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+The Project Gutenberg EBook of Phantasten, by Erich von Mendelssohn
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Phantasten
+
+Author: Erich von Mendelssohn
+
+Release Date: June 19, 2006 [EBook #18620]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PHANTASTEN ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+ ERICH VON MENDELSSOHN
+
+ PHANTASTEN
+
+ ROMAN
+
+
+
+ BERLIN 1912
+ VERLEGT BEI OESTERHELD & CO.
+
+
+
+ Copyright 1912
+ by Oesterheld & Co. Berlin W. 15
+
+
+
+GESCHRIEBEN IM SOMMER 1911
+
+
+ALEXANDRA JEGOROWNA
+zugeeignet
+
+
+
+
+Vor neun Tagen hatte der Lloyddampfer »Prinzessin Irene« Sidney
+verlassen, und deshalb übte der Anblick des grenzenlosen Wassers keinen
+Reiz mehr auf die Passagiere aus. Am wenigsten an einem Tage wie heute,
+wo ein feiner Staubregen durch alle Kleider drang und einen frösteln
+machte. Für solche Tage hatte man ja in den Salons alle die
+Annehmlichkeiten, die ein moderner Luxusdampfer bietet.
+
+Als Paul Seebeck auf das Deck hinaus trat, schlug er den Kragen seines
+langen, englischen Überziehers hoch und schaute sich um. Ein Augenblick
+genügte ihm, um festzustellen, daß er ganz allein war. Wohl hatte ihm
+der Kapitän ein für allemal die Erlaubnis gegeben, so oft es ihm gefiele
+zu ihm auf die Kommandobrücke zu kommen - denn Seebeck störte nie, am
+wenigsten durch unnötige Fragen, seine Anwesenheit verkürzte dagegen die
+lange Wacht - doch Paul Seebeck scheute sich, die anderen Passagiere auf
+seine bevorzugte Stellung aufmerksam zu machen, um dem Kapitän keine
+Unannehmlichkeiten zu bereiten.
+
+Jetzt stand der große, starke, doch etwas fette Mann neben dem kleinen
+Kapitän auf der Kommandobrücke.
+
+»Schade, daß das Wetter heute so trübe ist«, sagte der Kapitän, »sonst
+könnten wir dort im Nordosten die Santa-Cruz-Inseln sehen.« Er rollte
+die Seekarte auf und wies mit dem zusammengeklappten Zirkel auf den
+Punkt, wo das Schiff sich im Augenblicke befand. »Aber ich glaube, daß
+es bald etwas aufhellen wird.«
+
+Paul Seebeck nahm ein Fernglas, sah erst nach Nordosten und folgte dann
+weiter dem Horizonte.
+
+Der Kapitän fuhr fort:
+
+»Morgen kommen wir sozusagen aus den englischen Gewässern heraus und in
+deutsche hinein.«
+
+Paul Seebeck ließ das Glas sinken:
+
+»Deutsche Gewässer, Herr Kapitän?«
+
+»Nun ja, die des Bismarckarchipels.«
+
+Paul Seebeck hob wieder das Glas und schaute unverwandt nach Norden,
+dann reichte er es dem Kapitän und sah auf den Himmel:
+
+»Sie haben natürlich wieder Recht, es wird wirklich heller. Aber gerade
+dort vor uns liegen dicke Wolken. Sehen Sie mal hin.«
+
+Der Kapitän sah erst durch das Glas in der angegebenen Richtung, dann
+mit bloßen Augen und dann wieder durch das Glas. Schließlich sagte er
+kopfschüttelnd:
+
+»Merkwürdig.«
+
+»Befürchten Sie ein Gewitter, Herr Kapitän?« fragte Paul Seebeck
+gleichmütig.
+
+»Ich weiß gar nicht, was ich aus dem Ding machen soll. Nein, eine
+Gewitterwolke ist es nicht.«
+
+Jetzt wandte sich der Matrose, der das Steuerrad bediente, grinzend
+herum und sagte breit:
+
+»Herr Kapitän, die ist ja von einem Vulkane!«
+
+Der Kapitän war so interessiert, daß er gar nicht daran dachte, den
+Matrosen zurechtzuweisen. Er rollte die Seekarte wieder auf, bestimmte
+die augenblickliche Lage des Schiffes ganz genau, prüfte den Kompaß und
+sagte dann:
+
+»Unmöglich, dort liegt kein Land.«
+
+Eine halbe Stunde verging, und alle schwiegen; der Kapitän und Paul
+Seebeck schauten aber abwechselnd durch das Fernglas auf die schwere,
+dunkelgraue Wolke. Endlich sagte Paul Seebeck:
+
+»Das ist und bleibt ein Vulkan mit der berühmten, pinienartigen
+Rauchsäule, und wenn er nicht auf der Karte steht, ist es ein Fehler der
+Karte, und nicht des Vulkans.«
+
+Der Kapitän schüttelte ungläubig den Kopf:
+
+»Es kann nur eine sonderbar geformte Wolke sein; es ist ganz undenkbar,
+hier mitten auf einer so befahrenen Route eine neue Insel zu entdecken.«
+
+»Aber wenn es eine neu entstandene wäre, Herr Kapitän?« warf Paul
+Seebeck ein. »Denken Sie doch an die große Flutwelle vor zwei Monaten,
+die die ganze nördliche und östliche Küste Australiens überschwemmt
+hat.«
+
+»Donnerwetter!« rief der Kapitän. »Das wäre ja -«
+
+Er wollte das Glas heben, aber jetzt kam von der Seite her ein feiner,
+durchdringender Staubregen, der in wenigen Augenblicken die Aussicht
+verschleierte. Die Herren hüllten sich fester in ihre Mäntel.
+
+Der Regen wurde stärker und stärker, und außerdem brach schnell die
+Nacht herein.
+
+»Kommen Sie in meine Kabine«, sagte endlich der Kapitän. »Ich möchte die
+Sache gern mit dem Ersten Offizier besprechen, und außerdem wird uns
+jetzt ein warmer Punsch ganz gesund sein.«
+
+»Danke, gern.«
+
+Wie der Kapitän dem Ersten Offizier die Möglichkeit andeutete, in der
+Nähe einer neu entstandenen Insel zu sein, eilte dieser sofort auf die
+Kommandobrücke, um selbst Umschau zu halten, kehrte aber bald enttäuscht
+zurück, da er des Dunkels und des Regens wegen nichts hatte wahrnehmen
+können.
+
+Als die drei Herren in der Kajüte bei einem Glase Punsch zusammensaßen
+und der Kapitän mit dem Ersten Offizier alle Eventualitäten und die
+vorzunehmenden Maßnahmen besprach, zog sich Paul Seebeck in eine Ecke
+zurück und schwieg, wobei er doch aufmerksam dem Gespräch lauschte, das
+immer mehr an Fluß verlor und zuletzt ganz aufhörte. Schließlich saßen
+die Drei schweigend da, und jeder hing seinen Gedanken nach.
+
+Endlich sah der Kapitän nach der Uhr:
+
+»Meine Herren, jetzt sind wir schon drei Stunden hier unten. Wie wäre
+es, wenn wir wieder hinaufgingen und nach unserer Wolkeninsel sähen?«
+
+Paul Seebeck lachte laut auf:
+
+»Bravo, Herr Kapitän. Vielleicht hat sie sich schon längst aufgelöst,
+während wir sie hier in aller Ruhe erobern.«
+
+Als sie auf Deck hinaustraten, sahen sie, daß Nebel und Regen völlig
+verschwunden waren, und daß klar der Mond schien. Passagiere gingen
+plaudernd und rauchend auf und ab, oder saßen, in Plaids gehüllt, auf
+Feldstühlen. Paul Seebeck hatte aber seine gewohnte Zurückhaltung völlig
+aufgegeben und folgte zusammen mit dem Ersten Offizier dem Kapitän auf
+die Kommandobrücke.
+
+Jetzt war kein Zweifel mehr möglich: vor ihnen lag, steil dem Meere
+entsteigend, ein Vulkan, über dessen kegelförmiger Spitze - aber ohne
+diese zu berühren - eine ungeheure, blauschwarze Wolke schwebte. Durch
+das Fernglas sah man in einigen Rissen am Krater die Lava glühend
+herabsinken.
+
+Als Erster brach Paul Seebeck das Schweigen:
+
+»Wie weit, Herr Kapitän -?« fragte er. Der Kapitän drehte sich schnell
+herum und betrachtete Paul Seebeck ganz fremd, als ob er seine Gedanken
+erst sammeln müßte. Dann schaute er wieder auf den Vulkan und sagte:
+
+»Sechzig Seemeilen schätze ich.«
+
+»Dann sind wir also in vier Stunden dort?«
+
+»Ja, wenn die Lotungen uns nicht zu lange aufhalten.«
+
+»Ach, Sie glauben, daß sich der ganze Meeresboden gehoben hat?«
+
+»Ich muß wenigstens mit der Möglichkeit rechnen.«
+
+Der Erste Offizier hatte inzwischen unausgesetzt den Vulkan durch das
+Nachtglas angesehen. Jetzt sagte er:
+
+»Herr Kapitän, der Vulkan liegt auf einem ziemlich breiten Hochlande.
+Wir scheinen eine Insel von ganz achtbarer Größe da vor uns zu haben.«
+
+Paul Seebeck senkte den Kopf und sah vor sich hin. Dann ging gleichsam
+ein Ruck durch ihn; er strammte sich auf, sah dem Kapitän fest in die
+Augen und sagte langsam:
+
+»Herr Kapitän, jetzt ist es zehn Uhr; Sie sagten selbst, daß wir vor
+vier Stunden nicht dort sein können, also nicht vor zwei Uhr nachts. Um
+Zwölf wird aber alles elektrische Licht ausgelöscht, so daß dann kein
+Passagier mehr auf sein kann. Sie, der Herr Erste Offizier und ich sind
+die Einzigen, die wissen, daß wir dort eine neu entstandene Insel vor
+uns haben. Die anderen haben nichts gesehen, oder wenn sie die Insel
+gesehen haben, ist sie ihnen nicht weiter aufgefallen. Wollen Sie mich
+um zwei Uhr an Land setzen und Schweigen bewahren?«
+
+Der Kapitän sah ihn überrascht an: »Herr Seebeck - überlegen Sie sich's
+- eine neuentstandene, vulkanische Insel! Heißer Boden! Ich habe doch
+die Verantwortung, auch für Sie. Und dann - in das Schiffsbuch muß ich
+die Sache doch eintragen.«
+
+Paul Seebeck preßte die Lippen zusammen: »Gewiß, gewiß -«
+
+Nach kurzem Schweigen fuhr er auf. »Herr Kapitän, ich habe nichts
+Unrechtes vor. Ich will die Insel für das Deutsche Reich in Besitz
+nehmen. Machen Sie Ihre Eintragungen in das Schiffsbuch, es wird sie ja
+niemand anders als die Rhederei sehen. Wollen Sie Beide mir aber
+versprechen, das heißt, können Sie mir versprechen, absolutes Schweigen
+zu bewahren, Sie und die Herren in Bremen, die das Schiffsbuch eventuell
+lesen? Absolutes Schweigen nur drei Tage lang zu bewahren? Wenn im Laufe
+dieser drei Tage nicht telegraphisch eine Bitte vom Reichskolonialamt
+eingelaufen ist, länger zu schweigen, sind Sie völlig frei.«
+
+Der Kapitän sah Paul Seebeck an.
+
+»Einem andern würde ich ein solches Versprechen nicht geben, das mir
+meine Stellung kosten kann. Ihnen gebe ich es.«
+
+»Ich danke Ihnen, Herr Kapitän, Sie werden es nicht zu bereuen haben.«
+
+»Auch ich gebe Ihnen das Versprechen«, fügte der Erste Offizier hinzu.
+
+Paul Seebeck senkte dankend den Kopf.
+
+Nach einer Weile wandte sich der Kapitän wieder Paul Seebeck zu:
+
+»Verstehe ich Sie recht, wollen Sie sofort von Bremen nach Berlin
+fahren?«
+
+Paul Seebeck schaute auf:
+
+»Nein, ich bleibe dort und gebe Ihnen einen Brief an einen Freund mit,
+der alles für mich ordnen wird.«
+
+Der Kapitän schüttelte den Kopf:
+
+»Ich kann Sie nicht an Land setzen lassen, Herr Seebeck. Die
+Verantwortung übernehme ich nicht.«
+
+»Ich werde in meinem eigenen Motorboot hinüberfahren.«
+
+»Ich werde Sie leider daran verhindern müssen.«
+
+»Herr Kapitän! Glauben Sie das verantworten zu können?«
+
+Der Kapitän stutzte einen Augenblick. Dann schlug er Seebeck lachend auf
+die Schulter und sagte:
+
+»Ich kann Sie ja nicht mit Gewalt festhalten, dazu wissen Sie zu genau,
+was Sie wollen. Aber erklären Sie mir doch, wie Sie sich alles denken.«
+
+Wieder sah Paul Seebeck dem Kapitän fest ins Gesicht und sagte ganz
+langsam:
+
+»Ich habe mein Motorboot, mein Zelt und Konserven für zwei Monate. Ich
+werde Sie bitten, mir drei gewöhnliche Feuerwerksraketen zu geben. Sie
+haben sie ja an Bord zur Unterhaltung Ihres Publikums. Wir machen das
+Motorboot mit allem Inhalt klar, so daß wir es in einigen Minuten ins
+Wasser setzen können. Wir kommen ja dicht an der Insel vorbei. Sobald
+wir vom Schiffe aus einen Landungsplatz sehen, setzen Sie mich ins
+Wasser. Sie sind dann so liebenswürdig, mit halber Kraft
+weiterzufahren. Komme ich glücklich ans Land, lasse ich alle drei
+Raketen aufsteigen, und Sie dampfen ruhig weiter. Ich verspreche Ihnen,
+es erst dann zu tun, wenn ich heil und gesund am Lande bin. Lasse ich
+nur zwei Raketen steigen, bedeutet das, daß ich nicht landen kann und
+Sie auf mich warten müssen. Eine Rakete allein heißt, daß ich in Gefahr
+bin, und Sie mir ein Boot zu Hilfe schicken müssen. Einverstanden?«
+
+»Ja, unter der Bedingung, daß Sie sich vom Schiff noch so viele
+Konserven mitnehmen, daß Sie für ein halbes Jahr versorgt sind. Nach
+drei Monaten bin ich zwar wieder hier -«
+
+»Und mein Freund, Jakob Silberland, ist dann mit Ihnen.«
+
+»Der Herr, der zum Kolonialamt gehen soll?«
+
+»Derselbe. Ich danke Ihnen, Herr Kapitän.«
+
+»Sie haben mir nichts zu danken. Ich bitte Sie nur, in meine Kabine zu
+gehen und sich alles noch einmal in Ruhe zu überlegen. Dort können Sie
+auch Ihren Brief schreiben. Lassen Sie sich auch Ihr Abendessen dorthin
+bringen, damit Sie ganz ungestört sind. In einer Stunde komme ich zu
+Ihnen hinunter, und wir können dann alles bis ins Kleinste besprechen.«
+
+Paul Seebeck verließ mit einer leichten Verbeugung die Kommandobrücke.
+
+- - - Drei Stunden nach Mitternacht lag der Dampfer eine Seemeile vor
+dem steil abfallenden, zerrissenen Ufer entfernt, das vom Mondlichte
+schwarz und groß auf das Wasser gezeichnet wurde.
+
+Leise Kommandorufe ertönen - ein Krahn dreht sich, und unter
+Kettengerassel sinkt ein Motorboot auf die kaum gekräuselte
+Wasserfläche. Halblaute Abschiedsrufe, ein Winken und Grüßen, der Motor
+wird eingestellt, und das Boot saust davon. Langsam und schwer brodelt
+es unter der Schraube des Dampfers, und jetzt setzt sich der Koloß in
+Bewegung.
+
+Der Kapitän steht auf der Kommandobrücke und verfolgt mit dem Nachtglase
+das Motorboot. Jetzt verschwindet es hinter einer Klippe, taucht dann
+tief in den Mondschatten, biegt um einen Felsen und ist fort. Eine
+Viertelstunde später steigen drei Raketen fast gleichzeitig in die Luft.
+Aufatmend stellt der Kapitän den Telegraphen auf »Volldampf«.
+
+
+
+
+Als Dr. phil. et jur. Jakob Silberland unter dem Schutze seines
+übermäßig großen Schirmes dem Café Stephanie zueilte, gab es nicht
+Wenige, die trotz des strömenden Regens stehen blieben und ihm
+wohlwollend lächelnd nachblickten. Das war auch nicht wunderlich, denn
+Jakob Silberland bildete eine sonderbare Figur. Auf kurzen Beinchen saß
+ein dicker Leib mit viel zu langen Armen, und im Gesichte bildeten die
+heiteren, offenen Augen einen seltsamen Gegensatz zu der
+scharfgekrümmten Nase und der hohen, ausdrucksvollen Stirn, über die das
+blauschwarze Haar in einigen glänzenden, langen Strähnen fiel.
+
+Sobald Jakob Silberland das Café betreten hatte, holte er sich vom
+Ständer sechs oder acht Zeitungen und legte sie auf einen Tisch am
+Fenster. Dann erst hängte er Schirm und Hut an einen Haken, wobei er
+doch ständig seine Zeitungen im Auge behielt. Als er seinen Mantel
+auszog, wobei ein abgetragener und etwas fleckiger Gehrock sichtbar
+wurde, eilte der Kellner hilfsbereit herbei und sagte:
+
+»Guten Tag, Herr Doktor. Heute früh war der Briefträger mit einem
+eingeschriebenen Brief für den Herrn Doktor da. Ich sagte ihm, er solle
+am Nachmittage wiederkommen, dann wäre der Herr Doktor bestimmt hier.«
+
+Dr. Silberland sagte nur: »Danke« und eilte auf seinen kurzen Beinchen
+zu seinen Zeitungen, in denen eben ein anderer Gast zu blättern begann.
+Als er sich richtig zurechtgesetzt und seine Zeitungen sortiert hatte,
+bestellte er einen Kaffee und begann, die Brust an den Tischrand
+gedrückt, eifrig zu lesen. Gerade als er die Kreuzzeitung mit
+gerunzelter Stirn fortlegte und aufatmend nach dem »Vorwärts« griff,
+erschien, vom Kellner geführt, der Briefträger an seinem Tische und
+übergab ihm einen eingeschriebenen Brief. Silberland erkannte sofort die
+Handschrift seines Freundes Paul Seebeck, schob mit einer energischen
+Armbewegung die Zeitungen zur Seite, quittierte, gab dem Briefträger
+zwanzig Pfennige und öffnete den Brief. Hierbei fiel ein
+zusammengefaltetes Checkformular heraus, das Silberland sofort in seine
+Brieftasche steckte. Der Brief lautete:
+
+
+ »An Bord des Lloyddampfers »Prinzessin Irene«.
+
+ Lieber Jakob!
+
+ Von dem wenig befriedigenden Ausfall meiner australischen
+ Expedition wirst du durch die Zeitungen erfahren haben. Übrigens
+ war der Verlauf viel kläglicher, als die Zeitungsberichte erkennen
+ ließen.
+
+ Ich freue mich aber jetzt, daß ich so mißgestimmt und so
+ unzufrieden mit mir selbst die Rückreise antrat, denn dadurch hatte
+ ich gerade die richtige Disposition zu neuen Dingen, die
+ ernsthafter sind.
+
+ Paß mal auf: wir haben eine neuentstandene, vulkanische Insel
+ entdeckt, und zwar bin ich der erste, der sie sah. Ich bin dort
+ geblieben und habe sie für das Deutsche Reich in Besitz genommen.
+ Die Sache ist Geheimnis, nur der Kapitän und der Erste Offizier von
+ der »Prinzessin Irene« wissen davon, und die schweigen.
+
+ Wo die Insel liegt, usw., kannst du von diesen beiden Herren
+ erfahren.
+
+ Bitte geh sofort nach Berlin, zum Reichskolonialamt, und laß mir
+ eine unbeschränkte Vollmacht als Reichskommissar ausstellen, so daß
+ ich bis auf weiteres mit der Insel machen kann, was ich will. Die
+ Leute sollen aber schweigen, bis erst feststeht, ob die Insel
+ bewohnbar ist oder nicht. Sonst ist die Blamage nachher zu groß. Du
+ gibst natürlich sofort deine alberne Stellung bei den »Neuesten«
+ auf und kommst mit der »Prinzessin Irene« hierher. Ein Scheck auf
+ zehntausend Mark liegt bei: bezahl alle deine Schulden, daß du
+ vollständig unabhängig bist. Mach sonst aber nicht zu viele
+ Ausgaben, denn ich werde hier mein Geld wohl sehr nötig brauchen.
+ Eine Tropenausrüstung mußt du aber haben.
+
+ Du verstehst, was ich will: ich denke an unsere Gespräche über den
+ absolut korrekten Staat, der durch keinerlei Traditionen und
+ Rücksichten gehemmt ist. Wir haben ja oft darüber debattiert, wie
+ ein solcher moderner Staat auszugestalten sei - hier können wir ihn
+ gründen, wenn auch nur in einem kleinen Maßstabe.
+
+ Alle Einzelheiten überlasse ich dir, nur besorge mir die Vollmacht
+ und komm her. Setz dich aber auch mit dem Kapitän in Verbindung.
+ Der Mann ist praktisch und wird dich über Einzelheiten informieren.
+
+ Entschuldige die Kürze. Ich kann dir aber in dieser Eile nicht alle
+ meine Gedanken auseinandersetzen; es ist wohl auch unnötig,
+ eigentlich ergibt sich ja alles von selbst.
+
+ Überlege dir aber jeden Schritt, den du tust.
+
+ Gruß
+ dein Paul S.«
+
+
+Als Jakob Silberland diesen Brief zu Ende gelesen hatte, fuhr er sich
+mehrmals mit der Hand durch das lange, schwarze Haar. Dann rührte er
+bedächtig seinen Kaffee um, der längst kalt geworden war. Gerade, wie er
+ihn trinken wollte, kam der Kellner und sagte:
+
+»Herr Doktor, die Redaktion fragt am Telephon, ob Sie noch hier wären.«
+
+»Sagen Sie, ich wäre gegangen«, gab Silberland zur Antwort, »und bringen
+Sie mir eine Zigarre.«
+
+»Wie gewöhnlich eine zu Zehn?«
+
+»Ja - nein, eine zu Fünfzig!« sagte Jakob Silberland würdevoll. »Und
+besorgen Sie mir ein Auto.«
+
+»Sehr wohl, Herr Doktor«, sagte der Kellner mit der solchen ungewohnten
+Aufwendungen zukommenden Ehrerbietung.
+
+Jakob Silberland aber fuhr, die feine Zigarre in der Hand, im Auto zur
+Dresdener Bank, wo er den Scheck einlöste, und unternahm dann eine
+längere Rundfahrt durch die Stadt, um alle seine kleinen und größeren
+Schulden zu bezahlen, die zusammen kaum zweitausend Mark betrugen.
+Zuletzt begab er sich auf seine Redaktion, wo er gegen Stellung eines
+Vertreters leicht entlassen wurde, da er kein angenehmer Kollege gewesen
+war.
+
+Mit dem Abendschnellzuge fuhr er nach Berlin.
+
+
+
+
+Drei Monate später saßen Paul Seebeck und Jakob Silberland in ihren
+blendend weißen Flanellanzügen auf einem Steinblock am Strande, rauchten
+ihre kurzen, englischen Pfeifen und sahen der langsam verschwindenden
+»Prinzessin Irene« nach. Endlich sagte Jakob Silberland:
+
+»Etwas Urweltliches liegt über der ganzen Insel: der Vulkan, die nackten
+Felsen, der Mangel jeglichen tierischen Lautes - es kommt mir fast vor,
+als ob ich um viele Millionen von Jahren in der Zeit zurückversetzt sei.
+Es würde mich gar nicht wundern, wenn plötzlich ein Ichthyosaurus oder
+sonst irgend ein Ungeheuer aus dem Wasser auftauchte.«
+
+Paul Seebeck hatte nachdenklich seine Pfeife ausklopfend ihm zugehört.
+Jetzt hob er den Kopf und sagte lächelnd:
+
+»Die Ungeheuer wirst du schon noch zu sehen bekommen. Nur etwas Geduld.«
+
+Jakob Silberland lachte:
+
+»Hast du hier eine Ichthyosauren-Farm angelegt? Das Geschäft dürfte doch
+kaum lohnend sein. Sobald die Zoologischen Gärten versorgt sind, würde
+der Weltbedarf gedeckt sein, und was dann?«
+
+Es zuckte um Seebecks Mundwinkel, als ob er mit Mühe ein Lächeln
+unterdrückte.
+
+»Aber wovon wollen wir hier sonst leben, wenn nicht von Ichthyosauren?
+Es gibt ja keinen Grashalm auf der ganzen Insel, keinen Vogel, keinen
+Floh, nichts. Soweit ich als gebildeter geologischer Laie urteilen kann,
+ist auch das Vorkommen von wertvollen Mineralien zum mindesten höchst
+unwahrscheinlich. Da bleiben doch nur die Ichthyosauren übrig. Außerdem
+finde ich den Gedanken sehr ansprechend, daß der modernste aller Staaten
+von urweltlichen Tieren lebt. Damit schließt sich zurückgreifend der
+Ring und löscht die Zeit aus. Anfang und Ende berühren sich.«
+
+Jakob Silberland sprang auf:
+
+»Ist das dein Ernst?«
+
+Seebeck blieb sitzen und sagte gemütlich:
+
+»Du sollst etwas Geduld haben. Ich werde dir meine Saurierfarm schon
+zeigen. Die größte Ichthyomuttersau habe ich übrigens voll Dankbarkeit
+gegen das gütige Schicksal »Prinzessin Irene« getauft.«
+
+Damit stand er auf und ging zu seinem Zelt, das einige Schritte
+rückwärts im Schutze einer schrägen Felswand stand. Er kam mit einigen
+Papierrollen zurück.
+
+»Sieh mal her«, sagte er, indem er die Blätter entfaltete und jedes an
+den vier Ecken mit Steinchen beschwerte, »hier habe ich, so gut ich es
+allein machen konnte, die Insel aufgenommen. Die Küste und diese Bucht
+habe ich recht genau, im Inneren bin ich flüchtiger gewesen und außerdem
+habe ich größere Strecken der heißen Lava wegen nicht betreten können.
+Hier hast du die ganze Insel mit den Schären eins zu dreihunderttausend«,
+fuhr er fort, wobei er sich über das betreffende Blatt beugte, »der
+Flächeninhalt beträgt ungefähr zwölfhundert Quadratkilometer, wovon der
+Vulkan allein fast vierzig bedeckt. Hier ist unsere Bucht eins zu
+zehntausend. Sie ist mit der Nebenbucht dort rechts von uns überhaupt
+die einzige Bucht der ganzen Insel. Ich habe sie bei Tiefebbe
+aufgenommen. Die rote Küstenlinie und die rot gezeichneten Schären
+beziehen sich auf Tiefebbe, die entsprechenden blauen Linien auf
+Hochflut. Du siehst, daß unzählige Schären und Klippen nur bei Tiefebbe
+über die Wasserfläche emporragen. Bei Tiefebbe ist überhaupt nur eine
+einzige, schmale und dabei stark gewundene Rinne selbst für mein
+kleines, flaches Motorboot passierbar. Ich kam glücklicherweise bei
+Hochflut, sonst wäre ich überhaupt nie lebendig hier ans Land
+gekommen.« Mit der Hand aufs Meer weisend, sagte er: »Die äußerste
+Felsenspitze dort links ist etwa siebenhundert Meter hoch und fünf
+Kilometer von uns entfernt, die dort rechts dreihundert Meter hoch und
+vier Kilometer entfernt. Die Entfernung zwischen beiden beträgt drei
+Kilometer. Diese Bucht stellt den einzigen Hafen, überhaupt die einzige
+Landungsmöglichkeit dar. Zwischen der Spitze rechts und dem Kap, das ein
+wenig darüber hervorragt, liegt eine zweite, breite, aber sehr flache
+Bucht mit unzähligen Felsen und Klippen. Dahin kann man zu Wasser, aus
+Gründen, die dir später klar werden, nicht kommen, und vom Lande aus nur
+mit Hilfe eines Seiles. Sogar ich als Bergsteiger habe dort nur schwer
+hinunterklettern können. Diese zweite Bucht habe ich Irenenbucht
+getauft, der einzige Name, den ich bisher hier einer Örtlichkeit gegeben
+habe.« Lächelnd setzte er hinzu: »Dort liegt also meine
+Ichthyosaurenfarm.«
+
+Bevor der überraschte Silberland sich zu einem Worte sammeln konnte,
+fuhr Paul Seebeck fort:
+
+»Denk dir unsern Standort hier als Mittelpunkt eines Kreises mit dem
+Radius von fünf Kilometern, also der Entfernung des Kap dort links. Dann
+bezeichnet der Kreisbogen ziemlich genau die Grenze eines submarinen
+Plateaus, auf dem alle diese Schären liegen. Wie tief der Meeresboden
+außerhalb dieses Plateaus ist, weiß ich nicht; mein Lot ist hundert
+Meter lang und mit ihm habe ich draußen nirgendwo Grund gefunden. Sehr
+tief kann er aber doch nicht sein, denn auch da draußen liegen ja, wie
+du siehst, einige vereinzelte Klippen. Das Plateau bricht aber steil ab;
+ich vermute, der Schären da draußen wegen und auch aus anderen Gründen,
+aber ein zweites, allerdings viel tiefer liegendes, submarines Plateau.
+Der größte Teil der Insel ist eine im großen Ganzen wagerechte
+Hochebene, vier- bis siebenhundert Meter über dem Meeresspiegel, die
+überall fast senkrecht abbricht. Dann - ja, der große Vulkan -
+neunzehnhundert Meter hoch, diese Mulde, mit ihren sechs
+Quadratkilometern Fläche, die stufenweise, amphitheatralisch, wenn du
+willst, bis zur Plateauhöhe emporsteigt - damit ist wohl die Topographie
+der Insel erschöpft. Ich habe sonst nicht viel Bemerkenswertes auf
+meinen Streifzügen entdeckt, höchstens wäre ein seltsames Durcheinander
+von Schluchten erwähnenswert, das am Fußpunkte des Vulkanes liegt und
+mich da am Weiterkommen hinderte.«
+
+»Und wie denkst du dir die Entstehung der Insel?« fragte Jakob
+Silberland.
+
+»Ich bin kein Geologe. Daß die Insel erst jetzt entstanden ist, glaube
+ich nicht. Sie wird schon einmal dagewesen sein, und zwar viel größer
+als jetzt, ist dann unter die Oberfläche des Meeres gesunken und hat
+sich jetzt wieder darüber gehoben, doch nicht bis zu ihrer
+ursprünglichen Höhe. Und zwar glaube ich nicht, daß sie sehr lange unten
+gewesen ist, einige hundert Jahre höchstens.«
+
+»Woher kannst du das wissen?«
+
+»Die Steine sehen mir nicht aus, als ob sie lange Meeresboden gebildet
+hätten.«
+
+Damit stand Paul Seebeck auf, rollte seine Kartenskizzen zusammen und
+brachte sie in sein Zelt. Als er zurückkam, sagte er, vor Jakob
+Silberland stehen bleibend:
+
+»Ist das nicht ein ganz idealer Grund für eine Stadt? Alle Straßenzüge,
+sogar die Plätze der einzelnen Häuser sind von der Natur vorausbestimmt.
+Ich kann mir die ganze Stadt so lebendig vorstellen, wie sie sich den
+Felsen anschmiegt, wie sie in ihrer Struktur den Stufen folgt. Aber wir
+müssen einen Architekten haben, der einen ganz neuen Stil schaffen kann.
+Einen großzügigen Künstler wie Edgar Allan. Dort oben -« und er wies mit
+der Hand auf einen vorspringenden Felsen - »soll mein Haus stehen. Von
+dort aus kann ich alles übersehen.«
+
+»Du fühlst dich schon jetzt als König?«
+
+»König? Nein, nein!« wehrte Paul Seebeck erschrocken ab. Er sah still
+vor sich hin. Dann sagte er, lächelnd wieder aufblickend:
+
+»Komm jetzt. Wir wollen etwas zu Abend essen. Dann werde ich dir meine
+Ichthyosaurenfarm zeigen.«
+
+Da es fast Windstille war, beschlossen sie, vor dem Zelte ihre Mahlzeit
+einzunehmen. Als Jakob Silberland sah, daß Paul Seebeck seinen
+Destillationsapparat aufstellte, und Wasser vom Meere holte, fragte er
+besorgt:
+
+»Gibt es denn gar kein Trinkwasser auf der Insel?«
+
+»Doch, es gibt einen Bach hier in der Nähe, der wohl zur Versorgung
+einer kleinen Stadt ausreichen dürfte, und weiter oben einen großen
+Fluß. Es wird aber nicht leicht sein, ihn einzufangen und hier herunter
+zu leiten, denn er fällt mehrere Kilometer von hier in einem schönen
+Wasserfalle direkt vom Hochplateau aus ins Meer.«
+
+Als sie gegessen hatten - der Kapitän hatte Jakob Silberland einen Korb
+mit frischem Fleisch und Gemüse aus den Vorräten des Schiffes
+mitgegeben, so daß Paul Seebeck nach den vielen Wochen mit
+Konservennahrung endlich einmal etwas anderes bekommen hatte - rief
+Jakob Silberland:
+
+»Aber jetzt will ich nicht länger warten; jetzt mußt du mir deine
+Ichthyosauren vorführen. Ich bin wirklich sehr gespannt, zu erfahren,
+wovon wir hier leben sollen, besonders, was wir von hier exportieren
+können.«
+
+»Schön«, sagte Seebeck. »Komm!«
+
+Sie stiegen langsam in der mit Geröll bedeckten Mulde bergauf, und Paul
+Seebeck erklärte dabei seinem Freunde, wie er sich die Anlage der Stadt
+dachte. Der sonst so redselige Jakob Silberland sprach auch jetzt nur
+wenig; zu sehr beschäftigten seinen Geist die Perspektiven auf die
+Zukunft, die ihm ja tausend Träume zu verwirklichen versprach.
+
+Als sie die Plateauhöhe erreicht hatten, blieb Seebeck stehen und sagte:
+
+»Wenn man nicht ein anständiger Mensch wäre, könnte man bei dem Gedanken
+ganz sentimental werden, daß dieses reine, unberührte Land, das keine
+Geschichte und keine Vorzeit hat, eine Gemeinschaft von Menschen auf
+sich wachsen und blühen sehen wird, die auch jungfräulich frei, ohne
+Verbindung mit der übrigen Menschheit, ohne morsche Traditionen und ohne
+überlieferten Zwang, irrende Sterne im großen Raume sind und die hier
+sich nur auf Grund ihres reinen Menschentums zusammenfinden und hier
+zusammenarbeiten werden. In der Traditionslosigkeit unseres zukünftigen
+Staates sehe ich seine Bedeutung. Daß ich einigen Hundert oder Tausend
+Menschen, die sonst in keinen Rahmen passen, hier freie
+Entwicklungsmöglichkeiten und Glück zu geben vermag, genügt mir nicht.
+Vom ersten Augenblick an war mir dieser Staat ein Begriff, ein
+Kunstwerk, eine formale Befreiung. Ebenso, wie der Künstler durch seine
+reine Darstellung befreit, durch die einseitige, aber dadurch
+abschließende Form Klarheit im Chaos schafft, soll für die übrigen
+Menschen der Gedanke an unsere reine Insel eine geistige Erlösung sein.«
+
+»Du siehst nicht weit genug«, sagte Jakob Silberland, wobei er sich mit
+der Hand durch sein blauschwarzes, strähniges Haar fuhr und erregt mit
+seinen kurzen Beinchen trippelte. »Du sprichst als Künstler. Ich bin
+Praktiker und als solcher sehe ich noch eine Gewißheit: die
+Institutionen, die hier entstehen, die wir hier schaffen werden, werden
+beachtet, nachgeahmt werden, und unser Staat wird das Seinige dazu
+beitragen, daß sich die Menschheit aus den Ketten löst, in die
+Gewalttätigkeit, Dummheit und Herrschsucht sie gelegt haben. Sie wird
+durch uns lernen, frei zu sein, frei in der geschlossenen Gemeinschaft
+zu werden. Man muß ihr nur einmal zeigen, daß es möglich ist.«
+
+Paul Seebeck sah mit seinen großen Augen dem Freunde gerade ins
+Gesicht:
+
+»Ich hoffe, daß es so wird, wie du sagst. Es ist ja auch sehr
+wahrscheinlich. Umsomehr, als wir ja kaum einen bestimmten Ausschnitt
+aus der Menschheit darstellen werden, nicht einen besonderen Typus,
+sondern gerade einen Extrakt aus der ganzen Menschheit. Stelle dir doch
+nur vor, was für Menschen zu uns kommen werden«, fuhr er lebhaft fort,
+wobei er sich in der Richtung auf die Irenenbucht zum Gehen wandte,
+»jedenfalls keine Durchschnittsmenschen, die irgendwo warm und zufrieden
+in ihren Nestern sitzen, sondern die Unzufriedenen, Bedrückten,
+Heimatlosen, alle die von einander entferntesten Extreme, die nur das
+eine verbindet: der Ekel vor der Verlogenheit der Gesellschaft, die
+Sehnsucht nach dem freien, dem wirklichen Menschen, dem Menschen, der
+jeder einzelne sein könnte, wenn ihn nicht die Ketten der Tradition zum
+Herdentiere erniedrigten. Hierher werden sie kommen und nichts
+mitbringen, als ihr innerstes, freies Menschentum, und ihre Gemeinschaft
+wird die Erlösung des Menschen, des Ebenbildes Gottes sein.«
+
+Jetzt standen sie vor dem steilen Abfalle zur Irenenbucht. Paul Seebeck
+blickte noch eine Weile schweigend und mit glänzenden Augen auf das
+Meer. Dann sagte er lächelnd zu seinem Freunde, wobei er auf die Bucht
+unter ihnen mit ihrem Gewirr von Klippen und Sandbänken wies:
+
+»Also dort unten hausen und grausen meine Ichthyosauren.«
+
+Für Jakob Silberland kam dieser Sprung von Paul Seebecks feierlichen
+Worten zum leichten Scherze so überraschend, und außerdem wußte er gar
+nicht, was er aus Paul Seebecks Ichthyosauren machen sollte, daß er
+schweigend seinem Freunde mit Hilfe von Strickleitern, Eisenklammern und
+natürlichen Felszacken in die Tiefe folgte. Da beide geübte Bergsteiger
+waren, ging der Abstieg schnell von statten.
+
+Als sie unten auf einer breiten Felsplatte angekommen waren und auf das
+Wasser sahen, das hier schlammig und voll von grünen Algen war, sagte
+Paul Seebeck:
+
+»Setz dich jetzt hier in den Schatten und verhalte dich ganz ruhig.«
+
+Jakob Silberland tat, wie ihm geheißen. Er sah, daß Paul Seebecks
+umherschweifender Blick immer wieder zu einer tiefen dunklen Spalte in
+der Felsenwand zurückkehrte. Er schaute scharf hin und glaubte, einen
+schweren Körper herausgleiten zu sehen, der kein Fisch sein konnte.
+Ängstlich sah er Paul Seebeck an, aber dieser lächelte nur.
+
+Jetzt hob sich zwanzig Schritte von ihm entfernt, ein riesiger,
+schwarzer Kopf aus dem Wasser, ein breites, zahnloses Maul öffnete
+sich - -
+
+Mit einem Entsetzensschrei sprang Silberland auf. Sofort verschwand der
+Kopf im Wasser. Paul Seebeck aber sagte lachend:
+
+»Du sollst mir meine Tiere nicht scheu machen.«
+
+»Was sind das für Tiere?« fragte Jakob Silberland, noch am ganzen Körper
+zitternd.
+
+»Schildkröten, mein Junge, allerdings reichlich große.«
+
+»Riesenschildkröten?« fragte Jakob Silberland aufatmend.
+
+»Ja. Und zwar sind es reine Wassertiere. Ich habe sie nie länger als für
+Minuten am Lande gesehen. - Sei ruhig, hier können sie nicht
+heraufkrabbeln. - Am Tage sieht man sie immer nur ganz flüchtig. Aber in
+hellen Mondscheinnächten habe ich sie oft viele Stunden lang beobachtet.
+Sie können schwimmen, tun es aber fast nie. Sie kriechen auf dem Boden
+hin. Es gibt unzählige hier. Die größten waren über vier Meter lang.
+
+Ich traute mich nie recht, mit meinem Motorboote vom Meere her in die
+Bucht zu fahren, um die Tiere nicht zu erschrecken. Außerdem würden die
+unzähligen Sandbänke und Klippen, die du siehst, die Sache fast
+unmöglich gemacht haben, ganz abgesehen von den riesigen Algen, die
+meiner Schiffsschraube wohl das Leben gekostet hätten. Aber toll ist es
+hier. Zuweilen habe ich tief unten im Wasser die Leuchtorgane von
+elektrischen Fischen aufblitzen sehen, und bei Tiefebbe liegen die
+phantastischsten Tiefseetiere hier herum. Soviel ich sehen konnte, ist
+der Meeresboden hier auch nicht nackt, wie bei der großen Bucht, sondern
+sieht wie ein submariner Urwald aus, der sich weit hinaus ins Meer
+erstreckt. Meine Auffassung ist, daß sich mit der Hebung der Insel diese
+unterseeische Oase auch gehoben hat. Wie sie in dieses Gestein
+hereinkommt, weiß ich nicht. Vielleicht ruht sie auf Lehm. Jedenfalls
+ist sie da, und die Schildkröten mit ihr.
+
+Wenn wir vernünftig sind und keinen Raubbau treiben, können wir durch
+die Tiere eine dauernde Einnahmequelle haben, die für die ganze Insel
+ausreichen wird. Dazu kommt noch der Fischfang. - Du siehst, unser Staat
+braucht keine Not zu leiden.«
+
+Sie warteten noch eine halbe Stunde, aber kein Tier ließ sich mehr
+blicken. So traten sie den Rückweg an.
