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+The Project Gutenberg EBook of Nach Amerika! Erster Band by Friedrich
+Gerstaecker
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Nach Amerika! Erster Band
+
+Author: Friedrich Gerstaecker
+
+Release Date: May 2006 [Ebook #18475]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! ERSTER BAND***
+
+
+
+
+
+ Nach Amerika!
+ Ein Volksbuch
+
+ Erster Band
+ von
+ Friedrich Gerstaecker.
+Illustrirt von Theodor Hosemann.
+Leipzig, Hermann Costenoble, Verlagsbuchhandlung
+Berlin, Rudolph Gaertner, Amelang'sche Sort-Buchhandlung
+
+1855
+
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+
+ [image]
+
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+
+ NACH AMERIKA!
+
+
+Wie man ein Bild, aus einem Werk heraus, vorn auf den Umschlag bringt, den
+Beschauer dadurch gewissermassen in den Charakter des Ganzen einzuweihen,
+so will auch ich hier den Anfang des einen Capitels, aus der Mitte des
+Bandes heraus, zum Vorwort waehlen, den Leser gleich von vorn herein mit
+dem bekannt zu machen, was ich ihm biete.
+
+"Nach Amerika!" -- Leser, erinnerst Du Dich noch der Maerchen in "Tausend
+und eine Nacht", wo das kleine Woertchen "Sesam" dem, der es weiss, die
+Thore zu ungezaehlten Schaetzen oeffnet? hast Du von den Zauberspruechen
+gehoert, die vor alten Zeiten weise Maenner gekannt, Geister heraufzurufen
+aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls sich dienstbar zu
+machen? -- Mit dem ersten Klang der einfachen Sylbe schlugen, wie sich die
+Sage seit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner
+zusammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkuehne Menschenkind das sie
+gesprochen, bebte zurueck vor der furchtbaren Gewalt die es
+heraufbeschworen.
+
+_Die_ Zeiten sind vorueber; die Geister, die damals dem Menschengeschlecht
+gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das
+rechte Wort vergeben sie zu rufen -- aber ein anderes dafuer gefunden das,
+kaum minder stark, mit _einem_ Schlage das Kind aus den Armen der Eltern,
+den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen seinen Verhaeltnissen und
+Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reisst, in dem es bis dahin mit
+seinen staerksten, innigsten Fasern treulich festgehalten.
+
+"Nach Amerika," leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der ersten
+schweren, traurigen Stunde entgegen, die seine Kraft pruefen sollte, seinen
+Muth staehlen -- "nach Amerika," fluestert der Verzweifelte der hier am Rand
+des Verderbens dem Abgrund langsam aber sicher entgegen gerissen wurde --
+"nach Amerika," sagt still und entschlossen der Arme, der mit maennlicher
+Kraft, und doch immer und immer wieder vergebens gegen die Macht der
+Verhaeltnisse angekaempft, der um sein "taegliches Brod" mit blutigem Schweiss
+gebeten -- und es nicht erhalten, der keine Huelfe fuer sich und die Seinen
+hier im Vaterlande sieht, und doch nicht betteln _will_, nicht stehlen
+_kann_ -- "nach Amerika" lacht der Verbrecher nach gluecklich veruebtem Raub,
+frohlockend der fernen Kueste entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt
+vor dem Arm des beleidigten Rechts -- "nach Amerika," jubelt der Idealist,
+der wirklichen Welt zuernend, weil sie eben wirklich ist, und ueber dem
+Ocean drueben ein Bild erhoffend, das dem in seinem eigenen tollen Hirn
+erzeugten, gleicht -- "nach Amerika" und mit dem einen Wort liegt hinter
+ihnen, abgeschlossen, ihr ganzes frueheres Leben, Wirken, Schaffen -- liegen
+die Bande die Blut oder Freundschaft hier geknuepft, liegen die Hoffnungen
+die sie fuer hier gehegt, die Sorgen die sie gedrueckt -- _"nach Amerika!"_
+
+So gaehrt und keimt der Saame um uns her -- hier noch als leiser, kaum
+verstandener Wunsch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft
+und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht seiner gepackten Kisten und
+Kasten. Der Bauer draussen hinter seinem Pflug, den der nahe Grenzrain, der
+ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie so schwer
+geaergert, und der im Geist schon die langen geraden Furchen zieht, weit
+ueber dem Meer drueben, in dem fetten, herrlichen Land; -- der Handwerker in
+seiner Werkstatt, dem sich Meister nach Meister in die Nachbarschaft
+setzt, mit Neuerungen und grossen, marktschreierischen Firmen, die wenigen
+Kunden die ihm bis dahin noch geblieben in _seine_ Thuer zu locken; der
+Kuenstler in seinem Atelier, oder seiner Studirstube, der ueber einer
+freieren Entwickelung bruetet, und von einem Lande schwaermt wo
+Nahrungssorgen ihm nicht Geist und Haende binden; -- der Kaufmann hinter
+seinem Pult, der Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in seinen Buechern
+zieht, und, das sorgenschwere Haupt in die Hand gestuetzt, von einem neuen,
+andern Leben, von lustig bewimpelten Schiffen, von reich gefuellten
+Waarenhaeusern traeumt; in Tausenden von ihnen draengt's und treibt's und
+quaelt's, und wenn sie auch noch vielleicht Jahre lang nach aussen die alte
+fruehere Ruhe wahren, in ihren Herzen glueht und glimmt der Funke fort -- ein
+stiller aber ein gefaehrlicher Brand. Jeder Bericht ueber das ferne Land
+wird gelesen und ueberdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend fuer den
+Kranken. Vorsichtig und aengstlich, und wie weit herum um ihr Ziel, dass man
+die Absicht nicht errathen soll, fragen sie versteckt nach dem und jenem
+Ding -- nach Leuten die vordem "hinueber" gezogen und denen es gut gegangen
+-- nach Land- und Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk -- fuer Andere natuerlich,
+nicht fuer sich etwa -- sie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen
+will hinueber, ein entfernter Verwandter oder naher Freund, sie wuenschen
+dass es dem wohl geht, und haeufen mehr und mehr Zunder fuer sich selber auf.
+
+So ringt und draengt und wuehlt das um uns her; keiner ist unter uns, dem
+nicht ein lieber Freund, ein naher Verwandter den _salto mortale_ gethan,
+und Alles hinter sich gelassen, was ihm einst lieb und theuer war -- aus
+dem, aus jenem Grund -- und taeglich, stuendlich noch hoeren wir von anderen,
+von denen wir im Leben nie geglaubt dass _sie_ je an Amerika gedacht, wie
+sie mit Weib und Kind und Hab und Gut hinueberziehn.
+
+Und dort? --
+
+-- Die vorliegenden Blaetter sollen dem Leser ein Bild geben von dem Leben
+und Treiben solcher Leute. Hier aus unserer Mitte heraus, aus den
+verschiedenartigsten Verhaeltnissen und Sphaeren, aus allen Schichten der
+menschlichen Gesellschaft sehen wir sie ziehen -- Gute und Boese, den
+Leichtsinnigen und den Spekulanten, den Bauer und Handwerker, den
+Gelehrten und den Arbeiter, den rechtschaffenen Buerger und den heimlichen
+Verbrecher, Alle dem _einen_ Ziel entgegenstrebend. Und _Alle_ vereinigt
+sie das Schiff; der eine kleine Bau, der hunderte von Menschen auf seinem
+schwanken Kiel hinuebertraegt, dem fernen Welttheil zu; oh was fuer
+Hoffnungen, was fuer Plaene und Traeume birgt er in seinem Schooss. Aber die
+Auswanderer liegen die langen Wochen, ja Monate, verpuppten Raupen gleich,
+im engen Haus, still und gedraengt beisammen; Jeder mit dem alten Leben
+abgeschlossen hinter sich, mit dem neuen noch nicht begonnen, in einem
+wunderlichen unnatuerlichen Zustand, ungeduldiger Ruhe, bis der Anker in
+die Tiefe rollt, und die ausgeschobene schmale Planke der bunten Schaar
+von Tag- und Nachtfaltern den Weg in's Freie oeffnet.
+
+Hinaus flattern sie da nach allen Seiten, wie eine Hand voll Spreu, vom
+Winde fort gefuehrt; die Einen selbstbewusst und keck dem fremden,
+unbekannten Leben in die Arme springend, die Anderen scheu und zaghaft bei
+jedem Schritte fast moralische Selbstschuesse und Fussangeln fuerchtend; Alle
+aber entschlossen, die meisten sogar gezwungen, dem neuen Vaterlande die,
+im alten aufgegebene Existenz abzuringen, Jeder in seiner Art, auf seine
+Weise.
+
+Dort nun sehen wir sie schaffen und wirken in Gutem und Boesen, die Einen
+mit ihren kuehnsten Hoffnungen erfuellt, Andere, zerknirscht und zertreten,
+die Stunde verwuenschend, die den Gedanken an Auswanderung gebar -- sehn wie
+sich die Wildniss lichtet, wie Farmen und Staedte entstehn, und sich das
+deutsche Element ausbreitet nach allen Seiten, und folgen den einzelnen
+Bekannten und Freunden, die wir zu Hause schon, oder auf der Fahrt erst
+lieb gewonnen, oder fuer die wir uns interessiren, auf ihren verschiedenen,
+oft wunderlichen Bahnen.
+
+Manchen alten Reisegefaehrten fuehr ich dabei dem Leser vor, und hoffe ihn
+nicht zu langweilen, den weiten Weg; schlafen wir dann auch manchmal
+draussen im Freien, oder in niederer Blockhuette auf duennem "Quilt", muessen
+wir auch eine Zeit lang mit Maisbrod und Wildpret, oder gar mit Speck und
+Syrup verlieb nehmen, wie es der Farmer am Ohio liebt, wir lernen doch das
+Land kennen, mit seinen guten und schlechten Eigenschaften, seinen
+Vortheilen und Maengeln, seinen Buergern und Einwanderern, seinen inneren
+Verhaeltnissen, seinem Leben und seiner Lebenskraft, und bin ich im Stande
+ihn auch nur einen Blick in jene ferne, von Tausenden so heiss ersehnte
+Welt, wie ich sie selbst gefunden, thun zu lassen, so hab ich meinen Zweck
+mit diesem Buch erreicht.
+
+_Rosenau_ bei Coburg im September 1854.
+
+ Friedrich Gerstaecker.
+
+
+
+
+
+ INHALT DES ERSTEN BANDES.
+
+
+Das Dollinger'sche Haus
+Der rothe Drachen
+Der Diebstahl
+Franz Lossenwerder
+Die Auswanderungs-Agentur
+Die Weberfamilie
+Nach Amerika
+Der Tanz im rothen Drachen
+Ruestungen
+Die beiden Familien
+
+
+
+
+
+ Capitel 1.
+
+
+ DAS DOLLINGER'SCHE HAUS.
+
+
+Im Hause des reichen Kaufmanns Dollinger zu Heilingen -- einer nicht
+unbedeutenden Stadt Deutschlands -- hatte am Sonntag Mittag, ein kleines
+Familienfest die Glieder des Hauses um den Speisetisch versammelt, und
+diesen heute in aussergewoehnlicher Weise mit Blumen geschmueckt, und
+delicaten Speisen und Weinen gedeckt. Es war der Geburtstag der zweiten
+Tochter des Hauses, der liebenswuerdigen Clara und nur ihr erklaerter
+Braeutigam, ein junger deutscher, in New-Orleans ansaessiger Kaufmann, als
+Gast der Familie zugezogen worden.
+
+Am oberen Ende des Tisches, um dem Leser die Personen gleich in
+Lebensgroesse vorzufuehren, sass Vater Dollinger, ein etwas wohlbeleibter aber
+behaebiger, stattlicher Mann, mit klaren, blauen, unendlich gutmuethigen
+Augen und schneeweissen Locken und Augenbrauen, die aber dem edel
+geschnittenen Gesicht gar gut und ehrwuerdig standen. Ihm zur Rechten sass
+seine Frau, allem Anschein nach etwa funfzehn oder sechzehn Jahre juenger
+wie er selber, und durch ihr volles, dunkelbraunes Haar vielleicht auch
+noch sogar juenger aussehend, als sie wirklich war. Sie ebenfalls, mit
+ihrer stattlichen Gestalt, hatte einen leichten Anflug zu Corpulenz, aber
+das etwas ausgeschnittene Kleid, wie die schwere goldene Kette, Broche und
+Ohrringe, die sie fast etwas zu reichlich schmueckten, passten nicht ganz zu
+dem sonst so freundlichen, matronenhaften Aeussern.
+
+Clara neben ihr, war das veredelte Bild der Eltern; die lieben treublauen
+Augen schauten gar so vertrauungs- und unschuldsvoll hinein in die Welt,
+an deren Schwelle sie stand, und die ihr, wie ein eben geoeffnetes,
+prachtvoll gebundenes Buch auf den ersten, fluechtig durchblaetterten
+Seiten, nur freundliche Blumen und ihr zulaechelnde Gestalten zeigte. Kein
+Schmerz hatte diese engelsanften Zuege noch je durchzuckt, keine Thraene
+wirklichen Schmerzes den reinen Blick getruebt, und die ganze zarte,
+sinnige Gestalt glich der eben entkeimenden Fruehlingsbluethe im sonnigen
+Wald, die dem jungen Fruehlingstag in Glueck und Unschuld die schwellenden
+Lippen zum Kusse bietet, und in der blitzenden Thauperle ihres Kelchs, den
+reinen Aether ueber sich, nur schoener, nur gluehender zurueckspiegelt.
+
+Ihre um nur wenige Jahre aeltere Schwester, Sophie, die an des Vaters Seite
+sass, aehnelte der Schwester in mancher Hinsicht an Gestalt, aber das
+einfach kindliche, was Claerchen jenen unendlichen Reiz verlieh, fehlte
+ihr. Ihre Gestalt war voller, majestaetischer, aber auch ihr Blick mehr
+kalt und stolz; "ich bin des reichen Dollingers Kind" lag klar und
+deutlich in den scharf zusammengezogenen Mundwinkeln, in dem fest und
+entschieden, blitzenden Auge, und auch ihre Kleidung, ihr Schmuck war,
+wenn nicht reicher, doch jedenfalls mehr in's Auge springend, Bewunderung
+fordernd.
+
+Zwischen Beiden sass Clara's Braeutigam, ein junger, bildhuebscher Mann in
+moderner, fast fuer einen Mann etwas zu gewaehlter und sorgfaeltig geordneter
+Kleidung; er trug das Haar in natuerlichen dunkelbraunen Locken und das
+Gesicht glatt rasirt, bis auf einen kleinen, aufmerksam gekraeussten, und
+nur bis zur halben Backe reichenden Backenbart, an den Fingern aber mehre
+sehr kostbare Diamant-Ringe, eine Brillant-Tuchnadel von prachtvollem
+Feuer, und eine schwere goldene, ebenfalls mit kleinen Edelsteinen
+besetzte Uhrkette.
+
+Die Bekanntschaft Clara's und ihrer Eltern hatte er dabei auf eine etwas
+romantische Weise, und zwar gleich als ihr Lebensretter oder doch Befreier
+aus einer nicht unbedeutenden Gefahr gemacht. Herr und Frau Dollinger
+waren naemlich mit ihren beiden Toechtern im vorigen Herbst auf einer
+Rheinreise bei Ruedesheim aus- und zu dem kleinen Waldtempel oben ueber
+Asmannshausen hinaufgestiegen, um sich von dort nach dem Rheinstein
+uebersetzen zu lassen; die Mutter hatte aber durch das nicht gewohnte
+Bergsteigen heftige Kopfschmerzen bekommen oder, was wahrscheinlicher ist,
+ennuyirte sich am Land und wuenschte an Bord des Dampfers zurueckzukehren,
+und als sie gerade mit dem Kahn ueber den Rhein fuhren, kam ein Dampfboot
+stromab, und hielt auf ihr Winken, sie an Bord zu nehmen. Herr und Frau
+Dollinger, mit Sophie, von den Kahnfuehrern unterstuetzt, hatten auch schon
+gluecklich die Treppe und das Deck erreicht, und dicht hinter ihnen folgte
+Clara, als diese sich ploetzlich erinnerte, ihre Geldtasche im Kahn
+vergessen zu haben, und anstatt diese sich heraufreichen zu lassen, selber
+wieder zuruecksprang sie zu holen. Durch das Hineinspringen fing aber der
+schmale Kahn an zu schwanken, waehrend sie, die vergessene kleine Tasche
+aufhebend, das Gleichgewicht verlor und, mit dem Kopf voran, in den Rhein
+stuerzte. Ungluecklicher Weise waren gerade in dem naemlichen Augenblick die
+Kahnleute an Deck des Dampfers gestiegen, den Koffer eines Passagiers, der
+mit an Land fahren wollte, in ihren Kahn zu heben, und wenn sie jetzt
+auch, auf das Geschrei an Bord, rasch in diesen zuruecksprangen, trieb doch
+Clara schon hinter dem Dampfboot aus, als der junge, eben von Amerika
+zurueckgekehrte Mann, der dem ganzen Vorfall vom Deck des Dampfers
+zugesehn, mit keckem Muth ins Wasser sprang und die Jungfrau doch
+wenigstens so lange an der Oberflaeche unterstuetzte, bis das Boot herbeikam
+sie beide aufzunehmen.
+
+Das Weitere nahm einen ziemlich einfachen Verlauf, Joseph Henkel, wie der
+junge Mann hiess, gewann sich in den naechsten Wochen, die er in der
+Gesellschaft der ihm zu grossen Dank verpachteten Familie zubrachte, die
+Achtung des Vaters und die Liebe von Mutter und Tochter, und als er zuerst
+bei der Mutter um die Hand der Tochter anhielt, sagten Beide nicht nein.
+Allerdings wollte der Vater erst, wenn auch nicht gerade Schwierigkeiten
+machen, doch etwas Genaueres ueber die Existenzmittel eines Mannes
+erfahren, dem er das Glueck und Leben eines lieben Kindes anvertrauen
+sollte. Henkel selber bot ihm dazu die Hand und gab ihm Adressen an
+verschiedene Haeuser in New-Orleans, die ihm ueber seine dortige Stellung
+genaue Auskunft geben konnten.
+
+Nach seinem Vermoegen mochte der alte Dollinger, wenn auch Kaufmann, nicht
+so genau forschen; er war selber reich genug, einen _reichen_
+Schwiegersohn entbehren zu koennen, und etwas Vermoegen musste der junge Mann
+haben, dafuer buergte sein ganzes Auftreten, buergte besonders in den Augen
+seiner Frau der reiche und wirklich kostbare Schmuck, den er trug. Joseph
+Henkel war aber auch ausserdem ein interessanter und sehr gescheidter Mann,
+der Manches in der Welt schon gesehen und erlebt, und das Gesehene und
+Erlebte mit lebendigen Farben und Worten zu schildern wusste. Er hatte die
+ganzen Vereinigten Staaten von Nord nach Sued und von Ost nach West
+durchstreift, und dort theils seinen Geschaeften gelebt, theils gejagt,
+sogar ein kleines Dampfschiff auf dem Arkansas laufen gehabt, mit den
+Indianern Handel zu treiben, und ihnen die Produkte des Ostens gegen ihre
+eigenen Fabrikate und den Gewinn ihrer Jagden einzutauschen. Er war auch
+einmal von jenen wilden trotzigen Staemmen, die uns Cooper so herrlich und
+unuebertroffen beschrieben, gefangen genommen und zum Opfertod verdammt,
+und damals wirklich nur durch ein halbes Wunder gerettet worden, und Clara
+hatte eine ganze Nacht nicht schlafen koennen, nur in der Angst und Unruhe
+um die entsetzliche Gefahr, der sich der tollkuehne Mensch damals schon
+ausgesetzt.
+
+Der junge Mann schien aber zwischen jenen wilden Staemmen den Umgang mit
+civilisirten Menschen keineswegs verlernt zu haben, und besass ganz
+besonders ein fast wunderbares Geschick, sich seiner Umgebung
+anzuschmiegen, und sich in ihre Charaktere ordentlich hineinzuleben. Als
+ein tuechtiger und raffinirter Kaufmann, der vorzueglich eine vortreffliche
+statistische Kenntniss der Union besass, gewann er sich dabei, und gleich
+von allem Anfang an, die Achtung des alten Dollinger. Der Frau aber hatte
+er leicht ihre kleinen, oft liebenswuerdigen Schwachheiten abgelauscht, und
+wusste ihnen auf so geschickte Art zu begegnen, dass Frau Dollinger, mit der
+Rettung des geliebten Kindes im Hintergrund, schon nach sehr kurzer Zeit
+ganz entzueckt von ihm war, und sein Lob dem Gatten unaufhoerlich redete.
+Auch mit der aelteren Schwester, Sophie, wusste sich Henkel bald auf guten
+Fuss zu stellen; er hatte bei ihr das leichteste Spiel, denn ihre Schwaechen
+lagen offen zu Tag, denen aber schmeichelte er mit solcher
+Liebenswuerdigkeit, dass ihm Clara, die es fuehlte wie er dabei aus sich
+herausging und etwas annahm was ihm nicht natuerlich war, oder doch
+jedenfalls dem Mann, den sie liebte, nicht natuerlich sein _sollte_,
+dennoch nicht boese darueber werden konnte.
+
+Desto freier, offener und natuerlicher war er dafuer gegen sie selber; er
+las, sang und spielte Pianoforte mit ihr, lehrte sie eine Menge kleiner
+reizender, schottischer und irischer Lieder, oder plauderte mit ihr leicht
+und sorglos Stunden lang in den Tag hinein, und konnte oft so herzlich
+dabei lachen, dass es Einem ordentlich gut that, ihm zuzuhoeren. Selbst
+Sophie entsagte dann nicht selten ihrem sonst etwas mehr abgeschlossenen,
+fast steifen Wesen und kam zu ihnen, Theil an ihrer Froehlichkeit zu
+nehmen.
+
+Nur in den letzten Tagen war der junge "Amerikaner" wie er im Hause
+gewoehnlich scherzhaft hiess, oder der "Delaware" wie ihn Sophie, wenn sie
+manchmal bei recht guter Laune war, nannte, auffaellig niedergeschlagen
+gewesen; er hatte Briefe von Amerika bekommen, wie er sagte, und ein sehr
+lieber Freund von ihm war dort schwer erkrankt, auch ein Schiff das ihm
+gehoerte, und das nicht versichert worden, so lange ausgeblieben, dass sein
+Compagnon fast den Untergang desselben befuerchte. Der alte Herr Dollinger
+troestete ihn deshalb, und er schien sich auch darueber hinwegzusetzen, die
+sonst so bluehende Farbe seiner Wangen wollte aber doch nicht sogleich
+wieder dorthin zurueckkehren, und das Auge hatte etwas Unsicheres,
+Unstaetes, ihm sonst gar nicht Eigenes bekommen.
+
+Nur heute, zu dem Fest der holden Jungfrau, die er bald die seine zu
+nennen hoffte, hatte er all die trueben Gedanken, welcher Art sie auch
+gewesen, und woher sie stammten, von sich abgeschuettelt, und war ganz
+wieder der frohe glueckliche Mann, wie ihn Clara kennen -- _lieben_ gelernt.
+Auf seinen Wunsch nur, womit Frau Dollinger eigentlich nicht ganz
+einverstanden gewesen, war auch heute keine groessere Gesellschaft geladen
+worden, sondern die kleine Familie speiste ganz "unter sich" in dem
+festlich mit Blumen und Guirlanden geschmueckten Zimmer des jungen
+liebenswuerdigen Geburtstagkindes. Frau Dollinger hatte sich eigentlich
+schon laenger auf eine zu diesem Zweck einzuladende, groessere Gesellschaft
+gefreut. Herr Dollinger selber hielt aber nicht viel von solchen Feten;
+dafuer jedoch bedung sie sich aus, dass sie wenigstens den Nachmittag
+spatzieren fahren wollten, wobei sie der junge Henkel gewoehnlich zu Pferde
+begleitete.
+
+Etwas that aber der alte Herr Dollinger gern, und zwar ein Glas Champagner
+trinken, und der zweite Stoepsel war eben lustig hinausgeknallt, der
+Gesundheit des "jungen Brautpaares" zu Ehren, als die Thuer aufging und
+Lossenwerder, ein Comptoirdiener des Hauses, mit einem kleinen Paket in's
+Zimmer trat.
+
+Lossenwerder war schon seit elf oder zwoelf Jahren im Haus, und seinem
+Aeussern nach eben keine angenehme Persoenlichkeit; er hinkte auf dem linken
+Bein, das er als Kind einmal gebrochen, war ueberhaupt haesslicher und
+magerer Natur, und schielte auf dem rechten Auge, wodurch sein sonst
+gerade nicht unangenehmes Gesicht einen etwas falschen Ausdruck bekam. Das
+Stoerendste aber an dem ganzen Menschen war sein Stottern, wegen dem man
+sich auf ein laengeres Gespraech gar nicht mit ihm einlassen konnte, und kam
+er einmal in Affekt, konnte er kein Wort mehr herausbringen. Frau
+Dollinger sowohl wie Sophie konnten ihn auch nicht leiden, ja die letztere
+behauptete sogar er verstelle sich und sie habe ihn schon ganz ordentlich,
+wenigstens zehntausend Mal besser sprechen hoeren, als er es jedesmal
+affektire, wenn er zu ihnen in die Wohnung komme; Clara aber hatte Mitleid
+mit dem armen Menschen, den sie seines Ungluecks wegen innig bedauerte,
+schenkte ihm oft eine Kleinigkeit und spottete nie ueber ihn, waehrend Herr
+Dollinger selber, ihn als einen brauchbaren und treuen Diener, der noch
+ausserdem eine vortreffliche Hand schrieb, kannte und sehr zufrieden mit
+ihm war, ihm auch jedes nur moegliche Vertrauen bewiess.
+
+"Hallo, Lossenwerder, was bringst Du mir da in's Haus?" rief ihm sein
+Principal jetzt halb lachend, halb erstaunt entgegen, als der kleine Mann
+das Zimmer betrat und schuechtern an der Thuere stehen blieb -- "ist das fuer
+mich oder meine Tochter?"
+
+"Gewiss fuer mich, Vaeterchen," rief Clara, rasch von ihrem Sitze
+aufspringend -- "siehst Du, der Onkel hat mich doch nicht ganz vergessen
+mit meinem Fest, und mir Gruss und Geschenk geschickt."
+
+"Hehehe -- moe -- moe -- moechten es sich wo -- wo -- wo -- wo -- wohl wue -- n --
+nschen Fraeulein" lachte aber der Stotternde, indem er Herrn Dollinger
+zuwinkte, dass das Paket fuer ihn sei -- "ka -- ka -- ka -- kann ich mir de -- de
+-- de -- de -- denken -- Go -- go -- gold und Ba -- ba -- ba -- ba -- bank -- no --
+noten." Er zog dabei einen Brief aus der Tasche, den er dem Herrn uebergab.
+
+"Hm, hm, hm" sagte aber dieser kopfschuettelnd, "und das bringst Du mir
+jetzt in's Haus -- gerade wo ich ausfahren will -- warum hast Du es denn
+nicht dem Cassirer gegeben?"
+
+"Ni -- ni -- nirgends zu fi -- fi -- fi -- finden" stotterte Lossenwerder.
+
+Herr Dollinger warf den Kopf, den Brief fluechtig durchfliegend, herueber
+und hinueber, sagte dann aber, aufstehend und das Papier vor sich
+hinlegend:
+
+"Ja, da laesst sich denn weiter Nichts aendern; gieb mir das Paket
+Lossenwerder, und sieh dann zu, dass Du Herrn Reibich findest. Ich lasse ihn
+bitten um sieben oder halb acht Uhr heute Abend auf einen Augenblick zu
+mir zu kommen -- verstanden?"
+
+"Ja -- ja -- jawohl He -- he -- he -- herr Do -- do -- do -- Do -- "
+
+"Schon gut" lachte Herr Dollinger, ihm zuwinkend, "und hier, Lossenwerder,
+magst Du auch einmal ein Glas auf das Wohl meiner Tochter trinken.
+Fraeulein Clara's Geburtstag ist heute -- hier Clara, reich es dem jungen
+Herrn." Er fuellte dabei ein Wasserglas bis zum Rande voll von dem
+funkelnden, schaeumenden Nass, und waehrend Clara mit freundlichem Laecheln
+dem armen Teufel das Glas credenzte, nahm Herr Dollinger das Paket mit
+Geld, ging zu dem nahen Secretair, in dem der Schluessel stak, oeffnete ihn,
+legte das Geld hinein, zog dann den Schluessel ab und sagte, diesen der
+Tochter ueberreichend:
+
+"So Kinder, heute muesst Ihr einmal auf ein paar Stunden mein Cassirer sein,
+bis der andere aufgefunden werden kann."
+
+Clara nickte dem Vater freundlich zu, und Lossenwerder, der das volle Glas
+in der Hand hielt und auf einmal ganz blutroth im Gesicht geworden war,
+hob es empor und rief stotternd:
+
+"Fr -- re, re, re, re, re, raeu -- le -- le -- lein Cla -- ra -- ra -- ra -- ra --
+aus ga -- ga -- ganzem He -- he -- he -- he -- he -- he -- her -- ze -- ze -- zen."
+
+Als ob er aber mit den Worten in der Kehle Luft gemacht, setzte er das
+Glas an, und der Wein verschwand wie durch Zauberei.
+
+"Alle Wetter" lachte Herr Dollinger, der sich gerade nach ihm umdrehte,
+"Lossenwerder hat einen vortrefflichen Zug -- nun? -- hat's geschmeckt?"
+
+"Gu -- gut Herr Do -- do -- do -- do -- do."
+
+"Genug, genug" winkte ihm der Principal wieder ab -- "also bestell mir das
+ordentlich."
+
+Lossenwerder, der Art entlassen, und vielleicht froh aus einer Umgebung zu
+kommen, in der er sich nicht heimisch fuehlen konnte, setzte das Glas auf
+einen Seitentisch ab, machte eine etwas linkische Verbeugung, und wohl
+wissend dass er zu einem ordentlichen Danke doch keine Zeit mehr uebrig
+hatte, empfahl er sich ohne weiter auch nur einen Versuch zu muendlichem
+Abschied zu machen.
+
+"Eine unangenehme Persoenlichkeit" sagte Frau Dollinger zu ihrem
+Schwiegersohn _in spe_, als der Mann noch die Thuer nicht einmal ordentlich
+hinter sich geschlossen hatte; "ich kann mir nicht helfen, auf mich macht
+der Mensch immer einen fatalen Eindruck."
+
+"Wie -- wie befehlen Sie meine Gnaedige?" sagte der junge Henkel etwas
+zerstreut; Sophie bog sich in diesem Augenblick zu ihm nieder und
+fluesterte ihm ein paar Worte zu --
+
+"Er kann ja doch Nichts fuer seine Gebrechen" nahm Clara aber die Antwort
+auf, "und thut gewiss Alles in seinen Kraeften sie eben durch gutes Betragen
+vergessen zu machen."
+
+"Papa, ich wuerde das Geld auch nicht so offen in dem Secretair da liegen
+lassen" sagte Sophie.
+
+"Nicht so offen? -- ich habe ja zugeschlossen -- "
+
+"Nun, es ist immer nicht gerade gut, wenn die Dienstleute wissen wo man
+Geld liegen hat" stimmte die Mutter bei.
+
+"Dienstleute?" meinte Herr Dollinger -- es war ja Niemand von ihnen im
+Zimmer -- "
+
+"Doch Lossenwerder?"
+
+"Bah" lachte der Kaufmann, mit dem Kopf schuettelnd.
+
+"Ist es denn viel?" frug seine Frau.
+
+"Nun, der Muehe werth waer's immer" sagte Herr Dollinger, "fuenf Tausend
+Thaler etwa -- es soll aber auch nicht ueber Nacht da liegen bleiben, und
+Lossenwerder hat mir auf heute Abend den Cassirer zu bestellen, das Geld an
+sicheren Ort zu legen, bis ich morgen darueber verfuegt habe."
+
+"Der Lossenwerder verwandte keinen Blick von dem Geld, so lang er im Zimmer
+war" sagte die Mutter, mit dem Finger vor sich hindrohend.
+
+"Lieber Gott, Muetterchen, Du weisst ja aber doch dass er schielt"
+vertheidigte ihn lachend Clara -- "eben so fest und unverwandt hat er mich
+indessen mit dem andern Auge angesehen; seine Schuld ist's nicht dass er
+zwei Stellen auf einmal im Auge behalten muss."
+
+"Lasst mir den armen Teufel zufrieden" sagte aber auch Herr Dollinger --
+"der ist mir nuetzlicher wie zwei von meinen anderen Leuten; mehr zum
+Nutzen wie Staat freilich, aber Staat will er auch nicht machen. Jetzt
+uebrigens Kinder wird es Zeit dass wir uns ruesten, und Henkel, Sie muessen
+noch Ihr Pferd holen lassen."
+
+"Ich habe es schon, in der Voraussetzung dass wir bei dem schoenen Wetter
+doch wohl eine kleine Parthie machen wuerden, hierher bestellt," erwiederte
+rasch der junge Mann -- wuenschen Sie den Wagen jetzt?"
+
+"Ich glaube ja, je eher, desto besser; die Tage sind kurz und wenn wir
+noch eine Stunde oder zwei fahren wollen, duerfen wir nicht mehr viel
+laenger warten."
+
+"Aber Ihr Maedchen moechtet Euch ein wenig warm einpacken" sagte jetzt die
+Mutter, alles Andere in dem Gedanken an ihre Toilette vergessend -- "zum
+still im Wagen Sitzen passt ein Sommerkleid noch nicht und heute Abend wird
+es kuehl werden."
+
+"Und nicht so lange machen," mahnte der Vater, der sich sein Glas noch
+einmal voll schenkte und leerte; "der Wagen wird im Augenblick da sein."
+
+Der Wagen fuhr auch wirklich kaum zehn Minuten spaeter vor, Herr Dollinger,
+der nun seinen Hut und Stock aufgenommen, ging, seine Handschuh anziehend,
+im Hofe auf und nieder, und endlich erschienen, diesmal in wirklich sehr
+kurzer Zeit, die Damen, ihre Sitze einzunehmen.
+
+"Nun, wo ist Henkel?" sagte Herr Dollinger, sich nach seinem zukuenftigen
+Schwiegersohne umschauend, "ich habe sein Pferd auch noch nicht gesehen;
+jetzt wird uns der warten lassen."
+
+Die Familie hatte indessen im Wagen Platz genommen, und der alte Herr
+schaute etwas ungeduldig zum Schlag hinaus, als der junge Henkel zum Thor,
+aber ohne Pferd, hereinkam.
+
+"Nun? und Sie sitzen noch nicht im Sattel?" rief er ihm schon von weitem
+entgegen -- "das ist eine schoene Geschichte; jetzt duerfen wir den Frauen
+nie im Leben wieder vorwerfen, dass sie uns warten lassen."
+
+"Ich muss tausend Mal um Entschuldigung bitten," sagte der junge Mann, zum
+Wagen hinantretend, "aber mein Stallmeister hat mich sitzen lassen. Wenn
+Sie mir erlauben schicke ich einen der Leute danach, oder gehe selber, es
+ist nicht weit von hier. Aber thun Sie mir die Liebe und fahren Sie
+langsam voraus, ich hole Sie in Zeit von zehn Minuten ein."
+
+"Wir koennen ja hier warten," sagte die Mutter.
+
+"Ja, wenn die Pferde stehen wollten," brummte Herr Dollinger -- "zieh nicht
+so fest in die Zuegel Johann, das Handpferd kann das nicht vertragen und
+wird nur noch immer unruhiger -- wir wollen langsam vorausfahren -- machen
+Sie aber dass Sie nachkommen; auf dem Balkon vom rothen Drachen trinken wir
+Kaffee, dort ist eine wundervolle Aussicht -- der Stalljunge mag
+hinueberlaufen und Ihnen das Pferd holen."
+
+Die Pferde zogen in diesem Augenblick an, Henkel musste aus dem Weg
+springen und verbeugte sich leicht gegen die Damen, von denen ihm Clara
+freundlich laechelnd zunickte.
+
+Eine starke Viertelstunde spaeter sprengte der junge "Amerikaner," seinem
+Thiere die Sporen gebend, dass es Funken und Kies hintenaus stob, ueber das
+Pflaster, zum Entsetzen der Fussgaenger dahin, dem Wagen nach, den er nur
+erst eine kurze Strecke vor dem bezeichneten Platz wieder einholte. Im
+Stall wollte Niemand etwas davon gewusst haben, dass er sein Pferd bestellt
+gehabt -- Einer schob die Vergessenheit natuerlich auf den Andern, und
+Dollinger's Stallknecht musste die Leute sogar erst zusammensuchen, bis er
+das Pferd bekam, deshalb hatte es so lange gedauert. Als er mit demselben
+zurueckkehrte, ging der junge Mann in dem kleinen, dicht am Haus liegenden
+Garten auf und ab, sprang aber dann, dem Burschen ein Trinkgeld zuwerfend,
+und dessen Entschuldigung nur halb hoerend, rasch in den Sattel und flog,
+wie vorher erwaehnt, in vollem Carriere die Strasse nieder.
+
+Er hatte den Hof kaum verlassen, als Lossenwerder, einen grossen,
+wunderschoen bluehenden Monatsrosenstock unter dem Arm, vorsichtig und wie
+scheu, dass ihn Niemand gewahre, ueber den Hof und in die Hinterthuer des
+Hauses schlich, und sich leise und geraeuschlos die Treppe damit
+hinaufstahl. Er blieb etwa zehn Minuten im Haus und wollte dann aus
+derselben Thuer wieder ueber den Hof zurueck, als der Stallknecht aus der
+Futterkammer kam. Unschluessig blieb der kleine Mann eine kurze Zeit hinter
+der Thuer stehen, und schlich sich dann, als der Bursche den Platz nicht
+verlassen wollte, vorn zur Hausthuer hinaus auf die Strasse, den Weg nach
+seiner Wohnung einschlagend.
+
+
+
+
+
+ Capitel 2.
+
+
+ DER ROTHE DRACHEN.
+
+
+Der "rothe Drachen", ein Wirthshaus, das wegen seines vortrefflichen
+Bieres, wie sonst mancher schaetzenswerthen Eigenschaften einen sehr guten
+Namen hatte, lag etwa eine halbe Stunde von Heilingen, an der grossen
+Landstrasse, die gen Norden fuehrte. Ein freundlicher Thalgrund umschloss
+Haus und Garten und die dunklen, den Gipfel des naechsten Hanges kroenenden
+Nadelhoelzer hoben nur noch mehr das freundliche Gruen der jungen Birken und
+Weisseichen hervor, die sich ueber die niedere Abdachung erstreckten, und
+bis scharf hinan an den hocheingefriedigten und sorgfaeltig in Ordnung
+gehaltenen Frucht-, Gemuese- und Blumengarten des Hauses selber lehnten.
+
+Es war ein warmer, sonniger Fruehlingsnachmittag; der Bach, der am Hause
+dicht vorbeirieselte, plaetscherte und schaeumte in frischem jugendlichen
+Uebermuth, des Eises Huelle, die ihn so lange gefangen gehalten oder doch
+fest und aengstlich eingeklemmt, nun endlich einmal enthoben zu sein, und
+die Voegel zwitscherten so froh und munter in den Zweigen der alten
+knorrigen Linde, die unfern der Thuere stand, und flatterten und suchten
+herueber und hinueber, aus den bluehenden Obstbaeumen fort ueber den Hof und
+von dem Hof wieder fort in dicht versteckten Ast und Zweig hinein, mit
+einem gefundenen Strohhalm oder einer erbeuteten Feder im Schnabel, dass
+Einem das Herz ordentlich aufging ueber das rege glueckliche Leben. Und wie
+blau spannte sich der Himmel ueber die bluehende, knospende Welt, wie leicht
+und licht zogen weisse duftige Wolken, Schwaenen gleich, durch den Aether
+hin, farbige, fluechtige Schatten werfend ueber Wiesen und Feld und die
+weite Thalesflucht, die sich dem Auge in die Ferne oeffnete und dem
+leuchtenden Blick neue Schaetze bot, wohin er fiel.
+
+Ein Fruehling in Deutschland -- ein Fruehling im _Vaterland_; oh wie sich das
+Herz da mit der wirbelnden, schmetternden Lerche hebt und jubelnd,
+jauchzend gen Himmel steigt; zwinge die Thraene da nicht zurueck, die sich
+Dir, dem Gluecklichen, in's Auge draengt -- in ihrem Blitzen preisest Du den
+Vater droben, wie es die jubelnde Lerche dort thut, die mit zitterndem
+Fluegelschlag ueber den gruenen Matten schwebt; -- wie das raschelnde
+fluesternde Blatt im Wald, wie der schwankende, thaugeschmueckte Halm und
+die knospende, duftende Bluethe im Thal. Ein Fruehling im Vaterland -- oh wie
+schoen, wie jung und frisch die Welt da um uns liegt in ihrem braeutlichen
+Glanz, voll neuer Hoffnungen in jedem jungen Keim, und wie sich das Herz
+der schoenen Blume gleich zusammenzog, als der Herbststurm ueber die Haide
+fuhr, mit rauher Hand den Blattschmuck von den Baeumen riss und zu Boden
+warf und Schnee und Eis vor sich hin jagte ueber die erstarrende Flur, so
+oeffnet es sich jetzt mit vollem Athemzug wieder den balsamischen
+Fruehlingsgruss, und vorbei, vergessen liegt vergangenes Leid -- wie der
+verwehte Sturm selber keine Spur mehr hinterliess und die schoensten Blumen
+jetzt gerade an den Stellen bluehen, wo er am tollsten, rasendsten getobt.
+
+Ein warmer erquickender Regen war die letzten Tage gefallen, und so gut er
+dem Land gethan, hatte er doch die Bewohner des nahen Staedtchens in ihre
+Haeuser und Strassen gebannt gehalten, von wo aus sie sehnsuechtig die nahen
+gruenenden Berge theils, theils die dunklen Wolken betrachteten, die nicht
+nachlassen wollten Segen auf die Fluren niederzutraeufeln. Heute aber hatte
+sich das geaendert; voll und warm gluehte die Sonne am Himmelszelt und
+hinaus stroemten sie in jubelnden Schaaren, hinaus in's Freie. Der "rothe
+Drachen" vor allen anderen Plaetzen, der so reizend an der Oeffnung des
+Thales lag und die Aussicht bot in das darunter liegende freie Land, hatte
+dabei sein reichlich Theil erhalten der froehlichen Schaar, dass die Wirthin
+mit ihren Kellnern und Maegden nicht Haende genug hatte zu schaffen und
+herzurichten, und die Tische und Baenke im Garten draussen fast alle besetzt
+waren rund herum von Schmausenden.
+
+Der "rothe Drachen" sollte uebrigens, wie die Sage ging, seinen Namen von
+einem wirklichen Drachen bekommen haben, der einmal vor vielen hundert
+Jahren in der Schlucht weiter oben, die auch noch ebenfalls nach ihm die
+Drachenschlucht hiess, gehaust und viele Menschen und Rinder verschlungen
+hatte. Der Wirth des "rothen Drachen" nun, Thuegut Lobsich, dessen
+Voreltern schon diesen Platz gehalten, behauptete dabei, Einer seiner
+"Ahnen" habe den Drachen im Einzelkampf erlegt -- (die Gaeste meinten, mit
+schlechtem Bier vergiftet) und dafuer von dem damals regierenden Fuersten
+Platz und Wirtschaft als Gerechtsame, mit dem Schild als Wahrzeichen,
+erhalten.
+
+Wie dem auch sei, Thuegut Lobsich that wirklich gut auf dem Platz, der ihm
+vortreffliche Nahrung bot, und befand sich so wohl, wie sich nur ein Wirth
+in einer gut gelegenen Wirthschaft befinden kann. Seine Frau war aber
+dabei der Nerv des Ganzen, in Kueche und Stall, in Keller und Haus, und
+waehrend sich Vater Lobsich, wie er sich gern nennen liess, obgleich er noch
+jung und ruestig war, am Liebsten zu seinen Gaesten irgendwo an einen Tisch
+drueckte und "das Bier controllirte", wie er sagte, dass ihm die Burschen
+kein Saures brachten und die Gaeste verjagten, arbeitete die Frau im
+Schweisse ihres Angesichts vor dem Heerd, die bestellten Portionen
+herzurichten und zu gleicher Zeit auch den Verkauf von Kaffee, Thee, Milch
+und Kuchen zu ueberwachen. Dabei fuehrte sie die Kasse und rechnete mit
+Kellnern und Maedchen ab, und wehe denen, die eine halbe Portion Kaffee
+oder Kuchen vergessen, ein nichtbezahltes Glas nicht aufnotirt oder einem
+schlechten Kunden noch einmal gegen den direkt gegebenen Befehl geborgt
+hatten.
+
+Boese Zungen meinten dabei nicht selten, Frau Lobsich sei der "einzige Mann
+im Hause" und Thuegut duerfe nur tanzen, wenn sie nicht daheim waere; boese
+Zungen erwaehnten dann aber nicht dabei, dass sie wirklich allein das
+Hauswesen in Zucht und Ordnung hielt, und so scharf und heftig sie draussen
+in Kueche und Wirtschaft, wo sie fremde Leute doch auch eigentlich nur zu
+sehen bekamen, sein konnte, und so grosse Ursache sie dabei oft hatte
+aergerlich zu sein, und die Ursache dann auch fuer vollkommen genuegend
+hielt, es wirklich zu werden, so still und freundlich konnte sie sich
+betragen, wenn sie allein mit ihrem Manne war, und so gern gab sie ihm in
+Allem nach, was nicht eben zu Ruin und Schaden trieb. Salome Lobsich war
+das Muster einer Hausfrau, und was ebensoviel sagen will, eine gute Gattin
+dabei -- ob ihr Mann dasselbe auch von sich sagen konnte, stand auf einem
+anderen Blatt.
+
+Heute hatte sich uebrigens eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft in dem gar
+so freundlich gelegenen Garten des rothen Drachen eingefunden, und dicht
+vor der Thuer desselben, unter der alten breitschattigen Linde, die ihre
+Arme so weit nach rechts und links hinueberstreckte, dass man sie schon
+hatte stuetzen muessen, nur den Weg zu ihr und den Platz darunter frei zu
+behalten, sass Lobsich selber mit einem kleinen Kreis guter Bekannten,
+d. h. alter Kunden und quasi Stammgaeste von ihm, denn er selber kam selten
+irgend wo anders hin, und wer also sein Bekannter _bleiben_ wollte, musste
+ihn eben besuchen.
+
+Zu diesen gehoerte besonders Jacob Kellmann, ein Kuerschner und Pelzhaendler
+aus Heilingen, dann der Aktuar Ledermann von dort, eine lange hagere,
+etwas ungeschickte Gestalt, mit aber nicht unangenehmen, gutmuethigen
+Gesichtszuegen, und der Apotheker aus Heilingen, Schollfeld mit Namen, die
+es gewoehnlich so einzurichten wussten, dass sie an einen Tisch mit einander
+zu sitzen kamen. Lobsich nahm ebenfalls am Liebsten zwischen dieser
+kleinen Gesellschaft Platz, und nur dann und wann, besonders wenn er die
+Stimme seiner Frau irgendwo hoerte, stand er auf und ging einmal durch den
+Garten und die Reihen seiner Gaeste, zu sehn ob Alle ordentlich bedient
+wuerden, und keine Klagen einliefen gegen unaufmerksame Kellner, die er in
+dem Fall auch wohl gleich an Ort und Stelle mit einem Knuff oder einer
+Ohrfeige abstrafte, als warnendes Beispiel. Er musste an irgend Jemand
+seinen Aerger auslassen, dass er nicht bei seinem Biere konnte sitzen
+bleiben.
+
+"Ist doch ein prachtvolles Wetter heute," sagte Kellmann, der eben einen
+tuechtigen Zug aus seinem Glase gethan, und nun mit vollem zufriedenen
+Blick ueber das freundliche Bild hinaus schaute, das sich, von der warmen
+Nachmittagssonne beschienen, in all seinem blitzenden Glanz und
+Farbenschimmer vor ihnen aufrollte "und es waechst und gedeiht Alles
+draussen so schoen und steht so praechtig -- merkwuerdig dabei, dass Alles so
+theuer bleibt, und die Preise, statt herunter zu gehen, immer nur steigen
+und steigen."
+
+"Ja das weiss Gott," seufzte der Aktuar, dem der Gedanke selbst den
+Geschmack am Bier wieder zu verderben schien, denn er setzte das schon zum
+Mund gehobene Glas unberuehrt vor sich nieder -- "und wenn das noch eine
+Weile so fort geht, koennen wir alle mit einander verhungern oder
+davonlaufen."
+
+"Nun Ihr habt gut reden," sagte Kellmann, "Ihr bekommt vom Staat Euer
+Gewisses und koennt Euch genau danach einrichten -- Euer Geld muss Euch
+werden, wenn der erste jedes Monats kommt, unsereins haengt aber allein von
+den Zeiten ab, und wenn die Lebensmittel knapp werden, kauft Niemand einen
+Pelz. Holz will auch sein und daran kann sich nachher die ganze Familie
+waermen."
+
+"Ihr redet wie Ihr's versteht," brummte der Aktuar, -- "unser Gewisses
+bekommen wir, das ist wahr, aber nur deshalb, damit wir gewisses Elend vor
+den Augen haben. Ich habe fuenfhundert Thaler Gehalt, und Frau und Kind und
+Dienstmaedchen zu ernaehren, und soll anstaendig dabei gekleidet gehn, denn
+vor zehn und zwanzig Jahren hatte ein Aktuar in meiner Stellung auch nicht
+mehr, und machte das Alles moeglich, ja befand sich wohl dabei. Jetzt aber
+wird Brod, Butter, Fleisch, Holz, Wohnung, kurz Alles was wir nun einmal
+zum Leben brauchen, gesteigert von Tag zu Tag, aber meine fuenfhundert
+Thaler _bleiben_; vor zehn Jahren kaufte ich zwanzig Pfund Brod fuer
+dasselbe Geld, fuer das ich jetzt nicht zehn bekomme -- aber _meine_
+fuenfhundert Thaler _bleiben_. Auch mein Hausherr verlangt hoeheren Zins --
+schon voriges Jahr bin ich hoeher gegangen, um nicht gesteigert zu werden,
+d. h. fuer denselben Preis aus der zweiten in die dritte Etage gezogen,
+aber dies Jahr muss ich ganz hinaus, denn er will wieder zehn Thaler mehr
+haben und ich kann's ihm nicht geben. Ihr Leute habt Euch gut in die
+Zeiten schicken, denn wenn das Brod theuer wird, schlagt Ihr desto mehr
+auf Euere Waare, der kleine Beamte aber, der Staatsdiener um geringen
+Lohn, das ist das geplagte, gefaehrdete Geschoepf, und jede neue Taxe macht
+ihm keine neue Berechnung, sondern schnallt ihm nur den Leibriemen um ein
+Loch enger, dass er weniger isst, bis er in's _letzte_ Loch geworfen wird,
+zum ersten Mal von seinen irdischen Strapatzen, ohne Furcht vor rasch
+abgelaufenen Ferien, wirklich ungestoert auszuruhen."
+
+"Ach geht mit Eueren erbaermlichen Lamentationen an solch freundlichem
+Tag," fiel ihm der Wirth hier in die Rede, der sich erst vor ein paar
+Augenblicken wieder mit zum Tisch gesetzt und schon eine ganze Weile
+ungeduldig mit dem Kopf geschuettelt hatte. "Das Reden macht's nicht besser
+und Stoehnen und Seufzen hilft auch Nichts -- Kopf oben, das ist die
+Hauptsache; das andere macht sich von selber -- aber hallo" -- unterbrach er
+sich ploetzlich, von seinem Sitze aufstehend und die Strasse
+hinunterzeigend, die in das weite Thal fuehrte -- "was kommt dort fuer ein
+Trupp den Weg entlang?" -- und in der That wurde dort oben ein ganzer Zug
+Maenner, Frauen und Kinder mit kleinen Handkarren und ein paar einspaennigen
+Waegelchen sichtbar.
+
+"Das sind Auswanderer!" rief Jacob Kellmann, von seinem Stuhl aufspringend
+und dem Zug entgegenschauend -- "seht nur ein Mensch an, wieder ein ganzer
+Schwarm aus dem Hessischen; Heiland der Welt, da muss doch endlich einmal
+Platz werden."
+
+"Na nu ist wieder der Frieden beim Henker," rief aber der Apotheker
+muerrisch -- "hier Lobsich setzt Euch auf Eueren Stuhl und trinkt Euer Bier
+aus, und Ihr Kellmann, lasst das Volk da draussen laufen, wohin sie wollen --
+unzufriedene Bande, die es ist und die es nirgends gut genug kriegen kann,
+wo ihr nicht das Confekt auf goldenen Tellern praesentirt wird. Na kommt
+nur hinueber, wenn Euch hier der Hafer zu sehr sticht -- Euch werden sie
+schon noch das Fell ueber die Ohren ziehn, dass Ihr am hellen lichten Tag
+die Sterne zu sehn bekommt."
+
+"Nein was fuer ein Zug!" rief aber Kellmann, die langsam naeher kommende
+Schaar mit unverkennbarem Interesse betrachtend; "die armen Teufel."
+
+"Hoert Kellmann," rief aber Schollfeld aergerlich, "tretet mir da ein wenig
+aus dem Weg, dass ich auch was sehen kann, und setzt Euch wieder, ich
+daechte doch wahrhaftig, Auswanderer hier an der Strasse waeren nichts so
+besonders Neues, dass Ihr Maul und Nase aufsperrt und thut, als ob Euch so
+etwas noch nicht im ganzen Leben vorgekommen waere."
+
+Schollfeld war uebrigens nicht umsonst so muerrisch; er hatte einen Zorn auf
+Auswanderer, denn er betrachtete Auswanderung als eine indirekte
+Beleidigung gegen den Staat, gewissermassen als eine Grobheit, die man ihm
+geradezu unter die Nase sage -- : "ich mag nicht mehr in Dir leben und
+weiss einen Platz, wo's besser ist." Das _dachten_ sich naemlich die
+"Toelpel", wie er sie nannte, aber Sie _wussten_ es nicht -- gar Nichts
+wussten sie und liefen blind und toll in die Welt hinein. Der Staat haette
+auch eigentlich den Skandal gar nicht dulden sollen; hunderte von
+Menschen, reine Deserteure aus ihrem Vaterland, liefen da frank und frei
+vorbei, Anderen noch obendrein ein boeses Beispiel gebend, und er begriff
+die Regierung nicht, wie sie dem Volke nur noch einen Pass gestatten
+konnte.
+
+Der Zug war indessen naeher gekommen und Lobsich rasch in das Haus gegangen
+Bier herbeizuschaffen, da sich bei solchen Trupps gewoehnlich eine Menge
+junge Burschen befanden, die noch Geld im Beutel und immer frischen Durst
+hatten; um so mehr, da das Bergesteigen heute wirklich warm und den Hals
+trocken machte.
+
+ [Capitel 2]
+
+Die ersten Waegen passirten still vorbei; die Fuehrer warfen einen langen,
+vielleicht sehnsuechtigen Blick nach den behaglich hinter ihren Tischen
+sitzenden Gaesten und dem kuehlen funkelnden Bier hinueber, aber hielten
+nicht an, sich laengere Rast dafuer auf den Abend versprechend. Nur von den
+Fussgaengern blieben mehre Trupps unfern der Linde, unter der unsere kleine
+Gesellschaft sass, und nicht weit von der Gartenthuere stehn, und waehrend
+ein paar der Maenner dem Kellner winkten, ihnen Bier herauszubringen, als
+ob sie sich scheuten in ihrer bestaubten schmuzigen Kleidung, mit der
+schweissbedeckten Stirn, zwischen die geputzten und jetzt nach ihnen
+heruebersehenden Gruppen hineinzugehn, hielt ein Trupp Frauen ebenfalls
+dort. Angezogen von der ploetzlichen weiten und freien Aussicht, die ihnen
+hier nach unten zu das Thal oeffnete, durch das sie gekommen, blieben sie
+erfreut und ueberrascht stehn und schauten dabei auf das reizende Bild hin,
+das wie mit einem Schlage so vor ihnen in's Leben sprang.
+
+"Heiland der Welt, Lisbeth," rief ein junges, sechzehnjaehriges Maedchen
+der, vielleicht zwei Jahr aelteren Schwester zu -- "dort drueben liegt
+Holstetten, und von da ist's nur noch neun Stunden zu Haus -- dahinter kann
+ich den weissen Weg durch's schwarze Nadelholz sehn, der hinueberfuehrt nach
+Krisheim."
+
+"Ja Marie," antwortete das Maedchen, und waehrend sie sprach, liefen ihr die
+grossen hellen Zaehren an den bleichen Wangen nieder, "gleich hinter dem
+Berg dort muss die Windmuehle liegen, und dann kommt Bachstetten und
+nachher" -- sie konnte nicht mehr sprechen, das Herz war ihr zu voll und
+sie mochte doch nicht das der Schwester, wenn diese ihren Schmerz sah,
+noch schwerer machen. Aber zurueckdaemmen liess sich das auch nicht, die
+Wunde war noch zu frisch und blutete zu stark, und beide Maedchen standen
+wenige Minuten still und weinend da, die schoenen thraenenueberstroemten Zuege
+den ihr naechsten Menschen ab- und der verlassenen Heimath, die sie wohl
+nie im Leben wieder schauen sollten, zugekehrt.
+
+"Ob auch wohl Martha der Mutter Grab ordentlich haelt und pflegt, wie sie
+es versprochen," brach die Juengste endlich wieder mit leiser kaum hoerbarer
+Stimme das Schweigen.
+
+"Sie hat's ja versprochen," fluesterte fast eben so leise die Schwester
+zurueck, "aber -- -- -- -- so lieb wird sie's doch nicht haben wie wir."
+
+"Komm Lisbeth," sagte die Juengere wieder und ergriff, ohne sie aber dabei
+anzusehn, der Schwester Hand -- "wir wollen gehn -- die Wagen sind schon ein
+Stueck voraus."
+
+Beide Maedchen nickten leise und kaum bemerkbar der verlassenen Heimath zu
+und schritten dann schweigend Hand in Hand den Weg entlang, der nach und
+durch Heilingen fuehrte, ihre weite, unbekannte Bahn.
+
+"He Marie, Lisbeth!" rief sie der Vater an, der eben an der Thuer des
+Gartens ein Glas Bier von einem der Kellner erhalten hatte -- "wollt Ihr
+einmal trinken Kinder?"
+
+"Ich danke Vater," sagte Marie zurueck, ohne sich umzusehn oder stehn zu
+bleiben, "wir sind nicht durstig."
+
+"Woher des Wegs Ihr Leute?" wandte sich jetzt Kellmann, der trotz
+Schollfeld's aergerlichen Worten zu dem Alten getreten war, an diesen.
+
+"Aus Hessen," sagte der Mann ruhig und that einen langen durstigen Zug aus
+dem, mit dem trefflichen Bier gefuellten, schaeumenden Glas.
