summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/19778-8.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '19778-8.txt')
-rw-r--r--19778-8.txt4098
1 files changed, 4098 insertions, 0 deletions
diff --git a/19778-8.txt b/19778-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..108f2b4
--- /dev/null
+++ b/19778-8.txt
@@ -0,0 +1,4098 @@
+Project Gutenberg's Alice's Abenteuer im Wunderland, by Lewis Carroll
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Alice's Abenteuer im Wunderland
+
+Author: Lewis Carroll
+
+Illustrator: John Tenniel
+
+Translator: Antonie Zimmermann
+
+Release Date: February 28, 2007 [EBook #19778]
+[This file was first posted on November 13, 2006]
+[Last updated: June 22, 2011]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ALICE'S ABENTEUER IM WUNDERLAND ***
+
+
+
+
+Produced by Ralph Janke, David Starner, Marilynda
+Fraser-Cunliffe and the Online Distributed Proofreading
+Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+Alice's Abenteuer
+
+im Wunderland
+
+von
+
+Lewis Carroll.
+
+Aus dem Englischen von Antonie Zimmermann.
+
+
+
+
+Mit zweiundvierzig Illustrationen
+
+von
+
+John Tenniel.
+
+Autorisirte Ausgabe.
+
+
+Leipzig
+
+Johann Friedrich Hartknoch.
+
+Originally published in 1869.
+
+
+
+
+ O schöner, goldner Nachmittag,
+ Wo Flut und Himmel lacht!
+ Von schwacher Kindeshand bewegt,
+ Die Ruder plätschern sacht --
+ Das Steuer hält ein Kindesarm
+ Und lenket unsre Fahrt.
+
+ So fuhren wir gemächlich hin
+ Auf träumerischen Wellen --
+ Doch ach! die drei vereinten sich,
+ Den müden Freund zu quälen --
+ Sie trieben ihn, sie drängten ihn,
+ Ein Mährchen zu erzählen.
+
+ Die erste gab's Commandowort;
+ O schnell, o fange an!
+ Und mach' es so, die Zweite bat,
+ Daß man recht lachen kann!
+ Die Dritte ließ ihm keine Ruh
+ Mit wie? und wo? und wann?
+
+ Jetzt lauschen sie vom Zauberland
+ Der wunderbaren Mähr';
+ Mit Thier und Vogel sind sie bald
+ In freundlichem Verkehr,
+ Und fühlen sich so heimisch dort,
+ Als ob es Wahrheit wär'. --
+
+ Und jedes Mal, wenn Fantasie
+ Dem Freunde ganz versiegt: --
+ »Das Uebrige ein ander Mal!«
+ O nein, sie leiden's nicht.
+ »»Es ist ja schon ein ander Mal!«« --
+ So rufen sie vergnügt.
+
+ So ward vom schönen Wunderland
+ Das Märchen ausgedacht,
+ So langsam Stück für Stück erzählt,
+ Beplaudert und belacht,
+ Und froh, als es zu Ende war,
+ Der Weg nach Haus gemacht.
+
+ Alice! o nimm es freundlich an!
+ Leg' es mit güt'ger Hand
+ Zum Strauße, den Erinnerung
+ Aus Kindheitsträumen band,
+ Gleich welken Blüthen, mitgebracht
+ Aus liebem, fernen Land.
+
+
+
+
+[Der Verfasser wünscht hiermit seine Anerkennung gegen die Uebersetzerin
+auszusprechen, die einige eingestreute Parodien englischer Kinderlieder,
+welche der deutschen Jugend unverständlich gewesen wären, durch
+dergleichen von bekannten deutschen Gedichten ersetzt hat. Ebenso sind
+für die oft unübersetzbaren englischen Wortspiele passende deutsche
+eingeschoben worden, welche das Buch allein der Gewandtheit der
+Uebersetzerin verdankt.]
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+1. Hinunter in den Kaninchenbau 1
+
+2. Der Thränenpfuhl 14
+
+3. Caucus-Rennen, und was daraus wird 27
+
+4. Die Wohnung des Kaninchens 39
+
+5. Guter Rath von einer Raupe 55
+
+6. Ferkel und Pfeffer 71
+
+7. Die tolle Theegesellschaft 88
+
+8. Das Croquetfeld der Königin 104
+
+9. Die Geschichte der falschen Schildkröte 121
+
+10. Das Hummerballet 137
+
+11. Wer hat die Kuchen gestohlen? 150
+
+12. Alice ist die Klügste 163
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+Hinunter in den Kaninchenbau.
+
+
+Alice fing an sich zu langweilen; sie saß schon lange bei ihrer
+Schwester am Ufer und hatte nichts zu thun. Das Buch, das ihre Schwester
+las, gefiel ihr nicht; denn es waren weder Bilder noch Gespräche darin.
+»Und was nützen Bücher,« dachte Alice, »ohne Bilder und Gespräche?«
+
+Sie überlegte sich eben, (so gut es ging, denn sie war schläfrig und
+dumm von der Hitze,) ob es der Mühe werth sei aufzustehen und
+Gänseblümchen zu pflücken, um eine Kette damit zu machen, als plötzlich
+ein weißes Kaninchen mit rothen Augen dicht an ihr vorbeirannte.
+
+Dies war grade nicht _sehr_ merkwürdig; Alice fand es auch nicht _sehr_
+außerordentlich, daß sie das Kaninchen sagen hörte: »O weh, o weh! Ich
+werde zu spät kommen!« (Als sie es später wieder überlegte, fiel ihr
+ein, daß sie sich darüber hätte wundern sollen, doch zur Zeit kam es ihr
+Alles ganz natürlich vor.) Aber als das Kaninchen _seine Uhr aus der
+Westentasche zog_, nach der Zeit sah und eilig fortlief, sprang Alice
+auf; denn es war ihr doch noch nie vorgekommen, ein Kaninchen mit einer
+Westentasche und eine Uhr darin zu sehen. Vor Neugierde brennend, rannte
+sie ihm nach, über den Grasplatz, und kam noch zur rechten Zeit, um es
+in ein großes Loch unter der Hecke schlüpfen zu sehen.
+
+Den nächsten Augenblick war sie ihm nach in das Loch hineingesprungen,
+ohne zu bedenken, wie in aller Welt sie wieder herauskommen könnte.
+
+Der Eingang zum Kaninchenbau lief erst geradeaus, wie ein Tunnel und
+ging dann plötzlich abwärts; ehe Alice noch den Gedanken fassen konnte
+sich schnell festzuhalten, fühlte sie schon, daß sie fiel, wie es
+schien, in einen tiefen, tiefen Brunnen.
+
+Entweder mußte der Brunnen sehr tief sein, oder sie fiel sehr langsam;
+denn sie hatte Zeit genug, sich beim Fallen umzusehen und sich zu
+wundern, was nun wohl geschehen würde. Zuerst versuchte sie hinunter zu
+sehen, um zu wissen wohin sie käme, aber es war zu dunkel etwas zu
+erkennen. Da besah sie die Wände des Brunnens und bemerkte, daß sie mit
+Küchenschränken und Bücherbrettern bedeckt waren; hier und da erblickte
+sie Landkarten und Bilder, an Haken aufgehängt. Sie nahm im Vorbeifallen
+von einem der Bretter ein Töpfchen mit der Aufschrift: »_Eingemachte
+Apfelsinen_«, aber zu ihrem großen Verdruß war es leer. Sie wollte es
+nicht fallen lassen, aus Furcht Jemand unter sich zu tödten; und es
+gelang ihr, es in einen andern Schrank, an dem sie vorbeikam, zu
+schieben.
+
+»Nun!« dachte Alice bei sich, »nach einem solchen Fall werde ich mir
+nichts daraus machen, wenn ich die Treppe hinunter stolpere. Wie muthig
+sie mich zu Haus finden werden! Ich würde nicht viel Redens machen, wenn
+ich selbst von der Dachspitze hinunter fiele!« (Was sehr wahrscheinlich
+war.)
+
+Hinunter, hinunter, hinunter! Wollte denn der Fall nie endigen? »Wie
+viele Meilen ich wohl jetzt gefallen bin!« sagte sie laut. »Ich muß
+ungefähr am Mittelpunkt der Erde sein. Laß sehen: das wären achthundert
+und funfzig Meilen, glaube ich --« (denn ihr müßt wissen, Alice hatte
+dergleichen in der Schule gelernt, und obgleich dies keine _sehr_ gute
+Gelegenheit war, ihre Kenntnisse zu zeigen, da Niemand zum Zuhören da
+war, so übte sie es sich doch dabei ein) -- »ja, das ist ungefähr die
+Entfernung; aber zu welchem Länge- und Breitegrade ich wohl gekommen
+sein mag?« (Alice hatte nicht den geringsten Begriff, was weder
+Längegrad noch Breitegrad war; doch klangen ihr die Worte großartig und
+nett zu sagen.)
+
+Bald fing sie wieder an. »Ob ich wohl ganz durch die Erde fallen werde!
+Wie komisch das sein wird, bei den Leuten heraus zu kommen, die auf dem
+Kopfe gehen! die Antipathien, glaube ich.« (Diesmal war es ihr ganz
+lieb, daß Niemand zuhörte, denn das Wort klang ihr gar nicht recht.)
+»Aber natürlich werde ich sie fragen müssen, wie das Land heißt. Bitte,
+liebe Dame, ist dies Neu-Seeland oder Australien?« (Und sie versuchte
+dabei zu knixen, -- denkt doch, knixen, wenn man durch die Luft fällt!
+Könntet ihr das fertig kriegen?) »Aber sie werden mich für ein
+unwissendes kleines Mädchen halten, wenn ich frage! Nein, es geht nicht
+an zu fragen; vielleicht sehe ich es irgendwo angeschrieben.«
+
+Hinunter, hinunter, hinunter! Sie konnte nichts weiter thun, also fing
+_Alice_ bald wieder zu sprechen an. »_Dinah_ wird mich gewiß heut Abend
+recht suchen!« (_Dinah_ war die Katze.) »Ich hoffe, sie werden ihren Napf
+Milch zur Theestunde nicht vergessen. _Dinah!_ Mies! ich wollte, du wärest
+hier unten bei mir. Mir ist nur bange, es giebt keine Mäuse in der Luft;
+aber du könntest einen Spatzen fangen; die wird es hier in der Luft wohl
+geben, glaubst du nicht? Und Katzen fressen doch Spatzen?« Hier wurde
+Alice etwas schläfrig und redete halb im Traum fort. »Fressen Katzen
+gern Spatzen? Fressen Katzen gern Spatzen? Fressen Spatzen gern Katzen?«
+Und da ihr Niemand zu antworten brauchte, so kam es gar nicht darauf
+an, wie sie die Frage stellte. Sie fühlte, daß sie einschlief und hatte
+eben angefangen zu träumen, sie gehe Hand in Hand mit _Dinah_ spazieren,
+und frage sie ganz ernsthaft: »Nun, _Dinah_, sage die Wahrheit, hast du je
+einen Spatzen gefressen?« da mit einem Male, plump! plump! kam sie auf
+einen Haufen trocknes Laub und Reisig zu liegen, -- und der Fall war aus.
+
+Alice hatte sich gar nicht weh gethan. Sie sprang sogleich auf und sah
+in die Höhe; aber es war dunkel über ihr. Vor ihr lag ein zweiter langer
+Gang, und sie konnte noch eben das weiße Kaninchen darin entlang laufen
+sehen. Es war kein Augenblick zu verlieren: fort rannte Alice wie der
+Wind, und hörte es gerade noch sagen, als es um eine Ecke bog: »O, Ohren
+und Schnurrbart, wie spät es ist!« Sie war dicht hinter ihm, aber als
+sie um die Ecke bog, da war das Kaninchen nicht mehr zu sehen. Sie
+befand sich in einem langen, niedrigen Corridor, der durch eine Reihe
+Lampen erleuchtet war, die von der Decke herabhingen.
+
+Zu beiden Seiten des Corridors waren Thüren; aber sie waren alle
+verschlossen. Alice versuchte jede Thür erst auf einer Seite, dann auf
+der andern; endlich ging sie traurig in der Mitte entlang, überlegend,
+wie sie je heraus kommen könnte.
+
+Plötzlich stand sie vor einem kleinen dreibeinigen Tische, _ganz von
+dickem Glas_. Es war nichts darauf als ein winziges goldenes
+Schlüsselchen, und _Alice's_ erster Gedanke war, dies möchte zu einer der
+Thüren des Corridors gehören. Aber ach! entweder waren die Schlösser zu
+groß, oder der Schlüssel war zu klein; kurz, er paßte zu keiner
+einzigen. Jedoch, als sie das zweite Mal herum ging, kam sie an einen
+niedrigen Vorhang, den sie vorher nicht bemerkt hatte, und dahinter war
+eine Thür, ungefähr funfzehn Zoll hoch. Sie steckte das goldene
+Schlüsselchen in's Schlüsselloch, und zu ihrer großen Freude paßte es.
+
+Alice schloß die Thür auf und fand, daß sie zu einem kleinen Gange
+führte, nicht viel größer als ein Mäuseloch. Sie kniete nieder und sah
+durch den Gang in den reizendsten Garten, den man sich denken kann. Wie
+wünschte sie, aus dem dunkeln Corridor zu gelangen, und unter den bunten
+Blumenbeeten und kühlen Springbrunnen umher zu wandern; aber sie konnte
+kaum den Kopf durch den Eingang stecken. »Und wenn auch mein Kopf
+hindurch ginge,« dachte die arme Alice, »was würde es nützen ohne die
+Schultern. O, ich möchte mich zusammenschieben können wie ein Teleskop!
+Das geht gewiß, wenn ich nur wüßte, wie man es anfängt.« Denn es war
+kürzlich so viel Merkwürdiges mit ihr vorgegangen, daß Alice anfing zu
+glauben, es sei fast nichts unmöglich.
+
+[Illustration]
+
+Es schien ihr ganz unnütz, länger bei der kleinen Thür zu warten. Daher
+ging sie zum Tisch zurück, halb und halb hoffend, sie würde noch einen
+Schlüssel darauf finden, oder jedenfalls ein Buch mit Anweisungen, wie
+man sich als Teleskop zusammenschieben könne. Diesmal fand sie ein
+Fläschchen darauf. »Das gewiß vorhin nicht hier stand,« sagte Alice; und
+um den Hals des Fläschchens war ein Zettel gebunden, mit den Worten
+»_Trinke mich!_« wunderschön in großen Buchstaben drauf gedruckt.
+
+[Illustration]
+
+Es war bald gesagt, »Trinke mich«, aber die altkluge kleine Alice wollte
+sich damit nicht übereilen. »Nein, ich werde erst nachsehen,« sprach
+sie, »ob ein Todtenkopf darauf ist oder nicht.« Denn sie hatte mehre
+hübsche Geschichten gelesen von Kindern, die sich verbrannt hatten oder
+sich von wilden Thieren hatten fressen lassen, und in andere unangenehme
+Lagen gerathen waren, nur weil sie nicht an die Warnungen dachten, die
+ihre Freunde ihnen gegeben hatten; zum Beispiel, daß ein rothglühendes
+Eisen brennt, wenn man es anfaßt; und daß wenn man sich mit einem
+Messer tief in den Finger schneidet, es gewöhnlich blutet. Und sie hatte
+nicht vergessen, daß wenn man viel aus einer Flasche mit einem
+Todtenkopf darauf trinkt, es einem unfehlbar schlecht bekommt.
+
+Diese Flasche jedoch hatte keinen Todtenkopf. Daher wagte Alice zu
+kosten; und da es ihr gut schmeckte (es war eigentlich wie ein Gemisch
+von Kirschkuchen, Sahnensauce, Ananas, Putenbraten, Naute und Armen
+Rittern), so trank sie die Flasche aus.
+
+ * * * * *
+
+»Was für ein komisches Gefühl!« sagte Alice. »Ich gehe gewiß zu wie ein
+Teleskop.«
+
+Und so war es in der That: jetzt war sie nur noch zehn Zoll hoch, und
+ihr Gesicht leuchtete bei dem Gedanken, daß sie nun die rechte Höhe
+habe, um durch die kleine Thür in den schönen Garten zu gehen. Doch
+erst wartete sie einige Minuten, ob sie noch mehr einschrumpfen werde.
+Sie war einigermaßen ängstlich; »denn es könnte damit aufhören,« sagte
+Alice zu sich selbst, »daß ich ganz ausginge, wie ein Licht. Mich
+wundert, wie ich dann aussähe?« Und sie versuchte sich vorzustellen, wie
+die Flamme von einem Lichte aussieht, wenn das Licht ausgeblasen ist;
+aber sie konnte sich nicht erinnern, dies je gesehen zu haben.
+
+Nach einer Weile, als sie merkte daß weiter nichts geschah, beschloß
+sie, gleich in den Garten zu gehen. Aber, arme Alice! als sie an die
+Thür kam, hatte sie das goldene Schlüsselchen vergessen. Sie ging nach
+dem Tische zurück, es zu holen, fand aber, daß sie es unmöglich
+erreichen konnte. Sie sah es ganz deutlich durch das Glas, und sie gab
+sich alle Mühe an einem der Tischfüße hinauf zu klettern, aber er war zu
+glatt; und als sie sich ganz müde gearbeitet hatte, setzte sich das
+arme, kleine Ding hin und weinte.
+
+»Still, was nützt es so zu weinen!« sagte Alice ganz böse zu sich
+selbst; »ich rathe dir, den Augenblick aufzuhören!« Sie gab sich oft
+sehr guten Rath (obgleich sie ihn selten befolgte), und manchmal schalt
+sie sich selbst so strenge, daß sie sich zum Weinen brachte; und
+einmal, erinnerte sie sich, hatte sie versucht sich eine Ohrfeige zu
+geben, weil sie im Croquet betrogen hatte, als sie gegen sich selbst
+spielte; denn dieses eigenthümliche Kind stellte sehr gern zwei Personen
+vor. »Aber jetzt hilft es zu nichts,« dachte die arme Alice, »zu thun
+als ob ich zwei verschiedene Personen wäre. Ach! es ist ja kaum genug
+von mir übrig zu _einer_ anständigen Person!«
+
+Bald fiel ihr Auge auf eine kleine Glasbüchse, die unter dem Tische lag;
+sie öffnete sie und fand einen sehr kleinen Kuchen darin, auf welchem
+die Worte »_Iß mich!_« schön in kleinen Rosinen geschrieben standen. »Gut,
+ich will ihn essen,« sagte Alice, »und wenn ich davon größer werde, so
+kann ich den Schlüssel erreichen; wenn ich aber kleiner davon werde, so
+kann ich unter der Thür durchkriechen. So, auf jeden Fall, gelange ich
+in den Garten, -- es ist mir einerlei wie.«
+
+Sie aß ein Bißchen, und sagte neugierig zu sich selbst: »Aufwärts oder
+abwärts?« Dabei hielt sie die Hand prüfend auf ihren Kopf und war ganz
+erstaunt zu bemerken, daß sie dieselbe Größe behielt. Freilich geschieht
+dies gewöhnlich, wenn man Kuchen ißt; aber Alice war schon so an
+wunderbare Dinge gewöhnt, daß es ihr ganz langweilig schien, wenn das
+Leben so natürlich fortging.
+
+Sie machte sich also daran, und verzehrte den Kuchen völlig.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+Der Thränenpfuhl.
+
+
+[Illustration]
+
+»Verquerer und verquerer!« rief Alice. (Sie war so überrascht, daß sie
+im Augenblick ihre eigene _Sprache ganz vergaß_.) »Jetzt werde ich
+auseinander geschoben wie das längste Teleskop das es je gab! Lebt wohl,
+Füße!« (Denn als sie auf ihre Füße hinabsah, konnte sie sie kaum mehr zu
+Gesicht bekommen, so weit fort waren sie schon.) »O meine armen Füßchen!
+wer euch wohl nun Schuhe und Strümpfe anziehen wird, meine Besten? denn
+ich kann es unmöglich thun! Ich bin viel zu weit ab, um mich mit euch
+abzugeben! ihr müßt sehen, wie ihr fertig werdet. Aber gut muß ich zu
+ihnen sein,« dachte Alice, »sonst gehen sie vielleicht nicht, wohin ich
+gehen möchte. Laß mal sehen: ich will ihnen jeden Weihnachten ein Paar
+neue Stiefel schenken.«
+
+Und sie dachte sich aus, wie sie das anfangen würde. »Sie müssen per
+Fracht gehen,« dachte sie; »wie drollig es sein wird, seinen eignen
+Füßen ein Geschenk zu schicken! und wie komisch die Adresse aussehen
+wird! --
+
+ _An_
+ _Alice's rechten Fuß, Wohlgeboren,_
+ _Fußteppich,_
+ _nicht weit vom Kamin,_
+ _mit Alice's Grüßen_.
+
+»Oh, was für Unsinn ich schwatze!«
+
+Gerade in dem Augenblick stieß sie mit dem Kopf an die Decke: sie war in
+der That über neun Fuß groß. Und sie nahm sogleich den kleinen goldenen
+Schlüssel auf und rannte nach der Gartenthür.
+
+Arme Alice! das Höchste was sie thun konnte war, auf der Seite liegend,
+mit einem Auge nach dem Garten hinunterzusehen; aber an Durchgehen war
+weniger als je zu denken. Sie setzte sich hin und fing wieder an zu
+weinen.
+
+»Du solltest dich schämen,« sagte Alice, »solch großes Mädchen« (da
+hatte sie wohl recht) »noch so zu weinen! Höre gleich auf, sage ich
+dir!« Aber sie weinte trotzdem fort, und vergoß Thränen eimerweise, bis
+sich zuletzt ein großer Pfuhl um sie bildete, ungefähr vier Zoll tief
+und den halben Corridor lang.
+
+Nach einem Weilchen hörte sie Schritte in der Entfernung und trocknete
+schnell ihre Thränen, um zu sehen wer es sei. Es war das weiße
+Kaninchen, das prachtvoll geputzt zurückkam, mit einem Paar weißen
+Handschuhen in einer Hand und einen Fächer in der andern. Es trippelte
+in großer Eile entlang vor sich hin redend: »Oh! die Herzogin, die
+Herzogin! die wird mal außer sich sein, wenn ich sie warten lasse!«
+Alice war so rathlos, daß sie Jeden um Hülfe angerufen hätte. Als das
+Kaninchen daher in ihre Nähe kam, fing sie mit leiser, schüchterner
+Stimme an: »Bitte, lieber Herr. --« Das Kaninchen fuhr zusammen, ließ
+die weißen Handschuhe und den Fächer fallen und lief davon in die Nacht
+hinein, so schnell es konnte.
+
+[Illustration]
+
+Alice nahm den Fächer und die Handschuhe auf, und da der Gang sehr heiß
+war, fächelte sie sich, während sie so zu sich selbst sprach:
+»Wunderbar! -- wie seltsam heute Alles ist! Und gestern war es ganz wie
+gewöhnlich. Ob ich wohl in der Nacht umgewechselt worden bin? Laß mal
+sehen: war ich dieselbe, als ich heute früh aufstand? Es kommt mir fast
+vor, als hätte ich wie eine Veränderung in mir gefühlt. Aber wenn ich
+nicht dieselbe bin, dann ist die Frage: wer in aller Welt bin ich? Ja,
+das ist das Räthsel!« So ging sie in Gedanken alle Kinder ihres Alters
+durch, die sie kannte, um zu sehen, ob sie in eins davon verwandelt
+wäre.
+
+»Ich bin sicherlich nicht Ida,« sagte sie, »denn die trägt lange Locken,
+und mein Haar ist gar nicht lockig; und bestimmt kann ich nicht Clara
+sein, denn ich weiß eine ganze Menge, und sie, oh! sie weiß so sehr
+wenig! Außerdem, sie ist sie selbst, und ich bin ich, und, o wie confus
+es Alles ist! Ich will versuchen, ob ich noch Alles weiß, was ich sonst
+wußte. Laß sehen: vier mal fünf ist zwölf, und vier mal sechs ist
+dreizehn, und vier mal sieben ist -- o weh! auf die Art komme ich nie
+bis zwanzig! Aber, das Einmaleins hat nicht so viel zu sagen; ich will
+Geographie nehmen. London ist die Hauptstadt von Paris, und Paris ist
+die Hauptstadt von Rom, und Rom -- nein, ich wette, das ist Alles
+falsch! Ich muß in Clara verwandelt sein! Ich will doch einmal sehen, ob
+ich sagen kann: »Bei einem Wirthe --« und sie faltete sie Hände, als ob
+sie ihrer Lehrerin hersagte, und fing an; aber ihre Stimme klang rauh
+und ungewohnt, und die Worte kamen nicht wie sonst: --
+
+ »Bei einem Wirthe, wunderwild,
+ Da war ich jüngst zu Gaste,
+ Ein Bienennest das war sein Schild
+ In einer braunen Tatze.
