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diff --git a/18620-8.txt b/18620-8.txt new file mode 100644 index 0000000..2e0ab64 --- /dev/null +++ b/18620-8.txt @@ -0,0 +1,6162 @@ +The Project Gutenberg EBook of Phantasten, by Erich von Mendelssohn + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Phantasten + +Author: Erich von Mendelssohn + +Release Date: June 19, 2006 [EBook #18620] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PHANTASTEN *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + ERICH VON MENDELSSOHN + + PHANTASTEN + + ROMAN + + + + BERLIN 1912 + VERLEGT BEI OESTERHELD & CO. + + + + Copyright 1912 + by Oesterheld & Co. Berlin W. 15 + + + +GESCHRIEBEN IM SOMMER 1911 + + +ALEXANDRA JEGOROWNA +zugeeignet + + + + +Vor neun Tagen hatte der Lloyddampfer »Prinzessin Irene« Sidney +verlassen, und deshalb übte der Anblick des grenzenlosen Wassers keinen +Reiz mehr auf die Passagiere aus. Am wenigsten an einem Tage wie heute, +wo ein feiner Staubregen durch alle Kleider drang und einen frösteln +machte. Für solche Tage hatte man ja in den Salons alle die +Annehmlichkeiten, die ein moderner Luxusdampfer bietet. + +Als Paul Seebeck auf das Deck hinaus trat, schlug er den Kragen seines +langen, englischen Überziehers hoch und schaute sich um. Ein Augenblick +genügte ihm, um festzustellen, daß er ganz allein war. Wohl hatte ihm +der Kapitän ein für allemal die Erlaubnis gegeben, so oft es ihm gefiele +zu ihm auf die Kommandobrücke zu kommen - denn Seebeck störte nie, am +wenigsten durch unnötige Fragen, seine Anwesenheit verkürzte dagegen die +lange Wacht - doch Paul Seebeck scheute sich, die anderen Passagiere auf +seine bevorzugte Stellung aufmerksam zu machen, um dem Kapitän keine +Unannehmlichkeiten zu bereiten. + +Jetzt stand der große, starke, doch etwas fette Mann neben dem kleinen +Kapitän auf der Kommandobrücke. + +»Schade, daß das Wetter heute so trübe ist«, sagte der Kapitän, »sonst +könnten wir dort im Nordosten die Santa-Cruz-Inseln sehen.« Er rollte +die Seekarte auf und wies mit dem zusammengeklappten Zirkel auf den +Punkt, wo das Schiff sich im Augenblicke befand. »Aber ich glaube, daß +es bald etwas aufhellen wird.« + +Paul Seebeck nahm ein Fernglas, sah erst nach Nordosten und folgte dann +weiter dem Horizonte. + +Der Kapitän fuhr fort: + +»Morgen kommen wir sozusagen aus den englischen Gewässern heraus und in +deutsche hinein.« + +Paul Seebeck ließ das Glas sinken: + +»Deutsche Gewässer, Herr Kapitän?« + +»Nun ja, die des Bismarckarchipels.« + +Paul Seebeck hob wieder das Glas und schaute unverwandt nach Norden, +dann reichte er es dem Kapitän und sah auf den Himmel: + +»Sie haben natürlich wieder Recht, es wird wirklich heller. Aber gerade +dort vor uns liegen dicke Wolken. Sehen Sie mal hin.« + +Der Kapitän sah erst durch das Glas in der angegebenen Richtung, dann +mit bloßen Augen und dann wieder durch das Glas. Schließlich sagte er +kopfschüttelnd: + +»Merkwürdig.« + +»Befürchten Sie ein Gewitter, Herr Kapitän?« fragte Paul Seebeck +gleichmütig. + +»Ich weiß gar nicht, was ich aus dem Ding machen soll. Nein, eine +Gewitterwolke ist es nicht.« + +Jetzt wandte sich der Matrose, der das Steuerrad bediente, grinzend +herum und sagte breit: + +»Herr Kapitän, die ist ja von einem Vulkane!« + +Der Kapitän war so interessiert, daß er gar nicht daran dachte, den +Matrosen zurechtzuweisen. Er rollte die Seekarte wieder auf, bestimmte +die augenblickliche Lage des Schiffes ganz genau, prüfte den Kompaß und +sagte dann: + +»Unmöglich, dort liegt kein Land.« + +Eine halbe Stunde verging, und alle schwiegen; der Kapitän und Paul +Seebeck schauten aber abwechselnd durch das Fernglas auf die schwere, +dunkelgraue Wolke. Endlich sagte Paul Seebeck: + +»Das ist und bleibt ein Vulkan mit der berühmten, pinienartigen +Rauchsäule, und wenn er nicht auf der Karte steht, ist es ein Fehler der +Karte, und nicht des Vulkans.« + +Der Kapitän schüttelte ungläubig den Kopf: + +»Es kann nur eine sonderbar geformte Wolke sein; es ist ganz undenkbar, +hier mitten auf einer so befahrenen Route eine neue Insel zu entdecken.« + +»Aber wenn es eine neu entstandene wäre, Herr Kapitän?« warf Paul +Seebeck ein. »Denken Sie doch an die große Flutwelle vor zwei Monaten, +die die ganze nördliche und östliche Küste Australiens überschwemmt +hat.« + +»Donnerwetter!« rief der Kapitän. »Das wäre ja -« + +Er wollte das Glas heben, aber jetzt kam von der Seite her ein feiner, +durchdringender Staubregen, der in wenigen Augenblicken die Aussicht +verschleierte. Die Herren hüllten sich fester in ihre Mäntel. + +Der Regen wurde stärker und stärker, und außerdem brach schnell die +Nacht herein. + +»Kommen Sie in meine Kabine«, sagte endlich der Kapitän. »Ich möchte die +Sache gern mit dem Ersten Offizier besprechen, und außerdem wird uns +jetzt ein warmer Punsch ganz gesund sein.« + +»Danke, gern.« + +Wie der Kapitän dem Ersten Offizier die Möglichkeit andeutete, in der +Nähe einer neu entstandenen Insel zu sein, eilte dieser sofort auf die +Kommandobrücke, um selbst Umschau zu halten, kehrte aber bald enttäuscht +zurück, da er des Dunkels und des Regens wegen nichts hatte wahrnehmen +können. + +Als die drei Herren in der Kajüte bei einem Glase Punsch zusammensaßen +und der Kapitän mit dem Ersten Offizier alle Eventualitäten und die +vorzunehmenden Maßnahmen besprach, zog sich Paul Seebeck in eine Ecke +zurück und schwieg, wobei er doch aufmerksam dem Gespräch lauschte, das +immer mehr an Fluß verlor und zuletzt ganz aufhörte. Schließlich saßen +die Drei schweigend da, und jeder hing seinen Gedanken nach. + +Endlich sah der Kapitän nach der Uhr: + +»Meine Herren, jetzt sind wir schon drei Stunden hier unten. Wie wäre +es, wenn wir wieder hinaufgingen und nach unserer Wolkeninsel sähen?« + +Paul Seebeck lachte laut auf: + +»Bravo, Herr Kapitän. Vielleicht hat sie sich schon längst aufgelöst, +während wir sie hier in aller Ruhe erobern.« + +Als sie auf Deck hinaustraten, sahen sie, daß Nebel und Regen völlig +verschwunden waren, und daß klar der Mond schien. Passagiere gingen +plaudernd und rauchend auf und ab, oder saßen, in Plaids gehüllt, auf +Feldstühlen. Paul Seebeck hatte aber seine gewohnte Zurückhaltung völlig +aufgegeben und folgte zusammen mit dem Ersten Offizier dem Kapitän auf +die Kommandobrücke. + +Jetzt war kein Zweifel mehr möglich: vor ihnen lag, steil dem Meere +entsteigend, ein Vulkan, über dessen kegelförmiger Spitze - aber ohne +diese zu berühren - eine ungeheure, blauschwarze Wolke schwebte. Durch +das Fernglas sah man in einigen Rissen am Krater die Lava glühend +herabsinken. + +Als Erster brach Paul Seebeck das Schweigen: + +»Wie weit, Herr Kapitän -?« fragte er. Der Kapitän drehte sich schnell +herum und betrachtete Paul Seebeck ganz fremd, als ob er seine Gedanken +erst sammeln müßte. Dann schaute er wieder auf den Vulkan und sagte: + +»Sechzig Seemeilen schätze ich.« + +»Dann sind wir also in vier Stunden dort?« + +»Ja, wenn die Lotungen uns nicht zu lange aufhalten.« + +»Ach, Sie glauben, daß sich der ganze Meeresboden gehoben hat?« + +»Ich muß wenigstens mit der Möglichkeit rechnen.« + +Der Erste Offizier hatte inzwischen unausgesetzt den Vulkan durch das +Nachtglas angesehen. Jetzt sagte er: + +»Herr Kapitän, der Vulkan liegt auf einem ziemlich breiten Hochlande. +Wir scheinen eine Insel von ganz achtbarer Größe da vor uns zu haben.« + +Paul Seebeck senkte den Kopf und sah vor sich hin. Dann ging gleichsam +ein Ruck durch ihn; er strammte sich auf, sah dem Kapitän fest in die +Augen und sagte langsam: + +»Herr Kapitän, jetzt ist es zehn Uhr; Sie sagten selbst, daß wir vor +vier Stunden nicht dort sein können, also nicht vor zwei Uhr nachts. Um +Zwölf wird aber alles elektrische Licht ausgelöscht, so daß dann kein +Passagier mehr auf sein kann. Sie, der Herr Erste Offizier und ich sind +die Einzigen, die wissen, daß wir dort eine neu entstandene Insel vor +uns haben. Die anderen haben nichts gesehen, oder wenn sie die Insel +gesehen haben, ist sie ihnen nicht weiter aufgefallen. Wollen Sie mich +um zwei Uhr an Land setzen und Schweigen bewahren?« + +Der Kapitän sah ihn überrascht an: »Herr Seebeck - überlegen Sie sich's +- eine neuentstandene, vulkanische Insel! Heißer Boden! Ich habe doch +die Verantwortung, auch für Sie. Und dann - in das Schiffsbuch muß ich +die Sache doch eintragen.« + +Paul Seebeck preßte die Lippen zusammen: »Gewiß, gewiß -« + +Nach kurzem Schweigen fuhr er auf. »Herr Kapitän, ich habe nichts +Unrechtes vor. Ich will die Insel für das Deutsche Reich in Besitz +nehmen. Machen Sie Ihre Eintragungen in das Schiffsbuch, es wird sie ja +niemand anders als die Rhederei sehen. Wollen Sie Beide mir aber +versprechen, das heißt, können Sie mir versprechen, absolutes Schweigen +zu bewahren, Sie und die Herren in Bremen, die das Schiffsbuch eventuell +lesen? Absolutes Schweigen nur drei Tage lang zu bewahren? Wenn im Laufe +dieser drei Tage nicht telegraphisch eine Bitte vom Reichskolonialamt +eingelaufen ist, länger zu schweigen, sind Sie völlig frei.« + +Der Kapitän sah Paul Seebeck an. + +»Einem andern würde ich ein solches Versprechen nicht geben, das mir +meine Stellung kosten kann. Ihnen gebe ich es.« + +»Ich danke Ihnen, Herr Kapitän, Sie werden es nicht zu bereuen haben.« + +»Auch ich gebe Ihnen das Versprechen«, fügte der Erste Offizier hinzu. + +Paul Seebeck senkte dankend den Kopf. + +Nach einer Weile wandte sich der Kapitän wieder Paul Seebeck zu: + +»Verstehe ich Sie recht, wollen Sie sofort von Bremen nach Berlin +fahren?« + +Paul Seebeck schaute auf: + +»Nein, ich bleibe dort und gebe Ihnen einen Brief an einen Freund mit, +der alles für mich ordnen wird.« + +Der Kapitän schüttelte den Kopf: + +»Ich kann Sie nicht an Land setzen lassen, Herr Seebeck. Die +Verantwortung übernehme ich nicht.« + +»Ich werde in meinem eigenen Motorboot hinüberfahren.« + +»Ich werde Sie leider daran verhindern müssen.« + +»Herr Kapitän! Glauben Sie das verantworten zu können?« + +Der Kapitän stutzte einen Augenblick. Dann schlug er Seebeck lachend auf +die Schulter und sagte: + +»Ich kann Sie ja nicht mit Gewalt festhalten, dazu wissen Sie zu genau, +was Sie wollen. Aber erklären Sie mir doch, wie Sie sich alles denken.« + +Wieder sah Paul Seebeck dem Kapitän fest ins Gesicht und sagte ganz +langsam: + +»Ich habe mein Motorboot, mein Zelt und Konserven für zwei Monate. Ich +werde Sie bitten, mir drei gewöhnliche Feuerwerksraketen zu geben. Sie +haben sie ja an Bord zur Unterhaltung Ihres Publikums. Wir machen das +Motorboot mit allem Inhalt klar, so daß wir es in einigen Minuten ins +Wasser setzen können. Wir kommen ja dicht an der Insel vorbei. Sobald +wir vom Schiffe aus einen Landungsplatz sehen, setzen Sie mich ins +Wasser. Sie sind dann so liebenswürdig, mit halber Kraft +weiterzufahren. Komme ich glücklich ans Land, lasse ich alle drei +Raketen aufsteigen, und Sie dampfen ruhig weiter. Ich verspreche Ihnen, +es erst dann zu tun, wenn ich heil und gesund am Lande bin. Lasse ich +nur zwei Raketen steigen, bedeutet das, daß ich nicht landen kann und +Sie auf mich warten müssen. Eine Rakete allein heißt, daß ich in Gefahr +bin, und Sie mir ein Boot zu Hilfe schicken müssen. Einverstanden?« + +»Ja, unter der Bedingung, daß Sie sich vom Schiff noch so viele +Konserven mitnehmen, daß Sie für ein halbes Jahr versorgt sind. Nach +drei Monaten bin ich zwar wieder hier -« + +»Und mein Freund, Jakob Silberland, ist dann mit Ihnen.« + +»Der Herr, der zum Kolonialamt gehen soll?« + +»Derselbe. Ich danke Ihnen, Herr Kapitän.« + +»Sie haben mir nichts zu danken. Ich bitte Sie nur, in meine Kabine zu +gehen und sich alles noch einmal in Ruhe zu überlegen. Dort können Sie +auch Ihren Brief schreiben. Lassen Sie sich auch Ihr Abendessen dorthin +bringen, damit Sie ganz ungestört sind. In einer Stunde komme ich zu +Ihnen hinunter, und wir können dann alles bis ins Kleinste besprechen.« + +Paul Seebeck verließ mit einer leichten Verbeugung die Kommandobrücke. + +- - - Drei Stunden nach Mitternacht lag der Dampfer eine Seemeile vor +dem steil abfallenden, zerrissenen Ufer entfernt, das vom Mondlichte +schwarz und groß auf das Wasser gezeichnet wurde. + +Leise Kommandorufe ertönen - ein Krahn dreht sich, und unter +Kettengerassel sinkt ein Motorboot auf die kaum gekräuselte +Wasserfläche. Halblaute Abschiedsrufe, ein Winken und Grüßen, der Motor +wird eingestellt, und das Boot saust davon. Langsam und schwer brodelt +es unter der Schraube des Dampfers, und jetzt setzt sich der Koloß in +Bewegung. + +Der Kapitän steht auf der Kommandobrücke und verfolgt mit dem Nachtglase +das Motorboot. Jetzt verschwindet es hinter einer Klippe, taucht dann +tief in den Mondschatten, biegt um einen Felsen und ist fort. Eine +Viertelstunde später steigen drei Raketen fast gleichzeitig in die Luft. +Aufatmend stellt der Kapitän den Telegraphen auf »Volldampf«. + + + + +Als Dr. phil. et jur. Jakob Silberland unter dem Schutze seines +übermäßig großen Schirmes dem Café Stephanie zueilte, gab es nicht +Wenige, die trotz des strömenden Regens stehen blieben und ihm +wohlwollend lächelnd nachblickten. Das war auch nicht wunderlich, denn +Jakob Silberland bildete eine sonderbare Figur. Auf kurzen Beinchen saß +ein dicker Leib mit viel zu langen Armen, und im Gesichte bildeten die +heiteren, offenen Augen einen seltsamen Gegensatz zu der +scharfgekrümmten Nase und der hohen, ausdrucksvollen Stirn, über die das +blauschwarze Haar in einigen glänzenden, langen Strähnen fiel. + +Sobald Jakob Silberland das Café betreten hatte, holte er sich vom +Ständer sechs oder acht Zeitungen und legte sie auf einen Tisch am +Fenster. Dann erst hängte er Schirm und Hut an einen Haken, wobei er +doch ständig seine Zeitungen im Auge behielt. Als er seinen Mantel +auszog, wobei ein abgetragener und etwas fleckiger Gehrock sichtbar +wurde, eilte der Kellner hilfsbereit herbei und sagte: + +»Guten Tag, Herr Doktor. Heute früh war der Briefträger mit einem +eingeschriebenen Brief für den Herrn Doktor da. Ich sagte ihm, er solle +am Nachmittage wiederkommen, dann wäre der Herr Doktor bestimmt hier.« + +Dr. Silberland sagte nur: »Danke« und eilte auf seinen kurzen Beinchen +zu seinen Zeitungen, in denen eben ein anderer Gast zu blättern begann. +Als er sich richtig zurechtgesetzt und seine Zeitungen sortiert hatte, +bestellte er einen Kaffee und begann, die Brust an den Tischrand +gedrückt, eifrig zu lesen. Gerade als er die Kreuzzeitung mit +gerunzelter Stirn fortlegte und aufatmend nach dem »Vorwärts« griff, +erschien, vom Kellner geführt, der Briefträger an seinem Tische und +übergab ihm einen eingeschriebenen Brief. Silberland erkannte sofort die +Handschrift seines Freundes Paul Seebeck, schob mit einer energischen +Armbewegung die Zeitungen zur Seite, quittierte, gab dem Briefträger +zwanzig Pfennige und öffnete den Brief. Hierbei fiel ein +zusammengefaltetes Checkformular heraus, das Silberland sofort in seine +Brieftasche steckte. Der Brief lautete: + + + »An Bord des Lloyddampfers »Prinzessin Irene«. + + Lieber Jakob! + + Von dem wenig befriedigenden Ausfall meiner australischen + Expedition wirst du durch die Zeitungen erfahren haben. Übrigens + war der Verlauf viel kläglicher, als die Zeitungsberichte erkennen + ließen. + + Ich freue mich aber jetzt, daß ich so mißgestimmt und so + unzufrieden mit mir selbst die Rückreise antrat, denn dadurch hatte + ich gerade die richtige Disposition zu neuen Dingen, die + ernsthafter sind. + + Paß mal auf: wir haben eine neuentstandene, vulkanische Insel + entdeckt, und zwar bin ich der erste, der sie sah. Ich bin dort + geblieben und habe sie für das Deutsche Reich in Besitz genommen. + Die Sache ist Geheimnis, nur der Kapitän und der Erste Offizier von + der »Prinzessin Irene« wissen davon, und die schweigen. + + Wo die Insel liegt, usw., kannst du von diesen beiden Herren + erfahren. + + Bitte geh sofort nach Berlin, zum Reichskolonialamt, und laß mir + eine unbeschränkte Vollmacht als Reichskommissar ausstellen, so daß + ich bis auf weiteres mit der Insel machen kann, was ich will. Die + Leute sollen aber schweigen, bis erst feststeht, ob die Insel + bewohnbar ist oder nicht. Sonst ist die Blamage nachher zu groß. Du + gibst natürlich sofort deine alberne Stellung bei den »Neuesten« + auf und kommst mit der »Prinzessin Irene« hierher. Ein Scheck auf + zehntausend Mark liegt bei: bezahl alle deine Schulden, daß du + vollständig unabhängig bist. Mach sonst aber nicht zu viele + Ausgaben, denn ich werde hier mein Geld wohl sehr nötig brauchen. + Eine Tropenausrüstung mußt du aber haben. + + Du verstehst, was ich will: ich denke an unsere Gespräche über den + absolut korrekten Staat, der durch keinerlei Traditionen und + Rücksichten gehemmt ist. Wir haben ja oft darüber debattiert, wie + ein solcher moderner Staat auszugestalten sei - hier können wir ihn + gründen, wenn auch nur in einem kleinen Maßstabe. + + Alle Einzelheiten überlasse ich dir, nur besorge mir die Vollmacht + und komm her. Setz dich aber auch mit dem Kapitän in Verbindung. + Der Mann ist praktisch und wird dich über Einzelheiten informieren. + + Entschuldige die Kürze. Ich kann dir aber in dieser Eile nicht alle + meine Gedanken auseinandersetzen; es ist wohl auch unnötig, + eigentlich ergibt sich ja alles von selbst. + + Überlege dir aber jeden Schritt, den du tust. + + Gruß + dein Paul S.« + + +Als Jakob Silberland diesen Brief zu Ende gelesen hatte, fuhr er sich +mehrmals mit der Hand durch das lange, schwarze Haar. Dann rührte er +bedächtig seinen Kaffee um, der längst kalt geworden war. Gerade, wie er +ihn trinken wollte, kam der Kellner und sagte: + +»Herr Doktor, die Redaktion fragt am Telephon, ob Sie noch hier wären.« + +»Sagen Sie, ich wäre gegangen«, gab Silberland zur Antwort, »und bringen +Sie mir eine Zigarre.« + +»Wie gewöhnlich eine zu Zehn?« + +»Ja - nein, eine zu Fünfzig!« sagte Jakob Silberland würdevoll. »Und +besorgen Sie mir ein Auto.« + +»Sehr wohl, Herr Doktor«, sagte der Kellner mit der solchen ungewohnten +Aufwendungen zukommenden Ehrerbietung. + +Jakob Silberland aber fuhr, die feine Zigarre in der Hand, im Auto zur +Dresdener Bank, wo er den Scheck einlöste, und unternahm dann eine +längere Rundfahrt durch die Stadt, um alle seine kleinen und größeren +Schulden zu bezahlen, die zusammen kaum zweitausend Mark betrugen. +Zuletzt begab er sich auf seine Redaktion, wo er gegen Stellung eines +Vertreters leicht entlassen wurde, da er kein angenehmer Kollege gewesen +war. + +Mit dem Abendschnellzuge fuhr er nach Berlin. + + + + +Drei Monate später saßen Paul Seebeck und Jakob Silberland in ihren +blendend weißen Flanellanzügen auf einem Steinblock am Strande, rauchten +ihre kurzen, englischen Pfeifen und sahen der langsam verschwindenden +»Prinzessin Irene« nach. Endlich sagte Jakob Silberland: + +»Etwas Urweltliches liegt über der ganzen Insel: der Vulkan, die nackten +Felsen, der Mangel jeglichen tierischen Lautes - es kommt mir fast vor, +als ob ich um viele Millionen von Jahren in der Zeit zurückversetzt sei. +Es würde mich gar nicht wundern, wenn plötzlich ein Ichthyosaurus oder +sonst irgend ein Ungeheuer aus dem Wasser auftauchte.« + +Paul Seebeck hatte nachdenklich seine Pfeife ausklopfend ihm zugehört. +Jetzt hob er den Kopf und sagte lächelnd: + +»Die Ungeheuer wirst du schon noch zu sehen bekommen. Nur etwas Geduld.« + +Jakob Silberland lachte: + +»Hast du hier eine Ichthyosauren-Farm angelegt? Das Geschäft dürfte doch +kaum lohnend sein. Sobald die Zoologischen Gärten versorgt sind, würde +der Weltbedarf gedeckt sein, und was dann?« + +Es zuckte um Seebecks Mundwinkel, als ob er mit Mühe ein Lächeln +unterdrückte. + +»Aber wovon wollen wir hier sonst leben, wenn nicht von Ichthyosauren? +Es gibt ja keinen Grashalm auf der ganzen Insel, keinen Vogel, keinen +Floh, nichts. Soweit ich als gebildeter geologischer Laie urteilen kann, +ist auch das Vorkommen von wertvollen Mineralien zum mindesten höchst +unwahrscheinlich. Da bleiben doch nur die Ichthyosauren übrig. Außerdem +finde ich den Gedanken sehr ansprechend, daß der modernste aller Staaten +von urweltlichen Tieren lebt. Damit schließt sich zurückgreifend der +Ring und löscht die Zeit aus. Anfang und Ende berühren sich.« + +Jakob Silberland sprang auf: + +»Ist das dein Ernst?« + +Seebeck blieb sitzen und sagte gemütlich: + +»Du sollst etwas Geduld haben. Ich werde dir meine Saurierfarm schon +zeigen. Die größte Ichthyomuttersau habe ich übrigens voll Dankbarkeit +gegen das gütige Schicksal »Prinzessin Irene« getauft.« + +Damit stand er auf und ging zu seinem Zelt, das einige Schritte +rückwärts im Schutze einer schrägen Felswand stand. Er kam mit einigen +Papierrollen zurück. + +»Sieh mal her«, sagte er, indem er die Blätter entfaltete und jedes an +den vier Ecken mit Steinchen beschwerte, »hier habe ich, so gut ich es +allein machen konnte, die Insel aufgenommen. Die Küste und diese Bucht +habe ich recht genau, im Inneren bin ich flüchtiger gewesen und außerdem +habe ich größere Strecken der heißen Lava wegen nicht betreten können. +Hier hast du die ganze Insel mit den Schären eins zu dreihunderttausend«, +fuhr er fort, wobei er sich über das betreffende Blatt beugte, »der +Flächeninhalt beträgt ungefähr zwölfhundert Quadratkilometer, wovon der +Vulkan allein fast vierzig bedeckt. Hier ist unsere Bucht eins zu +zehntausend. Sie ist mit der Nebenbucht dort rechts von uns überhaupt +die einzige Bucht der ganzen Insel. Ich habe sie bei Tiefebbe +aufgenommen. Die rote Küstenlinie und die rot gezeichneten Schären +beziehen sich auf Tiefebbe, die entsprechenden blauen Linien auf +Hochflut. Du siehst, daß unzählige Schären und Klippen nur bei Tiefebbe +über die Wasserfläche emporragen. Bei Tiefebbe ist überhaupt nur eine +einzige, schmale und dabei stark gewundene Rinne selbst für mein +kleines, flaches Motorboot passierbar. Ich kam glücklicherweise bei +Hochflut, sonst wäre ich überhaupt nie lebendig hier ans Land +gekommen.« Mit der Hand aufs Meer weisend, sagte er: »Die äußerste +Felsenspitze dort links ist etwa siebenhundert Meter hoch und fünf +Kilometer von uns entfernt, die dort rechts dreihundert Meter hoch und +vier Kilometer entfernt. Die Entfernung zwischen beiden beträgt drei +Kilometer. Diese Bucht stellt den einzigen Hafen, überhaupt die einzige +Landungsmöglichkeit dar. Zwischen der Spitze rechts und dem Kap, das ein +wenig darüber hervorragt, liegt eine zweite, breite, aber sehr flache +Bucht mit unzähligen Felsen und Klippen. Dahin kann man zu Wasser, aus +Gründen, die dir später klar werden, nicht kommen, und vom Lande aus nur +mit Hilfe eines Seiles. Sogar ich als Bergsteiger habe dort nur schwer +hinunterklettern können. Diese zweite Bucht habe ich Irenenbucht +getauft, der einzige Name, den ich bisher hier einer Örtlichkeit gegeben +habe.« Lächelnd setzte er hinzu: »Dort liegt also meine +Ichthyosaurenfarm.« + +Bevor der überraschte Silberland sich zu einem Worte sammeln konnte, +fuhr Paul Seebeck fort: + +»Denk dir unsern Standort hier als Mittelpunkt eines Kreises mit dem +Radius von fünf Kilometern, also der Entfernung des Kap dort links. Dann +bezeichnet der Kreisbogen ziemlich genau die Grenze eines submarinen +Plateaus, auf dem alle diese Schären liegen. Wie tief der Meeresboden +außerhalb dieses Plateaus ist, weiß ich nicht; mein Lot ist hundert +Meter lang und mit ihm habe ich draußen nirgendwo Grund gefunden. Sehr +tief kann er aber doch nicht sein, denn auch da draußen liegen ja, wie +du siehst, einige vereinzelte Klippen. Das Plateau bricht aber steil ab; +ich vermute, der Schären da draußen wegen und auch aus anderen Gründen, +aber ein zweites, allerdings viel tiefer liegendes, submarines Plateau. +Der größte Teil der Insel ist eine im großen Ganzen wagerechte +Hochebene, vier- bis siebenhundert Meter über dem Meeresspiegel, die +überall fast senkrecht abbricht. Dann - ja, der große Vulkan - +neunzehnhundert Meter hoch, diese Mulde, mit ihren sechs +Quadratkilometern Fläche, die stufenweise, amphitheatralisch, wenn du +willst, bis zur Plateauhöhe emporsteigt - damit ist wohl die Topographie +der Insel erschöpft. Ich habe sonst nicht viel Bemerkenswertes auf +meinen Streifzügen entdeckt, höchstens wäre ein seltsames Durcheinander +von Schluchten erwähnenswert, das am Fußpunkte des Vulkanes liegt und +mich da am Weiterkommen hinderte.« + +»Und wie denkst du dir die Entstehung der Insel?« fragte Jakob +Silberland. + +»Ich bin kein Geologe. Daß die Insel erst jetzt entstanden ist, glaube +ich nicht. Sie wird schon einmal dagewesen sein, und zwar viel größer +als jetzt, ist dann unter die Oberfläche des Meeres gesunken und hat +sich jetzt wieder darüber gehoben, doch nicht bis zu ihrer +ursprünglichen Höhe. Und zwar glaube ich nicht, daß sie sehr lange unten +gewesen ist, einige hundert Jahre höchstens.« + +»Woher kannst du das wissen?« + +»Die Steine sehen mir nicht aus, als ob sie lange Meeresboden gebildet +hätten.« + +Damit stand Paul Seebeck auf, rollte seine Kartenskizzen zusammen und +brachte sie in sein Zelt. Als er zurückkam, sagte er, vor Jakob +Silberland stehen bleibend: + +»Ist das nicht ein ganz idealer Grund für eine Stadt? Alle Straßenzüge, +sogar die Plätze der einzelnen Häuser sind von der Natur vorausbestimmt. +Ich kann mir die ganze Stadt so lebendig vorstellen, wie sie sich den +Felsen anschmiegt, wie sie in ihrer Struktur den Stufen folgt. Aber wir +müssen einen Architekten haben, der einen ganz neuen Stil schaffen kann. +Einen großzügigen Künstler wie Edgar Allan. Dort oben -« und er wies mit +der Hand auf einen vorspringenden Felsen - »soll mein Haus stehen. Von +dort aus kann ich alles übersehen.« + +»Du fühlst dich schon jetzt als König?« + +»König? Nein, nein!« wehrte Paul Seebeck erschrocken ab. Er sah still +vor sich hin. Dann sagte er, lächelnd wieder aufblickend: + +»Komm jetzt. Wir wollen etwas zu Abend essen. Dann werde ich dir meine +Ichthyosaurenfarm zeigen.« + +Da es fast Windstille war, beschlossen sie, vor dem Zelte ihre Mahlzeit +einzunehmen. Als Jakob Silberland sah, daß Paul Seebeck seinen +Destillationsapparat aufstellte, und Wasser vom Meere holte, fragte er +besorgt: + +»Gibt es denn gar kein Trinkwasser auf der Insel?« + +»Doch, es gibt einen Bach hier in der Nähe, der wohl zur Versorgung +einer kleinen Stadt ausreichen dürfte, und weiter oben einen großen +Fluß. Es wird aber nicht leicht sein, ihn einzufangen und hier herunter +zu leiten, denn er fällt mehrere Kilometer von hier in einem schönen +Wasserfalle direkt vom Hochplateau aus ins Meer.« + +Als sie gegessen hatten - der Kapitän hatte Jakob Silberland einen Korb +mit frischem Fleisch und Gemüse aus den Vorräten des Schiffes +mitgegeben, so daß Paul Seebeck nach den vielen Wochen mit +Konservennahrung endlich einmal etwas anderes bekommen hatte - rief +Jakob Silberland: + +»Aber jetzt will ich nicht länger warten; jetzt mußt du mir deine +Ichthyosauren vorführen. Ich bin wirklich sehr gespannt, zu erfahren, +wovon wir hier leben sollen, besonders, was wir von hier exportieren +können.« + +»Schön«, sagte Seebeck. »Komm!« + +Sie stiegen langsam in der mit Geröll bedeckten Mulde bergauf, und Paul +Seebeck erklärte dabei seinem Freunde, wie er sich die Anlage der Stadt +dachte. Der sonst so redselige Jakob Silberland sprach auch jetzt nur +wenig; zu sehr beschäftigten seinen Geist die Perspektiven auf die +Zukunft, die ihm ja tausend Träume zu verwirklichen versprach. + +Als sie die Plateauhöhe erreicht hatten, blieb Seebeck stehen und sagte: + +»Wenn man nicht ein anständiger Mensch wäre, könnte man bei dem Gedanken +ganz sentimental werden, daß dieses reine, unberührte Land, das keine +Geschichte und keine Vorzeit hat, eine Gemeinschaft von Menschen auf +sich wachsen und blühen sehen wird, die auch jungfräulich frei, ohne +Verbindung mit der übrigen Menschheit, ohne morsche Traditionen und ohne +überlieferten Zwang, irrende Sterne im großen Raume sind und die hier +sich nur auf Grund ihres reinen Menschentums zusammenfinden und hier +zusammenarbeiten werden. In der Traditionslosigkeit unseres zukünftigen +Staates sehe ich seine Bedeutung. Daß ich einigen Hundert oder Tausend +Menschen, die sonst in keinen Rahmen passen, hier freie +Entwicklungsmöglichkeiten und Glück zu geben vermag, genügt mir nicht. +Vom ersten Augenblick an war mir dieser Staat ein Begriff, ein +Kunstwerk, eine formale Befreiung. Ebenso, wie der Künstler durch seine +reine Darstellung befreit, durch die einseitige, aber dadurch +abschließende Form Klarheit im Chaos schafft, soll für die übrigen +Menschen der Gedanke an unsere reine Insel eine geistige Erlösung sein.« + +»Du siehst nicht weit genug«, sagte Jakob Silberland, wobei er sich mit +der Hand durch sein blauschwarzes, strähniges Haar fuhr und erregt mit +seinen kurzen Beinchen trippelte. »Du sprichst als Künstler. Ich bin +Praktiker und als solcher sehe ich noch eine Gewißheit: die +Institutionen, die hier entstehen, die wir hier schaffen werden, werden +beachtet, nachgeahmt werden, und unser Staat wird das Seinige dazu +beitragen, daß sich die Menschheit aus den Ketten löst, in die +Gewalttätigkeit, Dummheit und Herrschsucht sie gelegt haben. Sie wird +durch uns lernen, frei zu sein, frei in der geschlossenen Gemeinschaft +zu werden. Man muß ihr nur einmal zeigen, daß es möglich ist.« + +Paul Seebeck sah mit seinen großen Augen dem Freunde gerade ins +Gesicht: + +»Ich hoffe, daß es so wird, wie du sagst. Es ist ja auch sehr +wahrscheinlich. Umsomehr, als wir ja kaum einen bestimmten Ausschnitt +aus der Menschheit darstellen werden, nicht einen besonderen Typus, +sondern gerade einen Extrakt aus der ganzen Menschheit. Stelle dir doch +nur vor, was für Menschen zu uns kommen werden«, fuhr er lebhaft fort, +wobei er sich in der Richtung auf die Irenenbucht zum Gehen wandte, +»jedenfalls keine Durchschnittsmenschen, die irgendwo warm und zufrieden +in ihren Nestern sitzen, sondern die Unzufriedenen, Bedrückten, +Heimatlosen, alle die von einander entferntesten Extreme, die nur das +eine verbindet: der Ekel vor der Verlogenheit der Gesellschaft, die +Sehnsucht nach dem freien, dem wirklichen Menschen, dem Menschen, der +jeder einzelne sein könnte, wenn ihn nicht die Ketten der Tradition zum +Herdentiere erniedrigten. Hierher werden sie kommen und nichts +mitbringen, als ihr innerstes, freies Menschentum, und ihre Gemeinschaft +wird die Erlösung des Menschen, des Ebenbildes Gottes sein.« + +Jetzt standen sie vor dem steilen Abfalle zur Irenenbucht. Paul Seebeck +blickte noch eine Weile schweigend und mit glänzenden Augen auf das +Meer. Dann sagte er lächelnd zu seinem Freunde, wobei er auf die Bucht +unter ihnen mit ihrem Gewirr von Klippen und Sandbänken wies: + +»Also dort unten hausen und grausen meine Ichthyosauren.« + +Für Jakob Silberland kam dieser Sprung von Paul Seebecks feierlichen +Worten zum leichten Scherze so überraschend, und außerdem wußte er gar +nicht, was er aus Paul Seebecks Ichthyosauren machen sollte, daß er +schweigend seinem Freunde mit Hilfe von Strickleitern, Eisenklammern und +natürlichen Felszacken in die Tiefe folgte. Da beide geübte Bergsteiger +waren, ging der Abstieg schnell von statten. + +Als sie unten auf einer breiten Felsplatte angekommen waren und auf das +Wasser sahen, das hier schlammig und voll von grünen Algen war, sagte +Paul Seebeck: + +»Setz dich jetzt hier in den Schatten und verhalte dich ganz ruhig.« + +Jakob Silberland tat, wie ihm geheißen. Er sah, daß Paul Seebecks +umherschweifender Blick immer wieder zu einer tiefen dunklen Spalte in +der Felsenwand zurückkehrte. Er schaute scharf hin und glaubte, einen +schweren Körper herausgleiten zu sehen, der kein Fisch sein konnte. +Ängstlich sah er Paul Seebeck an, aber dieser lächelte nur. + +Jetzt hob sich zwanzig Schritte von ihm entfernt, ein riesiger, +schwarzer Kopf aus dem Wasser, ein breites, zahnloses Maul öffnete +sich - - + +Mit einem Entsetzensschrei sprang Silberland auf. Sofort verschwand der +Kopf im Wasser. Paul Seebeck aber sagte lachend: + +»Du sollst mir meine Tiere nicht scheu machen.« + +»Was sind das für Tiere?« fragte Jakob Silberland, noch am ganzen Körper +zitternd. + +»Schildkröten, mein Junge, allerdings reichlich große.« + +»Riesenschildkröten?« fragte Jakob Silberland aufatmend. + +»Ja. Und zwar sind es reine Wassertiere. Ich habe sie nie länger als für +Minuten am Lande gesehen. - Sei ruhig, hier können sie nicht +heraufkrabbeln. - Am Tage sieht man sie immer nur ganz flüchtig. Aber in +hellen Mondscheinnächten habe ich sie oft viele Stunden lang beobachtet. +Sie können schwimmen, tun es aber fast nie. Sie kriechen auf dem Boden +hin. Es gibt unzählige hier. Die größten waren über vier Meter lang. + +Ich traute mich nie recht, mit meinem Motorboote vom Meere her in die +Bucht zu fahren, um die Tiere nicht zu erschrecken. Außerdem würden die +unzähligen Sandbänke und Klippen, die du siehst, die Sache fast +unmöglich gemacht haben, ganz abgesehen von den riesigen Algen, die +meiner Schiffsschraube wohl das Leben gekostet hätten. Aber toll ist es +hier. Zuweilen habe ich tief unten im Wasser die Leuchtorgane von +elektrischen Fischen aufblitzen sehen, und bei Tiefebbe liegen die +phantastischsten Tiefseetiere hier herum. Soviel ich sehen konnte, ist +der Meeresboden hier auch nicht nackt, wie bei der großen Bucht, sondern +sieht wie ein submariner Urwald aus, der sich weit hinaus ins Meer +erstreckt. Meine Auffassung ist, daß sich mit der Hebung der Insel diese +unterseeische Oase auch gehoben hat. Wie sie in dieses Gestein +hereinkommt, weiß ich nicht. Vielleicht ruht sie auf Lehm. Jedenfalls +ist sie da, und die Schildkröten mit ihr. + +Wenn wir vernünftig sind und keinen Raubbau treiben, können wir durch +die Tiere eine dauernde Einnahmequelle haben, die für die ganze Insel +ausreichen wird. Dazu kommt noch der Fischfang. - Du siehst, unser Staat +braucht keine Not zu leiden.