+
+"Und wohin?"
+
+"Nach Amerika."
+
+"Hm -- ist ein weiter Weg -- ist Euch wohl schlecht gegangen hier im Lande?"
+sagte Kellmann, die kraeftige und doch gramgebeugte Gestalt des alten
+Landmanns teilnehmend betrachtend.
+
+Der Bauer, dessen Blick auch an dem fernen Punkt indess gehangen, wo seine
+fruehere Heimath lag, liess das Auge einen Moment wie misstrauisch ueber den
+Frager gleiten und erwiederte dann leise und kopfschuettelnd:
+
+"Schlecht? -- lieber Gott wie man's nimmt; man soll g'rad nicht klagen; der
+liebe Gott hat geholfen und wird weiter helfen."
+
+"Ihr wollt Euch wohl ein paar von den gebratenen Tauben holen die in
+Amerika herumfliegen?" mischte sich hier der Apotheker in's Gespraech, der
+nicht umhin konnte dem "Auswanderer", wie er sich ausdrueckte, "einen Hieb
+zu versetzen" -- "habt Ihr auch Messer und Gabeln mit?"
+
+Der Bauer sah den kleinen, spoettisch laechelnden Mann einen Augenblick
+ruhig von der Seite an, zahlte dann dem neben ihm stehenden Kellner, dem
+er das Glas zurueckgab, sein Bier, und ohne irgend etwas auf die Frage zu
+erwiedern, oder aergerlich darueber zu scheinen, ja als ob er sie nicht
+gehoert haette, wandte er sich und folgte mit einem "gruess Euch Gott Ihr
+Herren", seinen vorangegangenen Toechtern.
+
+"Holzkopf," brummte der Apotheker, nur noch mehr gereizt ueber diese
+anscheinende Misachtung, hinter ihm drein -- "dem Volk ist zu wohl hier,"
+setzte er dann, mit einem kraeftigen Zug aus seinem Glase hinzu -- "der Art
+Leute fuehlen sich nicht behaglich, wenn sie nicht baumfest unter dem
+Daumen gehalten werden."
+
+"Guten Abend miteinander," sagte in diesem Augenblick ein Anderer der
+Auswanderer, der, mit einem kurzen Pfeifenstummel in der Hand zu dem Tisch
+trat, auf dem in einem schuetzenden Kelchglas ein Licht mit darum
+gesteckten Fidibus zum Anzuenden der Cigarren stand -- "wenn's erlaubt ist,
+moechte ich mir wohl einmal eine Pfeife bei Euch anbrennen."
+
+"Mit Vergnuegen," sagte Ledermann, ihm einen Fidibus anzuendend und
+hinreichend.
+
+"Danke schoen," nickte der Mann, das Feuer benutzend und den blauen Qualm
+in schnellen kurzen Zuegen ausblasend. --
+
+"Und wo geht die Reise hin?" frug Ledermann dem Rauchenden.
+
+"Da hinueber," sagte dieser; immer noch scharf ziehend, indess er mit dem
+linken, zurueckgebogenen Daumen ueber die linke Achsel wiess -- "uebers grosse
+Wasser." --
+
+"Habt Ihr dort schon einen Platz?" frug der Aktuar.
+
+"Ja," sagte der Mann freundlich -- "mein Bruder hat mir geschrieben aus dem
+Wiskonsin heraus; da soll's gut sein."
+
+"Und geht Ihr Alle dorthin?" frug ihn Kellmann.
+
+"Die meisten von uns, ja; eine Parthie will aber auch hinueber in's
+Missuri; da ist's waermer."
+
+"Es sind wohl lauter Landleute hier miteinander?"
+
+"Ja meistens -- ein Schneider ist dabei, und der Schmied aus dem Dorfe und
+der Herr Pastor ist schon voraus."
+
+"Der Pastor geht auch mit?" frug Kellmann schnell.
+
+"Ahem," nickte der Mann, "der ist aber mit der Post gefahren, aber er hat
+gesagt er wollte sehn dass wir Alle auf ein Schiff kaemen. Danke schoen Ihr
+Herren, adje."
+
+"Glueckliche Reise," rief ihm Kellmann nach.
+
+"Danke," nickte der Mann noch einmal zurueck, "koennens brauchen," und
+schloss sich den uebrigen wieder an, von denen die letzten gerade die Thuer
+des Wirthshauses passirten.
+
+Es waren aermliche, viele von ihnen kraenklich oder wenigstens bleich
+aussehende Gestalten, in die Bauerntracht ihrer Gegend gekleidet; die
+meisten Frauen mit Kindern auf dem Arm, Manche sogar deren an der Brust,
+und ein Buendel dazu auf dem Ruecken, die im Schweiss ihres Angesichts, wie
+sie bis jetzt gelebt, muehsam der fernen ersehnten Heimath
+entgegenstrebten. Hie und da waren auch ein paar kraeftige junge Burschen
+von zwoelf bis vierzehn Jahren vor ein kleines leichtes Handwaegelchen
+gespannt, darauf gepackte Betten, Kleidungsstuecke und Lebensmittel die
+weite Strasse entlang zu ziehen. -- Die Leute hatten kein Geld uebrig, denn
+das wenige, was sie zur Reise aufgespart, mussten sie fuer das Schiff
+aufheben, und ein paar Thaler sollten doch auch noch wenigstens, wenn das
+irgend anging, uebrig bleiben, damit sie nur die ersten Tage in Amerika,
+ehe sie Arbeit bekaemen, vor Sorge geschuetzt waeren. Den glaenzenden
+Schilderungen die ihnen von dem neuen Lande ihrer Hoffnungen gemacht
+waren, trauten die armen Frauen am wenigsten in ihrem vollen Umfange; von
+Jugend auf, wie ihnen nur eben die Kraefte wurden ihre juengeren Geschwister
+in der Welt herumzuschleppen, hatten sie arbeiten, hart arbeiten muessen,
+und viel anders wuerde es auch wohl nicht da drueben sein. Der Sorgen waren
+hier nur gar so viele angewachsen, mit jedem Jahre mehr, wie sie sich auch
+plagten und quaelten, und schlechter _konnte_ es dort drueben nicht sein.
+Das war fuer jetzt der einzige Trost den sie mit sich trugen die lange,
+heisse Strasse entlang mit einer kleinen Hoffnung moeglicher Besserung
+vielleicht, und sie drueckten dann die Kinder nur fester an ihr Herz und
+kuessten sie, und fluesterten ihnen leise und heimlich zu dass sie nicht mehr
+schreien sollten, denn sie gingen nach _Amerika_, und da wuerde schon Alles
+gut werden, wie ihnen der Vater gesagt.
+
+Die Maenner und Burschen zogen der fernen Welt aber schon mit mehr
+Vertrauen entgegen; das Bewusstsein der eigenen Faehigkeit und Kraft hob sie
+dabei auch ueber Manches hinweg das die abhaengigen Frauen schwerer zu Boden
+drueckte. Wer bei einer langen Wanderung voran geht, und fuer den Weg zu
+_denken_ hat, wird nie so muede als der, der ihm folgt, nur fuer sich denken
+laesst, und hinter drein zieht. Viele von den Maennern trugen auch
+Jagdtaschen und Gewehre auf dem Ruecken, Buechsen und Schrotflinten -- was
+sollte es "da drueben" nicht Alles zu schiessen geben; -- Manche auch
+nachgemachte bunte Blumenstraeusse auf dem Hut. Einzelne, aus Baiern und
+Thueringen, die sich ihnen angeschlossen, hatten sogar ein paar kleine
+gefaerbte Maraboutfedern mit ihren Landesfarben, blau und weiss, und gruen
+und weiss in ihrem Hutband stecken; die Meisten aber schienen keine solche
+Erinnerung an die Heimath mitnehmen zu wollen, in das neue Vaterland.
+
+Die Leute gingen vorueber, und die Gaeste hatten ihnen schweigend
+nachgeschaut, so lange fast, bis sie die naechste Biegung der Strasse ihren
+Blicken entzog. Auch Lobsich war wieder vor die Thuer seines Gartens
+getreten, und sich jetzt kopfschuettelnd zurueck zu seinem Tische wendend,
+brummte er vor sich hin.
+
+"S'ist mir doch was Unbedeutendes" -- es war dieses eine seiner stehenden
+Redensarten, die in der That unbegrenztes Erstaunen ausdruecken sollte --
+"was die Leute diess Fruehjahr wieder an zu ziehen fangen; Tag fuer Tag geht
+das so fort; Trupp nach Trupp kommt ueber die Berge herueber, mit Sack und
+Pack, mit Weib und Kind -- und Alles fort, Alles fort, und man merkt nicht
+einmal von _wo_ sie fort sind."
+
+"Doch, doch," sagte Kellmann, die Augenbrauen in die Hoehe ziehend und mit
+dem Kopf nickend, "doch, doch Lobsich; ob man's wohl merkt? -- geht einmal
+da ueber die Berge hinueber und seht Euch in den Doerfern um; da steht
+manches alte halbzerfallene _leere_ Haus, an das irgend eine Familie da
+drueben noch mit Schmerzen zurueckdenkt, und in das Niemand anderes mehr
+Lust hat einzuziehen, weil er noch eine Menge _bessere_, ebenfalls leer,
+in demselben Dorfe findet. Es ist immer ein trauriger Anblick solch ein
+leeres Haus, und ich seh's nicht gern."
+
+"Und was fuer _Geld_ tragen sie ausser Land," fiel der Apotheker hier ein,
+der indess, sich zu zerstreuen, im Heilinger Tageblatt gelesen hatte, jetzt
+aber nicht umhin konnte auch noch ein Wort mit drein zu werfen -- "was sie
+nicht mit hinuebernehmen koennen, lassen sie wenigstens in den Seestaedten,
+und zu uns kommt Nichts mehr davon zurueck. Wenn ich nur das erst einmal
+erlebe, dass die Leute zu ihrem Glueck foermlich _gezwungen_, und nicht mehr
+aus dem Land hinausgelassen werden; geht das aber so fort, so werden sie
+so lange auswandern, bis uns hier weiter gar Nichts uebrig bleibt als
+mitzugehen, wenn wir nicht eben allein sitzen wollen in dem veroedeten
+Land, unseren Acker selber zu bauen. Hol sie der Teufel, wofuer hat sie
+denn eigentlich der liebe Gott in die Welt gesetzt und ihnen den Holzkopf
+gegeben, der sie zu allem Anderen untauglich macht. Ackern und Duengen
+muessen sie drueben doch auch, und weshalb koennen sie das nicht eben so gut
+_hier_? -- Nein Gott bewahre, die paar Thaler die sie sich _hier_ erspart
+haben, muessen erst wieder verschleppt und hinausgeworfen werden an
+Experimente und reinen Uebermuth, und nachher sitzen sie erst recht da;
+dort drueben _koennen_ sie Nichts mehr sparen, und _muessen_ schon drueben
+bleiben, wenn sie auch wieder herueber moechten. Die Paar die sich doch noch
+ein paar Thaler zusammenscharren, die kommen nachher schnell genug wieder
+zurueck, aber es sind nur wenige, und die anderen armen Teufel haben die
+Bruecke muthwillig hinter sich abgebrochen, und sitzen nun auf der
+wohlriechenden Haide ohne Unterfutter. Jesus Maria und Joseph, es muss ein
+ordentlicher Jammer drueben sein."
+
+"Na, _so_ arg nun denn doch wohl noch nicht, Schollfeld," sagte Kellmann
+kopfschuettelnd, "man hoert doch nun auch so Manches von da drueben was nicht
+gar so schlecht klingt, und wo sich's schon aushalten liesse, wenn man --
+wenn man eben einmal einen solchen verzweifelten Schritt absolut thun
+muesste oder wollte."
+
+"Nicht so arg?" rief aber Schollfeld, der hier sein Steckenpferd ritt, und
+sich selten eine Gelegenheit entgehen liess auf Amerika zu schimpfen --
+"nicht so arg? da, hier lesen Sie einmal das Tageblatt, was der wackere
+Dr. Hayde darueber schreibt; das ist ein Mann, der hat Haare auf den Zaehnen
+und muss die Sache verstehn, denn er ist Einer von den Wenigen die drueben
+gewesen und gluecklich wiedergekommen sind. Er bringt kaum eine Nummer in
+der er nicht ein oder den anderen Hieb auf die Verhaeltnisse Ihres
+"gluecklichen Amerika" hat -- das muss ja ein wahres Raubnest sein, lesen Sie
+nur einmal."
+
+"Hoeren Sie lieber Schollfeld, ich will Ihnen einmal 'was sagen,"
+erwiederte ihm Kellmann ruhig, "dieser Dr. Hayde, der Ihnen die schoenen
+Artikel schreibt ist, der Meinung aller ordentlichen Kerle in Heilingen
+nach, das wenigste zu sagen eine kleine geschwollene Giftkroete, ein
+weggelaufener Advokat, den die Verhaeltnisse aus Deutschland vertrieben,
+und den in Amerika Niemand mit seinen Talenten haben mochte. Zu faul zum
+arbeiten, und nicht im Stande etwas Anderes zu thun, wurde er dort
+wahrscheinlich vom Schicksal hin- und hergestossen, und wie ein aus einer
+Thuer geworfener Mops, stellt er sich jetzt draussen hin, wo sich Niemand
+die Muehe giebt ihn zu stoeren, und schimpft und klefft. Ich will Amerika
+eben nicht in allem vertheidigen, aber was _der_ gerade darueber sagt wuerde
+mich auch nicht bestimmen. Wie ein Dreckkaefer schleppt er sich nur mit
+groesster Muehe kleine Stueckchen Koth herbei, und rollt sie zusammen eine
+Kugel zu machen in die er sein Ei legt -- pfui ueber den Burschen."
+
+"Na jetzt freut mich aber mein Leben," rief Herr Schollfeld erstaunt aus --
+"erst schimpfen Sie selber auf Amerika, und nun auf einmal soll der arme
+Doktor die ganze Schuld tragen."
+
+"Ich _schimpfe_ nicht auf Amerika," sagte Kellmann ruhig, "ich kann nur
+nicht leiden wenn man es auf Kosten unseres eigenen Vaterlandes
+herausstreicht, und gegen alle seine Nachtheile blind ist. Es waere
+allerdings noch viel gefaehrlicher sich die Lichtseiten alle zu bunt
+auszumalen; die armen Leute die nachher hinuebergehn und es anders finden,
+sind dann zu sehr enttaeuscht, und fallen gewoehnlich, wie mir gesagt ist,
+aus einem Extrem in's Andere -- aber so taugt's auch Nichts."
+
+"Guten Abend selbander," sagte in dem Augenblick eine andere Stimme dicht
+hinter ihnen, und als sie sich danach umschauten, stand ein alter
+Bekannter von ihnen, Mathes Vogel, ein reicher junger Bauer aus dem
+naechsten Dorf, an ihrem Tisch und streckte ihnen freundlich die Hand
+entgegen.
+
+"Hallo Mathes, wie geht's?" rief Kellmann die gebotene herzlich schuettelnd
+-- "Wetter noch einmal Mann, wo habt Ihr jetzt gerade in der Saatzeit
+gesteckt, dass Ihr in der Welt herumreist wie ein Baron, der seine Gueter
+verpachtet hat? Ihr seid verreist gewesen."
+
+"Ja Herr Kellmann, in Bremen."
+
+"Wo seid Ihr gewesen?" frug Schollfeld erstaunt.
+
+"In Bremen, Herr Schollfeld!" rief der junge Bauer, gegen diesen gewandt,
+"oben in der Hafenstadt."
+
+"Guten Abend Mathes," kam hier der Wirth dazwischen, der den alten Kunden
+ebenfalls begruesste -- "lange nicht gesehn, recht gross geworden mein Junge;
+hast Du Durst?"
+
+"Merkwuerdigen," sagte der Bauer laechelnd.
+
+"Na warte, den wollen wir begiessen," schmunzelte aber Lobsich, rasch in
+den Garten zurueckgehend, "der soll mir nicht umsonst in den rothen Drachen
+gefallen sein."
+
+"Aber was hat Euch nach Bremen gefuehrt?" wiederholte Kellmann, fast etwas
+misstrauisch gemacht durch das wunderliche halb verlegene Benehmen des
+jungen Burschen.
+
+"Ja Herr Kellmann," sagte der reiche Bauerssohn, wirklich jetzt verlegen
+seinen Hut um den Zeigefinger der linken Hand drehend -- "das hat -- das hat
+so seine eigene Bewandtniss -- Ich bin -- ich bin zu einem Entschluss
+gekommen -- ich will -- ich will auswandern."
+
+"Was will er?" schrie Schollfeld, der die Worte nicht ganz verstanden, den
+ungefaehren Sinn aber etwa errathen hatte. Jedenfalls schoepfte er Verdacht
+und ehe Kellmann nur im Stande war ein Wort darauf zu erwiedern rief er
+nochmals laut: "wo will er hin?"
+
+"Nach Amerika," sagte aber der junge Mann entschlossen und wollte noch
+etwas hinzusetzen, aber der Apotheker schlug dermassen auf den Tisch, und
+fing so an zu schimpfen und zu fluchen, Niemand wusste eigentlich auf was
+und gegen wen, dass Mathes gar nicht gleich wieder zu Worte kommen konnte,
+und vielleicht auch eben nicht boese darueber war.
+
+"Hallo, wer ist todt?" rief aber in dem Augenblick Lobsich, der mit dem
+bestellten Bier fuer einen seiner besten Kunden selber ankam -- "dass Dich
+die Milz sticht, was ist denn dem Apotheker eigentlich in die Krone
+gefahren?"
+
+"Dem Apotheker Nichts," nahm aber Kellmann kopfschuettelnd das Wort, "doch
+hier dem Dings da, dem Mathes -- was meint Ihr, Lobsich was er vor hat?"
+
+"_Heirathen_?" sagte dieser, und ein breites vergnuegtes Schmunzeln ueber
+den so richtig und schnell gerathenen Vorsatz zog sich ueber sein dickes
+gutmuethiges Gesicht.
+
+"Heirathen!" schrie aber der Apotheker dazwischen, indem er sich seinen
+Hut in die Stirn drueckte und seinen Rock anfing zuzuknoepfen -- "heirathen?
+-- ja prost die Mahlzeit; _auswandern_ will der Kerl, wie ein blindes Pferd
+das durch die Stallwand bricht, in einen Teich zu fallen."
+
+"_Auswandern_?" schrie aber auch jetzt Lobsich in unbegrenztestem
+Erstaunen -- "na das ist mir aber doch wahrhaftig was Unbedeutendes."
+
+"Oh hol Euch der Teufel mit Eurer albernen Redensart!" rief aber der nun
+einmal aergerliche Apotheker, und nahm seinen Stock unter den Arm -- sein
+stetes Zeichen dass er fertig zum Gehen sei -- "was Unbedeutendes; ja wohl,
+wenn der Raptus erst einmal in _solche_ Koepfe und Geldbeutel faehrt,
+nachher werden wir sehn was wir hier anrichten. Ich will mir aber mein
+Abendbrod nicht verderben -- gute Nacht Ihr Herren."
+
+"Halt Schollfeld!" rief aber Kellmann, ihn am Arm fassend und
+zurueckhaltend -- "brennt mir nicht durch, ich gehe auch gleich mit und
+wollte nur erst hoeren, was Mathes den Gedanken in den Kopf gesetzt hat.
+Hol's der Henker, er macht sich entweder einen Spass mit uns, oder es ist
+nur so eine Idee von ihm, die wir ihm wieder ausreden koennen."
+
+"Wenn ich das wuesste blieb ich die ganze Nacht hier," sagte Schollfeld,
+seinen Stock wieder auf den Tisch legend und zu dem verlassenen Stuhl
+zurueckgehend. "Mensch, Mathes, seid Ihr denn rein vom Teufel besessen,
+oder habt Ihr nur heute, in irgend einer Kneipe, ein wenig des Guten zu
+viel gethan, dass Ihr so tolles Zeug zusammenfaselt."
+
+Mathes blieb aber bei allen diesen Ausbruechen des Erstaunens, die erste
+Erklaerung nur einmal ueberstanden, vollkommen ruhig, und zog nur, statt
+jeder weiteren Antwort, einen Brief aus seiner Brusttasche, den er langsam
+auffaltete und vor sich legte, als ob er ihn vorlesen wollte.
+
+"Nun was soll's mit dem Wisch?" rief aber der Apotheker aergerlich, "Ihr
+habt Euere Seele doch noch nicht dem Gott sei bei uns verkauft?"
+
+"So schlimm noch nicht," lachte der junge Bursch, "das hier ist nur ein
+Brief von Caspar Lauber, den Sie ja Alle kennen und der vor etwa sieben
+Jahren nach Wisconsin auswanderte."
+
+"Der was that?" rief der Apotheker, die Augen zusammenkneifend und das
+linke Ohr zu ihm hindrehend -- "nuschelt nicht so in den Bart, dass Euch ein
+Christenmensch noch verstehen kann ehe Ihr unter die Heiden geht."
+
+"Der nach Wisconsin auswanderte," sagte der junge Bauer laechelnd -- "er
+hatte mir damals versprochen zu schreiben wie es ihm ginge, schlecht oder
+gut; -- wenn schlecht, wollte ich ihm helfen, wenn gut, vielleicht
+nachkommen. Aber er schrieb nicht Jahr nach Jahr, und da er ueberhaupt
+Nichts von sich hoeren liess, glaubte ich schon er sei da drueben gestorben
+oder untergegangen in dem weiten Reich, bis ich vor vier Wochen etwa einen
+Brief von ihm erhielt und seit der Zeit habe ich keine Ruhe gehabt bis zu
+dem heutigen Tag."
+
+"Nun ja natuerlich," brummte der Apotheker.
+
+"Aber so lasst ihn doch nur reden," rief jetzt auch aergerlich der Actuar
+dazwischen, "Ihr raisonnirt nur in einem fort und glaubt nachher, wenn Ihr
+recht geschrieen habt, Ihr haettet recht."
+
+"So lest den Brief einmal!" sagte Kellmann, die Arme auf den Tisch
+stuetzend, "nachher wissen wir ja gleich woran wir sind."
+
+"Aber erst muss ich noch Bier haben," rief Schollfeld dazwischen, "ich mag
+die Luegen wenigstens nicht trocken mit anhoeren."
+
+Lobsich winkte einem der naechsten Kellner, die indess leer gewordenen
+Glaeser wieder zu fuellen, denn der Brief interessirte ihn selber zu sehr,
+den Tisch jetzt zu verlassen, und Mathes sagte wie entschuldigend:
+
+"Der Brief ist sehr kurz, aber es steht Alles darin was ich zu wissen
+verlangte, und er lautet:
+
+"Lieber Mathes -- ich habe bis jetzt mein Versprechen nicht gehalten, Dir
+zu schreiben, weil es mir sehr schlecht gegangen ist."
+
+"Na ja," fiel ihm hier der Apotheker in das Wort -- "und nun muesst Ihr Hals
+ueber Kopf machen dass Ihr auch hinueber kommt."
+
+Kellmann wollte dem ewigen Einredner etwas erwiedern, aber Mathes fuhr,
+laechelnd die Hand gegen ihn aufhebend, wieder laut fort:
+
+"Ich wollte aber nicht gern, dass mich Jemand Anders unterstuetzen sollte,
+weil das hier im Lande eine Schande ist; ich wollte mir selber helfen, und
+habe mir kuemmerlich, aber ehrlich und fleissig durchgeholfen. Jetzt habe
+ich eine kleine Farm von achtzig Acker, und vier und zwanzig Stueck
+Rindvieh, und dreissig Schweine und zwei Pferde und es geht mir gut. Ich
+habe hart arbeiten muessen, aber ich komme durch. Wenn Du mit Geld hier
+herueber kommst und willst mich aufsuchen, dass ich Dir mit Rath und That an
+die Hand gehen kann, dann brauchst Du keine Angst zu haben, dass Du nicht
+durchkommst. Wenn Du eine Frau hast, bringe sie mit; Kinder sind ein Segen
+hier, kein Fluch wie fuer manchen armen Mann in Deutschland. Wer arbeiten
+will kommt fort, wer faul ist geht zu Grunde. Es gruesst Dich zehntausend
+Mal Dein Caspar Lauber -- Lauber's Farm bei Milwaukie, Wisconsin."
+
+"Und auf den Brief wollt Ihr auswandern?" rief aber auch Kellmann jetzt
+erstaunt -- "Mathes, ist Euch denn das Auswanderungsfieber so ploetzlich in
+die Glieder geschlagen, dass Ihr die Seekrankheit fuer das einzige Mittel
+haltet die es curiren koennte?"
+
+Mathes schuettelte aber gar ernsthaft mit dem Kopf, faltete den Brief
+zusammen, den er zurueck in seine Tasche schob, und sagte mit fester und
+entschlossener Stimme:
+
+"Lange im Sinn hab' ich's schon gehabt, aber der Brief hat es zuletzt zum
+Ausbruch gebracht."
+
+"Aber Mathes, Ihr vor allen Anderen habt doch Euer Auskommen hier im
+Land," rief jetzt auch Lobsich, waehrend der Apotheker das ihm eben
+gebrachte Glas auf einen Zug hinuntergoss, wie um seinen Ingrimm damit
+nieder zu spuelen -- "wenn Ihr nach Amerika auswandern wollt, wer soll denn
+noch da bleiben?"
+
+"Ich _bliebe_ auch," sagte Mathes rasch und mit vor innerer Bewegung fast
+erstickter Stimme, "ich bliebe auch, wenn mich mein Vater liesse, aber --
+der will nicht in die Heirath willigen mit Rossner's Kaethchen, des Haeuslers
+Tochter aus Rodnach; hier haelt er mich dabei unter dem Daumen mit seinem
+Gut und Geld, und das Maedchen stirbt mir indessen in Arbeit und Gram; dort
+drueben aber ist ein Platz, wo fleissige Menschen auch durchkommen koennen
+mit Gottes Huelfe _ohne_ Geld, _ohne_ Ansehn. Der Lauber hatte gar Nichts
+wie er hinueberging; nicht das Hemd auf seinem Ruecken war sein, und ich
+weiss dass er nicht einen rothen Pfennig mit in das fremde Land gebracht
+hat. Aus dem ist jetzt ein rechtschaffener Farmer geworden, mit eigenem
+Land, Haus und Vieh, und was der kann -- schwere Noth noch einmal -- das
+kann ich auch. Ich gehe hinueber, nehme das Kaethchen mit -- Geld zur
+Ueberfahrt krieg ich schon, und wenn ich meine beiden Schimmel um den
+halben Werth verkaufen sollte, und dort hilft der liebe Gott schon weiter.
+Verhungern werden wir nicht, und ich brauche mir hier nicht mehr unter die
+Nase reiben zu lassen, "das sollst Du thun und das nicht, und _die_ sollst
+Du heirathen, die Du nicht magst und willst, und die Dich lieb hat und
+Dich gluecklich machen kann, der sollst Du das Herz brechen -- weil ihr eben
+nur der volle Geldsack fehlt."
+
+"Unsinn!" sagte der Apotheker, jetzt wieder und zwar im Ernste aufstehend
+-- "wenn Jemand einmal rein verrueckt geworden ist, laesst sich auch nicht
+mehr mit ihm streiten. Gehn Sie mit Kellmann?"
+
+"Ja, gleich," erwiederte der Gefragte -- "weiss denn aber schon Euer Vater
+um den Plan, Mathes?"
+
+"Heute hab' ich's ihm gesagt," erwiederte der Gefragte leise -- "aber er
+glaubt es noch nicht."
+
+"Und ist es denn schon wirklich so fest bestimmt?" sagte Kellmann
+theilnehmend.
+
+"Meine Passage in Bremen fuer mich und -- meine _Frau_ ist schon bezahlt,"
+rief der junge Bursch da entschlossen -- "den funfzehnten geht das Schiff
+ab, und ich habe nur noch eben Zeit das Nothwendigste in Ordnung zu
+bringen."
+
+"Ja da koemmt freilich jeder gute Rath zu spaet," sagte Kellmann, jetzt
+ebenfalls aufstehend und seinen Hut ergreifend, "wenn der Sprung erst
+einmal geschehen ist, braucht man nicht mehr ueber das Springen zu streiten
+und ich wuensche Euch das Beste in Euerer neuen Heimath."
+
+"Ich weiss es, ich weiss es," sagte Mathes geruehrt -- "aber vielleicht seh
+ich Sie selber noch einmal auf freiem Boden drueben, mit Axt oder Pflug in
+der Hand, wie ein wackerer, richtiger Farmer."
+
+"Wen -- mich?" rief aber Kellmann ordentlich erschreckt aus -- "ich nach dem
+vermaledeiten Lande, dass alle unsere besten Buerger frisst? Nein Mathes, fuer
+dies Leben nicht -- aber wann geht Ihr fort? vielleicht laesst Euer Vater
+doch noch mit sich reden, und lenkt ein wenn er sieht dass es Euch wirklich
+Ernst ist."
+
+Mathes schuettelte mit dem Kopf und der Actuar rief:
+
+"Ein Bauer und einlenken, Kellmann? -- da kennt Ihr unseren deutschen Bauer
+nicht; worauf der einmal seinen Dickkopf gesetzt hat, da muss er durch, und
+wenn's nicht geht, so zerhaut er sich eben den Schaedel, aber er laesst nicht
+nach. Der alte Vogel und nachgeben; Du lieber Gott, wenn er den eigenen
+Sohn mit einem einzigen Wort vom Verderben retten koennte -- er spraech es
+nicht."
+
+"Na, da kann ich wohl auch meine Bude hier bald zuschliessen und mitgehn,"
+sagte Lobsich, sich den Kopf kratzend -- "Schwerebrett das ist mir -- hm --
+hm -- ist mir doch was Unbedeutendes, das -- das Amerika."
+
+"Und was sagt denn das Kaethchen dazu?" frug Kellmann jetzt den Mathes,
+waehrend die Uebrigen schon aufgestanden waren und sich zum fortgehn
+geruestet hatten.
+
+"Die weint und will nicht mit," sagte Mathes leise -- "aber sie wird schon
+gehen."
+
+"Sie will nicht mit?"
+
+"Sie meint, es braeche meinem Vater das Herz."
+
+"Das Herz brechen? -- dem alten Vogel?" lachte aber dieser veraechtlich --
+"na Gott sei Dank, die hat einen guten Begriff von ihm -- als ob dem etwas
+das Herz brechen koennte."
+
+"Nun, es fraegt sich nur jetzt wem sie es lieber bricht," meinte der
+Actuar, "dem Alten, wenn sie geht, oder dem Jungen, wenn sie bleibt -- die
+Wahl wird ihr nicht schwer werden. Aber Schollfeld, Ihr seid ja auf einmal
+so still geworden?"
+
+"Ach lasst mich zufrieden," brummte dieser aergerlich -- "weiss es Gott, man
+moechte am Ende selber mit hinueberlaufen, nur Nichts mehr von dem
+verwuenschten Auswandern reden zu hoeren."
+
+"Hahahaha!" rief da Kellmann, "Schollfeld bekoemmt auch ueberseeische
+Ideen."
+
+"Ueberseeische -- haette bald was gesagt," knurrte dieser aber, auf der
+Strasse hingehend, ohne weder Mathes noch Lobsich gute Nacht zu sagen.
+
+Die Uebrigen wechselten noch kurzen Gruss mit ihren Bekannten dort,
+zuendeten sich frische Cigarren an, und schlenderten langsam, den
+freundlichen Abend so viel als moeglich zu geniessen, die Strasse hinab, der
+eigenen Heimath zu.
+
+
+
+
+
+ Capitel 3.
+
+
+ DER DIEBSTAHL.
+
+
+Zehn Minuten mochten sie so etwa schweigend nebeneinander hergegangen
+sein, als hinter ihnen auf der Strasse eine Equipage und klappernde
+Hufschlaege gehoert wurden, die sie rasch einholten und an ihnen
+vorbeirauschten, eine dicke Staubwolke dabei ueber den Weg waelzend. Es war
+die Familie Dollinger mit dem, neben dem Wagen hin galoppirenden Fremden,
+dem Braeutigam der Tochter.
+
+"Die kommen schneller von der Stelle als die armen Auswanderer vorhin,"
+sagte Kellmann, als sie vorbei waren -- "Wetter noch einmal, es ist doch
+ein anderes Ding so ein paar fluechtige Rappen vor sich zu haben, und wie
+im Flug durch die Welt zu jagen, als mit einem schweren Packen auf dem
+Ruecken und wunden Fuessen vielleicht, muehselig die staubige Strasse entlang
+zu keuchen."
+
+"Ja, die Gaben sind ungleich vertheilt in der Welt," seufzte der Actuar,
+"was der Eine haben moechte, _hat_ der Andere schon, und das ist auch wohl
+das ganze Geheimniss der socialen Frage, laesst sich aber nun einmal nicht
+aendern, und wir duerfen vielleicht den Kopf darueber schuetteln, und wuenschen
+dass es anders waere, aber weiter eben Nichts."
+
+"Der auf dem Pferd, war der Dings da von Amerika," sagte der Apotheker
+jetzt, "der das schmaehlige Geld hat und des reichen Dollingers Tochter
+noch dazu heirathet. Soll mir noch einmal einer sagen dass Eisen der
+staerkste Magnet sei; Gold ist's, und wo das liegt zieht es anderes hin.
+
+"Und wie steht's mit Actien?" lachte Kellmann.
+
+"Bah -- bleibt immer dasselbe," brummte der Apotheker, "das Gold steckt
+darin, und kann durch einen sehr einfachen chemischen Process leicht
+herausgezogen werden -- wenn man sie hat."
+
+"Es wundert mich uebrigens dass der alte Dollinger sein Kind ueber das grosse
+Wasser hinueberziehen laesst," meinte der Actuar -- "dem haette es doch auch
+hier im Lande nicht an einer eben so guten Parthie gefehlt."
+
+"Liebe," meinte Kellmann achselzuckend -- "Liebe ist blind sagt ein altes
+Sprichwort; dagegen lassen sich eben keine Gruende anbringen. Waer's
+uebrigens auch nicht wegen dem grossen Wasser, der Bursche gefaellt mir
+ausserdem nicht, und ich moechte ihm meine Tochter nicht geben und wenn er
+bis ueber die Ohren in Golde staecke. Er hat ein verschlossenes,
+hochfaehrtiges Wesen, behandelt den gemeinen Mann wie einen Hund, und
+spricht von Allem was wir hier haben, unseren Einrichtungen, unseren
+Gesetzen, unseren Vergnuegungen selber, ja unserem Klima und Land, das doch
+zum Henker auch _sein_ Vaterland ist, mit der groessten Verachtung. Amerika,
+und immer wieder Amerika, hinten und vorn; ei Blitz und Hagel, ich will
+gar nicht leugnen dass es manche gute Seiten haben mag, das Amerika, wenn
+ich sie auch gerade nicht einsehen kann, aber so viel besser wie unser
+Deutschland ist es doch auch nicht drueben, und wenn's so einem Burschen da
+einmal zufaellig geglueckt ist, sollt' er nicht als Lockvogel sich hier
+mitten zwischen uns hineinsetzen, anderen vernuenftigen Leuten
+unglueckselige Ideeen in den Kopf zu pflanzen.
+
+"Wenn sich andere vernuenftige Leute solche Ideeen einpflanzen _lassen_,
+geschieht's ihnen ganz recht," sagte der Apotheker -- "man braucht nicht zu
+glauben was jeder dahergelaufene Lump eben sagt."
+
+"Nun _ganz_ ohne kann's aber auch nicht sein," meinte Kellmann
+kopfschuettelnd, "und ich -- ich halt' es immer fuer gefaehrlich. S'ist
+merkwuerdig, wie rasch sich das mit der Hochzeit gemacht hat."
+
+"Nun, wer sich die Braut gleich fix und fertig aus dem Wasser zieht hat
+leicht freien," sagte der Actuar -- "Glueck muss der Mensch haben, dann geht
+Alles wie am Schnuerchen; wer aber _das_ nicht hat, der mag sein Lebtag
+fischen und faengt doch Nichts -- am wenigsten aber solch einen Goldfisch.
+
+"Wo stammt er denn eigentlich her?" frug der Apotheker jetzt, wie sie
+wieder eine Weile schweigend neben einander hingegangen waren, "man hoert
+doch sonst eigentlich gar Nichts von ihm, und er kommt auch mit keinem
+Menschen weiter zusammen -- stolzer aufgeblasener Bursche der."
+
+"Gott weiss es," sagte der Actuar; "er ist, glaub' ich, mit einem
+hollaendischen Schiff heruebergekommen, und hatte einen Pass von Amsterdam."
+
+"Und der Pass lautete nach Heilingen?"
+
+"Nun nicht gerade nach Heilingen, aber doch nach der Residenz, und wie
+sich die Sache dann hier mit der Dollingerschen Familie gestaltete, nun
+lieber Gott, da drueckte der Stadtrath das eine, und die Stadtverordneten
+drueckten das andere Auge zu, und man sah nicht so genau nach den Papieren.
+Ueberdiess verzehrte er ja hier viel Geld; waer' es ein armer Teufel
+gewesen, haetten wir ihn wahrscheinlich schon bald wieder ueber die Grenze
+gehabt.
+
+"Hm, ja, glaub's," sagte Kellmann mit dem Kopfe nickend, "s'ist in
+Heilingen eben nicht anders wie -- wie anderswo -- warum auch?"
+
+Das Gespraech drehte sich von da ab, auf die staedtischen Einrichtungen,
+deren waermster Vertheidiger der Apotheker war, und ueber die sich der
+Actuar natuerlich nur sehr vorsichtig ausliess, waehrend sie Kellmann um so
+unnachsichtiger angriff; kam dann auf die Saat und die Preise, und wieder
+mit einem Seitensprung auf die jetzige Politik unseres lieben deutschen
+Reiches, bis sie das Thor und zwar gerade mit Sonnenuntergang erreichten,
+wo Jeder seinen Weg ging, die eigene Heimath aufzusuchen.
+
+Der Actuar Ledermann besonders, der an dem entgegengesetzten Ende der
+Stadt wohnte, beeilte seine Schritte, noch vor einbrechender Dunkelheit
+seine Wohnung zu erreichen; das Geruecht ging naemlich in der Stadt, dass ihn
+seine Ehehaelfte bei solchen Gelegenheiten oft allerdings sehr unfreundlich
+empfange, und ihm einmal sogar schon einige sonst sehr nuetzliche, bei
+_der_ Gelegenheit aber nichts weniger als passende haeusliche Geraethe
+entgegen und vor die Fuesse geworfen habe. Thatsache war, dass "Madame" oder
+Frau Actuar Ledermann, was auch ihres Gemahls Thaetigkeit und Ansehn
+ausserhalb seiner eigenen vier Pfaehlen sein mochte, _innerhalb_ derselben
+jedenfalls das Commando, und nicht immer mit Maessigung fuehrte, und der
+Actuar suchte den Hausfrieden wenigstens soviel als moeglich zu erhalten
+und jeden Anlass, zu irgend einer Stoerung desselben, zu vermeiden.
+
+Mit solchen Gedanken vielleicht im Kopf, wollte Ledermann eben vom
+Marktplatz aus in die Strasse einbiegen, an deren aeussersten Ende seine
+eigene, sehr bescheidene Wohnung stand, als er seinen Titel genannt und
+sich selber gerufen hoerte.
+
+"Herr Actuar -- Herr Actuar Ledermann."
+
+Er drehte sich rasch um und sah einen Gerichtsdiener eilig auf sich
+zukommen, der, die Muetze abnehmend, vor ihm stehen blieb und ihm meldete,
+dass er eben abgeschickt worden ihn zu holen oder aufzusuchen, da ein
+Einbruch geschehen sei, ueber den an Ort und Stelle Protokoll aufgenommen
+werden solle.
+
+"Protokoll aufnehmen?" sagte Actuar Ledermann, keineswegs angenehm
+ueberrascht; "ja was hab ich denn heute damit zu thun, wo ist mein
+_College_?"
+
+"Herr Actuar Beller sind unwohl geworden, heute Nachmittag," berichtete
+der Polizeidiener, "und mussten zu Hause gehn; ich bin eben abgeschickt zu
+sehn, welchen von den andern Herren ich zuerst treffen koennte."
+
+"Hm -- ist sehr amuesant," brummte Ledermann vor sich hin -- "kommt mir
+gerade apropos. Bei wem ist es denn?"
+
+"Bei Herrn Dollinger."
+
+"Was? -- bei Kaufmann Dollinger?" rief der Actuar rasch und erstaunt -- "am
+hellen Tag, waehrend er ausgefahren war?"
+
+"Er ist, wenn ich nicht irre, eben zu Hause gekommen," berichtete der
+Mann, und hat glaub' ich sein Pult geoeffnet, und eine bedeutende Summe
+Geldes entwendet gefunden."
+
+"Hm, hm, hm," sagte der Actuar kopfschuettelnd und seinen Rock dabei, den
+er der Bequemlichkeit wegen aufgelassen hatte, zuknoepfend, "es wird immer
+besser hier bei uns. Am hellen lichten Tage. Aber die ganze Stadt steckt
+auch voll fremden Volkes, das sich natuerlich keine Gelegenheit
+entschluepfen laesst Reisegeld zu bekommen."
+
+"Es muss doch wohl Jemand gewesen sein der mit dem Hause genau bekannt
+war," sagte der Polizeidiener -- "nach dem wenigstens, was ich bis jetzt
+von den Dienstleuten darueber gehoert habe, kann's nicht gut anders sein."
+
+"Nun wir werden ja sehn; da muss ich aber erst -- "
+
+"Wenn sich der Herr Actuar nur eben an Ort und Stelle bemuehen wollen,"
+sagte jedoch der Diener des Gerichts, "alles Noethige ist schon dorthin
+geschafft und ich war eben nur fortgelaufen, einen der Herren zu suchen."
+
+Der Actuar, dem Dienste natuerlich Folge leistend, seufzte tief auf und
+schritt, im Geist wahrscheinlich des Empfangs gedenkend, der seiner
+harrte, wenn seine Frau auf ihn mit dem Abendessen warten musste, rasch die
+"Poststrasse" hinaufbiegend, dem gar nicht weit entfernten Dollinger'schen
+Hause zu, dort den Thatbestand in Augenschein und zu Protokoll zu nehmen,
+etwaige Spuren des Uebelthaeters zu entdecken und zu verfolgen, und die
+Leute im Hause nach moeglichem Verdachte zu inquiriren.
+
+ * * * * *
+
+Im Hause des reichen Kaufmanns Dollinger, in dem Alles sonst so still und
+ruhig und wie am Schnuerchen zuging, wo Jeder seine angemessene und fest
+bestimmte Beschaeftigung hatte, genau wusste was ihm oblag, und das that,
+ohne eben viel Laerm darum zu machen, lief und rannte und sprach heute
+alles durcheinander, und saemmtliche Bande der Ordnung schienen geloest.
+
+Frau Dollinger vor allen Dingen lag in Kraempfen in ihrem Boudoir, und
+beanspruchte die Huelfe ihrer beiden Toechter und der weiblichen Dienstboten
+im Haus, ihren Zustand zu bewachen; Herr Dollinger selber war in seinem
+Zimmer des obern Stocks, und ging dort mit raschen Schritten und auf den
+Ruecken gekreuzten Armen auf und ab, waehrend dem jungen Henkel indessen die
+Bewachung des Platzes selber uebertragen war, und die andern Dienstboten,
+mit einem nicht unbedeutenden Theil der Nachbarschaft und deren
+Verwandten, in den verschiedenen Winkeln und Ecken des Hauses herumstanden
+und kopfschuettelnd, die Haende ein ueber das andere Mal in Verwunderung
+zusammenschlugen. Die verschiedenartigsten Vermuthungen und Beweise wurden
+da laut, und die Orte und Stellungen oder Beschaeftigungen jedes Einzelnen
+auf das Genaueste und Peinlichste angegeben, wo und wie sich Jeder gerade
+in der Zeit etwa befunden haben mochte, als die entsetzliche, verruchte
+That geschehen und vollbracht sein musste.
+
+Dem Actuar, mit dem ihm folgenden Gerichtsdiener wurde uebrigens willig und
+dienstfertig Platz gemacht; Alle wollten aber hinter drein, und die Frauen
+besonders gaben dabei durch die entschiedensten Ausrufe -- "Ne Du meine
+Guete" und "Ne so was" ihre vollkommenste Misbilligung des Geschehenen zu
+erkennen. Nichts desto weniger wurde auch selbst ihnen die Thuere vor der
+Nase zugemacht, und Einer der Bedienten bekam strenge Ordre die Hausflur
+zu raeumen, und Niemand mehr, so lange die Untersuchung dauere, die Treppe
+hinaufzulassen, ausgenommen, es wisse Jemand noch um den Diebstahl, und
+koenne irgend einen Fingerzeig geben den Dieben auf die Spur zu kommen;
+solche Zeugen sollten nachher vernommen werden.
+
+Oben an der Treppe empfing sie Herr Henkel, um sie gleich zu dem Ort, wo
+der Diebstahl veruebt worden, hinzufuehren; einer der Leute war indessen
+abgeschickt Hrn. Dollinger selber zu rufen, und dieser erschien jetzt, den
+Actuar freundlich gruessend.
+
+Es war indessen schon ziemlich dunkel, und im Zimmer Licht angezuendet
+worden.
+
+"Ich bedaure sehr, Herr Dollinger," sagte der Actuar, "dass, wie ich gehoert
+habe, eine so fatale Sache mich hier in Ihr Haus gefuehrt haben muss."
+
+"Ja allerdings," erwiederte der alte Herr, "ist es sehr unangenehm;
+weniger des Verlustes wegen, der sich allenfalls ertragen liess, als wegen
+dem Bewusstsein getaeuschten Vertrauens, mit selbst keinem gewissen
+Anhaltspunkt auf Verdacht. Ich wollte gern das Doppelte verloren haben,
+wenn es haette koennen auf andere Weise geschehn."
+
+"Das Ganze ist uebrigens mit einer raffinirten Geschicklichkeit
+ausgefuehrt," fiel Henkel hier ein, "und der Thaeter, wer auch immer,
+jedenfalls ein hoechst gefaehrliches Subject, von dem ich nur hoffen will
+dass wir ihm auf die Spur kommen."
+
+"Duerfte ich Sie bitten mir den Platz zu zeigen?"
+
+"Treten Sie hier in das Zimmer meiner Toechter; dort der Secretair ist
+erbrochen."
+
+"Hm -- mit einem breiten meisselartigen Instrument," sagte der Actuar nach
+kurzer Besichtigung der offenen, arg beschaedigten Mahagoniplatte -- "und
+die Thuer ebenfalls eingebrochen?"
+
+"Nein -- die Thuer ist unbeschaedigt und muss jedenfalls mit einem
+Nachschluessel geoeffnet sein."
+
+"Und was vermissen Sie in dem Secretair?"
+
+"Eine Summe Geldes, die ich erst vor wenigen Stunden, und im Beisein
+meiner Familie und eines zuverlaessigen Comptoirdieners, im Paket wie ich
+sie von der Post erhalten, hier eingeschlossen hatte, und von der der Dieb
+auf eine mir unbegreifliche Weise muss Kenntniss bekommen haben."
+
+"Wer ist dieser Comptoirdiener?"
+
+"Oh, Lossenwerder; Sie kennen ihn ja wohl?"
+
+"Lossenwerder," sagte der Actuar nachdenkend -- "ist wohl schon eine ganze
+Weile in Ihrem Geschaeft?"
+
+"Schon zwoelf Jahr; mit keinem Schatten irgend eines Verdachts; ich nahm
+ihn als einen ganz jungen Burschen in mein Haus; er muss aber gegen irgend
+Jemand davon gesprochen haben."
+
+"Hm, hm, wollen ihn uns doch einmal nachher besehn; also hier hinein
+hatten Sie das Geld gelegt?"
+
+"Es ist ein Secretair, den meine Toechter gemeinschaftlich benutzen, und zu
+dem jede von ihnen ihren Schluessel hat. Bitte lieber Henkel, lassen Sie
+doch einmal Sophie oder Clara einen Augenblick zu uns herueber rufen."
+
+"Ich habe schon das Maedchen geschickt, eine der jungen Damen ersuchen zu
+lassen," entgegnete der junge Henkel, der indessen im Zimmer umhergegangen
+war, und sich ueberall umgesehen hatte, ob nicht vielleicht doch der Dieb
+irgend eine Spur, irgend ein Zeichen hinterlassen habe, an das man sich
+spaeter einmal halten koenne. --
+
+"Und vermissen Sie weiter Nichts als das Geld?" frug der Actuar.
+
+"Auch ein Schmuck meiner aeltesten Tochter scheint mit geraubt zu sein,"
+sagte Herr Dollinger -- "aber da kommt Clara, die Ihnen das Naehere davon
+selber angeben wird."
+
+Clara betrat in diesem Augenblick das Gemach; sie sah todtenbleich und
+angegriffen aus, und Henkel eilte ihr entgegen sie zu unterstuetzen.
+
+"Clara, mein liebes armes Kind," sagte Herr Dollinger, auf sie zugehend
+und die Hand nach ihr ausstreckend, "fehlt Dir etwas? -- Der Schreck hat
+Dich wohl so angegriffen. Mach Dir doch nur keine Sorge, mein Herz;
+vielleicht bekommen wir Alles wieder und wenn nicht -- nun ein _Unglueck_
+ist es dann auch nicht; wenn Ihr mir nur Alle gesund bleibt, koennen wir
+die paar tausend Thaler schon verschmerzen."
+
+"Es ist nicht der Verlust, lieber Vater," sagte aber das junge Maedchen,
+sich gewaltsam zusammennehmend, und des Vaters Hand ergreifend -- "nur die
+Ueberraschung, der Schreck wahrscheinlich, und das -- das Unheimliche
+dabei, als ich mein Zimmer vorhin betrat, und die Spuren des veruebten
+Verbrechens entdeckte. Ich fuerchtete die entsetzlichen Menschen noch
+irgend wo zu sehn, die vielleicht hinter einer Gardine stehen, unter einem
+der Divans liegen, hinter einem Ofen lauern konnten und, wenn entdeckt, zu
+verzweifelter Gegenwehr getrieben mich anfallen wuerden, und all solch
+kindische Gedanken mehr. Dort der auf den Tisch geworfene Regenschirm
+dabei, die hinuntergeworfene Stickerei von dem Secretair selber, am
+meisten aber der Tabaksgeruch im Zimmer und die verloeschte, angerauchte
+Cigarre dort auf dem Fensterbret, erfuellten mir das Herz mit einem
+unbeschreiblichen Grausen."
+
+"Eine Cigarre?" sagte Ledermann, sich vergebens nach dem bezeichneten
+Gegenstand umschauend -- "wo lag sie?"
+
+"Dort im Fenster, als ich zurueckkam."
+
+"Die alte angerauchte Cigarre?" sagte Henkel rasch -- "die hab' ich zum
+Fenster hinausgeworfen; ich glaubte Einer der Dienerschaft haette sie in
+der Aufregung mit hereingebracht und dort abgelegt -- sie muss unten auf der
+Strasse liegen."
+
+"Bitte schicken Sie doch einmal einen Burschen danach, dass er sie
+heraufholt," sagte der Actuar; "man darf auch das Unbedeutendste nicht
+unbeachtet lassen, und wir wollen indessen die vermissten Gegenstaende
+aufnehmen. Das Geld? -- "
+
+"Davon giebt Ihnen dieser Brief das genaue Verzeichniss," sagte Herr
+Dollinger, "aber ich fuerchte fast dass wir durch das Geld selber nicht auf
+die Spur kommen werden, indem das Paket fast nur Gold und kleinere
+Banknoten enthielt, die leicht umzusetzen und schwer zu controliren sind.
+Eher hoffe ich durch den Schmuck den Dieb verrathen zu sehn, da einige
+sehr auffaellige Stuecke, wie ich hoere, dabei gewesen sind."
+
+"Duerfte ich Sie um eine genaue Angabe derselben, heute Abend noch, wenn
+irgend moeglich _schriftlich_ bitten?" erwiderte, nach einigem Besinnen,
+der Actuar, "diese Einzelheiten wuerden mich jetzt zu lange aufhalten."
+
+"Kannst Du das geben, Clara?
+
+"Bis auf die kleinste Nadel hinunter," sagte das junge Maedchen rasch,
+"besonders auffaellig war eine kleine, rundum mit Brillanten besetzte
+Broche, ein Erbstueck unserer Grossmutter, und ausgezeichnet vor jedem
+andern Schmuck, den ich noch in meinem ganzen Leben gesehen, durch einen,
+in der Mitte gefassten, genau dreieckigen, hellblauen und wundervollen
+Turquis. Mein Schmuck lag gleich dicht dahinter, den aber muss der Dieb in
+der Eile uebersehen haben; er ist unangeruehrt geblieben."
+
+"Das ist allerdings gluecklich," sagte der Actuar, "waere wohl auch des
+Mitnehmens werth gewesen. Lag gleich dabei?"
+
+"Hier in dem rothen Kaestchen."
+
+"Aber das ist auch geoeffnet worden."
+
+"Das? -- nein, das hab ich wohl selbst geoeffnet, nachzusehen, ob auch Alles
+darin sei, und nicht wieder ordentlich geschlossen. Die Haken waren
+allerdings auf, wenn ich mich nicht ganz irre, aber der Dieb hat
+keinenfalls eine Ahnung gehabt, welchen Werth das kleine unscheinbare
+Kaestchen enthalte, oder es staende jetzt nicht mehr da."
+
+"Sehr wahrscheinlich, hm -- aber Sie vergeben wohl nicht, mein Fraeulein,
+alle diese Einzelheiten besonders zu notiren; wer weiss ob sie nicht noch
+einmal wichtig werden. Ah, da kommt auch Herr Henkel wieder; haben Sie die
+Cigarre gefunden?"
+
+"Gott weiss wo sie ist;" lachte dieser, "irgend Jemand muss es doch noch der
+Muehe werth gehalten haben sie aufzuheben, und in einer Pfeife vielleicht
+zu verrauchen -- ich bin selber hinunter gegangen, kann sie aber nirgends
+mehr entdecken. Uebrigens ist es auch fast dunkel geworden, und ich werde
+morgen ganz frueh nachsuchen lassen. Der Stummel wird Ihnen freilich nicht
+viel helfen."
+
+"Man weiss nicht," sagte der Actuar kopfschuettelnd, "je nach der Guete des
+Tabaks liess sich vielleicht auf die Schicht der menschlichen Gesellschaft
+schliessen, in der sich unser heimlicher Besuch herumtriebe. Aber das ist
+allerdings Nebensache; wo also ist der Dieb hereingekommen? -- hier durch
+diese Thuer?"
+
+"Doch wohl vom Garten her durch das Fenster Euers Schlafzimmers," sagte
+Herr Dollinger, "denn durch das Haus wuerde er es sich am hellen Tage im
+Leben nicht getraut haben."
+
+"Aber ich moechte meine Seligkeit zum Pfande setzen dass ich den Schluessel,
+der nach unserer Schlafkammer fuehrt, ehe wir fortgingen, herumgedreht und
+stecken gelassen haette, so dass von innen ein Oeffnen unmoeglich war."
+
+"Und war die Thuer noch verschlossen wie wir zurueckkamen?"
+
+"Nein, nur in's Schloss gedrueckt, aber der Schluessel stak darin."
+
+"Hm, hm, hm -- dann ist der Bursche dort wahrscheinlich hinaus" -- sagte der
+Actuar -- "zur Thuer hier hereingekommen und dort zur Nothroehre hinaus -- hm,
+muss aber genau mit der Gelegenheit bekannt sein. Mein lieber Herr
+Dollinger, wir werden Ihre Leute doch ein wenig scharf in's Gebet nehmen
+muessen, denn ein ganz Fremder, kann sich die Zeit nicht so abgepasst
+haben."
+
+"Wo kommt der Blumenstock her?" sagte da ploetzlich Clara rasch und
+erstaunt, auf einen sehr schoenen Rosenstock deutend, der in ihrem Fenster,
+zunaechst der Thuere stand -- "wer hat den jetzt hier heraufgestellt?"
+
+"So lange wir hier sind Niemand" -- rief Henkel -- "war er vorher nicht da?"
+
+"Nicht heute Mittag, das weiss ich gewiss; aber vielleicht hat ihn eins der
+Dienstleute mir heimlich hier hereingesetzt."
+
+"Heimlich? -- so?" sagte der Actuar, "den freundlichen Geber wollen wir
+also vor allen Dingen einmal herauszubekommen suchen."
+
+"Es ist heute mein Geburtstag," sagte Clara leise und erroethend."
+
+"Oh?" meinte Herr Ledermann mit einem freundlichen Laecheln, "da thut es
+mir freilich leid, meine ganz ergebensten Gratulationen zu keiner
+angenehmeren Zeit vorbringen zu koennen -- will eben nicht passen bei einer
+solchen Untersuchung, kann es aber doch auch nicht geradezu
+hinunterschlucken -- ich gratulire eben nicht zur Untersuchung."
+
+"Es muss gewiss ein gesegnetes Land sein," sagte Henkel mit einem leisen,
+halb boshaften Laecheln, "wo die Polizei sogar witzig sein kann."
+
+"Hm," meinte der lange Aktuar, sich nach dem Sprecher umdrehend, "die
+Polizei macht eben keinen Anspruch darauf, und ist das meistens
+Privateigenthum. Aber wir wollen die Zeit nicht mit Allotrien vergeuden;
+ist nicht herauszubekommen wer den Blumenstock hier, waehrend Ihrer
+Abwesenheit in das Zimmer gesetzt hat?"
+
+"Jedenfalls muessen die Dienstboten darum wissen," sagte der junge Henkel,
+"und es wird das Beste sein sie einzeln darum zu befragen."
+
+"Allerdings; -- Einzelverhoer hat ueberhaupt viele Vortheile, bitte schicken
+Sie einmal die Leute herauf, dass man vor allen Dingen ihre Gesichter zu
+sehen bekommt."
+
+"Aber nicht hier, Vaeterchen, nicht wahr nicht hier in meiner Stube?" bat
+Clara -- "ich wuerde den fatalen Gedanken im Leben nicht wieder los."
+
+"Wir wollen hinuntergehn in das untere Zimmer," sagte Herr Dollinger,
+freundlich dem Wunsch der Tochter nachgebend, "es laesst sich das dort eben
+so gut abmachen als hier."
+
+"Manchmal ist der Platz des Verbrechens selber der geeignetste," warf der
+Actuar ein, "aber wie Sie wuenschen -- nur um eines moechte ich Sie noch
+vorher bitten, dass ich mir einmal die Stelle oder das Fenster ansehn darf,
+durch das sich Ihrer Vermuthung nach, der oder die Diebe entfernt haben
+koennten."
+
+"In unserem Schlafzimmer?"
+
+"Doch durch diese Thuer?"
+
+"Lieber Henkel, Sie sind wohl indessen so freundlich, meine Leute unten
+zusammenzurufen; wir kommen gleich hinunter. Sie werden heut viel
+belaestigt."
