für
+Vortheile, für fabelhafte Vortheile dort gerade für sie zu Tage liegen,
+und die Gerüchte von dort verübten Betrügereien hängen eben als
+Vogelscheuche über den Erbsen. Wir haben _hier_ eben so viele schlechte
+Charaktere wie in Amerika.«
+
+»Ob eben so _viel_, will ich dahingestellt sein lassen,« sagte Schollfeld
+mit einem nichts weniger als freundlichen Seitenblick auf den Agenten —
+»aber eben so schlechte gewiß.«
+
+»Nun also,« erwiederte Weigel freundlich, ohne auf den Hieb einzugehn, ja
+im Gegentheil die Waffe lächelnd umdrehend — »sehn Sie, selber Herr
+Schollfeld stimmt mir darin bei.«
+
+»Ja aber nicht wie _Sie_ es meinen!« rief da Schollfeld entrüstet,
+keineswegs gesonnen sich die Worte so im Munde verdrehen zu lassen.
+
+»Von den Betrügereien will ich noch gar Nichts sagen,« unterbrach ihn aber
+Kellmann, ziemlich in Eifer — »was ich dagegen sehr guten Grund habe zu
+bezweifeln, sind die billigen Landkäufe, sind dabei die Erleichterungen,
+welche diese republikanische Regierung allen möglichen Gewerken und
+Unternehmungen bietet, die geringen Taxen, der freie Verkehr und Umsatz im
+Innern. Das wird Alles ausgemalt mit Gold und Silber und Himmelblau, und
+kommt man am Ende hinüber, so hat man die ganze nämliche Geschichte wie
+bei uns. Daß all das nichtsnutzige Gesindel dort ohne _Paß_ herumlaufen
+darf, mag wahr sein, das halte _ich_ aber eben für keinen Fortschritt.«
+
+»Verehrtester Herr Kellmann!« rief aber Weigel in Eifer — »gegen
+_Thatsachen_ können wir doch nicht anstreiten; wir wollen doch nicht blind
+und taub mit dem Kopf gegen die nächste, und womöglich härteste Wand
+rennen? wir sind doch vernünftige Menschen, aber haben Sie nicht alle die
+neueren Schriften jetzt gelesen, die — «
+
+»Ach gehn Sie mit Ihren Schmierereien,« rief aber Schollfeld, dem das
+Gespräch jetzt zur Last wurde, »für einen Thaler den Bogen malen ihnen die
+lumpigen Literaten selbst die Hölle himmelblau an, und kleben von oben bis
+unten Sterne drüber. Laßt mir jetzt Euer Geschwätz von Amerika hier, oder
+ich stehe, Gott straf mich, auf, und setze mich wo anders hin.«
+
+»Nun, jeder darf sich hinsetzen wo es ihn gerade freut,« sagte Weigel,
+wirklich etwas beleidigt, obgleich er sonst einen ziemlichen Theil
+vertragen konnte.
+
+»Ja leider,« sagte aber Schollfeld, mit wieder einem Seitenblick auf den
+Agenten, der diesen doch jetzt vermochte aufzustehn und sein Bier
+auszutrinken.
+
+»Herr Schollfeld,« sagte er dabei, »Sie sind in der Stadt als ein
+Antiamerikaner bekannt, und ich glaube Sie würden den Leuten eher zu einer
+Auswanderung nach Sibirien wie nach Nordamerika rathen.«
+
+»Würde ich auch,« sagte Herr Schollfeld trotzig, sich den Hut noch fester
+in die Stirn drückend.
+
+»Nun ja, der Geschmack ist verschieden — Jeder weiß am Besten wohin er
+gehört, und dahin treibt ihn der Instinkt,« sagte Herr Weigel
+achselzuckend, indem er den Tisch verließ, und Kellmann erwischte eben
+noch zur rechten Zeit Schollfeld hinten am Frackzipfel, der aufspringen
+und dem sich rasch entfernenden Weigel nach wollte.
+
+»Aber so fangen Sie hier doch um Gottes Willen keinen Skandal mit dem
+Menschen an!« rief Kellmann leise und bittend.
+
+»Instinkt treibt?« rief aber Schollfeld jetzt, da er sich hinten,
+vielleicht gern, gehalten fühlte — laut hinter dem Davoneilenden her —
+»Sie wird bald ’was anders treiben Sie — Sie _Seelenverkäufer_ Sie!«
+
+»Pst!« rief aber auch der Actuar jetzt, ihn rasch zu sich niederziehend —
+»Sind Sie denn ganz vom Bösen besessen Apotheker? auf das Wort könnte er
+Ihnen, wenn er’s noch gehört hätte, die schönste Injurienklage an den Hals
+hängen.«
+
+»S’ist aber wahr — der Lump!« rief Schollfeld ärgerlich, den leeren Krug
+zum hastigen Trunk aufhebend, und denselben dann laut auf den Tisch
+aufstoßend — »es ist ein Seelenverkäufer, der Kerl, und um einen Thaler
+beschwatzt er das Kind, daß es die Eltern, den Mann, daß er die Frau
+verläßt — hier Kellner, noch ein Glas Bier. — Sprecht mir von Raubmördern
+und Straßenräubern, gegen die das Gericht einschreitet und ihnen das
+Handwerk legt — allen Respect vor einem Mann, der es den Leuten geradezu
+in’s Gesicht wirft, »ich _bin_ ein schlechter Kerl — ich stehle wo ich’s
+bekommen kann, und wo ich’s nicht gutwillig kriege mord’ ich auch; aber
+solche heimliche Hallunken sind die Upasbäume der menschlichen
+Gesellschaft — sie vergiften was sie erreichen können, und von außen geben
+sie sich das Ansehen eines ehrlichen Baumes und haben grüne Blätter und
+glatte Rinde. Gegen _die_ Schufte sollte eingeschritten werden, nicht mit
+Geldstrafen oder Gefängniß, nein mit Knute und Strang —
+Himmeldonnerwetter, wenn ich da ’was in der Regierung zu befehlen hätte.«
+
+»Sie würden schöne Geschichten anrichten, kann ich mir etwa denken,« sagte
+der Actuar trocken, »s’ist so schon manchmal wie’s ist. Lassen Sie doch
+jeden seinen Weg gehn in der Welt; der liebe Gott weiß wohl wozu’s gut
+ist. Blutigel sind auch unangenehme Geschöpfe in der Naturgeschichte, und
+doch verwendet sie die Natur wieder zu höchst nützlichen und nothwendigen
+Zwecken; denken Sie sich so ein Individuum wäre ein menschlicher
+Blutigel.«
+
+»Dann trink’ ich aber nicht mein Bier an einem Tisch mit ihm,« rief der
+Apotheker.
+
+»Bah, das ist wieder zu weit gegangen,« sagte Kellmann, »viel zu weit
+gegangen. ’Was Schlechtes können Sie dem Mann überhaupt nicht nachsagen,
+denn daß er für Amerika wirbt, ist einesteils sein Geschäft, anderntheils
+seine Ansicht, und er könnte Ihnen von _seinem_ Standpunkt aus dann
+ebensogut wieder vorwerfen, daß Sie eine Menge Menschen absichtlich
+unglücklich machten, die sie von einer Auswanderung nach jenem Lande
+abhielten.«
+
+»Unsinn — baarer Unsinn!« rief aber Schollfeld, unwillig den Kopf herüber
+und hinüber werfend — »Jemand unglücklich machen, daß man ihm von einer
+Auswanderung nach Amerika abräth, wäre gerade so, als ob ich als eines
+Menschen Mörder betrachtet würde, den ich abhalte aus dem dritten Stock
+auf die Straße zu springen. Aber hol den Lump der Henker,« brach er kurz
+und ärgerlich ab, »ich war so guter Laune und jetzt hat er mir den ganzen
+Abend verdorben. — Nach Sibirien auswandern — « brummte er dabei,
+während er eine neue Cigarre aus der Tasche nahm und sie an dem, auf dem
+Tisch stehenden Licht entzündete — »Holzkopf der — nach Sibirien
+auswandern — ich will nur einmal in den Saal gehn und sehn wie sie’s da
+treiben, daß man auf andere Gedanken kömmt — ich bin bald wieder da.« Und
+von seinem Stuhl aufstehend verließ er langsam, und immer noch vor sich
+hin murmelnd, das Zimmer.
+
+Der Actuar stand ebenfalls auf und nahm seinen Hut.
+
+»Na nu?« sagte aber Kellmann erstaunt — »was ist das für eine Wirthschaft
+heut Abend? Schollfeld läuft fort, Lobsich hat sich gar nicht sehen
+lassen, und Sie wollen jetzt auch Fersengeld geben? wo bleibt denn da
+heute Abend unser Solo? — wir können doch nicht wie die Pferde zu Bette
+gehn, ohne unsere Parthie gespielt zu haben?«
+
+»Mir ist heute nicht wie spielen,« sagte der Actuar, langsam mit dem Kopfe
+schüttelnd, »ich habe auch Kopfschmerzen, und an der frischen Luft wird
+mir wohl besser werden.«
+
+»Fort dürfen Sie aber noch nicht,« sagte Kellmann, indem er sein Bier
+austrank, und ebenfalls aufstand, »da wollen wir lieber einmal unten im
+Garten auf und ab gehn.«
+
+Der Actuar zögerte einen Augenblick, dann aber legte er schweigend seinen
+Arm in den Kellmann’s und beide Freunde gingen mitsammen die Treppe
+hinunter.
+
+Es war indessen vollkommen dunkel geworden, und die Leute hatten sich, des
+feuchten Abends, wie des im Saal wogenden Tanzes wegen, meist alle aus dem
+Garten hinaus, und in die mehr geschützten Räume der Gebäude gezogen. Nur
+hie und da saß noch irgend ein kosendes Pärchen in einer Laube, oder
+schwärmte auch wohl auf dem Vorbau des Gartens nach dem, gerade über dem
+nebelgefüllten Thal jetzt aufzeigenden Vollmond hinüber, dessen große
+rothe Scheibe sich glühend aus den Bergen hob, und das weite,
+thaublitzende Thal überschaute.
+
+Kellmann ging ruhig neben dem still vor sich nieder schauenden Freund her,
+bis sie den breiten Fußweg der schönen ebenen Chaussee erreichten, und
+eine kleine Strecke derselben hinauf gewandert waren; dann aber blieb er,
+diesen zurück haltend, plötzlich stehen, und sagte mit freundlichem,
+herzlichen Ton:
+
+»Aber lieber Ledermann, Sie dürfen sich Ihrem Schmerz um das Kind nicht so
+ganz und rücksichtslos hingeben; lieber Gott ich begreife daß es ein
+schwerer, recht schwerer Verlust ist, aber Gott hat’s gegeben und Gott
+hat’s genommen, und wer weiß ob dem kleinen lieben Wesen dadurch nicht
+vielleicht ein recht trübes und schmerzliches Dasein erspart wurde.«
+
+»Es ist nicht das Kind, Kellmann,« sagte aber der Actuar, leise mit dem
+Kopf schüttelnd, »nicht der Tod meiner kleinen Adele nagt mir jetzt am
+Herzen, obgleich der da oben weiß wie weh er mir gethan — nein, ich halte
+ihn sogar unter den jetzigen Verhältnissen, in denen ich lebe, für ein
+_Glück_, und es ist _furchtbar_, daß ich gezwungen bin so etwas von dem
+Tod meines eigenen, einzigen Kindes zu sagen.«
+
+»Aber was, um Gottes Willen, haben Sie _denn_?« rief Kellmann, verwundert
+vor ihm stehen bleibend und ihn anschauend. »Irgend etwas _ist_
+vorgefallen, aber was? — etwa wieder zu Hause der alte wunde Fleck?«
+
+Ledermann nickte finster und schweigend mit dem Kopf.
+
+»Aber was _will_ sie denn eigentlich,« rief Kellmann finster die Brauen
+zusammen und seinen Arm aus dem des Freundes ziehend, um besser
+gesticuliren zu können — »Wetter noch einmal, Ledermann, Sie hätten da
+schon lange ernst und entschieden auftreten sollen, die Sache ist jetzt
+schon viel zu weit eingerissen, und die Frau bringt sie, wenn das so fort
+geht, wahrhaftig noch unter die Erde.«
+
+»Ernst und entschieden auftreten? — lieber Gott,« stöhnte der Actuar
+kopfschüttelnd — »soll ich mir denn die letzte leiseste Hoffnung auf
+einen, nur möglichen Hausfrieden selber muthwillig vernichten? — _Sie_
+haben gut reden; _Ihr_ Geschäft ist in Ihrer eignen Wohnung, und Ihre
+Erholung gestattet Ihnen, _die_ außerhalb desselben zu suchen, ich aber
+sitze und schwitze den ganzen lieben ausgeschlagenen Tag auf dem
+verwünschten Bureau, und komme ich dann Abends zu Hause, und sehne mich
+nach einer halbstündigen gemüthlichen Ruhe, so beginnt die Frau, und wenn
+sie eine Ursache aus der Luft greifen sollte, mir das Leben zu einer Hölle
+zu machen. Lieber Gott, es fiele mir ja gar nicht ein Abends in ein
+Wirthshaus zu gehn, wenn ich Frieden daheim hätte; es giebt vielleicht
+wenig Menschen in der Welt, die sich so nach einem stillen, häuslichen
+Leben sehnen, wie gerade ich, und keinen, Kellmann, keinen weiter, dem es
+_so_ verbittert, so gänzlich aus dem Fenster geworfen wird, jeden Abend
+wieder von Frischem, wie gerade mir.«
+
+»Aber was ist denn nur vorgefallen?«
+
+»Das Ganze ist mit wenig Worten erzählt,« sagte der Actuar nach kurzer
+Ueberlegung entschlossen, »und Sie sollen mir rathen, wie ich im Stande
+bin mich einem Zustand zu entziehn, der mir unerträglich wird. Sie haben
+gehört daß ich von einem entfernten Verwandten sechshundert Thaler geerbt,
+die ich in den nächsten Wochen ausgezahlt bekomme. Das Vernünftigste nun
+wäre das Geld in irgend einem _sichern_ Staatspapier, oder in guten Actien
+anzulegen, und mit den wenigen, aber gewissen Zinsen meinen, überdies
+ärmlichen Gehalt zu erhöhen — ich habe fünfhundert Thaler jährlich und
+weiß bei Gott oft nicht wie ich auskommen soll.«
+
+»Nun gut, das ist ja Alles so schön und glatt wie es nur sein kann.«
+
+»Jawohl, aber meine Frau besteht darauf das Capital ihrem Bruder geben zu
+wollen, der ein Geschäft hat und mir _fünf_ Procent verspricht.«
+
+»Ih nun, wenn es da sicher angelegt ist — fünf Procent wäre aller Ehren
+werth.«
+
+»Aber es _ist_ nicht sicher angelegt; der Bursche ist ein liederlicher
+leichtsinniger Mensch, der schon einmal Bankerott gemacht hat und — wie
+ich ziemlich guten Grund habe zu vermuthen — an der Grenze eines zweiten
+steht.«
+
+»Ahem,« sagte Kellmann nachdenkend.
+
+»Geb ich _ihm_ das Geld,« fuhr der Actuar fort, »so ist es über Jahr und
+Tag, so sicher wie dort drüben der Mond aufgeht, verloren, und geb’ ich es
+ihm _nicht_, so weiß ich daß mir die Frau zu Hause den eignen Heerd zur
+Hölle macht.«
+
+»Aber Donnerwetter, Ledermann, nehmen Sie mir das nicht übel,« sagte
+Kellmann stehen bleibend, »da würde ich denn doch einmal einen Trumpf
+darauf setzen und mein Recht als Mann und Herr im Hause wahren; nur durch
+Ihr ewiges Nachgeben haben Sie die Geschichte schon so, in Grund hinein
+verdorben.«
+
+»Aber was _soll_ ich thun?« rief der Actuar verzweifelnd — »mit Worten
+_kann_ ich nicht gegen sie anstreiten, nicht sechs Männer könnten das; in
+Ruhe und Güte ist Nichts anzufangen mit ihr, und schlagen darf und will
+ich sie ebenfalls nicht.«
+
+»So lassen Sie sich scheiden, zum Wetter noch einmal;« rief Kellmann,
+»lieber doch eine trockne Brodrinde kauen, als mit solchem Drachen das
+ganze Leben, eine ganze Existenz, mühselig und qualvoll hinzuschleppen.«
+
+»Heute Abend zum ersten Mal,« sagte der Actuar seufzend, »habe ich ihr
+selber damit gedroht; ich habe ihr vorgehalten, daß sie sich mit mir nicht
+glücklich fühlen _könne_, weil sie fortwährend, und ohne auch nur einen
+einzigen Tag Frieden zu gestatten, zanke, und das Beste sein würde, wir
+ließen uns, einem Leben zu entgehen das auf die Länge der Zeit doch nicht
+durchgeführt werden könne, gerichtlich scheiden.«
+
+»Nun? — und was hat sie darauf erwiedert?«
+
+»Ich bin fortgelaufen,« sagte der Actuar, seufzend den Kopf von dem Freund
+abwendend, »denn sie wurde — sie wurde so heftig, und betrug sich — betrug
+sich so unvernünftig, daß ich mich vor den Nachbarn schämte, und lieber
+Hut und Stock nahm, den Frieden wieder, wie schon so oft, auswärts zu
+suchen.«
+
+»Also sie weigert eine Scheidung?«
+
+»Sie schwur sie wolle mir die Augen auskratzen, wenn ich noch einmal ein
+derartiges Wort erwähne, zerbrach dann in ihrer Wuth Gott weiß was Alles,
+und — ich glaube sie bekam nachher Krämpfe — ihr altes Leiden. Erst hatte
+ich gehofft der Tod des Kindes würde sie milder stimmen, aber nein, und
+wenn mich etwas über den Verlust des kleinen lieben Wesens trösten könnte,
+so ist es gerade der Gedanke, es dem bösen Beispiel, das ihm die eigene
+Mutter täglich gab, entrissen zu sehn — was hätte zuletzt aus ihr werden
+sollen, als eben eine solche Frau.«
+
+»Und so ist gar keine Hoffnung, mit Güte durchzukommen? — «
+
+Der Actuar schüttelte schweigend mit dem Kopf.