« + +Sie warteten noch eine halbe Stunde, aber kein Tier ließ sich mehr +blicken. So traten sie den Rückweg an. + + + + +Paul Seebeck saß mit seinem Studienfreunde, dem Architekten Edgar Allan +zusammen im Café Bauer in Berlin. Paul Seebeck war trotz der frühen +Nachmittagsstunde im Frack, denn er hatte am Vormittage mehrere +Staatssekretäre und andere höheren Beamte aufgesucht. Jetzt hatte er +alle offiziellen Schritte getan; da er aber am Abend ins Theater wollte, +wollte er sich nicht erst die Mühe machen, sich für die wenigen Stunden +nochmals umzuziehen. Deshalb war er im Frack geblieben, und es störte +ihn nicht, daß er dadurch etwas Aufsehen erregte. + +Edgar Allan war lang und knochig und hatte eine etwas eingefallene +Brust. Auch in seinem scharfgeschnittenen Gesichte verleugnete sich der +englische Halbteil seines Blutes nicht. + +Paul Seebeck sah durchs Fenster auf die Straße hinaus. Edgar Allan +stützte seine Ellbogen auf den Tisch und verbarg sein Gesicht in den +langen, mageren Händen. Als er es nach einigen Minuten wieder erhob, sah +er, daß Paul Seebeck ihn jetzt mit seinen großen Augen forschend +anblickte. + +Edgar Allan sah ihn erst fremd an, dann verzog sich sein Gesicht. Er +sagte erregt: + +»Ich bin übrigens nicht nur mit meiner Klage vom Reichsgericht +abgewiesen; das Warenhaus hat mit seiner Widerklage sogar erreicht, daß +ich zu einer Entschädigung verurteilt wurde. Alle Sachverständigen waren +darin einig, daß mein Bau nicht den Voraussetzungen des Kontraktes +entsprach. Fast meine ganzen Ersparnisse habe ich hingeben müssen.« Dann +fuhr er ruhiger fort: »Die Leute haben aber recht, ich kann kein +einzelnes Haus bauen; ich verstehe überhaupt nicht, wie jemand das kann. +Man soll mir einmal den Bau einer ganzen Stadt übertragen, dann werde +ich schon zeigen, wozu ich tauge.« + +Paul Seebeck senkte seine Augen und sah dann wieder zum Fenster hinaus. + +Plötzlich legte Edgar Allan seine Hand auf seinen Arm: + +»Wollen Sie mich mitnehmen?« fragte er. + +Paul Seebeck wandte sich herum und sah ihm gerade in die Augen: + +»Ja«, sagte er, »gerade solche Menschen wie Sie suche ich, brauche ich. +Ich wollte Sie nur aus dem Grunde nicht auffordern, weil ich nicht will, +daß jemand anders als ganz aus freien Stücken zu uns kommt. Halloh!« +rief er, aufstehend, einen vorbeigehenden, jungen, blonden, +hochgewachsenen Herrn zu, der, das »Berliner Tageblatt« in der Hand, +sich gerade nach einem freien Tische umsah. + +»Herrgott bist du plötzlich in Berlin?« fragte der Angesprochene im +höchsten Grade erstaunt. »Noch dazu im Frack? Ich dachte, du wärst +Kaffernhäuptling oder Seeräuber oder so etwas ähnliches geworden.« + +»Noch nicht«, erwiderte Paul Seebeck. »Aber meine amtliche Bestallung +als Seeräuber habe ich seit heute Vormittag in der Tasche. Gestatten die +Herren, daß ich vorstelle: mein Schulkamerad stud. jur. Otto Meyer, +Architekt Edgar Allan.« + +»Referendar Meyer, wenn ich bitten darf«, sagte der junge Mann, wobei er +Edgar Allan die Hand reichte, die dieser höflich nahm. + +Als alle drei wieder saßen, fragte Paul Seebeck seinen Schulkameraden: + +»Woher weißt du eigentlich von der ganzen Geschichte?« + +»Du mußt mir Diskretion versprechen«, sagte Otto Meyer feierlich. + +»Gewiß.« + +»Also die Sache steht lang und breit da drin -«, er wies auf die +Zeitung, die er noch immer in der Linken hielt - »sogar in der +halbamtlichen Fassung des Wolffschen Bureaus.« + +»Zeig doch mal«, sagte Seebeck und griff nach dem Blatte. + +»Nein, ich werde es vorlesen, sonst verstehst du es nicht richtig.« Und +er las: + +»Eine Erweiterung des deutschen Kolonialbesitzes? + +Durch den Schriftsteller und Forschungsreisenden Paul Seebeck wurde da +und da eine unbewohnte, vulkanische Insel mit einem Flächenraume von +zwölfhundert Quadratkilometern entdeckt und für das Deutsche Reich in +Besitz genommen. Da auf und bei der fraglichen Insel auch nicht das +allergeringste zu holen ist -« + +»Willst du vielleicht die Güte haben, ungefähr das zu lesen, was +dasteht?« unterbrach Seebeck den Lesenden. »Die Sache interessiert mich +nämlich.« + +Otto Meyer las weiter: + +»Da die fragliche Insel augenscheinlich nur als Wohnsitz einiger, +weniger Menschen in Betracht kommen kann und nicht für eine eigentliche +Kolonie, ließ der Staatssekretär des Kolonialamtes dem Entdecker der +Insel, Herrn Paul Seebeck, bis auf weiteres freie Hand in allen Fragen +der Besiedelung der Insel, wobei er ihn auf Widerruf zum Reichskommissar +mit allen Rechten und Pflichten eines solchen ernannte. + +Diese Ernennung, die selbstverständlich im Einverständnisse mit dem +Reichskanzler erfolgte, ist als eine Konzession an die durch das +Scheitern der preußischen Wahlreform verstimmten linksstehenden Parteien +aufzufassen. Die Konservativen beruhigte der Reichskanzler durch das +bindende Versprechen, daß die Insel in drei Jahren ebenso still und +leise verschwinden würde, wie sie aufgetaucht ist -« + +Paul Seebeck und Edgar Allan lachten. Otto Meyer reichte Paul Seebeck +die Zeitung und dieser las die Notiz aufmerksam durch. Als er das Blatt +fortlegte, fragte Otto Meyer: + +»Ist es wirklich dein Ernst, dort eine Republik zu gründen? Eine +republikanisch regierte, deutsche Kolonie?« + +»Ja, machst du mit?« + +»Mit Vergnügen, aber nur als Justizminister«, sagte Otto Meyer ruhig. + +»Als Justizminister? Hm. Daran hatte ich eigentlich nicht gedacht. Ich +dachte eher als Staatslausejunge, als offizielles, destruktives +Element.« + +»Du bist furchtbar liebenswürdig«, antwortete Otto Meyer, ohne im +geringsten beleidigt zu sein. »Aber sag mal, willst du nicht morgen bei +uns zu Mittag essen? Meine Eltern würden sich doch sehr freuen, dich +mit australischem Ruhme bedeckt, dazu noch als zukünftigen Imperator Rex +begrüßen zu können.« + +»Schön. Wie früher um Drei?« + +»Ja.« + +Jetzt erhob sich Edgar Allan und nahm Abschied. Paul Seebeck begleitete +ihn, so wie er war, in Frack und ohne Hut, auf die Straße hinaus. Als er +zurückkam, fragte Otto Meyer: + +»Was hast du dir denn da für einen steifen Engländer aufgegabelt?« + +»Na, er ist mehr Deutscher als Engländer. Deutsche Mutter und in +Deutschland erzogen. Er ist sonst auch gar nicht steif, hat nur jetzt +recht unangenehme Sachen durchgemacht. Ich hoffe, daß er mit mir kommt - +und uns unsere Stadt baut. Er ist gerade der Typus Mensch, den wir +brauchen; das heißt, er ist gerade kein Typus, sondern ein Mensch.« + +»Ich bitte dich, sei nicht so schrecklich geistreich«, sagte Otto Meyer. +»Sonst bekomme ich Magenschmerzen.« + +»Entschuldige mich einen Augenblick«, sagte Paul Seebeck aufstehend und +ging auf Jakob Silberland zu, der gerade zur Tür hereintrat. Paul +Seebeck stellte ihm Otto Meyer vor, und als sie wieder Platz genommen +hatten, sagte er: + +»Edgar Allan kommt mit. Noch ein paar Leute, und wir können anfangen.« + +»Kommt er? Gut! Da haben wir ja einen ganzen Kerl gewonnen. Ja, du, was +ich sagen wollte - mir sind noch einige Leute eingefallen - aber man +kann ja nicht gut jemand auffordern. Und wie soll man es sonst diesen +Leuten nahelegen?« + +»Gar nicht, natürlich«, antwortete Paul Seebeck. »Wer nicht freiwillig, +aus innerstem Instinkt zu uns kommt, mag fortbleiben. Die brauchen wir, +die uns zufällig finden, weil sie uns brauchen.« + +»Ja, ja«, sagte Jakob Silberland etwas verlegen. »Aber wir müssen doch +einen Anfang haben. Wir zwei, drei Menschen können uns dort nicht +festsetzen und auf die anderen warten. Damit würden wir uns nur +lächerlich machen und gar nichts erreichen.« + +»Du irrst. Wir müssen gerade hingehen und uns der Lächerlichkeit +aussetzen.« + +»Ich fürchte nur, daß wir zwei, mit Edgar Allan also drei, unser ganzes +Leben lang allein auf der Insel hocken werden.« + +Otto Meyer, der offenbar fürchtete, Zeuge eines Streites der beiden +Freunde zu werden, verabschiedete sich, wobei er Seebeck daran +erinnerte, daß er morgen zum Mittagessen zu kommen versprochen hätte. + +Der Streit brach aber nicht aus, im Gegenteil, Paul Seebeck sagte ganz +ruhig, wobei er seinem Freunde gerade ins Gesicht blickte: + +»Ich verstehe dich vollkommen; du willst gleich mit einem gewissen +Material anfangen. Ich glaube, du machst dir unnötige Sorgen. Es werden +mehr zu uns kommen, als wir brauchen können. Du wirst sehen, daß viele +gleich mit uns kommen wollen. Aber jetzt mußt du mich entschuldigen«, +brach er ab, wobei er auf die Uhr sah. »Ich will ins Theater.« + +Als Paul Seebeck gegangen war, setzte sich Jakob Silberland richtig in +der Ecke zurecht und ließ sich vom Kellner alle Abendblätter bringen und +las die - je nach der politischen Richtung der betreffenden Zeitung - +wohlwollenden, abwartenden oder gehässigen Glossen zur halbamtlichen +Wolff-Nachricht. Nach einer Stunde war er aber müde vom Lesen; er lehnte +sich zurück und ließ sich sein letztes Gespräch mit Paul Seebeck noch +einmal durch den Kopf gehen. Je mehr er nachdachte, umsoweniger hielt er +Paul Seebecks Ansicht für richtig; er glaubte vielmehr, daß man sich +einen gewissen, soliden Kern sammeln müßte, um den sich dann die +Gemeinschaft kristallisieren könnte. Aber einfach abwarten - nein. +Lieber organisieren, aufbauen. + +Und als ihm das als das richtige klar vor Augen stand, beschloß er, +einen Mann aufzusuchen, den er sich als wertvollen Mitarbeiter an der +Sache denken konnte, nämlich den russischen Flüchtling Nechlidow. + + + + +Durch schwere, dunkle Vorhänge gedämpft, fiel das Licht in den Salon, +in dem die hohe Frauengestalt stand. Das schwarze Schleppkleid ließ Hals +und Gesicht noch weißer erscheinen, und die großen braunen Augen +leuchteten. + +»Warum kommen Sie erst jetzt zu mir?« fragte Frau von Zeuthen Paul +Seebeck, der noch Hut und Stock in der Hand haltend vor ihr stand. + +»Wie schön Sie sind!« erwiderte Seebeck und küßte ihre Hand. +»Unveränderlich schön wie ein edles Bild, das Zeiten und Geschehnis +überdauert.« + +Ihr Lächeln war nicht der Art als ob sie seine Worte als Schmeichelei +auffaßte. Sie sagte: + +»Jetzt müssen Sie mir aber alles, alles erzählen. Ich habe die Zeitungen +gelesen und allerhand gehört. Das will ich jetzt aber vergessen und +alles neu und rein von Ihnen hören.« + +Sie setzte sich auf den Divan und wies mit der Hand auf einen Armstuhl +neben dem Rauchtischchen, aber Paul Seebeck blieb stehen: + +»In Ihrem Hause ist eine Ruhe wie sonst nirgendwo auf der Welt. Sie sind +einige Jahrhunderte zu spät auf die Welt gekommen, Gabriele. Sie passen +nicht in unser Zeitalter. Sie gehörten nach Italien zur Zeit der +Wiedergeburt, und in Ihren Räumen hätten sich die edelsten Männer +versammelt, um ernst und gewichtig die Fragen zu erörtern -« + +»Sie wollten mir doch etwas erzählen«, unterbrach ihn Frau von Zeuthen, +wobei sie sich zurücklehnte. + +Paul Seebeck legte Hut und Stock fort und setzte sich in den Armstuhl. + +»Also, ich kam von Sidney zurück -« + +»Nicht so schnell. Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche. Aber Sie +dürfen Australien nicht überspringen.« + +»Über Australien kann ich leider nicht viel berichten. Ich kam hin - Sie +kennen ja meinen Expeditionsplan, er stand ja auch in allen Zeitungen - +und wie ich dort war, sah ich, daß meine ganze Expedition eigentlich +überflüssig war. Von dem, was ich als Neuland erforschen wollte, ist der +größte Teil in seinen großen Zügen schon bekannt, sogar schon +aufgenommen, und es reizte mich nicht, mich nur mit den Bagatellen +abzugeben, die natürlich auch von wissenschaftlichem Interesse sind -« + +»Da Sie ja mehr Abenteurer als Wissenschaftler sind.« + +»Vielleicht, vielleicht liegt der Wert meines Abenteuertums gerade +darin, daß ich nur große Dinge entdecken kann, nicht Kleinigkeiten +untersuchen. Ich kann nur die großen Dinge sehen und räume dann gern das +Feld dem Gelehrten, der dann nach Herzenslust messen und forschen mag. +Schon am ersten Tage in Sidney, wo ich in der Bibliothek der +Geographischen Gesellschaft saß und mir das ganze Material durchsah, +sank mir der Mut. Ich sah wohl, daß da noch unendlich viel zu tun war, +aber fast nichts für mich. + +Ich unternahm die Expedition trotzdem - ich war ja dazu verpflichtet - +aber ohne Freude. Dadurch kam auch das Sprunghafte, Unsichere herein, +das manche Zeitungen mit Recht gerügt haben, und kehrte vorzeitig +zurück.« + +»Ich las in der Zeitung, daß die furchtbaren Stürme und +Überschwemmungen, die der großen Flutwelle folgten, Sie zur Rückkehr +gezwungen hätten.« + +»Ich nahm das mehr als Vorwand. Hätte ich ernstlich gewollt, hätte ich +schon dort bleiben können. Ich kehrte aber nach Sidney zurück.« + +»Und dann?« + +»Ja, dann sah ich vom Dampfer aus meine Insel, deren Entstehung +natürlich die große Flutwelle verursacht hat. Und da beschloß ich, auf +ihr meinen Staat zu gründen.« + +»So schnell?« + +»Ja, wissen Sie, Gabriele«, fuhr Paul Seebeck lebhafter fort, »zwischen +der Entdeckung der Insel und meiner Ankunft lagen ja viele Stunden. Und +eine Stunde ist lang, wenn man allein auf einem Schiffe steht und ganz +ungestört seinen Gedanken nachhängen kann. Und unser Plan eines wirklich +modernen Staates auf breitester, demokratischer Grundlage, aber mit dem +Prinzipe der größten persönlichen Freiheit war ja schon lange fertig.« + +»Wer ist »wir«?« + +»Mein Freund Silberland, ein Journalist und radikaler Politiker aus +München, ein kluger Mensch, der unendlich viel in seinem Leben +gearbeitet hat und dem es immer schlecht gegangen ist, und ich. In +meiner Münchener Zeit sind wir oft nächtelang im Café Stephanie gesessen +oder im Englischen Garten herumgegangen und haben dabei immer nur +unseren Staat besprochen. Sie werden verstehen, daß zwei Menschen wie er +und ich sich in einer solchen Frage aufs Glücklichste ergänzen können.« + +Frau von Zeuthen nickte und Paul Seebeck fuhr fort: + +»Wie ich also die Insel sah und wußte, daß sie herrenloses Land +darstellte, schrieb ich vom Dampfer aus einige Zeilen an Silberland. +Ich erinnerte ihn an unsere Träume und bat ihn, hinzukommen. Ich schrieb +ihm, er solle mir eine Vollmacht als Reichskommissar verschaffen. Er kam +auch, der gute Kerl, steckte seinen Beruf und seine Stellung auf und +kam. Aber das Kolonialamt hatte ihm doch nur eine sehr vorsichtige, sehr +provisorische Vollmacht für mich mitgegeben und verlangte, mich selbst +zu sehen und zu hören. So mußte ich also nach Berlin kommen.« Und Paul +Seebeck schwieg, wobei er vor sich auf den Teppich sah. + +»War Ihnen denn das so unangenehm?« fragte Frau von Zeuthen. + +»Ja. Wenigstens zuerst. Ich hatte schon viele Wochen ganz allein auf +meiner Felseninsel zugebracht und fühlte mich dort so heimisch, daß es +mir schwer wurde, sie wieder zu verlassen. Und besonders fürchtete ich, +sie mit etwas anderen Augen zu sehen, wenn ich nach dem Aufenthalt in +Europa zu ihr zurückkehrte.« + +»Wie denn?« fragte Frau von Zeuthen mit ihrem klugen Lächeln. + +Er sah sie an und sagte langsam: + +»Ich fürchtete, meine Insel nicht mehr so rein zu empfinden, nicht mehr +so ganz als Symbol der Unberührtheit, kurz, nicht mehr so persönlich, +mehr als eine von den vielen, ein Kuriosum, keine Offenbarung - Sie +verstehen?« + +Frau von Zeuthen nickte. + +»Und weshalb sind Sie jetzt doch froh, hierher gekommen zu sein?« fragte +sie nach einer kleinen Pause. + +»Weil ich sehe, wie wertvoll es für mich ist, etwas Distanz bekommen zu +haben - nicht nur aus praktischen Gründen.« Wieder schwieg er und sah +vor sich hin. + +»Dann habe ich hier auch einige Menschen wiedergefunden, die ich für +meine Arbeit brauche. Und« - hier sank er vom Stuhle und ergriff ihre +Hand und küßte sie - »eine Frau, die ich immer fragen muß, ob ich auch +auf dem rechten Wege bin.« + +Sie strich ihm mit ihrer schönen, weißen Hand über sein Haar. + +»Wollen Sie mir auch diesmal Ihren Segen mitgeben?« fragte er, lächelnd +zu ihr aufblickend. + +»Ja«, sagte sie. »Und wenn Sie mich brauchen, komme ich zu Ihnen.« + +Er küßte noch einmal ihre Hand und erhob sich dann. Im Zimmer auf- und +abgehend, fuhr er lebhaft fort: + +»Und wie bezaubernd die Idee wirklichen Neulandes, einer freien +menschlichen Gemeinschaft ohne alle Traditionen wirkt. Ich kenne von der +Schule her einen jungen Studenten, jetzt ist er übrigens Referendar, der +fünf Jahre jünger ist als ich. Einen richtigen Berliner Juden, obwohl er +nicht so aussieht. Glänzend begabt, daß jede Arbeit für ihn Spielerei +ist, frech wie ein Dachshund, nie um eine Antwort verlegen, immer witzig +und nichts auf der Welt ernst nehmend. Dabei ein seelenguter Kerl und +immer hilfsbereiter Kamerad. Wir treffen uns hier zufällig im Café, und +er benutzt die Gelegenheit, um tausend dumme Witze über unsere Insel zu +machen. Am Tage darauf esse ich bei seinen Eltern. Auch dort schont er +mich durchaus nicht. Wie wir nach dem Essen bei einer Zigarre allein in +seinem Zimmer sind, sagt er mir plötzlich in vollem Ernste, daß er mit +uns kommen will, um dann sofort darüber dumme Witze zu machen. Aber ich +bin überzeugt, daß es ihm im Grunde seines Herzens tiefernst ist, und +daß er gerade durch seinen absoluten Mangel an Sentimentalität ein sehr +gesundes Element darstellen wird.« + +Er blieb stehen und lauschte, denn auf dem Korridore wurde ein Trampeln +und eifriges Tuscheln laut. Frau von Zeuthen erhob sich vom Divan. + +»Die Kinder«, sagte sie. + +Gleich darauf wurde auch die Tür aufgerissen und die dreizehnjährige +Hedwig stürmte herein. Sobald sie Paul Seebeck erblickte, schlang sie +beide Arme um seinen Hals und hüpfte vor Freude. Paul Seebeck konnte +sich nur mit Mühe soweit von ihr befreien, um dem etwas verlegen hinter +ihr stehenden zwölfjährigen Felix wenigstens flüchtig die Hand drücken +zu können. Noch halb an Paul Seebeck hängend, begann Hedwig, ihrer +Mutter übersprudelnd ein Schulerlebnis zu erzählen, doch Frau von +Zeuthen unterbrach sie: + +»Macht euch jetzt schnell zum Mittagsessen fertig, Kinder. Wir essen +heute früher als sonst. Dann kannst du uns alles erzählen, Hedwig.« + +Ein wenig schmollend zog Hedwig ab, Felix wandte sich in der Tür noch +einmal zögernd um, dann ging er schnell zu Paul Seebeck und flüsterte +ihm zu: + +»Ich habe alles gelesen; ich weiß alles. Ich will zu dir auf deine Insel +kommen.« Dann lief er tief errötend aus der Tür. + +Während die Schritte der Kinder auf dem Korridore verklangen, wandte +sich Frau von Zeuthen an Paul Seebeck: + +»Ich erwarte noch einen Gast -« + +»Herrn von Rochow?« fragte Seebeck. + +»Rochow? Nein ... Wie kommen Sie auf ihn?« + +»Ach, ich bin in den letzten Tagen oft mit ihm zusammen gewesen; er ist +ja einer von den Unsrigen.« + +»So? Das freut mich wirklich.« + +»Er war einer von denen, an die ich von Anfang an dachte, und er kam +auch gleich zu mir. - Ja, und gestern sagte er mir, daß wir uns wohl +auch bald bei Ihnen treffen würden.« + +»Rochow ist immer bei mir willkommen; er kommt vielleicht auch später +zum Tee zu mir. Wissen Sie übrigens, daß er seinen Abschied nehmen +mußte?« + +»Nein, weshalb denn?« + +»Ich weiß es nicht genau. Es handelte sich um eine Soldatenmißhandlung, +wo Rochow in irgendwelcher inkorrekten Weise zu sehr für den Soldaten +gegen den schuldigen Leutnant eingetreten ist. Aber jetzt zum +Mittagessen erwarte ich einen jungen Freund, der Ihnen vielleicht große +Freude machen wird.« + +Es klingelte, und bald darauf stand ein bleicher, junger Mann mit +tiefliegenden, rotumränderten Augen in der Tür. Man sah seiner Kleidung +an, daß sie mit großer Mühe ordentlich instand gehalten war. Frau von +Zeuthen ging auf ihn zu, führte ihn an der Hand zu Seebeck und sagte: + +»Da haben Sie meinen Melchior. Seht zu, ob ihr nicht Freunde werden +könnt.« + +Und während die beiden Männer einander forschend und suchend in die +Augen sahen, öffnete sie die Tür zum anstoßenden Eßzimmer, wo Hedwig und +Felix bereits ungeduldig warteten. + + + + +Auf dem großen Tische in Paul Seebecks Hotelzimmer, der mit Zeitungen, +Broschüren und Papieren bedeckt war, standen zwei schwere, fünfarmige +Leuchter und erhellten die Gesichter der kleinen Versammlung. Erst jetzt +waren sie zum ersten Male offiziell versammelt; so hatte es Paul Seebeck +gewollt. Mehrere Wochen hatte er ihnen Zeit gelassen, um alles in Ruhe +zu überlegen und sich einander kennen zu lernen. + +Alle sieben waren da: am Tischende saßen Paul Seebeck, Jakob Silberland +und Hauptmann a. D. von Rochow, dann kamen Edgar Allan und Referendar +Otto Meyer, zuletzt Nechlidow. Der junge Melchior saß gesenkten Hauptes +etwas im Hintergrunde und zuweilen hob sich sein bleiches, +abgearbeitetes Gesicht aus dem Dunkel. + +Paul Seebeck stand auf, und aller Augen wandten sich ihm zu. Er sagte: + +»Ich habe ungefähr dreihundert Anfragen und Anmeldungen erhalten, habe +aber Alle gebeten, sich etwas zu gedulden. Wir sind jetzt sieben, und +das ist vorläufig genug, um die Sache in Gang zu bringen. Sobald wir +die Umrißlinien gezogen haben, mögen die Anderen kommen, um sie +auszufüllen oder zu verändern. Nun liegt die Gefahr vor«, fuhr er fort, +wobei er den Kopf senkte und sich auf die eingezogene Oberlippe biß, +»daß wir sieben auch in Zukunft eine bevorzugte Stellung einnehmen. Das +darf natürlich nicht sein. Das wäre eine Oligarchie statt einer +Demokratie.« + +Nechlidow hob den Kopf und rief: + +»Was bis zum heutigen Tage noch jede Demokratie gewesen ist, besonders +in der wahnsinnigen Karrikatur des Parlamentarismus.« + +Paul Seebeck sah ihm gerade ins Gesicht: + +»Tragen Sie das Ihrige dazu bei, Herr Nechlidow, daß unser Staat nicht +an dieser Klippe strandet.« + +Es ging ein Leuchten durch Nechlidows vergrämtes Gesicht; er sagte +nichts, nickte nur. + +»Nun läßt sich aber nicht leugnen, daß wir sieben Gründer, eben als +solche, vorläufig eine Sonderstellung einnehmen. Wir müssen nur dafür +sorgen, daß diese Sonderstellung nicht länger dauert, als unbedingt +notwendig ist. Ich schlage deshalb folgendes vor: jeder Ansiedler, +selbstverständlich Mann wie Frau, ist nach einjährigem Aufenthalt auf +der Insel vollberechtigter Bürger. Wir sieben Gründer bleiben das erste +Jahr allein auf der Insel und genießen das einzige Vorrecht, in diesem +Jahre über uns selbst und den Staat, den wir ja allein repräsentieren, +zu verfügen. Dieses Vorrecht ist natürlich nur ein anderer Ausdruck für +alle unsere Pflichten und unsere Arbeit. Vom opportunistischen +Standpunkte aus gesehen also ein Vorrecht, von recht zweifelhaftem +Werte, vom moralischen Standpunkte ein Recht in der tief innersten +Bedeutung des Wortes.« + +Jetzt konnte Otto Meyer sich nicht mehr beherrschen, er mußte Jakob +Silberland zuflüstern: + +»Daß der Kerl seine geistreichen Bemerkungen nie sein lassen kann.« + +Halb verlegen und belustigt, suchte Silberland nach einer Antwort; +plötzlich aber erhob sich zum allgemeinen Erstaunen Melchior und sagte: + +»Darf ich eine Frage stellen? Da ist etwas, was ich nicht verstehe.« + +»Bitte«, sagte Seebeck. + +Melchior zog die Brauen zusammen und versuchte augenscheinlich seine +Frage scharf zu formulieren; er sagte dann: + +»Nach alledem, was ich verstanden zu haben glaube, soll dieser Staat im +Großen wie im Kleinen keine willkürliche Konstruktion darstellen, +ebensowenig eine Gemeinschaft, die nur auf einen bestimmten Typus +Mensch zugeschnitten ist. Wenn Sie mir den trivialen Ausdruck erlauben +wollen, soll es nicht nur der ideale, sondern auch der normale Staat +sein.« + +Paul Seebeck nickte. Melchior sah ihn an: + +»Ein Staat, oder wohl besser: eine Gemeinschaft, deren Bau aus der Natur +des Menschen an sich, des zweibeinigen Säugetieres: Mensch, abgeleitet +ist, nicht wahr?« + +Wieder nickte Paul Seebeck, obgleich nicht so ganz zustimmend. Melchior +war aber so in seinen Gedanken vertieft, daß er nichts um sich her sah. +Er fuhr fort: + +»Sie müssen mich recht verstehen, ich will nicht kritisieren, nur +fragen. Wie läßt sich die Idee eines solchen Staates damit vereinigen, +daß erst große Vorarbeiten nötig sind? Daß die Ansiedler sich erst ein +ganzes Jahr lang akklimatisieren sollen? Würde es nicht genügen, die +Menschen einfach in die Freiheit zu setzen, so daß sie selbst kraft +ihrer Menschennatur sich die neue Gemeinschaft schaffen können? Wenn +ihre Gedanken richtig sind, müßte der so sich selbst aufbauende Staat +genau ebenso werden, wie der Ihrige, der doch - zunächst wenigstens - +ein theoretisches, aus den jetzigen Staatsformen abstrahiertes Gebäude +darstellt; nur mit dem Unterschiede, daß der sich selbst aufbauende +Staat natürlicher wäre, ohne die Fehlerquellen, die bei dem Ihrigen, der +theoretischen Grundlage wegen, möglich sind.« + +»Bravo!« rief Nechlidow. »Der Mann kann denken.« + +»Sie müssen mich richtig verstehen,« fuhr Melchior fast ängstlich fort, +»ich vertrete gar keinen Standpunkt, ich sehe nur ein Problem und bitte +Sie, es mir zu lösen. Sie haben natürlich alles das genau bedacht, Herr +Seebeck?« Er richtete sich ganz auf und sah Seebeck gespannt an. Aber +plötzlich verzog sich sein Gesicht, es wurde kreidebleich, er schwankte +etwas, griff rückwärts nach der Stuhllehne, so daß der Stuhl sich auf +einem Beine drehte, und Melchior sank, die Stuhllehne noch immer in der +Hand, bewußtlos neben den Stuhl hin, der auf ihn fiel. + +Alle sprangen entsetzt auf. Paul Seebeck war mit einigen Schritten bei +ihm, hob ihn leicht wie ein Kind auf, klingelte nach dem Kellner, ließ +sich ein freies Zimmer zeigen und bettete den Ohnmächtigen dort. Er +löste ihm die Kleider auf Brust und Leib und flößte ihm dann Milch ein. +Melchior schlug schon nach einigen Minuten die Augen wieder auf und sah +unsicher um sich. Paul Seebeck fragte ihn besorgt: + +»Fühlen Sie sich jetzt wieder wohl?« + +»Ja, ja«, sagte Melchior zerstreut. »Das hat nichts zu sagen.« Sein +Blick fiel auf die gefüllte Milchkanne. Mit zitternden Händen schenkte +er sich ein Glas ein und stürzte es hinunter. Er sah dankbar zu Seebeck +auf: + +»Ich danke Ihnen, Sie sind so gut zu mir.« + +»Wünschen Sie irgend etwas?« fragte Seebeck, die Hand schon bei der +elektrischen Klingel. + +»Ja, wenn ich etwas essen dürfte -« antwortete Melchior zögernd. »Ich +werde zuweilen schwach, wenn ich hungrig bin.« + +»Haben Sie denn heute Abend noch nichts gegessen?« fragte Seebeck +besorgt. + +»Heute Abend?« Melchior lächelte schwach. »Gestern und heute habe ich +nichts gegessen. Wenn ich jetzt nur ein Stückchen Brot haben kann, ist +mir gleich wieder gut.« + +Der Kellner trat ein, und Seebeck bestellte, trotz Melchiors +verlegen-abwehrender Handbewegungen ein ordentliches Abendessen, doch +verlangte er nur Speisen, die in wenigen Minuten fertig sein konnten. +Während dieses kurzen Gespräches schlummerte Melchior ein. Paul Seebeck +überzeugte sich, daß sein Atem ruhig ging und verließ dann zusammen mit +dem Kellner das Zimmer. + +Als er zu seinen Gästen zurückkehrte, wurde er von allen Seiten nach +Melchiors Befinden gefragt. Er gab aber nur kurze, sachliche Antworten +und schlug dann lächelnd vor, wieder zur Arbeit überzugehen. Diesmal +ergriff er aber nicht das Wort, sondern bat Jakob Silberland, zu +erklären, wie sie ihren Staat zu finanzieren gedächten. + +Jakob Silberland stand eifrig auf, und begann: + +»Die finanzielle Grundlage unseres Staates ist als durchaus gesund zu +bezeichnen. Wir haben Aktiven in den Naturschätzen, die fast ohne +Betriebskapital zu heben sind. Nach dem Urteil von Sachverständigen +repräsentiert eine ausgewachsene Riesenschildkröte allein an Schildkrott +einen Wert von fünfundzwanzigtausend Mark, dazu kommt noch ihr Fleisch +im Werte von ungefähr dreihundert Mark. Ein genaues Studium muß ergeben, +wieviele Tiere man im Jahre erlegen darf, ohne Raubbau zu treiben; +jedenfalls für mehrere Hunderttausende, vielleicht Millionen. Diese +Einnahmequelle muß dem Staate selbst verbleiben. + +Daß der Grund und Boden für immer gemeinsames Eigentum bleiben muß, ist +ja selbstverständlich, ebenso die auf ihm stehenden Häuser, denn ein +Privatbesitz an Boden läßt sich nur solange rechtfertigen, wie es +herrenloses Land in genügender Menge gibt, so daß jeder andere sich +gleichfalls - wenn er will - einen genügenden Platz sichern kann. Da es +jetzt - speziell bei uns - herrenloses Land so gut wie nicht mehr gibt, +oder bald nicht mehr geben wird, ist Privatbesitz am Grund und Boden ein +Unding. + +Wir brauchen nur etwas flüssige Mittel, um die notwendigen Bauten und +Anlagen ausführen zu können. Wir schlagen vor, das Geld durch eine +innere Anleihe aufzubringen, die rasch zu amortisieren wäre. Diese +Anleihe müßte natürlich eine innere sein, um ausländischem Kapital +keinen Einfluß zu geben ...« + +Die Tür knarrte leise; aller Augen wandten sich ihr zu, und Jakob +Silberland brach ab. Mit schleppenden Schritten kam Melchior herein und +blieb verlegen stehen. Da sich aber alle Anwesenden Mühe gaben, ihn so +unbefangen wie möglich zu behandeln, atmete er schnell auf und nahm +seinen früheren Platz wieder ein. Jakob Silberland räusperte sich und +wollte in seinem Vortrage fortfahren, konnte aber die Aufmerksamkeit +nicht mehr sammeln. Paul Seebeck schlug deshalb vor, eine Viertelstunde +lang zu pausieren. Da niemand widersprach, ließ er Tee und kleine +Butterbrötchen, sowie auch einige Flaschen Wein kommen, was die Herren, +auf- und abgehend, zu sich nahmen. + +Paul Seebeck trat zu Melchior heran: + +»Haben Sie jetzt ordentlich gegessen?« fragte er. + +»Ja, ja«, antwortete Melchior, zerstreut auf den Boden blickend. Dann +schlug er die Augen auf: + +»Herr Seebeck«, sagte er, »Sie sind mir noch eine Antwort schuldig.« + +Paul Seebeck griff sich unwillkürlich an die Stirn; er verfolgte +rückläufig die Vorgänge des Abends und kam damit auch auf Melchiors +Frage. + +»Überlegen Sie sich, wie viel die Menschen vergessen müssen, ehe sie +reif für eine neue Gemeinschaft werden; vergessen, was sie selbst, und +das, was ihre Vorfahren gelernt haben: die Masseninstinkte. Um die zu +bekämpfen und zu vergessen, genügt weder die Möglichkeit, noch der Wille +zur Freiheit - zwei Voraussetzungen, die bei uns glücklicherweise +gegeben sind - eine große Arbeit jedes einzelnen an sich und an der +Gemeinschaft ist notwendig. Unterschätzen Sie unser Vorhaben nicht; es +gilt nichts weniger, als einen neuen Typus Mensch heranzuziehen, einen +Typus, der eine Gemeinschaft von Individualitäten bilden kann, ohne daß +diese zu einer homogenen Masse wird.« + +»Sie gebrauchen dauernd das Wort: Typus im Sinne von Individuum. Ich +finde das fast verdächtig.« + +»Ach Gott, was ist denn dabei verdächtig?« sagte Paul Seebeck +gleichmütig. »Typus - Art - was Sie wollen. Sie wissen ja, was ich +meine, da spielt der Ausdruck doch keine Rolle.« + +Melchior schüttelte den Kopf und zog die Augenbrauen zusammen: + +»Was Sie meinen, scheint an und für sich so klar zu sein, daß ein etwas +schiefer Ausdruck keine Unklarheit hereinbringen kann. Ich kann aber +doch nicht anders, als gerade hinter diesem schiefen Ausdruck ein +Problem zu sehen, nämlich dieses: daß Sie gar nicht den freien Menschen +an sich brauchen können und entsprechend heranziehen wollen, sondern nur +einen ganz bestimmten Typus des freien Menschen.« + +Paul Seebeck hatte anfangs lächelnd zugehört, dann wurde er aber ganz +ernst. Stehenbleibend, sagte er fast feierlich: + +»Es gibt keinen Staat und keine Gemeinschaft der Welt, wo der +Verbrecher, der Kinderschänder Raum fände. Wohl aber läßt sich eine +Gemeinschaft denken, die dem Verbrechen keinen Nährboden gibt. Was +stellen Sie sich denn überhaupt unter dem »freien« Menschen vor? - Doch +nicht den, der ungehindert absonderlichen Gelüsten folgen kann? Gerade +der in irgend einer Weise perverse Mensch ist im höchsten Grade unfrei. +Frei sein heißt: von seiner eigenen Vergangenheit frei sein, von +Traditionen und Vorurteilen frei sein, heißt Rückkehr zu einer Norm, die +es kaum noch gibt. + +In diesem Sinne haben Sie Recht: ich erkenne wirklich nur einen Typus +des freien Menschen an; aber der ist sehr umfassend, nämlich alle +einschließend, die in irgend einer Weise für die Gemeinschaft im höheren +Sinne brauchbar, oder was dasselbe ist, notwendig sind.« + +»Ja, ja«, sagte Melchior nachdenklich. »Ich glaube schon, daß ich Ihnen +zustimmen werde, wenn ich in Ruhe alles richtig bedacht habe.« + +Paul Seebeck sah ihm gerade ins Gesicht: + +»Beantworten Sie mir bitte eine Frage: weshalb kommen Sie überhaupt zu +uns? Ich sehe, daß Sie ernst arbeiten und daß Sie aufrichtig sind, uns +also willkommen sein müssen - aber was wollen Sie von uns?« + +Melchior sah mit zusammengezogenen Brauen vor sich hin: + +»Ich muß aus zwei Gründen zu Ihnen. Erstens glaube ich bei Ihnen alle +sozialen und sozial-psychologischen Phänomene im status nascendi, also +in reinster und dabei konzentriertester Form zu finden. Also aus +wissenschaftlichem Interesse. Dann glaube ich dort einmal ein +Arbeitsfeld zu haben, wo die praktische Arbeit nicht vergeudete Zeit +bedeutet.« + +»Sie werden kein angenehmer Mitarbeiter sein, aber ein wertvoller.« Und +er drückte Melchiors heiße Hand. + +Hinter ihnen erklang ein leises Klirren. Sie wandten sich um und sahen, +daß Jakob Silberland an sein Glas schlug, augenscheinlich in der +Absicht, eine Rede zu halten. Er trippelte nervös auf seinen kurzen +Beinchen hin und her und fuhr sich mehrmals mit der Hand durch sein +langes, schwarzes Haar. Die anderen Herren saßen um den Tisch herum mit +aufmerksamen und vielleicht etwas verlegenen Gesichtern. Paul Seebeck +und Melchior blieben im Hintergrunde stehen. + +Melchior sah mit einem Blicke, der fast ein Werben um Liebe enthielt, zu +Paul Seebeck auf und flüsterte ihm zu, wobei er errötete: + +»Sie müssen mir helfen, dann werde ich finden, was ich suche - dort auf +Ihrer Insel werde ich das Geheimnis der Menschheit finden.« + +Paul Seebeck nickte ihm freundlich zu. Er konnte ihm nicht mehr +antworten, denn Jakob Silberland begann: + +»Darf ich einige Worte sagen? Ich will nicht schwulstig sein, obwohl ich +mich beherrschen muß, es nicht zu werden. Aber ohne jede Übertreibung +kann man wohl sagen, daß von diesem Tage an eine neue Periode der +Menschheitsgeschichte ansetzt. Unser Anfang ist bescheiden, aber unsere +Bestrebungen werden Früchte tragen, deren Größe wir heute noch gar nicht +übersehen können. Statt grotesker Verzerrungen den wirklichen Staat, die +wirkliche Gemeinschaft von Menschen.