+
+ Es war der grimme Zottelbär,
+ Bei dem ich eingekehret;
+ Mit süßem Honigseim hat er
+ Sich selber wohl genähret!«
+
+»Das kommt mir gar nicht richtig vor,« sagte die arme Alice, und Thränen
+kamen ihr in die Augen, als sie weiter sprach: »Ich muß doch Clara sein,
+und ich werde in dem alten kleinen Hause wohnen müssen, und beinah keine
+Spielsachen zum Spielen haben, und ach! so viel zu lernen! Nein, das
+habe ich mir vorgenommen: wenn ich Clara bin, will ich hier unten
+bleiben! Es soll ihnen nichts helfen, wenn sie die Köpfe
+zusammenstecken und herunter rufen: »Komm wieder herauf, Herzchen!« Ich
+will nur hinauf sehen und sprechen: wer bin ich denn? Sagt mir das erst,
+und dann, wenn ich die Person gern bin, will ich kommen; wo nicht, so
+will ich hier unten bleiben, bis ich jemand Anderes bin. -- Aber o weh!«
+schluchzte Alice plötzlich auf, »ich wünschte, sie sähen herunter! Es
+ist mir so langweilig, hier ganz allein zu sein!«
+
+Als sie so sprach, sah sie auf ihre Hände hinab und bemerkte mit
+Erstaunen, daß sie beim Reden einen von den weißen Glacee-Handschuhen
+des Kaninchens angezogen hatte. »Wie habe ich das nur angefangen?«
+dachte sie. »Ich muß wieder klein geworden sein.« Sie stand auf, ging
+nach dem Tische, um sich daran zu messen, und fand, daß sie noch
+ungefähr zwei Fuß hoch sei, dabei schrumpfte sie noch zusehends ein: sie
+merkte bald, daß die Ursache davon der Fächer war, den sie hielt; sie
+warf ihn schnell hin, noch zur rechten Zeit, sich vor gänzlichem
+Verschwinden zu retten.
+
+»Das war glücklich davon gekommen!« sagte Alice, sehr erschrocken über
+die plötzliche Veränderung, aber froh, daß sie noch existirte; »und nun
+in den Garten!« und sie lief eilig nach der kleinen Thür: aber ach! die
+kleine Thür war wieder verschlossen und das goldene Schlüsselchen lag
+auf dem Glastische wie vorher. »Und es ist schlimmer als je,« dachte das
+arme Kind, »denn so klein bin ich noch nie gewesen, nein, nie! Und ich
+sage, es ist zu schlecht, ist es!«
+
+[Illustration]
+
+Wie sie diese Worte sprach, glitt sie aus, und den nächsten Augenblick,
+platsch! fiel sie bis an's Kinn in Salzwasser. Ihr erster Gedanke war,
+sie sei in die See gefallen, »und in dem Fall kann ich mit der Eisenbahn
+zurückreisen,« sprach sie bei sich. (Alice war einmal in ihrem Leben an
+der See gewesen und war zu dem allgemeinen Schluß gelangt, daß wo man
+auch an's Seeufer kommt, man eine Anzahl Bademaschinen im Wasser
+findet, Kinder, die den Sand mit hölzernen Spaten aufgraben, dann eine
+Reihe Wohnhäuser und dahinter eine Eisenbahn-Station); doch merkte sie
+bald, daß sie sich in dem Thränenpfuhl befand, den sie geweint hatte,
+als sie neun Fuß hoch war.
+
+»Ich wünschte, ich hätte nicht so sehr geweint!« sagte Alice, als sie
+umherschwamm und sich herauszuhelfen suchte; »jetzt werde ich wohl dafür
+bestraft werden und in meinen eigenen Thränen ertrinken! Das _wird_
+sonderbar sein, das! Aber Alles ist heut so sonderbar.«
+
+In dem Augenblicke hörte sie nicht weit davon etwas in dem Pfuhle
+plätschern, und sie schwamm danach, zu sehen was es sei: erst glaubte
+sie, es müsse ein Wallroß oder ein Nilpferd sein; dann aber besann sie
+sich, wie klein sie jetzt war, und merkte bald, daß es nur eine Maus
+sei, die wie sie hineingefallen war.
+
+»Würde es wohl etwas nützen,« dachte Alice, »diese Maus anzureden? Alles
+ist so wunderlich hier unten, daß ich glauben möchte, sie kann sprechen;
+auf jeden Fall habe ich das Fragen umsonst.« Demnach fing sie an: »O
+Maus, weißt du, wie man aus diesem Pfuhle gelangt, ich bin von dem
+Herumschwimmen ganz müde, o Maus!« (Alice dachte, so würde eine Maus
+richtig angeredet; sie hatte es zwar noch nie gethan, aber sie erinnerte
+sich ganz gut, in ihres Bruders lateinischer Grammatik gelesen zu haben
+»Eine Maus -- einer Maus -- einer Maus -- eine Maus -- o Maus!«) Die
+Maus sah sie etwas neugierig an und schien ihr mit dem einen Auge zu
+blinzeln, aber sie sagte nichts.
+
+»Vielleicht versteht sie nicht Englisch,« dachte Alice, »es ist
+vielleicht eine französische Maus, die mit Wilhelm dem Eroberer herüber
+gekommen ist« (denn, trotz ihrer Geschichtskenntiß hatte Alice keinen
+ganz klaren Begriff, wie lange irgend ein Ereigniß her sei). Sie fing
+also wieder an: »=Où est ma chatte?=« was der erste Satz in ihrem
+französischen Conversationsbuche war. Die Maus sprang hoch auf aus dem
+Wasser, und schien vor Angst am ganzen Leibe zu beben. »O, ich bitte um
+Verzeihung!« rief Alice schnell, erschrocken, daß sie das arme Thier
+verletzt habe. »Ich hatte ganz vergessen, daß Sie Katzen nicht mögen.«
+
+»Katzen nicht mögen!« schrie die Maus mit kreischender, wüthender
+Stimme. »Würdest du Katzen mögen, wenn du an meiner Stelle wärest?«
+
+[Illustration]
+
+»Nein, wohl kaum,« sagte Alice in zuredendem Tone: »sei nicht mehr böse
+darüber. Und doch möchte ich dir unsere Katze Dinah zeigen können. Ich
+glaube, du würdest Geschmack für Katzen bekommen, wenn du sie nur sehen
+könntest. Sie ist ein so liebes ruhiges Thier,« sprach Alice fort, halb
+zu sich selbst, wie sie gemüthlich im Pfuhle daherschwamm; »sie sitzt
+und spinnt so nett beim Feuer, leckt sich die Pfoten und wäscht sich das
+Schnäuzchen -- und sie ist so hübsch weich auf dem Schoß zu haben -- und
+sie ist solch famoser Mäusefänger -- oh, ich bitte um Verzeihung!« sagte
+Alice wieder, denn diesmal sträubte sich das ganze Fell der armen Maus,
+und Alice dachte, sie müßte sicherlich sehr beleidigt sein. »Wir wollen
+nicht mehr davon reden, wenn du es nicht gern hast.«
+
+»Wir, wirklich!« entgegnete die Maus, die bis zur Schwanzspitze
+zitterte. »Als ob ich je über solchen Gegenstand spräche! Unsere Familie
+hat von jeher Katzen verabscheut: häßliche, niedrige, gemeine Dinger!
+Laß mich ihren Namen nicht wieder hören!«
+
+»Nein, gewiß nicht!« sagte Alice, eifrig bemüht, einen andern Gegenstand
+der Unterhaltung zu suchen. »Magst du -- magst du gern Hunde?« Die Maus
+antwortete nicht, daher fuhr Alice eifrig fort: »Es wohnt ein so
+reizender kleiner Hund nicht weit von unserm Hause. Den möchte ich dir
+zeigen können! Ein kleiner klaräugiger Wachtelhund, weißt du, ach, mit
+solch krausem braunen Fell! Und er apportirt Alles, was man ihm
+hinwirft, und er kann aufrecht stehen und um sein Essen betteln, und so
+viel Kunststücke -- ich kann mich kaum auf die Hälfte besinnen -- und er
+gehört einem Amtmann, weißt du, und er sagt, er ist so nützlich, er ist
+ihm hundert Pfund werth! Er sagt, er vertilgt alle Ratten und -- oh wie
+dumm!« sagte Alice in reumüthigem Tone. »Ich fürchte, ich habe ihr
+wieder weh gethan!« Denn die Maus schwamm so schnell sie konnte von ihr
+fort und brachte den Pfuhl dadurch in förmliche Bewegung.
+
+Sie rief ihr daher zärtlich nach: »Liebes Mäuschen! Komm wieder zurück,
+und wir wollen weder von Katzen noch von Hunden reden, wenn du sie nicht
+gern hast!« Als die Maus das hörte, wandte sie sich um und schwamm
+langsam zu ihr zurück; ihr Gesicht war ganz blaß (vor Aerger, dachte
+Alice), und sie sagte mit leiser, zitternder Stimme: »Komm mit mir an's
+Ufer, da will ich dir meine Geschichte erzählen; dann wirst du
+begreifen, warum ich Katzen und Hunde nicht leiden kann.«
+
+Es war hohe Zeit sich fortzumachen; denn der Pfuhl begann von allerlei
+Vögeln und Gethier zu wimmeln, die hinein gefallen waren: da war eine
+Ente und ein Dodo, ein rother Papagei und ein junger Adler, und mehre
+andere merkwürdige Geschöpfe. Alice führte sie an, und die ganze
+Gesellschaft schwamm an's Ufer.
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+Caucus-Rennen und was daraus wird.
+
+
+Es war in der That eine wunderliche Gesellschaft, die sich am Strande
+versammelte -- die Vögel mit triefenden Federn, die übrigen Thiere mit
+fest anliegendem Fell, Alle durch und durch naß, verstimmt und
+unbehaglich. --
+
+Die erste Frage war, wie sie sich trocknen könnten: es wurde eine
+Berathung darüber gehalten, und nach wenigen Minuten kam es Alice
+ganz natürlich vor, vertraulich mit ihnen zu schwatzen, als ob sie
+sie ihr ganzes Leben gekannt hätte. Sie hatte sogar eine lange
+Auseinandersetzung mit dem Papagei, der zuletzt brummig wurde und nur
+noch sagte: »ich bin älter als du und muß es besser wissen;« dies wollte
+Alice nicht zugeben und fragte nach seinem Alter, und da der Papagei es
+durchaus nicht sagen wollte, so blieb die Sache unentschieden.
+
+Endlich rief die Maus, welche eine Person von Gewicht unter ihnen zu
+sein schien: »Setzt euch, ihr Alle, und hört mir zu! ich will euch bald
+genug trocken machen!« Alle setzten sich sogleich in einen großen Kreis
+nieder, die Maus in der Mitte. Alice hatte die Augen erwartungsvoll auf
+sie gerichtet, denn sie war überzeugt, sie werde sich entsetzlich
+erkälten, wenn sie nicht sehr bald trocken würde.
+
+»Hm!« sagte die Maus mit wichtiger Miene, »seid ihr Alle so weit? Es ist
+das Trockenste, worauf ich mich besinnen kann. Alle still, wenn ich
+bitten darf! -- Wilhelm der Eroberer, dessen Ansprüche vom Papste
+begünstigt wurden, fand bald Anhang unter den Engländern, die einen
+Anführer brauchten, und die in jener Zeit sehr an Usurpation und
+Eroberungen gewöhnt waren. Edwin und Morcar, Grafen von Mercia und
+Northumbria --«
+
+»_Oooh_!« gähnte der Papagei und schüttelte sich.
+
+»Bitte um Verzeihung!« sprach die Maus mit gerunzelter Stirne, aber sehr
+höflich; »bemerkten Sie etwas?«
+
+»Ich nicht!« erwiederte schnell der Papagei.
+
+»Es kam mir so vor,« sagte die Maus. -- »Ich fahre fort: Edwin und
+Morcar, Grafen von Mercia und Northumbria, erklärten sich für ihn; und
+selbst Stigand, der patriotische Erzbischof von Canterbury fand es
+rathsam --«
+
+»Fand _was_?« unterbrach die Ente.
+
+»Fand _es_,« antwortete die Maus ziemlich aufgebracht: »du wirst doch wohl
+wissen, was _es_ bedeutet.«
+
+»Ich weiß sehr wohl, was _es_ bedeutet, wenn _ich_ etwas finde«, sagte die
+Ente: »_es_ ist gewöhnlich ein Frosch oder ein Wurm. Die Frage ist, was
+fand der Erzbischof?«
+
+Die Maus beachtete die Frage nicht, sondern fuhr hastig fort: -- »fand
+es rathsam, von Edgar Atheling begleitet, Wilhelm entgegen zu gehen und
+ihm die Krone anzubieten. Wilhelms Benehmen war zuerst gemäßigt, aber
+die Unverschämtheit der Normannen -- wie steht's jetzt, Liebe?« fuhr sie
+fort, sich an Alice wendend.
+
+»Noch ganz eben so naß,« sagte Alice schwermüthig; »es scheint mich gar
+nicht trocken zu machen.«
+
+»In dem Fall,« sagte der Dodo feierlich, indem er sich erhob, »stelle
+ich den Antrag, daß die Versammlung sich vertage und zur unmittelbaren
+Anwendung von wirksameren Mitteln schreite.«
+
+»Sprich deutlich!« sagte der Adler. »Ich verstehe den Sinn von deinen
+langen Wörtern nicht, und ich wette, du auch nicht!« Und der Adler
+bückte sich, um ein Lächeln zu verbergen; einige der andern Vögel
+kicherten hörbar.
+
+»Was sich sagen wollte,« sprach der Dodo in gereiztem Tone, »war, daß
+das beste Mittel uns zu trocknen ein Caucus-Rennen wäre.«
+
+»Was ist ein Caucus-Rennen?« sagte Alice, nicht daß ihr viel daran lag
+es zu wissen; aber der Dodo hatte angehalten, als ob er eine Frage
+erwarte, und Niemand anders schien aufgelegt zu reden.
+
+»Nun,« meinte der Dodo, »die beste Art, es zu erklären, ist, es zu
+spielen.« (Und da ihr vielleicht das Spiel selbst einen
+Winter-Nachmittag versuchen möchtet, so will ich erzählen, wie der Dodo
+es anfing.)
+
+Erst bezeichnete er die Bahn, eine Art Kreis (»es kommt nicht genau auf
+die Form an,« sagte er), und dann wurde die ganze Gesellschaft hier und
+da auf der Bahn aufgestellt. Es wurde kein »eins, zwei drei, fort!«
+gezählt, sondern sie fingen an zu laufen wenn es ihnen einfiel, hörten
+auf wie es ihnen einfiel, so daß es nicht leicht zu entscheiden war,
+wann das Rennen zu Ende war. Als sie jedoch ungefähr eine halbe Stunde
+gerannt und vollständig getrocknet waren, rief der Dodo plötzlich: »Das
+Rennen ist aus!« und sie drängten sich um ihn, außer Athem, mit der
+Frage: »Aber wer hat gewonnen?«
+
+Diese Frage konnte der Dodo nicht ohne tiefes Nachdenken beantworten,
+und er saß lange mit einem Finger an die Stirn gelegt (die Stellung, in
+der ihr meistens Shakespeare in seinen Bildern seht), während die
+Uebrigen schweigend auf ihn warteten. Endlich sprach der Dodo: »Jeder
+hat gewonnen, und Alle sollen Preise haben.«
+
+»Aber wer soll die Preise geben?« fragte ein ganzer Chor von Stimmen.
+
+»Versteht sich, sie!« sagte der Dodo, mit dem Finger auf Alice zeigend,
+und sogleich umgab sie die ganze Gesellschaft, Alle durch einander
+rufend: »Preise Preise!«
+
+Alice wußte nicht im Geringsten, was da zu thun sei; in ihrer
+Verzweiflung fuhr sie mit der Hand in die Tasche und zog eine Schachtel
+Zuckerplätzchen hervor (glücklicherweise war das Salzwasser nicht hinein
+gedrungen); die vertheilte sie als Preise. Sie reichten gerade herum,
+eins für Jeden.
+
+»Aber sie selbst muß auch einen Preis bekommen, wißt ihr,« sagte die
+Maus.
+
+»Versteht sich,« entgegnete der Dodo ernst. »Was hast du noch in der
+Tasche?« fuhr er zu Alice gewandt fort.
+
+»Nur einen Fingerhut,« sagte Alice traurig.
+
+»Reiche ihn mir herüber,« versetzte der Dodo. Darauf versammelten sich
+wieder Alle um sie, während der Dodo ihr den Fingerhut feierlich
+überreichte, mit den Worten: »Wir bitten, Sie wollen uns gütigst mit der
+Annahme dieses eleganten Fingerhutes beehren;« und als er diese kurze
+Rede beendigt hatte, folgte allgemeines Beifallklatschen.
+
+[Illustration]
+
+Alice fand dies Alles höchst albern; aber die ganze Gesellschaft sah so
+ernst aus, daß sie sich nicht zu lachen getraute, und da ihr keine
+passende Antwort einfiel, verbeugte sie sich einfach und nahm den
+Fingerhut ganz ehrbar in Empfang.
+
+Nun mußten zunächst die Zuckerplätzchen verzehrt werden, was nicht wenig
+Lärm und Verwirrung hervorrief; die großen Vögel nämlich beklagten sich,
+daß sie nichts schmecken konnten, die kleinen aber verschluckten sich
+und mußten auf den Rücken geklopft werden. Endlich war auch dies
+vollbracht, und Alle setzten sich im Kreis herum und drangen in das
+Mäuslein, noch etwas zu erzählen.
+
+»Du hast mir deine Geschichte versprochen,« sagte Alice -- »und woher es
+kommt, daß du K. und H. nicht leiden kannst,« fügte sie leise hinzu, um
+nur das niedliche Thierchen nicht wieder böse zu machen.
+
+»Ach,« seufzte das Mäuslein, »ihr macht euch ja aus meinem Erzählen doch
+nichts; ich bin euch mit meiner Geschichte zu langschwänzig und zu
+tragisch.« Dabei sah sie Alice fragend an.
+
+»Langschwänzig! das muß wahr sein!« rief Alice und sah nun erst mit
+rechter Verwunderung auf den geringelten Schwanz der Maus hinab; »aber
+wie so tragisch? was trägst du denn?« Während sie noch darüber nachsann,
+fing die langschwänzige Erzählung schon an, folgendergestalt:
+
+ Filax sprach zu
+ der Maus, die
+ er traf
+ in dem
+ Haus:
+ »Geh' mit
+ mir vor
+ Gericht,
+ daß ich
+ dich
+ verklage.
+ Komm und
+ wehr' dich
+ nicht mehr;
+ ich muß
+ haben ein
+ Verhör,
+ denn ich
+ habe
+ nichts
+ zu thun
+ schon
+ zwei
+ Tage.«
+ Sprach die
+ Maus zum
+ Köter:
+ »Solch
+ Verhör,
+ lieber Herr,
+ ohne
+ Richter,
+ ohne
+ Zeugen
+ thut nicht
+ Noth.«
+ »Ich bin
+ Zeuge,
+ ich bin
+ Richter,«
+ sprach
+ er schlau
+ und schnitt
+ Gesichter,
+ »das Verhör
+ leite ich
+ und
+ verdamme
+ dich
+ zum
+ Tod!«
+
+»Du paßt nicht auf!« sagte die Maus strenge zu Alice. »Woran denkst du?«
+
+»Ich bitte um Verzeihung,« sagte Alice sehr bescheiden: »du warst bis
+zur fünften Biegung gekommen, glaube ich?«
+
+»Mit nichten!« sagte die Maus entschieden und sehr ärgerlich.
+
+»Nichten!« rief Alice, die gern neue Bekanntschaften machte, und sah
+sich neugierig überall um. »O, wo sind sie, deine Nichten? Laß mich
+gehen und sie her holen!«
+
+»Das werde ich schön bleiben lassen,« sagte die Maus, indem sie aufstand
+und fortging. »Deinen Unsinn kann ich nicht mehr mit anhören!«
+
+»Ich meinte es nicht böse!« entschuldigte sich die arme Alice. »Aber du
+bist so sehr empfindlich, du!«
+
+Das Mäuslein brummte nur als Antwort.
+
+»Bitte, komm wieder, und erzähle deine Geschichte aus!« rief Alice ihr
+nach; und die Andern wiederholten im Chor: »ja bitte!« aber das Mäuschen
+schüttelte unwillig mit dem Kopfe und ging schnell fort.
+
+»Wie schade, daß es nicht bleiben wollte!« seufzte der Papagei, sobald
+es nicht mehr zu sehen war; und eine alte Unke nahm die Gelegenheit
+wahr, zu ihrer Tochter zu sagen, »Ja, mein Kind! laß dir dies eine Lehre
+sein, niemals _übler_ Laune zu sein!« »Halt den Mund, Mama!« sagte die
+junge Unke, etwas naseweis.
+
+»Wahrhaftig, du würdest die Geduld einer Auster erschöpfen!«
+
+»Ich wünschte, ich hätte unsere Dinah hier, das wünschte ich!« sagte
+Alice laut, ohne Jemand insbesondere anzureden. »Sie würde sie bald
+zurückholen!«
+
+»Und wer ist Dinah, wenn ich fragen darf?« sagte der Papagei.
+
+Alice antwortete eifrig, denn sie sprach gar zu gern von ihrem Liebling:
+»Dinah ist unsere Katze, und sie ist euch so geschickt im Mäusefangen,
+ihr könnt's euch gar nicht denken! Und ach, hättet ihr sie nur Vögel
+jagen sehen. Ich sage euch, sie frißt einen kleinen Vogel, so wie sie
+ihn zu Gesicht bekommt.«
+
+Diese Mittheilung verursachte große Aufregung in der Gesellschaft.
+Einige der Vögel machten sich augenblicklich davon; eine alte Elster
+fing an, sich sorgfältig einzuwickeln, indem sie bemerkte: »Ich muß
+wirklich nach Hause gehen; die Nachtluft ist nicht gut für meinen Hals!«
+und ein Canarienvogel piepte zitternd zu seinen Kleinen, »Kommt fort,
+Kinder! es ist die höchste Zeit für euch, zu Bett zu gehen!« Unter
+verschiedenen Entschuldigungen entfernten sie sich Alle, und Alice war
+bald ganz allein.
+
+»Hätte ich nur Dinah nicht erwähnt!« sprach sie bei sich mit betrübtem
+Tone. »Niemand scheint sie gern zu haben, hier unten, und dabei ist sie
+doch die beste Katze von der Welt! Oh, meine liebe Dinah! ob ich dich
+wohl je wieder sehen werde!« dabei fing die arme Alice von Neuem zu
+weinen an, denn sie fühlte sich gar zu einsam und muthlos. Nach einem
+Weilchen jedoch hörte sie wieder ein Trappeln von Schritten in der
+Entfernung und blickte aufmerksam hin, halb in der Hoffnung, daß die
+Maus sich besonnen habe und zurückkomme, ihre Geschichte auszuerzählen.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+Die Wohnung des Kaninchens.
+
+
+Es war das weiße Kaninchen, das langsam zurückgewandert kam, indem es
+sorgfältig beim Gehen umhersah, als ob es etwas verloren hätte, und sie
+hörte wie es für sich murmelte: »die Herzogin! die Herzogin! Oh, meine
+weichen Pfoten! o mein Fell und Knebelbart! Sie wird mich hängen lassen,
+so gewiß Frettchen Frettchen sind! Wo ich sie kann haben fallen lassen,
+begreife ich nicht!« Alice errieth augenblicklich, daß es den Fächer und
+die weißen Glaceehandschuhe meinte, und gutmüthig genug fing sie an,
+danach umher zu suchen, aber sie waren nirgends zu sehen -- Alles schien
+seit ihrem Bade in dem Pfuhl verwandelt zu sein, und der große Corridor
+mit dem Glastische und der kleinen Thür war gänzlich verschwunden.
+
+Das Kaninchen erblickte Alice bald, und wie sie überall suchte, rief es
+ihr ärgerlich zu: »Was, Marianne, was hast du hier zu schaffen? Renne
+augenblicklich nach Hause, und hole mir ein Paar Handschuhe und einen
+Fächer! Schnell, vorwärts!« Alice war so erschrocken, daß sie schnell in
+der angedeuteten Richtung fortlief, ohne ihm zu erklären, daß es sich
+versehen habe.
+
+»Es hält mich für sein Hausmädchen,« sprach sie bei sich selbst und lief
+weiter. »Wie es sich wundern wird, wenn es erfährt, wer ich bin! Aber
+ich will ihm lieber seinen Fächer und seine Handschuhe bringen
+-- nämlich, wenn ich sie finden kann.« Wie sie so sprach, kam sie an ein
+nettes kleines Haus, an dessen Thür ein glänzendes Messingschild war mit
+dem Namen »W. _Kaninchen_« darauf. Sie ging hinein ohne anzuklopfen, lief
+die Treppe hinauf, in großer Angst, der wirklichen Marianne zu begegnen
+und zum Hause hinausgewiesen zu werden, ehe sie den Fächer und die
+Handschuhe gefunden hätte.
