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+The Project Gutenberg eBook, Hansi, by Ida Frohnmeyer, Illustrated by
+Hedwig Schwegelbaur
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Hansi
+
+
+Author: Ida Frohnmeyer
+
+
+
+Release Date: November 29, 2006 [eBook #19971]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HANSI***
+
+
+E-text prepared by Norbert H. Langkau, Ralph Janke, and the Project
+Gutenberg Online Distributed Proofreading Team (https://www.pgdp.net/)
+
+
+
+Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this
+ file which includes the original illustrations.
+ See 19971-h.htm or 19971-h.zip:
+ (https://www.gutenberg.org/dirs/1/9/9/7/19971/19971-h/19971-h.htm)
+ or
+ (https://www.gutenberg.org/dirs/1/9/9/7/19971/19971-h.zip)
+
+
+Anmerkung zur Transkription:
+
+ Im Original gesperrt gesetzte Worte sind mit _ gekenntzeichnet
+
+ Im Original in Fettdruck gesetzte Worte sind mit = gekenntzeichnet
+
+
+
+
+
+Sonne und Regen im Kinderland
+Das zweite Bändchen
+
+HANSI
+
+von
+
+IDA FROHNMEYER
+
+Zwei Erzählungen
+
+Mit Scherenschnitten von Hedwig Schwegelbaur
+
+
+
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+12.-26. Tausend
+1922
+D. Gundert / Verlag / Stuttgart
+
+Druck der Stuttgarter
+Vereins-Buchdruckerei
+
+
+
+Hansi
+
+[Illustration]
+
+
+»Und wenn wir uns wiedersehen, ist mein Hansi ein großer, strammer Bub!
+Ach, wie ich mich jetzt schon freue!«
+
+Das hatte Mutterchen gesagt, als sie zum letzten Male an ihres Jungen
+Bett gesessen hatte. Am andern Morgen, noch ehe Hansi die Augen
+geöffnet, waren sie und der Vater weggereist, weit weg, zurück in das
+heiße Land, in dem Hansi geboren war und als kleiner Junge gespielt
+hatte.
+
+Wie war es da so schön! Wie ein langer, leuchtender Sonnentag! Ein
+bißchen heiß war es ja manchmal gewesen, aber dann hatte ihn die
+freundliche, braune Ayah gefächelt, und Mutterchen hatte ihm erlaubt,
+wie ein kleiner Hindujunge, nur mit einem Lendentuch bekleidet,
+herumzuspringen. Und da war eine große, mattenbedeckte Veranda gewesen
+und ein prächtiger Blumengarten und das weite, blaue Meer, in dem er
+jeden Morgen gebadet, und das ihm so viele schöne Muscheln geschenkt.
+Ja, und einmal war eine dabei gewesen, die sah drein, als habe sie ein
+Tigerfellchen angezogen, und sie hatte etwas ganz Wunderbares in sich
+verborgen -- -- das Rauschen des Meeres. Man mußte sie nur dicht ans Ohr
+halten, dann hörte man es deutlich, und wenn man die Augen schloß,
+konnte man denken, nahe bei Vater und Mutter zu sein.
+
+Jetzt wohnte Hansi in einem großen Haus mit vielen andern Buben
+zusammen. Eine Veranda gab es da nicht, nur weite, helle Stuben, die ein
+wenig leer und nüchtern dreinsahen. An den Wänden hingen keine Bilder,
+und nirgends standen Blumentöpfe oder schön geformte Vasen. Natürlich,
+in einem Haus mit so vielen wilden Buben konnte man derartiges nicht
+haben. Mutterchen wenigstens hatte den Mangel so erklärt.
+
+[Illustration]
+
+Wenn sie nur ein bißchen weniger wild gewesen wären, diese Buben! Hansi
+fürchtete sich vor ihnen, oft unnötigerweise, denn im Grund meinten sie
+es gut mit dem neuen Kameraden. Aber er war so verträumt und so
+fabelhaft leichtgläubig, der kleine Hansi. Das verlockte sie immer aufs
+neue zu Neckereien aller Art. »Hansi, du mußt einmal ein Sandmännchen
+werden und mit einem Karren herumziehen und Sand verkaufen!« sagte einer
+der Buben. Hansi schaute kläglich drein und meinte: »Ich will aber
+nicht!« -- »Ja, du mußt eben, du mußt!« gröhlte die ganze Bande. Sie
+lachten aus vollem Halse und sahen ohne alles Mitleid, wie in Hansis
+Augen eine heiße Angst aufwachte. Vielleicht daß ihnen die dummen Worte
+leid gewesen wären, wenn sie gewußt hätten, daß sie wochenlang wie ein
+schweres Gewicht auf Hansis Herzen lagen. Ja, wochenlang. Dann auf
+einmal kamen ihm Mutterchens Worte in den Sinn: »Wenn wir uns
+wiedersehen, ist mein Hansi ein großer, strammer Bub.« Also noch ein
+Bub! Da konnte Mutter doch gewiß verhindern, daß er ein Sandmännchen
+werde. Hansi ward darüber so froh, daß er einen bescheidenen kleinen
+Luftsprung machen mußte. Dann lief er in den großen Hof hinunter, wo die
+andern Jungen spielten und schrien, und schrie zum erstenmal in seinem
+Leben tüchtig mit.
+
+Der Hof erinnerte in nichts an den herrlichen Blumengarten. Nur in einer
+Ecke war ein kleiner Abglanz davon. Da hatten die größeren Buben ihre
+Gärtchen. Jedem gehörte ein schmales Beet, das er selbst bepflanzen
+durfte. Wie sehr liebte Hansi diese kleinen Gärten! Keiner der eigenen
+Besitzer wartete mit größerer Spannung auf das Erblühen einer Knospe,
+auf das Aufgehen irgend eines geheimnisvollen Blumensamens.
+
+[Illustration]
+
+Die großen Jungen fanden es oft recht angenehm, den Kleinen helfen zu
+lassen. »Er tut es ja so gern,« entschuldigten sie sich vor sich selbst,
+wenn sie sahen, wie er mit glühendem Gesicht die Beete von Unkraut und
+Steinen säuberte. Aber keiner dachte daran, dem kleinen Hansi ein
+Stückchen, ach! nur ein winziges Stückchen zu geben. Und er mußte noch
+so lange auf ein eigenes Gärtchen warten! Wer in die dritte Klasse
+eintrat, bekam eines zugewiesen. Hansi aber gehörte noch zu den
+»Nullten«. So nannte man die Bürschchen unter sechs Jahren, die noch
+nicht zur Schule gingen. Manchmal waren deren zwei, drei, oder noch mehr
+beisammen, aber als Hansi ins Haus gekommen, waren eben alle Nullten
+stolze »Erstklässler« geworden, und Hansi war die einzige kleine Null.
+Das war dem guten Mutterchen gar hart erschienen. Sie hatte wohl
+vorausgesehen, wie verloren die kleine Null in dem großen Hause
+herumwandern werde. Den ganzen Vormittag hindurch waren Lektionen; für
+Hansi war niemand da, und so ging er mit seinen kleinen, immer noch ein
+bißchen trippelnden Schritten treppauf, treppab. Oft blieb er vor einem
+Klassenzimmer stehen und hörte ein Weilchen zu. Es freute ihn, wenn er
+die verschiedenen Stimmen unterscheiden konnte. »Das ist Gerhard und das
+Karl und das Fritz.« Er konnte sich beinahe einbilden, mit im
+Klassenzimmer zu sein wie ein richtiger großer Junge. Ach, wenn doch das
+Frühjahr bald kommen wollte!
+
+Aber vorerst war es Juni. Im Juli und August waren lange Ferien, das
+wußte Hansi. Alle Jungen sprachen von diesen Ferien. Jeder war
+irgendwohin eingeladen, zu Verwandten oder guten Freunden, und jeder
+hatte etwas Schönes von den kommenden Wochen zu erzählen.
+
+Nur Hansi nicht. Er wußte nicht, daß ihn eine Tante längst eingeladen,
+und niemand dachte daran, ihm etwas davon mitzuteilen. Da überkam ihn
+nach und nach eine große Traurigkeit. »Alle werden sie fortgehen, dann
+bin ich ganz allein,« dachte das Hänschen, und in Gedanken durchwanderte
+er das große Haus und horchte vergeblich an den totenstillen
+Klassenzimmern. Mit einem Mal hatte er die vielen wilden Buben lieb. Er
+konnte es ihnen nicht sagen, er schaute sie nur an mit bittenden Augen,
+die so deutlich sagten: »Geh nicht fort! Weißt du denn nicht, daß ich
+dann ganz allein bin?«
+
+Aber frische, lebenslustige Buben verstehen eine leise Augensprache
+schlecht. Hansi mußte deutlicher reden, und das tat er auch eines Tages.
+Der Größte der ganzen Schar, der schon beinahe wie ein Herr dreinsah,
+hatte Hansi erlaubt, sein Gärtchen zu begießen. Eifrig trippelte der
+Kleine hin und her. Das Wasser lief aus der Kanne nicht nur auf die
+Blumen hinab, sondern auch auf Hansis Schürze und Schuhe. Ängstlich
+beschaute er den Schaden aber der Große wußte Rat.
+
+[Illustration]
+
+»Komm, die Schürze hängen wir an die Mauer, da scheint noch Sonne hin.
+Die trocknet bald.«
+
+Er tätschelte bei diesen Worten Hansis Haarschopf -- das tat wohl bis
+tief ins kleine Herz hinein. Hansi faßte plötzlich Mut.
+
+»Du, Ernst, kann ich nicht mit dir in die Ferien gehen? Weißt du, ich
+muß sonst allein dableiben.«
+
+Noch ehe Ernst antworten konnte, erklang ein unbändiges Gelächter.
+Hinter den beiden stand Hansis schlimmster Quälgeist, ein lang
+aufgeschossener Junge mit schlenkrigen Gliedern. »Nun meint das Kindle,
+es bleibe allein zu Hause! Ha, ha, das ist ja rein zum Totlachen! Aber
+halt!« -- der lustige Ton schlug plötzlich in einen ernsthaften um --
+»du hast ganz recht. Du mußt freilich allein dableiben. Ganz allein ...
+Die Hauseltern gehen weg, und die Mägde gehen weg, und die Lehrer gehen
+weg, und natürlich alle Buben -- nur du allein mußt dableiben und das
+Haus hüten.«
+
+Hansi starrte den Sprechenden an mit weit aufgerissenen, entsetzten
+Augen, und nun geschah etwas völlig Unerwartetes. Er schrie auf, so
+jammervoll, daß es sogar dem dummen Buben ins Herz drang, und dann
+stürzte er, immer den gleichen schmerzlichen Schrei ausstoßend, aufs
+Haus zu.
+
+[Illustration]
+
+»Du Esel!« knurrte der große Ernst und gab dem Quälgeist einen
+Rippenstoß. Dann rannte er in großen Sprüngen dem kleinen Kameraden
+nach. Drinnen im Haus fand er ihn. Die Hausmutter, eine rüstige Frau,
+mit einem freundlichen, tüchtigen[TN1] Gesicht, hielt Hansi auf dem
+Schoß und strich ihm beruhigend über die tränennassen Bäckchen.
+
+»Nun weine nur nicht mehr! Hat es denn gar so weh getan? Wo bist du denn
+gefallen? Komm, jetzt machen wir: Heile, heile Segen! Drei Tag' Regen,
+drei Tag' Schnee -- tut dem Kindchen nimmer weh!«
+
+In ihrer Stimme lag etwas so Beruhigendes, daß Hansis wildes Schluchzen
+allmählich verstummte. Da stellte ihn die Frau wieder auf die Erde,
+putzte ihm das Näschen und ging eilig, um in der Küche ihre Befehle für
+das Abendbrot zu geben.
+
+Der große Ernst stand etwas verlegen neben dem kleinen Kameraden.
+»Hansi,« sagte er, »nun paß einmal auf: du mußt nicht allein dableiben.
+Du bist auch eingeladen, zu deiner Tante in den Schwarzwald. Dort ist's
+schön, freu' dich nur! Auf Karl brauchst du nicht zu hören, der schwatzt
+nur dummes Zeug.«
+
+Hansi sagte nur das eine Wörtchen »O«, aber seine Augen sahen dabei so
+glücklich und dankbar drein, daß es dem großen Ernst ganz merkwürdig
+warm ums Herz wurde. Zärtlichkeiten waren unter den Jungen verpönt. Aber
+nun konnte er nicht anders: er bückte sich und küßte das strahlende
+Gesichtchen vorsichtig und rasch.
+
+[Illustration]
+
+[Illustration]
+
+Ende August rückte Hansi wieder in die Anstalt ein. Er brachte ein
+sonnenverbranntes Gesichtchen mit und frohe, blanke Augen, in denen sich
+viel Liebes gespiegelt hatte. Das war deutlich zu sehen. Und ebenso
+deutlich war zu sehen, wie die Augen allmählich den frohen Glanz
+verloren und wieder den alten suchenden, verträumten Ausdruck gewannen.
+
+Und doch war eigentlich niemand unfreundlich mit dem Kleinen. Nur ... es
+hatte niemand Zeit für ihn. Das war es. Die Hausmutter und die Mägde
+hatten alle Hände voll mit dem großen Haushalt. Der Hausvater und die
+Lehrer beschäftigten sich wohl auch außer den Stunden mit den Buben,
+aber Hansi war meist zu klein, um bei den verschiedenen Unternehmungen
+mittun zu können. Nur der Singlehrer gab sich hie und da mit ihm ab. Der
+hatte ihn einmal ein Lied, das ihn seine Ayah gelehrt, singen hören, und
+seither durfte Hansi in der Singstunde der Kleinen mitsingen. Ja, und
+manchmal durfte er auch noch nach der Stunde eine Weile bei dem
+freundlichen Herrn bleiben, der ihm auf dem Klavier allerlei vorspielte.
+
+Gleich nach Vater und Mutter und den Blumen liebte Hansi die Musik. Aber
+es mußte schöne sein. Die Übungsstücke der Buben waren ihm zuwider. Auch
+der Lehrer spielte nicht immer schön nach Hansis Meinung. »Schön« waren
+nur die feinen, zarten Töne, die einen wie liebe Hände streichelten. -- --
+
+Der Herbst brachte eine große Freude für Hansi. Bei Vater und Mutter war
+ein Kindchen angekommen, ein kleines Schwesterlein, das mit ebenso
+erstaunten Blauaugen in die Welt gucke, wie es Hansi getan. Als das
+kleine Ding ein paar Wochen alt war, wurde es photographiert, und Hansi
+erhielt ein Bildchen.
+
+Er betrachtete es mit strahlenden Augen, dann lief er zur Hausmutter.
+»Nicht wahr, Tante, einmal hat der liebe Gott gedacht: Nun will ich mal
+ein süßes, kleines Mädchen machen, und da hat er Käthe gemacht.«
+
+[Illustration]
+
+»Ja, ja, das wird wohl so sein,« lächelte die Tante. Dabei setzte sie
+den großen Wäschekorb, den sie eben auf den Boden tragen wollte, wieder
+ab, um Hansi einen Kuß zu geben.
+
+Hansi trug das Bildchen immer bei sich in der Tasche seiner
+Matrosenbluse. Wenn er sich sehr klein und verlassen vorkam, zog er es
+hervor und setzte sich damit in die Nähe der Gärtchen, um den Blumen von
+der kleinen Schwester zu erzählen. Sie verstanden ihn sehr gut,
+besonders die Dahlien, die mit ihren dicken Köpfen so vergnügt und
+wohlgenährt dreinsahen. Sie erinnerten Hansi immer an einen Buben des
+Hauses, der rote Pausbacken hatte und immer zufrieden war. Die Blumen
+waren überhaupt wie die Menschen. Sie hatten ihre eigenen Gesichter und
+ihr eigenes Wesen. Die Stiefmütterchen waren wie liebe, freundliche
+Kinderchen, aber die Rosen trugen sich stolz und hatten wundervolle
+Seidenkleider, daß man sie gar nicht anzufassen wagte. Noch schlimmer
+waren die Lilien, die so steif und gerade standen, nie sich hin und her
+wiegten und flüsterten wie die bunten Nelken. Doch die Liebste von allen
+war die Sonnenblume. Sie war die Mutter aller Blumen. Es konnte nicht
+anders sein. Sie glich ganz und gar einer freundlichen, liebespendenden
+Mutter.
+
+[Illustration]
+
+Aber nun waren die Sonnenblumenmutter und alle ihre Sommerkinder
+verblüht. In den Gärten standen außer Dahlien nur noch Chrysanthemen.