« + +»Gegründet auf die menschliche Vernunft«, unterbrach Nechlidow, von +seinem Stuhle aufspringend, den Redner. »Weg mit den Sentimentalitäten, +die nur Ausbeutung, Schwäche und Dummheit verschleiern sollen. Laßt uns +die neue Menschheit auf die Vernunft aufbauen. Vernunft allein kann den +Menschen weiterbringen. Gefühle erniedrigen ihn zum Tiere. Aber streng +und ehrlich müssen wir sein.« + +Otto Meyer hatte mit einem spöttischen Lächeln den beiden zugehört; +jetzt aber wurde sein Gesicht ganz ernst. Er machte eine Bewegung, als +ob er aufstehen wollte, besann sich dann aber wieder. Herr von Rochow +hatte wohl zu viel Wein getrunken, denn sein Lächeln wurde blöder und +blöder, und seine treuherzigen, blauen Augen verschwammen immer mehr. +Edgar Allan hörte nur halb zu; mit einem Bleistiftstumpfe entwarf er auf +dem weißen Tischtuche Hütten und Häuser in einem Stile, der in +merkwürdiger Weise eine stark betonte Horizontale mit flachen +Bogenlinien verknüpfte. + +Jetzt trat Paul Seebeck mit einigen raschen Schritten an den Tisch und +sagte: + +»Meine Freunde! Heute Abend ist es zu spät, um noch alle die +Einzelheiten zu erörtern, die ich gern besprochen hätte. Aber dazu haben +wir ja die vielen Wochen auf dem Schiffe. + +Nur eins: das ist jetzt der Abschied vom behaglichen Leben, von +Großstadttrubel und den Vergnügungen. Jetzt beginnt für uns die Arbeit. +Es liegt nur an uns, diese Arbeit so anzufassen, daß sie für Andere und +uns selbst größeres gestaltet, als sonst je möglich wäre. Eine schwere +Zukunft liegt vor uns, aber eine große.« + + + + +Die Sachverständigen waren nach Sidney zurückgekehrt. Alles war geprüft +worden: der mutmaßliche Ertrag der anzulegenden Schildkrötenkultur, der +Fischreichtum des Meeres, die Brauchbarkeit der Steine zum Hausbau, das +Wasser, die auf der Insel vorkommenden Minerale - und jetzt saß Jakob +Silberland den ganzen Tag in seinem Zelte an einem Holztische und +rechnete, wobei er unausgesetzt die kurzen Beinchen bewegte und sich +nicht selten mit den Händen durch das schwarze, strähnige Haar fuhr. Die +andern sechs aber arbeiteten draußen in der glühenden Sonne, um erst am +Abend zu den Zelten zurückzukehren. In den Stunden, wo sie dann am +Strande lagen und auf das Meer hinaussahen, war manch ein gewichtiges +Wort gefallen. + +Jakob Silberland hatte viel zu tun: die gesamte Korrespondenz lag in +seinen Händen, ebenso die Buchführung und die Verwaltung der Gelder. Er +hatte die wöchentliche Verbindung mit Sidney durch einen kleineren +Dampfer der »Australisch-Neu-Seeländischen Transport-Gesellschaft« +zustande gebracht, und jetzt galt es für ihn, auf eine geraume Zeit +hinaus den Bedarf an Geräten, Baumaterial und anderen Dingen +vorauszusehen und geschickt auf die einzelnen Wochen zu verteilen, damit +der Verkehr sich für die Gesellschaft lohnte. + +Von diesen schwierigen Berechnungen bereitete die schwerste und +verantwortungsvollste Arbeit - die Verwaltung der Gelder - Jakob +Silberland den geringsten Kummer. Es war beschlossen worden, eine in +fünfzehn Jahren zu amortisierende, dreiprozentige innere Anleihe in der +Höhe von einer Million Mark aufzunehmen. In fünf Jahren hofften sie, mit +dem größten Teile der Bauten und Anlagen fertig zu sein und wollten dann +die Anleihe jährlich mit hunderttausend Mark amortisieren. Besondere +Bestimmungen verhinderten den Handel mit diesen Papieren, um keinem +Außenstehenden auch nur den geringsten Einfluß zu erlauben. Herr von +Rochow und Paul Seebeck hatten ihr ganzes Vermögen - eine halbe Million +und zweihundertfünfzigtausend Mark - in diesen Papieren angelegt, Otto +Meyer konnte fünfzigtausend beisteuern, und Edgar Allan zwanzigtausend. +- Jakob Silberland, Nechlidow und Melchior besaßen nichts, konnten also +auch nicht die fehlenden hundertachtzigtausend aufbringen, etwas, was +Jakob Silberland in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer sehr +bedauerte. Bis jetzt war nämlich das Kapital nur in ganz geringem +Umfange angegriffen, und der weitaus größte Teil des Geldes lag mit +sechsmonatlicher Kündigung in der Filiale der »Deutschen Bank« zu +Sidney, wo es viereinhalbes Prozent trug; die Anleihe konnte also auch, +solange sie nicht verbraucht war, als eine werbende betrachtet werden, +die anderthalb Prozent Überschuß im Jahre erbrachte. + +Aber Jakob Silberland war praktisch und fand einen Weg, um die +Unterbringung der restlichen hundertachtzigtausend Mark der Anleihe zu +erzwingen. Es war nämlich festgesetzt worden, daß alle Staatsarbeiter - +und das waren ja vorläufig alle sieben Gründer - ein jährliches Gehalt +von fünftausend Mark beziehen sollten. Die spätere, erweiterte +Gemeinschaft mochte diese Bestimmung bestätigen, abändern oder umstoßen; +sie galt vorläufig nur für das erste Jahr. + +Da jetzt von getrenntem Haushalt noch keine Rede sein konnte, wurden die +Notdürfte des Lebens gemeinsam bezogen und entsprechend vom Gehalte +abgezogen. Der Rest sollte bar ausgezahlt werden. Jakob Silberland +setzte aber durch, daß nur die Hälfte dieses Geldes bar ausgezahlt +wurde, die andere Hälfte aber in jenen Anleihepapieren, von denen zu +diesem Zwecke die in Frage stehenden hundertundachtzigtausend Mark in +Scheinen von je hundert Mark ausgegeben wurden. Sogar gegen den +Zinsverlust in der Zeit vor Unterbringung der ganzen Summe verstand +Jakob Silberland die Staatskasse zu schützen, indem er diese Papiere +nicht zum Nominalwert, sondern mit einem jährlichen Aufschlage von +anderthalb Prozent ausgab. + +Inzwischen arbeiteten die anderen in der heißen Sonne. Ihre erste Sorge +galt der Zuführung von Trinkwasser, dessen tägliche Herstellung im +Destillationsapparate zu langwierig war. Man verzichtete vorläufig auf +die Herstellung einer wirklichen, unterirdischen Wasserleitung, begnügte +sich vielmehr damit, den kleinen Bach durch Spalten und Rinnen in die +Bucht zu leiten, wobei zwar ziemlich viele Sprengungen, aber nur wenig +Mauerungsarbeiten notwendig waren. In den folgenden Wochen arbeitete +Edgar Allan an dem Stadtplane, während die anderen fünf kleinere, aber +notwendige Arbeiten ausführten. Es war beschlossen worden, sofort nach +der Fertigstellung von Allans Plänen an den Häuserbau zu gehen, und zwar +sollten die Häuser in der Reihenfolge gebaut werden, in der die Gründer +sich endgiltig zur Übersiedelung auf die Insel bereit erklärt hatten. + + + + +Die Sonne war untergegangen, und schon wenige Minuten später umhüllte +tiefe Nacht die Insel. Nur wenn eine Welle sich am Strande brach, +leuchtete für eine Sekunde grünlich-weiß der Gischt auf. + +Die Sieben lagen, des starken Nachttaues wegen in leichte Decken +gehüllt, schweigend um das Feuer, das sie der Stimmung wegen entzündet +hatten, und sahen zum strahlenden Sternenhimmel empor. + +Keiner sprach ein Wort. + +Viertelstunde auf Viertelstunde verrann; unbeweglich lagen die Männer +da, nur ihre Gedanken arbeiteten bei dem ewigen Rhythmus des +Wellenschlages. + +Endlich setzte Melchior sich auf. Mit zusammengezogenen Brauen starrte +er vor sich hin, und das leise flackernde Feuer ließ seine scharfen Züge +unheimlich erscheinen. Nach einer Weile hob er den Kopf und sagte zu +Paul Seebeck: + +»Herr Seebeck, darf ich auf jenes Gespräch zurückkommen, das wir vor +mehreren Monaten in Berlin führten?« + +Seebeck drehte sich halb herum und sah ihn fragend an. Seine Rechte +spielte mit einigen Kieseln. + +Melchior sagte: + +»Unser Gespräch fing so an: ich fragte Sie, weshalb man nicht die +Menschen ohne weiteres hier hersetzen könnte, damit sich die langsam +entstehende Gemeinschaft selbst jenen absoluten Staat aufbaue, den wir +hier künstlich schaffen wollen. Sie antworteten, daß die Menschen so +vieles zu vergessen hätten, bevor sie reif würden, Sie gebrauchten das +Wort Masseninstinkte - erinnern Sie sich noch?« + +Paul Seebeck nickte. Nechlidow, der an der anderen Seite des Feuers lag, +war aufgestanden und hatte sich dicht neben Melchior gesetzt. Dieser +fuhr fort: + +»Ich habe darüber nachgedacht und habe zunächst folgende Formel +gefunden: Sie wollen die tierischen Masseninstinkte durch das +menschliche Massenbewußtsein ersetzen.« + +Paul Seebeck nickte und hörte auf, mit den Steinchen zu spielen. +Nechlidow beugte sich mit offenem Munde und glänzenden Augen weit +vornüber. Edgar Allan aber sagte gleichmütig im Hintergrunde: + +»Glauben Sie denn wirklich, daß das geht? Wir, die etwas besonderes zu +sagen haben, haben die Pflicht, uns die besten Bedingungen zu schaffen, +um das Betreffende zu sagen und können dann mit gutem Gewissen abtreten. +Denn wir erleben doch nicht, daß die Masse uns versteht; in manchen +Fällen geschieht es später - meistens wohl überhaupt nicht. Aber wir +haben die Pflicht, das zu geben, was wir geben können, gleichgiltig, ob +es genommen wird oder nicht. Auf die Masse warten können wir aber nicht. +Dazu ist unsere Zeit zu kostbar. Wir müssen es ihr anheimstellen, ob sie +uns nachhumpeln will oder nicht. Die Geschichte machen wir und nicht die +Masse.« + +Verlegenes Schweigen folgte diesen Worten. Seebeck griff wieder nach +seinen Steinchen. Jakob Silberland sagte: + +»Nein, Herr Allan, Sie begehen den Fehler, überhaupt einen Unterschied +zwischen Führern und Masse zu konstruieren. Das geht nicht. Ich will +damit nicht nur sagen, daß es sich hier nur um graduelle, niemals +prinzipielle Unterschiede handeln kann, da es so unzählige Gebiete gibt, +auf denen irgend jemand führt; soziale, politische, religiöse, +literarische, vegetarische, alkoholgegnerische und weiß Gott noch was +für Führer gehören auf jedem anderen Gebiete wieder zu der geführten +Masse; es handelt sich also immer nur um eine partielle, niemals um eine +absolute Führerstellung, und erst die Resultante aller dieser großen +und kleinen Bewegungen stellt die Geschichte der Menschheit dar, +sondern -« + +Er stand auf und hob dozierend einen Finger: + +»Daß die Mitglieder eines heutigen Staates vollständig, die Mitglieder +der ganzen Menschheit zum großen Teile, dasselbe sind, was die einzelnen +Teile eines Korallenriffs, die einzelnen Zellen im menschlichen Körper +sind: Glieder eines größeren Individuums, die durch die Arbeitsteilung +und die darin liegende Verzichtleistung auf universelle Tätigkeit, als +Ganzes mehr zu vollbringen vermögen, als das Einzelwesen kann. Kurz und +gut, wir leben eigentlich schon im sozialistischen Zukunftsstaate, nur +daß die Staatsformen, der äußere Ausdruck der inneren Organisation, +immer um einige hundert Jahre zurück sind, ebenso wie der jeweilige +Stand der Orthographie immer die gesprochene Sprache vor einigen hundert +Jahren darstellt. Alles Unglück kommt aus dieser Inkongruenz von Form +und Inhalt - und die wollen wir ja hier abschaffen, indem wir die +Staatsform einige hundert Jahre Entwicklung überspringen lassen und sie +genau dem gegenwärtigen Stande der menschlichen Organisation anpassen.« + +»Sind die Staatsformen wirklich im Rückstande?« mischte sich Herr von +Rochow ins Gespräch. »Ich möchte lieber sagen, daß sie eine viel +vorgeschrittenere, gleichsam idealisierte Menschheit voraussetzen. +Denken Sie doch an das Institut der Ehe, das die Monogamie voraussetzt, +die es doch praktisch so gut wie gar nicht gibt.« + +Jetzt sprang Melchior auf und streckte flehend die Arme aus. Er rief: +»Nicht mehr, ich flehe Sie an, heute Abend nicht mehr! Ich sehe jetzt, +wo das Problem liegt - lassen Sie mir nur etwas Zeit!« + +Verwundert und ein wenig gekränkt sahen die anderen ihn an. Seine +Erregung war aber so echt, seine Stimme so flehend, dabei seine magere +Gestalt im Feuerscheine so grotesk, daß sich der Ärger bald in Achtung +und Mitleid verwandelte. Doch hätte die Situation peinlich werden +können, hätte Otto Meyer sie nicht aufgelöst. Er sagte nämlich +gemütlich: + +»Ja, Kinder, was strengt ihr euch unnötig an, wenn Herr Melchior so +liebenswürdig ist, alle Denkarbeit für uns zu übernehmen, und für die +endgiltige Lösung aller Weltprobleme garantiert.« + +Alle lachten; nur Melchior hatte nichts gehört. Mit gekrümmtem Rücken +saß er da und starrte vor sich hin. + +Nach einer kleinen Pause sagte Edgar Allan: + +»Wir wollen also von der Theorie auf die Praxis übergehen. Ich bin +nämlich heute mit meinem Stadtplan fertig geworden. Wir können morgen +vielleicht einen kleinen Rundgang durchs Gelände machen, und ich kann +Ihnen dann genau erklären, wie ich alles meine. Ich habe natürlich +versucht, die Natur so genau wie möglich zu verstehen und sie ihrer +eigenen Struktur entsprechend auszubauen. Die Stadt soll sich der +Bildung der Felsen eng anschließen; sie darf ja kein Fremdkörper auf der +Insel sein, sondern ein organischer Teil von ihr, ihre Blüte. Na, das +sind ja Gemeinplätze«, sagte er aufstehend, »aber ich habe auch einige +gute Ideen gehabt. In der Sohle unserer Mulde möchte ich die Hauptstraße +haben, die alle Terrassen verbindet und dann vielleicht später weiter +auf das Hochland geführt wird. Die achte große Terrasse - Sie wissen, +die breite, hinter der die Steigung so viel steiler wird, so daß die +Straße dort in starken Serpentinen weitergeführt werden müßte - möchte +ich den öffentlichen Gebäuden vorbehalten, einem Volkshause für +Versammlungen und ähnlichen Dingen. + +Am Strande, in der Richtung auf die Irenenbucht zu, könnte eine +einreihige Straße von Fischerhäuschen liegen; dort rechts, wo die Wand +ziemlich steil ist, wäre nur Platz für einige, wenige Häuser. Das ist +eine ganz ideale Stelle für Sonderlinge, die von dort aus höhnisch auf +die Stadt hinabsehen wollen. Auf solche Käuze müssen wir ja auch +vorbereitet sein. Vielleicht beschließt sogar einer von uns sein Leben +dort.« + +»Aber jetzt will ich Ihnen meine Hauptgedanken sagen, meine Herren«, +fuhr er lebhaft fort. »Sehen Sie, der Bach wird auf absehbare Zeit +hinaus für die Wasserzufuhr völlig ausreichen. Wir müssen aber den +ganzen Fluß herunter bringen, denn dann können wir hier im Laufe einiger +Jahre eine Vegetation schaffen, wozu die Natur viele hundert Jahre +brauchen würde. Und das Überspringen von Zeiträumen ist ja unsere +Hauptbeschäftigung hier. Die Sache läßt sich ausgezeichnet machen. Ich +habe alles ganz genau geprüft. Der Fluß muß zunächst in das tiefe Becken +geleitet werden, das auch sicher früher einen See beherbergt hat - falls +Seebecks Theorie richtig ist, daß die Insel nur vorübergehend unter das +Meer gesunken ist. Ebenso sicher ist natürlich auch diese Mulde das +frühere Flußtal. + +Der Wall, der das Becken gegen unser Tal abschließt, ist durchgängig +höher, als der zum Meere. Besser könnte die Sache überhaupt nicht +liegen, denn so hat das Staubecken ein natürliches Sicherheitsventil. +Wir brauchen niemals eine Überschwemmung der Stadt zu befürchten, denn +das überschüssige Wasser wird immer gleich ins Meer stürzen. Wir müssen +nur ziemlich tief im Becken eine große Röhre anbringen, die den Wall in +der Richtung auf die Stadt zu durchbohrt. Dann haben wir, unabhängig von +dem jeweiligen Wasserstande des Staubeckens, einen gleichmäßigen +Wasserstrom. + +Oben, bei der Terrasse, die ich für die öffentlichen Gebäude reservieren +will, soll sich der Fluß dann teilen. Der Hauptarm soll der Hauptstraße +folgen; ich will aber unzählige, kleine Bäche von ihm ableiten, so daß +fast jedes Haus an fließendem Wasser liegt. - Natürlich wird das +Trinkwasser davon unabhängig in geschlossenen Röhren geleitet. - So gut +wie alle Häuser werden ja auf kleinere oder größere Terrassen zu liegen +kommen, also auf wagerechten Grund. Mit Hilfe des Wassers können wir +nicht nur öffentliche Anlagen schaffen, sondern jedes Haus kann seinen +Garten haben. Ich denke dabei nicht nur an die Schönheit, sondern +besonders an die Regulierung der Atmosphäre. + +Wenn wir auf Kloaken verzichten und alle Abfälle den Gärten zugute +kommen lassen, haben wir schon etwas; aber das genügt vorläufig nicht. +Wir müssen vielmehr einen ganz energischen Anfang machen. Ich schlage +einfach vor, irgend eine recht schwere, fruchtbare Lehmerde aus +Australien hierher transportieren zu lassen und damit die Gartenflächen +etwa einen Meter hoch zu bedecken. Wenn wir uns dann Bäume mit recht +starken, tiefgehenden Wurzeln pflanzen, werden die dann schon eine +allmähliche Lockerung des Bodens besorgen. Es gibt ja Bäume, die +eigentlich nur einen Halt in einer dünnen Humusschicht brauchen, und +ihre Kraft aus dem Felsen selbst ziehen: manche Nadelhölzer, auch +Birkenarten. Das alles müßte natürlich mit einem großzügigen Gärtner +besprochen werden. + +Meine Skizzen zu den Häusern selbst werde ich Ihnen morgen zeigen. Ich +glaube, jetzt den richtigen Stil gefunden zu haben. Ich habe eine stark +betonte Horizontale mit flachen Kurven verschmolzen - na ja, das alles +morgen. + +Aber jetzt möchte ich noch etwas sagen: es ist ein schöner Gedanke, hier +alles aus eigenen Kräften auszuführen; aber eigentlich ist es doch nur +eine unpraktische Sentimentalität. Wir verschwenden Zeit und Kraft auf +Dinge, die jeder Kuli machen könnte. Sollten wir nicht lieber einige +hundert Arbeiter aus Sidney kommen lassen, um diese rein körperlichen +Arbeiten für uns auszuführen? Dann kämen wir doch viel schneller +vorwärts. Es ist nur ein Vorschlag -« + +Nechlidow sprang auf: + +»Nein, nein«, rief er. »Keine Kompromisse! Damit finge die Lüge an, die +alles durchsetzen würde. Wir müssen unseren Prinzipien treu bleiben. +Solche scheinbar - und nur scheinbar - praktische Erwägungen haben die +große Unwahrheit in die Welt hineingebracht. Wenn unser Leben hier einen +Zweck hat, so ist es der, zu beweisen, daß das strenge Festhalten am +großen Gedanken, am Menschheitsgedanken auch praktisch am weitesten +führt.« + +»Ich erlaubte mir nur einen Vorschlag«, antwortete Edgar Allan höflich. +»Da er auf Widerspruch stößt, ziehe ich ihn hiermit zurück.« + +Das Feuer war bei Allans Rede langsam zusammengesintert; jetzt war es +nahe am Verlöschen, aber niemand dachte daran, es wieder anzufachen. In +ihre Decken gehüllt, lagen die Sieben schweigend da und sahen zum +glänzenden Sternenhimmel empor. + + + + +Als der Tag sich jährte, an dem die sieben Gründer die Insel betreten +hatten, lag die »Prinzessin Irene« in vollem Flaggenschmuck vor der +Bucht. Als die Hochflut kam und die Klippen bedeckte, schleppten die +beiden zierlichen Dampfbarkassen schwere Boote mit Menschen und +Hausgerät ans Land. Auf der improvisierten Landungsbrücke standen Paul +Seebeck und Melchior und begrüßten die Ankömmlinge, während die anderen +Fünf eifrig damit beschäftigt waren, ihnen Unterkunft in den großen +Schuppen und Zelten zu bereiten, die zu diesem Zwecke errichtet waren. +Denn die Häuser mußten ja erst gebaut werden und zwar in derselben +Reihenfolge, in der die endgiltigen Erklärungen eingelaufen waren. + +Dreihundertfünfzig erwachsene Personen trafen an diesem Tage ein: +tüchtige Handwerker mit gesetzten Gesichtern, Kaufleute, die aus irgend +einem Grunde nicht vorwärts gekommen waren und nicht wenige +unbestimmbaren oder unsicheren Berufes, die erst hier ihr wirkliches +Vaterland wußten. - + +Es ergab sich von selbst, daß die sieben Gründer nicht mehr wie früher +selbst Hand an alle Arbeit legen konnten: Organisation und Leitung nahm +ihre Zeit und ihre Kräfte völlig in Anspruch. Hauptmann a. D. von Rochow +übernahm die Leitung beim Bau der Straße und der öffentlichen Anlagen; +Edgar Allan hatte Tag und Nacht als Architekt zu tun; Otto Meyer hatte +einen Teil von Jakob Silberlands Tätigkeit übernommen, der nur noch die +Rechnungssachen versah, und Paul Seebeck hatte mit der Oberleitung und +persönlicher Inanspruchnahme durch die Kolonisten mehr als genug zu tun. +Nechlidow und Melchior wären den andern als Assistenten willkommen +gewesen; beide erklärten aber ein für allemal, daß sie einfache Arbeiter +bleiben wollten. + +Bei der fieberhaften Tätigkeit entstand schnell Haus auf Haus, und froh +vertauschte man Schuppen oder Zelt mit dem festen Dache. Damit wurden +auch immer mehr Kräfte frei, so daß in immer größerem Maßstabe an den +Straßen und den öffentlichen Gebäuden gearbeitet werden konnte. Die +Wasseranlage wurde nach Edgar Allans Plänen durchgeführt, und die +Dampfer der »Australisch-Neu-Seeländischen Transportgesellschaft« mußten +halbwöchentlich verkehren und konnten doch kaum die Masse des benötigten +Materials bewältigen. + +Jedesmal, wenn die »Prinzessin Irene« vor der Bucht hielt, brachten +ihre Boote Dutzende von neuen Ansiedlern auf die Insel. + +Als das Jahr verflossen war, stand die Stadt da. + + + + +Auf den amphitheatralisch ansteigenden Bänken in der großen, +flachgewölbten Halle des Volkshauses saßen dreihundertfünfzig Männer und +Frauen und hinter ihnen drängten sich wohl zweihundert auf den Tribünen. +An einem langen Tische auf einem kleinen Podium im Brennpunkte des +Kreisbogens saßen die sieben Gründer. + +Nicht zum ersten Male waren die Glieder der Gemeinschaft hier +versammelt; aber doch zeigten alle Gesichter einen seltsamen Glanz. Vor +zwei Jahren hatten an diesem Tage die sieben Gründer die Insel betreten, +und heute waren dreihundertfünfzig Männer und Frauen vollberechtigte +Bürger geworden. Sie waren heute hier versammelt, um zum ersten Male +ihre Rechte auszuüben. + +Paul Seebeck erhob sich von seinem Stuhle, und sofort trat atemlose +Stille ein. Er richtete sich hoch auf, warf einen langen Blick über die +Versammlung und lächelte glücklich. Dann sagte er: + +»Meine Damen und Herren! + +Im Namen meiner Freunde heiße ich Sie hier willkommen! In der +gemeinsamen Arbeit dieses Jahres haben wir Werte geschaffen, die uns +und unsere Enkel überdauern werden. Wir danken Ihnen für Ihre treue +Mitarbeit. + +Bis jetzt sind wir sieben Ihre Führer gewesen, nicht aus Hochmut oder +Herrschsucht, sondern nur, weil wir anfangs eine größere Sachkenntnis +hatten. + +Jetzt legen wir unsere Mandate in Ihre Hände. Sie mögen prüfen, was Sie +von den Bestimmungen, die wir getroffen haben, beibehalten wollen und +was nicht. Vorbehaltlos übergeben wir Ihnen unsere Rechte und Pflichten. + +Bevor wir in die Verhandlungen eintreten, müssen wir einen Vorsitzenden +haben. Als den in solchen Dingen gewandtesten erlaube ich mir, Herrn Dr. +Silberland vorzuschlagen. Es wird kein anderer Vorschlag laut - also +bitte ich Herrn Dr. Silberland, den Vorsitz dieser Versammlung zu +übernehmen.« + +Ein erstauntes und verschwommenes Gemurmel wurde laut, als die sechs vom +Podium herunterschritten und auf der vordersten Bank Platz nahmen. + +Jakob Silberland war der Situation durchaus gewachsen; er gab ein kurzes +Glockenzeichen und sagte: + +»Sie werden mir ein Wort des Dankes an Herrn Seebeck erlauben. Ich weiß, +daß ich im Sinne der ganzen Versammlung spreche, wenn ich sage: in +diesem Augenblicke, wo Herr Seebeck aufgehört hat, unser offizieller +Führer zu sein, wollen wir ihm versichern, daß er immer und ewig unser +geistiger Führer bleiben wird. Denn wir wissen alles, was wir ihm +schulden: seine Initiative, seine Energie, sein praktischer Blick, sein +Glaube an den Menschen haben die Errichtung des stolzen Werkes +ermöglicht, das wir hier vor uns sehen. Und wenn wir alle längst im +Grabe liegen, wird der Name Paul Seebeck für immer mit goldenen +Buchstaben im Buche der Menschheit stehen.« + +Zögernd hatten sich die Versammelten erhoben; Paul Seebeck war sitzen +geblieben und starrte in tötlicher Verlegenheit vor sich hin. Jakob +Silberland sah einen Augenblick lang auf die stehende Versammlung und +wußte augenscheinlich nicht recht, was er mit ihr anfangen sollte. +Hilfesuchend sah er Otto Meyer an, der nur mit größter Mühe ein Lachen +herunterschluckte. Herrn von Rochows Gesicht strahlte. Er ging zu Paul +Seebeck und drückte ihm die Hand. + +Plötzlich bekam Jakob Silberland einen rettenden Gedanken; er griff zur +Glocke, läutete kurz und sagte, während die Versammlung sich +geräuschvoll wieder setzte: + +»Ich ersuche jetzt Herrn Seebeck als ersten, einen Überblick über die +verflossenen zwei Jahre zu geben.« + +Paul Seebeck trat mit einigen schnellen Schritten auf das Podium und +sagte: + +»Was hier geschehen ist und was wir hier wollen, wissen Sie ja alle, und +ich brauche nicht mit feierlichen Worten darauf einzugehen. Was ich +getan habe, glaube ich verantworten zu können. + +Nur auf einen Punkt möchte ich hinweisen: ich bin, wie Sie ja alle +wissen, Reichskommissar mit den Rechten und Pflichten eines solchen. Ich +habe aber vom Reichskolonialamt die Ermächtigung erwirkt, mein Amt einem +andern, das heißt, meinem jetzt zu wählenden Nachfolger zu übertragen. +Sobald die Wahl vor sich gegangen ist, werde ich es tun. Ich deponiere +hier beim Vorsitzenden der Versammlung eine unterzeichnete und datierte +offizielle Benachrichtigung an das Reichskolonialamt, wo nur noch der +Name des neuen Reichskommissars auszufüllen ist.« + +Er verbeugte sich kurz und ging zu seinem Platze zurück. + +Jakob Silberland gab ein Glockenzeichen und sagte: + +»Da ich jetzt selbst das Wort ergreifen möchte, um über die Verwaltung +der öffentlichen Gelder Rechenschaft abzulegen, bitte ich um Erlaubnis, +den Vorsitz so lange an Herrn Referendar Meyer abzutreten. - Da kein +Widerspruch erfolgt, tue ich es hiermit. - Herr Referendar, darf ich +bitten.« + +Otto Meyer schritt gravitätisch auf das Podium und flüsterte Jakob +Silberland zu: + +»Na, Sie werden staunen: zunächst werde ich mal die ganze Zeit durch +bimmeln, dann kriegen Sie drei Ordnungsrufe, und ich fordere Sie auf, +den Saal zu verlassen.« + +Jakob Silberland sah ihm erschreckt ins Gesicht: + +»Um Gotteswillen -« + +Er kam nicht weiter, denn Otto Meyer läutete und sagte: + +»Herr Dr. Jakob Silberland hat das Wort.« + +Jakob Silberland suchte stehend allerhand Papiere zusammen, die auf dem +Tische lagen und sagte: + +»Ich kann jetzt natürlich nur in großen Zügen ein Bild von der +finanziellen Lage geben; ich werde Sie später bitten, eine Kommission zu +wählen, um meine Bücher in allen Einzelheiten nachzuprüfen. + +Wir sind, wie Sie wissen, mit einer dreiprozentigen inneren Anleihe in +der Höhe von einer Million Mark belastet. Dieses Geld hat uns, solange +es noch teilweise auf der Bank lag, einen Zinsenüberschuß von +zehntausendachthundertdreiundfünfzig Mark und einundsiebzig Pfennigen +gebracht. + +Wir haben zweihundertachtunddreißig Schildkröten verkauft. Sie wissen +ja, daß wir nach dem Urteile der Sachverständigen dazu gezwungen waren, +da der Platz für die Tiere nicht ausreichte, und sie sonst einfach +fortgewandert wären. Dafür haben wir die Summe von fünf Millionen, +achthundertsechsundvierzigtausend siebenhundert und einundzwanzig Mark +und elf Pfennigen eingenommen. Wir hatten also sechs Millionen +achthundertsiebenundfünfzigtausend fünfhundertvierundsiebzig Mark +zweiundachtzig Pfennig bares Geld zur Verfügung. + +Unsere Ausgaben waren folgende: Gehälter: abzüglich der Mietsbeträge +eine Million siebenhundertachtunddreißigtausend fünfhunderteinundzwanzig +Mark. Hausbau: drei Millionen achthundertsiebenundfünfzigtausend +einhundertachtundsechzig Mark und zweiundvierzig Pfennige. Straßenbau, +Anlage des Bewässerungssystems, Trinkwasserleitung, Hafenanlagen, Erde +haben zusammen zwei Millionen, sechshunderttausend vierhundertachtundneunzig +Mark sieben Pfennige gekostet. Verschiedenes kostete zusammen +zweihundertachttausend neunhundertdreizehn Mark, neunundzwanzig +Pfennige. Unsere gesamten Ausgaben betrugen also: acht Millionen, +vierhundertfünftausend einhundert Mark und achtundsiebzig Pfennige. Wir +schließen diese zweijährige Periode mit einem Defizit von anderthalb +Millionen, siebenundvierzigtausend fünfhundertfünfundzwanzig Mark und +sechsundneunzig Pfennigen ab. + +Hierzu ist zu bemerken, daß wir dieses Defizit ja jeden Tag aus der +Irenenbucht decken können; vielleicht sind wir sogar gezwungen, noch +hundert Schildkröten herauszunehmen, um einen geordneten Zuchtbetrieb +möglich zu machen. Dann, daß wir in diesen zwei Jahren einen großen Teil +der Stadtanlage ausgeführt haben, so daß wir in der Zukunft nur einen +geringen Posten dafür aufzuwenden haben werden. Dann, daß das für den +Hausbau aufgewendete Geld sich mit neun Prozent verzinst. Die jährliche +Miete beträgt zwar zehn Prozent der Baukosten, doch stellen wir ein +Prozent für einen Reparaturfond zurück. Trotz dieses Defizits ist unsere +finanzielle Stellung also sehr günstig.« + +Jakob Silberland setzte sich, und Otto Meyer verließ das Podium. Im +Hinunterschreiten flüsterte er Jakob Silberland zu: + +»Bis an mein Lebensende werde ich nicht begreifen, weshalb ich hier +heraufkrabbeln mußte. Aber wundervoll war es da oben.« + +Jetzt erhielt Edgar Allan das Wort. Er kniff die Lippen zusammen und +blickte über die Köpfe der Versammlung weg. Er sagte: + +»Was ich gemacht habe, kann jeder Mensch sehen; ich hoffe, den hier +vorherrschenden Geschmack getroffen zu haben. Jedenfalls habe ich alles +getan, was in meinen Kräften stand.« + +Jakob Silberland stand auf, gab wieder ein Glockenzeichen und sagte: + +»Wünscht jemand aus der Versammlung das Wort? - Nicht? - Dann können wir +zur Wahl schreiten. Hierzu ist zu bemerken, daß sich bis jetzt die +Notwendigkeit von fünf Ämtern ergeben hat und zwar der folgenden: eines +Vorstehers der Gemeinschaft, eines Schriftführers, eines +Geschäftsführers, eines Architekten und eines Leiters der öffentlichen +Anlagen. Zunächst wäre die Frage zu entscheiden, ob diese Ämter in der +bisherigen Form weiterbestehen sollen. Weiterhin kann ich mitteilen, daß +die bisherigen Inhaber dieser Ämter die bisher geltenden Bestimmungen +zusammengefaßt haben. Ihre Nachfolger hätten dazu Stellung zu nehmen und +ihre eventuellen Änderungsvorschläge der Versammlung zu unterbreiten. +Ich erlaube mir daher, folgende Geschäftsordnung vorzuschlagen: zunächst +erfolgt die Feststellung der Ämter, dann die Wahlen zu ihnen. Die so +gewählten neuen Beamten hätten Stellung zu den bisherigen Gesetzen zu +nehmen und ihre eventuellen Änderungsvorschläge einer späteren +Versammlung zur Beschlußfassung zu unterbreiten. Schlägt jemand eine +andere Geschäftsordnung vor? - Nicht? - Dann schreiten wir zu Punkt +eins: Debatte über die bisherigen Ämter. Wer wünscht das Wort hierzu?« + +Jetzt erhob sich endlich im Hintergrunde ein Mann und sagte grob: + +»Ich meine, daß alles gut war, wie es war, und daß dieselben Herren oben +bleiben sollen, denn die verstehen es doch am besten.« + +Aller Augen hatten sich dem Redner zugewandt, der sich jetzt die Stirn +eifrig mit einem roten Taschentuche rieb. + +Jakob Silberland mußte zweimal läuten, bis das beifällige Gemurmel +verstummte; dann sagte er: + +»Der verehrte Herr Vorredner hat sich gleich zu den zwei ersten Punkten +der Tagesordnung geäußert, und zwar schlägt er Beibehaltung der alten +Ämter und Wiederwahl der bisherigen Beamten vor. Ist die Versammlung +damit einverstanden, daß diese beiden Punkte gemeinsam behandelt +werden?« + +Jetzt kam Leben in die Versammlung, und von allen Seiten ertönten +Beifallsrufe und Zustimmungsäußerungen. Da richtete Jakob Silberland +sich stolz auf und sagte: + +»Die ganz überwiegende Mehrheit wünscht die gemeinsame Behandlung beider +Punkte. Ich stelle also den Vorschlag des Vorredners zur Abstimmung, +die bisherigen Beamten zu ihren bisherigen Ämtern wieder zu wählen.« + +Jetzt wich die Schüchternheit von der Versammlung. Die Beifallsrufe +bekamen einen fast animalischen Charakter. Es wurde geschrieen, +geklatscht und getrampelt. + +Edgar Allan beugte sich zu Paul Seebeck und flüsterte ihm zu: + +»Sehen Sie, wie sie bei dem Gedanken aufleben, wieder unter die Peitsche +zu kommen. Wie ein Alp hat die Vorstellung auf ihnen gelastet, daß sie +frei wären.« + +Paul Seebeck seufzte und schwieg. + +Endlich war es Jakob Silberland gelungen, mit seiner Glocke den Lärm zu +übertönen. Sein Gesicht strahlte vor Freude und Stolz. + +»Ich bitte diejenigen aufzustehen, die gegen den Vorschlag sind«, sagte +er lächelnd. Und ebenfalls heiter lächelnd blieb die Versammlung sitzen. + +Auf einen Wink von Jakob Silberland kamen Paul Seebeck, Edgar Allan, +Otto Meyer und Herr von Rochow wieder auf das Podium. Paul Seebeck +begann mit niedergeschlagenen Augen zu sprechen: + +»Im Namen der anderen Herren danke ich Ihnen für Ihr Vertrauen. Die von +dem Vorsitzenden vorgeschlagene und von Ihnen angenommene +Geschäftsordnung bestimmt als nächsten Punkt die Vorlegung der bis +jetzt bestehenden Gesetze samt unseren Vorschlägen. - Da wir der Lage +der Dinge nach nicht nötig haben, uns mit dem fraglichen Materiale erst +bekannt zu machen, können wir das jetzt gleich erledigen und brauchen +keine spätere Versammlung dazu.« + +Jakob Silberland reichte ihm einige Papiere. Paul Seebeck blätterte +etwas in ihnen und sah dann auf: + +»Ich will mir erlauben, das folgende Exposé vorzulesen, das wir sieben +Gründer gemeinsam ausgearbeitet haben. Ich bitte, Änderungsvorschläge +sofort vorzubringen, damit das, was unwidersprochen bleibt, als +genehmigt angesehen werden kann. Ich möchte mir vorbehalten, in einigen +Vorträgen oder in anderer Form die Gesetze vom rein-menschlichen +Standpunkte aus zu erläutern - hier mögen sie rein praktisch angesehen +werden.