+
+»Hm, das ist eine verfluchte Geschichte,« sagte Kellmann, »da — da weiß
+ich wahrhaftig auch nicht was ich rathen soll. Das Geld vertraute ich aber
+— wenn die Sache _so_ steht — meinem Schwager auch nicht an, soviel ist
+sicher — Sie sind das sich selber und Ihrer eigenen Existenz schuldig.«
+
+Der Actuar seufzte tief auf und die beiden Männer gingen wieder eine
+Zeitlang, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, nebeneinander
+hin. Sie waren indeß die Straße ein Stück hinauf- und wieder
+zurückgegangen, und blieben jetzt mehre Minuten nicht weit von dem Eingang
+des Gartens stehn, den Rücken diesem, und ihr Gesicht dem sich gerade über
+die Berge hebenden Monde zugewandt, als ein junges Mädchen, noch ein Kind
+fast und augenscheinlich auf der Wanderung, ganz allein mit einem kleinen
+Bündel in der linken Hand, und einem großen dunklen Tuch über dem rechten
+Arm, die Straße herunter kam und ziemlich dicht an ihnen vorüberging. So
+viel sie im Mondenlicht erkennen konnten, war sie nur ärmlich gekleidet,
+und auch wohl ermüdet von einem vielleicht langen Marsch, denn sie blieb
+zweimal stehen und trocknete sich dabei den Schweiß von der Stirn.
+
+Das zweite Mal als sie Halt machte geschah das fast dicht vor den beiden,
+hier im Schatten eines Hollunderbusches stehenden Männern, die sie im
+Anfang gar nicht bemerkte, und sie schien den Tönen zu lauschen die aus
+dem etwa zweihundert Schritt davon gelegenen hellerleuchteten Gartenhaus
+wild und lustig heraustönten.
+
+»Fröhliche Menschen,« flüsterte sie dabei — »_Glückliche_;« wie sie aber
+den Kopf dem Lichte zuwandte, fiel ihr Blick auch auf die beiden dunklen
+Schatten unter der Mauer, und wie unwillkürlich fuhr sie zurück; dabei
+glitt ihr das Bündel aus der Hand und fiel zu Boden.
+
+»Wir thun Dir Nichts, Kind,« sagte Kellmann, der die Bewegung gesehen
+hatte, gutmüthig; »wo willst Du denn noch so spät hin?«
+
+»Nach Heilingen,« antwortete das fremde Mädchen, ihr Bündel wieder
+aufnehmend — »ist es noch weit bis dorthin?«
+
+»Eine halbe Stunde etwa, wenn Du rüstig zugingst; aber Du scheinst müde zu
+sein und wirst wohl länger brauchen.«
+
+»Ich komme weit her,« sagte die Fremde, aber sie zögerte dabei und es war
+als ob sie noch nach irgend etwas fragen oder um etwas bitten wolle, und
+sich auch wieder scheue es zu thun.
+
+»Du bist wohl hungrig, Kind?« frug sie da Kellmann, dessen gutes Herz ihn
+zu helfen drängte, wo das in seinen Kräften stand — »sag’s gerad’ heraus;
+und wenn Du kein Geld hast macht das nichts, ich schaffe Dir was.«
+
+Das Mädchen schwieg und drehte seufzend den Kopf ab und Kellmann, dem
+richtigen Princip der Gastlichkeit und Menschenliebe treu, nicht viel zu
+fragen erst, wo man gern giebt, sagte ihr sich einen Augenblick auf die
+kleine Bank am Thor zu setzen, und er werde ihr einen Imbiß holen — sie
+könne dann Heilingen bald erreichen. Ohne erst eine Antwort abzuwarten
+ging er darauf rasch in’s Haus, und das Mädchen zögerte noch einen
+Augenblick und folgte dann, augenscheinlich zum Tod ermüdet, der
+freundlichen Einladung.
+
+»Du kommst weit her?« sagte der Actuar endlich, der neben ihr stehn
+geblieben, im Anfang aber noch zu sehr mit seinen eigenen Gedanken
+beschäftigt war, viel auf die Fremde zu achten.
+
+»Von Erfurt.«
+
+»Von Erfurt? hm — das ist eine lange Strecke; zu Fuß den ganzen Weg?«
+
+»Ja.«
+
+»Und willst in Heilingen bleiben?«
+
+»Ich weiß es noch nicht.«
+
+»Hast Du Verwandte dort?«
+
+»Einen Bruder.«
+
+»Hast Du denn einen Paß bei Dir?«
+
+»Ja,« sagte das Mädchen und holte, mit einem scheuen Blick auf den Frager,
+ihr kleines Bündel vor, das sie Miene machte aufzuknüpfen, der Actuar
+aber, der die Bewegung verstehen mochte, sagte rasch:
+
+»Nein nein — laß nur sein — ich will ihn nicht sehen — ich frug nur
+Deinethalben, damit Du hier in der Stadt in keine Verlegenheit kämest. Da
+ist auch Freund Kellmann schon mit dem Essen — nun laß Dir’s schmecken.«
+
+»Da,« sagte der kleine Kürschner, der schnellen Schrittes mit einem großen
+gestrichenen Weißbrod und einem hohen Glas Milch herankam und es der
+Fremden reichte — »das wird Dir gut thun.«
+
+Das junge Mädchen nahm das Glas mit schüchternem Danke an und trank — erst
+ein wenig, dann aber herzhafter — sie mochte wohl recht durstig gewesen
+sein. Wie sie fertig war setzte sie das Glas auf die Bank zurück und nahm
+ihr Bündel wieder auf.
+
+»Ich danke Ihnen auch noch viel tausend Mal,« sagte sie dabei mit weicher,
+ergriffener Stimme — »ich hatte seit heute Morgen Nichts gegessen und war
+recht matt geworden.«
+
+»Armes Kind,« sagte Kellmann mitleidig — »aber hast Du denn schon einen
+Platz in der Stadt wo Du übernachtest?«
+
+»Ja,« sagte die Kleine — »ich denke so — können Sie mir aber wohl noch
+sagen ob das Haus des reichen Herrn Dollinger nahe am Thore ist, oder weit
+in der Stadt drin?«
+
+»Dollinger’s Haus? oh nicht so weit in der Stadt drin — aber was willst
+Du dort?«
+
+»Mein Bruder ist in Herrn Dollinger’s Geschäft — wohnen auch die Leute bei
+ihm im Hause?«
+
+»Nicht daß ich wüßte,« sagte Kellmann.
+
+»Aber man kann es doch dort erfahren wo sie wohnen?«
+
+»Gewiß — gleich unten im Haus bei dem Hausmann; frage nur nach der
+Poststraße, wenn Du in’s Thor kommst.«
+
+»Gute Nacht Ihr Herren, und nochmals schönsten Dank — Gott mag es Ihnen
+vergelten.«
+
+»Gute Nacht Kind, guten Weg,« sagte Kellmann, »aber — wie heißt denn Dein
+Bruder?«
+
+»Franz Loßenwerder,« sagte das Mädchen und ging langsam die Straße hinab.
+
+»Oh Du mein Gott,« rief der Actuar leise und erschreckt vor sich hin, wie
+er den Namen hörte — »das ist ja schrecklich.«
+
+»Du lieber Gott, das arme Ding muß von dem Schicksal des Bruders gar
+Nichts wissen,« seufzte auch Kellmann — »und wenn sie das jetzt heute
+Abend erfährt — o wo wird sie nur die Nacht bleiben?«
+
+»Armes, armes Kind,« sagte der Actuar, »und selbst ohne Geld in der
+fremden Stadt.«
+
+»Ich geb’ ihr etwas,« rief Kellmann, rasch entschlossen, und eilte »heh! —
+pst!« rufend die Straße hinab dem Mädchen nach, das stehen blieb und nach
+Bündel und Tuch fühlte als sie den Ruf hörte, weil sie glaubte daß sie
+vielleicht etwas vergessen hätte.
+
+»Liebes Kind,« stotterte aber Kellmann verlegen, als er sie eingeholt,
+denn er konnte es nicht über’s Herz bringen ihr die Wahrheit zu sagen —
+»ich — ich kenne Deinen Bruder, aber — er ist jetzt nicht in Heilingen —
+Du — Du wirst es morgen schon hören, und im Dollingerschen Hause können
+sie Dir auch heute nichts weiter sagen, es ist sogar sehr die Frage ob der
+Mann unten im Haus noch auf ist. Gleich wenn Du in’s Thor hineinkommst,
+das dritte Haus an der rechten Seite, vor dem die beiden Laternen stecken,
+ist ein Gasthaus — ein gutes anständiges Haus, wo sie Dir Quartier geben
+werden — da gieb ihnen diese Karte, der Wirth kennt mich, und sage ihm nur
+ich hätte Dich hingeschickt.«
+
+»Aber bester Herr,« sagte das Mädchen bestürzt, als ihr der gutmüthige
+Kürschnermeister mit der Karte zwei große Stücken Geld — es waren zwei
+Thaler — in die Hand drückte — »ich weiß gar nicht — «
+
+Kellmann ließ sie aber gar nicht zu Worte kommen.
+
+»Schon gut — schon gut,« rief er, drehte sich um, und kehrte, das Mädchen
+allein auf der Straße zurücklassend, eben so rasch nach dem Platz zurück,
+wo der Actuar noch seiner harrend stand.
+
+»Haben Sie es ihr gesagt?« frug dieser ihn.
+
+»Nein — um Gottes Willen nein; das mögen Andere thun, _ich_ könnte es
+nicht.«
+
+»Aber was soll jetzt aus ihr werden?«
+
+»Ich werde mich im Löwen schon nach ihr erkundigen,« sagte Kellmann nach
+kurzer Ueberlegung — »und wenn es ein ordentliches Mädchen ist, hab ich
+Bekannte genug hier in der Stadt, ihr einen Dienst zu verschaffen. Aber
+wie ist es denn mit der Loßenwerderschen oder Dollingerschen Geschichte
+geworden? ist denn noch etwas von dem gestohlenen Gut zu Tage gekommen? —
+man hört ja keine Sterbenssylbe mehr darüber.«
+
+»Nichts — gar nichts weiter,« sagte der Actuar; »im Gegentheil hat der
+arme Teufel von Loßenwerder ein kleines Tagebuch geführt gehabt, was sich
+unter den confiscirten oder mit Beschlag belegten Sachen fand, und worin
+er jeden bis dahin eingenommenen Groschen sorgfältig und ordentlich, mit
+seinen höchst bescheidenen Ausgaben, aufnotirt. Das aber als gültig
+angenommen — und wir haben nicht die mindeste Ursache es zu bezweifeln da
+es fast zwölf Jahre zurückführt — wäre im Gegentheil der Beweis geliefert
+daß die aufgefundenen zweihundert Thaler mühsam und redlich gespartes Geld
+gewesen wären.«
+
+»Und _kein_ anderer Beweis hat sich gegen ihn herausgestellt?«
+
+»Keiner, als daß er im Hause war und sich auffällig heimlich daraus
+entfernt hat; aber auch selbst das findet nach den Acten eine
+wahrscheinliche, wenn auch etwas wunderliche Erklärung. Nach einer Zahl
+vieler höchst mittelmäßiger, oft aber auch ziemlich guter Gedichte, in
+denen sich besonders viel Gemüth ausspricht, scheint der arme verwachsene
+und hülflose Mensch eine Art von — Liebe — ich kann es nicht anders
+nennen, gegen Dollinger’s jüngste Tochter und Henkel’s Braut in seinem
+unschönen Körper mit herumgetragen, und nur, seinen Standpunkt gar wohl
+erkennend, den einzelnen, in seinem Pult verschlossenen Blättern
+anvertraut zu haben — doch das unter uns. Diese unglückselige und
+hoffnungslose Neigung _kann_ ihn möglicher Weise dazu getrieben haben, dem
+jungen Mädchen zu ihrem Geburtstag einen Blumenstock zu schenken — er hat
+sogar ein Gedicht geschrieben was den Punkt berührt, und worin er sich
+glücklich fühlt daß sie eine Blume pflegen könnte die er gezogen, wenn sie
+auch nicht wüßte von wem sie käme. Daß er unter solchen Umständen nicht
+wollte im Hause gesehen sein läßt sich denken, und ein Diebstahl in ihrem
+eigenen Zimmer verliert, diesen Thatsachen gegenüber, an
+Wahrscheinlichkeit, wenn er auch nicht eben zu einer Unmöglichkeit
+gehörte. Das Menschenherz ist schwach, und Mancher schon ist geringerer
+Verführung erlegen.«
+
+»Hm, hm, hm,« sagte Kellmann vor sich hin — »das ist ja eine rechte,
+rechte böse Geschichte, und der arme Teufel da am Ende ganz und gar
+unschuldig in sein Verderben gesprungen.«
+
+»Ja, und eine Sache die mir selber schon manche schlaflose Nacht gemacht
+hat,« sagte der Actuar, »denn ich _kann_ den Gedanken nicht los werden,
+welchen Antheil ich selber daran gehabt, den Unglücklichen dahin zu
+treiben — obgleich ich eben nicht mehr als meine Pflicht gethan, und an
+einen solchen verzweifelten Schritt nicht denken konnte; war er
+unschuldig, hätte sich das ja bald in der Untersuchung herausgestellt.«
+
+»Ja, und die Untersuchung rechnet Ihr Herrn vom Gericht eben für Nichts,«
+sagte Kellmann finster — »aber wenn das sein erspartes, und Gott weiß dann
+_wie_ mühsam erspartes Geld war, wird es doch auch seinen Erben nicht
+können vorenthalten werden.«
+
+»Die Untersuchung ist noch nicht ganz geschlossen,« sagte der Actuar,
+»aber ich glaube auch nicht daß irgend Jemand anders einen Anspruch darauf
+wird geltend machen können. Diese Schwester erwähnte er überhaupt mehrmals
+in seinen Notizen, und hat sie auch dann und wann unterstützt, das Geld
+wird ihr später allerdings zugesprochen werden.«
+
+»Und keine Spur ist sonst aufgefunden von dem möglichen, von dem
+wirklichen Dieb?«
+
+»Keine — die Dienstboten sind Alle mehrmals scharf inquirirt und auf das
+Genauste die ganze Zeit beobachtet, zu sehen ob eins von ihnen vielleicht
+größere Ausgaben als gewöhnlich mache, oder sich durch irgend etwas
+anderes verrathen würde; ja die Leute haben untereinander fast eben so
+scharfe Wacht gehalten, den Verdacht von sich abzuwälzen und den
+Schuldigen aufzufinden, aber es hat sich bis jetzt nicht das Mindeste
+herausstellen wollen. Mit Geld ist das eine böse Sache, und wenn der Dieb
+die Juwelen nur vorsichtig ein paar Jahr an sich hält, und dann vielleicht
+noch gar außer Landes schafft, wer soll ihn da aufspüren? allwissend sind
+wir auch nicht.«
+
+»Das weiß Gott,« sagte Kellmann — »wie damals mit der Pelzdecke, die mir
+Jemand von der Ladenthür weggestohlen, und die ich zwei Jahr später ganz
+gemüthlich im Polizeibureau, beim Polizeidirector selber in der Stube
+wiederfand; da hört denn doch Alles auf. Aber mir ist wahrhaftig jetzt
+nicht wie spaßen zu Muth; der Anblick des armen Mädchens hat einen
+wehmüthigen Eindruck auf mich gemacht; lieber Himmel, was es doch für
+Elend auf der Welt giebt, und still und bewußtlos gehen wir meist daran
+vorüber.«
+
+»Und die Musik da drinnen, während das arme Kind dort allein und freundlos
+seine Straße geht, und trotzdem jetzt noch glücklich ist gegen den
+Augenblick, wo es das Furchtbare doch erfahren _muß_. Mich leidet’s heute
+nicht länger hier draußen, Kellmann,« brach er kurz ab — »ich mag die
+Tanzmusik nicht hören — wollen wir zurück in die Stadt gehn? es ist
+überdies schon spät.«
+
+»Ich habe Nichts dagegen,« sagte Kellmann, tief aufseufzend — »mir ist
+der Abend heute auch verdorben, aber wir wollen Schollfeld erst abrufen.«
+
+»Da drin ist wohl Prügelei?« sagte da Ledermann, als aus dem Hause wilder
+Lärm zu ihnen heraus tönte.
