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diff --git a/19940-8.txt b/19940-8.txt new file mode 100644 index 0000000..8533d49 --- /dev/null +++ b/19940-8.txt @@ -0,0 +1,12168 @@ +The Project Gutenberg EBook of Die ungleichen Schalen, by Jakob Wassermann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die ungleichen Schalen + Fünf einaktige Dramen + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: November 27, 2006 [EBook #19940] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNGLEICHEN SCHALEN *** + + + + +Produced by Markus Brenner, Marina Lukas and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Die ungleichen Schalen + + + Fünf einaktige Dramen + + von + + Jakob Wassermann + + + + S. Fischer, Verlag, Berlin + + 1912 + + + +Alle Rechte vorbehalten. Den Bühnen und Vereinen gegenüber +Manuskript. Das Recht der Aufführung ist allein durch +S. Fischer, Verlag, Berlin W., Bülowstr. 90 zu erwerben. + +Copyright 1912 S. Fischer, Verlag, Berlin. + + + +Inhalt + +Rasumowsky 9 +Gentz und Fanny Elßler 59 +Der Turm von Frommetsfelden 107 +Lord Hamiltons Bekehrung 171 +Hockenjos 237 + + + + +Rasumowsky + + +Personen: + + Graf Alexei Grigorjewitsch Rasumowsky + Rodion, sein Diener + Michael Jefimowitsch Lassunsky, Kapitänleutnant der Leibgarden + Fedor Alexandrowitsch Chidrowo, Rittmeister der Garde-Kavallerie + Graf Grigorij Orlow + +Spielt in Petersburg im Jahre 1763. + + +Ein altertümlich ausgestatteter großer Raum im Hause des +Grafen Rasumowsky. An der Rückwand links ein großer Kamin, +in welchem ein Holzfeuer brennt. Über dem Kamin das Porträt +der Kaiserin Elisabeth Petrowna. Rechts ein erkerartiger +Vorbau mit Fenstern gegen die Straße. In der rechten +Seitenwand Türe in die übrigen Gemächer, in der linken der +Ausgang zum Flur. + +Rittmeister _Fedor Chidrowo,_ ein junger Mann von 23 Jahren, +geht aufgeregt umher. Nach kurzer Weile tritt Kapitänleutnant +_Michael Lassunsky_ ein, von _Rodion_ geführt, einem alten +Kleinrussen. + + +_Lassunsky_ + +(etwa im gleichen Alter wie Chidrowo) + +Sag meinem Oheim, daß ich ihn dringend sprechen muß. + + +_Rodion_ + +Eure Erlaucht werden gebeten zu warten. Seine gräfliche +Gnaden ist noch bei der Morgenandacht. + + +_Lassunsky_ + +Sag dem Grafen -- + + +_Rodion_ + +Es ist der strenge Befehl Seiner gräflichen Gnaden, ihn +nicht bei der Morgenandacht zu stören. + + +_Lassunsky_ + +Kerl, die Wichtigkeit -- + + +_Rodion_ + +Hab strengen Befehl von Seiner gräflichen Gnaden -- + + +_Lassunsky_ + +Scher dich zum Henker. (Rodion wirft Scheite in den Kamin, +dann ab.) Du hier, Fedor Alexandrowitsch? + + +_Chidrowo_ + +Grüß dich, Michael Jefimowitsch. Mußt dich gedulden, warte +ebenfalls schon lang. + + +_Lassunsky_ + +Orlow ist auf dem Weg hierher. + + +_Chidrowo_ + +(bestürzt) + +Das kann nicht sein. + + +_Lassunsky_ + +Orlow ist auf dem Weg hierher. + + +_Chidrowo_ + +Ist das eine Vermutung? + + +_Lassunsky_ + +Eine Gewißheit; wenigstens beinahe. + + +_Chidrowo_ + +Beinahe ist keine Gewißheit. Aber du bist so erregt ... + + +_Lassunsky_ + +Hab Grund dazu. Der Großkanzler Woronzow ist an der +Kasan-Kathedrale überfallen worden. + + +_Chidrowo_ + +Bei Gottes Güte, was sagst du da! + + +_Lassunsky_ + +Erwartet Alexei Grigorjewitsch nicht den Großkanzler? + + +_Chidrowo_ + +Ja, Graf Woronzow hat mich geschickt, damit ich seine +Ankunft melde. Aber -- + + +_Lassunsky_ + +Ich und Anenkow ritten als Eskorte hinter dem Wagen des +Großkanzlers. Eine Horde betrunkener Soldaten drängt sich +zwischen uns und die Karosse, und auf einmal sind wir +abgeschnitten. Wir sehen nur noch, daß der Kanzler gezwungen +wird, auszusteigen, dann haben sie ihn in ein Haus +geschleppt. + + +_Chidrowo_ + +Und ihr habt nicht dreingehaut? + + +_Lassunsky_ + +Zwei gegen fünfzig? + + +_Chidrowo_ + +Das ist ja Aufruhr, Michael Jefimowitsch. + + +_Lassunsky_ + +Anenkow ist in den Palast zurückgeeilt, ich hierher. + + +_Chidrowo_ + +Und du glaubst --? + + +_Lassunsky_ + +Ich glaube, daß Orlow hier sein wird, eh dort die Uhrzeiger +gestreckt stehen. + + +_Chidrowo_ + +Das sollte Orlow wagen? + + +_Lassunsky_ + +Orlow wagt alles. (Zur Türe, ruft hinaus.) Rodion! + + +_Rodion_ + +(kommt) + +Erlaucht befehlen? + + +_Lassunsky_ + +Ihr seid nicht an Besuch gewöhnt, Alter? + + +_Rodion_ + +Nein, Erlaucht, wir leben sehr zurückgezogen. + + +_Lassunsky_ + +Nun wohl, ihr werdet binnen kurzem Besuch erhalten, noch +dazu sehr unwillkommenen. Sperr die Tore zu. + + +_Chidrowo_ + +Sperr die Tore zu, Alter. + + +_Lassunsky_ + +Ja, sperr die beiden Tore zu, das nach der Gasse und das +nach dem Garten. + + +_Rodion_ + +Ist Gefahr für Seine gräfliche Gnaden? + + +_Chidrowo_ + +Schwatz nicht, Alter, tu, was man dir befiehlt. (Rodion ab.) + + +_Lassunsky_ + +(wirft sich in einen Sessel) + +Ich bin hin. + + +_Chidrowo_ + +(ungestüm auf und ab gehend) + +Wie glaubst du, daß Alexei Grigorjewitsch die Nachricht +aufnehmen wird? + + +_Lassunsky_ + +Kann mich nicht erinnern, ihn je sonderlich erstaunt gesehen +zu haben. + + +_Chidrowo_ + +Das ist böse. + + +_Lassunsky_ + +Bah! wer viel staunt, handelt wenig. + + +_Chidrowo_ + +So viel sag ich dir: wenn die Kaiserin den Orlow heiratet, +nehm ich meinen Abschied. + + +_Lassunsky_ + +Nach Sibirien. + + +_Chidrowo_ + +Einem Orlow huldigen? Eher nach Sibirien. + + +_Lassunsky_ + +Was können wir dagegen tun? + + +_Chidrowo_ + +Die Fürstin Chilkow hat geweint, als sie davon erfuhr. + + +_Lassunsky_ + +Die flennt, wenn man einem Huhn den Hals abdreht. Als +Rakitin mit ihrem Wissen ihren Mann erschlug, hat sie keine +Träne vergossen. (Man hört Waffenlärm von der Straße.) +Horch --! (Beide lauschen.) + + +_Chidrowo_ + +(nähert sich dem Erker) + +Nein -- nichts. (Stellt sich vor Lassunsky; ungestüm.) +Michael Jefimowitsch! Wir sollten hingehen und die Kaiserin +bitten, es nicht zu tun. Haben wir ihr nicht auf den Thron +geholfen? Wir alle? Wir sind bereit, für sie zu sterben, nur +das, das eine, das nicht! Sie kann sich unsern Gründen nicht +verschließen. + + +_Lassunsky_ + +Sie wird aus deinen Gründen einen Strick für den Henker +drehen. + + +_Chidrowo_ + +Herrgott, Michael Jefimowitsch, sie ist doch eine kluge +Frau! + + +_Lassunsky_ + +Sie ist verliebt. + + +_Chidrowo_ + +Was ist denn an einem Orlow zu lieben? + + +_Lassunsky_ + +Was wir an ihm hassen. + + +_Chidrowo_ + +Sein Ehrgeiz macht ihn verrückt. + + +_Lassunsky_ + +Er ist schön, und stark wie ein Bär. + + +_Chidrowo_ + +Er hat keine Erziehung. + + +_Lassunsky_ + +Umso weniger ist er gehemmt. + + +_Chidrowo_ + +(leise durch die Zähne) + +Ich sage dir: er wird sie ermorden, so wie er den Zaren +ermordet hat. + + +_Lassunsky_ + +Dummkopf! Er war nur die Hand. Katharina ist tausendmal +schlauer als er. O, das ist ein Weib, mein Lieber, die +steckt uns alle in den Sack. + + +_Chidrowo_ + +Wo ist da die Schlauheit? Die Mariage ist projektiert. Es +muß ein Mittel gefunden werden, sie davon abzubringen. + + +_Lassunsky_ + +Du bist Soldat und mußt schweigen. + + +_Chidrowo_ + +Schweigen kostet Herzblut. + + +_Lassunsky_ + +Ich meinerseits will nicht Politik treiben, da hast du's. + + +_Chidrowo_ + +Aber die Zähne knirschen? Das ist auch eine Art von Politik +und eine schlechte. Wie stumpf du bist! + + +_Lassunsky_ + +Stumpf? + + +_Chidrowo_ + +Oder du weißt mehr als du sagen willst. + + +_Lassunsky_ + +Wohl möglich. Vielleicht wirst du heute noch alles erfahren. + + +_Chidrowo_ + +Wie ist's? warum wollte der Großkanzler mit Rasumowsky +verhandeln? + + +_Lassunsky_ + +Ist dir nicht bekannt, daß Alexei Grigorjewitsch heimlich +vermählt war mit der verstorbenen Kaiserin Elisabeth +Petrowna? + + +_Chidrowo_ + +Dies ist mir wohl bekannt, allein -- wie hängt das zusammen? + + +_Lassunsky_ + +(sieht sich um) + +Schweig, schweig. + + +_Chidrowo_ + +Im Hause Rasumowskys sind die Wände taub. + + +_Lassunsky_ + +Nicht um die Wände handelt sich's. (Steht auf.) Aber er! Er! +Dieser furchtlose Mann! Der furchtloseste, der in Rußland +lebt. Wie ich ihn verehre, Fedor Alexandrowitsch! Wüßtest du +wie ich ... In wunderbarer Verschwiegenheit ist er der +Geliebte einer Kaiserin gewesen. Niemals hat ihn eine Miene, +nie ein Lächeln verraten. Nie hat er Schacher getrieben mit +seinem Glück. Nie war er ungerecht. Und jetzt (schmerzlich) +jetzt soll er sich ausliefern. Weil ein Orlow mit der +Vergangenheit dieses gerechten Mannes seine Zukunft gründen +will! + + +_Chidrowo_ + +Ausliefern? Ich verstehe dich nicht, Michael Jefimowitsch. +Kein Wort verstehe ich von allem was du sagst. + + +_Lassunsky_ + +(kummervoll) + +Und er wird Grigorij Orlow empfangen. Er wird ihn einlassen, +ich weiß es. + + +_Chidrowo_ + +Du meinst, weil er sich nicht getrauen wird, den ersten +Günstling der Krone von seiner Türe zu weisen? + + +_Lassunsky_ + +Nicht deshalb, Fedor Alexandrowitsch, nicht deshalb. Sondern +eben, weil er so gerecht ist. Und wenn Orlow vor ihm steht, +dieser Sturmwind, dieser Leopard, kannst du ermessen, was +dann geschieht? Mich jammert's, Fedor Alexandrowitsch, und +ich fühle mich machtlos. Die Dinge geschehen, und wir sind +machtlos. + + +_Chidrowo_ + +Du schwaches russisches Herz! So will ich dir sagen: +Rasumowsky wird Grigorij Orlow nicht empfangen. + + +_Lassunsky_ + +(aufmerksam) + +Schon vorhin hast du angedeutet, daß Orlow es nicht wagen +würde ... Da steckt was dahinter. + + +_Chidrowo_ + +Weißt du nicht, was sich am Ostertag auf der Morskaja +zugetragen hat? + + +_Lassunsky_ + +Kein Sterbenswort. + + +_Chidrowo_ + +Wahrlich, in unserm Leben sind die Geschehnisse wie Träume +... (Faßt sich an die Stirn.) So kurz die Zeit, so weit +entrückt. (Besinnt sich.) So war's ... + + +_Lassunsky_ + +Erzähle, Fedor Alexandrowitsch ... mir ist jetzt selbst als +hätten sie in der Wachtstube davon berichtet. Zuviel drängt +sich in einen Tag. + + +_Chidrowo_ + +So war's ... (Mit Gesten, als ob er auf einen Plan wiese.) +Da ist die Morskaja. Da ist die Gasse von den Kasernen. Da +ist eine enge Gasse zum Newski-Prospekt. Orlow hatte die +Regimenter Astrachan und Ingermanland zum Gehorsam +gezwungen. Mit seinen zwanzig oder dreißig Getreuesten +stürmt er zum Winterpalast, um es der Kaiserin zu melden. +Rast auf seinem Gaul an der Spitze der Schar mitten durch +die Stadt. Die Funken spritzen, das Pflaster dröhnt. So +gelangen sie auf die Morskaja. Da spielen zwei Kinder auf +der Straße, schöne, blonde Kinderchen, ein Mädchen und ein +Knabe, sitzen friedlich da und spielen. Denken offenbar, die +Reiter werden ausweichen, denn die Straße ist ja breit, und +so staunen sie dem Schauspiel entgegen und freuen sich. +Orlow aber sprengt mittenwegs auf sie zu, als könnt er +nicht, wollt er nicht aus der Bahn, zu spät rufen Leute aus +den Fenstern, strecken die Arme, zu spät erkennen die +Kleinen die Gefahr und starren, gütige Unschuld, wie wenn +ihr Schutzpatron sie geblendet hätte. Orlow fletscht die +Zähne, spornt noch das Roß, starrt gerade vor sich hin, als +sähe er nichts, Weiber kreischen, Männer stürzen aus den +Häusern ... alles umsonst, die beiden Mäuschen sind unter +den Hufen verschwunden, eh' man's denkt, zerrissen, +zertreten, und man schaut nur noch blutige Klumpen. + + +_Lassunsky_ + +O Menschheit! + + +_Chidrowo_ + +Im selben Augenblick kommt Alexei Rasumowsky aus der engen +Gasse, wohin die Reiter wollen, und vor der sie sich stauen +wie Wasser vor einem Wehr. Rasumowsky blickt hin über die +Luft, blickt hin auf die blutige Erde und ruft: Graf Orlow! +Orlow reißt den Zügel und hält. Die hinter ihm sind, vom +tollen Ritt noch, mit ihren Gäulen dicht an ihn gedrängt. +Ganz stille wird's auf einmal. Graf Orlow! ruft Alexei +Grigorjewitsch und hebt den Arm, die gemordeten Seelchen +werden sich um deine Füße klammern, wenn du vor Gottes Thron +gehst. Mit nichten wirst du schreiten können, mit nichten. + + +_Lassunsky_ + +Und Orlow? hat er geantwortet? + + +_Chidrowo_ + +Nun geschah das Sonderbare. Orlow zieht den Dolch, beugt +sich vor, schließt wie im Krampf die Augen und stößt seinem +Pferd von oben her den Stahl mitten in die Brust. Während +das Tier zusammenbricht, springt er ab, geht an Rasumowsky +vorüber, grüßt ihn schweigend und setzt schweigend und +bleich seinen Weg zu Fuß fort. + + +_Lassunsky_ + +Rätselhaft. + + +_Chidrowo_ + +So hat mir's der Hauptmann Woropanow erzählt, der an Orlows +Seite ritt. + + +_Lassunsky_ + +Was war der Zweck solcher Tat? + + +_Chidrowo_ + +Sicherlich trägt er glühenden Haß gegen Alexei +Grigorjewitsch. + + +_Lassunsky_ + +Das dünkt mich unwahrscheinlich. + + +_Chidrowo_ + +Wie ... unwahrscheinlich --? + + +_Lassunsky_ + +Es sieht wie Demut und Buße aus, was er getan. + + +_Chidrowo_ + +Hohn ist's, sag ich dir, Hohn und Bosheit. Seine Blutgier +wollte noch ein Opfer haben. + + +_Lassunsky_ + +Warum sollt es nicht Scham und Reue gewesen sein? + + +_Chidrowo_ + +Willst du Orlow verteidigen? Schönfärben den wüsten Mord? + + +_Lassunsky_ + +Fast könnt ich Mitleid haben mit ihm. + + +_Chidrowo_ + +So seid ihr alle, lammsherzig und matt. + + +_Lassunsky_ + +Acht' auf deine Worte. + + +_Chidrowo_ + +Acht' du auf deine Freiheit, auf deine Männlichkeit! + + +_Lassunsky_ + +Stünden wir nicht hier, Fedor Alexandrowitsch -- + + +_Chidrowo_ + +(wild) + +Hier oder anderswo. Wer gut von Orlow redet, spricht +schlecht von mir. + +(Graf Alexei Rasumowsky tritt langsam von rechts ein. Er ist +mit einem langen, schwarzen Sammetgewand bekleidet und hat +eine goldne Kette um den Hals. In der Hand trägt er die +Kasansche Bibel. Er erscheint zunächst häßlich mit seinem +eingefallenen, alten, mißtrauisch finstern Gesicht, an dem +die Backenknochen stark hervortreten und die schneeweißen +Brauen wie dicke Wülste hängen, indes der Kinnbart schütter +und zottig ist. Aber sein Wesen hat eine bewundernswerte +Würde, und wenn er, um zu schauen, die Lider hebt, was nicht +häufig geschieht, ist sein Blick strahlend rein und von +seltsamer, kindlicher Wehmut. Die beiden Offiziere wenden +sich von einander und begrüßen ihn mit schweigender tiefer +Verbeugung.) + + +_Rasumowsky_ + +Streit in meinem Hause? (Langes Schweigen.) Was ist +geschehen, Rittmeister Chidrowo, daß Ihre Augen so funkeln? + + +_Chidrowo_ + +(finster) + +Üble Neuigkeiten, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +Nichts Schlimmeres in der Welt als Neuigkeiten. Weshalb sind +Sie hier, zu so früher Stunde? + + +_Chidrowo_ + +Ich sollte den Großkanzler Woronzow anmelden. + + +_Lassunsky_ + +Graf Woronzow ist auf der Fahrt hierher von Soldaten +überfallen worden. + + +_Rasumowsky_ + +Hat Rußland keinen Zaren mehr? + + +_Chidrowo_ + +Es hat eine Zarin. + + +_Rasumowsky_ + +Gott schenke ihr Weisheit. (Kopfschüttelnd.) Woronzow auf +dem Weg zu mir ... Was hat das zu bedeuten? + + +_Lassunsky_ + +Die Zarin hat den Kanzler wegen der neuen Mariage zu Euer +Erlaucht geschickt. + + +_Rasumowsky_ + +Wegen der neuen Mariage? Bin ich ein Pope? + + +_Lassunsky_ + +Der Kanzler sollte eine geheime Erkundigung einziehen. + + +_Rasumowsky_ + +(läßt sich auf dem Armsessel vor dem Kamin nieder und legt +die Bibel auf seinen Schoß) + +Das gehört auch zu den Neuigkeiten der Welt, daß mit lauter +Geheimnissen regiert wird. + + +_Lassunsky_ + +Die Sache verhält sich so, Erlaucht: Da ganz Petersburg +gegen die projektierte Heirat der Zarin mit Orlow gestimmt +ist, so hat man endlich ein Mittel gefunden, um die Geister +zu beschwichtigen, man hat auf die Ehe Euer Erlaucht mit der +verstorbenen Kaiserin Elisabeth Petrowna hingewiesen. + + +_Rasumowsky_ + +Wie? So weit hätte man sich vermessen? Und wem ist dieser +schamlose Gedanke gekommen? + + +_Lassunsky_ + +Offenbar stammt er von den Brüdern Orlow. Was ihr für +unmöglich haltet, sagten sie, ist ja schon einmal +geschehen, ohne daß die Welt eingestürzt ist. Graf +Rasumowsky ist ja da, gehen wir hin zu ihm. + + +_Chidrowo_ + +Die Narren! + + +_Rasumowsky_ + +Und was sagte die Kaiserin dazu? + + +_Lassunsky_ + +Die Kaiserin soll gesagt haben: von dieser Ehe weiß die Welt +nichts, aber wenn ihr mir den schriftlichen Beweis erbringt, +daß zwischen dem Grafen Rasumowsky und der hochseligen Zarin +eine Heirat wirklich stattgefunden hat, will ich mich fügen. + + +_Chidrowo_ + +Das hat die Kaiserin gesagt? + + +_Lassunsky_ + +Doch als die Orlows sich anheischig machten, zu Euer +Erlaucht zu gehen, wollte die Kaiserin plötzlich nichts +davon wissen. Sie gebot, daß Graf Woronzow den Auftrag +übernehmen sollte, vielleicht weil sie den Ungestüm der +Brüder Orlow fürchtete, vielleicht, weil sie in Wirklichkeit +gar nicht wünscht, was sie zu wünschen scheint. Heut um die +achte Stunde befahl der Kanzler seinen Wagen, und vor der +Kasan-Kathedrale geschah es dann -- + + +_Chidrowo_ + +(am Fenster, mit ausgestreckter Hand) + +Da sind Orlows Leute! (Stimmen und Waffenlärm vor dem Haus.) + + +_Rasumowsky_ + +(steht auf) + +Und du vermutest, daß der Überfall vom Grafen Orlow +angestiftet worden ist? (Schaut gegen den Erker.) + + +_Lassunsky_ + +Ja, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +So wäre es augenscheinlich, daß Orlow dem Befehl der +Kaiserin zuwidergehandelt hat --? (Man hört heftiges Klopfen +am Tor.) + + +_Chidrowo_ + +Sie begehren Einlaß. + + +_Rasumowsky_ + +(erstaunt) + +Einlaß begehren sie? Das Tor ist offen. War's denn nicht +auch für euch geöffnet? + + +_Lassunsky_ + +(zögernd) + +Ich habe die Tore schließen lassen. + + +_Rasumowsky_ + +Die Tore _meines_ Hauses? + + +_Chidrowo_ + +Ich denke, Erlaucht, man kann nicht mehr daran zweifeln, daß +Orlow den Kanzler überfallen ließ, um ihn dingfest zu +machen. + + +_Rasumowsky_ + +Die Tore _meines_ Hauses? (Lassunsky senkt schweigend den +Kopf.) Soll Orlow glauben, daß ich vor ihm zittere? + + +_Chidrowo_ + +Wie, Erlaucht, Sie wollen Orlow empfangen? (Erneutes Pochen +von unten.) + + +_Rasumowsky_ + +Geh, Michael Jefimowitsch, und sag, daß das Tor aufgesperrt +werde. + + +_Lassunsky_ + +(flehend) + +Erlaucht -- + + +_Rasumowsky_ + +Klang es doppelzüngig, was ich gesagt? + + +_Lassunsky_ + +(geht schweigend ab --) + + +_Chidrowo_ + +(verschränkt die Arme; vor sich hin) + +Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ... + + +_Rasumowsky_ + +Eure Großmäuligkeit, was ist sie nutze? Ist euer Nein +Vernunft, euer Ja Überlegung? Ich will sehen. Sehen und +hören will ich, dazu gab mir Gott Augen und Ohren. Und wenn +ich gesehen und gehört habe, dann will ich wägen, dazu hat +mir Gott die Erfahrung eines langen Lebens zuteil werden +lassen. + + +_Lassunsky_ + +(kommt zurück) + +Major Nischinski ist es, man hat ihn vorausgesandt, um Euer +Erlaucht den Grafen Orlow zu melden. + + +_Rasumowsky_ + +Ich bin bereit. + + +_Chidrowo_ + +(noch leiser als oben) + +Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ... + + +_Lassunsky_ + +Ich sagte ihm, daß ich die Meldung übernehmen will. + + +_Rasumowsky_ + +(wie mit sich selber redend) + +In ein Antlitz zu schauen, das heißt, Entschlüsse vom +Schicksal selbst empfangen. Läufst du hinauf die steile +Bahn, Orlow, ohne daß dein Herz klopft, so will ich prüfen, +was für ein Ruf dich ereilt, was dich zaudern macht, was +dich feurig macht, was dich grausam macht, was dich weckt. +(Ekstatisch bewegt.) Nicht richten will ich, nur Werkzeug +eines Richters sein und handeln -- wie ich muß. (Mit der +früheren Stimme.) Michael Jefimowitsch! + + +_Lassunsky_ + +(der das Gesicht abgewandt und die eine Hand über die Augen +gelegt hatte) + +Erlaucht --? + + +_Rasumowsky_ + +Wie geht es meiner Nichte Sofia? + + +_Lassunsky_ + +Wir erwarten täglich ihre Niederkunft, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +Bete für einen Knaben. Gott schenk uns Helden. (Man hört +Schritte, Stimmengesurr, Säbelklirren.) + + +_Rodion_ + +(reißt die Türe auf, feierlich) + +Der General-Adjutant Kammerherr Graf Orlow. + + +_Orlow_ + +(tritt säbel- und sporenklirrend ein. Er trägt die Uniform +der Preobraschenskyschen Leibwachen. Seine Gestalt ist +äußerst schlank, sein Gesicht kalt, bleich, hochmütig und +etwas verwüstet. Die Züge verraten eine kaum zu bändigende +Leidenschaftlichkeit. Er weiß um seine Schönheit, ist eitel +darauf und verachtet sie zugleich. Seine Hände sind fein und +lang. Er verbeugt sich tief vor Rasumowsky, die beiden +Offiziere scheint er zu übersehen.) + +Ich komme hoffentlich nicht zu ungelegener Stunde, Graf +Alexei? + + +_Chidrowo_ + +(kaum hörbar) + +Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ... + + +_Rasumowsky_ + +Michael Jefimowitsch, du wirst die Güte haben, drüben im +gelben Zimmer zu warten. + + +_Lassunsky_ + +Wir wollen keinesfalls stören. + + +_Rasumowsky_ + +Auch Sie, Fedor Alexandrowitsch, mögen warten, wenn es Ihnen +gefällig ist. + + +_Chidrowo_ + +Wenn es erlaubt ist, will ich warten. (Ab mit Lassunsky nach +rechts.) + + +_Rasumowsky_ + +Nehmen Sie Platz, Graf Orlow. (Er setzt sich, legt die Bibel +aus der Hand.) + + +_Orlow_ + +(setzt sich gleichfalls) + +Daß ich nicht mit einer langen Vorrede lästig falle, +Erlaucht: Wie Ihnen bekannt sein dürfte, hat sich Ihre +Majestät, die Kaiserin, entschlossen zu heiraten. + + +_Rasumowsky_ + +(bedächtig) + +Wieder zu heiraten. + + +_Orlow_ + +Zar Peter ist tot. + + +_Rasumowsky_ + +Doch war er gekrönter und gesalbter Zar von Rußland. + + +_Orlow_ + +Ihm folgte von Gottes Gnaden Katharina. + + +_Rasumowsky_ + +Ich unterwerfe mich demütig ihrem mächtigen Willen. + + +_Orlow_ + +Ihre erhabene Majestät hat ihr Herz an einen Unwürdigen +verschenkt, den sie aus dem Staub zu sich auf den Thron +erheben will. Dieser Unwürdige befindet sich vor Ihnen, +Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +Und schaudert Ihnen nicht vor solcher Erhebung, Graf Orlow? +Daß Sie mit Worten der Bescheidenheit davon sprechen, steht +Ihnen wohl an. Ich hatte es nicht erwartet. + + +_Orlow_ + +Daß ich endlich einen Mann finde, dem ich mein volles und +bedrücktes Gemüt eröffnen kann! (Emphatisch.) Warum hat uns +das Geschick nicht früher einander näher kommen lassen! + + +_Rasumowsky_ + +Mein Los ist Einsamkeit seit langem, Graf Orlow. Fast kenne +ich die Welt nicht mehr, und fremd ist mir geworden, was +sich außerhalb dieser Schwelle begibt. + + +_Orlow_ + +So dacht ich mir's, Erlaucht, und nur mit frommen +Empfindungen bin ich genaht. + + +_Rasumowsky_ + +Unheilig war stets, was mir von draußen kam, das ist wahr. +Doch liebe ich die Jugend, wenn schon vieles mir unbegreiflich +an ihr ist. + + +_Orlow_ + +(geschmeidig und beredt) + +Wie Sie leicht ermessen können, Erlaucht, begegnet die edle +Absicht der Kaiserin dem Widerstand aller Großen des Reichs. +Man beneidet mich, man legt mir Fallstricke, man zettelt +Verschwörungen an, ja man schreckt nicht vor offenbaren +Beleidigungen zurück, denen mein Gleichmut unmöglich +gewachsen ist. + + +_Rasumowsky_ + +Ja, ja, ja. Es ist geblieben, wie es immer war. + + +_Orlow_ + +Ich habe mich beherrschen gelernt, Erlaucht. Mein Vater hat +mich in Demut und Gehorsam erzogen. Niemals, in meinen +verwegensten Träumen nicht, konnte ich ahnen, daß der Blick +meiner gnädigen Herrscherin auf mich fallen würde. Wer kann +es mir verargen, Erlaucht, daß mein ganzes Blut sich in +Hingebung für diese Frau entflammte, daß ich bereit bin, +meine Seligkeit für sie zu opfern, daß mir nichts mühevoll, +nichts unerreichbar mehr erscheint, seitdem sie mich erwählt +hat? + + +_Rasumowsky_ + +Wohl kann ich dies verstehen, Graf Orlow. + + +_Orlow_ + +(schwärmerisch) + +O, ich wußte es, Erlaucht, ich wußte es. Dank, allen Dank +meines armen Herzens. + + +_Rasumowsky_ + +Ein Herz wie das Ihre ist nicht arm, Graf Orlow. + + +_Orlow_ + +Doch scheint mir's so in Ihrer Nähe. Aber hören Sie weiter, +Erlaucht. Vor wenigen Tagen wurde die Zarin, deren Geist in +quälender Unschlüssigkeit irgend einen Weg suchte, von einem +ruchlosen Ratgeber auf Ihre Ehe -- + + +_Rasumowsky_ + +(unterbricht hastig) + +Ich weiß, ich weiß ... + + +_Orlow_ + +Sie wissen, Erlaucht? Ich atme auf. Dies mindert die +Schwierigkeit meiner Sendung. + + +_Rasumowsky_ + +Ich bin erstaunt, daß Ihre Majestät ein solches Mittel nötig +zu haben glaubt. Jede Handlung ist gerechtfertigt, die sie +gutheißt. + + +_Orlow_ + +Ganz meine Meinung, Erlaucht. Aber Katharina ist +gewissenhaft und dankbar, zwei Eigenschaften, die den +Fürsten das Regieren erschweren. + + +_Rasumowsky_ + +Und Ihre Mission ist also -- + + +_Orlow_ + +Der Plan war, den Großkanzler zu schicken -- + + +_Rasumowsky_ + +(nickt) + +Auch dies ist mir bekannt. + + +_Orlow_ + +Ich wollte es um jeden Preis verhindern, selbst auf die +Gefahr, ungehorsam gegen meine Wohltäterin zu sein. Der +Kanzler Woronzow ist ein vortrefflicher Diener, aber er ist +nur ein Diener. Seine Rauheit, sein mürrisches Wesen, seine +Unfähigkeit, zarte Dinge zart zu packen, hätte Sie unbedingt +verletzt, Graf Alexei. Ich begriff das Ungeheuerliche des +Auftrags wie die Delikatesse, mit der er behandelt werden +mußte, vom ersten Augenblick an. Ich habe tief mit Ihnen +gefühlt, Erlaucht, ich fürchtete die Dazwischenkunft des +Kanzlers, und -- ich habe ihn gefangen setzen lassen. + + +_Rasumowsky_ + +Was Sie getan haben, ist höchst tadelnswert, Graf Orlow, +doch kann ich dem Edelmut, der Sie antrieb, meine +Bewunderung und meinen Dank nicht versagen. + + +_Orlow_ + +Und so bin ich gekommen -- (zaudert.) + + +_Rasumowsky_ + +Gekommen --? + + +_Orlow_ + +(leise, als schäme er sich) + +Sie um die Dokumente Ihrer Ehe mit der Zarin Elisabeth +Petrowna zu bitten. + + +_Rasumowsky_ + +Mein Erstaunen wächst, Graf Orlow. Wie kann man mit einer +Tatsache rechnen, mit der die Öffentlichkeit niemals +behelligt worden ist, die niemals zugegeben worden ist und +die daher niemals Gegenstand weder einer politischen, noch +einer privaten Aktion werden kann? + + +_Orlow_ + +Ich ehre diese Entrüstung, Erlaucht, und finde sie gerecht. +Aber es gibt Dinge, die so lange verschwiegen werden bis +jedes Kind um sie weiß. + + +_Rasumowsky_ + +Wahrlich, was Sie da sagen, betrübt mich aufs äußerste, Graf +Orlow. Mir ist, als sei ich bestohlen worden. Mir ist, als +hätte man meine Brust durchwühlt, um ihr das Teuerste zu +rauben, und als riefe man mir zu: du bewahrst es umsonst, +denn die Hunde beschnüffeln es schon wie ein Aas. + + +_Orlow_ + +Schwer wird es mir, Ihnen zu widersprechen, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +Und wenn ich nun antworten würde: eine Ehe zwischen mir und +der hochseligen Herrin Elisabeth Petrowna hat niemals +stattgefunden? + + +_Orlow_ + +(beißt sich auf die Lippen; dann gleißnerisch) + +So würde ich Ihre Beweggründe zu erforschen suchen. + + +_Rasumowsky_ + +Wenn ich Ihnen versichern würde, daß ich keine Dokumente +besitze --? Wie, Graf Orlow? + + +_Orlow_ + +(düster) + +Sie würden damit mein Leben zerstören, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +Und wenn ich den Besitz der Dokumente zugebe, warum soll ich +sie ausliefern? Was könnte mich veranlassen, ein Jahr um +Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt gehaltenes Übereinkommen +schmählich zu verletzen? Nur weil ein Jüngling, den die +Jugend begehrlich und begehrenswert macht, in meinen Frieden +tritt und die Hand ausstreckt nach meinem Gut? + + +_Orlow_ + +Es ist nichts in Ihren Worten, Alexei Grigorjewitsch, was +ich mir nicht auch selbst schon ins Gewissen gerufen hätte. +Doch erwägen Sie, Erlaucht: mein Glück ist auch das Glück +der Kaiserin. + + +_Rasumowsky_ + +Ich werfe mich in den Staub vor Ihrer Majestät, aber sie +hat keine Macht über die Geheimnisse meiner Seele. + + +_Orlow_ + +So flehe ich, Erlaucht, um Ihr Vertrauen ... + + +_Rasumowsky_ + +Mein Vertrauen zu den Menschen ist so gering, Graf Orlow, +daß jeder Appell daran verschwendet ist. Ich habe zu viele +Worte gehört und zu viele Taten gesehen. Ich bin meiner +selbst kaum gewiß, um wie viel weniger eines andern. Ein +Ozean von Geschwätz ertränkt die edelste Handlung, und die +niedrigste versteckt sich nicht mehr, wenn ihr ein Vorteil +winkt. + + +_Orlow_ + +Bedenken Sie, Alexei Grigorjewitsch, ein Mann, für den so +Ungeheueres sich entscheiden soll, muß ein Verworfener +werden, wenn es mißlingt. + + +_Rasumowsky_ + +Also ist es nur der Erfolg, der tugendhaft macht? + + +_Orlow_ + +Ein Held jedoch, wenn er ans Ziel gelangt. + + +_Rasumowsky_ + +Ein Held? Könnt ich dies glauben, Graf Orlow, dann! ja dann! +Aber ich kann es nicht glauben. (Feierlich.) Zwei +unschuldig Zertretene wehren mir's. + + +_Orlow_ + +Viel Blut liegt auf dem Weg der Helden, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +Blut von Kindern? + + +_Orlow_ + +Macht löscht den Makel aus. + + +_Rasumowsky_ + +(betroffen) + +Furchtbares Wort! + + +_Orlow_ + +(erkennt seinen Fehler, einlenkend) + +Als ich heranritt, Erlaucht, ich war betrunken von Freude; +ich hatte die unheilvollste Meuterei erstickt, Rebellen +hatte ich meiner Gebieterin in Anhänger auf Tod und Leben +verwandelt, die Wirklichkeit zerrann mir vor den Augen, ich +sah kein Hindernis mehr ... und als es geschehen war, hab +ich nicht Buße getan vor allem Volk? + + +_Rasumowsky_ + +Doch haben Sie dem Volk eine unheilbare Wunde geschlagen. + + +_Orlow_ + +(mit dem letzten Aufwand seiner gleißnerischen +Beredtsamkeit) + +Als ich zwölf Jahre alt war, Erlaucht, trieb mich mein +Vater mit der Peitsche vom Hof, weil ich für einen +Leibeigenen, der die Todesstrafe erleiden sollte, um Gnade +gebeten hatte. Ich liebe unser Volk. Ich weiß, wie sie +leben, wie sie schmachten, wie sie Unrecht leiden, wie sie +stumm sind, wie sie ihre Hoffnung unermüdlich von Jahr zu +Jahr tragen, wie sie in ihrer Not die Herren preisen, die +mit den Früchten ihrer Arbeit Feste feiern, und wie sie auf +den warten, der sie erlösen wird. Ich weiß es und will ihrer +nicht vergessen. + + +_Rasumowsky_ + +Ist mir doch, als ob ich Glocken hörte aus einem versunkenen +Land, Graf Orlow. (Er steht versunken, von Orlow gespannt +beobachtet; wie zu sich selbst) Ist es Rausch? oder Wahn? +oder blinde Sucht der Jugend? Leidenschaft macht beredt den, +der sie hegt, und stumm den, der sie begreift. (Laut) Sie +führen eine ungewöhnliche Sprache, Graf Orlow, die mich irre +werden läßt an meinem Vorsatz. + + +_Orlow_ + +Ich danke Ihnen, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +(geht zur Wand, wo er neben dem Kamin auf eine geheime Feder +in der Täfelung drückt. Ein Türchen springt auf. Er +entnimmt dem Schrein eine goldene Kassette, die er öffnet +und einige in roten Atlas eingeschlagene vergilbte Papiere +herauszieht) + +Sieh da, wie viel Staub darauf liegt ... (Er stellt das +Kästchen beiseite) Staub ... Staub. Pulver der +Vergessenheit. Überreste von Träumen. (Er legt den Atlas in +das Kästchen zurück und liest das oberste Papier aufmerksam +durch.) + + +_Orlow_ + +(der sich am Ziel glaubt) + +Väterchen Alexei Grigorjewitsch! (Er sinkt auf die Kniee.) + + +_Rasumowsky_ + +(ergriffen und ganz in die Vergangenheit verloren) + +Frühling und Sommer meines Lebens! (Er küßt die Papiere und +erhebt, sich bekreuzigend, die Blicke nach oben.) + + +_Orlow_ + +(packt in seiner Erregung mit beiden Händen die Papiere) + +Geben Sie, Alexei Grigorjewitsch --! + + +_Rasumowsky_ + +(erschrocken) + +Was für ein Ungestüm, Graf Orlow! + + +_Orlow_ + +(fast mit Wildheit, drohend) + +Ich kniee vor Ihnen, Alexei Grigorjewitsch! + + +_Rasumowsky_ + +(beugt sich ein wenig vor und starrt in Orlows Gesicht) + +Die Augen ... die Augen ... + + +_Orlow_ + +(springt empor) + +Wollen Sie mich auf die Folter spannen, Graf Alexei? Ich +ertrag's nicht länger. + + +_Rasumowsky_ + +(kopfschüttelnd) + +Ei, es ist eine ganz andere Stimme, die jetzt zu mir +spricht. + + +_Orlow_ + +Genug gesäuselt. + + +_Rasumowsky_ + +Also nur Verstellung? Und so schlecht verstellt? So schnell +überdrüssig der Verstellung? + + +_Orlow_ + +Wollen Sie mir den Köder nur vorsetzen, um mich zappeln zu +lassen? + + +_Rasumowsky_ + +Ach, Sie zeigen zu früh Ihr wahres Gesicht, Graf Orlow. + + +_Orlow_ + +Ich habe viele Gesichter, warum soll dies gerade mein wahres +sein. Wozu das Getändel? Zu Großes liegt vor mir. (Er zeigt +seine weißen Zähne, während sich die Worte stürmisch +ergießen.) Von unten heraufgestiegen, wo die Sklaven wohnen, +begrüßt mich endlich das Licht, und Welt und Kreatur +schreit: Herr! Herr! Gnade! Gnade! Ja, Herr will ich sein +und Gnade soll von mir träufeln für alle, die sich bücken. +Wollust, zu befehlen, und mit einem Atemzug die Mächtigsten +zum Schweigen bringen! Alles unter mir sehen, was jetzt noch +verführerisch lockt, aus der Enge heraus, wo man horchen +muß, ehe man spricht, und rechnen, bevor man zahlt. Ohne +Bedachtsamkeit leben, planen ohne Angst und Maß! Unten +gehört alles auch dem Nachbarn, was mir gehört, oben bin ich +allein und fürchte keine Grenze. Keine Grenze fürchten, das +ist's. Mit seinem Willen allein sein, frei mit jeder Tat und +doch der Richtpunkt aller Aufmerksamen. Ein Reich übersehen, +den Arm von Ozean zu Ozean strecken, die Willfährigen mit +Provinzen lohnen, die Unzufriedenen hinschmettern, -- und +eine Kaiserin umschlingen, eine Kaiserin, in den Mienen +einer Kaiserin Unterwerfung lesen, -- das ist mein Spiel, +Alexei Grigorjewitsch! Die Würfel liegen zwischen uns. +Werfen Sie jetzt und zählen wir die Augen. + + +_Rasumowsky_ + +(kalt) + +So spricht ein Spieler. Im Würfelspiel mögen Sie gewinnen, +Graf Orlow, im Schicksalsspiel nicht. + + +_Orlow_ + +Auch das Schicksal kann man zwingen, alter Mann. + + +_Rasumowsky_ + +Wie den Teufel in der eigenen Brust. + + +_Orlow_ + +Wer würde anders handeln an meiner Stelle? Nur wenn ich +zaudere, verliere ich. + + +_Rasumowsky_ + +Und Gott soll mit bei diesem ... Spiele sein? + + +_Orlow_ + +Gott ist auf meiner Seite, weil ich will. Ich fühle die +Bestimmung. + + +_Rasumowsky_ + +Über Blutbestimmung und Gottes Wahl läßt sich nicht rechten. + + +_Orlow_ + +Lügendunst! Zar Peter war ein Narr, ein Verräter, Affe des +Preußenkönigs, ein Schwächling. Herrliche Bestimmung! + + +_Rasumowsky_ + +Besser ein Schwächling als ein gewissenloser Emporkömmling. + + +_Orlow_ + +(hochmütig) + +Die Brücke zwischen uns fängt an zu krachen, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +So mag sie bersten. + + +_Orlow_ + +Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren. + + +_Rasumowsky_ + +Doch die Zeit wird Sie auffressen. + + +_Orlow_ + +Jetzt, da Sie mich überzeugt haben, daß Sie die Dokumente +besitzen und sie in Ihrer Hand halten, kann ich Sie zwingen, +Alexei Grigorjewitsch. + + +_Rasumowsky_ + +Sie wollen damit sagen, daß Ihre Helfershelfer mein Haus +umstellt halten? + + +_Orlow_ + +Leute, die mir blindlings ergeben sind, ja. + + +_Rasumowsky_ + +Und wozu ich mich freiwillig nicht mehr entschließen würde, +das glauben Sie mit Gewalt durchsetzen zu können. Mit +eigener Faust oder mit dem Beistand fremder Fäuste. + + +_Orlow_ + +Wenn Sie mich zu dieser Notwendigkeit drängen, -- ja. Ich +kann nicht zurück. Ich kann nur vorwärts. + + +_Rasumowsky_ + +Bis zum Abgrund. -- Sie vergessen nur eines, Graf Orlow. +Sobald Ihre Leute diese Schwelle übertreten, oder sobald Sie +selbst, von dieser Sekunde ab, eine Bewegung machen, die auf +Gewalttat zielt, fallen die Dokumente hier in das Feuer. Sie +sehen, es brennt loh genug, um ein paar Papiere rasch +verzehren zu können. (Pause. Beide blicken einander +schweigend ins Gesicht.) + + +_Orlow_ + +(mit verschränkten Armen) + +So also steht es. + + +_Rasumowsky_ + +Ja. + + +_Orlow_ + +(langsam und mit Nachdruck) + +Eines noch, Alexei Grigorjewitsch: ich könnte Sie belohnen, +wie nie ein Sterblicher belohnt worden ist. + + +_Rasumowsky_ + +Lohn? Für mich? Welchen Lohn? Reichtum? Paläste? Titel und +Würden? Für mich? + + +_Orlow_ + +(wie oben) + +Wenn auch nicht für Sie, Erlaucht, so doch für einen +Knaben ... + + +_Rasumowsky_ + +Einen Knaben --? + + +_Orlow_ + +Für Iwan, den Sohn Rasumowskys und der Kaiserin Elisabeth. + + +_Rasumowsky_ + +(schwankt einen Augenblick, hält sich am Rand des Sessels, +sinkt dann darauf nieder). + + +_Orlow_ + +Der Pope Maximow hat mich zu ihm geführt. + + +_Rasumowsky_ + +Möge Gott ihm verzeihen. Es gibt keine Treue mehr. + + +_Orlow_ + +Fürchten Sie nichts mehr von der verräterischen +Geschwätzigkeit dieses Priesters, Erlaucht. Ich habe dafür +gesorgt, daß seine Zunge keinen Schaden mehr stiftet. Sie +und ich, wir sind die beiden einzigen Menschen auf Erden, +die um Iwan wissen ... + + +_Rasumowsky_ + +(dumpf) + +Einer zu viel, Graf Orlow. + + +_Orlow_ + +Ich habe den Knaben gesehn. Es war eine weite Fahrt auf das +Gut Domnina im Epifanskischen Kreis. Ein schöner, blonder +Knabe. Welche Einsamkeit für einen Vierzehnjährigen. Wie +durstig er in die Ferne blickte! Er wußte nichts von Vater +und Mutter, die Leute, bei denen er ist, halten ihn für den +Sohn von Euer Erlaucht verstorbenem Bruder. Er ahnt nicht, +welche Versprechungen das Leben ihm schenken könnte, und wer +nur sein Gesicht sieht (deutet auf das Bild der Kaiserin +Elisabeth), braucht keinen andern Beweis seiner Abkunft. +Grausam schien es mir, die junge Blüte in der Steppenwüste +verkommen zu lassen. Ich habe ihn über seine Geburt +aufgeklärt. + + +_Rasumowsky_ + +(springt auf) + +Das haben Sie getan? + + +_Orlow_ + +Ich habe es getan. + + +_Rasumowsky_ + +(sinkt wieder auf den Sessel, umklammert krampfhaft die +Dokumente vor der Brust.) + +Großer Himmel! Sie hatten kein Mitleid mit dem arglos +spielenden Geschöpf? Frevlerisch das Gift des Ehrgeizes und +der ungenügenden Begierde in die junge Brust versenkt! +Fruchtlose Erwartungen geweckt, die ein gläubiges Gemüt +zerfleischen müssen! So war meine Entbehrung vergeblich, +vergeblich, daß ich mein Herz von ihm entwöhnt habe, +vergeblich das Opfer, vergeblich der Gram der Mutter, alles +vergeblich! + + +_Orlow_ + +(mit leisem Spott) + +Ist es nicht besser, wenn der Wissende sich bescheidet, als +wenn der Getäuschte verkommt? + + +_Rasumowsky_ + +(die Worte tief aus seiner Brust ringend) + +Zweiunddreißig Jahre, Graf Orlow, war ich mit Elisabeth +Petrowna verbunden. Sie war eine musterhafte Christin und +eine zärtliche Mutter Millionen Volks. Auch mich liebte sie, +doch schien es mir so überflüssig wie sündhaft, meinen +Ehrgeiz über das Maß dessen zu erheben, was sie mir als Weib +gewähren konnte. Niemals in zweiunddreißig Jahren ist die +Versuchung über mich gekommen, den geheiligten Glanz der +Majestät für mich zu erborgen. _Sie_ war auserwählt zu +herrschen. Von den Ahnen her war ihr die Gnade verliehen. +Woran soll das Volk glauben, diese Zahllosen, von denen wir +keine Namen wissen und die nur aufblicken in ihrer +Verlassenheit, um nach dem gottbestimmten Führer zu suchen, +woran sollen sie denn glauben, wenn nicht an das Mysterium, +das um eine Krone webt? Das ist ja ihr Märchen, die +Botschaft, das Gesetz! Gesalbtes Haupt weiht das Diadem, +königliches Blut rauscht vom Vater zum Sohn, vom Gatten zur +Gattin, von Geschlecht zu Geschlecht. Raubt ihnen diesen +Glauben, und ihr stürzt sie in Gemeinheit und Verzweiflung, +die Welt steht da, ohne Ordnung, ohne Herrn. (Er erhebt +sich, bewegt.) Wenn es ein Verdienst in meinem Leben gibt, +Graf Orlow, so ist es das eine, daß ich die Kaiserin zu +überzeugen vermochte, unsere Ehe, für die sie den Segen der +Kirche gewünscht hatte, müsse ein Geheimnis für das Volk +bleiben. Und so wurde Iwan fern vom Hof und fern von den +Menschen erzogen, denn es ziemt sich nicht für den +Halbgebürtigen, von einem Thron auch nur zu träumen. + + +_Orlow_ + +Phantome, Erlaucht, Phantome! Die Zeit hat sich verändert. +Es handelt sich nicht um die Gnade, es handelt sich um die +Kraft. + + +_Rasumowsky_ + +Ich bin kein Starrkopf, Graf Orlow, nicht einer, der +denkfaul an Vergangenem hängt. Ich kenne die Zeit. Vieles +tragen die Eimer des Jahres herauf aus dem dunklen Schacht, +und wer wirklich lebt, wandelt sich mit jedem Becher, den er +an die Lippen führt. Das Blut wird auch in alten Körpern +neu. War ich nicht bereit, Graf Orlow? Ich war bereit, mehr +kann ich nicht sagen. Aber ich bin gewohnt, in Menschenaugen +zu lesen, und mehr noch auf den Stirnen, Graf, auf den +Stirnen. Sie sind so unbehütet, die Stirnen; man kann sie +eine Walstatt der Dämonen nennen. (Den Arm mit +ausgestrecktem Finger gegen Orlow, stark.) Ich sehe +Schicksale auf dieser Stirn, die ungeboren bleiben sollten. + + +_Orlow_ + +Alexei Grigorjewitsch! Nicht auf meiner Stirn, -- in Ihrer +Hand liegt jetzt ein Schicksal. Iwan ist in meiner Gewalt. + + +_Rasumowsky_ + +(scheu) + +Iwan ... ist ... + + +_Orlow_ + +In meiner Gewalt und nur mir erreichbar. + + +_Rasumowsky_ + +(mit weiten Augen) + +Sie wollen damit sagen: um Iwan ist's geschehen, wenn ich +mich weigere ... + + +_Orlow_ + +Vielleicht ist es das, was ich sagen will. + + +_Rasumowsky_ + +(nähert sich Orlow mit gebeugtem Oberkörper und mit der +Unterwürfigkeit eines Bauern, hält ihm mit beiden Händen die +Dokumente hin) + +Nehmen Sie, Graf Orlow ... + + +_Orlow_ + +(etwas überrascht von dem schnellen Erfolg, greift nach den +Papieren). + + +_Rasumowsky_ + +(demütig) + +Nicht weil ich für Iwan fürchte, Graf Orlow ... nicht weil +ich mir sein Leben erkaufen will, ... nicht deshalb, Graf +Orlow, nicht deshalb ... + + +_Orlow_ + +(hält die Papiere fest, mit finsterem Trotz) + +Es wäre auch zu spät, Alexei Grigorjewitsch, Sie retten Iwan +damit nicht. Er war zu gefährlich, als er seine Abstammung +kannte. Er weilt nicht mehr unter den Lebenden. + + +_Rasumowsky_ + +(schmerzvoll) + +Gott, dein Wille geschehe! Ich habe es geahnt! + + +_Orlow_ + +Und Sie geben mir trotzdem diese Papiere --? + + +_Rasumowsky_ + +(mit der Hoheit des Grames) + +Ja, Graf Orlow! Ein Mann, der zu solchen Mitteln greift, den +muß die eigene Tat vernichten. Und wenn es die Krone selbst +wäre, sie hätte kein Gewicht mehr, wenn Sie sie halten. +Nichts ... ein Schemen, ein Scheinbild. Nichts. Zeigen Sie +die Dokumente der Kaiserin. + + +_Orlow_ + +(brütend) + +Darum also ... Es ist zu viel ... (als wöge er die Papiere) +es scheint mir zu viel Erniedrigung für das gewährte +Almosen. Bin ich denn ein Bettler? Soll es einen Menschen +geben, der mich _so_ einschätzen darf? (Aufflammend.) Nein, +nein, nein! Die Schmähung greift ans Herz. Wenn ich diesem +erbettelten, erschlichenen Wisch alles verdanken müßte, was +mir das Leben gewähren soll, es fräße mir das Mark der Tat +aus den Knochen. Ein Orlow, der alles Heil auf den Inhalt +einiger vergilbter Papiere gründet? Bin ich verloren ohne +diese Fetzen, so wie ich jetzt besudelt bin, wenn ich sie +als billige Trophäe vor die Augen Katharinas bringe? Nein, +Alexei Grigorjewitsch, nein! Die Genugtuung, daß es von +Ihrer Gnade abhängig war, Rußland einen Zaren zu geben, kann +ich Ihnen nicht überlassen. Jede Gegenwart wäre mir +vergällt, und um Ihnen den Beweis zu liefern, daß ich diese +Gnade verschmähe, daß ich sie verachte, nur darum tu' ich, +was ich tue! (Er eilt zum Kamin und wirft die Dokumente ins +Feuer.) + + +_Rasumowsky_ + +(mit seltsam entzückter, schreiender Stimme, die zugleich +etwas wie physischen Schmerz enthält) + +Ein Gottesurteil! Ein Gottesurteil! + +(Durch Rasumowskys Schrei alarmiert, kommen Lassunsky und +Chidrowo mit bestürzten Mienen.) + + +_Lassunsky_ + +(bleibt unter der aufgerissenen Türe stehen, hastig) + +Was ist geschehen, Erlaucht? + + +_Chidrowo_ + +(tritt vor, zieht den Degen) + +Wir werden Sie schützen, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +(ohne sie zu beachten) + +So hat eine höhere Macht Ihren Arm gelenkt, Graf Orlow, und +Sie haben nur den Beweis geliefert, daß es keinen Weg gibt +aus Ihrer Menschentiefe zum Licht der Majestät. (Er bückt +sich, als ob er bete.) + + +_Lassunsky_ + +(drängend) + +Erlaucht ... die Blässe Ihres Gesichts ... Sie sind +krank ... + + +_Rasumowsky_ + +(immer gebückt) + +Ehrfurcht! Der Engel des Schicksals schwebt über uns! + + +_Orlow_ + +(reißt sich vom Anblick des Feuers los) + +Verbrannt ... (Unheilvoll.) Und nun sei auch verbrannt alle +Milde, vergessen alles Zögern feiger Rücksicht und wer mich +aufhält, meinen Schritt oder den Schritt meines Pferdes, der +möge zittern! + + +_Rasumowsky_ + +Verwirkt! Verwirkt! Wir wollen zittern, aber der Spruch ist +gefallen. + + +_Chidrowo_ + +(fast jubelnd) + +Gerettet, Mütterchen Rußland, gerettet! + + +_Orlow_ + +(im Abgehen) + +Hütet euch! + + +_Rasumowsky_ + +(richtet sich wieder empor) + +_Ich bin_ in meiner Hut, denn ich fürchte die Menschen nicht +mehr. + +(Vorhang) + + + + +Gentz und Fanny Elßler + + +Personen: + + Friedrich von Gentz, Hofrat + Felix Graf Reitzenstein + Fanny Elßler + Jean ) + Martin } Diener bei Gentz + Franz ) + Lieferanten, Geldleute usw. + +Spielt in Wien, Herbst 1830 + + +Ein Zimmer der Villa Gentz in Weinhaus bei Wien. Kostbare +Empiremöbel, Nippsachen, Kunstwerke, geblümte Tapeten. Auf +einer Kommode stehen zwei Glasglocken mit eingemachten +Früchten zum Naschen. Vom Kamin leuchtet eine goldene +Stehuhr. Im Hintergrund zwei Fenster, zwischen ihnen eine +hohe Glastüre in den Garten. Links Türe zum Vorzimmer, +rechts in das Ankleidezimmer des Hofrats; diese Tür ist +offen. + +Hinter der Türe links wird lebhaft gesprochen. Gleich darauf +_Jean_, livrierter Diener, von links durch das Zimmer nach +rechts ab. Die Türe links wird geöffnet, und ein dicker Jude +will herein, _Martin_, ein zweiter livrierter Diener, der im +Zimmer damit beschäftigt ist, frisches Wasser in +blumengefüllte Vasen zu gießen, eilt hin und schlägt dem +Eindringling die Tür vor der Nase zu. Protestierende Rufe +von draußen. _Martin_ steht Wache. + + +_Gentzens Stimme_ + +(von rechts) + +Was erfrecht Er sich? Ich zahle nicht. Übermorgen. Die +Schufte sollen Geduld haben. + + +_Jean_ + +(eilig wieder von rechts nach links ab). + + +_Gentzens Stimme_ + +Die geblümte Weste! Die geblümte! + + +_Lebhafte Stimmen_ + +(hinter der Türe links). + + +_Jean_ + +(kommt abermals mit verzweifelter Miene nach rechts). + + +_Martin_ + +(hält die Türklinke). + + +_Stimme Jeans_ + +Der Weinlieferant und der Parfümeur wollen partout mit dem +Herrn Hofrat selber sprechen. + + +_Gentzens Stimme_ + +Ach was, Er Esel, Er hat ja gar keine Schneid. -- Die Ringe, +Franz. Jetzt lauf Er zum Gärtner wegen frischer Blumen. + + +_Franz_ + +(ein alter Diener, durch die Mitte ab in den Garten.) + +(Gleich darauf) + + +_Gentz_ + +(Mann von fünfundsechzig Jahren. Hohe schlanke Gestalt. Er +hat einen müden, etwas gebückten Gang. Sein Gesicht ist +höchst geistreich, die ganze Physiognomie hat einen feinen, +lebhaften und verführerischen Ausdruck, und der Blick ist +von intensiver Kraft. Kinn und Unterkiefer sind etwas +schwer, um den Feinschmeckermund liegt bisweilen ein +trauriger, bisweilen ein zynischer Zug. Er ist nach der +letzten Mode gekleidet: brauner, langer Rock, gestickte +Weste, Vatermörder, schwarze Binde) + +War schon jemand vom Fürsten Metternich da? + + +_Martin_ + +Niemand, Herr Hofrat. + + +_Gentz_ + +(nach links ab, die Türe bleibt halb offen). + + +_Stimmen der Lieferanten_ + +Küß die Hand, Herr Hofrat! -- Wünsch guten Morgen, Herr +Hofrat! -- Küß die Hand, Euer Gnaden. + + +_Gentzens Stimme_ + +Also, was soll's -- Was belästigt ihr mich? + + +_Stimme des Parfümeurs_ + +Halten zu Gnaden, Herr Hofrat, hab für siebenundachtzig +Gulden Kölnisch Wasser geliefert. + + +_Stimme des Weinhändlers_ + +Ich für dreihundertzwanzig Gulden Sekt. + + +_Gentzens Stimme_ + +Geduld, ihr Leute. Morgen schick ich zum Rothschild hin. Der +Rothschild zahlt alles, das wißt ihr doch. Jetzt schert euch +friedlich nach Hause. (Er tritt ins Zimmer zurück, der dicke +Jude folgt ihm.) + + +_Jude_ + +Euer Exzellenz, der Wechsel ist schon emal prolongiert. + + +_Gentz_ + +Fort, fort, fort! + + +_Der Schneider_ + +(hat sich schüchtern nachgedrängt) + +Ich freu mich, daß der Herr Hofrat so gut ausschaut. + + +_Gentz_ + +Keine Konfidenzen! Ich hab' gern, wenn Lieferanten was +liefern. Konfidenzen sind mir verhaßt. -- Hat der Gärtner +schon was wegen der Rosen gemeldet? + + +_Martin_ + +Nein, Herr Hofrat. + + +_Gentz_ + +Ich will mal selber mit ihm reden. Wenn er frische Rosen +hat, ist es besser, sie erst am Stock zu sehen. (Durch die +Mitte ab.) + + +_Der Schneider_ + +Herr Hofrat! -- + + +_Jean_ + +Na, was gibt's denn noch? Er hat doch gehört, daß wir heut +nicht bei Kassa sind. + + +_Der Schneider_ + +Morgen ist die Trauung von meiner Tochter, und wenn mir halt +der Herr Hofrat zwanzig Gulden geben tät ... + + +_Jean_ + +Laßt eure Töchter im ledigen Stand, wenn ihr kein Geld +habt's. + + +_Martin_ + +(verächtlich) + +Heiraten! Alle gemeinen Leute heiraten beständig. + + +_Jean_ + +Und jetzt allons! marsch! (Nimmt den Besen.) Hinaus! Es wird +gelüftet. + + +_Der Jude_ + +Was wird sein? Wer ich den Wechsel zu Protest bringen. (Ab, +desgleichen der Schneider, die Stimmen draußen verlieren +sich.) + + +_Martin_ + +Was macht er denn heut für an Kramuri, der Hofrat? + + +_Jean_ + +Die Fanny war doch drei Tag am Land bei ihrer Schwester. + + +_Martin_ + +Ah so. Froher Empfang nach schmerzlicher Trennung. + + +_Jean_ + +Zu Mittag kommt s' mit der Extrapost, die Fanny. + + +_Martin_ + +Fahr'n jetzt die vom Theater auch schon mit der Extrapost? + + +_Jean_ + +Die Fanny is was man eine bessere Tänzerin heißt. Hast es +schon tanzen seh'n am Kärntnertor? Die Leut' soll'n sich die +Haxen abtreten hab'n. + + +_Martin_ + +(düster) + +Der Hofrat g'fallt mir gar nicht mit seiner Verliebtheit. +Das is ja schon ganz außer der Normalität. Wenn's nur keine +Mesallianz gibt. + + +_Gentz_ + +(vom Garten, zwei Burschen folgen ihm, die einen kupfernen, +mit Rosen gefüllten Kessel tragen.) + +Dorthin, ins Eck, ... auf die Säule. + + +_Franz_ + +(von links) + +Herr Graf Reitzenstein. (Ab, auch Jean und Martin, die +Gärtnerburschen durch die Mitte ab.) + + +_Gentz_ + +(zur Tür) + +Guten Morgen, lieber Felix. Ein schöner Herbsttag heute, +warm wie im August. + + +_Graf Reitzenstein_ + +(fünfundzwanzig Jahre, elegante Erscheinung; er ist ein +wenig Poet, und in seinen Zügen drückt sich die Schwärmerei +eines vornehmen Müßiggängers aus, dessen Lieblingsautor Lord +Byron ist) + +Guten Morgen, Gentz. Wissen Sie, daß Fanny schon aus der +Brühl zurück ist. + + +_Gentz_ + +Wie, schon zurück? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich habe sie vor einer halben Stunde mit Stuhlmüller beim +Theatereingang gesehen. + + +_Gentz_ + +Haben Sie mit ihr gesprochen? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Nein, sie hat mich gar nicht bemerkt. + + +_Gentz_ + +Dann wird sie jeden Moment kommen. Stuhlmüller? Stuhlmüller? +Wer ist das doch? Richtig, der Tänzer. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ein exzellenter Tänzer. Er geht jetzt nach Berlin. + + +_Gentz_ + +Ah, nach Berlin. -- Ich erinnere mich: ein hübscher Bursche. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ja. Beine wie ein Narziß. + + +_Gentz_ + +Wie sah meine Fanny aus? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Entzückend wie immer. Wenn man sie anblickt, hat man das +Gefühl, als sei man zu schlecht für die Welt, in der sie +lebt. + + +_Gentz_ + +Sie waren ja am vorigen Sonntag mit ihr bei der Gräfin +Fuchs? Ich konnte nicht hingehen, da mich der Fürst zu einem +Conseil berufen hatte. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Und am Abend zuvor fehlten Sie ja auch im Theater, Gentz -- + + +_Gentz_ + +Die leidige Politik! + + +_Graf Reitzenstein_ + +Es war ein Triumph. Die Galerien haben geheult, das Parkett +hat sich die Handschuhe zerrissen. Sogar in der kaiserlichen +Loge sah man leuchtende Augen, und zwei Hofdamen, die vor +lauter Gewöhnung an Feierlichkeit alles Fett an ihrem Leibe +verloren hatten, wackelten mit ihren Köpfen, als ob das +Theater eine Glocke und sie die Schwengel darin wären. + + +_Gentz_ + +(lacht) + +Ja, diese Zauberin gleicht alle Gegensätze der sozialen +Welt aus, und gekrönte Häupter werden -- Publikum. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Als sie auftrat, ging ein glückliches Seufzen durch das +Haus. Da stieg die ganze Venus aus dem Meer. Dieser Nacken, +diese Schultern, dieser Hals, die Bewegung, die anmutvolle +Hingabe, dies Sichverlieren in süßester Heiterkeit! Ich sah +Männer zittern und Frauen bleich werden. Jede Miene will +ihre angeborne Trägheit vergessen, doch ihr selbst nahen +keine Wünsche, nur Vergötterung umfängt sie. Ahnungslos und +unergriffen wandelt sie durch die gesammelte Bewunderung +hindurch, wie wenn ihr der Traum der letzten Nacht als +Schleier um die Seele gehüllt wäre, -- und lächelt. + + +_Gentz_ + +Sie haben recht, Felix. Ihr Lächeln ist das Wunderbarste. Es +scheint aus einer tiefen Quelle aufzusteigen, wo die Genien +wohnen, die den Menschen wohlwollen. Keine Heiterkeit deutet +so viel Schicksal wie ihre. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Zur Fuchs kam sie spät, erst nach der Vorstellung. Man war +schon ein wenig müde. Aber als sie eingetreten war, begann +der Tag von neuem. Sie setzt sich neben die Hausfrau und +blickt sie zärtlich und vertrauensvoll an. Sie plaudert, +und Worte sind plötzlich edel. Die Luft, die sie atmet, +mitzuatmen, macht glücklich. + + +_Gentz_ + +Wenn man Sie hört, Felix, sollte man glauben, ein Verliebter +spricht. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Und wenn ich's wäre? + + +_Gentz_ + +Sie scherzen. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Keineswegs. + + +_Gentz_ + +Armer Felix, wie ist Ihnen das passiert? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Das Mitleid, Gentz, sollten Sie mir aus Großmut ersparen. + + +_Gentz_ + +Nehmen Sie denn um Gottes willen Ihren Zustand ernst? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Seh ich aus wie ein Libertin? + + +_Gentz_ + +Es gibt keinen lebendigen Mann, der Fanny gesehen hat und +sie nicht liebt. Bei Ihnen allerdings -- + + +_Graf Reitzenstein_ + +Sie sprechen, Gentz, als ob Fanny Ihr Eigentum auf Leben und +Tod wäre ... + + +_Gentz_ + +Lieber Felix, Sie überraschen mich. Wahrlich, ich weiß nicht +mehr, was ich von der menschlichen Natur halten soll. Waren +Sie es nicht, der mich im Glauben an die Möglichkeit einer +Liebe zwischen mir und Fanny befestigt hat? Ich habe +gezweifelt, und Sie waren verschwenderisch mit Beispielen +aus Leben und Geschichte, die mich beruhigen sollten. Sie +waren der einzige, der verstehend in mein Herz drang, der +meine Jahre auf die Rechnung der Zeit und nicht zu Lasten +der Seele gesetzt hat. Ich war eifersüchtig, damals, als ich +noch eifersüchtig sein mußte, und Sie lachten mich aus. Wenn +ich mich quälte, ob ich würdig sei, Fanny zu gewinnen, sahen +Sie darin die Koketterie eines Mannes, der wenig verspricht, +um viel zu halten. Sie haben für mich Sonette an Fanny +gedichtet, und in einem Brief, den ich nie vergessen werde, +schrieben Sie: Wehe dem Herzen, dem die Jahre alle Blüten +rauben, und wehe der Lehre, die ein Vertrocknen vor der Zeit +für Würde oder Weisheit ausgibt. So dachte Anakreon nicht, +schrieben Sie, erinnern Sie sich? »So dachte Anakreon +nicht.« + + +_Graf Reitzenstein_ + +Waren Sie nicht glücklich mit Fanny? + + +_Gentz_ + +Nur ein junger Mann darf glücklich _gewesen_ sein. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich kannte mein Gefühl nicht. + + +_Gentz_ + +So hätte der geheimnisvolle Drang in Ihnen, Felix, einen +Greis beseelen wollen, und was dunkel in Ihrer jungen Brust +wohnte, übertrugen Sie mutlos und edelmütig auf mich? Ist es +so? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Nicht ganz so. + + +_Gentz_ + +Und ich hätte sechzig Jahre unter Menschen gelebt, mit +_meinen_ Augen, und habe nicht das Spiel eines Jünglings +durchschaut? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Nein, nein, nein -- + + +_Gentz_ + +Sie haben nicht bedacht, daß kein Feuer so wütend brennt, +wie das in einem alten Haus. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich wußte und weiß es. Fanny kam aus einer Welt, die tief +unter uns liegt, aus einer kleinen, armen Welt, in der man +noch an Ehren und Titel glaubt, wo von Luxus und Lebensgenuß +erzählt wird wie von Märchen. Als Fanny Sie kennen lernte, +als sie Ihre Protektion erfuhr, da war ihr das Tor zur +großen Welt geöffnet und in Ihrer Person verehrte sie den +Ruhm und die Macht, nach denen sie sich sehnte und wofür sie +auch bestimmt ist. Sie trat Ihnen mit der bebenden Andacht +entgegen, mit der die jungen Mädchen aus dem Volk einen +Prinzen aus seiner Karosse steigen sehen. + + +_Gentz_ + +(unterbricht) + +Und aus diesem Äußerlichsten wollen Sie etwas so +Geheimnisvolles erklären, wie es mein Bund mit Fanny ist? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Sie lernte Sie näher kennen, sie wurde bezaubert von Ihrem +Geist, von Ihrer Kunst des Umgangs -- welche Frau von +Instinkt und Kraft würde nicht diese Atmosphäre von Leben, +von Abenteuer, von Bildung und Welt spüren, in der Sie +atmen? Für sie, die Unerfahrene, waren Sie ein Gott an +Erfahrungen. Sie konnten ihr die Tore aufriegeln, die sie +fest verschlossen wähnen mußte, und Sie haben es getan. Sie +sah in Ihnen einen Gebieter des Schicksals, einen, der +erfüllt ist von Schicksalen und dem sie Vertrauen schenken +durfte, weil er Liebe dafür gab. Sie fühlte Ihre +Vergangenheit, sie begriff Ihr Leben, Gentz, dieses Leben, +hingebracht in Schwärmerei und Leidenschaften, in den +Verführungen der Städte wie im blutigen Dampf der +Schlachtfelder, unter Königen und großen Damen, in Arbeit +wie in Genuß, in der Melancholie der Einsamkeit und in der +Unruhe unter den Menschen. Sie war behütet und geführt, +wissend und gefeit an Ihrer Seite, und die Dankbarkeit +unterwarf Ihnen ihr Herz. + + +_Gentz_ + +Nur die Dankbarkeit? Das wäre also der #punctum saliens?# +Soll ich zweifeln, nur weil andre zweifeln? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Nicht zweifeln; aber Sie sind allzu sicher, Gentz. + + +_Gentz_ + +Fannys allzu sicher, meinen Sie? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ja, Fannys allzu sicher. + + +_Gentz_ + +Was gibt Ihnen Grund zu solcher Warnung? Ist die Medisance +am Werk? Hat man in den Salons und in den Kaffeehäusern die +Mäuler zu Guillotinen meines Glücks gemacht? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Man ist darüber einig, daß Gentz ein beneidenswerter Mann +ist. + + +_Gentz_ + +(mehr überlegen als bitter) + +Gentz, ein Zittergreis, ein ausgebrannter Krater, und Fanny +Elßler, das blühende Wunder einer morbiden Welt. Der +seufzende Diplomat und die spöttisch lachende Nymphe, das +lächerliche Podagra und ein feuriger Czardas. Lassen Sie +hören, Felix, das war der Text. Die Melodie dazu -- pfeifen +die Drosseln. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Nein. + + +_Gentz_ + +Aber Sie wenigstens haben die Überzeugung gewonnen, daß über +einen Abgrund von siebenundvierzig Jahren hinweg die +Leidenschaft eines Weibes gefriert und ein Mann sich aus +seiner Dummheit und Leichtgläubigkeit eine Gloriole webt. +Sagen Sie's nur. + + +_Graf Reitzenstein_ + +(wehmütig lächelnd) + +Sie scheinen es also für unmöglich zu halten daß Fanny -- (Er +stockt, da Gentz mit scharf markierten Schritten auf ihn +zugeht.) + + +_Gentz_ + +Ja, Felix! Unmöglich! Unmöglich kann Sie Fanny lieben! + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich dachte nicht an mich. Offen gestanden, lieber Gentz -- + + +_Gentz_ + +(ergreift die Hand des Grafen) + +Hören Sie mich an, Felix. Ich sage unmöglich, nicht, weil +ich Ihren Wert nicht kenne. Die schönste, die vornehmste, +die stolzeste Frau muß sich glücklich schätzen, Sie zu +besitzen. Aber die schönste, die vornehmste, die stolzeste +Frau, was tut sie am Ende, wenn sie liebt? Sie opfert Ihnen +ihre Jugend. Ihre Schönheit ist nur dazu da, um von Ihnen, +dem Geliebten, begehrt und genossen zu werden. Und sei sie +lasterhaft wie Messalina oder eine Lucretia an Tugend, sie +ist ein Weib und zwischen ihr und Ihnen ist nichts als die +kleinen und großen Gefahren und Lockungen der Liebe. Fanny +hingegen ist eine Tänzerin. Eine wirkliche, gottbegnadete +Tänzerin. Verstehen Sie, was das heißt? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich denke ... warum sollt ich nicht? + + +_Gentz_ + +Als ich Fanny zum ersten Male tanzen sah, da verteilten +sich mir die Gewichte des Irdischen, und mein Schicksal war +mir nicht mehr so lästig nahe. Ich hatte Spielraum in mir +selbst, die Vergangenheit stand nicht mehr wie ein Leichnam +hinter mir, die Philosophie nicht mehr wie eine Erinnye über +mir, ich fühlte mich einer höheren und leichteren Ordnung +der Dinge verwandt, und alles, was von schlechtem Gewissen +in mir war, wurde von einer heiteren Macht beschwichtigt und +zerstreut. Dem Philister ist dieser Tanz nur ein Vergnügen, +an dem er vorübergeht, dem Jüngling mag er die Sinne +befeuern, den reifen Mann erheben, erfreuen, doch nur der +Alte, der wahrhaft Erfahrene, einer, der durch das ganze +Fegefeuer der Geister- und Körperwelt gegangen ist, die +ganze Hölle von Niedertracht und Stumpfsinn und alles erlebt +hat, Untreue und Verrat, selbst treulos und ein Verräter +war, an allem versucht worden ist, durch Leiden schamlos, +durch Abwehr kalt, durch versteckte Armut listig, durch +Triumphe gleichgültig geworden ist, -- nur der kann die +Tänzerin lieben, wie sie geliebt werden muß, so wie man eine +Idee liebt, wie man Gott auf dem Sterbebett liebt. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Das klingt groß, aber die Wahrheit des Lebens verteilt sich +im Kleinen. + + +_Gentz_ + +Ein Aperçu beweist nichts, kaum für den, der es macht. Wie +könntet ihr jungen Menschen diese Reinheit verehren, ohne +sie herabzuziehen? Diese beschwingte Leichtigkeit, ohne sie +zu lähmen? Wie könnt ihr besitzen, ohne mehr und immer mehr +zu fordern? Man muß durstig sein können und nur vom +freiwillig gereichten Becher trinken wollen. Man muß +vergöttern können, indem man ein Wissen gibt, von dem ein +Händedruck so voll ist wie eure erzählten Aventüren. Die +Tänzerin ist in irgend einer Art heilig zu nennen, Felix, +denn es ist etwas an ihr, was nie erobert werden kann und +nie berührt werden darf, in den feurigsten Umarmungen nicht. +Fanny opfert alle Leidenschaft ihrer Kunst. Nicht nur ihr +Gliederspiel, auch ihr Seelenleben ist von dem Gesetz +maßvoller Schönheit beherrscht. Man kann nicht weniger +emotionsbedürftig sein als sie es ist, die sich von allem +Stürmischen und Heftigen geradezu beängstigt fühlt. Der +Adler wird in der Gefangenschaft traurig und verliert seine +Majestät; will man sie ganz besitzen, so muß sie frei +bleiben wie der Adler. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Und doch dachten Sie einst an eine Heirat -- + + +_Gentz_ + +Es war, als ich sie noch zu wenig liebte. Was bin ich +heute? Der entlassene Kammerdiener großer Herren. Was +besitze ich? Nichts. Schulden über Schulden. Sollte die Frau +Hofrätin tanzen? Kann man einen Stern vom Himmel reißen, um +ihn zum Schmuckstück für die Wohnstube eines Literaten zu +machen? Das heißt die Ewigkeit zum Augenblick erniedrigen, +und wer so handelt, dem versagt der Augenblick. Und so lang +ich dem Augenblick genug tue, bin ich jung. Alt bin ich +einen Augenblick vor meinem Tod. