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+The Project Gutenberg EBook of Die ungleichen Schalen, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die ungleichen Schalen
+ Fünf einaktige Dramen
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: November 27, 2006 [EBook #19940]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNGLEICHEN SCHALEN ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner, Marina Lukas and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Die ungleichen Schalen
+
+
+ Fünf einaktige Dramen
+
+ von
+
+ Jakob Wassermann
+
+
+
+ S. Fischer, Verlag, Berlin
+
+ 1912
+
+
+
+Alle Rechte vorbehalten. Den Bühnen und Vereinen gegenüber
+Manuskript. Das Recht der Aufführung ist allein durch
+S. Fischer, Verlag, Berlin W., Bülowstr. 90 zu erwerben.
+
+Copyright 1912 S. Fischer, Verlag, Berlin.
+
+
+
+Inhalt
+
+Rasumowsky 9
+Gentz und Fanny Elßler 59
+Der Turm von Frommetsfelden 107
+Lord Hamiltons Bekehrung 171
+Hockenjos 237
+
+
+
+
+Rasumowsky
+
+
+Personen:
+
+ Graf Alexei Grigorjewitsch Rasumowsky
+ Rodion, sein Diener
+ Michael Jefimowitsch Lassunsky, Kapitänleutnant der Leibgarden
+ Fedor Alexandrowitsch Chidrowo, Rittmeister der Garde-Kavallerie
+ Graf Grigorij Orlow
+
+Spielt in Petersburg im Jahre 1763.
+
+
+Ein altertümlich ausgestatteter großer Raum im Hause des
+Grafen Rasumowsky. An der Rückwand links ein großer Kamin,
+in welchem ein Holzfeuer brennt. Über dem Kamin das Porträt
+der Kaiserin Elisabeth Petrowna. Rechts ein erkerartiger
+Vorbau mit Fenstern gegen die Straße. In der rechten
+Seitenwand Türe in die übrigen Gemächer, in der linken der
+Ausgang zum Flur.
+
+Rittmeister _Fedor Chidrowo,_ ein junger Mann von 23 Jahren,
+geht aufgeregt umher. Nach kurzer Weile tritt Kapitänleutnant
+_Michael Lassunsky_ ein, von _Rodion_ geführt, einem alten
+Kleinrussen.
+
+
+_Lassunsky_
+
+(etwa im gleichen Alter wie Chidrowo)
+
+Sag meinem Oheim, daß ich ihn dringend sprechen muß.
+
+
+_Rodion_
+
+Eure Erlaucht werden gebeten zu warten. Seine gräfliche
+Gnaden ist noch bei der Morgenandacht.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Sag dem Grafen --
+
+
+_Rodion_
+
+Es ist der strenge Befehl Seiner gräflichen Gnaden, ihn
+nicht bei der Morgenandacht zu stören.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Kerl, die Wichtigkeit --
+
+
+_Rodion_
+
+Hab strengen Befehl von Seiner gräflichen Gnaden --
+
+
+_Lassunsky_
+
+Scher dich zum Henker. (Rodion wirft Scheite in den Kamin,
+dann ab.) Du hier, Fedor Alexandrowitsch?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Grüß dich, Michael Jefimowitsch. Mußt dich gedulden, warte
+ebenfalls schon lang.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Orlow ist auf dem Weg hierher.
+
+
+_Chidrowo_
+
+(bestürzt)
+
+Das kann nicht sein.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Orlow ist auf dem Weg hierher.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Ist das eine Vermutung?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Eine Gewißheit; wenigstens beinahe.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Beinahe ist keine Gewißheit. Aber du bist so erregt ...
+
+
+_Lassunsky_
+
+Hab Grund dazu. Der Großkanzler Woronzow ist an der
+Kasan-Kathedrale überfallen worden.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Bei Gottes Güte, was sagst du da!
+
+
+_Lassunsky_
+
+Erwartet Alexei Grigorjewitsch nicht den Großkanzler?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Ja, Graf Woronzow hat mich geschickt, damit ich seine
+Ankunft melde. Aber --
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ich und Anenkow ritten als Eskorte hinter dem Wagen des
+Großkanzlers. Eine Horde betrunkener Soldaten drängt sich
+zwischen uns und die Karosse, und auf einmal sind wir
+abgeschnitten. Wir sehen nur noch, daß der Kanzler gezwungen
+wird, auszusteigen, dann haben sie ihn in ein Haus
+geschleppt.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Und ihr habt nicht dreingehaut?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Zwei gegen fünfzig?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Das ist ja Aufruhr, Michael Jefimowitsch.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Anenkow ist in den Palast zurückgeeilt, ich hierher.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Und du glaubst --?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ich glaube, daß Orlow hier sein wird, eh dort die Uhrzeiger
+gestreckt stehen.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Das sollte Orlow wagen?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Orlow wagt alles. (Zur Türe, ruft hinaus.) Rodion!
+
+
+_Rodion_
+
+(kommt)
+
+Erlaucht befehlen?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ihr seid nicht an Besuch gewöhnt, Alter?
+
+
+_Rodion_
+
+Nein, Erlaucht, wir leben sehr zurückgezogen.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Nun wohl, ihr werdet binnen kurzem Besuch erhalten, noch
+dazu sehr unwillkommenen. Sperr die Tore zu.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Sperr die Tore zu, Alter.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ja, sperr die beiden Tore zu, das nach der Gasse und das
+nach dem Garten.
+
+
+_Rodion_
+
+Ist Gefahr für Seine gräfliche Gnaden?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Schwatz nicht, Alter, tu, was man dir befiehlt. (Rodion ab.)
+
+
+_Lassunsky_
+
+(wirft sich in einen Sessel)
+
+Ich bin hin.
+
+
+_Chidrowo_
+
+(ungestüm auf und ab gehend)
+
+Wie glaubst du, daß Alexei Grigorjewitsch die Nachricht
+aufnehmen wird?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Kann mich nicht erinnern, ihn je sonderlich erstaunt gesehen
+zu haben.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Das ist böse.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Bah! wer viel staunt, handelt wenig.
+
+
+_Chidrowo_
+
+So viel sag ich dir: wenn die Kaiserin den Orlow heiratet,
+nehm ich meinen Abschied.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Nach Sibirien.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Einem Orlow huldigen? Eher nach Sibirien.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Was können wir dagegen tun?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Die Fürstin Chilkow hat geweint, als sie davon erfuhr.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Die flennt, wenn man einem Huhn den Hals abdreht. Als
+Rakitin mit ihrem Wissen ihren Mann erschlug, hat sie keine
+Träne vergossen. (Man hört Waffenlärm von der Straße.)
+Horch --! (Beide lauschen.)
+
+
+_Chidrowo_
+
+(nähert sich dem Erker)
+
+Nein -- nichts. (Stellt sich vor Lassunsky; ungestüm.)
+Michael Jefimowitsch! Wir sollten hingehen und die Kaiserin
+bitten, es nicht zu tun. Haben wir ihr nicht auf den Thron
+geholfen? Wir alle? Wir sind bereit, für sie zu sterben, nur
+das, das eine, das nicht! Sie kann sich unsern Gründen nicht
+verschließen.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Sie wird aus deinen Gründen einen Strick für den Henker
+drehen.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Herrgott, Michael Jefimowitsch, sie ist doch eine kluge
+Frau!
+
+
+_Lassunsky_
+
+Sie ist verliebt.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Was ist denn an einem Orlow zu lieben?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Was wir an ihm hassen.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Sein Ehrgeiz macht ihn verrückt.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Er ist schön, und stark wie ein Bär.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Er hat keine Erziehung.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Umso weniger ist er gehemmt.
+
+
+_Chidrowo_
+
+(leise durch die Zähne)
+
+Ich sage dir: er wird sie ermorden, so wie er den Zaren
+ermordet hat.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Dummkopf! Er war nur die Hand. Katharina ist tausendmal
+schlauer als er. O, das ist ein Weib, mein Lieber, die
+steckt uns alle in den Sack.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Wo ist da die Schlauheit? Die Mariage ist projektiert. Es
+muß ein Mittel gefunden werden, sie davon abzubringen.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Du bist Soldat und mußt schweigen.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Schweigen kostet Herzblut.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ich meinerseits will nicht Politik treiben, da hast du's.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Aber die Zähne knirschen? Das ist auch eine Art von Politik
+und eine schlechte. Wie stumpf du bist!
+
+
+_Lassunsky_
+
+Stumpf?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Oder du weißt mehr als du sagen willst.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Wohl möglich. Vielleicht wirst du heute noch alles erfahren.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Wie ist's? warum wollte der Großkanzler mit Rasumowsky
+verhandeln?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ist dir nicht bekannt, daß Alexei Grigorjewitsch heimlich
+vermählt war mit der verstorbenen Kaiserin Elisabeth
+Petrowna?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Dies ist mir wohl bekannt, allein -- wie hängt das zusammen?
+
+
+_Lassunsky_
+
+(sieht sich um)
+
+Schweig, schweig.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Im Hause Rasumowskys sind die Wände taub.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Nicht um die Wände handelt sich's. (Steht auf.) Aber er! Er!
+Dieser furchtlose Mann! Der furchtloseste, der in Rußland
+lebt. Wie ich ihn verehre, Fedor Alexandrowitsch! Wüßtest du
+wie ich ... In wunderbarer Verschwiegenheit ist er der
+Geliebte einer Kaiserin gewesen. Niemals hat ihn eine Miene,
+nie ein Lächeln verraten. Nie hat er Schacher getrieben mit
+seinem Glück. Nie war er ungerecht. Und jetzt (schmerzlich)
+jetzt soll er sich ausliefern. Weil ein Orlow mit der
+Vergangenheit dieses gerechten Mannes seine Zukunft gründen
+will!
+
+
+_Chidrowo_
+
+Ausliefern? Ich verstehe dich nicht, Michael Jefimowitsch.
+Kein Wort verstehe ich von allem was du sagst.
+
+
+_Lassunsky_
+
+(kummervoll)
+
+Und er wird Grigorij Orlow empfangen. Er wird ihn einlassen,
+ich weiß es.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Du meinst, weil er sich nicht getrauen wird, den ersten
+Günstling der Krone von seiner Türe zu weisen?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Nicht deshalb, Fedor Alexandrowitsch, nicht deshalb. Sondern
+eben, weil er so gerecht ist. Und wenn Orlow vor ihm steht,
+dieser Sturmwind, dieser Leopard, kannst du ermessen, was
+dann geschieht? Mich jammert's, Fedor Alexandrowitsch, und
+ich fühle mich machtlos. Die Dinge geschehen, und wir sind
+machtlos.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Du schwaches russisches Herz! So will ich dir sagen:
+Rasumowsky wird Grigorij Orlow nicht empfangen.
+
+
+_Lassunsky_
+
+(aufmerksam)
+
+Schon vorhin hast du angedeutet, daß Orlow es nicht wagen
+würde ... Da steckt was dahinter.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Weißt du nicht, was sich am Ostertag auf der Morskaja
+zugetragen hat?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Kein Sterbenswort.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Wahrlich, in unserm Leben sind die Geschehnisse wie Träume
+... (Faßt sich an die Stirn.) So kurz die Zeit, so weit
+entrückt. (Besinnt sich.) So war's ...
+
+
+_Lassunsky_
+
+Erzähle, Fedor Alexandrowitsch ... mir ist jetzt selbst als
+hätten sie in der Wachtstube davon berichtet. Zuviel drängt
+sich in einen Tag.
+
+
+_Chidrowo_
+
+So war's ... (Mit Gesten, als ob er auf einen Plan wiese.)
+Da ist die Morskaja. Da ist die Gasse von den Kasernen. Da
+ist eine enge Gasse zum Newski-Prospekt. Orlow hatte die
+Regimenter Astrachan und Ingermanland zum Gehorsam
+gezwungen. Mit seinen zwanzig oder dreißig Getreuesten
+stürmt er zum Winterpalast, um es der Kaiserin zu melden.
+Rast auf seinem Gaul an der Spitze der Schar mitten durch
+die Stadt. Die Funken spritzen, das Pflaster dröhnt. So
+gelangen sie auf die Morskaja. Da spielen zwei Kinder auf
+der Straße, schöne, blonde Kinderchen, ein Mädchen und ein
+Knabe, sitzen friedlich da und spielen. Denken offenbar, die
+Reiter werden ausweichen, denn die Straße ist ja breit, und
+so staunen sie dem Schauspiel entgegen und freuen sich.
+Orlow aber sprengt mittenwegs auf sie zu, als könnt er
+nicht, wollt er nicht aus der Bahn, zu spät rufen Leute aus
+den Fenstern, strecken die Arme, zu spät erkennen die
+Kleinen die Gefahr und starren, gütige Unschuld, wie wenn
+ihr Schutzpatron sie geblendet hätte. Orlow fletscht die
+Zähne, spornt noch das Roß, starrt gerade vor sich hin, als
+sähe er nichts, Weiber kreischen, Männer stürzen aus den
+Häusern ... alles umsonst, die beiden Mäuschen sind unter
+den Hufen verschwunden, eh' man's denkt, zerrissen,
+zertreten, und man schaut nur noch blutige Klumpen.
+
+
+_Lassunsky_
+
+O Menschheit!
+
+
+_Chidrowo_
+
+Im selben Augenblick kommt Alexei Rasumowsky aus der engen
+Gasse, wohin die Reiter wollen, und vor der sie sich stauen
+wie Wasser vor einem Wehr. Rasumowsky blickt hin über die
+Luft, blickt hin auf die blutige Erde und ruft: Graf Orlow!
+Orlow reißt den Zügel und hält. Die hinter ihm sind, vom
+tollen Ritt noch, mit ihren Gäulen dicht an ihn gedrängt.
+Ganz stille wird's auf einmal. Graf Orlow! ruft Alexei
+Grigorjewitsch und hebt den Arm, die gemordeten Seelchen
+werden sich um deine Füße klammern, wenn du vor Gottes Thron
+gehst. Mit nichten wirst du schreiten können, mit nichten.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Und Orlow? hat er geantwortet?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Nun geschah das Sonderbare. Orlow zieht den Dolch, beugt
+sich vor, schließt wie im Krampf die Augen und stößt seinem
+Pferd von oben her den Stahl mitten in die Brust. Während
+das Tier zusammenbricht, springt er ab, geht an Rasumowsky
+vorüber, grüßt ihn schweigend und setzt schweigend und
+bleich seinen Weg zu Fuß fort.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Rätselhaft.
+
+
+_Chidrowo_
+
+So hat mir's der Hauptmann Woropanow erzählt, der an Orlows
+Seite ritt.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Was war der Zweck solcher Tat?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Sicherlich trägt er glühenden Haß gegen Alexei
+Grigorjewitsch.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Das dünkt mich unwahrscheinlich.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Wie ... unwahrscheinlich --?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Es sieht wie Demut und Buße aus, was er getan.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Hohn ist's, sag ich dir, Hohn und Bosheit. Seine Blutgier
+wollte noch ein Opfer haben.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Warum sollt es nicht Scham und Reue gewesen sein?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Willst du Orlow verteidigen? Schönfärben den wüsten Mord?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Fast könnt ich Mitleid haben mit ihm.
+
+
+_Chidrowo_
+
+So seid ihr alle, lammsherzig und matt.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Acht' auf deine Worte.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Acht' du auf deine Freiheit, auf deine Männlichkeit!
+
+
+_Lassunsky_
+
+Stünden wir nicht hier, Fedor Alexandrowitsch --
+
+
+_Chidrowo_
+
+(wild)
+
+Hier oder anderswo. Wer gut von Orlow redet, spricht
+schlecht von mir.
+
+(Graf Alexei Rasumowsky tritt langsam von rechts ein. Er ist
+mit einem langen, schwarzen Sammetgewand bekleidet und hat
+eine goldne Kette um den Hals. In der Hand trägt er die
+Kasansche Bibel. Er erscheint zunächst häßlich mit seinem
+eingefallenen, alten, mißtrauisch finstern Gesicht, an dem
+die Backenknochen stark hervortreten und die schneeweißen
+Brauen wie dicke Wülste hängen, indes der Kinnbart schütter
+und zottig ist. Aber sein Wesen hat eine bewundernswerte
+Würde, und wenn er, um zu schauen, die Lider hebt, was nicht
+häufig geschieht, ist sein Blick strahlend rein und von
+seltsamer, kindlicher Wehmut. Die beiden Offiziere wenden
+sich von einander und begrüßen ihn mit schweigender tiefer
+Verbeugung.)
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Streit in meinem Hause? (Langes Schweigen.) Was ist
+geschehen, Rittmeister Chidrowo, daß Ihre Augen so funkeln?
+
+
+_Chidrowo_
+
+(finster)
+
+Üble Neuigkeiten, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Nichts Schlimmeres in der Welt als Neuigkeiten. Weshalb sind
+Sie hier, zu so früher Stunde?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Ich sollte den Großkanzler Woronzow anmelden.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Graf Woronzow ist auf der Fahrt hierher von Soldaten
+überfallen worden.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Hat Rußland keinen Zaren mehr?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Es hat eine Zarin.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Gott schenke ihr Weisheit. (Kopfschüttelnd.) Woronzow auf
+dem Weg zu mir ... Was hat das zu bedeuten?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Die Zarin hat den Kanzler wegen der neuen Mariage zu Euer
+Erlaucht geschickt.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Wegen der neuen Mariage? Bin ich ein Pope?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Der Kanzler sollte eine geheime Erkundigung einziehen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(läßt sich auf dem Armsessel vor dem Kamin nieder und legt
+die Bibel auf seinen Schoß)
+
+Das gehört auch zu den Neuigkeiten der Welt, daß mit lauter
+Geheimnissen regiert wird.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Die Sache verhält sich so, Erlaucht: Da ganz Petersburg
+gegen die projektierte Heirat der Zarin mit Orlow gestimmt
+ist, so hat man endlich ein Mittel gefunden, um die Geister
+zu beschwichtigen, man hat auf die Ehe Euer Erlaucht mit der
+verstorbenen Kaiserin Elisabeth Petrowna hingewiesen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Wie? So weit hätte man sich vermessen? Und wem ist dieser
+schamlose Gedanke gekommen?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Offenbar stammt er von den Brüdern Orlow. Was ihr für
+unmöglich haltet, sagten sie, ist ja schon einmal
+geschehen, ohne daß die Welt eingestürzt ist. Graf
+Rasumowsky ist ja da, gehen wir hin zu ihm.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Die Narren!
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Und was sagte die Kaiserin dazu?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Die Kaiserin soll gesagt haben: von dieser Ehe weiß die Welt
+nichts, aber wenn ihr mir den schriftlichen Beweis erbringt,
+daß zwischen dem Grafen Rasumowsky und der hochseligen Zarin
+eine Heirat wirklich stattgefunden hat, will ich mich fügen.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Das hat die Kaiserin gesagt?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Doch als die Orlows sich anheischig machten, zu Euer
+Erlaucht zu gehen, wollte die Kaiserin plötzlich nichts
+davon wissen. Sie gebot, daß Graf Woronzow den Auftrag
+übernehmen sollte, vielleicht weil sie den Ungestüm der
+Brüder Orlow fürchtete, vielleicht, weil sie in Wirklichkeit
+gar nicht wünscht, was sie zu wünschen scheint. Heut um die
+achte Stunde befahl der Kanzler seinen Wagen, und vor der
+Kasan-Kathedrale geschah es dann --
+
+
+_Chidrowo_
+
+(am Fenster, mit ausgestreckter Hand)
+
+Da sind Orlows Leute! (Stimmen und Waffenlärm vor dem Haus.)
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(steht auf)
+
+Und du vermutest, daß der Überfall vom Grafen Orlow
+angestiftet worden ist? (Schaut gegen den Erker.)
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ja, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+So wäre es augenscheinlich, daß Orlow dem Befehl der
+Kaiserin zuwidergehandelt hat --? (Man hört heftiges Klopfen
+am Tor.)
+
+
+_Chidrowo_
+
+Sie begehren Einlaß.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(erstaunt)
+
+Einlaß begehren sie? Das Tor ist offen. War's denn nicht
+auch für euch geöffnet?
+
+
+_Lassunsky_
+
+(zögernd)
+
+Ich habe die Tore schließen lassen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Die Tore _meines_ Hauses?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Ich denke, Erlaucht, man kann nicht mehr daran zweifeln, daß
+Orlow den Kanzler überfallen ließ, um ihn dingfest zu
+machen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Die Tore _meines_ Hauses? (Lassunsky senkt schweigend den
+Kopf.) Soll Orlow glauben, daß ich vor ihm zittere?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Wie, Erlaucht, Sie wollen Orlow empfangen? (Erneutes Pochen
+von unten.)
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Geh, Michael Jefimowitsch, und sag, daß das Tor aufgesperrt
+werde.
+
+
+_Lassunsky_
+
+(flehend)
+
+Erlaucht --
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Klang es doppelzüngig, was ich gesagt?
+
+
+_Lassunsky_
+
+(geht schweigend ab --)
+
+
+_Chidrowo_
+
+(verschränkt die Arme; vor sich hin)
+
+Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Eure Großmäuligkeit, was ist sie nutze? Ist euer Nein
+Vernunft, euer Ja Überlegung? Ich will sehen. Sehen und
+hören will ich, dazu gab mir Gott Augen und Ohren. Und wenn
+ich gesehen und gehört habe, dann will ich wägen, dazu hat
+mir Gott die Erfahrung eines langen Lebens zuteil werden
+lassen.
+
+
+_Lassunsky_
+
+(kommt zurück)
+
+Major Nischinski ist es, man hat ihn vorausgesandt, um Euer
+Erlaucht den Grafen Orlow zu melden.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ich bin bereit.
+
+
+_Chidrowo_
+
+(noch leiser als oben)
+
+Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ich sagte ihm, daß ich die Meldung übernehmen will.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(wie mit sich selber redend)
+
+In ein Antlitz zu schauen, das heißt, Entschlüsse vom
+Schicksal selbst empfangen. Läufst du hinauf die steile
+Bahn, Orlow, ohne daß dein Herz klopft, so will ich prüfen,
+was für ein Ruf dich ereilt, was dich zaudern macht, was
+dich feurig macht, was dich grausam macht, was dich weckt.
+(Ekstatisch bewegt.) Nicht richten will ich, nur Werkzeug
+eines Richters sein und handeln -- wie ich muß. (Mit der
+früheren Stimme.) Michael Jefimowitsch!
+
+
+_Lassunsky_
+
+(der das Gesicht abgewandt und die eine Hand über die Augen
+gelegt hatte)
+
+Erlaucht --?
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Wie geht es meiner Nichte Sofia?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Wir erwarten täglich ihre Niederkunft, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Bete für einen Knaben. Gott schenk uns Helden. (Man hört
+Schritte, Stimmengesurr, Säbelklirren.)
+
+
+_Rodion_
+
+(reißt die Türe auf, feierlich)
+
+Der General-Adjutant Kammerherr Graf Orlow.
+
+
+_Orlow_
+
+(tritt säbel- und sporenklirrend ein. Er trägt die Uniform
+der Preobraschenskyschen Leibwachen. Seine Gestalt ist
+äußerst schlank, sein Gesicht kalt, bleich, hochmütig und
+etwas verwüstet. Die Züge verraten eine kaum zu bändigende
+Leidenschaftlichkeit. Er weiß um seine Schönheit, ist eitel
+darauf und verachtet sie zugleich. Seine Hände sind fein und
+lang. Er verbeugt sich tief vor Rasumowsky, die beiden
+Offiziere scheint er zu übersehen.)
+
+Ich komme hoffentlich nicht zu ungelegener Stunde, Graf
+Alexei?
+
+
+_Chidrowo_
+
+(kaum hörbar)
+
+Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Michael Jefimowitsch, du wirst die Güte haben, drüben im
+gelben Zimmer zu warten.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Wir wollen keinesfalls stören.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Auch Sie, Fedor Alexandrowitsch, mögen warten, wenn es Ihnen
+gefällig ist.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Wenn es erlaubt ist, will ich warten. (Ab mit Lassunsky nach
+rechts.)
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Nehmen Sie Platz, Graf Orlow. (Er setzt sich, legt die Bibel
+aus der Hand.)
+
+
+_Orlow_
+
+(setzt sich gleichfalls)
+
+Daß ich nicht mit einer langen Vorrede lästig falle,
+Erlaucht: Wie Ihnen bekannt sein dürfte, hat sich Ihre
+Majestät, die Kaiserin, entschlossen zu heiraten.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(bedächtig)
+
+Wieder zu heiraten.
+
+
+_Orlow_
+
+Zar Peter ist tot.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Doch war er gekrönter und gesalbter Zar von Rußland.
+
+
+_Orlow_
+
+Ihm folgte von Gottes Gnaden Katharina.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ich unterwerfe mich demütig ihrem mächtigen Willen.
+
+
+_Orlow_
+
+Ihre erhabene Majestät hat ihr Herz an einen Unwürdigen
+verschenkt, den sie aus dem Staub zu sich auf den Thron
+erheben will. Dieser Unwürdige befindet sich vor Ihnen,
+Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Und schaudert Ihnen nicht vor solcher Erhebung, Graf Orlow?
+Daß Sie mit Worten der Bescheidenheit davon sprechen, steht
+Ihnen wohl an. Ich hatte es nicht erwartet.
+
+
+_Orlow_
+
+Daß ich endlich einen Mann finde, dem ich mein volles und
+bedrücktes Gemüt eröffnen kann! (Emphatisch.) Warum hat uns
+das Geschick nicht früher einander näher kommen lassen!
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Mein Los ist Einsamkeit seit langem, Graf Orlow. Fast kenne
+ich die Welt nicht mehr, und fremd ist mir geworden, was
+sich außerhalb dieser Schwelle begibt.
+
+
+_Orlow_
+
+So dacht ich mir's, Erlaucht, und nur mit frommen
+Empfindungen bin ich genaht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Unheilig war stets, was mir von draußen kam, das ist wahr.
+Doch liebe ich die Jugend, wenn schon vieles mir unbegreiflich
+an ihr ist.
+
+
+_Orlow_
+
+(geschmeidig und beredt)
+
+Wie Sie leicht ermessen können, Erlaucht, begegnet die edle
+Absicht der Kaiserin dem Widerstand aller Großen des Reichs.
+Man beneidet mich, man legt mir Fallstricke, man zettelt
+Verschwörungen an, ja man schreckt nicht vor offenbaren
+Beleidigungen zurück, denen mein Gleichmut unmöglich
+gewachsen ist.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ja, ja, ja. Es ist geblieben, wie es immer war.
+
+
+_Orlow_
+
+Ich habe mich beherrschen gelernt, Erlaucht. Mein Vater hat
+mich in Demut und Gehorsam erzogen. Niemals, in meinen
+verwegensten Träumen nicht, konnte ich ahnen, daß der Blick
+meiner gnädigen Herrscherin auf mich fallen würde. Wer kann
+es mir verargen, Erlaucht, daß mein ganzes Blut sich in
+Hingebung für diese Frau entflammte, daß ich bereit bin,
+meine Seligkeit für sie zu opfern, daß mir nichts mühevoll,
+nichts unerreichbar mehr erscheint, seitdem sie mich erwählt
+hat?
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Wohl kann ich dies verstehen, Graf Orlow.
+
+
+_Orlow_
+
+(schwärmerisch)
+
+O, ich wußte es, Erlaucht, ich wußte es. Dank, allen Dank
+meines armen Herzens.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ein Herz wie das Ihre ist nicht arm, Graf Orlow.
+
+
+_Orlow_
+
+Doch scheint mir's so in Ihrer Nähe. Aber hören Sie weiter,
+Erlaucht. Vor wenigen Tagen wurde die Zarin, deren Geist in
+quälender Unschlüssigkeit irgend einen Weg suchte, von einem
+ruchlosen Ratgeber auf Ihre Ehe --
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(unterbricht hastig)
+
+Ich weiß, ich weiß ...
+
+
+_Orlow_
+
+Sie wissen, Erlaucht? Ich atme auf. Dies mindert die
+Schwierigkeit meiner Sendung.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ich bin erstaunt, daß Ihre Majestät ein solches Mittel nötig
+zu haben glaubt. Jede Handlung ist gerechtfertigt, die sie
+gutheißt.
+
+
+_Orlow_
+
+Ganz meine Meinung, Erlaucht. Aber Katharina ist
+gewissenhaft und dankbar, zwei Eigenschaften, die den
+Fürsten das Regieren erschweren.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Und Ihre Mission ist also --
+
+
+_Orlow_
+
+Der Plan war, den Großkanzler zu schicken --
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(nickt)
+
+Auch dies ist mir bekannt.
+
+
+_Orlow_
+
+Ich wollte es um jeden Preis verhindern, selbst auf die
+Gefahr, ungehorsam gegen meine Wohltäterin zu sein. Der
+Kanzler Woronzow ist ein vortrefflicher Diener, aber er ist
+nur ein Diener. Seine Rauheit, sein mürrisches Wesen, seine
+Unfähigkeit, zarte Dinge zart zu packen, hätte Sie unbedingt
+verletzt, Graf Alexei. Ich begriff das Ungeheuerliche des
+Auftrags wie die Delikatesse, mit der er behandelt werden
+mußte, vom ersten Augenblick an. Ich habe tief mit Ihnen
+gefühlt, Erlaucht, ich fürchtete die Dazwischenkunft des
+Kanzlers, und -- ich habe ihn gefangen setzen lassen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Was Sie getan haben, ist höchst tadelnswert, Graf Orlow,
+doch kann ich dem Edelmut, der Sie antrieb, meine
+Bewunderung und meinen Dank nicht versagen.
+
+
+_Orlow_
+
+Und so bin ich gekommen -- (zaudert.)
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Gekommen --?
+
+
+_Orlow_
+
+(leise, als schäme er sich)
+
+Sie um die Dokumente Ihrer Ehe mit der Zarin Elisabeth
+Petrowna zu bitten.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Mein Erstaunen wächst, Graf Orlow. Wie kann man mit einer
+Tatsache rechnen, mit der die Öffentlichkeit niemals
+behelligt worden ist, die niemals zugegeben worden ist und
+die daher niemals Gegenstand weder einer politischen, noch
+einer privaten Aktion werden kann?
+
+
+_Orlow_
+
+Ich ehre diese Entrüstung, Erlaucht, und finde sie gerecht.
+Aber es gibt Dinge, die so lange verschwiegen werden bis
+jedes Kind um sie weiß.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Wahrlich, was Sie da sagen, betrübt mich aufs äußerste, Graf
+Orlow. Mir ist, als sei ich bestohlen worden. Mir ist, als
+hätte man meine Brust durchwühlt, um ihr das Teuerste zu
+rauben, und als riefe man mir zu: du bewahrst es umsonst,
+denn die Hunde beschnüffeln es schon wie ein Aas.
+
+
+_Orlow_
+
+Schwer wird es mir, Ihnen zu widersprechen, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Und wenn ich nun antworten würde: eine Ehe zwischen mir und
+der hochseligen Herrin Elisabeth Petrowna hat niemals
+stattgefunden?
+
+
+_Orlow_
+
+(beißt sich auf die Lippen; dann gleißnerisch)
+
+So würde ich Ihre Beweggründe zu erforschen suchen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Wenn ich Ihnen versichern würde, daß ich keine Dokumente
+besitze --? Wie, Graf Orlow?
+
+
+_Orlow_
+
+(düster)
+
+Sie würden damit mein Leben zerstören, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Und wenn ich den Besitz der Dokumente zugebe, warum soll ich
+sie ausliefern? Was könnte mich veranlassen, ein Jahr um
+Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt gehaltenes Übereinkommen
+schmählich zu verletzen? Nur weil ein Jüngling, den die
+Jugend begehrlich und begehrenswert macht, in meinen Frieden
+tritt und die Hand ausstreckt nach meinem Gut?
+
+
+_Orlow_
+
+Es ist nichts in Ihren Worten, Alexei Grigorjewitsch, was
+ich mir nicht auch selbst schon ins Gewissen gerufen hätte.
+Doch erwägen Sie, Erlaucht: mein Glück ist auch das Glück
+der Kaiserin.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ich werfe mich in den Staub vor Ihrer Majestät, aber sie
+hat keine Macht über die Geheimnisse meiner Seele.
+
+
+_Orlow_
+
+So flehe ich, Erlaucht, um Ihr Vertrauen ...
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Mein Vertrauen zu den Menschen ist so gering, Graf Orlow,
+daß jeder Appell daran verschwendet ist. Ich habe zu viele
+Worte gehört und zu viele Taten gesehen. Ich bin meiner
+selbst kaum gewiß, um wie viel weniger eines andern. Ein
+Ozean von Geschwätz ertränkt die edelste Handlung, und die
+niedrigste versteckt sich nicht mehr, wenn ihr ein Vorteil
+winkt.
+
+
+_Orlow_
+
+Bedenken Sie, Alexei Grigorjewitsch, ein Mann, für den so
+Ungeheueres sich entscheiden soll, muß ein Verworfener
+werden, wenn es mißlingt.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Also ist es nur der Erfolg, der tugendhaft macht?
+
+
+_Orlow_
+
+Ein Held jedoch, wenn er ans Ziel gelangt.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ein Held? Könnt ich dies glauben, Graf Orlow, dann! ja dann!
+Aber ich kann es nicht glauben. (Feierlich.) Zwei
+unschuldig Zertretene wehren mir's.
+
+
+_Orlow_
+
+Viel Blut liegt auf dem Weg der Helden, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Blut von Kindern?
+
+
+_Orlow_
+
+Macht löscht den Makel aus.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(betroffen)
+
+Furchtbares Wort!
+
+
+_Orlow_
+
+(erkennt seinen Fehler, einlenkend)
+
+Als ich heranritt, Erlaucht, ich war betrunken von Freude;
+ich hatte die unheilvollste Meuterei erstickt, Rebellen
+hatte ich meiner Gebieterin in Anhänger auf Tod und Leben
+verwandelt, die Wirklichkeit zerrann mir vor den Augen, ich
+sah kein Hindernis mehr ... und als es geschehen war, hab
+ich nicht Buße getan vor allem Volk?
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Doch haben Sie dem Volk eine unheilbare Wunde geschlagen.
+
+
+_Orlow_
+
+(mit dem letzten Aufwand seiner gleißnerischen
+Beredtsamkeit)
+
+Als ich zwölf Jahre alt war, Erlaucht, trieb mich mein
+Vater mit der Peitsche vom Hof, weil ich für einen
+Leibeigenen, der die Todesstrafe erleiden sollte, um Gnade
+gebeten hatte. Ich liebe unser Volk. Ich weiß, wie sie
+leben, wie sie schmachten, wie sie Unrecht leiden, wie sie
+stumm sind, wie sie ihre Hoffnung unermüdlich von Jahr zu
+Jahr tragen, wie sie in ihrer Not die Herren preisen, die
+mit den Früchten ihrer Arbeit Feste feiern, und wie sie auf
+den warten, der sie erlösen wird. Ich weiß es und will ihrer
+nicht vergessen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ist mir doch, als ob ich Glocken hörte aus einem versunkenen
+Land, Graf Orlow. (Er steht versunken, von Orlow gespannt
+beobachtet; wie zu sich selbst) Ist es Rausch? oder Wahn?
+oder blinde Sucht der Jugend? Leidenschaft macht beredt den,
+der sie hegt, und stumm den, der sie begreift. (Laut) Sie
+führen eine ungewöhnliche Sprache, Graf Orlow, die mich irre
+werden läßt an meinem Vorsatz.
+
+
+_Orlow_
+
+Ich danke Ihnen, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(geht zur Wand, wo er neben dem Kamin auf eine geheime Feder
+in der Täfelung drückt. Ein Türchen springt auf. Er
+entnimmt dem Schrein eine goldene Kassette, die er öffnet
+und einige in roten Atlas eingeschlagene vergilbte Papiere
+herauszieht)
+
+Sieh da, wie viel Staub darauf liegt ... (Er stellt das
+Kästchen beiseite) Staub ... Staub. Pulver der
+Vergessenheit. Überreste von Träumen. (Er legt den Atlas in
+das Kästchen zurück und liest das oberste Papier aufmerksam
+durch.)
+
+
+_Orlow_
+
+(der sich am Ziel glaubt)
+
+Väterchen Alexei Grigorjewitsch! (Er sinkt auf die Kniee.)
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(ergriffen und ganz in die Vergangenheit verloren)
+
+Frühling und Sommer meines Lebens! (Er küßt die Papiere und
+erhebt, sich bekreuzigend, die Blicke nach oben.)
+
+
+_Orlow_
+
+(packt in seiner Erregung mit beiden Händen die Papiere)
+
+Geben Sie, Alexei Grigorjewitsch --!
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(erschrocken)
+
+Was für ein Ungestüm, Graf Orlow!
+
+
+_Orlow_
+
+(fast mit Wildheit, drohend)
+
+Ich kniee vor Ihnen, Alexei Grigorjewitsch!
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(beugt sich ein wenig vor und starrt in Orlows Gesicht)
+
+Die Augen ... die Augen ...
+
+
+_Orlow_
+
+(springt empor)
+
+Wollen Sie mich auf die Folter spannen, Graf Alexei? Ich
+ertrag's nicht länger.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(kopfschüttelnd)
+
+Ei, es ist eine ganz andere Stimme, die jetzt zu mir
+spricht.
+
+
+_Orlow_
+
+Genug gesäuselt.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Also nur Verstellung? Und so schlecht verstellt? So schnell
+überdrüssig der Verstellung?
+
+
+_Orlow_
+
+Wollen Sie mir den Köder nur vorsetzen, um mich zappeln zu
+lassen?
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ach, Sie zeigen zu früh Ihr wahres Gesicht, Graf Orlow.
+
+
+_Orlow_
+
+Ich habe viele Gesichter, warum soll dies gerade mein wahres
+sein. Wozu das Getändel? Zu Großes liegt vor mir. (Er zeigt
+seine weißen Zähne, während sich die Worte stürmisch
+ergießen.) Von unten heraufgestiegen, wo die Sklaven wohnen,
+begrüßt mich endlich das Licht, und Welt und Kreatur
+schreit: Herr! Herr! Gnade! Gnade! Ja, Herr will ich sein
+und Gnade soll von mir träufeln für alle, die sich bücken.
+Wollust, zu befehlen, und mit einem Atemzug die Mächtigsten
+zum Schweigen bringen! Alles unter mir sehen, was jetzt noch
+verführerisch lockt, aus der Enge heraus, wo man horchen
+muß, ehe man spricht, und rechnen, bevor man zahlt. Ohne
+Bedachtsamkeit leben, planen ohne Angst und Maß! Unten
+gehört alles auch dem Nachbarn, was mir gehört, oben bin ich
+allein und fürchte keine Grenze. Keine Grenze fürchten, das
+ist's. Mit seinem Willen allein sein, frei mit jeder Tat und
+doch der Richtpunkt aller Aufmerksamen. Ein Reich übersehen,
+den Arm von Ozean zu Ozean strecken, die Willfährigen mit
+Provinzen lohnen, die Unzufriedenen hinschmettern, -- und
+eine Kaiserin umschlingen, eine Kaiserin, in den Mienen
+einer Kaiserin Unterwerfung lesen, -- das ist mein Spiel,
+Alexei Grigorjewitsch! Die Würfel liegen zwischen uns.