+
+"Aber ich bitte Sie, bester Herr Dollinger," sagte der junge Mann, rasch
+seinen Hut aufgreifend, "wenn ich Ihnen nur darin von irgend einem
+wirklichen Nutzen sein koennte. Lieber erlauben Sie mir vielleicht mit
+Ihnen einer moeglichen Spur zu folgen, denn meine Augen sind darin
+vielleicht schaerfer als manche andere."
+
+"Es wird in der Dunkelheit nicht eben mehr viel zu spueren geben," meinte
+indess der Actuar; "das werden wir uns muessen auf morgen frueh aufsparen --
+also jetzt noch das Fenster, wenn ich bitten darf -- ich moechte mir nur die
+Gelegenheit einmal von oben besehn."
+
+Clara selber oeffnete die Thuer und fuehrte dem Actuar mit ihrem Vater in das
+kleine freundliche Gemach, dessen beide, schon von Blaetter schiessenden
+Weinranken ueberzogene Fenster, auf den Garten hinaussahen. Das eine
+Fenster war allerdings geoeffnet gewesen, aber der Rankenwuchs so dicht
+zusammengezogen, dass sich ein Koerper kaum haette hindurchzwingen koennen.
+Die Hoehe nach dem Garten hinunter, und gerade unter dem Fenster sollte ein
+kleiner Rasenplatz sein, war eben nicht betraechtlich, vielleicht zehn oder
+zwoelf Fuss, und unten umgab niederer aber ziemlich dichter Hollunder den
+Rasen. Im Zimmer selber liess sich aber nicht das mindeste erkennen, das
+einen solchen Verdacht unterstuetzt haette; das Einzige was dafuer sprach,
+war die aufgeschlossene Thuer.
+
+Zu der Unterstube des Hauses waren indessen die Dienstleute versammelt
+worden, streng examinirt zu werden. Der Hausmagd vor allen andern lag die
+Pflicht ob, die Etage, wenn sie nach unten in die Kueche ging, in
+Abwesenheit der Herrschaft verschlossen zu halten. Diese aber behauptete
+steif und fest, und weinte dabei und rief Gott und alle Heiligen zu Zeugen
+an, dass sie die Vorsaalthuer auch ordentlich, "zweimal herum" abgeschlossen
+und den Schluessel zu sich gesteckt haette, und Niemanden in der weiten
+Gotteswelt gesehen habe, der das Haus in der Zeit betreten haben koenne.
+Trotzdem aber sei die Vorsaalthuer, als sie wieder nach oben gekommen
+offen, wenigstens aufgeschlossen, wenn auch zugeklinkt gewesen, und sie
+haette selber im Anfang nicht begreifen koennen wie das moeglich waere, aber
+auch nicht weiter darueber nachgedacht, und es ihrer eigenen
+Unaufmerksamkeit zugeschoben. Nach der Abfahrt der Herrschaft sei sie aber
+nur eine ganz ganz kurze Zeit unten geblieben um -- sie wollte erst nicht
+mit der Sprache heraus, aber der Herr Actuar draengte gar so sehr -- um den
+jungen Herrn Henkel fortreiten zu sehn. Nachher mochte sie vielleicht noch
+zehn Minuten der Koechin geholfen haben, und war dann nicht wieder von dem
+Vorsaal oben fortgekommen, auf dessen Balkon sie gesessen und genaeht
+hatte. In der Zeit habe Niemand mehr den Vorsaal oder des Fraeuleins Zimmer
+betreten, darauf wolle sie das heilige Abendmahl nehmen, und der Diebstahl
+muesse jedenfalls in den paar Minuten, die zwischen dem Fortreiten des
+jungen Herrn und ihrem eigenen Wiederhinaufgehn nach oben gelegen haetten,
+veruebt sein -- anders war es nicht moeglich.
+
+"Wer aber hatte den Blumenstock in des Fraeuleins Zimmer gestellt?"
+
+"Einen Blumenstock? -- waehrend die Herrschaft fort war?"
+
+"Allerdings, eine Monatsrose -- in das Fenster naechst der Thuer."
+
+"Der das gethan hat, muesse damit zum Fenster, oder in derselben Zeit mit
+einem Nachschluessel zur Thuer hereingekommen sein, als der Diebstahl veruebt
+worden, denn sie haette keine Seele im Haus gesehn.
+
+Die Dienstboten hatten indessen mit einander gefluestert, als der Actuar
+das Wort nahm und mit langsam bedaechtiger, aber ziemlich ernster Stimme
+sagte:
+
+"Hoert einmal Leute, ich will Euch etwas sagen; Ihr habt Euch da gut
+unschuldig stellen, als ob Ihr eben erst auf die Welt gekommen waert, damit
+dringt Ihr aber nicht durch. Das Geld ist fort -- Ihr seid die Einzigen die
+unter der Zeit im Haus waren, und Euere Pflicht waere es gewesen --
+
+"Aber Herr Actuarius" --
+
+"Ruhe da, wenn ich Euch etwas mitzutheilen habe -- und Euere Pflicht waere
+es gewesen, sag' ich, aufzupassen, dass niemand Fremdes den Platz betrat,
+der Euch anvertraut war, und fuer den Ihr also auch in der Zeit zu stehn
+hattet. Jemand ist aber in der Zeit da gewesen, und hat etwas gebracht und
+etwas geholt, und man wird sich jetzt an _Euch_ halten muessen, bis der
+Jemand ausfindig gemacht ist. Was giebt's da hinten -- was ist gekommen?"
+
+"Dullmanns Rieke von ueber dem Weg drueben," sagte die Koechin jetzt, gegen
+den Actuar vortretend, "will den Lossenwerder haben heimlich aus dem Haus
+schleichen sehn. Da _haben_ Sie einen; _uns_ brauchen Sie so etwas nicht
+unter die Nase zu reiben, Herr Actuar -- wir sind ehrliche Dienstboten die
+sich ihr bischen Brot sauer genug im Schweisse ihres Angesichts -- "
+
+"Ach halt' sie das Maul," fiel ihr aber der Actuar etwas unsanft in die
+Rede -- "_wer_ ist im Haus gewesen, Lossenwerder? -- und heimlich
+hinausgeschlichen? -- wer hat ihn gesehn?"
+
+"Hier die Rieke von Dullmann's -- "
+
+"Wann war das?" fragte der Actuar das jetzt vorgeschobene Maedchen, das
+feuerroth wurde und ihren einen Schuerzenzipfel anfing wie einen Plumpsack
+zusammenzudrehen. Erst ganz kurze Zeit vorher hatte sie einer ihrer
+Freundinnen im Dollinger'schen Haus, und gewiss nicht in der Absicht die
+Mittheilung gemacht, gleich damit, ohne weitere Warnung, vor die Polizei
+gezogen zu werden.
+
+"Nun Mamsell -- wie hiess sie? -- Rieke? -- Wann haben Sie Lossenwerder aus dem
+Haus kommen sehn, und ist er ruhig hinausgegangen oder _geschlichen_?"
+
+"Wenn Lossenwerder im Haus war," sagte Herr Dollinger ruhig, "so wird er
+auch ordentlich hinaus_gegangen_ und nicht geschlichen sein; der waere der
+Letzte dem ich so etwas zutrauen moechte."
+
+"Die Rieke behauptet," fiel aber hier die Koechin in dem Bewusstsein
+unrechtlich gekraenkten Ehrgefuehls rasch ein, "dass sie gar nicht auf ihn
+geachtet haben wuerde, wenn er sich nicht so schnell und heimlich, und
+dicht unter den Fenstern, am Hause hingedrueckt haette. Wer kein boeses
+Gewissen hat, kann gerade und offen gehen."
+
+"Sie sind aber gar nicht gefragt, zum Henker noch einmal," rief der Actuar
+jetzt ungeduldig werdend -- "wenn Sie jetzt nicht ruhig sind, lasse ich Sie
+so lange hinausfuehren, bis wir Sie wieder brauchen. Hier Mamsell Rieke;
+wenn Sie sich die Schuerze abgedreht haben, dann sein Sie so gut und sagen
+Sie uns einmal wo und wie Sie den Herrn Lossenwerder gesehen haben."
+
+"Ich -- ich weiss nicht gewiss" -- stammelte das Maedchen verlegen -- "aber --
+aber Lossenwerder kam -- bald nachher wie die Herrschaft fortgefahren war --
+"
+
+"Wie lange nachher?" frug der Actuar.
+
+"Etwa eine halbe Stunde denk' ich -- vielleicht nicht so lange -- kam er
+viel rascher als es sonst seine Art ist, denn er geht gewoehnlich immer
+sehr langsam -- kam er -- kam er aus der Thuer heraus, die er geschwind
+hinter sich zuzog -- und dann -- "
+
+"Und dann?" --
+
+Und dann hielt er den Kopf nieder, als ob er nicht wollte dass ihn Jemand,
+der vielleicht von oben heruntersaehe, erkennen moechte -- hielt er den Kopf
+nieder und drueckte sich -- drueckte sich dicht am Haus hin, so schnell er
+konnte die Strasse hinunter, und um die Ecke."
+
+"Und nachher?" frug der Actuar.
+
+"Nu, um die Ecke kann sie doch nicht sehn," sagte die Koechin.
+
+"Ob Sie still sein wird," sagte Herr Ledermann jetzt aber wirklich boese
+gemacht -- "Wenzel, wenn mir die Person da jetzt noch einmal das -- noch
+einmal den Mund aufthut, dann wissen Sie was Sie zu thun haben."
+
+"Sehr wohl, Herr Actuar," sagte der Gerichtsdiener --
+
+"Und sind Sie dann nachher nicht heruebergekommen und haben das den Leuten
+im Hause gesagt, was Sie gesehn?" frug der Actuar.
+
+"Ich habe ja aber Nichts gesehen," sagte die Rieke.
+
+"Sie haben doch den Lossenwerder gesehn" --
+
+"Ja aber der geht doch so oft in das Haus hier herein, und kommt nachher
+immer wieder heraus."
+
+Der Actuar warf sich ungeduldig herueber und hinueber und sagte endlich
+muerrisch:
+
+"Unsinn -- baarer Unsinn -- aber hatte er denn irgend etwas in der Hand? --
+_trug_ er etwas?"
+
+"_Trug_? -- ja -- ja sehn Sie Herr Actuar -- das kann ich Sie nicht sagen --
+das weiss ich nicht -- "
+
+"Nun Sie werden doch gesehen haben, ob er irgend ein schweres Paket in der
+Hand hatte oder nicht."
+
+"Ja sehn Sie, das weiss ich Sie wahrhaftig nicht, aber ich glaube es fast,"
+sagte das Maedchen, "denn ich habe den Herrn Lossenwerder eigentlich noch
+gar nicht anders gesehn, als dass er irgend 'was getragen haette; und wenn's
+nur ein paar Briefe gewesen waeren, oder ein Regenschirm."
+
+"Lieber Herr Actuar, ich glaube Sie sind da auf einer falschen Faehrte,"
+sagte Herr Dollinger jetzt -- "man kann einem Menschen allerdings nicht
+in's Herz sehen, aber fuer den Lossenwerder moechte ich fast selber
+einstehen."
+
+"Mein bester Herr Dollinger," sagte aber der Actuar kopfschuettelnd, "es
+ist das mit den Untersuchungen eine wunderliche Sache, und Leute auf die
+man am allerwenigsten gedacht, von denen man nie das geringste Unrechte
+vermuthet hatte, kommen da oft in den sonderbarsten Verwickelungen vor und
+-- sind schuldig. Ich selber kenne Lossenwerder als einen ordentlichen
+braven Menschen, und will zu Gott hoffen, dass unser ganzer Verdacht
+unbegruendet ist; das heimliche Schleichen aus dem Haus aber, und dass ihn
+Niemand sonst im Haus gesehen hat macht ihn verdaechtig. Meine Pflicht ist
+es wenigstens ihn selbst deshalb zu vernehmen und ich werde jedenfalls
+noch heute Abend nach ihm schicken muessen -- unsere Eisenbahnverbindungen
+sind jetzt zu schnell, und man darf keiner Menschenseele mehr zwoelf
+Stunden Vorsprung lassen, wenn man nicht oft das leere Nachsehn haben
+will."
+
+"Passen Sie auf," sagte Herr Dollinger, "der Lossenwerder wird den
+Blumenstock zum Geburtstag Clara's oben hinaufgetragen haben, und zum Dank
+dafuer kommt der arme Teufel jetzt noch in den Verdacht des fatalen
+Diebstahls."
+
+"Wie aber ist er ohne Nachschluessel in die verschlossene Thuer gekommen,"
+warf der Actuar ein --
+
+"Hm -- " sagte Herr Dollinger, "das weiss ich freilich nicht -- nun fragen
+Sie ihn selber, das wird jedenfalls der kuerzeste Weg sein."
+
+"Um das Verzeichniss der gestohlenen Gegenstaende duerfte ich Sie dann
+vielleicht nachher noch bitten."
+
+"Meine Tochter wird es gerade jetzt eben schreiben," sagte Herr Dollinger,
+"wenn Sie nur noch kurze Zeit warten wollen."
+
+"Dann duerfte ich Sie wohl bitten, es mir gleich in meine Wohnung zu
+schicken," meinte der Actuar nach kurzer Ueberlegung, "ich muss vor allen
+Dingen erst in meine Wohnung und werde dann von da gleich noch einmal in's
+Bureau gehen. Wo ist denn der Lossenwerder wohl am leichtesten zu finden?"
+
+"Ich habe eben nach seinem Hause geschickt," sagte Herr Dollinger, "aber
+dort ist er nicht. Paul, der Bursche, behauptet, er ginge manchmal, aber
+selten, in eine Bierstube an der Ecke der Roessnitzer und Hertzergasse, aber
+dort war er auch nicht; es ist uebrigens an beiden Orten bestellt, ihn
+gleich, so wie Jemand seiner ansichtig wird, hierherzuschicken."
+
+"Sehr wohl," sagte der Actuar, seine Papiere zusammenpackend, und sie dem
+Gerichtsdiener uebergebend; nach kurzer Begruessung wollte er sich dann eben
+entfernen, als er noch einmal in der Thuer stehen blieb und, sich scharf
+auf dem Absatz herumdrehend, fragte:
+
+"A prospos -- _raucht_ Lossenwerder?"
+
+"Soviel ich weiss _nicht_," sagte Herr Dollinger.
+
+"Doch ja, manchmal," sagte Einer der Leute -- Sonntags nach Tisch z. B.
+regelmaessig eine Cigarre."
+
+"Hm, so?" sagte der Actuar und verliess dann rasch das Zimmer und Haus.
+
+Er hatte uebrigens auch alle Ursache sich zu beeilen, denn daheim wartete
+ein mit jeder Minute drohender aufsteigendes Unwetter auf ihn, das er mit
+einer Art von verzweifelten Hoffnung immer noch mit den, dem
+Gerichtsdiener wieder zu dem Zweck abgenommenen, und geschaeftsmaessig unter
+den Arm geklemmten Streifen Akten abzuleiten gedachte. Jedenfalls musste
+ihm der Vorfall im Dollinger'schen Haus, der so viel von seiner Zeit in
+Anspruch genommen, entschuldigen. Frau Actuar Ledermann aber hatte sich
+schon den ganzen Nachmittag ueber, mit immer wachsender Ungeduld,
+vorgenommen gehabt mit ihrem Gatten gegen Abend einen der vor der Stadt
+gelegenen Gaerten, wo Concert sein sollte, zu besuchen und die Parthie war
+ihr jetzt -- was halfen alle Gruende dagegen -- zu Wasser geworden; es
+verstand sich von selbst dass Actuar Ledermann die Schuld, und deshalb auch
+die Folgen trug.
+
+Frau Actuar Ledermann hatte sich uebrigens vor einigen Tagen, wo sie trotz
+dem nassen Wetter und allen Vorstellungen ihres Mannes spatzieren gegangen
+war, furchtbar erkaeltet, und brachte keinen lauten Ton ueber die Lippen.
+Das aber, und dass sie ihren gerechtfertigten Ingrimm nicht mit der vollen
+Kraft ihrer Stimme hinaus_giessen_ konnte ueber den Gatten, wie sie es -- und
+er auch -- gewohnt war, sondern alles das was sie ihm zu sagen hatte -- und
+sie hatte ihm viel zu sagen -- heraus_fluestern_ musste, reizte ihren Zorn
+nur noch immer mehr.
+
+"Aber liebes Kind, ich versichere Dich," sagte der Actuar in einem
+vergeblichen Versuch den aufsteigenden Sturm zu beschwichtigen, "dass ich
+mich ueber anderthalb Stunden bei dem verwuenschten Diebstahl im
+Dollinger'schen Hause aufgehalten habe und -- "
+
+"Und ich versichere Dich," zischte sie, mit einem Gesicht, dem die
+Anstrengung die es sie kostete die Worte hoerbar zu machen, einen noch viel
+unfreundlicheren, ja sogar boshaften Ausdruck gab -- "dass ich Dich vor
+anderthalb Stunden schon gerade so erwartet habe wie jetzt, und seit drei
+Stunden vollkommen angezogen dasitze und auf Dich passe."
+
+"Aber Du _bist_ ja gar nicht angezogen, beste Therese."
+
+"Weil ich mich wieder ausgezogen habe," rief die Frau -- "glaubst Du ich
+soll mir ein Beispiel an einem liederlichen Menschen nehmen, und bei Nacht
+und Nebel noch draussen herumstreichen, wie Leute die das Licht zu scheuen
+haben? -- Und dann mit meinem Katharr -- dass ich mir den Tag ueber im warmen
+Sonnenschein ein wenig Bewegung machte, das faellt Dir nicht ein; aber
+Nachts, wenn der schaedliche Thau niederfaellt, der fuer mich gerade Gift
+waere, da moechtest Du mich jetzt wohl noch hinausschleppen nicht wahr?
+damit ich nur recht schnell unter die Erde kaeme -- o ich armes
+unglueckseliges Weib -- "
+
+"Aber Therese Du bist unbillig, ich habe Dir doch angeboten heute
+Nachmittag mit mir nach dem rothen Drachen hinauszugehn -- "
+
+"Weil Du wusstest dass das nichtsnutzige Geschoepf von einer Waescherin mir
+mein Kleid nicht vor vier Uhr bringen wuerde," zischte die Frau.
+
+"Aber Du hast ja noch andere -- "
+
+"Am Sonntag zum Skandal der andern Menschen mit einer solchen _Fahne_ zu
+einem anstaendigen Vergnuegungsort hinausziehn, nicht wahr? -- _Dir_ laege
+natuerlich Nichts daran was die Leute ueber Deine Frau sagten; aber Du bist
+auch an anderen Orten lieber wie zu Hause, und statt Deiner Frau einmal
+ein paar Stunden Gesellschaft zu leisten, und nachher mit ihr zusammen
+auszugehen, musst Du natuerlich g'rad in's Wirthshaus laufen, und ein
+Bischen vor Mitternacht dann wieder zu Hause kommen."
+
+"Liebes Kind, es ist halb neun Uhr jetzt" -- sagte der Actuar ruhig, "dann
+aber Therese," fuhr er nach kleinem Zoegern, mit einer fast gewaltsamen
+Anstrengung etwas herauszubringen, das er auf dem Herzen hatte, fort --
+"bist Du theilweise mit selbst Schuld daran, _dass_ ich mir eben ausser dem
+Hause mein Vergnuegen suchen _muss_."
+
+"Ich?" wollte die Frau erstaunt rufen, der etwas zu hoch eingesetzte Ton
+blieb aber total aus, und Ledermann sah nur, mit der entsprechenden
+Gesticulation, das zum Hoechsten erstaunte Gesicht der Gattin. Dadurch aber
+vielleicht, und durch die ungewoehnliche, freilich erzwungene Stille, etwas
+muthiger gemacht, fuhr er entschlossen fort:
+
+"Ja liebes Kind, Du; denn anstatt Deinem Mann, wenn er von seinen
+Berufsgeschaeften ermuedet zu Hause kommt den Aufenthalt daheim zu einem
+freundlichen zu machen, in dem er gerne bleibt, laesst Dich Dein
+unglueckseliges, heftiges Temperament nicht ruhen noch rasten, sondern Du
+musst irgend eine Gelegenheit vom Zaune brechen mit mir zu zanken. Gebricht
+es Dir aber vollkommen an Stoff, was jedoch nur in hoechst seltenen Faellen
+zu sein scheint, so bist Du muerrisch und verschlossen, machst ihm ein
+finsteres, verdriessliches Gesicht, und sprichst kein Wort."
+
+Sprachlos nur vor Zorn und Staunen ueber die unerhoerte, bodenlose
+Frechheit, hatte die Frau indessen dem heute so redseligen Gatten (der
+aber nicht dabei zu ihr aufzuschauen wagte, sondern bald die rechte, bald
+die linke Ecke der Stube mit den Augen suchte) angesehn. Es war eine
+allerdings noch jugendliche schlanke, aber eher magere als volle Gestalt,
+die Frau Actuar Ledermann, mit etwas vorstehenden, wenigstens stark
+markirten Backenknochen und durchdringend scharfen, wenn auch kleinen
+lichtgrauen Augen, die Lippen schmal und um den Mund in vielen kleinen
+Faeltchen, zusammengezogen, das Kinn jedoch etwas zurueckstehend, was ihr
+ein besonderes, und nicht eben angenehmes Profil gab. Auch in ihrem Anzug
+liess sie sich zuviel gehn; der Zauber reinlicher Kleidung fehlte ihr, der
+selbst der aermlichsten Tracht etwas Nettes, Freundliches giebt; die Krause
+die das oben am Hals dicht anschliessende Kleid einfasste, war schon mehrere
+Tage getragen und verdrueckt, ebenso zeigten die Manschetten Spuren
+laengeren Dienstes, und die Haube sass ihr verschoben und zu viel
+zurueckgedraengt auf dem, nicht ueberreich mit Haaren bedeckten Scheitel.
+Frau Actuar Ledermann war nicht huebsch, und der Affect der ihre Zuege in
+diesem Augenblick mehr entstellte als belebte, nahm ihnen leider auch die
+letzte Spur sanfter Weiblichkeit, die sonst doch wohl noch hie und da
+darin verborgen lag. Der bis jetzt mehr durch Erstaunen als Maessigung
+niedergekaempfte Zorn gewann aber auch endlich die Oberhand, und waehrend
+die Anstrengung, sich bei ihrer Heiserkeit gehoert zu machen, ihr Antlitz
+fast dunkel faerbte, keuchte sie, die Arme in die Seite gestemmt, den
+Oberkoerper gegen den ueberrascht einen Schritt zurueckweichenden Gatten
+vorgebeugt:
+
+"Spreche kein Wort, _heh_? sagt der Herr? -- prahlt da, "wenn er von
+Berufsgeschaeften nach Hause kommt" -- spreche kein Wort? -- sitzt in der
+Kneipe den ganzen gesegneten Nachmittag -- im rothen Drachen und das nennt
+er Berufsgeschaefte; vertrinkt das Geld das wir hier zum nothwendigsten
+Leben brauchten, und wirft mir jetzt meine Heiserkeit vor, die mir der
+Himmel geschickt hat, oder mein boeses Glueck, dem ich auch einen solchen
+Mann verdanke -- dass ich kein Wort spreche und verdriesslich bin. Ich soll
+wohl _tanzen_? eh? -- wenn mir das Herz zum Zerspringen voll ist vor Jammer
+und Elend daheim, und wenn ich den ganzen Tag da sitze, und bruete und
+denke wie wir auskommen wollen mit den paar Groschen, die zum Sterben und
+Verhungern zu viel, zum Leben aber zu wenig sind. Dann soll ich nachher,
+wenn der gestrenge Herr sein Gesicht zeigt, lachen und vergnuegt und lustig
+sein, nur damit der Haustyrann sich nicht unbehaglich fuehlt in _seinen_
+vier Waenden."
+
+Heftiger Husten unterbrach hier die Zornesrede der Frau, der die uebermaessig
+angestrengte Luftroehre den Dienst versagte, und der Actuar Ledermann nahm
+still und schweigend, den Moment benutzend, ein Licht von dem kleinen
+Seitenschrank, zuendete es an der Lampe an, und verliess kopfschuettelnd und
+seufzend das Gemach, sich auf sein eigenes kleines Stuebchen zurueckzuziehn.
+
+
+
+
+
+ Capitel 4.
+
+
+ FRANZ LOSSENWERDER.
+
+
+In Heilingen, in der Glockenstrasse, stand ein vortreffliches Weinhaus, in
+dem die wohlhabenderen Buerger Abends gewoehnlich zusammenkamen und ihr
+Flaeschchen, aus denen auch oft zwei und drei wurden, tranken. Das Lokal
+war ziemlich gemuetlich, und dem Zweck entsprechend, in eine Menge kleiner
+Zimmerchen abgetheilt, die theils durch wirkliche Thueren und Verschlaege,
+theils durch Vorhaenge von einander getrennt lagen, einzelnen
+Gesellschaften zu gestatten eben einzeln zu bleiben, und ihr Glas,
+ungestoert von dem Nachbar, zu trinken.
+
+Das Haus hiess "der Pechkranz" nach einer alten Sage, die der Wirth sehr
+gern mit der Heilinger Chronik belegte, und die noch in dem
+dreissigjaehrigen Kriege spielte; ein, ueber der Eingangsthuer in neuerer Zeit
+erst aus Stein gehauener Bachus, hielt auch in der einen Hand einen
+Tyrsusstab, und in der anderen einen Pechkranz, in hoechst wunderlicher
+Weise Sage und Geschaeft mit einander vereinigend. Die Allegorie war aber
+gar nicht so uebel angebracht, und haette sich auch schon ohne Tilly recht
+leidlich und genuegend erklaeren lassen, denn Bachus hatte hier schon in der
+That in manchen Kopf seinen Pechkranz hineingeworfen, dass es lichterloh
+zum Dache hinausbrannte, ohne weiter eben groesseren Schaden anzurichten,
+als der alte Pechkranz in damaliger Zeit angerichtet haben sollte.
+
+Der Wirth war uebrigens nicht in Heilingen geboren und erzogen, sondern ein
+Rheinlaender, der sich hier erst vor einigen Jahren niedergelassen, und
+durch gute Getraenke auch bald gute und schlechte Kunden genug bekommen
+hatte. Seine Preise waren allerdings ein wenig theuer, "aber," sagten die
+Heilinger, "wer einmal Wein trinkt, dem darf es auch nicht auf einen
+Groschen dabei ankommen, wenn er nur aecht und rein ist," und Wirth und
+Gaeste befanden sich wohl dabei.
+
+Es war am Abend des naemlichen Tages, an welchem ich meine Erzaehlung
+begann, als die Gaeste, die den Tag ueber meist auf Spaziergaengen im Freien
+gewesen waren, anfingen einzutreffen, und die Kellner geschaeftig herueber
+und hinueber sprangen, Wein und Speisen den Hungrigen und Durstigen zu
+bringen. Die kleinen Raeumlichkeiten fuellten sich nach und nach, und selbst
+in dem grossen Mittelsaal, der ungefaehr das Centrum des Ganzen bildete,
+hatten sich schon hie und da einzelne Gruppen gebildet, oder auch einzelne
+Gaeste sassen in irgend einer Ecke, ihre Flasche Wein vor sich, und auf
+eigene Hand, in ungeselliger Gemuethlosigkeit, langsam Glas nach Glas zu
+leeren. Es ist das aber nicht die rechte Art; zu einer schoenen Landschaft
+und einer guten Flasche Wein gehoeren mindestens zwei Personen, um Beides
+recht und ordentlich zu geniessen, die eine sich _darueber_, die andere sich
+_dabei_ auszusprechen; wenn man allein ist, geht mehr als der halbe Genuss
+von Beiden verloren. Es giebt allerdings Menschen, die sich zufriedener
+fuehlen wenn sie Alles allein geniessen koennen, aber denen geh' aus dem Weg;
+es sind Hypochonder oder Schlimmere, und der einzige Dank, den Du ihnen
+schuldig bist ist dafuer, dass sie sich eben auch von Dir zurueckziehn. Nur
+wer Niemanden hat an den er sich anschliessen darf, wer allein und
+freundlos in der Welt dasteht und das Leid das ihn drueckt, allein tragen,
+die wenigen frohen Momente seines Lebens allein geniessen muss, den bedauere
+und hilf ihm, wenn Du kannst, denn er ist der Ungluecklichste von Allen.
+
+Es mochte neun Uhr Abends sein, als ein Bekannter von uns, der
+Kuerschnermeister Kellmann, die Weinstube betrat und, sich ueberall
+umschauend, ob er nicht irgend einen Freund traefe zu dem er sich setzen
+koennte, in einer der Ecken eine bekannte Gestalt entdeckte. Aber er sah
+erst ein paar Secunden wirklich aufmerksam dorthin, ehe er seinen Augen
+traute, und sagte dann, auf Jenen losgehend und neben dem Tisch stehen
+bleibend:
+
+"Hallo, _Lossenwerder_? Ihr hier im Pechkranz? na da moechte man doch, wie
+die Schwaben sagen, den Ofen einschlagen. Alle Wetter Mann und vor einer
+Flasche Ruedesheimer; nun das lass ich gelten und es freut mich wahrhaftig,
+dass Ihr endlich einmal aufthaut und unter Menschen kommt. Aber was ist
+denn heute los bei Euch? denn einen ganz besonderen Grund muss doch die
+Festlichkeit haben."
+
+"Ha -- ha -- ha -- hat sie auch He -- he -- he -- he -- herr Ke -- ke -- ke --
+kellmann," sagte der kleine Mann verlegen laechelnd und sich etwas
+schuechtern dabei umschauend, denn es schien ihm nicht angenehm, die
+Aufmerksamkeit der uebrigen Gaeste so direkt auf sich gelenkt zu sehn.
+
+"Jetzt kann ich aber auch den Leuten widersprechen," sagte Kellmann,
+seinen Hut und Stock an einen der naechsten Haken haengend und sich neben
+ihn setzend, "wenn sie behaupten Ihr traenkt nur Wasser, und Sonntags
+hoechstens einmal ein Glas Duennbier -- ich kriege Leibschneiden, wenn ich
+nur an das Zeug denke -- und sonst lebtet, als ob Ihr die Woche mit einem
+halben Thaler auskommen muesstet. Alle Wetter Mann, das ist recht, dass Ihr
+Euch auch manchmal ein Glas Rheinwein goennt; das haelt Leib und Seele
+zusammen, und staerkt die Nerven und Muskeln mehr wie Rindfleisch. Wuerde
+mir schwer ankommen, wenn ich unseren vaterlaendischen Wein entbehren
+muesste," setzte er mit einem halbunterdrueckten Seufzer hinzu.
+
+"Ha -- ha -- ha -- haben Sie a -- a -- a -- auch wohl ni -- ni -- nicht noe -- noe --
+noe -- noe -- noe -- noethig, be -- be -- be -- bester He -- he -- he -- he -- he -- he."
+
+"Ih nun wer weiss was Einem noch Alles bevorsteht," unterbrach ihn Kellmann
+-- "hier Kellner -- mir auch eine Flasche von dem Ruedesheimer; der Duft hat
+mir Appetit gemacht."
+
+"Hallo Lossenwerder bei einer Flasche Ruedesheimer," rief aber jetzt noch
+eine andere Stimme aus dem naechsten Stuebchen, wo ein paar junge Kaufleute
+bei ihrem Glase zusammensassen -- "da muessen wir auch dabei sein;
+Lossenwerder hat vielleicht heute seinen splendiden Tag und traktirt --
+haben Sie was in der Lotterie gewonnen?"
+
+Die jungen Leute, die Kellmann und Lossenwerder begruessten, kamen mit ihrer
+Flasche heraus, und setzten sich an denselben Tisch, mit dem immer
+verlegener werdenden kleinen Mann anstossend und trinkend. Denen gesellten
+sich aber noch bald darauf Andre zu; Lossenwerder war in der ganzen Stadt
+bekannt und oft auch, seiner koerperlichen Maengel wegen, zum Besten
+gehalten. Vertheidigen konnte er sich aber schon seines Stotterns wegen
+nicht, was den Gegnern gleich nur noch mehr Anlass und Stoff gegeben haette;
+so wurde denn diese freilich gezwungene Zurueckhaltung endlich fuer
+Gutmuetigkeit ausgelegt, mit der er sich Scherz und Stichelrede ruhig
+gefallen liess, und was die schaerfste Erwiderung nicht vermocht, erreichte
+er unfreiwillig dadurch, dass man es endlich muede wurde, den sich nicht
+Verteidigenden zum Besten zu haben, und ihn eben zufrieden liess. Aber in
+des Verwachsenen Betragen aenderte das Nichts; abgestossen und verhoehnt -- in
+nur sehr wenigen Ausnahmen -- von Allen, mit denen er in Beruehrung kam, zog
+er sich mehr und mehr in sich selbst zurueck, ging, ausser den noethigen
+Geschaeftswegen und ausser der Geschaeftszeit, fast nirgends hin, und lebte
+so einfach, ja fast duerftig, wie nur ein Mensch leben kann, der eben _nur_
+Geld ausgiebt, um zu existiren. In einem Weinkeller hatte ihn aber noch
+Niemand gesehn, und die Gaeste dort, die ueberdies keinen weiteren Zweck da
+hatten als sich zu amuesiren, glaubten das einmal einen Abend mit dem
+kleinen "Stotterberg", wie er spottweis, seines Stotterns und Hoeckers
+wegen genannt wurde, am Besten thun zu koennen.
+
+Im Anfang wollte sich Lossenwerder aber auf Nichts einlassen, ja machte
+sogar zwei oder drei, wenn gleich vergebliche Versuche, sich zu entfernen,
+denn von allen Seiten wurde er gehalten, und Jeder wollte und musste mit
+ihm trinken. Nach und nach aber fing er an aufzuthauen; der ungewohnte
+kraeftige Wein mochte ihm das Blut leichter und rascher durch die Adern
+jagen. Nun sollte er erzaehlen, aber das ging nicht, sein Stottern wurde,
+mit der schwereren Zunge, kaum verstaendlich, bis Einer, im Spott eben, auf
+den Gedanken kam, ihn zum Singen aufzufordern. Lossenwerder weigerte sich
+erst ganz verschaemt; das aber kam den Anderen zu komisch vor, und mit
+Lachen und Toben, waehrend ein paar schon Champagner bestellten, den Genuss
+wuerdig zu feiern, raeusperte sich Lossenwerder ploetzlich und stieg, von dem
+Wein erregt, und jetzt unter dem lauten Jubel der ihn umdraengenden Gaeste,
+auf einen Stuhl.
+
+ [Capitel 4]
+
+Was aber, wie sich die Uebrigen gedacht, Spott und Scherz hatte werden
+sollen, das erstarb in athemlosem Schweigen, nur von leisen Ausrufungen
+des Staunens und der Bewunderung unterbrochen, als der kleine verkrueppelte
+Mensch, mit einer hellen, glockenreinen Stimme, und Toenen, die zum
+innersten Herzen drangen, erst noch scheu, dann aber immer
+zuversichtlicher werdend, und wie von dem Inhalt des Liedes mit
+fortgerissen, dieses also begann:
+
+ "Ich habe schon zu oft geschaut
+ In Deiner Augen Glanz, Du Holde,
+ Auf meine Kraft zu fest vertraut,
+ Viel mehr, als ich vertrauen sollte.
+
+ Doch nein, fuer Dich Geliebte sind
+ Des Lebens schoenste, reinste Bluethen,
+ Von keinem Schmerz getruebt, bestimmt,
+ Und was koennt' ich dafuer Dir bieten?
+
+ Nichts -- gar Nichts, als ein treues Herz;
+ Doch nimmer sollst Du es erfahren --
+ Ich kann, wie frueher, meinen Schmerz
+ In tiefer, innerer Brust bewahren.
+
+ Sei gluecklich! -- wenn auch ohne mich,
+ Ich will Dich lieben, aber schweigen
+ Und mein Gebet nur soll fuer Dich
+ Empor, zum Thron des Hoechsten steigen.
+
+ Wenn dann mein Herz im Grabe liegt,
+ Und austraeumt seine stillen Leiden,
+ Dann soll der Geist zum Himmel nicht
+ Entfliehn, und zu der Seel'gen Freuden. --
+
+ Ein schoen'res Loos werd' ihm zu Theil,
+ Umschwebend Dich in trueben Tagen,
+ Soll er, zu Deinem Schutz und Heil,
+ Selbst seiner Seligkeit entsagen."
+
+Lossenwerder war ganz geruehrt geworden beim Schluss des Liedes, und die
+Thraenen standen ihm in den Augen; waehrend sein wirklich haessliches Gesicht
+durch den Schmerz aber eher einen komischen als ernsten Ausdruck bekam,
+jubelte die Schaar jetzt um ihn her, die wirklich erst wieder Athem und
+Laut gewann, als der wundersame Zauber dieser Stimme von ihnen genommen
+war.
+
+"Bravo -- bravo Lossenwerder -- bravo dacapo! Donnerwetter Mann, Ihr habt ja
+eine Stimme wie eine Nachtigall, und stottert nicht die Probe dabei -- wie
+am Schnuerchen geht das!"
+
+"Es ist erstaunlich!" rief Kellmann, vor lauter Verwunderung ueber das eben
+Gehoerte wirklich fast sprachlos.
+
+"Nun aber auch trinken -- hier Lossenwerder -- hier," riefen sie, ihm das
+Glas bis zum Rand mit dem schaeumenden Trank fuellend, "und dann noch ein
+Lied; bei Gott, das zuckt und prickelt Einem ordentlich durch die Adern,
+und klingt wie Glockenton so rein und voll; Lossenwerder wo habt Ihr das
+Singen gelernt?"
+
+"Vo -- vo -- vo -- vo -- vo -- von mi -- mi -- mir se -- se -- se -- se -- selb --
+bber," stotterte der kleine Mann, kaum im Stande jetzt mit immer schwerer
+werdender Zunge nur die paar Worte vorzubringen, waehrend ihm im Gesang die
+Strophen wie der Lerche das schmetternde Lied; aus der Kehle wirbelten.
+
+"Und da hat bis jetzt noch gar kein Mensch etwas davon erfahren," rief
+Kellmann wieder -- "behaelt die liebe Gottesgabe da ebenfalls fuer sich
+allein, kommt nirgends hin, spricht mit Niemand, trinkt und singt mit
+Niemand, und hat eine Stimme in der Luftroehre sitzen, die Einer, wer es
+darauf anzulegen verstaende, in reines Gold verwandeln koennte."
+
+Von allen Seiten tranken sie jetzt dem kleinen Mann zu, und ueberschuetteten
+ihn mit Lob und Jubel, und dieser schwamm wirklich in einem wahren Meer
+von Wonne. So wohl war ihm auch noch nie geworden -- Niemand hatte sich bis
+jetzt um ihn bekuemmert, Jeder ihn verspottet und verhoehnt, und zum ersten
+Mal, vielleicht seit langen, langen Jahren, fuehlte er sich unter Menschen
+einem Menschen gleich, wusste sich nicht mehr verachtet und unter die Fuesse
+getreten, und sah freundliche Augen um sich her, die ihn wie ihres
+Gleichen anschauten.
+
+Dem loeste sich auch endlich seine Zunge, oder wenigstens sein guter Wille
+zu reden, so weit, dass er beginnen wollte Geschichten zu erzaehlen. Das
+ging aber unter keiner Bedingung; beim Singen ja, aber beim Sprechen
+brachte er kein Wort mehr ueber die Lippen, und selbst das Singen versagte
+ihm zuletzt den Dienst; die Augenlider wurden ihm schwer, er fing an zu
+lallen, und war eben zurueck auf seinen Stuhl und dem Schlaf in die Arme
+gesunken, als die Thuer aufging und zwei Gerichtsdiener in's Zimmer traten.
+Es war etwa elf Uhr Abends und die meisten Gaeste, mit Ausnahme des einen
+Tisches, hatten das Haus schon verlassen.
+
+"Hallo was ist das?" sagte Herr Kellmann, der die beiden Leute zuerst
+bemerkte, "das ist wunderlicher Besuch -- es wird doch nicht etwa eine
+Polizeistunde eingefuehrt in Heilingen?"
+
+Aber auch der Wirth war die "Diener der Gerechtigkeit", wie sie meist
+etwas poetisch genannt werden, gewahr geworden und ging auf sie zu, sich
+zu erkundigen was sie hierher gefuehrt.
+
+"Ein kleiner buckliger Mann soll hier heute Abend bei Ihnen sein," sagte
+der Erste -- "er ist aus dem Dollingerschen Geschaeft."
+
+"Dort sitzt er in der Ecke," sagte der Wirth vom Pechkranz nach
+Lossenwerder hinueberzeigend, "hat er etwas verbrochen?"
+
+"Ich weiss nicht," erwiederte der Zweite ziemlich kurz -- "wir sollen ihn
+abholen." --
+
+"Wird schwer sein," meinte der Wirth -- "sie haben ihm heute Abend hier
+ordentlich zugetrunken, und der Wein hat jetzt das Uebergewicht -- wenn er
+aufsteht kippt er wieder um."
+
+"Hm -- da wird wohl auch nicht viel mit Fragen aus ihm herauszubringen
+sein, Meier; was meinst Du, nehmen wir ihn mit?"
+
+"Ich denke das Beste wird sein wir fuehren ihn zu Haus, und Einer bleibt
+bei ihm bis er morgen frueh wieder zu Verstande kommt; jetzt ist doch
+Nichts mit ihm anzufangen."
+
+"Aber um Gottes Willen was ist denn vorgefallen?" frug Kellmann bestuerzt;
+"der arme Teufel hat doch nicht etwa irgend 'was verbrochen?"
+
+"Noch ist nichts Gewisses bekannt," erwiederte der erste Polizeidiener,
+"nur bei Dollinger's ist heute Nachmittag eingebrochen, und die
+Untersuchung muss jetzt erst ergeben, wer schuldig sei."
+
+"Bei Dollinger's eingebrochen?" riefen Mehrere, "heute Abend?"
+
+"Nein heute am hellen Tag," sagte der Mann.
+
+"Alle Wetter das muss dann gewesen sein waehrend sie nach dem rothen Drachen
+gefahren waren," sagte Kellmann rasch -- "sie kamen an uns vorbei mit dem
+jungen Henkel."
+
+"In der Zeit war's," bestaetigte der Polizeidiener, "denn wie sie zu Hause
+kamen, wurde es entdeckt -- hier da Lossenwerder -- Sie da -- wachen Sie auf."
+
+"Ja wenn Sie den stossen wollen bis er munter wird," lachte Einer der
+jungen Leute, "da haben Sie Arbeit."
+
+"Sie -- Lossenwerder -- hoeren Sie?"
+
+"Ja -- ja" -- stammelte der von dem ungewohnten Weine, von dem er eigentlich
+gar nicht so sehr viel getrunken, Betaeubte -- "me -- me -- me -- mehr We -- we
+-- wein; ich za -- za -- za -- zahle A -- a -- a -- a -- a -- alles!"
+
+"So?" sagte der Polizeidiener ruhig -- "nun fuer heute moecht' es doch wohl
+genug sein; komm, fass ihn da drueben unter den Arm, er wohnt ja auch nicht
+so sehr weit von hier -- wo ist sein Hut?"
+
+"Hier -- armer Teufel, das wird ein boeses Erwachen werden."
+
+"Wie man sich bettet so schlaeft man," sagte der zweite Polizeidiener, und
+den Betrunkenen in die Hoehe richtend, der dabei unverstaendliche Sachen
+stammelte und sogar einen total misglueckenden Versuch machte wieder zu
+singen, fuehrten sie ihn hinaus und seiner Wohnung zu, indess die Gaeste noch
+das "fuer und wider" der Schuld des Mannes, von dem sie nie etwas Uebles
+gehoert bei einer anderen Flasche besprachen.
+
+Und es _war_ ein boeses Erwachen fuer den Mann; von dem Weindunst betaeubt
+schlief er, wie ein Todter, bis zum lichten Tag, und als er die Augen
+aufschlug und ihm der Kopf schmerzte zum Zerspringen, fiel sein erster
+Blick auf den ungeduldig in seinem Zimmer auf und ab gehenden
+Polizeidiener, den er einen Moment bestuerzt anstarrte, und dann die Augen
+wieder schloss, wie vor einem unangenehmen Traumbild.
+
+"Nun Lossenwerder, ausgeschlafen?" sagte der Mann aber, froh endlich einmal
+zu einem Resultat zu kommen -- "das hat lange gedauert -- kommen Sie, stehn
+Sie auf und ziehn Sie sich an."
+
+Die Stimme war _kein_ Traum, und der kleine Mann richtete sich erschreckt
+von seinem Bett, auf dem er noch mit den Kleidern vom vorigen Abend lag,
+empor. Wo war er? -- wie war er hierher gekommen? er drueckte sich mit
+beiden Haenden die Stirn und der klare Angstschweiss brach ihm aus ueber den
+ganzen Koerper; er _wusste_ nicht mehr was gestern Alles geschehn, und die
+unheimliche finstere Gestalt vor ihm fuellte sein Herz mit einer wilden
+Ahnung von Unheil, die alles Blut dorthin in jaehem Strom zuruecktrieb.
+
+Wie ein Schlag da hinein traf ihn die Nachricht von dem entdecktem
+Diebstahl, das Gefuehl, dass der Verdacht auf ihm laste, und die naechste
+Stunde -- waehrend ein anderer Polizeibeamter bei ihm visitirte und man
+nichts weiter, als in einem Winkel seines kleinen Schreibtisches, unter
+dreifachem Schloss, ein Paeckchen mit 200 Thalern in fuenf und zwanzig Thaler
+Cassenanweisungen, wie noch einige Goldstuecke fand, wie seine Abfuehrung
+dann nach dem Dollingerschen Hause, da Herr Dollinger gebeten hatte den
+Mann, an dessen Schuld er nicht glauben wollte, erst einmal an Ort und
+Stelle selber zu befragen -- lag wie ein Alp auf seiner Seele, unter dessen
+Last er auch kein Wort zu seiner Verteidigung zu sagen, ja nicht einmal
+eine an ihn gerichtete Frage zu beantworten vermochte.
+
+In dem Dollingerschen Hause angekommen, wurde er gleich in Herrn
+Dollinger's Zimmer hinaufgefuehrt, und der alte Herr ging, als Lossenwerder
+die Stube betrat, mit auf dem Ruecken gekreuzten Haenden in seinem Zimmer
+auf und ab. Der junge Henkel sass in der einen Ecke des Sophas, das rechte
+Knie ueber das linke geschlagen, mit einem Buch in der Hand, ueber das hin
+er aufmerksam den Gefangenen betrachtete.
+
+Lossenwerder war bleich wie ein Todter -- jeder Blutstropfen hatte sein
+Antlitz verlassen, und bei dem Versuch den er zum Reden machte, kam kein
+Laut ueber seine Lippen.
+
+"Lossenwerder," sagte Herr Dollinger endlich, nach einer kleinen Weile vor
+ihm stehen bleibend und ihn ernst, ja traurig betrachtend -- "ein boeser
+Mensch ist gestern, waehrend unserer Abwesenheit, in unser Haus geschlichen
+und hat, ausser einigen Juwelen, auch noch das Geld entwendet, das Du mir
+gestern Mittag gebracht und das ich, wie Du weisst, in den Secretair dort
+schloss. Warst Du waehrend unserer Abwesenheit wieder im Haus und in dem
+Zimmer meiner Toechter?"
+
+"He -- he -- he -- he -- he -- he -- he -- rr Do -- Do -- Do -- Do."
+
+"Schon gut Lossenwerder, Du bist jetzt aufgeregt und das Sprechen wird Dir
+schwer; beschraenke Dich auf ein einfaches ja und nein."
+
+"Ja -- a -- !"
+
+"In dem Zimmer meiner Toechter?"
+
+"J -- a -- a -- a aber -- i -- i -- i -- i -- ich wo -- wo -- wollte" --
+
+"Sie haben einen Blumentopf dort hineingesetzt?" sagte Herr Henkel jetzt
+ruhig.
+
+Das Blut stieg dem kleinen Mann rasch bis in die Schlaefe hinauf, aber der
+naechste Moment liess sein Antlitz wieder so weiss als vorher; er nickte nur,
+zur Betaetigung des eben Gesagten, mit dem Kopf.
+
+"Lossenwerder," sagte der Herr Dollinger mit leiser, bewegter Stimme und
+dicht zu dem kleinen Mann hinantretend, wobei er die Hand auf dessen
+Schulter legte, "Lossenwerder, noch gestern wuerde ich eben so leicht
+geglaubt haben, dass eines von meinen eigenen Kindern eines schlechten,
+unrechtlichen Streiches faehig waere, bis mich leider die immer deutlicher
+sprechenden Thatsachen in meinem Glauben an Dich _wankend_ gemacht haben."
+
+"He -- he -- he -- he -- he -- herr Do -- Do -- Do -- Do -- -- Dollinger" --
+
+"Ich will Dir klar und einfach unseren ganzen Verdacht vorlegen," sagte da
+der alte Herr, dem Angeklagten jedes unnuetze Wort zu ersparen -- "gestern,
+waehrend unserer Abwesenheit, ist der Secretair meiner Toechter erbrochen
+und das Dir bekannte Geld entwendet worden -- drueben ueber der Strasse hat
+Dich ein Maedchen gesehn, wie Du heimlich aus dem Hause geschlichen bist.
+Ebenso bestaetigt Wilhelm, der Stalljunge, Dich gesehn zu haben, wie Du
+haettest das Haus durch die nach dem Hofe zu fuehrende Thuer verlassen
+wollen, bei seinem Anblick aber, was selbst dem Jungen aufgefallen ist,
+zurueckgefahren, und dann auch nicht ueber den Hof gekommen waerst. Das
+Stubenmaedchen, die keine Ahnung davon haben konnte dass Geld in dem
+Secretair lag, ist bereit den schwersten Eid abzulegen, dass sie, wenige
+Minuten spaeter, nachdem man Dich hatte aus dem Hause schleichen sehen, die
+Vorsaalthuer nicht mehr aus den Augen gelassen, und gewiss waere, dass Niemand
+die Schwelle mehr ueberschritten habe, bis sie den zurueckkehrenden Wagen in
+den Hof einfahren gehoert. Heimlich bist Du im Haus gerade in der Zeit, in
+welcher das Geld entwendet wurde, gewesen, und die gestrige Ausschweifung,
+die man an Dir nicht gewoehnt ist, wie die bei Dir gefundene Summe, lassen
+allerdings das Schlimmste fuerchten. Lossenwerder -- ich brauche Dir nicht zu
+sagen, wie weh -- wie weh mir das gerade von _Dir_ thut, und ich wollte die
+doppelte Summe, so bedeutend sie ist, gern verschmerzen, wenn es _nicht_
+geschehen waere. Mache aber jetzt Deinen Fehler, wenigstens so weit das
+noch in Deinen Kraeften steht, wieder gut; gestehe was Du mit dem uebrigen
+Gelde gemacht, wo Du es verborgen hast, und ich selber will dann auch
+Alles thun was in meinen Kraeften steht, Deine Strafe zu erleichtern. Ein
+anderer Welttheil mag Dir nachher in spaeterer Zeit Gelegenheit geben
+Deinen Fehltritt zu bereuen, und das wieder zu werden, fuer was ich Dich,
+selbst bis diesen Morgen noch, gehalten habe."
+
+Lossenwerder hatte waehrend dieser Auseinandersetzung wie aus Stein gehauen
+vor seinem Prinzipale gestanden, nur das Zittern seiner Glieder verrieth
+dass er lebe; jetzt aber brach er in die Knie, und zum ersten Mal
+vielleicht mit dem vollen Bewusstsein der gegen ihn erhobenen Anklage --
+oder auch von Schuld und Angst zu Boden gedrueckt, denn wer konnte in den
+stieren, ueberdies nicht geraden Augen und in den todtenbleichen, mit
+grossen Schweissperlen bedeckten Zuegen das richtige lesen -- umfasste er die
+Knie des alten Herrn und bat mit wild stotternder Stimme, aus der dieser
+nur mit aeusserster Anstrengung einen Sinn herausfinden musste -- ihn nicht
+ungluecklich zu machen -- Nichts so Schreckliches von ihm zu denken.
+
+"Ein aufrichtiges Gestaendniss, Lossenwerder," entgegnete darauf Herr
+Dollinger, "ist das Einzige, was Deine Schuld jetzt noch in etwas
+erleichtern kann. Das Gericht wird einen unbewachten Augenblick, dem die
+Reue auf dem Fusse folgt, nicht so schwer strafen, wie den hartnaeckigen
+Uebelthaeter.
+
+"A -- a -- a -- a -- a -- aber ich bi -- bi -- bin ni -- ni -- ni -- nicht schu --
+schu -- schu -- schuldig," -- stotterte der Unglueckliche -- "ich we -- we -- we
+-- we -- weiss vo -- vo -- vo -- von Ni -- ni -- ni -- nichts -- "
+
+"Du weisst von Nichts, Lossenwerder?" sagte Herr Dollinger leise mit dem
+Kopf schuettelnd -- "und woher ist das Geld das man bei Dir gefunden, woher
+die Fuenfundzwanzig Thaler-Note, die Du locker in der Tasche getragen, und
+die Dir der Polizeidiener gestern Abend noch herausgenommen hat?"
+
+"Ge -- spa -- pa -- pa -- pa -- partes Geld -- e -- e -- e -- e -- e -- ehrlich ge --
+ge -- gespartes G -- g -- g -- geld!" stammelte der arme Teufel.
+
+Herr Henkel stand jetzt auf und ging langsam auf Herr Dollinger zu, dem er
+ein paar Worte in's Ohr fluesterte und dann, waehrend dieser leise und
+traurig mit dem Kopf nickte, das Zimmer verliess. Lossenwerder aber, der ihm
+aengstlich mit den Augen folgte und vielleicht in einer unbestimmten Ahnung
+fuehlte dass man ihn fortfuehren -- in ein Gefaengniss bringen werde, ergriff
+wieder und jetzt aber wie in Todesangst des alten Mannes Hand, und bat ihn
+um Gottes -- um seiner Seligkeit willen, soweit es ihm die, jetzt in der
+Aufregung nur noch mehr fehlende Sprache immer gestattete, dass er ihm nur
+das nicht anthun -- dass er ihn in kein Gefaengniss moege fuehren lassen. Herr
+Dollinger erklaerte aber natuerlich darin Nichts thun zu koennen, denn wenn
+er Nichts gestehen wolle oder zu gestehen habe, so muesse allerdings das
+Gericht, bei so stark vorliegendem Verdacht, die Untersuchung aufnehmen,
+wonach sich bald seine Schuld oder Unschuld herausstellen wuerde.
+
+"Hab' ich aber einmal erst auf solchen Verdacht gesessen," stotterte der
+Unglueckliche, "so bin ich gebrandmarkt mein Lebelang" --
+
+Herr Dollinger zuckte die Achseln, und die Thuer oeffnete sich in diesem
+Augenblick, den einen Polizeidiener zeigend, der Lossenwerder leise auf die
+Achsel klopfte und freundlich sagte:
+
+"Wenn's gefaellig waere."
+
+Lossenwerder zuckte zusammen als ob er einen Schlag bekommen, und wandte
+sich noch einmal, wie Huelfe suchend, an Herrn Dollinger, aber ein Blick
+auf diesen ueberzeugte ihn, dass er schon nicht mehr helfen koenne, wo das
+Gericht die Sache in die Hand genommen, und sein Gesicht in den Haenden
+bergend, folgte er dem Gerichtsdiener fast willenlos hinaus.
+
+Gerade als er durch die Thuer schritt begegnete ihm, noch auf der Schwelle,
+Frau Dollinger, und rasch bei Seite tretend, als ob sie selbst durch seine
+Beruehrung angesteckt zu werden fuerchte, warf sie ihm einen zornigen,
+veraechtlichen Blick zu und ging an ihm vorueber.
+
+Lossenwerder seufzte tief auf, sagte aber kein Wort, denn wie er den Kopf
+hob, sah er am andern Ende des Vorsaals Clara mit dem jungen Henkel in
+eifrigem Gespraech, und auch dort musste er vorbei. Das war zu viel und wie
+unschluessig blieb er stehn und sah sich um, als ob er einen Weg zur Flucht
+suche.
+
+"Na kommen Sie, Lossenwerder, machen Sie keine Dummheiten," sagte aber, ihm
+ermunternd auf die Schulter klopfend, der Polizeidiener -- "es ist Alles
+ein Uebergang, wie der Fuchs sagte, als sie ihm das Fell ueber die Ohren
+zogen."
+
+Lossenwerder nahm sich zusammen und schritt festen Trittes an dem jungen
+Maedchen vorueber, das ihn mitleidig betrachtete.
+
+"Etwas ueber zweihundert Thaler hat man schon bei ihm gefunden," fluesterte
+der junge Henkel ihr leise zu -- "ich hoffe dass Vater Dollinger das andere
+auch noch wieder bekommen soll."
+
+"Ach Lossenwerder, warum habt Ihr das gethan?" sagte Clara, leise und
+mitleidig den Gefangenen ansehend, als er an ihr vorueberging.
+
+"U -- u -- u -- und Si -- si -- si -- si -- sie g -- g -- g -- glau -- ben d -- d --
+das a -- a -- a -- a -- auch?" rief Lossenwerder und die grossen hellen Thraenen
+standen ihm dabei in den Augen, aber der Polizeidiener hatte sich schon
+laenger mit ihm aufgehalten, als er meinte verantworten zu duerfen, nahm ihn
+leise an der Hand und fuehrte ihn die Treppe hinunter. Lossenwerder folgte
+ihm wie in einem Traum.
+
+Das Polizeigebaeude war nur hoechstens fuenfhundert Schritt von dort
+entfernt, und stand an der andern Seite einer kleinen steinernen Bruecke
+die ueber den, mitten durch die Stadt und haeufig ueberbrueckten kleinen Fluss
+fuehrte. Als sie hinunter auf die Strasse kamen, liess der Polizeidiener
+seinen Gefangenen los, kein Aufsehn zu erregen, und fluesterte ihm zu nur
+ruhig neben ihm hinzugehn. Lossenwerder verstand ihn wohl gar nicht, denn
+er sah verstoert zu ihm auf, und dann um sich her, und fand die Augen der
+Voruebergehenden alle neugierig auf sich geheftet; sich aber doch, wenn
+auch nur dunkel, des Zwanges bewusst der auf ihm lag, nahm er sein
+Taschentuch heraus, trocknete sich die feuchte Stirn damit ab, und ging
+mit krampfhaft zusammenengebissenen Zaehnen neben seinem Waechter her. So
+erreichten sie die Bruecke, wo vier oder fuenf Jungen standen, die neugierig
+die Ankommenden betrachteten; Lossenwerder's Blick schweifte ueber sie hin,
+aber er sah sie nicht, bis er dicht bei ihnen war und einer derselben
+spottend rief:
+
+"Hoho, hoho -- Stotterberg hat gestohlen, Stotterberg hat gestohlen!"