+
+»Wie komisch es ist,« sagte Alice bei sich, »Besorgungen für ein
+Kaninchen zu machen! Vermuthlich wird mir Dinah nächstens Aufträge
+geben!« Und sie dachte sich schon aus, wie es Alles kommen würde:
+
+»Fräulein Alice! Kommen Sie gleich, es ist Zeit zum Ausgehen für Sie!«
+»Gleich Kinderfrau! aber ich muß dieses Mäuseloch hier bewachen bis
+Dinah wiederkommt, und aufpassen, daß die Maus nicht herauskommt.« »Nur
+würde Dinah,« dachte Alice weiter, »gewiß nicht im Hause bleiben dürfen,
+wenn sie anfinge, die Leute so zu commandiren.«
+
+Mittlerweile war sie in ein sauberes kleines Zimmer gelangt, mit einem
+Tisch vor dem Fenster und darauf (wie sie gehofft hatte) ein Fächer und
+zwei oder drei Paar winziger weißer Glaceehandschuhe; sie nahm den
+Fächer und ein Paar Handschuhe und wollte eben das Zimmer verlassen, als
+ihr Blick auf ein Fläschchen fiel, das bei dem Spiegel stand. Diesmal
+war kein Zettel mit den Worten: »_Trink mich_« darauf, aber trotzdem zog
+sie den Pfropfen heraus und setzte es an die Lippen. »Ich weiß, _etwas_
+Merkwürdiges muß geschehen, sobald ich esse oder trinke; drum will ich
+versuchen, was dies Fläschchen thut. Ich hoffe, es wird mich wieder
+größer machen; denn es ist mir sehr langweilig, solch winzig kleines
+Ding zu sein!«
+
+Richtig, und zwar schneller, als sie erwartete: ehe sie das Fläschchen
+halb ausgetrunken hatte fühlte sie, wie ihr Kopf an die Decke stieß,
+und mußte sich rasch bücken, um sich nicht den Hals zu brechen. Sie
+stellte die Flasche hin, indem sie zu sich sagte: »Das ist ganz genug --
+ich hoffe, ich werde nicht weiter wachsen -- ich kann so schon nicht zur
+Thüre hinaus -- hätte ich nur nicht so viel getrunken!«
+
+[Illustration]
+
+O weh! es war zu spät, dies zu wünschen. Sie wuchs und wuchs, und mußte
+sehr bald auf den Fußboden niederknien; den nächsten Augenblick war
+selbst dazu nicht Platz genug, sie legte sich nun hin, mit einem
+Ellbogen gegen die Thür gestemmt und den andern Arm unter dem Kopfe.
+Immer noch wuchs sie, und als letzte Hülfsquelle streckte sie einen Arm
+zum Fenster hinaus und einen Fuß in den Kamin hinauf, und sprach zu sich
+selbst: »Nun kann ich nicht mehr thun, was auch geschehen mag. Was _wird_
+nur aus mir werden?«
+
+Zum Glück für Alice hatte das Zauberfläschchen nun seine volle Wirkung
+gehabt, und sie wuchs nicht weiter. Aber es war sehr unbequem, und da
+durchaus keine Aussicht war, daß sie je wieder aus dem Zimmer hinaus
+komme, so war sie natürlich sehr unglücklich.
+
+»Es war viel besser zu Hause,« dachte die arme Alice, »wo man nicht
+fortwährend größer und kleiner wurde, und sich nicht von Mäusen und
+Kaninchen commandiren zu lassen brauchte. Ich wünschte fast, ich wäre
+nicht in den Kaninchenbau hineingelaufen -- aber -- aber, es ist doch
+komisch, diese Art Leben! Ich möchte wohl wissen, _was_ eigentlich mit mir
+vorgegangen ist! Wenn ich Märchen gelesen habe, habe ich immer gedacht,
+so etwas käme nie vor, nun bin ich mitten drin in einem! Es sollte ein
+Buch von mir geschrieben werden, und wenn ich groß bin, will ich eins
+schreiben -- aber ich bin ja jetzt groß,« sprach sie betrübt weiter,
+»wenigstens _hier_ habe ich keinen Platz übrig, noch größer zu werden.«
+
+»Aber,« dachte Alice, »werde ich denn nie älter werden, als ich jetzt
+bin? das ist ein Trost -- nie eine alte Frau zu sein -- aber dann --
+immer Aufgaben zu lernen zu haben! Oh, _das_ möchte ich nicht gern!«
+
+»O, du einfältige Alice,« schalt sie sich selbst. »Wie kannst du hier
+Aufgaben lernen? Sieh doch, es ist kaum Platz genug für dich, viel
+weniger für irgend ein Schulbuch!«
+
+Und so redete sie fort; erst als eine Person, dann die andere, und hatte
+so eine lange Unterhaltung mit sich selbst; aber nach einigen Minuten
+hörte sie draußen eine Stimme und schwieg still, um zu horchen.
+
+»Marianne! Marianne!« sagte die Stimme, »hole mir gleich meine
+Handschuhe!« dann kam ein Trappeln von kleinen Füßen die Treppe herauf.
+Alice wußte, daß es das Kaninchen war, das sie suchte, und sie zitterte
+so sehr, daß sie das ganze Haus erschütterte; sie hatte ganz vergessen,
+daß sie jetzt wohl tausend Mal so groß wie das Kaninchen war und keine
+Ursache hatte, sich vor ihm zu fürchten.
+
+Jetzt kam das Kaninchen an die Thür und wollte sie aufmachen; da aber
+die Thür nach innen aufging und Alice's Ellbogen fest dagegen gestemmt
+war, so war es ein vergeblicher Versuch. Alice hörte, wie es zu sich
+selbst sprach: »dann werde ich herum gehen und zum Fenster
+hineinsteigen.«
+
+[Illustration]
+
+»Das wirst du nicht thun,« dachte Alice, und nachdem sie gewartet hatte,
+bis sie das Kaninchen dicht unter dem Fenster zu hören glaubte, streckte
+sie mit einem Male ihre Hand aus und griff in die Luft. Sie faßte zwar
+nichts, hörte aber einen schwachen Schrei und einen Fall, dann das
+Geklirr von zerbrochenem Glase, woraus sie schloß, daß es wahrscheinlich
+in ein Gurkenbeet gefallen sei, oder etwas dergleichen.
+
+Demnächst kam eine ärgerliche Stimme -- die des Kaninchens -- »Pat! Pat!
+wo bist du?« und dann eine Stimme, die sie noch nicht gehört hatte: »Wo
+soll ich sind? ich bin hier! grabe Aepfel aus, Euer Jnaden!«
+
+»Aepfel ausgraben? so!« sagte das Kaninchen ärgerlich. »Hier! komm und
+hilf mir heraus!« (Noch mehr Geklirr von Glasscherben.)
+
+»Nun sage mir, Pat, was ist das da oben im Fenster?«
+
+»Wat soll's sind? 's is en Arm, Euer Jnaden!« (Er sprach es »Arrum«
+aus.)
+
+»Ein Arm, du Esel! Wer hat je einen so großen Arm gesehen? er nimmt ja
+das ganze Fenster ein!«
+
+»Zu dienen, des thut er, Euer Jnaden; aber en Arm is es, und en Arm
+bleebt es.«
+
+»Jedenfalls hat er da nichts zu suchen: geh' und schaffe ihn fort!«
+
+Darauf folgte eine lange Pause, während welcher Alice sie nur einzelne
+Worte flüstern hörte, wie: »Zu dienen, des scheint mer nich, Euer
+Jnaden, jar nich, jar nich!« »Thu', was ich dir sage, feige Memme!«
+zuletzt streckte sie die Hand wieder aus und that einen Griff in die
+Luft. Diesmal hörte sie ein leises Wimmern und noch mehr Geklirr von
+Glasscherben. »Wie viel Gurkenbeete da sein müssen!« dachte Alice. »Mich
+soll doch wundern, was sie nun thun werden! Mich zum Fenster hinaus
+ziehen? ja, wenn sie das nur könnten! Ich bliebe wahrlich nicht gern
+länger hier!«
+
+Sie wartete eine Zeit lang, ohne etwas zu hören; endlich kam ein Rollen
+von kleinen Leiterwagen, und ein Lärm von einer Menge Stimmen, alle
+durcheinander; sie verstand die Worte: »Wo ist die andere Leiter? -- Ich
+sollte ja nur eine bringen; Wabbel hat die andere -- Wabbel, bringe sie
+her, Junge! -- Lehnt sie hier gegen diese Ecke -- Nein, sie müssen erst
+zusammengebunden werden -- sie reichen nicht halb hinauf -- Ach, was
+werden sie nicht reichen: seid nicht so umständlich -- Hier, Wabbel!
+fange den Strick -- Wird das Dach auch tragen? -- Nimm dich mit dem losen
+Schiefer in Acht -- oh, da fällt er! Köpfe weg!« (ein lautes Krachen) --
+»Wessen Schuld war das? -- Wabbel's, glaube ich -- Wer soll in den
+Schornstein steigen? -- Ich nicht, so viel weiß ich! Ihr aber doch,
+nicht wahr? -- Nicht ich, meiner Treu! -- Wabbel kann hineinsteigen --
+Hier, Wabbel! der Herr sagt, du sollst in den Schornstein steigen!«
+
+»So, also Wabbel soll durch den Schornstein hereinkommen, wirklich?«
+sagte Alice zu sich selbst. »Sie scheinen mir Alles auf Wabbel zu
+schieben: ich möchte um Alles nicht an Wabbel's Stelle sein; der Kamin
+ist freilich eng, aber etwas werde ich doch wohl mit dem Fuße
+ausschlagen können!«
+
+[Illustration]
+
+Sie zog ihren Fuß so weit herunter, wie sie konnte, und wartete, bis sie
+ein kleines Thier (sie konnte nicht rathen, was für eine Art es sei) in
+dem Schornstein kratzen und klettern hörte; als es dicht über ihr war,
+sprach sie bei sich: »Dies ist Wabbel,« gab einen kräftigen Stoß in die
+Höhe, und wartete dann der Dinge, die da kommen würden.
+
+Zuerst hörte sie einen allgemeinen Chor: »Da fliegt Wabbel!« dann die
+Stimme des Kaninchens allein: -- »Fangt ihn auf, ihr da bei der Hecke!«
+darauf Stillschweigen, dann wieder verworrene Stimmen: -- »Haltet ihm
+den Kopf -- etwas Branntwein -- Ersticke ihn doch nicht -- Wie geht's,
+alter Kerl? Was ist dir denn geschehen? erzähle uns Alles!«
+
+Zuletzt kam eine kleine schwache, quiekende Stimme (»das ist Wabbel,«
+dachte Alice): »Ich weiß es ja selbst nicht -- Keinen mehr, danke! Ich
+bin schon viel besser -- aber ich bin viel zu aufgeregt, um euch zu
+erzählen -- Ich weiß nur, da kommt ein Ding in die Höhe, wie'n
+Dosen-Stehauf, und auf fliege ich wie 'ne Rackete!«
+
+»Ja, das hast du gethan, alter Kerl!« sagten die Andern.
+
+»Wir müssen das Haus niederbrennen!« rief das Kaninchen; da schrie Alice
+so laut sie konnte: »Wenn ihr das thut, werde ich Dinah über euch
+schicken!«
+
+Sogleich entstand tiefes Schweigen, und Alice dachte bei sich: »_Was_ sie
+wohl jetzt thun werden? Wenn sie Menschenverstand hätten, würden sie das
+Dach abreißen.« Nach einer oder zwei Minuten fingen sie wieder an sich
+zu rühren, und Alice hörte das Kaninchen sagen: »Eine Karre voll ist vor
+der Hand genug.«
+
+»Eine Karre voll was?« dachte Alice; doch blieb sie nicht lange im
+Zweifel, denn den nächsten Augenblick kam ein Schauer von kleinen
+Kieseln zum Fenster herein geflogen, von denen ein Paar sie gerade in's
+Gesicht trafen. »Dem will ich ein Ende machen,« sagte sie bei sich und
+schrie hinaus: »Das laßt mir gefälligst bleiben!« worauf wieder tiefe
+Stille erfolgte.
+
+Alice bemerkte mit einigem Erstaunen, daß die Kiesel sich alle in kleine
+Kuchen verwandelten, als sie auf dem Boden lagen, und dies brachte sie
+auf einen glänzenden Gedanken. »Wenn ich einen von diesen Kuchen esse,«
+dachte sie, »wird es gewiß meine Größe verändern; und da ich unmöglich
+noch mehr wachsen kann, so wird es mich wohl kleiner machen, vermuthe
+ich.«
+
+Sie schluckte demnach einen kleinen Kuchen herunter, und merkte zu ihrem
+Entzücken, daß sie sogleich abnahm. Sobald sie klein genug war, um durch
+die Thür zu gehen, rannte sie zum Hause hinaus, und fand einen
+förmlichen Auflauf von kleinen Thieren und Vögeln davor. Die arme kleine
+Eidechse, Wabbel, war in der Mitte, von zwei Meerschweinchen
+unterstützt, die ihm etwas aus einer Flasche gaben. Es war ein
+allgemeiner Sturm auf Alice, sobald sie sich zeigte; sie lief aber so
+schnell sie konnte davon, und kam sicher in ein dichtes Gebüsch.
+
+»Das Nöthigste, was ich nun zu thun habe,« sprach Alice bei sich, wie
+sie in dem Wäldchen umher wanderte, »ist, meine richtige Größe zu
+erlangen; und das Zweite, den Weg zu dem wunderhübschen Garten zu
+finden. Ja, das wird der beste Plan sein.«
+
+Es klang freilich wie ein vortrefflicher Plan, und recht nett und
+einfach ausgedacht; die einzige Schwierigkeit war, daß sie nicht den
+geringsten Begriff hatte, wie sie ihn ausführen sollte; und während sie
+so ängstlich zwischen den Bäumen umherguckte, hörte sie plötzlich ein
+scharfes feines Bellen gerade über ihrem Kopfe und sah eilig auf.
+
+Ein ungeheuer großer junger Hund sah mit seinen hervorstehenden runden
+Augen auf sie herab und machte einen schwachen Versuch, eine Pfote
+auszustrecken und sie zu berühren. »Armes kleines Ding!« sagte Alice in
+liebkosendem Tone, und sie gab sich alle Mühe, ihm zu pfeifen; dabei
+hatte sie aber große Angst, ob er auch nicht hungrig wäre, denn dann
+würde er sie wahrscheinlich auffressen trotz allen Liebkosungen.
+
+[Illustration]
+
+Ohne recht zu wissen was sie that, nahm sie ein Stäbchen auf und hielt
+es ihm hin; worauf das ungeschickte Thierchen mit allen vier Füßen
+zugleich in die Höhe sprang, vor Entzücken laut aufbellte, auf das
+Stäbchen losrannte und that, als wolle es es zerreißen; da wich Alice
+ihm aus hinter eine große Distel, um nicht zertreten zu werden; und so
+wie sie auf der andern Seite hervorkam, lief der junge Hund wieder auf
+das Stäbchen los und fiel kopfüber in seiner Eile, es zu fangen. Alice,
+der es vorkam, als wenn Jemand mit einem Fuhrmannspferde Zeck spielt,
+und die jeden Augenblick fürchtete, unter seine Füße zu gerathen, lief
+wieder hinter die Distel; da machte der junge Hund eine Reihe von kurzen
+Anläufen auf das Stäbchen, wobei er jedes Mal ein klein wenig vorwärts
+und ein gutes Stück zurück rannte und sich heiser bellte, bis er sich
+zuletzt mit zum Munde heraushängender Zunge und halb geschlossenen
+Augen, ganz außer Athem hinsetzte.
+
+Dies schien Alice eine gute Gelegenheit zu sein, fortzukommen; sie
+machte sich also gleich davon, und rannte bis sie ganz müde war und
+keine Luft mehr hatte, und bis das Bellen nur noch ganz schwach in der
+Ferne zu hören war.
+
+»Und doch war es ein lieber kleiner Hund!« sagte Alice, indem sie sich
+an eine Butterblume lehnte um auszuruhen, und sich mit einem der Blätter
+fächelte. »Ich hätte ihn gern Kunststücke gelehrt, wenn -- wenn ich nur
+groß genug dazu gewesen wäre! O ja! das hätte ich beinah vergessen, ich
+muß ja machen, daß ich wieder wachse! Laß sehen -- wie fängt man es doch
+an? Ich dächte, ich sollte irgend etwas essen oder trinken; aber die
+Frage ist, was?«
+
+Das war in der That die Frage. Alice blickte um sich nach allen Blumen
+und Grashalmen; aber gar nichts sah aus, als ob es das Rechte sei, das
+sie unter den Umständen essen oder trinken müsse. In der Nähe wuchs ein
+großer Pilz, ungefähr so hoch wie sie; nachdem sie ihn sich von unten,
+von beiden Seiten, rückwärts und vorwärts betrachtet hatte, kam es ihr
+in den Sinn zu sehen, was oben darauf sei. Sie stellte sich also auf die
+Fußspitzen und guckte über den Rand des Pilzes, und sogleich begegnete
+ihr Blick dem einer großen blauen Raupe, die mit kreuzweise gelegten
+Armen da saß und ruhig aus einer großen Huhka rauchte, ohne die
+geringste Notiz von ihr noch sonst irgend Etwas zu nehmen.
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+Guter Rath von einer Raupe.
+
+
+Die Raupe und Alice sahen sich eine Zeit lang schweigend an; endlich
+nahm die Raupe die Huhka aus dem Munde und redete sie mit schmachtender,
+langsamer Stimme an. »Wer bist du?« fragte die Raupe.
+
+Das war kein sehr ermuthigender Anfang einer Unterhaltung. Alice
+antwortete, etwas befangen: »Ich -- ich weiß nicht recht, diesen
+Augenblick -- vielmehr ich weiß, wer ich heut früh war, als ich
+aufstand; aber ich glaube, ich muß seitdem ein paar Mal verwechselt
+worden sein.«
+
+»Was meinst du damit?« sagte die Raupe strenge. »Erkläre dich
+deutlicher!«
+
+»Ich kann mich nicht deutlicher erklären, fürchte ich, Raupe,« sagte
+Alice, »weil ich nicht ich bin, sehen Sie wohl?«
+
+»Ich sehe nicht wohl,« sagte die Raupe.
+
+»Ich kann es wirklich nicht besser ausdrücken,« erwiederte Alice sehr
+höflich, »denn ich kann es selbst nicht begreifen; und wenn man an einem
+Tage so oft klein und groß wird, wird man ganz verwirrt.«
+
+»Nein, das wird man nicht,« sagte die Raupe.
+
+»Vielleicht haben Sie es noch nicht versucht,« sagte Alice, »aber wenn
+Sie sich in eine Puppe verwandeln werden, das müssen Sie über kurz oder
+lang wie Sie wissen -- und dann in einen Schmetterling, das wird sich
+doch komisch anfühlen, nicht wahr?«
+
+»Durchaus nicht,« sagte die Raupe.
+
+»Sie fühlen wahrscheinlich anders darin,« sagte Alice; »so viel weiß
+ich, daß es mir sehr komisch sein würde.«
+
+»Dir!« sagte die Raupe verächtlich. »Wer bist _du_ denn?«
+
+Was sie wieder auf den Anfang der Unterhaltung zurückbrachte. Alice war
+etwas ärgerlich, daß die Raupe so sehr kurz angebunden war; sie warf den
+Kopf in die Höhe und sprach sehr ernst: »Ich dächte, Sie sollten mir
+erst sagen, wer _Sie_ sind?«
+
+»Weshalb?« fragte die Raupe.
+
+Das war wieder eine schwierige Frage; und da sich Alice auf keinen guten
+Grund besinnen konnte und die Raupe _sehr_ schlechter Laune zu sein
+schien, so ging sie ihrer Wege.
+
+»Komm zurück!« rief ihr die Raupe nach, »ich habe dir etwas Wichtiges zu
+sagen!«
+
+Das klang sehr einladend; Alice kehrte wieder um und kam zu ihr zurück.
+
+»Sei nicht empfindlich,« sagte die Raupe.
+
+»Ist das Alles?« fragte Alice, ihren Aerger so gut sie konnte
+verbergend.
+
+»Nein,« sagte die Raupe.
+
+Alice dachte, sie wollte doch warten, da sie sonst nichts zu thun habe,
+und vielleicht würde sie ihr etwas sagen, das der Mühe werth sei. Einige
+Minuten lang rauchte die Raupe fort ohne zu reden; aber zuletzt nahm sie
+die Huhka wieder aus dem Munde und sprach: »Du glaubst also, du bist
+verwandelt?«
+
+»Ich fürchte es fast, Raupe,« sagte Alice, »ich kann Sachen nicht
+behalten wie sonst, und ich werde alle zehn Minuten größer oder
+kleiner!«
+
+»Kannst _welche_ Sachen nicht behalten?« fragte die Raupe.
+
+»Ach, ich habe versucht zu sagen: Bei einem Wirthe &c.; aber es kam ganz
+anders!« antwortete Alice in niedergeschlagenem Tone.
+
+»Sage her: Ihr seid alt, Vater Martin,« sagte die Raupe.
+
+Alice faltete die Hände und fing an: --
+
+[Illustration]
+
+ »Ihr seid alt, Vater Martin,« so sprach Junker Tropf,
+ »Euer Haar ist schon lange ganz weiß;
+ Doch steht ihr so gerne noch auf dem Kopf.
+ Macht Euch denn das nicht zu heiß?«
+
+ »Als ich jung war,« der Vater zur Antwort gab,
+ »Da glaubt' ich, für's Hirn sei's nicht gut;
+ Doch seit ich entdeckt, daß ich gar keines hab'
+ So thu' ich's mit fröhlichem Muth.«
+
+[Illustration]
+
+ »Ihr seid alt,« sprach der Sohn, »wie vorhin schon gesagt,
+ Und geworden ein gar dicker Mann;
+ Drum sprecht, wie ihr rücklings den Purzelbaum schlagt.
+ Potz tausend! wie fangt ihr's nur an?«
+
+ »Als ich jung war,« der Alte mit Kopfschütteln sagt',
+ »Da rieb ich die Glieder mir ein
+ Mit der Salbe hier, die sie geschmeidig macht.
+ Für zwei Groschen Courant ist sie dein.«
+
+[Illustration]
+
+ »Ihr seid alt,« sprach der Bub', »und könnt nicht recht kau'n,
+ Und solltet euch nehmen in Acht;
+ Doch aßt ihr die Ganz mit Schnabel und Klau'n;
+ Wie habt ihr das nur gemacht?«
+
+ »Ich war früher Jurist und hab' viel disputirt,
+ Besonders mit meiner Frau;
+ Das hat so mir die Kinnbacken einexercirt,
+ Daß ich jetzt noch mit Leichtigkeit kau!«
+
+[Illustration]
+
+ »Ihr seid alt,« sagte der Sohn, »und habt nicht viel Witz,
+ Und doch seid ihr so geschickt;
+ Balancirt einen Aal auf der Nasenspitz'!
+ Wie ist euch das nur geglückt?«
+
+ »Drei Antworten hast du, und damit genug,
+ Nun laß mich kein Wort mehr hören;
+ Du Guck in die Welt thust so überklug,
+ Ich werde dich Mores lehren!«
+
+»Das ist nicht richtig,« sagte die Raupe.
+
+»Nicht ganz richtig, glaube ich,« sagte Alice schüchtern; »manche Wörter
+sind anders gekommen.«
+
+»Es ist von Anfang bis zu Ende falsch,« sagte die Raupe mit
+Entschiedenheit, worauf eine Pause von einigen Minuten eintrat.
+
+Die Raupe sprach zuerst wieder.
+
+»Wie groß möchtest du gern sein?« fragte sie.
+
+»Oh, es kommt nicht so genau darauf an,« erwiederte Alice schnell; »nur
+das viele Wechseln ist nicht angenehm, nicht wahr?«
+
+»Nein, es ist nicht wahr!« sagte die Raupe.
+
+Alice antwortete nichts; es war ihr im Leben nicht so viel widersprochen
+worden, und sie fühlte, daß sie wieder anfing, empfindlich zu werden.
+
+»Bist du jetzt zufrieden?« sagte die Raupe.
+
+»Etwas größer, Frau Raupe, wäre ich gern, wenn ich bitten darf,« sagte
+Alice; »drei und einen halben Zoll ist gar zu winzig.«
+
+»Es ist eine sehr angenehme Größe, finde ich,« sagte die Raupe zornig
+und richtete sich dabei in die Höhe (sie war gerade drei Zoll hoch).
+
+»Aber ich bin nicht daran gewöhnt!« vertheidigte sich die arme Alice in
+weinerlichem Tone. Bei sich dachte sie: »Ich wünschte, alle diese
+Geschöpfe nähmen nicht Alles gleich übel.«
+
+»Dur wirst es mit der Zeit gewohnt werden,« sagte die Raupe, steckte
+ihre Huhka in den Mund und fing wieder an zu rauchen.
+
+Diesmal wartete Alice geduldig, bis es ihr gefällig wäre zu reden. Nach
+zwei oder drei Minuten nahm die Raupe die Huhka aus dem Munde, gähnte
+ein bis zwei Mal und schüttelte sich. Dann kam sie von dem Pilze
+herunter, kroch in's Gras hinein und bemerkte blos bei'm Weggehen: »Die
+eine Seite macht dich größer, die andere Seite macht dich kleiner.«
+
+»Eine Seite wovon? die andere Seite wovon?« dachte Alice bei sich.
+
+»Von dem Pilz,« sagte die Raupe, gerade als wenn sie laut gefragt hätte;
+und den nächsten Augenblick war sie nicht mehr zu sehen.
+
+Alice blieb ein Weilchen gedankenvoll vor dem Pilze stehen, um ausfindig
+zu machen, welches seine beiden Seiten seien; und da er vollkommen rund
+war, so fand sie die Frage schwierig zu beantworten. Zuletzt aber
+reichte sie mit beiden Armen, so weit sie herum konnte, und brach mit
+jeder Hand etwas vom Rande ab.
+
+»Nun aber, welches ist das rechte?« sprach sie zu sich, und biß ein
+wenig von dem Stück in ihrer rechten Hand ab, um die Wirkung
+auszuprobiren; den nächsten Augenblick fühlte sie einen heftigen Schmerz
+am Kinn, es hatte an ihren Fuß angestoßen!
+
+Ueber diese plötzliche Verwandlung war sie sehr erschrocken, aber da war
+keine Zeit zu verlieren, da sie sehr schnell kleiner wurde; sie machte
+sich also gleich daran, etwas von dem andern Stück zu essen. Ihr Kinn
+war so dicht an ihren Fuß gedrückt, daß ihr kaum Platz genug blieb, den
+Mund aufzumachen; endlich aber gelang es ihr, ein wenig von dem Stück in
+ihrer linken Hand herunter zu schlucken.
