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ERSTER BAND*** + + + + + + Nach Amerika! + Ein Volksbuch + + Erster Band + von + Friedrich Gerstaecker. +Illustrirt von Theodor Hosemann. +Leipzig, Hermann Costenoble, Verlagsbuchhandlung +Berlin, Rudolph Gaertner, Amelang'sche Sort-Buchhandlung + +1855 + + + + + + [image] + + + + + + + NACH AMERIKA! + + +Wie man ein Bild, aus einem Werk heraus, vorn auf den Umschlag bringt, den +Beschauer dadurch gewissermassen in den Charakter des Ganzen einzuweihen, +so will auch ich hier den Anfang des einen Capitels, aus der Mitte des +Bandes heraus, zum Vorwort waehlen, den Leser gleich von vorn herein mit +dem bekannt zu machen, was ich ihm biete. + +"Nach Amerika!" -- Leser, erinnerst Du Dich noch der Maerchen in "Tausend +und eine Nacht", wo das kleine Woertchen "Sesam" dem, der es weiss, die +Thore zu ungezaehlten Schaetzen oeffnet? hast Du von den Zauberspruechen +gehoert, die vor alten Zeiten weise Maenner gekannt, Geister heraufzurufen +aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls sich dienstbar zu +machen? -- Mit dem ersten Klang der einfachen Sylbe schlugen, wie sich die +Sage seit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner +zusammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkuehne Menschenkind das sie +gesprochen, bebte zurueck vor der furchtbaren Gewalt die es +heraufbeschworen. + +_Die_ Zeiten sind vorueber; die Geister, die damals dem Menschengeschlecht +gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das +rechte Wort vergeben sie zu rufen -- aber ein anderes dafuer gefunden das, +kaum minder stark, mit _einem_ Schlage das Kind aus den Armen der Eltern, +den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen seinen Verhaeltnissen und +Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reisst, in dem es bis dahin mit +seinen staerksten, innigsten Fasern treulich festgehalten. + +"Nach Amerika," leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der ersten +schweren, traurigen Stunde entgegen, die seine Kraft pruefen sollte, seinen +Muth staehlen -- "nach Amerika," fluestert der Verzweifelte der hier am Rand +des Verderbens dem Abgrund langsam aber sicher entgegen gerissen wurde -- +"nach Amerika," sagt still und entschlossen der Arme, der mit maennlicher +Kraft, und doch immer und immer wieder vergebens gegen die Macht der +Verhaeltnisse angekaempft, der um sein "taegliches Brod" mit blutigem Schweiss +gebeten -- und es nicht erhalten, der keine Huelfe fuer sich und die Seinen +hier im Vaterlande sieht, und doch nicht betteln _will_, nicht stehlen +_kann_ -- "nach Amerika" lacht der Verbrecher nach gluecklich veruebtem Raub, +frohlockend der fernen Kueste entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt +vor dem Arm des beleidigten Rechts -- "nach Amerika," jubelt der Idealist, +der wirklichen Welt zuernend, weil sie eben wirklich ist, und ueber dem +Ocean drueben ein Bild erhoffend, das dem in seinem eigenen tollen Hirn +erzeugten, gleicht -- "nach Amerika" und mit dem einen Wort liegt hinter +ihnen, abgeschlossen, ihr ganzes frueheres Leben, Wirken, Schaffen -- liegen +die Bande die Blut oder Freundschaft hier geknuepft, liegen die Hoffnungen +die sie fuer hier gehegt, die Sorgen die sie gedrueckt -- _"nach Amerika!"_ + +So gaehrt und keimt der Saame um uns her -- hier noch als leiser, kaum +verstandener Wunsch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft +und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht seiner gepackten Kisten und +Kasten. Der Bauer draussen hinter seinem Pflug, den der nahe Grenzrain, der +ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie so schwer +geaergert, und der im Geist schon die langen geraden Furchen zieht, weit +ueber dem Meer drueben, in dem fetten, herrlichen Land; -- der Handwerker in +seiner Werkstatt, dem sich Meister nach Meister in die Nachbarschaft +setzt, mit Neuerungen und grossen, marktschreierischen Firmen, die wenigen +Kunden die ihm bis dahin noch geblieben in _seine_ Thuer zu locken; der +Kuenstler in seinem Atelier, oder seiner Studirstube, der ueber einer +freieren Entwickelung bruetet, und von einem Lande schwaermt wo +Nahrungssorgen ihm nicht Geist und Haende binden; -- der Kaufmann hinter +seinem Pult, der Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in seinen Buechern +zieht, und, das sorgenschwere Haupt in die Hand gestuetzt, von einem neuen, +andern Leben, von lustig bewimpelten Schiffen, von reich gefuellten +Waarenhaeusern traeumt; in Tausenden von ihnen draengt's und treibt's und +quaelt's, und wenn sie auch noch vielleicht Jahre lang nach aussen die alte +fruehere Ruhe wahren, in ihren Herzen glueht und glimmt der Funke fort -- ein +stiller aber ein gefaehrlicher Brand. Jeder Bericht ueber das ferne Land +wird gelesen und ueberdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend fuer den +Kranken. Vorsichtig und aengstlich, und wie weit herum um ihr Ziel, dass man +die Absicht nicht errathen soll, fragen sie versteckt nach dem und jenem +Ding -- nach Leuten die vordem "hinueber" gezogen und denen es gut gegangen +-- nach Land- und Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk -- fuer Andere natuerlich, +nicht fuer sich etwa -- sie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen +will hinueber, ein entfernter Verwandter oder naher Freund, sie wuenschen +dass es dem wohl geht, und haeufen mehr und mehr Zunder fuer sich selber auf. + +So ringt und draengt und wuehlt das um uns her; keiner ist unter uns, dem +nicht ein lieber Freund, ein naher Verwandter den _salto mortale_ gethan, +und Alles hinter sich gelassen, was ihm einst lieb und theuer war -- aus +dem, aus jenem Grund -- und taeglich, stuendlich noch hoeren wir von anderen, +von denen wir im Leben nie geglaubt dass _sie_ je an Amerika gedacht, wie +sie mit Weib und Kind und Hab und Gut hinueberziehn. + +Und dort? -- + +-- Die vorliegenden Blaetter sollen dem Leser ein Bild geben von dem Leben +und Treiben solcher Leute. Hier aus unserer Mitte heraus, aus den +verschiedenartigsten Verhaeltnissen und Sphaeren, aus allen Schichten der +menschlichen Gesellschaft sehen wir sie ziehen -- Gute und Boese, den +Leichtsinnigen und den Spekulanten, den Bauer und Handwerker, den +Gelehrten und den Arbeiter, den rechtschaffenen Buerger und den heimlichen +Verbrecher, Alle dem _einen_ Ziel entgegenstrebend. Und _Alle_ vereinigt +sie das Schiff; der eine kleine Bau, der hunderte von Menschen auf seinem +schwanken Kiel hinuebertraegt, dem fernen Welttheil zu; oh was fuer +Hoffnungen, was fuer Plaene und Traeume birgt er in seinem Schooss. Aber die +Auswanderer liegen die langen Wochen, ja Monate, verpuppten Raupen gleich, +im engen Haus, still und gedraengt beisammen; Jeder mit dem alten Leben +abgeschlossen hinter sich, mit dem neuen noch nicht begonnen, in einem +wunderlichen unnatuerlichen Zustand, ungeduldiger Ruhe, bis der Anker in +die Tiefe rollt, und die ausgeschobene schmale Planke der bunten Schaar +von Tag- und Nachtfaltern den Weg in's Freie oeffnet. + +Hinaus flattern sie da nach allen Seiten, wie eine Hand voll Spreu, vom +Winde fort gefuehrt; die Einen selbstbewusst und keck dem fremden, +unbekannten Leben in die Arme springend, die Anderen scheu und zaghaft bei +jedem Schritte fast moralische Selbstschuesse und Fussangeln fuerchtend; Alle +aber entschlossen, die meisten sogar gezwungen, dem neuen Vaterlande die, +im alten aufgegebene Existenz abzuringen, Jeder in seiner Art, auf seine +Weise. + +Dort nun sehen wir sie schaffen und wirken in Gutem und Boesen, die Einen +mit ihren kuehnsten Hoffnungen erfuellt, Andere, zerknirscht und zertreten, +die Stunde verwuenschend, die den Gedanken an Auswanderung gebar -- sehn wie +sich die Wildniss lichtet, wie Farmen und Staedte entstehn, und sich das +deutsche Element ausbreitet nach allen Seiten, und folgen den einzelnen +Bekannten und Freunden, die wir zu Hause schon, oder auf der Fahrt erst +lieb gewonnen, oder fuer die wir uns interessiren, auf ihren verschiedenen, +oft wunderlichen Bahnen. + +Manchen alten Reisegefaehrten fuehr ich dabei dem Leser vor, und hoffe ihn +nicht zu langweilen, den weiten Weg; schlafen wir dann auch manchmal +draussen im Freien, oder in niederer Blockhuette auf duennem "Quilt", muessen +wir auch eine Zeit lang mit Maisbrod und Wildpret, oder gar mit Speck und +Syrup verlieb nehmen, wie es der Farmer am Ohio liebt, wir lernen doch das +Land kennen, mit seinen guten und schlechten Eigenschaften, seinen +Vortheilen und Maengeln, seinen Buergern und Einwanderern, seinen inneren +Verhaeltnissen, seinem Leben und seiner Lebenskraft, und bin ich im Stande +ihn auch nur einen Blick in jene ferne, von Tausenden so heiss ersehnte +Welt, wie ich sie selbst gefunden, thun zu lassen, so hab ich meinen Zweck +mit diesem Buch erreicht. + +_Rosenau_ bei Coburg im September 1854. + + Friedrich Gerstaecker. + + + + + + INHALT DES ERSTEN BANDES. + + +Das Dollinger'sche Haus +Der rothe Drachen +Der Diebstahl +Franz Lossenwerder +Die Auswanderungs-Agentur +Die Weberfamilie +Nach Amerika +Der Tanz im rothen Drachen +Ruestungen +Die beiden Familien + + + + + + Capitel 1. + + + DAS DOLLINGER'SCHE HAUS. + + +Im Hause des reichen Kaufmanns Dollinger zu Heilingen -- einer nicht +unbedeutenden Stadt Deutschlands -- hatte am Sonntag Mittag, ein kleines +Familienfest die Glieder des Hauses um den Speisetisch versammelt, und +diesen heute in aussergewoehnlicher Weise mit Blumen geschmueckt, und +delicaten Speisen und Weinen gedeckt. Es war der Geburtstag der zweiten +Tochter des Hauses, der liebenswuerdigen Clara und nur ihr erklaerter +Braeutigam, ein junger deutscher, in New-Orleans ansaessiger Kaufmann, als +Gast der Familie zugezogen worden. + +Am oberen Ende des Tisches, um dem Leser die Personen gleich in +Lebensgroesse vorzufuehren, sass Vater Dollinger, ein etwas wohlbeleibter aber +behaebiger, stattlicher Mann, mit klaren, blauen, unendlich gutmuethigen +Augen und schneeweissen Locken und Augenbrauen, die aber dem edel +geschnittenen Gesicht gar gut und ehrwuerdig standen. Ihm zur Rechten sass +seine Frau, allem Anschein nach etwa funfzehn oder sechzehn Jahre juenger +wie er selber, und durch ihr volles, dunkelbraunes Haar vielleicht auch +noch sogar juenger aussehend, als sie wirklich war. Sie ebenfalls, mit +ihrer stattlichen Gestalt, hatte einen leichten Anflug zu Corpulenz, aber +das etwas ausgeschnittene Kleid, wie die schwere goldene Kette, Broche und +Ohrringe, die sie fast etwas zu reichlich schmueckten, passten nicht ganz zu +dem sonst so freundlichen, matronenhaften Aeussern. + +Clara neben ihr, war das veredelte Bild der Eltern; die lieben treublauen +Augen schauten gar so vertrauungs- und unschuldsvoll hinein in die Welt, +an deren Schwelle sie stand, und die ihr, wie ein eben geoeffnetes, +prachtvoll gebundenes Buch auf den ersten, fluechtig durchblaetterten +Seiten, nur freundliche Blumen und ihr zulaechelnde Gestalten zeigte. Kein +Schmerz hatte diese engelsanften Zuege noch je durchzuckt, keine Thraene +wirklichen Schmerzes den reinen Blick getruebt, und die ganze zarte, +sinnige Gestalt glich der eben entkeimenden Fruehlingsbluethe im sonnigen +Wald, die dem jungen Fruehlingstag in Glueck und Unschuld die schwellenden +Lippen zum Kusse bietet, und in der blitzenden Thauperle ihres Kelchs, den +reinen Aether ueber sich, nur schoener, nur gluehender zurueckspiegelt. + +Ihre um nur wenige Jahre aeltere Schwester, Sophie, die an des Vaters Seite +sass, aehnelte der Schwester in mancher Hinsicht an Gestalt, aber das +einfach kindliche, was Claerchen jenen unendlichen Reiz verlieh, fehlte +ihr. Ihre Gestalt war voller, majestaetischer, aber auch ihr Blick mehr +kalt und stolz; "ich bin des reichen Dollingers Kind" lag klar und +deutlich in den scharf zusammengezogenen Mundwinkeln, in dem fest und +entschieden, blitzenden Auge, und auch ihre Kleidung, ihr Schmuck war, +wenn nicht reicher, doch jedenfalls mehr in's Auge springend, Bewunderung +fordernd. + +Zwischen Beiden sass Clara's Braeutigam, ein junger, bildhuebscher Mann in +moderner, fast fuer einen Mann etwas zu gewaehlter und sorgfaeltig geordneter +Kleidung; er trug das Haar in natuerlichen dunkelbraunen Locken und das +Gesicht glatt rasirt, bis auf einen kleinen, aufmerksam gekraeussten, und +nur bis zur halben Backe reichenden Backenbart, an den Fingern aber mehre +sehr kostbare Diamant-Ringe, eine Brillant-Tuchnadel von prachtvollem +Feuer, und eine schwere goldene, ebenfalls mit kleinen Edelsteinen +besetzte Uhrkette. + +Die Bekanntschaft Clara's und ihrer Eltern hatte er dabei auf eine etwas +romantische Weise, und zwar gleich als ihr Lebensretter oder doch Befreier +aus einer nicht unbedeutenden Gefahr gemacht. Herr und Frau Dollinger +waren naemlich mit ihren beiden Toechtern im vorigen Herbst auf einer +Rheinreise bei Ruedesheim aus- und zu dem kleinen Waldtempel oben ueber +Asmannshausen hinaufgestiegen, um sich von dort nach dem Rheinstein +uebersetzen zu lassen; die Mutter hatte aber durch das nicht gewohnte +Bergsteigen heftige Kopfschmerzen bekommen oder, was wahrscheinlicher ist, +ennuyirte sich am Land und wuenschte an Bord des Dampfers zurueckzukehren, +und als sie gerade mit dem Kahn ueber den Rhein fuhren, kam ein Dampfboot +stromab, und hielt auf ihr Winken, sie an Bord zu nehmen. Herr und Frau +Dollinger, mit Sophie, von den Kahnfuehrern unterstuetzt, hatten auch schon +gluecklich die Treppe und das Deck erreicht, und dicht hinter ihnen folgte +Clara, als diese sich ploetzlich erinnerte, ihre Geldtasche im Kahn +vergessen zu haben, und anstatt diese sich heraufreichen zu lassen, selber +wieder zuruecksprang sie zu holen. Durch das Hineinspringen fing aber der +schmale Kahn an zu schwanken, waehrend sie, die vergessene kleine Tasche +aufhebend, das Gleichgewicht verlor und, mit dem Kopf voran, in den Rhein +stuerzte. Ungluecklicher Weise waren gerade in dem naemlichen Augenblick die +Kahnleute an Deck des Dampfers gestiegen, den Koffer eines Passagiers, der +mit an Land fahren wollte, in ihren Kahn zu heben, und wenn sie jetzt +auch, auf das Geschrei an Bord, rasch in diesen zuruecksprangen, trieb doch +Clara schon hinter dem Dampfboot aus, als der junge, eben von Amerika +zurueckgekehrte Mann, der dem ganzen Vorfall vom Deck des Dampfers +zugesehn, mit keckem Muth ins Wasser sprang und die Jungfrau doch +wenigstens so lange an der Oberflaeche unterstuetzte, bis das Boot herbeikam +sie beide aufzunehmen. + +Das Weitere nahm einen ziemlich einfachen Verlauf, Joseph Henkel, wie der +junge Mann hiess, gewann sich in den naechsten Wochen, die er in der +Gesellschaft der ihm zu grossen Dank verpachteten Familie zubrachte, die +Achtung des Vaters und die Liebe von Mutter und Tochter, und als er zuerst +bei der Mutter um die Hand der Tochter anhielt, sagten Beide nicht nein. +Allerdings wollte der Vater erst, wenn auch nicht gerade Schwierigkeiten +machen, doch etwas Genaueres ueber die Existenzmittel eines Mannes +erfahren, dem er das Glueck und Leben eines lieben Kindes anvertrauen +sollte. Henkel selber bot ihm dazu die Hand und gab ihm Adressen an +verschiedene Haeuser in New-Orleans, die ihm ueber seine dortige Stellung +genaue Auskunft geben konnten. + +Nach seinem Vermoegen mochte der alte Dollinger, wenn auch Kaufmann, nicht +so genau forschen; er war selber reich genug, einen _reichen_ +Schwiegersohn entbehren zu koennen, und etwas Vermoegen musste der junge Mann +haben, dafuer buergte sein ganzes Auftreten, buergte besonders in den Augen +seiner Frau der reiche und wirklich kostbare Schmuck, den er trug. Joseph +Henkel war aber auch ausserdem ein interessanter und sehr gescheidter Mann, +der Manches in der Welt schon gesehen und erlebt, und das Gesehene und +Erlebte mit lebendigen Farben und Worten zu schildern wusste. Er hatte die +ganzen Vereinigten Staaten von Nord nach Sued und von Ost nach West +durchstreift, und dort theils seinen Geschaeften gelebt, theils gejagt, +sogar ein kleines Dampfschiff auf dem Arkansas laufen gehabt, mit den +Indianern Handel zu treiben, und ihnen die Produkte des Ostens gegen ihre +eigenen Fabrikate und den Gewinn ihrer Jagden einzutauschen. Er war auch +einmal von jenen wilden trotzigen Staemmen, die uns Cooper so herrlich und +unuebertroffen beschrieben, gefangen genommen und zum Opfertod verdammt, +und damals wirklich nur durch ein halbes Wunder gerettet worden, und Clara +hatte eine ganze Nacht nicht schlafen koennen, nur in der Angst und Unruhe +um die entsetzliche Gefahr, der sich der tollkuehne Mensch damals schon +ausgesetzt. + +Der junge Mann schien aber zwischen jenen wilden Staemmen den Umgang mit +civilisirten Menschen keineswegs verlernt zu haben, und besass ganz +besonders ein fast wunderbares Geschick, sich seiner Umgebung +anzuschmiegen, und sich in ihre Charaktere ordentlich hineinzuleben. Als +ein tuechtiger und raffinirter Kaufmann, der vorzueglich eine vortreffliche +statistische Kenntniss der Union besass, gewann er sich dabei, und gleich +von allem Anfang an, die Achtung des alten Dollinger. Der Frau aber hatte +er leicht ihre kleinen, oft liebenswuerdigen Schwachheiten abgelauscht, und +wusste ihnen auf so geschickte Art zu begegnen, dass Frau Dollinger, mit der +Rettung des geliebten Kindes im Hintergrund, schon nach sehr kurzer Zeit +ganz entzueckt von ihm war, und sein Lob dem Gatten unaufhoerlich redete. +Auch mit der aelteren Schwester, Sophie, wusste sich Henkel bald auf guten +Fuss zu stellen; er hatte bei ihr das leichteste Spiel, denn ihre Schwaechen +lagen offen zu Tag, denen aber schmeichelte er mit solcher +Liebenswuerdigkeit, dass ihm Clara, die es fuehlte wie er dabei aus sich +herausging und etwas annahm was ihm nicht natuerlich war, oder doch +jedenfalls dem Mann, den sie liebte, nicht natuerlich sein _sollte_, +dennoch nicht boese darueber werden konnte. + +Desto freier, offener und natuerlicher war er dafuer gegen sie selber; er +las, sang und spielte Pianoforte mit ihr, lehrte sie eine Menge kleiner +reizender, schottischer und irischer Lieder, oder plauderte mit ihr leicht +und sorglos Stunden lang in den Tag hinein, und konnte oft so herzlich +dabei lachen, dass es Einem ordentlich gut that, ihm zuzuhoeren. Selbst +Sophie entsagte dann nicht selten ihrem sonst etwas mehr abgeschlossenen, +fast steifen Wesen und kam zu ihnen, Theil an ihrer Froehlichkeit zu +nehmen. + +Nur in den letzten Tagen war der junge "Amerikaner" wie er im Hause +gewoehnlich scherzhaft hiess, oder der "Delaware" wie ihn Sophie, wenn sie +manchmal bei recht guter Laune war, nannte, auffaellig niedergeschlagen +gewesen; er hatte Briefe von Amerika bekommen, wie er sagte, und ein sehr +lieber Freund von ihm war dort schwer erkrankt, auch ein Schiff das ihm +gehoerte, und das nicht versichert worden, so lange ausgeblieben, dass sein +Compagnon fast den Untergang desselben befuerchte. Der alte Herr Dollinger +troestete ihn deshalb, und er schien sich auch darueber hinwegzusetzen, die +sonst so bluehende Farbe seiner Wangen wollte aber doch nicht sogleich +wieder dorthin zurueckkehren, und das Auge hatte etwas Unsicheres, +Unstaetes, ihm sonst gar nicht Eigenes bekommen. + +Nur heute, zu dem Fest der holden Jungfrau, die er bald die seine zu +nennen hoffte, hatte er all die trueben Gedanken, welcher Art sie auch +gewesen, und woher sie stammten, von sich abgeschuettelt, und war ganz +wieder der frohe glueckliche Mann, wie ihn Clara kennen -- _lieben_ gelernt. +Auf seinen Wunsch nur, womit Frau Dollinger eigentlich nicht ganz +einverstanden gewesen, war auch heute keine groessere Gesellschaft geladen +worden, sondern die kleine Familie speiste ganz "unter sich" in dem +festlich mit Blumen und Guirlanden geschmueckten Zimmer des jungen +liebenswuerdigen Geburtstagkindes. Frau Dollinger hatte sich eigentlich +schon laenger auf eine zu diesem Zweck einzuladende, groessere Gesellschaft +gefreut. Herr Dollinger selber hielt aber nicht viel von solchen Feten; +dafuer jedoch bedung sie sich aus, dass sie wenigstens den Nachmittag +spatzieren fahren wollten, wobei sie der junge Henkel gewoehnlich zu Pferde +begleitete. + +Etwas that aber der alte Herr Dollinger gern, und zwar ein Glas Champagner +trinken, und der zweite Stoepsel war eben lustig hinausgeknallt, der +Gesundheit des "jungen Brautpaares" zu Ehren, als die Thuer aufging und +Lossenwerder, ein Comptoirdiener des Hauses, mit einem kleinen Paket in's +Zimmer trat. + +Lossenwerder war schon seit elf oder zwoelf Jahren im Haus, und seinem +Aeussern nach eben keine angenehme Persoenlichkeit; er hinkte auf dem linken +Bein, das er als Kind einmal gebrochen, war ueberhaupt haesslicher und +magerer Natur, und schielte auf dem rechten Auge, wodurch sein sonst +gerade nicht unangenehmes Gesicht einen etwas falschen Ausdruck bekam. Das +Stoerendste aber an dem ganzen Menschen war sein Stottern, wegen dem man +sich auf ein laengeres Gespraech gar nicht mit ihm einlassen konnte, und kam +er einmal in Affekt, konnte er kein Wort mehr herausbringen. Frau +Dollinger sowohl wie Sophie konnten ihn auch nicht leiden, ja die letztere +behauptete sogar er verstelle sich und sie habe ihn schon ganz ordentlich, +wenigstens zehntausend Mal besser sprechen hoeren, als er es jedesmal +affektire, wenn er zu ihnen in die Wohnung komme; Clara aber hatte Mitleid +mit dem armen Menschen, den sie seines Ungluecks wegen innig bedauerte, +schenkte ihm oft eine Kleinigkeit und spottete nie ueber ihn, waehrend Herr +Dollinger selber, ihn als einen brauchbaren und treuen Diener, der noch +ausserdem eine vortreffliche Hand schrieb, kannte und sehr zufrieden mit +ihm war, ihm auch jedes nur moegliche Vertrauen bewiess. + +"Hallo, Lossenwerder, was bringst Du mir da in's Haus?" rief ihm sein +Principal jetzt halb lachend, halb erstaunt entgegen, als der kleine Mann +das Zimmer betrat und schuechtern an der Thuere stehen blieb -- "ist das fuer +mich oder meine Tochter?" + +"Gewiss fuer mich, Vaeterchen," rief Clara, rasch von ihrem Sitze +aufspringend -- "siehst Du, der Onkel hat mich doch nicht ganz vergessen +mit meinem Fest, und mir Gruss und Geschenk geschickt." + +"Hehehe -- moe -- moe -- moechten es sich wo -- wo -- wo -- wo -- wohl wue -- n -- +nschen Fraeulein" lachte aber der Stotternde, indem er Herrn Dollinger +zuwinkte, dass das Paket fuer ihn sei -- "ka -- ka -- ka -- kann ich mir de -- de +-- de -- de -- denken -- Go -- go -- gold und Ba -- ba -- ba -- ba -- bank -- no -- +noten." Er zog dabei einen Brief aus der Tasche, den er dem Herrn uebergab. + +"Hm, hm, hm" sagte aber dieser kopfschuettelnd, "und das bringst Du mir +jetzt in's Haus -- gerade wo ich ausfahren will -- warum hast Du es denn +nicht dem Cassirer gegeben?" + +"Ni -- ni -- nirgends zu fi -- fi -- fi -- finden" stotterte Lossenwerder. + +Herr Dollinger warf den Kopf, den Brief fluechtig durchfliegend, herueber +und hinueber, sagte dann aber, aufstehend und das Papier vor sich +hinlegend: + +"Ja, da laesst sich denn weiter Nichts aendern; gieb mir das Paket +Lossenwerder, und sieh dann zu, dass Du Herrn Reibich findest. Ich lasse ihn +bitten um sieben oder halb acht Uhr heute Abend auf einen Augenblick zu +mir zu kommen -- verstanden?" + +"Ja -- ja -- jawohl He -- he -- he -- herr Do -- do -- do -- Do -- " + +"Schon gut" lachte Herr Dollinger, ihm zuwinkend, "und hier, Lossenwerder, +magst Du auch einmal ein Glas auf das Wohl meiner Tochter trinken. +Fraeulein Clara's Geburtstag ist heute -- hier Clara, reich es dem jungen +Herrn." Er fuellte dabei ein Wasserglas bis zum Rande voll von dem +funkelnden, schaeumenden Nass, und waehrend Clara mit freundlichem Laecheln +dem armen Teufel das Glas credenzte, nahm Herr Dollinger das Paket mit +Geld, ging zu dem nahen Secretair, in dem der Schluessel stak, oeffnete ihn, +legte das Geld hinein, zog dann den Schluessel ab und sagte, diesen der +Tochter ueberreichend: + +"So Kinder, heute muesst Ihr einmal auf ein paar Stunden mein Cassirer sein, +bis der andere aufgefunden werden kann." + +Clara nickte dem Vater freundlich zu, und Lossenwerder, der das volle Glas +in der Hand hielt und auf einmal ganz blutroth im Gesicht geworden war, +hob es empor und rief stotternd: + +"Fr -- re, re, re, re, re, raeu -- le -- le -- lein Cla -- ra -- ra -- ra -- ra -- +aus ga -- ga -- ganzem He -- he -- he -- he -- he -- he -- her -- ze -- ze -- zen." + +Als ob er aber mit den Worten in der Kehle Luft gemacht, setzte er das +Glas an, und der Wein verschwand wie durch Zauberei. + +"Alle Wetter" lachte Herr Dollinger, der sich gerade nach ihm umdrehte, +"Lossenwerder hat einen vortrefflichen Zug -- nun? -- hat's geschmeckt?" + +"Gu -- gut Herr Do -- do -- do -- do -- do." + +"Genug, genug" winkte ihm der Principal wieder ab -- "also bestell mir das +ordentlich." + +Lossenwerder, der Art entlassen, und vielleicht froh aus einer Umgebung zu +kommen, in der er sich nicht heimisch fuehlen konnte, setzte das Glas auf +einen Seitentisch ab, machte eine etwas linkische Verbeugung, und wohl +wissend dass er zu einem ordentlichen Danke doch keine Zeit mehr uebrig +hatte, empfahl er sich ohne weiter auch nur einen Versuch zu muendlichem +Abschied zu machen. + +"Eine unangenehme Persoenlichkeit" sagte Frau Dollinger zu ihrem +Schwiegersohn _in spe_, als der Mann noch die Thuer nicht einmal ordentlich +hinter sich geschlossen hatte; "ich kann mir nicht helfen, auf mich macht +der Mensch immer einen fatalen Eindruck." + +"Wie -- wie befehlen Sie meine Gnaedige?" sagte der junge Henkel etwas +zerstreut; Sophie bog sich in diesem Augenblick zu ihm nieder und +fluesterte ihm ein paar Worte zu -- + +"Er kann ja doch Nichts fuer seine Gebrechen" nahm Clara aber die Antwort +auf, "und thut gewiss Alles in seinen Kraeften sie eben durch gutes Betragen +vergessen zu machen." + +"Papa, ich wuerde das Geld auch nicht so offen in dem Secretair da liegen +lassen" sagte Sophie. + +"Nicht so offen? -- ich habe ja zugeschlossen -- " + +"Nun, es ist immer nicht gerade gut, wenn die Dienstleute wissen wo man +Geld liegen hat" stimmte die Mutter bei. + +"Dienstleute?" meinte Herr Dollinger -- es war ja Niemand von ihnen im +Zimmer -- " + +"Doch Lossenwerder?" + +"Bah" lachte der Kaufmann, mit dem Kopf schuettelnd. + +"Ist es denn viel?" frug seine Frau. + +"Nun, der Muehe werth waer's immer" sagte Herr Dollinger, "fuenf Tausend +Thaler etwa -- es soll aber auch nicht ueber Nacht da liegen bleiben, und +Lossenwerder hat mir auf heute Abend den Cassirer zu bestellen, das Geld an +sicheren Ort zu legen, bis ich morgen darueber verfuegt habe." + +"Der Lossenwerder verwandte keinen Blick von dem Geld, so lang er im Zimmer +war" sagte die Mutter, mit dem Finger vor sich hindrohend. + +"Lieber Gott, Muetterchen, Du weisst ja aber doch dass er schielt" +vertheidigte ihn lachend Clara -- "eben so fest und unverwandt hat er mich +indessen mit dem andern Auge angesehen; seine Schuld ist's nicht dass er +zwei Stellen auf einmal im Auge behalten muss." + +"Lasst mir den armen Teufel zufrieden" sagte aber auch Herr Dollinger -- +"der ist mir nuetzlicher wie zwei von meinen anderen Leuten; mehr zum +Nutzen wie Staat freilich, aber Staat will er auch nicht machen. Jetzt +uebrigens Kinder wird es Zeit dass wir uns ruesten, und Henkel, Sie muessen +noch Ihr Pferd holen lassen." + +"Ich habe es schon, in der Voraussetzung dass wir bei dem schoenen Wetter +doch wohl eine kleine Parthie machen wuerden, hierher bestellt," erwiederte +rasch der junge Mann -- wuenschen Sie den Wagen jetzt?" + +"Ich glaube ja, je eher, desto besser; die Tage sind kurz und wenn wir +noch eine Stunde oder zwei fahren wollen, duerfen wir nicht mehr viel +laenger warten." + +"Aber Ihr Maedchen moechtet Euch ein wenig warm einpacken" sagte jetzt die +Mutter, alles Andere in dem Gedanken an ihre Toilette vergessend -- "zum +still im Wagen Sitzen passt ein Sommerkleid noch nicht und heute Abend wird +es kuehl werden." + +"Und nicht so lange machen," mahnte der Vater, der sich sein Glas noch +einmal voll schenkte und leerte; "der Wagen wird im Augenblick da sein." + +Der Wagen fuhr auch wirklich kaum zehn Minuten spaeter vor, Herr Dollinger, +der nun seinen Hut und Stock aufgenommen, ging, seine Handschuh anziehend, +im Hofe auf und nieder, und endlich erschienen, diesmal in wirklich sehr +kurzer Zeit, die Damen, ihre Sitze einzunehmen. + +"Nun, wo ist Henkel?" sagte Herr Dollinger, sich nach seinem zukuenftigen +Schwiegersohne umschauend, "ich habe sein Pferd auch noch nicht gesehen; +jetzt wird uns der warten lassen." + +Die Familie hatte indessen im Wagen Platz genommen, und der alte Herr +schaute etwas ungeduldig zum Schlag hinaus, als der junge Henkel zum Thor, +aber ohne Pferd, hereinkam. + +"Nun? und Sie sitzen noch nicht im Sattel?" rief er ihm schon von weitem +entgegen -- "das ist eine schoene Geschichte; jetzt duerfen wir den Frauen +nie im Leben wieder vorwerfen, dass sie uns warten lassen." + +"Ich muss tausend Mal um Entschuldigung bitten," sagte der junge Mann, zum +Wagen hinantretend, "aber mein Stallmeister hat mich sitzen lassen. Wenn +Sie mir erlauben schicke ich einen der Leute danach, oder gehe selber, es +ist nicht weit von hier. Aber thun Sie mir die Liebe und fahren Sie +langsam voraus, ich hole Sie in Zeit von zehn Minuten ein." + +"Wir koennen ja hier warten," sagte die Mutter. + +"Ja, wenn die Pferde stehen wollten," brummte Herr Dollinger -- "zieh nicht +so fest in die Zuegel Johann, das Handpferd kann das nicht vertragen und +wird nur noch immer unruhiger -- wir wollen langsam vorausfahren -- machen +Sie aber dass Sie nachkommen; auf dem Balkon vom rothen Drachen trinken wir +Kaffee, dort ist eine wundervolle Aussicht -- der Stalljunge mag +hinueberlaufen und Ihnen das Pferd holen." + +Die Pferde zogen in diesem Augenblick an, Henkel musste aus dem Weg +springen und verbeugte sich leicht gegen die Damen, von denen ihm Clara +freundlich laechelnd zunickte. + +Eine starke Viertelstunde spaeter sprengte der junge "Amerikaner," seinem +Thiere die Sporen gebend, dass es Funken und Kies hintenaus stob, ueber das +Pflaster, zum Entsetzen der Fussgaenger dahin, dem Wagen nach, den er nur +erst eine kurze Strecke vor dem bezeichneten Platz wieder einholte. Im +Stall wollte Niemand etwas davon gewusst haben, dass er sein Pferd bestellt +gehabt -- Einer schob die Vergessenheit natuerlich auf den Andern, und +Dollinger's Stallknecht musste die Leute sogar erst zusammensuchen, bis er +das Pferd bekam, deshalb hatte es so lange gedauert. Als er mit demselben +zurueckkehrte, ging der junge Mann in dem kleinen, dicht am Haus liegenden +Garten auf und ab, sprang aber dann, dem Burschen ein Trinkgeld zuwerfend, +und dessen Entschuldigung nur halb hoerend, rasch in den Sattel und flog, +wie vorher erwaehnt, in vollem Carriere die Strasse nieder. + +Er hatte den Hof kaum verlassen, als Lossenwerder, einen grossen, +wunderschoen bluehenden Monatsrosenstock unter dem Arm, vorsichtig und wie +scheu, dass ihn Niemand gewahre, ueber den Hof und in die Hinterthuer des +Hauses schlich, und sich leise und geraeuschlos die Treppe damit +hinaufstahl. Er blieb etwa zehn Minuten im Haus und wollte dann aus +derselben Thuer wieder ueber den Hof zurueck, als der Stallknecht aus der +Futterkammer kam. Unschluessig blieb der kleine Mann eine kurze Zeit hinter +der Thuer stehen, und schlich sich dann, als der Bursche den Platz nicht +verlassen wollte, vorn zur Hausthuer hinaus auf die Strasse, den Weg nach +seiner Wohnung einschlagend. + + + + + + Capitel 2. + + + DER ROTHE DRACHEN. + + +Der "rothe Drachen", ein Wirthshaus, das wegen seines vortrefflichen +Bieres, wie sonst mancher schaetzenswerthen Eigenschaften einen sehr guten +Namen hatte, lag etwa eine halbe Stunde von Heilingen, an der grossen +Landstrasse, die gen Norden fuehrte. Ein freundlicher Thalgrund umschloss +Haus und Garten und die dunklen, den Gipfel des naechsten Hanges kroenenden +Nadelhoelzer hoben nur noch mehr das freundliche Gruen der jungen Birken und +Weisseichen hervor, die sich ueber die niedere Abdachung erstreckten, und +bis scharf hinan an den hocheingefriedigten und sorgfaeltig in Ordnung +gehaltenen Frucht-, Gemuese- und Blumengarten des Hauses selber lehnten. + +Es war ein warmer, sonniger Fruehlingsnachmittag; der Bach, der am Hause +dicht vorbeirieselte, plaetscherte und schaeumte in frischem jugendlichen +Uebermuth, des Eises Huelle, die ihn so lange gefangen gehalten oder doch +fest und aengstlich eingeklemmt, nun endlich einmal enthoben zu sein, und +die Voegel zwitscherten so froh und munter in den Zweigen der alten +knorrigen Linde, die unfern der Thuere stand, und flatterten und suchten +herueber und hinueber, aus den bluehenden Obstbaeumen fort ueber den Hof und +von dem Hof wieder fort in dicht versteckten Ast und Zweig hinein, mit +einem gefundenen Strohhalm oder einer erbeuteten Feder im Schnabel, dass +Einem das Herz ordentlich aufging ueber das rege glueckliche Leben. Und wie +blau spannte sich der Himmel ueber die bluehende, knospende Welt, wie leicht +und licht zogen weisse duftige Wolken, Schwaenen gleich, durch den Aether +hin, farbige, fluechtige Schatten werfend ueber Wiesen und Feld und die +weite Thalesflucht, die sich dem Auge in die Ferne oeffnete und dem +leuchtenden Blick neue Schaetze bot, wohin er fiel. + +Ein Fruehling in Deutschland -- ein Fruehling im _Vaterland_; oh wie sich das +Herz da mit der wirbelnden, schmetternden Lerche hebt und jubelnd, +jauchzend gen Himmel steigt; zwinge die Thraene da nicht zurueck, die sich +Dir, dem Gluecklichen, in's Auge draengt -- in ihrem Blitzen preisest Du den +Vater droben, wie es die jubelnde Lerche dort thut, die mit zitterndem +Fluegelschlag ueber den gruenen Matten schwebt; -- wie das raschelnde +fluesternde Blatt im Wald, wie der schwankende, thaugeschmueckte Halm und +die knospende, duftende Bluethe im Thal. Ein Fruehling im Vaterland -- oh wie +schoen, wie jung und frisch die Welt da um uns liegt in ihrem braeutlichen +Glanz, voll neuer Hoffnungen in jedem jungen Keim, und wie sich das Herz +der schoenen Blume gleich zusammenzog, als der Herbststurm ueber die Haide +fuhr, mit rauher Hand den Blattschmuck von den Baeumen riss und zu Boden +warf und Schnee und Eis vor sich hin jagte ueber die erstarrende Flur, so +oeffnet es sich jetzt mit vollem Athemzug wieder den balsamischen +Fruehlingsgruss, und vorbei, vergessen liegt vergangenes Leid -- wie der +verwehte Sturm selber keine Spur mehr hinterliess und die schoensten Blumen +jetzt gerade an den Stellen bluehen, wo er am tollsten, rasendsten getobt. + +Ein warmer erquickender Regen war die letzten Tage gefallen, und so gut er +dem Land gethan, hatte er doch die Bewohner des nahen Staedtchens in ihre +Haeuser und Strassen gebannt gehalten, von wo aus sie sehnsuechtig die nahen +gruenenden Berge theils, theils die dunklen Wolken betrachteten, die nicht +nachlassen wollten Segen auf die Fluren niederzutraeufeln. Heute aber hatte +sich das geaendert; voll und warm gluehte die Sonne am Himmelszelt und +hinaus stroemten sie in jubelnden Schaaren, hinaus in's Freie. Der "rothe +Drachen" vor allen anderen Plaetzen, der so reizend an der Oeffnung des +Thales lag und die Aussicht bot in das darunter liegende freie Land, hatte +dabei sein reichlich Theil erhalten der froehlichen Schaar, dass die Wirthin +mit ihren Kellnern und Maegden nicht Haende genug hatte zu schaffen und +herzurichten, und die Tische und Baenke im Garten draussen fast alle besetzt +waren rund herum von Schmausenden. + +Der "rothe Drachen" sollte uebrigens, wie die Sage ging, seinen Namen von +einem wirklichen Drachen bekommen haben, der einmal vor vielen hundert +Jahren in der Schlucht weiter oben, die auch noch ebenfalls nach ihm die +Drachenschlucht hiess, gehaust und viele Menschen und Rinder verschlungen +hatte. Der Wirth des "rothen Drachen" nun, Thuegut Lobsich, dessen +Voreltern schon diesen Platz gehalten, behauptete dabei, Einer seiner +"Ahnen" habe den Drachen im Einzelkampf erlegt -- (die Gaeste meinten, mit +schlechtem Bier vergiftet) und dafuer von dem damals regierenden Fuersten +Platz und Wirtschaft als Gerechtsame, mit dem Schild als Wahrzeichen, +erhalten. + +Wie dem auch sei, Thuegut Lobsich that wirklich gut auf dem Platz, der ihm +vortreffliche Nahrung bot, und befand sich so wohl, wie sich nur ein Wirth +in einer gut gelegenen Wirthschaft befinden kann. Seine Frau war aber +dabei der Nerv des Ganzen, in Kueche und Stall, in Keller und Haus, und +waehrend sich Vater Lobsich, wie er sich gern nennen liess, obgleich er noch +jung und ruestig war, am Liebsten zu seinen Gaesten irgendwo an einen Tisch +drueckte und "das Bier controllirte", wie er sagte, dass ihm die Burschen +kein Saures brachten und die Gaeste verjagten, arbeitete die Frau im +Schweisse ihres Angesichts vor dem Heerd, die bestellten Portionen +herzurichten und zu gleicher Zeit auch den Verkauf von Kaffee, Thee, Milch +und Kuchen zu ueberwachen. Dabei fuehrte sie die Kasse und rechnete mit +Kellnern und Maedchen ab, und wehe denen, die eine halbe Portion Kaffee +oder Kuchen vergessen, ein nichtbezahltes Glas nicht aufnotirt oder einem +schlechten Kunden noch einmal gegen den direkt gegebenen Befehl geborgt +hatten. + +Boese Zungen meinten dabei nicht selten, Frau Lobsich sei der "einzige Mann +im Hause" und Thuegut duerfe nur tanzen, wenn sie nicht daheim waere; boese +Zungen erwaehnten dann aber nicht dabei, dass sie wirklich allein das +Hauswesen in Zucht und Ordnung hielt, und so scharf und heftig sie draussen +in Kueche und Wirtschaft, wo sie fremde Leute doch auch eigentlich nur zu +sehen bekamen, sein konnte, und so grosse Ursache sie dabei oft hatte +aergerlich zu sein, und die Ursache dann auch fuer vollkommen genuegend +hielt, es wirklich zu werden, so still und freundlich konnte sie sich +betragen, wenn sie allein mit ihrem Manne war, und so gern gab sie ihm in +Allem nach, was nicht eben zu Ruin und Schaden trieb. Salome Lobsich war +das Muster einer Hausfrau, und was ebensoviel sagen will, eine gute Gattin +dabei -- ob ihr Mann dasselbe auch von sich sagen konnte, stand auf einem +anderen Blatt. + +Heute hatte sich uebrigens eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft in dem gar +so freundlich gelegenen Garten des rothen Drachen eingefunden, und dicht +vor der Thuer desselben, unter der alten breitschattigen Linde, die ihre +Arme so weit nach rechts und links hinueberstreckte, dass man sie schon +hatte stuetzen muessen, nur den Weg zu ihr und den Platz darunter frei zu +behalten, sass Lobsich selber mit einem kleinen Kreis guter Bekannten, +d. h. alter Kunden und quasi Stammgaeste von ihm, denn er selber kam selten +irgend wo anders hin, und wer also sein Bekannter _bleiben_ wollte, musste +ihn eben besuchen. + +Zu diesen gehoerte besonders Jacob Kellmann, ein Kuerschner und Pelzhaendler +aus Heilingen, dann der Aktuar Ledermann von dort, eine lange hagere, +etwas ungeschickte Gestalt, mit aber nicht unangenehmen, gutmuethigen +Gesichtszuegen, und der Apotheker aus Heilingen, Schollfeld mit Namen, die +es gewoehnlich so einzurichten wussten, dass sie an einen Tisch mit einander +zu sitzen kamen. Lobsich nahm ebenfalls am Liebsten zwischen dieser +kleinen Gesellschaft Platz, und nur dann und wann, besonders wenn er die +Stimme seiner Frau irgendwo hoerte, stand er auf und ging einmal durch den +Garten und die Reihen seiner Gaeste, zu sehn ob Alle ordentlich bedient +wuerden, und keine Klagen einliefen gegen unaufmerksame Kellner, die er in +dem Fall auch wohl gleich an Ort und Stelle mit einem Knuff oder einer +Ohrfeige abstrafte, als warnendes Beispiel. Er musste an irgend Jemand +seinen Aerger auslassen, dass er nicht bei seinem Biere konnte sitzen +bleiben. + +"Ist doch ein prachtvolles Wetter heute," sagte Kellmann, der eben einen +tuechtigen Zug aus seinem Glase gethan, und nun mit vollem zufriedenen +Blick ueber das freundliche Bild hinaus schaute, das sich, von der warmen +Nachmittagssonne beschienen, in all seinem blitzenden Glanz und +Farbenschimmer vor ihnen aufrollte "und es waechst und gedeiht Alles +draussen so schoen und steht so praechtig -- merkwuerdig dabei, dass Alles so +theuer bleibt, und die Preise, statt herunter zu gehen, immer nur steigen +und steigen." + +"Ja das weiss Gott," seufzte der Aktuar, dem der Gedanke selbst den +Geschmack am Bier wieder zu verderben schien, denn er setzte das schon zum +Mund gehobene Glas unberuehrt vor sich nieder -- "und wenn das noch eine +Weile so fort geht, koennen wir alle mit einander verhungern oder +davonlaufen." + +"Nun Ihr habt gut reden," sagte Kellmann, "Ihr bekommt vom Staat Euer +Gewisses und koennt Euch genau danach einrichten -- Euer Geld muss Euch +werden, wenn der erste jedes Monats kommt, unsereins haengt aber allein von +den Zeiten ab, und wenn die Lebensmittel knapp werden, kauft Niemand einen +Pelz. Holz will auch sein und daran kann sich nachher die ganze Familie +waermen." + +"Ihr redet wie Ihr's versteht," brummte der Aktuar, -- "unser Gewisses +bekommen wir, das ist wahr, aber nur deshalb, damit wir gewisses Elend vor +den Augen haben. Ich habe fuenfhundert Thaler Gehalt, und Frau und Kind und +Dienstmaedchen zu ernaehren, und soll anstaendig dabei gekleidet gehn, denn +vor zehn und zwanzig Jahren hatte ein Aktuar in meiner Stellung auch nicht +mehr, und machte das Alles moeglich, ja befand sich wohl dabei. Jetzt aber +wird Brod, Butter, Fleisch, Holz, Wohnung, kurz Alles was wir nun einmal +zum Leben brauchen, gesteigert von Tag zu Tag, aber meine fuenfhundert +Thaler _bleiben_; vor zehn Jahren kaufte ich zwanzig Pfund Brod fuer +dasselbe Geld, fuer das ich jetzt nicht zehn bekomme -- aber _meine_ +fuenfhundert Thaler _bleiben_. Auch mein Hausherr verlangt hoeheren Zins -- +schon voriges Jahr bin ich hoeher gegangen, um nicht gesteigert zu werden, +d. h. fuer denselben Preis aus der zweiten in die dritte Etage gezogen, +aber dies Jahr muss ich ganz hinaus, denn er will wieder zehn Thaler mehr +haben und ich kann's ihm nicht geben. Ihr Leute habt Euch gut in die +Zeiten schicken, denn wenn das Brod theuer wird, schlagt Ihr desto mehr +auf Euere Waare, der kleine Beamte aber, der Staatsdiener um geringen +Lohn, das ist das geplagte, gefaehrdete Geschoepf, und jede neue Taxe macht +ihm keine neue Berechnung, sondern schnallt ihm nur den Leibriemen um ein +Loch enger, dass er weniger isst, bis er in's _letzte_ Loch geworfen wird, +zum ersten Mal von seinen irdischen Strapatzen, ohne Furcht vor rasch +abgelaufenen Ferien, wirklich ungestoert auszuruhen." + +"Ach geht mit Eueren erbaermlichen Lamentationen an solch freundlichem +Tag," fiel ihm der Wirth hier in die Rede, der sich erst vor ein paar +Augenblicken wieder mit zum Tisch gesetzt und schon eine ganze Weile +ungeduldig mit dem Kopf geschuettelt hatte. "Das Reden macht's nicht besser +und Stoehnen und Seufzen hilft auch Nichts -- Kopf oben, das ist die +Hauptsache; das andere macht sich von selber -- aber hallo" -- unterbrach er +sich ploetzlich, von seinem Sitze aufstehend und die Strasse +hinunterzeigend, die in das weite Thal fuehrte -- "was kommt dort fuer ein +Trupp den Weg entlang?" -- und in der That wurde dort oben ein ganzer Zug +Maenner, Frauen und Kinder mit kleinen Handkarren und ein paar einspaennigen +Waegelchen sichtbar. + +"Das sind Auswanderer!" rief Jacob Kellmann, von seinem Stuhl aufspringend +und dem Zug entgegenschauend -- "seht nur ein Mensch an, wieder ein ganzer +Schwarm aus dem Hessischen; Heiland der Welt, da muss doch endlich einmal +Platz werden." + +"Na nu ist wieder der Frieden beim Henker," rief aber der Apotheker +muerrisch -- "hier Lobsich setzt Euch auf Eueren Stuhl und trinkt Euer Bier +aus, und Ihr Kellmann, lasst das Volk da draussen laufen, wohin sie wollen -- +unzufriedene Bande, die es ist und die es nirgends gut genug kriegen kann, +wo ihr nicht das Confekt auf goldenen Tellern praesentirt wird. Na kommt +nur hinueber, wenn Euch hier der Hafer zu sehr sticht -- Euch werden sie +schon noch das Fell ueber die Ohren ziehn, dass Ihr am hellen lichten Tag +die Sterne zu sehn bekommt." + +"Nein was fuer ein Zug!" rief aber Kellmann, die langsam naeher kommende +Schaar mit unverkennbarem Interesse betrachtend; "die armen Teufel." + +"Hoert Kellmann," rief aber Schollfeld aergerlich, "tretet mir da ein wenig +aus dem Weg, dass ich auch was sehen kann, und setzt Euch wieder, ich +daechte doch wahrhaftig, Auswanderer hier an der Strasse waeren nichts so +besonders Neues, dass Ihr Maul und Nase aufsperrt und thut, als ob Euch so +etwas noch nicht im ganzen Leben vorgekommen waere." + +Schollfeld war uebrigens nicht umsonst so muerrisch; er hatte einen Zorn auf +Auswanderer, denn er betrachtete Auswanderung als eine indirekte +Beleidigung gegen den Staat, gewissermassen als eine Grobheit, die man ihm +geradezu unter die Nase sage -- : "ich mag nicht mehr in Dir leben und +weiss einen Platz, wo's besser ist." Das _dachten_ sich naemlich die +"Toelpel", wie er sie nannte, aber Sie _wussten_ es nicht -- gar Nichts +wussten sie und liefen blind und toll in die Welt hinein. Der Staat haette +auch eigentlich den Skandal gar nicht dulden sollen; hunderte von +Menschen, reine Deserteure aus ihrem Vaterland, liefen da frank und frei +vorbei, Anderen noch obendrein ein boeses Beispiel gebend, und er begriff +die Regierung nicht, wie sie dem Volke nur noch einen Pass gestatten +konnte. + +Der Zug war indessen naeher gekommen und Lobsich rasch in das Haus gegangen +Bier herbeizuschaffen, da sich bei solchen Trupps gewoehnlich eine Menge +junge Burschen befanden, die noch Geld im Beutel und immer frischen Durst +hatten; um so mehr, da das Bergesteigen heute wirklich warm und den Hals +trocken machte. + + [Capitel 2] + +Die ersten Waegen passirten still vorbei; die Fuehrer warfen einen langen, +vielleicht sehnsuechtigen Blick nach den behaglich hinter ihren Tischen +sitzenden Gaesten und dem kuehlen funkelnden Bier hinueber, aber hielten +nicht an, sich laengere Rast dafuer auf den Abend versprechend. Nur von den +Fussgaengern blieben mehre Trupps unfern der Linde, unter der unsere kleine +Gesellschaft sass, und nicht weit von der Gartenthuere stehn, und waehrend +ein paar der Maenner dem Kellner winkten, ihnen Bier herauszubringen, als +ob sie sich scheuten in ihrer bestaubten schmuzigen Kleidung, mit der +schweissbedeckten Stirn, zwischen die geputzten und jetzt nach ihnen +heruebersehenden Gruppen hineinzugehn, hielt ein Trupp Frauen ebenfalls +dort. Angezogen von der ploetzlichen weiten und freien Aussicht, die ihnen +hier nach unten zu das Thal oeffnete, durch das sie gekommen, blieben sie +erfreut und ueberrascht stehn und schauten dabei auf das reizende Bild hin, +das wie mit einem Schlage so vor ihnen in's Leben sprang. + +"Heiland der Welt, Lisbeth," rief ein junges, sechzehnjaehriges Maedchen +der, vielleicht zwei Jahr aelteren Schwester zu -- "dort drueben liegt +Holstetten, und von da ist's nur noch neun Stunden zu Haus -- dahinter kann +ich den weissen Weg durch's schwarze Nadelholz sehn, der hinueberfuehrt nach +Krisheim." + +"Ja Marie," antwortete das Maedchen, und waehrend sie sprach, liefen ihr die +grossen hellen Zaehren an den bleichen Wangen nieder, "gleich hinter dem +Berg dort muss die Windmuehle liegen, und dann kommt Bachstetten und +nachher" -- sie konnte nicht mehr sprechen, das Herz war ihr zu voll und +sie mochte doch nicht das der Schwester, wenn diese ihren Schmerz sah, +noch schwerer machen. Aber zurueckdaemmen liess sich das auch nicht, die +Wunde war noch zu frisch und blutete zu stark, und beide Maedchen standen +wenige Minuten still und weinend da, die schoenen thraenenueberstroemten Zuege +den ihr naechsten Menschen ab- und der verlassenen Heimath, die sie wohl +nie im Leben wieder schauen sollten, zugekehrt. + +"Ob auch wohl Martha der Mutter Grab ordentlich haelt und pflegt, wie sie +es versprochen," brach die Juengste endlich wieder mit leiser kaum hoerbarer +Stimme das Schweigen. + +"Sie hat's ja versprochen," fluesterte fast eben so leise die Schwester +zurueck, "aber -- -- -- -- so lieb wird sie's doch nicht haben wie wir." + +"Komm Lisbeth," sagte die Juengere wieder und ergriff, ohne sie aber dabei +anzusehn, der Schwester Hand -- "wir wollen gehn -- die Wagen sind schon ein +Stueck voraus." + +Beide Maedchen nickten leise und kaum bemerkbar der verlassenen Heimath zu +und schritten dann schweigend Hand in Hand den Weg entlang, der nach und +durch Heilingen fuehrte, ihre weite, unbekannte Bahn. + +"He Marie, Lisbeth!" rief sie der Vater an, der eben an der Thuer des +Gartens ein Glas Bier von einem der Kellner erhalten hatte -- "wollt Ihr +einmal trinken Kinder?" + +"Ich danke Vater," sagte Marie zurueck, ohne sich umzusehn oder stehn zu +bleiben, "wir sind nicht durstig." + +"Woher des Wegs Ihr Leute?" wandte sich jetzt Kellmann, der trotz +Schollfeld's aergerlichen Worten zu dem Alten getreten war, an diesen. + +"Aus Hessen," sagte der Mann ruhig und that einen langen durstigen Zug aus +dem, mit dem trefflichen Bier gefuellten, schaeumenden Glas. + +"Und wohin?" + +"Nach Amerika." + +"Hm -- ist ein weiter Weg -- ist Euch wohl schlecht gegangen hier im Lande?" +sagte Kellmann, die kraeftige und doch gramgebeugte Gestalt des alten +Landmanns teilnehmend betrachtend. + +Der Bauer, dessen Blick auch an dem fernen Punkt indess gehangen, wo seine +fruehere Heimath lag, liess das Auge einen Moment wie misstrauisch ueber den +Frager gleiten und erwiederte dann leise und kopfschuettelnd: + +"Schlecht? -- lieber Gott wie man's nimmt; man soll g'rad nicht klagen; der +liebe Gott hat geholfen und wird weiter helfen." + +"Ihr wollt Euch wohl ein paar von den gebratenen Tauben holen die in +Amerika herumfliegen?" mischte sich hier der Apotheker in's Gespraech, der +nicht umhin konnte dem "Auswanderer", wie er sich ausdrueckte, "einen Hieb +zu versetzen" -- "habt Ihr auch Messer und Gabeln mit?" + +Der Bauer sah den kleinen, spoettisch laechelnden Mann einen Augenblick +ruhig von der Seite an, zahlte dann dem neben ihm stehenden Kellner, dem +er das Glas zurueckgab, sein Bier, und ohne irgend etwas auf die Frage zu +erwiedern, oder aergerlich darueber zu scheinen, ja als ob er sie nicht +gehoert haette, wandte er sich und folgte mit einem "gruess Euch Gott Ihr +Herren", seinen vorangegangenen Toechtern. + +"Holzkopf," brummte der Apotheker, nur noch mehr gereizt ueber diese +anscheinende Misachtung, hinter ihm drein -- "dem Volk ist zu wohl hier," +setzte er dann, mit einem kraeftigen Zug aus seinem Glase hinzu -- "der Art +Leute fuehlen sich nicht behaglich, wenn sie nicht baumfest unter dem +Daumen gehalten werden." + +"Guten Abend miteinander," sagte in diesem Augenblick ein Anderer der +Auswanderer, der, mit einem kurzen Pfeifenstummel in der Hand zu dem Tisch +trat, auf dem in einem schuetzenden Kelchglas ein Licht mit darum +gesteckten Fidibus zum Anzuenden der Cigarren stand -- "wenn's erlaubt ist, +moechte ich mir wohl einmal eine Pfeife bei Euch anbrennen." + +"Mit Vergnuegen," sagte Ledermann, ihm einen Fidibus anzuendend und +hinreichend. + +"Danke schoen," nickte der Mann, das Feuer benutzend und den blauen Qualm +in schnellen kurzen Zuegen ausblasend. -- + +"Und wo geht die Reise hin?" frug Ledermann dem Rauchenden. + +"Da hinueber," sagte dieser; immer noch scharf ziehend, indess er mit dem +linken, zurueckgebogenen Daumen ueber die linke Achsel wiess -- "uebers grosse +Wasser." -- + +"Habt Ihr dort schon einen Platz?" frug der Aktuar. + +"Ja," sagte der Mann freundlich -- "mein Bruder hat mir geschrieben aus dem +Wiskonsin heraus; da soll's gut sein." + +"Und geht Ihr Alle dorthin?" frug ihn Kellmann. + +"Die meisten von uns, ja; eine Parthie will aber auch hinueber in's +Missuri; da ist's waermer." + +"Es sind wohl lauter Landleute hier miteinander?" + +"Ja meistens -- ein Schneider ist dabei, und der Schmied aus dem Dorfe und +der Herr Pastor ist schon voraus." + +"Der Pastor geht auch mit?" frug Kellmann schnell. + +"Ahem," nickte der Mann, "der ist aber mit der Post gefahren, aber er hat +gesagt er wollte sehn dass wir Alle auf ein Schiff kaemen. Danke schoen Ihr +Herren, adje." + +"Glueckliche Reise," rief ihm Kellmann nach. + +"Danke," nickte der Mann noch einmal zurueck, "koennens brauchen," und +schloss sich den uebrigen wieder an, von denen die letzten gerade die Thuer +des Wirthshauses passirten. + +Es waren aermliche, viele von ihnen kraenklich oder wenigstens bleich +aussehende Gestalten, in die Bauerntracht ihrer Gegend gekleidet; die +meisten Frauen mit Kindern auf dem Arm, Manche sogar deren an der Brust, +und ein Buendel dazu auf dem Ruecken, die im Schweiss ihres Angesichts, wie +sie bis jetzt gelebt, muehsam der fernen ersehnten Heimath +entgegenstrebten. Hie und da waren auch ein paar kraeftige junge Burschen +von zwoelf bis vierzehn Jahren vor ein kleines leichtes Handwaegelchen +gespannt, darauf gepackte Betten, Kleidungsstuecke und Lebensmittel die +weite Strasse entlang zu ziehen. -- Die Leute hatten kein Geld uebrig, denn +das wenige, was sie zur Reise aufgespart, mussten sie fuer das Schiff +aufheben, und ein paar Thaler sollten doch auch noch wenigstens, wenn das +irgend anging, uebrig bleiben, damit sie nur die ersten Tage in Amerika, +ehe sie Arbeit bekaemen, vor Sorge geschuetzt waeren. Den glaenzenden +Schilderungen die ihnen von dem neuen Lande ihrer Hoffnungen gemacht +waren, trauten die armen Frauen am wenigsten in ihrem vollen Umfange; von +Jugend auf, wie ihnen nur eben die Kraefte wurden ihre juengeren Geschwister +in der Welt herumzuschleppen, hatten sie arbeiten, hart arbeiten muessen, +und viel anders wuerde es auch wohl nicht da drueben sein. Der Sorgen waren +hier nur gar so viele angewachsen, mit jedem Jahre mehr, wie sie sich auch +plagten und quaelten, und schlechter _konnte_ es dort drueben nicht sein. +Das war fuer jetzt der einzige Trost den sie mit sich trugen die lange, +heisse Strasse entlang mit einer kleinen Hoffnung moeglicher Besserung +vielleicht, und sie drueckten dann die Kinder nur fester an ihr Herz und +kuessten sie, und fluesterten ihnen leise und heimlich zu dass sie nicht mehr +schreien sollten, denn sie gingen nach _Amerika_, und da wuerde schon Alles +gut werden, wie ihnen der Vater gesagt. + +Die Maenner und Burschen zogen der fernen Welt aber schon mit mehr +Vertrauen entgegen; das Bewusstsein der eigenen Faehigkeit und Kraft hob sie +dabei auch ueber Manches hinweg das die abhaengigen Frauen schwerer zu Boden +drueckte. Wer bei einer langen Wanderung voran geht, und fuer den Weg zu +_denken_ hat, wird nie so muede als der, der ihm folgt, nur fuer sich denken +laesst, und hinter drein zieht. Viele von den Maennern trugen auch +Jagdtaschen und Gewehre auf dem Ruecken, Buechsen und Schrotflinten -- was +sollte es "da drueben" nicht Alles zu schiessen geben; -- Manche auch +nachgemachte bunte Blumenstraeusse auf dem Hut. Einzelne, aus Baiern und +Thueringen, die sich ihnen angeschlossen, hatten sogar ein paar kleine +gefaerbte Maraboutfedern mit ihren Landesfarben, blau und weiss, und gruen +und weiss in ihrem Hutband stecken; die Meisten aber schienen keine solche +Erinnerung an die Heimath mitnehmen zu wollen, in das neue Vaterland. + +Die Leute gingen vorueber, und die Gaeste hatten ihnen schweigend +nachgeschaut, so lange fast, bis sie die naechste Biegung der Strasse ihren +Blicken entzog. Auch Lobsich war wieder vor die Thuer seines Gartens +getreten, und sich jetzt kopfschuettelnd zurueck zu seinem Tische wendend, +brummte er vor sich hin. + +"S'ist mir doch was Unbedeutendes" -- es war dieses eine seiner stehenden +Redensarten, die in der That unbegrenztes Erstaunen ausdruecken sollte -- +"was die Leute diess Fruehjahr wieder an zu ziehen fangen; Tag fuer Tag geht +das so fort; Trupp nach Trupp kommt ueber die Berge herueber, mit Sack und +Pack, mit Weib und Kind -- und Alles fort, Alles fort, und man merkt nicht +einmal von _wo_ sie fort sind." + +"Doch, doch," sagte Kellmann, die Augenbrauen in die Hoehe ziehend und mit +dem Kopf nickend, "doch, doch Lobsich; ob man's wohl merkt? -- geht einmal +da ueber die Berge hinueber und seht Euch in den Doerfern um; da steht +manches alte halbzerfallene _leere_ Haus, an das irgend eine Familie da +drueben noch mit Schmerzen zurueckdenkt, und in das Niemand anderes mehr +Lust hat einzuziehen, weil er noch eine Menge _bessere_, ebenfalls leer, +in demselben Dorfe findet. Es ist immer ein trauriger Anblick solch ein +leeres Haus, und ich seh's nicht gern." + +"Und was fuer _Geld_ tragen sie ausser Land," fiel der Apotheker hier ein, +der indess, sich zu zerstreuen, im Heilinger Tageblatt gelesen hatte, jetzt +aber nicht umhin konnte auch noch ein Wort mit drein zu werfen -- "was sie +nicht mit hinuebernehmen koennen, lassen sie wenigstens in den Seestaedten, +und zu uns kommt Nichts mehr davon zurueck. Wenn ich nur das erst einmal +erlebe, dass die Leute zu ihrem Glueck foermlich _gezwungen_, und nicht mehr +aus dem Land hinausgelassen werden; geht das aber so fort, so werden sie +so lange auswandern, bis uns hier weiter gar Nichts uebrig bleibt als +mitzugehen, wenn wir nicht eben allein sitzen wollen in dem veroedeten +Land, unseren Acker selber zu bauen. Hol sie der Teufel, wofuer hat sie +denn eigentlich der liebe Gott in die Welt gesetzt und ihnen den Holzkopf +gegeben, der sie zu allem Anderen untauglich macht. Ackern und Duengen +muessen sie drueben doch auch, und weshalb koennen sie das nicht eben so gut +_hier_? -- Nein Gott bewahre, die paar Thaler die sie sich _hier_ erspart +haben, muessen erst wieder verschleppt und hinausgeworfen werden an +Experimente und reinen Uebermuth, und nachher sitzen sie erst recht da; +dort drueben _koennen_ sie Nichts mehr sparen, und _muessen_ schon drueben +bleiben, wenn sie auch wieder herueber moechten. Die Paar die sich doch noch +ein paar Thaler zusammenscharren, die kommen nachher schnell genug wieder +zurueck, aber es sind nur wenige, und die anderen armen Teufel haben die +Bruecke muthwillig hinter sich abgebrochen, und sitzen nun auf der +wohlriechenden Haide ohne Unterfutter. Jesus Maria und Joseph, es muss ein +ordentlicher Jammer drueben sein." + +"Na, _so_ arg nun denn doch wohl noch nicht, Schollfeld," sagte Kellmann +kopfschuettelnd, "man hoert doch nun auch so Manches von da drueben was nicht +gar so schlecht klingt, und wo sich's schon aushalten liesse, wenn man -- +wenn man eben einmal einen solchen verzweifelten Schritt absolut thun +muesste oder wollte." + +"Nicht so arg?" rief aber Schollfeld, der hier sein Steckenpferd ritt, und +sich selten eine Gelegenheit entgehen liess auf Amerika zu schimpfen -- +"nicht so arg? da, hier lesen Sie einmal das Tageblatt, was der wackere +Dr. Hayde darueber schreibt; das ist ein Mann, der hat Haare auf den Zaehnen +und muss die Sache verstehn, denn er ist Einer von den Wenigen die drueben +gewesen und gluecklich wiedergekommen sind. Er bringt kaum eine Nummer in +der er nicht ein oder den anderen Hieb auf die Verhaeltnisse Ihres +"gluecklichen Amerika" hat -- das muss ja ein wahres Raubnest sein, lesen Sie +nur einmal." + +"Hoeren Sie lieber Schollfeld, ich will Ihnen einmal 'was sagen," +erwiederte ihm Kellmann ruhig, "dieser Dr. Hayde, der Ihnen die schoenen +Artikel schreibt ist, der Meinung aller ordentlichen Kerle in Heilingen +nach, das wenigste zu sagen eine kleine geschwollene Giftkroete, ein +weggelaufener Advokat, den die Verhaeltnisse aus Deutschland vertrieben, +und den in Amerika Niemand mit seinen Talenten haben mochte. Zu faul zum +arbeiten, und nicht im Stande etwas Anderes zu thun, wurde er dort +wahrscheinlich vom Schicksal hin- und hergestossen, und wie ein aus einer +Thuer geworfener Mops, stellt er sich jetzt draussen hin, wo sich Niemand +die Muehe giebt ihn zu stoeren, und schimpft und klefft. Ich will Amerika +eben nicht in allem vertheidigen, aber was _der_ gerade darueber sagt wuerde +mich auch nicht bestimmen. Wie ein Dreckkaefer schleppt er sich nur mit +groesster Muehe kleine Stueckchen Koth herbei, und rollt sie zusammen eine +Kugel zu machen in die er sein Ei legt -- pfui ueber den Burschen." + +"Na jetzt freut mich aber mein Leben," rief Herr Schollfeld erstaunt aus -- +"erst schimpfen Sie selber auf Amerika, und nun auf einmal soll der arme +Doktor die ganze Schuld tragen." + +"Ich _schimpfe_ nicht auf Amerika," sagte Kellmann ruhig, "ich kann nur +nicht leiden wenn man es auf Kosten unseres eigenen Vaterlandes +herausstreicht, und gegen alle seine Nachtheile blind ist. Es waere +allerdings noch viel gefaehrlicher sich die Lichtseiten alle zu bunt +auszumalen; die armen Leute die nachher hinuebergehn und es anders finden, +sind dann zu sehr enttaeuscht, und fallen gewoehnlich, wie mir gesagt ist, +aus einem Extrem in's Andere -- aber so taugt's auch Nichts." + +"Guten Abend selbander," sagte in dem Augenblick eine andere Stimme dicht +hinter ihnen, und als sie sich danach umschauten, stand ein alter +Bekannter von ihnen, Mathes Vogel, ein reicher junger Bauer aus dem +naechsten Dorf, an ihrem Tisch und streckte ihnen freundlich die Hand +entgegen. + +"Hallo Mathes, wie geht's?" rief Kellmann die gebotene herzlich schuettelnd +-- "Wetter noch einmal Mann, wo habt Ihr jetzt gerade in der Saatzeit +gesteckt, dass Ihr in der Welt herumreist wie ein Baron, der seine Gueter +verpachtet hat? Ihr seid verreist gewesen." + +"Ja Herr Kellmann, in Bremen." + +"Wo seid Ihr gewesen?" frug Schollfeld erstaunt. + +"In Bremen, Herr Schollfeld!" rief der junge Bauer, gegen diesen gewandt, +"oben in der Hafenstadt." + +"Guten Abend Mathes," kam hier der Wirth dazwischen, der den alten Kunden +ebenfalls begruesste -- "lange nicht gesehn, recht gross geworden mein Junge; +hast Du Durst?" + +"Merkwuerdigen," sagte der Bauer laechelnd. + +"Na warte, den wollen wir begiessen," schmunzelte aber Lobsich, rasch in +den Garten zurueckgehend, "der soll mir nicht umsonst in den rothen Drachen +gefallen sein." + +"Aber was hat Euch nach Bremen gefuehrt?" wiederholte Kellmann, fast etwas +misstrauisch gemacht durch das wunderliche halb verlegene Benehmen des +jungen Burschen. + +"Ja Herr Kellmann," sagte der reiche Bauerssohn, wirklich jetzt verlegen +seinen Hut um den Zeigefinger der linken Hand drehend -- "das hat -- das hat +so seine eigene Bewandtniss -- Ich bin -- ich bin zu einem Entschluss +gekommen -- ich will -- ich will auswandern." + +"Was will er?" schrie Schollfeld, der die Worte nicht ganz verstanden, den +ungefaehren Sinn aber etwa errathen hatte. Jedenfalls schoepfte er Verdacht +und ehe Kellmann nur im Stande war ein Wort darauf zu erwiedern rief er +nochmals laut: "wo will er hin?" + +"Nach Amerika," sagte aber der junge Mann entschlossen und wollte noch +etwas hinzusetzen, aber der Apotheker schlug dermassen auf den Tisch, und +fing so an zu schimpfen und zu fluchen, Niemand wusste eigentlich auf was +und gegen wen, dass Mathes gar nicht gleich wieder zu Worte kommen konnte, +und vielleicht auch eben nicht boese darueber war. + +"Hallo, wer ist todt?" rief aber in dem Augenblick Lobsich, der mit dem +bestellten Bier fuer einen seiner besten Kunden selber ankam -- "dass Dich +die Milz sticht, was ist denn dem Apotheker eigentlich in die Krone +gefahren?" + +"Dem Apotheker Nichts," nahm aber Kellmann kopfschuettelnd das Wort, "doch +hier dem Dings da, dem Mathes -- was meint Ihr, Lobsich was er vor hat?" + +"_Heirathen_?" sagte dieser, und ein breites vergnuegtes Schmunzeln ueber +den so richtig und schnell gerathenen Vorsatz zog sich ueber sein dickes +gutmuethiges Gesicht. + +"Heirathen!" schrie aber der Apotheker dazwischen, indem er sich seinen +Hut in die Stirn drueckte und seinen Rock anfing zuzuknoepfen -- "heirathen? +-- ja prost die Mahlzeit; _auswandern_ will der Kerl, wie ein blindes Pferd +das durch die Stallwand bricht, in einen Teich zu fallen." + +"_Auswandern_?" schrie aber auch jetzt Lobsich in unbegrenztestem +Erstaunen -- "na das ist mir aber doch wahrhaftig was Unbedeutendes." + +"Oh hol Euch der Teufel mit Eurer albernen Redensart!" rief aber der nun +einmal aergerliche Apotheker, und nahm seinen Stock unter den Arm -- sein +stetes Zeichen dass er fertig zum Gehen sei -- "was Unbedeutendes; ja wohl, +wenn der Raptus erst einmal in _solche_ Koepfe und Geldbeutel faehrt, +nachher werden wir sehn was wir hier anrichten. Ich will mir aber mein +Abendbrod nicht verderben -- gute Nacht Ihr Herren." + +"Halt Schollfeld!" rief aber Kellmann, ihn am Arm fassend und +zurueckhaltend -- "brennt mir nicht durch, ich gehe auch gleich mit und +wollte nur erst hoeren, was Mathes den Gedanken in den Kopf gesetzt hat. +Hol's der Henker, er macht sich entweder einen Spass mit uns, oder es ist +nur so eine Idee von ihm, die wir ihm wieder ausreden koennen." + +"Wenn ich das wuesste blieb ich die ganze Nacht hier," sagte Schollfeld, +seinen Stock wieder auf den Tisch legend und zu dem verlassenen Stuhl +zurueckgehend. "Mensch, Mathes, seid Ihr denn rein vom Teufel besessen, +oder habt Ihr nur heute, in irgend einer Kneipe, ein wenig des Guten zu +viel gethan, dass Ihr so tolles Zeug zusammenfaselt." + +Mathes blieb aber bei allen diesen Ausbruechen des Erstaunens, die erste +Erklaerung nur einmal ueberstanden, vollkommen ruhig, und zog nur, statt +jeder weiteren Antwort, einen Brief aus seiner Brusttasche, den er langsam +auffaltete und vor sich legte, als ob er ihn vorlesen wollte. + +"Nun was soll's mit dem Wisch?" rief aber der Apotheker aergerlich, "Ihr +habt Euere Seele doch noch nicht dem Gott sei bei uns verkauft?" + +"So schlimm noch nicht," lachte der junge Bursch, "das hier ist nur ein +Brief von Caspar Lauber, den Sie ja Alle kennen und der vor etwa sieben +Jahren nach Wisconsin auswanderte." + +"Der was that?" rief der Apotheker, die Augen zusammenkneifend und das +linke Ohr zu ihm hindrehend -- "nuschelt nicht so in den Bart, dass Euch ein +Christenmensch noch verstehen kann ehe Ihr unter die Heiden geht." + +"Der nach Wisconsin auswanderte," sagte der junge Bauer laechelnd -- "er +hatte mir damals versprochen zu schreiben wie es ihm ginge, schlecht oder +gut; -- wenn schlecht, wollte ich ihm helfen, wenn gut, vielleicht +nachkommen. Aber er schrieb nicht Jahr nach Jahr, und da er ueberhaupt +Nichts von sich hoeren liess, glaubte ich schon er sei da drueben gestorben +oder untergegangen in dem weiten Reich, bis ich vor vier Wochen etwa einen +Brief von ihm erhielt und seit der Zeit habe ich keine Ruhe gehabt bis zu +dem heutigen Tag." + +"Nun ja natuerlich," brummte der Apotheker. + +"Aber so lasst ihn doch nur reden," rief jetzt auch aergerlich der Actuar +dazwischen, "Ihr raisonnirt nur in einem fort und glaubt nachher, wenn Ihr +recht geschrieen habt, Ihr haettet recht." + +"So lest den Brief einmal!" sagte Kellmann, die Arme auf den Tisch +stuetzend, "nachher wissen wir ja gleich woran wir sind." + +"Aber erst muss ich noch Bier haben," rief Schollfeld dazwischen, "ich mag +die Luegen wenigstens nicht trocken mit anhoeren." + +Lobsich winkte einem der naechsten Kellner, die indess leer gewordenen +Glaeser wieder zu fuellen, denn der Brief interessirte ihn selber zu sehr, +den Tisch jetzt zu verlassen, und Mathes sagte wie entschuldigend: + +"Der Brief ist sehr kurz, aber es steht Alles darin was ich zu wissen +verlangte, und er lautet: + +"Lieber Mathes -- ich habe bis jetzt mein Versprechen nicht gehalten, Dir +zu schreiben, weil es mir sehr schlecht gegangen ist." + +"Na ja," fiel ihm hier der Apotheker in das Wort -- "und nun muesst Ihr Hals +ueber Kopf machen dass Ihr auch hinueber kommt." + +Kellmann wollte dem ewigen Einredner etwas erwiedern, aber Mathes fuhr, +laechelnd die Hand gegen ihn aufhebend, wieder laut fort: + +"Ich wollte aber nicht gern, dass mich Jemand Anders unterstuetzen sollte, +weil das hier im Lande eine Schande ist; ich wollte mir selber helfen, und +habe mir kuemmerlich, aber ehrlich und fleissig durchgeholfen. Jetzt habe +ich eine kleine Farm von achtzig Acker, und vier und zwanzig Stueck +Rindvieh, und dreissig Schweine und zwei Pferde und es geht mir gut. Ich +habe hart arbeiten muessen, aber ich komme durch. Wenn Du mit Geld hier +herueber kommst und willst mich aufsuchen, dass ich Dir mit Rath und That an +die Hand gehen kann, dann brauchst Du keine Angst zu haben, dass Du nicht +durchkommst. Wenn Du eine Frau hast, bringe sie mit; Kinder sind ein Segen +hier, kein Fluch wie fuer manchen armen Mann in Deutschland. Wer arbeiten +will kommt fort, wer faul ist geht zu Grunde. Es gruesst Dich zehntausend +Mal Dein Caspar Lauber -- Lauber's Farm bei Milwaukie, Wisconsin." + +"Und auf den Brief wollt Ihr auswandern?" rief aber auch Kellmann jetzt +erstaunt -- "Mathes, ist Euch denn das Auswanderungsfieber so ploetzlich in +die Glieder geschlagen, dass Ihr die Seekrankheit fuer das einzige Mittel +haltet die es curiren koennte?" + +Mathes schuettelte aber gar ernsthaft mit dem Kopf, faltete den Brief +zusammen, den er zurueck in seine Tasche schob, und sagte mit fester und +entschlossener Stimme: + +"Lange im Sinn hab' ich's schon gehabt, aber der Brief hat es zuletzt zum +Ausbruch gebracht." + +"Aber Mathes, Ihr vor allen Anderen habt doch Euer Auskommen hier im +Land," rief jetzt auch Lobsich, waehrend der Apotheker das ihm eben +gebrachte Glas auf einen Zug hinuntergoss, wie um seinen Ingrimm damit +nieder zu spuelen -- "wenn Ihr nach Amerika auswandern wollt, wer soll denn +noch da bleiben?" + +"Ich _bliebe_ auch," sagte Mathes rasch und mit vor innerer Bewegung fast +erstickter Stimme, "ich bliebe auch, wenn mich mein Vater liesse, aber -- +der will nicht in die Heirath willigen mit Rossner's Kaethchen, des Haeuslers +Tochter aus Rodnach; hier haelt er mich dabei unter dem Daumen mit seinem +Gut und Geld, und das Maedchen stirbt mir indessen in Arbeit und Gram; dort +drueben aber ist ein Platz, wo fleissige Menschen auch durchkommen koennen +mit Gottes Huelfe _ohne_ Geld, _ohne_ Ansehn. Der Lauber hatte gar Nichts +wie er hinueberging; nicht das Hemd auf seinem Ruecken war sein, und ich +weiss dass er nicht einen rothen Pfennig mit in das fremde Land gebracht +hat. Aus dem ist jetzt ein rechtschaffener Farmer geworden, mit eigenem +Land, Haus und Vieh, und was der kann -- schwere Noth noch einmal -- das +kann ich auch. Ich gehe hinueber, nehme das Kaethchen mit -- Geld zur +Ueberfahrt krieg ich schon, und wenn ich meine beiden Schimmel um den +halben Werth verkaufen sollte, und dort hilft der liebe Gott schon weiter. +Verhungern werden wir nicht, und ich brauche mir hier nicht mehr unter die +Nase reiben zu lassen, "das sollst Du thun und das nicht, und _die_ sollst +Du heirathen, die Du nicht magst und willst, und die Dich lieb hat und +Dich gluecklich machen kann, der sollst Du das Herz brechen -- weil ihr eben +nur der volle Geldsack fehlt." + +"Unsinn!" sagte der Apotheker, jetzt wieder und zwar im Ernste aufstehend +-- "wenn Jemand einmal rein verrueckt geworden ist, laesst sich auch nicht +mehr mit ihm streiten. Gehn Sie mit Kellmann?" + +"Ja, gleich," erwiederte der Gefragte -- "weiss denn aber schon Euer Vater +um den Plan, Mathes?" + +"Heute hab' ich's ihm gesagt," erwiederte der Gefragte leise -- "aber er +glaubt es noch nicht." + +"Und ist es denn schon wirklich so fest bestimmt?" sagte Kellmann +theilnehmend. + +"Meine Passage in Bremen fuer mich und -- meine _Frau_ ist schon bezahlt," +rief der junge Bursch da entschlossen -- "den funfzehnten geht das Schiff +ab, und ich habe nur noch eben Zeit das Nothwendigste in Ordnung zu +bringen." + +"Ja da koemmt freilich jeder gute Rath zu spaet," sagte Kellmann, jetzt +ebenfalls aufstehend und seinen Hut ergreifend, "wenn der Sprung erst +einmal geschehen ist, braucht man nicht mehr ueber das Springen zu streiten +und ich wuensche Euch das Beste in Euerer neuen Heimath." + +"Ich weiss es, ich weiss es," sagte Mathes geruehrt -- "aber vielleicht seh +ich Sie selber noch einmal auf freiem Boden drueben, mit Axt oder Pflug in +der Hand, wie ein wackerer, richtiger Farmer." + +"Wen -- mich?" rief aber Kellmann ordentlich erschreckt aus -- "ich nach dem +vermaledeiten Lande, dass alle unsere besten Buerger frisst? Nein Mathes, fuer +dies Leben nicht -- aber wann geht Ihr fort? vielleicht laesst Euer Vater +doch noch mit sich reden, und lenkt ein wenn er sieht dass es Euch wirklich +Ernst ist." + +Mathes schuettelte mit dem Kopf und der Actuar rief: + +"Ein Bauer und einlenken, Kellmann? -- da kennt Ihr unseren deutschen Bauer +nicht; worauf der einmal seinen Dickkopf gesetzt hat, da muss er durch, und +wenn's nicht geht, so zerhaut er sich eben den Schaedel, aber er laesst nicht +nach. Der alte Vogel und nachgeben; Du lieber Gott, wenn er den eigenen +Sohn mit einem einzigen Wort vom Verderben retten koennte -- er spraech es +nicht." + +"Na, da kann ich wohl auch meine Bude hier bald zuschliessen und mitgehn," +sagte Lobsich, sich den Kopf kratzend -- "Schwerebrett das ist mir -- hm -- +hm -- ist mir doch was Unbedeutendes, das -- das Amerika." + +"Und was sagt denn das Kaethchen dazu?" frug Kellmann jetzt den Mathes, +waehrend die Uebrigen schon aufgestanden waren und sich zum fortgehn +geruestet hatten. + +"Die weint und will nicht mit," sagte Mathes leise -- "aber sie wird schon +gehen." + +"Sie will nicht mit?" + +"Sie meint, es braeche meinem Vater das Herz." + +"Das Herz brechen? -- dem alten Vogel?" lachte aber dieser veraechtlich -- +"na Gott sei Dank, die hat einen guten Begriff von ihm -- als ob dem etwas +das Herz brechen koennte." + +"Nun, es fraegt sich nur jetzt wem sie es lieber bricht," meinte der +Actuar, "dem Alten, wenn sie geht, oder dem Jungen, wenn sie bleibt -- die +Wahl wird ihr nicht schwer werden. Aber Schollfeld, Ihr seid ja auf einmal +so still geworden?" + +"Ach lasst mich zufrieden," brummte dieser aergerlich -- "weiss es Gott, man +moechte am Ende selber mit hinueberlaufen, nur Nichts mehr von dem +verwuenschten Auswandern reden zu hoeren." + +"Hahahaha!" rief da Kellmann, "Schollfeld bekoemmt auch ueberseeische +Ideen." + +"Ueberseeische -- haette bald was gesagt," knurrte dieser aber, auf der +Strasse hingehend, ohne weder Mathes noch Lobsich gute Nacht zu sagen. + +Die Uebrigen wechselten noch kurzen Gruss mit ihren Bekannten dort, +zuendeten sich frische Cigarren an, und schlenderten langsam, den +freundlichen Abend so viel als moeglich zu geniessen, die Strasse hinab, der +eigenen Heimath zu. + + + + + + Capitel 3. + + + DER DIEBSTAHL. + + +Zehn Minuten mochten sie so etwa schweigend nebeneinander hergegangen +sein, als hinter ihnen auf der Strasse eine Equipage und klappernde +Hufschlaege gehoert wurden, die sie rasch einholten und an ihnen +vorbeirauschten, eine dicke Staubwolke dabei ueber den Weg waelzend. Es war +die Familie Dollinger mit dem, neben dem Wagen hin galoppirenden Fremden, +dem Braeutigam der Tochter. + +"Die kommen schneller von der Stelle als die armen Auswanderer vorhin," +sagte Kellmann, als sie vorbei waren -- "Wetter noch einmal, es ist doch +ein anderes Ding so ein paar fluechtige Rappen vor sich zu haben, und wie +im Flug durch die Welt zu jagen, als mit einem schweren Packen auf dem +Ruecken und wunden Fuessen vielleicht, muehselig die staubige Strasse entlang +zu keuchen." + +"Ja, die Gaben sind ungleich vertheilt in der Welt," seufzte der Actuar, +"was der Eine haben moechte, _hat_ der Andere schon, und das ist auch wohl +das ganze Geheimniss der socialen Frage, laesst sich aber nun einmal nicht +aendern, und wir duerfen vielleicht den Kopf darueber schuetteln, und wuenschen +dass es anders waere, aber weiter eben Nichts." + +"Der auf dem Pferd, war der Dings da von Amerika," sagte der Apotheker +jetzt, "der das schmaehlige Geld hat und des reichen Dollingers Tochter +noch dazu heirathet. Soll mir noch einmal einer sagen dass Eisen der +staerkste Magnet sei; Gold ist's, und wo das liegt zieht es anderes hin. + +"Und wie steht's mit Actien?" lachte Kellmann. + +"Bah -- bleibt immer dasselbe," brummte der Apotheker, "das Gold steckt +darin, und kann durch einen sehr einfachen chemischen Process leicht +herausgezogen werden -- wenn man sie hat." + +"Es wundert mich uebrigens dass der alte Dollinger sein Kind ueber das grosse +Wasser hinueberziehen laesst," meinte der Actuar -- "dem haette es doch auch +hier im Lande nicht an einer eben so guten Parthie gefehlt." + +"Liebe," meinte Kellmann achselzuckend -- "Liebe ist blind sagt ein altes +Sprichwort; dagegen lassen sich eben keine Gruende anbringen. Waer's +uebrigens auch nicht wegen dem grossen Wasser, der Bursche gefaellt mir +ausserdem nicht, und ich moechte ihm meine Tochter nicht geben und wenn er +bis ueber die Ohren in Golde staecke. Er hat ein verschlossenes, +hochfaehrtiges Wesen, behandelt den gemeinen Mann wie einen Hund, und +spricht von Allem was wir hier haben, unseren Einrichtungen, unseren +Gesetzen, unseren Vergnuegungen selber, ja unserem Klima und Land, das doch +zum Henker auch _sein_ Vaterland ist, mit der groessten Verachtung. Amerika, +und immer wieder Amerika, hinten und vorn; ei Blitz und Hagel, ich will +gar nicht leugnen dass es manche gute Seiten haben mag, das Amerika, wenn +ich sie auch gerade nicht einsehen kann, aber so viel besser wie unser +Deutschland ist es doch auch nicht drueben, und wenn's so einem Burschen da +einmal zufaellig geglueckt ist, sollt' er nicht als Lockvogel sich hier +mitten zwischen uns hineinsetzen, anderen vernuenftigen Leuten +unglueckselige Ideeen in den Kopf zu pflanzen. + +"Wenn sich andere vernuenftige Leute solche Ideeen einpflanzen _lassen_, +geschieht's ihnen ganz recht," sagte der Apotheker -- "man braucht nicht zu +glauben was jeder dahergelaufene Lump eben sagt." + +"Nun _ganz_ ohne kann's aber auch nicht sein," meinte Kellmann +kopfschuettelnd, "und ich -- ich halt' es immer fuer gefaehrlich. S'ist +merkwuerdig, wie rasch sich das mit der Hochzeit gemacht hat." + +"Nun, wer sich die Braut gleich fix und fertig aus dem Wasser zieht hat +leicht freien," sagte der Actuar -- "Glueck muss der Mensch haben, dann geht +Alles wie am Schnuerchen; wer aber _das_ nicht hat, der mag sein Lebtag +fischen und faengt doch Nichts -- am wenigsten aber solch einen Goldfisch. + +"Wo stammt er denn eigentlich her?" frug der Apotheker jetzt, wie sie +wieder eine Weile schweigend neben einander hingegangen waren, "man hoert +doch sonst eigentlich gar Nichts von ihm, und er kommt auch mit keinem +Menschen weiter zusammen -- stolzer aufgeblasener Bursche der." + +"Gott weiss es," sagte der Actuar; "er ist, glaub' ich, mit einem +hollaendischen Schiff heruebergekommen, und hatte einen Pass von Amsterdam." + +"Und der Pass lautete nach Heilingen?" + +"Nun nicht gerade nach Heilingen, aber doch nach der Residenz, und wie +sich die Sache dann hier mit der Dollingerschen Familie gestaltete, nun +lieber Gott, da drueckte der Stadtrath das eine, und die Stadtverordneten +drueckten das andere Auge zu, und man sah nicht so genau nach den Papieren. +Ueberdiess verzehrte er ja hier viel Geld; waer' es ein armer Teufel +gewesen, haetten wir ihn wahrscheinlich schon bald wieder ueber die Grenze +gehabt. + +"Hm, ja, glaub's," sagte Kellmann mit dem Kopfe nickend, "s'ist in +Heilingen eben nicht anders wie -- wie anderswo -- warum auch?" + +Das Gespraech drehte sich von da ab, auf die staedtischen Einrichtungen, +deren waermster Vertheidiger der Apotheker war, und ueber die sich der +Actuar natuerlich nur sehr vorsichtig ausliess, waehrend sie Kellmann um so +unnachsichtiger angriff; kam dann auf die Saat und die Preise, und wieder +mit einem Seitensprung auf die jetzige Politik unseres lieben deutschen +Reiches, bis sie das Thor und zwar gerade mit Sonnenuntergang erreichten, +wo Jeder seinen Weg ging, die eigene Heimath aufzusuchen. + +Der Actuar Ledermann besonders, der an dem entgegengesetzten Ende der +Stadt wohnte, beeilte seine Schritte, noch vor einbrechender Dunkelheit +seine Wohnung zu erreichen; das Geruecht ging naemlich in der Stadt, dass ihn +seine Ehehaelfte bei solchen Gelegenheiten oft allerdings sehr unfreundlich +empfange, und ihm einmal sogar schon einige sonst sehr nuetzliche, bei +_der_ Gelegenheit aber nichts weniger als passende haeusliche Geraethe +entgegen und vor die Fuesse geworfen habe. Thatsache war, dass "Madame" oder +Frau Actuar Ledermann, was auch ihres Gemahls Thaetigkeit und Ansehn +ausserhalb seiner eigenen vier Pfaehlen sein mochte, _innerhalb_ derselben +jedenfalls das Commando, und nicht immer mit Maessigung fuehrte, und der +Actuar suchte den Hausfrieden wenigstens soviel als moeglich zu erhalten +und jeden Anlass, zu irgend einer Stoerung desselben, zu vermeiden. + +Mit solchen Gedanken vielleicht im Kopf, wollte Ledermann eben vom +Marktplatz aus in die Strasse einbiegen, an deren aeussersten Ende seine +eigene, sehr bescheidene Wohnung stand, als er seinen Titel genannt und +sich selber gerufen hoerte. + +"Herr Actuar -- Herr Actuar Ledermann." + +Er drehte sich rasch um und sah einen Gerichtsdiener eilig auf sich +zukommen, der, die Muetze abnehmend, vor ihm stehen blieb und ihm meldete, +dass er eben abgeschickt worden ihn zu holen oder aufzusuchen, da ein +Einbruch geschehen sei, ueber den an Ort und Stelle Protokoll aufgenommen +werden solle. + +"Protokoll aufnehmen?" sagte Actuar Ledermann, keineswegs angenehm +ueberrascht; "ja was hab ich denn heute damit zu thun, wo ist mein +_College_?" + +"Herr Actuar Beller sind unwohl geworden, heute Nachmittag," berichtete +der Polizeidiener, "und mussten zu Hause gehn; ich bin eben abgeschickt zu +sehn, welchen von den andern Herren ich zuerst treffen koennte." + +"Hm -- ist sehr amuesant," brummte Ledermann vor sich hin -- "kommt mir +gerade apropos. Bei wem ist es denn?" + +"Bei Herrn Dollinger." + +"Was? -- bei Kaufmann Dollinger?" rief der Actuar rasch und erstaunt -- "am +hellen Tag, waehrend er ausgefahren war?" + +"Er ist, wenn ich nicht irre, eben zu Hause gekommen," berichtete der +Mann, und hat glaub' ich sein Pult geoeffnet, und eine bedeutende Summe +Geldes entwendet gefunden." + +"Hm, hm, hm," sagte der Actuar kopfschuettelnd und seinen Rock dabei, den +er der Bequemlichkeit wegen aufgelassen hatte, zuknoepfend, "es wird immer +besser hier bei uns. Am hellen lichten Tage. Aber die ganze Stadt steckt +auch voll fremden Volkes, das sich natuerlich keine Gelegenheit +entschluepfen laesst Reisegeld zu bekommen." + +"Es muss doch wohl Jemand gewesen sein der mit dem Hause genau bekannt +war," sagte der Polizeidiener -- "nach dem wenigstens, was ich bis jetzt +von den Dienstleuten darueber gehoert habe, kann's nicht gut anders sein." + +"Nun wir werden ja sehn; da muss ich aber erst -- " + +"Wenn sich der Herr Actuar nur eben an Ort und Stelle bemuehen wollen," +sagte jedoch der Diener des Gerichts, "alles Noethige ist schon dorthin +geschafft und ich war eben nur fortgelaufen, einen der Herren zu suchen." + +Der Actuar, dem Dienste natuerlich Folge leistend, seufzte tief auf und +schritt, im Geist wahrscheinlich des Empfangs gedenkend, der seiner +harrte, wenn seine Frau auf ihn mit dem Abendessen warten musste, rasch die +"Poststrasse" hinaufbiegend, dem gar nicht weit entfernten Dollinger'schen +Hause zu, dort den Thatbestand in Augenschein und zu Protokoll zu nehmen, +etwaige Spuren des Uebelthaeters zu entdecken und zu verfolgen, und die +Leute im Hause nach moeglichem Verdachte zu inquiriren. + + * * * * * + +Im Hause des reichen Kaufmanns Dollinger, in dem Alles sonst so still und +ruhig und wie am Schnuerchen zuging, wo Jeder seine angemessene und fest +bestimmte Beschaeftigung hatte, genau wusste was ihm oblag, und das that, +ohne eben viel Laerm darum zu machen, lief und rannte und sprach heute +alles durcheinander, und saemmtliche Bande der Ordnung schienen geloest. + +Frau Dollinger vor allen Dingen lag in Kraempfen in ihrem Boudoir, und +beanspruchte die Huelfe ihrer beiden Toechter und der weiblichen Dienstboten +im Haus, ihren Zustand zu bewachen; Herr Dollinger selber war in seinem +Zimmer des obern Stocks, und ging dort mit raschen Schritten und auf den +Ruecken gekreuzten Armen auf und ab, waehrend dem jungen Henkel indessen die +Bewachung des Platzes selber uebertragen war, und die andern Dienstboten, +mit einem nicht unbedeutenden Theil der Nachbarschaft und deren +Verwandten, in den verschiedenen Winkeln und Ecken des Hauses herumstanden +und kopfschuettelnd, die Haende ein ueber das andere Mal in Verwunderung +zusammenschlugen. Die verschiedenartigsten Vermuthungen und Beweise wurden +da laut, und die Orte und Stellungen oder Beschaeftigungen jedes Einzelnen +auf das Genaueste und Peinlichste angegeben, wo und wie sich Jeder gerade +in der Zeit etwa befunden haben mochte, als die entsetzliche, verruchte +That geschehen und vollbracht sein musste. + +Dem Actuar, mit dem ihm folgenden Gerichtsdiener wurde uebrigens willig und +dienstfertig Platz gemacht; Alle wollten aber hinter drein, und die Frauen +besonders gaben dabei durch die entschiedensten Ausrufe -- "Ne Du meine +Guete" und "Ne so was" ihre vollkommenste Misbilligung des Geschehenen zu +erkennen. Nichts desto weniger wurde auch selbst ihnen die Thuere vor der +Nase zugemacht, und Einer der Bedienten bekam strenge Ordre die Hausflur +zu raeumen, und Niemand mehr, so lange die Untersuchung dauere, die Treppe +hinaufzulassen, ausgenommen, es wisse Jemand noch um den Diebstahl, und +koenne irgend einen Fingerzeig geben den Dieben auf die Spur zu kommen; +solche Zeugen sollten nachher vernommen werden. + +Oben an der Treppe empfing sie Herr Henkel, um sie gleich zu dem Ort, wo +der Diebstahl veruebt worden, hinzufuehren; einer der Leute war indessen +abgeschickt Hrn. Dollinger selber zu rufen, und dieser erschien jetzt, den +Actuar freundlich gruessend. + +Es war indessen schon ziemlich dunkel, und im Zimmer Licht angezuendet +worden. + +"Ich bedaure sehr, Herr Dollinger," sagte der Actuar, "dass, wie ich gehoert +habe, eine so fatale Sache mich hier in Ihr Haus gefuehrt haben muss." + +"Ja allerdings," erwiederte der alte Herr, "ist es sehr unangenehm; +weniger des Verlustes wegen, der sich allenfalls ertragen liess, als wegen +dem Bewusstsein getaeuschten Vertrauens, mit selbst keinem gewissen +Anhaltspunkt auf Verdacht. Ich wollte gern das Doppelte verloren haben, +wenn es haette koennen auf andere Weise geschehn." + +"Das Ganze ist uebrigens mit einer raffinirten Geschicklichkeit +ausgefuehrt," fiel Henkel hier ein, "und der Thaeter, wer auch immer, +jedenfalls ein hoechst gefaehrliches Subject, von dem ich nur hoffen will +dass wir ihm auf die Spur kommen." + +"Duerfte ich Sie bitten mir den Platz zu zeigen?" + +"Treten Sie hier in das Zimmer meiner Toechter; dort der Secretair ist +erbrochen." + +"Hm -- mit einem breiten meisselartigen Instrument," sagte der Actuar nach +kurzer Besichtigung der offenen, arg beschaedigten Mahagoniplatte -- "und +die Thuer ebenfalls eingebrochen?" + +"Nein -- die Thuer ist unbeschaedigt und muss jedenfalls mit einem +Nachschluessel geoeffnet sein." + +"Und was vermissen Sie in dem Secretair?" + +"Eine Summe Geldes, die ich erst vor wenigen Stunden, und im Beisein +meiner Familie und eines zuverlaessigen Comptoirdieners, im Paket wie ich +sie von der Post erhalten, hier eingeschlossen hatte, und von der der Dieb +auf eine mir unbegreifliche Weise muss Kenntniss bekommen haben." + +"Wer ist dieser Comptoirdiener?" + +"Oh, Lossenwerder; Sie kennen ihn ja wohl?" + +"Lossenwerder," sagte der Actuar nachdenkend -- "ist wohl schon eine ganze +Weile in Ihrem Geschaeft?" + +"Schon zwoelf Jahr; mit keinem Schatten irgend eines Verdachts; ich nahm +ihn als einen ganz jungen Burschen in mein Haus; er muss aber gegen irgend +Jemand davon gesprochen haben." + +"Hm, hm, wollen ihn uns doch einmal nachher besehn; also hier hinein +hatten Sie das Geld gelegt?" + +"Es ist ein Secretair, den meine Toechter gemeinschaftlich benutzen, und zu +dem jede von ihnen ihren Schluessel hat. Bitte lieber Henkel, lassen Sie +doch einmal Sophie oder Clara einen Augenblick zu uns herueber rufen." + +"Ich habe schon das Maedchen geschickt, eine der jungen Damen ersuchen zu +lassen," entgegnete der junge Henkel, der indessen im Zimmer umhergegangen +war, und sich ueberall umgesehen hatte, ob nicht vielleicht doch der Dieb +irgend eine Spur, irgend ein Zeichen hinterlassen habe, an das man sich +spaeter einmal halten koenne. -- + +"Und vermissen Sie weiter Nichts als das Geld?" frug der Actuar. + +"Auch ein Schmuck meiner aeltesten Tochter scheint mit geraubt zu sein," +sagte Herr Dollinger -- "aber da kommt Clara, die Ihnen das Naehere davon +selber angeben wird." + +Clara betrat in diesem Augenblick das Gemach; sie sah todtenbleich und +angegriffen aus, und Henkel eilte ihr entgegen sie zu unterstuetzen. + +"Clara, mein liebes armes Kind," sagte Herr Dollinger, auf sie zugehend +und die Hand nach ihr ausstreckend, "fehlt Dir etwas? -- Der Schreck hat +Dich wohl so angegriffen. Mach Dir doch nur keine Sorge, mein Herz; +vielleicht bekommen wir Alles wieder und wenn nicht -- nun ein _Unglueck_ +ist es dann auch nicht; wenn Ihr mir nur Alle gesund bleibt, koennen wir +die paar tausend Thaler schon verschmerzen." + +"Es ist nicht der Verlust, lieber Vater," sagte aber das junge Maedchen, +sich gewaltsam zusammennehmend, und des Vaters Hand ergreifend -- "nur die +Ueberraschung, der Schreck wahrscheinlich, und das -- das Unheimliche +dabei, als ich mein Zimmer vorhin betrat, und die Spuren des veruebten +Verbrechens entdeckte. Ich fuerchtete die entsetzlichen Menschen noch +irgend wo zu sehn, die vielleicht hinter einer Gardine stehen, unter einem +der Divans liegen, hinter einem Ofen lauern konnten und, wenn entdeckt, zu +verzweifelter Gegenwehr getrieben mich anfallen wuerden, und all solch +kindische Gedanken mehr. Dort der auf den Tisch geworfene Regenschirm +dabei, die hinuntergeworfene Stickerei von dem Secretair selber, am +meisten aber der Tabaksgeruch im Zimmer und die verloeschte, angerauchte +Cigarre dort auf dem Fensterbret, erfuellten mir das Herz mit einem +unbeschreiblichen Grausen." + +"Eine Cigarre?" sagte Ledermann, sich vergebens nach dem bezeichneten +Gegenstand umschauend -- "wo lag sie?" + +"Dort im Fenster, als ich zurueckkam." + +"Die alte angerauchte Cigarre?" sagte Henkel rasch -- "die hab' ich zum +Fenster hinausgeworfen; ich glaubte Einer der Dienerschaft haette sie in +der Aufregung mit hereingebracht und dort abgelegt -- sie muss unten auf der +Strasse liegen." + +"Bitte schicken Sie doch einmal einen Burschen danach, dass er sie +heraufholt," sagte der Actuar; "man darf auch das Unbedeutendste nicht +unbeachtet lassen, und wir wollen indessen die vermissten Gegenstaende +aufnehmen. Das Geld? -- " + +"Davon giebt Ihnen dieser Brief das genaue Verzeichniss," sagte Herr +Dollinger, "aber ich fuerchte fast dass wir durch das Geld selber nicht auf +die Spur kommen werden, indem das Paket fast nur Gold und kleinere +Banknoten enthielt, die leicht umzusetzen und schwer zu controliren sind. +Eher hoffe ich durch den Schmuck den Dieb verrathen zu sehn, da einige +sehr auffaellige Stuecke, wie ich hoere, dabei gewesen sind." + +"Duerfte ich Sie um eine genaue Angabe derselben, heute Abend noch, wenn +irgend moeglich _schriftlich_ bitten?" erwiderte, nach einigem Besinnen, +der Actuar, "diese Einzelheiten wuerden mich jetzt zu lange aufhalten." + +"Kannst Du das geben, Clara? + +"Bis auf die kleinste Nadel hinunter," sagte das junge Maedchen rasch, +"besonders auffaellig war eine kleine, rundum mit Brillanten besetzte +Broche, ein Erbstueck unserer Grossmutter, und ausgezeichnet vor jedem +andern Schmuck, den ich noch in meinem ganzen Leben gesehen, durch einen, +in der Mitte gefassten, genau dreieckigen, hellblauen und wundervollen +Turquis. Mein Schmuck lag gleich dicht dahinter, den aber muss der Dieb in +der Eile uebersehen haben; er ist unangeruehrt geblieben." + +"Das ist allerdings gluecklich," sagte der Actuar, "waere wohl auch des +Mitnehmens werth gewesen. Lag gleich dabei?" + +"Hier in dem rothen Kaestchen." + +"Aber das ist auch geoeffnet worden." + +"Das? -- nein, das hab ich wohl selbst geoeffnet, nachzusehen, ob auch Alles +darin sei, und nicht wieder ordentlich geschlossen. Die Haken waren +allerdings auf, wenn ich mich nicht ganz irre, aber der Dieb hat +keinenfalls eine Ahnung gehabt, welchen Werth das kleine unscheinbare +Kaestchen enthalte, oder es staende jetzt nicht mehr da." + +"Sehr wahrscheinlich, hm -- aber Sie vergeben wohl nicht, mein Fraeulein, +alle diese Einzelheiten besonders zu notiren; wer weiss ob sie nicht noch +einmal wichtig werden. Ah, da kommt auch Herr Henkel wieder; haben Sie die +Cigarre gefunden?" + +"Gott weiss wo sie ist;" lachte dieser, "irgend Jemand muss es doch noch der +Muehe werth gehalten haben sie aufzuheben, und in einer Pfeife vielleicht +zu verrauchen -- ich bin selber hinunter gegangen, kann sie aber nirgends +mehr entdecken. Uebrigens ist es auch fast dunkel geworden, und ich werde +morgen ganz frueh nachsuchen lassen. Der Stummel wird Ihnen freilich nicht +viel helfen." + +"Man weiss nicht," sagte der Actuar kopfschuettelnd, "je nach der Guete des +Tabaks liess sich vielleicht auf die Schicht der menschlichen Gesellschaft +schliessen, in der sich unser heimlicher Besuch herumtriebe. Aber das ist +allerdings Nebensache; wo also ist der Dieb hereingekommen? -- hier durch +diese Thuer?" + +"Doch wohl vom Garten her durch das Fenster Euers Schlafzimmers," sagte +Herr Dollinger, "denn durch das Haus wuerde er es sich am hellen Tage im +Leben nicht getraut haben." + +"Aber ich moechte meine Seligkeit zum Pfande setzen dass ich den Schluessel, +der nach unserer Schlafkammer fuehrt, ehe wir fortgingen, herumgedreht und +stecken gelassen haette, so dass von innen ein Oeffnen unmoeglich war." + +"Und war die Thuer noch verschlossen wie wir zurueckkamen?" + +"Nein, nur in's Schloss gedrueckt, aber der Schluessel stak darin." + +"Hm, hm, hm -- dann ist der Bursche dort wahrscheinlich hinaus" -- sagte der +Actuar -- "zur Thuer hier hereingekommen und dort zur Nothroehre hinaus -- hm, +muss aber genau mit der Gelegenheit bekannt sein. Mein lieber Herr +Dollinger, wir werden Ihre Leute doch ein wenig scharf in's Gebet nehmen +muessen, denn ein ganz Fremder, kann sich die Zeit nicht so abgepasst +haben." + +"Wo kommt der Blumenstock her?" sagte da ploetzlich Clara rasch und +erstaunt, auf einen sehr schoenen Rosenstock deutend, der in ihrem Fenster, +zunaechst der Thuere stand -- "wer hat den jetzt hier heraufgestellt?" + +"So lange wir hier sind Niemand" -- rief Henkel -- "war er vorher nicht da?" + +"Nicht heute Mittag, das weiss ich gewiss; aber vielleicht hat ihn eins der +Dienstleute mir heimlich hier hereingesetzt." + +"Heimlich? -- so?" sagte der Actuar, "den freundlichen Geber wollen wir +also vor allen Dingen einmal herauszubekommen suchen." + +"Es ist heute mein Geburtstag," sagte Clara leise und erroethend." + +"Oh?" meinte Herr Ledermann mit einem freundlichen Laecheln, "da thut es +mir freilich leid, meine ganz ergebensten Gratulationen zu keiner +angenehmeren Zeit vorbringen zu koennen -- will eben nicht passen bei einer +solchen Untersuchung, kann es aber doch auch nicht geradezu +hinunterschlucken -- ich gratulire eben nicht zur Untersuchung." + +"Es muss gewiss ein gesegnetes Land sein," sagte Henkel mit einem leisen, +halb boshaften Laecheln, "wo die Polizei sogar witzig sein kann." + +"Hm," meinte der lange Aktuar, sich nach dem Sprecher umdrehend, "die +Polizei macht eben keinen Anspruch darauf, und ist das meistens +Privateigenthum. Aber wir wollen die Zeit nicht mit Allotrien vergeuden; +ist nicht herauszubekommen wer den Blumenstock hier, waehrend Ihrer +Abwesenheit in das Zimmer gesetzt hat?" + +"Jedenfalls muessen die Dienstboten darum wissen," sagte der junge Henkel, +"und es wird das Beste sein sie einzeln darum zu befragen." + +"Allerdings; -- Einzelverhoer hat ueberhaupt viele Vortheile, bitte schicken +Sie einmal die Leute herauf, dass man vor allen Dingen ihre Gesichter zu +sehen bekommt." + +"Aber nicht