+
+Die Anderen stimmten lachend mit in den Ruf ein, und der Polizeidiener
+drehte sich aergerlich und drohend gegen die Buben um, die scheu
+auseinander stoben; Lossenwerder aber fuhr sich mit beiden Haenden
+krampfhaft gegen die Stirn -- "hat gestohlen!" schrie er dabei, ohne zu
+stottern, mit gellendem wilden Schrei, und ehe sein Waechter es verhindern
+konnte, ja nur eine Ahnung davon hatte, warf er sich mit einem
+verzweifelten Sprung, ueber die niedere Ballustrade hin in den unten
+vorbeilaufenden Strom. Noch ueber dem Gelaender erfasste ihn der
+Polizeidiener an einem Rockzipfel, das Gewicht des niederfallenden Koerpers
+war aber zu gross, als dass er es mit einer Hand haette aufhalten koennen, ja
+er musste sogar loslassen, nicht selber das Gleichgewicht zu verlieren, und
+der Unglueckliche schlug gleich darauf auf das Wasser, unter dessen
+Oberflaeche er im naechsten Augenblick verschwand.
+
+Der Fluss war indess hier weder breit noch tief, und auf der ziemlich
+belebten Strasse fanden sich gleich mehre Leute, die unterhalb der Bruecke
+in's Wasser sprangen, das ihnen etwa bis unter die Arme reichte, den
+niedertreibenden Koerper aufzufangen. Sie hatten ihn auch bald erreicht und
+gefasst, und von kraeftigen Armen wurde derselbe an die Oberflaeche gehoben
+und zum Ufer gezogen. Wenn ihm jedoch auch das Wasser selber noch nichts
+geschadet hatte, war der Unglueckliche doch durch den Sturz, in dem er
+wahrscheinlich durch das Zurueckhalten seines Rockes gegen einen der
+Brueckenpfeiler geworfen worden, schwer am Kopf verletzt -- die Wunde
+blutete stark, und die Maenner trugen den Bewusstlosen zuerst auf die
+Polizei, und von dort, auf den Ausspruch eines rasch herbeigerufenen
+Arztes, in die Charite.
+
+
+
+
+
+ Capitel 5.
+
+
+ DIE AUSWANDERUNGS-AGENTUR.
+
+
+Am Marktplatz zu Heilingen, und an der Ecke eines kleinen, auf diesen
+auslaufenden Gaesschens, stand ein ziemlich grosses, gruen gemaltes und gewiss
+sehr altes Erkerhaus, dessen Giebel und Stuetzbalken geschnitzt, und mit
+wunderlichen Koepfen und Gesichtern verziert, und braun angestrichen waren,
+und sich so weit dabei nach vorn ueberneigten, dass es ordentlich aussah,
+als ob der ganze Bau mit dem spitzen, wettergrauen Dach naechstens einmal
+ohne weitere Meldung nach vorn ueber, und gerade mitten zwischen die Toepfer
+und Fleischer hineinspringen wuerde, die an Markttagen dort unten ihre
+Waare feil hielten.
+
+Nichtsdestoweniger wurde es noch immer, bis fast unter das Dach hinauf
+bewohnt, und der untere Theil desselben ganz besonders zu kleinen
+Waarenstaenden und Laeden benutzt. Die Ecke desselben nun, hatte seit langen
+Jahren ein Kaufmann oder Kraemer in Besitz, der sich zu seinen
+Materialwaaren, Kaffee, Zucker, Tabak, Lichten, Gruetze &c. auch noch in
+der letzten Zeit die Agentur mehrer Bremer und Hamburger Schiffsmakler zu
+verschaffen gewusst, und damit bald in einer Zeit, wo die Auswanderungslust
+so ueberhand nahm, solch brillante Geschaefte machte, dass er die
+Materialwaarenhandlung seiner Frau, wie seinem aeltesten Sohn uebertrug, und
+fuer sich selber nur ein kleines Stuebchen, ebenfalls nach dem Markt hinaus,
+behielt, ueber dessen Thuere ein riesiges, sehr buntgemaltes Schild jetzt
+prangte. Dies Schild verdient uebrigens mit einigen Worten beschrieben zu
+werden, da die Heilinger in den ersten Tagen -- als es eben erst
+aufgehangen worden -- in wirklichen Schaaren davor stehen blieben und es
+anstaunten.
+
+Es war ein breites, laenglich viereckiges Gemaelde, ein grosses, dreimastiges
+Schiff vorstellend, wie es sich unter vollen Segeln der fremden, ersehnten
+Kueste naeherte. Die See selber war hellgruen gemalt, mit einer Unmasse von
+sichtbar darin herumschwimmenden Fischen, die den Beschauer wirklich etwas
+besorgt um die Sicherheit des Fahrzeugs selber machen konnten. Dessen
+wackerer Kiel schaeumte aber mitten hindurch, und der, dem Anschein nach
+vollkommen runde, nur nach hinten zu etwas laenglich auslaufende Rumpf,
+presste eine grosse gruen und weiss gestreifte Welle vorne auf, die sich wie
+eine breite Falte quer vor seinen Bug legte. Die Segel standen dazu fast
+ein wenig zu sackartig, und nur an den vier Zipfeln festgehalten, stramm
+und steif von den Raaen ab, und die langen blutrothen Wimpel mit roth und
+weisser Bremer Flagge hinten an der Gaffel, stroemten und flatterten lustig
+nach hinten aus, wahrscheinlich den raschen Durchgang des Schiffes durch
+das Wasser anzuzeigen, das derart, durch den Wind getrieben, selbst diesen
+ueberfluegelte. Ueber Deck war aber auch die Mannschaft, und Kopf an Kopf
+eine volle Reihe bunter Passagiere sichtbar, mit sehr dicken rothen
+Gesichtern, die Gesundheit an Bord des Schiffes bestaetigend, und mit sehr
+hellgelben und sehr breitraendigen, rothbebaenderten Strohhueten auf, waehrend
+hinten auf Deck der Capitain des Schiffes mit einem dreieckigen Hut, wie
+einem Fernglas in der einen und einem Dreizack in der andern Hand stand.
+Was der Maler mit dem Dreizack andeuten wollte weiss nur er und Gott; er
+muesste denn gemeint haben dass der Capitain, wie frueher Neptun, das Meer
+beherrsche. Uebrigens war es auch moeglich dass er fischen wolle, und sich
+mit dem Fernrohr nur eben den staerksten und fettesten der ihn reichlich
+umschwimmenden Fische ausgesucht habe.
+
+Den Hintergrund dieses prachtvollen Seestuecks bildete ein schmaler
+Streifen mit einzelnen Palmen bedeckter Kueste, an der eine Anzahl
+pechschwarzer, nackter Maenner standen, die nur einen gelb und blauen
+Schurz um die Huefte und einen gruenen Busch in der Hand trugen. -- Diese
+sahen uebrigens gerade so aus, als ob sie die Ankunft des Schiffes schon
+sehnsuechtig und vielleicht sehr lange Zeit erhofft haetten, und nun die
+Zeit nicht erwarten koennten dass die Fremden an Land stiegen, damit sie
+geschwind fuer sie arbeiten, und ihnen den Boden urbar machen duerften.
+
+Neben dem Bild, und zu beiden Seiten der Thuer, wie sogar noch an dem
+innern Theile des Fensterschalters, hingen lange Listen der verschiedenen
+anzupreisenden Plaetze fuer Auswanderung. Obenan New-York, Philadelphia und
+Boston, dann Quebeck und New-Orleans, Galveston; in Brasilien, Rio de
+Janeiro und Rio Grande; in Australien Adelaide, dann Chile, Valdivia und
+Valparaiso, und Buenos Ayres mit einer Menge neu entdeckter verschiedener
+Kolonien und Ansiedlungen, wohin ueberall die besten kupferfesten Schiffe
+A¹, in unglaublich kurzer Zeit und mit Allem versehen ausliefen, was dem
+gluecklichen Passagier das Leben an Bord eines solchen Schiffes nur in der
+That zu einer Vergnuegungsfahrt machen muesse und wuerde.
+
+Weigel, wie der Eigentuemer dieser "auslaendischen Versorgungsanstalt" (ein
+Spottname den die Heilinger der Weigelschen Agentur gaben) hiess, war ein
+dicker, vollgenaehrt und bluehend aussehender Mann, ungefaehr sechs bis
+achtunddreissig Jahr alt, mit ein wenig fest umgeschnuerter Cravatte, was
+seinen Augen etwas Stieres gab, und sonst einem leisen Anflug von Grau in
+den sonst braunen, widerspenstigen Haaren. Die Augen waren gross, blau und
+ziemlich ausdruckslos; ein fast mitleidiges Laecheln aber, das oft, und
+besonders dann wenn er irgend Jemandes Meinung bestritt, um seine
+Mundwinkel spielte, gab dem Ausdruck seiner Zuege jene scheinbare
+Ueberlegenheit, die sich zuversichtliche Menschen oft ueber Andere, wenn
+mann es ihnen gestattet, anzumassen wissen. Ganz vorzueglich wusste er diese
+Miene anzunehmen, wenn er ueber Amerika, oder irgend einen ueberseeischen
+Fleck Landes sprach, ueber dem fuer ihn ein gewisser heiliger und
+unantastbarer Zauber schwamm, und Jemand dann irgend einen Zweifel gegen
+das Gesagte zu hegen wagte. Er schwaermte besonders fuer Amerika, und es gab
+deshalb auch, seiner Aussage nach, keinen groesseren Luegner in der Stadt,
+als den Redacteur des Tageblatts, den Advokaten und Doctor Hayde in
+Heilingen. Dieser und er waren denn auch, wie das sich leicht denken laesst,
+grimme und erbitterte Feinde und Gegner, woselbst sich nur irgend eine
+Gelegenheit dazu fand.
+
+Weigel bekam, wie das gewoehnlich bei den Agenturen der Schiffsbefoerderung
+ueblich und der Fall ist, fuer jede Person die er einem Bremer oder
+Hamburger Rheder sicher an Bord lieferte, einen Thaler, kurzweg genannt
+"fuer den Kopf" und er theilte deshalb die Leute -- seine Mitbuerger sowohl
+wie saemmtliche uebrige Bewohner Deutschland's, in solche ein "die Energie
+hatten," d. h. zu ihm kamen und sich bei ihm einen "Platz nach Amerika"
+besorgen liessen, wo sie nachher drueben selber sehn konnten wie sie fertig
+wurden, und in solche, die "im alten Schlendrian hinkrochen, und hier
+lieber verfaulten, ehe sie einen maennlichen entscheidenden Schritt thaten,
+ihrer Existenz auf die Beine zu helfen." Jeder der hier blieb betrog ihn
+aber wissentlich und mit kaltem Blut um seinen, ihm in ehrlichem Verdienst
+zustehenden Thaler, und es verstand sich von selbst, dass er vor einem
+solchen Menschen keine Achtung haben konnte.
+
+Er selber kannte die Verhaeltnisse Amerika's nur aus Buechern die das Land
+lobten, denn andere las er gar nicht, und bekam er sie einmal zufaellig in
+die Hand, so warf er sie auch gewiss mit einem Kernfluch ueber den
+"nichtswuerdigen Literaten, der wieder einmal einen ganzen Band voll Luegen
+zusammengeschmiert" in die Ecke. Sein groesster Aerger war aber jedenfalls --
+und so regelmaessig wie die Uhr Morgens acht schlug -- das Tageblatt, das er
+der haeufigen Annoncen wegen halten _musste_, und das ebenso regelmaessig
+kleine gehaessige und schmutzige Artikel gegen Amerika wie ueberhaupt gegen
+Alles brachte, was sich frei und selbststaendig bewegte.
+
+Zehnmal hatte er sich schon vorgenommen den "kleinen erbaermlichen Doctor"
+zu pruegeln, und sehr vielen Leuten wuerde er dadurch ein grosses Vergnuegen
+bereitet haben; aber er unterliess es doch jedesmal auch wieder, wenn sich
+ihm gleich oft genug die Gelegenheit dazu bot; Beide mussten jedenfalls
+schon einmal frueher etwas mit einander gehabt haben, vielleicht mehr von
+einander wissen als Beiden zutraeglich war, und ein solcher Bruch waere da
+nicht raethlich gewesen.
+
+Sonst lebte Weigel still, und anscheinend als ein vollkommen guter und
+achtbarer Buerger, vor sich hin, aber im Stillen wirkte und wuehlte er
+seinem Ziel entgegen, und richtete in der That viel Unheil an. Seine
+Beschreibungen Amerika's, die er sich selber in kleinen Brochueren aus
+anderen Buechern zusammentrug, und um ein Billiges verkaufte, waren ein
+langsames Gift, das er in manche friedliche und glueckliche Familie warf,
+ein Saatkorn das dort wucherte und Wurzel schlug, und waehrend es die Leser
+anreizte nur gleich ohne weiteres ihr Buendel zu schnueren und jenen
+herrlichen Laenderstrichen zuzueilen, wo von da an ihr Leben nur einem
+murmelnden Bache gleichen wuerde, der zwischen Blumen dahin fliesst, fuellte
+er ihre Koepfe mit falschen Ideen und Begriffen von dem Land, das ihre neue
+Heimath werden sollte, und machte viele, viele Menschen ungluecklich. In
+der neuen Heimath dann angekommen, die ihnen, mit maessigen Anspruechen,
+wirklich Manches geboten haben wuerde was ihre Lage, im Vergleich mit dem
+alten Vaterland gebessert haben koennte, fanden sie sich jetzt ploetzlich in
+all den wilden extravaganten Ideen, die sie durch solche Lectuere
+eingesogen, enttaeuscht, fanden die Hoffnungen nicht realisirt, die man
+ihnen gemacht, hielten sich fuer schlecht behandelt und ungluecklich, und
+verfielen nun oft in das Extrem trostloser und eben so unbegruendeter
+Verzweiflung, wobei sie den Mann verwuenschten, der sie hierverlockt, und
+sie verleitet hatte, Heimath und eigenen Heerd zu verlassen, einem Phantom
+zu folgen. Weigel aber hatte seinen Thaler fuer den richtig abgelieferten
+"Kopf" bekommen, und dachte schon gar nicht mehr an die frueher
+Befoerderten, die seiner Meinung nach jetzt in einem Meer von Behagen
+schwammen und "unter Palmen wandelten."
+
+Herr Weigel war allein in seinem kleinen Bureau, einem niederen, etwas
+dumpfen und nicht ueberhellen Stuebchen, dessen eines breites Fenster mit
+durch Zeit und Rauch arg mitgenommenen Gardinen verziert war, waehrend die
+Waende durch Karten und statistische Tabellen-Anzeigen von Schiffen und
+Gasthaeusern, Plaenen von neuangelegten Staedten oder zu verkaufenden Farmen
+fast voellig bedeckt hingen. Er sass an einem hohen, ziemlich breiten Pult,
+das einen maechtigen Kamm von Gefachen und Schiebladen trug und las, mit
+einer Tasse Kaffee neben sich, eben seinen taeglichen Aerger, das
+Tageblatt, als es an die Thuer klopfte, und auf sein lautes "Herein" ein
+junger, sehr anstaendig, aber trotzdem etwas aermlich gekleideter Mann das
+Zimmer betrat.
+
+"Herr Weigel?" sagte der Fremde mit einer leichten Verbeugung.
+
+"Bitte -- ja wohl," sagte Herr Weigel, seine Brille rasch in die Hoehe
+schiebend und auf seinem Drehstuhl herumfahrend, seinen Besuch besser in's
+Auge zu fassen -- "womit kann ich Ihnen dienen?"
+
+"Sie befoerdern Passagiere nach Amerika?"
+
+"Nach Amerika? -- denke so, hehehe," lachte Herr Weigel, sich vergnuegt die
+Haend reibend, "habe schon ganze Colonien hinueber geschafft, Maenner und
+Frauen, Weiber und Kinder; sitzen jetzt drueben in der Wolle und schreiben
+einen Brief ueber den andern an mich, wie gut es ihnen geht -- da nur den
+einen hier, den ich vor ein paar Tagen bekommen habe -- der Mann ist blos
+mit zwei tausend Dollarn hinuebergegangen und hat schon eine eigene Farm,
+achtzig Acker Land, vierundzwanzig Stueck Rindvieh, einige sechzig
+Schweine, fuenf Pferde und will jetzt eine Schaeferei anlegen -- schreibt an
+mich ich soll ihm einen Schaefer hinueber schicken, aber einen der die Sache
+aus dem Grund versteht, kommt ihm auf ein paar Dollar Lohn nicht dabei an
+-- bitte lesen Sie einmal den Brief."
+
+"Sie sind sehr freundlich Herr Weigel," sagte der junge Fremde mit einem
+verlegenen wie schmerzhaften Zug um den Mund -- "aber der Brief wuerde
+gerade nicht massgebend fuer mich sein, da ich mich gegenwaertig nicht in den
+Verhaeltnissen befinde, gleich einen Platz zu _kaufen_. Sind die
+Passagierpreise jetzt theuer?"
+
+"Theuer? spottbillig," lachte Herr Weigel, den Brief offen wieder zurueck
+auf sein Pult, und seine Brille darauf legend, ihn zu weiterem Gebrauch
+bereit zu haben; "spottbillig sag' ich Ihnen, man koennte wahrhaftig auf
+dem festen Land nicht einmal dafuer leben -- _so_ nicht; und unter uns -- ich
+weiss wahrhaftig nicht wie die Leute dabei auskommen, aber es muss eben die
+rasende _Menge_ von Passagieren machen, die sie jetzt woechentlich, ja fast
+taeglich hinueber spediren. Es ist fabelhaft was jetzt fuer Menschen
+auswandern; auf einmal werden sie Alle gescheidt, und merken endlich was
+sie hier haben, und was sie dort erwartet -- ist doch ein famoses Land, das
+Amerika."
+
+Und wie viel betraegt die Passage nach dem _naechsten_ Hafen der Vereinigten
+Staaten, wenn ich fragen darf, fuer -- fuer eine erwachsene Person und ein
+Kind?"
+
+"_Naechsten_ Hafen? -- hehehe, fuerchten sich wohl vor der Seekrankheit?
+lieber Gott, daran gewoehnt man sich bald; ist auch gar nicht so arg wie's
+eigentlich gemacht wird. Der Mensch, der Doctor Hayde hier im Tageblatt,
+hat neulich einen Artikel ueber die Seekrankheit gebracht den er
+wahrscheinlich auch selber geschrieben, und wonach Einem gleich ach und
+weh zu Muthe werden muesste; der ist aber nur dazu bezweckt den Leuten das
+Auswandern zu verleiden. Sie moechten sie gern hier behalten, damit sie sie
+nur recht ordentlich plagen und schinden koennen, weiter Nichts; davor
+braucht sich kein Mensch zu fuerchten."
+
+"Sie wollten mir aber den _Preis_ der Passage nennen."
+
+"Den Preis? -- ja so -- warten Sie einmal" -- sein Blick fiel auf die
+Glacehandschuhe und die schneeweisse Waesche des Fremden, dessen etwas
+abgetragene Kleider er in dem halbdunklen Raum nicht so leicht erkennen
+konnte, oder auch uebersah -- "der Preis -- Dampfschiff oder Segelschiff?"
+
+"Segelschiff."
+
+"Segelschiff -- wird -- sein -- Preis in erster Cajuete vier und achtzig
+Thaler Gold."
+
+"Und die -- die billigeren Plaetze?"
+
+"Billigeren Plaetze -- zweite Cajuete oder Steerage fuenfundsechzig Thaler
+Gold -- "
+
+"Und Zwischendeck?" sagte der Fremde leise und verlegen.
+
+"Zwischendeck wuerde ich Ihnen nicht rathen," meinte Herr Weigel, seine
+Brille jetzt abwischend und wieder aufsetzend; "besonders wenn man eine
+Frau und ein Kind bei sich hat und es nur irgend ermachen kann, sollte man
+nie Zwischendeck gehn, man ruinirt sich's und den Seinigen an der
+Gesundheit herunter, was die paar Thaler mehr kosten."
+
+"Aber Sie koennen mir wohl den Preis des Zwischendecks sagen?"
+
+"Ja wohl, mit dem groessten Vergnuegen -- Zwischendeck nach New-York kostet --
+warten Sie einmal, ich habe ja hier die letzten Briefe von meinen Haeusern.
+Zwischendeck nach New-York kostet vierundvierzig Thaler Gold."
+
+"Vierundvierzig Thaler?"
+
+"Ja es ist seit ein paar Tagen erst wieder um vier Thaler aufgeschlagen,
+weil die Leute eben nicht Schiffe genug anschaffen koennen fuer die
+Auswanderer. Ist fabelhaft was besonders dieses Jahr fuer Leute
+uebersiedeln. Soll ich Sie vielleicht einschreiben? es trifft sich jetzt
+gerade gluecklich, denn am 15ten geht ein ganz vortreffliches Schiff ab,
+die _Diana_, Dreimaster, gut gekupfert, mit allen nur moeglichen
+Bequemlichkeiten versehn und einem Capitain, ich sage Ihnen ein wahrer
+Schentelmann, wie er sich gerade nicht immer auf den Schiffen findet."
+
+"Ich danke Ihnen fuer jetzt noch bestens, lieber Herr Weigel," sagte der
+junge Mann -- "ich muss doch nun erst mit meiner Frau Ruecksprache ueber diess
+nehmen, denn erst seit gestern ist mir die Idee ueberhaupt gekommen
+auszuwandern; aber -- noch eine Bitte haette ich an Sie," und er drehte
+dabei den Hut den er in der Hand hielt, fast wie verlegen zwischen den
+Fingern -- "
+
+"Ja? womit koennte ich Ihnen dienen?" frug Herr Weigel.
+
+"Koennten Sie mir wohl sagen, ob die Capitaine der Segelschiffe -- ich habe
+einmal irgendwo gelesen dass das manchmal geschaehe -- auch Leute --
+Passagiere mitnaehmen, die unterwegs ihre Passage -- abarbeiten duerften und
+also -- auch keine Ueberfahrt zu bezahlen brauchten?"
+
+"Keine Passage zahlen?" sagte Herr Weigel, die Lippen vordrueckend und die
+Augenbrauen in die Hoehe ziehend, waehrend er langsam und halb laechelnd mit
+dem Kopfe schuettelte -- "keine Passage bezahlen? -- ne lieber Herr -- ja so
+wie heissen Sie denn gleich -- "
+
+"Eltrich," sagte der junge Mann etwas zoegernd --
+
+"So? -- ne mein lieber Herr Eltrich, davon steht Nichts in unseren
+Verzeichnissen und Contracten; im Gegentheil, _da_ kommen wir zusammen;
+das ist der Hauptpunkt, der Nervum Rehrum, der die ganze Geschichte
+eigentlich zusammenhaelt, Amerika und Europa und die umliegenden
+Dorfschaften, heh, heh, heh."
+
+"Aber wenn nun irgend ein armer Teufel," fuhr der Fremde etwas lauter,
+fast wie aengstlich fort -- "irgend ein armer Teufel sein ganzes Hoffen eben
+auf eine Reise nach Amerika gesetzt haette, und bestimmt wuesste dass er dort,
+wenn auch nicht gerade sein Glueck machen, doch sein Auskommen finden
+wuerde? -- "
+
+"Nun dann soll er gehn -- um Gottes Willen gehn, und am 15ten dieses wird
+wieder das neue, kupferfeste -- ja so, aber er muss bezahlen," unterbrach er
+sich rasch als ihm einfiel von was sie vor erst wenigen Secunden
+gesprochen, "er muss bezahlen, sonst nimmt ihn kein Capitain der Welt mit
+ueber See."
+
+"Und Sie glauben nicht dass da jemals eine Ausnahme stattfinden duerfte?"
+sagte Herr Eltrich -- "es werden doch Leute auf See gebraucht zu den
+nothwendigsten sowohl, wie den geringeren Arbeiten, und die Capitaine
+muessen gewiss dafuer _bezahlen_. Wenn sich also nun Jemand erboete alle diese
+Verrichtungen ganz _umsonst_, nur um Passage und die einfachste
+Matrosenkost zu machen, sollte das nicht moeglich sein zu erlangen?"
+
+"Lieber Herr," sagte der Herr Weigel, dem es jetzt so vorkommen mochte als
+ob er mit dem Fremden da kein besonders grosses Geschaeft machen wuerde, und
+der anfing ungeduldig zu werden, "zu den Arbeiten an Bord eines Schiffes
+werden _Matrosen_ gebraucht, und wer kein Matrose ist, kann die auch nicht
+verrichten. Das ist keine kleine Kunst, lieber Herr Schelbig, in den Tauen
+den ganzen Tag herumzuklettern und zwischen den Segeln, wenn das Schiff
+bald so herueberschlenkert und bald so" -- und er begleitete dabei seine
+Erklaerung mit einer entsprechenden Bewegung der vor sich gerade
+aufgehaltenen Hand -- "da muessen die Leute fest stehen koennen wie die
+Mauern, sonst kann man sie nicht gebrauchen."
+
+"Aber glauben Sie nicht, wenn man einmal an einen Capitain schriebe, ob er
+sich doch nicht am Ende bewegen liess; oder" -- setzte er rasch hinzu, wie
+von einem ploetzlichen Gedanken ergriffen, "wenn man sich nun verbindlich
+machte die Passage nach einer bestimmten Zeit in Amerika nachzuzahlen --
+sie dort abzuverdienen?"
+
+"Ja da koennte Jeder kommen," sagte Herr Weigel kopfschuettelnd, "wenn die
+Leute erst einmal drueben sind, thun sie was sie wollen. Das ist ein freies
+Land da drueben, Herr Wellrich, und da koennte man nachher jedem Einzelnen
+nachlaufen, und sehen dass man sein Geld wieder kriegte. Ne, damit ist's
+faul, und ich nun einmal vor allen Dingen, moechte mich nicht auf solch
+eine Quaengelei einlassen; daran hat man keine Freude, und das ist auch
+kein rundes Geschaeft."
+
+"Es ist nur ein armer Verwandter, der sich auf solche Weise gern
+forthelfen wuerde," sagte Herr Eltrich erroethend -- "er ist sehr fleissig und
+wuerde arbeiten wie ein Sclave, die Zeit ueber."
+
+"Ja das glaub' ich," meinte Herr Weigel gleichgueltig -- "versprechen thun
+die Art Herren gewoehnlich Alles was man von ihnen haben will."
+
+"Koennten Sie mir denn vielleicht die Adresse irgend eines Schiffes oder
+Rheders geben, der bald ein Schiff hinueberschickt," sagte der junge
+Fremde, sich schon wieder zum Gehen ruestend -- "wenn ich vielleicht selber
+einmal dorthin schriebe, um Sie nicht weiter mit der Sache zu belaestigen."
+
+"Ja, schreiben koennen Sie," sagte Herr Weigel, "hehehe; aber Sie werden
+keine Antwort bekommen; darauf koennen Sie sich verlassen. Die Leute da
+haben mehr zu thun, als sich eines Passagiers wegen, fuer den sie noch
+umsonst die Kost hergeben muessten, in eine Correspondenz einzulassen; kann
+ich ihnen auch gar nicht so sehr verdenken."
+
+"Und die Adresse?"
+
+"Die Adresse? -- da, hier liegt die neueste Auswanderer-Zeitung; wenn Sie
+wollen, koennen Sie sich da ein oder zwei Adressen herausschreiben. Da
+hinten, auf der letzten Seite stehen sie."
+
+Herr Weigel sah nach der Uhr, drehte sich wieder auf seinem Drehstuhl, der
+beim Aufschrauben etwas quietschte, herum, schob das Tageblatt zur Seite
+und rueckte sich einen Bogen Papier zurecht, als ob er irgend einen
+nothwendigen Brief zu schreiben haette.
+
+Wieder klopfte es da an die Thuer, und diessmal, ohne ein ermunterndes
+"Herein" zu erwarten, oeffnete sie sich, und drei Bauern, denen die grossen
+silbernen Knoepfe auf Weste und Rock und das feine Tuch der letzteren, die
+jedoch ganz nach ihrem alten baeurischen Schnitt gemacht waren, etwas
+ungemein solides gaben, traten, die Huete erst unter der Thuer und schon im
+Zimmer abziehend, herein, und gruessten die beiden Leute die sie hier
+beisammen fanden, mit einem herzlichen "Guten Morgen miteinander."
+
+Das waren die Leute die Herr Weigel gern kommen sah, die wussten wesshalb
+sie die eine Hand immer in der Tasche trugen, denn sie hatten dort etwas
+zu verlieren, und waren nicht selten dabei die Vorboten eines groessern
+Trupps, oft einer ganzen "Schiffsladung voll" die aus ein und derselben
+Gegend auswandern wollte, und ein paar der Angesehensten indess
+vorausgeschickt hatte, Platz fuer sie zu bestellen. Wie der Blitz war er
+denn auch von seinem Stuhle herunter, schuettelte ihnen nacheinander die
+Hand, und frug sie wie es ihnen ginge und was sie hier zu ihm gefuehrt.
+
+"Seid Ihr der Mensch der die Leute nach Amerika schickt?" sagte da der
+Eine von ihnen, eine breitkraeftige, sonngebraeunte Gestalt mit vollkommen
+lichtblonden Haaren und Augenbrauen, aber dabei gutmuethigen vollen und
+frischen Zuegen, dem das Ganze uebrigens etwas fremd und unheimlich
+vorkommen mochte, denn er warf den Blick waehrend er sprach wie scheu von
+einer der Schiffszeichnungen zur anderen, und schien sich ordentlich dazu
+zwingen zu muessen das zu sagen, was er eben hier zu sagen hatte.
+
+"Nun nach Amerika _schicken_ thu' ich sie gerade nicht," laechelte Herr
+Weigel, die Anderen dabei ansehend, und etwas verlegen ueber die vielleicht
+ein wenig plumpe Anrede.
+
+"Nicht?" sagte der Bauer rasch und erstaunt -- "aber hier haengen doch all
+die vielen Schiffe."
+
+"Nun ja, ich besorge den Leuten Schiffsgelegenheit die hinueber _wollen_,"
+sagte Herr Weigel, jetzt geradezu herauslachend, weil er glaubte dass sich
+der Mann mit ihm einen Scherz gemacht, auf den er natuerlich einzugehen
+wuenschte."
+
+"Ja aber wir _wollen_ eigentlich noch nicht hinueber," sagte der zweite von
+den Bauern, seinen Hut auf seinen langen Stock stellend, und sich dabei
+verlegen hinter den Ohren kratzend -- "wir wollten uns nur erst einmal hier
+erkundigen ob denn das auch wirklich da drueben so ist, wie es jetzt immer
+in den Auswanderungszeitungen steht, und ob man blos hinueberzugehn und
+zuzulangen braucht, wenn man eine gut eingerichtete Farm mit ein paar
+hundert Morgen Land haben will."
+
+"Ja wenn man Geld hat," lachte Herr Weigel.
+
+"I nu -- Geld haetten wir," sagte der Bauer, und sah seine Nachbarn an.
+
+"Ich bin Ihnen sehr dankbar," unterbrach den Sprecher hier der junge Mann,
+der indessen die Zeitung nachgesehn, und sich Einzelnes daraus notirt
+hatte. "Bitte," sagte Herr Weigel, und nahm ihm das Blatt, ohne sich
+weiter um ihn zu bekuemmern, aus der Hand, und wandte sich wieder zu den
+Bauern, als der junge Fremde sich mit einem artigen:
+
+"Guten Morgen meine Herren" empfahl.
+
+"Adje Herr -- Herr Schnellig," rief der Agent ziemlich laut hinter ihm her,
+ohne sich weiter nach ihm umzudrehen, waehrend die Bauern freundlich den
+Gruss in ihrer Art erwiederten.
+
+"Wer war der junge Herr?" frug der erste Sprecher aber, als er die Thuer
+rasch hinter sich in's Schloss gedrueckt.
+
+"Ach, ein armer Teufel, der gern mit umsonst nach Amerika hinueber moechte,"
+sagte Herr Weigel -- "er thut zwar als waer' es nur fuer einen armen
+Verwandten, aber, hehehe, derlei Ausreden kennen wir schon -- kommen alle
+Wochen vor."
+
+"Umsonst mit nach Amerika?" sagte der erste Sprecher verwundert, "_der_
+sieht doch nicht aus als ob er etwas umsonst haben wollte, der ging ja
+_so_ fein gekleidet; Donnerwetter -- mit Handschuhen und allem -- "
+
+"Ja auswendig sind die Leute in der Stadt meist alle schwarz und sauber
+angestrichen," lachte Herr Weigel, "aber inwendig, in den Taschen, da
+hapert's nachher. Wer aber ein Bischen Uebung darin hat, kann auch schon
+oben auf erkennen, ob der Lack aecht, oder blos nachgemacht ist, hehehe."
+
+"Bei dem war er wohl nachgemacht?" sagte der zweite Bauer, dem Anschein
+nach gerade nicht unzufrieden damit, dass der "glatte Stadtmensch" nicht so
+viel galt wie sie, und dass der Auswanderungsmann das sogleich durchschaut
+hatte. Herr Weigel nickte, seine Zeit war ihm aber kostbarer, als sie noch
+laenger an Jemanden zu verschwenden, bei dem er doch voraussah, dass er von
+ihm keinen Nutzen haben wuerde, und er suchte das Gespraech wieder dem mehr
+praktischen Anliegen der drei Bauern zuzulenken.
+
+"Also Sie wollten mitsammen nach Amerika gehn und sich eine ordentliche
+Farm, gleich mit Land, Vieh, Haeusern und was dazu gehoert, ankaufen heh? --
+'waer keine so schlechte Idee."
+
+"Ja erst moechten wir aber einmal wissen wie die Sache steht;" sagte der
+Erste wieder, der Menzel hiess, "wenn man ueber einen Zaun springen will,
+ist es viel vernuenftiger dass man erst einmal hinueber guckt was drueben ist,
+und wenn man das nicht kann, dass man Jemanden fragt der es genau weiss.
+Sind denn die Farmen da drueben wirklich so billig? -- ist das wahr, dass man
+dort noch gutes frisches Land fuer ein und einen Viertel Thaler kaufen
+kann?"
+
+"Thaler? -- nein," sagte Herr Weigel, "_Dollar_." "Ja nun, das ist aber
+auch nicht viel mehr," meinte der Zweite, Mueller.
+
+"Nun ein Dollar ist ungefaehr ein Speciesthaler," sagte Herr Weigel --
+"lassen Sie mich einmal sehn -- die stehn jetzt -- stehn jetzt 1 Thlr. 121/2
+Silber- oder Neugroschen."
+
+"Nu ja," sagte Menzel wieder, "das ist aber immer kein Geld -- und fuer
+tausend Dollar kauft man da eine fix und fertig eingerichtete Farm, wie
+sie's glaub' ich nennen? mit Allem was dazu gehoert?"
+
+"Ich habe hier gerade," sagte Herr Weigel in seinen Papieren suchend, "ein
+paar Anerbietungen von hoechst achtbaren Leuten -- wirklichen Amerikanern --
+die mir Farmen zu hoechst maessigen Bedingungen offeriren. -- Die Leute wissen
+da drueben dass hier Viele zu mir kommen und sich nach solchen Plaetzen
+erkundigen, und wenn sie dann 'was Gutes haben, schicken sie's mir. -- Wo
+hab' ich denn die verwuenschten Plaene jetzt hingelegt -- ah, hier ist der
+eine -- sehn Sie, Gebaeude und Alles sind darauf angegeben -- und der andere
+kann nun auch nicht weit sein; ich habe sie erst vorgestern meinem Bruder
+gezeigt, der gar nicht uebel Lust hatte eine davon fuer sich zu kaufen -- da
+ist er."
+
+Die drei Bauern draengten sich um den kleinen Tisch herum auf dem Herr
+Weigel die Plaene jetzt ausbreitete, und suchten sich in den kreuz und quer
+laufenden Strichen zu orientiren, wie der Platz eigentlich liege, und was
+darauf staende.
+
+"Ja aber wo ist denn das nun eigentlich, und wie sieht's dort aus?" sagte
+Menzel endlich, nach einigen vergeblichen Versuchen deshalb -- "aus der
+Geschichte hier wird man nicht klug."
+
+"Ja sehn Sie," sagte Weigel, mit seinem Finger den Plan erklaerend, und den
+angegebenen Zahlen folgend, "das hier, Nr. 1 ist das Wohnhaus, ein
+Doppelgebaeude, der Zeichnung nach mit einer offenen Veranda dazwischen,
+des warmen Klima's wegen, denn drum herum stehen "Baumwollenbaeume"
+angegeben; Nr. 2 da ist ein anderes Gebaeude, bis jetzt zu Negerwohnungen
+benutzt, denn der bisherige Besitzer scheint Sclaven gehalten zu haben;
+Nr. 3 ist eine Scheune; Nr. 4 ist ein Rauchhaus, die Leute verschicken von
+dort aus viel getrocknetes Fleisch; Nr. 5 ist, wie es scheint, ein
+Waschhaus, und Nr. 6 ein anderes Wohnhaus, was dem ersten gegenuebersteht,
+und wahrscheinlich den ganzen Hofraum, da die Front nach dem Flusse zu
+liegt, abschliesst.
+
+"Und welcher Fluss ist das?"
+
+"Der Missouri, einer der groessten Stroeme Amerika's, ueber eine englische
+Meile breit, und viel hundert Meilen hinauf schiffbar; alle Wetter meine
+Herren, von den dortigen Stroemen koennen wir uns hier gar keinen Begriff
+machen."
+
+"Hm -- und wieviel Land gehoert dazu?"
+
+"Dazu gehoert ein "Died" von 40 Acker, was frueher als Congressland gekauft
+und schon bezahlt ist, und natuerlich mit uebernommen wird, und um den Platz
+herum kann noch so viel Congressland dazu genommen werden, wie man haben
+will -- nur die vierzig Acker, von denen aber ein Theil schon urbar gemacht
+ist, muessen natuerlich hoeher bezahlt werden."
+
+"Und was soll die ganze Geschichte kosten?" frug Mueller. -- Der dritte,
+dessen Name Brauhede war, hatte noch kein einziges Wort zu der ganzen
+Verhandlung gesagt.
+
+"Die ganze Geschichte," erwiederte Weigel, sich das Kinn streichend, "wie
+ich sie Ihnen hier gleich an Ort und Stelle ueberlassen kann, mit Haeusern
+und Grundstueck und dazu noch einem kleinen Viehstand von vielleicht
+einigen achtzig Stueck Rindvieh, und fuenfundfunfzig oder sechzig Schweinen,
+wuerde -- etwa -- ein tausend und einige sechzig spanische Dollar betragen --
+"
+
+"Und das waere nach unserem Geld?" sagte Menzel, Mueller dabei heimlich
+unter dem Tisch anstossend -- "
+
+"Nach unserem Geld?" wiederholte Herr Weigel, mit einem Stueck dort
+liegender Kreide die Summen rasch auf dem Tisch selber aufaddirend --
+"wuerde es in einer runden Zahl etwa 1000 -- 400 -- eine Kleinigkeit ueber
+1400 Thlr. Preuss. Courant betragen."
+
+"Wieviel Stueck Rindvieh?" sagte Mueller.
+
+"Einige achtzig Stueck sind angegeben," sagte Weigel, "und muessen auch
+ueberliefert werden; aber gewoehnlich sind es noch mehr, denn das Vieh laeuft
+draussen im Freien herum und bekommt Kaelber und man weiss es oft nicht
+einmal -- die Kaelber werden ueberhaupt nie mitgezaehlt."
+
+"Und die Passage hinueber kostet?" frug Menzel --
+
+"Zwischendeck oder Cajuete?"
+
+"Zwischendeck -- immer wo's am Billigten ist," lachte Menzel, und strich
+sich wohlgefaellig ueber die silbernen Knoepfe.
+
+"Ja, kann mir's denken," rief Herr Weigel, auf den Scherz eingehend, und
+ihn leise gegen den Arm von sich stossend -- "Sie sehn mir auch gerade aus,
+als ob's Ihnen auf ein paar Thaler ankaeme."
+
+"Ja, wo man's kann muss man's zusammennehmen," betheuerte aber auch Mueller
+-- "also wieviel kostet's im Zwischendeck a Person?"
+
+"Vierundvierzig Thaler fuer die Person -- Kinder zahlen die Haelfte."
+
+"Aber ganz kleine Kinder?" sagte Mueller.
+
+"Nun Saeuglinge gehen ein," lachte Herr Weigel, "das ist die Beilage, die
+doch auch nur vom Schiff aus indirecte Nahrung bekommen."
+
+"Leichten Zwieback?" frug Menzel.
+
+"Ja wohl," sagte Herr Weigel, etwas verlegen laechelnd, da er nicht wusste
+ob der Bauer das im Spass oder Ernst gemeint -- "wie viel Personen sind Sie
+denn aber wohl etwa?"
+
+"Nu, so eine sechzig moechten wir immer zusammen herausbekommen," meinte
+Mueller --
+
+"Aber Alle auf ein Schiff muesstet Ihr uns bringen," sagte Menzel.
+
+"Nun das versteht sich von selbst," rief Herr Weigel, und ein famoses
+Schiff geht gerade den funfzehnten ab -- ich glaube das beste, das von
+Bremen und Hamburg ueberhaupt laeuft -- die Diana."
+
+"Ne das waer' uns noch zu frueh -- "
+
+"Am ersten naechsten Monats geht ein noch besseres," sagte Herr Weigel --
+"wenigstens geraeumiger und ein besserer Segler."
+
+"Ne das waer' uns auch noch zu frueh," sagte Menzel.
+
+"Gut, dann traefen Sie es gerade ausgezeichnet mit dem Meteor," versicherte
+Herr Weigel, keineswegs ausser Fassung gebracht; "ich wollte Ihnen den im
+Anfang nicht anbieten, weil ich fuerchtete dass Sie frueher zu reisen
+wuenschten, wenn Sie aber _so_ lange Zeit haben, dann kann ich Ihnen
+allerdings die vorzueglichste Reisegelegenheit bieten, die sich nur
+ueberhaupt denken laesst."
+
+"So -- na das passte schon besser -- " sagte Mueller -- "wie hiess das Schiff
+gleich?"
+
+"Meteor."
+
+"Hm -- werd' es mir merken -- aber nicht wahr, beim _Dutzend_ kriegen wir
+die Passage doch auch was billiger."
+
+"Ne, das geht nicht," lachte aber Herr Weigel da gerade heraus; "es ist ja
+nicht so, dass ein Schiff nur eben so viel Menschen an Bord nehmen kann wie
+darauf Platz haben, sondern es muss auch genug Raum, und ueber und ueber
+genug Essen und Trinken fuer sie dabei sein, wenn einmal die Reise, in
+einem ungluecklichen Fall laenger dauerte als gewoehnlich. So ein Schiff hat
+deshalb auch nur eine bestimmte Zahl von Auswanderern, die es an Bord
+nehmen kann, und nach Amerikanischen Gesetzen nehmen _darf_, und auf die
+ist Alles mit Kosten und Preis ausgerechnet, auf's tz. Die kleinen Kinder
+werden eingegeben, aber die grossen muessen bezahlen. Und wie war's mit der
+Farm?"
+
+"Wo ist denn der andere Platz -- zu dem da der lange Zettel gehoert?" sagte
+Menzel, der sich diesen indessen genau betrachtet, und nach allen Ecken
+herum und herumgedreht hatte, ohne, wie er meinte, einen Handgriff dran
+bekommen zu koennen.
+
+"Der hier? der ist in Wisconsin; auch ein guter Platz, aber kein so grosser
+Strom dabei," sagte Herr Weigel -- "ist aber auch billiger. Dort kann ich
+Ihnen eine Farm, allerdings nur mit einigen vierzig Kuehen, fuer etwa
+siebenhundertundfunfzehn Dollar ueberlassen, und dann habe ich noch fuenf
+andere von sechs, acht, elf, neun und ich glaube zwoelfhundert Dollar -- die
+letztere ist aber eine wirkliche Musterwirthschaft mit importirtem
+Schweizervieh, und Backsteingebaeuden, und einer prachtvollen Lage Milch
+und Butter in die nicht zu entfernte Stadt zu bringen; wird Ihnen aber
+auch freilich wohl zu theuer sein?"
+
+"Zu theuer? -- warum?" sagte Menzel -- "wenn man sich einmal etwas kauft,
+soll man sich auch gleich 'was ordentliches anschaffen. Ich habe mir
+uebrigens die Sache immer viel schwieriger vorgestellt mit dem Ankaufen,
+und gedacht, dass man da erst lange in der Welt umher fahren und sein Geld
+verreisen muesste. Wenn man das gleich hier an Ort und Stelle abmachen kann,
+ist das ja weit bequemer."
+
+"Auf eins moechte ich Sie uebrigens noch aufmerksam machen, meine Herren,
+was Sie ja nicht versaeumen duerfen," sagte Herr Weigel -- "naemlich sich hier
+gleich Ihre Billets zur Weiterfahrt in's Innere, wohin Sie auch immer
+wollen, zu loesen.
+
+"Von Neu-York aus?" sagte Menzel verwundert.
+
+"Ja wohl von Neu-York oder Philadelphia oder wohin Ihr Reiseziel liegt."
+
+"Ja aber kann man denn die _hier_ bekommen?" frug Mueller.
+
+"Gewiss kann man das," laechelte Herr Weigel, "und das ist gerade der
+ungeheure Vortheil unserer jetzigen Verbindung, die den Auswanderer von
+der Thuer seiner alten Heimath fort, vor die seiner neuen setzt, ohne dass
+er ein einziges Mal in die Tasche zu greifen und mehr zu bezahlen braucht,
+als was er gleich von allem Anfang entrichtet hat. Das eben macht auch das
+Reisen jetzt so billig, dass man mit _einem_ Blick im Stande ist saemmtliche
+Kosten zu uebersehn; die Extra-Ausgaben fallen ganz weg."
+
+"Das waere freilich ein Glueck," sagte Mueller, von dem erst vor einigen
+Monaten ein Bruder "hinueber" gegangen war -- "die Extra-Ausgaben fressen
+sonst das meiste Geld."
+
+"Ob sie's fressen, bester Herr, ob sie's fressen," sagte Herr Weigel, sich
+wieder vergnuegt die Haende reibend.
+
+"Und wo kann man die Billete also bekommen?" frug Menzel.
+
+"Bei mir hier, versteht sich," sagte Herr Weigel -- "alle bei mir."
+
+"Und die gelten dann drueben?"
+
+"Nun versteht sich doch von selbst," lachte der freundliche Agent, "ich
+wuerde sie ja Ihnen doch sonst nicht verkaufen. Sehn Sie, wenn die
+Deutschen hinueber kommen, dann sprechen sie gewoehnlich noch kein Englisch
+-- oder haben Sie das etwa schon gelernt?"
+
+"Ne -- "
+
+"Nun sehn Sie, und dann werden sie dort von ihren Landsleuten -- denn der
+Amerikaner ist nicht halb so schlimm -- die sich das richtig zu Nutze zu
+machen wissen, tuechtig ueber's Ohr gehauen, und muessen gewoehnlich gerade
+noch einmal so viel bezahlen, als die Sachen eigentlich kosten.
+
+"Aber es soll doch eine "Deutsche Gesellschaft" drueben in Neu-York sein,"
+sagte jetzt Brauhede, der zum ersten Mal bei der ganzen Verhandlung den
+Mund aufthat -- "die sich eben der Deutschen annimmt und Nichts dafuer
+verlangt."
+
+"Leben wollen wir _Alle_," sagte Herr Weigel achselzuckend -- "umsonst ist
+der Tod, und dass die Leute, wenn sie ihre Zeit darauf verwenden fuer die
+Deutschen zu sorgen, auch etwas dafuer nehmen werden, laesst sich wohl an den
+fuenf Fingern abzaehlen. Neu-York ist aber ein theures Pflaster, die Leute
+_brauchen_ dort mehr wie wir hier, und wer es daher _billiger_ thun kann
+ist auch wieder leicht einzusehn. Ich will mich auch keineswegs empfehlen;
+lieber Gott es giebt noch eine Menge Leute in Deutschland, die sich
+demselben schwierigen und undankbaren Geschaeft unterzogen haben wie ich,
+und die es sich vielleicht eben so sauer werden lassen gerade und ehrlich
+durch die Welt zu kommen; aber Einen der es besser _meint_ dabei, werden
+Sie wohl schwerlich finden, und ich ueberrede gewiss Niemanden nach Amerika
+auszuwandern. Jeder Mensch muss seinen freien Willen haben, und auch am
+Besten selber wissen was ihm gut ist."
+
+"Ne gewiss," sagte Menzel -- "da habt Ihr ganz recht, das ist auch mein
+Grundsatz; aber das mit dem Amerika leuchtet mir auch ein, und umsonst
+thut da gewiss Niemand etwas -- das sind verflixte Kerle da, hab' ich mir
+sagen lassen, besonders die Deutschen, und wo die nicht wollen gucken sie
+nicht 'raus."
+
+"Also die Billete kann man hier bei Euch kriegen?" sagte Mueller.
+
+"Wohin Sie wollen, und ich stehe Ihnen dafuer dass sie nicht allein aecht
+sind, sondern dass die hier in Deutschland geloesten Plaetze auch noch den
+Vorrang haben vor allen in Amerika genommenen, wenn einmal Eisenbahn oder
+Dampfboote zu sehr besetzt sein sollten. Es ist ja hier gerade so mit der
+Post, wo Die, die sich zuerst, und auf der laengsten Station haben
+einschreiben lassen, den Vorrang behalten muessen vor denen die nachher
+kommen.
+
+"Ahem, das ist klar," sagte Menzel; "na also da daecht' ich liessen wir uns
+gleich einmal Plaetze belegen und gaeben das D'raufgeld, damit wir die Sache
+richtig haetten, und nachher koennen wir ja einmal ueber die Farmen sprechen;
+ich habe verwuenschte Lust."
+
+"Du, das hat noch Zeit," sagte aber jetzt Brauhede wieder, Menzel am Rocke
+zupfend; "erst muessen wir es uns doch einmal mit den Anderen zu Hause
+ueberlegen."
+
+"Wenn aber nachher die Plaetze auf dem ganz guten Schiffe fort sind," sagte
+Mueller mit einem sehr bedenklichen Gesicht.
+
+"Ja, _stehen_ kann ich Ihnen _nicht_ dafuer," versicherte Herr Weigel die
+Achseln zuckend, dass sie beinah seine Ohrlaeppchen beruehrten.
+
+"Na mein'twegen," sagte Brauhede, der allerdings auch in der Absicht
+hierher gekommen war, ihre Passage fest zu accordiren, jetzt aber, da es
+dazu kam Geld zu zahlen, nur ungern damit herausrueckte -- "aber von wegen
+der Farm muessen wir noch erst mit den Anderen sprechen, und eine Farm
+kriegen wir auch noch immer."
+
+"Ja aber was fuer eine," sagte Herr Weigel.
+
+Brauhede blieb uebrigens bei seiner Meinung, und Menzel bestand jetzt nur
+wenigstens darauf die beiden Plaene einmal mitzunehmen, damit sie sich zu
+Hause ordentlich hinein denken koennten. Wenn auch Herr Weigel sie im
+Anfang nicht ausser Haenden geben mochte, ja sogar versicherte er habe nicht
+uebel Lust die eine Farm fuer sich selber auf Spekulation zu kaufen, liess er
+sich doch zuletzt ueberreden ihnen, aber allerdings nur auf zwei Tage, die
+Plaene zu ueberlassen, und dann das Weitere ueber den Ankauf mit einer
+zweiten Deputation der Gesellschaft zu besprechen.
+
+Menzel bezahlte dann das Aufgeld auf ihre Passage im _Meteor_ fuer
+siebenundfunfzig Personen und dreizehn Kinder, die saemmtlich aus _einer_
+Ortschaft auswandern wollten, und nahm dann auch noch, nach einer kurzen
+Berathung mit den beiden anderen, die noethigen Billete auf der Eisenbahn
+von Neu-York aus, oder machte wenigstens eine Anzahlung darauf, dass sie
+ihnen der Agent aufbewahrte, da dieser sie versicherte er sei nur noch im
+Besitz einer sehr kleinen Anzahl, und wisse nicht, wann er gleich wieder
+andere bekommen wuerde, waehrend die Anfrage darnach sehr stark waere.
+
+Ausserdem kauften sie sich auch noch ein halbes Dutzend kleine Brochueren,
+die Herr Weigel, wie er sagte, gerade frisch aus der Druckerei als etwas
+_ganz Neues_ bekommen hatte -- ein Datum stand nicht darauf -- und die drei
+Maenner verliessen dann wieder, von dem schmunzelnden Agenten bis an die auf
+den Markt fuehrende Thuer begleitet, das Haus.
+
+"Hoere Du," sagte aber Brauhede als sie wieder vor dem Haus und auf der
+Strasse waren, und langsam ueber den Markt weggingen, "mit dem Landkaufen
+wollen wir uns doch lieber hier noch nicht einlassen, das ist eine
+wunderliche Geschichte und will mir nicht recht in den Kopf."
+
+"Nicht in den Kopf?" rief aber Menzel -- "und warum nicht? -- der Mann
+bekommt alle Tage Briefe aus Amerika, warum soll der nicht wissen was dort
+zu verkaufen ist?"
+
+"Wenn's aber so gut und billig waere, brauchten sie's doch nicht hier
+herueberzuschicken," meinte Brauhede kopfschuettelnd.
+
+"Das ist Alles was Du davon verstehst," sagte Mueller, "Amerikaner koennten
+sie gewiss genug zu Kaeufern kriegen, aber deutsche Bauern wollen sie, die
+ihnen zeigen wie man das Land behandeln muss, und darum schicken sie
+herueber -- die sind froh drueben, wenn unsereins hinueber kommt.
+
+"Nun, mag sein," brummte Brauhede -- "aber sicher ist doch sicher, und wenn
+ich mein Geld hier weggegeben habe, und kann das Land was mein sein soll
+nachher nicht finden, wie's dem Niklas seinem Bruder gegangen ist, nachher
+waere die Geschichte aber faul."
+
+"Dem Niklas sein Bruder war aber auch ein Esel," sagte der Andere, "der
+sich hier Land von einem herumziehenden Vagabunden gekauft; da sollt' er
+nachher wohl suchen. Aber _der_ Mann hier ist in der Stadt ansaessig und
+hat ein Geschaeft; was der verkauft das muss gut sein, sonst waer' er ja gar
+nicht sicher dass man ihn einmal deshalb beim Kragen kriegte."
+
+"Ja krieg' ihn einmal wenn Du drueben in Amerika bist," sagte Brauhede
+ruhig -- "das ist ein verwuenscht weiter und umstaendlicher Weg und -- wenn
+man sich einmal hat anfuehren lassen, will man auch nicht gern noch dazu
+ausgelacht werden."
+
+"Papperlapapp!" sagte Menzel -- "dafuer hat Jeder seine Augen dass er sie
+offen haelt, und ehe ich ihm mein gutes Geld gebe, werd' ich mich schon
+sicher stellen dass er mir Nichts aufbindet."
+
+Und die Maenner schritten, Jeder von jetzt an mit seinen eigenen Gedanken
+ueber die nahe Auswanderung beschaeftigt, langsam die Strasse hinunter,
+waehrend in seinem kleinen Bureau, vergnuegt die Haende zusammenreibend, Herr
+Weigel auf und ab spazieren ging, und sich im Geist die naechst zu
+ziehenden Summen zusammenaddirte, die er in kurzer Zeit, nach eifriger
+Aussaat, einzuerndten hoffte. Die Geschaefte gingen vortrefflich; Lust zur
+Auswanderung hatte in der That ein Drittel der saemmtlichen Bevoelkerung,
+und es bedurfte nur manchmal wirklich einer leisen Anregung, die Leute zu
+etwas zu bewegen, zu dem sie schon halb und halb selber entschlossen
+gewesen waren.
+
+Herr Weigel war sehr guter Laune; er legte jetzt die Haende auf den Ruecken
+und summte ein leises Lied vor sich hin, seinen Marsch dabei fortsetzend.
+Aber er sang falsch; er hatte keine Idee von irgend einer Melodie; doch
+das schadete nichts, er _meinte_ wenigstens eine, und da er selber nicht
+hoerte was er sang, genuegte es ihm vollkommen.
+
+Die Thuer ging jetzt auf und der Tischler oder Schreiner kam herein, irgend
+etwas an dem Pult auszubessern -- er hatte zweimal angeklopft ohne dass der
+vergnuegte Agent darauf geantwortet haette.
+
+"Guten Morgen Herr Weigel."
+
+"Ah guten Morgen Meister -- nun kommen Sie endlich? ich hatte schon ein
+paar Mal nach Ihnen hinuebergeschickt -- "
+
+"Ja lieber Gott Herr Weigel, ich war gerade drueben beim Herrn Geheimen
+Rath Baerlich beschaeftigt -- die Leute sind so eigen wenn man von der Arbeit
+fort geht -- "
+
+"Sehn Sie, hier das Bein moecht' ich gemacht haben; der Tisch wackelt da
+immer, und wenn man etwas darunter legt, verschiebt sich das doch jedesmal
+wieder. Koennen Sie es mir wohl bis heute Nachmittag in Ordnung bringen?"
+
+"Ja gewiss," sagte der Mann, "das ist ja nur eine Kleinigkeit."
+
+"Und wie ist es mit den Auswandererkisten die ich bestellt habe? -- werden
+die bis heute Abend fertig?
+
+"Ja wohl Herr Weigel; sechs habe ich schon in das Gasthaus "Stadt
+Breslau," wie Sie mir sagten, abgeliefert."
+
+"Nun das ist gut, denn der ganze Zug wird noch heute Vormittag ankommen,
+und will morgen frueh wieder fort -- es sind doch noch keine Auswanderer
+heute Morgen hier eingetroffen? -- "
+
+"Nicht dass ich gesehen haette -- aber gestern Abend zogen Viele durch."
+
+"Ja ich weiss -- von Hessen herueber -- die armen Teufel; denen wird's einmal
+wohl drueben werden. Nun wie gehn denn bei Ihnen die Geschaefte jetzt?"
+
+"Ih nu gut, Herr Weigel, ich kann gerade nicht klagen; das Brod wird
+freilich immer theuerer, aber man schlaegt sich so durch -- Kinder haben wir
+nicht, und was verdient wird reicht eben ordentlich aus."
+
+"Ich begreife nicht," sagte Herr Weigel da kopfschuettelnd vor dem Mann,
+der seine Muetze eben wieder aufgegriffen hatte und sich zum Fortgehen
+anschickte, stehen bleibend -- "wie Ihr Leute Euch hier vom Morgen bis
+Abend plagt und schindet, eben nur das liebe Brod zu verdienen, wo Ihr in
+ein paar Wochen drueben sein koenntet und so viel Dollare fuer Euere Arbeit
+bekaemt, wie hier Groschen.
+
+"Drueben, wo?"
+
+"Nun in Amerika -- "
+
+"Hm, ja," sagte der Mann, sich nachdenkend das Kinn streichend, und einen
+leichten Seufzer unterdrueckend -- "gedacht hab' ich auch schon ein paar Mal
+daran, aber -- das geht nicht gut und -- es ist auch so eine unsichere Sache
+mit da drueben. Hier weiss ich einmal was ich habe und dass ich auskomme, und
+wie mir's da drueben geht weiss ich _nicht_."