+
+ * * * * *
+
+»Ah! endlich ist mein Kopf frei!« rief Alice mit Entzücken, das sich
+jedoch den nächsten Augenblick in Angst verwandelte, da sie merkte, daß
+ihre Schultern nirgends zu finden waren: als sie hinunter sah, konnte
+sie weiter nichts erblicken, als einen ungeheuer langen Hals, der sich
+wie eine Stange aus einem Meer von grünen Blättern erhob, das unter ihr
+lag.
+
+»Was mag all das grüne Zeug sein?« sagte Alice. »Und wo sind meine
+Schultern nur hingekommen? Und ach, meine armen Hände, wie geht es zu,
+daß ich euch nicht sehen kann?« Sie griff bei diesen Worten um sich,
+aber es erfolgte weiter nichts, als eine kleine Bewegung in den
+entfernten grünen Blättern.
+
+Da es ihr nicht gelang, die Hände zu ihrem Kopfe zu erheben, so
+versuchte sie, den Kopf zu ihnen hinunter zu bücken, und fand zu ihrem
+Entzücken, daß sie ihren Hals in allen Richtungen biegen und wenden
+konnte, wie eine Schlange. Sie hatte ihn gerade in ein malerisches
+Zickzack gewunden und wollte eben in das Blättermeer hinunter tauchen,
+das, wie sie sah, durch die Gipfel der Bäume gebildet wurde, unter denen
+sie noch eben herumgewandert war, als ein lautes Rauschen sie plötzlich
+zurückschreckte: eine große Taube kam ihr in's Gesicht geflogen und
+schlug sie heftig mit den Flügeln.
+
+»Schlange!« kreischte die Taube.
+
+»Ich bin _keine_ Schlange!« sagte Alice mit Entrüstung. »Laß mich in
+Ruhe!«
+
+»Schlange sage ich!« wiederholte die Taube, aber mit gedämpfter Stimme,
+und fuhr schluchzend fort: »Alles habe ich versucht, und nichts ist
+ihnen genehm!«
+
+»Ich weiß gar nicht, wovon du redest,« sagte Alice.
+
+»Baumwurzeln habe ich versucht, Flußufer habe ich versucht, Hecken habe
+ich versucht,« sprach die Taube weiter, ohne auf sie zu achten; »aber
+diese Schlangen! Nichts ist ihnen recht!«
+
+Alice verstand immer weniger; aber sie dachte, es sei unnütz etwas zu
+sagen, bis die Taube fertig wäre.
+
+»Als ob es nicht Mühe genug wäre, die Eier auszubrüten,« sagte die
+Taube, »da muß ich noch Tag und Nacht den Schlangen aufpassen! Kein Auge
+habe ich die letzten drei Wochen zugethan!«
+
+»Es thut mir sehr leid, daß du so viel Verdruß gehabt hast,« sagte
+Alice, die zu verstehen anfing, was sie meinte.
+
+»Und gerade da ich mir den höchsten Baum im Walde ausgesucht habe,« fuhr
+die Taube mit erhobener Stimme fort, »und gerade da ich dachte, ich wäre
+sie endlich los, müssen sie sich sogar noch vom Himmel herunterwinden!
+Pfui! Schlange!«
+
+»Aber ich bin _keine_ Schlange, sage ich dir!« rief Alice, »ich bin ein --
+ich bin ein --«
+
+»Nun, was bist du denn?« fragte die Taube. »Ich merke wohl, daß du dir
+etwas ausdenken willst!«
+
+»Ich -- ich bin ein kleines Mädchen,« sagte Alice etwas unsicher, da sie
+an die vielfachen Verwandlungen dachte, die sie den Tag über schon
+durchgemacht hatte.
+
+»Eine schöne Ausrede, wahrhaftig!« sagte die Taube im Tone tiefster
+Verachtung. »Ich habe mein Lebtag genug kleine Mädchen gesehen, aber nie
+eine mit solch einem Hals! Nein, nein! du bist eine Schlange! das kannst
+du nicht abläugnen. Du wirst am Ende noch behaupten, daß du nie ein Ei
+gegessen hast.«
+
+»Ich _habe_ Eier gegessen, freilich,« sagte Alice, die ein sehr
+wahrheitsliebendes Kind war; »aber kleine Mädchen essen Eier eben so gut
+wie Schlangen.«
+
+»Das glaube ich nicht,« sagte die Taube; »wenn sie es aber thun, nun
+dann sind sie eine Art Schlangen, so viel weiß ich.«
+
+Das war etwas so Neues für Alice, daß sie ein Paar Minuten ganz still
+schwieg; die Taube benutzte die Gelegenheit und fuhr fort: »Du suchst
+Eier, das weiß ich nur zu gut, und was kümmert es mich, ob du ein
+kleines Mädchen oder eine Schlange bist?«
+
+»Aber _mich_ kümmert es sehr,« sagte Alice schnell; »übrigens suche ich
+zufällig nicht Eier, und wenn ich es thäte, so würde ich deine nicht
+brauchen können; ich esse sie nicht gern roh.«
+
+»Dann mach', daß du fortkommst!« sagte die Taube verdrießlich, indem sie
+sich in ihrem Nest wieder zurecht setzte. Alice duckte sich unter die
+Bäume so gut sie konnte; denn ihr Hals verwickelte sich fortwährend in
+die Zweige, und mehre Male mußte sie anhalten und ihn losmachen. Nach
+einer Weile fiel es ihr wieder ein, daß sie noch die Stückchen Pilz in
+den Händen hatte, und sie machte sich sorgfältig daran, knabberte bald
+an dem einen, bald an dem andern, und wurde abwechselnd größer und
+kleiner, bis es ihr zuletzt gelang, ihre gewöhnliche Größe zu bekommen.
+
+Es war so lange her, daß sie auch nur ungefähr ihre richtige Höhe gehabt
+hatte, daß es ihr erst ganz komisch vorkam; aber nach einigen Minuten
+hatte sie sich daran gewöhnt und sprach mit sich selbst wie gewöhnlich.
+»Schön, nun ist mein Plan halb ausgeführt! Wie verwirrt man von dem
+vielen Wechseln wird! Ich weiß nie, wie ich den nächsten Augenblick
+sein werde! Doch jetzt habe ich meine richtige Größe: nun kommt es
+darauf an, in den schönen Garten zu gelangen -- wie _kann_ ich das
+anstellen? das möchte ich wissen!« Wie sie dies sagte, kam sie in eine
+Lichtung mit einem Häuschen in der Mitte, ungefähr vier Fuß hoch. »Wer
+auch darin wohnen mag, es geht nicht an, daß ich so groß wie ich jetzt
+bin hineingehe: sie würden vor Angst nicht wissen wohin!« Also knabberte
+sie wieder an dem Stückchen in der rechten Hand, und wagte sich nicht an
+das Häuschen heran, bis sie sich auf neun Zoll herunter gebracht hatte.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+Ferkel und Pfeffer.
+
+
+Noch ein bis zwei Augenblicke stand sie und sah das Häuschen an, ohne
+recht zu wissen was sie nun thun solle, als plötzlich ein Lackei in
+Livree vom Walde her gelaufen kam -- (sie hielt ihn für einen Lackeien,
+weil er Livree trug, sonst, nach seinem Gesichte zu urtheilen, würde sie
+ihn für einen Fisch angesehen haben) -- und mit den Knöcheln laut an die
+Thür klopfte. Sie wurde von einem andern Lackeien in Livree geöffnet,
+der ein rundes Gesicht und große Augen wie ein Frosch hatte, und beide
+Lackeien hatten, wie Alice bemerkte, gepuderte Lockenperücken über den
+ganzen Kopf. Sie war sehr neugierig, was nun geschehen würde, und
+schlich sich etwas näher, um zuzuhören.
+
+[Illustration]
+
+Der Fisch-Lackei fing damit an, einen ungeheuren Brief, beinah so groß
+wie er selbst, unter dem Arme hervorzuziehen; diesen überreichte er dem
+anderen, in feierlichem Tone sprechend: »Für die Herzogin. Eine
+Einladung von der Königin, Croquet zu spielen.« Der Frosch-Lackei
+erwiederte in demselben feierlichen Tone, indem er nur die
+Aufeinanderfolge der Wörter etwas veränderte: »Von der Königin. Eine
+Einladung für die Herzogin, Croquet zu spielen.«
+
+Dann verbeugten sich Beide tief, und ihre Locken verwickelten sich in
+einander.
+
+Darüber lachte Alice so laut, daß sie in das Gebüsch zurücklaufen mußte,
+aus Furcht, sie möchten sie hören, und als sie wieder herausguckte, war
+der Fisch-Lackei fort, und der andere saß auf dem Boden bei der Thür und
+sah dumm in den Himmel hinauf.
+
+Alice ging furchtsam auf die Thür zu und klopfte.
+
+»Es ist durchaus unnütz, zu klopfen,« sagte der Lackei, »und das wegen
+zweier Gründe. Erstens weil ich an derselben Seite von der Thür bin wie
+du, zweitens, weil sie drinnen einen solchen Lärm machen, daß man dich
+unmöglich hören kann.« Und wirklich war ein ganz merkwürdiger Lärm
+drinnen, ein fortwährendes Heulen und Niesen, und von Zeit zu Zeit ein
+lautes Krachen, als ob eine Schüssel oder ein Kessel zerbrochen wäre.
+
+»Bitte,« sagte Alice, »wie soll ich denn hineinkommen?«
+
+»Es wäre etwas Sinn und Verstand darin, anzuklopfen,« fuhr der Lackei
+fort, ohne auf sie zu hören, »wenn wir die Thür zwischen uns hätten. Zum
+Beispiel, wenn du drinnen wärest, könntest du klopfen, und ich könnte
+dich herauslassen, nicht wahr?« Er sah die ganze Zeit über, während er
+sprach, in den Himmel hinauf, was Alice entschieden sehr unhöflich fand.
+»Aber vielleicht kann er nicht dafür,« sagte sie bei sich; »seine Augen
+sind so hoch oben auf seiner Stirn. Aber jedenfalls könnte er mir
+antworten. -- Wie soll ich denn hineinkommen?« wiederholte sie laut.
+
+»Ich werde hier sitzen,« sagte der Lackei, »bis morgen --«
+
+In diesem Augenblicke ging die Thür auf, und ein großer Teller kam
+heraus geflogen, gerade auf den Kopf des Lackeien los; er strich aber
+über seine Nase hin und brach an einem der dahinterstehenden Bäume in
+Stücke.
+
+»-- oder übermorgen, vielleicht,« sprach der Lackei in demselben Tone
+fort, als ob nichts vorgefallen wäre.
+
+»Wie soll ich denn hineinkommen?« fragte Alice wieder, lauter als
+vorher.
+
+»Sollst du überhaupt hineinkommen?« sagte der Lackei. »Das ist die erste
+Frage, nicht wahr?«
+
+Das war es allerdings; nur ließ sich Alice das nicht gern sagen. »Es ist
+wirklich schrecklich,« murmelte sie vor sich hin, »wie naseweis alle
+diese Geschöpfe sind. Es könnte Einen ganz verdreht machen!«
+
+Der Lackei schien dies für eine gute Gelegenheit anzusehen, seine
+Bemerkung zu wiederholen, und zwar mit Variationen. »Ich werde hier
+sitzen,« sagte er, »ab und an, Tage und Tage lang.«
+
+»Was soll _ich_ aber thun?« fragte Alice.
+
+»Was dir gefällig ist,« sagte der Lackei, und fing an zu pfeifen.
+
+»Es hilft zu nichts, mit ihm zu reden,« sagte Alice außer sich, »er ist
+vollkommen blödsinnig!« Sie klinkte die Thür auf und ging hinein.
+
+Die Thür führte geradewegs in eine große Küche, welche von einem Ende
+bis zum andern voller Rauch war; in der Mitte saß auf einem dreibeinigen
+Schemel die Herzogin, mit einem Wickelkinde auf dem Schoße; die Köchin
+stand über das Feuer gebückt und rührte in einer großen Kasserole, die
+voll Suppe zu sein schien.
+
+»In der Suppe ist gewiß zu viel Pfeffer!« sprach Alice für sich, so gut
+sie vor Niesen konnte.
+
+Es war wenigstens zu viel in der Luft. Sogar die Herzogin nieste hin und
+wieder; was das Wickelkind anbelangt, so nieste und schrie es
+abwechselnd ohne die geringste Unterbrechung. Die beiden einzigen Wesen
+in der Küche, die nicht niesten, waren die Köchin und eine große Katze,
+die vor dem Herde saß und grinste, sodaß die Mundwinkel bis an die Ohren
+reichten.
+
+[Illustration]
+
+»Wollen Sie mir gütigst sagen,« fragte Alice etwas furchtsam, denn sie
+wußte nicht recht, ob es sich für sie schicke zuerst zu sprechen, »warum
+Ihre Katze so grinst?«
+
+»Es ist eine Grinse-Katze,« sagte die Herzogin, »darum! Ferkel!«
+
+Das letzte Wort sagte sie mit solcher Heftigkeit, daß Alice auffuhr;
+aber den nächsten Augenblick sah sie, daß es dem Wickelkinde galt, nicht
+ihr; sie faßte also Muth und redete weiter: --
+
+»Ich wußte nicht, daß Katzen manchmal grinsen; ja ich wußte nicht, daß
+Katzen überhaupt grinsen _können_.«
+
+»Sie können es alle,« sagte die Herzogin, »und die meisten thun es.«
+
+»Ich kenne keine, die es thut,« sagte Alice sehr höflich, da sie ganz
+froh war, eine Unterhaltung angeknüpft haben.
+
+»Du kennst noch nicht viel,« sagte die Herzogin, »und das ist die
+Wahrheit.«
+
+Alice gefiel diese Bemerkung gar nicht, und sie dachte daran, welchen
+andern Gegenstand der Unterhaltung sie einführen könnte. Während sie
+sich auf etwas Passendes besann, nahm die Köchin die Kasserole mit Suppe
+vom Feuer und fing sogleich an, Alles was sie erreichen konnte nach der
+Herzogin und dem Kinde zu werfen -- die Feuerzange kam zuerst, dann
+folgte ein Hagel von Pfannen, Tellern und Schüsseln. Die Herzogin
+beachtete sie gar nicht, auch wenn sie sie trafen; und das Kind heulte
+schon so laut, daß es unmöglich war zu wissen, ob die Stöße ihm weh
+thaten oder nicht.
+
+»Oh, bitte, nehmen Sie sich in Acht, was Sie thun!« rief Alice, die in
+wahrer Herzensangst hin und her sprang. »Oh, seine liebe kleine Nase!«
+als eine besonders große Pfanne dicht daran vorbeifuhr und sie beinah
+abstieß.
+
+»Wenn Jeder nur vor seiner Thür fegen wollte,« brummte die Herzogin mit
+heiserer Stimme, »würde die Welt sich bedeutend schneller drehen, als
+jetzt.«
+
+»Was kein Vortheil wäre,« sprach Alice, die sich über die Gelegenheit
+freute, ihre Kenntnisse zu zeigen. »Denken Sie nur, wie es Tag und Nacht
+in Unordnung bringen würde! Die Erde braucht doch jetzt vier und zwanzig
+Stunden, sich um ihre Achse zu drehen --«
+
+»Was, du redest von Axt?« sagte die Herzogin, »Hau' ihr den Kopf ab!«
+
+Alice sah sich sehr erschrocken nach der Köchin um, ob sie den Wink
+verstehen würde; aber die Köchin rührte die Suppe unverwandt und schien
+nicht zuzuhören, daher fuhr sie fort: »Vier und zwanzig Stunden, glaube
+ich; oder sind es zwölf? Ich --«
+
+»Ach, laß mich in Frieden,« sagte die Herzogin, »ich habe Zahlen nie
+ausstehen können!« Und damit fing sie an, ihr Kind zu warten und eine
+Art Wiegenlied dazu zu singen, wovon jede Reihe mit einem derben Puffe
+für das Kind endigte: --
+
+ »Schilt deinen kleinen Jungen aus,
+ Und schlag' ihn, wenn er niest;
+ Er macht es gar so bunt und kraus,
+ Nur weil es uns verdrießt.«
+
+_Chor_
+
+(in welchen die Köchin und das Wickelkind einfielen).
+
+ »Wau! wau! wau!«
+
+Während die Herzogin den zweiten Vers des Liedes sang, schaukelte sie
+das Kind so heftig auf und nieder, und das arme kleine Ding schrie so,
+daß Alice kaum die Worte verstehen konnte: --
+
+ »Ich schelte meinen kleinen Wicht,
+ Und schlag' ihn, wenn er niest;
+ Ich weiß, wie gern er Pfeffer riecht,
+ Wenn's ihm gefällig ist.«
+
+_Chor._
+
+ »Wau! wau! wau!«
+
+»Hier! du kannst ihn ein Weilchen warten, wenn du willst!« sagte die
+Herzogin zu Alice, indem sie ihr das Kind zuwarf. »Ich muß mich zurecht
+machen, um mit der Königin Croquet zu spielen,« damit rannte sie aus dem
+Zimmer. Die Köchin warf ihr eine Bratpfanne nach; aber sie verfehlte sie
+noch eben.
+
+Alice hatte das Kind mit Mühe und Noth aufgefangen, da es ein kleines
+unförmliches Wesen war, das seine Arme und Beinchen nach allen Seiten
+ausstreckte, »gerade wie ein Seestern,« dachte Alice. Das arme kleine
+Ding stöhnte wie eine Locomotive, als sie es fing, und zog sich zusammen
+und streckte sich wieder aus, so daß sie es die ersten Paar Minuten nur
+eben halten konnte.
+
+Sobald sie aber die rechte Art entdeckt hatte, wie man es tragen mußte
+(die darin bestand, es zu einer Art Knoten zu drehen, und es dann fest
+beim rechten Ohr und linken Fuß zu fassen, damit es sich nicht wieder
+aufwickeln konnte), brachte sie es in's Freie. »Wenn ich dies Kind nicht
+mit mir nehme,« dachte Alice, »so werden sie es in wenigen Tagen
+umgebracht haben; wäre es nicht Mord, es da zu lassen?« Sie sprach die
+letzten Worte laut, und das kleine Geschöpf grunzte zur Antwort (es
+hatte mittlerweile aufgehört zu niesen). »Grunze nicht,« sagte Alice;
+»es paßt sich gar nicht für dich, dich so auszudrücken.«
+
+Der Junge grunzte wieder, so daß Alice ihm ganz ängstlich in's Gesicht
+sah, was ihm eigentlich fehle. Er hatte ohne Zweifel eine _sehr_
+hervorstehende Nase, eher eine Schnauze als eine wirkliche Nase; auch
+seine Augen wurden entsetzlich klein für einen kleinen Jungen: Alles
+zusammen genommen, gefiel Alice das Aussehen des Kindes gar nicht. »Aber
+vielleicht hat es nur geweint,« dachte sie und sah ihm wieder in die
+Augen, ob Thränen da seien.
+
+Nein, es waren keine Thränen da. »Wenn du ein kleines Ferkel wirst, höre
+mal,« sagte Alice sehr ernst, »so will ich nichts mehr mit dir zu
+schaffen haben, das merke dir!« Das arme kleine Ding schluchzte (oder
+grunzte, es war unmöglich, es zu unterscheiden), und dann gingen sie
+eine Weile stillschweigend weiter.
+
+Alice fing eben an, sich zu überlegen: »Nun, was soll ich mit diesem
+Geschöpf anfangen, wenn ich es mit nach Hause bringe?« als es wieder
+grunzte, so laut, daß Alice erschrocken nach ihm hinsah. Diesmal konnte
+sie sich nicht mehr irren: es war nichts mehr oder weniger als ein
+Ferkel, und sie sah, daß es höchst lächerlich für sie wäre, es noch
+weiter zu tragen.
+
+Sie setzte also das kleine Ding hin und war ganz froh, als sie es ruhig
+in den Wald traben sah. »Das wäre in einigen Jahren ein furchtbar
+häßliches Kind geworden; aber als Ferkel macht es sich recht nett, finde
+ich.« Und so dachte sie alle Kinder durch, die sie kannte, die gute
+kleine Ferkel abgeben würden, und sagte gerade für sich: »wenn man nur
+die rechten Mittel wüßte, sie zu verwandeln --« als sie einen Schreck
+bekam; die Grinse-Katze saß nämlich wenige Fuß von ihr auf einem
+Baumzweige.
+
+[Illustration]
+
+Die Katze grinste nur, als sie Alice sah. »Sie sieht gutmüthig aus,«
+dachte diese; aber doch hatte sie _sehr_ lange Krallen und eine Menge
+Zähne. Alice fühlte wohl, daß sie sie rücksichtsvoll behandeln müsse.
+
+»Grinse-Mies,« fing sie etwas ängstlich an, da sie nicht wußte, ob ihr
+der Name gefallen würde: jedoch grinste sie noch etwas breiter. »Schön,
+so weit gefällt es ihr,« dachte Alice und sprach weiter: »willst du mir
+wohl sagen, wenn ich bitten darf, welchen Weg ich hier nehmen muß?«
+
+»Das hängt zum guten Theil davon ab, wohin du gehen willst,« sagte die
+Katze.
+
+»Es kommt mir nicht darauf an, wohin --« sagte Alice.
+
+»Dann kommt es auch nicht darauf an, welchen Weg du nimmst,« sagte die
+Katze.
+
+»-- wenn ich nur _irgendwo_ hinkomme,« fügte Alice als Erklärung hinzu.
+
+»O, das wirst du ganz gewiß,« sagte die Katze, »wenn du nur lange genug
+gehest.«
+
+Alice sah, daß sie nichts dagegen einwenden konnte; sie versuchte daher
+eine andere Frage. »Was für Art Leute wohnen hier in der Nähe?«
+
+»In _der_ Richtung,« sagte die Katze, die rechte Pfote schwenkend, »wohnt
+ein Hutmacher, und in jener Richtung,« die andere Pfote schwenkend,
+»wohnt ein Faselhase. Besuche welchen du willst: sie sind beide toll.«
+
+»Aber ich mag nicht zu tollen Leuten gehen,« bemerkte Alice.
+
+[Illustration]
+
+»Oh, das kannst du nicht ändern,« sagte die Katze: »wir sind alle toll
+hier. Ich bin toll. Du bist toll.«
+
+»Woher weißt du, daß ich toll bin?« fragte Alice.
+
+»Du mußt es sein,« sagte die Katze, »sonst wärest du nicht hergekommen.«
+
+Alice fand durchaus nicht, daß das ein Beweis sei; sie fragte jedoch
+weiter: »Und woher weißt du, daß du toll bist?«
+
+»Zu allererst,« sagte die Katze, »ein Hund ist nicht toll. Das giebst du
+zu?«
+
+»Zugestanden!« sagte Alice.
+
+»Nun, gut,« fuhr die Katze fort, »nicht wahr ein Hund knurrt, wenn er
+böse ist, und wedelt mit dem Schwanze, wenn er sich freut. Ich hingegen
+knurre, wenn ich mich freue, und wedle mit dem Schwanze, wenn ich
+ärgerlich bin. Daher bin ich toll.«
+
+»Ich nenne es spinnen, nicht knurren,« sagte Alice.
+
+»Nenne es, wie du willst,« sagte die Katze. »Spielst du heut Croquet mit
+der Königin?«
+
+»Ich möchte es sehr gern,« sagte Alice, »aber ich bin noch nicht
+eingeladen worden.«
+
+»Du wirst mich dort sehen,« sagte die Katze und verschwand.
+
+Alice wunderte sich nicht sehr darüber; sie war so daran gewöhnt, daß
+sonderbare Dinge geschahen. Während sie noch nach der Stelle hinsah, wo
+die Katze gesessen hatte, erschien sie plötzlich wieder.
+
+»Uebrigens, was ist aus dem Jungen geworden?« sagte die Katze. »Ich
+hätte beinah vergessen zu fragen.«
+
+[Illustration]
+
+»Er ist ein Ferkel geworden,« antwortete Alice sehr ruhig, gerade wie
+wenn die Katze auf gewöhnliche Weise zurückgekommen wäre.
+
+»Das dachte ich wohl,« sagte die Katze und verschwand wieder.
+
+Alice wartete noch etwas, halb und halb erwartend, sie wieder erscheinen
+zu sehen; aber sie kam nicht, und ein Paar Minuten nachher ging sie in
+der Richtung fort, wo der Faselhase wohnen sollte. »Hutmacher habe ich
+schon gesehen,« sprach sie zu sich, »der Faselhase wird viel
+interessanter sein.« Wie sie so sprach, blickte sie auf, und da saß die
+Katze wieder auf einem Baumzweige. »Sagtest du Ferkel oder Fächer?«
+fragte sie. »Ich sagte Ferkel,« antwortete Alice, »und es wäre mir sehr
+lieb, wenn du nicht immer so schnell erscheinen und verschwinden
+wolltest: du machst Einen ganz schwindlig.«
+
+»Schon gut,« sagte die Katze, und diesmal verschwand sie ganz langsam,
+wobei sie mit der Schwanzspitze anfing und mit dem Grinsen aufhörte, das
+noch einige Zeit sichtbar blieb, nachdem das Uebrige verschwunden war.