+
+
+
+
+Paul Seebeck saß mit seinem Studienfreunde, dem Architekten Edgar Allan
+zusammen im Café Bauer in Berlin. Paul Seebeck war trotz der frühen
+Nachmittagsstunde im Frack, denn er hatte am Vormittage mehrere
+Staatssekretäre und andere höheren Beamte aufgesucht. Jetzt hatte er
+alle offiziellen Schritte getan; da er aber am Abend ins Theater wollte,
+wollte er sich nicht erst die Mühe machen, sich für die wenigen Stunden
+nochmals umzuziehen. Deshalb war er im Frack geblieben, und es störte
+ihn nicht, daß er dadurch etwas Aufsehen erregte.
+
+Edgar Allan war lang und knochig und hatte eine etwas eingefallene
+Brust. Auch in seinem scharfgeschnittenen Gesichte verleugnete sich der
+englische Halbteil seines Blutes nicht.
+
+Paul Seebeck sah durchs Fenster auf die Straße hinaus. Edgar Allan
+stützte seine Ellbogen auf den Tisch und verbarg sein Gesicht in den
+langen, mageren Händen. Als er es nach einigen Minuten wieder erhob, sah
+er, daß Paul Seebeck ihn jetzt mit seinen großen Augen forschend
+anblickte.
+
+Edgar Allan sah ihn erst fremd an, dann verzog sich sein Gesicht. Er
+sagte erregt:
+
+»Ich bin übrigens nicht nur mit meiner Klage vom Reichsgericht
+abgewiesen; das Warenhaus hat mit seiner Widerklage sogar erreicht, daß
+ich zu einer Entschädigung verurteilt wurde. Alle Sachverständigen waren
+darin einig, daß mein Bau nicht den Voraussetzungen des Kontraktes
+entsprach. Fast meine ganzen Ersparnisse habe ich hingeben müssen.« Dann
+fuhr er ruhiger fort: »Die Leute haben aber recht, ich kann kein
+einzelnes Haus bauen; ich verstehe überhaupt nicht, wie jemand das kann.
+Man soll mir einmal den Bau einer ganzen Stadt übertragen, dann werde
+ich schon zeigen, wozu ich tauge.«
+
+Paul Seebeck senkte seine Augen und sah dann wieder zum Fenster hinaus.
+
+Plötzlich legte Edgar Allan seine Hand auf seinen Arm:
+
+»Wollen Sie mich mitnehmen?« fragte er.
+
+Paul Seebeck wandte sich herum und sah ihm gerade in die Augen:
+
+»Ja«, sagte er, »gerade solche Menschen wie Sie suche ich, brauche ich.
+Ich wollte Sie nur aus dem Grunde nicht auffordern, weil ich nicht will,
+daß jemand anders als ganz aus freien Stücken zu uns kommt. Halloh!«
+rief er, aufstehend, einen vorbeigehenden, jungen, blonden,
+hochgewachsenen Herrn zu, der, das »Berliner Tageblatt« in der Hand,
+sich gerade nach einem freien Tische umsah.
+
+»Herrgott bist du plötzlich in Berlin?« fragte der Angesprochene im
+höchsten Grade erstaunt. »Noch dazu im Frack? Ich dachte, du wärst
+Kaffernhäuptling oder Seeräuber oder so etwas ähnliches geworden.«
+
+»Noch nicht«, erwiderte Paul Seebeck. »Aber meine amtliche Bestallung
+als Seeräuber habe ich seit heute Vormittag in der Tasche. Gestatten die
+Herren, daß ich vorstelle: mein Schulkamerad stud. jur. Otto Meyer,
+Architekt Edgar Allan.«
+
+»Referendar Meyer, wenn ich bitten darf«, sagte der junge Mann, wobei er
+Edgar Allan die Hand reichte, die dieser höflich nahm.
+
+Als alle drei wieder saßen, fragte Paul Seebeck seinen Schulkameraden:
+
+»Woher weißt du eigentlich von der ganzen Geschichte?«
+
+»Du mußt mir Diskretion versprechen«, sagte Otto Meyer feierlich.
+
+»Gewiß.«
+
+»Also die Sache steht lang und breit da drin -«, er wies auf die
+Zeitung, die er noch immer in der Linken hielt - »sogar in der
+halbamtlichen Fassung des Wolffschen Bureaus.«
+
+»Zeig doch mal«, sagte Seebeck und griff nach dem Blatte.
+
+»Nein, ich werde es vorlesen, sonst verstehst du es nicht richtig.« Und
+er las:
+
+»Eine Erweiterung des deutschen Kolonialbesitzes?
+
+Durch den Schriftsteller und Forschungsreisenden Paul Seebeck wurde da
+und da eine unbewohnte, vulkanische Insel mit einem Flächenraume von
+zwölfhundert Quadratkilometern entdeckt und für das Deutsche Reich in
+Besitz genommen. Da auf und bei der fraglichen Insel auch nicht das
+allergeringste zu holen ist -«
+
+»Willst du vielleicht die Güte haben, ungefähr das zu lesen, was
+dasteht?« unterbrach Seebeck den Lesenden. »Die Sache interessiert mich
+nämlich.«
+
+Otto Meyer las weiter:
+
+»Da die fragliche Insel augenscheinlich nur als Wohnsitz einiger,
+weniger Menschen in Betracht kommen kann und nicht für eine eigentliche
+Kolonie, ließ der Staatssekretär des Kolonialamtes dem Entdecker der
+Insel, Herrn Paul Seebeck, bis auf weiteres freie Hand in allen Fragen
+der Besiedelung der Insel, wobei er ihn auf Widerruf zum Reichskommissar
+mit allen Rechten und Pflichten eines solchen ernannte.
+
+Diese Ernennung, die selbstverständlich im Einverständnisse mit dem
+Reichskanzler erfolgte, ist als eine Konzession an die durch das
+Scheitern der preußischen Wahlreform verstimmten linksstehenden Parteien
+aufzufassen. Die Konservativen beruhigte der Reichskanzler durch das
+bindende Versprechen, daß die Insel in drei Jahren ebenso still und
+leise verschwinden würde, wie sie aufgetaucht ist -«
+
+Paul Seebeck und Edgar Allan lachten. Otto Meyer reichte Paul Seebeck
+die Zeitung und dieser las die Notiz aufmerksam durch. Als er das Blatt
+fortlegte, fragte Otto Meyer:
+
+»Ist es wirklich dein Ernst, dort eine Republik zu gründen? Eine
+republikanisch regierte, deutsche Kolonie?«
+
+»Ja, machst du mit?«
+
+»Mit Vergnügen, aber nur als Justizminister«, sagte Otto Meyer ruhig.
+
+»Als Justizminister? Hm. Daran hatte ich eigentlich nicht gedacht. Ich
+dachte eher als Staatslausejunge, als offizielles, destruktives
+Element.«
+
+»Du bist furchtbar liebenswürdig«, antwortete Otto Meyer, ohne im
+geringsten beleidigt zu sein. »Aber sag mal, willst du nicht morgen bei
+uns zu Mittag essen? Meine Eltern würden sich doch sehr freuen, dich
+mit australischem Ruhme bedeckt, dazu noch als zukünftigen Imperator Rex
+begrüßen zu können.«
+
+»Schön. Wie früher um Drei?«
+
+»Ja.«
+
+Jetzt erhob sich Edgar Allan und nahm Abschied. Paul Seebeck begleitete
+ihn, so wie er war, in Frack und ohne Hut, auf die Straße hinaus. Als er
+zurückkam, fragte Otto Meyer:
+
+»Was hast du dir denn da für einen steifen Engländer aufgegabelt?«
+
+»Na, er ist mehr Deutscher als Engländer. Deutsche Mutter und in
+Deutschland erzogen. Er ist sonst auch gar nicht steif, hat nur jetzt
+recht unangenehme Sachen durchgemacht. Ich hoffe, daß er mit mir kommt -
+und uns unsere Stadt baut. Er ist gerade der Typus Mensch, den wir
+brauchen; das heißt, er ist gerade kein Typus, sondern ein Mensch.«
+
+»Ich bitte dich, sei nicht so schrecklich geistreich«, sagte Otto Meyer.
+»Sonst bekomme ich Magenschmerzen.«
+
+»Entschuldige mich einen Augenblick«, sagte Paul Seebeck aufstehend und
+ging auf Jakob Silberland zu, der gerade zur Tür hereintrat. Paul
+Seebeck stellte ihm Otto Meyer vor, und als sie wieder Platz genommen
+hatten, sagte er:
+
+»Edgar Allan kommt mit. Noch ein paar Leute, und wir können anfangen.«
+
+»Kommt er? Gut! Da haben wir ja einen ganzen Kerl gewonnen. Ja, du, was
+ich sagen wollte - mir sind noch einige Leute eingefallen - aber man
+kann ja nicht gut jemand auffordern. Und wie soll man es sonst diesen
+Leuten nahelegen?«
+
+»Gar nicht, natürlich«, antwortete Paul Seebeck. »Wer nicht freiwillig,
+aus innerstem Instinkt zu uns kommt, mag fortbleiben. Die brauchen wir,
+die uns zufällig finden, weil sie uns brauchen.«
+
+»Ja, ja«, sagte Jakob Silberland etwas verlegen. »Aber wir müssen doch
+einen Anfang haben. Wir zwei, drei Menschen können uns dort nicht
+festsetzen und auf die anderen warten. Damit würden wir uns nur
+lächerlich machen und gar nichts erreichen.«
+
+»Du irrst. Wir müssen gerade hingehen und uns der Lächerlichkeit
+aussetzen.«
+
+»Ich fürchte nur, daß wir zwei, mit Edgar Allan also drei, unser ganzes
+Leben lang allein auf der Insel hocken werden.«
+
+Otto Meyer, der offenbar fürchtete, Zeuge eines Streites der beiden
+Freunde zu werden, verabschiedete sich, wobei er Seebeck daran
+erinnerte, daß er morgen zum Mittagessen zu kommen versprochen hätte.
+
+Der Streit brach aber nicht aus, im Gegenteil, Paul Seebeck sagte ganz
+ruhig, wobei er seinem Freunde gerade ins Gesicht blickte:
+
+»Ich verstehe dich vollkommen; du willst gleich mit einem gewissen
+Material anfangen. Ich glaube, du machst dir unnötige Sorgen. Es werden
+mehr zu uns kommen, als wir brauchen können. Du wirst sehen, daß viele
+gleich mit uns kommen wollen. Aber jetzt mußt du mich entschuldigen«,
+brach er ab, wobei er auf die Uhr sah. »Ich will ins Theater.«
+
+Als Paul Seebeck gegangen war, setzte sich Jakob Silberland richtig in
+der Ecke zurecht und ließ sich vom Kellner alle Abendblätter bringen und
+las die - je nach der politischen Richtung der betreffenden Zeitung -
+wohlwollenden, abwartenden oder gehässigen Glossen zur halbamtlichen
+Wolff-Nachricht. Nach einer Stunde war er aber müde vom Lesen; er lehnte
+sich zurück und ließ sich sein letztes Gespräch mit Paul Seebeck noch
+einmal durch den Kopf gehen. Je mehr er nachdachte, umsoweniger hielt er
+Paul Seebecks Ansicht für richtig; er glaubte vielmehr, daß man sich
+einen gewissen, soliden Kern sammeln müßte, um den sich dann die
+Gemeinschaft kristallisieren könnte. Aber einfach abwarten - nein.
+Lieber organisieren, aufbauen.
+
+Und als ihm das als das richtige klar vor Augen stand, beschloß er,
+einen Mann aufzusuchen, den er sich als wertvollen Mitarbeiter an der
+Sache denken konnte, nämlich den russischen Flüchtling Nechlidow.
+
+
+
+
+Durch schwere, dunkle Vorhänge gedämpft, fiel das Licht in den Salon,
+in dem die hohe Frauengestalt stand. Das schwarze Schleppkleid ließ Hals
+und Gesicht noch weißer erscheinen, und die großen braunen Augen
+leuchteten.
+
+»Warum kommen Sie erst jetzt zu mir?« fragte Frau von Zeuthen Paul
+Seebeck, der noch Hut und Stock in der Hand haltend vor ihr stand.
+
+»Wie schön Sie sind!« erwiderte Seebeck und küßte ihre Hand.
+»Unveränderlich schön wie ein edles Bild, das Zeiten und Geschehnis
+überdauert.«
+
+Ihr Lächeln war nicht der Art als ob sie seine Worte als Schmeichelei
+auffaßte. Sie sagte:
+
+»Jetzt müssen Sie mir aber alles, alles erzählen. Ich habe die Zeitungen
+gelesen und allerhand gehört. Das will ich jetzt aber vergessen und
+alles neu und rein von Ihnen hören.«
+
+Sie setzte sich auf den Divan und wies mit der Hand auf einen Armstuhl
+neben dem Rauchtischchen, aber Paul Seebeck blieb stehen:
+
+»In Ihrem Hause ist eine Ruhe wie sonst nirgendwo auf der Welt. Sie sind
+einige Jahrhunderte zu spät auf die Welt gekommen, Gabriele. Sie passen
+nicht in unser Zeitalter. Sie gehörten nach Italien zur Zeit der
+Wiedergeburt, und in Ihren Räumen hätten sich die edelsten Männer
+versammelt, um ernst und gewichtig die Fragen zu erörtern -«
+
+»Sie wollten mir doch etwas erzählen«, unterbrach ihn Frau von Zeuthen,
+wobei sie sich zurücklehnte.
+
+Paul Seebeck legte Hut und Stock fort und setzte sich in den Armstuhl.
+
+»Also, ich kam von Sidney zurück -«
+
+»Nicht so schnell. Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche. Aber Sie
+dürfen Australien nicht überspringen.«
+
+Ȇber Australien kann ich leider nicht viel berichten. Ich kam hin - Sie
+kennen ja meinen Expeditionsplan, er stand ja auch in allen Zeitungen -
+und wie ich dort war, sah ich, daß meine ganze Expedition eigentlich
+überflüssig war. Von dem, was ich als Neuland erforschen wollte, ist der
+größte Teil in seinen großen Zügen schon bekannt, sogar schon
+aufgenommen, und es reizte mich nicht, mich nur mit den Bagatellen
+abzugeben, die natürlich auch von wissenschaftlichem Interesse sind -«
+
+»Da Sie ja mehr Abenteurer als Wissenschaftler sind.«
+
+»Vielleicht, vielleicht liegt der Wert meines Abenteuertums gerade
+darin, daß ich nur große Dinge entdecken kann, nicht Kleinigkeiten
+untersuchen. Ich kann nur die großen Dinge sehen und räume dann gern das
+Feld dem Gelehrten, der dann nach Herzenslust messen und forschen mag.
+Schon am ersten Tage in Sidney, wo ich in der Bibliothek der
+Geographischen Gesellschaft saß und mir das ganze Material durchsah,
+sank mir der Mut. Ich sah wohl, daß da noch unendlich viel zu tun war,
+aber fast nichts für mich.
+
+Ich unternahm die Expedition trotzdem - ich war ja dazu verpflichtet -
+aber ohne Freude. Dadurch kam auch das Sprunghafte, Unsichere herein,
+das manche Zeitungen mit Recht gerügt haben, und kehrte vorzeitig
+zurück.«
+
+»Ich las in der Zeitung, daß die furchtbaren Stürme und
+Überschwemmungen, die der großen Flutwelle folgten, Sie zur Rückkehr
+gezwungen hätten.«
+
+»Ich nahm das mehr als Vorwand. Hätte ich ernstlich gewollt, hätte ich
+schon dort bleiben können. Ich kehrte aber nach Sidney zurück.«
+
+»Und dann?«
+
+»Ja, dann sah ich vom Dampfer aus meine Insel, deren Entstehung
+natürlich die große Flutwelle verursacht hat. Und da beschloß ich, auf
+ihr meinen Staat zu gründen.«
+
+»So schnell?«
+
+»Ja, wissen Sie, Gabriele«, fuhr Paul Seebeck lebhafter fort, »zwischen
+der Entdeckung der Insel und meiner Ankunft lagen ja viele Stunden. Und
+eine Stunde ist lang, wenn man allein auf einem Schiffe steht und ganz
+ungestört seinen Gedanken nachhängen kann. Und unser Plan eines wirklich
+modernen Staates auf breitester, demokratischer Grundlage, aber mit dem
+Prinzipe der größten persönlichen Freiheit war ja schon lange fertig.«
+
+»Wer ist »wir«?«
+
+»Mein Freund Silberland, ein Journalist und radikaler Politiker aus
+München, ein kluger Mensch, der unendlich viel in seinem Leben
+gearbeitet hat und dem es immer schlecht gegangen ist, und ich. In
+meiner Münchener Zeit sind wir oft nächtelang im Café Stephanie gesessen
+oder im Englischen Garten herumgegangen und haben dabei immer nur
+unseren Staat besprochen. Sie werden verstehen, daß zwei Menschen wie er
+und ich sich in einer solchen Frage aufs Glücklichste ergänzen können.«
+
+Frau von Zeuthen nickte und Paul Seebeck fuhr fort:
+
+»Wie ich also die Insel sah und wußte, daß sie herrenloses Land
+darstellte, schrieb ich vom Dampfer aus einige Zeilen an Silberland.
+Ich erinnerte ihn an unsere Träume und bat ihn, hinzukommen. Ich schrieb
+ihm, er solle mir eine Vollmacht als Reichskommissar verschaffen. Er kam
+auch, der gute Kerl, steckte seinen Beruf und seine Stellung auf und
+kam. Aber das Kolonialamt hatte ihm doch nur eine sehr vorsichtige, sehr
+provisorische Vollmacht für mich mitgegeben und verlangte, mich selbst
+zu sehen und zu hören. So mußte ich also nach Berlin kommen.« Und Paul
+Seebeck schwieg, wobei er vor sich auf den Teppich sah.
+
+»War Ihnen denn das so unangenehm?« fragte Frau von Zeuthen.
+
+»Ja. Wenigstens zuerst. Ich hatte schon viele Wochen ganz allein auf
+meiner Felseninsel zugebracht und fühlte mich dort so heimisch, daß es
+mir schwer wurde, sie wieder zu verlassen. Und besonders fürchtete ich,
+sie mit etwas anderen Augen zu sehen, wenn ich nach dem Aufenthalt in
+Europa zu ihr zurückkehrte.«
+
+»Wie denn?« fragte Frau von Zeuthen mit ihrem klugen Lächeln.
+
+Er sah sie an und sagte langsam:
+
+»Ich fürchtete, meine Insel nicht mehr so rein zu empfinden, nicht mehr
+so ganz als Symbol der Unberührtheit, kurz, nicht mehr so persönlich,
+mehr als eine von den vielen, ein Kuriosum, keine Offenbarung - Sie
+verstehen?«
+
+Frau von Zeuthen nickte.
+
+»Und weshalb sind Sie jetzt doch froh, hierher gekommen zu sein?« fragte
+sie nach einer kleinen Pause.
+
+»Weil ich sehe, wie wertvoll es für mich ist, etwas Distanz bekommen zu
+haben - nicht nur aus praktischen Gründen.« Wieder schwieg er und sah
+vor sich hin.
+
+»Dann habe ich hier auch einige Menschen wiedergefunden, die ich für
+meine Arbeit brauche. Und« - hier sank er vom Stuhle und ergriff ihre
+Hand und küßte sie - »eine Frau, die ich immer fragen muß, ob ich auch
+auf dem rechten Wege bin.«
+
+Sie strich ihm mit ihrer schönen, weißen Hand über sein Haar.
+
+»Wollen Sie mir auch diesmal Ihren Segen mitgeben?« fragte er, lächelnd
+zu ihr aufblickend.
+
+»Ja«, sagte sie. »Und wenn Sie mich brauchen, komme ich zu Ihnen.«
+
+Er küßte noch einmal ihre Hand und erhob sich dann. Im Zimmer auf- und
+abgehend, fuhr er lebhaft fort:
+
+»Und wie bezaubernd die Idee wirklichen Neulandes, einer freien
+menschlichen Gemeinschaft ohne alle Traditionen wirkt. Ich kenne von der
+Schule her einen jungen Studenten, jetzt ist er übrigens Referendar, der
+fünf Jahre jünger ist als ich. Einen richtigen Berliner Juden, obwohl er
+nicht so aussieht. Glänzend begabt, daß jede Arbeit für ihn Spielerei
+ist, frech wie ein Dachshund, nie um eine Antwort verlegen, immer witzig
+und nichts auf der Welt ernst nehmend. Dabei ein seelenguter Kerl und
+immer hilfsbereiter Kamerad. Wir treffen uns hier zufällig im Café, und
+er benutzt die Gelegenheit, um tausend dumme Witze über unsere Insel zu
+machen. Am Tage darauf esse ich bei seinen Eltern. Auch dort schont er
+mich durchaus nicht. Wie wir nach dem Essen bei einer Zigarre allein in
+seinem Zimmer sind, sagt er mir plötzlich in vollem Ernste, daß er mit
+uns kommen will, um dann sofort darüber dumme Witze zu machen. Aber ich
+bin überzeugt, daß es ihm im Grunde seines Herzens tiefernst ist, und
+daß er gerade durch seinen absoluten Mangel an Sentimentalität ein sehr
+gesundes Element darstellen wird.«
+
+Er blieb stehen und lauschte, denn auf dem Korridore wurde ein Trampeln
+und eifriges Tuscheln laut. Frau von Zeuthen erhob sich vom Divan.
+
+»Die Kinder«, sagte sie.
+
+Gleich darauf wurde auch die Tür aufgerissen und die dreizehnjährige
+Hedwig stürmte herein. Sobald sie Paul Seebeck erblickte, schlang sie
+beide Arme um seinen Hals und hüpfte vor Freude. Paul Seebeck konnte
+sich nur mit Mühe soweit von ihr befreien, um dem etwas verlegen hinter
+ihr stehenden zwölfjährigen Felix wenigstens flüchtig die Hand drücken
+zu können. Noch halb an Paul Seebeck hängend, begann Hedwig, ihrer
+Mutter übersprudelnd ein Schulerlebnis zu erzählen, doch Frau von
+Zeuthen unterbrach sie:
+
+»Macht euch jetzt schnell zum Mittagsessen fertig, Kinder. Wir essen
+heute früher als sonst. Dann kannst du uns alles erzählen, Hedwig.«
+
+Ein wenig schmollend zog Hedwig ab, Felix wandte sich in der Tür noch
+einmal zögernd um, dann ging er schnell zu Paul Seebeck und flüsterte
+ihm zu:
+
+»Ich habe alles gelesen; ich weiß alles. Ich will zu dir auf deine Insel
+kommen.« Dann lief er tief errötend aus der Tür.
+
+Während die Schritte der Kinder auf dem Korridore verklangen, wandte
+sich Frau von Zeuthen an Paul Seebeck:
+
+»Ich erwarte noch einen Gast -«
+
+»Herrn von Rochow?« fragte Seebeck.
+
+»Rochow? Nein ... Wie kommen Sie auf ihn?«
+
+»Ach, ich bin in den letzten Tagen oft mit ihm zusammen gewesen; er ist
+ja einer von den Unsrigen.«
+
+»So? Das freut mich wirklich.«
+
+»Er war einer von denen, an die ich von Anfang an dachte, und er kam
+auch gleich zu mir. - Ja, und gestern sagte er mir, daß wir uns wohl
+auch bald bei Ihnen treffen würden.«
+
+»Rochow ist immer bei mir willkommen; er kommt vielleicht auch später
+zum Tee zu mir. Wissen Sie übrigens, daß er seinen Abschied nehmen
+mußte?«
+
+»Nein, weshalb denn?«
+
+»Ich weiß es nicht genau. Es handelte sich um eine Soldatenmißhandlung,
+wo Rochow in irgendwelcher inkorrekten Weise zu sehr für den Soldaten
+gegen den schuldigen Leutnant eingetreten ist. Aber jetzt zum
+Mittagessen erwarte ich einen jungen Freund, der Ihnen vielleicht große
+Freude machen wird.«
+
+Es klingelte, und bald darauf stand ein bleicher, junger Mann mit
+tiefliegenden, rotumränderten Augen in der Tür. Man sah seiner Kleidung
+an, daß sie mit großer Mühe ordentlich instand gehalten war. Frau von
+Zeuthen ging auf ihn zu, führte ihn an der Hand zu Seebeck und sagte:
+
+»Da haben Sie meinen Melchior. Seht zu, ob ihr nicht Freunde werden
+könnt.«
+
+Und während die beiden Männer einander forschend und suchend in die
+Augen sahen, öffnete sie die Tür zum anstoßenden Eßzimmer, wo Hedwig und
+Felix bereits ungeduldig warteten.
+
+
+
+
+Auf dem großen Tische in Paul Seebecks Hotelzimmer, der mit Zeitungen,
+Broschüren und Papieren bedeckt war, standen zwei schwere, fünfarmige
+Leuchter und erhellten die Gesichter der kleinen Versammlung. Erst jetzt
+waren sie zum ersten Male offiziell versammelt; so hatte es Paul Seebeck
+gewollt. Mehrere Wochen hatte er ihnen Zeit gelassen, um alles in Ruhe
+zu überlegen und sich einander kennen zu lernen.
+
+Alle sieben waren da: am Tischende saßen Paul Seebeck, Jakob Silberland
+und Hauptmann a. D. von Rochow, dann kamen Edgar Allan und Referendar
+Otto Meyer, zuletzt Nechlidow. Der junge Melchior saß gesenkten Hauptes
+etwas im Hintergrunde und zuweilen hob sich sein bleiches,
+abgearbeitetes Gesicht aus dem Dunkel.
+
+Paul Seebeck stand auf, und aller Augen wandten sich ihm zu. Er sagte:
+
+»Ich habe ungefähr dreihundert Anfragen und Anmeldungen erhalten, habe
+aber Alle gebeten, sich etwas zu gedulden. Wir sind jetzt sieben, und
+das ist vorläufig genug, um die Sache in Gang zu bringen. Sobald wir
+die Umrißlinien gezogen haben, mögen die Anderen kommen, um sie
+auszufüllen oder zu verändern. Nun liegt die Gefahr vor«, fuhr er fort,
+wobei er den Kopf senkte und sich auf die eingezogene Oberlippe biß,
+»daß wir sieben auch in Zukunft eine bevorzugte Stellung einnehmen. Das
+darf natürlich nicht sein. Das wäre eine Oligarchie statt einer
+Demokratie.«
+
+Nechlidow hob den Kopf und rief:
+
+»Was bis zum heutigen Tage noch jede Demokratie gewesen ist, besonders
+in der wahnsinnigen Karrikatur des Parlamentarismus.«
+
+Paul Seebeck sah ihm gerade ins Gesicht:
+
+»Tragen Sie das Ihrige dazu bei, Herr Nechlidow, daß unser Staat nicht
+an dieser Klippe strandet.«
+
+Es ging ein Leuchten durch Nechlidows vergrämtes Gesicht; er sagte
+nichts, nickte nur.
+
+»Nun läßt sich aber nicht leugnen, daß wir sieben Gründer, eben als
+solche, vorläufig eine Sonderstellung einnehmen. Wir müssen nur dafür
+sorgen, daß diese Sonderstellung nicht länger dauert, als unbedingt
+notwendig ist. Ich schlage deshalb folgendes vor: jeder Ansiedler,
+selbstverständlich Mann wie Frau, ist nach einjährigem Aufenthalt auf
+der Insel vollberechtigter Bürger. Wir sieben Gründer bleiben das erste
+Jahr allein auf der Insel und genießen das einzige Vorrecht, in diesem
+Jahre über uns selbst und den Staat, den wir ja allein repräsentieren,
+zu verfügen. Dieses Vorrecht ist natürlich nur ein anderer Ausdruck für
+alle unsere Pflichten und unsere Arbeit. Vom opportunistischen
+Standpunkte aus gesehen also ein Vorrecht, von recht zweifelhaftem
+Werte, vom moralischen Standpunkte ein Recht in der tief innersten
+Bedeutung des Wortes.«
+
+Jetzt konnte Otto Meyer sich nicht mehr beherrschen, er mußte Jakob
+Silberland zuflüstern:
+
+»Daß der Kerl seine geistreichen Bemerkungen nie sein lassen kann.«
+
+Halb verlegen und belustigt, suchte Silberland nach einer Antwort;
+plötzlich aber erhob sich zum allgemeinen Erstaunen Melchior und sagte:
+
+»Darf ich eine Frage stellen? Da ist etwas, was ich nicht verstehe.«
+
+»Bitte«, sagte Seebeck.
+
+Melchior zog die Brauen zusammen und versuchte augenscheinlich seine
+Frage scharf zu formulieren; er sagte dann:
+
+»Nach alledem, was ich verstanden zu haben glaube, soll dieser Staat im
+Großen wie im Kleinen keine willkürliche Konstruktion darstellen,
+ebensowenig eine Gemeinschaft, die nur auf einen bestimmten Typus
+Mensch zugeschnitten ist. Wenn Sie mir den trivialen Ausdruck erlauben
+wollen, soll es nicht nur der ideale, sondern auch der normale Staat
+sein.«
+
+Paul Seebeck nickte. Melchior sah ihn an:
+
+»Ein Staat, oder wohl besser: eine Gemeinschaft, deren Bau aus der Natur
+des Menschen an sich, des zweibeinigen Säugetieres: Mensch, abgeleitet
+ist, nicht wahr?«
+
+Wieder nickte Paul Seebeck, obgleich nicht so ganz zustimmend. Melchior
+war aber so in seinen Gedanken vertieft, daß er nichts um sich her sah.
+Er fuhr fort:
+
+»Sie müssen mich recht verstehen, ich will nicht kritisieren, nur
+fragen. Wie läßt sich die Idee eines solchen Staates damit vereinigen,
+daß erst große Vorarbeiten nötig sind? Daß die Ansiedler sich erst ein
+ganzes Jahr lang akklimatisieren sollen? Würde es nicht genügen, die
+Menschen einfach in die Freiheit zu setzen, so daß sie selbst kraft
+ihrer Menschennatur sich die neue Gemeinschaft schaffen können? Wenn
+ihre Gedanken richtig sind, müßte der so sich selbst aufbauende Staat
+genau ebenso werden, wie der Ihrige, der doch - zunächst wenigstens -
+ein theoretisches, aus den jetzigen Staatsformen abstrahiertes Gebäude
+darstellt; nur mit dem Unterschiede, daß der sich selbst aufbauende
+Staat natürlicher wäre, ohne die Fehlerquellen, die bei dem Ihrigen, der
+theoretischen Grundlage wegen, möglich sind.«
+
+»Bravo!« rief Nechlidow. »Der Mann kann denken.«
+
+»Sie müssen mich richtig verstehen,« fuhr Melchior fast ängstlich fort,
+»ich vertrete gar keinen Standpunkt, ich sehe nur ein Problem und bitte
+Sie, es mir zu lösen. Sie haben natürlich alles das genau bedacht, Herr
+Seebeck?« Er richtete sich ganz auf und sah Seebeck gespannt an. Aber
+plötzlich verzog sich sein Gesicht, es wurde kreidebleich, er schwankte
+etwas, griff rückwärts nach der Stuhllehne, so daß der Stuhl sich auf
+einem Beine drehte, und Melchior sank, die Stuhllehne noch immer in der
+Hand, bewußtlos neben den Stuhl hin, der auf ihn fiel.
+
+Alle sprangen entsetzt auf. Paul Seebeck war mit einigen Schritten bei
+ihm, hob ihn leicht wie ein Kind auf, klingelte nach dem Kellner, ließ
+sich ein freies Zimmer zeigen und bettete den Ohnmächtigen dort. Er
+löste ihm die Kleider auf Brust und Leib und flößte ihm dann Milch ein.
+Melchior schlug schon nach einigen Minuten die Augen wieder auf und sah
+unsicher um sich. Paul Seebeck fragte ihn besorgt:
+
+»Fühlen Sie sich jetzt wieder wohl?«
+
+»Ja, ja«, sagte Melchior zerstreut. »Das hat nichts zu sagen.« Sein
+Blick fiel auf die gefüllte Milchkanne. Mit zitternden Händen schenkte
+er sich ein Glas ein und stürzte es hinunter. Er sah dankbar zu Seebeck
+auf:
+
+»Ich danke Ihnen, Sie sind so gut zu mir.«
+
+»Wünschen Sie irgend etwas?« fragte Seebeck, die Hand schon bei der
+elektrischen Klingel.
+
+»Ja, wenn ich etwas essen dürfte -« antwortete Melchior zögernd. »Ich
+werde zuweilen schwach, wenn ich hungrig bin.«
+
+»Haben Sie denn heute Abend noch nichts gegessen?« fragte Seebeck
+besorgt.
+
+»Heute Abend?« Melchior lächelte schwach. »Gestern und heute habe ich
+nichts gegessen. Wenn ich jetzt nur ein Stückchen Brot haben kann, ist
+mir gleich wieder gut.«
+
+Der Kellner trat ein, und Seebeck bestellte, trotz Melchiors
+verlegen-abwehrender Handbewegungen ein ordentliches Abendessen, doch
+verlangte er nur Speisen, die in wenigen Minuten fertig sein konnten.
+Während dieses kurzen Gespräches schlummerte Melchior ein. Paul Seebeck
+überzeugte sich, daß sein Atem ruhig ging und verließ dann zusammen mit
+dem Kellner das Zimmer.
+
+Als er zu seinen Gästen zurückkehrte, wurde er von allen Seiten nach
+Melchiors Befinden gefragt. Er gab aber nur kurze, sachliche Antworten
+und schlug dann lächelnd vor, wieder zur Arbeit überzugehen. Diesmal
+ergriff er aber nicht das Wort, sondern bat Jakob Silberland, zu
+erklären, wie sie ihren Staat zu finanzieren gedächten.
+
+Jakob Silberland stand eifrig auf, und begann:
+
+»Die finanzielle Grundlage unseres Staates ist als durchaus gesund zu
+bezeichnen. Wir haben Aktiven in den Naturschätzen, die fast ohne
+Betriebskapital zu heben sind. Nach dem Urteil von Sachverständigen
+repräsentiert eine ausgewachsene Riesenschildkröte allein an Schildkrott
+einen Wert von fünfundzwanzigtausend Mark, dazu kommt noch ihr Fleisch
+im Werte von ungefähr dreihundert Mark. Ein genaues Studium muß ergeben,
+wieviele Tiere man im Jahre erlegen darf, ohne Raubbau zu treiben;
+jedenfalls für mehrere Hunderttausende, vielleicht Millionen. Diese
+Einnahmequelle muß dem Staate selbst verbleiben.
+
+Daß der Grund und Boden für immer gemeinsames Eigentum bleiben muß, ist
+ja selbstverständlich, ebenso die auf ihm stehenden Häuser, denn ein
+Privatbesitz an Boden läßt sich nur solange rechtfertigen, wie es
+herrenloses Land in genügender Menge gibt, so daß jeder andere sich
+gleichfalls - wenn er will - einen genügenden Platz sichern kann. Da es
+jetzt - speziell bei uns - herrenloses Land so gut wie nicht mehr gibt,
+oder bald nicht mehr geben wird, ist Privatbesitz am Grund und Boden ein
+Unding.
+
+Wir brauchen nur etwas flüssige Mittel, um die notwendigen Bauten und
+Anlagen ausführen zu können. Wir schlagen vor, das Geld durch eine
+innere Anleihe aufzubringen, die rasch zu amortisieren wäre. Diese
+Anleihe müßte natürlich eine innere sein, um ausländischem Kapital
+keinen Einfluß zu geben ...«
+
+Die Tür knarrte leise; aller Augen wandten sich ihr zu, und Jakob
+Silberland brach ab. Mit schleppenden Schritten kam Melchior herein und
+blieb verlegen stehen. Da sich aber alle Anwesenden Mühe gaben, ihn so
+unbefangen wie möglich zu behandeln, atmete er schnell auf und nahm
+seinen früheren Platz wieder ein. Jakob Silberland räusperte sich und
+wollte in seinem Vortrage fortfahren, konnte aber die Aufmerksamkeit
+nicht mehr sammeln. Paul Seebeck schlug deshalb vor, eine Viertelstunde
+lang zu pausieren. Da niemand widersprach, ließ er Tee und kleine
+Butterbrötchen, sowie auch einige Flaschen Wein kommen, was die Herren,
+auf- und abgehend, zu sich nahmen.
+
+Paul Seebeck trat zu Melchior heran:
+
+»Haben Sie jetzt ordentlich gegessen?« fragte er.
+
+»Ja, ja«, antwortete Melchior, zerstreut auf den Boden blickend. Dann
+schlug er die Augen auf:
+
+»Herr Seebeck«, sagte er, »Sie sind mir noch eine Antwort schuldig.«
+
+Paul Seebeck griff sich unwillkürlich an die Stirn; er verfolgte
+rückläufig die Vorgänge des Abends und kam damit auch auf Melchiors
+Frage.
+
+»Überlegen Sie sich, wie viel die Menschen vergessen müssen, ehe sie
+reif für eine neue Gemeinschaft werden; vergessen, was sie selbst, und
+das, was ihre Vorfahren gelernt haben: die Masseninstinkte. Um die zu
+bekämpfen und zu vergessen, genügt weder die Möglichkeit, noch der Wille
+zur Freiheit - zwei Voraussetzungen, die bei uns glücklicherweise
+gegeben sind - eine große Arbeit jedes einzelnen an sich und an der
+Gemeinschaft ist notwendig. Unterschätzen Sie unser Vorhaben nicht; es
+gilt nichts weniger, als einen neuen Typus Mensch heranzuziehen, einen
+Typus, der eine Gemeinschaft von Individualitäten bilden kann, ohne daß
+diese zu einer homogenen Masse wird.«
+
+»Sie gebrauchen dauernd das Wort: Typus im Sinne von Individuum. Ich
+finde das fast verdächtig.«
+
+»Ach Gott, was ist denn dabei verdächtig?« sagte Paul Seebeck
+gleichmütig. »Typus - Art - was Sie wollen. Sie wissen ja, was ich
+meine, da spielt der Ausdruck doch keine Rolle.«
+
+Melchior schüttelte den Kopf und zog die Augenbrauen zusammen:
+
+»Was Sie meinen, scheint an und für sich so klar zu sein, daß ein etwas
+schiefer Ausdruck keine Unklarheit hereinbringen kann. Ich kann aber
+doch nicht anders, als gerade hinter diesem schiefen Ausdruck ein
+Problem zu sehen, nämlich dieses: daß Sie gar nicht den freien Menschen
+an sich brauchen können und entsprechend heranziehen wollen, sondern nur
+einen ganz bestimmten Typus des freien Menschen.«
+
+Paul Seebeck hatte anfangs lächelnd zugehört, dann wurde er aber ganz
+ernst. Stehenbleibend, sagte er fast feierlich:
+
+»Es gibt keinen Staat und keine Gemeinschaft der Welt, wo der
+Verbrecher, der Kinderschänder Raum fände. Wohl aber läßt sich eine
+Gemeinschaft denken, die dem Verbrechen keinen Nährboden gibt. Was
+stellen Sie sich denn überhaupt unter dem »freien« Menschen vor? - Doch
+nicht den, der ungehindert absonderlichen Gelüsten folgen kann? Gerade
+der in irgend einer Weise perverse Mensch ist im höchsten Grade unfrei.
+Frei sein heißt: von seiner eigenen Vergangenheit frei sein, von
+Traditionen und Vorurteilen frei sein, heißt Rückkehr zu einer Norm, die
+es kaum noch gibt.
+
+In diesem Sinne haben Sie Recht: ich erkenne wirklich nur einen Typus
+des freien Menschen an; aber der ist sehr umfassend, nämlich alle
+einschließend, die in irgend einer Weise für die Gemeinschaft im höheren
+Sinne brauchbar, oder was dasselbe ist, notwendig sind.«
+
+»Ja, ja«, sagte Melchior nachdenklich. »Ich glaube schon, daß ich Ihnen
+zustimmen werde, wenn ich in Ruhe alles richtig bedacht habe.«
+
+Paul Seebeck sah ihm gerade ins Gesicht:
+
+»Beantworten Sie mir bitte eine Frage: weshalb kommen Sie überhaupt zu
+uns? Ich sehe, daß Sie ernst arbeiten und daß Sie aufrichtig sind, uns
+also willkommen sein müssen - aber was wollen Sie von uns?«
+
+Melchior sah mit zusammengezogenen Brauen vor sich hin:
+
+»Ich muß aus zwei Gründen zu Ihnen. Erstens glaube ich bei Ihnen alle
+sozialen und sozial-psychologischen Phänomene im status nascendi, also
+in reinster und dabei konzentriertester Form zu finden. Also aus
+wissenschaftlichem Interesse. Dann glaube ich dort einmal ein
+Arbeitsfeld zu haben, wo die praktische Arbeit nicht vergeudete Zeit
+bedeutet.«
+
+»Sie werden kein angenehmer Mitarbeiter sein, aber ein wertvoller.« Und
+er drückte Melchiors heiße Hand.
+
+Hinter ihnen erklang ein leises Klirren. Sie wandten sich um und sahen,
+daß Jakob Silberland an sein Glas schlug, augenscheinlich in der
+Absicht, eine Rede zu halten. Er trippelte nervös auf seinen kurzen
+Beinchen hin und her und fuhr sich mehrmals mit der Hand durch sein
+langes, schwarzes Haar. Die anderen Herren saßen um den Tisch herum mit
+aufmerksamen und vielleicht etwas verlegenen Gesichtern. Paul Seebeck
+und Melchior blieben im Hintergrunde stehen.