hier, Vaeterchen, nicht wahr nicht hier in meiner Stube?" bat +Clara -- "ich wuerde den fatalen Gedanken im Leben nicht wieder los." + +"Wir wollen hinuntergehn in das untere Zimmer," sagte Herr Dollinger, +freundlich dem Wunsch der Tochter nachgebend, "es laesst sich das dort eben +so gut abmachen als hier." + +"Manchmal ist der Platz des Verbrechens selber der geeignetste," warf der +Actuar ein, "aber wie Sie wuenschen -- nur um eines moechte ich Sie noch +vorher bitten, dass ich mir einmal die Stelle oder das Fenster ansehn darf, +durch das sich Ihrer Vermuthung nach, der oder die Diebe entfernt haben +koennten." + +"In unserem Schlafzimmer?" + +"Doch durch diese Thuer?" + +"Lieber Henkel, Sie sind wohl indessen so freundlich, meine Leute unten +zusammenzurufen; wir kommen gleich hinunter. Sie werden heut viel +belaestigt." + +"Aber ich bitte Sie, bester Herr Dollinger," sagte der junge Mann, rasch +seinen Hut aufgreifend, "wenn ich Ihnen nur darin von irgend einem +wirklichen Nutzen sein koennte. Lieber erlauben Sie mir vielleicht mit +Ihnen einer moeglichen Spur zu folgen, denn meine Augen sind darin +vielleicht schaerfer als manche andere." + +"Es wird in der Dunkelheit nicht eben mehr viel zu spueren geben," meinte +indess der Actuar; "das werden wir uns muessen auf morgen frueh aufsparen -- +also jetzt noch das Fenster, wenn ich bitten darf -- ich moechte mir nur die +Gelegenheit einmal von oben besehn." + +Clara selber oeffnete die Thuer und fuehrte dem Actuar mit ihrem Vater in das +kleine freundliche Gemach, dessen beide, schon von Blaetter schiessenden +Weinranken ueberzogene Fenster, auf den Garten hinaussahen. Das eine +Fenster war allerdings geoeffnet gewesen, aber der Rankenwuchs so dicht +zusammengezogen, dass sich ein Koerper kaum haette hindurchzwingen koennen. +Die Hoehe nach dem Garten hinunter, und gerade unter dem Fenster sollte ein +kleiner Rasenplatz sein, war eben nicht betraechtlich, vielleicht zehn oder +zwoelf Fuss, und unten umgab niederer aber ziemlich dichter Hollunder den +Rasen. Im Zimmer selber liess sich aber nicht das mindeste erkennen, das +einen solchen Verdacht unterstuetzt haette; das Einzige was dafuer sprach, +war die aufgeschlossene Thuer. + +Zu der Unterstube des Hauses waren indessen die Dienstleute versammelt +worden, streng examinirt zu werden. Der Hausmagd vor allen andern lag die +Pflicht ob, die Etage, wenn sie nach unten in die Kueche ging, in +Abwesenheit der Herrschaft verschlossen zu halten. Diese aber behauptete +steif und fest, und weinte dabei und rief Gott und alle Heiligen zu Zeugen +an, dass sie die Vorsaalthuer auch ordentlich, "zweimal herum" abgeschlossen +und den Schluessel zu sich gesteckt haette, und Niemanden in der weiten +Gotteswelt gesehen habe, der das Haus in der Zeit betreten haben koenne. +Trotzdem aber sei die Vorsaalthuer, als sie wieder nach oben gekommen +offen, wenigstens aufgeschlossen, wenn auch zugeklinkt gewesen, und sie +haette selber im Anfang nicht begreifen koennen wie das moeglich waere, aber +auch nicht weiter darueber nachgedacht, und es ihrer eigenen +Unaufmerksamkeit zugeschoben. Nach der Abfahrt der Herrschaft sei sie aber +nur eine ganz ganz kurze Zeit unten geblieben um -- sie wollte erst nicht +mit der Sprache heraus, aber der Herr Actuar draengte gar so sehr -- um den +jungen Herrn Henkel fortreiten zu sehn. Nachher mochte sie vielleicht noch +zehn Minuten der Koechin geholfen haben, und war dann nicht wieder von dem +Vorsaal oben fortgekommen, auf dessen Balkon sie gesessen und genaeht +hatte. In der Zeit habe Niemand mehr den Vorsaal oder des Fraeuleins Zimmer +betreten, darauf wolle sie das heilige Abendmahl nehmen, und der Diebstahl +muesse jedenfalls in den paar Minuten, die zwischen dem Fortreiten des +jungen Herrn und ihrem eigenen Wiederhinaufgehn nach oben gelegen haetten, +veruebt sein -- anders war es nicht moeglich. + +"Wer aber hatte den Blumenstock in des Fraeuleins Zimmer gestellt?" + +"Einen Blumenstock? -- waehrend die Herrschaft fort war?" + +"Allerdings, eine Monatsrose -- in das Fenster naechst der Thuer." + +"Der das gethan hat, muesse damit zum Fenster, oder in derselben Zeit mit +einem Nachschluessel zur Thuer hereingekommen sein, als der Diebstahl veruebt +worden, denn sie haette keine Seele im Haus gesehn. + +Die Dienstboten hatten indessen mit einander gefluestert, als der Actuar +das Wort nahm und mit langsam bedaechtiger, aber ziemlich ernster Stimme +sagte: + +"Hoert einmal Leute, ich will Euch etwas sagen; Ihr habt Euch da gut +unschuldig stellen, als ob Ihr eben erst auf die Welt gekommen waert, damit +dringt Ihr aber nicht durch. Das Geld ist fort -- Ihr seid die Einzigen die +unter der Zeit im Haus waren, und Euere Pflicht waere es gewesen -- + +"Aber Herr Actuarius" -- + +"Ruhe da, wenn ich Euch etwas mitzutheilen habe -- und Euere Pflicht waere +es gewesen, sag' ich, aufzupassen, dass niemand Fremdes den Platz betrat, +der Euch anvertraut war, und fuer den Ihr also auch in der Zeit zu stehn +hattet. Jemand ist aber in der Zeit da gewesen, und hat etwas gebracht und +etwas geholt, und man wird sich jetzt an _Euch_ halten muessen, bis der +Jemand ausfindig gemacht ist. Was giebt's da hinten -- was ist gekommen?" + +"Dullmanns Rieke von ueber dem Weg drueben," sagte die Koechin jetzt, gegen +den Actuar vortretend, "will den Lossenwerder haben heimlich aus dem Haus +schleichen sehn. Da _haben_ Sie einen; _uns_ brauchen Sie so etwas nicht +unter die Nase zu reiben, Herr Actuar -- wir sind ehrliche Dienstboten die +sich ihr bischen Brot sauer genug im Schweisse ihres Angesichts -- " + +"Ach halt' sie das Maul," fiel ihr aber der Actuar etwas unsanft in die +Rede -- "_wer_ ist im Haus gewesen, Lossenwerder? -- und heimlich +hinausgeschlichen? -- wer hat ihn gesehn?" + +"Hier die Rieke von Dullmann's -- " + +"Wann war das?" fragte der Actuar das jetzt vorgeschobene Maedchen, das +feuerroth wurde und ihren einen Schuerzenzipfel anfing wie einen Plumpsack +zusammenzudrehen. Erst ganz kurze Zeit vorher hatte sie einer ihrer +Freundinnen im Dollinger'schen Haus, und gewiss nicht in der Absicht die +Mittheilung gemacht, gleich damit, ohne weitere Warnung, vor die Polizei +gezogen zu werden. + +"Nun Mamsell -- wie hiess sie? -- Rieke? -- Wann haben Sie Lossenwerder aus dem +Haus kommen sehn, und ist er ruhig hinausgegangen oder _geschlichen_?" + +"Wenn Lossenwerder im Haus war," sagte Herr Dollinger ruhig, "so wird er +auch ordentlich hinaus_gegangen_ und nicht geschlichen sein; der waere der +Letzte dem ich so etwas zutrauen moechte." + +"Die Rieke behauptet," fiel aber hier die Koechin in dem Bewusstsein +unrechtlich gekraenkten Ehrgefuehls rasch ein, "dass sie gar nicht auf ihn +geachtet haben wuerde, wenn er sich nicht so schnell und heimlich, und +dicht unter den Fenstern, am Hause hingedrueckt haette. Wer kein boeses +Gewissen hat, kann gerade und offen gehen." + +"Sie sind aber gar nicht gefragt, zum Henker noch einmal," rief der Actuar +jetzt ungeduldig werdend -- "wenn Sie jetzt nicht ruhig sind, lasse ich Sie +so lange hinausfuehren, bis wir Sie wieder brauchen. Hier Mamsell Rieke; +wenn Sie sich die Schuerze abgedreht haben, dann sein Sie so gut und sagen +Sie uns einmal wo und wie Sie den Herrn Lossenwerder gesehen haben." + +"Ich -- ich weiss nicht gewiss" -- stammelte das Maedchen verlegen -- "aber -- +aber Lossenwerder kam -- bald nachher wie die Herrschaft fortgefahren war -- +" + +"Wie lange nachher?" frug der Actuar. + +"Etwa eine halbe Stunde denk' ich -- vielleicht nicht so lange -- kam er +viel rascher als es sonst seine Art ist, denn er geht gewoehnlich immer +sehr langsam -- kam er -- kam er aus der Thuer heraus, die er geschwind +hinter sich zuzog -- und dann -- " + +"Und dann?" -- + +Und dann hielt er den Kopf nieder, als ob er nicht wollte dass ihn Jemand, +der vielleicht von oben heruntersaehe, erkennen moechte -- hielt er den Kopf +nieder und drueckte sich -- drueckte sich dicht am Haus hin, so schnell er +konnte die Strasse hinunter, und um die Ecke." + +"Und nachher?" frug der Actuar. + +"Nu, um die Ecke kann sie doch nicht sehn," sagte die Koechin. + +"Ob Sie still sein wird," sagte Herr Ledermann jetzt aber wirklich boese +gemacht -- "Wenzel, wenn mir die Person da jetzt noch einmal das -- noch +einmal den Mund aufthut, dann wissen Sie was Sie zu thun haben." + +"Sehr wohl, Herr Actuar," sagte der Gerichtsdiener -- + +"Und sind Sie dann nachher nicht heruebergekommen und haben das den Leuten +im Hause gesagt, was Sie gesehn?" frug der Actuar. + +"Ich habe ja aber Nichts gesehen," sagte die Rieke. + +"Sie haben doch den Lossenwerder gesehn" -- + +"Ja aber der geht doch so oft in das Haus hier herein, und kommt nachher +immer wieder heraus." + +Der Actuar warf sich ungeduldig herueber und hinueber und sagte endlich +muerrisch: + +"Unsinn -- baarer Unsinn -- aber hatte er denn irgend etwas in der Hand? -- +_trug_ er etwas?" + +"_Trug_? -- ja -- ja sehn Sie Herr Actuar -- das kann ich Sie nicht sagen -- +das weiss ich nicht -- " + +"Nun Sie werden doch gesehen haben, ob er irgend ein schweres Paket in der +Hand hatte oder nicht." + +"Ja sehn Sie, das weiss ich Sie wahrhaftig nicht, aber ich glaube es fast," +sagte das Maedchen, "denn ich habe den Herrn Lossenwerder eigentlich noch +gar nicht anders gesehn, als dass er irgend 'was getragen haette; und wenn's +nur ein paar Briefe gewesen waeren, oder ein Regenschirm." + +"Lieber Herr Actuar, ich glaube Sie sind da auf einer falschen Faehrte," +sagte Herr Dollinger jetzt -- "man kann einem Menschen allerdings nicht +in's Herz sehen, aber fuer den Lossenwerder moechte ich fast selber +einstehen." + +"Mein bester Herr Dollinger," sagte aber der Actuar kopfschuettelnd, "es +ist das mit den Untersuchungen eine wunderliche Sache, und Leute auf die +man am allerwenigsten gedacht, von denen man nie das geringste Unrechte +vermuthet hatte, kommen da oft in den sonderbarsten Verwickelungen vor und +-- sind schuldig. Ich selber kenne Lossenwerder als einen ordentlichen +braven Menschen, und will zu Gott hoffen, dass unser ganzer Verdacht +unbegruendet ist; das heimliche Schleichen aus dem Haus aber, und dass ihn +Niemand sonst im Haus gesehen hat macht ihn verdaechtig. Meine Pflicht ist +es wenigstens ihn selbst deshalb zu vernehmen und ich werde jedenfalls +noch heute Abend nach ihm schicken muessen -- unsere Eisenbahnverbindungen +sind jetzt zu schnell, und man darf keiner Menschenseele mehr zwoelf +Stunden Vorsprung lassen, wenn man nicht oft das leere Nachsehn haben +will." + +"Passen Sie auf," sagte Herr Dollinger, "der Lossenwerder wird den +Blumenstock zum Geburtstag Clara's oben hinaufgetragen haben, und zum Dank +dafuer kommt der arme Teufel jetzt noch in den Verdacht des fatalen +Diebstahls." + +"Wie aber ist er ohne Nachschluessel in die verschlossene Thuer gekommen," +warf der Actuar ein -- + +"Hm -- " sagte Herr Dollinger, "das weiss ich freilich nicht -- nun fragen +Sie ihn selber, das wird jedenfalls der kuerzeste Weg sein." + +"Um das Verzeichniss der gestohlenen Gegenstaende duerfte ich Sie dann +vielleicht nachher noch bitten." + +"Meine Tochter wird es gerade jetzt eben schreiben," sagte Herr Dollinger, +"wenn Sie nur noch kurze Zeit warten wollen." + +"Dann duerfte ich Sie wohl bitten, es mir gleich in meine Wohnung zu +schicken," meinte der Actuar nach kurzer Ueberlegung, "ich muss vor allen +Dingen erst in meine Wohnung und werde dann von da gleich noch einmal in's +Bureau gehen. Wo ist denn der Lossenwerder wohl am leichtesten zu finden?" + +"Ich habe eben nach seinem Hause geschickt," sagte Herr Dollinger, "aber +dort ist er nicht. Paul, der Bursche, behauptet, er ginge manchmal, aber +selten, in eine Bierstube an der Ecke der Roessnitzer und Hertzergasse, aber +dort war er auch nicht; es ist uebrigens an beiden Orten bestellt, ihn +gleich, so wie Jemand seiner ansichtig wird, hierherzuschicken." + +"Sehr wohl," sagte der Actuar, seine Papiere zusammenpackend, und sie dem +Gerichtsdiener uebergebend; nach kurzer Begruessung wollte er sich dann eben +entfernen, als er noch einmal in der Thuer stehen blieb und, sich scharf +auf dem Absatz herumdrehend, fragte: + +"A prospos -- _raucht_ Lossenwerder?" + +"Soviel ich weiss _nicht_," sagte Herr Dollinger. + +"Doch ja, manchmal," sagte Einer der Leute -- Sonntags nach Tisch z. B. +regelmaessig eine Cigarre." + +"Hm, so?" sagte der Actuar und verliess dann rasch das Zimmer und Haus. + +Er hatte uebrigens auch alle Ursache sich zu beeilen, denn daheim wartete +ein mit jeder Minute drohender aufsteigendes Unwetter auf ihn, das er mit +einer Art von verzweifelten Hoffnung immer noch mit den, dem +Gerichtsdiener wieder zu dem Zweck abgenommenen, und geschaeftsmaessig unter +den Arm geklemmten Streifen Akten abzuleiten gedachte. Jedenfalls musste +ihm der Vorfall im Dollinger'schen Haus, der so viel von seiner Zeit in +Anspruch genommen, entschuldigen. Frau Actuar Ledermann aber hatte sich +schon den ganzen Nachmittag ueber, mit immer wachsender Ungeduld, +vorgenommen gehabt mit ihrem Gatten gegen Abend einen der vor der Stadt +gelegenen Gaerten, wo Concert sein sollte, zu besuchen und die Parthie war +ihr jetzt -- was halfen alle Gruende dagegen -- zu Wasser geworden; es +verstand sich von selbst dass Actuar Ledermann die Schuld, und deshalb auch +die Folgen trug. + +Frau Actuar Ledermann hatte sich uebrigens vor einigen Tagen, wo sie trotz +dem nassen Wetter und allen Vorstellungen ihres Mannes spatzieren gegangen +war, furchtbar erkaeltet, und brachte keinen lauten Ton ueber die Lippen. +Das aber, und dass sie ihren gerechtfertigten Ingrimm nicht mit der vollen +Kraft ihrer Stimme hinaus_giessen_ konnte ueber den Gatten, wie sie es -- und +er auch -- gewohnt war, sondern alles das was sie ihm zu sagen hatte -- und +sie hatte ihm viel zu sagen -- heraus_fluestern_ musste, reizte ihren Zorn +nur noch immer mehr. + +"Aber liebes Kind, ich versichere Dich," sagte der Actuar in einem +vergeblichen Versuch den aufsteigenden Sturm zu beschwichtigen, "dass ich +mich ueber anderthalb Stunden bei dem verwuenschten Diebstahl im +Dollinger'schen Hause aufgehalten habe und -- " + +"Und ich versichere Dich," zischte sie, mit einem Gesicht, dem die +Anstrengung die es sie kostete die Worte hoerbar zu machen, einen noch viel +unfreundlicheren, ja sogar boshaften Ausdruck gab -- "dass ich Dich vor +anderthalb Stunden schon gerade so erwartet habe wie jetzt, und seit drei +Stunden vollkommen angezogen dasitze und auf Dich passe." + +"Aber Du _bist_ ja gar nicht angezogen, beste Therese." + +"Weil ich mich wieder ausgezogen habe," rief die Frau -- "glaubst Du ich +soll mir ein Beispiel an einem liederlichen Menschen nehmen, und bei Nacht +und Nebel noch draussen herumstreichen, wie Leute die das Licht zu scheuen +haben? -- Und dann mit meinem Katharr -- dass ich mir den Tag ueber im warmen +Sonnenschein ein wenig Bewegung machte, das faellt Dir nicht ein; aber +Nachts, wenn der schaedliche Thau niederfaellt, der fuer mich gerade Gift +waere, da moechtest Du mich jetzt wohl noch hinausschleppen nicht wahr? +damit ich nur recht schnell unter die Erde kaeme -- o ich armes +unglueckseliges Weib -- " + +"Aber Therese Du bist unbillig, ich habe Dir doch angeboten heute +Nachmittag mit mir nach dem rothen Drachen hinauszugehn -- " + +"Weil Du wusstest dass das nichtsnutzige Geschoepf von einer Waescherin mir +mein Kleid nicht vor vier Uhr bringen wuerde," zischte die Frau. + +"Aber Du hast ja noch andere -- " + +"Am Sonntag zum Skandal der andern Menschen mit einer solchen _Fahne_ zu +einem anstaendigen Vergnuegungsort hinausziehn, nicht wahr? -- _Dir_ laege +natuerlich Nichts daran was die Leute ueber Deine Frau sagten; aber Du bist +auch an anderen Orten lieber wie zu Hause, und statt Deiner Frau einmal +ein paar Stunden Gesellschaft zu leisten, und nachher mit ihr zusammen +auszugehen, musst Du natuerlich g'rad in's Wirthshaus laufen, und ein +Bischen vor Mitternacht dann wieder zu Hause kommen." + +"Liebes Kind, es ist halb neun Uhr jetzt" -- sagte der Actuar ruhig, "dann +aber Therese," fuhr er nach kleinem Zoegern, mit einer fast gewaltsamen +Anstrengung etwas herauszubringen, das er auf dem Herzen hatte, fort -- +"bist Du theilweise mit selbst Schuld daran, _dass_ ich mir eben ausser dem +Hause mein Vergnuegen suchen _muss_." + +"Ich?" wollte die Frau erstaunt rufen, der etwas zu hoch eingesetzte Ton +blieb aber total aus, und Ledermann sah nur, mit der entsprechenden +Gesticulation, das zum Hoechsten erstaunte Gesicht der Gattin. Dadurch aber +vielleicht, und durch die ungewoehnliche, freilich erzwungene Stille, etwas +muthiger gemacht, fuhr er entschlossen fort: + +"Ja liebes Kind, Du; denn anstatt Deinem Mann, wenn er von seinen +Berufsgeschaeften ermuedet zu Hause kommt den Aufenthalt daheim zu einem +freundlichen zu machen, in dem er gerne bleibt, laesst Dich Dein +unglueckseliges, heftiges Temperament nicht ruhen noch rasten, sondern Du +musst irgend eine Gelegenheit vom Zaune brechen mit mir zu zanken. Gebricht +es Dir aber vollkommen an Stoff, was jedoch nur in hoechst seltenen Faellen +zu sein scheint, so bist Du muerrisch und verschlossen, machst ihm ein +finsteres, verdriessliches Gesicht, und sprichst kein Wort." + +Sprachlos nur vor Zorn und Staunen ueber die unerhoerte, bodenlose +Frechheit, hatte die Frau indessen dem heute so redseligen Gatten (der +aber nicht dabei zu ihr aufzuschauen wagte, sondern bald die rechte, bald +die linke Ecke der Stube mit den Augen suchte) angesehn. Es war eine +allerdings noch jugendliche schlanke, aber eher magere als volle Gestalt, +die Frau Actuar Ledermann, mit etwas vorstehenden, wenigstens stark +markirten Backenknochen und durchdringend scharfen, wenn auch kleinen +lichtgrauen Augen, die Lippen schmal und um den Mund in vielen kleinen +Faeltchen, zusammengezogen, das Kinn jedoch etwas zurueckstehend, was ihr +ein besonderes, und nicht eben angenehmes Profil gab. Auch in ihrem Anzug +liess sie sich zuviel gehn; der Zauber reinlicher Kleidung fehlte ihr, der +selbst der aermlichsten Tracht etwas Nettes, Freundliches giebt; die Krause +die das oben am Hals dicht anschliessende Kleid einfasste, war schon mehrere +Tage getragen und verdrueckt, ebenso zeigten die Manschetten Spuren +laengeren Dienstes, und die Haube sass ihr verschoben und zu viel +zurueckgedraengt auf dem, nicht ueberreich mit Haaren bedeckten Scheitel. +Frau Actuar Ledermann war nicht huebsch, und der Affect der ihre Zuege in +diesem Augenblick mehr entstellte als belebte, nahm ihnen leider auch die +letzte Spur sanfter Weiblichkeit, die sonst doch wohl noch hie und da +darin verborgen lag. Der bis jetzt mehr durch Erstaunen als Maessigung +niedergekaempfte Zorn gewann aber auch endlich die Oberhand, und waehrend +die Anstrengung, sich bei ihrer Heiserkeit gehoert zu machen, ihr Antlitz +fast dunkel faerbte, keuchte sie, die Arme in die Seite gestemmt, den +Oberkoerper gegen den ueberrascht einen Schritt zurueckweichenden Gatten +vorgebeugt: + +"Spreche kein Wort, _heh_? sagt der Herr? -- prahlt da, "wenn er von +Berufsgeschaeften nach Hause kommt" -- spreche kein Wort? -- sitzt in der +Kneipe den ganzen gesegneten Nachmittag -- im rothen Drachen und das nennt +er Berufsgeschaefte; vertrinkt das Geld das wir hier zum nothwendigsten +Leben brauchten, und wirft mir jetzt meine Heiserkeit vor, die mir der +Himmel geschickt hat, oder mein boeses Glueck, dem ich auch einen solchen +Mann verdanke -- dass ich kein Wort spreche und verdriesslich bin. Ich soll +wohl _tanzen_? eh? -- wenn mir das Herz zum Zerspringen voll ist vor Jammer +und Elend daheim, und wenn ich den ganzen Tag da sitze, und bruete und +denke wie wir auskommen wollen mit den paar Groschen, die zum Sterben und +Verhungern zu viel, zum Leben aber zu wenig sind. Dann soll ich nachher, +wenn der gestrenge Herr sein Gesicht zeigt, lachen und vergnuegt und lustig +sein, nur damit der Haustyrann sich nicht unbehaglich fuehlt in _seinen_ +vier Waenden." + +Heftiger Husten unterbrach hier die Zornesrede der Frau, der die uebermaessig +angestrengte Luftroehre den Dienst versagte, und der Actuar Ledermann nahm +still und schweigend, den Moment benutzend, ein Licht von dem kleinen +Seitenschrank, zuendete es an der Lampe an, und verliess kopfschuettelnd und +seufzend das Gemach, sich auf sein eigenes kleines Stuebchen zurueckzuziehn. + + + + + + Capitel 4. + + + FRANZ LOSSENWERDER. + + +In Heilingen, in der Glockenstrasse, stand ein vortreffliches Weinhaus, in +dem die wohlhabenderen Buerger Abends gewoehnlich zusammenkamen und ihr +Flaeschchen, aus denen auch oft zwei und drei wurden, tranken. Das Lokal +war ziemlich gemuetlich, und dem Zweck entsprechend, in eine Menge kleiner +Zimmerchen abgetheilt, die theils durch wirkliche Thueren und Verschlaege, +theils durch Vorhaenge von einander getrennt lagen, einzelnen +Gesellschaften zu gestatten eben einzeln zu bleiben, und ihr Glas, +ungestoert von dem Nachbar, zu trinken. + +Das Haus hiess "der Pechkranz" nach einer alten Sage, die der Wirth sehr +gern mit der Heilinger Chronik belegte, und die noch in dem +dreissigjaehrigen Kriege spielte; ein, ueber der Eingangsthuer in neuerer Zeit +erst aus Stein gehauener Bachus, hielt auch in der einen Hand einen +Tyrsusstab, und in der anderen einen Pechkranz, in hoechst wunderlicher +Weise Sage und Geschaeft mit einander vereinigend. Die Allegorie war aber +gar nicht so uebel angebracht, und haette sich auch schon ohne Tilly recht +leidlich und genuegend erklaeren lassen, denn Bachus hatte hier schon in der +That in manchen Kopf seinen Pechkranz hineingeworfen, dass es lichterloh +zum Dache hinausbrannte, ohne weiter eben groesseren Schaden anzurichten, +als der alte Pechkranz in damaliger Zeit angerichtet haben sollte. + +Der Wirth war uebrigens nicht in Heilingen geboren und erzogen, sondern ein +Rheinlaender, der sich hier erst vor einigen Jahren niedergelassen, und +durch gute Getraenke auch bald gute und schlechte Kunden genug bekommen +hatte. Seine Preise waren allerdings ein wenig theuer, "aber," sagten die +Heilinger, "wer einmal Wein trinkt, dem darf es auch nicht auf einen +Groschen dabei ankommen, wenn er nur aecht und rein ist," und Wirth und +Gaeste befanden sich wohl dabei. + +Es war am Abend des naemlichen Tages, an welchem ich meine Erzaehlung +begann, als die Gaeste, die den Tag ueber meist auf Spaziergaengen im Freien +gewesen waren, anfingen einzutreffen, und die Kellner geschaeftig herueber +und hinueber sprangen, Wein und Speisen den Hungrigen und Durstigen zu +bringen. Die kleinen Raeumlichkeiten fuellten sich nach und nach, und selbst +in dem grossen Mittelsaal, der ungefaehr das Centrum des Ganzen bildete, +hatten sich schon hie und da einzelne Gruppen gebildet, oder auch einzelne +Gaeste sassen in irgend einer Ecke, ihre Flasche Wein vor sich, und auf +eigene Hand, in ungeselliger Gemuethlosigkeit, langsam Glas nach Glas zu +leeren. Es ist das aber nicht die rechte Art; zu einer schoenen Landschaft +und einer guten Flasche Wein gehoeren mindestens zwei Personen, um Beides +recht und ordentlich zu geniessen, die eine sich _darueber_, die andere sich +_dabei_ auszusprechen; wenn man allein ist, geht mehr als der halbe Genuss +von Beiden verloren. Es giebt allerdings Menschen, die sich zufriedener +fuehlen wenn sie Alles allein geniessen koennen, aber denen geh' aus dem Weg; +es sind Hypochonder oder Schlimmere, und der einzige Dank, den Du ihnen +schuldig bist ist dafuer, dass sie sich eben auch von Dir zurueckziehn. Nur +wer Niemanden hat an den er sich anschliessen darf, wer allein und +freundlos in der Welt dasteht und das Leid das ihn drueckt, allein tragen, +die wenigen frohen Momente seines Lebens allein geniessen muss, den bedauere +und hilf ihm, wenn Du kannst, denn er ist der Ungluecklichste von Allen. + +Es mochte neun Uhr Abends sein, als ein Bekannter von uns, der +Kuerschnermeister Kellmann, die Weinstube betrat und, sich ueberall +umschauend, ob er nicht irgend einen Freund traefe zu dem er sich setzen +koennte, in einer der Ecken eine bekannte Gestalt entdeckte. Aber er sah +erst ein paar Secunden wirklich aufmerksam dorthin, ehe er seinen Augen +traute, und sagte dann, auf Jenen losgehend und neben dem Tisch stehen +bleibend: + +"Hallo, _Lossenwerder_? Ihr hier im Pechkranz? na da moechte man doch, wie +die Schwaben sagen, den Ofen einschlagen. Alle Wetter Mann und vor einer +Flasche Ruedesheimer; nun das lass ich gelten und es freut mich wahrhaftig, +dass Ihr endlich einmal aufthaut und unter Menschen kommt. Aber was ist +denn heute los bei Euch? denn einen ganz besonderen Grund muss doch die +Festlichkeit haben." + +"Ha -- ha -- ha -- hat sie auch He -- he -- he -- he -- herr Ke -- ke -- ke -- +kellmann," sagte der kleine Mann verlegen laechelnd und sich etwas +schuechtern dabei umschauend, denn es schien ihm nicht angenehm, die +Aufmerksamkeit der uebrigen Gaeste so direkt auf sich gelenkt zu sehn. + +"Jetzt kann ich aber auch den Leuten widersprechen," sagte Kellmann, +seinen Hut und Stock an einen der naechsten Haken haengend und sich neben +ihn setzend, "wenn sie behaupten Ihr traenkt nur Wasser, und Sonntags +hoechstens einmal ein Glas Duennbier -- ich kriege Leibschneiden, wenn ich +nur an das Zeug denke -- und sonst lebtet, als ob Ihr die Woche mit einem +halben Thaler auskommen muesstet. Alle Wetter Mann, das ist recht, dass Ihr +Euch auch manchmal ein Glas Rheinwein goennt; das haelt Leib und Seele +zusammen, und staerkt die Nerven und Muskeln mehr wie Rindfleisch. Wuerde +mir schwer ankommen, wenn ich unseren vaterlaendischen Wein entbehren +muesste," setzte er mit einem halbunterdrueckten Seufzer hinzu. + +"Ha -- ha -- ha -- haben Sie a -- a -- a -- auch wohl ni -- ni -- nicht noe -- noe -- +noe -- noe -- noe -- noethig, be -- be -- be -- bester He -- he -- he -- he -- he -- he." + +"Ih nun wer weiss was Einem noch Alles bevorsteht," unterbrach ihn Kellmann +-- "hier Kellner -- mir auch eine Flasche von dem Ruedesheimer; der Duft hat +mir Appetit gemacht." + +"Hallo Lossenwerder bei einer Flasche Ruedesheimer," rief aber jetzt noch +eine andere Stimme aus dem naechsten Stuebchen, wo ein paar junge Kaufleute +bei ihrem Glase zusammensassen -- "da muessen wir auch dabei sein; +Lossenwerder hat vielleicht heute seinen splendiden Tag und traktirt -- +haben Sie was in der Lotterie gewonnen?" + +Die jungen Leute, die Kellmann und Lossenwerder begruessten, kamen mit ihrer +Flasche heraus, und setzten sich an denselben Tisch, mit dem immer +verlegener werdenden kleinen Mann anstossend und trinkend. Denen gesellten +sich aber noch bald darauf Andre zu; Lossenwerder war in der ganzen Stadt +bekannt und oft auch, seiner koerperlichen Maengel wegen, zum Besten +gehalten. Vertheidigen konnte er sich aber schon seines Stotterns wegen +nicht, was den Gegnern gleich nur noch mehr Anlass und Stoff gegeben haette; +so wurde denn diese freilich gezwungene Zurueckhaltung endlich fuer +Gutmuetigkeit ausgelegt, mit der er sich Scherz und Stichelrede ruhig +gefallen liess, und was die schaerfste Erwiderung nicht vermocht, erreichte +er unfreiwillig dadurch, dass man es endlich muede wurde, den sich nicht +Verteidigenden zum Besten zu haben, und ihn eben zufrieden liess. Aber in +des Verwachsenen Betragen aenderte das Nichts; abgestossen und verhoehnt -- in +nur sehr wenigen Ausnahmen -- von Allen, mit denen er in Beruehrung kam, zog +er sich mehr und mehr in sich selbst zurueck, ging, ausser den noethigen +Geschaeftswegen und ausser der Geschaeftszeit, fast nirgends hin, und lebte +so einfach, ja fast duerftig, wie nur ein Mensch leben kann, der eben _nur_ +Geld ausgiebt, um zu existiren. In einem Weinkeller hatte ihn aber noch +Niemand gesehn, und die Gaeste dort, die ueberdies keinen weiteren Zweck da +hatten als sich zu amuesiren, glaubten das einmal einen Abend mit dem +kleinen "Stotterberg", wie er spottweis, seines Stotterns und Hoeckers +wegen genannt wurde, am Besten thun zu koennen. + +Im Anfang wollte sich Lossenwerder aber auf Nichts einlassen, ja machte +sogar zwei oder drei, wenn gleich vergebliche Versuche, sich zu entfernen, +denn von allen Seiten wurde er gehalten, und Jeder wollte und musste mit +ihm trinken. Nach und nach aber fing er an aufzuthauen; der ungewohnte +kraeftige Wein mochte ihm das Blut leichter und rascher durch die Adern +jagen. Nun sollte er erzaehlen, aber das ging nicht, sein Stottern wurde, +mit der schwereren Zunge, kaum verstaendlich, bis Einer, im Spott eben, auf +den Gedanken kam, ihn zum Singen aufzufordern. Lossenwerder weigerte sich +erst ganz verschaemt; das aber kam den Anderen zu komisch vor, und mit +Lachen und Toben, waehrend ein paar schon Champagner bestellten, den Genuss +wuerdig zu feiern, raeusperte sich Lossenwerder ploetzlich und stieg, von dem +Wein erregt, und jetzt unter dem lauten Jubel der ihn umdraengenden Gaeste, +auf einen Stuhl. + + [Capitel 4] + +Was aber, wie sich die Uebrigen gedacht, Spott und Scherz hatte werden +sollen, das erstarb in athemlosem Schweigen, nur von leisen Ausrufungen +des Staunens und der Bewunderung unterbrochen, als der kleine verkrueppelte +Mensch, mit einer hellen, glockenreinen Stimme, und Toenen, die zum +innersten Herzen drangen, erst noch scheu, dann aber immer +zuversichtlicher werdend, und wie von dem Inhalt des Liedes mit +fortgerissen, dieses also begann: + + "Ich habe schon zu oft geschaut + In Deiner Augen Glanz, Du Holde, + Auf meine Kraft zu fest vertraut, + Viel mehr, als ich vertrauen sollte. + + Doch nein, fuer Dich Geliebte sind + Des Lebens schoenste, reinste Bluethen, + Von keinem Schmerz getruebt, bestimmt, + Und was koennt' ich dafuer Dir bieten? + + Nichts -- gar Nichts, als ein treues Herz; + Doch nimmer sollst Du es erfahren -- + Ich kann, wie frueher, meinen Schmerz + In tiefer, innerer Brust bewahren. + + Sei gluecklich! -- wenn auch ohne mich, + Ich will Dich lieben, aber schweigen + Und mein Gebet nur soll fuer Dich + Empor, zum Thron des Hoechsten steigen. + + Wenn dann mein Herz im Grabe liegt, + Und austraeumt seine stillen Leiden, + Dann soll der Geist zum Himmel nicht + Entfliehn, und zu der Seel'gen Freuden. -- + + Ein schoen'res Loos werd' ihm zu Theil, + Umschwebend Dich in trueben Tagen, + Soll er, zu Deinem Schutz und Heil, + Selbst seiner Seligkeit entsagen." + +Lossenwerder war ganz geruehrt geworden beim Schluss des Liedes, und die +Thraenen standen ihm in den Augen; waehrend sein wirklich haessliches Gesicht +durch den Schmerz aber eher einen komischen als ernsten Ausdruck bekam, +jubelte die Schaar jetzt um ihn her, die wirklich erst wieder Athem und +Laut gewann, als der wundersame Zauber dieser Stimme von ihnen genommen +war. + +"Bravo -- bravo Lossenwerder -- bravo dacapo! Donnerwetter Mann, Ihr habt ja +eine Stimme wie eine Nachtigall, und stottert nicht die Probe dabei -- wie +am Schnuerchen geht das!" + +"Es ist erstaunlich!" rief Kellmann, vor lauter Verwunderung ueber das eben +Gehoerte wirklich fast sprachlos. + +"Nun aber auch trinken -- hier Lossenwerder -- hier," riefen sie, ihm das +Glas bis zum Rand mit dem schaeumenden Trank fuellend, "und dann noch ein +Lied; bei Gott, das zuckt und prickelt Einem ordentlich durch die Adern, +und klingt wie Glockenton so rein und voll; Lossenwerder wo habt Ihr das +Singen gelernt?" + +"Vo -- vo -- vo -- vo -- vo -- von mi -- mi -- mir se -- se -- se -- se -- selb -- +bber," stotterte der kleine Mann, kaum im Stande jetzt mit immer schwerer +werdender Zunge nur die paar Worte vorzubringen, waehrend ihm im Gesang die +Strophen wie der Lerche das schmetternde Lied; aus der Kehle wirbelten. + +"Und da hat bis jetzt noch gar kein Mensch etwas davon erfahren," rief +Kellmann wieder -- "behaelt die liebe Gottesgabe da ebenfalls fuer sich +allein, kommt nirgends hin, spricht mit Niemand, trinkt und singt mit +Niemand, und hat eine Stimme in der Luftroehre sitzen, die Einer, wer es +darauf anzulegen verstaende, in reines Gold verwandeln koennte." + +Von allen Seiten tranken sie jetzt dem kleinen Mann zu, und ueberschuetteten +ihn mit Lob und Jubel, und dieser schwamm wirklich in einem wahren Meer +von Wonne. So wohl war ihm auch noch nie geworden -- Niemand hatte sich bis +jetzt um ihn bekuemmert, Jeder ihn verspottet und verhoehnt, und zum ersten +Mal, vielleicht seit langen, langen Jahren, fuehlte er sich unter Menschen +einem Menschen gleich, wusste sich nicht mehr verachtet und unter die Fuesse +getreten, und sah freundliche Augen um sich her, die ihn wie ihres +Gleichen anschauten. + +Dem loeste sich auch endlich seine Zunge, oder wenigstens sein guter Wille +zu reden, so weit, dass er beginnen wollte Geschichten zu erzaehlen. Das +ging aber unter keiner Bedingung; beim Singen ja, aber beim Sprechen +brachte er kein Wort mehr ueber die Lippen, und selbst das Singen versagte +ihm zuletzt den Dienst; die Augenlider wurden ihm schwer, er fing an zu +lallen, und war eben zurueck auf seinen Stuhl und dem Schlaf in die Arme +gesunken, als die Thuer aufging und zwei Gerichtsdiener in's Zimmer traten. +Es war etwa elf Uhr Abends und die meisten Gaeste, mit Ausnahme des einen +Tisches, hatten das Haus schon verlassen. + +"Hallo was ist das?" sagte Herr Kellmann, der die beiden Leute zuerst +bemerkte, "das ist wunderlicher Besuch -- es wird doch nicht etwa eine +Polizeistunde eingefuehrt in Heilingen?" + +Aber auch der Wirth war die "Diener der Gerechtigkeit", wie sie meist +etwas poetisch genannt werden, gewahr geworden und ging auf sie zu, sich +zu erkundigen was sie hierher gefuehrt. + +"Ein kleiner buckliger Mann soll hier heute Abend bei Ihnen sein," sagte +der Erste -- "er ist aus dem Dollingerschen Geschaeft." + +"Dort sitzt er in der Ecke," sagte der Wirth vom Pechkranz nach +Lossenwerder hinueberzeigend, "hat er etwas verbrochen?" + +"Ich weiss nicht," erwiederte der Zweite ziemlich kurz -- "wir sollen ihn +abholen." -- + +"Wird schwer sein," meinte der Wirth -- "sie haben ihm heute Abend hier +ordentlich zugetrunken, und der Wein hat jetzt das Uebergewicht -- wenn er +aufsteht kippt er wieder um." + +"Hm -- da wird wohl auch nicht viel mit Fragen aus ihm herauszubringen +sein, Meier; was meinst Du, nehmen wir ihn mit?" + +"Ich denke das Beste wird sein wir fuehren ihn zu Haus, und Einer bleibt +bei ihm bis er morgen frueh wieder zu Verstande kommt; jetzt ist doch +Nichts mit ihm anzufangen." + +"Aber um Gottes Willen was ist denn vorgefallen?" frug Kellmann bestuerzt; +"der arme Teufel hat doch nicht etwa irgend 'was verbrochen?" + +"Noch ist nichts Gewisses bekannt," erwiederte der erste Polizeidiener, +"nur bei Dollinger's ist heute Nachmittag eingebrochen, und die +Untersuchung muss jetzt erst ergeben, wer schuldig sei." + +"Bei Dollinger's eingebrochen?" riefen Mehrere, "heute Abend?" + +"Nein heute am hellen Tag," sagte der Mann. + +"Alle Wetter das muss dann gewesen sein waehrend sie nach dem rothen Drachen +gefahren waren," sagte Kellmann rasch -- "sie kamen an uns vorbei mit dem +jungen Henkel." + +"In der Zeit war's," bestaetigte der Polizeidiener, "denn wie sie zu Hause +kamen, wurde es entdeckt -- hier da Lossenwerder -- Sie da -- wachen Sie auf." + +"Ja wenn Sie den stossen wollen bis er munter wird," lachte Einer der +jungen Leute, "da haben Sie Arbeit." + +"Sie -- Lossenwerder -- hoeren Sie?" + +"Ja -- ja" -- stammelte der von dem ungewohnten Weine, von dem er eigentlich +gar nicht so sehr viel getrunken, Betaeubte -- "me -- me -- me -- mehr We -- we +-- wein; ich za -- za -- za -- zahle A -- a -- a -- a -- a -- alles!" + +"So?" sagte der Polizeidiener ruhig -- "nun fuer heute moecht' es doch wohl +genug sein; komm, fass ihn da drueben unter den Arm, er wohnt ja auch nicht +so sehr weit von hier -- wo ist sein Hut?" + +"Hier -- armer Teufel, das wird ein boeses Erwachen werden." + +"Wie man sich bettet so schlaeft man," sagte der zweite Polizeidiener, und +den Betrunkenen in die Hoehe richtend, der dabei unverstaendliche Sachen +stammelte und sogar einen total misglueckenden Versuch machte wieder zu +singen, fuehrten sie ihn hinaus und seiner Wohnung zu, indess die Gaeste noch +das "fuer und wider" der Schuld des Mannes, von dem sie nie etwas Uebles +gehoert bei einer anderen Flasche besprachen. + +Und es _war_ ein boeses Erwachen fuer den Mann; von dem Weindunst betaeubt +schlief er, wie ein Todter, bis zum lichten Tag, und als er die Augen +aufschlug und ihm der Kopf schmerzte zum Zerspringen, fiel sein erster +Blick auf den ungeduldig in seinem Zimmer auf und ab gehenden +Polizeidiener, den er einen Moment bestuerzt anstarrte, und dann die Augen +wieder schloss, wie vor einem unangenehmen Traumbild. + +"Nun Lossenwerder, ausgeschlafen?" sagte der Mann aber, froh endlich einmal +zu einem Resultat zu kommen -- "das hat lange gedauert -- kommen Sie, stehn +Sie auf und ziehn Sie sich an." + +Die Stimme war _kein_ Traum, und der kleine Mann richtete sich erschreckt +von seinem Bett, auf dem er noch mit den Kleidern vom vorigen Abend lag, +empor. Wo war er? -- wie war er hierher gekommen? er drueckte sich mit +beiden Haenden die Stirn und der klare Angstschweiss brach ihm aus ueber den +ganzen Koerper; er _wusste_ nicht mehr was gestern Alles geschehn, und die +unheimliche finstere Gestalt vor ihm fuellte sein Herz mit einer wilden +Ahnung von Unheil, die alles Blut dorthin in jaehem Strom zuruecktrieb. + +Wie ein Schlag da hinein traf ihn die Nachricht von dem entdecktem +Diebstahl, das Gefuehl, dass der Verdacht auf ihm laste, und die naechste +Stunde -- waehrend ein anderer Polizeibeamter bei ihm visitirte und man +nichts weiter, als in einem Winkel seines kleinen Schreibtisches, unter +dreifachem Schloss, ein Paeckchen mit 200 Thalern in fuenf und zwanzig Thaler +Cassenanweisungen, wie noch einige Goldstuecke fand, wie seine Abfuehrung +dann nach dem Dollingerschen Hause, da Herr Dollinger gebeten hatte den +Mann, an dessen Schuld er nicht glauben wollte, erst einmal an Ort und +Stelle selber zu befragen -- lag wie ein Alp auf seiner Seele, unter dessen +Last er auch kein Wort zu seiner Verteidigung zu sagen, ja nicht einmal +eine an ihn gerichtete Frage zu beantworten vermochte. + +In dem Dollingerschen Hause angekommen, wurde er gleich in Herrn +Dollinger's Zimmer hinaufgefuehrt, und der alte Herr ging, als Lossenwerder +die Stube betrat, mit auf dem Ruecken gekreuzten Haenden in seinem Zimmer +auf und ab. Der junge Henkel sass in der einen Ecke des Sophas, das rechte +Knie ueber das linke geschlagen, mit einem Buch in der Hand, ueber das hin +er aufmerksam den Gefangenen betrachtete. + +Lossenwerder war bleich wie ein Todter -- jeder Blutstropfen hatte sein +Antlitz verlassen, und bei dem Versuch den er zum Reden machte, kam kein +Laut ueber seine Lippen. + +"Lossenwerder," sagte Herr Dollinger endlich, nach einer kleinen Weile vor +ihm stehen bleibend und ihn ernst, ja traurig betrachtend -- "ein boeser +Mensch ist gestern, waehrend unserer Abwesenheit, in unser Haus geschlichen +und hat, ausser einigen Juwelen, auch noch das Geld entwendet, das Du mir +gestern Mittag gebracht und das ich, wie Du weisst, in den Secretair dort +schloss. Warst Du waehrend unserer Abwesenheit wieder im Haus und in dem +Zimmer meiner Toechter?" + +"He -- he -- he -- he -- he -- he -- he -- rr Do -- Do -- Do -- Do." + +"Schon gut Lossenwerder, Du bist jetzt aufgeregt und das Sprechen wird Dir +schwer; beschraenke Dich auf ein einfaches ja und nein." + +"Ja -- a -- !" + +"In dem Zimmer meiner Toechter?" + +"J -- a -- a -- a aber -- i -- i -- i -- i -- ich wo -- wo -- wollte" -- + +"Sie haben einen Blumentopf dort hineingesetzt?" sagte Herr Henkel jetzt +ruhig. + +Das Blut stieg dem kleinen Mann rasch bis in die Schlaefe hinauf, aber der +naechste Moment liess sein Antlitz wieder so weiss als vorher; er nickte nur, +zur Betaetigung des eben Gesagten, mit dem Kopf. + +"Lossenwerder," sagte der Herr Dollinger mit leiser, bewegter Stimme und +dicht zu dem kleinen Mann hinantretend, wobei er die Hand auf dessen +Schulter legte, "Lossenwerder, noch gestern wuerde ich eben so leicht +geglaubt haben, dass eines von meinen eigenen Kindern eines schlechten, +unrechtlichen Streiches faehig waere, bis mich leider die immer deutlicher +sprechenden Thatsachen in meinem Glauben an Dich _wankend_ gemacht haben." + +"He -- he -- he -- he -- he -- herr Do -- Do -- Do -- Do -- -- Dollinger" -- + +"Ich will Dir klar und einfach unseren ganzen Verdacht vorlegen," sagte da +der alte Herr, dem Angeklagten jedes unnuetze Wort zu ersparen -- "gestern, +waehrend unserer Abwesenheit, ist der Secretair meiner Toechter erbrochen +und das Dir bekannte Geld entwendet worden -- drueben ueber der Strasse hat +Dich ein Maedchen gesehn, wie Du heimlich aus dem Hause geschlichen bist. +Ebenso bestaetigt Wilhelm, der Stalljunge, Dich gesehn zu haben, wie Du +haettest das Haus durch die nach dem Hofe zu fuehrende Thuer verlassen +wollen, bei seinem Anblick aber, was selbst dem Jungen aufgefallen ist, +zurueckgefahren, und dann auch nicht ueber den Hof gekommen waerst. Das +Stubenmaedchen, die keine Ahnung davon haben konnte dass Geld in dem +Secretair lag, ist bereit den schwersten Eid abzulegen, dass sie, wenige +Minuten spaeter, nachdem man Dich hatte aus dem Hause schleichen sehen, die +Vorsaalthuer nicht mehr aus den Augen gelassen, und gewiss waere, dass Niemand +die Schwelle mehr ueberschritten habe, bis sie den zurueckkehrenden Wagen in +den Hof einfahren gehoert. Heimlich bist Du im Haus gerade in der Zeit, in +welcher das Geld entwendet wurde, gewesen, und die gestrige Ausschweifung, +die man an Dir nicht gewoehnt ist, wie die bei Dir gefundene Summe, lassen +allerdings das Schlimmste fuerchten. Lossenwerder -- ich brauche Dir nicht zu +sagen, wie weh -- wie weh mir das gerade von _Dir_ thut, und ich wollte die +doppelte Summe, so bedeutend sie ist, gern verschmerzen, wenn es _nicht_ +geschehen waere. Mache aber jetzt Deinen Fehler, wenigstens so weit das +noch in Deinen Kraeften steht, wieder gut; gestehe was Du mit dem uebrigen +Gelde gemacht, wo Du es verborgen hast, und ich selber will dann auch +Alles thun was in meinen Kraeften steht, Deine Strafe zu erleichtern. Ein +anderer Welttheil mag Dir nachher in spaeterer Zeit Gelegenheit geben +Deinen Fehltritt zu bereuen, und das wieder zu werden, fuer was ich Dich, +selbst bis diesen Morgen noch, gehalten habe." + +Lossenwerder hatte waehrend dieser Auseinandersetzung wie aus Stein gehauen +vor seinem Prinzipale gestanden, nur das Zittern seiner Glieder verrieth +dass er lebe; jetzt aber brach er in die Knie, und zum ersten Mal +vielleicht mit dem vollen Bewusstsein der gegen ihn erhobenen Anklage -- +oder auch von Schuld und Angst zu Boden gedrueckt, denn wer konnte in den +stieren, ueberdies nicht geraden Augen und in den todtenbleichen, mit +grossen Schweissperlen bedeckten Zuegen das richtige lesen -- umfasste er die +Knie des alten Herrn und bat mit wild stotternder Stimme, aus der dieser +nur mit aeusserster Anstrengung einen Sinn herausfinden musste -- ihn nicht +ungluecklich zu machen -- Nichts so Schreckliches von ihm zu denken. + +"Ein aufrichtiges Gestaendniss, Lossenwerder," entgegnete darauf Herr +Dollinger, "ist das Einzige, was Deine Schuld jetzt noch in etwas +erleichtern kann. Das Gericht wird einen unbewachten Augenblick, dem die +Reue auf dem Fusse folgt, nicht so schwer strafen, wie den hartnaeckigen +Uebelthaeter. + +"A -- a -- a -- a -- a -- aber ich bi -- bi -- bin ni -- ni -- ni -- nicht schu -- +schu -- schu -- schuldig," -- stotterte der Unglueckliche -- "ich we -- we -- we +-- we -- weiss vo -- vo -- vo -- von Ni -- ni -- ni -- nichts -- " + +"Du weisst von Nichts, Lossenwerder?" sagte Herr Dollinger leise mit dem +Kopf schuettelnd -- "und woher ist das Geld das man bei Dir gefunden, woher +die Fuenfundzwanzig Thaler-Note, die Du locker in der Tasche getragen, und +die Dir der Polizeidiener gestern Abend noch herausgenommen hat?" + +"Ge -- spa -- pa -- pa -- pa -- partes Geld -- e -- e -- e -- e -- e -- ehrlich ge -- +ge -- gespartes G -- g -- g -- geld!" stammelte der arme Teufel. + +Herr Henkel stand jetzt auf und ging langsam auf Herr Dollinger zu, dem er +ein paar Worte in's Ohr fluesterte und dann, waehrend dieser leise und +traurig mit dem Kopf nickte, das Zimmer verliess. Lossenwerder aber, der ihm +aengstlich mit den Augen folgte und vielleicht in einer unbestimmten Ahnung +fuehlte dass man ihn fortfuehren -- in ein Gefaengniss bringen werde, ergriff +wieder und jetzt aber wie in Todesangst des alten Mannes Hand, und bat ihn +um Gottes -- um seiner Seligkeit willen, soweit es ihm die, jetzt in der +Aufregung nur noch mehr fehlende Sprache immer gestattete, dass er ihm nur +das nicht anthun -- dass er ihn in kein Gefaengniss moege fuehren lassen. Herr +Dollinger erklaerte aber natuerlich darin Nichts thun zu koennen, denn wenn +er Nichts gestehen wolle oder zu gestehen habe, so muesse allerdings das +Gericht, bei so stark vorliegendem Verdacht, die Untersuchung aufnehmen, +wonach sich bald seine Schuld oder Unschuld herausstellen wuerde. + +"Hab' ich aber einmal erst auf solchen Verdacht gesessen," stotterte der +Unglueckliche, "so bin ich gebrandmarkt mein Lebelang" -- + +Herr Dollinger zuckte die Achseln, und die Thuer oeffnete sich in diesem +Augenblick, den einen Polizeidiener zeigend, der Lossenwerder leise auf die +Achsel klopfte und freundlich sagte: + +"Wenn's gefaellig waere." + +Lossenwerder zuckte zusammen als ob er einen Schlag bekommen, und wandte +sich noch einmal, wie Huelfe suchend, an Herrn Dollinger, aber ein Blick +auf diesen ueberzeugte ihn, dass er schon nicht mehr helfen koenne, wo das +Gericht die Sache in die Hand genommen, und sein Gesicht in den Haenden +bergend, folgte er dem Gerichtsdiener fast willenlos hinaus. + +Gerade als er durch die Thuer schritt begegnete ihm, noch auf der Schwelle, +Frau Dollinger, und rasch bei Seite tretend, als ob sie selbst durch seine +Beruehrung angesteckt zu werden fuerchte, warf sie ihm einen zornigen, +veraechtlichen Blick zu und ging an ihm vorueber. + +Lossenwerder seufzte tief auf, sagte aber kein Wort, denn wie er den Kopf +hob, sah er am andern Ende des Vorsaals Clara mit dem jungen Henkel in +eifrigem Gespraech, und auch dort musste er vorbei. Das war zu viel und wie +unschluessig blieb er stehn und sah sich um, als ob er einen Weg zur Flucht +suche. + +"Na kommen Sie, Lossenwerder, machen Sie keine Dummheiten," sagte aber, ihm +ermunternd auf die Schulter klopfend, der Polizeidiener -- "es ist Alles +ein Uebergang, wie der Fuchs sagte, als sie ihm das Fell ueber die Ohren +zogen." + +Lossenwerder nahm sich zusammen und schritt festen Trittes an dem jungen +Maedchen vorueber, das ihn mitleidig betrachtete. + +"Etwas ueber zweihundert Thaler hat man schon bei ihm gefunden," fluesterte +der junge Henkel ihr leise zu -- "ich hoffe dass Vater Dollinger das andere +auch noch wieder bekommen soll." + +"Ach Lossenwerder, warum habt Ihr das gethan?" sagte Clara, leise und +mitleidig den Gefangenen ansehend, als er an ihr vorueberging. + +"U -- u -- u -- und Si -- si -- si -- si -- sie g -- g -- g -- glau -- ben d -- d -- +das a -- a -- a -- a -- auch?" rief Lossenwerder und die grossen hellen Thraenen +standen ihm dabei in den Augen, aber der Polizeidiener hatte sich schon +laenger mit ihm aufgehalten, als er meinte verantworten zu duerfen, nahm ihn +leise an der Hand und fuehrte ihn die Treppe hinunter. Lossenwerder folgte +ihm wie in einem Traum. + +Das Polizeigebaeude war nur hoechstens fuenfhundert Schritt von dort +entfernt, und stand an der andern Seite einer kleinen steinernen Bruecke +die ueber den, mitten durch die Stadt und haeufig ueberbrueckten kleinen Fluss +fuehrte. Als sie hinunter auf die Strasse kamen, liess der Polizeidiener +seinen Gefangenen los, kein Aufsehn zu erregen, und fluesterte ihm zu nur +ruhig neben ihm hinzugehn. Lossenwerder verstand ihn wohl gar nicht, denn +er sah verstoert zu ihm auf, und dann um sich her, und fand die Augen der +Voruebergehenden alle neugierig auf