+
+»Oho, ich habe oft eine Katze ohne Grinsen gesehen,« dachte Alice, »aber
+ein Grinsen ohne Katze! so etwas Merkwürdiges habe ich in meinem Leben
+noch nicht gesehen!«
+
+Sie brauchte nicht weit zu gehen, so erblickte sie das Haus des
+Faselhasen; sie dachte, es müsse das rechte Haus sein, weil die
+Schornsteine wie Ohren geformt waren, und das Dach war mit Pelz gedeckt.
+Es war ein so großes Haus, daß, ehe sie sich näher heran wagte, sie ein
+wenig von dem Stück Pilz in ihrer linken Hand abknabberte, und sich bis
+auf zwei Fuß hoch brachte: trotzdem näherte sie sich etwas furchtsam,
+für sich sprechend: »Wenn er nur nicht ganz rasend ist! Wäre ich doch
+lieber zu dem Hutmacher gegangen!«
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+Die tolle Theegesellschaft.
+
+
+Vor dem Hause stand ein gedeckter Theetisch, an welchem der Faselhase
+und der Hutmacher saßen; ein Murmelthier saß zwischen ihnen, fest
+eingeschlafen, und die beiden Andern benutzten es als Kissen, um ihre
+Ellbogen darauf zu stützen, und redeten über seinem Kopfe mit einander.
+»Sehr unbequem für das Murmelthier,« dachte Alice; »nun, da es schläft,
+wird es sich wohl nichts daraus machen.«
+
+Der Tisch war groß, aber die Drei saßen dicht zusammengedrängt an einer
+Ecke: »Kein Platz! Kein Platz!« riefen sie aus, sobald sie Alice kommen
+sahen. »Ueber und über genug Platz!« sagte Alice unwillig und setzte
+sich in einen großen Armstuhl am Ende des Tisches.
+
+»Ist dir etwas Wein gefällig?« nöthigte sie der Faselhase.
+
+Alice sah sich auf dem ganzen Tische um, aber es war nichts als Thee
+darauf. »Ich sehe keinen Wein,« bemerkte sie.
+
+»Es ist keiner hier,« sagte der Faselhase.
+
+»Dann war es gar nicht höflich von dir, mir welchen anzubieten,« sagte
+Alice ärgerlich.
+
+»Es war gar nicht höflich von dir, dich ungebeten herzusetzen,« sagte
+der Faselhase.
+
+»Ich wußte nicht, das es _dein_ Tisch ist; er ist für viel mehr als drei
+gedeckt.«
+
+»Dein Haar muß verschnitten werden,« sagte der Hutmacher. Er hatte Alice
+eine Zeit lang mit großer Neugierde angesehen, und dies waren seine
+ersten Worte.
+
+»Du solltest keine persönlichen Bemerkungen machen,« sagte Alice mit
+einer gewissen Strenge, »es ist sehr grob.«
+
+Der Hutmacher riß die Augen weit auf, als er dies hörte; aber er sagte
+weiter nichts als: »Warum ist ein Rabe wie ein Reitersmann?«
+
+»Ei, jetzt wird es Spaß geben,« dachte Alice. »Ich bin so froh, daß sie
+anfangen Räthsel aufzugeben -- Ich glaube, das kann ich rathen,« fuhr sie
+laut fort.
+
+[Illustration]
+
+»Meinst du, daß du die Antwort dazu finden kannst?« fragte der
+Faselhase.
+
+»Ja, natürlich,« sagte Alice.
+
+»Dann solltest du sagen, was du meinst,« sprach der Hase weiter.
+
+»Das thue ich ja,« warf Alice schnell ein, »wenigstens -- wenigstens
+meine ich, was ich sage -- und das ist dasselbe.«
+
+»Nicht im Geringsten dasselbe!« sagte der Hutmacher. »Wie, du könntest
+eben so gut behaupten, daß »ich sehe, was ich esse« dasselbe ist wie
+»ich esse, was ich sehe.«
+
+»Du könntest auch behaupten,« fügte der Faselhase hinzu, »ich mag, was
+ich kriege« sei dasselbe wie »ich kriege, was ich mag!«
+
+»Du könntest eben so gut behaupten,« fiel das Murmelthier ein, das im
+Schlafe zu sprechen schien, »ich athme, wenn ich schlafe« sei dasselbe
+wie »ich schlafe, wenn ich athme!«
+
+»Es _ist_ dasselbe bei dir,« sagte der Hutmacher, und damit endigte die
+Unterhaltung, und die Gesellschaft saß einige Minuten schweigend,
+während Alice Alles durchdachte, was sie je von Raben und Reitersmännern
+gehört hatte, und das war nicht viel.
+
+Der Hutmacher brach das Schweigen zuerst. »Den wievielsten haben wir
+heute?« sagte er, sich an Alice wendend; er hatte seine Uhr aus der
+Tasche genommen, sah sie unruhig an, schüttelte sie hin und her und
+hielt sie an's Ohr.
+
+Alice besann sich ein wenig und sagte: »Den vierten.«
+
+»Zwei Tage falsch!« seufzte der Hutmacher. »Ich sagte dir ja, daß Butter
+das Werk verderben würde,« setzte er hinzu, indem er den Hasen ärgerlich
+ansah.
+
+»Es war die beste Butter,« sagte der Faselhase demüthig.
+
+»Ja, aber es muß etwas Krume mit hinein gerathen sein,« brummte der
+Hutmacher; »du hättest sie nicht mit dem Brodmesser hinein thun sollen.«
+
+Der Faselhase nahm die Uhr und betrachtete sie trübselig; dann tunkte er
+sie in seine Tasse Thee und betrachtete sie wieder, aber es fiel ihm
+nichts Besseres ein, als seine erste Bemerkung: »Es war wirklich die
+beste Butter.«
+
+Alice hatte ihm neugierig über die Schulter gesehen. »Was für eine
+komische Uhr!« sagte sie. »Sie zeigt das Datum, und nicht wie viel Uhr
+es ist!«
+
+»Warum sollte sie?« brummte der Hase; »zeigt deine Uhr, welches Jahr es
+ist?«
+
+»Natürlich nicht,« antwortete Alice schnell, »weil es so lange
+hintereinander dasselbe Jahr bleibt.«
+
+»Und so ist es gerade mit meiner,« sagte der Hutmacher.
+
+Alice war ganz verwirrt. Die Erklärung des Hutmachers schien ihr gar
+keinen Sinn zu haben, und doch waren es deutlich gesprochne Worte. »Ich
+verstehe dich nicht ganz,« sagte sie, so höflich sie konnte.
+
+»Das Murmelthier schläft schon wieder,« sagte der Hutmacher, und goß ihm
+etwas heißen Thee auf die Nase.
+
+Das Murmelthier schüttelte ungeduldig den Kopf und sagte, ohne die Augen
+aufzuthun: »Freilich, freilich, das wollte ich eben auch bemerken.«
+
+»Hast du das Räthsel schon gerathen?« wandte sich der Hutmacher an
+Alice.
+
+»Nein, ich gebe es auf,« antwortete Alice; »was ist die Antwort?«
+
+»Davon habe ich nicht die leiseste Ahnung,« sagte der Hutmacher.
+
+»Ich auch nicht,« sagte der Faselhase.
+
+Alice seufzte verstimmt. »Ich dächte, ihr könntet die Zeit besser
+anwenden,« sagte sie, »als mit Räthseln, die keine Auflösung haben.«
+
+»Wenn du die Zeit so gut kenntest wie ich,« sagte der Hutmacher,
+»würdest du nicht davon reden, wie wir sie anwenden, sondern wie sie uns
+anwendet.«
+
+»Ich weiß nicht, was du meinst,« sagte Alice.
+
+»Natürlich kannst du das nicht wissen!« sagte der Hutmacher, indem er
+den Kopf verächtlich in die Höhe warf. »Du hast wahrscheinlich nie mit
+der Zeit gesprochen.«
+
+»Ich glaube kaum,« erwiederte Alice vorsichtig; »aber Mama sagte
+gestern, ich sollte zu meiner kleinen Schwester gehen und ihr die Zeit
+vertreiben.«
+
+»So? das wird sie dir schön übel genommen haben; sie läßt sich nicht
+gern vertreiben. Aber wenn man gut mit ihr steht, so thut sie Einem
+beinah Alles zu Gefallen mit der Uhr. Zum Beispiel, nimm den Fall, es
+wäre 9 Uhr Morgens, gerade Zeit, deine Stunden anzufangen, du brauchtest
+der Zeit nur den kleinsten Wink zu geben, schnurr! geht die Uhr herum,
+ehe du dich's versiehst! halb Zwei, Essenszeit!«
+
+(»Ich wünschte, das wäre es!« sagte der Faselhase leise für sich.)
+
+»Das wäre wirklich famos,« sagte Alice gedankenvoll, »aber dann würde
+ich nicht hungrig genug sein, nicht wahr?«
+
+»Zuerst vielleicht nicht,« antwortete der Hutmacher, »aber es würde so
+lange halb Zwei bleiben, wie du wolltest.«
+
+»So macht ihr es wohl hier?« fragte Alice.
+
+Der Hutmacher schüttelte traurig den Kopf. »Ich nicht!« sprach er. »Wir
+haben uns vorige Ostern entzweit -- kurz ehe er toll wurde, du weißt
+doch (mit seinem Theelöffel auf den Faselhasen zeigend) -- es war in dem
+großen Concert, das die Coeur-Königin gab; ich mußte singen:
+
+[Illustration]
+
+ »O Papagei, o Papagei!
+ Wie grün sind deine Federn!«
+
+Vielleicht kennst du das Lied?«
+
+»Ich habe etwas dergleichen gehört,« sage Alice.
+
+»Es geht weiter,« fuhr der Hutmacher fort:
+
+ »Du grünst nicht nur zur Friedenszeit,
+ Auch wenn es Teller und Töpfe schneit.
+ O Papagei, o Papagei --«
+
+Hier schüttelte sich das Murmelthier und fing an im Schlaf zu singen: »O
+Papagei, o Mamagei, o Papagei, o Mamagei --« in einem fort, so daß sie
+es zuletzt kneifen mußten, damit es nur aufhöre.
+
+»Denke dir, ich hatte kaum den ersten Vers fertig,« sagte der Hutmacher,
+»als die Königin ausrief: Abscheulich! der Mensch schlägt geradezu die
+Zeit todt mit seinem Geplärre. Aufgehängt soll er werden!«
+
+»Wie furchtbar grausam!« rief Alice.
+
+»Und seitdem,« sprach der Hutmacher traurig weiter, »hat sie mir nie
+etwas zu Gefallen thun wollen, die Zeit! Es ist nun immer sechs Uhr!«
+
+Dies brachte Alice auf einen klugen Gedanken. »Darum sind wohl so viele
+Tassen hier herumgestellt?« fragte sie.
+
+»Ja, darum,« sagte der Hutmacher mit einem Seufzer, »es ist immer
+Theestunde, und wir haben keine Zeit, die Tassen dazwischen
+aufzuwaschen.«
+
+»Dann rückt ihr wohl herum?« sagte Alice.
+
+»So ist es,« sagte der Hutmacher, »wenn die Tassen genug gebraucht
+sind.«
+
+»Aber wenn ihr wieder an den Anfang kommt?« unterstand sich Alice zu
+fragen.
+
+»Wir wollen jetzt von etwas Anderem reden,« unterbrach sie der Faselhase
+gähnend, »dieser Gegenstand ist mir nachgerade langweilig. Ich schlage
+vor, die junge Dame erzählt eine Geschichte.«
+
+»O, ich weiß leider keine,« rief Alice, ganz bestürzt über diese
+Zumuthung.
+
+»Dann soll das Murmelthier erzählen!« riefen beide; »wache auf,
+Murmelthier!« dabei kniffen sie es von beiden Seiten zugleich.
+
+Das Murmelthier machte langsam die Augen auf. »Ich habe nicht
+geschlafen,« sagte es mit heiserer, schwacher Stimme, »ich habe jedes
+Wort gehört, das ihr Jungen gesagt habt.«
+
+»Erzähle uns eine Geschichte!« sagte der Faselhase.
+
+»Ach ja, sei so gut!« bat Alice.
+
+»Und mach schnell,« fügte der Hutmacher hinzu, »sonst schläfst du ein,
+ehe sie zu Ende ist.«
+
+»Es waren einmal drei kleine Schwestern,« fing das Murmelthier eilig an,
+»die hießen Else, Lacie und Tillie, und sie lebten tief unten in einem
+Brunnen --«
+
+»Wovon lebten sie?« fragte Alice, die sich immer für Essen und Trinken
+sehr interessirte.
+
+»Sie lebten von Syrup,« versetzte das Murmelthier, nachdem es sich eine
+Minute besonnen hatte.
+
+»Das konnten sie ja aber nicht,« bemerkte Alice schüchtern, »da wären
+sie ja krank geworden.«
+
+»Das wurden sie auch,« sagte das Murmelthier, »sehr krank.«
+
+Alice versuchte es sich vorzustellen, wie eine so außergewöhnliche Art
+zu leben wohl sein möchte; aber es kam ihr zu kurios vor, sie mußte
+wieder fragen: »Aber warum lebten sie unten in dem Brunnen?«
+
+»Willst du nicht ein wenig mehr Thee?« sagte der Faselhase sehr
+ernsthaft zu Alice.
+
+»Ein wenig mehr? ich habe noch keinen gehabt,« antwortete Alice etwas
+empfindlich, »also kann ich nicht noch _mehr_ trinken.«
+
+»Du meinst, du kannst nicht _weniger_ trinken,« sagte der Hutmacher: »es
+ist sehr leicht, _mehr_ als keinen zu trinken.«
+
+»Niemand hat dich um deine Meinung gefragt,« sagte Alice.
+
+»Wer macht denn nun persönliche Bemerkungen?« rief der Hutmacher
+triumphirend.
+
+Alice wußte nicht recht, was sie darauf antworten sollte; sie nahm sich
+daher etwas Thee und Butterbrot, und dann wandte sie sich an das
+Murmelthier und wiederholte ihre Frage: »Warum lebten sie in einem
+Brunnen?«
+
+Das Murmelthier besann sich einen Augenblick und sagte dann: »Es war ein
+Syrup-Brunnen.«
+
+»Den giebt es nicht!« fing Alice sehr ärgerlich an; aber der Hutmacher
+und Faselhase machten beide: »Sch, sch!« und das Murmelthier bemerkte
+brummend: »Wenn du nicht höflich sein kannst, kannst du die Geschichte
+selber auserzählen.«
+
+»Nein, bitte, erzähle weiter!« sagte Alice ganz bescheiden; »ich will
+dich nicht wieder unterbrechen. Es wird wohl _einen_ geben.«
+
+»_Einen_, wirklich!« sagte das Murmelthier entrüstet. Doch ließ es sich
+zum Weitererzählen bewegen. »Also die drei kleinen Schwestern -- sie
+lernten zeichnen, müßt ihr wissen --«
+
+»Was zeichneten sie?« sagte Alice, ihr Versprechen ganz vergessend.
+
+»Syrup,« sagte das Murmelthier, diesmal ganz ohne zu überlegen.
+
+»Ich brauche eine reine Tasse,« unterbrach der Hutmacher, »wir wollen
+Alle einen Platz rücken.«
+
+Er rückte, wie er das sagte, und das Murmelthier folgte ihm; der
+Faselhase rückte an den Platz des Murmelthiers, und Alice nahm, obgleich
+etwas ungern, den Platz des Faselhasen ein. Der Hutmacher war der
+Einzige, der Vortheil von diesem Wechsel hatte, und Alice hatte es viel
+schlimmer als zuvor, da der Faselhase eben den Milchtopf über seinen
+Teller umgestoßen hatte.
+
+Alice wollte das Murmelthier nicht wieder beleidigen und fing daher sehr
+vorsichtig an: »Aber ich verstehe nicht. Wie konnten sie den Syrup
+zeichnen?«
+
+»Als ob nicht aller Syrup gezeichnet wäre, den man vom Kaufmann holt,«
+sagte der Hutmacher; »hast du nicht immer darauf gesehen: feinste
+Qualität, allerfeinste Qualität, superfeine Qualität -- oh, du kleiner
+Dummkopf?«
+
+»Wie gesagt,« fuhr das Murmelthier fort, »lernten sie zeichnen;« hier
+gähnte es und rieb sich die Augen, denn es fing an, sehr schläfrig zu
+werden; »und sie zeichneten Allerlei -- Alles was mit M. anfängt --«
+
+»Warum mit M?« fragte Alice.
+
+»Warum nicht?« sagte der Faselhase.
+
+Alice war still.
+
+Das Murmelthier hatte mittlerweile die Augen zugemacht, und war halb
+eingeschlafen; da aber der Hutmacher es zwickte, wachte es mit einem
+leisen Schrei auf und sprach weiter: -- »was mit M anfängt, wie
+Mausefallen, den Mond, Mangel und manches Mal -- ihr wißt, man sagt: ich
+habe das _manches liebe_ Mal gethan -- hast du je manches liebe _Mal_
+gezeichnet gesehen?«
+
+»Wirklich, da du mich selbst fragst,« sagte Alice ganz verwirrt, »ich
+denke kaum --«
+
+»Dann solltest du auch nicht reden,« sagte der Hutmacher.
+
+Dies war nachgerade zu grob für Alice: sie stand ganz beleidigt auf und
+ging fort; das Murmelthier schlief augenblicklich wieder ein, und die
+beiden Andern beachteten ihr Fortgehen nicht, obgleich sie sich ein paar
+Mal umsah, halb in der Hoffnung, daß sie sie zurückrufen würden. Als sie
+sie zuletzt sah, versuchten sie das Murmelthier in die Theekanne zu
+stecken.
+
+»Auf keinen Fall will ich _da_ je wieder hingehen!« sagte Alice, während
+sie sich einen Weg durch den Wald suchte. »Es ist die dümmste
+Theegesellschaft, in der ich in meinem ganzen Leben war!«
+
+[Illustration]
+
+Gerade wie sie so sprach, bemerkte sie, daß einer der Bäume eine kleine
+Thür hatte. »Das ist höchst komisch!« dachte sie. »Aber Alles ist heute
+komisch! Ich will lieber gleich hinein gehen.«
+
+Wie gesagt, so gethan: und sie befand sich wieder in dem langen
+Corridor, und dicht bei dem kleinen Glastische. »Diesmal will ich es
+gescheidter anfangen,« sagte sie zu sich selbst, nahm das goldne
+Schlüsselchen und schloß die Thür auf, die in den Garten führte. Sie
+machte sich daran, an dem Pilz zu knabbern (sie hatte ein Stückchen in
+ihrer Tasche behalten), bis sie ungefähr einen Fuß hoch war, dann ging
+sie den kleinen Gang hinunter; und dann -- war sie endlich in dem
+schönen Garten, unter den prunkenden Blumenbeeten und kühlen
+Springbrunnen.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+Das Croquetfeld der Königin.
+
+
+Ein großer hochstämmiger Rosenstrauch stand nahe bei'm Eingang; die
+Rosen, die darauf wuchsen, waren weiß, aber drei Gärtner waren damit
+beschäftigt, sie roth zu malen. Alice kam dies wunderbar vor, und da sie
+näher hinzutrat, um ihnen zuzusehen, hörte sie einen von ihnen sagen:
+»Nimm dich in Acht, Fünf! Bespritze mich nicht so mit Farbe!«
+
+»Ich konnte nicht dafür,« sagte Fünf in verdrießlichem Tone; »Sieben hat
+mich an den Ellbogen gestoßen.«
+
+Worauf Sieben aufsah und sagte: »Recht so, Fünf! Schiebe immer die
+Schuld auf andre Leute!«
+
+»Du sei nur ganz still!« sagte Fünf. »Gestern erst hörte ich die Königin
+sagen, du verdientest geköpft zu werden!«
+
+»Wofür?« fragte der, welcher zuerst gesprochen hatte.
+
+»Das geht _dich_ nichts an, Zwei!« sagte Sieben.
+
+»Ja, es _geht_ ihn an!« sagte Fünf, »und ich werde es ihm sagen -- dafür,
+daß er dem Koch Tulpenzwiebeln statt Küchenzwiebeln gebracht hat.«
+
+[Illustration]
+
+Sieben warf seinen Pinsel hin und hatte eben angefangen: »Ist je eine
+ungerechtere Anschuldigung --« als sein Auge zufällig auf Alice fiel,
+die ihnen zuhörte; er hielt plötzlich inne, die andern sahen sich auch
+um, und sie verbeugten sich Alle tief.
+
+»Wollen Sie so gut sein, mir zu sagen,« sprach Alice etwas furchtsam,
+»warum Sie diese Rosen malen?«
+
+Fünf und Sieben antworteten nichts, sahen aber Zwei an. Zwei fing mit
+leiser Stimme an: »Die Wahrheit zu gestehen, Fräulein, dies hätte hier
+ein _rother_ Rosenstrauch sein sollen, und wir haben aus Versehen einen
+weißen gepflanzt, und wenn die Königin es gewahr würde, würden wir Alle
+geköpft werden, müssen Sie wissen. So, sehen Sie Fräulein, versuchen
+wir, so gut es geht, ehe sie kommt --« In dem Augenblick rief Fünf, der
+ängstlich tiefer in den Garten hinein gesehen hatte: »Die Königin! die
+Königin!« und die drei Gärtner warfen sich sogleich flach auf's Gesicht.
+Es entstand ein Geräusch von vielen Schritten, und Alice blickte
+neugierig hin, die Königin zu sehen.
+
+Zuerst kamen zehn Soldaten, mit Keulen bewaffnet, sie hatten alle
+dieselbe Gestalt wie die Gärtner, rechteckig und flach, und an den vier
+Ecken die Hände und Füße; danach kamen zehn Herren vom Hofe, sie waren
+über und über mit Diamanten bedeckt und gingen paarweise, wie die
+Soldaten. Nach diesen kamen die königlichen Kinder, es waren ihrer zehn,
+und die lieben Kleinen kamen lustig gesprungen Hand in Hand, paarweise,
+sie waren ganz mit Herzen geschmückt. Darauf kamen die Gäste, meist
+Könige und Königinnen, und unter ihnen erkannte Alice das weiße
+Kaninchen; es unterhielt sich in etwas eiliger und aufgeregter Weise,
+lächelte bei Allem, was gesagt wurde und ging vorbei, ohne sie zu
+bemerken. Darauf folgte der Coeur-Bube, der die königliche Krone auf
+einem rothen Sammetkissen trug, und zuletzt in diesem großartigen Zuge
+kamen _der Herzenskönig und die Herzenskönigin_.
+
+Alice wußte nicht recht, ob sie sich nicht flach auf's Gesicht legen
+müsse, wie die drei Gärtner; aber sie konnte sich nicht erinnern, je von
+einer solchen Sitte bei Festzügen gehört zu haben. »Und außerdem, wozu
+gäbe es überhaupt Aufzüge,« dachte sie, »wenn alle Leute flach auf dem
+Gesichte liegen müßten, so daß sie sie nicht sehen könnten?« Sie blieb
+also stehen, wo sie war, und wartete.
+
+Als der Zug bei ihr angekommen war, blieben Alle stehen und sahen sie
+an, und die Königin sagte strenge: »Wer ist das?« Sie hatte den
+Coeur-Buben gefragt, der statt aller Antwort nur lächelte und Kratzfüße
+machte.
+
+»Schafskopf!« sagte die Königin, den Kopf ungeduldig zurückwerfend; und
+zu Alice gewandt fuhr sie fort: »Wie heißt du, Kind?«
+
+[Illustration]
+
+»Mein Name ist Alice, Euer Majestät zu dienen!« sagte Alice sehr
+höflich; aber sie dachte bei sich: »Ach was, es ist ja nur ein Pack
+Karten. Ich brauche mich nicht vor ihnen zu fürchten!«
+
+»Und wer sind diese drei?« fuhr die Königin fort, indem sie auf die drei
+Gärtner zeigte, die um den Rosenstrauch lagen; denn natürlich, da sie
+auf dem Gesichte lagen und das Muster auf ihrer Rückseite dasselbe war
+wie für das ganze Pack, so konnte sie nicht wissen, ob es Gärtner oder
+Soldaten oder Herren vom Hofe oder drei von ihren eigenen Kindern waren.
+
+»Woher soll ich das wissen?« sagte Alice, indem sie sich selbst über
+ihren Muth wunderte. »Es ist nicht meines Amtes.«
+
+Die Königin wurde purpurroth vor Wuth, und nachdem sie sie einen
+Augenblick wie ein wildes Thier angestarrt hatte, fing sie an zu
+brüllen: »Ihren Kopf ab! ihren Kopf --«
+
+»Unsinn!« sagte Alice sehr laut und bestimmt, und die Königin war still.
+
+Der König legte seine Hand auf ihren Arm und sagte milde: »Bedenke,
+meine Liebe, es ist nur ein Kind!«
+
+Die Königin wandte sich ärgerlich von ihm ab und sagte zu dem Buben:
+»Dreh' sie um!«
+
+Der Bube that es, sehr sorgfältig, mit einem Fuße.
+
+»Steht auf!« schrie die Königin mit durchdringender Stimme, und die drei
+Gärtner sprangen sogleich auf und fingen an sich zu verneigen vor dem
+König, der Königin, den königlichen Kindern, und Jedermann.