+Der große Ernst hatte sein ganzes Stückchen Land damit bepflanzt. Da
+waren violette und bronzefarbene, blaßgelbe und weiße. Hansi liebte die
+weißen am meisten, denn sie sahen drein wie Sterne, und er mußte bei
+ihrem Anblick immer an den Stern von Bethlehem, an Weihnachten denken.
+
+[Illustration]
+
+Und Hansi freute sich auf Weihnachten! Ganz weh tat ihm oft das Herz,
+weil es so voller Freude und Erwartung war. Zwar war es traurig, daß
+auch die bunten Herbstblumen verblühen mußten, und daß der weiße Schnee,
+der so naß und kalt war, alles zudeckte. Hansi konnte nicht verstehen,
+daß er die Blumen warm halte, wenn es ihm die andern auch noch so oft
+vorsagten. Nein, die Blumen waren alle tot und konnten sich nie mehr
+durch den dicken Schnee hinausfinden.
+
+Das war furchtbar traurig. Aber Hansi wollte nicht daran, sondern an das
+wunderschöne Christfest denken. Er lernte viele Weihnachtslieder. Ja,
+der Lehrer ließ ihn ganz allein ein altes Lied singen, das fing an: »O
+Jesulein süß, o Jesulein mild.« Es waren ein paar Worte drin, die Hansi
+nicht verstand. Aber das schadete nichts. Die Melodie war süß und zart,
+gerade wie ein Lied sein muß, das man dem Jesuskindlein in der Krippe
+singen darf.
+
+Hansi sang es oft. Wenn er allein in dem großen Kinderzimmer saß und
+mit dem alten Baukasten spielte, baute er einen wunderschönen Stall mit
+vielen Türmchen und Erkern. Dann legte er den blonden Kopf auf die
+Tischplatte, um durch das winzige Fensterchen in das dämmrige Innere zu
+sehen. Dazu sang er mit lieber, feiner Stimme, und seine Augen gewannen
+dabei einen Ausdruck, als wachse das winzige Ställchen zu einem großen,
+als stehe die Tür weit offen und das Hänschen wandere hinein in den
+seligen Glanz, der von dem Kindlein in der Krippe ausgeht.
+
+[Illustration]
+
+[Illustration]
+
+In der Stadt war Weihnachtsmarkt. Von dem alten Stadttor, das einst
+trutzig jedem Fremden den Einlaß verweigert hatte, nun aber längst
+friedlich, mit efeuumsponnenen Türmen innerhalb der Stadt stand, führte
+eine breite Straße auf den Andreasplatz hinunter. Und hier standen alle
+die Weihnachtsbäume. Prächtige Weißtannen, die wohl dafür bestimmt
+waren, einen großen Saal zu schmücken; schlanke Rottannen, deren Zweige
+verlangend ausgestreckt waren, als könnten sie es kaum erwarten, die
+strahlenden Kerzen und goldenen Ketten zu tragen. Da waren auch putzige,
+kleine Bäume, zu denen sich Hansi ganz besonders hingezogen fühlte. Er
+schritt neben der Hausmutter die grüne Tannenstraße auf und ab; aber
+während diese die großen Bäume musterte, betrachtete Hansi mit
+zärtlichen Blicken die kleinen. Endlich wurde eine große, stolze Tanne
+gewählt, und Elise, die neueingetretene Magd, und der große Ernst, der
+zur Hilfe mitgekommen, packten sie vorsichtig und machten sich auf den
+Nachhauseweg.
+
+»Komm, Hansi,« sagte die Tante, »wir gehen jetzt auch.«
+
+Hansi streckte gehorsam seine Hand aus, aber er konnte nicht hindern,
+daß ihm dabei ein kleiner Seufzer entschlüpfte. Er hatte, während die
+Tante mit dem Verkäufer verhandelt, die ganze
+
+[Illustration]
+
+Zeit neben einem zierlichen Bäumchen gestanden, dessen grüne Spitze nur
+eben an sein Näschen reichte.
+
+»Gefällt dir das Bäumchen? Möchtest du es haben?« fragte mit einem Mal
+die Verkäuferin. »Ich schenke es dir. Die Frau Mama haben ja eine so
+große Tanne gekauft, da geht das Kleine noch drein.«
+
+Hansi konnte sein Glück kaum fassen. Er dankte mehr mit den Augen als
+mit dem Mund, dann schritt er neben der Tante, vorsichtig die grüne Last
+gegen das dankbare Herzchen gedrückt.
+
+Es war merkwürdig. Als der Morgen des Festes dämmerte, auf das sich
+Hansi wochenlang von ganzem Herzen gefreut, war die Freude mit einem
+Schlag wie weggewischt. Noch nie war er sich so klein und so verlassen
+vorgekommen, wie in dem unruhigen, frohen Treiben, das den ganzen Tag
+beherrschte. Er wurde erst ein bißchen froher, als ihm die Tante zwei
+beschädigte Glaskugeln, ein paar schillernde Goldfäden und sogar einige
+Halter mit Lichtstümpchen darin schenkte. Nun konnte er doch sein
+Bäumchen, sein eigenes, liebes Bäumchen schmücken. Er hatte sich selbst
+einigen Schmuck gefertigt: wundersam gezackte Sterne, auch Blumen und
+Vögel und allerlei Getier. Sie sahen zwar ein bißchen seltsam drein --
+Mutterchen hatte das entschieden besser gekonnt -- aber im Grund
+schadete es nichts. Die langgeschwänzten Vögel wiegten sich vergnüglich
+in den grünen Zweigen, die Goldsterne und Goldfäden leuchteten prächtig,
+und die Glaskugeln waren so schön, daß Hansi eine Weile seine Arbeit
+unterbrechen mußte, um das Bäumchen von allen Seiten bewundern zu
+können. Nun wurden noch die fünf Kerzen angesteckt, und das Bäumchen war
+geschmückt.
+
+[Illustration]
+
+Es stand in einem Rumpelkämmerchen auf einem alten Schemel, den Hansi
+erst fein säuberlich mit einem Taschentuch bedeckt hatte. Es war kalt in
+der Dachkammer, und Hansi hatte nahezu blaugefrorene Hände und ein
+rotes Näschen. Aber er schien es gar nicht zu beachten. Er war ganz
+versunken in den Anblick seines Bäumchens, und erst als die Glocke zum
+Vieruhrbrot rief, verließ er das Kämmerchen.
+
+[Illustration]
+
+Um ½6 Uhr sollte die Weihnachtsfeier beginnen. Vorher mußten alle die
+vielen Buben noch einmal gewaschen und gekämmt, gebürstet und
+gestriegelt werden. Da konnte es leicht passieren, daß ein so kleines
+Männchen wie Hansi übersehen wurde.
+
+Niemand vermißte ihn, bis es an das Ordnen des Zuges ging. Den mußte ja
+der Kleinste anführen. Aber wo war er nur? Nicht im Wohnzimmer, nicht in
+der Kinderstube, in keinem der Lehr-, in keinem der Schlafsäle. Die
+Buben lachten und stellten die ungeheuerlichsten Vermutungen auf. »Er
+hat vielleicht gemeint, die Krippe sei im Kohlenkeller,« meinte der
+lange Karl. Das schien der Tante gar nicht so unmöglich. Sie ging selbst
+die Kellertreppe hinunter; die Elise aber, die neue Magd, schickte sie
+auf den Boden, nach Hansi zu suchen.
+
+Langsam schritt das junge Mädchen die steile Stiege hinauf. Oben
+angekommen, lehnte sie einen Augenblick den Kopf an die Wand und
+schluchzte laut und schmerzlich. Es war zum erstenmal, daß sie in der
+Fremde Weihnacht feiern mußte... Ach, wie sie sich nach Hause sehnte, wo
+sie von allen geliebt worden! Hier fragte niemand nach ihr, niemand
+brauchte sie. Es war gleichgültig, ob sie da war oder nicht... Doch --
+sie mußte ja Hansi suchen gehen.
+
+[Illustration]
+
+Ein, zwei Türen hatte Elise schon geöffnet und umsonst in dem Halbdunkel
+herumgespäht, da sah sie einen Lichtstrahl aus dem alten
+Rumpelkämmerchen fallen. Die Türe war nur angelehnt. Ganz leise schob
+sich Elise hinein, und da sah sie das verlorene Hänschen auf einer Kiste
+sitzen. Vor ihm stand das wundersam geschmückte Bäumchen und leuchtete
+mit seinen fünf Kerzen.
+
+Wie arm und wehmütig sah das drein... Aber das Kind saß davor mit
+glückstrahlenden Augen und sang:
+
+[Illustration]
+
+ »O Jesulein süß!
+ O Jesulein mild!
+ Des Vaters Will'n
+ Hast du erfüllt,
+ Bist kommen aus dem Himmelreich,
+ Uns armen Menschen worden gleich.
+ O Jesulein süß!
+ O Jesulein mild!«
+
+Die blonde Elise lehnte unter der Türe. In ihre guten Augen, die schon
+so mütterlich schauen konnten, traten heiße Tränen, die langsam über ihr
+Gesicht rollten. Sie achtete es nicht. Hier in dem kleinen
+Dachkämmerchen, als sie das Kind so einsam sitzen sah, war plötzlich
+eine große Freude in ihr aufgewacht... Der brauchte sie und ihre Liebe!
+Der war ja auch ganz allein. Es tat ihm gewiß not, daß ihn jemand mit
+großer, warmer Liebe umfasse. Ach, und sie war ja froh, wenn sie Liebe
+schenken durfte ...
+
+»Hansi,« sagte Elise, »komm, Bubele, wir haben dich gesucht, weil man
+zur Bescherung geht. Du kannst jetzt nicht dableiben, aber dein schönes
+Bäumle zünden wir morgen wieder an, gelt?«
+
+»Nicht wahr, es ist wunderschön?« Hansi kletterte von seiner Kiste
+herunter. Dann faßte er mit seinem kalten Händchen die braune, warme
+Hand des Mädchens, und als er in ihr gutes Gesicht schaute, kam auch
+über ihn eine große, helle Freude.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+Die alte Bodenkammer
+
+
+Wohl jeder trägt in sich verborgen die Erinnerung an einen Ort, über dem
+der Stern der Kindheit mit besonders hellem Glanze leuchtet.
+
+Vielleicht ist es ein Garten, ein weltfremder, drin prunkende
+Pfingstrosen und hohe Malvenstauden stehen; oder ein trauliches
+Zimmerchen mit herabgelassenen Vorhängen, und man sieht sich selbst
+klein und schmal an Mutters Knie lehnen und ihren Geschichten lauschen.
+Wieder zaubert die Erinnerung schneeige Berge, leuchtende Seen oder
+auch einen alten Hof, eine Scheuer -- eine Bodenkammer.
+
+Sie lag nicht in unserm Haus. Bei uns war alles hell und neu und sauber,
+sogar auf dem Boden. Aber im Nachbarhaus, schräg über der Straße, war
+eine richtige alte Bodenkammer, durch deren halbblindes Fenster das
+Licht nur spärlich eindringen konnte. Gegen Abend wurde es daher düster
+und schön gruselig. Man hockte so nahe wie möglich zusammen auf der
+riesigen alten Kiste und erzählte sich Geistergeschichten, bis einem vor
+Angst beinahe die Stimme versagte. Ich hatte an unserer Köchin eine sehr
+ergiebige Quelle und wußte u. a. von »den Mädchen, die noch Erbsen
+einlegen wollten« und von dem fürchterlichen Telegramm »Habe acht auf
+den Sarg« zu erzählen.
+
+Anni, die Älteste unserer kleinen Schar, behandelte Hauffs
+»Gespensterschiff«. Wir kannten ja die Geschichte längst auswendig, aber
+Anni sorgte für Variationen, so daß wir immer neuen Grund zum Kreischen
+fanden.
+
+Die andern zwei erzählten nie. Dem dicken Gretchen fiel nichts ein und
+das kleine Elschen zählte noch gar nicht recht mit. Sie mußte sich
+überhaupt geschmeichelt fühlen, daß wir großen acht- und neunjährigen
+Mädels sie mittun ließen. Wenn man erst fünf Jahre alt ist und noch
+nicht einmal lesen kann!
+
+Sie, Klein-Elschen, war übrigens manchmal recht angenehm. Wenn man statt
+der Puppen gerne ein lebendiges Kindchen gehabt hätte, ließ sie sich
+geduldig in einen großen Schal wickeln und herumschleppen. Ja, sie nahm
+sogar mit sichtlichem Vergnügen den Schnuller in den Mund, den wir dem
+richtigen Baby entwendet hatten. Mit unserer Moral war es überhaupt
+etwas lax bestellt. Wurde in unserm Haushalt irgend ein Mangel entdeckt,
+so unternahm das für die Sache am meisten Befähigte einen Beutezug nach
+unten, wir nannten es einen Ausgang in die Stadt.
+
+[Illustration]
+
+Die Bodenkammer war sehr geräumig. Wir hatten uns in einer Ecke ein ganz
+behagliches Wohnzimmerchen eingerichtet, dessen Hauptstolz ein
+dreibeiniges Sofa -- an Stelle des vierten Beines stand eine Kiste --
+und eine wacklige Kinderbettlade bildete. Wir waren auch im Besitz einer
+Truhe, deren Deckel so schwer war, daß wir ihn nur mit Lebensgefahr
+aufheben konnten. Lange war es uns überhaupt nicht gelungen, und wir
+hatten uns schon darein ergeben, nie etwas von den darin verborgenen
+Schätzen zu Gesicht zu bekommen. Aber einmal packte uns die Neugierde so
+mächtig, daß sie uns wahre Riesenkräfte zu verleihen schien; unter
+Stöhnen und Ächzen gelang es uns, den Deckel zurückzuschlagen. Eine
+dicke Staubdecke war das erste, was sich den vier neugierig gesenkten
+Kinderköpfen darbot. Sie lag über einer Menge Bücher und vergilbter
+Blätter und hatte sich auf einem rundlichen, mit einem Tuch bedeckten
+Gegenstand, der in der untersten Tiefe sichtbar ward, angesammelt. Was
+stak wohl unter dem Tuch?
+
+»Ein Ball!« riet das kleine Elschen. »Ein Goldklumpen!« meinte Gretchen
+mit bedächtiger Stimme.
+
+»Wir wollen es herausholen,« schlug Anni vor. »Steig' du hinein, Mixi,
+du bist die Dünnste.«
+
+Dagegen ließ sich nichts einwenden. Ich hockte zwischen den staubigen
+Büchern nieder und fing an, das runde Ding aus seiner Umhüllung zu
+schälen. Ich versuchte dabei mit Kopf und Schultern den andern die
+Aussicht zu verdecken. Mußte ich in die staubige Kiste kriechen, so
+wollte ich wenigstens die Entdeckerfreude erst allein genießen.
+
+[Illustration]
+
+Die letzte Hülle fiel und -- -- ein Totenschädel grinste mich an aus
+leeren Augenhöhlen ... in dem Oberkiefer staken noch ein paar gelbliche
+Zähne.
+
+Ein eisiges Grauen packte mich, aber ich ließ den Schädel nicht fallen.
+Langsam, wie von einer unsichtbaren Hand gezogen, richtete ich mich auf
+und hielt meinen Spielgefährten den unheimlichen Fund entgegen.
+
+Anni stieß einen gellenden Schrei aus. Das sonst etwas schwerfällige
+Gretchen flüchtete mit ein paar jähen Sätzen. Nur Elschen blieb stehen
+und tippte mit seinen rosigen Fingerchen auf den bleichen Schädel. Sie
+lachte dazu und sagte: »Was für ein komischer alter Mann!«
+
+Die kalte Hand des Grauens ließ mich los. Ich lachte, lachte, daß mir
+beinahe die Tränen kamen. Dabei entglitt mir der Schädel und rollte mit
+merkwürdigem Ton über den Fußboden. Elschen hob ihn beinahe mitleidig
+auf und wickelte ihn in ihr Schürzchen.
+
+Wir drei andern standen etwas verlegen beiseite. Zum erstenmal war sie
+die Überlegene, die Tonangebende.
+
+»Wollen wir ihn begraben?« fragte die Kleine plötzlich, und wir stimmten
+begeistert zu.
+
+Anni mußte sich unten nach einer passenden Schachtel, will sagen nach
+einem Sarg umsehen. Gretchen ging auf die Suche nach der Begräbnisstätte
+und dem Grabstein. Ich übernahm es, die Inschrift zu schreiben. Elschen,
+immer noch den Schädel im Schürzchen, lehnte neben mir und schaute
+bewundernd zu, wie ich mit krampfhaft festgehaltenem Federhalter meine
+großen, steifen Buchstaben malte.