« + +Er schwieg einen Augenblick; dann hob er ein Blatt in die Höhe und las: + +»Die Gesetze der Gemeinschaft auf der Schildkröteninsel. - Erstens: Die +Schildkröteninsel ist ein Teil des deutschen Kolonialbesitzes. Der +jeweilige Vorsteher der Gemeinschaft auf der Schildkröteninsel ist in +seiner Eigenschaft als Reichskommissar dem Staatssekretariat der +Kolonien des Deutschen Reiches verantwortlich. + +»Es ist dies nur eine Formsache«, erläuterte er aufblickend, »unter der +selbstverständlichen Voraussetzung, daß der jeweilige Reichskommissar +nichts gegen die Interessen des deutschen Reiches unternimmt, hat er ja +- vom Reiche aus - unbeschränkte Vollmacht. + +Zweitens: Nach einjährigem Aufenthalte erhält jeder Ansiedler und jede +Ansiedlerin über einundzwanzig Jahre volles Bürgerrecht. + +Drittens: Die Versammlung aller Bürger erläßt alle Gesetze, besetzt +Ämter, bestimmt Ausgaben und Einnahmen der Gemeinschaft; sie faßt alle +Beschlüsse mit einfacher Stimmenmehrheit. + +Viertens: Der Gemeinschaft gehören folgende Dinge, die nie Privatbesitz +werden können: der Grund und Boden mit Gebäuden, Gärten, Straßenanlagen, +Wasser und Mineralien, dazu der Tierbestand der Irenenbucht. Häuser und +Gärten, die dem Privatgebrauche bestimmt sind, werden verpachtet, wobei +die jährliche Pacht zehn Prozent von den Bau- und Anlagekosten beträgt. +Die Instandhaltung erfolgt auf Kosten der Gemeinschaft. Die Pacht ist +unkündbar, solange der Pächter seinen Verpflichtungen nachkommt. + +Fünftens: Alle Beamten und Arbeiter der Gemeinschaft beziehen ein +jährliches Gehalt von fünftausend Mark und werden auf mindestens ein +Jahr angestellt. + +Sechstens: Schule, Krankenpflege, Alters- und +Arbeitsunfähigkeitsunterstützung ist Sache der Gemeinschaft. + +Siebentens: Jeder Bürger hat das unbeschränkbare Recht der freien +Meinungsäußerung. - + +Achtens -« + +Er hielt einen Augenblick inne und sah auf die Versammlung, die sich +ganz still verhielt. Dann legte er die Papiere auf den Tisch und sagte: + +»Heute muß ein Schritt von großer Bedeutung unternommen werden. Bis +jetzt sind wir alle Beamte gewesen; von heute ab ist es weder notwendig, +noch wünschenswert. Wir brauchen vorläufig nur etwa ein Drittel der +bisherigen Arbeitskräfte für den Dienst in der Gemeinschaft; die anderen +zwei Drittel können sich jetzt freie Berufe ergreifen. Diejenigen, die +auf ein weiteres Jahr im Dienste der Gemeinschaft stehen wollen, können +sich später bei unserem Schriftführer, Herrn Otto Meyer, melden.« + +Er sah mit leuchtenden Augen geradeaus: + +»Ich bin kein Freund der Phrase. Aber ich darf wohl sagen, daß der +heutige Tag in der Geschichte der Menschheit unvergeßlich bleiben kann. +Helfen Sie mir dazu.« + +Und die Verhandlungen nahmen ihren Fortgang. + + + + +Am Abend desselben Tages standen die sieben Gründer auf dem Balkon von +Paul Seebecks Haus und sahen auf die Stadt hinunter. Wie leuchtende +Perlenschnüre zogen sich die Reihen der Straßenlaternen durch das samtne +Dunkel und zeigten hier deutlich, dort verschwommen die Silhouetten der +Häuser. Und diese wiederum warfen aus ihren Fenstern einige scharfe und +harte Lichtbündel in die Nacht. + +»Unsere Gründung«, sagte Herr von Rochow und bewegte wie segnend die +Arme, »unser großes Kind, das wir geboren haben, und das so traut und +doch wieder so fremd dort unter uns liegt. Ein eigener, lebendiger +Körper.« + +»Und was sind wir in diesem Körper?« fragte Paul Seebeck, die Arme über +der Brust verschränkt haltend. + +»Doch wohl das Gehirn«, sagte Nechlidow ruhig. + +»Und eben so fremd dem Körper, wie das Gehirn dem menschlichen Körper, +der seine eigenen Wege geht, ohne sich um sein Gehirn zu kümmern«, fügte +Edgar Allan hinzu. + +Melchior griff sich mit der Linken an die Stirn. + +»Der Körper lebt nach eigenen Gesetzen, kümmert sich nicht um das +Gehirn, und die Menschheit ein Körper, ein lebendiger Körper, mit +eigener Seele«, murmelte er. »Da liegt es ja!« schrie er auf. + +Otto Meyer schlug ihn begütigend auf die Schulter: + +»Nehmen Sie die Sache nur mit Ruhe. Sie brauchen die Welträtsel noch +nicht heute abend zu lösen. Lassen Sie sich noch einige Tage Zeit. Die +übrige Menschheit hat ja einige Tausend Jahre über sie nachgedacht, ohne +sie zu lösen.« + +Melchior sah dem Spötter ins Gesicht. Am ganzen Leibe vor Erregung +zitternd, sagte er: + +»Nicht die Welträtsel; aber das Problem des Menschen. Ich sehe jetzt, wo +es liegt, sehe es klarer und klarer.« + + + + +Gabriele, jetzt brauche ich Sie. Helfen Sie mir, die Menschen zur +Freiheit zu erziehen. Sie wollen das Bewußtsein der Freiheit haben, aber +wagen nicht, sie zu gebrauchen. + +Ich glaubte, die Elite der Menschen hier zu versammeln; ich sah die +starken, freien Gesichter, die kühnen, rücksichtslosen Augen - und setzt +man sie zusammen, wärmen sie sich wie eine Herde Schafe aneinander. + +Und wir sieben stehen draußen, unverstanden und unverstehend. + +Kommen Sie, die Mutter, kommen Sie und seien Sie ein Bindeglied zwischen +uns und jenen, zwischen unserem Werke und unseren Gedanken. + + Seebeck. + + + + +Trotz des Regens war Paul Seebeck in seinem Motorboote zur »Prinzessin +Irene« hinausgefahren, um Frau von Zeuthen noch am Deck zu begrüßen. + +Im Rauchsalon des Dampfers erwartete sie ihn mit ihren Kindern. Alle +drei waren schon im Mantel. + +Als sie sich begrüßt und eine halbe Stunde zusammen geplaudert hatten, +sagte Frau von Zeuthen: + +»Ich habe Ihnen wieder einen Menschen mitgebracht. Seien Sie lieb zu +ihm, dann wird er wertvoll für Sie und Ihr Werk sein. - Felix, bitte +Herrn de la Rouvière herzukommen.« + +Felix sprang hinaus. Paul Seebeck erhob sich und blieb erwartungsvoll +stehen. Unwillkürlich zuckte er aber zusammen, als er Herrn de la +Rouvière sah, denn dieser war ein Krüppel. Er war nicht größer wie ein +achtjähriger Knabe und hatte auch das Gesicht eines solchen. Seine Beine +waren dick und kurz, seine Arme und die schwarzbehaarten Hände aber wohl +noch größer, als die eines erwachsenen Mannes. Er blieb bescheiden im +Türrahmen stehen. + +Frau von Zeuthen sagte: + +»Seine Vorfahren hat der Pöbel aus Frankreich vertrieben, und derselbe +Pöbel machte dem Urenkel das Leben in Deutschland unmöglich. Nur hat er +sich andere Waffen gewählt, die aber nicht weniger verletzen. Bei Ihnen +sucht er eine Heimat, Seebeck!« + +Seebeck trat auf ihn zu und reichte ihm die Hand, die der Krüppel fast +schmerzhaft fest drückte: + +»Seien Sie hier willkommen«, sagte er herzlich und sah ihm gerade ins +Gesicht. Aber sein Lächeln erstarrte, als er in de la Rouvières Augen +blickte. Sie schienen ihm plötzlich einen fast tierischen Ausdruck von +Hunger zu bekommen. Aber im nächsten Augenblicke war dieser Ausdruck +verschwunden, und der Krüppel stand wieder so bescheiden wie vorher da. + +Im Augenblick vermochte Paul Seebeck nicht mehr mit ihm zu sprechen; er +wandte sich daher an Frau von Zeuthen, die zusammen mit ihren Kindern +etwas in den Hintergrund getreten war, und sagte: + +»Darf ich Ihnen ein Amt anbieten, Gabriele? Ich kann doch wohl +voraussetzen, daß Sie sich auch in äußerem Sinne nützlich machen +wollen?« + +Frau von Zeuthen trat lächelnd heran: + +»Ich habe noch nie in meinem Leben ein Amt verwaltet. Vielleicht kann +ich es hier. Wozu wollen Sie mich denn machen?« + +»Zur Archivarin«, sagte Paul Seebeck. »Bis jetzt hat die Sekretärin, die +ich mir habe geben lassen, auch das Archiv verwaltet. Aber die Arbeit +wird ihr zu viel, und außerdem paßt sie nicht recht dazu.« + +Gabriele dachte einen Augenblick nach; dann sagte sie: + +»Ich danke Ihnen und freue mich auf diese Arbeit. Ich kann jetzt nur +unklar sehen, worin sie besteht, und die Dame wird mich erst in die +Einzelheiten einführen müssen. Ich stelle es mir schön vor, im stillen +Zimmer zu sitzen und das unbegreiflich große und bunte Leben durch die +festen Formen zu ahnen, in denen es sich grob und kalt niedergeschlagen +hat.« + +Paul Seebeck nickte ihr zu. Dann wandte er sich an Herrn de la Rouvière: + +»Und wie denken Sie sich Ihre Zukunft hier? Wünschen Sie einen freien +Beruf zu ergreifen, oder denken Sie an ein Amt?« + +»Darf ich meine Zukunft nicht in Ihre Hände legen, Herr Seebeck?« +antwortete der Krüppel und sah ihn treu und gut an. + +»Wenn Sie mir soviel Vertrauen schenken wollen«, erwiderte Paul Seebeck +und sah ihm gerade ins Gesicht. + +»Aber was soll ich machen, Paul?« sagte Hedwig und ergriff +einschmeichelnd seine Hand. + +»Du? Ich glaube, wir werden dich als Kindergärtnerin brauchen können; +unser Erziehungswesen liegt überhaupt recht im argen und muß erst +gründlich organisiert werden«, fügte er, zu Frau von Zeuthen gewandt, +erläuternd hinzu. Dann sah er sich nach Felix um; aber dieser sagte +nichts, starrte ihn aber mit seinen großen, glänzenden Augen unverwandt +an. + +Frau von Zeuthen brach das sekundenlange Schweigen: + +»Wie steht's aber um die Dienstboten?« + +»Dafür haben wir gesorgt; die jungen Leute zwischen sechzehn und +einundzwanzig sind verpflichtet, sich irgendwie nützlich zu machen. +Unsere jungen Damen sind Dienstmädchen, Krankenpflegerinnen oder +Kinderfräuleins, die Jungen sind Laufburschen oder Hilfsarbeiter. Dafür +bekommen sie etwas Taschengeld. Sie sehen, wir haben auch unsere +allgemeine Wehrpflicht. Dispens wird nur erteilt, wenn Lust und Begabung +zu selbständiger Tätigkeit vorliegt.« + +»Und was machen Sie mit Ihren Verbrechern, Seebeck?« fragte Frau von +Zeuthen wieder. + +»Verbrechen sind noch nicht vorgekommen und werden wohl auch nie +vorkommen. Einige geringfügige Übertretungen haben wir mit Geldstrafen +belegt. - Dagegen haben wir »bürgerliche Rechtsstreitigkeiten«, wie Otto +Meyer sich ausdrückt, in überraschend großer Anzahl, und da standen wir +vor einer Schwierigkeit. Es war eine starke Stimmung vorhanden, ein +Gesetzbuch auszuarbeiten, oder wenigstens einen unserer Juristen als +Richter einzusetzen. Ich wollte natürlich nicht ein starres, eiskaltes +Gesetzbuch in unser flutendes Leben werfen, und ebensowenig einen +unserer, in ihrem Fach trotz allem verknöcherten Juristen anstellen. +Schließlich setzte ich durch, daß die Monatsversammlungen alle +Streitigkeiten durch Beschluß entscheiden.« + +Frau von Zeuthen nickte und schwieg. Dann fragte sie: + +»Wo sollen wir eigentlich wohnen?« + +»Oh, dafür habe ich gesorgt,« antwortete Paul Seebeck schnell. »Ich habe +Ihnen ein fünfzimmriges Haus reservieren lassen; wenn es Ihnen nicht +gefällt, baue ich Ihnen ein anderes. Ich erlaubte mir, die +ordnungsgemäße Reihe etwas zu durchbrechen«, fügte er lächelnd hinzu. + +Frau von Zeuthen drohte scherzend mit dem Finger: + +»Ihr Prinzip haben Sie durchbrochen? Diese Schandtat hätte ich Ihnen +nicht zugetraut.« + +»Durfte ich Ihretwegen nicht eine Ausnahme machen?« gab Paul Seebeck +zurück. + +»Aber was werden die andern dazu sagen?« + +»Die andern? Ach Gott, Gabriele, die Verwaltung bringt es mit sich, daß +wir so viele Dinge selbständig machen müssen - nachträglich wird dann +alles gut geheißen.« + +»Aber doch nicht, wenn Sie die grundlegenden Prinzipien verletzen.« + +»Doch nur den Buchstaben, nicht den Sinn. - Ich scheue mich nicht ein +Prinzip zu verletzen, wenn ich mir dadurch endlose Umwege spare und auf +kürzerem Wege gerade das Ziel, den Sinn jenes Prinzips erfülle.« + +»Aber betreten Sie damit nicht einen gefährlichen Boden? Wäre es nicht +vielleicht doch besser, jene Umwege zu machen?« + +»Nicht so lange ich so genau weiß, was ich will, und so klar mein Ziel +vor Augen sehe. - Und hier liegt die Sache ja so klar: Ihre Mitarbeit +ist für uns alle so ungeheuer wichtig, daß es meine Pflicht ist, Ihnen +so schnell wie möglich volle Arbeitsmöglichkeit zu schaffen. Ob Fischer +Petersen einige Wochen länger in der Baracke leben muß, erscheint mir, +dagegen gehalten, als von geringerer Bedeutung.« + +»Wenn aber Fischer Petersen sein Recht verlangt?« + +»Wenn er es doch täte, Gabriele! Helfen Sie mir, ihn dazu zu erziehen! +Und auch Sie, Herr de la Rouvière, müssen mir dazu helfen.« + + + + +»Fräulein Erhardt«, meldete das Dienstmädchen, und Frau von Zeuthen +erhob sich vom Divan, auf dem sie in halb liegender Stellung ein Buch +gelesen hatte. + +Ein dunkellockiges Mädchen mit schwarzen, träumerischen Augen trat ein. +Sie trug ein loses Reformkleid, das den Hals frei ließ. Unter dem Arme +hatte sie eine schwarze dicke Aktenmappe, die einen ungraziösen +Widerspruch zu der lieblichen Erscheinung des Mädchens darstellte. + +»Gnädige Frau«, sagte sie und sank halb in die Knie. + +Frau von Zeuthen war auf sie zugetreten, hatte sie bei der Hand +ergriffen und fragte erstaunt: + +»Sind Sie wirklich Herrn Seebecks Privatsekretärin?« + +»Gewiß«, antwortete Fräulein Erhardt. »Schon seit drei Monaten.« + +Frau von Zeuthen nahm ihr die Aktenmappe ab und legte diese auf einen +Tisch. Dann bat sie Fräulein Erhardt, im tiefen Ledersessel Platz zu +nehmen, setzte sich selbst auf den Divan und lehnte sich halb zurück. + +»Erzählen Sie«, sagte sie dann. + +»Ich habe nicht viel zu erzählen, gnädige Frau«, sagte Fräulein Erhardt. +»Wie manche andere kam ich mit vielen unklaren Erwartungen und +Hoffnungen hierher. In den ersten Tagen fühlte ich mich recht +unglücklich hier in all der Geschäftigkeit und wußte gar nicht, was ich +selbst beginnen sollte. Da verlangte Herr Seebeck von der Gemeinschaft +eine Privatsekretärin - die anderen Herren hatten schon längst +irgendwelche Hilfe bekommen - und ich meldete mich zu der Stellung. Das +ist alles, gnädige Frau«, sagte sie und strich ihr Kleid glatt. + +»Und wie war es in Ihrer Stellung?« fragte Frau von Zeuthen. + +Über Fräulein Erhardts bleiches Gesicht glitt etwas Farbe. Sie sagte +lebhaft: + +»Es ist wunderschön, mit Herrn Seebeck zusammenzuarbeiten. Nur verlangt +er von den anderen Menschen ebensoviel wie von sich selbst. Und so viel +Wissen und Arbeitskraft hat doch kein anderer Mensch.« + +Die Tür wurde aufgerissen, und naß und zerzaust stürmte Felix herein. + +»Weißt du Mutter, was Paul Herrn de la Rouvière vorgeschlagen hat? Er +soll hier eine Zeitung gründen und außerdem die Protokolle der +Versammlungen führen.« + +»Schön, schön mein Junge«, sagte sie aufstehend. Erst jetzt gewahrte +Felix Fräulein Erhardt, die gleichfalls aufgestanden und etwas +zurückgetreten war. Er wurde glühend rot im Gesicht. + +Frau von Zeuthen legte ihm den Arm um die Schulter und führte ihn +Fräulein Erhardt zu. + +»Mein Sohn Felix«, sagte sie. + +Felix verbeugte sich ungeschickt und reichte Fräulein Erhardt die Hand, +die jene einen Augenblick lang festhielt. + +»Entschuldigen Sie, ich hatte Sie nicht gesehen«, sagte er. + +Fräulein Erhardt schüttelte langsam den Kopf: + +»Das tut nichts«, sagte sie und sah Felix mit ihren großen, schwarzen +Augen an. + +Frau von Zeuthen sah die Beiden aufmerksam an; dann wandte sie sich dem +Tisch zu, auf den sie die Aktenmappe gelegt hatte, und sagte: + +»Willst du etwas bei uns bleiben, mein Junge? Fräulein Erhardt und ich +haben allerlei zu besprechen, was dich wohl auch interessiert. Sie will +mich in meinen neuen Beruf als Reichsarchivarin einführen.« + +»Bleiben Sie doch, Herr von Zeuthen«, sagte Fräulein Erhardt bittend, +und Felix setzte sich bescheiden in eine Ecke. + +Fräulein Erhardt aber öffnete die Aktenmappe und erklärte Frau von +Zeuthen, wie sie das Archiv bisher verwaltet hatte. + + + + +In der nächsten Sitzung der Vorsteherschaft brachte Paul Seebeck auch +die Schulfrage zur Sprache und legte einen Schulplan vor, den er +gemeinsam mit Frau von Zeuthen ausgearbeitet hatte. Die anderen fanden +nur wenig daran auszusetzen, und bald hatte der Plan die Form gefunden, +in der er der Gemeinschaft vorgelegt werden sollte. Als die Arbeit +beendet war, bat Paul Seebeck die anderen Herren, bei ihm zum Abendessen +zu bleiben und teilte gleichzeitig mit, daß er auch Frau von Zeuthen, +Nechlidow und Melchior eingeladen hätte. + +Bei Tisch fragte Frau von Zeuthen nach dem Schicksale des Entwurfs, und +Paul Seebeck machte sie mit den geringfügigen Änderungen bekannt. + +»Es ist doch fast eine Vergewaltigung«, sagte Edgar Allan plötzlich, +»daß man so einem armen Wurme tausend Dinge beibringt, auf die es von +selbst nie verfallen wäre - lauter fertige, geprägte Begriffe, ein +fertiges Weltbild, eine fertige Sprache. Nichts darf sich das Kind +selber bilden, muß alles das gläubig hinnehmen, was die früheren +Generationen ihm vorgekaut haben.« + +»Na, wissen Sie was«, sagte Otto Meyer. »Wollen Sie die Kinder gleich +nach der Geburt in die Wüste schicken, um sich Sprache und Bildung ganz +aus eigener Kraft zu bauen? Ich glaube, Sie würden zu Ihrer Überraschung +einige entzückende Orang-Utans vorfinden.« + +Aber Edgar Allan hatte sich in seinem Gedanken festgebissen und ließ +sich nicht beirren. Sein Mund verzog sich nur ein wenig spöttisch, als +er Melchiors heißes Gesicht sah. Er wandte sich Otto Meyer zu und sagte +ungewöhnlich lebhaft: + +»Doch nicht, Herr Referendar. Die Kinder würden doch eine gewisse +Disposition im Gehirn von ihren kultivierten Eltern mitbekommen haben, +die sie eben doch auf eine etwas höhere Stufe als den Orang-Utan stellen +würde.« + +»Aha!« sagte Otto Meyer. »Da setzen Sie aber die kultivierten Eltern +voraus. Seien Sie jetzt aber etwas radikaler in Ihren Gedanken und +setzen Sie den Fall, daß alle Kinder von Weltbeginn an in die Wüste +geschickt worden wären. Dann hätten sie keine kultivierten Eltern, +mithin hätten die Kinder eben auch nicht jene Kultur-Disposition im +Gehirn, wären also doch reine Orang-Utans.« + +Edgar Allan lehnte sich in seinem Stuhle zurück und legte Messer und +Gabel hin. + +»Sie wollen mich aufs Glatteis führen, Herr Referendar, und sprechen +dabei nur meinen Gedanken aus.« + +Jetzt hielten alle mit dem Essen ein. Ganz leise klirrte es, als die +Eßgeräte auf die Teller und Messerbänke gelegt wurden. Edgar Allan sah +sich im Kreise um und sagte lächelnd: + +»Ich weiß wirklich nicht, ob mein Gedanke eine so ungeteilte +Aufmerksamkeit verdient. Er ist nicht viel mehr als ein logisches +Experiment, doch scheint er mir wert zu sein, zu Ende gedacht zu werden. +- Sehen Sie, meine Herren, und Sie, gnädige Frau, die so liebenswürdig +sind, zuzuhören. Ich meine folgendes: eine gewisse Disposition zur +Weiterentwicklung muß schon im Menschenaffen gelegen haben, der unser +aller Stammvater ist, und zwar schon lange vor der Sprache, mithin vor +Logik, geformten Begriffen und Möglichkeit einer Fortentwicklung anders +als durch die Vererbung jener Kulturdisposition. Die Entwicklung ging +ungeheuer langsam, aber sie schritt fort. Da kommt mit der Sprache ein +ganz neues Element herein, ein völlig unnatürliches: die Erfahrungen +werden nicht nur durch Vererbung jener Kulturdisposition den folgenden +Geschlechtern überliefert, sondern in rein abstrakter Form, sie werden +gesagt, und das Kind lernt sie als etwas zunächst Fremdes, ihm +unnatürlich Hohes. Und so geht das weiter. Mit Hilfe der Sprache +bekommen die Begriffe ein eigenes Leben, eine selbsttätige Existenz, und +immer größer wird die Kluft zwischen dem natürlichen Menschen, der ja +auch immer mit einer, eine Nuance höheren, Kulturdisposition geboren +wird, und dem, zu dem die Sprache mit allen ihren Anhängseln uns macht. +Wenn wir unseren Kindern weder Sprache noch sonst etwas mitgeben würden, +als nur unsere Kulturdisposition, würden sie kurz gesagt harmonische und +glückliche Menschen sein und nicht jenen Zwist zwischen dem eigenen und +dem angelernten Ich in sich tragen, der uns alle verzehrt.« - Nach einer +kurzen Pause fuhr er fort: »Stellen Sie sich einen Eskimo vor, den man +aus Grönland nach Berlin gebracht hat, und der sich dort im Laufe +einiger Monate akklimatisiert hat. Er trägt unsere Kleidung, benimmt +sich korrekt, aber trotz alles angelernten Anstandes, den das Milieu ihm +aufdrängt, in dem er sich gezwungenermaßen befindet, gehen seine +Gedanken und Triebe ganz andere, viel primitivere, brutalere Wege. Er +spielt dauernd Theater. Statt der rauhen Prosa, die ihm natürlich wäre, +muß er unausgesetzt hohe Verse sprechen und diese mit einstudierten +Gesten und Mienen begleiten. Der gute Mann hat im Laufe einiger Monate +oder Jahre eine Entwicklung, die naturgemäß Tausende von Jahren +gebraucht hätte, überspringen müssen, und seine ganze Existenz wird zu +einer einzigen Lüge. Seien wir einmal ehrlich: ist das nicht ganz genau +unsere Lage? - Ich überlasse Ihnen, die Parallele zwischen der +Eingewöhnung des Eskimos in unsere Kultur und unserer Erziehung zu +ziehen.« + +Minutenlanges Schweigen folgte. Dann ergriff Herr von Rochow das Wort: + +»Ich finde Ihren Gedanken wundervoll und unwiderleglich. Und doch, sehe +ich die Sache von einer anderen Seite an, komme ich zu einem ganz +anderen Resultat. Wenn ich mir nämlich einfach den jetzigen Menschen und +seine Sprache vorstelle, würde ich sagen, daß Sprache und Begriffe nicht +mit ihm Schritt gehalten haben, sondern zurückgeblieben sind und +tatsächlich nicht das auszudrücken vermögen, was wir denken und fühlen. +Und doch finde ich Ihre Gedanken unwiderleglich.« + +Er schwieg; Edgar Allan sah sich im Kreise um, als erwartete er weitere +Meinungsäußerungen. Sein Blick blieb an Melchior haften, der ihn mit +aufgerissenen Augen und offenem Munde anstarrte. + +Jakob Silberland räusperte sich und sagte: + +»Wie sonderbar. Vor einigen Jahren, als wir sieben noch ganz allein hier +auf der Insel waren, führten wir ein Gespräch über Staatsformen im +Verhältnis zum Menschen. Und auch dort stießen wir auf denselben +Widerspruch, daß sie sowohl als fortgeschritten, wie auch als +zurückgeblieben in bezug auf den Menschen angesehen werden könnten.« + +»Seltsam, daß derselbe Widerspruch heute in ganz anderem Zusammenhange +wieder auftaucht. Ach, ich entsinne mich deutlich jenes Gespräches«, +sagte Herr von Rochow. + +»Na, das Problem ist doch ganz dasselbe«, sagte Otto Meyer. »Formen, die +die Menschen im Zusammenspiele schaffen, in ihrem Verhältnisse zum +einzelnen Menschen. Apropos »Problem«, Herr Melchior, haben Sie es +gelöst?« + +Aber Melchior hörte ihn nicht. + +Edgar Allan ergriff wieder das Wort: »Ich finde etwas Niederdrückendes +darin, daß die Arbeit des Einzelnen durch diese geistigen Verkehrsmittel +zum Allgemeingut werden. Jeder Idiot schmarotzt an uns, saugt unsere +Gedanken aus, verwässert sie bis zur Karrikatur - siehe die christliche +Kirche im Verhältnis zu ihrem Gründer - und ist dann stolz auf seine +Eigenschaft als Kulturmensch. Ich sehe darin eine Ungerechtigkeit.« + +»Nein«, sagte Jakob Silberland, »Sie irren. Sie gehen von einer längst +abgetanen Weltanschauung aus. Sie vergessen den springenden Punkt: es +gäbe keinen großen Menschen, wenn es nicht ein Milieu gegeben hätte, +das ihn zeugte. Die großen Menschen schulden ihre Existenz der Masse, +und diese wiederum ihnen. Das ist ein ewiges Wechsel- und Zusammenspiel; +eine natürliche Funktion des großen Organismus Menschheit.« + +»Sie haben viel gelernt, verehrter Herr Doktor Silberland,« sagte Edgar +Allan mit leichtem Spotte. »Außer den Begriffsbrillen, die die gütige +Menschheit so liebenswürdig ist, uns in den ersten Jahren unserer +Kindheit auf unsere Nase zu setzen, haben Sie auch noch einige grüne und +blaue und seltsam gestrichelte aus eigener Initiative aufgesetzt. Ich +beneide Sie um Ihr geordnetes Weltbild, bezweifle aber doch, daß es sich +mit der Wirklichkeit deckt. Wenn ich von dem mir Eingeprägten absehe, +wenn ich unbefangen auf die Wirklichkeit sehe - etwas, wozu Sie als +gebildeter Mensch überhaupt nicht mehr imstande sind - sehe ich statt +unserer fiktiven Ordnung in der Welt nur ein ungeheures, rätselhaftes +Chaos. + +Alle unsere Moralbegriffe, Staatsformen, Sprache, Gedanken sind doch nur +ganz schwache, ganz schiefe Reflexe der inneren Entwicklungsgesetze der +Menschheit, die wir nicht kennen und nie kennen werden. Denn diese +kindlichen Abstraktionen haben nicht nur ein eigenes Leben bekommen und +entfernen sich demnach mehr und mehr von den Realitäten, sie werden +auch als primär angesehen, und man soll sich nach ihnen richten. Das ist +nicht das Problem der Menschheit, aber der Wahnsinn der Menschheit. Und +jeder Einzelne von uns hat keine andere Aufgabe, als soviel wie möglich +das Gelernte zu vergessen und in die Tiefen des eigenen Ichs +herabzusteigen, zu seinem eigenen Wesen, und sich dort über seine +Stellung im Chaos zu orientieren. Auf irgend einem, noch so kleinen +Gebiete wird er sich Meister wissen, dort seine Arbeit ausführen und die +übrige Menschheit ihrem Schicksal überlassen. Wenn jeder so dächte, +kämen wir vielleicht wieder in eine gesunde Entwicklung hinein. Wenn wir +auf das forzierte Tempo verzichten, was die Menschheit bis jetzt +angewendet hat, und uns einige millionenmal langsamer entwickeln, wird +vielleicht noch einmal etwas aus den Menschen statt der Schattenwesen, +die wir jetzt darstellen. Was meinen Sie, Seebeck?« + +»Ich finde den Gedankengang sehr interessant. Auch sehr wertvoll. Es +ergeben sich aus ihm aber so viele Perspektiven, daß man Zeit braucht, +um zu ihm Stellung zu nehmen. So im Augenblicke kann ich es nicht. Ich +werde darüber nachdenken.« + +Jetzt sprang Nechlidow mit einer solchen Heftigkeit auf, daß der Stuhl +umfiel, auf dem er gesessen hatte. Er schrie: + +»Es wird ja immer toller; jetzt ist es aber wirklich genug. Ich +wenigstens habe keine Lust mehr, länger an der Komödie mitzuspielen. Wir +kamen hierher, um die großen Menschheitsgedanken zu verwirklichen, die +große, ruhige Linie auszufüllen. Und was geschieht? Hier ein +Kompromißchen und dort ein Kompromißchen; überall Halbheiten, nichts +Ganzes. Alles Wankelmütigkeit und Wunsch nach dem behaglichen, ruhigen +Fahrwasser, nur um Gotteswillen keinen energischen Schritt. Was ist aus +den Idealen geworden, mit denen wir hierherzogen? Phrasen, Worte, +Andeutungen, keine Tat, keine Wirklichkeit. + +Und heute kommt die Krone des Ganzen. Hier im Kreise der Gründer stellt +Herr Allan seine logischen Experimente an, die weiter nichts sind, als +eine Beschimpfung der menschlichen Vernunft, eine Erniedrigung der +Sozietät. Wenn Herr Allan den dummen Orang-Utan wirklich so viel höher +stellt, als den vernünftigen Menschen, mag er zu den Orang-Utans gehen. +Aber statt ihn zurechtzuweisen, hören Sie sein kindisches und frivoles +Geschwätz ernsthaft an, antworten ihm sogar, wollen sich die Sache sogar +noch genauer überlegen. + +Ich aber glaube an die menschliche Vernunft, die vielleicht sogar einmal +in Allans Nachkommen die Sehnsucht zum Affen ertöten und volle Menschen +aus ihnen machen wird. + +Euch gebe ich auf; aber noch nicht die Sache, mit der ihr nur noch +spielt. Ich werde versuchen, ob ich sie noch aus dem Schlamme retten +kann, in dem ihr sie festgefahren habt.« + +Er verließ das Zimmer und schlug die Tür mit Gewalt hinter sich zu. + + + + +Edgar Allan und Felix waren am Ende der Straße an der linken Seite der +Bucht angelangt. Vor ihnen lag die ziemlich steile Felswand, wo es nur +an einigen, und ziemlich weit von einander abliegenden Plätzen möglich +war, Häuser zu bauen. + +Beide trugen, des strömenden Regens wegen, dicke Gummimäntel und hohe +Stiefel. + +»Sehen Sie, Felix«, sagte Edgar Allan stehen bleibend und wandte sein +scharfes Gesicht dem Knaben zu. »Hier ist der gebahnte Weg zu Ende, und +die Steine fangen an. Hinter uns liegt die behagliche Wärme der Masse.« +Die hagere, sehnige Gestalt hoch aufrichtend, sagte er, »ich bin der +Erste, der hier hinaus zieht, aber glauben Sie mir, die andern sechs +werden mir hierher folgen. Auch Nechlidow, obgleich er mich ermorden +könnte, wenn ich es ihm jetzt sagte.« + +Felix sah dem starken und einsamen Manne halb bewundernd und halb +zweifelnd ins Gesicht. Er antwortete nichts. + +Dann stiegen sie weiter, über die Felsblöcke und durch die schäumenden +Regenbäche, und suchten einen Platz für Allans neues Haus. + + + + +In diesem Jahre war die Regenzeit heftiger als je vorher und machte +fast jede Beschäftigung außer dem Hause unmöglich. Es war ein Glück, daß +Edgar Allan bei der Stadtanlage so genau alle Eventualitäten berechnet +hatte; sonst wäre wohl manches der kleinen Gärtchen fortgeschwemmt +worden. + +Paul Seebeck benutzte die Zeit der allgemeinen Untätigkeit zur +Durchführung eines Planes, den er schon lange gehegt hatte. +Allwöchentlich fanden jetzt im Volkshause Vorträge statt, die dann in +der nächsten Nummer der von Herrn de la Rouvière mit Geschick geleiteten +»Inselzeitung« gedruckt wurden. + +Paul Seebeck selbst hatte den ersten Vortrag gehalten; ihm folgte Jakob +Silberland mit einem ganzen Zyklus volkswirtschaftlicher Vorträge, und +nach ihm behandelte Herr von Rochow verschiedene schöngeistige Gebiete. + +Die »Inselzeitung« erwies sich nicht nur als notwendig, sondern auch als +Machtfaktor: der Krüppel hatte der öffentlichen Kritik einen breiten +Raum geschaffen, und mancher sprach lieber hier unter dem Schutze des +Redaktionsgeheimnisses seine Meinung aus, als in den Versammlungen der +Gemeinschaft. Herr de la Rouvière versah die Eingesandts mit +zustimmenden oder abfälligen Glossen, und deshalb galt es, sich mit ihm +gut zu stellen, wenn man einen Erfolg wünschte. Und Herr de la Rouvière +empfing die Besucher an seinem Schreibtische, der so niedrige Beine wie +der eines Knaben hatte, und besprach stundenlang mit dem Besucher dessen +Anliegen, so daß jener mit der Gewißheit davon ging, daß seine Sache in +guten Händen lag. + +Gelegentlich suchte Herr de la Rouvière Frau von Zeuthen auf, und dort +traf er zuweilen um die Teestunde Paul Seebeck, der einige freundliche +Fragen an ihn richtete, die er bescheiden beantwortete, worauf er +gewöhnlich bald fortging. + +Als Frau von Zeuthen und Paul Seebeck so eines Tages allein geblieben +waren, sagte sie: + +»Ist es nicht eine Freude, zu sehen, wie er sich hier entwickelt. Da +haben Sie wieder einem Menschen freie Entfaltungsmöglichkeit gegeben, +einen Nährboden, wo er Wurzeln schlagen kann.« + +Paul Seebeck antwortete nicht; Frau von Zeuthen sah ihn mit ihren +großen, strahlenden Augen an und sagte: + +»Sie stehen so sehr im Tagesbetriebe, müssen sich zu sehr mit +widerwärtigen Kleinigkeiten herumschlagen. Hätten Sie etwas mehr Distanz +- was Sie der Natur der Sache nach im Augenblicke nicht haben können - +würden Sie sehen, wieviel Sie schon erreicht haben. Selbst in Nechlidows +Überspanntheit liegt so viel Größe, die geweckt zu haben Ihr Verdienst +ist.« + +Paul Seebeck war aufgestanden und ging nervös im Zimmer auf und ab. Dann +blieb er vor Frau von Zeuthen stehen: + +»Es gibt Augenblicke«, sagte er, »wo ich meine, daß Nechlidow recht hat. +Wenn ich aber dann an meinem Schreibtische sitze, meine Papiere +heraussuche und mich frage, was ich denn hätte anders machen sollen, +dann finde ich nichts. Es gibt so viele Gegenstände bei der Verwaltung +eines Staates, die einfach in einer ganz bestimmten Weise und nicht +anders erledigt werden müssen, ganz gleichgiltig, ob man konservativ +oder liberal oder sonst etwas ist. Vom grünen Tische sehen manche Dinge +eben ganz anders aus, als in der Praxis, und besonders für den, der die +Verantwortung trägt. + +Ich verstehe jetzt so gut eine Erscheinung, die mich früher so oft +erstaunt hat: wenn in einem parlamentarisch regierten Lande die +bisherige Oppositionspartei ans Ruder kommt und ihre bisherigen Führer +Minister werden, erfolgt fast immer ein Bruch zwischen ihnen und ihrer +eigenen Partei, die ihnen den Verrat an den Parteiprinzipien vorwirft. +Die Sache liegt natürlich einfach so, daß unzählige Dinge - namentlich +in der Verwaltung - mit Prinzipien gar nichts zu tun haben und ihrer +Natur nach erledigt werden müssen. - Ich habe mir schon früher das +gedacht, aber jetzt begreife ich es erst wirklich. + +Hier kann man natürlich keine Grenze ziehen; es ist aber doch ein +Unterschied, ob man überhaupt ein Ziel vor Augen hat, oder, auf ein paar +bequeme Schlagwörter gestützt, alles ruhig fortwursteln läßt. In dieser +Beziehung habe ich ein reines Gewissen.« + +Paul Seebeck blieb stehn; er biß sich auf die Lippen und sagte: + +»Wissen Sie, Gabriele, was ich mir selbst in jenen einsamen Stunden +sage, wo man ehrlich gegen sich selbst ist? Ich will es Ihnen bekennen: +wir schaffen hier nicht die realen Werte, die wir schaffen wollten, und +unser ganzes Werk war vom ersten Augenblick an eine Unmöglichkeit. Das +unendliche Leben läßt sich überhaupt nur in einem Sinne formen, und das +ist in der Kunst, die immer einseitig und beschränkt und deshalb +vollkommen ist. Silberland hat mich einmal einen Künstler genannt, und +ich fühle, daß er recht hat, obwohl ich weder dichte noch male. Aber wie +jeder schaffende Künstler hatte ich ein starres, unvollkommenes +Material, in das ich den rauschenden Strom des Lebens zwängen wollte. +Das waren die staatlichen Begriffe. - Wie hat doch Edgar Allan recht, +und wie Nechlidow! - Aber statt zu sagen: als Künstler gebe ich eine +ganz einseitige Stilisierung des Lebens, aber ich forme nimmermehr das +Leben selbst, sagte ich: hier ist das Leben in seinen natürlichen +Formen. Ich habe die unendliche Mannigfaltigkeit des Lebens unterschätzt +und sehe, daß es an sich weder begreiflich noch faßbar ist, wenn man es +eben nicht als Künstler einseitig stilisiert, und es in seinem Reichtum +vorbeifluten läßt. + +Und sehen Sie, Gabriele, dann sage ich mir: wir schufen hier nicht den +Staat, und er wird nie geschaffen werden, wenn er sich nicht selbst +aufbaut, wir schufen nur eine Fiktion des Staates, lassen die andern ein +Theaterstück aufführen, dessen Autoren und Regisseure wir sind. Aber sie +spielen nur so lange Theater, wie sie in unserem Bannkreise sind, nicht +eine Minute länger! Dann gehen sie nach Hause und führen ein Leben, von +dem wir nichts wissen, und das uns auch nicht interessiert. + +Aber dann, Gabriele, dann sehe ich Menschen wie Silberland, die ohne zu +zweifeln, arbeiten und an die Vollendung glauben. Und dann glaube ich +auch selbst wieder daran, daß aus der Komödie Wahrheit werde.« + +Er setzte sich in den tiefen Ledersessel, stützte das Kinn in die Hand +und sah vor sich in den Raum. Frau von Zeuthen stand auf, trat vor ihn +hin und legte ihre beiden Hände ihm auf die Schultern: + +»Seebeck, ich gab Ihnen meinen Segen zu diesem Werke; ich gebe ihn Ihnen +noch einmal zu seiner Vollendung.« + +Er sank vor ihr nieder und umschlang mit solcher Heftigkeit ihre Knie, +daß die hohe Frau schwankte. Da faßte er ihre Hände und drückte sie an +sein Gesicht: + +»Gabriele«, sagte er, »ich bin so einsam, so fürchterlich einsam. Und +die Nächte sind so lang. Wenn alle die quälenden Gedanken kommen, dann +sehne ich mich nach Ihnen, Gabriele, nach dir, du Hohe, Reine. Komm zu +mir mit deinen kühlen, weißen Händen. Ich bin so fürchterlich allein.