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Wie sonderbar Sie mir erscheinen, lieber Gentz. Ich möchte +bewundern und muß doch trauern -- + + +_Gentz_ + +Trauern? Worüber? Sie suchen umsonst den frivolen Höfling in +mir, dessen geprägte Malicen noch gestern halb Europa zum +Lachen brachten. (Er nimmt ein mysteriöses Wesen an.) Ich +bin fromm geworden. Ja, ich bete, Felix, ich bete zuweilen. +Besonders in der Nacht. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Armer Freund, kaum will mir das Wort über die Lippen ... + + +_Gentz_ + +Was für ein Wort? Gegen Worte bin ich gewappnet. Das ist +mein Beruf. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Fanny ist nicht nur eine Tänzerin, sie ist auch ein Weib. + + +_Gentz_ + +Ich gratuliere Ihnen zu dieser Entdeckung. Wollen Sie mir +damit sagen, daß Sie ein Mann sind? Ich habe nie daran +gezweifelt. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Nicht um mich handelt sich's. Es tut mir leid, daß ich mich +zu einem Geständnis meiner Empfindungen für Fanny habe +hinreißen lassen. Es geschah, weil ich Ihnen Offenheit +schuldig zu sein glaubte. Es ist von meiner Seite nichts +geschehen, was mit dem Gebot der Freundschaft unvereinbar +wäre, und da Sie keinen Anlaß haben, diese Freundschaft zu +beargwöhnen -- + + +_Gentz_ + +Nicht den geringsten, teurer Felix. + + +_Graf Reitzenstein_ + +-- so dürfen Sie meiner Mitteilung keine falschen Motive +geben. Neigung und Freundschaft haben mein Auge geschärft, +das ist alles. + + +_Gentz_ + +Nun, Sie machen mich neugierig. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Jener Stuhlmüller -- + + +_Gentz_ + +Was ist mit ihm? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Fanny liebt ihn. + + +_Gentz_ + +Oh! Oh! Oh! Stuhlmüller! Felix, Sie sind gar zu treuherzig. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Sie befinden sich, lieber Gentz, in einem Rausch von +Täuschung und Illusion. Ich habe die beiden beieinander +gesehen, und nicht nur heute. + + +_Gentz_ + +Was noch? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich habe Blicke gesehn, Gebärden gesehn ... O, ich kenne +Fanny. Wo ihr Herz spricht, ist sie ehrlich bis zur +Selbstvergessenheit. + + +_Gentz_ + +Und wäre in dieser Ehrlichkeit betrügerisch gegen mich? +Felix! Felix! + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich wiederhole: sie ist ein Weib. + + +_Gentz_ + +Komischer Refrain. Mann -- Weib. Ist die Natur eine Maschine +und sind die gröbsten Gegensätze der Begriffe nur erfunden, +damit man aus einem Engel im Handumdrehen eine Dirne machen +kann? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Sie beleidigen die Natur, Gentz. + + +_Gentz_ + +Da sieht man, wie ihr jung seid, ihr jungen Leute. Ihr +stolziert in abgestempelten Anschauungen herum wie ein Hahn +auf einer Grammatik. Stuhlmüller? wer ist Stuhlmüller für +mich? Was ist er für meine Welt, für mein Gefühl, was er +nicht auch zugleich für Fanny wäre? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ein Bursche wie aus Blut und Stahl, Gentz. + + +_Gentz_ + +Ihr wißt nichts von Fanny, keiner. Ihr kennt nur eine +Liebenswürdigkeit, bei der das Herz abwesend ist ... (Er +lauscht.) Horch! Sie kommt, Felix! (Entzückt.) Ich höre +ihren Schritt ... + + +_Graf Reitzenstein_ + +Dann wird es Ihnen wohl bequemer sein, wenn ich mich jetzt +verabschiede. + + +_Gentz_ + +(mit leichtem Spott) + +Sie müssen ihr wenigstens in die Augen schauen, Felix. (Er +lauscht angestrengter, mit geneigtem Kopf.) + + +_Graf Reitzenstein_ + +Sie könnte mich glauben machen, daß ich ihr etwas bedeute, +und um so weniger könnt ich sie vergessen. + + +_Gentz_ + +Ist sie's? -- Ja, sie ist's. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Vielleicht feiern wir heute abend noch ein kleines Fest zu +dreien, lieber Gentz. Am Sonntag reis' ich nach Paris. + + +_Gentz_ + +(vorwurfsvoll, doch ein wenig zerstreut) + +Felix! + + +_Jean_ + +(tritt ein, reißt die Türe auf) + +Demoiselle Elßler. + + +_Fanny Elßler_ + +(folgt dem Diener. Sie trägt ein helles, schottisches Kleid +und einen blumengeschmückten Spitzenhut mit Band und +seitlich herabgebogenen Bändern. Gestalt und Bewegungen sind +von vollendeter Schönheit. Die ursprüngliche Naivität, +Heiterkeit und Frische kämpft bisweilen gegen eine +erworbene, anmutige Würde) + +Grüß Gott, lieber Gentz! Endlich bin ich wieder bei dir. + + +_Gentz_ + +(fast erschüttert bei ihrem Anblick) + +Fanny! Teuerste! Wie lang waren diese drei Tage! + + +_Fanny_ + +Ei, der Graf Felix! Guten Morgen, Felix, wie geht's Ihnen? +Habt ihr ernste Gespräche gehabt? Es liegt so was in der +Luft. + + +_Gentz_ + +Du siehst blühend aus, Fanny. Tu doch den Hut herunter ... + + +_Fanny_ + +(nimmt den Hut ab, streicht mit den Händen das schwarze +gescheitelte Haar glatt, das rückwärts zu einem griechischen +Knoten geknüpft ist) + +Gemütlich ist's bei dir, Gentz, und ich freu mich, daß ich +wieder da bin. Die schönen Rosen! + + +_Gentz_ + +Findest du nicht, daß Rosen auch Schwermut erwecken können? +Es gibt eine gewisse Fülle des Lebens, die traurig macht. + + +_Fanny_ + +(streicht ihm über die Stirn) + +Laß das, Gentz. Wenn du von der Traurigkeit sprichst, krieg +ich gleich ein schlechtes Gewissen. Warum so schweigsam, +Felix? Ihr Männer seid komische Leute. Wenn ihr miteinander +gesprochen habt, tut ihr furchtbar geheimnisvoll, und doch +weiß man alles, wenn man euch nur anschaut. + + +_Gentz_ + +Wie steh ich armer Diplomat nun da! + + +_Graf Reitzenstein_ + +(lächelnd) + +Die Traurigkeit unseres Freundes hat also schon gewirkt? + + +_Fanny_ + +(lacht) + +Auf das schlechte Gewissen, meinen Sie? So stehn die Sachen, +Gentz? + + +_Gentz_ + +Er ist ein gar zu grüblerischer Geist, der Felix. Denke dir, +er hat mir Vorwürfe über meine leichtsinnige Wirtschaft +gemacht. Er ist der Meinung, daß ich zu verschwenderisch +gegen dich bin -- + + +_Graf Reitzenstein_ + +Gentz! Gentz! + + +_Fanny_ + +Sie haben ganz recht, Felix. Neulich wollte er mir partout +eine diamantene Agraffe kaufen -- + + +_Graf Reitzenstein_ + +Es hieße Sie beleidigen, Fanny, wollte man Edelsteine für +köstlicher halten als die Freude, Sie damit schmücken zu +können. + + +_Fanny_ + +Wie galant! + + +_Gentz_ + +Galant und wahr zugleich. Ich habe ihm gesagt, wenn man in +meinem Alter zum Harpagon wird, gleicht man einem Soldaten, +der nach dem Krieg desertiert. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Der Geizige hat vor dem Verschwender das eine voraus, daß er +alle seine Wünsche erfüllen kann. (Greift nach seinem Hut.) + + +_Fanny_ + +Gehen Sie schon, Felix? Wie schade! + + +_Gentz_ + +Leben Sie wohl, lieber Freund. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich darf doch darauf rechnen, daß Sie heute abend mit Fanny +bei mir soupieren? + + +_Fanny_ + +Das wäre reizend. + + +_Gentz_ + +Heut abend kann ich unmöglich, 's ist ein Diner beim Fürsten +und der französische Gesandte kommt hin. Der Fürst legt Wert +auf meine Anwesenheit. Aber morgen, wenn dir's recht ist, +Fanny? Gut, wir kommen morgen. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Auf Wiedersehen denn. (Ab.) + + +_Fanny_ + +(die ihm nachgeschaut hat) + +Er ist ganz anders als sonst, der Felix ... + + +_Gentz_ + +Bist du nicht eifersüchtig auf dich selbst, da deine besten +Freunde eifersüchtig auf deine besten Freunde werden? + + +_Fanny_ + +Ist es so, dann tut er mir herzlich leid. + + +_Gentz_ + +Nun, die Dinge liegen so einfach nicht. Du steigst empor, du +richtest die Blicke der Menschen auf dich, die Männer, wie +sie einmal sind: eifersüchtig selbst da, wo sie nicht +lieben ... + + +_Fanny_ + +Oft denk ich mir, es wäre Zeit, dem Wiener Boden Valet zu +sagen -- + + +_Gentz_ + +Sprich's nicht aus, Kind. + + +_Fanny_ + +(schüchtern) + +Jetzt grade könnt ich's tun, Gentz. Ich hab einen Antrag +nach Berlin; soll an der königlichen Oper tanzen. + + +_Gentz_ + +Also doch! Wie hab ich den Moment gefürchtet. + + +_Fanny_ + +Ich tu's ja nicht, Gentz, tu's keinesfalls. + + +_Gentz_ + +Hat man dir den Kontrakt schon vorgelegt? + + +_Fanny_ + +Ja, ich hab ihn dabei. (Zieht das Dokument aus ihrem +Pompadour und übergibt es Gentz.) + + +_Gentz_ + +Laß sehn ... (liest) Ballette »Blaubart«, »die Fee und der +Ritter«, »Ottavio Pinelli«, »die Stumme von Portici« ... für +drei Monate ... die Summe von fünfzehnhundert Talern nebst +Spielhonorar ... (laut) Das ist nicht übel. Das wäre ja +durchaus nicht von der Hand zu weisen. + + +_Fanny_ + +(versucht gleichgültig zu erscheinen) + +Nicht wahr? Verlockend ist es. + + +_Gentz_ + +Du hast also Lust, zu den Berlinern zu gehen? + + +_Fanny_ + +(rasch) + +Nein, Gentz; eigentlich ganz und gar keine Lust. + + +_Gentz_ + +Den Antrag abzuweisen wäre nicht klug von dir. + + +_Fanny_ + +Man kann's ja aufs nächste Jahr verschieben. + + +_Gentz_ + +Nein. Die Welt verlangt nach dir. Dein Bezirk ist Europa, +der Erdball. + + +_Fanny_ + +Ist denn Berlin schon Europa? + + +_Gentz_ + +Für jeden beginnt Europa, beginnt die Welt da, wo er seine +Heimat verläßt. + + +_Fanny_ + +(mit sehnsüchtigen Blicken, trotz des entschiedenen Tons) + +So gern ich's möchte, Gentz, ich kann nicht von dir weg. Bei +dir weiß ich, daß ich behütet bin. Du hast alles aus mir +gemacht. Du warst alles für mich, mein Vater, mein Bruder, +mein Freund, mein Lehrer. Du hast mich aufgeweckt, ich hätte +keinen Ehrgeiz ohne dich, ich wüßte nichts von mir ... + + +_Gentz_ + +Doch kann ich dir den Ruhm nicht geben, der dich fern von +mir erwartet. + + +_Fanny_ + +Was soll mir der Ruhm, wenn ich ihn nicht bei dir vergessen +kann. + + +_Gentz_ + +Je länger ich überlege, je unverantwortlicher erscheint es +mir, dich zurückzuhalten. + + +_Fanny_ + +(mit unwillkürlich hingerissener Gebärde) + +Hinaus ins Unbekannte --! Eines ist ja wahr: zu eng wird's +mir hier. Sie glauben mir nicht ganz, ich bin ihnen nicht +fremd genug. + + +_Gentz_ + +Kehrst du zurück, so gebietest du denen, die dich jetzt nur +dulden. + + +_Fanny_ + +Und doch ... nein, 's ist unmöglich. Schau, Lieber, mit +Berlin ist's ja nicht abgetan. Da muß ich dann weiter. Da +lockt's mich weiter. Nach Paris, wo die Taglioni tanzt. + + +_Gentz_ + +Sie ist kalt, sie ist blutlos, ein Schatten gegen dich. + + +_Fanny_ + +Aber dort wissen sie, was tanzen heißt. Man ist stärker, +wenn's um den höheren Preis geht. Die Franzosen, siehst du, +die möcht ich behexen, und wenn die Taglioni ein Engel ist, +wie sie sagen, will ich zum Teufel werden. O, ich fühle, daß +ich's kann! Ich hab's neulich gespürt im Blaubart, das +ganze Theater war so still wie eine leere Kirche, und alle +Augen waren so feurig in der Dunkelheit. Ach, Gentz! Paris! +Paris! + + +_Gentz_ + +(der sich immer mehr in heroische Entsagung hineinlebt) + +Warum nicht? Paris ist nur eine Domäne des Glücksreichs, das +du gründen wirst. + + +_Fanny_ + +Und von Paris nach London, und von London nach Amerika. Die +Amerikaner sollen ja so reich sein, da könnt ich mir viel +Geld verdienen, herrliche Kostüme kaufen, die Dichter und +die Komponisten bezahlen, daß sie mir wunderbare Texte und +schöne Musik machen. O, ich hätte Mut. Das Meer fürcht ich +nicht und die Wildnis nicht. + + +_Gentz_ + +So gefällst du mir. So gärt der Most, aus dem edler Wein +wird. + + +_Fanny_ + +(enthusiastisch) + +Und lernen, lernen, lernen, Gentz! Weißt du, was man von der +Taglioni und ihrem Vater erzählt? Als sie in London war, +wohnte unter ihr ein Mann, der ließ ihr sagen, sie möchte +sich durch die Rücksicht auf seine Nachtruhe nicht in der +Arbeit stören lassen. Und was hat der alte Taglioni +geantwortet? Sagen Sie diesem Herrn, hat er dem Diener +zugerufen, daß ich noch nie den Schritt meiner Tochter +gehört habe, und daß ich sie verfluchen würde an dem Tag, wo +es geschähe. Das find ich groß! + + +_Gentz_ + +Du hast Gaben, um die dich eine Taglioni beneiden wird. + + +_Fanny_ + +(stockt, seufzt) + +Das ist's ja eben. Es ist einem oft zu Mut, als ob die +Menschen voll Haß wären gegen die Kunst. Der Neid, die +Mißgunst, wie soll ich's ertragen, wenn du mir nicht hilfst? +Du bist klug, bist mächtig, sie beugen sich vor dir, und +wenn ich bei dir bin, vergeß' ich die hämischen Gesichter. +Nein, ich will nicht fort. + + +_Gentz_ + +Ich kann dich nur bis dahin führen, wo dir der Sinn des +Daseins verständlicher wird, Fanny. Wir sind allein und +müssen allein bleiben, ein jeder. Vielleicht ist es deine +Aufgabe, dieses Gefühl der Einsamkeit, von dem die Menschen +erfüllt sind, in Schönheit zu verwandeln. Uns beide hat das +Geschick nur in einer Laune zusammengeworfen, mich am Ende, +dich am Anfang eines Wegs. Es ist mehr als Liebe, was uns +bindet. Du warst für mich geschaffen und fühlst es. Daß die +Zeit sich in unserer Geburt verrechnet hat, kann uns nicht +beirren. Nichts wird uns trennen, -- weshalb so viel Wesens +machen um die paar Meilen von hier bis Berlin? + + +_Fanny_ + +Und unsere Gespräche, unsere Ausflüge, unsere gemütlichen +Abende, wo wir das »Buch der Lieder« zusammen gelesen +haben ... + + +_Gentz_ + +(scherzhaft) + +Bst! Willst du wohl? Daß du mich nicht verrätst, denn dieser +Heine ist ein Erzliberaler. + + +_Fanny_ + +Doch liebt er die Tänzerinnen, so viel ich weiß. + + +_Gentz_ + +Ja, das tun die Liberalen sonst nicht. Und nun setz dich an +den Schreibtisch, nimm den Federkiel und schreib deinen +Namen unter den Kontrakt. + + +_Fanny_ + +(schalkhaft) + +Das heißt so viel, als du schickst mich fort? (Sie setzt +sich.) + + +_Gentz_ + +In dieser Minute schreibst du deinen Namen ins Firmament der +Unsterblichkeit. + + +_Fanny_ + +Noch ist's nicht geschehen, Gentz. Soll ich? Soll ich +wirklich? + + +_Gentz_ + +(legt seine Hand auf ihre Schulter, sie blickt zu ihm empor) + +Ich bin stolz darauf, deinen vollen Wert, von dem deine +Schönheit und deine Kunst nur Teile sind, erkannt zu haben, +und die Freundschaft, mit der du meine Liebe belohnst, +schätze ich höher als Güter der Erde. Ich lebe nur in dir, +Fanny; sterben hat keinen andern Sinn für mich als eine Welt +verlassen müssen, in der du atmest. Ich habe den Mut zu +glauben, daß mich nichts aus deinem Herzen reißen kann. Wenn +du mich durch einen einzigen Händedruck versicherst, daß ich +mich nicht irre, so bleibt mir nichts mehr zu wünschen +übrig. + + +_Fanny_ + +(gibt ihm die Hand) + +Ja, Gentz, Freundschaft, das ist das rechte Wort. + + +_Gentz_ + +Das einzige, Fanny? + + +_Fanny_ + +Gibt's ein besseres noch? + + +_Gentz_ + +Ich wag es nicht auszusprechen. Doch nun ich deine Hand +habe, bist du mir versprochen, Fanny. Es ist zwar nur die +linke, aber es ist mir keine lieber als die andre. Ich +drücke sie an die Lippen und mit der rechten schreib'. +Schreib deinen Namen, verschreib dich dem Ruhm. + + +_Fanny_ + +Schwer ist das Schreiben ohnehin, und erst wenn du mir den +Arm wegnimmst ... Also probier ich's (schreibt) Fanny ... +Elß ... ler. Wunderlich! Da steht's nun! Und ist nichts +geschehen eigentlich ... + + +_Gentz_ + +Siehst du, Fanny, so hab ich dich zu deinem Wunsch bekehrt. + + +_Fanny_ + +(dankbar) + +Gentz! Lieber! + + +_Jean_ + +(kommt) + +Es ist einer draußen und sagt, er will die gnä' Fräul'n +sprechen. + + +_Fanny_ + +Mich? + + +_Gentz_ + +Wer mag's denn sein? Hat er den Namen nicht genannt? + + +_Fanny_ + +(rasch) + +Ach richtig, das ist sicherlich der Stuhlmüller. + + +_Jean_ + +(verächtlich) + +Ja. Stuhlmüller. So nennt er sich. + + +_Fanny_ + +(mit blitzenden Augen) + +Weshalb spricht der Mensch so despektierlich, frag ich? + + +_Jean_ + +Entschuldigen die gnä' Fräul'n, aber ... + + +_Gentz_ + +(streng) + +Nichts. Genug. Frag ihn, was er will. (Jean ab.) Wie kann +der Bursch es wagen ... + + +_Fanny_ + +Aber ich versteh dich gar nicht ... abholen will er mich. 's +ist Prob am Nachmittag, und außerdem ... + + +_Gentz_ + +Außerdem? + + +_Jean_ + +(kommt zurück) + +Der Monsieur Stuhlmüller läßt sagen ... + + +_Gentz_ + +'s ist gut. Weiß schon. Soll draußen warten. (Jean ab.) +Außerdem, Fanny? + + +_Fanny_ + +Er ist's ja, Gentz, der Stuhlmüller, der mir den Kontrakt +verschafft hat, und jetzt brennt ihn halt die Neugier zu +erfahren -- + + +_Gentz_ + +_Er_ hat dir den Kontrakt verschafft? Wie kommt er denn +dazu? + + +_Fanny_ + +Er ist ja in Berlin engagiert, und ich soll seine Partnerin +sein. + + +_Gentz_ + +Er dein Partner, meinst du ... + + +_Fanny_ + +Ja, wenn du so willst ... + + +_Gentz_ + +Deshalb ist immer noch kein Grund für ihn, in mein Haus zu +dringen. + + +_Fanny_ + +Warum denn so feindselig, Gentz? + + +_Gentz_ + +Ich mag's nicht. Mag das Theatervolk nicht leiden. Haben +alle so was Penetrantes. + + +_Fanny_ + +Er war mir ein guter Kamerad. + + +_Gentz_ + +(mit den Händen auf dem Rücken hin- und hergehend) + +Das dacht ich mir. + + +_Fanny_ + +(langsam) + +Er war's ... (stockend) er ist's nimmer. + + +_Gentz_ + +(bleibt stehen) + +Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Also habt ihr euch +zerstritten? + + +_Fanny_ + +Er ist mir noch was anderes. + + +_Gentz_ + +(blickt sie starr an) + +Er ist dir sehr ergeben, hoff ich. + + +_Fanny_ + +Ergeben? Nein. Eher ... stolz. + + +_Gentz_ + +Der elende Komödiant! Werd ihm die Leviten lesen. + + +_Fanny_ + +Willst du denn _nicht_ begreifen, Gentz? (Lange Pause.) + + +_Gentz_ + +(die Hand an der Stirn, plötzlich schwer) + +Sprich nicht davon, Fanny. Sprich nicht davon. Du kennst +dich selber nicht. Du kennst mich nicht. + + +_Fanny_ + +(innig) + +Schau, Gentz, anders konnt' es doch nicht, durft' es doch +nicht kommen, oder die Natur ist nicht mehr Natur und Blut +nicht mehr Blut. + + +_Gentz_ + +(leise) + +Also doch ... Felix! Felix! -- Sprich nicht davon, Fanny! +(Ausbrechend.) Oder sag lieber, daß alte Männer langweilig +sind, daß sie graue Haare haben und schwarze Zähne, daß sie, +anstatt Liebesworte zu girren, besser ihr Testament abfassen +sollten, daß jung sein, nichts anderes bedeutet als grausam +sein, gefräßig sein, meineidig sein und daß man nicht +vergessen soll, zur rechten Zeit zu sterben ... Gott, wohin +verlier' ich mich! + + +_Fanny_ + +(erregt) + +Gentz, hör mich an. Den Kontrakt, noch kann ich ihn +zerreißen -- + + +_Gentz_ + +Nimmermehr, Fanny. Blieb ich darum weniger ein Greis? + + +_Fanny_ + +Dir dank ich alles, Gentz, und will dir's danken, ohne +Engigkeit, nicht bloß mit Reden, sondern von Herzen gern, +und da, in meinem Herzen, bist du und bleibst du allezeit. +Du bist mir das Höchste auf der Welt, als Mensch, und weil +du's bist, mußt du's verstehen, wenn ich mein Herz nicht vor +dir hehle. So war ja die Abrede zwischen uns, und immer +warst du darauf gefaßt. + + +_Gentz_ + +(düster) + +Man ist nie auf ein Ende gefaßt, wenn es da ist. Der +Glückliche steht immer an einem Anfang. + + +_Fanny_ + +Ein Ende, Gentz! Wer spricht vom Ende? Wahrlich, du betrübst +mich ganz und gar. Ich bin ganz irre jetzt. + + +_Gentz_ + +Sprich nur weiter, Fanny, so hör ich wenigstens deine +Stimme. + + +_Fanny_ + +Dir mag's von mindrem Wert erscheinen, was mich jetzt +erfüllt; vielleicht ist's auch so, doch was nützt Rede und +Widerrede, wenn dich die Sinne zwingen und dich auf den Weg +treiben, -- einem in die Arme, der wartet, wartet, und den du +nicht hast kommen sehn, und du mußt zu ihm, als ob's Gott +selber so beschlossen hätte. Rühmt' ich seine Augen oder +seinen Gang oder daß er's redlich meint und ein treues Gemüt +hat, so würd ich lügen, Gentz, denn dies ist's nicht, was +mich hintreibt, 's ist vielmehr wie ein Rhythmus beim Tanz, +der die Unruhe auflöst und die Luft um einen her dünner +macht. Auch auf Betrug war's nicht abgesehn, denn her bin +ich gekommen, um alles frei zu sagen, nur hat's mir weh um +dich getan. + + +_Gentz_ + +Wie deine Augen glänzen, Fanny ... + + +_Fanny_ + +Du mußt ihn sehen, Gentz! Wie er schreitet, sich bewegt! Wie +schlank er ist, wie er den Kopf wendet, wie edel er sich +hält, wie die Gelenke abgesetzt sind. Mit ihm zu tanzen, ist +halbe Arbeit; er trägt mich, schwingt mich so dahin. Wie +mir's bei dir geschieht, wenn ich im Leben zaghaft werde, so +gibt er mir Mut und Lust beim Tanz. + + +_Gentz_ + +Wann willst du reisen, Fanny? + + +_Fanny_ + +(mit gesenktem Kopf) + +Weiß noch nicht. In der nächsten Woche, denk ich. + + +_Gentz_ + +Wozu der lange Aufschub? Es wäre besser, du würdest morgen +reisen. + + +_Fanny_ + +Bist du so ungeduldig, mich los zu werden, Gentz? + + +_Gentz_ + +Ich will dir einen Platz auf der Post bestellen. + + +_Fanny_ + +Soll ich heut abend nicht zu dir kommen? + + +_Gentz_ + +Heut abend laß mich lieber allein. + + +_Fanny_ + +Jetzt will ich aber den armen Stuhlmüller nicht länger +warten lassen. + + +_Gentz_ + +Adieu, Fanny. + + +_Fanny_ + +Magst ihn nicht wenigstens sehen? Sprich ein freundlich Wort +mit ihm. + + +_Gentz_ + +Nicht heute, nicht jetzt. + + +_Fanny_ + +So leb wohl. (Reicht ihm die Hand.) + + +_Gentz_ + +Komm noch einmal ... + + +_Fanny_ + +Morgen komm ich wieder. + + +_Gentz_ + +Und übermorgen ... + + +_Fanny_ + +Übermorgen auch. + + +_Gentz_ + +Wie ein gehorsames Kind! + + +_Fanny_ + +Wie eine Tochter, ja. + + +_Gentz_ + +(zu dem Kupfergefäß, nimmt Rosen und gibt sie ihr) + +Hier, die Rosen, Fanny; nimm sie mit auf den Weg. + + +_Fanny_ + +Dank dir. + + +_Gentz_ + +Und sei glücklich. + + +_Fanny_ + +Dank dir schön. + + +_Gentz_ + +Und noch etwas: geh nicht direkt die Straße entlang, -- geh +am Gartentor mit ihm vorbei, damit ich euch sehe. Es ist nur +ein kleiner Umweg. + + +_Fanny_ + +Ist recht, Gentz. (Sie beugt sich schnell, küßt seine Hand; +ab.) + + +_Gentz_ + +(lauscht; dann auf und ab. Er geht zur Gartentür, schaut +angestrengt nach rechts hinüber) + +Da gehen sie hin, -- die jungen Leute! (Er zieht sein Lorgnon +heraus und verfolgt die sich Entfernenden mit den Blicken, +bis sie verschwunden sind, dann wendet er sich ab und läßt +sich in den Fauteuil sinken. In seinem Gesicht erlischt +gleichsam ein Feuer, und der Ausdruck wird völlig +greisenhaft.) Da gehen sie hin. Die jungen Leute. Als ob sie +einen Sarg in die Erde gesenkt hätten. Wozu die Trauer? Wozu +Opfer, wozu Treue, wozu Müh und Sorge? Das Leben schwindet, +das Krüglein ist geleert. Kein Wort mehr, Gentz, den letzten +Traum hast du dir verdient und bezahlt. Genug, genug. (Er +erhebt sich, greift nach der Handglocke.) Wie noch alles +hier nach ihrer Jugend riecht! Wie die Luft noch von jungem +Lachen klingt ... Kein Wort, kein Wort mehr, Gentz. (Er +läutet.) + + +_Jean_ + +(kommt) + +Herr Hofrat befehlen? + + +_Gentz_ + +Geh Er zum Fürsten Metternich und richt Er aus, daß ich zum +Diner heut abend nicht kommen kann. + + +_Jean_ + +Sehr wohl. + + +_Gentz_ + +Bring Er mir meinen Schlafrock, den türkischen und mach Er +Feuer im Ofen. 's ist kalt. + + +_Jean_ + +Sehr wohl. + + +_Gentz_ + +Sag Er den andern draußen, daß ich für niemand zu Hause bin. +Für niemand, hört Er? + + +_Jean_ + +Sehr wohl. + + +_Gentz_ + +Vor allem mach Er Feuer an. + + +_Jean_ + +Sofort. (Ab.) + + +_Gentz_ + +'s ist kalt. 's ist kalt. (Sinkt wieder in den Sessel.) Kein +Wort mehr, Gentz. (Bedeckt das Gesicht mit den Händen.) + +(Vorhang) + + + + +Der Turm von Frommetsfelden + + +Personen: + + Der Ritter Karl Heinrich von Lang, ansbachischer Domänenrat + Anna, seine Frau + Frau von Hänlein, deren Mutter + Leutnant Amandus Schlözer + Rechnungsrat Birnkoch + Kammerdirektor Mühlbach + Kasteljack, Schreiber + Fünf Bauern, darunter: Der Ringhofbauer, der Waldhofbauer, + der Erlhofbauer + Bärbel, Dienstmagd bei Langs + +Spielt zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Ansbach. + + +Das geräumige Arbeitszimmer des Ritters von Lang, zugleich +eine Art Wohngemach. Die Möbel im französischen Geschmack +des achtzehnten Jahrhunderts. Rückwärts zwei Fenster mit +Aussicht auf romantisch verwinkeltes Häuserwerk. Links Tür +in die andern Zimmer, rechts in den Flur. + +_Frau von Hänlein_ ordnet die auf Tischen, Stühlen und Sofa +herumliegenden Bücher und Hefte; _Bärbel_ kehrt mit einem +riesigen Besen aus. + + +_Frau von Hänlein_ + +(eine stattliche Dame in der Mitte der vierzig; sehr +riegelsam, frisch, gesund, nur wenig angegraut) + +In aller Frühe war er also schon da? + + +_Bärbel_ + +Heroben war er nit. Vorbeigangen ist er am Haus, wie ich zum +Bäcker bin, und hat g'fragt, wie's der jungen Frau geht. + + +_Frau von Hänlein_ + +Scheint viel Zeit zu haben, der junge Herr. + + +_Bärbel_ + +Die Herren Leutnants möchten halter gern, daß an Krieg gitt. + + +_Frau von Hänlein_ + +Wenn ich der Lang wäre, ich tät ihm das Haus verbieten. Die +Männer sind zu schlampig in manchen Sachen. Du kannst jetzt +in die Küche gehn, Bärbel. In einer halben Stunde muß die +junge Frau ihre Milchsuppe bekommen. (Bärbel ab.) Sitzt da +herum. Schwatzt. Wär die Anna nicht die Anna, er könnt sie +am Ende um den Verstand schwatzen. Lang, Lang! So gescheit +du bist, so dumm bist du. + + +_Anna_ + +(kommt von links. Blasse, schlanke, zarte, zierliche Frau +von zwanzig Jahren. Sie trägt ein elegantes Morgengewand +nach Pariser Schnitt; lächelnd) + +Sprichst für dich alleine, Mutter, und räumst schon wieder? + + +_Frau von Hänlein_ + +Was zu räumen ist, räum' ich. Guten Morgen, Kind. Bist schon +aus dem Bett gehupft? 's ist erst zehn Uhr und der Doktor +hat gesagt, du sollst bis Mittag liegen. + + +_Anna_ + +(heiter) + +Erklärt mich der Doktor für krank, dann fühl' ich mich +gleich gesund. + + +_Frau von Hänlein_ + +Bist ja auch nicht krank, sollt' ich meinen. + + +_Anna_ + +Krank nicht, gesund auch nicht. Was soll man glauben! + + +_Frau von Hänlein_ + +Glaub an deine Natur. + + +_Anna_ + +Grad die Natur macht mich oft irre. Oft versuch ich froh zu +sein, dann kommt unversehens die Traurigkeit. + + +_Frau von Hänlein_ + +Wie hast denn geschlafen heute? + + +_Anna_ + +Einen wunderlichen Traum hab ich gehabt, Mutter. + + +_Frau von Hänlein_ + +Laß hören. Vielleicht kann ich ihn deuten. + + +_Anna_ + +(setzt sich aufs Sofa, Frau von Hänlein bleibt vor ihr +stehen) + +Mir träumte, ich war in Frommetsfelden und alles war noch +so, wie ich ein Kind gewesen. Der schöne Garten mit den +vielen Obstbäumen, alle voller Äpfel und Birnen und die +lieben alten niedlichen Häuschen, und ich geh so und freu +mich über den blauen Himmel, und wie ich so gehe, wird's auf +einmal stockfinstre Nacht, und auf einmal seh ich Flammen, +und das ganze Städtchen steht lichterloh in Brand. Mir wird +Angst, und ich weiß nicht wohin, da packt mich Karl Heinrich +am Arm, so fest, daß mir's durch und durch weh tut. Laß +mich wenigstens noch in meinen Garten, bitt ich ihn, aber er +schüttelt den Kopf, macht ein böses Gesicht und hält mich +nur immer fester. Da seh ich den Leutnant Schlözer kommen, +er winkt mir so freundlich, daß mir ganz warm ums Herz wird, +und plötzlich kann ich zu ihm hingehen, und wie ich bei ihm +bin, da sind wir im Garten, und aus einem schönen blauen +Krug gibt er mir Wasser zu trinken. Dabei ist mir immer +wohler und wohler geworden, und so bin ich aufgewacht. + + +_Frau von Hänlein_ + +Das war das Vernünftigste, was du hast tun können, das +Aufwachen. + + +_Anna_ + +Sollen die Träume auch noch vernünftig sein? Schau, Mutter, +ich fühl' mich so verlassen oft. + + +_Frau von Hänlein_ + +(setzt sich zu ihr, tadelnd) + +Und du hast doch den besten Mann von der Welt. + + +_Anna_ + +(steht auf, geht zum Fenster) + +'s ist wahr. + + +_Frau von Hänlein_ + +Ist's wahr mit Seufzen, so ist's Lüge. + + +_Anna_ + +Weiß wirklich nicht, wie mir zumut ist ... + + +_Frau von Hänlein_ + +Hör' zu, Anna. Du solltest dich weniger mit dem Leutnant +Schlözer abgeben. Ein paar Monate seid ihr erst verheiratet, +und, -- es schickt sich eben nicht. Lang muß sich auch +kränken. + + +_Anna_ + +(bitter) + +Karl Heinrich? Oh nein, Mutter. Oh nein. Der kränkt sich +nicht. Darüber nicht. + + +_Frau von Hänlein_ + +Warum nicht _da_rüber? Etwa weil er nicht darüber spricht? + + +_Anna_ + +Wüßt ich's nur! Das ist's ja, was mich quält. Er denkt nur +an die Verwaltung. Nur seine Eingaben und Verbesserungen hat +er im Kopf. + + +_Frau von Hänlein_ + +(lacht) + +Bist eifersüchtig auf die Verwaltung? Damit mußt du dich +abfinden. Ein Mann gehört seinem Beruf. + + +_Anna_ + +(mit niedergeschlagenen Augen) + +So bin ich betrogen worden, Mutter. Man hat mir's anders +eingeredet. + + +_Frau von Hänlein_ + +Als dein Vater auf dem Totenbett lag, sagte er zu mir: +Schau, Rieke, du hast ja graue Haare an den Schläfen. Da hab +ich ihm antworten müssen: Dummer Mann, die grauen Haare hab +ich schon seit sechs Jahren. Glaubst du, wir haben uns +deshalb minder lieb gehabt? + + +_Anna_ + +Ach, -- Liebe! Das ist viel, oder 's ist wenig, je nachdem! +Wie kann ich wissen, ob sie _mir_ gilt, (mit beiden Händen +an der Brust) ob's _meine_ Liebe ist, die erwidert wird, +ganz genau meine? + + +_Frau von Hänlein_ + +Warum soll es denn, um Gottes willen, ganz genau die deine +sein? Wir Menschen sind doch aus verschiedenem Teig. + + +_Anna_ + +Ist sie ihm mehr wert als das Amt? Was Größeres als die +Geschäfte? Was anderes als eine Stunde zum Vergessen? Ich +will wissen, ob sie mir gilt, mir ganz allein und ganz so +wie ich bin. + + +_Frau von Hänlein_ + +Kind, spiel du nicht mit Worten, denn das heißt so viel wie +zum Teufel beten. (Sie steht auf.) + + +_Anna_ + +Was sind mir seine Geschenke, wenn ich das nicht weiß? Er +ist so verschlossen; so viel fremdes Leben bringt er mit. +Seine Augen sind fremd. Sein Gesicht ist fremd. Mir ist als +hätt ich sein wirkliches Gesicht noch kaum gesehen; als ob +er gar nicht leiden könnte um was. Immer möcht ich grübeln, +wenn er mit mir redet; indes sein Wort weiter geht, bin ich +noch beim ersten und frag mich: wo bist du, Karl Heinrich? +Ich find ihn nicht. Muß ich ihm nicht auch fremd sein? Wie +wird er mich nehmen, wenn mein Fremdestes zu seinem Herzen +will? + + +_Frau von Hänlein_ + +(bekümmert) + +Das kommt mir alles wie Sünde vor. Auch versteh ich's nicht. +Ich bin schon froh, wenn mich die Sonne bescheint. + + +_Bärbel_ + +(von rechts) + +A Herr is da un will unsern Herrn sprech'n. + + +_Frau von Hänlein_ + +Unser Herr ist ausgegangen. + + +_Bärbel_ + +Der Herr will auf unsern Herrn wart'n. + + +_Frau von Hänlein_ + +Was ist's denn für ein Herr? + + +_Bärbel_ + +Birnkoch haaßt 'r. + + +_Rechnungsrat Birnkoch_ + +(unter die Türe tretend; ein dicker, kleiner, geschniegelter +junger Mann mit Glatzkopf und einem eiertanzähnlichen Gang) + +#Excusez, mes dames --# + + +_Frau von Hänlein_ + +Der Herr Rechnungsrat! Bitte nur einzutreten, Herr +Rechnungsrat. + + +_Birnkoch_ + +Ist nicht meine Absicht, die Damen zu troublieren. #Bonjour, +mesdames#. Frau Domänenrätin, meine Reverenz. Wie befindet +sich dero beneidenswerter Gatte? + + +_Frau von Hänlein_ + +(hastig, um Annas zerstreutes Schweigen zu verdecken) + +Mein Schwiegersohn ist zur Inspektion des Waisenhauses, Herr +Rechnungsrat. Müssen Sie ihn dringend sprechen, so schick +ich hinüber. + + +_Birnkoch_ + +Inspektion in aller Frühe? Ein rühriger Beamter, der +Domänenrat Lang, #un caractère de fer#. Wollen Sie hinüber +schicken? Ich bitte, nein. Allerdings habe ich ein Anliegen, +will sagen einen Auftrag von Seiner Exzellenz, dem Minister +Haugwitz, der die Gnade hatte, mit mir in Berlin zu +konferieren ... + + +_Frau von Hänlein_ + +Nun, wenn es von Wichtigkeit ist, Herr Rechnungsrat ... +(Will zur Tür.) + + +_Birnkoch_ + +Bitte nein, Madame. Muß wohl von einiger #importance# sein, +da man mich damit beauftragt hat. Aber, bitte nein. Das +Vergnügen, Ihnen Gesellschaft leisten zu dürfen ... Es +handelt sich um die fatale Affäre ... #une chose ridicule, +au fond# ... mit dem Turm von ... von ... #quel nom +abominable# ... + + +_Frau von Hänlein_ + +Mit dem eingestürzten Stadtturm vielleicht --? + + +_Birnkoch_ + +Ganz richtig, Madame; mit dem eingestürzten Stadtturm. In +... in ... + + +_Frau von Hänlein_ + +Frommetsfelden. + + +_Birnkoch_ + +#Milles mercis, madame#. Frommetsfelden. #Mon Dieu,# was für +seltsame ... Bezeichnungen in Deutschland die Dörfer haben! + + +_Anna_ + +(die am Fenster gesessen ist, hat erstaunt aufgehorcht) + +Wie, Mutter, -- in Frommetsfelden ist der Turm eingestürzt? + + +_Birnkoch_ + +Ganz wie Sie sagen, Frau Domänenrätin. Von oben bis unten +eingestürzt. + + +_Frau von Hänlein_ + +(verschüchtert durch Annas erschrockene Miene) + +War ja ein altes, baufälliges Gerümpel, der Turm. + + +_Birnkoch_ + +#C'est ça.