+
+»Das wäre früh,« meinte Kellmann — »die kommt gewöhnlich sonst erst
+später, oder ganz zum Schluß. Es ist doch sonderbar, daß ein deutscher
+»Tanz« nie ohne eine Schlägerei enden kann; es scheint auch ungefähr
+dasselbe, wie der Cotillon bei einem Ball, nur daß sich die jungen Mädchen
+nicht dabei betheiligen — höchstens verheirathete Frauen, ihre Eheherren
+zu schützen, und die Verwirrung womöglich noch größer zu machen — hallo
+aber das kommt hier heraus.«
+
+»Sie werden Jemanden hinauswerfen,« sagte der Actuar ruhig — »lassen Sie
+uns an die Seite treten daß wir nicht in das Gewirr gerathen.«
+
+Der Actuar hatte allerdings recht, denn unter dem Lachen, Schreien und
+Jubeln der Menge, durch das einzelne wilde Flüche einer, ihnen keineswegs
+unbekannten Stimme tönten, wälzte sich ein Haufen Menschen aus dem Saal
+heraus, in der Mitte einen Mann schleppend, der sich mit Händen und Füßen,
+wenn auch umsonst, gegen solche unwürdige Behandlung sträubte, und in dem
+die beiden Freunde sehr zu ihrem Erstaunen den Auswanderungsagenten Weigel
+erkannten.
+
+»Laßt mich los!« schrie dieser dabei, mit den wildesten, ungemessensten
+Flüchen und Schimpfreden — »laßt mich los oder ich rufe die Polizei —
+Hülfe! — Mörder! Feuer!«
+
+»Brüll nur mein Herzchen!« sagte aber der Verwalter von Hohleck, eine
+riesige breitschultrige Gestalt, der den machtlos dagegen Ankämpfenden wie
+in einer eisernen Klammer am Kragen gepackt hielt — »Dich könnten wir hier
+brauchen, die Leute heimlich beschwatzen daß sie Hof und Dienst verlassen
+und nach Amerika liefen — ei Du Hallunke, Du kommst mir einmal wieder vor
+die Fäuste.«
+
+»Halt da — Hohmeier! laßt ihn los!« rief aber in diesem Augenblick eine
+andere, etwas schwer klingende Stimme, die dem also Gefährdeten zu Hülfe
+zu eilen schien — »der hier — Homeier — der hier ist mein Freund — mein
+ganz intimer Freund und den laß ich mir — Homeier, den laß ich mir nicht
+aus dem Hause werfen.«
+
+Es war Niemand anderes als der Wirth, Lobsich, selber, aber, wie es die
+Seeleute nennen, »halb im Wind«, mit schwerer Zunge und schon etwas
+taumelndem Gang, daß sich der Zustand in dem er sich befand, nicht gut
+verkennen ließ. Er versuchte dabei den Agenten zu halten und aus den
+Händen derer die ihn gefaßt hatten fortzuziehn; Hohmeier, der Verwalter
+schob ihn aber mit seinem linken Arm bei Seite, als ob es ein Kind gewesen
+wäre, und sagte ruhig:
+
+»Geht zu Bett Lobsich, das wär’ Euch viel besser heut Abend, aber mischt
+Euch nicht in Sachen die Euch Nichts kümmern.«
+
+»Nichts kümmern?« rief aber der Wirth gereizt, indem er den Verwalter mit
+großen stieren Augen ansah — »nichts kümmern _Hoh_meier? — oh _Hoh_meier
+wem gehört denn dies Haus, heh? — nichts _kümmern_? wem gehört denn der
+rothe Drache, heh, _Hoh_meier.«
+
+Die Schaar war indessen bis grade dorthin gekommen, wo Kellmann und der
+Actuar standen, und wo sie den Agenten zwischen zwei ziemlich nah zusammen
+wachsenden Akazienbäumen durchtragen wollten als dieser, solche letzte
+Gelegenheit vielleicht, benutzend, Arm und Beine auseinanderspreitzte, daß
+sie ihn nicht hindurchbringen konnten, während er von Neuem sein »Hülfe!
+Mörder! Feuer!« aus voller Kehle schrie.
+
+»Wenn ihm nur Jemand die Beine ausheben wollte!« sagte Herr Schollfeld,
+der ein höchst vergnügter Zeuge der Scene war, ohne jedoch seines
+schwächlichen Körpers wegen selber Theil daran zu nehmen, jetzt
+wohlmeinend. Ein paar Knechte vom Hof, die ihren Verwalter in seinem
+Richteramt unterstützten, ließen sich das auch nicht zweimal sagen, und
+der wüthend, aber vergebens dagegen Antretende fand sich bald in der
+vollkommnen Gewalt der Leute, ohne im Stande zu sein auch nur den
+geringsten erfolgreichen Widerstand zu leisten.
+
+»Heh _Hoh_meier!« schrie aber Lobsich, der sich indeß durch die im Garten
+stehenden Stühle und Tische wieder nach vorn gedrängt hatte den Mann frei
+zu machen, von dem er sich plötzlich einbildete daß er sein Freund sei,
+»laßt mir den Menschen los, sag ich Euch _Hoh_meier — Donnerwetter ich
+will doch einmal sehn wer hier in meinem eigenen Hause zu befehlen hat.
+Ihr oder ich — _Hoh_meier. Es ist mir doch was Unbedeutendes!« Er schien
+sich auch in der That den Leuten entgegenwerfen zu wollen; im Vorspringen,
+und das viele Getränk im Kopf, blieb er aber mit dem einen Fuß in einer
+dort stehenden Fußbank hängen, und schlug der Länge lang in den Garten,
+während die Knechte den jetzt wüthend um sich schlagenden Agenten rasch
+aufgriffen und, lachend über des Wirthes Unfall, aus der Gartenthür auf
+die Straße warfen.
+
+Ein furchtbarer Lärm entstand jetzt, die Leute jubelten und lachten, und
+erzählten sich untereinander wie der »Auswanderungsmann« einen
+Schaafknecht vom Gut hätte bereden wollen als »Schaafmeister« nach Amerika
+auszuwandern, und vom Verwalter dabei erwischt wäre, und der
+»Auswanderungsmann« stand vor dem Gartenthor und schimpfte und wüthete,
+bis einer der Knechte das Schloß wieder aufdrückte und hinaus und ihm nach
+wollte, und dann auf der Chaussee stehen blieb und hinter dem davon
+Laufenden herfluchte, und Steine hinter ihm drein warf.
+
+Drinnen im Saal tönte die Musik aber wieder rauschender als vorher, und
+die jungen Burschen durften die Zeit hier nicht länger im Garten
+versäumen. Während die aber wieder in den Saal drängten, Tänzerinnen zu
+bekommen, und Schollfeld von Kellmann angerufen war, mit ihnen zurück nach
+der Stadt zu gehn, blieb Lobsich noch im Garten, an dessen Thüre er trat,
+und nach der Straße hinaus mit lauter und immer ärgerlicher werdender
+Stimme Weigel’s Namen schrie. Lobsich war jedenfalls stark angetrunken und
+wollte sehr wahrscheinlich den Mann zurück holen, um ihm jetzt ernstlich
+beizustehn und den Skandal noch einmal von Neuem zu beginnen.
+
+Die drei Freunde hielten sich dabei im Schatten eines dichten
+Fliederbusches, von dem aufgeregten und jetzt doch nicht
+zurechnungsfähigen Menschen nicht bemerkt zu werden, und dann unbelästigt
+den Garten zu verlassen, als Lobsich’s Frau, die das Toben ihres Mannes
+wohl im Haus gehört, von dort her und den Mittelweg herunter eilte. Ohne
+daß er sie bemerkte kam sie auch bis dicht an ihn hinan, und hier seinen
+Arm ergreifend sagte sie mit leiser, bittender Stimme.
+
+»Lobsich — Vater — komm sei vernünftig, laß das Schreien und Toben hier
+auf der Landstraße und geh zu Bette — thu _mir’s_ zu Liebe Lobsich, wenn
+ich Dich darum bitte.«
+
+»Laßmchfrieden,« stammelte aber der Betrunkene mit schwerer Zunge und
+suchte sie von sich abzuschütteln — »laß mchfrieden sag ich — Dnrrwttrrr —
+ich weiß — ich weiß was ich ss — se thun habe — «
+
+»Aber Lobsich, ich bitte Dich um Gottes Willen,« flüsterte die Frau in
+Todesangst — »Du machst Dich und mich unglücklich wenn Du Dich nicht
+änderst — was soll daraus werden?« —
+
+»Laßmch — frieden,« stammelte aber der Mann, sie unwillig von sich
+abschüttelnd, aber er verließ den Thorweg wenigstens und taumelte durch
+den Garten fort, seitwärts vom Hause ab — »Weibervolk,« murmelte und
+fluchte er dabei — Himmelsakkrments Weibervolk — Unsinn — violettblaues —
+ist mir doch — ist mir doch was Unbe — Unbedeutendes — « und er
+verschwand damit hinter den Büschen. Die Frau aber blieb, den Ellbogen auf
+das Thürschloß gestützt und das Gesicht in den Händen bergend, allein
+zurück, richtete sich aber rasch wieder auf, als sie Schritte auf sich
+zukommen hörte, und wollte nach dem Haus zurück.
+
+»Frau Lobsich,« sagte Kellmann, der es war, gutmüthig, ja fast herzlich —
+»macht denn das Lobsich jetzt öfter daß er so über die Schnur haut?«
+
+»Ach Sie sind es Herr Kellmann,« sagte die arme Frau beruhigt. »Lieber
+Gott, ich weiß meinem Herzen keinen Rath mehr, wenn er’s so fort treibt;
+wie soll das enden?«
+
+»Aber ich habe Ihren Mann so doch noch in meinem Leben nicht gesehn,«
+sagte Kellmann verwundert.
+
+»Ach ja,« seufzte die Frau — »es ist nicht das erste Mal, aber ich habe
+immer gesucht es so viel als möglich zu verheimlichen, es giebt gar solch
+ein böses Beispiel für die Leute. Es sind auch eigentlich nur einige
+Wochen erst daß er so scharf zu trinken anfängt. Lieber Gott, im Kopf hat
+er früher schon manchmal eins gehabt, aber er artete doch nie aus, jetzt
+jedoch geht der Spiritus mit ihm durch, und er wird zum Thier. Ach guter
+Herr Kellmann, wenn Sie einmal ein recht ernstes aber doch freundliches
+Wort mit ihm sprechen wollten; auf Sie hält er etwas. Mir verspricht er’s
+wohl auch,« setzte sie leiser hinzu, »aber — er vergißt es immer nur zu
+rasch wieder.«
+
+»Ich will mein Möglichstes mit ihm versuchen, Frau Lobsich,« sagte
+Kellmann freundlich — »aber,« setzte er rascher und leiser hinzu — »dort
+glaub’ ich kommt er schon wieder zurück, es wird besser sein wenn Sie
+versuchen ihn heute Abend zu Bett zu bringen; mit einem betrunkenen
+Menschen läßt sich Nichts anfangen.«
+
+»Na? — Donnrrwttrrr,« stammelte aber in diesem Augenblick der Wirth, der
+auf seinem Zickzack Cours wieder nach der Thür zurückkam, und die Arme
+einstemmend einen, wenn auch vergebenen Versuch machte, mit gespreitzten
+Beinen vor seiner Frau stehen zu bleiben — »Dnnrrrwttrrr,« wiederholte er,
+herüber und hinüber schwankend — »was’s das vor Wirthschaft heh? wo gehört
+die — gehört die Frau hin, heh? — in die Hofthür mit fremden Kerlen
+schwatzen heh? — ist mir doch — ist mir doch was Unbe — Unbedeutendes.«
+
+»Aber lieber Lobsich,« nahm hier der jetzt auch hinzugetretene Schollfeld
+das Wort, »sein Sie doch vernünftig und gehn Sie — «
+
+»Hallo?« rief aber der Wirth, sich halb nach dem Redner herumdrehend, in
+dessen hell vom Mond beschienenen Zügen er den Apotheker erkannte — »sin’
+wir auch hier? heh? — haben auch mit g’holfen mein’ besten Freund — mein’
+besten Freund mit hinaus zu werfen — heh? Sie — Sie Giftmischer Sie — Sie
+— «
+
+»Herr Lobsich!« rief Schollfeld ärgerlich, »Sie sind heute nicht
+zurechnungsfähig, sonst — «
+
+»Was? — Pillendreher will noch — will noch raiss — raiss’niren — heh?«
+rief aber der gereizte Wirth und that einen Schritt gegen den Mann an.
+
+»Aber Lobsich so bedenke doch um Gottes Willen was Du sprichst,« bat ihn
+die Frau, seinen Arm ergreifend — »komm mit mir in’s Haus — wir haben
+noch so viel zu thun.«
+
+»Viel zu thun? — heh? — habe keine Zeit mehr heut Abend — hickup« —
+stammelte aber der Mann gegen den Schlucken ankämpfend — »muß noch — muß
+noch — hickup — muß noch Wein abziehn und — und Bier trinken — hickup —
+und — und hahahahaha — da ist — da ist ja die ganze Gesellschaft — ja wohl
+— hickup — ja wohl, komme schon — komme schon meine Herrn — Lobsich ist
+immer da — ein verfluchter Kerl, der — der — hickup — der Lobsich — ist
+mir doch — ist mir doch was Unbedeutendes;« — und in einer unbestimmten
+Idee daß ihn vom Haus aus Jemand gerufen hätte, wobei er seine Umgebung
+ganz vergaß, taumelte er dem Saal wieder zu, wohin ihm die Frau ängstlich
+folgte. Sie mußte ihn ja zurückhalten, daß er so seinen Gästen und Leuten
+nicht wieder unter die Augen kam.
+
+
+
+
+
+ Capitel 9.
+
+
+ RÜSTUNGEN.
+
+
+»Nach New-Orleans!«
+
+»Das ausgezeichnet schöne, 360 Last große, schnellsegelnde, kupferfeste
+und gekupferte dreimastige Bremer Schiff erster Klasse:
+
+_Die Haidschnucke_, Capitain _E. Siebelt_, mit vorzüglicher Gelegenheit
+für Cajüts- und Zwischendecks-Passagiere — wird am 30. August expedirt.
+
+Agent dafür, I. G. Weigel,
+
+Hauptagent des Central-Bureau’s für Norddeutsche Auswanderung in
+Heilingen, am Markt Nr. 17.«
+
+Diese Anzeige stand am Morgen nach den, im letzten Capitel beschriebenen
+Vorfällen im Heilinger Tageblatt, und Dr. Haide, der Redacteur desselben,
+hatte die Gelegenheit nicht unbenutzt wollen vorübergehen lassen, einige
+entsetzliche Mordgeschichten und falsche Bankerotte aus den Vereinigten
+Staaten, wie zur Entmuthigung aller Auswanderungslustigen, in der
+nämlichen Nummer seines Blattes abzudrucken.
+
+Weigel war wüthend darüber, und schrieb augenblicklich einen anderen
+Artikel dagegen; den nahm Doctor Haide aber nicht auf, weil er, wie er
+ganz naiv erklärte, »sich dadurch selber blamiren würde.« Uebrigens sei
+die Sache auch schon erledigt, indem die Schiffsanzeige _für_, sein
+Artikel aber _gegen_ Amerika und die Auswanderung wäre, und er es sich zum
+Grundsatz gemacht hätte, jeden Artikel nach beiden Seiten hin zu
+beleuchten — wenn Herr Weigel etwas gegen ihn wolle einrücken lassen, sei
+er keineswegs verpflichtet es aufzunehmen, und er möge ihn deshalb, wenn
+er damit durchzukommen glaube, nur ganz einfach darauf verklagen.