sich geheftet; sich aber doch, wenn +auch nur dunkel, des Zwanges bewusst der auf ihm lag, nahm er sein +Taschentuch heraus, trocknete sich die feuchte Stirn damit ab, und ging +mit krampfhaft zusammenengebissenen Zaehnen neben seinem Waechter her. So +erreichten sie die Bruecke, wo vier oder fuenf Jungen standen, die neugierig +die Ankommenden betrachteten; Lossenwerder's Blick schweifte ueber sie hin, +aber er sah sie nicht, bis er dicht bei ihnen war und einer derselben +spottend rief: + +"Hoho, hoho -- Stotterberg hat gestohlen, Stotterberg hat gestohlen!" + +Die Anderen stimmten lachend mit in den Ruf ein, und der Polizeidiener +drehte sich aergerlich und drohend gegen die Buben um, die scheu +auseinander stoben; Lossenwerder aber fuhr sich mit beiden Haenden +krampfhaft gegen die Stirn -- "hat gestohlen!" schrie er dabei, ohne zu +stottern, mit gellendem wilden Schrei, und ehe sein Waechter es verhindern +konnte, ja nur eine Ahnung davon hatte, warf er sich mit einem +verzweifelten Sprung, ueber die niedere Ballustrade hin in den unten +vorbeilaufenden Strom. Noch ueber dem Gelaender erfasste ihn der +Polizeidiener an einem Rockzipfel, das Gewicht des niederfallenden Koerpers +war aber zu gross, als dass er es mit einer Hand haette aufhalten koennen, ja +er musste sogar loslassen, nicht selber das Gleichgewicht zu verlieren, und +der Unglueckliche schlug gleich darauf auf das Wasser, unter dessen +Oberflaeche er im naechsten Augenblick verschwand. + +Der Fluss war indess hier weder breit noch tief, und auf der ziemlich +belebten Strasse fanden sich gleich mehre Leute, die unterhalb der Bruecke +in's Wasser sprangen, das ihnen etwa bis unter die Arme reichte, den +niedertreibenden Koerper aufzufangen. Sie hatten ihn auch bald erreicht und +gefasst, und von kraeftigen Armen wurde derselbe an die Oberflaeche gehoben +und zum Ufer gezogen. Wenn ihm jedoch auch das Wasser selber noch nichts +geschadet hatte, war der Unglueckliche doch durch den Sturz, in dem er +wahrscheinlich durch das Zurueckhalten seines Rockes gegen einen der +Brueckenpfeiler geworfen worden, schwer am Kopf verletzt -- die Wunde +blutete stark, und die Maenner trugen den Bewusstlosen zuerst auf die +Polizei, und von dort, auf den Ausspruch eines rasch herbeigerufenen +Arztes, in die Charite. + + + + + + Capitel 5. + + + DIE AUSWANDERUNGS-AGENTUR. + + +Am Marktplatz zu Heilingen, und an der Ecke eines kleinen, auf diesen +auslaufenden Gaesschens, stand ein ziemlich grosses, gruen gemaltes und gewiss +sehr altes Erkerhaus, dessen Giebel und Stuetzbalken geschnitzt, und mit +wunderlichen Koepfen und Gesichtern verziert, und braun angestrichen waren, +und sich so weit dabei nach vorn ueberneigten, dass es ordentlich aussah, +als ob der ganze Bau mit dem spitzen, wettergrauen Dach naechstens einmal +ohne weitere Meldung nach vorn ueber, und gerade mitten zwischen die Toepfer +und Fleischer hineinspringen wuerde, die an Markttagen dort unten ihre +Waare feil hielten. + +Nichtsdestoweniger wurde es noch immer, bis fast unter das Dach hinauf +bewohnt, und der untere Theil desselben ganz besonders zu kleinen +Waarenstaenden und Laeden benutzt. Die Ecke desselben nun, hatte seit langen +Jahren ein Kaufmann oder Kraemer in Besitz, der sich zu seinen +Materialwaaren, Kaffee, Zucker, Tabak, Lichten, Gruetze &c. auch noch in +der letzten Zeit die Agentur mehrer Bremer und Hamburger Schiffsmakler zu +verschaffen gewusst, und damit bald in einer Zeit, wo die Auswanderungslust +so ueberhand nahm, solch brillante Geschaefte machte, dass er die +Materialwaarenhandlung seiner Frau, wie seinem aeltesten Sohn uebertrug, und +fuer sich selber nur ein kleines Stuebchen, ebenfalls nach dem Markt hinaus, +behielt, ueber dessen Thuere ein riesiges, sehr buntgemaltes Schild jetzt +prangte. Dies Schild verdient uebrigens mit einigen Worten beschrieben zu +werden, da die Heilinger in den ersten Tagen -- als es eben erst +aufgehangen worden -- in wirklichen Schaaren davor stehen blieben und es +anstaunten. + +Es war ein breites, laenglich viereckiges Gemaelde, ein grosses, dreimastiges +Schiff vorstellend, wie es sich unter vollen Segeln der fremden, ersehnten +Kueste naeherte. Die See selber war hellgruen gemalt, mit einer Unmasse von +sichtbar darin herumschwimmenden Fischen, die den Beschauer wirklich etwas +besorgt um die Sicherheit des Fahrzeugs selber machen konnten. Dessen +wackerer Kiel schaeumte aber mitten hindurch, und der, dem Anschein nach +vollkommen runde, nur nach hinten zu etwas laenglich auslaufende Rumpf, +presste eine grosse gruen und weiss gestreifte Welle vorne auf, die sich wie +eine breite Falte quer vor seinen Bug legte. Die Segel standen dazu fast +ein wenig zu sackartig, und nur an den vier Zipfeln festgehalten, stramm +und steif von den Raaen ab, und die langen blutrothen Wimpel mit roth und +weisser Bremer Flagge hinten an der Gaffel, stroemten und flatterten lustig +nach hinten aus, wahrscheinlich den raschen Durchgang des Schiffes durch +das Wasser anzuzeigen, das derart, durch den Wind getrieben, selbst diesen +ueberfluegelte. Ueber Deck war aber auch die Mannschaft, und Kopf an Kopf +eine volle Reihe bunter Passagiere sichtbar, mit sehr dicken rothen +Gesichtern, die Gesundheit an Bord des Schiffes bestaetigend, und mit sehr +hellgelben und sehr breitraendigen, rothbebaenderten Strohhueten auf, waehrend +hinten auf Deck der Capitain des Schiffes mit einem dreieckigen Hut, wie +einem Fernglas in der einen und einem Dreizack in der andern Hand stand. +Was der Maler mit dem Dreizack andeuten wollte weiss nur er und Gott; er +muesste denn gemeint haben dass der Capitain, wie frueher Neptun, das Meer +beherrsche. Uebrigens war es auch moeglich dass er fischen wolle, und sich +mit dem Fernrohr nur eben den staerksten und fettesten der ihn reichlich +umschwimmenden Fische ausgesucht habe. + +Den Hintergrund dieses prachtvollen Seestuecks bildete ein schmaler +Streifen mit einzelnen Palmen bedeckter Kueste, an der eine Anzahl +pechschwarzer, nackter Maenner standen, die nur einen gelb und blauen +Schurz um die Huefte und einen gruenen Busch in der Hand trugen. -- Diese +sahen uebrigens gerade so aus, als ob sie die Ankunft des Schiffes schon +sehnsuechtig und vielleicht sehr lange Zeit erhofft haetten, und nun die +Zeit nicht erwarten koennten dass die Fremden an Land stiegen, damit sie +geschwind fuer sie arbeiten, und ihnen den Boden urbar machen duerften. + +Neben dem Bild, und zu beiden Seiten der Thuer, wie sogar noch an dem +innern Theile des Fensterschalters, hingen lange Listen der verschiedenen +anzupreisenden Plaetze fuer Auswanderung. Obenan New-York, Philadelphia und +Boston, dann Quebeck und New-Orleans, Galveston; in Brasilien, Rio de +Janeiro und Rio Grande; in Australien Adelaide, dann Chile, Valdivia und +Valparaiso, und Buenos Ayres mit einer Menge neu entdeckter verschiedener +Kolonien und Ansiedlungen, wohin ueberall die besten kupferfesten Schiffe +A¹, in unglaublich kurzer Zeit und mit Allem versehen ausliefen, was dem +gluecklichen Passagier das Leben an Bord eines solchen Schiffes nur in der +That zu einer Vergnuegungsfahrt machen muesse und wuerde. + +Weigel, wie der Eigentuemer dieser "auslaendischen Versorgungsanstalt" (ein +Spottname den die Heilinger der Weigelschen Agentur gaben) hiess, war ein +dicker, vollgenaehrt und bluehend aussehender Mann, ungefaehr sechs bis +achtunddreissig Jahr alt, mit ein wenig fest umgeschnuerter Cravatte, was +seinen Augen etwas Stieres gab, und sonst einem leisen Anflug von Grau in +den sonst braunen, widerspenstigen Haaren. Die Augen waren gross, blau und +ziemlich ausdruckslos; ein fast mitleidiges Laecheln aber, das oft, und +besonders dann wenn er irgend Jemandes Meinung bestritt, um seine +Mundwinkel spielte, gab dem Ausdruck seiner Zuege jene scheinbare +Ueberlegenheit, die sich zuversichtliche Menschen oft ueber Andere, wenn +mann es ihnen gestattet, anzumassen wissen. Ganz vorzueglich wusste er diese +Miene anzunehmen, wenn er ueber Amerika, oder irgend einen ueberseeischen +Fleck Landes sprach, ueber dem fuer ihn ein gewisser heiliger und +unantastbarer Zauber schwamm, und Jemand dann irgend einen Zweifel gegen +das Gesagte zu hegen wagte. Er schwaermte besonders fuer Amerika, und es gab +deshalb auch, seiner Aussage nach, keinen groesseren Luegner in der Stadt, +als den Redacteur des Tageblatts, den Advokaten und Doctor Hayde in +Heilingen. Dieser und er waren denn auch, wie das sich leicht denken laesst, +grimme und erbitterte Feinde und Gegner, woselbst sich nur irgend eine +Gelegenheit dazu fand. + +Weigel bekam, wie das gewoehnlich bei den Agenturen der Schiffsbefoerderung +ueblich und der Fall ist, fuer jede Person die er einem Bremer oder +Hamburger Rheder sicher an Bord lieferte, einen Thaler, kurzweg genannt +"fuer den Kopf" und er theilte deshalb die Leute -- seine Mitbuerger sowohl +wie saemmtliche uebrige Bewohner Deutschland's, in solche ein "die Energie +hatten," d. h. zu ihm kamen und sich bei ihm einen "Platz nach Amerika" +besorgen liessen, wo sie nachher drueben selber sehn konnten wie sie fertig +wurden, und in solche, die "im alten Schlendrian hinkrochen, und hier +lieber verfaulten, ehe sie einen maennlichen entscheidenden Schritt thaten, +ihrer Existenz auf die Beine zu helfen." Jeder der hier blieb betrog ihn +aber wissentlich und mit kaltem Blut um seinen, ihm in ehrlichem Verdienst +zustehenden Thaler, und es verstand sich von selbst, dass er vor einem +solchen Menschen keine Achtung haben konnte. + +Er selber kannte die Verhaeltnisse Amerika's nur aus Buechern die das Land +lobten, denn andere las er gar nicht, und bekam er sie einmal zufaellig in +die Hand, so warf er sie auch gewiss mit einem Kernfluch ueber den +"nichtswuerdigen Literaten, der wieder einmal einen ganzen Band voll Luegen +zusammengeschmiert" in die Ecke. Sein groesster Aerger war aber jedenfalls -- +und so regelmaessig wie die Uhr Morgens acht schlug -- das Tageblatt, das er +der haeufigen Annoncen wegen halten _musste_, und das ebenso regelmaessig +kleine gehaessige und schmutzige Artikel gegen Amerika wie ueberhaupt gegen +Alles brachte, was sich frei und selbststaendig bewegte. + +Zehnmal hatte er sich schon vorgenommen den "kleinen erbaermlichen Doctor" +zu pruegeln, und sehr vielen Leuten wuerde er dadurch ein grosses Vergnuegen +bereitet haben; aber er unterliess es doch jedesmal auch wieder, wenn sich +ihm gleich oft genug die Gelegenheit dazu bot; Beide mussten jedenfalls +schon einmal frueher etwas mit einander gehabt haben, vielleicht mehr von +einander wissen als Beiden zutraeglich war, und ein solcher Bruch waere da +nicht raethlich gewesen. + +Sonst lebte Weigel still, und anscheinend als ein vollkommen guter und +achtbarer Buerger, vor sich hin, aber im Stillen wirkte und wuehlte er +seinem Ziel entgegen, und richtete in der That viel Unheil an. Seine +Beschreibungen Amerika's, die er sich selber in kleinen Brochueren aus +anderen Buechern zusammentrug, und um ein Billiges verkaufte, waren ein +langsames Gift, das er in manche friedliche und glueckliche Familie warf, +ein Saatkorn das dort wucherte und Wurzel schlug, und waehrend es die Leser +anreizte nur gleich ohne weiteres ihr Buendel zu schnueren und jenen +herrlichen Laenderstrichen zuzueilen, wo von da an ihr Leben nur einem +murmelnden Bache gleichen wuerde, der zwischen Blumen dahin fliesst, fuellte +er ihre Koepfe mit falschen Ideen und Begriffen von dem Land, das ihre neue +Heimath werden sollte, und machte viele, viele Menschen ungluecklich. In +der neuen Heimath dann angekommen, die ihnen, mit maessigen Anspruechen, +wirklich Manches geboten haben wuerde was ihre Lage, im Vergleich mit dem +alten Vaterland gebessert haben koennte, fanden sie sich jetzt ploetzlich in +all den wilden extravaganten Ideen, die sie durch solche Lectuere +eingesogen, enttaeuscht, fanden die Hoffnungen nicht realisirt, die man +ihnen gemacht, hielten sich fuer schlecht behandelt und ungluecklich, und +verfielen nun oft in das Extrem trostloser und eben so unbegruendeter +Verzweiflung, wobei sie den Mann verwuenschten, der sie hierverlockt, und +sie verleitet hatte, Heimath und eigenen Heerd zu verlassen, einem Phantom +zu folgen. Weigel aber hatte seinen Thaler fuer den richtig abgelieferten +"Kopf" bekommen, und dachte schon gar nicht mehr an die frueher +Befoerderten, die seiner Meinung nach jetzt in einem Meer von Behagen +schwammen und "unter Palmen wandelten." + +Herr Weigel war allein in seinem kleinen Bureau, einem niederen, etwas +dumpfen und nicht ueberhellen Stuebchen, dessen eines breites Fenster mit +durch Zeit und Rauch arg mitgenommenen Gardinen verziert war, waehrend die +Waende durch Karten und statistische Tabellen-Anzeigen von Schiffen und +Gasthaeusern, Plaenen von neuangelegten Staedten oder zu verkaufenden Farmen +fast voellig bedeckt hingen. Er sass an einem hohen, ziemlich breiten Pult, +das einen maechtigen Kamm von Gefachen und Schiebladen trug und las, mit +einer Tasse Kaffee neben sich, eben seinen taeglichen Aerger, das +Tageblatt, als es an die Thuer klopfte, und auf sein lautes "Herein" ein +junger, sehr anstaendig, aber trotzdem etwas aermlich gekleideter Mann das +Zimmer betrat. + +"Herr Weigel?" sagte der Fremde mit einer leichten Verbeugung. + +"Bitte -- ja wohl," sagte Herr Weigel, seine Brille rasch in die Hoehe +schiebend und auf seinem Drehstuhl herumfahrend, seinen Besuch besser in's +Auge zu fassen -- "womit kann ich Ihnen dienen?" + +"Sie befoerdern Passagiere nach Amerika?" + +"Nach Amerika? -- denke so, hehehe," lachte Herr Weigel, sich vergnuegt die +Haend reibend, "habe schon ganze Colonien hinueber geschafft, Maenner und +Frauen, Weiber und Kinder; sitzen jetzt drueben in der Wolle und schreiben +einen Brief ueber den andern an mich, wie gut es ihnen geht -- da nur den +einen hier, den ich vor ein paar Tagen bekommen habe -- der Mann ist blos +mit zwei tausend Dollarn hinuebergegangen und hat schon eine eigene Farm, +achtzig Acker Land, vierundzwanzig Stueck Rindvieh, einige sechzig +Schweine, fuenf Pferde und will jetzt eine Schaeferei anlegen -- schreibt an +mich ich soll ihm einen Schaefer hinueber schicken, aber einen der die Sache +aus dem Grund versteht, kommt ihm auf ein paar Dollar Lohn nicht dabei an +-- bitte lesen Sie einmal den Brief." + +"Sie sind sehr freundlich Herr Weigel," sagte der junge Fremde mit einem +verlegenen wie schmerzhaften Zug um den Mund -- "aber der Brief wuerde +gerade nicht massgebend fuer mich sein, da ich mich gegenwaertig nicht in den +Verhaeltnissen befinde, gleich einen Platz zu _kaufen_. Sind die +Passagierpreise jetzt theuer?" + +"Theuer? spottbillig," lachte Herr Weigel, den Brief offen wieder zurueck +auf sein Pult, und seine Brille darauf legend, ihn zu weiterem Gebrauch +bereit zu haben; "spottbillig sag' ich Ihnen, man koennte wahrhaftig auf +dem festen Land nicht einmal dafuer leben -- _so_ nicht; und unter uns -- ich +weiss wahrhaftig nicht wie die Leute dabei auskommen, aber es muss eben die +rasende _Menge_ von Passagieren machen, die sie jetzt woechentlich, ja fast +taeglich hinueber spediren. Es ist fabelhaft was jetzt fuer Menschen +auswandern; auf einmal werden sie Alle gescheidt, und merken endlich was +sie hier haben, und was sie dort erwartet -- ist doch ein famoses Land, das +Amerika." + +Und wie viel betraegt die Passage nach dem _naechsten_ Hafen der Vereinigten +Staaten, wenn ich fragen darf, fuer -- fuer eine erwachsene Person und ein +Kind?" + +"_Naechsten_ Hafen? -- hehehe, fuerchten sich wohl vor der Seekrankheit? +lieber Gott, daran gewoehnt man sich bald; ist auch gar nicht so arg wie's +eigentlich gemacht wird. Der Mensch, der Doctor Hayde hier im Tageblatt, +hat neulich einen Artikel ueber die Seekrankheit gebracht den er +wahrscheinlich auch selber geschrieben, und wonach Einem gleich ach und +weh zu Muthe werden muesste; der ist aber nur dazu bezweckt den Leuten das +Auswandern zu verleiden. Sie moechten sie gern hier behalten, damit sie sie +nur recht ordentlich plagen und schinden koennen, weiter Nichts; davor +braucht sich kein Mensch zu fuerchten." + +"Sie wollten mir aber den _Preis_ der Passage nennen." + +"Den Preis? -- ja so -- warten Sie einmal" -- sein Blick fiel auf die +Glacehandschuhe und die schneeweisse Waesche des Fremden, dessen etwas +abgetragene Kleider er in dem halbdunklen Raum nicht so leicht erkennen +konnte, oder auch uebersah -- "der Preis -- Dampfschiff oder Segelschiff?" + +"Segelschiff." + +"Segelschiff -- wird -- sein -- Preis in erster Cajuete vier und achtzig +Thaler Gold." + +"Und die -- die billigeren Plaetze?" + +"Billigeren Plaetze -- zweite Cajuete oder Steerage fuenfundsechzig Thaler +Gold -- " + +"Und Zwischendeck?" sagte der Fremde leise und verlegen. + +"Zwischendeck wuerde ich Ihnen nicht rathen," meinte Herr Weigel, seine +Brille jetzt abwischend und wieder aufsetzend; "besonders wenn man eine +Frau und ein Kind bei sich hat und es nur irgend ermachen kann, sollte man +nie Zwischendeck gehn, man ruinirt sich's und den Seinigen an der +Gesundheit herunter, was die paar Thaler mehr kosten." + +"Aber Sie koennen mir wohl den Preis des Zwischendecks sagen?" + +"Ja wohl, mit dem groessten Vergnuegen -- Zwischendeck nach New-York kostet -- +warten Sie einmal, ich habe ja hier die letzten Briefe von meinen Haeusern. +Zwischendeck nach New-York kostet vierundvierzig Thaler Gold." + +"Vierundvierzig Thaler?" + +"Ja es ist seit ein paar Tagen erst wieder um vier Thaler aufgeschlagen, +weil die Leute eben nicht Schiffe genug anschaffen koennen fuer die +Auswanderer. Ist fabelhaft was besonders dieses Jahr fuer Leute +uebersiedeln. Soll ich Sie vielleicht einschreiben? es trifft sich jetzt +gerade gluecklich, denn am 15ten geht ein ganz vortreffliches Schiff ab, +die _Diana_, Dreimaster, gut gekupfert, mit allen nur moeglichen +Bequemlichkeiten versehn und einem Capitain, ich sage Ihnen ein wahrer +Schentelmann, wie er sich gerade nicht immer auf den Schiffen findet." + +"Ich danke Ihnen fuer jetzt noch bestens, lieber Herr Weigel," sagte der +junge Mann -- "ich muss doch nun erst mit meiner Frau Ruecksprache ueber diess +nehmen, denn erst seit gestern ist mir die Idee ueberhaupt gekommen +auszuwandern; aber -- noch eine Bitte haette ich an Sie," und er drehte +dabei den Hut den er in der Hand hielt, fast wie verlegen zwischen den +Fingern -- " + +"Ja? womit koennte ich Ihnen dienen?" frug Herr Weigel. + +"Koennten Sie mir wohl sagen, ob die Capitaine der Segelschiffe -- ich habe +einmal irgendwo gelesen dass das manchmal geschaehe -- auch Leute -- +Passagiere mitnaehmen, die unterwegs ihre Passage -- abarbeiten duerften und +also -- auch keine Ueberfahrt zu bezahlen brauchten?" + +"Keine Passage zahlen?" sagte Herr Weigel, die Lippen vordrueckend und die +Augenbrauen in die Hoehe ziehend, waehrend er langsam und halb laechelnd mit +dem Kopfe schuettelte -- "keine Passage bezahlen? -- ne lieber Herr -- ja so +wie heissen Sie denn gleich -- " + +"Eltrich," sagte der junge Mann etwas zoegernd -- + +"So? -- ne mein lieber Herr Eltrich, davon steht Nichts in unseren +Verzeichnissen und Contracten; im Gegentheil, _da_ kommen wir zusammen; +das ist der Hauptpunkt, der Nervum Rehrum, der die ganze Geschichte +eigentlich zusammenhaelt, Amerika und Europa und die umliegenden +Dorfschaften, heh, heh, heh." + +"Aber wenn nun irgend ein armer Teufel," fuhr der Fremde etwas lauter, +fast wie aengstlich fort -- "irgend ein armer Teufel sein ganzes Hoffen eben +auf eine Reise nach Amerika gesetzt haette, und bestimmt wuesste dass er dort, +wenn auch nicht gerade sein Glueck machen, doch sein Auskommen finden +wuerde? -- " + +"Nun dann soll er gehn -- um Gottes Willen gehn, und am 15ten dieses wird +wieder das neue, kupferfeste -- ja so, aber er muss bezahlen," unterbrach er +sich rasch als ihm einfiel von was sie vor erst wenigen Secunden +gesprochen, "er muss bezahlen, sonst nimmt ihn kein Capitain der Welt mit +ueber See." + +"Und Sie glauben nicht dass da jemals eine Ausnahme stattfinden duerfte?" +sagte Herr Eltrich -- "es werden doch Leute auf See gebraucht zu den +nothwendigsten sowohl, wie den geringeren Arbeiten, und die Capitaine +muessen gewiss dafuer _bezahlen_. Wenn sich also nun Jemand erboete alle diese +Verrichtungen ganz _umsonst_, nur um Passage und die einfachste +Matrosenkost zu machen, sollte das nicht moeglich sein zu erlangen?" + +"Lieber Herr," sagte der Herr Weigel, dem es jetzt so vorkommen mochte als +ob er mit dem Fremden da kein besonders grosses Geschaeft machen wuerde, und +der anfing ungeduldig zu werden, "zu den Arbeiten an Bord eines Schiffes +werden _Matrosen_ gebraucht, und wer kein Matrose ist, kann die auch nicht +verrichten. Das ist keine kleine Kunst, lieber Herr Schelbig, in den Tauen +den ganzen Tag herumzuklettern und zwischen den Segeln, wenn das Schiff +bald so herueberschlenkert und bald so" -- und er begleitete dabei seine +Erklaerung mit einer entsprechenden Bewegung der vor sich gerade +aufgehaltenen Hand -- "da muessen die Leute fest stehen koennen wie die +Mauern, sonst kann man sie nicht gebrauchen." + +"Aber glauben Sie nicht, wenn man einmal an einen Capitain schriebe, ob er +sich doch nicht am Ende bewegen liess; oder" -- setzte er rasch hinzu, wie +von einem ploetzlichen Gedanken ergriffen, "wenn man sich nun verbindlich +machte die Passage nach einer bestimmten Zeit in Amerika nachzuzahlen -- +sie dort abzuverdienen?" + +"Ja da koennte Jeder kommen," sagte Herr Weigel kopfschuettelnd, "wenn die +Leute erst einmal drueben sind, thun sie was sie wollen. Das ist ein freies +Land da drueben, Herr Wellrich, und da koennte man nachher jedem Einzelnen +nachlaufen, und sehen dass man sein Geld wieder kriegte. Ne, damit ist's +faul, und ich nun einmal vor allen Dingen, moechte mich nicht auf solch +eine Quaengelei einlassen; daran hat man keine Freude, und das ist auch +kein rundes Geschaeft." + +"Es ist nur ein armer Verwandter, der sich auf solche Weise gern +forthelfen wuerde," sagte Herr Eltrich erroethend -- "er ist sehr fleissig und +wuerde arbeiten wie ein Sclave, die Zeit ueber." + +"Ja das glaub' ich," meinte Herr Weigel gleichgueltig -- "versprechen thun +die Art Herren gewoehnlich Alles was man von ihnen haben will." + +"Koennten Sie mir denn vielleicht die Adresse irgend eines Schiffes oder +Rheders geben, der bald ein Schiff hinueberschickt," sagte der junge +Fremde, sich schon wieder zum Gehen ruestend -- "wenn ich vielleicht selber +einmal dorthin schriebe, um Sie nicht weiter mit der Sache zu belaestigen." + +"Ja, schreiben koennen Sie," sagte Herr Weigel, "hehehe; aber Sie werden +keine Antwort bekommen; darauf koennen Sie sich verlassen. Die Leute da +haben mehr zu thun, als sich eines Passagiers wegen, fuer den sie noch +umsonst die Kost hergeben muessten, in eine Correspondenz einzulassen; kann +ich ihnen auch gar nicht so sehr verdenken." + +"Und die Adresse?" + +"Die Adresse? -- da, hier liegt die neueste Auswanderer-Zeitung; wenn Sie +wollen, koennen Sie sich da ein oder zwei Adressen herausschreiben. Da +hinten, auf der letzten Seite stehen sie." + +Herr Weigel sah nach der Uhr, drehte sich wieder auf seinem Drehstuhl, der +beim Aufschrauben etwas quietschte, herum, schob das Tageblatt zur Seite +und rueckte sich einen Bogen Papier zurecht, als ob er irgend einen +nothwendigen Brief zu schreiben haette. + +Wieder klopfte es da an die Thuer, und diessmal, ohne ein ermunterndes +"Herein" zu erwarten, oeffnete sie sich, und drei Bauern, denen die grossen +silbernen Knoepfe auf Weste und Rock und das feine Tuch der letzteren, die +jedoch ganz nach ihrem alten baeurischen Schnitt gemacht waren, etwas +ungemein solides gaben, traten, die Huete erst unter der Thuer und schon im +Zimmer abziehend, herein, und gruessten die beiden Leute die sie hier +beisammen fanden, mit einem herzlichen "Guten Morgen miteinander." + +Das waren die Leute die Herr Weigel gern kommen sah, die wussten wesshalb +sie die eine Hand immer in der Tasche trugen, denn sie hatten dort etwas +zu verlieren, und waren nicht selten dabei die Vorboten eines groessern +Trupps, oft einer ganzen "Schiffsladung voll" die aus ein und derselben +Gegend auswandern wollte, und ein paar der Angesehensten indess +vorausgeschickt hatte, Platz fuer sie zu bestellen. Wie der Blitz war er +denn auch von seinem Stuhle herunter, schuettelte ihnen nacheinander die +Hand, und frug sie wie es ihnen ginge und was sie hier zu ihm gefuehrt. + +"Seid Ihr der Mensch der die Leute nach Amerika schickt?" sagte da der +Eine von ihnen, eine breitkraeftige, sonngebraeunte Gestalt mit vollkommen +lichtblonden Haaren und Augenbrauen, aber dabei gutmuethigen vollen und +frischen Zuegen, dem das Ganze uebrigens etwas fremd und unheimlich +vorkommen mochte, denn er warf den Blick waehrend er sprach wie scheu von +einer der Schiffszeichnungen zur anderen, und schien sich ordentlich dazu +zwingen zu muessen das zu sagen, was er eben hier zu sagen hatte. + +"Nun nach Amerika _schicken_ thu' ich sie gerade nicht," laechelte Herr +Weigel, die Anderen dabei ansehend, und etwas verlegen ueber die vielleicht +ein wenig plumpe Anrede. + +"Nicht?" sagte der Bauer rasch und erstaunt -- "aber hier haengen doch all +die vielen Schiffe." + +"Nun ja, ich besorge den Leuten Schiffsgelegenheit die hinueber _wollen_," +sagte Herr Weigel, jetzt geradezu herauslachend, weil er glaubte dass sich +der Mann mit ihm einen Scherz gemacht, auf den er natuerlich einzugehen +wuenschte." + +"Ja aber wir _wollen_ eigentlich noch nicht hinueber," sagte der zweite von +den Bauern, seinen Hut auf seinen langen Stock stellend, und sich dabei +verlegen hinter den Ohren kratzend -- "wir wollten uns nur erst einmal hier +erkundigen ob denn das auch wirklich da drueben so ist, wie es jetzt immer +in den Auswanderungszeitungen steht, und ob man blos hinueberzugehn und +zuzulangen braucht, wenn man eine gut eingerichtete Farm mit ein paar +hundert Morgen Land haben will." + +"Ja wenn man Geld hat," lachte Herr Weigel. + +"I nu -- Geld haetten wir," sagte der Bauer, und sah seine Nachbarn an. + +"Ich bin Ihnen sehr dankbar," unterbrach den Sprecher hier der junge Mann, +der indessen die Zeitung nachgesehn, und sich Einzelnes daraus notirt +hatte. "Bitte," sagte Herr Weigel, und nahm ihm das Blatt, ohne sich +weiter um ihn zu bekuemmern, aus der Hand, und wandte sich wieder zu den +Bauern, als der junge Fremde sich mit einem artigen: + +"Guten Morgen meine Herren" empfahl. + +"Adje Herr -- Herr Schnellig," rief der Agent ziemlich laut hinter ihm her, +ohne sich weiter nach ihm umzudrehen, waehrend die Bauern freundlich den +Gruss in ihrer Art erwiederten. + +"Wer war der junge Herr?" frug der erste Sprecher aber, als er die Thuer +rasch hinter sich in's Schloss gedrueckt. + +"Ach, ein armer Teufel, der gern mit umsonst nach Amerika hinueber moechte," +sagte Herr Weigel -- "er thut zwar als waer' es nur fuer einen armen +Verwandten, aber, hehehe, derlei Ausreden kennen wir schon -- kommen alle +Wochen vor." + +"Umsonst mit nach Amerika?" sagte der erste Sprecher verwundert, "_der_ +sieht doch nicht aus als ob er etwas umsonst haben wollte, der ging ja +_so_ fein gekleidet; Donnerwetter -- mit Handschuhen und allem -- " + +"Ja auswendig sind die Leute in der Stadt meist alle schwarz und sauber +angestrichen," lachte Herr Weigel, "aber inwendig, in den Taschen, da +hapert's nachher. Wer aber ein Bischen Uebung darin hat, kann auch schon +oben auf erkennen, ob der Lack aecht, oder blos nachgemacht ist, hehehe." + +"Bei dem war er wohl nachgemacht?" sagte der zweite Bauer, dem Anschein +nach gerade nicht unzufrieden damit, dass der "glatte Stadtmensch" nicht so +viel galt wie sie, und dass der Auswanderungsmann das sogleich durchschaut +hatte. Herr Weigel nickte, seine Zeit war ihm aber kostbarer, als sie noch +laenger an Jemanden zu verschwenden, bei dem er doch voraussah, dass er von +ihm keinen Nutzen haben wuerde, und er suchte das Gespraech wieder dem mehr +praktischen Anliegen der drei Bauern zuzulenken. + +"Also Sie wollten mitsammen nach Amerika gehn und sich eine ordentliche +Farm, gleich mit Land, Vieh, Haeusern und was dazu gehoert, ankaufen heh? -- +'waer keine so schlechte Idee." + +"Ja erst moechten wir aber einmal wissen wie die Sache steht;" sagte der +Erste wieder, der Menzel hiess, "wenn man ueber einen Zaun springen will, +ist es viel vernuenftiger dass man erst einmal hinueber guckt was drueben ist, +und wenn man das nicht kann, dass man Jemanden fragt der es genau weiss. +Sind denn die Farmen da drueben wirklich so billig? -- ist das wahr, dass man +dort noch gutes frisches Land fuer ein und einen Viertel Thaler kaufen +kann?" + +"Thaler? -- nein," sagte Herr Weigel, "_Dollar_." "Ja nun, das ist aber +auch nicht viel mehr," meinte der Zweite, Mueller. + +"Nun ein Dollar ist ungefaehr ein Speciesthaler," sagte Herr Weigel -- +"lassen Sie mich einmal sehn -- die stehn jetzt -- stehn jetzt 1 Thlr. 121/2 +Silber- oder Neugroschen." + +"Nu ja," sagte Menzel wieder, "das ist aber immer kein Geld -- und fuer +tausend Dollar kauft man da eine fix und fertig eingerichtete Farm, wie +sie's glaub' ich nennen? mit Allem was dazu gehoert?" + +"Ich habe hier gerade," sagte Herr Weigel in seinen Papieren suchend, "ein +paar Anerbietungen von hoechst achtbaren Leuten -- wirklichen Amerikanern -- +die mir Farmen zu hoechst maessigen Bedingungen offeriren. -- Die Leute wissen +da drueben dass hier Viele zu mir kommen und sich nach solchen Plaetzen +erkundigen, und wenn sie dann 'was Gutes haben, schicken sie's mir. -- Wo +hab' ich denn die verwuenschten Plaene jetzt hingelegt -- ah, hier ist der +eine -- sehn Sie, Gebaeude und Alles sind darauf angegeben -- und der andere +kann nun auch nicht weit sein; ich habe sie erst vorgestern meinem Bruder +gezeigt, der gar nicht uebel Lust hatte eine davon fuer sich zu kaufen -- da +ist er." + +Die drei Bauern draengten sich um den kleinen Tisch herum auf dem Herr +Weigel die Plaene jetzt ausbreitete, und suchten sich in den kreuz und quer +laufenden Strichen zu orientiren, wie der Platz eigentlich liege, und was +darauf staende. + +"Ja aber wo ist denn das nun eigentlich, und wie sieht's dort aus?" sagte +Menzel endlich, nach einigen vergeblichen Versuchen deshalb -- "aus der +Geschichte hier wird man nicht klug." + +"Ja sehn Sie," sagte Weigel, mit seinem Finger den Plan erklaerend, und den +angegebenen Zahlen folgend, "das hier, Nr. 1 ist das Wohnhaus, ein +Doppelgebaeude, der Zeichnung nach mit einer offenen Veranda dazwischen, +des warmen Klima's wegen, denn drum herum stehen "Baumwollenbaeume" +angegeben; Nr. 2 da ist ein anderes Gebaeude, bis jetzt zu Negerwohnungen +benutzt, denn der bisherige Besitzer scheint Sclaven gehalten zu haben; +Nr. 3 ist eine Scheune; Nr. 4 ist ein Rauchhaus, die Leute verschicken von +dort aus viel getrocknetes Fleisch; Nr. 5 ist, wie es scheint, ein +Waschhaus, und Nr. 6 ein anderes Wohnhaus, was dem ersten gegenuebersteht, +und wahrscheinlich den ganzen Hofraum, da die Front nach dem Flusse zu +liegt, abschliesst. + +"Und welcher Fluss ist das?" + +"Der Missouri, einer der groessten Stroeme Amerika's, ueber eine englische +Meile breit, und viel hundert Meilen hinauf schiffbar; alle Wetter meine +Herren, von den dortigen Stroemen koennen wir uns hier gar keinen Begriff +machen." + +"Hm -- und wieviel Land gehoert dazu?" + +"Dazu gehoert ein "Died" von 40 Acker, was frueher als Congressland gekauft +und schon bezahlt ist, und natuerlich mit uebernommen wird, und um den Platz +herum kann noch so viel Congressland dazu genommen werden, wie man haben +will -- nur die vierzig Acker, von denen aber ein Theil schon urbar gemacht +ist, muessen natuerlich hoeher bezahlt werden." + +"Und was soll die ganze Geschichte kosten?" frug Mueller. -- Der dritte, +dessen Name Brauhede war, hatte noch kein einziges Wort zu der ganzen +Verhandlung gesagt. + +"Die ganze Geschichte," erwiederte Weigel, sich das Kinn streichend, "wie +ich sie Ihnen hier gleich an Ort und Stelle ueberlassen kann, mit Haeusern +und Grundstueck und dazu noch einem kleinen Viehstand von vielleicht +einigen achtzig Stueck Rindvieh, und fuenfundfunfzig oder sechzig Schweinen, +wuerde -- etwa -- ein tausend und einige sechzig spanische Dollar betragen -- +" + +"Und das waere nach unserem Geld?" sagte Menzel, Mueller dabei heimlich +unter dem Tisch anstossend -- " + +"Nach unserem Geld?" wiederholte Herr Weigel, mit einem Stueck dort +liegender Kreide die Summen rasch auf dem Tisch selber aufaddirend -- +"wuerde es in einer runden Zahl etwa 1000 -- 400 -- eine Kleinigkeit ueber +1400 Thlr. Preuss. Courant betragen." + +"Wieviel Stueck Rindvieh?" sagte Mueller. + +"Einige achtzig Stueck sind angegeben," sagte Weigel, "und muessen auch +ueberliefert werden; aber gewoehnlich sind es noch mehr, denn das Vieh laeuft +draussen im Freien herum und bekommt Kaelber und man weiss es oft nicht +einmal -- die Kaelber werden ueberhaupt nie mitgezaehlt." + +"Und die Passage hinueber kostet?" frug Menzel -- + +"Zwischendeck oder Cajuete?" + +"Zwischendeck -- immer wo's am Billigten ist," lachte Menzel, und strich +sich wohlgefaellig ueber die silbernen Knoepfe. + +"Ja, kann mir's denken," rief Herr Weigel, auf den Scherz eingehend, und +ihn leise gegen den Arm von sich stossend -- "Sie sehn mir auch gerade aus, +als ob's Ihnen auf ein paar Thaler ankaeme." + +"Ja, wo man's kann muss man's zusammennehmen," betheuerte aber auch Mueller +-- "also wieviel kostet's im Zwischendeck a Person?" + +"Vierundvierzig Thaler fuer die Person -- Kinder zahlen die Haelfte." + +"Aber ganz kleine Kinder?" sagte Mueller. + +"Nun Saeuglinge gehen ein," lachte Herr Weigel, "das ist die Beilage, die +doch auch nur vom Schiff aus indirecte Nahrung bekommen." + +"Leichten Zwieback?" frug Menzel. + +"Ja wohl," sagte Herr Weigel, etwas verlegen laechelnd, da er nicht wusste +ob der Bauer das im Spass oder Ernst gemeint -- "wie viel Personen sind Sie +denn aber wohl etwa?" + +"Nu, so eine sechzig moechten wir immer zusammen herausbekommen," meinte +Mueller -- + +"Aber Alle auf ein Schiff muesstet Ihr uns bringen," sagte Menzel. + +"Nun das versteht sich von selbst," rief Herr Weigel, und ein famoses +Schiff geht gerade den funfzehnten ab -- ich glaube das beste, das von +Bremen und Hamburg ueberhaupt laeuft -- die Diana." + +"Ne das waer' uns noch zu frueh -- " + +"Am ersten naechsten Monats geht ein noch besseres," sagte Herr Weigel -- +"wenigstens geraeumiger und ein besserer Segler." + +"Ne das waer' uns auch noch zu frueh," sagte Menzel. + +"Gut, dann traefen Sie es gerade ausgezeichnet mit dem Meteor," versicherte +Herr Weigel, keineswegs ausser Fassung gebracht; "ich wollte Ihnen den im +Anfang nicht anbieten, weil ich fuerchtete dass Sie frueher zu reisen +wuenschten, wenn Sie aber _so_ lange Zeit haben, dann kann ich Ihnen +allerdings die vorzueglichste Reisegelegenheit bieten, die sich nur +ueberhaupt denken laesst." + +"So -- na das passte schon besser -- " sagte Mueller -- "wie hiess das Schiff +gleich?" + +"Meteor." + +"Hm -- werd' es mir merken -- aber nicht wahr, beim _Dutzend_ kriegen wir +die Passage doch auch was billiger." + +"Ne, das geht nicht," lachte aber Herr Weigel da gerade heraus; "es ist ja +nicht so, dass ein Schiff nur eben so viel Menschen an Bord nehmen kann wie +darauf Platz haben, sondern es muss auch genug Raum, und ueber und ueber +genug Essen und Trinken fuer sie dabei sein, wenn einmal die Reise, in +einem ungluecklichen Fall laenger dauerte als gewoehnlich. So ein Schiff hat +deshalb auch nur eine bestimmte Zahl von Auswanderern, die es an Bord +nehmen kann, und nach Amerikanischen Gesetzen nehmen _darf_, und auf die +ist Alles mit Kosten und Preis ausgerechnet, auf's tz. Die kleinen Kinder +werden eingegeben, aber die grossen muessen bezahlen. Und wie war's mit der +Farm?" + +"Wo ist denn der andere Platz -- zu dem da der lange Zettel gehoert?" sagte +Menzel, der sich diesen indessen genau betrachtet, und nach allen Ecken +herum und herumgedreht hatte, ohne, wie er meinte, einen Handgriff dran +bekommen zu koennen. + +"Der hier? der ist in Wisconsin; auch ein guter Platz, aber kein so grosser +Strom dabei," sagte Herr Weigel -- "ist aber auch billiger. Dort kann ich +Ihnen eine Farm, allerdings nur mit einigen vierzig Kuehen, fuer etwa +siebenhundertundfunfzehn Dollar ueberlassen, und dann habe ich noch fuenf +andere von sechs, acht, elf, neun und ich glaube zwoelfhundert Dollar -- die +letztere ist aber eine wirkliche Musterwirthschaft mit importirtem +Schweizervieh, und Backsteingebaeuden, und einer prachtvollen Lage Milch +und Butter in die nicht zu entfernte Stadt zu bringen; wird Ihnen aber +auch freilich wohl zu theuer sein?" + +"Zu theuer? -- warum?" sagte Menzel -- "wenn man sich einmal etwas kauft, +soll man sich auch gleich 'was ordentliches anschaffen. Ich habe mir +uebrigens die Sache immer viel schwieriger vorgestellt mit dem Ankaufen, +und gedacht, dass man da erst lange in der Welt umher fahren und sein Geld +verreisen muesste. Wenn man das gleich hier an Ort und Stelle abmachen kann, +ist das ja weit bequemer." + +"Auf eins moechte ich Sie uebrigens noch aufmerksam machen, meine Herren, +was Sie ja nicht versaeumen duerfen," sagte Herr Weigel -- "naemlich sich hier +gleich Ihre Billets zur Weiterfahrt in's Innere, wohin Sie auch immer +wollen, zu loesen. + +"Von Neu-York aus?" sagte Menzel verwundert. + +"Ja wohl von Neu-York oder Philadelphia oder wohin Ihr Reiseziel liegt." + +"Ja aber kann man denn die _hier_ bekommen?" frug Mueller. + +"Gewiss kann man das," laechelte Herr Weigel, "und das ist gerade der +ungeheure Vortheil unserer jetzigen Verbindung, die den Auswanderer von +der Thuer seiner alten Heimath fort, vor die seiner neuen setzt, ohne dass +er ein einziges Mal in die Tasche zu greifen und mehr zu bezahlen braucht, +als was er gleich von allem Anfang entrichtet hat. Das eben macht auch das +Reisen jetzt so billig, dass man mit _einem_ Blick im Stande ist saemmtliche +Kosten zu uebersehn; die Extra-Ausgaben fallen ganz weg." + +"Das waere freilich ein Glueck," sagte Mueller, von dem erst vor einigen +Monaten ein Bruder "hinueber" gegangen war -- "die Extra-Ausgaben fressen +sonst das meiste Geld." + +"Ob sie's fressen, bester Herr, ob sie's fressen," sagte Herr Weigel, sich +wieder vergnuegt die Haende reibend. + +"Und wo kann man die Billete also bekommen?" frug Menzel. + +"Bei mir hier, versteht sich," sagte Herr Weigel -- "alle bei mir." + +"Und die gelten dann drueben?" + +"Nun versteht sich doch von selbst," lachte der freundliche Agent, "ich +wuerde sie ja Ihnen doch sonst nicht verkaufen. Sehn Sie, wenn die +Deutschen hinueber kommen, dann sprechen sie gewoehnlich noch kein Englisch +-- oder haben Sie das etwa schon gelernt?" + +"Ne -- " + +"Nun sehn Sie, und dann werden sie dort von ihren Landsleuten -- denn der +Amerikaner ist nicht halb so schlimm -- die sich das richtig zu Nutze zu +machen wissen, tuechtig ueber's Ohr gehauen, und muessen gewoehnlich gerade +noch einmal so viel bezahlen, als die Sachen eigentlich kosten. + +"Aber es soll doch eine "Deutsche Gesellschaft" drueben in Neu-York sein," +sagte jetzt Brauhede, der zum ersten Mal bei der ganzen Verhandlung den +Mund aufthat -- "die sich eben der Deutschen annimmt und Nichts dafuer +verlangt." + +"Leben wollen wir _Alle_," sagte Herr Weigel achselzuckend -- "umsonst ist +der Tod, und dass die Leute, wenn sie ihre Zeit darauf verwenden fuer die +Deutschen zu sorgen, auch etwas dafuer nehmen werden, laesst sich wohl an den +fuenf Fingern abzaehlen. Neu-York ist aber ein theures Pflaster, die Leute +_brauchen_ dort mehr wie wir hier, und wer es daher _billiger_ thun kann +ist auch wieder leicht einzusehn. Ich will mich auch keineswegs empfehlen; +lieber Gott es giebt noch eine Menge Leute in Deutschland, die sich +demselben schwierigen und undankbaren Geschaeft unterzogen haben wie ich, +und die es sich vielleicht eben so sauer werden lassen gerade und ehrlich +durch die Welt zu kommen; aber Einen der es besser _meint_ dabei, werden +Sie wohl schwerlich finden, und ich ueberrede gewiss Niemanden nach Amerika +auszuwandern. Jeder Mensch muss seinen freien Willen haben, und auch am +Besten selber wissen was ihm gut ist." + +"Ne gewiss," sagte Menzel -- "da habt Ihr ganz recht, das ist auch mein +Grundsatz; aber das mit dem Amerika leuchtet mir auch ein, und umsonst +thut da gewiss Niemand etwas -- das sind verflixte Kerle da, hab' ich mir +sagen lassen, besonders die Deutschen, und wo die nicht wollen gucken sie +nicht 'raus." + +"Also die Billete kann man hier bei Euch kriegen?" sagte Mueller. + +"Wohin Sie wollen, und ich stehe Ihnen dafuer dass sie nicht allein aecht +sind, sondern dass die hier in Deutschland geloesten Plaetze auch noch den +Vorrang haben vor allen in Amerika genommenen, wenn einmal Eisenbahn oder +Dampfboote zu sehr besetzt sein sollten. Es ist ja hier gerade so mit der +Post, wo Die, die sich zuerst, und auf der laengsten Station haben +einschreiben lassen, den Vorrang behalten muessen vor denen die nachher +kommen. + +"Ahem, das ist klar," sagte Menzel; "na also da daecht' ich liessen wir uns +gleich einmal Plaetze belegen und gaeben das D'raufgeld, damit wir die Sache +richtig haetten, und nachher koennen wir ja einmal ueber die Farmen sprechen; +ich habe verwuenschte Lust." + +"Du, das hat noch Zeit," sagte aber jetzt Brauhede wieder, Menzel am Rocke +zupfend; "erst muessen wir es uns doch einmal mit den Anderen zu Hause +ueberlegen." + +"Wenn aber nachher die Plaetze auf dem ganz guten Schiffe fort sind," sagte +Mueller mit einem sehr bedenklichen Gesicht. + +"Ja, _stehen_ kann ich Ihnen _nicht_ dafuer," versicherte Herr Weigel die +Achseln zuckend, dass sie beinah seine Ohrlaeppchen beruehrten. + +"Na mein'twegen," sagte Brauhede, der allerdings auch in der Absicht +hierher gekommen war, ihre Passage fest zu accordiren, jetzt aber, da es +dazu kam Geld zu zahlen, nur ungern damit herausrueckte -- "aber von wegen +der Farm muessen wir noch erst mit den Anderen sprechen, und eine Farm +kriegen wir auch noch immer." + +"Ja aber was fuer eine," sagte Herr Weigel. + +Brauhede blieb uebrigens bei seiner Meinung, und Menzel bestand jetzt nur +wenigstens darauf die beiden Plaene einmal mitzunehmen, damit sie sich zu +Hause ordentlich hinein denken koennten. Wenn auch Herr Weigel sie im +Anfang nicht ausser Haenden geben mochte, ja sogar versicherte er habe nicht +uebel Lust die eine Farm fuer sich selber auf Spekulation zu kaufen, liess er +sich doch zuletzt ueberreden ihnen, aber allerdings nur auf zwei Tage, die +Plaene zu ueberlassen, und dann das Weitere ueber den Ankauf mit einer +zweiten Deputation der Gesellschaft zu besprechen. + +Menzel bezahlte dann das Aufgeld auf ihre Passage im _Meteor_ fuer +siebenundfunfzig Personen und dreizehn Kinder, die saemmtlich aus _einer_ +Ortschaft auswandern wollten, und nahm dann auch noch, nach einer kurzen +Berathung mit den beiden anderen, die noethigen Billete auf der Eisenbahn +von Neu-York aus, oder machte wenigstens eine Anzahlung darauf, dass sie +ihnen der Agent aufbewahrte, da dieser sie versicherte er sei nur noch im +Besitz einer sehr kleinen Anzahl, und wisse nicht, wann er gleich wieder +andere bekommen wuerde, waehrend die Anfrage darnach sehr stark waere. + +Ausserdem kauften sie sich auch noch ein halbes Dutzend kleine Brochueren, +die Herr Weigel, wie er sagte, gerade frisch aus der Druckerei als etwas +_ganz Neues_ bekommen hatte -- ein Datum stand nicht darauf -- und die drei +Maenner verliessen dann wieder, von dem schmunzelnden Agenten bis an die auf +den Markt fuehrende Thuer begleitet, das Haus. + +"Hoere Du," sagte aber Brauhede als sie wieder vor dem Haus und auf der +Strasse waren, und langsam ueber den Markt weggingen, "mit dem Landkaufen +wollen wir uns doch lieber hier noch nicht einlassen, das ist eine +wunderliche Geschichte und will mir nicht recht in den Kopf." + +"Nicht in den Kopf?" rief aber Menzel -- "und warum nicht? -- der Mann +bekommt alle Tage Briefe aus Amerika, warum soll der nicht wissen was dort +zu verkaufen ist?" + +"Wenn's aber so gut und billig waere, brauchten sie's doch nicht hier +herueberzuschicken," meinte Brauhede kopfschuettelnd. + +"Das ist Alles was Du davon verstehst," sagte Mueller, "Amerikaner koennten +sie gewiss genug zu Kaeufern kriegen, aber deutsche Bauern wollen sie, die +ihnen zeigen wie man das Land behandeln muss, und darum schicken sie +herueber -- die sind froh drueben, wenn unsereins hinueber kommt. + +"Nun, mag sein," brummte Brauhede -- "aber sicher ist doch sicher, und wenn +ich mein Geld hier weggegeben habe, und kann das Land was mein sein soll +nachher nicht finden, wie's dem Niklas seinem Bruder gegangen ist, nachher +waere die Geschichte aber faul." + +"Dem Niklas sein Bruder war aber auch ein Esel," sagte der Andere, "der +sich hier Land von einem herumziehenden Vagabunden gekauft; da sollt' er +nachher wohl suchen. Aber _der_ Mann hier ist in der Stadt ansaessig und +hat ein Geschaeft; was der verkauft das muss gut sein, sonst waer' er ja gar +nicht sicher dass man ihn einmal deshalb beim Kragen kriegte." + +"Ja krieg' ihn einmal wenn Du drueben in Amerika bist," sagte Brauhede +ruhig -- "das ist ein verwuenscht weiter und umstaendlicher Weg und -- wenn +man sich einmal hat anfuehren lassen, will man auch nicht gern noch dazu +ausgelacht werden." + +"Papperlapapp!" sagte Menzel -- "dafuer hat Jeder seine Augen dass er sie +offen haelt, und ehe ich ihm mein gutes Geld gebe, werd' ich mich schon +sicher stellen dass er mir Nichts aufbindet." + +Und die Maenner schritten, Jeder von jetzt an mit seinen eigenen Gedanken +ueber die nahe Auswanderung beschaeftigt, langsam die Strasse hinunter, +waehrend in seinem kleinen Bureau, vergnuegt die Haende zusammenreibend, Herr +Weigel auf und ab spazieren ging, und sich im Geist die naechst zu +ziehenden Summen zusammenaddirte, die er in kurzer Zeit, nach eifriger +Aussaat, einzuerndten hoffte. Die Geschaefte gingen vortrefflich; Lust zur +Auswanderung hatte in der That ein Drittel der saemmtlichen Bevoelkerung, +und es bedurfte nur manchmal wirklich einer leisen Anregung, die Leute zu +etwas zu bewegen, zu dem sie schon halb und halb selber entschlossen +gewesen waren. + +Herr Weigel war sehr guter Laune; er legte jetzt die Haende auf den Ruecken +und summte ein leises Lied vor sich hin, seinen Marsch dabei fortsetzend. +Aber er sang falsch; er hatte keine Idee von irgend einer Melodie; doch +das schadete nichts, er _meinte_ wenigstens eine, und da er selber nicht +hoerte was er sang, genuegte es ihm vollkommen. + +Die Thuer ging jetzt auf und der Tischler oder Schreiner kam herein, irgend +etwas an dem Pult auszubessern -- er hatte zweimal angeklopft ohne dass der +vergnuegte Agent darauf geantwortet haette. + +"Guten Morgen Herr Weigel." + +"Ah guten Morgen Meister -- nun kommen Sie endlich? ich hatte schon ein +paar Mal nach Ihnen hinuebergeschickt -- " + +"Ja lieber Gott Herr Weigel, ich war gerade drueben beim Herrn Geheimen +Rath Baerlich beschaeftigt -- die Leute sind so eigen wenn man von der Arbeit +fort geht -- " + +"Sehn Sie, hier das Bein moecht' ich gemacht haben; der Tisch wackelt da +immer, und wenn man etwas darunter legt, verschiebt sich das doch jedesmal +wieder. Koennen Sie es mir wohl bis heute Nachmittag in Ordnung bringen?" + +"Ja gewiss," sagte der Mann, "das ist ja nur eine Kleinigkeit." + +"Und wie ist es mit den Auswandererkisten die ich bestellt habe? -- werden +die bis heute Abend fertig? + +"Ja wohl Herr Weigel; sechs habe ich schon in das Gasthaus "Stadt +Breslau," wie Sie mir sagten, abgeliefert." + +"Nun das ist gut, denn der ganze Zug wird noch heute Vormittag ankommen, +und will morgen frueh wieder fort -- es sind doch noch keine Auswanderer +heute Morgen hier eingetroffen? -- " + +"Nicht dass ich gesehen haette -- aber gestern Abend zogen Viele durch." + +"Ja ich weiss -- von Hessen herueber -- die