# Uralt. Und baufällig, jawohl. Baufällig. +Unbedingt baufällig. Deshalb ist er ja eben eingestürzt. + + +_Anna_ + +Wann ist denn das geschehen? + + +_Birnkoch_ + +Nun ... es mögen drei bis vier Wochen sein. Eher vier. +Jawohl. Vier bis fünf Wochen, jawohl. + + +_Anna_ + +Davon hat mir Karl Heinrich kein Wort gesagt ... + + +_Frau von Hänlein_ + +Daß dich das sonderlich interessiert, hat er nicht denken +können. + + +_Birnkoch_ + +So wissen Sie auch nicht, daß der Herr Domänenrat sich +weigert, mit allen Gründen seiner Amtsgewalt sich weigert, +den Turm wieder aufbauen zu lassen? + + +_Anna_ + +Er will ihn nicht wieder aufbauen lassen? + + +_Birnkoch_ + +#Une marotte! une marotte inexplicable!# Er weigert sich. +Die Regierung selbst unterstützt das Verlangen der Bauern. +Und er weigert sich. #C'est son entêtement.# + + +_Anna_ + +Aus welchem Grund will er denn den Turm nicht bauen lassen? + + +_Birnkoch_ + +#Parole d'honneur,# ich weiß ihn nicht, den Grund. Und wüßt +ich ihn, so könnt ich ihn keinesfalls approuvieren. Aber ich +bin erfreut, Madame, daß Sie an der Sache solchen Anteil +nehmen. Da kann man ja auf Ihre Unterstützung rechnen ... + + +_Frau von Hänlein_ + +Meine Tochter nämlich, Herr Rechnungsrat, hat ihre ganze +Jugend dort in Frommetsfelden zugebracht. Sie hat bei ihrem +Oheim auf dem Gut gelebt, während ich mit meinem Mann in der +Welt herumgezogen bin. + + +_Birnkoch_ + +Verstehe ... + + +_Frau von Hänlein_ + +Da ist ihr natürlich jeder Baum und jeder Stein ans Herz +gewachsen. + + +_Birnkoch_ + +Verstehe. Die Erinnerung. #Le souvenir.# Verstehe. (Zitiert +mit preziösem Tonfall.) + + Erinnerung taucht ihren Farbenpinsel + Ins wunde Herz und übermalt den Gram. + Sie fleucht mit dir auf eine Zauberinsel, + Wenn das Geschick dir Mut und Freude nahm. + +Verstehe. + + +_Frau von Hänlein_ + +Reizend, Herr Rechnungsrat. Haben Sie das selbst gedichtet? + + +_Birnkoch_ + +Nicht ganz. Nicht ganz. Hab's mir aus einer #anthologie# +kopieren lassen. + +(Es klopft, ein kleines Mädchen tritt verschämt ein. Sie +trägt einen Fliederstrauß in der Hand, blickt von einem zum +andern, eilt jäh auf Anna zu und überreicht ihr den Strauß +mit einem Knix.) + + +_Birnkoch_ + +Sieh da, sieh da! Flieder schon, im März? + + +_Anna_ + +(erhebt sich; tief errötend) + +Von wem ist denn der Flieder, Kind? (Schnell, ehe das +Mädchen antworten kann.) Ist schon gut. Ich laß mich recht +sehr bedanken. Da hast was für den Zuckerbäcker. (Gibt ihr +ein Geldstück; das Mädchen geht.) + + +_Frau von Hänlein_ + +(leise mahnend) + +Anna! + + +_Birnkoch_ + +Befinde ich mich in einem #erreur,# wenn ich annehme, daß +Sie den Spender kennen, Frau Domänenrätin? + + +_Anna_ + +(für sich) + +Herrlich! Herrlich! (Steckt das ganze Gesicht in den Strauß +und atmet mit Inbrunst; flüsternd.) Mein Traum!... + + +_Frau von Hänlein_ + +(am Fenster) + +Da kommt der Domänenrat! (Sie winkt hinunter.) + + +_Anna_ + +(stellt die Blumen in eine Vase vor die Spiegelkonsole, +betrachtet entzückt die Wirkung). + + +_Frau von Hänlein_ + +Weshalb stellst du denn den Strauß vor'n Spiegel, Anna? + + +_Anna_ + +(ohne sich umzuwenden, lächelnd) + +Dann sieht es aus, als ob ich zwei Sträuße hätte. + + +_Birnkoch_ + +#C'est drôle! c'est ravissant!# + + +_Ritter von Lang_ + +(tritt ein. Er ist ein mittelgroßer, stämmiger Mann mit +einer starken, energischen Stimme; sein Gesicht ist der Mode +der Zeit gemäß bartlos, sein Wesen hat ein kühnes +Selbstbewußtsein wie das eines Menschen, der seinen Wert +genau kennt und sich außerdem mit Absicht von andern +Beamten, ihrem Servilismus nach oben, ihrer Brutalität nach +unten, unterscheiden will) + +Guten Morgen, Herr Birnkoch; hab' gestern schon gehört, daß +Sie wieder in Ansbach sind. -- Bist schon so frühzeitig +munter, Anna? (Küßt sie auf die Stirn.) -- Woher ist denn der +frische Flieder da? + + +_Anna_ + +Daß du's gleich gesehen hast! (Nimmt seine Hand und sieht +ihn hell an.) Er hat's gleich gesehen, Mutter. + + +_Frau von Hänlein_ + +Werden vom Hofgärtner aus dem Treibhaus sein ... (Raunt +Lang in die Ohren.) Nennen Sie ihn doch nicht Birnkoch, +lieber Lang! Wollen Sie ihn auf Lebenszeit zum Feind haben? + + +_Lang_ + +(lacht kurz, dann sehr höflich) + +Warten Sie schon lang, Herr Rechnungsrat? Was gibt's? Soll +ich die Frauenzimmer fortschicken? + + +_Birnkoch_ + +Beileibe, Herr Domänenrat, beileibe nicht. Die Damen und +ich, wir haben uns über den Gegenstand schon ausgesprochen +und sind ganz #d'accord.# Denn Sie müssen nachgeben in der +Affäre mit dem närrischen Turm. + + +_Lang_ + +Potz Knackwurst, lieber Birnkoch -- + + +_Birnkoch_ + +(indigniert und weinerlich) + +Aber hochgeschätzter Herr Domänenrat, warum wollen Sie mir +nicht meinen sauer verdienten Titul zubilligen? + + +_Lang_ + +Schön, Herr Rechnungsrat. Ich sage nur, wenn Sie einen +ganzen Harem von Weibspersonen um mich aufstellen, der Lang +gibt nicht nach. In _der_ Sache nicht. + + +_Birnkoch_ + +Es ist der entschiedene Wunsch Seiner Exzellenz, des +Ministers Haugwitz -- + + +_Lang_ + +Vor allem steht es so, daß ich, in meinem Ressort, Befehle +nur vom Fürsten Hardenberg empfange. Es ist mir ja bekannt +geworden, daß der Fürst, der mir freundlich gesinnt ist, +durch allerlei Kabalen aus seinem Amt gedrängt werden soll, +aber eine offizielle Mitteilung habe ich darüber nicht +erhalten. + + +_Birnkoch_ + +Seine Exzellenz, der Minister Haugwitz hat über den Fall +eine Note abfertigen lassen -- (zieht sein Portefeuille.) + + +_Lang_ + +Ihr könnt Noten schmieren, so viel ihr wollt. Das lebendige +Bedürfnis spricht anders. + + +_Birnkoch_ + +(bestürzt) + +#Mon dieu!# Sie anerkennen also keine höhere Instanz? + + +_Lang_ + +Instanz? Zu deutsch: Schleichweg. Der Minister Haugwitz ist +von Kreaturen umgeben, die ihren Vorteil suchen. + + +_Birnkoch_ + +Eine solche Verdächtigung muß ich mit aller zukömmlichen +Entschiedenheit repoussieren. + + +_Anna_ + +(zwischen beide tretend, sehr sanft) + +Warum soll denn der Turm nicht wieder aufgebaut werden, Karl +Heinrich? + + +_Lang_ + +(barsch) + +Misch du dich nicht in die Affären, Kind. + + +_Frau von Hänlein_ + +(nimmt sie am Arm, leise) + +Er hat recht. Er muß wissen, was er tut. + + +_Lang_ + +Ist dem Minister auch wahrheitsgemäß angegeben worden, was +der Wiederaufbau des Turmes kostet? + + +_Birnkoch_ + +(in seinen Papieren blätternd) + +Der Baurat Österlein hat vierhundert Gulden in Voranschlag +gebracht. + + +_Lang_ + +Dann ist der Baurat Österlein ein ganz gemeiner Schwindler, +der einen Auftrag will und eine Versprechung leistet, die er +nicht halten kann. Das sag ich ihm auf den Kopf zu. + + +_Birnkoch_ + +Sie erschrecken mich, Herr Domänenrat -- + + +_Lang_ + +Das Vierfache reicht nicht hin. Aus meinen genauen +Berechnungen geht hervor, daß bei aller Sparsamkeit +achtzehnhundert bis zweitausend Gulden nötig sind. + + +_Birnkoch_ + +#Eh bien,# wenn die Bauern dafür aufkommen wollen und die +Regierung einen Beitrag gibt --? + + +_Lang_ + +Die Bauern, die sich ohnehin unterm Steuerdruck winden? Und +die Regierung, die kann das teure Geld förderlicher +verwenden. + + +_Birnkoch_ + +(spitz und kalt) + +Inwiefern förderlicher, wenn ich bitten darf? + + +_Lang_ + +Herr, in Frommetsfelden ist keine Schule! + + +_Birnkoch_ + +(heuchlerisch bekümmert) + +Ei, ei, ei ... + + +_Lang_ + +Bei Regen, bei Frost, im tiefsten Schnee müssen die Kinder +zwei Stunden laufen, um in die nächste Schule zu gelangen. +Die Folge? Weitaus die meisten Eltern behalten ihre +Sprößlinge zu Haus und erziehen dem Staat Analphabeten. Ich +will Ihnen eine Schule bauen für das Geld, das der Turm +kosten würde. + + +_Birnkoch_ + +Unter uns, -- finden Sie denn diese sogenannte Bildung +wirklich so notwendig für das Volk? Durch jeden Bauern, der +lesen und schreiben kann, wird uns das Regieren schwerer +gemacht. + + +_Lang_ + +Meine Ambition ist nicht, den Herrschaften das Regieren zu +erleichtern. Was ihr gern seht, das ist eine möglichst große +Armee von Nullen. Und jede Null soll zugleich ein Geldsack +sein, ein Ding jedenfalls ohne Kopf und ohne Füße, und wenn +ihr diese ganze Nullenkarawane gemächlich vor euch hinrollt, +das nennt ihr dann regieren. + + +_Birnkoch_ + +(entsetzt) + +#Mais, monsieur! Ce sont des idées revolutionaires!# + + +_Lang_ + +Das ist meine Ansicht. + + +_Birnkoch_ + +(dem nicht mehr ganz geheuer ist) + +Aber ... ich meine ... wenn wo ein Turm einstürzt ... wenn +überhaupt wo was einstürzt, muß man's doch wieder aufbauen. + + +_Lang_ + +Ich bin dafür, daß man Ruinen wegräumt und nicht neue +schafft. + + +_Birnkoch_ + +(rafft sich auf; würdevoll) + +Sohin ist meine Mission beendet. Ich werde nicht ermangeln, +höheren Orts Bericht zu erstatten. + + +_Lang_ + +Das bleibt Ihnen unbenommen. + + +_Birnkoch_ + +Ich habe in der leidigen Angelegenheit um elf Uhr noch eine +#conférence# mit dem Herrn Präsidenten von Schuckmann -- + + +_Lang_ + +Weiß schon. Der Präsident hat mich dazu gebeten. Man zwickt +und zwackt mich von allen Seiten. In einer halben Stunde +komm' ich hinüber. Habe vorher noch ein Referat zu +erledigen. (Verbirgt mühsam seinen Ärger und begibt sich, +nach einem kurzen Kompliment, unhöflicherweise sogleich an +seinen Schreibtisch.) + + +_Birnkoch_ + +#Mesdames#, meine ehrerbietigste Empfehlung. + + +_Frau von Hänlein_ + +(macht bedauernde Gesten, um Lang zu entschuldigen, und +begleitet Birnkoch. Ehe noch die Tür ganz geschlossen ist, +hört man von draußen) + + +_Birnkochs Stimme_ + +Seien Sie versichert, Madame, daran ist der Bonaparte +schuld. Der Bonaparte sitzt ihm im Nacken. Schade, +jammerschade ... + + +_Lang_ + +(horcht auf, lacht vor sich hin, während er schreibt) + +Der Bonaparte muß allen Faulenzern den Wauwau machen. +(Schreibt.) Aber sein Französisch reden sie. (Schreibt.) Und +miserabel noch dazu. + + +_Anna_ + +(hat sich vorsichtig genähert und schaut Lang über die +Schulter. Sie schüttelt den Kopf, als ob sie sagen wollte: +er spürt mich nicht. Endlich legt sie ihm die Hände auf die +Schultern). + + +_Lang_ + +Was gibt's denn, Anna? (Schreibt weiter.) + + +_Anna_ + +Hast du nicht ein Minütchen Zeit für mich? + + +_Lang_ + +(ein bißchen ungeduldig) + +Sag nur, was du willst. Ich bin ja beschäftigt, wie du +siehst. + + +_Anna_ + +(schweigt, entfernt sich seufzend). + + +_Lang_ + +(schreibt) + +Na sag's nur, aber geschwind. + + +_Anna_ + +Manche Dinge kann man nicht geschwind sagen. + + +_Lang_ + +Dann sind's gewiß überflüssige Dinge. + + +_Anna_ + +(nähert sich von neuem, neigt sich über ihn; mit einem +Versuch zur Koketterie) + +Weißt, von wem ich den Flieder hab'? + + +_Lang_ + +(stockt; kleine Pause, scheinbar gleichgültig) + +Von wem ... vom Leutnant Schlözer natürlich. + + +_Anna_ + +Falsch geraten. Nein, richtig geraten. Ist's nicht nett von +ihm? Er weiß, daß mich Blumen ganz toll machen vor Freude. +(Naiv.) Aber das blaue Seidenkleid, das du mir vom Baron +Imhoff aus Paris hast bringen lassen, ist wunderschön. + + +_Lang_ + +(schreibt wieder) + +Sollst es tragen, wenn der Fürst kommt. + + +_Anna_ + +Das dauert bis zum Herbst. + + +_Lang_ + +Bis dahin wird's nicht altmodisch. + + +_Anna_ + +Ob ich aber dann noch lebe ... + + +_Lang_ + +(kehrt sich rasch um) + +Anna! + + +_Anna_ + +Flieder, der verwelkt von heut auf morgen. Der ist für den +Augenblick. So ein Kleid, das soll täuschen über den +Augenblick. + + +_Lang_ + +Du quälst dich mit Hirngespinsten und mich nicht minder. + + +_Anna_ + +Hirngespinste? Das Hirn spinnt, was das Herz bewegt. + + +_Lang_ + +(steht auf) + +Du darfst mir nicht den Boden unter den Füßen wegziehen, +Anneli. Gegen Menschen kann ich streiten, gegen Schatten +nicht. + + +_Anna_ + +(verzagt, sieht ihn groß an) + +Mir ist so bang. + + +_Lang_ + +Weshalb denn, Anna? + + +_Anna_ + +Um dich, um mich, um uns beide ist mir bang. Ich seh dich +oft gar nicht. Du bist so fern, auch jetzt, wo du vor mir +stehst. Und ich weiß, du siehst mich auch nicht. Mir ist, +als ob wir zwei Blinde wären, die vergeblich mit den Händen +nacheinander greifen. Du bist so tüchtig, so fest, so klug, +aber es ist was in dir, was mich schreckt. Ganz, ganz nahe +möcht ich oft zu dir und kann nicht, wie wenn einem das +eigene Haus zugesperrt wär'. + + +_Lang_ + +(kopfschüttelnd, doch heimlich erleichtert) + +Schau, schau, was für eine kleine Schwärmerin du bist! + + +_Anna_ + +(verletzt) + +Nein, Karl Heinrich, wirf's nicht mit einem Wort von dir. +Bist doch sonst ein Feind von denen, die sich's bequem +machen. Mich sollst du dir auch nicht bequem machen. + + +_Lang_ + +(ablehnend) + +Ich versteh dich nicht, Kind. Mir ist das alles Spiel, was +du vorbringst. Zum Spielen ist mir der Tag zu wert. (Will +sich wieder zur Arbeit setzen.) + + +_Anna_ + +(schmiegt sich an ihn, mit einem jähen Entschluß, bittend) + +Schenk mir den Turm, Karl Heinrich! + + +_Lang_ + +(verwundert) + +Den Turm? Was für einen Turm? + + +_Anna_ + +Den Turm in Frommetsfelden. + + +_Lang_ + +Was soll das heißen? -- Der Turm ist ja eingestürzt. + + +_Anna_ + +(leidenschaftlich schmeichelnd) + +So bau ihn wieder auf! Bau ihn! Für mich! + + +_Lang_ + +(ruhig) + +Solchen Unsinn kannst du von mir im Ernst nicht verlangen. + + +_Anna_ + +(beteuernd) + +Im tiefen, heiligen Ernst. Ist kein Unsinn, Karl Heinrich; +ist ein Wunsch, nur ein Wunsch. + + +_Lang_ + +Den ich unmöglich erfüllen kann; oder ich würde mich zum +Windbeutel machen. Denk doch nach -- + + +_Anna_ + +Denk ich nach, kann ich den Wunsch nicht mehr so spüren. + + +_Lang_ + +Nun also! + + +_Anna_ + +Wünschen ist stärker als denken. Du nennst's vielleicht eine +Laune. + + +_Lang_ + +Eine üble noch dazu. + + +_Anna_ + +(ruhiger) + +Schau, der Turm war mir immer was Ehrwürdiges, das zum +Himmel lockt. So stolz und wacker ist er gestanden, so fest +und alt ins Firmament hineingegossen, und so unvergänglich, +weißt du, als stünd' er von Anbeginn der Welt bis zum Ende. +Wenn ich als Kind nachts vom Schlaf erwacht bin, hab ich die +Glocke gehört; dumpf und schwer und mächtig langsam und so +wohllautend wie des Herrgotts Stimme selber. Wie Zeit und +Ewigkeit hat's da zusammengeklungen, zwischen Schlag und +Schlag war ein ganzes Leben, gute Träume, böse Träume, und +die Nacht ist so groß geworden, und der Tag so fern ... +Aber wär's nur darum, so wär's am Ende wirklich Laune. Darum +ist's aber nicht. + + +_Lang_ + +So erklär dich deutlicher. + + +_Anna_ + +Ach, daß du's nicht begreifst, daß du's nicht ahndest! + + +_Lang_ + +Und daß auch _du_ mir's noch schwer machst, Anna, auch du! +Bin ich denn nicht wie der böse Feind dahier geachtet? Jede +Handlung, die dem gemeinen Wesen zugute kommen soll, braucht +zwanzig Schreibereien. Wohin du blickst, die ärgsten +Mißbräuche, Zehrungen und Unterschleife. Was an Steuern dem +armen Volk erpreßt wird, geht für die Zeche der Herren auf. +Meinst du, ich könnte nicht gleichfalls so ein Diätenfresser +sein? Und sparte mir die Galle dabei. Was für Zustände, +Anna! Davon hast du ja keinen Begriff! Im Alumneninstitut +des Gymnasiums lauter feuchte, ungeheizte Stuben, wo die +schamlos vernachlässigten Schüler öffentlichen und +heimlichen Sünden frönen. Dabei muß man alljährlich das Geld +aufborgen, um nur den Kostwirt bezahlen zu können. Im +Waisenhaus sind den Kindern vor lauter Krätze und englischer +Krankheit Hände und Füße gebogen und die Köpfe +aufgeschwollen. In der elenden Baracke, genannt Seelhaus und +Lazarett, liegen scheußliche Gestalten halbnackt auf +muffigem Stroh. Fragt man: wo ist das Geld? Es ist nicht da. +Es ist aber doch dafür bestimmt worden --? Ja, es ist aber +nicht da. Keiner hält stand, keinen kannst du beim +Schlafittich packen; alle, die davon fett werden, daß nichts +geschieht, spritzen dir ihr Gift ins Gesicht, bei jeder +nützlichen Anordnung setzen sich die Magistrate selbst +entgegen; hinter denen stecken wieder die Verwalter, die +Advokaten, die Gutsbesitzer, die Latifundienräuber, die +Bevollmächtigten der Regierung, und so geschieht's, daß ich +im ganzen Land als unbarmherziger Mann verschrien bin, und +daß man mich durch Appelle und Eingaben und Rekurse und +Beschwerden und Ränke und Quertreibereien ermüden und +zurückhalten will. Und nun kommst du auch noch und nagst an +mir. + + +_Anna_ + +Ich seh's wohl ein; Grund und Recht sind auf deiner Seite, +und als gute Frau dürft ich nicht zuwiderstimmen. Mein Grund +ist unaussprechlich und liegt vielleicht nur in meinen +Augen; nur in meinem Blick, wenn er deinem begegnet. Sieh +mich an, Karl Heinrich! Ist's Lüge, dann ist alles Lüge, was +mich zu dir treibt. Denk, es ist ein Gebet. Oder denk, es +ist eine Krankheit in dir, die du selber nicht kennst, und +du mußt sie durch einen bittern Trunk heilen. + + +_Lang_ + +Ich kann dir nicht helfen, Anna. Der Frommetsfelder Turm +darf mir nicht gebaut werden, so lang ich hier im Amt bin. + + +_Anna_ + +(wendet sich weg, läßt die Arme schlaff fallen und den Kopf +tief sinken). + + +_Lang_ + +Ist mir leid um dich, Anneli, denn in deinem Begehren ist +was, das mir wie freventlicher Übermut erscheint. Zart bist +du beschaffen, aber es ist was Verwegenes in dir, und wollt +ich mich dem fügen, so wär' ich geliefert für alle Zeit. Ihr +Weiber habt oft so eine spindeldürre Phantastik in euerm +Kopf; wenn man sich davon einfangen läßt, geht's einem wie +Simson, dem Propheten. + + +_Anna_ + +(geht langsam gegen die Türe links, zögert noch vor der +Schwelle, dann ab). + + +_Lang_ + +(wandert unruhig hin und her) + +Ist ein feines Geschöpflein, und kann sich nicht abfinden +mit ihrem begehrlichen Gemüt. Nährst du's, frißt's dich +auf. Mußt es ziehen lassen, als ob's ne Wolke wär'. Die eine +Wolke könnt ich ja vertragen, wird nicht gleich Blitz und +Donnerwetter geben. Eheweisheit ist ein ander Ding denn +Amtsweisheit. (Schaut auf die Uhr.) Die Zeit ist mir schon +wieder davongelaufen. (Wie er zur Tür will, klopft es.) +Herein! + + +_Leutnant Amandus Schlözer_ + +(tritt von rechts an. Er ist einundzwanzig Jahre alt, sehr +schlank, mit einem gut markierten, charaktervollen Gesicht +und Augen, in denen sich der Romantiker verrät. Sein Betragen +schwankt zwischen Schüchternheit und soldatischer Offenheit +und Kürze. Er trägt die preußische Infanterieuniform) + +Verzeihung, Herr Domänenrat, wenn ich Sie störe -- (Verbeugt +sich, grüßt militärisch.) + + +_Lang_ + +(flüchtig) + +Guten Morgen, Herr Leutnant. Ich weiß nicht, ob meine Frau +Sie empfangen kann ... + + +_Schlözer_ + +Ich möchte, Herr Domänenrat, wenn ich Sie nicht von +dringenden Geschäften zurückhalte, ein paar Worte mit Ihnen +allein -- + + +_Lang_ + +(stirnrunzelnd) + +Ich habe allerdings ... ich werde beim Präsidenten erwartet +... Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Leutnant? Wollen Sie +Platz nehmen? + + +_Schlözer_ + +Merci. (Bleibt stehen.) Ich wollte Ihnen nur sagen, Herr +Domänenrat ... es ist etwas in mir, was mich zwingt, Ihnen +diese Mitteilung zu machen, ... daß ich abzureisen genötigt +bin. + + +_Lang_ + +(leichthin, jedoch etwas aufmerksamer) + +Wirklich, Herr Leutnant? Sind es Gründe privater Natur, die +einen so raschen Entschluß hervorgerufen haben? + + +_Schlözer_ + +(gepreßt) + +Ja. Gründe von der dringendsten Beschaffenheit. Mein +Urlaubsgesuch ist bereits bewilligt. Die Postpferde sind +bestellt. + + +_Lang_ + +(konventionell) + +Es tut mir leid, Herr Leutnant. Wir hatten gehofft, Sie +länger hier halten zu können. Freilich, -- die Provinz. + + +_Schlözer_ + +(mit festem Blick) + +Dies ist es nicht, Herr Domänenrat. Es ist schwer zu sagen +... doch kam ich deshalb her ... und so sei es gesagt: Herr +Domänenrat, ich liebe Ihre Frau. + + +_Lang_ + +(sieht ihn schweigend an; dann mit starker Überwindung) + +Das nennt man ohne Umstände deutlich sein. (Kalt.) Ich +beklage diese Fatalität, Herr Leutnant, doch überschätzen +Sie vielleicht ihre Tragweite für mich, -- wenn Sie +_des_wegen Postpferde bestellt haben. + + +_Schlözer_ + +(ohne sich zu regen) + +Würden Sie mir eine solche Antwort auch geben, wenn Ihre +Frau meine Abreise nicht ganz so teilnahmslos betrachten +würde? + + +_Lang_ + +(brüsk) + +Herr Leutnant, meine Frau ist über jede Insinuation erhaben. + + +_Schlözer_ + +(verbeugt sich) + +Ich weiß es. + + +_Lang_ + +Warum gleich Postpferde bestellen, Herr Leutnant? Und wenn +Postpferde bestellt sind, warum sie zur Parade tanzen +lassen? Soll ich das Almosen einer Entsagung mit Dank +quittieren? Soll ich bewundern, wo ich kaum bedauern kann? +(Ernst und mit Bedeutung.) Der ehrt sich selbst und seine +Freunde, der durch Schweigen unerfüllbare Wünsche +beschwichtigt. + + +_Schlözer_ + +Ich glaubte Ihnen, in dessen Haus ich Gastfreundschaft +genossen habe, eine Erklärung schuldig zu sein. + + +_Lang_ + +Sie verpflichtet mich zu keinem Dank. Wenn Sie für sich +fürchten, Herr Leutnant, Sie für Ihre Person und Ihre Ehre +sage ich, dann nehmen Sie Postpferde. + + +_Schlözer_ + +(mit zu Boden gekehrtem Blick) + +Ich reise, Herr Domänenrat. + + +_Lang_ + +So wünsch ich glückliche Fahrt. -- Vermutlich werden Sie sich +von meiner Frau verabschieden wollen. (Auf eine Bewegung +Schlözers.) Bitte, Herr Leutnant, meine Frau wäre gewiß +verletzt, wenn Sie ohne Gruß von ihr scheiden würden. Ich +werde draußen sagen lassen, daß Sie hier warten. Ich selbst +muß Sie leider verlassen. (Mit stummem Gruß nach rechts ab.) + + +_Schlözer_ + +(blickt düster vor sich hin. Er gewahrt den Fliederstrauß, +eilt hin, nimmt ihn in die Hand und drückt seine Lippen in +die Blumen. Dann läßt er das Bukett fallen, wie von einem +hoffnungslosen Gedanken erstarrt) + +Er schickt sie zu mir! Kein Zweifel ist in ihm, kein +Zweifel! + + +_Anna_ + +(von links) + +Guten Morgen, Amandus. War nicht Lang eben hier? + + +_Schlözer_ + +(zu ihr, küßt ihr die Hand) + +Teure Anna, wie blaß Sie heute aussehen ... + + +_Anna_ + +(abweisend) + +Dies Betragen lieb ich nicht an Ihnen, Amandus. Sie wissen +es. Mein Mann ist fortgegangen? + + +_Schlözer_ + +Er sagte, er wolle Ihnen Nachricht geben, daß ich warte. + + +_Anna_ + +(mit verlorenem Blick) + +Und ist fortgegangen. (Rafft sich zusammen.) Ich habe Sie +doch gebeten, Amandus, daß Sie am Vormittag nicht kommen +möchten. (Sie setzt sich, Schlözer nimmt ihr gegenüber +Platz.) + + +_Schlözer_ + +Es ist das letzte Mal, Anna. Ich kann den Gedanken, daß Sie +in meiner Nähe weilen, nicht länger ertragen. Ich kann nicht +länger in den Nächten liegen und mit lebendig-offenen Augen +träumen, was mir das Herz verbrennt. Ich kann's nicht +länger, und ich komme nun, um Ihnen Lebewohl zu sagen. + + +_Anna_ + +(versonnen) + +Ich hatt' es erwartet. Sie reisen also. Und wohin reisen +Sie? + + +_Schlözer_ + +Die Erde dreht sich, und ich fühle mich so schwunglos; +heruntergestürzt und in den Boden gewühlt wie in ein Grab. -- +Wohin ich reise? Es gibt bald Krieg, Anna. Wenn mein König +keine Verwendung für mich hat, wird Bonaparte wissen, wie +ein Mann zu brauchen ist, dem das Leben nichts mehr gilt. + + +_Anna_ + +(aufschreckend) + +Haben Sie mit Lang gesprochen? + + +_Schlözer_ + +War es mein Schmerz oder war es das Bedürfnis, daß es +zwischen mir und ihm zum Ausgleich kommt; daß er es wissen +möge, daß er Sie hüten möge, Anna, wie das kostbarste +Kleinod der Welt, -- ich weiß nicht mehr warum, nennen Sie +es eine Verfinsterung meines Herzens, -- ich habe ihm gesagt, +wie es um mich beschaffen ist und weshalb ich gehe. + + +_Anna_ + +(grüblerisch) + +Das haben Sie ihm gesagt? Wie seltsam! Und er? + + +_Schlözer_ + +Er! Er war kalt und überlegen. + + +_Anna_ + +(wie oben) + +Und er sagte, er wolle mir Nachricht geben lassen, daß Sie +warten. Wie seltsam ... + + +_Schlözer_ + +Als ob keine Faser in Ihnen wäre, die ohne seinen Willen +sich regte. + + +_Anna_ + +(wie oben) + +Vielleicht vertraut er mir so. + + +_Schlözer_ + +Und dies Vertrauen sollte Sie nicht ein wenig kränken, teure +Anna? Ist denn Liebe etwas so Unzweifelbares, daß sie einmal +beschworen, jedem Feuer stand hält? Ist denn das noch Liebe, +die so ruhig, so stumm, so satt werden darf? + + +_Anna_ + +Wie würden Sie gehandelt haben, Amandus, wenn ein Mann Ihnen +ein solches Geständnis gemacht hätte? + + +_Schlözer_ + +Wie ich gehandelt hätte, weiß ich nicht. Vielleicht hätte +ich den Mann erdolcht. Vielleicht hätte ich ihn in die Arme +geschlossen. Wer aber darf so übermenschlich sich gebärden, +daß er nichts wissen will von den Gewalten, die seiner +Sicherheit ein Ziel setzen könnten? Ach, Anna, wenn! -- wenn! +Ich würde hinschmelzen unter jedem Blick und jedem Lächeln. + + +_Anna_ + +(kopfschüttelnd) + +Nein, Amandus, das Hinschmelzen, das ist das Wichtige nicht. +Wichtig ist, daß man nie einander vergißt. Daß man immer +geborgen ist im andern, daß er die Gedanken hält und kennt, +daß er die Wünsche weiß und jeden recht versteht, denn es +ist eine Qual, zu reden, wenn man wünscht. Daß man nicht ein +Opfer wird von einer Stunde, wo aufs Ungefähr das Blut +stürmt und man dann zur schalen Erinnerung wird in den +Geschäften des Lebens. Da wird alles kalt in einem. + + +_Schlözer_ + +Alles ist fremd ohne Zärtlichkeit, fremd und zufällig. + + +_Anna_ + +Ja, Zärtlichkeit, das ist es. Ohne Zärtlichkeit wird Liebe +sündhaft. Zärtlichkeit ist wie ein treuer Hund am Herd, der +nie den Herrn verkennt. + + +_Schlözer_ + +Ich weiß es seit langem, Anna, daß Sie nicht glücklich sind. + + +_Anna_ + +Glücklich! Ich bin noch vor dem Glück vielleicht und hab +Angst, daß es vorübergeht, ohne daß ich weiß, was es ist. +Ich möcht' es ausgraben wo und kenn' den Ort nicht, wo es +liegt. -- Wenn Sie mein Mann wären, Amandus, und Lang käm' +ins Haus, so wie Sie kommen, und Sie würden dazu schweigen +und ich wüßte nicht, schweigen Sie aus Großmut oder aus +Nachlässigkeit, die Unruh' würde mir das Herz abdrücken. Und +schwiegen Sie aus Nachlässigkeit, und ich wüßt' es, so wär +alles vorbei. Aber auch wenn Sie eifersüchtig wären und es +zeigten, wär alles vorbei, denn ist ein Mann eifersüchtig, +so achtet er sich selbst nicht oder die Frau nicht. -- Wir +müssen uns jetzt trennen, Amandus. (Sie steht auf.) + + +_Schlözer_ + +(zu ihr) + +So gilt's denn. Es wird Nacht in meinem Leben. + + +_Anna_ + +(verloren und wie zu sich selbst; schmerzlich) + +Der Turm, Amandus, wird nicht gebaut. Mein Turm wird nicht +gebaut. + + +_Schlözer_ + +Der Turm --? + + +_Anna_ + +Ach, wundern Sie sich nicht. Ich schwatze wohl zu viel. -- Zu +welcher Stunde wollen Sie denn fort? + + +_Schlözer_ + +Zwischen zwölf und ein Uhr denk' ich. + + +_Anna_ + +Und wohin? + + +_Schlözer_ + +Gen Würzburg geht die Fahrt. + + +_Anna_ + +(wie aus einem Traum) + +Wenn ich mitginge ... wenn ich mitginge ... + + +_Schlözer_ + +(leidenschaftlich, packt ihre Hände) + +Anna! -- + + +_Anna_ + +(lächelnd und verstört) + +Tu' ich den Schleier ums Gesicht, erkennt mich niemand ... + + +_Schlözer_ + +(außer sich) + +Ich lass' den Wagen beim Mauthaus auf der Chaussee warten. +Ich laß ihn bis zum Abend warten, wenn Sie wollen! + + +_Anna_ + +(leise) + +Wie er's tragen wird? Ob's ihn wandeln wird ... (Schlözer +mit der Linken von sich abhaltend.) Ja, warten Sie, Amandus. +Beim Mauthaus zwischen zwölf und eins. Nur dies noch, -- Sie +sind mein Ritter. Nicht fragen werden Sie, mich nicht +bedrängen ... (Hastig.) Nein, nein, nicht reden jetzt. Beim +Mauthaus zwischen zwölf und eins ... Geh ich den Feldweg, +sieht mich niemand. Gehen Sie, Amandus. Nichts reden! (Sie +legt den Finger auf den Mund.) + + +_Schlözer_ + +(geht wie ein Schlafwandler mit zurückgekehrtem Gesicht zur +Tür). + + +_Anna_ + +Nichts reden ... + + +_Schlözer_ + +(mit einer trunkenen Bewegung ab. Während die Tür offen ist, +hört man vom Flur die Stimmen der Bauern). + + +_Anna_ + +(steht entgeistert mit geschlossenen Augen). + + +_Frau von Hänlein_ + +(kommt) + +Da draußen sind die Frommetsfeldner Bauern. Wollen beim +Domänenrat petitionieren wegen ihres Turmes ... Um Gott, +Kind, -- wie siehst du aus? + + +_Anna_ + +Nichts, Mutter, es ist nichts. (Ab nach links.) + + +_Frau von Hänlein_ + +(schaut ihr nach) + +Da ist was nicht rund in der Welt, sollt' mich dünken. Der +Schlözer ist mir auch ganz rabiat vorgekommen ... Als ob +einer vom Wein aufsteht und durch die Wand steigen will. +Kind! Kind!... + + +_Bärbel_ + +(kommt) + +Könna die Bauersleit' da herinnet wart'n? + + +_Frau von Hänlein_ + +Ja, laß sie nur herein. Der Domänenrat muß gleich kommen. +Die Leute sagen ja, sie hätten ihn unterwegs schon +getroffen. Ich will mich nach der jungen Frau umschauen. +(Links ab.) + + +_Bärbel_ + +(nach draußen) + +No, spaziert nur da 'rein! (Es kommen der Ringhofbauer, der +Erlhofbauer, der Waldhofbauer, und zwei andere Bauern. Alle +tragen die urtümliche fränkische Bauerntracht: silberne +Knöpfe an den blauen Westen, schwarze Jacken, schwarze Hosen +in hohen Stiefeln, schwarze Zipfelmützen. Sie drücken sich +scheu und ehrfürchtig herein, bleiben regungslos stehen.) + + +_Bärbel_ + +Derft euch au' niedersetzen. (Ab, läßt die Tür offen.) + + +_Der Ringhofbauer_ + +Joo ... (Sie bleiben stehen.) + + +_Der Erlhofbauer_ + +Wer soll'n reden? + + +_Der Ringhofbauer_ + +I wer' scho reden. + + +_Der Waldhofbauer_ + +Was werst'n sog'n? + + +_Der Ringhofbauer_ + +I wer scho was sog'n. (Es kommen Lang und der Kammerdirektor +Mühlbach, ein älterer, würdiger Herr.) + + +_Kammerdirektor_ + +Ich hab's Ihnen gleich gesagt: der Präsident ist in dieser +Sache machtlos. + + +_Lang_ + +Niemand hat den Mut, für das Notwendige sich einzusetzen, +wenn er gleich die Vernunft hat, es zu sehen. Es ist ein +Höllenzirkel. + + +_Kammerdirektor_ + +Da haben Sie Ihre Bauern ... + + +_Lang_ + +Ja. Und morgen werden die Pfarrer kommen, und übermorgen die +Küster. + + +_Kammerdirektor_ + +Der Präsident hat nicht so unrecht, wenn er meint, daß das +Wegschaffen des Turms gleichsam eine #capitis deminutio# +sein würde. + + +_Lang_ + +Das #Corpus juris# wird maulfeil, wo das gesunde Gefühl +revoltiert. Bin ich schwächer hier als Stumpfsinn und böser +Wille, dann kenn ich meinen Weg. + + +_Kammerdirektor_ + +Aber Lang! Lang! + + +_Lang_ + +(zu den Bauern) + +Hört mich an, ihr Leute! Wenn ihr einen Webstuhl habt, und +der zerbricht, dann werdet ihr euch einen neuen Webstuhl +anschaffen. Nicht wahr? + + +_Die Bauern_ + +Joo ... joo ... + + +_Lang_ + +Und wenn euch ein alter Hofhund krepiert, dann werdet ihr +euch nach einem andern, einem jungen Hofhund umsehen. Ist's +so? + + +_Die Bauern_ + +Joo ... joo ... + + +_Lang_ + +Wenn euch aber ein Haus abbrennt, das auf einem vom Wasser +unterhöhlten und durchweichten Grund gestanden ist, werdet +ihr dann das Haus auf demselben Grund wieder aufbauen? Sagt +mir eure Meinung. Frisch heraus! + + +_Die Bauern_ + +Naa ... naa ... + + +_Ringhofbauer_ + +Das wöll'n mer nit ton. Naa ... naa ... (Er nickt den andern +verständnisinnig zu, als sollten sie seine Beredsamkeit +bestaunen.) + + +_Lang_ + +Und wenn auf euerm Acker ein großer Baum steht, der dem +Getreide Licht und Sonne nimmt, den ihr aber nicht umhauen +wollt, weil er dort seit Menschengedenken wächst, und der +Baum bricht nun eines Tages, weil er krank ist, oder der +Blitz haut ihn zu Boden, werdet ihr da nicht froh sein, daß +er weg ist? + + +_Die Bauern_ + +Joo ... joo ... + + +_Lang_ + +Oder werdet ihr ihn von neuem in die Erde stecken? + + +_Die Bauern_ + +Naa ... naa ... + + +_Ringhofbauer_ + +Des tenna mer nit, Herr Råt! (Wie oben.) + + +_Lang_ + +Nun also! (Der Schreiber Kasteljack, ein dürrer, langer, +fusliger, schattenhafter Mensch, kommt schüchtern und eilig +getrippelt, hat ein amtliches Dokument in der Hand.) + + +_Lang_ + +(unwirsch) + +Was gibt's, Kasteljack? + + +_Kasteljack_ + +(asthmatisch) + +Herr Domänenrat ... (hüstelt) das Gesuch an die Regierung +wegen Nichtwiederaufbaus des Frommetsfeldner Turms ... +(Greift sich an die Brust, hüstelt.) + + +_Lang_ + +Hurtig, hurtig, Mensch! (Entreißt ihm den Bogen.) + + +_Kasteljack_ + +... ist leider diesen Morgen als unerledigbar ... unerledig +... lich ... zurückgekommen. + + +_Lang_ + +(mit verbissenem Grimm) + +Und der Grund? + + +_Kasteljack_ + +Eine Formalität, Herr Domänenrat ... + + +_Lang_ + +Was für eine Formalität? + + +_Kasteljack_ + +Der Submissionsstrich fehlt. + + +_Lang_ + +Der -- Submissionsstrich? + + +_Kammerdirektor_ + +Der Submissionsstrich? + + +_Kasteljack_ + +Ja. Es ist dies eine wichtige amtliche Formalität. +(Hüstelt.) Die Vorschrift lautet, daß zwischen dem Text des +Gesuches oder des Referats oder des Ausweises oder des +Testimoniums ... daß zwischen dem Text und der Unterschrift +des betreffenden Herrn Referenten oder Berichterstatters ein +dicker, gerader, deutlicher Strich gezogen werde. Diesen +Strich nennen wir den Submissionsstrich. + + +_Kammerdirektor_ + +Ja. 