+
+»Lies es mir einmal vor!« bat sie, als das Werk beendet war, und ich
+las:
+
+ +------------------------------------------+
+ | |
+ | Hier ruht unser liber Uhruhrgroßvater. |
+ | -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- |
+ | Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle. |
+ | -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- |
+ +------------------------------------------+
+
+»Du hättest nicht diesen Spruch schreiben sollen,« sagte Anni,
+mißbilligend das Schriftstück betrachtend. »Auf Gräber schreibt man ganz
+andere Sachen. Etwas von Auferstehen oder Wiedersehen.«
+
+»Das ist mir einerlei!« entgegnete ich unerschüttert. »Mir gefällt der
+Spruch und ich habe den Ururgroßvater gefunden.«
+
+Gretchen stand unter der Türe, die Hacke über der Schulter.
+
+»Ich habe einen feinen Platz, kommt schnell!«
+
+[Illustration]
+
+Eiligst wurde der Schädel in Annis Schachtel gesteckt. Der Deckel wollte
+zwar nicht zugehen, aber das schadete nichts. Wir legten einen Fetzen
+schwarzes Tuch darüber und nun ordnete sich der Zug. Voraus ging
+Gretchen, der Totengräber, dann Anni, der Pfarrer; Elschen, die den
+Schädel trug, war der Leichenwagen, ich stellte das Trauergeleite dar.
+
+Wir gingen mit ernsten Köpfen und bedächtigem Schritt die Treppe
+hinunter. Unter der Türe begegnete uns die kleine Mutter des Hauses. Sie
+war eine zierliche, bewegliche Frau mit lebhaften Augen, die sich stets
+zu freuen schienen, obwohl sie oft genug Grund gehabt hätten, ärgerlich
+und müde drein zu sehen. Außer meinen drei Freundinnen waren noch zwei
+größere und zwei ganz kleine Brüder zu versorgen. Das zappelte und
+schrie, lachte und kreischte den ganzen Tag um die Mutter herum, zerriß
+Kleider und Strümpfe, beschmutzte Fußböden und Fensterscheiben, wollte
+gewaschen und gefüttert sein. In dem allem stand die kleine Mutter, trug
+den Kopf mit dem tiefschwarzen Haar froh und aufrecht und hatte
+lachende, warme Augen.
+
+Wir waren das so gewohnt und es erschien uns nichts Absonderliches. Erst
+viele Jahre später verstanden wir, was für eine tapfere Seele in der
+kleinen Mutter gewohnt hatte.
+
+ * * * * *
+
+»Mama, wir müssen ganz still sein, wir spielen Begraben!« krähte Elschen
+im Vorübergehen, und die Mutter stand denn auch andächtig und still.
+
+Das Haus lag inmitten eines großen Gartens, der in verschiedene
+Abteilungen zerfiel. Da war ein freier Platz mit einem Sandhaufen für
+die Kinder. In einem andern Teil standen Blumen und Ziersträucher und
+wieder in einem andern lagen in schönen Reihen Gemüsebeete, daneben zog
+sich eine dichte Himbeerhecke. Am Ende dieser Hecke war der von Gretchen
+gewählte Begräbnisplatz. Sie hatte schon ein Loch gegraben, das sich
+aber als viel zu flach erwies. So arbeiteten Totengräber, Pfarrer und
+Trauergeleite mit vereinten Kräften, bis das Loch tief genug war, den
+Ururgroßvater aufzunehmen.
+
+Die Grabrede fiel kurz aus, um so kräftiger und anhaltender war der
+Gesang. Wir hatten als passende Lieder gewählt: »Morgenrot, Morgenrot!
+Leuchtest mir zum frühen Tod!« und: »Der Pilger aus der Ferne zieht
+seiner Heimat zu.«
+
+Elschen hatte noch vorgebracht »Wenn ich groß bin,« aber das war als
+völlig unmöglich abgeschlagen worden. Überdies sank sie durch diese
+Forderung in unserer Achtung wieder auf die frühere Stufe zurück.
+
+An diesem Tag blieben wir bis zum Abendbrot im Garten. Der Sonnenschein
+war so hell und freundlich, während über der alten Bodenkammer immer
+noch etwas Unheimliches zu lagern schien. Aber am nächsten Tag
+unterzogen wir den Inhalt der Truhe einer weiteren Besichtigung.
+
+Die Bücher rochen uralt und hatten schwere, feste Einbanddecken. Die
+Schrift war merkwürdig schnörkelig und ließ sich nicht ohne Mühe
+entziffern. Wir strengten uns auch nicht sonderlich an. Eine Menge der
+Bücher wurden mit Abscheu zur Seite gelegt, weil sie sich als
+»Doktorsbücher« erwiesen. Dasselbe Schicksal teilten ein paar
+Andachtsbücher »auf Kosten einer wahrheitliebenden Gesellschaft
+gedruckt«. Dann stieß Anni einen Schrei des Entzückens aus, denn sie
+hatte ein Geschichtenbuch, nein, noch schöner, ein Märchenbuch entdeckt.
+Wer hätte der Truhe diesen köstlichen Schatz angesehen!
+
+[Illustration]
+
+Anni fing gleich an, uns »die Geschichte von dem tugendhaftigen Prinzen
+Treuherz und der wonnesamen Prinzessin Herzelaide« vorzulesen, aber der
+Genuß war nur mäßig. Sie blieb immer wieder an den feinen Schnörkelchen
+der Buchstaben hängen, und da die Sätze endlos lang waren, hielt sie an,
+wenn der Atem ausging, was nicht zur Erleichterung des Verständnisses
+beitrug.
+
+Gretchen gähnte unverhohlen. Elschen spielte längst mit ihrer Puppe, da
+ging auch mir die Geduld aus.
+
+»Laß doch die gräßlichen alten Prinzen und Prinzessinnen in Ruh! Man
+versteht ja gar nicht, was sie miteinander sprechen. Und richtig
+ordentlich schreiben konnten die Leute früher scheint's auch nicht. Wir
+wollen das Buch wieder in die Truhe werfen.«
+
+Das Schließen des Deckels war viel leichter zu bewerkstelligen als das
+Öffnen. Mit einem dumpfen Knall schloß sich die Truhe, und fortan war
+sie vor unserer Neugier sicher.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+Ein paar Tage lang besuchten wir regelmäßig Ururgroßvaters Grab und
+schmückten es mit Blumen. Auch mußte die Inschrift zweimal erneuert
+werden. Das eine Mal hatte sie der Regen zerstört, das andere Mal war
+sie den Buben in die Hände gefallen.
+
+Diese schrecklichen Buben! Wie viel schöner wäre die Welt gewesen ohne
+sie! Wenn man mit den Puppen spazieren ging, äfften sie die Unterhaltung
+nach oder versuchten einen Überfall auf die Kinder. Wenn man im
+Bodenkammerzimmer eine Einladung an sie ergehen ließ, aßen und tranken
+sie all das mühsam Gekochte im Augenblick weg, und statt des Dankes
+brummten sie über »das bißchen Zeug«.
+
+Nur bei den Ball- und Springspielen, hauptsächlich bei dem
+unvergleichlichen »Pflumeboppi, 's Hüsli brennt!« gingen wir Mädel und
+Buben gemeinsame Wege. Ja, und dann noch bei einem ganz besonderen
+Anlaß.
+
+Unsere Vaterstadt feierte die 400jährige Wiederkehr des Tages, an dem
+sich die beiden, durch den Strom getrennten Stadthälften
+zusammengeschlossen hatten, mit der Aufführung eines historischen,
+eigens für die Gelegenheit verfaßten Festspiels.
+
+Weit draußen vor der Stadt war die Bühne errichtet worden. Am zweiten
+Tag -- die Stadt schwelgte eine halbe Woche lang in ihren Erinnerungen
+-- waren bei der Vorstellung sämtliche Schulkinder zugegen.
+
+Das war ein Ereignis, vor dem alles andere, das sonst unser Leben
+ausfüllte, zurücktreten mußte. Während der Vorstellung saßen wir
+getrennt, aber auf dem Nachhauseweg fanden wir uns zusammen und konnten
+das Geschaute besprechen.
+
+Anni schwärmte besonders für den König Rudolf. Wie er sich hielt, wie er
+sich neigte! Sie streckte ihren schwarzen Wuschelkopf und die kurze
+Stumpfnase höher in die Luft, als erwerbe sie sich dadurch etwas von der
+königlichen Würde.
+
+Gretchen war entzückt von all den holdseligen Frauengestalten, auch von
+den Kindern, die so niedliche, lange Kleider trugen. »Ich wollte, wir
+hätten auch welche!« meinte sie seufzend. »Unsere kurzen Röcke und
+Socken sehen gar nicht schön aus.«
+
+Damit war ich jedoch nicht einverstanden.
+
+»Denk dir doch, wie unangenehm die dummen, langen Kleider beim Springen
+wären! Der 'Pflumeboppi' z. B. fiele alle Augenblicke auf die Nase.«
+
+»Ja, das ist wahr!« stimmte mir Anni zu. »Wer hat denn dir am besten
+gefallen, Mixi? -- Seht, nun wird sie schon wieder ganz rot!«
+
+»Gar nicht!« wehrte ich ab, obwohl ich die Glut bis unter die
+Haarwurzeln steigen fühlte.
+
+[Illustration]
+
+»Ihr werdet natürlich lachen, aber das ist mir einerlei. Mir hat der
+Priester am besten gefallen.«
+
+»Der alte, heidnische Kerl!« Anni war entrüstet. Das gutmütige Gretchen,
+wohl um mir wieder zu meiner natürlichen Gesichtsfarbe zu verhelfen,
+meinte tröstlich: »Sie hatten ihn, glaube ich, alle sehr gern.«
+
+»Ja, und hörtest du nicht, wie sie alle so jammervoll aufschrieen, als
+er sich den Dolch ins Herz stieß?«
+
+»Du tust gerade, wie wenn er es richtig getan hätte, Mixi! Du brauchst
+gar keine so fürchterlichen Augen zu machen, es ist ja doch alles nicht
+wahr.«
+
+Ich duckte mich und schwieg. Da war wieder das Wort, das ich am meisten
+fürchtete und haßte -- -- es ist nicht wahr.
+
+Wozu hatte man denn all die seltsamen Gedanken und Träume, die einen
+halb froh, halb traurig stimmten, wenn alles nicht wahr sein sollte!
+
+Freilich, das auf der Bühne war vielleicht nicht wahr gewesen. Das waren
+ja alles gewöhnliche Menschenkinder. Unter den langlockigen Pagen hatte
+ich einen Knaben entdeckt, von dem ich genau wußte, daß er in
+Wirklichkeit einen struppigen roten Haarschopf besitze. Aber wozu daran
+denken? Das ließ sich alles so hübsch beiseite schieben. Das gehörte in
+die Welt, die Schule, Aufgaben, Stricken und Gemüse-essen hieß.
+
+[Illustration]
+
+Die andere Welt, die man in sich trug, und die sich doch so seltsam weit
+ausbreitete, bis zu den weichen, weißen Wolken hinauf, bis zu den
+winzigen Maßliebchen und Marienkäferchen hinab -- diese Welt war weit
+schöner und heimatlicher.
+
+ * * * * *
+
+»Mixi, was träumst du wieder! So hör' doch! Ich habe einen wunderschönen
+Plan. Wir wollen das Festspiel aufführen, daheim in unsrer Bodenkammer.
+Dann kannst du ja deinen alten Priester spielen.«
+
+»Nein, nein! Das soll Teddy tun. Ich will den Kaiser Valentinian, du
+nimmst König Rudolf und Gretchen kann Bischof fein. Ach, und für Elschen
+müssen wir auch eine Rolle finden. Wie herrlich wird das werden, ich
+freue mich halb zu Tod!«
+
+Hatte uns schon die große Vorstellung die Köpfe verdreht, so tat es
+unsere eigene noch weit mehr. Die Mutter mußte natürlich in die Sache
+eingeweiht werden, denn die Blumentöpfe, die wir als Kulissen brauchten
+und die langen Kleider, auf denen Gretchen mit großer Energie bestand,
+waren alle in ihrer Verwahrung und konnten denn doch nicht ohne weiteres
+herbeigeschafft werden. Meine Großmutter steuerte zu unserer
+Kostümierung einige Umlegtücher und Schmucksachen bei.
+
+Wir arbeiteten täglich stundenlang an unsern Vorbereitungen. Natürlich,
+das ganze Festspiel konnten wir nicht aufführen; wir mußten uns auf
+solche Szenen, in denen möglichst wenig Personen austraten, beschränken.
+Aber wir trösteten uns damit, daß sich ja das Publikum das übrige dazu
+denken könne.
+
+Der große Tag nahte. Punkt 2 Uhr sollte die Vorstellung beginnen; ein
+paar Minuten früher fanden sich die Zuschauer ein. Wir hatten ihrer nur
+wenige gebeten. Natürlich die kleine Mutter, die sich beinahe ebenso
+sehr wie wir auf das Festspiel freute, dann Großmutter und eine Tante,
+die auf Besuch gekommen. Großmutter erhielt den gedruckten Text, da sie
+die richtige Aufführung nicht mit angesehen hatte. Sie hielt das
+Heftchen weit von sich, denn ihre alten Augen konnten nicht mehr in die
+Nähe sehen. Das imponierte mir immer gewaltig, und es verfehlte auch
+seinen Eindruck auf meine Spielgefährten nicht. Es hat nicht jeder eine
+Großmutter, die so merkwürdig liest.
+
+[Illustration]
+
+Die Zuschauer saßen auf dem alten Sofa. Wir hielten uns in einer
+Nebenkammer verborgen, bis es 2 Uhr schlug.
+
+Das erste Bild stellte die Gründung unserer Stadt durch Kaiser
+Valentinian im Jahre 374 dar. Anni, Gretchen, Elschen und Teddy zogen
+als raurakischer Volkshaufe auf die »Bühne« und sangen ein Lied, von
+dessen sanfter, fließender Weise uns allerdings nur zwei Zeilen im
+Gedächtnis geblieben waren, weshalb das übrige mehr rezitativartig
+vorgetragen wurde. Dann stürzte Willy herein und verkündete das Nahen
+römischer Scharen, was erregtes Sprechen und Schreien zur Folge hatte.
+Er verschwand blitzschnell, um nach wenigen Augenblicken als römischer
+Hauptmann aufzutreten, der an Stelle der uns fehlenden Kriegerhaufen
+einen seltsamen Schwerttanz aufführte. Mit einem Male wandte er sich
+gegen die Türe und während seines Jubelrufs: »Großer Cäsar, Imperator,
+Heil sei dir, du starker Held!« ritt ich auf schnaubendem Roß auf die
+Bühne.
+
+Das ging so zu: Wir hatten ein Schaukelpferd, das bei jeder starken
+schwingenden Bewegung einige Zoll vorwärts glitt; so konnte man also
+tatsächlich reiten.
+
+Kaiser Valentinian trug ein Barett mit weißen [Illustration]
+
+Gänsefedern und einen malerisch umgeworfenen roten Mantel. Außer dem
+Szepter hielt er merkwürdigerweise auch ein Heftchen in der Hand, denn
+es war ihn das Genieren angekommen, und die rasch eingelernten und nur
+halb verstandenen Worte schienen sich alle verflüchtigt zu haben. So las
+denn der gute Kaiser Valentinian seine wohlmeinenden Worte an die
+verängsteten Rauraker. Ihre freudigen Zurufe wurden durch den Priester
+übertönt, der vor dem neuen Leben sich zu den alten Göttern flüchtet.
+
+ »Nehmet mich auf! von mannigfaltigen
+ Greueln und Sünden, von Schand und Not
+ Löse mich leicht der heilige Tod!«
+
+Teddy in einem langen, dunkeln Gewand, mit mächtigem weißem Bart sah
+nach Annis Urteil ganz wie »so ein heidnischer Kerl« aus. Die letzten
+Worte heulte er geradezu. Dann ließ er sich, in dem schönen Glauben, die
+klagenden Weiber würden ihn auffangen, rücklings zu Boden stürzen. Aber
+o weh! Keine schützenden Arme umfingen seinen sinkenden Leib. Er schlug
+mit solchem Dröhnen auf den harten Fußboden, daß aus dem Zuschauerraum
+ein Entsetzensschrei erscholl, der freilich in ein Lachen überging, als
+der tote Priester wütend zischte: »Na, wartet nur bis nachher!«
+
+[Illustration]
+
+Kaiser Valentinian stellte die Stimmung wieder her, indem er ein
+leuchtendes Bild der zukünftigen Stadt Basilea entwarf.