+
+"Aber Freund," rief Herr Weigel verwundert -- "ein Mann der fleissig
+arbeitet bringt es dort immer zu was. Wetter noch einmal, Meister, Amerika
+ist gerade der Platz fuer Euch, wo Ihr Euch ruehren und ausbreiten koenntet --
+wenn Ihr dort waeret, ein geschickter Arbeiter wie Ihr! in fuenf Jahren
+haettet Ihr zwanzig Gesellen."
+
+"Meister Leupold nickte langsam mit dem Kopf, und sah ein paar Secunden
+still vor sich nieder, als ob das Bild mit der grossen Werkstaette und dem
+regen Treiben sich vor seinem inneren Geist eben auszubreiten beginne,
+dann aber sagte er, jetzt herzhaft aufseufzend -- "
+
+"Und es geht doch nicht, Herr Weigel -- ich habe die alte Mutter zu Hause,
+die ich unmoeglich hier allein zurueck lassen koennte -- "
+
+"Hierlassen? das fehlte auch noch," rief der Agent -- "die nehmt Ihr mit,
+Mann -- koennt Ihr der denn eine groessere Freude machen, als wenn sie noch
+vor ihrem Ende saehe wie wohl es Euch geht auf der Welt, und wie sich Euer
+Zustand mit jeder Woche, mit jedem Tage fast bessert? -- Muss sie hier nicht
+in Sorge und Kummer leben dass Ihr einmal krank werdet und Nichts verdienen
+koennt, und wie sieht's dann aus?"
+
+"Wenn ich aber nun dort drueben krank werde?" sagte der Meister leise.
+
+"Wenn das nur nicht gleich die ersten Monate geschieht und fuer ein Unglueck
+kann Niemand" -- warf dagegen Herr Weigel ein, "so koennt Ihr Euch auch
+schon so viel gespart haben, das eine Weile mit ruhig anzusehn; und wenn
+Ihr nicht krank werdet, seid Ihr in ein paar Jahren ein wohlhabender
+Mann."
+
+"Es ist eine verwuenschte Geschichte mit dem Amerika," seufzte der Mann
+wieder, sich hinter dem Ohr kratzend -- "man hoert so viel davon, und sieht
+eine solche Masse Menschen hinueberziehen, die alle voller Hoffnung sind
+dass es ihnen gut geht -- und moechte am Ende ebenfalls gern mit -- wenn man
+nur erst so einmal hinuebergucken koennte wie es eigentlich aussieht."
+
+"Dazu ist es ein Bischen zu weit," meinte Herr Weigel.
+
+"Ja nun eben," sagte der Tischler -- "und so auf's gerathewohl -- "
+
+"Das koennt Ihr aber nicht auf's gerathewohl nennen, wo wir alle Tage
+Briefe von drueben herueber bekommen, von denen einer immer besser lautet
+als der andere. Da -- hier liegt gleich einer, der letzte den ich bekommen
+habe, wo ein Deutscher, den ich selber hinueberbefoerdert, und dem es jetzt
+ausgezeichnet gut geht, an mich schreibt, und ein oder zwei gute gelernte
+Schaafknechte haben will; lesen Sie einmal den Brief."
+
+Leupold legte seine Muetze wieder hin, nahm den Brief und las ihn
+aufmerksam durch; er nickte dabei mehrmals mit dem Kopf, und sah dann
+wieder zu dem Agenten auf, der ihn indessen mit einem triumphirenden
+Laecheln betrachtet hatte.
+
+"Nun?" frug der Letztere, als Jener das Schreiben beendet und wieder
+zusammenfaltete -- "wie klingt das?"
+
+"_Sehr_ gut" sagte Leupold leise, "aber -- es hilft mir doch Nichts. Wenn
+ich jetzt mein kleines Haeuschen, das ich mir mit Muehe und Noth
+zusammengespart und aufgebaut, auch verkaufen wollte; faende ich erstlich
+keinen Kaeufer, und dann bekaem ich auch das nicht dafuer wieder, was es mich
+selber gekostet; wie gesagt, der Sperling in der Hand ist doch wohl besser
+wie die Taube auf dem Dache."
+
+"Bah, Taube," sagte Herr Weigel muerrisch -- "wenn die Taube auf dem Dach
+eben so fest und sicher sitzen bleibt bis man sie holen kann, wie Amerika
+ruhig liegt, und auf die wartet die hinueber kommen, so ist sie mir lieber
+wie ein erbaermlicher Sperling, zum Sterben zu viel, und zum Leben zu
+wenig; aber -- ueberlegt's Euch -- ah da kommt der Brieftraeger -- 'was fuer
+mich?"
+
+"Nun guten Morgen Herr Weigel," sagte der Tischler und wollte sich eben
+entfernen, waehrend der Brieftraeger dem Agenten mehrere fuer ihn gekommene
+Briefe ueberreichte.
+
+"Siebzehn Silbergroschen drei Pfennige" sagte er dabei.
+
+"_Siebzehn_ Silbergroschen?" rief Herr Weigel verwundert -- "aha da ist ein
+Amerikaner dabei -- halt, wartet noch einmal einen Augenblick Leupold" -- da
+ist vielleicht gleich noch was fuer uns, und was ganz Neues -- wollen gleich
+einmal sehn was die Leute schreiben. Wahrscheinlich wieder von Jemand den
+ich hinueber befoerdert habe, und der sich jetzt bedankt -- das kostet aber
+viel Geld -- "
+
+"Apropos Neues," sagte Leupold, waehrend der Agent den Brieftraeger bezahlt
+hatte und seine Papierscheere vom Tisch nahm, den Amerikanischen Brief
+aufzuschneiden -- "haben Sie schon gehoert dass gestern Nachmittag bei Herrn
+Dollinger eingebrochen und fuer sieben tausend Thaler Gold und Juwelen
+gestohlen sind?"
+
+"Alle Wetter," rief Herr Weigel, mit der zum Schnitt ausgehaltenen Scheere
+in der Hand -- "gestern Nachmittag?"
+
+"Am hellen Tage," bestaetigte Leupold.
+
+"Und weiss man nicht wer der Thaeter ist?"
+
+"Sie haben den einen Comptoirdiener in Verdacht und auch schon
+eingezogen," sagte der Tischler.
+
+"Gewiss den Lossenwerder," rief Weigel.
+
+"Ich glaube so heisst er -- er ist ein wenig verwachsen -- "
+
+"Und schielt -- derselbe, ich habe den Burschen von jeher nicht leiden
+koennen; hat mir auch schon ein paar Mal Kunden abspenstig gemacht, aus
+reinem Brodneid; ich wuesste wenigstens sonst nicht weshalb, und habe ihn
+dabei stark in Verdacht, dass er selber damit umgeht eine Agentur fuer
+Auswanderer zu errichten. Da koennte Jeder hergelaufen kommen, ohne Briefe,
+ohne Connexionen und ohne Kenntniss vom Land -- schickte nachher die Leute
+in's Blaue hinein, dass sie dort saessen und nicht wuessten wo aus noch ein. Na
+nun, wird ihm das Handwerk wohl gelegt werden; ich goenne nicht gern einem
+Menschen etwas Uebles, aber bei dem freut mich's dass sie's wenigstens
+herausbekommen haben, und er seine Schurkerei nicht mehr heimlich
+forttreiben darf. Ist denn das Geld schon wieder gefunden?"
+
+"So viel ich weiss nicht, einige hundert Thaler ausgenommen, von denen aber
+der Mann betheuert dass er sie sich gespart haette; es ist uebrigens Manches
+dabei zusammengekommen was ihn verdaechtig macht; das Naehere weiss ich
+freilich nicht."
+
+"Hm, hm, hm," sagte Herr Weigel, kopfschuettelnd den Brief, den er noch
+immer in der Hand hielt, anschneidend -- "boese Geschichten -- boese
+Geschichten, was man nicht Alles hoert auf der Welt. -- Nun wollen wir also
+einmal sehen was der Herr da aus Amerika schreibt -- hm -- Washington
+County, Tennessee den siebenten Januar 18 -- alle Wetter der Brief ist
+lange unterwegs gewesen -- Herrn F. G. Weigel in Heilingen, Hauptagent der
+Central-Auswanderungs- und Colonisations-Gesellschaft in Deutschland --
+ahem -- Sie nichtsw -- hm -- Sie haben -- hm -- vor allen Dingen -- hm -- hm --
+hm -- hm" -- Herrn Weigels Gesicht verlaengerte sich immer mehr, je weiter er
+in seiner, wie es schien nicht eben angenehmen Lectuere vorrueckte, aber er
+brach mit dem Lautlesen des Inhalts, dessen Einleitung unerwarteter Weise
+hoechst derber Art war, schon gleich nach den ersten Sylben ab, und
+murmelte, das Ganze nur fluechtig ueberfliegend, blos einzelne
+unzusammenhaengende Worte, aus denen Leupold Nichts herausfinden konnte,
+vor sich hin.
+
+"Nun, was schreiben sie?" sagte dieser endlich laechelnd; er waere schon
+lange gegangen, wenn ihn Weigel nicht eben zurueckgehalten haette -- "gute
+Neuigkeiten?"
+
+"Bah!" sagte Herr Weigel, den Brief zurueck auf seinen Schreibtisch werfend
+-- "Jemand der seine Geschwister will hinuebergeschickt haben und mich
+ersucht das Geld fuer ihn auszulegen. Da muesst' ich schoene Capitale
+herumstehn haben, wenn ich allen Leuten umsonst wollte die Familie
+nachschicken. Nachher sitzt der mitten im Land drin, und ich kann ihn dann
+suchen."
+
+"Ne, das ist ein Bischen viel verlangt," sagte der Meister, wieder nach
+der Klinke greifend -- und diessmal hielt ihn Herr Weigel nicht zurueck --
+"aber nun leben Sie auch recht wohl, und verlassen Sie sich darauf ich
+besorge Ihnen das heute noch."
+
+"Sein Sie so gut," sagte der Agent -- er war auf einmal ganz einsylbig
+geworden, und Meister Leupold verliess mit nochmaligem Gruss das Zimmer, in
+dem jetzt Herr Weigel mit in die Tasche geschobenen Haenden, aber
+keineswegs mehr so guter Laune als vorher, raschen, heftigen Schrittes auf
+und ab ging.
+
+"Und vierzehn Groschen bezahlt fuer den Wisch -- es ist eine Frechheit
+wahrhaftig, die in's Bodenlose geht. Lumpengesindel! glaubt die gebratenen
+Tauben sollen ihm da in's Maul fliegen, so bald sie's nur aufsperren." Und
+wieder riss er den Brief vom Pult, rueckte sich die Brille zurecht, und las
+mit halblauter, aber heftiger Stimme den Inhalt noch einmal, und zwar
+aufmerksamer durch als vorher.
+
+"Sie nichtswuerdiger Hallunke" -- wenn ich Dich nur hier haette mein Bursche,
+dafuer solltest Du mir brummen -- "schaendlich betrogen und angefuehrt" -- wozu
+hat Dir denn der liebe Gott die grossen Glotzaugen gegeben, wenn Du sie
+nicht aufsperren willst -- "Land eine Wueste" -- na versteht sich, ein
+Gewaechshaus hab' ich ihm nicht verkauft -- "Haelfte gar nicht zu bekommen" --
+Holzkopf -- "kein Mensch wollte die Billete nehmen" -- bah, geschieht Dir
+recht -- "Wohngebaeude zu schlecht fuer einen Hund" -- fuer Dich noch immer
+viel zu gut, mein Schatz -- "wenn Sie nur einmal herueber kaemen, Sie
+miserabeler" -- bah" -- unterbrach sich Herr Weigel in dieser nichts weniger
+als schmeichelhaften Lectuere, indem er den Brief in zwei Haelften riss, und
+sich dann ein Streichhoelzchen mit einem Gewaltstrich an der Thuer
+entzuendete "so viel fuer den Wisch!" und das Papier anbrennend, warf er das
+auflodernde in den Ofen, und schloss die Klappe so heftig er konnte.
+
+Allerdings wollte er sich nun ueber den Brief hinwegsetzen, aber geaergert
+hatte er sich doch, und Rock und Stiefeln anziehend drueckte er sich seinen
+Hut in die Stirn, griff seinen Stock aus der Ecke, und verliess sein
+Bureau, das er sorgfaeltig hinter sich abschloss, und eine kleine Pappe
+mitten an die Thuer hing, auf der die Worte standen.
+
+"Kommt um elf Uhr wieder."
+
+
+
+
+
+ Capitel 6.
+
+
+ DIE WEBERFAMILIE.
+
+
+Nicht weit von Heilingen, und in Hoerweite der Domglocke selbst, in
+ziemlich bergigem, aber unendlich malerischem Land, lag ein kleines armes
+Dorf, dessen Bewohner, da ihre Felder gerade nicht zu den besten gehoerten,
+sich kuemmerlich, aber meist ehrlich, mit verschiedenen Handwerken und
+Gewerben, mit Holzschnitzen wie auch hie und da mit dem Webstuhl,
+ernaehrten. Das Dorf hiess eigentlich "Zur Stelle", welchen Namen aber die
+Bewohner im Laufe der Zeit, und mit Huelfe ihres Dialekts, zu dem von
+_Zurschtel_ umgearbeitet hatten, und mochte etwa dreissig Haeuser und
+Huetten, mit der doppelten Anzahl von Familien, wie der sechsfachen von
+Kindern zaehlen. Es ist eine wunderliche Thatsache, dass man in den
+aermlichsten Distrikten stets die meisten Kinder findet.
+
+Mitten im Dorf lag eins der besseren Haeuser; es war weiss getuencht, und
+hinter den sauber gehaltenen Fenstern hingen weisse, reinliche Gardinen.
+Vor dem Hause, ueber dessen Thuere ein frommer Spruch mit rothen und gruenen
+Buchstaben angeschrieben war, stand ein Brunnen- und Roehrtrog, und ein
+kleiner Koven an der Seite desselben, zeigte in der nach aussen befestigten
+Klappe des Futterkastens dann und wann den schmuzigen Ruessel eines seine
+Kartoffelschalen kauenden Schweines. Auch ein ordentlich gehaltenes Staket
+umgab das Haus wie den kleinen Hofraum, und die Wohnung stach sehr zu
+ihrem Vortheil gegen manche der Nachbarhaeuser ab.
+
+Im Inneren selber sah es ebenfalls sehr reinlich, aber nichtsdestoweniger
+sehr aermlich aus. In der einen Ecke stand ein grosser, viereckiger, sauber
+gescheuerter Tisch aus Tannenholz, an zweien der Waende waren Baenke aus dem
+naemlichen Material befestigt, und um den grossen viereckigen Kachelofen,
+der fast den achten Theil der Stube einnahm, hingen verschiedene
+Kochgeraethschaften, waehrend auf darueber angebrachten Regalen die braunen
+Kaffeekannen und gebluemten Tassen gewissermassen mit als Zierrath zur Schau
+ausstanden. Die dritte Ecke fuellte der Webstuhl des Mannes aus, und dem
+gegenueber stand eine riesengrosse, braunangestrichene Kommode, mit
+Messinghenkeln und Griffen und fuenf Schiebladen, die, mit wirklich
+ruehrender Eitelkeit als eine Art von Nipptisch benutzt, zwei mit bunten
+Blumen bemalte Henkelglaeser, eine vergoldete Tasse mit der Aufschrift "der
+guten Mutter" -- ein Geschenk aus frueherer Zeit -- und ein gelb irdenes aber
+allerdings sehr wenig benutztes Dintenfass trug, waehrend dahinter, in zwei
+ordinairen Stangenglaesern, in dem einen Schilfbluethenbueschel, und in dem
+anderen grosse stattliche Aehren von Roggen, Waizen, Gerste und Hafer
+standen, zur Erinnerung an eine fruehere segensreiche Erndte.
+
+Die Bewohner der kleinen Stube passten genau in ihre Umgebung; es war eine,
+nicht mehr ganz junge aber doch ruestige Frau, in die nicht unschoene
+Bauertracht der dortigen Gegend gekleidet, die an ihrem Spinnrad sass und
+eifrig das Raedchen schnurren liess, waehrend die rechte Hand manchmal eine
+neben ihr stehende Wiege beruehrte, den darin ruhenden kleinen Saeugling,
+der immer wieder die grossen dunklen Augen zu ihr aufschlug, endlich in
+Schlaf zu bringen. Sie war reinlich, aber in die groebsten Stoffe
+gekleidet, ebenso der Bube von etwa vier Jahren, der ihr zu Fuessen mit
+einer kleinen Mulde auf dem ueber die Diele gestreuten Sand "Schiff"
+spielte.
+
+Ausserdem war noch eine vierte Person im Zimmer, die alte Mutter der Frau,
+eine Greisin von nahe an siebzig Jahren, die auch noch ihr Spinnrad
+drehte, sich aber mit dem hinter den noch warmen Ofen gesetzt hatte, weil
+ihr das heutige nasskalte, unfreundliche Wetter froestelnd durch die alten
+Glieder zog. Es war eine gutmuethige, aber muerrische alte Frau, selten
+zufrieden mit dem was sich ihr gerade bot, und unermuedlich darin, sich und
+ihren Kindern die Last vorzuwerfen die sie ihnen mache, und den lieben
+Gott taeglich zu bitten dass er sie doch bald zu sich naehme. Nur eine
+kleine, ganz kurze Frist erbat sie sich immer noch -- dann wollte sie gerne
+sterben. Erst; wie das Aelteste geboren war, wollte sie das noch gerne
+laufen sehn; dann haette sie gern erlebt wie es zum ersten Mal in die
+Schule ging; dann war es Fruehjahr geworden und sie hoffte nur noch einmal
+neue Kartoffeln zu essen, zu Jacobi aber wollte sie noch einmal von dem
+Pflaumenbaum die Fruechte kosten, den ihr "Seliger" noch gepflanzt. Wie der
+Herbst kam wuenschte sie im Fruehjahr begraben zu werden, und die knospenden
+Maiblumen weckten den Wunsch nach den Astern, ihrer Lieblingsblume, von
+denen sie sich eigenhaendig ein schmales Beet in den kleinen Garten dicht
+am Hause gepflanzt. So lebt und webt die Hoffnung in unseren Herzen mit
+immer neuer, nie sterbender Kraft, und je aelter wir werden, desto mehr
+lernen wir die schoene Erde lieb gewinnen, desto mehr klammern wir uns an
+sie, und wollen uns gar nicht mehr von ihr trennen.
+
+Der Tag neigte sich dem Abend zu; der Mann war in die Stadt gegangen seine
+Steuern zu zahlen, und Manches einzukaufen was sie nothwendig im Hause
+brauchten -- zum Ersatz dafuer hatte er das zweite Schwein, das sie bis
+dahin gehalten, hineingetrieben, und der Erloes sollte seine Ausgaben
+bestreiten.
+
+Der Regen wurde jetzt wieder heftiger, die grossen schweren Tropfen
+schlugen gegen das Fenster, und das Kind wurde vollstaendig munter und fing
+an zu schreien. Die Mutter schob ihr Spinnrad zurueck, nahm das Kleine aus
+der Wiege, und ging damit traellernd im Zimmer auf und ab. Die Alte spann
+indess ruhig weiter, und suchte mit zitternder leiser Stimme ein
+geistliches Lied zu singen, und mit dem Rad trat sie den Takt dazu. Sonst
+sprach keine ein Wort.
+
+Endlich wurde die Hausthuer geoeffnet, Jemand kam von draussen herein, und
+strich sich die Fuesse auf den Steinen und der Strohdecke ab, und sie hoerten
+gleich darauf wie der zurueckkehrende Vater und Gatte seinen grossen
+rothblauwollenen Schirm auf die Steine stiess, das Wasser so viel wie
+moeglich davon abzuschuetteln, und den Mantel auszog und ueber den grossen
+Schleifstein hing der draussen im Flur stand, wie er das gewoehnlich that.
+Die Frau oeffnete rasch die Thuer den Mann zu begruessen, der den Hut abnahm,
+sich die nassen Haare aus der Stirn strich, und das Kind kuesste, das sie
+ihm entgegenhielt.
+
+"Jesus ist das ein Wetter, Gottlieb," sagte sie dabei, als sie ihm den Hut
+aus der Hand nahm und neben den Ofen an den Nagel hing, "komm nur herein,
+dass Du 'was Trockenes auf den Leib bekommst; wo hast Du denn den Jungen? --
+ist er nicht bei Dir?" setzte sie, fast aengstlich, hinzu.
+
+"Er ist draussen bei Lehmann's hineingegangen, denen wir ein paar Sachen
+aus der Stadt mitgebracht," sagte der Mann -- "wird wohl gleich kommen --
+wie geht's Frau? -- wie geht's Mutter? -- ha, das regnet einmal heute was
+vom Himmel herunter will; was nur d'raus werden soll wenn das Wetter so
+fort bleibt. Ein paar gute trockene Tage haben wir gehabt, und jetzt
+wieder Guss auf Guss -- Guss auf Guss, als ob sie uns unsere paar Stuecken Feld
+noch hinunter in die Wiesen waschen wollten. Von dem einen Acker ist die
+Saat schon halb fortgespuelt -- wenn dasmal das Korn misraeth, weiss ich nicht
+wo der arme Mann das Brod hernehmen soll."
+
+"Klag nicht, Gottlieb," sagte aber die Frau freundlich -- "es geht noch
+Vielen schlechter wie uns, und was sollen da die _ganz_ armen Leute sagen.
+Lieber Gott, es ist viel Noth in der Welt, und wer heut zu Tage eben sein
+Auskommen und ein Dach ueber dem Kopf hat und gesund ist, sollte sich nicht
+versuendigen."
+
+Sie hatte dabei das Kind auf die Erde gesetzt, holte den Topf aus der
+Roehre, in der, trotz der vorgerueckten Jahreszeit, noch ein Feuer brannte,
+der alten, froestelnden Mutter wegen, und goss den darin heiss gehaltenen
+Kaffee -- sie nannten das braune Getraenk von gebrannten gelben Rueben und
+Gerste wenigstens so -- in die eine braune Kanne, damit sich der Mann, der
+den ganzen Tag draussen im Regen herumgezogen war, daran erquicken koenne.
+Zugleich auch deckte sie ein weisses Tuch ueber den Tisch, auf den sie noch
+Butter und Brod stellte, die versaeumte Mittagsmahlzeit wenigstens in etwas
+nachzuholen. Der Mann setzte sich an den Tisch, schenkte sich eine Tasse
+Kaffee ein, in den ihm die Frau die Milch goss, und schnitt sich ein grosses
+Stueck Brod ab, das er mit Butter bestrich und verzehrte. Er sprach kein
+Wort dabei, und beendete still seine Mahlzeit, schob dann die Tasse und
+den Butterteller zurueck, nahm das Kleinste, das die Mutter zu ihm auf die
+Erde gesetzt hatte, herauf auf sein linkes Knie, blieb, den rechten
+Ellbogen auf den Tisch gestuetzt, den Kopf gegen die Wand gelehnt,
+regungslos sitzen, und schaute still und schweigend nach dem Fenster
+hinueber, an das die Regentropfen immer noch, vom Wind draussen gepeitscht,
+hohl und heftig anschlugen.
+
+Die Frau hatte ihn eine ganze Zeit lang mit scheuem Blick betrachtet; es
+war irgend etwas vorgefallen, aber sie wagte nicht zu fragen, denn
+Gottlieb, so seelensgut er auch sonst sein mochte, hatte doch auch seine
+"verdriesslichen Stunden" und war dann, wenn gestoert, oft rauh und
+unfreundlich; aber eine eigene Angst ueberkam sie ploetzlich. Ihr aeltester
+Sohn -- der Hans -- war nicht mit zu Hause gekommen -- konnte dem -- heiliger
+Gott, wie ein Stich traf es sie in's Herz und sie sprang erschreckt von
+ihrem Stuhl auf und auf den Mann zu.
+
+"Gottlieb -- um aller Heiligen Willen wo ist der Hans? -- es ist -- es ist
+ihm doch nicht etwa ein Unglueck geschehn?"
+
+"Der Hans?" sagte der Mann aber ruhig und sah erstaunt zu ihr auf, "was
+faellt Dir denn ein? was soll denn dem Hans zugestossen sein? ich habe Dir
+ja gesagt dass er bei Lehmann's etwas abgegeben hat, und dort
+wahrscheinlich das Wetter abwarten wird."
+
+"Ich weiss nicht," sagte die Frau, der dadurch allerdings eine Centnerlast
+von der Seele gewaelzt wurde -- "aber Du bist so sonderbar heut Abend, so
+still und ernst, und da schlugs mir wie ein Schreck in die Glieder, ueber
+den Hans. Ist etwas vorgefallen Gottlieb? -- "
+
+Gottlieb schuettelte den Kopf langsam und sagte. -- "Nicht dass ich wuesste --
+nichts Besonderes wenigstens, oder nichts Anderes, als was jetzt alle Tage
+vorfaellt -- Geld zahlen."
+
+"War es denn so viel?" sagte die Frau leise und schuechtern.
+
+Der Mann schwieg einen Augenblick und sah still vor sich nieder; endlich
+erwiederte er seufzend:
+
+"Das Schwein ist d'rauf gegangen, und vier Thaler Siebzehn Groschen sind
+immer noch mit Gerichtskosten und der alten Processgeschichte mit der
+Brueckenplanke, mit der ich eigentlich gar Nichts mehr zu thun hatte,
+stehen geblieben, und ich muss sie bis zum ersten Juli nachzahlen, unter
+Androhung von Pfaendung."
+
+"Nun lieber Gott," sagte die Frau troestend -- "wenn das das Schlimmste ist,
+laesst sich's noch ertragen; da verkaufen wir eben das andere Schwein und
+behelfen uns so. Wie wenig Leute im Dorf haben ueberhaupt eins zu
+schlachten, und leben doch; warum sollen wir nicht eben so gut ohne eins
+leben koennen als die."
+
+"Ja," sagte der Mann leise und still vor sich hin bruetend -- "verkaufen und
+immer nur verkaufen, ein Stueck nach dem anderen, und waehrend wo anders die
+Leute mit jedem Jahr ihr kleines Besitzthum vergroessern, und fuer ihre
+Kinder etwas zuruecklegen koennen, sieht man es hier mehr und mehr
+zusammenschmelzen, unter Mueh und Plack das ganze Jahr lang."
+
+"Aber kannst Du's aendern?" sagte die Frau leise und fuhr, wie der Mann
+schwieg und mit der Faust die Stirn stuetzend vor sich nieder starrte,
+schuechtern fort -- "arbeitest Du nicht von frueh bis spaet fleissig und
+unverdrossen? goennst Du Dir eine Zeit der Ruhe, wo Dich irgend eine
+noethige Beschaeftigung ruft, und haben wir uns etwa das Geringste
+vorzuwerfen?"
+
+"Nein," sagte der Mann, waehrend er die Hand auf den Tisch sinken liess und
+die Frau voll und fest ansah -- "nein, aber das ist es ja eben, was mir am
+Leben frisst. Wir koennen nicht mehr arbeiten, nicht mehr verdienen wie wir
+jetzt thun, und jetzt sind wir noch jung und kraeftig, unsere Kinder noch
+klein und gesund, und dennoch geht es mit jedem Jahr zurueck, wird es mit
+jedem Jahr schlechter und schlimmer. Wie nun soll das werden, wenn uns
+erst einmal Krankheit heimsuchte, wenn die Kinder heranwachsen und mehr
+brauchen, wenn wir selber aelter werden und nicht mehr so zugreifen koennen
+wie jetzt? -- Schon jetzt koennen wir uns nicht mehr in der theueren Zeit
+oben halten -- das eine Schwein ist verkauft, das andere wird noch fort
+muessen; unser Acker ist kleiner geworden in den letzten zehn Jahren,
+unsere Beduerfnisse aber sind gewachsen -- wie soll das enden?"
+
+"Aber Gottlieb," sagte die Frau freundlich -- "wie kommen Dir jetzt doch
+nur solche Grillen? haben Dir die paar Thaler Steuern den Kopf verdreht?
+Mann, Mann, Du bist doch sonst so ruhig, und hast immer vertrauungsvoll in
+die Zukunft gesehn, wie sind Dir auf einmal solche schwarze Gedanken durch
+den Sinn gefahren?"
+
+Die alte Mutter hatte, schon so lange wie die Beiden mit einander
+gesprochen, ihr Spinnrad ruhen lassen, und dem Gespraech aufmerksam
+zugehoert; dabei schuettelte sie fortwaehrend mit dem Kopf, und sagte endlich
+mit ihrer schrillen, scharf klingenden Stimme:
+
+"Ja wohl, ja wohl -- das Geld wird rar und das Brod theuer, und mehr Maeuler
+kommen -- mehr Maeuler sind da zum Verzehren, wie zum Verdienen. Schlagt
+mich todt; schlagt mich todt dass ich weg komme aus dem Weg und Euch Platz
+mache -- schlagt mich todt."
+
+"Mutter," bat die Frau, in Todesangst dass sie dem Manne mit solcher Rede
+wehe thun wuerde, denn _er_ gerade hatte sie immer auf das Freundlichste
+behandelt, und Alles gethan was in seinen Kraeften stand, ihr jede
+Erleichterung, die ihr Alter bedurfte, zu verschaffen -- "wie duerft Ihr nur
+so etwas reden; versuendigt Ihr Euch denn nicht?"
+
+"Wir haben noch genug fuer uns Alle Mutter," sagte aber der Mann
+freundlich, der ihre Launen kannte und der alten Frau nicht wehe thun
+mochte -- "nur fuer spaetere Zeit ist mir bange; Sie aber waeren die Letzte
+die darunter leiden sollte. Wir werden Alle alt, und wenn wir unsere
+Schuldigkeit in unserer Jugend gethan, wie Sie, dann ist es nicht mehr wie
+Pflicht und Schuldigkeit der Juengeren fuer ihre Eltern zu sorgen -- wenn sie
+nicht auch einmal wieder von ihren Kindern wollen verlassen werden."
+
+Die Alte war wieder still geworden, sah noch eine Zeit lang vor sich
+nieder, und begann dann auf's Neue ihre Arbeit, aber die Frau fuhr fort
+und sagte, fast mit einem leisen Vorwurf im Ton zu ihrem Mann.
+
+"Siehst Du Gottlieb, das hast Du nun davon mit Deinen trueben und traurigen
+Ideen; Du machst Dir und mir und der Mutter nur das Herz schwer, und
+nuetzest und hilfst doch Nichts. Der liebe Herr Gott da oben wird's schon
+machen und lenken; Er hat die Welt so viele Jahrhunderte hindurch in ihrer
+Bahn gehalten, und die Menschen darauf geschirmt und gepflegt, wie unser
+Herr Pastor sagt, Er wird's auch schon weiter thun, und wir duerfen uns
+eigentlich gar nicht sorgen und kuemmern um den "naechsten Tag."
+
+"Doch, doch Frau," sagte aber der Mann, aufstehend und jetzt, die Haende in
+den Hosentaschen, in der Stube auf und ab gehend -- "doch Frau, der Mann
+_muss_, denn wenn er's _nicht_ thaete, waer er ein schlechter Hausvater, und
+ihm allein fielen dann all die schweren Folgen zur Last, die daraus
+entstaenden. Ich kann Dir das nicht so mit Worten deutlich machen, wie
+mir's neulich der Schulmeister, mit dem ich darueber sprach, erklaerte, aber
+der meinte es waere etwa so wie wenn Einer im Wasser waere. Da sei es auch
+nicht genug dass man sich oben hielte an der Luft, und im Kreis herum
+schwaemme eben nur nicht zu ertrinken, das thaete nicht einmal ein
+unvernuenftiges Stueck Vieh; nein des Menschen, des verstaendigen Menschen
+Pflicht sei es sich schon im Wasser nach dem festen Lande umzusehn, ob man
+das nirgends erreichen koenne, denn zuletzt wuerde man da im Wasser, man
+moechte noch so tapfer schwimmen, doch muede, und liessen erst einmal die
+Kraefte nach, dann huelfe auch zuletzt das Schwimmen Nichts mehr, und man
+saenke eben langsam zu Boden."
+
+"Ich verstehe nicht recht was Du damit meinst," sagte die Frau, "aber Du
+siehst mich so sonderbar dabei an -- hast Du noch 'was anderes dahinter?"
+
+"Nein und Ja," sagte der Mann nach kleiner Pause, indem er sich mit dem
+Ruecken an den Ofen lehnte, und langsam dazu mit dem Kopfe nickte,
+"eigentlich nicht, denn Gott da oben weiss dass es wahr ist, und weiss wie,
+und ob's einmal enden kann; aber dann -- dann hab' ich allerdings noch was
+dahinter, denn ich meine -- ich meine -- " er schwieg und es war
+augenscheinlich, er hatte etwas auf dem Herzen, das er sich scheue so mit
+blanken klaren Worten heraus zu sagen, die Frau aber, die eben damit
+beschaeftigt war das Geschirr hinaus zu raeumen, setzte die Kanne wieder auf
+den Tisch, sah den Mann erstaunt an, ging dann langsam zu ihm an den Ofen
+und sagte leise, vor ihm stehen bleibend:
+
+"Geh her, Gottlieb -- Du hast 'was, was Dich drueckt und willst nicht mit
+der Sprache heraus -- es ist irgend noch etwas vorgefallen in der Stadt,
+was Du nicht sagen magst. Du darfst doch nicht _sitzen_?"
+
+"_Sitzen_? -- weshalb?" laechelte der Mann kopfschuettelnd -- "ich habe nie
+etwas Boeses gethan."
+
+"Nun was ist's denn, so sprich doch nur, denn Du aengstigst mich ja mehr
+mit Deinem Schweigen, als wenn Du mir das Schlimmste gleich vornheraus
+erzaehlst -- dem Hans fehlt doch Nichts?"
+
+"Was soll dem Hans fehlen, naerrische Frau -- wenn's aufhoert zu giessen wird
+er schon kommen."
+
+"Und was ist's denn? -- gelt, Du sagst mir's?"
+
+"Ich muss Dir's wohl sagen;" seufzte der Mann, "nun sieh Hanne, ich meine --
+ich habe so darueber nachgedacht, dass es jetzt hier in Deutschland immer
+schlechter wird mit uns -- und dass wir's zu Nichts mehr bringen koennen,
+trotz aller Arbeit, trotz allem Fleiss, und dass jetzt -- dass jetzt doch so
+viele Menschen hinueber ziehen -- "
+
+"Hinueber ziehen?" frug die Frau erstaunt, fast erschreckt, und legte die
+Hand fest auf's Herz, als ob sie die aufsteigende Angst und Ahnung ueber
+etwas Grosses, Schreckliches da hinunter und zurueckdruecken wolle, eh sie zu
+Tage kaeme -- "wo hinueber Gottlieb?"
+
+"Nach Amerika;" sagte der Mann leise -- so leise dass sie das Wort wohl
+nicht einmal verstand, und nur an der Bewegung der Lippen es sah und
+errieth. Wie ein Schlag aber traf sie die Wirklichkeit ihres Verdachts,
+und ohne ein Wort zu erwiedern, ohne eine Sylbe weiter zu sagen, setzte
+sie sich auf den, dicht am Ofen stehenden Stuhl, deckte ihr Gesicht mit
+der Schuerze zu und sass eine lange, lange Weile still und regungslos. Auch
+der Mann wagte nicht zu sprechen -- er hatte den Gedanken wohl schon eine
+Zeit lang mit sich herumgetragen, aber sich immer davor gefuerchtet ihm
+Worte zu geben, sogar gegen sich selbst, wie viel weniger denn gegen die
+Frau. Jetzt war es heraus, und er betrachtete nur scheu die Wirkung die er
+hervorgebracht.
+
+Auch die alte Mutter sass, mit der Hand auf dem Rad das sie im Drehen
+aufgehalten, und horchte nach den Beiden hinueber, was sie mitsammen
+hatten, und wie die so still waren und kein Wort mehr sprachen, mochte es
+ihr auch unheimlich vorkommen und sie sagte laut und muerrisch:
+
+"Nun Gottlieb was giebt's -- was hast wieder Du mit der Hanne -- was habt
+Ihr denn dass Ihr so still und heimlich thut -- macht Einem nicht auch noch
+Angst unnuetzer Weise -- was ist nun wieder los?"
+
+"Ja Mutter," sagte der Mann jetzt, der sich gewaltsam Muth fasste ueber das,
+was nun doch nicht laenger mehr verschwiegen bleiben konnte und besprochen
+werden _musste_, auch laut zu reden, dass er's vom Herzen herunter bekam --
+"es geht mit uns hier den Krebsgang, und ich habe eben zu Hannen gesagt
+dass uns zuletzt nichts anderes uebrig bleiben wuerde als -- als es eben auch
+wie andere zu machen, und -- "
+
+"Und? -- und was zu machen?" frug die alte Frau gespannt --
+
+"Als _auszuwandern_," sagte der Mann mit einem ploetzlichen Ruck und
+seufzte dann tief auf, als ob er selber froh waere es los zu sein.
+
+"Herr Du meine Guete!" rief die alte Frau, liess die Haende erschreckt in den
+Schooss sinken und lehnte sich in ihren Stuhl zurueck, waehrend ihr alle
+Glieder am Leibe flogen -- "Herr Du meine Guete!" wiederholte sie noch
+einmal, und die Finger falteten sich unwillkuerlich zusammen, so hatte sie
+der Schreck getroffen.
+
+"Auswandern," sagte aber auch jetzt Gottliebs Frau mit tonloser Stimme,
+und liess die Schuerze vom Gesicht herunterfallen -- "auswandern, das ist ein
+schweres -- schweres Wort Gottlieb -- hast Du Dir das auch recht -- recht
+reiflich ueberlegt?"
+
+"Tag und Nacht die ganze letzte Woche hindurch," rief aber der Mann, der
+jetzt, da das Eis einmal gebrochen war, wieder Leben und Waerme gewann.
+"Wie ein Muehlstein hat's mir auf der Seele gelegen, und ich habe lange und
+tapfer dagegen angekaempft, aber es waere das Beste fuer uns, was wir auf der
+weiten Gotteswelt thun koennten; und wenn auch nicht einmal fuer uns, wenn
+wir selber auch schwere und bittere Zeiten durchzumachen haetten, doch fuer
+die Kinder, die einmal den Segen erndten, den wir mit unserem Schweiss,
+unseren Thraenen gesaeet."
+
+"Auswandern? ja," sagte aber jetzt die Grossmutter, mit dem Kopfe nickend
+und schuettelnd, als ob sie den schrecklichen Gedanken wieder von sich
+abwerfen wollte -- "ja wohin es euch luestet, aber erst wenn ich todt bin.
+Die paar Tage muesst Ihr noch hier bleiben die ich noch zu leben habe, oder
+sonst schlagt mich todt, werft mich in's Wasser, oder schlagt mich mit dem
+Beil auf den Kopf dass ich fortkomme, und hier auf dem Kirchhof unter der
+alten Linde liegen kann, wo der Leberecht liegt. In der Welt koennt Ihr
+mich doch nicht mehr umherschleppen, und nutz bin ich auch Nichts mehr,
+wie das mit zu verzehren was andere verdienen. Wenn Ihr jetzt fort wollt
+schlagt mich vorher todt."
+
+"Ach Mutter wenn Sie nur nicht gar so haesslich reden wollten," sagte die
+Frau traurig, waehrend der Mann wieder zum Tisch ging, sich dort auf den
+Stuhl setzte, und den Kopf in die Hand stuetzte -- "Sie sind noch wohl und
+ruestig und werden, will's Gott, noch manches Jahr leben und sich Ihrer
+Kinder freuen. Wo die dann hin ziehen und sich ihr Brod suchen muessen, da
+gehoeren Sie auch hin, und was die verdienen, das haben Sie auch verdient
+mit Muehe und Noth und banger Sorge schon vor langen Jahren, wie wir noch
+klein und unbehuelflich waren, wie unsere Kinder jetzt."
+
+"Wozu mich mitnehmen," sagte aber die Frau, stoerrisch dabei mit dem
+Oberkoerper herueber und hinueber schwankend, "unterwegs muesstet Ihr mich doch
+aus dem grossen Schiff hinaus in's Wasser werfen, die Fische zu fuettern.
+Bleibe im Lande und naehre Dich redlich, das ist _mein_ Spruch und meines
+Leberecht Spruch von alter Zeit her gewesen, und wir haben uns wohl dabei
+befunden, aber das junge Volk jetzt will immer alles anders haben, will
+oben zur Decke 'naus und fliegen und schwimmen, anstatt huebsch auf der
+Erde und im alten Gleis zu bleiben. Warum ist's denn frueher gegangen? --
+nein Gott bewahre, jetzt soll Alles mit Eisenbahnen und Dampf gehen und
+keine Geduld, keine Ausdauer mehr; nur fort, immer gleich fort, in die
+Welt hinein und mit dem Kopf gegen die Wand -- schlagt mich todt, dann seid
+Ihr mich los und koennt hingehn wohin Ihr wollt."
+
+Und die alte Mutter stand auf, rueckte ihr Spinnrad bei Seite, und
+humpelte, noch immer vor sich hin murmelnd und grollend, aus der Stube
+hinaus.
+
+"Sie meint es nicht so boes, Gottlieb," sagte die Frau zu dem Mann tretend
+und ihre Hand auf seine Schulter legend, "es ist eine alte Frau die an
+ihrer Heimath mit ganzem Herzen haengt und sich vor der Reise fuerchtet."
+
+"Und Du nicht, Hanne?" rief der Mann sich rasch nach ihr umdrehend, und
+ihre Hand ergreifend -- "Du nicht? Du wuerdest Dich dazu entschliessen koennen
+unsere Heimath hier, unser Haeuschen, unser Feld zu verlassen, und mit mir
+und den Kindern ueber das weite Meer zu fahren, in eine fremde Welt?"
+
+Die Frau schwieg und ihre Hand zitterte in der des Mannes -- endlich sagte
+sie leise -- "So weit fort? -- und muss es denn sein, ist es denn gar nicht
+moeglich mehr, dass wir hier gut und ehrlich durchkommen durch die Welt,
+wenn wir uns auch ein Bischen knapper einrichten wie bisher? Ach Gottlieb,
+es ist gar hart so von zu Hause fortzugehn, die Thuer zuzuschliessen und zu
+denken dass man nun nie und nimmer wieder dahin zurueckkommt -- "
+
+Der Mann nickte traurig mit dem Kopf und sagte endlich:
+
+"Du hast recht Hanne; es ist ein schwerer, recht schwerer Schritt, und man
+sollte ihn sich wohl vorher ueberlegen ehe man ihn thut, denn zurueck kann
+man nicht wieder, wenn man nicht wenigstens Alles opfern will, was Einem
+bis dahin noch zu eigen gehoert hat. Thun wir aber recht nur allein an uns
+zu denken? -- Sieh, wir schleppen uns vielleicht noch wenn auch kuemmerlich,
+doch ehrlich, durch, bis wir einmal sterben, und wenn es auch hart ist,
+dass es Einem nachher im Alter schlechter gehn soll wie in der Jugend,
+brauchten wir doch gerade keine Furcht zu haben dass wir verhungerten; aber
+die Kinder -- die Kinder -- was wird aus denen? Unser kleines Grundstueck ist
+die Jahre ueber kleiner und kleiner geworden; mit dem Geschaeft geht's auch
+kuemmerlicher wie bisher -- neue, geschicktere Arbeiter, junge Burschen die
+noch keine Familie haben und weniger brauchen, sitzen in den Doerfern
+herum, und die Fabriken und Maschinen geben uns ohnedies den Todesstoss.
+Stahl und Holz braucht Nichts zu essen und arbeitet unermuedet Tag und
+Nacht durch, und die Raeder und Walzen und Haemmer klopfen und drehen und
+schwingen ununterbrochen fort gegen den Schweiss des armen Arbeiters der
+darueber zu Grunde geht. Ich murre auch nicht darueber, es muss wohl schon so
+recht sein, denn Gott hat's den Menschen selber gelehrt und die Welt muss
+vorwaerts gehn -- wir aelteren Leute koennen uns aber eben nicht mehr darein
+schicken, koennen nichts Anderes mehr ergreifen, und wieder von vorne
+anfangen, wenigstens hier im Lande nicht wo Einem die Haende nach allen
+Seiten hin gebunden sind, und darum ist mir der Gedanke gekommen
+auszuwandern. Da drueben ueber dem Weltmeere hat der liebe Herr Gott noch
+einen grossen gewaltigen Fleck Erde liegen, fuer uns arme Leute bestimmt,
+den Maschinen und Raederwerken zu entgehn; dort haben wir Platz uns zu
+bewegen, und wer nur da ordentlich arbeiten will hat nicht allein zu
+leben, sondern kann auch vielleicht fuer sich und die Kinder was vorwaerts
+bringen und braucht sich nicht mehr vor der Zukunft zu fuerchten und vor
+Hunger und Noth. Wenn wir nicht auswandern, was bleibt unsern Kindern da
+einmal anders uebrig, als in Dienst zu gehn und sich bei fremden Leuten
+doch herumzuschlagen ihr Lebelang."
+
+"Und die Mutter?" sagte die Frau, sich aengstlich nach der Thuere umsehend --
+"was wuerde aus der alten Frau auf dem Meere?"
+
+"Was aus so vielen alten Frauen da wird, liebes Herz," sagte aber der
+Mann, augenscheinlich mit froherem, freudigeren Herzen, als er bei dem
+eigenen Weib nicht den Widerstand fand, den er vielleicht gefuerchtet --
+"sie gewoehnen sich an das neue Leben, sobald sie das alte nicht mehr um
+sich sehen, und die Seeluft soll kraeftigen und staerken."
+
+"Aber sie wird nicht mit uns wollen."
+
+"Sie wird ihre Kinder nicht verlassen," troestete sie der Mann, "und ohne
+sie duerften wir ja auch gar nicht fort."
+
+Die Frau reichte ihm schweigend die Hand, die er herzlich drueckte, und
+wandte sich dann, und wollte eben das Zimmer verlassen, als draussen Jemand
+die Thuer aufriss und in das Haus trat. Das Unwetter hatte jetzt seinen
+hoechsten Grad erreicht, und der Regen schlug in ordentlichen Guessen gegen
+die Fenster an, waehrend der Wind die Wipfel der Baeume herueber und hinueber
+schuettelte und die Bluethen von den Zweigen riss mit rauher Hand.
+
+ [Capitel 6]
+
+"Schoenen Gruss mit einander," sagte dabei eine rauhe Stimme, waehrend die
+Stubenthuer halb geoeffnet wurde -- "darf man hinein kommen?"
+
+"Gott gruess Euch," sagte die Frau -- "kommt nur herein, bei dem Wetter ist's
+boes draussen sein -- es tobt ja, als ob der letzte Tag hereinbrechen
+sollte."
+
+Der Fremde hing seinen Hut und Mantel draussen ab und trat mit nochmaligem
+Gruss in die Stube.
+
+"Gott gruess Euch," sagte auch Gottlieb -- "da, nehmt Euch einen Stuhl und
+setzt Euch zum Ofen; es ist heut unfreundlich draussen, und man kann ein
+Bischen Feuer brauchen."
+
+"Sauwetter verdammtes," fluchte der Mann, als er der Einladung Folge
+geleitet und sich die nassen Haare aus der Stirne strich -- "ich wollte
+erst sehen dass ich die Schenke erreichte; hier um die Ecke herum kam der
+Wind aber so gepfiffen dass er mich bald von den Fuessen hob, und es war
+gerade als ob sie Einem von da oben einen Eimer voll Wasser nach dem
+andern entgegen gossen. Schoenes Wetter fuer Enten, aber fuer keine
+Menschen."
+
+Es war eine rauhe, kraeftige Gestalt, der Mann, mit krausem dicken
+schwarzen Bart und ein paar tiefliegenden unstaeten Augen, in einen groben
+braunen Tuchrock gekleidet, wie ihn die Fleischer nicht selten auf dem
+Lande tragen. Die ebenfalls braunen Hosen hatte er dabei heraufgekrempelt,
+bis fast unter das Knie, mit seinen derben Wasserstiefeln besser durch
+alle Pfuetzen und Schlammwege hindurch zu koennen; die aus ungeborenem
+Kalbfell gemachte Weste war ihm bis an den Hals hinauf zugeknoepft, und
+eine lange silberne Kette, an der die in der Westentasche steckende Uhr
+befindlich war, hing ihm darueber hin.
+
+"Ihr seid wohl weit von hier zu Haus?" frug Gottlieb nach einer laengeren
+Pause, in der er den Mann und dessen Aeusseres fluechtig nur betrachtet
+hatte -- "hab' Euch wenigstens noch nicht hier bei uns gesehen."
+
+"Zehn Stunden etwa," sagte der Fremde, seine Pfeife jetzt aus der
+Brusttasche seines Rockes nehmend und mit Stahl und Schwamm, den er bei
+sich fuehrte, entzuendend -- "wie weit ist's noch bis Heilingen."
+
+"Eine tuechtige Stunde -- wenn der Weg jetzt nicht so schrecklich waere,
+koennte man's recht bequem in kuerzerer Zeit gehn."
+
+"Hm -- ist noch verdammt weit, puh wie das draussen stuermt; und die
+Pflaumenbluethen pflueckt's beim Armvoll herunter -- Pflaumenmuss wird theuer
+werden naechsten Herbst."
+
+"Das weiss Gott," sagte Gottlieb -- "es wird Alles theuer, immer mehr jedes
+Jahr, langsam aber Sicher."
+
+"Bah, es geschieht denen recht die hier bleiben, wenn sie nicht hier
+bleiben muessen; 's giebt Plaetze die besser sind."
+
+"Wollt Ihr auch auswandern?" sagte Gottlieb rasch.
+
+"Auswandern? -- nach Amerika? -- hm -- ich weiss noch nicht," brummte der
+Fremde, sich den Bart streichend -- "es waere aber moeglich dass sie Einen
+noch dazu trieben. Sind das Euere Kinder?"
+
+"Ja. -- "
+
+"Habt Ihr noch mehr?"
+
+"Noch einen Jungen von elf und ein halb Jahr."
+
+"Und Ihr seid ein Weber?" sagte der Fremde mit einem Blick auf den
+Webstuhl -- "auch schwere Zeiten fuer derlei Arbeit, mit einer Familie
+durchzukommen."
+
+"Ja wohl, schwere Zeiten," seufzte Gottlieb, als in diesem Augenblick die
+Thuer draussen wieder aufging und die Mutter laut ausrief: --
+
+"Der Hans, lieber Himmel kommt der in dem Wetter."
+
+Es war Hans, der aelteste Sohn des Webers, durch und durch nass, aber mit
+frischem gesunden Gesicht und rothen Backen, auf denen das Regenwasser in
+grossen Perlen stand.
+
+"Guten Tag mit einander," sagte er, als er in's Zimmer trat und die
+triefende Muetze vom Kopf riss -- "guten Tag Mutter."
+
+"Guten Tag Hans, aber wo um Gottes Willen kommst Du in dem Regen her;
+warum hast Du das Wetter nicht bei Lehmann's abgewartet?"
+
+"Es wurde mir zu spaet Mutter und ich war hungrig geworden; habe auch noch
+heute Abend dem Vater etwas zu helfen."
+
+"Ein derber Junge," sagte der Fremde, der sich den Knaben indess mit
+finsterem Blick betrachtet hatte -- "kann wohl schon ordentlich mit
+arbeiten."
+
+"Ach ja, er packt tuechtig mit zu," sagte der Vater -- "lieber Gott in
+jetziger Zeit muss Alles mit Brod verdienen helfen."
+
+"Die Kinder fressen Einen arm," sagte der Fremde.
+
+"Habt Ihr Kinder?" frug Gottlieb.
+
+"Ich? -- hm, ja," sagte der Fremde nach einer Pause -- "koennte noch Jemandem
+abgeben davon."
+
+"Ich moechte keins hergeben," sagte die Frau rasch, und kuesste das Juengste,
+das sie eben wieder aufgenommen hatte um es zu fuettern, "Kinder sind ein
+Segen Gottes."
+
+"Ja -- so sprechen die Leute wenigstens," sagte der Fremde trocken, "aber
+ich glaube es laesst nach mit Regnen; ich werde die Schenke wohl jetzt
+erreichen koennen."
+
+"Wollt Ihr nicht vielleicht erst eine heisse Tasse Kaffee trinken?" frug
+die Frau, das Kind auf dem linken Arm, zum Ofen gehend, die dort
+warmgestellte Kanne wieder vorzuholen.
+
+"Danke, danke," sagte aber der Fremde abwehrend -- "kann das warme Zeug
+nicht vertragen; ein Glas Branntwein ist mir lieber."
+
+"Das thut mir leid," sagte der Mann, "den kann ich Euch nicht anbieten;
+ich habe keinen im Hause."
+
+"Thut auch Nichts," lachte der Fremde; "so lange halt ich's schon noch
+aus. Sind doch huelflose Dinger so junge Menschen, ehe sie die Kinderschuh
+ausgetreten haben," setzte er dann hinzu, als das Juengste das Maeulchen
+nach dem schon einmal gereichten Loeffel vorstreckte -- "was machte nun so
+ein jung Ding, wenn man es hinsetzte und sich selber ueberliesse."
+
+"Ach Du lieber Gott," sagte die Frau bedauernd -- "so ein armer Wurm muesste
+ja elendiglich umkommen."
+
+"Bis den Nachbarn das Geschrei zu arg wuerde und sie kaemen und es
+fuetterten," lachte der Andere.
+
+"Dafuer haben die Kinder Eltern," sagte die Frau, das kleine, die Aermchen
+zu ihr ausstreckende Maedchen liebkosend und kuessend, "die sorgen schon
+dafuer dass kein Nachbar danach zu sehen braucht."
+
+"Wenn die aber einmal ploetzlich stuerben, wie dann?" frug der Fremde, mit
+einem Seitenblick auf die Frau, indem er seinen Rock wieder zuknoepfte und
+sich zum Gehen ruestete.
+
+"Dann ist Gott im Himmel," sagte Hanne, mit einem frommen
+vertrauungsvollen Blick nach oben.
+
+"Ja, das ist wahr;" sagte der Fremde mit einem leichtfertigen Laecheln,
+"der hat allerdings die grosse Kinderbewahranstalt. Aber es hat wirklich
+aufgehoert mit Giessen," unterbrach er sich rasch, "den Augenblick will ich
+doch lieber benutzen. So schoen Dank fuer gegebenes Quartier Ihr Leute, und
+gut Glueck."
+
+"Bitte, Ihr habt fuer Nichts zu danken, behuet' Euch Gott," sagte Gottlieb
+freundlich.
+
+"Behuet' Euch Gott;" sagte auch die Frau, und der Mann, ihnen noch einmal
+zunickend, nahm draussen wieder den nassen Mantel um, drueckte sich den
+breitraendigen Hut in die Stirn, griff einen derben Knotenstock, der
+daneben in der Ecke lehnte, auf, und verliess rasch das Haus, die Richtung
+nach der Schenke einschlagend.
+
+"Mich freut's dass er fort ist," sagte die Frau, die dem Knaben gerade das
+Essen auf den Tisch setzte und den Kaffee einschenkte -- "bewahr uns Gott,
+was hatte der Mann fuer ein finstres Gesicht und ein barsches Wesen; nicht
+schlafen koennt' ich die Nacht, wenn ich den unter einem Dach mit mir
+wuesste. In dem Gesicht liegt auch nichts Gutes -- und wie er fluchte und
+ueber die Kinder sprach -- ob er nur wirklich selber welche hat."
+
+"Er sagt's ja," bestaetigte Gottlieb -- "aber mir schien's ein Fleischer zu
+sein, seinem Gewerbe nach, und die sind immer rauh und derb, meinen's aber
+nicht immer so boes."
+
+"So bess're ihn Gott," sagte die Frau mit einem Seufzer, "und je seltener
+er unseren Weg kreuzt, desto besser."
+
+
+
+
+
+ Capitel 7.
+
+
+ NACH AMERIKA.
+
+
+"Nach Amerika!" -- Leser, erinnerst Du Dich noch der Maerchen in "Tausend
+und eine Nacht", wo das kleine Woertchen "Sesam" dem, der es weiss, die
+Thore zu ungezaehlten Schaetzen oeffnet? hast Du von den Zauberspruechen
+gehoert, die vor alten Zeiten weise Maenner gekannt, Geister heraufzurufen
+aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls sich dienstbar zu
+machen? -- Mit dem ersten Klang der einfachen Sylbe schlugen, wie sich die
+Sage seit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner
+zusammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkuehne Menschenkind das sie
+gesprochen, bebte zurueck vor der furchtbaren Gewalt die es
+heraufbeschworen.
+
+Die Zeiten sind vorueber; die Geister, die damals dem Menschengeschlecht
+gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das
+rechte Wort vergessen sie zu rufen -- aber ein anderes dafuer gefunden, das
+kaum minder stark mit _einem_ Schlage das Kind aus den Armen der Eltern,
+den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen seinen Verhaeltnissen und
+Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reisst, in dem es bis dahin mit
+seinen staerksten, innigsten Fasern treulich festgehalten.
+
+"Nach Amerika," leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der ersten
+schweren, traurigen Stunde entgegen, die seine Kraft pruefen sollte, seinen
+Muth staehlen -- "nach Amerika," fluestert der Verzweifelte der hier am Rand
+des Verderbens dem Abgrund langsam aber sicher entgegen gerissen wurde --
+"nach Amerika," sagt still und entschlossen der Arme, der mit maennlicher
+Kraft und doch immer und immer wieder vergebens, gegen die Macht der
+Verhaeltnisse angekaempft, der um sein "taegliches Brod" mit blutigem Schweiss
+gebeten -- und es nicht erhalten, der keine Huelfe fuer sich und die Seinen
+hier im Vaterlande sieht, und doch nicht betteln _will_, nicht stehlen
+_kann_ -- "nach Amerika" lacht der Verbrecher nach gluecklich veruebtem Raub,
+frohlockend der fernen Kueste entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt
+vor dem Arm des beleidigten Rechts -- "nach Amerika," jubelt der Idealist,
+der wirklichen Welt zuernend, weil sie eben wirklich ist, und ueber den
+Ocean drueben ein Bild erhoffend, das dem, in seinem eigenen tollen Hirn
+erzeugten, gleicht -- "nach Amerika" und mit dem einen Wort liegt hinter
+ihnen, abgeschlossen, ihr ganzes frueheres Leben, Wirken, Schaffen -- liegen
+die Bande die Blut oder Freundschaft hier geknuepft, liegen die Hoffnungen
+die sie fuer hier gehegt, die Sorgen die sie gedrueckt -- _"nach Amerika!"_
+
+So gaehrt und keimt der Saame um uns her -- hier noch als leiser, kaum
+verstandener Wunsch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft
+und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht seiner gepackten Kisten und
+Kasten. Der Bauer draussen hinter seinem Pflug, den der nahe Grenzrain der
+ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie so schwer
+geaergert, und der im Geist schon die langen geraden Furchen zieht, weit
+ueber dem Meer drueben, in dem fetten, herrlichen Land; -- der Handwerker in
+seiner Werkstatt, dem sich Meister nach Meister in die Nachbarschaft setzt
+mit Neuerungen und grossen, marktschreierischen Firmen, die wenigen Kunden
+die ihm bis dahin noch geblieben in _seine_ Thuer zu locken; der Kuenstler
+in seinem Atelier, oder seiner Studirstube, der ueber einer freieren
+Entwickelung bruetet, und von einem Lande schwaermt wo Nahrungssorgen ihm
+nicht Geist und Haende binden; -- der Kaufmann hinter seinem Pult, der
+Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in seinen Buechern zieht und, das
+sorgenschwere Haupt in die Hand gestuetzt, von einem neuen, andern Leben,
+von lustig bewimpelten Schiffen, von reich gefuellten Waarenhaeusern traeumt;
+in Tausenden von ihnen draengt's und treibt's und quaelt's, und wenn sie
+auch noch vielleicht Jahre lang nach aussen die alte fruehere Ruhe wahren,
+in ihren Herzen glueht und glimmt der Funke schon -- ein stiller aber ein
+gefaehrlicher Brand. Jeder Bericht ueber das ferne Land wird gelesen und
+ueberdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend fuer den Kranken. Vorsichtig
+und aengstlich, und weit herum um ihr Ziel, dass man die Absicht nicht
+errathen soll, fragen sie versteckt nach dem und jenem Ding -- nach Leuten
+die vordem "hinueber" gezogen und denen es gut gegangen -- nach Land- und
+Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk -- fuer Andere natuerlich, nicht fuer sich
+etwa -- sie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen will hinueber, ein
+entfernter Verwandter oder naher Freund, sie wuenschen dass es dem wohl
+geht, und haeufen mehr und mehr Zunder fuer sich selber auf.