+
+Die Abfahrt dieses Schiffes war aber für Heilingen in so fern von nicht
+unbedeutender Wichtigkeit, als sich mehre Familien dieser Stadt ernstlich
+dahin entschlossen hatten, mit demselben nach Amerika auszuwandern. So
+unter Anderen Professor Lobenstein, der sein Haus jetzt verkauft, und der
+Stadt überhaupt durch seine beabsichtigte Auswanderung höchst willkommenen
+Stoff zu den mannichfaltigsten Vermuthungen und Erörterungen geliefert
+hatte. Ja mehrere Kaffeegesellschaften der näheren Bekannten Lobenstein’s
+waren wirklich nur einzig und allein zu dem Zweck gegeben worden, sich
+einmal ordentlich über die Sache »aussprechen« zu können.
+
+Auch in dem Dollinger’schen Haus hatten die letzten Wochen bedeutende
+Veränderungen hervorgebracht, indem der junge Henkel Briefe von Amerika
+erhielt, nach denen seine Anwesenheit dort, dringend nothwendig geworden.
+Zwei Wechsel trafen zugleich für ihn ein, wie ziemlich starke Aufträge zu
+Ankäufen in Tuchen und Seidenwaaren von seinem Haus, welches Geschäft er
+mit Herrn Dollinger in Gemeinschaft auszuführen gedachte.
+
+Der alte Herr Dollinger, so schwer es ihm auch wurde, und so lange er sich
+dagegen gesträubt, mußte da wohl endlich seine Einwilligung zu der
+Verbindung Clara’s mit dem jungen Amerikanischen Kaufmann, über dessen
+Familie und Geschäft in New-Orleans er von einem dortigen Geschäftsfreund
+das Beste erfahren hatte, geben. Nur wunderte man sich dort, daß der junge
+Henkel in Nord-Deutschland sei, während man ihn auf einer größern Tour
+durch Italien und Griechenland vermuthet. Die Leute dort konnten nicht
+wissen daß der junge Mann auf dem Rhein andere Pläne für seine Zukunft
+geschaffen, als er sie früher vielleicht ausgesonnen.
+
+Am letzten Sonntag war also, ganz in der Stille, die Trauung vollzogen und
+Clara, das liebe holde Mädchen, die Frau des jungen reichen Amerikaners —
+wie man ihn überall in der Stadt nannte, geworden. Jetzt galt es nun
+freilich noch, in der kurzen Zeit all die nöthigen und so mannichfachen
+Vorbereitungen zu einer Reise nach Amerika für die junge Frau zu treffen.
+Es sollte aber wirklich auch nicht viel mehr als eine Reise werden, denn
+Henkel hatte sich schon selber fest erklärt, seinen künftigen Wohnsitz
+keineswegs in Amerika, sondern in Havre nehmen zu wollen, wo überdies, der
+bedeutenden Geschäftsverbindung wegen mit diesem Hafen, ein Associé des
+Hauses sich aufhalten mußte. Ein oder zwei Monate gedachten die jungen
+Eheleute dann jedes Jahr in dem reizend gelegenen Heilingen zuzubringen,
+was ihnen, wie den Eltern, die jetzige Trennung sehr erleichterte, und
+spätestens im März oder April schon wieder nach Europa zurückkehren zu
+können. Die ganze Reise war dadurch wirklich fast nur zu einer etwas
+längeren Vergnügungsfahrt geworden.
+
+Auch für Clara’s Mutter war das Bewußtsein, ihr Kind nicht für immer zu
+verlieren und bald wieder in die Arme schließen zu können, eine unendliche
+Beruhigung, und selbst hierzu hatte es ihr einen großen Kampf gekostet,
+ihre Einwilligung zu geben. Clara selbst aber hing mit ganzem Herzen an
+dem theuren Mann, und fühlte sich vollkommen glücklich in einer
+Verbindung, die seit sie den Fremden kennen und lieben gelernt, ihr das
+Ziel ihrer irdischen Wünsche geschienen.
+
+Was war ihr die Reise, was die Gefahr und Mühseligkeit derselben? sie wäre
+ihm in eine Wildniß gefolgt, und hätte sich doch glücklich an seiner Seite
+gefühlt.
+
+Der junge Henkel wünschte nun die Ueberfahrt in einem Englischen Dampfer
+nach New-York, und von da mit einem Amerikanischen Dampfschiff nach
+New-Orleans zu bewerkstelligen, Clara fürchtete sich aber an Bord eines
+Dampfers zu gehn, theils der doppelten Gefahr, theils der unangenehmen
+Bewegung derselben in schwerem Wetter wegen, von der sie viel gehört, und
+da es sich jetzt gerade so traf daß eine ihr befreundete Familie,
+Professor Lobenstein’s, ebenfalls nach New-Orleans, und in einem
+Segelschiff von Bremen ab auswanderte, bat sie mit diesen reisen zu
+dürfen. Henkel selber schien nicht recht damit einverstanden, fügte sich
+aber doch endlich den Bitten seiner jungen Frau.
+
+Wenn aber bei Dollinger’s im Haus wenig mehr als Wäsche und Kleider
+herzurichten waren, nur zu einer Reise nicht zu einer Uebersiedlung nach
+Amerika, und man diese schon großenteils gepackt und vorausgeschickt
+hatte, die letzten Stunden in der Heimath durch kein Aussuchen und Packen
+gestört zu haben, so schien dagegen bei Professor Lobenstein das ganze
+Haus von innen nach außen gekehrt zu sein.
+
+Der Professor nämlich hatte auf keinerlei Weise bewogen werden können mit
+seinen Sachen eine Auction anzustellen, und nur das Nothwendigste
+mitzunehmen, da Fracht und Spesen unterwegs ein wirkliches Capital
+auffressen würden, für das er sich Alles was er dort brauchte auch an Ort
+und Stelle neu anschaffen könnte. Allen die ihm dies riethen zeigte er aus
+verschiedenen Schriften die statistisch aufgestellten Arbeitslöhne der
+verschiedenen Handwerker, wie die Preise der Provisionen, und bewieß ihnen
+auf das Klarste und Unumstößlichste was jedes einzelne Stück Meublen und
+Hausgeräth in notwendiger Folgerung in Amerika kosten müsse. Eben so hatte
+er sich mit unendlicher Ausdauer einen Ueberschlag der verschiedenen
+Frachtpreise nach New-Orleans, und von da in’s Innere gemacht, bis er
+endlich zu dem obigen Resultat gekommen, und nun auch augenblicklich eine
+Anzahl Tischler in Arbeit setzte, lauter neue Kisten für seine Sachen
+anzufertigen.
+
+Eine große Anzahl von diesen war nun schon, gepackt und mit eisernen
+Reifen beschlagen, als Fracht vorausgeschickt, eine andere Sendung sollte
+heute abgehn, und die letzten dann in den nächsten Tagen befördert werden,
+noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu sein. Kellmann selbst, dem
+Hause eng befreundet, hatte dahin mehrere Aufträge übernommen, und kam
+heute Morgen, Bericht über die Ausführung derselben abzustatten.
+
+Er selber war natürlich mit der ganzen Uebersiedlung gar nicht
+einverstanden, hatte aber doch, als er alle Gründe des Professors dafür
+gehört, weit weniger dagegen gesagt, als die Familie im Anfang vermuthet
+und auch wohl gefürchtet haben mochte. Der Professor sei eben ein
+Professor, meinte er nur, und wo der einmal seinen Kopf aufgesetzt habe,
+ließ sich auch Nichts mehr abstreiten oder gar dagegen beweisen, man müsse
+ihn eben sich selber überlassen, und — es thue ihm nur um die Familie
+leid. Nichtsdestoweniger gab er sich jede erdenkliche Mühe ihnen, wo er es
+nur irgend vermochte, beizustehn, wobei er den Professor doch von manchem
+unüberlegten oder unpraktischen Schritt zurückhielt. So kämpfte er, und
+zwar glücklicher Weise mit Erfolg, gegen die unglückselige Idee des
+Professors an, sich hier, trotz Allem was er darüber schon gelesen, von
+dem Auswanderungsagenten Land und eine Farm zu kaufen. Er wollte drüben
+nicht »in Gefahr kommen« von Amerikanischen und betrügerischen
+Landspeculanten hintergangen zu werden, und seine Berechnung sämmtlicher
+Kosten gleich hier an Ort und Stelle machen können, was ihm nicht möglich
+sei, wenn er die Contracte nicht in der Tasche habe.
+
+Kellmann, auf dessen praktisches und gesundes Urtheil er sonst überhaupt
+viel gab, machte ihn mit seinen ernstlichen Vorstellungen aber doch
+stutzig, und noch eine authentische Person über die dortigen Verhältnis zu
+hören, wandte er sich zuletzt an den jungen Henkel, und bat diesen um
+Meinung und Rath über die, ihm allerdings sehr am Herzen liegende Sache.
+Dieser rieth ihm aber ebenfalls auf das Entschiedenste ab, sein Geld hier
+an eine solche Speculation wegzuwerfen, denn dieser Weigel scheine ihm,
+was er bis jetzt von ihm gesehn, eine keineswegs volles Vertrauen
+verdienende Persönlichkeit. Er solle warten bis sie drüben wären, dort
+habe er Zeit genug (Kellmann hatte ihm dasselbe gesagt), und finde er in
+New-Orleans oder Missouri nichts Besseres, so sei er selber vielleicht im
+Stande ihm ein kleines reizendes Gut abzutreten, das er einmal auf einem
+Jagdzug in’s innere Land gekauft, und jetzt noch verpachtet hätte.
+
+»Und der Preis?«
+
+»Er würde zufrieden sein.« Damit war die Sache für jetzt abgemacht;
+freilich zu Weigels Verdruß, der die Farm, wie er sich ausdrückte, nun
+noch »zur Verfügung« behielt.
+
+Es mochte etwa Morgens um elf sein, als Kellmann Professor Lobensteins
+besuchte. Das Haus war am vorigen Tag öffentlich verauctionirt und von
+einem reichen Weinhändler in Heilingen erstanden worden, die Familie aber
+jetzt in angestrengter Arbeit eifrig bemüht das unangenehme Gefühl nicht
+allein zu verscheuchen, sondern auch eines vor dem anderen zu verbergen,
+»zum _ersten_ Male in der _eigenen_ Heimath _fremd_ zu sein;« zum ersten
+Mal fremd in den Räumen, die ihrer Kindheit Spiele gesehn, und Zeuge
+gewesen waren ihrer keimenden Hoffnungen und Träume.
+
+Der erste schwere Schritt zu einem neuen Leben und Wirken war aber damit
+geschehn; freilich auch zu gleicher Zeit die Brücke abgebrochen, die noch
+zurück hätte führen können in das Vaterland. Das Band war damit zerrissen,
+das sie noch an dieses knüpfte, und wunderbarer Weise hatte sich jetzt,
+wie sie sich gestern noch fast Alle gefürchtet vor dem Gedanken die lieben
+theueren Räume zu verlassen, ein fremdes unheimliches Gefühl zwischen sie
+und das Haus geworfen, und sie _ersehnten_ den Augenblick wo sie hinaus
+konnten, fort, nur fort von hier — aus den Erinnerungen fort. Und doch
+sprachen sie das nicht aus gegen einander; Jedes hielt sich nur allein für
+so thöricht und kindisch, mit den quälenden Gedanken; keines wußte daß das
+Gefühl in ihrer Aller inneres Leben verwoben sei, und in des Herzens
+feinsten Fasern Wurzel schlug.
+
+Die Stimmung Aller, so sehr sie sich auch hüteten dem was sie dachten
+Worte zu geben, war denn auch an dem ganzen Morgen schon eine stille,
+gedrückte gewesen, und Kellmann’s Erscheinen befreite Alle wie von einer
+Last. Unten auf der Treppe wurde der aber schon laut.
+
+»Na, ist das ein Vergnügen zu so einer Auswanderungsfamilie in’s Haus zu
+kommen,« rief er, als er sich mit zusammengehaltenen Schößen zwischen
+einer Reihe Kistendeckel hindurchdrückte, die, mit den Nägeln nach außen,
+an der Wand lehnten, und dabei noch über eine Unzahl Körbe und Schachteln
+wegsteigen mußte, nur in die Stube zu kommen.
+
+»Nehmen Sie sich in Acht, lieber Kellmann,« rief ihm der Professor, der
+seine Stimme gehört hatte, aus der halbgeöffneten Thüre entgegen (er
+konnte diese nicht ganz aufmachen da ebenfalls eine Kiste dahinter stand).
+»Sie möchten sich da draußen die Kleider zerreißen.«
+
+»Ist schon bereits geschehen,« brummte Kellmann, indem er versuchte einen
+Blick nach seinem, allerdings beschädigten Rücktheil zu gewinnen, »meine
+Güte, wie sieht das bei Ihnen aus — ah guten Morgen meine Damen — und
+schon so fleißig? — was um Gottes Willen nähen Sie denn da? —
+Getraidesäcke für die nächste Erndte?«
+
+»Fehlgeschossen Herr Kellmann,« rief ihm aber Marie, die sich gern mit dem
+freundlichen Mann neckte, entgegen — »Jacken sind das für uns, in den
+Busch, zwischen den Dornen und Schlingpflanzen, die uns sonst das leichte
+Zeug von den Schultern rissen. Warten Sie einen Augenblick, da können Sie
+uns gleich Ihre Meinung sagen; die meinige ist gerade fertig, und ich will
+sie eben anprobiren. Lassen Sie nur, ich werde schon allein fertig, dort
+drüben müssen wir überdies Alles allein machen — So — nun, wie gefalle ich
+Ihnen darin?«
+
+»Gar nicht,« sagte Kellmann mürrisch, »ich sähe Sie weit lieber in einem
+leichten Ballkleid und mit Ihrem gewöhnlichen heiteren Gesicht, als in der
+Sackleinwand und — hm — das verdammte Amerika. Geht denn Eduard jetzt
+noch mit, oder bleibt er da? wo steckt er denn wieder? — der ist immer
+fort wenn ich komme.«
+
+»Der geht mit, lieber Kellmann,« rief der Professor, »er konnte sich nicht
+dazu entschließen, seine Eltern und Geschwister allein in die Welt ziehn
+zu lassen, wo er ihnen vielleicht, zum ersten Mal in seinem Leben,
+nützlich sein würde, und ist jetzt noch in der Geschwindigkeit zu einem
+Tischler gegangen, die paar Wochen wenigstens zu benutzen, und doch eine
+Idee von dem Handwerk zu gewinnen; wer weiß was wir da Alles zu thun
+bekommen.«
+
+»Wird auch was recht’s davon in den paar Tagen profitiren,« brummte
+Kellmann — »bei wem ist er denn, bei Leupold?«
+
+»Leupold?« rief der Professor, »der geht ja mit unserem Schiff nach
+New-Orleans.«
+
+»Der Tischlermeister Leupold wandert auch aus?« rief Kellmann laut und
+verwundert.
+
+»Hat sein Häuschen und seine Werkstätte verkauft, und ist jetzt
+wahrscheinlich schon unterwegs nach Bremen,« betätigte ihm der Professor.
+
+»Na nu ist mir’s aber doch über den Spaß,« rief Kellmann — »da läuft ja
+halb Heilingen fort; jetzt freut mich mein Leben; nächstens werden wir uns
+unsere Schränke und Schuhe und Röcke selber machen können wenn wir ’was
+haben wollen; ich darf nur gleich den meinigen zum Schneider schicken daß
+er ihn mir noch ausbessert, ehe er auch durchbrennt. S’ist wirklich zum
+Verzweifeln.«
+
+»Lieber Gott,« sagte der Professor — »die Leute verlangen nur Ellbogenraum
+sich zu rühren; sie wollen einen Platz haben, der ihren Bedürfnissen
+Befriedigung verspricht.«
+
+»Da haben Sie gleich den faulen Fleck,« rief Kellmann, »_Bedürfnisse
+befriedigen_, wenn die Leute lebten wie ihre Voreltern gelebt haben, und
+nicht mit jedem Jahre auch neue Bedürfnisse kennen lernten und befriedigt
+haben wollten, so hätten wir alle Platz, und das verwünschte Amerika
+könnte sehen wo es Hände und Fäuste bekäm zuzupacken und ihm den Boden zu
+bestellen. Aber ich will mich nicht länger ärgern — laßt sie laufen,
+nachher wird’s hier erst recht gemüthlich — apropos — Ihren Freund Weigel
+haben sie gestern Abend im rothen Drachen hinausgeworfen — er wollte
+Dienstleute, ich glaube einen Schäfer, verlocken nach seinem gerühmten
+Amerika auszuwandern.«
+
+»Meinen _Freund_?« sagte der Professor achselzuckend, »ich habe mit Herrn
+Weigel nie in einer solchen Beziehung gestanden, aber ich achte ihn als
+einen Mann der ein gutes Herz mit einer tüchtigen Portion gesundem
+Menschenverstand verbindet, und besonders schätzenswerthe statistische
+Kenntnisse Amerika’s besitzt.«
+
+»Bah!« sagte Kellmann, den Kopf auf die Seite werfend, und mit den Fingern
+schnalzend, »so viel für seine statistischen Kenntnisse; _unverschämt_ ist
+er, das halt’ ich für seine Hauptforce, und er wirft Ihnen da mit der
+größten Kaltblütigkeit eine Masse Zahlen in den Bart, denen man nicht
+gleich widersprechen kann, weil sich der Gegenbeweis eben nicht führen
+läßt. Wenn das Alles wahr ist was er über Amerika sagt, wäre _er_ der
+größte Esel wenn er nicht selber hinüberginge.«
+
+»Seine Verhältnisse gestatten es ihm nicht, wie er mich oft versichert
+hat,« vertheidigte ihn aber der Professor.