+
+[Illustration]
+
+Unter dem Jubelchor des Volkes und von ihrer Schar begleitet und
+hilfreich geschoben, ritt seine Majestät davon.
+
+Die zweite Szene, die den Bau der alten Rheinbrücke im Jahre 1225
+behandelte, überschlugen wir, der vielen Personen wegen. Um sie aber
+nicht ganz unerwähnt zu lassen, wandelte Gretchen langsam und heimlich
+als Bischof über die Bühne; Elschen trippelte, ein Meßglöcklein
+schwingend, hintendrein.
+
+Das dritte Bild brachte den Höhepunkt des Festes: Anni als König Rudolf.
+Ihre schwarzen Zöpfe waren unter einem Turban verborgen. Sie stak in
+einem deutschen Militärrock und schulterte einen uralten Schießprügel.
+Um den Hals hing ihr eine goldene Kette, und ihre Beine waren mit
+Reiterstiefeln bekleidet. König Rudolf versprach mit großem Pathos der
+Stadt ihre Freiheit; Schultheiß Gretchen dankte tief.
+
+[Illustration]
+
+Die kriegerischen Rollen des vierten Bildes, wo es sich um den in die
+Schlacht von Sempach abziehenden Herzog Leopold handelte, wurden
+durchweg von den Buben gespielt, deren schauspielerische Begabung sich
+hauptsächlich in einem ungeheuren Stimmenaufwand äußerte. Auch die
+feierliche Vereinigung der beiden links und rechts vom Strom gelegenen
+Städte, des mehrern und mindern Basel, wurden von den Buben in stark
+verkürzter Form vorgetragen.
+
+Den erhebenden Schluß bildete das Auftreten der drei Frauengestalten:
+Helvetia, Basilea, Klio. Unter dem völlig programmwidrigen
+Hurrahgeschrei der Buben sank Basilea in die mütterlichen Arme
+Helvetias.
+
+Das Publikum erwies sich sehr aufmerksam. Die kleine Mutter lachte
+Tränen. Die Tante fühlte sich »bewegt«, und auch Großmutters alte Augen
+schauten freundlich zu uns herüber. In die Ferne konnte sie ja gut
+sehen, und so war ihr keine Einzelheit unserer Kostüme, keine einzige
+fürstliche Geste und dramatische Bewegung entgangen.
+
+Nach dem wirklichen Festspiel hatte ein großes Festessen stattgefunden.
+Auch uns ward eines zu Teil.
+
+Als die Vorstellung zu Ende war, lud uns die kleine Mutter feierlich
+ein, hinunter zu kommen. Der Tisch im Eßzimmer war gedeckt. In der Mitte
+stand eine Riesenplatte mit Erdbeeren. Hei! Wie da König Rudolf, Kaiser
+Valentinian und Herzog Leopold fröhlich schmausten. Auch der alte
+Priester vergaß seinen Groll, während er eine saftige Beere nach der
+andern in den Mund schob.
+
+Diese Aufführung blieb nicht die einzige, die die alte Bodenkammer
+erlebt hat. Das Bühnenfieber hatte uns gepackt, und eine Zeit lang
+mußten sich Großmutter und die kleine Mutter wieder und wieder zu dem
+alten Sofa hinaufbequemen, um unsere »Lebenden Bilder«, Komödien und
+Tragödien anzusehen.
+
+Der Winter machte diesen Vorstellungen ein Ende, und der Winter brachte
+auch eine schmerzliche Trennung. Meine Freunde verließen die Stadt. Das
+alte Haus wurde eingerissen, und in dem zierlichen Neubau, der sich an
+seiner Stelle erhob, war keine alte Bodenkammer mehr zu finden.
+
+[Illustration]
+
+[Illustration]
+
+=Sonne und Regen im Kinderland=
+
+ * * * * *
+
+_Eine Reihe bunter Geschichten mit Bildern für kleine und große Leute_
+
+1. _Agnes Sapper_: =Frieder=. Die Geschichte vom kleinen Dummerle mit
+ Scherenschnitten von Hedwig Schwegelbaur.
+
+2. _Ida Frohnmeyer_: =Hansi=. Zwei Erzählungen, von einem einsamen Bub u.
+ vom Spiel froher Mädchen mit Scherenschnitten von Hed. Schwegelbaur.
+
+3. _Charlotte Wörner_: =Prinzeß Gänselore=. Ein Märchen für brave Kinder
+ mit Orignialholzschnitten von Martha Welsch.
+
+4. _Charlotte Wörner_: =Die Männlein vom Mummelsee=. Ein Märchen aus dem
+ Schwarzwald mit Zeichnungen von Martha Welsch.
+
+5. _Charlotte Wörner_: =Im Reich der Blumen-Königin=. Ein Elfenmärchen mit
+ Zeichnungen von Martha Welsch.
+
+6. _Anna Schieber_: =Annegret=. Eine Kindergeschichte mit Bildern von
+ Elisabeth Sauer.
+
+=Jedes Bändchen ist fein gebunden u. einfach kartoniert lieferbar=
+
+Von Sonne und Regen im Kinderland, von Kinderlust und Kinderleid
+erzählen diese lieblich ausgestatteten Bändchen. Den Kleinen bringen sie
+lebendige, gemütvolle Unterhaltung und den Großen rufen sie die ganze
+Schönheit des Kinderlebens in warme Erinnerung
+
+ * * * * *
+
+=D. Gundert / Verlag / Stuttgart=
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+[Anmerkung TN1: In Original steht hier tüchigen.]
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HANSI***
+
+
+******* This file should be named 19971-8.txt or 19971-8.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+https://www.gutenberg.org/dirs/1/9/9/7/19971
+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
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+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit:
+https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
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Binary files differ
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@@ -0,0 +1,1947 @@
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+<h1>The Project Gutenberg eBook, Hansi, by Ida Frohnmeyer, Illustrated by
+Hedwig Schwegelbaur</h1>
+<pre>
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at <a href = "http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre>
+<p>Title: Hansi</p>
+<p>Author: Ida Frohnmeyer</p>
+<p>Release Date: November 29, 2006 [eBook #19971]</p>
+<p>Language: German</p>
+<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p>
+<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HANSI***</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>E-text prepared by Norbert H. Langkau, Ralph Janke,<br />
+ and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team
+ (http://www.pgdp.net/)</h3>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+
+
+
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/img001.png" width="400" height="473" alt="" title="" />
+</div>
+
+<h1>Hansi</h1>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h3><a name="Sonne" id="Sonne"></a>Sonne</h3>
+<h3>und Regen</h3>
+<h3>im Kinderland</h3>
+
+<h4><em class='gesperrt'>Das zweite</em></h4>
+<h4><em class='gesperrt'>B&auml;ndchen</em></h4>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h4><em class='gesperrt'>Ida Frohnmeyer</em></h4>
+
+<h2><em class='gesperrt'>Hansi</em></h2>
+
+<h4><em class='gesperrt'>Zwei Erz&auml;hlungen</em></h4>
+
+<hr style="width: 15%;" />
+
+<h4><em class='gesperrt'>Mit Scherenschnitten von</em></h4>
+<h4><em class='gesperrt'>Hedwig Schwegelbaur</em></h4>
+
+<hr style="width: 15%;" />
+
+<h4><em class='gesperrt'>12.-26. Tausend</em></h4>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr style="width: 15%;" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h3><em class='gesperrt'>1922</em></h3>
+
+<hr style="width: 45%; height: 1ex; border-style: solid; border-width: thick; border-color: black;" />
+
+<h3>D. Gundert / Verlag / Stuttgart</h3>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+
+<h5>Druck der Stuttgarter</h5>
+<h5>Vereins-Buchdruckerei</h5>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+
+<h2><a class='page' name ='Page_7' id='Page_7' title='7'></a><a name="Hansi" id="Hansi"></a>Hansi</h2>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/img007.png" width="400" height="203" alt="" title="" />
+</div>
+
+
+<p>&raquo;Und wenn wir uns wiedersehen, ist mein
+Hansi ein gro&szlig;er, strammer Bub! Ach, wie ich
+mich jetzt schon freue!&laquo;</p>
+
+<p>Das hatte Mutterchen gesagt, als sie zum
+letzten Male an ihres Jungen Bett gesessen hatte.
+Am andern Morgen, noch ehe Hansi die Augen
+ge&ouml;ffnet, waren sie und der Vater weggereist, weit
+weg, zur&uuml;ck in das hei&szlig;e Land, in dem Hansi geboren
+war und als kleiner Junge gespielt hatte.</p>
+
+<p>Wie war es da so sch&ouml;n! Wie ein langer,
+leuchtender Sonnentag! Ein bi&szlig;chen hei&szlig; war es
+ja manchmal gewesen, aber dann hatte ihn die
+<a class='page' name ='Page_8' id='Page_8' title='8'></a>freundliche, braune Ayah gef&auml;chelt, und Mutterchen
+hatte ihm erlaubt, wie ein kleiner Hindujunge, nur
+mit einem Lendentuch bekleidet, herumzuspringen.
+Und da war eine gro&szlig;e, mattenbedeckte Veranda
+gewesen und ein pr&auml;chtiger Blumengarten und das
+weite, blaue Meer, in dem er jeden Morgen gebadet,
+und das ihm so viele sch&ouml;ne Muscheln geschenkt.
+Ja, und einmal war eine dabei gewesen,
+die sah drein, als habe sie ein Tigerfellchen angezogen,
+und sie hatte etwas ganz Wunderbares
+in sich verborgen &mdash; &mdash; das Rauschen des Meeres.
+Man mu&szlig;te sie nur dicht ans Ohr halten, dann
+h&ouml;rte man es deutlich, und wenn man die Augen
+schlo&szlig;, konnte man denken, nahe bei Vater und
+Mutter zu sein.</p>
+
+<p>Jetzt wohnte Hansi in einem gro&szlig;en Haus
+mit vielen andern Buben zusammen. Eine Veranda
+gab es da nicht, nur weite, helle Stuben, die ein
+wenig leer und n&uuml;chtern dreinsahen. An den
+W&auml;nden hingen keine Bilder, und nirgends standen
+Blument&ouml;pfe oder sch&ouml;n geformte Vasen. Nat&uuml;rlich,
+<a class='page' name ='Page_9' id='Page_9' title='9'></a>in einem Haus mit so vielen wilden Buben
+konnte man derartiges nicht haben. Mutterchen
+wenigstens hatte den Mangel so erkl&auml;rt.</p>
+
+<div class="figright" style="width: 200px;">
+<img src="images/img009.png" width="200" height="135" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>Wenn sie nur ein bi&szlig;chen weniger wild gewesen
+w&auml;ren, diese Buben! Hansi f&uuml;rchtete sich
+vor ihnen, oft unn&ouml;tigerweise, denn im Grund
+meinten sie es gut mit dem neuen Kameraden.
+Aber er war so vertr&auml;umt
+und so fabelhaft leichtgl&auml;ubig,
+der kleine Hansi. Das verlockte
+sie immer aufs neue zu
+Neckereien aller Art. &raquo;Hansi,
+du mu&szlig;t einmal ein Sandm&auml;nnchen
+werden und mit einem Karren herumziehen
+und Sand verkaufen!&laquo; sagte einer der
+Buben. Hansi schaute kl&auml;glich drein und meinte:
+&raquo;Ich will aber nicht!&laquo; &mdash; &raquo;Ja, du mu&szlig;t eben,
+du mu&szlig;t!&laquo; gr&ouml;hlte die ganze Bande. Sie lachten
+aus vollem Halse und sahen ohne alles Mitleid,
+wie in Hansis Augen eine hei&szlig;e Angst
+aufwachte. Vielleicht da&szlig; ihnen die dummen
+Worte leid gewesen w&auml;ren, wenn sie gewu&szlig;t h&auml;tten,<a class='page' name ='Page_10' id='Page_10' title='10'></a>
+da&szlig; sie wochenlang wie ein schweres Gewicht auf
+Hansis Herzen lagen. Ja, wochenlang. Dann
+auf einmal kamen ihm Mutterchens Worte in den
+Sinn: &raquo;Wenn wir uns wiedersehen, ist mein Hansi
+ein gro&szlig;er, strammer Bub.&laquo; Also noch ein Bub!
+Da konnte Mutter doch gewi&szlig; verhindern, da&szlig;
+er ein Sandm&auml;nnchen werde. Hansi ward dar&uuml;ber
+so froh, da&szlig; er einen bescheidenen kleinen Luftsprung
+machen mu&szlig;te. Dann lief er in den gro&szlig;en
+Hof hinunter, wo die andern Jungen spielten und
+schrien, und schrie zum erstenmal in seinem Leben
+t&uuml;chtig mit.</p>
+
+<p>Der Hof erinnerte in nichts an den herrlichen
+Blumengarten. Nur in einer Ecke war ein kleiner
+Abglanz davon. Da hatten die gr&ouml;&szlig;eren Buben
+ihre G&auml;rtchen. Jedem geh&ouml;rte ein schmales Beet,
+das er selbst bepflanzen durfte. Wie sehr liebte
+Hansi diese kleinen G&auml;rten! Keiner der eigenen
+Besitzer wartete mit gr&ouml;&szlig;erer Spannung auf das
+Erbl&uuml;hen einer Knospe, auf das Aufgehen irgend
+eines geheimnisvollen Blumensamens.<a class='page' name ='Page_11' id='Page_11' title='11'></a></p>
+
+<div class="figleft" style="width: 150px;">
+<img src="images/img011a.png" width="150" height="128" alt="" title="" />
+</div> <div class="figright" style="width: 150px;">
+<img src="images/img011b.png" width="150" height="186" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>Die gro&szlig;en Jungen fanden es oft recht angenehm,
+den Kleinen helfen zu lassen. &raquo;Er tut
+es ja so gern,&laquo; entschuldigten sie sich vor sich selbst,
+wenn sie sahen, wie er mit gl&uuml;hendem Gesicht die
+Beete von Unkraut und Steinen s&auml;uberte. Aber
+keiner dachte daran, dem kleinen Hansi ein St&uuml;ckchen,
+ach! nur ein winziges St&uuml;ckchen zu geben.
+Und er mu&szlig;te noch so lange auf ein eigenes
+G&auml;rtchen warten! Wer in die dritte Klasse eintrat,
+bekam eines zugewiesen. Hansi aber geh&ouml;rte
+noch zu den &raquo;Nullten&laquo;. So nannte man die
+B&uuml;rschchen unter sechs Jahren,
+die noch nicht zur Schule gingen.
+Manchmal waren deren zwei,
+drei, oder noch mehr beisammen,
+aber als Hansi
+ins Haus gekommen,
+waren eben<a class='page' name ='Page_12' id='Page_12' title='12'></a>
+alle Nullten stolze &raquo;Erstkl&auml;ssler&laquo; geworden, und
+Hansi war die einzige kleine Null. Das war
+dem guten Mutterchen gar hart erschienen.
+Sie hatte wohl vorausgesehen, wie verloren
+die kleine Null in dem gro&szlig;en Hause herumwandern
+werde. Den ganzen Vormittag hindurch
+waren Lektionen; f&uuml;r Hansi war niemand
+da, und so ging er mit seinen kleinen, immer noch
+ein bi&szlig;chen trippelnden Schritten treppauf, treppab.
+Oft blieb er vor einem Klassenzimmer stehen und
+h&ouml;rte ein Weilchen zu. Es freute ihn, wenn er
+die verschiedenen Stimmen unterscheiden konnte.
+&raquo;Das ist Gerhard und das Karl und das Fritz.&laquo;
+Er konnte sich beinahe einbilden, mit im Klassenzimmer
+zu sein wie ein richtiger gro&szlig;er Junge.
+Ach, wenn doch das Fr&uuml;hjahr bald kommen
+wollte!</p>
+
+<p>Aber vorerst war es Juni. Im Juli und
+August waren lange Ferien, das wu&szlig;te Hansi.
+Alle Jungen sprachen von diesen Ferien. Jeder
+war irgendwohin eingeladen, zu Verwandten oder<a class='page' name ='Page_13' id='Page_13' title='13'></a>
+guten Freunden, und jeder hatte etwas Sch&ouml;nes
+von den kommenden Wochen zu erz&auml;hlen.</p>
+
+<p>Nur Hansi nicht. Er wu&szlig;te nicht, da&szlig; ihn
+eine Tante l&auml;ngst eingeladen, und niemand dachte
+daran, ihm etwas davon mitzuteilen. Da &uuml;berkam
+ihn nach und nach eine gro&szlig;e Traurigkeit.