's ist wahr, eine ganz zweifellose Institution, die Sie +doch kennen müssen, Lang. + + +_Lang_ + +Ich kenne sie. Jetzt kenn ich sie. Mit einem Wort: diese +Unterlassung bedeutet zwei bis drei Monate Aufschub. Der +Submissionsstrich soll das Seil werden, auf dem man mich +tanzen lassen will. Oder der Balken, mit dem man mir um die +Füße schlägt. (Er eilt zum Schreibtisch und zieht in größter +Hast mit Bleistift und Lineal Striche auf einem großen Bogen +Papier.) So werden hierzuland die Männer traktiert und die +wahren Interessen schachmatt gemacht. (Kehrt zu Kasteljack +zurück.) Hier, Kasteljack. Da ist ein ganzer Schreibebogen, +reichlich versehen mit Submissionsstrichen. Schicken Sie den +Bogen an die betreffende Kanzlei der Regierung, ich lasse +submissest ersuchen, in einschlägigen Fällen sich aus diesem +Vorrat von Submissionsstrichen bedienen zu wollen. + + +_Kasteljack_ + +Aber ... + + +_Lang_ + +Kein Aber. Tun Sie, was ich Ihnen befehle. Es ist Ernst. + +(Kasteljack unter Bücklingen rückwärtsgehend ab.) + + +_Kammerdirektor_ + +Sie werden sich's mit der hohen Regierung gründlich +verderben, lieber Lang. + + +_Lang_ + +Die und ich, wir können nicht in derselben Küche unser +Fleisch kochen. Ihres schmeckt mir ranzig und meins ist +ihnen zu zähe. Verderben! Ich mit ihnen verderben! Ich hab' +ihnen gedient, wie einer, der's redlich meint. Sie haben +mich bezahlt wie einen, der schon betrogen hat. Wer sein +Schäfchen ins Trockene bringt, erregt ihnen keinen Argwohn, +wer sich mausig macht und ihre verstaubten Litaneien +überhört, den legen sie nackt in die Sonne und salben ihn +mit dem Öl ihrer Schikanen, daß das Ungeziefer über ihn +kommt. + + +_Kammerdirektor_ + +Lang! Lang! mäßigen Sie sich doch. + + +_Lang_ + +Ich bin am Ende meiner Fassung. Wenn man zusehen muß, daß +alle Quellen hämisch verstopft werden und die Menschheit +verdurstet. Daß die Früchte wachsen, um zu verfaulen. Große +Männer Großes richten, um Popanze zu werden für die +Phrasendrechsler. Verderb ich mir's mit ihnen, steht's desto +besser zwischen mir und meinem Gewissen. (Zu den Bauern, die +unterdessen heimlich gewispert haben.) Nun, ihr Leute! Der +Baum, von dem ich euch da gesprochen habe, vergleichsweise, +versteht mich wohl, der Baum ist euer alter, unnützer Turm. +Was wollt ihr beginnen mit einem Turm? Könnt ihr ihn als +Heuschober brauchen? Nein. Könnt ihr drinnen wohnen? Nein. +Wollt ihr drinnen beten? Nein. War er besonders schön von +Ansehen? Nein. Es war nichts in ihm oder an ihm, was euch +hätte ergötzen oder fördern können. Und doch wollt ihr ihn +wieder aufrichten. Warum? + + +_Erlhofbauer_ + +Mer war's halt so g'wöhnt, Gnaden Herr Råt. + + +_Waldhofbauer_ + +'s wär a Schand, Gnaden Herr Råt. + + +_Lang_ + +Die Schande will ich euch auswetzen. Ich bau euch ein +Schulhaus, das wird ein wahrer Staat sein. Seht, das ist +eine Aussaat, von der ihr eine gute Ernte einheimsen könnt. +Profitiert _ihr_ nicht mehr davon, so profitieren eure +Kinder, die Söhne und die Töchter. 's ist, wie wenn man +Kälber auf eine fette Weide treibt. Da wächst euch kein +habergasiges Vieh heran, das sich seiner Haut schämen muß, +sondern ein edler Schlag. Der Bauer hat nicht nötig, sein +Licht unter den Scheffel zu stellen. Mit dem Wissen ist's +eine eigene Sache und, glaubt mir's oder glaubt mir's nicht, +wenn ihr eure Kinder was lernen laßt, werden eure Mühlen +besseres Korn zu mahlen haben. + + +_Ringhofbauer_ + +Da hab'n mer alles nichts dageg'n, Herr Råt; aber um unsern +Turm woll'n mer halt fleißig gebeten hab'n. + + +_Lang_ + +Holzköpfe! (Verzweifelt zum Kammerdirektor.) Das ganze Ding +gleicht einem Gänsespiel, wo man sich schon nah am Ziel +glaubt, und durch einen mißglückten Wurf von einem +umgekehrten Schnabel zum andern wieder zum ersten Anfang +zurückgewiesen wird. + + +_Kammerdirektor_ + +Ich wußt es vorher. + + +_Frau von Hänlein_ + +(kommt mit einem Brief, von rechts). + + +_Lang_ + +Doch laß' ich nicht nach, und wenn's ein Jahr meines Lebens +kostet. + + +_Frau von Hänlein_ + +Da ist ein Brief an Sie gekommen, Lang. + + +_Lang_ + +Das Siegel sollt ich kennen. 's ist vom Fürsten Hardenberg. +(Er bricht den Brief auf und liest; seine Miene verzerrt +sich sichtlich, er wirft das Schreiben mit einem Laut des +Schmerzes und der Wut zur Erde und schlägt die Fäuste vor +die Augen.) + + +_Frau von Hänlein_ + +(erschrocken) + +Lang! + + +_Lang_ + +Geht mir aus den Augen! Geht! Fort ihr alle! -- Auch er! auch +er! -- Nichts richten können! nichts vollenden können! + + +_Frau von Hänlein_ + +Aber Lang, sein Sie doch vernünftig! (Sie hebt den Brief +auf.) + + +_Lang_ + +(entreißt ihn ihr) + +Sehen Sie, Mühlbach, -- hören Sie! (Liest im Tiefsten erregt, +mit zusammengebissenen Zähnen.) »Die gegnerischen Umtriebe +sind so mächtig geworden, lieber Lang, daß ich Sie in Ihrem +wie in meinem Interesse bitten muß, die fragliche Affäre mit +dem unglückseligen Turm fallen zu lassen. Sie wissen, +welchen Anteil ich an Ihren Bestrebungen nehme, ich kenne +die edle Selbstlosigkeit, mit der Sie allem hingegeben sind, +was Sie für recht und förderlich erkannt haben, aber das +Tüchtige läßt sich auf vielen Wegen durchsetzen,« -- so +spricht Er! Er! So haben sie ihn zu Brei gemacht! Das +Tüchtige auf vielen Wegen! -- (Liest.) »Stehen Sie ab vom +Unerreichbaren und wirken Sie im Möglichen« -- nichts da, von +Gnadenbrot will der Lang nichts wissen, -- (Liest.) »Ich war +gezwungen, die einschlägigen Akten einem anderen Referenten +zu übertragen« -- (Wirft wie von Ekel erfaßt das Papier von +sich.) + + +_Kammerdirektor_ + +Ich finde das Schreiben Seiner Exzellenz äußerst würdig und +schmeichelhaft, lieber Lang ... + + +_Lang_ + +(scheinbar gefaßt) + +Ja. Das ist es. Ohne Zweifel. Einem andern Referenten. +Einem, der biegsam ist und Ja und Amen sagt. Gönnen Sie mir +jetzt eine Stunde der Ruhe und Überlegung, lieber Mühlbach. +Ich habe heute noch mancherlei zu tun, denn morgen mit dem +Frühesten werde ich meine Bestallung per Extrapost an die +Regierung zurücksenden. + + +_Frau von Hänlein_ + +Lang! + + +_Kammerdirektor_ + +(macht beschwörende Gesten). + + +_Lang_ + +Lassen Sie nur, Mühlbach. Ich weiß, Sie haben die beste +Meinung von mir. Aber das kann jetzt nichts nützen. Gott +befohlen, ihr Leute. Gehn Sie nur, Mutter. Adieu, lieber +Mühlbach. (Die Bauern, der Kammerdirektor und Frau von +Hänlein ab. Lang prüft, ob die Türe zu ist, geht dann zum +Schreibtisch, läßt sich nieder und stützt den Kopf in die +Hand. Sein Gesicht hat einen tief verbitterten und tief +erschöpften Ausdruck.) + + +_Anna_ + +(kommt von links. Sie ist zum Ausgehen gekleidet, doch hat +sie statt des Hutes einen schwarzen Schal über dem Kopf. Sie +tritt leise auf, schaut vorsichtig durch das Zimmer. Als sie +Lang so augenscheinlich gebrochen sieht, erschrickt sie und +faltet unwillkürlich die Hände). + + +_Lang_ + +(blickt empor, mit innerlicher Wildheit) + +Ja, Anna. Da bin ich nun. Kannst mich verpflegen, wenn du +willst. Als Tagedieb im Haus, als Siebenschläfer im Bett. +Bin zu nichts mehr nutze. Sie haben mir die Hände aus den +Gelenken gedreht. + + +_Anna_ + +(macht zwei Schritte, bleibt wieder stehen). + + +_Lang_ + +(erhebt sich; mit verzweifelter Klage und Anklage) + +Es kränkt mich wahrlich um meinen Stolz. Es kränkt mich um +die Ader, die mir schwillt. Möcht alle getanen Schritte +bereuen und alle gesprochenen Worte wieder einschlucken. +Warum bin ich nicht auch so ein Jasager und +Sonnenblumen-Männlein, dann stünd' ich nicht so da, Schmach +und Spott mir selber. Der elende Mückentanz! Wohin man +greift, nur Luft; wohin man schlägt, trifft's den eigenen +Leib. (Ausbrechend in heller Bitterkeit.) Schau' mich nicht +an, Frau, ich schäm mich vor dir. Was kannst du anders +glauben, als daß ein Mannsbild nur dazu da ist, um zu +flunkern und sich wichtig zu machen? Und wenn er sich ganz +#in floribus# hat zeigen wollen und einer Sache sich +verdungen hat, bei der von Recht und Wohlfahrt zu +schwadronieren war, so sitzt er nun um so erbärmlicher da, +mit Fußtritten heimgeschickt. + + +_Anna_ + +(in deren Zügen sich eine innige Besorgnis malt, leise) + +Karl Heinrich! + + +_Lang_ + +Und keinen Menschen! Keinen, der 's redlich meint! So +ohnmächtig sein! Geh von mir fort. Du hast nichts an mir. +Geh aus meinem Hause. Ich bin kein Mann für dich. Bin deiner +nicht wert. Geh zu einem, der 's mit ehrlichen Feinden zu +tun hat und ein Schwert in die Faust nehmen kann, wenn ihn +die Horde bedrängt. (Er setzt sich mutlos und matt wieder in +den Sessel.) + + +_Anna_ + +(wie oben) + +Nicht so, Karl Heinrich!... + + +_Lang_ + +Oder willst du nur darum bei mir bleiben, weil mein +Schicksal deiner Torheit zu Hilfe gekommen ist? Trotzt ihr +doch in eurer blinden Sucht, ihr Weiber, dem Himmel selber +unvernünftige Taten ab. Ja, er wird gebaut, dein Turm. Er +wird gebaut. + + +_Anna_ + +(leise) + +Das wußte ich gleich, Karl Heinrich, als ich dich so sah. + + +_Lang_ + +Kannst du mich darum höher estimieren, was soll ich dann von +meinem Wert noch halten und was von deinem Stolz? + + +_Anna_ + +(mit kaum merkbarer, schmerzlicher Schalkhaftigkeit) + +Soll ich aber von dir fort, nur um zu beweisen, daß mir an +dem Turm jetzt nichts mehr liegt? + + +_Lang_ + +(bitter) + +Wenn man den Kindern das Spielzeug gibt, nach dem sie +verlangt haben, dann werfen sie's beiseite. + + +_Anna_ + +Ich habe ja den Turm von dir begehrt und nicht von denen, +die dir ein Leids damit getan. So komm' ich mir ja vor, als +stünd ich mit ihnen im Bund. Und wenn noch dazu dein Herz +gegen mich gestimmt ist, so flüstert's dir vielleicht ein, +ich hätte dich verraten, irgendwie geheimnisvoll verraten. +Ach, Karl Heinrich! Plötzlich bin ich schuldig und weiß kaum +wieso. Schuldig vor dir, schuldig vor mir und weiß kaum +wieso. + + +_Lang_ + +(schaut sie an) + +Was stehst du denn da mit deinem Kopftüchlein und wohin +willst du denn gehen? Willst nach Frommetsfelden hinaus und +zugucken, wie sie bauen? + + +_Anna_ + +Ich will's dir sagen, Karl Heinrich. Zum Mauthaus wollt ich +gehn auf der Chaussee. + + +_Lang_ + +Und was willst du denn dorten beim Mauthaus auf der +Chaussee? + + +_Anna_ + +Dort kommt der Leutnant Schlözer vorbei und will auf mich +warten. + + +_Lang_ + +(den Oberkörper nach vorn gebeugt, stützt den Kopf mit +beiden Händen. Schweigt.) + + +_Anna_ + +Es war beschlossen, Karl Heinrich, -- fast wie man den Tod +beschließt. + + +_Lang_ + +(dumpf) + +Beschlossen! Dies beschlossen! So muß es Laster in mir +geben, die ärger sind, als ich sie ahnte, und was dich zu +mir geführt, war nur ein Gaukelspiel betrügerischer Tage. +Alle Wege: abwärts. Jeder Tag nur eine kurze Dämmerung +zwischen zwei Nächten. Es ist ein unheimlicher Geisterspuk, +der einen so lang schaudern macht, bis die Gedanken still +stehn, und was die Brust bewegt, ist Scham, Scham, Scham! + + +_Anna_ + +(tief erregt) + +Hör mich an, Karl Heinrich -- + + +_Lang_ + +Hör ich dich, so bin ich schon getäuscht. Was gabst du mir +freundliche Mienen und Blicke? Nur damit es jetzt offenbar +wird, daß du einen brauchst, der süße Worte machen kann und +immer beteuern kann und schwärmen kann und zeigen kann, was +ihr mit euren kurzen Sinnen sehen müßt. Geh nur, Anna. Denk +nicht, daß du einen Verzweifelten zurückläßt. Ich bin's +nicht ungewohnt, abzurechnen mit mir und meinem Leben. Was +ich nie besessen habe, kann ich nicht verlieren. Freilich +der Irrtum, der frißt am Mark und macht alt und krank und +müde. + + +_Anna_ + +Es ist hart für mich, was du sprichst, aber ich verdien's. +Doch laß es genug sein, Karl Heinrich, und vergiß, was du +gesagt, damit ich vergessen kann, was ich nur halb getan. + + +_Lang_ + +(steht auf) + +Du sollst nicht vergessen und ich kann nicht vergessen. Es +sei denn, wir wollen nicht für unsere Handlungen einstehen +und uns aufführen wie Knaben, die einander schön tun, +nachdem sie sich geprügelt haben. Es ist von Übel, jegliches +Wort von Übel. Mit Schwatzen und Auseinandersetzungen +erreichen die Menschen nichts weiter, als daß sie sich so +nahe rücken, daß sie keinen Platz mehr zum Atmen haben. Und +um mein Glück und um meinen Frieden kann ich nicht +feilschen. Was man einander gewährt und einander erläßt, +kann nicht durch Abmachungen geregelt werden. Alles wahre +Zusammenleben beruht auf Schweigen, Frau! Je tiefer der +Bund, je tiefer das Schweigen. Bliebst du aus Mitleid bei +mir, so wünscht' ich lieber, ich hätte dich nie gesehen. + + +_Anna_ + +(hat die Hand an die Stirn gedrückt, läßt sie fallen, tritt +näher, frei und entflammt) + +Wie kommt's nur, daß ich dich jetzt so spüre, Karl Heinrich! +Schon als es mich da draußen über die Schwelle zog, war mir, +als ließ ich alle Zweifel zurück. Nicht Mitleid ist's, nein, +nein! -- Höchstens könnte ich dein Mitleid fordern für mich, +denn ich war so klein und ich glaubte, du würfest mich hin +gegen die Welt und die Welt sei dir alles und ich zu wenig, +ich zu allein gegen dich und die Welt. Jetzt aber sehe ich +dich auch allein und das -- das! Karl Heinrich --! (Sie +ergreift seine Hand und drückt ihre Stirn darauf.) + + +_Lang_ + +(sinnend) + +Ach, du wunderliches Geschöpf von einem Weib. + + +_Anna_ + +(wieder aufgerichtet) + +Du hast recht, Karl Heinrich. Es sollen nicht so viele Worte +zwischen den Menschen hin und her geworfen werden. Es soll +vielleicht bestehen bleiben, dies Fremde und dies Ferne, das +mich so oft gequält hat. Vielleicht ist es gut so, daß wir +nicht zu allen Zeiten alles von einander wissen, und gut ist +es auch, daß ich dich suchte. Ja, es ist gut, daß ich dich +suche, wenn du mich hältst! -- Behalte mich! + + +_Lang_ + +Ich will dich halten. + + +_Anna_ + +(ohne Emphase ganz hingegeben) + +Was soll's noch um den dumpfigen, stockigten Turm, Karl +Heinrich? Habe ihn gewünscht, wie man ein Zeichen wünscht, +ein Zeichen für etwas, das nun da ist. + + +_Lang_ + +(zu ihr gebeugt) + +Und doch mußt du vieles dafür tragen, Kind. Mich vor allem, +der eine Weile zusehn muß, untätig beiseite. Wir wollen aus +der Stadt ziehen. Vom Amt will ich weg -- + + +_Anna_ + +(bestimmt und mit freier Heiterkeit) + +Nein, Karl Heinrich. Dieses wirst und kannst du nicht tun. +Du bist der Mann nicht fürs Ausgeding. Mit den Wurzeln sich +selber ausgraben und verdorren lassen? Du überzeugst sie ja +schon von deinem Wert, indem du da bist. Könnte das Wasser +schäumen ohne Damm? Hätt es solche Kraft? Kommt's darauf an, +bezahlt zu werden, Karl Heinrich, heute oder morgen bezahlt? +Bezahlt dich nicht dein eigenes Blut und deine innere +Flamme? + + +_Lang_ + +(betroffen) + +Frau, -- wie du das sagst! Woher kommen dir solche Worte? +Also bedeutet dir mein Treiben wirklich was? Willst nimmer +so scheu und zweifelhaft neben mir wandeln? + + +_Anna_ + +Es hat mir nichts bedeutet, so lang ich nicht fühlen konnte, +wie du mich damit umschlingst und wie ich dazu gehöre. + + +_Lang_ + +So hätte mir der Aberwitz und blöde Widerstand der Welt zum +Köstlichsten verholfen? + + +_Anna_ + +Spürst du's so, dann ist es mehr, als ich gesehnt. + + +_Lang_ + +(packt ihre Hände, leidenschaftlich) + +Und doch hat dich das trübe Wesen zum Scheideweg geführt ... + + +_Anna_ + +Wer am Scheideweg war, weiß besser ums Ziel. (Man hört Räder +rollen auf der Straße.) Komm, Karl Heinrich -- (Sie zieht ihn +zum Fenster.) + + +_Lang_ + +Es ist ein Wagen, der vom Posthaus abfährt ... + + +_Anna_ + +Zum Mauthaus auf der Chaussee. -- Gib mir die Hand, Karl +Heinrich! Drück sie fest, fest ... so. Hörst du, wie mein +Herz klopft? Ich glaube, es klopft vor Glück. + + +_Lang_ + +Unsere Herzen sind wie zwei Schalen in der Hand eines +Engels. Ist ein Auf- und Niederschwanken sondergleichen. +Jeder Pulsschlag zieht's hier hinunter, dort hinauf. Wir +wägen nicht, es wird uns zugewogen. Wir müssen still halten, +das ist alles. + + +_Anna_ + +Ich halte still, Karl Heinrich. (Das Posthorn tönt.) Gute +Fahrt, Schwager Postillon! + +_Vorhang._ + + + + +Lord Hamiltons Bekehrung + + +Personen: + + Lord William Hamilton (von der Seitenlinie der Herzoge) + Sir Francis Hamilton, sein Sohn + Emma Lyon + Mr. Dashwood, Notar + Mr. Fletcher, Uhrmacher + Der Majordom + Mrs. Adams, Wirtschafterin + Doktor Middlewater + James, ein alter Diener + Drei andere Diener + +Spielt am Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Easton Park +in der Grafschaft Suffolk. + + +Das Frühstückzimmer in Easton Park. Nach hinten führt eine +offene Flügeltür in die Halle, durch die man wiederum in den +Park blickt. Rechts eine geschlossene Flügeltüre, links zwei +hohe Fenster. Ein schmaler Tisch, mehr links, ist für zwei +Personen gedeckt. Ein anderer, schwerer Eichentisch steht +mehr rechts. In der linken Ecke eine Wanduhr in einem +massiven Gehäuse, das bis zur Decke reicht. An den Wänden +hängen alte Gobelins und ein paar niederländische Stilleben. + +Auf einer kleinen Leiter vor der Wanduhr steht Mr. +_Fletcher_; er hat den mächtigen Pendel abgenommen und +horcht ins Räderwerk. Der _Majordom_ hat den gedeckten Tisch +inspiziert und beobachtet dann ernsthaft, mit verschränkten +Armen, die Hantierung des Uhrmachers. Währenddem tritt +_Doktor Middlewater_ vom Park her in die Halle, stellt +seinen Medikamentenkasten auf die Bank und kramt darin, +wobei er der Szene den Rücken zukehrt. Gleichzeitig kommt +_Lord Hamilton_ von draußen rechts in die Halle. Er beachtet +den Arzt nicht, der sich rasch umwendet und, obwohl er schon +gebückt steht, eine noch tiefere Verbeugung macht. Der +_Lord_ hat einen Brief in der Hand und geht unruhig auf und +ab. + + +_Lord Hamilton_ + +(draußen) + +Mister Wardle! + + +_Der Majordom_ + +Mylord! (Eilt hinaus.) + + +_Lord Hamilton_ + +Für welche Stunde ist Mister Dashwood bestellt? + + +_Der Majordom_ + +Für elf Uhr, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +(die Taschenuhr ziehend) + +Dann muß er in sechsunddreißig Minuten hier sein. + + +_Der Majordom_ + +Gewiß, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +Doktor Middlewater, ich bin bereit. (Mit Doktor Middlewater +in der Halle rechts ab.) + + +_Mr. Fletcher_ + +(hat neugierig gelauscht. Er ist trotz seiner vorgerückten +Jahre ungemein eitel. Während der Lord geht und der Majordom +zurückkommt, holt er einen Handspiegel aus seiner Tasche und +betrachtet sich wohlgefällig). + + +_Der Majordom_ + +Sie hören, Mister Fletcher, -- es ist sechsunddreißig Minuten +vor elf. + + +_Mr. Fletcher_ + +Ich habe bemerkt, daß die Pünktlichkeit in diesem Hause +etwas willkürlich gehandhabt wird. Seine Lordschaft ist +imstande, der Sonne zu befehlen, welche Zeit es ist. Das +erscheint mir etwas waghalsig. Es widerspricht der +göttlichen Weltordnung. -- Wie finden Sie mich heute +aussehend, Mister Wardle? + + +_Der Majordom_ + +Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß die Uhr gestern um +neun Minuten zu spät gegangen ist. + + +_Mr. Fletcher_ + +(hängt den Pendel ein) + +Genau das Gegenteil von dem, was ich tue. Ich bin immer zu +früh daran; immer zu früh. Aber in der Liebe ist das der +einzige Weg zum Erfolg. Meinen Sie nicht, Mister Wardle, daß +ich noch eine ganz repräsentable Erscheinung bin? Das schöne +Geschlecht ist nicht unzufrieden mit mir. + + +_Der Majordom_ + +(amtlich) + +Sind Sie bald fertig, Mister Fletcher? + + +_Mrs. Adams_ + +(kommt in Eile; sie ist eine muntere und beleibte Dame) + +Denken Sie nur, Mister Wardle, James ist betrunken! + + +_Der Majordom_ + +James? betrunken --? Wie ist das möglich? + + +_Mrs. Adams_ + +Sie müssen uns helfen, Mister Wardle. Wenn ihn Seine +Lordschaft in der Verfassung sieht, geht's dem armen alten +Kerl schlecht. Erinnern Sie sich noch, wie er vor drei +Jahren den unglücklichen Jimmy mit der Hundspeitsche auf die +Landstraße jagen ließ, weil er benebelt war --? + + +_Der Majordom_ + +Aber wie konnte das geschehen, Missis Adams? wie konnte sich +James so vergessen? + + +_Mrs. Adams_ + +Der Kummer, Mister Wardle. Der Kummer um den jungen Herrn. +Sie wissen doch, wie er an Sir Francis hängt. Nun hat Seine +Lordschaft wahrscheinlich etwas durchblicken lassen, von +Enterbung oder so ... James ist ja der einzige, mit dem er +hie und da ein vertrautes Wort spricht ... der Kummer, +Mister Wardle. Ich gehe zu den Ställen hinüber, um Milch zu +holen, da sehe ich ihn taumeln und mit den Händen fuchteln +und höre, wie er wild vor sich hinmurmelt, -- kurz, er ist im +Zustand eines Schweines. + + +_Mr. Fletcher_ + +(hat vergebens mit Missis Adams zu liebäugeln versucht) + +Was für ein angenehmes Wesen! welche verlockende Stimme! +(Seufzt, holt den Spiegel hervor.) + + +_Der Majordom_ + +(ringt die Hände, schnell durch die Halle in den Park ab) + + +_Mr. Fletcher_ + +(zu Mrs. Adams, die sich anschickt, dem Majordom zu folgen) + +Haben Sie indessen meinen Antrag überschlafen, Missis Adams? + + +_Mrs. Adams_ + +(unruhig nach der Tür schauend, hastig und verschämt). + +Es kann nicht sein, Mister Fletcher. Mylord ist ein so +verschworener Feind von allem Heiraten, daß ich mir's +zeitlebens mit ihm verderben würde. + + +_Mr. Fletcher_ + +(bekümmert) + +Sehr unrecht von Seiner Herrlichkeit. + + +_Mrs. Adams_ + +(vertraulich flüsternd) + +Sie wissen ja, er hat Malheur gehabt. Mylady ist ihm nach +der Geburt von Sir Francis mit einem Schmugglerkapitän +durchgebrannt und in der irischen See ertrunken. + + +_Mr. Fletcher_ + +Wie Sie mich hier sehen, Missis Adams, bin ich ein Mann mit +einem geregelten Einkommen von zweihundertvierzig Pfund. + + +_Mrs. Adams_ + +Sie brechen mir das Herz, Mister Fletcher. Ich bin so +attachiert an Easton Park. + + +_Mr. Fletcher_ + +Und sonst, Missis Adams, wenn ich auch den Kahlkopf nicht +ableugnen kann, wer will meine Stattlichkeit bezweifeln? + + +_Mr. Dashwood_ + +(tritt mit allen Zeichen eines überstandenen Schreckens in +die Halle, schaut sich ängstlich um, kommt dann auf die +Szene. Unterm Arm trägt er die Aktentasche. Tracht der Zeit. +Quäkerhut) + +Guten Morgen! (Legt den Hut ab, wischt den Schweiß von der +Stirn.) + + +_Mrs. Adams_ + +Ist Ihnen etwas Schlimmes widerfahren, Mister Dashwood? + + +_Mr. Dashwood_ + +Es muß der leibhaftige Satan gewesen sein, -- Gott sei mir +gnädig. + + +_Mrs. Adams_ + +Was denn? wo denn? + + +_Mr. Dashwood_ + +(Atem schöpfend) + +Während ich durch den Hohlweg reite ... Sie kennen ja diesen +Hohlweg, Ma'am ... er ist so schmal, daß zwei Fußgänger +einander nicht ausweichen können ... ach, das Entsetzen ist +mir in alle Glieder gefahren. + + +_Der Majordom_ + +(kommt nervös wie ein Mann, der nicht weiß, wo er zuerst +Hand anlegen soll) + +Es steht wirklich verzweifelt mit dem alten Esel. Mister +Fletcher, die Uhr in den Dienerwohnungen muß noch reguliert +werden. Mylord erwartet Sie um elf Uhr, Mister Dashwood. + + +_Mr. Fletcher_ + +(der an Mister Dashwoods Erregung keinen Anteil nimmt) + +In unserer zarten Angelegenheit werde ich zu passenderer +Stunde wieder anfragen, Missis Adams. (Da sie ihn +schmachtend anschaut.) Ach, dieser Blick! -- (Wirft ihr eine +Kußhand zu. Ab.) + + +_Mrs. Adams_ + +(zum Majordom) + +Mister Dashwood hat etwas Gräßliches erlebt -- -- -- + + +_Mr. Dashwood_ + +Ich reite also durch den Hohlweg, und hinter mir her, auf +einem kohlschwarzen Roß, ein Bursche mit flatternden +schwarzen Haaren. Immer mir nach ... immer auf meinen +Fersen, im vollen Galopp! Ich treibe mein Tier zur Eile an +... er, mit höhnischem Geschrei, tut dasselbe. Ich glaube +nicht fehl zu gehen, wenn ich vermute, daß es ein Räuber +war. + + +_Der Majordom_ + +Am hellen, lichten Tag? + + +_Mr. Dashwood_ + +Ein blut- und mordgieriger Geselle. + + +_Mrs. Adams_ + +Da möchte ich nicht an Ihrem Platz gewesen sein, Mister +Dashwood. + + +_Mr. Dashwood_ + +Ich pflege sonst nie ohne Pistole auszugehen. Weiß man doch +nicht, was einem zustoßen wird. Mein Freund, Mister Sparre, +-- Sie kennen doch Mister Sparre, Ma'am? -- ist neulich in +Pall Mall von einem wütenden Hund gebissen worden. Es ist +nichts Seltenes, daß jemand inmitten der Ausübung seiner +Amtsgeschäfte von einem jähen Tod ereilt wurde. Solche +Katastrophen treten gewöhnlich dann ein, wenn sich der +kurzsichtige Mensch auf dem Gipfel seines Glücks befindet +und geneigt ist, sich der wohlverdienten Ruhe hinzugeben. +(Er erblickt Emma Lyon, die, mit der Reitpeitsche in der +Hand, in die Halle tritt; sehr erregt.) Da ist er, Ma'am! Da +ist er, Mister Wardle! Schützen Sie mich! Er verfolgt mich +bis hieher! Rufen Sie die Diener zusammen! + + +_Emma Lyon_ + +(hat sich in der Halle verwundert umgeschaut und kommt nun +auf die Szene. Sie ist als junger Mann im Reitkostüm +gekleidet. Ihre brünetten Haare quellen unter dem Hut über +das schöne, von schnellem Ritt erglühte Gesicht). + + +_Der Majordom_ + +(auf sie zutretend) + +Womit kann ich dienen, Sir? + + +_Emma Lyon_ + +(gebieterisch) + +Lassen Sie mein Pferd versorgen. Ich weiß nicht, ob der +Mensch, dem ich es übergeben habe, sich damit auskennt. Was +ist denn das für ein Betrunkener draußen, um den sie alle +herumstehen? + + +_Mr. Dashwood_ + +Der Herr beschütze uns vor dem Übel ... Erst neulich habe +ich in der Zeitung gelesen, daß der berüchtigte Thomas Field +frecherweise in den Palast des Herzogs von York gedrungen +ist. + + +_Der Majordom_ + +Wen darf ich melden, Sir? + + +_Emma Lyon_ + +Mister Rippledale aus London. Benachrichtigen Sie zuerst Sir +Francis. + + +_Der Majordom_ + +(argwöhnisch) + +Mister Rippledale --? + + +_Mr. Dashwood_ + +Ein falscher Name. Ohne Zweifel ein falscher Name. + + +_Emma Lyon_ + +Was murmelt der Dicke dort? Ei, sind Sie es, Sir, der auf +einem Ding, mehr Ochse als Gaul, beständig vor mir +hergetrabt ist? Ein andermal machen Sie Platz, wenn einer +hinter Ihnen ist, der Eile hat. + + +_Mr. Dashwood_ + +(demütig stotternd) + +Es ... ich ... der Weg war so schmal ... (Abgewendet.) Die +Sprache! Er muß eine ganze Bande im Rücken haben. + + +_Mrs. Adams_ + +(leise zum Majordom) + +Ich lasse mich hängen, wenn das kein Frauenzimmer ist. + + +_Der Majordom_ + +Sir Francis kommt erst von der Jagd zurück, Sir. + + +_Emma Lyon_ + +Dann führen Sie mich einstweilen in seine Zimmer. + + +_Mr. Dashwood_ + +Schau, schau, wie schlau! Und doch, wie wenig schlau. Wie +tollkühn vielmehr. + + +_Sir Francis_ + +(kommt eilig. Ein junger Mann von zwei- bis dreiundzwanzig +Jahren mit hübscher Gestalt und hübschem Gesicht. Er trägt +einen roten Jagdreitrock, manchesterne Reithosen und lange +Stiefel mit weiten Schäften. Mit allen Zeichen der +Bestürzung.) Um Gottes willen, du hier, E -- -- + + +_Emma Lyon_ + +(ist schnell auf ihn zugegangen, drückt die Hand auf seinen +Mund) + +Ja, ich bin's. Bist du nicht froh, deinen alten Rippledale +hier zu sehen? + + +_Sir Francis_ + +Ich sah dein Pferd draußen. Ich erkannte es gleich. Aber -- -- + + +_Emma Lyon_ + +Wundre dich nicht länger. Jede Frage ist überflüssig. + + +_Sir Francis_ + +Mein Vater -- -- + + +_Emma Lyon_ + +Mit ihm zu reden bin ich gekommen. Ich bin von Suffolk +herübergeritten, wo ich übernachtet habe und wo meine +Freunde geblieben sind. + + +_Sir Francis_ + +(noch immer fassungslos) + +Du kannst ihm doch nicht in diesem Aufzug unter die Augen +treten -- -- + + +_Emma Lyon_ + +Auch dafür ist gesorgt. Ich habe Mary mit den Kleidern +vorausgeschickt. + + +_Ein Diener_ + +(kommt) + +Es ist ein Frauenzimmer da mit einer Schachtel für Mister +Rippledale. + + +_Emma Lyon_ + +Also rasch, mein Lieber, bring mich in ein Zimmer, wo ich +mich herrichten kann. (Sie wendet sich gegen die Halle, in +der jetzt der betrunkene James erscheint, von einigen +männlichen und weiblichen Dienstboten umgeben, die ihn zu +verhindern suchen, ins Zimmer zu dringen.) + + +_Sir Francis_ + +(Emma folgend und in sie hineinredend) + +Es ist sinnlos, sage ich dir. Bei ihm erreichst du nichts +damit. + + +_Emma Lyon_ + +Wir werden sehen, jedenfalls ist deine Angst vor ihm +lustiger als du meinst. Ich liebe nicht, daß man hinter +meinem Rücken über mich verfügt, und ich bin neugierig, wie +er es macht, wenn ich dabei bin. (Sie geht ab.) + + +_Mr. Dashwood_ + +Das Geheimnis wird immer undurchdringlicher. + + +_Sir Francis_ + +(bleibt auf der Schwelle stehen, zum Majordom gewandt und +auf die Gruppe um James deutend) + +Was ist das, Mister Wardle? + + +_Der Majordom_ + +Ich weiß nicht mehr, was ich anfangen soll, Sir Francis. + + +_Sir Francis_ + +Schaffen Sie ihn hinaus. -- Wenn mein Vater nach mir fragt, +sagen Sie ihm, ich sei noch nicht zurück. (Ratlos vor sich +hin.) Mein Gott! (Ab.) + + +_James_ + +(in der Halle) + +Die Welt ist kugelrund ... drum will ich mich vergnügen ... +sauft nur in vollen Zügen ... dann bleibt ihr auch gesund +... (Erblickt Sir Francis.) Sir Francis! oh, Sir Francis! +Armer Sir Francis! + + +_Sir Francis_ + +(bleibt einen Moment draußen stehen, winkt dem Betrunkenen +verwirrt zu, dann weiter und nach rechts ab). + + +_Mrs. Adams_ + +(stürzt gegen die Schwelle, da James trotz der Diener, die +ihn zurückhalten, sich dem Zimmer nähert) + +Nicht hier herein! + + +_Der Majordom_ + +Nehmen Sie doch Vernunft an, James! Sie kommen ja von Dienst +und Brot, wenn Mylord -- + + +_James_ + +Und wär die Welt nicht kugelrund ... (Er kämpft mit denen, +die ihn halten, dringt aber dabei immer weiter vor.) + + +_Mr. Dashwood_ + +Die Überwucherung der tierischen Natur kann Übeltaten im +Gefolge haben, deren Tragweite sich gar nicht ermessen läßt. +Für den Zuschauer ist dabei das Gedächtnis ein quälender +Faktor. Ich erinnere mich eines Tuchwebers, der in der +Trunkenheit seine eigene Großmutter erdrosselte. (Er +verbeugt sich tief, da von rechts der Lord und Doktor +Middlewater eintreten.) + +_Lord Hamilton_ ist eine Erscheinung von imposanter +Magerkeit. Sein Gesicht hat den Ausdruck dürren Ernstes. +Ihm