« + +Sie hob ihn auf und zog ihn an sich. Er lehnte seinen Kopf an ihre Brust +und schluchzte. + +Langsam führte sie ihn zum Divan. Aber da sank Seebeck aufs neue vor ihr +hin und barg sein Gesicht in ihren Schoß. Der große, starke Mann bebte +am ganzen Körper, sie strich ihm lind über das Haar. + +»Mut, Mut!« flüsterte sie ihm zu. »Ich kann nicht zu dir kommen; jetzt +kann ich nicht zu dir kommen. Du würdest dein Werk vergessen und das +darfst du nicht. Diese Insel ist der Inhalt deines Lebens; ihr mußt du +leben, wenn es nötig ist, mußt - wirst du für sie zu sterben verstehen. +Ihretwegen mußt du das Opfer deines Menschentums bringen.« Sie beugte +sich tief zu ihm hinab und legte ihre kühle Wange an seine heiße: + +»Glaubst du denn nicht, in wieviel schweren Nächten ich mich nach dir +gesehnt habe, du starker, du guter Mann. Aber ich weiß, daß ich dich +deinem Werke entziehen würde, statt es zu fördern. Und das darf nicht +sein. Was ist das Liebesglück zweier armseliger Menschlein im Vergleich +mit deinem Werke! Sei stark,« sagte sie, während sie sich wieder +aufrichtete, »dazu will ich dir helfen. Aber deine Einsamkeit ist dein +größtes Gut, sie gebar die neue Gemeinschaft, sie wird sie zur Höhe +erziehen. Aber du darfst kein armer, schwacher Mensch werden: mehr wie +ein Mensch mußt du sein.« + +Da erhob Paul Seebeck den Kopf aus Frau von Zeuthens Schoß. Seine Augen +wurden groß und starr. Langsam und schwer sprach er die Worte: + +»Und ich schwöre Ihnen, Gabriele, von dieser Stunde an nur meinem Werke +zu leben, und wenn es nötig ist, dafür zu sterben.« + +Er stand schnell auf und trat ans Fenster. Durch den strömenden Regen +blinkten einige Lichter, einige erleuchtete Fenster. Langsam drehte er +sich herum und sah erst jetzt, daß das Zimmer fast dunkel war. Nur im +Umriß sah er Frau von Zeuthen auf dem Divan sitzen. Mit gesenktem Haupte +und schleppenden Schritten trat er auf sie zu, ergriff ihre Hand, die +sie ihm nicht entzog, hielt sie lange in der seinen und zog sie dann +langsam an seine Lippen. + +Da erhob sich Frau von Zeuthen: + +»Geh jetzt«, sagte sie fast hart, »geh zu deiner Arbeit.« + +Er neigte kaum merklich den Kopf und verließ mit schnellen Schritten das +Zimmer. + + + + +Der niederströmende Regen wurde schwächer. Man sah statt des ewig +gleichmäßigen Graus am Himmel wieder Wolken, die langsam und schwer +weiterzogen. Zuweilen blickte sogar ein blaues Stückchen Himmel aus +ihnen hervor. Und endlich, endlich war der Himmel wieder rein, und die +Sonne schien. + +Ein schwerer, warmer Brodem stieg von den Gärten auf und lag wie ein +Dunst von Leben und Fruchtbarkeit über der Stadt. Die Wasserrinnen an +den Abhängen versiegten, in wenigen Tagen waren die Straßen wieder +trocken. + +Da wollte Paul Seebeck Frau von Zeuthens Kindern eine Freude machen und +ließ sich zwei kräftige Pferdchen mit dicken, behaarten Beinen kommen. + +An einem Sonntage machten sich Hedwig und Felix auf, um das Innere der +Insel zu erforschen. In den Satteltaschen hatten sie Essen für sich mit, +und auf den Rücken der Pferdchen hatten sie Heu aufgeschnallt. + +Sie ritten langsam die Hauptstraße hinauf; als sie aber die Plattform +erreichten, auf der das Volkshaus stand, stiegen sie ab, um die Tiere +nicht zu überanstrengen, und führten sie am Zügel die Serpentinen +hinauf. Als sie auf dem Hochplateau standen, sahen sie die Pyramide des +Vulkans riesenhaft und scharf in die Höhe ragen. Ein ganz dünnes +Wölkchen - kaum mehr als ein Schleier - schwebte über seiner Spitze. + +»Da müssen wir hinauf«, sagte Felix und half Hedwig wieder in den +Sattel, »was meinst du?« + +Hedwig gab mit der Peitsche ihrem Pferdchen einen kleinen Schlag: + +»Komm«, rief sie und galoppierte voran. + +Sie waren immer noch auf dem gebahnten Wege, der der Arbeit am +Staubecken wegen angelegt worden war, und nach einer halben Stunde +hatten sie dieses erreicht. Sie sprangen von den Pferden, an denen der +Schweiß herunterrann und setzten sich auf einige Steinblöcke. + +Vor ihnen lag ruhig der See, aber von dem Meere her klang ein donnerndes +Getöse zu ihnen hin. + +»Weißt du, was Allan mir erzählt hat?« fragte Felix. »Er will im See +einen künstlichen Schlammboden machen und Fische hineinsetzen. Er sagte, +das wäre gar nicht so schlimm, er wüßte nur nicht, wie er verhindern +sollte, daß die Fische mit dem Wasserfalle ins Meer gerissen würden. +Aber das findet er sicher auch noch heraus!« + +»Fische? Wie nett. Aber dann soll er auch Vögel hierherbringen.« + +»Daran hat er auch schon gedacht; er will überhaupt alle möglichen Tiere +hier wild aussetzen. Er weiß nur noch nicht welche. Aber er sagte, daß +nach zehn Jahren die Insel alle möglichen Pflanzen und Tiere haben wird. +Ich soll ihm bei der Arbeit helfen. Du, das wird wundervoll!« rief er. + +»Aber wie sollen hier Tiere leben?« fragte Hedwig zweifelnd und sah sich +in der öden Steinwüste um. + +»Das geht schon. Allan sagte, das schwerste wären die Säugetiere. Mit +den Fischen ist es nicht so schlimm, er will Tang massenhaft aus dem +Meere hierherbringen und dann Süßwasserpflanzen hineinstecken. Wenn das +alles richtig in Gang gekommen ist, bringt er Insekten und zuletzt die +Fische. - Und mit den Vögeln, sagt er, wäre die Sache einfacher: einige +Möven brüten ja schon. Man sollte nur an irgend einer Stelle, die so +weit von der Stadt weg ist, daß der Gestank nicht hinkommt, regelmäßig +tote Fische hinlegen, aber furchtbar viele natürlich, und dann würden +die Vögel schon kommen. Aber wie er das mit den Säugetieren machen will, +weiß er noch nicht recht; er sagt, es könnten zunächst nur Tiere sein, +die von Fischen oder Vögeln leben. - Und bei der ganzen Arbeit soll ich +ihm helfen, ist das nicht wundervoll?« rief er. + +Hedwig sah voll Neid ihren Bruder an. Aber dann veränderte sich ihr +Gesicht. Fast furchtsam fragte sie: + +»Du Felix, sag mal, glaubst du, daß alles noch gut geht?« + +»Weshalb soll es denn nicht gut gehen?« + +»Ja, siehst du, ich ging neulich etwas mit Herrn de la Rouvière +spazieren, und da kam Nechlidow, und die beiden sprachen zusammen. +Nechlidow war ganz wütend und sagte immer wieder, daß Paul alles +zerstört hätte. Dann sagte er auch etwas zu mir, was ich nicht +verstand -« + +»Nechlidow ist ein Idiot!« unterbrach sie Felix mit Nachdruck. »Allan +sagt, daß gerade jetzt alles gut gehen wird, seitdem Paul eingesehen +hat, daß er alles allein machen muß und nicht mehr darauf hört, was alle +die da sagen.« + +Aus irgend einem Grunde war es Hedwig peinlich, dies Gespräch +fortzusetzen. Sie sagte, während sie ihrem Pferdchen den dicken Hals +streichelte: + +»Sollen wir nicht jetzt zum Wasserfall reiten? Er ist sicher +wunderschön.« + +Dagegen hatte Felix nichts einzuwenden, und so bestiegen sie ihre Pferde +und ritten dem Staubecken entlang auf das Meer zu. Bald schob sich ein +breiter Steinwall zwischen sie und das Becken und warf einen tiefen und +kühlen Schatten auf sie. Sie trieben ihre Pferde zum Galopp an und +standen plötzlich einige Schritte vor dem steilen Abfall zum Meere. Sie +hörten ein Donnern, Zischen und Brausen, konnten den Wasserfall aber +nicht sehen. Rasch entschlossen sprangen sie von den Pferden, ließen sie +stehen und kletterten an dem Steinwalle empor. Er war höher, als sie +sich ihn vorgestellt hatten, aber endlich standen sie doch oben. Sie +sahen sich um: hinter ihnen streckten sich die drei Vorgebirge ins Meer, +zwischen denen die Stadt und die Irenenbucht eingebettet lagen, und vor +ihnen das große Wasserbecken, das in seiner ganzen Breitseite zum Meere +hinab überfloß. Sie sahen die Wasserfläche in ruhigem Zuge bis zum Rande +gleiten und dort entsetzt, verzweifelt, mit wahnsinnigem Schmerzgeheul +in die Tiefe stürzen, hier auf einem Vorsprung aufprallend, dort an +einer Klippe zerschellend, daß der Riese in tausend und abertausend +glitzernde Tropfen zersprang, die erschrocken versuchten, sich wieder +zusammenzufinden, und sich doch erst wieder im großen Meere trafen, das +weit hinaus mit weißem Schaum bedeckt war. + +Als sie sich satt gesehen hatten, traten sie langsam den Rückweg zu +ihren Pferden an und ritten in scharfem Galopp im Schatten. Erst als der +Steinwall sich wieder abflachte, und sie in den brennenden Sonnenschein +hinauskamen, mäßigten sie ihr Tempo. Sie kamen an die Stelle, wo durch +die große unterirdische Röhre das Wasser zur Stadt abfloß; dumpf dröhnte +es da unter den Hufen der Pferde. Sie ritten weiter am Becken entlang +bis dorthin, wo der Fluß hereintrat und folgten diesem weiter in der +Richtung auf den Vulkan zu. Oft mußten sie den Fluß verlassen, weil +Steinblöcke im Wege lagen, aber sie trafen doch immer wieder auf ihn. +Zuweilen floß er breit und behäbig dahin, zuweilen rauschte er +unheimlich an einer schmalen Stelle, oder teilte sich auch mitunter in +viele Zweige, die sich aber immer wieder bald vereinigten. Hedwig und +Felix kamen über breite Streifen feinen Sandes, in dem die Pferde bis +über die Hufe einsanken. + +Nach mehreren Stunden hielten sie an, sprangen von den Pferden, gaben +ihnen von dem mitgebrachten Heu zu fressen und nahmen ihnen auch die +Sättel ab. Dann hielten sie Umschau: so weit sie sehen konnten, umgab +sie graublau und gelb die Steinwüste, aus der sich nur flache Rücken +emporhoben. Und vor ihnen lag, kaum merklich in seiner Größe gewachsen, +der Vulkan. Und die Sonne brannte heiß auf sie nieder und gab den +Steinen einen blendenden Schimmer, der die Augen schmerzen machte. + +Da setzte sich Hedwig plötzlich auf einen Stein und begann zu +schluchzen: sie konnte die große Einsamkeit nicht ertragen, ihr war es +zu viel des Schweigens. Felix fragte nicht; er verstand sie und fühlte +dieselbe Angst wie sie, aber er beherrschte sich. Doch zitterten seine +Hände, als er die Pferde wieder sattelte; er sagte aber ruhig: + +»Der Vulkan ist ja viel weiter, als ich dachte; wir können heute nicht +mehr hinkommen. Wollen wir nicht wieder nach Hause reiten?« + +Hedwig nickte; sie konnte nicht sprechen. Und so schnell es die Hitze +erlaubte, ritten sie nach Hause, zu den Menschen, zur Stadt. + + + + +Wieder war der Jahrestag der Gründung herangekommen, und die +Gemeinschaft war versammelt. Die Vorsteher hatten Rechenschaft über das +verflossene Jahr abgelegt. Es sollte jetzt zur Neuwahl geschritten +werden. + +»Wünscht jemand das Wort?« fragte Jakob Silberland, der wie immer den +Vorsitz innehatte. »Nicht? Dann -« + +»Ich bitte um das Wort«, rief Nechlidow überlaut und ging auf's Podium. +Die Versammlung verharrte in eisigem Schweigen. Jakob Silberland sah +überrascht Paul Seebeck an; aber dessen Gesicht war hart und +verschlossen. Auf der Tribüne aber beugte sich ein Mädchenkopf mit +glänzenden, braunen Augen über die Brüstung. + +Nechlidow richtete sich straff auf, verschränkte die Arme über der Brust +und sagte: + +»Es tut mir leid, daß ich die hier übliche gemütliche Handhabung der +Geschäfte ein wenig störe. Hätte ich mich jetzt nicht zum Worte +gemeldet, wäre die Wiederwahl des bisherigen Vorstehers wohl glatt +erfolgt. Ich aber möchte verhindern, daß sie überhaupt erfolgt.« + +Er sah Paul Seebeck an, und dieser erwiderte starr den Blick. Dann ließ +Nechlidow seine Augen wieder über die Versammlung gleiten und fuhr fort: + +»Wenn jetzt nicht ein energischer Schritt getan wird, verläuft die mit +solchem Pathos angelegte Sache kläglich im Sumpf. + +Hier geht zwar alles gut, ich fürchte fast zu gut; niemand hungert und +jeder hat ein Dach über seinem Kopf - aber deswegen kamen wir nicht +hierher. + +Wir kamen hierher, um der Lüge zu entfliehen, die unser gesamtes +Gesellschaftsleben durchzieht und sind jetzt dabei, eine ärgere und +verabscheuungswürdigere Lüge zu stiften. + +Hier kann nur eines helfen: das felsenfeste Vertrauen auf die +menschliche Vernunft und das Abschütteln jener Herren, die den Ursprung +alles Übels in der menschlichen Vernunft sehen. Wir müssen die großen +und klaren Gesetze befolgen, die sich an der menschlichen Vernunft +ergeben und dürfen sie nicht verwischen und im geheimen verspotten, wie +es Herr Seebeck und seine Kreaturen tun. + +Fragen Sie sich: was hat unsere Gemeinschaft neues gebracht als neue +Phrasen? Ist hier wirklich ein neuer Geist? Wer wagt die Frage zu +bejahen! Ist nicht vielmehr das Umgekehrte geschehen, daß einige, +wenige Männer durch Worte und Scheingesetze, die sie nur äußerlich, in +gröbstem Sinne befolgen, gestützt, einfach ihren Launen folgen, tun und +lassen, was ihnen gefällt? Wer wagt die Frage zu verneinen! + +Die Gemütlichkeit und die persönliche Rücksichtnahme - dieses ganze +Spinngewebe von Gefühlsduseleien, das uns zu ersticken droht, muß fort. + +Ich verkenne nicht, daß wir Paul Seebeck großen Dank schulden; aber +unsere Dankbarkeit darf uns nicht hindern, kalt und klar zu sehen. Und +wenn wir das tun, können wir nur eins sagen: Seebecks Zeit ist vorbei. +Er ist ein großer Gründer, aber ein schlechter Ausbauer. + +Ich bitte die Versammlung, nicht Paul Seebeck sondern mich zum Vorsteher +zu wählen; mich treibt kein Ehrgeiz, sondern nur die Liebe zur Sache. +Und ich kann mit ruhigem Gewissen sagen, daß ich keine Sentimentalitäten +und persönlichen Rücksichten kenne.« + +Mit zusammengekniffenen Lippen verließ Nechlidow das Podium. Jakob +Silberland sah ihm verstört nach. + +In der eisigen Stille dort unten entstand eine ganz leise Bewegung, ein +Rücken auf den Bänken, ein Murmeln, ein Flüstern und zuletzt klang ein +Gewirr von Worten, Namen - + +Edgar Allan hatte mehrmals von der Seite her forschend in Paul Seebecks +Gesicht geblickt und jedesmal hatte er zufrieden gelächelt, wenn er +Seebecks starre Züge sah. + +Jetzt erhob sich im Hintergrunde die schwere Gestalt eines Handwerkers: + +»Wenn wir Herrn Seebeck nicht wieder wählen dürfen, dann doch lieber den +Herrn Rouvière. Den kennen wir, der versteht seine Sache.« + +Edgar Allan drehte sich herum; freundlich lächelnd rief er dem Sprecher +zu: + +»Sie dürfen Seebeck wieder wählen, guter Freund. Sie brauchen nicht +immer das zu tun, was der letzte Redner gesagt hat.« + +Aber seine Worte verloren sich; de la Rouvières Name hatte gezündet; von +allen Seiten erscholl er, gerufen, gebrüllt. + +Kreidebleich im Gesichte stand der Krüppel auf: + +»Ich bitte Sie um Gotteswillen, wählen Sie mich nicht! Das geht nicht.« + +Stille trat ein. Aber eine grobe Stimme zerriß sie: + +»Weshalb denn nicht? So war's doch ausgemacht.« + +Jetzt hatte Jakob Silberland seine Ruhe wiedergefunden. Er läutete +energisch und sagte: + +»Wer meldet sich zum Worte?« + +Paul Seebeck gab ein leichtes Zeichen mit der Hand und ging auf das +Podium. Ruhig und geschäftsmäßig sagte er: + +»Ich möchte nur einige Worte zur Klärung der Situation sagen. Es sind +als Gegenkandidaten zwei Herren genannt worden, von denen allerdings der +eine die Absicht zu haben scheint, eine eventuelle Wahl nicht +anzunehmen. Bei aller Hochachtung vor den persönlichen Eigenschaften der +beiden Herren und der Überzeugung von der absoluten Lauterkeit ihrer +Absichten, glaube ich nicht, daß einer von ihnen imstande ist, das +verantwortungsvolle Amt eines Vorstehers der Gemeinschaft zu verwalten. +Ich glaube nicht, daß die Herren auch nur eine Ahnung von den +Schwierigkeiten dieser Stellung haben; ihre Wahl würde nicht einen +Fortschritt, sondern den Ruin unserer ganzen jahrelangen Arbeit +bedeuten. + +Nun kann ich Sie allerdings nicht daran hindern, einen der beiden Herren +zu wählen; Sie können mich aber nicht zwingen, dem Gewählten meine +Stellung als Reichskommissar zu übergeben. Die werde ich beibehalten und +werde von den unbeschränkten Vollmachten Gebrauch machen, die sie mir +gibt, sobald ich sehe, daß die Dinge eine Wendung nehmen, die ich für +unrichtig halte. Wenn Sie aber einen Nachfolger wählen, der wirklich +imstande ist, mein Amt zu übernehmen, gehe ich gern.« + +Er verbeugte sich leicht und ging zu seinem Platz zurück. + +»Bravo!« rief Edgar Allan, und dieser Ruf wurde von einem vielstimmigen +»Pfui!« beantwortet. Nechlidow sprang auf und schrie: + +»Das ist die Revolution! Jetzt wissen wir, was wir von dem Manne zu +erwarten haben.« + +Jakob Silberland läutete und läutete, aber erst nach mehreren Minuten +gelang es ihm, den Sturm zu übertönen. Ganz heiser sagte er, während der +Schweiß ihm in zwei Rinnen die Wangen entlang lief: + +»Wünscht jemand noch das Wort? Herr Nechlidow, bitte!« + +Nechlidow sprach von seinem Platze aus: + +»Nachdem der bisherige Vorsteher offen den Bruch der Verfassung erklärt +hat, behalten wir uns alle Schritte vor, wie auch die Abstimmung +ausfallen mag.« + +Unter steigendem Gemurmel wurden die Stimmzettel verteilt und wieder +eingesammelt. Als Otto Meyer Jakob Silberland die Urne überreichte, +trat lautloses Schweigen ein. Einen Zettel nach dem anderen öffnete +Jakob Silberland und rief laut den darauf stehenden Namen. Otto Meyer +notierte die einzelnen Stimmen und zählte sie dann zusammen. Dann +verkündete Jakob Silberland das Resultat: + +»Die Stimmen verteilen sich wie folgt: + +Herr Seebeck zweihundertdreiundachtzig Stimmen; + +Herr Nechlidow zweihundertsiebenunddreißig Stimmen; + +Herr de la Rouvière einhundertachtundsiebzig Stimmen. + +Elf Zettel sind blank. + +Demnach ist Herr Seebeck ordnungsgemäß zum Vorsteher der Gemeinschaft +wiedergewählt worden.« + +»Aber von einer Minorität!« brüllte Nechlidow. »Ich verlange Stichwahl +zwischen ihm und mir.« + +»Herr Seebeck ist verfassungsgemäß gewählt worden«, donnerte Jakob +Silberland ihm entgegen. + +Jetzt erhob sich ein so unbeschreiblicher Lärm, daß Jakob Silberland +nicht mehr Ruhe stiften konnte. Er setzte deshalb seinen Hut auf und +deutete damit an, daß die Sitzung unterbrochen sei. Als auch das noch +keinen Eindruck machte, verließ er mit seinen Freunden den Saal, gefolgt +von der Mehrzahl der Versammelten. Zurückblickend sah er, daß Nechlidow +auf dem Podium stand und eifrig auf die Zurückgebliebenen einredete. + + + + +Frau von Zeuthen stand in einem ausgeschnittenen schwarzen +Schleppkleide hochaufgerichtet vor dem Krüppel, der die langen Arme mit +den schwarzbehaarten Händen demütig hängen ließ: + +»Sagen Sie mir, Herr de la Rouvière, was hatte das zu bedeuten, daß man +Sie als Seebecks Nachfolger vorschlug?« + +»Gnädige Frau, es ist mir selbst vollständig unerklärlich. Ich habe +nicht die geringste Veranlassung dazu gegeben. Wie sollte ich auch nur +auf den Gedanken kommen!« + +»Aber Herr de la Rouvière, wenn Sie, trotz Ihrer Erklärung, mehrere +hundert Stimmen erhielten, so zeigt das, daß viele Sie für den +designierten Nachfolger Seebecks hielten und Ihre Erklärung nur für ein +Scheinmanöver ansahen. Wir stehen da vor einem System von Intriguen, an +dem das Mißtrauen, das Nechlidow aussät, nur zum Teil Schuld haben kann. +Sie müssen doch mindestens eine Vermutung haben, wie dieser seltsame +Mißgriff geschehen konnte.« + +Sie sah mit großen, braunen Augen ernst auf ihn nieder, und unter diesem +Blicke wurde der Krüppel gleichsam noch kleiner: + +»Gnädige Frau«, stieß er hervor. »Ich habe nicht gegen Herrn Seebeck +intriguiert; im Gegenteil, ich habe den geringen Einfluß, den meine +Stellung mir gab, nur dazu benutzt, die keimende Unzufriedenheit zu +beruhigen und in vernünftige und sachliche Bahnen zu leiten. Und die +Resultate meiner Tätigkeit liegen ja offen zutage.« Er wies auf eine +Nummer der »Inselzeitung«, die sich auf dem Tische befand. + +Frau von Zeuthen schüttelte den Kopf: + +»Diese Erklärung genügt mir nicht; sie verschleiert nur. Ich will mehr +wissen.« + +Herr de la Rouvière trat einen Schritt zurück und hob gleichzeitig die +langen Arme: + +»Gnädige Frau, Sie, die hoch oben stehen, wo wir niemals hinkommen +können - können Sie nicht verstehen, daß wir uns nach der Höhe sehnen?« + +Frau von Zeuthen setzte sich auf den Divan; ein Schleier legte sich über +ihre Augen, aber sie sagte nichts. Herr de la Rouvière trat etwas näher +und hielt sich an einer Stuhllehne fest. + +»Verspottet oder bemitleidet habe ich mein Leben verbracht; niemand +wollte mich als vollen Menschen anerkennen. Dann brachten Sie mich +hierher, und hier fand ich zum ersten Male in meinem Leben ein +Arbeitsfeld. Ich wurde ein Mensch unter Menschen. Ich dachte an Sie und +wollte Ihnen Ehre machen, wollte Sie, die Unerreichbare, erreichen.« + +Frau von Zeuthen senkte den Kopf; ihr Blick ruhte unbeweglich auf ihren +beiden weißen Händen. + +»Die Menschen kamen zu mir, und ich kam ihnen entgegen. Viele haben mich +um Rat gefragt, und ich habe ihnen nach bestem Gewissen geantwortet. Ich +genoß Vertrauen, aber ich habe es nicht mißbraucht. Ich wollte nur +helfen, dem Einzelnen und der Gemeinschaft helfen. Die anderen aber +haben mich mißverstanden; sie glaubten, ich wollte sie beherrschen. Und +das wurde mir erst gestern klar.« + +Frau von Zeuthen erhob sich: + +»Ich kann Ihnen heute nicht antworten«, sagte sie, »ich muß Sie bitten, +mich jetzt allein zu lassen.« + +Er ließ den Stuhl los, an dem er sich festgeklammert hatte und trat +dicht an sie heran: + +»Schicken Sie mich nicht so fort! Sagen Sie, daß Sie mich verstanden +haben!« + +»Ich glaube Sie zu verstehen«, sagte sie langsam, aber sie nahm nicht +die Hand, die er nach ihr ausstreckte. »Aber gehen Sie jetzt; ich muß +allein sein.« + +Und Herr de la Rouvière ging. + + + + +Felix schämte sich doch, seine damalige Forschungsreise so kurz +abgebrochen zu haben, und ohne die geringsten Entdeckungen zurückgekehrt +zu sein. Obgleich er den größten Teil der Schuld seiner Schwester +zuschob, konnte er sich doch nicht vergeben, nicht mehr Standhaftigkeit +gezeigt zu haben. Andererseits sagte er sich auch, daß sie viel zu +planlos losgezogen seien, so unvorbereitet, daß sie nicht einmal die +Entfernung des Vulkans gekannt hatten. + +Jetzt saß er fast jeden Nachmittag bei Paul Seebeck und studierte dessen +Karten und Pläne, von denen fast alle - bis auf diejenigen, die die +nächste Umgebung und die künstlichen Anlagen betrafen - noch aus der +Zeit stammten, wo Paul Seebeck ganz allein auf der Insel geweilt hatte. + +Paul Seebeck gab ihm alle Hilfsmittel, über die er verfügte, darunter +auch mehrere Lehrbücher der Geologie und der verwandten Wissenschaften, +und unterstützte ihn auch soweit mit Erklärungen, wie seine knappe Zeit +es erlaubte. Fast immer freilich verliefen diese Nachmittage so, daß +Paul Seebeck, mit der Zigarre in der Hand im Zimmer auf- und abgehend, +Fräulein Erhardt Briefe diktierte, die diese stenographierte, um sie +dann später auf der Schreibmaschine zu übertragen, während Felix, über +sein Material gebeugt, still in einer Ecke saß. War Paul Seebeck mit dem +Diktate fertig, ging er zu Felix, machte ihn auf einige besondere Dinge +aufmerksam oder löste dem Knaben Zweifel, soweit er dazu imstande war, +und verließ dann das Zimmer. Gewöhnlich packte Felix dann bald seine +Sachen zusammen und ging nach Hause, denn es war ihm unangenehm, mit +Fräulein Erhardt allein zu sein. + +Aber als er wieder einmal mit einem kurzen Abschiedswort fortgehen +wollte, drehte Fräulein Erhardt sich auf ihrem Rundsessel herum und +fragte ihn: + +»Sind Sie jetzt bald mit Ihren Plänen fertig, Herr von Zeuthen? Wann +ziehen Sie los?« + +Felix besann sich einen Augenblick, dann sagte er: + +»Eigentlich bin ich schon fertig. Ich will nur warten, bis es etwas +kühler geworden ist. Aber das wird es wohl schon in den allernächsten +Tagen werden.« + +Fräulein Erhardt faltete die Hände über den Knieen und beugte sich nach +vorn; sie fragte: + +»Darf ich Sie auf Ihrer Reise begleiten, Herr von Zeuthen?« + +Felix sah sie überrascht an: + +»Ja, wenn es Ihnen Freude macht, natürlich. Aber sie wird wenigstens +eine Woche dauern.« + +Fräulein Erhardt stand auf und reichte ihm die Hand: + +»Ich danke Ihnen.« + +Felix war etwas verwirrt, und um seine Ratlosigkeit zu verdecken, küßte +er Fräulein Erhardts Hand. Sie ließ die ihre einen Augenblick in der +seinen ruhen. Dann trat er an den Tisch zurück und suchte eine von +Seebecks ersten Kartenskizzen heraus. + +»Sehen Sie«, sagte er, »bis an den Fuß des Vulkans geht die Hochebene. +Die kenne ich jetzt, und da ist nichts zu holen. Steinplatten, Geröll +und zuweilen Sandstrecken. Und dasselbe sagt Paul; er ist da überall +gewesen und hat nichts gefunden. Ich kann mir auch nicht denken, daß da +irgend etwas sein sollte. Aber dort am Fuße des Vulkans, hier, wo Paul +die Striche gemacht hat, sagt er, wäre eine Masse von Schluchten. Er ist +nicht weiter gekommen, weil er keine Zeit hatte. Dort ist der Boden auch +zuweilen so heiß gewesen, daß er ihn nicht betreten konnte. Da müßten +wir also hin. Ich dachte, an einem Tage direkt bis zu den Schluchten zu +reiten - Sie können doch reiten, Fräulein Erhardt?« + +»Ja, aber ich habe kein Pferd.« + +»Das tut nichts, Sie können das von Hedwig nehmen. - Ja, und dann +müssen wir sehen, was wir da oben finden. Natürlich müssen wir auch auf +den Vulkan steigen.« + +»Ich werde Herrn Seebeck bitten, mir jetzt meinen Urlaub zu geben«, +sagte Fräulein Erhardt. »Ich freue mich sehr auf die Reise, Herr von +Zeuthen.« + +Felix verbeugte sich etwas ungeschickt und ging. + +Schon in den nächsten Tagen nahm die Hitze ab; kühle Winde strichen über +die Insel und führten leichte, graue Wolkenzüge mit; ja, gelegentlich +fielen sogar einige Regentropfen. Jetzt, zwischen Sommerhitze und +Regenperiode, war die geeignete Zeit für einen längeren Ausflug +gekommen. + +Am Tage vor ihrem Aufbruch hatte sich Paul Seebeck mehrere Stunden von +seiner Arbeit frei gemacht und half den beiden bei ihren Vorbereitungen. +Er sorgte dafür, daß sie Proviant für vierzehn Tage, und auch sonst +alles Notwendige, doch nichts Überflüssiges mit hatten. Was die Pferde +anging, riet Seebeck, sie nach der Ankunft einfach loszulassen; sie +würden dann ohne weiteres nach Hause laufen. Felix und Fräulein Erhardt +müßten dann allerdings zu Fuß heimkehren. Auf dem Hinwege brauchten sie +aber unbedingt die Pferde, des Transportes ihrer Sachen wegen. + +Noch vor der Morgendämmerung brachen sie auf, und gerade, als sie das +Volkshaus erreichten, hob sich die Sonne über den Horizont. Der Nachttau +verschwand bald von den Steinen, aber trotz des wolkenlosen Himmels +wurde es nicht heiß. Die Spitze des Vulkans lag vollkommen frei von +Wolken und Schleiern vor ihnen. + +Sie ritten in langsamem Trabe an dem Staubecken vorbei und kamen auch zu +der Stelle, wo sich Felix und Hedwig damals zur Umkehr entschlossen +hatten. Erst zur Mittagsstunde stiegen sie von den Pferden. Felix +öffnete einige Konservenbüchsen und bot Fräulein Erhardt vom Inhalte an. +Als sie gegessen hatten, warf er sich auf den Boden, zog eine seiner +Kartenskizzen hervor und bemühte sich, sich über ihren gegenwärtigen +Standort zu orientieren. Fräulein Erhardt saß inzwischen auf einem Stein +und schaute abwechselnd auf ihren Reisegenossen und auf die starre +Steinwüste. Nach zweistündiger Rast brachen sie wieder auf. Sie hielten +streng die Richtung auf den Vulkan ein, mußten aber immer größere Umwege +machen, um tiefe Spalten im Boden zu umreiten. Das Gelände wurde auch +immer welliger, und gleichzeitig trat mehr und mehr Geröll und Grus auf. +Das Geräusch vom Flusse her war vollkommen verstummt, aber immer höher +und breiter reckte sich der Vulkan. Aus dem regelmäßigen Kegel lösten +sich immer größere Vorsprünge heraus, und tiefe Einschnitte zeigten sich +an seinen Wänden. + +Auch das ganze Bild der Gegend hatte sich verändert. Es gab keine Ebene +mehr, aus der sich plötzlich scharf umgrenzt der Vulkan erhob. Ebene und +Vulkan kamen einander entgegen, verwischten in ihrer zunehmenden +Zerklüftung ihre Gegensätze und verschmolzen zuletzt zu einem wilden +Körper. + +Fräulein Erhardt und Felix ritten an hohen Felsblöcken vorbei, mußten +oft im Zickzackwege an steilen Geröllhalden hinab- und hinaufreiten. Das +Traben war unmöglich geworden, und im mühsamen Schreiten wiegten die +kleinen, starken Pferdchen rhythmisch die Köpfe. + +Die Spitze des Vulkans war zurückgetreten und zuletzt ganz hinter einer +hohen Felswand versunken. Und hier hielten die beiden an, um im Schutze +der Felswand die Nacht zu verbringen. Sie nahmen das Gepäck von den +Pferden, gaben ihnen den letzten Rest des mitgebrachten Heus zu fressen, +nahmen ihnen dann das Zaumzeug ab und banden es an den Sätteln fest. Die +klugen Tierchen blieben erst schnuppernd stehen, gingen einige Schritte +heimwärts und wandten dann wieder die Köpfe nach Felix zurück. Da dieser +aber keine Miene machte, sie zurückzuhalten, setzten sie sich in +langsamen Trott und waren bald hinter den Felsen verschwunden. + +Während Fräulein Erhardt und Felix fast schweigend ihr Abendessen +einnahmen, wurden die Schatten unheimlich lang und kalt, krochen an den +Felswänden empor, hier und da leuchtete noch eine Spitze, ein +Vorsprung - + +Wenige Minuten später war es dunkel, und sofort legte sich ein schwerer +Tau auf Gesicht und Kleider. + +Felix zündete eine kleine Lampe an und ordnete in ihrem schwachen +Lichtscheine die mitgebrachten Sachen. Er rollte die Schlafsäcke auf und +stellte die Konserven in eine kleine Spalte, die er - um sie vor den +Sonnenstrahlen zu schützen - noch mit einem flachen Steine zudeckte. +Dann kroch er in seinen Schlafsack, gähnte, wünschte Fräulein Erhardt +eine gute Nacht und schlief fest ein. Fräulein Erhardt aber blieb noch +lange auf ihrem Steinblock sitzen; zuweilen bewegte sie fröstelnd die +Schultern. Zuletzt ging sie vorsichtig zu Felix, kniete neben den +Schläfer hin, beugte ihr bleiches Gesicht über ihn und küßte ihn leise +auf die Stirn. Felix rührte sich nicht. Da ging Fräulein Erhardt +gesenkten Hauptes zurück und legte sich endlich zur Ruhe. + +Als sie am Morgen aufwachte, war Felix fort. Sie sprang schnell auf und +brachte ihre zerdrückten Kleider, so gut es sich machen ließ, in +Ordnung. Felix kam erst nach einer Stunde. Er war beim Flusse gewesen +und hatte Wasser geholt. Er setzte das Wasser über den Spirituskocher +und sagte: + +»Wissen Sie, was ich herausgefunden habe, Fräulein Erhardt? Wir sind vom +Wege ein tüchtiges Stück nach links abgekommen. Die Spalten, von denen +Paul mir erzählt hat, habe ich sehn können, wie ich zum Fluß ging. Hier +ist sicher überhaupt noch nie ein Mensch gewesen. Am liebsten möchte ich +die Spalten in Frieden lassen und noch weiter nach links, also nach +Süden, gehn.« + +Er stürzte in großer Hast seinen Tee hinunter und ging dann zum nächsten +Hügel, wo er eine mächtige Steinpyramide errichtete. + +»So, jetzt können wir unsere Sachen immer wieder finden«, sagte er. +»Sind Sie fertig?« + +Fräulein Erhardt war fertig und bereit, ihm zu folgen. + +Sie gingen an der Felswand entlang und kamen nach einer halben Stunde an +eine Geröllhalde. Hier stiegen sie höher hinauf, bis sie an einen Absatz +kamen, von dem aus sie Umschau halten wollten. Aber sie konnten nicht +weit sehen; hätten sie nicht gewußt, daß sie sich am Abhange des Vulkans +befanden, der sich hoch über die Ebene reckte - hier hätten sie es nicht +feststellen können, denn an allen Seiten sahen sie nur ein Gewirr von +Felsen und Schutthügeln, das jede Aussicht versperrte. Nur an einem +einzigen Punkte, gerade zwischen zwei Basaltfelsen, konnten sie die +Ebene und sogar ein Streifchen des hellschimmernden Meeres sehn. + +Sie gingen weiter; Felix immer zwanzig Schritte voraus. Das Gefälle war +jetzt viel geringer, und das Geröll wurde oft durch Strecken von +graublauem Sande und Lehm unterbrochen, aus dem oft kleine Quellen +entsprangen, die aber alle bald wieder im Gerölle verschwanden. +Plötzlich schrie Felix leicht auf: er war mit dem einen Bein bis zum +Knie in ein Schlammloch gesunken. Fräulein Erhardt eilte erbleichend zu +ihm, aber er hatte sich schon wieder beruhigt und zeigte ihr lachend das +schmutzige Bein und das Loch, in dem sich jetzt gurgelnd trübes Wasser +ansammelte. Aber Felix war durch den Vorfall vorsichtiger geworden; er +umging die immer häufiger auftretenden feuchten, dunklen Strecken, bis +sie endlich wieder auf festen Basaltgrund kamen. Hier sah Felix auf die +Uhr: sie waren schon drei Stunden ununterbrochen gestiegen. Dann setzte +er sich auf einen Stein, um Fräulein Erhardt zu erwarten, nahm sich +einen Stein und kratzte den Schmutz vom Strumpf und Stiefel. +Naserümpfend warf er den Stein fort, denn das Zeug hatte einen widrigen, +fauligen Geruch. + +Als Fräulein Erhardt neben ihm stand, reichte er ihr eine Tafel +Schokolade und rückte gleichzeitig etwas auf seinem Steine zur Seite, um +auch ihr Platz zu machen. Aber sie bemerkte es nicht; nachdenklich +knabberte sie an der Schokolade und blickte dabei vor sich auf den +Boden. + +Etwas gelangweilt und mißvergnügt sah Felix sie an; aber dann wurden +seine Züge plötzlich weich, und er wandte sich ab. + +»Sehen Sie doch, wie schön es hier ist«, sagte er und streckte die Hand +aus. + +Fräulein Erhardt sah erst ihn mit ihren großen, schwarzen Augen an, dann +drehte sie sich ganz langsam umher. Jetzt waren die Felsen, die ihnen +vorher den Blick versperrt hatten, tief unten versunken. Sie hoben sich +kaum merkbar über die Ebene, die breit und flach dort unten lag. Ein +schmales Silberband - der Fluß - zog sich in Windungen hindurch; dort +lag ein kleiner hell spiegelnder Fleck - das Staubecken, und hinten, +weit hinten, das Meer - + +Fräulein Erhardt hatte die Hand auf Felix' Schulter gelegt, und er +empfand wohlig den leichten Druck. Aber dann merkte er ihre Wärme durch +seine Kleider dringen, und das verursachte ihm ein unbehagliches Gefühl. +Er stand auf: + +»Wir haben keine Zeit, Fräulein Erhardt, wenn wir heute noch hinauf +wollen«, sagte er. + +»Dann lassen Sie uns weitergehn«, antwortete sie einfach und schlug die +Augen nieder. + +Sie stiegen weiter. Plötzlich blieb Felix stehen. + +»Riechen Sie nichts, Fräulein Erhardt?« fragte er. + +Sie sog die Luft ein: + +»Ja, das ist doch Meergeruch!