+
+»Laßt das sein!« eiferte die Königin. »Ihr macht mich schwindlig.« Und
+dann, sich nach dem Rosenstrauch umdrehend, fuhr sie fort: »Was habt ihr
+hier gethan?«
+
+»Euer Majestät zu dienen,« sagte Zwei in sehr demüthigem Tone und sich
+auf ein Knie niederlassend, »wir haben versucht --«
+
+»Ich sehe!« sagte die Königin, die unterdessen die Rosen untersucht
+hatte. »Ihre Köpfe ab!« und der Zug bewegte sich fort, während drei von
+den Soldaten zurückblieben um die unglücklichen Gärtner zu enthaupten,
+welche zu Alice liefen und sie um Schutz baten.
+
+»Ihr sollt nicht getödtet werden!« sagte Alice, und damit steckte sie
+sie in einen großen Blumentopf, der in der Nähe stand. Die drei Soldaten
+gingen ein Weilchen hier- und dorthin, um sie zu suchen, und dann
+schlossen sie sich ruhig wieder den Andern an.
+
+»Sind ihre Köpfe gefallen?« schrie die Königin sie an.
+
+»Ihre Köpfe sind fort, zu Euer Majestät Befehl!« schrien die Soldaten
+als Antwort.
+
+»Das ist gut!« schrie die Königin. »Kannst du Croquet spielen?«
+
+Die Soldaten waren still und sahen Alice an, da die Frage
+augenscheinlich an sie gerichtet war.
+
+»Ja!« schrie Alice.
+
+»Dann komm mit!« brüllte die Königin, und Alice schloß sich dem Zuge an,
+sehr neugierig, was nun geschehen werde.
+
+»Es ist -- es ist ein sehr schöner Tag!« sagte eine schüchterne Stimme
+neben ihr. Sie ging neben dem weißen Kaninchen, das ihr ängstlich in's
+Gesicht sah.
+
+»Sehr,« sagte Alice; -- »wo ist die Herzogin?«
+
+»Still! still!« sagte das Kaninchen in einem leisen, schnellen Tone. Es
+sah dabei ängstlich über seine Schulter, stellte sich dann auf die
+Zehen, hielt den Mund dicht an Alice's Ohr und wisperte: »Sie ist zum
+Tode verurtheilt.«
+
+»Wofür?« fragte diese.
+
+»Sagtest du: wie Schade?« fragte das Kaninchen.
+
+»Nein, das sagte ich nicht,« sagte Alice, »ich finde gar nicht, daß es
+Schade ist. Ich sagte: wofür?«
+
+»Sie hat der Königin eine Ohrfeige gegeben --« fing das Kaninchen an.
+Alice lachte hörbar. »Oh still!« flüsterte das Kaninchen in sehr
+erschreckten Tone. »Die Königin wird dich hören! Sie kam nämlich etwas
+spät, und die Königin sagte --«
+
+»Macht, daß ihr an eure Plätze kommt!« donnerte die Königin, und Alle
+fingen an in allen Richtungen durcheinander zu laufen, wobei sie Einer
+über den Andern stolperten; jedoch nach ein bis zwei Minuten waren sie
+in Ordnung, und das Spiel fing an.
+
+[Illustration]
+
+Alice dachte bei sich, ein so merkwürdiges Croquet-Feld habe sie in
+ihrem Leben nicht gesehen; es war voller Erhöhungen und Furchen, die
+Kugeln waren lebendige Igel, und die Schlägel lebendige Flamingos, und
+die Soldaten mußten sich umbiegen und auf Händen und Füßen stehen, um
+die Bogen zu bilden.
+
+Die Hauptschwierigkeit, die Alice zuerst fand, war, den Flamingo zu
+handhaben; sie konnte zwar ziemlich bequem seinen Körper unter ihrem
+Arme festhalten, so daß die Füße herunterhingen, aber wenn sie eben
+seinen Hals schön ausgestreckt hatte, und dem Igel nun einen Schlag mit
+seinem Kopf geben wollte, so richtete er sich auf und sah ihr mit einem
+so verdutzten Ausdruck in's Gesicht, daß sie sich nicht enthalten konnte
+laut zu lachen. Wenn sie nun seinen Kopf herunter gebogen hatte und eben
+wieder anfangen wollte zu spielen, so fand sie zu ihrem großen Verdruß,
+daß der Igel sich aufgerollt hatte und eben fortkroch; außerdem war
+gewöhnlich eine Erhöhung oder eine Furche gerade da im Wege, wo sie den
+Igel hinrollen wollte, und da die umgebogenen Soldaten fortwährend
+aufstanden und an eine andere Stelle des Grasplatzes gingen, so kam
+Alice bald zu der Ueberzeugung, daß es wirklich ein sehr schweres Spiel
+sei.
+
+Die Spieler spielten Alle zugleich, ohne zu warten, bis sie an der Reihe
+waren; dabei stritten sie sich immerfort und zankten um die Igel, und in
+sehr kurzer Zeit war die Königin in der heftigsten Wuth, stampfte mit
+den Füßen und schrie: »Schlagt ihr den Kopf ab!« ungefähr ein Mal jede
+Minute.
+
+Alice fing an, sich sehr unbehaglich zu fühlen, sie hatte zwar noch
+keinen Streit mit der Königin gehabt, aber sie wußte, daß sie keinen
+Augenblick sicher davor war, »und was,« dachte sie, »würde dann aus mir
+werden? die Leute hier scheinen schrecklich gern zu köpfen; es ist das
+größte Wunder, daß überhaupt noch welche am Leben geblieben sind!« Sie
+sah sich nach einem Ausgange um und überlegte, ob sie sich wohl ohne
+gesehen zu werden, fortschleichen könne, als sie eine merkwürdige
+Erscheinung in der Luft wahrnahm: sie schien ihr zuerst ganz
+räthselhaft, aber nachdem sie sie ein Paar Minuten beobachtet hatte,
+erkannte sie, daß es ein Grinsen war, und sagte bei sich: »Es ist die
+Grinse-Katze; jetzt werde ich Jemand haben, mit dem ich sprechen kann.«
+
+»Wie geht es dir?« sagte die Katze, sobald Mund genug da war, um damit
+zu sprechen.
+
+Alice wartete, bis die Augen erschienen, und nickte ihr zu. »Es nützt
+nichts mit ihr zu reden,« dachte sie, »bis ihre Ohren gekommen sind,
+oder wenigstens eins.« Den nächsten Augenblick erschien der ganze Kopf;
+da setzte Alice ihren Flamingo nieder und fing ihren Bericht von dem
+Spiele an, sehr froh, daß sie Jemand zum Zuhören hatte. Die Katze
+schien zu glauben, daß jetzt genug von ihr sichtbar sei, und es erschien
+weiter nichts.
+
+»Ich glaube, sie spielen gar nicht gerecht,« fing Alice in etwas
+klagendem Tone an, »und sie zanken sich Alle so entsetzlich, daß man
+sein eigenes Wort nicht hören kann -- und dann haben sie gar keine
+Spielregeln, wenigstens wenn sie welche haben, so beobachtet sie Niemand
+-- und du hast keine Idee, wie es Einen verwirrt, daß alle
+Croquet-Sachen lebendig sind; zum Beispiel da ist der Bogen, durch den
+ich das nächste Mal spielen muß, und geht am andern Ende des Grasplatzes
+spazieren -- und ich hätte den Igel der Königin noch eben _treffen_
+können, nur daß er fortrannte, als er meinen kommen sah!«
+
+»Wie gefällt dir die Königin?« fragte die Katze leise.
+
+»Ganz und gar nicht,« sagte Alice, »sie hat so sehr viel --« da bemerkte
+sie eben, daß die Königin dicht hinter ihr war und zuhörte, also setzte
+sie hinzu: »Aussicht zu gewinnen, daß es kaum der Mühe werth ist, das
+Spiel auszuspielen.«
+
+Die Königin lächelte und ging weiter.
+
+»Mit wem redest du da?« sagte der König, indem er an Alice herantrat
+und mit großer Neugierde den Katzenkopf ansah.
+
+»Es ist einer meiner Freunde -- ein Grinse-Kater,« sagte Alice;
+»erlauben Eure Majestät, daß ich ihn Ihnen vorstelle.«
+
+»Sein Aussehen gefällt mir gar nicht,« sagte der König; »er mag mir
+jedoch die Hand küssen, wenn er will.«
+
+»O, lieber nicht!« versetzte der Kater.
+
+»Sei nicht so impertinent,« sagte der König, »und sieh mich nicht so
+an!« Er stellte sich hinter Alice, als er dies sagte.
+
+»Der Kater sieht den König an, der König sieht den Kater an,« sagte
+Alice, »das habe ich irgendwo gelesen, ich weiß nur nicht mehr wo.«
+
+»Fort muß er,« sagte der König sehr entschieden, und rief der Königin
+zu, die gerade vorbeiging: »Meine Liebe! ich wollte, du ließest diesen
+Kater fortschaffen!«
+
+Die Königin kannte nur _eine_ Art, alle Schwierigkeiten, große und kleine,
+zu beseitigen. »Schlagt ihm den Kopf ab!« sagte sie, ohne sich einmal
+umzusehen.
+
+»Ich werde den Henker selbst holen,« sagte der König eifrig und eilte
+fort.
+
+Alice dachte, sie wollte lieber zurück gehen und sehen, wie es mit dem
+Spiele stehe, da sie in der Entfernung die Stimme der Königin hörte, die
+vor Wuth außer sich war. Sie hatte sie schon drei Spieler zum Tode
+verurtheilen hören, weil sie ihre Reihe verfehlt hatten, und der Stand
+der Dinge behagte ihr gar nicht, da das Spiel in solcher Verwirrung war,
+daß sie nie wußte, ob sie an der Reihe sei oder nicht. Sie ging also,
+sich nach ihrem Igel umzusehen.
+
+Der Igel war im Kampfe mit einem andern Igel, was Alice eine
+vortreffliche Gelegenheit schien, einen mit dem andern zu _treffen_; die
+einzige Schwierigkeit war, daß ihr Flamingo nach dem andern Ende des
+Gartens gegangen war, wo Alice eben sehen konnte, wie er höchst
+ungeschickt versuchte, auf einen Baum zu fliegen.
+
+Als sie den Flamingo gefangen und zurückgebracht hatte, war der Kampf
+vorüber und die beiden Igel nirgends zu sehen. »Aber es kommt nicht
+drauf an,« dachte Alice, »da alle Bogen auf dieser Seite des Grasplatzes
+fortgegangen sind.« Sie steckte also ihren Flamingo unter den Arm, damit
+er nicht wieder fortliefe, und ging zurück, um mit ihrem Freunde weiter
+zu schwatzen.
+
+Als sie zum Cheshire-Kater zurück kam, war sie sehr erstaunt, einen
+großen Auflauf um ihn versammelt zu sehen: es fand ein großer
+Wortwechsel statt zwischen dem Henker, dem Könige und der Königin,
+welche alle drei zugleich sprachen, während die Uebrigen ganz still
+waren und sehr ängstlich aussahen.
+
+Sobald Alice erschien, wurde sie von allen dreien aufgefordert, den
+streitigen Punkt zu entscheiden, und sie wiederholten ihr ihre
+Beweisgründe, obgleich, da alle zugleich sprachen, man kaum verstehen
+konnte, was jeder Einzelne sagte.
+
+[Illustration]
+
+Der Henker behauptete, daß man keinen Kopf abschneiden könne, wo kein
+Körper sei, von dem man ihn abschneiden könne; daß er so etwas noch nie
+gethan habe, und jetzt über die Jahre hinaus sei, wo man etwas Neues
+lerne.
+
+Der König behauptete, daß Alles, was einen Kopf habe, geköpft werden
+könne, und daß man nicht so viel Unsinn schwatzen solle.
+
+Die Königin behauptete, daß wenn nicht in weniger als keiner Frist etwas
+geschehe, sie die ganze Gesellschaft würde köpfen lassen. (Diese
+letztere Bemerkung hatte der Versammlung ein so ernstes und ängstliches
+Aussehen gegeben.)
+
+Alice wußte nichts Besseres zu sagen als: "Er gehört der Herzogin, es
+wäre am besten sie zu fragen."
+
+"Sie ist im Gefängnis," sagte die Königin zum Henker, "hole sie her."
+Und der Henker lief davon wie ein Pfeil.
+
+Da wurde der Kopf des Katers undeutlicher und undeutlicher; und gerade
+in dem Augenblicke, als der Henker mit der Herzogin zurück kam,
+verschwand er gänzlich; der König und der Henker liefen ganz wild umher,
+ihn zu suchen, während die übrige Gesellschaft zum Spiele zurückging.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+Die Geschichte der falschen Schildkröte.
+
+
+»Du kannst dir gar nicht denken, wie froh ich bin, dich wieder zu sehen,
+du liebes altes Herz!« sagte die Herzogin, indem sie Alice liebevoll
+unterfaßte, und beide zusammen fortspazierten.
+
+Alice war sehr froh, sie bei so guter Laune zu finden, und dachte bei
+sich, es wäre vielleicht nur der Pfeffer, der sie so böse gemacht habe,
+als sie sich zuerst in der Küche trafen. »Wenn ich Herzogin bin,« sagte
+sie für sich (doch nicht in sehr hoffnungsvollem Tone), »will ich gar
+keinen Pfeffer in meiner Küche dulden. Suppe schmeckt sehr gut ohne --
+Am Ende ist es immer Pfeffer, der die Leute heftig macht,« sprach sie
+weiter, sehr glücklich, eine neue Art Regel erfunden zu haben, »und
+Essig, der sie sauertöpfisch macht -- und Kamillenthee, der sie bitter
+macht -- und Gerstenzucker und dergleichen, was Kinder zuckersüß macht.
+Ich wünschte nur, die großen Leute wüßten das, dann würden sie nicht so
+sparsam damit sein --«
+
+Sie hatte unterdessen die Herzogin ganz vergessen und schrak förmlich
+zusammen, als sie deren Stimme dicht an ihrem Ohre hörte. »Du denkst an
+etwas, meine Liebe, und vergißt darüber zu sprechen. Ich kann dir diesen
+Augenblick nicht sagen, was die Moral davon ist, aber es wird mir gleich
+einfallen.«
+
+»Vielleicht hat es keine,« hatte Alice den Muth zu sagen.
+
+»Still, still, Kind!« sagte die Herzogin. »Alles hat seine Moral, wenn
+man sie nur finden kann.« Dabei drängte sie sich dichter an Alice heran.
+
+Alice mochte es durchaus nicht gern, daß sie ihr so nahe kam: erstens,
+weil die Herzogin sehr häßlich war, und zweitens, weil sie gerade groß
+genug war, um ihr Kinn auf Alice's Schulter zu stützen, und es war ein
+unangenehm spitzes Kinn. Da sie aber nicht gern unhöflich sein wollte,
+so ertrug sie es, so gut sie konnte.
+
+»Das Spiel ist jetzt besser im Gange,« sagte sie, um die Unterhaltung
+fortzuführen.
+
+[Illustration]
+
+»So ist es,« sagte die Herzogin, »und die Moral davon ist -- Mit Liebe
+und Gesange hält man die Welt im Gange!«
+
+»Wer sagte denn,« flüsterte Alice, »es geschehe dadurch, daß Jeder vor
+seiner Thüre fege.«
+
+»Ah, sehr gut, das bedeutet ungefähr dasselbe,« sagte die Herzogin, und
+indem sie ihr spitzes kleines Kinn in Alice's Schulter einbohrte, fügte
+sie hinzu »und die Moral _davon_ ist -- So viel Köpfe, so viel Sinne.«
+
+»Wie gern sie die Moral von Allem findet!« dachte Alice bei sich.
+
+»Du wunderst dich wahrscheinlich, warum ich meinen Arm nicht um deinen
+Hals lege,« sagte die Herzogin nach einer Pause; »die Wahrheit zu
+gestehen, ich traue der Laune deines Flamingos nicht ganz. Soll ich es
+versuchen?«
+
+»Er könnte beißen,« erwiderte Alice weislich, da sie sich keineswegs
+danach sehnte, das Experiment zu versuchen.
+
+»Sehr wahr,« sagte die Herzogin, »Flamingos und Senf beißen beide. Und
+die Moral davon ist: Gleich und Gleich gesellt sich gern.«
+
+»Aber der Flamingo ist ja ein Vogel und Senf ist kein Vogel,« wandte
+Alice ein.
+
+»Ganz recht, wie immer,« sagte die Herzogin, »wie deutlich du Alles
+ausdrücken kannst.«
+
+»Es ist, glaube ich, ein Mineral,« sagte Alice.
+
+»Versteht sich,« sagte die Herzogin, die Allem, was Alice sagte,
+beizustimmen schien, »in dem großen Senf-Bergwerk hier in der Gegend
+sind ganz vorzüglich gute Minen. Und die Moral davon ist, daß wir gute
+Miene zum bösen Spiel machen müssen.«
+
+»O, ich weiß!« rief Alice aus, die die letzte Bemerkung ganz überhört
+hatte, »es ist eine Pflanze. Es sieht nicht so aus, aber es ist eine.«
+
+»Ich stimme dir vollkommen bei,« sagte die Herzogin, »und die Moral
+davon ist: Sei was du zu scheinen wünschest! -- oder einfacher
+ausgedrückt: Bilde dir nie ein verschieden von dem zu sein was Anderen
+erscheint daß was du warest oder gewesen sein möchtest nicht verschieden
+von dem war daß was du gewesen warest ihnen erschienen wäre als wäre es
+verschieden.«
+
+»Ich glaube, ich würde das besser verstehen,« sagte Alice sehr höflich,
+»wenn ich es aufgeschrieben hätte; ich kann nicht ganz folgen, wenn Sie
+es sagen.«
+
+»Das ist noch gar nichts dagegen, was ich sagen könnte, wenn ich
+wollte,« antwortete die Herzogin in selbstzufriedenem Tone.
+
+»Bitte, bemühen Sie sich nicht, es noch länger zu sagen!« sagte Alice.
+
+»O, sprich nicht von Mühe!« sagte die Herzogin, »ich will dir Alles, was
+ich bis jetzt gesagt habe, schenken.«
+
+»Eine wohlfeile Art Geschenke!« dachte Alice, »ich bin froh, daß man
+nicht solche Geburtstagsgeschenke macht!« Aber sie getraute sich nicht,
+es laut zu sagen.
+
+»Wieder in Gedanken?« fragte die Herzogin und grub ihr spitzes kleines
+Kinn tiefer ein.
+
+»Ich habe das Recht, in Gedanken zu sein, wenn ich will,« sagte Alice
+gereizt, denn die Unterhaltung fing an, ihr langweilig zu werden.
+
+»Gerade so viel Recht,« sagte die Herzogin, »wie Ferkel zum Fliegen, und
+die M --«
+
+Aber, zu Alice's großem Erstaunen stockte hier die Stimme der Herzogin,
+und zwar mitten in ihrem Lieblingsworte »Moral«, und der Arm, der in dem
+ihrigen ruhte, fing an zu zittern. Alice sah auf, und da stand die
+Königin vor ihnen, mit über der Brust gekreuzten Armen, schwarzblickend
+wie ein Gewitter.
+
+»Ein schöner Tag, Majestät!« fing die Herzogin mit leiser schwacher
+Stimme an.
+
+»Ich will Sie schön gewarnt haben,« schrie die Königin und stampfte
+dabei mit dem Fuße: »Fort augenblicklich, entweder mit Ihnen oder mit
+Ihrem Kopfe! Wählen Sie!«
+
+Die Herzogin wählte und verschwand eilig.
+
+»Wir wollen weiter spielen,« sagte die Königin zu Alice, und diese, viel
+zu erschrocken, ein Wort zu erwiedern, folgte ihr langsam nach dem
+Croquet-Felde.
+
+Die übrigen Gäste hatten die Abwesenheit der Königin benutzt, um im
+Schatten auszuruhen; sobald sie sie jedoch kommen sahen, eilten sie
+augenblicklich zum Spiele zurück, indem die Königin einfach bemerkte,
+daß eine Minute Verzug ihnen das Leben kosten würde.
+
+Die ganze Zeit, wo sie spielten, hörte die Königin nicht auf, mit den
+andern Spielern zu zanken und zu schreien: »Schlagt ihm den Kopf ab!«
+oder: »Schlagt ihr den Kopf ab!« Diejenigen, welche sie verurtheilt
+hatte, wurden von den Soldaten in Verwahrsam geführt, die natürlich dann
+aufhören mußten, die Bogen zu bilden, so daß nach ungefähr einer halben
+Stunde keine Bogen mehr übrig waren, und alle Spieler, außer dem Könige,
+der Königin und Alice, in Verwahrsam und zum Tode verurtheilt waren.
+
+Da hörte die Königin, ganz außer Athem, auf, und sagte zu Alice: »Hast
+du die _Falsche Schildkröte_ schon gesehen?«
+
+»Nein,« sagte Alice. »Ich weiß nicht einmal, was eine _Falsche
+Schildkröte_ ist.«
+
+»Es ist das, woraus falsche Schildkrötensuppe gemacht wird,« sagte die
+Königin.
+
+»Ich habe weder eine gesehen, noch von einer gehört,« sagte Alice.
+
+»Komm schnell,« sagte die Königin, »sie soll dir ihre Geschichte
+erzählen.«
+
+Als sie mit einander fortgingen, hörte Alice den König leise zu der
+ganzen Versammlung sagen: »Ihr seid Alle begnadigt!« »Ach, das ist ein
+Glück!« sagte sie für sich, denn sie war über die vielen Enthauptungen,
+welche die Königin angeordnet hatte, ganz außer sich gewesen.
+
+Sie kamen bald zu einem Greifen, der in der Sonne lag und schlief. (Wenn
+ihr nicht wißt, was ein Greif ist, seht euch das Bild an.) »Auf, du
+Faulpelz,« sagte die Königin, »und bringe dies kleine Fräulein zu der
+falschen Schildkröte, sie möchte gern ihre Geschichte hören. Ich muß
+zurück und nach einigen Hinrichtungen sehen, die ich angeordnet habe;«
+damit ging sie fort und ließ Alice mit dem Greifen allein. Der Anblick
+des Thieres gefiel Alice nicht recht; aber im Ganzen genommen, dachte
+sie, würde es eben so sicher sein, bei ihm zu bleiben, als dieser
+grausamen Königin zu folgen, sie wartete also.
+
+[Illustration]
+
+Der Greif richtete sich auf und rieb sich die Augen: darauf sah er der
+Königin nach, bis sie verschwunden war; dann schüttelte er sich. »Ein
+köstlicher Spaß!« sagte der Greif, halb zu sich selbst, halb zu Alice.
+
+»_Was_ ist ein Spaß?« fragte Alice.
+
+»Sie,« sagte der Greif. »Es ist Alles ihre Einbildung, das: Niemand wird
+niemals nicht hingerichtet. Komm schnell.«
+
+»Jeder sagte hier, komm schnell,« dachte Alice, indem sie ihm langsam
+nachging, »so viel bin ich in meinem Leben nicht hin und her kommandirt
+worden, nein, in meinem ganzen Leben nicht!«
+
+Sie brauchten nicht weit zu gehen, als sie schon die falsche Schildkröte
+in der Entfernung sahen, wie sie einsam und traurig auf einem
+Felsenriffe saß; und als sie näher kamen, hörte Alice sie seufzen, als
+ob ihr das Herz brechen wollte. Sie bedauerte sie herzlich. »Was für
+einen Kummer hat sie?« fragte sie den Greifen, und der Greif antwortete,
+fast in denselben Worten wie zuvor: »Es ist Alles ihre Einbildung, das;
+sie hat keinen Kummer nicht. Komm schnell.«
+
+Sie gingen also an die falsche Schildkröte heran, die sie mit
+thränenschweren Augen anblickte, aber nichts sagte.
+
+»Die kleine Mamsell hier,« sprach der Greif, »sie sagt, sie möchte gern
+deine Geschichte wissen, sagt sie.«
+
+»Ich will sie ihr erzählen,« sprach die falsche Schildkröte mit tiefer,
+hohler Stimme; »setzt euch beide her und sprecht kein Wort, bis ich
+fertig bin.«
+
+Gut, sie setzten sich hin und Keiner sprach mehre Minuten lang. Alice
+dachte bei sich: »Ich begreife nicht, wie sie je fertig werden kann,
+wenn sie nicht anfängt.« Aber sie wartete geduldig.
+
+»Einst,« sagte die falsche Schildkröte endlich mit einem tiefen Seufzer,
+»war ich eine wirkliche Schildkröte.«
+
+[Illustration]
+
+Auf diese Worte folgte ein sehr langes Schweigen, nur hin und wieder
+unterbrochen durch den Ausruf des Greifen »Hjckrrh!« und durch das
+heftige Schluchzen der falschen Schildkröte. Alice wäre beinah
+aufgestanden und hätte gesagt: »Danke sehr für die interessante
+Geschichte!« aber sie konnte nicht umhin zu denken, daß doch noch etwas
+kommen müsse; daher blieb sie sitzen und sagte nichts.
+
+»Als wir klein waren,« sprach die falsche Schildkröte endlich weiter,
+und zwar ruhiger, obgleich sie noch hin und wieder schluchzte, »gingen
+wir zur Schule in der See. Die Lehrerin war eine alte Schildkröte -- wir
+nannten sie Mamsell Schalthier --«
+
+»Warum nanntet ihr sie Mamsell Schalthier?« fragte Alice.
+
+»Sie _schalt hier_ oder sie schalt da alle Tage, darum,« sagte die falsche
+Schildkröte ärgerlich; »du bist wirklich sehr dumm.«
+
+»Du solltest dich schämen, eine so dumme Frage zu thun,« setzte der
+Greif hinzu, und dann saßen beide und sahen schweigend die arme Alice
+an, die in die Erde hätte sinken mögen. Endlich sagte der Greif zu der
+falschen Schildkröte: »Fahr' zu, alte Kutsche! Laß uns nicht den ganzen
+Tag warten!« Und sie fuhr in folgenden Worten fort:
+
+»Ja, wir gingen zur Schule, in der See, ob ihr es glaubt oder nicht --«
+
+»Ich habe nicht gesagt, daß ich es nicht glaubte,« unterbrach sie Alice.