+Werfen Sie jetzt und zählen wir die Augen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(kalt)
+
+So spricht ein Spieler. Im Würfelspiel mögen Sie gewinnen,
+Graf Orlow, im Schicksalsspiel nicht.
+
+
+_Orlow_
+
+Auch das Schicksal kann man zwingen, alter Mann.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Wie den Teufel in der eigenen Brust.
+
+
+_Orlow_
+
+Wer würde anders handeln an meiner Stelle? Nur wenn ich
+zaudere, verliere ich.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Und Gott soll mit bei diesem ... Spiele sein?
+
+
+_Orlow_
+
+Gott ist auf meiner Seite, weil ich will. Ich fühle die
+Bestimmung.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Über Blutbestimmung und Gottes Wahl läßt sich nicht rechten.
+
+
+_Orlow_
+
+Lügendunst! Zar Peter war ein Narr, ein Verräter, Affe des
+Preußenkönigs, ein Schwächling. Herrliche Bestimmung!
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Besser ein Schwächling als ein gewissenloser Emporkömmling.
+
+
+_Orlow_
+
+(hochmütig)
+
+Die Brücke zwischen uns fängt an zu krachen, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+So mag sie bersten.
+
+
+_Orlow_
+
+Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Doch die Zeit wird Sie auffressen.
+
+
+_Orlow_
+
+Jetzt, da Sie mich überzeugt haben, daß Sie die Dokumente
+besitzen und sie in Ihrer Hand halten, kann ich Sie zwingen,
+Alexei Grigorjewitsch.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Sie wollen damit sagen, daß Ihre Helfershelfer mein Haus
+umstellt halten?
+
+
+_Orlow_
+
+Leute, die mir blindlings ergeben sind, ja.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Und wozu ich mich freiwillig nicht mehr entschließen würde,
+das glauben Sie mit Gewalt durchsetzen zu können. Mit
+eigener Faust oder mit dem Beistand fremder Fäuste.
+
+
+_Orlow_
+
+Wenn Sie mich zu dieser Notwendigkeit drängen, -- ja. Ich
+kann nicht zurück. Ich kann nur vorwärts.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Bis zum Abgrund. -- Sie vergessen nur eines, Graf Orlow.
+Sobald Ihre Leute diese Schwelle übertreten, oder sobald Sie
+selbst, von dieser Sekunde ab, eine Bewegung machen, die auf
+Gewalttat zielt, fallen die Dokumente hier in das Feuer. Sie
+sehen, es brennt loh genug, um ein paar Papiere rasch
+verzehren zu können. (Pause. Beide blicken einander
+schweigend ins Gesicht.)
+
+
+_Orlow_
+
+(mit verschränkten Armen)
+
+So also steht es.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ja.
+
+
+_Orlow_
+
+(langsam und mit Nachdruck)
+
+Eines noch, Alexei Grigorjewitsch: ich könnte Sie belohnen,
+wie nie ein Sterblicher belohnt worden ist.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Lohn? Für mich? Welchen Lohn? Reichtum? Paläste? Titel und
+Würden? Für mich?
+
+
+_Orlow_
+
+(wie oben)
+
+Wenn auch nicht für Sie, Erlaucht, so doch für einen
+Knaben ...
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Einen Knaben --?
+
+
+_Orlow_
+
+Für Iwan, den Sohn Rasumowskys und der Kaiserin Elisabeth.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(schwankt einen Augenblick, hält sich am Rand des Sessels,
+sinkt dann darauf nieder).
+
+
+_Orlow_
+
+Der Pope Maximow hat mich zu ihm geführt.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Möge Gott ihm verzeihen. Es gibt keine Treue mehr.
+
+
+_Orlow_
+
+Fürchten Sie nichts mehr von der verräterischen
+Geschwätzigkeit dieses Priesters, Erlaucht. Ich habe dafür
+gesorgt, daß seine Zunge keinen Schaden mehr stiftet. Sie
+und ich, wir sind die beiden einzigen Menschen auf Erden,
+die um Iwan wissen ...
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(dumpf)
+
+Einer zu viel, Graf Orlow.
+
+
+_Orlow_
+
+Ich habe den Knaben gesehn. Es war eine weite Fahrt auf das
+Gut Domnina im Epifanskischen Kreis. Ein schöner, blonder
+Knabe. Welche Einsamkeit für einen Vierzehnjährigen. Wie
+durstig er in die Ferne blickte! Er wußte nichts von Vater
+und Mutter, die Leute, bei denen er ist, halten ihn für den
+Sohn von Euer Erlaucht verstorbenem Bruder. Er ahnt nicht,
+welche Versprechungen das Leben ihm schenken könnte, und wer
+nur sein Gesicht sieht (deutet auf das Bild der Kaiserin
+Elisabeth), braucht keinen andern Beweis seiner Abkunft.
+Grausam schien es mir, die junge Blüte in der Steppenwüste
+verkommen zu lassen. Ich habe ihn über seine Geburt
+aufgeklärt.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(springt auf)
+
+Das haben Sie getan?
+
+
+_Orlow_
+
+Ich habe es getan.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(sinkt wieder auf den Sessel, umklammert krampfhaft die
+Dokumente vor der Brust.)
+
+Großer Himmel! Sie hatten kein Mitleid mit dem arglos
+spielenden Geschöpf? Frevlerisch das Gift des Ehrgeizes und
+der ungenügenden Begierde in die junge Brust versenkt!
+Fruchtlose Erwartungen geweckt, die ein gläubiges Gemüt
+zerfleischen müssen! So war meine Entbehrung vergeblich,
+vergeblich, daß ich mein Herz von ihm entwöhnt habe,
+vergeblich das Opfer, vergeblich der Gram der Mutter, alles
+vergeblich!
+
+
+_Orlow_
+
+(mit leisem Spott)
+
+Ist es nicht besser, wenn der Wissende sich bescheidet, als
+wenn der Getäuschte verkommt?
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(die Worte tief aus seiner Brust ringend)
+
+Zweiunddreißig Jahre, Graf Orlow, war ich mit Elisabeth
+Petrowna verbunden. Sie war eine musterhafte Christin und
+eine zärtliche Mutter Millionen Volks. Auch mich liebte sie,
+doch schien es mir so überflüssig wie sündhaft, meinen
+Ehrgeiz über das Maß dessen zu erheben, was sie mir als Weib
+gewähren konnte. Niemals in zweiunddreißig Jahren ist die
+Versuchung über mich gekommen, den geheiligten Glanz der
+Majestät für mich zu erborgen. _Sie_ war auserwählt zu
+herrschen. Von den Ahnen her war ihr die Gnade verliehen.
+Woran soll das Volk glauben, diese Zahllosen, von denen wir
+keine Namen wissen und die nur aufblicken in ihrer
+Verlassenheit, um nach dem gottbestimmten Führer zu suchen,
+woran sollen sie denn glauben, wenn nicht an das Mysterium,
+das um eine Krone webt? Das ist ja ihr Märchen, die
+Botschaft, das Gesetz! Gesalbtes Haupt weiht das Diadem,
+königliches Blut rauscht vom Vater zum Sohn, vom Gatten zur
+Gattin, von Geschlecht zu Geschlecht. Raubt ihnen diesen
+Glauben, und ihr stürzt sie in Gemeinheit und Verzweiflung,
+die Welt steht da, ohne Ordnung, ohne Herrn. (Er erhebt
+sich, bewegt.) Wenn es ein Verdienst in meinem Leben gibt,
+Graf Orlow, so ist es das eine, daß ich die Kaiserin zu
+überzeugen vermochte, unsere Ehe, für die sie den Segen der
+Kirche gewünscht hatte, müsse ein Geheimnis für das Volk
+bleiben. Und so wurde Iwan fern vom Hof und fern von den
+Menschen erzogen, denn es ziemt sich nicht für den
+Halbgebürtigen, von einem Thron auch nur zu träumen.
+
+
+_Orlow_
+
+Phantome, Erlaucht, Phantome! Die Zeit hat sich verändert.
+Es handelt sich nicht um die Gnade, es handelt sich um die
+Kraft.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ich bin kein Starrkopf, Graf Orlow, nicht einer, der
+denkfaul an Vergangenem hängt. Ich kenne die Zeit. Vieles
+tragen die Eimer des Jahres herauf aus dem dunklen Schacht,
+und wer wirklich lebt, wandelt sich mit jedem Becher, den er
+an die Lippen führt. Das Blut wird auch in alten Körpern
+neu. War ich nicht bereit, Graf Orlow? Ich war bereit, mehr
+kann ich nicht sagen. Aber ich bin gewohnt, in Menschenaugen
+zu lesen, und mehr noch auf den Stirnen, Graf, auf den
+Stirnen. Sie sind so unbehütet, die Stirnen; man kann sie
+eine Walstatt der Dämonen nennen. (Den Arm mit
+ausgestrecktem Finger gegen Orlow, stark.) Ich sehe
+Schicksale auf dieser Stirn, die ungeboren bleiben sollten.
+
+
+_Orlow_
+
+Alexei Grigorjewitsch! Nicht auf meiner Stirn, -- in Ihrer
+Hand liegt jetzt ein Schicksal. Iwan ist in meiner Gewalt.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(scheu)
+
+Iwan ... ist ...
+
+
+_Orlow_
+
+In meiner Gewalt und nur mir erreichbar.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(mit weiten Augen)
+
+Sie wollen damit sagen: um Iwan ist's geschehen, wenn ich
+mich weigere ...
+
+
+_Orlow_
+
+Vielleicht ist es das, was ich sagen will.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(nähert sich Orlow mit gebeugtem Oberkörper und mit der
+Unterwürfigkeit eines Bauern, hält ihm mit beiden Händen die
+Dokumente hin)
+
+Nehmen Sie, Graf Orlow ...
+
+
+_Orlow_
+
+(etwas überrascht von dem schnellen Erfolg, greift nach den
+Papieren).
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(demütig)
+
+Nicht weil ich für Iwan fürchte, Graf Orlow ... nicht weil
+ich mir sein Leben erkaufen will, ... nicht deshalb, Graf
+Orlow, nicht deshalb ...
+
+
+_Orlow_
+
+(hält die Papiere fest, mit finsterem Trotz)
+
+Es wäre auch zu spät, Alexei Grigorjewitsch, Sie retten Iwan
+damit nicht. Er war zu gefährlich, als er seine Abstammung
+kannte. Er weilt nicht mehr unter den Lebenden.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(schmerzvoll)
+
+Gott, dein Wille geschehe! Ich habe es geahnt!
+
+
+_Orlow_
+
+Und Sie geben mir trotzdem diese Papiere --?
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(mit der Hoheit des Grames)
+
+Ja, Graf Orlow! Ein Mann, der zu solchen Mitteln greift, den
+muß die eigene Tat vernichten. Und wenn es die Krone selbst
+wäre, sie hätte kein Gewicht mehr, wenn Sie sie halten.
+Nichts ... ein Schemen, ein Scheinbild. Nichts. Zeigen Sie
+die Dokumente der Kaiserin.
+
+
+_Orlow_
+
+(brütend)
+
+Darum also ... Es ist zu viel ... (als wöge er die Papiere)
+es scheint mir zu viel Erniedrigung für das gewährte
+Almosen. Bin ich denn ein Bettler? Soll es einen Menschen
+geben, der mich _so_ einschätzen darf? (Aufflammend.) Nein,
+nein, nein! Die Schmähung greift ans Herz. Wenn ich diesem
+erbettelten, erschlichenen Wisch alles verdanken müßte, was
+mir das Leben gewähren soll, es fräße mir das Mark der Tat
+aus den Knochen. Ein Orlow, der alles Heil auf den Inhalt
+einiger vergilbter Papiere gründet? Bin ich verloren ohne
+diese Fetzen, so wie ich jetzt besudelt bin, wenn ich sie
+als billige Trophäe vor die Augen Katharinas bringe? Nein,
+Alexei Grigorjewitsch, nein! Die Genugtuung, daß es von
+Ihrer Gnade abhängig war, Rußland einen Zaren zu geben, kann
+ich Ihnen nicht überlassen. Jede Gegenwart wäre mir
+vergällt, und um Ihnen den Beweis zu liefern, daß ich diese
+Gnade verschmähe, daß ich sie verachte, nur darum tu' ich,
+was ich tue! (Er eilt zum Kamin und wirft die Dokumente ins
+Feuer.)
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(mit seltsam entzückter, schreiender Stimme, die zugleich
+etwas wie physischen Schmerz enthält)
+
+Ein Gottesurteil! Ein Gottesurteil!
+
+(Durch Rasumowskys Schrei alarmiert, kommen Lassunsky und
+Chidrowo mit bestürzten Mienen.)
+
+
+_Lassunsky_
+
+(bleibt unter der aufgerissenen Türe stehen, hastig)
+
+Was ist geschehen, Erlaucht?
+
+
+_Chidrowo_
+
+(tritt vor, zieht den Degen)
+
+Wir werden Sie schützen, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(ohne sie zu beachten)
+
+So hat eine höhere Macht Ihren Arm gelenkt, Graf Orlow, und
+Sie haben nur den Beweis geliefert, daß es keinen Weg gibt
+aus Ihrer Menschentiefe zum Licht der Majestät. (Er bückt
+sich, als ob er bete.)
+
+
+_Lassunsky_
+
+(drängend)
+
+Erlaucht ... die Blässe Ihres Gesichts ... Sie sind
+krank ...
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(immer gebückt)
+
+Ehrfurcht! Der Engel des Schicksals schwebt über uns!
+
+
+_Orlow_
+
+(reißt sich vom Anblick des Feuers los)
+
+Verbrannt ... (Unheilvoll.) Und nun sei auch verbrannt alle
+Milde, vergessen alles Zögern feiger Rücksicht und wer mich
+aufhält, meinen Schritt oder den Schritt meines Pferdes, der
+möge zittern!
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Verwirkt! Verwirkt! Wir wollen zittern, aber der Spruch ist
+gefallen.
+
+
+_Chidrowo_
+
+(fast jubelnd)
+
+Gerettet, Mütterchen Rußland, gerettet!
+
+
+_Orlow_
+
+(im Abgehen)
+
+Hütet euch!
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(richtet sich wieder empor)
+
+_Ich bin_ in meiner Hut, denn ich fürchte die Menschen nicht
+mehr.
+
+(Vorhang)
+
+
+
+
+Gentz und Fanny Elßler
+
+
+Personen:
+
+ Friedrich von Gentz, Hofrat
+ Felix Graf Reitzenstein
+ Fanny Elßler
+ Jean )
+ Martin } Diener bei Gentz
+ Franz )
+ Lieferanten, Geldleute usw.
+
+Spielt in Wien, Herbst 1830
+
+
+Ein Zimmer der Villa Gentz in Weinhaus bei Wien. Kostbare
+Empiremöbel, Nippsachen, Kunstwerke, geblümte Tapeten. Auf
+einer Kommode stehen zwei Glasglocken mit eingemachten
+Früchten zum Naschen. Vom Kamin leuchtet eine goldene
+Stehuhr. Im Hintergrund zwei Fenster, zwischen ihnen eine
+hohe Glastüre in den Garten. Links Türe zum Vorzimmer,
+rechts in das Ankleidezimmer des Hofrats; diese Tür ist
+offen.
+
+Hinter der Türe links wird lebhaft gesprochen. Gleich darauf
+_Jean_, livrierter Diener, von links durch das Zimmer nach
+rechts ab. Die Türe links wird geöffnet, und ein dicker Jude
+will herein, _Martin_, ein zweiter livrierter Diener, der im
+Zimmer damit beschäftigt ist, frisches Wasser in
+blumengefüllte Vasen zu gießen, eilt hin und schlägt dem
+Eindringling die Tür vor der Nase zu. Protestierende Rufe
+von draußen. _Martin_ steht Wache.
+
+
+_Gentzens Stimme_
+
+(von rechts)
+
+Was erfrecht Er sich? Ich zahle nicht. Übermorgen. Die
+Schufte sollen Geduld haben.
+
+
+_Jean_
+
+(eilig wieder von rechts nach links ab).
+
+
+_Gentzens Stimme_
+
+Die geblümte Weste! Die geblümte!
+
+
+_Lebhafte Stimmen_
+
+(hinter der Türe links).
+
+
+_Jean_
+
+(kommt abermals mit verzweifelter Miene nach rechts).
+
+
+_Martin_
+
+(hält die Türklinke).
+
+
+_Stimme Jeans_
+
+Der Weinlieferant und der Parfümeur wollen partout mit dem
+Herrn Hofrat selber sprechen.
+
+
+_Gentzens Stimme_
+
+Ach was, Er Esel, Er hat ja gar keine Schneid. -- Die Ringe,
+Franz. Jetzt lauf Er zum Gärtner wegen frischer Blumen.
+
+
+_Franz_
+
+(ein alter Diener, durch die Mitte ab in den Garten.)
+
+(Gleich darauf)
+
+
+_Gentz_
+
+(Mann von fünfundsechzig Jahren. Hohe schlanke Gestalt. Er
+hat einen müden, etwas gebückten Gang. Sein Gesicht ist
+höchst geistreich, die ganze Physiognomie hat einen feinen,
+lebhaften und verführerischen Ausdruck, und der Blick ist
+von intensiver Kraft. Kinn und Unterkiefer sind etwas
+schwer, um den Feinschmeckermund liegt bisweilen ein
+trauriger, bisweilen ein zynischer Zug. Er ist nach der
+letzten Mode gekleidet: brauner, langer Rock, gestickte
+Weste, Vatermörder, schwarze Binde)
+
+War schon jemand vom Fürsten Metternich da?
+
+
+_Martin_
+
+Niemand, Herr Hofrat.
+
+
+_Gentz_
+
+(nach links ab, die Türe bleibt halb offen).
+
+
+_Stimmen der Lieferanten_
+
+Küß die Hand, Herr Hofrat! -- Wünsch guten Morgen, Herr
+Hofrat! -- Küß die Hand, Euer Gnaden.
+
+
+_Gentzens Stimme_
+
+Also, was soll's -- Was belästigt ihr mich?
+
+
+_Stimme des Parfümeurs_
+
+Halten zu Gnaden, Herr Hofrat, hab für siebenundachtzig
+Gulden Kölnisch Wasser geliefert.
+
+
+_Stimme des Weinhändlers_
+
+Ich für dreihundertzwanzig Gulden Sekt.
+
+
+_Gentzens Stimme_
+
+Geduld, ihr Leute. Morgen schick ich zum Rothschild hin. Der
+Rothschild zahlt alles, das wißt ihr doch. Jetzt schert euch
+friedlich nach Hause. (Er tritt ins Zimmer zurück, der dicke
+Jude folgt ihm.)
+
+
+_Jude_
+
+Euer Exzellenz, der Wechsel ist schon emal prolongiert.
+
+
+_Gentz_
+
+Fort, fort, fort!
+
+
+_Der Schneider_
+
+(hat sich schüchtern nachgedrängt)
+
+Ich freu mich, daß der Herr Hofrat so gut ausschaut.
+
+
+_Gentz_
+
+Keine Konfidenzen! Ich hab' gern, wenn Lieferanten was
+liefern. Konfidenzen sind mir verhaßt. -- Hat der Gärtner
+schon was wegen der Rosen gemeldet?
+
+
+_Martin_
+
+Nein, Herr Hofrat.
+
+
+_Gentz_
+
+Ich will mal selber mit ihm reden. Wenn er frische Rosen
+hat, ist es besser, sie erst am Stock zu sehen. (Durch die
+Mitte ab.)
+
+
+_Der Schneider_
+
+Herr Hofrat! --
+
+
+_Jean_
+
+Na, was gibt's denn noch? Er hat doch gehört, daß wir heut
+nicht bei Kassa sind.
+
+
+_Der Schneider_
+
+Morgen ist die Trauung von meiner Tochter, und wenn mir halt
+der Herr Hofrat zwanzig Gulden geben tät ...
+
+
+_Jean_
+
+Laßt eure Töchter im ledigen Stand, wenn ihr kein Geld
+habt's.
+
+
+_Martin_
+
+(verächtlich)
+
+Heiraten! Alle gemeinen Leute heiraten beständig.
+
+
+_Jean_
+
+Und jetzt allons! marsch! (Nimmt den Besen.) Hinaus! Es wird
+gelüftet.
+
+
+_Der Jude_
+
+Was wird sein? Wer ich den Wechsel zu Protest bringen. (Ab,
+desgleichen der Schneider, die Stimmen draußen verlieren
+sich.)
+
+
+_Martin_
+
+Was macht er denn heut für an Kramuri, der Hofrat?
+
+
+_Jean_
+
+Die Fanny war doch drei Tag am Land bei ihrer Schwester.
+
+
+_Martin_
+
+Ah so. Froher Empfang nach schmerzlicher Trennung.
+
+
+_Jean_
+
+Zu Mittag kommt s' mit der Extrapost, die Fanny.
+
+
+_Martin_
+
+Fahr'n jetzt die vom Theater auch schon mit der Extrapost?
+
+
+_Jean_
+
+Die Fanny is was man eine bessere Tänzerin heißt. Hast es
+schon tanzen seh'n am Kärntnertor? Die Leut' soll'n sich die
+Haxen abtreten hab'n.
+
+
+_Martin_
+
+(düster)
+
+Der Hofrat g'fallt mir gar nicht mit seiner Verliebtheit.
+Das is ja schon ganz außer der Normalität. Wenn's nur keine
+Mesallianz gibt.
+
+
+_Gentz_
+
+(vom Garten, zwei Burschen folgen ihm, die einen kupfernen,
+mit Rosen gefüllten Kessel tragen.)
+
+Dorthin, ins Eck, ... auf die Säule.
+
+
+_Franz_
+
+(von links)
+
+Herr Graf Reitzenstein. (Ab, auch Jean und Martin, die
+Gärtnerburschen durch die Mitte ab.)
+
+
+_Gentz_
+
+(zur Tür)
+
+Guten Morgen, lieber Felix. Ein schöner Herbsttag heute,
+warm wie im August.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+(fünfundzwanzig Jahre, elegante Erscheinung; er ist ein
+wenig Poet, und in seinen Zügen drückt sich die Schwärmerei
+eines vornehmen Müßiggängers aus, dessen Lieblingsautor Lord
+Byron ist)
+
+Guten Morgen, Gentz. Wissen Sie, daß Fanny schon aus der
+Brühl zurück ist.
+
+
+_Gentz_
+
+Wie, schon zurück?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich habe sie vor einer halben Stunde mit Stuhlmüller beim
+Theatereingang gesehen.
+
+
+_Gentz_
+
+Haben Sie mit ihr gesprochen?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Nein, sie hat mich gar nicht bemerkt.
+
+
+_Gentz_
+
+Dann wird sie jeden Moment kommen. Stuhlmüller? Stuhlmüller?
+Wer ist das doch? Richtig, der Tänzer.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ein exzellenter Tänzer. Er geht jetzt nach Berlin.
+
+
+_Gentz_
+
+Ah, nach Berlin. -- Ich erinnere mich: ein hübscher Bursche.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ja. Beine wie ein Narziß.
+
+
+_Gentz_
+
+Wie sah meine Fanny aus?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Entzückend wie immer. Wenn man sie anblickt, hat man das
+Gefühl, als sei man zu schlecht für die Welt, in der sie
+lebt.
+
+
+_Gentz_
+
+Sie waren ja am vorigen Sonntag mit ihr bei der Gräfin
+Fuchs? Ich konnte nicht hingehen, da mich der Fürst zu einem
+Conseil berufen hatte.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Und am Abend zuvor fehlten Sie ja auch im Theater, Gentz --
+
+
+_Gentz_
+
+Die leidige Politik!
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Es war ein Triumph. Die Galerien haben geheult, das Parkett
+hat sich die Handschuhe zerrissen. Sogar in der kaiserlichen
+Loge sah man leuchtende Augen, und zwei Hofdamen, die vor
+lauter Gewöhnung an Feierlichkeit alles Fett an ihrem Leibe
+verloren hatten, wackelten mit ihren Köpfen, als ob das
+Theater eine Glocke und sie die Schwengel darin wären.
+
+
+_Gentz_
+
+(lacht)
+
+Ja, diese Zauberin gleicht alle Gegensätze der sozialen
+Welt aus, und gekrönte Häupter werden -- Publikum.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Als sie auftrat, ging ein glückliches Seufzen durch das
+Haus. Da stieg die ganze Venus aus dem Meer. Dieser Nacken,
+diese Schultern, dieser Hals, die Bewegung, die anmutvolle
+Hingabe, dies Sichverlieren in süßester Heiterkeit! Ich sah
+Männer zittern und Frauen bleich werden. Jede Miene will
+ihre angeborne Trägheit vergessen, doch ihr selbst nahen
+keine Wünsche, nur Vergötterung umfängt sie. Ahnungslos und
+unergriffen wandelt sie durch die gesammelte Bewunderung
+hindurch, wie wenn ihr der Traum der letzten Nacht als
+Schleier um die Seele gehüllt wäre, -- und lächelt.
+
+
+_Gentz_
+
+Sie haben recht, Felix. Ihr Lächeln ist das Wunderbarste. Es
+scheint aus einer tiefen Quelle aufzusteigen, wo die Genien
+wohnen, die den Menschen wohlwollen. Keine Heiterkeit deutet
+so viel Schicksal wie ihre.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Zur Fuchs kam sie spät, erst nach der Vorstellung. Man war
+schon ein wenig müde. Aber als sie eingetreten war, begann
+der Tag von neuem. Sie setzt sich neben die Hausfrau und
+blickt sie zärtlich und vertrauensvoll an. Sie plaudert,
+und Worte sind plötzlich edel. Die Luft, die sie atmet,
+mitzuatmen, macht glücklich.
+
+
+_Gentz_
+
+Wenn man Sie hört, Felix, sollte man glauben, ein Verliebter
+spricht.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Und wenn ich's wäre?
+
+
+_Gentz_
+
+Sie scherzen.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Keineswegs.
+
+
+_Gentz_
+
+Armer Felix, wie ist Ihnen das passiert?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Das Mitleid, Gentz, sollten Sie mir aus Großmut ersparen.
+
+
+_Gentz_
+
+Nehmen Sie denn um Gottes willen Ihren Zustand ernst?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Seh ich aus wie ein Libertin?
+
+
+_Gentz_
+
+Es gibt keinen lebendigen Mann, der Fanny gesehen hat und
+sie nicht liebt. Bei Ihnen allerdings --
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Sie sprechen, Gentz, als ob Fanny Ihr Eigentum auf Leben und
+Tod wäre ...
+
+
+_Gentz_
+
+Lieber Felix, Sie überraschen mich. Wahrlich, ich weiß nicht
+mehr, was ich von der menschlichen Natur halten soll. Waren
+Sie es nicht, der mich im Glauben an die Möglichkeit einer
+Liebe zwischen mir und Fanny befestigt hat? Ich habe
+gezweifelt, und Sie waren verschwenderisch mit Beispielen
+aus Leben und Geschichte, die mich beruhigen sollten. Sie
+waren der einzige, der verstehend in mein Herz drang, der
+meine Jahre auf die Rechnung der Zeit und nicht zu Lasten
+der Seele gesetzt hat. Ich war eifersüchtig, damals, als ich
+noch eifersüchtig sein mußte, und Sie lachten mich aus. Wenn
+ich mich quälte, ob ich würdig sei, Fanny zu gewinnen, sahen
+Sie darin die Koketterie eines Mannes, der wenig verspricht,
+um viel zu halten. Sie haben für mich Sonette an Fanny
+gedichtet, und in einem Brief, den ich nie vergessen werde,
+schrieben Sie: Wehe dem Herzen, dem die Jahre alle Blüten
+rauben, und wehe der Lehre, die ein Vertrocknen vor der Zeit
+für Würde oder Weisheit ausgibt. So dachte Anakreon nicht,
+schrieben Sie, erinnern Sie sich? »So dachte Anakreon
+nicht.«
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Waren Sie nicht glücklich mit Fanny?
+
+
+_Gentz_
+
+Nur ein junger Mann darf glücklich _gewesen_ sein.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich kannte mein Gefühl nicht.
+
+
+_Gentz_
+
+So hätte der geheimnisvolle Drang in Ihnen, Felix, einen
+Greis beseelen wollen, und was dunkel in Ihrer jungen Brust
+wohnte, übertrugen Sie mutlos und edelmütig auf mich? Ist es
+so?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Nicht ganz so.
+
+
+_Gentz_
+
+Und ich hätte sechzig Jahre unter Menschen gelebt, mit
+_meinen_ Augen, und habe nicht das Spiel eines Jünglings
+durchschaut?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Nein, nein, nein --
+
+
+_Gentz_
+
+Sie haben nicht bedacht, daß kein Feuer so wütend brennt,
+wie das in einem alten Haus.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich wußte und weiß es. Fanny kam aus einer Welt, die tief
+unter uns liegt, aus einer kleinen, armen Welt, in der man
+noch an Ehren und Titel glaubt, wo von Luxus und Lebensgenuß
+erzählt wird wie von Märchen. Als Fanny Sie kennen lernte,
+als sie Ihre Protektion erfuhr, da war ihr das Tor zur
+großen Welt geöffnet und in Ihrer Person verehrte sie den
+Ruhm und die Macht, nach denen sie sich sehnte und wofür sie
+auch bestimmt ist. Sie trat Ihnen mit der bebenden Andacht
+entgegen, mit der die jungen Mädchen aus dem Volk einen
+Prinzen aus seiner Karosse steigen sehen.
+
+
+_Gentz_
+
+(unterbricht)
+
+Und aus diesem Äußerlichsten wollen Sie etwas so
+Geheimnisvolles erklären, wie es mein Bund mit Fanny ist?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Sie lernte Sie näher kennen, sie wurde bezaubert von Ihrem
+Geist, von Ihrer Kunst des Umgangs -- welche Frau von
+Instinkt und Kraft würde nicht diese Atmosphäre von Leben,
+von Abenteuer, von Bildung und Welt spüren, in der Sie
+atmen? Für sie, die Unerfahrene, waren Sie ein Gott an
+Erfahrungen. Sie konnten ihr die Tore aufriegeln, die sie
+fest verschlossen wähnen mußte, und Sie haben es getan. Sie
+sah in Ihnen einen Gebieter des Schicksals, einen, der
+erfüllt ist von Schicksalen und dem sie Vertrauen schenken
+durfte, weil er Liebe dafür gab. Sie fühlte Ihre
+Vergangenheit, sie begriff Ihr Leben, Gentz, dieses Leben,
+hingebracht in Schwärmerei und Leidenschaften, in den
+Verführungen der Städte wie im blutigen Dampf der
+Schlachtfelder, unter Königen und großen Damen, in Arbeit
+wie in Genuß, in der Melancholie der Einsamkeit und in der
+Unruhe unter den Menschen. Sie war behütet und geführt,
+wissend und gefeit an Ihrer Seite, und die Dankbarkeit
+unterwarf Ihnen ihr Herz.
+
+
+_Gentz_
+
+Nur die Dankbarkeit? Das wäre also der #punctum saliens?#
+Soll ich zweifeln, nur weil andre zweifeln?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Nicht zweifeln; aber Sie sind allzu sicher, Gentz.
+
+
+_Gentz_
+
+Fannys allzu sicher, meinen Sie?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ja, Fannys allzu sicher.
+
+
+_Gentz_
+
+Was gibt Ihnen Grund zu solcher Warnung? Ist die Medisance
+am Werk? Hat man in den Salons und in den Kaffeehäusern die
+Mäuler zu Guillotinen meines Glücks gemacht?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Man ist darüber einig, daß Gentz ein beneidenswerter Mann
+ist.
+
+
+_Gentz_
+
+(mehr überlegen als bitter)
+
+Gentz, ein Zittergreis, ein ausgebrannter Krater, und Fanny
+Elßler, das blühende Wunder einer morbiden Welt. Der
+seufzende Diplomat und die spöttisch lachende Nymphe, das
+lächerliche Podagra und ein feuriger Czardas. Lassen Sie
+hören, Felix, das war der Text. Die Melodie dazu -- pfeifen
+die Drosseln.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Nein.
+
+
+_Gentz_
+
+Aber Sie wenigstens haben die Überzeugung gewonnen, daß über
+einen Abgrund von siebenundvierzig Jahren hinweg die
+Leidenschaft eines Weibes gefriert und ein Mann sich aus
+seiner Dummheit und Leichtgläubigkeit eine Gloriole webt.
+Sagen Sie's nur.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+(wehmütig lächelnd)
+
+Sie scheinen es also für unmöglich zu halten daß Fanny -- (Er
+stockt, da Gentz mit scharf markierten Schritten auf ihn
+zugeht.)
+
+
+_Gentz_
+
+Ja, Felix! Unmöglich! Unmöglich kann Sie Fanny lieben!
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich dachte nicht an mich. Offen gestanden, lieber Gentz --
+
+
+_Gentz_
+
+(ergreift die Hand des Grafen)
+
+Hören Sie mich an, Felix. Ich sage unmöglich, nicht, weil
+ich Ihren Wert nicht kenne. Die schönste, die vornehmste,
+die stolzeste Frau muß sich glücklich schätzen, Sie zu
+besitzen. Aber die schönste, die vornehmste, die stolzeste
+Frau, was tut sie am Ende, wenn sie liebt? Sie opfert Ihnen
+ihre Jugend. Ihre Schönheit ist nur dazu da, um von Ihnen,
+dem Geliebten, begehrt und genossen zu werden. Und sei sie
+lasterhaft wie Messalina oder eine Lucretia an Tugend, sie
+ist ein Weib und zwischen ihr und Ihnen ist nichts als die
+kleinen und großen Gefahren und Lockungen der Liebe. Fanny
+hingegen ist eine Tänzerin. Eine wirkliche, gottbegnadete
+Tänzerin. Verstehen Sie, was das heißt?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich denke ... warum sollt ich nicht?
+
+
+_Gentz_
+
+Als ich Fanny zum ersten Male tanzen sah, da verteilten
+sich mir die Gewichte des Irdischen, und mein Schicksal war
+mir nicht mehr so lästig nahe. Ich hatte Spielraum in mir
+selbst, die Vergangenheit stand nicht mehr wie ein Leichnam
+hinter mir, die Philosophie nicht mehr wie eine Erinnye über
+mir, ich fühlte mich einer höheren und leichteren Ordnung
+der Dinge verwandt, und alles, was von schlechtem Gewissen
+in mir war, wurde von einer heiteren Macht beschwichtigt und
+zerstreut. Dem Philister ist dieser Tanz nur ein Vergnügen,
+an dem er vorübergeht, dem Jüngling mag er die Sinne
+befeuern, den reifen Mann erheben, erfreuen, doch nur der
+Alte, der wahrhaft Erfahrene, einer, der durch das ganze
+Fegefeuer der Geister- und Körperwelt gegangen ist, die
+ganze Hölle von Niedertracht und Stumpfsinn und alles erlebt
+hat, Untreue und Verrat, selbst treulos und ein Verräter
+war, an allem versucht worden ist, durch Leiden schamlos,
+durch Abwehr kalt, durch versteckte Armut listig, durch
+Triumphe gleichgültig geworden ist, -- nur der kann die
+Tänzerin lieben, wie sie geliebt werden muß, so wie man eine
+Idee liebt, wie man Gott auf dem Sterbebett liebt.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Das klingt groß, aber die Wahrheit des Lebens verteilt sich
+im Kleinen.
+
+
+_Gentz_
+
+Ein Aperçu beweist nichts, kaum für den, der es macht. Wie
+könntet ihr jungen Menschen diese Reinheit verehren, ohne
+sie herabzuziehen? Diese beschwingte Leichtigkeit, ohne sie
+zu lähmen? Wie könnt ihr besitzen, ohne mehr und immer mehr
+zu fordern? Man muß durstig sein können und nur vom
+freiwillig gereichten Becher trinken wollen. Man muß
+vergöttern können, indem man ein Wissen gibt, von dem ein
+Händedruck so voll ist wie eure erzählten Aventüren. Die
+Tänzerin ist in irgend einer Art heilig zu nennen, Felix,
+denn es ist etwas an ihr, was nie erobert werden kann und
+nie berührt werden darf, in den feurigsten Umarmungen nicht.
+Fanny opfert alle Leidenschaft ihrer Kunst. Nicht nur ihr
+Gliederspiel, auch ihr Seelenleben ist von dem Gesetz
+maßvoller Schönheit beherrscht. Man kann nicht weniger
+emotionsbedürftig sein als sie es ist, die sich von allem
+Stürmischen und Heftigen geradezu beängstigt fühlt. Der
+Adler wird in der Gefangenschaft traurig und verliert seine
+Majestät; will man sie ganz besitzen, so muß sie frei
+bleiben wie der Adler.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Und doch dachten Sie einst an eine Heirat --
+
+
+_Gentz_
+
+Es war, als ich sie noch zu wenig liebte. Was bin ich
+heute? Der entlassene Kammerdiener großer Herren. Was
+besitze ich? Nichts. Schulden über Schulden. Sollte die Frau
+Hofrätin tanzen? Kann man einen Stern vom Himmel reißen, um
+ihn zum Schmuckstück für die Wohnstube eines Literaten zu
+machen? Das heißt die Ewigkeit zum Augenblick erniedrigen,
+und wer so handelt, dem versagt der Augenblick. Und so lang
+ich dem Augenblick genug tue, bin ich jung. Alt bin ich
+einen Augenblick vor meinem Tod.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Wie sonderbar Sie mir erscheinen, lieber Gentz. Ich möchte
+bewundern und muß doch trauern --
+
+
+_Gentz_
+
+Trauern? Worüber? Sie suchen umsonst den frivolen Höfling in
+mir, dessen geprägte Malicen noch gestern halb Europa zum
+Lachen brachten. (Er nimmt ein mysteriöses Wesen an.) Ich
+bin fromm geworden. Ja, ich bete, Felix, ich bete zuweilen.
+Besonders in der Nacht.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Armer Freund, kaum will mir das Wort über die Lippen ...
+
+
+_Gentz_
+
+Was für ein Wort? Gegen Worte bin ich gewappnet. Das ist
+mein Beruf.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Fanny ist nicht nur eine Tänzerin, sie ist auch ein Weib.
+
+
+_Gentz_
+
+Ich gratuliere Ihnen zu dieser Entdeckung. Wollen Sie mir
+damit sagen, daß Sie ein Mann sind? Ich habe nie daran
+gezweifelt.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Nicht um mich handelt sich's. Es tut mir leid, daß ich mich
+zu einem Geständnis meiner Empfindungen für Fanny habe
+hinreißen lassen. Es geschah, weil ich Ihnen Offenheit
+schuldig zu sein glaubte. Es ist von meiner Seite nichts
+geschehen, was mit dem Gebot der Freundschaft unvereinbar
+wäre, und da Sie keinen Anlaß haben, diese Freundschaft zu
+beargwöhnen --
+
+
+_Gentz_
+
+Nicht den geringsten, teurer Felix.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+-- so dürfen Sie meiner Mitteilung keine falschen Motive
+geben. Neigung und Freundschaft haben mein Auge geschärft,
+das ist alles.
+
+
+_Gentz_
+
+Nun, Sie machen mich neugierig.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Jener Stuhlmüller --
+
+
+_Gentz_
+
+Was ist mit ihm?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Fanny liebt ihn.