+
+Melchior sah mit einem Blicke, der fast ein Werben um Liebe enthielt, zu
+Paul Seebeck auf und flüsterte ihm zu, wobei er errötete:
+
+»Sie müssen mir helfen, dann werde ich finden, was ich suche - dort auf
+Ihrer Insel werde ich das Geheimnis der Menschheit finden.«
+
+Paul Seebeck nickte ihm freundlich zu. Er konnte ihm nicht mehr
+antworten, denn Jakob Silberland begann:
+
+»Darf ich einige Worte sagen? Ich will nicht schwulstig sein, obwohl ich
+mich beherrschen muß, es nicht zu werden. Aber ohne jede Übertreibung
+kann man wohl sagen, daß von diesem Tage an eine neue Periode der
+Menschheitsgeschichte ansetzt. Unser Anfang ist bescheiden, aber unsere
+Bestrebungen werden Früchte tragen, deren Größe wir heute noch gar nicht
+übersehen können. Statt grotesker Verzerrungen den wirklichen Staat, die
+wirkliche Gemeinschaft von Menschen.«
+
+»Gegründet auf die menschliche Vernunft«, unterbrach Nechlidow, von
+seinem Stuhle aufspringend, den Redner. »Weg mit den Sentimentalitäten,
+die nur Ausbeutung, Schwäche und Dummheit verschleiern sollen. Laßt uns
+die neue Menschheit auf die Vernunft aufbauen. Vernunft allein kann den
+Menschen weiterbringen. Gefühle erniedrigen ihn zum Tiere. Aber streng
+und ehrlich müssen wir sein.«
+
+Otto Meyer hatte mit einem spöttischen Lächeln den beiden zugehört;
+jetzt aber wurde sein Gesicht ganz ernst. Er machte eine Bewegung, als
+ob er aufstehen wollte, besann sich dann aber wieder. Herr von Rochow
+hatte wohl zu viel Wein getrunken, denn sein Lächeln wurde blöder und
+blöder, und seine treuherzigen, blauen Augen verschwammen immer mehr.
+Edgar Allan hörte nur halb zu; mit einem Bleistiftstumpfe entwarf er auf
+dem weißen Tischtuche Hütten und Häuser in einem Stile, der in
+merkwürdiger Weise eine stark betonte Horizontale mit flachen
+Bogenlinien verknüpfte.
+
+Jetzt trat Paul Seebeck mit einigen raschen Schritten an den Tisch und
+sagte:
+
+»Meine Freunde! Heute Abend ist es zu spät, um noch alle die
+Einzelheiten zu erörtern, die ich gern besprochen hätte. Aber dazu haben
+wir ja die vielen Wochen auf dem Schiffe.
+
+Nur eins: das ist jetzt der Abschied vom behaglichen Leben, von
+Großstadttrubel und den Vergnügungen. Jetzt beginnt für uns die Arbeit.
+Es liegt nur an uns, diese Arbeit so anzufassen, daß sie für Andere und
+uns selbst größeres gestaltet, als sonst je möglich wäre. Eine schwere
+Zukunft liegt vor uns, aber eine große.«
+
+
+
+
+Die Sachverständigen waren nach Sidney zurückgekehrt. Alles war geprüft
+worden: der mutmaßliche Ertrag der anzulegenden Schildkrötenkultur, der
+Fischreichtum des Meeres, die Brauchbarkeit der Steine zum Hausbau, das
+Wasser, die auf der Insel vorkommenden Minerale - und jetzt saß Jakob
+Silberland den ganzen Tag in seinem Zelte an einem Holztische und
+rechnete, wobei er unausgesetzt die kurzen Beinchen bewegte und sich
+nicht selten mit den Händen durch das schwarze, strähnige Haar fuhr. Die
+andern sechs aber arbeiteten draußen in der glühenden Sonne, um erst am
+Abend zu den Zelten zurückzukehren. In den Stunden, wo sie dann am
+Strande lagen und auf das Meer hinaussahen, war manch ein gewichtiges
+Wort gefallen.
+
+Jakob Silberland hatte viel zu tun: die gesamte Korrespondenz lag in
+seinen Händen, ebenso die Buchführung und die Verwaltung der Gelder. Er
+hatte die wöchentliche Verbindung mit Sidney durch einen kleineren
+Dampfer der »Australisch-Neu-Seeländischen Transport-Gesellschaft«
+zustande gebracht, und jetzt galt es für ihn, auf eine geraume Zeit
+hinaus den Bedarf an Geräten, Baumaterial und anderen Dingen
+vorauszusehen und geschickt auf die einzelnen Wochen zu verteilen, damit
+der Verkehr sich für die Gesellschaft lohnte.
+
+Von diesen schwierigen Berechnungen bereitete die schwerste und
+verantwortungsvollste Arbeit - die Verwaltung der Gelder - Jakob
+Silberland den geringsten Kummer. Es war beschlossen worden, eine in
+fünfzehn Jahren zu amortisierende, dreiprozentige innere Anleihe in der
+Höhe von einer Million Mark aufzunehmen. In fünf Jahren hofften sie, mit
+dem größten Teile der Bauten und Anlagen fertig zu sein und wollten dann
+die Anleihe jährlich mit hunderttausend Mark amortisieren. Besondere
+Bestimmungen verhinderten den Handel mit diesen Papieren, um keinem
+Außenstehenden auch nur den geringsten Einfluß zu erlauben. Herr von
+Rochow und Paul Seebeck hatten ihr ganzes Vermögen - eine halbe Million
+und zweihundertfünfzigtausend Mark - in diesen Papieren angelegt, Otto
+Meyer konnte fünfzigtausend beisteuern, und Edgar Allan zwanzigtausend.
+- Jakob Silberland, Nechlidow und Melchior besaßen nichts, konnten also
+auch nicht die fehlenden hundertachtzigtausend aufbringen, etwas, was
+Jakob Silberland in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer sehr
+bedauerte. Bis jetzt war nämlich das Kapital nur in ganz geringem
+Umfange angegriffen, und der weitaus größte Teil des Geldes lag mit
+sechsmonatlicher Kündigung in der Filiale der »Deutschen Bank« zu
+Sidney, wo es viereinhalbes Prozent trug; die Anleihe konnte also auch,
+solange sie nicht verbraucht war, als eine werbende betrachtet werden,
+die anderthalb Prozent Überschuß im Jahre erbrachte.
+
+Aber Jakob Silberland war praktisch und fand einen Weg, um die
+Unterbringung der restlichen hundertachtzigtausend Mark der Anleihe zu
+erzwingen. Es war nämlich festgesetzt worden, daß alle Staatsarbeiter -
+und das waren ja vorläufig alle sieben Gründer - ein jährliches Gehalt
+von fünftausend Mark beziehen sollten. Die spätere, erweiterte
+Gemeinschaft mochte diese Bestimmung bestätigen, abändern oder umstoßen;
+sie galt vorläufig nur für das erste Jahr.
+
+Da jetzt von getrenntem Haushalt noch keine Rede sein konnte, wurden die
+Notdürfte des Lebens gemeinsam bezogen und entsprechend vom Gehalte
+abgezogen. Der Rest sollte bar ausgezahlt werden. Jakob Silberland
+setzte aber durch, daß nur die Hälfte dieses Geldes bar ausgezahlt
+wurde, die andere Hälfte aber in jenen Anleihepapieren, von denen zu
+diesem Zwecke die in Frage stehenden hundertundachtzigtausend Mark in
+Scheinen von je hundert Mark ausgegeben wurden. Sogar gegen den
+Zinsverlust in der Zeit vor Unterbringung der ganzen Summe verstand
+Jakob Silberland die Staatskasse zu schützen, indem er diese Papiere
+nicht zum Nominalwert, sondern mit einem jährlichen Aufschlage von
+anderthalb Prozent ausgab.
+
+Inzwischen arbeiteten die anderen in der heißen Sonne. Ihre erste Sorge
+galt der Zuführung von Trinkwasser, dessen tägliche Herstellung im
+Destillationsapparate zu langwierig war. Man verzichtete vorläufig auf
+die Herstellung einer wirklichen, unterirdischen Wasserleitung, begnügte
+sich vielmehr damit, den kleinen Bach durch Spalten und Rinnen in die
+Bucht zu leiten, wobei zwar ziemlich viele Sprengungen, aber nur wenig
+Mauerungsarbeiten notwendig waren. In den folgenden Wochen arbeitete
+Edgar Allan an dem Stadtplane, während die anderen fünf kleinere, aber
+notwendige Arbeiten ausführten. Es war beschlossen worden, sofort nach
+der Fertigstellung von Allans Plänen an den Häuserbau zu gehen, und zwar
+sollten die Häuser in der Reihenfolge gebaut werden, in der die Gründer
+sich endgiltig zur Übersiedelung auf die Insel bereit erklärt hatten.
+
+
+
+
+Die Sonne war untergegangen, und schon wenige Minuten später umhüllte
+tiefe Nacht die Insel. Nur wenn eine Welle sich am Strande brach,
+leuchtete für eine Sekunde grünlich-weiß der Gischt auf.
+
+Die Sieben lagen, des starken Nachttaues wegen in leichte Decken
+gehüllt, schweigend um das Feuer, das sie der Stimmung wegen entzündet
+hatten, und sahen zum strahlenden Sternenhimmel empor.
+
+Keiner sprach ein Wort.
+
+Viertelstunde auf Viertelstunde verrann; unbeweglich lagen die Männer
+da, nur ihre Gedanken arbeiteten bei dem ewigen Rhythmus des
+Wellenschlages.
+
+Endlich setzte Melchior sich auf. Mit zusammengezogenen Brauen starrte
+er vor sich hin, und das leise flackernde Feuer ließ seine scharfen Züge
+unheimlich erscheinen. Nach einer Weile hob er den Kopf und sagte zu
+Paul Seebeck:
+
+»Herr Seebeck, darf ich auf jenes Gespräch zurückkommen, das wir vor
+mehreren Monaten in Berlin führten?«
+
+Seebeck drehte sich halb herum und sah ihn fragend an. Seine Rechte
+spielte mit einigen Kieseln.
+
+Melchior sagte:
+
+»Unser Gespräch fing so an: ich fragte Sie, weshalb man nicht die
+Menschen ohne weiteres hier hersetzen könnte, damit sich die langsam
+entstehende Gemeinschaft selbst jenen absoluten Staat aufbaue, den wir
+hier künstlich schaffen wollen. Sie antworteten, daß die Menschen so
+vieles zu vergessen hätten, bevor sie reif würden, Sie gebrauchten das
+Wort Masseninstinkte - erinnern Sie sich noch?«
+
+Paul Seebeck nickte. Nechlidow, der an der anderen Seite des Feuers lag,
+war aufgestanden und hatte sich dicht neben Melchior gesetzt. Dieser
+fuhr fort:
+
+»Ich habe darüber nachgedacht und habe zunächst folgende Formel
+gefunden: Sie wollen die tierischen Masseninstinkte durch das
+menschliche Massenbewußtsein ersetzen.«
+
+Paul Seebeck nickte und hörte auf, mit den Steinchen zu spielen.
+Nechlidow beugte sich mit offenem Munde und glänzenden Augen weit
+vornüber. Edgar Allan aber sagte gleichmütig im Hintergrunde:
+
+»Glauben Sie denn wirklich, daß das geht? Wir, die etwas besonderes zu
+sagen haben, haben die Pflicht, uns die besten Bedingungen zu schaffen,
+um das Betreffende zu sagen und können dann mit gutem Gewissen abtreten.
+Denn wir erleben doch nicht, daß die Masse uns versteht; in manchen
+Fällen geschieht es später - meistens wohl überhaupt nicht. Aber wir
+haben die Pflicht, das zu geben, was wir geben können, gleichgiltig, ob
+es genommen wird oder nicht. Auf die Masse warten können wir aber nicht.
+Dazu ist unsere Zeit zu kostbar. Wir müssen es ihr anheimstellen, ob sie
+uns nachhumpeln will oder nicht. Die Geschichte machen wir und nicht die
+Masse.«
+
+Verlegenes Schweigen folgte diesen Worten. Seebeck griff wieder nach
+seinen Steinchen. Jakob Silberland sagte:
+
+»Nein, Herr Allan, Sie begehen den Fehler, überhaupt einen Unterschied
+zwischen Führern und Masse zu konstruieren. Das geht nicht. Ich will
+damit nicht nur sagen, daß es sich hier nur um graduelle, niemals
+prinzipielle Unterschiede handeln kann, da es so unzählige Gebiete gibt,
+auf denen irgend jemand führt; soziale, politische, religiöse,
+literarische, vegetarische, alkoholgegnerische und weiß Gott noch was
+für Führer gehören auf jedem anderen Gebiete wieder zu der geführten
+Masse; es handelt sich also immer nur um eine partielle, niemals um eine
+absolute Führerstellung, und erst die Resultante aller dieser großen
+und kleinen Bewegungen stellt die Geschichte der Menschheit dar,
+sondern -«
+
+Er stand auf und hob dozierend einen Finger:
+
+»Daß die Mitglieder eines heutigen Staates vollständig, die Mitglieder
+der ganzen Menschheit zum großen Teile, dasselbe sind, was die einzelnen
+Teile eines Korallenriffs, die einzelnen Zellen im menschlichen Körper
+sind: Glieder eines größeren Individuums, die durch die Arbeitsteilung
+und die darin liegende Verzichtleistung auf universelle Tätigkeit, als
+Ganzes mehr zu vollbringen vermögen, als das Einzelwesen kann. Kurz und
+gut, wir leben eigentlich schon im sozialistischen Zukunftsstaate, nur
+daß die Staatsformen, der äußere Ausdruck der inneren Organisation,
+immer um einige hundert Jahre zurück sind, ebenso wie der jeweilige
+Stand der Orthographie immer die gesprochene Sprache vor einigen hundert
+Jahren darstellt. Alles Unglück kommt aus dieser Inkongruenz von Form
+und Inhalt - und die wollen wir ja hier abschaffen, indem wir die
+Staatsform einige hundert Jahre Entwicklung überspringen lassen und sie
+genau dem gegenwärtigen Stande der menschlichen Organisation anpassen.«
+
+»Sind die Staatsformen wirklich im Rückstande?« mischte sich Herr von
+Rochow ins Gespräch. »Ich möchte lieber sagen, daß sie eine viel
+vorgeschrittenere, gleichsam idealisierte Menschheit voraussetzen.
+Denken Sie doch an das Institut der Ehe, das die Monogamie voraussetzt,
+die es doch praktisch so gut wie gar nicht gibt.«
+
+Jetzt sprang Melchior auf und streckte flehend die Arme aus. Er rief:
+»Nicht mehr, ich flehe Sie an, heute Abend nicht mehr! Ich sehe jetzt,
+wo das Problem liegt - lassen Sie mir nur etwas Zeit!«
+
+Verwundert und ein wenig gekränkt sahen die anderen ihn an. Seine
+Erregung war aber so echt, seine Stimme so flehend, dabei seine magere
+Gestalt im Feuerscheine so grotesk, daß sich der Ärger bald in Achtung
+und Mitleid verwandelte. Doch hätte die Situation peinlich werden
+können, hätte Otto Meyer sie nicht aufgelöst. Er sagte nämlich
+gemütlich:
+
+»Ja, Kinder, was strengt ihr euch unnötig an, wenn Herr Melchior so
+liebenswürdig ist, alle Denkarbeit für uns zu übernehmen, und für die
+endgiltige Lösung aller Weltprobleme garantiert.«
+
+Alle lachten; nur Melchior hatte nichts gehört. Mit gekrümmtem Rücken
+saß er da und starrte vor sich hin.
+
+Nach einer kleinen Pause sagte Edgar Allan:
+
+»Wir wollen also von der Theorie auf die Praxis übergehen. Ich bin
+nämlich heute mit meinem Stadtplan fertig geworden. Wir können morgen
+vielleicht einen kleinen Rundgang durchs Gelände machen, und ich kann
+Ihnen dann genau erklären, wie ich alles meine. Ich habe natürlich
+versucht, die Natur so genau wie möglich zu verstehen und sie ihrer
+eigenen Struktur entsprechend auszubauen. Die Stadt soll sich der
+Bildung der Felsen eng anschließen; sie darf ja kein Fremdkörper auf der
+Insel sein, sondern ein organischer Teil von ihr, ihre Blüte. Na, das
+sind ja Gemeinplätze«, sagte er aufstehend, »aber ich habe auch einige
+gute Ideen gehabt. In der Sohle unserer Mulde möchte ich die Hauptstraße
+haben, die alle Terrassen verbindet und dann vielleicht später weiter
+auf das Hochland geführt wird. Die achte große Terrasse - Sie wissen,
+die breite, hinter der die Steigung so viel steiler wird, so daß die
+Straße dort in starken Serpentinen weitergeführt werden müßte - möchte
+ich den öffentlichen Gebäuden vorbehalten, einem Volkshause für
+Versammlungen und ähnlichen Dingen.
+
+Am Strande, in der Richtung auf die Irenenbucht zu, könnte eine
+einreihige Straße von Fischerhäuschen liegen; dort rechts, wo die Wand
+ziemlich steil ist, wäre nur Platz für einige, wenige Häuser. Das ist
+eine ganz ideale Stelle für Sonderlinge, die von dort aus höhnisch auf
+die Stadt hinabsehen wollen. Auf solche Käuze müssen wir ja auch
+vorbereitet sein. Vielleicht beschließt sogar einer von uns sein Leben
+dort.«
+
+»Aber jetzt will ich Ihnen meine Hauptgedanken sagen, meine Herren«,
+fuhr er lebhaft fort. »Sehen Sie, der Bach wird auf absehbare Zeit
+hinaus für die Wasserzufuhr völlig ausreichen. Wir müssen aber den
+ganzen Fluß herunter bringen, denn dann können wir hier im Laufe einiger
+Jahre eine Vegetation schaffen, wozu die Natur viele hundert Jahre
+brauchen würde. Und das Überspringen von Zeiträumen ist ja unsere
+Hauptbeschäftigung hier. Die Sache läßt sich ausgezeichnet machen. Ich
+habe alles ganz genau geprüft. Der Fluß muß zunächst in das tiefe Becken
+geleitet werden, das auch sicher früher einen See beherbergt hat - falls
+Seebecks Theorie richtig ist, daß die Insel nur vorübergehend unter das
+Meer gesunken ist. Ebenso sicher ist natürlich auch diese Mulde das
+frühere Flußtal.
+
+Der Wall, der das Becken gegen unser Tal abschließt, ist durchgängig
+höher, als der zum Meere. Besser könnte die Sache überhaupt nicht
+liegen, denn so hat das Staubecken ein natürliches Sicherheitsventil.
+Wir brauchen niemals eine Überschwemmung der Stadt zu befürchten, denn
+das überschüssige Wasser wird immer gleich ins Meer stürzen. Wir müssen
+nur ziemlich tief im Becken eine große Röhre anbringen, die den Wall in
+der Richtung auf die Stadt zu durchbohrt. Dann haben wir, unabhängig von
+dem jeweiligen Wasserstande des Staubeckens, einen gleichmäßigen
+Wasserstrom.
+
+Oben, bei der Terrasse, die ich für die öffentlichen Gebäude reservieren
+will, soll sich der Fluß dann teilen. Der Hauptarm soll der Hauptstraße
+folgen; ich will aber unzählige, kleine Bäche von ihm ableiten, so daß
+fast jedes Haus an fließendem Wasser liegt. - Natürlich wird das
+Trinkwasser davon unabhängig in geschlossenen Röhren geleitet. - So gut
+wie alle Häuser werden ja auf kleinere oder größere Terrassen zu liegen
+kommen, also auf wagerechten Grund. Mit Hilfe des Wassers können wir
+nicht nur öffentliche Anlagen schaffen, sondern jedes Haus kann seinen
+Garten haben. Ich denke dabei nicht nur an die Schönheit, sondern
+besonders an die Regulierung der Atmosphäre.
+
+Wenn wir auf Kloaken verzichten und alle Abfälle den Gärten zugute
+kommen lassen, haben wir schon etwas; aber das genügt vorläufig nicht.
+Wir müssen vielmehr einen ganz energischen Anfang machen. Ich schlage
+einfach vor, irgend eine recht schwere, fruchtbare Lehmerde aus
+Australien hierher transportieren zu lassen und damit die Gartenflächen
+etwa einen Meter hoch zu bedecken. Wenn wir uns dann Bäume mit recht
+starken, tiefgehenden Wurzeln pflanzen, werden die dann schon eine
+allmähliche Lockerung des Bodens besorgen. Es gibt ja Bäume, die
+eigentlich nur einen Halt in einer dünnen Humusschicht brauchen, und
+ihre Kraft aus dem Felsen selbst ziehen: manche Nadelhölzer, auch
+Birkenarten. Das alles müßte natürlich mit einem großzügigen Gärtner
+besprochen werden.
+
+Meine Skizzen zu den Häusern selbst werde ich Ihnen morgen zeigen. Ich
+glaube, jetzt den richtigen Stil gefunden zu haben. Ich habe eine stark
+betonte Horizontale mit flachen Kurven verschmolzen - na ja, das alles
+morgen.
+
+Aber jetzt möchte ich noch etwas sagen: es ist ein schöner Gedanke, hier
+alles aus eigenen Kräften auszuführen; aber eigentlich ist es doch nur
+eine unpraktische Sentimentalität. Wir verschwenden Zeit und Kraft auf
+Dinge, die jeder Kuli machen könnte. Sollten wir nicht lieber einige
+hundert Arbeiter aus Sidney kommen lassen, um diese rein körperlichen
+Arbeiten für uns auszuführen? Dann kämen wir doch viel schneller
+vorwärts. Es ist nur ein Vorschlag -«
+
+Nechlidow sprang auf:
+
+»Nein, nein«, rief er. »Keine Kompromisse! Damit finge die Lüge an, die
+alles durchsetzen würde. Wir müssen unseren Prinzipien treu bleiben.
+Solche scheinbar - und nur scheinbar - praktische Erwägungen haben die
+große Unwahrheit in die Welt hineingebracht. Wenn unser Leben hier einen
+Zweck hat, so ist es der, zu beweisen, daß das strenge Festhalten am
+großen Gedanken, am Menschheitsgedanken auch praktisch am weitesten
+führt.«
+
+»Ich erlaubte mir nur einen Vorschlag«, antwortete Edgar Allan höflich.
+»Da er auf Widerspruch stößt, ziehe ich ihn hiermit zurück.«
+
+Das Feuer war bei Allans Rede langsam zusammengesintert; jetzt war es
+nahe am Verlöschen, aber niemand dachte daran, es wieder anzufachen. In
+ihre Decken gehüllt, lagen die Sieben schweigend da und sahen zum
+glänzenden Sternenhimmel empor.
+
+
+
+
+Als der Tag sich jährte, an dem die sieben Gründer die Insel betreten
+hatten, lag die »Prinzessin Irene« in vollem Flaggenschmuck vor der
+Bucht. Als die Hochflut kam und die Klippen bedeckte, schleppten die
+beiden zierlichen Dampfbarkassen schwere Boote mit Menschen und
+Hausgerät ans Land. Auf der improvisierten Landungsbrücke standen Paul
+Seebeck und Melchior und begrüßten die Ankömmlinge, während die anderen
+Fünf eifrig damit beschäftigt waren, ihnen Unterkunft in den großen
+Schuppen und Zelten zu bereiten, die zu diesem Zwecke errichtet waren.
+Denn die Häuser mußten ja erst gebaut werden und zwar in derselben
+Reihenfolge, in der die endgiltigen Erklärungen eingelaufen waren.
+
+Dreihundertfünfzig erwachsene Personen trafen an diesem Tage ein:
+tüchtige Handwerker mit gesetzten Gesichtern, Kaufleute, die aus irgend
+einem Grunde nicht vorwärts gekommen waren und nicht wenige
+unbestimmbaren oder unsicheren Berufes, die erst hier ihr wirkliches
+Vaterland wußten. -
+
+Es ergab sich von selbst, daß die sieben Gründer nicht mehr wie früher
+selbst Hand an alle Arbeit legen konnten: Organisation und Leitung nahm
+ihre Zeit und ihre Kräfte völlig in Anspruch. Hauptmann a. D. von Rochow
+übernahm die Leitung beim Bau der Straße und der öffentlichen Anlagen;
+Edgar Allan hatte Tag und Nacht als Architekt zu tun; Otto Meyer hatte
+einen Teil von Jakob Silberlands Tätigkeit übernommen, der nur noch die
+Rechnungssachen versah, und Paul Seebeck hatte mit der Oberleitung und
+persönlicher Inanspruchnahme durch die Kolonisten mehr als genug zu tun.
+Nechlidow und Melchior wären den andern als Assistenten willkommen
+gewesen; beide erklärten aber ein für allemal, daß sie einfache Arbeiter
+bleiben wollten.
+
+Bei der fieberhaften Tätigkeit entstand schnell Haus auf Haus, und froh
+vertauschte man Schuppen oder Zelt mit dem festen Dache. Damit wurden
+auch immer mehr Kräfte frei, so daß in immer größerem Maßstabe an den
+Straßen und den öffentlichen Gebäuden gearbeitet werden konnte. Die
+Wasseranlage wurde nach Edgar Allans Plänen durchgeführt, und die
+Dampfer der »Australisch-Neu-Seeländischen Transportgesellschaft« mußten
+halbwöchentlich verkehren und konnten doch kaum die Masse des benötigten
+Materials bewältigen.
+
+Jedesmal, wenn die »Prinzessin Irene« vor der Bucht hielt, brachten
+ihre Boote Dutzende von neuen Ansiedlern auf die Insel.
+
+Als das Jahr verflossen war, stand die Stadt da.
+
+
+
+
+Auf den amphitheatralisch ansteigenden Bänken in der großen,
+flachgewölbten Halle des Volkshauses saßen dreihundertfünfzig Männer und
+Frauen und hinter ihnen drängten sich wohl zweihundert auf den Tribünen.
+An einem langen Tische auf einem kleinen Podium im Brennpunkte des
+Kreisbogens saßen die sieben Gründer.
+
+Nicht zum ersten Male waren die Glieder der Gemeinschaft hier
+versammelt; aber doch zeigten alle Gesichter einen seltsamen Glanz. Vor
+zwei Jahren hatten an diesem Tage die sieben Gründer die Insel betreten,
+und heute waren dreihundertfünfzig Männer und Frauen vollberechtigte
+Bürger geworden. Sie waren heute hier versammelt, um zum ersten Male
+ihre Rechte auszuüben.
+
+Paul Seebeck erhob sich von seinem Stuhle, und sofort trat atemlose
+Stille ein. Er richtete sich hoch auf, warf einen langen Blick über die
+Versammlung und lächelte glücklich. Dann sagte er:
+
+»Meine Damen und Herren!
+
+Im Namen meiner Freunde heiße ich Sie hier willkommen! In der
+gemeinsamen Arbeit dieses Jahres haben wir Werte geschaffen, die uns
+und unsere Enkel überdauern werden. Wir danken Ihnen für Ihre treue
+Mitarbeit.
+
+Bis jetzt sind wir sieben Ihre Führer gewesen, nicht aus Hochmut oder
+Herrschsucht, sondern nur, weil wir anfangs eine größere Sachkenntnis
+hatten.
+
+Jetzt legen wir unsere Mandate in Ihre Hände. Sie mögen prüfen, was Sie
+von den Bestimmungen, die wir getroffen haben, beibehalten wollen und
+was nicht. Vorbehaltlos übergeben wir Ihnen unsere Rechte und Pflichten.
+
+Bevor wir in die Verhandlungen eintreten, müssen wir einen Vorsitzenden
+haben. Als den in solchen Dingen gewandtesten erlaube ich mir, Herrn Dr.
+Silberland vorzuschlagen. Es wird kein anderer Vorschlag laut - also
+bitte ich Herrn Dr. Silberland, den Vorsitz dieser Versammlung zu
+übernehmen.«
+
+Ein erstauntes und verschwommenes Gemurmel wurde laut, als die sechs vom
+Podium herunterschritten und auf der vordersten Bank Platz nahmen.
+
+Jakob Silberland war der Situation durchaus gewachsen; er gab ein kurzes
+Glockenzeichen und sagte:
+
+»Sie werden mir ein Wort des Dankes an Herrn Seebeck erlauben. Ich weiß,
+daß ich im Sinne der ganzen Versammlung spreche, wenn ich sage: in
+diesem Augenblicke, wo Herr Seebeck aufgehört hat, unser offizieller
+Führer zu sein, wollen wir ihm versichern, daß er immer und ewig unser
+geistiger Führer bleiben wird. Denn wir wissen alles, was wir ihm
+schulden: seine Initiative, seine Energie, sein praktischer Blick, sein
+Glaube an den Menschen haben die Errichtung des stolzen Werkes
+ermöglicht, das wir hier vor uns sehen. Und wenn wir alle längst im
+Grabe liegen, wird der Name Paul Seebeck für immer mit goldenen
+Buchstaben im Buche der Menschheit stehen.«
+
+Zögernd hatten sich die Versammelten erhoben; Paul Seebeck war sitzen
+geblieben und starrte in tötlicher Verlegenheit vor sich hin. Jakob
+Silberland sah einen Augenblick lang auf die stehende Versammlung und
+wußte augenscheinlich nicht recht, was er mit ihr anfangen sollte.
+Hilfesuchend sah er Otto Meyer an, der nur mit größter Mühe ein Lachen
+herunterschluckte. Herrn von Rochows Gesicht strahlte. Er ging zu Paul
+Seebeck und drückte ihm die Hand.
+
+Plötzlich bekam Jakob Silberland einen rettenden Gedanken; er griff zur
+Glocke, läutete kurz und sagte, während die Versammlung sich
+geräuschvoll wieder setzte:
+
+»Ich ersuche jetzt Herrn Seebeck als ersten, einen Überblick über die
+verflossenen zwei Jahre zu geben.«
+
+Paul Seebeck trat mit einigen schnellen Schritten auf das Podium und
+sagte:
+
+»Was hier geschehen ist und was wir hier wollen, wissen Sie ja alle, und
+ich brauche nicht mit feierlichen Worten darauf einzugehen. Was ich
+getan habe, glaube ich verantworten zu können.
+
+Nur auf einen Punkt möchte ich hinweisen: ich bin, wie Sie ja alle
+wissen, Reichskommissar mit den Rechten und Pflichten eines solchen. Ich
+habe aber vom Reichskolonialamt die Ermächtigung erwirkt, mein Amt einem
+andern, das heißt, meinem jetzt zu wählenden Nachfolger zu übertragen.
+Sobald die Wahl vor sich gegangen ist, werde ich es tun. Ich deponiere
+hier beim Vorsitzenden der Versammlung eine unterzeichnete und datierte
+offizielle Benachrichtigung an das Reichskolonialamt, wo nur noch der
+Name des neuen Reichskommissars auszufüllen ist.«
+
+Er verbeugte sich kurz und ging zu seinem Platze zurück.
+
+Jakob Silberland gab ein Glockenzeichen und sagte:
+
+»Da ich jetzt selbst das Wort ergreifen möchte, um über die Verwaltung
+der öffentlichen Gelder Rechenschaft abzulegen, bitte ich um Erlaubnis,
+den Vorsitz so lange an Herrn Referendar Meyer abzutreten. - Da kein
+Widerspruch erfolgt, tue ich es hiermit. - Herr Referendar, darf ich
+bitten.«
+
+Otto Meyer schritt gravitätisch auf das Podium und flüsterte Jakob
+Silberland zu:
+
+»Na, Sie werden staunen: zunächst werde ich mal die ganze Zeit durch
+bimmeln, dann kriegen Sie drei Ordnungsrufe, und ich fordere Sie auf,
+den Saal zu verlassen.«
+
+Jakob Silberland sah ihm erschreckt ins Gesicht:
+
+»Um Gotteswillen -«
+
+Er kam nicht weiter, denn Otto Meyer läutete und sagte:
+
+»Herr Dr. Jakob Silberland hat das Wort.«
+
+Jakob Silberland suchte stehend allerhand Papiere zusammen, die auf dem
+Tische lagen und sagte:
+
+»Ich kann jetzt natürlich nur in großen Zügen ein Bild von der
+finanziellen Lage geben; ich werde Sie später bitten, eine Kommission zu
+wählen, um meine Bücher in allen Einzelheiten nachzuprüfen.
+
+Wir sind, wie Sie wissen, mit einer dreiprozentigen inneren Anleihe in
+der Höhe von einer Million Mark belastet. Dieses Geld hat uns, solange
+es noch teilweise auf der Bank lag, einen Zinsenüberschuß von
+zehntausendachthundertdreiundfünfzig Mark und einundsiebzig Pfennigen
+gebracht.
+
+Wir haben zweihundertachtunddreißig Schildkröten verkauft. Sie wissen
+ja, daß wir nach dem Urteile der Sachverständigen dazu gezwungen waren,
+da der Platz für die Tiere nicht ausreichte, und sie sonst einfach
+fortgewandert wären. Dafür haben wir die Summe von fünf Millionen,
+achthundertsechsundvierzigtausend siebenhundert und einundzwanzig Mark
+und elf Pfennigen eingenommen. Wir hatten also sechs Millionen
+achthundertsiebenundfünfzigtausend fünfhundertvierundsiebzig Mark
+zweiundachtzig Pfennig bares Geld zur Verfügung.
+
+Unsere Ausgaben waren folgende: Gehälter: abzüglich der Mietsbeträge
+eine Million siebenhundertachtunddreißigtausend fünfhunderteinundzwanzig
+Mark. Hausbau: drei Millionen achthundertsiebenundfünfzigtausend
+einhundertachtundsechzig Mark und zweiundvierzig Pfennige. Straßenbau,
+Anlage des Bewässerungssystems, Trinkwasserleitung, Hafenanlagen, Erde
+haben zusammen zwei Millionen, sechshunderttausend vierhundertachtundneunzig
+Mark sieben Pfennige gekostet. Verschiedenes kostete zusammen
+zweihundertachttausend neunhundertdreizehn Mark, neunundzwanzig
+Pfennige. Unsere gesamten Ausgaben betrugen also: acht Millionen,
+vierhundertfünftausend einhundert Mark und achtundsiebzig Pfennige. Wir
+schließen diese zweijährige Periode mit einem Defizit von anderthalb
+Millionen, siebenundvierzigtausend fünfhundertfünfundzwanzig Mark und
+sechsundneunzig Pfennigen ab.
+
+Hierzu ist zu bemerken, daß wir dieses Defizit ja jeden Tag aus der
+Irenenbucht decken können; vielleicht sind wir sogar gezwungen, noch
+hundert Schildkröten herauszunehmen, um einen geordneten Zuchtbetrieb
+möglich zu machen. Dann, daß wir in diesen zwei Jahren einen großen Teil
+der Stadtanlage ausgeführt haben, so daß wir in der Zukunft nur einen
+geringen Posten dafür aufzuwenden haben werden. Dann, daß das für den
+Hausbau aufgewendete Geld sich mit neun Prozent verzinst. Die jährliche
+Miete beträgt zwar zehn Prozent der Baukosten, doch stellen wir ein
+Prozent für einen Reparaturfond zurück. Trotz dieses Defizits ist unsere
+finanzielle Stellung also sehr günstig.«
+
+Jakob Silberland setzte sich, und Otto Meyer verließ das Podium. Im
+Hinunterschreiten flüsterte er Jakob Silberland zu:
+
+»Bis an mein Lebensende werde ich nicht begreifen, weshalb ich hier
+heraufkrabbeln mußte. Aber wundervoll war es da oben.«
+
+Jetzt erhielt Edgar Allan das Wort. Er kniff die Lippen zusammen und
+blickte über die Köpfe der Versammlung weg. Er sagte:
+
+»Was ich gemacht habe, kann jeder Mensch sehen; ich hoffe, den hier
+vorherrschenden Geschmack getroffen zu haben. Jedenfalls habe ich alles
+getan, was in meinen Kräften stand.«
+
+Jakob Silberland stand auf, gab wieder ein Glockenzeichen und sagte:
+
+»Wünscht jemand aus der Versammlung das Wort? - Nicht? - Dann können wir
+zur Wahl schreiten. Hierzu ist zu bemerken, daß sich bis jetzt die
+Notwendigkeit von fünf Ämtern ergeben hat und zwar der folgenden: eines
+Vorstehers der Gemeinschaft, eines Schriftführers, eines
+Geschäftsführers, eines Architekten und eines Leiters der öffentlichen
+Anlagen. Zunächst wäre die Frage zu entscheiden, ob diese Ämter in der
+bisherigen Form weiterbestehen sollen. Weiterhin kann ich mitteilen, daß
+die bisherigen Inhaber dieser Ämter die bisher geltenden Bestimmungen
+zusammengefaßt haben. Ihre Nachfolger hätten dazu Stellung zu nehmen und
+ihre eventuellen Änderungsvorschläge der Versammlung zu unterbreiten.
+Ich erlaube mir daher, folgende Geschäftsordnung vorzuschlagen: zunächst
+erfolgt die Feststellung der Ämter, dann die Wahlen zu ihnen. Die so
+gewählten neuen Beamten hätten Stellung zu den bisherigen Gesetzen zu
+nehmen und ihre eventuellen Änderungsvorschläge einer späteren
+Versammlung zur Beschlußfassung zu unterbreiten. Schlägt jemand eine
+andere Geschäftsordnung vor? - Nicht? - Dann schreiten wir zu Punkt
+eins: Debatte über die bisherigen Ämter. Wer wünscht das Wort hierzu?«
+
+Jetzt erhob sich endlich im Hintergrunde ein Mann und sagte grob:
+
+»Ich meine, daß alles gut war, wie es war, und daß dieselben Herren oben
+bleiben sollen, denn die verstehen es doch am besten.«
+
+Aller Augen hatten sich dem Redner zugewandt, der sich jetzt die Stirn
+eifrig mit einem roten Taschentuche rieb.
+
+Jakob Silberland mußte zweimal läuten, bis das beifällige Gemurmel
+verstummte; dann sagte er:
+
+»Der verehrte Herr Vorredner hat sich gleich zu den zwei ersten Punkten
+der Tagesordnung geäußert, und zwar schlägt er Beibehaltung der alten
+Ämter und Wiederwahl der bisherigen Beamten vor. Ist die Versammlung
+damit einverstanden, daß diese beiden Punkte gemeinsam behandelt
+werden?«
+
+Jetzt kam Leben in die Versammlung, und von allen Seiten ertönten
+Beifallsrufe und Zustimmungsäußerungen. Da richtete Jakob Silberland
+sich stolz auf und sagte:
+
+»Die ganz überwiegende Mehrheit wünscht die gemeinsame Behandlung beider
+Punkte. Ich stelle also den Vorschlag des Vorredners zur Abstimmung,
+die bisherigen Beamten zu ihren bisherigen Ämtern wieder zu wählen.«
+
+Jetzt wich die Schüchternheit von der Versammlung. Die Beifallsrufe
+bekamen einen fast animalischen Charakter. Es wurde geschrieen,
+geklatscht und getrampelt.
+
+Edgar Allan beugte sich zu Paul Seebeck und flüsterte ihm zu:
+
+»Sehen Sie, wie sie bei dem Gedanken aufleben, wieder unter die Peitsche
+zu kommen. Wie ein Alp hat die Vorstellung auf ihnen gelastet, daß sie
+frei wären.«
+
+Paul Seebeck seufzte und schwieg.
+
+Endlich war es Jakob Silberland gelungen, mit seiner Glocke den Lärm zu
+übertönen. Sein Gesicht strahlte vor Freude und Stolz.
+
+»Ich bitte diejenigen aufzustehen, die gegen den Vorschlag sind«, sagte
+er lächelnd. Und ebenfalls heiter lächelnd blieb die Versammlung sitzen.
+
+Auf einen Wink von Jakob Silberland kamen Paul Seebeck, Edgar Allan,
+Otto Meyer und Herr von Rochow wieder auf das Podium. Paul Seebeck
+begann mit niedergeschlagenen Augen zu sprechen:
+
+»Im Namen der anderen Herren danke ich Ihnen für Ihr Vertrauen. Die von
+dem Vorsitzenden vorgeschlagene und von Ihnen angenommene
+Geschäftsordnung bestimmt als nächsten Punkt die Vorlegung der bis
+jetzt bestehenden Gesetze samt unseren Vorschlägen. - Da wir der Lage
+der Dinge nach nicht nötig haben, uns mit dem fraglichen Materiale erst
+bekannt zu machen, können wir das jetzt gleich erledigen und brauchen
+keine spätere Versammlung dazu.«
+
+Jakob Silberland reichte ihm einige Papiere. Paul Seebeck blätterte
+etwas in ihnen und sah dann auf:
+
+»Ich will mir erlauben, das folgende Exposé vorzulesen, das wir sieben
+Gründer gemeinsam ausgearbeitet haben. Ich bitte, Änderungsvorschläge
+sofort vorzubringen, damit das, was unwidersprochen bleibt, als
+genehmigt angesehen werden kann. Ich möchte mir vorbehalten, in einigen
+Vorträgen oder in anderer Form die Gesetze vom rein-menschlichen
+Standpunkte aus zu erläutern - hier mögen sie rein praktisch angesehen
+werden.«
+
+Er schwieg einen Augenblick; dann hob er ein Blatt in die Höhe und las:
+
+»Die Gesetze der Gemeinschaft auf der Schildkröteninsel. - Erstens: Die
+Schildkröteninsel ist ein Teil des deutschen Kolonialbesitzes. Der
+jeweilige Vorsteher der Gemeinschaft auf der Schildkröteninsel ist in
+seiner Eigenschaft als Reichskommissar dem Staatssekretariat der
+Kolonien des Deutschen Reiches verantwortlich.
+
+»Es ist dies nur eine Formsache«, erläuterte er aufblickend, »unter der
+selbstverständlichen Voraussetzung, daß der jeweilige Reichskommissar
+nichts gegen die Interessen des deutschen Reiches unternimmt, hat er ja
+- vom Reiche aus - unbeschränkte Vollmacht.
+
+Zweitens: Nach einjährigem Aufenthalte erhält jeder Ansiedler und jede
+Ansiedlerin über einundzwanzig Jahre volles Bürgerrecht.
+
+Drittens: Die Versammlung aller Bürger erläßt alle Gesetze, besetzt
+Ämter, bestimmt Ausgaben und Einnahmen der Gemeinschaft; sie faßt alle
+Beschlüsse mit einfacher Stimmenmehrheit.
+
+Viertens: Der Gemeinschaft gehören folgende Dinge, die nie Privatbesitz
+werden können: der Grund und Boden mit Gebäuden, Gärten, Straßenanlagen,
+Wasser und Mineralien, dazu der Tierbestand der Irenenbucht. Häuser und
+Gärten, die dem Privatgebrauche bestimmt sind, werden verpachtet, wobei
+die jährliche Pacht zehn Prozent von den Bau- und Anlagekosten beträgt.
+Die Instandhaltung erfolgt auf Kosten der Gemeinschaft. Die Pacht ist
+unkündbar, solange der Pächter seinen Verpflichtungen nachkommt.
+
+Fünftens: Alle Beamten und Arbeiter der Gemeinschaft beziehen ein
+jährliches Gehalt von fünftausend Mark und werden auf mindestens ein
+Jahr angestellt.