+&raquo;Alle werden sie fortgehen, dann bin ich ganz
+allein,&laquo; dachte das H&auml;nschen, und in Gedanken
+durchwanderte er das gro&szlig;e Haus und horchte
+vergeblich an den totenstillen Klassenzimmern. Mit
+einem Mal hatte er die vielen wilden Buben lieb.
+Er konnte es ihnen nicht sagen, er schaute sie nur
+an mit bittenden Augen, die so deutlich sagten:
+&raquo;Geh nicht fort! Wei&szlig;t du denn nicht, da&szlig; ich
+dann ganz allein bin?&laquo;</p>
+
+<p>Aber frische, lebenslustige Buben verstehen
+eine leise Augensprache schlecht. Hansi mu&szlig;te deutlicher
+reden, und das tat er auch eines Tages.
+Der Gr&ouml;&szlig;te der ganzen Schar, der schon beinahe
+wie ein Herr dreinsah, hatte Hansi erlaubt, sein
+G&auml;rtchen zu begie&szlig;en. Eifrig trippelte der Kleine<a class='page' name ='Page_14' id='Page_14' title='14'></a>
+hin und her. Das
+Wasser lief aus der
+Kanne nicht nur auf die
+Blumen hinab, sondern
+auch auf Hansis Sch&uuml;rze
+und Schuhe. &Auml;ngstlich
+beschaute er den Schaden
+aber der Gro&szlig;e wu&szlig;te Rat.</p>
+
+<div class="figleft" style="width: 200px;">
+<img src="images/img014.png" width="200" height="139" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>&raquo;Komm, die Sch&uuml;rze h&auml;ngen wir an die Mauer,
+da scheint noch Sonne hin. Die trocknet bald.&laquo;</p>
+
+<p>Er t&auml;tschelte bei diesen Worten Hansis Haarschopf &mdash; das
+tat wohl bis tief ins kleine Herz
+hinein. Hansi fa&szlig;te pl&ouml;tzlich Mut.</p>
+
+<p>&raquo;Du, Ernst, kann ich nicht mit dir in die
+Ferien gehen? Wei&szlig;t du, ich mu&szlig; sonst allein
+dableiben.&laquo;</p>
+
+<p>Noch ehe Ernst antworten konnte, erklang
+ein unb&auml;ndiges Gel&auml;chter. Hinter den beiden stand
+Hansis schlimmster Qu&auml;lgeist, ein lang aufgeschossener
+Junge mit schlenkrigen Gliedern. &raquo;Nun
+meint das Kindle, es bleibe allein zu Hause! Ha,<a class='page' name ='Page_15' id='Page_15' title='15'></a>
+ha, das ist ja rein zum Totlachen! Aber halt!&laquo;
+&mdash; der lustige Ton schlug pl&ouml;tzlich in einen ernsthaften
+um &mdash; &raquo;du hast ganz recht. Du mu&szlig;t
+freilich allein dableiben. Ganz allein ... Die
+Hauseltern gehen weg, und die M&auml;gde gehen
+weg, und die Lehrer gehen weg, und nat&uuml;rlich alle
+Buben &mdash; nur du allein mu&szlig;t dableiben und das
+Haus h&uuml;ten.&laquo;</p>
+
+<p>Hansi starrte den Sprechenden an mit weit
+aufgerissenen, entsetzten Augen, und nun geschah
+etwas v&ouml;llig Unerwartetes.
+Er schrie
+auf, so jammervoll,
+da&szlig; es sogar dem
+dummen Buben ins
+Herz drang, und dann
+st&uuml;rzte er, immer den
+gleichen schmerzlichen
+Schrei aussto&szlig;end,
+aufs Haus zu.</p>
+
+<div class="figright" style="width: 200px;">
+<img src="images/img015.png" width="200" height="233" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>&raquo;Du Esel!&laquo; knurrte<a class='page' name ='Page_16' id='Page_16' title='16'></a>
+der gro&szlig;e Ernst und gab dem Qu&auml;lgeist einen
+Rippensto&szlig;. Dann rannte er in gro&szlig;en Spr&uuml;ngen
+dem kleinen Kameraden nach. Drinnen im Haus
+fand er ihn. Die Hausmutter, eine r&uuml;stige Frau,
+mit einem freundlichen, t&uuml;chtigen<a name="FNanchor_TN1_1" id="FNanchor_TN1_1"></a><a href="#Footnote_TN1_1" class="fnanchor">[TN1]</a> Gesicht, hielt Hansi
+auf dem Scho&szlig; und strich ihm beruhigend &uuml;ber
+die tr&auml;nennassen B&auml;ckchen.</p>
+
+<p>&raquo;Nun weine nur nicht mehr! Hat es denn
+gar so weh getan? Wo bist du denn gefallen?
+Komm, jetzt machen wir: Heile, heile Segen! Drei
+Tag' Regen, drei Tag' Schnee &mdash; tut dem Kindchen
+nimmer weh!&laquo;</p>
+
+<p>In ihrer Stimme lag etwas so Beruhigendes,
+da&szlig; Hansis wildes Schluchzen allm&auml;hlich verstummte.
+Da stellte ihn die Frau wieder auf die
+Erde, putzte ihm das N&auml;schen und ging eilig, um
+in der K&uuml;che ihre Befehle f&uuml;r das Abendbrot zu
+geben.</p>
+
+<p>Der gro&szlig;e Ernst stand etwas verlegen neben
+dem kleinen Kameraden. &raquo;Hansi,&laquo; sagte er, &raquo;nun
+pa&szlig; einmal auf: du mu&szlig;t nicht allein dableiben.<a class='page' name ='Page_17' id='Page_17' title='17'></a>
+Du bist auch eingeladen, zu deiner Tante in den
+Schwarzwald. Dort ist's sch&ouml;n, freu' dich nur!
+Auf Karl brauchst du nicht zu h&ouml;ren, der schwatzt
+nur dummes Zeug.&laquo;</p>
+
+<p>Hansi sagte nur das eine W&ouml;rtchen &raquo;O&laquo;, aber
+seine Augen sahen dabei so gl&uuml;cklich und dankbar
+drein, da&szlig; es dem gro&szlig;en Ernst ganz merkw&uuml;rdig
+warm ums Herz wurde. Z&auml;rtlichkeiten waren unter
+den Jungen verp&ouml;nt. Aber nun konnte er nicht
+anders: er b&uuml;ckte sich und k&uuml;&szlig;te das strahlende
+Gesichtchen vorsichtig und rasch.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/img017.png" width="400" height="295" alt="" title="" />
+</div>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;"><a class='page' name ='Page_18' id='Page_18' title='18'></a>
+<img src="images/img018.png" width="400" height="298" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>Ende August r&uuml;ckte Hansi wieder in die Anstalt
+ein. Er brachte ein sonnenverbranntes Gesichtchen
+mit und frohe, blanke Augen, in denen
+sich viel Liebes gespiegelt hatte. Das war deutlich
+zu sehen. Und ebenso deutlich war zu sehen,
+wie die Augen allm&auml;hlich den frohen Glanz verloren
+und wieder den alten suchenden, vertr&auml;umten
+Ausdruck gewannen.<a class='page' name ='Page_19' id='Page_19' title='19'></a></p>
+
+<p>Und doch war eigentlich niemand unfreundlich
+mit dem Kleinen. Nur ... es hatte niemand
+Zeit f&uuml;r ihn. Das war es. Die Hausmutter und
+die M&auml;gde hatten alle H&auml;nde voll mit dem gro&szlig;en
+Haushalt. Der Hausvater und die Lehrer besch&auml;ftigten
+sich wohl auch au&szlig;er den Stunden mit
+den Buben, aber Hansi war meist zu klein, um
+bei den verschiedenen Unternehmungen mittun zu
+k&ouml;nnen. Nur der Singlehrer gab sich hie und da
+mit ihm ab. Der hatte ihn einmal ein Lied, das
+ihn seine Ayah gelehrt, singen h&ouml;ren, und seither
+durfte Hansi in der Singstunde der Kleinen mitsingen.
+Ja, und manchmal durfte er auch noch
+nach der Stunde eine Weile bei dem freundlichen
+Herrn bleiben, der ihm auf dem Klavier allerlei
+vorspielte.</p>
+
+<p>Gleich nach Vater und Mutter und den
+Blumen liebte Hansi die Musik. Aber es mu&szlig;te
+sch&ouml;ne sein. Die &Uuml;bungsst&uuml;cke der Buben waren
+ihm zuwider. Auch der Lehrer spielte nicht immer
+sch&ouml;n nach Hansis Meinung. &raquo;Sch&ouml;n&laquo; waren nur<a class='page' name ='Page_20' id='Page_20' title='20'></a>
+die feinen, zarten T&ouml;ne, die einen wie liebe H&auml;nde
+streichelten. &mdash; &mdash;</p>
+
+<div class="figleft" style="width: 150px;">
+<img src="images/img020a.png" width="150" height="167" alt="" title="" />
+</div>
+
+<div class="figright" style="width: 150px;">
+<img src="images/img020b.png" width="150" height="188" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>Der Herbst brachte eine gro&szlig;e Freude f&uuml;r
+Hansi. Bei Vater und Mutter war ein Kindchen
+angekommen, ein kleines Schwesterlein, das mit
+ebenso erstaunten Blauaugen in die Welt gucke,
+wie es Hansi getan. Als das kleine Ding ein
+paar Wochen alt war, wurde es photographiert,
+und Hansi erhielt ein Bildchen.</p>
+
+<p>Er betrachtete es mit strahlenden Augen, dann
+lief er zur Hausmutter. &raquo;Nicht wahr, Tante,
+einmal hat der liebe Gott gedacht: Nun
+will ich mal ein s&uuml;&szlig;es, kleines M&auml;dchen
+machen, und da hat er K&auml;the gemacht.&laquo;</p>
+
+<p><a class='page' name ='Page_21' id='Page_21' title='21'></a>&raquo;Ja, ja, das wird wohl so sein,&laquo; l&auml;chelte die
+Tante. Dabei setzte sie den gro&szlig;en W&auml;schekorb,
+den sie eben auf den Boden tragen wollte, wieder
+ab, um Hansi einen Ku&szlig; zu geben.</p>
+
+<p>Hansi trug das Bildchen immer bei sich in der
+Tasche seiner Matrosenbluse. Wenn er sich sehr
+klein und verlassen vorkam, zog er es hervor und
+setzte sich damit in die N&auml;he der G&auml;rtchen, um den
+Blumen von der kleinen Schwester zu erz&auml;hlen.
+Sie verstanden ihn sehr gut, besonders die Dahlien,
+die mit ihren dicken K&ouml;pfen so vergn&uuml;gt und wohlgen&auml;hrt
+dreinsahen. Sie erinnerten Hansi immer
+an einen Buben des Hauses, der rote Pausbacken
+hatte und immer zufrieden war. Die
+Blumen waren &uuml;berhaupt wie die Menschen.
+Sie hatten ihre eigenen Gesichter und ihr eigenes
+Wesen. Die Stiefm&uuml;tterchen waren wie liebe,
+freundliche Kinderchen, aber die Rosen trugen sich
+stolz und hatten wundervolle Seidenkleider, da&szlig;
+man sie gar nicht anzufassen wagte. Noch schlimmer
+waren die Lilien, die so steif und gerade standen,<a class='page' name ='Page_22' id='Page_22' title='22'></a>
+nie sich hin und her wiegten und fl&uuml;sterten
+wie die bunten Nelken. Doch die Liebste
+von allen war die Sonnenblume. Sie war
+die Mutter aller Blumen. Es konnte nicht
+anders sein. Sie glich ganz und gar einer
+freundlichen, liebespendenden Mutter.</p>
+
+<div class="figleft" style="width: 80px;">
+<img src="images/img022a.png" width="80" height="259" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>Aber nun waren die Sonnenblumenmutter
+und alle ihre Sommerkinder
+verbl&uuml;ht. In den G&auml;rten standen
+au&szlig;er Dahlien nur noch
+Chrysanthemen. Der
+gro&szlig;e Ernst hatte sein
+ganzes St&uuml;ckchen Land
+damit bepflanzt. Da waren violette
+und bronzefarbene, bla&szlig;gelbe
+und wei&szlig;e. Hansi liebte
+die wei&szlig;en am meisten, denn sie
+sahen drein wie Sterne, und er
+mu&szlig;te bei ihrem Anblick immer
+an den Stern von Bethlehem, an
+Weihnachten denken.</p>
+
+<div class="figright" style="width: 90px;">
+<img src="images/img022b.png" width="90" height="182" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p><a class='page' name ='Page_23' id='Page_23' title='23'></a>Und Hansi freute sich auf Weihnachten! Ganz
+weh tat ihm oft das Herz, weil es so voller
+Freude und Erwartung war. Zwar war es traurig,
+da&szlig; auch die bunten Herbstblumen verbl&uuml;hen
+mu&szlig;ten, und da&szlig; der wei&szlig;e Schnee, der so na&szlig;
+und kalt war, alles zudeckte. Hansi konnte nicht
+verstehen, da&szlig; er die Blumen warm halte, wenn
+es ihm die andern auch noch so oft vorsagten.
+Nein, die Blumen waren alle tot und konnten sich
+nie mehr durch den dicken Schnee hinausfinden.</p>
+
+<p>Das war furchtbar traurig. Aber Hansi
+wollte nicht daran, sondern an das wundersch&ouml;ne
+Christfest denken. Er lernte viele Weihnachtslieder.
+Ja, der Lehrer lie&szlig; ihn ganz allein ein altes Lied
+singen, das fing an: &raquo;O Jesulein s&uuml;&szlig;, o Jesulein
+mild.&laquo; Es waren ein paar Worte drin, die Hansi
+nicht verstand. Aber das schadete nichts. Die
+Melodie war s&uuml;&szlig; und zart, gerade wie ein Lied
+sein mu&szlig;, das man dem Jesuskindlein in der
+Krippe singen darf.</p>
+
+<p>Hansi sang es oft. Wenn er allein in dem<a class='page' name ='Page_24' id='Page_24' title='24'></a>
+gro&szlig;en Kinderzimmer sa&szlig; und mit dem alten Baukasten
+spielte, baute er einen wundersch&ouml;nen Stall
+mit vielen T&uuml;rmchen und Erkern. Dann legte er
+den blonden Kopf auf die Tischplatte, um durch
+das winzige Fensterchen in das d&auml;mmrige Innere
+zu sehen. Dazu sang er mit lieber, feiner Stimme,
+und seine Augen gewannen dabei einen Ausdruck,
+als wachse das winzige St&auml;llchen zu einem gro&szlig;en,
+als stehe die T&uuml;r weit offen und das H&auml;nschen
+wandere hinein in den seligen Glanz, der von
+dem Kindlein in der Krippe ausgeht.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/img024.png" width="400" height="236" alt="" title="" />
+</div>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;"><a class='page' name ='Page_25' id='Page_25' title='25'></a>
+<img src="images/img025.png" width="400" height="240" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>In der Stadt war Weihnachtsmarkt. Von
+dem alten Stadttor, das einst trutzig jedem Fremden
+den Einla&szlig; verweigert hatte, nun aber l&auml;ngst friedlich,
+mit efeuumsponnenen T&uuml;rmen innerhalb der
+Stadt stand, f&uuml;hrte eine breite Stra&szlig;e auf den
+Andreasplatz hinunter. Und hier standen alle die
+Weihnachtsb&auml;ume. Pr&auml;chtige Wei&szlig;tannen, die
+wohl daf&uuml;r bestimmt waren, einen gro&szlig;en Saal
+zu schm&uuml;cken; schlanke Rottannen, deren Zweige
+verlangend ausgestreckt waren, als k&ouml;nnten sie es<a class='page' name ='Page_26' id='Page_26' title='26'></a>
+kaum erwarten, die strahlenden Kerzen und goldenen
+Ketten zu tragen. Da waren auch putzige, kleine
+B&auml;ume, zu denen sich Hansi ganz besonders hingezogen
+f&uuml;hlte. Er schritt neben der Hausmutter
+die gr&uuml;ne Tannenstra&szlig;e auf und ab; aber w&auml;hrend
+diese die gro&szlig;en B&auml;ume musterte, betrachtete Hansi
+mit z&auml;rtlichen Blicken die kleinen. Endlich wurde
+eine gro&szlig;e, stolze Tanne gew&auml;hlt, und Elise, die
+neueingetretene Magd, und der gro&szlig;e Ernst, der
+zur Hilfe mitgekommen, packten sie vorsichtig und
+machten sich auf den Nachhauseweg.</p>
+
+<p>&raquo;Komm, Hansi,&laquo; sagte die Tante, &raquo;wir gehen
+jetzt auch.&laquo;</p>
+
+<p>Hansi streckte gehorsam seine Hand aus, aber
+er konnte nicht hindern,
+da&szlig; ihm dabei
+ein kleiner Seufzer
+entschl&uuml;pfte. Er hatte,
+w&auml;hrend die Tante
+mit dem Verk&auml;ufer
+verhandelt, die ganze</p>
+
+<div class="figleft" style="width: 200px;">
+<img src="images/img026.png" width="200" height="148" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p><a class='page' name ='Page_27' id='Page_27' title='27'></a>Zeit neben einem zierlichen B&auml;umchen gestanden,
+dessen gr&uuml;ne Spitze nur eben an sein N&auml;schen
+reichte.</p>
+
+<p>&raquo;Gef&auml;llt dir das B&auml;umchen? M&ouml;chtest du
+es haben?&laquo; fragte mit einem Mal die Verk&auml;uferin.