+
+
+_Gentz_
+
+Oh! Oh! Oh! Stuhlmüller! Felix, Sie sind gar zu treuherzig.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Sie befinden sich, lieber Gentz, in einem Rausch von
+Täuschung und Illusion. Ich habe die beiden beieinander
+gesehen, und nicht nur heute.
+
+
+_Gentz_
+
+Was noch?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich habe Blicke gesehn, Gebärden gesehn ... O, ich kenne
+Fanny. Wo ihr Herz spricht, ist sie ehrlich bis zur
+Selbstvergessenheit.
+
+
+_Gentz_
+
+Und wäre in dieser Ehrlichkeit betrügerisch gegen mich?
+Felix! Felix!
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich wiederhole: sie ist ein Weib.
+
+
+_Gentz_
+
+Komischer Refrain. Mann -- Weib. Ist die Natur eine Maschine
+und sind die gröbsten Gegensätze der Begriffe nur erfunden,
+damit man aus einem Engel im Handumdrehen eine Dirne machen
+kann?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Sie beleidigen die Natur, Gentz.
+
+
+_Gentz_
+
+Da sieht man, wie ihr jung seid, ihr jungen Leute. Ihr
+stolziert in abgestempelten Anschauungen herum wie ein Hahn
+auf einer Grammatik. Stuhlmüller? wer ist Stuhlmüller für
+mich? Was ist er für meine Welt, für mein Gefühl, was er
+nicht auch zugleich für Fanny wäre?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ein Bursche wie aus Blut und Stahl, Gentz.
+
+
+_Gentz_
+
+Ihr wißt nichts von Fanny, keiner. Ihr kennt nur eine
+Liebenswürdigkeit, bei der das Herz abwesend ist ... (Er
+lauscht.) Horch! Sie kommt, Felix! (Entzückt.) Ich höre
+ihren Schritt ...
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Dann wird es Ihnen wohl bequemer sein, wenn ich mich jetzt
+verabschiede.
+
+
+_Gentz_
+
+(mit leichtem Spott)
+
+Sie müssen ihr wenigstens in die Augen schauen, Felix. (Er
+lauscht angestrengter, mit geneigtem Kopf.)
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Sie könnte mich glauben machen, daß ich ihr etwas bedeute,
+und um so weniger könnt ich sie vergessen.
+
+
+_Gentz_
+
+Ist sie's? -- Ja, sie ist's.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Vielleicht feiern wir heute abend noch ein kleines Fest zu
+dreien, lieber Gentz. Am Sonntag reis' ich nach Paris.
+
+
+_Gentz_
+
+(vorwurfsvoll, doch ein wenig zerstreut)
+
+Felix!
+
+
+_Jean_
+
+(tritt ein, reißt die Türe auf)
+
+Demoiselle Elßler.
+
+
+_Fanny Elßler_
+
+(folgt dem Diener. Sie trägt ein helles, schottisches Kleid
+und einen blumengeschmückten Spitzenhut mit Band und
+seitlich herabgebogenen Bändern. Gestalt und Bewegungen sind
+von vollendeter Schönheit. Die ursprüngliche Naivität,
+Heiterkeit und Frische kämpft bisweilen gegen eine
+erworbene, anmutige Würde)
+
+Grüß Gott, lieber Gentz! Endlich bin ich wieder bei dir.
+
+
+_Gentz_
+
+(fast erschüttert bei ihrem Anblick)
+
+Fanny! Teuerste! Wie lang waren diese drei Tage!
+
+
+_Fanny_
+
+Ei, der Graf Felix! Guten Morgen, Felix, wie geht's Ihnen?
+Habt ihr ernste Gespräche gehabt? Es liegt so was in der
+Luft.
+
+
+_Gentz_
+
+Du siehst blühend aus, Fanny. Tu doch den Hut herunter ...
+
+
+_Fanny_
+
+(nimmt den Hut ab, streicht mit den Händen das schwarze
+gescheitelte Haar glatt, das rückwärts zu einem griechischen
+Knoten geknüpft ist)
+
+Gemütlich ist's bei dir, Gentz, und ich freu mich, daß ich
+wieder da bin. Die schönen Rosen!
+
+
+_Gentz_
+
+Findest du nicht, daß Rosen auch Schwermut erwecken können?
+Es gibt eine gewisse Fülle des Lebens, die traurig macht.
+
+
+_Fanny_
+
+(streicht ihm über die Stirn)
+
+Laß das, Gentz. Wenn du von der Traurigkeit sprichst, krieg
+ich gleich ein schlechtes Gewissen. Warum so schweigsam,
+Felix? Ihr Männer seid komische Leute. Wenn ihr miteinander
+gesprochen habt, tut ihr furchtbar geheimnisvoll, und doch
+weiß man alles, wenn man euch nur anschaut.
+
+
+_Gentz_
+
+Wie steh ich armer Diplomat nun da!
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+(lächelnd)
+
+Die Traurigkeit unseres Freundes hat also schon gewirkt?
+
+
+_Fanny_
+
+(lacht)
+
+Auf das schlechte Gewissen, meinen Sie? So stehn die Sachen,
+Gentz?
+
+
+_Gentz_
+
+Er ist ein gar zu grüblerischer Geist, der Felix. Denke dir,
+er hat mir Vorwürfe über meine leichtsinnige Wirtschaft
+gemacht. Er ist der Meinung, daß ich zu verschwenderisch
+gegen dich bin --
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Gentz! Gentz!
+
+
+_Fanny_
+
+Sie haben ganz recht, Felix. Neulich wollte er mir partout
+eine diamantene Agraffe kaufen --
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Es hieße Sie beleidigen, Fanny, wollte man Edelsteine für
+köstlicher halten als die Freude, Sie damit schmücken zu
+können.
+
+
+_Fanny_
+
+Wie galant!
+
+
+_Gentz_
+
+Galant und wahr zugleich. Ich habe ihm gesagt, wenn man in
+meinem Alter zum Harpagon wird, gleicht man einem Soldaten,
+der nach dem Krieg desertiert.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Der Geizige hat vor dem Verschwender das eine voraus, daß er
+alle seine Wünsche erfüllen kann. (Greift nach seinem Hut.)
+
+
+_Fanny_
+
+Gehen Sie schon, Felix? Wie schade!
+
+
+_Gentz_
+
+Leben Sie wohl, lieber Freund.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich darf doch darauf rechnen, daß Sie heute abend mit Fanny
+bei mir soupieren?
+
+
+_Fanny_
+
+Das wäre reizend.
+
+
+_Gentz_
+
+Heut abend kann ich unmöglich, 's ist ein Diner beim Fürsten
+und der französische Gesandte kommt hin. Der Fürst legt Wert
+auf meine Anwesenheit. Aber morgen, wenn dir's recht ist,
+Fanny? Gut, wir kommen morgen.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Auf Wiedersehen denn. (Ab.)
+
+
+_Fanny_
+
+(die ihm nachgeschaut hat)
+
+Er ist ganz anders als sonst, der Felix ...
+
+
+_Gentz_
+
+Bist du nicht eifersüchtig auf dich selbst, da deine besten
+Freunde eifersüchtig auf deine besten Freunde werden?
+
+
+_Fanny_
+
+Ist es so, dann tut er mir herzlich leid.
+
+
+_Gentz_
+
+Nun, die Dinge liegen so einfach nicht. Du steigst empor, du
+richtest die Blicke der Menschen auf dich, die Männer, wie
+sie einmal sind: eifersüchtig selbst da, wo sie nicht
+lieben ...
+
+
+_Fanny_
+
+Oft denk ich mir, es wäre Zeit, dem Wiener Boden Valet zu
+sagen --
+
+
+_Gentz_
+
+Sprich's nicht aus, Kind.
+
+
+_Fanny_
+
+(schüchtern)
+
+Jetzt grade könnt ich's tun, Gentz. Ich hab einen Antrag
+nach Berlin; soll an der königlichen Oper tanzen.
+
+
+_Gentz_
+
+Also doch! Wie hab ich den Moment gefürchtet.
+
+
+_Fanny_
+
+Ich tu's ja nicht, Gentz, tu's keinesfalls.
+
+
+_Gentz_
+
+Hat man dir den Kontrakt schon vorgelegt?
+
+
+_Fanny_
+
+Ja, ich hab ihn dabei. (Zieht das Dokument aus ihrem
+Pompadour und übergibt es Gentz.)
+
+
+_Gentz_
+
+Laß sehn ... (liest) Ballette »Blaubart«, »die Fee und der
+Ritter«, »Ottavio Pinelli«, »die Stumme von Portici« ... für
+drei Monate ... die Summe von fünfzehnhundert Talern nebst
+Spielhonorar ... (laut) Das ist nicht übel. Das wäre ja
+durchaus nicht von der Hand zu weisen.
+
+
+_Fanny_
+
+(versucht gleichgültig zu erscheinen)
+
+Nicht wahr? Verlockend ist es.
+
+
+_Gentz_
+
+Du hast also Lust, zu den Berlinern zu gehen?
+
+
+_Fanny_
+
+(rasch)
+
+Nein, Gentz; eigentlich ganz und gar keine Lust.
+
+
+_Gentz_
+
+Den Antrag abzuweisen wäre nicht klug von dir.
+
+
+_Fanny_
+
+Man kann's ja aufs nächste Jahr verschieben.
+
+
+_Gentz_
+
+Nein. Die Welt verlangt nach dir. Dein Bezirk ist Europa,
+der Erdball.
+
+
+_Fanny_
+
+Ist denn Berlin schon Europa?
+
+
+_Gentz_
+
+Für jeden beginnt Europa, beginnt die Welt da, wo er seine
+Heimat verläßt.
+
+
+_Fanny_
+
+(mit sehnsüchtigen Blicken, trotz des entschiedenen Tons)
+
+So gern ich's möchte, Gentz, ich kann nicht von dir weg. Bei
+dir weiß ich, daß ich behütet bin. Du hast alles aus mir
+gemacht. Du warst alles für mich, mein Vater, mein Bruder,
+mein Freund, mein Lehrer. Du hast mich aufgeweckt, ich hätte
+keinen Ehrgeiz ohne dich, ich wüßte nichts von mir ...
+
+
+_Gentz_
+
+Doch kann ich dir den Ruhm nicht geben, der dich fern von
+mir erwartet.
+
+
+_Fanny_
+
+Was soll mir der Ruhm, wenn ich ihn nicht bei dir vergessen
+kann.
+
+
+_Gentz_
+
+Je länger ich überlege, je unverantwortlicher erscheint es
+mir, dich zurückzuhalten.
+
+
+_Fanny_
+
+(mit unwillkürlich hingerissener Gebärde)
+
+Hinaus ins Unbekannte --! Eines ist ja wahr: zu eng wird's
+mir hier. Sie glauben mir nicht ganz, ich bin ihnen nicht
+fremd genug.
+
+
+_Gentz_
+
+Kehrst du zurück, so gebietest du denen, die dich jetzt nur
+dulden.
+
+
+_Fanny_
+
+Und doch ... nein, 's ist unmöglich. Schau, Lieber, mit
+Berlin ist's ja nicht abgetan. Da muß ich dann weiter. Da
+lockt's mich weiter. Nach Paris, wo die Taglioni tanzt.
+
+
+_Gentz_
+
+Sie ist kalt, sie ist blutlos, ein Schatten gegen dich.
+
+
+_Fanny_
+
+Aber dort wissen sie, was tanzen heißt. Man ist stärker,
+wenn's um den höheren Preis geht. Die Franzosen, siehst du,
+die möcht ich behexen, und wenn die Taglioni ein Engel ist,
+wie sie sagen, will ich zum Teufel werden. O, ich fühle, daß
+ich's kann! Ich hab's neulich gespürt im Blaubart, das
+ganze Theater war so still wie eine leere Kirche, und alle
+Augen waren so feurig in der Dunkelheit. Ach, Gentz! Paris!
+Paris!
+
+
+_Gentz_
+
+(der sich immer mehr in heroische Entsagung hineinlebt)
+
+Warum nicht? Paris ist nur eine Domäne des Glücksreichs, das
+du gründen wirst.
+
+
+_Fanny_
+
+Und von Paris nach London, und von London nach Amerika. Die
+Amerikaner sollen ja so reich sein, da könnt ich mir viel
+Geld verdienen, herrliche Kostüme kaufen, die Dichter und
+die Komponisten bezahlen, daß sie mir wunderbare Texte und
+schöne Musik machen. O, ich hätte Mut. Das Meer fürcht ich
+nicht und die Wildnis nicht.
+
+
+_Gentz_
+
+So gefällst du mir. So gärt der Most, aus dem edler Wein
+wird.
+
+
+_Fanny_
+
+(enthusiastisch)
+
+Und lernen, lernen, lernen, Gentz! Weißt du, was man von der
+Taglioni und ihrem Vater erzählt? Als sie in London war,
+wohnte unter ihr ein Mann, der ließ ihr sagen, sie möchte
+sich durch die Rücksicht auf seine Nachtruhe nicht in der
+Arbeit stören lassen. Und was hat der alte Taglioni
+geantwortet? Sagen Sie diesem Herrn, hat er dem Diener
+zugerufen, daß ich noch nie den Schritt meiner Tochter
+gehört habe, und daß ich sie verfluchen würde an dem Tag, wo
+es geschähe. Das find ich groß!
+
+
+_Gentz_
+
+Du hast Gaben, um die dich eine Taglioni beneiden wird.
+
+
+_Fanny_
+
+(stockt, seufzt)
+
+Das ist's ja eben. Es ist einem oft zu Mut, als ob die
+Menschen voll Haß wären gegen die Kunst. Der Neid, die
+Mißgunst, wie soll ich's ertragen, wenn du mir nicht hilfst?
+Du bist klug, bist mächtig, sie beugen sich vor dir, und
+wenn ich bei dir bin, vergeß' ich die hämischen Gesichter.
+Nein, ich will nicht fort.
+
+
+_Gentz_
+
+Ich kann dich nur bis dahin führen, wo dir der Sinn des
+Daseins verständlicher wird, Fanny. Wir sind allein und
+müssen allein bleiben, ein jeder. Vielleicht ist es deine
+Aufgabe, dieses Gefühl der Einsamkeit, von dem die Menschen
+erfüllt sind, in Schönheit zu verwandeln. Uns beide hat das
+Geschick nur in einer Laune zusammengeworfen, mich am Ende,
+dich am Anfang eines Wegs. Es ist mehr als Liebe, was uns
+bindet. Du warst für mich geschaffen und fühlst es. Daß die
+Zeit sich in unserer Geburt verrechnet hat, kann uns nicht
+beirren. Nichts wird uns trennen, -- weshalb so viel Wesens
+machen um die paar Meilen von hier bis Berlin?
+
+
+_Fanny_
+
+Und unsere Gespräche, unsere Ausflüge, unsere gemütlichen
+Abende, wo wir das »Buch der Lieder« zusammen gelesen
+haben ...
+
+
+_Gentz_
+
+(scherzhaft)
+
+Bst! Willst du wohl? Daß du mich nicht verrätst, denn dieser
+Heine ist ein Erzliberaler.
+
+
+_Fanny_
+
+Doch liebt er die Tänzerinnen, so viel ich weiß.
+
+
+_Gentz_
+
+Ja, das tun die Liberalen sonst nicht. Und nun setz dich an
+den Schreibtisch, nimm den Federkiel und schreib deinen
+Namen unter den Kontrakt.
+
+
+_Fanny_
+
+(schalkhaft)
+
+Das heißt so viel, als du schickst mich fort? (Sie setzt
+sich.)
+
+
+_Gentz_
+
+In dieser Minute schreibst du deinen Namen ins Firmament der
+Unsterblichkeit.
+
+
+_Fanny_
+
+Noch ist's nicht geschehen, Gentz. Soll ich? Soll ich
+wirklich?
+
+
+_Gentz_
+
+(legt seine Hand auf ihre Schulter, sie blickt zu ihm empor)
+
+Ich bin stolz darauf, deinen vollen Wert, von dem deine
+Schönheit und deine Kunst nur Teile sind, erkannt zu haben,
+und die Freundschaft, mit der du meine Liebe belohnst,
+schätze ich höher als Güter der Erde. Ich lebe nur in dir,
+Fanny; sterben hat keinen andern Sinn für mich als eine Welt
+verlassen müssen, in der du atmest. Ich habe den Mut zu
+glauben, daß mich nichts aus deinem Herzen reißen kann. Wenn
+du mich durch einen einzigen Händedruck versicherst, daß ich
+mich nicht irre, so bleibt mir nichts mehr zu wünschen
+übrig.
+
+
+_Fanny_
+
+(gibt ihm die Hand)
+
+Ja, Gentz, Freundschaft, das ist das rechte Wort.
+
+
+_Gentz_
+
+Das einzige, Fanny?
+
+
+_Fanny_
+
+Gibt's ein besseres noch?
+
+
+_Gentz_
+
+Ich wag es nicht auszusprechen. Doch nun ich deine Hand
+habe, bist du mir versprochen, Fanny. Es ist zwar nur die
+linke, aber es ist mir keine lieber als die andre. Ich
+drücke sie an die Lippen und mit der rechten schreib'.
+Schreib deinen Namen, verschreib dich dem Ruhm.
+
+
+_Fanny_
+
+Schwer ist das Schreiben ohnehin, und erst wenn du mir den
+Arm wegnimmst ... Also probier ich's (schreibt) Fanny ...
+Elß ... ler. Wunderlich! Da steht's nun! Und ist nichts
+geschehen eigentlich ...
+
+
+_Gentz_
+
+Siehst du, Fanny, so hab ich dich zu deinem Wunsch bekehrt.
+
+
+_Fanny_
+
+(dankbar)
+
+Gentz! Lieber!
+
+
+_Jean_
+
+(kommt)
+
+Es ist einer draußen und sagt, er will die gnä' Fräul'n
+sprechen.
+
+
+_Fanny_
+
+Mich?
+
+
+_Gentz_
+
+Wer mag's denn sein? Hat er den Namen nicht genannt?
+
+
+_Fanny_
+
+(rasch)
+
+Ach richtig, das ist sicherlich der Stuhlmüller.
+
+
+_Jean_
+
+(verächtlich)
+
+Ja. Stuhlmüller. So nennt er sich.
+
+
+_Fanny_
+
+(mit blitzenden Augen)
+
+Weshalb spricht der Mensch so despektierlich, frag ich?
+
+
+_Jean_
+
+Entschuldigen die gnä' Fräul'n, aber ...
+
+
+_Gentz_
+
+(streng)
+
+Nichts. Genug. Frag ihn, was er will. (Jean ab.) Wie kann
+der Bursch es wagen ...
+
+
+_Fanny_
+
+Aber ich versteh dich gar nicht ... abholen will er mich. 's
+ist Prob am Nachmittag, und außerdem ...
+
+
+_Gentz_
+
+Außerdem?
+
+
+_Jean_
+
+(kommt zurück)
+
+Der Monsieur Stuhlmüller läßt sagen ...
+
+
+_Gentz_
+
+'s ist gut. Weiß schon. Soll draußen warten. (Jean ab.)
+Außerdem, Fanny?
+
+
+_Fanny_
+
+Er ist's ja, Gentz, der Stuhlmüller, der mir den Kontrakt
+verschafft hat, und jetzt brennt ihn halt die Neugier zu
+erfahren --
+
+
+_Gentz_
+
+_Er_ hat dir den Kontrakt verschafft? Wie kommt er denn
+dazu?
+
+
+_Fanny_
+
+Er ist ja in Berlin engagiert, und ich soll seine Partnerin
+sein.
+
+
+_Gentz_
+
+Er dein Partner, meinst du ...
+
+
+_Fanny_
+
+Ja, wenn du so willst ...
+
+
+_Gentz_
+
+Deshalb ist immer noch kein Grund für ihn, in mein Haus zu
+dringen.
+
+
+_Fanny_
+
+Warum denn so feindselig, Gentz?
+
+
+_Gentz_
+
+Ich mag's nicht. Mag das Theatervolk nicht leiden. Haben
+alle so was Penetrantes.
+
+
+_Fanny_
+
+Er war mir ein guter Kamerad.
+
+
+_Gentz_
+
+(mit den Händen auf dem Rücken hin- und hergehend)
+
+Das dacht ich mir.
+
+
+_Fanny_
+
+(langsam)
+
+Er war's ... (stockend) er ist's nimmer.
+
+
+_Gentz_
+
+(bleibt stehen)
+
+Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Also habt ihr euch
+zerstritten?
+
+
+_Fanny_
+
+Er ist mir noch was anderes.
+
+
+_Gentz_
+
+(blickt sie starr an)
+
+Er ist dir sehr ergeben, hoff ich.
+
+
+_Fanny_
+
+Ergeben? Nein. Eher ... stolz.
+
+
+_Gentz_
+
+Der elende Komödiant! Werd ihm die Leviten lesen.
+
+
+_Fanny_
+
+Willst du denn _nicht_ begreifen, Gentz? (Lange Pause.)
+
+
+_Gentz_
+
+(die Hand an der Stirn, plötzlich schwer)
+
+Sprich nicht davon, Fanny. Sprich nicht davon. Du kennst
+dich selber nicht. Du kennst mich nicht.
+
+
+_Fanny_
+
+(innig)
+
+Schau, Gentz, anders konnt' es doch nicht, durft' es doch
+nicht kommen, oder die Natur ist nicht mehr Natur und Blut
+nicht mehr Blut.
+
+
+_Gentz_
+
+(leise)
+
+Also doch ... Felix! Felix! -- Sprich nicht davon, Fanny!
+(Ausbrechend.) Oder sag lieber, daß alte Männer langweilig
+sind, daß sie graue Haare haben und schwarze Zähne, daß sie,
+anstatt Liebesworte zu girren, besser ihr Testament abfassen
+sollten, daß jung sein, nichts anderes bedeutet als grausam
+sein, gefräßig sein, meineidig sein und daß man nicht
+vergessen soll, zur rechten Zeit zu sterben ... Gott, wohin
+verlier' ich mich!
+
+
+_Fanny_
+
+(erregt)
+
+Gentz, hör mich an. Den Kontrakt, noch kann ich ihn
+zerreißen --
+
+
+_Gentz_
+
+Nimmermehr, Fanny. Blieb ich darum weniger ein Greis?
+
+
+_Fanny_
+
+Dir dank ich alles, Gentz, und will dir's danken, ohne
+Engigkeit, nicht bloß mit Reden, sondern von Herzen gern,
+und da, in meinem Herzen, bist du und bleibst du allezeit.
+Du bist mir das Höchste auf der Welt, als Mensch, und weil
+du's bist, mußt du's verstehen, wenn ich mein Herz nicht vor
+dir hehle. So war ja die Abrede zwischen uns, und immer
+warst du darauf gefaßt.
+
+
+_Gentz_
+
+(düster)
+
+Man ist nie auf ein Ende gefaßt, wenn es da ist. Der
+Glückliche steht immer an einem Anfang.
+
+
+_Fanny_
+
+Ein Ende, Gentz! Wer spricht vom Ende? Wahrlich, du betrübst
+mich ganz und gar. Ich bin ganz irre jetzt.
+
+
+_Gentz_
+
+Sprich nur weiter, Fanny, so hör ich wenigstens deine
+Stimme.
+
+
+_Fanny_
+
+Dir mag's von mindrem Wert erscheinen, was mich jetzt
+erfüllt; vielleicht ist's auch so, doch was nützt Rede und
+Widerrede, wenn dich die Sinne zwingen und dich auf den Weg
+treiben, -- einem in die Arme, der wartet, wartet, und den du
+nicht hast kommen sehn, und du mußt zu ihm, als ob's Gott
+selber so beschlossen hätte. Rühmt' ich seine Augen oder
+seinen Gang oder daß er's redlich meint und ein treues Gemüt
+hat, so würd ich lügen, Gentz, denn dies ist's nicht, was
+mich hintreibt, 's ist vielmehr wie ein Rhythmus beim Tanz,
+der die Unruhe auflöst und die Luft um einen her dünner
+macht. Auch auf Betrug war's nicht abgesehn, denn her bin
+ich gekommen, um alles frei zu sagen, nur hat's mir weh um
+dich getan.
+
+
+_Gentz_
+
+Wie deine Augen glänzen, Fanny ...
+
+
+_Fanny_
+
+Du mußt ihn sehen, Gentz! Wie er schreitet, sich bewegt! Wie
+schlank er ist, wie er den Kopf wendet, wie edel er sich
+hält, wie die Gelenke abgesetzt sind. Mit ihm zu tanzen, ist
+halbe Arbeit; er trägt mich, schwingt mich so dahin. Wie
+mir's bei dir geschieht, wenn ich im Leben zaghaft werde, so
+gibt er mir Mut und Lust beim Tanz.
+
+
+_Gentz_
+
+Wann willst du reisen, Fanny?
+
+
+_Fanny_
+
+(mit gesenktem Kopf)
+
+Weiß noch nicht. In der nächsten Woche, denk ich.
+
+
+_Gentz_
+
+Wozu der lange Aufschub? Es wäre besser, du würdest morgen
+reisen.
+
+
+_Fanny_
+
+Bist du so ungeduldig, mich los zu werden, Gentz?
+
+
+_Gentz_
+
+Ich will dir einen Platz auf der Post bestellen.
+
+
+_Fanny_
+
+Soll ich heut abend nicht zu dir kommen?
+
+
+_Gentz_
+
+Heut abend laß mich lieber allein.
+
+
+_Fanny_
+
+Jetzt will ich aber den armen Stuhlmüller nicht länger
+warten lassen.
+
+
+_Gentz_
+
+Adieu, Fanny.
+
+
+_Fanny_
+
+Magst ihn nicht wenigstens sehen? Sprich ein freundlich Wort
+mit ihm.
+
+
+_Gentz_
+
+Nicht heute, nicht jetzt.
+
+
+_Fanny_
+
+So leb wohl. (Reicht ihm die Hand.)
+
+
+_Gentz_
+
+Komm noch einmal ...
+
+
+_Fanny_
+
+Morgen komm ich wieder.
+
+
+_Gentz_
+
+Und übermorgen ...
+
+
+_Fanny_
+
+Übermorgen auch.
+
+
+_Gentz_
+
+Wie ein gehorsames Kind!
+
+
+_Fanny_
+
+Wie eine Tochter, ja.
+
+
+_Gentz_
+
+(zu dem Kupfergefäß, nimmt Rosen und gibt sie ihr)
+
+Hier, die Rosen, Fanny; nimm sie mit auf den Weg.
+
+
+_Fanny_
+
+Dank dir.
+
+
+_Gentz_
+
+Und sei glücklich.
+
+
+_Fanny_
+
+Dank dir schön.
+
+
+_Gentz_
+
+Und noch etwas: geh nicht direkt die Straße entlang, -- geh
+am Gartentor mit ihm vorbei, damit ich euch sehe. Es ist nur
+ein kleiner Umweg.
+
+
+_Fanny_
+
+Ist recht, Gentz. (Sie beugt sich schnell, küßt seine Hand;
+ab.)
+
+
+_Gentz_
+
+(lauscht; dann auf und ab. Er geht zur Gartentür, schaut
+angestrengt nach rechts hinüber)
+
+Da gehen sie hin, -- die jungen Leute! (Er zieht sein Lorgnon
+heraus und verfolgt die sich Entfernenden mit den Blicken,
+bis sie verschwunden sind, dann wendet er sich ab und läßt
+sich in den Fauteuil sinken. In seinem Gesicht erlischt
+gleichsam ein Feuer, und der Ausdruck wird völlig
+greisenhaft.) Da gehen sie hin. Die jungen Leute. Als ob sie
+einen Sarg in die Erde gesenkt hätten. Wozu die Trauer? Wozu
+Opfer, wozu Treue, wozu Müh und Sorge? Das Leben schwindet,
+das Krüglein ist geleert. Kein Wort mehr, Gentz, den letzten
+Traum hast du dir verdient und bezahlt. Genug, genug. (Er
+erhebt sich, greift nach der Handglocke.) Wie noch alles
+hier nach ihrer Jugend riecht! Wie die Luft noch von jungem
+Lachen klingt ... Kein Wort, kein Wort mehr, Gentz. (Er
+läutet.)
+
+
+_Jean_
+
+(kommt)
+
+Herr Hofrat befehlen?
+
+
+_Gentz_
+
+Geh Er zum Fürsten Metternich und richt Er aus, daß ich zum
+Diner heut abend nicht kommen kann.
+
+
+_Jean_
+
+Sehr wohl.
+
+
+_Gentz_
+
+Bring Er mir meinen Schlafrock, den türkischen und mach Er
+Feuer im Ofen. 's ist kalt.
+
+
+_Jean_
+
+Sehr wohl.
+
+
+_Gentz_
+
+Sag Er den andern draußen, daß ich für niemand zu Hause bin.
+Für niemand, hört Er?
+
+
+_Jean_
+
+Sehr wohl.
+
+
+_Gentz_
+
+Vor allem mach Er Feuer an.
+
+
+_Jean_
+
+Sofort. (Ab.)
+
+
+_Gentz_
+
+'s ist kalt. 's ist kalt. (Sinkt wieder in den Sessel.) Kein
+Wort mehr, Gentz. (Bedeckt das Gesicht mit den Händen.)
+
+(Vorhang)
+
+
+
+
+Der Turm von Frommetsfelden
+
+
+Personen:
+
+ Der Ritter Karl Heinrich von Lang, ansbachischer Domänenrat
+ Anna, seine Frau
+ Frau von Hänlein, deren Mutter
+ Leutnant Amandus Schlözer
+ Rechnungsrat Birnkoch
+ Kammerdirektor Mühlbach
+ Kasteljack, Schreiber
+ Fünf Bauern, darunter: Der Ringhofbauer, der Waldhofbauer,
+ der Erlhofbauer
+ Bärbel, Dienstmagd bei Langs
+
+Spielt zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Ansbach.
+
+
+Das geräumige Arbeitszimmer des Ritters von Lang, zugleich
+eine Art Wohngemach. Die Möbel im französischen Geschmack
+des achtzehnten Jahrhunderts. Rückwärts zwei Fenster mit
+Aussicht auf romantisch verwinkeltes Häuserwerk. Links Tür
+in die andern Zimmer, rechts in den Flur.
+
+_Frau von Hänlein_ ordnet die auf Tischen, Stühlen und Sofa
+herumliegenden Bücher und Hefte; _Bärbel_ kehrt mit einem
+riesigen Besen aus.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(eine stattliche Dame in der Mitte der vierzig; sehr
+riegelsam, frisch, gesund, nur wenig angegraut)
+
+In aller Frühe war er also schon da?
+
+
+_Bärbel_
+
+Heroben war er nit. Vorbeigangen ist er am Haus, wie ich zum
+Bäcker bin, und hat g'fragt, wie's der jungen Frau geht.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Scheint viel Zeit zu haben, der junge Herr.
+
+
+_Bärbel_
+
+Die Herren Leutnants möchten halter gern, daß an Krieg gitt.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Wenn ich der Lang wäre, ich tät ihm das Haus verbieten. Die
+Männer sind zu schlampig in manchen Sachen. Du kannst jetzt
+in die Küche gehn, Bärbel. In einer halben Stunde muß die
+junge Frau ihre Milchsuppe bekommen. (Bärbel ab.) Sitzt da
+herum. Schwatzt. Wär die Anna nicht die Anna, er könnt sie
+am Ende um den Verstand schwatzen. Lang, Lang! So gescheit
+du bist, so dumm bist du.
+
+
+_Anna_
+
+(kommt von links. Blasse, schlanke, zarte, zierliche Frau
+von zwanzig Jahren. Sie trägt ein elegantes Morgengewand
+nach Pariser Schnitt; lächelnd)
+
+Sprichst für dich alleine, Mutter, und räumst schon wieder?
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Was zu räumen ist, räum' ich. Guten Morgen, Kind. Bist schon
+aus dem Bett gehupft? 's ist erst zehn Uhr und der Doktor
+hat gesagt, du sollst bis Mittag liegen.
+
+
+_Anna_
+
+(heiter)
+
+Erklärt mich der Doktor für krank, dann fühl' ich mich
+gleich gesund.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Bist ja auch nicht krank, sollt' ich meinen.
+
+
+_Anna_
+
+Krank nicht, gesund auch nicht. Was soll man glauben!
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Glaub an deine Natur.
+
+
+_Anna_
+
+Grad die Natur macht mich oft irre. Oft versuch ich froh zu
+sein, dann kommt unversehens die Traurigkeit.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Wie hast denn geschlafen heute?
+
+
+_Anna_
+
+Einen wunderlichen Traum hab ich gehabt, Mutter.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Laß hören. Vielleicht kann ich ihn deuten.
+
+
+_Anna_
+
+(setzt sich aufs Sofa, Frau von Hänlein bleibt vor ihr
+stehen)
+
+Mir träumte, ich war in Frommetsfelden und alles war noch
+so, wie ich ein Kind gewesen. Der schöne Garten mit den
+vielen Obstbäumen, alle voller Äpfel und Birnen und die
+lieben alten niedlichen Häuschen, und ich geh so und freu
+mich über den blauen Himmel, und wie ich so gehe, wird's auf
+einmal stockfinstre Nacht, und auf einmal seh ich Flammen,
+und das ganze Städtchen steht lichterloh in Brand. Mir wird
+Angst, und ich weiß nicht wohin, da packt mich Karl Heinrich
+am Arm, so fest, daß mir's durch und durch weh tut. Laß
+mich wenigstens noch in meinen Garten, bitt ich ihn, aber er
+schüttelt den Kopf, macht ein böses Gesicht und hält mich
+nur immer fester. Da seh ich den Leutnant Schlözer kommen,
+er winkt mir so freundlich, daß mir ganz warm ums Herz wird,
+und plötzlich kann ich zu ihm hingehen, und wie ich bei ihm
+bin, da sind wir im Garten, und aus einem schönen blauen
+Krug gibt er mir Wasser zu trinken. Dabei ist mir immer
+wohler und wohler geworden, und so bin ich aufgewacht.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Das war das Vernünftigste, was du hast tun können, das
+Aufwachen.
+
+
+_Anna_
+
+Sollen die Träume auch noch vernünftig sein? Schau, Mutter,
+ich fühl' mich so verlassen oft.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(setzt sich zu ihr, tadelnd)
+
+Und du hast doch den besten Mann von der Welt.
+
+
+_Anna_
+
+(steht auf, geht zum Fenster)
+
+'s ist wahr.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Ist's wahr mit Seufzen, so ist's Lüge.
+
+
+_Anna_
+
+Weiß wirklich nicht, wie mir zumut ist ...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Hör' zu, Anna. Du solltest dich weniger mit dem Leutnant
+Schlözer abgeben. Ein paar Monate seid ihr erst verheiratet,
+und, -- es schickt sich eben nicht. Lang muß sich auch
+kränken.
+
+
+_Anna_
+
+(bitter)
+
+Karl Heinrich? Oh nein, Mutter. Oh nein. Der kränkt sich
+nicht. Darüber nicht.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Warum nicht _da_rüber? Etwa weil er nicht darüber spricht?
+
+
+_Anna_
+
+Wüßt ich's nur! Das ist's ja, was mich quält. Er denkt nur
+an die Verwaltung. Nur seine Eingaben und Verbesserungen hat
+er im Kopf.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(lacht)
+
+Bist eifersüchtig auf die Verwaltung? Damit mußt du dich
+abfinden. Ein Mann gehört seinem Beruf.
+
+
+_Anna_
+
+(mit niedergeschlagenen Augen)
+
+So bin ich betrogen worden, Mutter. Man hat mir's anders
+eingeredet.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Als dein Vater auf dem Totenbett lag, sagte er zu mir:
+Schau, Rieke, du hast ja graue Haare an den Schläfen. Da hab
+ich ihm antworten müssen: Dummer Mann, die grauen Haare hab
+ich schon seit sechs Jahren. Glaubst du, wir haben uns
+deshalb minder lieb gehabt?
+
+
+_Anna_
+
+Ach, -- Liebe! Das ist viel, oder 's ist wenig, je nachdem!
+Wie kann ich wissen, ob sie _mir_ gilt, (mit beiden Händen
+an der Brust) ob's _meine_ Liebe ist, die erwidert wird,
+ganz genau meine?
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Warum soll es denn, um Gottes willen, ganz genau die deine
+sein? Wir Menschen sind doch aus verschiedenem Teig.
+
+
+_Anna_
+
+Ist sie ihm mehr wert als das Amt? Was Größeres als die
+Geschäfte? Was anderes als eine Stunde zum Vergessen? Ich
+will wissen, ob sie mir gilt, mir ganz allein und ganz so
+wie ich bin.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Kind, spiel du nicht mit Worten, denn das heißt so viel wie
+zum Teufel beten. (Sie steht auf.)
+
+
+_Anna_
+
+Was sind mir seine Geschenke, wenn ich das nicht weiß? Er
+ist so verschlossen; so viel fremdes Leben bringt er mit.
+Seine Augen sind fremd. Sein Gesicht ist fremd. Mir ist als
+hätt ich sein wirkliches Gesicht noch kaum gesehen; als ob
+er gar nicht leiden könnte um was. Immer möcht ich grübeln,
+wenn er mit mir redet; indes sein Wort weiter geht, bin ich
+noch beim ersten und frag mich: wo bist du, Karl Heinrich?
+Ich find ihn nicht. Muß ich ihm nicht auch fremd sein? Wie
+wird er mich nehmen, wenn mein Fremdestes zu seinem Herzen
+will?
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(bekümmert)
+
+Das kommt mir alles wie Sünde vor. Auch versteh ich's nicht.
+Ich bin schon froh, wenn mich die Sonne bescheint.
+
+
+_Bärbel_
+
+(von rechts)
+
+A Herr is da un will unsern Herrn sprech'n.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Unser Herr ist ausgegangen.
+
+
+_Bärbel_
+
+Der Herr will auf unsern Herrn wart'n.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Was ist's denn für ein Herr?
+
+
+_Bärbel_
+
+Birnkoch haaßt 'r.
+
+
+_Rechnungsrat Birnkoch_
+
+(unter die Türe tretend; ein dicker, kleiner, geschniegelter
+junger Mann mit Glatzkopf und einem eiertanzähnlichen Gang)
+
+#Excusez, mes dames --#
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Der Herr Rechnungsrat! Bitte nur einzutreten, Herr
+Rechnungsrat.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Ist nicht meine Absicht, die Damen zu troublieren. #Bonjour,
+mesdames#. Frau Domänenrätin, meine Reverenz. Wie befindet
+sich dero beneidenswerter Gatte?
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(hastig, um Annas zerstreutes Schweigen zu verdecken)
+
+Mein Schwiegersohn ist zur Inspektion des Waisenhauses, Herr
+Rechnungsrat. Müssen Sie ihn dringend sprechen, so schick
+ich hinüber.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Inspektion in aller Frühe? Ein rühriger Beamter, der
+Domänenrat Lang, #un caractère de fer#. Wollen Sie hinüber
+schicken? Ich bitte, nein. Allerdings habe ich ein Anliegen,
+will sagen einen Auftrag von Seiner Exzellenz, dem Minister
+Haugwitz, der die Gnade hatte, mit mir in Berlin zu
+konferieren ...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Nun, wenn es von Wichtigkeit ist, Herr Rechnungsrat ...
+(Will zur Tür.)