+
+»Ja, das hast du,« sagte die falsche Schildkröte.
+
+»Halt' den Mund!« fügte der Greif hinzu, ehe Alice antworten konnte. Die
+falsche Schildkröte fuhr fort.
+
+»Wir gingen in die allerbeste Schule; wir hatten vier und zwanzig
+Stunden regelmäßig jeden Tag.«
+
+»Das haben wir auf dem Lande auch,« sagte Alice, »darauf brauchst du dir
+nicht so viel einzubilden.«
+
+»Habt ihr auch Privatstunden außerdem?« fragte die falsche Schildkröte
+etwas kleinlaut.
+
+»Ja,« sagte Alice, »Französisch und Klavier.«
+
+»Und Wäsche?« sagte die falsche Schildkröte.
+
+»Ich dächte gar!« sagte Alice entrüstet.
+
+»Ah! dann gehst du in keine wirklich gute Schule,« sagte die falsche
+Schildkröte sehr beruhigt. »In unserer Schule stand immer am Ende der
+Rechnung, »Französisch, Klavierspielen, Wäsche -- extra.«
+
+»Das könnt ihr nicht sehr nöthig gehabt haben,« sagte Alice, »wenn ihr
+auf dem Grunde des Meeres wohntet.«
+
+»Ich konnte keine Privatstunden bezahlen,« sagte die falsche
+Schildkröte mit einem Seufzer. »Ich nahm nur den regelmäßigen
+Unterricht.«
+
+»Und was war das?« fragte Alice.
+
+»Legen und Treiben, natürlich, zu allererst,« erwiederte die falsche
+Schildkröte; »und dann die vier Abtheilungen vom Rechnen: Zusehen,
+Abziehen, Vervielfraßen und Stehlen.«
+
+»Ich habe nie von Vervielfraßen gehört,« warf Alice ein. »Was ist das?«
+
+Der Greif erhob beide Klauen voller Verwunderung. »Nie von Vervielfraßen
+gehört!« rief er aus. »Du weißt, was Verhungern ist? vermuthe ich.«
+
+»Ja,« sagte Alice unsicher, »es heißt -- nichts -- essen -- und davon --
+sterben.«
+
+»Nun,« fuhr der Greif fort, »wenn du nicht verstehst, was Vervielfraßen
+ist, dann bist du ein Pinsel.«
+
+Alice hatte allen Muth verloren, sich weiter danach zu erkundigen, und
+wandte sich daher an die falsche Schildkröte mit der Frage: »Was hattet
+ihr sonst noch zu lernen?«
+
+»Nun, erstens Gewichte,« erwiederte die falsche Schildkröte, indem sie
+die Gegenstände an den Pfoten aufzählte, »Gewichte, alte und neue, mit
+Seeographie; dann Springen -- der Springelehrer war ein alter
+Stockfisch, der ein Mal wöchentlich zu kommen pflegte, er lehrte uns
+Pfoten Reiben und Unarten, meerschwimmig Springen, Schillern und
+Imponiren.«
+
+»Wie war denn das?« fragte Alice.
+
+»Ich kann es dir nicht selbst zeigen,« sagte die falsche Schildkröte,
+»ich bin zu steif. Und der Greif hat es nicht gelernt.«
+
+»Hatte keine Zeit,« sagte der Greif; »ich hatte aber Stunden bei dem
+Lehrer der alten Sprachen. Das war ein alter _Barsch_, ja, das war er.«
+
+»Bei dem bin ich nicht gewesen,« sagte die falsche Schildkröte mit einem
+Seufzer, »er lehrte Zebräisch und Greifisch, sagten sie immer.«
+
+»Das that er auch, das that er auch, und besonders Laßsein,« sagte der
+Greif, indem er ebenfalls seufzte, worauf beide Thiere sich das Gesicht
+mit den Pfoten bedeckten.
+
+»Und wie viel Schüler wart ihr denn in einer Klasse?« sagte Alice, die
+schnell auf einen andern Gegenstand kommen wollte.
+
+»Zehn den ersten Tag,« sagte die falsche Schildkröte, »neun den
+nächsten, und so fort.«
+
+»Was für eine merkwürdige Einrichtung!« rief Alice aus.
+
+»Das ist der Grund, warum man Lehrer hält, weil sie die Klasse von Tag
+zu Tag leeren.«
+
+Dies war ein ganz neuer Gedanke für Alice, welchen sie gründlich
+überlegte, ehe sie wieder eine Bemerkung machte. »Den elften Tag müssen
+dann Alle frei gehabt haben?«
+
+»Natürlich!« sagte die falsche Schildkröte.
+
+»Und wie wurde es den zwölften Tag gemacht?« fuhr Alice eifrig fort.
+
+»Das ist genug von Stunden,« unterbrach der Greif sehr bestimmt:
+»erzähle ihr jetzt etwas von den Spielen.«
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+Das Hummerballet.
+
+
+Die falsche Schildkröte seufzte tief auf und wischte sich mit dem Rücken
+ihrer Pfote die Augen. Sie sah Alice an und versuchte zu sprechen, aber
+ein bis zwei Minuten lang erstickte lautes Schluchzen ihre Stimme.
+»Sieht aus, als ob sie einen Knochen in der Kehle hätt',« sagte der
+Greif und machte sich daran, sie zu schütteln und auf den Rücken zu
+klopfen. Endlich erhielt die falsche Schildkröte den Gebrauch ihrer
+Stimme wieder, und während Thränen ihre Wangen herabflossen, erzählte
+sie weiter.
+
+»Vielleicht hast du nicht viel unter dem Wasser gelebt --« (»Nein,«
+sagte Alice) -- »und vielleicht hast du nie die Bekanntschaft eines
+Hummers gemacht --« (Alice wollte eben sagen: »ich kostete einmal,« aber
+sie hielt schnell ein und sagte: »Nein, niemals«) -- »du kannst dir also
+nicht vorstellen, wie reizend ein Hummerballet ist.«
+
+»Nein, in der That nicht,« sagte Alice, »was für eine Art Tanz ist es?«
+
+»Nun,« sagte der Greif, »erst stellt man sich in einer Reihe am Strand
+auf --«
+
+»In zwei Reihen!« rief die falsche Schildkröte. »Seehunde, Schildkröten,
+Lachse, und so weiter; dann, wenn alle Seesterne aus dem Wege geräumt
+sind --«
+
+»Was gewöhnlich einige Zeit dauert,« unterbrach der Greif.
+
+»-- geht man zwei Mal vorwärts --«
+
+»Jeder einen Hummer zum Tanze führend!« rief der Greif.
+
+»Natürlich,« sagte die falsche Schildkröte: »zwei Mal vorwärts, wieder
+paarweis gestellt --«
+
+»-- wechselt die Hummer, und geht in derselben Ordnung zurück,« fuhr der
+Greif fort.
+
+»Dann, mußt du wissen,« fiel die falsche Schildkröte ein, »wirft man die
+--«
+
+»Die Hummer!« schrie der Greif mit einem Luftsprunge.
+
+»-- so weit in's Meer, als man kann --«
+
+»Schwimmt ihnen nach!« kreischte der Greif.
+
+»Schlägt einen Purzelbaum im Wasser!« rief die falsche Schildkröte,
+indem sie unbändig umhersprang.
+
+[Illustration]
+
+»Wechselt die Hummer wieder!« heulte der Greif mit erhobener Stimme.
+
+»Zurück an's Land, und -- das ist die ganze erste Figur,« sagte die
+falsche Schildkröte, indem ihre Stimme plötzlich sank; und beide Thiere,
+die bis dahin wie toll umhergesprungen waren, setzten sich sehr betrübt
+und still nieder und sahen Alice an.
+
+»Es muß ein sehr hübscher Tanz sein,« sagte Alice ängstlich.
+
+»Möchtest du eine kleine Probe sehen?« fragte die falsche Schildkröte.
+
+»Sehr gern,« sagte Alice.
+
+»Komm, laß uns die erste Figur versuchen!« sagte die falsche Schildkröte
+zum Greifen. »Wir können es ohne Hummer, glaube ich. Wer soll singen?«
+
+»Oh, singe du!« sagte der Greif. »Ich habe die Worte vergessen.«
+
+So fingen sie denn an, feierlich im Kreise um Alice zu tanzen; zuweilen
+traten sie ihr auf die Füße, wenn sie ihr zu nahe kamen; die falsche
+Schildkröte sang dazu, sehr langsam und traurig, Folgendes: --
+
+ Zu der Schnecke sprach ein Weißfisch: »Kannst du denn nicht
+ schneller gehn?
+ Siehst du denn nicht die Schildkröten und die Hummer
+ alle stehn?
+ Hinter uns da kommt ein Meerschwein, und es tritt mir auf
+ den Schwanz;
+ Und sie warten an dem Strande, daß wir kommen zu
+ dem Tanz.
+ Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen
+ zu dem Tanz?
+ Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen
+ zu dem Tanz?«
+
+ »Nein, du kannst es nicht ermessen, wie so herrlich es wird sein,
+ Nehmen sie uns mit den Hummern, werfen uns in's Meer hinein!«
+ Doch die Schnecke thät nicht trauen. »Das gefällt mir doch nicht ganz!
+ Viel zu weit, zu weit! ich danke -- gehe nicht mit euch zum Tanz!
+ Nein, ich kann, ich mag, ich will nicht, kann nicht kommen zu dem Tanz!
+ Nein, ich kann, ich mag, ich will nicht, mag nicht kommen zu dem Tanz!«
+
+ Und der Weißfisch sprach dagegen: »'s kommt ja nicht drauf an, wie
+ weit!
+ Ist doch wohl ein andres Ufer, drüben auf der andern Seit'!
+ Und noch viele schöne Küsten giebt es außer Engelland's;
+ Nur nicht blöde, liebe Schnecke, komm' geschwind mit mir zum Tanz!
+ Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen zu dem
+ Tanz?
+ Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst nicht kommen zu dem
+ Tanz?«
+
+»Danke sehr, es ist sehr, sehr interessant, diesem Tanze zuzusehen,«
+sagte Alice, obgleich sie sich freute, daß er endlich vorüber war; »und
+das komische Lied von dem Weißfisch gefällt mir so!«
+
+»Oh, was die Weißfische anbelangt,« sagte die falsche Schildkröte, »die
+-- du hast sie doch gesehen?«
+
+»Ja,« sagte Alice, »ich habe sie oft gesehen, bei'm Mitt --« sie hielt
+schnell inne.
+
+»Ich weiß nicht, wer Mitt sein mag,« sagte die falsche Schildkröte,
+»aber da du sie so oft gesehen hast, so weißt du natürlich, wie sie
+aussehen?«
+
+»Ja, ich glaube,« sagte Alice nachdenklich, »sie haben den Schwanz im
+Maule, -- und sind ganz mit geriebener Semmel bestreut.«
+
+»Die geriebene Semmel ist ein Irrthum,« sagte die falsche Schildkröte;
+»sie würde in der See bald abgespült werden. Aber den Schwanz haben sie
+im Maule, und der Grund ist« -- hier gähnte die falsche Schildkröte und
+machte die Augen zu. -- »Sage ihr Alles das von dem Grunde,« sprach sie
+zum Greifen.
+
+»Der Grund ist,« sagte der Greif, »daß sie durchaus im Hummerballet
+mittanzen wollten. So wurden sie denn in die See hinein geworfen. So
+mußten sie denn sehr weit fallen. So kamen ihnen denn die Schwänze in
+die Mäuler. So konnten sie sie denn nicht wieder heraus bekommen. So ist
+es.«
+
+»Danke dir,« sagte Alice, »es ist sehr interessant. Ich habe nie so viel
+vom Weißfisch zu hören bekommen.«
+
+»Ich kann dir noch mehr über ihn sagen, wenn du willst,« sagte der
+Greif, »weißt du, warum er Weißfisch heißt?«
+
+»Ich habe darüber noch nicht nachgedacht,« sagte Alice. »Warum?«
+
+»Darum eben,« sagte der Greif mit tiefer, feierlicher Stimme, »weil man
+so wenig von ihm _weiß_. Nun aber mußt du uns auch etwas von deinen
+Abenteuern erzählen.«
+
+»Ich könnte euch meine Erlebnisse von heute früh an erzählen,« sagte
+Alice verschämt, »aber bis gestern zurück zu gehen, wäre ganz unnütz,
+weil ich da jemand Anderes war.«
+
+»Erkläre das deutlich,« sagte die falsche Schildkröte.
+
+»Nein, die Erlebnisse erst,« sagte der Greif in ungeduldigem Tone,
+»Erklärungen nehmen so schrecklich viel Zeit fort.«
+
+Alice fing also an, ihnen ihre Abenteuer von da an zu erzählen, wo sie
+das weiße Kaninchen zuerst gesehen hatte. Im Anfange war sie etwas
+ängstlich, die beiden Thiere kamen ihr so nah, eins auf jeder Seite,
+und sperrten Augen und Mund so _weit_ auf; aber nach und nach wurde sie
+dreister. Ihre Zuhörer waren ganz ruhig, bis sie an die Stelle kam, wo
+sie der Raupe 'Ihr seid alt, Vater Martin' hergesagt hatte, und wo
+lauter andere Worte gekommen waren, da holte die falsche Schildkröte
+tief Athem und sagte: »das ist sehr merkwürdig.«
+
+»Es ist Alles so merkwürdig, wie nur möglich,« sagte der Greif.
+
+»Es kam ganz verschieden!« wiederholte die falsche Schildkröte
+gedankenvoll. »Ich möchte sie wohl etwas hersagen hören. Sage ihr, daß
+sie anfangen soll.« Sie sah den Greifen an, als ob sie dächte, daß er
+einigen Einfluß auf Alice habe.
+
+»Steh' auf und sage her: 'Preisend mit viel schönen Reden',« sagte der
+Greif.
+
+»Wie die Geschöpfe alle Einen kommandiren und Gedichte aufsagen lassen!«
+dachte Alice, »dafür könnte ich auch lieber gleich in der Schule sein.«
+Sie stand jedoch auf und fing an, das Gedicht herzusagen; aber ihr Kopf
+war so voll von dem Hummerballet, daß sie kaum wußte, was sie sagte, und
+die Worte kamen sehr sonderbar: --
+
+[Illustration]
+
+ »Preisend mit viel schönen Kniffen seiner Scheeren Werth und Zahl,
+ Stand der Hummer vor dem Spiegel in der schönen rothen Schal'!
+ »Herrlich,« sprach der Fürst der Krebse, »steht mir dieser lange Bart!«
+ Rückt die Füße mit der Nase auswärts, als er dieses sagt.«
+
+»Das ist anders, als ich's als Kind gesagt habe,« sagte der Greif.
+
+»Ich habe es zwar noch niemals gehört,« sagte die falsche Schildkröte;
+»aber es klingt wie blühender Unsinn.«
+
+Alice erwiederte nichts; sie setzte sich, bedeckte das Gesicht mit
+beiden Händen und überlegte, ob wohl _je_ wieder irgend etwas natürlich
+sein würde.
+
+»Ich möchte es gern erklärt haben,« sagte die falsche Schildkröte.
+
+»Sie kann's nicht erklären,« warf der Greif schnell ein. »Sage den
+nächsten Vers.«
+
+»Aber das von den Füßen?« fragte die falsche Schildkröte wieder. »Wie
+kann er sie mit der Nase auswärts rücken?«
+
+»Es ist die erste Position bei'm Tanzen,« sagte Alice; aber sie war über
+Alles dies entsetzlich verwirrt und hätte am liebsten aufgehört.
+
+»Sage den nächsten Vers!« wiederholte der Greif ungeduldig, »er fängt
+an: 'Seht mein Land!'«
+
+Alice wagte nicht, es abzuschlagen, obgleich sie überzeugt war, es würde
+Alles falsch kommen, sie fuhr also mit zitternder Stimme fort: --
+
+ »Seht mein Land und grüne Fluten,« sprach ein fetter Lachs vom Rhein;
+ Goldne Schuppen meine Rüstung, und mit Austern trink' ich Wein.«
+
+»Wozu sollen wir das dumme Zeug mit anhören,« unterbrach sie die falsche
+Schildkröte, »wenn sie es nicht auch erklären kann? Es ist das
+verworrenste Zeug, das ich je gehört habe!«
+
+»Ja, ich glaube auch, es ist besser du hörst auf,« sagte der Greif, und
+Alice gehorchte nur zu gern.
+
+»Sollen wir noch eine Figur von dem Hummerballet versuchen?« fuhr der
+Greif fort. »Oder möchtest du lieber, daß die falsche Schildkröte dir
+ein Lied vorsingt?«
+
+»Oh, ein Lied! bitte, wenn die falsche Schildkröte so gut sein will,«
+antwortete Alice mit solchem Eifer, daß der Greif etwas beleidigt sagte:
+»Hm! der Geschmack ist verschieden! Singe ihr vor 'Schildkrötensuppe',
+hörst du, alte Tante?«
+
+Die falsche Schildkröte seufzte tief auf und fing an, mit halb von
+Schluchzen erstickter Stimme, so zu singen: --
+
+ »Schöne Suppe, so schwer und so grün,
+ Dampfend in der heißen Terrin'!
+ Wem nach einem so schönen Gericht
+ Wässerte denn der Mund wohl nicht?
+ Kön'gin der Suppen, du schönste Supp'!
+ Kön'gin der Suppen, du schönste Supp'!
+ Wu -- underschöne Su -- uppe!
+ Wu -- underschöne Su -- uppe!
+ Kö -- önigin der Su -- uppen,
+ Wunder-wunderschöne Supp'!
+
+ Schöne Suppe, wer fragt noch nach Fisch,
+ Wildpret oder was sonst auf dem Tisch?
+ Alles lassen wir stehen zu p
+ Reisen allein die wunderschöne Supp',
+ Preisen allein die wunderschöne Supp'!
+ Wu -- underschöne Su -- uppe!
+ Wu -- underschöne Su -- uppe!
+ Kö -- önigin der Su -- uppen,
+ Wunder-wunderschöne Supp'!
+
+»Den Chor noch einmal!« rief der Greif, und die falsche Schildkröte
+hatte ihn eben wieder angefangen, als ein Ruf: »Das Verhör fängt an!« in
+der Ferne erscholl.
+
+»Komm schnell!« rief der Greif, und Alice bei der Hand nehmend lief er
+fort, ohne auf das Ende des Gesanges zu warten.
+
+»Was für ein Verhör?« keuchte Alice bei'm Rennen; aber der Greif
+antwortete nichts als: »Komm schnell!« und rannte weiter, während
+schwächer und schwächer, vom Winde getragen, die Worte ihnen folgten: --
+
+ »Kö -- önigin der Su -- uppen,
+ Wunder-wunderschöne Supp'!«
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+
+Wer hat die Kuchen gestohlen?
+
+
+Der König und die Königin der Herzen saßen auf ihrem Throne, als sie
+ankamen, und eine große Menge war um sie versammelt -- allerlei kleine
+Vögel und Thiere, außerdem das ganze Pack Karten: der Bube stand vor
+ihnen, in Ketten, einen Soldaten an jeder Seite, um ihn zu bewachen;
+dicht bei dem Könige befand sich das weiße Kaninchen, eine Trompete in
+einer Hand, in der andern eine Pergamentrolle. Im Mittelpunkte des
+Gerichtshofes stand ein Tisch mit einer Schüssel voll Torten: sie sahen
+so appetitlich aus, daß der bloße Anblick Alice ganz hungrig darauf
+machte. -- »Ich wünschte, sie machten schnell mit dem Verhör und
+reichten die Erfrischungen herum.« Aber dazu schien wenig Aussicht zu
+sein, so daß sie anfing, Alles genau in Augenschein zu nehmen, um sich
+die Zeit zu vertreiben.
+
+Alice war noch nie in einem Gerichtshofe gewesen, aber sie hatte in
+ihren Büchern davon gelesen und bildete sich etwas Rechtes darauf ein,
+daß sie Alles, was sie dort sah, bei Namen zu nennen wußte. »Das ist der
+Richter,« sagte sie für sich, »wegen seiner großen Perrücke.«
+
+Der Richter war übrigens der König, und er trug die Krone über der
+Perücke (seht euch das Titelbild an, wenn ihr wissen wollt, wie), es sah
+nicht aus, als sei es ihm bequem, und sicherlich stand es ihm nicht gut.
+
+»Und jene zwölf kleinen Thiere da sind vermuthlich die Geschwornen,«
+dachte Alice. Sie wiederholte sich selbst dies Wort zwei bis drei Mal,
+weil sie so stolz darauf war; denn sie glaubte, und das mit Recht, daß
+wenig kleine Mädchen ihres Alters überhaupt etwas von diesen Sachen
+wissen würden.
+
+Die zwölf Geschwornen schrieben alle sehr eifrig auf Schiefertafeln.
+»Was thun sie?« fragte Alice den Greifen in's Ohr. »Sie können ja noch
+nichts aufzuschreiben haben, ehe das Verhör beginnt.«
+
+»Sie schreiben ihre Namen auf,« sagte ihr der Greif in's Ohr, »weil sie
+bange sind, sie zu vergessen, ehe das Verhör zu Ende ist.«
+
+»Dumme Dinger!« fing Alice entrüstet ganz laut an; aber sie hielt
+augenblicklich inne, denn das weiße Kaninchen rief aus: »Ruhe im Saal!«
+und der König setzte seine Brille auf und blickte spähend umher, um zu
+sehen, wer da gesprochen habe.
+
+Alice konnte ganz deutlich sehen, daß alle Geschworne »dumme Dinger!«
+auf ihre Tafeln schrieben, und sie merkte auch, daß Einer von ihnen
+nicht wußte, wie es geschrieben wird, und seinen Nachbar fragen mußte.
+»_Die_ Tafeln werden in einem schönen Zustande sein, wenn das Verhör
+vorüber ist!« dachte Alice.
+
+Einer der Geschwornen hatte einen Tafelstein, der quiekste. Das konnte
+Alice natürlich nicht aushalten, sie ging auf die andere Seite des
+Saales, gelangte dicht hinter ihn und fand sehr bald eine Gelegenheit,
+den Tafelstein fortzunehmen. Sie hatte es so schnell gethan, daß der
+arme kleine Geschworne (es war Wabbel), durchaus nicht begreifen konnte,
+wo sein Griffel hingekommen war; nachdem er ihn also überall gesucht
+hatte, mußte er sich endlich entschließen, mit einem Finger zu
+schreiben, und das war von sehr geringem Nutzen, da es keine Spuren auf
+der Tafel zurückließ.
+
+[Illustration]
+
+»Herold, verlies die Anklage!« sagte der König.
+
+Da blies das weiße Kaninchen drei Mal in die Trompete, entfaltete darauf
+die Pergamentrolle und las wie folgt: --
+
+ »Coeur-Königin, sie buk Kuchen,
+ Juchheisasah, juchhe!
+ Coeur-Bube kam, die Kuchen nahm.
+ Wo sind sie nun? O weh!«
+
+»Gebt euer Urtheil ab!« sprach der König zu den Geschwornen.
+
+»Noch nicht, noch nicht!« unterbrach ihn das Kaninchen schnell. »Da
+kommt noch Vielerlei erst.«
+
+»Laßt den ersten Zeugen eintreten!« sagte der König, worauf das
+Kaninchen drei Mal in die Trompete blies und ausrief: »Erster Zeuge!«
+
+Der erste Zeuge war der Hutmacher. Er kam herein, eine Tasse in einer
+Hand und in der andern ein Stück Butterbrot haltend. »Ich bitte um
+Verzeihung, Eure Majestät, daß ich das mitbringe; aber ich war nicht
+ganz fertig mit meinem Thee, als nach mir geschickt wurde.«
+
+»Du hättest aber damit fertig sein sollen,« sagte der König. »Wann hast
+du damit angefangen?«
+
+Der Hutmacher sah den Faselhasen an, der ihm in den Gerichtssaal gefolgt
+war, Arm in Arm mit dem Murmelthier. »Vierzehnten März, glaube ich war
+es,« sagte er.
+
+»Funfzehnten,« sagte der Faselhase.
+
+»Sechzehnten,« fügte das Murmelthier hinzu.
+
+»Nehmt das zu Protokoll,« sagte der König zu den Geschwornen, und die
+Geschwornen schrieben eifrig die drei Daten auf ihre Tafeln, addirten
+sie dann und machten die Summe zu Groschen und Pfennigen.
+
+»Nimm deinen Hut ab,« sagte der König zum Hutmacher.
+
+»Es ist nicht meiner,« sagte der Hutmacher.
+
+»Gestohlen!« rief der König zu den Geschwornen gewendet aus, welche
+sogleich die Thatsache notirten.
+
+»Ich halte sie zum Verkauf,« fügte der Hutmacher als Erklärung hinzu,
+»ich habe keinen eigenen. Ich bin ein Hutmacher.«
+
+Da setzte sich die Königin die Brille auf und fing an, den Hutmacher
+scharf zu beobachten, was ihn sehr blaß und unruhig machte.