armen Teufel; denen wird's einmal +wohl drueben werden. Nun wie gehn denn bei Ihnen die Geschaefte jetzt?" + +"Ih nu gut, Herr Weigel, ich kann gerade nicht klagen; das Brod wird +freilich immer theuerer, aber man schlaegt sich so durch -- Kinder haben wir +nicht, und was verdient wird reicht eben ordentlich aus." + +"Ich begreife nicht," sagte Herr Weigel da kopfschuettelnd vor dem Mann, +der seine Muetze eben wieder aufgegriffen hatte und sich zum Fortgehen +anschickte, stehen bleibend -- "wie Ihr Leute Euch hier vom Morgen bis +Abend plagt und schindet, eben nur das liebe Brod zu verdienen, wo Ihr in +ein paar Wochen drueben sein koenntet und so viel Dollare fuer Euere Arbeit +bekaemt, wie hier Groschen. + +"Drueben, wo?" + +"Nun in Amerika -- " + +"Hm, ja," sagte der Mann, sich nachdenkend das Kinn streichend, und einen +leichten Seufzer unterdrueckend -- "gedacht hab' ich auch schon ein paar Mal +daran, aber -- das geht nicht gut und -- es ist auch so eine unsichere Sache +mit da drueben. Hier weiss ich einmal was ich habe und dass ich auskomme, und +wie mir's da drueben geht weiss ich _nicht_." + +"Aber Freund," rief Herr Weigel verwundert -- "ein Mann der fleissig +arbeitet bringt es dort immer zu was. Wetter noch einmal, Meister, Amerika +ist gerade der Platz fuer Euch, wo Ihr Euch ruehren und ausbreiten koenntet -- +wenn Ihr dort waeret, ein geschickter Arbeiter wie Ihr! in fuenf Jahren +haettet Ihr zwanzig Gesellen." + +"Meister Leupold nickte langsam mit dem Kopf, und sah ein paar Secunden +still vor sich nieder, als ob das Bild mit der grossen Werkstaette und dem +regen Treiben sich vor seinem inneren Geist eben auszubreiten beginne, +dann aber sagte er, jetzt herzhaft aufseufzend -- " + +"Und es geht doch nicht, Herr Weigel -- ich habe die alte Mutter zu Hause, +die ich unmoeglich hier allein zurueck lassen koennte -- " + +"Hierlassen? das fehlte auch noch," rief der Agent -- "die nehmt Ihr mit, +Mann -- koennt Ihr der denn eine groessere Freude machen, als wenn sie noch +vor ihrem Ende saehe wie wohl es Euch geht auf der Welt, und wie sich Euer +Zustand mit jeder Woche, mit jedem Tage fast bessert? -- Muss sie hier nicht +in Sorge und Kummer leben dass Ihr einmal krank werdet und Nichts verdienen +koennt, und wie sieht's dann aus?" + +"Wenn ich aber nun dort drueben krank werde?" sagte der Meister leise. + +"Wenn das nur nicht gleich die ersten Monate geschieht und fuer ein Unglueck +kann Niemand" -- warf dagegen Herr Weigel ein, "so koennt Ihr Euch auch +schon so viel gespart haben, das eine Weile mit ruhig anzusehn; und wenn +Ihr nicht krank werdet, seid Ihr in ein paar Jahren ein wohlhabender +Mann." + +"Es ist eine verwuenschte Geschichte mit dem Amerika," seufzte der Mann +wieder, sich hinter dem Ohr kratzend -- "man hoert so viel davon, und sieht +eine solche Masse Menschen hinueberziehen, die alle voller Hoffnung sind +dass es ihnen gut geht -- und moechte am Ende ebenfalls gern mit -- wenn man +nur erst so einmal hinuebergucken koennte wie es eigentlich aussieht." + +"Dazu ist es ein Bischen zu weit," meinte Herr Weigel. + +"Ja nun eben," sagte der Tischler -- "und so auf's gerathewohl -- " + +"Das koennt Ihr aber nicht auf's gerathewohl nennen, wo wir alle Tage +Briefe von drueben herueber bekommen, von denen einer immer besser lautet +als der andere. Da -- hier liegt gleich einer, der letzte den ich bekommen +habe, wo ein Deutscher, den ich selber hinueberbefoerdert, und dem es jetzt +ausgezeichnet gut geht, an mich schreibt, und ein oder zwei gute gelernte +Schaafknechte haben will; lesen Sie einmal den Brief." + +Leupold legte seine Muetze wieder hin, nahm den Brief und las ihn +aufmerksam durch; er nickte dabei mehrmals mit dem Kopf, und sah dann +wieder zu dem Agenten auf, der ihn indessen mit einem triumphirenden +Laecheln betrachtet hatte. + +"Nun?" frug der Letztere, als Jener das Schreiben beendet und wieder +zusammenfaltete -- "wie klingt das?" + +"_Sehr_ gut" sagte Leupold leise, "aber -- es hilft mir doch Nichts. Wenn +ich jetzt mein kleines Haeuschen, das ich mir mit Muehe und Noth +zusammengespart und aufgebaut, auch verkaufen wollte; faende ich erstlich +keinen Kaeufer, und dann bekaem ich auch das nicht dafuer wieder, was es mich +selber gekostet; wie gesagt, der Sperling in der Hand ist doch wohl besser +wie die Taube auf dem Dache." + +"Bah, Taube," sagte Herr Weigel muerrisch -- "wenn die Taube auf dem Dach +eben so fest und sicher sitzen bleibt bis man sie holen kann, wie Amerika +ruhig liegt, und auf die wartet die hinueber kommen, so ist sie mir lieber +wie ein erbaermlicher Sperling, zum Sterben zu viel, und zum Leben zu +wenig; aber -- ueberlegt's Euch -- ah da kommt der Brieftraeger -- 'was fuer +mich?" + +"Nun guten Morgen Herr Weigel," sagte der Tischler und wollte sich eben +entfernen, waehrend der Brieftraeger dem Agenten mehrere fuer ihn gekommene +Briefe ueberreichte. + +"Siebzehn Silbergroschen drei Pfennige" sagte er dabei. + +"_Siebzehn_ Silbergroschen?" rief Herr Weigel verwundert -- "aha da ist ein +Amerikaner dabei -- halt, wartet noch einmal einen Augenblick Leupold" -- da +ist vielleicht gleich noch was fuer uns, und was ganz Neues -- wollen gleich +einmal sehn was die Leute schreiben. Wahrscheinlich wieder von Jemand den +ich hinueber befoerdert habe, und der sich jetzt bedankt -- das kostet aber +viel Geld -- " + +"Apropos Neues," sagte Leupold, waehrend der Agent den Brieftraeger bezahlt +hatte und seine Papierscheere vom Tisch nahm, den Amerikanischen Brief +aufzuschneiden -- "haben Sie schon gehoert dass gestern Nachmittag bei Herrn +Dollinger eingebrochen und fuer sieben tausend Thaler Gold und Juwelen +gestohlen sind?" + +"Alle Wetter," rief Herr Weigel, mit der zum Schnitt ausgehaltenen Scheere +in der Hand -- "gestern Nachmittag?" + +"Am hellen Tage," bestaetigte Leupold. + +"Und weiss man nicht wer der Thaeter ist?" + +"Sie haben den einen Comptoirdiener in Verdacht und auch schon +eingezogen," sagte der Tischler. + +"Gewiss den Lossenwerder," rief Weigel. + +"Ich glaube so heisst er -- er ist ein wenig verwachsen -- " + +"Und schielt -- derselbe, ich habe den Burschen von jeher nicht leiden +koennen; hat mir auch schon ein paar Mal Kunden abspenstig gemacht, aus +reinem Brodneid; ich wuesste wenigstens sonst nicht weshalb, und habe ihn +dabei stark in Verdacht, dass er selber damit umgeht eine Agentur fuer +Auswanderer zu errichten. Da koennte Jeder hergelaufen kommen, ohne Briefe, +ohne Connexionen und ohne Kenntniss vom Land -- schickte nachher die Leute +in's Blaue hinein, dass sie dort saessen und nicht wuessten wo aus noch ein. Na +nun, wird ihm das Handwerk wohl gelegt werden; ich goenne nicht gern einem +Menschen etwas Uebles, aber bei dem freut mich's dass sie's wenigstens +herausbekommen haben, und er seine Schurkerei nicht mehr heimlich +forttreiben darf. Ist denn das Geld schon wieder gefunden?" + +"So viel ich weiss nicht, einige hundert Thaler ausgenommen, von denen aber +der Mann betheuert dass er sie sich gespart haette; es ist uebrigens Manches +dabei zusammengekommen was ihn verdaechtig macht; das Naehere weiss ich +freilich nicht." + +"Hm, hm, hm," sagte Herr Weigel, kopfschuettelnd den Brief, den er noch +immer in der Hand hielt, anschneidend -- "boese Geschichten -- boese +Geschichten, was man nicht Alles hoert auf der Welt. -- Nun wollen wir also +einmal sehen was der Herr da aus Amerika schreibt -- hm -- Washington +County, Tennessee den siebenten Januar 18 -- alle Wetter der Brief ist +lange unterwegs gewesen -- Herrn F. G. Weigel in Heilingen, Hauptagent der +Central-Auswanderungs- und Colonisations-Gesellschaft in Deutschland -- +ahem -- Sie nichtsw -- hm -- Sie haben -- hm -- vor allen Dingen -- hm -- hm -- +hm -- hm" -- Herrn Weigels Gesicht verlaengerte sich immer mehr, je weiter er +in seiner, wie es schien nicht eben angenehmen Lectuere vorrueckte, aber er +brach mit dem Lautlesen des Inhalts, dessen Einleitung unerwarteter Weise +hoechst derber Art war, schon gleich nach den ersten Sylben ab, und +murmelte, das Ganze nur fluechtig ueberfliegend, blos einzelne +unzusammenhaengende Worte, aus denen Leupold Nichts herausfinden konnte, +vor sich hin. + +"Nun, was schreiben sie?" sagte dieser endlich laechelnd; er waere schon +lange gegangen, wenn ihn Weigel nicht eben zurueckgehalten haette -- "gute +Neuigkeiten?" + +"Bah!" sagte Herr Weigel, den Brief zurueck auf seinen Schreibtisch werfend +-- "Jemand der seine Geschwister will hinuebergeschickt haben und mich +ersucht das Geld fuer ihn auszulegen. Da muesst' ich schoene Capitale +herumstehn haben, wenn ich allen Leuten umsonst wollte die Familie +nachschicken. Nachher sitzt der mitten im Land drin, und ich kann ihn dann +suchen." + +"Ne, das ist ein Bischen viel verlangt," sagte der Meister, wieder nach +der Klinke greifend -- und diessmal hielt ihn Herr Weigel nicht zurueck -- +"aber nun leben Sie auch recht wohl, und verlassen Sie sich darauf ich +besorge Ihnen das heute noch." + +"Sein Sie so gut," sagte der Agent -- er war auf einmal ganz einsylbig +geworden, und Meister Leupold verliess mit nochmaligem Gruss das Zimmer, in +dem jetzt Herr Weigel mit in die Tasche geschobenen Haenden, aber +keineswegs mehr so guter Laune als vorher, raschen, heftigen Schrittes auf +und ab ging. + +"Und vierzehn Groschen bezahlt fuer den Wisch -- es ist eine Frechheit +wahrhaftig, die in's Bodenlose geht. Lumpengesindel! glaubt die gebratenen +Tauben sollen ihm da in's Maul fliegen, so bald sie's nur aufsperren." Und +wieder riss er den Brief vom Pult, rueckte sich die Brille zurecht, und las +mit halblauter, aber heftiger Stimme den Inhalt noch einmal, und zwar +aufmerksamer durch als vorher. + +"Sie nichtswuerdiger Hallunke" -- wenn ich Dich nur hier haette mein Bursche, +dafuer solltest Du mir brummen -- "schaendlich betrogen und angefuehrt" -- wozu +hat Dir denn der liebe Gott die grossen Glotzaugen gegeben, wenn Du sie +nicht aufsperren willst -- "Land eine Wueste" -- na versteht sich, ein +Gewaechshaus hab' ich ihm nicht verkauft -- "Haelfte gar nicht zu bekommen" -- +Holzkopf -- "kein Mensch wollte die Billete nehmen" -- bah, geschieht Dir +recht -- "Wohngebaeude zu schlecht fuer einen Hund" -- fuer Dich noch immer +viel zu gut, mein Schatz -- "wenn Sie nur einmal herueber kaemen, Sie +miserabeler" -- bah" -- unterbrach sich Herr Weigel in dieser nichts weniger +als schmeichelhaften Lectuere, indem er den Brief in zwei Haelften riss, und +sich dann ein Streichhoelzchen mit einem Gewaltstrich an der Thuer +entzuendete "so viel fuer den Wisch!" und das Papier anbrennend, warf er das +auflodernde in den Ofen, und schloss die Klappe so heftig er konnte. + +Allerdings wollte er sich nun ueber den Brief hinwegsetzen, aber geaergert +hatte er sich doch, und Rock und Stiefeln anziehend drueckte er sich seinen +Hut in die Stirn, griff seinen Stock aus der Ecke, und verliess sein +Bureau, das er sorgfaeltig hinter sich abschloss, und eine kleine Pappe +mitten an die Thuer hing, auf der die Worte standen. + +"Kommt um elf Uhr wieder." + + + + + + Capitel 6. + + + DIE WEBERFAMILIE. + + +Nicht weit von Heilingen, und in Hoerweite der Domglocke selbst, in +ziemlich bergigem, aber unendlich malerischem Land, lag ein kleines armes +Dorf, dessen Bewohner, da ihre Felder gerade nicht zu den besten gehoerten, +sich kuemmerlich, aber meist ehrlich, mit verschiedenen Handwerken und +Gewerben, mit Holzschnitzen wie auch hie und da mit dem Webstuhl, +ernaehrten. Das Dorf hiess eigentlich "Zur Stelle", welchen Namen aber die +Bewohner im Laufe der Zeit, und mit Huelfe ihres Dialekts, zu dem von +_Zurschtel_ umgearbeitet hatten, und mochte etwa dreissig Haeuser und +Huetten, mit der doppelten Anzahl von Familien, wie der sechsfachen von +Kindern zaehlen. Es ist eine wunderliche Thatsache, dass man in den +aermlichsten Distrikten stets die meisten Kinder findet. + +Mitten im Dorf lag eins der besseren Haeuser; es war weiss getuencht, und +hinter den sauber gehaltenen Fenstern hingen weisse, reinliche Gardinen. +Vor dem Hause, ueber dessen Thuere ein frommer Spruch mit rothen und gruenen +Buchstaben angeschrieben war, stand ein Brunnen- und Roehrtrog, und ein +kleiner Koven an der Seite desselben, zeigte in der nach aussen befestigten +Klappe des Futterkastens dann und wann den schmuzigen Ruessel eines seine +Kartoffelschalen kauenden Schweines. Auch ein ordentlich gehaltenes Staket +umgab das Haus wie den kleinen Hofraum, und die Wohnung stach sehr zu +ihrem Vortheil gegen manche der Nachbarhaeuser ab. + +Im Inneren selber sah es ebenfalls sehr reinlich, aber nichtsdestoweniger +sehr aermlich aus. In der einen Ecke stand ein grosser, viereckiger, sauber +gescheuerter Tisch aus Tannenholz, an zweien der Waende waren Baenke aus dem +naemlichen Material befestigt, und um den grossen viereckigen Kachelofen, +der fast den achten Theil der Stube einnahm, hingen verschiedene +Kochgeraethschaften, waehrend auf darueber angebrachten Regalen die braunen +Kaffeekannen und gebluemten Tassen gewissermassen mit als Zierrath zur Schau +ausstanden. Die dritte Ecke fuellte der Webstuhl des Mannes aus, und dem +gegenueber stand eine riesengrosse, braunangestrichene Kommode, mit +Messinghenkeln und Griffen und fuenf Schiebladen, die, mit wirklich +ruehrender Eitelkeit als eine Art von Nipptisch benutzt, zwei mit bunten +Blumen bemalte Henkelglaeser, eine vergoldete Tasse mit der Aufschrift "der +guten Mutter" -- ein Geschenk aus frueherer Zeit -- und ein gelb irdenes aber +allerdings sehr wenig benutztes Dintenfass trug, waehrend dahinter, in zwei +ordinairen Stangenglaesern, in dem einen Schilfbluethenbueschel, und in dem +anderen grosse stattliche Aehren von Roggen, Waizen, Gerste und Hafer +standen, zur Erinnerung an eine fruehere segensreiche Erndte. + +Die Bewohner der kleinen Stube passten genau in ihre Umgebung; es war eine, +nicht mehr ganz junge aber doch ruestige Frau, in die nicht unschoene +Bauertracht der dortigen Gegend gekleidet, die an ihrem Spinnrad sass und +eifrig das Raedchen schnurren liess, waehrend die rechte Hand manchmal eine +neben ihr stehende Wiege beruehrte, den darin ruhenden kleinen Saeugling, +der immer wieder die grossen dunklen Augen zu ihr aufschlug, endlich in +Schlaf zu bringen. Sie war reinlich, aber in die groebsten Stoffe +gekleidet, ebenso der Bube von etwa vier Jahren, der ihr zu Fuessen mit +einer kleinen Mulde auf dem ueber die Diele gestreuten Sand "Schiff" +spielte. + +Ausserdem war noch eine vierte Person im Zimmer, die alte Mutter der Frau, +eine Greisin von nahe an siebzig Jahren, die auch noch ihr Spinnrad +drehte, sich aber mit dem hinter den noch warmen Ofen gesetzt hatte, weil +ihr das heutige nasskalte, unfreundliche Wetter froestelnd durch die alten +Glieder zog. Es war eine gutmuethige, aber muerrische alte Frau, selten +zufrieden mit dem was sich ihr gerade bot, und unermuedlich darin, sich und +ihren Kindern die Last vorzuwerfen die sie ihnen mache, und den lieben +Gott taeglich zu bitten dass er sie doch bald zu sich naehme. Nur eine +kleine, ganz kurze Frist erbat sie sich immer noch -- dann wollte sie gerne +sterben. Erst; wie das Aelteste geboren war, wollte sie das noch gerne +laufen sehn; dann haette sie gern erlebt wie es zum ersten Mal in die +Schule ging; dann war es Fruehjahr geworden und sie hoffte nur noch einmal +neue Kartoffeln zu essen, zu Jacobi aber wollte sie noch einmal von dem +Pflaumenbaum die Fruechte kosten, den ihr "Seliger" noch gepflanzt. Wie der +Herbst kam wuenschte sie im Fruehjahr begraben zu werden, und die knospenden +Maiblumen weckten den Wunsch nach den Astern, ihrer Lieblingsblume, von +denen sie sich eigenhaendig ein schmales Beet in den kleinen Garten dicht +am Hause gepflanzt. So lebt und webt die Hoffnung in unseren Herzen mit +immer neuer, nie sterbender Kraft, und je aelter wir werden, desto mehr +lernen wir die schoene Erde lieb gewinnen, desto mehr klammern wir uns an +sie, und wollen uns gar nicht mehr von ihr trennen. + +Der Tag neigte sich dem Abend zu; der Mann war in die Stadt gegangen seine +Steuern zu zahlen, und Manches einzukaufen was sie nothwendig im Hause +brauchten -- zum Ersatz dafuer hatte er das zweite Schwein, das sie bis +dahin gehalten, hineingetrieben, und der Erloes sollte seine Ausgaben +bestreiten. + +Der Regen wurde jetzt wieder heftiger, die grossen schweren Tropfen +schlugen gegen das Fenster, und das Kind wurde vollstaendig munter und fing +an zu schreien. Die Mutter schob ihr Spinnrad zurueck, nahm das Kleine aus +der Wiege, und ging damit traellernd im Zimmer auf und ab. Die Alte spann +indess ruhig weiter, und suchte mit zitternder leiser Stimme ein +geistliches Lied zu singen, und mit dem Rad trat sie den Takt dazu. Sonst +sprach keine ein Wort. + +Endlich wurde die Hausthuer geoeffnet, Jemand kam von draussen herein, und +strich sich die Fuesse auf den Steinen und der Strohdecke ab, und sie hoerten +gleich darauf wie der zurueckkehrende Vater und Gatte seinen grossen +rothblauwollenen Schirm auf die Steine stiess, das Wasser so viel wie +moeglich davon abzuschuetteln, und den Mantel auszog und ueber den grossen +Schleifstein hing der draussen im Flur stand, wie er das gewoehnlich that. +Die Frau oeffnete rasch die Thuer den Mann zu begruessen, der den Hut abnahm, +sich die nassen Haare aus der Stirn strich, und das Kind kuesste, das sie +ihm entgegenhielt. + +"Jesus ist das ein Wetter, Gottlieb," sagte sie dabei, als sie ihm den Hut +aus der Hand nahm und neben den Ofen an den Nagel hing, "komm nur herein, +dass Du 'was Trockenes auf den Leib bekommst; wo hast Du denn den Jungen? -- +ist er nicht bei Dir?" setzte sie, fast aengstlich, hinzu. + +"Er ist draussen bei Lehmann's hineingegangen, denen wir ein paar Sachen +aus der Stadt mitgebracht," sagte der Mann -- "wird wohl gleich kommen -- +wie geht's Frau? -- wie geht's Mutter? -- ha, das regnet einmal heute was +vom Himmel herunter will; was nur d'raus werden soll wenn das Wetter so +fort bleibt. Ein paar gute trockene Tage haben wir gehabt, und jetzt +wieder Guss auf Guss -- Guss auf Guss, als ob sie uns unsere paar Stuecken Feld +noch hinunter in die Wiesen waschen wollten. Von dem einen Acker ist die +Saat schon halb fortgespuelt -- wenn dasmal das Korn misraeth, weiss ich nicht +wo der arme Mann das Brod hernehmen soll." + +"Klag nicht, Gottlieb," sagte aber die Frau freundlich -- "es geht noch +Vielen schlechter wie uns, und was sollen da die _ganz_ armen Leute sagen. +Lieber Gott, es ist viel Noth in der Welt, und wer heut zu Tage eben sein +Auskommen und ein Dach ueber dem Kopf hat und gesund ist, sollte sich nicht +versuendigen." + +Sie hatte dabei das Kind auf die Erde gesetzt, holte den Topf aus der +Roehre, in der, trotz der vorgerueckten Jahreszeit, noch ein Feuer brannte, +der alten, froestelnden Mutter wegen, und goss den darin heiss gehaltenen +Kaffee -- sie nannten das braune Getraenk von gebrannten gelben Rueben und +Gerste wenigstens so -- in die eine braune Kanne, damit sich der Mann, der +den ganzen Tag draussen im Regen herumgezogen war, daran erquicken koenne. +Zugleich auch deckte sie ein weisses Tuch ueber den Tisch, auf den sie noch +Butter und Brod stellte, die versaeumte Mittagsmahlzeit wenigstens in etwas +nachzuholen. Der Mann setzte sich an den Tisch, schenkte sich eine Tasse +Kaffee ein, in den ihm die Frau die Milch goss, und schnitt sich ein grosses +Stueck Brod ab, das er mit Butter bestrich und verzehrte. Er sprach kein +Wort dabei, und beendete still seine Mahlzeit, schob dann die Tasse und +den Butterteller zurueck, nahm das Kleinste, das die Mutter zu ihm auf die +Erde gesetzt hatte, herauf auf sein linkes Knie, blieb, den rechten +Ellbogen auf den Tisch gestuetzt, den Kopf gegen die Wand gelehnt, +regungslos sitzen, und schaute still und schweigend nach dem Fenster +hinueber, an das die Regentropfen immer noch, vom Wind draussen gepeitscht, +hohl und heftig anschlugen. + +Die Frau hatte ihn eine ganze Zeit lang mit scheuem Blick betrachtet; es +war irgend etwas vorgefallen, aber sie wagte nicht zu fragen, denn +Gottlieb, so seelensgut er auch sonst sein mochte, hatte doch auch seine +"verdriesslichen Stunden" und war dann, wenn gestoert, oft rauh und +unfreundlich; aber eine eigene Angst ueberkam sie ploetzlich. Ihr aeltester +Sohn -- der Hans -- war nicht mit zu Hause gekommen -- konnte dem -- heiliger +Gott, wie ein Stich traf es sie in's Herz und sie sprang erschreckt von +ihrem Stuhl auf und auf den Mann zu. + +"Gottlieb -- um aller Heiligen Willen wo ist der Hans? -- es ist -- es ist +ihm doch nicht etwa ein Unglueck geschehn?" + +"Der Hans?" sagte der Mann aber ruhig und sah erstaunt zu ihr auf, "was +faellt Dir denn ein? was soll denn dem Hans zugestossen sein? ich habe Dir +ja gesagt dass er bei Lehmann's etwas abgegeben hat, und dort +wahrscheinlich das Wetter abwarten wird." + +"Ich weiss nicht," sagte die Frau, der dadurch allerdings eine Centnerlast +von der Seele gewaelzt wurde -- "aber Du bist so sonderbar heut Abend, so +still und ernst, und da schlugs mir wie ein Schreck in die Glieder, ueber +den Hans. Ist etwas vorgefallen Gottlieb? -- " + +Gottlieb schuettelte den Kopf langsam und sagte. -- "Nicht dass ich wuesste -- +nichts Besonderes wenigstens, oder nichts Anderes, als was jetzt alle Tage +vorfaellt -- Geld zahlen." + +"War es denn so viel?" sagte die Frau leise und schuechtern. + +Der Mann schwieg einen Augenblick und sah still vor sich nieder; endlich +erwiederte er seufzend: + +"Das Schwein ist d'rauf gegangen, und vier Thaler Siebzehn Groschen sind +immer noch mit Gerichtskosten und der alten Processgeschichte mit der +Brueckenplanke, mit der ich eigentlich gar Nichts mehr zu thun hatte, +stehen geblieben, und ich muss sie bis zum ersten Juli nachzahlen, unter +Androhung von Pfaendung." + +"Nun lieber Gott," sagte die Frau troestend -- "wenn das das Schlimmste ist, +laesst sich's noch ertragen; da verkaufen wir eben das andere Schwein und +behelfen uns so. Wie wenig Leute im Dorf haben ueberhaupt eins zu +schlachten, und leben doch; warum sollen wir nicht eben so gut ohne eins +leben koennen als die." + +"Ja," sagte der Mann leise und still vor sich hin bruetend -- "verkaufen und +immer nur verkaufen, ein Stueck nach dem anderen, und waehrend wo anders die +Leute mit jedem Jahr ihr kleines Besitzthum vergroessern, und fuer ihre +Kinder etwas zuruecklegen koennen, sieht man es hier mehr und mehr +zusammenschmelzen, unter Mueh und Plack das ganze Jahr lang." + +"Aber kannst Du's aendern?" sagte die Frau leise und fuhr, wie der Mann +schwieg und mit der Faust die Stirn stuetzend vor sich nieder starrte, +schuechtern fort -- "arbeitest Du nicht von frueh bis spaet fleissig und +unverdrossen? goennst Du Dir eine Zeit der Ruhe, wo Dich irgend eine +noethige Beschaeftigung ruft, und haben wir uns etwa das Geringste +vorzuwerfen?" + +"Nein," sagte der Mann, waehrend er die Hand auf den Tisch sinken liess und +die Frau voll und fest ansah -- "nein, aber das ist es ja eben, was mir am +Leben frisst. Wir koennen nicht mehr arbeiten, nicht mehr verdienen wie wir +jetzt thun, und jetzt sind wir noch jung und kraeftig, unsere Kinder noch +klein und gesund, und dennoch geht es mit jedem Jahr zurueck, wird es mit +jedem Jahr schlechter und schlimmer. Wie nun soll das werden, wenn uns +erst einmal Krankheit heimsuchte, wenn die Kinder heranwachsen und mehr +brauchen, wenn wir selber aelter werden und nicht mehr so zugreifen koennen +wie jetzt? -- Schon jetzt koennen wir uns nicht mehr in der theueren Zeit +oben halten -- das eine Schwein ist verkauft, das andere wird noch fort +muessen; unser Acker ist kleiner geworden in den letzten zehn Jahren, +unsere Beduerfnisse aber sind gewachsen -- wie soll das enden?" + +"Aber Gottlieb," sagte die Frau freundlich -- "wie kommen Dir jetzt doch +nur solche Grillen? haben Dir die paar Thaler Steuern den Kopf verdreht? +Mann, Mann, Du bist doch sonst so ruhig, und hast immer vertrauungsvoll in +die Zukunft gesehn, wie sind Dir auf einmal solche schwarze Gedanken durch +den Sinn gefahren?" + +Die alte Mutter hatte, schon so lange wie die Beiden mit einander +gesprochen, ihr Spinnrad ruhen lassen, und dem Gespraech aufmerksam +zugehoert; dabei schuettelte sie fortwaehrend mit dem Kopf, und sagte endlich +mit ihrer schrillen, scharf klingenden Stimme: + +"Ja wohl, ja wohl -- das Geld wird rar und das Brod theuer, und mehr Maeuler +kommen -- mehr Maeuler sind da zum Verzehren, wie zum Verdienen. Schlagt +mich todt; schlagt mich todt dass ich weg komme aus dem Weg und Euch Platz +mache -- schlagt mich todt." + +"Mutter," bat die Frau, in Todesangst dass sie dem Manne mit solcher Rede +wehe thun wuerde, denn _er_ gerade hatte sie immer auf das Freundlichste +behandelt, und Alles gethan was in seinen Kraeften stand, ihr jede +Erleichterung, die ihr Alter bedurfte, zu verschaffen -- "wie duerft Ihr nur +so etwas reden; versuendigt Ihr Euch denn nicht?" + +"Wir haben noch genug fuer uns Alle Mutter," sagte aber der Mann +freundlich, der ihre Launen kannte und der alten Frau nicht wehe thun +mochte -- "nur fuer spaetere Zeit ist mir bange; Sie aber waeren die Letzte +die darunter leiden sollte. Wir werden Alle alt, und wenn wir unsere +Schuldigkeit in unserer Jugend gethan, wie Sie, dann ist es nicht mehr wie +Pflicht und Schuldigkeit der Juengeren fuer ihre Eltern zu sorgen -- wenn sie +nicht auch einmal wieder von ihren Kindern wollen verlassen werden." + +Die Alte war wieder still geworden, sah noch eine Zeit lang vor sich +nieder, und begann dann auf's Neue ihre Arbeit, aber die Frau fuhr fort +und sagte, fast mit einem leisen Vorwurf im Ton zu ihrem Mann. + +"Siehst Du Gottlieb, das hast Du nun davon mit Deinen trueben und traurigen +Ideen; Du machst Dir und mir und der Mutter nur das Herz schwer, und +nuetzest und hilfst doch Nichts. Der liebe Herr Gott da oben wird's schon +machen und lenken; Er hat die Welt so viele Jahrhunderte hindurch in ihrer +Bahn gehalten, und die Menschen darauf geschirmt und gepflegt, wie unser +Herr Pastor sagt, Er wird's auch schon weiter thun, und wir duerfen uns +eigentlich gar nicht sorgen und kuemmern um den "naechsten Tag." + +"Doch, doch Frau," sagte aber der Mann, aufstehend und jetzt, die Haende in +den Hosentaschen, in der Stube auf und ab gehend -- "doch Frau, der Mann +_muss_, denn wenn er's _nicht_ thaete, waer er ein schlechter Hausvater, und +ihm allein fielen dann all die schweren Folgen zur Last, die daraus +entstaenden. Ich kann Dir das nicht so mit Worten deutlich machen, wie +mir's neulich der Schulmeister, mit dem ich darueber sprach, erklaerte, aber +der meinte es waere etwa so wie wenn Einer im Wasser waere. Da sei es auch +nicht genug dass man sich oben hielte an der Luft, und im Kreis herum +schwaemme eben nur nicht zu ertrinken, das thaete nicht einmal ein +unvernuenftiges Stueck Vieh; nein des Menschen, des verstaendigen Menschen +Pflicht sei es sich schon im Wasser nach dem festen Lande umzusehn, ob man +das nirgends erreichen koenne, denn zuletzt wuerde man da im Wasser, man +moechte noch so tapfer schwimmen, doch muede, und liessen erst einmal die +Kraefte nach, dann huelfe auch zuletzt das Schwimmen Nichts mehr, und man +saenke eben langsam zu Boden." + +"Ich verstehe nicht recht was Du damit meinst," sagte die Frau, "aber Du +siehst mich so sonderbar dabei an -- hast Du noch 'was anderes dahinter?" + +"Nein und Ja," sagte der Mann nach kleiner Pause, indem er sich mit dem +Ruecken an den Ofen lehnte, und langsam dazu mit dem Kopfe nickte, +"eigentlich nicht, denn Gott da oben weiss dass es wahr ist, und weiss wie, +und ob's einmal enden kann; aber dann -- dann hab' ich allerdings noch was +dahinter, denn ich meine -- ich meine -- " er schwieg und es war +augenscheinlich, er hatte etwas auf dem Herzen, das er sich scheue so mit +blanken klaren Worten heraus zu sagen, die Frau aber, die eben damit +beschaeftigt war das Geschirr hinaus zu raeumen, setzte die Kanne wieder auf +den Tisch, sah den Mann erstaunt an, ging dann langsam zu ihm an den Ofen +und sagte leise, vor ihm stehen bleibend: + +"Geh her, Gottlieb -- Du hast 'was, was Dich drueckt und willst nicht mit +der Sprache heraus -- es ist irgend noch etwas vorgefallen in der Stadt, +was Du nicht sagen magst. Du darfst doch nicht _sitzen_?" + +"_Sitzen_? -- weshalb?" laechelte der Mann kopfschuettelnd -- "ich habe nie +etwas Boeses gethan." + +"Nun was ist's denn, so sprich doch nur, denn Du aengstigst mich ja mehr +mit Deinem Schweigen, als wenn Du mir das Schlimmste gleich vornheraus +erzaehlst -- dem Hans fehlt doch Nichts?" + +"Was soll dem Hans fehlen, naerrische Frau -- wenn's aufhoert zu giessen wird +er schon kommen." + +"Und was ist's denn? -- gelt, Du sagst mir's?" + +"Ich muss Dir's wohl sagen;" seufzte der Mann, "nun sieh Hanne, ich meine -- +ich habe so darueber nachgedacht, dass es jetzt hier in Deutschland immer +schlechter wird mit uns -- und dass wir's zu Nichts mehr bringen koennen, +trotz aller Arbeit, trotz allem Fleiss, und dass jetzt -- dass jetzt doch so +viele Menschen hinueber ziehen -- " + +"Hinueber ziehen?" frug die Frau erstaunt, fast erschreckt, und legte die +Hand fest auf's Herz, als ob sie die aufsteigende Angst und Ahnung ueber +etwas Grosses, Schreckliches da hinunter und zurueckdruecken wolle, eh sie zu +Tage kaeme -- "wo hinueber Gottlieb?" + +"Nach Amerika;" sagte der Mann leise -- so leise dass sie das Wort wohl +nicht einmal verstand, und nur an der Bewegung der Lippen es sah und +errieth. Wie ein Schlag aber traf sie die Wirklichkeit ihres Verdachts, +und ohne ein Wort zu erwiedern, ohne eine Sylbe weiter zu sagen, setzte +sie sich auf den, dicht am Ofen stehenden Stuhl, deckte ihr Gesicht mit +der Schuerze zu und sass eine lange, lange Weile still und regungslos. Auch +der Mann wagte nicht zu sprechen -- er hatte den Gedanken wohl schon eine +Zeit lang mit sich herumgetragen, aber sich immer davor gefuerchtet ihm +Worte zu geben, sogar gegen sich selbst, wie viel weniger denn gegen die +Frau. Jetzt war es heraus, und er betrachtete nur scheu die Wirkung die er +hervorgebracht. + +Auch die alte Mutter sass, mit der Hand auf dem Rad das sie im Drehen +aufgehalten, und horchte nach den Beiden hinueber, was sie mitsammen +hatten, und wie die so still waren und kein Wort mehr sprachen, mochte es +ihr auch unheimlich vorkommen und sie sagte laut und muerrisch: + +"Nun Gottlieb was giebt's -- was hast wieder Du mit der Hanne -- was habt +Ihr denn dass Ihr so still und heimlich thut -- macht Einem nicht auch noch +Angst unnuetzer Weise -- was ist nun wieder los?" + +"Ja Mutter," sagte der Mann jetzt, der sich gewaltsam Muth fasste ueber das, +was nun doch nicht laenger mehr verschwiegen bleiben konnte und besprochen +werden _musste_, auch laut zu reden, dass er's vom Herzen herunter bekam -- +"es geht mit uns hier den Krebsgang, und ich habe eben zu Hannen gesagt +dass uns zuletzt nichts anderes uebrig bleiben wuerde als -- als es eben auch +wie andere zu machen, und -- " + +"Und? -- und was zu machen?" frug die alte Frau gespannt -- + +"Als _auszuwandern_," sagte der Mann mit einem ploetzlichen Ruck und +seufzte dann tief auf, als ob er selber froh waere es los zu sein. + +"Herr Du meine Guete!" rief die alte Frau, liess die Haende erschreckt in den +Schooss sinken und lehnte sich in ihren Stuhl zurueck, waehrend ihr alle +Glieder am Leibe flogen -- "Herr Du meine Guete!" wiederholte sie noch +einmal, und die Finger falteten sich unwillkuerlich zusammen, so hatte sie +der Schreck getroffen. + +"Auswandern," sagte aber auch jetzt Gottliebs Frau mit tonloser Stimme, +und liess die Schuerze vom Gesicht herunterfallen -- "auswandern, das ist ein +schweres -- schweres Wort Gottlieb -- hast Du Dir das auch recht -- recht +reiflich ueberlegt?" + +"Tag und Nacht die ganze letzte Woche hindurch," rief aber der Mann, der +jetzt, da das Eis einmal gebrochen war, wieder Leben und Waerme gewann. +"Wie ein Muehlstein hat's mir auf der Seele gelegen, und ich habe lange und +tapfer dagegen angekaempft, aber es waere das Beste fuer uns, was wir auf der +weiten Gotteswelt thun koennten; und wenn auch nicht einmal fuer uns, wenn +wir selber auch schwere und bittere Zeiten durchzumachen haetten, doch fuer +die Kinder, die einmal den Segen erndten, den wir mit unserem Schweiss, +unseren Thraenen gesaeet." + +"Auswandern? ja," sagte aber jetzt die Grossmutter, mit dem Kopfe nickend +und schuettelnd, als ob sie den schrecklichen Gedanken wieder von sich +abwerfen wollte -- "ja wohin es euch luestet, aber erst wenn ich todt bin. +Die paar Tage muesst Ihr noch hier bleiben die ich noch zu leben habe, oder +sonst schlagt mich todt, werft mich in's Wasser, oder schlagt mich mit dem +Beil auf den Kopf dass ich fortkomme, und hier auf dem Kirchhof unter der +alten Linde liegen kann, wo der Leberecht liegt. In der Welt koennt Ihr +mich doch nicht mehr umherschleppen, und nutz bin ich auch Nichts mehr, +wie das mit zu verzehren was andere verdienen. Wenn Ihr jetzt fort wollt +schlagt mich vorher todt." + +"Ach Mutter wenn Sie nur nicht gar so haesslich reden wollten," sagte die +Frau traurig, waehrend der Mann wieder zum Tisch ging, sich dort auf den +Stuhl setzte, und den Kopf in die Hand stuetzte -- "Sie sind noch wohl und +ruestig und werden, will's Gott, noch manches Jahr leben und sich Ihrer +Kinder freuen. Wo die dann hin ziehen und sich ihr Brod suchen muessen, da +gehoeren Sie auch hin, und was die verdienen, das haben Sie auch verdient +mit Muehe und Noth und banger Sorge schon vor langen Jahren, wie wir noch +klein und unbehuelflich waren, wie unsere Kinder jetzt." + +"Wozu mich mitnehmen," sagte aber die Frau, stoerrisch dabei mit dem +Oberkoerper herueber und hinueber schwankend, "unterwegs muesstet Ihr mich doch +aus dem grossen Schiff hinaus in's Wasser werfen, die Fische zu fuettern. +Bleibe im Lande und naehre Dich redlich, das ist _mein_ Spruch und meines +Leberecht Spruch von alter Zeit her gewesen, und wir haben uns wohl dabei +befunden, aber das junge Volk jetzt will immer alles anders haben, will +oben zur Decke 'naus und fliegen und schwimmen, anstatt huebsch auf der +Erde und im alten Gleis zu bleiben. Warum ist's denn frueher gegangen? -- +nein Gott bewahre, jetzt soll Alles mit Eisenbahnen und Dampf gehen und +keine Geduld, keine Ausdauer mehr; nur fort, immer gleich fort, in die +Welt hinein und mit dem Kopf gegen die Wand -- schlagt mich todt, dann seid +Ihr mich los und koennt hingehn wohin Ihr wollt." + +Und die alte Mutter stand auf, rueckte ihr Spinnrad bei Seite, und +humpelte, noch immer vor sich hin murmelnd und grollend, aus der Stube +hinaus. + +"Sie meint es nicht so boes, Gottlieb," sagte die Frau zu dem Mann tretend +und ihre Hand auf seine Schulter legend, "es ist eine alte Frau die an +ihrer Heimath mit ganzem Herzen haengt und sich vor der Reise fuerchtet." + +"Und Du nicht, Hanne?" rief der Mann sich rasch nach ihr umdrehend, und +ihre Hand ergreifend -- "Du nicht? Du wuerdest Dich dazu entschliessen koennen +unsere Heimath hier, unser Haeuschen, unser Feld zu verlassen, und mit mir +und den Kindern ueber das weite Meer zu fahren, in eine fremde Welt?" + +Die Frau schwieg und ihre Hand zitterte in der des Mannes -- endlich sagte +sie leise -- "So weit fort? -- und muss es denn sein, ist es denn gar nicht +moeglich mehr, dass wir hier gut und ehrlich durchkommen durch die Welt, +wenn wir uns auch ein Bischen knapper einrichten wie bisher? Ach Gottlieb, +es ist gar hart so von zu Hause fortzugehn, die Thuer zuzuschliessen und zu +denken dass man nun nie und nimmer wieder dahin zurueckkommt -- " + +Der Mann nickte traurig mit dem Kopf und sagte endlich: + +"Du hast recht Hanne; es ist ein schwerer, recht schwerer Schritt, und man +sollte ihn sich wohl vorher ueberlegen ehe man ihn thut, denn zurueck kann +man nicht wieder, wenn man nicht wenigstens Alles opfern will, was Einem +bis dahin noch zu eigen gehoert hat. Thun wir aber recht nur allein an uns +zu denken? -- Sieh, wir schleppen uns vielleicht noch wenn auch kuemmerlich, +doch ehrlich, durch, bis wir einmal sterben, und wenn es auch hart ist, +dass es Einem nachher im Alter schlechter gehn soll wie in der Jugend, +brauchten wir doch gerade keine Furcht zu haben dass wir verhungerten; aber +die Kinder -- die Kinder -- was wird aus denen? Unser kleines Grundstueck ist +die Jahre ueber kleiner und kleiner geworden; mit dem Geschaeft geht's auch +kuemmerlicher wie bisher -- neue, geschicktere Arbeiter, junge Burschen die +noch keine Familie haben und weniger brauchen, sitzen in den Doerfern +herum, und die Fabriken und Maschinen geben uns ohnedies den Todesstoss. +Stahl und Holz braucht Nichts zu essen und arbeitet unermuedet Tag und +Nacht durch, und die Raeder und Walzen und Haemmer klopfen und drehen und +schwingen ununterbrochen fort gegen den Schweiss des armen Arbeiters der +darueber zu Grunde geht. Ich murre auch nicht darueber, es muss wohl schon so +recht sein, denn Gott hat's den Menschen selber gelehrt und die Welt muss +vorwaerts gehn -- wir aelteren Leute koennen uns aber eben nicht mehr darein +schicken, koennen nichts Anderes mehr ergreifen, und wieder von vorne +anfangen, wenigstens hier im Lande nicht wo Einem die Haende nach allen +Seiten hin gebunden sind, und darum ist mir der Gedanke gekommen +auszuwandern. Da drueben ueber dem Weltmeere hat der liebe Herr Gott noch +einen grossen gewaltigen Fleck Erde liegen, fuer uns arme Leute bestimmt, +den Maschinen und Raederwerken zu entgehn; dort haben wir Platz uns zu +bewegen, und wer nur da ordentlich arbeiten will hat nicht allein zu +leben, sondern kann auch vielleicht fuer sich und die Kinder was vorwaerts +bringen und braucht sich nicht mehr vor der Zukunft zu fuerchten und vor +Hunger und Noth. Wenn wir nicht auswandern, was bleibt unsern Kindern da +einmal anders uebrig, als in Dienst zu gehn und sich bei fremden Leuten +doch herumzuschlagen ihr Lebelang." + +"Und die Mutter?" sagte die Frau, sich aengstlich nach der Thuere umsehend -- +"was wuerde aus der alten Frau auf dem Meere?" + +"Was aus so vielen alten Frauen da wird, liebes Herz," sagte aber der +Mann, augenscheinlich mit froherem, freudigeren Herzen, als er bei dem +eigenen Weib nicht den Widerstand fand, den er vielleicht gefuerchtet -- +"sie gewoehnen sich an das neue Leben, sobald sie das alte nicht mehr um +sich sehen, und die Seeluft soll kraeftigen und staerken." + +"Aber sie wird nicht mit uns wollen." + +"Sie wird ihre Kinder nicht verlassen," troestete sie der Mann, "und ohne +sie duerften wir ja auch gar nicht fort." + +Die Frau reichte ihm schweigend die Hand, die er herzlich drueckte, und +wandte sich dann, und wollte eben das Zimmer verlassen, als draussen Jemand +die Thuer aufriss und in das Haus trat. Das Unwetter hatte jetzt seinen +hoechsten Grad erreicht, und der Regen schlug in ordentlichen Guessen gegen +die Fenster an, waehrend der Wind die Wipfel der Baeume herueber und hinueber +schuettelte und die Bluethen von den Zweigen riss mit rauher Hand. + + [Capitel 6] + +"Schoenen Gruss mit einander," sagte dabei eine rauhe Stimme, waehrend die +Stubenthuer halb geoeffnet wurde -- "darf man hinein kommen?" + +"Gott gruess Euch," sagte die Frau -- "kommt nur herein, bei dem Wetter ist's +boes draussen sein -- es tobt ja, als ob der letzte Tag hereinbrechen +sollte." + +Der Fremde hing seinen Hut und Mantel draussen ab und trat mit nochmaligem +Gruss in die Stube. + +"Gott gruess Euch," sagte auch Gottlieb -- "da, nehmt Euch einen Stuhl und +setzt Euch zum Ofen; es ist heut unfreundlich draussen, und man kann ein +Bischen Feuer brauchen." + +"Sauwetter verdammtes," fluchte der Mann, als er der Einladung Folge +geleitet und sich die nassen Haare aus der Stirne strich -- "ich wollte +erst sehen dass ich die Schenke erreichte; hier um die Ecke herum kam der +Wind aber so gepfiffen dass er mich bald von den Fuessen hob, und es war +gerade als ob sie Einem von da oben einen Eimer voll Wasser nach dem +andern entgegen gossen. Schoenes Wetter fuer Enten, aber fuer keine +Menschen." + +Es war eine rauhe, kraeftige Gestalt, der Mann, mit krausem dicken +schwarzen Bart und ein paar tiefliegenden unstaeten Augen, in einen groben +braunen Tuchrock gekleidet, wie ihn die Fleischer nicht selten auf dem +Lande tragen. Die ebenfalls braunen Hosen hatte er dabei heraufgekrempelt, +bis fast unter das Knie, mit seinen derben Wasserstiefeln besser durch +alle Pfuetzen und Schlammwege hindurch zu koennen; die aus ungeborenem +Kalbfell gemachte Weste war ihm bis an den Hals hinauf zugeknoepft, und +eine lange silberne Kette, an der die in der Westentasche steckende Uhr +befindlich war, hing ihm darueber hin. + +"Ihr seid wohl weit von hier zu Haus?" frug Gottlieb nach einer laengeren +Pause, in der er den Mann und dessen Aeusseres fluechtig nur betrachtet +hatte -- "hab' Euch wenigstens noch nicht hier bei uns gesehen." + +"Zehn Stunden etwa," sagte der Fremde, seine Pfeife jetzt aus der +Brusttasche seines Rockes nehmend und mit Stahl und Schwamm, den er bei +sich fuehrte, entzuendend -- "wie weit ist's noch bis Heilingen." + +"Eine tuechtige Stunde -- wenn der Weg jetzt nicht so schrecklich waere, +koennte man's recht bequem in kuerzerer Zeit gehn." + +"Hm -- ist noch verdammt weit, puh wie das draussen stuermt; und die +Pflaumenbluethen pflueckt's beim Armvoll herunter -- Pflaumenmuss wird theuer +werden naechsten Herbst." + +"Das weiss Gott," sagte Gottlieb -- "es wird Alles theuer, immer mehr jedes +Jahr, langsam aber Sicher." + +"Bah, es geschieht denen recht die hier bleiben, wenn sie nicht hier +bleiben muessen; 's giebt Plaetze die besser sind." + +"Wollt Ihr auch auswandern?" sagte Gottlieb rasch. + +"Auswandern? -- nach Amerika? -- hm -- ich weiss noch nicht," brummte der +Fremde, sich den Bart streichend -- "es waere aber moeglich dass sie Einen +noch dazu trieben. Sind das Euere Kinder?" + +"Ja. -- " + +"Habt Ihr noch mehr?" + +"Noch einen Jungen von elf und ein halb Jahr." + +"Und Ihr seid ein Weber?" sagte der Fremde mit einem Blick auf den +Webstuhl -- "auch schwere Zeiten fuer derlei Arbeit, mit einer Familie +durchzukommen." + +"Ja wohl, schwere Zeiten," seufzte Gottlieb, als in diesem Augenblick die +Thuer draussen wieder aufging und die Mutter laut ausrief: -- + +"Der Hans, lieber Himmel kommt der in dem Wetter." + +Es war Hans, der aelteste Sohn des Webers, durch und durch nass, aber mit +frischem gesunden Gesicht und rothen Backen, auf denen das Regenwasser in +grossen Perlen stand. + +"Guten Tag mit einander," sagte er, als er in's Zimmer trat und die +triefende Muetze vom Kopf riss -- "guten Tag Mutter." + +"Guten Tag Hans, aber wo um Gottes Willen kommst Du in dem Regen her; +warum hast Du das Wetter nicht bei Lehmann's abgewartet?" + +"Es wurde mir zu spaet Mutter und ich war hungrig geworden; habe auch noch +heute Abend dem Vater etwas zu helfen." + +"Ein derber Junge," sagte der Fremde, der sich den Knaben indess mit +finsterem Blick betrachtet hatte -- "kann wohl schon ordentlich mit +arbeiten." + +"Ach ja, er packt tuechtig mit zu," sagte der Vater -- "lieber Gott in +jetziger Zeit muss Alles mit Brod verdienen helfen." + +"Die Kinder fressen Einen arm," sagte der Fremde. + +"Habt Ihr Kinder?" frug Gottlieb. + +"Ich? -- hm, ja," sagte der Fremde nach einer Pause -- "koennte noch Jemandem +abgeben davon." + +"Ich moechte keins hergeben," sagte die Frau rasch, und kuesste das Juengste, +das sie eben wieder aufgenommen hatte um es zu fuettern, "Kinder sind ein +Segen Gottes." + +"Ja -- so sprechen die Leute wenigstens," sagte der Fremde trocken, "aber +ich glaube es laesst nach mit Regnen; ich werde die Schenke wohl jetzt +erreichen koennen." + +"Wollt Ihr nicht vielleicht erst eine heisse Tasse Kaffee trinken?" frug +die Frau, das Kind auf dem linken Arm, zum Ofen gehend, die dort +warmgestellte Kanne wieder vorzuholen. + +"Danke, danke," sagte aber der Fremde abwehrend -- "kann das warme Zeug +nicht vertragen; ein Glas Branntwein ist mir lieber." + +"Das thut mir leid," sagte der Mann, "den kann ich Euch nicht anbieten; +ich habe keinen im Hause." + +"Thut auch Nichts," lachte der Fremde; "so lange halt ich's schon noch +aus. Sind doch huelflose Dinger so junge Menschen, ehe sie die Kinderschuh +ausgetreten haben," setzte er dann hinzu, als das Juengste das Maeulchen +nach dem schon einmal gereichten Loeffel vorstreckte -- "was machte nun so +ein jung Ding, wenn man es hinsetzte und sich selber ueberliesse." + +"Ach Du lieber Gott," sagte die Frau bedauernd -- "so ein armer Wurm muesste +ja elendiglich umkommen." + +"Bis den Nachbarn das Geschrei zu arg wuerde und sie kaemen und es +fuetterten," lachte der Andere. + +"Dafuer haben die Kinder Eltern," sagte die Frau, das kleine, die Aermchen +zu ihr ausstreckende Maedchen liebkosend und kuessend, "die sorgen schon +dafuer dass kein Nachbar danach zu sehen braucht." + +"Wenn die aber einmal ploetzlich stuerben, wie dann?" frug der Fremde, mit +einem Seitenblick auf die Frau, indem er seinen Rock wieder zuknoepfte und +sich zum Gehen ruestete. + +"Dann ist Gott im Himmel," sagte Hanne, mit einem frommen +vertrauungsvollen Blick nach oben. + +"Ja, das ist wahr;" sagte der Fremde mit einem leichtfertigen Laecheln, +"der hat allerdings die grosse Kinderbewahranstalt. Aber es hat wirklich +aufgehoert mit Giessen," unterbrach er sich rasch, "den Augenblick will ich +doch lieber benutzen. So schoen Dank fuer gegebenes Quartier Ihr Leute, und +gut Glueck." + +"Bitte, Ihr habt fuer Nichts zu danken, behuet' Euch Gott," sagte Gottlieb +freundlich. + +"Behuet' Euch Gott;" sagte auch die Frau, und der Mann, ihnen noch einmal +zunickend, nahm draussen wieder den nassen Mantel um, drueckte sich den +breitraendigen Hut in die Stirn, griff einen derben Knotenstock, der +daneben in der Ecke lehnte, auf, und verliess rasch das Haus, die Richtung +nach der Schenke einschlagend. + +"Mich freut's dass er fort ist," sagte die Frau, die dem Knaben gerade das +Essen auf den Tisch setzte und den Kaffee einschenkte -- "bewahr uns Gott, +was hatte der Mann fuer ein finstres Gesicht und ein barsches Wesen; nicht +schlafen koennt' ich die Nacht, wenn ich den unter einem Dach mit mir +wuesste. In dem Gesicht liegt auch nichts Gutes -- und wie er fluchte und +ueber die Kinder sprach -- ob er nur wirklich selber welche hat." + +"Er sagt's ja," bestaetigte Gottlieb -- "aber mir schien's ein Fleischer zu +sein, seinem Gewerbe nach, und die sind immer rauh und derb, meinen's aber +nicht immer so boes." + +"So bess're ihn Gott," sagte die Frau mit einem Seufzer, "und je seltener +er unseren Weg kreuzt, desto besser." + + + + + + Capitel 7. + + + NACH AMERIKA. + + +"Nach Amerika!" -- Leser, erinnerst Du Dich noch der Maerchen in "Tausend +und eine Nacht", wo das kleine Woertchen "Sesam" dem, der es weiss, die +Thore zu ungezaehlten Schaetzen oeffnet? hast Du von den Zauberspruechen +gehoert, die vor alten Zeiten weise Maenner gekannt, Geister heraufzurufen +aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls sich dienstbar zu +machen? -- Mit dem ersten Klang der einfachen Sylbe schlugen, wie sich die +Sage seit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner +zusammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkuehne Menschenkind das sie +gesprochen, bebte zurueck vor der furchtbaren Gewalt die es +heraufbeschworen. + +Die Zeiten sind vorueber; die Geister, die damals dem Menschengeschlecht +gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das +rechte Wort vergessen sie zu rufen -- aber ein anderes dafuer gefunden, das +kaum minder stark mit _einem_ Schlage das Kind aus den Armen der Eltern, +den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen seinen Verhaeltnissen und +Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reisst, in dem es bis dahin mit +seinen staerksten, innigsten Fasern treulich festgehalten. + +"Nach Amerika," leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der ersten +schweren, traurigen Stunde entgegen, die seine Kraft pruefen sollte, seinen +Muth staehlen -- "nach Amerika," fluestert der Verzweifelte der hier am Rand +des Verderbens dem Abgrund langsam aber sicher entgegen gerissen wurde -- +"nach Amerika," sagt still und entschlossen der Arme, der mit maennlicher +Kraft und doch immer und immer wieder vergebens, gegen die Macht der +Verhaeltnisse angekaempft, der um sein "taegliches Brod" mit blutigem Schweiss +gebeten -- und es nicht erhalten, der keine Huelfe fuer sich und die Seinen +hier im Vaterlande sieht, und doch nicht betteln _will_, nicht stehlen +_kann_ -- "nach Amerika" lacht der Verbrecher nach gluecklich veruebtem Raub, +frohlockend der fernen Kueste entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt +vor dem Arm des beleidigten Rechts -- "nach Amerika," jubelt der Idealist, +der wirklichen Welt zuernend, weil sie eben wirklich ist, und ueber den +Ocean drueben ein Bild erhoffend, das dem, in seinem eigenen tollen Hirn +erzeugten, gleicht -- "nach Amerika" und mit dem einen Wort liegt hinter +ihnen, abgeschlossen, ihr ganzes frueheres Leben, Wirken, Schaffen -- liegen +die Bande die Blut oder Freundschaft hier geknuepft, liegen die Hoffnungen +die sie fuer hier gehegt, die Sorgen die sie gedrueckt -- _"nach Amerika!"