+&raquo;Ich schenke es dir. Die Frau Mama haben ja
+eine so gro&szlig;e Tanne gekauft, da geht das Kleine
+noch drein.&laquo;</p>
+
+<p>Hansi konnte sein Gl&uuml;ck kaum fassen. Er
+dankte mehr mit den Augen als mit dem Mund,
+dann schritt er neben der Tante, vorsichtig die
+gr&uuml;ne Last gegen das dankbare Herzchen gedr&uuml;ckt.</p>
+
+<div class="figleft" style="width: 80px;">
+<img src="images/img028.png" width="80" height="367" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>Es war merkw&uuml;rdig. Als der Morgen des
+Festes d&auml;mmerte, auf das sich Hansi wochenlang
+von ganzem Herzen gefreut, war die Freude mit
+einem Schlag wie weggewischt. Noch nie war er
+sich so klein und so verlassen vorgekommen, wie
+in dem unruhigen, frohen Treiben, das den ganzen
+Tag beherrschte. Er wurde erst ein bi&szlig;chen froher,
+als ihm die Tante zwei besch&auml;digte Glaskugeln,
+ein paar schillernde Goldf&auml;den und sogar einige<a class='page' name ='Page_28' id='Page_28' title='28'></a>
+Halter mit Lichtst&uuml;mpchen darin schenkte. Nun
+konnte er doch sein B&auml;umchen, sein eigenes, liebes
+B&auml;umchen schm&uuml;cken. Er hatte sich selbst einigen
+Schmuck gefertigt: wundersam gezackte
+Sterne, auch Blumen und V&ouml;gel und allerlei
+Getier. Sie sahen zwar ein bi&szlig;chen
+seltsam drein &mdash; Mutterchen hatte das
+entschieden besser gekonnt &mdash; aber im
+Grund schadete es nichts. Die langgeschw&auml;nzten
+V&ouml;gel wiegten sich vergn&uuml;glich
+in den gr&uuml;nen Zweigen, die Goldsterne
+und Goldf&auml;den leuchteten pr&auml;chtig,
+und die Glaskugeln waren so sch&ouml;n, da&szlig;
+Hansi eine Weile seine Arbeit unterbrechen
+mu&szlig;te, um das B&auml;umchen von allen
+Seiten bewundern zu k&ouml;nnen. Nun
+wurden noch die f&uuml;nf Kerzen angesteckt,
+und das B&auml;umchen war geschm&uuml;ckt.</p>
+
+<p>Es stand in einem Rumpelk&auml;mmerchen auf einem
+alten Schemel, den Hansi erst fein s&auml;uberlich mit
+einem Taschentuch bedeckt hatte. Es war kalt in der<a class='page' name ='Page_29' id='Page_29' title='29'></a>
+Dachkammer, und Hansi hatte nahezu blaugefrorene
+H&auml;nde und ein rotes N&auml;schen. Aber er schien
+es gar nicht zu beachten. Er war ganz versunken
+in den Anblick seines B&auml;umchens, und erst als
+die Glocke zum Vieruhrbrot rief, verlie&szlig; er das
+K&auml;mmerchen.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/img029.png" width="400" height="455" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>Um &frac12;6 Uhr sollte die Weihnachtsfeier beginnen.
+Vorher mu&szlig;ten alle die vielen Buben
+noch einmal gewaschen und gek&auml;mmt, geb&uuml;rstet
+und gestriegelt werden. Da konnte es leicht passieren,
+da&szlig; ein so kleines M&auml;nnchen wie Hansi &uuml;bersehen
+wurde.</p>
+
+<p>Niemand vermi&szlig;te ihn, bis es an das Ordnen<a class='page' name ='Page_30' id='Page_30' title='30'></a>
+des Zuges ging. Den mu&szlig;te ja der Kleinste
+anf&uuml;hren. Aber wo war er nur? Nicht im
+Wohnzimmer, nicht in der Kinderstube, in keinem
+der Lehr-, in keinem der Schlafs&auml;le. Die
+Buben lachten und stellten die ungeheuerlichsten
+Vermutungen auf. &raquo;Er hat vielleicht gemeint, die
+Krippe sei im Kohlenkeller,&laquo; meinte der lange
+Karl. Das schien der Tante gar nicht so unm&ouml;glich.
+Sie ging selbst die Kellertreppe hinunter;
+die Elise aber, die neue Magd, schickte sie auf den
+Boden, nach Hansi zu suchen.</p>
+
+<p>Langsam schritt das junge M&auml;dchen die steile
+Stiege hinauf. Oben angekommen, lehnte sie einen
+Augenblick den Kopf an die Wand und schluchzte
+laut und schmerzlich. Es war zum erstenmal, da&szlig;
+sie in der Fremde Weihnacht feiern mu&szlig;te...
+Ach, wie sie sich nach Hause sehnte, wo sie von
+allen geliebt worden! Hier fragte niemand nach
+ihr, niemand brauchte sie. Es war gleichg&uuml;ltig,
+ob sie da war oder nicht... Doch &mdash; sie mu&szlig;te
+ja Hansi suchen gehen.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;"><a class='page' name ='Page_31' id='Page_31' title='31'></a>
+<img src="images/img031.png" width="400" height="235" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>Ein, zwei T&uuml;ren hatte Elise schon ge&ouml;ffnet
+und umsonst in dem Halbdunkel herumgesp&auml;ht,
+da sah sie einen Lichtstrahl aus dem alten Rumpelk&auml;mmerchen
+fallen. Die T&uuml;re war nur angelehnt.
+Ganz leise schob sich Elise hinein, und da sah sie
+das verlorene H&auml;nschen auf einer Kiste sitzen. Vor
+ihm stand das wundersam geschm&uuml;ckte B&auml;umchen
+und leuchtete mit seinen f&uuml;nf Kerzen.</p>
+
+<p>Wie arm und wehm&uuml;tig sah das drein...
+Aber das Kind sa&szlig; davor mit gl&uuml;ckstrahlenden
+Augen und sang:</p>
+
+<div class="figleft" style="width: 200px;"><a class='page' name ='Page_32' id='Page_32' title='32'></a>
+<img src="images/img032.png" width="200" height="213" alt="" title="" />
+</div>
+
+<div class="poem" ><div class="stanza">
+<span class="i8">&nbsp;<br /></span>
+<span class="i8">&nbsp;<br /></span>
+<span class="i8">&nbsp;<br /></span>
+<span class="i8">&raquo;O Jesulein s&uuml;&szlig;!<br /></span>
+<span class="i8">O Jesulein mild!<br /></span>
+<span class="i8">Des Vaters Will'n<br /></span>
+<span class="i8">Hast du erf&uuml;llt,<br /></span>
+<span class="i8">Bist kommen aus dem Himmelreich,<br /></span>
+<span class="i8">Uns armen Menschen worden gleich.<br /></span>
+<span class="i8">O Jesulein s&uuml;&szlig;!<br /></span>
+<span class="i8">O Jesulein mild!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Die blonde Elise lehnte unter der
+T&uuml;re. In ihre guten Augen, die schon so
+m&uuml;tterlich schauen konnten, traten hei&szlig;e Tr&auml;nen,
+die langsam &uuml;ber ihr Gesicht rollten. Sie achtete
+es nicht. Hier in dem kleinen Dachk&auml;mmerchen,
+als sie das Kind so einsam sitzen sah, war pl&ouml;tzlich
+eine gro&szlig;e Freude in ihr aufgewacht...
+Der brauchte sie und ihre Liebe! Der war ja
+auch ganz allein. Es tat ihm gewi&szlig; not, da&szlig; ihn<a class='page' name ='Page_33' id='Page_33' title='33'></a>
+jemand mit gro&szlig;er, warmer Liebe umfasse. Ach,
+und sie war ja froh, wenn sie Liebe schenken durfte ...</p>
+
+<p>&raquo;Hansi,&laquo; sagte Elise, &raquo;komm, Bubele, wir
+haben dich gesucht, weil man zur Bescherung geht.
+Du kannst jetzt nicht dableiben, aber dein sch&ouml;nes
+B&auml;umle z&uuml;nden wir morgen wieder an, gelt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht wahr, es ist wundersch&ouml;n?&laquo; Hansi
+kletterte von seiner Kiste herunter. Dann fa&szlig;te
+er mit seinem kalten H&auml;ndchen die braune, warme
+Hand des M&auml;dchens, und als er in ihr gutes
+Gesicht schaute, kam auch &uuml;ber ihn eine gro&szlig;e,
+helle Freude.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/img033.png" width="400" height="153" alt="" title="" />
+</div>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<div class="figcenter" style="width: 400px;"><a class='page' name ='Page_34' id='Page_34' title='34'></a>
+<img src="images/img034.png" width="400" height="249" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>Die alte Bodenkammer</p>
+
+
+<p>Wohl jeder tr&auml;gt in sich verborgen die Erinnerung
+an einen Ort, &uuml;ber dem der Stern der
+Kindheit mit besonders hellem Glanze leuchtet.</p>
+
+<p>Vielleicht ist es ein Garten, ein weltfremder,
+drin prunkende Pfingstrosen und hohe Malvenstauden
+stehen; oder ein trauliches Zimmerchen
+mit herabgelassenen Vorh&auml;ngen, und man sieht sich
+selbst klein und schmal an Mutters Knie lehnen
+und ihren Geschichten lauschen. Wieder zaubert die<a class='page' name ='Page_35' id='Page_35' title='35'></a>
+Erinnerung schneeige Berge, leuchtende Seen oder
+auch einen alten Hof, eine Scheuer &mdash; eine Bodenkammer.</p>
+
+<p>Sie lag nicht in unserm Haus. Bei uns war
+alles hell und neu und sauber, sogar auf dem
+Boden. Aber im Nachbarhaus, schr&auml;g &uuml;ber der
+Stra&szlig;e, war eine richtige alte Bodenkammer, durch
+deren halbblindes Fenster das Licht nur sp&auml;rlich
+eindringen konnte. Gegen Abend wurde es daher
+d&uuml;ster und sch&ouml;n gruselig. Man hockte so nahe
+wie m&ouml;glich zusammen auf der riesigen alten Kiste
+und erz&auml;hlte sich Geistergeschichten, bis einem vor
+Angst beinahe die Stimme versagte. Ich hatte an
+unserer K&ouml;chin eine sehr ergiebige Quelle und
+wu&szlig;te u.&nbsp;a. von &raquo;den M&auml;dchen, die noch Erbsen
+einlegen wollten&laquo; und von dem f&uuml;rchterlichen
+Telegramm &raquo;Habe acht auf den Sarg&laquo; zu erz&auml;hlen.</p>
+
+<p>Anni, die &Auml;lteste unserer kleinen Schar, behandelte
+Hauffs &raquo;Gespensterschiff&laquo;. Wir kannten
+ja die Geschichte l&auml;ngst auswendig, aber Anni<a class='page' name ='Page_36' id='Page_36' title='36'></a>
+sorgte f&uuml;r Variationen, so da&szlig; wir immer neuen
+Grund zum Kreischen fanden.</p>
+
+<p>Die andern zwei erz&auml;hlten nie. Dem dicken
+Gretchen fiel nichts ein und das kleine Elschen
+z&auml;hlte noch gar nicht recht mit. Sie mu&szlig;te sich
+&uuml;berhaupt geschmeichelt f&uuml;hlen, da&szlig; wir gro&szlig;en
+acht- und neunj&auml;hrigen M&auml;dels sie mittun lie&szlig;en.
+Wenn man erst f&uuml;nf Jahre alt ist und noch nicht
+einmal lesen kann!</p>
+
+<p>Sie, Klein-Elschen, war &uuml;brigens manchmal
+recht angenehm. Wenn man statt der Puppen
+gerne ein lebendiges Kindchen gehabt h&auml;tte, lie&szlig;
+sie sich geduldig in einen gro&szlig;en Schal wickeln
+und herumschleppen. Ja, sie nahm sogar mit
+sichtlichem Vergn&uuml;gen den Schnuller in den Mund,
+den wir dem richtigen Baby entwendet hatten.
+Mit unserer Moral war es &uuml;berhaupt etwas lax
+bestellt. Wurde in unserm Haushalt irgend ein
+Mangel entdeckt, so unternahm das f&uuml;r die Sache
+am meisten Bef&auml;higte einen Beutezug nach unten,
+wir nannten es einen Ausgang in die Stadt.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;"><a class='page' name ='Page_37' id='Page_37' title='37'></a>
+<img src="images/img037.png" width="400" height="178" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>Die Bodenkammer war sehr ger&auml;umig. Wir
+hatten uns in einer Ecke ein ganz behagliches
+Wohnzimmerchen eingerichtet, dessen Hauptstolz
+ein dreibeiniges Sofa &mdash; an Stelle des vierten
+Beines stand eine Kiste &mdash; und eine wacklige Kinderbettlade
+bildete. Wir waren auch im Besitz einer
+Truhe, deren Deckel so schwer war, da&szlig; wir ihn
+nur mit Lebensgefahr aufheben konnten. Lange
+war es uns &uuml;berhaupt nicht gelungen, und wir
+hatten uns schon darein ergeben, nie etwas von
+den darin verborgenen Sch&auml;tzen zu Gesicht zu bekommen.
+Aber einmal packte uns die Neugierde
+so m&auml;chtig, da&szlig; sie uns wahre Riesenkr&auml;fte zu<a class='page' name ='Page_38' id='Page_38' title='38'></a>
+verleihen schien; unter St&ouml;hnen und &Auml;chzen gelang
+es uns, den Deckel zur&uuml;ckzuschlagen. Eine dicke
+Staubdecke war das erste, was sich den vier neugierig
+gesenkten Kinderk&ouml;pfen darbot. Sie lag
+&uuml;ber einer Menge B&uuml;cher und vergilbter Bl&auml;tter
+und hatte sich auf einem rundlichen, mit einem
+Tuch bedeckten Gegenstand, der in der untersten
+Tiefe sichtbar ward, angesammelt. Was stak wohl
+unter dem Tuch?</p>
+
+<p>&raquo;Ein Ball!&laquo; riet das kleine Elschen. &raquo;Ein
+Goldklumpen!&laquo; meinte Gretchen mit bed&auml;chtiger
+Stimme.</p>
+
+<p>&raquo;Wir wollen es herausholen,&laquo; schlug Anni
+vor. &raquo;Steig' du hinein, Mixi, du bist die D&uuml;nnste.&laquo;</p>
+
+<p>Dagegen lie&szlig; sich nichts einwenden. Ich
+hockte zwischen den staubigen B&uuml;chern nieder und
+fing an, das runde Ding aus seiner Umh&uuml;llung
+zu sch&auml;len. Ich versuchte dabei mit Kopf und
+Schultern den andern die Aussicht zu verdecken.
+Mu&szlig;te ich in die staubige Kiste kriechen, so wollte
+ich wenigstens die Entdeckerfreude erst allein genie&szlig;en.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;"><a class='page' name ='Page_39' id='Page_39' title='39'></a>
+<img src="images/img039.png" width="400" height="204" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>Die letzte H&uuml;lle fiel und &mdash; &mdash; ein Totensch&auml;del
+grinste mich an aus leeren Augenh&ouml;hlen
+... in dem Oberkiefer staken noch ein paar gelbliche
+Z&auml;hne.</p>
+
+<p>Ein eisiges Grauen packte mich, aber ich lie&szlig;
+den Sch&auml;del nicht fallen. Langsam, wie von einer
+unsichtbaren Hand gezogen, richtete ich mich auf
+und hielt meinen Spielgef&auml;hrten den unheimlichen
+Fund entgegen.</p>
+
+<p>Anni stie&szlig; einen gellenden Schrei aus. Das
+sonst etwas schwerf&auml;llige Gretchen fl&uuml;chtete mit ein
+paar j&auml;hen S&auml;tzen. Nur Elschen blieb stehen und
+tippte mit seinen rosigen Fingerchen auf den bleichen<a class='page' name ='Page_40' id='Page_40' title='40'></a>
+Sch&auml;del. Sie lachte dazu und sagte: &raquo;Was f&uuml;r
+ein komischer alter Mann!&laquo;</p>
+
+<p>Die kalte Hand des Grauens lie&szlig; mich los.