zu widersprechen, scheint wahnsinnig. Doktor +Middlewater, ein Landarzt, hat seinen Vorteil darin zu +finden gelernt, dem Lord nach dem Mund zu reden. + + +_Doktor Middlewater_ + +Man kann mit einem solchen Leiden neunzig Jahre alt werden, +Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +Ich hoffe es. Im Übrigen ist mein Körper dazu da, um mir zu +dienen, so lange ich ihn brauche. + + +_James_ + +Und wär die Welt nicht kugelrund ... so müßt ich mich +erhängen ... (Er stockt, da der Lord erstaunt auf die Gruppe +zugeht.) + + +_Lord Hamilton_ + +Was bedeutet das, Mister Wardle? + + +_Der Majordom_ + +Wir haben alles mögliche versucht, den Mann zur Besinnung zu +bringen, Mylord. + + +_James_ + +Eure Herrlichkeit mögen verzeihen ... ich bin ein +sterblicher Mensch ... ich ... (Er zuckt unter dem Blick +seines Herrn zusammen, schweigt, bemüht sich, fest zu +stehen.) + + +_Lord Hamilton_ + +(überlegt eine Weile; plötzlich nimmt sein Gesicht die Miene +der Besorgnis an) + +Doktor Middlewater, der Mann ist krank. + + +_Doktor Middlewater_ + +(kichert, nach einem Blick des Lords faßt er sich) + +Es scheint mir selber so, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +(strafend) + +Fühlen Sie ihm den Puls, Doktor Middlewater. + + +_Doktor Middlewater_ + +(tut es; James fügt sich wie gebannt). + + +_Lord Hamilton_ + +Der Mann hat Fieber, Doktor Middlewater. Der Mann hat hohes +Fieber. + + +_Doktor Middlewater_ + +(eifrig) + +Ohne Zweifel, Mylord. Der Mann hat beträchtliches Fieber. + + +_Lord Hamilton_ + +Mister Wardle, Sie werden veranlassen, daß der Mann zu Bett +gebracht werde. + + +_Der Majordom_ + +Du hörst es, James --! + + +_Lord Hamilton_ + +Vorher übergieße man ihn mit zwei Eimern kalten Wassers. +Gegen das Fieber. + + +_Der Majordom_ + +Soll geschehen, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +Hierauf werden Sie ihm zur Ader lassen, Doktor Middlewater. +Zwei Unzen des kranken Bluts können Sie ihm gut und gern +entziehen, nicht wahr, Doktor Middlewater? + + +_Doktor Middlewater_ + +Ich bewundere die Sachkenntnis Eurer Herrlichkeit. + + +_Lord Hamilton_ + +Sodann belegen Sie ihm Brust und Rücken mit Senfpflastern, +und Sie, Missis Adams, sorgen dafür, daß ein stark +purgierender Tee für ihn gekocht werde. (Missis Adams ab.) + + +_Doktor Middlewater_ + +Es fragt sich allerdings, ob bei diesen Jahren eine so +vehemente Kur -- -- + + +_Lord Hamilton_ + +(ohne den Einwurf zu beachten; streng) + +Daß du dich widerspruchslos diesen Verordnungen fügst, +James! Du bist todkrank, hörst du? Und das eine merk dir für +die Zukunft: Kein solches -- Fieber mehr! Hinaus mit ihm! +Doktor Middlewater, tun Sie Ihre Pflicht. (Die Diener führen +den schon halb ernüchterten und widerstandslosen James ab. +Der Doktor folgt ihnen.) Nun zu unserem Geschäft, Mister +Dashwood. (Zum Majordom.) Sir Francis soll kommen. + + +_Der Majordom_ + +Sir Francis ist von der Jagd noch nicht zurück. + + +_Lord Hamilton_ + +Wie viel Uhr ist es? + + +_Der Majordom_ + +(mit Blick auf die Wanduhr) + +Elf Uhr, neun Minuten. + + +_Lord Hamilton_ + +Unmöglich. + + +_Der Majordom_ + +(ängstlich) + +Mister Fletcher hat soeben die Uhr reguliert, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +(ruhig) + +Da Sir Francis für elf Uhr bestellt ist, kann es jetzt +unmöglich elf Uhr neun sein, Mister Wardle. + + +_Der Marjordom_ + +(blöde; weiß nichts zu antworten). + + +_Lord Hamilton_ + +(mit der Taschenuhr in der Hand) + +Es ist zehn Uhr fünfzig Minuten. Stellen Sie den Zeiger dort +gefälligst zurück, Mister Wardle. + + +_Der Majordom_ + +(rückt einen Stuhl vor die Uhr, steigt hinauf, vollzieht den +Befehl, dann kopfschüttelnd ab). + + +_Mr. Dashwood_ + +(schüchtern) + +Ich glaube Sir Francis schon hier gesehen zu haben, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +Sprechen wir nicht von Ihren privaten Wahrnehmungen, Mister +Dashwood. Es ist für mich kein Anlaß vorhanden, über Ihre +Sinnestäuschungen zu diskutieren. »Ich glaube« heißt so +viel, als »ich schwätze«. + + +_Mr. Dashwood_ + +(verletzt) + +Ohne daß ich dieser großartigen Auffassung zu nahe treten +will, lassen sich doch Fälle denken, wo die Bestimmtheit der +Angaben einer notgedrungenen Philosophie zuwiderläuft. Die +Kleinen müssen politisch sein, wo die Großen ihrem Impulse +gehorchen. Lord Gordon durfte eine Revolution anzetteln und +behielt seinen Kopf, aber der arme Snatch kam an den +Galgen. Was würde Eure Lordschaft sagen, wenn ich mich +unterstehen wollte, im Schlafrock vor Ihnen zu erscheinen? +Ich bitte um Entschuldigung, es ist dies nur vergleichsweise +gesprochen: ich meine im Schlafrock der Rede. + + +_Lord Hamilton_ + +(auf und ab gehend; ungeduldig) + +Schwätzer waren immer meine Feinde. Ich wünsche nicht, daß +man in Gleichnissen zu mir spricht. Das sind +Vertraulichkeiten, die ich nicht liebe. Sie wissen, weshalb +ich Sie rufen ließ, Mister Dashwood. Das ungeheuerliche +Heiratsprojekt meines Sohnes zwingt mich zu einem solchen +schweren Schritt. + + +_Mr. Dashwood_ + +Das Gesetz legt Ihnen nur geringe Hindernisse in den Weg, +Mylord. Es ist ein erhebendes Gefühl für den Staatsbürger, +daß die Wagschale der Justitia sich stets auf die Seite der +Autorität neigt. + + +_Lord Hamilton_ + +Ich habe inzwischen durch meinen Londoner Mittelsmann genaue +Nachrichten über die fragwürdige Person dieser Emma Lyon +einziehen lassen. Die Nachrichten bestätigen meine +schlimmsten Ahnungen, und wenn Sir Francis, was sich in +dieser Stunde noch entscheiden wird, auf seinem Vorsatz +beharrt, werde ich keinen Sohn mehr haben. + + +_Mr. Dashwood_ + +Es wird nicht an mir liegen, wenn die Inkraftsetzung der +vermögensrechtlichen Maßregel einen langsameren Gang nimmt, +als der Heroismus wünschbar macht, den ich an Eurer +Herrlichkeit ehrfürchtig erkenne. + + +_Lord Hamilton_ + +(nimmt den Brief aus der Tasche) + +Es wird sich zeigen. + + +_Ein Diener_ + +(meldet) + +Sir Francis. (Ab.) + + +_Sir Francis_ + +(schuldbewußt) + +Ich bitte Sie um Verzeihung, Vater, daß ich mich verspätet +habe. + + +_Lord Hamilton_ + +Nicht daß ich wüßte. Wie du siehst, ist es elf Uhr. Punkt +elf Uhr. + + +_Sir Francis_ + +Wirklich? -- Dann muß meine Uhr falsch gehen. + + +_Lord Hamilton_ + +Das leidet keinen Zweifel. Die Unterredung, zu der ich dich +gebeten habe, könnte auch nicht wie ein Rendez-vous zwischen +Kartenspielern behandelt werden. + + +_Sir Francis_ + +(unruhig, mit Blick auf den Notar) + +Ich darf doch hoffen, daß eine solche Zwiesprache unter vier +Augen ... + + +_Lord Hamilton_ + +Mister Dashwood ist Amtsperson und hat als solche weder zu +hören noch zu sehen. Betrachte ihn als abwesend. + + +_Sir Francis_ + +(resigniert) + +Wie Sie befehlen. + + +_Lord Hamilton_ + +Du hast mir gestern eine Art von Entschluß brieflich +kundgegeben. Abgesehen davon, daß ich die Zulässigkeit eines +schriftlichen Verkehrs zwischen uns niemals in Erwägung +gezogen habe, kann ich mir auch den ... nun, sagen wir, den +Mut deiner Ausdrucksweise nur durch den Gebrauch von Tinte +und Feder erklären. Ein Hamilton spricht höchstens, aber er +schreibt nicht. + + +_Mr. Dashwood_ + +(schnupft; vor sich hin) + +Ein Diktum von antiker Größe. + + +_Sir Francis_ + +Wenn Sie Emma kennten, Vater -- -- + + +_Lord Hamilton_ + +Emma? Was ist das, -- Emma --? Du unterstehst dich, mit +sonderbarer Intimität einen Namen zu nennen, der für mich +nicht mehr bedeutet als der Straßenschmutz. + + +_Sir Francis_ + +(aufwallend) + +Durch eine solche Sprache empören Sie alle meine Gefühle! + + +_Lord Hamilton_ + +(kalt) + +Ich statuiere deine Gefühle nicht, mein Sohn. Gefühle sind +der Luxus der Unbotmäßigen. + + +_Mr. Dashwood_ + +Herrlich! Unvergleichlich! Wie sagt Hamlet: Schreibtafel +her. + + +_Sir Francis_ + +(wütend) + +Könnte jener Mann nicht schweigen, da er doch -- abwesend +ist? + + +_Lord Hamilton_ + +Wir wollen zunächst den Tatbestand ordnungsmäßig darlegen. +(Setzt sich in richterliche Pose.) Mister Dashwood, seien +Sie so freundlich, den Bericht über die Vergangenheit der in +Rede stehenden Personage vorzulesen. Meine Zunge sträubt +sich dagegen. (Reicht das Schriftstück hinüber.) + + +_Mr. Dashwood_ + +(liest) + +Besagte Emma Lyon ist von der niedrigsten Herkunft. Man weiß +weder die Zeit noch den Ort ihrer Geburt anzugeben. Zuerst +war sie Gouvernante, dann ergab sie sich einem schändlichen +Gewerbe. Sie durchlief die Straßen von London; auf den +Trottoirs der unermeßlichen Hauptstadt irrte sie obdachlos +umher und sank zur tiefsten Erniedrigung ihres Geschlechtes +herab. + + +_Sir Francis_ + +Dies ist eine Verleumdung! + + +_Lord Hamilton_ + +Es würde wenig Konsequenz, selbst in der Verranntheit, +beweisen, wenn dich meine Ermittlungen sogleich überzeugen +würden. Ein Umstand, der freilich ihrer Triftigkeit nichts +anhaben kann. Fahren Sie fort, Mister Dashwood. + + +_Mr. Dashwood_ + +(in weinerlichem Ton) + +-- Geschlechtes herab. Da traf sie einen schottischen +Scharlatan, der sich Doktor Graham nennen ließ und der einen +sogenannten Tempel der Gesundheit mit einem sogenannten +himmlischen Bett eingerichtet hatte. Wer für die Nacht +fünfzig Pfund bezahlte, durfte sich in das mit Gold und +Seide geschmückte Bett legen und erhielt angeblich die +verlorenen Kräfte der Liebe und der Männlichkeit zurück. + + +_Sir Francis_ + +So viel ist richtig, daß Doktor Graham Emmas Wohltäter war. +Es ist richtig, daß sie Not litt und an dem Schotten einen +väterlichen Beschützer fand. + + +_Lord Hamilton_ + +Ich gebe zu, daß du ein guter Schütze und ein +ausgezeichneter Schwimmer bist, aber dein Verhältnis zur +Welt ist ein wahrhaft kindliches. + + +_Sir Francis_ + +Übrigens ist sogar der Lord Schatzkanzler in dem himmlischen +Bett gelegen. + + +_Mr. Dashwood_ + +(für sich) + +Bejammernswerte Verirrung des Menschengeistes! + + +_Lord Hamilton_ + +Fahren Sie fort, Mister Dashwood. Sie würden mich verbinden, +wenn Sie die persönlichen Äußerungen Ihrer sittlichen +Entrüstung einstellen könnten. + + +_Mr. Dashwood_ + +-- der Liebe und der Männlichkeit zurück. Doktor Graham +verfiel auf den Gedanken -- (stockt, zieht das Taschentuch, +wischt die Stirne.) Mylord, es fällt mir schwer ... + + +_Lord Hamilton_ + +Überwinden Sie sich, Mister Dashwood. + + +_Mr. Dashwood_ + +-- verfiel auf den Gedanken, Emma Lyon völlig ... völlig +unbekleidet ... + + +_Lord Hamilton_ + +(scharf) + +Steht da »unbekleidet«, Mister Dashwood? + + +_Mr. Dashwood_ + +(trostlos) + +Nackt. Völlig nackt! + + +_Lord Hamilton_ + +(erhebt sich) + +So ist es. Völlig nackt. Das ist der Gipfelpunkt. + + +_Mr. Dashwood_ + +-- oder kaum bedeckt mit einem Schleier ... + + +_Sir Francis_ + +(seine Position mit ungenügenden Mitteln stützend) + +Also doch mit einem Schleier bedeckt -- + + +_Lord Hamilton_ + +(stark) + +Kaum! -- kaum! + + +_Mr. Dashwood_ + +Der Herr bewahre mich in seiner Huld und Gnade vor diesem +Sodom! + + +_Lord Hamilton_ + +Er verfiel also auf den Gedanken, besagte Emma Lyon völlig +nackt, oder -- + + +_Mr. Dashwood_ + +(mit erbarmenswürdiger Stimme) + +-- kaum bedeckt mit einem Schleier unter dem Namen der Göttin +Hygäa in das Vorzimmer zu dem himmlischen Bett zu postieren +und sie für Geld sehen zu lassen ... Neugierige strömten nun +in Massen herbei, um vor dem Altar der Göttin ihren Tribut +niederzulegen und bald sah man überall unanständige +Kupferstiche der neuen mythologischen Person, Bilder, worauf +sie als Venus, als Phryne, als Olympia, als Kleopatra +abkonterfeiet war. + + +_Lord Hamilton_ + +Ich danke; damit ist es genug. Wir brauchen uns keine Mühe +mehr zu geben, den Pfuhl weiter auszumalen. Ob du von +alledem unterrichtet warst, lasse ich dahingestellt. Ich +frage mich nur, wie es möglich war, daß du eine Verbindung +mit diesem Auswurf des Lasters auch nur in Betracht ziehen +konntest ... + + +_Sir Francis_ + +(verzagt) + +Ich liebe sie. + + +_Lord Hamilton_ + +Einfältiges Zeug! + + +_Sir Francis_ + +Wenn Sie auch nicht Rechte der Leidenschaft anerkennen, +Vater -- + + +_Lord Hamilton_ + +Lüderliche Phantasien! Ich hörte einmal einen Münzensammler +sagen, daß er seine Münzen liebe. Das hatte wohl eher einen +Sinn. Man habe keine Leidenschaften unter der Würde des +eigenen Standes. Und wenn man sie hat, so verberge man sie +wie ein unappetitliches Geschwür. Wo in aller Welt ist es +erhört, daß man aus einer »Leidenschaft« die Folgerung zu +heiraten ableitet? + + +_Sir Francis_ + +Erfüllen Sie mir eine einzige Bitte, mein Vater, ehe Sie +sich endgültig entschließen ... + + +_Lord Hamilton_ + +Nun? + + +_Sir Francis_ + +Sprechen Sie mit Emma Lyon! + + +_Lord Hamilton_ + +(voll Verachtung) + +Du bist ebenso verrückt als vermessen. + + +_Sir Francis_ + +(mit stoischer Gleichgültigkeit, da er keine Hoffnung mehr +hat) + +Sie ist hier im Hause und will nicht eher fort als bis sie +mit Ihnen gesprochen hat. + + +_Lord Hamilton_ + +(starr und steif) + +Wie --? + + +_Mr. Dashwood_ + +Jesus Christus steh mir bei! + + +_Emma Lyon_ + +(tritt, in weiblicher Kleidung, draußen in die Halle). + + +_Der Majordom_ + +(geht auf sie zu, sie spricht mit ihm, er kommt und meldet +mit dummem Gesicht) + +Mister Theseus Rippledale bittet vorgelassen zu werden. + + +_Lord Hamilton_ + +Ich kenne keinen Mister Theseus Rippledale. Bedaure. +(Majordom ab.) + + +_Emma Lyon_ + +(am Majordom vorüber, tritt frech ein. Ihr Kostüm ist im +Stil des Direktoire gehalten; es ist äußerst geschmackvoll +und bringt die Formen des Körpers verführerisch zur Geltung) + +Guten Morgen, Mylord. Mister Rippledale und Emma Lyon sind +nämlich ein und dieselbe Person. + + +_Mr. Dashwood_ + +(mit gefalteten Händen vor sich hin) + +Lockbild der Hölle! + + +_Emma Lyon_ + +Ich konnte doch den armen Schelm nicht ganz ohne Beistand +dem Sturm des väterlichen Unwillens preisgeben. Im +Wortgefecht ist er leider nicht sehr gewandt. Auch muß man +ihn bisweilen an der Leine halten wie einen unbesonnenen +jungen Hund. + + +_Lord Hamilton_ + +(schweigt angeekelt). + + +_Emma Lyon_ + +(unbekümmert weiterplaudernd) + +Sie als Vater können freilich nicht so viel Possierliches +an ihm finden wie ich. Er hat sich in letzter Zeit zu seinem +Vorteil entwickelt, aber als ich ihn kennen lernte, konnte +er durch die Art, wie er ein Kompliment machte, eine +Methodistenversammlung zum Lachen bringen und seine +Konversation hätte einen Holzhacker in Verlegenheit +gebracht. Es hat Mühe gekostet, ihm eine passable Figur zu +geben. Sie haben seine Erziehung entschieden vernachlässigt, +Mylord. + + +_Mr. Dashwood_ + +(entsetzt flüsternd) + +Ein Dämon! + + +_Sir Francis_ + +(zerknirscht und vorwurfsvoll) + +Emma --! + + +_Lord Hamilton_ + +(schweigt, schaut gegen die Zimmerdecke). + + +_Emma Lyon_ + +(wie oben) + +Was Wunder, daß ich mit dem Vorurteil herkam, ein +unwirtliches Waldhaus und in ihm einen bissigen +Menschenfeind zu finden? Francis hat nur mit Zähneklappern +von seinem väterlichen Heim gesprochen, und da endlich sagte +ich mir: den Minotaurus will ich sehen. Vielleicht ist er +gar nicht so fürchterlich. In der Tat er ist nicht +fürchterlich. Auch mutet mich alles hier ganz behaglich an, +und die Theseus-Rolle kommt mir fast schon komisch vor. (Zu +Sir Francis.) Was meinst du, liebe Ariadne? + + +_Mr. Dashwood_ + +Diese Vertrautheit mit der Mythologie ist nicht groß +erstaunlich. + + +_Lord Hamilton_ + +(ergreift die Handglocke, läutet energisch. Ein Diener +kommt) + +Mister Rippledale wünscht seinen Wagen. Lassen Sie +vorfahren! + + +_Emma Lyon_ + +Mister Rippledale ist zu Pferde gekommen, Mylord. (Sie ist +durchaus nicht aus der Fassung gebracht, spricht, als ob ein +unsichtbarer Rippledale vor ihr stände.) Sie wollen schon +gehen, Mister Rippledale? Schade. Aber ich sehe ein, daß Sie +sich nicht zweimal mit dem Zaunpfahl winken lassen wollen. +Ich wünsche Ihnen gute Reise. (Schüttelt dem Unsichtbaren +die Hand.) Sei so freundlich, Francis, und begleite Mister +Rippledale hinaus. (Da Sir Francis sie zögernd anschaut, mit +einem befehlenden und vielsagenden Blick.) Hurtig, mein +Lieber! Mister Rippledale ist nicht gewöhnt, unhöflich +behandelt zu werden. (Zu Mr. Dashwood.) Und Sie, mein +dicker Reitersmann, Sie würden gut daran tun, wenn Sie +draußen die Identität meines Freundes Rippledale feststellen +würden. Nehmen Sie ihn in ein Kreuzverhör und lassen Sie +sich eine kleine Magenstärkung reichen. (Zum Diener, der mit +aufgerissenen Augen wartet.) Ein Glas Sherry für den Herrn! +Er bedarf der Kräftigung. + + +_Mr. Dashwood_ + +(erhebt sich, starrt den Lord ratlos an, weicht vor der +Berührung Emma Lyons zurück, die ihn unterm Arm fassen will, +und da der Lord wie versteinert ist und keine Miene macht zu +sprechen, geht er in weitem Bogen ängstlich um sie herum +nach der Tür, wo ihm Sir Francis durch eine mürrische Geste +bedeutet, daß er gehen solle. Er schlägt die Hände zusammen, +als sei der Untergang der Welt angebrochen, und verläßt das +Zimmer. Der Diener folgt ihm, dann, nach kurzem Zaudern und +unter allerlei Versuchen, stumm mit Emma Lyon zu +korrespondieren, auch Sir Francis). + + +_Emma Lyon_ + +(schließt die Türe zur Halle hinter ihnen) + +Auf Wiedersehen, lieber Rippledale! (Öffnet noch einmal die +Tür und winkt.) Addio! (Kehrt zurück.) Darf ich jetzt von +Ihrer Einladung, Platz zu nehmen, Gebrauch machen, Mylord? +(Sie setzt sich, lächelt gewinnend.) + + +_Lord Hamilton_ + +(ist vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben vollkommen +konsterniert. Er greift sich wie träumend an den Kopf. Seine +Stimme klingt heiser, während er stotternd beginnt) + +Wer sind Sie? Wer gibt Ihnen das Recht, vermittelst einer +schamlosen Komödie in mein Haus zu dringen? + + +_Emma Lyon_ + +(blickt ihn mit unschuldiger Miene lächelnd an, winkt, als +ob sie ihn ermuntern wolle). + + +_Lord Hamilton_ + +(immer noch mühsam nach Worten ringend, wobei er sich +bestrebt, das junge, schöne Geschöpf nicht zu sehen) + +Sie erteilen Befehle an meine Dienerschaft. Ich erkläre +diese Befehle für ungültig. + + +_Emma Lyon_ + +(harmlos) + +Das dacht ich mir gleich. + + +_Lord Hamilton_ + +Sie haben mich überfallen, aber ich weigere mich, mit Ihnen +zu sprechen. Ich fordere Sie auf, Sir Francis und Mister +Dashwood wieder hereinzurufen. + + +_Emma Lyon_ + +Daß ich eine Närrin wäre! Es hat Arbeit genug gekostet, sie +hinauszubringen. + + +_Lord Hamilton_ + +Ich kenne Sie nicht, ich -- -- + + +_Emma Lyon_ + +Tut nichts, Mylord. Es ist ja der Zweck meiner Anwesenheit, +daß Sie mich kennen lernen. + + +_Lord Hamilton_ + +Ihre Gegenwart ist mir unerwünscht, und wenn Sie nicht gehen +wollen, so werde ich einem meiner Diener befehlen müssen, +Sie hinauszubegleiten. + + +_Emma Lyon_ + +Ah? wirklich? würden Sie das wirklich tun? + + +_Lord Hamilton_ + +(nimmt die Handglocke, läutet). + + +_Emma Lyon_ + +(fast fröhlich) + +Ich bin gespannt, ob Sie dazu den Mut finden werden. + + +_Ein Diener_ + +(kommt) + +Mylord befehlen? + + +_Lord Hamilton_ + +(heftet plötzlich einen etwas verzagten Blick auf Emma Lyon; +er zaudert). + + +_Der Majordom_ + +(kommt) + +Mylord befehlen? + + +_Emma Lyon_ + +(lächelnd) + +Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Gentleman sich auf +diese Weise einer Dame entledigt. + + +_Lord Hamilton_ + +(zum Majordom, gepreßt) + +Sagen Sie Mister Dashwood, er möge warten. (Winkt den +beiden, das Zimmer zu verlassen.) + + +_Der Majordom_ + +Sehr wohl. (Ab mit dem Diener.) + + +_Emma Lyon_ + +Jetzt bleibt Ihnen nichts übrig, als daß Sie selbst die +Flucht ergreifen, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +(bleibt unwillkürlich stehen) + +Ich fliehe nicht, ich ignoriere bloß. + + +_Emma Lyon_ + +Aber Sie haben mich doch nicht ignoriert, als Sie Spione auf +meine Spur geschickt haben, die meine Vergangenheit +durchschnüffeln mußten, -- wie kommt das? + + +_Lord Hamilton_ + +Es geschah für die Ehre der Familie. + + +_Emma Lyon_ + +Und sind Sie überzeugt davon, daß man Ihnen die Wahrheit +berichtet hat? + + +_Lord Hamilton_ + +Man hatte keinen Grund zu Entstellungen. + + +_Emma Lyon_ + +So war es nicht gemeint. Ich bezweifle nur, daß man imstande +gewesen ist, Ihnen die _ganze_ Wahrheit zu enthüllen. +Vielleicht hätten Sie dann eine Kompagnie Soldaten +aufgeboten, um Sir Francis' Unschuld vor mir zu schützen. + + +_Lord Hamilton_ + +Dieser Zynismus entwaffnet mich nicht. (Finster.) Sagen Sie +in aller Kürze, was Sie noch zu sagen haben. Ich will +versuchen, Sie anzuhören, um mich nicht dem Vorwurf +auszusetzen, als ob ich ungehört verdammte. + + +_Emma Lyon_ + +Warum sollten Sie mich denn verdammen, Mylord? Ist es etwa +nicht erlaubt, daß einer von dem Kapital lebt, das er +besitzt? Ziehen Sie nicht mit Hilfe Ihrer Pächter aus Ihren +Ländereien so viel Gewinn, wie Sie daraus ziehen können? Sie +würden lachen, obwohl Sie vermutlich ungern lachen, wenn +ich Sie bitten würde, mir eine Wiese oder ein Stück Wald zu +schenken. Warum also sollte ich mich verschenken? Ich habe +nur mich selbst. Ich beleidige Ihr keusches Ohr, ich weiß +es. Es gibt keinen Kiebitz, der nicht die Tugend preist. O +ja, die Tugend ist eine ganz schöne Sache, wenn das +Lebensspiel sie nicht als Einsatz fordert. Wenn mir das +Schicksal die Versprechungen erfüllt, die ich ihm abgerungen +habe, will ich so tugendhaft sein wie ein zahnloses altes +Weib. Bis dahin kann mich nicht einmal Ihre Verachtung +hindern, meine -- Wälder und Ländereien zinstragend zu +verwerten. + + +_Lord Hamilton_ + +(begegnet endlich ihrem Blick, wendet jedoch sofort wieder +die Augen ab. Die schlaue Emma Lyon bemerkt, daß er nicht +mehr daran denkt, sie durch Hinausgehen zu brüskieren. Diese +Sicherheit gibt ihr noch mehr Impertinenz. Der Lord zieht +die Brauen zusammen und versetzt widerwillig) + +Das alles interessiert mich nicht. Auch sehe ich keinen +plausiblen Grund darin, weshalb Sie Ihre Netze gerade nach +meinem Sohn werfen mußten. + + +_Emma Lyon_ + +Na, einer muß es doch sein. + + +_Lord Hamilton_ + +Die vernünftige Erwägung muß Ihnen sagen, daß diese +Spekulation verfehlt ist. + + +_Emma Lyon_ + +Keineswegs. Weshalb denn? Was können Sie ihm anhaben? Sie +werden ihn aufs Trockene setzen. Gut. Sie werden ihn des +baren Geldes berauben, mehr ist Ihnen nach den Gesetzen +unseres Landes nicht verstattet. Grund und Boden muß er +erben. Sie sehen, auch ich habe mich unterrichtet. + + +_Lord Hamilton_ + +Francis ist nicht der Mann, um einer Torheit willen zwanzig +Jahre lang zu hungern. Denn so lange gedenke ich mindestens +noch auf Easton Park zu wohnen. + + +_Emma Lyon_ + +Das glaub ich. Aus lauter Trotz werden Sie am Ende hundert +Jahre alt. Aber auf die Dauer können Sie nicht so verblendet +sein, der friedlichen Fortpflanzung Ihres Geschlechts +unnötige Hindernisse zu bereiten. + + +_Lord Hamilton_ + +Sie irren. + + +_Emma Lyon_ + +Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Lady Hamilton sein werde, +-- so oder so. + + +_Lord Hamilton_ + +(kalt) + +Dann werde ich Ihnen beweisen müssen, daß es noch Mittel in +England gibt gegen Abenteuerinnen Ihres Schlags. + + +_Emma Lyon_ + +Nein, Mylord, die gibt es nicht. Und wissen Sie, warum +nicht? Weil in England Männer regieren. + + +_Lord Hamilton_ + +Ja, glauben Sie denn im Ernst, daß Ihnen kein Mann im +Königreich gewachsen ist? + + +_Emma Lyon_ + +Ach, Mylord, Sie tun mir leid! Sie ahnen nicht, wie sie alle +schmelzen, wie die stolzesten Hähne klein werden und sich +die Federn putzen und wie gefällig sie mit den Füßen +scharren und wie einladend sie krähen, wenn ich bloß am +Horizont auftauche. Neulich hatte ich in Kings bench zu tun; +na, da war ein Richter, -- ich kann Ihnen sagen, sein Gesicht +war saurer als Essig, und er hatte eine Art dreinzublicken, +als läge es in seiner Macht, die ganze Christenheit um einen +Kopf kürzer zu machen. Ich war angeklagt, weil der Sohn des +Lord Hervey idiotisch genug war, hunderttausend Pfund in +meiner Gesellschaft zu verspielen, als ob es meines Amtes +wäre, erst nachzufragen, wie lang ein Grünspecht vom +Wickeltisch zum Pharaotisch sich Zeit lassen muß. Kaum hatte +ich angefangen, mich zu verteidigen, kaum hatte ich mein +seidenes Tuch gezogen, um meinen Tränen ein anständiges +Quartier zu verschaffen, da zerging der Gestrenge schon wie +Butter, er machte Zeichen mit den Händen, grinste wie ein +Hökerweib am Feierabend und hatte Augen so lang wie ein +Hummer, wenn man ihn ins heiße Wasser tut. Ich konnte nicht +widerstehen, ich mußte ihn durch ein paar freundliche Worte +aufmuntern. + + +_Lord Hamilton_ + +(dem plötzlich unbehaglich wird) + +Ich bin nicht fähig, Ihrer Suada zu begegnen, Madame. Ich +bekenne offen, daß ich ein schlechter Redner bin. Selbst das +Zuhören ermüdet mich, und meine Gedanken schweifen haltlos +umher. Haben Sie doch die Güte, mich jetzt allein zu lassen. +Vielleicht erteilen Sie Mister Wardle Auftrag, daß er Ihnen +den Lunch serviere, bevor Sie Easton Park den Rücken kehren. + + +_Emma Lyon_ + +Wenn ich in Easton Park den Lunch nehme, Mylord, werde ich +es entweder in Ihrer Gesellschaft oder gar nicht tun. + + +_Lord Hamilton_ + +(setzt sich mit versorgtem Gesicht) + +Also wie soll das enden? + + +_Emma Lyon_ + +(mit versteckter Schelmerei) + +Ist Ihnen nicht wohl, Mylord? Sicherlich ist Ihnen nicht +wohl. Es wäre grausam, wenn ich Sie jetzt allein ließe. + + +_Lord Hamilton_ + +Es scheint, Sie treiben ein Spiel mit mir ... + + +_Emma Lyon_ + +Gott bewahre. Dazu ist mein Respekt viel zu groß. Ich habe +ein bißchen Revolution auszuführen versucht, das ist alles, +aber Ihre Unerschütterlichkeit flößt mir Bewunderung ein. +Mit Ihnen kann man nicht paktieren. Trotzdem schlage ich +Ihnen ein Kompromiß vor. Überzeugen Sie mich davon, daß Ihr +Geschlecht zu keiner Zeit und unter keiner Bedingung ein +plebejisches Reis auf seinen erlauchten Stammbaum gepfropft +hat, und ich will mich bescheiden. Ich gebe Sir Francis den +Laufpaß, wenn Sie mir beweisen können, daß Ihre adeligen +Vorfahren keinen andern Ehrgeiz gehabt haben, als eine +fehlerlose Genealogie zu fabrizieren. + + +_Lord Hamilton_ + +(in die Enge getrieben, vornehm) + +Wenn ich eine Erörterung hierüber für möglich hielte, würde +ich die Fundamente untergraben, auf denen ich stehe. + + +_Emma Lyon_ + +Und damit soll ich mich zufrieden geben? Die Klatschbase, +die man Geschichte nennt, behauptet ganz frech, daß hin und +wieder eine ziemlich zweifelhafte Lady ins Ehebett eines +leichtsinnigen Lords geschlüpft ist. Oder ist es Schwindel, +daß Lord James eine arme irische Schauspielerin geheiratet +hat? Sie soll freilich so schön gewesen sein, daß während +ihrer Vorstellung bei Hof der Scharlach der Aristokratie auf +Tische und Stühle stieg, um sie zu sehen. Douglas Hamilton +vergaß sich so weit, die Tochter eines Akziskommissärs mit +seiner Hand zu beglücken. Von einigen Ladies habe ich mir +gar sagen lassen, daß sie mit Kutschern, Schreibern, +Schmugglerkapitänen ... + + +_Lord Hamilton_ + +(nervös) + +Nicht weiter, Madame! Genug der Indiskretionen. + + +_Emma Lyon_ + +Die Wahrheit wird immer beschimpft, wenn sie unbequem ist. +Sehen Sie mich doch einmal an, Mylord! Kommt es Ihnen nicht +so vor, als ob ein Frauenzimmer meiner Kategorie geeigneter +wäre, die verdickten Ahnensäfte wieder zum Moussieren zu +bringen, als irgend eine hochgeborene Kuh aus einem sublimen +Stall --? + + +_Lord Hamilton_ + +Stall --? Kuh --? Um Himmels willen, was für Worte! + + +_Emma Lyon_ + +Ich habe jetzt nicht Lust, auf meine Worte zu achten. Sehen +Sie mich an, sage ich. + + +_Lord Hamilton_ + +(irritiert) + +Nun ja ... ja ... ich sehe. + + +_Emma Lyon_ + +Was finden Sie an meinem Wuchs zu tadeln? + + +_Lord Hamilton_ + +(noch mehr irritiert) + +Ich habe ... offengestanden ... darüber kein Urteil. + + +_Emma Lyon_ + +Wer verstände nicht zu tadeln, auch wenn er kein Urteil hat! +So schauen Sie wenigstens. Was haben Sie an diesen Schultern +auszusetzen? was an der Büste? Diese Linien (mit den +Fingerspitzen an den Hüften entlang streifend) sind edler +als jeder Name. Der Fuß, Mylord, (hebt ihr Kleid ein wenig) +zeigen Sie mir einen aristokratischen Fuß, vor dem er sich +verstecken müßte. Und der Nacken, -- (wendet sich) mißfällt +er Ihnen? Die Haare, -- braucht man sich ihrer zu schämen? +Die Hand, -- läßt sie auf eine schlechte Rasse schließen? +Ohr, Nase, Stirn, Zähne, Lippen, -- vertragen sie nicht jede +Kritik? Romney hat mich vierzehnmal porträtiert, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +(bestürzt und im Anfangsstadium einer verhängnisvollen +Narkose) + +Romney ... jawohl. Mister Romney ist ein Meister seines +Handwerks. Er hat auch die Königin gemalt, wenn ich nicht +irre ... Aber würden Sie nicht die Freundlichkeit haben, Miß +Lyon, sich in größerer Entfernung von mir aufzuhalten? Ihr +Parfüm ist es, glaube ich, das mich schwindlig macht. + + +_Emma Lyon_ + +(diebisch) + +Soll ich das Fenster öffnen, Mylord? + + +_Lord Hamilton_ + +Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie mir ein Glas Wasser +reichen wollten. + + +_Emma Lyon_ + +(tritt beflissen zum Tisch, schenkt aus einer Karaffe Wasser +in ein Glas, bringt es ihm). + + +_Lord Hamilton_ + +Ich danke Ihnen. + + +_Emma Lyon_ + +(nachsichtig) + +Sie sind an die Nähe von Frauen nicht mehr gewöhnt, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +Durchaus nicht. -- Durchaus nicht. + + +_Emma Lyon_ + +Schade. Dabei vertrocknet das Temperament. Ist Ihnen besser? +(Sie faßt seine Hand.) Die arme kalte Hand! + + +_Lord Hamilton_ + +(scheu) + +Die Ihre freilich, Miß Lyon, die Ihre ist hinlänglich warm. + + +_Emma Lyon_ + +Wie pedantisch! Hinlänglich warm! O Gott! + + +_Lord Hamilton_ + +Es ist außerdem eine begehrliche Hand; sie ist allzu +begehrlich. + + +_Emma Lyon_ + +Wer nicht zehnmal so viel begehrt als ihm gewährt wird, der +soll nicht zu leben anfangen. Weiter, Herr Chiromant? Was +sehen Sie noch? Daß ich neugierig bin? Stimmt. Eitel? +Stimmt. Treulos? Stimmt. Aber treulos machen uns nur die, +die kraftlos sind. + + +_Lord Hamilton_ + +Was ist das für eine Narbe hier neben dem Daumen? + + +_Emma Lyon_ + +Sie stammt von den Zähnen des Prinzen von Wales. + + +_Lord Hamilton_ + +Wieso? Ist er bissig? + + +_Emma Lyon_ + +Er beißt aus Enthusiasmus. Aber er steht in meiner Schuld +dadurch. Die Narbe ist unter Brüdern eine Einladung nach St. +James wert. + + +_Lord Hamilton_ + +Was doch alles geschieht! Sonderbar. Ich muß gestehen, ich +fasse nicht die Existenz, die Sie führen. Da reiht sich wohl +Fest an Fest und Genuß an Genuß, und für Genauigkeit und +Regelmäßigkeit bleibt nichts mehr übrig. Und dabei kann man +leben ... es macht wohl gar Spaß? Sonderbar. Eine sonderbare +Welt! + + +_Emma Lyon_ + +Die zu beklagen ist, weil Sie sich von ihr fern halten, +Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +Keine Flatterien, Miß Lyon! Ich liebe nicht die Exaltationen +des Vergnügens. + + +_Emma Lyon_ + +(heuchlerisch) + +Eigentlich haben Sie recht, Mylord. Es gibt nichts, was so +anstrengend ist wie das Laster. + + +_Lord Hamilton_ + +Sehen Sie! Sehen Sie! + + +_Emma Lyon_ + +(versonnen) + +Oder vielleicht doch ... Ich glaube, daß die Tugend _noch_ +anstrengender ist. + + +_Lord Hamilton_ + +Versuchen Sie es doch einmal ... + + +_Emma Lyon_ + +Meinen Sie? + + +_Lord Hamilton_ + +Fangen Sie damit an, daß Sie Ihre auf Sir Francis zielenden +Absichten fallen lassen. + + +_Emma Lyon_ + +Aha, Sie wollen schon ein Geschäft mit meiner Tugend +machen. Das ist ja eben das Verdächtige an der Sache. + + +_Lord Hamilton_ + +(steht auf) + +Im Ernst, Miß Lyon: -- Was kann Sie an dem Jüngling locken? +Seine