+
+»Ja, das kennen wir schon,« sagte Kellmann, »und wenn mich irgend etwas
+glauben machen könnte daß _er_ wirklich Amerika kennt, so wäre es der
+Umstand daß er selber nicht hinübergeht.«
+
+»Im rothen Drachen war ja wohl gestern ein kleines Fest?« frug die Frau
+Professorin dazwischen, die das unerquickliche Gespräch abzubrechen
+wünschte.
+
+»Ja, für die Dienstleute von Hohleck,« sagte Kellmann, »und Schollfeld und
+ich waren ebenfalls hinausgegangen um den Spaß mit anzusehn.«
+
+»Und ihr Freund, der lange Actuar war nicht dabei?« lachte Marie.
+
+»Er kam später nach,« sagte Kellmann — »der arme Teufel ist jetzt auch
+immer verdrießlich und niederschlagen.«
+
+»Er hat sein Kind verloren,« sagte Anna mitleidig.
+
+»Ja, und zu Hause fühlt er sich auch wohl nicht so recht wohl und
+behaglich.«
+
+»Wir haben davon gehört,« sagte die Professorin — »seine Frau soll
+eigenwillig und heftig sein, und ihm oft gar unangenehme Scenen bereiten.«
+
+»Seine Frau ist — « fuhr Kellmann auf, aber er unterbrach sich selber
+wieder, und trommelte eine Weile mit den Fingern auf dem vor ihm stehenden
+Tisch.
+
+»Was ist Ihnen denn nur heute, Herr Kellmann?« sagte aber Marie, jetzt zu
+ihm tretend und seinen Arm berührend — »Sie schneiden ja heut Morgen ein
+so bitterböses Gesicht, wie ich noch fast in meinem Leben nicht an Ihnen
+gesehn. Ist Ihnen irgend etwas Aergerliches begegnet? — oder — Sie sind
+doch nicht böse mit uns?«
+
+»Böse mit Ihnen? lieber Gott Mariechen,« sagte Kellmann herzlich ihre Hand
+ergreifend — »ich müßte böse mit Ihnen sein daß Sie fortgehn und mich hier
+allein zurücklassen; sonst wüßt’ ich wahrhaftig nicht weshalb.«
+
+»So kommen Sie mit,« lachte Marie, indem sie neckisch zu ihm aufsah.
+
+Kellmann seufzte tief auf, sagte dann aber kopfschüttelnd, und mit der
+Hand über seine Stirn streichend, als ob er sich daraus all’ die trüben
+Gedanken verscheuchen wollte —
+
+»Nach Amerika? — ja, weiter fehlte mir gar Nichts; aber heute sind es
+wirklich andere Sachen die mir im Kopf herumgehn.«
+
+»Ist etwas vorgefallen, und können wir Ihnen helfen, lieber Herr
+Kellmann?« sagte Anna freundlich.
+
+»Ach Gott nein,« sagte der kleine Mann seufzend — »es ist ein Stück von
+dem allgemeinen Elend, das über den ganzen Erdball hinspielt, und das uns
+gewöhnlich mit einem unheimlichen Gefühl, auch nicht außer dem Bereich
+desselben zu liegen, durchschauert, wenn wir ihm einmal auf unserem
+Lebenspfad begegnen. Sie sahen mich als ich vor dritthalb Stunden etwa
+drüben aus dem Löwen kam?«
+
+»Ja, Sie grüßten ja herauf,« sagte die Professorin —
+
+»Nun gut; ich war dort, einem armen Mädchen nachzufragen, das wir gestern
+Abend spät auf der Straße trafen, und das ich dorthin schickte
+Nachtquartier zu suchen« — Und nun erzählte ihnen Kellmann mit kurzen
+Worten das gestrige Zusammentreffen mit des unglücklichen Loßenwerder
+Schwester, und ebenfalls daß sich schon jetzt herauszustellen scheine, wie
+der arme Teufel von Loßenwerder unschuldig in Verdacht gerathen sei. Nur
+in reiner Verzweiflung mochte er sich den Tod gegeben haben, als man ihm
+das letzte, einzige das er auf der Welt hatte — seinen ehrlichen Namen —
+nehmen wollte — oder eigentlich schon von Gerichts wegen genommen hatte.
+Unsere wackeren Polizeigesetze halten ja nun einmal jeden Menschen für
+einen Spitzbuben, bis er nicht durch Atteste genügend dargethan hat daß —
+»gegen ihn noch nichts Gravirendes bekannt geworden.«
+
+»Und was geschieht jetzt mit dem armen, armen Mädchen?« frugen fast
+gleichzeitig Marie und Anna — »lieber Gott, hier in der fremden Stadt,
+allein, ohne Mittel, ohne Freunde, wie entsetzlich müßte es da sein, wenn
+sie vielleicht aus rohem Munde zuerst die furchtbare Nachricht vernähme.«
+
+»Gestern Abend,« sagte Herr Kellmann etwas verlegen, »kam uns das Ganze
+wirklich so schnell und überraschend, daß wir nicht die geringste Zeit zum
+Ueberlegen behielten; wir — wir gaben ihr nur ein paar Groschen und
+schickten sie in den Löwen, hier gegenüber, um da zu übernachten, damit
+sie nicht in der Stadt nach ihrem Bruder früge, und die entsetzliche
+Geschichte gleich in der ersten Viertelstunde erführe; heute Morgen wollte
+ich dann selber herkommen und sehn was sich thun ließ — «
+
+»Und jetzt? — weiß sie was geschehen ist? frug die Professorin mitleidig
+die Hände faltend — Herr Kellmann zuckte mit den Achseln und sagte:
+
+»Sie ist fort — «
+
+»Fort? — wohin?« riefen die Frauen.
+
+»Kein Mensch konnte mir darüber Auskunft geben, gestern Abend war sie
+richtig dort angekommen, und ihres dürftigen Aussehns wegen in die
+Gesindestube gewiesen, und dort muß sie unglückseliger Weise ihren Namen
+genannt, vielleicht nach ihrem Bruder gefragt und das Schrecklichste
+gleich erfahren haben, denn sie war, selbst ihr Bündel im Stich lassend,
+hinausgelaufen in Nacht und Nebel und — und nicht wieder zurückgekehrt.«
+
+»Du lieber Gott,« sagte Anna, »wenn sie sich nur kein Leides gethan.«
+
+»Ich bin gleich zu Ledermann und dann auf die Polizei gegangen, diese
+aufmerksam zu machen,« sagte Kellmann etwas kleinlaut, »werde auch selber
+noch mein möglichstes thun das arme Ding wieder aufzufinden, aber — ich
+weiß wahrhaftig nicht wo man die eigentlich suchen soll, denn sie kennt ja
+keinen einzigen Menschen in der Stadt.«
+
+»Und in ihres Bruders früherem Logis? — «
+
+»Hat sie Niemand gesehn — ich war dort.«
+
+»Waren Sie auch schon — auf dem Kirchhof?« frug ihn Marie jetzt leise und
+schüchtern.«
+
+»Wahrhaftig, daran hatte ich gar nicht gedacht,« sagte Kellmann rasch
+seinen Stuhl zurückschiebend, »die Möglichkeit ist da, und ich will keinen
+Augenblick mehr versäumen — vielleicht ist es jetzt noch nicht zu spät.«
+
+»Und Sie sagen uns Antwort?«
+
+»Sowie ich etwas Bestimmtes über sie weiß — aber — aber was dann mit ihr
+anfangen? — hier in der Stadt _kann_ sie nicht bleiben,« sagte Kellmann,
+die Thürklinke schon in der Hand, »und überhaupt scheint mir ihr
+schwächlicher Körper zu grober Handarbeit gar nicht geeignet.«
+
+»Vielleicht bietet sich da für die Schwester in demselben Haus ein
+Ausweg,« rief Anna plötzlich, »das für den Bruder ja so viel gut zu
+machen, wenn er wirklich unschuldig gelitten. Gestern Nachmittag noch
+klagte mir Clara ihr Leid, daß ihre Kammerjungfer, mit der sie sehr
+zufrieden ist, und die ihr bis dahin fest versprochen mitzugehn, plötzlich
+anderes Sinnes geworden wäre, und sich jetzt weigerte Heilingen zu
+verlassen. Clara ist so seelensgut, sie würde gewiß Alles thun was nur in
+ihren Kräften steht, das arme Kind den herben Verlust vergessen zu machen.
+
+»Aber wird sich das Mädchen selber dazu eignen?« sagte Kellmann.
+
+»Weshalb nicht,« rief aber auch jetzt Marie — »bringen Sie die Arme nur
+hierher, sobald Sie sie finden, und nehmen sie Henkel’s nicht mit, findet
+Papa gewiß einen Ausweg.«
+
+»Ja, Papa einen Ausweg,« sagte aber der Professor — »ich kann _Niemanden_
+mehr mitnehmen Kinder, so viel solltet Ihr eigentlich jetzt schon wissen,
+denn wir sind Leute genug.«
+
+»Ach wenn sie überhaupt gehen will,« rief Kellmann, »die Passage bringen
+wir hier schon zusammen, und wenn sich Fräulein Anna bei Frau Henkel für
+sie verwenden will, wär’ es ein Glück für das arme Mädchen, den hiesigen
+für sie so trüben Verhältnissen so rasch wieder entrissen zu werden. Doch
+jetzt leben Sie wohl — ich habe da nicht lange Zeit mehr zu verlieren, und
+hoffe Ihnen bald günstige Nachrichten bringen zu können.«
+
+ * * * * *
+
+Actuar Ledermann hatte die Nacht einen heftigen Fieberanfall bekommen, und
+sich am anderen Morgen auf seinem Bureau entschuldigen lassen. Erst um
+zehn Uhr etwa fühlte er sich etwas besser, und beschloß ein wenig an die
+frische Luft zu gehn, in dem sonnigen Morgen draußen die trüben quälenden
+Gedanken zu verscheuchen.
+
+Er ging auf den Kirchhof, das Grab seines kleinen Lieblings zu besuchen,
+und nahm einen Monatsrosenstock mit hinaus, ihn darauf zu pflanzen.
+
+Der Weg der zu dem Grab, zwischen den andern Hügeln hin, führte, lief eine
+kurze Strecke die Mauer entlang, die bis jetzt leer gelassen und von
+Unkraut überwuchert lag. Nur ein einziger, unter Gras und Unkraut fast
+versteckter flacher Hügel war dort aufgeworfen, über dem kein Kreuz den
+Namen des Hingeschiedenen kündete, keine Blume ein sorgendes Herz
+verrieth, das dem Entschlafenen die stille Thräne nachgeweint. Und dort? —
+in das hohe, feuchte Gras geschmiegt, lag eine schlanke Mädchengestalt,
+Stirn und Antlitz in dem wuchernden Unkraut verborgen, auf dem die vollen
+aufgelösten Locken ruhten.
+
+»Lieber Gott,« sagte der Actuar, mit dem Blumenstock im Arm neben ihr
+stehen bleibend, leise vor sich hin — »es ist doch noch viel, viel Elend
+in der Welt, und wenn Einem recht traurig und weh um’s Herz ist, sollte
+man eigentlich immer hinaus auf den Kirchhof gehn. Da haben die Leute
+nicht ihre glatten unbewegten Alltagsgesichter vor, sondern geben sich wie
+sie sind, und wenn es auch eben kein Trost sein sollte andere Menschen
+unglücklich zu sehn, ist es doch jedenfalls einer, zu wissen daß man es
+nicht allein ist.« Und sich langsam abwendend schritt er dem Grabe seines
+Kindes zu, setzte den Blumentopf auf den kleinen Hügel, und sich selber
+dann auf eine dicht daneben liegende Marmorplatte, die das Grab eines
+anderen Menschen deckte.
+
+Dort blieb er lange, das Gesicht mit den Händen bedeckt, und regungslos in
+seiner Stellung verharrend, seinen schmerzlichen Gedanken überlassen, bis
+die Sonne höher und höher stieg, und ein stechender Kopfschmerz ihn mahnte
+den, den heißen Strahlen vollkommen ausgesetzten Platz zu verlassen, wenn
+er sich nicht noch kränker machen wollte als er schon war. Er stand auf,
+und sah sich nach dem Todtengräber um, diesen zu bitten den Blumenstock
+für ihn einzusetzen, und fand ihn auch, nicht weit von dort entfernt, mit
+einem neuen Grabe beschäftigt. Langsam seinen Spaten schulternd ging er
+mit ihm zu dem verlangten Platz, und dort sein Handwerksgeräth neben sich
+in den Boden stoßend und sich den Schweiß von der glühenden Stirne
+trocknend, sagte er freundlich:
+
+»Warmer Tag heute, Herr Actuar — sehn Sie einmal was für ein schönes
+Stöckchen; das müssen wir aber ordentlich angießen, sonst vertrocknet es
+gleich in der lockeren Erde — werde Ihnen das schon besorgen.«
+
+»Bitte sein Sie so gut,« sagte Ledermann, und der Mann nahm den Stock auf,
+drehte ihn um und schlug mit der flachen Hand unter den Topf, diesen
+locker und los zu bekommen.
+
+»Kennen Sie das junge Mädchen was da auf dem Grabe an der Mauer liegt?«
+frug der Actuar jetzt, als sein Blick wieder zufällig dort hinüber
+streifte — »dort drüben meine ich.«
+
+»Ja ich weiß schon,« sagte der Mann, ohne den Kopf zu wenden und mit
+seiner Arbeit beschäftigt — »nein — sie saß vor dem Kirchhofsgitter schon
+heut’ Morgen wie ich öffnete, um drei Uhr früh, und muß die ganze Nacht da
+zugebracht haben. Wie ich das Thor aufmachte frug sie mich nur nach dem
+Grabe eines armen Teufels, den wir hier vor kurzer Zeit zu Ruh gebracht,
+und ist seit der Zeit nicht von dort weggegangen. Das kommt manchmal vor.«
+
+»Und wer liegt da begraben?« frug Ledermann schnell, dem ein plötzlicher
+Gedanke an das Mädchen von gestern Abend aufstieg.
+
+ [Capitel 9]
+
+»Dort an der Mauer?« sagte der Todtengräber, »ih Sie wissen ja, der kleine
+bucklige Bursche, der von der Brücke gesprungen war, und sich den Kopf
+aufgeschlagen hatte.«
+
+Dem Actuar fuhr es mit einem eisigen Stich durchs Herz, aber er erwiederte
+Nichts, gab dem Mann eine Kleinigkeit für seine Dienstleistung, und ging
+dann langsam, als ihn dieser wieder verlassen und seine frühere Arbeit
+aufgenommen hatte, zu Loßenwerder’s Grab, wo die Trauernde noch still und
+regungslos in ihrem Jammer lag. Nur das krampfhafte Zittern des Körpers
+verrieth das darin wohnende Leben.
+
+»Liebes Kind,« sagte Ledermann leise — das Mädchen bewegte sich nicht —
+»mein liebes Kind,« sagte er lauter, und berührte ihre Schulter mit seinem
+Finger. Langsam hob sie das bleiche, Thränen überströmte Gesicht zu ihm
+empor, und als sie den fremden Mann neben sich sah, richtete sie sich
+verwirrt, beschämt aus ihrer Stellung auf.
+
+»Aber wie können Sie sich hier so Stunden lang in das feuchte Gras
+werfen,« sagte der Actuar mit freundlichem Vorwurf — »Sie _müssen_ ja
+krank werden — nicht wahr, Sie kennen mich nicht mehr?«
+
+Das Mädchen sah ihn groß und verwundert an, und schüttelte dann langsam
+mit dem Kopf.
+
+»Ich sprach gestern Abend mit Ihnen, draußen vor dem Thor, wo die Musik in
+dem Hause war,« sagte Ledermann — »hatten Sie gar keine Ahnung von dem
+Schicksal des Bruders?«
+
+»Keine,« sagte die Arme leise, das Köpfchen wieder senkend.