« sagte sie erstaunt. + +Felix schüttelte den Kopf: + +»Ich finde es auch. Aber das ist doch ganz unmöglich. Wir sind doch ganz +weit vom Meere, und außerdem so hoch -« + +Aber je höher sie kamen, um so stärker wurde der unverkennbare +Tanggeruch. Außerdem waren immer wieder große, feuchte Lehmflecke +zwischen den Felsen. Um sie zu umgehn, mußten sie mehrmals an den +zackigen Felsen emporklettern. + +Auf einmal lag wieder die Spitze des Vulkans in ihrer bekannten Form vor +ihnen, nur daß sie jetzt in der Nähe scharf und zackig aussah. Aber +zwischen dem Vulkane und ihnen lag in einem langen und breiten Becken +grünlich und fett schimmernd ein großer See. Jetzt nach dem heißen +Sommer war der Wasserspiegel weit zurückgetreten, und die lehmigen Ufer +waren mit ungeheuren Massen von Tang und vertrockneten Algen bedeckt. + +Skelette von Fischen lagen zu Tausenden herum, ebenso die Reste von +großen Seesternen und Krebsen. + +Jetzt kam ein Windhauch und trieb Fräulein Erhardt und Felix den Gestank +ins Gesicht. Trotzdem machte sich Felix an den Abstieg, während Fräulein +Erhardt oben blieb. Sie sah ihm nach, wie er von Stein zu Stein +hinuntersprang und dann unten am Rande des Wassers entlang ging. Nach +einer Weile kam er, hochrot im Gesicht, den Abhang wieder +hinaufgestürmt. + +»Wissen Sie was, Fräulein Erhardt?« rief er, noch ganz atemlos. »Im +Wasser wimmelt es von Fischen und Krebsen! Es sieht genau so aus, wie in +der Irenenbucht.« + +Sie gingen einige Schritte zurück, so daß sie der Geruch nicht mehr so +belästigte. Dann fragte Fräulein Erhardt: + +»Wie wollen Sie diese sonderbare Erscheinung erklären, Herr von +Zeuthen?« + +Felix dachte nach. + +»Paul glaubt ja, daß die ganze Insel in etwas anderer Form schon früher +da war, untersank und dann jetzt bei der Bildung des großen Vulkans +wieder aufstieg. Es wäre ja möglich, daß wir hier den früheren Krater +vor uns haben, in dem sich unter dem Meere alle die Tiere und Pflanzen +angesiedelt haben. Wie die Insel aufstieg, hat sich diese ganze +abflußlose Schüssel mit ihrem ganzen Inhalte mit gehoben und bildet +jetzt tausend Meter über dem Meere einen Salzsee. Das muß ich Allan +erzählen, der wird gleich etwas großartiges daraus machen.« Und Felix +begann gleich Fräulein Erhardt großzügige Pläne zu entwickeln, wie man +durch eine regulierte Wasserzufuhr verhindern könnte, daß der Spiegel +sich in der Trockenheit senkte. Die konstante Höhe des Wassers wäre die +erste Grundlage für weitere Arbeiten. Dann müßte man Fische +hineinbringen, die sowohl im Meere wie in Flüssen leben könnten und die +sich dann dem langsamen, aber unvermeidlichen, allmählichen Salzverluste +des Wassers anpassen würden. Und ebensolche Pflanzen. Dann Vögel +herlocken, den überflüssigen Tang als Dünger für Anlagen verwenden - oh, +es würde schon alles gehn; Allan würde hier mitten in der Steinwüste ein +Paradies schaffen. + +Sie gingen weiter, des Geruches wegen immer so, daß ein Wall zwischen +ihnen und dem See lag. Zuweilen konnten sie es sich doch nicht versagen, +die paar Schritte hinaufzulaufen, um sich das Wasser wieder anzusehen, +das sich mehr und mehr zur Seite schob. Gleichzeitig versank die Spitze +des Vulkans wieder hinter vorspringenden Felsen. Nun konnten Fräulein +Erhardt und Felix wieder höher steigen, aber nur schräg aufwärts, so daß +sie immer mehr nach rechts gerieten. Jetzt befanden sie sich ungefähr +über ihrem Schlafplatze, eine halbe Stunde über der Quelle des Flusses +und dann über jenem Gewirre von Schluchten und Rissen. Der See war +vollkommen verschwunden. + +Plötzlich hielt Felix an; er faßte erregt Fräulein Erhardts Hand: + +»Sehn Sie dort unten, was ist jetzt das?« + +Fräulein Erhardt sah hin: in etwas geringerer Höhe, als in der, wo sie +standen, lagen rötlich-gelbe Erdwellen, aus denen Dampf entstieg, hier +als verteilter Dunst, dort in kleinen, festen Strahlen. + +»Wollen Sie hingehn?« fragte Fräulein Erhardt. + +»Natürlich, da müssen wir hin.« + +»Aber dann kommen wir heute nicht mehr auf den Vulkan.« + +»Dann gehn wir morgen hin. Wir haben ja Zeit. Aber das da muß ich +untersuchen.« + +Und er ging so schnell, lief lange Strecken, daß Fräulein Erhardt ihm +nicht zu folgen vermochte. Als sie erst die halbe Strecke zurückgelegt +hatte, kam ihr Felix schon wieder entgegen. + +»Sehen Sie, was ich hier habe!« rief er und zeigte ihr einige +grobkörnige, gelbliche Steinbrocken. + +»Ist das nicht Schwefel?« fragte sie erstaunt. + +»Ja, alle die gelben Hügel da unten bestehen aus Schwefelbrei und Lehm. +Man muß vorsichtig sein, daß man da nicht versinkt. Und überall sind +heiße Quellen, die entsetzlich nach Schwefelwasserstoff riechen. Gott, +wie schön ist das alles.« + +Fräulein Erhardt sah erst dem Knaben in das heiße, strahlende Gesicht +und wandte sich dann langsam ab. Sie ließ den Blick über die weite Ebene +schweifen, die, vom vielfach gewundenen Flusse durchzogen, dort unter +ihnen lag. Sie folgte mit dem Auge der großen Linie des Horizontes, wo +Meer und lichtblauer Himmel sich trafen, sie sah auf die starren +Steinblöcke um sich, sah die Spitze des Vulkans in die Höhe ragen - + +»Ist es nicht prachtvoll, daß es hier so etwas gibt?« sagte Felix +ungeduldig und etwas ärgerlich. + +Mit einem gütigen Lächeln wandte sie sich ihm zu. + +»Gewiß ist das schön«, sagte sie. »Glauben Sie, daß es eine praktische +Bedeutung hat?« + +Felix wurde eifrig. Natürlich müßte man hier Schwefelminen anlegen - + +Ob es ihm nicht leid täte, die Unberührtheit der Natur zu zerstören? Oh, +Allan würde es so machen, daß es eine Verschönerung, eine Funktion der +Natur würde, eine natürliche Fortentwicklung, wie das Wachsen des Mooses +auf den Felsen. + +»Allan und immer wieder Allan!« dachte Fräulein Erhardt und sah zu +Boden. »Hat er denn keinen Gedanken mehr für andere Menschen übrig?« + +»Was machen wir jetzt?« sagte Felix. »Auf die Spitze können wir nicht +mehr kommen. Es ist ja schon vier Uhr. Wir können noch gerade vor der +Dunkelheit unten sein. Dann haben wir aber morgen wieder dieselbe +Geschichte. Ich glaube, es wäre am vernünftigsten, einfach hier zu +übernachten. Ich habe noch drei große Konservenbüchsen mit Fleisch und +eine ganze Masse Schokolade in meinem Rucksack. Damit können wir, wenn +wir etwas sparen, gut noch zwei Tage auskommen. + +Sobald wir dann wieder unten sind, können wir uns wieder satt essen. Was +meinen Sie dazu?« + +Fräulein Erhardt sah sich um und suchte sich vorzustellen, wie man hier +auf den nackten Steinen schlafen sollte. + +»Ja«, sagte sie etwas zögernd. + +»Gut, dann steigen wir jetzt noch so hoch wir können. Vielleicht können +wir dann schon morgen Abend wieder unten sein.« + +Sie stiegen noch zwei Stunden. Der Weg bot keine besonderen +Schwierigkeiten mehr, so daß sie im Gehen wirklich die immer großartiger +werdende Aussicht genießen konnten. + +Als sich die Sonne dem Horizonte näherte, sahen sie, daß sie nur noch +wenige Stunden bis zum Gipfel brauchen würden. Eine kleine Terrasse mit +Lehmboden und einem kleinen Wässerchen wählten sie als Schlafplatz. +Felix knöpfte seine Jacke zu, steckte die Hände in die Hosentaschen, +wünschte Fräulein Erhardt eine gute Nacht und schloß die Augen. Sie sah +ihn mit ihren großen Augen an, sah im rasch fortschreitenden Dunkel +seine Knabengestalt undeutlicher und undeutlicher werden. Sie fröstelte, +sie zitterte; Angst und Sehnsucht überfielen sie. Mit einem Aufschrei +warf sie sich auf den Schläfer und küßte ihm Augen und Mund. + +Felix erwachte wieder, machte eine Bewegung, wie um sie abzuschütteln +und zog sie dann tief aufatmend an sich. + + + + +Die Nachricht von Felix' Entdeckungen erweckte naturgemäß großes +Interesse in der Stadt. Paul Seebeck schlug ihm vor, er solle im +Volkshause einen Vortrag über seine Reise mit Fräulein Erhardt halten; +aber dazu ließ sich Felix nicht bereit finden. + +»Ich habe die Sache schon so oft erzählt; ich kann sie nicht noch einmal +erzählen«, sagte er. + +Dabei hatte er sie mit allen Einzelheiten - doch nicht denen rein +persönlicher Natur - und allen seinen Gedanken, die sich an das +Geschehene knüpften, nur einem Einzigen ordentlich erzählt, und das war +Edgar Allan. Und wenige Tage darauf - der Architekt hatte nur einige +dringende Arbeiten fertig gemacht - ritten er und Felix, trotz des +feinen, aber ständigen Regens, der die Regenzeit einleitete, zum +Vulkane. + +Als sie nach einigen Tagen zurückgekehrt waren, bewahrten sie absolutes +Stillschweigen über die Resultate ihrer genauen Untersuchungen. Aber die +beiden, der Mann und der Knabe, saßen täglich stundenlang zusammen. + +Erst nach zwei Wochen waren sie so weit, daß sie die Vorsteher ins +Vertrauen zogen, und gleichzeitig erschien eine kleine Notiz in der +»Inselzeitung« des Inhalts, daß sich die Schwefellager als abbauwert +erwiesen hätten. + +In der nächsten Monatsversammlung der Gemeinschaft legte dann Jakob +Silberland die von Edgar Allan und Felix ausgearbeiteten und von der +Vorsteherschaft gutgeheißenen Pläne vor. Es handelte sich um nichts +weniger, als die Errichtung einer zweiten Stadt dort auf halber Höhe des +Vulkans; einer Stadt, die sich gleicherweise um das Schwefelgebiet wie +den See gruppieren sollte. Die Schwefelminen sollten abgebaut, die +Quellen aber zu Heilzwecken verwendet werden. Am Seeufer sollten die +Wohnhäuser liegen. Otto Meyer verteilte Vervielfältigungen von Edgar +Allans Skizze, aus denen in großen Zügen die geplante Verbindung von +Minenstadt und Bade- und Luftkurort zu ersehen war. + +Die Kredite, die zur Durchführung notwendig waren, waren nicht groß; +Edgar Allan verlangte nur die Anlage einer für Lastautomobile fahrbaren +Straße zum Vulkane und die Anschaffung der wenigen Maschinen, die zur +Hebung des fast an der Oberfläche liegenden Schwefels dienen sollten. +Die späteren Anlagen sollten aus der Hälfte der Erträgnisse der +Schwefelminen bestritten werden, wobei die andere Hälfte der +Gemeinschaft zufallen sollte. Und diese Kredite wurden natürlich ohne +Widerspruch bewilligt. + +Darauf bat Jakob Silberland um Urlaub aus seinem Amte bis zur nächsten +Jahresversammlung, wo er sich über die endgiltige Niederlage seines +Mandats entscheiden würde. Vorläufig wollte er die geschäftliche Leitung +des neuen Unternehmens übernehmen. Der erbetene Urlaub wurde ihm +gewährt, und als sein Stellvertreter wurde der durch Zuruf +vorgeschlagene Herr de la Rouvière gewählt, der die Wahl mit einigen +Dankesworten annahm. + + + + +Dr. Jakob Silberland hatte Otto Meyer aufgesucht, mit dem er ein +Gesetzbuch für die Gemeinschaft auf der Schildkröteninsel entwarf, und +jetzt standen sie von ihrer Arbeit auf. Der Nationalökonom reckte sich +und sagte: + +»Sie sind eigentlich der Einzige hier, der eine wirklich gemütliche +Wohnung hat; Ihre wunderschönen, orientalischen Teppiche und die dunklen +Möbel -« + +»Na, wissen Sie was, Doktor. Die schöne Frau wohnt doch noch ganz +anders.« + +Jakob Silberland zuckte die Achseln: + +»Weiß nicht. Sie hat ja alles sehr nett und sehr geschmackvoll +eingerichtet, aber ich kann bei ihr nun mal nicht warm werden. Ich +glaube, sie hat zu viel Luft in ihren Zimmern.« + +Der lange, blonde, jüdische Referendar lachte: + +»Ja, da haben Sie wieder mal recht; nichts auf der Welt macht eine +Wohnung so gemütlich, wie Staub und alter Tabaksrauch - ein Lehrsatz, +den man übrigens auch gut und gern auf die große Welt übertragen kann. +Finden Sie es vielleicht hier in unserem reinlichen und korrekten Staat +gemütlich? Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich mich zuweilen +nach den ehrwürdigen, europäischen Spinngeweben sehne.« + +Jakob Silberland war ernst geworden; er dachte einen Augenblick nach, +dann sagte er eifrig: + +»Sie können nicht so die Parallele zwischen Zimmer und Welt ziehen. Was +im Zimmer erlaubt ist, kann draußen ein Verbrechen sein. Im Gegenteil +fürchte ich, daß wir schon einige Spinnen hier haben, und wir müssen für +einen kräftigen Besen sorgen, um die Gewebe wegzufegen.« + +Otto Meyer klopfte ihm auf die Schulter: + +»Nehmen Sie die Geschichte nicht so tragisch. So war es nicht gemeint.« + +»Das weiß ich schon; Sie wollten nur einen Witz machen. Aber gerade im +Witze sagt man oft Dinge, die man sonst nicht auszusprechen wagt.« + +»Aber liebster Doktor, Sie brauchen meine Worte nicht als Bibelweisheit +aufzufassen. Ich kann Ihnen versichern, daß ich kein Philosoph bin.« + +»Gerade deshalb - Halloh!« + +Es hatte geklingelt und Melchior war eingetreten. Er war augenscheinlich +ohne Mantel gekommen, denn er triefte von Wasser. + +»Guten Tag, Herr wissenschaftlich gebildeter Bauarbeiter!« Mit diesen +Worten begrüßte ihn Otto Meyer und schüttelte ihm die Hand. + +»Störe ich?« fragte Melchior und blieb an der Türe stehen. + +»Durchaus nicht«, sagte Jakob Silberland und ging auf ihn zu. »Im +Gegenteil, Sie sind uns sehr willkommen. Nachher kommt auch Seebeck. Wir +wollten später zu Ihnen gehn; wir haben Wichtiges mit Ihnen zu +besprechen.« + +»Einen Augenblick«, sagte Otto Meyer und ging in sein Schlafzimmer, aus +dem er mit einem großen, rosa Bademantel zurückkehrte, den er mit +ernsthaftem Gesicht um Melchiors Schultern hängte. Er stülpte ihm auch +die Kapuze über den Kopf. + +»So«, sagte er, »jetzt werden Sie sich nicht erkälten.« + +Melchior ließ sich alles ruhig gefallen. Er setzte sich, und seine +heißen, tiefliegenden Augen wanderten zwischen den Beiden hin und her. + +»Was wollen Sie von mir?« fragte er. + +Otto Meyer zog die Hängelampe herunter, nahm Kuppel und Zylinder ab, +putzte den Docht und zündete ihn dann an. Dabei sagte er: + +»Ich soll ein neues Amt übernehmen, und da wollten wir Sie fragen, ob +Sie an meine Stelle rücken wollten.« + +Melchior schüttelte langsam den Kopf: + +»Das geht nicht«, sagte er, »das wissen Sie ja.« + +»Hören Sie mal«, sagte Jakob Silberland. »Wir wissen ja alle, aus +welchen Motiven Sie bisher die Übernahme eines Amtes abgelehnt haben und +einfacher Arbeiter geblieben sind. Sie wollten Studien machen und dabei +Ihrem Studienobjekte so nah wie möglich sein. Das ist nicht nur +verständlich, sondern sogar sehr vernünftig. Jetzt liegen sie aber so, +daß wir Ihre Mitarbeit brauchen, dringend brauchen, und deshalb bitten +wir Sie, aus dem Zuschauerraum auf die Bühne zu steigen.« + +Melchior schüttelte den Kopf: + +»Wir gingen von der Voraussetzung aus, daß alle Arbeit gleichwertig sei; +deshalb muß es gleichgiltig sein, ob ich Vorsteher der Gemeinschaft oder +Maurer bin.« + +»Nein, da irren Sie sich gewaltig«, sagte Jakob Silberland mit +hochgezogenen Brauen und ging nervös im Zimmer auf und ab. »Allerdings +betrachten wir alle Arbeit als gleichwertig, was sich schon darin +äußert, daß alle Arbeiter den gleichen Lohn beziehen. Doch ist dabei +selbstverständliche Voraussetzung, daß jeder an dem richtigen Platze +steht. Es ist eine doppelte Verschwendung menschlicher Energie, den +geistigen Arbeiter an die körperliche Arbeit zu stellen, die er doch +nicht so versehen kann, wie der Muskelmensch. Das ist doch die Grundlage +einer jeden vernünftigen Gesellschaftsordnung, daß jeder ganz genau die +Arbeit tut, zu der er am besten geeignet ist. Das ist doch gerade der +Wahnsinn der üblichen Gesellschaftsordnungen, daß die Angehörigen +gewisser Familien geistige Berufe ergreifen müssen, wenn sie auch +tausendmal besser zu Handwerkern paßten, während der geborene geistige +Arbeiter aus der Unterklasse nur in Ausnahmefällen auf den ihm seiner +natürlichen Anlage nach zukommenden Platz kommt.« + +Melchior war aufgesprungen. Erregt wollte er seinen Arm ausstrecken, +aber der verfing sich in den Falten des Bademantels, ein Vorgang, der +Otto Meyer ein Schmunzeln entlockte. Er verbiß es aber und sagte: + +»Und dann noch eins, Herr Melchior: Sie haben ja Ihr berühmtes Problem, +auf dessen Lösung wir alle gespannt sind. Schaun Sie mal, bis jetzt +haben Sie die Geschichte von unten angesehn, wie wäre es, wenn Sie sie +auch einmal von oben ansähen? Glauben Sie nicht, daß Ihnen dann manche +Dinge klarer würden? Das wäre doch auch ein Gesichtspunkt, nicht wahr?« + +Melchior hatte den Bademantel abgestreift. + +»Oh Gott, oh Gott, was sagen Sie mir da alles, darüber werde ich +nachdenken. Aber ich glaube, Sie haben Recht, meine Herren.« + +»Na also«, sagte Otto Meyer und unterdrückte ein Gähnen. + +Melchior war dicht an ihn herangetreten. + +»Aber ich begreife die Menschen noch nicht, mit denen ich jetzt +jahrelang tagtäglich zusammenarbeite. Wäre es nicht besser, solange bei +ihnen zu bleiben, bis ich wirklich die Gesetze ihres Lebens kennte?« + +Otto Meyer machte ein nachdenkliches Gesicht: + +»Vielleicht, ja wahrscheinlich, werden Sie die Sache dann gerade besser +verstehen können, wenn Sie etwas Abstand gewinnen. Sie können ja dann +später mit neuen Gesichtspunkten an dieselben Probleme gehen.« + +Melchior setzte sich wieder und starrte vor sich hin. Dann hob er die +Augen und sah den blonden Juden an. + +»Sehen Sie, Herr Referendar«, sagte er langsam, »deswegen kam ich zu +Ihnen. Ich wollte Sie um Ihre Meinung fragen. Sie erinnern sich doch +gewiß noch an jene Gespräche, besonders an das letzte, wo Herr Edgar +Allan seine Theorie vortrug. Sie haben natürlich auch darüber +nachgedacht. Sehen Sie, die eine, sehr interessante Frage, weshalb man +die staatlichen Formen im weitesten Sinne, das, was Herr Edgar Allan +kurz die Begriffe nennt, sowohl als fortgeschrittener, wie auch als +zurückgebliebener in bezug auf den tatsächlichen Zustand der Menschheit +ansehen könnte, möchte ich beiseite lassen. Denn mir scheint - ich bitte +Sie, passen Sie auf, meine Herren - daß jene Begriffe mit den Gesetzen, +nach denen die Menschheit tatsächlich lebt und sich entwickelt, +überhaupt nichts zu tun haben.« + +»Donnerwetter!« rief Jakob Silberland und fuhr sich mit der Hand durch +das lange, blauschwarze Haar. + +»Herr Doktor Silberland, ich bitte Sie, sich folgendes zu überlegen: +stellen Sie sich doch eine chinesische Millionenstadt ohne Verwaltung, +ohne Gesetze und ohne Polizei vor, die trotzdem lebt, wie ein geordneter +Organismus lebt, nur durch die ungeschriebenen, inneren Gesetze +erhalten -« + +»Wie lange waren Sie in China, Herr Melchior?« fragte Otto Meyer +interessiert. + +»Ich? Ich war nie da, aber ich kann mir doch vorstellen, wie das ist.« + +»Hm. Ich meine, wenn Sie China nicht so genau kennen, es wäre doch +immerhin möglich, wenigstens denkbar, daß die chinesischen Städte auch +wie die unserigen eine geordnete Verwaltung hätten.« + +Melchior schwieg und dachte nach. Dann sagte er: + +»Aber dann denken Sie doch bitte an einen Ameisenhaufen, der doch wohl +die geordnetste Organisation auf der Welt darstellt - wo ist da +Verwaltung und Regierung? Und doch geht alles in der besten Ordnung.« + +Melchior sah, daß es um Otto Meyers Mund zuckte, und er fürchtete eine +indiskrete Frage nach dem Ursprung seiner Kenntnisse der Ameisen. +Deshalb fuhr er schnell fort: + +»Die Beispiele tun gar nichts zur Sache. Tag für Tag habe ich diese +ungeschriebenen Gesetze herausgefühlt und ich weiß, daß ich deshalb mit +meinen Arbeitskollegen keine wirkliche Fühlung gewinnen konnte, weil ich +diese instinktiven Gesetze intellektuell suchte.« + +»Sie suchen Probleme, wo es keine gibt«, sagte Jakob Silberland. »Die +ungeschriebenen Gesetze, die Sie sehr richtig als die instinktiven +bezeichnen, sind die, die sich aus den natürlichen, animalischen +Bedürfnissen des Menschen: Hunger, Liebestrieb und so weiter ergeben. +Die geschriebenen Gesetze dagegen stellen eine recht hilflose +Kodifikation dieser aus den animalischen Bedürfnissen im weitesten Sinne +sich ergebenden praktischen Folgerungen für die Sozietät dar, die immer +in ihrem tatsächlichen Zustande die genaueste Abwägung der realen +Stärke- und Bedürfnisverhältnisse darstellt. Die Gesetze hinken +natürlich immer nach. Und das ist ja unser Bestreben hier, so wenig wie +irgend möglich mit festen Gesetzen zu arbeiten, sondern alles so fluid +zu lassen, wie es geht. Gesetze stellen in ihrer starren Abstraktion +immer einen Fremdkörper im zuckenden, lebendigen Organismus der +menschlichen Gesellschaft dar.« + +Melchior ließ die Hand schlaff auf die Stuhllehne fallen: + +»Da sitzen wir wieder fest. Aber Dr. Allan scheint doch recht zu haben, +wenn er sagt, daß die Begriffe ein eigenes, lebensfremdes Dasein führen. +Und wie ist das möglich, daß sie gleichzeitig ein höheres und ein +tieferes Niveau als die Menschheit darstellen! In diesem Rätsel liegt +doch der Schlüssel zum Problem verborgen.« + +Otto Meyer räusperte sich: + +»Wahrscheinlich ist die Sache einfach so, daß man sie, von zwei +verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtend, verschieden sieht. Vom +Tale aus gesehen sind sie hoch, vom Berge aus erscheinen sie tief, weil +sie eben auf halber Höhe liegen.« + +Melchior sprang auf. Seine Augen waren aufgerissen: + +»Ich bitte Sie, mehr! Wie ist Ihr Gedankengang?« + +Otto Meyer lachte: + +»Um Gotteswillen beruhigen Sie sich. Ich habe gar keinen Gedankengang. +Ich meinte nur ganz harmlos, daß wenn Sie behaupten, daß der Teppich +grün ist, Silberland ihn dagegen für gelb hält, er vermutlich auf der +einen Seite grün und auf der anderen gelb ist.« + +Melchior sah ihn verständnislos an; dann sank er gleichsam in sich +zusammen. Nach einer Weile sagte er leise: + +»Ich weiß, daß Sie mich verspotten, und doch haben Sie mir damit +geholfen. Ich sehe jetzt wieder den Weg vor mir. Ich danke Ihnen.« + +»Bitte, bitte, gern geschehen«, sagte Otto Meyer und stand auf. Er hatte +draußen Schritte gehört. Es war Paul Seebeck. + +»Ah, Melchior, Sie«, sagte er eintretend. »Schön, daß ich Sie hier +treffe. Dann können wir die Sache ja gleich besprechen. Ich habe nämlich +fast gar keine Zeit. - Grüß Gott, Jakob.« + +»Wir haben Herrn Melchior schon die Sache vorgetragen; er ist auch +einverstanden«, erklärte Jakob Silberland. + +»So? Schön. Es handelt sich also darum«, sagte Paul Seebeck, sich +setzend, »daß das bisherige Verfahren, bei dem alle Streitigkeiten von +der Monatsversammlung geschlichtet werden, auf die Dauer nicht +durchführbar ist. In Zukunft soll die Monatsversammlung nur noch +Berufungsinstanz sein, vielleicht sogar erst dritte Instanz. Zunächst +sollen alle Sachen jedenfalls von einem Richter entschieden werden, vor +allem die reinen Bagatellsachen. Ob wir als nächste Instanz die +Vorstandschaft nehmen, oder gleich die Monatsversammlung, müssen wir uns +noch überlegen. Praktisch kommt es ja auf dasselbe hinaus, da die +Versammlung ja fast immer gemäß den Vorschlägen der Vorstandschaft +beschließt. Na, wir werden sehen, wie sich das am besten formulieren +läßt. Jedenfalls soll Otto Meyer der Richter sein. Und Sie würden wir +bitten, seine Stellung zu übernehmen. Wenn Sie einverstanden sind, würde +ich Ihnen vorschlagen, bis zur nächsten Jahresversammlung als Otto +Meyers Gehilfe zu arbeiten, um mit den Geschäften vertraut zu werden. +Auf der Jahresversammlung lassen wir dann entsprechend beschließen. Die +Sache wird uns natürlich ohne weiteres genehmigt; die Leute sind ja nur +froh, wenn wir ihnen wieder ein Stück Denkarbeit abnehmen. Sind Sie +einverstanden?« + +»Ja, Herr Seebeck, ich würde ja gern ein Amt übernehmen, seitdem ich +eingesehen habe, daß meine Anschauungen einseitig bleiben müssen, +solange ich nur einfacher Arbeiter bin. Aber hinter dem, was Sie jetzt +sagten, liegt noch so viel verborgen, was ich erst durchdenken muß. +Wollen Sie mir nicht einige Tage Bedenkzeit lassen?« + +»Ich kann es nicht, lieber Melchior. Es ist unmöglich. Ich habe alles +aufs Genaueste durchdacht und weiß, daß es richtig ist. Ich bitte Sie, +sich jetzt sofort zu entscheiden.« Seebeck hatte seine Augen kalt und +streng auf Melchior gerichtet, und dieser krümmte sich unter dem Blick. +Endlich sagte er: + +»Herr Seebeck, ich vertraute Ihnen, als ich hierherkam. Ich tue es auch +jetzt noch, obgleich ich Sie nicht mehr verstehe. Ich nehme Ihren +Vorschlag an.« + +»Ich danke Ihnen«, sagte Seebeck aufstehend. »Aber jetzt muß ich wieder +an meine Arbeit.« + +Er ging aber nicht nach Hause, sondern an den Strand. Dort saß er, trotz +des strömenden Regens, lange auf einem Steine und sah zu, wie ein Licht +nach dem andern erlosch. Zuletzt auch die Straßenlaternen. Da erhob er +sich, und der große, starke Mann ging langsam, mit schleppenden +Schritten wie ein Kranker, die Straße hinauf. Vor Frau von Zeuthens Haus +blieb er stehen; nur die verhängten Fenster ihres Schlafzimmers waren +erleuchtet. Wie er weitergehen wollte, hörte er bei ihrer Haustüre ein +Geräusch. Schnell trat er etwas zur Seite und sah hin. Die Tür wurde +geöffnet, und eine dunkle Gestalt trat heraus, sah sich scheu um und +kam dann mit seltsamen Schritten näher. Paul Seebeck sah den kurzen +Oberleib mit den langen Armen. Kein Zweifel: es war der Krüppel. + +Das Licht in Frau von Zeuthens Schlafzimmer erlosch. + +Paul Seebeck ließ Herrn de la Rouvière vorbei gehen und im Dunkel +verschwinden. Dann richtete er sich stramm auf, biß die Zähne zusammen +und ging nach Hause. + +Auf seinem Schreibtisch stand Frau von Zeuthens Bild; er nahm es, sah +ihm lange in die Augen, küßte es und setzte sich dann an seine Arbeit. + + + + +Schon als die Schwefelquellen erst notdürftig eingefaßt waren, und die +ersten Baracken am See standen, bildete der »Vulkan«, wie die +entstehende Stadt kurz genannt wurde, einen beliebten Ausflugsort. Die +schweren Lastautomobile waren auch zur Mitnahme einiger Personen +eingerichtet, aber das genügte bald nicht mehr. Sobald die Straße +gebrauchsfertig war, ließ Jakob Silberland als Geschäftsführer einige +Personenautomobile kommen, die den täglich anwachsenden Verkehr kaum zu +bewältigen vermochten. Natürlich war es unmöglich, in der Schnelligkeit +genügende Unterkunftshäuser zu schaffen, aber da fand Edgar Allan einen +Ausweg. In den Schluchten am Fuße des Vulkans ließen sich mit ganz +geringer Mühe mit Hilfe von Segeltuchdächern und Fußmatten Wohnstätten +improvisieren, die im warmen, regenlosen Sommer ausreichten. + +Es kamen auch Fremde zum »Vulkan«; die Durchreisenden, die oft einige +Tage oder Wochen auf der in Deutschland natürlich vielbesprochenen +Schildkröteninsel verweilten, versäumten nicht, die neuentstandene +zweite Stadt zu besuchen, und nachdem erst die großen Schwefelbäder in +ordnungsmäßen Betrieb gesetzt worden waren, wurden sie nicht zum +geringsten Teil von den Besuchern der Insel benutzt. + +Einer der ersten Besucher war übrigens ein Herr von Hahnemann, ein bei +Neu-Guinea stationierter Marineoffizier, der auf der Schildkröteninsel +seinen Urlaub verbrachte. Dieser Herr von Hahnemann fiel eigentlich +besonders durch seine Wißbegierde auf; man sah ihn oft stundenlang mit +einfachen Arbeitern im Gespräch. Auch hatte er bei den Vorstehern und +einigen anderen hervortretenden Persönlichkeiten, wie Nechlidow, Herren +de la Rouvière und Frau von Zeuthen Besuche gemacht und wurde auch von +diesen gelegentlich eingeladen. + +Einige Tage vor seiner Abreise kam Herr von Hahnemann zu Paul Seebeck, +um sich zu verabschieden. Paul Seebeck empfing ihn, wie er schon so +manchen derartigen Besucher empfangen hatte, mit dem sehnlichen Wunsche, +daß dieser ihn bald wieder allein ließe. Da Herr von Hahnemann aber +blieb, fragte er ihn nach Verlauf einer Stunde: + +»Haben Sie vielleicht ein besonderes Anliegen? Wenn ich Ihnen irgend +eine besondere Aufklärung geben könnte -?« + +»Sie sind außerordentlich liebenswürdig«, antwortete der Offizier mit +einer leichten Verbeugung. »Entschuldigen Sie die etwas indiskrete +Frage mit meinem großen Interesse: wie denken Sie sich die Zukunft, Herr +Seebeck?« + +Paul Seebeck sah ihn zweifelnd an. Dann stand er auf und ging zum +Fenster. + +»Ich verstehe Ihre Frage nicht recht. Wir werden so weiterarbeiten wie +bisher.« Und dabei sah er seinem Besucher gerade in die Augen. + +»Pardon, gewiß. Ich meinte aber, wie denken Sie sich in Zukunft Ihre +persönliche Stellung zu der Sache?« + +»Solange ich das Vertrauen der Mehrheit habe«, sagte Paul Seebeck +ziemlich schroff, »bleibe ich hier auf meinem Posten.« + +Herr von Hahnemann stand auf: + +»Aber die haben Sie ja nicht mehr. Auf der letzten Jahresversammlung +sind Sie von einer Minorität nur deshalb gewählt worden, weil sich die +oppositionellen Stimmen auf zwei Kandidaten verteilten.« + +»Herr von Hahnemann«, sagte Seebeck und trat dicht vor ihn hin. »Ich bin +ordnungsgemäß gewählt worden, und damit ist dieser Punkt erledigt. Im +Übrigen bedauere ich, mich mit einem Außenstehenden nicht über innere +Verhältnisse unserer Gemeinschaft aussprechen zu können.« + +»Herr Seebeck, ich verstehe Ihre Erregung über meine taktlosen Fragen +durchaus. Ich möchte Sie aber darauf aufmerksam machen, daß ich - nicht +nur als Privatmann hier bin.« + +Seebeck setzte sich an seinen Schreibtisch und fragte ganz ruhig: + +»Sie sind im Auftrage der Reichsregierung hier?« + +»Ja«, sagte Herr von Hahnemann. »Es war eine Klage eingelaufen, und ich +wurde hierher geschickt, um ihre Grundlagen zu prüfen. Zu meinem +Bedauern fand ich sie bestätigt.« + +»Darf ich Sie fragen, wer außer Nechlidow die Klage unterzeichnet hat, +deren Inhalt ich mir denken kann«, fragte Paul Seebeck zwischen den +Zähnen. + +»Ich bedaure, Ihnen darauf die Antwort verweigern zu müssen. Sie sagen +selbst, daß Sie sich den Inhalt der Klageschrift denken können, damit +erübrigt sich, auf die einzelnen Punkte einzugehn. Ich bin völlig +unbefangen hierhergekommen und habe alles mit eigenen Augen geprüft, +besonders das Protokoll jener Sitzung. Da ich mich leider von der +Stichhaltigkeit jener Klage überzeugen mußte, sehe ich mich zu meinem +Bedauern genötigt, von meinen Vollmachten Gebrauch zu machen. Sie müssen +die Reichsregierung verstehen, Herr Seebeck. Wenn hier nur einige +Idealisten auf einem unfruchtbaren Felseneilande säßen, könnte man sie +ja in Gottes Namen machen lassen, was sie wollten, und ihre Experimente +mit Wohlwollen und Interesse betrachten. Da es sich jetzt aber schon um +Hunderte handelt, die Zahl der Ansiedler wahrscheinlich noch bedeutend +steigen wird, und ferner das Interesse des Reichs an diesem Teile seines +Kolonialbesitzes durch die Schwefelfunde noch erhöht ist, ist es nicht +nur das gute Recht, sondern die Pflicht des Reiches, hier absolut +korrekte Zustände zu schaffen.« + +Er machte eine Pause, als erwartete er eine Antwort; aber Paul Seebeck +sagte nichts, sah ihm nur ruhig ins Gesicht. Der Offizier wurde nervös +unter diesem Blicke; er holte aus seiner Brusttasche einige Papiere, +sowie ein kleines Etui hervor. + +»Herr Seebeck, auch für den Fall, daß sich jene Klage als stichhaltig +erweisen sollte, will die Reichsregierung in Anbetracht Ihrer +unbestreitbaren großen Verdienste Ihnen auch nur den Schatten einer +Demütigung ersparen. Sie verlangt nichts, als daß Sie Ihr Mandat als +Reichskommissar niederlegen, und wird dann von sich aus einen neuen +ernennen. Was wir gesprochen haben, bleibt unter uns. Und hier haben Sie +noch einen ausdrücklichen Gnadenbeweis.« Dabei legte er das kleine Etui +auf den Schreibtisch. + +»Das Ding enthält vermutlich einen Orden«, sagte Paul Seebeck +aufstehend. »Bitte stecken Sie ihn wieder ein. Wollen Sie so +liebenswürdig sein, mir eine Frage zu beantworten: Was wird geschehen +wenn ich mich jetzt weigere, das Reichskommissariat freiwillig +niederzulegen?« + +Der Offizier war aufgesprungen: + +»Überlegen Sie sich, was Sie sagen.« + +»Ich habe es mir überlegt.« + +»Das ist ein Affront.« + +Seebeck zuckte die Achseln: + +»Nicht gegen Sie, verehrter Herr von Hahnemann. Sie sind ja nur +Werkzeug. Sie spielen in einer Komödie mit, glauben Regisseur zu sein +und sind nur Puppe. Soll ich Ihnen sagen, weshalb ich gehen soll? Nicht, +weil es hier schlecht geht, nicht weil ich meine Stellung mißbraucht +habe, sondern weil alles gut geht, besser geht, als es sich die Herren +dort in Berlin je träumen ließen. Weil wir mit unserer Arbeit vorwärts +kommen. Wir haben hier etwas Brauchbares geschaffen, haben die +Durchführbarkeit gewisser Utopieen erwiesen, und das ist der springende +Punkt. Alles andere ist ja nur Vorwand. Einige kleine Schwierigkeiten, +die die Durchführung einer großen Sache naturgemäß mit sich führt, die +Nörgeleien und Quertreibereien irgendwelcher Personen, die gar nicht +verstehen, worum es sich hier handelt, geben den bequemen Vorwand, um +alles zu vernichten. Ein Reichskommissar aus Berlin hier, hier in meinem +Werke! Nein mein Freund. Nehmen Sie Ihr Ding da mit und schämen Sie +sich, bei einer so unwürdigen Komödie mitzuwirken. Erzählen Sie den +Herren in Berlin, daß Paul Seebeck nicht für einen lausigen Orden sein +Lebenswerk verkauft. Das Reichskommissariat lege ich nicht nieder.« + +»Ich will - durchaus gegen meine Gewohnheit - die Spitze überhört haben, +die meine Person betrifft, um die unerhörte Beschuldigung +zurückzuweisen, die Sie gegen die Reichsregierung gerichtet haben. Sie +fühlen sich in einer schwachen Position und sehen deshalb voll +ungerechtfertigter Bitterkeit auf alle anderen. Überlegen Sie sich doch: +die Reichsregierung hat Sie mit dem größten Wohlwollen behandelt; was +soll die Regierung aber anders tun, als Ihnen in schonendster Form den +Abschied nahezulegen, wenn sich die Mehrzahl Ihrer eigenen Bürger gegen +Sie erklärt? Und mehr, wenn die Klage sich als berechtigt erweist? Sie +selbst tragen allein Schuld an dieser Wendung der Dinge, jetzt müssen +Sie auch die Konsequenzen ziehen. Legen Sie das Reichskommissariat +nieder!« + +»Ich tue es nicht!« + +»Dann wird man Sie dazu zwingen!« + +»Versuchen Sie es!« sagte Paul Seebeck und ging in sein Schlafzimmer, +dessen Tür er hinter sich zuschlug. + + + + +Sobald die »Prinzessin Irene« mit Herrn von Hahnemann an Bord die Anker +gelichtet hatte, berief Paul Seebeck die Vorsteher der Gemeinschaft zu +sich und zwar die offiziellen Inhaber der Ämter, nicht ihre ständigen +Stellvertreter. Das war auffällig, denn die ständigen Stellvertreter, +wie zum Beispiele Herr de la Rouvière, pflegten sonst immer zu den +Sitzungen zugezogen zu werden. Paul Seebeck schickte auch Fräulein +Erhardt fort, die gewöhnlich bei den Sitzungen das Protokoll geführt +hatte, und schloß aufs Sorgfältigste alle Türen und Fenster seines +Arbeitszimmers. Seine Freunde sahen erstaunt seinem Tun zu; als er ihnen +aber dann seine Unterredung mit Herrn von Hahnemann erzählt hatte, die +schon drei Tage zurücklag, über die beide Teilnehmer aber bisher +völliges Stillschweigen bewahrt hatten, begriffen sie ihn. Ein langes +Schweigen folgte seinem Berichte. + +Als erster ergriff Herr von Rochow das Wort: + +»Man kann Nechlidow nicht einmal einen Vorwurf machen; er hat nur aus +den reinsten Motiven heraus gehandelt, freilich ohne die Tragweite +seines Vorgehens auch nur im Entferntesten zu übersehen.