+
+Sechstens: Schule, Krankenpflege, Alters- und
+Arbeitsunfähigkeitsunterstützung ist Sache der Gemeinschaft.
+
+Siebentens: Jeder Bürger hat das unbeschränkbare Recht der freien
+Meinungsäußerung. -
+
+Achtens -«
+
+Er hielt einen Augenblick inne und sah auf die Versammlung, die sich
+ganz still verhielt. Dann legte er die Papiere auf den Tisch und sagte:
+
+»Heute muß ein Schritt von großer Bedeutung unternommen werden. Bis
+jetzt sind wir alle Beamte gewesen; von heute ab ist es weder notwendig,
+noch wünschenswert. Wir brauchen vorläufig nur etwa ein Drittel der
+bisherigen Arbeitskräfte für den Dienst in der Gemeinschaft; die anderen
+zwei Drittel können sich jetzt freie Berufe ergreifen. Diejenigen, die
+auf ein weiteres Jahr im Dienste der Gemeinschaft stehen wollen, können
+sich später bei unserem Schriftführer, Herrn Otto Meyer, melden.«
+
+Er sah mit leuchtenden Augen geradeaus:
+
+»Ich bin kein Freund der Phrase. Aber ich darf wohl sagen, daß der
+heutige Tag in der Geschichte der Menschheit unvergeßlich bleiben kann.
+Helfen Sie mir dazu.«
+
+Und die Verhandlungen nahmen ihren Fortgang.
+
+
+
+
+Am Abend desselben Tages standen die sieben Gründer auf dem Balkon von
+Paul Seebecks Haus und sahen auf die Stadt hinunter. Wie leuchtende
+Perlenschnüre zogen sich die Reihen der Straßenlaternen durch das samtne
+Dunkel und zeigten hier deutlich, dort verschwommen die Silhouetten der
+Häuser. Und diese wiederum warfen aus ihren Fenstern einige scharfe und
+harte Lichtbündel in die Nacht.
+
+»Unsere Gründung«, sagte Herr von Rochow und bewegte wie segnend die
+Arme, »unser großes Kind, das wir geboren haben, und das so traut und
+doch wieder so fremd dort unter uns liegt. Ein eigener, lebendiger
+Körper.«
+
+»Und was sind wir in diesem Körper?« fragte Paul Seebeck, die Arme über
+der Brust verschränkt haltend.
+
+»Doch wohl das Gehirn«, sagte Nechlidow ruhig.
+
+»Und eben so fremd dem Körper, wie das Gehirn dem menschlichen Körper,
+der seine eigenen Wege geht, ohne sich um sein Gehirn zu kümmern«, fügte
+Edgar Allan hinzu.
+
+Melchior griff sich mit der Linken an die Stirn.
+
+»Der Körper lebt nach eigenen Gesetzen, kümmert sich nicht um das
+Gehirn, und die Menschheit ein Körper, ein lebendiger Körper, mit
+eigener Seele«, murmelte er. »Da liegt es ja!« schrie er auf.
+
+Otto Meyer schlug ihn begütigend auf die Schulter:
+
+»Nehmen Sie die Sache nur mit Ruhe. Sie brauchen die Welträtsel noch
+nicht heute abend zu lösen. Lassen Sie sich noch einige Tage Zeit. Die
+übrige Menschheit hat ja einige Tausend Jahre über sie nachgedacht, ohne
+sie zu lösen.«
+
+Melchior sah dem Spötter ins Gesicht. Am ganzen Leibe vor Erregung
+zitternd, sagte er:
+
+»Nicht die Welträtsel; aber das Problem des Menschen. Ich sehe jetzt, wo
+es liegt, sehe es klarer und klarer.«
+
+
+
+
+Gabriele, jetzt brauche ich Sie. Helfen Sie mir, die Menschen zur
+Freiheit zu erziehen. Sie wollen das Bewußtsein der Freiheit haben, aber
+wagen nicht, sie zu gebrauchen.
+
+Ich glaubte, die Elite der Menschen hier zu versammeln; ich sah die
+starken, freien Gesichter, die kühnen, rücksichtslosen Augen - und setzt
+man sie zusammen, wärmen sie sich wie eine Herde Schafe aneinander.
+
+Und wir sieben stehen draußen, unverstanden und unverstehend.
+
+Kommen Sie, die Mutter, kommen Sie und seien Sie ein Bindeglied zwischen
+uns und jenen, zwischen unserem Werke und unseren Gedanken.
+
+ Seebeck.
+
+
+
+
+Trotz des Regens war Paul Seebeck in seinem Motorboote zur »Prinzessin
+Irene« hinausgefahren, um Frau von Zeuthen noch am Deck zu begrüßen.
+
+Im Rauchsalon des Dampfers erwartete sie ihn mit ihren Kindern. Alle
+drei waren schon im Mantel.
+
+Als sie sich begrüßt und eine halbe Stunde zusammen geplaudert hatten,
+sagte Frau von Zeuthen:
+
+»Ich habe Ihnen wieder einen Menschen mitgebracht. Seien Sie lieb zu
+ihm, dann wird er wertvoll für Sie und Ihr Werk sein. - Felix, bitte
+Herrn de la Rouvière herzukommen.«
+
+Felix sprang hinaus. Paul Seebeck erhob sich und blieb erwartungsvoll
+stehen. Unwillkürlich zuckte er aber zusammen, als er Herrn de la
+Rouvière sah, denn dieser war ein Krüppel. Er war nicht größer wie ein
+achtjähriger Knabe und hatte auch das Gesicht eines solchen. Seine Beine
+waren dick und kurz, seine Arme und die schwarzbehaarten Hände aber wohl
+noch größer, als die eines erwachsenen Mannes. Er blieb bescheiden im
+Türrahmen stehen.
+
+Frau von Zeuthen sagte:
+
+»Seine Vorfahren hat der Pöbel aus Frankreich vertrieben, und derselbe
+Pöbel machte dem Urenkel das Leben in Deutschland unmöglich. Nur hat er
+sich andere Waffen gewählt, die aber nicht weniger verletzen. Bei Ihnen
+sucht er eine Heimat, Seebeck!«
+
+Seebeck trat auf ihn zu und reichte ihm die Hand, die der Krüppel fast
+schmerzhaft fest drückte:
+
+»Seien Sie hier willkommen«, sagte er herzlich und sah ihm gerade ins
+Gesicht. Aber sein Lächeln erstarrte, als er in de la Rouvières Augen
+blickte. Sie schienen ihm plötzlich einen fast tierischen Ausdruck von
+Hunger zu bekommen. Aber im nächsten Augenblicke war dieser Ausdruck
+verschwunden, und der Krüppel stand wieder so bescheiden wie vorher da.
+
+Im Augenblick vermochte Paul Seebeck nicht mehr mit ihm zu sprechen; er
+wandte sich daher an Frau von Zeuthen, die zusammen mit ihren Kindern
+etwas in den Hintergrund getreten war, und sagte:
+
+»Darf ich Ihnen ein Amt anbieten, Gabriele? Ich kann doch wohl
+voraussetzen, daß Sie sich auch in äußerem Sinne nützlich machen
+wollen?«
+
+Frau von Zeuthen trat lächelnd heran:
+
+»Ich habe noch nie in meinem Leben ein Amt verwaltet. Vielleicht kann
+ich es hier. Wozu wollen Sie mich denn machen?«
+
+»Zur Archivarin«, sagte Paul Seebeck. »Bis jetzt hat die Sekretärin, die
+ich mir habe geben lassen, auch das Archiv verwaltet. Aber die Arbeit
+wird ihr zu viel, und außerdem paßt sie nicht recht dazu.«
+
+Gabriele dachte einen Augenblick nach; dann sagte sie:
+
+»Ich danke Ihnen und freue mich auf diese Arbeit. Ich kann jetzt nur
+unklar sehen, worin sie besteht, und die Dame wird mich erst in die
+Einzelheiten einführen müssen. Ich stelle es mir schön vor, im stillen
+Zimmer zu sitzen und das unbegreiflich große und bunte Leben durch die
+festen Formen zu ahnen, in denen es sich grob und kalt niedergeschlagen
+hat.«
+
+Paul Seebeck nickte ihr zu. Dann wandte er sich an Herrn de la Rouvière:
+
+»Und wie denken Sie sich Ihre Zukunft hier? Wünschen Sie einen freien
+Beruf zu ergreifen, oder denken Sie an ein Amt?«
+
+»Darf ich meine Zukunft nicht in Ihre Hände legen, Herr Seebeck?«
+antwortete der Krüppel und sah ihn treu und gut an.
+
+»Wenn Sie mir soviel Vertrauen schenken wollen«, erwiderte Paul Seebeck
+und sah ihm gerade ins Gesicht.
+
+»Aber was soll ich machen, Paul?« sagte Hedwig und ergriff
+einschmeichelnd seine Hand.
+
+»Du? Ich glaube, wir werden dich als Kindergärtnerin brauchen können;
+unser Erziehungswesen liegt überhaupt recht im argen und muß erst
+gründlich organisiert werden«, fügte er, zu Frau von Zeuthen gewandt,
+erläuternd hinzu. Dann sah er sich nach Felix um; aber dieser sagte
+nichts, starrte ihn aber mit seinen großen, glänzenden Augen unverwandt
+an.
+
+Frau von Zeuthen brach das sekundenlange Schweigen:
+
+»Wie steht's aber um die Dienstboten?«
+
+»Dafür haben wir gesorgt; die jungen Leute zwischen sechzehn und
+einundzwanzig sind verpflichtet, sich irgendwie nützlich zu machen.
+Unsere jungen Damen sind Dienstmädchen, Krankenpflegerinnen oder
+Kinderfräuleins, die Jungen sind Laufburschen oder Hilfsarbeiter. Dafür
+bekommen sie etwas Taschengeld. Sie sehen, wir haben auch unsere
+allgemeine Wehrpflicht. Dispens wird nur erteilt, wenn Lust und Begabung
+zu selbständiger Tätigkeit vorliegt.«
+
+»Und was machen Sie mit Ihren Verbrechern, Seebeck?« fragte Frau von
+Zeuthen wieder.
+
+»Verbrechen sind noch nicht vorgekommen und werden wohl auch nie
+vorkommen. Einige geringfügige Übertretungen haben wir mit Geldstrafen
+belegt. - Dagegen haben wir »bürgerliche Rechtsstreitigkeiten«, wie Otto
+Meyer sich ausdrückt, in überraschend großer Anzahl, und da standen wir
+vor einer Schwierigkeit. Es war eine starke Stimmung vorhanden, ein
+Gesetzbuch auszuarbeiten, oder wenigstens einen unserer Juristen als
+Richter einzusetzen. Ich wollte natürlich nicht ein starres, eiskaltes
+Gesetzbuch in unser flutendes Leben werfen, und ebensowenig einen
+unserer, in ihrem Fach trotz allem verknöcherten Juristen anstellen.
+Schließlich setzte ich durch, daß die Monatsversammlungen alle
+Streitigkeiten durch Beschluß entscheiden.«
+
+Frau von Zeuthen nickte und schwieg. Dann fragte sie:
+
+»Wo sollen wir eigentlich wohnen?«
+
+»Oh, dafür habe ich gesorgt,« antwortete Paul Seebeck schnell. »Ich habe
+Ihnen ein fünfzimmriges Haus reservieren lassen; wenn es Ihnen nicht
+gefällt, baue ich Ihnen ein anderes. Ich erlaubte mir, die
+ordnungsgemäße Reihe etwas zu durchbrechen«, fügte er lächelnd hinzu.
+
+Frau von Zeuthen drohte scherzend mit dem Finger:
+
+»Ihr Prinzip haben Sie durchbrochen? Diese Schandtat hätte ich Ihnen
+nicht zugetraut.«
+
+»Durfte ich Ihretwegen nicht eine Ausnahme machen?« gab Paul Seebeck
+zurück.
+
+»Aber was werden die andern dazu sagen?«
+
+»Die andern? Ach Gott, Gabriele, die Verwaltung bringt es mit sich, daß
+wir so viele Dinge selbständig machen müssen - nachträglich wird dann
+alles gut geheißen.«
+
+»Aber doch nicht, wenn Sie die grundlegenden Prinzipien verletzen.«
+
+»Doch nur den Buchstaben, nicht den Sinn. - Ich scheue mich nicht ein
+Prinzip zu verletzen, wenn ich mir dadurch endlose Umwege spare und auf
+kürzerem Wege gerade das Ziel, den Sinn jenes Prinzips erfülle.«
+
+»Aber betreten Sie damit nicht einen gefährlichen Boden? Wäre es nicht
+vielleicht doch besser, jene Umwege zu machen?«
+
+»Nicht so lange ich so genau weiß, was ich will, und so klar mein Ziel
+vor Augen sehe. - Und hier liegt die Sache ja so klar: Ihre Mitarbeit
+ist für uns alle so ungeheuer wichtig, daß es meine Pflicht ist, Ihnen
+so schnell wie möglich volle Arbeitsmöglichkeit zu schaffen. Ob Fischer
+Petersen einige Wochen länger in der Baracke leben muß, erscheint mir,
+dagegen gehalten, als von geringerer Bedeutung.«
+
+»Wenn aber Fischer Petersen sein Recht verlangt?«
+
+»Wenn er es doch täte, Gabriele! Helfen Sie mir, ihn dazu zu erziehen!
+Und auch Sie, Herr de la Rouvière, müssen mir dazu helfen.«
+
+
+
+
+»Fräulein Erhardt«, meldete das Dienstmädchen, und Frau von Zeuthen
+erhob sich vom Divan, auf dem sie in halb liegender Stellung ein Buch
+gelesen hatte.
+
+Ein dunkellockiges Mädchen mit schwarzen, träumerischen Augen trat ein.
+Sie trug ein loses Reformkleid, das den Hals frei ließ. Unter dem Arme
+hatte sie eine schwarze dicke Aktenmappe, die einen ungraziösen
+Widerspruch zu der lieblichen Erscheinung des Mädchens darstellte.
+
+»Gnädige Frau«, sagte sie und sank halb in die Knie.
+
+Frau von Zeuthen war auf sie zugetreten, hatte sie bei der Hand
+ergriffen und fragte erstaunt:
+
+»Sind Sie wirklich Herrn Seebecks Privatsekretärin?«
+
+»Gewiß«, antwortete Fräulein Erhardt. »Schon seit drei Monaten.«
+
+Frau von Zeuthen nahm ihr die Aktenmappe ab und legte diese auf einen
+Tisch. Dann bat sie Fräulein Erhardt, im tiefen Ledersessel Platz zu
+nehmen, setzte sich selbst auf den Divan und lehnte sich halb zurück.
+
+»Erzählen Sie«, sagte sie dann.
+
+»Ich habe nicht viel zu erzählen, gnädige Frau«, sagte Fräulein Erhardt.
+»Wie manche andere kam ich mit vielen unklaren Erwartungen und
+Hoffnungen hierher. In den ersten Tagen fühlte ich mich recht
+unglücklich hier in all der Geschäftigkeit und wußte gar nicht, was ich
+selbst beginnen sollte. Da verlangte Herr Seebeck von der Gemeinschaft
+eine Privatsekretärin - die anderen Herren hatten schon längst
+irgendwelche Hilfe bekommen - und ich meldete mich zu der Stellung. Das
+ist alles, gnädige Frau«, sagte sie und strich ihr Kleid glatt.
+
+»Und wie war es in Ihrer Stellung?« fragte Frau von Zeuthen.
+
+Über Fräulein Erhardts bleiches Gesicht glitt etwas Farbe. Sie sagte
+lebhaft:
+
+»Es ist wunderschön, mit Herrn Seebeck zusammenzuarbeiten. Nur verlangt
+er von den anderen Menschen ebensoviel wie von sich selbst. Und so viel
+Wissen und Arbeitskraft hat doch kein anderer Mensch.«
+
+Die Tür wurde aufgerissen, und naß und zerzaust stürmte Felix herein.
+
+»Weißt du Mutter, was Paul Herrn de la Rouvière vorgeschlagen hat? Er
+soll hier eine Zeitung gründen und außerdem die Protokolle der
+Versammlungen führen.«
+
+»Schön, schön mein Junge«, sagte sie aufstehend. Erst jetzt gewahrte
+Felix Fräulein Erhardt, die gleichfalls aufgestanden und etwas
+zurückgetreten war. Er wurde glühend rot im Gesicht.
+
+Frau von Zeuthen legte ihm den Arm um die Schulter und führte ihn
+Fräulein Erhardt zu.
+
+»Mein Sohn Felix«, sagte sie.
+
+Felix verbeugte sich ungeschickt und reichte Fräulein Erhardt die Hand,
+die jene einen Augenblick lang festhielt.
+
+»Entschuldigen Sie, ich hatte Sie nicht gesehen«, sagte er.
+
+Fräulein Erhardt schüttelte langsam den Kopf:
+
+»Das tut nichts«, sagte sie und sah Felix mit ihren großen, schwarzen
+Augen an.
+
+Frau von Zeuthen sah die Beiden aufmerksam an; dann wandte sie sich dem
+Tisch zu, auf den sie die Aktenmappe gelegt hatte, und sagte:
+
+»Willst du etwas bei uns bleiben, mein Junge? Fräulein Erhardt und ich
+haben allerlei zu besprechen, was dich wohl auch interessiert. Sie will
+mich in meinen neuen Beruf als Reichsarchivarin einführen.«
+
+»Bleiben Sie doch, Herr von Zeuthen«, sagte Fräulein Erhardt bittend,
+und Felix setzte sich bescheiden in eine Ecke.
+
+Fräulein Erhardt aber öffnete die Aktenmappe und erklärte Frau von
+Zeuthen, wie sie das Archiv bisher verwaltet hatte.
+
+
+
+
+In der nächsten Sitzung der Vorsteherschaft brachte Paul Seebeck auch
+die Schulfrage zur Sprache und legte einen Schulplan vor, den er
+gemeinsam mit Frau von Zeuthen ausgearbeitet hatte. Die anderen fanden
+nur wenig daran auszusetzen, und bald hatte der Plan die Form gefunden,
+in der er der Gemeinschaft vorgelegt werden sollte. Als die Arbeit
+beendet war, bat Paul Seebeck die anderen Herren, bei ihm zum Abendessen
+zu bleiben und teilte gleichzeitig mit, daß er auch Frau von Zeuthen,
+Nechlidow und Melchior eingeladen hätte.
+
+Bei Tisch fragte Frau von Zeuthen nach dem Schicksale des Entwurfs, und
+Paul Seebeck machte sie mit den geringfügigen Änderungen bekannt.
+
+»Es ist doch fast eine Vergewaltigung«, sagte Edgar Allan plötzlich,
+»daß man so einem armen Wurme tausend Dinge beibringt, auf die es von
+selbst nie verfallen wäre - lauter fertige, geprägte Begriffe, ein
+fertiges Weltbild, eine fertige Sprache. Nichts darf sich das Kind
+selber bilden, muß alles das gläubig hinnehmen, was die früheren
+Generationen ihm vorgekaut haben.«
+
+»Na, wissen Sie was«, sagte Otto Meyer. »Wollen Sie die Kinder gleich
+nach der Geburt in die Wüste schicken, um sich Sprache und Bildung ganz
+aus eigener Kraft zu bauen? Ich glaube, Sie würden zu Ihrer Überraschung
+einige entzückende Orang-Utans vorfinden.«
+
+Aber Edgar Allan hatte sich in seinem Gedanken festgebissen und ließ
+sich nicht beirren. Sein Mund verzog sich nur ein wenig spöttisch, als
+er Melchiors heißes Gesicht sah. Er wandte sich Otto Meyer zu und sagte
+ungewöhnlich lebhaft:
+
+»Doch nicht, Herr Referendar. Die Kinder würden doch eine gewisse
+Disposition im Gehirn von ihren kultivierten Eltern mitbekommen haben,
+die sie eben doch auf eine etwas höhere Stufe als den Orang-Utan stellen
+würde.«
+
+»Aha!« sagte Otto Meyer. »Da setzen Sie aber die kultivierten Eltern
+voraus. Seien Sie jetzt aber etwas radikaler in Ihren Gedanken und
+setzen Sie den Fall, daß alle Kinder von Weltbeginn an in die Wüste
+geschickt worden wären. Dann hätten sie keine kultivierten Eltern,
+mithin hätten die Kinder eben auch nicht jene Kultur-Disposition im
+Gehirn, wären also doch reine Orang-Utans.«
+
+Edgar Allan lehnte sich in seinem Stuhle zurück und legte Messer und
+Gabel hin.
+
+»Sie wollen mich aufs Glatteis führen, Herr Referendar, und sprechen
+dabei nur meinen Gedanken aus.«
+
+Jetzt hielten alle mit dem Essen ein. Ganz leise klirrte es, als die
+Eßgeräte auf die Teller und Messerbänke gelegt wurden. Edgar Allan sah
+sich im Kreise um und sagte lächelnd:
+
+»Ich weiß wirklich nicht, ob mein Gedanke eine so ungeteilte
+Aufmerksamkeit verdient. Er ist nicht viel mehr als ein logisches
+Experiment, doch scheint er mir wert zu sein, zu Ende gedacht zu werden.
+- Sehen Sie, meine Herren, und Sie, gnädige Frau, die so liebenswürdig
+sind, zuzuhören. Ich meine folgendes: eine gewisse Disposition zur
+Weiterentwicklung muß schon im Menschenaffen gelegen haben, der unser
+aller Stammvater ist, und zwar schon lange vor der Sprache, mithin vor
+Logik, geformten Begriffen und Möglichkeit einer Fortentwicklung anders
+als durch die Vererbung jener Kulturdisposition. Die Entwicklung ging
+ungeheuer langsam, aber sie schritt fort. Da kommt mit der Sprache ein
+ganz neues Element herein, ein völlig unnatürliches: die Erfahrungen
+werden nicht nur durch Vererbung jener Kulturdisposition den folgenden
+Geschlechtern überliefert, sondern in rein abstrakter Form, sie werden
+gesagt, und das Kind lernt sie als etwas zunächst Fremdes, ihm
+unnatürlich Hohes. Und so geht das weiter. Mit Hilfe der Sprache
+bekommen die Begriffe ein eigenes Leben, eine selbsttätige Existenz, und
+immer größer wird die Kluft zwischen dem natürlichen Menschen, der ja
+auch immer mit einer, eine Nuance höheren, Kulturdisposition geboren
+wird, und dem, zu dem die Sprache mit allen ihren Anhängseln uns macht.
+Wenn wir unseren Kindern weder Sprache noch sonst etwas mitgeben würden,
+als nur unsere Kulturdisposition, würden sie kurz gesagt harmonische und
+glückliche Menschen sein und nicht jenen Zwist zwischen dem eigenen und
+dem angelernten Ich in sich tragen, der uns alle verzehrt.« - Nach einer
+kurzen Pause fuhr er fort: »Stellen Sie sich einen Eskimo vor, den man
+aus Grönland nach Berlin gebracht hat, und der sich dort im Laufe
+einiger Monate akklimatisiert hat. Er trägt unsere Kleidung, benimmt
+sich korrekt, aber trotz alles angelernten Anstandes, den das Milieu ihm
+aufdrängt, in dem er sich gezwungenermaßen befindet, gehen seine
+Gedanken und Triebe ganz andere, viel primitivere, brutalere Wege. Er
+spielt dauernd Theater. Statt der rauhen Prosa, die ihm natürlich wäre,
+muß er unausgesetzt hohe Verse sprechen und diese mit einstudierten
+Gesten und Mienen begleiten. Der gute Mann hat im Laufe einiger Monate
+oder Jahre eine Entwicklung, die naturgemäß Tausende von Jahren
+gebraucht hätte, überspringen müssen, und seine ganze Existenz wird zu
+einer einzigen Lüge. Seien wir einmal ehrlich: ist das nicht ganz genau
+unsere Lage? - Ich überlasse Ihnen, die Parallele zwischen der
+Eingewöhnung des Eskimos in unsere Kultur und unserer Erziehung zu
+ziehen.«
+
+Minutenlanges Schweigen folgte. Dann ergriff Herr von Rochow das Wort:
+
+»Ich finde Ihren Gedanken wundervoll und unwiderleglich. Und doch, sehe
+ich die Sache von einer anderen Seite an, komme ich zu einem ganz
+anderen Resultat. Wenn ich mir nämlich einfach den jetzigen Menschen und
+seine Sprache vorstelle, würde ich sagen, daß Sprache und Begriffe nicht
+mit ihm Schritt gehalten haben, sondern zurückgeblieben sind und
+tatsächlich nicht das auszudrücken vermögen, was wir denken und fühlen.
+Und doch finde ich Ihre Gedanken unwiderleglich.«
+
+Er schwieg; Edgar Allan sah sich im Kreise um, als erwartete er weitere
+Meinungsäußerungen. Sein Blick blieb an Melchior haften, der ihn mit
+aufgerissenen Augen und offenem Munde anstarrte.
+
+Jakob Silberland räusperte sich und sagte:
+
+»Wie sonderbar. Vor einigen Jahren, als wir sieben noch ganz allein hier
+auf der Insel waren, führten wir ein Gespräch über Staatsformen im
+Verhältnis zum Menschen. Und auch dort stießen wir auf denselben
+Widerspruch, daß sie sowohl als fortgeschritten, wie auch als
+zurückgeblieben in bezug auf den Menschen angesehen werden könnten.«
+
+»Seltsam, daß derselbe Widerspruch heute in ganz anderem Zusammenhange
+wieder auftaucht. Ach, ich entsinne mich deutlich jenes Gespräches«,
+sagte Herr von Rochow.
+
+»Na, das Problem ist doch ganz dasselbe«, sagte Otto Meyer. »Formen, die
+die Menschen im Zusammenspiele schaffen, in ihrem Verhältnisse zum
+einzelnen Menschen. Apropos »Problem«, Herr Melchior, haben Sie es
+gelöst?«
+
+Aber Melchior hörte ihn nicht.
+
+Edgar Allan ergriff wieder das Wort: »Ich finde etwas Niederdrückendes
+darin, daß die Arbeit des Einzelnen durch diese geistigen Verkehrsmittel
+zum Allgemeingut werden. Jeder Idiot schmarotzt an uns, saugt unsere
+Gedanken aus, verwässert sie bis zur Karrikatur - siehe die christliche
+Kirche im Verhältnis zu ihrem Gründer - und ist dann stolz auf seine
+Eigenschaft als Kulturmensch. Ich sehe darin eine Ungerechtigkeit.«
+
+»Nein«, sagte Jakob Silberland, »Sie irren. Sie gehen von einer längst
+abgetanen Weltanschauung aus. Sie vergessen den springenden Punkt: es
+gäbe keinen großen Menschen, wenn es nicht ein Milieu gegeben hätte,
+das ihn zeugte. Die großen Menschen schulden ihre Existenz der Masse,
+und diese wiederum ihnen. Das ist ein ewiges Wechsel- und Zusammenspiel;
+eine natürliche Funktion des großen Organismus Menschheit.«
+
+»Sie haben viel gelernt, verehrter Herr Doktor Silberland,« sagte Edgar
+Allan mit leichtem Spotte. »Außer den Begriffsbrillen, die die gütige
+Menschheit so liebenswürdig ist, uns in den ersten Jahren unserer
+Kindheit auf unsere Nase zu setzen, haben Sie auch noch einige grüne und
+blaue und seltsam gestrichelte aus eigener Initiative aufgesetzt. Ich
+beneide Sie um Ihr geordnetes Weltbild, bezweifle aber doch, daß es sich
+mit der Wirklichkeit deckt. Wenn ich von dem mir Eingeprägten absehe,
+wenn ich unbefangen auf die Wirklichkeit sehe - etwas, wozu Sie als
+gebildeter Mensch überhaupt nicht mehr imstande sind - sehe ich statt
+unserer fiktiven Ordnung in der Welt nur ein ungeheures, rätselhaftes
+Chaos.
+
+Alle unsere Moralbegriffe, Staatsformen, Sprache, Gedanken sind doch nur
+ganz schwache, ganz schiefe Reflexe der inneren Entwicklungsgesetze der
+Menschheit, die wir nicht kennen und nie kennen werden. Denn diese
+kindlichen Abstraktionen haben nicht nur ein eigenes Leben bekommen und
+entfernen sich demnach mehr und mehr von den Realitäten, sie werden
+auch als primär angesehen, und man soll sich nach ihnen richten. Das ist
+nicht das Problem der Menschheit, aber der Wahnsinn der Menschheit. Und
+jeder Einzelne von uns hat keine andere Aufgabe, als soviel wie möglich
+das Gelernte zu vergessen und in die Tiefen des eigenen Ichs
+herabzusteigen, zu seinem eigenen Wesen, und sich dort über seine
+Stellung im Chaos zu orientieren. Auf irgend einem, noch so kleinen
+Gebiete wird er sich Meister wissen, dort seine Arbeit ausführen und die
+übrige Menschheit ihrem Schicksal überlassen. Wenn jeder so dächte,
+kämen wir vielleicht wieder in eine gesunde Entwicklung hinein. Wenn wir
+auf das forzierte Tempo verzichten, was die Menschheit bis jetzt
+angewendet hat, und uns einige millionenmal langsamer entwickeln, wird
+vielleicht noch einmal etwas aus den Menschen statt der Schattenwesen,
+die wir jetzt darstellen. Was meinen Sie, Seebeck?«
+
+»Ich finde den Gedankengang sehr interessant. Auch sehr wertvoll. Es
+ergeben sich aus ihm aber so viele Perspektiven, daß man Zeit braucht,
+um zu ihm Stellung zu nehmen. So im Augenblicke kann ich es nicht. Ich
+werde darüber nachdenken.«
+
+Jetzt sprang Nechlidow mit einer solchen Heftigkeit auf, daß der Stuhl
+umfiel, auf dem er gesessen hatte. Er schrie:
+
+»Es wird ja immer toller; jetzt ist es aber wirklich genug. Ich
+wenigstens habe keine Lust mehr, länger an der Komödie mitzuspielen. Wir
+kamen hierher, um die großen Menschheitsgedanken zu verwirklichen, die
+große, ruhige Linie auszufüllen. Und was geschieht? Hier ein
+Kompromißchen und dort ein Kompromißchen; überall Halbheiten, nichts
+Ganzes. Alles Wankelmütigkeit und Wunsch nach dem behaglichen, ruhigen
+Fahrwasser, nur um Gotteswillen keinen energischen Schritt. Was ist aus
+den Idealen geworden, mit denen wir hierherzogen? Phrasen, Worte,
+Andeutungen, keine Tat, keine Wirklichkeit.
+
+Und heute kommt die Krone des Ganzen. Hier im Kreise der Gründer stellt
+Herr Allan seine logischen Experimente an, die weiter nichts sind, als
+eine Beschimpfung der menschlichen Vernunft, eine Erniedrigung der
+Sozietät. Wenn Herr Allan den dummen Orang-Utan wirklich so viel höher
+stellt, als den vernünftigen Menschen, mag er zu den Orang-Utans gehen.
+Aber statt ihn zurechtzuweisen, hören Sie sein kindisches und frivoles
+Geschwätz ernsthaft an, antworten ihm sogar, wollen sich die Sache sogar
+noch genauer überlegen.
+
+Ich aber glaube an die menschliche Vernunft, die vielleicht sogar einmal
+in Allans Nachkommen die Sehnsucht zum Affen ertöten und volle Menschen
+aus ihnen machen wird.
+
+Euch gebe ich auf; aber noch nicht die Sache, mit der ihr nur noch
+spielt. Ich werde versuchen, ob ich sie noch aus dem Schlamme retten
+kann, in dem ihr sie festgefahren habt.«
+
+Er verließ das Zimmer und schlug die Tür mit Gewalt hinter sich zu.
+
+
+
+
+Edgar Allan und Felix waren am Ende der Straße an der linken Seite der
+Bucht angelangt. Vor ihnen lag die ziemlich steile Felswand, wo es nur
+an einigen, und ziemlich weit von einander abliegenden Plätzen möglich
+war, Häuser zu bauen.
+
+Beide trugen, des strömenden Regens wegen, dicke Gummimäntel und hohe
+Stiefel.
+
+»Sehen Sie, Felix«, sagte Edgar Allan stehen bleibend und wandte sein
+scharfes Gesicht dem Knaben zu. »Hier ist der gebahnte Weg zu Ende, und
+die Steine fangen an. Hinter uns liegt die behagliche Wärme der Masse.«
+Die hagere, sehnige Gestalt hoch aufrichtend, sagte er, »ich bin der
+Erste, der hier hinaus zieht, aber glauben Sie mir, die andern sechs
+werden mir hierher folgen. Auch Nechlidow, obgleich er mich ermorden
+könnte, wenn ich es ihm jetzt sagte.«
+
+Felix sah dem starken und einsamen Manne halb bewundernd und halb
+zweifelnd ins Gesicht. Er antwortete nichts.
+
+Dann stiegen sie weiter, über die Felsblöcke und durch die schäumenden
+Regenbäche, und suchten einen Platz für Allans neues Haus.
+
+
+
+
+In diesem Jahre war die Regenzeit heftiger als je vorher und machte
+fast jede Beschäftigung außer dem Hause unmöglich. Es war ein Glück, daß
+Edgar Allan bei der Stadtanlage so genau alle Eventualitäten berechnet
+hatte; sonst wäre wohl manches der kleinen Gärtchen fortgeschwemmt
+worden.
+
+Paul Seebeck benutzte die Zeit der allgemeinen Untätigkeit zur
+Durchführung eines Planes, den er schon lange gehegt hatte.
+Allwöchentlich fanden jetzt im Volkshause Vorträge statt, die dann in
+der nächsten Nummer der von Herrn de la Rouvière mit Geschick geleiteten
+»Inselzeitung« gedruckt wurden.
+
+Paul Seebeck selbst hatte den ersten Vortrag gehalten; ihm folgte Jakob
+Silberland mit einem ganzen Zyklus volkswirtschaftlicher Vorträge, und
+nach ihm behandelte Herr von Rochow verschiedene schöngeistige Gebiete.
+
+Die »Inselzeitung« erwies sich nicht nur als notwendig, sondern auch als
+Machtfaktor: der Krüppel hatte der öffentlichen Kritik einen breiten
+Raum geschaffen, und mancher sprach lieber hier unter dem Schutze des
+Redaktionsgeheimnisses seine Meinung aus, als in den Versammlungen der
+Gemeinschaft. Herr de la Rouvière versah die Eingesandts mit
+zustimmenden oder abfälligen Glossen, und deshalb galt es, sich mit ihm
+gut zu stellen, wenn man einen Erfolg wünschte. Und Herr de la Rouvière
+empfing die Besucher an seinem Schreibtische, der so niedrige Beine wie
+der eines Knaben hatte, und besprach stundenlang mit dem Besucher dessen
+Anliegen, so daß jener mit der Gewißheit davon ging, daß seine Sache in
+guten Händen lag.
+
+Gelegentlich suchte Herr de la Rouvière Frau von Zeuthen auf, und dort
+traf er zuweilen um die Teestunde Paul Seebeck, der einige freundliche
+Fragen an ihn richtete, die er bescheiden beantwortete, worauf er
+gewöhnlich bald fortging.
+
+Als Frau von Zeuthen und Paul Seebeck so eines Tages allein geblieben
+waren, sagte sie:
+
+»Ist es nicht eine Freude, zu sehen, wie er sich hier entwickelt. Da
+haben Sie wieder einem Menschen freie Entfaltungsmöglichkeit gegeben,
+einen Nährboden, wo er Wurzeln schlagen kann.«
+
+Paul Seebeck antwortete nicht; Frau von Zeuthen sah ihn mit ihren
+großen, strahlenden Augen an und sagte:
+
+»Sie stehen so sehr im Tagesbetriebe, müssen sich zu sehr mit
+widerwärtigen Kleinigkeiten herumschlagen. Hätten Sie etwas mehr Distanz
+- was Sie der Natur der Sache nach im Augenblicke nicht haben können -
+würden Sie sehen, wieviel Sie schon erreicht haben. Selbst in Nechlidows
+Überspanntheit liegt so viel Größe, die geweckt zu haben Ihr Verdienst
+ist.«
+
+Paul Seebeck war aufgestanden und ging nervös im Zimmer auf und ab. Dann
+blieb er vor Frau von Zeuthen stehen:
+
+»Es gibt Augenblicke«, sagte er, »wo ich meine, daß Nechlidow recht hat.
+Wenn ich aber dann an meinem Schreibtische sitze, meine Papiere
+heraussuche und mich frage, was ich denn hätte anders machen sollen,
+dann finde ich nichts. Es gibt so viele Gegenstände bei der Verwaltung
+eines Staates, die einfach in einer ganz bestimmten Weise und nicht
+anders erledigt werden müssen, ganz gleichgiltig, ob man konservativ
+oder liberal oder sonst etwas ist. Vom grünen Tische sehen manche Dinge
+eben ganz anders aus, als in der Praxis, und besonders für den, der die
+Verantwortung trägt.
+
+Ich verstehe jetzt so gut eine Erscheinung, die mich früher so oft
+erstaunt hat: wenn in einem parlamentarisch regierten Lande die
+bisherige Oppositionspartei ans Ruder kommt und ihre bisherigen Führer
+Minister werden, erfolgt fast immer ein Bruch zwischen ihnen und ihrer
+eigenen Partei, die ihnen den Verrat an den Parteiprinzipien vorwirft.
+Die Sache liegt natürlich einfach so, daß unzählige Dinge - namentlich
+in der Verwaltung - mit Prinzipien gar nichts zu tun haben und ihrer
+Natur nach erledigt werden müssen. - Ich habe mir schon früher das
+gedacht, aber jetzt begreife ich es erst wirklich.
+
+Hier kann man natürlich keine Grenze ziehen; es ist aber doch ein
+Unterschied, ob man überhaupt ein Ziel vor Augen hat, oder, auf ein paar
+bequeme Schlagwörter gestützt, alles ruhig fortwursteln läßt. In dieser
+Beziehung habe ich ein reines Gewissen.«
+
+Paul Seebeck blieb stehn; er biß sich auf die Lippen und sagte:
+
+»Wissen Sie, Gabriele, was ich mir selbst in jenen einsamen Stunden
+sage, wo man ehrlich gegen sich selbst ist? Ich will es Ihnen bekennen:
+wir schaffen hier nicht die realen Werte, die wir schaffen wollten, und
+unser ganzes Werk war vom ersten Augenblick an eine Unmöglichkeit. Das
+unendliche Leben läßt sich überhaupt nur in einem Sinne formen, und das
+ist in der Kunst, die immer einseitig und beschränkt und deshalb
+vollkommen ist. Silberland hat mich einmal einen Künstler genannt, und
+ich fühle, daß er recht hat, obwohl ich weder dichte noch male. Aber wie
+jeder schaffende Künstler hatte ich ein starres, unvollkommenes
+Material, in das ich den rauschenden Strom des Lebens zwängen wollte.
+Das waren die staatlichen Begriffe. - Wie hat doch Edgar Allan recht,
+und wie Nechlidow! - Aber statt zu sagen: als Künstler gebe ich eine
+ganz einseitige Stilisierung des Lebens, aber ich forme nimmermehr das
+Leben selbst, sagte ich: hier ist das Leben in seinen natürlichen
+Formen. Ich habe die unendliche Mannigfaltigkeit des Lebens unterschätzt
+und sehe, daß es an sich weder begreiflich noch faßbar ist, wenn man es
+eben nicht als Künstler einseitig stilisiert, und es in seinem Reichtum
+vorbeifluten läßt.
+
+Und sehen Sie, Gabriele, dann sage ich mir: wir schufen hier nicht den
+Staat, und er wird nie geschaffen werden, wenn er sich nicht selbst
+aufbaut, wir schufen nur eine Fiktion des Staates, lassen die andern ein
+Theaterstück aufführen, dessen Autoren und Regisseure wir sind. Aber sie
+spielen nur so lange Theater, wie sie in unserem Bannkreise sind, nicht
+eine Minute länger! Dann gehen sie nach Hause und führen ein Leben, von
+dem wir nichts wissen, und das uns auch nicht interessiert.
+
+Aber dann, Gabriele, dann sehe ich Menschen wie Silberland, die ohne zu
+zweifeln, arbeiten und an die Vollendung glauben. Und dann glaube ich
+auch selbst wieder daran, daß aus der Komödie Wahrheit werde.«
+
+Er setzte sich in den tiefen Ledersessel, stützte das Kinn in die Hand
+und sah vor sich in den Raum. Frau von Zeuthen stand auf, trat vor ihn
+hin und legte ihre beiden Hände ihm auf die Schultern:
+
+»Seebeck, ich gab Ihnen meinen Segen zu diesem Werke; ich gebe ihn Ihnen
+noch einmal zu seiner Vollendung.«
+
+Er sank vor ihr nieder und umschlang mit solcher Heftigkeit ihre Knie,
+daß die hohe Frau schwankte. Da faßte er ihre Hände und drückte sie an
+sein Gesicht:
+
+»Gabriele«, sagte er, »ich bin so einsam, so fürchterlich einsam. Und
+die Nächte sind so lang. Wenn alle die quälenden Gedanken kommen, dann
+sehne ich mich nach Ihnen, Gabriele, nach dir, du Hohe, Reine. Komm zu
+mir mit deinen kühlen, weißen Händen. Ich bin so fürchterlich allein.«
+
+Sie hob ihn auf und zog ihn an sich. Er lehnte seinen Kopf an ihre Brust
+und schluchzte.
+
+Langsam führte sie ihn zum Divan. Aber da sank Seebeck aufs neue vor ihr
+hin und barg sein Gesicht in ihren Schoß. Der große, starke Mann bebte
+am ganzen Körper, sie strich ihm lind über das Haar.
+
+»Mut, Mut!« flüsterte sie ihm zu. »Ich kann nicht zu dir kommen; jetzt
+kann ich nicht zu dir kommen. Du würdest dein Werk vergessen und das
+darfst du nicht. Diese Insel ist der Inhalt deines Lebens; ihr mußt du
+leben, wenn es nötig ist, mußt - wirst du für sie zu sterben verstehen.