+
+»Und wo erfuhren Sie seinen Tod?«
+
+Das Mädchen schauderte zusammen als sie des Augenblicks gedachte, und
+sagte endlich, wie mit angstgepreßter Stimme:
+
+»Gestern Abend in dem Haus — die Leute in der Gesindestube frugen mich wo
+ich herkäme und um meinen Namen, und dann —
+
+»Und dann?« frug der Actuar mitleidig, als das Mädchen schwieg und ihr
+Antlitz wieder zitternd in den Händen barg —
+
+»Dann sagten sie« — setzte das Mädchen, am ganzen Körper bebend hinzu —
+»daß Einer der so hieß — und sie spotteten dabei über sein Gebrechen — daß
+Einer — hier — « sie vermochte nicht auszureden und warf sich,
+rücksichtslos um den neben ihr stehenden Fremden, und in krampfhafter
+Verzweiflung, wieder auf das Grab nieder, das sie laut schluchzend mit
+ihren Armen umschlang, und den Bruder rief, sie zu sich zu nehmen in sein
+stilles, kühles Bett.
+
+Nur mit Mühe, und herzlichen tröstenden Worten die er zu ihr sprach,
+brachte sie Ledermann, als sich ihr Schmerz in etwas ausgetobt, endlich
+dahin sich etwas zu fassen und zu beruhigen, und ihm mehr über ihr
+Schicksal und sich selber zu sagen. Sie hieß Hedwig, war funfzehn Jahr alt
+und hatte bis zu ihrem elften Jahr bei einer entfernten armen Verwandten
+zugebracht, nach deren Tode sie, ein Kind noch, bei fremden Leuten in
+Dienst gehen mußte. Ihre Elteren schienen in besseren Verhältnissen gelebt
+zu haben, waren aber früh gestorben, und die Waisen sich selber überlassen
+gewesen. Ihr um zehn Jahr älterer Bruder Franz hatte sie dabei noch immer
+dann und wann von dem Wenigen was er selber verdiente, unterstützt, auch
+ihr vor einigen Monaten — und das mußte etwa grade vor seinem Tode gewesen
+sein, geschrieben, daß er recht sparsam lebe, und bald so viel zusammen zu
+haben hoffe mit ihr, der Schwester, nach Amerika auszuwandern, dort
+vielleicht ein kleines Geschäft oder irgend etwas Anderes anzufangen,
+ehrlich durch die Welt zu kommen. Hedwigs Aussage nach mußte er ihr auch
+die genaue Summe geschrieben haben, die er besaß, und als sie der Actuar
+dringend bat ihm den Brief zu verschaffen, wenn es irgend möglich sei, da
+der vielleicht vollständig des Bruders Unschuld beweisen konnte, zog sie
+aus ihrer Brust das zusammengefaltete und dort bis jetzt sorgfältig
+bewahrte Papier. Es war das letzte was sie von ihm bekommen, und als Monat
+nach Monat verstrich und keine neue Nachricht kam, wurde sie zuletzt
+unruhig und schrieb nach Heilingen. Aber auch hierauf erhielt sie keine
+Antwort und nicht mehr im Stande die Ungewißheit zu ertragen, verließ sie
+ihren Dienst und machte sich, mit wenigen Groschen in der Tasche auf, den
+weiten Weg zu Fuß zurückzulegen. Und ihr Empfang? großer Gott mit Spott
+und Hohn wurde ihr Bruder — das einzige noch auf der Welt ihr gehörende
+Wesen, das sie mehr als sich selber liebte — eines furchtbaren Verbrechens
+beschuldigt, in Folge dessen er sich selber das Leben genommen, und
+schlimmer, gewaltiger noch als die Nachricht seines Todes, erschütterte
+das reine, vertrauensvolle Herz des armen Kindes der erste _Zweifel_ an
+den Hingeschiedenen, der doch heimlich und quälend in ihr aufsteigen
+wollte, wie sie sich auch dagegen sträubte; und doch _wußte_ sie daß er
+keiner schlechten Handlung fähig gewesen sei.
+
+Während dieser Erzählung flossen ihre Thränen stärker; wenn aber der
+Schmerz auch nur mehr aufgerüttelt wurde durch das Wiederdurchleben
+vergangener Scenen, fand sie doch auch einen Trost in dem Aussprechen über
+ihren Verlust. Der Actuar überlas indeß flüchtig den Brief, und den Datum
+mit dem verübten Raub vergleichend sah er, ob Loßenwerder nun schuldig
+oder unschuldig sei, daß jenes, bei ihm gefundene Geld sein Eigenthum
+gewesen sein müsse, schon vor dem Tag, und nicht mehr als Beweis gegen ihn
+gelten konnte.
+
+So traf sie Kellmann, der von Lobensteins direct auf den Gottesacker
+gegangen war, das arme Mädchen aufzusuchen. Mit wenigen Worten sagte ihm
+der Actuar was er von ihr erfahren, und der gutmüthige kleine Kürschner
+setzte sich neben sie auf das Grab des Bruders, nahm ihre Hand in die
+seine, und diese streichelnd sprach er ihr Muth und Hoffnung in das arme
+gequälte Herz. Sie sollte nicht mehr allein stehn auf der Welt; er wollte
+Freunde für sie finden, die sich ihrer annähmen, und sie Beide, Ledermann
+und er, wollten nicht ruhen noch rasten bis ihres Bruders Name wieder
+ehrlich gemacht sei vor der ganzen Stadt; lieber Gott, sie konnten ja
+nichts mehr für den Armen thun.
+
+Hedwig weinte, während er sprach; aber die Thränen lösten ihren Schmerz —
+die freundlichen Worte; oh die ersten wieder seit so langer, langer Zeit
+die sie gehört, thaten ihr wohl und bannten die Verzweiflung aus ihrem
+Herzen, der sie ja sonst wohl rettungslos verfallen wäre. Wieviel Segen
+hat schon ein herzliches Wort gebracht, dem Unglücklichen gespendet — wie
+viele Thränen getrocknet, wie manches Weh, wenn es nicht heilen konnte,
+doch gelindert.
+
+Kellmann erbot sich dann auch, sie zu seiner Mutter zu führen, wo sie
+wenigstens bleiben konnte bis sich etwas Weiteres entschieden. Von Amerika
+sagte er ihr noch Nichts, die nächsten Tage mochten sie erst mit dem
+Gedanken vertrauter machen, wenn sie hörte wie viel Leute die auch ihren
+Bruder gekannt und liebe Freunde von ihm selber seien, gerade jetzt nach
+dort hinübergingen.
+
+Hedwig zögerte noch schüchtern das gütige Erbieten anzunehmen, aber die
+Worte klangen so herzlich, so gut gemeint, sie stand so hülflos, so allein
+in der weiten Welt, der fremde Mann erschien ihr wie ein Engel des Himmels
+in ihrem Schmerz, und unter Thränen nahm sie seine Hand und dankte ihm,
+und sagte daß sie ihm folgen würde, wohin er sie führe.
+
+
+
+
+
+ Capitel 10.
+
+
+ DIE BEIDEN FAMILIEN.
+
+
+Der Leser muß mir noch, ehe wir unsere weitere Wanderung zusammen
+antreten, zu zwei Stellen folgen, in Lage und Art freilich gar sehr
+verschieden. Den Characteren, die wir dort finden, begegnen wir später
+wieder, theils auf der Reise, theils in ihrem neugewählten Vaterland.
+
+An der Hannöverschen Grenze lag ein kleines Dorf, Waldenhayn mit Namen,
+und fast versteckt zwischen mächtigen Linden und Fruchtbäumen, die es von
+allen Seiten dicht umgaben.
+
+Mitten im Dorf auf einem flachen, aber die ganze Ortschaft überschauenden
+Hügel stand die Kirche, und daneben das kleine freundliche Pfarrhaus, das
+sein Dach über gute und glückliche Menschen gespannt hatte, Jahrzehnte
+lang — und heute? — Guter Gott welche Veränderung in dem Haus — der Vater,
+Pastor Donner, still und ernst in seinem Sorgenstuhl, und, ganz gegen
+seine sonstige Gewohnheit, ordentlich eingehüllt in eine dichte
+Tabakswolke, die Mutter mit verweinten Augen, und doch immer geschäftig
+herüber- und hinübergehend, bald aus der in jene Stube, Kleinigkeiten zu
+besorgen die sie immer wieder vergaß, ehe sie nur das andere Zimmer
+betreten.
+
+Der älteste Sohn Georg ging zu Schiff — ging nach Amerika über das weite,
+wilde Weltmeer nach einem anderen Vaterland, dort für den unruhigen Geist
+das Glück zu suchen, das er hier nicht fand, und »wann würden sie ihn — ja
+würden sie ihn je wieder sehen?« Oh es ist ein großer Schmerz für ein
+Elternherz ein Kind in der Blüthe der Jahre zu verlieren — wie viel Sorge,
+wie viel schlaflose Nächte hat es gemacht, bis es wuchs und gedieh; welche
+Hoffnungen knüpften sich an das junge Wesen, und blühten und reisten mit
+ihm; wie treulich wurde da nicht jeder Schritt bewacht, den noch
+unsicheren Fuß vor Stoß und Fall zu schützen, wie ängstlich jedem bösen
+Eindruck gewehrt, der Herz oder Geist hätte vergiften können. Und nun das
+Alles preiszugeben der Welt, ihren Verführungen, ihren Gefahren für Geist
+und Körper, das Alles preiszugeben und hinausgeworfen zu sehn auf die
+stürmischen Wogen des Lebens — sich selbst überlassen, und der eigenen,
+vielleicht doch noch zu schwachen Kraft. Wie viele heimliche Thränen
+werden da geweint, wie trüb und traurig liegt da oft des Kindes Zukunft
+vor dem ahnenden Blick des Vaters und der Mutter — Krankheit wird es
+erfassen und halten, und keine liebende Hand in der Nähe sein, es zu
+pflegen und ihm den Schweiß von der heißen, glühenden Stirn zu trocknen,
+die Verführung ihre falschen, goldblinkenden Netze nach ihm auswerfen, und
+keine treu warnende Stimme ihm zur Seite stehn — Noth und Mangel
+vielleicht in bitterem Weh auf ihm lasten, und Niemand da sein, der ihm
+Hülfe bringt, und den Unglücklichen tröstet und unterstützt — Mutter und
+Vater sind fern, fern von dem Geliebten, seine Klage dringt nicht herüber
+zu ihnen — ihr Trost und Hülfswort nicht zurück zu ihm.
+
+Und ein solcher Abschied dann — der Tod pocht nicht viel härter an des
+Glückes Thor, und das Bewußtsein den Geschiedenen still und geschützt in
+kühler Erde zu wissen, auf der die treu gepflegten Blumen keimen, ist oft
+noch weniger bitter als dieser _freiwillige_ Tod — der Fortgang über’s
+Meer, in eine fremde, ungekannte Welt — vielleicht so ohne Wiederkehr wie
+jener, und ohne jedes beruhigende Gefühl der Sicherheit. Der Scheidende
+ist da noch immer besser, weit besser daran als die Zurückbleibenden; ihm
+liegt die Welt jetzt frei und offen da, jede Stunde draußen, jede Meile
+Wegs bringt ihm Neues, Unbekanntes, und wehrt dem Blick nur an dem einen
+Schmerz zu haften. Er hat auch zu sorgen, für sich und sein Gepäck, seine
+ganze Zukunft ist ihm in der einen Stunde in die eigene Hand gegeben — ein
+ungewohnt Geschäft bis jetzt — und fremde Landschaft, fremde Scenen
+wechseln so rasch an ihm vorüber, daß jedes Bild einen Theil des alten
+Schmerzes fortführt mit sich. Selbst der Gedanke an die Verlassenen hat
+nicht das Herbe, Bittere für ihn, als es für diese hat, wenn sie sein
+gedenken, und sich mit Vermuthungen quälen müssen wie es jetzt ihm geht,
+was er thut, was er treibt, wo er jetzt gerade weilt. _Er weiß_ in welchem
+Kreis die Seinen sich bewegen, kennt in jeder Tageszeit ihre kleinen,
+häuslichen Beschäftigungen, ihr gleichmäßiges Wirken und Schaffen, und
+sein Herz, das immer noch daheim bei ihnen weilt, wahrt seinen festen
+Anhaltspunkt an sie sich unverkümmert fort, bis das Bild, von anderen
+dicht umdrängt in weiter immer weiterer Ferne langsam erbleicht, und nur
+noch auf dem Hintergrund des Herzens wie schlummernd liegt, in seinen
+Träumen ihn zu segnen, oder dereinst, wenn die Welt ihn kalt und rauh von
+sich stößt, und er allein und freundlos sich da fühlt, wieder aufzuglühen
+in aller Frische und Wärme, ein Trost und Hoffnungsziel, dem armen,
+einsamen Wanderer.
+
+Georg war ein junger lebenskräftiger Mann von dreiundzwanzig Jahren, mit
+dunkelbraunen, vollen, ihm frei und ungescheitelt über die offene
+sonngebräunte Stirn fallenden Locken, schwarzen klaren Augen und freien,
+gutmüthigen Zügen, die selbst eine breite dunkle Narbe über den rechten
+Backen, der Autograph eines Commilitonen, nicht entstellen konnte. Er
+hatte Medicin studirt, und sich das Doctordiplom mit eifrigem Fleiß
+verdient, aber die Aussichten für einen jungen Arzt waren trüb und
+unversprechend in seiner Heimath, und jene fremde Welt, von der er schon
+so viel gelesen und gehört, zog ihn mächtig an. Sein Vater konnte und
+wollte dieses Streben nicht bei ihm unterdrücken; auch er erkannte die
+Banden, die hier einen kräftigen Geist so leicht in Fesseln legen, und
+ehrte den Wunsch und Drang der jungen, nach Thaten dürstenden Brust, einen
+Schauplatz zu finden für ihr Sehnen und Wirken, wenn er sich auch wohl
+selber dann wieder mit einem schweren Seufzer gestehen mußte, wie manche
+Hoffnung der Sohn zertrümmert, wie manche Erwartung er getäuscht sehn
+würde in dem neuen Leben, das jetzt ihm freilich im vollen Glanz einer
+aufsteigenden Sonne, von warmem Lichte übergossen winkte. Und wie würde
+sich sein Herz dann bewähren, das jetzt jubelnd zu den blinkenden,
+Flaggen- und Blumengeschmückten Wällen seiner eigenen Luftschlösser
+aufschaute, wenn es an deren Trümmern stand? oh daß er dann hätte an
+seiner Seite stehen und ihn leiten dürfen den dunklen, schmalen Pfad zum
+wahren Glück — retten ihn dann vor sich selbst und seinem bittern Weh.
+
+Aber die Zeit lag noch fern, und weshalb sich selbst den Augenblick
+vergiften, wo sich der Himmel noch blau und rein über seiner Zukunft
+spannte. Georg selbst sah auch Nichts von solchen trüben Bildern, die das
+Herz des Vaters oft mit banger Trauer füllten; ihm war das Thor jetzt weit
+und frei geöffnet, das hinaus in’s Leben führte und an dessen Schwelle er
+stand, und nur die Trennung noch vom Vaterhaus lag schwer auf seiner
+Seele.
+
+Am schwersten freilich trug gerade diese Stunde, weil ganz und ungetheilt,
+das Mutterherz. Nicht dachte _sie_ in diesem Augenblick an die Hoffnungen
+die dem Sohne in der Welt draußen blühen, an die Gefahren die ihm drohen
+könnten; sie sah und fühlte Nichts, als die Trennung von dem _Kind_, den
+Abschied von dem Heißgeliebten, und wie im Traum hatte sie schon den
+ganzen Tag ihren gewöhnlichen Beschäftigungen obgelegen, wie im Traum noch
+einmal seine Lieblingsgerichte bereitet für den Abend, den letzten Abend,
+den er im Vaterhause zubringen würde.
+
+Lieber Gott, die Speisen kamen Abends auf den Tisch und wurden gegessen,
+aber Keiner von allen, die jüngsten Geschwister ausgenommen, schmeckten
+was sie aßen; man sprach dabei über das an dem Nachmittag fortgesandte
+Gepäck, über das Wetter, über die Uhr die zehn Minuten vorging — Georg
+trug Grüße auf an alle seine Bekannte, die sich noch seiner erinnerten. Er
+hatte an dem Tag noch selber ein paar Briefe schreiben wollen, war aber
+nicht dazu gekommen — Vieles Andere war ihm ebenfalls entfallen; so wollte
+er einen Absenker von dem Rosenstock mitnehmen der vor der Mutter Fenster
+blühte, und jetzt blieb ihm doch keine Zeit mehr; aber während dem Essen
+stand die Schwester — unvermißt — vom Tische auf, ging hinaus, grub einen
+Absenker aus, und brachte ihn in einem kleinen Topf dem Bruder, dem sich
+die Thränen in die Augen zwangen — er mochte kämpfen dagegen wie er wollte
+als er die Gabe sah. Die Mutter stand vom Tisch auf und ging hinaus —
+nicht ein Wort wurde gesprochen so lange sie fort war. Die Speisen
+verschwanden dabei von den Tellern und der Wein wurde getrunken, und die
+Mutter kam zurück und nahm ihren Platz wieder ein, lautlos wie vorher; man
+konnte den langsamen Gang der Uhr hören, an der Wand.