« + +»Ach wissen Sie was, Herr von Rochow«, unterbrach ihn Paul Seebeck +müde, »es mußte einmal so kommen. Ob Nechlidow oder ein anderer nun den +entscheidenden Schritt tat. Aber bei Gott«, rief er aufstehend, »ich +lasse mir mein Werk nicht zerstören. Und was würde es helfen, daß die +Leute einen von unseren Leuten zum Kommissar machen; sie werden schon +dafür sorgen, daß es ein richtiger Eunuche ist, der ihren Willen tut. +Was eine unfähige Verwaltung aus lebenskräftigen Kolonien machen kann, +sieht man ja deutlich genug aus unseren afrikanischen Kolonien.« + +»Besonders, wenn man an die englischen Nachbarkolonien denkt«, sagte +Jakob Silberland. + +»Gehen wir doch zu England«, sagte Otto Meyer gemütlich; »die werden uns +schon in Frieden lassen; die Engländer wissen, daß die Kolonieen von +Männern gemacht werden und nicht von Korpsstudenten.« + +Seebeck sah ihn starr an. + +»Bitte«, sagte er. + +»Ich meine«, sagte Otto Meyer, »wir haben keinen Grund, das positive +Resultat unserer Arbeit zerstören zu lassen, bloß weil einige Geheimräte +im Kolonialamt Bauchschmerzen haben. Wenn die Deutschen eine anständige +Kolonie nicht haben können, erklären wir uns für autonom und lassen uns +dann von England annektieren. Sowas läßt sich doch machen, deswegen +braucht man doch nicht gleich tragisch zu werden.« + +»Das wäre Revolution«, sagte Hauptmann a. D. von Rochow ernst. + +Paul Seebeck dachte nach; dann fuhr er heftig auf: + +»Ist das unsere Schuld? Was gehen wir das Reich an? Wir haben den Leuten +nicht einen Pfennig gekostet; alles haben wir allein gemacht, mit +unserer Arbeit, unserem Gelde. Jetzt wo die Sache nahezu vollendet ist, +wollen sie es nicht etwa übernehmen, um es in unserem Sinne +fortzuführen, sondern sie wollen es zerstören. Ich bitte Sie, stellen +Sie sich doch hier einen Berliner Gouverneur vor! Oder noch schlimmer, +einen hiesigen Idioten, der die Puppe der Herren da oben ist! Aber das +erlaube ich nie! Vorläufig bin ich hier.« + +»Also, erwäge doch meinen Vorschlag. Ich glaube, das ist der einzige +Ausweg.« + +Jakob Silberland stand auf und trippelte auf seinen kurzen Beinchen im +Zimmer auf und ab: + +»Wir wollen doch zunächst mal überlegen, was jetzt geschehen wird. Vom +nächsten Hafen aus telegraphiert der Mann nach Berlin, daß Seebeck sich +weigert, freiwillig zurückzutreten; die Antwort lautet wahrscheinlich, +daß Herr von Hahnemann Vollmacht erhält, Seebeck abzusetzen, und +entweder er oder ein anderer wird vorläufig Reichskommissar hier, bis +sie den richtigen Idioten herausgefunden haben. Hahnemann kann vor einem +Monat überhaupt nicht wieder hier sein; das wäre das allerfrühste. +Vorläufig kann man Seebeck nichts tun. Daß er sich weigert, freiwillig +seinen Abschied zu nehmen, ist kein Verbrechen. Kritisch wird die Sache +erst, wenn ihm das Reichskommissariat entzogen wird, und er sich nicht +darum kümmert. Dann kommt ein Kriegsschiff und nimmt ihn als Aufrührer +mit. Bis dahin würde aber mindestens ein zweiter Monat vergehen. In +diesen zwei Monaten müßte alles entschieden sein; denn wenn wir offenen +Aufruhr begehen und uns nicht durchsetzen, sind wir verloren.« + +Seebeck hatte sich wieder gesetzt; ruhig sagte er: + +»Kinder, ihr beide wißt Bescheid im Staatsrecht. Existiert denn +überhaupt eine Möglichkeit, sich von England annektieren zu lassen?« + +»Gewiß, die Möglichkeit ist da. Einer von uns müßte mit dem nächsten +Schiffe nach Sidney und sehen, was er dort ausrichten kann«, sagte Jakob +Silberland eifrig. + +»Wenn Herr von Rochow als Fachmann mir helfen will, baue ich Ihnen in +sechs Wochen Befestigungen auf, die dem Kriegsschiff eine harte Nuß zu +knacken geben werden. Eine Landung zu verhindern, ist bei unserem Hafen +eine Kleinigkeit, einige Seeminen genügen«, fügte der hagere Architekt +hinzu. + +»Ich beschwöre Sie, meine Herren, überlegen Sie sich, was Sie tun +wollen! Revolution, Vaterlandsverrat!« rief Herr von Rochow. + +»Das Vaterland hat uns verraten, nicht wir das Vaterland«, sagte Paul +Seebeck scharf. »Aber ich will Sie zu nichts verleiten, was Ihrem +Gewissen widerspricht. Noch ist es Zeit für Sie alle, sich +zurückzuziehen. Ich aber bleibe hier ...« + +»Und ich bleibe bei Ihnen«, sagte Herr von Rochow und ergriff Seebecks +Hand. »Ich bleibe bei Ihnen, was auch kommen mag.« + +»Ich auch«, sagte Otto Meyer und zündete sich eine Zigarette an. + +»Wo bekommen wir aber das Geld her?« fragte Jakob Silberland. »Es +handelt sich doch jedenfalls um Hunderttausende.« + +»Wir müssen es uns natürlich ganz korrekt bewilligen lassen«, erklärte +Otto Meyer, »sonst wird die Sache zu deutlich. Wir sagen einfach, daß +bei der dauernden Spannung zwischen England und Deutschland die +Befestigung unvermeidlich ist. Und da wir ja leider Spione im Lande +haben, können wir sagen, daß die Bewahrung militärischer Geheimnisse in +einem kleinen Kreise - hier also in der Vorsteherschaft - eine absolute +Notwendigkeit ist. Übrigens wäre es am besten, in aller Heimlichkeit so +viel zu bauen, wie nur irgend geht und sich die Kredite nachträglich +bewilligen zu lassen. Denn wenn man draußen erfährt, daß wir +befestigten, wird das Kriegsschiff mit Windeseile angerannt kommen.« + +Paul Seebeck war ans Fenster getreten und blickte hinaus: + +»Schade, schade, daß es so kommen mußte.« sagte er. + +»Was brauchen wir eigentlich,« wandte sich Otto Meyer an Herrn von +Rochow, »eine Strandbatterie und -« + +Hauptmann a. D. von Rochow schüttelte den Kopf: + +»Eine Strandbatterie hat gar keinen Sinn; die schießt ein Kriegsschiff +in einer Viertelstunde zusammen. Nein, ein schweres Festungsgeschütz und +einige Maschinengewehre hier oben für alle Eventualitäten genügen. Das +Hauptgewicht müssen wir auf die Seeminen legen. Die natürlich mit +elektrischer Zündung von hier oben aus.« + +»Ist das nun alles eine Kette von Zufällen oder war es eine +Notwendigkeit? Mußte es so kommen?« sagte Seebeck, noch immer am Fenster +stehend und hinausblickend. + +»Zerbrich dir darüber nicht den Kopf«, sagte Otto Meyer und klopfte ihm +auf die Schulter, »die Probleme sind dem tüchtigen Melchior reserviert. +Wir können ja handeln, brauchen also nicht nachzudenken.« + +»Bravo!« rief Edgar Allan. + +Und dann begannen die Vorsteher der Gemeinschaft, die zu unternehmenden +Schritte bis in die kleinste Einzelheit zu beraten. Erst bei Tagesgrauen +trennten sie sich, und da war alles beschlossen. + + + + +Wie schon oft in der letzten Zeit holte Nechlidow seine junge Freundin +um fünf Uhr vom Kindergarten ab, nachdem Hedwig ihre kleinen Schützlinge +entlassen hatte. + +Die beiden gingen schweigend durch die lange, einreihige Fischerstraße +bis zur letzten Landspitze, die die bewohnte Bucht von der Irenenbucht +schied. + +»Wissen Sie, Hedwig, was Herr von Hahnemann mitgenommen hat?« fragte +Nechlidow, als sie dort auf einer gewaltigen Klippe saßen, »Paul +Seebecks Abschiedsgesuch.« + +Hedwig sah ihn erschreckt an: + +»Woher wissen Sie das?« + +»Ja, ich weiß es. Herr von Hahnemann war hier, um die Richtigkeit meiner +Klagen zu prüfen; er hat mir selbst gesagt, daß er sie in allen Punkten +berechtigt gefunden hätte. Ich sprach ihn, gerade als er zu Herrn +Seebeck hinaufgehen wollte. Ja, jetzt ist es mit Seebecks +Selbstherrschaft vorbei - jetzt werden wir die Sache wieder in Ordnung +bringen.« + +»Sind Sie ganz sicher, daß Sie Recht haben?« fragte Hedwig leise. + +»Seien Sie nicht traurig, liebe Hedwig. Es tut mir selbst um Seebeck +leid, denn ich achte ihn als Menschen. Aber die Sache geht vor. Und +Seebeck ist schwach, viel zu schwach, um sie durchzuführen. Seien Sie +aufrichtig, was ist von den Idealen übrig geblieben, mit denen wir +hierher kamen? Wodurch unterscheidet sich unsere »Gemeinschaft« von +irgend einem beliebigen Staate? Nur durch Phrasen. In Wirklichkeit ist +alles genau dasselbe. Sehen Sie, Hedwig, in jener entscheidenden Sitzung +in Berlin sagte ich zu Paul Seebeck, daß es nur ein Mittel gäbe, um +nicht in die Verlogenheit aller anderen Staaten hineinzugeraten, und daß +dieses das absolute Festhalten an der menschlichen Vernunft sei. Er gab +mir recht, er ist intelligent genug, das einzusehen, aber zu schwach, es +durchzuführen. Der Todfeind aller Kultur, aller Fortentwicklung der +Menschheit, die Sentimentalität liegt ihm so tief im Blute, daß sie +stärker als alle Vernunft ist. Hier brauchen wir Männer, klare, +vernünftige Männerköpfe, Kerle wie Herrn de la Rouvière, aber keine +träumerischen, weibischen Dichter wie Seebeck.« + +Hedwig hatte ihm ängstlich zugehört: + +»Aber Paul ist doch so gut.« + +»Eben deshalb muß er fort. Das ist ja gerade sein Fehler. Güte, Liebe - +was sind das für Begriffe. Mißverstandene Naturtriebe. Heutzutage +lieben Männer einander; was ist das für ein Unsinn! Oder ein Mann und +eine Frau lieben einander, aber kommen aus irgend einem Grunde nicht +zusammen. Denken Sie doch nur alle die kindischen Romane. Liebe ist der +Wunsch nach dem Kinde, also ist sie nur dort wahr und nicht verlogen, wo +zwei Menschen zusammen ein Kind haben wollen, sonst nicht. Seitdem wir +aber das wissen, brauchen wir doch keine Dichter und keine Gefühle mehr. +Wir haben doch die Vernunft, und die verirrt sich nie; wie oft tun das +aber die unklaren, mystischen Gefühle. Sehen Sie doch, was so ein Gefühl +für Bocksprünge macht: aus dem Triebe nach dem Kinde wird die Liebe, die +alles mögliche verbindet, was mit dem Wunsche nach dem Kinde, nach der +Zukunft der Menschheit, nicht das Geringste mehr zu schaffen hat; aus +der Liebe wird die Güte und aus Güte und Rücksichtnahme nach allen +Seiten ruiniert Seebeck diesen Staat, der eine neue Menschheit hätte +gebären können. Ach was hätte hier werden können, wenn Seebeck stark +gewesen wäre.« + +»Aber hier geht alles doch so gut -« unterbrach ihn Hedwig schüchtern. + +»Ungeheure Lügen sind hier gebaut, und die florieren glänzend, das ist +wahr.« + +Hedwig war aufgestanden und wandte sich langsam der Stadt zu. Nechlidow +ging ihr nach und faßte sie bei der Hand: + +»Liebe Hedwig« - sagte er bittend. + +Aber sie riß sich los. Aus ihren großen, braunen Augen quollen Tränen. + +»Ich will kein Kind von Ihnen haben, Herr Nechlidow«, sagte sie mit +zuckenden Lippen. Dann machte sie sich schnell von ihm los und lief der +Stadt zu. + +Nechlidow folgte ihr langsam. + + + + +Als die Kredite für die in Hinblick auf die Spannung zwischen England +und Deutschland notwendigen Befestigungen bewilligt wurden, war nicht +viel mehr zu tun, als das Festungsgeschütz zu montieren, das zusammen +mit den beiden Maschinengeschützen in der bombensicheren Kasematte im +Felsen unter Seebecks Haus Platz finden sollte. Denn Hauptmann von +Rochow hatte als Fachmann diese Stelle als die geeignetste gewählt, ganz +abgesehen davon, daß sich nur hier die Arbeiten in völliger Heimlichkeit +hatten vornehmen lassen. Ein mit Stahlplatten bedeckter Schacht führte +von Paul Seebecks Kohlenkeller mehrere Meter tief hinab, und dort unten +war ein Gewölbe ausgehauen, in dem die Geschütze stehen sollten. + +Nur drei lange, schmale Schießscharten führten hinaus, und die lagen +gerade über den Dächern der auf der nächsten Terrasse stehenden +doppelten Häuserreihe, so daß diese fast mit Sicherheit die den +Geschützen zugedachten Schüsse auffangen würde. + +Die Seeminen hatten die Vorsteher in mehreren Nächten allein versenkt, +und ihr Lageplan war in den Händen der Archivarin gut aufgehoben. Es +war nicht so schwer, diese Arbeiten in voller Heimlichkeit auszuführen, +als vielmehr gleichzeitig auch den Ausbau des »Vulkans« zu versehen, zum +mindesten scheinbar, damit die plötzliche Arbeitseinstellung dort oben +kein Mißtrauen erweckte. + +Aber es ging. Die vier Männer arbeiteten mit eiserner Energie Tag und +Nacht - nur vier waren sie jetzt, denn Jakob Silberland weilte in +Sidney, wie es hieß, um größere Abschlüsse über den gewonnenen Schwefel +zu erreichen. Und auf den riesigen Kisten, die die Geschützteile und die +Munition enthielten, stand harmlos das Wort: »Maschinen«. + +Sechs Wochen nach seiner Abreise kam Herr von Hahnemann wieder zur +»Schildkröteninsel«. Diesmal auf einem Torpedoboot. In Paradeuniform +stieg er ans Land und begab sich eine Stunde später zu Paul Seebeck. +Dieser empfing ihn mit gelassener Höflichkeit und bat ihn, Platz zu +nehmen. Der Offizier dankte mit einer Verbeugung, blieb aber stehen, +während Paul Seebeck sich an seinen Schreibtisch setzte. + +»Sie bringen mir meine Abberufung, Herr von Hahnemann?« fragte er ruhig. + +»Herr Seebeck, bei der großen persönlichen Achtung, die ich für Sie +hege, erlaubte ich mir, in meinem Berichte unsere letzte Unterredung +wohl wahrheitsgetreu, doch - etwas harmloser zu schildern, als sie sich +zugetragen hat. Es steht Ihnen noch heute frei, freiwillig das +Reichskommissariat niederzulegen; trotz allem.« + +»Ich tue es nicht«, antwortete Paul Seebeck und sah ihm gerade ins +Gesicht. + +»Ist das Ihr letztes Wort?« + +»Ja.« + +»Dann habe ich hiermit die Ehre, Ihnen kraft meiner Vollmachten Ihr +Abberufungsschreiben zu überreichen«, sagte der Offizier und legte ein +versiegeltes Kuvert auf den Schreibtisch. »Wollen Sie die +Liebenswürdigkeit haben, mir den Empfang zu bestätigen.« + +»Mit Vergnügen«, antwortete Paul Seebeck, entnahm einer Schublade einen +Briefbogen und schrieb einige Zeilen darauf. »Ist es so recht?« Und er +reichte dem Offizier das Blatt, das dieser aufmerksam las und es dann in +seine Brieftasche schob. + +»Gewiß, Herr Seebeck. Ich danke Ihnen. Damit ist die Sache erledigt. Ich +verstehe aber nicht, weshalb Sie es so weit kommen ließen.« + +»Ich pflege einem Briefträger nicht die Unterschrift für einen +eingeschriebenen Brief zu verweigern - wozu soll ich dem nichtsahnenden +Manne Schwierigkeiten machen. Er erfüllt ja nur seine Pflicht. Jetzt ist +also der Brief ordnungsgemäß mein Eigentum geworden, und ich kann damit +machen, was ich will.« Damit nahm er das versiegelte Kuvert und zerriß +es mit seinem Inhalt in kleine Fetzen, die er in seinen Papierkorb warf. +Dann wandte er sich wieder dem Offiziere zu und sah ihm ruhig ins +Gesicht. + +Herr von Hahnemann trat einen Schritt zurück; sein Gesicht war +kreidebleich. + +»Wissen Sie, was das heißt?« rief er. + +»Ja«, sagte Paul Seebeck, »das heißt Aufruhr.« + +»Wollen Sie sich denn dem aussetzen, daß man Sie mit Waffengewalt +zwingt, den Willen der Reichsregierung anzuerkennen?« + +»Was wollen Sie damit sagen, Herr von Hahnemann?« fragte Paul Seebeck +freundlich. + +Der Offizier hatte sich wieder etwas gefaßt. Seine Stimme bekam etwas +vom scharfen Kommandoklang, als er sagte: + +»Ein Kriegsschiff wird kommen und Sie als Gefangenen mitnehmen.« + +»Ach so einfach ist die Sache? Aber wenn ich mich nun mit Gewalt der +Gewalt widersetze?« + +»Dann werden Sie standrechtlich erschossen.« + +Paul Seebeck stand auf; er überlegte einen Augenblick. Dann ging er an +dem Offizier vorbei zur Wand, hob ein Gemälde vom Nagel, wobei eine +Stahlplatte sichtbar wurde, die der Tür eines in die Mauer +eingelassenen Geldschrankes ähnlich war. Dann zog er einen Schlüsselbund +aus der Tasche und blickte auf: + +»Sie sind Marineoffizier, nicht wahr?« + +Herr von Hahnemann neigte bejahend den Kopf. + +»Dann sind sie auch natürlich imstande, Entfernungen auf dem Wasser +abzuschätzen. Darf ich Sie bitten, hier ans Fenster zu treten? Danke. +Sehen Sie die letzte flache Klippe dort rechts? Schön. Sehen Sie in +gerader Richtung drei Kilometer weiter. Bitte halten Sie den Punkt im +Auge.« + +Seebeck war an den Schrank getreten und öffnete das Geheimschloß. Bei +dem Geräusch wandte sich der Offizier unwillkürlich wieder nach ihm um +und sah, daß der Schrank ein Tastbrett wie das einer Schreibmaschine +enthielt. + +»Ich habe Sie ersucht, jenen Punkt im Auge zu behalten«, sagte Paul +Seebeck scharf. Der Offizier kniff die Lippen zusammen und blickte +wieder hinaus. Paul Seebeck drückte rasch auf einen der Knöpfe und +schlug dann die Stahltür zu. Im selben Augenblick erhob sich bei dem +angegebenen Punkte auf dem Meere eine gewaltige Wasserpyramide, blieb +einige Sekunden stehen und brach dann in sich zusammen. Erst eine halbe +Minute später klang ein dumpfes Grollen herüber. Der mit Schaum bedeckte +Wasserspiegel war in wilde Bewegung geraten. Selbst im Hafen +schaukelten die Schiffe. + +Herr von Hahnemann sah Seebeck stumm an; dann verbeugte er sich und +verließ das Zimmer. + +Er ging so schnell er konnte die Straße hinunter, an allen denen vorbei, +die ihn wieder erkannten und ansprechen wollten, und stand eine +Viertelstunde später in Herrn de la Rouvières Haus. + +Der Krüppel bestürmte ihn mit Fragen, aber Herr von Hahnemann schüttelte +nur unwillig den Kopf. Er fragte: + +»Wissen Sie, daß die Insel befestigt ist?« + +Herr de la Rouvière fuhr erstaunt auf: + +»Daß sie befestigt ist? Das ist doch unmöglich. Erst vorgestern wurde +doch die Befestigung beschlossen.« + +Herr von Hahnemann lachte kurz auf: + +»Herr Seebeck scheint keine große Achtung vor der Monatsversammlung zu +haben. Jedenfalls ist die Insel schon befestigt, und die Versammlung hat +etwas zu bauen beschlossen, was faktisch schon da ist. Er wird es wohl +schon oft so gemacht haben. Ich will Ihnen etwas sagen«, fuhr er fort, +wobei er dicht an den Krüppel herantrat, »ich habe Herrn Seebeck die +Enthebung aus seinem Amte mitgeteilt, die er aber ignoriert. Er muß also +mit Gewalt entfernt werden. Hier ist kein anderer Ausweg tunlich. Bei +den Befestigungen ist es aber ohne Blutvergießen nicht möglich, und das +zu verhindern ist meine Pflicht. - Sie haben sich ja Ihres großen +Einflusses und Ihrer Verbindungen hier gerühmt; beweisen Sie mir jetzt, +daß Sie wahr gesprochen haben. Und dann - die Reichsregierung kann Herrn +Nechlidow als früherem, russischem Flüchtling kein Amt übergeben, aber +Ihnen, dem Träger eines alten Adelsnamens, der Sie außerdem hier +praktisch in die Geschäfte eingearbeitet sind, könnte ich das +Reichskommissariat übertragen. Die Vollmacht dazu habe ich. Die +Reichsregierung will unter keinen Umständen einen Kommissar von Berlin +hierher senden; sie hat mich beauftragt, einer hiesigen geeigneten +Persönlichkeit das Kommissariat zu übergeben, um jeden Schein eines +gewaltsamen Eingriffes zu vermeiden. Also schaffen Sie mir die +Befestigungspläne und Sie sind Reichskommissar!« + +Die Augen des Krüppels glänzten: + +»Das wird nicht schwer sein, Herr von Hahnemann. Wenn Sie so +liebenswürdig sein wollen, eine halbe Stunde hier zu warten, komme ich +mit den Plänen.« + +»Wissen Sie denn, wo sie sind?« + +»Jedenfalls doch im Archiv; und Frau von Zeuthen ist meine gute +Freundin.« + +»Ah!« Über das Gesicht des Marineoffiziers glitt ein gemeines Lächeln. + +»Sie verstehen, Herr von Hahnemann? Eine Frau kann aus Edelmut sterben, +aber sie kann sich keinem Skandal aussetzen. Am wenigsten sie, die +Keusche, Reine, sie, die Unerreichbare, die ich doch erreichen konnte - +wie alles andere auch.« + +Der Offizier war wieder ganz ernst geworden: + +»Wie Sie das machen, ist Ihre Sache. Aber nicht die Originale selbst, +die könnten später vermißt werden, sondern Sie müssen die Pläne +kopieren, verstehen Sie? Und Niemand darf etwas davon erfahren, dafür +müssen Sie sorgen. Sonst wird die Sache einfach verändert, und wir +sitzen da.« + +»Keine Sorge, Herr von Hahnemann, bleiben Sie nur ruhig hier; ich bin +bald wieder zurück.« + +Und die langen Arme schlenkernd und eifrig vor sich hinmurmelnd, +stolperte der Krüppel die Hauptstraße hinauf. Bei Frau von Zeuthens Haus +angekommen, sagte er dem Dienstmädchen, er käme in Geschäften und wurde +natürlich sofort eingelassen. + +Mit Siegermiene trat er in Frau von Zeuthens Arbeitszimmer, aber er sank +gleichsam in sich zusammen, als er in ihre strahlenden, braunen Augen +blickte. Er wollte sich ihr nähern, aber sie hob abweisend die Hand. Da +blieb er bescheiden an der Türe stehn. + +»Geschäfte, Herr de la Rouvière?« fragte sie ruhig. + +»Ja, gnädige Frau. Ich muß Sie um die Befestigungspläne bitten, die Sie +ja als Archivarin in Verwahrung haben.« + +»Nein«, sagte Frau von Zeuthen, »die Pläne habe ich allerdings. Sie gehn +aber nur die Vorsteher an. Und so weit haben Sie es doch noch nicht +gebracht.« + +Mit eingezogenem Kopfe sah er sie von unten an. + +»Gnädige Frau, ich bin - Reichskommissar an Paul Seebecks Stelle.« + +Frau von Zeuthen lachte laut auf und sah ihm belustigt ins Gesicht. + +Der Krüppel biß die Zähne zusammen. + +»Gnädige Frau«, sagte er drohend. + +»Wenn Ihre Geschäfte so sonderbarer Natur sind, brauchen wir sie nicht +länger zu diskutieren. Gehen Sie, Herr Reichskommissar.« Damit drehte +sie ihm den Rücken zu und setzte sich an ihren Schreibtisch. + +Mit leisen, schleichenden Schritten näherte er sich ihr. Sie stand auf +und wandte sich ihm zu. Mit beiden Händen hielt sie sich rückwärts am +Schreibtische fest. + +»Weshalb gehen Sie nicht«, sagte sie herrisch, aber ihre Stimme zitterte +dabei. + +»Ich muß die Pläne haben«, sagte er, dicht bei ihr, und hob dabei die +langen Arme mit den schwarzbehaarten Händen. + +»Aber ich gebe sie Ihnen nicht und damit gut. Gehen Sie! Jetzt bestätigt +sich also meine Vermutung, daß Sie zu den Verrätern gehören. Gehen Sie, +mit Ihnen bin ich fertig.« + +»Gnädige Frau«, die Stimme des Krüppels war ganz sanft, »Sie scheinen +sehr leicht zu vergessen!« Er schritt auf die Tür zu, faßte die Klinke +und drehte sich wieder nach Frau von Zeuthen um. »Soll ich wirklich +allen Leuten erzählen, was in einer gewissen Nacht zwischen uns +vorgefallen ist?« Er richtete sich auf und sagte kameradschaftlich: +»Geben Sie mir doch lieber die Pläne.« + +Frau von Zeuthen ging zu ihrem großen Schranke, öffnete diesen aber +nicht, sondern holte aus dem Winkel zwischen ihm und der Wand Felix' +Reitpeitsche hervor. Sie wog sie prüfend in der Hand, trat dann schnell +auf Herrn de la Rouvière zu und schlug sie ihm zweimal mit aller Kraft +durchs Gesicht. Dann warf sie die Peitsche fort und blieb hoch +aufgerichtet vor ihm stehn. Er sah sie eine Weile ganz verständnislos +an, griff dann mit beiden Händen an sein schmerzendes Gesicht und +taumelte hinaus. + +Vor der Haustüre blieb er stehn und nickte bedächtig mit dem Kopfe. Dann +ging er langsam, sehr langsam, die Hauptstraße hinauf, am Volkshause +vorbei und weiter am Flusse entlang zum Staubecken. Er ging dorthin, wo +der Fluß in das Becken eintrat, sah lange auf das Wasser und stieg dann +langsam und fröstelnd hinein. Er glitt aus, schrie auf, sah auf der +Straße das Lastautomobil halten, sah ihm Leute entsteigen, die ihm +zuwinkten, zuriefen; er wollte ans Ufer zurück, aber schon hatte ihn die +Oberströmung erfaßt. Langsam führte sie ihn fort; er hörte das Brausen +des Wasserfalles näher und näher, die Strömung wurde stärker, immer +stärker, das Brausen kam näher, näher, jetzt - + +Sechshundert Meter war die Felswand hoch, von der das Wasser senkrecht +in das Meer stürzte. + +Und am selben Abende verließ Herr von Hahnemann auf seinem Torpedoboot +unverrichteter Sache die Schildkröteninsel. + + + + +Eine außerordentliche Versammlung der Gemeinschaft - das war noch nie +dagewesen. Und doch war niemand erstaunt, als die Vorsteherschaft durch +Maueranschlag zu dieser einlud; es lag so viel ungelöste Spannung in der +Luft, soviele Vermutungen waren nur halb ausgesprochen, von Mund zu Mund +gegangen, daß alle es als eine Erleichterung empfanden, eine klare +Darstellung aller jener unverständlichen Vorgänge zu erhalten. Und das +galt nicht nur von der Bürgerschaft - gerade die Vorsteher fühlten +stärker als je die Kluft, die sie von den Anderen trennte, und wollten +auch Kenntnis von allen dunklen Strömungen erhalten, von denen sie nur +den letzten Wellenschlag gefühlt hatten. + +Erst als die Gemeinschaft vollzählig versammelt war, betraten die +Vorsteher den großen Saal des Volkshauses. Otto Meyer übernahm als +Stellvertreter des abwesenden Jakob Silberland den Vorsitz. Sogleich, +nachdem auf ein Glockenzeichen Ruhe eingetreten war, mehr als Ruhe: +Totenstille, erhob sich Paul Seebeck. Sein Gesicht war bleich, +erschreckend bleich, und seine Augen lagen schwarz umrändert tief in den +Höhlen. + +»Liebe Freunde«, sagte er, »jetzt ist die ernsteste Stunde gekommen, +die wir bis jetzt hier erlebt haben. Jetzt handelt es sich um ein klares +Ja oder Nein. Jetzt muß entschieden werden, ob der Staat, den wir alle +in treuer Zusammenarbeit errichtet haben, zerstört werden darf oder +nicht. Wir können das Unglück noch abwenden. Noch können wir unser Werk +uns und unseren Kindern erhalten. Aber ein mutiger Schritt ist dazu +notwendig. + +Wir haben Verräter im eigenen Lager gehabt, gemeine Schurken, die, um +sich selbst vorwärts zu bringen, die Zukunft der Gemeinschaft opferten, +und wieder andere, die aus einem falschen, kurzsichtigen Idealismus +heraus, in bester Absicht, den Feind ins Land riefen. Vielleicht sehen +sie jetzt ein, wie unverantwortlich leichtsinnig sie gehandelt haben und +benutzen jetzt die Gelegenheit, ihr Unrecht wieder gutzumachen. Aber +auch sie waren nur Werkzeuge, boten nur den erwünschten Vorwand zur +Vernichtung unseres Werkes etwas früher, als es sonst geschehen wäre. +Was geschah, mußte geschehen, früher oder später, und deshalb hat es +keinen Zweck, Betrachtungen über Verschuldungen anzustellen oder +Vorwürfe zu erheben. Jetzt muß gehandelt werden. Die Sache liegt so: das +Deutsche Reich will uns nicht mehr unsere Freiheit lassen, man sieht +dort, daß wir hier die Durchführbarkeit freier Ideen beweisen und +fürchtet die Einwirkung dieser Ideen auf die eigenen, innerpolitischen +Verhältnisse. Jemand, der die gegenwärtig in Deutschland herrschende +ultrareaktionäre Strömung kennt, versteht diese Furcht der zur Zeit +regierenden Clique nur zu gut. Das wäre aber doch für uns nur ein Grund +mehr, sollte ich meinen, unser Werk bis zum letzten Punkte +durchzuführen, statt uns einfach vor Beschränktheit oder Bosheit zu +ducken. Jetzt kommt aber eine große, große Frage, die ich Sie in aller +Ruhe zu überlegen bitte: wenn wir uns hierher einen schnoddrigen +Berliner Assessor setzen lassen, ist zwar unsere Arbeit vernichtet, und +wir haben hier Zustände wie im schwärzesten Preußen, aber Sie haben +Ruhe. Wenn wir uns aber das nicht gefallen lassen, sind wir Aufrührer +und damit rechtlos, nach den heute üblichen Anschauungen nicht viel mehr +wie wilde Tiere. Und da wird nicht gefragt weshalb wir uns nicht beugen, +die Tatsache, daß wir es nicht tun, genügt. Kein Mensch in dem dumpfen +Berliner Ministerium wird verstehen, daß man Menschheitsideale über +hündischen Gehorsam stellt. Solche Gedanken sind uns reserviert. + +Ich bin aber nicht so verblendet, Sie zu einem nutzlosen Widerstande zu +verleiten, der nur den sicheren Untergang von uns allen bedeuten würde. +Es gibt einen Ausweg, und das ist dieser: wir erklären uns autonom und +lassen uns dann von England annektieren. Als englische Kolonie können +wir sicher sein, völlig ungestört weiter arbeiten zu können. Dazu haben +wir noch einige Wochen Zeit; Herr Doktor Silberland ist gegenwärtig in +Sidney, und ich werde nachher die Versammlung um die Ermächtigung +bitten, Herrn Doktor Silberland zur Vornahme der notwendigen Schritte zu +beauftragen. + +Was ich bis jetzt getan habe, geht nur mich selbst an und kann für +keinen anderen Bürger der Gemeinschaft nachteilige Folgen haben, solange +sich die Gemeinschaft nicht solidarisch mit mir erklärt. Sie brauchen +also nicht zu fürchten, daß ich Sie in irgend eine schwere Situation +hineingebracht habe. Sie können ganz frei beschließen. + +Wenn Ihnen unsere Sache aber lieb ist«, und Paul Seebecks müde Augen +bekamen Glanz und Feuer, »wenn Sie als Männer für Ihr Werk eintreten +wollen, dann können wir es retten. Bevor ein Kriegsschiff hier ist, +können wir unsere Befestigungen vollenden und können uns halten, bis wir +unter englischem Schutze stehen. + +Ich mag darüber nichts mehr sagen, ich will Sie zu keinem folgenschweren +Entschlusse überreden, den Sie später bereuen. Überlegen Sie es sich in +Ruhe.« + +Das eiskalte Schweigen, mit dem Paul Seebecks Rede angehört worden war, +dauerte noch fort, als er wieder auf seinem Platze saß. Dann erklang +hinter ihm eine Stimme: + +»Nechlidow soll antworten; wo steckt er?« + +Eine andere Stimme antwortete: + +»Der kommt nie mehr zu den Versammlungen.« + +Und schwer und hart sagte eine dritte Stimme: + +»Nechlidow ist ein Lump, mag er sich ersäufen wie der andere. Ich halte +zu Herrn Seebeck.« + +Jetzt wich die Starre von der Versammlung; man redete, schrie +durcheinander, die Gesichter wurden rot, Arme wurden bewegt, der Lärm +stieg und stieg - + +Paul Seebeck trat wieder auf das Podium, aber er konnte nicht sprechen. +Die Leute verließen ihre Plätze, umdrängten ihn, drückten seine Hände, +jeder, jeder einzelne wollte ihm Treue geloben. + +Paul Seebeck wollte reden, wollte ihnen danken, aber er stammelte nur +einige Worte und sank dann bewußtlos um. Er hörte nur noch Edgar Allans +schneidend scharfe Stimme: + +»Aber jetzt bitte nicht nur Worte, Leute, auch Taten.« + +Paul Seebeck wurde in ein anstoßendes Zimmer getragen und Frau von +Zeuthen und Otto Meyer übernahmen seine Pflege. + +Inzwischen wurden die Verhandlungen unter Herrn von Rochows Vorsitz +fortgesetzt. Paul Seebecks Vorschläge wurden einstimmig genehmigt, +obwohl sich manche recht zögernd von den Sitzen erhoben. Unter dem +brausenden Beifall der Versammlung verkündete Herr von Rochow darauf die +Autonomie der Gemeinschaft auf der Schildkröteninsel. + + + + +Noch immer keine Entscheidung von Sidney. Bei der immer stärkeren +Spannung zwischen England und Deutschland wäre der Ausbruch eines +Krieges in der allernächsten Zeit höchst wahrscheinlich, schrieb Jakob +Silberland. Dann wäre die Annektion selbstverständlich. Bis dahin müßte +man sich halten. + +Und mit allen Kräften wurde gearbeitet. Fünfzig unverheiratete Männer +wurden vom Hauptmann von Rochow im Gewehrschießen eingedrillt. Die +Vorsteher und außer ihnen Felix und Melchior übten sich an den +Geschützen, und manche Klippe da draußen im Meere war von den schweren +Granaten des Festungsgeschützes bei Schießübungen getroffen, in die Luft +geflogen. + +Der »Vulkan« wurde inzwischen zur Aufnahme aller Nichtkämpfer +eingerichtet. Welchem Zwecke die Gebäude dort auch ursprünglich bestimmt +waren, jetzt wurde alles zu Wohnstätten eingerichtet, sogar die +Umkleidezellen des Schwefelbades. Ein Fieber hatte alle ergriffen, ein +Freiheitsrausch, und als sich nach fünf Wochen am Horizonte die +Rauchsäule des Kreuzers zeigte, wurde er von den kampffrohen Männern mit +Jubel begrüßt. Man war bereit, ihn zu empfangen. Vor Seebecks Haus +standen in Reih und Glied die Infanteristen mit ihren Mausergewehren, +die Stahlläden vor den Geschützscharten in Seebecks Keller waren +aufgeklappt und die Geschütze nach vorn gerollt. Vier Meter ragte der +hellgraue Lauf des Festungsgeschützes heraus. Es wurde von Edgar Allan +und Felix bedient, während Otto Meyer und Melchior an den beiden +Maschinengewehren standen. + +Oben in Paul Seebecks Arbeitszimmer standen er und Frau von Zeuthen. Vor +ihnen auf dem Schreibtische lag der Lageplan der Seeminen; die Stahltür +an der Wand stand offen und zeigte die sechzig weißen Tasten. + +»Wie weit ist das Schiff jetzt?« fragte Frau von Zeuthen. + +Paul Seebeck sah prüfend durch sein Fernglas: + +»Zehn Kilometer, schätze ich es jetzt.« + +Einige Minuten später hielt der Kreuzer an. Ein weißes Wölkchen erhob +sich und eine halbe Minute später rollten drei dumpfe Schüsse über die +Stadt. + +»Die waren blind!« rief Hauptmann von Rochow herauf. + +»Noch zwei Kilometer, und das Schiff kommt in den Bereich unserer +Minen.« + +Aber der Kreuzer drehte sich auf der Stelle und wandte der Stadt seine +Breitseite zu. + +»Ja, da draußen konnten wir leider keine Minen legen, es ist zu tief«, +sagte Paul Seebeck. »Aber hierher kommen können sie doch nicht. Und +Silberland wird ja bald kommen; er weiß ja, daß in diesen Tagen der +Kreuzer kommen mußte. Solange müssen wir uns eben halten. Das können wir +auch.« + +»Und wenn es nichts wird?« + +Es zuckte um Paul Seebecks Mundwinkel, als er sagte: + +»Sie wissen, daß ich für mein Werk sterben kann.« + +Das Haustelephon, das den Keller mit Paul Seebecks Arbeitszimmer +verband, klingelte. Seebeck nahm das Hörrohr: + +»Ja.« + +»Hier Allan. Was meinen Sie, sollen wir nicht den Salut beantworten? Es +ist doch unhöflich, einen Gruß nicht zu erwidern.« + +»Schön, aber blind. Wir wollen nicht anfangen.« + +Das Haus bebte in seinen Fugen, als der Schuß krachte. + +Einige Minuten später kam die Antwort: im Hafen stieg eine Wassersäule +auf, der ein doppelter Knall folgte. + +»Was jetzt?« - telephonierte Allan herauf. + +»Abwarten, ob sie wirklich ernst machen. Je mehr Zeit wir gewinnen, +desto besser«, gab Paul Seebeck zurück. + +Aber Minute auf Minute verrann, eine Stunde, eine zweite, und nichts +geschah. + +»Die Herren erwarten wohl, daß wir die bewußte weiße Fahne aufziehen«, +sagte Paul Seebeck zu Frau von Zeuthen. + +Da hüllte sich plötzlich der Kreuzer in eine einzige Rauchwolke. Im +Hafen erhob sich eine ungeheure Wasser- und Staubwolke, der ein +donnerndes, krachendes Getöse folgte. Wie sich die Wolke verzogen hatte, +sah man, daß alle Hafenanlagen mit der Landungsbrücke und den +Lagerhäusern in Trümmern lagen. Die am Quai liegenden Fischerboote waren +fast sämtliche verschwunden. Aber das wild wogende Meer war mit Trümmern +und Balken bedeckt. + +Und Schuß auf Schuß folgte, aber alle galten nur dem Hafen. + +»Sie wollen uns so lange schonen, wie es geht, und das gefällt mir sehr, +damit gewinnen wir Zeit«, sagte Paul Seebeck zu Frau von Zeuthen. Dann +telephonierte er zu Allan: + +»Wir dürfen erst schießen, wenn sie die Stadt selbst beschießen. Nicht +vorher.