+
+So ringt und draengt und wuehlt das um uns her; keiner ist unter uns, dem
+nicht ein lieber Freund, ein naher Verwandter den _salto mortale_ gethan,
+und Alles hinter sich gelassen, was ihm einst lieb und theuer war -- aus
+dem, aus jenem Grund -- und taeglich, stuendlich noch hoeren wir von anderen,
+von denen wir im Leben nie geglaubt dass _sie_ je an Amerika gedacht, wie
+sie mit Weib und Kind, mit Hab' und Gut hinueberziehn. Und _dort_? -- noch
+liegt ein dichter Schleier ueber ihrem Schicksal dort, doch Gottes Sonne
+scheint ja ueberall -- Dir aber lieber Leser, greif ich aus dem Leben noch
+hie und da ein paar Freunde heraus, die wir begleiten wollen auf dem
+weiten Weg.
+
+ * * * * *
+
+Oben in der Brandstrasse -- nicht weit vom Brandthor entfernt, und dem
+Gasthaus zum Loewen schraeg gegenueber, wohnte Professor Lobenstein mit
+seiner Familie, in der ersten Etage eines, zwar sehr alten, aber auch sehr
+wohnlich eingerichteten Hauses, das ihm eigen gehoerte.
+
+Der Professor war ein Mann, gerade an der anderen Seite der "besseren
+Jahre", etwa einundfuenfzig alt, aber ruestig und gesund, nur erst mit
+einzelnen grauen Haaren zwischen den rabenschwarzen Locken, die ihm ueber
+die bleiche, aber hohe und geistvolle Stirn fielen, wie mit fast
+jugendlichem, elastischem Gang und Wesen. Ein tuechtiger Kopf dabei, hatte
+er _jura_ und _cameralia_ studirt, und einen grossen Schatz von Kenntnissen
+aufgehaeuft; auch in manchem, mit schweren muehsamen Nachtwachen erkauften
+Werk der Welt, der undankbaren Welt das Resultat seiner Studien und
+Forschungen gebracht und dargelegt. Unzufrieden aber mit dem Erfolg, und
+der kalten Aufnahme die es gefunden, wandte er sich spaeter wieder von den
+bis dahin bevorzugten juristischen Wissenschaften ganz ab und allein
+seinem Lieblingsstudium den Cameralien zu, in denen er besonders der
+Gewerbskunde seine Thaetigkeit widmete, auch mit einem Buchhaendler in
+Heilingen eine Gewerbszeitung gruendete und herausgab.
+
+Hierin hatte er Unglueck; der Buchhaendler machte bankerott und er uebernahm
+die Zeitung, mit ziemlich grossen Verlusten schon, allein.
+
+So vortrefflich aber Professor Lobenstein in der Theorie seiner
+Wissenschaft bewandert sein mochte, so wenig sattelfest war er es in der
+Praxis, und seine Zeitung wollte und wollte keinen Boden gewinnen. Mit
+fabelhaftem Fleiss suchte er dem zu begegnen, umsonst -- umsonst auch dass er
+Capital nach Capital in das, zuletzt nur noch zur Ehrensache gewordene
+Unternehmen steckte. Sein Haus bekam Hypothek auf Hypothek und mit einer
+hoechst unguenstigen politischen Periode, in der ihm eine grosse Anzahl
+Abonnenten absprang, trafen ihn auch so bedeutende pecuniaere Verluste, dass
+er sich endlich genoethigt sah sein Blatt vollstaendig aufzugeben. Es war
+das das schwerste Opfer, das er bis dahin gebracht.
+
+Professor Lobenstein hatte eine ziemlich starke Familie, eine Frau, zwei
+erwachsene Toechter von siebzehn und zwanzig Jahren, einen Sohn von
+achtzehn, und zwei kleinere Kinder, einen Knaben von acht und ein Maedchen
+von sieben Jahren. Wenn auch nicht in Reichthum doch in einem gewissen
+Wohlstand erzogen, war aber der Familie bis jetzt das schwere Wort
+"_Nahrungssorgen_" fremd geblieben; der Professor hatte immer, was man so
+nennt, ein Haus gemacht, und sich in einem Umgangskreis bewegt, der ihnen
+schon an und fuer sich eine gewisse Verpflichtung auferlegte Manches
+mitzumachen, was seinen, sonst mehr einfachen Neigungen eben nicht
+Beduerfniss schien. Das Alles sollte, ja _musste_ sich jetzt aendern, denn
+wenn er auch aus den Truemmern seines Vermoegens, nach allen erlittenen
+Verlusten, einen kleinen Theil zu retten vermochte, genuegte der nicht, das
+bisherige Leben fortzufuehren. Die Wahl blieb ihm jetzt allein, von Neuem
+eine Laufbahn mit geringeren Mitteln anzufangen, und sich und den Seinen
+schwere und ungewohnte Entbehrungen an einem Orte aufzuerlegen, wo ihn
+Alles und Jedes an fruehere und bessere Zeiten erinnerte oder -- es war eine
+schwere Stunde in der ihm das Bild zum ersten Mal vor die Seele stieg -- in
+einem anderen Welttheil, ungekannt, aber auch nicht bemitleidet oder
+verspottet, ein vollkommen neues _Leben_ zu beginnen.
+
+Aber die Frauen? -- wuerden sie den Muehseligkeiten einer so langen Reise,
+einer Ansiedlung drueben in einem noch wilden Lande gewachsen sein? -- Dass
+er selber die Beschwerden eines solchen Lebens leicht ertragen wuerde,
+daran zweifelte er keinen Augenblick; er hatte so viel ueber Amerika
+gelesen, sich mit den dortigen Verhaeltnissen aus allen erschienenen
+Schriften so vertraut gemacht, dass er Alles kannte was ihn dort erwartete,
+und einem derartigen Wirken eher mit Freude und Lust, als Bangen
+entgegenging; aber durfte er seine Frau all den sie erwartenden
+Unbequemlichkeiten und Strapatzen aussetzen? durfte er seine Toechter aus
+ihrem geselligen gluecklichen Leben reissen, und ihnen mit einem Schlage
+alle jene Vergnuegungen entziehen, die ihnen hier schon mehr als Erholung,
+die ihnen fast Beduerfniss geworden?
+
+Einen langen und schweren Kampf kaempfte er mit sich selber, Monate lang,
+und er wurde alt in der Zeit; die Augen lagen tief in ihren Hoehlen und
+seine Zuege bekamen etwas Mattes und Abgespanntes, das sie sonst, in seiner
+schwersten Arbeitszeit noch nie gehabt. Wenn auch die Kinder dabei sich
+leicht mit einem vorgeschuetzten Unwohlsein beruhigen liessen, dem scharfen
+Blick der Gattin entging die Sorge nicht, die an seinem Herzen heimlich,
+aber desto gewaltiger nagte, und ihren dringenden, aengstlichen Bitten
+konnte er zuletzt nicht laenger widerstehen. Was sie doch zuletzt haette
+erfahren _muessen_, vertraute er ihr an und wenn es die arme Frau auch wie
+ein Schlag aus heiterem Himmel traf, nahm sie das Ganze doch viel ruhiger
+auf als er erwartet, gefuerchtet, und damit eine schwere Last von _seinem_
+Herzen -- auf das ihre. Aber leichter traegt sich die getheilte, und bereden
+konnten sie jetzt zusammen was zu thun, welchen Weg zu gehen, die
+Moeglichkeit besprechen die sich hier ihrem Leben bot, die Moeglichkeit
+errwaegen, die ihnen dort eine andere freiere Zukunft oeffnete. Und die
+Kinder? wohin Muetter und Vater gingen folgten die ja gern; nur die Scene
+wechselte fuer sie, anderen, vielleicht selbst bunteren Bildern Raum zu
+geben, und Kummer und Sorge kannten die ja nicht.
+
+An demselben Abend waren die beiden aeltesten Toechter zu einem kleinen
+Fest, dem Geburtstag einer Freundin, eingeladen und hatten schon den
+ganzen Tag mit rastlosen Fingern an dem bunten blitzenden Ballstaat
+genaeht. Der Vater begleitete sie dorthin, nur die Mutter blieb daheim,
+Kopfschmerz vorschuetzend, und die Sorge um das juengste Kind, das mit einem
+leichten Unwohlsein in seinem Bettchen lag. Aber gegen zehn Uhr
+schlummerte es sanft und ruhig auf dem weichen Lager ein, und daneben, das
+sorgenschwere Haupt in die Hand gestuetzt, sass die Mutter und weinte --
+weinte als ob sie mit dieser Thraenenfluth all den Gram und Kummer
+fortwaschen wollte, der jetzt, ein dunkler Wolkensaum, am Horizonte ihres
+Gluecks erschien, und wild und drohend hoeher und hoeher stieg.
+
+Lachend und plaudernd kehrten die Toechter, mit dem Vater spaet in der Nacht
+zurueck; den leichten, sorglosen Herzen lag die Welt noch, ein weiter
+Garten offen da, und was etwa an wuchernden Giftpflanzen dazwischen stand,
+mischte noch sein fastgruenes Laub, dem jungen Auge nicht erkennbar, mit
+Blum' und Bluethenpracht.
+
+Aber der Moment naeherte sich auch, wo mit der vorgerueckten Jahreszeit all'
+die noethigen und mannichfaltigen Vorbereitungen zu einer so langen Reise,
+zu einer gaenzlichen Umgestaltung aller ihrer Verhaeltnisse, getroffen
+werden _mussten_; auch schien die Zeit eine passende fuer den Sohn, der, von
+der Schule gerade abgegangen, eben sein Abiturienten-Examen gluecklich
+bestanden hatte. Der Vater wuenschte allerdings dass er hier erst studiren,
+und ihnen dann spaeter, wenn er etwas Tuechtiges gelernt, vielleicht folgen
+sollte, dachte ihm aber doch die freie Wahl zu lassen, und seinem Herzen
+keinen Zwang aufzuerlegen.
+
+Am naechsten Morgen nach dem Balle nun -- es war spaet mit Aufstehn geworden
+nach der durchschwaermten Nacht und die zweite Tochter Marie eben erst zum
+Kaffee heruebergekommen, waehrend der Sohn das Haus schon, irgend eines
+notwendigen Ganges wegen verlassen hatte -- sass der Vater, ungewohnter
+Weise nicht in seiner Studirstube an der Arbeit, sondern im Sopha, aus der
+langen Pfeife den Dampf in weissen Kraeusselwolken von sich blasend, und die
+Mutter am Naehtisch, Kleider ausbessernd fuer das Juengste, das in seinem
+heruebergeschafften Bettchen wieder mit klaren Augen seine Puppe
+schaukelte.
+
+"Schon ausgeschlafen, Vaeterchen?" sagte Marie als sie, etwas beschaemt, die
+Letzte am Kaffeetische Platz genommen, "ich habe wohl recht lange heut
+geschlafen, aber -- was ist Dir denn? -- und der Mutter auch?" -- rief sie
+vom Stuhl wieder aufspringend, als sie das ungewohnte ernste Wesen der
+Eltern gewahrte -- "bist Du boese auf mich, Muetterchen?"
+
+"Nein mein Kind," sagte diese und zwang ein Laecheln auf die Lippen, "aber
+der Vater hat Euch etwas recht Ernstes heute zu sagen, etwas von dem wir
+noch nicht wissen, ob es Euch betrueben wird oder nicht."
+
+"Der Vater?" rief Marie erschreckt, und auch Anna, die aelteste Tochter,
+sah aengstlich zu ihm auf; Professor Lobenstein aber, so in die Enge und
+zum Aeussersten getrieben, hustete, paffte den Dampf ein paar Mal scharf
+vor sich hin, die Pfeife ordentlich in Gluth zu bringen, und sagte:
+
+"Ja Kinder, Ihr wisst -- wir -- wir haben doch in den letzten Tagen viel ueber
+Nord-Amerika gesprochen, und auch Manches gelesen -- "
+
+"Ja, die herrlichen Romane von Cooper," rief Marie rasch.
+
+"Und die schrecklichen Berichte im Tageblatt," laechelte Anna.
+
+"Der Doctor Haide ist ein Esel," sagte der Professor, den Rauch wieder ein
+paar Mal rasch ausstossend -- "wenn der haette in Amerika ordentlich arbeiten
+wollen, brauchte er sich jetzt nicht von einer Winkeladvocatur und vom
+Schimpfen auf freisinnige Leute zu ernaehren; ueber dessen Berichte wollen
+wir uns keine Sorgen machen, aber -- " er schwieg wieder einen Augenblick
+und sah, wie furchtsam, nach der Frau hinueber. Die jedoch arbeitete um so
+emsiger weiter, und selber mit dem Beduerfniss dem, was ihn schon so lange
+gedrueckt, endlich einmal Worte zu geben, fuhr er rasch fort -- "ich habe
+eine Frage an Euch zu thun, Kinder -- Haettet Ihr -- haettet Ihr wohl selber
+Lust hinueber nach -- nach Amerika zu gehn?"
+
+"Nach Amerika?" rief Anna rasch und auch wohl erschreckt. Marie aber
+sprang auf, schlug in die Haende und rief jubelnd:
+
+"Nach Amerika? oh das waere ja praechtig -- das waere herrlich -- nicht wahr da
+sind auch Baelle, Vaeterchen?"
+
+Die Mutter seufzte tief auf und der Vater zog wieder, etwas verlegen an
+der Bernsteinspitze.
+
+"Hm -- ich weiss nicht," sagte er langsam mit dem Kopf schuettelnd -- "wo wir
+im Anfang hinwollten, werden wohl keine sein. Haengst Du so an Baellen,
+Marie?"
+
+"Ich tanze gern," laechelte das junge froehliche Maedchen etwas verlegen und
+schuechtern.
+
+"Nun tanzen wirst Du dort hoffentlich auch koennen, mein Kind," sagte der
+Vater freundlich -- "wenn auch nicht gerade gleich auf solchen Baellen wie
+wir sie hier gewohnt sind -- das Leben ist dort einfacher."
+
+"Oh, und bis zum naechsten Fasching sind wir gewiss auch wieder zurueck,"
+rief Marie.
+
+Der Vater schwieg erst eine kleine Weile, und sagte dann leise aber
+entschlossen.
+
+"Wir wollen _ganz_ hinueberziehn, mein Kind."
+
+"Auswandern?" rief die aeltere Schwester fast erschreckt -- das Wort, dessen
+Bedeutung sie noch gar nicht vollkommen verstand, traf sie mit einem
+unbekannten ahnenden Gefuehl von Schmerz und Leid -- "und die Mutter?"
+
+"Ihr werdet mich doch nicht wollen allein zuruecklassen?" laechelte die
+Frau, sich gewaltsam zwingend ueber den Schmerz dieser Stunde.
+
+"Mutter!" sagte Anna, warf die Arme um ihren Nacken und kuesste sie.
+
+"Und Eduard?" frug Marie.
+
+"Bleibt, wenn er meinem Rathe folgt, noch hier bis er ausstudirt und etwas
+ordentliches gelernt hat," sagte der Vater -- "wo nicht, hat er seinen
+freien Willen und mag uns begleiten; sowie er zu Hause kommt werde ich mit
+ihm sprechen."
+
+"Aber -- " rief Marie -- "wer verwaltet unterdessen unser Haus?"
+
+"Wenn wir einmal fort sind von hier," sagte der Professor ausweichend,
+"kann uns auch das Haus nichts mehr nuetzen, und ich werde es verkaufen."
+
+"_Verkaufen_? -- unser Haus und den Garten?" riefen Maria und Anna fast wie
+aus einem Munde erschreckt und rasch --
+
+"Unser freundliches Stuebchen, wo wir als Kinder gespielt," setzte Marie
+traurig hinzu.
+
+"Und die Baeume die Vater alle gepflanzt -- die Laube, die wir uns selbst
+gebaut, und die so schoen geworden ist in diesem Jahr," sagte Anna leise --
+"verlassen wollt' ich es ja gern, wenn wir Alle gehn, aber dass fremde
+Menschen jetzt darin hausen sollen, die vielleicht gar nicht wissen wie
+wir das Alles gehegt und gepflegt und -- " ihr Blick fiel in diesem
+Augenblick auf der Mutter, halb von ihr abgewandte bleiche Zuege, und fasste
+das Blitzen einer heimlich fallenden Thraene. Anna erschrak und wurde
+todtenbleich -- hier lag mehr verborgen als man ihnen gesagt, und
+heimlicher Gram, heimliche Sorge nagte an der Eltern Herzen, durfte sie
+die vermehren? Sie schwieg einen Augenblick und sah sinnend vor sich
+nieder, dann aber Mariens Hand ergreifend sagte sie mit leichterem
+vielleicht gezwungen froehlicherem Ton:
+
+"Aber wir wollen nicht klagen; Vater und Mutter wissen am Besten was sie
+zu thun haben, und was uns gut ist, und dort baut uns Vater dann ein
+anderes Haus, und wir selber pflanzen uns ein neues Gaertchen, schoener als
+das unsere hier."
+
+"Aber ich bliebe hier, wenn ich an Vaters Stelle waere," schmollte Marie,
+"und was wird Herr Kellmann dazu sagen, wenn er es erfaehrt? der ist so
+immer gegen Amerika, und hat sich schon oft mit Vater darueber gezankt."
+
+"Ach der macht mir die geringste Sorge," sagte Anna in ihrem Schmerz
+laechelnd -- "wenn man _fuer_ Amerika spricht, schimpft er aus Leibeskraeften,
+und citirt Gott weiss was fuer Stellen aus Briefen und Zeitungen, alles
+Guenstige zu widerlegen, oder wenigstens stark zu bezweifeln, und kommt
+Jemand der das Land ordentlich angreift, dann hab' ich auch schon gesehn,
+dass er den Handschuh wacker dafuer aufnimmt, und man wirklich glauben
+sollte er bekaeme so und so viel fuer den Kopf, Leute zu bereden
+hinueberzuziehn. Das ist ein wunderlicher Kauz, der die meiste Zeit selber
+nicht weiss was er will, und ich glaube, wenn es Jemand recht ordentlich
+bei ihm darauf anlegte, koennte man ihn selber, nur durch Widersprechen,
+dahin bringen, dass er in eigener Person hinueberginge."
+
+"Herr Kellmann?" lachte Marie -- "nun _den_ moecht' ich in Amerika sehn."
+
+"Und wer weiss, ob Dir das nicht noch passirt," bestaetigte der Vater, mit
+dem Kopfe nickend.
+
+"Und darf ich mein neues seidenes Kleid mitnehmen, Mama?" frug das junge
+lebenslustige Maedchen jetzt die Mutter -- "hier lassen moecht' ich es doch
+nicht gern, und drueben im Wald -- "
+
+"Liebes Kind, wir werden auch nicht mitten in den Wald gehn," sagte die
+Mutter, die indessen heimlich die verraetherische Thraene aus dem Auge
+geschuettelt, freundlich dabei der zu ihr getretenen Tochter die Stirn
+streichend und kuessend, "denkt es Euch nicht so schlimm. Der Vater wird
+uns schon einen Platz aussuchen, wo wir wenigstens unter Menschen und der
+Cultur nicht ganz verschlossen sind -- er hielte es ja dort sonst selber
+nicht aus."
+
+"Aber warum gehst Du nur, Vaeterchen?" bat Marie -- "es ist doch hier so
+wunderhuebsch in Heilingen, und was wir da drueben haben, wissen wir noch
+nicht."
+
+Der Professor, zu dem Anna aengstlich aufsah, hatte seinen Sitz verlassen
+und ging, langsam dabei mit dem Kopf nickend, im Zimmer auf und ab; er
+fuehlte dass er, auch den Toechtern gegenueber, diesen eine Erklaerung seines
+Handelns schuldig sei, denn er riss sie aus einem liebgewonnenen Leben
+heraus, und fuehrte sie vielen, vielen Entbehrungen -- er durfte sich das
+nicht leugnen -- entgegen. Von ihrer spaeteren Haltung dabei hing auch viel
+ihrer Aller Glueck, ihrer Aller Zufriedenheit ab, und sie waren alt genug
+ihrem Urtheil zu vertrauen. Aber es kostete ihm der Entschluss einen
+schweren Kampf, und wo ihm die Frau war auf halbem Weg entgegen gekommen,
+fuerchtete er hier gerade, nicht Widerstand zu finden, denn dafuer hatten
+sie ihn zu lieb, aber Schmerz und Sorge zu wecken in den jungen Herzen,
+denen er die ungebetenen Gaeste gern noch fern gehalten haette so lang als
+moeglich. Sie standen jedoch an einem wichtigen, bedeutungsvollen Abschnitt
+ihres Lebens, und mussten _sehen_, wohin der Weg sie fuehrte.
+
+In kurzen, einfachen Worten, frei vom Herzen weg, und zu den Herzen
+sprechend, weil sie aus dem Herzen kamen, schilderte er ihnen jetzt die
+veraenderte Lage in die er, durch das gezwungene Aufgeben seiner
+Zeitschrift sowohl, wie durch manche schwere, ihn betroffene Verluste
+gekommen. Er verheimlichte ihnen nicht laenger dass er einen Theil -- einen
+grossen Theil seines Vermoegens eingebuesst, und das ihm selber liebe Haus
+nicht verkaufen wuerde, wenn ihn eben nicht -- die Verhaeltnisse dazu
+_zwaengen_. Aber noch blieb ihnen genug nach einem fernen Welttheil
+ueberzusiedeln und dort, mit bescheideneren Beduerfnissen, von Neuem zu
+beginnen; Amerika mit seiner ungeheuren Lebenskraft bot ihnen nach allen
+Seiten hin die Moeglichkeit der Existenz, und das gut und zweckmaessig
+angelegte kleine Capital konnte dort gute Zinsen tragen fuer spaetere Zeit.
+Hatten sie sich dann etwas verdient, waren die Hoffnungen, mit denen sie
+hinueber gingen, Wahrheit geworden, und sehnte sich ihr Herz noch nach dem
+Vaterland, wer hinderte sie dann zurueckzukehren zu den theueren Plaetzen,
+die ihnen ewig lieb bleiben wuerden in der Erinnerung?
+
+Dem Professor war es leichter um die Brust geworden, wie er das Eis nur
+erst gebrochen. Selbst ueberzeugt von dem was er sprach, wurde er warm,
+indem er den Gedanken weiter dachte, und seine Phantasie verlor sich
+zuletzt sogar, Luftschloesser aufbauend, zauberschnell in weiter Ferne. Der
+Professor ging mit dem Menschen durch, und die leicht geroetheten Wangen
+belebte ein eigenes, inneres Feuer. Und die Mutter sass dabei, still und
+schweigend, und aengstlich bemueht, in der wiederaufgenommenen Arbeit die
+eigene Bewegung zu verbergen. Marie und Anna aber, die des Vaters Haende
+erfasst und in den ihren hielten, schmiegten ihre Haeupter an seine
+Schultern und fluesterten; die grossen, zu ihm aufgeschlagenen Augen voll
+von Thraenen.
+
+"Genug, genug, Vaeterchen; mal' uns das Alles nicht so praechtig aus -- wohin
+Du und Mutter gehn, gehn auch wir, und waer' es mitten hinein in den
+wildesten Wald. Kein unzufriedenes Wort sollst Du dabei von uns hoeren,
+keine Klage, kein boeses Gesicht weiter -- keine Thraene -- nur die hier sind
+uns so ganz von selber ueber die Backen gelaufen, weil wir die Mutter
+weinen sahen. Mit Lieb und Lust wollen wir das Leben dort beginnen -- "
+
+"Und Kuehe und Huehner schaffen wir uns an!" rief Marie, "und die Kuehe
+melken wir selber und machen Butter und Kaese."
+
+"Wie gut," sagte Anna, dass wir im vorigen Jahr auf dem Land bei der Tante
+waren, und dort das Alles zum Spass gelernt haben; jetzt wird es uns
+nuetzen."
+
+"Aber nicht wahr, Muetterchen, nun weinst Du auch nicht mehr," rief Marie,
+zur Mutter hinuebergleitend, ihren Arm um deren Nacken legend und sie
+kuessend -- "drueben wird schon Alles huebsch werden. Und ein paar von den
+grossen Holzschuhen nehm' ich mir mit, wie sie die Bauern tragen, fuer
+draussen bei nassem Wetter; hei wie wir da herumpatschen wollen und
+schaffen und arbeiten; und plaetten thun wir auch selbst, dafuer nimmst Du
+kein Maedchen mehr."
+
+Den frohen, leichten Herzen schwammen schon die gewaltigen Umrisse ihrer
+ganzen fernen, so ungewissen Zukunft, in den einzelnen bunten
+Kleinigkeiten zusammen, die ihrem Geist, von dem Reiz der Neuheit mit
+frischem Duft ueberhaucht, entstiegen. Nur die Lichtpunkte erspaehte der, in
+die Ferne arglos hinausschauende Blick, und die goss er sich lustig
+zusammen zu einem Ganzen: was dahinter lag, der duestere Hintergrund, den
+das erfahrenere Mutterauge wohl erkannt, diente ihnen nur dazu die
+einzelnen Lichter staerker hervorzuheben, deutlicher erkennen zu koennen,
+und der Himmel spannte sich blau und rein ueber ihren gluecklichen Haeuptern.
+
+
+
+
+
+ Capitel 8.
+
+
+ DER TANZ IM ROTHEN DRACHEN.
+
+
+Drei volle Monat waren nach den, in den vorigen Capiteln betriebenen
+Scenen verflossen, und der Diebstahl im Dollingerschen Hause zu Heilingen,
+der eine ganze Woche lang fast das alleinige Stadtgespraech gebildet, wurde
+kaum noch erwaehnt. Der vermuthete Dieb (gegen den aber allerdings
+nachtraeglich keine weiteren Beweise aufgefunden worden), war zwei Tage
+nach dem Sturz von der Bruecke an seiner Kopfwunde gestorben; er hatte die
+beiden Tage vollkommen bewusstlos gelegen, und kein Wort mehr gesprochen.
+Das uebrige Geld aber -- ausser den zweihundert und einigen Thalern -- wie die
+vermissten Pretiosen, konnten, trotz den genausten Nachforschungen nirgends
+aufgefunden werden, und hatte er es wirklich gestohlen, so liess sich jetzt
+gar nichts Anderes vermuthen, als dass er es irgendwo an einer heimlichen
+Stelle vergraben, und ausser Sicht gebracht habe.
+
+Actuar Ledermann hatte dabei ganze Actenstoesse ueber den Fall geschrieben --
+man wusste wirklich nicht wo er nur den Stoff dazu herbekommen; aber mit
+dem ueblichen Canzleistyl wurde die Sache, der jede gruendliche Vorlage
+mangelte, nach Moeglichkeit gereckt und ausgedehnt und dann, als sich
+Nichts weiter darueber ergab, mit starkem Bindfaden umschnuert und
+etiquettirt, um spaeter vielleicht, mit Jahreszahl und Nummer versehn, in
+irgend ein staubiges Gefach geschoben zu werden, dort ein Jahrhundert
+fortzutraeumen, -- wie der Verstorbene unter dem Rasen, dicht an der
+Kirchhofsmauer, an die er, ohne Sang und Klang damals, noch vor Tag, still
+und heimlich hinausgeschafft worden.
+
+Die Geistlichkeit von Heilingen hatte dem Ungluecklichen allerdings sogar
+dies "ehrliche Begraebniss" versagen und den Koerper der Anatomie
+ueberantworten wollen, da er unter dem Verdacht eines schweren Diebstahls
+und gewissermassen als Selbstmoerder seinen Tod gefunden -- was kuemmerte die
+stolzen Geistlichen die duldende Liebe die Christus gelehrt, wo _ihre_
+Autoritaet Gefahr leiden konnte gekraenkt zu werden, und sie hatten einmal
+verordnet, dass solchen Suendern ein "christliches Begraebniss" versagt werden
+solle; aber die Polizei war milder und verstaendiger als die "Diener des
+Hoechsten" und erklaerte den Tod des Armen fuer keinen Selbstmord, indem er
+nur "auf der Flucht" umgekommen, waehrend wahrscheinlich der ihm
+beigegebene Waechter die allerdings unschuldige, und nicht zur
+Verantwortung zu ziehende direkte Ursache, seines Todes gewesen sei.
+
+Aber fort -- fort mit den traurigen Bildern; das menschliche Leben hat der
+dunklen Seiten so viele, und sie draengen sich uns doch auf, wohin wir
+gehen -- nur der Augenblick gehoeret uns, und nicht muthwillig wollen wir
+den Schmerz suchen. So mag mir der Leser denn noch einmal zum rothen
+Drachen hinaus folgen -- es dauert vielleicht lange, ehe wir den Platz
+wieder zu sehn bekommen -- und dort toent heut froehliche Musik aus dem
+hellerleuchteten Saal des grossen Hauses, der mit Guirlanden und Blumen und
+jungen Birkenreisern festlich geschmueckt ist, indess ihn eine muntere, laut
+und lustig durcheinander wogende Schaar belebt.
+
+Kaum eine Viertelstunde -- oder eine "halbe Pfeife Tabak", wie die Bauern
+sagten -- vom rothen Drachen entfernt, lag Schloss Hohleck an der anderen
+Seite des naemlichen Huegelrueckens, das gegenueber liegende Thal
+ueberschauend, und der Besitzer desselben, Graf von Hohleck, feierte heute
+die Vermaehlung seines aeltesten Sohnes, der dabei das Gut selber uebernahm,
+und nun seinen Leuten dem Tag zu Ehren ein Fest "in der Schenke" gab. Bier
+und Branntwein waren dabei zu freier Verfuegung gestellt, und ein starkes
+Musikchor aus der Stadt engagirt worden, den Leuten die ganze Nacht
+hindurch zum Tanze aufzuspielen -- und sie machten Gebrauch davon.
+
+Aber auch aus Heilingen selber hatten sich eine Menge Gaeste eingefunden,
+dem muntern Leben und Treiben der froehlichen Menschen zuzuschauen, und
+waehrend der untere Gartensaal einzig und allein den Dienstleuten des
+Rittergutes eingeraeumt war, zu dem den Stadtleuten jedoch gastlich der
+Zutritt gestattet wurde, hatten sich die letzteren noch besonders in einem
+paar der kleineren Stuben festgesetzt, wo sie ihren Wein oder ihr Bier
+tranken oder auch eine Parthie spielten, die Zeit auszufuellen.
+
+Zu den Gaesten aus der Stadt gehoerten auch mehre unserer alten Bekannten,
+unter ihnen Kellmann und Schollfeld, zwei Stammgaeste des rothen Drachen.
+Ledermann war ebenfalls, wenn auch spaeter, herausgekommen und ihnen hatte
+sich noch der Auswanderungsagent Weigel -- sehr zum Aerger Schollfeld's,
+der ihn nicht ausstehen konnte -- zugesellt. Weigel blieb aber nicht ruhig
+an ihrem Tisch sitzen, sondern ging ab und zu, und hatte sein Glas nur mit
+bei ihnen stehn, gewissermassen seinen Platz zu belegen.
+
+Ledermann war uebrigens heute sehr still und niedergeschlagen, er hatte
+sein einziges Kind vor etwa vierzehn Tagen verloren, und schien sich das
+sehr zu Herzen zu nehmen, erklaerte auch nur herausgekommen zu sein, sich
+ein wenig zu zerstreuen und die Gedanken los zu werden, die ihn in der
+Stadt drin peinigten.
+
+Uebrigens war ihm in den letzten Tagen hoechst unerwarteter Weise eine
+kleine Erbschaft von 600 Thalern zugefallen und Schollfeld, der heute
+Abend aussergewoehnlich gut aufgeraeumt schien, versuchte jetzt sein Bestes
+des Freundes Grillen oder truebe Gedanken ebenfalls zu verscheuchen.
+
+"Hoeren Sie einmal Ledermann," begann er, mit dem Deckel seines Kruges
+klappend und mehr Bier verlangend -- "wie ist denn die Geschichte nun mit
+den 600 Thalern? -- beilaeufig gesagt schneiden Sie ein Gesicht dabei, als
+ob Sie Schwefelsaeure verschluckt haetten."
+
+"Er hoert nicht einmal," sagte Kellmann, als der Actuar kein Wort darauf
+erwiederte, und die Anrede in der That gar nicht verstanden zu haben
+schien -- "Ledermann, Mensch, wo sind Sie jetzt mit Ihren Gedanken, im
+rothen Drachen bei Heilingen, im Monde, oder in Amerika?"
+
+"Wo?" sagte der Actuar, rasch und fast verstoert aufschauend, als aber die
+Anderen laut lachten, schuettelte er mit dem Kopf und seinen Krug nehmend
+und trinkend sagte er ruhig und ernst:
+
+"Ach lasst mich zufrieden Kinder -- ich habe den Kopf voll, und bin
+wahrhaftig heute Abend nicht zum Spassen aufgelegt."
+
+"Nicht zum Spassen aufgelegt?" rief aber Schollfeld, Kellmann unter dem
+Tisch anstossend -- "ist auch gar nicht noethig mein lieber Actuar -- wir
+spassen auch hier gar nicht; Jemand aber, der eine Erbschaft macht und
+irgendwo Stammgast ist, ueberkommt dabei die moralische Verpflichtung
+irgend etwas zum Besten zu geben, und es bleibt ein Skandal, dass man einen
+solchen Glueckspilz auch nur noch daran erinnern muss. Hat der Henker da
+wieder den Schleicher, den Weigel," unterbrach er sich aber ploetzlich mit
+etwas leiserer Stimme, als er sah wie dieser das Zimmer wieder betrat, und
+sich ihrem Tische zuwandte -- "ich hatte schon gehofft wir wuerden ihn heute
+Abend los sein; jetzt ist _mein_ Vergnuegen beim Teufel."
+
+"Nun meine Herren, noch so froehlich beisammen?" sagte Weigel jetzt, indem
+er zum Tisch trat -- "ah, da sind ja der Herr Actuar auch noch dazu
+gekommen -- bitte behalten Sie ja Platz, ich ruecke ein klein wenig hier
+herueber -- so -- das geht vortrefflich. Nun, der Herr Actuar haben in diesen
+Tagen ein grosses Glueck gehabt -- da darf man ja wohl gratuliren."
+
+"Danke herzlich," sagte Ledermann ruhig; "es wird uebrigens so viel von den
+paar hundert Thalern gesprochen, als ob's eben so viel Tausende waeren."
+
+"Ih nun, das lassen Sie gut sein," sagte aber Weigel, mit dem Kopf
+schuettelnd -- "sechshundert Thaler richtig angewandt koennten in der That in
+kurzer Zeit zu so viel Tausenden werden."
+
+"Wenn man sich Saechsische Loebau-Zittauer Eisenbahnactien dafuer kaufte,
+nicht wahr?" sagte Schollfeld, das Gesicht halb in den ebengebrachten Krug
+versteckt, und einen grimmigen Blick ueber den Rand desselben hin, nach dem
+Auswanderungsagenten schiessend.
+
+"Nun das gerade nicht," schmunzelte Herr Weigel, sein Glas ein wenig
+weiter auf den Tisch schiebend, und sich die Haende reibend, "da wuesste ich
+doch noch eine bessere Speculation."
+
+"Und die waere," sagte der Actuar, seitwaerts zu ihm aufschauend.
+
+"Wenn Sie sich eine kleine Farm in Amerika kauften."
+
+"Puh!" rief Schollfeld, veraechtlich den Kopf abwendend, "jetzt sein Sie so
+gut, kommen Sie uns hier nicht mit Ihrer alten Leier von dem verdammten
+Amerika, und verderben Sie uns das Bier nicht -- hier ist auch Nichts zu
+verdienen, denn von uns geht doch keiner hinueber."
+
+"Lieber Herr Schollfeld," sagte aber Weigel mit grosser Ruhe, "von _uns_
+weiss noch Niemand was er naechstes Jahr thun wird, und verschwoeren laesst
+sich so eine Sache nun einmal gar nicht -- Amerika ist immer noch ein
+Zufluchtsort."
+
+"Ja fuer die Spitzbuben und Hallunken, _da_ haben Sie recht!" rief der
+Apotheker.
+
+"Ne lieber Herr Weigel!" rief aber auch Kellmann jetzt -- "mit sechshundert
+Thalern kann ich da drueben auch Nichts anfangen, und bin dann noch
+obendrein bei jedem Schritt und Tritt der Gefahr ausgesetzt, dass ich
+betrogen und hintergangen werde. Man kann dort ja nicht einmal seinem
+eigenen Bruder trauen."
+
+"Aber mein bester Herr Kellmann, das sind die unglueckseligen Ideen, die
+von -- na, ich will keinen Namen nennen -- ausgesprengt werden, um die Leute
+blind zu machen, rein blind. Sie sollen eben nicht sehen was fuer
+Vortheile, fuer fabelhafte Vortheile dort gerade fuer sie zu Tage liegen,
+und die Geruechte von dort veruebten Betruegereien haengen eben als
+Vogelscheuche ueber den Erbsen. Wir haben _hier_ eben so viele schlechte
+Charaktere wie in Amerika."
+
+"Ob eben so _viel_, will ich dahingestellt sein lassen," sagte Schollfeld
+mit einem nichts weniger als freundlichen Seitenblick auf den Agenten --
+"aber eben so schlechte gewiss."
+
+"Nun also," erwiederte Weigel freundlich, ohne auf den Hieb einzugehn, ja
+im Gegentheil die Waffe laechelnd umdrehend -- "sehn Sie, selber Herr
+Schollfeld stimmt mir darin bei."
+
+"Ja aber nicht wie _Sie_ es meinen!" rief da Schollfeld entruestet,
+keineswegs gesonnen sich die Worte so im Munde verdrehen zu lassen.
+
+"Von den Betruegereien will ich noch gar Nichts sagen," unterbrach ihn aber
+Kellmann, ziemlich in Eifer -- "was ich dagegen sehr guten Grund habe zu
+bezweifeln, sind die billigen Landkaeufe, sind dabei die Erleichterungen,
+welche diese republikanische Regierung allen moeglichen Gewerken und
+Unternehmungen bietet, die geringen Taxen, der freie Verkehr und Umsatz im
+Innern. Das wird Alles ausgemalt mit Gold und Silber und Himmelblau, und
+kommt man am Ende hinueber, so hat man die ganze naemliche Geschichte wie
+bei uns. Dass all das nichtsnutzige Gesindel dort ohne _Pass_ herumlaufen
+darf, mag wahr sein, das halte _ich_ aber eben fuer keinen Fortschritt."
+
+"Verehrtester Herr Kellmann!" rief aber Weigel in Eifer -- "gegen
+_Thatsachen_ koennen wir doch nicht anstreiten; wir wollen doch nicht blind
+und taub mit dem Kopf gegen die naechste, und womoeglich haerteste Wand
+rennen? wir sind doch vernuenftige Menschen, aber haben Sie nicht alle die
+neueren Schriften jetzt gelesen, die -- "
+
+"Ach gehn Sie mit Ihren Schmierereien," rief aber Schollfeld, dem das
+Gespraech jetzt zur Last wurde, "fuer einen Thaler den Bogen malen ihnen die
+lumpigen Literaten selbst die Hoelle himmelblau an, und kleben von oben bis
+unten Sterne drueber. Lasst mir jetzt Euer Geschwaetz von Amerika hier, oder
+ich stehe, Gott straf mich, auf, und setze mich wo anders hin."
+
+"Nun, jeder darf sich hinsetzen wo es ihn gerade freut," sagte Weigel,
+wirklich etwas beleidigt, obgleich er sonst einen ziemlichen Theil
+vertragen konnte.
+
+"Ja leider," sagte aber Schollfeld, mit wieder einem Seitenblick auf den
+Agenten, der diesen doch jetzt vermochte aufzustehn und sein Bier
+auszutrinken.
+
+"Herr Schollfeld," sagte er dabei, "Sie sind in der Stadt als ein
+Antiamerikaner bekannt, und ich glaube Sie wuerden den Leuten eher zu einer
+Auswanderung nach Sibirien wie nach Nordamerika rathen."
+
+"Wuerde ich auch," sagte Herr Schollfeld trotzig, sich den Hut noch fester
+in die Stirn drueckend.
+
+"Nun ja, der Geschmack ist verschieden -- Jeder weiss am Besten wohin er
+gehoert, und dahin treibt ihn der Instinkt," sagte Herr Weigel
+achselzuckend, indem er den Tisch verliess, und Kellmann erwischte eben
+noch zur rechten Zeit Schollfeld hinten am Frackzipfel, der aufspringen
+und dem sich rasch entfernenden Weigel nach wollte.
+
+"Aber so fangen Sie hier doch um Gottes Willen keinen Skandal mit dem
+Menschen an!" rief Kellmann leise und bittend.
+
+"Instinkt treibt?" rief aber Schollfeld jetzt, da er sich hinten,
+vielleicht gern, gehalten fuehlte -- laut hinter dem Davoneilenden her --
+"Sie wird bald 'was anders treiben Sie -- Sie _Seelenverkaeufer_ Sie!"
+
+"Pst!" rief aber auch der Actuar jetzt, ihn rasch zu sich niederziehend --
+"Sind Sie denn ganz vom Boesen besessen Apotheker? auf das Wort koennte er
+Ihnen, wenn er's noch gehoert haette, die schoenste Injurienklage an den Hals
+haengen."
+
+"S'ist aber wahr -- der Lump!" rief Schollfeld aergerlich, den leeren Krug
+zum hastigen Trunk aufhebend, und denselben dann laut auf den Tisch
+aufstossend -- "es ist ein Seelenverkaeufer, der Kerl, und um einen Thaler
+beschwatzt er das Kind, dass es die Eltern, den Mann, dass er die Frau
+verlaesst -- hier Kellner, noch ein Glas Bier. -- Sprecht mir von Raubmoerdern
+und Strassenraeubern, gegen die das Gericht einschreitet und ihnen das
+Handwerk legt -- allen Respect vor einem Mann, der es den Leuten geradezu
+in's Gesicht wirft, "ich _bin_ ein schlechter Kerl -- ich stehle wo ich's
+bekommen kann, und wo ich's nicht gutwillig kriege mord' ich auch; aber
+solche heimliche Hallunken sind die Upasbaeume der menschlichen
+Gesellschaft -- sie vergiften was sie erreichen koennen, und von aussen geben
+sie sich das Ansehen eines ehrlichen Baumes und haben gruene Blaetter und
+glatte Rinde. Gegen _die_ Schufte sollte eingeschritten werden, nicht mit
+Geldstrafen oder Gefaengniss, nein mit Knute und Strang --
+Himmeldonnerwetter, wenn ich da 'was in der Regierung zu befehlen haette."
+
+"Sie wuerden schoene Geschichten anrichten, kann ich mir etwa denken," sagte
+der Actuar trocken, "s'ist so schon manchmal wie's ist. Lassen Sie doch
+jeden seinen Weg gehn in der Welt; der liebe Gott weiss wohl wozu's gut
+ist. Blutigel sind auch unangenehme Geschoepfe in der Naturgeschichte, und
+doch verwendet sie die Natur wieder zu hoechst nuetzlichen und nothwendigen
+Zwecken; denken Sie sich so ein Individuum waere ein menschlicher
+Blutigel."
+
+"Dann trink' ich aber nicht mein Bier an einem Tisch mit ihm," rief der
+Apotheker.
+
+"Bah, das ist wieder zu weit gegangen," sagte Kellmann, "viel zu weit
+gegangen. 'Was Schlechtes koennen Sie dem Mann ueberhaupt nicht nachsagen,
+denn dass er fuer Amerika wirbt, ist einesteils sein Geschaeft, anderntheils
+seine Ansicht, und er koennte Ihnen von _seinem_ Standpunkt aus dann
+ebensogut wieder vorwerfen, dass Sie eine Menge Menschen absichtlich
+ungluecklich machten, die sie von einer Auswanderung nach jenem Lande
+abhielten."
+
+"Unsinn -- baarer Unsinn!" rief aber Schollfeld, unwillig den Kopf herueber
+und hinueber werfend -- "Jemand ungluecklich machen, dass man ihm von einer
+Auswanderung nach Amerika abraeth, waere gerade so, als ob ich als eines
+Menschen Moerder betrachtet wuerde, den ich abhalte aus dem dritten Stock
+auf die Strasse zu springen. Aber hol den Lump der Henker," brach er kurz
+und aergerlich ab, "ich war so guter Laune und jetzt hat er mir den ganzen
+Abend verdorben. -- Nach Sibirien auswandern -- " brummte er dabei,
+waehrend er eine neue Cigarre aus der Tasche nahm und sie an dem, auf dem
+Tisch stehenden Licht entzuendete -- "Holzkopf der -- nach Sibirien
+auswandern -- ich will nur einmal in den Saal gehn und sehn wie sie's da
+treiben, dass man auf andere Gedanken koemmt -- ich bin bald wieder da." Und
+von seinem Stuhl aufstehend verliess er langsam, und immer noch vor sich
+hin murmelnd, das Zimmer.
+
+Der Actuar stand ebenfalls auf und nahm seinen Hut.
+
+"Na nu?" sagte aber Kellmann erstaunt -- "was ist das fuer eine Wirthschaft
+heut Abend? Schollfeld laeuft fort, Lobsich hat sich gar nicht sehen
+lassen, und Sie wollen jetzt auch Fersengeld geben? wo bleibt denn da
+heute Abend unser Solo? -- wir koennen doch nicht wie die Pferde zu Bette
+gehn, ohne unsere Parthie gespielt zu haben?"
+
+"Mir ist heute nicht wie spielen," sagte der Actuar, langsam mit dem Kopfe
+schuettelnd, "ich habe auch Kopfschmerzen, und an der frischen Luft wird
+mir wohl besser werden."
+
+"Fort duerfen Sie aber noch nicht," sagte Kellmann, indem er sein Bier
+austrank, und ebenfalls aufstand, "da wollen wir lieber einmal unten im
+Garten auf und ab gehn."
+
+Der Actuar zoegerte einen Augenblick, dann aber legte er schweigend seinen
+Arm in den Kellmann's und beide Freunde gingen mitsammen die Treppe
+hinunter.
+
+Es war indessen vollkommen dunkel geworden, und die Leute hatten sich, des
+feuchten Abends, wie des im Saal wogenden Tanzes wegen, meist alle aus dem
+Garten hinaus, und in die mehr geschuetzten Raeume der Gebaeude gezogen. Nur
+hie und da sass noch irgend ein kosendes Paerchen in einer Laube, oder
+schwaermte auch wohl auf dem Vorbau des Gartens nach dem, gerade ueber dem
+nebelgefuellten Thal jetzt aufzeigenden Vollmond hinueber, dessen grosse
+rothe Scheibe sich gluehend aus den Bergen hob, und das weite,
+thaublitzende Thal ueberschaute.
+
+Kellmann ging ruhig neben dem still vor sich nieder schauenden Freund her,
+bis sie den breiten Fussweg der schoenen ebenen Chaussee erreichten, und
+eine kleine Strecke derselben hinauf gewandert waren; dann aber blieb er,
+diesen zurueck haltend, ploetzlich stehen, und sagte mit freundlichem,
+herzlichen Ton:
+
+"Aber lieber Ledermann, Sie duerfen sich Ihrem Schmerz um das Kind nicht so
+ganz und ruecksichtslos hingeben; lieber Gott ich begreife dass es ein
+schwerer, recht schwerer Verlust ist, aber Gott hat's gegeben und Gott
+hat's genommen, und wer weiss ob dem kleinen lieben Wesen dadurch nicht
+vielleicht ein recht truebes und schmerzliches Dasein erspart wurde."
+
+"Es ist nicht das Kind, Kellmann," sagte aber der Actuar, leise mit dem
+Kopf schuettelnd, "nicht der Tod meiner kleinen Adele nagt mir jetzt am
+Herzen, obgleich der da oben weiss wie weh er mir gethan -- nein, ich halte
+ihn sogar unter den jetzigen Verhaeltnissen, in denen ich lebe, fuer ein
+_Glueck_, und es ist _furchtbar_, dass ich gezwungen bin so etwas von dem
+Tod meines eigenen, einzigen Kindes zu sagen."
+
+"Aber was, um Gottes Willen, haben Sie _denn_?" rief Kellmann, verwundert
+vor ihm stehen bleibend und ihn anschauend. "Irgend etwas _ist_
+vorgefallen, aber was? -- etwa wieder zu Hause der alte wunde Fleck?"
+
+Ledermann nickte finster und schweigend mit dem Kopf.
+
+"Aber was _will_ sie denn eigentlich," rief Kellmann finster die Brauen
+zusammen und seinen Arm aus dem des Freundes ziehend, um besser
+gesticuliren zu koennen -- "Wetter noch einmal, Ledermann, Sie haetten da
+schon lange ernst und entschieden auftreten sollen, die Sache ist jetzt
+schon viel zu weit eingerissen, und die Frau bringt sie, wenn das so fort
+geht, wahrhaftig noch unter die Erde."
+
+"Ernst und entschieden auftreten? -- lieber Gott," stoehnte der Actuar
+kopfschuettelnd -- "soll ich mir denn die letzte leiseste Hoffnung auf
+einen, nur moeglichen Hausfrieden selber muthwillig vernichten? -- _Sie_
+haben gut reden; _Ihr_ Geschaeft ist in Ihrer eignen Wohnung, und Ihre
+Erholung gestattet Ihnen, _die_ ausserhalb desselben zu suchen, ich aber
+sitze und schwitze den ganzen lieben ausgeschlagenen Tag auf dem
+verwuenschten Bureau, und komme ich dann Abends zu Hause, und sehne mich
+nach einer halbstuendigen gemuethlichen Ruhe, so beginnt die Frau, und wenn
+sie eine Ursache aus der Luft greifen sollte, mir das Leben zu einer Hoelle
+zu machen. Lieber Gott, es fiele mir ja gar nicht ein Abends in ein
+Wirthshaus zu gehn, wenn ich Frieden daheim haette; es giebt vielleicht
+wenig Menschen in der Welt, die sich so nach einem stillen, haeuslichen
+Leben sehnen, wie gerade ich, und keinen, Kellmann, keinen weiter, dem es
+_so_ verbittert, so gaenzlich aus dem Fenster geworfen wird, jeden Abend
+wieder von Frischem, wie gerade mir."
+
+"Aber was ist denn nur vorgefallen?"
+
+"Das Ganze ist mit wenig Worten erzaehlt," sagte der Actuar nach kurzer
+Ueberlegung entschlossen, "und Sie sollen mir rathen, wie ich im Stande
+bin mich einem Zustand zu entziehn, der mir unertraeglich wird. Sie haben
+gehoert dass ich von einem entfernten Verwandten sechshundert Thaler geerbt,
+die ich in den naechsten Wochen ausgezahlt bekomme. Das Vernuenftigste nun
+waere das Geld in irgend einem _sichern_ Staatspapier, oder in guten Actien
+anzulegen, und mit den wenigen, aber gewissen Zinsen meinen, ueberdies
+aermlichen Gehalt zu erhoehen -- ich habe fuenfhundert Thaler jaehrlich und
+weiss bei Gott oft nicht wie ich auskommen soll."
+
+"Nun gut, das ist ja Alles so schoen und glatt wie es nur sein kann."
+
+"Jawohl, aber meine Frau besteht darauf das Capital ihrem Bruder geben zu
+wollen, der ein Geschaeft hat und mir _fuenf_ Procent verspricht."
+
+"Ih nun, wenn es da sicher angelegt ist -- fuenf Procent waere aller Ehren
+werth."
+
+"Aber es _ist_ nicht sicher angelegt; der Bursche ist ein liederlicher
+leichtsinniger Mensch, der schon einmal Bankerott gemacht hat und -- wie
+ich ziemlich guten Grund habe zu vermuthen -- an der Grenze eines zweiten
+steht."
+
+"Ahem," sagte Kellmann nachdenkend.
+
+"Geb ich _ihm_ das Geld," fuhr der Actuar fort, "so ist es ueber Jahr und
+Tag, so sicher wie dort drueben der Mond aufgeht, verloren, und geb' ich es
+ihm _nicht_, so weiss ich dass mir die Frau zu Hause den eignen Heerd zur
+Hoelle macht."
+
+"Aber Donnerwetter, Ledermann, nehmen Sie mir das nicht uebel," sagte
+Kellmann stehen bleibend, "da wuerde ich denn doch einmal einen Trumpf
+darauf setzen und mein Recht als Mann und Herr im Hause wahren; nur durch
+Ihr ewiges Nachgeben haben Sie die Geschichte schon so, in Grund hinein
+verdorben."
+
+"Aber was _soll_ ich thun?" rief der Actuar verzweifelnd -- "mit Worten
+_kann_ ich nicht gegen sie anstreiten, nicht sechs Maenner koennten das; in
+Ruhe und Guete ist Nichts anzufangen mit ihr, und schlagen darf und will
+ich sie ebenfalls nicht."
+
+"So lassen Sie sich scheiden, zum Wetter noch einmal;" rief Kellmann,
+"lieber doch eine trockne Brodrinde kauen, als mit solchem Drachen das
+ganze Leben, eine ganze Existenz, muehselig und qualvoll hinzuschleppen."
+
+"Heute Abend zum ersten Mal," sagte der Actuar seufzend, "habe ich ihr
+selber damit gedroht; ich habe ihr vorgehalten, dass sie sich mit mir nicht
+gluecklich fuehlen _koenne_, weil sie fortwaehrend, und ohne auch nur einen
+einzigen Tag Frieden zu gestatten, zanke, und das Beste sein wuerde, wir
+liessen uns, einem Leben zu entgehen das auf die Laenge der Zeit doch nicht
+durchgefuehrt werden koenne, gerichtlich scheiden."
+
+"Nun? -- und was hat sie darauf erwiedert?"
+
+"Ich bin fortgelaufen," sagte der Actuar, seufzend den Kopf von dem Freund
+abwendend, "denn sie wurde -- sie wurde so heftig, und betrug sich -- betrug
+sich so unvernuenftig, dass ich mich vor den Nachbarn schaemte, und lieber
+Hut und Stock nahm, den Frieden wieder, wie schon so oft, auswaerts zu
+suchen."
+
+"Also sie weigert eine Scheidung?"
+
+"Sie schwur sie wolle mir die Augen auskratzen, wenn ich noch einmal ein
+derartiges Wort erwaehne, zerbrach dann in ihrer Wuth Gott weiss was Alles,
+und -- ich glaube sie bekam nachher Kraempfe -- ihr altes Leiden. Erst hatte
+ich gehofft der Tod des Kindes wuerde sie milder stimmen, aber nein, und
+wenn mich etwas ueber den Verlust des kleinen lieben Wesens troesten koennte,
+so ist es gerade der Gedanke, es dem boesen Beispiel, das ihm die eigene
+Mutter taeglich gab, entrissen zu sehn -- was haette zuletzt aus ihr werden
+sollen, als eben eine solche Frau."
+
+"Und so ist gar keine Hoffnung, mit Guete durchzukommen? -- "
+
+Der Actuar schuettelte schweigend mit dem Kopf.
+
+"Hm, das ist eine verfluchte Geschichte," sagte Kellmann, "da -- da weiss
+ich wahrhaftig auch nicht was ich rathen soll. Das Geld vertraute ich aber
+-- wenn die Sache _so_ steht -- meinem Schwager auch nicht an, soviel ist
+sicher -- Sie sind das sich selber und Ihrer eigenen Existenz schuldig."
+
+Der Actuar seufzte tief auf und die beiden Maenner gingen wieder eine
+Zeitlang, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschaeftigt, nebeneinander
+hin. Sie waren indess die Strasse ein Stueck hinauf- und wieder
+zurueckgegangen, und blieben jetzt mehre Minuten nicht weit von dem Eingang
+des Gartens stehn, den Ruecken diesem, und ihr Gesicht dem sich gerade ueber
+die Berge hebenden Monde zugewandt, als ein junges Maedchen, noch ein Kind
+fast und augenscheinlich auf der Wanderung, ganz allein mit einem kleinen
+Buendel in der linken Hand, und einem grossen dunklen Tuch ueber dem rechten
+Arm, die Strasse herunter kam und ziemlich dicht an ihnen vorueberging. So
+viel sie im Mondenlicht erkennen konnten, war sie nur aermlich gekleidet,
+und auch wohl ermuedet von einem vielleicht langen Marsch, denn sie blieb
+zweimal stehen und trocknete sich dabei den Schweiss von der Stirn.
+
+Das zweite Mal als sie Halt machte geschah das fast dicht vor den beiden,
+hier im Schatten eines Hollunderbusches stehenden Maennern, die sie im
+Anfang gar nicht bemerkte, und sie schien den Toenen zu lauschen die aus
+dem etwa zweihundert Schritt davon gelegenen hellerleuchteten Gartenhaus
+wild und lustig heraustoenten.
+
+"Froehliche Menschen," fluesterte sie dabei -- "_Glueckliche_;" wie sie aber
+den Kopf dem Lichte zuwandte, fiel ihr Blick auch auf die beiden dunklen
+Schatten unter der Mauer, und wie unwillkuerlich fuhr sie zurueck; dabei
+glitt ihr das Buendel aus der Hand und fiel zu Boden.
+
+"Wir thun Dir Nichts, Kind," sagte Kellmann, der die Bewegung gesehen
+hatte, gutmuethig; "wo willst Du denn noch so spaet hin?"
+
+"Nach Heilingen," antwortete das fremde Maedchen, ihr Buendel wieder
+aufnehmend -- "ist es noch weit bis dorthin?"