+
+
+_Birnkoch_
+
+Bitte nein, Madame. Muß wohl von einiger #importance# sein,
+da man mich damit beauftragt hat. Aber, bitte nein. Das
+Vergnügen, Ihnen Gesellschaft leisten zu dürfen ... Es
+handelt sich um die fatale Affäre ... #une chose ridicule,
+au fond# ... mit dem Turm von ... von ... #quel nom
+abominable# ...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Mit dem eingestürzten Stadtturm vielleicht --?
+
+
+_Birnkoch_
+
+Ganz richtig, Madame; mit dem eingestürzten Stadtturm. In
+... in ...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Frommetsfelden.
+
+
+_Birnkoch_
+
+#Milles mercis, madame#. Frommetsfelden. #Mon Dieu,# was für
+seltsame ... Bezeichnungen in Deutschland die Dörfer haben!
+
+
+_Anna_
+
+(die am Fenster gesessen ist, hat erstaunt aufgehorcht)
+
+Wie, Mutter, -- in Frommetsfelden ist der Turm eingestürzt?
+
+
+_Birnkoch_
+
+Ganz wie Sie sagen, Frau Domänenrätin. Von oben bis unten
+eingestürzt.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(verschüchtert durch Annas erschrockene Miene)
+
+War ja ein altes, baufälliges Gerümpel, der Turm.
+
+
+_Birnkoch_
+
+#C'est ça.# Uralt. Und baufällig, jawohl. Baufällig.
+Unbedingt baufällig. Deshalb ist er ja eben eingestürzt.
+
+
+_Anna_
+
+Wann ist denn das geschehen?
+
+
+_Birnkoch_
+
+Nun ... es mögen drei bis vier Wochen sein. Eher vier.
+Jawohl. Vier bis fünf Wochen, jawohl.
+
+
+_Anna_
+
+Davon hat mir Karl Heinrich kein Wort gesagt ...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Daß dich das sonderlich interessiert, hat er nicht denken
+können.
+
+
+_Birnkoch_
+
+So wissen Sie auch nicht, daß der Herr Domänenrat sich
+weigert, mit allen Gründen seiner Amtsgewalt sich weigert,
+den Turm wieder aufbauen zu lassen?
+
+
+_Anna_
+
+Er will ihn nicht wieder aufbauen lassen?
+
+
+_Birnkoch_
+
+#Une marotte! une marotte inexplicable!# Er weigert sich.
+Die Regierung selbst unterstützt das Verlangen der Bauern.
+Und er weigert sich. #C'est son entêtement.#
+
+
+_Anna_
+
+Aus welchem Grund will er denn den Turm nicht bauen lassen?
+
+
+_Birnkoch_
+
+#Parole d'honneur,# ich weiß ihn nicht, den Grund. Und wüßt
+ich ihn, so könnt ich ihn keinesfalls approuvieren. Aber ich
+bin erfreut, Madame, daß Sie an der Sache solchen Anteil
+nehmen. Da kann man ja auf Ihre Unterstützung rechnen ...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Meine Tochter nämlich, Herr Rechnungsrat, hat ihre ganze
+Jugend dort in Frommetsfelden zugebracht. Sie hat bei ihrem
+Oheim auf dem Gut gelebt, während ich mit meinem Mann in der
+Welt herumgezogen bin.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Verstehe ...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Da ist ihr natürlich jeder Baum und jeder Stein ans Herz
+gewachsen.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Verstehe. Die Erinnerung. #Le souvenir.# Verstehe. (Zitiert
+mit preziösem Tonfall.)
+
+ Erinnerung taucht ihren Farbenpinsel
+ Ins wunde Herz und übermalt den Gram.
+ Sie fleucht mit dir auf eine Zauberinsel,
+ Wenn das Geschick dir Mut und Freude nahm.
+
+Verstehe.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Reizend, Herr Rechnungsrat. Haben Sie das selbst gedichtet?
+
+
+_Birnkoch_
+
+Nicht ganz. Nicht ganz. Hab's mir aus einer #anthologie#
+kopieren lassen.
+
+(Es klopft, ein kleines Mädchen tritt verschämt ein. Sie
+trägt einen Fliederstrauß in der Hand, blickt von einem zum
+andern, eilt jäh auf Anna zu und überreicht ihr den Strauß
+mit einem Knix.)
+
+
+_Birnkoch_
+
+Sieh da, sieh da! Flieder schon, im März?
+
+
+_Anna_
+
+(erhebt sich; tief errötend)
+
+Von wem ist denn der Flieder, Kind? (Schnell, ehe das
+Mädchen antworten kann.) Ist schon gut. Ich laß mich recht
+sehr bedanken. Da hast was für den Zuckerbäcker. (Gibt ihr
+ein Geldstück; das Mädchen geht.)
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(leise mahnend)
+
+Anna!
+
+
+_Birnkoch_
+
+Befinde ich mich in einem #erreur,# wenn ich annehme, daß
+Sie den Spender kennen, Frau Domänenrätin?
+
+
+_Anna_
+
+(für sich)
+
+Herrlich! Herrlich! (Steckt das ganze Gesicht in den Strauß
+und atmet mit Inbrunst; flüsternd.) Mein Traum!...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(am Fenster)
+
+Da kommt der Domänenrat! (Sie winkt hinunter.)
+
+
+_Anna_
+
+(stellt die Blumen in eine Vase vor die Spiegelkonsole,
+betrachtet entzückt die Wirkung).
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Weshalb stellst du denn den Strauß vor'n Spiegel, Anna?
+
+
+_Anna_
+
+(ohne sich umzuwenden, lächelnd)
+
+Dann sieht es aus, als ob ich zwei Sträuße hätte.
+
+
+_Birnkoch_
+
+#C'est drôle! c'est ravissant!#
+
+
+_Ritter von Lang_
+
+(tritt ein. Er ist ein mittelgroßer, stämmiger Mann mit
+einer starken, energischen Stimme; sein Gesicht ist der Mode
+der Zeit gemäß bartlos, sein Wesen hat ein kühnes
+Selbstbewußtsein wie das eines Menschen, der seinen Wert
+genau kennt und sich außerdem mit Absicht von andern
+Beamten, ihrem Servilismus nach oben, ihrer Brutalität nach
+unten, unterscheiden will)
+
+Guten Morgen, Herr Birnkoch; hab' gestern schon gehört, daß
+Sie wieder in Ansbach sind. -- Bist schon so frühzeitig
+munter, Anna? (Küßt sie auf die Stirn.) -- Woher ist denn der
+frische Flieder da?
+
+
+_Anna_
+
+Daß du's gleich gesehen hast! (Nimmt seine Hand und sieht
+ihn hell an.) Er hat's gleich gesehen, Mutter.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Werden vom Hofgärtner aus dem Treibhaus sein ... (Raunt
+Lang in die Ohren.) Nennen Sie ihn doch nicht Birnkoch,
+lieber Lang! Wollen Sie ihn auf Lebenszeit zum Feind haben?
+
+
+_Lang_
+
+(lacht kurz, dann sehr höflich)
+
+Warten Sie schon lang, Herr Rechnungsrat? Was gibt's? Soll
+ich die Frauenzimmer fortschicken?
+
+
+_Birnkoch_
+
+Beileibe, Herr Domänenrat, beileibe nicht. Die Damen und
+ich, wir haben uns über den Gegenstand schon ausgesprochen
+und sind ganz #d'accord.# Denn Sie müssen nachgeben in der
+Affäre mit dem närrischen Turm.
+
+
+_Lang_
+
+Potz Knackwurst, lieber Birnkoch --
+
+
+_Birnkoch_
+
+(indigniert und weinerlich)
+
+Aber hochgeschätzter Herr Domänenrat, warum wollen Sie mir
+nicht meinen sauer verdienten Titul zubilligen?
+
+
+_Lang_
+
+Schön, Herr Rechnungsrat. Ich sage nur, wenn Sie einen
+ganzen Harem von Weibspersonen um mich aufstellen, der Lang
+gibt nicht nach. In _der_ Sache nicht.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Es ist der entschiedene Wunsch Seiner Exzellenz, des
+Ministers Haugwitz --
+
+
+_Lang_
+
+Vor allem steht es so, daß ich, in meinem Ressort, Befehle
+nur vom Fürsten Hardenberg empfange. Es ist mir ja bekannt
+geworden, daß der Fürst, der mir freundlich gesinnt ist,
+durch allerlei Kabalen aus seinem Amt gedrängt werden soll,
+aber eine offizielle Mitteilung habe ich darüber nicht
+erhalten.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Seine Exzellenz, der Minister Haugwitz hat über den Fall
+eine Note abfertigen lassen -- (zieht sein Portefeuille.)
+
+
+_Lang_
+
+Ihr könnt Noten schmieren, so viel ihr wollt. Das lebendige
+Bedürfnis spricht anders.
+
+
+_Birnkoch_
+
+(bestürzt)
+
+#Mon dieu!# Sie anerkennen also keine höhere Instanz?
+
+
+_Lang_
+
+Instanz? Zu deutsch: Schleichweg. Der Minister Haugwitz ist
+von Kreaturen umgeben, die ihren Vorteil suchen.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Eine solche Verdächtigung muß ich mit aller zukömmlichen
+Entschiedenheit repoussieren.
+
+
+_Anna_
+
+(zwischen beide tretend, sehr sanft)
+
+Warum soll denn der Turm nicht wieder aufgebaut werden, Karl
+Heinrich?
+
+
+_Lang_
+
+(barsch)
+
+Misch du dich nicht in die Affären, Kind.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(nimmt sie am Arm, leise)
+
+Er hat recht. Er muß wissen, was er tut.
+
+
+_Lang_
+
+Ist dem Minister auch wahrheitsgemäß angegeben worden, was
+der Wiederaufbau des Turmes kostet?
+
+
+_Birnkoch_
+
+(in seinen Papieren blätternd)
+
+Der Baurat Österlein hat vierhundert Gulden in Voranschlag
+gebracht.
+
+
+_Lang_
+
+Dann ist der Baurat Österlein ein ganz gemeiner Schwindler,
+der einen Auftrag will und eine Versprechung leistet, die er
+nicht halten kann. Das sag ich ihm auf den Kopf zu.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Sie erschrecken mich, Herr Domänenrat --
+
+
+_Lang_
+
+Das Vierfache reicht nicht hin. Aus meinen genauen
+Berechnungen geht hervor, daß bei aller Sparsamkeit
+achtzehnhundert bis zweitausend Gulden nötig sind.
+
+
+_Birnkoch_
+
+#Eh bien,# wenn die Bauern dafür aufkommen wollen und die
+Regierung einen Beitrag gibt --?
+
+
+_Lang_
+
+Die Bauern, die sich ohnehin unterm Steuerdruck winden? Und
+die Regierung, die kann das teure Geld förderlicher
+verwenden.
+
+
+_Birnkoch_
+
+(spitz und kalt)
+
+Inwiefern förderlicher, wenn ich bitten darf?
+
+
+_Lang_
+
+Herr, in Frommetsfelden ist keine Schule!
+
+
+_Birnkoch_
+
+(heuchlerisch bekümmert)
+
+Ei, ei, ei ...
+
+
+_Lang_
+
+Bei Regen, bei Frost, im tiefsten Schnee müssen die Kinder
+zwei Stunden laufen, um in die nächste Schule zu gelangen.
+Die Folge? Weitaus die meisten Eltern behalten ihre
+Sprößlinge zu Haus und erziehen dem Staat Analphabeten. Ich
+will Ihnen eine Schule bauen für das Geld, das der Turm
+kosten würde.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Unter uns, -- finden Sie denn diese sogenannte Bildung
+wirklich so notwendig für das Volk? Durch jeden Bauern, der
+lesen und schreiben kann, wird uns das Regieren schwerer
+gemacht.
+
+
+_Lang_
+
+Meine Ambition ist nicht, den Herrschaften das Regieren zu
+erleichtern. Was ihr gern seht, das ist eine möglichst große
+Armee von Nullen. Und jede Null soll zugleich ein Geldsack
+sein, ein Ding jedenfalls ohne Kopf und ohne Füße, und wenn
+ihr diese ganze Nullenkarawane gemächlich vor euch hinrollt,
+das nennt ihr dann regieren.
+
+
+_Birnkoch_
+
+(entsetzt)
+
+#Mais, monsieur! Ce sont des idées revolutionaires!#
+
+
+_Lang_
+
+Das ist meine Ansicht.
+
+
+_Birnkoch_
+
+(dem nicht mehr ganz geheuer ist)
+
+Aber ... ich meine ... wenn wo ein Turm einstürzt ... wenn
+überhaupt wo was einstürzt, muß man's doch wieder aufbauen.
+
+
+_Lang_
+
+Ich bin dafür, daß man Ruinen wegräumt und nicht neue
+schafft.
+
+
+_Birnkoch_
+
+(rafft sich auf; würdevoll)
+
+Sohin ist meine Mission beendet. Ich werde nicht ermangeln,
+höheren Orts Bericht zu erstatten.
+
+
+_Lang_
+
+Das bleibt Ihnen unbenommen.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Ich habe in der leidigen Angelegenheit um elf Uhr noch eine
+#conférence# mit dem Herrn Präsidenten von Schuckmann --
+
+
+_Lang_
+
+Weiß schon. Der Präsident hat mich dazu gebeten. Man zwickt
+und zwackt mich von allen Seiten. In einer halben Stunde
+komm' ich hinüber. Habe vorher noch ein Referat zu
+erledigen. (Verbirgt mühsam seinen Ärger und begibt sich,
+nach einem kurzen Kompliment, unhöflicherweise sogleich an
+seinen Schreibtisch.)
+
+
+_Birnkoch_
+
+#Mesdames#, meine ehrerbietigste Empfehlung.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(macht bedauernde Gesten, um Lang zu entschuldigen, und
+begleitet Birnkoch. Ehe noch die Tür ganz geschlossen ist,
+hört man von draußen)
+
+
+_Birnkochs Stimme_
+
+Seien Sie versichert, Madame, daran ist der Bonaparte
+schuld. Der Bonaparte sitzt ihm im Nacken. Schade,
+jammerschade ...
+
+
+_Lang_
+
+(horcht auf, lacht vor sich hin, während er schreibt)
+
+Der Bonaparte muß allen Faulenzern den Wauwau machen.
+(Schreibt.) Aber sein Französisch reden sie. (Schreibt.) Und
+miserabel noch dazu.
+
+
+_Anna_
+
+(hat sich vorsichtig genähert und schaut Lang über die
+Schulter. Sie schüttelt den Kopf, als ob sie sagen wollte:
+er spürt mich nicht. Endlich legt sie ihm die Hände auf die
+Schultern).
+
+
+_Lang_
+
+Was gibt's denn, Anna? (Schreibt weiter.)
+
+
+_Anna_
+
+Hast du nicht ein Minütchen Zeit für mich?
+
+
+_Lang_
+
+(ein bißchen ungeduldig)
+
+Sag nur, was du willst. Ich bin ja beschäftigt, wie du
+siehst.
+
+
+_Anna_
+
+(schweigt, entfernt sich seufzend).
+
+
+_Lang_
+
+(schreibt)
+
+Na sag's nur, aber geschwind.
+
+
+_Anna_
+
+Manche Dinge kann man nicht geschwind sagen.
+
+
+_Lang_
+
+Dann sind's gewiß überflüssige Dinge.
+
+
+_Anna_
+
+(nähert sich von neuem, neigt sich über ihn; mit einem
+Versuch zur Koketterie)
+
+Weißt, von wem ich den Flieder hab'?
+
+
+_Lang_
+
+(stockt; kleine Pause, scheinbar gleichgültig)
+
+Von wem ... vom Leutnant Schlözer natürlich.
+
+
+_Anna_
+
+Falsch geraten. Nein, richtig geraten. Ist's nicht nett von
+ihm? Er weiß, daß mich Blumen ganz toll machen vor Freude.
+(Naiv.) Aber das blaue Seidenkleid, das du mir vom Baron
+Imhoff aus Paris hast bringen lassen, ist wunderschön.
+
+
+_Lang_
+
+(schreibt wieder)
+
+Sollst es tragen, wenn der Fürst kommt.
+
+
+_Anna_
+
+Das dauert bis zum Herbst.
+
+
+_Lang_
+
+Bis dahin wird's nicht altmodisch.
+
+
+_Anna_
+
+Ob ich aber dann noch lebe ...
+
+
+_Lang_
+
+(kehrt sich rasch um)
+
+Anna!
+
+
+_Anna_
+
+Flieder, der verwelkt von heut auf morgen. Der ist für den
+Augenblick. So ein Kleid, das soll täuschen über den
+Augenblick.
+
+
+_Lang_
+
+Du quälst dich mit Hirngespinsten und mich nicht minder.
+
+
+_Anna_
+
+Hirngespinste? Das Hirn spinnt, was das Herz bewegt.
+
+
+_Lang_
+
+(steht auf)
+
+Du darfst mir nicht den Boden unter den Füßen wegziehen,
+Anneli. Gegen Menschen kann ich streiten, gegen Schatten
+nicht.
+
+
+_Anna_
+
+(verzagt, sieht ihn groß an)
+
+Mir ist so bang.
+
+
+_Lang_
+
+Weshalb denn, Anna?
+
+
+_Anna_
+
+Um dich, um mich, um uns beide ist mir bang. Ich seh dich
+oft gar nicht. Du bist so fern, auch jetzt, wo du vor mir
+stehst. Und ich weiß, du siehst mich auch nicht. Mir ist,
+als ob wir zwei Blinde wären, die vergeblich mit den Händen
+nacheinander greifen. Du bist so tüchtig, so fest, so klug,
+aber es ist was in dir, was mich schreckt. Ganz, ganz nahe
+möcht ich oft zu dir und kann nicht, wie wenn einem das
+eigene Haus zugesperrt wär'.
+
+
+_Lang_
+
+(kopfschüttelnd, doch heimlich erleichtert)
+
+Schau, schau, was für eine kleine Schwärmerin du bist!
+
+
+_Anna_
+
+(verletzt)
+
+Nein, Karl Heinrich, wirf's nicht mit einem Wort von dir.
+Bist doch sonst ein Feind von denen, die sich's bequem
+machen. Mich sollst du dir auch nicht bequem machen.
+
+
+_Lang_
+
+(ablehnend)
+
+Ich versteh dich nicht, Kind. Mir ist das alles Spiel, was
+du vorbringst. Zum Spielen ist mir der Tag zu wert. (Will
+sich wieder zur Arbeit setzen.)
+
+
+_Anna_
+
+(schmiegt sich an ihn, mit einem jähen Entschluß, bittend)
+
+Schenk mir den Turm, Karl Heinrich!
+
+
+_Lang_
+
+(verwundert)
+
+Den Turm? Was für einen Turm?
+
+
+_Anna_
+
+Den Turm in Frommetsfelden.
+
+
+_Lang_
+
+Was soll das heißen? -- Der Turm ist ja eingestürzt.
+
+
+_Anna_
+
+(leidenschaftlich schmeichelnd)
+
+So bau ihn wieder auf! Bau ihn! Für mich!
+
+
+_Lang_
+
+(ruhig)
+
+Solchen Unsinn kannst du von mir im Ernst nicht verlangen.
+
+
+_Anna_
+
+(beteuernd)
+
+Im tiefen, heiligen Ernst. Ist kein Unsinn, Karl Heinrich;
+ist ein Wunsch, nur ein Wunsch.
+
+
+_Lang_
+
+Den ich unmöglich erfüllen kann; oder ich würde mich zum
+Windbeutel machen. Denk doch nach --
+
+
+_Anna_
+
+Denk ich nach, kann ich den Wunsch nicht mehr so spüren.
+
+
+_Lang_
+
+Nun also!
+
+
+_Anna_
+
+Wünschen ist stärker als denken. Du nennst's vielleicht eine
+Laune.
+
+
+_Lang_
+
+Eine üble noch dazu.
+
+
+_Anna_
+
+(ruhiger)
+
+Schau, der Turm war mir immer was Ehrwürdiges, das zum
+Himmel lockt. So stolz und wacker ist er gestanden, so fest
+und alt ins Firmament hineingegossen, und so unvergänglich,
+weißt du, als stünd' er von Anbeginn der Welt bis zum Ende.
+Wenn ich als Kind nachts vom Schlaf erwacht bin, hab ich die
+Glocke gehört; dumpf und schwer und mächtig langsam und so
+wohllautend wie des Herrgotts Stimme selber. Wie Zeit und
+Ewigkeit hat's da zusammengeklungen, zwischen Schlag und
+Schlag war ein ganzes Leben, gute Träume, böse Träume, und
+die Nacht ist so groß geworden, und der Tag so fern ...
+Aber wär's nur darum, so wär's am Ende wirklich Laune. Darum
+ist's aber nicht.
+
+
+_Lang_
+
+So erklär dich deutlicher.
+
+
+_Anna_
+
+Ach, daß du's nicht begreifst, daß du's nicht ahndest!
+
+
+_Lang_
+
+Und daß auch _du_ mir's noch schwer machst, Anna, auch du!
+Bin ich denn nicht wie der böse Feind dahier geachtet? Jede
+Handlung, die dem gemeinen Wesen zugute kommen soll, braucht
+zwanzig Schreibereien. Wohin du blickst, die ärgsten
+Mißbräuche, Zehrungen und Unterschleife. Was an Steuern dem
+armen Volk erpreßt wird, geht für die Zeche der Herren auf.
+Meinst du, ich könnte nicht gleichfalls so ein Diätenfresser
+sein? Und sparte mir die Galle dabei. Was für Zustände,
+Anna! Davon hast du ja keinen Begriff! Im Alumneninstitut
+des Gymnasiums lauter feuchte, ungeheizte Stuben, wo die
+schamlos vernachlässigten Schüler öffentlichen und
+heimlichen Sünden frönen. Dabei muß man alljährlich das Geld
+aufborgen, um nur den Kostwirt bezahlen zu können. Im
+Waisenhaus sind den Kindern vor lauter Krätze und englischer
+Krankheit Hände und Füße gebogen und die Köpfe
+aufgeschwollen. In der elenden Baracke, genannt Seelhaus und
+Lazarett, liegen scheußliche Gestalten halbnackt auf
+muffigem Stroh. Fragt man: wo ist das Geld? Es ist nicht da.
+Es ist aber doch dafür bestimmt worden --? Ja, es ist aber
+nicht da. Keiner hält stand, keinen kannst du beim
+Schlafittich packen; alle, die davon fett werden, daß nichts
+geschieht, spritzen dir ihr Gift ins Gesicht, bei jeder
+nützlichen Anordnung setzen sich die Magistrate selbst
+entgegen; hinter denen stecken wieder die Verwalter, die
+Advokaten, die Gutsbesitzer, die Latifundienräuber, die
+Bevollmächtigten der Regierung, und so geschieht's, daß ich
+im ganzen Land als unbarmherziger Mann verschrien bin, und
+daß man mich durch Appelle und Eingaben und Rekurse und
+Beschwerden und Ränke und Quertreibereien ermüden und
+zurückhalten will. Und nun kommst du auch noch und nagst an
+mir.
+
+
+_Anna_
+
+Ich seh's wohl ein; Grund und Recht sind auf deiner Seite,
+und als gute Frau dürft ich nicht zuwiderstimmen. Mein Grund
+ist unaussprechlich und liegt vielleicht nur in meinen
+Augen; nur in meinem Blick, wenn er deinem begegnet. Sieh
+mich an, Karl Heinrich! Ist's Lüge, dann ist alles Lüge, was
+mich zu dir treibt. Denk, es ist ein Gebet. Oder denk, es
+ist eine Krankheit in dir, die du selber nicht kennst, und
+du mußt sie durch einen bittern Trunk heilen.
+
+
+_Lang_
+
+Ich kann dir nicht helfen, Anna. Der Frommetsfelder Turm
+darf mir nicht gebaut werden, so lang ich hier im Amt bin.
+
+
+_Anna_
+
+(wendet sich weg, läßt die Arme schlaff fallen und den Kopf
+tief sinken).
+
+
+_Lang_
+
+Ist mir leid um dich, Anneli, denn in deinem Begehren ist
+was, das mir wie freventlicher Übermut erscheint. Zart bist
+du beschaffen, aber es ist was Verwegenes in dir, und wollt
+ich mich dem fügen, so wär' ich geliefert für alle Zeit. Ihr
+Weiber habt oft so eine spindeldürre Phantastik in euerm
+Kopf; wenn man sich davon einfangen läßt, geht's einem wie
+Simson, dem Propheten.
+
+
+_Anna_
+
+(geht langsam gegen die Türe links, zögert noch vor der
+Schwelle, dann ab).
+
+
+_Lang_
+
+(wandert unruhig hin und her)
+
+Ist ein feines Geschöpflein, und kann sich nicht abfinden
+mit ihrem begehrlichen Gemüt. Nährst du's, frißt's dich
+auf. Mußt es ziehen lassen, als ob's ne Wolke wär'. Die eine
+Wolke könnt ich ja vertragen, wird nicht gleich Blitz und
+Donnerwetter geben. Eheweisheit ist ein ander Ding denn
+Amtsweisheit. (Schaut auf die Uhr.) Die Zeit ist mir schon
+wieder davongelaufen. (Wie er zur Tür will, klopft es.)
+Herein!
+
+
+_Leutnant Amandus Schlözer_
+
+(tritt von rechts an. Er ist einundzwanzig Jahre alt, sehr
+schlank, mit einem gut markierten, charaktervollen Gesicht
+und Augen, in denen sich der Romantiker verrät. Sein Betragen
+schwankt zwischen Schüchternheit und soldatischer Offenheit
+und Kürze. Er trägt die preußische Infanterieuniform)
+
+Verzeihung, Herr Domänenrat, wenn ich Sie störe -- (Verbeugt
+sich, grüßt militärisch.)
+
+
+_Lang_
+
+(flüchtig)
+
+Guten Morgen, Herr Leutnant. Ich weiß nicht, ob meine Frau
+Sie empfangen kann ...
+
+
+_Schlözer_
+
+Ich möchte, Herr Domänenrat, wenn ich Sie nicht von
+dringenden Geschäften zurückhalte, ein paar Worte mit Ihnen
+allein --
+
+
+_Lang_
+
+(stirnrunzelnd)
+
+Ich habe allerdings ... ich werde beim Präsidenten erwartet
+... Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Leutnant? Wollen Sie
+Platz nehmen?
+
+
+_Schlözer_
+
+Merci. (Bleibt stehen.) Ich wollte Ihnen nur sagen, Herr
+Domänenrat ... es ist etwas in mir, was mich zwingt, Ihnen
+diese Mitteilung zu machen, ... daß ich abzureisen genötigt
+bin.
+
+
+_Lang_
+
+(leichthin, jedoch etwas aufmerksamer)
+
+Wirklich, Herr Leutnant? Sind es Gründe privater Natur, die
+einen so raschen Entschluß hervorgerufen haben?
+
+
+_Schlözer_
+
+(gepreßt)
+
+Ja. Gründe von der dringendsten Beschaffenheit. Mein
+Urlaubsgesuch ist bereits bewilligt. Die Postpferde sind
+bestellt.
+
+
+_Lang_
+
+(konventionell)
+
+Es tut mir leid, Herr Leutnant. Wir hatten gehofft, Sie
+länger hier halten zu können. Freilich, -- die Provinz.
+
+
+_Schlözer_
+
+(mit festem Blick)
+
+Dies ist es nicht, Herr Domänenrat. Es ist schwer zu sagen
+... doch kam ich deshalb her ... und so sei es gesagt: Herr
+Domänenrat, ich liebe Ihre Frau.
+
+
+_Lang_
+
+(sieht ihn schweigend an; dann mit starker Überwindung)
+
+Das nennt man ohne Umstände deutlich sein. (Kalt.) Ich
+beklage diese Fatalität, Herr Leutnant, doch überschätzen
+Sie vielleicht ihre Tragweite für mich, -- wenn Sie
+_des_wegen Postpferde bestellt haben.
+
+
+_Schlözer_
+
+(ohne sich zu regen)
+
+Würden Sie mir eine solche Antwort auch geben, wenn Ihre
+Frau meine Abreise nicht ganz so teilnahmslos betrachten
+würde?
+
+
+_Lang_
+
+(brüsk)
+
+Herr Leutnant, meine Frau ist über jede Insinuation erhaben.
+
+
+_Schlözer_
+
+(verbeugt sich)
+
+Ich weiß es.
+
+
+_Lang_
+
+Warum gleich Postpferde bestellen, Herr Leutnant? Und wenn
+Postpferde bestellt sind, warum sie zur Parade tanzen
+lassen? Soll ich das Almosen einer Entsagung mit Dank
+quittieren? Soll ich bewundern, wo ich kaum bedauern kann?
+(Ernst und mit Bedeutung.) Der ehrt sich selbst und seine
+Freunde, der durch Schweigen unerfüllbare Wünsche
+beschwichtigt.
+
+
+_Schlözer_
+
+Ich glaubte Ihnen, in dessen Haus ich Gastfreundschaft
+genossen habe, eine Erklärung schuldig zu sein.
+
+
+_Lang_
+
+Sie verpflichtet mich zu keinem Dank. Wenn Sie für sich
+fürchten, Herr Leutnant, Sie für Ihre Person und Ihre Ehre
+sage ich, dann nehmen Sie Postpferde.
+
+
+_Schlözer_
+
+(mit zu Boden gekehrtem Blick)
+
+Ich reise, Herr Domänenrat.
+
+
+_Lang_
+
+So wünsch ich glückliche Fahrt. -- Vermutlich werden Sie sich
+von meiner Frau verabschieden wollen. (Auf eine Bewegung
+Schlözers.) Bitte, Herr Leutnant, meine Frau wäre gewiß
+verletzt, wenn Sie ohne Gruß von ihr scheiden würden. Ich
+werde draußen sagen lassen, daß Sie hier warten. Ich selbst
+muß Sie leider verlassen. (Mit stummem Gruß nach rechts ab.)
+
+
+_Schlözer_
+
+(blickt düster vor sich hin. Er gewahrt den Fliederstrauß,
+eilt hin, nimmt ihn in die Hand und drückt seine Lippen in
+die Blumen. Dann läßt er das Bukett fallen, wie von einem
+hoffnungslosen Gedanken erstarrt)
+
+Er schickt sie zu mir! Kein Zweifel ist in ihm, kein
+Zweifel!
+
+
+_Anna_
+
+(von links)
+
+Guten Morgen, Amandus. War nicht Lang eben hier?
+
+
+_Schlözer_
+
+(zu ihr, küßt ihr die Hand)
+
+Teure Anna, wie blaß Sie heute aussehen ...
+
+
+_Anna_
+
+(abweisend)
+
+Dies Betragen lieb ich nicht an Ihnen, Amandus. Sie wissen
+es. Mein Mann ist fortgegangen?
+
+
+_Schlözer_
+
+Er sagte, er wolle Ihnen Nachricht geben, daß ich warte.
+
+
+_Anna_
+
+(mit verlorenem Blick)
+
+Und ist fortgegangen. (Rafft sich zusammen.) Ich habe Sie
+doch gebeten, Amandus, daß Sie am Vormittag nicht kommen
+möchten. (Sie setzt sich, Schlözer nimmt ihr gegenüber
+Platz.)
+
+
+_Schlözer_
+
+Es ist das letzte Mal, Anna. Ich kann den Gedanken, daß Sie
+in meiner Nähe weilen, nicht länger ertragen. Ich kann nicht
+länger in den Nächten liegen und mit lebendig-offenen Augen
+träumen, was mir das Herz verbrennt. Ich kann's nicht
+länger, und ich komme nun, um Ihnen Lebewohl zu sagen.
+
+
+_Anna_
+
+(versonnen)
+
+Ich hatt' es erwartet. Sie reisen also. Und wohin reisen
+Sie?
+
+
+_Schlözer_
+
+Die Erde dreht sich, und ich fühle mich so schwunglos;
+heruntergestürzt und in den Boden gewühlt wie in ein Grab. --
+Wohin ich reise? Es gibt bald Krieg, Anna. Wenn mein König
+keine Verwendung für mich hat, wird Bonaparte wissen, wie
+ein Mann zu brauchen ist, dem das Leben nichts mehr gilt.
+
+
+_Anna_
+
+(aufschreckend)
+
+Haben Sie mit Lang gesprochen?
+
+
+_Schlözer_
+
+War es mein Schmerz oder war es das Bedürfnis, daß es
+zwischen mir und ihm zum Ausgleich kommt; daß er es wissen
+möge, daß er Sie hüten möge, Anna, wie das kostbarste
+Kleinod der Welt, -- ich weiß nicht mehr warum, nennen Sie
+es eine Verfinsterung meines Herzens, -- ich habe ihm gesagt,
+wie es um mich beschaffen ist und weshalb ich gehe.
+
+
+_Anna_
+
+(grüblerisch)
+
+Das haben Sie ihm gesagt? Wie seltsam! Und er?
+
+
+_Schlözer_
+
+Er! Er war kalt und überlegen.
+
+
+_Anna_
+
+(wie oben)
+
+Und er sagte, er wolle mir Nachricht geben lassen, daß Sie
+warten. Wie seltsam ...
+
+
+_Schlözer_
+
+Als ob keine Faser in Ihnen wäre, die ohne seinen Willen
+sich regte.
+
+
+_Anna_
+
+(wie oben)
+
+Vielleicht vertraut er mir so.
+
+
+_Schlözer_
+
+Und dies Vertrauen sollte Sie nicht ein wenig kränken, teure
+Anna? Ist denn Liebe etwas so Unzweifelbares, daß sie einmal
+beschworen, jedem Feuer stand hält? Ist denn das noch Liebe,
+die so ruhig, so stumm, so satt werden darf?
+
+
+_Anna_
+
+Wie würden Sie gehandelt haben, Amandus, wenn ein Mann Ihnen
+ein solches Geständnis gemacht hätte?
+
+
+_Schlözer_
+
+Wie ich gehandelt hätte, weiß ich nicht. Vielleicht hätte
+ich den Mann erdolcht. Vielleicht hätte ich ihn in die Arme
+geschlossen. Wer aber darf so übermenschlich sich gebärden,
+daß er nichts wissen will von den Gewalten, die seiner
+Sicherheit ein Ziel setzen könnten? Ach, Anna, wenn! -- wenn!
+Ich würde hinschmelzen unter jedem Blick und jedem Lächeln.
+
+
+_Anna_
+
+(kopfschüttelnd)
+
+Nein, Amandus, das Hinschmelzen, das ist das Wichtige nicht.
+Wichtig ist, daß man nie einander vergißt. Daß man immer
+geborgen ist im andern, daß er die Gedanken hält und kennt,
+daß er die Wünsche weiß und jeden recht versteht, denn es
+ist eine Qual, zu reden, wenn man wünscht. Daß man nicht ein
+Opfer wird von einer Stunde, wo aufs Ungefähr das Blut
+stürmt und man dann zur schalen Erinnerung wird in den
+Geschäften des Lebens. Da wird alles kalt in einem.
+
+
+_Schlözer_
+
+Alles ist fremd ohne Zärtlichkeit, fremd und zufällig.
+
+
+_Anna_
+
+Ja, Zärtlichkeit, das ist es. Ohne Zärtlichkeit wird Liebe
+sündhaft. Zärtlichkeit ist wie ein treuer Hund am Herd, der
+nie den Herrn verkennt.
+
+
+_Schlözer_
+
+Ich weiß es seit langem, Anna, daß Sie nicht glücklich sind.
+
+
+_Anna_
+
+Glücklich! Ich bin noch vor dem Glück vielleicht und hab
+Angst, daß es vorübergeht, ohne daß ich weiß, was es ist.
+Ich möcht' es ausgraben wo und kenn' den Ort nicht, wo es
+liegt. -- Wenn Sie mein Mann wären, Amandus, und Lang käm'
+ins Haus, so wie Sie kommen, und Sie würden dazu schweigen
+und ich wüßte nicht, schweigen Sie aus Großmut oder aus
+Nachlässigkeit, die Unruh' würde mir das Herz abdrücken. Und
+schwiegen Sie aus Nachlässigkeit, und ich wüßt' es, so wär
+alles vorbei. Aber auch wenn Sie eifersüchtig wären und es
+zeigten, wär alles vorbei, denn ist ein Mann eifersüchtig,
+so achtet er sich selbst nicht oder die Frau nicht. -- Wir
+müssen uns jetzt trennen, Amandus. (Sie steht auf.)
+
+
+_Schlözer_
+
+(zu ihr)
+
+So gilt's denn. Es wird Nacht in meinem Leben.
+
+
+_Anna_
+
+(verloren und wie zu sich selbst; schmerzlich)
+
+Der Turm, Amandus, wird nicht gebaut. Mein Turm wird nicht
+gebaut.
+
+
+_Schlözer_
+
+Der Turm --?
+
+
+_Anna_
+
+Ach, wundern Sie sich nicht. Ich schwatze wohl zu viel. -- Zu
+welcher Stunde wollen Sie denn fort?
+
+
+_Schlözer_
+
+Zwischen zwölf und ein Uhr denk' ich.
+
+
+_Anna_
+
+Und wohin?
+
+
+_Schlözer_
+
+Gen Würzburg geht die Fahrt.
+
+
+_Anna_
+
+(wie aus einem Traum)
+
+Wenn ich mitginge ... wenn ich mitginge ...
+
+
+_Schlözer_
+
+(leidenschaftlich, packt ihre Hände)
+
+Anna! --
+
+
+_Anna_
+
+(lächelnd und verstört)
+
+Tu' ich den Schleier ums Gesicht, erkennt mich niemand ...
+
+
+_Schlözer_
+
+(außer sich)
+
+Ich lass' den Wagen beim Mauthaus auf der Chaussee warten.
+Ich laß ihn bis zum Abend warten, wenn Sie wollen!
+
+
+_Anna_
+
+(leise)
+
+Wie er's tragen wird? Ob's ihn wandeln wird ... (Schlözer
+mit der Linken von sich abhaltend.) Ja, warten Sie, Amandus.
+Beim Mauthaus zwischen zwölf und eins. Nur dies noch, -- Sie
+sind mein Ritter. Nicht fragen werden Sie, mich nicht
+bedrängen ... (Hastig.) Nein, nein, nicht reden jetzt. Beim
+Mauthaus zwischen zwölf und eins ... Geh ich den Feldweg,
+sieht mich niemand. Gehen Sie, Amandus. Nichts reden! (Sie
+legt den Finger auf den Mund.)
+
+
+_Schlözer_
+
+(geht wie ein Schlafwandler mit zurückgekehrtem Gesicht zur
+Tür).
+
+
+_Anna_
+
+Nichts reden ...
+
+
+_Schlözer_
+
+(mit einer trunkenen Bewegung ab. Während die Tür offen ist,
+hört man vom Flur die Stimmen der Bauern).
+
+
+_Anna_
+
+(steht entgeistert mit geschlossenen Augen).
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(kommt)
+
+Da draußen sind die Frommetsfeldner Bauern. Wollen beim
+Domänenrat petitionieren wegen ihres Turmes ... Um Gott,
+Kind, -- wie siehst du aus?
+
+
+_Anna_
+
+Nichts, Mutter, es ist nichts. (Ab nach links.)