+
+Da endlich füllte der Vater sein Glas bis zum Rand, hob es mit der Linken
+und ergriff mit der anderen Georgs Hand. Er hatte etwas zum Herzen des
+Sohnes, zum Trost vielleicht der Mutter sprechen wollen, aber die Worte
+schwollen ihm im Mund — er brachte eine volle Minute keine Sylbe über die
+Lippen, und sich gewaltsam fassend und zusammennehmend sagte er endlich.
+
+»Auf ein frohes Wiedersehn Georg!«
+
+Georg preßte des Vaters Hand und trank ihm und der Mutter und den
+Geschwistern zu — und die Mutter hob ihr Glas und stieß mit dem Sohne an,
+aber mehr vermochte das Mutterherz nicht — zu lange hatte sie jetzt
+gewaltsam gegen ihr eigenes Gefühl an- und den Schmerz niedergekämpft, den
+Anderen zu Liebe; länger war sie es nicht im Stande, und das Glas mit
+zitternder Hand niedersetzend, daß der Wein über und auf das Tischtuch
+floß, stand sie auf, warf die Arme krampfhaft um den Hals des Sohnes und
+schluchzte laut.
+
+»Mutter, liebe — liebe Mutter — «
+
+»Mein Kind — mein Kind,« jammerte die Frau und der Schmerz wuchs an
+Heftigkeit, wie der mächtig aber still dahinwälzende Strom schäumend
+hinausdonnert in’s Freie, wo er sich erst einmal Bahn gebrochen aus seinem
+Bett — »mein liebes — liebes Kind.«
+
+»Aber Mutter,« bat der Pastor, »fasse Dich; es ist ja doch nur vielleicht
+auf kurze Zeit, bis sich der Junge draußen die Hörner abgelaufen, und ihm
+die Heimath anders aussieht wie jetzt; dann kommt er wieder.«
+
+»Liebe — liebe Mutter,« flüsterte Georg, sie innig an sich schließend, und
+auch ihm erstickten unaufhaltsam fließende Thränen die Stimme.
+
+Die Geschwister weinten auch, und der Vater war aufgestanden und ein paar
+Mal mit raschen Schritten, wie um den Anderen Zeit zu geben, eigentlich
+aber nur seine eigene Fassung wiederzugewinnen, im Zimmer auf- und
+abgegangen. Jetzt blieb er neben der Gattin und dem Sohne stehn, und sie
+langsam trennend sagte er mit sanfter, bittender Stimme:
+
+»Kommt Kinder, kommt — macht Euch selber nicht das Herz zum Brechen
+schwer; das ist unrecht. Ueberdies quält Ihr Euch zweimal, und habt morgen
+früh noch dasselbe Leid. Es ist eine lange Trennung, aber keine Trennung
+für’s Leben — wir sind Alle noch rüstig und gesund, und werden uns, will
+es Gott, hoffentlich Alle einmal froh und freudig in die Arme schließen
+können.«
+
+»Aber Du schreibst bald, Georg,« flüsterte die Mutter sich mit aller Kraft
+zusammennehmend — »Du läßt uns nie lange ohne Nachricht, nicht wahr Du
+versprichst mir das?«
+
+»Gewiß Mutter, gewiß — so oft ich kann — aber ängstigt Euch nur auch
+nicht, wenn einmal ein Brief länger ausbleibt als gewöhnlich; der Weg ist
+weit, und ein Brief kann leicht verloren gehn.«
+
+»So, und jetzt zu Bett Kinder,« mahnte der Vater — »es ist spät geworden,
+sehr spät, und Du mußt früh wieder heraus Georg, die Post nicht zu
+versäumen; sind Deine Koffer hinübergeschafft?«
+
+»Es ist Alles drüben,« sagte die Mutter, sich aus den Armen des Sohnes
+windend und ihre Thränen trocknend, »nur sein Ueberrock ist noch hier, den
+er anzieht, und die kleine Tasche in die er morgen früh sein Nacht- und
+Waschzeug steckt — doch das besorg’ ich schon selber und werd’ es nicht
+vergessen. Ich bin früh auf, Georg, Du mußt ja doch auch noch Deinen
+Kaffee haben bevor Du gehst.«
+
+»Gute Nacht Mutter!« rief Georg, umschlang sie noch einmal und küßte ihr
+Lippen, Augen und Stirn, »gute Nacht meine gute, gute Mutter — gute
+Nacht!«
+
+»Gute Nacht mein Georg, mein Kind,« sagte die arme Frau unter Thränen —
+»schlaf nur jetzt recht aus — zum letzten Mal unter unserem Dach — für die
+nächste Zeit wenigstens,« setzte sie rasch hinzu — »denn mit Gottes
+Beistand hoff’ ich soll es nicht das letzte Mal gewesen sein — und — und
+meinen Segen nimm mit Dir, wohin Du gehst — wo Du weilst — was Du thust —
+— er ruhe auf Dir, mein gutes, gutes Kind!«
+
+Georg beugte sich unwillkürlich dem ernsten heiligen Wort — seine ganze
+Gestalt zitterte dabei, und die Mutter mußte sich endlich mit freundlicher
+Gewalt aus seinen Armen winden; dann aber floh sie auch hastigen Schrittes
+aus dem Zimmer, sich in dem eigenen Kämmerlein recht, recht herzlich
+auszuweinen.
+
+Die Geschwister sagten dem Bruder jetzt gute Nacht — die älteste Schwester
+Louise hing lange an seinem Hals, aber riß sich los, den Schmerz der
+Eltern nicht zu vermehren. Die Jüngeren küßten ihn auf die Wangen und
+sagten. »Gute Nacht Georg — weck’ uns nicht zu spät morgen früh, daß wir
+Dir auch noch können glückliche Reise wünschen.«
+
+Georg küßte sie herzlich und bat sie brav und gut zu sein, und Vater und
+Mutter Freude — viel Freude zu machen, denn er selber ginge nun fort, und
+die Eltern würden deshalb recht traurig sein.
+
+»Gute Nacht Georg,« sagte der Vater, als die Kinder zu Bett gegangen
+waren, und Alle, außer ihm, das Zimmer verlassen hatten, »habe keine Angst
+daß Du die Post morgen verschläfst, ich wache schon auf zur rechten Zeit —
+gute Nacht mein Sohn. Komm komm, fange nicht selber wieder an, und mach’
+mir das Herz nicht schwer vor der Zeit — aber Georg, um Gottes Willen was
+ist Dir? — sei ein Mann — Nun ja — so lange die Frauen da waren hat es mir
+auch das Herz fast abgedrückt — man darf es sie ja nicht so merken lassen,
+sonst zerfließen sie ganz — «
+
+»Mein lieber — lieber Vater,« schluchzte Georg an seinem Halse.«
+
+»Mein guter, guter Sohn!« flüsterte der Pastor, des Kindes Stirne küssend,
+und jetzt selber im Innersten ergriffen und bewegt — »bleibe brav — bleibe
+so brav wie Du bist — ich kann Dir nichts Besseres wünschen — trage Gott
+im Herzen und Dich selbst, und — Deiner alten Eltern Bild, deren Segen Dir
+folgt auf allen Deinen Wegen.«
+
+»Mein Vater!«
+
+»So mein Sohn — jetzt gute Nacht und bete zu Deinem Schöpfer daß er uns
+morgen in der schweren Abschiedsstunde stärkt — gute Nacht mein Georg —
+gute Nacht.«
+
+Leise machte er sich los aus des Sohnes Arm, küßte ihn noch einmal, und
+verließ dann rasch das Zimmer. Georg aber blieb lange, lange Minuten auf
+dem Stuhle sitzen wo ihn der Vater verlassen, das Gesicht in seinen Händen
+bergend.
+
+»Gute Nacht,« flüsterte er endlich leise und kaum hörbar, als Alles schon
+im Hause still war, und zu Ruhe gegangen — »gute Nacht Ihr Lieben und Gott
+schütze Euch und mich; aber nicht möglich wäre es mir, die furchtbare
+Trennungsstunde noch einmal durchzuleben, nicht möcht’ ich Dir Vater, Dir
+Mutter den Schmerz, das bittere Weh zum zweiten Mal bereiten. Es ist
+vorbei — Alles vorbei, und wenig Stunden noch und die Heimath selber
+liegt, ein schöner Traum nur, in der Erinnerung Tiefe. So denn an’s Werk«
+setzte er fest und entschlossen hinzu, »und ob das Herz darüber brechen
+will, »durch« ist mein Wahlspruch jetzt, durch Nacht zum Licht — _durch_.«
+
+Und mit den, fest zwischen den zusammengebissenen Zähnen gemurmelten
+Worten stand er auf, und sein Schlafzimmer öffnend warf er den Rock ab,
+und badete Gesicht und Nacken in kühlem Wasser. Dann, als er die Glut die
+ihn durchtobte, in etwas gelöscht, packte er den kleinen Nachtsack mit
+den, sorglich für ihn auf dem Waschtisch ausgebreiteten Gegenständen, zog
+sich wieder an, knöpfte den Ueberrock bis an den Hals zu, denn die Nacht
+war kalt, und nach der gehabten Aufregung fröstelten ihn die Glieder, und
+im Zimmer umherschauend fiel sein Blick auf den, unter dem Spiegel
+stehenden, für ihn eingeschlagenen Rosenstock. Rasch barg er ihn in der
+weiten Tasche seines Ueberrocks, öffnete dann das Fenster, das in den
+Garten hinaus und von da über den Kirchhof führte, der Landstraße zu, und
+schwang sich auf das Fensterbret.
+
+»Ade!« flüsterte er, »ade Du trautes, liebes Haus, ade — Gott halte seine
+Hand über Dir, und schütze die lieben Menschen — ade, ade.« Und von dem
+Bret hinunterspringend in den Garten, durcheilte er diesen, schwang sich
+leicht über die Kirchhofmauer, die er als Kind unzählige Male
+überklettert, und schritt dann langsam und traurig seinen einsam dunklen
+Weg entlang.
+
+ * * * * *
+
+Noch hob sich die Sonne nicht über den östlichen Fichtenhang, und der
+dämmernde Tag grüßte eben die schlummernde Erde, als sich die Mutter von
+ihrem Lager hob, das Mädchen weckte daß es Feuer in der Küche mache, den
+Kaffee bereit zu halten, und dann den Mann rief, dem Sohn ade zu sagen.
+Pastor Donner hatte aber auch nur in unruhigem Schlaf gelegen — die
+Gedanken und Sorgen ließen ihn nicht ruhen, und wie aus bösem Traum fuhr
+er oft empor, mit einem wehen Stich durch’s Herz zurückzusinken, _daß_ es
+eben kein Traum sei, der ihn bedrücke und quäle.
+
+Er stand auf, zog sich an, und während die Mutter draußen in der Küche
+sorgte, dem Sohn ein rasches Frühstück zu bereiten, ging der Vater hin ihn
+zu wecken.
+
+»Georg!« sagte er, als er die Thür öffnete, die in des Sohnes Kammer
+führte — »Georg — es wird Zeit — heiliger Gott!« unterbrach er sich aber
+rasch und erschreckt als er das Gemach leer, das Bett unberührt und keine
+Spur mehr von dem Kinde fand — »heiliger, erbarmender Gott — er ist fort.«
+Und wie er sich auch vorgenommen sich zu fassen, und der Frau, dem Kind,
+die letzten Augenblicke nicht mehr zu erschweren, durch seine eigene
+Schwäche, traf ihn _der_ Schlag doch zu hart — zu unerwartet. In diesem
+Augenblick betrat die Mutter das Zimmer, und sah wie der Vater sich
+erschüttert von der Thür abwandte und das Antlitz in den Händen barg.
+
+»Mein Sohn — mein Kind!« stammelte sie, in der sie durchzuckenden Ahnung
+des Geschehenen, der sie wie ein jäher Schlag in’s Herz traf — »wo ist —
+wo ist Georg?« Aber der Vater zog sie an die Brust, und ihre Stirn, auf
+die seine heißen Thränen fielen, küssend, flüsterte er leise:
+
+»Er hat uns den Schmerz des Abschiedes sparen wollen, Louise — er ist
+fort.«
+
+»_Fort!_« hauchte die Frau — kaum noch den Sinn der Worte fassend, und
+brach bewußtlos in den Armen des Gatten zusammen.
+
+ * * * * *
+
+Außerhalb Waldenhayn, wenn auch noch zu demselben Kirchspiel gehörend, und
+dicht an der Grenze des bis hier herniederlaufenden Holzes, stand ein
+kleines, schon halb verfallenes Haus, das früher einmal von einem
+Forstgehülfen des herrschaftlichen Waldes bewohnt, dann aber nicht mehr
+benutzt, und um ein Billiges, eigentlich auf Abbruch, verkauft worden war.
+Der Mann der es kaufte aber, hatte früher ebenfalls in herrschaftlichen
+Diensten gestanden, und dann das Metzger-Handwerk getrieben; sein wildes,
+liederliches Leben jedoch ließ sein Geschäft nicht fördern, noch vorwärts
+gehn. Er schien auch keine rechte Lust an einer regelmäßigen Arbeit zu
+haben, heirathete dann, als er Alles was er sein nannte, durchgebracht,
+ein Mädchen vom herrschaftlichen Gut, das den Dienst dort verlassen mußte
+und von dem Herrn selber eine Abstandssumme bekam, und kaufte mit dem
+Gelde eben das kleine unwohnliche Gebäude, das er nichtsdestoweniger
+bezog, und sich jetzt angeblich vom Viehhandel ernährte. Er zog im Lande
+herüber und hinüber, und kaufte und verkaufte Vieh, mehr aber noch trieb
+er sich in den Wirthshäusern herum, wo er trank und spielte, und den
+schlimmsten Ruf im Lande hatte, den ein Mensch haben kann, ohne daß jedoch
+die Polizei den mindesten Halt an ihn bekommen konnte. Aber die
+ordentlichen Leute zogen sich von ihm zurück; Niemand mochte Umgang mit
+ihm oder seinem Weibe haben, und auf dem Weg zu seinem Hause wuchs Gras;
+wen dort nicht ein besonderes Geschäft hinführte, betrat ihn nimmer.
+
+So hatte der »schwarze Steffen,« wie er im Lande seines dunklen Haares und
+Aussehns wegen hieß, sechs Jahre in dem kleinen Haus gewohnt, und sein
+Weib ihm, außer dem Kind das sie in die Ehe gebracht, noch drei andere
+geboren. In der letzten Zeit tauchte dabei ein anderer Verdacht gegen ihn
+auf, daß er sich nämlich unter der Hand mit Wilddieben einlasse, und —
+wenn auch vielleicht nicht selber wildere, doch das Gestohlene kaufe und
+unterbringe.
+
+Sicher ist, daß nicht alles Fleisch was er zu Markte führte, im Stall
+gemästet worden, und als nun auch gar einmal, und vor nicht so sehr langer
+Zeit, ein Forstgehülfe, in Ausübung seiner Pflicht, erschossen worden,
+wurde die Aufsicht über den schwarzen Steffen, dem man aber doch nicht zu
+Kragen konnte, so scharf geführt, und diesem zuletzt so unerträglich, daß
+er schon ein paar Mal mit den Forstbeamten im Wirthshaus Streit gesucht
+und gefunden, und ihm zuletzt von der Herrschaft, nach lange geübter
+Nachsicht, der Befehl zugestellt wurde, das auf den Abbruch damals
+erstandene Haus, von dem übrigens kein Ziegel mehr sein gehörte, zu räumen
+und abzutragen oder stehen zu lassen, wie es ihm gefalle, seinen Wohnsitz
+aber, wider ihn eingelaufener Klagen wegen, wo anders zu nehmen, vom
+ersten des nächsten Monats an.
+
+Steffen war heute einmal ausnahmsweise den ganzen Tag zu Haus geblieben,
+und hatte manche von seinen Sachen, wobei ihm die Frau half,
+zusammengetragen und in einen Ranzen gepackt. Die Kinder aber achteten
+wenig darauf; sie waren gewohnt daß der Vater oft fortging, und dann immer
+mehre, manchmal sogar acht Tage fortblieb, ehe sie ihn wieder zu sehen
+bekamen, oder auch nur von ihm hörten. Fragen, wohin er ging, durften sie
+nie.