+Ich lachte, lachte, da&szlig; mir beinahe die Tr&auml;nen
+kamen. Dabei entglitt mir der Sch&auml;del und rollte
+mit merkw&uuml;rdigem Ton &uuml;ber den Fu&szlig;boden. Elschen
+hob ihn beinahe mitleidig auf und wickelte ihn in
+ihr Sch&uuml;rzchen.</p>
+
+<p>Wir drei andern standen etwas verlegen beiseite.
+Zum erstenmal war sie die &Uuml;berlegene, die
+Tonangebende.</p>
+
+<p>&raquo;Wollen wir ihn begraben?&laquo; fragte die Kleine
+pl&ouml;tzlich, und wir stimmten begeistert zu.</p>
+
+<p>Anni mu&szlig;te sich unten nach einer passenden
+Schachtel, will sagen nach einem Sarg umsehen.
+Gretchen ging auf die Suche nach der Begr&auml;bnisst&auml;tte
+und dem Grabstein. Ich &uuml;bernahm es, die
+Inschrift zu schreiben. Elschen, immer noch den
+Sch&auml;del im Sch&uuml;rzchen, lehnte neben mir und
+schaute bewundernd zu, wie ich mit krampfhaft<a class='page' name ='Page_41' id='Page_41' title='41'></a>
+festgehaltenem Federhalter meine gro&szlig;en, steifen
+Buchstaben malte.</p>
+
+<p>&raquo;Lies es mir einmal vor!&laquo; bat sie, als das
+Werk beendet war, und ich las:</p>
+
+
+
+<div class='center'>
+<table border="2" frame="box" rules="none" cellpadding="8" cellspacing="8" summary="">
+<tr><td align='center' style="border-bottom: thin dashed black;">Hier ruht unser liber Uhruhrgro&szlig;vater.</td></tr>
+<tr><td align='center' style="border-bottom: thin dashed black;">Gottes Br&uuml;nnlein hat Wassers die F&uuml;lle.</td></tr>
+</table></div>
+
+<p>&raquo;Du h&auml;ttest nicht diesen Spruch schreiben
+sollen,&laquo; sagte Anni, mi&szlig;billigend das Schriftst&uuml;ck
+betrachtend. &raquo;Auf Gr&auml;ber schreibt man ganz
+andere Sachen. Etwas von Auferstehen oder
+Wiedersehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist mir einerlei!&laquo; entgegnete ich unersch&uuml;ttert.
+&raquo;Mir gef&auml;llt der Spruch und ich habe
+den Ururgro&szlig;vater gefunden.&laquo;</p>
+
+<p>Gretchen stand unter der T&uuml;re, die Hacke
+&uuml;ber der Schulter.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe einen feinen Platz, kommt schnell!&laquo;</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;"><a class='page' name ='Page_42' id='Page_42' title='42'></a>
+<img src="images/img042.png" width="400" height="189" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>Eiligst wurde der Sch&auml;del in Annis Schachtel
+gesteckt. Der Deckel wollte zwar nicht zugehen,
+aber das schadete nichts. Wir legten einen Fetzen
+schwarzes Tuch dar&uuml;ber und nun ordnete sich der
+Zug. Voraus ging Gretchen, der Totengr&auml;ber,
+dann Anni, der Pfarrer; Elschen, die den Sch&auml;del
+trug, war der Leichenwagen, ich stellte das Trauergeleite
+dar.</p>
+
+<p>Wir gingen mit ernsten K&ouml;pfen und bed&auml;chtigem
+Schritt die Treppe hinunter. Unter der
+T&uuml;re begegnete uns die kleine Mutter des Hauses.
+Sie war eine zierliche, bewegliche Frau mit leb<a class='page' name ='Page_43' id='Page_43' title='43'></a>haften
+Augen, die sich stets zu freuen schienen,
+obwohl sie oft genug Grund gehabt h&auml;tten, &auml;rgerlich
+und m&uuml;de drein zu sehen. Au&szlig;er meinen drei
+Freundinnen waren noch zwei gr&ouml;&szlig;ere und zwei
+ganz kleine Br&uuml;der zu versorgen. Das zappelte
+und schrie, lachte und kreischte den ganzen Tag
+um die Mutter herum, zerri&szlig; Kleider und Str&uuml;mpfe,
+beschmutzte Fu&szlig;b&ouml;den und Fensterscheiben, wollte
+gewaschen und gef&uuml;ttert sein. In dem allem stand
+die kleine Mutter, trug den Kopf mit dem tiefschwarzen
+Haar froh und aufrecht und hatte
+lachende, warme Augen.</p>
+
+<p>Wir waren das so gewohnt und es erschien
+uns nichts Absonderliches. Erst viele Jahre sp&auml;ter
+verstanden wir, was f&uuml;r eine tapfere Seele in der
+kleinen Mutter gewohnt hatte.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>&raquo;Mama, wir m&uuml;ssen ganz still sein, wir
+spielen Begraben!&laquo; kr&auml;hte Elschen im Vor&uuml;bergehen,
+und die Mutter stand denn auch and&auml;chtig
+und still.<a class='page' name ='Page_44' id='Page_44' title='44'></a></p>
+
+<p>Das Haus lag inmitten eines gro&szlig;en Gartens,
+der in verschiedene Abteilungen zerfiel. Da war
+ein freier Platz mit einem Sandhaufen f&uuml;r die
+Kinder. In einem andern Teil standen Blumen
+und Zierstr&auml;ucher und wieder in einem andern
+lagen in sch&ouml;nen Reihen Gem&uuml;sebeete, daneben
+zog sich eine dichte Himbeerhecke. Am Ende dieser
+Hecke war der von Gretchen gew&auml;hlte Begr&auml;bnisplatz.
+Sie hatte schon ein Loch gegraben, das sich
+aber als viel zu flach erwies. So arbeiteten Totengr&auml;ber,
+Pfarrer und Trauergeleite mit vereinten
+Kr&auml;ften, bis das Loch tief genug war, den Ururgro&szlig;vater
+aufzunehmen.</p>
+
+<p>Die Grabrede fiel kurz aus, um so kr&auml;ftiger
+und anhaltender war der Gesang. Wir hatten
+als passende Lieder gew&auml;hlt: &raquo;Morgenrot, Morgenrot!
+Leuchtest mir zum fr&uuml;hen Tod!&laquo; und: &raquo;Der
+Pilger aus der Ferne zieht seiner Heimat zu.&laquo;</p>
+
+<p>Elschen hatte noch vorgebracht &raquo;Wenn ich
+gro&szlig; bin,&laquo; aber das war als v&ouml;llig unm&ouml;glich
+abgeschlagen worden. &Uuml;berdies sank sie durch diese<a class='page' name ='Page_45' id='Page_45' title='45'></a>
+Forderung in unserer Achtung wieder auf die
+fr&uuml;here Stufe zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>An diesem Tag blieben wir bis zum Abendbrot
+im Garten. Der Sonnenschein war so hell
+und freundlich, w&auml;hrend &uuml;ber der alten Bodenkammer
+immer noch etwas Unheimliches zu lagern
+schien. Aber am n&auml;chsten Tag unterzogen wir den
+Inhalt der Truhe einer weiteren Besichtigung.</p>
+
+<p>Die B&uuml;cher rochen uralt und hatten schwere,
+feste Einbanddecken. Die Schrift war merkw&uuml;rdig
+schn&ouml;rkelig und lie&szlig; sich nicht ohne M&uuml;he entziffern.
+Wir strengten uns auch nicht sonderlich an. Eine
+Menge der B&uuml;cher wurden mit Abscheu zur Seite
+gelegt, weil sie sich als &raquo;Doktorsb&uuml;cher&laquo; erwiesen.
+Dasselbe Schicksal teilten ein paar Andachtsb&uuml;cher
+&raquo;auf Kosten einer wahrheitliebenden Gesellschaft
+gedruckt&laquo;. Dann stie&szlig; Anni einen Schrei des Entz&uuml;ckens
+aus, denn sie hatte ein Geschichtenbuch,
+nein, noch sch&ouml;ner, ein M&auml;rchenbuch entdeckt. Wer
+h&auml;tte der Truhe diesen k&ouml;stlichen Schatz angesehen!</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 300px;"><a class='page' name ='Page_46' id='Page_46' title='46'></a>
+<img src="images/img046.png" width="300" height="223" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>Anni fing gleich an, uns &raquo;die Geschichte von
+dem tugendhaftigen Prinzen Treuherz und der
+wonnesamen Prinzessin Herzelaide&laquo; vorzulesen,
+aber der Genu&szlig; war nur m&auml;&szlig;ig. Sie blieb immer
+wieder an den feinen Schn&ouml;rkelchen der Buchstaben
+h&auml;ngen, und da die S&auml;tze endlos lang waren, hielt
+sie an, wenn der Atem ausging, was nicht zur
+Erleichterung des Verst&auml;ndnisses beitrug.</p>
+
+<p>Gretchen g&auml;hnte unverhohlen. Elschen spielte
+l&auml;ngst mit ihrer Puppe, da ging auch mir die
+Geduld aus.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; doch die gr&auml;&szlig;lichen alten Prinzen und<a class='page' name ='Page_47' id='Page_47' title='47'></a>
+Prinzessinnen in Ruh! Man versteht ja gar nicht,
+was sie miteinander sprechen. Und richtig ordentlich
+schreiben konnten die Leute fr&uuml;her scheint's auch
+nicht. Wir wollen das Buch wieder in die Truhe
+werfen.&laquo;</p>
+
+<p>Das Schlie&szlig;en des Deckels war viel leichter
+zu bewerkstelligen als das &Ouml;ffnen. Mit einem
+dumpfen Knall schlo&szlig; sich die Truhe, und fortan
+war sie vor unserer Neugier sicher.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 100px;">
+<img src="images/img047.png" width="100" height="57" alt="" title="" />
+</div>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<div class="figcenter" style="width: 300px;"><a class='page' name ='Page_48' id='Page_48' title='48'></a>
+<img src="images/img048.png" width="300" height="136" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>Ein paar Tage lang besuchten wir regelm&auml;&szlig;ig
+Ururgro&szlig;vaters Grab und schm&uuml;ckten es mit Blumen.
+Auch mu&szlig;te die Inschrift zweimal erneuert
+werden. Das eine Mal hatte sie der Regen zerst&ouml;rt,
+das andere Mal war sie den Buben in die
+H&auml;nde gefallen.</p>
+
+<p>Diese schrecklichen Buben! Wie viel sch&ouml;ner
+w&auml;re die Welt gewesen ohne sie! Wenn man mit
+den Puppen spazieren ging, &auml;fften sie die Unterhaltung
+nach oder versuchten einen &Uuml;berfall auf
+die Kinder. Wenn man im Bodenkammerzimmer
+eine Einladung an sie ergehen lie&szlig;, a&szlig;en und
+tranken sie all das m&uuml;hsam Gekochte im Augenblick
+weg, und statt des Dankes brummten sie &uuml;ber
+&raquo;das bi&szlig;chen Zeug&laquo;.<a class='page' name ='Page_49' id='Page_49' title='49'></a></p>
+
+<p>Nur bei den Ball- und Springspielen, haupts&auml;chlich
+bei dem unvergleichlichen &raquo;Pflumeboppi,
+'s H&uuml;sli brennt!&laquo; gingen wir M&auml;del und Buben
+gemeinsame Wege. Ja, und dann noch bei einem
+ganz besonderen Anla&szlig;.</p>
+
+<p>Unsere Vaterstadt feierte die 400j&auml;hrige Wiederkehr
+des Tages, an dem sich die beiden, durch
+den Strom getrennten Stadth&auml;lften zusammengeschlossen
+hatten, mit der Auff&uuml;hrung eines historischen,
+eigens f&uuml;r die Gelegenheit verfa&szlig;ten Festspiels.</p>
+
+<p>Weit drau&szlig;en vor der Stadt war die B&uuml;hne
+errichtet worden. Am zweiten Tag &mdash; die Stadt
+schwelgte eine halbe Woche lang in ihren Erinnerungen
+&mdash; waren bei der Vorstellung s&auml;mtliche
+Schulkinder zugegen.</p>
+
+<p>Das war ein Ereignis, vor dem alles andere,
+das sonst unser Leben ausf&uuml;llte, zur&uuml;cktreten mu&szlig;te.
+W&auml;hrend der Vorstellung sa&szlig;en wir getrennt, aber
+auf dem Nachhauseweg fanden wir uns zusammen
+und konnten das Geschaute besprechen.<a class='page' name ='Page_50' id='Page_50' title='50'></a></p>
+
+<p>Anni schw&auml;rmte besonders f&uuml;r den K&ouml;nig
+Rudolf. Wie er sich hielt, wie er sich neigte! Sie
+streckte ihren schwarzen Wuschelkopf und die kurze
+Stumpfnase h&ouml;her in die Luft, als erwerbe sie sich
+dadurch etwas von der k&ouml;niglichen W&uuml;rde.</p>
+
+<p>Gretchen war entz&uuml;ckt von all den holdseligen
+Frauengestalten, auch von den Kindern, die so
+niedliche, lange Kleider trugen. &raquo;Ich wollte, wir
+h&auml;tten auch welche!&laquo; meinte sie seufzend. &raquo;Unsere
+kurzen R&ouml;cke und Socken sehen gar nicht
+sch&ouml;n aus.&laquo;</p>
+
+<p>Damit war ich jedoch nicht einverstanden.</p>
+
+<p>&raquo;Denk dir doch, wie unangenehm die
+dummen, langen Kleider beim Springen w&auml;ren!
+Der &#8216;Pflumeboppi&#8217; z.&nbsp;B. fiele alle Augenblicke auf
+die Nase.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das ist wahr!&laquo; stimmte mir Anni zu.
+&raquo;Wer hat denn dir am besten gefallen, Mixi?
+&mdash; Seht, nun wird sie schon wieder ganz rot!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gar nicht!&laquo; wehrte ich ab, obwohl ich die
+Glut bis unter die Haarwurzeln steigen f&uuml;hlte.<a class='page' name ='Page_51' id='Page_51' title='51'></a></p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/img051.png" width="400" height="297" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>&raquo;Ihr werdet nat&uuml;rlich lachen, aber das ist mir
+einerlei. Mir hat der Priester am besten gefallen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der alte, heidnische Kerl!&laquo; Anni war entr&uuml;stet.