Geistesgaben, Sie müssen es selbst zugeben, sind +keineswegs blendend. Er würde Sie langweilen, Sie würden ihn +betrügen, und was wäre die Folge? Der Skandal in +gesteigerter Häßlichkeit. Sie brauchen eine starke Hand. +Einen reifen Mann brauchen Sie, der durch Erfahrung und +Charakter befähigt ist, Ihrem ungebundenen Wesen Schranken +zu setzen. + + +_Emma Lyon_ + +(zerknirscht) + +Es ist wahr. Wenn Sie wüßten, Mylord, wie ich dieser jungen +Leute satt bin, die ihre Leidenschaften mit so viel Lärm und +Prätension zur Schau tragen! Ich sehne mich nach einem +verschwiegenen und klugen Mann, so an der Grenze der +Fünfzig, nach einem Mann, der nicht immer nur etwas haben +will, sondern auch etwas gibt. + + +_Lord Hamilton_ + +(erfreut) + +Nun also ... + + +_Emma Lyon_ + +Würden Sie mir helfen? + + +_Lord Hamilton_ + +Ich ... ja, gewiß ... Ich würde sehen, was sich tun läßt. + + +_Emma Lyon_ + +Aber Sie haben doch hoffentlich nicht vergessen, daß ich vor +zehn Minuten geschworen habe, Lady Hamilton zu werden? Ich +gedenke, das Gelübde unter allen Umständen zu erfüllen. + + +_Lord Hamilton_ + +Das versteh ich nicht ... + + +_Emma Lyon_ + +Verständlicher kann nichts auf der Welt sein. + + +_Lord Hamilton_ + +(vor Schrecken gelähmt) + +Sie meinen --? + + +_Emma Lyon_ + +Ja! + + +_Lord Hamilton_ + +Ich? -- Ich --? Ich sollte --? Sie träumen wohl, Miß Lyon? (Er +fällt in den Stuhl zurück.) + + +_Emma Lyon_ + +(läßt sich in einer reizenden Magdalenen-Stellung vor ihm +auf die Kniee nieder. Da er nicht zurückweichen kann, preßt +er den Rücken gegen die Lehne und drückt den Kopf in den +Nacken) + +Sie wären schwerlich, trotz meines ununterbrochenen +Geschwätzes, bis zu diesem Augenblick im Zimmer geblieben, +wenn ich Ihnen nicht gefallen hätte, Mylord. Und jetzt ist +es leider zu spät. Fängt dieses Gift einmal zu wirken an, +dann ist man verloren. + + +_Lord Hamilton_ + +(klagend) + +Zweifellos. Ich habe es an der nötigen Festigkeit fehlen +lassen. + + +_Emma Lyon_ + +Und mir sprechen Sie jedes Verdienst ab? + + +_Lord Hamilton_ + +Ich kann nicht leugnen, daß Ihnen eine ... wie soll ich mich +nur ausdrücken? -- eine seltsame Gewalttätigkeit eigen ist. + + +_Emma Lyon_ + +Gut. Ich akzeptiere das Kompliment. + + +_Lord Hamilton_ + +Nichtsdestoweniger befinden Sie sich mit Ihrer Vermutung, +was meinen Seelenzustand betrifft, auf dem Holzweg. Ich will +es wenigstens hoffen. + + +_Emma Lyon_ + +Sie kennen die menschliche Natur nicht so gut wie ich, +Mylord. Ich will Ihnen sagen, was Ihnen bevorsteht, wenn Sie +jetzt eigensinnig sind. Ich reise ab. Ihre Gedanken +verursachen Ihnen ein unangenehmes Kribbeln, Sie sind +unzufrieden mit sich, Sie haben keinen Appetit mehr, des +Nachts flieht Sie der Schlaf, und plötzlich, Sie wissen +selbst nicht wie, fassen Sie den Entschluß, mich +aufzusuchen. Da erscheint eines Tages Lord Hamilton im Salon +von Emma Lyon. Aber Emma Lyon wird durchaus nicht auf die +Kniee fallen, so wie jetzt. Emma Lyon wird spöttisch +lächeln; sie wird Seiner Herrlichkeit einen Stuhl bieten, +sie wird mit Mister Jennings plaudern und wird die +Albernheiten von Mister Davis entzückt anhören und wird Sir +Roberts empfangen, und Mylord wird gehen, verdrießlich, +aufgebracht, wütend gegen sich und mich, aber er wird +wiederkommen, er wird Blumen bringen, er wird Geschenke +bringen, all die Laffen und Schmeichler und Dandies werden +ihm lästig sein, aber Emma Lyon wird sagen: Platz genug im +Hause! Dort unter der Treppe ist für die Mißgelaunten Platz, +und unterm Dachboden für die Hochmütigen, und im Keller für +die Moralisten. Und mein kleiner Schoßhund wird kläffen, +wenn Sie nahen, und diese weiße begehrliche Hand wird ihre +Finger spreizen, -- so, denn ich, Mylord, (sie erhebt sich) +ich würde Sie zappeln lassen. Und davor möge Gott Sie +bewahren. + + +_Lord Hamilton_ + +(murmelnd) + +Niemals würde ich mich so tief erniedrigen. + + +_Emma Lyon_ + +(kategorisch) + +Sie werden es tun! Ihre Augen versichern es mir. Ich erspare +Ihnen demnach eine unabsehbare Reihe von Qualen und +Kränkungen durch ein freimütiges Anerbieten. + + +_Lord Hamilton_ + +(schüttelt den Kopf) + +Ich vermute, Miß Lyon, Sie ahnen nicht, was ich +durchzusetzen vermag, selbst gegen meine heftigsten Wünsche +und Triebe. Insofern bleibt also Ihr Schreckbild ohne +Wirkung. Aber Sie verfechten Ihre Sache mit Bravour und +nicht ohne Geist. Ich liebe das. In diesem hübschen kleinen +Kopf rumort ein Teufel, den zu zähmen der Mühe vielleicht +verlohnen könnte. Wie Sie richtig bemerkten, bin ich des +Elements entwöhnt, das, in Ihnen personifiziert, meinen +Frieden so geräuschvoll unterbrochen hat. Ich habe jedoch +gerade dadurch erkannt, daß zwischen mir und der Welt eine +gewisse Entfremdung besteht, und ich könnte Ihren Vorschlag +in Betracht ziehen, wenn nicht Hindernisse vorlägen, die für +mich beinahe unüberwindlich sind. Der Doktor Graham ... das +himmlische Bett ... die Mystifikation als Göttin Hygäa ... +(Schüttelt wieder den Kopf.) Das sind üble Dinge ... üble +Dinge. + + +_Emma Lyon_ + +Die mich vor dem Verhungern geschützt haben, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +Sie hätten eine minder exponierende Abhilfe wählen sollen. + + +_Emma Lyon_ + +Ich hatte keine Wahl. Ich bin auch nicht schlechter geworden +dadurch. Es war eine Hülle, die ich angelegt habe. + + +_Lord Hamilton_ + +Verzeihen Sie, die Hülle, -- die haben Sie abgeworfen. + + +_Emma Lyon_ + +Man kann alle Hüllen abwerfen und doch undurchdringlicher +sein als in Panzern. + + +_Lord Hamilton_ + +Das ist Rabulismus. + + +_Emma Lyon_ + +Sie haben wenigstens die Sicherheit, daß ich gegen jede +künftige Verführung und Verlockung gefeit bin. Alles was +andere lüstern macht, davon habe ich genug und übergenug. + + +_Lord Hamilton_ + +Das ist ein Argument. + + +_Emma Lyon_ + +Die Welt ist vergeßlich. Ein Name, wie der Ihre Mylord, +deckt jugendliche Torheiten zu. + + +_Lord Hamilton_ + +(mit einem Rest von Bedenklichkeit) + +Ich bin fünfundfünfzig Jahre alt ... + + +_Emma Lyon_ + +Man hat mir erzählt, und ich habe mich darüber amüsiert, daß +Sie es bisweilen nicht verschmähen, der Zeit Gewalt anzutun. +Ich, sehen Sie, ich kann das auch. (Sie steigt auf einen +Stuhl, öffnet das Uhrgehäuse und dreht den großen Zeiger +sehr schnell und mehrere Male über das Zifferblatt zurück.) + + +_Lord Hamilton_ + +Was tun Sie da, junge Hexe! (Das Uhrwerk knackt, der Pendel +hört auf zu schwingen.) + + +_Emma Lyon_ + +Ich drehe die Jahre zurück, Mylord, und wenn ich will, -- +sehn Sie! -- bleibt die Zeit stehen! (Sie springt herab.) Wir +gehen nach Italien, Mylord! (mit ausgebreiteten Armen, +bacchantisch.) Illuminationen! Barken auf dem Meer! +Mondschein und Liebeslieder! Fackeltanz und Tarantella! + + +_Lord Hamilton_ + +(vor sich hin) + +Es bliebe noch zu erwägen, ob hier ein freier Entschluß oder +die Macht einer Bezauberung vorliegt. -- Gönnen Sie mir, Miß +Lyon, gönnen Sie mir Frist bis morgen. + + +_Emma Lyon_ + +So lang Sie wollen. Nur bedenken Sie, daß auch ich +Dispositionen zu treffen habe -- + + +_Lord Hamilton_ + +Ich könnte es versuchen ... + + +_Emma Lyon_ + +Schön, versuchen wir es. + + +_Lord Hamilton_ + +Begleiten Sie mich für zwei Monate nach dem Süden. + + +_Emma Lyon_ + +Zwei Monate? Das ist etwas wenig. + + +_Lord Hamilton_ + +Sagen wir vier Monate. + + +_Emma Lyon_ + +Wenn ich so durchtrieben wäre wie man mich Ihnen geschildert +hat, wäre ich mit drei Tagen zufrieden. Aber ich bin eine +ehrliche Person und sage Ihnen ohne Umschweife: drei Tage +Probezeit oder drei Jahre oder dreißig Jahre, das ist für +mich im Grunde gleichgültig, denn nach dem ersten Tag werden +Sie vom letzten nichts mehr wissen wollen. + + +_Lord Hamilton_ + +Ihre Prophezeiung ist sehr kühn. Immerhin bleiben wir +vorläufig bei den vier Monaten. + + +_Emma Lyon_ + +Vergessen Sie nicht, daß Sie Ihren Sohn vor eine +unwiderrufliche Tatsache stellen müssen, sonst komme ich ihm +gegenüber in eine schiefe Position. + + +_Lord Hamilton_ + +Eine bedeutende Schwierigkeit. Wie soll ich ihm eröffnen --? + + +_Emma Lyon_ + +Sie überschätzen ihn doch. Die Schwierigkeit ist mit zwei +Worten aus der Welt geschafft. (Sie nimmt die Handglocke, +läutet.) + + +_Lord Hamilton_ + +(verwundert) + +Oh! Sie ergreifen die Initiative mit großem Feuer. + + +_Der Majordom_ + +(tritt ein) + +Mylord befehlen? + + +_Emma Lyon_ + +Sir Francis soll kommen. + + +_Der Majordom_ + +(erstaunt über den diktatorischen Ton von dieser Seite) + +Mylord wünschen Sir Francis? + + +_Lord Hamilton_ + +(kalt) + +Sie haben gehört. + + +_Der Majordom_ + +Mister Dashwood läßt gehorsamst fragen, ob er sich entfernen +kann. Er hat dringende Geschäfte. + + +_Emma Lyon_ + +Er soll warten. -- Ist nicht Frühstückszeit? + + +_Lord Hamilton_ + +Es dürfte Frühstückszeit sein. + + +_Der Majordom_ + +(schaut auf die Wanduhr) + +Jawohl; es ... (Stockt verblüfft.) Die Uhr steht. + + +_Lord Hamilton_ + +Ja. Die Uhr steht. + + +_Emma Lyon_ + +Es soll serviert werden. + + +_Der Majordom_ + +(bekümmert und fast vorwurfsvoll) + +Soll serviert werden, Mylord? + + +_Lord Hamilton_ + +Sie hören. + + +_Emma Lyon_ + +Auch fehlt noch ein Gedeck. + + +_Der Majordom_ + +Noch ein Gedeck, Mylord? + + +_Lord Hamilton_ + +Noch ein Gedeck. + + +_Der Majordom_ + +Sehr wohl. (Ab.) + + +_Emma Lyon_ + +Der Mann scheint auf dem rechten Ohr taub zu sein. + + +_Lord Hamilton_ + +(in ziemlicher Unruhe) + +In welche Form soll ich also Francis gegenüber die +Mitteilung kleiden? + + +_Emma Lyon_ + +Sie sagen ihm, daß Sie seine Schulden bezahlen und mich +dafür in Ihre Obhut nehmen. + + +_Lord Hamilton_ + +(zieht die Stirn in Falten) + +Das wäre ja ein regelrechter Handel! + + +_Emma Lyon_ + +Ich habe noch nie gehört, daß ein Engländer in Ohnmacht +fällt, wenn von einem Handel die Rede ist. + + +_Lord Hamilton_ + +Wie viel betragen seine Schulden? + + +_Emma Lyon_ + +Eine Lappalie. Vierzigtausend Pfund. + + +_Lord Hamilton_ + +Wie? Und das nennen Sie eine Lappalie? + + +_Emma Lyon_ + +(lacht) + +Also fange ich schon an, Ihnen teuer zu werden? + + +_Lord Hamilton_ + +Wenigstens geben Sie mir einen starken Begriff von Ihrer -- +Weitherzigkeit. + + +_Emma Lyon_ + +Wo geknausert wird, kann ich nicht froh sein. + + +_Lord Hamilton_ + +Ich werde trachten, Sie bei guter Laune zu erhalten. + + +_Emma Lyon_ + +(streckt den Arm aus) + +So küssen Sie mir die Hand. + + +_Lord Hamilton_ + +(beugt sich mit steifer Galanterie; während er ihr die Hand +küßt, kommt) + + +_Sir Francis_ + +(bleibt bei diesem Schauspiel wie angewurzelt stehen. Gleich +hinter ihm kommen: der Majordom, dem ein Diener mit dem +fehlenden Gedeck folgt; hinter diesem ein zweiter Diener mit +dem Tablett, auf dem sich die Speisen befinden. Gleich +darauf erscheint auch Mister Dashwood auf der Schwelle. Die +Tür zur Halle bleibt offen). + + +_Lord Hamilton_ + +(geht zum Tisch, gibt dem Majordom Anweisung über die +Sitzordnung, dann tritt er zu Mister Dashwood und spricht +mit ihm. Dieser lauscht aufmerksam und verbeugt sich oft zum +Zeichen seines Eifers. Indessen ist Sir Francis zu Emma Lyon +getreten). + + +_Sir Francis_ + +(bewundernd; leise) + +Das war ein Meisterstück, Emma. Wie hast du ihn denn +herumgekriegt? + + +_Emma Lyon_ + +Still, lieber Freund. Keine Elogen. Du wirst alles hören. +Jetzt hab ich Hunger wie ein Matrose. + + +_Sir Francis_ + +Und zahlt er die fünfundzwanzigtausend Pfund --? Du weißt, +meine Gläubiger drängen ... + + +_Emma Lyon_ + +Fünfundzwanzig und noch fünfzehntausend dazu. + + +_Sir Francis_ + +(entzückt) + +Du bist umsichtig wie ein Kaufmann! + + +_Lord Hamilton_ + +(zu Mister Dashwood) + +Die Informationen waren falsch. Es ist dies eine +Gewissenlosigkeit, die ich ahnden muß, und Sie tun gut +daran, Mister Dashwood, wenn Sie den Londoner Herrn darauf +aufmerksam machen, daß ich ihn wegen böswilliger Verleumdung +bestrafen lassen werde. + + +_Mr. Dashwood_ + +Gewiß, Mylord, gewiß. Die Zunge der Menschen ist ein +giftiges Instrument und unheilvoll in ihren Wirkungen -- + + +_Lord Hamilton_ + +(unterbricht den drohenden Redeschwall und wendet sich auch +an Sir Francis) + +Miß Emma Lyon hat mich davon überzeugt, daß alles, was wir +von ihrem früheren Leben gehört haben, nichtswürdige Lügen +sind. + + +_Sir Francis_ + +Das hab ich ja gleich gesagt -- + + +_Lord Hamilton_ + +Es gibt keinen Doktor Graham ... Es gibt kein himmlisches +Bett, und sie hat niemals eine Göttin Hygäa dargestellt. +Genug davon. Es sei von solchen Dingen nicht mehr die Rede. +Sie können gehen, Mister Dashwood. + + +_Mr. Dashwood_ + +(mit tiefer Verbeugung ab). + + +_Lord Hamilton_ + +(mit der Taschenuhr in der Hand) + +Darf ich zu Tisch bitten? Es ist zwölf Uhr, fünf Minuten. +(Mister Dashwood hat sich entfernt.) + + +_Emma Lyon_ + +Ihre Präzision, Mylord, verspricht meinem Magen ein Dasein +von angenehmer Sorglosigkeit. + + +_Lord Hamilton_ + +Zuerst den Bordeaux, John. (Emma Lyon und Sir Francis haben +Platz genommen, der Lord bleibt stehen.) Mein lieber Sohn, +erlaube mir, dich von einem freudigen Ereignis zu +unterrichten. Miß Emma Lyon ist von heute ab keine Fremde +mehr für dich. Verehre in ihr (stockt; Pause, dann mit +ruhiger Sicherheit) deine zukünftige Mutter, Lady Hamilton. + + +_Sir Francis_ + +(springt auf, läßt sich aber unter dem hoheitsvollen und +bannenden Blick seines Vaters wieder aus den Sessel nieder). + + +_Lord Hamilton_ + +Den Fisch, Mister Wardle! + +_Vorhang._ + + + + +Hockenjos + + +Personen: + + Karinkel, Bürgermeister + Bienemann, Redakteur + Mettenschleicher, Bildhauer + Hockenjos + Hannewickel, Stadtrat + Abendrot, Amtsschreiber + Binder, Kommissär + Ein Amtsdiener, ein Kellnerbursche + +Spielt in einer kleinen süddeutschen Stadt. + + +Kanzlei des Bürgermeisters. Rechts und links Türen. Hinten +zwei Fenster mit Aussicht auf einen von altertümlichen +Häusern umgebenen Platz, in dessen Mitte das noch umhüllte +Denkmal steht. + + +_Abendrot_ + +(schlägt mit einem Aktenheft Fliegen tot) + +Hin muscht werde! Pardon gibt's net ... hätt'scht es vorher +überlegt, mei Schätzle ... hin muscht werde, sag' ich ... + + +_Karinkel_ + +(ein untersetzter, glattrasierter, eiliger Mann, kommt; er +ist im Frack) + +Was treiben Sie denn da, Abendrot? + + +_Abendrot_ + +Die Fliege schlag' i tot, Herr Bürgermeischter. + + +_Karinkel_ + +Die Fliegen schlagen Sie tot? Sind Sie verrückt, Mensch? Wo +wir bis an den Hals in Arbeit stecken! + + +_Abendrot_ + +Ich hab' ja bei der Denkmalsenthüllung nix zu tun, Herr +Bürgermeischter. + + +_Karinkel_ + +Scheren Sie sich an die Arbeit. Und wenn Sie nichts zu tun +haben, dann tun Sie wenigstens so, als ob Sie was zu tun +hätten. Das fordert die Würde des Amtes. Der Professor +Mettenschleicher muß jeden Moment kommen, -- was soll er sich +denken, wenn Sie Allotria treiben. + + +_Abendrot_ + +Isch scho guet, Herr Bürgermeischter ... + + +_Karinkel_ + +Keine Widerrede! Diese Biederkeit, diese ewige +Treuherzigkeit! wie sie mir auf die Nerven geht! Ich weiß +nicht, wo mir der Kopf steht, und der Mensch schlägt Fliegen +tot. (Es klopft.) Herein! + + +_Mettenschleicher_ + +(tritt ein; ein großer, würdevoll aussehender, +schwarzbärtiger, seriöser Mann, ebenfalls im Frack) + +Guten Morgen. + + +_Karinkel_ + +Guten Morgen, lieber Professor. Wie geht's? wie steht's? Gut +geschlafen? gut geträumt? Hat unser bescheidenes Hotel Ihren +Ansprüchen genügt? Oder haben Sie irgend welche +Rekriminationen? Ich lege großen Wert darauf, daß es Ihnen +bei uns gefällt. + + +_Mettenschleicher_ + +Danke, ich bin zufrieden. In so einem Städtchen wird mir +immer behaglich zumut. + + +_Karinkel_ + +Na, na, Professor ... Städtchen ... + + +_Mettenschleicher_ + +Nun ja, es ist doch eine sehr kleine Stadt ... + + +_Karinkel_ + +Eine sehr kleine Stadt? -- Eine kleine Stadt, das eher. Aber +es ist gut, daß Sie sich wohl fühlen. Man hat nicht oft die +Freude, einen so berühmten Meister bewirten zu dürfen. Noch +dazu bei so feierlichem Anlaß ... + + +_Mettenschleicher_ + +(steif) + +Zu viel Ehre. + + +_Karinkel_ + +Sagen Sie mal, verehrter Professor, um unser gestriges +Gespräch fortzusetzen ... (Zögert, da er sich der Gegenwart +Abendrots erinnert.) Gehen Sie hinüber in den Schwan, +Abendrot, und bestellen Sie mir ein Gabelfrühstück. Fragen +Sie, -- aber fragen Sie Herrn Gumpelmaier selber -- was man +haben kann. Etwas Warmes natürlich. Am liebsten etwas vom +Kalb. + + +_Abendrot_ + +Oder vielleicht Schweinsrippche? + + +_Karinkel_ + +(tiefsinnig) + +Schweinsrippchen ... nicht übel. Schweinsrippchen oder +Kalbsherz. Auch saure Nieren wäre eine Idee. Beraten Sie +sich nur mit Herrn Gumpelmaier, der kennt meinen Geschmack. +Der Kellner soll laufen, damit die Sache unterwegs nicht +kalt wird. Dann gehn Sie in die Redaktion des Tagesboten und +fragen Sie Herrn Bienemann, ob er meine Rede schon fertig +hat. Er soll sich sputen, um zwölf Uhr kommt der Prinz, da +muß alles auf dem #qui vive# sein. + + +_Abendrot_ + +Isch guet, Herr Bürgermeischter. (Ab.) + + +_Karinkel_ + +(seufzend) + +Du lieber Gott, bis man so der schwerfälligen Welt Beine +macht, Professor --! (Knipst, eilig zur Tür, ruft.) Hallo! -- +Abendrot! -- Abgebratene Kartoffel soll er mitschicken! Wie? +Sie Esel! Der Schwanenwirt natürlich. (Kehrt zurück, +abermals seufzend.) Ein Mann, der nur für sich selber +verantwortlich ist, ist ein glücklicher Mann. + + +_Mettenschleicher_ + +Wir dienen alle dem öffentlichen Wohl, Verehrtester. Jeder +auf seine Weise. + + +_Karinkel_ + +Aber nicht auf jeden sind beständig die Augen des Publikums +gerichtet, teurer Freund. So wie auf Sie und auf mich. Wenn +ich noch einmal auf die Welt käme, -- wissen Sie, wonach es +mich gelüsten würde? (Ausdrucksvoll.) Es würde mich darnach +gelüsten, das Leben eines einsamen, unverheirateten +Privatgelehrten zu führen. Was brauchte ich da Belobungen? +Anerkennung von unten oder von oben? -- Da hätte man sein +Genügen in sich selber, da hätte man keinen Orden nötig. In +meiner Position freilich muß ich dergleichen haben, um +meinen Mitbürgern den Beweis zu liefern, daß ich ihres +Vertrauens würdig bin. + + +_Mettenschleicher_ + +Zweifellos. Sie sind ja auf dem besten Weg -- + + +_Karinkel_ + +(erregt) + +Es besteht also Aussicht --? + + +_Mettenschleicher_ + +Gewiß. Man muß es nur delikat behandeln ... + + +_Karinkel_ + +Wissen Sie, was ich mir überlegt habe, Professor? Ich könnte +ja, falls man mir den Michaelsorden verweigert, auch mit +dem Friedrichsorden vorlieb nehmen. + + +_Mettenschleicher_ + +(vornehm belustigt von solcher Unwissenheit) + +Der Friedrichsorden steht keineswegs niedriger im Rang als +der Michaelsorden, mein lieber Bürgermeister. Der eine wie +der andere wird nur dann verliehen, wenn sich der +Betreffende in hervorragender Weise verdient gemacht hat. + + +_Karinkel_ + +(in wachsender Erregung) + +Seit zwanzig Jahren mache ich mich verdient, Professor. Ich +tue ja überhaupt nichts anderes. Ich habe eine elektrische +Beleuchtung, eine Wasserleitung, ein Findelhaus, einen +Veteranenverein geschaffen; ich habe die Fortschritte der +Sozialdemokratie nach Kräften aufgehalten, ich habe niemals +und nach keiner Seite hin Anstoß erregt, weder bei der +Geistlichkeit, noch bei der Regierung, -- aber man kann sich +doch nicht ausbieten! -- Man hat doch seinen Stolz! Man wirkt +in der Stille -- und hofft, daß es bemerkt wird. + + +_Mettenschleicher_ + +Alterieren Sie sich nicht, lieber Freund. + + +_Karinkel_ + +Ich würde mich nicht beklagen, wenn es mir an loyaler +Gesinnung gefehlt hätte. Denn ich begreife, daß die höchsten +Kulturtaten nicht ins Gewicht fallen, wenn die loyale +Gesinnung mangelt -- + + +_Mettenschleicher_ + +Freilich. Die loyale Gesinnung, die wird vorausgesetzt. +Wohin kämen wir denn sonst! + + +_Karinkel_ + +Das sagt sich leicht --: vorausgesetzt. Aber bis man sie +erwirbt, bis man sie sozusagen einkeltert, damit sie süß und +schmackhaft bleibt in all den Jahren, das ist nicht so +einfach. Und nun habe ich noch dieses Denkmal gebaut -- + + +_Mettenschleicher_ + +Eben. Das war dringend nötig. Es gibt kaum mehr eine +deutsche Stadt, die nicht ihre marmorne Attraktion hätte, +wenn ich mich so ausdrücken darf. Man ist höhern Orts sehr +geneigt, solche Bestrebungen, soweit sie sich auf die Kunst +beziehen, zu unterstützen. Sie sänftigen die Sitten, sie +lenken die Instinkte des Volkes nach ungefährlichen +Regionen. + + +_Karinkel_ + +Ehrlich gesagt, es ist ein Sorgenkind, dieses Denkmal -- + + +_Mettenschleicher_ + +Warum denn? Lassen Sie sich nur nicht irre machen ... + + +_Karinkel_ + +Sie haben mich ja so weit gebracht, Professor ... Ihrer +Energie haben wir es ja zu danken, daß ... + + +_Mettenschleicher_ + +Nun ja, ich fand es dringend geboten, daß auch Sie in diesem +stillen Winkel Ihr Scherflein beitragen zur Vermehrung der +nationalen Ideale. + + +_Karinkel_ + +Das klingt sehr hübsch -- + + +_Mettenschleicher_ + +Erlauben Sie, das sind tiefste Lebensüberzeugungen! + + +_Karinkel_ + +Allerdings -- + + +_Mettenschleicher_ + +Heraus mit der Farbe! Weshalb sind Sie so kleinlaut, heute, +an Ihrem großen Tag? + + +_Karinkel_ + +Es wird von gegnerischer Seite behauptet, -- haben Sie nicht +den Ochsenfurter Anzeiger gelesen? Da steht es drin -- + + +_Mettenschleicher_ + +Ich lese solche Käsblätter nicht. Was steht drin? + + +_Karinkel_ + +Daß wir dem Hockenjos das Denkmal nur aus Wichtigtuerei +errichtet haben ... + + +_Mettenschleicher_ + +Das ist der Neid. + + +_Karinkel_ + +Und daß es eine Blamage sei. + + +_Mettenschleicher_ + +Die Wühler muß man wühlen lassen. + + +_Karinkel_ + +Und daß der Hockenjos gar nicht in Neuguinea gewesen ist und +daß er gar nicht bei der Expedition des Doktor Rittersteig +war und daß er infolgedessen auch nicht von den wilden +Papuanern erschlagen worden ist. Im Gegenteil, so behaupten +diese Schurken, er sei in einer australischen Matrosenkneipe +bei einem Raufhandel umgekommen. + + +_Mettenschleicher_ + +Leeres Geschwätz. + + +_Karinkel_ + +Na ja, ein Säufer _war_ ja der Kerl. Der Wahrheit die Ehre. + + +_Mettenschleicher_ + +Es ist vollkommen gleichgültig, was der Hockenjos _war_. Die +Hauptsache bleibt, daß er tot ist. -- Was sagt denn Bienemann +zu diesen Sudeleien? Er hat doch damals die Nachricht von +dem Ende des Hockenjos zuerst gebracht ... + + +_Karinkel_ + +Ach, mit dem Bienemann weiß man nie, wie man dran ist. Ich +fürchte, er glaubt gar nicht an das Genie von dem Hockenjos. + + +_Mettenschleicher_ + +Es ist das Kennzeichen eines guten Journalisten, daß er in +einem solchen Fall eine Sache umso überzeugender vertritt. + + +_Karinkel_ + +Und ich selbst habe auch meine Zweifel ... + + +_Mettenschleicher_ + +Glauben Sie denn, lieber Freund, daß der Ruhm anders +fabriziert wird als auf diese Art? Neun Zehntel unserer +Berühmtheiten verdanken ihren Glanz dem Notizenmangel einer +Zeitung oder dem Hang nach Redensarten, der in den Leuten +von der Feder steckt. Es ist nicht meines Amtes, das +wirkliche Verdienst vom erlogenen zu trennen. Ich denke, es +liegt eine viel höhere Sendung darin, die häßliche Realität +in einen angenehmen Schein zu verwandeln. Je verworfener, +unwürdiger und unfähiger dieser Hockenjos in Wirklichkeit +war, desto mehr Grund für uns, der Welt ein so trauriges +Faktum vorzuenthalten und sein Bild zu veredeln. Wenn man +einem Menschen wie Hockenjos ein Denkmal setzt, geschieht es +nur, um seine wirkliche Gestalt zu verschleiern. Dadurch +eben bereichert man den Bestand an nationalen Idealen. + + +_Karinkel_ + +Na ja, seine Gestalt mögen Sie am Ende verschleiern, aber +die Bilder, die der Kerl gemalt hat, die können Sie nicht +verschleiern. Wir haben ja eine Ausstellung veranstaltet, +und was ich da von den hiesigen Damen zu hören bekommen +habe, -- wahrhaftig, der ganze Appetit auf die Kunst ist mir +vergangen. Schamlose nackte Weiber hat er gemalt. Die können +Sie doch nicht verschleiern. + + +_Mettenschleicher_ + +Wenn ein Künstler tot ist, verlieren seine Arbeiten den +moralischen Charakter, wenn ich mich so ausdrücken darf. +Schamlos waren die Weiber eigentlich nicht, nur nackt waren +sie. Aber wer wird schließlich darnach fragen, was für +Bilder der Hockenjos gemalt hat, wenn er vor seinem Denkmal +steht? Keine Katze wird darnach krähen. + + +_Karinkel_ + +Kein Hahn, meinen Sie ... + + +_Mettenschleicher_ + +Kein Hahn, natürlich. Sie können sich in diesem Punkt +getrost meiner Erfahrung überlassen, lieber Bürgermeister. +Der Umstand, daß Hockenjos tot ist, verschafft ihm einen +unbeschränkten Kredit an guter Meinung. Ich kannte eine +ganze Reihe von Idioten, die bloß dem Zufall, daß sie +gestorben waren, Bewunderer und Anhänger zu verdanken +hatten. Dem Publikum sind nämlich die Künstler so ungeheuer +gleichgültig, daß man ihm, wenn einer stirbt, weismachen +kann, was man will. + + +_Karinkel_ + +Ich verstehe nicht viel von der Kunst, aber das eine muß man +doch von ihr fordern: daß sie den Menschen bessert und +erhebt. + + +_Mettenschleicher_ + +Das ist richtig, hat aber mit unserer Angelegenheit momentan +nichts zu schaffen. Sie müssen stark sein, lieber Freund. +Sie dürfen sich in Ihrer Überzeugung nicht erschüttern +lassen. + + +_Karinkel_ + +In welcher Überzeugung meinen Sie? + + +_Mettenschleicher_ + +In _Ihrer_ Überzeugung. Ein Mann hat doch nur eine. + + +_Karinkel_ + +(etwas stupid) + +So. -- Im allgemeinen bin ich ja stark. Aber einen Menschen +muß man doch haben, dem man sein Herz eröffnen kann. (Es +klopft.) Herein! + + +_Bienemann_ + +(kommt; schmaler gelbgesichtiger Mann von etwa dreißig +Jahren. Tartarenbart, Zwicker. Er hat das Phlegma +intelligenter Leute, die viele überflüssige und langweilige +Dinge reden müssen. Hinter diesem Phlegma verbergen sich +Neugier, Bosheit, Resignation und Menschenverachtung). + + +_Karinkel_ + +Guten Morgen, Bienemann! Sind Sie schon fertig? + + +_Bienemann_ + +Guten Tag, meine Herren. -- Ja, ich wollte noch einige Punkte +mit Ihnen besprechen ... + + +_Karinkel_ + +Darf ich die Herren miteinander bekannt machen, Redakteur +Bienemann, Professor Mettenschleicher von der königlichen +Akademie der bildenden Künste. + + +_Bienemann_ + +Freut mich, freut mich. + + +_Mettenschleicher_ + +Ich bin Ihnen für den schmeichelhaften Artikel im Tagesboten +sehr zu Danke verpflichtet, Herr Doktor. + + +_Bienemann_ + +Noch nicht, Herr Professor, noch nicht. + + +_Mettenschleicher_ + +(verdutzt) + +Was --? was, -- noch nicht? + + +_Karinkel_ + +(ebenso) + +Ja ... was -- noch nicht? + + +_Bienemann_ + +Noch nicht Doktor, meine ich. Die #Honoris causa# ist noch +nicht gegeben. Bienemann, ganz schmucklos Bienemann. + +Karinkel und Mettenschleicher + +(sehen einander an). + + +_Karinkel_ + +(mit dem Daumen über die Schulter weisend) + +Stolz? wie? Demokrat! Ganz schmucklos Bienemann! (Lacht.) +Ausgezeichnet! + + +_Mettenschleicher_ + +(geniert) + +Na, na! (Klopft Karinkel mit fürstlicher Leutseligkeit auf +die Schulter.) + +(Klapperlärm. Ein Kellner kommt mit einer Platte, auf der +das Frühstück in zwei Tellern dampft. Ein Amtsdiener eilt +geschäftig voraus und säubert den Tisch. Beide entfernen +sich wieder. Karinkel setzt sich mit strahlendem Gesicht, +bindet die Serviette um den Hals und vergißt alle Sorgen.) + + +_Bienemann_ + +Mein Artikel hat Ihnen also gefallen, Herr Professor? + + +_Karinkel_ + +(kauend; taktlos) + +Na, hören Sie, Bienemann, wenn mir so viele Elogen gemacht +würden, wäre ich auch nicht unzufrieden. Es war famos. Und +sehr aktuell. + + +_Bienemann_ + +Das schon; einige giftgeschwollene Schlangen können sich +nämlich nicht darüber beruhigen, daß das Denkmal so rasch +fertiggestellt worden ist. Vor sechs Wochen hatten wir die +Todesnachricht in der Zeitung, und heute thront bereits der +Marmor da draußen. Es ist ja wirklich die reine Hexerei. + + +_Karinkel_ + +(kauend) + +Was geht die Leute das an? -- Diese geschmorten Stückchen da +sind köstlich. Wollen Sie nicht zugreifen, Professor? Nein? +Schade. + + +_Bienemann_ + +(tut verlegen) + +Freilich, das sag ich auch. Aber ein Mensch wie ich besteht +aus lauter Ohren. Und so hör ich denn unter anderm das +blödsinnige Gerücht, daß das Denkmal schon vorher fertig +gewesen ist. + + +_Karinkel_ + +Wieso? Vor dem Tod des Hockenjos? Mit solchen Dummheiten +sollten Sie uns nicht kommen, Bienemann. Ich verstehe ja +nichts von der Bildhauerei, aber unser verehrter Meister +hier konnte doch nicht die Unsterblichkeit des Hockenjos +voraussehen. + + +_Bienemann_ + +Das sag ich auch; es sei denn, man macht Denkmäler auf +Lager. Was meinen Sie, Herr Professor? + + +_Mettenschleicher_ + +(windet sich) + +Ich will nicht hinterm Berg halten ... es hat mit dieser +Sache eine eigene Bewandtnis. Ich hatte doch, wie Ihnen +vielleicht erinnerlich ist, den Auftrag, ein Monument für +den verstorbenen Sanitätsrat Ulfinger zu schaffen -- + + +_Bienemann_ + +(roh) + +Der die Schweinereien gemacht hat ... + + +_Mettenschleicher_ + +Schweinereien ist eine etwas starke Bezeichnung. Er war ein +bedeutender Gelehrter, lebte aber leider Gottes über seine +Verhältnisse, und ein halbes Jahr nach seinem Tod kamen die +gefälschten Wechsel zum Vorschein. Es geschah alles, um den +Skandal zu vermeiden, schließlich drang die Geschichte doch +an die Öffentlichkeit, und das Denkmal konnte nicht +aufgestellt werden. Meine ganze Arbeit war umsonst, der +Marmor lag da -- + + +_Bienemann_ + +Außerordentlich interessant! + + +_Mettenschleicher_ + +Und da traf ich gerade unsern Freund Karinkel, der den noch +unbestimmten Plan hegte, etwas zur Verschönerung des +hiesigen Stadtbildes zu tun. + + +_Bienemann_ + +Aha! und weil der Hockenjos eben das Zeitliche gesegnet +hatte -- + + +_Mettenschleicher_ + +Ja, so kamen wir überein -- + + +_Karinkel_ + +(dankbar) + +Sie waren es, teurer Meister, der mir die Idee gab! + + +_Bienemann_ + +Wirklich, eine Fügung des Himmels, dieses Zusammentreffen +der Umstände! Da hat also der gute Hockenjos quasi ein von +Herrschaften abgelegtes Denkmal bekommen. + + +_Karinkel_ + +(zornig) + +Witzeln Sie nicht, Bienemann. + + +_Bienemann_ + +Aber Sie mußten doch Ihrem marmornen Sanitätsrat einen +andern Kopf aufsetzen --? + + +_Mettenschleicher_ + +War merkwürdigerweise überflüssig. Die beiden Leute hatten +eine gewisse Ähnlichkeit. Beide groß, ziemlich fett, +langbärtig ... Außerdem, ein Denkmal ist doch ein Symbol. + + +_Bienemann_ + +Toll! einfach toll! Man lernt nie aus. + + +_Mettenschleicher_ + +Ich rechne selbstverständlich auf Ihre Diskretion. Außer +Ihnen beiden weiß nur noch mein erlauchter Freund, der Prinz +Albert, davon, ohne dessen Rat und Zustimmung ich etwas +Derartiges überhaupt nicht unternehmen würde. + + +_Bienemann_ + +Das ist derselbe, der heute zur Enthüllung kommt? + + +_Mettenschleicher_ + +Derselbe. Er liebt die schönen Künste. Sie können sicher +sein, daß er auch auf Sie ein Auge haben wird. + + +_Bienemann_ + +(verbeugt sich) + +Oh! Danke sehr. -- Müssen Sie nicht auf den Bahnhof, Herr +Bürgermeister? + + +_Mettenschleicher_ + +Seine königliche Hoheit trifft ja erst um zwölf Uhr ein. + + +_Karinkel_ + +Ja, aber um viertelzwölf kommt der Regierungspräsident. Weiß +der Stadtrat Hannewickel, daß er sich mit den +Ehrenjungfrauen aufzustellen hat? + + +_Bienemann_ + +Die Ehrenjungfrauen und der Veteranenverein sind schon in +vollem Wichs. + + +_Mettenschleicher_ + +Noch einen Vorschlag, meine Herren. Wie wäre es, wenn man +heute noch ein Extrablatt drucken ließe, durch dessen Inhalt +das Volk einige Aufklärung über die künstlerischen +Verdienste des Malers Hockenjos erhielte? + + +_Karinkel_ + +Nicht