+Ihretwegen mußt du das Opfer deines Menschentums bringen.« Sie beugte
+sich tief zu ihm hinab und legte ihre kühle Wange an seine heiße:
+
+»Glaubst du denn nicht, in wieviel schweren Nächten ich mich nach dir
+gesehnt habe, du starker, du guter Mann. Aber ich weiß, daß ich dich
+deinem Werke entziehen würde, statt es zu fördern. Und das darf nicht
+sein. Was ist das Liebesglück zweier armseliger Menschlein im Vergleich
+mit deinem Werke! Sei stark,« sagte sie, während sie sich wieder
+aufrichtete, »dazu will ich dir helfen. Aber deine Einsamkeit ist dein
+größtes Gut, sie gebar die neue Gemeinschaft, sie wird sie zur Höhe
+erziehen. Aber du darfst kein armer, schwacher Mensch werden: mehr wie
+ein Mensch mußt du sein.«
+
+Da erhob Paul Seebeck den Kopf aus Frau von Zeuthens Schoß. Seine Augen
+wurden groß und starr. Langsam und schwer sprach er die Worte:
+
+»Und ich schwöre Ihnen, Gabriele, von dieser Stunde an nur meinem Werke
+zu leben, und wenn es nötig ist, dafür zu sterben.«
+
+Er stand schnell auf und trat ans Fenster. Durch den strömenden Regen
+blinkten einige Lichter, einige erleuchtete Fenster. Langsam drehte er
+sich herum und sah erst jetzt, daß das Zimmer fast dunkel war. Nur im
+Umriß sah er Frau von Zeuthen auf dem Divan sitzen. Mit gesenktem Haupte
+und schleppenden Schritten trat er auf sie zu, ergriff ihre Hand, die
+sie ihm nicht entzog, hielt sie lange in der seinen und zog sie dann
+langsam an seine Lippen.
+
+Da erhob sich Frau von Zeuthen:
+
+»Geh jetzt«, sagte sie fast hart, »geh zu deiner Arbeit.«
+
+Er neigte kaum merklich den Kopf und verließ mit schnellen Schritten das
+Zimmer.
+
+
+
+
+Der niederströmende Regen wurde schwächer. Man sah statt des ewig
+gleichmäßigen Graus am Himmel wieder Wolken, die langsam und schwer
+weiterzogen. Zuweilen blickte sogar ein blaues Stückchen Himmel aus
+ihnen hervor. Und endlich, endlich war der Himmel wieder rein, und die
+Sonne schien.
+
+Ein schwerer, warmer Brodem stieg von den Gärten auf und lag wie ein
+Dunst von Leben und Fruchtbarkeit über der Stadt. Die Wasserrinnen an
+den Abhängen versiegten, in wenigen Tagen waren die Straßen wieder
+trocken.
+
+Da wollte Paul Seebeck Frau von Zeuthens Kindern eine Freude machen und
+ließ sich zwei kräftige Pferdchen mit dicken, behaarten Beinen kommen.
+
+An einem Sonntage machten sich Hedwig und Felix auf, um das Innere der
+Insel zu erforschen. In den Satteltaschen hatten sie Essen für sich mit,
+und auf den Rücken der Pferdchen hatten sie Heu aufgeschnallt.
+
+Sie ritten langsam die Hauptstraße hinauf; als sie aber die Plattform
+erreichten, auf der das Volkshaus stand, stiegen sie ab, um die Tiere
+nicht zu überanstrengen, und führten sie am Zügel die Serpentinen
+hinauf. Als sie auf dem Hochplateau standen, sahen sie die Pyramide des
+Vulkans riesenhaft und scharf in die Höhe ragen. Ein ganz dünnes
+Wölkchen - kaum mehr als ein Schleier - schwebte über seiner Spitze.
+
+»Da müssen wir hinauf«, sagte Felix und half Hedwig wieder in den
+Sattel, »was meinst du?«
+
+Hedwig gab mit der Peitsche ihrem Pferdchen einen kleinen Schlag:
+
+»Komm«, rief sie und galoppierte voran.
+
+Sie waren immer noch auf dem gebahnten Wege, der der Arbeit am
+Staubecken wegen angelegt worden war, und nach einer halben Stunde
+hatten sie dieses erreicht. Sie sprangen von den Pferden, an denen der
+Schweiß herunterrann und setzten sich auf einige Steinblöcke.
+
+Vor ihnen lag ruhig der See, aber von dem Meere her klang ein donnerndes
+Getöse zu ihnen hin.
+
+»Weißt du, was Allan mir erzählt hat?« fragte Felix. »Er will im See
+einen künstlichen Schlammboden machen und Fische hineinsetzen. Er sagte,
+das wäre gar nicht so schlimm, er wüßte nur nicht, wie er verhindern
+sollte, daß die Fische mit dem Wasserfalle ins Meer gerissen würden.
+Aber das findet er sicher auch noch heraus!«
+
+»Fische? Wie nett. Aber dann soll er auch Vögel hierherbringen.«
+
+»Daran hat er auch schon gedacht; er will überhaupt alle möglichen Tiere
+hier wild aussetzen. Er weiß nur noch nicht welche. Aber er sagte, daß
+nach zehn Jahren die Insel alle möglichen Pflanzen und Tiere haben wird.
+Ich soll ihm bei der Arbeit helfen. Du, das wird wundervoll!« rief er.
+
+»Aber wie sollen hier Tiere leben?« fragte Hedwig zweifelnd und sah sich
+in der öden Steinwüste um.
+
+»Das geht schon. Allan sagte, das schwerste wären die Säugetiere. Mit
+den Fischen ist es nicht so schlimm, er will Tang massenhaft aus dem
+Meere hierherbringen und dann Süßwasserpflanzen hineinstecken. Wenn das
+alles richtig in Gang gekommen ist, bringt er Insekten und zuletzt die
+Fische. - Und mit den Vögeln, sagt er, wäre die Sache einfacher: einige
+Möven brüten ja schon. Man sollte nur an irgend einer Stelle, die so
+weit von der Stadt weg ist, daß der Gestank nicht hinkommt, regelmäßig
+tote Fische hinlegen, aber furchtbar viele natürlich, und dann würden
+die Vögel schon kommen. Aber wie er das mit den Säugetieren machen will,
+weiß er noch nicht recht; er sagt, es könnten zunächst nur Tiere sein,
+die von Fischen oder Vögeln leben. - Und bei der ganzen Arbeit soll ich
+ihm helfen, ist das nicht wundervoll?« rief er.
+
+Hedwig sah voll Neid ihren Bruder an. Aber dann veränderte sich ihr
+Gesicht. Fast furchtsam fragte sie:
+
+»Du Felix, sag mal, glaubst du, daß alles noch gut geht?«
+
+»Weshalb soll es denn nicht gut gehen?«
+
+»Ja, siehst du, ich ging neulich etwas mit Herrn de la Rouvière
+spazieren, und da kam Nechlidow, und die beiden sprachen zusammen.
+Nechlidow war ganz wütend und sagte immer wieder, daß Paul alles
+zerstört hätte. Dann sagte er auch etwas zu mir, was ich nicht
+verstand -«
+
+»Nechlidow ist ein Idiot!« unterbrach sie Felix mit Nachdruck. »Allan
+sagt, daß gerade jetzt alles gut gehen wird, seitdem Paul eingesehen
+hat, daß er alles allein machen muß und nicht mehr darauf hört, was alle
+die da sagen.«
+
+Aus irgend einem Grunde war es Hedwig peinlich, dies Gespräch
+fortzusetzen. Sie sagte, während sie ihrem Pferdchen den dicken Hals
+streichelte:
+
+»Sollen wir nicht jetzt zum Wasserfall reiten? Er ist sicher
+wunderschön.«
+
+Dagegen hatte Felix nichts einzuwenden, und so bestiegen sie ihre Pferde
+und ritten dem Staubecken entlang auf das Meer zu. Bald schob sich ein
+breiter Steinwall zwischen sie und das Becken und warf einen tiefen und
+kühlen Schatten auf sie. Sie trieben ihre Pferde zum Galopp an und
+standen plötzlich einige Schritte vor dem steilen Abfall zum Meere. Sie
+hörten ein Donnern, Zischen und Brausen, konnten den Wasserfall aber
+nicht sehen. Rasch entschlossen sprangen sie von den Pferden, ließen sie
+stehen und kletterten an dem Steinwalle empor. Er war höher, als sie
+sich ihn vorgestellt hatten, aber endlich standen sie doch oben. Sie
+sahen sich um: hinter ihnen streckten sich die drei Vorgebirge ins Meer,
+zwischen denen die Stadt und die Irenenbucht eingebettet lagen, und vor
+ihnen das große Wasserbecken, das in seiner ganzen Breitseite zum Meere
+hinab überfloß. Sie sahen die Wasserfläche in ruhigem Zuge bis zum Rande
+gleiten und dort entsetzt, verzweifelt, mit wahnsinnigem Schmerzgeheul
+in die Tiefe stürzen, hier auf einem Vorsprung aufprallend, dort an
+einer Klippe zerschellend, daß der Riese in tausend und abertausend
+glitzernde Tropfen zersprang, die erschrocken versuchten, sich wieder
+zusammenzufinden, und sich doch erst wieder im großen Meere trafen, das
+weit hinaus mit weißem Schaum bedeckt war.
+
+Als sie sich satt gesehen hatten, traten sie langsam den Rückweg zu
+ihren Pferden an und ritten in scharfem Galopp im Schatten. Erst als der
+Steinwall sich wieder abflachte, und sie in den brennenden Sonnenschein
+hinauskamen, mäßigten sie ihr Tempo. Sie kamen an die Stelle, wo durch
+die große unterirdische Röhre das Wasser zur Stadt abfloß; dumpf dröhnte
+es da unter den Hufen der Pferde. Sie ritten weiter am Becken entlang
+bis dorthin, wo der Fluß hereintrat und folgten diesem weiter in der
+Richtung auf den Vulkan zu. Oft mußten sie den Fluß verlassen, weil
+Steinblöcke im Wege lagen, aber sie trafen doch immer wieder auf ihn.
+Zuweilen floß er breit und behäbig dahin, zuweilen rauschte er
+unheimlich an einer schmalen Stelle, oder teilte sich auch mitunter in
+viele Zweige, die sich aber immer wieder bald vereinigten. Hedwig und
+Felix kamen über breite Streifen feinen Sandes, in dem die Pferde bis
+über die Hufe einsanken.
+
+Nach mehreren Stunden hielten sie an, sprangen von den Pferden, gaben
+ihnen von dem mitgebrachten Heu zu fressen und nahmen ihnen auch die
+Sättel ab. Dann hielten sie Umschau: so weit sie sehen konnten, umgab
+sie graublau und gelb die Steinwüste, aus der sich nur flache Rücken
+emporhoben. Und vor ihnen lag, kaum merklich in seiner Größe gewachsen,
+der Vulkan. Und die Sonne brannte heiß auf sie nieder und gab den
+Steinen einen blendenden Schimmer, der die Augen schmerzen machte.
+
+Da setzte sich Hedwig plötzlich auf einen Stein und begann zu
+schluchzen: sie konnte die große Einsamkeit nicht ertragen, ihr war es
+zu viel des Schweigens. Felix fragte nicht; er verstand sie und fühlte
+dieselbe Angst wie sie, aber er beherrschte sich. Doch zitterten seine
+Hände, als er die Pferde wieder sattelte; er sagte aber ruhig:
+
+»Der Vulkan ist ja viel weiter, als ich dachte; wir können heute nicht
+mehr hinkommen. Wollen wir nicht wieder nach Hause reiten?«
+
+Hedwig nickte; sie konnte nicht sprechen. Und so schnell es die Hitze
+erlaubte, ritten sie nach Hause, zu den Menschen, zur Stadt.
+
+
+
+
+Wieder war der Jahrestag der Gründung herangekommen, und die
+Gemeinschaft war versammelt. Die Vorsteher hatten Rechenschaft über das
+verflossene Jahr abgelegt. Es sollte jetzt zur Neuwahl geschritten
+werden.
+
+»Wünscht jemand das Wort?« fragte Jakob Silberland, der wie immer den
+Vorsitz innehatte. »Nicht? Dann -«
+
+»Ich bitte um das Wort«, rief Nechlidow überlaut und ging auf's Podium.
+Die Versammlung verharrte in eisigem Schweigen. Jakob Silberland sah
+überrascht Paul Seebeck an; aber dessen Gesicht war hart und
+verschlossen. Auf der Tribüne aber beugte sich ein Mädchenkopf mit
+glänzenden, braunen Augen über die Brüstung.
+
+Nechlidow richtete sich straff auf, verschränkte die Arme über der Brust
+und sagte:
+
+»Es tut mir leid, daß ich die hier übliche gemütliche Handhabung der
+Geschäfte ein wenig störe. Hätte ich mich jetzt nicht zum Worte
+gemeldet, wäre die Wiederwahl des bisherigen Vorstehers wohl glatt
+erfolgt. Ich aber möchte verhindern, daß sie überhaupt erfolgt.«
+
+Er sah Paul Seebeck an, und dieser erwiderte starr den Blick. Dann ließ
+Nechlidow seine Augen wieder über die Versammlung gleiten und fuhr fort:
+
+»Wenn jetzt nicht ein energischer Schritt getan wird, verläuft die mit
+solchem Pathos angelegte Sache kläglich im Sumpf.
+
+Hier geht zwar alles gut, ich fürchte fast zu gut; niemand hungert und
+jeder hat ein Dach über seinem Kopf - aber deswegen kamen wir nicht
+hierher.
+
+Wir kamen hierher, um der Lüge zu entfliehen, die unser gesamtes
+Gesellschaftsleben durchzieht und sind jetzt dabei, eine ärgere und
+verabscheuungswürdigere Lüge zu stiften.
+
+Hier kann nur eines helfen: das felsenfeste Vertrauen auf die
+menschliche Vernunft und das Abschütteln jener Herren, die den Ursprung
+alles Übels in der menschlichen Vernunft sehen. Wir müssen die großen
+und klaren Gesetze befolgen, die sich an der menschlichen Vernunft
+ergeben und dürfen sie nicht verwischen und im geheimen verspotten, wie
+es Herr Seebeck und seine Kreaturen tun.
+
+Fragen Sie sich: was hat unsere Gemeinschaft neues gebracht als neue
+Phrasen? Ist hier wirklich ein neuer Geist? Wer wagt die Frage zu
+bejahen! Ist nicht vielmehr das Umgekehrte geschehen, daß einige,
+wenige Männer durch Worte und Scheingesetze, die sie nur äußerlich, in
+gröbstem Sinne befolgen, gestützt, einfach ihren Launen folgen, tun und
+lassen, was ihnen gefällt? Wer wagt die Frage zu verneinen!
+
+Die Gemütlichkeit und die persönliche Rücksichtnahme - dieses ganze
+Spinngewebe von Gefühlsduseleien, das uns zu ersticken droht, muß fort.
+
+Ich verkenne nicht, daß wir Paul Seebeck großen Dank schulden; aber
+unsere Dankbarkeit darf uns nicht hindern, kalt und klar zu sehen. Und
+wenn wir das tun, können wir nur eins sagen: Seebecks Zeit ist vorbei.
+Er ist ein großer Gründer, aber ein schlechter Ausbauer.
+
+Ich bitte die Versammlung, nicht Paul Seebeck sondern mich zum Vorsteher
+zu wählen; mich treibt kein Ehrgeiz, sondern nur die Liebe zur Sache.
+Und ich kann mit ruhigem Gewissen sagen, daß ich keine Sentimentalitäten
+und persönlichen Rücksichten kenne.«
+
+Mit zusammengekniffenen Lippen verließ Nechlidow das Podium. Jakob
+Silberland sah ihm verstört nach.
+
+In der eisigen Stille dort unten entstand eine ganz leise Bewegung, ein
+Rücken auf den Bänken, ein Murmeln, ein Flüstern und zuletzt klang ein
+Gewirr von Worten, Namen -
+
+Edgar Allan hatte mehrmals von der Seite her forschend in Paul Seebecks
+Gesicht geblickt und jedesmal hatte er zufrieden gelächelt, wenn er
+Seebecks starre Züge sah.
+
+Jetzt erhob sich im Hintergrunde die schwere Gestalt eines Handwerkers:
+
+»Wenn wir Herrn Seebeck nicht wieder wählen dürfen, dann doch lieber den
+Herrn Rouvière. Den kennen wir, der versteht seine Sache.«
+
+Edgar Allan drehte sich herum; freundlich lächelnd rief er dem Sprecher
+zu:
+
+»Sie dürfen Seebeck wieder wählen, guter Freund. Sie brauchen nicht
+immer das zu tun, was der letzte Redner gesagt hat.«
+
+Aber seine Worte verloren sich; de la Rouvières Name hatte gezündet; von
+allen Seiten erscholl er, gerufen, gebrüllt.
+
+Kreidebleich im Gesichte stand der Krüppel auf:
+
+»Ich bitte Sie um Gotteswillen, wählen Sie mich nicht! Das geht nicht.«
+
+Stille trat ein. Aber eine grobe Stimme zerriß sie:
+
+»Weshalb denn nicht? So war's doch ausgemacht.«
+
+Jetzt hatte Jakob Silberland seine Ruhe wiedergefunden. Er läutete
+energisch und sagte:
+
+»Wer meldet sich zum Worte?«
+
+Paul Seebeck gab ein leichtes Zeichen mit der Hand und ging auf das
+Podium. Ruhig und geschäftsmäßig sagte er:
+
+»Ich möchte nur einige Worte zur Klärung der Situation sagen. Es sind
+als Gegenkandidaten zwei Herren genannt worden, von denen allerdings der
+eine die Absicht zu haben scheint, eine eventuelle Wahl nicht
+anzunehmen. Bei aller Hochachtung vor den persönlichen Eigenschaften der
+beiden Herren und der Überzeugung von der absoluten Lauterkeit ihrer
+Absichten, glaube ich nicht, daß einer von ihnen imstande ist, das
+verantwortungsvolle Amt eines Vorstehers der Gemeinschaft zu verwalten.
+Ich glaube nicht, daß die Herren auch nur eine Ahnung von den
+Schwierigkeiten dieser Stellung haben; ihre Wahl würde nicht einen
+Fortschritt, sondern den Ruin unserer ganzen jahrelangen Arbeit
+bedeuten.
+
+Nun kann ich Sie allerdings nicht daran hindern, einen der beiden Herren
+zu wählen; Sie können mich aber nicht zwingen, dem Gewählten meine
+Stellung als Reichskommissar zu übergeben. Die werde ich beibehalten und
+werde von den unbeschränkten Vollmachten Gebrauch machen, die sie mir
+gibt, sobald ich sehe, daß die Dinge eine Wendung nehmen, die ich für
+unrichtig halte. Wenn Sie aber einen Nachfolger wählen, der wirklich
+imstande ist, mein Amt zu übernehmen, gehe ich gern.«
+
+Er verbeugte sich leicht und ging zu seinem Platz zurück.
+
+»Bravo!« rief Edgar Allan, und dieser Ruf wurde von einem vielstimmigen
+»Pfui!« beantwortet. Nechlidow sprang auf und schrie:
+
+»Das ist die Revolution! Jetzt wissen wir, was wir von dem Manne zu
+erwarten haben.«
+
+Jakob Silberland läutete und läutete, aber erst nach mehreren Minuten
+gelang es ihm, den Sturm zu übertönen. Ganz heiser sagte er, während der
+Schweiß ihm in zwei Rinnen die Wangen entlang lief:
+
+»Wünscht jemand noch das Wort? Herr Nechlidow, bitte!«
+
+Nechlidow sprach von seinem Platze aus:
+
+»Nachdem der bisherige Vorsteher offen den Bruch der Verfassung erklärt
+hat, behalten wir uns alle Schritte vor, wie auch die Abstimmung
+ausfallen mag.«
+
+Unter steigendem Gemurmel wurden die Stimmzettel verteilt und wieder
+eingesammelt. Als Otto Meyer Jakob Silberland die Urne überreichte,
+trat lautloses Schweigen ein. Einen Zettel nach dem anderen öffnete
+Jakob Silberland und rief laut den darauf stehenden Namen. Otto Meyer
+notierte die einzelnen Stimmen und zählte sie dann zusammen. Dann
+verkündete Jakob Silberland das Resultat:
+
+»Die Stimmen verteilen sich wie folgt:
+
+Herr Seebeck zweihundertdreiundachtzig Stimmen;
+
+Herr Nechlidow zweihundertsiebenunddreißig Stimmen;
+
+Herr de la Rouvière einhundertachtundsiebzig Stimmen.
+
+Elf Zettel sind blank.
+
+Demnach ist Herr Seebeck ordnungsgemäß zum Vorsteher der Gemeinschaft
+wiedergewählt worden.«
+
+»Aber von einer Minorität!« brüllte Nechlidow. »Ich verlange Stichwahl
+zwischen ihm und mir.«
+
+»Herr Seebeck ist verfassungsgemäß gewählt worden«, donnerte Jakob
+Silberland ihm entgegen.
+
+Jetzt erhob sich ein so unbeschreiblicher Lärm, daß Jakob Silberland
+nicht mehr Ruhe stiften konnte. Er setzte deshalb seinen Hut auf und
+deutete damit an, daß die Sitzung unterbrochen sei. Als auch das noch
+keinen Eindruck machte, verließ er mit seinen Freunden den Saal, gefolgt
+von der Mehrzahl der Versammelten. Zurückblickend sah er, daß Nechlidow
+auf dem Podium stand und eifrig auf die Zurückgebliebenen einredete.
+
+
+
+
+Frau von Zeuthen stand in einem ausgeschnittenen schwarzen
+Schleppkleide hochaufgerichtet vor dem Krüppel, der die langen Arme mit
+den schwarzbehaarten Händen demütig hängen ließ:
+
+»Sagen Sie mir, Herr de la Rouvière, was hatte das zu bedeuten, daß man
+Sie als Seebecks Nachfolger vorschlug?«
+
+»Gnädige Frau, es ist mir selbst vollständig unerklärlich. Ich habe
+nicht die geringste Veranlassung dazu gegeben. Wie sollte ich auch nur
+auf den Gedanken kommen!«
+
+»Aber Herr de la Rouvière, wenn Sie, trotz Ihrer Erklärung, mehrere
+hundert Stimmen erhielten, so zeigt das, daß viele Sie für den
+designierten Nachfolger Seebecks hielten und Ihre Erklärung nur für ein
+Scheinmanöver ansahen. Wir stehen da vor einem System von Intriguen, an
+dem das Mißtrauen, das Nechlidow aussät, nur zum Teil Schuld haben kann.
+Sie müssen doch mindestens eine Vermutung haben, wie dieser seltsame
+Mißgriff geschehen konnte.«
+
+Sie sah mit großen, braunen Augen ernst auf ihn nieder, und unter diesem
+Blicke wurde der Krüppel gleichsam noch kleiner:
+
+»Gnädige Frau«, stieß er hervor. »Ich habe nicht gegen Herrn Seebeck
+intriguiert; im Gegenteil, ich habe den geringen Einfluß, den meine
+Stellung mir gab, nur dazu benutzt, die keimende Unzufriedenheit zu
+beruhigen und in vernünftige und sachliche Bahnen zu leiten. Und die
+Resultate meiner Tätigkeit liegen ja offen zutage.« Er wies auf eine
+Nummer der »Inselzeitung«, die sich auf dem Tische befand.
+
+Frau von Zeuthen schüttelte den Kopf:
+
+»Diese Erklärung genügt mir nicht; sie verschleiert nur. Ich will mehr
+wissen.«
+
+Herr de la Rouvière trat einen Schritt zurück und hob gleichzeitig die
+langen Arme:
+
+»Gnädige Frau, Sie, die hoch oben stehen, wo wir niemals hinkommen
+können - können Sie nicht verstehen, daß wir uns nach der Höhe sehnen?«
+
+Frau von Zeuthen setzte sich auf den Divan; ein Schleier legte sich über
+ihre Augen, aber sie sagte nichts. Herr de la Rouvière trat etwas näher
+und hielt sich an einer Stuhllehne fest.
+
+»Verspottet oder bemitleidet habe ich mein Leben verbracht; niemand
+wollte mich als vollen Menschen anerkennen. Dann brachten Sie mich
+hierher, und hier fand ich zum ersten Male in meinem Leben ein
+Arbeitsfeld. Ich wurde ein Mensch unter Menschen. Ich dachte an Sie und
+wollte Ihnen Ehre machen, wollte Sie, die Unerreichbare, erreichen.«
+
+Frau von Zeuthen senkte den Kopf; ihr Blick ruhte unbeweglich auf ihren
+beiden weißen Händen.
+
+»Die Menschen kamen zu mir, und ich kam ihnen entgegen. Viele haben mich
+um Rat gefragt, und ich habe ihnen nach bestem Gewissen geantwortet. Ich
+genoß Vertrauen, aber ich habe es nicht mißbraucht. Ich wollte nur
+helfen, dem Einzelnen und der Gemeinschaft helfen. Die anderen aber
+haben mich mißverstanden; sie glaubten, ich wollte sie beherrschen. Und
+das wurde mir erst gestern klar.«
+
+Frau von Zeuthen erhob sich:
+
+»Ich kann Ihnen heute nicht antworten«, sagte sie, »ich muß Sie bitten,
+mich jetzt allein zu lassen.«
+
+Er ließ den Stuhl los, an dem er sich festgeklammert hatte und trat
+dicht an sie heran:
+
+»Schicken Sie mich nicht so fort! Sagen Sie, daß Sie mich verstanden
+haben!«
+
+»Ich glaube Sie zu verstehen«, sagte sie langsam, aber sie nahm nicht
+die Hand, die er nach ihr ausstreckte. »Aber gehen Sie jetzt; ich muß
+allein sein.«
+
+Und Herr de la Rouvière ging.
+
+
+
+
+Felix schämte sich doch, seine damalige Forschungsreise so kurz
+abgebrochen zu haben, und ohne die geringsten Entdeckungen zurückgekehrt
+zu sein. Obgleich er den größten Teil der Schuld seiner Schwester
+zuschob, konnte er sich doch nicht vergeben, nicht mehr Standhaftigkeit
+gezeigt zu haben. Andererseits sagte er sich auch, daß sie viel zu
+planlos losgezogen seien, so unvorbereitet, daß sie nicht einmal die
+Entfernung des Vulkans gekannt hatten.
+
+Jetzt saß er fast jeden Nachmittag bei Paul Seebeck und studierte dessen
+Karten und Pläne, von denen fast alle - bis auf diejenigen, die die
+nächste Umgebung und die künstlichen Anlagen betrafen - noch aus der
+Zeit stammten, wo Paul Seebeck ganz allein auf der Insel geweilt hatte.
+
+Paul Seebeck gab ihm alle Hilfsmittel, über die er verfügte, darunter
+auch mehrere Lehrbücher der Geologie und der verwandten Wissenschaften,
+und unterstützte ihn auch soweit mit Erklärungen, wie seine knappe Zeit
+es erlaubte. Fast immer freilich verliefen diese Nachmittage so, daß
+Paul Seebeck, mit der Zigarre in der Hand im Zimmer auf- und abgehend,
+Fräulein Erhardt Briefe diktierte, die diese stenographierte, um sie
+dann später auf der Schreibmaschine zu übertragen, während Felix, über
+sein Material gebeugt, still in einer Ecke saß. War Paul Seebeck mit dem
+Diktate fertig, ging er zu Felix, machte ihn auf einige besondere Dinge
+aufmerksam oder löste dem Knaben Zweifel, soweit er dazu imstande war,
+und verließ dann das Zimmer. Gewöhnlich packte Felix dann bald seine
+Sachen zusammen und ging nach Hause, denn es war ihm unangenehm, mit
+Fräulein Erhardt allein zu sein.
+
+Aber als er wieder einmal mit einem kurzen Abschiedswort fortgehen
+wollte, drehte Fräulein Erhardt sich auf ihrem Rundsessel herum und
+fragte ihn:
+
+»Sind Sie jetzt bald mit Ihren Plänen fertig, Herr von Zeuthen? Wann
+ziehen Sie los?«
+
+Felix besann sich einen Augenblick, dann sagte er:
+
+»Eigentlich bin ich schon fertig. Ich will nur warten, bis es etwas
+kühler geworden ist. Aber das wird es wohl schon in den allernächsten
+Tagen werden.«
+
+Fräulein Erhardt faltete die Hände über den Knieen und beugte sich nach
+vorn; sie fragte:
+
+»Darf ich Sie auf Ihrer Reise begleiten, Herr von Zeuthen?«
+
+Felix sah sie überrascht an:
+
+»Ja, wenn es Ihnen Freude macht, natürlich. Aber sie wird wenigstens
+eine Woche dauern.«
+
+Fräulein Erhardt stand auf und reichte ihm die Hand:
+
+»Ich danke Ihnen.«
+
+Felix war etwas verwirrt, und um seine Ratlosigkeit zu verdecken, küßte
+er Fräulein Erhardts Hand. Sie ließ die ihre einen Augenblick in der
+seinen ruhen. Dann trat er an den Tisch zurück und suchte eine von
+Seebecks ersten Kartenskizzen heraus.
+
+»Sehen Sie«, sagte er, »bis an den Fuß des Vulkans geht die Hochebene.
+Die kenne ich jetzt, und da ist nichts zu holen. Steinplatten, Geröll
+und zuweilen Sandstrecken. Und dasselbe sagt Paul; er ist da überall
+gewesen und hat nichts gefunden. Ich kann mir auch nicht denken, daß da
+irgend etwas sein sollte. Aber dort am Fuße des Vulkans, hier, wo Paul
+die Striche gemacht hat, sagt er, wäre eine Masse von Schluchten. Er ist
+nicht weiter gekommen, weil er keine Zeit hatte. Dort ist der Boden auch
+zuweilen so heiß gewesen, daß er ihn nicht betreten konnte. Da müßten
+wir also hin. Ich dachte, an einem Tage direkt bis zu den Schluchten zu
+reiten - Sie können doch reiten, Fräulein Erhardt?«
+
+»Ja, aber ich habe kein Pferd.«
+
+»Das tut nichts, Sie können das von Hedwig nehmen. - Ja, und dann
+müssen wir sehen, was wir da oben finden. Natürlich müssen wir auch auf
+den Vulkan steigen.«
+
+»Ich werde Herrn Seebeck bitten, mir jetzt meinen Urlaub zu geben«,
+sagte Fräulein Erhardt. »Ich freue mich sehr auf die Reise, Herr von
+Zeuthen.«
+
+Felix verbeugte sich etwas ungeschickt und ging.
+
+Schon in den nächsten Tagen nahm die Hitze ab; kühle Winde strichen über
+die Insel und führten leichte, graue Wolkenzüge mit; ja, gelegentlich
+fielen sogar einige Regentropfen. Jetzt, zwischen Sommerhitze und
+Regenperiode, war die geeignete Zeit für einen längeren Ausflug
+gekommen.
+
+Am Tage vor ihrem Aufbruch hatte sich Paul Seebeck mehrere Stunden von
+seiner Arbeit frei gemacht und half den beiden bei ihren Vorbereitungen.
+Er sorgte dafür, daß sie Proviant für vierzehn Tage, und auch sonst
+alles Notwendige, doch nichts Überflüssiges mit hatten. Was die Pferde
+anging, riet Seebeck, sie nach der Ankunft einfach loszulassen; sie
+würden dann ohne weiteres nach Hause laufen. Felix und Fräulein Erhardt
+müßten dann allerdings zu Fuß heimkehren. Auf dem Hinwege brauchten sie
+aber unbedingt die Pferde, des Transportes ihrer Sachen wegen.
+
+Noch vor der Morgendämmerung brachen sie auf, und gerade, als sie das
+Volkshaus erreichten, hob sich die Sonne über den Horizont. Der Nachttau
+verschwand bald von den Steinen, aber trotz des wolkenlosen Himmels
+wurde es nicht heiß. Die Spitze des Vulkans lag vollkommen frei von
+Wolken und Schleiern vor ihnen.
+
+Sie ritten in langsamem Trabe an dem Staubecken vorbei und kamen auch zu
+der Stelle, wo sich Felix und Hedwig damals zur Umkehr entschlossen
+hatten. Erst zur Mittagsstunde stiegen sie von den Pferden. Felix
+öffnete einige Konservenbüchsen und bot Fräulein Erhardt vom Inhalte an.
+Als sie gegessen hatten, warf er sich auf den Boden, zog eine seiner
+Kartenskizzen hervor und bemühte sich, sich über ihren gegenwärtigen
+Standort zu orientieren. Fräulein Erhardt saß inzwischen auf einem Stein
+und schaute abwechselnd auf ihren Reisegenossen und auf die starre
+Steinwüste. Nach zweistündiger Rast brachen sie wieder auf. Sie hielten
+streng die Richtung auf den Vulkan ein, mußten aber immer größere Umwege
+machen, um tiefe Spalten im Boden zu umreiten. Das Gelände wurde auch
+immer welliger, und gleichzeitig trat mehr und mehr Geröll und Grus auf.
+Das Geräusch vom Flusse her war vollkommen verstummt, aber immer höher
+und breiter reckte sich der Vulkan. Aus dem regelmäßigen Kegel lösten
+sich immer größere Vorsprünge heraus, und tiefe Einschnitte zeigten sich
+an seinen Wänden.
+
+Auch das ganze Bild der Gegend hatte sich verändert. Es gab keine Ebene
+mehr, aus der sich plötzlich scharf umgrenzt der Vulkan erhob. Ebene und
+Vulkan kamen einander entgegen, verwischten in ihrer zunehmenden
+Zerklüftung ihre Gegensätze und verschmolzen zuletzt zu einem wilden
+Körper.
+
+Fräulein Erhardt und Felix ritten an hohen Felsblöcken vorbei, mußten
+oft im Zickzackwege an steilen Geröllhalden hinab- und hinaufreiten. Das
+Traben war unmöglich geworden, und im mühsamen Schreiten wiegten die
+kleinen, starken Pferdchen rhythmisch die Köpfe.
+
+Die Spitze des Vulkans war zurückgetreten und zuletzt ganz hinter einer
+hohen Felswand versunken. Und hier hielten die beiden an, um im Schutze
+der Felswand die Nacht zu verbringen. Sie nahmen das Gepäck von den
+Pferden, gaben ihnen den letzten Rest des mitgebrachten Heus zu fressen,
+nahmen ihnen dann das Zaumzeug ab und banden es an den Sätteln fest. Die
+klugen Tierchen blieben erst schnuppernd stehen, gingen einige Schritte
+heimwärts und wandten dann wieder die Köpfe nach Felix zurück. Da dieser
+aber keine Miene machte, sie zurückzuhalten, setzten sie sich in
+langsamen Trott und waren bald hinter den Felsen verschwunden.
+
+Während Fräulein Erhardt und Felix fast schweigend ihr Abendessen
+einnahmen, wurden die Schatten unheimlich lang und kalt, krochen an den
+Felswänden empor, hier und da leuchtete noch eine Spitze, ein
+Vorsprung -
+
+Wenige Minuten später war es dunkel, und sofort legte sich ein schwerer
+Tau auf Gesicht und Kleider.
+
+Felix zündete eine kleine Lampe an und ordnete in ihrem schwachen
+Lichtscheine die mitgebrachten Sachen. Er rollte die Schlafsäcke auf und
+stellte die Konserven in eine kleine Spalte, die er - um sie vor den
+Sonnenstrahlen zu schützen - noch mit einem flachen Steine zudeckte.
+Dann kroch er in seinen Schlafsack, gähnte, wünschte Fräulein Erhardt
+eine gute Nacht und schlief fest ein. Fräulein Erhardt aber blieb noch
+lange auf ihrem Steinblock sitzen; zuweilen bewegte sie fröstelnd die
+Schultern. Zuletzt ging sie vorsichtig zu Felix, kniete neben den
+Schläfer hin, beugte ihr bleiches Gesicht über ihn und küßte ihn leise
+auf die Stirn. Felix rührte sich nicht. Da ging Fräulein Erhardt
+gesenkten Hauptes zurück und legte sich endlich zur Ruhe.
+
+Als sie am Morgen aufwachte, war Felix fort. Sie sprang schnell auf und
+brachte ihre zerdrückten Kleider, so gut es sich machen ließ, in
+Ordnung. Felix kam erst nach einer Stunde. Er war beim Flusse gewesen
+und hatte Wasser geholt. Er setzte das Wasser über den Spirituskocher
+und sagte:
+
+»Wissen Sie, was ich herausgefunden habe, Fräulein Erhardt? Wir sind vom
+Wege ein tüchtiges Stück nach links abgekommen. Die Spalten, von denen
+Paul mir erzählt hat, habe ich sehn können, wie ich zum Fluß ging. Hier
+ist sicher überhaupt noch nie ein Mensch gewesen. Am liebsten möchte ich
+die Spalten in Frieden lassen und noch weiter nach links, also nach
+Süden, gehn.«
+
+Er stürzte in großer Hast seinen Tee hinunter und ging dann zum nächsten
+Hügel, wo er eine mächtige Steinpyramide errichtete.
+
+»So, jetzt können wir unsere Sachen immer wieder finden«, sagte er.
+»Sind Sie fertig?«
+
+Fräulein Erhardt war fertig und bereit, ihm zu folgen.
+
+Sie gingen an der Felswand entlang und kamen nach einer halben Stunde an
+eine Geröllhalde. Hier stiegen sie höher hinauf, bis sie an einen Absatz
+kamen, von dem aus sie Umschau halten wollten. Aber sie konnten nicht
+weit sehen; hätten sie nicht gewußt, daß sie sich am Abhange des Vulkans
+befanden, der sich hoch über die Ebene reckte - hier hätten sie es nicht
+feststellen können, denn an allen Seiten sahen sie nur ein Gewirr von
+Felsen und Schutthügeln, das jede Aussicht versperrte. Nur an einem
+einzigen Punkte, gerade zwischen zwei Basaltfelsen, konnten sie die
+Ebene und sogar ein Streifchen des hellschimmernden Meeres sehn.
+
+Sie gingen weiter; Felix immer zwanzig Schritte voraus. Das Gefälle war
+jetzt viel geringer, und das Geröll wurde oft durch Strecken von
+graublauem Sande und Lehm unterbrochen, aus dem oft kleine Quellen
+entsprangen, die aber alle bald wieder im Gerölle verschwanden.
+Plötzlich schrie Felix leicht auf: er war mit dem einen Bein bis zum
+Knie in ein Schlammloch gesunken. Fräulein Erhardt eilte erbleichend zu
+ihm, aber er hatte sich schon wieder beruhigt und zeigte ihr lachend das
+schmutzige Bein und das Loch, in dem sich jetzt gurgelnd trübes Wasser
+ansammelte. Aber Felix war durch den Vorfall vorsichtiger geworden; er
+umging die immer häufiger auftretenden feuchten, dunklen Strecken, bis
+sie endlich wieder auf festen Basaltgrund kamen. Hier sah Felix auf die
+Uhr: sie waren schon drei Stunden ununterbrochen gestiegen. Dann setzte
+er sich auf einen Stein, um Fräulein Erhardt zu erwarten, nahm sich
+einen Stein und kratzte den Schmutz vom Strumpf und Stiefel.
+Naserümpfend warf er den Stein fort, denn das Zeug hatte einen widrigen,
+fauligen Geruch.
+
+Als Fräulein Erhardt neben ihm stand, reichte er ihr eine Tafel
+Schokolade und rückte gleichzeitig etwas auf seinem Steine zur Seite, um
+auch ihr Platz zu machen. Aber sie bemerkte es nicht; nachdenklich
+knabberte sie an der Schokolade und blickte dabei vor sich auf den
+Boden.
+
+Etwas gelangweilt und mißvergnügt sah Felix sie an; aber dann wurden
+seine Züge plötzlich weich, und er wandte sich ab.
+
+»Sehen Sie doch, wie schön es hier ist«, sagte er und streckte die Hand
+aus.
+
+Fräulein Erhardt sah erst ihn mit ihren großen, schwarzen Augen an, dann
+drehte sie sich ganz langsam umher. Jetzt waren die Felsen, die ihnen
+vorher den Blick versperrt hatten, tief unten versunken. Sie hoben sich
+kaum merkbar über die Ebene, die breit und flach dort unten lag. Ein
+schmales Silberband - der Fluß - zog sich in Windungen hindurch; dort
+lag ein kleiner hell spiegelnder Fleck - das Staubecken, und hinten,
+weit hinten, das Meer -
+
+Fräulein Erhardt hatte die Hand auf Felix' Schulter gelegt, und er
+empfand wohlig den leichten Druck. Aber dann merkte er ihre Wärme durch
+seine Kleider dringen, und das verursachte ihm ein unbehagliches Gefühl.
+Er stand auf:
+
+»Wir haben keine Zeit, Fräulein Erhardt, wenn wir heute noch hinauf
+wollen«, sagte er.
+
+»Dann lassen Sie uns weitergehn«, antwortete sie einfach und schlug die
+Augen nieder.
+
+Sie stiegen weiter. Plötzlich blieb Felix stehen.
+
+»Riechen Sie nichts, Fräulein Erhardt?« fragte er.
+
+Sie sog die Luft ein:
+
+»Ja, das ist doch Meergeruch!« sagte sie erstaunt.
+
+Felix schüttelte den Kopf:
+
+»Ich finde es auch. Aber das ist doch ganz unmöglich. Wir sind doch ganz
+weit vom Meere, und außerdem so hoch -«
+
+Aber je höher sie kamen, um so stärker wurde der unverkennbare
+Tanggeruch. Außerdem waren immer wieder große, feuchte Lehmflecke
+zwischen den Felsen. Um sie zu umgehn, mußten sie mehrmals an den
+zackigen Felsen emporklettern.
+
+Auf einmal lag wieder die Spitze des Vulkans in ihrer bekannten Form vor
+ihnen, nur daß sie jetzt in der Nähe scharf und zackig aussah. Aber
+zwischen dem Vulkane und ihnen lag in einem langen und breiten Becken
+grünlich und fett schimmernd ein großer See. Jetzt nach dem heißen
+Sommer war der Wasserspiegel weit zurückgetreten, und die lehmigen Ufer
+waren mit ungeheuren Massen von Tang und vertrockneten Algen bedeckt.
+
+Skelette von Fischen lagen zu Tausenden herum, ebenso die Reste von
+großen Seesternen und Krebsen.