+
+»Gieb du deine Aussage,« sprach der König, »und sei nicht ängstlich,
+oder ich lasse dich auf der Stelle hängen.«
+
+Dies beruhigte den Zeugen augenscheinlich nicht; er stand abwechselnd
+auf dem linken und rechten Fuße, sah die Königin mit großem Unbehagen
+an, und in seiner Befangenheit biß er ein großes Stück aus seiner
+Theetasse statt aus seinem Butterbrot.
+
+Gerade in diesem Augenblick spürte Alice eine seltsame Empfindung, die
+sie sich durchaus nicht erklären konnte, bis sie endlich merkte, was es
+war: sie fing wieder an zu wachsen, und sie wollte sogleich aufstehen
+und den Gerichtshof verlassen; aber nach weiterer Ueberlegung beschloß
+sie zu bleiben, wo sie war, so lange sie Platz genug hatte.
+
+»Du brauchtest mich wirklich nicht so zu drängen,« sagte das
+Murmelthier, welches neben ihr saß. »Ich kann kaum athmen.«
+
+»Ich kann nicht dafür,« sagte Alice bescheiden, »ich wachse.«
+
+»Du hast kein Recht dazu, hier zu wachsen,« sagte das Murmelthier.
+
+»Rede nicht solchen Unsinn,« sagte Alice dreister; »du weißt recht gut,
+daß du auch wächst.«
+
+»Ja, aber ich wachse in vernünftigem Maßstabe,« sagte das Murmelthier,
+»nicht auf so lächerliche Art.« Dabei stand es verdrießlich auf und ging
+an die andere Seite des Saales.
+
+Die ganze Zeit über hatte die Königin unablässig den Hutmacher
+angestarrt, und gerade als das Murmelthier durch den Saal ging, sprach
+sie zu einem der Gerichtsbeamten: »Bringe mir die Liste der Sänger im
+letzten Concerte!« worauf der unglückliche Hutmacher so zitterte, daß
+ihm beide Schuhe abflogen.
+
+[Illustration]
+
+»Gieb deine Aussage,« wiederholte der König ärgerlich, »oder ich werde
+dich hinrichten lassen, ob du dich ängstigst oder nicht.«
+
+»Ich bin ein armer Mann, Eure Majestät,« begann der Hutmacher mit
+zitternder Stimme, »und ich hatte eben erst meinen Thee angefangen --
+nicht länger als eine Woche ungefähr -- und da die Butterbrote so dünn
+wurden -- und es Teller und Töpfe in den Thee schneite.«
+
+»Teller und Töpfe -- was?« fragte der König.
+
+»Es fing mit dem Thee an,« erwiederte der Hutmacher.
+
+»Natürlich fangen Teller und Töpfe mit einem T an. Hältst du mich für
+einen Esel? Rede weiter!«
+
+»Ich bin ein armer Mann,« fuhr der Hutmacher fort, »und seitdem schneite
+Alles -- der Faselhase sagte nur --«
+
+»Nein, ich hab's nicht gesagt!« unterbrach ihn der Faselhase schnell.
+
+»Du hast's wohl gesagt!« rief der Hutmacher.
+
+»Ich läugne es!« sagte der Faselhase.
+
+»Er läugnet es!« sagte der König: »laßt den Theil der Aussage fort.«
+
+»Gut, auf jeden Fall hat's das Murmelthier gesagt --« fuhr der Hutmacher
+fort, indem er sich ängstlich umsah, ob es auch läugnen würde; aber das
+Murmelthier läugnete nichts, denn es war fest eingeschlafen. »Dann,«
+sprach der Hutmacher weiter, »schnitt ich noch etwas Butterbrot --«
+
+»Aber _was_ hat das Murmelthier gesagt?« fragte einer der Geschwornen.
+
+»Das ist mir ganz entfallen,« sagte der Hutmacher.
+
+»Aber es _muß_ dir wieder einfallen,« sagte der König, »sonst lasse ich
+dich köpfen.«
+
+Der unglückliche Hutmacher ließ Tasse und Butterbrot fallen und ließ
+sich auf ein Knie nieder. »Ich bin ein armseliger Mann, Eure Majestät,«
+fing er an.
+
+»Du bist ein _sehr_ armseliger Redner,« sagte der König.
+
+Hier klatschte eins der Meerschweinchen Beifall, was sofort von den
+Gerichtsdienern unterdrückt wurde. (Da dies ein etwas schweres Wort ist,
+so will ich beschreiben, wie es gemacht wurde. Es war ein großer
+Leinwandsack bei der Hand, mit Schnüren zum Zusammenziehen: da hinein
+wurde das Meerschweinchen gesteckt, den Kopf nach unten, und dann saßen
+sie darauf.)
+
+»Es ist mir lieb, daß ich das gesehen habe,« dachte Alice, »ich habe so
+oft in der Zeitung am Ende eines Verhörs gelesen: 'Das Publikum fing an,
+Beifall zu klatschen, was aber sofort von den Gerichtsdienern
+unterdrückt wurde,' und ich konnte bis jetzt nie verstehen, was es
+bedeutete.«
+
+»Wenn dies Alles ist, was du zu sagen weißt, so kannst du abtreten,«
+fuhr der König fort.
+
+»Ich kann nichts mehr abtreten,« sagte der Hutmacher: »ich stehe so
+schon auf den Strümpfen.«
+
+»Dann kannst du _abwarten_, bis du wieder gefragt wirst,« erwiederte der
+König.
+
+Hier klatschte das zweite Meerschweinchen und wurde unterdrückt.
+
+»Ha, nun sind die Meerschweinchen besorgt,« dachte Alice, »nun wird es
+besser vorwärts gehen.«
+
+[Illustration]
+
+»Ich möchte lieber zu meinem Thee zurückgehen,« sagte der Hutmacher mit
+einem ängstlichen Blicke auf die Königin, welche die Liste der Sänger
+durchlas.
+
+»Du kannst gehen,« sagte der König, worauf der Hutmacher eilig den
+Gerichtssaal verließ, ohne sich einmal Zeit zu nehmen, seine Schuhe
+anzuziehen.
+
+»-- und draußen schneidet ihm doch den Kopf ab,« fügte die Königin zu
+einem der Beamten gewandt hinzu; aber der Hutmacher war nicht mehr zu
+sehen, als der Beamte die Thür erreichte.
+
+»Ruft den nächsten Zeugen!« sagte der König.
+
+Der nächste Zeuge war die Köchin der Herzogin. Sie trug die
+Pfefferbüchse in der Hand, und Alice errieth, schon ehe sie in den Saal
+trat, wer es sei, weil alle Leute in der Nähe der Thür mit einem Male
+anfingen zu niesen.
+
+»Gieb deine Aussage,« sagte der König.
+
+»Ne!« antwortete die Köchin.
+
+Der König sah ängstlich das weiße Kaninchen an, welches leise sprach:
+»Eure Majestät müssen diesen Zeugen einem Kreuzverhör unterwerfen.«
+
+»Wohl, wenn ich muß, muß ich,« sagte der König trübsinnig, und nachdem
+er die Arme gekreuzt und die Augenbraunen so fest zusammengezogen hatte,
+daß seine Augen kaum mehr zu sehen waren, sagte er mit tiefer Stimme:
+»Wovon macht man kleine Kuchen?«
+
+»Pfeffer, hauptsächlich,« sagte die Köchin.
+
+»Syrup,« sagte eine schläfrige Stimme hinter ihr.
+
+»Nehmt dieses Murmelthier fest!« heulte die Königin. »Köpft dieses
+Murmelthier! Schafft dieses Murmelthier aus dem Saale! Unterdrückt es!
+Kneift es! Brennt ihm den Bart ab!«
+
+Einige Minuten lang war das ganze Gericht in Bewegung, um das
+Murmelthier fortzuschaffen; und als endlich Alles wieder zur Ruhe
+gekommen war, war die Köchin verschwunden.
+
+»Schadet nichts!« sagte der König und sah aus, als falle ihm ein Stein
+vom Herzen. »Ruft den nächsten Zeugen.« Und zu der Königin gewandt,
+fügte er leise hinzu: »Wirklich, meine Liebe, du mußt das nächste
+Kreuzverhör übernehmen, meine Arme sind schon ganz lahm.«
+
+Alice beobachtete das weiße Kaninchen, das die Liste durchsuchte, da sie
+sehr neugierig war, wer wohl der nächste Zeuge sein möchte, -- »denn sie
+haben noch nicht viel Beweise,« sagte sie für sich. Denkt euch ihre
+Ueberraschung, als das weiße Kaninchen mit seiner höchsten Kopfstimme
+vorlas: »Alice!«
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+
+Alice ist die Klügste.
+
+
+»Hier!« rief Alice, in der augenblicklichen Erregung ganz vergessend,
+wie sehr sie die letzten Minuten gewachsen war; sie sprang in solcher
+Eile auf, daß sie mit ihrem Rock das Pult vor sich umstieß, so daß alle
+Geschworne auf die Köpfe der darunter sitzenden Versammlung fielen. Da
+lagen sie unbehülflich umher und erinnerten sie sehr an ein Glas mit
+Goldfischen, das sie die Woche vorher aus Versehen umgestoßen hatte.
+
+»Oh, ich _bitte_ um Verzeihung,« rief sie mit sehr bestürztem Tone, und
+fing an, sie so schnell wie möglich aufzunehmen; denn der Unfall mit den
+Goldfischen lag ihr noch im Sinne, und sie hatte eine unbestimmte Art
+Vorstellung, als ob sie gleich gesammelt und wieder in ihr Pult gethan
+werden müßten, sonst würden sie sterben.
+
+[Illustration]
+
+»Das Verhör kann nicht fortgesetzt werden,« sagte der König sehr ernst,
+»bis alle Geschworne wieder an ihrem rechten Platze sind -- _alle_,«
+wiederholte er mit großem Nachdrucke, und sah dabei Alice fest an.
+
+Alice sah sich nach dem Pulte um und bemerkte, daß sie in der Eile die
+Eidechse kopfunten hineingestellt hatte, und das arme kleine Ding
+bewegte den Schwanz trübselig hin und her, da es sich übrigens nicht
+rühren konnte. Sie zog es schnell wieder heraus und stellte es richtig
+hinein. »Es hat zwar nichts zu bedeuten,« sagte sie für sich, »ich
+glaube, es würde für das Verhör ganz eben so nützlich sein kopfoben wie
+kopfunten.«
+
+Sobald sich die Geschwornen etwas von dem Schreck erholt hatten,
+umgeworfen worden zu sein, und nachdem ihre Tafeln und Tafelsteine
+gefunden und ihnen zurückgegeben worden waren, machten sie sich eifrig
+daran, die Geschichte ihres Unfalles aufzuschreiben, alle außer der
+Eidechse, welche zu angegriffen war, um etwas zu thun; sie saß nur mit
+offnem Maule da und starrte die Saaldecke an.
+
+»Was weißt du von dieser Angelegenheit?« fragte der König Alice.
+
+»Nichts!« sagte Alice.
+
+»Durchaus nichts?« drang der König in sie.
+
+»Durchaus nichts!« sagte Alice.
+
+»Daß ist sehr wichtig,« sagte der König, indem er sich an die
+Geschwornen wandte. Sie wollten dies eben auf ihre Tafeln schreiben,
+als das weiße Kaninchen ihn unterbrach. »Unwichtig, meinten Eure
+Majestät natürlich!« sagte es in sehr ehrfurchtsvollem Tone, wobei es
+ihn aber mit Stirnrunzeln und verdrießlichem Gesichte ansah.
+
+»_Un_wichtig, natürlich, meinte ich,« bestätigte der König eilig, und fuhr
+mit halblauter Stimme für sich fort: »wichtig -- unwichtig -- unwichtig
+-- wichtig --« als ob er versuchte, welches Wort am besten klänge.
+
+Einige der Geschwornen schrieben auf »wichtig«, und einige »unwichtig.«
+Alice konnte dies sehen, da sie nahe genug war, um ihre Tafeln zu
+überblicken; »aber es kommt nicht das Geringste darauf an,« dachte sie
+bei sich.
+
+In diesem Augenblick rief der König, der eifrig in seinem Notizbuch
+geschrieben hatte, plötzlich aus: »Still!« und las dann aus seinem Buche
+vor: »Zweiundvierzigstes Gesetz. _Alle Personen, die mehr als eine Meile
+hoch sind, haben den Gerichtshof zu verlassen_.
+
+Alle sahen Alice an.
+
+»Ich _bin_ keine Meile groß,« sagte Alice.
+
+»Das bist du wohl,« sagte der König.
+
+»Beinahe zwei Meilen groß,« fügte die Königin hinzu.
+
+»Auf jeden Fall werde ich nicht fortgehen,« sagte Alice, »übrigens ist
+das kein regelmäßiges Gesetz; Sie haben es sich eben erst ausgedacht.«
+
+»Es ist das älteste Gesetz in dem Buche,« sagte der König.
+
+»Dann müßte es Nummer Eins sein,« sagte Alice.
+
+Der König erbleichte und machte sein Notizbuch schnell zu. »Gebt euer
+Urtheil ab!« sagte er leise und mit zitternder Stimme zu den
+Geschwornen.
+
+»Majestät halten zu Gnaden, es sind noch mehr Beweise aufzunehmen,«
+sagte das weiße Kaninchen, indem es eilig aufsprang; »dieses Papier ist
+soeben gefunden worden.«
+
+»Was enthält es?« fragte die Königin.
+
+»Ich habe es noch nicht geöffnet,« sagte das weiße Kaninchen, »aber es
+scheint ein Brief von dem Gefangenen an -- an Jemand zu sein.«
+
+»Ja, das wird es wohl sein,« sagte der König, »wenn es nicht an Niemand
+ist, was, wie bekannt nicht oft vorkommt.«
+
+»An wen ist es adressirt?« fragte einer der Geschwornen.
+
+»Es ist gar nicht adressirt,« sagte das weiße Kaninchen; »überhaupt
+steht auf der _Außenseite_ gar nichts.« Es faltete bei diesen Worten das
+Papier auseinander und sprach weiter: »Es ist übrigens gar kein Brief,
+es sind Verse.«
+
+»Sind sie in der Handschrift des Gefangenen?« fragte ein anderer
+Geschworner.
+
+»Nein, das sind sie nicht,« sagte das weiße Kaninchen, »und das ist das
+Merkwürdigste dabei.« (Die Geschwornen sahen alle ganz verdutzt aus.)
+
+»Er muß eines Andern Handschrift nachgeahmt haben,« sagte der König.
+(Die Gesichter der Geschwornen klärten sich auf.)
+
+»Eure Majestät halten zu Gnaden,« sagte der Bube, »ich habe es nicht
+geschrieben, und Niemand kann beweisen, daß ich es geschrieben haben, es
+ist keine Unterschrift darunter.«
+
+»Wenn du es nicht unterschrieben hast,« sagte der König, »so macht das
+die Sache nur schlimmer. Du mußt schlechte Absichten dabei gehabt haben,
+sonst hättest du wie ein ehrlicher Mann deinen Namen darunter gesetzt.«
+
+Hierauf folgte allgemeines Beifallklatschen; es war der erste wirklich
+kluge Ausspruch, den der König an dem Tage gethan hatte.
+
+»Das _beweist_ seine Schuld,« sagte die Königin.
+
+»Es beweist durchaus gar nichts!« sagte Alice, »Ihr wißt ja noch nicht
+einmal, worüber die Verse sind!«
+
+»Lies sie!« sagte der König.
+
+Das weiße Kaninchen setzte seine Brille auf. »Wo befehlen Eure Majestät,
+daß ich anfangen soll?« fragte es.
+
+»Fange beim Anfang an,« sagte der König ernsthaft, »und lies bis du an's
+Ende kommst, dann halte an.«
+
+Dies waren die Verse, welche das weiße Kaninchen vorlas: --
+
+ »Ich höre ja du warst bei ihr,
+ Und daß er mir es gönnt;
+ Sie sprach, sie hielte viel von mir,
+ Wenn ich nur schwimmen könnt'!
+
+ Er schrieb an sie, ich ginge nicht
+ (Nur wußten wir es gleich):
+ Wenn ihr viel an der Sache liegt,
+ Was würde dann aus euch?
+
+ Ich gab ihr eins, sie gab ihm zwei,
+ Ihr gabt uns drei Mal vier;
+ Jetzt sind sie hier, er steht dabei;
+ Doch alle gehörten erst mir.
+
+ Würd' ich und sie vielleicht darein
+ Verwickelt und verfahren,
+ Vertraut er dir, sie zu befrei'n,
+ Gerade wie wir waren.
+
+ Ich dachte schon in meinem Sinn,
+ Eh' sie den Anfall hätt',
+ Ihr wär't derjenige, der ihn,
+ Es und uns hindertet.
+
+ Sag' ihm um keinen Preis, daß ihr
+ Die Andern lieber war'n;
+ Denn keine Seele außer dir
+ Und mir darf dies erfahr'n.«
+
+»Das ist das wichtigste Beweisstück, das wir bis jetzt gehört haben,«
+sagte der König, indem er sich die Hände rieb; »laßt also die
+Geschwornen --«
+
+»Wenn es Einer von ihnen erklären kann,« sagte Alice (sie war die
+letzten Paar Minuten so sehr gewachsen, daß sie sich gar nicht
+fürchtete, ihn zu unterbrechen), »so will ich ihm sechs Dreier schenken.
+Ich finde, daß auch keine Spur von Sinn darin ist.«
+
+Die Geschwornen schrieben Alle auf ihre Tafeln: »Sie findet, daß auch
+keine Spur von Sinn darin ist;« aber keiner von ihnen versuchte, das
+Schriftstück zu erklären.
+
+»Wenn kein Sinn darin ist,« sagte der König, »das spart uns ja ungeheuer
+viel Arbeit; dann haben wir nicht nöthig, ihn zu suchen. Und dennoch
+weiß ich nicht,« fuhr er fort, indem er das Papier auf dem Knie
+ausbreitete und es prüfend beäugelte, »es kommt mir vor, als könnte ich
+etwas Sinn darin finden. '-- wenn ich nur schwimmen könnt'!' du kannst
+nicht schwimmen, nicht wahr?« wandte er sich an den Buben.
+
+Der Bube schüttelte traurig das Haupt. »Seh' ich etwa danach aus?« (was
+freilich nicht der Fall war, da er gänzlich aus Papier bestand.)
+
+»Das trifft zu, so weit,« sagte der König und fuhr fort, die Verse leise
+durchzulesen. »'Nur wußten wir es gleich' -- das sind die Geschwornen,
+natürlich -- 'Ich gab ihr eins, sie gab ihm zwei --' ja wohl, so hat
+er's mit den Kuchen gemacht, versteht sich --«
+
+»Aber es geht weiter: 'Jetzt sind sie hier,'« sagte Alice.
+
+»Freilich, da sind sie ja! er steht dabei!« sagte der König triumphirend
+und wies dabei nach den Kuchen auf dem Tische und nach dem Buben;
+»nichts kann klarer sein. Dann wieder -- 'Eh sie den Anfall hätt'' -- du
+hast nie einen Anfall gehabt, Liebe, glaube ich,« sagte er zu der
+Königin.
+
+[Illustration]
+
+»Niemals,« rief die Königin wüthend und warf dabei der Eidechse ein
+Tintenfaß an den Kopf. (Der unglückliche kleine Wabbel hatte aufgehört,
+mit dem Finger auf seiner Tafel zu schreiben, da er merkte, daß es keine
+Spuren hinterließ; doch nun fing er eilig wieder an, indem er die Tinte
+benutzte, die von seinem Gesichte herabträufelte, so lange dies
+vorhielt.)
+
+»Dann ist dies nicht dein _Fall_,« sagte der König und blickte lächelnd in
+dem ganzen Saale herum. Alles blieb todtenstill.
+
+»-- 's ist ja 'n Witz!« fügte der König in ärgerlichem Tone hinzu --
+sogleich lachte Jedermann. »Die Geschwornen sollen ihren Ausspruch
+thun,« sagte der König wohl zum zwanzigsten Male.
+
+»Nein, nein!« sagte die Königin. »Erst das Urtheil, der Ausspruch der
+Geschwornen nachher.«
+
+»Dummer Unsinn!« sagte Alice laut. »Was für ein Einfall, erst das
+Urtheil haben zu wollen!«
+
+»Halt den Mund!« sagte die Königin, indem sie purpurroth wurde.
+
+»Ich will nicht!« sagte Alice.
+
+»Schlagt ihr den Kopf ab!« brüllte die Königin so laut sie konnte.
+Niemand rührte sich.
+
+»Wer fragt nach euch?« sagte Alice (unterdessen hatte sie ihre volle
+Größe erreicht). »Ihr seid nichts weiter als ein Spiel Karten!«
+
+[Illustration]
+
+Bei diesen Worten erhob sich das ganze Spiel in die Luft und flog auf
+sie herab; sie schrie auf, halb vor Furcht, halb vor Aerger, versuchte
+sie sich abzuwehren und merkte, daß sie am Ufer lag, den Kopf auf dem
+Schoße ihrer Schwester, welche leise einige welke Blätter fortnahm, die
+ihr von den Bäumen herunter auf's Gesicht gefallen waren.
+
+»Wach auf, liebe Alice!« sagte ihre Schwester; »du hast mal lange
+geschlafen!«
+
+»O, und ich habe einen so merkwürdigen Traum gehabt!« sagte Alice, und
+sie erzählte ihrer Schwester, so gut sie sich errinnern konnte, alle die
+seltsamen Abenteuer, welche ihr eben gelesen habt. Als sie fertig war,
+gab ihre Schwester ihr einen Kuß und sagte: »Es _war_ ein sonderbarer
+Traum, das ist gewiß; aber nun lauf hinein zum Thee, es wird spät.« Da
+stand Alice auf und rannte fort, und dachte dabei, und zwar mit Recht,
+daß es doch ein wunderschöner Traum gewesen sei.
+
+ * * * * *
+
+Aber ihre Schwester blieb sitzen, wie sie sie verlassen hatte, den Kopf
+auf die Hand gestützt, blickte in die untergehende Sonne und dachte an
+die kleine Alice und ihre wunderbaren Abenteuer, bis auch sie auf ihre
+Weise zu träumen anfing, und dies war ihr Traum:
+
+Zuerst träumte sie von der kleinen Alice selbst: wieder sah sie die
+kleinen Händchen zusammengefaltet auf ihrem Knie, und die klaren
+sprechenden Augen, die zu ihr aufblickten -- sie konnte selbst den Ton
+ihrer Stimme hören und das komische Zurückwerfen des kleinen Köpfchens
+sehen, womit sie die einzelnen Haare abschüttelte, die ihr immer wieder
+in die Augen kamen -- und jemehr sie zuhörte oder zuzuhören meinte, desto
+mehr belebte sich der ganze Platz um sie herum mit den seltsamen
+Geschöpfen aus ihrer kleinen Schwester Traum.
+
+Das lange Gras zu ihren Füßen rauschte, da das weiße Kaninchen
+vorbeihuschte -- die erschrockene Maus plätscherte durch den nahen Teich
+-- sie konnte das Klappern der Theetassen hören, wo der Faselhase und
+seine Freunde ihre immerwährende Mahlzeit hielten, und die gellende
+Stimme der Königin, die ihre unglücklichen Gäste zur Hinrichtung
+abschickte -- wieder nieste das Ferkel-Kind auf dem Schoße der Herzogin,
+während Pfannen und Schüsseln rund herum in Scherben brachen -- wieder
+erfüllten der Schrei des Greifen, das Quieken von dem Tafelstein der
+Eidechse und das Stöhnen des unterdrückten Meerschweinchens die Luft und
+vermischten sich mit dem Schluchzen der unglücklichen falschen
+Schildkröte in der Entfernung.
+
+So saß sie da, mit geschlossenen Augen, und glaubte fast, sie sei im
+Wunderlande, obgleich sie ja wußte, daß sobald sie die Augen öffnete,
+Alles wieder zur alltäglichen Wirklichkeit werden würde; das Gras würde
+dann nur im Winde rauschen, der Teich mit seinem Rieseln das Wogen des
+Rohres begleiten; das Klappern der Theetassen würde sich in klingende
+Heerdenglocken verwandeln und die gellende Stimme der Königin in die
+Rufe des Hirtenknaben -- und das Niesen des Kindes, das Geschrei des
+Greifen und all die andern außerordentlichen Töne würden sich (das wußte
+sie) in das verworrene Getöse des geschäftigen Gutshofes verwandeln --
+während sie statt des schwermüthigen Schluchzens der falschen
+Schildkröte in der Ferne das wohlbekannte Brüllen des Rindviehes hören
+würde.
+
+Endlich malte sie sich aus, wie ihre kleine Schwester Alice in späterer
+Zeit selbst erwachsen sein werde; und wie sie durch alle reiferen Jahre
+hindurch das einfache liebevolle Herz ihrer Kindheit bewahren, und wie
+sie andere kleine Kinder um sich versammeln und _deren_ Blicke neugierig
+und gespannt machen werde mit manch einer wunderbaren Erzählung,
+vielleicht sogar mit dem Traume vom Wunderlande aus alten Zeiten; und
+wie sie alle ihre kleinen Sorgen nachfühlen, sich über alle ihre kleinen
+Freuden mitfreuen werde in der Erinnerung an ihr eigenes Kindesleben und
+die glücklichen Sommertage.
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Alice's Abenteuer im Wunderland, by Lewis Carroll
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ALICE'S ABENTEUER IM WUNDERLAND ***
+
+***** This file should be named 19778-8.txt or 19778-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/9/7/7/19778/
+
+Produced by Ralph Janke, David Starner, Marilynda
+Fraser-Cunliffe and the Online Distributed Proofreading
+Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.