schlecht ... + + +_Mettenschleicher_ + +Es ist in dieser Beziehung vieles versäumt worden -- + + +_Karinkel_ + +Und man könnte die Verleumder damit zum Schweigen bringen. +Nicht schlecht. Was meinen Sie, Bienemann? + + +_Bienemann_ + +Ein ziemlich teurer Spaß. Es fragt sich, ob die Interessen, +die dabei im Spiele sind, eine solche Ausgabe fordern. + + +_Karinkel_ + +Es sind _ideale_ Interessen, mein Lieber. Dafür ist nichts +zu teuer. + + +_Bienemann_ + +Ideale Interessen? Entschuldigen Sie, meine Herren, aber an +ideale Interessen glaub ich nicht. Sie auch nicht. Das +Publikum auch nicht. Das ist eben das Heikle mit den idealen +Interessen, daß niemand daran glaubt, weil zu viele ihren +Vorteil daraus ziehen. + + +_Karinkel_ + +Pfui, Bienemann! Beständig gießen Sie Ihr nüchternes Öl in +die Wogen unserer Begeisterung. + + +_Bienemann_ + +Das ist mein Beruf. + + +_Mettenschleicher_ + +Ein trauriger Beruf. + + +_Bienemann_ + +Sie dürften damit den Nagel auf meinen Kopf getroffen haben, +Herr Bürgermeister. Wer mit Papier gefüttert wird, dem +wachsen keine Blumen auf der Zunge. + + +_Karinkel_ + +Wenn Ihnen an meinem ferneren Vertrauen gelegen ist, so +unterstützen Sie uns jetzt mit allen Ihren Kräften, +Bienemann. + + +_Bienemann_ + +Ich soll also gewissermaßen die öffentliche Meinung +beruhigen ... + + +_Mettenschleicher_ + +Ja ... wenn Sie es so betrachten ... obwohl, -- öffentliche +Meinung gibt es nicht. + + +_Karinkel_ + +(bürstet seine Kleider) + +Die öffentliche Meinung sind wir. + + +_Mettenschleicher_ + +Öffentliche Meinung ist die Konspiration der Dummköpfe. + + +_Bienemann_ + +Die Herren sind entschlossen, wie ich sehe. Allen Respekt. +Nun, was an mir liegt, soll geschehen. Die Druckerpresse hat +schon ganz andere Dinge gerechtfertigt als Denkmäler. Die +Ingredienzen, aus denen man den Brei der +Zeitungsunsterblichkeit kocht, sind billig zu haben. Die +Hauptsache ist der Superlativ. Das ist das Universalrezept. +Der Superlativ ist für den Leser, was neunzigprozentiger +Fusel für einen Gewohnheitstrinker ist. Leider nützen sich +die Superlative jetzt so stark ab, daß eine neue Steigerung, +ein Über-Superlativ eine wahre Wohltat für die Menschheit +wäre. + + +_Karinkel_ + +Das ist mir zu hoch, davon versteh ich nichts. + + +_Bienemann_ + +Na, schön. Ich will Ihnen einen Hockenjos hinstellen, der +sich gewaschen hat. Ich werde Ihnen mit einer Verklärung +aufwarten, daß der Mann in seinem Grab noch Lust zu einer +Himmelfahrt bekommt. Ich tue einfach, als ob Tizian ein +Zimmermaler und Feuerbach der kleine Moritz gegen ihn wäre. + + +_Mettenschleicher_ + +Ich hoffe, daß diese Übertreibungen nur Ausflüsse einer +momentanen Laune sind. + + +_Bienemann_ + +Nein, Herr Professor. Sie kennen den Abonnenten nicht. Wenn +man dem Abonnenten einen neuen Mann glaubhaft machen will, +muß man erst einen alten in Stücke reißen. Der Abonnent ist +grausam, er will Blut sehen. + + +_Karinkel_ + +Ich denke, wir überlassen Bienemann da am besten seinem +Genius. + + +_Bienemann_ + +Keinesfalls werde ich etwas davon wissen, daß der arme +Hockenjos in unserer Mitte beinahe verhungert ist. Daß er +mit Hohn abgefertigt wurde, als er sich vor vier Jahren um +das Staatsstipendium bewarb. Apropos, waren Sie es nicht +selbst, Herr Professor, der diese Sache damals +hintertrieb --? + + +_Mettenschleicher_ + +(ärgerlich) + +Mein Gott ja, ... ich kann nicht leugnen ... der Mann war mir +_persönlich_ unsympathisch. + + +_Karinkel_ + +(ebenso) + +Wozu kramen Sie denn die alten Sachen aus? + + +_Bienemann_ + +Ich werde auch davon schweigen, daß das Publikum vor seinen +Bildern Lachkrämpfe bekam und der Magistrat ihm das Atelier +auf der Schanze kündigen ließ, aus Gründen, die der Anstand +zu erwähnen verbietet. + + +_Karinkel_ + +(wie oben) + +Das war wegen der Modelle. Aber die Kunst, lieber Bienemann, +wie soll ich sagen, die Kunst braucht eben keine Moral. + + +_Mettenschleicher_ + +Na! na! Da muß ich bitten -- + + +_Karinkel_ + +Das heißt, ich meine: die Moral braucht keine Kunst. + + +_Bienemann_ + +Um seine Auswanderung plausibel zu machen, werde ich sagen, +daß ihn malerische Probleme in die Tropen zogen. + + +_Karinkel_ + +Sehr gut. + + +_Bienemann_ + +Und während er das Gefieder der Paradiesvögel studierte, um +bisher unerhörte Farbenmischungen für seine Palette zu +gewinnen, haben ihn die Eingeborenen erschlagen und +verspeist. + + +_Karinkel_ + +(der sich die Zähne stochert, erschrocken) + +Verspeist --? + + +_Bienemann_ + +Höchstwahrscheinlich. + + +_Karinkel_ + +Wissen Sie was? Setzen Sie sich gleich hier an meinen +Schreibtisch und fangen Sie an. (Das Telephon klingelt, er +eilt hin.) Hier Karinkel! Ja? Ja. Bitte. -- In der Redaktion +will man Sie sprechen, Bienemann. (Während Bienemann zum +Apparat geht.) Für uns ist es jetzt Zeit, lieber Professor. + + +_Mettenschleicher_ + +Also gehen wir. + + +_Bienemann_ + +(am Telephon) + +Hier Bienemann. (Pause.) + + +_Karinkel_ + +(setzt sich den Zylinder auf) + +Ich bin neugierig, ob der Präsident eine Rede halten wird. + + +_Mettenschleicher_ + +Er kann Seiner königlichen Hoheit nicht vorgreifen. + + +_Bienemann_ + +(am Telephon) + +Unsinn! -- Wie? Gesehen worden? Wo? In Aßmannshausen? Da lebt +ja die Frau jetzt? So. Einen Liebhaber. So. Natürlich. +Durchgeprügelt? Nein! Nicht möglich! Da hat man Ihnen einen +Bären aufgebunden. Einen Bä--ren! Das wäre ja unerhört. + + +_Karinkel_ + +Was ist denn los? + + +_Bienemann_ + +(am Telephon) + +Ich gebe nichts auf solche Gerüchte. Schicken Sie einen +verläßlichen Menschen hin. Schluß! (Läutet ab.) Recht +heiter. Der Hockenjos soll in Aßmannshausen gesehen worden +sein. + + +_Karinkel_ + +(wie erstarrt) + +Um Gottes willen, Mensch, was reden Sie da! + + +_Mettenschleicher_ + +Das fehlte nur noch! + + +_Bienemann_ + +Er soll seine Gattin mit einem Viehhändler erwischt und den +Galan windelweich geschlagen haben. + + +_Karinkel_ + +Aber lieber Bienemann, -- das ist ja um den Verstand zu +verlieren ... + + +_Bienemann_ + +Ich halte das Ganze für einen blinden Alarm. + + +_Karinkel_ + +Sie nehmen mir einen Stein vom Herzen. + + +_Bienemann_ + +Man will uns ins Bockshorn jagen. + + +_Mettenschleicher_ + +Eine Frivolität sondergleichen. + + +_Bienemann_ + +Kümmern wir uns nicht darum. + + +_Karinkel_ + +Wenn aber doch was Wahres dran ist ... + + +_Bienemann_ + +Bah! meine Informationen waren immer verläßlich. Wenn der +Tagesbote jemand als tot meldet, dann ist er tot. + + +_Karinkel_ + +Es ist höchste Zeit. Wir müssen zur Bahn. Machen Sie sich +nur gleich an die Arbeit, Bienemann. Lassen Sie uns nicht im +Stich. + + +_Bienemann_ + +Auf Wiedersehen, meine Herren. + + +_Karinkel und Mettenschleicher_ + +(ab). + + +_Bienemann_ + +(setzt sich vor den Schreibtisch, zündet eine Zigarre an; +behaglich) + +Was der Sybarit für einen weichen Lehnsessel hat! Wenn ich +nicht Bienemann wäre, möchte ich Karinkel sein. (Legt das +Papier zurecht.) Los also! Her mit euch, ihr bebänderten +Adjektiva und geschniegelten Substantiva! ihr großmäulichen +Interjektionen und schmetternden Exklamationen! ihr +Metaphern, Hyperbeln und Epitheta! Ich rühr euch zusammen +wie Mandeln und Rosinen in einem Kuchenteig, von dem die +ganze Welt Verdauungsbeschwerden kriegt. + + +_Abendrot_ + +(tritt mit verstörtem Gesichtsausdruck unter die Türe; +winkt) + +Herr Bienemann! -- Herr Bienemann! + + +_Bienemann_ + +Was gibt's? Ich habe keine Zeit. + + +_Abendrot_ + +(flüsternd) + +'s isch was Schreckliches passiert, Herr Bienemann ... + + +_Karinkel_ + +(kommt im Sturmschritt zurück, den Zylinder schief auf dem +Kopf) + +Bienemann, wir sind verloren! + + +_Mettenschleicher_ + +(seine Würde mühsam bewahrend, ist Karinkel gefolgt) + +Eine Katastrophe! + + +_Karinkel_ + +(mehr heulend als redend) + +Der Abendrot hat ihn zuerst gesehen. In der Bahnhofsstraße +hat er ihn gesehen. Mitten unter den Leuten. + + +_Bienemann_ + +Und hat ihn jemand erkannt? + + +_Abendrot_ + +Noi, noi ... + + +_Bienemann_ + +War er allein? + + +_Abendrot_ + +Ganz alleine. + + +_Mettenschleicher_ + +Was für Maßregeln gedenken Sie zu treffen? + + +_Karinkel_ + +Er muß auf der Stelle fort. + + +_Bienemann_ + +Ist bis jetzt etwas unternommen worden? + + +_Karinkel_ + +Kommissär Binder ist mit zwei Wachleuten ausgerückt. +Hoffentlich gelingt es, den Kerl festzuhalten. + + +_Mettenschleicher_ + +Es ist eine entsetzliche Blamage. + + +_Karinkel_ + +Ich lasse ihn einsperren. + + +_Bienemann_ + +Überlegen wir die Sache gut, meine Herren, sonst kann's uns +an den Kragen gehn. + + +_Karinkel_ + +(wild) + +Lassen Sie mich in Frieden mit Ihrem Kragen, Sie, Sie ... +Unerschütterlicher! + + +_Mettenschleicher_ + +Es gibt nicht viel zu überlegen, hier heißt es handeln. + + +_Bienemann_ + +Also handeln wir. + + +_Karinkel_ + +Tun Sie mir nur den Gefallen, lieber Professor, und +empfangen Sie den Präsidenten. Der Zug muß ja jeden Moment +eintreffen. Irgend ein Würdenträger muß ihn doch begrüßen. +(Das Telephon klingelt.) Großer Gott, was ist denn das schon +wieder? (Bienemann eilt zum Telephon.) + + +_Mettenschleicher_ + +Gut ich gehe. (Ab. Ein Polizist tritt unter die offene Tür.) + + +_Bienemann_ + +(am Telephon) + +Ja? -- Ja! Eine Stunde früher? Danke. Schluß. (Läutet ab.) +Der Hoftrain mit dem Prinzen trifft also um eine Stunde +früher ein. + + +_Karinkel_ + +(der mit dem Polizisten gesprochen hat) + +Also der Kommissär Binder hat den Hockenjos verhaftet und +ihn gleich in einen Wagen setzen lassen. Er ist jetzt in der +Wachtstube. + + +_Bienemann_ + +Dort kann er nicht bleiben. + + +_Karinkel_ + +Wie sagten Sie? Der Hofzug kommt um eine Stunde früher? Dann +ist ja kein Augenblick mehr zu verlieren. Es ist elf Uhr. +Mir ist ganz wirblig im Kopf. Wenn ich nur wüßte, wer an +alledem schuld ist! (Ausbrechend.) Sie sind schuld, +Bienemann! Sie haben seinerzeit die schwindelhafte +Todesnachricht in die Zeitung gebracht. + + +_Bienemann_ + +Ich weise Ihre Anschuldigungen zurück. Meine Pflicht ist zu +schweigen und zu schreiben, aber nicht den Sündenbock zu +machen. + + +_Karinkel_ + +Sie sind ein ganz gefährliches Subjekt. + + +_Bienemann_ + +(verdrossen) + +Ich bin kein Subjekt, ich bin ein Prinzip. + + +_Karinkel_ + +Großer Gott, warum hast du mir das angetan! Bienemann, +liebster Herzensbienemann, laufen Sie schleunigst auf die +Wache. Sehen Sie zu, daß keine Dummheit begangen wird. Keine +Menschenseele darf dem Hockenjos nahe kommen. Niemand darf +mit ihm sprechen. Nehmen Sie noch ein paar Polizeileute zu +Hilfe. Nötigenfalls lassen Sie ihn binden -- + + +_Bienemann_ + +In Ketten legen -- + + +_Karinkel_ + +Was Sie wollen ... (Man vernimmt Glockenläuten.) Um Himmels +willen, mir scheint, der Hofzug fährt schon ein. Ich komme +zu spät. (Ab.) + + +_Bienemann_ + +Es ist am besten, wir lassen den Delinquenten hierher +transportieren. Hier ist er am sichersten. + + +_Abendrot_ + +Da hawe Se recht, Herr Bienemann. + + +_Bienemann_ + +Rennen Sie hin und sagen Sie es dem Binder. + + +_Abendrot_ + +(zur Tür, lauscht, kehrt um) + +Er bringt ihn schon von selber, der Kommissar ... + + +_Bienemann_ + +Na, der Mann denkt wenigstens. Denkende Menschen ersparen +einem immer Laufereien. (Hockenjos und Kommissar Binder +kommen.) + + +_Binder_ + +So, Meister Hockenjos. Jetzt habe ich Ihren Wunsch, Sie aufs +Bürgermeisteramt zu führen, erfüllt, nun müssen Sie sich +aber auch ganz ruhig verhalten. + + +_Hockenjos_ + +(großer, breitschultriger Mann. Haar und Bart sind stark +ergraut. Er spricht schwer, aber nachdrücklich, in tiefem, +meist humoristisch sordiniertem Baß; trägt vernachlässigte +Kleider, einen breitrandigen Filzhut) + +Der Teufel soll Sie holen, Mann! Können Sie auf eine +anständige Art erklären, weshalb Sie mich wie einen +Sträfling behandeln, he? + + +_Abendrot_ + +P--scht! p--scht! + + +_Binder_ + +Sie müssen sich den behördlichen Anordnungen fügen. + + +_Hockenjos_ + +Ich füge mich, weil es mir paßt. So steht die Sache. In die +Suppe werd' ich euch schon spucken, darauf könnt ihr euch +verlassen. Aber anders als ihr denkt. Wo ist denn der +Oberkoch? Ah, Herr Bienemann! Freut mich, Sie zu sehen, Herr +Redakteur. Sind Sie jetzt avanciert, weil Sie in der +Bürgermeisterkanzlei sitzen? + + +_Bienemann_ + +(schmunzelnd, süßlich) + +Sprechen wir nicht von mir, Meister Hockenjos. Die +interessante Person sind Sie. Wie kommen Sie denn her? von +wo? Sie erscheinen ja wie ... wie ... + + +_Hockenjos_ + +Wie das Gespenst am Hochzeitstag, jawohl. Aber ich fühle +mich gar nicht gespensterhaft. Zunächst will ich mich mal -- +unaufgefordert, Sie verzeihen schon -- hier niederlassen. +So. Hier sitze ich, ich kann nicht anders. + + +_Bienemann_ + +Bitte sehr. Ruhen Sie sich nur aus. (Zu Abendrot, leise.) +Suchen Sie den Bürgermeister auf und sagen Sie ihm, daß ich +ihn hier in Gewahrsam halte. Aber Vorsicht! -- (Zu Binder.) +Sie brauchen nicht hier zu bleiben. Es genügt, wenn Sie im +Korridor einen Polizeidiener als Wache aufstellen. Es soll +niemand hereingelassen werden. (Während Binder und Abendrot +abgehen.) Wie ich aus Ihrem Verhalten schließen darf, ist +Ihnen also die ganze Komplikation schon bekannt, Meister? + + +_Hockenjos_ + +Komplikation nennen Sie diese Schurkerei? Auch recht. + + +_Bienemann_ + +Nun, man meint es gut mit Ihnen. Man sorgt für Ihren +Nachruhm. + + +_Hockenjos_ + +Hanswurste seid ihr. + + +_Bienemann_ + +Unterschreib ich unbesehen. + + +_Hockenjos_ + +Aber mit meinem Leichnam werdet ihr nicht so kurzen Prozeß +haben wie mit meinem lebendigen Korpus. + + +_Bienemann_ + +Ich fürchte. Ich fürchte. Sie waren also in Aßmannshausen +bei Ihrer Frau? + + +_Hockenjos_ + +Reden Sie meinetwegen von meinem Nachruhm, Herr, obwohl das +ein Gemüse ist, das keinem mehr schmeckt, wenn man's ihm +auftischt, aber von meinem Weib reden Sie nicht. Die Fäuste +tun mir noch weh, und das ist alles, was ich an Erinnerung +behalten will. Ich sage Ihnen, ein Vieh ist der Mensch. +Allerwegen treibt's ihn zum Stall zurück. Und wenn draußen +die beste Weide ist, er denkt bloß an den Stall. Das +schönste Futter läßt er liegen, das ihm der Herrgott +spendet, und rennt zur Krippe, wo der Bauer spart und mit +der Peitsche knallt. + + +_Bienemann_ + +(echt) + +Ja, zum Henker, warum sind Sie denn nicht dort geblieben in +den wilden Gegenden, wenn es Ihnen schon nicht gefallen hat, +das Zeitliche zu segnen? Es wäre besser für Sie und für uns. +Jetzt haben wir bloß die Scherereien. + + +_Hockenjos_ + +Glauben Sie, ich hätte den Ehrgeiz, Ihnen Scherereien zu +ersparen? Im Gegenteil. Sie werden Ihre blauen Wunder +erleben. + + +_Bienemann_ + +(resigniert) + +Na, wohl bekomm's. + + +_Hockenjos_ + +Wie flink ihr seid, einen Toten leben zu lassen, während ihr +dem lebendigen Menschen die Haut abzieht! + + +_Bienemann_ + +Mein Gott, die Zivilisation bringt eben manchen Übelstand +mit sich. Sind Sie denn nun eigentlich dort unten gewesen +bei den wilden Völkern? + + +_Hockenjos_ + +Und ob, mein lieber Herr, und ob! War dabei, wie sechzig +wackere Burschen aufgerieben worden sind von den braunen +Satansbrüdern, und wäre nicht ein malaiisches Mädchen +gewesen, das mich auf Gebirgswegen zur Küste führte, dann +könnt ich heute eure Kirchweih dahier nicht stören. + + +_Bienemann_ + +Sie betrachten unsere Angelegenheit etwas zu vergnügt, +scheint mir. Da haben Sie wohl große Strapazen erlitten? +Aussehen tun Sie ja wie der leibhafte Odysseus. + + +_Hockenjos_ + +Was wollen Strapazen schließlich bedeuten? Ist eine +Herrlichkeit, wenn einem die Sonne immerfort bis in den +Magen leuchtet. Dort ist der Mann ein Mann. Von Polizei +nirgends die Spur. Und Blumen! und Vögel! und Bäume! Da weiß +man erst, was Gott der Herr erschaffen, und warum er am +siebenten Tag ausgeschnauft hat. Hier guckt einer dem andern +auf die Finger, und schockweis fressen sie aus demselben +Tiegel. Und ein Eifer, und ein Fleiß, und eine Wichtigkeit, +aber ist's denn irgend jemandem Ernst? Tinte schwatzen sie. + + +_Bienemann_ + +Ganz meine Meinung. + + +_Hockenjos_ + +Sie sind auch so ein Kalfakter. + + +_Bienemann_ + +Verurteilen Sie mich nicht. Ich diene dem Gemeinwohl. + + +_Hockenjos_ + +Gemeinwohl ... ein richtiges Tintenwort. + + +_Bienemann_ + +Durchaus nicht. + + +_Hockenjos_ + +Möchten Sie mir nicht erklären, was Sie unter Gemeinwohl +verstehen? + + +_Bienemann_ + +(trocken) + +Gemeinwohl ist das, was viele tun müssen, um einen einzelnen +zu fördern. + + +_Hockenjos_ + +Der Tausend! Mensch, Sie sind ja ein Zyniker! + + +_Bienemann_ + +Gott sei Dank, das bin ich. Diese Eigenschaft hab ich mir im +Umgang mit Leuten erworben, die sich dadurch von mir +unterscheiden, daß sie den Begriff Gemeinwohl anders +definieren. (Stimmenlärm von der Straße.) + + +_Hockenjos_ + +Jetzt geht's los da drunten. + + +_Bienemann_ + +Ja. Ich bin nur neugierig, was wir mit Ihnen da oben +anfangen werden. + + +_Hockenjos_ + +Ich auch. + + +_Bienemann_ + +Sie haben also keine bestimmte Vorstellung über Ihre +zukünftige Rolle bei dieser immerhin ungewöhnlichen +Verwicklung? + + +_Hockenjos_ + +Ich? Nein. Ich habe nur nicht die Absicht, mir meinen Platz +in der Welt so ohne weiters wegstibitzen zu lassen. Wenn's +auch nur ein ganz lumpiger Platz war, so ein +Fünfzigpfennigplatz, auf dem Olymp ... + + +_Bienemann_ + +Das kann ich Ihnen nachfühlen. Als deklarierter Toter lebt +sich's nicht sehr bequem. + + +_Hockenjos_ + +Und noch dazu auf solche Manier deklariert ... (Erregt +sich.) Wenn ihr wenigstens das Denkmal von einem anständigen +Kerl hättet machen lassen. Aber von diesem Zuckerbäcker, dem +Mettenschleicher! diesem Pfründner, der von der Kunst +ungefähr so viel versteht wie ich vom Koloratursingen, +diesem Eunuchen, der mit seiner Nase immer an den +unanständigsten Gegenden prinzlicher Personen schnuppert, -- +daß ihr mich von dem habt verewigen lassen, das wurmt mich. + + +_Bienemann_ + +Wir haben halt Pech mit Ihnen. Jetzt ist es zu spät. + + +_Hockenjos_ + +Mir wird schon übel, wenn ich das Zeugs da unter den Hüllen +sehe. Wahrscheinlich so ein Marzipan-Engel, was? + + +_Bienemann_ + +Natürlich, was glauben Sie denn! Wir werden uns doch die +Muse nicht entgehen lassen, die den Künstler auf die Stirne +küßt! + + +_Hockenjos_ + +Und mit zwei Flügeln, was? + + +_Bienemann_ + +Zwei Flügel. Ganz richtig. Wie sich's gehört. + + +_Hockenjos_ + +O, du Schuft! + + +_Bienemann_ + +Achtung, jetzt hör ich den Bürgermeister kommen. + + +_Karinkel_ + +(stürzt in höchster Eile herein) + +Das ist er also! (Starrt Hockenjos an.) + + +_Hockenjos_ + +(ironisch) + +So echauffiert, Herr Bürgermeister? + + +_Karinkel_ + +Sie spotten wohl? Mir ist gar nicht spötterisch zumut. + + +_Hockenjos_ + +(brüsk) + +Was steht dem Herrn zu Diensten? + + +_Karinkel_ + +(wischt den Schweiß von der Stirn) + +Es wird Ihnen doch bekannt sein, daß wir eben im Begriff +sind, die Enthüllung Ihres Denkmals zu feiern. + + +_Hockenjos_ + +Jawohl. Ist mir zu Ohren gekommen. Das ist auch der Grund, +weshalb ich da bin. + + +_Karinkel_ + +(einschmeichelnd) + +Sie werden doch einsehn, lieber Meister, daß Sie unmöglich +in der Stadt bleiben können. + + +_Hockenjos_ + +Sehe ich ohne weiters ein. + + +_Karinkel_ + +(hocherfreut) + +Das lob ich mir. Sie sind ein prächtiger Mensch. + + +_Hockenjos_ + +Gewiß. Man muß bei mir nur den Herzpunkt treffen. + + +_Karinkel_ + +Es wäre ja auch ein Mord, lieber Freund, ein moralischer +Mord. + + +_Hockenjos_ + +Ei wieso denn? + + +_Karinkel_ + +Sehr einfach. Jeder, der über diesen Platz an diesem Denkmal +vorübergehen wird, eifert Ihnen nach, schaut zu Ihnen +hinauf, bringt ebenfalls Großes hervor und nützt so wieder +seinen Mitbürgern und der Stadt. + + +_Hockenjos_ + +Das leuchtet mir beinahe ein. + + +_Bienemann_ + +Es ist so klar wie zweimalzwei. + + +_Karinkel_ + +(immer eifriger) + +Sie sind heute ... wie alt sind Sie? + + +_Hockenjos_ + +Vierundfünfzig. + + +_Karinkel_ + +Vierundfünfzig. Wie alt wird der Mensch? Siebzig. Sagen wir +fünfundsiebzig. + + +_Hockenjos_ + +Gut. Sagen wir fünfundsiebzig. + + +_Karinkel_ + +Wegen dieser erbärmlichen zwanzig Jahre wollen Sie Ihre +Unsterblichkeit aufs Spiel setzen? + + +_Hockenjos_ + +Hm ... Finden Sie nicht, daß ein Sperling in der Hand besser +ist -- + + +_Karinkel_ + +Nein, nein, nein, vom idealen Standpunkt nein. + + +_Bienemann_ + +Durchaus nicht. + + +_Hockenjos_ + +Was habe ich also nach Ihrer Ansicht zu tun? + + +_Karinkel_ + +Sie müssen fort. + + +_Hockenjos_ + +Es haben mich aber doch einige Leute gesehen ... + + +_Karinkel_ + +Das macht nichts; wir geben Sie für Ihren Doppelgänger aus. +Wir bringen in der Zeitung eine kleine scherzhafte Notiz. +Nicht wahr, Bienemann? Wir nennen ihn Mister Koch aus +Pennsylvanien. Hahaha! + + +_Bienemann_ + +Das geht, das geht. »Ein heiteres Spiel des Zufalls fügte +es« -- und so weiter. + + +_Karinkel_ + +Sie müssen Deutschland verlassen. + + +_Hockenjos_ + +Mit Vergnügen. + + +_Karinkel_ + +Sie müssen Europa den Rücken kehren. + + +_Hockenjos_ + +Mehr kann ich aber unmmöglich für Sie tun. + + +_Karinkel_ + +(glücklich) + +Sie sind ein Engel von einem Mann. Mit Ihnen kann man ja +ausgezeichnet reden. Da sieht man erst, wie schlecht man im +Leben einander kennen lernt. + + +_Hockenjos_ + +Langsam, langsam, bester Herr -- + + +_Karinkel_ + +Sie fahren also nach Amerika. Sie benutzen den Schnellzug, +der um drei Uhr hier hält. Die Reisekosten -- + + +_Hockenjos_ + +Langsam. Jetzt komme ich. + + +_Karinkel_ + +Die Reisekosten zahlen wir selbstverständlich -- + + +_Hockenjos_ + +So billig denken Sie mich loszuwerden? + + +_Karinkel_ + +Na ja, man kann noch ein Übriges tun ... + + +_Bienemann_ + +(aus dem Hinterhalt hetzend) + +Ein kleines Douceur ... + + +_Hockenjos_ + +Ihre Propositionen haben Sie gemacht. Jetzt will ich die +meinen machen. + + +_Karinkel_ + +(ängstlich) + +So ... Sprechen Sie nur frei von der Leber weg. + + +_Hockenjos_ + +Wie viel hat Sie der Marmorhaufen da draußen gekostet? + + +_Karinkel_ + +Viel Geld; schändlich viel! + + +_Hockenjos_ + +Na ... dreißigtausend --? + + +_Karinkel_ + +Mehr! + + +_Hockenjos_ + +Also. Ich verlange nur so viel. + + +_Karinkel_ + +(wie mit der Nadel gestochen) + +Was? Sie sind toll! + + +_Hockenjos_ + +Kommt denn das gegen die Unsterblichkeit in Betracht, +verehrter Bürgermeister? + + +_Karinkel_ + +Mensch, es handelt sich ja um _Ihre_ Unsterblichkeit! + + +_Hockenjos_ + +Mit der _Sie_ ein Geschäft machen wollen. So viel wie Sie +für mein Denkmal ausgegeben haben, lieber Herr, habe ich +mein ganzes Leben lang mit meiner Hände Arbeit nicht +verdient. Ich verkaufe Ihnen meinen Leichnam für weniger +Geld als Sie für seine Glorifikation ausgegeben haben. Ist +das nicht kulant? Sie haben ja eine Ausstellung meiner +Bilder veranstaltet. Sie haben ja allen möglichen +blumeranten Quatsch darüber schreiben lassen. Die Bilder +gehören Ihnen. Bezahlen Sie sie mir, so daß ich endlich +einmal leben kann, denn hierzulande hab ich bis jetzt kein +Leben geführt. + + +_Karinkel_ + +(jammernd) + +Aber, Mann! was kümmern mich Ihre Bilder! + + +_Hockenjos_ + +Endlich ein Wort aus dem Herzen. Also kurz und bündig, Herr: +ist Ihnen meine Willfährigkeit so viel wert oder nicht? Den +Hanswurst spiel ich nimmer länger. + + +_Karinkel_ + +(verzweifelt) + +Wo soll ich so eine Menge Geld hernehmen? Bienemann helfen +Sie mir doch! Überreden Sie ihn doch -- + + +_Hockenjos_ + +(greift nach seinem Hut) + +Genug geredet. Ich werde jetzt eine kleine Unterhaltung mit +meinem -- Doppelgänger führen. + + +_Karinkel_ + +Halt! halt! Ich will ja ... genügt eine Sicherstellung des +Kapitals? + + +_Hockenjos_ + +Die genügt. (Sehr ernst.) Wenn ich nur was Sicheres habe. +Was Sicheres brauch ich jetzt. Brot! Und Frieden. + + +_Karinkel_ + +(das Folgende sehr rasch) + +Man muß eine Anleihe aufnehmen. + + +_Bienemann_ + +Gibt es keine geheimen Fonds? + + +_Karinkel_ + +Wenn wir nur ein paar reiche Juden hätten ... + +(Beißt sich in die Finger.) + + +_Bienemann_ + +Zu überlegen ist keine Zeit. + + +_Karinkel_ + +Ich habe eine Idee. Ich beantrage im Gemeinderat den Bau +eines Hockenjos-Museums, und das Geld verwend' ich +einstweilen, um den Mann zu befriedigen. + + +_Bienemann_ + +Vortrefflich. Rechnen Sie auf mich. + + +_Hockenjos_ + +(am Fenster, mit Blick gegen das Denkmal) + +Da faseln sie von Kunst. Von Kunst faseln sie, die Hunde. +Ruhm! Ha. Mich verlangt nach keinem Ruhm. Selbst wenn's +ernst damit wäre. Alle Vorbehalte gehn dabei flöten. Ich +will meine Vorbehalte haben. Will nicht von jedem Narren +angesturt werden. Da ist man ja wie das Tor von einem +Pfandhaus. Ich pfeif auf die Kunst. Sie ist viel zu groß für +den schwachen Schädel. Kannst du den Großen groß sein? Die +wandeln im Elysium, während du im Dreck kutschierst. +Nützlich muß man sein. Und kaltblütig. Adieu, Städtchen! +Dieses Amerika ist ja bloß ein paar Stunden weit von hier. +Am Samstag, eh ich sterbe, komm ich mal übern Sonntag +herüber. + + +_Karinkel_ + +(hat die Tür geöffnet, Abendrot hereingewinkt und mit ihm +lebhaft geflüstert. Abendrot nickt mehrmals und geht wieder +hinaus, Karinkel zu Hockenjos) + +Vom Fenster weg, um aller Heiligen willen! + + +_Hockenjos_ + +(gemächlich) + +Aber lieber Herr, wer denkt denn da drunten an mich! + + +_Karinkel_ + +Also, es wird alles geordnet. Nur noch eine Bedingung habe +ich zu stellen. + + +_Hockenjos_ + +Die wäre --? + + +_Karinkel_ + +Sie müssen sich den Bart abrasieren lassen. + + +_Hockenjos_ + +Wenn es sein muß -- (Abendrot kommt mit einer Seifenschüssel, +Pinsel und Rasiermesser.) + + +_Karinkel_ + +Es muß sein. Ich habe schon mit Abendrot gesprochen. Er +versteht sich auf die Hantierung. Wir dürfen keinen Fremden +mehr ins Vertrauen ziehn. + + +_Kommissär Binder_ + +(kommt) + +Herr Bürgermeister, es ist die höchste Zeit. Der Herr +Professor Mettenschleicher führt soeben Seine königliche +Hoheit zum Festplatz. + + +_Karinkel_ + +Ich komme. + + +_Bienemann_ + +(am Fenster) + +Das Volk ist schon versammelt. + + +_Karinkel_ + +Geben Sie mir das Konzept meiner Rede, Bienemann. + + +_Bienemann_ + +Jaso, die Festrede. Hier. (Reicht ihm das Manuskript.) + + +_Karinkel_ + +Wie seh ich aus? + + +_Bienemann_ + +Tadellos. + + +_Karinkel_ + +Ist es wahr, Binder? Keine Flecken? + + +_Binder_ + +Da am Knie ist ein Spritzer ... (Bückt sich, reibt.) + + +_Bienemann_ + +Von der Bratensauce. + + +_Karinkel_ + +Schnell, schnell. Kommen Sie, Binder. Und Sie Bienemann, +bleiben hier und passen gut auf. (Ab mit Binder.) + + +_Abendrot_ + +Wolle Se gefälligst Platz nehme, Herr? + + +_Hockenjos_ + +(setzt sich; zu Bienemann) + +Sie sind also der Verfasser der Festrede? + + +_Bienemann_ + +Jawohl. Ich bin des Bürgermeisters Tintenfaß. Er +verschwendet geradezu meinen Geist. Eines Tages werde ich +wegen Gehirnschwund der Armenkasse zur Last fallen. +Vielleicht bekomm ich dann auch einen Denkstein. Die +Inschrift wird lauten: Dem treuen Hohlkopf Bienemann sein +väterlicher Blutegel Karinkel. + + +_Hockenjos_ + +Der Mann ist sehr strebsam. + + +_Bienemann_ + +Strebsam, ja; das ist er. Für mich ist er vorbildlich. +Geradezu ein Gattungsbegriff. Er war ein einfacher +Schneider. + + +_Hockenjos_ + +(bereits mit abgeschnittenem Bart) + +Davon hat er was beibehalten. + + +_Bienemann_ + +Die ganze Stadt könnte man Karinkelei nennen. Der Schneider +siegt auf der ganzen Linie. + + +_Hockenjos_ + +Sie sind bitter. + + +_Bienemann_ + +Bitter und (mit Blick auf Abendrot) unvorsichtig. +(Musiktusch von draußen.) Aha, der Prinz! + + +_Hockenjos_ + +Na, Abendrot, was denken denn Sie bei dem Rummel? + + +_Abendrot_ + +(einseifend) + +Ich hab mer nie Gedanke gemacht über meine vorgesetzte +Behörde. + + +_Stadtrat Hannewickel_ + +(tritt ein; ein schlottriger, schwerhöriger Greis) + +Entschuldige die Herre, ich möcht mir die Festlichkeit von +owe ansehe. (Stutzt.) No, no, was isch denn das? + + +_Bienemann_ + +(ihm ins Ohr schreiend) + +Ein berühmter Zeitungsberichterstatter aus Amerika, Herr +Stadtrat. Hat Eile, will dem Prinzen vorgestellt werden. Muß +sich hier rasieren lassen. Mister Koch -- Herr Stadtrat +Hannewickel. + + +_Hannewickel_ + +Merkwürdig, merkwürdig ... + + +_Hockenjos_ + +#How do you do,# Sir? + + +_Bienemann_ + +(ihm ins Ohr) + +Er erkundigt sich nach Ihrem Befinden. + + +_Hannewickel_ + +Dank schön. Dank schön. (Geht ans Fenster, öffnet es.) + + +_Stimme Karinkels_ + +Zum ersten Mal tritt die hohe Aufgabe an uns heran, dem +Namen eines Mitbürgers zu huldigen, eines Mannes, der in +unserem engsten Kreis gestrebt und geschaffen hat, eines +großen, gottbegnadeten Künstlers. + + +_Abendrot_ + +Sie müsse den Kopf e bissele rechts halte ... + + +_Stimme Karinkels_ + +Wir sehen noch im Geist seine herrliche Gestalt durch unsere +Gassen schreiten, wir können sein feuriges Auge nicht +vergessen, wir spüren noch mit Ehrfurcht den Hauch seiner +Gegenwart, die uns erhoben und über den Alltag entrückt +hat ... + + +_Hockenjos_ + +Daß dich der Satan beiße ... + + +_Abendrot_ + +Nu müsse Se 'n Kopf e bissele links halte ... + + +_Hannewickel_ + +(zu Bienemann) + +Wie heischt jetz der Künschtler, dem Se's Denkmal g'setzt +hawe? + + +_Bienemann_ + +(schreit ihm ins Ohr) + +Hockenjos! + + +_Hannewickel_ + +Richtig. Ich hab halt gar koi Gedächtnis mehr. Drei Sachen +kann i mir überhaupt nimmer merke. Erschtens Zahlen. +Zweitens Namen. Drittens ... Herrjeses, 's dritte haw' i +vergessen. + + +_Karinkels Stimme_ + +Der Ruhm seines lichtstrahlenden Pinsels wird durch die +Zeiten schimmern und unsern Söhnen ein Vorbild sein -- -- -- -- + +(Der Vorhang fällt.) + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch +wurde auf Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die +nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber +dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +S. 021: sind die Geschehnisse wie Träume .. -> ... +S. 021: Erzähle, Fedor Alexandrowitsch .. mir -> ... +S. 050: die um Iwan wissen .. -> ... +S. 062: Gleich darauf -> (Gleich darauf) +S. 076: Die schönste die vornehmste -> schönste, die vornehmste +S. 098: Händen anf dem Rücken -> auf +S. 099: konnt' es doch nicht durft' es doch nicht kommen -> nicht, durft' +S. 173: geht nruhig auf und ab. -> unruhig +S. 174: Pünklichkeit -> Pünktlichkeit +S. 193: Herrlicheit -> Herrlichkeit +S. 277: Begriff Geweinwohl -> Gemeinwohl + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. +Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans +of a first edition copy. The table below lists all +corrections applied to the original text. + +p. 021: sind die Geschehnisse wie Träume .. -> ... +p. 021: Erzähle, Fedor Alexandrowitsch .. mir -> ... +p. 050: die um Iwan wissen .. -> ... +p. 062: Gleich darauf -> (Gleich darauf) +p. 076: Die schönste die vornehmste -> schönste, die vornehmste +p. 098: Händen anf dem Rücken -> auf +p. 099: konnt' es doch nicht durft' es doch nicht kommen -> nicht, durft' +p. 173: geht nruhig auf und ab. -> unruhig +p. 174: Pünklichkeit -> Pünktlichkeit +p. 193: Herrlicheit -> Herrlichkeit +p. 277: Begriff Geweinwohl -> Gemeinwohl + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text +has been replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of Project Gutenberg's Die ungleichen Schalen, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNGLEICHEN SCHALEN *** + +***** This file should be named 19940-8.txt or 19940-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/9/9/4/19940/ + +Produced by Markus Brenner, Marina Lukas and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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