+
+Jetzt kam ein Windhauch und trieb Fräulein Erhardt und Felix den Gestank
+ins Gesicht. Trotzdem machte sich Felix an den Abstieg, während Fräulein
+Erhardt oben blieb. Sie sah ihm nach, wie er von Stein zu Stein
+hinuntersprang und dann unten am Rande des Wassers entlang ging. Nach
+einer Weile kam er, hochrot im Gesicht, den Abhang wieder
+hinaufgestürmt.
+
+»Wissen Sie was, Fräulein Erhardt?« rief er, noch ganz atemlos. »Im
+Wasser wimmelt es von Fischen und Krebsen! Es sieht genau so aus, wie in
+der Irenenbucht.«
+
+Sie gingen einige Schritte zurück, so daß sie der Geruch nicht mehr so
+belästigte. Dann fragte Fräulein Erhardt:
+
+»Wie wollen Sie diese sonderbare Erscheinung erklären, Herr von
+Zeuthen?«
+
+Felix dachte nach.
+
+»Paul glaubt ja, daß die ganze Insel in etwas anderer Form schon früher
+da war, untersank und dann jetzt bei der Bildung des großen Vulkans
+wieder aufstieg. Es wäre ja möglich, daß wir hier den früheren Krater
+vor uns haben, in dem sich unter dem Meere alle die Tiere und Pflanzen
+angesiedelt haben. Wie die Insel aufstieg, hat sich diese ganze
+abflußlose Schüssel mit ihrem ganzen Inhalte mit gehoben und bildet
+jetzt tausend Meter über dem Meere einen Salzsee. Das muß ich Allan
+erzählen, der wird gleich etwas großartiges daraus machen.« Und Felix
+begann gleich Fräulein Erhardt großzügige Pläne zu entwickeln, wie man
+durch eine regulierte Wasserzufuhr verhindern könnte, daß der Spiegel
+sich in der Trockenheit senkte. Die konstante Höhe des Wassers wäre die
+erste Grundlage für weitere Arbeiten. Dann müßte man Fische
+hineinbringen, die sowohl im Meere wie in Flüssen leben könnten und die
+sich dann dem langsamen, aber unvermeidlichen, allmählichen Salzverluste
+des Wassers anpassen würden. Und ebensolche Pflanzen. Dann Vögel
+herlocken, den überflüssigen Tang als Dünger für Anlagen verwenden - oh,
+es würde schon alles gehn; Allan würde hier mitten in der Steinwüste ein
+Paradies schaffen.
+
+Sie gingen weiter, des Geruches wegen immer so, daß ein Wall zwischen
+ihnen und dem See lag. Zuweilen konnten sie es sich doch nicht versagen,
+die paar Schritte hinaufzulaufen, um sich das Wasser wieder anzusehen,
+das sich mehr und mehr zur Seite schob. Gleichzeitig versank die Spitze
+des Vulkans wieder hinter vorspringenden Felsen. Nun konnten Fräulein
+Erhardt und Felix wieder höher steigen, aber nur schräg aufwärts, so daß
+sie immer mehr nach rechts gerieten. Jetzt befanden sie sich ungefähr
+über ihrem Schlafplatze, eine halbe Stunde über der Quelle des Flusses
+und dann über jenem Gewirre von Schluchten und Rissen. Der See war
+vollkommen verschwunden.
+
+Plötzlich hielt Felix an; er faßte erregt Fräulein Erhardts Hand:
+
+»Sehn Sie dort unten, was ist jetzt das?«
+
+Fräulein Erhardt sah hin: in etwas geringerer Höhe, als in der, wo sie
+standen, lagen rötlich-gelbe Erdwellen, aus denen Dampf entstieg, hier
+als verteilter Dunst, dort in kleinen, festen Strahlen.
+
+»Wollen Sie hingehn?« fragte Fräulein Erhardt.
+
+»Natürlich, da müssen wir hin.«
+
+»Aber dann kommen wir heute nicht mehr auf den Vulkan.«
+
+»Dann gehn wir morgen hin. Wir haben ja Zeit. Aber das da muß ich
+untersuchen.«
+
+Und er ging so schnell, lief lange Strecken, daß Fräulein Erhardt ihm
+nicht zu folgen vermochte. Als sie erst die halbe Strecke zurückgelegt
+hatte, kam ihr Felix schon wieder entgegen.
+
+»Sehen Sie, was ich hier habe!« rief er und zeigte ihr einige
+grobkörnige, gelbliche Steinbrocken.
+
+»Ist das nicht Schwefel?« fragte sie erstaunt.
+
+»Ja, alle die gelben Hügel da unten bestehen aus Schwefelbrei und Lehm.
+Man muß vorsichtig sein, daß man da nicht versinkt. Und überall sind
+heiße Quellen, die entsetzlich nach Schwefelwasserstoff riechen. Gott,
+wie schön ist das alles.«
+
+Fräulein Erhardt sah erst dem Knaben in das heiße, strahlende Gesicht
+und wandte sich dann langsam ab. Sie ließ den Blick über die weite Ebene
+schweifen, die, vom vielfach gewundenen Flusse durchzogen, dort unter
+ihnen lag. Sie folgte mit dem Auge der großen Linie des Horizontes, wo
+Meer und lichtblauer Himmel sich trafen, sie sah auf die starren
+Steinblöcke um sich, sah die Spitze des Vulkans in die Höhe ragen -
+
+»Ist es nicht prachtvoll, daß es hier so etwas gibt?« sagte Felix
+ungeduldig und etwas ärgerlich.
+
+Mit einem gütigen Lächeln wandte sie sich ihm zu.
+
+»Gewiß ist das schön«, sagte sie. »Glauben Sie, daß es eine praktische
+Bedeutung hat?«
+
+Felix wurde eifrig. Natürlich müßte man hier Schwefelminen anlegen -
+
+Ob es ihm nicht leid täte, die Unberührtheit der Natur zu zerstören? Oh,
+Allan würde es so machen, daß es eine Verschönerung, eine Funktion der
+Natur würde, eine natürliche Fortentwicklung, wie das Wachsen des Mooses
+auf den Felsen.
+
+»Allan und immer wieder Allan!« dachte Fräulein Erhardt und sah zu
+Boden. »Hat er denn keinen Gedanken mehr für andere Menschen übrig?«
+
+»Was machen wir jetzt?« sagte Felix. »Auf die Spitze können wir nicht
+mehr kommen. Es ist ja schon vier Uhr. Wir können noch gerade vor der
+Dunkelheit unten sein. Dann haben wir aber morgen wieder dieselbe
+Geschichte. Ich glaube, es wäre am vernünftigsten, einfach hier zu
+übernachten. Ich habe noch drei große Konservenbüchsen mit Fleisch und
+eine ganze Masse Schokolade in meinem Rucksack. Damit können wir, wenn
+wir etwas sparen, gut noch zwei Tage auskommen.
+
+Sobald wir dann wieder unten sind, können wir uns wieder satt essen. Was
+meinen Sie dazu?«
+
+Fräulein Erhardt sah sich um und suchte sich vorzustellen, wie man hier
+auf den nackten Steinen schlafen sollte.
+
+»Ja«, sagte sie etwas zögernd.
+
+»Gut, dann steigen wir jetzt noch so hoch wir können. Vielleicht können
+wir dann schon morgen Abend wieder unten sein.«
+
+Sie stiegen noch zwei Stunden. Der Weg bot keine besonderen
+Schwierigkeiten mehr, so daß sie im Gehen wirklich die immer großartiger
+werdende Aussicht genießen konnten.
+
+Als sich die Sonne dem Horizonte näherte, sahen sie, daß sie nur noch
+wenige Stunden bis zum Gipfel brauchen würden. Eine kleine Terrasse mit
+Lehmboden und einem kleinen Wässerchen wählten sie als Schlafplatz.
+Felix knöpfte seine Jacke zu, steckte die Hände in die Hosentaschen,
+wünschte Fräulein Erhardt eine gute Nacht und schloß die Augen. Sie sah
+ihn mit ihren großen Augen an, sah im rasch fortschreitenden Dunkel
+seine Knabengestalt undeutlicher und undeutlicher werden. Sie fröstelte,
+sie zitterte; Angst und Sehnsucht überfielen sie. Mit einem Aufschrei
+warf sie sich auf den Schläfer und küßte ihm Augen und Mund.
+
+Felix erwachte wieder, machte eine Bewegung, wie um sie abzuschütteln
+und zog sie dann tief aufatmend an sich.
+
+
+
+
+Die Nachricht von Felix' Entdeckungen erweckte naturgemäß großes
+Interesse in der Stadt. Paul Seebeck schlug ihm vor, er solle im
+Volkshause einen Vortrag über seine Reise mit Fräulein Erhardt halten;
+aber dazu ließ sich Felix nicht bereit finden.
+
+»Ich habe die Sache schon so oft erzählt; ich kann sie nicht noch einmal
+erzählen«, sagte er.
+
+Dabei hatte er sie mit allen Einzelheiten - doch nicht denen rein
+persönlicher Natur - und allen seinen Gedanken, die sich an das
+Geschehene knüpften, nur einem Einzigen ordentlich erzählt, und das war
+Edgar Allan. Und wenige Tage darauf - der Architekt hatte nur einige
+dringende Arbeiten fertig gemacht - ritten er und Felix, trotz des
+feinen, aber ständigen Regens, der die Regenzeit einleitete, zum
+Vulkane.
+
+Als sie nach einigen Tagen zurückgekehrt waren, bewahrten sie absolutes
+Stillschweigen über die Resultate ihrer genauen Untersuchungen. Aber die
+beiden, der Mann und der Knabe, saßen täglich stundenlang zusammen.
+
+Erst nach zwei Wochen waren sie so weit, daß sie die Vorsteher ins
+Vertrauen zogen, und gleichzeitig erschien eine kleine Notiz in der
+»Inselzeitung« des Inhalts, daß sich die Schwefellager als abbauwert
+erwiesen hätten.
+
+In der nächsten Monatsversammlung der Gemeinschaft legte dann Jakob
+Silberland die von Edgar Allan und Felix ausgearbeiteten und von der
+Vorsteherschaft gutgeheißenen Pläne vor. Es handelte sich um nichts
+weniger, als die Errichtung einer zweiten Stadt dort auf halber Höhe des
+Vulkans; einer Stadt, die sich gleicherweise um das Schwefelgebiet wie
+den See gruppieren sollte. Die Schwefelminen sollten abgebaut, die
+Quellen aber zu Heilzwecken verwendet werden. Am Seeufer sollten die
+Wohnhäuser liegen. Otto Meyer verteilte Vervielfältigungen von Edgar
+Allans Skizze, aus denen in großen Zügen die geplante Verbindung von
+Minenstadt und Bade- und Luftkurort zu ersehen war.
+
+Die Kredite, die zur Durchführung notwendig waren, waren nicht groß;
+Edgar Allan verlangte nur die Anlage einer für Lastautomobile fahrbaren
+Straße zum Vulkane und die Anschaffung der wenigen Maschinen, die zur
+Hebung des fast an der Oberfläche liegenden Schwefels dienen sollten.
+Die späteren Anlagen sollten aus der Hälfte der Erträgnisse der
+Schwefelminen bestritten werden, wobei die andere Hälfte der
+Gemeinschaft zufallen sollte. Und diese Kredite wurden natürlich ohne
+Widerspruch bewilligt.
+
+Darauf bat Jakob Silberland um Urlaub aus seinem Amte bis zur nächsten
+Jahresversammlung, wo er sich über die endgiltige Niederlage seines
+Mandats entscheiden würde. Vorläufig wollte er die geschäftliche Leitung
+des neuen Unternehmens übernehmen. Der erbetene Urlaub wurde ihm
+gewährt, und als sein Stellvertreter wurde der durch Zuruf
+vorgeschlagene Herr de la Rouvière gewählt, der die Wahl mit einigen
+Dankesworten annahm.
+
+
+
+
+Dr. Jakob Silberland hatte Otto Meyer aufgesucht, mit dem er ein
+Gesetzbuch für die Gemeinschaft auf der Schildkröteninsel entwarf, und
+jetzt standen sie von ihrer Arbeit auf. Der Nationalökonom reckte sich
+und sagte:
+
+»Sie sind eigentlich der Einzige hier, der eine wirklich gemütliche
+Wohnung hat; Ihre wunderschönen, orientalischen Teppiche und die dunklen
+Möbel -«
+
+»Na, wissen Sie was, Doktor. Die schöne Frau wohnt doch noch ganz
+anders.«
+
+Jakob Silberland zuckte die Achseln:
+
+»Weiß nicht. Sie hat ja alles sehr nett und sehr geschmackvoll
+eingerichtet, aber ich kann bei ihr nun mal nicht warm werden. Ich
+glaube, sie hat zu viel Luft in ihren Zimmern.«
+
+Der lange, blonde, jüdische Referendar lachte:
+
+»Ja, da haben Sie wieder mal recht; nichts auf der Welt macht eine
+Wohnung so gemütlich, wie Staub und alter Tabaksrauch - ein Lehrsatz,
+den man übrigens auch gut und gern auf die große Welt übertragen kann.
+Finden Sie es vielleicht hier in unserem reinlichen und korrekten Staat
+gemütlich? Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich mich zuweilen
+nach den ehrwürdigen, europäischen Spinngeweben sehne.«
+
+Jakob Silberland war ernst geworden; er dachte einen Augenblick nach,
+dann sagte er eifrig:
+
+»Sie können nicht so die Parallele zwischen Zimmer und Welt ziehen. Was
+im Zimmer erlaubt ist, kann draußen ein Verbrechen sein. Im Gegenteil
+fürchte ich, daß wir schon einige Spinnen hier haben, und wir müssen für
+einen kräftigen Besen sorgen, um die Gewebe wegzufegen.«
+
+Otto Meyer klopfte ihm auf die Schulter:
+
+»Nehmen Sie die Geschichte nicht so tragisch. So war es nicht gemeint.«
+
+»Das weiß ich schon; Sie wollten nur einen Witz machen. Aber gerade im
+Witze sagt man oft Dinge, die man sonst nicht auszusprechen wagt.«
+
+»Aber liebster Doktor, Sie brauchen meine Worte nicht als Bibelweisheit
+aufzufassen. Ich kann Ihnen versichern, daß ich kein Philosoph bin.«
+
+»Gerade deshalb - Halloh!«
+
+Es hatte geklingelt und Melchior war eingetreten. Er war augenscheinlich
+ohne Mantel gekommen, denn er triefte von Wasser.
+
+»Guten Tag, Herr wissenschaftlich gebildeter Bauarbeiter!« Mit diesen
+Worten begrüßte ihn Otto Meyer und schüttelte ihm die Hand.
+
+»Störe ich?« fragte Melchior und blieb an der Türe stehen.
+
+»Durchaus nicht«, sagte Jakob Silberland und ging auf ihn zu. »Im
+Gegenteil, Sie sind uns sehr willkommen. Nachher kommt auch Seebeck. Wir
+wollten später zu Ihnen gehn; wir haben Wichtiges mit Ihnen zu
+besprechen.«
+
+»Einen Augenblick«, sagte Otto Meyer und ging in sein Schlafzimmer, aus
+dem er mit einem großen, rosa Bademantel zurückkehrte, den er mit
+ernsthaftem Gesicht um Melchiors Schultern hängte. Er stülpte ihm auch
+die Kapuze über den Kopf.
+
+»So«, sagte er, »jetzt werden Sie sich nicht erkälten.«
+
+Melchior ließ sich alles ruhig gefallen. Er setzte sich, und seine
+heißen, tiefliegenden Augen wanderten zwischen den Beiden hin und her.
+
+»Was wollen Sie von mir?« fragte er.
+
+Otto Meyer zog die Hängelampe herunter, nahm Kuppel und Zylinder ab,
+putzte den Docht und zündete ihn dann an. Dabei sagte er:
+
+»Ich soll ein neues Amt übernehmen, und da wollten wir Sie fragen, ob
+Sie an meine Stelle rücken wollten.«
+
+Melchior schüttelte langsam den Kopf:
+
+»Das geht nicht«, sagte er, »das wissen Sie ja.«
+
+»Hören Sie mal«, sagte Jakob Silberland. »Wir wissen ja alle, aus
+welchen Motiven Sie bisher die Übernahme eines Amtes abgelehnt haben und
+einfacher Arbeiter geblieben sind. Sie wollten Studien machen und dabei
+Ihrem Studienobjekte so nah wie möglich sein. Das ist nicht nur
+verständlich, sondern sogar sehr vernünftig. Jetzt liegen sie aber so,
+daß wir Ihre Mitarbeit brauchen, dringend brauchen, und deshalb bitten
+wir Sie, aus dem Zuschauerraum auf die Bühne zu steigen.«
+
+Melchior schüttelte den Kopf:
+
+»Wir gingen von der Voraussetzung aus, daß alle Arbeit gleichwertig sei;
+deshalb muß es gleichgiltig sein, ob ich Vorsteher der Gemeinschaft oder
+Maurer bin.«
+
+»Nein, da irren Sie sich gewaltig«, sagte Jakob Silberland mit
+hochgezogenen Brauen und ging nervös im Zimmer auf und ab. »Allerdings
+betrachten wir alle Arbeit als gleichwertig, was sich schon darin
+äußert, daß alle Arbeiter den gleichen Lohn beziehen. Doch ist dabei
+selbstverständliche Voraussetzung, daß jeder an dem richtigen Platze
+steht. Es ist eine doppelte Verschwendung menschlicher Energie, den
+geistigen Arbeiter an die körperliche Arbeit zu stellen, die er doch
+nicht so versehen kann, wie der Muskelmensch. Das ist doch die Grundlage
+einer jeden vernünftigen Gesellschaftsordnung, daß jeder ganz genau die
+Arbeit tut, zu der er am besten geeignet ist. Das ist doch gerade der
+Wahnsinn der üblichen Gesellschaftsordnungen, daß die Angehörigen
+gewisser Familien geistige Berufe ergreifen müssen, wenn sie auch
+tausendmal besser zu Handwerkern paßten, während der geborene geistige
+Arbeiter aus der Unterklasse nur in Ausnahmefällen auf den ihm seiner
+natürlichen Anlage nach zukommenden Platz kommt.«
+
+Melchior war aufgesprungen. Erregt wollte er seinen Arm ausstrecken,
+aber der verfing sich in den Falten des Bademantels, ein Vorgang, der
+Otto Meyer ein Schmunzeln entlockte. Er verbiß es aber und sagte:
+
+»Und dann noch eins, Herr Melchior: Sie haben ja Ihr berühmtes Problem,
+auf dessen Lösung wir alle gespannt sind. Schaun Sie mal, bis jetzt
+haben Sie die Geschichte von unten angesehn, wie wäre es, wenn Sie sie
+auch einmal von oben ansähen? Glauben Sie nicht, daß Ihnen dann manche
+Dinge klarer würden? Das wäre doch auch ein Gesichtspunkt, nicht wahr?«
+
+Melchior hatte den Bademantel abgestreift.
+
+»Oh Gott, oh Gott, was sagen Sie mir da alles, darüber werde ich
+nachdenken. Aber ich glaube, Sie haben Recht, meine Herren.«
+
+»Na also«, sagte Otto Meyer und unterdrückte ein Gähnen.
+
+Melchior war dicht an ihn herangetreten.
+
+»Aber ich begreife die Menschen noch nicht, mit denen ich jetzt
+jahrelang tagtäglich zusammenarbeite. Wäre es nicht besser, solange bei
+ihnen zu bleiben, bis ich wirklich die Gesetze ihres Lebens kennte?«
+
+Otto Meyer machte ein nachdenkliches Gesicht:
+
+»Vielleicht, ja wahrscheinlich, werden Sie die Sache dann gerade besser
+verstehen können, wenn Sie etwas Abstand gewinnen. Sie können ja dann
+später mit neuen Gesichtspunkten an dieselben Probleme gehen.«
+
+Melchior setzte sich wieder und starrte vor sich hin. Dann hob er die
+Augen und sah den blonden Juden an.
+
+»Sehen Sie, Herr Referendar«, sagte er langsam, »deswegen kam ich zu
+Ihnen. Ich wollte Sie um Ihre Meinung fragen. Sie erinnern sich doch
+gewiß noch an jene Gespräche, besonders an das letzte, wo Herr Edgar
+Allan seine Theorie vortrug. Sie haben natürlich auch darüber
+nachgedacht. Sehen Sie, die eine, sehr interessante Frage, weshalb man
+die staatlichen Formen im weitesten Sinne, das, was Herr Edgar Allan
+kurz die Begriffe nennt, sowohl als fortgeschrittener, wie auch als
+zurückgebliebener in bezug auf den tatsächlichen Zustand der Menschheit
+ansehen könnte, möchte ich beiseite lassen. Denn mir scheint - ich bitte
+Sie, passen Sie auf, meine Herren - daß jene Begriffe mit den Gesetzen,
+nach denen die Menschheit tatsächlich lebt und sich entwickelt,
+überhaupt nichts zu tun haben.«
+
+»Donnerwetter!« rief Jakob Silberland und fuhr sich mit der Hand durch
+das lange, blauschwarze Haar.
+
+»Herr Doktor Silberland, ich bitte Sie, sich folgendes zu überlegen:
+stellen Sie sich doch eine chinesische Millionenstadt ohne Verwaltung,
+ohne Gesetze und ohne Polizei vor, die trotzdem lebt, wie ein geordneter
+Organismus lebt, nur durch die ungeschriebenen, inneren Gesetze
+erhalten -«
+
+»Wie lange waren Sie in China, Herr Melchior?« fragte Otto Meyer
+interessiert.
+
+»Ich? Ich war nie da, aber ich kann mir doch vorstellen, wie das ist.«
+
+»Hm. Ich meine, wenn Sie China nicht so genau kennen, es wäre doch
+immerhin möglich, wenigstens denkbar, daß die chinesischen Städte auch
+wie die unserigen eine geordnete Verwaltung hätten.«
+
+Melchior schwieg und dachte nach. Dann sagte er:
+
+»Aber dann denken Sie doch bitte an einen Ameisenhaufen, der doch wohl
+die geordnetste Organisation auf der Welt darstellt - wo ist da
+Verwaltung und Regierung? Und doch geht alles in der besten Ordnung.«
+
+Melchior sah, daß es um Otto Meyers Mund zuckte, und er fürchtete eine
+indiskrete Frage nach dem Ursprung seiner Kenntnisse der Ameisen.
+Deshalb fuhr er schnell fort:
+
+»Die Beispiele tun gar nichts zur Sache. Tag für Tag habe ich diese
+ungeschriebenen Gesetze herausgefühlt und ich weiß, daß ich deshalb mit
+meinen Arbeitskollegen keine wirkliche Fühlung gewinnen konnte, weil ich
+diese instinktiven Gesetze intellektuell suchte.«
+
+»Sie suchen Probleme, wo es keine gibt«, sagte Jakob Silberland. »Die
+ungeschriebenen Gesetze, die Sie sehr richtig als die instinktiven
+bezeichnen, sind die, die sich aus den natürlichen, animalischen
+Bedürfnissen des Menschen: Hunger, Liebestrieb und so weiter ergeben.
+Die geschriebenen Gesetze dagegen stellen eine recht hilflose
+Kodifikation dieser aus den animalischen Bedürfnissen im weitesten Sinne
+sich ergebenden praktischen Folgerungen für die Sozietät dar, die immer
+in ihrem tatsächlichen Zustande die genaueste Abwägung der realen
+Stärke- und Bedürfnisverhältnisse darstellt. Die Gesetze hinken
+natürlich immer nach. Und das ist ja unser Bestreben hier, so wenig wie
+irgend möglich mit festen Gesetzen zu arbeiten, sondern alles so fluid
+zu lassen, wie es geht. Gesetze stellen in ihrer starren Abstraktion
+immer einen Fremdkörper im zuckenden, lebendigen Organismus der
+menschlichen Gesellschaft dar.«
+
+Melchior ließ die Hand schlaff auf die Stuhllehne fallen:
+
+»Da sitzen wir wieder fest. Aber Dr. Allan scheint doch recht zu haben,
+wenn er sagt, daß die Begriffe ein eigenes, lebensfremdes Dasein führen.
+Und wie ist das möglich, daß sie gleichzeitig ein höheres und ein
+tieferes Niveau als die Menschheit darstellen! In diesem Rätsel liegt
+doch der Schlüssel zum Problem verborgen.«
+
+Otto Meyer räusperte sich:
+
+»Wahrscheinlich ist die Sache einfach so, daß man sie, von zwei
+verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtend, verschieden sieht. Vom
+Tale aus gesehen sind sie hoch, vom Berge aus erscheinen sie tief, weil
+sie eben auf halber Höhe liegen.«
+
+Melchior sprang auf. Seine Augen waren aufgerissen:
+
+»Ich bitte Sie, mehr! Wie ist Ihr Gedankengang?«
+
+Otto Meyer lachte:
+
+»Um Gotteswillen beruhigen Sie sich. Ich habe gar keinen Gedankengang.
+Ich meinte nur ganz harmlos, daß wenn Sie behaupten, daß der Teppich
+grün ist, Silberland ihn dagegen für gelb hält, er vermutlich auf der
+einen Seite grün und auf der anderen gelb ist.«
+
+Melchior sah ihn verständnislos an; dann sank er gleichsam in sich
+zusammen. Nach einer Weile sagte er leise:
+
+»Ich weiß, daß Sie mich verspotten, und doch haben Sie mir damit
+geholfen. Ich sehe jetzt wieder den Weg vor mir. Ich danke Ihnen.«
+
+»Bitte, bitte, gern geschehen«, sagte Otto Meyer und stand auf. Er hatte
+draußen Schritte gehört. Es war Paul Seebeck.
+
+»Ah, Melchior, Sie«, sagte er eintretend. »Schön, daß ich Sie hier
+treffe. Dann können wir die Sache ja gleich besprechen. Ich habe nämlich
+fast gar keine Zeit. - Grüß Gott, Jakob.«
+
+»Wir haben Herrn Melchior schon die Sache vorgetragen; er ist auch
+einverstanden«, erklärte Jakob Silberland.
+
+»So? Schön. Es handelt sich also darum«, sagte Paul Seebeck, sich
+setzend, »daß das bisherige Verfahren, bei dem alle Streitigkeiten von
+der Monatsversammlung geschlichtet werden, auf die Dauer nicht
+durchführbar ist. In Zukunft soll die Monatsversammlung nur noch
+Berufungsinstanz sein, vielleicht sogar erst dritte Instanz. Zunächst
+sollen alle Sachen jedenfalls von einem Richter entschieden werden, vor
+allem die reinen Bagatellsachen. Ob wir als nächste Instanz die
+Vorstandschaft nehmen, oder gleich die Monatsversammlung, müssen wir uns
+noch überlegen. Praktisch kommt es ja auf dasselbe hinaus, da die
+Versammlung ja fast immer gemäß den Vorschlägen der Vorstandschaft
+beschließt. Na, wir werden sehen, wie sich das am besten formulieren
+läßt. Jedenfalls soll Otto Meyer der Richter sein. Und Sie würden wir
+bitten, seine Stellung zu übernehmen. Wenn Sie einverstanden sind, würde
+ich Ihnen vorschlagen, bis zur nächsten Jahresversammlung als Otto
+Meyers Gehilfe zu arbeiten, um mit den Geschäften vertraut zu werden.
+Auf der Jahresversammlung lassen wir dann entsprechend beschließen. Die
+Sache wird uns natürlich ohne weiteres genehmigt; die Leute sind ja nur
+froh, wenn wir ihnen wieder ein Stück Denkarbeit abnehmen. Sind Sie
+einverstanden?«
+
+»Ja, Herr Seebeck, ich würde ja gern ein Amt übernehmen, seitdem ich
+eingesehen habe, daß meine Anschauungen einseitig bleiben müssen,
+solange ich nur einfacher Arbeiter bin. Aber hinter dem, was Sie jetzt
+sagten, liegt noch so viel verborgen, was ich erst durchdenken muß.
+Wollen Sie mir nicht einige Tage Bedenkzeit lassen?«
+
+»Ich kann es nicht, lieber Melchior. Es ist unmöglich. Ich habe alles
+aufs Genaueste durchdacht und weiß, daß es richtig ist. Ich bitte Sie,
+sich jetzt sofort zu entscheiden.« Seebeck hatte seine Augen kalt und
+streng auf Melchior gerichtet, und dieser krümmte sich unter dem Blick.
+Endlich sagte er:
+
+»Herr Seebeck, ich vertraute Ihnen, als ich hierherkam. Ich tue es auch
+jetzt noch, obgleich ich Sie nicht mehr verstehe. Ich nehme Ihren
+Vorschlag an.«
+
+»Ich danke Ihnen«, sagte Seebeck aufstehend. »Aber jetzt muß ich wieder
+an meine Arbeit.«
+
+Er ging aber nicht nach Hause, sondern an den Strand. Dort saß er, trotz
+des strömenden Regens, lange auf einem Steine und sah zu, wie ein Licht
+nach dem andern erlosch. Zuletzt auch die Straßenlaternen. Da erhob er
+sich, und der große, starke Mann ging langsam, mit schleppenden
+Schritten wie ein Kranker, die Straße hinauf. Vor Frau von Zeuthens Haus
+blieb er stehen; nur die verhängten Fenster ihres Schlafzimmers waren
+erleuchtet. Wie er weitergehen wollte, hörte er bei ihrer Haustüre ein
+Geräusch. Schnell trat er etwas zur Seite und sah hin. Die Tür wurde
+geöffnet, und eine dunkle Gestalt trat heraus, sah sich scheu um und
+kam dann mit seltsamen Schritten näher. Paul Seebeck sah den kurzen
+Oberleib mit den langen Armen. Kein Zweifel: es war der Krüppel.
+
+Das Licht in Frau von Zeuthens Schlafzimmer erlosch.
+
+Paul Seebeck ließ Herrn de la Rouvière vorbei gehen und im Dunkel
+verschwinden. Dann richtete er sich stramm auf, biß die Zähne zusammen
+und ging nach Hause.
+
+Auf seinem Schreibtisch stand Frau von Zeuthens Bild; er nahm es, sah
+ihm lange in die Augen, küßte es und setzte sich dann an seine Arbeit.
+
+
+
+
+Schon als die Schwefelquellen erst notdürftig eingefaßt waren, und die
+ersten Baracken am See standen, bildete der »Vulkan«, wie die
+entstehende Stadt kurz genannt wurde, einen beliebten Ausflugsort. Die
+schweren Lastautomobile waren auch zur Mitnahme einiger Personen
+eingerichtet, aber das genügte bald nicht mehr. Sobald die Straße
+gebrauchsfertig war, ließ Jakob Silberland als Geschäftsführer einige
+Personenautomobile kommen, die den täglich anwachsenden Verkehr kaum zu
+bewältigen vermochten. Natürlich war es unmöglich, in der Schnelligkeit
+genügende Unterkunftshäuser zu schaffen, aber da fand Edgar Allan einen
+Ausweg. In den Schluchten am Fuße des Vulkans ließen sich mit ganz
+geringer Mühe mit Hilfe von Segeltuchdächern und Fußmatten Wohnstätten
+improvisieren, die im warmen, regenlosen Sommer ausreichten.
+
+Es kamen auch Fremde zum »Vulkan«; die Durchreisenden, die oft einige
+Tage oder Wochen auf der in Deutschland natürlich vielbesprochenen
+Schildkröteninsel verweilten, versäumten nicht, die neuentstandene
+zweite Stadt zu besuchen, und nachdem erst die großen Schwefelbäder in
+ordnungsmäßen Betrieb gesetzt worden waren, wurden sie nicht zum
+geringsten Teil von den Besuchern der Insel benutzt.
+
+Einer der ersten Besucher war übrigens ein Herr von Hahnemann, ein bei
+Neu-Guinea stationierter Marineoffizier, der auf der Schildkröteninsel
+seinen Urlaub verbrachte. Dieser Herr von Hahnemann fiel eigentlich
+besonders durch seine Wißbegierde auf; man sah ihn oft stundenlang mit
+einfachen Arbeitern im Gespräch. Auch hatte er bei den Vorstehern und
+einigen anderen hervortretenden Persönlichkeiten, wie Nechlidow, Herren
+de la Rouvière und Frau von Zeuthen Besuche gemacht und wurde auch von
+diesen gelegentlich eingeladen.
+
+Einige Tage vor seiner Abreise kam Herr von Hahnemann zu Paul Seebeck,
+um sich zu verabschieden. Paul Seebeck empfing ihn, wie er schon so
+manchen derartigen Besucher empfangen hatte, mit dem sehnlichen Wunsche,
+daß dieser ihn bald wieder allein ließe. Da Herr von Hahnemann aber
+blieb, fragte er ihn nach Verlauf einer Stunde:
+
+»Haben Sie vielleicht ein besonderes Anliegen? Wenn ich Ihnen irgend
+eine besondere Aufklärung geben könnte -?«
+
+»Sie sind außerordentlich liebenswürdig«, antwortete der Offizier mit
+einer leichten Verbeugung. »Entschuldigen Sie die etwas indiskrete
+Frage mit meinem großen Interesse: wie denken Sie sich die Zukunft, Herr
+Seebeck?«
+
+Paul Seebeck sah ihn zweifelnd an. Dann stand er auf und ging zum
+Fenster.
+
+»Ich verstehe Ihre Frage nicht recht. Wir werden so weiterarbeiten wie
+bisher.« Und dabei sah er seinem Besucher gerade in die Augen.
+
+»Pardon, gewiß. Ich meinte aber, wie denken Sie sich in Zukunft Ihre
+persönliche Stellung zu der Sache?«
+
+»Solange ich das Vertrauen der Mehrheit habe«, sagte Paul Seebeck
+ziemlich schroff, »bleibe ich hier auf meinem Posten.«
+
+Herr von Hahnemann stand auf:
+
+»Aber die haben Sie ja nicht mehr. Auf der letzten Jahresversammlung
+sind Sie von einer Minorität nur deshalb gewählt worden, weil sich die
+oppositionellen Stimmen auf zwei Kandidaten verteilten.«
+
+»Herr von Hahnemann«, sagte Seebeck und trat dicht vor ihn hin. »Ich bin
+ordnungsgemäß gewählt worden, und damit ist dieser Punkt erledigt. Im
+Übrigen bedauere ich, mich mit einem Außenstehenden nicht über innere
+Verhältnisse unserer Gemeinschaft aussprechen zu können.«
+
+»Herr Seebeck, ich verstehe Ihre Erregung über meine taktlosen Fragen
+durchaus. Ich möchte Sie aber darauf aufmerksam machen, daß ich - nicht
+nur als Privatmann hier bin.«
+
+Seebeck setzte sich an seinen Schreibtisch und fragte ganz ruhig:
+
+»Sie sind im Auftrage der Reichsregierung hier?«
+
+»Ja«, sagte Herr von Hahnemann. »Es war eine Klage eingelaufen, und ich
+wurde hierher geschickt, um ihre Grundlagen zu prüfen. Zu meinem
+Bedauern fand ich sie bestätigt.«
+
+»Darf ich Sie fragen, wer außer Nechlidow die Klage unterzeichnet hat,
+deren Inhalt ich mir denken kann«, fragte Paul Seebeck zwischen den
+Zähnen.
+
+»Ich bedaure, Ihnen darauf die Antwort verweigern zu müssen. Sie sagen
+selbst, daß Sie sich den Inhalt der Klageschrift denken können, damit
+erübrigt sich, auf die einzelnen Punkte einzugehn. Ich bin völlig
+unbefangen hierhergekommen und habe alles mit eigenen Augen geprüft,
+besonders das Protokoll jener Sitzung. Da ich mich leider von der
+Stichhaltigkeit jener Klage überzeugen mußte, sehe ich mich zu meinem
+Bedauern genötigt, von meinen Vollmachten Gebrauch zu machen. Sie müssen
+die Reichsregierung verstehen, Herr Seebeck. Wenn hier nur einige
+Idealisten auf einem unfruchtbaren Felseneilande säßen, könnte man sie
+ja in Gottes Namen machen lassen, was sie wollten, und ihre Experimente
+mit Wohlwollen und Interesse betrachten. Da es sich jetzt aber schon um
+Hunderte handelt, die Zahl der Ansiedler wahrscheinlich noch bedeutend
+steigen wird, und ferner das Interesse des Reichs an diesem Teile seines
+Kolonialbesitzes durch die Schwefelfunde noch erhöht ist, ist es nicht
+nur das gute Recht, sondern die Pflicht des Reiches, hier absolut
+korrekte Zustände zu schaffen.«
+
+Er machte eine Pause, als erwartete er eine Antwort; aber Paul Seebeck
+sagte nichts, sah ihm nur ruhig ins Gesicht. Der Offizier wurde nervös
+unter diesem Blicke; er holte aus seiner Brusttasche einige Papiere,
+sowie ein kleines Etui hervor.
+
+»Herr Seebeck, auch für den Fall, daß sich jene Klage als stichhaltig
+erweisen sollte, will die Reichsregierung in Anbetracht Ihrer
+unbestreitbaren großen Verdienste Ihnen auch nur den Schatten einer
+Demütigung ersparen. Sie verlangt nichts, als daß Sie Ihr Mandat als
+Reichskommissar niederlegen, und wird dann von sich aus einen neuen
+ernennen. Was wir gesprochen haben, bleibt unter uns. Und hier haben Sie
+noch einen ausdrücklichen Gnadenbeweis.« Dabei legte er das kleine Etui
+auf den Schreibtisch.
+
+»Das Ding enthält vermutlich einen Orden«, sagte Paul Seebeck
+aufstehend. »Bitte stecken Sie ihn wieder ein. Wollen Sie so
+liebenswürdig sein, mir eine Frage zu beantworten: Was wird geschehen
+wenn ich mich jetzt weigere, das Reichskommissariat freiwillig
+niederzulegen?«
+
+Der Offizier war aufgesprungen:
+
+»Überlegen Sie sich, was Sie sagen.«
+
+»Ich habe es mir überlegt.«
+
+»Das ist ein Affront.«
+
+Seebeck zuckte die Achseln:
+
+»Nicht gegen Sie, verehrter Herr von Hahnemann. Sie sind ja nur
+Werkzeug. Sie spielen in einer Komödie mit, glauben Regisseur zu sein
+und sind nur Puppe. Soll ich Ihnen sagen, weshalb ich gehen soll? Nicht,
+weil es hier schlecht geht, nicht weil ich meine Stellung mißbraucht
+habe, sondern weil alles gut geht, besser geht, als es sich die Herren
+dort in Berlin je träumen ließen. Weil wir mit unserer Arbeit vorwärts
+kommen. Wir haben hier etwas Brauchbares geschaffen, haben die
+Durchführbarkeit gewisser Utopieen erwiesen, und das ist der springende
+Punkt. Alles andere ist ja nur Vorwand. Einige kleine Schwierigkeiten,
+die die Durchführung einer großen Sache naturgemäß mit sich führt, die
+Nörgeleien und Quertreibereien irgendwelcher Personen, die gar nicht
+verstehen, worum es sich hier handelt, geben den bequemen Vorwand, um
+alles zu vernichten. Ein Reichskommissar aus Berlin hier, hier in meinem
+Werke! Nein mein Freund. Nehmen Sie Ihr Ding da mit und schämen Sie
+sich, bei einer so unwürdigen Komödie mitzuwirken. Erzählen Sie den
+Herren in Berlin, daß Paul Seebeck nicht für einen lausigen Orden sein
+Lebenswerk verkauft. Das Reichskommissariat lege ich nicht nieder.«
+
+»Ich will - durchaus gegen meine Gewohnheit - die Spitze überhört haben,
+die meine Person betrifft, um die unerhörte Beschuldigung
+zurückzuweisen, die Sie gegen die Reichsregierung gerichtet haben. Sie
+fühlen sich in einer schwachen Position und sehen deshalb voll
+ungerechtfertigter Bitterkeit auf alle anderen. Überlegen Sie sich doch:
+die Reichsregierung hat Sie mit dem größten Wohlwollen behandelt; was
+soll die Regierung aber anders tun, als Ihnen in schonendster Form den
+Abschied nahezulegen, wenn sich die Mehrzahl Ihrer eigenen Bürger gegen
+Sie erklärt? Und mehr, wenn die Klage sich als berechtigt erweist? Sie
+selbst tragen allein Schuld an dieser Wendung der Dinge, jetzt müssen
+Sie auch die Konsequenzen ziehen. Legen Sie das Reichskommissariat
+nieder!«
+
+»Ich tue es nicht!«
+
+»Dann wird man Sie dazu zwingen!«
+
+»Versuchen Sie es!« sagte Paul Seebeck und ging in sein Schlafzimmer,
+dessen Tür er hinter sich zuschlug.
+
+
+
+
+Sobald die »Prinzessin Irene« mit Herrn von Hahnemann an Bord die Anker
+gelichtet hatte, berief Paul Seebeck die Vorsteher der Gemeinschaft zu
+sich und zwar die offiziellen Inhaber der Ämter, nicht ihre ständigen
+Stellvertreter. Das war auffällig, denn die ständigen Stellvertreter,
+wie zum Beispiele Herr de la Rouvière, pflegten sonst immer zu den
+Sitzungen zugezogen zu werden. Paul Seebeck schickte auch Fräulein
+Erhardt fort, die gewöhnlich bei den Sitzungen das Protokoll geführt
+hatte, und schloß aufs Sorgfältigste alle Türen und Fenster seines
+Arbeitszimmers. Seine Freunde sahen erstaunt seinem Tun zu; als er ihnen
+aber dann seine Unterredung mit Herrn von Hahnemann erzählt hatte, die
+schon drei Tage zurücklag, über die beide Teilnehmer aber bisher
+völliges Stillschweigen bewahrt hatten, begriffen sie ihn. Ein langes
+Schweigen folgte seinem Berichte.
+
+Als erster ergriff Herr von Rochow das Wort:
+
+»Man kann Nechlidow nicht einmal einen Vorwurf machen; er hat nur aus
+den reinsten Motiven heraus gehandelt, freilich ohne die Tragweite
+seines Vorgehens auch nur im Entferntesten zu übersehen.«
+
+»Ach wissen Sie was, Herr von Rochow«, unterbrach ihn Paul Seebeck
+müde, »es mußte einmal so kommen. Ob Nechlidow oder ein anderer nun den
+entscheidenden Schritt tat. Aber bei Gott«, rief er aufstehend, »ich
+lasse mir mein Werk nicht zerstören. Und was würde es helfen, daß die
+Leute einen von unseren Leuten zum Kommissar machen; sie werden schon
+dafür sorgen, daß es ein richtiger Eunuche ist, der ihren Willen tut.