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(schaut ihr nach)
+
+Da ist was nicht rund in der Welt, sollt' mich dünken. Der
+Schlözer ist mir auch ganz rabiat vorgekommen ... Als ob
+einer vom Wein aufsteht und durch die Wand steigen will.
+Kind! Kind!...
+
+
+_Bärbel_
+
+(kommt)
+
+Könna die Bauersleit' da herinnet wart'n?
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Ja, laß sie nur herein. Der Domänenrat muß gleich kommen.
+Die Leute sagen ja, sie hätten ihn unterwegs schon
+getroffen. Ich will mich nach der jungen Frau umschauen.
+(Links ab.)
+
+
+_Bärbel_
+
+(nach draußen)
+
+No, spaziert nur da 'rein! (Es kommen der Ringhofbauer, der
+Erlhofbauer, der Waldhofbauer, und zwei andere Bauern. Alle
+tragen die urtümliche fränkische Bauerntracht: silberne
+Knöpfe an den blauen Westen, schwarze Jacken, schwarze Hosen
+in hohen Stiefeln, schwarze Zipfelmützen. Sie drücken sich
+scheu und ehrfürchtig herein, bleiben regungslos stehen.)
+
+
+_Bärbel_
+
+Derft euch au' niedersetzen. (Ab, läßt die Tür offen.)
+
+
+_Der Ringhofbauer_
+
+Joo ... (Sie bleiben stehen.)
+
+
+_Der Erlhofbauer_
+
+Wer soll'n reden?
+
+
+_Der Ringhofbauer_
+
+I wer' scho reden.
+
+
+_Der Waldhofbauer_
+
+Was werst'n sog'n?
+
+
+_Der Ringhofbauer_
+
+I wer scho was sog'n. (Es kommen Lang und der Kammerdirektor
+Mühlbach, ein älterer, würdiger Herr.)
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Ich hab's Ihnen gleich gesagt: der Präsident ist in dieser
+Sache machtlos.
+
+
+_Lang_
+
+Niemand hat den Mut, für das Notwendige sich einzusetzen,
+wenn er gleich die Vernunft hat, es zu sehen. Es ist ein
+Höllenzirkel.
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Da haben Sie Ihre Bauern ...
+
+
+_Lang_
+
+Ja. Und morgen werden die Pfarrer kommen, und übermorgen die
+Küster.
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Der Präsident hat nicht so unrecht, wenn er meint, daß das
+Wegschaffen des Turms gleichsam eine #capitis deminutio#
+sein würde.
+
+
+_Lang_
+
+Das #Corpus juris# wird maulfeil, wo das gesunde Gefühl
+revoltiert. Bin ich schwächer hier als Stumpfsinn und böser
+Wille, dann kenn ich meinen Weg.
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Aber Lang! Lang!
+
+
+_Lang_
+
+(zu den Bauern)
+
+Hört mich an, ihr Leute! Wenn ihr einen Webstuhl habt, und
+der zerbricht, dann werdet ihr euch einen neuen Webstuhl
+anschaffen. Nicht wahr?
+
+
+_Die Bauern_
+
+Joo ... joo ...
+
+
+_Lang_
+
+Und wenn euch ein alter Hofhund krepiert, dann werdet ihr
+euch nach einem andern, einem jungen Hofhund umsehen. Ist's
+so?
+
+
+_Die Bauern_
+
+Joo ... joo ...
+
+
+_Lang_
+
+Wenn euch aber ein Haus abbrennt, das auf einem vom Wasser
+unterhöhlten und durchweichten Grund gestanden ist, werdet
+ihr dann das Haus auf demselben Grund wieder aufbauen? Sagt
+mir eure Meinung. Frisch heraus!
+
+
+_Die Bauern_
+
+Naa ... naa ...
+
+
+_Ringhofbauer_
+
+Das wöll'n mer nit ton. Naa ... naa ... (Er nickt den andern
+verständnisinnig zu, als sollten sie seine Beredsamkeit
+bestaunen.)
+
+
+_Lang_
+
+Und wenn auf euerm Acker ein großer Baum steht, der dem
+Getreide Licht und Sonne nimmt, den ihr aber nicht umhauen
+wollt, weil er dort seit Menschengedenken wächst, und der
+Baum bricht nun eines Tages, weil er krank ist, oder der
+Blitz haut ihn zu Boden, werdet ihr da nicht froh sein, daß
+er weg ist?
+
+
+_Die Bauern_
+
+Joo ... joo ...
+
+
+_Lang_
+
+Oder werdet ihr ihn von neuem in die Erde stecken?
+
+
+_Die Bauern_
+
+Naa ... naa ...
+
+
+_Ringhofbauer_
+
+Des tenna mer nit, Herr Råt! (Wie oben.)
+
+
+_Lang_
+
+Nun also! (Der Schreiber Kasteljack, ein dürrer, langer,
+fusliger, schattenhafter Mensch, kommt schüchtern und eilig
+getrippelt, hat ein amtliches Dokument in der Hand.)
+
+
+_Lang_
+
+(unwirsch)
+
+Was gibt's, Kasteljack?
+
+
+_Kasteljack_
+
+(asthmatisch)
+
+Herr Domänenrat ... (hüstelt) das Gesuch an die Regierung
+wegen Nichtwiederaufbaus des Frommetsfeldner Turms ...
+(Greift sich an die Brust, hüstelt.)
+
+
+_Lang_
+
+Hurtig, hurtig, Mensch! (Entreißt ihm den Bogen.)
+
+
+_Kasteljack_
+
+... ist leider diesen Morgen als unerledigbar ... unerledig
+... lich ... zurückgekommen.
+
+
+_Lang_
+
+(mit verbissenem Grimm)
+
+Und der Grund?
+
+
+_Kasteljack_
+
+Eine Formalität, Herr Domänenrat ...
+
+
+_Lang_
+
+Was für eine Formalität?
+
+
+_Kasteljack_
+
+Der Submissionsstrich fehlt.
+
+
+_Lang_
+
+Der -- Submissionsstrich?
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Der Submissionsstrich?
+
+
+_Kasteljack_
+
+Ja. Es ist dies eine wichtige amtliche Formalität.
+(Hüstelt.) Die Vorschrift lautet, daß zwischen dem Text des
+Gesuches oder des Referats oder des Ausweises oder des
+Testimoniums ... daß zwischen dem Text und der Unterschrift
+des betreffenden Herrn Referenten oder Berichterstatters ein
+dicker, gerader, deutlicher Strich gezogen werde. Diesen
+Strich nennen wir den Submissionsstrich.
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Ja. 's ist wahr, eine ganz zweifellose Institution, die Sie
+doch kennen müssen, Lang.
+
+
+_Lang_
+
+Ich kenne sie. Jetzt kenn ich sie. Mit einem Wort: diese
+Unterlassung bedeutet zwei bis drei Monate Aufschub. Der
+Submissionsstrich soll das Seil werden, auf dem man mich
+tanzen lassen will. Oder der Balken, mit dem man mir um die
+Füße schlägt. (Er eilt zum Schreibtisch und zieht in größter
+Hast mit Bleistift und Lineal Striche auf einem großen Bogen
+Papier.) So werden hierzuland die Männer traktiert und die
+wahren Interessen schachmatt gemacht. (Kehrt zu Kasteljack
+zurück.) Hier, Kasteljack. Da ist ein ganzer Schreibebogen,
+reichlich versehen mit Submissionsstrichen. Schicken Sie den
+Bogen an die betreffende Kanzlei der Regierung, ich lasse
+submissest ersuchen, in einschlägigen Fällen sich aus diesem
+Vorrat von Submissionsstrichen bedienen zu wollen.
+
+
+_Kasteljack_
+
+Aber ...
+
+
+_Lang_
+
+Kein Aber. Tun Sie, was ich Ihnen befehle. Es ist Ernst.
+
+(Kasteljack unter Bücklingen rückwärtsgehend ab.)
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Sie werden sich's mit der hohen Regierung gründlich
+verderben, lieber Lang.
+
+
+_Lang_
+
+Die und ich, wir können nicht in derselben Küche unser
+Fleisch kochen. Ihres schmeckt mir ranzig und meins ist
+ihnen zu zähe. Verderben! Ich mit ihnen verderben! Ich hab'
+ihnen gedient, wie einer, der's redlich meint. Sie haben
+mich bezahlt wie einen, der schon betrogen hat. Wer sein
+Schäfchen ins Trockene bringt, erregt ihnen keinen Argwohn,
+wer sich mausig macht und ihre verstaubten Litaneien
+überhört, den legen sie nackt in die Sonne und salben ihn
+mit dem Öl ihrer Schikanen, daß das Ungeziefer über ihn
+kommt.
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Lang! Lang! mäßigen Sie sich doch.
+
+
+_Lang_
+
+Ich bin am Ende meiner Fassung. Wenn man zusehen muß, daß
+alle Quellen hämisch verstopft werden und die Menschheit
+verdurstet. Daß die Früchte wachsen, um zu verfaulen. Große
+Männer Großes richten, um Popanze zu werden für die
+Phrasendrechsler. Verderb ich mir's mit ihnen, steht's desto
+besser zwischen mir und meinem Gewissen. (Zu den Bauern, die
+unterdessen heimlich gewispert haben.) Nun, ihr Leute! Der
+Baum, von dem ich euch da gesprochen habe, vergleichsweise,
+versteht mich wohl, der Baum ist euer alter, unnützer Turm.
+Was wollt ihr beginnen mit einem Turm? Könnt ihr ihn als
+Heuschober brauchen? Nein. Könnt ihr drinnen wohnen? Nein.
+Wollt ihr drinnen beten? Nein. War er besonders schön von
+Ansehen? Nein. Es war nichts in ihm oder an ihm, was euch
+hätte ergötzen oder fördern können. Und doch wollt ihr ihn
+wieder aufrichten. Warum?
+
+
+_Erlhofbauer_
+
+Mer war's halt so g'wöhnt, Gnaden Herr Råt.
+
+
+_Waldhofbauer_
+
+'s wär a Schand, Gnaden Herr Råt.
+
+
+_Lang_
+
+Die Schande will ich euch auswetzen. Ich bau euch ein
+Schulhaus, das wird ein wahrer Staat sein. Seht, das ist
+eine Aussaat, von der ihr eine gute Ernte einheimsen könnt.
+Profitiert _ihr_ nicht mehr davon, so profitieren eure
+Kinder, die Söhne und die Töchter. 's ist, wie wenn man
+Kälber auf eine fette Weide treibt. Da wächst euch kein
+habergasiges Vieh heran, das sich seiner Haut schämen muß,
+sondern ein edler Schlag. Der Bauer hat nicht nötig, sein
+Licht unter den Scheffel zu stellen. Mit dem Wissen ist's
+eine eigene Sache und, glaubt mir's oder glaubt mir's nicht,
+wenn ihr eure Kinder was lernen laßt, werden eure Mühlen
+besseres Korn zu mahlen haben.
+
+
+_Ringhofbauer_
+
+Da hab'n mer alles nichts dageg'n, Herr Råt; aber um unsern
+Turm woll'n mer halt fleißig gebeten hab'n.
+
+
+_Lang_
+
+Holzköpfe! (Verzweifelt zum Kammerdirektor.) Das ganze Ding
+gleicht einem Gänsespiel, wo man sich schon nah am Ziel
+glaubt, und durch einen mißglückten Wurf von einem
+umgekehrten Schnabel zum andern wieder zum ersten Anfang
+zurückgewiesen wird.
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Ich wußt es vorher.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(kommt mit einem Brief, von rechts).
+
+
+_Lang_
+
+Doch laß' ich nicht nach, und wenn's ein Jahr meines Lebens
+kostet.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Da ist ein Brief an Sie gekommen, Lang.
+
+
+_Lang_
+
+Das Siegel sollt ich kennen. 's ist vom Fürsten Hardenberg.
+(Er bricht den Brief auf und liest; seine Miene verzerrt
+sich sichtlich, er wirft das Schreiben mit einem Laut des
+Schmerzes und der Wut zur Erde und schlägt die Fäuste vor
+die Augen.)
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(erschrocken)
+
+Lang!
+
+
+_Lang_
+
+Geht mir aus den Augen! Geht! Fort ihr alle! -- Auch er! auch
+er! -- Nichts richten können! nichts vollenden können!
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Aber Lang, sein Sie doch vernünftig! (Sie hebt den Brief
+auf.)
+
+
+_Lang_
+
+(entreißt ihn ihr)
+
+Sehen Sie, Mühlbach, -- hören Sie! (Liest im Tiefsten erregt,
+mit zusammengebissenen Zähnen.) »Die gegnerischen Umtriebe
+sind so mächtig geworden, lieber Lang, daß ich Sie in Ihrem
+wie in meinem Interesse bitten muß, die fragliche Affäre mit
+dem unglückseligen Turm fallen zu lassen. Sie wissen,
+welchen Anteil ich an Ihren Bestrebungen nehme, ich kenne
+die edle Selbstlosigkeit, mit der Sie allem hingegeben sind,
+was Sie für recht und förderlich erkannt haben, aber das
+Tüchtige läßt sich auf vielen Wegen durchsetzen,« -- so
+spricht Er! Er! So haben sie ihn zu Brei gemacht! Das
+Tüchtige auf vielen Wegen! -- (Liest.) »Stehen Sie ab vom
+Unerreichbaren und wirken Sie im Möglichen« -- nichts da, von
+Gnadenbrot will der Lang nichts wissen, -- (Liest.) »Ich war
+gezwungen, die einschlägigen Akten einem anderen Referenten
+zu übertragen« -- (Wirft wie von Ekel erfaßt das Papier von
+sich.)
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Ich finde das Schreiben Seiner Exzellenz äußerst würdig und
+schmeichelhaft, lieber Lang ...
+
+
+_Lang_
+
+(scheinbar gefaßt)
+
+Ja. Das ist es. Ohne Zweifel. Einem andern Referenten.
+Einem, der biegsam ist und Ja und Amen sagt. Gönnen Sie mir
+jetzt eine Stunde der Ruhe und Überlegung, lieber Mühlbach.
+Ich habe heute noch mancherlei zu tun, denn morgen mit dem
+Frühesten werde ich meine Bestallung per Extrapost an die
+Regierung zurücksenden.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Lang!
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+(macht beschwörende Gesten).
+
+
+_Lang_
+
+Lassen Sie nur, Mühlbach. Ich weiß, Sie haben die beste
+Meinung von mir. Aber das kann jetzt nichts nützen. Gott
+befohlen, ihr Leute. Gehn Sie nur, Mutter. Adieu, lieber
+Mühlbach. (Die Bauern, der Kammerdirektor und Frau von
+Hänlein ab. Lang prüft, ob die Türe zu ist, geht dann zum
+Schreibtisch, läßt sich nieder und stützt den Kopf in die
+Hand. Sein Gesicht hat einen tief verbitterten und tief
+erschöpften Ausdruck.)
+
+
+_Anna_
+
+(kommt von links. Sie ist zum Ausgehen gekleidet, doch hat
+sie statt des Hutes einen schwarzen Schal über dem Kopf. Sie
+tritt leise auf, schaut vorsichtig durch das Zimmer. Als sie
+Lang so augenscheinlich gebrochen sieht, erschrickt sie und
+faltet unwillkürlich die Hände).
+
+
+_Lang_
+
+(blickt empor, mit innerlicher Wildheit)
+
+Ja, Anna. Da bin ich nun. Kannst mich verpflegen, wenn du
+willst. Als Tagedieb im Haus, als Siebenschläfer im Bett.
+Bin zu nichts mehr nutze. Sie haben mir die Hände aus den
+Gelenken gedreht.
+
+
+_Anna_
+
+(macht zwei Schritte, bleibt wieder stehen).
+
+
+_Lang_
+
+(erhebt sich; mit verzweifelter Klage und Anklage)
+
+Es kränkt mich wahrlich um meinen Stolz. Es kränkt mich um
+die Ader, die mir schwillt. Möcht alle getanen Schritte
+bereuen und alle gesprochenen Worte wieder einschlucken.
+Warum bin ich nicht auch so ein Jasager und
+Sonnenblumen-Männlein, dann stünd' ich nicht so da, Schmach
+und Spott mir selber. Der elende Mückentanz! Wohin man
+greift, nur Luft; wohin man schlägt, trifft's den eigenen
+Leib. (Ausbrechend in heller Bitterkeit.) Schau' mich nicht
+an, Frau, ich schäm mich vor dir. Was kannst du anders
+glauben, als daß ein Mannsbild nur dazu da ist, um zu
+flunkern und sich wichtig zu machen? Und wenn er sich ganz
+#in floribus# hat zeigen wollen und einer Sache sich
+verdungen hat, bei der von Recht und Wohlfahrt zu
+schwadronieren war, so sitzt er nun um so erbärmlicher da,
+mit Fußtritten heimgeschickt.
+
+
+_Anna_
+
+(in deren Zügen sich eine innige Besorgnis malt, leise)
+
+Karl Heinrich!
+
+
+_Lang_
+
+Und keinen Menschen! Keinen, der 's redlich meint! So
+ohnmächtig sein! Geh von mir fort. Du hast nichts an mir.
+Geh aus meinem Hause. Ich bin kein Mann für dich. Bin deiner
+nicht wert. Geh zu einem, der 's mit ehrlichen Feinden zu
+tun hat und ein Schwert in die Faust nehmen kann, wenn ihn
+die Horde bedrängt. (Er setzt sich mutlos und matt wieder in
+den Sessel.)
+
+
+_Anna_
+
+(wie oben)
+
+Nicht so, Karl Heinrich!...
+
+
+_Lang_
+
+Oder willst du nur darum bei mir bleiben, weil mein
+Schicksal deiner Torheit zu Hilfe gekommen ist? Trotzt ihr
+doch in eurer blinden Sucht, ihr Weiber, dem Himmel selber
+unvernünftige Taten ab. Ja, er wird gebaut, dein Turm. Er
+wird gebaut.
+
+
+_Anna_
+
+(leise)
+
+Das wußte ich gleich, Karl Heinrich, als ich dich so sah.
+
+
+_Lang_
+
+Kannst du mich darum höher estimieren, was soll ich dann von
+meinem Wert noch halten und was von deinem Stolz?
+
+
+_Anna_
+
+(mit kaum merkbarer, schmerzlicher Schalkhaftigkeit)
+
+Soll ich aber von dir fort, nur um zu beweisen, daß mir an
+dem Turm jetzt nichts mehr liegt?
+
+
+_Lang_
+
+(bitter)
+
+Wenn man den Kindern das Spielzeug gibt, nach dem sie
+verlangt haben, dann werfen sie's beiseite.
+
+
+_Anna_
+
+Ich habe ja den Turm von dir begehrt und nicht von denen,
+die dir ein Leids damit getan. So komm' ich mir ja vor, als
+stünd ich mit ihnen im Bund. Und wenn noch dazu dein Herz
+gegen mich gestimmt ist, so flüstert's dir vielleicht ein,
+ich hätte dich verraten, irgendwie geheimnisvoll verraten.
+Ach, Karl Heinrich! Plötzlich bin ich schuldig und weiß kaum
+wieso. Schuldig vor dir, schuldig vor mir und weiß kaum
+wieso.
+
+
+_Lang_
+
+(schaut sie an)
+
+Was stehst du denn da mit deinem Kopftüchlein und wohin
+willst du denn gehen? Willst nach Frommetsfelden hinaus und
+zugucken, wie sie bauen?
+
+
+_Anna_
+
+Ich will's dir sagen, Karl Heinrich. Zum Mauthaus wollt ich
+gehn auf der Chaussee.
+
+
+_Lang_
+
+Und was willst du denn dorten beim Mauthaus auf der
+Chaussee?
+
+
+_Anna_
+
+Dort kommt der Leutnant Schlözer vorbei und will auf mich
+warten.
+
+
+_Lang_
+
+(den Oberkörper nach vorn gebeugt, stützt den Kopf mit
+beiden Händen. Schweigt.)
+
+
+_Anna_
+
+Es war beschlossen, Karl Heinrich, -- fast wie man den Tod
+beschließt.
+
+
+_Lang_
+
+(dumpf)
+
+Beschlossen! Dies beschlossen! So muß es Laster in mir
+geben, die ärger sind, als ich sie ahnte, und was dich zu
+mir geführt, war nur ein Gaukelspiel betrügerischer Tage.
+Alle Wege: abwärts. Jeder Tag nur eine kurze Dämmerung
+zwischen zwei Nächten. Es ist ein unheimlicher Geisterspuk,
+der einen so lang schaudern macht, bis die Gedanken still
+stehn, und was die Brust bewegt, ist Scham, Scham, Scham!
+
+
+_Anna_
+
+(tief erregt)
+
+Hör mich an, Karl Heinrich --
+
+
+_Lang_
+
+Hör ich dich, so bin ich schon getäuscht. Was gabst du mir
+freundliche Mienen und Blicke? Nur damit es jetzt offenbar
+wird, daß du einen brauchst, der süße Worte machen kann und
+immer beteuern kann und schwärmen kann und zeigen kann, was
+ihr mit euren kurzen Sinnen sehen müßt. Geh nur, Anna. Denk
+nicht, daß du einen Verzweifelten zurückläßt. Ich bin's
+nicht ungewohnt, abzurechnen mit mir und meinem Leben. Was
+ich nie besessen habe, kann ich nicht verlieren. Freilich
+der Irrtum, der frißt am Mark und macht alt und krank und
+müde.
+
+
+_Anna_
+
+Es ist hart für mich, was du sprichst, aber ich verdien's.
+Doch laß es genug sein, Karl Heinrich, und vergiß, was du
+gesagt, damit ich vergessen kann, was ich nur halb getan.
+
+
+_Lang_
+
+(steht auf)
+
+Du sollst nicht vergessen und ich kann nicht vergessen. Es
+sei denn, wir wollen nicht für unsere Handlungen einstehen
+und uns aufführen wie Knaben, die einander schön tun,
+nachdem sie sich geprügelt haben. Es ist von Übel, jegliches
+Wort von Übel. Mit Schwatzen und Auseinandersetzungen
+erreichen die Menschen nichts weiter, als daß sie sich so
+nahe rücken, daß sie keinen Platz mehr zum Atmen haben. Und
+um mein Glück und um meinen Frieden kann ich nicht
+feilschen. Was man einander gewährt und einander erläßt,
+kann nicht durch Abmachungen geregelt werden. Alles wahre
+Zusammenleben beruht auf Schweigen, Frau! Je tiefer der
+Bund, je tiefer das Schweigen. Bliebst du aus Mitleid bei
+mir, so wünscht' ich lieber, ich hätte dich nie gesehen.
+
+
+_Anna_
+
+(hat die Hand an die Stirn gedrückt, läßt sie fallen, tritt
+näher, frei und entflammt)
+
+Wie kommt's nur, daß ich dich jetzt so spüre, Karl Heinrich!
+Schon als es mich da draußen über die Schwelle zog, war mir,
+als ließ ich alle Zweifel zurück. Nicht Mitleid ist's, nein,
+nein! -- Höchstens könnte ich dein Mitleid fordern für mich,
+denn ich war so klein und ich glaubte, du würfest mich hin
+gegen die Welt und die Welt sei dir alles und ich zu wenig,
+ich zu allein gegen dich und die Welt. Jetzt aber sehe ich
+dich auch allein und das -- das! Karl Heinrich --! (Sie
+ergreift seine Hand und drückt ihre Stirn darauf.)
+
+
+_Lang_
+
+(sinnend)
+
+Ach, du wunderliches Geschöpf von einem Weib.
+
+
+_Anna_
+
+(wieder aufgerichtet)
+
+Du hast recht, Karl Heinrich. Es sollen nicht so viele Worte
+zwischen den Menschen hin und her geworfen werden. Es soll
+vielleicht bestehen bleiben, dies Fremde und dies Ferne, das
+mich so oft gequält hat. Vielleicht ist es gut so, daß wir
+nicht zu allen Zeiten alles von einander wissen, und gut ist
+es auch, daß ich dich suchte. Ja, es ist gut, daß ich dich
+suche, wenn du mich hältst! -- Behalte mich!
+
+
+_Lang_
+
+Ich will dich halten.
+
+
+_Anna_
+
+(ohne Emphase ganz hingegeben)
+
+Was soll's noch um den dumpfigen, stockigten Turm, Karl
+Heinrich? Habe ihn gewünscht, wie man ein Zeichen wünscht,
+ein Zeichen für etwas, das nun da ist.
+
+
+_Lang_
+
+(zu ihr gebeugt)
+
+Und doch mußt du vieles dafür tragen, Kind. Mich vor allem,
+der eine Weile zusehn muß, untätig beiseite. Wir wollen aus
+der Stadt ziehen. Vom Amt will ich weg --
+
+
+_Anna_
+
+(bestimmt und mit freier Heiterkeit)
+
+Nein, Karl Heinrich. Dieses wirst und kannst du nicht tun.
+Du bist der Mann nicht fürs Ausgeding. Mit den Wurzeln sich
+selber ausgraben und verdorren lassen? Du überzeugst sie ja
+schon von deinem Wert, indem du da bist. Könnte das Wasser
+schäumen ohne Damm? Hätt es solche Kraft? Kommt's darauf an,
+bezahlt zu werden, Karl Heinrich, heute oder morgen bezahlt?
+Bezahlt dich nicht dein eigenes Blut und deine innere
+Flamme?
+
+
+_Lang_
+
+(betroffen)
+
+Frau, -- wie du das sagst! Woher kommen dir solche Worte?
+Also bedeutet dir mein Treiben wirklich was? Willst nimmer
+so scheu und zweifelhaft neben mir wandeln?
+
+
+_Anna_
+
+Es hat mir nichts bedeutet, so lang ich nicht fühlen konnte,
+wie du mich damit umschlingst und wie ich dazu gehöre.
+
+
+_Lang_
+
+So hätte mir der Aberwitz und blöde Widerstand der Welt zum
+Köstlichsten verholfen?
+
+
+_Anna_
+
+Spürst du's so, dann ist es mehr, als ich gesehnt.
+
+
+_Lang_
+
+(packt ihre Hände, leidenschaftlich)
+
+Und doch hat dich das trübe Wesen zum Scheideweg geführt ...
+
+
+_Anna_
+
+Wer am Scheideweg war, weiß besser ums Ziel. (Man hört Räder
+rollen auf der Straße.) Komm, Karl Heinrich -- (Sie zieht ihn
+zum Fenster.)
+
+
+_Lang_
+
+Es ist ein Wagen, der vom Posthaus abfährt ...
+
+
+_Anna_
+
+Zum Mauthaus auf der Chaussee. -- Gib mir die Hand, Karl
+Heinrich! Drück sie fest, fest ... so. Hörst du, wie mein
+Herz klopft? Ich glaube, es klopft vor Glück.
+
+
+_Lang_
+
+Unsere Herzen sind wie zwei Schalen in der Hand eines
+Engels. Ist ein Auf- und Niederschwanken sondergleichen.
+Jeder Pulsschlag zieht's hier hinunter, dort hinauf. Wir
+wägen nicht, es wird uns zugewogen. Wir müssen still halten,
+das ist alles.
+
+
+_Anna_
+
+Ich halte still, Karl Heinrich. (Das Posthorn tönt.) Gute
+Fahrt, Schwager Postillon!
+
+_Vorhang._
+
+
+
+
+Lord Hamiltons Bekehrung
+
+
+Personen:
+
+ Lord William Hamilton (von der Seitenlinie der Herzoge)
+ Sir Francis Hamilton, sein Sohn
+ Emma Lyon
+ Mr. Dashwood, Notar
+ Mr. Fletcher, Uhrmacher
+ Der Majordom
+ Mrs. Adams, Wirtschafterin
+ Doktor Middlewater
+ James, ein alter Diener
+ Drei andere Diener
+
+Spielt am Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Easton Park
+in der Grafschaft Suffolk.
+
+
+Das Frühstückzimmer in Easton Park. Nach hinten führt eine
+offene Flügeltür in die Halle, durch die man wiederum in den
+Park blickt. Rechts eine geschlossene Flügeltüre, links zwei
+hohe Fenster. Ein schmaler Tisch, mehr links, ist für zwei
+Personen gedeckt. Ein anderer, schwerer Eichentisch steht
+mehr rechts. In der linken Ecke eine Wanduhr in einem
+massiven Gehäuse, das bis zur Decke reicht. An den Wänden
+hängen alte Gobelins und ein paar niederländische Stilleben.
+
+Auf einer kleinen Leiter vor der Wanduhr steht Mr.
+_Fletcher_; er hat den mächtigen Pendel abgenommen und
+horcht ins Räderwerk. Der _Majordom_ hat den gedeckten Tisch
+inspiziert und beobachtet dann ernsthaft, mit verschränkten
+Armen, die Hantierung des Uhrmachers. Währenddem tritt
+_Doktor Middlewater_ vom Park her in die Halle, stellt
+seinen Medikamentenkasten auf die Bank und kramt darin,
+wobei er der Szene den Rücken zukehrt. Gleichzeitig kommt
+_Lord Hamilton_ von draußen rechts in die Halle. Er beachtet
+den Arzt nicht, der sich rasch umwendet und, obwohl er schon
+gebückt steht, eine noch tiefere Verbeugung macht. Der
+_Lord_ hat einen Brief in der Hand und geht unruhig auf und
+ab.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(draußen)
+
+Mister Wardle!
+
+
+_Der Majordom_
+
+Mylord! (Eilt hinaus.)
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Für welche Stunde ist Mister Dashwood bestellt?
+
+
+_Der Majordom_
+
+Für elf Uhr, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(die Taschenuhr ziehend)
+
+Dann muß er in sechsunddreißig Minuten hier sein.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Gewiß, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Doktor Middlewater, ich bin bereit. (Mit Doktor Middlewater
+in der Halle rechts ab.)
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+(hat neugierig gelauscht. Er ist trotz seiner vorgerückten
+Jahre ungemein eitel. Während der Lord geht und der Majordom
+zurückkommt, holt er einen Handspiegel aus seiner Tasche und
+betrachtet sich wohlgefällig).
+
+
+_Der Majordom_
+
+Sie hören, Mister Fletcher, -- es ist sechsunddreißig Minuten
+vor elf.
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+Ich habe bemerkt, daß die Pünktlichkeit in diesem Hause
+etwas willkürlich gehandhabt wird. Seine Lordschaft ist
+imstande, der Sonne zu befehlen, welche Zeit es ist. Das
+erscheint mir etwas waghalsig. Es widerspricht der
+göttlichen Weltordnung. -- Wie finden Sie mich heute
+aussehend, Mister Wardle?
+
+
+_Der Majordom_
+
+Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß die Uhr gestern um
+neun Minuten zu spät gegangen ist.
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+(hängt den Pendel ein)
+
+Genau das Gegenteil von dem, was ich tue. Ich bin immer zu
+früh daran; immer zu früh. Aber in der Liebe ist das der
+einzige Weg zum Erfolg. Meinen Sie nicht, Mister Wardle, daß
+ich noch eine ganz repräsentable Erscheinung bin? Das schöne
+Geschlecht ist nicht unzufrieden mit mir.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(amtlich)
+
+Sind Sie bald fertig, Mister Fletcher?
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+(kommt in Eile; sie ist eine muntere und beleibte Dame)
+
+Denken Sie nur, Mister Wardle, James ist betrunken!
+
+
+_Der Majordom_
+
+James? betrunken --? Wie ist das möglich?
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+Sie müssen uns helfen, Mister Wardle. Wenn ihn Seine
+Lordschaft in der Verfassung sieht, geht's dem armen alten
+Kerl schlecht. Erinnern Sie sich noch, wie er vor drei
+Jahren den unglücklichen Jimmy mit der Hundspeitsche auf die
+Landstraße jagen ließ, weil er benebelt war --?
+
+
+_Der Majordom_
+
+Aber wie konnte das geschehen, Missis Adams? wie konnte sich
+James so vergessen?
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+Der Kummer, Mister Wardle. Der Kummer um den jungen Herrn.
+Sie wissen doch, wie er an Sir Francis hängt. Nun hat Seine
+Lordschaft wahrscheinlich etwas durchblicken lassen, von
+Enterbung oder so ... James ist ja der einzige, mit dem er
+hie und da ein vertrautes Wort spricht ... der Kummer,
+Mister Wardle. Ich gehe zu den Ställen hinüber, um Milch zu
+holen, da sehe ich ihn taumeln und mit den Händen fuchteln
+und höre, wie er wild vor sich hinmurmelt, -- kurz, er ist im
+Zustand eines Schweines.
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+(hat vergebens mit Missis Adams zu liebäugeln versucht)
+
+Was für ein angenehmes Wesen! welche verlockende Stimme!
+(Seufzt, holt den Spiegel hervor.)
+
+
+_Der Majordom_
+
+(ringt die Hände, schnell durch die Halle in den Park ab)
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+(zu Mrs. Adams, die sich anschickt, dem Majordom zu folgen)
+
+Haben Sie indessen meinen Antrag überschlafen, Missis Adams?
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+(unruhig nach der Tür schauend, hastig und verschämt).
+
+Es kann nicht sein, Mister Fletcher. Mylord ist ein so
+verschworener Feind von allem Heiraten, daß ich mir's
+zeitlebens mit ihm verderben würde.
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+(bekümmert)
+
+Sehr unrecht von Seiner Herrlichkeit.
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+(vertraulich flüsternd)
+
+Sie wissen ja, er hat Malheur gehabt. Mylady ist ihm nach
+der Geburt von Sir Francis mit einem Schmugglerkapitän
+durchgebrannt und in der irischen See ertrunken.
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+Wie Sie mich hier sehen, Missis Adams, bin ich ein Mann mit
+einem geregelten Einkommen von zweihundertvierzig Pfund.
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+Sie brechen mir das Herz, Mister Fletcher. Ich bin so
+attachiert an Easton Park.
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+Und sonst, Missis Adams, wenn ich auch den Kahlkopf nicht
+ableugnen kann, wer will meine Stattlichkeit bezweifeln?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(tritt mit allen Zeichen eines überstandenen Schreckens in
+die Halle, schaut sich ängstlich um, kommt dann auf die
+Szene. Unterm Arm trägt er die Aktentasche. Tracht der Zeit.
+Quäkerhut)
+
+Guten Morgen! (Legt den Hut ab, wischt den Schweiß von der
+Stirn.)
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+Ist Ihnen etwas Schlimmes widerfahren, Mister Dashwood?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Es muß der leibhaftige Satan gewesen sein, -- Gott sei mir
+gnädig.
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+Was denn? wo denn?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(Atem schöpfend)
+
+Während ich durch den Hohlweg reite ... Sie kennen ja diesen
+Hohlweg, Ma'am ... er ist so schmal, daß zwei Fußgänger
+einander nicht ausweichen können ... ach, das Entsetzen ist
+mir in alle Glieder gefahren.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(kommt nervös wie ein Mann, der nicht weiß, wo er zuerst
+Hand anlegen soll)
+
+Es steht wirklich verzweifelt mit dem alten Esel. Mister
+Fletcher, die Uhr in den Dienerwohnungen muß noch reguliert
+werden. Mylord erwartet Sie um elf Uhr, Mister Dashwood.
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+(der an Mister Dashwoods Erregung keinen Anteil nimmt)
+
+In unserer zarten Angelegenheit werde ich zu passenderer
+Stunde wieder anfragen, Missis Adams. (Da sie ihn
+schmachtend anschaut.) Ach, dieser Blick! -- (Wirft ihr eine
+Kußhand zu. Ab.)
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+(zum Majordom)
+
+Mister Dashwood hat etwas Gräßliches erlebt -- -- --
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Ich reite also durch den Hohlweg, und hinter mir her, auf
+einem kohlschwarzen Roß, ein Bursche mit flatternden
+schwarzen Haaren. Immer mir nach ... immer auf meinen
+Fersen, im vollen Galopp! Ich treibe mein Tier zur Eile an
+... er, mit höhnischem Geschrei, tut dasselbe. Ich glaube
+nicht fehl zu gehen, wenn ich vermute, daß es ein Räuber
+war.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Am hellen, lichten Tag?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Ein blut- und mordgieriger Geselle.
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+Da möchte ich nicht an Ihrem Platz gewesen sein, Mister
+Dashwood.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Ich pflege sonst nie ohne Pistole auszugehen. Weiß man doch
+nicht, was einem zustoßen wird. Mein Freund, Mister Sparre,
+-- Sie kennen doch Mister Sparre, Ma'am? -- ist neulich in
+Pall Mall von einem wütenden Hund gebissen worden. Es ist
+nichts Seltenes, daß jemand inmitten der Ausübung seiner
+Amtsgeschäfte von einem jähen Tod ereilt wurde. Solche
+Katastrophen treten gewöhnlich dann ein, wenn sich der
+kurzsichtige Mensch auf dem Gipfel seines Glücks befindet
+und geneigt ist, sich der wohlverdienten Ruhe hinzugeben.
+(Er erblickt Emma Lyon, die, mit der Reitpeitsche in der
+Hand, in die Halle tritt; sehr erregt.) Da ist er, Ma'am! Da
+ist er, Mister Wardle! Schützen Sie mich! Er verfolgt mich
+bis hieher! Rufen Sie die Diener zusammen!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(hat sich in der Halle verwundert umgeschaut und kommt nun
+auf die Szene. Sie ist als junger Mann im Reitkostüm
+gekleidet. Ihre brünetten Haare quellen unter dem Hut über
+das schöne, von schnellem Ritt erglühte Gesicht).
+
+
+_Der Majordom_
+
+(auf sie zutretend)
+
+Womit kann ich dienen, Sir?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(gebieterisch)
+
+Lassen Sie mein Pferd versorgen. Ich weiß nicht, ob der
+Mensch, dem ich es übergeben habe, sich damit auskennt. Was
+ist denn das für ein Betrunkener draußen, um den sie alle
+herumstehen?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Der Herr beschütze uns vor dem Übel ... Erst neulich habe
+ich in der Zeitung gelesen, daß der berüchtigte Thomas Field
+frecherweise in den Palast des Herzogs von York gedrungen
+ist.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Wen darf ich melden, Sir?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Mister Rippledale aus London. Benachrichtigen Sie zuerst Sir
+Francis.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(argwöhnisch)
+
+Mister Rippledale --?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Ein falscher Name. Ohne Zweifel ein falscher Name.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Was murmelt der Dicke dort? Ei, sind Sie es, Sir, der auf
+einem Ding, mehr Ochse als Gaul, beständig vor mir
+hergetrabt ist? Ein andermal machen Sie Platz, wenn einer
+hinter Ihnen ist, der Eile hat.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(demütig stotternd)
+
+Es ... ich ... der Weg war so schmal ... (Abgewendet.) Die
+Sprache! Er muß eine ganze Bande im Rücken haben.
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+(leise zum Majordom)
+
+Ich lasse mich hängen, wenn das kein Frauenzimmer ist.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Sir Francis kommt erst von der Jagd zurück, Sir.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Dann führen Sie mich einstweilen in seine Zimmer.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Schau, schau, wie schlau! Und doch, wie wenig schlau. Wie
+tollkühn vielmehr.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(kommt eilig. Ein junger Mann von zwei- bis dreiundzwanzig
+Jahren mit hübscher Gestalt und hübschem Gesicht. Er trägt
+einen roten Jagdreitrock, manchesterne Reithosen und lange
+Stiefel mit weiten Schäften. Mit allen Zeichen der
+Bestürzung.) Um Gottes willen, du hier, E -- --
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(ist schnell auf ihn zugegangen, drückt die Hand auf seinen
+Mund)
+
+Ja, ich bin's. Bist du nicht froh, deinen alten Rippledale
+hier zu sehen?