+Das gutm&uuml;tige Gretchen, wohl um mir
+wieder zu meiner nat&uuml;rlichen Gesichtsfarbe zu verhelfen,
+meinte tr&ouml;stlich: &raquo;Sie hatten ihn, glaube
+ich, alle sehr gern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, und h&ouml;rtest du nicht, wie sie alle so<a class='page' name ='Page_52' id='Page_52' title='52'></a>
+jammervoll aufschrieen, als er sich den Dolch ins
+Herz stie&szlig;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du tust gerade, wie wenn er es richtig getan
+h&auml;tte, Mixi! Du brauchst gar keine so f&uuml;rchterlichen
+Augen zu machen, es ist ja doch alles
+nicht wahr.&laquo;</p>
+
+<p>Ich duckte mich und schwieg. Da war wieder
+das Wort, das ich am meisten f&uuml;rchtete und ha&szlig;te
+&mdash; &mdash; es ist nicht wahr.</p>
+
+<p>Wozu hatte man denn all die seltsamen Gedanken
+und Tr&auml;ume, die einen halb froh, halb
+traurig stimmten, wenn alles nicht wahr sein sollte!</p>
+
+<p>Freilich, das auf der B&uuml;hne war vielleicht
+nicht wahr gewesen. Das waren ja alles gew&ouml;hnliche
+Menschenkinder. Unter den langlockigen Pagen
+hatte ich einen Knaben entdeckt, von dem ich genau
+wu&szlig;te, da&szlig; er in Wirklichkeit einen struppigen roten
+Haarschopf besitze. Aber wozu daran denken? Das
+lie&szlig; sich alles so h&uuml;bsch beiseite schieben. Das geh&ouml;rte
+in die Welt, die Schule, Aufgaben, Stricken
+und Gem&uuml;se-essen hie&szlig;.<a class='page' name ='Page_53' id='Page_53' title='53'></a></p>
+
+<div class="figright" style="width: 200px;">
+<img src="images/img053.png" width="200" height="125" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>Die andere Welt, die
+man in sich trug, und die
+sich doch so seltsam weit
+ausbreitete, bis zu den
+weichen, wei&szlig;en Wolken
+hinauf, bis zu den winzigen Ma&szlig;liebchen und
+Marienk&auml;ferchen hinab &mdash; diese Welt war weit
+sch&ouml;ner und heimatlicher.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>&raquo;Mixi, was tr&auml;umst du wieder! So h&ouml;r'
+doch! Ich habe einen wundersch&ouml;nen Plan. Wir
+wollen das Festspiel auff&uuml;hren, daheim in unsrer
+Bodenkammer. Dann kannst du ja deinen alten
+Priester spielen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein! Das soll Teddy tun. Ich will
+den Kaiser Valentinian, du nimmst K&ouml;nig Rudolf
+und Gretchen kann Bischof fein. Ach, und f&uuml;r
+Elschen m&uuml;ssen wir auch eine Rolle finden. Wie
+herrlich wird das werden, ich freue mich halb zu
+Tod!&laquo;</p>
+
+<p>Hatte uns schon die gro&szlig;e Vorstellung die<a class='page' name ='Page_54' id='Page_54' title='54'></a>
+K&ouml;pfe verdreht, so tat es unsere eigene noch weit
+mehr. Die Mutter mu&szlig;te nat&uuml;rlich in die Sache
+eingeweiht werden, denn die Blument&ouml;pfe, die wir
+als Kulissen brauchten und die langen Kleider,
+auf denen Gretchen mit gro&szlig;er Energie bestand,
+waren alle in ihrer Verwahrung und konnten denn
+doch nicht ohne weiteres herbeigeschafft werden.
+Meine Gro&szlig;mutter steuerte zu unserer Kost&uuml;mierung
+einige Umlegt&uuml;cher und Schmucksachen bei.</p>
+
+<p>Wir arbeiteten t&auml;glich stundenlang an unsern
+Vorbereitungen. Nat&uuml;rlich, das ganze Festspiel
+konnten wir nicht auff&uuml;hren; wir mu&szlig;ten uns auf
+solche Szenen, in denen m&ouml;glichst wenig Personen
+austraten, beschr&auml;nken. Aber wir tr&ouml;steten uns
+damit, da&szlig; sich ja das Publikum das &uuml;brige dazu
+denken k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Der gro&szlig;e Tag nahte. Punkt 2 Uhr sollte
+die Vorstellung beginnen; ein paar Minuten fr&uuml;her
+fanden sich die Zuschauer ein. Wir hatten ihrer
+nur wenige gebeten. Nat&uuml;rlich die kleine Mutter,
+die sich beinahe ebenso sehr wie wir auf das Fest<a class='page' name ='Page_55' id='Page_55' title='55'></a>spiel
+freute, dann Gro&szlig;mutter und eine Tante,
+die auf Besuch gekommen. Gro&szlig;mutter erhielt den
+gedruckten Text, da sie die richtige Auff&uuml;hrung
+nicht mit angesehen hatte. Sie hielt das Heftchen
+weit von sich, denn ihre alten Augen konnten
+nicht mehr in die N&auml;he sehen. Das imponierte
+mir immer gewaltig, und es verfehlte auch seinen
+Eindruck auf meine Spielgef&auml;hrten nicht. Es
+hat nicht jeder eine Gro&szlig;mutter, die so merkw&uuml;rdig
+liest.</p>
+
+<div class="figright" style="width: 200px;">
+<img src="images/img055.png" width="200" height="216" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>Die Zuschauer sa&szlig;en auf dem alten Sofa.
+Wir hielten
+uns in einer
+Nebenkammer
+verborgen,
+bis es
+2 Uhr
+schlug.</p>
+
+<p>Das erste
+Bild stellte
+die Gr&uuml;ndung
+unserer
+Stadt
+durch Kaiser
+Valentinian
+im
+Jahre 374
+dar. Anni,
+Gretchen,
+Elschen
+und Teddy
+<a class='page' name ='Page_56' id='Page_56' title='56'></a>zogen als raurakischer Volkshaufe auf die &raquo;B&uuml;hne&laquo;
+und sangen ein Lied, von dessen sanfter, flie&szlig;ender
+Weise uns allerdings nur zwei Zeilen im Ged&auml;chtnis
+geblieben waren, weshalb das &uuml;brige mehr
+rezitativartig vorgetragen wurde. Dann st&uuml;rzte
+Willy herein und verk&uuml;ndete das Nahen r&ouml;mischer
+Scharen, was erregtes Sprechen und Schreien zur
+Folge hatte. Er verschwand blitzschnell, um nach
+wenigen Augenblicken als r&ouml;mischer Hauptmann
+aufzutreten, der an Stelle der uns fehlenden
+Kriegerhaufen einen seltsamen Schwerttanz auff&uuml;hrte.
+Mit einem Male wandte er sich gegen
+die T&uuml;re und w&auml;hrend seines Jubelrufs: &raquo;Gro&szlig;er
+C&auml;sar, Imperator, Heil sei dir, du starker
+Held!&laquo; ritt ich auf schnaubendem Ro&szlig; auf die
+B&uuml;hne.</p>
+
+<p>Das ging so zu: Wir hatten ein Schaukelpferd,
+das bei jeder starken schwingenden Bewegung
+einige Zoll vorw&auml;rts glitt; so konnte man
+also tats&auml;chlich reiten.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;"><a class='page' name ='Page_57' id='Page_57' title='57'></a>
+<img src="images/img057.png" width="400" height="299" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>Kaiser Valentinian trug ein Barett mit wei&szlig;en
+G&auml;nsefedern und einen malerisch umgeworfenen
+roten Mantel. Au&szlig;er dem Szepter hielt er merkw&uuml;rdigerweise
+auch ein Heftchen in der Hand,
+denn es war ihn das Genieren angekommen, und
+die rasch eingelernten und nur halb verstandenen
+Worte schienen sich alle verfl&uuml;chtigt zu haben. So
+las denn der gute Kaiser Valentinian seine wohlmeinenden
+Worte an die ver&auml;ngsteten Rauraker.
+Ihre freudigen Zurufe wurden durch den Priester<a class='page' name ='Page_58' id='Page_58' title='58'></a>
+&uuml;bert&ouml;nt, der vor dem neuen Leben sich zu den
+alten G&ouml;ttern fl&uuml;chtet.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Nehmet mich auf! von mannigfaltigen<br /></span>
+<span class="i0">Greueln und S&uuml;nden, von Schand und Not<br /></span>
+<span class="i0">L&ouml;se mich leicht der heilige Tod!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Teddy in einem langen, dunkeln Gewand, mit
+m&auml;chtigem wei&szlig;em Bart sah nach Annis Urteil
+ganz wie &raquo;so ein heidnischer Kerl&laquo; aus. Die letzten
+Worte heulte er geradezu. Dann lie&szlig; er sich, in
+dem sch&ouml;nen Glauben, die klagenden Weiber w&uuml;rden
+ihn auffangen, r&uuml;cklings zu Boden st&uuml;rzen.
+Aber o weh! Keine sch&uuml;tzenden Arme umfingen
+seinen sinkenden Leib. Er
+schlug mit solchem Dr&ouml;hnen
+auf den harten Fu&szlig;boden,
+da&szlig; aus dem Zuschauerraum
+ein Entsetzensschrei erscholl,
+der freilich in ein Lachen
+&uuml;berging, als der tote Priester
+w&uuml;tend zischte: &raquo;Na, wartet
+nur bis nachher!&laquo;</p>
+
+<div class="figleft" style="width: 200px;">
+<img src="images/img058.png" width="200" height="217" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p><a class='page' name ='Page_59' id='Page_59' title='59'></a>Kaiser Valentinian
+stellte die Stimmung
+wieder her, indem er
+ein leuchtendes Bild
+der zuk&uuml;nftigen Stadt
+Basilea entwarf.</p>
+
+<div class="figright" style="width: 200px;">
+<img src="images/img059.png" width="200" height="151" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>Unter dem Jubelchor
+des Volkes und
+von ihrer Schar begleitet und hilfreich geschoben,
+ritt seine Majest&auml;t davon.</p>
+
+<p>Die zweite Szene, die den Bau der alten
+Rheinbr&uuml;cke im Jahre 1225 behandelte, &uuml;berschlugen
+wir, der vielen Personen wegen. Um sie aber nicht
+ganz unerw&auml;hnt zu lassen, wandelte Gretchen langsam
+und heimlich als Bischof &uuml;ber die B&uuml;hne; Elschen
+trippelte, ein Me&szlig;gl&ouml;cklein schwingend, hintendrein.</p>
+
+<p>Das dritte Bild brachte den H&ouml;hepunkt des
+Festes: Anni als K&ouml;nig Rudolf. Ihre schwarzen
+Z&ouml;pfe waren unter einem Turban verborgen. Sie
+stak in einem deutschen Milit&auml;rrock und schulterte
+einen uralten Schie&szlig;pr&uuml;gel. Um den Hals hing<a class='page' name ='Page_60' id='Page_60' title='60'></a>
+ihr eine goldene Kette, und ihre
+Beine waren mit Reiterstiefeln
+bekleidet. K&ouml;nig Rudolf versprach
+mit gro&szlig;em
+Pathos der
+Stadt ihre
+Freiheit;
+Schulthei&szlig;
+Gretchen
+dankte tief.</p>
+
+<div class="figleft" style="width: 200px;">
+<img src="images/img060.png" width="200" height="156" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>Die kriegerischen Rollen des vierten Bildes,
+wo es sich um den in die Schlacht von Sempach
+abziehenden Herzog Leopold handelte, wurden durchweg
+von den Buben gespielt, deren schauspielerische
+Begabung sich haupts&auml;chlich in einem ungeheuren
+Stimmenaufwand &auml;u&szlig;erte. Auch die feierliche Vereinigung
+der beiden links und rechts vom Strom
+gelegenen St&auml;dte, des mehrern und mindern Basel,
+wurden von den Buben in stark verk&uuml;rzter Form
+vorgetragen.</p>
+
+<p>Den erhebenden Schlu&szlig; bildete das Auftreten<a class='page' name ='Page_61' id='Page_61' title='61'></a>
+der drei Frauengestalten: Helvetia, Basilea, Klio.
+Unter dem v&ouml;llig programmwidrigen Hurrahgeschrei
+der Buben sank Basilea in die m&uuml;tterlichen Arme
+Helvetias.</p>
+
+<p>Das Publikum erwies sich sehr aufmerksam.
+Die kleine Mutter lachte Tr&auml;nen. Die Tante
+f&uuml;hlte sich &raquo;bewegt&laquo;, und auch Gro&szlig;mutters alte
+Augen schauten freundlich zu uns her&uuml;ber. In
+die Ferne konnte sie ja gut sehen, und so war ihr
+keine Einzelheit unserer Kost&uuml;me, keine einzige
+f&uuml;rstliche Geste und dramatische Bewegung entgangen.</p>
+
+<p>Nach dem wirklichen Festspiel hatte ein gro&szlig;es
+Festessen stattgefunden. Auch uns ward eines
+zu Teil.</p>
+
+<p>Als die Vorstellung zu Ende war, lud uns
+die kleine Mutter feierlich ein, hinunter zu kommen.
+Der Tisch im E&szlig;zimmer war gedeckt. In der
+Mitte stand eine Riesenplatte mit Erdbeeren. Hei!
+Wie da K&ouml;nig Rudolf, Kaiser Valentinian und
+Herzog Leopold fr&ouml;hlich schmausten. Auch der<a class='page' name ='Page_62' id='Page_62' title='62'></a>
+alte Priester verga&szlig; seinen Groll, w&auml;hrend er
+eine saftige Beere nach der andern in den
+Mund schob.</p>
+
+<p>Diese Auff&uuml;hrung blieb nicht die einzige, die
+die alte Bodenkammer erlebt hat. Das B&uuml;hnenfieber
+hatte uns gepackt, und eine Zeit lang mu&szlig;ten
+sich Gro&szlig;mutter und die kleine Mutter wieder
+und wieder zu dem alten Sofa hinaufbequemen,
+um unsere &raquo;Lebenden Bilder&laquo;, Kom&ouml;dien und
+Trag&ouml;dien anzusehen.</p>
+
+<p>Der Winter machte diesen Vorstellungen ein
+Ende, und der Winter brachte auch eine schmerzliche
+Trennung. Meine Freunde verlie&szlig;en die
+Stadt. Das alte Haus wurde eingerissen, und in
+dem zierlichen Neubau, der sich an seiner Stelle
+erhob, war keine alte Bodenkammer mehr zu finden.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 150px;">
+<img src="images/img062.png" width="150" height="107" alt="" title="" />
+</div>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<div class="figcenter" style="width: 300px;">
+<img src="images/img063.png" width="300" height="242" alt="" title="" />
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+
+<div style="border: thick solid black; padding: 10px;">
+<h2><b>Sonne und Regen im Kinderland</b></h2>
+
+<hr style='width: 100%; height: 1ex; border-style: solid; border-width: thick; border-color: black;' />
+
+<p class="center"><em class='gesperrt'>Eine Reihe bunter Geschichten mit Bildern</em></p>
+<p class="center"><em class='gesperrt'>f&uuml;r kleine und gro&szlig;e Leute</em></p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<table border="0" summary="">
+<tr><td align="right" valign="top">1.</td><td align="left"><em class='gesperrt'>Agnes Sapper</em>: <b>Frieder</b>. Die Geschichte vom
+kleinen Dummerle mit Scherenschnitten von Hedwig
+Schwegelbaur.</td></tr>
+
+<tr><td align="right" valign="top">2.</td><td align="left"><em class='gesperrt'>Ida Frohnmeyer</em>: <b>Hansi</b>. Zwei Erz&auml;hlungen,
+von einem einsamen Bub u. vom Spiel froher M&auml;dchen
+mit Scherenschnitten von Hed. Schwegelbaur.</td></tr>
+
+<tr><td align="right" valign="top">3.</td><td align="left"><em class='gesperrt'>Charlotte W&ouml;rner</em>: <b>Prinze&szlig; G&auml;nselore</b>.
+Ein M&auml;rchen f&uuml;r brave Kinder mit Orignialholzschnitten
+von Martha Welsch.</td></tr>
+
+<tr><td align="right" valign="top">4.</td><td align="left"><em class='gesperrt'>Charlotte W&ouml;rner</em>: <b>Die M&auml;nnlein vom
+Mummelsee</b>. Ein M&auml;rchen aus dem Schwarzwald
+mit Zeichnungen von Martha Welsch.</td></tr>
+
+<tr><td align="right" valign="top">5.</td><td align="left"><em class='gesperrt'>Charlotte W&ouml;rner</em>: <b>Im Reich der Blumen-K&ouml;nigin</b>.
+Ein Elfenm&auml;rchen mit Zeichnungen von
+Martha Welsch.</td></tr>
+
+<tr><td align="right" valign="top">6.</td><td align="left"><em class='gesperrt'>Anna Schieber</em>: <b>Annegret</b>. Eine Kindergeschichte
+mit Bildern von Elisabeth Sauer.</td></tr>
+</table>
+
+
+<p class="center"><b>Jedes B&auml;ndchen ist fein gebunden u. einfach kartoniert lieferbar</b></p>
+
+<p class="noindent">Von Sonne und Regen im Kinderland, von Kinderlust und Kinderleid
+erz&auml;hlen diese lieblich ausgestatteten B&auml;ndchen. Den Kleinen
+bringen sie lebendige, gem&uuml;tvolle Unterhaltung und den Gro&szlig;en
+rufen sie die ganze Sch&ouml;nheit des Kinderlebens in warme Erinnerung</p>
+
+<hr style='width: 100%; height: 1ex; border-style: solid; border-width: thick; border-color: black;' />
+
+<h2><b>D. Gundert / Verlag / Stuttgart</b></h2>
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+
+<div class="footnotes"><h3>Anmerkungen zur Transkription</h3>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_TN1_1" id="Footnote_TN1_1"></a><a href="#FNanchor_TN1_1"><span class="label">[TN1]</span></a> In original steht here t&uuml;chigen.</p></div>
+</div>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+
+<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HANSI***</p>
+<p>******* This file should be named 19971-h.txt or 19971-h.zip *******</p>
+<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br />
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+<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.</p>
+
+<p>Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.</p>
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+works. See paragraph 1.E below.
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+example an eBook of filename 10234 would be found at:
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@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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