+Was eine unfähige Verwaltung aus lebenskräftigen Kolonien machen kann,
+sieht man ja deutlich genug aus unseren afrikanischen Kolonien.«
+
+»Besonders, wenn man an die englischen Nachbarkolonien denkt«, sagte
+Jakob Silberland.
+
+»Gehen wir doch zu England«, sagte Otto Meyer gemütlich; »die werden uns
+schon in Frieden lassen; die Engländer wissen, daß die Kolonieen von
+Männern gemacht werden und nicht von Korpsstudenten.«
+
+Seebeck sah ihn starr an.
+
+»Bitte«, sagte er.
+
+»Ich meine«, sagte Otto Meyer, »wir haben keinen Grund, das positive
+Resultat unserer Arbeit zerstören zu lassen, bloß weil einige Geheimräte
+im Kolonialamt Bauchschmerzen haben. Wenn die Deutschen eine anständige
+Kolonie nicht haben können, erklären wir uns für autonom und lassen uns
+dann von England annektieren. Sowas läßt sich doch machen, deswegen
+braucht man doch nicht gleich tragisch zu werden.«
+
+»Das wäre Revolution«, sagte Hauptmann a. D. von Rochow ernst.
+
+Paul Seebeck dachte nach; dann fuhr er heftig auf:
+
+»Ist das unsere Schuld? Was gehen wir das Reich an? Wir haben den Leuten
+nicht einen Pfennig gekostet; alles haben wir allein gemacht, mit
+unserer Arbeit, unserem Gelde. Jetzt wo die Sache nahezu vollendet ist,
+wollen sie es nicht etwa übernehmen, um es in unserem Sinne
+fortzuführen, sondern sie wollen es zerstören. Ich bitte Sie, stellen
+Sie sich doch hier einen Berliner Gouverneur vor! Oder noch schlimmer,
+einen hiesigen Idioten, der die Puppe der Herren da oben ist! Aber das
+erlaube ich nie! Vorläufig bin ich hier.«
+
+»Also, erwäge doch meinen Vorschlag. Ich glaube, das ist der einzige
+Ausweg.«
+
+Jakob Silberland stand auf und trippelte auf seinen kurzen Beinchen im
+Zimmer auf und ab:
+
+»Wir wollen doch zunächst mal überlegen, was jetzt geschehen wird. Vom
+nächsten Hafen aus telegraphiert der Mann nach Berlin, daß Seebeck sich
+weigert, freiwillig zurückzutreten; die Antwort lautet wahrscheinlich,
+daß Herr von Hahnemann Vollmacht erhält, Seebeck abzusetzen, und
+entweder er oder ein anderer wird vorläufig Reichskommissar hier, bis
+sie den richtigen Idioten herausgefunden haben. Hahnemann kann vor einem
+Monat überhaupt nicht wieder hier sein; das wäre das allerfrühste.
+Vorläufig kann man Seebeck nichts tun. Daß er sich weigert, freiwillig
+seinen Abschied zu nehmen, ist kein Verbrechen. Kritisch wird die Sache
+erst, wenn ihm das Reichskommissariat entzogen wird, und er sich nicht
+darum kümmert. Dann kommt ein Kriegsschiff und nimmt ihn als Aufrührer
+mit. Bis dahin würde aber mindestens ein zweiter Monat vergehen. In
+diesen zwei Monaten müßte alles entschieden sein; denn wenn wir offenen
+Aufruhr begehen und uns nicht durchsetzen, sind wir verloren.«
+
+Seebeck hatte sich wieder gesetzt; ruhig sagte er:
+
+»Kinder, ihr beide wißt Bescheid im Staatsrecht. Existiert denn
+überhaupt eine Möglichkeit, sich von England annektieren zu lassen?«
+
+»Gewiß, die Möglichkeit ist da. Einer von uns müßte mit dem nächsten
+Schiffe nach Sidney und sehen, was er dort ausrichten kann«, sagte Jakob
+Silberland eifrig.
+
+»Wenn Herr von Rochow als Fachmann mir helfen will, baue ich Ihnen in
+sechs Wochen Befestigungen auf, die dem Kriegsschiff eine harte Nuß zu
+knacken geben werden. Eine Landung zu verhindern, ist bei unserem Hafen
+eine Kleinigkeit, einige Seeminen genügen«, fügte der hagere Architekt
+hinzu.
+
+»Ich beschwöre Sie, meine Herren, überlegen Sie sich, was Sie tun
+wollen! Revolution, Vaterlandsverrat!« rief Herr von Rochow.
+
+»Das Vaterland hat uns verraten, nicht wir das Vaterland«, sagte Paul
+Seebeck scharf. »Aber ich will Sie zu nichts verleiten, was Ihrem
+Gewissen widerspricht. Noch ist es Zeit für Sie alle, sich
+zurückzuziehen. Ich aber bleibe hier ...«
+
+»Und ich bleibe bei Ihnen«, sagte Herr von Rochow und ergriff Seebecks
+Hand. »Ich bleibe bei Ihnen, was auch kommen mag.«
+
+»Ich auch«, sagte Otto Meyer und zündete sich eine Zigarette an.
+
+»Wo bekommen wir aber das Geld her?« fragte Jakob Silberland. »Es
+handelt sich doch jedenfalls um Hunderttausende.«
+
+»Wir müssen es uns natürlich ganz korrekt bewilligen lassen«, erklärte
+Otto Meyer, »sonst wird die Sache zu deutlich. Wir sagen einfach, daß
+bei der dauernden Spannung zwischen England und Deutschland die
+Befestigung unvermeidlich ist. Und da wir ja leider Spione im Lande
+haben, können wir sagen, daß die Bewahrung militärischer Geheimnisse in
+einem kleinen Kreise - hier also in der Vorsteherschaft - eine absolute
+Notwendigkeit ist. Übrigens wäre es am besten, in aller Heimlichkeit so
+viel zu bauen, wie nur irgend geht und sich die Kredite nachträglich
+bewilligen zu lassen. Denn wenn man draußen erfährt, daß wir
+befestigten, wird das Kriegsschiff mit Windeseile angerannt kommen.«
+
+Paul Seebeck war ans Fenster getreten und blickte hinaus:
+
+»Schade, schade, daß es so kommen mußte.« sagte er.
+
+»Was brauchen wir eigentlich,« wandte sich Otto Meyer an Herrn von
+Rochow, »eine Strandbatterie und -«
+
+Hauptmann a. D. von Rochow schüttelte den Kopf:
+
+»Eine Strandbatterie hat gar keinen Sinn; die schießt ein Kriegsschiff
+in einer Viertelstunde zusammen. Nein, ein schweres Festungsgeschütz und
+einige Maschinengewehre hier oben für alle Eventualitäten genügen. Das
+Hauptgewicht müssen wir auf die Seeminen legen. Die natürlich mit
+elektrischer Zündung von hier oben aus.«
+
+»Ist das nun alles eine Kette von Zufällen oder war es eine
+Notwendigkeit? Mußte es so kommen?« sagte Seebeck, noch immer am Fenster
+stehend und hinausblickend.
+
+»Zerbrich dir darüber nicht den Kopf«, sagte Otto Meyer und klopfte ihm
+auf die Schulter, »die Probleme sind dem tüchtigen Melchior reserviert.
+Wir können ja handeln, brauchen also nicht nachzudenken.«
+
+»Bravo!« rief Edgar Allan.
+
+Und dann begannen die Vorsteher der Gemeinschaft, die zu unternehmenden
+Schritte bis in die kleinste Einzelheit zu beraten. Erst bei Tagesgrauen
+trennten sie sich, und da war alles beschlossen.
+
+
+
+
+Wie schon oft in der letzten Zeit holte Nechlidow seine junge Freundin
+um fünf Uhr vom Kindergarten ab, nachdem Hedwig ihre kleinen Schützlinge
+entlassen hatte.
+
+Die beiden gingen schweigend durch die lange, einreihige Fischerstraße
+bis zur letzten Landspitze, die die bewohnte Bucht von der Irenenbucht
+schied.
+
+»Wissen Sie, Hedwig, was Herr von Hahnemann mitgenommen hat?« fragte
+Nechlidow, als sie dort auf einer gewaltigen Klippe saßen, »Paul
+Seebecks Abschiedsgesuch.«
+
+Hedwig sah ihn erschreckt an:
+
+»Woher wissen Sie das?«
+
+»Ja, ich weiß es. Herr von Hahnemann war hier, um die Richtigkeit meiner
+Klagen zu prüfen; er hat mir selbst gesagt, daß er sie in allen Punkten
+berechtigt gefunden hätte. Ich sprach ihn, gerade als er zu Herrn
+Seebeck hinaufgehen wollte. Ja, jetzt ist es mit Seebecks
+Selbstherrschaft vorbei - jetzt werden wir die Sache wieder in Ordnung
+bringen.«
+
+»Sind Sie ganz sicher, daß Sie Recht haben?« fragte Hedwig leise.
+
+»Seien Sie nicht traurig, liebe Hedwig. Es tut mir selbst um Seebeck
+leid, denn ich achte ihn als Menschen. Aber die Sache geht vor. Und
+Seebeck ist schwach, viel zu schwach, um sie durchzuführen. Seien Sie
+aufrichtig, was ist von den Idealen übrig geblieben, mit denen wir
+hierher kamen? Wodurch unterscheidet sich unsere »Gemeinschaft« von
+irgend einem beliebigen Staate? Nur durch Phrasen. In Wirklichkeit ist
+alles genau dasselbe. Sehen Sie, Hedwig, in jener entscheidenden Sitzung
+in Berlin sagte ich zu Paul Seebeck, daß es nur ein Mittel gäbe, um
+nicht in die Verlogenheit aller anderen Staaten hineinzugeraten, und daß
+dieses das absolute Festhalten an der menschlichen Vernunft sei. Er gab
+mir recht, er ist intelligent genug, das einzusehen, aber zu schwach, es
+durchzuführen. Der Todfeind aller Kultur, aller Fortentwicklung der
+Menschheit, die Sentimentalität liegt ihm so tief im Blute, daß sie
+stärker als alle Vernunft ist. Hier brauchen wir Männer, klare,
+vernünftige Männerköpfe, Kerle wie Herrn de la Rouvière, aber keine
+träumerischen, weibischen Dichter wie Seebeck.«
+
+Hedwig hatte ihm ängstlich zugehört:
+
+»Aber Paul ist doch so gut.«
+
+»Eben deshalb muß er fort. Das ist ja gerade sein Fehler. Güte, Liebe -
+was sind das für Begriffe. Mißverstandene Naturtriebe. Heutzutage
+lieben Männer einander; was ist das für ein Unsinn! Oder ein Mann und
+eine Frau lieben einander, aber kommen aus irgend einem Grunde nicht
+zusammen. Denken Sie doch nur alle die kindischen Romane. Liebe ist der
+Wunsch nach dem Kinde, also ist sie nur dort wahr und nicht verlogen, wo
+zwei Menschen zusammen ein Kind haben wollen, sonst nicht. Seitdem wir
+aber das wissen, brauchen wir doch keine Dichter und keine Gefühle mehr.
+Wir haben doch die Vernunft, und die verirrt sich nie; wie oft tun das
+aber die unklaren, mystischen Gefühle. Sehen Sie doch, was so ein Gefühl
+für Bocksprünge macht: aus dem Triebe nach dem Kinde wird die Liebe, die
+alles mögliche verbindet, was mit dem Wunsche nach dem Kinde, nach der
+Zukunft der Menschheit, nicht das Geringste mehr zu schaffen hat; aus
+der Liebe wird die Güte und aus Güte und Rücksichtnahme nach allen
+Seiten ruiniert Seebeck diesen Staat, der eine neue Menschheit hätte
+gebären können. Ach was hätte hier werden können, wenn Seebeck stark
+gewesen wäre.«
+
+»Aber hier geht alles doch so gut -« unterbrach ihn Hedwig schüchtern.
+
+»Ungeheure Lügen sind hier gebaut, und die florieren glänzend, das ist
+wahr.«
+
+Hedwig war aufgestanden und wandte sich langsam der Stadt zu. Nechlidow
+ging ihr nach und faßte sie bei der Hand:
+
+»Liebe Hedwig« - sagte er bittend.
+
+Aber sie riß sich los. Aus ihren großen, braunen Augen quollen Tränen.
+
+»Ich will kein Kind von Ihnen haben, Herr Nechlidow«, sagte sie mit
+zuckenden Lippen. Dann machte sie sich schnell von ihm los und lief der
+Stadt zu.
+
+Nechlidow folgte ihr langsam.
+
+
+
+
+Als die Kredite für die in Hinblick auf die Spannung zwischen England
+und Deutschland notwendigen Befestigungen bewilligt wurden, war nicht
+viel mehr zu tun, als das Festungsgeschütz zu montieren, das zusammen
+mit den beiden Maschinengeschützen in der bombensicheren Kasematte im
+Felsen unter Seebecks Haus Platz finden sollte. Denn Hauptmann von
+Rochow hatte als Fachmann diese Stelle als die geeignetste gewählt, ganz
+abgesehen davon, daß sich nur hier die Arbeiten in völliger Heimlichkeit
+hatten vornehmen lassen. Ein mit Stahlplatten bedeckter Schacht führte
+von Paul Seebecks Kohlenkeller mehrere Meter tief hinab, und dort unten
+war ein Gewölbe ausgehauen, in dem die Geschütze stehen sollten.
+
+Nur drei lange, schmale Schießscharten führten hinaus, und die lagen
+gerade über den Dächern der auf der nächsten Terrasse stehenden
+doppelten Häuserreihe, so daß diese fast mit Sicherheit die den
+Geschützen zugedachten Schüsse auffangen würde.
+
+Die Seeminen hatten die Vorsteher in mehreren Nächten allein versenkt,
+und ihr Lageplan war in den Händen der Archivarin gut aufgehoben. Es
+war nicht so schwer, diese Arbeiten in voller Heimlichkeit auszuführen,
+als vielmehr gleichzeitig auch den Ausbau des »Vulkans« zu versehen, zum
+mindesten scheinbar, damit die plötzliche Arbeitseinstellung dort oben
+kein Mißtrauen erweckte.
+
+Aber es ging. Die vier Männer arbeiteten mit eiserner Energie Tag und
+Nacht - nur vier waren sie jetzt, denn Jakob Silberland weilte in
+Sidney, wie es hieß, um größere Abschlüsse über den gewonnenen Schwefel
+zu erreichen. Und auf den riesigen Kisten, die die Geschützteile und die
+Munition enthielten, stand harmlos das Wort: »Maschinen«.
+
+Sechs Wochen nach seiner Abreise kam Herr von Hahnemann wieder zur
+»Schildkröteninsel«. Diesmal auf einem Torpedoboot. In Paradeuniform
+stieg er ans Land und begab sich eine Stunde später zu Paul Seebeck.
+Dieser empfing ihn mit gelassener Höflichkeit und bat ihn, Platz zu
+nehmen. Der Offizier dankte mit einer Verbeugung, blieb aber stehen,
+während Paul Seebeck sich an seinen Schreibtisch setzte.
+
+»Sie bringen mir meine Abberufung, Herr von Hahnemann?« fragte er ruhig.
+
+»Herr Seebeck, bei der großen persönlichen Achtung, die ich für Sie
+hege, erlaubte ich mir, in meinem Berichte unsere letzte Unterredung
+wohl wahrheitsgetreu, doch - etwas harmloser zu schildern, als sie sich
+zugetragen hat. Es steht Ihnen noch heute frei, freiwillig das
+Reichskommissariat niederzulegen; trotz allem.«
+
+»Ich tue es nicht«, antwortete Paul Seebeck und sah ihm gerade ins
+Gesicht.
+
+»Ist das Ihr letztes Wort?«
+
+»Ja.«
+
+»Dann habe ich hiermit die Ehre, Ihnen kraft meiner Vollmachten Ihr
+Abberufungsschreiben zu überreichen«, sagte der Offizier und legte ein
+versiegeltes Kuvert auf den Schreibtisch. »Wollen Sie die
+Liebenswürdigkeit haben, mir den Empfang zu bestätigen.«
+
+»Mit Vergnügen«, antwortete Paul Seebeck, entnahm einer Schublade einen
+Briefbogen und schrieb einige Zeilen darauf. »Ist es so recht?« Und er
+reichte dem Offizier das Blatt, das dieser aufmerksam las und es dann in
+seine Brieftasche schob.
+
+»Gewiß, Herr Seebeck. Ich danke Ihnen. Damit ist die Sache erledigt. Ich
+verstehe aber nicht, weshalb Sie es so weit kommen ließen.«
+
+»Ich pflege einem Briefträger nicht die Unterschrift für einen
+eingeschriebenen Brief zu verweigern - wozu soll ich dem nichtsahnenden
+Manne Schwierigkeiten machen. Er erfüllt ja nur seine Pflicht. Jetzt ist
+also der Brief ordnungsgemäß mein Eigentum geworden, und ich kann damit
+machen, was ich will.« Damit nahm er das versiegelte Kuvert und zerriß
+es mit seinem Inhalt in kleine Fetzen, die er in seinen Papierkorb warf.
+Dann wandte er sich wieder dem Offiziere zu und sah ihm ruhig ins
+Gesicht.
+
+Herr von Hahnemann trat einen Schritt zurück; sein Gesicht war
+kreidebleich.
+
+»Wissen Sie, was das heißt?« rief er.
+
+»Ja«, sagte Paul Seebeck, »das heißt Aufruhr.«
+
+»Wollen Sie sich denn dem aussetzen, daß man Sie mit Waffengewalt
+zwingt, den Willen der Reichsregierung anzuerkennen?«
+
+»Was wollen Sie damit sagen, Herr von Hahnemann?« fragte Paul Seebeck
+freundlich.
+
+Der Offizier hatte sich wieder etwas gefaßt. Seine Stimme bekam etwas
+vom scharfen Kommandoklang, als er sagte:
+
+»Ein Kriegsschiff wird kommen und Sie als Gefangenen mitnehmen.«
+
+»Ach so einfach ist die Sache? Aber wenn ich mich nun mit Gewalt der
+Gewalt widersetze?«
+
+»Dann werden Sie standrechtlich erschossen.«
+
+Paul Seebeck stand auf; er überlegte einen Augenblick. Dann ging er an
+dem Offizier vorbei zur Wand, hob ein Gemälde vom Nagel, wobei eine
+Stahlplatte sichtbar wurde, die der Tür eines in die Mauer
+eingelassenen Geldschrankes ähnlich war. Dann zog er einen Schlüsselbund
+aus der Tasche und blickte auf:
+
+»Sie sind Marineoffizier, nicht wahr?«
+
+Herr von Hahnemann neigte bejahend den Kopf.
+
+»Dann sind sie auch natürlich imstande, Entfernungen auf dem Wasser
+abzuschätzen. Darf ich Sie bitten, hier ans Fenster zu treten? Danke.
+Sehen Sie die letzte flache Klippe dort rechts? Schön. Sehen Sie in
+gerader Richtung drei Kilometer weiter. Bitte halten Sie den Punkt im
+Auge.«
+
+Seebeck war an den Schrank getreten und öffnete das Geheimschloß. Bei
+dem Geräusch wandte sich der Offizier unwillkürlich wieder nach ihm um
+und sah, daß der Schrank ein Tastbrett wie das einer Schreibmaschine
+enthielt.
+
+»Ich habe Sie ersucht, jenen Punkt im Auge zu behalten«, sagte Paul
+Seebeck scharf. Der Offizier kniff die Lippen zusammen und blickte
+wieder hinaus. Paul Seebeck drückte rasch auf einen der Knöpfe und
+schlug dann die Stahltür zu. Im selben Augenblick erhob sich bei dem
+angegebenen Punkte auf dem Meere eine gewaltige Wasserpyramide, blieb
+einige Sekunden stehen und brach dann in sich zusammen. Erst eine halbe
+Minute später klang ein dumpfes Grollen herüber. Der mit Schaum bedeckte
+Wasserspiegel war in wilde Bewegung geraten. Selbst im Hafen
+schaukelten die Schiffe.
+
+Herr von Hahnemann sah Seebeck stumm an; dann verbeugte er sich und
+verließ das Zimmer.
+
+Er ging so schnell er konnte die Straße hinunter, an allen denen vorbei,
+die ihn wieder erkannten und ansprechen wollten, und stand eine
+Viertelstunde später in Herrn de la Rouvières Haus.
+
+Der Krüppel bestürmte ihn mit Fragen, aber Herr von Hahnemann schüttelte
+nur unwillig den Kopf. Er fragte:
+
+»Wissen Sie, daß die Insel befestigt ist?«
+
+Herr de la Rouvière fuhr erstaunt auf:
+
+»Daß sie befestigt ist? Das ist doch unmöglich. Erst vorgestern wurde
+doch die Befestigung beschlossen.«
+
+Herr von Hahnemann lachte kurz auf:
+
+»Herr Seebeck scheint keine große Achtung vor der Monatsversammlung zu
+haben. Jedenfalls ist die Insel schon befestigt, und die Versammlung hat
+etwas zu bauen beschlossen, was faktisch schon da ist. Er wird es wohl
+schon oft so gemacht haben. Ich will Ihnen etwas sagen«, fuhr er fort,
+wobei er dicht an den Krüppel herantrat, »ich habe Herrn Seebeck die
+Enthebung aus seinem Amte mitgeteilt, die er aber ignoriert. Er muß also
+mit Gewalt entfernt werden. Hier ist kein anderer Ausweg tunlich. Bei
+den Befestigungen ist es aber ohne Blutvergießen nicht möglich, und das
+zu verhindern ist meine Pflicht. - Sie haben sich ja Ihres großen
+Einflusses und Ihrer Verbindungen hier gerühmt; beweisen Sie mir jetzt,
+daß Sie wahr gesprochen haben. Und dann - die Reichsregierung kann Herrn
+Nechlidow als früherem, russischem Flüchtling kein Amt übergeben, aber
+Ihnen, dem Träger eines alten Adelsnamens, der Sie außerdem hier
+praktisch in die Geschäfte eingearbeitet sind, könnte ich das
+Reichskommissariat übertragen. Die Vollmacht dazu habe ich. Die
+Reichsregierung will unter keinen Umständen einen Kommissar von Berlin
+hierher senden; sie hat mich beauftragt, einer hiesigen geeigneten
+Persönlichkeit das Kommissariat zu übergeben, um jeden Schein eines
+gewaltsamen Eingriffes zu vermeiden. Also schaffen Sie mir die
+Befestigungspläne und Sie sind Reichskommissar!«
+
+Die Augen des Krüppels glänzten:
+
+»Das wird nicht schwer sein, Herr von Hahnemann. Wenn Sie so
+liebenswürdig sein wollen, eine halbe Stunde hier zu warten, komme ich
+mit den Plänen.«
+
+»Wissen Sie denn, wo sie sind?«
+
+»Jedenfalls doch im Archiv; und Frau von Zeuthen ist meine gute
+Freundin.«
+
+»Ah!« Über das Gesicht des Marineoffiziers glitt ein gemeines Lächeln.
+
+»Sie verstehen, Herr von Hahnemann? Eine Frau kann aus Edelmut sterben,
+aber sie kann sich keinem Skandal aussetzen. Am wenigsten sie, die
+Keusche, Reine, sie, die Unerreichbare, die ich doch erreichen konnte -
+wie alles andere auch.«
+
+Der Offizier war wieder ganz ernst geworden:
+
+»Wie Sie das machen, ist Ihre Sache. Aber nicht die Originale selbst,
+die könnten später vermißt werden, sondern Sie müssen die Pläne
+kopieren, verstehen Sie? Und Niemand darf etwas davon erfahren, dafür
+müssen Sie sorgen. Sonst wird die Sache einfach verändert, und wir
+sitzen da.«
+
+»Keine Sorge, Herr von Hahnemann, bleiben Sie nur ruhig hier; ich bin
+bald wieder zurück.«
+
+Und die langen Arme schlenkernd und eifrig vor sich hinmurmelnd,
+stolperte der Krüppel die Hauptstraße hinauf. Bei Frau von Zeuthens Haus
+angekommen, sagte er dem Dienstmädchen, er käme in Geschäften und wurde
+natürlich sofort eingelassen.
+
+Mit Siegermiene trat er in Frau von Zeuthens Arbeitszimmer, aber er sank
+gleichsam in sich zusammen, als er in ihre strahlenden, braunen Augen
+blickte. Er wollte sich ihr nähern, aber sie hob abweisend die Hand. Da
+blieb er bescheiden an der Türe stehn.
+
+»Geschäfte, Herr de la Rouvière?« fragte sie ruhig.
+
+»Ja, gnädige Frau. Ich muß Sie um die Befestigungspläne bitten, die Sie
+ja als Archivarin in Verwahrung haben.«
+
+»Nein«, sagte Frau von Zeuthen, »die Pläne habe ich allerdings. Sie gehn
+aber nur die Vorsteher an. Und so weit haben Sie es doch noch nicht
+gebracht.«
+
+Mit eingezogenem Kopfe sah er sie von unten an.
+
+»Gnädige Frau, ich bin - Reichskommissar an Paul Seebecks Stelle.«
+
+Frau von Zeuthen lachte laut auf und sah ihm belustigt ins Gesicht.
+
+Der Krüppel biß die Zähne zusammen.
+
+»Gnädige Frau«, sagte er drohend.
+
+»Wenn Ihre Geschäfte so sonderbarer Natur sind, brauchen wir sie nicht
+länger zu diskutieren. Gehen Sie, Herr Reichskommissar.« Damit drehte
+sie ihm den Rücken zu und setzte sich an ihren Schreibtisch.
+
+Mit leisen, schleichenden Schritten näherte er sich ihr. Sie stand auf
+und wandte sich ihm zu. Mit beiden Händen hielt sie sich rückwärts am
+Schreibtische fest.
+
+»Weshalb gehen Sie nicht«, sagte sie herrisch, aber ihre Stimme zitterte
+dabei.
+
+»Ich muß die Pläne haben«, sagte er, dicht bei ihr, und hob dabei die
+langen Arme mit den schwarzbehaarten Händen.
+
+»Aber ich gebe sie Ihnen nicht und damit gut. Gehen Sie! Jetzt bestätigt
+sich also meine Vermutung, daß Sie zu den Verrätern gehören. Gehen Sie,
+mit Ihnen bin ich fertig.«
+
+»Gnädige Frau«, die Stimme des Krüppels war ganz sanft, »Sie scheinen
+sehr leicht zu vergessen!« Er schritt auf die Tür zu, faßte die Klinke
+und drehte sich wieder nach Frau von Zeuthen um. »Soll ich wirklich
+allen Leuten erzählen, was in einer gewissen Nacht zwischen uns
+vorgefallen ist?« Er richtete sich auf und sagte kameradschaftlich:
+»Geben Sie mir doch lieber die Pläne.«
+
+Frau von Zeuthen ging zu ihrem großen Schranke, öffnete diesen aber
+nicht, sondern holte aus dem Winkel zwischen ihm und der Wand Felix'
+Reitpeitsche hervor. Sie wog sie prüfend in der Hand, trat dann schnell
+auf Herrn de la Rouvière zu und schlug sie ihm zweimal mit aller Kraft
+durchs Gesicht. Dann warf sie die Peitsche fort und blieb hoch
+aufgerichtet vor ihm stehn. Er sah sie eine Weile ganz verständnislos
+an, griff dann mit beiden Händen an sein schmerzendes Gesicht und
+taumelte hinaus.
+
+Vor der Haustüre blieb er stehn und nickte bedächtig mit dem Kopfe. Dann
+ging er langsam, sehr langsam, die Hauptstraße hinauf, am Volkshause
+vorbei und weiter am Flusse entlang zum Staubecken. Er ging dorthin, wo
+der Fluß in das Becken eintrat, sah lange auf das Wasser und stieg dann
+langsam und fröstelnd hinein. Er glitt aus, schrie auf, sah auf der
+Straße das Lastautomobil halten, sah ihm Leute entsteigen, die ihm
+zuwinkten, zuriefen; er wollte ans Ufer zurück, aber schon hatte ihn die
+Oberströmung erfaßt. Langsam führte sie ihn fort; er hörte das Brausen
+des Wasserfalles näher und näher, die Strömung wurde stärker, immer
+stärker, das Brausen kam näher, näher, jetzt -
+
+Sechshundert Meter war die Felswand hoch, von der das Wasser senkrecht
+in das Meer stürzte.
+
+Und am selben Abende verließ Herr von Hahnemann auf seinem Torpedoboot
+unverrichteter Sache die Schildkröteninsel.
+
+
+
+
+Eine außerordentliche Versammlung der Gemeinschaft - das war noch nie
+dagewesen. Und doch war niemand erstaunt, als die Vorsteherschaft durch
+Maueranschlag zu dieser einlud; es lag so viel ungelöste Spannung in der
+Luft, soviele Vermutungen waren nur halb ausgesprochen, von Mund zu Mund
+gegangen, daß alle es als eine Erleichterung empfanden, eine klare
+Darstellung aller jener unverständlichen Vorgänge zu erhalten. Und das
+galt nicht nur von der Bürgerschaft - gerade die Vorsteher fühlten
+stärker als je die Kluft, die sie von den Anderen trennte, und wollten
+auch Kenntnis von allen dunklen Strömungen erhalten, von denen sie nur
+den letzten Wellenschlag gefühlt hatten.
+
+Erst als die Gemeinschaft vollzählig versammelt war, betraten die
+Vorsteher den großen Saal des Volkshauses. Otto Meyer übernahm als
+Stellvertreter des abwesenden Jakob Silberland den Vorsitz. Sogleich,
+nachdem auf ein Glockenzeichen Ruhe eingetreten war, mehr als Ruhe:
+Totenstille, erhob sich Paul Seebeck. Sein Gesicht war bleich,
+erschreckend bleich, und seine Augen lagen schwarz umrändert tief in den
+Höhlen.
+
+»Liebe Freunde«, sagte er, »jetzt ist die ernsteste Stunde gekommen,
+die wir bis jetzt hier erlebt haben. Jetzt handelt es sich um ein klares
+Ja oder Nein. Jetzt muß entschieden werden, ob der Staat, den wir alle
+in treuer Zusammenarbeit errichtet haben, zerstört werden darf oder
+nicht. Wir können das Unglück noch abwenden. Noch können wir unser Werk
+uns und unseren Kindern erhalten. Aber ein mutiger Schritt ist dazu
+notwendig.
+
+Wir haben Verräter im eigenen Lager gehabt, gemeine Schurken, die, um
+sich selbst vorwärts zu bringen, die Zukunft der Gemeinschaft opferten,
+und wieder andere, die aus einem falschen, kurzsichtigen Idealismus
+heraus, in bester Absicht, den Feind ins Land riefen. Vielleicht sehen
+sie jetzt ein, wie unverantwortlich leichtsinnig sie gehandelt haben und
+benutzen jetzt die Gelegenheit, ihr Unrecht wieder gutzumachen. Aber
+auch sie waren nur Werkzeuge, boten nur den erwünschten Vorwand zur
+Vernichtung unseres Werkes etwas früher, als es sonst geschehen wäre.
+Was geschah, mußte geschehen, früher oder später, und deshalb hat es
+keinen Zweck, Betrachtungen über Verschuldungen anzustellen oder
+Vorwürfe zu erheben. Jetzt muß gehandelt werden. Die Sache liegt so: das
+Deutsche Reich will uns nicht mehr unsere Freiheit lassen, man sieht
+dort, daß wir hier die Durchführbarkeit freier Ideen beweisen und
+fürchtet die Einwirkung dieser Ideen auf die eigenen, innerpolitischen
+Verhältnisse. Jemand, der die gegenwärtig in Deutschland herrschende
+ultrareaktionäre Strömung kennt, versteht diese Furcht der zur Zeit
+regierenden Clique nur zu gut. Das wäre aber doch für uns nur ein Grund
+mehr, sollte ich meinen, unser Werk bis zum letzten Punkte
+durchzuführen, statt uns einfach vor Beschränktheit oder Bosheit zu
+ducken. Jetzt kommt aber eine große, große Frage, die ich Sie in aller
+Ruhe zu überlegen bitte: wenn wir uns hierher einen schnoddrigen
+Berliner Assessor setzen lassen, ist zwar unsere Arbeit vernichtet, und
+wir haben hier Zustände wie im schwärzesten Preußen, aber Sie haben
+Ruhe. Wenn wir uns aber das nicht gefallen lassen, sind wir Aufrührer
+und damit rechtlos, nach den heute üblichen Anschauungen nicht viel mehr
+wie wilde Tiere. Und da wird nicht gefragt weshalb wir uns nicht beugen,
+die Tatsache, daß wir es nicht tun, genügt. Kein Mensch in dem dumpfen
+Berliner Ministerium wird verstehen, daß man Menschheitsideale über
+hündischen Gehorsam stellt. Solche Gedanken sind uns reserviert.
+
+Ich bin aber nicht so verblendet, Sie zu einem nutzlosen Widerstande zu
+verleiten, der nur den sicheren Untergang von uns allen bedeuten würde.
+Es gibt einen Ausweg, und das ist dieser: wir erklären uns autonom und
+lassen uns dann von England annektieren. Als englische Kolonie können
+wir sicher sein, völlig ungestört weiter arbeiten zu können. Dazu haben
+wir noch einige Wochen Zeit; Herr Doktor Silberland ist gegenwärtig in
+Sidney, und ich werde nachher die Versammlung um die Ermächtigung
+bitten, Herrn Doktor Silberland zur Vornahme der notwendigen Schritte zu
+beauftragen.
+
+Was ich bis jetzt getan habe, geht nur mich selbst an und kann für
+keinen anderen Bürger der Gemeinschaft nachteilige Folgen haben, solange
+sich die Gemeinschaft nicht solidarisch mit mir erklärt. Sie brauchen
+also nicht zu fürchten, daß ich Sie in irgend eine schwere Situation
+hineingebracht habe. Sie können ganz frei beschließen.
+
+Wenn Ihnen unsere Sache aber lieb ist«, und Paul Seebecks müde Augen
+bekamen Glanz und Feuer, »wenn Sie als Männer für Ihr Werk eintreten
+wollen, dann können wir es retten. Bevor ein Kriegsschiff hier ist,
+können wir unsere Befestigungen vollenden und können uns halten, bis wir
+unter englischem Schutze stehen.
+
+Ich mag darüber nichts mehr sagen, ich will Sie zu keinem folgenschweren
+Entschlusse überreden, den Sie später bereuen. Überlegen Sie es sich in
+Ruhe.«
+
+Das eiskalte Schweigen, mit dem Paul Seebecks Rede angehört worden war,
+dauerte noch fort, als er wieder auf seinem Platze saß. Dann erklang
+hinter ihm eine Stimme:
+
+»Nechlidow soll antworten; wo steckt er?«
+
+Eine andere Stimme antwortete:
+
+»Der kommt nie mehr zu den Versammlungen.«
+
+Und schwer und hart sagte eine dritte Stimme:
+
+»Nechlidow ist ein Lump, mag er sich ersäufen wie der andere. Ich halte
+zu Herrn Seebeck.«
+
+Jetzt wich die Starre von der Versammlung; man redete, schrie
+durcheinander, die Gesichter wurden rot, Arme wurden bewegt, der Lärm
+stieg und stieg -
+
+Paul Seebeck trat wieder auf das Podium, aber er konnte nicht sprechen.
+Die Leute verließen ihre Plätze, umdrängten ihn, drückten seine Hände,
+jeder, jeder einzelne wollte ihm Treue geloben.
+
+Paul Seebeck wollte reden, wollte ihnen danken, aber er stammelte nur
+einige Worte und sank dann bewußtlos um. Er hörte nur noch Edgar Allans
+schneidend scharfe Stimme:
+
+»Aber jetzt bitte nicht nur Worte, Leute, auch Taten.«
+
+Paul Seebeck wurde in ein anstoßendes Zimmer getragen und Frau von
+Zeuthen und Otto Meyer übernahmen seine Pflege.
+
+Inzwischen wurden die Verhandlungen unter Herrn von Rochows Vorsitz
+fortgesetzt. Paul Seebecks Vorschläge wurden einstimmig genehmigt,
+obwohl sich manche recht zögernd von den Sitzen erhoben. Unter dem
+brausenden Beifall der Versammlung verkündete Herr von Rochow darauf die
+Autonomie der Gemeinschaft auf der Schildkröteninsel.
+
+
+
+
+Noch immer keine Entscheidung von Sidney. Bei der immer stärkeren
+Spannung zwischen England und Deutschland wäre der Ausbruch eines
+Krieges in der allernächsten Zeit höchst wahrscheinlich, schrieb Jakob
+Silberland. Dann wäre die Annektion selbstverständlich. Bis dahin müßte
+man sich halten.
+
+Und mit allen Kräften wurde gearbeitet. Fünfzig unverheiratete Männer
+wurden vom Hauptmann von Rochow im Gewehrschießen eingedrillt. Die
+Vorsteher und außer ihnen Felix und Melchior übten sich an den
+Geschützen, und manche Klippe da draußen im Meere war von den schweren
+Granaten des Festungsgeschützes bei Schießübungen getroffen, in die Luft
+geflogen.
+
+Der »Vulkan« wurde inzwischen zur Aufnahme aller Nichtkämpfer
+eingerichtet. Welchem Zwecke die Gebäude dort auch ursprünglich bestimmt
+waren, jetzt wurde alles zu Wohnstätten eingerichtet, sogar die
+Umkleidezellen des Schwefelbades. Ein Fieber hatte alle ergriffen, ein
+Freiheitsrausch, und als sich nach fünf Wochen am Horizonte die
+Rauchsäule des Kreuzers zeigte, wurde er von den kampffrohen Männern mit
+Jubel begrüßt. Man war bereit, ihn zu empfangen. Vor Seebecks Haus
+standen in Reih und Glied die Infanteristen mit ihren Mausergewehren,
+die Stahlläden vor den Geschützscharten in Seebecks Keller waren
+aufgeklappt und die Geschütze nach vorn gerollt. Vier Meter ragte der
+hellgraue Lauf des Festungsgeschützes heraus. Es wurde von Edgar Allan
+und Felix bedient, während Otto Meyer und Melchior an den beiden
+Maschinengewehren standen.
+
+Oben in Paul Seebecks Arbeitszimmer standen er und Frau von Zeuthen. Vor
+ihnen auf dem Schreibtische lag der Lageplan der Seeminen; die Stahltür
+an der Wand stand offen und zeigte die sechzig weißen Tasten.
+
+»Wie weit ist das Schiff jetzt?« fragte Frau von Zeuthen.
+
+Paul Seebeck sah prüfend durch sein Fernglas:
+
+»Zehn Kilometer, schätze ich es jetzt.«
+
+Einige Minuten später hielt der Kreuzer an. Ein weißes Wölkchen erhob
+sich und eine halbe Minute später rollten drei dumpfe Schüsse über die
+Stadt.
+
+»Die waren blind!« rief Hauptmann von Rochow herauf.
+
+»Noch zwei Kilometer, und das Schiff kommt in den Bereich unserer
+Minen.«
+
+Aber der Kreuzer drehte sich auf der Stelle und wandte der Stadt seine
+Breitseite zu.
+
+»Ja, da draußen konnten wir leider keine Minen legen, es ist zu tief«,
+sagte Paul Seebeck. »Aber hierher kommen können sie doch nicht. Und
+Silberland wird ja bald kommen; er weiß ja, daß in diesen Tagen der
+Kreuzer kommen mußte. Solange müssen wir uns eben halten. Das können wir
+auch.«
+
+»Und wenn es nichts wird?«
+
+Es zuckte um Paul Seebecks Mundwinkel, als er sagte:
+
+»Sie wissen, daß ich für mein Werk sterben kann.«
+
+Das Haustelephon, das den Keller mit Paul Seebecks Arbeitszimmer
+verband, klingelte. Seebeck nahm das Hörrohr:
+
+»Ja.«
+
+»Hier Allan. Was meinen Sie, sollen wir nicht den Salut beantworten? Es
+ist doch unhöflich, einen Gruß nicht zu erwidern.«
+
+»Schön, aber blind. Wir wollen nicht anfangen.«
+
+Das Haus bebte in seinen Fugen, als der Schuß krachte.
+
+Einige Minuten später kam die Antwort: im Hafen stieg eine Wassersäule
+auf, der ein doppelter Knall folgte.
+
+»Was jetzt?« - telephonierte Allan herauf.
+
+»Abwarten, ob sie wirklich ernst machen. Je mehr Zeit wir gewinnen,
+desto besser«, gab Paul Seebeck zurück.
+
+Aber Minute auf Minute verrann, eine Stunde, eine zweite, und nichts
+geschah.
+
+»Die Herren erwarten wohl, daß wir die bewußte weiße Fahne aufziehen«,
+sagte Paul Seebeck zu Frau von Zeuthen.
+
+Da hüllte sich plötzlich der Kreuzer in eine einzige Rauchwolke. Im
+Hafen erhob sich eine ungeheure Wasser- und Staubwolke, der ein
+donnerndes, krachendes Getöse folgte. Wie sich die Wolke verzogen hatte,
+sah man, daß alle Hafenanlagen mit der Landungsbrücke und den
+Lagerhäusern in Trümmern lagen. Die am Quai liegenden Fischerboote waren
+fast sämtliche verschwunden. Aber das wild wogende Meer war mit Trümmern
+und Balken bedeckt.
+
+Und Schuß auf Schuß folgte, aber alle galten nur dem Hafen.
+
+»Sie wollen uns so lange schonen, wie es geht, und das gefällt mir sehr,
+damit gewinnen wir Zeit«, sagte Paul Seebeck zu Frau von Zeuthen. Dann
+telephonierte er zu Allan:
+
+»Wir dürfen erst schießen, wenn sie die Stadt selbst beschießen. Nicht
+vorher.«
+
+Von unten her klangen Rufe, die man bei dem Getöse nicht verstehen
+konnte. Frau von Zeuthen trat ans Fenster und sah hinunter.