+
+
+_Sir Francis_
+
+Ich sah dein Pferd draußen. Ich erkannte es gleich. Aber -- --
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wundre dich nicht länger. Jede Frage ist überflüssig.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Mein Vater -- --
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Mit ihm zu reden bin ich gekommen. Ich bin von Suffolk
+herübergeritten, wo ich übernachtet habe und wo meine
+Freunde geblieben sind.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(noch immer fassungslos)
+
+Du kannst ihm doch nicht in diesem Aufzug unter die Augen
+treten -- --
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Auch dafür ist gesorgt. Ich habe Mary mit den Kleidern
+vorausgeschickt.
+
+
+_Ein Diener_
+
+(kommt)
+
+Es ist ein Frauenzimmer da mit einer Schachtel für Mister
+Rippledale.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Also rasch, mein Lieber, bring mich in ein Zimmer, wo ich
+mich herrichten kann. (Sie wendet sich gegen die Halle, in
+der jetzt der betrunkene James erscheint, von einigen
+männlichen und weiblichen Dienstboten umgeben, die ihn zu
+verhindern suchen, ins Zimmer zu dringen.)
+
+
+_Sir Francis_
+
+(Emma folgend und in sie hineinredend)
+
+Es ist sinnlos, sage ich dir. Bei ihm erreichst du nichts
+damit.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wir werden sehen, jedenfalls ist deine Angst vor ihm
+lustiger als du meinst. Ich liebe nicht, daß man hinter
+meinem Rücken über mich verfügt, und ich bin neugierig, wie
+er es macht, wenn ich dabei bin. (Sie geht ab.)
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Das Geheimnis wird immer undurchdringlicher.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(bleibt auf der Schwelle stehen, zum Majordom gewandt und
+auf die Gruppe um James deutend)
+
+Was ist das, Mister Wardle?
+
+
+_Der Majordom_
+
+Ich weiß nicht mehr, was ich anfangen soll, Sir Francis.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Schaffen Sie ihn hinaus. -- Wenn mein Vater nach mir fragt,
+sagen Sie ihm, ich sei noch nicht zurück. (Ratlos vor sich
+hin.) Mein Gott! (Ab.)
+
+
+_James_
+
+(in der Halle)
+
+Die Welt ist kugelrund ... drum will ich mich vergnügen ...
+sauft nur in vollen Zügen ... dann bleibt ihr auch gesund
+... (Erblickt Sir Francis.) Sir Francis! oh, Sir Francis!
+Armer Sir Francis!
+
+
+_Sir Francis_
+
+(bleibt einen Moment draußen stehen, winkt dem Betrunkenen
+verwirrt zu, dann weiter und nach rechts ab).
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+(stürzt gegen die Schwelle, da James trotz der Diener, die
+ihn zurückhalten, sich dem Zimmer nähert)
+
+Nicht hier herein!
+
+
+_Der Majordom_
+
+Nehmen Sie doch Vernunft an, James! Sie kommen ja von Dienst
+und Brot, wenn Mylord --
+
+
+_James_
+
+Und wär die Welt nicht kugelrund ... (Er kämpft mit denen,
+die ihn halten, dringt aber dabei immer weiter vor.)
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Die Überwucherung der tierischen Natur kann Übeltaten im
+Gefolge haben, deren Tragweite sich gar nicht ermessen läßt.
+Für den Zuschauer ist dabei das Gedächtnis ein quälender
+Faktor. Ich erinnere mich eines Tuchwebers, der in der
+Trunkenheit seine eigene Großmutter erdrosselte. (Er
+verbeugt sich tief, da von rechts der Lord und Doktor
+Middlewater eintreten.)
+
+_Lord Hamilton_ ist eine Erscheinung von imposanter
+Magerkeit. Sein Gesicht hat den Ausdruck dürren Ernstes.
+Ihm zu widersprechen, scheint wahnsinnig. Doktor
+Middlewater, ein Landarzt, hat seinen Vorteil darin zu
+finden gelernt, dem Lord nach dem Mund zu reden.
+
+
+_Doktor Middlewater_
+
+Man kann mit einem solchen Leiden neunzig Jahre alt werden,
+Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich hoffe es. Im Übrigen ist mein Körper dazu da, um mir zu
+dienen, so lange ich ihn brauche.
+
+
+_James_
+
+Und wär die Welt nicht kugelrund ... so müßt ich mich
+erhängen ... (Er stockt, da der Lord erstaunt auf die Gruppe
+zugeht.)
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Was bedeutet das, Mister Wardle?
+
+
+_Der Majordom_
+
+Wir haben alles mögliche versucht, den Mann zur Besinnung zu
+bringen, Mylord.
+
+
+_James_
+
+Eure Herrlichkeit mögen verzeihen ... ich bin ein
+sterblicher Mensch ... ich ... (Er zuckt unter dem Blick
+seines Herrn zusammen, schweigt, bemüht sich, fest zu
+stehen.)
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(überlegt eine Weile; plötzlich nimmt sein Gesicht die Miene
+der Besorgnis an)
+
+Doktor Middlewater, der Mann ist krank.
+
+
+_Doktor Middlewater_
+
+(kichert, nach einem Blick des Lords faßt er sich)
+
+Es scheint mir selber so, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(strafend)
+
+Fühlen Sie ihm den Puls, Doktor Middlewater.
+
+
+_Doktor Middlewater_
+
+(tut es; James fügt sich wie gebannt).
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Der Mann hat Fieber, Doktor Middlewater. Der Mann hat hohes
+Fieber.
+
+
+_Doktor Middlewater_
+
+(eifrig)
+
+Ohne Zweifel, Mylord. Der Mann hat beträchtliches Fieber.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Mister Wardle, Sie werden veranlassen, daß der Mann zu Bett
+gebracht werde.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Du hörst es, James --!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Vorher übergieße man ihn mit zwei Eimern kalten Wassers.
+Gegen das Fieber.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Soll geschehen, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Hierauf werden Sie ihm zur Ader lassen, Doktor Middlewater.
+Zwei Unzen des kranken Bluts können Sie ihm gut und gern
+entziehen, nicht wahr, Doktor Middlewater?
+
+
+_Doktor Middlewater_
+
+Ich bewundere die Sachkenntnis Eurer Herrlichkeit.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sodann belegen Sie ihm Brust und Rücken mit Senfpflastern,
+und Sie, Missis Adams, sorgen dafür, daß ein stark
+purgierender Tee für ihn gekocht werde. (Missis Adams ab.)
+
+
+_Doktor Middlewater_
+
+Es fragt sich allerdings, ob bei diesen Jahren eine so
+vehemente Kur -- --
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(ohne den Einwurf zu beachten; streng)
+
+Daß du dich widerspruchslos diesen Verordnungen fügst,
+James! Du bist todkrank, hörst du? Und das eine merk dir für
+die Zukunft: Kein solches -- Fieber mehr! Hinaus mit ihm!
+Doktor Middlewater, tun Sie Ihre Pflicht. (Die Diener führen
+den schon halb ernüchterten und widerstandslosen James ab.
+Der Doktor folgt ihnen.) Nun zu unserem Geschäft, Mister
+Dashwood. (Zum Majordom.) Sir Francis soll kommen.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Sir Francis ist von der Jagd noch nicht zurück.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Wie viel Uhr ist es?
+
+
+_Der Majordom_
+
+(mit Blick auf die Wanduhr)
+
+Elf Uhr, neun Minuten.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Unmöglich.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(ängstlich)
+
+Mister Fletcher hat soeben die Uhr reguliert, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(ruhig)
+
+Da Sir Francis für elf Uhr bestellt ist, kann es jetzt
+unmöglich elf Uhr neun sein, Mister Wardle.
+
+
+_Der Marjordom_
+
+(blöde; weiß nichts zu antworten).
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(mit der Taschenuhr in der Hand)
+
+Es ist zehn Uhr fünfzig Minuten. Stellen Sie den Zeiger dort
+gefälligst zurück, Mister Wardle.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(rückt einen Stuhl vor die Uhr, steigt hinauf, vollzieht den
+Befehl, dann kopfschüttelnd ab).
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(schüchtern)
+
+Ich glaube Sir Francis schon hier gesehen zu haben, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sprechen wir nicht von Ihren privaten Wahrnehmungen, Mister
+Dashwood. Es ist für mich kein Anlaß vorhanden, über Ihre
+Sinnestäuschungen zu diskutieren. »Ich glaube« heißt so
+viel, als »ich schwätze«.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(verletzt)
+
+Ohne daß ich dieser großartigen Auffassung zu nahe treten
+will, lassen sich doch Fälle denken, wo die Bestimmtheit der
+Angaben einer notgedrungenen Philosophie zuwiderläuft. Die
+Kleinen müssen politisch sein, wo die Großen ihrem Impulse
+gehorchen. Lord Gordon durfte eine Revolution anzetteln und
+behielt seinen Kopf, aber der arme Snatch kam an den
+Galgen. Was würde Eure Lordschaft sagen, wenn ich mich
+unterstehen wollte, im Schlafrock vor Ihnen zu erscheinen?
+Ich bitte um Entschuldigung, es ist dies nur vergleichsweise
+gesprochen: ich meine im Schlafrock der Rede.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(auf und ab gehend; ungeduldig)
+
+Schwätzer waren immer meine Feinde. Ich wünsche nicht, daß
+man in Gleichnissen zu mir spricht. Das sind
+Vertraulichkeiten, die ich nicht liebe. Sie wissen, weshalb
+ich Sie rufen ließ, Mister Dashwood. Das ungeheuerliche
+Heiratsprojekt meines Sohnes zwingt mich zu einem solchen
+schweren Schritt.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Das Gesetz legt Ihnen nur geringe Hindernisse in den Weg,
+Mylord. Es ist ein erhebendes Gefühl für den Staatsbürger,
+daß die Wagschale der Justitia sich stets auf die Seite der
+Autorität neigt.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich habe inzwischen durch meinen Londoner Mittelsmann genaue
+Nachrichten über die fragwürdige Person dieser Emma Lyon
+einziehen lassen. Die Nachrichten bestätigen meine
+schlimmsten Ahnungen, und wenn Sir Francis, was sich in
+dieser Stunde noch entscheiden wird, auf seinem Vorsatz
+beharrt, werde ich keinen Sohn mehr haben.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Es wird nicht an mir liegen, wenn die Inkraftsetzung der
+vermögensrechtlichen Maßregel einen langsameren Gang nimmt,
+als der Heroismus wünschbar macht, den ich an Eurer
+Herrlichkeit ehrfürchtig erkenne.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(nimmt den Brief aus der Tasche)
+
+Es wird sich zeigen.
+
+
+_Ein Diener_
+
+(meldet)
+
+Sir Francis. (Ab.)
+
+
+_Sir Francis_
+
+(schuldbewußt)
+
+Ich bitte Sie um Verzeihung, Vater, daß ich mich verspätet
+habe.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Nicht daß ich wüßte. Wie du siehst, ist es elf Uhr. Punkt
+elf Uhr.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Wirklich? -- Dann muß meine Uhr falsch gehen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Das leidet keinen Zweifel. Die Unterredung, zu der ich dich
+gebeten habe, könnte auch nicht wie ein Rendez-vous zwischen
+Kartenspielern behandelt werden.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(unruhig, mit Blick auf den Notar)
+
+Ich darf doch hoffen, daß eine solche Zwiesprache unter vier
+Augen ...
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Mister Dashwood ist Amtsperson und hat als solche weder zu
+hören noch zu sehen. Betrachte ihn als abwesend.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(resigniert)
+
+Wie Sie befehlen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Du hast mir gestern eine Art von Entschluß brieflich
+kundgegeben. Abgesehen davon, daß ich die Zulässigkeit eines
+schriftlichen Verkehrs zwischen uns niemals in Erwägung
+gezogen habe, kann ich mir auch den ... nun, sagen wir, den
+Mut deiner Ausdrucksweise nur durch den Gebrauch von Tinte
+und Feder erklären. Ein Hamilton spricht höchstens, aber er
+schreibt nicht.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(schnupft; vor sich hin)
+
+Ein Diktum von antiker Größe.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Wenn Sie Emma kennten, Vater -- --
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Emma? Was ist das, -- Emma --? Du unterstehst dich, mit
+sonderbarer Intimität einen Namen zu nennen, der für mich
+nicht mehr bedeutet als der Straßenschmutz.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(aufwallend)
+
+Durch eine solche Sprache empören Sie alle meine Gefühle!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(kalt)
+
+Ich statuiere deine Gefühle nicht, mein Sohn. Gefühle sind
+der Luxus der Unbotmäßigen.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Herrlich! Unvergleichlich! Wie sagt Hamlet: Schreibtafel
+her.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(wütend)
+
+Könnte jener Mann nicht schweigen, da er doch -- abwesend
+ist?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Wir wollen zunächst den Tatbestand ordnungsmäßig darlegen.
+(Setzt sich in richterliche Pose.) Mister Dashwood, seien
+Sie so freundlich, den Bericht über die Vergangenheit der in
+Rede stehenden Personage vorzulesen. Meine Zunge sträubt
+sich dagegen. (Reicht das Schriftstück hinüber.)
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(liest)
+
+Besagte Emma Lyon ist von der niedrigsten Herkunft. Man weiß
+weder die Zeit noch den Ort ihrer Geburt anzugeben. Zuerst
+war sie Gouvernante, dann ergab sie sich einem schändlichen
+Gewerbe. Sie durchlief die Straßen von London; auf den
+Trottoirs der unermeßlichen Hauptstadt irrte sie obdachlos
+umher und sank zur tiefsten Erniedrigung ihres Geschlechtes
+herab.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Dies ist eine Verleumdung!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Es würde wenig Konsequenz, selbst in der Verranntheit,
+beweisen, wenn dich meine Ermittlungen sogleich überzeugen
+würden. Ein Umstand, der freilich ihrer Triftigkeit nichts
+anhaben kann. Fahren Sie fort, Mister Dashwood.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(in weinerlichem Ton)
+
+-- Geschlechtes herab. Da traf sie einen schottischen
+Scharlatan, der sich Doktor Graham nennen ließ und der einen
+sogenannten Tempel der Gesundheit mit einem sogenannten
+himmlischen Bett eingerichtet hatte. Wer für die Nacht
+fünfzig Pfund bezahlte, durfte sich in das mit Gold und
+Seide geschmückte Bett legen und erhielt angeblich die
+verlorenen Kräfte der Liebe und der Männlichkeit zurück.
+
+
+_Sir Francis_
+
+So viel ist richtig, daß Doktor Graham Emmas Wohltäter war.
+Es ist richtig, daß sie Not litt und an dem Schotten einen
+väterlichen Beschützer fand.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich gebe zu, daß du ein guter Schütze und ein
+ausgezeichneter Schwimmer bist, aber dein Verhältnis zur
+Welt ist ein wahrhaft kindliches.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Übrigens ist sogar der Lord Schatzkanzler in dem himmlischen
+Bett gelegen.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(für sich)
+
+Bejammernswerte Verirrung des Menschengeistes!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Fahren Sie fort, Mister Dashwood. Sie würden mich verbinden,
+wenn Sie die persönlichen Äußerungen Ihrer sittlichen
+Entrüstung einstellen könnten.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+-- der Liebe und der Männlichkeit zurück. Doktor Graham
+verfiel auf den Gedanken -- (stockt, zieht das Taschentuch,
+wischt die Stirne.) Mylord, es fällt mir schwer ...
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Überwinden Sie sich, Mister Dashwood.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+-- verfiel auf den Gedanken, Emma Lyon völlig ... völlig
+unbekleidet ...
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(scharf)
+
+Steht da »unbekleidet«, Mister Dashwood?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(trostlos)
+
+Nackt. Völlig nackt!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(erhebt sich)
+
+So ist es. Völlig nackt. Das ist der Gipfelpunkt.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+-- oder kaum bedeckt mit einem Schleier ...
+
+
+_Sir Francis_
+
+(seine Position mit ungenügenden Mitteln stützend)
+
+Also doch mit einem Schleier bedeckt --
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(stark)
+
+Kaum! -- kaum!
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Der Herr bewahre mich in seiner Huld und Gnade vor diesem
+Sodom!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Er verfiel also auf den Gedanken, besagte Emma Lyon völlig
+nackt, oder --
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(mit erbarmenswürdiger Stimme)
+
+-- kaum bedeckt mit einem Schleier unter dem Namen der Göttin
+Hygäa in das Vorzimmer zu dem himmlischen Bett zu postieren
+und sie für Geld sehen zu lassen ... Neugierige strömten nun
+in Massen herbei, um vor dem Altar der Göttin ihren Tribut
+niederzulegen und bald sah man überall unanständige
+Kupferstiche der neuen mythologischen Person, Bilder, worauf
+sie als Venus, als Phryne, als Olympia, als Kleopatra
+abkonterfeiet war.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich danke; damit ist es genug. Wir brauchen uns keine Mühe
+mehr zu geben, den Pfuhl weiter auszumalen. Ob du von
+alledem unterrichtet warst, lasse ich dahingestellt. Ich
+frage mich nur, wie es möglich war, daß du eine Verbindung
+mit diesem Auswurf des Lasters auch nur in Betracht ziehen
+konntest ...
+
+
+_Sir Francis_
+
+(verzagt)
+
+Ich liebe sie.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Einfältiges Zeug!
+
+
+_Sir Francis_
+
+Wenn Sie auch nicht Rechte der Leidenschaft anerkennen,
+Vater --
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Lüderliche Phantasien! Ich hörte einmal einen Münzensammler
+sagen, daß er seine Münzen liebe. Das hatte wohl eher einen
+Sinn. Man habe keine Leidenschaften unter der Würde des
+eigenen Standes. Und wenn man sie hat, so verberge man sie
+wie ein unappetitliches Geschwür. Wo in aller Welt ist es
+erhört, daß man aus einer »Leidenschaft« die Folgerung zu
+heiraten ableitet?
+
+
+_Sir Francis_
+
+Erfüllen Sie mir eine einzige Bitte, mein Vater, ehe Sie
+sich endgültig entschließen ...
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Nun?
+
+
+_Sir Francis_
+
+Sprechen Sie mit Emma Lyon!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(voll Verachtung)
+
+Du bist ebenso verrückt als vermessen.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(mit stoischer Gleichgültigkeit, da er keine Hoffnung mehr
+hat)
+
+Sie ist hier im Hause und will nicht eher fort als bis sie
+mit Ihnen gesprochen hat.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(starr und steif)
+
+Wie --?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Jesus Christus steh mir bei!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(tritt, in weiblicher Kleidung, draußen in die Halle).
+
+
+_Der Majordom_
+
+(geht auf sie zu, sie spricht mit ihm, er kommt und meldet
+mit dummem Gesicht)
+
+Mister Theseus Rippledale bittet vorgelassen zu werden.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich kenne keinen Mister Theseus Rippledale. Bedaure.
+(Majordom ab.)
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(am Majordom vorüber, tritt frech ein. Ihr Kostüm ist im
+Stil des Direktoire gehalten; es ist äußerst geschmackvoll
+und bringt die Formen des Körpers verführerisch zur Geltung)
+
+Guten Morgen, Mylord. Mister Rippledale und Emma Lyon sind
+nämlich ein und dieselbe Person.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(mit gefalteten Händen vor sich hin)
+
+Lockbild der Hölle!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ich konnte doch den armen Schelm nicht ganz ohne Beistand
+dem Sturm des väterlichen Unwillens preisgeben. Im
+Wortgefecht ist er leider nicht sehr gewandt. Auch muß man
+ihn bisweilen an der Leine halten wie einen unbesonnenen
+jungen Hund.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(schweigt angeekelt).
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(unbekümmert weiterplaudernd)
+
+Sie als Vater können freilich nicht so viel Possierliches
+an ihm finden wie ich. Er hat sich in letzter Zeit zu seinem
+Vorteil entwickelt, aber als ich ihn kennen lernte, konnte
+er durch die Art, wie er ein Kompliment machte, eine
+Methodistenversammlung zum Lachen bringen und seine
+Konversation hätte einen Holzhacker in Verlegenheit
+gebracht. Es hat Mühe gekostet, ihm eine passable Figur zu
+geben. Sie haben seine Erziehung entschieden vernachlässigt,
+Mylord.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(entsetzt flüsternd)
+
+Ein Dämon!
+
+
+_Sir Francis_
+
+(zerknirscht und vorwurfsvoll)
+
+Emma --!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(schweigt, schaut gegen die Zimmerdecke).
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(wie oben)
+
+Was Wunder, daß ich mit dem Vorurteil herkam, ein
+unwirtliches Waldhaus und in ihm einen bissigen
+Menschenfeind zu finden? Francis hat nur mit Zähneklappern
+von seinem väterlichen Heim gesprochen, und da endlich sagte
+ich mir: den Minotaurus will ich sehen. Vielleicht ist er
+gar nicht so fürchterlich. In der Tat er ist nicht
+fürchterlich. Auch mutet mich alles hier ganz behaglich an,
+und die Theseus-Rolle kommt mir fast schon komisch vor. (Zu
+Sir Francis.) Was meinst du, liebe Ariadne?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Diese Vertrautheit mit der Mythologie ist nicht groß
+erstaunlich.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(ergreift die Handglocke, läutet energisch. Ein Diener
+kommt)
+
+Mister Rippledale wünscht seinen Wagen. Lassen Sie
+vorfahren!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Mister Rippledale ist zu Pferde gekommen, Mylord. (Sie ist
+durchaus nicht aus der Fassung gebracht, spricht, als ob ein
+unsichtbarer Rippledale vor ihr stände.) Sie wollen schon
+gehen, Mister Rippledale? Schade. Aber ich sehe ein, daß Sie
+sich nicht zweimal mit dem Zaunpfahl winken lassen wollen.
+Ich wünsche Ihnen gute Reise. (Schüttelt dem Unsichtbaren
+die Hand.) Sei so freundlich, Francis, und begleite Mister
+Rippledale hinaus. (Da Sir Francis sie zögernd anschaut, mit
+einem befehlenden und vielsagenden Blick.) Hurtig, mein
+Lieber! Mister Rippledale ist nicht gewöhnt, unhöflich
+behandelt zu werden. (Zu Mr. Dashwood.) Und Sie, mein
+dicker Reitersmann, Sie würden gut daran tun, wenn Sie
+draußen die Identität meines Freundes Rippledale feststellen
+würden. Nehmen Sie ihn in ein Kreuzverhör und lassen Sie
+sich eine kleine Magenstärkung reichen. (Zum Diener, der mit
+aufgerissenen Augen wartet.) Ein Glas Sherry für den Herrn!
+Er bedarf der Kräftigung.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(erhebt sich, starrt den Lord ratlos an, weicht vor der
+Berührung Emma Lyons zurück, die ihn unterm Arm fassen will,
+und da der Lord wie versteinert ist und keine Miene macht zu
+sprechen, geht er in weitem Bogen ängstlich um sie herum
+nach der Tür, wo ihm Sir Francis durch eine mürrische Geste
+bedeutet, daß er gehen solle. Er schlägt die Hände zusammen,
+als sei der Untergang der Welt angebrochen, und verläßt das
+Zimmer. Der Diener folgt ihm, dann, nach kurzem Zaudern und
+unter allerlei Versuchen, stumm mit Emma Lyon zu
+korrespondieren, auch Sir Francis).
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(schließt die Türe zur Halle hinter ihnen)
+
+Auf Wiedersehen, lieber Rippledale! (Öffnet noch einmal die
+Tür und winkt.) Addio! (Kehrt zurück.) Darf ich jetzt von
+Ihrer Einladung, Platz zu nehmen, Gebrauch machen, Mylord?
+(Sie setzt sich, lächelt gewinnend.)
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(ist vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben vollkommen
+konsterniert. Er greift sich wie träumend an den Kopf. Seine
+Stimme klingt heiser, während er stotternd beginnt)
+
+Wer sind Sie? Wer gibt Ihnen das Recht, vermittelst einer
+schamlosen Komödie in mein Haus zu dringen?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(blickt ihn mit unschuldiger Miene lächelnd an, winkt, als
+ob sie ihn ermuntern wolle).
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(immer noch mühsam nach Worten ringend, wobei er sich
+bestrebt, das junge, schöne Geschöpf nicht zu sehen)
+
+Sie erteilen Befehle an meine Dienerschaft. Ich erkläre
+diese Befehle für ungültig.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(harmlos)
+
+Das dacht ich mir gleich.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sie haben mich überfallen, aber ich weigere mich, mit Ihnen
+zu sprechen. Ich fordere Sie auf, Sir Francis und Mister
+Dashwood wieder hereinzurufen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Daß ich eine Närrin wäre! Es hat Arbeit genug gekostet, sie
+hinauszubringen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich kenne Sie nicht, ich -- --
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Tut nichts, Mylord. Es ist ja der Zweck meiner Anwesenheit,
+daß Sie mich kennen lernen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ihre Gegenwart ist mir unerwünscht, und wenn Sie nicht gehen
+wollen, so werde ich einem meiner Diener befehlen müssen,
+Sie hinauszubegleiten.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ah? wirklich? würden Sie das wirklich tun?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(nimmt die Handglocke, läutet).
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(fast fröhlich)
+
+Ich bin gespannt, ob Sie dazu den Mut finden werden.
+
+
+_Ein Diener_
+
+(kommt)
+
+Mylord befehlen?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(heftet plötzlich einen etwas verzagten Blick auf Emma Lyon;
+er zaudert).
+
+
+_Der Majordom_
+
+(kommt)
+
+Mylord befehlen?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(lächelnd)
+
+Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Gentleman sich auf
+diese Weise einer Dame entledigt.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(zum Majordom, gepreßt)
+
+Sagen Sie Mister Dashwood, er möge warten. (Winkt den
+beiden, das Zimmer zu verlassen.)
+
+
+_Der Majordom_
+
+Sehr wohl. (Ab mit dem Diener.)
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Jetzt bleibt Ihnen nichts übrig, als daß Sie selbst die
+Flucht ergreifen, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(bleibt unwillkürlich stehen)
+
+Ich fliehe nicht, ich ignoriere bloß.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Aber Sie haben mich doch nicht ignoriert, als Sie Spione auf
+meine Spur geschickt haben, die meine Vergangenheit
+durchschnüffeln mußten, -- wie kommt das?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Es geschah für die Ehre der Familie.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Und sind Sie überzeugt davon, daß man Ihnen die Wahrheit
+berichtet hat?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Man hatte keinen Grund zu Entstellungen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+So war es nicht gemeint. Ich bezweifle nur, daß man imstande
+gewesen ist, Ihnen die _ganze_ Wahrheit zu enthüllen.
+Vielleicht hätten Sie dann eine Kompagnie Soldaten
+aufgeboten, um Sir Francis' Unschuld vor mir zu schützen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Dieser Zynismus entwaffnet mich nicht. (Finster.) Sagen Sie
+in aller Kürze, was Sie noch zu sagen haben. Ich will
+versuchen, Sie anzuhören, um mich nicht dem Vorwurf
+auszusetzen, als ob ich ungehört verdammte.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Warum sollten Sie mich denn verdammen, Mylord? Ist es etwa
+nicht erlaubt, daß einer von dem Kapital lebt, das er
+besitzt? Ziehen Sie nicht mit Hilfe Ihrer Pächter aus Ihren
+Ländereien so viel Gewinn, wie Sie daraus ziehen können? Sie
+würden lachen, obwohl Sie vermutlich ungern lachen, wenn
+ich Sie bitten würde, mir eine Wiese oder ein Stück Wald zu
+schenken. Warum also sollte ich mich verschenken? Ich habe
+nur mich selbst. Ich beleidige Ihr keusches Ohr, ich weiß
+es. Es gibt keinen Kiebitz, der nicht die Tugend preist. O
+ja, die Tugend ist eine ganz schöne Sache, wenn das
+Lebensspiel sie nicht als Einsatz fordert. Wenn mir das
+Schicksal die Versprechungen erfüllt, die ich ihm abgerungen
+habe, will ich so tugendhaft sein wie ein zahnloses altes
+Weib. Bis dahin kann mich nicht einmal Ihre Verachtung
+hindern, meine -- Wälder und Ländereien zinstragend zu
+verwerten.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(begegnet endlich ihrem Blick, wendet jedoch sofort wieder
+die Augen ab. Die schlaue Emma Lyon bemerkt, daß er nicht
+mehr daran denkt, sie durch Hinausgehen zu brüskieren. Diese
+Sicherheit gibt ihr noch mehr Impertinenz. Der Lord zieht
+die Brauen zusammen und versetzt widerwillig)
+
+Das alles interessiert mich nicht. Auch sehe ich keinen
+plausiblen Grund darin, weshalb Sie Ihre Netze gerade nach
+meinem Sohn werfen mußten.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Na, einer muß es doch sein.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Die vernünftige Erwägung muß Ihnen sagen, daß diese
+Spekulation verfehlt ist.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Keineswegs. Weshalb denn? Was können Sie ihm anhaben? Sie
+werden ihn aufs Trockene setzen. Gut. Sie werden ihn des
+baren Geldes berauben, mehr ist Ihnen nach den Gesetzen
+unseres Landes nicht verstattet. Grund und Boden muß er
+erben. Sie sehen, auch ich habe mich unterrichtet.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Francis ist nicht der Mann, um einer Torheit willen zwanzig
+Jahre lang zu hungern. Denn so lange gedenke ich mindestens
+noch auf Easton Park zu wohnen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Das glaub ich. Aus lauter Trotz werden Sie am Ende hundert
+Jahre alt. Aber auf die Dauer können Sie nicht so verblendet
+sein, der friedlichen Fortpflanzung Ihres Geschlechts
+unnötige Hindernisse zu bereiten.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sie irren.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Lady Hamilton sein werde,
+-- so oder so.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(kalt)
+
+Dann werde ich Ihnen beweisen müssen, daß es noch Mittel in
+England gibt gegen Abenteuerinnen Ihres Schlags.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Nein, Mylord, die gibt es nicht. Und wissen Sie, warum
+nicht? Weil in England Männer regieren.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ja, glauben Sie denn im Ernst, daß Ihnen kein Mann im
+Königreich gewachsen ist?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ach, Mylord, Sie tun mir leid! Sie ahnen nicht, wie sie alle
+schmelzen, wie die stolzesten Hähne klein werden und sich
+die Federn putzen und wie gefällig sie mit den Füßen
+scharren und wie einladend sie krähen, wenn ich bloß am
+Horizont auftauche. Neulich hatte ich in Kings bench zu tun;
+na, da war ein Richter, -- ich kann Ihnen sagen, sein Gesicht
+war saurer als Essig, und er hatte eine Art dreinzublicken,
+als läge es in seiner Macht, die ganze Christenheit um einen
+Kopf kürzer zu machen. Ich war angeklagt, weil der Sohn des
+Lord Hervey idiotisch genug war, hunderttausend Pfund in
+meiner Gesellschaft zu verspielen, als ob es meines Amtes
+wäre, erst nachzufragen, wie lang ein Grünspecht vom
+Wickeltisch zum Pharaotisch sich Zeit lassen muß. Kaum hatte
+ich angefangen, mich zu verteidigen, kaum hatte ich mein
+seidenes Tuch gezogen, um meinen Tränen ein anständiges
+Quartier zu verschaffen, da zerging der Gestrenge schon wie
+Butter, er machte Zeichen mit den Händen, grinste wie ein
+Hökerweib am Feierabend und hatte Augen so lang wie ein
+Hummer, wenn man ihn ins heiße Wasser tut. Ich konnte nicht
+widerstehen, ich mußte ihn durch ein paar freundliche Worte
+aufmuntern.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(dem plötzlich unbehaglich wird)
+
+Ich bin nicht fähig, Ihrer Suada zu begegnen, Madame. Ich
+bekenne offen, daß ich ein schlechter Redner bin. Selbst das
+Zuhören ermüdet mich, und meine Gedanken schweifen haltlos
+umher. Haben Sie doch die Güte, mich jetzt allein zu lassen.
+Vielleicht erteilen Sie Mister Wardle Auftrag, daß er Ihnen
+den Lunch serviere, bevor Sie Easton Park den Rücken kehren.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wenn ich in Easton Park den Lunch nehme, Mylord, werde ich
+es entweder in Ihrer Gesellschaft oder gar nicht tun.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(setzt sich mit versorgtem Gesicht)
+
+Also wie soll das enden?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(mit versteckter Schelmerei)
+
+Ist Ihnen nicht wohl, Mylord? Sicherlich ist Ihnen nicht
+wohl. Es wäre grausam, wenn ich Sie jetzt allein ließe.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Es scheint, Sie treiben ein Spiel mit mir ...
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Gott bewahre. Dazu ist mein Respekt viel zu groß. Ich habe
+ein bißchen Revolution auszuführen versucht, das ist alles,
+aber Ihre Unerschütterlichkeit flößt mir Bewunderung ein.
+Mit Ihnen kann man nicht paktieren. Trotzdem schlage ich
+Ihnen ein Kompromiß vor. Überzeugen Sie mich davon, daß Ihr
+Geschlecht zu keiner Zeit und unter keiner Bedingung ein
+plebejisches Reis auf seinen erlauchten Stammbaum gepfropft
+hat, und ich will mich bescheiden. Ich gebe Sir Francis den
+Laufpaß, wenn Sie mir beweisen können, daß Ihre adeligen
+Vorfahren keinen andern Ehrgeiz gehabt haben, als eine
+fehlerlose Genealogie zu fabrizieren.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(in die Enge getrieben, vornehm)
+
+Wenn ich eine Erörterung hierüber für möglich hielte, würde
+ich die Fundamente untergraben, auf denen ich stehe.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Und damit soll ich mich zufrieden geben? Die Klatschbase,
+die man Geschichte nennt, behauptet ganz frech, daß hin und
+wieder eine ziemlich zweifelhafte Lady ins Ehebett eines
+leichtsinnigen Lords geschlüpft ist. Oder ist es Schwindel,
+daß Lord James eine arme irische Schauspielerin geheiratet
+hat? Sie soll freilich so schön gewesen sein, daß während
+ihrer Vorstellung bei Hof der Scharlach der Aristokratie auf
+Tische und Stühle stieg, um sie zu sehen. Douglas Hamilton
+vergaß sich so weit, die Tochter eines Akziskommissärs mit
+seiner Hand zu beglücken. Von einigen Ladies habe ich mir
+gar sagen lassen, daß sie mit Kutschern, Schreibern,
+Schmugglerkapitänen ...
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(nervös)
+
+Nicht weiter, Madame! Genug der Indiskretionen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Die Wahrheit wird immer beschimpft, wenn sie unbequem ist.
+Sehen Sie mich doch einmal an, Mylord! Kommt es Ihnen nicht
+so vor, als ob ein Frauenzimmer meiner Kategorie geeigneter
+wäre, die verdickten Ahnensäfte wieder zum Moussieren zu
+bringen, als irgend eine hochgeborene Kuh aus einem sublimen
+Stall --?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Stall --? Kuh --? Um Himmels willen, was für Worte!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ich habe jetzt nicht Lust, auf meine Worte zu achten. Sehen
+Sie mich an, sage ich.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(irritiert)
+
+Nun ja ... ja ... ich sehe.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Was finden Sie an meinem Wuchs zu tadeln?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(noch mehr irritiert)
+
+Ich habe ... offengestanden ... darüber kein Urteil.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wer verstände nicht zu tadeln, auch wenn er kein Urteil hat!
+So schauen Sie wenigstens. Was haben Sie an diesen Schultern
+auszusetzen? was an der Büste? Diese Linien (mit den
+Fingerspitzen an den Hüften entlang streifend) sind edler
+als jeder Name. Der Fuß, Mylord, (hebt ihr Kleid ein wenig)
+zeigen Sie mir einen aristokratischen Fuß, vor dem er sich
+verstecken müßte. Und der Nacken, -- (wendet sich) mißfällt
+er Ihnen? Die Haare, -- braucht man sich ihrer zu schämen?
+Die Hand, -- läßt sie auf eine schlechte Rasse schließen?
+Ohr, Nase, Stirn, Zähne, Lippen, -- vertragen sie nicht jede
+Kritik? Romney hat mich vierzehnmal porträtiert, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(bestürzt und im Anfangsstadium einer verhängnisvollen
+Narkose)
+
+Romney ... jawohl. Mister Romney ist ein Meister seines
+Handwerks. Er hat auch die Königin gemalt, wenn ich nicht
+irre ... Aber würden Sie nicht die Freundlichkeit haben, Miß
+Lyon, sich in größerer Entfernung von mir aufzuhalten? Ihr
+Parfüm ist es, glaube ich, das mich schwindlig macht.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(diebisch)
+
+Soll ich das Fenster öffnen, Mylord?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie mir ein Glas Wasser
+reichen wollten.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(tritt beflissen zum Tisch, schenkt aus einer Karaffe Wasser
+in ein Glas, bringt es ihm).
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich danke Ihnen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(nachsichtig)
+
+Sie sind an die Nähe von Frauen nicht mehr gewöhnt, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Durchaus nicht. -- Durchaus nicht.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Schade. Dabei vertrocknet das Temperament. Ist Ihnen besser?
+(Sie faßt seine Hand.) Die arme kalte Hand!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(scheu)
+
+Die Ihre freilich, Miß Lyon, die Ihre ist hinlänglich warm.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wie pedantisch! Hinlänglich warm! O Gott!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Es ist außerdem eine begehrliche Hand; sie ist allzu
+begehrlich.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wer nicht zehnmal so viel begehrt als ihm gewährt wird, der
+soll nicht zu leben anfangen. Weiter, Herr Chiromant? Was
+sehen Sie noch? Daß ich neugierig bin? Stimmt. Eitel?
+Stimmt. Treulos? Stimmt. Aber treulos machen uns nur die,
+die kraftlos sind.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Was ist das für eine Narbe hier neben dem Daumen?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Sie stammt von den Zähnen des Prinzen von Wales.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Wieso? Ist er bissig?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Er beißt aus Enthusiasmus. Aber er steht in meiner Schuld
+dadurch. Die Narbe ist unter Brüdern eine Einladung nach St.
+James wert.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Was doch alles geschieht! Sonderbar. Ich muß gestehen, ich
+fasse nicht die Existenz, die Sie führen. Da reiht sich wohl
+Fest an Fest und Genuß an Genuß, und für Genauigkeit und
+Regelmäßigkeit bleibt nichts mehr übrig. Und dabei kann man
+leben ... es macht wohl gar Spaß? Sonderbar. Eine sonderbare
+Welt!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Die zu beklagen ist, weil Sie sich von ihr fern halten,
+Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Keine Flatterien, Miß Lyon! Ich liebe nicht die Exaltationen
+des Vergnügens.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(heuchlerisch)
+
+Eigentlich haben Sie recht, Mylord. Es gibt nichts, was so
+anstrengend ist wie das Laster.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sehen Sie! Sehen Sie!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(versonnen)
+
+Oder vielleicht doch ... Ich glaube, daß die Tugend _noch_
+anstrengender ist.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Versuchen Sie es doch einmal ...