« + +Von unten her klangen Rufe, die man bei dem Getöse nicht verstehen +konnte. Frau von Zeuthen trat ans Fenster und sah hinunter. + +Auf ihrem völlig erschöpften Pferdchen ritt Hedwig die Hauptstraße +hinunter, drängte sich durch die Infanteristen und stürmte die Treppe +hinauf: + +»Der Dampfer von Sidney liegt da hinten, dicht an der Insel; man kann +ihn vom Vulkane aus sehen. Herr Silberland ist in einem Ruderboote vom +Dampfer abgestoßen, ich konnte ihn ganz deutlich erkennen. Der Dampfer +fuhr dann wieder weg.« + +Paul Seebeck war aufgesprungen: + +»Wo liegt der Dampfer? Wo?« + +Hedwig beschrieb ihm die Stelle. + +»Hierher rudern! War er allein?« + +»Ja.« + +»Um Gotteswillen, das sind ja über dreißig Kilometer. Wenn er das +aushält. Wann war das?« + +»Ich mußte zuerst herunterlaufen und mein Pferd holen. Ich bin so +schnell geritten, wie ich konnte. Aber drei Stunden ist es mindestens +her.« + +»Dann kann er in zwei Stunden hier sein.« + +Frau von Zeuthen strich ihrer Tochter über das erhitzte Gesicht: + +»Leg dich etwas auf Pauls Bett, mein Kind, und ruh dich aus. Aber dann +mußt du wieder zurückreiten, hörst du?« + +»Darf ich nicht hier bleiben, Mutter?« + +»Nein, das geht nicht, Kind.« + +»Aber Fräulein Erhardt kommt auch, sie geht sogar zu Fuß, ich habe sie +überholt.« + +»Wenn du ihr auf dem Rückwege wieder begegnest, sag ihr, daß sie +umkehren soll«, sagte Paul Seebeck. »Aber geh jetzt Kind und ruh dich +etwas aus. Oder willst du etwas zu essen haben?« + +Hedwig schüttelte schmollend den Kopf und ging in Paul Seebecks +Schlafzimmer. + +»Also nur noch zwei Stunden, dann wissen wir Bescheid«, sagte Paul +Seebeck aufatmend. »Wenn Silberland es nur aushält.« + +Hedwig war in Paul Seebecks Schlafzimmer gegangen, aber sie legte sich +nur für einige Minuten auf sein Bett. Leise öffnete sie dann die Tür zum +Badezimmer, schlüpfte durch dieses in die Küche und ging die +Hintertreppe hinunter. Mit einigen Sprüngen hatte sie unbemerkt die +nächsten Häuser erreicht und ging jetzt durch die kleinen Gäßchen, die +die einzelnen Terrassen mit einander verbanden, zum Meere hinunter. In +kurzen Zwischenräumen schlugen noch immer die Granaten in den Hafen. + +Hedwig ging zu Nechlidows Häuschen, das gerade am Anfang der +Fischerstraße lag. Mit klopfendem Herzen öffnete sie die Türe und trat +ein. + +Es war still im ganzen Hause. Hedwig trat ins Wohnzimmer ein. Hier war +es fast dunkel, denn die Fenstervorhänge waren dicht zugezogen. + +Nechlidow erhob sich von seinem flachen Sofa zu einer halbsitzenden +Stellung. + +»Sie kommen zu mir, dem Verfehmten? Wird man Sie nicht steinigen, wenn +man das erfährt?« + +Ein scharfer Knall in der Nähe, dem ein anhaltendes Prasseln und Krachen +von niederstürzenden Mauerteilen folgte, ließ ihn aufstehen. Er trat zum +Fenster und zog die Vorhänge zurück. Das gegenüberliegende Haus hatte +sich in einen rauchenden Trümmerhaufen verwandelt. + +Nechlidow lachte bitter auf: + +»Meine Schuld, nicht wahr?« + +»Herr Nechlidow«, sagte Hedwig bittend und trat an ihn heran. »Glauben +Sie nicht doch, daß Paul recht gehandelt hat?« + +»Bei Gott, er hatte nicht recht, und wenn ich tausendmal daran Schuld +trage, daß jetzt alles zusammenbricht. Ich habe das nicht gewollt. Ich +habe nicht vorausgesehen, daß es so kommen würde. Aber es ist besser, +daß diese riesige Lüge zusammengeschossen wird, als daß sie weiter lebt. +Wer weiß, vielleicht kommen die englischen Schiffe noch rechtzeitig, +und dann baue ich die Stadt wieder auf. Und wenn sie nicht kommen, um so +besser, dann ist eine Halbheit weniger auf der Welt.« + +»Sind Sie wirklich schuld daran?« fragte Hedwig schüchtern. + +Nechlidow legte ihr beide Hände auf die Schultern und sah ihr in die +braunen Augen: + +»Weshalb kommen Sie mit dieser Frage zu mir?« + +»Weil ich wissen will, was Sie sind.« + +»Nein, Hedwig, es ist nicht meine Schuld. Die Leute sind daran schuld, +sie sind ja alle behext, haben ihr bischen Vernunft ganz verloren. Wenn +Seebeck aus lauter Sentimentalität die Dummheit begeht, seine Entlassung +zu verweigern, weshalb ihm dann zustimmen, weshalb es zur Revolution +kommen lassen! Wir hätten alles so glatt machen können, Seebeck hätte +gehen müssen, Rouvière wäre Reichskommissar geworden. Aber da kam wieder +der sinnlose Selbstmord von Rouvière dazwischen, und damit war alles +verloren. Denn Rouvière hatte die Leute in der Tasche. Ja, und jetzt +gehen mir dieselben Menschen, die unsere Klageschrift unterschrieben +haben, wie einem Pestkranken aus dem Wege und lassen sich Seebecks +schöner Augen wegen von ihm in den Tod führen. Eine Kette von +unbegreiflichen Sentimentalitäten war wie immer der Grund alles +Unglücks. Mein Fehler war nur, daß ich auf die Vernunft der Menschen +vertraute. Das ist die Wahrheit, Hedwig.« + +»Aber was soll jetzt kommen? Was werden Sie tun?« + +»Ich? Ich warte, bis meine Zeit gekommen ist. Die da drüben mögen sich +gegenseitig zerfleischen, wenn sie noch nicht reif für die Vernunft +sind. Ich glaube an sie und an ihren endlichen Sieg. Ich glaube an die +Menschheit.« + +Hedwig sah vor sich hin. Dann schüttelte sie ihren Lockenkopf: + +»Wollen wir nicht noch einmal zu unserer Landspitze hinausgehen? Wer +weiß, wann wir wieder zusammen sein können.« + +Und sie gingen Hand in Hand die Treppe hinunter und traten auf die +Straße. Da schoß dicht vor ihnen auf der Straße ein blendend weißes +Licht auf. Nechlidow taumelte zurück. Hedwig stieß einen leichten Schrei +aus und fiel flach auf das Gesicht. + +Nechlidow sprang auf sie zu, hob sie auf, drückte sie an seine Brust - +sie schlug die Augen auf, lächelte noch einmal, wollte die Hand heben, +aber ließ sie schlaff wieder fallen. Ihr Haupt sank zurück - + + * * * * * + +Ein Ruderboot wandte sich um die Landspitze, die die bewohnte Bucht von +der Irenenbucht schied. + +»Das ist Silberland«, rief Paul Seebeck Frau von Zeuthen zu. + +Er lief die Treppe hinunter, auf die Straße, schrie Hauptmann von Rochow +zu: + +»Bleiben Sie hier. Handeln Sie nach Ihrem Gutdünken!« und stürzte dem +Hafen zu. Mehrere Granaten schlugen in seiner Nähe ein und bedeckten ihn +mit Staub. Unten angekommen, sah er um sich. Alles lag schon in +Trümmern. In der Fischerstraße standen nur noch einige Häuser. Und +horch! das Prasseln auf den Steinen, das Klirren an Fensterscheiben, die +kleinen Springbrunnen auf dem Meere. Also hatten sie schon die +Maschinengewehre in Tätigkeit gesetzt. + +Da kam das Ruderboot. Jakob Silberland stand auf und rief etwas, was +Seebeck des Lärmes wegen nicht verstehen konnte. Jakob Silberland setzte +sich wieder an die Ruder. Jetzt war er nur noch zwanzig Schritte vom +Strande entfernt. Wieder stand er auf. Sein Gesicht war verzerrt, Blut +floß von seinen Händen herunter. Er schrie: + +»Entente cordiale zwischen England und Deutschland; damit ist der +Weltfriede endgiltig gesichert.« + +Klack, klack, klack klang es im Boote und im Wasser - Jakob Silberland +fuhr sich mit der Hand ins lange schwarze Haar und brach dann auf der +Bootsbank zusammen. Langsam füllte sich das durchlöcherte Boot mit +Wasser und sank. + +Paul Seebeck blieb mit verschränkten Armen stehn und sah das Boot +versinken. + +Da legte sich eine Hand auf seine Schulter und er sah in Nechlidows +bleiches Gesicht. An den Kleidern hatte er große Blutflecke. Er fragte: + +»Darf ich zusammen mit Ihnen sterben, Herr Seebeck?« + +Seebeck reichte ihm die Hand: + +»Lassen Sie uns zusammen sterben, Sie für Ihre Idee, ich für mein Werk.« + +Nechlidow schüttelte den Kopf: + +»Ich sehe nichts mehr, weiß von keiner Vernunft mehr. Ich sehe nur noch +einen Strom, dessen Wellen uns in die Höhe hoben, als wir ihn zu leiten +glaubten, und der uns jetzt mitleidlos wieder in seine Strudel zieht. +Aber ich sehe nicht, wohin er geht. Ich sehe nur noch Sie und will mit +Ihnen zusammen sterben.« + +»Kommen Sie«, sagte Seebeck. »Wir wollen den anderen sagen, daß wir alle +sterben müssen.« + +Aber auch oben hatte man Jakob Silberlands Untergang gesehen. + +»Jetzt ist es genug!« rief Edgar Allan Hauptmann von Rochow zu. Dieser +nickte. Und einige Minuten später donnerte das schwere Festungsgeschütz, +begleitet vom Knattern der beiden Maschinengewehre. + +Dies war aber nur ein Signal für den Kreuzer, seinerseits das Feuer zu +verstärken. Und jetzt galten seine Schüsse nicht mehr dem Hafen. Überall +schlugen die Granaten in die obere Stadt. An vielen Stellen brannten die +Häuser. + +Da kamen Paul Seebeck und Nechlidow zusammen die Straße herauf. Die +Leute umdrängten sie, fragten, aber die beiden gingen hinauf in das +Seebecksche Arbeitszimmer. Dort trat Paul Seebeck ans Fenster, wartete, +bis das Feuer für einen Augenblick verstummte und rief dann mit scharfer +klarer Stimme: + +»Wir bekommen keine Hilfe von England. Wer ist bereit, mit uns für unser +Werk zu sterben?« + +Die Gesichter dort unten wurden groß. Wutschreie ertönten. Drohende +Fäuste wurden emporgereckt. Aus dem Gebrülle waren nur einzelne Worte +verständlich: + +»Wir wollen uns nicht hinschlachten lassen!« + +»Wir sind verraten.« + +»Wir wollen die da oben ausliefern und uns ergeben ...« + +»Drehen Sie die Geschichte herum«, sagte Edgar Allan zu Felix, und der +gehorchte. Die noch rauchende Mündung des Festungsgeschützes war auf die +Infanteristen gerichtet. + +Da liefen sie, warfen die Gewehre fort, liefen, was sie konnten, nur +fort, dem sicheren Hochlande, dem Leben, der Zukunft zu. Nur einer +drehte sich um und feuerte einen Schuß ab, bevor er den anderen gleich +sein Gewehr fortwarf. + +Edgar Allan brach, ins Herz getroffen, lautlos zusammen. + +An seine Stelle trat Nechlidow. Niemand fragte ihn, weshalb er gekommen +sei, niemand machte ihm Vorwürfe. Man drückte ihm die Hand, und +schweigend trat er an das Geschütz. + +Hauptmann von Rochow warf noch einen Blick auf seine fliehenden +Soldaten, dann ging er zu Seebeck hinauf. + +Seebeck konnte ihm nur flüchtig zunicken, denn jetzt geschah draußen +etwas Sonderbares: der Kreuzer stellte sein Feuern ein, und die +Dampfbarkasse wurde ins Wasser gesenkt. Von der anderen Seite kam ein +bemanntes Boot, das die Barkasse in Schlepptau nahm. + +»Hört mit dem Schießen auf«, telephonierte Seebeck hinunter. »Vielleicht +kommen die in friedlicher Absicht.« Aber so scharf er auch hinsah, er +konnte keine weiße Fahne bemerken. + +»Sind denn die Leute wahnsinnig? Sie wissen doch, daß Seeminen da +draußen liegen!« rief Seebeck. + +Die Dampfbarkasse nahm aber nicht den Weg nach dem Hafen zu, sondern +fuhr auf die Landspitze bei der Irenenbucht zu. + +»Die glauben, daß da keine Minen liegen und wollen da landen. Herr von +Rochow, ich bitte Sie!« Hauptmann von Rochow stürzte zum Tastbrett, und +Paul Seebeck beugte sich über den Plan. Die Barkasse kam näher, war +jetzt bei der flachen Klippe - + +Fragend sah Herr von Rochow Seebeck an, der mit verschränkten Armen und +zusammengepreßten Lippen ans Fenster getreten war. + +»Siebenunddreißig, achtunddreißig, zweiundvierzig«, sagte er kurz und +scharf. + +Wie um einen Akkord zu spielen, drückte Hauptmann von Rochow die drei +Tasten nieder, und draußen schoß ein ungeheurer Wasserberg in die Luft +und stürzte dann mit donnerndem Gebrüll zusammen. Boote und Klippe waren +verschwunden. + +Herr von Rochow griff sich mit beiden Händen taumelnd an den Kopf: + +»Deutsche, deutsche Soldaten«, murmelte er wie irrsinnig. Dann richtete +er sich kerzengerade auf, zog einen Revolver aus der Tasche und schoß +sich in die Schläfe. + +Seebeck wandte sich beim Knalle um; spöttisch lächelnd sah er auf die +Leiche. + +Frau von Zeuthen war entsetzt aufgesprungen. Dann setzte sie sich +wieder auf ihren Stuhl. Seebeck trat auf sie zu: + +»Gehen Sie jetzt, Gabriele. Denn dem, was jetzt kommen wird, sind die +Nerven keiner Frau gewachsen. Gehen Sie, Sie müssen sich Ihren Kindern +erhalten.« + +Sie stand auf und schüttelte energisch den Kopf: + +»Ich bleibe bei Ihnen, meinetwegen -« + +»Nichts geschieht Ihretwegen«, unterbrach sie Seebeck schroff. Dann +setzte er aber sanft hinzu: »Denken Sie an Ihre Kinder, Gabriele. Sie +haben noch eine Aufgabe auf dieser Welt, wir nicht mehr. Und nehmen Sie +Felix mit; wozu soll er sich hier verbluten. Sie können ihm nach zehn +Jahren erzählen, was sich hier alles vor seinen Augen abgespielt hat. +Dann wird er es verstehen und davon lernen. Und grüßen Sie Ihre kleine +Hedwig von mir.« + +Da sank Frau von Zeuthen vor ihm nieder und küßte seine Hände. Er hob +sie auf und zog sie an seine Brust. Draußen krachten wieder die +Granaten, und unten donnerte das Festungsgeschütz, begleitet vom +Knattern der beiden Maschinengewehre. + +Frau von Zeuthen riß sich los: + +»Felix muß bei Ihnen bleiben, Seebeck! Das Opfer muß ich Ihnen bringen. +Er ist ein Mann. Er soll Ihr Geschick teilen. Ich gehe zu Hedwig.« + +Paul Seebeck trat ans Telephon. + +»Felix soll herauf kommen.« + +Das schwere Geschütz verstummte und Felix kam herauf. + +»Was gibt's?« + +»Du mußt deine Mutter zum Vulkane zurückbegleiten.« + +»Aber Paul!« + +»Du mußt! Hol dein Pferd für deine Mutter.« + +»Paul, ich will bei dir bleiben.« + +»Felix, es hat keinen Sinn mehr. Denk was für ein Leben du noch haben +kannst und denk an deine Mutter.« Er legte den Arm um Felix Schulter und +führte ihn Frau von Zeuthen zu: + +»Wollen Sie wirklich Ihren Jungen hier lassen?« + +Da schlang die Mutter die Arme um ihr Kind, unter strömenden Tränen rief +sie: + +»Felix, komm mit mir!« + +Er entwand sich ihren Armen und sah Paul Seebeck an. Dieser sagte: + +»Du sollst mein Erbe sein, Felix; sieh zu, ob du mein Werk fortführen +kannst, und das mit mehr Glück. Geh meines Werkes wegen.« + +Felix kämpfte mit sich. Dann sah er mit seinen strahlenden, braunen +Augen Paul Seebeck an und sagte: + +»Aber das verspreche ich dir, Paul, ich werde mich ebenso halten wie +du.« + +Paul Seebeck strich ihm über das Haar. + +»Gut, mein Junge. - Aber geh jetzt und hol dein Pferd.« + +Jetzt ging die Sonne unter, und der Kreuzer stellte sein Feuern ein. +Wenige Minuten später war es dunkle Nacht, in der hier und da die +Flammen von den brennenden Häusern emporloderten. + +Da hob sich riesengroß die rotgelbe Scheibe des Vollmondes über den +Horizont, beleuchtete den Kreuzer und sein Werk. Schaurig sahen im +kalten Lichte die Trümmer aus. Und nun begann der Kreuzer wieder zu +feuern; unter donnerndem Krachen stürzte das große Volkshaus zusammen. + +»Kommen Sie, Gabriele, jetzt ist keine Zeit mehr zu verlieren.« Er +begleitete sie bis zur Hauptstraße und weiter bis zu den rauchenden +Trümmern des Volkshauses. Da tauchte ein Schatten hinter ihnen auf, und +Felix holte sie auf seinem Pferde ein. + +»Ich möchte nur noch schnell von den anderen Abschied nehmen, geh nur +voraus, Mutter!« rief er und galoppierte zurück. + +»Leben Sie wohl, Gabriele. Mein Versprechen habe ich gehalten, nicht +wahr?« Und dann wandte er sich schnell ab und ging hinunter. + +Frau von Zeuthen ging langsam den Berg hinauf und weiter auf der Straße +hin. Als sie das Staubecken erreichte, schrak sie zusammen, denn vor ihr +erhob sich eine dunkle Gestalt. Aber der Mond erleuchtete ein bekanntes +Gesicht. + +»Fräulein Erhardt?« + +»Ja, gnädige Frau!« + +»Wollen Sie zur Stadt?« + +»Ich kann nicht mehr gehen, ich bin so müde. Wo ist Felix?« + +»Er ist in einigen Minuten hier. Ist Ihnen nicht Hedwig begegnet?« + +Fräulein Erhardt schüttelte den Kopf: + +»Nein, aber ich glaube, ich habe mehrmals auf dem Wege geschlafen. Sie +wird an mir vorbeigeritten sein, ohne daß ich sie bemerkte. Aber Felix +kommt, mein Felix!« + +Frau von Zeuthen hatte sich neben sie gesetzt und strich ihr sanft über +den Leib. Da schlang Fräulein Erhardt die Arme um ihren Hals und +flüsterte ihr zu: + +»Ich habe ja ein Kind von ihm.« + +Frau von Zeuthen küßte sie: + +»Liebe Tochter«, sagte sie. + +Dann schwiegen sie beide, saßen im bleichen Lichte des Vollmondes einsam +auf der Ebene und warteten, warteten - - + +Als Paul Seebeck von der Hauptstraße wieder auf sein Haus zu einbog, +blieb er wie erstarrt stehen, denn aus dem Kellerfenster schoß eine +Stichflamme, der ohrenbetäubender Knall folgte. Paul Seebeck griff sich +an die Stirn und stürzte dann hin. Dichter, beißender Rauch quoll aus +den Fenstern, verhüllte die Läufe der drei Geschütze - + +Er sprang die Treppe hinunter, von unten klang ihm leises Wimmern +entgegen. Die Lampe war verlöscht, aber das weiche Dämmerlicht der +Mondnacht erfüllte den Raum. + +Auf dem Boden lag Nechlidow in den letzten Zügen, der ganze Leib war ihm +aufgerissen. Über den Verschluß des Geschützes gebeugt lag Felix. Paul +Seebeck hob ihn auf. Felix schlug die Augen auf und lächelte: + +»Du, Paul, ich wollte Nechlidow doch wieder helfen; er konnte das +Geschütz nicht allein bedienen.« + +Paul Seebeck betastete ihn. Auf der rechten Brustseite war ein kleiner +nasser Fleck. Seebeck riß die Kleider auf; das Blut strömte. + +»Muß ich sterben, Paul? Dann grüß die andern.« + +»Nein, nein du bleibst leben. Hab keine Angst. Schlaf jetzt nur etwas.« + +»Ja«, sagte Felix, »ich bin so müde.« + +Und Paul Seebeck bettete den sterbenden Knaben so gut er konnte auf den +Boden. + +Unter seinem Maschinengeschütz lag Otto Meyer, ein Granatsplitter hatte +ihm den Oberschenkel zerfetzt. Er reichte Seebeck die Hand: + +»Du, sag mal, kannst du mir nicht irgend einen passenden Ausspruch +empfehlen? Ich kann doch nicht so ganz klanglos sterben. »Ich sterbe für +die Freiheit«, oder etwas ähnliches?« + +»Du stirbst, weil du ein anständiger Kerl bist.« + +»Also gut: ich sterbe, damit die Anständigkeit lebe! Bravo. Schluß. - Es +war so schön, mit dir zusammenzuarbeiten, Seebeck. Ich danke dir dafür.« + +Dann sank er zurück. + +Paul Seebeck trat an Melchior heran, der bewußtlos in einer Blutlache an +der Wand lag. Wie er ihn untersuchte, schlug er die Augen auf: + +»Herr Seebeck, Sie? Gut, daß Sie kommen. Ich habe es gefunden!« + +»Was haben Sie gefunden?« + +»Das Problem der Menschheit habe ich gefunden. Hören Sie!« Er versuchte +sich aufzurichten, aber sank wieder zusammen. + +»Das Problem der Menschheit!« Seebeck lachte auf. »Da draußen haben Sie +das Problem der Menschheit!« Und er wies auf das Kriegsschiff hinaus, +das jetzt langsam sein Feuern einstellte. + +»Seebeck, schämen Sie sich! Wer wird einen Spezialfall verallgemeinern. +Hören Sie, ich habe nicht mehr viel Zeit, glaube ich.« + +Paul Seebeck verschränkte die Arme und sah dem Sterbenden gerade ins +Gesicht. + +»Ich höre«, sagte er. + +»Sie erinnern sich noch an alle unsere Gespräche? Sie alle haben am +Problem mitgearbeitet, Sie alle haben mir Bausteine gegeben. Jetzt habe +ich aber die Formel gefunden. Sie erinnern sich, daß alle Fragen immer +wieder auf denselben toten Punkt kamen, daß man die Begriffe +gleichzeitig als fortgeschrittener, wie auch als rückständig in den +Bezug auf den realen Stand der Menschheit ansehen kann. Da kam Herr Otto +Meyer mit dem Einfall, daß sie von zwei verschiedenen Gesichtspunkten +aus betrachtet sein müßten, um verschieden zu erscheinen. Lebt er noch?« + +»Nein, er ist tot.« + +»Schade, es hätte ihn sicher interessiert. Sehen Sie, Herr Seebeck, +jetzt habe ich die beiden Standpunkte; den niedrigen des einzelnen +Menschen und den hohen der gesamten Menschheit. Wenn sich aus uns allen +kleinen gleichgiltigen Einzelwesen jetzt das ungeheure Individuum der +Menschheit aufbaut - solange ich selbst unter den Arbeitern lebte, habe +ich diese Kristallisation gefühlt, aber nicht begriffen, ich fühlte, wie +sich die Zellen instinktiv zusammenschlossen, obwohl sich jede einzelne +krampfhaft dagegen wehrte - dann müssen ja unsere Gedanken klein sein, +die der Menschheit sind aber groß, für uns ebenso unbegreiflich groß, +wie die Zelle in unserem Körper nichts von unseren Gedanken versteht, +und doch baut sie Körper und Leben auf. + +Aber da haben wir als Ausgleich jene Begriffe, halb einzel-menschlich, +halb universal-menschlich, dem Menschen zu hoch, der Menschheit zu +niedrig. Sie zeigen weder den Standpunkt des Menschen, noch den der +Menschheit, sondern gerade die noch ungelöste Spannung zwischen beiden +Teilen. + +Prüfen Sie es doch nur an irgend einem Beispiele: denken Sie an die Ehe. +Dem einzelnen Menschen ein praktisch fast unerreichbares Ideal, für die +Menschheit veraltet. Denn vom hohen Standpunkte der Menschheit aus +gesehen, gleichen sich die im Einzelfalle eintretenden Hindernisse aus; +und für den Gesamtdurchschnitt wird dann die Ehe nicht zu hoch, sondern +zu niedrig. + +Oder denken Sie an die Orthographie einer Sprache, die zwar scheinbar +rückständig ist, in Wirklichkeit aber die großen, ewigen Gesetze und +Wandlungen der Sprache, dieses Gutes nicht eines Einzelnen, sondern der +Menschheit wiedergibt.« + +»Und wie erklären Sie dieses Beispiel hier?« fragte Paul Seebeck und +wies auf die Leichen um sie her. + +»Ach was hat das zu sagen, daß einige Zellen absterben. Ein kleiner +Entzündungsprozeß im Körper der Menschheit, weiter nichts.« + +»Ja, ja«, sagte Paul Seebeck. + +»Und sehen Sie doch, daß die großen Taten nie vom einzelnen ausgeführt +werden, sondern nur von der Masse, vom Individuum Menschheit. Das ist ja +auch selbstverständlich, denn der Natur der Dinge nach muß die auf einer +millionenmal höheren Stufe stehende Menschheit auch höhere Gedanken +haben. Wie selten opfert sich ein einzelner für eine Idee, und wie +leicht tun es tausende zusammen, weil nicht mehr der Einzelne denkt, +sondern die Masse an sich.« + +»Aber hat uns nicht hier die Masse verraten, und bleiben nicht wir +einzelne zurück?« + +»Kommt das nicht auch in unserem Körper vor, in dem sich die einzelnen +Blutkörperchen gegenseitig auffressen, statt zusammen zum höheren Zwecke +als dem ihrer Einzelexistenz zu wirken? Krankheitserscheinungen, weiter +nichts. Und eben so, wie trotz aller Krankheiten der menschliche Körper +sich weiter entwickelt, so wird es auch die Menschheit tun, um später +wieder Zelle eines neuen, unermeßlich hohen Individuums zu werden. Bis +sich schließlich das Universum in einem unendlich weiteren Sinne, als +wir armselige Einzelzellchen es heute begreifen können, zu einem großen +Organismus zusammenschließt. Und da wird die Erlösung sein, der Zweck +des Daseins. Ich sterbe«, fuhr er mit schwächerer Stimme fort, »aber Sie +leben ja noch. Gehen Sie zu den Menschen und sagen Sie ihnen, daß ich +ihr Geheimnis gelöst habe.« + +Paul Seebeck schüttelte langsam den Kopf: + +»Ich gehe nicht mehr zu den Menschen, Melchior.« + +Jetzt richtete sich der Sterbende mit seiner letzten Kraft auf: + +»Sie müssen, Seebeck, sonst habe ich das alles umsonst gedacht. Das darf +doch nicht sein!« + +»Nein«, sagte Paul Seebeck hart, »Sie sollen das alles umsonst gedacht +haben. Mag Ihr Leben verschwendet sein, wie das von uns allen.« + +Da brach Melchior zusammen. + +Nun fiel das bleiche Mondlicht durch die Fenster und beleuchtete die +vier Leichen und die Geschütze. Sinnend blieb Paul Seebeck stehen. Er +schaute auf das Meer hinaus, das so friedlich dalag. Aber dort in der +Ferne das Ungeheuer, jetzt nicht mehr feuerspeiend. + +Paul Seebeck setzte sich neben Felix' Leiche hin und wartete. Aber ihm +war keine Granate bestimmt. Da küßte er des Knaben eiskalte Stirn und +ging hinaus. Er ging an den Trümmern des Volkshauses vorbei, die sich +gespenstig in die Höhe reckten, zur Irenenbucht hinunter. Langsam stieg +er die Stufen hinab und setzte sich unten auf die Felsplatte. Er sah die +breiten Rücken der Riesenschildkröten feucht im Mondlichte glänzen, sah +sie die Köpfe erheben - + +Da ließ er sich langsam ins Wasser gleiten. Die Tiere tauchten +erschreckt unter. Er wollte schwimmen, weiter hinaus ins Meer wollte er, +aber er verfing sich in den langen Schlingpflanzen. Er kämpfte, um sich +zu befreien, aber sie ließen ihn nicht los. Da gab er nach und ließ sich +vom Wasser tragen. Es umfing ihn so lau und weich. Aber wie er sich +nicht mehr bewegte, beruhigten sich die Tiere wieder. Er sah ihre +glänzenden Rücken herankommen, dicht vor ihm tauchte ein riesiger, +schwarzer Kopf aus dem Wasser auf, schob sich langsam näher, ein +breites, zahnloses Maul öffnete sich - - + + + + +IM GLEICHEN VERLAGE ERSCHIEN: + +HANS FRANCK +THIES UND PETER +DER ROMAN EINER FREUNDSCHAFT + +PREIS BROSCH. M. 3.50, GEBUNDEN IN LEINEN M. 4.50 + +_Neue Freie Presse_: In der Freundschaft sind Fehler Verbrechen! Davon +handelt der Roman. Es ist die Tragödie restlos angestrebter +Freundesvereinigung, jener Freundschaft, die in der völligen +Umklammerung und Einschließung des geliebten Wesens dessen Menschenrecht +mit Füßen tritt, die sich selbst mordet. »Thieß und Peter« ist ein +Bekenntnisbuch, warm und sprudelnd vom Herzen gespeist. So ist Hans +Francks schöpferischer Erstling eine starke Hoffnung, die am schönsten +eingelöst scheint auf gleichem Weg. Hebbels unerbittlicher Geist und +Otto Ludwigs eherne Erzählerkunst scheinen hier in einem bewegten Kopfe +unserer Zeit wiedergeboren zu sein, der reiche bleibende Früchte +verspricht. Die Sprache ist von elastischer Härte und bringt großartige +Bilder von starker Energie. + +_Saale-Zeitung_: Oft, hundertmal, ist die Liebe zweier Männer besungen, +zerstört, angegriffen worden, niemals in der intensiven Art wie hier. +Hans Franck ist es gelungen, sein Thema restlos zu durchleben, zu +erfassen, in sich aufzunehmen, es in die Form der Kunst zu gießen und +geläutert herauszuschälen. Das Thema selbst hat Franck restlos +erschöpft, ohne auch nur die geringsten Seitensprünge zu machen. Hatte +sein Name auch zuvor schon einen guten Klang, so ist Franck mit diesem +Roman in die Reihe unserer ersten deutschen Dichter gerückt. Der Roman +wird in der Geschichte des deutschen Romans noch eine Rolle spielen. + + +IM GLEICHEN VERLAG ERSCHIEN FERNER: + +GRETE MEISEL-HESS +DIE INTELLEKTUELLEN +ROMAN + +PREIS BROSCHIERT M. 5-, ELEGANT IN LEINW. M. 6- + +_Anna Croissant-Rüst_: Die Disziplin in ihrem Roman und der Aufbau sind +bewundernswert. Die Helden des Romans, Olga, Stanislaus sind in allen +Konturen und Linien ungeheuer scharf gezeichnet und wohl geraten. Dr. +Emmerich, auch Koszinsky sind sehr gute Typen, überhaupt ist ein +Reichtum von Personen und Ideen in dem Roman, daß sich manche von den +herkömmlichen Romanmodeschneiderinnen 10 Romane daraus zurechtschneidern +könnten. Das quillt alles nur so über und ist doch in straffen Banden +gehalten. + +_Neue Freie Presse_. Manfred Wallentin ist in ihr der vorgeahnte Typus +des Menschen der Zukunft und der Schönheit, der Typus des moralischen +Übermenschen, im Sinne einer Herrennatur, die Beladene und Bedrückte +führend durch das Leben geleitet. Die anderen Figuren des Romanes, +strebende, wankende, strauchelnde und wieder sich erhebende Männer und +Frauen, verkörpern den Geist dieser Gruppe der Intellektuellen in +mannigfacher Gestalt. Zu klarem Relief sind die verschiedenen Charaktere +gearbeitet, ein jeder stellt ein Beispiel - das Typische seiner Art. +Nirgends groteske Verzerrung oder leichtfertiges Fertigwerden mit +komplizierten Gedanken. Philosophische, theosophische, soziale +Erörterungen kommen in streng geführten Dialogen zur Diskussion, wandeln +sich hier in poetisch wohltuend gemäßigter Form zu pulsendem Leben. + +_Neues Wiener Tageblatt_. Frau Meisel-Heß hat sich schon durch ein Werk +über »Die sexuelle Krise« in die Scharen der sozialreformatorischen +Streiter gestellt, während sie in ihrer »Stimme«, das ihr feinstes Buch +bleibt, eine individualistisch vertiefte Studie gibt - jeder +nachdenkliche moderne Mensch wird den Roman mit großem Interesse lesen. + +A. E. FISCHER, Buch- und Kunstdruckerei, GERA-R. + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1912 bei Oesterheld erschienenen Ausgabe erstellt. Die +nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +p 019: steigen drei Reketen -> Raketen +p 022: Zeitungsberichte erkennen liessen. -> ließen +p 027: [Komma ergänzt] Blatt beugte, »der Flächeninhalt +p 030: Einen grosszügigen Künstler -> großzügigen +p 031: lächend wieder aufblickend -> lächelnd +p 033: dadurch abschliessende Form -> abschließende +p 035: Paul Seebecks Ichtyosauren -> Ichthyosauren +p 041: [Anführungszeichen entfernt] »Durch den Schriftsteller -> Durch +p 044: [Komma ergänzt] daran erinnerte, daß +p 045: du willst gleieh -> gleich +p 050: [Vereinheitlicht] im Cafe Stephanie gesessen -> Café +p 052: auf und abgehend -> auf- und abgehend +p 054: [Punkt ergänzt] Dann lief er tief errötend aus der Tür. +p 055: [Anführungszeichen korrigiert] einer von den Unsrigen.« +p 059: [Zeichen ergänzt] also [ ]in Vorrecht -> ein +p 058: fuhr erfort[ ], -> er fort, +p 062: fragte Seebeck die Hand -> fragte Seebeck, die Hand +p 063: ausgewachene Riesenschildkröte -> ausgewachsene +p 063: Das es jetzt ... nicht mehr gibt, -> Da +p 065: bilden kann, ohne das -> daß +p 067: alle sozialen und sozial-psychologischen Phänomen -> Phänomene +p 069: Schwäche und Dumheit -> Dummheit +p 072: Jacob Silberland den geringsten Kummer -> Jakob +p 075: Rhytmus -> Rhythmus +p 076: [Anführungszeichen korrigiert] erinnern Sie sich noch?« +p 089: an Herren Seebeck erlauben -> Herrn +p 090: Denn wir wissen alles, was wir ihm schulden -> alle +p 090: [Punkt ergänzt] im Buche der Menschheit stehen.« +p 092: allerhand Papier zusammen, die -> Papiere +p 093: [Komma entfernt] fünfhunderteinundzwanzig, Mark. +p 097: geklatscht und gestrampelt -> getrampelt +p 106: antworetete der Krüppel -> antwortete +p 108: [Komma ergänzt] Rechtsstreitigkeiten«, wie [...] ausdrückt +p 108: alle Steitigkeiten durch -> Streitigkeiten +p 116: [Vereinheitlicht] Orang-Utans vorfinden«. -> vorfinden.« +p 122: Arbeit ausführen nnd -> und +p 122: die wir jetzt darstellen, -> darstellen. +p 139: [Punkt ergänzt] Schatten auf sie. +p 145: stand der Krüppel auf; -> auf: +p 151: [Punkt ergänzt] die sich auf dem Tische befand. +p 156: Proviant für viezehn Tage -> vierzehn +p 167: [Anführungszeichen korrigiert] praktische Bedeutung hat?« +p 183: [Vereinheitlicht] der Vorstandsschaft -> Vorstandschaft +p 201: [Anführungszeichen korrigiert] »Woher wissen Sie das?« +p 213: [Vereinheitlicht] Herr Reichkommissar -> Reichskommissar +p 214: Reipeitsche -> Reitpeitsche +p 227: ihr auf den Rückwege -> dem +p 233: [Anführungszeichen korrigiert] »Wir sind verraten.« +p 233: [Ellipse ergänzt] ausliefern und uns ergeben .. « -> ...« +p 241: [Punkt ergänzt] Gut, daß Sie kommen. +p 245: der menschlichen Körper sich -> menschliche +p 247: Neue Freie Prese -> Presse +p 248: ERSCHIEN FENRER -> FERNER + +Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei +folgenden Wörtern: + +p 011: grinzend +p 058: Karrikatur +p 074, 172: endgiltig +p 178: kennte ] + + + +[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the Oesterheld +edition, published around 1912. The table below lists all corrections +applied to the original text. + +p 019: steigen drei Reketen -> Raketen +p 022: Zeitungsberichte erkennen liessen. -> ließen +p 027: [added comma] Blatt beugte, »der Flächeninhalt +p 030: Einen grosszügigen Künstler -> großzügigen +p 031: lächend wieder aufblickend -> lächelnd +p 033: dadurch abschliessende Form -> abschließende +p 035: Paul Seebecks Ichtyosauren -> Ichthyosauren +p 041: [removed quotes] »Durch den Schriftsteller -> Durch +p 044: [added comma] daran erinnerte, daß +p 045: du willst gleieh -> gleich +p 050: [unified] im Cafe Stephanie gesessen -> Café +p 052: auf und abgehend -> auf- und abgehend +p 054: [added period] Dann lief er tief errötend aus der Tür. +p 055: [corrected quotes] einer von den Unsrigen.« +p 059: [added character] also [ ]in Vorrecht -> ein +p 058: fuhr erfort[ ], -> er fort, +p 062: fragte Seebeck die Hand -> fragte Seebeck, die Hand +p 063: ausgewachene Riesenschildkröte -> ausgewachsene +p 063: Das es jetzt ... nicht mehr gibt, -> Da +p 065: bilden kann, ohne das -> daß +p 067: alle sozialen und sozial-psychologischen Phänomen -> Phänomene +p 069: Schwäche und Dumheit -> Dummheit +p 072: Jacob Silberland den geringsten Kummer -> Jakob +p 075: Rhytmus -> Rhythmus +p 076: [corrected quotes] erinnern Sie sich noch?« +p 089: an Herren Seebeck erlauben -> Herrn +p 090: Denn wir wissen alles, was wir ihm schulden -> alle +p 090: [added period] im Buche der Menschheit stehen.« +p 092: allerhand Papier zusammen, die -> Papiere +p 093: [removed comma] fünfhunderteinundzwanzig, Mark. +p 097: geklatscht und gestrampelt -> getrampelt +p 106: antworetete der Krüppel -> antwortete +p 108: [added comma] Rechtsstreitigkeiten«, wie [...] ausdrückt +p 108: alle Steitigkeiten durch -> Streitigkeiten +p 116: [unified] Orang-Utans vorfinden«. -> vorfinden.« +p 122: Arbeit ausführen nnd -> und +p 122: die wir jetzt darstellen, -> darstellen. +p 139: [added period] Schatten auf sie. +p 145: stand der Krüppel auf; -> auf: +p 151: [added period] die sich auf dem Tische befand. +p 156: Proviant für viezehn Tage -> vierzehn +p 167: [corrected quotes] praktische Bedeutung hat?« +p 183: [unified] der Vorstandsschaft -> Vorstandschaft +p 201: [corrected quotes] »Woher wissen Sie das?« +p 213: [unified] Herr Reichkommissar -> Reichskommissar +p 214: Reipeitsche -> Reitpeitsche +p 227: ihr auf den Rückwege -> dem +p 233: [corrected quotes] »Wir sind verraten.« +p 233: [completed ellipsis] ausliefern und uns ergeben .. « -> ...« +p 241: [added period] Gut, daß Sie kommen. +p 245: der menschlichen Körper sich -> menschliche +p 247: Neue Freie Prese -> Presse +p 248: ERSCHIEN FENRER -> FERNER + +The original spelling has been maintained throughout the book, +particularly for the following words: + +p 011: grinzend +p 058: Karrikatur +p 074, 172: endgiltig +p 178: kennte ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Phantasten, by Erich von Mendelssohn + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PHANTASTEN *** + +***** This file should be named 18620-8.txt or 18620-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/8/6/2/18620/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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