+
+Auf ihrem völlig erschöpften Pferdchen ritt Hedwig die Hauptstraße
+hinunter, drängte sich durch die Infanteristen und stürmte die Treppe
+hinauf:
+
+»Der Dampfer von Sidney liegt da hinten, dicht an der Insel; man kann
+ihn vom Vulkane aus sehen. Herr Silberland ist in einem Ruderboote vom
+Dampfer abgestoßen, ich konnte ihn ganz deutlich erkennen. Der Dampfer
+fuhr dann wieder weg.«
+
+Paul Seebeck war aufgesprungen:
+
+»Wo liegt der Dampfer? Wo?«
+
+Hedwig beschrieb ihm die Stelle.
+
+»Hierher rudern! War er allein?«
+
+»Ja.«
+
+»Um Gotteswillen, das sind ja über dreißig Kilometer. Wenn er das
+aushält. Wann war das?«
+
+»Ich mußte zuerst herunterlaufen und mein Pferd holen. Ich bin so
+schnell geritten, wie ich konnte. Aber drei Stunden ist es mindestens
+her.«
+
+»Dann kann er in zwei Stunden hier sein.«
+
+Frau von Zeuthen strich ihrer Tochter über das erhitzte Gesicht:
+
+»Leg dich etwas auf Pauls Bett, mein Kind, und ruh dich aus. Aber dann
+mußt du wieder zurückreiten, hörst du?«
+
+»Darf ich nicht hier bleiben, Mutter?«
+
+»Nein, das geht nicht, Kind.«
+
+»Aber Fräulein Erhardt kommt auch, sie geht sogar zu Fuß, ich habe sie
+überholt.«
+
+»Wenn du ihr auf dem Rückwege wieder begegnest, sag ihr, daß sie
+umkehren soll«, sagte Paul Seebeck. »Aber geh jetzt Kind und ruh dich
+etwas aus. Oder willst du etwas zu essen haben?«
+
+Hedwig schüttelte schmollend den Kopf und ging in Paul Seebecks
+Schlafzimmer.
+
+»Also nur noch zwei Stunden, dann wissen wir Bescheid«, sagte Paul
+Seebeck aufatmend. »Wenn Silberland es nur aushält.«
+
+Hedwig war in Paul Seebecks Schlafzimmer gegangen, aber sie legte sich
+nur für einige Minuten auf sein Bett. Leise öffnete sie dann die Tür zum
+Badezimmer, schlüpfte durch dieses in die Küche und ging die
+Hintertreppe hinunter. Mit einigen Sprüngen hatte sie unbemerkt die
+nächsten Häuser erreicht und ging jetzt durch die kleinen Gäßchen, die
+die einzelnen Terrassen mit einander verbanden, zum Meere hinunter. In
+kurzen Zwischenräumen schlugen noch immer die Granaten in den Hafen.
+
+Hedwig ging zu Nechlidows Häuschen, das gerade am Anfang der
+Fischerstraße lag. Mit klopfendem Herzen öffnete sie die Türe und trat
+ein.
+
+Es war still im ganzen Hause. Hedwig trat ins Wohnzimmer ein. Hier war
+es fast dunkel, denn die Fenstervorhänge waren dicht zugezogen.
+
+Nechlidow erhob sich von seinem flachen Sofa zu einer halbsitzenden
+Stellung.
+
+»Sie kommen zu mir, dem Verfehmten? Wird man Sie nicht steinigen, wenn
+man das erfährt?«
+
+Ein scharfer Knall in der Nähe, dem ein anhaltendes Prasseln und Krachen
+von niederstürzenden Mauerteilen folgte, ließ ihn aufstehen. Er trat zum
+Fenster und zog die Vorhänge zurück. Das gegenüberliegende Haus hatte
+sich in einen rauchenden Trümmerhaufen verwandelt.
+
+Nechlidow lachte bitter auf:
+
+»Meine Schuld, nicht wahr?«
+
+»Herr Nechlidow«, sagte Hedwig bittend und trat an ihn heran. »Glauben
+Sie nicht doch, daß Paul recht gehandelt hat?«
+
+»Bei Gott, er hatte nicht recht, und wenn ich tausendmal daran Schuld
+trage, daß jetzt alles zusammenbricht. Ich habe das nicht gewollt. Ich
+habe nicht vorausgesehen, daß es so kommen würde. Aber es ist besser,
+daß diese riesige Lüge zusammengeschossen wird, als daß sie weiter lebt.
+Wer weiß, vielleicht kommen die englischen Schiffe noch rechtzeitig,
+und dann baue ich die Stadt wieder auf. Und wenn sie nicht kommen, um so
+besser, dann ist eine Halbheit weniger auf der Welt.«
+
+»Sind Sie wirklich schuld daran?« fragte Hedwig schüchtern.
+
+Nechlidow legte ihr beide Hände auf die Schultern und sah ihr in die
+braunen Augen:
+
+»Weshalb kommen Sie mit dieser Frage zu mir?«
+
+»Weil ich wissen will, was Sie sind.«
+
+»Nein, Hedwig, es ist nicht meine Schuld. Die Leute sind daran schuld,
+sie sind ja alle behext, haben ihr bischen Vernunft ganz verloren. Wenn
+Seebeck aus lauter Sentimentalität die Dummheit begeht, seine Entlassung
+zu verweigern, weshalb ihm dann zustimmen, weshalb es zur Revolution
+kommen lassen! Wir hätten alles so glatt machen können, Seebeck hätte
+gehen müssen, Rouvière wäre Reichskommissar geworden. Aber da kam wieder
+der sinnlose Selbstmord von Rouvière dazwischen, und damit war alles
+verloren. Denn Rouvière hatte die Leute in der Tasche. Ja, und jetzt
+gehen mir dieselben Menschen, die unsere Klageschrift unterschrieben
+haben, wie einem Pestkranken aus dem Wege und lassen sich Seebecks
+schöner Augen wegen von ihm in den Tod führen. Eine Kette von
+unbegreiflichen Sentimentalitäten war wie immer der Grund alles
+Unglücks. Mein Fehler war nur, daß ich auf die Vernunft der Menschen
+vertraute. Das ist die Wahrheit, Hedwig.«
+
+»Aber was soll jetzt kommen? Was werden Sie tun?«
+
+»Ich? Ich warte, bis meine Zeit gekommen ist. Die da drüben mögen sich
+gegenseitig zerfleischen, wenn sie noch nicht reif für die Vernunft
+sind. Ich glaube an sie und an ihren endlichen Sieg. Ich glaube an die
+Menschheit.«
+
+Hedwig sah vor sich hin. Dann schüttelte sie ihren Lockenkopf:
+
+»Wollen wir nicht noch einmal zu unserer Landspitze hinausgehen? Wer
+weiß, wann wir wieder zusammen sein können.«
+
+Und sie gingen Hand in Hand die Treppe hinunter und traten auf die
+Straße. Da schoß dicht vor ihnen auf der Straße ein blendend weißes
+Licht auf. Nechlidow taumelte zurück. Hedwig stieß einen leichten Schrei
+aus und fiel flach auf das Gesicht.
+
+Nechlidow sprang auf sie zu, hob sie auf, drückte sie an seine Brust -
+sie schlug die Augen auf, lächelte noch einmal, wollte die Hand heben,
+aber ließ sie schlaff wieder fallen. Ihr Haupt sank zurück -
+
+ * * * * *
+
+Ein Ruderboot wandte sich um die Landspitze, die die bewohnte Bucht von
+der Irenenbucht schied.
+
+»Das ist Silberland«, rief Paul Seebeck Frau von Zeuthen zu.
+
+Er lief die Treppe hinunter, auf die Straße, schrie Hauptmann von Rochow
+zu:
+
+»Bleiben Sie hier. Handeln Sie nach Ihrem Gutdünken!« und stürzte dem
+Hafen zu. Mehrere Granaten schlugen in seiner Nähe ein und bedeckten ihn
+mit Staub. Unten angekommen, sah er um sich. Alles lag schon in
+Trümmern. In der Fischerstraße standen nur noch einige Häuser. Und
+horch! das Prasseln auf den Steinen, das Klirren an Fensterscheiben, die
+kleinen Springbrunnen auf dem Meere. Also hatten sie schon die
+Maschinengewehre in Tätigkeit gesetzt.
+
+Da kam das Ruderboot. Jakob Silberland stand auf und rief etwas, was
+Seebeck des Lärmes wegen nicht verstehen konnte. Jakob Silberland setzte
+sich wieder an die Ruder. Jetzt war er nur noch zwanzig Schritte vom
+Strande entfernt. Wieder stand er auf. Sein Gesicht war verzerrt, Blut
+floß von seinen Händen herunter. Er schrie:
+
+»Entente cordiale zwischen England und Deutschland; damit ist der
+Weltfriede endgiltig gesichert.«
+
+Klack, klack, klack klang es im Boote und im Wasser - Jakob Silberland
+fuhr sich mit der Hand ins lange schwarze Haar und brach dann auf der
+Bootsbank zusammen. Langsam füllte sich das durchlöcherte Boot mit
+Wasser und sank.
+
+Paul Seebeck blieb mit verschränkten Armen stehn und sah das Boot
+versinken.
+
+Da legte sich eine Hand auf seine Schulter und er sah in Nechlidows
+bleiches Gesicht. An den Kleidern hatte er große Blutflecke. Er fragte:
+
+»Darf ich zusammen mit Ihnen sterben, Herr Seebeck?«
+
+Seebeck reichte ihm die Hand:
+
+»Lassen Sie uns zusammen sterben, Sie für Ihre Idee, ich für mein Werk.«
+
+Nechlidow schüttelte den Kopf:
+
+»Ich sehe nichts mehr, weiß von keiner Vernunft mehr. Ich sehe nur noch
+einen Strom, dessen Wellen uns in die Höhe hoben, als wir ihn zu leiten
+glaubten, und der uns jetzt mitleidlos wieder in seine Strudel zieht.
+Aber ich sehe nicht, wohin er geht. Ich sehe nur noch Sie und will mit
+Ihnen zusammen sterben.«
+
+»Kommen Sie«, sagte Seebeck. »Wir wollen den anderen sagen, daß wir alle
+sterben müssen.«
+
+Aber auch oben hatte man Jakob Silberlands Untergang gesehen.
+
+»Jetzt ist es genug!« rief Edgar Allan Hauptmann von Rochow zu. Dieser
+nickte. Und einige Minuten später donnerte das schwere Festungsgeschütz,
+begleitet vom Knattern der beiden Maschinengewehre.
+
+Dies war aber nur ein Signal für den Kreuzer, seinerseits das Feuer zu
+verstärken. Und jetzt galten seine Schüsse nicht mehr dem Hafen. Überall
+schlugen die Granaten in die obere Stadt. An vielen Stellen brannten die
+Häuser.
+
+Da kamen Paul Seebeck und Nechlidow zusammen die Straße herauf. Die
+Leute umdrängten sie, fragten, aber die beiden gingen hinauf in das
+Seebecksche Arbeitszimmer. Dort trat Paul Seebeck ans Fenster, wartete,
+bis das Feuer für einen Augenblick verstummte und rief dann mit scharfer
+klarer Stimme:
+
+»Wir bekommen keine Hilfe von England. Wer ist bereit, mit uns für unser
+Werk zu sterben?«
+
+Die Gesichter dort unten wurden groß. Wutschreie ertönten. Drohende
+Fäuste wurden emporgereckt. Aus dem Gebrülle waren nur einzelne Worte
+verständlich:
+
+»Wir wollen uns nicht hinschlachten lassen!«
+
+»Wir sind verraten.«
+
+»Wir wollen die da oben ausliefern und uns ergeben ...«
+
+»Drehen Sie die Geschichte herum«, sagte Edgar Allan zu Felix, und der
+gehorchte. Die noch rauchende Mündung des Festungsgeschützes war auf die
+Infanteristen gerichtet.
+
+Da liefen sie, warfen die Gewehre fort, liefen, was sie konnten, nur
+fort, dem sicheren Hochlande, dem Leben, der Zukunft zu. Nur einer
+drehte sich um und feuerte einen Schuß ab, bevor er den anderen gleich
+sein Gewehr fortwarf.
+
+Edgar Allan brach, ins Herz getroffen, lautlos zusammen.
+
+An seine Stelle trat Nechlidow. Niemand fragte ihn, weshalb er gekommen
+sei, niemand machte ihm Vorwürfe. Man drückte ihm die Hand, und
+schweigend trat er an das Geschütz.
+
+Hauptmann von Rochow warf noch einen Blick auf seine fliehenden
+Soldaten, dann ging er zu Seebeck hinauf.
+
+Seebeck konnte ihm nur flüchtig zunicken, denn jetzt geschah draußen
+etwas Sonderbares: der Kreuzer stellte sein Feuern ein, und die
+Dampfbarkasse wurde ins Wasser gesenkt. Von der anderen Seite kam ein
+bemanntes Boot, das die Barkasse in Schlepptau nahm.
+
+»Hört mit dem Schießen auf«, telephonierte Seebeck hinunter. »Vielleicht
+kommen die in friedlicher Absicht.« Aber so scharf er auch hinsah, er
+konnte keine weiße Fahne bemerken.
+
+»Sind denn die Leute wahnsinnig? Sie wissen doch, daß Seeminen da
+draußen liegen!« rief Seebeck.
+
+Die Dampfbarkasse nahm aber nicht den Weg nach dem Hafen zu, sondern
+fuhr auf die Landspitze bei der Irenenbucht zu.
+
+»Die glauben, daß da keine Minen liegen und wollen da landen. Herr von
+Rochow, ich bitte Sie!« Hauptmann von Rochow stürzte zum Tastbrett, und
+Paul Seebeck beugte sich über den Plan. Die Barkasse kam näher, war
+jetzt bei der flachen Klippe -
+
+Fragend sah Herr von Rochow Seebeck an, der mit verschränkten Armen und
+zusammengepreßten Lippen ans Fenster getreten war.
+
+»Siebenunddreißig, achtunddreißig, zweiundvierzig«, sagte er kurz und
+scharf.
+
+Wie um einen Akkord zu spielen, drückte Hauptmann von Rochow die drei
+Tasten nieder, und draußen schoß ein ungeheurer Wasserberg in die Luft
+und stürzte dann mit donnerndem Gebrüll zusammen. Boote und Klippe waren
+verschwunden.
+
+Herr von Rochow griff sich mit beiden Händen taumelnd an den Kopf:
+
+»Deutsche, deutsche Soldaten«, murmelte er wie irrsinnig. Dann richtete
+er sich kerzengerade auf, zog einen Revolver aus der Tasche und schoß
+sich in die Schläfe.
+
+Seebeck wandte sich beim Knalle um; spöttisch lächelnd sah er auf die
+Leiche.
+
+Frau von Zeuthen war entsetzt aufgesprungen. Dann setzte sie sich
+wieder auf ihren Stuhl. Seebeck trat auf sie zu:
+
+»Gehen Sie jetzt, Gabriele. Denn dem, was jetzt kommen wird, sind die
+Nerven keiner Frau gewachsen. Gehen Sie, Sie müssen sich Ihren Kindern
+erhalten.«
+
+Sie stand auf und schüttelte energisch den Kopf:
+
+»Ich bleibe bei Ihnen, meinetwegen -«
+
+»Nichts geschieht Ihretwegen«, unterbrach sie Seebeck schroff. Dann
+setzte er aber sanft hinzu: »Denken Sie an Ihre Kinder, Gabriele. Sie
+haben noch eine Aufgabe auf dieser Welt, wir nicht mehr. Und nehmen Sie
+Felix mit; wozu soll er sich hier verbluten. Sie können ihm nach zehn
+Jahren erzählen, was sich hier alles vor seinen Augen abgespielt hat.
+Dann wird er es verstehen und davon lernen. Und grüßen Sie Ihre kleine
+Hedwig von mir.«
+
+Da sank Frau von Zeuthen vor ihm nieder und küßte seine Hände. Er hob
+sie auf und zog sie an seine Brust. Draußen krachten wieder die
+Granaten, und unten donnerte das Festungsgeschütz, begleitet vom
+Knattern der beiden Maschinengewehre.
+
+Frau von Zeuthen riß sich los:
+
+»Felix muß bei Ihnen bleiben, Seebeck! Das Opfer muß ich Ihnen bringen.
+Er ist ein Mann. Er soll Ihr Geschick teilen. Ich gehe zu Hedwig.«
+
+Paul Seebeck trat ans Telephon.
+
+»Felix soll herauf kommen.«
+
+Das schwere Geschütz verstummte und Felix kam herauf.
+
+»Was gibt's?«
+
+»Du mußt deine Mutter zum Vulkane zurückbegleiten.«
+
+»Aber Paul!«
+
+»Du mußt! Hol dein Pferd für deine Mutter.«
+
+»Paul, ich will bei dir bleiben.«
+
+»Felix, es hat keinen Sinn mehr. Denk was für ein Leben du noch haben
+kannst und denk an deine Mutter.« Er legte den Arm um Felix Schulter und
+führte ihn Frau von Zeuthen zu:
+
+»Wollen Sie wirklich Ihren Jungen hier lassen?«
+
+Da schlang die Mutter die Arme um ihr Kind, unter strömenden Tränen rief
+sie:
+
+»Felix, komm mit mir!«
+
+Er entwand sich ihren Armen und sah Paul Seebeck an. Dieser sagte:
+
+»Du sollst mein Erbe sein, Felix; sieh zu, ob du mein Werk fortführen
+kannst, und das mit mehr Glück. Geh meines Werkes wegen.«
+
+Felix kämpfte mit sich. Dann sah er mit seinen strahlenden, braunen
+Augen Paul Seebeck an und sagte:
+
+»Aber das verspreche ich dir, Paul, ich werde mich ebenso halten wie
+du.«
+
+Paul Seebeck strich ihm über das Haar.
+
+»Gut, mein Junge. - Aber geh jetzt und hol dein Pferd.«
+
+Jetzt ging die Sonne unter, und der Kreuzer stellte sein Feuern ein.
+Wenige Minuten später war es dunkle Nacht, in der hier und da die
+Flammen von den brennenden Häusern emporloderten.
+
+Da hob sich riesengroß die rotgelbe Scheibe des Vollmondes über den
+Horizont, beleuchtete den Kreuzer und sein Werk. Schaurig sahen im
+kalten Lichte die Trümmer aus. Und nun begann der Kreuzer wieder zu
+feuern; unter donnerndem Krachen stürzte das große Volkshaus zusammen.
+
+»Kommen Sie, Gabriele, jetzt ist keine Zeit mehr zu verlieren.« Er
+begleitete sie bis zur Hauptstraße und weiter bis zu den rauchenden
+Trümmern des Volkshauses. Da tauchte ein Schatten hinter ihnen auf, und
+Felix holte sie auf seinem Pferde ein.
+
+»Ich möchte nur noch schnell von den anderen Abschied nehmen, geh nur
+voraus, Mutter!« rief er und galoppierte zurück.
+
+»Leben Sie wohl, Gabriele. Mein Versprechen habe ich gehalten, nicht
+wahr?« Und dann wandte er sich schnell ab und ging hinunter.
+
+Frau von Zeuthen ging langsam den Berg hinauf und weiter auf der Straße
+hin. Als sie das Staubecken erreichte, schrak sie zusammen, denn vor ihr
+erhob sich eine dunkle Gestalt. Aber der Mond erleuchtete ein bekanntes
+Gesicht.
+
+»Fräulein Erhardt?«
+
+»Ja, gnädige Frau!«
+
+»Wollen Sie zur Stadt?«
+
+»Ich kann nicht mehr gehen, ich bin so müde. Wo ist Felix?«
+
+»Er ist in einigen Minuten hier. Ist Ihnen nicht Hedwig begegnet?«
+
+Fräulein Erhardt schüttelte den Kopf:
+
+»Nein, aber ich glaube, ich habe mehrmals auf dem Wege geschlafen. Sie
+wird an mir vorbeigeritten sein, ohne daß ich sie bemerkte. Aber Felix
+kommt, mein Felix!«
+
+Frau von Zeuthen hatte sich neben sie gesetzt und strich ihr sanft über
+den Leib. Da schlang Fräulein Erhardt die Arme um ihren Hals und
+flüsterte ihr zu:
+
+»Ich habe ja ein Kind von ihm.«
+
+Frau von Zeuthen küßte sie:
+
+»Liebe Tochter«, sagte sie.
+
+Dann schwiegen sie beide, saßen im bleichen Lichte des Vollmondes einsam
+auf der Ebene und warteten, warteten - -
+
+Als Paul Seebeck von der Hauptstraße wieder auf sein Haus zu einbog,
+blieb er wie erstarrt stehen, denn aus dem Kellerfenster schoß eine
+Stichflamme, der ohrenbetäubender Knall folgte. Paul Seebeck griff sich
+an die Stirn und stürzte dann hin. Dichter, beißender Rauch quoll aus
+den Fenstern, verhüllte die Läufe der drei Geschütze -
+
+Er sprang die Treppe hinunter, von unten klang ihm leises Wimmern
+entgegen. Die Lampe war verlöscht, aber das weiche Dämmerlicht der
+Mondnacht erfüllte den Raum.
+
+Auf dem Boden lag Nechlidow in den letzten Zügen, der ganze Leib war ihm
+aufgerissen. Über den Verschluß des Geschützes gebeugt lag Felix. Paul
+Seebeck hob ihn auf. Felix schlug die Augen auf und lächelte:
+
+»Du, Paul, ich wollte Nechlidow doch wieder helfen; er konnte das
+Geschütz nicht allein bedienen.«
+
+Paul Seebeck betastete ihn. Auf der rechten Brustseite war ein kleiner
+nasser Fleck. Seebeck riß die Kleider auf; das Blut strömte.
+
+»Muß ich sterben, Paul? Dann grüß die andern.«
+
+»Nein, nein du bleibst leben. Hab keine Angst. Schlaf jetzt nur etwas.«
+
+»Ja«, sagte Felix, »ich bin so müde.«
+
+Und Paul Seebeck bettete den sterbenden Knaben so gut er konnte auf den
+Boden.
+
+Unter seinem Maschinengeschütz lag Otto Meyer, ein Granatsplitter hatte
+ihm den Oberschenkel zerfetzt. Er reichte Seebeck die Hand:
+
+»Du, sag mal, kannst du mir nicht irgend einen passenden Ausspruch
+empfehlen? Ich kann doch nicht so ganz klanglos sterben. »Ich sterbe für
+die Freiheit«, oder etwas ähnliches?«
+
+»Du stirbst, weil du ein anständiger Kerl bist.«
+
+»Also gut: ich sterbe, damit die Anständigkeit lebe! Bravo. Schluß. - Es
+war so schön, mit dir zusammenzuarbeiten, Seebeck. Ich danke dir dafür.«
+
+Dann sank er zurück.
+
+Paul Seebeck trat an Melchior heran, der bewußtlos in einer Blutlache an
+der Wand lag. Wie er ihn untersuchte, schlug er die Augen auf:
+
+»Herr Seebeck, Sie? Gut, daß Sie kommen. Ich habe es gefunden!«
+
+»Was haben Sie gefunden?«
+
+»Das Problem der Menschheit habe ich gefunden. Hören Sie!« Er versuchte
+sich aufzurichten, aber sank wieder zusammen.
+
+»Das Problem der Menschheit!« Seebeck lachte auf. »Da draußen haben Sie
+das Problem der Menschheit!« Und er wies auf das Kriegsschiff hinaus,
+das jetzt langsam sein Feuern einstellte.
+
+»Seebeck, schämen Sie sich! Wer wird einen Spezialfall verallgemeinern.
+Hören Sie, ich habe nicht mehr viel Zeit, glaube ich.«
+
+Paul Seebeck verschränkte die Arme und sah dem Sterbenden gerade ins
+Gesicht.
+
+»Ich höre«, sagte er.
+
+»Sie erinnern sich noch an alle unsere Gespräche? Sie alle haben am
+Problem mitgearbeitet, Sie alle haben mir Bausteine gegeben. Jetzt habe
+ich aber die Formel gefunden. Sie erinnern sich, daß alle Fragen immer
+wieder auf denselben toten Punkt kamen, daß man die Begriffe
+gleichzeitig als fortgeschrittener, wie auch als rückständig in den
+Bezug auf den realen Stand der Menschheit ansehen kann. Da kam Herr Otto
+Meyer mit dem Einfall, daß sie von zwei verschiedenen Gesichtspunkten
+aus betrachtet sein müßten, um verschieden zu erscheinen. Lebt er noch?«
+
+»Nein, er ist tot.«
+
+»Schade, es hätte ihn sicher interessiert. Sehen Sie, Herr Seebeck,
+jetzt habe ich die beiden Standpunkte; den niedrigen des einzelnen
+Menschen und den hohen der gesamten Menschheit. Wenn sich aus uns allen
+kleinen gleichgiltigen Einzelwesen jetzt das ungeheure Individuum der
+Menschheit aufbaut - solange ich selbst unter den Arbeitern lebte, habe
+ich diese Kristallisation gefühlt, aber nicht begriffen, ich fühlte, wie
+sich die Zellen instinktiv zusammenschlossen, obwohl sich jede einzelne
+krampfhaft dagegen wehrte - dann müssen ja unsere Gedanken klein sein,
+die der Menschheit sind aber groß, für uns ebenso unbegreiflich groß,
+wie die Zelle in unserem Körper nichts von unseren Gedanken versteht,
+und doch baut sie Körper und Leben auf.
+
+Aber da haben wir als Ausgleich jene Begriffe, halb einzel-menschlich,
+halb universal-menschlich, dem Menschen zu hoch, der Menschheit zu
+niedrig. Sie zeigen weder den Standpunkt des Menschen, noch den der
+Menschheit, sondern gerade die noch ungelöste Spannung zwischen beiden
+Teilen.
+
+Prüfen Sie es doch nur an irgend einem Beispiele: denken Sie an die Ehe.
+Dem einzelnen Menschen ein praktisch fast unerreichbares Ideal, für die
+Menschheit veraltet. Denn vom hohen Standpunkte der Menschheit aus
+gesehen, gleichen sich die im Einzelfalle eintretenden Hindernisse aus;
+und für den Gesamtdurchschnitt wird dann die Ehe nicht zu hoch, sondern
+zu niedrig.
+
+Oder denken Sie an die Orthographie einer Sprache, die zwar scheinbar
+rückständig ist, in Wirklichkeit aber die großen, ewigen Gesetze und
+Wandlungen der Sprache, dieses Gutes nicht eines Einzelnen, sondern der
+Menschheit wiedergibt.«
+
+»Und wie erklären Sie dieses Beispiel hier?« fragte Paul Seebeck und
+wies auf die Leichen um sie her.
+
+»Ach was hat das zu sagen, daß einige Zellen absterben. Ein kleiner
+Entzündungsprozeß im Körper der Menschheit, weiter nichts.«
+
+»Ja, ja«, sagte Paul Seebeck.
+
+»Und sehen Sie doch, daß die großen Taten nie vom einzelnen ausgeführt
+werden, sondern nur von der Masse, vom Individuum Menschheit. Das ist ja
+auch selbstverständlich, denn der Natur der Dinge nach muß die auf einer
+millionenmal höheren Stufe stehende Menschheit auch höhere Gedanken
+haben. Wie selten opfert sich ein einzelner für eine Idee, und wie
+leicht tun es tausende zusammen, weil nicht mehr der Einzelne denkt,
+sondern die Masse an sich.«
+
+»Aber hat uns nicht hier die Masse verraten, und bleiben nicht wir
+einzelne zurück?«
+
+»Kommt das nicht auch in unserem Körper vor, in dem sich die einzelnen
+Blutkörperchen gegenseitig auffressen, statt zusammen zum höheren Zwecke
+als dem ihrer Einzelexistenz zu wirken? Krankheitserscheinungen, weiter
+nichts. Und eben so, wie trotz aller Krankheiten der menschliche Körper
+sich weiter entwickelt, so wird es auch die Menschheit tun, um später
+wieder Zelle eines neuen, unermeßlich hohen Individuums zu werden. Bis
+sich schließlich das Universum in einem unendlich weiteren Sinne, als
+wir armselige Einzelzellchen es heute begreifen können, zu einem großen
+Organismus zusammenschließt. Und da wird die Erlösung sein, der Zweck
+des Daseins. Ich sterbe«, fuhr er mit schwächerer Stimme fort, »aber Sie
+leben ja noch. Gehen Sie zu den Menschen und sagen Sie ihnen, daß ich
+ihr Geheimnis gelöst habe.«
+
+Paul Seebeck schüttelte langsam den Kopf:
+
+»Ich gehe nicht mehr zu den Menschen, Melchior.«
+
+Jetzt richtete sich der Sterbende mit seiner letzten Kraft auf:
+
+»Sie müssen, Seebeck, sonst habe ich das alles umsonst gedacht. Das darf
+doch nicht sein!«
+
+»Nein«, sagte Paul Seebeck hart, »Sie sollen das alles umsonst gedacht
+haben. Mag Ihr Leben verschwendet sein, wie das von uns allen.«
+
+Da brach Melchior zusammen.
+
+Nun fiel das bleiche Mondlicht durch die Fenster und beleuchtete die
+vier Leichen und die Geschütze. Sinnend blieb Paul Seebeck stehen. Er
+schaute auf das Meer hinaus, das so friedlich dalag. Aber dort in der
+Ferne das Ungeheuer, jetzt nicht mehr feuerspeiend.
+
+Paul Seebeck setzte sich neben Felix' Leiche hin und wartete. Aber ihm
+war keine Granate bestimmt. Da küßte er des Knaben eiskalte Stirn und
+ging hinaus. Er ging an den Trümmern des Volkshauses vorbei, die sich
+gespenstig in die Höhe reckten, zur Irenenbucht hinunter. Langsam stieg
+er die Stufen hinab und setzte sich unten auf die Felsplatte. Er sah die
+breiten Rücken der Riesenschildkröten feucht im Mondlichte glänzen, sah
+sie die Köpfe erheben -
+
+Da ließ er sich langsam ins Wasser gleiten. Die Tiere tauchten
+erschreckt unter. Er wollte schwimmen, weiter hinaus ins Meer wollte er,
+aber er verfing sich in den langen Schlingpflanzen. Er kämpfte, um sich
+zu befreien, aber sie ließen ihn nicht los. Da gab er nach und ließ sich
+vom Wasser tragen. Es umfing ihn so lau und weich. Aber wie er sich
+nicht mehr bewegte, beruhigten sich die Tiere wieder. Er sah ihre
+glänzenden Rücken herankommen, dicht vor ihm tauchte ein riesiger,
+schwarzer Kopf aus dem Wasser auf, schob sich langsam näher, ein
+breites, zahnloses Maul öffnete sich - -
+
+
+
+
+IM GLEICHEN VERLAGE ERSCHIEN:
+
+HANS FRANCK
+THIES UND PETER
+DER ROMAN EINER FREUNDSCHAFT
+
+PREIS BROSCH. M. 3.50, GEBUNDEN IN LEINEN M. 4.50
+
+_Neue Freie Presse_: In der Freundschaft sind Fehler Verbrechen! Davon
+handelt der Roman. Es ist die Tragödie restlos angestrebter
+Freundesvereinigung, jener Freundschaft, die in der völligen
+Umklammerung und Einschließung des geliebten Wesens dessen Menschenrecht
+mit Füßen tritt, die sich selbst mordet. »Thieß und Peter« ist ein
+Bekenntnisbuch, warm und sprudelnd vom Herzen gespeist. So ist Hans
+Francks schöpferischer Erstling eine starke Hoffnung, die am schönsten
+eingelöst scheint auf gleichem Weg. Hebbels unerbittlicher Geist und
+Otto Ludwigs eherne Erzählerkunst scheinen hier in einem bewegten Kopfe
+unserer Zeit wiedergeboren zu sein, der reiche bleibende Früchte
+verspricht. Die Sprache ist von elastischer Härte und bringt großartige
+Bilder von starker Energie.
+
+_Saale-Zeitung_: Oft, hundertmal, ist die Liebe zweier Männer besungen,
+zerstört, angegriffen worden, niemals in der intensiven Art wie hier.
+Hans Franck ist es gelungen, sein Thema restlos zu durchleben, zu
+erfassen, in sich aufzunehmen, es in die Form der Kunst zu gießen und
+geläutert herauszuschälen. Das Thema selbst hat Franck restlos
+erschöpft, ohne auch nur die geringsten Seitensprünge zu machen. Hatte
+sein Name auch zuvor schon einen guten Klang, so ist Franck mit diesem
+Roman in die Reihe unserer ersten deutschen Dichter gerückt. Der Roman
+wird in der Geschichte des deutschen Romans noch eine Rolle spielen.
+
+
+IM GLEICHEN VERLAG ERSCHIEN FERNER:
+
+GRETE MEISEL-HESS
+DIE INTELLEKTUELLEN
+ROMAN
+
+PREIS BROSCHIERT M. 5-, ELEGANT IN LEINW. M. 6-
+
+_Anna Croissant-Rüst_: Die Disziplin in ihrem Roman und der Aufbau sind
+bewundernswert. Die Helden des Romans, Olga, Stanislaus sind in allen
+Konturen und Linien ungeheuer scharf gezeichnet und wohl geraten. Dr.
+Emmerich, auch Koszinsky sind sehr gute Typen, überhaupt ist ein
+Reichtum von Personen und Ideen in dem Roman, daß sich manche von den
+herkömmlichen Romanmodeschneiderinnen 10 Romane daraus zurechtschneidern
+könnten. Das quillt alles nur so über und ist doch in straffen Banden
+gehalten.
+
+_Neue Freie Presse_. Manfred Wallentin ist in ihr der vorgeahnte Typus
+des Menschen der Zukunft und der Schönheit, der Typus des moralischen
+Übermenschen, im Sinne einer Herrennatur, die Beladene und Bedrückte
+führend durch das Leben geleitet. Die anderen Figuren des Romanes,
+strebende, wankende, strauchelnde und wieder sich erhebende Männer und
+Frauen, verkörpern den Geist dieser Gruppe der Intellektuellen in
+mannigfacher Gestalt. Zu klarem Relief sind die verschiedenen Charaktere
+gearbeitet, ein jeder stellt ein Beispiel - das Typische seiner Art.
+Nirgends groteske Verzerrung oder leichtfertiges Fertigwerden mit
+komplizierten Gedanken. Philosophische, theosophische, soziale
+Erörterungen kommen in streng geführten Dialogen zur Diskussion, wandeln
+sich hier in poetisch wohltuend gemäßigter Form zu pulsendem Leben.
+
+_Neues Wiener Tageblatt_. Frau Meisel-Heß hat sich schon durch ein Werk
+über »Die sexuelle Krise« in die Scharen der sozialreformatorischen
+Streiter gestellt, während sie in ihrer »Stimme«, das ihr feinstes Buch
+bleibt, eine individualistisch vertiefte Studie gibt - jeder
+nachdenkliche moderne Mensch wird den Roman mit großem Interesse lesen.
+
+A. E. FISCHER, Buch- und Kunstdruckerei, GERA-R.
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1912 bei Oesterheld erschienenen Ausgabe erstellt. Die
+nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 019: steigen drei Reketen -> Raketen
+p 022: Zeitungsberichte erkennen liessen. -> ließen
+p 027: [Komma ergänzt] Blatt beugte, »der Flächeninhalt
+p 030: Einen grosszügigen Künstler -> großzügigen
+p 031: lächend wieder aufblickend -> lächelnd
+p 033: dadurch abschliessende Form -> abschließende
+p 035: Paul Seebecks Ichtyosauren -> Ichthyosauren
+p 041: [Anführungszeichen entfernt] »Durch den Schriftsteller -> Durch
+p 044: [Komma ergänzt] daran erinnerte, daß
+p 045: du willst gleieh -> gleich
+p 050: [Vereinheitlicht] im Cafe Stephanie gesessen -> Café
+p 052: auf und abgehend -> auf- und abgehend
+p 054: [Punkt ergänzt] Dann lief er tief errötend aus der Tür.
+p 055: [Anführungszeichen korrigiert] einer von den Unsrigen.«
+p 059: [Zeichen ergänzt] also [ ]in Vorrecht -> ein
+p 058: fuhr erfort[ ], -> er fort,
+p 062: fragte Seebeck die Hand -> fragte Seebeck, die Hand
+p 063: ausgewachene Riesenschildkröte -> ausgewachsene
+p 063: Das es jetzt ... nicht mehr gibt, -> Da
+p 065: bilden kann, ohne das -> daß
+p 067: alle sozialen und sozial-psychologischen Phänomen -> Phänomene
+p 069: Schwäche und Dumheit -> Dummheit
+p 072: Jacob Silberland den geringsten Kummer -> Jakob
+p 075: Rhytmus -> Rhythmus
+p 076: [Anführungszeichen korrigiert] erinnern Sie sich noch?«
+p 089: an Herren Seebeck erlauben -> Herrn
+p 090: Denn wir wissen alles, was wir ihm schulden -> alle
+p 090: [Punkt ergänzt] im Buche der Menschheit stehen.«
+p 092: allerhand Papier zusammen, die -> Papiere
+p 093: [Komma entfernt] fünfhunderteinundzwanzig, Mark.
+p 097: geklatscht und gestrampelt -> getrampelt
+p 106: antworetete der Krüppel -> antwortete
+p 108: [Komma ergänzt] Rechtsstreitigkeiten«, wie [...] ausdrückt
+p 108: alle Steitigkeiten durch -> Streitigkeiten
+p 116: [Vereinheitlicht] Orang-Utans vorfinden«. -> vorfinden.«
+p 122: Arbeit ausführen nnd -> und
+p 122: die wir jetzt darstellen, -> darstellen.
+p 139: [Punkt ergänzt] Schatten auf sie.
+p 145: stand der Krüppel auf; -> auf:
+p 151: [Punkt ergänzt] die sich auf dem Tische befand.
+p 156: Proviant für viezehn Tage -> vierzehn
+p 167: [Anführungszeichen korrigiert] praktische Bedeutung hat?«
+p 183: [Vereinheitlicht] der Vorstandsschaft -> Vorstandschaft
+p 201: [Anführungszeichen korrigiert] »Woher wissen Sie das?«
+p 213: [Vereinheitlicht] Herr Reichkommissar -> Reichskommissar
+p 214: Reipeitsche -> Reitpeitsche
+p 227: ihr auf den Rückwege -> dem
+p 233: [Anführungszeichen korrigiert] »Wir sind verraten.«
+p 233: [Ellipse ergänzt] ausliefern und uns ergeben .. « -> ...«
+p 241: [Punkt ergänzt] Gut, daß Sie kommen.
+p 245: der menschlichen Körper sich -> menschliche
+p 247: Neue Freie Prese -> Presse
+p 248: ERSCHIEN FENRER -> FERNER
+
+Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei
+folgenden Wörtern:
+
+p 011: grinzend
+p 058: Karrikatur
+p 074, 172: endgiltig
+p 178: kennte ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the Oesterheld
+edition, published around 1912. The table below lists all corrections
+applied to the original text.
+
+p 019: steigen drei Reketen -> Raketen
+p 022: Zeitungsberichte erkennen liessen. -> ließen
+p 027: [added comma] Blatt beugte, »der Flächeninhalt
+p 030: Einen grosszügigen Künstler -> großzügigen
+p 031: lächend wieder aufblickend -> lächelnd
+p 033: dadurch abschliessende Form -> abschließende
+p 035: Paul Seebecks Ichtyosauren -> Ichthyosauren
+p 041: [removed quotes] »Durch den Schriftsteller -> Durch
+p 044: [added comma] daran erinnerte, daß
+p 045: du willst gleieh -> gleich
+p 050: [unified] im Cafe Stephanie gesessen -> Café
+p 052: auf und abgehend -> auf- und abgehend
+p 054: [added period] Dann lief er tief errötend aus der Tür.
+p 055: [corrected quotes] einer von den Unsrigen.«
+p 059: [added character] also [ ]in Vorrecht -> ein
+p 058: fuhr erfort[ ], -> er fort,
+p 062: fragte Seebeck die Hand -> fragte Seebeck, die Hand
+p 063: ausgewachene Riesenschildkröte -> ausgewachsene
+p 063: Das es jetzt ... nicht mehr gibt, -> Da
+p 065: bilden kann, ohne das -> daß
+p 067: alle sozialen und sozial-psychologischen Phänomen -> Phänomene
+p 069: Schwäche und Dumheit -> Dummheit
+p 072: Jacob Silberland den geringsten Kummer -> Jakob
+p 075: Rhytmus -> Rhythmus
+p 076: [corrected quotes] erinnern Sie sich noch?«
+p 089: an Herren Seebeck erlauben -> Herrn
+p 090: Denn wir wissen alles, was wir ihm schulden -> alle
+p 090: [added period] im Buche der Menschheit stehen.«
+p 092: allerhand Papier zusammen, die -> Papiere
+p 093: [removed comma] fünfhunderteinundzwanzig, Mark.
+p 097: geklatscht und gestrampelt -> getrampelt
+p 106: antworetete der Krüppel -> antwortete
+p 108: [added comma] Rechtsstreitigkeiten«, wie [...] ausdrückt
+p 108: alle Steitigkeiten durch -> Streitigkeiten
+p 116: [unified] Orang-Utans vorfinden«. -> vorfinden.«
+p 122: Arbeit ausführen nnd -> und
+p 122: die wir jetzt darstellen, -> darstellen.
+p 139: [added period] Schatten auf sie.
+p 145: stand der Krüppel auf; -> auf:
+p 151: [added period] die sich auf dem Tische befand.
+p 156: Proviant für viezehn Tage -> vierzehn
+p 167: [corrected quotes] praktische Bedeutung hat?«
+p 183: [unified] der Vorstandsschaft -> Vorstandschaft
+p 201: [corrected quotes] »Woher wissen Sie das?«
+p 213: [unified] Herr Reichkommissar -> Reichskommissar
+p 214: Reipeitsche -> Reitpeitsche
+p 227: ihr auf den Rückwege -> dem
+p 233: [corrected quotes] »Wir sind verraten.«
+p 233: [completed ellipsis] ausliefern und uns ergeben .. « -> ...«
+p 241: [added period] Gut, daß Sie kommen.
+p 245: der menschlichen Körper sich -> menschliche
+p 247: Neue Freie Prese -> Presse
+p 248: ERSCHIEN FENRER -> FERNER
+
+The original spelling has been maintained throughout the book,
+particularly for the following words:
+
+p 011: grinzend
+p 058: Karrikatur
+p 074, 172: endgiltig
+p 178: kennte ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Phantasten, by Erich von Mendelssohn
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PHANTASTEN ***
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
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+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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