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Meinen Sie?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Fangen Sie damit an, daß Sie Ihre auf Sir Francis zielenden
+Absichten fallen lassen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Aha, Sie wollen schon ein Geschäft mit meiner Tugend
+machen. Das ist ja eben das Verdächtige an der Sache.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(steht auf)
+
+Im Ernst, Miß Lyon: -- Was kann Sie an dem Jüngling locken?
+Seine Geistesgaben, Sie müssen es selbst zugeben, sind
+keineswegs blendend. Er würde Sie langweilen, Sie würden ihn
+betrügen, und was wäre die Folge? Der Skandal in
+gesteigerter Häßlichkeit. Sie brauchen eine starke Hand.
+Einen reifen Mann brauchen Sie, der durch Erfahrung und
+Charakter befähigt ist, Ihrem ungebundenen Wesen Schranken
+zu setzen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(zerknirscht)
+
+Es ist wahr. Wenn Sie wüßten, Mylord, wie ich dieser jungen
+Leute satt bin, die ihre Leidenschaften mit so viel Lärm und
+Prätension zur Schau tragen! Ich sehne mich nach einem
+verschwiegenen und klugen Mann, so an der Grenze der
+Fünfzig, nach einem Mann, der nicht immer nur etwas haben
+will, sondern auch etwas gibt.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(erfreut)
+
+Nun also ...
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Würden Sie mir helfen?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich ... ja, gewiß ... Ich würde sehen, was sich tun läßt.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Aber Sie haben doch hoffentlich nicht vergessen, daß ich vor
+zehn Minuten geschworen habe, Lady Hamilton zu werden? Ich
+gedenke, das Gelübde unter allen Umständen zu erfüllen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Das versteh ich nicht ...
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Verständlicher kann nichts auf der Welt sein.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(vor Schrecken gelähmt)
+
+Sie meinen --?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ja!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich? -- Ich --? Ich sollte --? Sie träumen wohl, Miß Lyon? (Er
+fällt in den Stuhl zurück.)
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(läßt sich in einer reizenden Magdalenen-Stellung vor ihm
+auf die Kniee nieder. Da er nicht zurückweichen kann, preßt
+er den Rücken gegen die Lehne und drückt den Kopf in den
+Nacken)
+
+Sie wären schwerlich, trotz meines ununterbrochenen
+Geschwätzes, bis zu diesem Augenblick im Zimmer geblieben,
+wenn ich Ihnen nicht gefallen hätte, Mylord. Und jetzt ist
+es leider zu spät. Fängt dieses Gift einmal zu wirken an,
+dann ist man verloren.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(klagend)
+
+Zweifellos. Ich habe es an der nötigen Festigkeit fehlen
+lassen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Und mir sprechen Sie jedes Verdienst ab?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich kann nicht leugnen, daß Ihnen eine ... wie soll ich mich
+nur ausdrücken? -- eine seltsame Gewalttätigkeit eigen ist.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Gut. Ich akzeptiere das Kompliment.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Nichtsdestoweniger befinden Sie sich mit Ihrer Vermutung,
+was meinen Seelenzustand betrifft, auf dem Holzweg. Ich will
+es wenigstens hoffen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Sie kennen die menschliche Natur nicht so gut wie ich,
+Mylord. Ich will Ihnen sagen, was Ihnen bevorsteht, wenn Sie
+jetzt eigensinnig sind. Ich reise ab. Ihre Gedanken
+verursachen Ihnen ein unangenehmes Kribbeln, Sie sind
+unzufrieden mit sich, Sie haben keinen Appetit mehr, des
+Nachts flieht Sie der Schlaf, und plötzlich, Sie wissen
+selbst nicht wie, fassen Sie den Entschluß, mich
+aufzusuchen. Da erscheint eines Tages Lord Hamilton im Salon
+von Emma Lyon. Aber Emma Lyon wird durchaus nicht auf die
+Kniee fallen, so wie jetzt. Emma Lyon wird spöttisch
+lächeln; sie wird Seiner Herrlichkeit einen Stuhl bieten,
+sie wird mit Mister Jennings plaudern und wird die
+Albernheiten von Mister Davis entzückt anhören und wird Sir
+Roberts empfangen, und Mylord wird gehen, verdrießlich,
+aufgebracht, wütend gegen sich und mich, aber er wird
+wiederkommen, er wird Blumen bringen, er wird Geschenke
+bringen, all die Laffen und Schmeichler und Dandies werden
+ihm lästig sein, aber Emma Lyon wird sagen: Platz genug im
+Hause! Dort unter der Treppe ist für die Mißgelaunten Platz,
+und unterm Dachboden für die Hochmütigen, und im Keller für
+die Moralisten. Und mein kleiner Schoßhund wird kläffen,
+wenn Sie nahen, und diese weiße begehrliche Hand wird ihre
+Finger spreizen, -- so, denn ich, Mylord, (sie erhebt sich)
+ich würde Sie zappeln lassen. Und davor möge Gott Sie
+bewahren.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(murmelnd)
+
+Niemals würde ich mich so tief erniedrigen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(kategorisch)
+
+Sie werden es tun! Ihre Augen versichern es mir. Ich erspare
+Ihnen demnach eine unabsehbare Reihe von Qualen und
+Kränkungen durch ein freimütiges Anerbieten.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(schüttelt den Kopf)
+
+Ich vermute, Miß Lyon, Sie ahnen nicht, was ich
+durchzusetzen vermag, selbst gegen meine heftigsten Wünsche
+und Triebe. Insofern bleibt also Ihr Schreckbild ohne
+Wirkung. Aber Sie verfechten Ihre Sache mit Bravour und
+nicht ohne Geist. Ich liebe das. In diesem hübschen kleinen
+Kopf rumort ein Teufel, den zu zähmen der Mühe vielleicht
+verlohnen könnte. Wie Sie richtig bemerkten, bin ich des
+Elements entwöhnt, das, in Ihnen personifiziert, meinen
+Frieden so geräuschvoll unterbrochen hat. Ich habe jedoch
+gerade dadurch erkannt, daß zwischen mir und der Welt eine
+gewisse Entfremdung besteht, und ich könnte Ihren Vorschlag
+in Betracht ziehen, wenn nicht Hindernisse vorlägen, die für
+mich beinahe unüberwindlich sind. Der Doktor Graham ... das
+himmlische Bett ... die Mystifikation als Göttin Hygäa ...
+(Schüttelt wieder den Kopf.) Das sind üble Dinge ... üble
+Dinge.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Die mich vor dem Verhungern geschützt haben, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sie hätten eine minder exponierende Abhilfe wählen sollen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ich hatte keine Wahl. Ich bin auch nicht schlechter geworden
+dadurch. Es war eine Hülle, die ich angelegt habe.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Verzeihen Sie, die Hülle, -- die haben Sie abgeworfen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Man kann alle Hüllen abwerfen und doch undurchdringlicher
+sein als in Panzern.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Das ist Rabulismus.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Sie haben wenigstens die Sicherheit, daß ich gegen jede
+künftige Verführung und Verlockung gefeit bin. Alles was
+andere lüstern macht, davon habe ich genug und übergenug.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Das ist ein Argument.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Die Welt ist vergeßlich. Ein Name, wie der Ihre Mylord,
+deckt jugendliche Torheiten zu.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(mit einem Rest von Bedenklichkeit)
+
+Ich bin fünfundfünfzig Jahre alt ...
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Man hat mir erzählt, und ich habe mich darüber amüsiert, daß
+Sie es bisweilen nicht verschmähen, der Zeit Gewalt anzutun.
+Ich, sehen Sie, ich kann das auch. (Sie steigt auf einen
+Stuhl, öffnet das Uhrgehäuse und dreht den großen Zeiger
+sehr schnell und mehrere Male über das Zifferblatt zurück.)
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Was tun Sie da, junge Hexe! (Das Uhrwerk knackt, der Pendel
+hört auf zu schwingen.)
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ich drehe die Jahre zurück, Mylord, und wenn ich will, --
+sehn Sie! -- bleibt die Zeit stehen! (Sie springt herab.) Wir
+gehen nach Italien, Mylord! (mit ausgebreiteten Armen,
+bacchantisch.) Illuminationen! Barken auf dem Meer!
+Mondschein und Liebeslieder! Fackeltanz und Tarantella!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(vor sich hin)
+
+Es bliebe noch zu erwägen, ob hier ein freier Entschluß oder
+die Macht einer Bezauberung vorliegt. -- Gönnen Sie mir, Miß
+Lyon, gönnen Sie mir Frist bis morgen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+So lang Sie wollen. Nur bedenken Sie, daß auch ich
+Dispositionen zu treffen habe --
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich könnte es versuchen ...
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Schön, versuchen wir es.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Begleiten Sie mich für zwei Monate nach dem Süden.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Zwei Monate? Das ist etwas wenig.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sagen wir vier Monate.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wenn ich so durchtrieben wäre wie man mich Ihnen geschildert
+hat, wäre ich mit drei Tagen zufrieden. Aber ich bin eine
+ehrliche Person und sage Ihnen ohne Umschweife: drei Tage
+Probezeit oder drei Jahre oder dreißig Jahre, das ist für
+mich im Grunde gleichgültig, denn nach dem ersten Tag werden
+Sie vom letzten nichts mehr wissen wollen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ihre Prophezeiung ist sehr kühn. Immerhin bleiben wir
+vorläufig bei den vier Monaten.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Vergessen Sie nicht, daß Sie Ihren Sohn vor eine
+unwiderrufliche Tatsache stellen müssen, sonst komme ich ihm
+gegenüber in eine schiefe Position.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Eine bedeutende Schwierigkeit. Wie soll ich ihm eröffnen --?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Sie überschätzen ihn doch. Die Schwierigkeit ist mit zwei
+Worten aus der Welt geschafft. (Sie nimmt die Handglocke,
+läutet.)
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(verwundert)
+
+Oh! Sie ergreifen die Initiative mit großem Feuer.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(tritt ein)
+
+Mylord befehlen?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Sir Francis soll kommen.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(erstaunt über den diktatorischen Ton von dieser Seite)
+
+Mylord wünschen Sir Francis?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(kalt)
+
+Sie haben gehört.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Mister Dashwood läßt gehorsamst fragen, ob er sich entfernen
+kann. Er hat dringende Geschäfte.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Er soll warten. -- Ist nicht Frühstückszeit?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Es dürfte Frühstückszeit sein.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(schaut auf die Wanduhr)
+
+Jawohl; es ... (Stockt verblüfft.) Die Uhr steht.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ja. Die Uhr steht.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Es soll serviert werden.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(bekümmert und fast vorwurfsvoll)
+
+Soll serviert werden, Mylord?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sie hören.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Auch fehlt noch ein Gedeck.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Noch ein Gedeck, Mylord?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Noch ein Gedeck.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Sehr wohl. (Ab.)
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Der Mann scheint auf dem rechten Ohr taub zu sein.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(in ziemlicher Unruhe)
+
+In welche Form soll ich also Francis gegenüber die
+Mitteilung kleiden?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Sie sagen ihm, daß Sie seine Schulden bezahlen und mich
+dafür in Ihre Obhut nehmen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(zieht die Stirn in Falten)
+
+Das wäre ja ein regelrechter Handel!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ich habe noch nie gehört, daß ein Engländer in Ohnmacht
+fällt, wenn von einem Handel die Rede ist.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Wie viel betragen seine Schulden?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Eine Lappalie. Vierzigtausend Pfund.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Wie? Und das nennen Sie eine Lappalie?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(lacht)
+
+Also fange ich schon an, Ihnen teuer zu werden?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Wenigstens geben Sie mir einen starken Begriff von Ihrer --
+Weitherzigkeit.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wo geknausert wird, kann ich nicht froh sein.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich werde trachten, Sie bei guter Laune zu erhalten.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(streckt den Arm aus)
+
+So küssen Sie mir die Hand.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(beugt sich mit steifer Galanterie; während er ihr die Hand
+küßt, kommt)
+
+
+_Sir Francis_
+
+(bleibt bei diesem Schauspiel wie angewurzelt stehen. Gleich
+hinter ihm kommen: der Majordom, dem ein Diener mit dem
+fehlenden Gedeck folgt; hinter diesem ein zweiter Diener mit
+dem Tablett, auf dem sich die Speisen befinden. Gleich
+darauf erscheint auch Mister Dashwood auf der Schwelle. Die
+Tür zur Halle bleibt offen).
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(geht zum Tisch, gibt dem Majordom Anweisung über die
+Sitzordnung, dann tritt er zu Mister Dashwood und spricht
+mit ihm. Dieser lauscht aufmerksam und verbeugt sich oft zum
+Zeichen seines Eifers. Indessen ist Sir Francis zu Emma Lyon
+getreten).
+
+
+_Sir Francis_
+
+(bewundernd; leise)
+
+Das war ein Meisterstück, Emma. Wie hast du ihn denn
+herumgekriegt?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Still, lieber Freund. Keine Elogen. Du wirst alles hören.
+Jetzt hab ich Hunger wie ein Matrose.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Und zahlt er die fünfundzwanzigtausend Pfund --? Du weißt,
+meine Gläubiger drängen ...
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Fünfundzwanzig und noch fünfzehntausend dazu.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(entzückt)
+
+Du bist umsichtig wie ein Kaufmann!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(zu Mister Dashwood)
+
+Die Informationen waren falsch. Es ist dies eine
+Gewissenlosigkeit, die ich ahnden muß, und Sie tun gut
+daran, Mister Dashwood, wenn Sie den Londoner Herrn darauf
+aufmerksam machen, daß ich ihn wegen böswilliger Verleumdung
+bestrafen lassen werde.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Gewiß, Mylord, gewiß. Die Zunge der Menschen ist ein
+giftiges Instrument und unheilvoll in ihren Wirkungen --
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(unterbricht den drohenden Redeschwall und wendet sich auch
+an Sir Francis)
+
+Miß Emma Lyon hat mich davon überzeugt, daß alles, was wir
+von ihrem früheren Leben gehört haben, nichtswürdige Lügen
+sind.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Das hab ich ja gleich gesagt --
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Es gibt keinen Doktor Graham ... Es gibt kein himmlisches
+Bett, und sie hat niemals eine Göttin Hygäa dargestellt.
+Genug davon. Es sei von solchen Dingen nicht mehr die Rede.
+Sie können gehen, Mister Dashwood.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(mit tiefer Verbeugung ab).
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(mit der Taschenuhr in der Hand)
+
+Darf ich zu Tisch bitten? Es ist zwölf Uhr, fünf Minuten.
+(Mister Dashwood hat sich entfernt.)
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ihre Präzision, Mylord, verspricht meinem Magen ein Dasein
+von angenehmer Sorglosigkeit.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Zuerst den Bordeaux, John. (Emma Lyon und Sir Francis haben
+Platz genommen, der Lord bleibt stehen.) Mein lieber Sohn,
+erlaube mir, dich von einem freudigen Ereignis zu
+unterrichten. Miß Emma Lyon ist von heute ab keine Fremde
+mehr für dich. Verehre in ihr (stockt; Pause, dann mit
+ruhiger Sicherheit) deine zukünftige Mutter, Lady Hamilton.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(springt auf, läßt sich aber unter dem hoheitsvollen und
+bannenden Blick seines Vaters wieder aus den Sessel nieder).
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Den Fisch, Mister Wardle!
+
+_Vorhang._
+
+
+
+
+Hockenjos
+
+
+Personen:
+
+ Karinkel, Bürgermeister
+ Bienemann, Redakteur
+ Mettenschleicher, Bildhauer
+ Hockenjos
+ Hannewickel, Stadtrat
+ Abendrot, Amtsschreiber
+ Binder, Kommissär
+ Ein Amtsdiener, ein Kellnerbursche
+
+Spielt in einer kleinen süddeutschen Stadt.
+
+
+Kanzlei des Bürgermeisters. Rechts und links Türen. Hinten
+zwei Fenster mit Aussicht auf einen von altertümlichen
+Häusern umgebenen Platz, in dessen Mitte das noch umhüllte
+Denkmal steht.
+
+
+_Abendrot_
+
+(schlägt mit einem Aktenheft Fliegen tot)
+
+Hin muscht werde! Pardon gibt's net ... hätt'scht es vorher
+überlegt, mei Schätzle ... hin muscht werde, sag' ich ...
+
+
+_Karinkel_
+
+(ein untersetzter, glattrasierter, eiliger Mann, kommt; er
+ist im Frack)
+
+Was treiben Sie denn da, Abendrot?
+
+
+_Abendrot_
+
+Die Fliege schlag' i tot, Herr Bürgermeischter.
+
+
+_Karinkel_
+
+Die Fliegen schlagen Sie tot? Sind Sie verrückt, Mensch? Wo
+wir bis an den Hals in Arbeit stecken!
+
+
+_Abendrot_
+
+Ich hab' ja bei der Denkmalsenthüllung nix zu tun, Herr
+Bürgermeischter.
+
+
+_Karinkel_
+
+Scheren Sie sich an die Arbeit. Und wenn Sie nichts zu tun
+haben, dann tun Sie wenigstens so, als ob Sie was zu tun
+hätten. Das fordert die Würde des Amtes. Der Professor
+Mettenschleicher muß jeden Moment kommen, -- was soll er sich
+denken, wenn Sie Allotria treiben.
+
+
+_Abendrot_
+
+Isch scho guet, Herr Bürgermeischter ...
+
+
+_Karinkel_
+
+Keine Widerrede! Diese Biederkeit, diese ewige
+Treuherzigkeit! wie sie mir auf die Nerven geht! Ich weiß
+nicht, wo mir der Kopf steht, und der Mensch schlägt Fliegen
+tot. (Es klopft.) Herein!
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(tritt ein; ein großer, würdevoll aussehender,
+schwarzbärtiger, seriöser Mann, ebenfalls im Frack)
+
+Guten Morgen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Guten Morgen, lieber Professor. Wie geht's? wie steht's? Gut
+geschlafen? gut geträumt? Hat unser bescheidenes Hotel Ihren
+Ansprüchen genügt? Oder haben Sie irgend welche
+Rekriminationen? Ich lege großen Wert darauf, daß es Ihnen
+bei uns gefällt.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Danke, ich bin zufrieden. In so einem Städtchen wird mir
+immer behaglich zumut.
+
+
+_Karinkel_
+
+Na, na, Professor ... Städtchen ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Nun ja, es ist doch eine sehr kleine Stadt ...
+
+
+_Karinkel_
+
+Eine sehr kleine Stadt? -- Eine kleine Stadt, das eher. Aber
+es ist gut, daß Sie sich wohl fühlen. Man hat nicht oft die
+Freude, einen so berühmten Meister bewirten zu dürfen. Noch
+dazu bei so feierlichem Anlaß ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(steif)
+
+Zu viel Ehre.
+
+
+_Karinkel_
+
+Sagen Sie mal, verehrter Professor, um unser gestriges
+Gespräch fortzusetzen ... (Zögert, da er sich der Gegenwart
+Abendrots erinnert.) Gehen Sie hinüber in den Schwan,
+Abendrot, und bestellen Sie mir ein Gabelfrühstück. Fragen
+Sie, -- aber fragen Sie Herrn Gumpelmaier selber -- was man
+haben kann. Etwas Warmes natürlich. Am liebsten etwas vom
+Kalb.
+
+
+_Abendrot_
+
+Oder vielleicht Schweinsrippche?
+
+
+_Karinkel_
+
+(tiefsinnig)
+
+Schweinsrippchen ... nicht übel. Schweinsrippchen oder
+Kalbsherz. Auch saure Nieren wäre eine Idee. Beraten Sie
+sich nur mit Herrn Gumpelmaier, der kennt meinen Geschmack.
+Der Kellner soll laufen, damit die Sache unterwegs nicht
+kalt wird. Dann gehn Sie in die Redaktion des Tagesboten und
+fragen Sie Herrn Bienemann, ob er meine Rede schon fertig
+hat. Er soll sich sputen, um zwölf Uhr kommt der Prinz, da
+muß alles auf dem #qui vive# sein.
+
+
+_Abendrot_
+
+Isch guet, Herr Bürgermeischter. (Ab.)
+
+
+_Karinkel_
+
+(seufzend)
+
+Du lieber Gott, bis man so der schwerfälligen Welt Beine
+macht, Professor --! (Knipst, eilig zur Tür, ruft.) Hallo! --
+Abendrot! -- Abgebratene Kartoffel soll er mitschicken! Wie?
+Sie Esel! Der Schwanenwirt natürlich. (Kehrt zurück,
+abermals seufzend.) Ein Mann, der nur für sich selber
+verantwortlich ist, ist ein glücklicher Mann.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Wir dienen alle dem öffentlichen Wohl, Verehrtester. Jeder
+auf seine Weise.
+
+
+_Karinkel_
+
+Aber nicht auf jeden sind beständig die Augen des Publikums
+gerichtet, teurer Freund. So wie auf Sie und auf mich. Wenn
+ich noch einmal auf die Welt käme, -- wissen Sie, wonach es
+mich gelüsten würde? (Ausdrucksvoll.) Es würde mich darnach
+gelüsten, das Leben eines einsamen, unverheirateten
+Privatgelehrten zu führen. Was brauchte ich da Belobungen?
+Anerkennung von unten oder von oben? -- Da hätte man sein
+Genügen in sich selber, da hätte man keinen Orden nötig. In
+meiner Position freilich muß ich dergleichen haben, um
+meinen Mitbürgern den Beweis zu liefern, daß ich ihres
+Vertrauens würdig bin.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Zweifellos. Sie sind ja auf dem besten Weg --
+
+
+_Karinkel_
+
+(erregt)
+
+Es besteht also Aussicht --?
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Gewiß. Man muß es nur delikat behandeln ...
+
+
+_Karinkel_
+
+Wissen Sie, was ich mir überlegt habe, Professor? Ich könnte
+ja, falls man mir den Michaelsorden verweigert, auch mit
+dem Friedrichsorden vorlieb nehmen.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(vornehm belustigt von solcher Unwissenheit)
+
+Der Friedrichsorden steht keineswegs niedriger im Rang als
+der Michaelsorden, mein lieber Bürgermeister. Der eine wie
+der andere wird nur dann verliehen, wenn sich der
+Betreffende in hervorragender Weise verdient gemacht hat.
+
+
+_Karinkel_
+
+(in wachsender Erregung)
+
+Seit zwanzig Jahren mache ich mich verdient, Professor. Ich
+tue ja überhaupt nichts anderes. Ich habe eine elektrische
+Beleuchtung, eine Wasserleitung, ein Findelhaus, einen
+Veteranenverein geschaffen; ich habe die Fortschritte der
+Sozialdemokratie nach Kräften aufgehalten, ich habe niemals
+und nach keiner Seite hin Anstoß erregt, weder bei der
+Geistlichkeit, noch bei der Regierung, -- aber man kann sich
+doch nicht ausbieten! -- Man hat doch seinen Stolz! Man wirkt
+in der Stille -- und hofft, daß es bemerkt wird.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Alterieren Sie sich nicht, lieber Freund.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ich würde mich nicht beklagen, wenn es mir an loyaler
+Gesinnung gefehlt hätte. Denn ich begreife, daß die höchsten
+Kulturtaten nicht ins Gewicht fallen, wenn die loyale
+Gesinnung mangelt --
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Freilich. Die loyale Gesinnung, die wird vorausgesetzt.
+Wohin kämen wir denn sonst!
+
+
+_Karinkel_
+
+Das sagt sich leicht --: vorausgesetzt. Aber bis man sie
+erwirbt, bis man sie sozusagen einkeltert, damit sie süß und
+schmackhaft bleibt in all den Jahren, das ist nicht so
+einfach. Und nun habe ich noch dieses Denkmal gebaut --
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Eben. Das war dringend nötig. Es gibt kaum mehr eine
+deutsche Stadt, die nicht ihre marmorne Attraktion hätte,
+wenn ich mich so ausdrücken darf. Man ist höhern Orts sehr
+geneigt, solche Bestrebungen, soweit sie sich auf die Kunst
+beziehen, zu unterstützen. Sie sänftigen die Sitten, sie
+lenken die Instinkte des Volkes nach ungefährlichen
+Regionen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ehrlich gesagt, es ist ein Sorgenkind, dieses Denkmal --
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Warum denn? Lassen Sie sich nur nicht irre machen ...
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie haben mich ja so weit gebracht, Professor ... Ihrer
+Energie haben wir es ja zu danken, daß ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Nun ja, ich fand es dringend geboten, daß auch Sie in diesem
+stillen Winkel Ihr Scherflein beitragen zur Vermehrung der
+nationalen Ideale.
+
+
+_Karinkel_
+
+Das klingt sehr hübsch --
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Erlauben Sie, das sind tiefste Lebensüberzeugungen!
+
+
+_Karinkel_
+
+Allerdings --
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Heraus mit der Farbe! Weshalb sind Sie so kleinlaut, heute,
+an Ihrem großen Tag?
+
+
+_Karinkel_
+
+Es wird von gegnerischer Seite behauptet, -- haben Sie nicht
+den Ochsenfurter Anzeiger gelesen? Da steht es drin --
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Ich lese solche Käsblätter nicht. Was steht drin?
+
+
+_Karinkel_
+
+Daß wir dem Hockenjos das Denkmal nur aus Wichtigtuerei
+errichtet haben ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Das ist der Neid.
+
+
+_Karinkel_
+
+Und daß es eine Blamage sei.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Die Wühler muß man wühlen lassen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Und daß der Hockenjos gar nicht in Neuguinea gewesen ist und
+daß er gar nicht bei der Expedition des Doktor Rittersteig
+war und daß er infolgedessen auch nicht von den wilden
+Papuanern erschlagen worden ist. Im Gegenteil, so behaupten
+diese Schurken, er sei in einer australischen Matrosenkneipe
+bei einem Raufhandel umgekommen.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Leeres Geschwätz.
+
+
+_Karinkel_
+
+Na ja, ein Säufer _war_ ja der Kerl. Der Wahrheit die Ehre.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Es ist vollkommen gleichgültig, was der Hockenjos _war_. Die
+Hauptsache bleibt, daß er tot ist. -- Was sagt denn Bienemann
+zu diesen Sudeleien? Er hat doch damals die Nachricht von
+dem Ende des Hockenjos zuerst gebracht ...
+
+
+_Karinkel_
+
+Ach, mit dem Bienemann weiß man nie, wie man dran ist. Ich
+fürchte, er glaubt gar nicht an das Genie von dem Hockenjos.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Es ist das Kennzeichen eines guten Journalisten, daß er in
+einem solchen Fall eine Sache umso überzeugender vertritt.
+
+
+_Karinkel_
+
+Und ich selbst habe auch meine Zweifel ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Glauben Sie denn, lieber Freund, daß der Ruhm anders
+fabriziert wird als auf diese Art? Neun Zehntel unserer
+Berühmtheiten verdanken ihren Glanz dem Notizenmangel einer
+Zeitung oder dem Hang nach Redensarten, der in den Leuten
+von der Feder steckt. Es ist nicht meines Amtes, das
+wirkliche Verdienst vom erlogenen zu trennen. Ich denke, es
+liegt eine viel höhere Sendung darin, die häßliche Realität
+in einen angenehmen Schein zu verwandeln. Je verworfener,
+unwürdiger und unfähiger dieser Hockenjos in Wirklichkeit
+war, desto mehr Grund für uns, der Welt ein so trauriges
+Faktum vorzuenthalten und sein Bild zu veredeln. Wenn man
+einem Menschen wie Hockenjos ein Denkmal setzt, geschieht es
+nur, um seine wirkliche Gestalt zu verschleiern. Dadurch
+eben bereichert man den Bestand an nationalen Idealen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Na ja, seine Gestalt mögen Sie am Ende verschleiern, aber
+die Bilder, die der Kerl gemalt hat, die können Sie nicht
+verschleiern. Wir haben ja eine Ausstellung veranstaltet,
+und was ich da von den hiesigen Damen zu hören bekommen
+habe, -- wahrhaftig, der ganze Appetit auf die Kunst ist mir
+vergangen. Schamlose nackte Weiber hat er gemalt. Die können
+Sie doch nicht verschleiern.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Wenn ein Künstler tot ist, verlieren seine Arbeiten den
+moralischen Charakter, wenn ich mich so ausdrücken darf.
+Schamlos waren die Weiber eigentlich nicht, nur nackt waren
+sie. Aber wer wird schließlich darnach fragen, was für
+Bilder der Hockenjos gemalt hat, wenn er vor seinem Denkmal
+steht? Keine Katze wird darnach krähen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Kein Hahn, meinen Sie ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Kein Hahn, natürlich. Sie können sich in diesem Punkt
+getrost meiner Erfahrung überlassen, lieber Bürgermeister.
+Der Umstand, daß Hockenjos tot ist, verschafft ihm einen
+unbeschränkten Kredit an guter Meinung. Ich kannte eine
+ganze Reihe von Idioten, die bloß dem Zufall, daß sie
+gestorben waren, Bewunderer und Anhänger zu verdanken
+hatten. Dem Publikum sind nämlich die Künstler so ungeheuer
+gleichgültig, daß man ihm, wenn einer stirbt, weismachen
+kann, was man will.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ich verstehe nicht viel von der Kunst, aber das eine muß man
+doch von ihr fordern: daß sie den Menschen bessert und
+erhebt.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Das ist richtig, hat aber mit unserer Angelegenheit momentan
+nichts zu schaffen. Sie müssen stark sein, lieber Freund.
+Sie dürfen sich in Ihrer Überzeugung nicht erschüttern
+lassen.
+
+
+_Karinkel_
+
+In welcher Überzeugung meinen Sie?
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+In _Ihrer_ Überzeugung. Ein Mann hat doch nur eine.
+
+
+_Karinkel_
+
+(etwas stupid)
+
+So. -- Im allgemeinen bin ich ja stark. Aber einen Menschen
+muß man doch haben, dem man sein Herz eröffnen kann. (Es
+klopft.) Herein!
+
+
+_Bienemann_
+
+(kommt; schmaler gelbgesichtiger Mann von etwa dreißig
+Jahren. Tartarenbart, Zwicker. Er hat das Phlegma
+intelligenter Leute, die viele überflüssige und langweilige
+Dinge reden müssen. Hinter diesem Phlegma verbergen sich
+Neugier, Bosheit, Resignation und Menschenverachtung).
+
+
+_Karinkel_
+
+Guten Morgen, Bienemann! Sind Sie schon fertig?
+
+
+_Bienemann_
+
+Guten Tag, meine Herren. -- Ja, ich wollte noch einige Punkte
+mit Ihnen besprechen ...
+
+
+_Karinkel_
+
+Darf ich die Herren miteinander bekannt machen, Redakteur
+Bienemann, Professor Mettenschleicher von der königlichen
+Akademie der bildenden Künste.
+
+
+_Bienemann_
+
+Freut mich, freut mich.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Ich bin Ihnen für den schmeichelhaften Artikel im Tagesboten
+sehr zu Danke verpflichtet, Herr Doktor.
+
+
+_Bienemann_
+
+Noch nicht, Herr Professor, noch nicht.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(verdutzt)
+
+Was --? was, -- noch nicht?
+
+
+_Karinkel_
+
+(ebenso)
+
+Ja ... was -- noch nicht?
+
+
+_Bienemann_
+
+Noch nicht Doktor, meine ich. Die #Honoris causa# ist noch
+nicht gegeben. Bienemann, ganz schmucklos Bienemann.
+
+Karinkel und Mettenschleicher
+
+(sehen einander an).
+
+
+_Karinkel_
+
+(mit dem Daumen über die Schulter weisend)
+
+Stolz? wie? Demokrat! Ganz schmucklos Bienemann! (Lacht.)
+Ausgezeichnet!
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(geniert)
+
+Na, na! (Klopft Karinkel mit fürstlicher Leutseligkeit auf
+die Schulter.)
+
+(Klapperlärm. Ein Kellner kommt mit einer Platte, auf der
+das Frühstück in zwei Tellern dampft. Ein Amtsdiener eilt
+geschäftig voraus und säubert den Tisch. Beide entfernen
+sich wieder. Karinkel setzt sich mit strahlendem Gesicht,
+bindet die Serviette um den Hals und vergißt alle Sorgen.)
+
+
+_Bienemann_
+
+Mein Artikel hat Ihnen also gefallen, Herr Professor?
+
+
+_Karinkel_
+
+(kauend; taktlos)
+
+Na, hören Sie, Bienemann, wenn mir so viele Elogen gemacht
+würden, wäre ich auch nicht unzufrieden. Es war famos. Und
+sehr aktuell.
+
+
+_Bienemann_
+
+Das schon; einige giftgeschwollene Schlangen können sich
+nämlich nicht darüber beruhigen, daß das Denkmal so rasch
+fertiggestellt worden ist. Vor sechs Wochen hatten wir die
+Todesnachricht in der Zeitung, und heute thront bereits der
+Marmor da draußen. Es ist ja wirklich die reine Hexerei.
+
+
+_Karinkel_
+
+(kauend)
+
+Was geht die Leute das an? -- Diese geschmorten Stückchen da
+sind köstlich. Wollen Sie nicht zugreifen, Professor? Nein?
+Schade.
+
+
+_Bienemann_
+
+(tut verlegen)
+
+Freilich, das sag ich auch. Aber ein Mensch wie ich besteht
+aus lauter Ohren. Und so hör ich denn unter anderm das
+blödsinnige Gerücht, daß das Denkmal schon vorher fertig
+gewesen ist.
+
+
+_Karinkel_
+
+Wieso? Vor dem Tod des Hockenjos? Mit solchen Dummheiten
+sollten Sie uns nicht kommen, Bienemann. Ich verstehe ja
+nichts von der Bildhauerei, aber unser verehrter Meister
+hier konnte doch nicht die Unsterblichkeit des Hockenjos
+voraussehen.
+
+
+_Bienemann_
+
+Das sag ich auch; es sei denn, man macht Denkmäler auf
+Lager. Was meinen Sie, Herr Professor?
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(windet sich)
+
+Ich will nicht hinterm Berg halten ... es hat mit dieser
+Sache eine eigene Bewandtnis. Ich hatte doch, wie Ihnen
+vielleicht erinnerlich ist, den Auftrag, ein Monument für
+den verstorbenen Sanitätsrat Ulfinger zu schaffen --
+
+
+_Bienemann_
+
+(roh)
+
+Der die Schweinereien gemacht hat ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Schweinereien ist eine etwas starke Bezeichnung. Er war ein
+bedeutender Gelehrter, lebte aber leider Gottes über seine
+Verhältnisse, und ein halbes Jahr nach seinem Tod kamen die
+gefälschten Wechsel zum Vorschein. Es geschah alles, um den
+Skandal zu vermeiden, schließlich drang die Geschichte doch
+an die Öffentlichkeit, und das Denkmal konnte nicht
+aufgestellt werden. Meine ganze Arbeit war umsonst, der
+Marmor lag da --
+
+
+_Bienemann_
+
+Außerordentlich interessant!
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Und da traf ich gerade unsern Freund Karinkel, der den noch
+unbestimmten Plan hegte, etwas zur Verschönerung des
+hiesigen Stadtbildes zu tun.
+
+
+_Bienemann_
+
+Aha! und weil der Hockenjos eben das Zeitliche gesegnet
+hatte --
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Ja, so kamen wir überein --
+
+
+_Karinkel_
+
+(dankbar)
+
+Sie waren es, teurer Meister, der mir die Idee gab!
+
+
+_Bienemann_
+
+Wirklich, eine Fügung des Himmels, dieses Zusammentreffen
+der Umstände! Da hat also der gute Hockenjos quasi ein von
+Herrschaften abgelegtes Denkmal bekommen.
+
+
+_Karinkel_
+
+(zornig)
+
+Witzeln Sie nicht, Bienemann.
+
+
+_Bienemann_
+
+Aber Sie mußten doch Ihrem marmornen Sanitätsrat einen
+andern Kopf aufsetzen --?
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+War merkwürdigerweise überflüssig. Die beiden Leute hatten
+eine gewisse Ähnlichkeit. Beide groß, ziemlich fett,
+langbärtig ... Außerdem, ein Denkmal ist doch ein Symbol.
+
+
+_Bienemann_
+
+Toll! einfach toll! Man lernt nie aus.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Ich rechne selbstverständlich auf Ihre Diskretion. Außer
+Ihnen beiden weiß nur noch mein erlauchter Freund, der Prinz
+Albert, davon, ohne dessen Rat und Zustimmung ich etwas
+Derartiges überhaupt nicht unternehmen würde.
+
+
+_Bienemann_
+
+Das ist derselbe, der heute zur Enthüllung kommt?
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Derselbe. Er liebt die schönen Künste. Sie können sicher
+sein, daß er auch auf Sie ein Auge haben wird.
+
+
+_Bienemann_
+
+(verbeugt sich)
+
+Oh! Danke sehr. -- Müssen Sie nicht auf den Bahnhof, Herr
+Bürgermeister?
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Seine königliche Hoheit trifft ja erst um zwölf Uhr ein.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ja, aber um viertelzwölf kommt der Regierungspräsident. Weiß
+der Stadtrat Hannewickel, daß er sich mit den
+Ehrenjungfrauen aufzustellen hat?
+
+
+_Bienemann_
+
+Die Ehrenjungfrauen und der Veteranenverein sind schon in
+vollem Wichs.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Noch einen Vorschlag, meine Herren. Wie wäre es, wenn man
+heute noch ein Extrablatt drucken ließe, durch dessen Inhalt
+das Volk einige Aufklärung über die künstlerischen
+Verdienste des Malers Hockenjos erhielte?
+
+
+_Karinkel_
+
+Nicht schlecht ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Es ist in dieser Beziehung vieles versäumt worden --
+
+
+_Karinkel_
+
+Und man könnte die Verleumder damit zum Schweigen bringen.
+Nicht schlecht. Was meinen Sie, Bienemann?
+
+
+_Bienemann_
+
+Ein ziemlich teurer Spaß. Es fragt sich, ob die Interessen,
+die dabei im Spiele sind, eine solche Ausgabe fordern.
+
+
+_Karinkel_
+
+Es sind _ideale_ Interessen, mein Lieber. Dafür ist nichts
+zu teuer.
+
+
+_Bienemann_
+
+Ideale Interessen? Entschuldigen Sie, meine Herren, aber an
+ideale Interessen glaub ich nicht. Sie auch nicht. Das
+Publikum auch nicht. Das ist eben das Heikle mit den idealen
+Interessen, daß niemand daran glaubt, weil zu viele ihren
+Vorteil daraus ziehen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Pfui, Bienemann! Beständig gießen Sie Ihr nüchternes Öl in
+die Wogen unserer Begeisterung.
+
+
+_Bienemann_
+
+Das ist mein Beruf.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Ein trauriger Beruf.
+
+
+_Bienemann_
+
+Sie dürften damit den Nagel auf meinen Kopf getroffen haben,
+Herr Bürgermeister. Wer mit Papier gefüttert wird, dem
+wachsen keine Blumen auf der Zunge.
+
+
+_Karinkel_
+
+Wenn Ihnen an meinem ferneren Vertrauen gelegen ist, so
+unterstützen Sie uns jetzt mit allen Ihren Kräften,
+Bienemann.
+
+
+_Bienemann_
+
+Ich soll also gewissermaßen die öffentliche Meinung
+beruhigen ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Ja ... wenn Sie es so betrachten ... obwohl, -- öffentliche
+Meinung gibt es nicht.