_ + +So gaehrt und keimt der Saame um uns her -- hier noch als leiser, kaum +verstandener Wunsch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft +und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht seiner gepackten Kisten und +Kasten. Der Bauer draussen hinter seinem Pflug, den der nahe Grenzrain der +ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie so schwer +geaergert, und der im Geist schon die langen geraden Furchen zieht, weit +ueber dem Meer drueben, in dem fetten, herrlichen Land; -- der Handwerker in +seiner Werkstatt, dem sich Meister nach Meister in die Nachbarschaft setzt +mit Neuerungen und grossen, marktschreierischen Firmen, die wenigen Kunden +die ihm bis dahin noch geblieben in _seine_ Thuer zu locken; der Kuenstler +in seinem Atelier, oder seiner Studirstube, der ueber einer freieren +Entwickelung bruetet, und von einem Lande schwaermt wo Nahrungssorgen ihm +nicht Geist und Haende binden; -- der Kaufmann hinter seinem Pult, der +Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in seinen Buechern zieht und, das +sorgenschwere Haupt in die Hand gestuetzt, von einem neuen, andern Leben, +von lustig bewimpelten Schiffen, von reich gefuellten Waarenhaeusern traeumt; +in Tausenden von ihnen draengt's und treibt's und quaelt's, und wenn sie +auch noch vielleicht Jahre lang nach aussen die alte fruehere Ruhe wahren, +in ihren Herzen glueht und glimmt der Funke schon -- ein stiller aber ein +gefaehrlicher Brand. Jeder Bericht ueber das ferne Land wird gelesen und +ueberdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend fuer den Kranken. Vorsichtig +und aengstlich, und weit herum um ihr Ziel, dass man die Absicht nicht +errathen soll, fragen sie versteckt nach dem und jenem Ding -- nach Leuten +die vordem "hinueber" gezogen und denen es gut gegangen -- nach Land- und +Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk -- fuer Andere natuerlich, nicht fuer sich +etwa -- sie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen will hinueber, ein +entfernter Verwandter oder naher Freund, sie wuenschen dass es dem wohl +geht, und haeufen mehr und mehr Zunder fuer sich selber auf. + +So ringt und draengt und wuehlt das um uns her; keiner ist unter uns, dem +nicht ein lieber Freund, ein naher Verwandter den _salto mortale_ gethan, +und Alles hinter sich gelassen, was ihm einst lieb und theuer war -- aus +dem, aus jenem Grund -- und taeglich, stuendlich noch hoeren wir von anderen, +von denen wir im Leben nie geglaubt dass _sie_ je an Amerika gedacht, wie +sie mit Weib und Kind, mit Hab' und Gut hinueberziehn. Und _dort_? -- noch +liegt ein dichter Schleier ueber ihrem Schicksal dort, doch Gottes Sonne +scheint ja ueberall -- Dir aber lieber Leser, greif ich aus dem Leben noch +hie und da ein paar Freunde heraus, die wir begleiten wollen auf dem +weiten Weg. + + * * * * * + +Oben in der Brandstrasse -- nicht weit vom Brandthor entfernt, und dem +Gasthaus zum Loewen schraeg gegenueber, wohnte Professor Lobenstein mit +seiner Familie, in der ersten Etage eines, zwar sehr alten, aber auch sehr +wohnlich eingerichteten Hauses, das ihm eigen gehoerte. + +Der Professor war ein Mann, gerade an der anderen Seite der "besseren +Jahre", etwa einundfuenfzig alt, aber ruestig und gesund, nur erst mit +einzelnen grauen Haaren zwischen den rabenschwarzen Locken, die ihm ueber +die bleiche, aber hohe und geistvolle Stirn fielen, wie mit fast +jugendlichem, elastischem Gang und Wesen. Ein tuechtiger Kopf dabei, hatte +er _jura_ und _cameralia_ studirt, und einen grossen Schatz von Kenntnissen +aufgehaeuft; auch in manchem, mit schweren muehsamen Nachtwachen erkauften +Werk der Welt, der undankbaren Welt das Resultat seiner Studien und +Forschungen gebracht und dargelegt. Unzufrieden aber mit dem Erfolg, und +der kalten Aufnahme die es gefunden, wandte er sich spaeter wieder von den +bis dahin bevorzugten juristischen Wissenschaften ganz ab und allein +seinem Lieblingsstudium den Cameralien zu, in denen er besonders der +Gewerbskunde seine Thaetigkeit widmete, auch mit einem Buchhaendler in +Heilingen eine Gewerbszeitung gruendete und herausgab. + +Hierin hatte er Unglueck; der Buchhaendler machte bankerott und er uebernahm +die Zeitung, mit ziemlich grossen Verlusten schon, allein. + +So vortrefflich aber Professor Lobenstein in der Theorie seiner +Wissenschaft bewandert sein mochte, so wenig sattelfest war er es in der +Praxis, und seine Zeitung wollte und wollte keinen Boden gewinnen. Mit +fabelhaftem Fleiss suchte er dem zu begegnen, umsonst -- umsonst auch dass er +Capital nach Capital in das, zuletzt nur noch zur Ehrensache gewordene +Unternehmen steckte. Sein Haus bekam Hypothek auf Hypothek und mit einer +hoechst unguenstigen politischen Periode, in der ihm eine grosse Anzahl +Abonnenten absprang, trafen ihn auch so bedeutende pecuniaere Verluste, dass +er sich endlich genoethigt sah sein Blatt vollstaendig aufzugeben. Es war +das das schwerste Opfer, das er bis dahin gebracht. + +Professor Lobenstein hatte eine ziemlich starke Familie, eine Frau, zwei +erwachsene Toechter von siebzehn und zwanzig Jahren, einen Sohn von +achtzehn, und zwei kleinere Kinder, einen Knaben von acht und ein Maedchen +von sieben Jahren. Wenn auch nicht in Reichthum doch in einem gewissen +Wohlstand erzogen, war aber der Familie bis jetzt das schwere Wort +"_Nahrungssorgen_" fremd geblieben; der Professor hatte immer, was man so +nennt, ein Haus gemacht, und sich in einem Umgangskreis bewegt, der ihnen +schon an und fuer sich eine gewisse Verpflichtung auferlegte Manches +mitzumachen, was seinen, sonst mehr einfachen Neigungen eben nicht +Beduerfniss schien. Das Alles sollte, ja _musste_ sich jetzt aendern, denn +wenn er auch aus den Truemmern seines Vermoegens, nach allen erlittenen +Verlusten, einen kleinen Theil zu retten vermochte, genuegte der nicht, das +bisherige Leben fortzufuehren. Die Wahl blieb ihm jetzt allein, von Neuem +eine Laufbahn mit geringeren Mitteln anzufangen, und sich und den Seinen +schwere und ungewohnte Entbehrungen an einem Orte aufzuerlegen, wo ihn +Alles und Jedes an fruehere und bessere Zeiten erinnerte oder -- es war eine +schwere Stunde in der ihm das Bild zum ersten Mal vor die Seele stieg -- in +einem anderen Welttheil, ungekannt, aber auch nicht bemitleidet oder +verspottet, ein vollkommen neues _Leben_ zu beginnen. + +Aber die Frauen? -- wuerden sie den Muehseligkeiten einer so langen Reise, +einer Ansiedlung drueben in einem noch wilden Lande gewachsen sein? -- Dass +er selber die Beschwerden eines solchen Lebens leicht ertragen wuerde, +daran zweifelte er keinen Augenblick; er hatte so viel ueber Amerika +gelesen, sich mit den dortigen Verhaeltnissen aus allen erschienenen +Schriften so vertraut gemacht, dass er Alles kannte was ihn dort erwartete, +und einem derartigen Wirken eher mit Freude und Lust, als Bangen +entgegenging; aber durfte er seine Frau all den sie erwartenden +Unbequemlichkeiten und Strapatzen aussetzen? durfte er seine Toechter aus +ihrem geselligen gluecklichen Leben reissen, und ihnen mit einem Schlage +alle jene Vergnuegungen entziehen, die ihnen hier schon mehr als Erholung, +die ihnen fast Beduerfniss geworden? + +Einen langen und schweren Kampf kaempfte er mit sich selber, Monate lang, +und er wurde alt in der Zeit; die Augen lagen tief in ihren Hoehlen und +seine Zuege bekamen etwas Mattes und Abgespanntes, das sie sonst, in seiner +schwersten Arbeitszeit noch nie gehabt. Wenn auch die Kinder dabei sich +leicht mit einem vorgeschuetzten Unwohlsein beruhigen liessen, dem scharfen +Blick der Gattin entging die Sorge nicht, die an seinem Herzen heimlich, +aber desto gewaltiger nagte, und ihren dringenden, aengstlichen Bitten +konnte er zuletzt nicht laenger widerstehen. Was sie doch zuletzt haette +erfahren _muessen_, vertraute er ihr an und wenn es die arme Frau auch wie +ein Schlag aus heiterem Himmel traf, nahm sie das Ganze doch viel ruhiger +auf als er erwartet, gefuerchtet, und damit eine schwere Last von _seinem_ +Herzen -- auf das ihre. Aber leichter traegt sich die getheilte, und bereden +konnten sie jetzt zusammen was zu thun, welchen Weg zu gehen, die +Moeglichkeit besprechen die sich hier ihrem Leben bot, die Moeglichkeit +errwaegen, die ihnen dort eine andere freiere Zukunft oeffnete. Und die +Kinder? wohin Muetter und Vater gingen folgten die ja gern; nur die Scene +wechselte fuer sie, anderen, vielleicht selbst bunteren Bildern Raum zu +geben, und Kummer und Sorge kannten die ja nicht. + +An demselben Abend waren die beiden aeltesten Toechter zu einem kleinen +Fest, dem Geburtstag einer Freundin, eingeladen und hatten schon den +ganzen Tag mit rastlosen Fingern an dem bunten blitzenden Ballstaat +genaeht. Der Vater begleitete sie dorthin, nur die Mutter blieb daheim, +Kopfschmerz vorschuetzend, und die Sorge um das juengste Kind, das mit einem +leichten Unwohlsein in seinem Bettchen lag. Aber gegen zehn Uhr +schlummerte es sanft und ruhig auf dem weichen Lager ein, und daneben, das +sorgenschwere Haupt in die Hand gestuetzt, sass die Mutter und weinte -- +weinte als ob sie mit dieser Thraenenfluth all den Gram und Kummer +fortwaschen wollte, der jetzt, ein dunkler Wolkensaum, am Horizonte ihres +Gluecks erschien, und wild und drohend hoeher und hoeher stieg. + +Lachend und plaudernd kehrten die Toechter, mit dem Vater spaet in der Nacht +zurueck; den leichten, sorglosen Herzen lag die Welt noch, ein weiter +Garten offen da, und was etwa an wuchernden Giftpflanzen dazwischen stand, +mischte noch sein fastgruenes Laub, dem jungen Auge nicht erkennbar, mit +Blum' und Bluethenpracht. + +Aber der Moment naeherte sich auch, wo mit der vorgerueckten Jahreszeit all' +die noethigen und mannichfaltigen Vorbereitungen zu einer so langen Reise, +zu einer gaenzlichen Umgestaltung aller ihrer Verhaeltnisse, getroffen +werden _mussten_; auch schien die Zeit eine passende fuer den Sohn, der, von +der Schule gerade abgegangen, eben sein Abiturienten-Examen gluecklich +bestanden hatte. Der Vater wuenschte allerdings dass er hier erst studiren, +und ihnen dann spaeter, wenn er etwas Tuechtiges gelernt, vielleicht folgen +sollte, dachte ihm aber doch die freie Wahl zu lassen, und seinem Herzen +keinen Zwang aufzuerlegen. + +Am naechsten Morgen nach dem Balle nun -- es war spaet mit Aufstehn geworden +nach der durchschwaermten Nacht und die zweite Tochter Marie eben erst zum +Kaffee heruebergekommen, waehrend der Sohn das Haus schon, irgend eines +notwendigen Ganges wegen verlassen hatte -- sass der Vater, ungewohnter +Weise nicht in seiner Studirstube an der Arbeit, sondern im Sopha, aus der +langen Pfeife den Dampf in weissen Kraeusselwolken von sich blasend, und die +Mutter am Naehtisch, Kleider ausbessernd fuer das Juengste, das in seinem +heruebergeschafften Bettchen wieder mit klaren Augen seine Puppe +schaukelte. + +"Schon ausgeschlafen, Vaeterchen?" sagte Marie als sie, etwas beschaemt, die +Letzte am Kaffeetische Platz genommen, "ich habe wohl recht lange heut +geschlafen, aber -- was ist Dir denn? -- und der Mutter auch?" -- rief sie +vom Stuhl wieder aufspringend, als sie das ungewohnte ernste Wesen der +Eltern gewahrte -- "bist Du boese auf mich, Muetterchen?" + +"Nein mein Kind," sagte diese und zwang ein Laecheln auf die Lippen, "aber +der Vater hat Euch etwas recht Ernstes heute zu sagen, etwas von dem wir +noch nicht wissen, ob es Euch betrueben wird oder nicht." + +"Der Vater?" rief Marie erschreckt, und auch Anna, die aelteste Tochter, +sah aengstlich zu ihm auf; Professor Lobenstein aber, so in die Enge und +zum Aeussersten getrieben, hustete, paffte den Dampf ein paar Mal scharf +vor sich hin, die Pfeife ordentlich in Gluth zu bringen, und sagte: + +"Ja Kinder, Ihr wisst -- wir -- wir haben doch in den letzten Tagen viel ueber +Nord-Amerika gesprochen, und auch Manches gelesen -- " + +"Ja, die herrlichen Romane von Cooper," rief Marie rasch. + +"Und die schrecklichen Berichte im Tageblatt," laechelte Anna. + +"Der Doctor Haide ist ein Esel," sagte der Professor, den Rauch wieder ein +paar Mal rasch ausstossend -- "wenn der haette in Amerika ordentlich arbeiten +wollen, brauchte er sich jetzt nicht von einer Winkeladvocatur und vom +Schimpfen auf freisinnige Leute zu ernaehren; ueber dessen Berichte wollen +wir uns keine Sorgen machen, aber -- " er schwieg wieder einen Augenblick +und sah, wie furchtsam, nach der Frau hinueber. Die jedoch arbeitete um so +emsiger weiter, und selber mit dem Beduerfniss dem, was ihn schon so lange +gedrueckt, endlich einmal Worte zu geben, fuhr er rasch fort -- "ich habe +eine Frage an Euch zu thun, Kinder -- Haettet Ihr -- haettet Ihr wohl selber +Lust hinueber nach -- nach Amerika zu gehn?" + +"Nach Amerika?" rief Anna rasch und auch wohl erschreckt. Marie aber +sprang auf, schlug in die Haende und rief jubelnd: + +"Nach Amerika? oh das waere ja praechtig -- das waere herrlich -- nicht wahr da +sind auch Baelle, Vaeterchen?" + +Die Mutter seufzte tief auf und der Vater zog wieder, etwas verlegen an +der Bernsteinspitze. + +"Hm -- ich weiss nicht," sagte er langsam mit dem Kopf schuettelnd -- "wo wir +im Anfang hinwollten, werden wohl keine sein. Haengst Du so an Baellen, +Marie?" + +"Ich tanze gern," laechelte das junge froehliche Maedchen etwas verlegen und +schuechtern. + +"Nun tanzen wirst Du dort hoffentlich auch koennen, mein Kind," sagte der +Vater freundlich -- "wenn auch nicht gerade gleich auf solchen Baellen wie +wir sie hier gewohnt sind -- das Leben ist dort einfacher." + +"Oh, und bis zum naechsten Fasching sind wir gewiss auch wieder zurueck," +rief Marie. + +Der Vater schwieg erst eine kleine Weile, und sagte dann leise aber +entschlossen. + +"Wir wollen _ganz_ hinueberziehn, mein Kind." + +"Auswandern?" rief die aeltere Schwester fast erschreckt -- das Wort, dessen +Bedeutung sie noch gar nicht vollkommen verstand, traf sie mit einem +unbekannten ahnenden Gefuehl von Schmerz und Leid -- "und die Mutter?" + +"Ihr werdet mich doch nicht wollen allein zuruecklassen?" laechelte die +Frau, sich gewaltsam zwingend ueber den Schmerz dieser Stunde. + +"Mutter!" sagte Anna, warf die Arme um ihren Nacken und kuesste sie. + +"Und Eduard?" frug Marie. + +"Bleibt, wenn er meinem Rathe folgt, noch hier bis er ausstudirt und etwas +ordentliches gelernt hat," sagte der Vater -- "wo nicht, hat er seinen +freien Willen und mag uns begleiten; sowie er zu Hause kommt werde ich mit +ihm sprechen." + +"Aber -- " rief Marie -- "wer verwaltet unterdessen unser Haus?" + +"Wenn wir einmal fort sind von hier," sagte der Professor ausweichend, +"kann uns auch das Haus nichts mehr nuetzen, und ich werde es verkaufen." + +"_Verkaufen_? -- unser Haus und den Garten?" riefen Maria und Anna fast wie +aus einem Munde erschreckt und rasch -- + +"Unser freundliches Stuebchen, wo wir als Kinder gespielt," setzte Marie +traurig hinzu. + +"Und die Baeume die Vater alle gepflanzt -- die Laube, die wir uns selbst +gebaut, und die so schoen geworden ist in diesem Jahr," sagte Anna leise -- +"verlassen wollt' ich es ja gern, wenn wir Alle gehn, aber dass fremde +Menschen jetzt darin hausen sollen, die vielleicht gar nicht wissen wie +wir das Alles gehegt und gepflegt und -- " ihr Blick fiel in diesem +Augenblick auf der Mutter, halb von ihr abgewandte bleiche Zuege, und fasste +das Blitzen einer heimlich fallenden Thraene. Anna erschrak und wurde +todtenbleich -- hier lag mehr verborgen als man ihnen gesagt, und +heimlicher Gram, heimliche Sorge nagte an der Eltern Herzen, durfte sie +die vermehren? Sie schwieg einen Augenblick und sah sinnend vor sich +nieder, dann aber Mariens Hand ergreifend sagte sie mit leichterem +vielleicht gezwungen froehlicherem Ton: + +"Aber wir wollen nicht klagen; Vater und Mutter wissen am Besten was sie +zu thun haben, und was uns gut ist, und dort baut uns Vater dann ein +anderes Haus, und wir selber pflanzen uns ein neues Gaertchen, schoener als +das unsere hier." + +"Aber ich bliebe hier, wenn ich an Vaters Stelle waere," schmollte Marie, +"und was wird Herr Kellmann dazu sagen, wenn er es erfaehrt? der ist so +immer gegen Amerika, und hat sich schon oft mit Vater darueber gezankt." + +"Ach der macht mir die geringste Sorge," sagte Anna in ihrem Schmerz +laechelnd -- "wenn man _fuer_ Amerika spricht, schimpft er aus Leibeskraeften, +und citirt Gott weiss was fuer Stellen aus Briefen und Zeitungen, alles +Guenstige zu widerlegen, oder wenigstens stark zu bezweifeln, und kommt +Jemand der das Land ordentlich angreift, dann hab' ich auch schon gesehn, +dass er den Handschuh wacker dafuer aufnimmt, und man wirklich glauben +sollte er bekaeme so und so viel fuer den Kopf, Leute zu bereden +hinueberzuziehn. Das ist ein wunderlicher Kauz, der die meiste Zeit selber +nicht weiss was er will, und ich glaube, wenn es Jemand recht ordentlich +bei ihm darauf anlegte, koennte man ihn selber, nur durch Widersprechen, +dahin bringen, dass er in eigener Person hinueberginge." + +"Herr Kellmann?" lachte Marie -- "nun _den_ moecht' ich in Amerika sehn." + +"Und wer weiss, ob Dir das nicht noch passirt," bestaetigte der Vater, mit +dem Kopfe nickend. + +"Und darf ich mein neues seidenes Kleid mitnehmen, Mama?" frug das junge +lebenslustige Maedchen jetzt die Mutter -- "hier lassen moecht' ich es doch +nicht gern, und drueben im Wald -- " + +"Liebes Kind, wir werden auch nicht mitten in den Wald gehn," sagte die +Mutter, die indessen heimlich die verraetherische Thraene aus dem Auge +geschuettelt, freundlich dabei der zu ihr getretenen Tochter die Stirn +streichend und kuessend, "denkt es Euch nicht so schlimm. Der Vater wird +uns schon einen Platz aussuchen, wo wir wenigstens unter Menschen und der +Cultur nicht ganz verschlossen sind -- er hielte es ja dort sonst selber +nicht aus." + +"Aber warum gehst Du nur, Vaeterchen?" bat Marie -- "es ist doch hier so +wunderhuebsch in Heilingen, und was wir da drueben haben, wissen wir noch +nicht." + +Der Professor, zu dem Anna aengstlich aufsah, hatte seinen Sitz verlassen +und ging, langsam dabei mit dem Kopf nickend, im Zimmer auf und ab; er +fuehlte dass er, auch den Toechtern gegenueber, diesen eine Erklaerung seines +Handelns schuldig sei, denn er riss sie aus einem liebgewonnenen Leben +heraus, und fuehrte sie vielen, vielen Entbehrungen -- er durfte sich das +nicht leugnen -- entgegen. Von ihrer spaeteren Haltung dabei hing auch viel +ihrer Aller Glueck, ihrer Aller Zufriedenheit ab, und sie waren alt genug +ihrem Urtheil zu vertrauen. Aber es kostete ihm der Entschluss einen +schweren Kampf, und wo ihm die Frau war auf halbem Weg entgegen gekommen, +fuerchtete er hier gerade, nicht Widerstand zu finden, denn dafuer hatten +sie ihn zu lieb, aber Schmerz und Sorge zu wecken in den jungen Herzen, +denen er die ungebetenen Gaeste gern noch fern gehalten haette so lang als +moeglich. Sie standen jedoch an einem wichtigen, bedeutungsvollen Abschnitt +ihres Lebens, und mussten _sehen_, wohin der Weg sie fuehrte. + +In kurzen, einfachen Worten, frei vom Herzen weg, und zu den Herzen +sprechend, weil sie aus dem Herzen kamen, schilderte er ihnen jetzt die +veraenderte Lage in die er, durch das gezwungene Aufgeben seiner +Zeitschrift sowohl, wie durch manche schwere, ihn betroffene Verluste +gekommen. Er verheimlichte ihnen nicht laenger dass er einen Theil -- einen +grossen Theil seines Vermoegens eingebuesst, und das ihm selber liebe Haus +nicht verkaufen wuerde, wenn ihn eben nicht -- die Verhaeltnisse dazu +_zwaengen_. Aber noch blieb ihnen genug nach einem fernen Welttheil +ueberzusiedeln und dort, mit bescheideneren Beduerfnissen, von Neuem zu +beginnen; Amerika mit seiner ungeheuren Lebenskraft bot ihnen nach allen +Seiten hin die Moeglichkeit der Existenz, und das gut und zweckmaessig +angelegte kleine Capital konnte dort gute Zinsen tragen fuer spaetere Zeit. +Hatten sie sich dann etwas verdient, waren die Hoffnungen, mit denen sie +hinueber gingen, Wahrheit geworden, und sehnte sich ihr Herz noch nach dem +Vaterland, wer hinderte sie dann zurueckzukehren zu den theueren Plaetzen, +die ihnen ewig lieb bleiben wuerden in der Erinnerung? + +Dem Professor war es leichter um die Brust geworden, wie er das Eis nur +erst gebrochen. Selbst ueberzeugt von dem was er sprach, wurde er warm, +indem er den Gedanken weiter dachte, und seine Phantasie verlor sich +zuletzt sogar, Luftschloesser aufbauend, zauberschnell in weiter Ferne. Der +Professor ging mit dem Menschen durch, und die leicht geroetheten Wangen +belebte ein eigenes, inneres Feuer. Und die Mutter sass dabei, still und +schweigend, und aengstlich bemueht, in der wiederaufgenommenen Arbeit die +eigene Bewegung zu verbergen. Marie und Anna aber, die des Vaters Haende +erfasst und in den ihren hielten, schmiegten ihre Haeupter an seine +Schultern und fluesterten; die grossen, zu ihm aufgeschlagenen Augen voll +von Thraenen. + +"Genug, genug, Vaeterchen; mal' uns das Alles nicht so praechtig aus -- wohin +Du und Mutter gehn, gehn auch wir, und waer' es mitten hinein in den +wildesten Wald. Kein unzufriedenes Wort sollst Du dabei von uns hoeren, +keine Klage, kein boeses Gesicht weiter -- keine Thraene -- nur die hier sind +uns so ganz von selber ueber die Backen gelaufen, weil wir die Mutter +weinen sahen. Mit Lieb und Lust wollen wir das Leben dort beginnen -- " + +"Und Kuehe und Huehner schaffen wir uns an!" rief Marie, "und die Kuehe +melken wir selber und machen Butter und Kaese." + +"Wie gut," sagte Anna, dass wir im vorigen Jahr auf dem Land bei der Tante +waren, und dort das Alles zum Spass gelernt haben; jetzt wird es uns +nuetzen." + +"Aber nicht wahr, Muetterchen, nun weinst Du auch nicht mehr," rief Marie, +zur Mutter hinuebergleitend, ihren Arm um deren Nacken legend und sie +kuessend -- "drueben wird schon Alles huebsch werden. Und ein paar von den +grossen Holzschuhen nehm' ich mir mit, wie sie die Bauern tragen, fuer +draussen bei nassem Wetter; hei wie wir da herumpatschen wollen und +schaffen und arbeiten; und plaetten thun wir auch selbst, dafuer nimmst Du +kein Maedchen mehr." + +Den frohen, leichten Herzen schwammen schon die gewaltigen Umrisse ihrer +ganzen fernen, so ungewissen Zukunft, in den einzelnen bunten +Kleinigkeiten zusammen, die ihrem Geist, von dem Reiz der Neuheit mit +frischem Duft ueberhaucht, entstiegen. Nur die Lichtpunkte erspaehte der, in +die Ferne arglos hinausschauende Blick, und die goss er sich lustig +zusammen zu einem Ganzen: was dahinter lag, der duestere Hintergrund, den +das erfahrenere Mutterauge wohl erkannt, diente ihnen nur dazu die +einzelnen Lichter staerker hervorzuheben, deutlicher erkennen zu koennen, +und der Himmel spannte sich blau und rein ueber ihren gluecklichen Haeuptern. + + + + + + Capitel 8. + + + DER TANZ IM ROTHEN DRACHEN. + + +Drei volle Monat waren nach den, in den vorigen Capiteln betriebenen +Scenen verflossen, und der Diebstahl im Dollingerschen Hause zu Heilingen, +der eine ganze Woche lang fast das alleinige Stadtgespraech gebildet, wurde +kaum noch erwaehnt. Der vermuthete Dieb (gegen den aber allerdings +nachtraeglich keine weiteren Beweise aufgefunden worden), war zwei Tage +nach dem Sturz von der Bruecke an seiner Kopfwunde gestorben; er hatte die +beiden Tage vollkommen bewusstlos gelegen, und kein Wort mehr gesprochen. +Das uebrige Geld aber -- ausser den zweihundert und einigen Thalern -- wie die +vermissten Pretiosen, konnten, trotz den genausten Nachforschungen nirgends +aufgefunden werden, und hatte er es wirklich gestohlen, so liess sich jetzt +gar nichts Anderes vermuthen, als dass er es irgendwo an einer heimlichen +Stelle vergraben, und ausser Sicht gebracht habe. + +Actuar Ledermann hatte dabei ganze Actenstoesse ueber den Fall geschrieben -- +man wusste wirklich nicht wo er nur den Stoff dazu herbekommen; aber mit +dem ueblichen Canzleistyl wurde die Sache, der jede gruendliche Vorlage +mangelte, nach Moeglichkeit gereckt und ausgedehnt und dann, als sich +Nichts weiter darueber ergab, mit starkem Bindfaden umschnuert und +etiquettirt, um spaeter vielleicht, mit Jahreszahl und Nummer versehn, in +irgend ein staubiges Gefach geschoben zu werden, dort ein Jahrhundert +fortzutraeumen, -- wie der Verstorbene unter dem Rasen, dicht an der +Kirchhofsmauer, an die er, ohne Sang und Klang damals, noch vor Tag, still +und heimlich hinausgeschafft worden. + +Die Geistlichkeit von Heilingen hatte dem Ungluecklichen allerdings sogar +dies "ehrliche Begraebniss" versagen und den Koerper der Anatomie +ueberantworten wollen, da er unter dem Verdacht eines schweren Diebstahls +und gewissermassen als Selbstmoerder seinen Tod gefunden -- was kuemmerte die +stolzen Geistlichen die duldende Liebe die Christus gelehrt, wo _ihre_ +Autoritaet Gefahr leiden konnte gekraenkt zu werden, und sie hatten einmal +verordnet, dass solchen Suendern ein "christliches Begraebniss" versagt werden +solle; aber die Polizei war milder und verstaendiger als die "Diener des +Hoechsten" und erklaerte den Tod des Armen fuer keinen Selbstmord, indem er +nur "auf der Flucht" umgekommen, waehrend wahrscheinlich der ihm +beigegebene Waechter die allerdings unschuldige, und nicht zur +Verantwortung zu ziehende direkte Ursache, seines Todes gewesen sei. + +Aber fort -- fort mit den traurigen Bildern; das menschliche Leben hat der +dunklen Seiten so viele, und sie draengen sich uns doch auf, wohin wir +gehen -- nur der Augenblick gehoeret uns, und nicht muthwillig wollen wir +den Schmerz suchen. So mag mir der Leser denn noch einmal zum rothen +Drachen hinaus folgen -- es dauert vielleicht lange, ehe wir den Platz +wieder zu sehn bekommen -- und dort toent heut froehliche Musik aus dem +hellerleuchteten Saal des grossen Hauses, der mit Guirlanden und Blumen und +jungen Birkenreisern festlich geschmueckt ist, indess ihn eine muntere, laut +und lustig durcheinander wogende Schaar belebt. + +Kaum eine Viertelstunde -- oder eine "halbe Pfeife Tabak", wie die Bauern +sagten -- vom rothen Drachen entfernt, lag Schloss Hohleck an der anderen +Seite des naemlichen Huegelrueckens, das gegenueber liegende Thal +ueberschauend, und der Besitzer desselben, Graf von Hohleck, feierte heute +die Vermaehlung seines aeltesten Sohnes, der dabei das Gut selber uebernahm, +und nun seinen Leuten dem Tag zu Ehren ein Fest "in der Schenke" gab. Bier +und Branntwein waren dabei zu freier Verfuegung gestellt, und ein starkes +Musikchor aus der Stadt engagirt worden, den Leuten die ganze Nacht +hindurch zum Tanze aufzuspielen -- und sie machten Gebrauch davon. + +Aber auch aus Heilingen selber hatten sich eine Menge Gaeste eingefunden, +dem muntern Leben und Treiben der froehlichen Menschen zuzuschauen, und +waehrend der untere Gartensaal einzig und allein den Dienstleuten des +Rittergutes eingeraeumt war, zu dem den Stadtleuten jedoch gastlich der +Zutritt gestattet wurde, hatten sich die letzteren noch besonders in einem +paar der kleineren Stuben festgesetzt, wo sie ihren Wein oder ihr Bier +tranken oder auch eine Parthie spielten, die Zeit auszufuellen. + +Zu den Gaesten aus der Stadt gehoerten auch mehre unserer alten Bekannten, +unter ihnen Kellmann und Schollfeld, zwei Stammgaeste des rothen Drachen. +Ledermann war ebenfalls, wenn auch spaeter, herausgekommen und ihnen hatte +sich noch der Auswanderungsagent Weigel -- sehr zum Aerger Schollfeld's, +der ihn nicht ausstehen konnte -- zugesellt. Weigel blieb aber nicht ruhig +an ihrem Tisch sitzen, sondern ging ab und zu, und hatte sein Glas nur mit +bei ihnen stehn, gewissermassen seinen Platz zu belegen. + +Ledermann war uebrigens heute sehr still und niedergeschlagen, er hatte +sein einziges Kind vor etwa vierzehn Tagen verloren, und schien sich das +sehr zu Herzen zu nehmen, erklaerte auch nur herausgekommen zu sein, sich +ein wenig zu zerstreuen und die Gedanken los zu werden, die ihn in der +Stadt drin peinigten. + +Uebrigens war ihm in den letzten Tagen hoechst unerwarteter Weise eine +kleine Erbschaft von 600 Thalern zugefallen und Schollfeld, der heute +Abend aussergewoehnlich gut aufgeraeumt schien, versuchte jetzt sein Bestes +des Freundes Grillen oder truebe Gedanken ebenfalls zu verscheuchen. + +"Hoeren Sie einmal Ledermann," begann er, mit dem Deckel seines Kruges +klappend und mehr Bier verlangend -- "wie ist denn die Geschichte nun mit +den 600 Thalern? -- beilaeufig gesagt schneiden Sie ein Gesicht dabei, als +ob Sie Schwefelsaeure verschluckt haetten." + +"Er hoert nicht einmal," sagte Kellmann, als der Actuar kein Wort darauf +erwiederte, und die Anrede in der That gar nicht verstanden zu haben +schien -- "Ledermann, Mensch, wo sind Sie jetzt mit Ihren Gedanken, im +rothen Drachen bei Heilingen, im Monde, oder in Amerika?" + +"Wo?" sagte der Actuar, rasch und fast verstoert aufschauend, als aber die +Anderen laut lachten, schuettelte er mit dem Kopf und seinen Krug nehmend +und trinkend sagte er ruhig und ernst: + +"Ach lasst mich zufrieden Kinder -- ich habe den Kopf voll, und bin +wahrhaftig heute Abend nicht zum Spassen aufgelegt." + +"Nicht zum Spassen aufgelegt?" rief aber Schollfeld, Kellmann unter dem +Tisch anstossend -- "ist auch gar nicht noethig mein lieber Actuar -- wir +spassen auch hier gar nicht; Jemand aber, der eine Erbschaft macht und +irgendwo Stammgast ist, ueberkommt dabei die moralische Verpflichtung +irgend etwas zum Besten zu geben, und es bleibt ein Skandal, dass man einen +solchen Glueckspilz auch nur noch daran erinnern muss. Hat der Henker da +wieder den Schleicher, den Weigel," unterbrach er sich aber ploetzlich mit +etwas leiserer Stimme, als er sah wie dieser das Zimmer wieder betrat, und +sich ihrem Tische zuwandte -- "ich hatte schon gehofft wir wuerden ihn heute +Abend los sein; jetzt ist _mein_ Vergnuegen beim Teufel." + +"Nun meine Herren, noch so froehlich beisammen?" sagte Weigel jetzt, indem +er zum Tisch trat -- "ah, da sind ja der Herr Actuar auch noch dazu +gekommen -- bitte behalten Sie ja Platz, ich ruecke ein klein wenig hier +herueber -- so -- das geht vortrefflich. Nun, der Herr Actuar haben in diesen +Tagen ein grosses Glueck gehabt -- da darf man ja wohl gratuliren." + +"Danke herzlich," sagte Ledermann ruhig; "es wird uebrigens so viel von den +paar hundert Thalern gesprochen, als ob's eben so viel Tausende waeren." + +"Ih nun, das lassen Sie gut sein," sagte aber Weigel, mit dem Kopf +schuettelnd -- "sechshundert Thaler richtig angewandt koennten in der That in +kurzer Zeit zu so viel Tausenden werden." + +"Wenn man sich Saechsische Loebau-Zittauer Eisenbahnactien dafuer kaufte, +nicht wahr?" sagte Schollfeld, das Gesicht halb in den ebengebrachten Krug +versteckt, und einen grimmigen Blick ueber den Rand desselben hin, nach dem +Auswanderungsagenten schiessend. + +"Nun das gerade nicht," schmunzelte Herr Weigel, sein Glas ein wenig +weiter auf den Tisch schiebend, und sich die Haende reibend, "da wuesste ich +doch noch eine bessere Speculation." + +"Und die waere," sagte der Actuar, seitwaerts zu ihm aufschauend. + +"Wenn Sie sich eine kleine Farm in Amerika kauften." + +"Puh!" rief Schollfeld, veraechtlich den Kopf abwendend, "jetzt sein Sie so +gut, kommen Sie uns hier nicht mit Ihrer alten Leier von dem verdammten +Amerika, und verderben Sie uns das Bier nicht -- hier ist auch Nichts zu +verdienen, denn von uns geht doch keiner hinueber." + +"Lieber Herr Schollfeld," sagte aber Weigel mit grosser Ruhe, "von _uns_ +weiss noch Niemand was er naechstes Jahr thun wird, und verschwoeren laesst +sich so eine Sache nun einmal gar nicht -- Amerika ist immer noch ein +Zufluchtsort." + +"Ja fuer die Spitzbuben und Hallunken, _da_ haben Sie recht!" rief der +Apotheker. + +"Ne lieber Herr Weigel!" rief aber auch Kellmann jetzt -- "mit sechshundert +Thalern kann ich da drueben auch Nichts anfangen, und bin dann noch +obendrein bei jedem Schritt und Tritt der Gefahr ausgesetzt, dass ich +betrogen und hintergangen werde. Man kann dort ja nicht einmal seinem +eigenen Bruder trauen." + +"Aber mein bester Herr Kellmann, das sind die unglueckseligen Ideen, die +von -- na, ich will keinen Namen nennen -- ausgesprengt werden, um die Leute +blind zu machen, rein blind. Sie sollen eben nicht sehen was fuer +Vortheile, fuer fabelhafte Vortheile dort gerade fuer sie zu Tage liegen, +und die Geruechte von dort veruebten Betruegereien haengen eben als +Vogelscheuche ueber den Erbsen. Wir haben _hier_ eben so viele schlechte +Charaktere wie in Amerika." + +"Ob eben so _viel_, will ich dahingestellt sein lassen," sagte Schollfeld +mit einem nichts weniger als freundlichen Seitenblick auf den Agenten -- +"aber eben so schlechte gewiss." + +"Nun also," erwiederte Weigel freundlich, ohne auf den Hieb einzugehn, ja +im Gegentheil die Waffe laechelnd umdrehend -- "sehn Sie, selber Herr +Schollfeld stimmt mir darin bei." + +"Ja aber nicht wie _Sie_ es meinen!" rief da Schollfeld entruestet, +keineswegs gesonnen sich die Worte so im Munde verdrehen zu lassen. + +"Von den Betruegereien will ich noch gar Nichts sagen," unterbrach ihn aber +Kellmann, ziemlich in Eifer -- "was ich dagegen sehr guten Grund habe zu +bezweifeln, sind die billigen Landkaeufe, sind dabei die Erleichterungen, +welche diese republikanische Regierung allen moeglichen Gewerken und +Unternehmungen bietet, die geringen Taxen, der freie Verkehr und Umsatz im +Innern. Das wird Alles ausgemalt mit Gold und Silber und Himmelblau, und +kommt man am Ende hinueber, so hat man die ganze naemliche Geschichte wie +bei uns. Dass all das nichtsnutzige Gesindel dort ohne _Pass_ herumlaufen +darf, mag wahr sein, das halte _ich_ aber eben fuer keinen Fortschritt." + +"Verehrtester Herr Kellmann!" rief aber Weigel in Eifer -- "gegen +_Thatsachen_ koennen wir doch nicht anstreiten; wir wollen doch nicht blind +und taub mit dem Kopf gegen die naechste, und womoeglich haerteste Wand +rennen? wir sind doch vernuenftige Menschen, aber haben Sie nicht alle die +neueren Schriften jetzt gelesen, die -- " + +"Ach gehn Sie mit Ihren Schmierereien," rief aber Schollfeld, dem das +Gespraech jetzt zur Last wurde, "fuer einen Thaler den Bogen malen ihnen die +lumpigen Literaten selbst die Hoelle himmelblau an, und kleben von oben bis +unten Sterne drueber. Lasst mir jetzt Euer Geschwaetz von Amerika hier, oder +ich stehe, Gott straf mich, auf, und setze mich wo anders hin." + +"Nun, jeder darf sich hinsetzen wo es ihn gerade freut," sagte Weigel, +wirklich etwas beleidigt, obgleich er sonst einen ziemlichen Theil +vertragen konnte. + +"Ja leider," sagte aber Schollfeld, mit wieder einem Seitenblick auf den +Agenten, der diesen doch jetzt vermochte aufzustehn und sein Bier +auszutrinken. + +"Herr Schollfeld," sagte er dabei, "Sie sind in der Stadt als ein +Antiamerikaner bekannt, und ich glaube Sie wuerden den Leuten eher zu einer +Auswanderung nach Sibirien wie nach Nordamerika rathen." + +"Wuerde ich auch," sagte Herr Schollfeld trotzig, sich den Hut noch fester +in die Stirn drueckend. + +"Nun ja, der Geschmack ist verschieden -- Jeder weiss am Besten wohin er +gehoert, und dahin treibt ihn der Instinkt," sagte Herr Weigel +achselzuckend, indem er den Tisch verliess, und Kellmann erwischte eben +noch zur rechten Zeit Schollfeld hinten am Frackzipfel, der aufspringen +und dem sich rasch entfernenden Weigel nach wollte. + +"Aber so fangen Sie hier doch um Gottes Willen keinen Skandal mit dem +Menschen an!" rief Kellmann leise und bittend. + +"Instinkt treibt?" rief aber Schollfeld jetzt, da er sich hinten, +vielleicht gern, gehalten fuehlte -- laut hinter dem Davoneilenden her -- +"Sie wird bald 'was anders treiben Sie -- Sie _Seelenverkaeufer_ Sie!" + +"Pst!" rief aber auch der Actuar jetzt, ihn rasch zu sich niederziehend -- +"Sind Sie denn ganz vom Boesen besessen Apotheker? auf das Wort koennte er +Ihnen, wenn er's noch gehoert haette, die schoenste Injurienklage an den Hals +haengen." + +"S'ist aber wahr -- der Lump!" rief Schollfeld aergerlich, den leeren Krug +zum hastigen Trunk aufhebend, und denselben dann laut auf den Tisch +aufstossend -- "es ist ein Seelenverkaeufer, der Kerl, und um einen Thaler +beschwatzt er das Kind, dass es die Eltern, den Mann, dass er die Frau +verlaesst -- hier Kellner, noch ein Glas Bier. -- Sprecht mir von Raubmoerdern +und Strassenraeubern, gegen die das Gericht einschreitet und ihnen das +Handwerk legt -- allen Respect vor einem Mann, der es den Leuten geradezu +in's Gesicht wirft, "ich _bin_ ein schlechter Kerl -- ich stehle wo ich's +bekommen kann, und wo ich's nicht gutwillig kriege mord' ich auch; aber +solche heimliche Hallunken sind die Upasbaeume der menschlichen +Gesellschaft -- sie vergiften was sie erreichen koennen, und von aussen geben +sie sich das Ansehen eines ehrlichen Baumes und haben gruene Blaetter und +glatte Rinde. Gegen _die_ Schufte sollte eingeschritten werden, nicht mit +Geldstrafen oder Gefaengniss, nein mit Knute und Strang -- +Himmeldonnerwetter, wenn ich da 'was in der Regierung zu befehlen haette." + +"Sie wuerden schoene Geschichten anrichten, kann ich mir etwa denken," sagte +der Actuar trocken, "s'ist so schon manchmal wie's ist. Lassen Sie doch +jeden seinen Weg gehn in der Welt; der liebe Gott weiss wohl wozu's gut +ist. Blutigel sind auch unangenehme Geschoepfe in der Naturgeschichte, und +doch verwendet sie die Natur wieder zu hoechst nuetzlichen und nothwendigen +Zwecken; denken Sie sich so ein Individuum waere ein menschlicher +Blutigel." + +"Dann trink' ich aber nicht mein Bier an einem Tisch mit ihm," rief der +Apotheker. + +"Bah, das ist wieder zu weit gegangen," sagte Kellmann, "viel zu weit +gegangen. 'Was Schlechtes koennen Sie dem Mann ueberhaupt nicht nachsagen, +denn dass er fuer Amerika wirbt, ist einesteils sein Geschaeft, anderntheils +seine Ansicht, und er koennte Ihnen von _seinem_ Standpunkt aus dann +ebensogut wieder vorwerfen, dass Sie eine Menge Menschen absichtlich +ungluecklich machten, die sie von einer Auswanderung nach jenem Lande +abhielten." + +"Unsinn -- baarer Unsinn!" rief aber Schollfeld, unwillig den Kopf herueber +und hinueber werfend -- "Jemand ungluecklich machen, dass man ihm von einer +Auswanderung nach Amerika abraeth, waere gerade so, als ob ich als eines +Menschen Moerder betrachtet wuerde, den ich abhalte aus dem dritten Stock +auf die Strasse zu springen. Aber hol den Lump der Henker," brach er kurz +und aergerlich ab, "ich war so guter Laune und jetzt hat er mir den ganzen +Abend verdorben. -- Nach Sibirien auswandern -- " brummte er dabei, +waehrend er eine neue Cigarre aus der Tasche nahm und sie an dem, auf dem +Tisch stehenden Licht entzuendete -- "Holzkopf der -- nach Sibirien +auswandern -- ich will nur einmal in den Saal gehn und sehn wie sie's da +treiben, dass man auf andere Gedanken koemmt -- ich bin bald wieder da." Und +von seinem Stuhl aufstehend verliess er langsam, und immer noch vor sich +hin murmelnd, das Zimmer. + +Der Actuar stand ebenfalls auf und nahm seinen Hut. + +"Na nu?" sagte aber Kellmann erstaunt -- "was ist das fuer eine Wirthschaft +heut Abend? Schollfeld laeuft fort, Lobsich hat sich gar nicht sehen +lassen, und Sie wollen jetzt auch Fersengeld geben? wo bleibt denn da +heute Abend unser Solo? -- wir koennen doch nicht wie die Pferde zu Bette +gehn, ohne unsere Parthie gespielt zu haben?" + +"Mir ist heute nicht wie spielen," sagte der Actuar, langsam mit dem Kopfe +schuettelnd, "ich habe auch Kopfschmerzen, und an der frischen Luft wird +mir wohl besser werden." + +"Fort duerfen Sie aber noch nicht," sagte Kellmann, indem er sein Bier +austrank, und ebenfalls aufstand, "da wollen wir lieber einmal unten im +Garten auf und ab gehn." + +Der Actuar zoegerte einen Augenblick, dann aber legte er schweigend seinen +Arm in den Kellmann's und beide Freunde gingen mitsammen die Treppe +hinunter. + +Es war indessen vollkommen dunkel geworden, und die Leute hatten sich, des +feuchten Abends, wie des im Saal wogenden Tanzes wegen, meist alle aus dem +Garten hinaus, und in die mehr geschuetzten Raeume der Gebaeude gezogen. Nur +hie und da sass noch irgend ein kosendes Paerchen in einer Laube, oder +schwaermte auch wohl auf dem Vorbau des Gartens nach dem, gerade ueber dem +nebelgefuellten Thal jetzt aufzeigenden Vollmond hinueber, dessen grosse +rothe Scheibe sich gluehend aus den Bergen hob, und das weite, +thaublitzende Thal ueberschaute. + +Kellmann ging ruhig neben dem still vor sich nieder schauenden Freund her, +bis sie den breiten Fussweg der schoenen ebenen Chaussee erreichten, und +eine kleine Strecke derselben hinauf gewandert waren; dann aber blieb er, +diesen zurueck haltend, ploetzlich stehen, und sagte mit freundlichem, +herzlichen Ton: + +"Aber lieber Ledermann, Sie duerfen sich Ihrem Schmerz um das Kind nicht so +ganz und ruecksichtslos hingeben; lieber Gott ich begreife dass es ein +schwerer, recht schwerer Verlust ist, aber Gott hat's gegeben und Gott +hat's genommen, und wer weiss ob dem kleinen lieben Wesen dadurch nicht +vielleicht ein recht truebes und schmerzliches Dasein erspart wurde." + +"Es ist nicht das Kind, Kellmann," sagte aber der Actuar, leise mit dem +Kopf schuettelnd, "nicht der Tod meiner kleinen Adele nagt mir jetzt am +Herzen, obgleich der da oben weiss wie weh er mir gethan -- nein, ich halte +ihn sogar unter den jetzigen Verhaeltnissen, in denen ich lebe, fuer ein +_Glueck_, und es ist _furchtbar_, dass ich gezwungen bin so etwas von dem +Tod meines eigenen, einzigen Kindes zu sagen." + +"Aber was, um Gottes Willen, haben Sie _denn_?" rief Kellmann, verwundert +vor ihm stehen bleibend und ihn anschauend. "Irgend etwas _ist_ +vorgefallen, aber was? -- etwa wieder zu Hause der alte wunde Fleck?" + +Ledermann nickte finster und schweigend mit dem Kopf. + +"Aber was _will_ sie denn eigentlich," rief Kellmann finster die Brauen +zusammen und seinen Arm aus dem des Freundes ziehend, um besser +gesticuliren zu koennen -- "Wetter noch einmal, Ledermann, Sie haetten da +schon lange ernst und entschieden auftreten sollen, die Sache ist jetzt +schon viel zu weit eingerissen, und die Frau bringt sie, wenn das so fort +geht, wahrhaftig noch unter die Erde." + +"Ernst und entschieden auftreten? -- lieber Gott," stoehnte der Actuar +kopfschuettelnd -- "soll ich mir denn die letzte leiseste Hoffnung auf +einen, nur moeglichen Hausfrieden selber muthwillig vernichten? -- _Sie_ +haben gut reden; _Ihr_ Geschaeft ist in Ihrer eignen Wohnung, und Ihre +Erholung gestattet Ihnen, _die_ ausserhalb desselben zu suchen, ich aber +sitze und schwitze den ganzen lieben ausgeschlagenen Tag auf dem +verwuenschten Bureau, und komme ich dann Abends zu Hause, und sehne mich +nach einer halbstuendigen gemuethlichen Ruhe, so beginnt die Frau, und wenn +sie eine Ursache aus der Luft greifen sollte, mir das Leben zu einer Hoelle +zu machen. Lieber Gott, es fiele mir ja gar nicht ein Abends in ein +Wirthshaus zu gehn, wenn ich Frieden daheim haette; es giebt vielleicht +wenig Menschen in der Welt, die sich so nach einem stillen, haeuslichen +Leben sehnen, wie gerade ich, und keinen, Kellmann, keinen weiter, dem es +_so_ verbittert, so gaenzlich aus dem Fenster geworfen wird, jeden Abend +wieder von Frischem, wie gerade mir." + +"Aber was ist denn nur vorgefallen?" + +"Das Ganze ist mit wenig Worten erzaehlt," sagte der Actuar nach kurzer +Ueberlegung entschlossen, "und Sie sollen mir rathen, wie ich im Stande +bin mich einem Zustand zu entziehn, der mir unertraeglich wird. Sie haben +gehoert dass ich von einem entfernten Verwandten sechshundert Thaler geerbt, +die ich in den naechsten Wochen ausgezahlt bekomme. Das Vernuenftigste nun +waere das Geld in irgend einem _sichern_ Staatspapier, oder in guten Actien +anzulegen, und mit den wenigen, aber gewissen Zinsen meinen, ueberdies +aermlichen Gehalt zu erhoehen -- ich habe fuenfhundert Thaler jaehrlich und +weiss bei Gott oft nicht wie ich auskommen soll." + +"Nun gut, das ist ja Alles so schoen und glatt wie es nur sein kann." + +"Jawohl, aber meine Frau besteht darauf das Capital ihrem Bruder geben zu +wollen, der ein Geschaeft hat und mir _fuenf_ Procent verspricht." + +"Ih nun, wenn es da sicher angelegt ist -- fuenf Procent waere aller Ehren +werth." + +"Aber es _ist_ nicht sicher angelegt; der Bursche ist ein liederlicher +leichtsinniger Mensch, der schon einmal Bankerott gemacht hat und -- wie +ich ziemlich guten Grund habe zu vermuthen -- an der Grenze eines zweiten +steht." + +"Ahem," sagte Kellmann nachdenkend. + +"Geb ich _ihm_ das Geld," fuhr der Actuar fort, "so ist es ueber Jahr und +Tag, so sicher wie dort drueben der Mond aufgeht, verloren, und geb' ich es +ihm _nicht_, so weiss ich dass mir die Frau zu Hause den eignen Heerd zur +Hoelle macht." + +"Aber Donnerwetter, Ledermann, nehmen Sie mir das nicht uebel," sagte +Kellmann stehen bleibend, "da wuerde ich denn doch einmal einen Trumpf +darauf setzen und mein Recht als Mann und Herr im Hause wahren; nur durch +Ihr ewiges Nachgeben haben Sie die Geschichte schon so, in Grund hinein +verdorben." + +"Aber was _soll_ ich thun?" rief der Actuar verzweifelnd -- "mit Worten +_kann_ ich nicht gegen sie anstreiten, nicht sechs Maenner koennten das; in +Ruhe und Guete ist Nichts anzufangen mit ihr, und schlagen darf und will +ich sie ebenfalls nicht." + +"So lassen Sie sich scheiden, zum Wetter noch einmal;" rief Kellmann, +"lieber doch eine trockne Brodrinde kauen, als mit solchem Drachen das +ganze Leben, eine ganze Existenz, muehselig und qualvoll hinzuschleppen." + +"Heute Abend zum ersten Mal," sagte der Actuar seufzend, "habe ich ihr +selber damit gedroht; ich habe ihr vorgehalten, dass sie sich mit mir nicht +gluecklich fuehlen _koenne_, weil sie fortwaehrend, und ohne auch nur einen +einzigen Tag Frieden zu gestatten, zanke, und das Beste sein wuerde, wir +liessen uns, einem Leben zu entgehen das auf die Laenge der Zeit doch nicht +durchgefuehrt werden koenne, gerichtlich scheiden." + +"Nun? -- und was hat sie darauf erwiedert?" + +"Ich bin fortgelaufen," sagte der Actuar, seufzend den Kopf von dem Freund +abwendend, "denn sie wurde -- sie wurde so heftig, und betrug sich -- betrug +sich so unvernuenftig, dass ich mich vor den Nachbarn schaemte, und lieber +Hut und Stock nahm, den Frieden wieder, wie schon so oft, auswaerts zu +suchen." + +"Also sie weigert eine Scheidung?" + +"Sie schwur sie wolle mir die Augen auskratzen, wenn ich noch einmal ein +derartiges Wort erwaehne, zerbrach dann in ihrer Wuth Gott weiss was Alles, +und -- ich glaube sie bekam nachher Kraempfe -- ihr altes Leiden. Erst hatte +ich gehofft der Tod des Kindes wuerde sie milder stimmen, aber nein, und +wenn mich etwas ueber den Verlust des kleinen lieben Wesens troesten koennte, +so ist es gerade der Gedanke, es dem boesen Beispiel, das ihm die eigene +Mutter taeglich gab, entrissen zu sehn -- was haette zuletzt aus ihr werden +sollen, als eben eine solche Frau." + +"Und so ist gar keine Hoffnung, mit Guete durchzukommen? -- " + +Der Actuar schuettelte schweigend mit dem Kopf. + +"Hm, das ist eine verfluchte Geschichte," sagte Kellmann, "da -- da weiss +ich wahrhaftig auch nicht was ich rathen soll. Das Geld vertraute ich aber +-- wenn die Sache _so_ steht -- meinem Schwager auch nicht an, soviel ist +sicher -- Sie sind das sich selber und Ihrer eigenen Existenz schuldig." + +Der Actuar seufzte tief auf und die beiden Maenner gingen wieder eine +Zeitlang, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschaeftigt, nebeneinander +hin. Sie waren indess die Strasse ein Stueck hinauf- und wieder +zurueckgegangen, und blieben jetzt mehre Minuten nicht weit von dem Eingang +des Gartens stehn, den Ruecken diesem, und ihr Gesicht dem sich gerade ueber +die Berge hebenden Monde zugewandt, als ein junges Maedchen, noch ein Kind +fast und augenscheinlich auf der Wanderung, ganz allein mit einem kleinen +Buendel in der linken Hand, und einem grossen dunklen Tuch ueber dem rechten +Arm, die Strasse herunter kam und ziemlich dicht an ihnen vorueberging. So +viel sie im Mondenlicht erkennen konnten, war sie nur aermlich gekleidet, +und auch wohl ermuedet von einem vielleicht langen Marsch, denn sie blieb +zweimal stehen und trocknete sich dabei den Schweiss von der Stirn. + +Das zweite Mal als sie Halt machte geschah das fast dicht vor den beiden, +hier im Schatten eines Hollunderbusches stehenden Maennern, die sie im +Anfang gar nicht bemerkte, und sie schien den Toenen zu lauschen die aus +dem etwa zweihundert Schritt davon gelegenen hellerleuchteten Gartenhaus +wild und lustig heraustoenten. + +"Froehliche Menschen," fluesterte sie dabei -- "_Glueckliche_;" wie sie aber +den Kopf dem Lichte zuwandte, fiel ihr Blick auch auf die beiden dunklen +Schatten unter der Mauer, und wie unwillkuerlich fuhr sie zurueck; dabei +glitt ihr das Buendel aus der Hand und fiel zu Boden. + +"Wir thun Dir Nichts, Kind," sagte Kellmann, der die Bewegung gesehen +hatte, gutmuethig; "wo willst Du denn noch so spaet hin?" + +"Nach Heilingen," antwortete das fremde Maedchen, ihr Buendel wieder +aufnehmend -- "ist es noch weit bis dorthin?" + +"Eine halbe Stunde etwa, wenn Du ruestig zugingst; aber Du scheinst muede zu +sein und wirst wohl laenger brauchen." + +"Ich komme weit her," sagte die Fremde, aber sie zoegerte dabei und es war +als ob sie noch nach irgend etwas fragen oder um etwas bitten wolle, und +sich auch wieder scheue es zu thun. + +"Du bist wohl hungrig, Kind?" frug sie da Kellmann, dessen gutes Herz ihn +zu helfen draengte, wo das in seinen Kraeften stand -- "sag's gerad' heraus; +und wenn Du kein Geld hast macht das nichts, ich schaffe Dir was." + +Das Maedchen schwieg und drehte seufzend den Kopf ab und Kellmann, dem +richtigen Princip der Gastlichkeit und Menschenliebe treu, nicht viel zu +fragen erst, wo man gern giebt, sagte ihr sich einen Augenblick auf die +kleine Bank am Thor zu setzen, und er werde ihr einen Imbiss holen -- sie +koenne dann Heilingen bald erreichen. Ohne erst eine Antwort abzuwarten +ging er darauf rasch in's Haus, und das Maedchen zoegerte noch einen +Augenblick und folgte dann, augenscheinlich zum Tod ermuedet, der +freundlichen Einladung. + +"Du kommst weit her?" sagte der Actuar endlich, der neben ihr stehn +geblieben, im Anfang aber noch zu sehr mit seinen eigenen Gedanken +beschaeftigt war, viel auf die Fremde zu achten. + +"Von Erfurt." + +"Von Erfurt? hm -- das ist eine lange Strecke; zu Fuss den ganzen Weg?" + +"Ja." + +"Und willst in Heilingen bleiben?" + +"Ich weiss es noch nicht." + +"Hast Du Verwandte dort?" + +"Einen Bruder." + +"Hast Du denn einen Pass bei Dir?" + +"Ja," sagte das Maedchen und holte, mit einem scheuen Blick auf den Frager, +ihr kleines Buendel vor, das sie Miene machte aufzuknuepfen, der Actuar +aber, der die Bewegung verstehen mochte, sagte rasch: + +"Nein nein -- lass nur sein -- ich will ihn nicht sehen -- ich frug nur +Deinethalben, damit Du hier in der Stadt in keine Verlegenheit kaemest. Da +ist auch Freund Kellmann schon mit dem Essen -- nun lass Dir's schmecken." + +"Da," sagte der kleine Kuerschner, der schnellen Schrittes mit einem grossen +gestrichenen Weissbrod und einem hohen Glas Milch herankam und es der +Fremden reichte -- "das wird Dir gut thun." + +Das junge Maedchen nahm das Glas mit schuechternem Danke an und trank -- erst +ein wenig, dann aber herzhafter -- sie mochte wohl recht durstig gewesen +sein. Wie sie fertig war setzte sie das Glas auf die Bank zurueck und nahm +ihr Buendel wieder auf. + +"Ich danke Ihnen auch noch viel tausend Mal," sagte sie dabei mit weicher, +ergriffener Stimme -- "ich hatte seit heute Morgen Nichts gegessen und war +recht matt geworden." + +"Armes Kind," sagte Kellmann mitleidig -- "aber hast Du denn schon einen +Platz in der Stadt wo Du uebernachtest?" + +"Ja," sagte die Kleine -- "ich denke so -- koennen Sie mir aber wohl noch +sagen ob das Haus des reichen Herrn Dollinger nahe am Thore ist, oder weit +in der Stadt drin?" + +"Dollinger's Haus? oh nicht so weit in der Stadt drin -- aber was willst +Du dort?" + +"Mein Bruder ist in Herrn Dollinger's Geschaeft -- wohnen auch die Leute bei +ihm im Hause?" + +"Nicht dass ich wuesste," sagte Kellmann. + +"Aber man kann es doch dort erfahren wo sie wohnen?" + +"Gewiss -- gleich unten im Haus bei dem Hausmann; frage nur nach der +Poststrasse, wenn Du in's Thor kommst." + +"Gute Nacht Ihr Herren, und nochmals schoensten Dank -- Gott mag es Ihnen +vergelten." + +"Gute Nacht Kind, guten Weg," sagte Kellmann, "aber -- wie heisst denn Dein +Bruder?" + +"Franz Lossenwerder," sagte das Maedchen und ging langsam die Strasse hinab. + +"Oh Du mein Gott," rief der Actuar leise und erschreckt vor sich hin, wie +er den Namen hoerte -- "das ist ja schrecklich." + +"Du lieber Gott, das arme Ding muss von dem Schicksal des Bruders gar +Nichts wissen," seufzte auch Kellmann -- "und wenn sie das jetzt heute +Abend erfaehrt -- o wo wird sie nur die Nacht bleiben?" + +"Armes, armes Kind," sagte der Actuar, "und selbst ohne Geld in der +fremden Stadt." + +"Ich geb' ihr etwas," rief Kellmann, rasch entschlossen, und eilte "heh! -- +pst!" rufend die Strasse hinab dem Maedchen nach, das stehen blieb und nach +Buendel und Tuch fuehlte als sie den Ruf hoerte, weil sie glaubte dass sie +vielleicht etwas vergessen haette. + +"Liebes Kind," stotterte aber Kellmann verlegen, als er sie eingeholt, +denn er konnte es nicht ueber's Herz bringen ihr die Wahrheit zu sagen -- +"ich -- ich kenne Deinen Bruder, aber -- er ist jetzt nicht in Heilingen -- +Du -- Du wirst es morgen schon hoeren, und im Dollingerschen Hause koennen +sie Dir auch heute nichts weiter sagen, es ist sogar sehr die Frage ob der +Mann unten im Haus noch auf ist. Gleich wenn Du in's Thor hineinkommst, +das dritte Haus an der rechten Seite, vor dem die beiden Laternen stecken, +ist ein Gasthaus -- ein gutes anstaendiges Haus, wo sie Dir Quartier geben +werden -- da gieb ihnen diese Karte, der Wirth kennt mich, und sage ihm nur +ich haette Dich hingeschickt." + +"Aber bester Herr," sagte das Maedchen bestuerzt, als ihr der gutmuethige +Kuerschnermeister mit der Karte zwei grosse Stuecken Geld -- es waren zwei +Thaler -- in die Hand drueckte -- "ich weiss gar nicht -- " + +Kellmann liess sie aber gar nicht zu Worte kommen. + +"Schon gut -- schon gut," rief er, drehte sich um, und kehrte, das Maedchen +allein auf der Strasse zuruecklassend, eben so rasch nach dem Platz zurueck, +wo der Actuar noch seiner harrend stand. + +"Haben Sie es ihr gesagt?" frug dieser ihn. + +"Nein -- um Gottes Willen nein; das moegen Andere thun, _ich_ koennte es +nicht." + +"Aber was soll jetzt aus ihr werden?" + +"Ich werde mich im Loewen schon nach ihr erkundigen," sagte Kellmann nach +kurzer Ueberlegung -- "und wenn es ein ordentliches Maedchen ist, hab ich +Bekannte genug hier in der Stadt, ihr einen Dienst zu verschaffen. Aber +wie ist es denn mit der Lossenwerderschen oder Dollingerschen Geschichte +geworden? ist denn noch etwas von dem gestohlenen Gut zu Tage gekommen? -- +man hoert ja keine Sterbenssylbe mehr darueber." + +"Nichts -- gar nichts weiter," sagte der Actuar; "im Gegentheil hat der +arme Teufel von Lossenwerder ein kleines Tagebuch gefuehrt gehabt, was sich +unter den confiscirten oder mit Beschlag belegten Sachen fand, und worin +er jeden bis dahin eingenommenen Groschen sorgfaeltig und ordentlich, mit +seinen hoechst bescheidenen Ausgaben, aufnotirt. Das aber als gueltig +angenommen -- und wir haben nicht die mindeste Ursache es zu bezweifeln da +es fast zwoelf Jahre zurueckfuehrt -- waere im Gegentheil der Beweis geliefert +dass die aufgefundenen zweihundert Thaler muehsam und redlich gespartes Geld +gewesen waeren." + +"Und _kein_ anderer Beweis hat sich gegen ihn herausgestellt?" + +"Keiner, als dass er im Hause war und sich auffaellig heimlich daraus +entfernt hat; aber auch selbst das findet nach den Acten eine +wahrscheinliche, wenn auch etwas wunderliche Erklaerung. Nach einer Zahl +vieler hoechst mittelmaessiger, oft aber auch ziemlich guter Gedichte, in +denen sich besonders viel Gemueth ausspricht, scheint der arme verwachsene +und huelflose Mensch eine Art von -- Liebe -- ich kann es nicht anders +nennen, gegen Dollinger's juengste Tochter und Henkel's Braut in seinem +unschoenen Koerper mit herumgetragen, und nur, seinen Standpunkt gar wohl +erkennend, den einzelnen, in seinem Pult verschlossenen Blaettern +anvertraut zu haben -- doch das unter uns. Diese unglueckselige und +hoffnungslose Neigung _kann_ ihn moeglicher Weise dazu getrieben haben, dem +jungen Maedchen zu ihrem Geburtstag einen Blumenstock zu schenken -- er hat +sogar ein Gedicht geschrieben was den Punkt beruehrt, und worin er sich +gluecklich fuehlt dass sie eine Blume pflegen koennte die er gezogen, wenn sie +auch nicht wuesste von wem sie kaeme. Dass er unter solchen Umstaenden nicht +wollte im Hause gesehen sein laesst sich denken, und ein Diebstahl in ihrem +eigenen Zimmer verliert, diesen Thatsachen gegenueber, an +Wahrscheinlichkeit, wenn er auch nicht eben zu einer Unmoeglichkeit +gehoerte. Das Menschenherz ist schwach, und Mancher schon ist geringerer +Verfuehrung erlegen." + +"Hm, hm, hm," sagte Kellmann vor sich hin -- "das ist ja eine rechte, +rechte boese Geschichte, und der arme Teufel da am Ende ganz und gar +unschuldig in sein Verderben gesprungen." + +"Ja, und eine Sache die mir selber schon manche schlaflose Nacht gemacht +hat," sagte der Actuar, "denn ich _kann_ den Gedanken nicht los werden, +welchen Antheil ich selber daran gehabt, den Ungluecklichen dahin zu +treiben -- obgleich ich eben nicht mehr als meine Pflicht gethan, und an +einen solchen verzweifelten Schritt nicht denken konnte; war er +unschuldig, haette sich das ja bald in der Untersuchung herausgestellt." + +"Ja, und die Untersuchung rechnet Ihr Herrn vom Gericht eben fuer Nichts," +sagte Kellmann finster -- "aber wenn das sein erspartes, und Gott weiss dann +_wie_ muehsam erspartes Geld war, wird es doch auch seinen Erben nicht +koennen vorenthalten werden." + +"Die Untersuchung ist noch nicht ganz geschlossen," sagte der Actuar, +"aber ich glaube auch nicht dass irgend Jemand anders einen Anspruch darauf +wird geltend machen koennen. Diese Schwester erwaehnte er ueberhaupt mehrmals +in seinen Notizen, und hat sie auch dann und wann unterstuetzt, das Geld +wird ihr spaeter allerdings zugesprochen werden." + +"Und keine Spur ist sonst aufgefunden von dem moeglichen, von dem +wirklichen Dieb?" + +"Keine -- die Dienstboten sind Alle mehrmals scharf inquirirt und auf das +Genauste die ganze Zeit beobachtet, zu sehen ob eins von ihnen vielleicht +groessere Ausgaben als gewoehnlich mache, oder sich durch irgend etwas +anderes verrathen wuerde; ja die Leute haben untereinander fast eben so +scharfe Wacht gehalten, den Verdacht von sich abzuwaelzen und den +Schuldigen aufzufinden, aber es hat sich bis jetzt nicht das Mindeste +herausstellen wollen. Mit Geld ist das eine boese Sache, und wenn der Dieb +die Juwelen nur vorsichtig ein paar Jahr an sich haelt, und dann vielleicht +noch gar ausser Landes schafft, wer soll ihn da aufspueren? allwissend sind +wir auch nicht." + +"Das weiss Gott," sagte Kellmann -- "wie damals mit der Pelzdecke, die mir +Jemand von der Ladenthuer weggestohlen, und die ich zwei Jahr spaeter ganz +gemuethlich im Polizeibureau, beim Polizeidirector selber in der Stube +wiederfand; da hoert denn doch Alles auf. Aber mir ist wahrhaftig jetzt +nicht wie spassen zu Muth; der Anblick des armen Maedchens hat einen +wehmuethigen Eindruck auf mich gemacht; lieber Himmel, was es doch fuer +Elend auf der Welt giebt, und still und bewusstlos gehen wir meist daran +vorueber." + +"Und die Musik da drinnen, waehrend das arme Kind dort allein und freundlos +seine Strasse geht, und trotzdem jetzt noch gluecklich ist gegen den +Augenblick, wo es das Furchtbare doch erfahren _muss_. Mich leidet's heute +nicht laenger hier draussen, Kellmann," brach er kurz ab -- "ich mag die +Tanzmusik nicht hoeren -- wollen wir zurueck in die Stadt gehn? es ist +ueberdies schon spaet." + +"Ich habe Nichts dagegen," sagte Kellmann, tief aufseufzend -- "mir ist +der Abend heute auch verdorben, aber wir wollen Schollfeld erst abrufen." + +"Da drin ist wohl Pruegelei?" sagte da Ledermann, als aus dem Hause wilder +Laerm zu ihnen heraus toente. + +"Das waere frueh," meinte Kellmann -- "die kommt gewoehnlich sonst erst +spaeter, oder ganz zum Schluss. Es ist doch sonderbar, dass ein deutscher +"Tanz" nie ohne eine Schlaegerei enden kann; es scheint auch ungefaehr +dasselbe, wie der Cotillon bei einem Ball, nur dass sich die jungen Maedchen +nicht dabei betheiligen -- hoechstens verheirathete Frauen, ihre Eheherren +zu schuetzen, und die Verwirrung womoeglich noch groesser zu machen -- hallo +aber das kommt hier heraus." + +"Sie werden Jemanden hinauswerfen," sagte der Actuar ruhig -- "lassen Sie +uns an die Seite treten dass wir nicht in das Gewirr gerathen." + +Der Actuar hatte allerdings recht, denn unter dem Lachen, Schreien und +Jubeln der Menge, durch das einzelne wilde Flueche einer, ihnen keineswegs +unbekannten Stimme toenten, waelzte sich ein Haufen Menschen aus dem Saal +heraus, in der Mitte einen Mann schleppend, der sich mit Haenden und Fuessen, +wenn auch umsonst, gegen solche unwuerdige Behandlung straeubte, und in dem +die beiden Freunde sehr zu ihrem Erstaunen den Auswanderungsagenten Weigel +erkannten. + +"Lasst mich los!" schrie dieser dabei, mit den wildesten, ungemessensten +Fluechen und Schimpfreden -- "lasst mich los oder ich rufe die Polizei -- +Huelfe! -- Moerder! Feuer!" + +"Bruell nur mein Herzchen!" sagte aber der Verwalter von Hohleck, eine +riesige breitschultrige Gestalt, der den machtlos dagegen Ankaempfenden wie +in einer eisernen Klammer am Kragen gepackt hielt -- "Dich koennten wir hier +brauchen, die Leute heimlich beschwatzen dass sie Hof und Dienst verlassen +und nach Amerika liefen -- ei Du Hallunke, Du kommst mir einmal wieder vor +die Faeuste." + +"Halt da -- Hohmeier! lasst ihn los!" rief aber in diesem Augenblick eine +andere, etwas schwer klingende Stimme, die dem also Gefaehrdeten zu Huelfe +zu eilen schien -- "der hier -- Homeier -- der hier ist mein Freund -- mein +ganz intimer Freund und den lass ich mir -- Homeier, den lass ich mir nicht +aus dem Hause werfen." + +Es war Niemand anderes als der Wirth, Lobsich, selber, aber, wie es die +Seeleute nennen, "halb im Wind", mit schwerer Zunge und schon etwas +taumelndem Gang, dass sich der Zustand in dem er sich befand, nicht gut +verkennen liess. Er versuchte dabei den Agenten zu halten und aus den +Haenden derer die ihn gefasst hatten fortzuziehn; Hohmeier, der Verwalter +schob ihn aber mit seinem linken Arm bei Seite, als ob es ein Kind gewesen +waere, und sagte ruhig: + +"Geht zu Bett Lobsich, das waer' Euch viel besser heut Abend, aber mischt +Euch nicht in Sachen die Euch Nichts kuemmern." + +"Nichts kuemmern?" rief aber der Wirth gereizt, indem er den Verwalter mit +grossen stieren Augen ansah -- "nichts kuemmern _Hoh_meier? -- oh _Hoh_meier +wem gehoert denn dies Haus, heh? -- nichts _kuemmern_? wem gehoert denn der +rothe Drache, heh, _Hoh_meier." + +Die Schaar war indessen bis grade dorthin gekommen, wo Kellmann und der +Actuar standen, und wo sie den Agenten zwischen zwei ziemlich nah zusammen +wachsenden Akazienbaeumen durchtragen wollten als dieser, solche letzte +Gelegenheit vielleicht, benutzend, Arm und Beine auseinanderspreitzte, dass +sie ihn nicht hindurchbringen konnten, waehrend er von Neuem sein "Huelfe! +Moerder! Feuer!" aus voller Kehle schrie. + +"Wenn ihm nur Jemand die Beine ausheben wollte!" sagte Herr Schollfeld, +der ein hoechst vergnuegter Zeuge der Scene war, ohne jedoch seines +schwaechlichen Koerpers wegen selber Theil daran zu nehmen, jetzt +wohlmeinend. Ein paar Knechte vom Hof, die ihren Verwalter in seinem +Richteramt unterstuetzten, liessen sich das auch nicht zweimal sagen, und +der wuethend, aber vergebens dagegen Antretende fand sich bald in der +vollkommnen Gewalt der Leute, ohne im Stande zu sein auch nur den +geringsten erfolgreichen Widerstand zu leisten. + +"Heh _Hoh_meier!" schrie aber Lobsich, der sich indess durch die im Garten +stehenden Stuehle und Tische wieder nach vorn gedraengt hatte den Mann frei +zu machen, von dem er sich ploetzlich einbildete dass er sein Freund sei, +"lasst mir den Menschen los, sag ich Euch _Hoh_meier -- Donnerwetter ich +will doch einmal sehn wer hier in meinem eigenen Hause zu befehlen hat. +Ihr oder ich -- _Hoh_meier. Es ist mir doch was Unbedeutendes!" Er schien +sich auch in der That den Leuten entgegenwerfen zu wollen; im Vorspringen, +und das viele Getraenk im Kopf, blieb er aber mit dem einen Fuss in einer +dort stehenden Fussbank haengen, und schlug der Laenge lang in den Garten, +waehrend die Knechte den jetzt wuethend um sich schlagenden Agenten rasch +aufgriffen und, lachend ueber des Wirthes Unfall, aus der Gartenthuer auf +die Strasse warfen. + +Ein furchtbarer Laerm entstand jetzt, die Leute jubelten und lachten, und +erzaehlten sich untereinander wie der "Auswanderungsmann" einen +Schaafknecht vom Gut haette bereden wollen als "Schaafmeister" nach Amerika +auszuwandern, und vom Verwalter dabei erwischt waere, und der +"Auswanderungsmann" stand vor dem Gartenthor und schimpfte und wuethete, +bis einer der Knechte das Schloss wieder aufdrueckte und hinaus und ihm nach +wollte, und dann auf der Chaussee stehen blieb und hinter dem davon +Laufenden herfluchte, und Steine hinter ihm drein warf. + +Drinnen im Saal toente die Musik aber wieder rauschender als vorher, und +die jungen Burschen durften die Zeit hier nicht laenger im Garten +versaeumen. Waehrend die aber wieder in den Saal draengten, Taenzerinnen zu +bekommen, und Schollfeld von Kellmann angerufen war, mit ihnen zurueck nach +der Stadt zu gehn, blieb Lobsich noch im Garten, an dessen Thuere er trat, +und nach der Strasse hinaus mit lauter und immer aergerlicher werdender +Stimme Weigel's Namen schrie. Lobsich war jedenfalls stark angetrunken und +wollte sehr wahrscheinlich den Mann zurueck holen, um ihm jetzt ernstlich +beizustehn und den Skandal noch einmal von Neuem zu beginnen. + +Die drei Freunde hielten sich dabei im Schatten eines dichten +Fliederbusches, von dem aufgeregten und jetzt doch nicht +zurechnungsfaehigen Menschen nicht bemerkt zu werden, und dann unbelaestigt +den Garten zu verlassen, als Lobsich's Frau, die das Toben ihres Mannes +wohl im Haus gehoert, von dort her und den Mittelweg herunter eilte. Ohne +dass er sie bemerkte kam sie auch bis dicht an ihn hinan, und hier seinen +Arm ergreifend sagte sie mit leiser, bittender Stimme. + +"Lobsich -- Vater -- komm sei vernuenftig, lass das Schreien und Toben hier +auf der Landstrasse und geh zu Bette -- thu _mir's_ zu Liebe Lobsich, wenn +ich Dich darum bitte." + +"Lassmchfrieden," stammelte aber der Betrunkene mit schwerer Zunge und +suchte sie von sich abzuschuetteln -- "lass mchfrieden sag ich -- Dnrrwttrrr -- +ich weiss -- ich weiss was ich ss -- se thun habe -- " + +"Aber Lobsich, ich bitte Dich um Gottes Willen," fluesterte die Frau in +Todesangst -- "Du machst Dich und mich ungluecklich wenn Du Dich nicht +aenderst -- was soll daraus werden?" -- + +"Lassmch -- frieden," stammelte aber der Mann, sie unwillig von sich +abschuettelnd, aber er verliess den Thorweg wenigstens und taumelte durch +den Garten fort, seitwaerts vom Hause ab -- "Weibervolk," murmelte und +fluchte er dabei -- Himmelsakkrments Weibervolk -- Unsinn -- violettblaues -- +ist mir doch -- ist mir doch was Unbe -- Unbedeutendes -- " und er +verschwand damit hinter den Bueschen. Die Frau aber blieb, den Ellbogen auf +das Thuerschloss gestuetzt und das Gesicht in den Haenden bergend, allein +zurueck, richtete sich aber rasch wieder auf, als sie Schritte auf sich +zukommen hoerte, und wollte nach dem Haus zurueck. + +"Frau Lobsich," sagte Kellmann, der es war, gutmuethig, ja fast herzlich -- +"macht denn das Lobsich jetzt oefter dass er so ueber die Schnur haut?" + +"Ach Sie sind es Herr Kellmann," sagte die arme Frau beruhigt. "Lieber +Gott, ich weiss meinem Herzen keinen Rath mehr, wenn er's so fort treibt; +wie soll das enden?" + +"Aber ich habe Ihren Mann so doch noch in meinem Leben nicht gesehn," +sagte Kellmann verwundert. + +"Ach ja," seufzte die Frau -- "es ist nicht das erste Mal, aber ich habe +immer gesucht es so viel als moeglich zu verheimlichen, es giebt gar solch +ein boeses Beispiel fuer die Leute. Es sind auch eigentlich nur einige +Wochen erst dass er so scharf zu trinken anfaengt. Lieber Gott, im Kopf hat +er frueher schon manchmal eins gehabt, aber er artete doch nie aus, jetzt +jedoch geht der Spiritus mit ihm durch, und er wird zum Thier. Ach guter +Herr Kellmann, wenn Sie einmal ein recht ernstes aber doch freundliches +Wort mit ihm sprechen wollten; auf Sie haelt er etwas. Mir verspricht er's +wohl auch," setzte sie leiser hinzu, "aber -- er vergisst es immer nur zu +rasch wieder." + +"Ich will mein Moeglichstes mit ihm versuchen, Frau Lobsich," sagte +Kellmann freundlich -- "aber," setzte er rascher und leiser hinzu -- "dort +glaub' ich kommt er schon wieder zurueck, es wird besser sein wenn Sie +versuchen ihn heute Abend zu Bett zu bringen; mit einem betrunkenen +Menschen laesst sich Nichts anfangen." + +"Na? -- Donnrrwttrrr," stammelte aber in diesem Augenblick der Wirth, der +auf seinem Zickzack Cours wieder nach der Thuer zurueckkam, und die Arme +einstemmend einen, wenn auch vergebenen Versuch machte, mit gespreitzten +Beinen vor seiner Frau stehen zu bleiben -- "Dnnrrrwttrrr," wiederholte er, +herueber und hinueber schwankend -- "was's das vor Wirthschaft heh? wo gehoert +die -- gehoert die Frau hin, heh? -- in die Hofthuer mit fremden Kerlen +schwatzen heh? -- ist mir doch -- ist mir doch was Unbe -- Unbedeutendes." + +"Aber lieber Lobsich," nahm hier der jetzt auch hinzugetretene Schollfeld +das Wort, "sein Sie doch vernuenftig und gehn Sie -- " + +"Hallo?" rief aber der Wirth, sich halb nach dem Redner herumdrehend, in +dessen hell vom Mond beschienenen Zuegen er den Apotheker erkannte -- "sin' +wir auch hier? heh? -- haben auch mit g'holfen mein' besten Freund -- mein' +besten Freund mit hinaus zu werfen -- heh? Sie -- Sie Giftmischer Sie -- Sie +-- " + +"Herr Lobsich!" rief Schollfeld aergerlich, "Sie sind heute nicht +zurechnungsfaehig, sonst -- " + +"Was? -- Pillendreher will noch -- will noch raiss -- raiss'niren -- heh?" +rief aber der gereizte Wirth und that einen Schritt gegen den Mann an. + +"Aber Lobsich so bedenke doch um Gottes Willen was Du sprichst," bat ihn +die Frau, seinen Arm ergreifend -- "komm mit mir in's Haus -- wir haben +noch so viel zu thun." + +"Viel zu thun? -- heh? -- habe keine Zeit mehr heut Abend -- hickup" -- +stammelte aber der Mann gegen den Schlucken ankaempfend -- "muss noch -- muss +noch -- hickup -- muss noch Wein abziehn und -- und Bier trinken -- hickup -- +und -- und hahahahaha -- da ist -- da ist ja die ganze Gesellschaft -- ja wohl +-- hickup -- ja wohl, komme schon -- komme schon meine Herrn -- Lobsich ist +immer da -- ein verfluchter Kerl, der -- der -- hickup -- der Lobsich -- ist +mir doch -- ist mir doch was Unbedeutendes;" -- und in einer unbestimmten +Idee dass ihn vom Haus aus Jemand gerufen haette, wobei er seine Umgebung +ganz vergass, taumelte er dem Saal wieder zu, wohin ihm die Frau aengstlich +folgte. Sie musste ihn ja zurueckhalten, dass er so seinen Gaesten und Leuten +nicht wieder unter die Augen kam. + + + + + + Capitel 9. + + + RUeSTUNGEN. + + +"Nach New-Orleans!" + +"Das ausgezeichnet schoene, 360 Last grosse, schnellsegelnde, kupferfeste +und gekupferte dreimastige Bremer Schiff erster Klasse: + +_Die Haidschnucke_, Capitain _E. Siebelt_, mit vorzueglicher Gelegenheit +fuer Cajuets- und Zwischendecks-Passagiere -- wird am 30. August expedirt. + +Agent dafuer, I. G. Weigel, + +Hauptagent des Central-Bureau's fuer Norddeutsche Auswanderung in +Heilingen, am Markt Nr. 17." + +Diese Anzeige stand am Morgen nach den, im letzten Capitel beschriebenen +Vorfaellen im Heilinger Tageblatt, und Dr. Haide, der Redacteur desselben, +hatte die Gelegenheit nicht unbenutzt wollen voruebergehen lassen, einige +entsetzliche Mordgeschichten und falsche Bankerotte aus den Vereinigten +Staaten, wie zur Entmuthigung aller Auswanderungslustigen, in der +naemlichen Nummer seines Blattes abzudrucken. + +Weigel war wuethend darueber, und schrieb augenblicklich einen anderen +Artikel dagegen; den nahm Doctor Haide aber nicht auf, weil er, wie er +ganz naiv erklaerte, "sich dadurch selber blamiren wuerde." Uebrigens sei +die Sache auch schon erledigt, indem die Schiffsanzeige _fuer_, sein +Artikel aber _gegen_ Amerika und die Auswanderung waere, und er es sich zum +Grundsatz gemacht haette, jeden Artikel nach beiden Seiten hin zu +beleuchten -- wenn Herr Weigel etwas gegen ihn wolle einruecken lassen, sei +er keineswegs verpflichtet es aufzunehmen, und er moege ihn deshalb, wenn +er damit durchzukommen glaube, nur ganz einfach darauf verklagen. + +Die Abfahrt dieses Schiffes war aber fuer Heilingen in so fern von nicht +unbedeutender Wichtigkeit, als sich mehre Familien dieser Stadt ernstlich +dahin entschlossen hatten, mit demselben nach Amerika auszuwandern. So +unter Anderen Professor Lobenstein, der sein Haus jetzt verkauft, und der +Stadt ueberhaupt durch seine beabsichtigte Auswanderung hoechst willkommenen +Stoff zu den mannichfaltigsten Vermuthungen und Eroerterungen geliefert +hatte. Ja mehrere Kaffeegesellschaften der naeheren Bekannten Lobenstein's +waren wirklich nur einzig und allein zu dem Zweck gegeben worden, sich +einmal ordentlich ueber die Sache "aussprechen" zu koennen. + +Auch in dem Dollinger'schen Haus hatten die letzten Wochen bedeutende +Veraenderungen hervorgebracht, indem der junge Henkel Briefe von Amerika +erhielt, nach denen seine Anwesenheit dort, dringend nothwendig geworden. +Zwei Wechsel trafen zugleich fuer ihn ein, wie ziemlich starke Auftraege zu +Ankaeufen in Tuchen und Seidenwaaren von seinem Haus, welches Geschaeft er +mit Herrn Dollinger in Gemeinschaft auszufuehren gedachte. + +Der alte Herr Dollinger, so schwer es ihm auch wurde, und so lange er sich +dagegen gestraeubt, musste da wohl endlich seine Einwilligung zu der +Verbindung Clara's mit dem jungen Amerikanischen Kaufmann, ueber dessen +Familie und Geschaeft in New-Orleans er von einem dortigen Geschaeftsfreund +das Beste erfahren hatte, geben. Nur wunderte man sich dort, dass der junge +Henkel in Nord-Deutschland sei, waehrend man ihn auf einer groessern Tour +durch Italien und Griechenland vermuthet. Die Leute dort konnten nicht +wissen dass der junge Mann auf dem Rhein andere Plaene fuer seine Zukunft +geschaffen, als er sie frueher vielleicht ausgesonnen. + +Am letzten Sonntag war also, ganz in der Stille, die Trauung vollzogen und +Clara, das liebe holde Maedchen, die Frau des jungen reichen Amerikaners -- +wie man ihn ueberall in der Stadt nannte, geworden. Jetzt galt es nun +freilich noch, in der kurzen Zeit all die noethigen und so mannichfachen +Vorbereitungen zu einer Reise nach Amerika fuer die junge Frau zu treffen. +Es sollte aber wirklich auch nicht viel mehr als eine Reise werden, denn +Henkel hatte sich schon selber fest erklaert, seinen kuenftigen Wohnsitz +keineswegs in Amerika, sondern in Havre nehmen zu wollen, wo ueberdies, der +bedeutenden Geschaeftsverbindung wegen mit diesem Hafen, ein Associe des +Hauses sich aufhalten musste. Ein oder zwei Monate gedachten die jungen +Eheleute dann jedes Jahr in dem reizend gelegenen Heilingen zuzubringen, +was ihnen, wie den Eltern, die jetzige Trennung sehr erleichterte, und +spaetestens im Maerz oder April schon wieder nach Europa zurueckkehren zu +koennen. Die ganze Reise war dadurch wirklich fast nur zu einer etwas +laengeren Vergnuegungsfahrt geworden. + +Auch fuer Clara's Mutter war das Bewusstsein, ihr Kind nicht fuer immer zu +verlieren und bald wieder in die Arme schliessen zu koennen, eine unendliche +Beruhigung, und selbst hierzu hatte es ihr einen grossen Kampf gekostet, +ihre Einwilligung zu geben. Clara selbst aber hing mit ganzem Herzen an +dem theuren Mann, und fuehlte sich vollkommen gluecklich in einer +Verbindung, die seit sie den Fremden kennen und lieben gelernt, ihr das +Ziel ihrer irdischen Wuensche geschienen. + +Was war ihr die Reise, was die Gefahr und Muehseligkeit derselben? sie waere +ihm in eine Wildniss gefolgt, und haette sich doch gluecklich an seiner Seite +gefuehlt. + +Der junge Henkel wuenschte nun die Ueberfahrt in einem Englischen Dampfer +nach New-York, und von da mit einem Amerikanischen Dampfschiff nach +New-Orleans zu bewerkstelligen, Clara fuerchtete sich aber an Bord eines +Dampfers zu gehn, theils der doppelten Gefahr, theils der unangenehmen +Bewegung derselben in schwerem Wetter wegen, von der sie viel gehoert, und +da es sich jetzt gerade so traf dass eine ihr befreundete Familie, +Professor Lobenstein's, ebenfalls nach New-Orleans, und in einem +Segelschiff von Bremen ab auswanderte, bat sie mit diesen reisen zu +duerfen. Henkel selber schien nicht recht damit einverstanden, fuegte sich +aber doch endlich den Bitten seiner jungen Frau. + +Wenn aber bei Dollinger's im Haus wenig mehr als Waesche und Kleider +herzurichten waren, nur zu einer Reise nicht zu einer Uebersiedlung nach +Amerika, und man diese schon grossenteils gepackt und vorausgeschickt +hatte, die letzten Stunden in der Heimath durch kein Aussuchen und Packen +gestoert zu haben, so schien dagegen bei Professor Lobenstein das ganze +Haus von innen nach aussen gekehrt zu sein. + +Der Professor naemlich hatte auf keinerlei Weise bewogen werden koennen mit +seinen Sachen eine Auction anzustellen, und nur das Nothwendigste +mitzunehmen, da Fracht und Spesen unterwegs ein wirkliches Capital +auffressen wuerden, fuer das er sich Alles was er dort brauchte auch an Ort +und Stelle neu anschaffen koennte. Allen die ihm dies riethen zeigte er aus +verschiedenen Schriften die statistisch aufgestellten Arbeitsloehne der +verschiedenen Handwerker, wie die Preise der Provisionen, und bewiess ihnen +auf das Klarste und Unumstoesslichste was jedes einzelne Stueck Meublen und +Hausgeraeth in notwendiger Folgerung in Amerika kosten muesse. Eben so hatte +er sich mit unendlicher Ausdauer einen Ueberschlag der verschiedenen +Frachtpreise nach New-Orleans, und von da in's Innere gemacht, bis er +endlich zu dem obigen Resultat gekommen, und nun auch augenblicklich eine +Anzahl Tischler in Arbeit setzte, lauter neue Kisten fuer seine Sachen +anzufertigen. + +Eine grosse Anzahl von diesen war nun schon, gepackt und mit eisernen +Reifen beschlagen, als Fracht vorausgeschickt, eine andere Sendung sollte +heute abgehn, und die letzten dann in den naechsten Tagen befoerdert werden, +noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu sein. Kellmann selbst, dem +Hause eng befreundet, hatte dahin mehrere Auftraege uebernommen, und kam +heute Morgen, Bericht ueber die Ausfuehrung derselben abzustatten. + +Er selber war natuerlich mit der ganzen Uebersiedlung gar nicht +einverstanden, hatte aber doch, als er alle Gruende des Professors dafuer +gehoert, weit weniger dagegen gesagt, als die Familie im Anfang vermuthet +und auch wohl gefuerchtet haben mochte. Der Professor sei eben ein +Professor, meinte er nur, und wo der einmal seinen Kopf aufgesetzt habe, +liess sich auch Nichts mehr abstreiten oder gar dagegen beweisen, man muesse +ihn eben sich selber ueberlassen, und -- es thue ihm nur um die Familie +leid. Nichtsdestoweniger gab er sich jede erdenkliche Muehe ihnen, wo er es +nur irgend vermochte, beizustehn, wobei er den Professor doch von manchem +unueberlegten oder unpraktischen Schritt zurueckhielt. So kaempfte er, und +zwar gluecklicher Weise mit Erfolg, gegen die unglueckselige Idee des +Professors an, sich hier, trotz Allem was er darueber schon gelesen, von +dem Auswanderungsagenten Land und eine Farm zu kaufen. Er wollte drueben +nicht "in Gefahr kommen" von Amerikanischen und betruegerischen +Landspeculanten hintergangen zu werden, und seine Berechnung saemmtlicher +Kosten gleich hier an Ort und Stelle machen koennen, was ihm nicht moeglich +sei, wenn er die Contracte nicht in der Tasche habe. + +Kellmann, auf dessen praktisches und gesundes Urtheil er sonst ueberhaupt +viel gab, machte ihn mit seinen ernstlichen Vorstellungen aber doch +stutzig, und noch eine authentische Person ueber die dortigen Verhaeltnis zu +hoeren, wandte er sich zuletzt an den jungen Henkel, und bat diesen um +Meinung und Rath ueber die, ihm allerdings sehr am Herzen liegende Sache. +Dieser rieth ihm aber ebenfalls auf das Entschiedenste ab, sein Geld hier +an eine solche Speculation wegzuwerfen, denn dieser Weigel scheine ihm, +was er bis jetzt von ihm gesehn, eine keineswegs volles Vertrauen +verdienende Persoenlichkeit. Er solle warten bis sie drueben waeren, dort +habe er Zeit genug (Kellmann hatte ihm dasselbe gesagt), und finde er in +New-Orleans oder Missouri nichts Besseres, so sei er selber vielleicht im +Stande ihm ein kleines reizendes Gut abzutreten, das er einmal auf einem +Jagdzug in's innere Land gekauft, und jetzt noch verpachtet haette. + +"Und der Preis?" + +"Er wuerde zufrieden sein." Damit war die Sache fuer jetzt abgemacht; +freilich zu Weigels Verdruss, der die Farm, wie er sich ausdrueckte, nun +noch "zur Verfuegung" behielt. + +Es mochte etwa Morgens um elf sein, als Kellmann Professor Lobensteins +besuchte. Das Haus war am vorigen Tag oeffentlich verauctionirt und von +einem reichen Weinhaendler in Heilingen erstanden worden, die Familie aber +jetzt in angestrengter Arbeit eifrig bemueht das unangenehme Gefuehl nicht +allein zu verscheuchen, sondern auch eines vor dem anderen zu verbergen, +"zum _ersten_ Male in der _eigenen_ Heimath _fremd_ zu sein;" zum ersten +Mal fremd in den Raeumen, die ihrer Kindheit Spiele gesehn, und Zeuge +gewesen waren ihrer keimenden Hoffnungen und Traeume. + +Der erste schwere Schritt zu einem neuen Leben und Wirken war aber damit +geschehn; freilich auch zu gleicher Zeit die Bruecke abgebrochen, die noch +zurueck haette fuehren koennen in das Vaterland. Das Band war damit zerrissen, +das sie noch an dieses knuepfte, und wunderbarer Weise hatte sich jetzt, +wie sie sich gestern noch fast Alle gefuerchtet vor dem Gedanken die lieben +theueren Raeume zu verlassen, ein fremdes unheimliches Gefuehl zwischen sie +und das Haus geworfen, und sie _ersehnten_ den Augenblick wo sie hinaus +konnten, fort, nur fort von hier -- aus den Erinnerungen fort. Und doch +sprachen sie das nicht aus gegen einander; Jedes hielt sich nur allein fuer +so thoericht und kindisch, mit den quaelenden Gedanken; keines wusste dass das +Gefuehl in ihrer Aller inneres Leben verwoben sei, und in des Herzens +feinsten Fasern Wurzel schlug. + +Die Stimmung Aller, so sehr sie sich auch hueteten dem was sie dachten +Worte zu geben, war denn auch an dem ganzen Morgen schon eine stille, +gedrueckte gewesen, und Kellmann's Erscheinen befreite Alle wie von einer +Last. Unten auf der Treppe wurde der aber schon laut. + +"Na, ist das ein Vergnuegen zu so einer Auswanderungsfamilie in's Haus zu +kommen," rief er, als er sich mit zusammengehaltenen Schoessen zwischen +einer Reihe Kistendeckel hindurchdrueckte, die, mit den Naegeln nach aussen, +an der Wand lehnten, und dabei noch ueber eine Unzahl Koerbe und Schachteln +wegsteigen musste, nur in die Stube zu kommen. + +"Nehmen Sie sich in Acht, lieber Kellmann," rief ihm der Professor, der +seine Stimme gehoert hatte, aus der halbgeoeffneten Thuere entgegen (er +konnte diese nicht ganz aufmachen da ebenfalls eine Kiste dahinter stand). +"Sie moechten sich da draussen die Kleider zerreissen." + +"Ist schon bereits geschehen," brummte Kellmann, indem er versuchte einen +Blick nach seinem, allerdings beschaedigten Ruecktheil zu gewinnen, "meine +Guete, wie sieht das bei Ihnen aus -- ah guten Morgen meine Damen -- und +schon so fleissig? -- was um Gottes Willen naehen Sie denn da? -- +Getraidesaecke fuer die naechste Erndte?" + +"Fehlgeschossen Herr Kellmann," rief ihm aber Marie, die sich gern mit dem +freundlichen Mann neckte, entgegen -- "Jacken sind das fuer uns, in den +Busch, zwischen den Dornen und Schlingpflanzen, die uns sonst das leichte +Zeug von den Schultern rissen. Warten Sie einen Augenblick, da koennen Sie +uns gleich Ihre Meinung sagen; die meinige ist gerade fertig, und ich will +sie eben anprobiren. Lassen Sie nur, ich werde schon allein fertig, dort +drueben muessen wir ueberdies Alles allein machen -- So -- nun, wie gefalle ich +Ihnen darin?" + +"Gar nicht," sagte Kellmann muerrisch, "ich saehe Sie weit lieber in einem +leichten Ballkleid und mit Ihrem gewoehnlichen heiteren Gesicht, als in der +Sackleinwand und -- hm -- das verdammte Amerika. Geht denn Eduard jetzt +noch mit, oder bleibt er da? wo steckt er denn wieder? -- der ist immer +fort wenn ich komme." + +"Der geht mit, lieber Kellmann," rief der Professor, "er konnte sich nicht +dazu entschliessen, seine Eltern und Geschwister allein in die Welt ziehn +zu lassen, wo er ihnen vielleicht, zum ersten Mal in seinem Leben, +nuetzlich sein wuerde, und ist jetzt noch in der Geschwindigkeit zu einem +Tischler gegangen, die paar Wochen wenigstens zu benutzen, und doch eine +Idee von dem Handwerk zu gewinnen; wer weiss was wir da Alles zu thun +bekommen." + +"Wird auch was recht's davon in den paar Tagen profitiren," brummte +Kellmann -- "bei wem ist er denn, bei Leupold?" + +"Leupold?" rief der Professor, "der geht ja mit unserem Schiff nach +New-Orleans." + +"Der Tischlermeister Leupold wandert auch aus?" rief Kellmann laut und +verwundert. + +"Hat sein Haeuschen und seine Werkstaette verkauft, und ist jetzt +wahrscheinlich schon unterwegs nach Bremen," betaetigte ihm der Professor. + +"Na nu ist mir's aber doch ueber den Spass," rief Kellmann -- "da laeuft ja +halb Heilingen fort; jetzt freut mich mein Leben; naechstens werden wir uns +unsere Schraenke und Schuhe und Roecke selber machen koennen wenn wir 'was +haben wollen; ich darf nur gleich den meinigen zum Schneider schicken dass +er ihn mir noch ausbessert, ehe er auch durchbrennt. S'ist wirklich zum +Verzweifeln." + +"Lieber Gott," sagte der Professor -- "die Leute verlangen nur Ellbogenraum +sich zu ruehren; sie wollen einen Platz haben, der ihren Beduerfnissen +Befriedigung verspricht." + +"Da haben Sie gleich den faulen Fleck," rief Kellmann, "_Beduerfnisse +befriedigen_, wenn die Leute lebten wie ihre Voreltern gelebt haben, und +nicht mit jedem Jahre auch neue Beduerfnisse kennen lernten und befriedigt +haben wollten, so haetten wir alle Platz, und das verwuenschte Amerika +koennte sehen wo es Haende und Faeuste bekaem zuzupacken und ihm den Boden zu +bestellen. Aber ich will mich nicht laenger aergern -- lasst sie laufen, +nachher wird's hier erst recht gemuethlich -- apropos -- Ihren Freund Weigel +haben sie gestern Abend im rothen Drachen hinausgeworfen -- er wollte +Dienstleute, ich glaube einen Schaefer, verlocken nach seinem geruehmten +Amerika auszuwandern." + +"Meinen _Freund_?" sagte der Professor achselzuckend, "ich habe mit Herrn +Weigel nie in einer solchen Beziehung gestanden, aber ich achte ihn als +einen Mann der ein gutes Herz mit einer tuechtigen Portion gesundem +Menschenverstand verbindet, und besonders schaetzenswerthe statistische +Kenntnisse Amerika's besitzt." + +"Bah!" sagte Kellmann, den Kopf auf die Seite werfend, und mit den Fingern +schnalzend, "so viel fuer seine statistischen Kenntnisse; _unverschaemt_ ist +er, das halt' ich fuer seine Hauptforce, und er wirft Ihnen da mit der +groessten Kaltbluetigkeit eine Masse Zahlen in den Bart, denen man nicht +gleich widersprechen kann, weil sich der Gegenbeweis eben nicht fuehren +laesst. Wenn das Alles wahr ist was er ueber Amerika sagt, waere _er_ der +groesste Esel wenn er nicht selber hinueberginge." + +"Seine Verhaeltnisse gestatten es ihm nicht, wie er mich oft versichert +hat," vertheidigte ihn aber der Professor. + +"Ja, das kennen wir schon," sagte Kellmann, "und wenn mich irgend etwas +glauben machen koennte dass _er_ wirklich Amerika kennt, so waere es der +Umstand dass er selber nicht hinuebergeht." + +"Im rothen Drachen war ja wohl gestern ein kleines Fest?" frug die Frau +Professorin dazwischen, die das unerquickliche Gespraech abzubrechen +wuenschte. + +"Ja, fuer die Dienstleute von Hohleck," sagte Kellmann, "und Schollfeld und +ich waren ebenfalls hinausgegangen um den Spass mit anzusehn." + +"Und ihr Freund, der lange Actuar war nicht dabei?" lachte Marie. + +"Er kam spaeter nach," sagte Kellmann -- "der arme Teufel ist jetzt auch +immer verdriesslich und niederschlagen." + +"Er hat sein Kind verloren," sagte Anna mitleidig. + +"Ja, und zu Hause fuehlt er sich auch wohl nicht so recht wohl und +behaglich." + +"Wir haben davon gehoert," sagte die Professorin -- "seine Frau soll +eigenwillig und heftig sein, und ihm oft gar unangenehme Scenen bereiten." + +"Seine Frau ist -- " fuhr Kellmann auf, aber er unterbrach sich selber +wieder, und trommelte eine Weile mit den Fingern auf dem vor ihm stehenden +Tisch. + +"Was ist Ihnen denn nur heute, Herr Kellmann?" sagte aber Marie, jetzt zu +ihm tretend und seinen Arm beruehrend -- "Sie schneiden ja heut Morgen ein +so bitterboeses Gesicht, wie ich noch fast in meinem Leben nicht an Ihnen +gesehn. Ist Ihnen irgend etwas Aergerliches begegnet? -- oder -- Sie sind +doch nicht boese mit uns?" + +"Boese mit Ihnen? lieber Gott Mariechen," sagte Kellmann herzlich ihre Hand +ergreifend -- "ich muesste boese mit Ihnen sein dass Sie fortgehn und mich hier +allein zuruecklassen; sonst wuesst' ich wahrhaftig nicht weshalb." + +"So kommen Sie mit," lachte Marie, indem sie neckisch zu ihm aufsah. + +Kellmann seufzte tief auf, sagte dann aber kopfschuettelnd, und mit der +Hand ueber seine Stirn streichend, als ob er sich daraus all' die trueben +Gedanken verscheuchen wollte -- + +"Nach Amerika? -- ja, weiter fehlte mir gar Nichts; aber heute sind es +wirklich andere Sachen die mir im Kopf herumgehn." + +"Ist etwas vorgefallen, und koennen wir Ihnen helfen, lieber Herr +Kellmann?" sagte Anna freundlich. + +"Ach Gott nein," sagte der kleine Mann seufzend -- "es ist ein Stueck von +dem allgemeinen Elend, das ueber den ganzen Erdball hinspielt, und das uns +gewoehnlich mit einem unheimlichen Gefuehl, auch nicht ausser dem Bereich +desselben zu liegen, durchschauert, wenn wir ihm einmal auf unserem +Lebenspfad begegnen. Sie sahen mich als ich vor dritthalb Stunden etwa +drueben aus dem Loewen kam?" + +"Ja, Sie gruessten ja herauf," sagte die Professorin -- + +"Nun gut; ich war dort, einem armen Maedchen nachzufragen, das wir gestern +Abend spaet auf der Strasse trafen, und das ich dorthin schickte +Nachtquartier zu suchen" -- Und nun erzaehlte ihnen Kellmann mit kurzen +Worten das gestrige Zusammentreffen mit des ungluecklichen Lossenwerder +Schwester, und ebenfalls dass sich schon jetzt herauszustellen scheine, wie +der arme Teufel von Lossenwerder unschuldig in Verdacht gerathen sei. Nur +in reiner Verzweiflung mochte er sich den Tod gegeben haben, als man ihm +das letzte, einzige das er auf der Welt hatte -- seinen ehrlichen Namen -- +nehmen wollte -- oder eigentlich schon von Gerichts wegen genommen hatte. +Unsere wackeren Polizeigesetze halten ja nun einmal jeden Menschen fuer +einen Spitzbuben, bis er nicht durch Atteste genuegend dargethan hat dass -- +"gegen ihn noch nichts Gravirendes bekannt geworden." + +"Und was geschieht jetzt mit dem armen, armen Maedchen?" frugen fast +gleichzeitig Marie und Anna -- "lieber Gott, hier in der fremden Stadt, +allein, ohne Mittel, ohne Freunde, wie entsetzlich muesste es da sein, wenn +sie vielleicht aus rohem Munde zuerst die furchtbare Nachricht vernaehme." + +"Gestern Abend," sagte Herr Kellmann etwas verlegen, "kam uns das Ganze +wirklich so schnell und ueberraschend, dass wir nicht die geringste Zeit zum +Ueberlegen behielten; wir -- wir gaben ihr nur ein paar Groschen und +schickten sie in den Loewen, hier gegenueber, um da zu uebernachten, damit +sie nicht in der Stadt nach ihrem Bruder fruege, und die entsetzliche +Geschichte gleich in der ersten Viertelstunde erfuehre; heute Morgen wollte +ich dann selber herkommen und sehn was sich thun liess -- " + +"Und jetzt? -- weiss sie was geschehen ist? frug die Professorin mitleidig +die Haende faltend -- Herr Kellmann zuckte mit den Achseln und sagte: + +"Sie ist fort -- " + +"Fort? -- wohin?" riefen die Frauen. + +"Kein Mensch konnte mir darueber Auskunft geben, gestern Abend war sie +richtig dort angekommen, und ihres duerftigen Aussehns wegen in die +Gesindestube gewiesen, und dort muss sie unglueckseliger Weise ihren Namen +genannt, vielleicht nach ihrem Bruder gefragt und das Schrecklichste +gleich erfahren haben, denn sie war, selbst ihr Buendel im Stich lassend, +hinausgelaufen in Nacht und Nebel und -- und nicht wieder zurueckgekehrt." + +"Du lieber Gott," sagte Anna, "wenn sie sich nur kein Leides gethan." + +"Ich bin gleich zu Ledermann und dann auf die Polizei gegangen, diese +aufmerksam zu machen," sagte Kellmann etwas kleinlaut, "werde auch selber +noch mein moeglichstes thun das arme Ding wieder aufzufinden, aber -- ich +weiss wahrhaftig nicht wo man die eigentlich suchen soll, denn sie kennt ja +keinen einzigen Menschen in der Stadt." + +"Und in ihres Bruders frueherem Logis? -- " + +"Hat sie Niemand gesehn -- ich war dort." + +"Waren Sie auch schon -- auf dem Kirchhof?" frug ihn Marie jetzt leise und +schuechtern." + +"Wahrhaftig, daran hatte ich gar nicht gedacht," sagte Kellmann rasch +seinen Stuhl zurueckschiebend, "die Moeglichkeit ist da, und ich will keinen +Augenblick mehr versaeumen -- vielleicht ist es jetzt noch nicht zu spaet." + +"Und Sie sagen uns Antwort?" + +"Sowie ich etwas Bestimmtes ueber sie weiss -- aber -- aber was dann mit ihr +anfangen? -- hier in der Stadt _kann_ sie nicht bleiben," sagte Kellmann, +die Thuerklinke schon in der Hand, "und ueberhaupt scheint mir ihr +schwaechlicher Koerper zu grober Handarbeit gar nicht geeignet." + +"Vielleicht bietet sich da fuer die Schwester in demselben Haus ein +Ausweg," rief Anna ploetzlich, "das fuer den Bruder ja so viel gut zu +machen, wenn er wirklich unschuldig gelitten. Gestern Nachmittag noch +klagte mir Clara ihr Leid, dass ihre Kammerjungfer, mit der sie sehr +zufrieden ist, und die ihr bis dahin fest versprochen mitzugehn, ploetzlich +anderes Sinnes geworden waere, und sich jetzt weigerte Heilingen zu +verlassen. Clara ist so seelensgut, sie wuerde gewiss Alles thun was nur in +ihren Kraeften steht, das arme Kind den herben Verlust vergessen zu machen. + +"Aber wird sich das Maedchen selber dazu eignen?" sagte Kellmann. + +"Weshalb