+
+"Eine halbe Stunde etwa, wenn Du ruestig zugingst; aber Du scheinst muede zu
+sein und wirst wohl laenger brauchen."
+
+"Ich komme weit her," sagte die Fremde, aber sie zoegerte dabei und es war
+als ob sie noch nach irgend etwas fragen oder um etwas bitten wolle, und
+sich auch wieder scheue es zu thun.
+
+"Du bist wohl hungrig, Kind?" frug sie da Kellmann, dessen gutes Herz ihn
+zu helfen draengte, wo das in seinen Kraeften stand -- "sag's gerad' heraus;
+und wenn Du kein Geld hast macht das nichts, ich schaffe Dir was."
+
+Das Maedchen schwieg und drehte seufzend den Kopf ab und Kellmann, dem
+richtigen Princip der Gastlichkeit und Menschenliebe treu, nicht viel zu
+fragen erst, wo man gern giebt, sagte ihr sich einen Augenblick auf die
+kleine Bank am Thor zu setzen, und er werde ihr einen Imbiss holen -- sie
+koenne dann Heilingen bald erreichen. Ohne erst eine Antwort abzuwarten
+ging er darauf rasch in's Haus, und das Maedchen zoegerte noch einen
+Augenblick und folgte dann, augenscheinlich zum Tod ermuedet, der
+freundlichen Einladung.
+
+"Du kommst weit her?" sagte der Actuar endlich, der neben ihr stehn
+geblieben, im Anfang aber noch zu sehr mit seinen eigenen Gedanken
+beschaeftigt war, viel auf die Fremde zu achten.
+
+"Von Erfurt."
+
+"Von Erfurt? hm -- das ist eine lange Strecke; zu Fuss den ganzen Weg?"
+
+"Ja."
+
+"Und willst in Heilingen bleiben?"
+
+"Ich weiss es noch nicht."
+
+"Hast Du Verwandte dort?"
+
+"Einen Bruder."
+
+"Hast Du denn einen Pass bei Dir?"
+
+"Ja," sagte das Maedchen und holte, mit einem scheuen Blick auf den Frager,
+ihr kleines Buendel vor, das sie Miene machte aufzuknuepfen, der Actuar
+aber, der die Bewegung verstehen mochte, sagte rasch:
+
+"Nein nein -- lass nur sein -- ich will ihn nicht sehen -- ich frug nur
+Deinethalben, damit Du hier in der Stadt in keine Verlegenheit kaemest. Da
+ist auch Freund Kellmann schon mit dem Essen -- nun lass Dir's schmecken."
+
+"Da," sagte der kleine Kuerschner, der schnellen Schrittes mit einem grossen
+gestrichenen Weissbrod und einem hohen Glas Milch herankam und es der
+Fremden reichte -- "das wird Dir gut thun."
+
+Das junge Maedchen nahm das Glas mit schuechternem Danke an und trank -- erst
+ein wenig, dann aber herzhafter -- sie mochte wohl recht durstig gewesen
+sein. Wie sie fertig war setzte sie das Glas auf die Bank zurueck und nahm
+ihr Buendel wieder auf.
+
+"Ich danke Ihnen auch noch viel tausend Mal," sagte sie dabei mit weicher,
+ergriffener Stimme -- "ich hatte seit heute Morgen Nichts gegessen und war
+recht matt geworden."
+
+"Armes Kind," sagte Kellmann mitleidig -- "aber hast Du denn schon einen
+Platz in der Stadt wo Du uebernachtest?"
+
+"Ja," sagte die Kleine -- "ich denke so -- koennen Sie mir aber wohl noch
+sagen ob das Haus des reichen Herrn Dollinger nahe am Thore ist, oder weit
+in der Stadt drin?"
+
+"Dollinger's Haus? oh nicht so weit in der Stadt drin -- aber was willst
+Du dort?"
+
+"Mein Bruder ist in Herrn Dollinger's Geschaeft -- wohnen auch die Leute bei
+ihm im Hause?"
+
+"Nicht dass ich wuesste," sagte Kellmann.
+
+"Aber man kann es doch dort erfahren wo sie wohnen?"
+
+"Gewiss -- gleich unten im Haus bei dem Hausmann; frage nur nach der
+Poststrasse, wenn Du in's Thor kommst."
+
+"Gute Nacht Ihr Herren, und nochmals schoensten Dank -- Gott mag es Ihnen
+vergelten."
+
+"Gute Nacht Kind, guten Weg," sagte Kellmann, "aber -- wie heisst denn Dein
+Bruder?"
+
+"Franz Lossenwerder," sagte das Maedchen und ging langsam die Strasse hinab.
+
+"Oh Du mein Gott," rief der Actuar leise und erschreckt vor sich hin, wie
+er den Namen hoerte -- "das ist ja schrecklich."
+
+"Du lieber Gott, das arme Ding muss von dem Schicksal des Bruders gar
+Nichts wissen," seufzte auch Kellmann -- "und wenn sie das jetzt heute
+Abend erfaehrt -- o wo wird sie nur die Nacht bleiben?"
+
+"Armes, armes Kind," sagte der Actuar, "und selbst ohne Geld in der
+fremden Stadt."
+
+"Ich geb' ihr etwas," rief Kellmann, rasch entschlossen, und eilte "heh! --
+pst!" rufend die Strasse hinab dem Maedchen nach, das stehen blieb und nach
+Buendel und Tuch fuehlte als sie den Ruf hoerte, weil sie glaubte dass sie
+vielleicht etwas vergessen haette.
+
+"Liebes Kind," stotterte aber Kellmann verlegen, als er sie eingeholt,
+denn er konnte es nicht ueber's Herz bringen ihr die Wahrheit zu sagen --
+"ich -- ich kenne Deinen Bruder, aber -- er ist jetzt nicht in Heilingen --
+Du -- Du wirst es morgen schon hoeren, und im Dollingerschen Hause koennen
+sie Dir auch heute nichts weiter sagen, es ist sogar sehr die Frage ob der
+Mann unten im Haus noch auf ist. Gleich wenn Du in's Thor hineinkommst,
+das dritte Haus an der rechten Seite, vor dem die beiden Laternen stecken,
+ist ein Gasthaus -- ein gutes anstaendiges Haus, wo sie Dir Quartier geben
+werden -- da gieb ihnen diese Karte, der Wirth kennt mich, und sage ihm nur
+ich haette Dich hingeschickt."
+
+"Aber bester Herr," sagte das Maedchen bestuerzt, als ihr der gutmuethige
+Kuerschnermeister mit der Karte zwei grosse Stuecken Geld -- es waren zwei
+Thaler -- in die Hand drueckte -- "ich weiss gar nicht -- "
+
+Kellmann liess sie aber gar nicht zu Worte kommen.
+
+"Schon gut -- schon gut," rief er, drehte sich um, und kehrte, das Maedchen
+allein auf der Strasse zuruecklassend, eben so rasch nach dem Platz zurueck,
+wo der Actuar noch seiner harrend stand.
+
+"Haben Sie es ihr gesagt?" frug dieser ihn.
+
+"Nein -- um Gottes Willen nein; das moegen Andere thun, _ich_ koennte es
+nicht."
+
+"Aber was soll jetzt aus ihr werden?"
+
+"Ich werde mich im Loewen schon nach ihr erkundigen," sagte Kellmann nach
+kurzer Ueberlegung -- "und wenn es ein ordentliches Maedchen ist, hab ich
+Bekannte genug hier in der Stadt, ihr einen Dienst zu verschaffen. Aber
+wie ist es denn mit der Lossenwerderschen oder Dollingerschen Geschichte
+geworden? ist denn noch etwas von dem gestohlenen Gut zu Tage gekommen? --
+man hoert ja keine Sterbenssylbe mehr darueber."
+
+"Nichts -- gar nichts weiter," sagte der Actuar; "im Gegentheil hat der
+arme Teufel von Lossenwerder ein kleines Tagebuch gefuehrt gehabt, was sich
+unter den confiscirten oder mit Beschlag belegten Sachen fand, und worin
+er jeden bis dahin eingenommenen Groschen sorgfaeltig und ordentlich, mit
+seinen hoechst bescheidenen Ausgaben, aufnotirt. Das aber als gueltig
+angenommen -- und wir haben nicht die mindeste Ursache es zu bezweifeln da
+es fast zwoelf Jahre zurueckfuehrt -- waere im Gegentheil der Beweis geliefert
+dass die aufgefundenen zweihundert Thaler muehsam und redlich gespartes Geld
+gewesen waeren."
+
+"Und _kein_ anderer Beweis hat sich gegen ihn herausgestellt?"
+
+"Keiner, als dass er im Hause war und sich auffaellig heimlich daraus
+entfernt hat; aber auch selbst das findet nach den Acten eine
+wahrscheinliche, wenn auch etwas wunderliche Erklaerung. Nach einer Zahl
+vieler hoechst mittelmaessiger, oft aber auch ziemlich guter Gedichte, in
+denen sich besonders viel Gemueth ausspricht, scheint der arme verwachsene
+und huelflose Mensch eine Art von -- Liebe -- ich kann es nicht anders
+nennen, gegen Dollinger's juengste Tochter und Henkel's Braut in seinem
+unschoenen Koerper mit herumgetragen, und nur, seinen Standpunkt gar wohl
+erkennend, den einzelnen, in seinem Pult verschlossenen Blaettern
+anvertraut zu haben -- doch das unter uns. Diese unglueckselige und
+hoffnungslose Neigung _kann_ ihn moeglicher Weise dazu getrieben haben, dem
+jungen Maedchen zu ihrem Geburtstag einen Blumenstock zu schenken -- er hat
+sogar ein Gedicht geschrieben was den Punkt beruehrt, und worin er sich
+gluecklich fuehlt dass sie eine Blume pflegen koennte die er gezogen, wenn sie
+auch nicht wuesste von wem sie kaeme. Dass er unter solchen Umstaenden nicht
+wollte im Hause gesehen sein laesst sich denken, und ein Diebstahl in ihrem
+eigenen Zimmer verliert, diesen Thatsachen gegenueber, an
+Wahrscheinlichkeit, wenn er auch nicht eben zu einer Unmoeglichkeit
+gehoerte. Das Menschenherz ist schwach, und Mancher schon ist geringerer
+Verfuehrung erlegen."
+
+"Hm, hm, hm," sagte Kellmann vor sich hin -- "das ist ja eine rechte,
+rechte boese Geschichte, und der arme Teufel da am Ende ganz und gar
+unschuldig in sein Verderben gesprungen."
+
+"Ja, und eine Sache die mir selber schon manche schlaflose Nacht gemacht
+hat," sagte der Actuar, "denn ich _kann_ den Gedanken nicht los werden,
+welchen Antheil ich selber daran gehabt, den Ungluecklichen dahin zu
+treiben -- obgleich ich eben nicht mehr als meine Pflicht gethan, und an
+einen solchen verzweifelten Schritt nicht denken konnte; war er
+unschuldig, haette sich das ja bald in der Untersuchung herausgestellt."
+
+"Ja, und die Untersuchung rechnet Ihr Herrn vom Gericht eben fuer Nichts,"
+sagte Kellmann finster -- "aber wenn das sein erspartes, und Gott weiss dann
+_wie_ muehsam erspartes Geld war, wird es doch auch seinen Erben nicht
+koennen vorenthalten werden."
+
+"Die Untersuchung ist noch nicht ganz geschlossen," sagte der Actuar,
+"aber ich glaube auch nicht dass irgend Jemand anders einen Anspruch darauf
+wird geltend machen koennen. Diese Schwester erwaehnte er ueberhaupt mehrmals
+in seinen Notizen, und hat sie auch dann und wann unterstuetzt, das Geld
+wird ihr spaeter allerdings zugesprochen werden."
+
+"Und keine Spur ist sonst aufgefunden von dem moeglichen, von dem
+wirklichen Dieb?"
+
+"Keine -- die Dienstboten sind Alle mehrmals scharf inquirirt und auf das
+Genauste die ganze Zeit beobachtet, zu sehen ob eins von ihnen vielleicht
+groessere Ausgaben als gewoehnlich mache, oder sich durch irgend etwas
+anderes verrathen wuerde; ja die Leute haben untereinander fast eben so
+scharfe Wacht gehalten, den Verdacht von sich abzuwaelzen und den
+Schuldigen aufzufinden, aber es hat sich bis jetzt nicht das Mindeste
+herausstellen wollen. Mit Geld ist das eine boese Sache, und wenn der Dieb
+die Juwelen nur vorsichtig ein paar Jahr an sich haelt, und dann vielleicht
+noch gar ausser Landes schafft, wer soll ihn da aufspueren? allwissend sind
+wir auch nicht."
+
+"Das weiss Gott," sagte Kellmann -- "wie damals mit der Pelzdecke, die mir
+Jemand von der Ladenthuer weggestohlen, und die ich zwei Jahr spaeter ganz
+gemuethlich im Polizeibureau, beim Polizeidirector selber in der Stube
+wiederfand; da hoert denn doch Alles auf. Aber mir ist wahrhaftig jetzt
+nicht wie spassen zu Muth; der Anblick des armen Maedchens hat einen
+wehmuethigen Eindruck auf mich gemacht; lieber Himmel, was es doch fuer
+Elend auf der Welt giebt, und still und bewusstlos gehen wir meist daran
+vorueber."
+
+"Und die Musik da drinnen, waehrend das arme Kind dort allein und freundlos
+seine Strasse geht, und trotzdem jetzt noch gluecklich ist gegen den
+Augenblick, wo es das Furchtbare doch erfahren _muss_. Mich leidet's heute
+nicht laenger hier draussen, Kellmann," brach er kurz ab -- "ich mag die
+Tanzmusik nicht hoeren -- wollen wir zurueck in die Stadt gehn? es ist
+ueberdies schon spaet."
+
+"Ich habe Nichts dagegen," sagte Kellmann, tief aufseufzend -- "mir ist
+der Abend heute auch verdorben, aber wir wollen Schollfeld erst abrufen."
+
+"Da drin ist wohl Pruegelei?" sagte da Ledermann, als aus dem Hause wilder
+Laerm zu ihnen heraus toente.
+
+"Das waere frueh," meinte Kellmann -- "die kommt gewoehnlich sonst erst
+spaeter, oder ganz zum Schluss. Es ist doch sonderbar, dass ein deutscher
+"Tanz" nie ohne eine Schlaegerei enden kann; es scheint auch ungefaehr
+dasselbe, wie der Cotillon bei einem Ball, nur dass sich die jungen Maedchen
+nicht dabei betheiligen -- hoechstens verheirathete Frauen, ihre Eheherren
+zu schuetzen, und die Verwirrung womoeglich noch groesser zu machen -- hallo
+aber das kommt hier heraus."
+
+"Sie werden Jemanden hinauswerfen," sagte der Actuar ruhig -- "lassen Sie
+uns an die Seite treten dass wir nicht in das Gewirr gerathen."
+
+Der Actuar hatte allerdings recht, denn unter dem Lachen, Schreien und
+Jubeln der Menge, durch das einzelne wilde Flueche einer, ihnen keineswegs
+unbekannten Stimme toenten, waelzte sich ein Haufen Menschen aus dem Saal
+heraus, in der Mitte einen Mann schleppend, der sich mit Haenden und Fuessen,
+wenn auch umsonst, gegen solche unwuerdige Behandlung straeubte, und in dem
+die beiden Freunde sehr zu ihrem Erstaunen den Auswanderungsagenten Weigel
+erkannten.
+
+"Lasst mich los!" schrie dieser dabei, mit den wildesten, ungemessensten
+Fluechen und Schimpfreden -- "lasst mich los oder ich rufe die Polizei --
+Huelfe! -- Moerder! Feuer!"
+
+"Bruell nur mein Herzchen!" sagte aber der Verwalter von Hohleck, eine
+riesige breitschultrige Gestalt, der den machtlos dagegen Ankaempfenden wie
+in einer eisernen Klammer am Kragen gepackt hielt -- "Dich koennten wir hier
+brauchen, die Leute heimlich beschwatzen dass sie Hof und Dienst verlassen
+und nach Amerika liefen -- ei Du Hallunke, Du kommst mir einmal wieder vor
+die Faeuste."
+
+"Halt da -- Hohmeier! lasst ihn los!" rief aber in diesem Augenblick eine
+andere, etwas schwer klingende Stimme, die dem also Gefaehrdeten zu Huelfe
+zu eilen schien -- "der hier -- Homeier -- der hier ist mein Freund -- mein
+ganz intimer Freund und den lass ich mir -- Homeier, den lass ich mir nicht
+aus dem Hause werfen."
+
+Es war Niemand anderes als der Wirth, Lobsich, selber, aber, wie es die
+Seeleute nennen, "halb im Wind", mit schwerer Zunge und schon etwas
+taumelndem Gang, dass sich der Zustand in dem er sich befand, nicht gut
+verkennen liess. Er versuchte dabei den Agenten zu halten und aus den
+Haenden derer die ihn gefasst hatten fortzuziehn; Hohmeier, der Verwalter
+schob ihn aber mit seinem linken Arm bei Seite, als ob es ein Kind gewesen
+waere, und sagte ruhig:
+
+"Geht zu Bett Lobsich, das waer' Euch viel besser heut Abend, aber mischt
+Euch nicht in Sachen die Euch Nichts kuemmern."
+
+"Nichts kuemmern?" rief aber der Wirth gereizt, indem er den Verwalter mit
+grossen stieren Augen ansah -- "nichts kuemmern _Hoh_meier? -- oh _Hoh_meier
+wem gehoert denn dies Haus, heh? -- nichts _kuemmern_? wem gehoert denn der
+rothe Drache, heh, _Hoh_meier."
+
+Die Schaar war indessen bis grade dorthin gekommen, wo Kellmann und der
+Actuar standen, und wo sie den Agenten zwischen zwei ziemlich nah zusammen
+wachsenden Akazienbaeumen durchtragen wollten als dieser, solche letzte
+Gelegenheit vielleicht, benutzend, Arm und Beine auseinanderspreitzte, dass
+sie ihn nicht hindurchbringen konnten, waehrend er von Neuem sein "Huelfe!
+Moerder! Feuer!" aus voller Kehle schrie.
+
+"Wenn ihm nur Jemand die Beine ausheben wollte!" sagte Herr Schollfeld,
+der ein hoechst vergnuegter Zeuge der Scene war, ohne jedoch seines
+schwaechlichen Koerpers wegen selber Theil daran zu nehmen, jetzt
+wohlmeinend. Ein paar Knechte vom Hof, die ihren Verwalter in seinem
+Richteramt unterstuetzten, liessen sich das auch nicht zweimal sagen, und
+der wuethend, aber vergebens dagegen Antretende fand sich bald in der
+vollkommnen Gewalt der Leute, ohne im Stande zu sein auch nur den
+geringsten erfolgreichen Widerstand zu leisten.
+
+"Heh _Hoh_meier!" schrie aber Lobsich, der sich indess durch die im Garten
+stehenden Stuehle und Tische wieder nach vorn gedraengt hatte den Mann frei
+zu machen, von dem er sich ploetzlich einbildete dass er sein Freund sei,
+"lasst mir den Menschen los, sag ich Euch _Hoh_meier -- Donnerwetter ich
+will doch einmal sehn wer hier in meinem eigenen Hause zu befehlen hat.
+Ihr oder ich -- _Hoh_meier. Es ist mir doch was Unbedeutendes!" Er schien
+sich auch in der That den Leuten entgegenwerfen zu wollen; im Vorspringen,
+und das viele Getraenk im Kopf, blieb er aber mit dem einen Fuss in einer
+dort stehenden Fussbank haengen, und schlug der Laenge lang in den Garten,
+waehrend die Knechte den jetzt wuethend um sich schlagenden Agenten rasch
+aufgriffen und, lachend ueber des Wirthes Unfall, aus der Gartenthuer auf
+die Strasse warfen.
+
+Ein furchtbarer Laerm entstand jetzt, die Leute jubelten und lachten, und
+erzaehlten sich untereinander wie der "Auswanderungsmann" einen
+Schaafknecht vom Gut haette bereden wollen als "Schaafmeister" nach Amerika
+auszuwandern, und vom Verwalter dabei erwischt waere, und der
+"Auswanderungsmann" stand vor dem Gartenthor und schimpfte und wuethete,
+bis einer der Knechte das Schloss wieder aufdrueckte und hinaus und ihm nach
+wollte, und dann auf der Chaussee stehen blieb und hinter dem davon
+Laufenden herfluchte, und Steine hinter ihm drein warf.
+
+Drinnen im Saal toente die Musik aber wieder rauschender als vorher, und
+die jungen Burschen durften die Zeit hier nicht laenger im Garten
+versaeumen. Waehrend die aber wieder in den Saal draengten, Taenzerinnen zu
+bekommen, und Schollfeld von Kellmann angerufen war, mit ihnen zurueck nach
+der Stadt zu gehn, blieb Lobsich noch im Garten, an dessen Thuere er trat,
+und nach der Strasse hinaus mit lauter und immer aergerlicher werdender
+Stimme Weigel's Namen schrie. Lobsich war jedenfalls stark angetrunken und
+wollte sehr wahrscheinlich den Mann zurueck holen, um ihm jetzt ernstlich
+beizustehn und den Skandal noch einmal von Neuem zu beginnen.
+
+Die drei Freunde hielten sich dabei im Schatten eines dichten
+Fliederbusches, von dem aufgeregten und jetzt doch nicht
+zurechnungsfaehigen Menschen nicht bemerkt zu werden, und dann unbelaestigt
+den Garten zu verlassen, als Lobsich's Frau, die das Toben ihres Mannes
+wohl im Haus gehoert, von dort her und den Mittelweg herunter eilte. Ohne
+dass er sie bemerkte kam sie auch bis dicht an ihn hinan, und hier seinen
+Arm ergreifend sagte sie mit leiser, bittender Stimme.
+
+"Lobsich -- Vater -- komm sei vernuenftig, lass das Schreien und Toben hier
+auf der Landstrasse und geh zu Bette -- thu _mir's_ zu Liebe Lobsich, wenn
+ich Dich darum bitte."
+
+"Lassmchfrieden," stammelte aber der Betrunkene mit schwerer Zunge und
+suchte sie von sich abzuschuetteln -- "lass mchfrieden sag ich -- Dnrrwttrrr --
+ich weiss -- ich weiss was ich ss -- se thun habe -- "
+
+"Aber Lobsich, ich bitte Dich um Gottes Willen," fluesterte die Frau in
+Todesangst -- "Du machst Dich und mich ungluecklich wenn Du Dich nicht
+aenderst -- was soll daraus werden?" --
+
+"Lassmch -- frieden," stammelte aber der Mann, sie unwillig von sich
+abschuettelnd, aber er verliess den Thorweg wenigstens und taumelte durch
+den Garten fort, seitwaerts vom Hause ab -- "Weibervolk," murmelte und
+fluchte er dabei -- Himmelsakkrments Weibervolk -- Unsinn -- violettblaues --
+ist mir doch -- ist mir doch was Unbe -- Unbedeutendes -- " und er
+verschwand damit hinter den Bueschen. Die Frau aber blieb, den Ellbogen auf
+das Thuerschloss gestuetzt und das Gesicht in den Haenden bergend, allein
+zurueck, richtete sich aber rasch wieder auf, als sie Schritte auf sich
+zukommen hoerte, und wollte nach dem Haus zurueck.
+
+"Frau Lobsich," sagte Kellmann, der es war, gutmuethig, ja fast herzlich --
+"macht denn das Lobsich jetzt oefter dass er so ueber die Schnur haut?"
+
+"Ach Sie sind es Herr Kellmann," sagte die arme Frau beruhigt. "Lieber
+Gott, ich weiss meinem Herzen keinen Rath mehr, wenn er's so fort treibt;
+wie soll das enden?"
+
+"Aber ich habe Ihren Mann so doch noch in meinem Leben nicht gesehn,"
+sagte Kellmann verwundert.
+
+"Ach ja," seufzte die Frau -- "es ist nicht das erste Mal, aber ich habe
+immer gesucht es so viel als moeglich zu verheimlichen, es giebt gar solch
+ein boeses Beispiel fuer die Leute. Es sind auch eigentlich nur einige
+Wochen erst dass er so scharf zu trinken anfaengt. Lieber Gott, im Kopf hat
+er frueher schon manchmal eins gehabt, aber er artete doch nie aus, jetzt
+jedoch geht der Spiritus mit ihm durch, und er wird zum Thier. Ach guter
+Herr Kellmann, wenn Sie einmal ein recht ernstes aber doch freundliches
+Wort mit ihm sprechen wollten; auf Sie haelt er etwas. Mir verspricht er's
+wohl auch," setzte sie leiser hinzu, "aber -- er vergisst es immer nur zu
+rasch wieder."
+
+"Ich will mein Moeglichstes mit ihm versuchen, Frau Lobsich," sagte
+Kellmann freundlich -- "aber," setzte er rascher und leiser hinzu -- "dort
+glaub' ich kommt er schon wieder zurueck, es wird besser sein wenn Sie
+versuchen ihn heute Abend zu Bett zu bringen; mit einem betrunkenen
+Menschen laesst sich Nichts anfangen."
+
+"Na? -- Donnrrwttrrr," stammelte aber in diesem Augenblick der Wirth, der
+auf seinem Zickzack Cours wieder nach der Thuer zurueckkam, und die Arme
+einstemmend einen, wenn auch vergebenen Versuch machte, mit gespreitzten
+Beinen vor seiner Frau stehen zu bleiben -- "Dnnrrrwttrrr," wiederholte er,
+herueber und hinueber schwankend -- "was's das vor Wirthschaft heh? wo gehoert
+die -- gehoert die Frau hin, heh? -- in die Hofthuer mit fremden Kerlen
+schwatzen heh? -- ist mir doch -- ist mir doch was Unbe -- Unbedeutendes."
+
+"Aber lieber Lobsich," nahm hier der jetzt auch hinzugetretene Schollfeld
+das Wort, "sein Sie doch vernuenftig und gehn Sie -- "
+
+"Hallo?" rief aber der Wirth, sich halb nach dem Redner herumdrehend, in
+dessen hell vom Mond beschienenen Zuegen er den Apotheker erkannte -- "sin'
+wir auch hier? heh? -- haben auch mit g'holfen mein' besten Freund -- mein'
+besten Freund mit hinaus zu werfen -- heh? Sie -- Sie Giftmischer Sie -- Sie
+-- "
+
+"Herr Lobsich!" rief Schollfeld aergerlich, "Sie sind heute nicht
+zurechnungsfaehig, sonst -- "
+
+"Was? -- Pillendreher will noch -- will noch raiss -- raiss'niren -- heh?"
+rief aber der gereizte Wirth und that einen Schritt gegen den Mann an.
+
+"Aber Lobsich so bedenke doch um Gottes Willen was Du sprichst," bat ihn
+die Frau, seinen Arm ergreifend -- "komm mit mir in's Haus -- wir haben
+noch so viel zu thun."
+
+"Viel zu thun? -- heh? -- habe keine Zeit mehr heut Abend -- hickup" --
+stammelte aber der Mann gegen den Schlucken ankaempfend -- "muss noch -- muss
+noch -- hickup -- muss noch Wein abziehn und -- und Bier trinken -- hickup --
+und -- und hahahahaha -- da ist -- da ist ja die ganze Gesellschaft -- ja wohl
+-- hickup -- ja wohl, komme schon -- komme schon meine Herrn -- Lobsich ist
+immer da -- ein verfluchter Kerl, der -- der -- hickup -- der Lobsich -- ist
+mir doch -- ist mir doch was Unbedeutendes;" -- und in einer unbestimmten
+Idee dass ihn vom Haus aus Jemand gerufen haette, wobei er seine Umgebung
+ganz vergass, taumelte er dem Saal wieder zu, wohin ihm die Frau aengstlich
+folgte. Sie musste ihn ja zurueckhalten, dass er so seinen Gaesten und Leuten
+nicht wieder unter die Augen kam.
+
+
+
+
+
+ Capitel 9.
+
+
+ RUeSTUNGEN.
+
+
+"Nach New-Orleans!"
+
+"Das ausgezeichnet schoene, 360 Last grosse, schnellsegelnde, kupferfeste
+und gekupferte dreimastige Bremer Schiff erster Klasse:
+
+_Die Haidschnucke_, Capitain _E. Siebelt_, mit vorzueglicher Gelegenheit
+fuer Cajuets- und Zwischendecks-Passagiere -- wird am 30. August expedirt.
+
+Agent dafuer, I. G. Weigel,
+
+Hauptagent des Central-Bureau's fuer Norddeutsche Auswanderung in
+Heilingen, am Markt Nr. 17."
+
+Diese Anzeige stand am Morgen nach den, im letzten Capitel beschriebenen
+Vorfaellen im Heilinger Tageblatt, und Dr. Haide, der Redacteur desselben,
+hatte die Gelegenheit nicht unbenutzt wollen voruebergehen lassen, einige
+entsetzliche Mordgeschichten und falsche Bankerotte aus den Vereinigten
+Staaten, wie zur Entmuthigung aller Auswanderungslustigen, in der
+naemlichen Nummer seines Blattes abzudrucken.
+
+Weigel war wuethend darueber, und schrieb augenblicklich einen anderen
+Artikel dagegen; den nahm Doctor Haide aber nicht auf, weil er, wie er
+ganz naiv erklaerte, "sich dadurch selber blamiren wuerde." Uebrigens sei
+die Sache auch schon erledigt, indem die Schiffsanzeige _fuer_, sein
+Artikel aber _gegen_ Amerika und die Auswanderung waere, und er es sich zum
+Grundsatz gemacht haette, jeden Artikel nach beiden Seiten hin zu
+beleuchten -- wenn Herr Weigel etwas gegen ihn wolle einruecken lassen, sei
+er keineswegs verpflichtet es aufzunehmen, und er moege ihn deshalb, wenn
+er damit durchzukommen glaube, nur ganz einfach darauf verklagen.
+
+Die Abfahrt dieses Schiffes war aber fuer Heilingen in so fern von nicht
+unbedeutender Wichtigkeit, als sich mehre Familien dieser Stadt ernstlich
+dahin entschlossen hatten, mit demselben nach Amerika auszuwandern. So
+unter Anderen Professor Lobenstein, der sein Haus jetzt verkauft, und der
+Stadt ueberhaupt durch seine beabsichtigte Auswanderung hoechst willkommenen
+Stoff zu den mannichfaltigsten Vermuthungen und Eroerterungen geliefert
+hatte. Ja mehrere Kaffeegesellschaften der naeheren Bekannten Lobenstein's
+waren wirklich nur einzig und allein zu dem Zweck gegeben worden, sich
+einmal ordentlich ueber die Sache "aussprechen" zu koennen.
+
+Auch in dem Dollinger'schen Haus hatten die letzten Wochen bedeutende
+Veraenderungen hervorgebracht, indem der junge Henkel Briefe von Amerika
+erhielt, nach denen seine Anwesenheit dort, dringend nothwendig geworden.
+Zwei Wechsel trafen zugleich fuer ihn ein, wie ziemlich starke Auftraege zu
+Ankaeufen in Tuchen und Seidenwaaren von seinem Haus, welches Geschaeft er
+mit Herrn Dollinger in Gemeinschaft auszufuehren gedachte.
+
+Der alte Herr Dollinger, so schwer es ihm auch wurde, und so lange er sich
+dagegen gestraeubt, musste da wohl endlich seine Einwilligung zu der
+Verbindung Clara's mit dem jungen Amerikanischen Kaufmann, ueber dessen
+Familie und Geschaeft in New-Orleans er von einem dortigen Geschaeftsfreund
+das Beste erfahren hatte, geben. Nur wunderte man sich dort, dass der junge
+Henkel in Nord-Deutschland sei, waehrend man ihn auf einer groessern Tour
+durch Italien und Griechenland vermuthet. Die Leute dort konnten nicht
+wissen dass der junge Mann auf dem Rhein andere Plaene fuer seine Zukunft
+geschaffen, als er sie frueher vielleicht ausgesonnen.
+
+Am letzten Sonntag war also, ganz in der Stille, die Trauung vollzogen und
+Clara, das liebe holde Maedchen, die Frau des jungen reichen Amerikaners --
+wie man ihn ueberall in der Stadt nannte, geworden. Jetzt galt es nun
+freilich noch, in der kurzen Zeit all die noethigen und so mannichfachen
+Vorbereitungen zu einer Reise nach Amerika fuer die junge Frau zu treffen.
+Es sollte aber wirklich auch nicht viel mehr als eine Reise werden, denn
+Henkel hatte sich schon selber fest erklaert, seinen kuenftigen Wohnsitz
+keineswegs in Amerika, sondern in Havre nehmen zu wollen, wo ueberdies, der
+bedeutenden Geschaeftsverbindung wegen mit diesem Hafen, ein Associe des
+Hauses sich aufhalten musste. Ein oder zwei Monate gedachten die jungen
+Eheleute dann jedes Jahr in dem reizend gelegenen Heilingen zuzubringen,
+was ihnen, wie den Eltern, die jetzige Trennung sehr erleichterte, und
+spaetestens im Maerz oder April schon wieder nach Europa zurueckkehren zu
+koennen. Die ganze Reise war dadurch wirklich fast nur zu einer etwas
+laengeren Vergnuegungsfahrt geworden.
+
+Auch fuer Clara's Mutter war das Bewusstsein, ihr Kind nicht fuer immer zu
+verlieren und bald wieder in die Arme schliessen zu koennen, eine unendliche
+Beruhigung, und selbst hierzu hatte es ihr einen grossen Kampf gekostet,
+ihre Einwilligung zu geben. Clara selbst aber hing mit ganzem Herzen an
+dem theuren Mann, und fuehlte sich vollkommen gluecklich in einer
+Verbindung, die seit sie den Fremden kennen und lieben gelernt, ihr das
+Ziel ihrer irdischen Wuensche geschienen.
+
+Was war ihr die Reise, was die Gefahr und Muehseligkeit derselben? sie waere
+ihm in eine Wildniss gefolgt, und haette sich doch gluecklich an seiner Seite
+gefuehlt.
+
+Der junge Henkel wuenschte nun die Ueberfahrt in einem Englischen Dampfer
+nach New-York, und von da mit einem Amerikanischen Dampfschiff nach
+New-Orleans zu bewerkstelligen, Clara fuerchtete sich aber an Bord eines
+Dampfers zu gehn, theils der doppelten Gefahr, theils der unangenehmen
+Bewegung derselben in schwerem Wetter wegen, von der sie viel gehoert, und
+da es sich jetzt gerade so traf dass eine ihr befreundete Familie,
+Professor Lobenstein's, ebenfalls nach New-Orleans, und in einem
+Segelschiff von Bremen ab auswanderte, bat sie mit diesen reisen zu
+duerfen. Henkel selber schien nicht recht damit einverstanden, fuegte sich
+aber doch endlich den Bitten seiner jungen Frau.
+
+Wenn aber bei Dollinger's im Haus wenig mehr als Waesche und Kleider
+herzurichten waren, nur zu einer Reise nicht zu einer Uebersiedlung nach
+Amerika, und man diese schon grossenteils gepackt und vorausgeschickt
+hatte, die letzten Stunden in der Heimath durch kein Aussuchen und Packen
+gestoert zu haben, so schien dagegen bei Professor Lobenstein das ganze
+Haus von innen nach aussen gekehrt zu sein.
+
+Der Professor naemlich hatte auf keinerlei Weise bewogen werden koennen mit
+seinen Sachen eine Auction anzustellen, und nur das Nothwendigste
+mitzunehmen, da Fracht und Spesen unterwegs ein wirkliches Capital
+auffressen wuerden, fuer das er sich Alles was er dort brauchte auch an Ort
+und Stelle neu anschaffen koennte. Allen die ihm dies riethen zeigte er aus
+verschiedenen Schriften die statistisch aufgestellten Arbeitsloehne der
+verschiedenen Handwerker, wie die Preise der Provisionen, und bewiess ihnen
+auf das Klarste und Unumstoesslichste was jedes einzelne Stueck Meublen und
+Hausgeraeth in notwendiger Folgerung in Amerika kosten muesse. Eben so hatte
+er sich mit unendlicher Ausdauer einen Ueberschlag der verschiedenen
+Frachtpreise nach New-Orleans, und von da in's Innere gemacht, bis er
+endlich zu dem obigen Resultat gekommen, und nun auch augenblicklich eine
+Anzahl Tischler in Arbeit setzte, lauter neue Kisten fuer seine Sachen
+anzufertigen.
+
+Eine grosse Anzahl von diesen war nun schon, gepackt und mit eisernen
+Reifen beschlagen, als Fracht vorausgeschickt, eine andere Sendung sollte
+heute abgehn, und die letzten dann in den naechsten Tagen befoerdert werden,
+noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu sein. Kellmann selbst, dem
+Hause eng befreundet, hatte dahin mehrere Auftraege uebernommen, und kam
+heute Morgen, Bericht ueber die Ausfuehrung derselben abzustatten.
+
+Er selber war natuerlich mit der ganzen Uebersiedlung gar nicht
+einverstanden, hatte aber doch, als er alle Gruende des Professors dafuer
+gehoert, weit weniger dagegen gesagt, als die Familie im Anfang vermuthet
+und auch wohl gefuerchtet haben mochte. Der Professor sei eben ein
+Professor, meinte er nur, und wo der einmal seinen Kopf aufgesetzt habe,
+liess sich auch Nichts mehr abstreiten oder gar dagegen beweisen, man muesse
+ihn eben sich selber ueberlassen, und -- es thue ihm nur um die Familie
+leid. Nichtsdestoweniger gab er sich jede erdenkliche Muehe ihnen, wo er es
+nur irgend vermochte, beizustehn, wobei er den Professor doch von manchem
+unueberlegten oder unpraktischen Schritt zurueckhielt. So kaempfte er, und
+zwar gluecklicher Weise mit Erfolg, gegen die unglueckselige Idee des
+Professors an, sich hier, trotz Allem was er darueber schon gelesen, von
+dem Auswanderungsagenten Land und eine Farm zu kaufen. Er wollte drueben
+nicht "in Gefahr kommen" von Amerikanischen und betruegerischen
+Landspeculanten hintergangen zu werden, und seine Berechnung saemmtlicher
+Kosten gleich hier an Ort und Stelle machen koennen, was ihm nicht moeglich
+sei, wenn er die Contracte nicht in der Tasche habe.
+
+Kellmann, auf dessen praktisches und gesundes Urtheil er sonst ueberhaupt
+viel gab, machte ihn mit seinen ernstlichen Vorstellungen aber doch
+stutzig, und noch eine authentische Person ueber die dortigen Verhaeltnis zu
+hoeren, wandte er sich zuletzt an den jungen Henkel, und bat diesen um
+Meinung und Rath ueber die, ihm allerdings sehr am Herzen liegende Sache.
+Dieser rieth ihm aber ebenfalls auf das Entschiedenste ab, sein Geld hier
+an eine solche Speculation wegzuwerfen, denn dieser Weigel scheine ihm,
+was er bis jetzt von ihm gesehn, eine keineswegs volles Vertrauen
+verdienende Persoenlichkeit. Er solle warten bis sie drueben waeren, dort
+habe er Zeit genug (Kellmann hatte ihm dasselbe gesagt), und finde er in
+New-Orleans oder Missouri nichts Besseres, so sei er selber vielleicht im
+Stande ihm ein kleines reizendes Gut abzutreten, das er einmal auf einem
+Jagdzug in's innere Land gekauft, und jetzt noch verpachtet haette.
+
+"Und der Preis?"
+
+"Er wuerde zufrieden sein." Damit war die Sache fuer jetzt abgemacht;
+freilich zu Weigels Verdruss, der die Farm, wie er sich ausdrueckte, nun
+noch "zur Verfuegung" behielt.
+
+Es mochte etwa Morgens um elf sein, als Kellmann Professor Lobensteins
+besuchte. Das Haus war am vorigen Tag oeffentlich verauctionirt und von
+einem reichen Weinhaendler in Heilingen erstanden worden, die Familie aber
+jetzt in angestrengter Arbeit eifrig bemueht das unangenehme Gefuehl nicht
+allein zu verscheuchen, sondern auch eines vor dem anderen zu verbergen,
+"zum _ersten_ Male in der _eigenen_ Heimath _fremd_ zu sein;" zum ersten
+Mal fremd in den Raeumen, die ihrer Kindheit Spiele gesehn, und Zeuge
+gewesen waren ihrer keimenden Hoffnungen und Traeume.
+
+Der erste schwere Schritt zu einem neuen Leben und Wirken war aber damit
+geschehn; freilich auch zu gleicher Zeit die Bruecke abgebrochen, die noch
+zurueck haette fuehren koennen in das Vaterland. Das Band war damit zerrissen,
+das sie noch an dieses knuepfte, und wunderbarer Weise hatte sich jetzt,
+wie sie sich gestern noch fast Alle gefuerchtet vor dem Gedanken die lieben
+theueren Raeume zu verlassen, ein fremdes unheimliches Gefuehl zwischen sie
+und das Haus geworfen, und sie _ersehnten_ den Augenblick wo sie hinaus
+konnten, fort, nur fort von hier -- aus den Erinnerungen fort. Und doch
+sprachen sie das nicht aus gegen einander; Jedes hielt sich nur allein fuer
+so thoericht und kindisch, mit den quaelenden Gedanken; keines wusste dass das
+Gefuehl in ihrer Aller inneres Leben verwoben sei, und in des Herzens
+feinsten Fasern Wurzel schlug.
+
+Die Stimmung Aller, so sehr sie sich auch hueteten dem was sie dachten
+Worte zu geben, war denn auch an dem ganzen Morgen schon eine stille,
+gedrueckte gewesen, und Kellmann's Erscheinen befreite Alle wie von einer
+Last. Unten auf der Treppe wurde der aber schon laut.
+
+"Na, ist das ein Vergnuegen zu so einer Auswanderungsfamilie in's Haus zu
+kommen," rief er, als er sich mit zusammengehaltenen Schoessen zwischen
+einer Reihe Kistendeckel hindurchdrueckte, die, mit den Naegeln nach aussen,
+an der Wand lehnten, und dabei noch ueber eine Unzahl Koerbe und Schachteln
+wegsteigen musste, nur in die Stube zu kommen.
+
+"Nehmen Sie sich in Acht, lieber Kellmann," rief ihm der Professor, der
+seine Stimme gehoert hatte, aus der halbgeoeffneten Thuere entgegen (er
+konnte diese nicht ganz aufmachen da ebenfalls eine Kiste dahinter stand).
+"Sie moechten sich da draussen die Kleider zerreissen."
+
+"Ist schon bereits geschehen," brummte Kellmann, indem er versuchte einen
+Blick nach seinem, allerdings beschaedigten Ruecktheil zu gewinnen, "meine
+Guete, wie sieht das bei Ihnen aus -- ah guten Morgen meine Damen -- und
+schon so fleissig? -- was um Gottes Willen naehen Sie denn da? --
+Getraidesaecke fuer die naechste Erndte?"
+
+"Fehlgeschossen Herr Kellmann," rief ihm aber Marie, die sich gern mit dem
+freundlichen Mann neckte, entgegen -- "Jacken sind das fuer uns, in den
+Busch, zwischen den Dornen und Schlingpflanzen, die uns sonst das leichte
+Zeug von den Schultern rissen. Warten Sie einen Augenblick, da koennen Sie
+uns gleich Ihre Meinung sagen; die meinige ist gerade fertig, und ich will
+sie eben anprobiren. Lassen Sie nur, ich werde schon allein fertig, dort
+drueben muessen wir ueberdies Alles allein machen -- So -- nun, wie gefalle ich
+Ihnen darin?"
+
+"Gar nicht," sagte Kellmann muerrisch, "ich saehe Sie weit lieber in einem
+leichten Ballkleid und mit Ihrem gewoehnlichen heiteren Gesicht, als in der
+Sackleinwand und -- hm -- das verdammte Amerika. Geht denn Eduard jetzt
+noch mit, oder bleibt er da? wo steckt er denn wieder? -- der ist immer
+fort wenn ich komme."
+
+"Der geht mit, lieber Kellmann," rief der Professor, "er konnte sich nicht
+dazu entschliessen, seine Eltern und Geschwister allein in die Welt ziehn
+zu lassen, wo er ihnen vielleicht, zum ersten Mal in seinem Leben,
+nuetzlich sein wuerde, und ist jetzt noch in der Geschwindigkeit zu einem
+Tischler gegangen, die paar Wochen wenigstens zu benutzen, und doch eine
+Idee von dem Handwerk zu gewinnen; wer weiss was wir da Alles zu thun
+bekommen."
+
+"Wird auch was recht's davon in den paar Tagen profitiren," brummte
+Kellmann -- "bei wem ist er denn, bei Leupold?"
+
+"Leupold?" rief der Professor, "der geht ja mit unserem Schiff nach
+New-Orleans."
+
+"Der Tischlermeister Leupold wandert auch aus?" rief Kellmann laut und
+verwundert.
+
+"Hat sein Haeuschen und seine Werkstaette verkauft, und ist jetzt
+wahrscheinlich schon unterwegs nach Bremen," betaetigte ihm der Professor.
+
+"Na nu ist mir's aber doch ueber den Spass," rief Kellmann -- "da laeuft ja
+halb Heilingen fort; jetzt freut mich mein Leben; naechstens werden wir uns
+unsere Schraenke und Schuhe und Roecke selber machen koennen wenn wir 'was
+haben wollen; ich darf nur gleich den meinigen zum Schneider schicken dass
+er ihn mir noch ausbessert, ehe er auch durchbrennt. S'ist wirklich zum
+Verzweifeln."
+
+"Lieber Gott," sagte der Professor -- "die Leute verlangen nur Ellbogenraum
+sich zu ruehren; sie wollen einen Platz haben, der ihren Beduerfnissen
+Befriedigung verspricht."
+
+"Da haben Sie gleich den faulen Fleck," rief Kellmann, "_Beduerfnisse
+befriedigen_, wenn die Leute lebten wie ihre Voreltern gelebt haben, und
+nicht mit jedem Jahre auch neue Beduerfnisse kennen lernten und befriedigt
+haben wollten, so haetten wir alle Platz, und das verwuenschte Amerika
+koennte sehen wo es Haende und Faeuste bekaem zuzupacken und ihm den Boden zu
+bestellen. Aber ich will mich nicht laenger aergern -- lasst sie laufen,
+nachher wird's hier erst recht gemuethlich -- apropos -- Ihren Freund Weigel
+haben sie gestern Abend im rothen Drachen hinausgeworfen -- er wollte
+Dienstleute, ich glaube einen Schaefer, verlocken nach seinem geruehmten
+Amerika auszuwandern."
+
+"Meinen _Freund_?" sagte der Professor achselzuckend, "ich habe mit Herrn
+Weigel nie in einer solchen Beziehung gestanden, aber ich achte ihn als
+einen Mann der ein gutes Herz mit einer tuechtigen Portion gesundem
+Menschenverstand verbindet, und besonders schaetzenswerthe statistische
+Kenntnisse Amerika's besitzt."
+
+"Bah!" sagte Kellmann, den Kopf auf die Seite werfend, und mit den Fingern
+schnalzend, "so viel fuer seine statistischen Kenntnisse; _unverschaemt_ ist
+er, das halt' ich fuer seine Hauptforce, und er wirft Ihnen da mit der
+groessten Kaltbluetigkeit eine Masse Zahlen in den Bart, denen man nicht
+gleich widersprechen kann, weil sich der Gegenbeweis eben nicht fuehren
+laesst. Wenn das Alles wahr ist was er ueber Amerika sagt, waere _er_ der
+groesste Esel wenn er nicht selber hinueberginge."
+
+"Seine Verhaeltnisse gestatten es ihm nicht, wie er mich oft versichert
+hat," vertheidigte ihn aber der Professor.
+
+"Ja, das kennen wir schon," sagte Kellmann, "und wenn mich irgend etwas
+glauben machen koennte dass _er_ wirklich Amerika kennt, so waere es der
+Umstand dass er selber nicht hinuebergeht."
+
+"Im rothen Drachen war ja wohl gestern ein kleines Fest?" frug die Frau
+Professorin dazwischen, die das unerquickliche Gespraech abzubrechen
+wuenschte.
+
+"Ja, fuer die Dienstleute von Hohleck," sagte Kellmann, "und Schollfeld und
+ich waren ebenfalls hinausgegangen um den Spass mit anzusehn."
+
+"Und ihr Freund, der lange Actuar war nicht dabei?" lachte Marie.
+
+"Er kam spaeter nach," sagte Kellmann -- "der arme Teufel ist jetzt auch
+immer verdriesslich und niederschlagen."
+
+"Er hat sein Kind verloren," sagte Anna mitleidig.
+
+"Ja, und zu Hause fuehlt er sich auch wohl nicht so recht wohl und
+behaglich."
+
+"Wir haben davon gehoert," sagte die Professorin -- "seine Frau soll
+eigenwillig und heftig sein, und ihm oft gar unangenehme Scenen bereiten."
+
+"Seine Frau ist -- " fuhr Kellmann auf, aber er unterbrach sich selber
+wieder, und trommelte eine Weile mit den Fingern auf dem vor ihm stehenden
+Tisch.
+
+"Was ist Ihnen denn nur heute, Herr Kellmann?" sagte aber Marie, jetzt zu
+ihm tretend und seinen Arm beruehrend -- "Sie schneiden ja heut Morgen ein
+so bitterboeses Gesicht, wie ich noch fast in meinem Leben nicht an Ihnen
+gesehn. Ist Ihnen irgend etwas Aergerliches begegnet? -- oder -- Sie sind
+doch nicht boese mit uns?"
+
+"Boese mit Ihnen? lieber Gott Mariechen," sagte Kellmann herzlich ihre Hand
+ergreifend -- "ich muesste boese mit Ihnen sein dass Sie fortgehn und mich hier
+allein zuruecklassen; sonst wuesst' ich wahrhaftig nicht weshalb."
+
+"So kommen Sie mit," lachte Marie, indem sie neckisch zu ihm aufsah.
+
+Kellmann seufzte tief auf, sagte dann aber kopfschuettelnd, und mit der
+Hand ueber seine Stirn streichend, als ob er sich daraus all' die trueben
+Gedanken verscheuchen wollte --
+
+"Nach Amerika? -- ja, weiter fehlte mir gar Nichts; aber heute sind es
+wirklich andere Sachen die mir im Kopf herumgehn."
+
+"Ist etwas vorgefallen, und koennen wir Ihnen helfen, lieber Herr
+Kellmann?" sagte Anna freundlich.
+
+"Ach Gott nein," sagte der kleine Mann seufzend -- "es ist ein Stueck von
+dem allgemeinen Elend, das ueber den ganzen Erdball hinspielt, und das uns
+gewoehnlich mit einem unheimlichen Gefuehl, auch nicht ausser dem Bereich
+desselben zu liegen, durchschauert, wenn wir ihm einmal auf unserem
+Lebenspfad begegnen. Sie sahen mich als ich vor dritthalb Stunden etwa
+drueben aus dem Loewen kam?"
+
+"Ja, Sie gruessten ja herauf," sagte die Professorin --
+
+"Nun gut; ich war dort, einem armen Maedchen nachzufragen, das wir gestern
+Abend spaet auf der Strasse trafen, und das ich dorthin schickte
+Nachtquartier zu suchen" -- Und nun erzaehlte ihnen Kellmann mit kurzen
+Worten das gestrige Zusammentreffen mit des ungluecklichen Lossenwerder
+Schwester, und ebenfalls dass sich schon jetzt herauszustellen scheine, wie
+der arme Teufel von Lossenwerder unschuldig in Verdacht gerathen sei. Nur
+in reiner Verzweiflung mochte er sich den Tod gegeben haben, als man ihm
+das letzte, einzige das er auf der Welt hatte -- seinen ehrlichen Namen --
+nehmen wollte -- oder eigentlich schon von Gerichts wegen genommen hatte.
+Unsere wackeren Polizeigesetze halten ja nun einmal jeden Menschen fuer
+einen Spitzbuben, bis er nicht durch Atteste genuegend dargethan hat dass --
+"gegen ihn noch nichts Gravirendes bekannt geworden."
+
+"Und was geschieht jetzt mit dem armen, armen Maedchen?" frugen fast
+gleichzeitig Marie und Anna -- "lieber Gott, hier in der fremden Stadt,
+allein, ohne Mittel, ohne Freunde, wie entsetzlich muesste es da sein, wenn
+sie vielleicht aus rohem Munde zuerst die furchtbare Nachricht vernaehme."
+
+"Gestern Abend," sagte Herr Kellmann etwas verlegen, "kam uns das Ganze
+wirklich so schnell und ueberraschend, dass wir nicht die geringste Zeit zum
+Ueberlegen behielten; wir -- wir gaben ihr nur ein paar Groschen und
+schickten sie in den Loewen, hier gegenueber, um da zu uebernachten, damit
+sie nicht in der Stadt nach ihrem Bruder fruege, und die entsetzliche
+Geschichte gleich in der ersten Viertelstunde erfuehre; heute Morgen wollte
+ich dann selber herkommen und sehn was sich thun liess -- "
+
+"Und jetzt? -- weiss sie was geschehen ist? frug die Professorin mitleidig
+die Haende faltend -- Herr Kellmann zuckte mit den Achseln und sagte:
+
+"Sie ist fort -- "
+
+"Fort? -- wohin?" riefen die Frauen.
+
+"Kein Mensch konnte mir darueber Auskunft geben, gestern Abend war sie
+richtig dort angekommen, und ihres duerftigen Aussehns wegen in die
+Gesindestube gewiesen, und dort muss sie unglueckseliger Weise ihren Namen
+genannt, vielleicht nach ihrem Bruder gefragt und das Schrecklichste
+gleich erfahren haben, denn sie war, selbst ihr Buendel im Stich lassend,
+hinausgelaufen in Nacht und Nebel und -- und nicht wieder zurueckgekehrt."
+
+"Du lieber Gott," sagte Anna, "wenn sie sich nur kein Leides gethan."
+
+"Ich bin gleich zu Ledermann und dann auf die Polizei gegangen, diese
+aufmerksam zu machen," sagte Kellmann etwas kleinlaut, "werde auch selber
+noch mein moeglichstes thun das arme Ding wieder aufzufinden, aber -- ich
+weiss wahrhaftig nicht wo man die eigentlich suchen soll, denn sie kennt ja
+keinen einzigen Menschen in der Stadt."
+
+"Und in ihres Bruders frueherem Logis? -- "
+
+"Hat sie Niemand gesehn -- ich war dort."
+
+"Waren Sie auch schon -- auf dem Kirchhof?" frug ihn Marie jetzt leise und
+schuechtern."
+
+"Wahrhaftig, daran hatte ich gar nicht gedacht," sagte Kellmann rasch
+seinen Stuhl zurueckschiebend, "die Moeglichkeit ist da, und ich will keinen
+Augenblick mehr versaeumen -- vielleicht ist es jetzt noch nicht zu spaet."
+
+"Und Sie sagen uns Antwort?"
+
+"Sowie ich etwas Bestimmtes ueber sie weiss -- aber -- aber was dann mit ihr
+anfangen? -- hier in der Stadt _kann_ sie nicht bleiben," sagte Kellmann,
+die Thuerklinke schon in der Hand, "und ueberhaupt scheint mir ihr
+schwaechlicher Koerper zu grober Handarbeit gar nicht geeignet."
+
+"Vielleicht bietet sich da fuer die Schwester in demselben Haus ein
+Ausweg," rief Anna ploetzlich, "das fuer den Bruder ja so viel gut zu
+machen, wenn er wirklich unschuldig gelitten. Gestern Nachmittag noch
+klagte mir Clara ihr Leid, dass ihre Kammerjungfer, mit der sie sehr
+zufrieden ist, und die ihr bis dahin fest versprochen mitzugehn, ploetzlich
+anderes Sinnes geworden waere, und sich jetzt weigerte Heilingen zu
+verlassen. Clara ist so seelensgut, sie wuerde gewiss Alles thun was nur in
+ihren Kraeften steht, das arme Kind den herben Verlust vergessen zu machen.
+
+"Aber wird sich das Maedchen selber dazu eignen?" sagte Kellmann.
+
+"Weshalb nicht," rief aber auch jetzt Marie -- "bringen Sie die Arme nur
+hierher, sobald Sie sie finden, und nehmen sie Henkel's nicht mit, findet
+Papa gewiss einen Ausweg."
+
+"Ja, Papa einen Ausweg," sagte aber der Professor -- "ich kann _Niemanden_
+mehr mitnehmen Kinder, so viel solltet Ihr eigentlich jetzt schon wissen,
+denn wir sind Leute genug."
+
+"Ach wenn sie ueberhaupt gehen will," rief Kellmann, "die Passage bringen
+wir hier schon zusammen, und wenn sich Fraeulein Anna bei Frau Henkel fuer
+sie verwenden will, waer' es ein Glueck fuer das arme Maedchen, den hiesigen
+fuer sie so trueben Verhaeltnissen so rasch wieder entrissen zu werden. Doch
+jetzt leben Sie wohl -- ich habe da nicht lange Zeit mehr zu verlieren, und
+hoffe Ihnen bald guenstige Nachrichten bringen zu koennen."
+
+ * * * * *
+
+Actuar Ledermann hatte die Nacht einen heftigen Fieberanfall bekommen, und
+sich am anderen Morgen auf seinem Bureau entschuldigen lassen. Erst um
+zehn Uhr etwa fuehlte er sich etwas besser, und beschloss ein wenig an die
+frische Luft zu gehn, in dem sonnigen Morgen draussen die trueben quaelenden
+Gedanken zu verscheuchen.
+
+Er ging auf den Kirchhof, das Grab seines kleinen Lieblings zu besuchen,
+und nahm einen Monatsrosenstock mit hinaus, ihn darauf zu pflanzen.
+
+Der Weg der zu dem Grab, zwischen den andern Huegeln hin, fuehrte, lief eine
+kurze Strecke die Mauer entlang, die bis jetzt leer gelassen und von
+Unkraut ueberwuchert lag. Nur ein einziger, unter Gras und Unkraut fast
+versteckter flacher Huegel war dort aufgeworfen, ueber dem kein Kreuz den
+Namen des Hingeschiedenen kuendete, keine Blume ein sorgendes Herz
+verrieth, das dem Entschlafenen die stille Thraene nachgeweint. Und dort? --
+in das hohe, feuchte Gras geschmiegt, lag eine schlanke Maedchengestalt,
+Stirn und Antlitz in dem wuchernden Unkraut verborgen, auf dem die vollen
+aufgeloesten Locken ruhten.
+
+"Lieber Gott," sagte der Actuar, mit dem Blumenstock im Arm neben ihr
+stehen bleibend, leise vor sich hin -- "es ist doch noch viel, viel Elend
+in der Welt, und wenn Einem recht traurig und weh um's Herz ist, sollte
+man eigentlich immer hinaus auf den Kirchhof gehn. Da haben die Leute
+nicht ihre glatten unbewegten Alltagsgesichter vor, sondern geben sich wie
+sie sind, und wenn es auch eben kein Trost sein sollte andere Menschen
+ungluecklich zu sehn, ist es doch jedenfalls einer, zu wissen dass man es
+nicht allein ist." Und sich langsam abwendend schritt er dem Grabe seines
+Kindes zu, setzte den Blumentopf auf den kleinen Huegel, und sich selber
+dann auf eine dicht daneben liegende Marmorplatte, die das Grab eines
+anderen Menschen deckte.