+
+
+_Karinkel_
+
+(bürstet seine Kleider)
+
+Die öffentliche Meinung sind wir.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Öffentliche Meinung ist die Konspiration der Dummköpfe.
+
+
+_Bienemann_
+
+Die Herren sind entschlossen, wie ich sehe. Allen Respekt.
+Nun, was an mir liegt, soll geschehen. Die Druckerpresse hat
+schon ganz andere Dinge gerechtfertigt als Denkmäler. Die
+Ingredienzen, aus denen man den Brei der
+Zeitungsunsterblichkeit kocht, sind billig zu haben. Die
+Hauptsache ist der Superlativ. Das ist das Universalrezept.
+Der Superlativ ist für den Leser, was neunzigprozentiger
+Fusel für einen Gewohnheitstrinker ist. Leider nützen sich
+die Superlative jetzt so stark ab, daß eine neue Steigerung,
+ein Über-Superlativ eine wahre Wohltat für die Menschheit
+wäre.
+
+
+_Karinkel_
+
+Das ist mir zu hoch, davon versteh ich nichts.
+
+
+_Bienemann_
+
+Na, schön. Ich will Ihnen einen Hockenjos hinstellen, der
+sich gewaschen hat. Ich werde Ihnen mit einer Verklärung
+aufwarten, daß der Mann in seinem Grab noch Lust zu einer
+Himmelfahrt bekommt. Ich tue einfach, als ob Tizian ein
+Zimmermaler und Feuerbach der kleine Moritz gegen ihn wäre.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Ich hoffe, daß diese Übertreibungen nur Ausflüsse einer
+momentanen Laune sind.
+
+
+_Bienemann_
+
+Nein, Herr Professor. Sie kennen den Abonnenten nicht. Wenn
+man dem Abonnenten einen neuen Mann glaubhaft machen will,
+muß man erst einen alten in Stücke reißen. Der Abonnent ist
+grausam, er will Blut sehen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ich denke, wir überlassen Bienemann da am besten seinem
+Genius.
+
+
+_Bienemann_
+
+Keinesfalls werde ich etwas davon wissen, daß der arme
+Hockenjos in unserer Mitte beinahe verhungert ist. Daß er
+mit Hohn abgefertigt wurde, als er sich vor vier Jahren um
+das Staatsstipendium bewarb. Apropos, waren Sie es nicht
+selbst, Herr Professor, der diese Sache damals
+hintertrieb --?
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(ärgerlich)
+
+Mein Gott ja, ... ich kann nicht leugnen ... der Mann war mir
+_persönlich_ unsympathisch.
+
+
+_Karinkel_
+
+(ebenso)
+
+Wozu kramen Sie denn die alten Sachen aus?
+
+
+_Bienemann_
+
+Ich werde auch davon schweigen, daß das Publikum vor seinen
+Bildern Lachkrämpfe bekam und der Magistrat ihm das Atelier
+auf der Schanze kündigen ließ, aus Gründen, die der Anstand
+zu erwähnen verbietet.
+
+
+_Karinkel_
+
+(wie oben)
+
+Das war wegen der Modelle. Aber die Kunst, lieber Bienemann,
+wie soll ich sagen, die Kunst braucht eben keine Moral.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Na! na! Da muß ich bitten --
+
+
+_Karinkel_
+
+Das heißt, ich meine: die Moral braucht keine Kunst.
+
+
+_Bienemann_
+
+Um seine Auswanderung plausibel zu machen, werde ich sagen,
+daß ihn malerische Probleme in die Tropen zogen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Sehr gut.
+
+
+_Bienemann_
+
+Und während er das Gefieder der Paradiesvögel studierte, um
+bisher unerhörte Farbenmischungen für seine Palette zu
+gewinnen, haben ihn die Eingeborenen erschlagen und
+verspeist.
+
+
+_Karinkel_
+
+(der sich die Zähne stochert, erschrocken)
+
+Verspeist --?
+
+
+_Bienemann_
+
+Höchstwahrscheinlich.
+
+
+_Karinkel_
+
+Wissen Sie was? Setzen Sie sich gleich hier an meinen
+Schreibtisch und fangen Sie an. (Das Telephon klingelt, er
+eilt hin.) Hier Karinkel! Ja? Ja. Bitte. -- In der Redaktion
+will man Sie sprechen, Bienemann. (Während Bienemann zum
+Apparat geht.) Für uns ist es jetzt Zeit, lieber Professor.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Also gehen wir.
+
+
+_Bienemann_
+
+(am Telephon)
+
+Hier Bienemann. (Pause.)
+
+
+_Karinkel_
+
+(setzt sich den Zylinder auf)
+
+Ich bin neugierig, ob der Präsident eine Rede halten wird.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Er kann Seiner königlichen Hoheit nicht vorgreifen.
+
+
+_Bienemann_
+
+(am Telephon)
+
+Unsinn! -- Wie? Gesehen worden? Wo? In Aßmannshausen? Da lebt
+ja die Frau jetzt? So. Einen Liebhaber. So. Natürlich.
+Durchgeprügelt? Nein! Nicht möglich! Da hat man Ihnen einen
+Bären aufgebunden. Einen Bä--ren! Das wäre ja unerhört.
+
+
+_Karinkel_
+
+Was ist denn los?
+
+
+_Bienemann_
+
+(am Telephon)
+
+Ich gebe nichts auf solche Gerüchte. Schicken Sie einen
+verläßlichen Menschen hin. Schluß! (Läutet ab.) Recht
+heiter. Der Hockenjos soll in Aßmannshausen gesehen worden
+sein.
+
+
+_Karinkel_
+
+(wie erstarrt)
+
+Um Gottes willen, Mensch, was reden Sie da!
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Das fehlte nur noch!
+
+
+_Bienemann_
+
+Er soll seine Gattin mit einem Viehhändler erwischt und den
+Galan windelweich geschlagen haben.
+
+
+_Karinkel_
+
+Aber lieber Bienemann, -- das ist ja um den Verstand zu
+verlieren ...
+
+
+_Bienemann_
+
+Ich halte das Ganze für einen blinden Alarm.
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie nehmen mir einen Stein vom Herzen.
+
+
+_Bienemann_
+
+Man will uns ins Bockshorn jagen.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Eine Frivolität sondergleichen.
+
+
+_Bienemann_
+
+Kümmern wir uns nicht darum.
+
+
+_Karinkel_
+
+Wenn aber doch was Wahres dran ist ...
+
+
+_Bienemann_
+
+Bah! meine Informationen waren immer verläßlich. Wenn der
+Tagesbote jemand als tot meldet, dann ist er tot.
+
+
+_Karinkel_
+
+Es ist höchste Zeit. Wir müssen zur Bahn. Machen Sie sich
+nur gleich an die Arbeit, Bienemann. Lassen Sie uns nicht im
+Stich.
+
+
+_Bienemann_
+
+Auf Wiedersehen, meine Herren.
+
+
+_Karinkel und Mettenschleicher_
+
+(ab).
+
+
+_Bienemann_
+
+(setzt sich vor den Schreibtisch, zündet eine Zigarre an;
+behaglich)
+
+Was der Sybarit für einen weichen Lehnsessel hat! Wenn ich
+nicht Bienemann wäre, möchte ich Karinkel sein. (Legt das
+Papier zurecht.) Los also! Her mit euch, ihr bebänderten
+Adjektiva und geschniegelten Substantiva! ihr großmäulichen
+Interjektionen und schmetternden Exklamationen! ihr
+Metaphern, Hyperbeln und Epitheta! Ich rühr euch zusammen
+wie Mandeln und Rosinen in einem Kuchenteig, von dem die
+ganze Welt Verdauungsbeschwerden kriegt.
+
+
+_Abendrot_
+
+(tritt mit verstörtem Gesichtsausdruck unter die Türe;
+winkt)
+
+Herr Bienemann! -- Herr Bienemann!
+
+
+_Bienemann_
+
+Was gibt's? Ich habe keine Zeit.
+
+
+_Abendrot_
+
+(flüsternd)
+
+'s isch was Schreckliches passiert, Herr Bienemann ...
+
+
+_Karinkel_
+
+(kommt im Sturmschritt zurück, den Zylinder schief auf dem
+Kopf)
+
+Bienemann, wir sind verloren!
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(seine Würde mühsam bewahrend, ist Karinkel gefolgt)
+
+Eine Katastrophe!
+
+
+_Karinkel_
+
+(mehr heulend als redend)
+
+Der Abendrot hat ihn zuerst gesehen. In der Bahnhofsstraße
+hat er ihn gesehen. Mitten unter den Leuten.
+
+
+_Bienemann_
+
+Und hat ihn jemand erkannt?
+
+
+_Abendrot_
+
+Noi, noi ...
+
+
+_Bienemann_
+
+War er allein?
+
+
+_Abendrot_
+
+Ganz alleine.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Was für Maßregeln gedenken Sie zu treffen?
+
+
+_Karinkel_
+
+Er muß auf der Stelle fort.
+
+
+_Bienemann_
+
+Ist bis jetzt etwas unternommen worden?
+
+
+_Karinkel_
+
+Kommissär Binder ist mit zwei Wachleuten ausgerückt.
+Hoffentlich gelingt es, den Kerl festzuhalten.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Es ist eine entsetzliche Blamage.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ich lasse ihn einsperren.
+
+
+_Bienemann_
+
+Überlegen wir die Sache gut, meine Herren, sonst kann's uns
+an den Kragen gehn.
+
+
+_Karinkel_
+
+(wild)
+
+Lassen Sie mich in Frieden mit Ihrem Kragen, Sie, Sie ...
+Unerschütterlicher!
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Es gibt nicht viel zu überlegen, hier heißt es handeln.
+
+
+_Bienemann_
+
+Also handeln wir.
+
+
+_Karinkel_
+
+Tun Sie mir nur den Gefallen, lieber Professor, und
+empfangen Sie den Präsidenten. Der Zug muß ja jeden Moment
+eintreffen. Irgend ein Würdenträger muß ihn doch begrüßen.
+(Das Telephon klingelt.) Großer Gott, was ist denn das schon
+wieder? (Bienemann eilt zum Telephon.)
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Gut ich gehe. (Ab. Ein Polizist tritt unter die offene Tür.)
+
+
+_Bienemann_
+
+(am Telephon)
+
+Ja? -- Ja! Eine Stunde früher? Danke. Schluß. (Läutet ab.)
+Der Hoftrain mit dem Prinzen trifft also um eine Stunde
+früher ein.
+
+
+_Karinkel_
+
+(der mit dem Polizisten gesprochen hat)
+
+Also der Kommissär Binder hat den Hockenjos verhaftet und
+ihn gleich in einen Wagen setzen lassen. Er ist jetzt in der
+Wachtstube.
+
+
+_Bienemann_
+
+Dort kann er nicht bleiben.
+
+
+_Karinkel_
+
+Wie sagten Sie? Der Hofzug kommt um eine Stunde früher? Dann
+ist ja kein Augenblick mehr zu verlieren. Es ist elf Uhr.
+Mir ist ganz wirblig im Kopf. Wenn ich nur wüßte, wer an
+alledem schuld ist! (Ausbrechend.) Sie sind schuld,
+Bienemann! Sie haben seinerzeit die schwindelhafte
+Todesnachricht in die Zeitung gebracht.
+
+
+_Bienemann_
+
+Ich weise Ihre Anschuldigungen zurück. Meine Pflicht ist zu
+schweigen und zu schreiben, aber nicht den Sündenbock zu
+machen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie sind ein ganz gefährliches Subjekt.
+
+
+_Bienemann_
+
+(verdrossen)
+
+Ich bin kein Subjekt, ich bin ein Prinzip.
+
+
+_Karinkel_
+
+Großer Gott, warum hast du mir das angetan! Bienemann,
+liebster Herzensbienemann, laufen Sie schleunigst auf die
+Wache. Sehen Sie zu, daß keine Dummheit begangen wird. Keine
+Menschenseele darf dem Hockenjos nahe kommen. Niemand darf
+mit ihm sprechen. Nehmen Sie noch ein paar Polizeileute zu
+Hilfe. Nötigenfalls lassen Sie ihn binden --
+
+
+_Bienemann_
+
+In Ketten legen --
+
+
+_Karinkel_
+
+Was Sie wollen ... (Man vernimmt Glockenläuten.) Um Himmels
+willen, mir scheint, der Hofzug fährt schon ein. Ich komme
+zu spät. (Ab.)
+
+
+_Bienemann_
+
+Es ist am besten, wir lassen den Delinquenten hierher
+transportieren. Hier ist er am sichersten.
+
+
+_Abendrot_
+
+Da hawe Se recht, Herr Bienemann.
+
+
+_Bienemann_
+
+Rennen Sie hin und sagen Sie es dem Binder.
+
+
+_Abendrot_
+
+(zur Tür, lauscht, kehrt um)
+
+Er bringt ihn schon von selber, der Kommissar ...
+
+
+_Bienemann_
+
+Na, der Mann denkt wenigstens. Denkende Menschen ersparen
+einem immer Laufereien. (Hockenjos und Kommissar Binder
+kommen.)
+
+
+_Binder_
+
+So, Meister Hockenjos. Jetzt habe ich Ihren Wunsch, Sie aufs
+Bürgermeisteramt zu führen, erfüllt, nun müssen Sie sich
+aber auch ganz ruhig verhalten.
+
+
+_Hockenjos_
+
+(großer, breitschultriger Mann. Haar und Bart sind stark
+ergraut. Er spricht schwer, aber nachdrücklich, in tiefem,
+meist humoristisch sordiniertem Baß; trägt vernachlässigte
+Kleider, einen breitrandigen Filzhut)
+
+Der Teufel soll Sie holen, Mann! Können Sie auf eine
+anständige Art erklären, weshalb Sie mich wie einen
+Sträfling behandeln, he?
+
+
+_Abendrot_
+
+P--scht! p--scht!
+
+
+_Binder_
+
+Sie müssen sich den behördlichen Anordnungen fügen.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Ich füge mich, weil es mir paßt. So steht die Sache. In die
+Suppe werd' ich euch schon spucken, darauf könnt ihr euch
+verlassen. Aber anders als ihr denkt. Wo ist denn der
+Oberkoch? Ah, Herr Bienemann! Freut mich, Sie zu sehen, Herr
+Redakteur. Sind Sie jetzt avanciert, weil Sie in der
+Bürgermeisterkanzlei sitzen?
+
+
+_Bienemann_
+
+(schmunzelnd, süßlich)
+
+Sprechen wir nicht von mir, Meister Hockenjos. Die
+interessante Person sind Sie. Wie kommen Sie denn her? von
+wo? Sie erscheinen ja wie ... wie ...
+
+
+_Hockenjos_
+
+Wie das Gespenst am Hochzeitstag, jawohl. Aber ich fühle
+mich gar nicht gespensterhaft. Zunächst will ich mich mal --
+unaufgefordert, Sie verzeihen schon -- hier niederlassen.
+So. Hier sitze ich, ich kann nicht anders.
+
+
+_Bienemann_
+
+Bitte sehr. Ruhen Sie sich nur aus. (Zu Abendrot, leise.)
+Suchen Sie den Bürgermeister auf und sagen Sie ihm, daß ich
+ihn hier in Gewahrsam halte. Aber Vorsicht! -- (Zu Binder.)
+Sie brauchen nicht hier zu bleiben. Es genügt, wenn Sie im
+Korridor einen Polizeidiener als Wache aufstellen. Es soll
+niemand hereingelassen werden. (Während Binder und Abendrot
+abgehen.) Wie ich aus Ihrem Verhalten schließen darf, ist
+Ihnen also die ganze Komplikation schon bekannt, Meister?
+
+
+_Hockenjos_
+
+Komplikation nennen Sie diese Schurkerei? Auch recht.
+
+
+_Bienemann_
+
+Nun, man meint es gut mit Ihnen. Man sorgt für Ihren
+Nachruhm.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Hanswurste seid ihr.
+
+
+_Bienemann_
+
+Unterschreib ich unbesehen.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Aber mit meinem Leichnam werdet ihr nicht so kurzen Prozeß
+haben wie mit meinem lebendigen Korpus.
+
+
+_Bienemann_
+
+Ich fürchte. Ich fürchte. Sie waren also in Aßmannshausen
+bei Ihrer Frau?
+
+
+_Hockenjos_
+
+Reden Sie meinetwegen von meinem Nachruhm, Herr, obwohl das
+ein Gemüse ist, das keinem mehr schmeckt, wenn man's ihm
+auftischt, aber von meinem Weib reden Sie nicht. Die Fäuste
+tun mir noch weh, und das ist alles, was ich an Erinnerung
+behalten will. Ich sage Ihnen, ein Vieh ist der Mensch.
+Allerwegen treibt's ihn zum Stall zurück. Und wenn draußen
+die beste Weide ist, er denkt bloß an den Stall. Das
+schönste Futter läßt er liegen, das ihm der Herrgott
+spendet, und rennt zur Krippe, wo der Bauer spart und mit
+der Peitsche knallt.
+
+
+_Bienemann_
+
+(echt)
+
+Ja, zum Henker, warum sind Sie denn nicht dort geblieben in
+den wilden Gegenden, wenn es Ihnen schon nicht gefallen hat,
+das Zeitliche zu segnen? Es wäre besser für Sie und für uns.
+Jetzt haben wir bloß die Scherereien.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Glauben Sie, ich hätte den Ehrgeiz, Ihnen Scherereien zu
+ersparen? Im Gegenteil. Sie werden Ihre blauen Wunder
+erleben.
+
+
+_Bienemann_
+
+(resigniert)
+
+Na, wohl bekomm's.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Wie flink ihr seid, einen Toten leben zu lassen, während ihr
+dem lebendigen Menschen die Haut abzieht!
+
+
+_Bienemann_
+
+Mein Gott, die Zivilisation bringt eben manchen Übelstand
+mit sich. Sind Sie denn nun eigentlich dort unten gewesen
+bei den wilden Völkern?
+
+
+_Hockenjos_
+
+Und ob, mein lieber Herr, und ob! War dabei, wie sechzig
+wackere Burschen aufgerieben worden sind von den braunen
+Satansbrüdern, und wäre nicht ein malaiisches Mädchen
+gewesen, das mich auf Gebirgswegen zur Küste führte, dann
+könnt ich heute eure Kirchweih dahier nicht stören.
+
+
+_Bienemann_
+
+Sie betrachten unsere Angelegenheit etwas zu vergnügt,
+scheint mir. Da haben Sie wohl große Strapazen erlitten?
+Aussehen tun Sie ja wie der leibhafte Odysseus.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Was wollen Strapazen schließlich bedeuten? Ist eine
+Herrlichkeit, wenn einem die Sonne immerfort bis in den
+Magen leuchtet. Dort ist der Mann ein Mann. Von Polizei
+nirgends die Spur. Und Blumen! und Vögel! und Bäume! Da weiß
+man erst, was Gott der Herr erschaffen, und warum er am
+siebenten Tag ausgeschnauft hat. Hier guckt einer dem andern
+auf die Finger, und schockweis fressen sie aus demselben
+Tiegel. Und ein Eifer, und ein Fleiß, und eine Wichtigkeit,
+aber ist's denn irgend jemandem Ernst? Tinte schwatzen sie.
+
+
+_Bienemann_
+
+Ganz meine Meinung.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Sie sind auch so ein Kalfakter.
+
+
+_Bienemann_
+
+Verurteilen Sie mich nicht. Ich diene dem Gemeinwohl.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Gemeinwohl ... ein richtiges Tintenwort.
+
+
+_Bienemann_
+
+Durchaus nicht.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Möchten Sie mir nicht erklären, was Sie unter Gemeinwohl
+verstehen?
+
+
+_Bienemann_
+
+(trocken)
+
+Gemeinwohl ist das, was viele tun müssen, um einen einzelnen
+zu fördern.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Der Tausend! Mensch, Sie sind ja ein Zyniker!
+
+
+_Bienemann_
+
+Gott sei Dank, das bin ich. Diese Eigenschaft hab ich mir im
+Umgang mit Leuten erworben, die sich dadurch von mir
+unterscheiden, daß sie den Begriff Gemeinwohl anders
+definieren. (Stimmenlärm von der Straße.)
+
+
+_Hockenjos_
+
+Jetzt geht's los da drunten.
+
+
+_Bienemann_
+
+Ja. Ich bin nur neugierig, was wir mit Ihnen da oben
+anfangen werden.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Ich auch.
+
+
+_Bienemann_
+
+Sie haben also keine bestimmte Vorstellung über Ihre
+zukünftige Rolle bei dieser immerhin ungewöhnlichen
+Verwicklung?
+
+
+_Hockenjos_
+
+Ich? Nein. Ich habe nur nicht die Absicht, mir meinen Platz
+in der Welt so ohne weiters wegstibitzen zu lassen. Wenn's
+auch nur ein ganz lumpiger Platz war, so ein
+Fünfzigpfennigplatz, auf dem Olymp ...
+
+
+_Bienemann_
+
+Das kann ich Ihnen nachfühlen. Als deklarierter Toter lebt
+sich's nicht sehr bequem.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Und noch dazu auf solche Manier deklariert ... (Erregt
+sich.) Wenn ihr wenigstens das Denkmal von einem anständigen
+Kerl hättet machen lassen. Aber von diesem Zuckerbäcker, dem
+Mettenschleicher! diesem Pfründner, der von der Kunst
+ungefähr so viel versteht wie ich vom Koloratursingen,
+diesem Eunuchen, der mit seiner Nase immer an den
+unanständigsten Gegenden prinzlicher Personen schnuppert, --
+daß ihr mich von dem habt verewigen lassen, das wurmt mich.
+
+
+_Bienemann_
+
+Wir haben halt Pech mit Ihnen. Jetzt ist es zu spät.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Mir wird schon übel, wenn ich das Zeugs da unter den Hüllen
+sehe. Wahrscheinlich so ein Marzipan-Engel, was?
+
+
+_Bienemann_
+
+Natürlich, was glauben Sie denn! Wir werden uns doch die
+Muse nicht entgehen lassen, die den Künstler auf die Stirne
+küßt!
+
+
+_Hockenjos_
+
+Und mit zwei Flügeln, was?
+
+
+_Bienemann_
+
+Zwei Flügel. Ganz richtig. Wie sich's gehört.
+
+
+_Hockenjos_
+
+O, du Schuft!
+
+
+_Bienemann_
+
+Achtung, jetzt hör ich den Bürgermeister kommen.
+
+
+_Karinkel_
+
+(stürzt in höchster Eile herein)
+
+Das ist er also! (Starrt Hockenjos an.)
+
+
+_Hockenjos_
+
+(ironisch)
+
+So echauffiert, Herr Bürgermeister?
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie spotten wohl? Mir ist gar nicht spötterisch zumut.
+
+
+_Hockenjos_
+
+(brüsk)
+
+Was steht dem Herrn zu Diensten?
+
+
+_Karinkel_
+
+(wischt den Schweiß von der Stirn)
+
+Es wird Ihnen doch bekannt sein, daß wir eben im Begriff
+sind, die Enthüllung Ihres Denkmals zu feiern.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Jawohl. Ist mir zu Ohren gekommen. Das ist auch der Grund,
+weshalb ich da bin.
+
+
+_Karinkel_
+
+(einschmeichelnd)
+
+Sie werden doch einsehn, lieber Meister, daß Sie unmöglich
+in der Stadt bleiben können.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Sehe ich ohne weiters ein.
+
+
+_Karinkel_
+
+(hocherfreut)
+
+Das lob ich mir. Sie sind ein prächtiger Mensch.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Gewiß. Man muß bei mir nur den Herzpunkt treffen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Es wäre ja auch ein Mord, lieber Freund, ein moralischer
+Mord.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Ei wieso denn?
+
+
+_Karinkel_
+
+Sehr einfach. Jeder, der über diesen Platz an diesem Denkmal
+vorübergehen wird, eifert Ihnen nach, schaut zu Ihnen
+hinauf, bringt ebenfalls Großes hervor und nützt so wieder
+seinen Mitbürgern und der Stadt.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Das leuchtet mir beinahe ein.
+
+
+_Bienemann_
+
+Es ist so klar wie zweimalzwei.
+
+
+_Karinkel_
+
+(immer eifriger)
+
+Sie sind heute ... wie alt sind Sie?
+
+
+_Hockenjos_
+
+Vierundfünfzig.
+
+
+_Karinkel_
+
+Vierundfünfzig. Wie alt wird der Mensch? Siebzig. Sagen wir
+fünfundsiebzig.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Gut. Sagen wir fünfundsiebzig.
+
+
+_Karinkel_
+
+Wegen dieser erbärmlichen zwanzig Jahre wollen Sie Ihre
+Unsterblichkeit aufs Spiel setzen?
+
+
+_Hockenjos_
+
+Hm ... Finden Sie nicht, daß ein Sperling in der Hand besser
+ist --
+
+
+_Karinkel_
+
+Nein, nein, nein, vom idealen Standpunkt nein.
+
+
+_Bienemann_
+
+Durchaus nicht.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Was habe ich also nach Ihrer Ansicht zu tun?
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie müssen fort.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Es haben mich aber doch einige Leute gesehen ...
+
+
+_Karinkel_
+
+Das macht nichts; wir geben Sie für Ihren Doppelgänger aus.
+Wir bringen in der Zeitung eine kleine scherzhafte Notiz.
+Nicht wahr, Bienemann? Wir nennen ihn Mister Koch aus
+Pennsylvanien. Hahaha!
+
+
+_Bienemann_
+
+Das geht, das geht. »Ein heiteres Spiel des Zufalls fügte
+es« -- und so weiter.
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie müssen Deutschland verlassen.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Mit Vergnügen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie müssen Europa den Rücken kehren.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Mehr kann ich aber unmmöglich für Sie tun.
+
+
+_Karinkel_
+
+(glücklich)
+
+Sie sind ein Engel von einem Mann. Mit Ihnen kann man ja
+ausgezeichnet reden. Da sieht man erst, wie schlecht man im
+Leben einander kennen lernt.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Langsam, langsam, bester Herr --
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie fahren also nach Amerika. Sie benutzen den Schnellzug,
+der um drei Uhr hier hält. Die Reisekosten --
+
+
+_Hockenjos_
+
+Langsam. Jetzt komme ich.
+
+
+_Karinkel_
+
+Die Reisekosten zahlen wir selbstverständlich --
+
+
+_Hockenjos_
+
+So billig denken Sie mich loszuwerden?
+
+
+_Karinkel_
+
+Na ja, man kann noch ein Übriges tun ...
+
+
+_Bienemann_
+
+(aus dem Hinterhalt hetzend)
+
+Ein kleines Douceur ...
+
+
+_Hockenjos_
+
+Ihre Propositionen haben Sie gemacht. Jetzt will ich die
+meinen machen.
+
+
+_Karinkel_
+
+(ängstlich)
+
+So ... Sprechen Sie nur frei von der Leber weg.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Wie viel hat Sie der Marmorhaufen da draußen gekostet?
+
+
+_Karinkel_
+
+Viel Geld; schändlich viel!
+
+
+_Hockenjos_
+
+Na ... dreißigtausend --?
+
+
+_Karinkel_
+
+Mehr!
+
+
+_Hockenjos_
+
+Also. Ich verlange nur so viel.
+
+
+_Karinkel_
+
+(wie mit der Nadel gestochen)
+
+Was? Sie sind toll!
+
+
+_Hockenjos_
+
+Kommt denn das gegen die Unsterblichkeit in Betracht,
+verehrter Bürgermeister?
+
+
+_Karinkel_
+
+Mensch, es handelt sich ja um _Ihre_ Unsterblichkeit!
+
+
+_Hockenjos_
+
+Mit der _Sie_ ein Geschäft machen wollen. So viel wie Sie
+für mein Denkmal ausgegeben haben, lieber Herr, habe ich
+mein ganzes Leben lang mit meiner Hände Arbeit nicht
+verdient. Ich verkaufe Ihnen meinen Leichnam für weniger
+Geld als Sie für seine Glorifikation ausgegeben haben. Ist
+das nicht kulant? Sie haben ja eine Ausstellung meiner
+Bilder veranstaltet. Sie haben ja allen möglichen
+blumeranten Quatsch darüber schreiben lassen. Die Bilder
+gehören Ihnen. Bezahlen Sie sie mir, so daß ich endlich
+einmal leben kann, denn hierzulande hab ich bis jetzt kein
+Leben geführt.
+
+
+_Karinkel_
+
+(jammernd)
+
+Aber, Mann! was kümmern mich Ihre Bilder!
+
+
+_Hockenjos_
+
+Endlich ein Wort aus dem Herzen. Also kurz und bündig, Herr:
+ist Ihnen meine Willfährigkeit so viel wert oder nicht? Den
+Hanswurst spiel ich nimmer länger.
+
+
+_Karinkel_
+
+(verzweifelt)
+
+Wo soll ich so eine Menge Geld hernehmen? Bienemann helfen
+Sie mir doch! Überreden Sie ihn doch --
+
+
+_Hockenjos_
+
+(greift nach seinem Hut)
+
+Genug geredet. Ich werde jetzt eine kleine Unterhaltung mit
+meinem -- Doppelgänger führen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Halt! halt! Ich will ja ... genügt eine Sicherstellung des
+Kapitals?
+
+
+_Hockenjos_
+
+Die genügt. (Sehr ernst.) Wenn ich nur was Sicheres habe.
+Was Sicheres brauch ich jetzt. Brot! Und Frieden.
+
+
+_Karinkel_
+
+(das Folgende sehr rasch)
+
+Man muß eine Anleihe aufnehmen.
+
+
+_Bienemann_
+
+Gibt es keine geheimen Fonds?
+
+
+_Karinkel_
+
+Wenn wir nur ein paar reiche Juden hätten ...
+
+(Beißt sich in die Finger.)
+
+
+_Bienemann_
+
+Zu überlegen ist keine Zeit.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ich habe eine Idee. Ich beantrage im Gemeinderat den Bau
+eines Hockenjos-Museums, und das Geld verwend' ich
+einstweilen, um den Mann zu befriedigen.
+
+
+_Bienemann_
+
+Vortrefflich. Rechnen Sie auf mich.
+
+
+_Hockenjos_
+
+(am Fenster, mit Blick gegen das Denkmal)
+
+Da faseln sie von Kunst. Von Kunst faseln sie, die Hunde.
+Ruhm! Ha. Mich verlangt nach keinem Ruhm. Selbst wenn's
+ernst damit wäre. Alle Vorbehalte gehn dabei flöten. Ich
+will meine Vorbehalte haben. Will nicht von jedem Narren
+angesturt werden. Da ist man ja wie das Tor von einem
+Pfandhaus. Ich pfeif auf die Kunst. Sie ist viel zu groß für
+den schwachen Schädel. Kannst du den Großen groß sein? Die
+wandeln im Elysium, während du im Dreck kutschierst.
+Nützlich muß man sein. Und kaltblütig. Adieu, Städtchen!
+Dieses Amerika ist ja bloß ein paar Stunden weit von hier.
+Am Samstag, eh ich sterbe, komm ich mal übern Sonntag
+herüber.
+
+
+_Karinkel_
+
+(hat die Tür geöffnet, Abendrot hereingewinkt und mit ihm
+lebhaft geflüstert. Abendrot nickt mehrmals und geht wieder
+hinaus, Karinkel zu Hockenjos)
+
+Vom Fenster weg, um aller Heiligen willen!
+
+
+_Hockenjos_
+
+(gemächlich)
+
+Aber lieber Herr, wer denkt denn da drunten an mich!
+
+
+_Karinkel_
+
+Also, es wird alles geordnet. Nur noch eine Bedingung habe
+ich zu stellen.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Die wäre --?
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie müssen sich den Bart abrasieren lassen.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Wenn es sein muß -- (Abendrot kommt mit einer Seifenschüssel,
+Pinsel und Rasiermesser.)
+
+
+_Karinkel_
+
+Es muß sein. Ich habe schon mit Abendrot gesprochen. Er
+versteht sich auf die Hantierung. Wir dürfen keinen Fremden
+mehr ins Vertrauen ziehn.
+
+
+_Kommissär Binder_
+
+(kommt)
+
+Herr Bürgermeister, es ist die höchste Zeit. Der Herr
+Professor Mettenschleicher führt soeben Seine königliche
+Hoheit zum Festplatz.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ich komme.
+
+
+_Bienemann_
+
+(am Fenster)
+
+Das Volk ist schon versammelt.
+
+
+_Karinkel_
+
+Geben Sie mir das Konzept meiner Rede, Bienemann.
+
+
+_Bienemann_
+
+Jaso, die Festrede. Hier. (Reicht ihm das Manuskript.)
+
+
+_Karinkel_
+
+Wie seh ich aus?
+
+
+_Bienemann_
+
+Tadellos.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ist es wahr, Binder? Keine Flecken?
+
+
+_Binder_
+
+Da am Knie ist ein Spritzer ... (Bückt sich, reibt.)
+
+
+_Bienemann_
+
+Von der Bratensauce.
+
+
+_Karinkel_
+
+Schnell, schnell. Kommen Sie, Binder. Und Sie Bienemann,
+bleiben hier und passen gut auf. (Ab mit Binder.)
+
+
+_Abendrot_
+
+Wolle Se gefälligst Platz nehme, Herr?
+
+
+_Hockenjos_
+
+(setzt sich; zu Bienemann)
+
+Sie sind also der Verfasser der Festrede?
+
+
+_Bienemann_
+
+Jawohl. Ich bin des Bürgermeisters Tintenfaß. Er
+verschwendet geradezu meinen Geist. Eines Tages werde ich
+wegen Gehirnschwund der Armenkasse zur Last fallen.
+Vielleicht bekomm ich dann auch einen Denkstein. Die
+Inschrift wird lauten: Dem treuen Hohlkopf Bienemann sein
+väterlicher Blutegel Karinkel.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Der Mann ist sehr strebsam.
+
+
+_Bienemann_
+
+Strebsam, ja; das ist er. Für mich ist er vorbildlich.
+Geradezu ein Gattungsbegriff. Er war ein einfacher
+Schneider.
+
+
+_Hockenjos_
+
+(bereits mit abgeschnittenem Bart)
+
+Davon hat er was beibehalten.
+
+
+_Bienemann_
+
+Die ganze Stadt könnte man Karinkelei nennen. Der Schneider
+siegt auf der ganzen Linie.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Sie sind bitter.
+
+
+_Bienemann_
+
+Bitter und (mit Blick auf Abendrot) unvorsichtig.
+(Musiktusch von draußen.) Aha, der Prinz!
+
+
+_Hockenjos_
+
+Na, Abendrot, was denken denn Sie bei dem Rummel?
+
+
+_Abendrot_
+
+(einseifend)
+
+Ich hab mer nie Gedanke gemacht über meine vorgesetzte
+Behörde.
+
+
+_Stadtrat Hannewickel_
+
+(tritt ein; ein schlottriger, schwerhöriger Greis)
+
+Entschuldige die Herre, ich möcht mir die Festlichkeit von
+owe ansehe. (Stutzt.) No, no, was isch denn das?
+
+
+_Bienemann_
+
+(ihm ins Ohr schreiend)
+
+Ein berühmter Zeitungsberichterstatter aus Amerika, Herr
+Stadtrat. Hat Eile, will dem Prinzen vorgestellt werden. Muß
+sich hier rasieren lassen. Mister Koch -- Herr Stadtrat
+Hannewickel.
+
+
+_Hannewickel_
+
+Merkwürdig, merkwürdig ...
+
+
+_Hockenjos_
+
+#How do you do,# Sir?
+
+
+_Bienemann_
+
+(ihm ins Ohr)
+
+Er erkundigt sich nach Ihrem Befinden.
+
+
+_Hannewickel_
+
+Dank schön. Dank schön. (Geht ans Fenster, öffnet es.)
+
+
+_Stimme Karinkels_
+
+Zum ersten Mal tritt die hohe Aufgabe an uns heran, dem
+Namen eines Mitbürgers zu huldigen, eines Mannes, der in
+unserem engsten Kreis gestrebt und geschaffen hat, eines
+großen, gottbegnadeten Künstlers.
+
+
+_Abendrot_
+
+Sie müsse den Kopf e bissele rechts halte ...
+
+
+_Stimme Karinkels_
+
+Wir sehen noch im Geist seine herrliche Gestalt durch unsere
+Gassen schreiten, wir können sein feuriges Auge nicht
+vergessen, wir spüren noch mit Ehrfurcht den Hauch seiner
+Gegenwart, die uns erhoben und über den Alltag entrückt
+hat ...
+
+
+_Hockenjos_
+
+Daß dich der Satan beiße ...
+
+
+_Abendrot_
+
+Nu müsse Se 'n Kopf e bissele links halte ...
+
+
+_Hannewickel_
+
+(zu Bienemann)
+
+Wie heischt jetz der Künschtler, dem Se's Denkmal g'setzt
+hawe?
+
+
+_Bienemann_
+
+(schreit ihm ins Ohr)
+
+Hockenjos!
+
+
+_Hannewickel_
+
+Richtig. Ich hab halt gar koi Gedächtnis mehr. Drei Sachen
+kann i mir überhaupt nimmer merke. Erschtens Zahlen.
+Zweitens Namen. Drittens ... Herrjeses, 's dritte haw' i
+vergessen.
+
+
+_Karinkels Stimme_
+
+Der Ruhm seines lichtstrahlenden Pinsels wird durch die
+Zeiten schimmern und unsern Söhnen ein Vorbild sein -- -- -- --
+
+(Der Vorhang fällt.)
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch
+wurde auf Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die
+nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber
+dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+S. 021: sind die Geschehnisse wie Träume .. -> ...
+S. 021: Erzähle, Fedor Alexandrowitsch .. mir -> ...
+S. 050: die um Iwan wissen .. -> ...
+S. 062: Gleich darauf -> (Gleich darauf)
+S. 076: Die schönste die vornehmste -> schönste, die vornehmste
+S. 098: Händen anf dem Rücken -> auf
+S. 099: konnt' es doch nicht durft' es doch nicht kommen -> nicht, durft'
+S. 173: geht nruhig auf und ab. -> unruhig
+S. 174: Pünklichkeit -> Pünktlichkeit
+S. 193: Herrlicheit -> Herrlichkeit
+S. 277: Begriff Geweinwohl -> Gemeinwohl
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
+Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans
+of a first edition copy. The table below lists all
+corrections applied to the original text.
+
+p. 021: sind die Geschehnisse wie Träume .. -> ...
+p. 021: Erzähle, Fedor Alexandrowitsch .. mir -> ...
+p. 050: die um Iwan wissen .. -> ...
+p. 062: Gleich darauf -> (Gleich darauf)
+p. 076: Die schönste die vornehmste -> schönste, die vornehmste
+p. 098: Händen anf dem Rücken -> auf
+p. 099: konnt' es doch nicht durft' es doch nicht kommen -> nicht, durft'
+p. 173: geht nruhig auf und ab. -> unruhig
+p. 174: Pünklichkeit -> Pünktlichkeit
+p. 193: Herrlicheit -> Herrlichkeit
+p. 277: Begriff Geweinwohl -> Gemeinwohl
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text
+has been replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
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+
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+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
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+opportunities to fix the problem.
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+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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