+
+Der Vater war übrigens mürrischer heute als je — er sprach fast kein Wort,
+trank aber oft aus der Flasche, die zum ersten Mal offen in der Stube
+stand, und woraus sich auch die Mutter zweimal einschenkte, und sich dann
+zu dem jüngsten Kinde setzte, und es auf den Schoos nahm und küßte.
+
+»Weshalb weinst Du, Mama?« sagte das zweite Kind, ein Junge von etwas über
+fünf Jahren — »hat Dir Jemand ’was zu Leid gethan?«
+
+»Weil sie eine Närrin ist,« brummte der Vater, der die Frage gehört hatte,
+und jetzt einen ärgerlichen Blick nach der Frau schoß — »ich dächte wir
+hätten nun genug darüber geschwatzt und die Sache wär’ abgemacht.«
+
+»Nun ja — ich sage ja auch kein Wort mehr dagegen,« erwiederte die Frau —
+»es — es überkommt Einen nur noch manchmal so — nachher wird’s besser und
+— es geht ja doch nun einmal nicht anders,« setzte sie still und schwer
+vor sich hinseufzend, hinzu.
+
+Steffen entgegnete nichts weiter darauf, schickte aber bald darauf, unter
+irgend einem Vorwand, die Kinder mitsammen hinaus in den Garten, und sagte
+dann, als er sich mit der Frau allein sah, mürrisch und finster.
+
+»Du flennst und flennst, und wirst die Bälge noch zuletzt aufmerksam und
+ängstlich machen mit Deiner Heulerei — kannst Du sie hier ernähren, so
+bleib da, ich habe Nichts dagegen; kannst Du’s aber nicht, dann sei auch
+vernünftig und mach’ jetzt keine dummen Streiche — es wär’ ein Spaß, wenn
+sie uns abfaßten, und Du weißt am Besten was uns nachher bevorstünde.«
+
+Die Frau war schlank und voll gewachsen, mit besonders kleinen Händen und
+Füßen, mußte auch einmal in früheren Jahren wirklich schön gewesen sein,
+und mehr noch als nur die Spuren war ihr davon geblieben, hätte sie eben
+etwas gethan sich das zu erhalten. Aber in ihrem ganzen Aeußeren ging sie,
+wenn nicht geradezu unreinlich, doch vernachlässigt; die ungeordneten
+Haare wurden durch einen zerbrochenen, ächten Schildpatkamm, und durch ein
+schwarzes abgescheuertes Sammetband, in dem vorn eine große bronzene
+Broche mit einem unächten Turquis saß, gehalten; in den Ohren hingen ihr
+ebenfalls lange emaillirte unächte Ohrringe, die mit dazu beigetragen
+hatten ihr bei ihren bescheidenen und einfachen Nachbarn den Namen der
+»stolzen Jule« zu geben, und das Kleid von gutem Stoff und nach neuem
+Schnitt gemacht, zeigte unausgebesserte Risse, und Spuren von Fett, in
+Streifen und Flecken, die schlecht zu dem blitzenden falschen Schmucke
+paßten.
+
+Auch in den Augen selber lag etwas Keckes, Unweibliches, das aber doch
+jetzt einem mächtigeren Gefühl gewichen war, denn nur manchmal, bei den
+rauhen Worten, blitzte es an gegen den Mann, und um die Lippen zog sich
+dann ein eigener fester Zug von Trotz und Zorn.
+
+»Ich hab’ Dir genug zu Willen gethan, daß ich mit Dir gehe und die Kinder
+zurücklasse,« sagte sie dann nach kleiner Weile — »wenn’s mir das Herz
+dabei zusammenzieht, wärst Du schlimmer wie ein Thier, wolltest Du’s mir
+wehren. Der Wolf läßt seine Brut nicht im Stich, und wir wollen fort — «
+
+»Der Wolf hat auch draußen zu leben, und für die Jungen Milch — wer
+giebt’s uns?« zischte der Mann zwischen den zusammgebissenen Zähnen durch
+— »wir könnten krepiren hier im Nest, keine Katze miaute deshalb im ganzen
+Kreis.«
+
+»Ich weiß es, ich weiß es,« sagte die Frau, »und das ist das Einzige was
+mich freut, daß wir ihnen jetzt einen Streich spielen — den Lumpen. Und
+wie sie schreien und schimpfen werden — aber ernähren müßen sie sie doch,
+davon hilft ihnen kein Gott. Leid thut’s Einem freilich immer, die armen
+Dinger, die noch Nichts von der Welt wissen und begreifen, so allein
+zurückzulassen — wenn ich das Jüngste nur mitnehmen dürfte — « setzte sie
+leise hinzu.
+
+»Komm mir nur jetzt nicht wieder mit dem alten Gewäsch,« rief aber der
+Mann finster und ärgerlich — »ich dächte das hätten wir über und genug
+besprochen und überlegt, und wären einig darüber.«
+
+»Ueberlegt gar nicht,« sagte aber die Frau, die Brauen fest
+zusammenziehend — »wenn ich davon anfing hast Du mich immer grob
+angefahren und ausgezankt, und Deinen Willen gehabt dabei, wie bei allem
+Anderen. Ich weiß daß ich nicht zu den Weichen gehöre, aber — Mutter
+bleibt doch Mutter, und — ’s ist immer ein häßlich unnatürlich Ding.«
+
+»Papperlapapp!« sagte der Mann den Kopf herüber und hinüber werfend —
+»unnatürlich — natürlich ist’s allerdings nicht daß die Scheunen
+ringsherum voll liegen, und das reiche Lumpenpack das Geld mit vollen
+Fausten zum Fenster hinauswirft, während wir hier trocken Brod nagen
+sollen, und das nicht einmal immer kriegen — schöne Natürlichkeit das.«
+
+»Wenn Du nur nicht den dummen Streich mit dem — «
+
+»Halt’s Maul!« brummte aber der Mann mürrisch — »ich sollte mich wohl
+erwischen und anzeigen lassen, daß ich jetzt im Zuchthaus säß und spänn —
+Gott verdamm mich, ich schösse eher die ganze Bande über den Haufen, einen
+nach dem anderen — bist Du nun fertig mit Deinen Sachen?«
+
+»Ja!« sagte die Frau leise und unwillkürlich zusammenschaudernd — »es kann
+fort gehn.«
+
+»Wir wollen aber doch warten bis es dunkel ist,« sagte Steffen nach
+kleiner Pause; »besser ist besser, und der Märtens unten an der Straße
+braucht nicht gleich zu wissen daß wir fortgefahren sind, beide zusammen,
+seine Nase hineinzustecken vor der Zeit; er ist mir so schon ein paar Mal
+hier oben herumgekrochen, wo er Nichts zu suchen hatte.«
+
+»Aber wenn sie uns nun doch vor der Zeit vermissen?« sagte die Frau, »und
+unserer Spur nachgehn; wenn’s jetzt schlimm ist, nachher wird’s erst bös,
+und wir dürften dann nur gleich mit Sack und Pack abziehn.«
+
+»In’s Arbeitshaus, eh? — nein, eine Weile halt’ ich sie uns schon von den
+Hacken, und Gefahr daß sie uns finden, hat es auch nicht. Wo wir zur
+Eisenbahn kommen bin ich bekannt, und habe schon manchmal Vieh da gekauft,
+wenn sie auch eben meinen Namen nicht wissen, und wenn wir fortgehn, lasse
+ich einen alten Hut von mir und das gelbe Tuch von Dir unten an dem tiefen
+Wasserloch unter den Erlen. Sobald Jemand hier in der Gegend vermißt wird,
+suchen sie dort immer zuerst, und der Schulze im Dorf hat das Pulver nicht
+erfunden, dem ist leicht was aufgehängt. Bis sie eine Weile stromab
+geangelt haben, sind wir hoffentlich unterwegs, und wenn nicht unter, doch
+über dem Wasser. Aber ich will jetzt noch einmal hinunter zum Märtens gehn
+und Mehl holen; es ist auch heute der gewöhnliche Tag, und hierher kommt
+nachher keiner so leicht, nimm Du indeß die Kinder vor, und instruire sie
+wie sie sich zu verhalten haben.«
+
+Und seine Mütze aufgreifend steckte Steffen die Hände in die Taschen, und
+schlenderte langsam den Hang hinunter dem nächsten, eine gute
+Viertelstunde entfernten Hause zu, während die Frau die Kinder zu sich
+hereinrief, das Jüngste, ein kleines liebes Mädchen von anderthalb Jahren,
+auf den Schoos nahm, und sich damit still und lautlos in die Ecke setzte.
+
+Die Sonne neigte sich indessen ihrem Untergang, und der Vater kam nach
+etwa einer Stunde, als es schon völlig dunkel geworden war zurück — die
+Mutter saß noch immer mit dem Kind auf dem Schoos, das bei ihr
+eingeschlafen war, und hielt es fest an sich gedrückt.
+
+»So Jule, es ist Zeit,« sagte der Mann, seine Arbeitsjacke abwerfend und
+den Rock anziehend, »weiß die Albertine was sie zu thun hat?«
+
+Die Frau zitterte am ganzen Leib, aber sie erwiederte kein Wort, stand
+auf, küßte das Kind das sie auf dem Arm trug, und legte es in sein
+Bettchen — einen Kasten, der in der Ecke der Stube stand.
+
+»Albertine,« sagte sie dann zu der Aeltesten, und wandte sich von der
+düster brennenden Oellampe, die Steffen auf den Ofen gestellt hatte, ab,
+daß die Tochter ihr nicht in die jetzt wirklich todtenbleichen Züge
+schauen sollte — »ich gehe mit dem Vater heute Abend eine Weile fort — den
+Karl bring ich erst noch zu Bett — sollten wir morgen früh nicht bei
+Zeiten da sein, so — so zieh die Kinder an und gieb ihnen zu essen — der
+Brodschrank ist offen, und Milch steht unter der Diele in der Schüssel —
+Du paßt mir auf daß den Kleinen Nichts passirt — Du — Du bist ja schon ein
+großes Mädchen.«
+
+»Und geht mir nicht vor die Thür morgen, bis wir nicht wieder da sind,«
+sagte Steffen, »wie ich heut Abend drunten gehört habe, ist hier ein
+toller Hund herumgelaufen. Das Beste wird sein Ihr haltet die Hausthür zu,
+daß er nicht etwa gar herein kommt.«
+
+Die Frau hatte dabei das etwa dreijährige Mädchen das indeß gar schläfrig
+geworden war, ausgezogen und in sein Bettchen gelegt — und der Junge,
+Carl, saß auf der Bank am Fenster, noch auf sein Abendbrod wartend. Aber
+er sah auch erstaunt dabei die Eltern an, die noch nie so spät Abends
+fortgegangen waren, und auch wohl noch nie, oder doch nur selten gar so
+freundlich mit ihnen gesprochen hatten.
+
+»Was für ein Hund ist es, Vater?« frug er jetzt, da der Gedanke an den
+tollgewordenen Hund ihn besonders interessiren mochte — »Märtens’ Bello?
+der kennt mich, und beißt mich nicht.«
+
+»Nein, der große Türk aus dem Dorfe unten,« sagte Steffen — »der den
+Müller auch schon einmal gebissen hat.«
+
+»Oh der ist schlimm!« rief der Knabe erschreckt — »da geh’ ich gewiß nicht
+hinaus.«
+
+»Geh’ nun zu Bett Carl, es ist spät,« sagte der Vater.
+
+»Ich habe mein Abendbrod noch nicht,« brummte der arme kleine Bursch.
+
+»So? — dann wird Dir’s Albertine geben — und — seid brav und folgt ihr —
+
+Er gab dem Knaben und ältesten Mädchen die Hand, und ging zu den Bettchen
+der Kleinen die er küßte; dann aber als ob er sich einer solchen Regung
+schäme, richtete er sich rasch wieder auf, drückte den Hut in die Stirn,
+und sagte, das Zimmer verlassend, und noch in der Thür sich umdrehend:
+
+»Ich warte auf Dich unten am Wasser — mach schnell!«
+
+»Sei ein gut Kind Albertine, und hab mir gut auf die Kleinen Acht,«
+flüsterte die Frau jetzt dem Mädchen zu, das eben dem Bruder ein Stück
+Brod und Salz gegeben hatte, an dem der aß und verwundert dabei hinter den
+Vater her aus der Thür, und nach der Mutter schaute, die lange — o lange
+Zeit nicht so freundlich mit ihnen gesprochen hatte.
+
+»Aber Mutter wo geht Ihr nur hin?« — frug das Mädchen, der das Benehmen
+der Eltern ebenfalls auffiel, verwundert.
+
+»Auf’s Amt,« sagte die Frau, auf die Frage schon vorbereitet — »wir müssen
+morgen früh mit Tagesanbruch in der Stadt sein, und wollen gehn so lang’s
+kühl ist.«
+
+»Und wann kommst Du wieder?«
+
+»Hoffentlich morgen gegen Abend — wenn wir fertig werden; auf dem Amt sind
+sie aber gar weitläufig — manchmal dauert’s länger als man denkt. Geht mir
+aber nicht vor die Thür, Ihr habt zu essen genug — jedenfalls sind wir
+morgen Abend um die Zeit wieder da — und acht’ mir auf die Kleinen, Tine —
+sei ein vernünftig gutes Mädchen — Du bist groß genug. Und — wenn Jemand
+nach uns fragen sollte, so sag nur wir wären in den Wald gegangen, und
+kämen gleich wieder — es wird aber wohl Niemand fragen,« — setzte sie
+leise, und wie zu ihrer eigenen Beruhigung hinzu.
+
+Sie sah sich im Zimmer um, ob sie Nichts vergessen habe — ihr Bündel lag
+aber versteckt draußen vor der Thür, wie der Mann seine gepackte
+Jagdtasche ebenfalls draußen verborgen gehabt und jetzt mitgenommen hatte.
+Ihr Blick überflog auch nur flüchtig den kleinen Raum, und haftete dann
+auf dem Bettchen des jüngsten Kindes — sie konnte nicht widerstehn, und
+trat noch einmal zu dem schlummernden Kind.
+
+»Geh doch hinaus Tine, und hole ein paar Stücken Holz herein, so lang ich
+noch hier bin, daß Du morgen früh Kaffee kochen kannst — ich bleibe so
+lang bei den Kindern,« setzte sie langsam und ohne das älteste Mädchen
+dabei anzusehn, hinzu. Dieses ging, und in wilder, fast ängstlicher Hast
+küßte die Frau jetzt die kleine, schon sanft schlummernde Line, und hob
+dann das Jüngste aus seinem Kasten, auf dessen rosige Lippen sie den
+eigenen Mund in wilder Heftigkeit preßte, bis es schrie. Die Thränen — die
+Mutter _konnte_ sich nicht ganz verleugnen in dem Augenblick — liefen ihr
+dabei voll und schwer die Wangen hinunter, und erst als sie das Aelteste
+mit dem Holz zurückkehren hörte, legte sie das leicht beruhigte Kind
+wieder auf sein Lager, und küßte den Jungen, dem die Thränen auch anfingen
+in die Augen zu steigen. Er wußte freilich nicht recht weshalb, und nur
+vielleicht weil er die Mutter weinen sah, wurd’ es ihm auch so weh und
+weich um’s Herz.
+
+»Aber Mutter, was ist Dir nur heute Abend?« sagte das Mädchen, dem die
+außergewöhnliche Bewegung derselben unmöglich entgehen konnte — »was habt
+Ihr nur, Du und der Vater?«
+
+»Bah — der Vater war garstig mit mir, und wir haben uns gezankt,« sagte
+die Mutter, das Gesicht abwendend von dem Kind.
+
+Ein scharfer Pfiff von draußen her schlug an ihr Ohr, und sie fuhr
+erschreckt in die Höhe.
+
+»Ja — ich komme schon!« murmelte sie, kaum hörbar, vor sich hin, »so adieu
+Albertine — hab auf die Kinder Acht, und — _behüt Euch Gott_!« und mit
+dem, wie scheu geflüsterten und vielleicht seit langer, langer Zeit nicht
+ausgesprochenen Segen, verließ sie rasch das Zimmer und das Haus.
+
+»Was zum Teufel trödelst Du denn da drin, und läßt mich eine Stunde hier
+warten?« rief der Mann mürrisch, als sie ihn endlich an der verabredeten
+Stelle traf — aber die Frau erwiederte kein Wort, und die fieberheiße
+Stirn in die Hand pressend, folgte sie dem, jetzt ebenfalls finster und
+schweigend Voranschreitenden, durch die Nacht.
+
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! ERSTER BAND***
+
+
+
+CREDITS
+
+
+May 2006
+
+ Project Gutenberg Edition
+ richyfortytwo
+ Joshua Hutchinson
+ Online Distributed Proofreading Team
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+
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+they need, is critical to reaching Project Gutenberg™’s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws.
+
+The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation’s web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5.
+
+
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+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg™
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™
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