+
+Dort blieb er lange, das Gesicht mit den Haenden bedeckt, und regungslos in
+seiner Stellung verharrend, seinen schmerzlichen Gedanken ueberlassen, bis
+die Sonne hoeher und hoeher stieg, und ein stechender Kopfschmerz ihn mahnte
+den, den heissen Strahlen vollkommen ausgesetzten Platz zu verlassen, wenn
+er sich nicht noch kraenker machen wollte als er schon war. Er stand auf,
+und sah sich nach dem Todtengraeber um, diesen zu bitten den Blumenstock
+fuer ihn einzusetzen, und fand ihn auch, nicht weit von dort entfernt, mit
+einem neuen Grabe beschaeftigt. Langsam seinen Spaten schulternd ging er
+mit ihm zu dem verlangten Platz, und dort sein Handwerksgeraeth neben sich
+in den Boden stossend und sich den Schweiss von der gluehenden Stirne
+trocknend, sagte er freundlich:
+
+"Warmer Tag heute, Herr Actuar -- sehn Sie einmal was fuer ein schoenes
+Stoeckchen; das muessen wir aber ordentlich angiessen, sonst vertrocknet es
+gleich in der lockeren Erde -- werde Ihnen das schon besorgen."
+
+"Bitte sein Sie so gut," sagte Ledermann, und der Mann nahm den Stock auf,
+drehte ihn um und schlug mit der flachen Hand unter den Topf, diesen
+locker und los zu bekommen.
+
+"Kennen Sie das junge Maedchen was da auf dem Grabe an der Mauer liegt?"
+frug der Actuar jetzt, als sein Blick wieder zufaellig dort hinueber
+streifte -- "dort drueben meine ich."
+
+"Ja ich weiss schon," sagte der Mann, ohne den Kopf zu wenden und mit
+seiner Arbeit beschaeftigt -- "nein -- sie sass vor dem Kirchhofsgitter schon
+heut' Morgen wie ich oeffnete, um drei Uhr frueh, und muss die ganze Nacht da
+zugebracht haben. Wie ich das Thor aufmachte frug sie mich nur nach dem
+Grabe eines armen Teufels, den wir hier vor kurzer Zeit zu Ruh gebracht,
+und ist seit der Zeit nicht von dort weggegangen. Das kommt manchmal vor."
+
+"Und wer liegt da begraben?" frug Ledermann schnell, dem ein ploetzlicher
+Gedanke an das Maedchen von gestern Abend aufstieg.
+
+ [Capitel 9]
+
+"Dort an der Mauer?" sagte der Todtengraeber, "ih Sie wissen ja, der kleine
+bucklige Bursche, der von der Bruecke gesprungen war, und sich den Kopf
+aufgeschlagen hatte."
+
+Dem Actuar fuhr es mit einem eisigen Stich durchs Herz, aber er erwiederte
+Nichts, gab dem Mann eine Kleinigkeit fuer seine Dienstleistung, und ging
+dann langsam, als ihn dieser wieder verlassen und seine fruehere Arbeit
+aufgenommen hatte, zu Lossenwerder's Grab, wo die Trauernde noch still und
+regungslos in ihrem Jammer lag. Nur das krampfhafte Zittern des Koerpers
+verrieth das darin wohnende Leben.
+
+"Liebes Kind," sagte Ledermann leise -- das Maedchen bewegte sich nicht --
+"mein liebes Kind," sagte er lauter, und beruehrte ihre Schulter mit seinem
+Finger. Langsam hob sie das bleiche, Thraenen ueberstroemte Gesicht zu ihm
+empor, und als sie den fremden Mann neben sich sah, richtete sie sich
+verwirrt, beschaemt aus ihrer Stellung auf.
+
+"Aber wie koennen Sie sich hier so Stunden lang in das feuchte Gras
+werfen," sagte der Actuar mit freundlichem Vorwurf -- "Sie _muessen_ ja
+krank werden -- nicht wahr, Sie kennen mich nicht mehr?"
+
+Das Maedchen sah ihn gross und verwundert an, und schuettelte dann langsam
+mit dem Kopf.
+
+"Ich sprach gestern Abend mit Ihnen, draussen vor dem Thor, wo die Musik in
+dem Hause war," sagte Ledermann -- "hatten Sie gar keine Ahnung von dem
+Schicksal des Bruders?"
+
+"Keine," sagte die Arme leise, das Koepfchen wieder senkend.
+
+"Und wo erfuhren Sie seinen Tod?"
+
+Das Maedchen schauderte zusammen als sie des Augenblicks gedachte, und
+sagte endlich, wie mit angstgepresster Stimme:
+
+"Gestern Abend in dem Haus -- die Leute in der Gesindestube frugen mich wo
+ich herkaeme und um meinen Namen, und dann --
+
+"Und dann?" frug der Actuar mitleidig, als das Maedchen schwieg und ihr
+Antlitz wieder zitternd in den Haenden barg --
+
+"Dann sagten sie" -- setzte das Maedchen, am ganzen Koerper bebend hinzu --
+"dass Einer der so hiess -- und sie spotteten dabei ueber sein Gebrechen -- dass
+Einer -- hier -- " sie vermochte nicht auszureden und warf sich,
+ruecksichtslos um den neben ihr stehenden Fremden, und in krampfhafter
+Verzweiflung, wieder auf das Grab nieder, das sie laut schluchzend mit
+ihren Armen umschlang, und den Bruder rief, sie zu sich zu nehmen in sein
+stilles, kuehles Bett.
+
+Nur mit Muehe, und herzlichen troestenden Worten die er zu ihr sprach,
+brachte sie Ledermann, als sich ihr Schmerz in etwas ausgetobt, endlich
+dahin sich etwas zu fassen und zu beruhigen, und ihm mehr ueber ihr
+Schicksal und sich selber zu sagen. Sie hiess Hedwig, war funfzehn Jahr alt
+und hatte bis zu ihrem elften Jahr bei einer entfernten armen Verwandten
+zugebracht, nach deren Tode sie, ein Kind noch, bei fremden Leuten in
+Dienst gehen musste. Ihre Elteren schienen in besseren Verhaeltnissen gelebt
+zu haben, waren aber frueh gestorben, und die Waisen sich selber ueberlassen
+gewesen. Ihr um zehn Jahr aelterer Bruder Franz hatte sie dabei noch immer
+dann und wann von dem Wenigen was er selber verdiente, unterstuetzt, auch
+ihr vor einigen Monaten -- und das musste etwa grade vor seinem Tode gewesen
+sein, geschrieben, dass er recht sparsam lebe, und bald so viel zusammen zu
+haben hoffe mit ihr, der Schwester, nach Amerika auszuwandern, dort
+vielleicht ein kleines Geschaeft oder irgend etwas Anderes anzufangen,
+ehrlich durch die Welt zu kommen. Hedwigs Aussage nach musste er ihr auch
+die genaue Summe geschrieben haben, die er besass, und als sie der Actuar
+dringend bat ihm den Brief zu verschaffen, wenn es irgend moeglich sei, da
+der vielleicht vollstaendig des Bruders Unschuld beweisen konnte, zog sie
+aus ihrer Brust das zusammengefaltete und dort bis jetzt sorgfaeltig
+bewahrte Papier. Es war das letzte was sie von ihm bekommen, und als Monat
+nach Monat verstrich und keine neue Nachricht kam, wurde sie zuletzt
+unruhig und schrieb nach Heilingen. Aber auch hierauf erhielt sie keine
+Antwort und nicht mehr im Stande die Ungewissheit zu ertragen, verliess sie
+ihren Dienst und machte sich, mit wenigen Groschen in der Tasche auf, den
+weiten Weg zu Fuss zurueckzulegen. Und ihr Empfang? grosser Gott mit Spott
+und Hohn wurde ihr Bruder -- das einzige noch auf der Welt ihr gehoerende
+Wesen, das sie mehr als sich selber liebte -- eines furchtbaren Verbrechens
+beschuldigt, in Folge dessen er sich selber das Leben genommen, und
+schlimmer, gewaltiger noch als die Nachricht seines Todes, erschuetterte
+das reine, vertrauensvolle Herz des armen Kindes der erste _Zweifel_ an
+den Hingeschiedenen, der doch heimlich und quaelend in ihr aufsteigen
+wollte, wie sie sich auch dagegen straeubte; und doch _wusste_ sie dass er
+keiner schlechten Handlung faehig gewesen sei.
+
+Waehrend dieser Erzaehlung flossen ihre Thraenen staerker; wenn aber der
+Schmerz auch nur mehr aufgeruettelt wurde durch das Wiederdurchleben
+vergangener Scenen, fand sie doch auch einen Trost in dem Aussprechen ueber
+ihren Verlust. Der Actuar ueberlas indess fluechtig den Brief, und den Datum
+mit dem veruebten Raub vergleichend sah er, ob Lossenwerder nun schuldig
+oder unschuldig sei, dass jenes, bei ihm gefundene Geld sein Eigenthum
+gewesen sein muesse, schon vor dem Tag, und nicht mehr als Beweis gegen ihn
+gelten konnte.
+
+So traf sie Kellmann, der von Lobensteins direct auf den Gottesacker
+gegangen war, das arme Maedchen aufzusuchen. Mit wenigen Worten sagte ihm
+der Actuar was er von ihr erfahren, und der gutmuethige kleine Kuerschner
+setzte sich neben sie auf das Grab des Bruders, nahm ihre Hand in die
+seine, und diese streichelnd sprach er ihr Muth und Hoffnung in das arme
+gequaelte Herz. Sie sollte nicht mehr allein stehn auf der Welt; er wollte
+Freunde fuer sie finden, die sich ihrer annaehmen, und sie Beide, Ledermann
+und er, wollten nicht ruhen noch rasten bis ihres Bruders Name wieder
+ehrlich gemacht sei vor der ganzen Stadt; lieber Gott, sie konnten ja
+nichts mehr fuer den Armen thun.
+
+Hedwig weinte, waehrend er sprach; aber die Thraenen loesten ihren Schmerz --
+die freundlichen Worte; oh die ersten wieder seit so langer, langer Zeit
+die sie gehoert, thaten ihr wohl und bannten die Verzweiflung aus ihrem
+Herzen, der sie ja sonst wohl rettungslos verfallen waere. Wieviel Segen
+hat schon ein herzliches Wort gebracht, dem Ungluecklichen gespendet -- wie
+viele Thraenen getrocknet, wie manches Weh, wenn es nicht heilen konnte,
+doch gelindert.
+
+Kellmann erbot sich dann auch, sie zu seiner Mutter zu fuehren, wo sie
+wenigstens bleiben konnte bis sich etwas Weiteres entschieden. Von Amerika
+sagte er ihr noch Nichts, die naechsten Tage mochten sie erst mit dem
+Gedanken vertrauter machen, wenn sie hoerte wie viel Leute die auch ihren
+Bruder gekannt und liebe Freunde von ihm selber seien, gerade jetzt nach
+dort hinuebergingen.
+
+Hedwig zoegerte noch schuechtern das guetige Erbieten anzunehmen, aber die
+Worte klangen so herzlich, so gut gemeint, sie stand so huelflos, so allein
+in der weiten Welt, der fremde Mann erschien ihr wie ein Engel des Himmels
+in ihrem Schmerz, und unter Thraenen nahm sie seine Hand und dankte ihm,
+und sagte dass sie ihm folgen wuerde, wohin er sie fuehre.
+
+
+
+
+
+ Capitel 10.
+
+
+ DIE BEIDEN FAMILIEN.
+
+
+Der Leser muss mir noch, ehe wir unsere weitere Wanderung zusammen
+antreten, zu zwei Stellen folgen, in Lage und Art freilich gar sehr
+verschieden. Den Characteren, die wir dort finden, begegnen wir spaeter
+wieder, theils auf der Reise, theils in ihrem neugewaehlten Vaterland.
+
+An der Hannoeverschen Grenze lag ein kleines Dorf, Waldenhayn mit Namen,
+und fast versteckt zwischen maechtigen Linden und Fruchtbaeumen, die es von
+allen Seiten dicht umgaben.
+
+Mitten im Dorf auf einem flachen, aber die ganze Ortschaft ueberschauenden
+Huegel stand die Kirche, und daneben das kleine freundliche Pfarrhaus, das
+sein Dach ueber gute und glueckliche Menschen gespannt hatte, Jahrzehnte
+lang -- und heute? -- Guter Gott welche Veraenderung in dem Haus -- der Vater,
+Pastor Donner, still und ernst in seinem Sorgenstuhl, und, ganz gegen
+seine sonstige Gewohnheit, ordentlich eingehuellt in eine dichte
+Tabakswolke, die Mutter mit verweinten Augen, und doch immer geschaeftig
+herueber- und hinuebergehend, bald aus der in jene Stube, Kleinigkeiten zu
+besorgen die sie immer wieder vergass, ehe sie nur das andere Zimmer
+betreten.
+
+Der aelteste Sohn Georg ging zu Schiff -- ging nach Amerika ueber das weite,
+wilde Weltmeer nach einem anderen Vaterland, dort fuer den unruhigen Geist
+das Glueck zu suchen, das er hier nicht fand, und "wann wuerden sie ihn -- ja
+wuerden sie ihn je wieder sehen?" Oh es ist ein grosser Schmerz fuer ein
+Elternherz ein Kind in der Bluethe der Jahre zu verlieren -- wie viel Sorge,
+wie viel schlaflose Naechte hat es gemacht, bis es wuchs und gedieh; welche
+Hoffnungen knuepften sich an das junge Wesen, und bluehten und reisten mit
+ihm; wie treulich wurde da nicht jeder Schritt bewacht, den noch
+unsicheren Fuss vor Stoss und Fall zu schuetzen, wie aengstlich jedem boesen
+Eindruck gewehrt, der Herz oder Geist haette vergiften koennen. Und nun das
+Alles preiszugeben der Welt, ihren Verfuehrungen, ihren Gefahren fuer Geist
+und Koerper, das Alles preiszugeben und hinausgeworfen zu sehn auf die
+stuermischen Wogen des Lebens -- sich selbst ueberlassen, und der eigenen,
+vielleicht doch noch zu schwachen Kraft. Wie viele heimliche Thraenen
+werden da geweint, wie trueb und traurig liegt da oft des Kindes Zukunft
+vor dem ahnenden Blick des Vaters und der Mutter -- Krankheit wird es
+erfassen und halten, und keine liebende Hand in der Naehe sein, es zu
+pflegen und ihm den Schweiss von der heissen, gluehenden Stirn zu trocknen,
+die Verfuehrung ihre falschen, goldblinkenden Netze nach ihm auswerfen, und
+keine treu warnende Stimme ihm zur Seite stehn -- Noth und Mangel
+vielleicht in bitterem Weh auf ihm lasten, und Niemand da sein, der ihm
+Huelfe bringt, und den Ungluecklichen troestet und unterstuetzt -- Mutter und
+Vater sind fern, fern von dem Geliebten, seine Klage dringt nicht herueber
+zu ihnen -- ihr Trost und Huelfswort nicht zurueck zu ihm.
+
+Und ein solcher Abschied dann -- der Tod pocht nicht viel haerter an des
+Glueckes Thor, und das Bewusstsein den Geschiedenen still und geschuetzt in
+kuehler Erde zu wissen, auf der die treu gepflegten Blumen keimen, ist oft
+noch weniger bitter als dieser _freiwillige_ Tod -- der Fortgang ueber's
+Meer, in eine fremde, ungekannte Welt -- vielleicht so ohne Wiederkehr wie
+jener, und ohne jedes beruhigende Gefuehl der Sicherheit. Der Scheidende
+ist da noch immer besser, weit besser daran als die Zurueckbleibenden; ihm
+liegt die Welt jetzt frei und offen da, jede Stunde draussen, jede Meile
+Wegs bringt ihm Neues, Unbekanntes, und wehrt dem Blick nur an dem einen
+Schmerz zu haften. Er hat auch zu sorgen, fuer sich und sein Gepaeck, seine
+ganze Zukunft ist ihm in der einen Stunde in die eigene Hand gegeben -- ein
+ungewohnt Geschaeft bis jetzt -- und fremde Landschaft, fremde Scenen
+wechseln so rasch an ihm vorueber, dass jedes Bild einen Theil des alten
+Schmerzes fortfuehrt mit sich. Selbst der Gedanke an die Verlassenen hat
+nicht das Herbe, Bittere fuer ihn, als es fuer diese hat, wenn sie sein
+gedenken, und sich mit Vermuthungen quaelen muessen wie es jetzt ihm geht,
+was er thut, was er treibt, wo er jetzt gerade weilt. _Er weiss_ in welchem
+Kreis die Seinen sich bewegen, kennt in jeder Tageszeit ihre kleinen,
+haeuslichen Beschaeftigungen, ihr gleichmaessiges Wirken und Schaffen, und
+sein Herz, das immer noch daheim bei ihnen weilt, wahrt seinen festen
+Anhaltspunkt an sie sich unverkuemmert fort, bis das Bild, von anderen
+dicht umdraengt in weiter immer weiterer Ferne langsam erbleicht, und nur
+noch auf dem Hintergrund des Herzens wie schlummernd liegt, in seinen
+Traeumen ihn zu segnen, oder dereinst, wenn die Welt ihn kalt und rauh von
+sich stoesst, und er allein und freundlos sich da fuehlt, wieder aufzugluehen
+in aller Frische und Waerme, ein Trost und Hoffnungsziel, dem armen,
+einsamen Wanderer.
+
+Georg war ein junger lebenskraeftiger Mann von dreiundzwanzig Jahren, mit
+dunkelbraunen, vollen, ihm frei und ungescheitelt ueber die offene
+sonngebraeunte Stirn fallenden Locken, schwarzen klaren Augen und freien,
+gutmuethigen Zuegen, die selbst eine breite dunkle Narbe ueber den rechten
+Backen, der Autograph eines Commilitonen, nicht entstellen konnte. Er
+hatte Medicin studirt, und sich das Doctordiplom mit eifrigem Fleiss
+verdient, aber die Aussichten fuer einen jungen Arzt waren trueb und
+unversprechend in seiner Heimath, und jene fremde Welt, von der er schon
+so viel gelesen und gehoert, zog ihn maechtig an. Sein Vater konnte und
+wollte dieses Streben nicht bei ihm unterdruecken; auch er erkannte die
+Banden, die hier einen kraeftigen Geist so leicht in Fesseln legen, und
+ehrte den Wunsch und Drang der jungen, nach Thaten duerstenden Brust, einen
+Schauplatz zu finden fuer ihr Sehnen und Wirken, wenn er sich auch wohl
+selber dann wieder mit einem schweren Seufzer gestehen musste, wie manche
+Hoffnung der Sohn zertruemmert, wie manche Erwartung er getaeuscht sehn
+wuerde in dem neuen Leben, das jetzt ihm freilich im vollen Glanz einer
+aufsteigenden Sonne, von warmem Lichte uebergossen winkte. Und wie wuerde
+sich sein Herz dann bewaehren, das jetzt jubelnd zu den blinkenden,
+Flaggen- und Blumengeschmueckten Waellen seiner eigenen Luftschloesser
+aufschaute, wenn es an deren Truemmern stand? oh dass er dann haette an
+seiner Seite stehen und ihn leiten duerfen den dunklen, schmalen Pfad zum
+wahren Glueck -- retten ihn dann vor sich selbst und seinem bittern Weh.
+
+Aber die Zeit lag noch fern, und weshalb sich selbst den Augenblick
+vergiften, wo sich der Himmel noch blau und rein ueber seiner Zukunft
+spannte. Georg selbst sah auch Nichts von solchen trueben Bildern, die das
+Herz des Vaters oft mit banger Trauer fuellten; ihm war das Thor jetzt weit
+und frei geoeffnet, das hinaus in's Leben fuehrte und an dessen Schwelle er
+stand, und nur die Trennung noch vom Vaterhaus lag schwer auf seiner
+Seele.
+
+Am schwersten freilich trug gerade diese Stunde, weil ganz und ungetheilt,
+das Mutterherz. Nicht dachte _sie_ in diesem Augenblick an die Hoffnungen
+die dem Sohne in der Welt draussen bluehen, an die Gefahren die ihm drohen
+koennten; sie sah und fuehlte Nichts, als die Trennung von dem _Kind_, den
+Abschied von dem Heissgeliebten, und wie im Traum hatte sie schon den
+ganzen Tag ihren gewoehnlichen Beschaeftigungen obgelegen, wie im Traum noch
+einmal seine Lieblingsgerichte bereitet fuer den Abend, den letzten Abend,
+den er im Vaterhause zubringen wuerde.
+
+Lieber Gott, die Speisen kamen Abends auf den Tisch und wurden gegessen,
+aber Keiner von allen, die juengsten Geschwister ausgenommen, schmeckten
+was sie assen; man sprach dabei ueber das an dem Nachmittag fortgesandte
+Gepaeck, ueber das Wetter, ueber die Uhr die zehn Minuten vorging -- Georg
+trug Gruesse auf an alle seine Bekannte, die sich noch seiner erinnerten. Er
+hatte an dem Tag noch selber ein paar Briefe schreiben wollen, war aber
+nicht dazu gekommen -- Vieles Andere war ihm ebenfalls entfallen; so wollte
+er einen Absenker von dem Rosenstock mitnehmen der vor der Mutter Fenster
+bluehte, und jetzt blieb ihm doch keine Zeit mehr; aber waehrend dem Essen
+stand die Schwester -- unvermisst -- vom Tische auf, ging hinaus, grub einen
+Absenker aus, und brachte ihn in einem kleinen Topf dem Bruder, dem sich
+die Thraenen in die Augen zwangen -- er mochte kaempfen dagegen wie er wollte
+als er die Gabe sah. Die Mutter stand vom Tisch auf und ging hinaus --
+nicht ein Wort wurde gesprochen so lange sie fort war. Die Speisen
+verschwanden dabei von den Tellern und der Wein wurde getrunken, und die
+Mutter kam zurueck und nahm ihren Platz wieder ein, lautlos wie vorher; man
+konnte den langsamen Gang der Uhr hoeren, an der Wand.
+
+Da endlich fuellte der Vater sein Glas bis zum Rand, hob es mit der Linken
+und ergriff mit der anderen Georgs Hand. Er hatte etwas zum Herzen des
+Sohnes, zum Trost vielleicht der Mutter sprechen wollen, aber die Worte
+schwollen ihm im Mund -- er brachte eine volle Minute keine Sylbe ueber die
+Lippen, und sich gewaltsam fassend und zusammennehmend sagte er endlich.
+
+"Auf ein frohes Wiedersehn Georg!"
+
+Georg presste des Vaters Hand und trank ihm und der Mutter und den
+Geschwistern zu -- und die Mutter hob ihr Glas und stiess mit dem Sohne an,
+aber mehr vermochte das Mutterherz nicht -- zu lange hatte sie jetzt
+gewaltsam gegen ihr eigenes Gefuehl an- und den Schmerz niedergekaempft, den
+Anderen zu Liebe; laenger war sie es nicht im Stande, und das Glas mit
+zitternder Hand niedersetzend, dass der Wein ueber und auf das Tischtuch
+floss, stand sie auf, warf die Arme krampfhaft um den Hals des Sohnes und
+schluchzte laut.
+
+"Mutter, liebe -- liebe Mutter -- "
+
+"Mein Kind -- mein Kind," jammerte die Frau und der Schmerz wuchs an
+Heftigkeit, wie der maechtig aber still dahinwaelzende Strom schaeumend
+hinausdonnert in's Freie, wo er sich erst einmal Bahn gebrochen aus seinem
+Bett -- "mein liebes -- liebes Kind."
+
+"Aber Mutter," bat der Pastor, "fasse Dich; es ist ja doch nur vielleicht
+auf kurze Zeit, bis sich der Junge draussen die Hoerner abgelaufen, und ihm
+die Heimath anders aussieht wie jetzt; dann kommt er wieder."
+
+"Liebe -- liebe Mutter," fluesterte Georg, sie innig an sich schliessend, und
+auch ihm erstickten unaufhaltsam fliessende Thraenen die Stimme.
+
+Die Geschwister weinten auch, und der Vater war aufgestanden und ein paar
+Mal mit raschen Schritten, wie um den Anderen Zeit zu geben, eigentlich
+aber nur seine eigene Fassung wiederzugewinnen, im Zimmer auf- und
+abgegangen. Jetzt blieb er neben der Gattin und dem Sohne stehn, und sie
+langsam trennend sagte er mit sanfter, bittender Stimme:
+
+"Kommt Kinder, kommt -- macht Euch selber nicht das Herz zum Brechen
+schwer; das ist unrecht. Ueberdies quaelt Ihr Euch zweimal, und habt morgen
+frueh noch dasselbe Leid. Es ist eine lange Trennung, aber keine Trennung
+fuer's Leben -- wir sind Alle noch ruestig und gesund, und werden uns, will
+es Gott, hoffentlich Alle einmal froh und freudig in die Arme schliessen
+koennen."
+
+"Aber Du schreibst bald, Georg," fluesterte die Mutter sich mit aller Kraft
+zusammennehmend -- "Du laesst uns nie lange ohne Nachricht, nicht wahr Du
+versprichst mir das?"
+
+"Gewiss Mutter, gewiss -- so oft ich kann -- aber aengstigt Euch nur auch
+nicht, wenn einmal ein Brief laenger ausbleibt als gewoehnlich; der Weg ist
+weit, und ein Brief kann leicht verloren gehn."
+
+"So, und jetzt zu Bett Kinder," mahnte der Vater -- "es ist spaet geworden,
+sehr spaet, und Du musst frueh wieder heraus Georg, die Post nicht zu
+versaeumen; sind Deine Koffer hinuebergeschafft?"
+
+"Es ist Alles drueben," sagte die Mutter, sich aus den Armen des Sohnes
+windend und ihre Thraenen trocknend, "nur sein Ueberrock ist noch hier, den
+er anzieht, und die kleine Tasche in die er morgen frueh sein Nacht- und
+Waschzeug steckt -- doch das besorg' ich schon selber und werd' es nicht
+vergessen. Ich bin frueh auf, Georg, Du musst ja doch auch noch Deinen
+Kaffee haben bevor Du gehst."
+
+"Gute Nacht Mutter!" rief Georg, umschlang sie noch einmal und kuesste ihr
+Lippen, Augen und Stirn, "gute Nacht meine gute, gute Mutter -- gute
+Nacht!"
+
+"Gute Nacht mein Georg, mein Kind," sagte die arme Frau unter Thraenen --
+"schlaf nur jetzt recht aus -- zum letzten Mal unter unserem Dach -- fuer die
+naechste Zeit wenigstens," setzte sie rasch hinzu -- "denn mit Gottes
+Beistand hoff' ich soll es nicht das letzte Mal gewesen sein -- und -- und
+meinen Segen nimm mit Dir, wohin Du gehst -- wo Du weilst -- was Du thust --
+-- er ruhe auf Dir, mein gutes, gutes Kind!"
+
+Georg beugte sich unwillkuerlich dem ernsten heiligen Wort -- seine ganze
+Gestalt zitterte dabei, und die Mutter musste sich endlich mit freundlicher
+Gewalt aus seinen Armen winden; dann aber floh sie auch hastigen Schrittes
+aus dem Zimmer, sich in dem eigenen Kaemmerlein recht, recht herzlich
+auszuweinen.
+
+Die Geschwister sagten dem Bruder jetzt gute Nacht -- die aelteste Schwester
+Louise hing lange an seinem Hals, aber riss sich los, den Schmerz der
+Eltern nicht zu vermehren. Die Juengeren kuessten ihn auf die Wangen und
+sagten. "Gute Nacht Georg -- weck' uns nicht zu spaet morgen frueh, dass wir
+Dir auch noch koennen glueckliche Reise wuenschen."
+
+Georg kuesste sie herzlich und bat sie brav und gut zu sein, und Vater und
+Mutter Freude -- viel Freude zu machen, denn er selber ginge nun fort, und
+die Eltern wuerden deshalb recht traurig sein.
+
+"Gute Nacht Georg," sagte der Vater, als die Kinder zu Bett gegangen
+waren, und Alle, ausser ihm, das Zimmer verlassen hatten, "habe keine Angst
+dass Du die Post morgen verschlaefst, ich wache schon auf zur rechten Zeit --
+gute Nacht mein Sohn. Komm komm, fange nicht selber wieder an, und mach'
+mir das Herz nicht schwer vor der Zeit -- aber Georg, um Gottes Willen was
+ist Dir? -- sei ein Mann -- Nun ja -- so lange die Frauen da waren hat es mir
+auch das Herz fast abgedrueckt -- man darf es sie ja nicht so merken lassen,
+sonst zerfliessen sie ganz -- "
+
+"Mein lieber -- lieber Vater," schluchzte Georg an seinem Halse."
+
+"Mein guter, guter Sohn!" fluesterte der Pastor, des Kindes Stirne kuessend,
+und jetzt selber im Innersten ergriffen und bewegt -- "bleibe brav -- bleibe
+so brav wie Du bist -- ich kann Dir nichts Besseres wuenschen -- trage Gott
+im Herzen und Dich selbst, und -- Deiner alten Eltern Bild, deren Segen Dir
+folgt auf allen Deinen Wegen."
+
+"Mein Vater!"
+
+"So mein Sohn -- jetzt gute Nacht und bete zu Deinem Schoepfer dass er uns
+morgen in der schweren Abschiedsstunde staerkt -- gute Nacht mein Georg --
+gute Nacht."
+
+Leise machte er sich los aus des Sohnes Arm, kuesste ihn noch einmal, und
+verliess dann rasch das Zimmer. Georg aber blieb lange, lange Minuten auf
+dem Stuhle sitzen wo ihn der Vater verlassen, das Gesicht in seinen Haenden
+bergend.
+
+"Gute Nacht," fluesterte er endlich leise und kaum hoerbar, als Alles schon
+im Hause still war, und zu Ruhe gegangen -- "gute Nacht Ihr Lieben und Gott
+schuetze Euch und mich; aber nicht moeglich waere es mir, die furchtbare
+Trennungsstunde noch einmal durchzuleben, nicht moecht' ich Dir Vater, Dir
+Mutter den Schmerz, das bittere Weh zum zweiten Mal bereiten. Es ist
+vorbei -- Alles vorbei, und wenig Stunden noch und die Heimath selber
+liegt, ein schoener Traum nur, in der Erinnerung Tiefe. So denn an's Werk"
+setzte er fest und entschlossen hinzu, "und ob das Herz darueber brechen
+will, "durch" ist mein Wahlspruch jetzt, durch Nacht zum Licht -- _durch_."
+
+Und mit den, fest zwischen den zusammengebissenen Zaehnen gemurmelten
+Worten stand er auf, und sein Schlafzimmer oeffnend warf er den Rock ab,
+und badete Gesicht und Nacken in kuehlem Wasser. Dann, als er die Glut die
+ihn durchtobte, in etwas geloescht, packte er den kleinen Nachtsack mit
+den, sorglich fuer ihn auf dem Waschtisch ausgebreiteten Gegenstaenden, zog
+sich wieder an, knoepfte den Ueberrock bis an den Hals zu, denn die Nacht
+war kalt, und nach der gehabten Aufregung froestelten ihn die Glieder, und
+im Zimmer umherschauend fiel sein Blick auf den, unter dem Spiegel
+stehenden, fuer ihn eingeschlagenen Rosenstock. Rasch barg er ihn in der
+weiten Tasche seines Ueberrocks, oeffnete dann das Fenster, das in den
+Garten hinaus und von da ueber den Kirchhof fuehrte, der Landstrasse zu, und
+schwang sich auf das Fensterbret.
+
+"Ade!" fluesterte er, "ade Du trautes, liebes Haus, ade -- Gott halte seine
+Hand ueber Dir, und schuetze die lieben Menschen -- ade, ade." Und von dem
+Bret hinunterspringend in den Garten, durcheilte er diesen, schwang sich
+leicht ueber die Kirchhofmauer, die er als Kind unzaehlige Male
+ueberklettert, und schritt dann langsam und traurig seinen einsam dunklen
+Weg entlang.
+
+ * * * * *
+
+Noch hob sich die Sonne nicht ueber den oestlichen Fichtenhang, und der
+daemmernde Tag gruesste eben die schlummernde Erde, als sich die Mutter von
+ihrem Lager hob, das Maedchen weckte dass es Feuer in der Kueche mache, den
+Kaffee bereit zu halten, und dann den Mann rief, dem Sohn ade zu sagen.
+Pastor Donner hatte aber auch nur in unruhigem Schlaf gelegen -- die
+Gedanken und Sorgen liessen ihn nicht ruhen, und wie aus boesem Traum fuhr
+er oft empor, mit einem wehen Stich durch's Herz zurueckzusinken, _dass_ es
+eben kein Traum sei, der ihn bedruecke und quaele.
+
+Er stand auf, zog sich an, und waehrend die Mutter draussen in der Kueche
+sorgte, dem Sohn ein rasches Fruehstueck zu bereiten, ging der Vater hin ihn
+zu wecken.
+
+"Georg!" sagte er, als er die Thuer oeffnete, die in des Sohnes Kammer
+fuehrte -- "Georg -- es wird Zeit -- heiliger Gott!" unterbrach er sich aber
+rasch und erschreckt als er das Gemach leer, das Bett unberuehrt und keine
+Spur mehr von dem Kinde fand -- "heiliger, erbarmender Gott -- er ist fort."
+Und wie er sich auch vorgenommen sich zu fassen, und der Frau, dem Kind,
+die letzten Augenblicke nicht mehr zu erschweren, durch seine eigene
+Schwaeche, traf ihn _der_ Schlag doch zu hart -- zu unerwartet. In diesem
+Augenblick betrat die Mutter das Zimmer, und sah wie der Vater sich
+erschuettert von der Thuer abwandte und das Antlitz in den Haenden barg.
+
+"Mein Sohn -- mein Kind!" stammelte sie, in der sie durchzuckenden Ahnung
+des Geschehenen, der sie wie ein jaeher Schlag in's Herz traf -- "wo ist --
+wo ist Georg?" Aber der Vater zog sie an die Brust, und ihre Stirn, auf
+die seine heissen Thraenen fielen, kuessend, fluesterte er leise:
+
+"Er hat uns den Schmerz des Abschiedes sparen wollen, Louise -- er ist
+fort."
+
+"_Fort!_" hauchte die Frau -- kaum noch den Sinn der Worte fassend, und
+brach bewusstlos in den Armen des Gatten zusammen.
+
+ * * * * *
+
+Ausserhalb Waldenhayn, wenn auch noch zu demselben Kirchspiel gehoerend, und
+dicht an der Grenze des bis hier herniederlaufenden Holzes, stand ein
+kleines, schon halb verfallenes Haus, das frueher einmal von einem
+Forstgehuelfen des herrschaftlichen Waldes bewohnt, dann aber nicht mehr
+benutzt, und um ein Billiges, eigentlich auf Abbruch, verkauft worden war.
+Der Mann der es kaufte aber, hatte frueher ebenfalls in herrschaftlichen
+Diensten gestanden, und dann das Metzger-Handwerk getrieben; sein wildes,
+liederliches Leben jedoch liess sein Geschaeft nicht foerdern, noch vorwaerts
+gehn. Er schien auch keine rechte Lust an einer regelmaessigen Arbeit zu
+haben, heirathete dann, als er Alles was er sein nannte, durchgebracht,
+ein Maedchen vom herrschaftlichen Gut, das den Dienst dort verlassen musste
+und von dem Herrn selber eine Abstandssumme bekam, und kaufte mit dem
+Gelde eben das kleine unwohnliche Gebaeude, das er nichtsdestoweniger
+bezog, und sich jetzt angeblich vom Viehhandel ernaehrte. Er zog im Lande
+herueber und hinueber, und kaufte und verkaufte Vieh, mehr aber noch trieb
+er sich in den Wirthshaeusern herum, wo er trank und spielte, und den
+schlimmsten Ruf im Lande hatte, den ein Mensch haben kann, ohne dass jedoch
+die Polizei den mindesten Halt an ihn bekommen konnte. Aber die
+ordentlichen Leute zogen sich von ihm zurueck; Niemand mochte Umgang mit
+ihm oder seinem Weibe haben, und auf dem Weg zu seinem Hause wuchs Gras;
+wen dort nicht ein besonderes Geschaeft hinfuehrte, betrat ihn nimmer.
+
+So hatte der "schwarze Steffen," wie er im Lande seines dunklen Haares und
+Aussehns wegen hiess, sechs Jahre in dem kleinen Haus gewohnt, und sein
+Weib ihm, ausser dem Kind das sie in die Ehe gebracht, noch drei andere
+geboren. In der letzten Zeit tauchte dabei ein anderer Verdacht gegen ihn
+auf, dass er sich naemlich unter der Hand mit Wilddieben einlasse, und --
+wenn auch vielleicht nicht selber wildere, doch das Gestohlene kaufe und
+unterbringe.
+
+Sicher ist, dass nicht alles Fleisch was er zu Markte fuehrte, im Stall
+gemaestet worden, und als nun auch gar einmal, und vor nicht so sehr langer
+Zeit, ein Forstgehuelfe, in Ausuebung seiner Pflicht, erschossen worden,
+wurde die Aufsicht ueber den schwarzen Steffen, dem man aber doch nicht zu
+Kragen konnte, so scharf gefuehrt, und diesem zuletzt so unertraeglich, dass
+er schon ein paar Mal mit den Forstbeamten im Wirthshaus Streit gesucht
+und gefunden, und ihm zuletzt von der Herrschaft, nach lange geuebter
+Nachsicht, der Befehl zugestellt wurde, das auf den Abbruch damals
+erstandene Haus, von dem uebrigens kein Ziegel mehr sein gehoerte, zu raeumen
+und abzutragen oder stehen zu lassen, wie es ihm gefalle, seinen Wohnsitz
+aber, wider ihn eingelaufener Klagen wegen, wo anders zu nehmen, vom
+ersten des naechsten Monats an.
+
+Steffen war heute einmal ausnahmsweise den ganzen Tag zu Haus geblieben,
+und hatte manche von seinen Sachen, wobei ihm die Frau half,
+zusammengetragen und in einen Ranzen gepackt. Die Kinder aber achteten
+wenig darauf; sie waren gewohnt dass der Vater oft fortging, und dann immer
+mehre, manchmal sogar acht Tage fortblieb, ehe sie ihn wieder zu sehen
+bekamen, oder auch nur von ihm hoerten. Fragen, wohin er ging, durften sie
+nie.
+
+Der Vater war uebrigens muerrischer heute als je -- er sprach fast kein Wort,
+trank aber oft aus der Flasche, die zum ersten Mal offen in der Stube
+stand, und woraus sich auch die Mutter zweimal einschenkte, und sich dann
+zu dem juengsten Kinde setzte, und es auf den Schoos nahm und kuesste.
+
+"Weshalb weinst Du, Mama?" sagte das zweite Kind, ein Junge von etwas ueber
+fuenf Jahren -- "hat Dir Jemand 'was zu Leid gethan?"
+
+"Weil sie eine Naerrin ist," brummte der Vater, der die Frage gehoert hatte,
+und jetzt einen aergerlichen Blick nach der Frau schoss -- "ich daechte wir
+haetten nun genug darueber geschwatzt und die Sache waer' abgemacht."
+
+"Nun ja -- ich sage ja auch kein Wort mehr dagegen," erwiederte die Frau --
+"es -- es ueberkommt Einen nur noch manchmal so -- nachher wird's besser und
+-- es geht ja doch nun einmal nicht anders," setzte sie still und schwer
+vor sich hinseufzend, hinzu.
+
+Steffen entgegnete nichts weiter darauf, schickte aber bald darauf, unter
+irgend einem Vorwand, die Kinder mitsammen hinaus in den Garten, und sagte
+dann, als er sich mit der Frau allein sah, muerrisch und finster.
+
+"Du flennst und flennst, und wirst die Baelge noch zuletzt aufmerksam und
+aengstlich machen mit Deiner Heulerei -- kannst Du sie hier ernaehren, so
+bleib da, ich habe Nichts dagegen; kannst Du's aber nicht, dann sei auch
+vernuenftig und mach' jetzt keine dummen Streiche -- es waer' ein Spass, wenn
+sie uns abfassten, und Du weisst am Besten was uns nachher bevorstuende."
+
+Die Frau war schlank und voll gewachsen, mit besonders kleinen Haenden und
+Fuessen, musste auch einmal in frueheren Jahren wirklich schoen gewesen sein,
+und mehr noch als nur die Spuren war ihr davon geblieben, haette sie eben
+etwas gethan sich das zu erhalten. Aber in ihrem ganzen Aeusseren ging sie,
+wenn nicht geradezu unreinlich, doch vernachlaessigt; die ungeordneten
+Haare wurden durch einen zerbrochenen, aechten Schildpatkamm, und durch ein
+schwarzes abgescheuertes Sammetband, in dem vorn eine grosse bronzene
+Broche mit einem unaechten Turquis sass, gehalten; in den Ohren hingen ihr
+ebenfalls lange emaillirte unaechte Ohrringe, die mit dazu beigetragen
+hatten ihr bei ihren bescheidenen und einfachen Nachbarn den Namen der
+"stolzen Jule" zu geben, und das Kleid von gutem Stoff und nach neuem
+Schnitt gemacht, zeigte unausgebesserte Risse, und Spuren von Fett, in
+Streifen und Flecken, die schlecht zu dem blitzenden falschen Schmucke
+passten.
+
+Auch in den Augen selber lag etwas Keckes, Unweibliches, das aber doch
+jetzt einem maechtigeren Gefuehl gewichen war, denn nur manchmal, bei den
+rauhen Worten, blitzte es an gegen den Mann, und um die Lippen zog sich
+dann ein eigener fester Zug von Trotz und Zorn.
+
+"Ich hab' Dir genug zu Willen gethan, dass ich mit Dir gehe und die Kinder
+zuruecklasse," sagte sie dann nach kleiner Weile -- "wenn's mir das Herz
+dabei zusammenzieht, waerst Du schlimmer wie ein Thier, wolltest Du's mir
+wehren. Der Wolf laesst seine Brut nicht im Stich, und wir wollen fort -- "
+
+"Der Wolf hat auch draussen zu leben, und fuer die Jungen Milch -- wer
+giebt's uns?" zischte der Mann zwischen den zusammgebissenen Zaehnen durch
+-- "wir koennten krepiren hier im Nest, keine Katze miaute deshalb im ganzen
+Kreis."
+
+"Ich weiss es, ich weiss es," sagte die Frau, "und das ist das Einzige was
+mich freut, dass wir ihnen jetzt einen Streich spielen -- den Lumpen. Und
+wie sie schreien und schimpfen werden -- aber ernaehren muessen sie sie doch,
+davon hilft ihnen kein Gott. Leid thut's Einem freilich immer, die armen
+Dinger, die noch Nichts von der Welt wissen und begreifen, so allein
+zurueckzulassen -- wenn ich das Juengste nur mitnehmen duerfte -- " setzte sie
+leise hinzu.
+
+"Komm mir nur jetzt nicht wieder mit dem alten Gewaesch," rief aber der
+Mann finster und aergerlich -- "ich daechte das haetten wir ueber und genug
+besprochen und ueberlegt, und waeren einig darueber."
+
+"Ueberlegt gar nicht," sagte aber die Frau, die Brauen fest
+zusammenziehend -- "wenn ich davon anfing hast Du mich immer grob
+angefahren und ausgezankt, und Deinen Willen gehabt dabei, wie bei allem
+Anderen. Ich weiss dass ich nicht zu den Weichen gehoere, aber -- Mutter
+bleibt doch Mutter, und -- 's ist immer ein haesslich unnatuerlich Ding."
+
+"Papperlapapp!" sagte der Mann den Kopf herueber und hinueber werfend --
+"unnatuerlich -- natuerlich ist's allerdings nicht dass die Scheunen
+ringsherum voll liegen, und das reiche Lumpenpack das Geld mit vollen
+Fausten zum Fenster hinauswirft, waehrend wir hier trocken Brod nagen
+sollen, und das nicht einmal immer kriegen -- schoene Natuerlichkeit das."
+
+"Wenn Du nur nicht den dummen Streich mit dem -- "
+
+"Halt's Maul!" brummte aber der Mann muerrisch -- "ich sollte mich wohl
+erwischen und anzeigen lassen, dass ich jetzt im Zuchthaus saess und spaenn --
+Gott verdamm mich, ich schoesse eher die ganze Bande ueber den Haufen, einen
+nach dem anderen -- bist Du nun fertig mit Deinen Sachen?"
+
+"Ja!" sagte die Frau leise und unwillkuerlich zusammenschaudernd -- "es kann
+fort gehn."
+
+"Wir wollen aber doch warten bis es dunkel ist," sagte Steffen nach
+kleiner Pause; "besser ist besser, und der Maertens unten an der Strasse
+braucht nicht gleich zu wissen dass wir fortgefahren sind, beide zusammen,
+seine Nase hineinzustecken vor der Zeit; er ist mir so schon ein paar Mal
+hier oben herumgekrochen, wo er Nichts zu suchen hatte."
+
+"Aber wenn sie uns nun doch vor der Zeit vermissen?" sagte die Frau, "und
+unserer Spur nachgehn; wenn's jetzt schlimm ist, nachher wird's erst boes,
+und wir duerften dann nur gleich mit Sack und Pack abziehn."
+
+"In's Arbeitshaus, eh? -- nein, eine Weile halt' ich sie uns schon von den
+Hacken, und Gefahr dass sie uns finden, hat es auch nicht. Wo wir zur
+Eisenbahn kommen bin ich bekannt, und habe schon manchmal Vieh da gekauft,
+wenn sie auch eben meinen Namen nicht wissen, und wenn wir fortgehn, lasse
+ich einen alten Hut von mir und das gelbe Tuch von Dir unten an dem tiefen
+Wasserloch unter den Erlen. Sobald Jemand hier in der Gegend vermisst wird,
+suchen sie dort immer zuerst, und der Schulze im Dorf hat das Pulver nicht
+erfunden, dem ist leicht was aufgehaengt. Bis sie eine Weile stromab
+geangelt haben, sind wir hoffentlich unterwegs, und wenn nicht unter, doch
+ueber dem Wasser. Aber ich will jetzt noch einmal hinunter zum Maertens gehn
+und Mehl holen; es ist auch heute der gewoehnliche Tag, und hierher kommt
+nachher keiner so leicht, nimm Du indess die Kinder vor, und instruire sie
+wie sie sich zu verhalten haben."
+
+Und seine Muetze aufgreifend steckte Steffen die Haende in die Taschen, und
+schlenderte langsam den Hang hinunter dem naechsten, eine gute
+Viertelstunde entfernten Hause zu, waehrend die Frau die Kinder zu sich
+hereinrief, das Juengste, ein kleines liebes Maedchen von anderthalb Jahren,
+auf den Schoos nahm, und sich damit still und lautlos in die Ecke setzte.
+
+Die Sonne neigte sich indessen ihrem Untergang, und der Vater kam nach
+etwa einer Stunde, als es schon voellig dunkel geworden war zurueck -- die
+Mutter sass noch immer mit dem Kind auf dem Schoos, das bei ihr
+eingeschlafen war, und hielt es fest an sich gedrueckt.
+
+"So Jule, es ist Zeit," sagte der Mann, seine Arbeitsjacke abwerfend und
+den Rock anziehend, "weiss die Albertine was sie zu thun hat?"
+
+Die Frau zitterte am ganzen Leib, aber sie erwiederte kein Wort, stand
+auf, kuesste das Kind das sie auf dem Arm trug, und legte es in sein
+Bettchen -- einen Kasten, der in der Ecke der Stube stand.
+
+"Albertine," sagte sie dann zu der Aeltesten, und wandte sich von der
+duester brennenden Oellampe, die Steffen auf den Ofen gestellt hatte, ab,
+dass die Tochter ihr nicht in die jetzt wirklich todtenbleichen Zuege
+schauen sollte -- "ich gehe mit dem Vater heute Abend eine Weile fort -- den
+Karl bring ich erst noch zu Bett -- sollten wir morgen frueh nicht bei
+Zeiten da sein, so -- so zieh die Kinder an und gieb ihnen zu essen -- der
+Brodschrank ist offen, und Milch steht unter der Diele in der Schuessel --
+Du passt mir auf dass den Kleinen Nichts passirt -- Du -- Du bist ja schon ein
+grosses Maedchen."
+
+"Und geht mir nicht vor die Thuer morgen, bis wir nicht wieder da sind,"
+sagte Steffen, "wie ich heut Abend drunten gehoert habe, ist hier ein
+toller Hund herumgelaufen. Das Beste wird sein Ihr haltet die Hausthuer zu,
+dass er nicht etwa gar herein kommt."
+
+Die Frau hatte dabei das etwa dreijaehrige Maedchen das indess gar schlaefrig
+geworden war, ausgezogen und in sein Bettchen gelegt -- und der Junge,
+Carl, sass auf der Bank am Fenster, noch auf sein Abendbrod wartend. Aber
+er sah auch erstaunt dabei die Eltern an, die noch nie so spaet Abends
+fortgegangen waren, und auch wohl noch nie, oder doch nur selten gar so
+freundlich mit ihnen gesprochen hatten.
+
+"Was fuer ein Hund ist es, Vater?" frug er jetzt, da der Gedanke an den
+tollgewordenen Hund ihn besonders interessiren mochte -- "Maertens' Bello?
+der kennt mich, und beisst mich nicht."
+
+"Nein, der grosse Tuerk aus dem Dorfe unten," sagte Steffen -- "der den
+Mueller auch schon einmal gebissen hat."
+
+"Oh der ist schlimm!" rief der Knabe erschreckt -- "da geh' ich gewiss nicht
+hinaus."
+
+"Geh' nun zu Bett Carl, es ist spaet," sagte der Vater.
+
+"Ich habe mein Abendbrod noch nicht," brummte der arme kleine Bursch.
+
+"So? -- dann wird Dir's Albertine geben -- und -- seid brav und folgt ihr --
+"
+
+Er gab dem Knaben und aeltesten Maedchen die Hand, und ging zu den Bettchen
+der Kleinen die er kuesste; dann aber als ob er sich einer solchen Regung
+schaeme, richtete er sich rasch wieder auf, drueckte den Hut in die Stirn,
+und sagte, das Zimmer verlassend, und noch in der Thuer sich umdrehend:
+
+"Ich warte auf Dich unten am Wasser -- mach schnell!"
+
+"Sei ein gut Kind Albertine, und hab mir gut auf die Kleinen Acht,"
+fluesterte die Frau jetzt dem Maedchen zu, das eben dem Bruder ein Stueck
+Brod und Salz gegeben hatte, an dem der ass und verwundert dabei hinter den
+Vater her aus der Thuer, und nach der Mutter schaute, die lange -- o lange
+Zeit nicht so freundlich mit ihnen gesprochen hatte.
+
+"Aber Mutter wo geht Ihr nur hin?" -- frug das Maedchen, der das Benehmen
+der Eltern ebenfalls auffiel, verwundert.
+
+"Auf's Amt," sagte die Frau, auf die Frage schon vorbereitet -- "wir muessen
+morgen frueh mit Tagesanbruch in der Stadt sein, und wollen gehn so lang's
+kuehl ist."
+
+"Und wann kommst Du wieder?"
+
+"Hoffentlich morgen gegen Abend -- wenn wir fertig werden; auf dem Amt sind
+sie aber gar weitlaeufig -- manchmal dauert's laenger als man denkt. Geht mir
+aber nicht vor die Thuer, Ihr habt zu essen genug -- jedenfalls sind wir
+morgen Abend um die Zeit wieder da -- und acht' mir auf die Kleinen, Tine --
+sei ein vernuenftig gutes Maedchen -- Du bist gross genug. Und -- wenn Jemand
+nach uns fragen sollte, so sag nur wir waeren in den Wald gegangen, und
+kaemen gleich wieder -- es wird aber wohl Niemand fragen," -- setzte sie
+leise, und wie zu ihrer eigenen Beruhigung hinzu.
+
+Sie sah sich im Zimmer um, ob sie Nichts vergessen habe -- ihr Buendel lag
+aber versteckt draussen vor der Thuer, wie der Mann seine gepackte
+Jagdtasche ebenfalls draussen verborgen gehabt und jetzt mitgenommen hatte.
+Ihr Blick ueberflog auch nur fluechtig den kleinen Raum, und haftete dann
+auf dem Bettchen des juengsten Kindes -- sie konnte nicht widerstehn, und
+trat noch einmal zu dem schlummernden Kind.
+
+"Geh doch hinaus Tine, und hole ein paar Stuecken Holz herein, so lang ich
+noch hier bin, dass Du morgen frueh Kaffee kochen kannst -- ich bleibe so
+lang bei den Kindern," setzte sie langsam und ohne das aelteste Maedchen
+dabei anzusehn, hinzu. Dieses ging, und in wilder, fast aengstlicher Hast
+kuesste die Frau jetzt die kleine, schon sanft schlummernde Line, und hob
+dann das Juengste aus seinem Kasten, auf dessen rosige Lippen sie den
+eigenen Mund in wilder Heftigkeit presste, bis es schrie. Die Thraenen -- die
+Mutter _konnte_ sich nicht ganz verleugnen in dem Augenblick -- liefen ihr
+dabei voll und schwer die Wangen hinunter, und erst als sie das Aelteste
+mit dem Holz zurueckkehren hoerte, legte sie das leicht beruhigte Kind
+wieder auf sein Lager, und kuesste den Jungen, dem die Thraenen auch anfingen
+in die Augen zu steigen. Er wusste freilich nicht recht weshalb, und nur
+vielleicht weil er die Mutter weinen sah, wurd' es ihm auch so weh und
+weich um's Herz.
+
+"Aber Mutter, was ist Dir nur heute Abend?" sagte das Maedchen, dem die
+aussergewoehnliche Bewegung derselben unmoeglich entgehen konnte -- "was habt
+Ihr nur, Du und der Vater?"
+
+"Bah -- der Vater war garstig mit mir, und wir haben uns gezankt," sagte
+die Mutter, das Gesicht abwendend von dem Kind.
+
+Ein scharfer Pfiff von draussen her schlug an ihr Ohr, und sie fuhr
+erschreckt in die Hoehe.
+
+"Ja -- ich komme schon!" murmelte sie, kaum hoerbar, vor sich hin, "so adieu
+Albertine -- hab auf die Kinder Acht, und -- _behuet Euch Gott_!" und mit
+dem, wie scheu gefluesterten und vielleicht seit langer, langer Zeit nicht
+ausgesprochenen Segen, verliess sie rasch das Zimmer und das Haus.
+
+"Was zum Teufel troedelst Du denn da drin, und laesst mich eine Stunde hier
+warten?" rief der Mann muerrisch, als sie ihn endlich an der verabredeten
+Stelle traf -- aber die Frau erwiederte kein Wort, und die fieberheisse
+Stirn in die Hand pressend, folgte sie dem, jetzt ebenfalls finster und
+schweigend Voranschreitenden, durch die Nacht.
+
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! ERSTER BAND***
+
+
+
+CREDITS
+
+
+May 2006
+
+ Project Gutenberg Edition
+ richyfortytwo
+ Joshua Hutchinson
+ Online Distributed Proofreading Team
+
+
+
+A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 18475-0.txt or 18475-0.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
+receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
+this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
+-- you may do practically _anything_ with public domain eBooks.
+Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+
+
+_Please read this before you distribute or use this work._
+
+To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
+any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"),
+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1.
+
+
+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works
+
+
+1.A.
+
+
+By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work,
+you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in your possession. If you paid a fee
+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+1.B.
+
+
+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+1.C.
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
+work is in the public domain in the United States and you are located in
+the United States, we do not claim a right to prevent you from copying,
+distributing, performing, displaying or creating derivative works based on
+the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of
+course, we hope that you will support the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of
+promoting free access to electronic works by freely sharing Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works in compliance with the terms of this agreement for
+keeping the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} name associated with the work. You can
+easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
+same format with its attached full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License when you
+share it without charge with others.
+
+
+1.D.
+
+
+The copyright laws of the place where you are located also govern what you
+can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
+state of change. If you are outside the United States, check the laws of
+your country in addition to the terms of this agreement before
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+derivative works based on this work or any other Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work.
+The Foundation makes no representations concerning the copyright status of
+any work in any country outside the United States.
+
+
+1.E.
+
+
+Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+
+1.E.1.
+
+
+The following sentence, with active links to, or other immediate access
+to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
+any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase
+"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg"
+is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
+distributed:
+
+
+ This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+ almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
+ or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License
+ included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org
+
+
+1.E.2.
+
+
+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is derived from the
+public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
+permission of the copyright holder), the work can be copied and
+distributed to anyone in the United States without paying any fees or
+charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
+phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
+must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+1.E.3.
+
+
+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
+permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
+with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
+
+
+1.E.4.
+
+
+Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License
+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
+other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}.
+
+
+1.E.5.
+
+
+Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
+the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
+access to the full terms of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
+
+
+1.E.6.
+
+
+You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
+marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
+processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version posted
+on the official Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} web site (http://www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other form.
+Any alternate format must include the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License as
+specified in paragraph 1.E.1.
+
+
+1.E.7.
+
+
+Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing,
+copying or distributing any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works unless you comply
+with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+1.E.8.
+
+
+You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or
+distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works provided that
+
+ - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
+ the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark, but he has agreed to
+ donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
+ days following each date on which you prepare (or are legally
+ required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
+ should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
+ "Information about donations to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation."
+
+ - You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
+ You must require such a user to return or destroy all copies of the
+ works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
+ all access to other copies of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+ - You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+ - You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+
+1.E.9.
+
+
+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+1.F.
+
+
+1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to,
+incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
+or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
+or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
+be read by your equipment.
+
+
+1.F.2.
+
+
+LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES -- Except for the "Right of
+Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for
+damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE
+NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH
+OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
+FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT
+WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
+PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
+OF SUCH DAMAGE.
+
+
+1.F.3.
+
+
+LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND -- If you discover a defect in this
+electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
+of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
+the person you received the work from. If you received the work on a
+physical medium, you must return the medium with your written explanation.
+The person or entity that provided you with the defective work may elect
+to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
+work electronically, the person or entity providing it to you may choose
+to give you a second opportunity to receive the work electronically in
+lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
+refund in writing without further opportunities to fix the problem.
+
+
+1.F.4.
+
+
+Except for the limited right of replacement or refund set forth in
+paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+
+1.F.5.
+
+
+Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
+exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
+limitation set forth in this agreement violates the law of the state
+applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
+the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
+law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
+shall not void the remaining provisions.
+
+
+1.F.6.
+
+
+INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
+owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in accordance with this agreement, and
+any volunteers associated with the production, promotion and distribution
+of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs
+and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
+any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
+this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
+you cause.
+
+
+Section 2.
+
+
+ Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook
+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
+(zipped), HTML and others.
+
+Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the
+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+_Versions_ based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}, including how
+to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
+how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email
+newsletter to hear about new eBooks.
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+***FINIS***
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