nicht," rief aber auch jetzt Marie -- "bringen Sie die Arme nur +hierher, sobald Sie sie finden, und nehmen sie Henkel's nicht mit, findet +Papa gewiss einen Ausweg." + +"Ja, Papa einen Ausweg," sagte aber der Professor -- "ich kann _Niemanden_ +mehr mitnehmen Kinder, so viel solltet Ihr eigentlich jetzt schon wissen, +denn wir sind Leute genug." + +"Ach wenn sie ueberhaupt gehen will," rief Kellmann, "die Passage bringen +wir hier schon zusammen, und wenn sich Fraeulein Anna bei Frau Henkel fuer +sie verwenden will, waer' es ein Glueck fuer das arme Maedchen, den hiesigen +fuer sie so trueben Verhaeltnissen so rasch wieder entrissen zu werden. Doch +jetzt leben Sie wohl -- ich habe da nicht lange Zeit mehr zu verlieren, und +hoffe Ihnen bald guenstige Nachrichten bringen zu koennen." + + * * * * * + +Actuar Ledermann hatte die Nacht einen heftigen Fieberanfall bekommen, und +sich am anderen Morgen auf seinem Bureau entschuldigen lassen. Erst um +zehn Uhr etwa fuehlte er sich etwas besser, und beschloss ein wenig an die +frische Luft zu gehn, in dem sonnigen Morgen draussen die trueben quaelenden +Gedanken zu verscheuchen. + +Er ging auf den Kirchhof, das Grab seines kleinen Lieblings zu besuchen, +und nahm einen Monatsrosenstock mit hinaus, ihn darauf zu pflanzen. + +Der Weg der zu dem Grab, zwischen den andern Huegeln hin, fuehrte, lief eine +kurze Strecke die Mauer entlang, die bis jetzt leer gelassen und von +Unkraut ueberwuchert lag. Nur ein einziger, unter Gras und Unkraut fast +versteckter flacher Huegel war dort aufgeworfen, ueber dem kein Kreuz den +Namen des Hingeschiedenen kuendete, keine Blume ein sorgendes Herz +verrieth, das dem Entschlafenen die stille Thraene nachgeweint. Und dort? -- +in das hohe, feuchte Gras geschmiegt, lag eine schlanke Maedchengestalt, +Stirn und Antlitz in dem wuchernden Unkraut verborgen, auf dem die vollen +aufgeloesten Locken ruhten. + +"Lieber Gott," sagte der Actuar, mit dem Blumenstock im Arm neben ihr +stehen bleibend, leise vor sich hin -- "es ist doch noch viel, viel Elend +in der Welt, und wenn Einem recht traurig und weh um's Herz ist, sollte +man eigentlich immer hinaus auf den Kirchhof gehn. Da haben die Leute +nicht ihre glatten unbewegten Alltagsgesichter vor, sondern geben sich wie +sie sind, und wenn es auch eben kein Trost sein sollte andere Menschen +ungluecklich zu sehn, ist es doch jedenfalls einer, zu wissen dass man es +nicht allein ist." Und sich langsam abwendend schritt er dem Grabe seines +Kindes zu, setzte den Blumentopf auf den kleinen Huegel, und sich selber +dann auf eine dicht daneben liegende Marmorplatte, die das Grab eines +anderen Menschen deckte. + +Dort blieb er lange, das Gesicht mit den Haenden bedeckt, und regungslos in +seiner Stellung verharrend, seinen schmerzlichen Gedanken ueberlassen, bis +die Sonne hoeher und hoeher stieg, und ein stechender Kopfschmerz ihn mahnte +den, den heissen Strahlen vollkommen ausgesetzten Platz zu verlassen, wenn +er sich nicht noch kraenker machen wollte als er schon war. Er stand auf, +und sah sich nach dem Todtengraeber um, diesen zu bitten den Blumenstock +fuer ihn einzusetzen, und fand ihn auch, nicht weit von dort entfernt, mit +einem neuen Grabe beschaeftigt. Langsam seinen Spaten schulternd ging er +mit ihm zu dem verlangten Platz, und dort sein Handwerksgeraeth neben sich +in den Boden stossend und sich den Schweiss von der gluehenden Stirne +trocknend, sagte er freundlich: + +"Warmer Tag heute, Herr Actuar -- sehn Sie einmal was fuer ein schoenes +Stoeckchen; das muessen wir aber ordentlich angiessen, sonst vertrocknet es +gleich in der lockeren Erde -- werde Ihnen das schon besorgen." + +"Bitte sein Sie so gut," sagte Ledermann, und der Mann nahm den Stock auf, +drehte ihn um und schlug mit der flachen Hand unter den Topf, diesen +locker und los zu bekommen. + +"Kennen Sie das junge Maedchen was da auf dem Grabe an der Mauer liegt?" +frug der Actuar jetzt, als sein Blick wieder zufaellig dort hinueber +streifte -- "dort drueben meine ich." + +"Ja ich weiss schon," sagte der Mann, ohne den Kopf zu wenden und mit +seiner Arbeit beschaeftigt -- "nein -- sie sass vor dem Kirchhofsgitter schon +heut' Morgen wie ich oeffnete, um drei Uhr frueh, und muss die ganze Nacht da +zugebracht haben. Wie ich das Thor aufmachte frug sie mich nur nach dem +Grabe eines armen Teufels, den wir hier vor kurzer Zeit zu Ruh gebracht, +und ist seit der Zeit nicht von dort weggegangen. Das kommt manchmal vor." + +"Und wer liegt da begraben?" frug Ledermann schnell, dem ein ploetzlicher +Gedanke an das Maedchen von gestern Abend aufstieg. + + [Capitel 9] + +"Dort an der Mauer?" sagte der Todtengraeber, "ih Sie wissen ja, der kleine +bucklige Bursche, der von der Bruecke gesprungen war, und sich den Kopf +aufgeschlagen hatte." + +Dem Actuar fuhr es mit einem eisigen Stich durchs Herz, aber er erwiederte +Nichts, gab dem Mann eine Kleinigkeit fuer seine Dienstleistung, und ging +dann langsam, als ihn dieser wieder verlassen und seine fruehere Arbeit +aufgenommen hatte, zu Lossenwerder's Grab, wo die Trauernde noch still und +regungslos in ihrem Jammer lag. Nur das krampfhafte Zittern des Koerpers +verrieth das darin wohnende Leben. + +"Liebes Kind," sagte Ledermann leise -- das Maedchen bewegte sich nicht -- +"mein liebes Kind," sagte er lauter, und beruehrte ihre Schulter mit seinem +Finger. Langsam hob sie das bleiche, Thraenen ueberstroemte Gesicht zu ihm +empor, und als sie den fremden Mann neben sich sah, richtete sie sich +verwirrt, beschaemt aus ihrer Stellung auf. + +"Aber wie koennen Sie sich hier so Stunden lang in das feuchte Gras +werfen," sagte der Actuar mit freundlichem Vorwurf -- "Sie _muessen_ ja +krank werden -- nicht wahr, Sie kennen mich nicht mehr?" + +Das Maedchen sah ihn gross und verwundert an, und schuettelte dann langsam +mit dem Kopf. + +"Ich sprach gestern Abend mit Ihnen, draussen vor dem Thor, wo die Musik in +dem Hause war," sagte Ledermann -- "hatten Sie gar keine Ahnung von dem +Schicksal des Bruders?" + +"Keine," sagte die Arme leise, das Koepfchen wieder senkend. + +"Und wo erfuhren Sie seinen Tod?" + +Das Maedchen schauderte zusammen als sie des Augenblicks gedachte, und +sagte endlich, wie mit angstgepresster Stimme: + +"Gestern Abend in dem Haus -- die Leute in der Gesindestube frugen mich wo +ich herkaeme und um meinen Namen, und dann -- + +"Und dann?" frug der Actuar mitleidig, als das Maedchen schwieg und ihr +Antlitz wieder zitternd in den Haenden barg -- + +"Dann sagten sie" -- setzte das Maedchen, am ganzen Koerper bebend hinzu -- +"dass Einer der so hiess -- und sie spotteten dabei ueber sein Gebrechen -- dass +Einer -- hier -- " sie vermochte nicht auszureden und warf sich, +ruecksichtslos um den neben ihr stehenden Fremden, und in krampfhafter +Verzweiflung, wieder auf das Grab nieder, das sie laut schluchzend mit +ihren Armen umschlang, und den Bruder rief, sie zu sich zu nehmen in sein +stilles, kuehles Bett. + +Nur mit Muehe, und herzlichen troestenden Worten die er zu ihr sprach, +brachte sie Ledermann, als sich ihr Schmerz in etwas ausgetobt, endlich +dahin sich etwas zu fassen und zu beruhigen, und ihm mehr ueber ihr +Schicksal und sich selber zu sagen. Sie hiess Hedwig, war funfzehn Jahr alt +und hatte bis zu ihrem elften Jahr bei einer entfernten armen Verwandten +zugebracht, nach deren Tode sie, ein Kind noch, bei fremden Leuten in +Dienst gehen musste. Ihre Elteren schienen in besseren Verhaeltnissen gelebt +zu haben, waren aber frueh gestorben, und die Waisen sich selber ueberlassen +gewesen. Ihr um zehn Jahr aelterer Bruder Franz hatte sie dabei noch immer +dann und wann von dem Wenigen was er selber verdiente, unterstuetzt, auch +ihr vor einigen Monaten -- und das musste etwa grade vor seinem Tode gewesen +sein, geschrieben, dass er recht sparsam lebe, und bald so viel zusammen zu +haben hoffe mit ihr, der Schwester, nach Amerika auszuwandern, dort +vielleicht ein kleines Geschaeft oder irgend etwas Anderes anzufangen, +ehrlich durch die Welt zu kommen. Hedwigs Aussage nach musste er ihr auch +die genaue Summe geschrieben haben, die er besass, und als sie der Actuar +dringend bat ihm den Brief zu verschaffen, wenn es irgend moeglich sei, da +der vielleicht vollstaendig des Bruders Unschuld beweisen konnte, zog sie +aus ihrer Brust das zusammengefaltete und dort bis jetzt sorgfaeltig +bewahrte Papier. Es war das letzte was sie von ihm bekommen, und als Monat +nach Monat verstrich und keine neue Nachricht kam, wurde sie zuletzt +unruhig und schrieb nach Heilingen. Aber auch hierauf erhielt sie keine +Antwort und nicht mehr im Stande die Ungewissheit zu ertragen, verliess sie +ihren Dienst und machte sich, mit wenigen Groschen in der Tasche auf, den +weiten Weg zu Fuss zurueckzulegen. Und ihr Empfang? grosser Gott mit Spott +und Hohn wurde ihr Bruder -- das einzige noch auf der Welt ihr gehoerende +Wesen, das sie mehr als sich selber liebte -- eines furchtbaren Verbrechens +beschuldigt, in Folge dessen er sich selber das Leben genommen, und +schlimmer, gewaltiger noch als die Nachricht seines Todes, erschuetterte +das reine, vertrauensvolle Herz des armen Kindes der erste _Zweifel_ an +den Hingeschiedenen, der doch heimlich und quaelend in ihr aufsteigen +wollte, wie sie sich auch dagegen straeubte; und doch _wusste_ sie dass er +keiner schlechten Handlung faehig gewesen sei. + +Waehrend dieser Erzaehlung flossen ihre Thraenen staerker; wenn aber der +Schmerz auch nur mehr aufgeruettelt wurde durch das Wiederdurchleben +vergangener Scenen, fand sie doch auch einen Trost in dem Aussprechen ueber +ihren Verlust. Der Actuar ueberlas indess fluechtig den Brief, und den Datum +mit dem veruebten Raub vergleichend sah er, ob Lossenwerder nun schuldig +oder unschuldig sei, dass jenes, bei ihm gefundene Geld sein Eigenthum +gewesen sein muesse, schon vor dem Tag, und nicht mehr als Beweis gegen ihn +gelten konnte. + +So traf sie Kellmann, der von Lobensteins direct auf den Gottesacker +gegangen war, das arme Maedchen aufzusuchen. Mit wenigen Worten sagte ihm +der Actuar was er von ihr erfahren, und der gutmuethige kleine Kuerschner +setzte sich neben sie auf das Grab des Bruders, nahm ihre Hand in die +seine, und diese streichelnd sprach er ihr Muth und Hoffnung in das arme +gequaelte Herz. Sie sollte nicht mehr allein stehn auf der Welt; er wollte +Freunde fuer sie finden, die sich ihrer annaehmen, und sie Beide, Ledermann +und er, wollten nicht ruhen noch rasten bis ihres Bruders Name wieder +ehrlich gemacht sei vor der ganzen Stadt; lieber Gott, sie konnten ja +nichts mehr fuer den Armen thun. + +Hedwig weinte, waehrend er sprach; aber die Thraenen loesten ihren Schmerz -- +die freundlichen Worte; oh die ersten wieder seit so langer, langer Zeit +die sie gehoert, thaten ihr wohl und bannten die Verzweiflung aus ihrem +Herzen, der sie ja sonst wohl rettungslos verfallen waere. Wieviel Segen +hat schon ein herzliches Wort gebracht, dem Ungluecklichen gespendet -- wie +viele Thraenen getrocknet, wie manches Weh, wenn es nicht heilen konnte, +doch gelindert. + +Kellmann erbot sich dann auch, sie zu seiner Mutter zu fuehren, wo sie +wenigstens bleiben konnte bis sich etwas Weiteres entschieden. Von Amerika +sagte er ihr noch Nichts, die naechsten Tage mochten sie erst mit dem +Gedanken vertrauter machen, wenn sie hoerte wie viel Leute die auch ihren +Bruder gekannt und liebe Freunde von ihm selber seien, gerade jetzt nach +dort hinuebergingen. + +Hedwig zoegerte noch schuechtern das guetige Erbieten anzunehmen, aber die +Worte klangen so herzlich, so gut gemeint, sie stand so huelflos, so allein +in der weiten Welt, der fremde Mann erschien ihr wie ein Engel des Himmels +in ihrem Schmerz, und unter Thraenen nahm sie seine Hand und dankte ihm, +und sagte dass sie ihm folgen wuerde, wohin er sie fuehre. + + + + + + Capitel 10. + + + DIE BEIDEN FAMILIEN. + + +Der Leser muss mir noch, ehe wir unsere weitere Wanderung zusammen +antreten, zu zwei Stellen folgen, in Lage und Art freilich gar sehr +verschieden. Den Characteren, die wir dort finden, begegnen wir spaeter +wieder, theils auf der Reise, theils in ihrem neugewaehlten Vaterland. + +An der Hannoeverschen Grenze lag ein kleines Dorf, Waldenhayn mit Namen, +und fast versteckt zwischen maechtigen Linden und Fruchtbaeumen, die es von +allen Seiten dicht umgaben. + +Mitten im Dorf auf einem flachen, aber die ganze Ortschaft ueberschauenden +Huegel stand die Kirche, und daneben das kleine freundliche Pfarrhaus, das +sein Dach ueber gute und glueckliche Menschen gespannt hatte, Jahrzehnte +lang -- und heute? -- Guter Gott welche Veraenderung in dem Haus -- der Vater, +Pastor Donner, still und ernst in seinem Sorgenstuhl, und, ganz gegen +seine sonstige Gewohnheit, ordentlich eingehuellt in eine dichte +Tabakswolke, die Mutter mit verweinten Augen, und doch immer geschaeftig +herueber- und hinuebergehend, bald aus der in jene Stube, Kleinigkeiten zu +besorgen die sie immer wieder vergass, ehe sie nur das andere Zimmer +betreten. + +Der aelteste Sohn Georg ging zu Schiff -- ging nach Amerika ueber das weite, +wilde Weltmeer nach einem anderen Vaterland, dort fuer den unruhigen Geist +das Glueck zu suchen, das er hier nicht fand, und "wann wuerden sie ihn -- ja +wuerden sie ihn je wieder sehen?" Oh es ist ein grosser Schmerz fuer ein +Elternherz ein Kind in der Bluethe der Jahre zu verlieren -- wie viel Sorge, +wie viel schlaflose Naechte hat es gemacht, bis es wuchs und gedieh; welche +Hoffnungen knuepften sich an das junge Wesen, und bluehten und reisten mit +ihm; wie treulich wurde da nicht jeder Schritt bewacht, den noch +unsicheren Fuss vor Stoss und Fall zu schuetzen, wie aengstlich jedem boesen +Eindruck gewehrt, der Herz oder Geist haette vergiften koennen. Und nun das +Alles preiszugeben der Welt, ihren Verfuehrungen, ihren Gefahren fuer Geist +und Koerper, das Alles preiszugeben und hinausgeworfen zu sehn auf die +stuermischen Wogen des Lebens -- sich selbst ueberlassen, und der eigenen, +vielleicht doch noch zu schwachen Kraft. Wie viele heimliche Thraenen +werden da geweint, wie trueb und traurig liegt da oft des Kindes Zukunft +vor dem ahnenden Blick des Vaters und der Mutter -- Krankheit wird es +erfassen und halten, und keine liebende Hand in der Naehe sein, es zu +pflegen und ihm den Schweiss von der heissen, gluehenden Stirn zu trocknen, +die Verfuehrung ihre falschen, goldblinkenden Netze nach ihm auswerfen, und +keine treu warnende Stimme ihm zur Seite stehn -- Noth und Mangel +vielleicht in bitterem Weh auf ihm lasten, und Niemand da sein, der ihm +Huelfe bringt, und den Ungluecklichen troestet und unterstuetzt -- Mutter und +Vater sind fern, fern von dem Geliebten, seine Klage dringt nicht herueber +zu ihnen -- ihr Trost und Huelfswort nicht zurueck zu ihm. + +Und ein solcher Abschied dann -- der Tod pocht nicht viel haerter an des +Glueckes Thor, und das Bewusstsein den Geschiedenen still und geschuetzt in +kuehler Erde zu wissen, auf der die treu gepflegten Blumen keimen, ist oft +noch weniger bitter als dieser _freiwillige_ Tod -- der Fortgang ueber's +Meer, in eine fremde, ungekannte Welt -- vielleicht so ohne Wiederkehr wie +jener, und ohne jedes beruhigende Gefuehl der Sicherheit. Der Scheidende +ist da noch immer besser, weit besser daran als die Zurueckbleibenden; ihm +liegt die Welt jetzt frei und offen da, jede Stunde draussen, jede Meile +Wegs bringt ihm Neues, Unbekanntes, und wehrt dem Blick nur an dem einen +Schmerz zu haften. Er hat auch zu sorgen, fuer sich und sein Gepaeck, seine +ganze Zukunft ist ihm in der einen Stunde in die eigene Hand gegeben -- ein +ungewohnt Geschaeft bis jetzt -- und fremde Landschaft, fremde Scenen +wechseln so rasch an ihm vorueber, dass jedes Bild einen Theil des alten +Schmerzes fortfuehrt mit sich. Selbst der Gedanke an die Verlassenen hat +nicht das Herbe, Bittere fuer ihn, als es fuer diese hat, wenn sie sein +gedenken, und sich mit Vermuthungen quaelen muessen wie es jetzt ihm geht, +was er thut, was er treibt, wo er jetzt gerade weilt. _Er weiss_ in welchem +Kreis die Seinen sich bewegen, kennt in jeder Tageszeit ihre kleinen, +haeuslichen Beschaeftigungen, ihr gleichmaessiges Wirken und Schaffen, und +sein Herz, das immer noch daheim bei ihnen weilt, wahrt seinen festen +Anhaltspunkt an sie sich unverkuemmert fort, bis das Bild, von anderen +dicht umdraengt in weiter immer weiterer Ferne langsam erbleicht, und nur +noch auf dem Hintergrund des Herzens wie schlummernd liegt, in seinen +Traeumen ihn zu segnen, oder dereinst, wenn die Welt ihn kalt und rauh von +sich stoesst, und er allein und freundlos sich da fuehlt, wieder aufzugluehen +in aller Frische und Waerme, ein Trost und Hoffnungsziel, dem armen, +einsamen Wanderer. + +Georg war ein junger lebenskraeftiger Mann von dreiundzwanzig Jahren, mit +dunkelbraunen, vollen, ihm frei und ungescheitelt ueber die offene +sonngebraeunte Stirn fallenden Locken, schwarzen klaren Augen und freien, +gutmuethigen Zuegen, die selbst eine breite dunkle Narbe ueber den rechten +Backen, der Autograph eines Commilitonen, nicht entstellen konnte. Er +hatte Medicin studirt, und sich das Doctordiplom mit eifrigem Fleiss +verdient, aber die Aussichten fuer einen jungen Arzt waren trueb und +unversprechend in seiner Heimath, und jene fremde Welt, von der er schon +so viel gelesen und gehoert, zog ihn maechtig an. Sein Vater konnte und +wollte dieses Streben nicht bei ihm unterdruecken; auch er erkannte die +Banden, die hier einen kraeftigen Geist so leicht in Fesseln legen, und +ehrte den Wunsch und Drang der jungen, nach Thaten duerstenden Brust, einen +Schauplatz zu finden fuer ihr Sehnen und Wirken, wenn er sich auch wohl +selber dann wieder mit einem schweren Seufzer gestehen musste, wie manche +Hoffnung der Sohn zertruemmert, wie manche Erwartung er getaeuscht sehn +wuerde in dem neuen Leben, das jetzt ihm freilich im vollen Glanz einer +aufsteigenden Sonne, von warmem Lichte uebergossen winkte. Und wie wuerde +sich sein Herz dann bewaehren, das jetzt jubelnd zu den blinkenden, +Flaggen- und Blumengeschmueckten Waellen seiner eigenen Luftschloesser +aufschaute, wenn es an deren Truemmern stand? oh dass er dann haette an +seiner Seite stehen und ihn leiten duerfen den dunklen, schmalen Pfad zum +wahren Glueck -- retten ihn dann vor sich selbst und seinem bittern Weh. + +Aber die Zeit lag noch fern, und weshalb sich selbst den Augenblick +vergiften, wo sich der Himmel noch blau und rein ueber seiner Zukunft +spannte. Georg selbst sah auch Nichts von solchen trueben Bildern, die das +Herz des Vaters oft mit banger Trauer fuellten; ihm war das Thor jetzt weit +und frei geoeffnet, das hinaus in's Leben fuehrte und an dessen Schwelle er +stand, und nur die Trennung noch vom Vaterhaus lag schwer auf seiner +Seele. + +Am schwersten freilich trug gerade diese Stunde, weil ganz und ungetheilt, +das Mutterherz. Nicht dachte _sie_ in diesem Augenblick an die Hoffnungen +die dem Sohne in der Welt draussen bluehen, an die Gefahren die ihm drohen +koennten; sie sah und fuehlte Nichts, als die Trennung von dem _Kind_, den +Abschied von dem Heissgeliebten, und wie im Traum hatte sie schon den +ganzen Tag ihren gewoehnlichen Beschaeftigungen obgelegen, wie im Traum noch +einmal seine Lieblingsgerichte bereitet fuer den Abend, den letzten Abend, +den er im Vaterhause zubringen wuerde. + +Lieber Gott, die Speisen kamen Abends auf den Tisch und wurden gegessen, +aber Keiner von allen, die juengsten Geschwister ausgenommen, schmeckten +was sie assen; man sprach dabei ueber das an dem Nachmittag fortgesandte +Gepaeck, ueber das Wetter, ueber die Uhr die zehn Minuten vorging -- Georg +trug Gruesse auf an alle seine Bekannte, die sich noch seiner erinnerten. Er +hatte an dem Tag noch selber ein paar Briefe schreiben wollen, war aber +nicht dazu gekommen -- Vieles Andere war ihm ebenfalls entfallen; so wollte +er einen Absenker von dem Rosenstock mitnehmen der vor der Mutter Fenster +bluehte, und jetzt blieb ihm doch keine Zeit mehr; aber waehrend dem Essen +stand die Schwester -- unvermisst -- vom Tische auf, ging hinaus, grub einen +Absenker aus, und brachte ihn in einem kleinen Topf dem Bruder, dem sich +die Thraenen in die Augen zwangen -- er mochte kaempfen dagegen wie er wollte +als er die Gabe sah. Die Mutter stand vom Tisch auf und ging hinaus -- +nicht ein Wort wurde gesprochen so lange sie fort war. Die Speisen +verschwanden dabei von den Tellern und der Wein wurde getrunken, und die +Mutter kam zurueck und nahm ihren Platz wieder ein, lautlos wie vorher; man +konnte den langsamen Gang der Uhr hoeren, an der Wand. + +Da endlich fuellte der Vater sein Glas bis zum Rand, hob es mit der Linken +und ergriff mit der anderen Georgs Hand. Er hatte etwas zum Herzen des +Sohnes, zum Trost vielleicht der Mutter sprechen wollen, aber die Worte +schwollen ihm im Mund -- er brachte eine volle Minute keine Sylbe ueber die +Lippen, und sich gewaltsam fassend und zusammennehmend sagte er endlich. + +"Auf ein frohes Wiedersehn Georg!" + +Georg presste des Vaters Hand und trank ihm und der Mutter und den +Geschwistern zu -- und die Mutter hob ihr Glas und stiess mit dem Sohne an, +aber mehr vermochte das Mutterherz nicht -- zu lange hatte sie jetzt +gewaltsam gegen ihr eigenes Gefuehl an- und den Schmerz niedergekaempft, den +Anderen zu Liebe; laenger war sie es nicht im Stande, und das Glas mit +zitternder Hand niedersetzend, dass der Wein ueber und auf das Tischtuch +floss, stand sie auf, warf die Arme krampfhaft um den Hals des Sohnes und +schluchzte laut. + +"Mutter, liebe -- liebe Mutter -- " + +"Mein Kind -- mein Kind," jammerte die Frau und der Schmerz wuchs an +Heftigkeit, wie der maechtig aber still dahinwaelzende Strom schaeumend +hinausdonnert in's Freie, wo er sich erst einmal Bahn gebrochen aus seinem +Bett -- "mein liebes -- liebes Kind." + +"Aber Mutter," bat der Pastor, "fasse Dich; es ist ja doch nur vielleicht +auf kurze Zeit, bis sich der Junge draussen die Hoerner abgelaufen, und ihm +die Heimath anders aussieht wie jetzt; dann kommt er wieder." + +"Liebe -- liebe Mutter," fluesterte Georg, sie innig an sich schliessend, und +auch ihm erstickten unaufhaltsam fliessende Thraenen die Stimme. + +Die Geschwister weinten auch, und der Vater war aufgestanden und ein paar +Mal mit raschen Schritten, wie um den Anderen Zeit zu geben, eigentlich +aber nur seine eigene Fassung wiederzugewinnen, im Zimmer auf- und +abgegangen. Jetzt blieb er neben der Gattin und dem Sohne stehn, und sie +langsam trennend sagte er mit sanfter, bittender Stimme: + +"Kommt Kinder, kommt -- macht Euch selber nicht das Herz zum Brechen +schwer; das ist unrecht. Ueberdies quaelt Ihr Euch zweimal, und habt morgen +frueh noch dasselbe Leid. Es ist eine lange Trennung, aber keine Trennung +fuer's Leben -- wir sind Alle noch ruestig und gesund, und werden uns, will +es Gott, hoffentlich Alle einmal froh und freudig in die Arme schliessen +koennen." + +"Aber Du schreibst bald, Georg," fluesterte die Mutter sich mit aller Kraft +zusammennehmend -- "Du laesst uns nie lange ohne Nachricht, nicht wahr Du +versprichst mir das?" + +"Gewiss Mutter, gewiss -- so oft ich kann -- aber aengstigt Euch nur auch +nicht, wenn einmal ein Brief laenger ausbleibt als gewoehnlich; der Weg ist +weit, und ein Brief kann leicht verloren gehn." + +"So, und jetzt zu Bett Kinder," mahnte der Vater -- "es ist spaet geworden, +sehr spaet, und Du musst frueh wieder heraus Georg, die Post nicht zu +versaeumen; sind Deine Koffer hinuebergeschafft?" + +"Es ist Alles drueben," sagte die Mutter, sich aus den Armen des Sohnes +windend und ihre Thraenen trocknend, "nur sein Ueberrock ist noch hier, den +er anzieht, und die kleine Tasche in die er morgen frueh sein Nacht- und +Waschzeug steckt -- doch das besorg' ich schon selber und werd' es nicht +vergessen. Ich bin frueh auf, Georg, Du musst ja doch auch noch Deinen +Kaffee haben bevor Du gehst." + +"Gute Nacht Mutter!" rief Georg, umschlang sie noch einmal und kuesste ihr +Lippen, Augen und Stirn, "gute Nacht meine gute, gute Mutter -- gute +Nacht!" + +"Gute Nacht mein Georg, mein Kind," sagte die arme Frau unter Thraenen -- +"schlaf nur jetzt recht aus -- zum letzten Mal unter unserem Dach -- fuer die +naechste Zeit wenigstens," setzte sie rasch hinzu -- "denn mit Gottes +Beistand hoff' ich soll es nicht das letzte Mal gewesen sein -- und -- und +meinen Segen nimm mit Dir, wohin Du gehst -- wo Du weilst -- was Du thust -- +-- er ruhe auf Dir, mein gutes, gutes Kind!" + +Georg beugte sich unwillkuerlich dem ernsten heiligen Wort -- seine ganze +Gestalt zitterte dabei, und die Mutter musste sich endlich mit freundlicher +Gewalt aus seinen Armen winden; dann aber floh sie auch hastigen Schrittes +aus dem Zimmer, sich in dem eigenen Kaemmerlein recht, recht herzlich +auszuweinen. + +Die Geschwister sagten dem Bruder jetzt gute Nacht -- die aelteste Schwester +Louise hing lange an seinem Hals, aber riss sich los, den Schmerz der +Eltern nicht zu vermehren. Die Juengeren kuessten ihn auf die Wangen und +sagten. "Gute Nacht Georg -- weck' uns nicht zu spaet morgen frueh, dass wir +Dir auch noch koennen glueckliche Reise wuenschen." + +Georg kuesste sie herzlich und bat sie brav und gut zu sein, und Vater und +Mutter Freude -- viel Freude zu machen, denn er selber ginge nun fort, und +die Eltern wuerden deshalb recht traurig sein. + +"Gute Nacht Georg," sagte der Vater, als die Kinder zu Bett gegangen +waren, und Alle, ausser ihm, das Zimmer verlassen hatten, "habe keine Angst +dass Du die Post morgen verschlaefst, ich wache schon auf zur rechten Zeit -- +gute Nacht mein Sohn. Komm komm, fange nicht selber wieder an, und mach' +mir das Herz nicht schwer vor der Zeit -- aber Georg, um Gottes Willen was +ist Dir? -- sei ein Mann -- Nun ja -- so lange die Frauen da waren hat es mir +auch das Herz fast abgedrueckt -- man darf es sie ja nicht so merken lassen, +sonst zerfliessen sie ganz -- " + +"Mein lieber -- lieber Vater," schluchzte Georg an seinem Halse." + +"Mein guter, guter Sohn!" fluesterte der Pastor, des Kindes Stirne kuessend, +und jetzt selber im Innersten ergriffen und bewegt -- "bleibe brav -- bleibe +so brav wie Du bist -- ich kann Dir nichts Besseres wuenschen -- trage Gott +im Herzen und Dich selbst, und -- Deiner alten Eltern Bild, deren Segen Dir +folgt auf allen Deinen Wegen." + +"Mein Vater!" + +"So mein Sohn -- jetzt gute Nacht und bete zu Deinem Schoepfer dass er uns +morgen in der schweren Abschiedsstunde staerkt -- gute Nacht mein Georg -- +gute Nacht." + +Leise machte er sich los aus des Sohnes Arm, kuesste ihn noch einmal, und +verliess dann rasch das Zimmer. Georg aber blieb lange, lange Minuten auf +dem Stuhle sitzen wo ihn der Vater verlassen, das Gesicht in seinen Haenden +bergend. + +"Gute Nacht," fluesterte er endlich leise und kaum hoerbar, als Alles schon +im Hause still war, und zu Ruhe gegangen -- "gute Nacht Ihr Lieben und Gott +schuetze Euch und mich; aber nicht moeglich waere es mir, die furchtbare +Trennungsstunde noch einmal durchzuleben, nicht moecht' ich Dir Vater, Dir +Mutter den Schmerz, das bittere Weh zum zweiten Mal bereiten. Es ist +vorbei -- Alles vorbei, und wenig Stunden noch und die Heimath selber +liegt, ein schoener Traum nur, in der Erinnerung Tiefe. So denn an's Werk" +setzte er fest und entschlossen hinzu, "und ob das Herz darueber brechen +will, "durch" ist mein Wahlspruch jetzt, durch Nacht zum Licht -- _durch_." + +Und mit den, fest zwischen den zusammengebissenen Zaehnen gemurmelten +Worten stand er auf, und sein Schlafzimmer oeffnend warf er den Rock ab, +und badete Gesicht und Nacken in kuehlem Wasser. Dann, als er die Glut die +ihn durchtobte, in etwas geloescht, packte er den kleinen Nachtsack mit +den, sorglich fuer ihn auf dem Waschtisch ausgebreiteten Gegenstaenden, zog +sich wieder an, knoepfte den Ueberrock bis an den Hals zu, denn die Nacht +war kalt, und nach der gehabten Aufregung froestelten ihn die Glieder, und +im Zimmer umherschauend fiel sein Blick auf den, unter dem Spiegel +stehenden, fuer ihn eingeschlagenen Rosenstock. Rasch barg er ihn in der +weiten Tasche seines Ueberrocks, oeffnete dann das Fenster, das in den +Garten hinaus und von da ueber den Kirchhof fuehrte, der Landstrasse zu, und +schwang sich auf das Fensterbret. + +"Ade!" fluesterte er, "ade Du trautes, liebes Haus, ade -- Gott halte seine +Hand ueber Dir, und schuetze die lieben Menschen -- ade, ade." Und von dem +Bret hinunterspringend in den Garten, durcheilte er diesen, schwang sich +leicht ueber die Kirchhofmauer, die er als Kind unzaehlige Male +ueberklettert, und schritt dann langsam und traurig seinen einsam dunklen +Weg entlang. + + * * * * * + +Noch hob sich die Sonne nicht ueber den oestlichen Fichtenhang, und der +daemmernde Tag gruesste eben die schlummernde Erde, als sich die Mutter von +ihrem Lager hob, das Maedchen weckte dass es Feuer in der Kueche mache, den +Kaffee bereit zu halten, und dann den Mann rief, dem Sohn ade zu sagen. +Pastor Donner hatte aber auch nur in unruhigem Schlaf gelegen -- die +Gedanken und Sorgen liessen ihn nicht ruhen, und wie aus boesem Traum fuhr +er oft empor, mit einem wehen Stich durch's Herz zurueckzusinken, _dass_ es +eben kein Traum sei, der ihn bedruecke und quaele. + +Er stand auf, zog sich an, und waehrend die Mutter draussen in der Kueche +sorgte, dem Sohn ein rasches Fruehstueck zu bereiten, ging der Vater hin ihn +zu wecken. + +"Georg!" sagte er, als er die Thuer oeffnete, die in des Sohnes Kammer +fuehrte -- "Georg -- es wird Zeit -- heiliger Gott!" unterbrach er sich aber +rasch und erschreckt als er das Gemach leer, das Bett unberuehrt und keine +Spur mehr von dem Kinde fand -- "heiliger, erbarmender Gott -- er ist fort." +Und wie er sich auch vorgenommen sich zu fassen, und der Frau, dem Kind, +die letzten Augenblicke nicht mehr zu erschweren, durch seine eigene +Schwaeche, traf ihn _der_ Schlag doch zu hart -- zu unerwartet. In diesem +Augenblick betrat die Mutter das Zimmer, und sah wie der Vater sich +erschuettert von der Thuer abwandte und das Antlitz in den Haenden barg. + +"Mein Sohn -- mein Kind!" stammelte sie, in der sie durchzuckenden Ahnung +des Geschehenen, der sie wie ein jaeher Schlag in's Herz traf -- "wo ist -- +wo ist Georg?" Aber der Vater zog sie an die Brust, und ihre Stirn, auf +die seine heissen Thraenen fielen, kuessend, fluesterte er leise: + +"Er hat uns den Schmerz des Abschiedes sparen wollen, Louise -- er ist +fort." + +"_Fort!_" hauchte die Frau -- kaum noch den Sinn der Worte fassend, und +brach bewusstlos in den Armen des Gatten zusammen. + + * * * * * + +Ausserhalb Waldenhayn, wenn auch noch zu demselben Kirchspiel gehoerend, und +dicht an der Grenze des bis hier herniederlaufenden Holzes, stand ein +kleines, schon halb verfallenes Haus, das frueher einmal von einem +Forstgehuelfen des herrschaftlichen Waldes bewohnt, dann aber nicht mehr +benutzt, und um ein Billiges, eigentlich auf Abbruch, verkauft worden war. +Der Mann der es kaufte aber, hatte frueher ebenfalls in herrschaftlichen +Diensten gestanden, und dann das Metzger-Handwerk getrieben; sein wildes, +liederliches Leben jedoch liess sein Geschaeft nicht foerdern, noch vorwaerts +gehn. Er schien auch keine rechte Lust an einer regelmaessigen Arbeit zu +haben, heirathete dann, als er Alles was er sein nannte, durchgebracht, +ein Maedchen vom herrschaftlichen Gut, das den Dienst dort verlassen musste +und von dem Herrn selber eine Abstandssumme bekam, und kaufte mit dem +Gelde eben das kleine unwohnliche Gebaeude, das er nichtsdestoweniger +bezog, und sich jetzt angeblich vom Viehhandel ernaehrte. Er zog im Lande +herueber und hinueber, und kaufte und verkaufte Vieh, mehr aber noch trieb +er sich in den Wirthshaeusern herum, wo er trank und spielte, und den +schlimmsten Ruf im Lande hatte, den ein Mensch haben kann, ohne dass jedoch +die Polizei den mindesten Halt an ihn bekommen konnte. Aber die +ordentlichen Leute zogen sich von ihm zurueck; Niemand mochte Umgang mit +ihm oder seinem Weibe haben, und auf dem Weg zu seinem Hause wuchs Gras; +wen dort nicht ein besonderes Geschaeft hinfuehrte, betrat ihn nimmer. + +So hatte der "schwarze Steffen," wie er im Lande seines dunklen Haares und +Aussehns wegen hiess, sechs Jahre in dem kleinen Haus gewohnt, und sein +Weib ihm, ausser dem Kind das sie in die Ehe gebracht, noch drei andere +geboren. In der letzten Zeit tauchte dabei ein anderer Verdacht gegen ihn +auf, dass er sich naemlich unter der Hand mit Wilddieben einlasse, und -- +wenn auch vielleicht nicht selber wildere, doch das Gestohlene kaufe und +unterbringe. + +Sicher ist, dass nicht alles Fleisch was er zu Markte fuehrte, im Stall +gemaestet worden, und als nun auch gar einmal, und vor nicht so sehr langer +Zeit, ein Forstgehuelfe, in Ausuebung seiner Pflicht, erschossen worden, +wurde die Aufsicht ueber den schwarzen Steffen, dem man aber doch nicht zu +Kragen konnte, so scharf gefuehrt, und diesem zuletzt so unertraeglich, dass +er schon ein paar Mal mit den Forstbeamten im Wirthshaus Streit gesucht +und gefunden, und ihm zuletzt von der Herrschaft, nach lange geuebter +Nachsicht, der Befehl zugestellt wurde, das auf den Abbruch damals +erstandene Haus, von dem uebrigens kein Ziegel mehr sein gehoerte, zu raeumen +und abzutragen oder stehen zu lassen, wie es ihm gefalle, seinen Wohnsitz +aber, wider ihn eingelaufener Klagen wegen, wo anders zu nehmen, vom +ersten des naechsten Monats an. + +Steffen war heute einmal ausnahmsweise den ganzen Tag zu Haus geblieben, +und hatte manche von seinen Sachen, wobei ihm die Frau half, +zusammengetragen und in einen Ranzen gepackt. Die Kinder aber achteten +wenig darauf; sie waren gewohnt dass der Vater oft fortging, und dann immer +mehre, manchmal sogar acht Tage fortblieb, ehe sie ihn wieder zu sehen +bekamen, oder auch nur von ihm hoerten. Fragen, wohin er ging, durften sie +nie. + +Der Vater war uebrigens muerrischer heute als je -- er sprach fast kein Wort, +trank aber oft aus der Flasche, die zum ersten Mal offen in der Stube +stand, und woraus sich auch die Mutter zweimal einschenkte, und sich dann +zu dem juengsten Kinde setzte, und es auf den Schoos nahm und kuesste. + +"Weshalb weinst Du, Mama?" sagte das zweite Kind, ein Junge von etwas ueber +fuenf Jahren -- "hat Dir Jemand 'was zu Leid gethan?" + +"Weil sie eine Naerrin ist," brummte der Vater, der die Frage gehoert hatte, +und jetzt einen aergerlichen Blick nach der Frau schoss -- "ich daechte wir +haetten nun genug darueber geschwatzt und die Sache waer' abgemacht." + +"Nun ja -- ich sage ja auch kein Wort mehr dagegen," erwiederte die Frau -- +"es -- es ueberkommt Einen nur noch manchmal so -- nachher wird's besser und +-- es geht ja doch nun einmal nicht anders," setzte sie still und schwer +vor sich hinseufzend, hinzu. + +Steffen entgegnete nichts weiter darauf, schickte aber bald darauf, unter +irgend einem Vorwand, die Kinder mitsammen hinaus in den Garten, und sagte +dann, als er sich mit der Frau allein sah, muerrisch und finster. + +"Du flennst und flennst, und wirst die Baelge noch zuletzt aufmerksam und +aengstlich machen mit Deiner Heulerei -- kannst Du sie hier ernaehren, so +bleib da, ich habe Nichts dagegen; kannst Du's aber nicht, dann sei auch +vernuenftig und mach' jetzt keine dummen Streiche -- es waer' ein Spass, wenn +sie uns abfassten, und Du weisst am Besten was uns nachher bevorstuende." + +Die Frau war schlank und voll gewachsen, mit besonders kleinen Haenden und +Fuessen, musste auch einmal in frueheren Jahren wirklich schoen gewesen sein, +und mehr noch als nur die Spuren war ihr davon geblieben, haette sie eben +etwas gethan sich das zu erhalten. Aber in ihrem ganzen Aeusseren ging sie, +wenn nicht geradezu unreinlich, doch vernachlaessigt; die ungeordneten +Haare wurden durch einen zerbrochenen, aechten Schildpatkamm, und durch ein +schwarzes abgescheuertes Sammetband, in dem vorn eine grosse bronzene +Broche mit einem unaechten Turquis sass, gehalten; in den Ohren hingen ihr +ebenfalls lange emaillirte unaechte Ohrringe, die mit dazu beigetragen +hatten ihr bei ihren bescheidenen und einfachen Nachbarn den Namen der +"stolzen Jule" zu geben, und das Kleid von gutem Stoff und nach neuem +Schnitt gemacht, zeigte unausgebesserte Risse, und Spuren von Fett, in +Streifen und Flecken, die schlecht zu dem blitzenden falschen Schmucke +passten. + +Auch in den Augen selber lag etwas Keckes, Unweibliches, das aber doch +jetzt einem maechtigeren Gefuehl gewichen war, denn nur manchmal, bei den +rauhen Worten, blitzte es an gegen den Mann, und um die Lippen zog sich +dann ein eigener fester Zug von Trotz und Zorn. + +"Ich hab' Dir genug zu Willen gethan, dass ich mit Dir gehe und die Kinder +zuruecklasse," sagte sie dann nach kleiner Weile -- "wenn's mir das Herz +dabei zusammenzieht, waerst Du schlimmer wie ein Thier, wolltest Du's mir +wehren. Der Wolf laesst seine Brut nicht im Stich, und wir wollen fort -- " + +"Der Wolf hat auch draussen zu leben, und fuer die Jungen Milch -- wer +giebt's uns?" zischte der Mann zwischen den zusammgebissenen Zaehnen durch +-- "wir koennten krepiren hier im Nest, keine Katze miaute deshalb im ganzen +Kreis." + +"Ich weiss es, ich weiss es," sagte die Frau, "und das ist das Einzige was +mich freut, dass wir ihnen jetzt einen Streich spielen -- den Lumpen. Und +wie sie schreien und schimpfen werden -- aber ernaehren muessen sie sie doch, +davon hilft ihnen kein Gott. Leid thut's Einem freilich immer, die armen +Dinger, die noch Nichts von der Welt wissen und begreifen, so allein +zurueckzulassen -- wenn ich das Juengste nur mitnehmen duerfte -- " setzte sie +leise hinzu. + +"Komm mir nur jetzt nicht wieder mit dem alten Gewaesch," rief aber der +Mann finster und aergerlich -- "ich daechte das haetten wir ueber und genug +besprochen und ueberlegt, und waeren einig darueber." + +"Ueberlegt gar nicht," sagte aber die Frau, die Brauen fest +zusammenziehend -- "wenn ich davon anfing hast Du mich immer grob +angefahren und ausgezankt, und Deinen Willen gehabt dabei, wie bei allem +Anderen. Ich weiss dass ich nicht zu den Weichen gehoere, aber -- Mutter +bleibt doch Mutter, und -- 's ist immer ein haesslich unnatuerlich Ding." + +"Papperlapapp!" sagte der Mann den Kopf herueber und hinueber werfend -- +"unnatuerlich -- natuerlich ist's allerdings nicht dass die Scheunen +ringsherum voll liegen, und das reiche Lumpenpack das Geld mit vollen +Fausten zum Fenster hinauswirft, waehrend wir hier trocken Brod nagen +sollen, und das nicht einmal immer kriegen -- schoene Natuerlichkeit das." + +"Wenn Du nur nicht den dummen Streich mit dem -- " + +"Halt's Maul!" brummte aber der Mann muerrisch -- "ich sollte mich wohl +erwischen und anzeigen lassen, dass ich jetzt im Zuchthaus saess und spaenn -- +Gott verdamm mich, ich schoesse eher die ganze Bande ueber den Haufen, einen +nach dem anderen -- bist Du nun fertig mit Deinen Sachen?" + +"Ja!" sagte die Frau leise und unwillkuerlich zusammenschaudernd -- "es kann +fort gehn." + +"Wir wollen aber doch warten bis es dunkel ist," sagte Steffen nach +kleiner Pause; "besser ist besser, und der Maertens unten an der Strasse +braucht nicht gleich zu wissen dass wir fortgefahren sind, beide zusammen, +seine Nase hineinzustecken vor der Zeit; er ist mir so schon ein paar Mal +hier oben herumgekrochen, wo er Nichts zu suchen hatte." + +"Aber wenn sie uns nun doch vor der Zeit vermissen?" sagte die Frau, "und +unserer Spur nachgehn; wenn's jetzt schlimm ist, nachher wird's erst boes, +und wir duerften dann nur gleich mit Sack und Pack abziehn." + +"In's Arbeitshaus, eh? -- nein, eine Weile halt' ich sie uns schon von den +Hacken, und Gefahr dass sie uns finden, hat es auch nicht. Wo wir zur +Eisenbahn kommen bin ich bekannt, und habe schon manchmal Vieh da gekauft, +wenn sie auch eben meinen Namen nicht wissen, und wenn wir fortgehn, lasse +ich einen alten Hut von mir und das gelbe Tuch von Dir unten an dem tiefen +Wasserloch unter den Erlen. Sobald Jemand hier in der Gegend vermisst wird, +suchen sie dort immer zuerst, und der Schulze im Dorf hat das Pulver nicht +erfunden, dem ist leicht was aufgehaengt. Bis sie eine Weile stromab +geangelt haben, sind wir hoffentlich unterwegs, und wenn nicht unter, doch +ueber dem Wasser. Aber ich will jetzt noch einmal hinunter zum Maertens gehn +und Mehl holen; es ist auch heute der gewoehnliche Tag, und hierher kommt +nachher keiner so leicht, nimm Du indess die Kinder vor, und instruire sie +wie sie sich zu verhalten haben." + +Und seine Muetze aufgreifend steckte Steffen die Haende in die Taschen, und +schlenderte langsam den Hang hinunter dem naechsten, eine gute +Viertelstunde entfernten Hause zu, waehrend die Frau die Kinder zu sich +hereinrief, das Juengste, ein kleines liebes Maedchen von anderthalb Jahren, +auf den Schoos nahm, und sich damit still und lautlos in die Ecke setzte. + +Die Sonne neigte sich indessen ihrem Untergang, und der Vater kam nach +etwa einer Stunde, als es schon voellig dunkel geworden war zurueck -- die +Mutter sass noch immer mit dem Kind auf dem Schoos, das bei ihr +eingeschlafen war, und hielt es fest an sich gedrueckt. + +"So Jule, es ist Zeit," sagte der Mann, seine Arbeitsjacke abwerfend und +den Rock anziehend, "weiss die Albertine was sie zu thun hat?" + +Die Frau zitterte am ganzen Leib, aber sie erwiederte kein Wort, stand +auf, kuesste das Kind das sie auf dem Arm trug, und legte es in sein +Bettchen -- einen Kasten, der in der Ecke der Stube stand. + +"Albertine," sagte sie dann zu der Aeltesten, und wandte sich von der +duester brennenden Oellampe, die Steffen auf den Ofen gestellt hatte, ab, +dass die Tochter ihr nicht in die jetzt wirklich todtenbleichen Zuege +schauen sollte -- "ich gehe mit dem Vater heute Abend eine Weile fort -- den +Karl bring ich erst noch zu Bett -- sollten wir morgen frueh nicht bei +Zeiten da sein, so -- so zieh die Kinder an und gieb ihnen zu essen -- der +Brodschrank ist offen, und Milch steht unter der Diele in der Schuessel -- +Du passt mir auf dass den Kleinen Nichts passirt -- Du -- Du bist ja schon ein +grosses Maedchen." + +"Und geht mir nicht vor die Thuer morgen, bis wir nicht wieder da sind," +sagte Steffen, "wie ich heut Abend drunten gehoert habe, ist hier ein +toller Hund herumgelaufen. Das Beste wird sein Ihr haltet die Hausthuer zu, +dass er nicht etwa gar herein kommt." + +Die Frau hatte dabei das etwa dreijaehrige Maedchen das indess gar schlaefrig +geworden war, ausgezogen und in sein Bettchen gelegt -- und der Junge, +Carl, sass auf der Bank am Fenster, noch auf sein Abendbrod wartend. Aber +er sah auch erstaunt dabei die Eltern an, die noch nie so spaet Abends +fortgegangen waren, und auch wohl noch nie, oder doch nur selten gar so +freundlich mit ihnen gesprochen hatten. + +"Was fuer ein Hund ist es, Vater?" frug er jetzt, da der Gedanke an den +tollgewordenen Hund ihn besonders interessiren mochte -- "Maertens' Bello? +der kennt mich, und beisst mich nicht." + +"Nein, der grosse Tuerk aus dem Dorfe unten," sagte Steffen -- "der den +Mueller auch schon einmal gebissen hat." + +"Oh der ist schlimm!" rief der Knabe erschreckt -- "da geh' ich gewiss nicht +hinaus." + +"Geh' nun zu Bett Carl, es ist spaet," sagte der Vater. + +"Ich habe mein Abendbrod noch nicht," brummte der arme kleine Bursch. + +"So? -- dann wird Dir's Albertine geben -- und -- seid brav und folgt ihr -- +" + +Er gab dem Knaben und aeltesten Maedchen die Hand, und ging zu den Bettchen +der Kleinen die er kuesste; dann aber als ob er sich einer solchen Regung +schaeme, richtete er sich rasch wieder auf, drueckte den Hut in die Stirn, +und sagte, das Zimmer verlassend, und noch in der Thuer sich umdrehend: + +"Ich warte auf Dich unten am Wasser -- mach schnell!" + +"Sei ein gut Kind Albertine, und hab mir gut auf die Kleinen Acht," +fluesterte die Frau jetzt dem Maedchen zu, das eben dem Bruder ein Stueck +Brod und Salz gegeben hatte, an dem der ass und verwundert dabei hinter den +Vater her aus der Thuer, und nach der Mutter schaute, die lange -- o lange +Zeit nicht so freundlich mit ihnen gesprochen hatte. + +"Aber Mutter wo geht Ihr nur hin?" -- frug das Maedchen, der das Benehmen +der Eltern ebenfalls auffiel, verwundert. + +"Auf's Amt," sagte die Frau, auf die Frage schon vorbereitet -- "wir muessen +morgen frueh mit Tagesanbruch in der Stadt sein, und wollen gehn so lang's +kuehl ist." + +"Und wann kommst Du wieder?" + +"Hoffentlich morgen gegen Abend -- wenn wir fertig werden; auf dem Amt sind +sie aber gar weitlaeufig -- manchmal dauert's laenger als man denkt. Geht mir +aber nicht vor die Thuer, Ihr habt zu essen genug -- jedenfalls sind wir +morgen Abend um die Zeit wieder da -- und acht' mir auf die Kleinen, Tine -- +sei ein vernuenftig gutes Maedchen -- Du bist gross genug. Und -- wenn Jemand +nach uns fragen sollte, so sag nur wir waeren in den Wald gegangen, und +kaemen gleich wieder -- es wird aber wohl Niemand fragen," -- setzte sie +leise, und wie zu ihrer eigenen Beruhigung hinzu. + +Sie sah sich im Zimmer um, ob sie Nichts vergessen habe -- ihr Buendel lag +aber versteckt draussen vor der Thuer, wie der Mann seine gepackte +Jagdtasche ebenfalls draussen verborgen gehabt und jetzt mitgenommen hatte. +Ihr Blick ueberflog auch nur fluechtig den kleinen Raum, und haftete dann +auf dem Bettchen des juengsten Kindes -- sie konnte nicht widerstehn, und +trat noch einmal zu dem schlummernden Kind. + +"Geh doch hinaus Tine, und hole ein paar Stuecken Holz herein, so lang ich +noch hier bin, dass Du morgen frueh Kaffee kochen kannst -- ich bleibe so +lang bei den Kindern," setzte sie langsam und ohne das aelteste Maedchen +dabei anzusehn, hinzu. Dieses ging, und in wilder, fast aengstlicher Hast +kuesste die Frau jetzt die kleine, schon sanft schlummernde Line, und hob +dann das Juengste aus seinem Kasten, auf dessen rosige Lippen sie den +eigenen Mund in wilder Heftigkeit presste, bis es schrie. Die Thraenen -- die +Mutter _konnte_ sich nicht ganz verleugnen in dem Augenblick -- liefen ihr +dabei voll und schwer die Wangen hinunter, und erst als sie das Aelteste +mit dem Holz zurueckkehren hoerte, legte sie das leicht beruhigte Kind +wieder auf sein Lager, und kuesste den Jungen, dem die Thraenen auch anfingen +in die Augen zu steigen. Er wusste freilich nicht recht weshalb, und nur +vielleicht weil er die Mutter weinen sah, wurd' es ihm auch so weh und +weich um's Herz. + +"Aber Mutter, was ist Dir nur heute Abend?" sagte das Maedchen, dem die +aussergewoehnliche Bewegung derselben unmoeglich entgehen konnte -- "was habt +Ihr nur, Du und der Vater?" + +"Bah -- der Vater war garstig mit mir, und wir haben uns gezankt," sagte +die Mutter, das Gesicht abwendend von dem Kind. + +Ein scharfer Pfiff von draussen her schlug an ihr Ohr, und sie fuhr +erschreckt in die Hoehe. + +"Ja -- ich komme schon!" murmelte sie, kaum hoerbar, vor sich hin, "so adieu +Albertine -- hab auf die Kinder Acht, und -- _behuet Euch Gott_!" und mit +dem, wie scheu gefluesterten und vielleicht seit langer, langer Zeit nicht +ausgesprochenen Segen, verliess sie rasch das Zimmer und das Haus. + +"Was zum Teufel troedelst Du denn da drin, und laesst mich eine Stunde hier +warten?" rief der Mann muerrisch, als sie ihn endlich an der verabredeten +Stelle traf -- aber die Frau erwiederte kein Wort, und die fieberheisse +Stirn in die Hand pressend, folgte sie dem, jetzt ebenfalls finster und +schweigend Voranschreitenden, durch die Nacht. + + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! ERSTER BAND*** + + + +CREDITS + + +May 2006 + + Project Gutenberg Edition + richyfortytwo + Joshua Hutchinson + Online Distributed Proofreading Team + + + +A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 18475-0.txt or 18475-0.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/1/8/4/7/18475/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. 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